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Full text of "Das Glas im Altertume"

HIER$EMANNS HAI/DBUCHEB, BAND JH 



^ON 




DAS 

ÖLAS IM 

ALTERTUME 



HIERSEMANNS HANDBÜCHER 

BAND III 



HIERSEMANNS HANDBÜCHER 

BAND III 

ANTON KISA 
DAS GLAS IM ALTERTUME 

UNTER MITWIRKUNG VON 
ERNST BASSERMANN-JORDAN 

MIT EINEM BEITRAG ÜBER FUNDE ANTIKER GLÄSER 
:: IN SKANDINAVIEN VON OSKAR ALMGREN :: 



ILLUSTRIERT DURCH 19 TAFELN 

6 IN FARBENDRUCK, 6 IN AUTOTYPIE, 7 FORMENTAFELN 

UND 395 ABBILDUNGEN IM TEXTE 



IN 3 TEILEN 




LEIPZIG 

VERLAG VON KARL W. HIERSEMANN 

1908 






HIERSEMANNS HANDBÜCHER BAND III 



Das Glas im Altertume 



VON 



ANTON KISA 



' ' : AV'. 



ERSTER TEIL 



MIT 1 FARBENDRUCKTAFEL 
UND 153 ABBILDUNGEN IM TEXTE 



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LEIPZIG 

VERLAG VON KARL W. HIERSEMANN 

1908 



'-I/A V'^ 



Vorwort. 

Nach mehreren vorbereitenden Arbeiten, wie die Katiilog-i- 
sierung" der bedeutendsten Privatsammlung- antiker Gläser Deutsch- 
lands, jener der PVau Maria vom Rath in KcUn und die Kinzel- 
pubhkationen über die rheinische (Glasindustrie, die Funde der 
Luxemburg-er Straße in Köln, die sog"enannten Vasa diatreta, die 
rätselhaften Murrinen, die Schlang-eng-läser und die Erfindung- des 
Glasblasens überg^ebe ich hiermit diese zusammenfassende Dar- 
stellung- der antiken Glasindustrie der Öffentlichkeit. 

Sie ist das Ergebnis jahrzehntelang-er Studien. Als ich vor nun- 
mehr achtzehn Jahren mit der Ordnung und Inventarisierung- der 
reimischen Lokalaltertümer des Museums Wallraf-Richartz in Köln 
betraut wurde, fühlte ich mich als alter Kunstgewerbler vor allem für 
die Glasarbeiten interessiert, die aus den Kölnischen Xekropolen 
in so unvergleichlicher Fülle und Schönheit ans Tageslicht treten. 
Durch eine systematische Ausgrabungstätigkeit und durch glück- 
liche Ankäufe gelang es, in wenigen Jahren die bisher ziemlich 
stiefmütterlich behandelte .Vbteilung ungewöhnlich zu bereichern 
und insbesondere die Gläsersammlung zur größten und erlesensten 
der Rheinlande, wenn nicht zur hervorragendsten diesseits der 
Alpen überhaupt auszugestalten. Bei der Katalogisierung drängte 
sich mir die Frk(MiiitTns auf. daß die wissenschaftliche Forschung 
auf diesem Gebiete mit der .Vusgriibungstätigkeit nicht gleichen 
Schritt gehalten habe. Freilich besitzen wir eine Anzahl vor- 
trefflicher Bearbeitungen des umfangreichen -Stoffes; in erster 
Linie ist die Marquardts zu nennen, welche in bezugr auf die 
\'^erwertung der antiken Schriftquellen musterg-ültig ist, dann die 
prächtige Publikation Froehners, die in ihrem geschichtlichen 



VI 

Teile ebenso g-ediegen, wie form\'ollendet ist, in technischen 
Fragen sich jedoch manche Blößen gibt. Beide ^Verke leiden, 
wie alle anderen Darstellungen daran, daß in ihnen einerseits 
die Anfänge der Glasmacherei in der ägyptischen Heimat, 
andererseits deren Fortentwickelung»" zur Fabrikation in den West- 
provinzen noch nicht die gebührende Würdigung finden konnten. 
Inzwischen haben namentlich die Funde von Flinders Petrie über 
jene neues Licht verbreitet und die rührige Lokalforschung in 
Rheinland, Belgien und Frankreich gezeigt, daß sich die gallischen 
Hütten vom IL Jahrhundert ab zu gleichvv^ertigen Wettbewerbern 
der alexandrinischen aufgeschwungen hatten. 

So hat sich das Gesamtbild der antiken Glasmacherei ver- 
schoben. Meine Darstellung sucht diesem Umstände Rechnung 
zu tragen und vor allem die seit der Erfindung des Glasblasens 
begründete Vorherrschaft des farblos-durchsichtigen Glases mit 
allen Folgen festzustellen. Von den früheren Bearbeitern, welche 
zumeist vom antiquarischen Standpunkte ausgingen, unterscheide 
ich mich auch dadurch, daß ich die Glasmacherei der Antike als 
einen Teil der allgemeinen Geschichte der Kunst bezw. des 
Kunstg"ewerbes betrachte und deshalb lieber auf eine Schilderung 
der künstlerischen und technischen Errungenschaften, als auf 
epigraphische Beutezüge ausgehe. Stempel und Inschriften, die 
S^immler und Deuter in Hülle und Fülle gefunden haben, werden 
nur soweit berücksichtigt, als es das Streben nacli möglichster 
Vollständigkeit in der Aufzählung aller Merkmale wünschenswert 
erscheinen ließ. 

Bei meinen Studien, namentlich iiuch bei meinen Reisen, 
habe ich manche freundliche Anregung und liebenswürdige 
Unterstützung durch Museumsvorstände, Privatsammler und Fach- 
genossen erfahren. Ich fühle mich ihnen dafür zu herzlichem 
Danke verpflichtet; insbesondere meinem leider allzufrühe von 
uns geschiedenen Freunde Professor Alois Rieg-1 in Wien, der 
bis kurz vor seinem Tode an den Fortschritten meiner Arbeit 
lebhaften Anteil nahm, den Herren Dr. Bassermann-Jordan in 
München, Regierungsrat Folnesics in Wien, Direktor Maßner 



VII 

in Breslau, Prof. AViedeiiiann in Bonn vnul IVof. Freiherrn 
von Bissing in ^München. WY^m meine Darstellung des Anteiles 
Ägyptens an der Entwickelung unseres Kunstgebietes gegen 
frühere den Anspruch auf möglichste Vollständigkeit und Korrekt- 
heit erheben darf, so ist dies zum großen Teile der selbstlosen 
und mühereichen Mitwirkung der beiden letztgenannten Gelehrten 
zuzuschreiben; sie hatten sogar die Güte die Korrekturen 
des ägyptischen Abschnittes zu lesen. Bei der Bearbeitung- 
der nordischen Funde ging mir ITerr Konservator Dr. Oskar 
Almgren vom Staatsmuseum in Christiania durch dankens- 
werte Hinweise auf die lokale Literatur an die Hand und ül)er- 
nahm es, jene in einem besonderen Kapitel des Werkes 
zusammenzustellen. Wie den genannten Forschern fühle ich 
mich auch dem Verleger, Flerrn Karl W. tliersemann 
gegenüber verpflichtet, welcher meinen \'orschlägen bezüglich 
der Ausstattung mit vollem Verständnisse und großer Opfer- 
willigkeit entgegenkam. Die Tafeln und Textbilder wurden, 
soweit sie nicht photographische Aufnahmen wiedergeben oder 
cinderen Werken entnommen sind, nach meinen Aquarellen und 
Zeichnungen hergestellt. 

Godesberg, im Dezember 1906. 

Änton Kisa. 



Vorwort des Verlegers. 

Mit dem vorlieöfenden Werke veröffentlicht der unter- 
zeichnete Verlag die Lebensarbeit des Museumsdirektors a. I)., 
Herrn Dr. Anton Kisa. Der hochverdiente (jelehrte, der in 
Fachkreisen mit Recht als hervorragender Spezialist, ja geradezu 
als Autorität für iintikes Glas galt, hat dem Thema lange Jahre 
seiner Tätigkeit gewidmet, aus der ihn im vorigen Herbste der 
Tod hinwegnahm, als er eben die letzte Hand anlegen und das 
Schlußkapitel beenden wollte. Der weitaus größte Teil des 
Werkes war bereits gedruckt, als die Katastrophe eintrat, die 
vSchlußbogen bis auf Abschnitt XII bereits abgesetzt und von 
ilim korrigiert. 

Herr Dr. Ernst Bassermann-Jordan in München, durch 
verwandte Arbeiten und Interessen mit dem \'^erstorbenen seit 
langem verbunden, hat sich in liebenswürdigster Weise bereit 
gefunden, die Erledigung der letzten Revisionsbogen, die Durch- 
sicht, Zusammenstellung und Ergänzung des hinterlassenen Manu- 
skriptes zum letzten Abschnitt XII „vStempel und Inschriften auf 
antiken Gläsern" zu übernehmen. Außerdem hat der genannte 
Gelehrte, dem ich auch an dieser Stelle meinen verbindlichsten 
Dank ausspreche, sich der mühsamen und zeitraubenden Aus- 
arbeitung des Registers unterzogen. So ist es, wenn auch mit 
einiger Verzögerung, dank der freundlichen und wertvollen Hilfe 
Dr, Bassermann -Jordans doch möglich geworden, das Lebens- 
werk Kisas, das auf lange Zeit hinaus als die wichtigste und 
umfassendste Veröffentlichung- über dieses Gebiet wird gelten 
müssen, in abgeschlossener Form herauszugeben. 

Leipzig, I. Mai 1908. 

Karl W. Hiersemann. 



Inhaltsübersicht. 



VORWORT. 

I. Tl'-.IL. Seite 

Abschnitt I . Die H e r s t e 1 1 u n g- des ( 1 1 a s e s . 3 — 30 

Abschnitt II. Die O lasarbeit in Ägypten und 

im alten Oriente 33 — 106 

Ägypten 33 — 89 

Phönizien 90 — 96 

Syrien und Judiia 96 — 100 

Mesopotamien loi — 105 

Indien 105 — 106 

Abschnitt III. Der antike Olas schmuck und 

seine \' erbreit ung. Das Ismail 109 — 160 

Abschnitt I\'. Die Verpflanzung der Industrie 
nach (Griechenland, Rom und 

den Provinzen 163 — 255 

Griechenland 163 — rS6 

Oberitalien 187 

Etrurien 187 

Umbrien, Latium, Picenum, Cam- 

panien 188 

Apulien, Sizilien, Sardinien . . 189 

Spanien 1S9 — 190 

Gallien 190 — 204 

Britannien 205 — 210 

Skandinaxien 210 — 211 

Dänemark 211 — 212 

Schweden 212 

Norwegen 213 

(Germanien 213 — 255 

Abschnitt \'. I'arbiges und farliloses Cilas. 

Die ]-'rfindung der (Glaspfeile 259 — 307 



X 



II. TEIL. 

Abschnitt VI. Die Ver wen düng; des Glases in 
d e r A n t i k e u II tl d i e g e b r ä u c h - 
liebsten Glaserformen 

Altersbestimmungen .... 

Abschnitt VII. Die Fadengläser 

Die Alabastra und verwandte 

.Arbeiten 

Die Petinet- und Filigrangläser . 

Die Fadenauflage 

Die Schlangenfadengläser 

Die Barbotine auf Glas 

Die Nuppengläser 

Abschnitt \TI i . \' a s a M u r r i n a u n d \^ a s a D i a t r e t a 

Die Mosaikgläser 

Die Überfanggläser 

Das Opus interrasile in Glas 
(iravierte und geschliffene Gläser 

III. TEIL. 

Abschnitt IX. Die geformten Gläser. 

Die Reliefgläser von Sidon und 

Verwandtes 

Campanische Reliefgläser 
Die gallischen Zirkusbecher . 
Gefäße in Naturformen 

Abschnitt X. Bemalte und vergoldete Gläser 

Die Goldgläser 

Rheinische Goldemailgläser . 

Gläserne Meßkelche 

Spätere Goldgläser .... 

Abschnitt XI. Die Funde antiker Gläser in 
Skandinavien 

Abschnitt XII. Stempel und Inschriften auf 
antiken Gläsern 

Register 



Seite 

311—397 
376 — 397 
401—497 

401 — 419 
419 — 424 
425—444 
444—472 
472—479 
479 — 497 
501 — 692 
501—569 
569—591 
591 — 630 
631 — 692 

695 — 804 

695 — 722 

722 — 725 
726 — 750 
751— S04 

807 — 900 
S34— 867 
867—888 
888 — 894 
S95— 899 

903 — 920 

923 ff- 
969 



Verzeichnis der Tafeln. 

In Farbendruck. 

Seite 

Teifel I. Altäg-3'ptisches Bunt<Tla.s und \'er\\ andtes. 

(Bonn, Slg". AMedemann) 65 

Tafel IL Balsamarien. (Köln, Slg. vom Rath) . . . .405 

Tafel UI. Fadenbandgläser. Aus dem Schatze von Castel 

Trosino. (Rom, Thermen-Museum) . . - 42 1 

Tafel IV. Fadengläser. (Köln, Slgg. Xießen, vom Rath 

und Mus. Wallraf-Richartz) 437 

Tafel \" u. \L Schlangenfadengläser. Aus Kölner Grab- 
funden. (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) 453 u. 469 

In S c h w a r z d r u c k . 

Tafel \TI. Die Portlandvase. (London, Britisches Museum) 565 
Tafel VIII u. IX. Amphora in Cberfangtechnik. Aus 

Pompeji. (Neapel, Museum) 581 

Tafel X. Kopfglas. (Köln, Slg. Xießen) 613 

Tafel XL üenochoe mit Vogelfedermuster. Aus Ilaus- 

weiler. (Bonn, Provinzialmuseum). - . . 645 

'I'afel XII. Rüsselbecher. (Köln, ^NIus. AVallraf-Richartz) . 661 

L^ormentiifeln A bis G • Teil III am Schluß. 



ce»53 



Verzeichnis der Textbilder. 

S.-ite 

1. Grabrelief von Beni Hasan 3 

2. Vase Tutmosis' III. (London, Britisches Museum) 5 

3. Vase Tutmosis' III. (München, Antiquarium'i 7 

4. Balsaraarium. Ägyptisch, um 1500 v. Chr 9 

5. Amphoriskc. Ägyptisch, um 1500 v. Chr. Ii 

6. Becher der Prinzessin Xsichonsu, 18. Dynastie 13 

7. Baisamarium in Säulenform. (Brüssel, Musee du Cinquantenaire) .... 15 

8. Vase Tutmosis' IV. Aus Theben 17 

9. Kännchen aus dem Grabe Amenophis' II. in Theben 19 

10. Fisch, Glasmosaik. (Wien, Österr. Museum) 21 

1 1. Amphoriske. Ägyptisch. (München, Frhr. v. Bissingl 23 

12. Ägyptische Balsamarien in Verpackung 25 

13. Gefäßformen 27 

14. Grabstein des M. Valerius Celerinus aus Astigis. (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) 29 

15. Tragegestell für Lagonen. (Xeapel, Museum) 35 

16. Schmelzofen nach Agricola 37 

17/18. Syrische Balsamarien 39,41 

19. Groteske Maske. Alexandrinisch 42 

20. Maskenperle. Ale.xandrinisch 43 

21. Maskenperlen. Ägyptisch 45 

22. Becher des Königs Sargon. (London, Britisches Museum) 47 

23. Glasbügel von elruskischen Fibeln. (München, Antiquarium) 49 

24. Schmuckperlen. Vorrömisch 51 

25. Schmuckperlcn. Römische Kaiserzeit 53 

26. Brustschmuck von Dahschür. (Kairo, .Museum) 56 

27. Brustschmuck der A'hhötcp. (Kairo, Museum) 57 

28. Armband der A'hhotep. (Kairo, Museum) 59 

29/30. Gallische Emailfibeln 61,63 

31. Große Glaskugel. (München, Frhr. v. Bissing! 64 

3-. .Aggry-Perle 65 

33. Schema des sogen. Gralsbechcrs. (Genua, Domschatz) 67 

34. Schema des Bechers Theodelindes. (Monza, Domsohatz) 68 

35. Becher der frühen Kaiserzeit 69 

36. Gläser der frühen Kaiserzeit 71 

37. Kännchen, türkisblau, mit weißen Fäden. (Breslau, Museum) 73 



XIV 

Seite 

38/39. Kännchen mit Fadensclimuck. Au« rhein. Gräbern 75)77 

40. Kännchen mit Fadenschmuck. Aus Köln 79 

41 42. Gerippte Schalen. I. Jahrh '*^'i8i 

43. Gerippte Schale, goldbraun. Köln. II. Jahrh 85 

44. Kugelbccher, künstlich irisiert. (Köln, vom Rath) 87 

45. Gepreßte Schale. (Köln, ehem. Sammig. Disch) 89 

46. Muschelkanne. III. Jahrh. (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) 91 

47. Kegelkannc. (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) 93 

48. Traubenkanne. III. Jahrh. (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) 95 

49. Lagona mit Schlangenfäden. Köln 97 

50. Murra aus Sackrau 9g 

51. Römisches Plattengrab. Rheinisch. I. Jahrh loi 

52. Schälchcn aus Kryslallglas. Ägyptisch. (München, Antiquariuni; . . . I03 

53. Baisamarium aus Krystallglas. Ägyptisch. (Paris, Louvre) ..... 105 

54. Aschenurnen aus Glas. Rheinisch 109 

55. Aschenurnen. (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) iii 

56. C)lfläschchen. (Köln, ehem. Sammig. Merkens) 11:; 

57. Stamnium und Faßkannen. Köln, II. jahrh 115 

58. F'aßkanne. (Köln, Mus. Wallraf-Richarlz'i T16 

59. Faübecher. (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) 117 

60. Kannen und Delphiniläschchen. (Köln, vom Rath) 119 

61. Delphinfläschchen. (Köln, Nicßen) 121 

62. Delphinfläschchen. (Köln, Mus. Wallraf-Kichartzj 123 

63/63a. Badefläschchen mit Bronzeverschluß und Henkel. (Köln, Nießen) . 125, 126 

64. Prismatische Kannen aus Ale.xandrien 127 

65/66. Merkurflaschen. (Köln, vom Rath und Nießen) 129. 131 

67. Amphoriske aus farblosem Glase. (Neapel, Museum) 133 

68. Kugelfläschchen und Balsamarien. (Köln, vom Kathi 135 

69. Askos aus Glas. (Neapel, Museum) 137 

70. Becher mit durchbrochenem Ringkragen. (Ronen. .Museum) 139 

71. Gefäß in Form eines Korbes. (Köln, Nießen) 141 

72. Trinkgefäß mit Widderkopf. Terrakotta, .'\ttisch 143 

73. Tonlampen. (Mannheim, .Antiquarium) 145 

74. Becher aus Glas in F"orm eines Nachens. (Mailand, Mus. Poldi-Pezzoli) . 147 

75. Flandspiegel. (Regensburg, Antiquarium) 149 

7'). Glocke und Trichter aus Glas. Rom und Neapel 150 

77. Gruppe von Glasgefäßen. Rom und Neapel 151 

78/79. Zierflaschen mit Muschcllicsatz. (Köln, vom Rath und Trier, Museum) 153, 155 

80. Taubenkanne. (Köln, Museum) 157 

81. Baisamarium mit Korbmuster. Agvptisch J59 

82. Lekythos mit sog. F'arnkrautmuster. Ägyptisch 165 

83. Fläschchen mit bunter Aderung. (Neapel, Museum) . 167 

84/85. I'läschchen mit farbigen Streifen. (Breslau, Museum und Ne\v-"\'or]c, 

.Metrop. .Museum 169, 171 

86. Fläschchen mit bunter Aderung. (^.Xew-York, Metrop. Mus.) 173 



XV 

Seite 

87. Fläsclichen mit Korbmustcr. (Neapel, Museum) 175 

88. Schale mit farbigen ReticcUastreifen. (Florenz, Mus. archcol) .... 177 

89. Fläsclichen mit Spiralfaden. (Breslau, Museum) 179 

90 91. Ciläser mit Spiralfadenschmuck . . . 18 r, 183 

92. Gläser mit Fadenschmuck. (Köln, ehem. Sl^:. Merkens) 1S5 

93. Kanne mit Spiralrippung. (Köln, vom Rath) 187 

94. Becher mit gerippten Fäden. (Namur, Museum) 189 

95. Gläser mit Spiralfäden. (Köln, vom Rath) 191 

96. Gläser mit Netz- und Zickzackfäden. (Köln, vom Rath) 193 

97. Gläser mit Fadenverzierung. (Köln, vom Rathi 195 

98. Xctzbecher. (Köln, Museum) 197 

99. Kännchen mit Xetzverzierung. (^Trier, Museum) 199 

100. Gläser mit F'adenverzierung .201 

101. Sog. Hornbecher. (Dcidesheim, Bassermann-Jordan) 203 

102. Fränkische Becher. (Köln, Xicßen) 205 

103. Trinkhorn. (Köln, vom Rath) 207 

104. Trinkhorn aus Castel Trosino. (Rom, Musco (^ivico) 209 

105. Parfümfläschchen in Gestalt eines Schweinchens. (Köln, .Museum) . . . 211 

106. Gläser mit Zickzackfäden. (Köln, ehem. Slg. Merkens) 213 

107. Napf mit Zickzackfäden. (Breslau, Museum) 215 

J08. Xapf mit Buckeln und Zickzackfaden. (Köln, Xießen) 217 

109. Becher mit Xetzwerk. Venezianisch. 18. Jahrh. (Paris, Basilewsky) . 219 

I 10. Tonbecher mit Schuppen. (Köln, Museum) 221 

111. Becher aus terra sigillata. Aus Arberg 223 

112. Becher mit aufgesetzter farbiger Weinranke. (Paris, Louvrci .... 225 

113. Oenochoe mit farbigem Fadenschmuck. (Brüssel, Musee du Cinquant.) . 227 
114 115. (iläser mit farbigen Schlangenfäden. (Köln, vom Rath) . . . .229,231 

116. Ilelmglas mit Fadenverzierung. (Köln, Mus. Wallraf-Richartzj .... 233 

117. Trulla mit farbigen Schlangenfäden. (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) . . 235 

118. Oenochoe mit farbigen Schlangenfäden. (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) . 237 

119. Carchcsium. smaragdgrün, mit Fadenverzierung. 1 Köln, Mus. Wallraf-Richartz) 239 

120. Kanne mit Rosettenschmuck. (Köln, Museum) 24.1 

121. Stamnium mit Schlangenfäden. (Köln, Museum) . 243 

122. Flasche mit Schlangenfäden. (Köln, Museum) 245 

123. Stengelbecher mit Schlangenfäden. (Köln, Xießen) ........ 247 

124. Xapf mit Schlangenfäden. (Köln, Xießen) . 249 

125. Helmglas mit Schlangenfäden. (Köln, ehem. Slg. Discli) ..... 250 

126. Pilgerflasche mit Schlangenfädcn. (Köln, Xießen) 253 

127. Becher mit Schlangenfäden. (Bonn, .Museum) 255 

128/129. Gläser mit Schlangenfäden 259,261 

130. Kanne mit Schlangenfäden. (Boulognc, .Museum) 263 

131. Flasche mit Barbotineschmuck. (Köln, Museum) 265 

132. Becher mit F'adcninschrift. • (Rouen, .Museum) 267 

133. Bruchstück eines Bechers mit Fadeninschrift. (Köln, Museum.) .... 268 

134. Boden eines Goldglascs mit Fadeninschrift. (^London, Britisches Museum) 269 



XVI 

Seile 

35. Gallischer Trinkbecher mit Barbotine. (Köln, Museum) 271 

36. Jagdbecher mit Barbotine. (Köln, Museum.) 273 

37. Besatzstücke 275 

38. Araphoriske mit Lotusknospen. (Köln, Museum) 277 

39. Becher mit Netzwerk und Lotusknospen 279 

40. Becher mit Netzwerk und Rosetten. (Bonn, Museum) 281 

41. Becher mit Ilerzauf lagen. (Ronen, Museum) 283 

42. Becher mit dreieckigen Auflagen. (Rom, Kircherianum) 285 

43. Becher mit langgezogenen Tränen. (Ronen, Museum) 287 

44. Nuppengläser. (Köln, vom Rath) 289 

45. Polypenbecher. (Köln, vom Rath) 291 

46. Flasche mit Fadenverzierung. (Köln, vom Rath) 293 

47. Kugelflasche mit farbigen Nuppcn. (Köln, Niellen') 295 

48. Becher mit farbigen Nuppen und Zickzackband. ' Jvöln, Museum) . . . 297 

49. Cantharus mit farbigen Nuppen. (Köln, Museum) 299 

50. Rüsselbccher. Fränkisch. (Wiesbaden, Museum) 301 

51. Rüsselbecher. Fränkisch. (Köln, Museum) 303 

52. Kugelbecher mit Stacheln. (Köln, Museum) 305 

53. Gruppe von Gläsern 307 

54. Becher mit farbigen Nuppen. (Deidesheim, Basscrmann-JorJan) . . . 313 

55. Cantharus mit Tränen. (Köln, ehem. Slg. Merkens) 315 

56/158. Henkelformen 317,319,321 

59/160. Gruppe von Gläsern 323, 325 

61. Becher aus d. Silberschatze v. Bosco Reale. Alexandrien. (Paris, Louvre) 327 

62. Gläser mit Fadenverzierung. (Köln, vom Rath i 329 

63. Napf mit Doppelrand. (Köln, Nießen) 332 

64. Becher mit acht Henkeln. (Breslau, Museum) 333 

65. Cantharus mit Kettennetz. — Cantharus mit Kettenhenkeln. — Naj^f mit 

Fadenverzierung am Rande. (Rom, Vatikan und Neapel, Museum) . 335 

66. Becher mit Wellenfaden. (Köln, Museum) 337 

67/16S. Gruppe von Gläsern. (Köln, ehem. Slg. Merkens) 339» 34l' 

69. Satyrmaske in Glasmosaik. (Rom, ehem. Slg. Sarti, jetzt München, -Antiquarium) 344 

70. Silenmaske in Glasmosaik. (Rom, ehem. Slg. Sarti, jetztMünchen, Anticjuarium) 345 

71. Tigerkopf in Glasmosaik. (Rom, ehem. Slg. Sarti, jetztMünchen, Antiquarium) 347 

72. Mosaikeinlage. (Rom, ehem. Slg. Sarti, jetzt .München, Antiquarium) . . 349 

73. Rosette in (jlasmosaik. (Rom, ehem. Slg. Sarti, jetzt München, Antiquarium) 351 

74. Streifenmuster in Glasmosaik. (Rom, ehem. Slg. Sarti, jetzt München, Slg. 

Arndt) 353 

75. Ornamentfüllung in Glasmosaik. (Rom, ehem. Slg. Sarti) 356 

76. Randornament in Glasmosaik. (Rom, ehem. Slg. Sarti, jet/.t München, 

Antiquarium) 357 

77. Bildchen in Glasmosaik. (München, Antiquarium) 359 

78. Randeinfassung in Glasmosaik. (München, Antiquarium) 362 

79. Rosettenfüllung in Glasmosaik. (München, Antiquarium) 363 

So. Randornament in Glasmosaik. (München, Antiquarium) 365 



xvu 

Seile 

i8i. Blumenmuster in Glasmosaik. (Wien, Österr. Museum) 368 

1S2. Blumenmuster in Glasmosaik. (Wien, Österr. Museum) 369 

183. Ornament in Glasmosaik. (Wien, Österr. Museum) 371 

184. Schachbrettmuster in Glasmosaik. (Wien, Österr. Museum) 374 

185. Augenmuster. (Wien, Österr. Museum) 375 

1S6. Onyx-Cameo mit der Vergötterung des Augustus. (Wien, llofmuseum) 377 

187. Sardony.x-Cameo mit Gcrmanicus v(ir Tiberius und Livia. (l'aris, Xational- 

bibliothek) 379 

188. Reliefs der Portlandvase. (London, Britisches Museum) 381 

189. Attys vom Boden der Portlandvase. (London, Britisches Museum) . . . 383 

190. Sog. Auldjo-Vase. (Neapel, Museum) 3S6 

191. Trulla mit Überfangdekor. Aus Pompeji. (Neapel, Museum) .... 3S7 
igzj ig2a. Flasche mit bacchischer Szene in Uberfangtechnik. (Florenz, Mus.archcol) 390 

193. Apollo u. Musen. Relief in Uberfangtechnik. Angebl. v. Theater des Scaurus 393 

194. Lampe mit Harpokrates 395 

195. Bruchstück eines Reliefs in Überfang. (München, Frhr. v. Bissing) . . 402 

196. Bruchstück einer Vase mit Überfangdekor. (Bonn, .\kad. Museum) . . 403 

197. Schale von Sackrau. (Breslau, Museum) 405 

198. Medusa in Uberfangtechnik. (Köln, Nicßen) 408 

199. Relief in Uberfangtechnik. (London, Kensington-Museum) ..... 409 

200. Ägyptische Amphora. (London, Kensington-Museum) 411 

201. Oenochoe mit Vogelfedernmuster. Aus Hausweiler. (Bonn, Museum) . 413 

202. Baisamarium in Süulenform. Ägyptisch. (London, Kensington-Museum) 415 
203 203 a. Vas murrinum. (New-Vork, Metropolitan-Museum) . . . . . 418, 419 

204. Schale aus Mosaikglas. (London, Kensington-Museum) 421 

205. Mosaikschale aus Trier. (Trier, Museum) 423 

206. Muschelkanne. (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) 425 

207. Fadeninschrift auf einem Fondo d'oro. (Rom, ehem. Slg. Sarti) . . . 427 
208/208 a. Cantharus in Silberfassung. (Petersburg, Eremitage) . . . . . 431 

209. Becher in Silberfassung. Aus Varpelev. (Kopenhagen, Museum) . . . 433 

210. Becher in Silberfassung. (Ronen, Museum) 435 

211. Murrinenschale. (Köln, Nießen) 437 

212. Murrinenschale. (Hamburg, Kunstgewerbe-Museum) 439 

213. Murrinenschale. Aus Heilange. (Luxemburg, .Museum) 441 

214/215. Murrincnschalen. (Trier, Museum) 444,445 

216. Mosaikschale. (Köln, vom Rath) 447 

217/218. Fadenbandgläser. (Köln, Museum u. ehem. Slg. Merken.s) . . .450.451 

219. Gerippte Schale. (Köln, Museum) 453 

220. Netzbecher aus Köln. (Berlin, Museum) 455 

221. Netzbecher aus Köln. (München, Antiquarium) 457 

222. Netzbecher von Hohensülzen. (Bonn, Museum) 461 

223. Netzbecher aus Daruvar. (Wien, Hofmuseum) . . 465 

224. Netzbecher. (Mailand, Marchcse Trivulzio 469 

225. Netzbecher, ehem. in Straßburg 473 

226/227. Situla. (Venedig, San Marco) . .477,481 



XVIII 

Seilt- 

228. Geschliffener Becher. (Mailand, Cagnola) 4S5 

229/229 a. Geschliffener Becher aus Szezsard. (Ofen-Pest, Nationalmuseum) 488,489 

2^0. Netzglas. (Ofen-Pest, Nationalmuseum) 491 

231. Bruchstück eines geschliffenen Krystallbechcrs. (Wien, Hofmuseam) . . 49:5 

232. Scherbe eines geschliffenen Glases. (Wien, Oesterr. Museum) .... 495 

233. Lykurgosbecher. (London, Lionel Rothschild) 497 

234. Gläser mit gravierten Reifen. (Köln, vom Rathl 50^ 

235. Stamnium mit Liniengravierung. (Köln, Nießen) 507 

236. Kugeltlasche mit geschliffenem Netzmuster. (London, Kensington-Muscum) 511 

237. Cantharus mit Liniengravierung. (Köln, Nießen) 515 

23S. Teller mit geschliffenem Rosettenmuster. Köln 519 

239. Gläser mit Hohlschliff und Gravierung. (Köln, vom Rath) 523 

240. Teller mit Fassettenschliff. (Köln, Museum) 527 

241. Kugeltlasche mit Fassettenschliff. (Köln, Museum) 531 

242. Becher mit eingeschliftener Inschrift u. Ornamentik. Aus Krain . . . 535 

243. Becher aus geschliffenem Krystallglase, (Trier, Museum) 539 

244. Schematische Ansicht von Puteoli. Schlifl' einer Kugelflasche aus Odemira 543 

245. Stamnium mit bacchischer Szene in Hohlschliff. Aus Hohensülzen. (Bonn, 

Museum) 547 

246. Beclier mit Szene aus dem Lynkeus-Mytlms in Hohlschliff. (Köln, Museum) 551 

247. Lynkeusbecher. (ivöiln, Museum) 555 

248. Becher mit Venus u. Amor an der Weinsclienke. Graviert. (Bonn, Museum) 559 

249. Becher mit Amoren in leichtem Hohlschliff. (Köln, Museum) . . . . 563 

250. Bruchstück einer Vase mit Wagenrennen. Hohlscliliff. (Trier, Museum) 566 

251. Bruchstück einer Vase mit Wagenrennen. Gravierung. Aus Pisa . . . 5^7 

252. Becher mit Amoren und Ranken in Gravierung. (Bonn, Museum) . . 571 

253. Kugelflasche mit Amor auf der Löwenjagd, llohlschliff. (Köln, Museum) 575 

254. Schale mit Medusa u.Fassetten in Hohlschliff. (New-York, Metropolit. -Museum) 579 

255. Besatzstück mit Medusa in Hohlschliff. (Trier, Museum) 581 

256. Probe von Liniengravierung auf einem Becher aus Köln. (I:'>onn, Museum) 585 
257/257a. Becher m. Gravierung; Gladiatoren i. Kampf geg. wildeTiere. (Trier,Mus.) 589 

258. Becher mit Reigentanz in Hohlschliff. (Köln, vom Rath) ...... 593 

259. Becher mit Auferweckung des Lazarus in Hohlschlift". (Köln, vom Rath) 597 
26o/26oa. Siegesbecher aus Sidon. (New-York, Metropol. -Museum) .... 602 

261. Etruskischer Bronzespiegel mit Gravierung . 607 

262. Schale mit Neptun. Aus Köln. (Berlin, Museum) ........ 61 1 

263. Teller mit Hirschjagd in Gravierung. (Köln, vom Rath) 615 

264. Teller mit Abrahams Opfer in Gravierung. (Trier, Museum) . . . . 619 

265. Teller mit Susanna und den beiden Alten in Gravierung. (Köln, vom Rath) 623 
266/268. Fläschchen, geformt. (New- York, Metropolit. -Museum) . . 628, 629, 633 

269. Kännchen, geformt, (l'.reslau, Museum) 637 

270. Kännchen, geformt. (Salzburg, Museum) 642 

271. Becher mit Gottheiten, geformt. (Petersburg, Eremitage) 643 

272. Geformte Gläser. (Neapel, Museum) 647 

273/273 a- Amphoriske des Ennion. (New-York, Metropolitan-Museum) . .652,653 



XIX 

Seite 

274. Amphoriskc des Eiinion aus l'anticapäum. (Petersburg, Eremitage) . . 657 
275/275au. b. Becher des Ennion. Vom Agro Adriese ..;... .662,663 

276/276au. b. Becher des Ennion. \'om Agro Adriese 668,669 

277. Becher, geformt 673 

278. Eimer, geformt 677 

279/279a. Zirkusbecher mit Darstellung eines Wagenrennens. Aus Couven. 

(Namur, Museum) 682, 683 

2S0. Zirkusbecher mit Darstellung eines Wagenrennens. Aus Colchester . . 687 

281. Zirkusbecher mit Gladialorenkämpfen. Aus Mondragone. (Xew-York, 

Metropolitan-^luseum) 697 

282. ZirkusbechermitDarstellungeinesWagenrennens. Aus Schönecken. (Trier, Mus.) 699 

283. Bruchstück eines Zirkusbechers mit riladiatorenkämpfen. (Trier, .Museum) 701 

284. Gruppe von Zirkusbechern mit Gladiatorenkämpfen 7^3 

285. Becher mit Sinnspruch und Rankenfries 7°? 

286. Becher in Form eines Satyrkopfes. Terrakotta, griechisch 710 

287. Baisamarium in Form eines Frauenkopfes. Terrakotta, süditalisch. (Rom, 

ehem. Slg. Sarti) 7 1 1 

288. Pilgerlläschchen aus Syrien. (Rom, ehem. Slg. Sarti) 715 

289. Büste eines Imperators. Lapislazuliglas. (Köln, Nießen) 7^9 

290. Fläschchen mit Masken. (Wiesbaden, IMuseum) 'J22 

291. Fläschchen in Gestalt einer Medusa 7-3 

292. Fläschchen in Gestalt einer Doppel-Medusa. (Köln, ehem. Slg. Merkens'l 727 

293. Fläschchen mit Medusa. (Köln, vom Rath) 73° 

294. Fläschchen mit Medusa. (Köln, ehem. Slg. Merkens) 731 

295. Fläschchen mit Doppel-Medusa. (Köln, Museum) 735 

296. Fläschchen mit Doppelkopf. (Xew-Vork, Metropolitan-Museum) . . . . 737 

297. Kanne in Form eines männlichen Kopfes. (Köln, Nießen) 739 

298. Kanne in Form eines Frauenkopfes. (Xew-York, Metropolit. -Museum) . 743 

299. Flasche in Form eines Januskopfes. (Köln, Museum") 745 

300. Kanne in Form eines karikierten Xegerkopfes. (Köln, vom Rath") . . . 747 

301. Becher in Form eines Negerkopfes. (New- York, Metropolit.-Museum) . . 749 

302. Fläschchen in Form eines karikierten Frauenkopfes. (Köln, vom Rath) . 751 

303. Flasche in Form eines karikierten weiblichen Negerkopfes. (Köln, Museum) 753 

304. Flasche in Form eines karikierten Kopfes. (Köln, Nießen) 756 

305. Kännchen in Form eines karikierten Kopfes. (Köln, Nießen) .... 757 

306. Flasche mit Gesichtszügen. Modern. (Speyer, Museum) 759 

307. Flasche in Gestalt eines sitzenden .Vffen mit der Syrinx. (Köln, Museum) 761 

308. Parfümflasche in Gestalt eines Vogels. (Köln, vom Rath) 763 

309. Traubenkanne. (Brüssel, Musce du Cin(|uantenaire) 765 

310. Traubenkanne. (Köln, Museum) 7^7 

311. Traubentlasche. (Köln, vom Rath) 7^9 

312. Traubenkannc. (Köln, Museum) 77" 

313. Muschelkanne. (Köln, Nießen) 773 

3I4/3l4a. Becher mit Konchylien. (Trier, Museum) 776, 777 

315. Becher mit Konchylien. (Vatikan) 7^1 



XX 

Seite 

316. Becher mit Konchylicn. (Köln, Museum) 783 

317. Gläser mit Falten und Eindrücken. (Köln, Xießen) 7S5 

31S. Faltengläser. (Köln, vom Rath.) 787 

319. Kürbisflasche mit Zackenfuß. (München, Zettlcr) 789 

320. Gläser mit Rippen, Eindrücken und Falten . . . 791 

321. Gläser mit Falten und Kanneluren. (Neapel, Museum) 793 

322. Kännchen mit Spiralfaden u. Kanne mit Kürbisrippen. (Wiesbaden, Mus.) 795 

323. Strigilierter Becher. (Köln, Museum) 799 

324/324a. Frontinuskanne. (Deidesheim, Bassermann-Jordan) S02, 803 

325. Kanne mit Schrägrippung. (Köln, Nießen) S09 

326. Kanne mit Rippenansätzen. (Köln, Museum) 811 

327. Kürbiskanne aus dem Spessart. XVI. Jahrh 813 

328. Gebuckelte Kanne. (Köln, Nießen) 815 

329. Becher mit Buckelung. (Köln, Museum) 817 

330. Becher geformt. (Paris, Sambon) 819 

331/331 a. Becher mit Emblemen, geformt. (Paris, Sambon) 822,823 

332. Kanne, geformt. (Paris, Sambon) 825 

333. Fränkische Schale mit Monogramm Christi 827 

334. Saugheber aus rheinischen Gräbern 829 

335/335^ u. b. Scyphus aus Blei. Mit Glaseinsätzen 831,832,833 

336. Bruchstücke eines Goldglases mit Plan einer Stadt. (Bonn, Museum) . . 835 

337. Tongefäß von Charinos. (Berlin, Antiquarium) 837 

338. Flasche aus Syrien, mit Satyrszene. (Paris, Louvre) 839 

339/339 a. Becher mit Pigmäenkampf, bemalt. Aus Nimes 840, 841 

340. Becher aus Khamissa, bemalt. Aufrollung 843 

341. Zwei Rosetten von Glasdeckeln. Aus Algier 844 

342. Deckel mit Amor. (Paris, Hamberg) 845 

343. Fläschchen, mit Fischen und Skorpion bemalt 847 

344. Scherbe eines Bechers mit Jagdszenc. (Köln, Museum) 848 

345. Flasche, rotes Glas mit aufgemalter Quadriga. (Bonn, Museum) . . . 849 

346/346a. Fläschchen mit Rennpferden. (Bonn) 85 1 

347/347 a. Becher mit Tierkampf, gemalt. (Kopenhagen, Museum) . . . 852, 853 
348/348a. Becher mit Tierkampf, gemalt. (Kopenhagen, Museum) .... 856, 857 

349. Becher mit Tieren, gemalt. (Kopenhagen, Museum) 859 

350. Becher mit drei Vögeln und der Inschrift DVBP. (Kopenhagen, Museum) 860 

351. Becher mit Tieren (Kopenhagen, Museum) 861 

352/353. Piecher mit Gladiatoren. (Kopenhagen, Museum) 863, 865 

354. Goldglas mit Brustbild der Stadtgöttin Alexandria. (Wien, Graf) . . . 866 

355. Goldglas mit Brustbild, gemalt. (London, Britisches Museum) .... 867 

356. Goldglas mit Achilles u. den Töchtern des Lykomedes. (Pesaro, Mus. Olivieri) 869 

357. Goldglas mit parstellung eines Schiffsbaumeisters. (Vatikan) . . . . 871 

358. Goldglas mit Abbildung einer römischen Weinschenke. (Vatikan) . . . 872 

359. Goldglas mit Viergespann. (Paris, Privatbesitz) 873 

360. Goldglas mit Faustkämpfern 875 

361. Goldglas mit Darstellung des siebenarmigen Leuchters in Emailmalerei . 877 



XXI 

Seite 

362. Goldglas mit jüdischen Kultusgeräten in Emailmalerei. (Vatikan) . . . 879 

363. Goldglas mit Darstellung des Wunders des Sonnenzeigers 881 

364. Goldglas mit Adam und Eva. (Rom, ehem. Slg. Sarti) 882 

365. Goldglas mit Adam und Eva. (London, Britisches Museum) 883 

366. Goldglas mit zwei d. Magier von d. Anbetung des Kindes. (Großenhain, Zschille) S85 

367. Goldglas mit Auferweckung des Lazarus 887 

368. Goldglas mit einer Taube. (Köln, ehem. Slg. Merkens) 889 

369. Schale von St. Ursula. (London, Britisches Museum) 891 

370. Schale von St. Severin. (London, Britisches Museum) 893 

371. Becher mit Schlangenfaden. (Kopenhagen, Museum) 895 

372. Brandgrab mit Totenbeigaben vom Grabfeldc d. Luxemburger Straße in Köln 897 

373. Fränkisches Grab aus Vermand . 899 

374. Schale, Mosaikglas. Aus Fünen 903 

375. Becher, unten mit Vcrtikalrippen. Aus Vestergötland 904 

376. Becher mit Fassettenschliff. Aus Varpclev 904 

377. Becher mit Fassettenschliff. Aus Sojvide 905 

378. Becher mit eingeschliffenen Ovalen. Aus Vallstenarum 906 

379. Becher mit eingeschlittenen Ovalen. Aus Bremsncs 907 

380. Becher mit griech. Inschrift. Aus Vorning 907 

381. Bruchstücke eines Glasgefaßes in der Technik d. Barberini-Vase. Aus Solberg 908 

382. Becher mit Schlangenfadenverzierung. Aus Xordrup ....... 908 

383. Trinkhorn mit Schlangenfadenverzierung. Aus Österhvarf ...... 909 

384. Becher mit Netz- und Fadenauflage. Aus Oland 910 

3S5. Schale mit Nuppenverzierung. Aus Haugstad 911 

386. Hornbecher. Aus Norwegen 912 

387. Rüsselbecher. Aus Vendel 913 

388. Becher mit Fadenauflagen. .\us .-Mands 914 

389. Becher ohne Fuß. Aus Bjärs . 915 

390. Vase aus gelbbraunem Glase. .\us Gotland 915 

391. Trichterförmiger Becher. .\us Björkö 916 

392. Zylindrischer Becher. Aus Björkö 917 

393. Becher mit Vertikalrippen und Fadenverzierung. Aus Björkö . . . 918 

394. Traubenbecher. Aus Björkö 919 

395. Kugelbecher mit rotem Rand. .\us Björkö 920 



ce»5] 



Die Herstellung des Glases. 



Kisa, I 'as Glas im Altcrluinc 




Abi). 1. Grabrelief von Beni Hasan. 



Die Herstellung des Glases. 

Glas ist ein Schmelzprodukt, eine bei hoher Temperatur 
dünnflüssig"e, beim Erkalten ^lllmählig aus dem zähflüssigen in 
den starren Zustand übergehende Masse, deren Hauptbestandteil, 
die Kieselerde, aus miiglichst reinem Flußsande gewonnen wird. 
Um diese im Feuer schmelzbar zu machen, müssen sog. Fluß- 
mittel zugesetzt werden, Alkalien, welche zugleich durch ihre 
verschiedenen Eigenschaften die Sorten des Glases bestimmen. 
Im .Altertume benützte man dazu teils vegetabilische Alkalien, 
wie Pflanzenasche, namentlich die vom Farnkraut und der 
Buche, die noch heute neben der Plichenasche bei der Her- 
stellung gewöhnlicher Weinflaschen verwendet wird, teils ein 
von dem älteren Plinius, unserer llauptquelle für antike Tech- 
niken, als Nitrum bezeichnc^tes Produkt. \) Darunter ist ein 
mineralisches Alkali, natürlic^lie Soda oder Pottasche zu xcr- 



^) Plinius, historia naturalis II, 36, 66. Gaius Plinius Secundus Maior, 
geboren 23 vor Chr. zu Como, verunglückt beim Ausbruche des Vesuvs 79 nach Chr. 
in Pompcii. Er Schrieb eine llistoria naturalis in 37 Büchern, das wichtigste Do- 
kument für antike Natur- und Kunstgeschichte und Kenntnis der Kunsttechnik, sehr 
vielseitig, aber nicht frei von Irrtümern und Flüchtigkeiten. Gerspach nennt ihn 
darum in seiner Verrerie antique, Paris 1885, S. 10: ,,Un litterateur traitant sans 
aucune preparation des sujets scientifiques", und Cuvier stimmt ihm darin bei. Über 
das Glas handelt er besonders im 36. Kapitel seines II. Buches, doch finden sich 
auch in anderen zahlreiche Notizen darüber zerstreut. 

I* 



stehen/) die namentlich in Thr^ikien, Makedonien und Ägypten 
tfewonnen, in Naukratis und Memphis, zwei Hauptorten der ägyp- 
tischen Glasindustrie neben Alexandrien und früher Theben, fabriks- 
mäßig hergestellt wurde. "■^) Der fein zermahlene und zerstoßene 
Kiessand wurde im Verhältnisse von 9 zu 3 mit dem Flußmittel 
vermischt und in irdenen Gefäßen in den Ofen zum Schmelzen 
gestellt. ■') Vor der Rrfindimg des Schmelzofens schmolz man 
diese Mischung in Krdgrul^en, doch erhielt sich diese primitive 
Art neben der \orgeschrittenen namentlich im Oriente bis in 
das Mittelalter hinein. Dabei darf man sich freilich nicht mehr 
auf die Szenen in dem (irabe von Beni Hasan in Ägypten 
aus der 4. Dynastie berufen, wo ein sehr primitiver Ofen ab- 
gebildet ist, weil in ihnen, wie in folgendem ausgeführt werden 
wird, gar nicht Glasarbeit, wie man früher ann^ihm, dargestellt ist. 
Die mit Soda gemischte Schmelze ergab im ersten Brande die 
Fritte, griechisch Mülit'iig genannt, die mit eisernen Löffeln aus- 
geschöpft und in flachen Pfannen einer erneuten stärkeren Glut 
ausgesetzt wurde. 1 liezu gebrauchte man in Agy])ten mit \"or- 
liebe die Wurzeln und Stiele der l'apvrusstaude, doch zog man 
nach Plutarch vielfach das Holz der Tamariske \or, die in Syrien 
und am Nil die Größe einer Fiche erreicht. Mit Hilfe dieser 
stärkeren Feuervnig kam die Masse bald in Flui), wurde tüchtig 
aufgerührt und \'erwandelte sich in das i lammonitrum, eine 
fettige, schwärzliche Masse, die weiter gekocht wurde, verschie- 
dene Zusätze erhi(4t und sich nach dem Abschöpfen des Schaumes 
in reines ( rias \-erwandelte. ¥Ä\\ Zusatz \'on .Schwefel machte 
nach T'linius die Masse hart wie vStein. Doch auch andere Zu- 
sätze kannte man. Gewöhnlich ist das antike (rlas nach seinen 
Hauptbestandteilen Kieselsäure. Kalk und Natron mit einem 
modernen Ausdrucke als Natronglas zu bezeichnen, sehr häufig 



^) Niclit wie Froehner ,,Verrcrie antique, Collection Charvet", Paris 1879, S. 10, 
nach 11g in Lobmeyrs Glasindustrie, StuUgart 1874, meint, Salpeter. Künstlichen 
Salpeter vermochten die Alten noch nicht darzustellen. Vgl. Beckmann, Beiträge zur 
Geschichte der Erfindungen V, S. 511 tT. und C. Friedrich in seiner Rezension von 
Frochners Werk, Bonner Jahrbuch 74, S. 104 f. 

-) Plinius 31, 311. 

^) Vitruv VII, II. Froehner nimmt dabei an, dass Plinius seine Proportion 
3 : I nach dem r)uodczsystcm berechne. 



5 



ist es al:)er aus Kieselsäure. Kalk und Kali zusaniUKMi^'esetzt. 
in unserem Sinuc also KaliLjias. wir es in ilrv luodenu'n 
Industrie xorlicrrselu. I lautii^- sind der antiken Mischung" auf 
natürlicheui We^c, dureli X'erunreini^unL;- des Sandes, Blei 
und J'äsen beis^'ctuti't , wck^hen in erster Linie die starke \'er- 
witterung' der (iläser. besonders wenn sie in sandii^cin l-)oden 
steckten, und der Ansatz einer ( )xvdschieht , der \on Sannnlern 
oft iil)ertrie])en hewertt^ten Iris, zuzuschreil)en ist. Doch s(»tzte 
man lUeioxvde oft absichtlich zu, um das Glas 
rein und durchsichtii.>' zu machen. I'.s tMj^Miete 
sich in diesem Zustande, oi)\vohl es an 1 (arte 
verlor, besonders zum SchiuMd(Mi und .Schleifen 
und entwickelte (großen Glanz und Leuchtkraft. 
Kalk \erschafft(^ man sich, indem man den 
la])is Alal)andicus, den sch\\ärzlich-j)ur})urnen 
Marmor \'on Alabanda in Karlen, pulverte.') 
Auch Kieselsteine w urden fein g-emahlen, be- 
sonders Ouarzkiesel, und erjraben an Stelle des 
unreinen Flußsandes farbloses. durchsichtit,''es 
(ilas. Die Nachricht des l'linius, daß man in 
Indien so^t,'"ar Bery'krvstall zu diesem Zwecke 
^■er\vendete, ist natürlich unrichtiiL;': wahrschein- 
lich ist unter dem „Krystalle" g'leichfalls Ouarz 
zu ver-stehen. Derselbe Autor nennt unter den 
Zusätzen auch den Magneteisenstein, der nach 
Lenz leicht mit der Glasmasse zusammen- 
schmilzt und si(% in j^-eriniifer Menge beigemischt, 

dunkelschwarz färl)t. Außer verschiedenen Metalloxvden. die 
zur I"'är])ung des (ilases benützt wurden, x'erwendete man fossilen 
Sand. Schnecken- und Muschelschalen. di<' aus kohlensaurer 
Kalkerde bestehen und gleichfalls die Larbe und dcMi (ilanz des 
Glases bestimmen. I'linius luid rhe()])hrast nemien auch aus- 
drücklich den Zusatz xon Ku])fer. .\ach Lenz gibt Ku]_)ferox\-(lul 
dem Glase eine pracht\'olle kirschrote Larbe. besonders wenn 
es dünnwandig geblasen wird.'; 




Abb. 2. 
VasL- Tutmosis' III. 
britisches Museum. 



^) Nach Lenz, .Mineralogie der Griechen und Römer, ist dieser ,,Sclnvarzc, aber 
mehr zum Purpur nei<;endc Stein" ein Rauchtopas. — I'linius 36, 62. 
-) Plinius 36, 193. Theophrast lapid. 49. 



Leider besitzen wir keine Nachrichten und Abbildung-en 
aus g-riechischer oder römischer Zeit, die den Schmelzprozeß 
näher veranschauhchen würden. Nur in dem erhaltenen PVag-- 
mente eines g-riechischen Dichters aus Hadrians Zeit, des Meso- 
medes, wird ein Arbeiter geschildert, welcher einen Glasblock 
zerschlägt und die .Stücke in den Schmelzofen wirft, als gälte 
es Blei zu schmelzen.^) 

Über die Art, wie die Alten ihre Gläser nach der Formung 
abkühlten, haben wir keine Nachrichten. Die häufigen Funde 
verbogener und schlecht geformter Gläser beweisen, daß man 
die Gefäße oft zu früh, ehe sie gehörig erhärtet waren, aus dem 
Ofen herausholte und zum Erkalten oder zu weiterer Bearbeitung 
auf den Marmor brachte. Solche F'ehler rühren nur in seltenen 
Fällen von dem Leichenbrande her, wie Deville") meint, denn 
man findet sie ebenso häufig in .Sarkophagen neben unver- 
brannten Leichen. 

Die Schmelzung des Rohm^iteriales \ollzieht sich in den 
modernen Glasöfen mit ihrem gewaltigen 1 iitzegrade sehr rasch 
und gründlich; es geht aus ihnen als eine homogene, flüssige 
Masse hervor, die, so wie sie ist, sofort verarbeitet werden kann. 
Das Altertum aber mußte sich nocli mit einem recht einfachen 
Ofen und ])riniitiver Feuerung begnüg'en, weiche den vSchmelz- 
prozeß sehr verlangsamte und allerlei Zufällen aussetzte. Die 
erste Nachricht über die pLinrichtung des antiken Glasofens 
stammt aus dem frühen Alittelalter: wir finden sie in dem Buche 
des Heraclius „Von den Farben und Künsten der Römer".'') 
Er schildert den Glasofen seiner Zeit, da diese aber in der 
Glasindustrie ausschließlich von antiken Überlieferungen zehrte, 
wie auch noch das XII. Jahrhundert, wird seine Beschreibung 
schwerlich wesentliche Neuerungen enthalten. Aus einem Worte 
des Plinius, den „continuis fornacibus" kann man schliei^en, daß die 



') Mesomedes, ind. Anthologia graeca XVI 323. Froehner a. a. O. S, 24 f, 
'•^) Achille Deville, histoire de l'art de la verrerie dans l'anliquite. Rouen 1S75. 
*) Heraclius, Von den Farben und Künsten der Kömer. Hcrausgeg. von A. 
Ilg in Eitelbergers Quellenschriften zur Kunstgeschichte und Kunsttechnik Bd. IV. 
Unter diesem Titel sind die Aufzeichnungen von drei verschiedenen römischen Schrift- 
stellern des X. bis XII. Jahrh. zusammengefasst. 



Römer einen ( )ft'n niil mehreren A])teilun^-en benutzten, wie es 
der des J lt>ra<'lius und aueh jener ist, den Theo])hilus beschrcMbt.^) 
Der Ofen dt^s Ileraclius ist aus Backsteinen j>-ebaut, rund g-e- 
wölbt und in drei Al)teilungen getrennt, welche verschieden stark 
erliit/.t werden konnten. 

„Das (ilas wird", so erzählt TTeraclius, „mit leichtem und 
dürrem Holze t.;-el)rannt, mit einem Zusätze von Ku])fer und 
Xitrum (Salpeter) in ( )fen wie Erz geschmolztMi und in Massen 
geformt. Aus den Massen wird 
es dann wieder in den Werk- 
stätten gegossen, eines durch Bla- 
sen geformt, ein anderes mit dem 
Dreheisen gedrechselt, ein drittes 
wie .Silber ziseliert. Auf das beste 
dient weißes Glas, welches dem 
Krystiüle am nächsten kommt, wo- 
durch es auch (iold und -Silber als 
Trinkgerät \erdrängt hat. Ehe- 
mals wurde (ilas in Italien, dallien 
und Spanien gemacht. Man mahlte 
den weichsten weißen .Sand mit 
vStößel und Mühlen, dann kamen 
drei Teile Nitrum dazu und nach 
dem Schmelzen wurde das ganze 
in den Ofen übertragen. Diese 
Masse hieß Admoxitrius und lie- 
ferte nach abermaligem Brennen 
eines weißes ( jlas. Zu der Gattung 

des Glases wird auch der Obsidian gerechnet: dieser ist zuweilen 
grün, zuweilen scliwarz. oft auch bei größerer Körperhaftigkeit 
durchsichtig, und als .Spiegel an der Wand zeigt er Schatten 
anstatt Bilder." 

Diese NachriehtcMi stammen zum Teile wörtlich aus Plinius. 
Man kann schon daraus schließen, daß römische Tradition für 
I leraclius auch in anderen Punkten maßgebend sein wird. Admo- 




Al)b. 3. \'ase Tutmosis' I 
München, Anliquarium. 



') Plinius 31, 193. — Theophilus, Diversarum artium schcdula. HerausgCCT. 
A. von Ilg in Eitelbergers Quellenscliriflen V>d. II, S. 9g M. 



vitrius will Ily- als Ilarzj^-las erklären, indem er odä/iac und nitrum 
vereiniitift. Eis ist aber offenbar nichts als das korrumpierte Uam- 
monitrum des Plinius. 

\^on der Glasbereituny- erzählt ileraclius III, 7 weiter: „Glas 
wird £ius Asche fjfemacht, nämlich aus jener des Farnkrautes 
und von Faina (Fai^ina, Buche), zwei Teile von Farnkraut und 
ein Teil von Faina. Dann baue einen Ofen, bei welchem du 
die Steine mit Ton verkittest. Das Fundament mache ^ .^ Ellen- 
bogen lang-, ebenso hoch und g-anz flach: die innere \"ertiefuni4- 
des Bodens lasse frei, weil dort das Feuer anzubring^en ist. Ober- 
halb des E^undamentes mache drei Zellen, welche man Archae 
nennt: in ihnen sollen E>nsteröifnunL,'-en sein. Die mittlere Archa 
mache gToß, mit zwei E>nstern, auf jeder Seite eines. In diese 
Archti stellt man innen vor die Mündung" zwei wol^j^ebrannte 
Töpfe, Mortariola (Mörser), und darin schmilzt man die Asche 
und den Sand; zu l)eiden Seiten mache noch, je eine Arche, die 
zur Rechten kleiner als die zur Linken. i:i d(^r linken wird das 
Glas Tag und Nacht geschmolzen, bis es wie Leim flüssig ist. 
Dann schöpfe es mit eisernen Löffeln aus den Mörsern und 
koche es, bis es ganz weiß ist. Willst du aber rotes Glas, so 
gebrauche nicht völlig gebrannte .Asche in folgender Weise: 
Nimm Kujiferfeile und brenne sie zu Puher, tue sie in den 
Mörser und es entsteht das rote (ilas, das wir (ialienum nennen." 
Hierauf folgen andere Rezepte zur Herstellung farbigen Glases. 
Dann sagt er weiter über das Blasen: „Nimm eine eiserne Röhre 
von beliebiger Länge, die am Ende ein kleines innen hohles Molz 
mit einem ganz winzigen Loche hat. Nimm ein Stückchen Teig 
aus dem Mörser, s])rudele es in den Händen herum und bilde was 
dir gefällt auf dem Elisenmarmor, der neben dem Ofenmundloche 
steht. Du machst nämlich dort eine Schutzwand und stellst da- 
hinter den eisernen Tisch, welcher Marmor heißt. Ist das Gefäß 
fertig, so stelle es in die linke Arche, wo es langsam auskühlt." 

Ilg bemerkt dazu ganz richtig,'') daß bei den Rohmaterialien 
die Hauptsache, nämlich der Kiessand vergessen ist. Gräser, 
Binsen enthalten infolge ihrer Bodennahrung zwar etwas Kiesel- 
erde, aber in so geringen Mengen, daß sie kaum zur Glasur 

^) Heraclius S. 1 34 f. 



\'on 'Jonwaren, xicl wcnij^'er zur 1 lerstolhnii^" xon (rlas liinrcichcn 
würden. Farnkraut soll am 'i^ag-e der EnUiau])lunL;- joliannis 
geholt werden. Diese Stelle beruht nach Grimm ^) auf altheid- 
nischem, im A'olksmunde fortlebendem Aberi>-lauben und beweist, 
daß sie nordischen l'rs])runs^-es und später eini>fpfüt>-t ist. Die 
Asche der P)ucht> wird auch später l:)ei Theophilus erwähnt 
und noch heute zur dlasbereitung benützt. 

Die durch den Schmelzprozeß gewonnene reine (ilasniasse 
wurde in verschiedener Weise \'erarbeitet. Man ließ sie etwas 
erkalten und zäher werden und formte aus dieser bildsamtMi 
Paste mit freier I land (jefäße und 
Geräte um einen Tonkern, welchen 
man später entfernte. Oder man 
preßte sie auf Platten und in 1 lohl- 
formen zu Reliefs, Schmucksachen, 
.\muletten und Zierwerk mancherlei 
Art. Man goß sie in Formen, tropfte 
sit^ auf eine Platte auf oder gab ihr 
durch Blasen mittels der Pfeife die 
Form von Kugeln und kugeligen 
Gefäßen. Die Pfeife (A'irga) war ein 
eisernes Rohr \-on etwa einem Meter 
Fänge und einem Zentimeter innerem 
Durchmesser, an dessen einem Ende 
sich eine knopfartige Verdickung 
oder eine trompetenförmige Öffnung, 
an dessen anderem ein hölzernes Mundstück befand, l/m einfache 
Gefäße zu bilden, tauchte der Arbeiter jene Öffnung in die 
flüssige Glasmasse, holte sich so den nötigen Teil lieraus und 
blies dann durch das Mundstück hinein, wobei sicdi d\c an- 
haftende (jlasmassc^ zu einc^r runden Blase ausdehnte, wie die 
.S(Hfenblas(^ am Strohhalme des s]ii(>lend(Mi Knaben. Durch ilin- 
und Ilerschw (Miken. durc1i Walzen auf einer eis(^rnen oder 
steinernen I Matte, durcli AnlialtcMi eines bestimmt ])rofilierten 
vStabes, durch Finblasen in eine Xegatixform gab er d(MU Crefäße 
die gewünschte Gestalt. Sollte es eine Flasche wcM'den, so hielt 




Abb. 4. Miilsamarium. 

Ägyptisch, iS. Dyn. (um 1500 

vor Clir I 



') Grimm, Deutsche Mythologie S. i 160 f. 



lO 

er nach P>zielung- einer kug-elig'en oder eirunden Blase inne, 
ließ die inzwischen zäher g-evvordene Masse an der Pfeife senk- 
recht herabhäng'en, so daß sie sich röhrenförmig in die Länge 
zog und bildete damit den Hals. Diesen schnitt er glatt von der 
Pfeife ab, wie es jetzt noch in Italien bei den gewöhnlichen 
Haschen geschieht, oder er legte den Rand platt oder wulstartig 
um, indem er ihn entweder auf eine Platte aufdrückte oder mit 
der Zange umkremijelte, und setzte die noch heiße Masse auf 
einen flachen Untersatz aus Prisen oder Stein (der mit Rücksicht 
auf das Material, aus dem er offenbar ursprünglich regelmäßig 
geformt war, der „Marmor" heißt), wodurch sie eine Standfläche 
bekam. Diese konnte mit gewissen Werkzeugen kegelförmig 
oder konkav eingestochen oder durch Auflage einer runden Platte 
verstärkt werden, wenn man nicht einen besonders geformten 
Fuß ansetzte. Die so gebildeten Gefäße wurden in die dritte 
Abteilung des (Jfens gestellt, um dort in mäßiger Hitze langsam 
zu erhärten und dann, sei es im erkalteten Zustande, sei es nach 
erneuter Erhitzung und leichter Erweichung verschiedenen Ver- 
zierungsweisen unterworfen zu werden. Der für das Glas kenn- 
zeichnende allmähliche Übergang aus dem flüssigen in den festen 
Zustand, sowie die große Härte, welche es in diesem besitzt, 
gestatten eine Mannigfaltigkeit der technischen Behandlung, wie 
sie keinem anderen Stoffe eigen ist, so daß das Glas schon 
Plinius als das bildsamste aller Materialien der Kunst erschien. 
Der Ofen des Theo])hilus,'^) eines Mönches, der mit 
seinem eigentlichen Namen wahrscheinlich Rotger hieß und 
zu Ende des XL und Anfang des XII. Jahrh. im Benediktiner- 
kloster Helmershausen an der Diemel (ehemals im Paderbornschen, 
jetzt in Niederhessen) tätig war, läßt liereits zwei Teile als Feuer- 
herd und Calcinierofen erkennen. F^r hat acht (Öffnungen für 
die Tö])fe, zwei Feuerlöcher und ringsum eine Schutzmauer mit 
( )ffnungen zvun Einschieben der Gefäße. Es ist der Werkofen 
mit zwei Herden und kugeligem Dachgewölbe. Daneben hat er 
einen Kühlofen. Im ersten Herde geht das Kochen, im zweiten 
das Reinigen und Schmelzen, im dritten das Kühlen \'or sich. 
Dieser Ofen ist besser als der des Heraclius und war, wie wir 

1) Vgl. Seite 7. 



II 



sehen werden, der Antike j^ieichfalls nicht unbi'kannt. Im ersten 
Ka])itel des /weiten liuches schildert Throphihis die Kinrichtun.t,'- 
seines Ofens und die (ilaslK^reituni,»" tbl^'-endermaßen: 

„Nimm trockenes Buchenholz, verbrenne es und sieh, daß 
kein Steinclien und Krde darin bleibt. Den Ofen errichte dann 
aus Steinen und Krde 13 Fuß lanjr und lO Fuß breit. Zuerst 
lege den drund auf jeder Lantrseite einen F'uß dick, mache in 
der ]Mitte einen festen und ebenen Herd aus Stein und Ton und 
teile ihn in drei t^ieiche 'l'eile, so daß zwei Teih^ für sich und 
der dritte wieder für sich durch eine Ouer- 
mauer g-eschieden sind. Dann mache an 
jeder Breitseite eine (jffnunj^". durch welche 
man Holz imd Feuer hinein])rin!L;'en kann, 
und indem du die Mauer ring'sum 4 F\iß 
hoch erbiiust. mache abermals einen festen 
und g"änzlich ebenen Herd und lasse die 
Ouermauer ein weniijf emporrag'en. Dann 
mache in dem j^'rößeren Räume auf der 
einen Lang^seite \'ier ( )ffnuni^"en und \ier 
in dem anderen in der Glitte des Herdes, 
wohin die Gefäße kommen: ferner zwei 
Offnung"en in der Mitte, durch welche die 
Flamme aufsteiijfen kann.^) Baue ringsum 
eine Mauer, mache zwei \iereckige Fenster, 
eine Hand lang und breit, je eines auf 
jeder -Seite gegen die ( )ffninigen hin. Durch 
diese werden die Gefäße hineingeschoben und herausgenommen. 
Mache auch in dem kleineren Räume eine Öffnung in der Mitte 
des Herdes, nahe an der mittleren Mauer, sowie ein Fenster 
eine Hand hocli an der äußeren StirnmautM-. durch welche man 
hineinsetzen und fortnehmen kann, was zur Arbeit gehört. 1 last 
du dieses so angeordnet, so gib dem inneren Räume durch die 
Außenmauer die Gestalt eines gewcilbten ( )fens. innen ein w (Miig 
höher als \ .^ F"uß, so daß du oben den Herd ganz eben und im 
Umfange mit einem Rande von drei Finger Höhe machen kannst. 
Dieser Ofen heißt W'erkofen." 




Abb. 5. Amphoriske. 
Ägyptisch, 18. Dynastie. 



*) Vgl. die üeschrcibung der Glasjfcn von Wilderspool S. 20 IT. 



12 

Im foli^-enden Kapitel wird die Anlag-e des Kühlofens ge- 
schildert: „Mache auch einen anderen Ofen, lo Fuß lang, 8 breit, 
4 hoch, liier mache an der \^orderseite eine Öffnung-, damit 
Holz und Feuer hineinq-epfeben werden kann, und an einer Seite 
ein Fenster i Fuß hoch, zum Finstellen und Herausheben des 
Nötigen, inwendig aber einen festen und ebenen Herd." 

Das dritte Kajiitel beschreibt einen dritten Ofen, den sog. 
Ausbreitofen, 6 Fuß lang, 4 breit, 3 hoch, mit ( )ffnungen, Fen- 
stern und 1 lerd wie beim vorigen. Die hierbei nötigen Werk- 
zeuge sind ein eisernes zwei Fllen langes, einen Daumen dickes 
Rohr, zwei £iuf einer .Seite mit Fisen beschlagene Zangen, zwei 
eiserne Löffel sowie andere deräte aus llolz und Fisen. 

Die Glasbereitung geht bei Theophilus (II cap. I\^) folgender- 
mal)en \-or sich: „Mache ein leichtes Feuer von beiden Seiten 
des größeren Ofens mit trockenem ßuchenholze. Dann nimm 
zwei Dritteile der anfangs erwähnten Asche und ein Dritteil 
feinen Flußsandes ohne Steinchen und Frde. Nachdem dies 
lang und tüchtig gemischt ist, bringe es in einem eisernen Löffel 
in die kleinere Abteilung des oberen Herdes und laß es dort einen 
Tag und eine Nacht warm werden, indem du es schüttelst, damit 
es nicht flüssig werde." (II ca]). Y) „Nimm Tr)])fe aus weil^em 
Ton, oben breit, unten enge, mit nach innen gebogenem Rand 
und stelle sie in dit^ ( )fi^nungen des glühenden Ofens, die dazu 
bestimmt sind. Dann schö])fe mit dem Löifel die gekochte san- 
dige Asche am Abende hinein und feuere die ganze Nacht, damit 
das aus dem .Sande und der Asche flüssig hervorgegangene Glas 
gcänzlich geschmolzen werde." Die folgenden Kapitel beziehen 
sicli wie bei Heraclius auf die Herstellung farbigen Glases und 
die weitere Bearbeitvmg. 

Überreste von antiken Glaswerkstätten sind an verschie- 
denen Orten gefunden worden. So in Teil el Amarna in 
Ägypten, in der lybischen AVüste, in Tyrus, in Lyon, in Foret 
de Mervent in der Normandie, bei Namur. in der Hochmark 
der Eifel bei Cordel, \-ielleicht auch bei Trier, in der Nähe von 
Worms, an der Nahe, in Köln, in AVilderspool in England u. a. 
Ob die alten Glasöfen, die ehemals westlich vom Feldsberge am 
sog. (xlaskoi^fe in der Nähe der Saalburg aufgedeckt wurden, 
bereits in römischer Zeit betrieben worden sind, ist nicht ganz 



13 



sicher, [-"ür ihren antiken L'rs])run^" spricht, daß man hier neben 
/ahlriMclien Schlacken aucli einii^e römische Glasscherben i^e- 
fundcn. daij'ei^-cn die Tatsache, dal) (ilasiimde auf der Saall)uri^ 
zu den .Seltenlieiten ^-ehören. Sicher ist es, daß daselbst noch in 
den letzten JahrhuntlertcMi (das hertfestellt wurde, wovon auch das 
nahe I )orf ( ila.^hütte seinen Xanien liat. Leider wurden die ( )fen 
zerstört, ohne daß eine nähere Untersuchun_iJ" und .\idnahme statt- 
q-efunden hätte^l. Dieses Schit^ksal teilen übrigens fast all(- an- 
deren _s.j"enannten I-\nid>talten roiniscIuM" ( daswerkstätten. Man 
beg"nüg"te sich damit die Anlaj^'e oder die vS])uren \on Schmelz- 
öfen festzustellen sowie» 
die \orhandi'nen Reste 
\on l-"ritte, Rohmateri- 
alien und Scherben halb- 
\ollendeter oder fertis^er 
Glas waren zu sammeln, 
die imm(^rhin einen Ein- 
blick in die Art des Be- 
triebes sj;ewähren. Die 
funde \()n der Nahe, jetzt 
im Museum \-on Wies- 
baden, enthalten Scher- 
ben jrewöhnlicher Ge- 
brauchstrläser des I II. imd 
I\'. Jahrhunderts, darun- 
t{»r eine Anzahl \on klei- 
nen runden Gefäßböden aus farblos-durchsichtii^'em (dase, deren 
Rand mit kleinen Zacken \ersehen ist, etwa so wie man sie auch auf 
den \Vell(m]:)latt(Mi mittelalterlicher Töj^fe im Rheinlande antrifft.") 
Neben Scherben fertii^er (xläser enthält dieser Fund auch Reste 
von mililunjrenen, im Feuer zusammeng'eschmolzenen Fläschchen 
und .Stücke grünlicher Fritte. (rroße Massen von dieser sind in 
der Gereonsstraße in KTiln l)ei (irundarbeiten \or etwa 12 Jahren 
aufg"etaucht und xon 1 ländlern an mehrere Pri\atsammler \er- 




Abb. D. Becher der Piiiucssin Nsichonsu. 
Aijvptisch, iS. Dynastie. 



^) Jacobi, Das Kömerkastcll Saalburg S. 456 f. 

'-) Flaschen mit gezahnter Fu platte sind nicht häufig. Ihre Gestalt ist auf 
F"ormeniafcl B 8r ersichtlich gemacht. Ein vollständig erhaltenes Exemplar befindet 
sich in der Sammlun<! F. X. '/etiler in >.ünchen. 



14 

teilt worden. Auch bei dieser (jelegenheit wurde eine planmäßig"e 
Aufdeckung durch die Bauunternehmer \ereitelt und jede Spur 
des Betriebes zerstört. Sicher ist nur, daß eine Glaswerkstatt, 
die nach den Massen \-on Fritte, Scherben von Glashäfen und 
fertigen Gläsern zu urteilen, einen größeren Betrieb darstellte, 
an der Nordmauer der .Stadt lag, in der Gegend, in welcher man 
das Amphitheater \ermutet. Auf die (jlasfabrik in der Hochmark 
hatte zuerst Pfarrer Ilevdinger aufmerksam gemacht, worauf 1880 
das Provinzialmustnun von Trier an der bezeichneten .Stelle Aus- 
grabungen vornahm. Dabei fand m^m ziihlreiche Glashäfen, derbe 
Tongefäße, welche ganz verschlackt waren, Reste von grünlichem 
T'ensterglas und von Schmelzproben, dann lilarotes, mit Mangan 
und ku]iferrotes, mit Kupferoxydul gefärbtes Glas, viele Reste 
gewöhnlicher grünlicher Gefäße mit .Spiralfäden; ein Glas mit aus- 
gezwickten Nuppen, das Bruchstück eines dicken Gefäßes aus 
Eisenglas mit roter und gelber Färbung, das Bruchstück eines 
Einsatzornamentes aus blauer opaker Paste mit einer Blumen- 
ranke in Rehef, die .Scherbe einer he'll- blaugrünen .Schale mit 
breiten Rippen, die aus blaugrünen und weißen .Spiralfäden auf- 
gelegt sind; ferner .Stangen aus grünem und rotem (xlase, Glas- 
tropfen und noch allerlei andere Gefäßscherben, darunter mehr- 
flirbige. Das Relief und die gerippte .Schale gehören wohl noch 
dem I. Jahrliundert an. das meiste übrige dem dritten, was auf 
eine sehr lange Tätigkeit der Fabrik schUeßen läßt. Die Funde 
werden im Provinzialmuseum verwahrt. Die genannten .Stangen 
stellen fertige (ilasmasse dar, welche weiter verarbeitet werden 
konnte, indem man sie durch Erhitzung ^•on neuem flüssig machte 
und sie zum Austropfen benutzte, wodurch Perlen und .Spiel- 
steine, Besatzstücke mit aufgeprägtem Muster oder glatte Nuppen 
hergestellt, auch dünnere Fäden zur A^erzierung \on Gefäßen und 
Perlen ausgezogen werden konnte. Man brachte auch Glaspasten, 
zumeist farbige, in .Stangenform, die sich zur Versendung in 
größere Entfernungen eignete und stellte aus ihnen geblasene 
und gegossene Gefäße her. In Stücke gebrochen waren sie 
das Material für Mosaiken, pulverisiert das für Emails. Freilich 
gab man in der Mosaikkunst wie noch heute den in flache 
rundliche oder x'iereckige .Scheiben gepreßten Pasten den Vor- 
y.ug, aus welchen .Stücke beliebiger Form und Größe gebro- 



15 



chen werden konnten. Manche der kurzen (ikisstäbe, die man 
nicht selten in (jräbt^rn findet, zumeist aus ordinärem jrrünHch 
durclisichtii^'^ein (ilase, manchmal schraubentVlrmii^- gedreht, an 
einem PInde leicht zuj.j"es])itzt. am andt^rn abg-eplattet oder mit 
einem Rint^^e versehen, dienten als Salbenreil)er, zur 1 lerrichtuni»- 
\"on Schminke, /ahupuh'er und ds^i. I )i(' mit einem kleinem 
Rint^'e schlit^ßenden können zum Umrühren und Mischen xon (ie- 
tränken benutzt worden^) sein. (Formentafel d 
408, 409). Angeblich trugen auch römische 
Beamte als Amtsabzeichen kurze Stäbe aus 
gedrehtem, mit einem Knopfe abgeschlossenen 
Krystallglase: vielleicht haben sich in (iräbern 
aucli Stücke \on solchen erhalten. Ein Jahr 
nach dem »scheinen der Heydingerschen Notiz 
wurden dem Trierer Museum gegen hundert 
feine Millefiorischerben angeboten, die in der 
Glaswerkstatt der i lochmark zum \'orscheine 
gekommen sein sollten. Damit wäre der Be- 
weis erbracht gewesen, daß diese kostbare 
Sorte von (iläsern auch am Rhein hergestellt 
worden sei. Der Kauf wurde unter \"orbehalt 
abgeschlossen, und nachträglich erwies sich die 
Angabe des Händl(>rs als eine Täuschung. Der 
größere Teil der Scherben stammte aus einer 
Kölner Priviitsammlung und war in Rom er- 
worben worden. Die authentischen Funde aber 
reichten hin. den Glasbetrieb rcimischer Zeit in 
einer Gegend festzustellen, in der noch heute, 
an der Saar und in Schnappsbach (ilas erzeugt 
wird.-) 

Ergiebiger waren die Nachgr^doungen, die Flintlers i'etrie 
in Teil el ^Vmarna in .\gv])ten nc'ich alten (das- und Glasurwerk- 
stätten angestellt hatte.'') liier war durtdi Ameno]»his I\'. um 1400 
vor (^hr., nachdem dieser seine bisherige I iaujHstadt Theben \"er- 
lassen, eine neue ])rächtige Residenz erl)aut und mit allem Euxi;s 

') Vgl. S. 14. 

-) Bonner Jahrbuch Bd. 69, S. 27. 

'•^) Flinders Petric, Teil cl .\marna, London 1894, S. 25 f. 




Al)l). 7. Baisamarium 

in Säulenform. 

Brüssel, Musee du Cin- 

quantenaire. 



i6 

ausg"estattet worden. Der Schmuck leuchtend emailherter Fhesen, 
der die Palastbauten auszeichnet, wurde an (Jrt und Stelle in Fabri- 
ken hergestellt, deren Überreste im Verein mit den anschließen- 
den Glaswerkstätten zeigen, zu welch reicher Entwickelung die 
Glasmacherei und farbige Tonglasur bereits zur Zeit der i8. Dy- 
nastie, zu Beginn des neuen Reiches gediehen war. Namentlich 
für die erstere war diese Periode besonders ergiebig. Man 
fiind hier drei bis vier Glasfabriken und zwei große Glasurwerke, 
deren Werkstätten zwar auch hier fast ganz verschwunden sind, 
die aber soviel halbfertige und .Scherben von vollendeten Ar- 
beiten, sowie Reste von Werkzeugen zurückgelassen haben, daß 
man deutlicli allt^ hier geübten Techniken erkennen kann. Außer- 
dem enthalten die Abfallgruben des Palastes solche Mengen \'on 
zerschkigenen , aber fertig gemachten Gläsern, daß sich danach 
alle Einzelheiten der Arbeit feststellen lassen. 

Die bei dieser Gelegenheit gefundenen Glaswaren sind ^iber 
durchaus nicht die ältesten des Pharaonenlandes. Schon in den 
Gräbern der 12. Dynastie (3050 — 2840 vor Chr.) sind sie nicht 
selten. Ihre Analvse durch Dr. Russell ergab als Bestandteile 
Kieselerde, Kalk, Alkali, Ivohle und Kujiferkarbonate, von letz- 
teren 3"/„ in hellem Blaugrün (Türkisblau) und 2o'7o '^"^ reichem 
Purpurblau (Azurblau). Die grüne Färbung ist durch Eisen 
herxorgerufen. welches in dem zur Glasbereitung \'erwendeten 
vSande last immer vorhanden ist und die daraus gewonnene 
Kieselerde blaugrün färl)t. Daher haben die ordinären Gläser 
Agy])tens und die der Antike überhau])t einen stärkeren oder 
schwächeren .Stich ins Blaugrüne oder Grünliche. Um feineres 
Glas herzustellen, mußte man sich bemühen die Mischung 
von Eisen zu befreien. 1 leutzutage verwendet man als Entfär- 
bungsmittel Manganoxyde, das Altertum dagegen konnte hierbei 
nur empirisch vorgehen. Wie ihm die Entfärbung gelang, war 
bisher unbekannt, man vermutete nur, daß man, um reines Glas zu 
erzeugen, dm Flußsand durch Ouarzsteine ersetzte, die man zu 
Puher zerrieb. Diese Vermutung wurde durch Petries F\mde be- 
stätigt. Von einer Fintfärbung im strengen .Sinne des Wortes kann 
man eigentlich niclit sprechen, richtiger von einem Ersatz des 
eisenhaltigen .Sandes durch ein reineres Rohmaterial. Der ge- 
nannte F'orscher zog aus den Trümmern einer Glas Werkstatt in Teil 



el Amarna das Bruchstück ciiK^r T'fanne hervor, die aui^enscheinhch 
im Schmelzofen ijeborsten war, che sich die in ihr befindhche 
MisrliuiiL;' xollkomnien aufi^elclst und vereinig"! hatte. I)ic Miscluniir 
enthielt durch die ganze Masse \erteilte Flocken von Kieselerde, 
kleine Teilchen von zerstoßenen Ouarzkieseln, wie sie massenhaft 
in der Wüste iJfefunden werden, wohin sie der Xil aus den süd- 
lichen Felsenberg'en iinschwemmt. I)ie halbfertig'e Fritte hatte 
eine violette Farbe, ein Zeichen, dall sie eisenfrei war. Die Kohlen- 
säure im Kalke und das Alkali waren bereits frei ytnvorden und 
hatten jene wi<' einen schwammigen Te\g aufg'etrieben. W'eim 
die Kieselsäure läng"er der dlut ausg"esetzt 
bliel). \'erschwand sie allmählis^' und es bil- 
deten sich mehr oder wenig-er flüssige Silikate. 
Bei starkem Hitzegrade wurden diese zu einer 
teigartigen blasse, welche leicht feinere Fär- 
bung annahm. Man ließ sie erstarren und 
formte aus ihr BUicke, die aufs neue unter 
Zusatz färbender Mineralien im Feuer ge- 
schmolzen und geglüht wurden, bis sich nach 
einiger Zeit durch einen bestimmt(^n Hitze- 
grad die gewünschte Färbung einstellte und 
ein weicher, krystallinischer, poröser und 
brüchiger Kuchen entstand. Kieselsteine von .\bb. 8. VaseTutmosis IV. 
weißem Quarz wurden auch in die Öfen als Aus Theben. 

Unterlage der Pfannen gelegt, denn man 

fand zahlreiche von solchen, an deren einer Seite Fritte festsaß. 
vSie dient<Mi auch als Unterlage der zu glasierenden Gegen- 
stände und sind deshalb tt^'lwfMse mit ht^runti^rgeflossener grüner 
(ilasur bedeckt. Offenbar hatten sie sowohl den Zweck im 
Schmelzofen eine reine Unterlage herzustellen, als auch den. 
nachdem sie durch die wiederholte F.rhitzung mürbe geworden 
waren, umso leicht("r Z(^rmahl(Mi und der fritte beigemischt zu 
werden. 

Die Pfannen für die |-ritte hatten ungefähr lo engl. Zoll 
Durchmesser und 3 Zoll Tief(\ Außer ihnen fand man in den 
Abfällen der Schmelzöfen zahlreiche Bruchstücke zvlindrischer 
Tonkrüge von etwa 7 Zoll Durchmesser und 5 Zoll I löhe. Sie 
waren mit der Mündung nach unten in den < )fen gestellt, um 

Kisa, Das Glas im Altertume. 2 




die flachen Pfannen und Glastiegel über dem Feuer zu stützen. 
Blaug-rüne, weiße, schwarze und andersfarbig-e Glasur war an 
ihnen herabgeflossen und bildet A'om Boden bis zur Mündung 
an ihnen Streifen.-^) 

Von Schmelzöfen für Glasmalerei ist in Teil el Amarna kein 
Beispiel vorhanden. Ein Ofen, welcher in der Nähe einer Glasur- 
fabrik gefunden wurde, diente zum Brennen von Kohlen, die in 
ihm noch massenhaft vorhanden waren, während Scherben von 
Glas oder Ton fehlten. Er bildet ein unregelmäßiges Viereck 
von 43X57 engl. Zoll, dessen Dach zerstört war."') In der nörd- 
lichen Wand befand sich eine Öffnung von 29X15 Zoll, durch 
welche der Luftzug eingelassen wurde, in der südlichen eine 
solche von 16X13 Zoll zum Abzüge der Gase. Es ist möglich, 
daß die Glas- und Glasuröfen ähnlich angelegt waren, oder daß 
man einen Ofen zu verschiedenen Zwecken benutzte. 

Der Herstellungsprozeß des Glases ließ sich genau verfolgen. 
Die Tiegel, in welchen die Rohmaterialien geschmolzen wurden, 
waren tiefer als die flachen Frittenpfannen oder -Becken. Ihre 
zapfenartige Form wird durch die Umrisse der zahlreich auf- 
gefundenen Glasschmelze kenntlich, welche noch die vS])uren der 
rauhen Innenseite des Tiegels und selbst kleine Splitter von 
diesem zeigen, während die obere Fläche glatt geschmolzen ist. ^) 
Oft ist der obere Teil aber schaumig und wertlos, was durch die 
während des Schmelzens entweichende Kohlensäure verursacht 
ist. Das beweist, daß das Material in diesen Gefäßen selbst zu- 
sammengeschmolzen wurde: wäre die Glasmasse in anderen 
Tiegeln geschmolzen und in jene zu abermaliger Schmelze ein- 
gefüllt worden, so hätte sie ganz klar werden müssen. Die Art, 
wie die Glasmasse aus dem Schmelztiegel herausgelöst wurde, 
zeigt zugleich, daß sie bis zum Erkalten darin stehen blieb, so daß 
allmählich der Schaum in die Höhe stieg und der Bodensatz 
sich senkte, etwa in der Art. wie es jetzt bei der Herstellung 
optischer (xläser geschieht, ^^"ürde die Glasmasse in flüssigem 
Zustande ausgegossen worden sein, so hätte man keine solchen 



') Petrie, a. a. O. Abbildung T. XIII 62. 
-) „ „ T. XLII. 

■'') „ „ T. XIII 40. 



19 



festg-eformten Zapfen g-efunden, sondern eine Menge formlosen 
1 lartghises (cast), das bisher t^anz fehlt. Es ist daher sicher, daß 
man die Glasmasse nach dem Schmelzen in dtMi Ticg-chi stt-htMi 
ließ, bis der Ofen erkaltet war, dann die festgewordenen Blöcke 
aus den Tiegeln herauslöste, wobei diese gewöhnlich zertrümmert 
worden sein mögen, die unlirauchbaren Teile der Masse, wie 
Schaum und Bodensatz abschnitt und so klare Brocken guten 
(rlases zu weiterer Bearbeitung erzielte. Während d(>r Schmelze 
nahm man mit einer Pinzette Proben aus den Tiegeln, um die 
Beschaffenheit und Farl)(' zu untersuchen. \"iele solcher Prol)en, 
die an einem Ende den P^indruck eines ab- 
gerundeten Stäbchens zeigen, sind gleichfalls 
hier gefunden worden. ^) 

Nachdem man so Brocken reinen Glases 
gewonnen hatte, wurden diese zerkleinert und 
abermals durch Hitze erweicht. In diesem 
Zustande legte man sie auf eine glatte Pkitte 
und walzte sie in diagonaler Richtung aus. 
Diese Art des AX'alzens von Eck zu Eck ver- 
hindert, daß die Masse ungleichmäßig dick 
wird, was leicht vorkommt, wenn man einen 
Teig im rechten Winkel ausrollt. Ein so 
behandelter Teig ist nämlich geneigt, wie 
gehämmerte Eisenstäbe in der Mitte hohl zu 
werden, da die Ränder stärker angespannt j^bb. 9. .A.us dem Grabe 
werden als das übrige und infolgedessen der Amenophis' II. in Theben. 
Länge nach zu platzen. Wenn man aber mit 

einem diagonal gelegten Stabe immer nur kurze Strecken rollt, 
hält die Masse zusammen und sj)littert nicht. Man kami so auch 
einen kräftigeren I)ruck ausüben und selbst kühler und darum 
zäher gewordenes Glas bearbeiten, ohne Gefahr /u lauten, daß 
der Streifen ungleichmäßig werde. Die Anzeichen des diagonalen 
Rollens sind an einzelnen Stücken deutlich erkennbar.'") 

Die durcli diagonales Rollen hergestellten Platten wurden 
zu Stiiben ausgezogen, noch weiter \'erflacht imd so lineare 




1) Petrie, a. a. O. Abbildung T. XIII 41, 42. 
-j Petrie, a. a. O. Abbildung T. XIII 43. 



2* 



20 

vStreifen oder dünne (jlasbänder herg-estellt, die poliert und 
zu Einlag"en benützt wurden. Auch zu Röhren wurden sie ^■er- 
arbeitet: auf welche Weise, ist nicht i^"anz sichergestellt, wahr- 
scheinlich dadurch, daß man Stäbe so lange rollte, bis sie durch 
Zentrifugalkraft hohl wurden. Solche Rohren wurden mitunter 
zur Herstellung \'on (llasperlen benützt, indem man sie in kleine 
zylindrische Stücke schnitt. Durch Biegung wurde diese Sorte 
von Röhren nicht bearbeitet. Die weitere Verwendung des so 
gewonnenen Materials wird in dem folgenden Abschnitte ge- 
schildert werden. 

Deutliche Reste von Gkisw^erkstätten aus der römischen 
Kaiserzeit sind durch die Ausgrabungen von Wilderspool bei 
Warrington, unweit des Merseyflusses, also auf dem entgegen- 
gesetzten Punkte der antiken Welt, durch die Nachgrabungen 
von Thomas May in den Jahren 1899 bis 1900 zu Tage ge- 
fördert worden.^) \Vilders]iool war in römischer Zeit kein 
Legionslager, sondern eine civitas, eine befestigte .Stadt, der Sitz 
einer auf verschiedenen Gebieten des Handels und Gewerbes tä- 
tigen Bevölkerung. Deutlich ist in dem Orte eine von Nord nach 
Süd führtMidr llau])tstraße zu erkennen, von welcher nach Westen 
zwei Seitenwege mit den Resten von Straßenpflaster abzweigen. 
Am nördlichen Teile der Straße fand man in der Tiefe von zwei 
engl. Fuß drei I^lattformen, die nur wenige Schritte voneinander 
getrennt. ])arallel mit deren Richtung lagen. Jede enthielt zwei 
gleichartige Schmelzöfen.-) Zu unterst bestanden die Pkittformen 
aus einer Schichte von zermahlenem Kies, darauf kam eine Lage 
von Ziegelsteinen und schließlich eine solche von Lehm, so hoch, 
daß sie drei Seiten der von ihr eingeschlossenen Ofen um 3 bis 
4 Zoll überriigte und um sie einen Ring von etwa i Fuß Breite 
bildete. FLine gleich starke Lage von Ton trennte die beiden 
nebeneinander liegenden Öfen. In den Ofen der ersten Platt- 
form befand sich in der Mitte eine ovale Grube, zu welcher von 
einer Seite eine fächerförmig erweiterte Heiz- oder Stochöfifnung 



^) Thomas May, excavalions on tlic side of the Romano-british civitas at 
Wilderspool, years 1S99 — 1900. A papcr read beforc the Historie society of Lan- 
cashire and Cheshire, I5th Nov. 1900. Liverpool 1901. 

") ibd. T. IX 1—3. T. III 3. 



21 

führte', welche die l'mtassuii^Mnauer tlurchth'aiiy" und außen auf 
der I'latttorm in einer sori^'fältit;' i^'emauerten kreisrunden Feuer- 
stelle sclilol). Bei dem einen ( )fen war an der entg"ejj"eng"esetzten 
Seite in einer \va_i>-erechten Richtunt^- eine kanalartig^e Ausfluß- 
Öffnung;- ani^-ebracht, bei dem ^lnderen g"iny diese rechtwinkelig^ zu 
der Meizvorrichtuny \-()n einer Seitenwand aus.') Die beiden 
Feuerstellen der Xachbaröftni waren nicht s^'anz ,i.^"leich in der 
Anlag-e. Die des (Mnen ( )fens bestand aus y^ebranntem Ton, der 
mit 21 einyesteiujx'lten Kreisen von je 2^.2 Zoll Durchmesser 
verziert war. die des andertMi war sort^-fältii;" mit .Stein])latten 




Abb. 10. Fisch. Glasmosaik. Alexandrinisch. Wien, ( )sterr. Museum. 

und einem t^rolien Zieg'elstein von 15X11 />oll Umfani^- und 
2^ ■> Zoll Dicke bedeckt, der in der (rlut i>"eborsten war. Offenbar 
dienten die beiden Feuerstellen zur Frzeu^unt;- verschiedener 
l]itzet,''rade. Der eine .Schmelzofen hatte den Grundriß eines 
g-e wohnlichen Backofens. Nach der Dicke und der roten Farbe 
der darin b(^findlichen Fehmmasse und d(^r Menjj^e \"on Iriim- 
mern mit ixalkbtnvurf die ^]^^n Pxxlen l)etleckte. war er ursprün^'- 
lich überwölbt. Der andere Ofen scheint tlazu Ix^stimmt i.^'-ewesen 
zu sein einen Kessel oder Schmelztiei.;"el zu erhitzen. .Schräi,»" imter 
dem Fußboden der ihm \"oriJ"elasrerten Feuerstelh^ Rini^" ein 
röhrenförmiii'er Kanal von — 7 Zoll Durchmesser hindurch, der 
zug-leich die g-anze Plattform w i(> ein Ivaninchenbau umg^ab. Fr 
begann an der nordöstlichen Fcke an einer zweiten, kleineren 



M ibd. T. XI 2, 3. 



Feuerstelle aus gebranntem Lehm und endig'te an der entgeg'en- 
jjfesetzten südwestlichen Ecke in zwei Ausgäng-en in einer Plnt- 
fernung von über 32 Fuß. Dieser Kanal war noch offen und 
der g-anzen Ausdehnung nach von Ruß geschwärzt. In der Nähe 
der Ileizöffnung des zweiten Schmelzofens verbreiterte er sich 
in eine Kammer von einem Ouadratfuß Umfang, die mit dem 
Bruchstücke einer großen, fest in Lehm eingebetteten Amphora 
gewölbeartig bedeckt war. 

Die beiden Schmelzöfen der zweiten TMattform waren von 
denen der ersten in der Anlage und wohl auch in der Bestimmung 
x'erschieden. Der eine war flacher als die früheren und fast 
viereckig: \-or seiner Öffnung war eine vSancKtcinplatte von 7 Zoll 
Höhe angebracht; der andere hatte eine langgestreckte ovale 
Grundform, die offenbar nicht zur Aufnahme eines runden Kessels 
oder Schmelztiegels bestimmt war. Eine Menge roten Form- 
lelims, mit welchem das Innere beider gefüllt war, Pjruchstücke 
\on verglastem Ion, die mit dem Ik)den xt^rschmolzen waren, 
ein Ring \'on weichem Lehm am oberen Rande, von welchem 
der Kalkbewurf des Inneren abgebröckelt war, lassen darauf 
schließen, daß auch sie überwölbt waren. In dem zweiten Ofen 
stellten Zwischenböden unter der Feuerstelle drei Abteilungen 
her. Der untere dieser Bö)den war mit einer 2 Zoll dicken Lage 
von Sand und Kies bedeckt, der obere mit einer 2^ ., Zoll starken 
-Schichte \on Kohlen. Gegen die Mitte der zweiten Abteilung 
zu gingen zwei Öffnungen nach der darüber gelegenen Feuer- 
stelle, eine dritte führte seitwärts ins Freie; durch alle drei 
konnte dem Feuer durch einen Blasebalg verstärkte Luft zu- 
geführt werden. Die Zwischenböden waren angebracht, um \er- 
schiedene I litzegrade zu erzielen mid dabei an Heizmaterial zu 
s])aren, nicht etwa um einen schadhaft gewordenen durch den 
anderen zu ersetzen, denn alle befanden sich in gutem Zustande. 
Das vStochloch war überwölbt und erweiterte sich nach außen. 
Da\'or stand ein gut gebauter Herd aus gebranntem Ton, beinahe 
halbkreisförmig, 2 Fuß 4 Zoll im Durchmesser. V\w ihn war in 
gleicher I h'ihe eine Lage feinen weißen Sandes aufgeschichtet, 
wie man ihn in den benachbarten Feldern reichlich antrifft 
und in früheren Jahren in Warrington zur ( ilasbereitung ver- 
wendete. 



23 



Von ovaler ( irundfonn Wcireii auch die beiden < )t"en der 
dritten I^lattform. Je ein(^ hall)kreisf(")rmijre Feuerstelle aus i^e- 
branntem Ton lag- symmetrisch \or ihren beiden ÖfFnunijfen und 
war sjfleichfalls mit eins^-epri^ßten rins^arti^-en Rosetten verziert. 

Auf der zweiten Plattform und in unmittelbarer Xähe der 
dritten fanden sich unter aiulert^n foljjfiMide (ie^g-enstände: Hin 
silberner Konsulardenar des iVug'ustus. b'juc IVonzemünze Traians. 
Die Scherbt^ eint^s Sij^illatabechers zylindrischer bOrm mit scMik- 
rechter W'aiuluns^-. darauf eine Keliefh^"ur der Miner\a. Eine 
Scherbe \on ojiakschwarzem, d(Mn 
übsidian ähnlichem Glase von kon- 
vexer Form, wohl von einer Flasche. 
Eine Glasj^erle von s])här()idischer 
(jestalt, i^oZoll Durchmesser, 4'., Zoll 
Umfantif, mit Bohrloch, der e^rün- 
lich durchscheinende Grund mit drei 
Reifen g-eschmückt, von welchtMi der 
mittlere aus einem lichtblauen vmd 
weißen Faden zusammentifedreht ist, 
während die beiden anderen o] jak- 
weiß sind. Zwei streifenförmisj-e Stücke 
von o])akweißem Glasschmelz. ¥Än 
formloser Klumjien Kupfer, i^/« Unzen 
schwer. Zwei ung^efähr viereckig^e 
Stücke von Blei. Ein Klumpen Kalk, 
etwa ein Pfund schwer, unmittelbar 
über einem vSchmelzofen festklebend. 
Alle drei g^enannten Materialien, 

welche an derselben Stelh^ zum \'orscheine kamen, an welcher 
der wt^iße Sand aufg"ehäuft war. dienen zur ( ilasl)ereitung\ 

In dem geschwärzt(m Boden an der Südseite d(^r ersten 
Plattform fand man, nur wenig^e Fuß entft^rnt, zahlreiche römische 
i'berreste, besonders Scherben xon (iläNern, darunter eine drei- 
eckig-e Sch(^rbe von g^rünlich durchsichtig-em Gkise, in einer 
Form g-eblasen, mit dem Inschriftreste AL in Relief, der als 
VALI^ zu (»rg-änzen ist. Das Wort lüldett^ die Überschrift der 
Reliefdarstellung (ünes ^Vag■enrennen^ mul stand, nach gewissen 
Spuren zu schließen, zu J iäu])ten der Gestalt eines der drei im 




Abb. II- Aniphoriske. Ägyptisch. 
Sammlung von Bissing, München. 



24 

\Vett.spit4(' unterleg-enen Wag-enlenker. ^) Ferner ein Stück einer 
gedrehten Stange aus farblos durchsichtigem Krystiillglase von 
etwa zwei Zoll Länge, das May für den Überrest eines vStabes 
von ungefähr einem Fuß Länge und einem runden Abschluß- 
knojife hält, wie ihn römische Beamte als .Vbzeichen ihrer 
Würde trugen. Leider ging das Stück verloren, dafür fand 
man ^lber nachträglich ein ähnliches in der Nähe, das im 
Museum von Warrington verwahrt wird.") Drei Glasbrocken 
regelloser Form von drei verschiedenen Sorten: (rewöhnliches 
grünlich-durchsichtiges, opak-weißes und reines durchsichtig-farb- 
loses sogenanntes Krystallglas, jeder etwa eine l'nze schwer. 
Zwei Brocken gewöhnlichen grünlich -durchsichtigen Glases, 
aus der Schmelzmasse herausgebrochen. Line kleine flach- 
runde Glasperle, dunkelgrün-opak ^/^ Zoll Durchmesser, ^/^ Zoll 
hoch. Eine dreieckige vScherbe olivgrünen. trül)en Glases von 
der Bauchung eines Gefäßes. Line vScherbe von hellgrün 
durchsichtigem Glase vom Rande einer Schale. Verschiedene 
Scherben von Seiten- und Fußteilen viereckiger und runder 
Gefäße aus bläulich-grünem durchsichtigem (ilase, wahrschein- 
lich von Aschenurnen. Ein kleines Stück opak -blauer Glas- 
oder Emailpaste. Zahlreiche Streifen und Stücke von Bleiplatten, 
sowie ein Bleigewicht mit der eingekratzten Zahl XIIII. Klumpen 
von Tuffsteinen iius der llauptfundstätte, dem Brohltale in der 
Eifel. Eine Bronzemünze Traians. Ein Klumpen von Fritte aus 
weißlich opaker Masse, die mit viel Lehm verbunden war und 
wahrscheinlich den Bodensatz eines zerbrochenen Schmelztiegels 
bildete. D^is Blei war tils Zusatz zur Glasmasse, zur Herstellung 
des feinen Krystallglases bestimmt, welches in der Regel durch 
Gravierung und Schliff \erziert wurde. Zahlreiche Bruchstücke 
beweisen, daß diese Techniken auch hier gepflegt wurden. Sie 
stammen von Bechern, Flaschen und anderen (iefäßen mit senk- 
rechten zylindrischen Wandungen und sind häufig mit ovalen 
Hohlschliffen, bei 'einem Stücke mit tief eingeschnittenem Rauten- 

^) L'ber die Becher mit Wagenrennen und Zirkusszenen s. Abschnitt IX ,, Ge- 
formte Gläser". Sie sind ferner ausführlich behandelt von Schuermans, Verres ä courses 
de chars (de Couvin) Namur 1S93; von Roach Smith, Illustrations of roman London 
S. 122; ders. Collect, antiq. II 16; ders. Catalogue of the museum of London anti- 
quities S. 48. A. Hartshorne, Old English glasscs S. 11 u. a. 

") Vgl. die Bemerkung über die in Rümergräbern gefundenen Glasstäbe Seite 15. 



25 



Illuster fiissettiert: \on den Rauten ist nur eine ])oliert. wäh- 
rend die andereii ruuli stehen i»-eblieben sind. Dasdefäß hatte 
vielleicht widirend der BearlieituuL;" einen S])runj^" bekommen 
und wurde als miliraten zum Abfalle i>'eworfen: das sjiricht 
wiederum dafür. daP) die Bearbeitung sich unmittelbar an die 
Sehmelzw t^rkstätten anschloß. 

Die Stelluni^- der 1 lenh" innerhalb des Umkreises der Platt- 
formen und die Anlai^-e eines besonderen initer- 
irdischen K anales für Mrhit/.ungsz wecke unter der 
zweittMi Plattform 
machen es unmöi4'- 
lich. etwa an die 
Zentralt^rube eines 
kanalisierten I lypo- 
caustums zudenken. 
Wenn man die Mt>n- 
yen feintMi weißen 
Sandt\s berücksich- 
tigt, die noch jetzt 
auf der zweiten 
TMattforni aufsre- 
hduft waren und 
in Krwä^-unj^' zieht, 
daß auch aus Werk- 
stätten an der Xord- 
seite desbefestii»"ten 

Umkreises der civitas i^rolje MtMii^'en von (rlasscherben hervor- 
i,'"et>'ang"en sind, während Tojifscherben 'üfanz fehlen, muß man zu 
der C'berzeu;yuni^- i^-(daniL;-en. daß) sämtliche Ofen zur (ilasbereitunj;^ 
iredient haben. Auch früher, bereits ]^()() uiul \Sjo w^iren in 
benachbarten Sandg"rid)en zahlreiche reimische Glasscherben zum 
Vorscheine fjfekommen, auln'r ihnen auch das Bruchstück eines 
.SchmelztieL>-els aus bräunlichem feuerfestem Ton, das im hmeren 
Abla^'eruuLj'en von a/ur])laueni und i^'elbem (ilasßussc zeij^'te. 

Die Funde von \\'ilders])ool sind um so bedeutsamer, ^ds 
sie die einzi^i^en verhältnismäßig ij'ut erhaltencMi Überreste antiker 
Glas-.Sr]inielz(ifen darstellen, die man überall andc^rswo aus Un- 
kenntnis oder Unachtsamkeit zerstört hat. Sie tj-eben xon eintMii 






Abb. 12. -ägyptische Balsamarien in \cr|)ackung. 



26 

ansehnlichen und vielseitigen Betriebe Zeugnis, der sowohl or- 
dinäre grünliche Gebrauchsware, wie feines Krystallglas , farb- 
loses und farbiges umfaßte, die Dekoration mit farbigen Auflagen, 
wie Gravierung und Schliff pflegte, außer Gefäßen auch Schmuck- 
perlen herstellte. Mit der Beschreibung des Heraclius sind die 
Schmelzöfen allerdings nicht in allen Punkten in Übereinstim- 
mung zu bringen, namentlich ist die Dreiteilung fallen gelassen 
und durch eine Trennung in mehrere selbständig tätige Öfen 
ersetzt, deren Hitzegrad beliebig eingerichtet werden konnte. 
Aber je nach der Art und dem Umfange des Betriebes werden 
provinzielle Unterschiede in dem weiten Bereiche der antiken 
Welt ebenso stattgefunden haben, wie im Laufe der Zeit allmäh- 
liche Veränderungen und Verbesserungen. Die Trennung der 
(jfen erinnert deutlich an die oben zitierte Beschreibung des 
Theophilus, der einen Werkofen, einen Kühlofen und einen Aus- 
breitofen unterscheidet. Die Wölbung finden wir auch hier, der 
kreisförmige Grundriß ist durch den ovalen, in einem Falle durch 
den rechteckigen ersetzt, den wir auch in Teil el Amarna ange- 
troffen haben. Wie dort wurde. die Schmelzung der Rohmate- 
rialien in zwei St^idien vorgenommen. Zuerst wurden diese in 
.Schmelztiegeln gemischt und auf den kleineren Feuerstellen in 
Fluß gebracht: dann ließ man die Masse erkalten, e-ntfernte den 
Schaum und den Bodensatz, zerbröckelte das Übrige und schmolz 
e.'> in den Ofen von neuem. Einzelne \"on diesen mögen zur 
Herstellung bestimmter (xlassorten verwendet worden sein, so 
jener der ersten Plattform, bei welchem man zahlreiche Stücke 
von Blei fand, zur llerstellung von Krystallglas, andere zur Er- 
zeugung farbiger Gläser und zur Verzierung farbloser mit far- 
bigen Nu}:)])en und Fäden. Aber weder der Ofen der zweiten 
Plattform mit flacher viereckiger Basis, noch jener mit der lang- 
gestreckt ovalen scheinen zur Aufnahme \on Schmelztiegeln 
bestimmt gewesen zu sein, sondern zu der von halb vollendeten 
Waren, die hier einem bestimmten I litzegrade ausgesetzt wurden, 
um weiter bearbeitet zu werden. Die Steinplatte vor dem ersten 
Ofen diente gleichfalls zu weiterer Bearbeitung, zum Rollen ge- 
blasener Gefäße, zum Plätten und Ausziehen, zum Auftropfen, 
Pressen, sowie zur vollkommenen Abkühlung fertiger Erzeug- 
nisse. Der große Kanid, der die Plattformen durchzog, hielt das 




27 






Abb. 13. 



28 

g'anze vSystem in einer ^"leichmälMiJfen Temj^eratur, welche in den 
einzelnen Ofen nach Bedarf gesteigert wurde. Eine gleichmäßige 
Temperatur war aber besonders für die weitere dekorative Be- 
handlung der bereits in den Grundformen fertig gestellten 
Gegenstände von großem \"orteile. Zur Regulierung diente 
auch der dreiteilige ()fen, in dessen Fächern die (xläser ver- 
schiedenen Hitzegraden ausgesetzt waren und allmählich er- 
kalten konnten, indem man sie aus den wärmeren Abteilungen 
mit einer hölzernen .Schaufel in eint^ kühlere und schließlich 
auf die äußere Plattform in freie Luft, bez. in die Wohnungs- 
temperatur übertrug. Wir müssen ja wohl annehmen, daß die 
drei Plattformen mit den .Schmelzöfen sich innerhalb eines Ge- 
bäudes, vielleicht eines Fachwerkbaues befanden, von dem sich 
keine Spuren mehr erbrüten haben. P>st dann gewinnt der 
unterirdische I4eizungskanal seine richtige Bedeutung. 

Die Fund(^ beweisen, daß man in Wilders])Ool auch Glas- 
perlen herstellte, obwohl dieser bei den Barbaren des Nordens 
ebenso wie bei den Negern der Ost- und Westküsten Afrikas 
geschätzte .Schmuck in überwiegenden Massen aus der großen 
Weltindustriestadt Alexandrien eingeführt wurde. Mögen auch 
sehr \'iele der in giillisch- rheinischen luid l^ritannischen Glas- 
werkstätten gefundenen Perlen von solchem Imjiort her- 
rühren, so gibt es doch für eine Nachahmung dieser fremden 
Muster Beweisstücke genug. Dazu gehören die aufgefundenen 
farbigen Pasten, die man gdeichfalls aus Alexandrien, aber auch 
aus Italien, Belgica und anderen gallisclK^n Pjetrieben bezog. Aus 
ihnen wurden die farbigen Glasjierlen selbst hergestellt oder die 
Päden gezogen, mit welchen man farblose Perlen schmückte. 
Daß man auch Filigranglas herstellte, scheint jene Perle zu er- 
geben, die mit einem blau-weißen zusammengedrehten Reif um- 
wickelt ist. Neben Gravierung und Schliff \'erstand man sich 
auch auf das Blasen in Ilohlformen, wie das Bruchstück eines 
Bechers mit dem Reliefeines Wagenrennens ergibt. D^is würde 
Schuermans' Vermutung aufs neue bestätigen, daß diese .Sorte 
von Gläsern außer dem nördlichen Gallien in Britannien selbst 
eine Heimat gefunden habe. 

Im allgemeinen hat der Glasofen bis auf die neuere Zeit 
keine erheblichen Wandlungen durchgemacht. Die älteste Ab- 



29 



bikluny" eines sol- 
chen in Ai^ricol.is 
Buche: „De re ine- 
talhca" cius dein 
XVI. Jahrh. stimmt 
noch mit der Be- 
schreibung- des 1 le- 
racHus überein^). vSic 
zeig"t einen Aufbau 
in Form eines ei- 
runden Bienenkor- 
bes, welcher in drei 
Stockwerke g^eteilt 
ist, wie ein jrewcihn- 
licher Zieg-elofen. 
Die oberste Kam- 
mer, 6 F'uT) lan«^-, 
4 breit und 2 hoch, 
hat an einer Seite 
eine ( )ffnuny'. durch 
welche das gepul- 
\'erte Rohmaterial, 
Kieselerde und Al- 
kali, in Tiei>-(4n 
einem P'euer aus 
trockenem I lol/e 
ausg-esetzt wurde, 
um zu schmidzen 
undsich in Klumjien 
unreiner Masse zu 
verwandeln. Nach- 
dem diese erkaltet 
waren, wurden sie 
zerbrochen, die un- 
brauchbaren St ücke 




M-W;CELERINV 
PAPIRJA- ASTIG 1 
CIVIS-AGRIPPINE 
VETEK:LEGX-GPF 
VIVOS-FECIT-SII 
ET-MAR-CIAE-PRO 

CVLAE-VXORl 



^ 



n-^^i^ 



Ahli. 14. (irabstrin des M. \ alcrjus Celcrinus ;ius Astigis in 
Spaniin, Bürgers von Köln, Veteranen der X. Legion und 
seiner G.iltin Marcia l'rocula. Köln, Mus.jWallraf-Ricliartz. 



^) .Agricola, de re mctallica lib. IX. p. 337 — 339. Die Abbildung seines Glas- 
ofens ist Seite 37 dieses Werkes wiedergcgel.cn. 



30 

entfernt und die übrigen in Pfannen aus feuerfestem Ton in der 
zweiten Abteilung des Ofens, dem sogen. Sitze, abermals zum 
Schmelzen gebracht. Dieser war mit der oberen durch eine vier- 
eckige Öffnung im Zwischenboden verbunden, während eine an- 
dere, runde Öffnung von ihm nach abwärts führte und die Hitze, 
freilich bereits in vermindertem Grade, nach der untersten Ab- 
teilung leitete, in welcher halb- oder ganz vollendete Glasgefäße 
aufgestellt wurden, teils um sie während der Arbeit neu anzu- 
wärmen, teils um sie abzukühlen. 

Die moderne Glasindustrie verfügt seit der Erfindung der 
Siemensschen Gasfeuerung über einen außerordentlich hohen 
Hitzegrad und über gewaltige technische Hilfemittel aller Art. 
In einfacheren Betrieben verwendet man aber immer noch den 
sogen. Krippenschmelzofen, der den älteren verwandt ist. Es 
ist ein viereckiger Aufbau aus Ziegeln, durch dessen Vorder- 
seite zylindrische Röhren von verschiedener Länge eingeführt 
sind, die aus feuerfestem Ton bestehen, 9 — 10 engl. Zoll Durch- 
messer bei einer Wandungsdicke von 2 Zoll haben und schräge 
liegen, damit man leichter durch sie hineinsehen und hintünlangen 
kann. Das Eeuer wird durch eine kleine C)ffnung im Boden ein- 
geführt und spielt von allen Seiten um die Schmelztiegel, die im 
Inneren der Krippe aufgestellt sind. I)(^r Luftzug wird dadurch 
erzielt, daß man von der oberen Sjütze der Kri}){)e einen Kanal 
zur Feuerstelle führt. 



II. 



Die Glasarbeit in Ägypten und im alten 

Oriente. 



Die Glasarbeit in Ägypten und im alten Oriente. 

Ägypten. 

Der ] Jauptbest;ui(lt(Nl des Glases, der Kiessand, kommt nur 
an weniiren Orten in entsprechender Reinheit \or. F.he man 
das \"erfahren gefunden hatte, die störenden Beimengung-en zu 
tMitfernen, bez. den Kiessand durch den eisenfreien Ouarzkiesel 
zu ersetzen, war die Glasmacherei naturgemäß an diese wenigen 
Orte und deren nähere Umgebung gebunden. In erster Linie 
waren es die Ufer des Xil und die des Bckis in Phönizien. ])ru 
Alten g£Üt das seefahrende llandelsvolk an der syrischen Küste 
als PZrfinder des Glases. Phönizische Schiffer, so heißt es bei 
Plinius, wollten sich am Meeresufer eine Mahlzeit bereiten. Da 
sie keine Steine fanden um den Kochkessel daraufzusetzen, 
nahmen sie vStücke Sodas \'on der Schiffsladung und machten 
sich daraus einen lierd zurecht. In dt^r Glut des I lolzfeuers 
habe sich die Soda mit dem darunter liegendem Sande \ermischt 
und so wäre zufällig zum ersten Male Glas entstanden. Dies ist 
aber technisch unmöglich, weil das gewöhnliche 1 lerdfeuer zum 
Schmelzen xon Sand und Soda nicht ausreiclit: hierzu ist eine 
Hitze \on looo — 1200 Zentigraden nötig. Auch daß am Meeres- 
ufer .Steine gefehlt haben sollen, klingt sehr unglaubwürdig. 
Trotzdem haben einige Forscher, namentlich L'roehner^), \on 
der Anekdote etwas für die Phönizier zu retten \ersu(iu. indem 
sie diesen zuerst di(^ AnwtMidung eines mineralischen Alkalis an 
Stelle d(\s früher ausschließlich üblichen \(\yetabilisch(m, die des 
Saljieters als l-lullmitlel. /usehrieben. I )ie X'i'ilker. welche das 



^) l-"roehner, a. a. O. S. 3. 
Kisa, Das Glas im .^Iterlunie. 



34 

Glas vor den Phöniziern kannten, hatten als Fluljmittel nur die 
Pottasche, ein \'eg"etabilisches, durch Verbrennung- von Pflanzen- 
asche gewonnenes Alkali verwendet. Dergleichen glaubten sie 
nämlich als historischen Kern der vSage herausschälen zu können. 
Zugleich war damit ausgesprochen, daß den Phöniziern durch 
dieses mineralische Alkali die Herstellung eines farblos-durchsich- 
tigen Glases anstatt des bisherigen unreinen gelungen sei, eines 
Glases, wie es sich zur Behandlung mit der Pfeife, als geblasenes 
Glas eigne. Diese Ansicht ist aber vom Standpunkte des Tech- 
nikers aus unhaltbar. Wenn die Phönizier auch tatsächlich zuerst 
Soda als Flußmittel benutzt hätten, so würde darin doch kein 
technischer Fortscliritt liegen, weil es ganz gleichgültig ist, ob 
Pottasche (Kali) oder .Salpeter (Natrium, Soda) zum Schmelzen 
verwendet wird. Man kann auf beide Art gleich gutes durch- 
sichtiges, farbloses Glas herstellen. Die Reinheit hängt nicht 
sowohl vom Flußmittel als von der zur Schmelze verwendeten 
Kieselerde ab. Damit fällt auch Froehners Annahme, daß den 
Phöniziern die PLrfmdung des farblos-durchsichtigen Glases zuzu- 
schreiben sei.-^) 

Die ältesten Spuren des Glases führen uns unzweifelhaft 
in diis Pharaonenland. Sie reichen hier bis in das IV. Jidir- 
tausend vor Chr. zurück, wenn auch damals die Bearbeitung mit 
der Pfeife, das Blasen des Glases, noch nicht bekannt war, wie 
man bisher nach den der 12. Dynastie angehörigen Darstellungen 
von Beni Hasan umgenommen hat. Diese zeigen Szenen aus dem 
Leben eines Beamten des Pharao Usertesen I. und kommen 
ganz gleich oder ähnlich auch in anderen Gräbern des mittleren 
und neuen Reiches sehr häufig vor.") (Abb. i.) Unmöglich ist es sie 
auf das Glasblasen zu deuten, da man aus dieser Zeit noch keine 
geblasenen Gläser gefunden hat. F. L. Griffith hat Aielmehr nach- 



^) Diese wird besonders von Carl Friedrich, Bonner Jahrb. 74, S. 164 bei 
Besprechung des Froehnerschen Werkes scharf bekämpft. 

^) Fig. I nach Maspero, archeologie egyptienne S. 247. Perrot und Chipiez, 
histoire de l'art dans l'anticjuite I 829, III 933. deutsche Ausgabe S. 763. Lepsius, 
Denkmäler aus Aegypten und Aethiopien II 13. Wilkinson, manners and customs II 2, 
140. Brugsch, Wörterbuch VII 1187. Steindorff, das Kunstgewerbe der alten Aegypter 
S. 10 Gerspach, verrerie antique S. 9. — Vgl. auch v. Bissing, recueil des travaux 28, 
S. 20. 



35 



^rt'wit'sen, cUilj das bi'malte Relict von Bcui Hasan, d^is sich an 
der nördlichen Seite der Westm^iuer des ( jrabes II befindet, wie 
g-ewöhnlicli mit I )arstellung'en des Aletallwägens verbunden sei 
und zu einer größeren Folge \'on Szenen gehöre, welche die 
verschiedenen .Stadien der Metallbearbeitung schildern/) Es 
Z(Mgt das Au>l)lastMi des Schmelzofens um darin Metall zu er- 
hitzen. Die beiden Männer blasen zu diesem Zwecke die Mammen 
mit sehr dünnen und langen Röhren primitiver Art an. die aus 
Metall geformt imd an der 
Spitze, um diese xor dem 
Feuer zu schützen, mit 
(Mner birnförmigen ilülk' 
feuerfestenTones umgebtMi 
sind. Die helle grünlich- 
graue Farbe des Tones 
sowie der ^\'ände des 
-Schmelzofens hat manches 
dazu beigetragen, daß man 
die I lüUefür eine Glasblase 
ansali. (ileiche Szenen wie- 
derholen sich in den Gräbern der iS. Dynastie (ca. lOoo bis 
1368), wie z. P). in dem des Rechmara in Theben, doch 
^ind hier die Blasen nicht grünlich sondern gelb, was noch 
deutlicher auf Metall hinweist. Andere ähnliche Darstellungen 
sieht man in Gräbern des alten Reiches auf der Hoch- 
ebene \-on Sakkarah. welche der vierten, xielleicht der dritten 
Dxnastie angehören.-) Bei dem \^ergleiche der älter(Mi Dar- 
stellungen mit solchen aus späterer Zeit findet man bereits grol'je 
Fortschritte in der Technik, die in PicTii 1 hisan genau dieselbe 
ist. wi(^ man sit> noch heute bei den kleinen Metallarbeitern In- 
diens beobachten kann. Anstatt allein ihre Lungen anzustrengen, 
haben die späteriMi Arlx-iter bereits Blasebälge eingerichtet, die 
mit dem huße betrii"l)en werden, so daß ein starkt^r Zug durch 




Abb. 15. Tragegestell für Lagonen. 
Museum von Xeapel. 



^) L. öritfith, archeological survcy of F.gypt. Beni Hasan, pari. IV. Die 
früher für Glasbläserei gehaltene Szene ist in Farbendruck auf T. XX wiedergegeben 
und im Texte S. 6 f. beschrieben. 

-) Sauzay, les merveilles de la verrerie S. 5. Lepsius, Denkmäler 11 13, 49. 
Brugsch, die ägypt. Gräbcrwelt S. 24. 



36 

ein daneben befestisj-tes Rohr in das Feuer g-eleitet wird. Die 
bloße Pfeife wird allerdiniJfs noch benützt, jedoch nur für kleinere 
und feinere Arbeiten. In der 26. saitischen Dynastie (666 — 525) 
wurden die alten Darstellungen in den Gräbern kopiert, darunter 
auch mehrmals die von Beni Hasan und andere Szenen von 
Metallbearbeitung-. Dagegen fehlen solche von Glasbläserei auch 
in dieser Periode noch ganz. Offenbar war das geblasene Glas 
selbst im VI. Jahrh. vor Chr. noch unbekannt. 

Zum ersten Alah^ tritt uns eine glasartige Substanz in der 
Ausstattung eines hölzernen Kästchens im Ashmolean-Museum zu 
Oxford entgegen, das aus der Sammlung Amelineau stannnt 
und der i. Dynastie angehört. Es enthält Einlagen aus grün- 
blauer Fayence und eine schwarze Glasperle: \-ielleicht ist 
auch die grünblaue Masse besser als (jlaspaste zu bezeichnen. 
Auf dasselbe ehrwürdige Alter darf ein Fayenceplättchen in 
demselben Museum zurückblicken, in welches eine schwarze, fast 
undurchsichtige Glaseinlage in Gestalt einer 8 eingelassen ist. 
D^mn kommen xereinzelt Glasperlen schon im alten und mitt- 
leren Reiche vor: eine grünliche, ungefärbte Perle \-on runder, 
nur an den Durchbohrungsstellen abge])latteter P^orm trägt den 
Namen Amenophis' 1.') 

Die Glasfunde, welche bis in die 11. Dynastie (3050 bis 
2S40), bis zur Erliebung Thebens, der „Gottesstadt", zur Resi- 
denz und früher hinaufreichen, zeigen uns eine undurchsichtige 
Masse von lebhafter, oft glänzender Farbe, die in teigartig 
weichem Zustande mit freier Hand zu Gefäßen, Perlen, Amu- 
letten, künstlichen Edelsteinen mit Reliefschmuck oder glatter 
Hache, zu Ringen, Halsketten, Anhängern, Zierbändern, Gehängen 
in Form von tierischen und menschlichen Figuren sowie \'er- 
schiedenen Gegenständen, zu Einlagen und Auflagen in Form 
von Hieroglyphen und Ornamenten u. a. verwendet wurde. In 
dieser ersten und ältesten Periode der (jlasindustrie diente die 
durch Schmelzprozeß gewonnene Pasta durchweg zur Nachbil- 
dung farbiger Edelsteine und emaillierter Tonwaren. Die che- 
mische Analyse zeigt, daß sie ungefähr dieselbe Zusammensetzung 



^) Ich verdanke diese Angaben brieflichen Mitteilungen des Herrn Professors 
Freiherrn von P>issing in iNlünchen. 



37 



wie das Glas von heute hatte, aber außer Kieselerde, Kalk, .Vlkali, 
vSoda verhältnismäßiijr große Meng-en fremder Bestandteile, wie 
Ku])fer, Kisen, Man^aiioxyde enthielt, von welchen man sie nicht 
zu befreien \ermochte. Die schönen dunk(41)]au(Mi Mäschchen 
enthalten noch ßroi^"niart, Kieselsäure, Kalk, Alkali. Kupfer u. a. 
Die an sich aus der ersten Scinnelze in ]:)läulich,s^TÜner Farbe hervor- 
g-eg^anifene Masse wurde in der 
zweiten Schmelze durch Bei- 
meng-uncf von Metalloxyden noch 
stärker und tiefer g'efiirbt: Durch 
Kupfer und Kobalt bhiu, durch 
ersteres je nach dem Ilitzeg'rade 
mt^hr oder weniger leuchtend 
gTÜn, durch Mangan violett und 
l)raun, durch Eisen g"elb, durch 
Blei oder Zimi 0])ak-weiß. Eine 
Sorte von leuchtendem Purpurrot 
enthält 30^/0 Kupfer (Bronze) und 
bedeckt sich unter dem Einfluße 
\'on Feuchtigkeit oft mit (rrün- 
span. Natürlich war die Chemie 
der alten Agvpter rein empiriscli 
und intuitiw auf bloßen Werk- 
stiitt-Überlieferung"en und prak- 
tischen Erfahrung"en beruhend. 
Die Arbeiter fenden die zur 
F'ärbung nötig"en Stoffe in der 
Nähe der Öfen oder bezog"en sie 

durch den I hind(4 aus anderen Werkstätten. Sie In^nutzten die 
.\h'tallox_\(le in dem Zustande, in welcliem sie sich ihnen boten, 
mit allen fremden Beimeng"ungen. ohne die Gewißheit zu haben, 
die g-ewollte F'arbe auch wirklich zu erzielen, ohne dafür V)ürg-en 
zu köniKMi. ein bestimmtes Muster zu erreichen. So sind manche 
der schonen FarbenzusammenstellungiMi nur dem Zufalle zu 
verdankeii imd kein zweites Mal mit .Xb^icht witnler erreicht 
worden. 

Die reichen l-inuU' von 0])ak-farl)igen (iläsern in ägvp- 
tischen (iräbern des neuen Reiches haben endgfühig mit der 




Abb. 16. Schmelzofen nach .Agricola. 



38 

Fabel aufg'eräumt, dal] das alte in Ag'ypten vorhandene Glas 
phönizischen oder cyprischen Ursprung'es ist. Der großen ägyp- 
tischen Ausbeute steht in den Lokalfunden dieser beiden Länder 
ein verhältnismäßig so geringes Quantum entgegen, daß man un- 
bedingt das \^erhältnis umkehren, ägyptische Plinfuhr in Phönizien, 
Cypern und den anderen Gebieten des Orientes annehmen muß. 
Namentlich die Ausgrabungen von Theben haben bewiesen, daß 
seit dem Ende des IL Jahrtausends vor Chr. und schon vorher der 
Gebrauch und die Herstellung farbiger Gläser in Ägypten ganz 
allgemein war.-^) In Kurned Murrai und in .Schech ^\bd el 
Kurna kamen nicht nur zahlreiche Perlen, Amulette für Tote, 
kleine Säulchen, Herzen, mystische Augen, Xilpferdchen, Enten 
aus blauer, roter und mehrfarbiger Glaspaste, sondern auch Ge- 
fäße zum Vorschein, die man früher für phönizisch hielt, solange 
man unter dem Banne jener Anekdote stand, welche den Phöni- 
ziern die E!rhndung des Glases zuschreibt. Ein Amulett aus 
blauem Glase im Britischen Museum, bezeichnet mit dem Namen 
Antefs lA"., versetzt man in die Zeit von etwa 2420 bis 2380 
(13. Dynastie).-) Sonst wird es seit der 18. Dynastie (um 1500 
\'or Chr.), in der Blütezeit Thebens, Sitte, (rlasgefäße mit dem 
Namen des regierenden Königs zu \'ersehen. Gläser mit dem 
Namen von Königen der 18. und 19. Dynastie fand man in Theben 
und in den Ruinen des 1 lathortempels auf der Halbinsel Sinai. Der 
Name einer .Schwester Tutmosis' III., der Prinzessin Hatschepsut 
(Hatasu) steht auf einer Perle \'on schwarzgrünem, dem Obsidian 
ähnlichen Glase im Britischen Museum, ebenso auf einer türkis- 
blauen Kugelperle bei Professor AViedemann in Bonn. Von beiden 
wird noch einmal die Rede sein. Die Hieroglyphenschrift dieser 
Bezeichnungen begann zuerst Mißtrauen gegen den angeblich 
phönizischen Ursprung der Glaswaren zu erregen. Die Blütezeit 
Thebens (1600 bis etwa 900 \or Chr.) ist gleichzeitig die erste 
Blütezeit der Glasindustrie, d.h. die der opak-farbigen Paste. 
Den Namen Tutmes oder Tutmosis III. (um 1500) trägt ein 
Kännchen aus hellblauem opakem Glase im Britischen Museum, 
das am Halse mit einem eierstabartigen Cluster in braungelb, 



i) :\Iaspero a. a. O. S. 248 f. 

'^) Fowler, on the process of decay in glass in Archaeologia 46 (r88o) S. 65 f. 



39 

am Bauche mit vier aufsteig-enden i>-leichfalls brauni>'elben Ris])en 
ijfeschnnickt ist, dessen Zweig^e mit kleinen KnötchiMi iMidij^'en. 
I)a/\\is(iuMi l)efinden sich, \on s^-elben Bändern und weißen 
i*unktreihen umschlossen, ])raiine I lierog"lyphen, die den Xamen 
des König's bezeichncMi. Der einfach s^'ebojjfene, aus einem dicken 

Rundfaden herirestellte Henkel ist hell- 
hliiu imd mit weißen, dimkelblaiKMi und 
g"elben Streifen gemustert, der Rand und 
Fuß des Gefäßes von gelben Fäden 





Abb. 17. Syrische Balsamarien. 

inngeben (Abb. 2).^) Die \"ase ahmt offenbar in l-"orm und 
\"erzierung ein glasiertes Tongefäl) nach, und die Di<ke der 
A\"andung, die Stärke der Mündungsplatt»' tVirdern diesen Ein- 
druck. Die Ris])en sind gewissen in sumphgen Cjegenden, 
auch am Xil häufigen T'flanzenformt>n getreu nachgebildet. 
In ihrer primitiv steifen Form unterscheiden sie si(-h sehr von 
den schwungvollen Linien des sogenannten Farnkrautnnist(^rs. 
das noch in derselben Periode auftaucht und l)is in di«^ 
Kaiserzeit hinein in der ägyptischen dlasindustrie eine her\or- 
ragende Rolle s])ielt. Am schönsten wurde es in der frülifii 
Kaiserzeit ausgebildet, in der (jlanzepoche iVlexandriens, und 
selbst von der gallisch-rhiMnischen ( ilasmacherei, ja noch \ on der 



') Nach schriftlichen Mitteilungen, welche ich Herrn Prof. v. Biising verdanke. 



40 

fränkischen, auf (refäßen und Schmuckperlen nachgeahmt. Den 
Namen Farnkrautmuster träg't es übrigens ebenso zu Unrecht, 
wie wegen seiner Ahnhchkeit mit dem Barte einer zum Schreiben 
zugestutzten Kielfeder den des Federmusters. Das Farnkraut 
ist in der Flora Ägyptens kaum vertreten. In Wirklichkeit ist 
das AIoti\' dem Gefieder der Phönixpalme und dem Blatte der 
Papyrusstaude entlehnt.-^) Das Kännchen Tutmosis' III. gilt für 
das älteste erhaltene Glasgefäß Ägyptens. Nicht viel jünger sind 
einige teils wohlerhaltene, teils glücklich aus Scherben wäeder 
zusammengesetzte Gläser und \iele Bruchstücke von solchen, 
welche Daressy in den Gräbern des Maherpra und Amenophis' IL, 
des Nachfolgers Tutmosis' III., in Theben entdeckt hat. 

A^iel zierlicher und leichter in F orm und \"erzierung als dieses 
ist das Kugelfläschchen mit sogenannten Farnkrautmuster (Fig. 4), 
das in die Zeit derselben Dynastie gehört. Es ist 8 cm hoch, 
von leuchtender türkisblauer Grundfarbe, \'ollkommen fleckenlos 
wie ein Edelstein und gleichfalls mit gelb gemustert. Den Rand 
umgibt ein gelber F^adenring. Die kleinen, aus einem etwas 
stärkeren Fladen zusammengerollten, dicht an den kurzen Hals 
gedrückten ( )sen finden sich in dieser Form bei (3l- und 
Parfümfläschchen bis tief in die Kaiserzeit hinein. In der Ptole- 
mäerzeit und später erhalten sie unter den Händen griechisch 
geschulter Arbeitt^r manchmal die Gestalt kleiner Delphine und 
werden danach auch dann benannt, wenn der Faden in seinen 
zufälligen Bildungen nichts mehr von der Gestalt eines Delphines 
verrät. Durch die kleinen Löcher wurden Bronzeringe gezogen 
und das Fläschchen mittels dieser und einem Kettchen an den 
Gürtel gehängt. Solche Gehänge haben sich an einfachen Bade- 
fläschchen aus bläulich grünem Glase noch häufig in Gräbern 
der Kaiserzeit erhiilten. In der Keramik traten an die Stelle 
der kleinen Ösen oft Figürchen hockender, an einen Hals in 
F'orm eines Lotuskapitells angelehnter Affen (vgl. Abb. 1 3, No. 9). 
Ein anderes beliebtes Muster zeigt eine Amphoriske von nicht 



^) Die Vase Tutmosis' IH ist auch bei Fowler a. a. O. und bei Deville, bist, 
de la verrerie T. IV i abgebildet. Über die Funde Daressys vgl. Fouilles de la vallee 
des rois 1. Tombes de Maherpra et d'Amenophis II T. 7. Auch Maspero, guidc of 
Cairo Museum. Englische Ausgabe mit Register S. 444. 



41 



g-anz rri>-eliiiäßit^er spitzbauchit>-er (jestalt (Abb. 5). von tiefolix- 
grüner (jrundfarbe, etwas durchscheinend, an der dicksKMi Stelle 
mit einem mehrfachen Zickzackbande in g"elb und blau umg"eben, 
das von g-(^lben Reifen und Wellenlinien eingefaßt ist. Die ähn- 
lich wie bei dem vori- 
gen Stücke geformten 
Ösenhenkel sind licht- 
grün, der Faden und 
die Mündung türkis- 
blau. Die in einen \^' 
Knopf oder eine Spitze \ 
endigende Gestalt war 
neben der kugeligen 
oder oxiden, sowie der 
mit einer kleinen run- 
den Fußplatte versehe- 
nen, bei den kleinen 
zierlichen Alabastren 
bis in die Zeit der 
Claudier hinein beliebt. 
Aus dieser Periode 
stammen die Gläser 
der Sammlung M. vom 
Rath in Köln (Taf. ü). 
Von besonderem 
Int<'resse sind die 
Becher, welche der 
Prinzessin Xsichonsu 
(aus der 21. Dynastie. 
za. iioo bis 1000 vor 
Chr.) in ihr Gnd; zu 
Deir-el-Bahari beige- 
geben waren. Sieben 

von ihnen sind aus ziemlich dickwandiger, etwa 5 mm starker, 
hellgrüner, gelber oder blauer Glaspaste, vier aus schwarzer, 
mit weil)en, unregelmäßigen, größeren und kleinertMi Flecken, 
einer mit \ielfarbigem Farnkrautmuster, das in senkrechten 
Linien in dichter Reihung das Gefäß umgibt und an den 




Abb. 18. Syrische Balsamarien. 
Sammlung M. vom Rath, Köln. 



42 



Rändern von farbii^'en Fäden abg-eschlossen ist (Fig". 6). Die 
Form der Becher ist uns sehr vertraut. Diese einfachen zylindri- 
schen Gefäße finden sich in allen Perioden der Antike, in 
Pompeji ebenso wie in gallischen, rheinischen und nordischen 
Gräbern aus der Kaiserzeit. »Sie waren damals ebenso modern 
wie heute. Unser anspruchloses Wasserg-las kann sich einer 
.Vhnenreihe rühmen, wie sie kaum ein anderes Stück des Haus- 
rates in gleich stattlicher Länge aufzuweisen hat. 

Aus den Gräbern von Gurob, die noch der 1 8. Dynastie angehö- 
ren, stammen zwei schöne mehrfarbige Gläser 
des Musee du Cinquantenaire in Brüssel. Das 
eine ist ein schlauchförmiges Fläschchen mit 
kurzem, breitem 1 lalse und dickem Randwulst, 
an der Spitze abgebrochen, verziert mit mehr- 
farbigen, mit den Spitzen nach oben gekehrten 
Wellenbändern. ^) Das andere, gleichfalls ein 
Fläschchen, ist gut erhalten, hat genau die 
Form einer Säule mit Palmenkapitell, wie 
manche der in Gräbern gefundenen gläsernen 
Amulette, und ist glcMchfalls mit mehrfarbigen 
Wellenbändern verziert, welche jedoch im 
oberen Teile des Gefäßes zum Zickzack wer- 
den (Abb. 7). Unterhalb des Kapitells zieht 
sich ein vierfacher Faden herum, der wie alle 
anderen bisher beobachteten \>rzierungen 
\-ollkommen fiach ist und nirgends plastisch her\orragt. Das 
ist dadurch (^rzielt, daß man den aufgelegten Faden nicht nur 
durch Rollen auf dem Marmor in die noch weiche Gefäß- 
masse eindrückte, sondern das fertige Gefäl) nach dem Erkalten 
auch noch sorgfältig al)schliif. Die Säulenform verdient be- 
sondere Aufmerksamkeit, weil sie den Ursprung einer weit- 
verbreiteten Klasse antiker Gläser enthüllt, nämlich der in 
(rräbern häufigen Fläschchen für Öle und Parfüme von schlank 
zylindrischer Gestalt. Das Kapitell verschwand im Laufe der 
Zeit und wurde durch eine trichterförmig erweiterte ^Mündung 




Abb. 19. Groteske 

Maske. 

Alexandrinisch. 



^) Jean Capart, guide descr. des antiqu. egypt. des musees roy. du Cinquan- 
tenaire ä Bruxclles 1905. S. 92 f. Abb. S. 96, Fig. 19a. 



45 

ersetzt, in deren äußerem l'mrisse noch die ursprünt^diche Form 
des l^flanzenkapitells deutlich naciikhii^t. Auch (he Fußplatte 
erfuhr mannii»-fache Umbildunj^en. 'j 

Aus einem (jrabe der i8. l)3'nastie stammt auch ein anderes 
Fläschchen. das den mclu'farbiLj'en Zickzackschmuck in reicher 
Ausbilduni>- zeit^'t und zui^leicli das bislier l)(>obac]itete Formen- 
material lun d<Mi so häufiiifen r_v])us des Kus^'(4fläschchens mit 
runder, auf einem düniu'n i>-esch\veiften Fuße ausgesetzter Stand- 
jilattt^ bereichert (Abb. 8). Das Grab, welches die Überreste des 
Pharao Tutmosis I\". (um 1400 vor Chr.) umschloß, wurde \'om 
Howard Carter inid Percv F. Xewberry \'er- 
öffentlicht.'") Das Fläschchen. 9 cm hoch und 
6 cm im g'rößten Durchmesser, träg"t auf 
kuufeliöfem Bauche einen kurzen Hals mit 
dickem Randwulst vuul ist \on hell türkis- 
blauer Grundfarbe. Das Zickzack zeig't einen 
Wechsel \on lichtblauen, gelben, violetten, 
weißen und schwarzen Streifen. .Auch am 
Halse wird ein unreg'elmäßig'es Zickzack von 
sjf(db. wt^ß und schwarz sichtbar. Die Profile 
sind au diesem Stücke etwas schwerfällig", Abb. 20. Maskenperle, 
leichter und ij'efällij^'er waren die Rand})rofile Alexandrinisch. 

einiger Becher geformt, von welchen sich 

Bruchstücke in demselben Grabe erhalten haben. .Sie hatten ent- 
weder zylindrische, nach oben etwas geschweifte, oder kugelige 
Gestalt. Die AFindungen sind teils schräge, teils flach gerandet 
und einfach, aber scharf g'ekantet, ähnlich wie Tonbecher aus 
augusteischer und flavischer Epoche am Rhein. ■^) 

Seit den Zeiten der grolu-n thelianischen D\-nastien waren die 
Glas- und die Glasurwerkstätten in \-oller Tätigkeit. Kleine Hügel 
von Abfällen, Üb(^rreste von (jlaswerkstätten bezeichnen noch 
beim Ramtvsseinn in Iheben, in f,l-l\.ab, auf dem Pell xon Asch- 




^) Vg!. die Abbildungen gallischer Parfumlliiscliclu-n in meinem Kataloge der 
Sammlung M. vom Rath in Köln 1899. T. V, 47, 49, 51, 53. Das Hrüsseler 
Fläschchen ist abgebildet bei Capart a. a. O. S. 96, Fig. 19 b. 

') Howard Carter & Percy E. Newberry, tomb of Thoutmosis IV. Wesiminster 
1904 T. XXVII I. 

*) Abbildungen in dem vorgenannten Werke. 



44 

munein die .Stellen, an welchen einst Schmelzöfen standen. Selbst 
in der lybischen Wüste stieß man bei Xatronsümpfen auf die 
Reste uralter Glaswerkstätten.^) Antike Schriftsteller berichten 
von allerlei Gefäßen, Schmucksachen und anderem Zierrat aus 
Glas. So sah Ilerodot an den heiligen Krokodilen große bunte 
Kugeln aus Glas. Aber auch architektonische und plastische Werke 
sollen aus den Glaswerkstätten hervorgegangen sein. Der 
Kommentar zu Pomponius Mela sagt den Ägyptern nach, daß 
sie große Statuen aus schwarzem (rlase zu gießen verstünden. Nach 
Plinius befand sich im Tempel des Ammon eine i3^/.2 Fuß (9 Ellen) 
hohe Statue des Serapis und ein aus vier Stücken zusammen- 
gesetzter Obelisk in Gesamthöhe von 40 Ellen, beide aus Sma- 
ragd.-) Die Gelehrten schwanken, ob sie das Material dieser 
Arbeiten gleich dem der angeblichen Smaragdsäule im Tempel 
des Melkart zu Tyrus für Glas oder im Hinbhcke auf eine ägyp- 
tische Statue in der \^illa Albani in Rom, ein Sitzbild aus „Plasma 
di Smeriddo," prime d'emeraude, also doch für Smaragd, den 
lauchgrünen Praser halten sollen.'^). Die ungewöhnhche Größe, 
besonders des Obelisken, macht aber die Anwendung dieses kost- 
baren Materials unwahrscheinlich. Aus Theophrast hat sich bei 
Phnius auch die Nachricht erhalten, daß aus Babylon ein 4 Ellen 
hoher Obelisk von Smariigd als Geschenk nach Ägypten gekommen 
sein soll. Bisher hat man in Agyjiten solche Arbeiten weder in 
Glas noch in Smaragd wirklich gefunden. Bei den geringen tech- 
nischen Kenntnissen der antiken Schriftsteller sind namentlich die 
Berichte aus dem Wunderlande am Nil mit großer Vorsicht auf- 
zunehmen. Wenn sie sich über das Materi^d täuschten, kann 
dies um so weniger auffallen, als es noch heute im Zeitalter 
der Naturwissenschaften derlei strittige Fälle gibt. So war man 
z. B. bis vor kurzem nicht darüber im klaren, ob die bereits 
erwähnte Collierperle der Prinzessin Ilatschepsut (llatasu) aus 
Glas oder Obsidian bestehe: dem Äußeren nach sind diese Mate- 
rialien durchaus gleichartig. Seltsamerweise hat man die Ent- 
scheidung zwar hervorragenden Kennern wie Augustus tranks 



^) Vgl, Ilg in Lobmeyrs Glasindustrie .S. 7. 

^) Plinius 39. 74. 75. Er hat seine Nachricht von Theophrast. 

'') Wilkinson a.a. O. — Visconti, la villa Albani S. 147 No. 1037. Froehner a.a.O. 



45 





m 



Abb. 2 1. Maskenperlen. 



Ägyptisch. 



und Miikchiu' anlieimj^H^stellt, die zu keinem l*>t;-ebni,s ^elang'ten, 
aber die sehr naheliegende chemische Untersuchung erst zum 
Schluße x'orgenommcMi. Diese ergab nach \Vilkinson diis sjje- 
zifische (jewicht xon Kronglas, also (das.') Dieses Ergebnis 
braucht niclit zu überraschen, da schon damals di(^ 1 lerstellung 
schwarzen (dases keine Schwierigkeiten bot. Ks hat unsere 
lv<Mmtnis der alten ägyptischen (ilasmacherei wenig gefördert, 
dal) man sich anfangs zu ängstlich btnnühte, durch ])hilologische 
Untersuchungen die Nachrichten der alten AutoriMi aufzuklären 
und sich erst spät dazu entschloll die Funde selbst si)rechen zu lassen. 
Die Frag'e nach dem Mate- 
rial der Riesenstatuen imd 
der Riesenobelisken scheint 
gleichfalls durch Funde ge- 
löst zu sein. Die später zu 
(erwähnenden Überreste von 
Palastbauten enth£dten so 
viele Arbeiten in glasiertem 
Ton, daß wir diese Technik 

auch für die von Plinius genannten Werke in Ansj^ruch nehmen 
können. 

Ein langwieriger Streit entspann sich über die Nachrichten 
von gläsernen Särgen der Agy]:»ter. Athioper und anderer Völker 
des Ostens, llerodot und Diodor erzählen, daß die Ägypter 
von altersher ihre Toten in Särgen von dickem opakem Glase 
zu bestatten ])flegten. Das wäre an sich nicht gerade undcmkbar, 
wir haben alx^r auch dafür kein Beispiel. Doch könnte, ähnlich 
wie bei den mit glasierten Tonornamenten ausgelegten Säuhni. 
der Schmuck die \'eranlassung gegeben ha])en. mit ihm das 
Ahitt^rial des geschmückten Gegenstandes selbst zu bezeichnen. 
Melleicht hatten die griechischen .Schriftsteller jene Mumien- 
särge aus Ala])aster uiul Holz im Sinne, die xollständig mit 
Einlagen aus farbigem Glase inkrustiert waren. .Sie konnten 
dann mit demselben Rechte \on gläsernen Särgen sprechen, 
mit welchem wir heute manchmal von Emailbildern, Email- 
schmuck. \()n Relicjuiensehreinen und anderen l"vOstbarkeiten aus 



^) Wilkinson a. a. O. I 53, III 90. Vgl. auch C. Friedrichs a. a. O. 



46 

Email .s})rechen, wobei wir über der Dekor^ition den Grund aus 
Gold, Kupfer und dergl. ig-norieren. Ein derartig-er nach alt- 
äg-yptischer Sitte mit farbigen Glaspasten reich ausgelegter 
vSarkophag mag jener gewesen sein, in welchem nach Stra- 
bos Mitteilung Saleucus Eubiosactes den Leichnam Alexanders 
des Großen beisetzte. Augustus ließ sich diesen Sarg bei der 
Unterwerfung Ägyptens zeigen. 

Größere Schwierigkeiten bereitet die Erklärung der Nach- 
richt Ilerodots IIL, 24 über die Behandlung der Leichen bei 
den Athiopern, den Nachbarn der Ägypter. „Nach der Mu- 
mifizierung", schreibt der griechische Historiker, „bedeckt man 
den Körper mit einer Lage Gips, auf welchen die Maler ihre 
Farben auftr^igen, indem sie die Züge des Toten möglichst treu 
wiedergeben. Dann schließt man das ganze in einen Trog aus 
ausgehcihltem (ilase. Dieses Glas ist leicht zu bearbeiten und 
wird in großen Mengen aus dem Boden gewonnen." Offenbar 
meint er hier wieder andere Särge als die früher genannten aus 
opakem und schwarzem Glase. Die Kommentatoren erklären 
den Stoff zur Füllung als „sei gemme", Salzstein, der in Äthio- 
pien häufig gefimden wird. Dagegen berichtet Diodor \'on Si- 
zilien, ein Zeitgenosse des Caesar und Augustus, ausdrücklich, 
daß die Äthioper den Leichnam mit geschmolzenem Glase um- 
gaben und dann in einen durchsichtigen Sarg legten. Damit 
der Leichnam nicht durch das heiße Glas versengt werde, umgab 
man ihn nach Ktesias von Knidos (416 — 398 vor Chr.). einem 
griechischen Arzte am Hofe des Perserkönigs in Susa. mit einer 
»Schichte von Gold, bei minder Reichen von Silber, bei Armen 
von Töpferton und dann erst mit Glas. Bisher ist noch kein 
solcher Sarg aufgefunden worden. Die Nachricht \on dem ge- 
schmolzenem Glase verträgt sich freilicli niclit mit Salz oder 
einem anderen fossilen Stoffe. Herodot und Ktesias sagen aber 
ausdrücklich, daß das Material aus einem Steinbruche geholt 
wurde. Froehner^) will dies damit erklären, daß er in dem 
Steinbruche die jenseits der Katarakte gelegenen Sandgruben 
sieht, aus welchen man den zur Glasbereitung nötigen Sand 
holte, und tritt so dafür ein, daß der Stoff zur Umbettung der 



') Froehner a. a, O. S. 9 f. 



47 



Leichen wirklich dhis war. Wie soH man aber sclion zu Hero- 
dots Zeiten (hir(iisichti,L;--farl)hjses (ilas in sohiien Meng-en her- 
g-estellt haben? Schon (hes(>r Anachronismus schht'lk die Erklä- 
runi»- Froehners aus. Da sich (he Ang-aben der alten Schrift- 
steller widersprechen, ist eine Lcisuni^' des Rätsels schwer mög-- 
lich. Wahrscheinlich bleibt aber, dal) es eine s^-allert- oder leim- 
arti,i;'e Flüssig-k(Mt war, 



«i5r«^.''5!^ 



i 



die man zur Konservie- 
rung" der Leich(Mi \er- 
wendete. An Mariengias 
ist kaum zu denken, ol)- 
wohl dieses im Feuer 
leicht schmilzt inid des- 
halb zum l'mg'ießen 
hättte benutzt werden 
k(innen. 

So \erwirrend wie 
die Ijcrichte der Alten 
über die (xlasarbeiten 
der l'haraonenzeit, so 
klar sind die Erg'eb- 
nisse, welche die neueren 
Funde und ihre tech- 
nisch sorg"fältig'e Prüfung" 
lieferten. \'or allem kom- 
men hier die Gläser- 
fund(^ I)ari\ssys in The- 
ben in Px'tracht. welche 
nach uns(^rem jetzig'en 
Stande der Kenntnis zu 

den ältesten sicher dati(^rten (.läsern nicht nur Agyi^tens. 
sondern zu den ältesten Gläsern überhaupt g'ehorcn. In den 
(rräl)ern des Maherjira und denen des Amenoj^his II. wurden 
außer einig"en voUkonnnen erhaltenen dlaskännchen g"eg"en 
3000 Scherben farbig"er Gläser mit den prächtig"sten P'adenverzie- 
rung^en, aiu-h mit buntfarbig-en Rosetten und anderen Mustern 
gefunden, welche im X'ereine mit den l-'undt-n \ on 1 dl el Amarna 
beweisen, daß schon um 1400 \or Chr. die Industrie in 




Abb. 22. Becher des Königs Sargon. 
Britisches Museum. 



48 

hoher BUite stand und namenthch die ITerstellunj^ leuchtender 
Farben in zahlreichen \^arianten, sowie die \"erzierunj»' mit Wellen- 
und Zickzacklinien vollkommen ^lus^ebildet war. Die Muster 
erscheinen ungemein reich, weil die einzelnen Fäden in \'ielen 
Reihen dicht zusammengepreßt sind. Die Unregelmäßigkeit der 
Linienführung wirkt nicht nur durchaus nicht störend, sondern 
erhöht \'ielmehr den Eindruck künstlerischer Freiheit. Darunter 
befindet sich ein unverziertes Kännchen aus blauer Paste, 14 cm 
hoch, kugelbauchig, mit langem Röhrenhalse und dünnem ge- 
schlängelten Henkel (Abb. 9) von sehr graziöser Form. Der 
Hals ist aus einem besonderen Stücke angefügt. Das Gefäß 
enthielt ein Piirfüm , das zwar jetzt bis auf einen braunen Satz 
entwichen ist, sich aber immer noch durch seinen Wohlgeruch 
bemerkbar macht. Dieser ist nämlich teilweise in den Leinen- 
stopfen übergegangen, welcher die jVIündung verschließt und 
mit gelben und roten Bändern umwickelt ist, die von einem 
rosenfarbigen Band umschnürt werden.^) PZin anderes Fläsch- 
chen, leicht spitzbauchig, gleichfalls aus blauer Paste, die aber 
gegen das Licht grünlich durchscheint, ist am Halse mit vier 
Reihen \-on Zickzack in bunten Farben geschmückt (Kat. Xo. 
24059). Die zum Teil sehr ansehnlichen, mehr als die Hälfte 
von kugelbauchigen oder schlanken Fläschchen und Kännchen 
umfassenden Bruchstücke bieten mit ihren leuchtenden Farben 
und reichen Mustern einen prächtigen Anblick (Kat. No. 24753 
bis 24843, Abb. T. XLIII) Eines zeigt auf dunkelblauem Grunde 
ein dichtes Wellenmuster und den \'ornamen Amenojjhis IL Ein 
anderes ist melonenartig gegliedert, war ursjirünglich etwa 20 cm 
hoch, 14 cm im Durchmesser breit und mit zwei blauen Henkeln 
versehen. Die blaue Grundpaste ist in zehn senkrechten Riefen 
von gelben Längslinien durchzogen und jeder Abteil mit kleinen 
weißen Rosetten, rotem und grünem Sternmuster verziert, wo- 
bei zwischen den beiden oberen ein gelbes gleichschenkeliges 
Kreuz angebracht ist. Es ist nachträglich gelungen, gerade 
dieses durch seinen eigenartigen Schmuck ausgezeichnete Gefäß 
aus zahllosen Bruchstücken wieder zusammenzusetzen. Der \^or- 
name des Amenophis II. kehrt auf dem Reste einer anderen 



^) Vgl. Daressy a. a. O. No. 24057. 



49 

Vase wieder. Eine besonders schöne cantharusähnliche \'asen- 
fonn mit Stentrelfuß und lireitein 1 lalse ist in einem sehr ansehn- 
hchen Bruchstücke von lasurljlauer Grundfarbe mit bunten W'ellcn- 
g-ehäng-en erhalten. Aus unzähhi^-en Isleinen Schrrlx-n liat man 
auch eine opakweiße \'ase wieder zusannntMi^-elirarht. deren \'er- 
zierung- gleichfalls von der o-(>\völndiclien abweicht. Sie l)esteht 
aus reg-ellosen Wellenzügen in lAiiu und ])raun. die den Kr>r])er 
bedecken, während der Hals xon ein(Mn ganz dichten Zickzack 
in g'-oldbraun und liellblau umgel)en ist. Die \'ase ist mit /.wr] 
Xamensschildern Amenophis" II. bezeiclnie-t. Zu den vollständigi-n 




Abb. 23. Glasbügel von etruskischen Fibchi. 
München, Antiquarium. 



(jefäßen und .Scherben von solchen kommt noch eine gToße 
Zahl von Schmuckgegenständen und Bruchstücken \on Arm- 
ring-en aus dunkel- und hellblauer Paste, welche die in \'or- 
rcimischer Zeit übliche Form gläserner Armbänder zeig-en, außen 
g\»rundet, innen flach sind. 1 )ie X'erzierung- besteht außer farbigen 
Wellen-, Zickzack- und I lorizontalfäden in kleinen rautenförmig-en 
Besatzstücken mit farbigen Rändern, wtdche so in die Masse 
eing'edrückt sind, daß sit^ leicht her\'orragen 'Kat. Xo. 248^4 
bis 24842). 

.Auch in der Sannnlung \on i'rofessor breilierr w Bissing 
in Münch(Mi befinden sich dlasfunde \on Theben aus der Zeit 
Amenophis' 11. Einige fallen durch ihre Dünnwandigkeit und 
regelmäßig'-e Gestalt auf. so daß man sie fast für g-eblasen 
halten kömite. wenn nicln die ImKMiseite deutliche Spuren des 
Tonkernes aufwiese. Interessant sind auch die o])akweißen, \oll- 
kommen milchfarbig-en und glänzend polierten Stücke, tünes mit 
türkisblauem Bandmuster, ein aiuh^rt^s mit braunen und dunkel- 
blauen Flecken. Aus der iS. Dyn^istie, aber \ on einem hinderen 
späteren Funde, rührt das l)ruchstück (üner türkisblauen (rlasvase 

Kisa, Das Glas im Altertuiiie. , 

■+ 



50 

her, das mit schwung-vollen und feinen Wellenranken in weiß und 
jj;-elb verziert ist; die Ranken sind nur am unteren Teile flach 
einjjfewalzt und lieg'en oben am Rande stark plastisch auf. Der- 
selben Sammlung gehört eine zierliche Amphoriske an, die 
nach der wohl verläßlichen Angabe des Händlers gleichfalls aus 
einem (jrabe von Theben stammt und der i8. Dynastie an- 
gehört (Abb. ii). Ihre Form ist sehr graziös aus freier Hand 
gebildet. iVm Ansätze des breiten Halses befinden sich zwei 
kleine Querhenkel, unten ein kurzer Stengelfuß mit Rundplatte. 
Der dunkel azurblaue (xrund ist durchscheinend und matt- 
glänzend. Den Rand umgibt ein blau-weißer Spiralfaden, den 
I lals ein dreifaches langgezogenes Zickzack in weiß, orangegelb 
und türkisblau, den Bauch ein gleiches, aber \'ielliniges Ornament 
in denselben Farben. Die Henkel sind wie der Grund azur- 
blau. Bis auf eine kleine Lücke in der unteren Bauchung ist 
das Gefäß vollkommen erhalten. 

Nach (jriffith sind alle Gläser des Y. und IV. Jahrhundert 
vor Chr., die in Italien und Griechenland aufgetaucht sind, ebenso 
wie die Gläser der i8. und 19. Dynastie in Ägypten (1600 — 1220 
\-or Chr.) über einen Kern geformt. Tatsächlich reicht aber die 
Modellierung aus freier I land bis zur Kaiserzeit, bis zur Er- 
findung der Glaspfeife, welche den neuen Stil des Glases be- 
gründete. Die langhalsigen Flaschen zeigen in ihrem Inneren 
noch die Spuren der rauhen aschigen Oberfläche der Form. Da 
das Glas opak war — vollkommen undurchsichtig sind von Natur 
aus allerdings nur gewisse rote Pasten, während alle übrigen 
bei genauer Prüfung leicht durchscheinend sind und ursprüng- 
lich, bei völlig gkitter, unverwitterter Oberfläche, noch mehr Licht 
durchließen — war das Aussehen des Inneren unwesentlich, denn 
man wurde seiner nur gewahr, wenn das Gefäß zerbrochen war. 
Anders war es allerdings bei off"enen Gefäßen, Bechern, Schalen 
u. dgl., deren Inneres sorgfältig geglättet, manchmal mit dem Rade 
übergangen werden mußte, bis auch die innere Fläche glatt und 
glänzend war. Da das Äußere einer so durchgreifenden Be- 
arbeitung nicht bedurfte, erscheint es schon beim ersten Blicke 
weniger glänzend und weicher als das Innere. 

Die in der Blütezeit der ersten Periode der Glasindustrie, jener 
der farbigen Paste, geübten Techniken schildert Flinders Petrie in 



51 

seinem ßerichte ül)er die Ausj^rabung-en in Teil el Amarna sehr 
eing"eh('n(I und mit völlig-er Sachkenntnis.^) Die t^-ewfihnliche .\rt 
Perlen zu erzeug"en war. daß man einen düim ausjrozog'enen 







Abb. 24. Schmuckperlen. Vorrömiscli. 



Glasfaden um einen I)raht wic^kelte. Solche I)rähtt> mit den 
noch daran haftenden Pt^rlen wurden mehrfach y"et\niden. .Mit 
Draht ist aber nicht unbeding-t gtv.og'ener jremeint, da solcher 
noch nicht einmal den Römern bekannt gewesen sein dürfte. 



') F. Petrie a. a. O. Die Terlen sind T. XIII 59 — 61 abgebildet. 

4^ 



52 

Das vStück Draht, das im Museum von Neapel als römisch g-ilt, 
ist noch nicht mit Sicherheit auf sein Alter bestimmt. Bronze- 
draht aus der i8. Dynastie aber zeigt unter der Lupe deutlich 
Spuren der Bearbeitung^ mit dem Hammer. Viele Perlen waren 
unfertig und glichen mehr vSpiralen, weil das Ende des Fadens 
beim Zusammendrehen mit dem Körper der Perle nicht fest 
vereinigt worden war. Solche Korkzieherformen waren nicht 
selten.^) Flache Perlen erzielte man einfach durch Zusammen- 
pressen der gewickelten, die man dann durchschnitt.") Die 
IVrlen zum Anhängen, bis i^/o Zoll lang, zeigen in der hellen 
Struktur der Masse deutlich die Fadenspiralen, aus welchen sie 
entstanden sind. Jede Perle dieser Epoche hat den kennzeich- 
nenden .\usgang in eine längere oder kürzere Spitze, die sich 
durch das Abschneiden des Fadens ergab. Dagegen sind alle 
Perlen der koptischen Epoche durch das Ausziehen einer Glas- 
röhre gebildet, wie aus ihren blasigen Längsstreifen deutlich 
hervorgeht. Diese Röhre wurde unter einer vSchnittvorrichtung 
hindurchgerollt und von dieser an einzelnen Stellen eingeknickt, 
an welchen man sie mit der 1 land vollends in Stücke brechen 
konnte, um sie dann durch Schliff weiter auszuarbeiten. Beide 
Sorten von Perlen, die gewickelten und die gezogenen, sind so 
verschieden in der Technik, daß man sie deutlich durch bloßen 
Augenschein auseinander halten kann. Den ausgezogenen Glas- 
stab bog man auch zu Ohr- und Fingerringen oder ähnlichem 
Zierrate kreisförmig zusammen. 

Ganz eigenartig aber ist die Technik der Gefäße dieser 
ersten Periode. Sie sind weder gebkisen, noch geformt, sondern 
mit freier Hand modelliert. Ein zylindrischer Mettillstab, so dick 
wie die Halsweite der Flasche oder Kanne werden sollte, wurde 
an einem F.nde mit einem Kerne aus feinem Formsande \'er- 
stärkt, der genau die (restalt des Hohlraumes des geplanten 
(jefäßes bekam. Stab und Kern wurden in geschmolzene Glas- 
masse getaucht und so mit dieser überzogen. Dieser Überzug 
wurde hierauf mit freier 1 hmd bearbeitet, der P\iß in einer bereit- 
stehenden Hohlform ausge]ireßt, ebenso wie die gepreßten Füße 



i| F. Petric a. a. O. Die Perlen sind T. XIII 53 ff. abf;ebildet. 
-) ibd. T. XIII 57, 60. 



53 

römiscluM- (xiasbecher. .Lt Ka.ul (l.r AKin.lun^- nach aulJen ^e- 
bo^vn und schliHlli<-l, d\c YcrzU'ruu^ hergestellt, indem man 




mj^. 



Abb, 25. Sclimuckperlen. Römische Kaiserzeit. 

dünne farbi.^-e (dasfäden um das Gefäß lehrte und dieses so lange 
auf dem Marmor rollte, bis die Fäden i^anz in die Masse eing-e- 



54 

drungen waren. Wellenmuster erzielte man, indem inan die Fäden 
mit einem kammartigen Werkzeuge abwechselnd hinauf und hinab- 
zog, entweder jeden P'aden einzeln oder, wie es die Zähne des 
Kammes möglich machten, gleichzeitig eine ganze Reihe. In diesem 
Falle wurde ein fast vollkommener Parallelismus erzielt. Der 
spiralförmige Rand der Mündung und des Fußes wurde her- 
gestellt, indem man einen opakweißen mit einem farbigen Faden 
zusammendrehte und beide um das Gefäß schlang. Schließlich 
wurden aus farbigen Rundfäden verschiedener Stärke, manchmal 
aus zwei verschiedenfarbig zusammengedrehten, die Henkel an- 
gefügt. (Der Ausdruck „angelötet", der häufig gebraucht wird, 
ist irreführend, weil er an ein eigenes Lötungsmittel, wie bei 
der Metallarbeit, denken läßt. Glas läßt sich dagegen un\er- 
mittelt in heißem und erweichtem Zustande an Glas festfügen). 
Wenn das Gefäß im Laufe der Arbeit zu sehr erkaltete und 
durch Erhärtung an Bildsamkeit verlor, wurde es am Ende des 
Stabes oder mit der Zange wieder der Glut ausgesetzt und so 
stark erwärmt, als nötig war. Nach Vollendung der Arbeit und 
völligem Erstarren lockerte sich der Metallstab von selbst 
in der Masse und konnte leicht herausgezogen werden, worauf 
man den inzwischen bröckelig gewordenen Formsand aus dem 
Inneren herausrieb. 

Unter den größeren fein gemusterten Bruchstücken von 
Glasgefäßen hatten 150 einfache Wellenlinien, 36 doppelten Zick- 
zack, ebensoviele gewundene Bänder, 42 Augenmuster, 2 Spiral- 
muster, drei unregelmäßige weiße Flecken und drei Eindrücke. 
Alle diese Muster erhielten sich auch in sjiäteren Zeiten und 
gingen in die ptolemäische und römische Glasindustrie über. 
Nach Plinders Petrie sind die späteren Nachbildungen roher und 
zeigen namentlich nicht den Glanz und die Glätte jener frühen 
Arbeiten, die jetzt bestimmt in die Zeit um 1400 — 1350 \or Chr. 
versetzt werden können. Aber dieser Ansicht stehen zahlreiche 
andere Beobachtungen gegenüber, nach welchen wir gerade der 
Ptolemäerzeit und jener der ersten Kaiser das größte Raffine- 
ment in der Technik und die feinste und reichste Ausbildung 
der Muster in Formen und Farben zuschreiben müssen. Zu den 
geschilderten Verzierungsarten und Techniken kamen in diesc^i 
Zeiten zahlreiche andere, die bei der Besprechung der Alabastra 



und der Mosaikt^'läser näher y-ckcMinzeichnet w crdtMi sollen, zu den 
altäg"yptischen ^luch griechische Motive, \v(4che dem Umrisse der 
Gefäße einen Grad von Zierlichkeit, P^leg'anz und dabei von 
praktischer Einfachheit verliehen, wie er kaum zu anderer Zeit 
wieder erreicht worden ist. Die ah^xaiulrinischen Werkstätten, 
in welchen sicli die Glasmacherei der Ag-vi)ter konzentrierte, 
nahmen damals einen außt^rordentlichen Aufschwunir und ver- 
sorgten mit ihren I\rzeu^"nis>en nicht nur das Mittelmeerl^ecken. 
sondern auch die Provinzen im Norden der Al})en. 

Vielleicht bezieht sich die Bemerkung Petries nur auf die 
saitische Periode, in welcher die Industrie g^leichfalls eine g^roße 
Ausdehnung hatte. Jedenfalls können es die aus freier Hand 
geformten Gefäße in der Regelmäßigkeit der Rundung und der 
F(Mnheit der Einzelheiten nicht mit den geblasenen aufnehmen, 
zimial man s])äter auch üljer eine vi(4 leichter flüssige ( rlas])aste 
\erfügte. Eine Rundung aus freier i land kann selbst wenn das 
Gefäß nachträglich noch so sorgfältig abgeschliffen wurde, nicht 
so vollkommen regelmäßig sein, wie eine an der Pfeife her- 
gestellte Glasblase, ebenso wie ein frei modelliertes Tongefäß 
nicht den Schwung einer auf der Töpferscheibe gedrehten \''ase 
haben kann. Man betrachte daraufhin nur die Glasbecher der 
Prinzessin Xsichonsu (Fig. 5), deren unregelmäßige Formen man 
kaum als das Ergebnis besonders sorgfältiger .Arbeit und 
hochentwickelter Technik in Ans])ruch nehmen wird. Freilich 
geben diese Unregelmäßigkeiten, die man \'om technischen Stand- 
punkte aus als Mängel bezeichnen muß, den Gläsern als KiMin- 
zeichen freier Handarbeit einen individuellen Reiz, der ihren 
künstlerischen Wert manchmal anstatt ihn zu beeinträclitigen. 
eher steigert. Auf gewissen Zufälligkcüten inid .\bweichungen 
von der fabriksmäßigen (ileichartigkeit neuerer Erzeugnisse 
berulit zum großen Teile der \'orzug der antiken (ilasindustrie 
\()r der modernen. Die Arbeit der frtMtMi Hand 1)ringt Finzel- 
werke von individuellem (jepräge hervor, welche oft künstlerisch 
höher stehen ^ils die äußerlich zwar korrekte, aber schematische 
und unpersönliche Massenarbeit. Aber abgeseh(Mi da\on muß 
die oft ausgesj)rochene Ansicht, daß die Alten in der (ilas- 
bereitung eine Stufe der \^ollendung erreicht haben, die seitdem 
nicht wieder eingetreten sei, daß ihre technischen Methoden den 



56 

unseren in vielen ßeziehung-en überlet^'en j^ewesen seien, zurück- 
gewiesen werden. Diese Überschätzung beruht einerseits auf 
der zu wörthchen Ausleg-ung enthusiiistischer Berichte antiker 
Schriftsteller, welche in ihrer Ahnungslosigkeit einzelne hervor- 
ragende Glasarbeitt^n ihrer Zeit für Wunderwerke erklärten, w^eil 
ihnen die Kenntnis technischer \^orgänge abging, andererseits 
auf der Unkenntnis der Fortschritte unserer eigenen Industrie. 




Abb. 26. Brustschmuck von ü.ihschür. Vorderseite. 
Museum Kairo, Salle des bijoux. 

Unsere Glastechnik steht, wie Friedrich benierkt, ohne Zweifel 
himmelhoch über jener der Antike.-^) Die zahllosen F'arben- 
nuancen des Krystallglases, die gewaltigtMi S])iegelgläser von 
6 Meter Umfang im Geviert, die so rein und fleckenlos sind, 
daß man in freie Luft zu sehen glaubt, unsere o])tischen Gläser, 
unsere Glasgesi)inste sind in der antiken Glasmacherei einfach 
undenkbar. Andererseits würde die Nachahmung von Riesen- 
obelisken und l^ildsäulen, wenn die Agyi:)ter solche wirklich aus 



^) C. Friedrich, Bonner Jahrb. 74, S. 164 f. 



57 

Glas herirestdlt hätten, unserer Industrie, wie nianche ^ire\valtit;-e 
Schaustücke auf unseren Ausstelkni^-en l)e\vcMsen. keine Schwierig- 
keiten bereittMi. 

Aber wenn wir auch die h(Jchste I')hite der ä,t;-y])tischen 
Glasmacherei in die I'toleniäerzeit vc^rlei^-en müssen. lüeil)(Mi doch 
die Arbeiten vom Bes^inne des neuen Reiches, die der i8. Dy- 
nastie inid der nächstfolgenden. Glanzleistunt,'-en von hervorr^i- 




Abb. 27. Brustschmuck der A'hhötcp. 
Museum Kairo, Sallc des bijoux. 

Inender Schönheit und ini,L;"(^w (ähnlicher techiüsclier Sors^-falt. Unter 
den Gefäßen findet man die zierlichsten Formen: Phiolen. 1 h^^ikel- 
kannen, breitbauchiife Töpfe. Am]:)horen mit Spitzfuß. kuj^'el- 
bauchi^iJ^ und solche mit runder f ulijjlatte. Hecher in Form \'on 
l.otusblumen (z. B. im Louvre, einer ab^eb. bei Gerspach a. a. O. 
S. 15;, Canthari, Büchsen u. v. a. Die Farben sind leuchtend 
und heute noch so frisch wie vor 3000 Jahren, da die ojiak-far- 
big"en Glaspasten nur wenij^' imter der \'erw itteruns^' !u;"elitten mid 
nur selten Iris ang-esetzt haben. \'on der Mannig-faltii^"ktMt und 
Zierlichkeit der Muster und dem Emailglanze der Farben geben 



58 

die Darstellungen der Tafel I einen Begriff, wenn es auch nicht 
möglich ist, die volle Schönheit des Türkisblau, eines glänzenden 
und reichen Grünlichblau, in Aquarell und Farbendruck wieder- 
zugeben. Ich habe in ihnen einige Bruchstücke von Gläsern 
abgebildet, die zum Teile (Nr. ii — 16, i8) von den Aus- 
grabungen in Teil el Amarna herrühren und von Flinders 
Petrie an Professor Wiedemann in Bonn geschenkt worden 
sind. Die Stücke Xr. i — lo stammen aus dem Palaste Ameno- 
phis' III. zu Theben, Xr. ii — 16 aus dem seines Xach folgers 
Amenophis IV. Das Stück Xr. 12 ist glasierter Ton und 
hier zum Vergleiche aufgenommen. Es unterscheidet sich 
auf den ersten Blick kaum von den Glasscherben und er- 
klärt so auch seinerseits wie leicht von antiken vSchriftstellern 
bei ihren Xachrichten über Ägypten Arbeiten aus glasiertem 
Ton mit solchen aus Glas verwechselt werden konnten, wodurch 
manche Verwirrung angerichtet wurde. Der Ohrring Xr. 17 
stammt gleichfalls aus einem altägyptischen Grabe, doch ist 
dessen Zeitstellung nicht näher bestimmt. X'^ichts hindert ihn für 
gleichalterig mit den anderen Stücken zu hidten, aber er kcinnte 
ebenso leicht aus einer der späteren Dynastien herrühren. Das 
Bruchstück eines Pläschchens Nr. 19 ist mit arabischen Sachen zu- 
sammen gefunden und wohl gleichfalls arabisch. In diesem Falle 
wäre es einer der gar nicht seltenen Belege für die Fortdauer 
antiker Tradition, die ja gerade nach der koptischen Episode mit 
neuer Macht auftrat. Fast alle Stücke sind ziemlich dünnwandig, 
durchsclmittlich nur 2 — 3 mm dick, auf der \^orderseite glänzend 
poliert, manchmal, namentlich größere, auch auf der Rückseite, 
die meisten hier jedoch rauh und noch mit Spuren von Form- 
sand und Asche behaftet. Verhältnismäßig die dickste Wandung 
hat das Fläschchen Nr. 19. Die einfachste Art der Zickzackver- 
zierung zeigt Nr. 13, bei welchem das ^Muster nicht vollständig 
in die Masse eingedrückt ist, sondern in leichtem Relief vor- 
steht, was häufig vorkommt. Wellenbänder sind teils in dünnen 
h'äden, teils in breiteren Streifen gezogen. Auch bei X>. i ist das 
Muster leicht erhaben, gleichzeitig die Wandung mit flachen 
Eindrücken versehen, bei Nr. 7 bildet es leichte Wulste. Einen 
ganz ähnlichen Gefäßrand, dessen Hals aber mit mehrfarbigem 
Zickzack verziert ist, besitzt das Österreichische Museum in 



59 



W'icMi.V) I )it" niehrreihil;!'!! Wellen- und /ickzackbänder anderer 
Proben sind dadurch heryt'slellt. dal) man di(^ 1-äden ])arallel 
auf den Gefälikörper aufles^-te und dann mit dem Kamme ab- 
wechselnd hinauf und hinabzoi»". Wenn man nur dieses tat, 
bildeten sich Wellenbog-en wie bei den XX. 2, 3, 6, die unten 
in scharfen Spitzen zusammentreffen: zo^»- man sie auch nach 
oben, so entstand ein spitzwinkelii>-es Zickzack. Besonders schön 
in Formen und Far- 
ben sind die W'ellen- 
muster \'on Xr. 6, 15, 
16 und i.S: letztere 
Art ist in der ah^xan- 
drinischen Industrie 
sehr beliebt ijfewor- 
den. Bei Xr. 5 ent- 
steht anscheinend ein 
unregelmäßiges onyx- 
artiges Geäder, doch- 
ergibt sich bei der 
Frgänzung auch hier 
ein mehrfarbiges Wel- 
lenband. So sehr die 
Xachbildung einfar- 
biger Edelsteinarten 
auch schon in dieser 
ersten Periode ent- 
wickelt war, so finden 
sich doch keine Be- 
weise dafür, daß sie auch l)ereits den Onyx und dit^ r(\gellosen Muster 
verschiedener Marmorarten in (ilasfluß imitierte. Diese pracht- 
vollen Techniken gehören erst der alexandrinischen (ilaskunst an. 
Bei Xr. 8 ist die zusammenlaufende Aderung durch denselben 
Drehprozeß hervorgerufen, der oben bei Herstellung von I'erlen 
geschildert worden ist; deutlich ist zu sehen. \\i(^ der 1^'aden nach 




Abb. 28. Armband der A'hhotep. 
Museum Kairo, Salle des bijou.x. 



^) Herrn Gustos Regierungsrat Folnesics verdanke ich photographische Auf- 
nahmen dieses Stückes, wie anderer antiker Gläser des Oesterr. Museums und des 
k. k. Antikenkabinettes. Die Scherbe wurde zwar in Italien erworben, stammt aber 
sicher aus .Ägypten. 



6o 

der Drehuny abg^eschnitten \\urde, so daß sich ein kleines Plätt- 
chen bildete. Bei Xr. 4 folj^''t der Zug der Fadenwellen den 
senkrechten Rippen, die das Gefäß kürbisartig- gliedern. Den 
äußeren Umriß des Ohrringes \'on leuchtendem, tiefen Kobalt- 
blau begleitet ein aus Schwarz und Weiß zusammengedrehter 
I^oppelfaden. 

Unter den Farben ftillen bei den Bruchstücken mehrere 
Arten von Blau und Gelb, reines opakes Weiß und solches mit 
einem Stiche ins gelbliche und bläuliclie. dann Oninge, Braun 
und Schwarz auf. Besonders schön ist ein tiefes warmes Purpur- 
azur-blau und das für Ägypten kennzeichnende Türkisblau \on 
wundervollem Glänze und höchster Klarheit. Es bildet d(^n 
Grundton \'on Xr. i, 2, 8 und 16 und kommt in einzelnen Streifen 
auch in Xr. 6, 15, 18 und auf der glasierten Tonscherbe vor. 
Grün, Rot und Violett fehlen hier zufällig, sind aber sonst in Teil 
el Amarna häutig \ertreten gewesen. 

Aber man \erstand zur Zeit der 18. Dynastie nicht nur 
das Glas im weichen Zustande zu bearbeiten, sondern auch im 
erkalteten zu scimeiden und zu graxieriMi. Den an die Bearbeitung 
der härtesten und s])rödesten Gesteinsarten gewohnten Ägyptern 
bot auch das Glas dabei keine Schwierigkeiten. Schon der feine 
Schliff der zu Gefäßen modellierten Pasten und der Perlen gibt 
Jtmen Unrecht, welche den Agvptern dir Ivcnntnis des Dreh- 
stuhles absprechen wollen. In Teil el Amarna und an anderen 
(jrten fanden sich zahlreiche Stücke mit isolierter Ober- 
fläche und eingeschnittenen oder gra\'ierten \"erziervnigen, so 
mehrere Fingerringe, \i und das Stück einer o])ak-weißen gläsernen 
Schüssel, die .Vlabaster oder ähnlichen Stein nachahmte und 
tief eingravierte Verzierungen hatte, die wahrscheinlich für far- 
bige Einkigen bestinmit waren. (Eine derartige Tauschierarbeit 
in Glas, eine der idlergrößten vSeltenheiten, gleichf^üls eine Schale, 
befindet sich unter den alexandrinischen Arbeiten des Museums 
in Xeapel.) Flinders Petrie fand ferner zierlich geschnittene Vo- 
luten aus blauem (ilase, die wahrscheinlich in gleicher Art zur 
Einlage in Alabaster bestimmt waren, wie sie der Alabiisterfries 
von Tiryns mit seinem Schmucke kleiner blauer Glasflüsse zeigt; 



1) Abgeb. bei F. Petrie a. a. O. T. XIV, 23, 53. T. XV 133. 



6i 

außerdem zalilreiche aus farbii^-cm Glase g-eschnittene lliero- 
s^iviiluMi zum runlt^uvn in die Wände. Die aufg-efundenen Farben- 
sorten sind \iel zahlreicher, als tue oben ^geschilderten Scherben 
vermuten lassen. Würde man die vielen Hunderte von Glas- 
stäben, in welchen sie zur Bearbeituni^- Ix^reitstanden, nach der 









Abb. 29. G;illischc [-"niailfibeln. 



Fiirbe ordnen, kc'inntt^ man \on derselben Farbe doch nur i^'anz 
wenijr jrleiche zusannncMibring-en. Es gibt Purpurrot, opakes 
Violett, Blau, (jrün, Gelb in zahlreichen Abschattierungen, opakes 
Rot, Schwarz und Weiß. Die Abstufungen von Blau und Grün 
sind unendlich. P'ast alle Farben sind sowohl durchsichtig wie 
undurchsichtig \ertreten. 

Von hervorragender Schönheit sind unter den Arbeiten der 
18. Dynastie und späterer, auch noch der saitischen Perioden, 



02 

die z^ihlreichen .Schmucksachen, wie Armbänder aus Glas, mit 
welchen man auch Statuen an den 1 landg-elenken schmückte, 
Ring'steine, Amulette und Besatzstücke verschiedener Art, welche 
in Hohlformen aus farbig-en Glaspasten g^epreßt und häufig- noch 
mit andersfarbigfem Glase dekoriert wurden. Mehrere solcher 
llohlformen besitzt das Musee du Cinquantenaire in Brüssel. .Sie 
rühren neben zwei Bruchstücken von Schmelztieg-eln mit ver- 
g-laster Paste und anderen Werkzeug^en aus den Funden von 
Teil el x\marna her ^) und zeig^en Zierschilder mit dem Namen des 
Königs und der König-in, Einsatzstücke für Ring-e, Aug-en, Lotus- 
blumen, tanzende und musizierende Bes, Fische, Palmetten, Scara- 
bäen, Ochsenschenkel, das Hierog-lyph des guten Lebens, Früchte, 
Blumen, Formen für runde und längliche Perlen. Amulette 
spielten im Leben der Ägypter eine große Rolle, eine noch 
größere im Totenkultus. Die Stelle des Körpers, an welcher ein 
Amulett g-etragen werden mußte, war g^enau bestimmt, auf Mu- 
mien bildeten sie eine wahre magische Ausrüstung.") Besonders 
häufig sind unter ihnen kleine Götterfigürchen aus farbigen Pasten, 
manche mehrfarbig, aus \'erschiedenen -Stücken zugeschnitten und 
in einen gemeinschaftlichen Grund eingeleg^t, auf der Vorderseite 
leicht g-erundet, rückwärts flach, wie es die -Stücke aus der 
Sammlung -Somzee im Brüsseler Museum''), solche im Louvre, 
im Britischen Museum, in der Sammlung- \on Bissing zu München, 
im Museum zu Kairo und zahlreiche andere zeigen. Außer Götter- 
figuren kommen solche von Tieren, Geräten des täglichen Ge- 
brauches, von 11 erzen, Augen, kleinen Säulen u. a. vor. Jaspis, 
Lapis Lazuli, Carneol, der schwarze ( )bsidian, wurden dabei ziem- 
lich geschickt nachgemacht, wenn auch damit durchaus nicht die 
Absicht der Täuschung verbunden war. .Vus mehreren Glas- 
stücken verschiedener Farbe ist eine schöne Einlage in Form 
eines Fisches zusammengesetzt, die angeblich aus Teil el Amarna 
stammt, und sich in der Sammlung- \'on Bissing- in München 
befindet. Sie ist etwa lO cm lang und zeigt auf azurblauem 
Grunde einen silberg-rauen karj^fenartigen Fisch mit rot-schwarzen 
Augen und roten Flossen, die einzelnen Schup])en durch dunkel- 

^) Vgl. Capart a. a. O. S. 26. 

-) Wicdemann im Bonner Jahrbuch 83, S. J 1 5 f. 

•') ibd. Abb. Fig. 24. 



63 

braune bot^eiiförmig-e EinlaL;-en angedeutet. Das Ganze ist von 
vortrefflicher, lebendig-er ZeichnunL;-. \'ielleicht g-ehört die Arbeit 
erst in idexandrinische Zeit. Ein ^anz ähnlicher Fisch gleicher 
Herkunft befindet sich im Österreichischen Museum in Wien. 
(Abb. lo.) Aus farbig-en Glaspasten geschnittene I lieroglyphen 
und Zierplättcheii wurden in Säulen, Friesstreifen und andere 
Teile \on Pjauwerken, in Sarkophage, Mumienhüllen. Statuen, 





Abb. 30. Gallische Emailfibeln. 

MTilx'] usw. eingesetzt, man maclite ganze 1 lierogl\])lien-ln- 
schriften auf diese Art und rahmte sie in Ilolz, SttMu oder 
Metall ein. Besonders j5chön ist diese Dekoration an den zwei 
Särgen der Mumie von Xotemit (Net'em — t, um iioo), Mutter des 
Pharao i Irilior-Siamon entwickelt.^) Das Äußere ist \"ollkommen 
mit dicken Gold])latten belegt, nur die Frisur und einige Einzel- 
heiten sind freigelassen, welche (^benso wie di(^ einen grollen Raum 
einnelimenden 1 lieroglvplien-lnschriften und die ( )rnamente aus 
farbigen leuchtenden Glaseinkigen bestehen. Die Mumien \om 
Fayün waren in (fips oder Stuck eingebett<^t und dieser Über- 
zug mit figürlichen Szenen und Hieroglyplien aus farbigen Glas- 



^) Maspero a. a. O. S. 249. 



64 

einlag-en g-eschmückt. Bei einfacheren Mumien beschränke man 
sich darauf, diese Ausstattung- mit Farben aufzumalen. Die größten 
figürhchen Darsteüungen waren aus verschiedenfarbigen Glas- 
stücken mosaikartig zusammengesetzt und zugleich mit dem Grab- 
stichel in Relief ausgearbeitet. So hat die Königin Mail alle 
nackten Teile, Gesicht, Hände und Füße türkisblau, die Frisur 
dunkelblau, die Fäden im Haarnetz abwechselnd hellblau und 
gelb, das Kleid zinnoberrot. In der Nähe \'on Daphne fand man 
einen Naos aus Holz und dabei die Reste eines gleichfalls 
hölzernen Sarges, \on dessen dunklem Grunde sich die direkt 
in das Holz eingesetzten Hieroglyphen aus 
farbigen Gläsern glanzvoll abheben. Das 
Ganze macht einen ungemein reichen und 
])rächtigen Eindruck. Besonders beliebt 
waren die farbigen Glaseinlagen in der 
saitischen Periode (721 — 332)^), ebenso die 
kleinen Schmuckpasten. Aus der saitischen 
Periode stammen Glaseinlagen der Samm- 
lung von Bissing, von w^elchen freilich ein 
Abb. 31. Große Glaskugel. Teil durch Brand zerstört ist. Die einen 
Sammlung von i'.issing. sind einfarbig, die iinderen zeigen die ein- 
zelnen Körperteile der Figuren in \er- 
schiedenen Farben. Am häufigsten sind stehende Figuren \"on 
Gottheiten, Sjihinxe und Boote, die sog. Sonnenschiffe. Doch 
reicht die Sitte der (ilaseinlagen in Holz, namentlich in Mumien- 
särge, teilweise bereits bis in die 12. Dynastie hinauf, um unter 
den Ptolemäern, wie der pracht\olle mit Glas inkrustierte Thron- 
sessel des Museums \-on Turin zeigt, zugleich mit den anderen 
Glastechniken sich zu höchstem Glänze zu entfalten. 

Außerordentlich in Blüte stand außer der (rlasindustrie die 
Glasur \'on Ton waren, eine verwandte, mit beinahe gleichem 
Material arbeitende Technik. Diellälfte der in unseren Museen 
befindlichen vStatuetten von Sklaven für das Jenseits, der sogenannten 
Uschebtis, \on Göttern, Kr)nigen, Tieren, dann der Scarabäen, Amu- 
lette und Zylinder aus Kalkstein, Tignit, Ton, Steingut und anderen 
Stoffen sind mit leuchtenden farbigen Glasuren überzogen, die ihnen 



^;<^ß^ 






^) Wiedemann a. a. O. .S. 21^ 




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65 





oft das Ansehen fcirl)i,i;"er (ilaspasten verlcilien. Man findet Arbei- 
ten \ on jrlasiertem Ton schon in den ähesten ä^-yptischen Bauten. 
Zu den frühesten y-(»li(")reii (he Sieg"elzy]in(h'r. khMn(\ meist sech.s- 
seitig'e I'rismtMi mit (ilasiir in x-erschiedencn I^'arljen. die ältesten 
g-elbhchweil), an den StMtenflächen mit eini^-esclmittenen lliero- 
i^'lyphen \erziert, die in W'achssiei^'el ^d^j^'edrückt wurden. \'on 
derselben Art sind (hi- späteren assyrischen und l)al)\lonischen 
Sieg"elzylinder. Ilnien fol^ttMi die Siei,''elsteine in I^Orm des heili- 
g'en Käfers, die Scarabäen, die auf der unteren flachen Seite 
mit J liero!L;'l\])hen s^TaN-iert wurden. Außerdem fand der Sciira- 
bäus als Amulett und Zierstück zu allen Zeiten un- 
i^'emein reiche \'erw «Miduny. Zur Zeit des Menchera 
(4. Dynastie, imi 4200 lüs 4000 \or Chr.) waren schon 
beide Arten der Sieirelsteine in (iebrauch. Das Mate- 
rial, aus welchem sie bestehen, ist verschiedenartis^'. 
Der eine Ton ist weif) und sandig", der andere fein. 
lichtg'rau, beide durch Puherisierung" eines Kalk- 
steines i,'"ewonnen, der sich in eroßer Ausdehnung- bei 
Quench, Luxor und Assuan findet, dann ein dritter 
rötlich, mit Kreide und Ziegelpulver g-emischt. Diese ^bb. "2. 
Tonarten sind g'leichmäßig unter dem unzutreffenden Aggry- Perle. 
Xamen .,äg"V])tisches Porzellan oder Fayence" bekannt. 
Man preßte das angefeuchtete schlammartige jNIaterial in ] lohl- 
formen aus gebninntem Ton, tauchte die geformten Gegenstände 
in noch weicluMU Zustande in feinen ( dasstaub luul brachte sie so 
ins Feuer. Beim Schmelzen legte sich die farbige Glasur wie eine 
feine Haut über alle Teile. Doch ist diese Technik nur bei kleineren 
Stücken, besonders Scinnucksachen, nachw(üsbar. Bei anderen 
wurde das Stück vor der ( dasiu" einmal gebrannt, w obei bereits die 
Kieselsäure austrat imd einen leichtt'u glasartigen L'lierzug bildet(% 
dann in flüssige ( dasiu- eingetaucht, mit sok-her benialt oder übt^r- 
gossen. Bei (iefäßen i-^t oft im Inneren der unregelmäßige l'])er- 
lauf der Glasur zu bemerken. I)i(^se ist sehr \-erschieden. An den 
ältesten Stücken ist sie fast glanzlos und Tudierst dünn, so daß 
sie nur in den X'ertiefungen der i iierogbphen und andt^ren ein- 
geschnittenen \'erzierungen, den Gesichtszügen u. dgl. sich ansam- 
melt und dort durch ihren dunklen (ilanz malerisch von den matt 
gebliebenen Teilen absticht, in den alten D\ nasiien überwiegt 

Kisa, Das Glas im .■\ltertiimo. r 



66 

weitaus die lichtgrüne GUisur, doch wurde die gelbe, braune, rote, 
blaue, violette keineswegs verschmäht. Von den ersten Jahren des 
mittleren Reiches an (um 3000) herrscht ßlau vor und zwar in 
zwei Hauptstufen, einem w^eichen leuchtenden Lapislazuliblau und 
dem den Türkis nachahmenden schönen Grünblau. Im Museum 
\on Bulak standen drei Nilpferdchen mit jenem wundervollen 
LajMslazulibkiu. das man erst nach 2000 Jahren wieder gleich 
prächtig und rein findet und zwar in den Totenfigürchen von 
Deir-el-Baliari. Das Grün tauchte in der saitischen Epoche wieder 
auf, aber etwas abgeblaßt; es herrschte da im Norden, in Mem- 
])his, Bubastis und Sais \or, ohne jedoch das Blau ganz zu \er- 
drängen. Türkisblau fand mit Beginn des neuen Reiches (um 
1600) am meisten Anklang und behauptete sich \'on da ab bis 
ans Ende als 1 hiuptfarbe. Die dicke })astenartige Eayencegkisur 
gehört x'orwiegend in den Beginn des neuen Reiches.^) Auch die 
Gläser folgten in den Grundfarben diesen wechselnden Moden. 
Andere Nuancen traten in den ersten vier bis fünf Jahrhimderten 
des neuen Reiches auf, von Amos 1. bis zu den Ramessiden; 
nur da tindet man die Dekorationen in Weil) auf Rot, die Lotus- 
blumen, die gelben, roten und \ioletten Blümchen und .Streif- 
muster auf Dosen.") Die Töpfer aus Amenophis' III. Zeit (18. 
Dynastie) hatten eine besondere Vorliebe für graue und violette 
Farben. Die Herstellung vielfarbiger Glasuren scheint in der- 
selben Periode unter Amenoiihis I\". ihre höchste Entwickt^ung er- 
reicht zu haben, wenigstens haben sich die feinsten und elegan- 
testen vStücke gleichfalls wieder in Teil el Amarna gefunden. Gelbe, 
grüne und violette Ringe, weiße und blaue Blümchen, Fische, 
Gran^lten und Weintrauben bilden die beliebtesten PTemente der 
Verzierung. Hier kam auch ein Tonfigürchen des Hör zum Vor- 
schein, mit blauem Körper und rotem Gesichte, ferner ein Ring, 
auf dessen blauem Kasten der Name des Königs in Violett aus- 
gespart ist. Die kleinsten und feinsten Muster sind mit so sicherer 
Hand aufgesetzt, daß die Farben nicht ineinander laufen, sondern 
scharf abstechen. P^in Fharaonenkopf avis mattem Blau trägt 



^) Vgl. V. Bissing, Die altägyptischen Fayencegcfäßc. Catalogue general du 
Musee du Caire. S. XVI. 

'^) Maspero a. a. O. S. 252 f. 



67 



eiiK'U Kojjfpulz mit (lunkclljhiucii Streifen. Das Meisterstück 

der ganzen Klasse kleinerer iunaily-lasuren ist die MumienhüUe 

des ersten Propheten des Amon I'tah in-i Museum \on ßulak 

mit ihrem reichen Schmucke von I lierogiyphen und Ornamenten 

in glasit^rten Tonreliefs, wobei sich die glänzenden Emailfarben 

von dem w cilleii (irunde fast ebenso jirächtig abheben, wie die 

eingelegten (rlasj)asten des h()lzern<Mi Sarges \-()n Dajjhne. (iesicht 

inid Hände sind türkisblau. 

der Kopfputz gelb mit 

violetten Streifen : violett 

ist auch die llit^roglyphen- 

schrift und der (reier, der 

stMue Fittige auf der I>rust 

der Mumie entfaltet. Der 

(iesamteindruck ist trotz der 

Lebhaftigkeit der Farben 

harmonisch, die Zeichnung 

der Umrisse von großer 

Schärfe. 

Von der i8. bis zur 
20. Dynastie waren die Ful)- 
Ijecher in Form eines Kegel- 
stutzes besonders in Mode, 
die gewöhnlich wie ein halb- 
entfalteter Lotuskelch deko- 
riert worden sind. Ein schö- 
nes mit dem Xamensschilde 
Tutmosis' IlL \ersehenes 
Stück dieser Art ist im Münclieiier 
während der „Führer" als Material i-'ayence angibt, erklärt es Pro- 
fessor V. Bissing mit Recht für Glas, ein neuer Iieweis für die oft fest- 
gestellte Tatsache, daß Gläser und glasierte Tonarbeiten d(^s alten 
Ägyptens schwierig zu trennen ->ind. .Xuch Dr. Kiezler und andere 
sachkundige Px'urteiler treten tür (das ein. ich selbst schließe mich 

Vi Vgl. Christ, Führer, No. 630, S. 117; v. Bissing a. a. O. S. XVlf. Eine 
ungenaue Abbildung des Münchener Bechers bringt auch Deville T. VIII A. Im 
Texte ist weder angegeben , was diese Abbildung vorstellt , noch wo sich das 
Original befindet. 

5* 




Abb. 



^3. Schema des sog. Gralsbechers. 
Genua. 

.\ntiquarium '1 i.\l)b. 31. .\ber 



68 

ihnen, nachdem ich frühere Bedenken überwunden habe, nunmehr 
an. München kann sich demnach rühmen, mit dem Britischen 
ATuseum eines der beiden ältesten sicher datierten Gkisgefäße zu 
besitzen. Der Becher Tutmosis' III. hat etwa die Form unserer 
Eierbecher mit leicht j^-eschweifter Wandun^t^ und kurzem Fuße 
ist türkislilau «^'lasiert, oben mit einem Dopj^elg'ehän^e in gelben 
und schwarzen Wellenfäden, initen mit einem g"leichartigen, aber 
bloß aus drei weiten Wellenboj^en bestehenden Zierrate versehen. 
Dazwischen ist ein schwarzes Rähmchen mit dem Königsnamen 
aufgemalt. Die llauptzeit der Kelchbecher verlegt \'. Bissing 

freilich erst in die 22. Dynastie und die 
Folge, also ca. 900 — 700 vor Chr. .Auch 
Kugelbecher waren damals beliebt, die 
auf kobalt- oder türkisblauem Grunde 
schwarz aufgemalte mystische Augen, 
Lotus, Fische, Palmen u. a. zeigen. Im 
Museum von Kiiiro befinden sich leuch- 
tend glasierte Tongefäße in Form von 
gehenkelten Kreuzen, Didu - Zeichen,^) 
runde Bälle, viereckige Büchsen und 
große Ringe von sehr lebhafter und 
reiner Emaillierung. Neben diesen älteren 
Sachen, welche beweisen, daß die Cilasurarbeit den Ägyptern 
damals trotz allem geläufiger war als die schwierigere Bearbei- 
tung des Glases'-) — Plumpheiten, wit^ bei der Londoner Vase 
Tutmosis HI. und den Bechern der Nsichonsi kommen nicht 
häufig \ or — ist ein Prachtstück der Ptolemäerzeit nicht zu über- 
sehen. Es ist ein Gefäl] von 21 cm 1 leihe und 20 Durchmesser, 
von lasurblauer Grundfarbe, Hals und Fuß mit Girlanden und 
IMumen in R(4ief und liclitgrüner Cxlasur geschmückt. Die eine 




Abb. 34. Schema des Hechers 

Theodelindes. 

(Cuppa). Monza. 



') Zalilreichc derartige Amulette sind im Münchener Antiquarium und in der 
Sammlung F. \V. v. Bissing. Sie bestehen aus verschiedenen Materialien, aus glän- 
zend glasiertem Ton, Glas, Lapislazuli u. a. und erreichen acht und mehr cm Höhe. 
Sie gleichen einer Säule mit mehrfachen Kämpfergliedern auf einem Lotuskapitell. 
Die Form ist noch unerklärt, da sie in der .\rchitcktur nicht vorkommt. Der heilige 
l'feiler Didu, Ded, als Schriilzeichen = bleiben, dauern, spielt im Osiriskult eine 
große Rolle. 

'•^1 Wiedemann a. a. O. 



69 



I lälfte dieser in Sakkarah irefundenen Vase ist alt, die andere 
14'eschickt ero-änzt. Eine y-hMch alte Stiituette eines Hundes sowie 
StatuctttMi \on (jöttern und (jenrefi^ürchen sind allcrdini^-s 
plumper in der Modellierunj^'. aljer von leuchtender I 'rächt in 
den Glasuren. ^) 

Weit älter als die Skarabäen, Schmuckstücke. Amulette 
und Gefäße sind einzelne Teile arc^liitektonischer Dekora- 
tion aus g-lasiert(>m Ton. In König"spalästen lialxMi sich zahl- 
reiche Platten zur W'andbekleiduniJ' erhalten, die teils (Mufarbi^^" 
JL>iasiert, teils bemalt, teils durch farbii^'e Reliefs und l^inlatren ver- 
ziert sind. Schon 
die Stufenpyra- 
mide \-on Sakka- 
rah, welche für 
den ältesten ])yra- 
midenartig"en Mo- 
numentcübau des 
Wunderlandes yilt 
luid einst ein 




^7 c b 

.■\bb. 35. IVclicr der frühen Kaiserzeit. 

Opakfarbiges (ilas. 

a Schatz von S. Marco, Venedig, b Genua, Palazzo Bianco. 

c Neapel, Museum. 



is.(imy"ss4Tal) em- 
schlol), erfr(/ute 
sich bis Zinn \n- 
fani^'e des vorig'en 
Jahrhunderts eines 
derartii^i^en .Schinuckes. ') Eines ihrer (iemächer war zu drei Viert- 
teilen mit rechteckiiren ufrünen Fliesen bekleidet, die auf)en leicht 
kon\-(^x y-ebo.iren, auf der Imienseite s^anz flach und mit einem 
Za])floche versehen waren. Die fliesen standen auf den Schmal- 
seiten auf Um die rechtecki,ye Türciifnunt^- schlang- sich ein 
Rahmen aus breitg-estellten l'liesen j^-leicher (jrölk\ luiter w eichen 
farbii^-e, undekorierte mit h(41,i>-elblichen abwechselten, die mit 
bunten 1 liero^i>-lyphen \erziert waren. Die Decke hatte ein q-roßes 
Sternenmuster, g'elb auf hnu^htendeni 1 limmt^lblau. Die Tür be- 
findet sich jetzt im lierliiier Museum. Zweitausend Jahre s])äter lief) 



1) Maspero, Guide, engl. Ausgabe S. 361, 449. 

2) Lcpsius, Denkmäler II T. 2. Maspero a. a. O. S. 256., Fig. 230. Vgl. 
Üorchardt, /eilschrift für ägyptische Sprache III S3 f. 



Ranises III. in Teil el Jahudi einen g"anzen Tempel mit farbij^'en 
Tonglasuren ausstatten. Dabei wurde ein eijj"enarti^es »System 
beobachtet. Die Platten, welche zumeist ornamentalen Schmuck 
haben, Rosetten, Pfliinzenmoti\e, ijfeometrische Fig^uren, Voluten, 
Ranken, vSpinneng^ewebe, sind klein zugeschnitten und mosaik- 
artig mit feinem Zement aufg"esetzt. Der Grund ist jjfrau oder 
blau, die Blümchen, das Netzwerk u. a. gelblich weiß. Einige sind 
reliefartig" g'earbeitet, andere ihrerseits mit farbigen Einlag'en 
x'ersehen. Der Tempel hatte ein traurij^es Schicksal. Zu Be- 
i^'inn des vorii^en Jahrhunderts entdeckt, zoj^ er die Aufmerk- 
samkeit Champollions auf sich, der einig^e Reliefs mit Darstel- 
lung-en von Gefangenen, die gleichfalls zur Bekleidun^j- der Wände 
i4"edient hatten, für das Louvre erwarb. Der Rest ward durch 
J ländler nach allen IJimmelsrichtunfjfen zerstreut, doch j^'"elani^'" es 
Mariette einige der wichtigsten Fragmente wi(^der zu sammeln, 
darunter eines, das den Namen des P>bauers, Ramses III., ent- 
hält, Bordüren von Fötus und \T)geln mit Menschenhänden. 
Köpfe von äthioj)ischen und asiatischen Sklaven u. a. ^) 

Eine Art farbiger Pasten reicht bis in die Zeit der 6. Dynastie 
zurück. In den Gräbern des N(4'ermat und der Atet in Medüm") 
sind die Verzierungen und Eiguren in Stein eingeschnitten und 
mit farbigen Pasten ausgelegt, die zumeist glatt abgeschliffen 
sind, mit Ausnahme einiger am Eingange, welche Reliefs zeigen. 
Dieses neue System war eine Erfindung Nefermats, der be- 
obachtet hatte, daß die Farben der bem^dten Skulpturen ab- 
blätterten und durch den Regen \erwaschen wurden. Er sagt 
selbst in einer Inschrift, daß er seinen Göttern dieses Werk in 
un\erderblicher Farbe gemacht habe. Die Skuljitur seines Grabes 
ist vertieft gearbeitet und die Ecken unterschnitten, so daß sich 
die farbigen Füllungen tnnfügen ließen, welche zur größeren 
Sicherheit auch noch \erzapft wurden. Die Einzelheiten an 
Fig'uren, z. B. die Perrücke und das Gesicht, waren oft von ver- 
schiedener Tiefe, wodurch ebensowohl die vSchattenwirkung wie 



^) Abgeb. bei Maspero, archeol. egypt: Fig. 235. Vgl. K. B. Hofmann, Leber 
die .Schmelzfarben von Teil el Jehüdye in der Zeitschrift für ägypt. Sprache XXIII 62 f. ; 
Lewis, Tell-el-Jahoudeh in Transact. of the See. of Bibl. Archaeology VII 177 und 
A. Dedekind, ägyptologische Untersuchungen S. 159 f. mit Abb. 

-) Fl. Petrie, Medüm S. 24 f. 



die Festii^'keit erlu'iht wurde. Ivlcine Einzelheiten \-erschied(nier 
Farbe, wie die Gesiehtszü^'-e, das Gefieder eines Vogels u. a. 
wurden dargestellt, indem man die Umrisse in (^ine Paste ein- 
schnitt und sie mit Stückchen anderer Farben füllte. Oft wurde 
für die unteren Teile eine minderwertige Paste verwendet, und 
diese durch wertvollere gedeckt. Aber so schwierig diese Art 
des farl)igen Wandschmuckes war. hatte si(^ doch unter den Unbil- 
den der Wit- 
terung eljenso 
zu leiden, wie 
die bemalten 
Reliefs. Die 
farbigen Pas- 
ten fiel(Mi he- 
raus und w ur- 
den zerstört. 
Außerdem hat 
die Wirkung 
des vS^llzes, das 
in Agv])ten 
überall \or- 
kommt, vieles 
\on dem was 
blieV) in loses 
weißes Pulver 
vcrwandelt.Die 
Untersuchung 
der Pasten 

durch F. C. j. Sporrrll ergal), daß sit\ das Weiß ausgenommen. 
mit einer Art Miistix oder (iummi gemisc^ht und gekocht sind: in 
anderen Stücken dagegen fand man eine un^tM-er Gelatine ähnliche 
tierische Masse. Diese Einlagen sind also ebensowenig als Email 
oder Glas zu bezeichnen, wie di(^ altägyptischen Sclnnuckeinlagen. 
Glasurwerkstätten lagen in Teil el Amarna dicht neben 
denen für Glasbereitung. König Amenophis I\^.. der Erbauer 
des dortigen P^dastes, war ein gro(5er Freund l)eider Industrien. 
Ganze Mauern wurden unter seiner Regierung mit glasierten 
Ziegeln und Hieroglyphen bedeckt, gewaltige Statuen aus gla- 




<l I) C d 

.•\bb. 36. (lläser der frühen Kaiseizeit. Opak-farbig. 

(1 Mailand, Museum Poldi-Pezzoli. \) Stuttgart, Museum. 

C Neapel, Museum, d Trier, l'rovinzialmuseum. 



/- 



siertem Ton bewiesen, daß die Technik allen Schwierig-keiten un- 
g-ewöhnlicher Größenverhältnisse zu trotzen vermochte. Ein voll- 
endetes Beispiel der architektonischen \"er\vendunj^ der Tong-lasur 
ti"il:)t ein Saal des Harems von Teil elAmarna.^i Während sich 
in ihm keine vSpur steinerner .Säulen zeij^t, findet man Mengen 
g'erippter und glasierter Ziegel, mit welchen man Säulenschäfte 
bekleidet hatte, um sie zu Pflanzenbündeln auszugestalten, wie 
man es ja auch in Stein tat. Bei der Ornamentik wurden Blumen- 
motive, besonders Lotusblüten und Knospen, mit \"orliebe ver- 
wertet. Man setzte sie als Schmuck zwischen die Rippen der 
Kapitelle ein und umschnürte diese am Ansätze des Schaftes 
mit Bändern aus heller, oft vergoldeter Bronze; iiuch die Längs- 
ri])pen selbst wurden vergoldet. Flinders Petrie bildet ein 
Lotuskapitell in Farbendruck ab, dessen Blattrippen dicht mit 
kleinen schmelzartigen Einsätzen, abwechselnd in Blau und Gold 
besetzt und mit Goldstreifen eingefaßt sind. Der Grund ist wie 
bei Arbeiten in Grul:)enschmelz in kleinen runden, drei- und 
viereckigen Feldern ausgestochen und darin Blättchen \'on blau 
vnid rot glasiertem Ton eingelassen. Neben der breiten Mittel- 
rip])e jedes Blattes sind auch die schmalen Fassungen der kleinen 
Felder vergoldet, so daß das Kapitell den Eindruck einer prunk- 
vollen Emailarbeit ungewöhnlicher Größe macht. ') Breite Bänder 
in Blau. Rot und Gold umschnüren es am Ansätze des Schaftes. 
Beim Anblicke eines solchen Stückes erinnert man sich der Be- 
richte antiker Schriftsteller über die „gläsernen" Säulen der 
Ägy]:)ter. Man wird wohl nicht irre gehen, wenn man annimmt, 
daß solche mit ltaichtendt>n. farben]:»rächtigen (ilasuren und \"er- 
goldungen bedeckten Säulen \on ihnen für Glas gehalten wurden, 
zumal Glas und Glasur mit denselben Substanzen arbeiten. 
Gerspach meint daß sogar Kenner von heute bei altägyptischen 
Arbeiten in glasiertem Ton oder in Glas die beiden Materialien 
mitunter nicht genau durch bloP)en Augenschein unterscheiden 
könnten.^) Um wie viel leichter ist eine \"erwechselung bei 
einem antiken Schriftsteller und Reiseberichterstatter denkbar. 



ij Fl. Petrie, Teil el Amarna. Plan auf T. XXXII. 

-) ibd. T. vi. 

'') Man denke an die Müncliener \'ase Tutmosis' III. 



dem es nicht so sehr auf technisch j^"enaiie Beschreüjuns^ als 
auf eine präi^"nante W'iedcry-abe des Kindruckes aid-cam und dem 
technische Kenntnisse abg'ini^'"en. 

Auch die Wände wurden in Teil el Amarna mit ijlasierten 
Tonpkitten geschmückt. In einer gTolien 1 lalle an der West- 
seite des Palastes fand man in (Muer Ausdehnung \on üIxm- 
200 Fuß grüne ?dies])latt('n mit Margarethen, l)ist(4n und an- 
deren Pflanzenmüti\"(Mi. l-"ußbodenplatten waren mit stilisierten 
^Vasser^vellen, Fischen und Lotus bemalt und 
damit das Ufer des Xils oder emes Sees nach- 
gebildet; in steinerne Mauern waren glasierte 
Ornamente, A'ogelgestalten und I lieroglyphen 
eingelegt. Natürlich benutzte man auch hier 
die Glasur zum Schmucke des Hausrates. ^Man 
entdeckte Scherben von Schüsseln in phantasti- 
schen Mischformen, halb Fisch, halb gelbe 
Melone oder grüner Flaschenkürbis, wahrschein- 
lich Teile des königlichen Tafelservices, \^asen 
mit ein- und aufgelegten Mustern \-on Figuren 
und Blumen. Unter den Farben war die Ein- 
lage von Dunkelblau in Lichtblau, \on Hellgrün 
in ^"iolett. von d rasgrün in Dunkeh'iolett vor- 
herrschend. Am häufigsten aber befanden sich türkisblau mit weißen 
unter dem glasierten Ton .Statuetten und kleine Fäden. Frühe Kaiser- 
Schmuckstücke, Z. B. Fingerringe^), Besatz- zeit. Aus Köln. Breslau, 
stücke, die auf Kleider genäht wurden"'), .Vn- 
hänger in Form von Früchten"), Zierschlangen. 
Köpfe von Gottheiten^). Blumen für eingelegte 
Arbeit'') und i iieroghphcn "1. Man fand zu 
.Stücken die Hohlformen aus gebranntem Ton, welche auf der 
Rückseite den Abdruck der Handfläche oder der Finger zeigten. 
L'ntt^r den noch nicht glasierten Exemplaren waren Tonperlen 




Abb. 37. Kännchen, 



Schlesisches Museum f. 
Altertümer und Kunst- 
gewerbe. 

allen di'rartiij'en 



^) Fl. Petrie, Teil el Amarna. T. X\[ i6i — 240. 

-) ibd. T. XVI 57, 50, 260, 436. 

8) ibd. T. XVI 291 tr. 

') ibd. T. XVI 322 — 327. 

6) ibd. T. XVI 456—506. 

«) ibd. T. XVI 241—269. 



74 

von solcher Zierlichkeit und Exaktheit der kleinen ^Muster, daß 
man als Material für die Formen den feinsten weißen Formsand, 
vielleicht zermalenen Quarz annehmen muß. 

Die räumliche Verbindung- \'on Glas- und Glasurwerken, 
wie sie in Teil el Amarna und auch anderwärts beobachtet ist, 
beruht keineswegs auf einem Zufalle. Beide arbeiteten mit dem- 
selben Rohmaterial und teilweise mit denselben Formen. Sie 
halfen sich g-egenseitig aus, selbst die Ofen dürften manchmal 
beiden Zwecken gedient haben. Gefäße, Schmucksachen, farbige 
Einlagen, wiederholen sich genau in Glas wie in glasiertem Ton, 
die Arbeit in Ton lieferte als die ältere und beweglichere jener 
in Glas die Muster. Die Behandlung mit (jlasur mußte den Ge- 
danken nahe legen, diesen Stoff selbständig, ohne Unterlage 
von Ton zu verwerten und so den Anstoß zur Erfindung der 
Glasarbeit geben. Nicht jenem .S]iiele des Zufalles, das 
sich am Strande des Belus xoHzog^en haben soll, ist die 
F^rfindung des Glases zu danken, sondern Jahrhunderte 
langer Beschäftigung mit der Tong-lasur und danach 
mit den zur Erzeugung»- des Glases nötigen Rohstoffen. 
Dal') dies iiber zuerst in Agvpten geschah, ergibt sich aus dem 
hohen Alter der dort gefundenen (jlasuren und Gläser, welche 
in der Zeit den gleichartigen P>zeugnissen anderer Völker weit 
\orauseilen. 

Die ursprünglichste selbständige \>rwendung des Glases 
war die in Form farbiger Pasten, die zu kleinen .Schmuck- 
gegenständen, Einsätzen etc. durch Tro])fen. Aufg-ießen, Pressen 
und Schneiden \erarbeitet wurden. Ihr folg-te allmählich die 
weitere Ausnutzung- zu Gefäßen und architektonischem Zierrate. 
Seitdem durch die Funde \on Glaswerkstätten jeder Zweifel 
daran verschwunden ist, dal) die in (rräbern der ii. bis zur 
20. Dynastie \-orhandenen Gläser im Lande selbst hergestellt 
wurden, ist der Ruhm der ]-)hönizi.schen (xkismacherei ver- 
blalk.-^) Es waren ägy])tische (ilasgefäße, \or allem Glas- 
perlen und andere kleine Schmucksachen aus farbigen, Edel- 
steinen ähnlichen Pasten, welche \on dem betriebsamen Ilandels- 



^) Auch in den Griibern von Kahün , welche der XIII. Dynastie angehören, 
hat Petrie Glas gefunden. Vgl. l'etrie, Kahün S. 32. 



75 

\-olke an den l\.ü>tcn des Mittflmfcres und tief in das Binnen- 
land hinein \ t^rhreitet wurden. Die Bewohner der i^Tiechischen 
Insehi. (He IvkMnasiaten, die Kelten der iberischen Halbinsel 
hielten den Kaufmann, der ihnen die üflänzenden, farbenprächtisjfen 
(iebilde \-erinittelte. auch für den l>heber dieser Schätze. Aber 
selbst die ihnen bisher zuj.if-eschriebenen \>rdienst(^ um die Vvr- 
breituny der Industrie bedürfen starker Kinschränkunt,»-. Zwar ist 
es jrewil). dali sie \"on ihren afrikanischen Pflanzstätten aus 
sowie auf dem St'ewet>t^ in das Innere des scdiwarzen Weltteiles 




Abb. 3S. Kännchen mit Fadenschmuck. Aus rheinischen Gräbern. 



\-ori)fedrun_iren sind und selbst die Xet'i'er der Goldküste mit 
äjjfvptischen (ilasperlen x-ersori^t haben, aber im 1 landel mit dem 
Norden f'.uropas liefen ihnen die driechen bald ch^i Rans^" al:). 
Der AufschwuniT, welchen die Gkisindustrie im neuen 
Reiche irenonnnen hatte, hielt auch noch unter den saitischen 
Dynastien an, wenn auch die selbständii^' schöj^ferische Tätigkeit 
nachgelassen haben maj^'. Man \ersuchte die 1 lerrlichkeit des 
alten Reiches wieder h(^rzustellen und kopierte \itdfach die 
Arbeiten fn'ih(>rer P)lütezeiten. .\uch in der Glasindustrie wurden 
die Gefäße der i S. D\nastit\ die Schmucksachen, die eini^'eleyten 
Arbeiten nachi^-eahmt. Gleichzeitiii!' mit diest^r R(Miaissance der 
altä3L»"yptischen Kunst (iffnete sich die Küste s^'ritH^hischen An- 
siedlern imd t;riechische I\lemente begannen namentlich in die 
Kleinkunst einzudrin^"en. In Xaukratis und anderen l\.üsten- 
städten entstanden Werkstätti-n, in welchen hJnheimische ini 



7(^ 

Vereine mit Griechen arbeiteten und eine für den Plxiiort 
berechnete Industrie schufen, welche mehr als bisher auf den 
Geschmack anderer Völker Rücksicht nahm. In demselben 
Maße, in welchem sich die altäjj-yptische Kvnist für die Aufnahme 
fremder Formen empfänglicher zeig'te, wuchs ihr Geltuni>"sbereich. 
Mit der I lerrschaft der Ptolemäer wich die frühere Abg"eschlossen- 
heit vollends. \Vährend die altäj.^"v])tische Keramik einem unheil- 
baren \"erfall entg'eg"eng"in_Lf , lebten in der Glasindustrie die 
Formen der ersten Blütezeit wieder auf, um mit den 1 lilfemitteln 
einer g'esteig"erten Technik luid teilweise in A'erbindung" mit 
|jfriechischen Formen eine Mannigfaltigkeit und Gediegenheit 
der Produktion zu entwickeln, die noch heute unsere Bewunderung 
erregt. Theben trat den \"orrang an .Vlexandrien ab, das sich 
namentlich unter Ptolemäus Philadeli)hus zur ersten Kunst- und 
Industriestadt des gräzisierten Orients und Griechenlands selbst 
erhob. ') Zwar nahm eine Zeitlang das gleichfalls g'räzisierte 
vSidon an dem Aufst-hwunge teil, aber es war nicht auf die Dauer 
imstande, drn \\'ettl)tn\erb mit seiner ägv]:)tischen Nebenbuhlerin 
auszuhalten. In Alexandrien wurden die bedeutungsvollen und 
zukunftsreichen Krfindungen gemacht oder doch zuerst in höherem 
Mal)e ausgenutzt, wt4che die Glasmacherei \-öllig umgestalteten, 
einen ganz neuen Stil der Industrie begründeten, ihr g'anz neue 
Wirkungskreise eroberten. Hier entstanden oder entfalteten sich 
nicht niu- i(Mie glänzenden Techniken, die in Rom als Wunder 
angestaunt w urden luid später, nachdem sie im Mittelalter brach 
gelegen, sich auf die Wnezianer \ererlien sollten; es wurden 
aucli die in Alexandrien gt^schaffenen Formen für die (xlasindustrie 
des g'esamten Römerreiches von Indien bis nach Britannien maß- 
g'ebend. Alexandrien wurde in der Kaiserzeit zum Mittelpunkte 
des Luxus. ül)erschwemmte aber neben Arbeiten \'on feinstem 
Kunstwerte die Provinzen mit seinen Massenartikeln und (le- 
brauchsgegenständen gewohnlicher Sort(\ Vom fernsten Norden 
bis in die Ivbische ^Vüste hinein sind seine (Glasperlen, seine 
Parfumfläschchen und .Salbentiegel, die V)laugrünen Kannen in 
allen Größen zu finden, in welchen Wein. Toilettewässer und 
orientalische ()le versendet \\ lu'den. 



^) Wocrmann, Geschichte der Kunst I 197. 



\'on (ItMii X'orrans^'f. den Alcxandrifii^ (ilasiiulustrit' in der 
Kaisorzeit (Miinalini, /euyft die Stellt' bei Stralx), die den Sand 
\()n Alexandrien tür besonders zur ( dasbcrcitiuiL;" •^■»■ci^-net 
erklärt. M Dieser \'()rzuL;' blieb ihm noch lani^'e. nachdem man 
aueh bei (umae und Liternum an der Küste ('am])aniens feine 
SandhiLier entdeekt hatte, luid im weiteren X'erlaufe bei laracco 
in Spanien, in dallien und am Khein. Auf eine seiner Ansicht 
nach iini>'ehörii,''e Uberschätzini^" der heimischen (ilaskunst weisen 
(h!e \Vorte des I\.irchen\aters Clemens von Alexandrien liin: 




Abb. 39. Kännchcn mit F'adcnschniuck. Aus rheinischen (Iräbern. 



„Ouin etiam curiosa et inanis caelatorimi in \itro vana ^t>"loria 
ad franij'endum artem ])aratior. quae timere docet simul ac 
bibas, est a bonis nostris institutis exterminanda." ") Ein Beweis 
für die starke Rej.csamkeit der Bevölkerung;" tler ^-roßen Industrie- 
stadt ain Xil lieL,''t in dem Worte Hadrians, daß kein Mensch in 
ihr müßi^" t^"ehe."i .Mitunter scheint si(> sich aber zu sehr auf 
]\.osten der anderen feile des Reiches e-eltend i^'emacht zu 



') Strabo X\'I 758. ,,l"go vilrariis Alc.xandriae audivi quamdam Icrrain vitra- 
riam esse in Aegypto, sine qua sumptuosa quaedam et multorum colorum opera 
perfici requisitum." Namentlich für mehrfarbige Gläser rühmte sich Ägypten des 
besten Matcriales. 

-) Clemens von Ale.xandrien, paedagogus lib. II 3. 

•') „Civitas opulenta, dives, in ([ua nemo vivat otiosus, alii vitrum conllant, 
ab aliis charla conticitur." Vopiscus, in Saturninum. Die Beschäftigung mit der Glas- 
und Papierindustrie wird besonders hervorgehoben. 



7« 

haben, namentlich dürfte die gewaltig-e Ausdehnung- der Glas- 
industrie Alexandriens für die anderer Provinzen von Nach- 
teil gewesen sein. Vielleicht gab dies Severus Alexander Ver- 
anlassung alexandrinische Gläser mit einem hohen Zolle zu 
belegen, den Aurelian erneuerte und auch auf Papyrus aus- 
dehnte.^) Es ist aber auch möglich, dal) man mit diesen 
Maßregeln, die ein sehr steuerkräftiges Objekt trafen, nur der 
notleidenden Staatskasse aufhelfen wollte. Der erstgenannte 
Kaiser Septimius Severus verwendete den P>trag der Steuer zur 
Krrichtung öffentlicher Bäder. 

Neben Alexandrien blieb noch Theben für die Glasindustrie 
\on Bedeutung. Nach Arrian war Diosjiolis wegen seiner 
Kristallgläser und murrinischen Gefäße berühmt.") Auch Sidons 
Tätigkeit wird \on Plinius und anderen hervorgehoben,'') doch 
konnten sich beide mit ersterem nicht messen. Das Bemühen 
seiner Werkleute, immer neue Muster auf den Markt zu werfen 
und damit jcnlem Wettbewerl^e die Spitze zu bieten, erinnert 
sehr an moderne \"erhältnisse. Athenäus berichtet, daß sie aus 
diesem Grunde Umschau in der Keramik gehalten und dabei 
fast alle Formen \on Tongefäßen nachgeahmt haben. |) In der 
Tat ist die Gefäßbildnerei in Ton als die älteste und nächst- 
liegende Schöpferin \-on Formen für die Behandlung anderer 
Stoffe xorlDÜdlich gewesen, wenn auch deren besondere Eigen- 
schaften häufig zu eigenartigen Bearbeitungsweisen und Dekora- 
tionen Wranlassung gaben. Andererseits hat, wie wir sehen 
werden, die Tonbildnerei sich Formen und Verzierungen an- 
geeignet, die sicli zuerst bei Metall und (ilas entwickelt hatten. 



^) Vopiscus, Aurelian cap. 45. Bei Lamprides heißt es von Alexander Severus: 
,,Braccariorum, vitreariorum , argentariorum , aurificum et caeterarum artium vertigal 
pulcheriorum instituit." Das hinderte ihn aber nicht ein großer P>eund der Glas- 
macher zu sein. Er trank niemals aus Gold, sondern stets aus Glas, selbst aus ge- 
wöhnlichem, und verlangte nur, daß es rein und glanzvoll sei: ,,In convivio aurum 
nescit, pocula mediocra sed nitida semper habuit." (ibd.l 

-) Arrian, peripl. mar. Erythr. 4. 

'^j Plinius 36, 66. 

"') ,,l(aTaax.3ua^oucji ok 01 ev 'AXc^avopcta tirv SaXov, [X£TappUi)|i.i!^ovT£; xoXXa"? 
•/.a\ Tioiy.'.Xa.<.c, (vulg. TTOÄXäzt; 7:c/XXat?) lOciai; Ttoxspiwv, 7:avT05 xoG navxayi.'&sv xxxa- 
xtjij.i^o[i.£ vou xspap.oi) ~rv tociav [j.'.[ju[j.£vot''' .\thenaeus XI 7^4- 



79 

Auf der l/l)('rtr;ii^ui\L;" der bOrnicnsprcuiie eines Stoffg"e})ietcs 
auf ein andt»r(»s, udt^r mit anderen Worten, auf dt^r ^rößtmög"- 
lichen Kntfaltunjr aller Eis^enschaften des Stoffes und auf seiner 
Anpiissunjrsfähijjfkeit beruht ja zum i^^rol^en Teile der Fortschritt 
des Kunsts^ewerbes. Im allsremeinen wird al)er der Satz kaum 
Widersprucil erfahren, dal) die Tonindiistrie den anderen Z\\a'i_t,'"en 
der Gefäßbildnerei den (irundstock \on Formen und Dekorations- 
arten zuführte. Schon das erste Auftreten des Glases als Glasur 




Abli. 40. Kännchcn mit I- udenscliiuuck. Aus Köln. 



\oü fonwaren keimzeichnel -^ein X'erhältnis der Aljhan^-iy"keit 
von der älteren .Schwesterkunst. 

Die ältest(Mi Alabastra und P)alsamarien in I'haraonen- 
i^räbern sind aus Stein und L;"lasiertem Ton herg'est(^llt. die aus 
o])akem Glasflusse mit freier 1 land modellierten anfanj^s nichts 
anderes als direkte \achl)ildunL^-en jener. Die kleinen schlauch- 
fcirmiyen Kläschchen aus Ton, i>-anz ähnlich cUmi so_i;'. JVänen- 
fläschchen aus Glas, haben anfant^s blaue (ilasur. Krst xon der 
]\Iitte der 18. Dynastie, unter dem ])runkliel)eiiden Amenophis llk 
tauchen buntfarbiire auf, die meisten \on diesen g-ehören dem 
neuen Reiche an. Zu Ende d(^r Periode üb(^r\\i(^y-t llimmelhlau 



8o 

von pr^ichtvoller Leuchtkraft, daneben kommt (iraubkm, A'iolett 
und P^lfenb einweiß \or. ^) 

.Vußer den Formen des Lekythos, der Oenochoe, der 
Amphora, den zierhchen Kannen und Fläschchen mit ab- 
sjfesetztem Halse und neich unten verjüntftem Körper, g"rifFen 
die alexandrinischen Gkismacher gern auf den Prochus zurück, 
der in den Gräbern der 26. Dynastie häufig vorkommt und 
nach den griechischen Insehi herübergegangen ist; sie machten 
aus ihm die Kegelflasclie mit schkmkem Halse, mit oder 
olme 1 lenke], mit oder ohne Längsrippen. Der ägyptischen 
Keramik hat die Glasindustrie teils gleichzeitig, teils erst im 
Laufe der archaisierenden Periode unter den saitischen Dy- 
nastien und wälirend des iüexandrinischen PIklektizismus einige 
Formen entlehnt, die -sich als feststehende Typen im ganzen Be- 
reiche der römisch-griechischen Kultur Geltung verschafft haben. 
Die meisten von ihnen haben in der Keramik farbige Fmail- 
glasuren erhalten, welche sie dem Glase ähnlich erscheinen ließen 
und dadurch die Nachbildung in diesem Stoffe noch mehr anregten. 
Manchmal verändert die Übertragung einer Form aus glasiertem 
Ton in Glas diese dem .\ussehen nach kaum merklich. Noch 
heute werden Ton waren oft mit einer Glasur versehen, deren 
Bestandteile mit denen des Glases, Soda und Sand identisch 
sind und nur einen Zusatz von Zinn oder Blei enthalten. Auf 
Abli. 13, S. 27 habe ich mehrere dieser F^ormen, die den Tafeln 
bei H. Wallis entnommen sind, in Umrisszeichnungen zusammen- 
gestellt.') Fig. 2 zeigt die Form der Tonschalen, welche zur 
Zeit der 18. Dynastie (1600 — 1368) gewc'ihnlich sind. Sie wird 
in Glas bis in die späte Kaiserzeit nachgemacht, in der Regel 
aber der Technik entsprechend mit einem Randwulste \ersehen; 
der Rand erfährt auch andere Umbildungen, unten wird oft ein 
Fußring beigefügt. Am deutlichsten gibt Formentafel G 423 die 
Form in einem Exemplare des IIL Jahrhunderts n. Chr. wieder, 
auch 393, 411. Die Tonschalen der 18. D\-nastie sind häufig, 
wie früher schon bemerkt, mit schwarz aufgemalten F^ischen 
verziert, die teils ])aarweise, teils in radiärer oder Kreisstellung 



1) Vgl. V. Bissing a. a. O. S. XXIII. 

^1 Henry Wallis, Kgyptian ceramic art (thc Mac Gregor collection). 



Si 




ersclit'iiitMi. ^) Die Inirisst' dicvscr l-ischc \\ ieclorholcn sicii iiocli in 
(jla.sgTavi(^run^"en des 1 II. Jahrluiiulcrts. I\l)enso alt wie die Schale 
i-"ii4". 2 sind die Näpfe big", i und 3, sehr gew (ihnliche Formen, 
die glänzend grün oder blau glasiert wurden. I)i(' türkisblauen 
Gefäße dieser Art lockten früh zur Nachbildung in ordinärem 
grünblauem (ilase, das für die meisten geblasenen (iefälk^ der 
Kaiserzeit in Ägypten angewendet wurde und wie erwähnt, stark 
eisenhaltig ist. \'on Alex^mdrien aus w urde die ganze alte Welt 
mit Salben- und Oltiegeln ül)(M-sch\\ cmmt, für welche der flache 
ringförmige Rand kennzeichnend ist, dessen Durchmesser oft dem 
des Gefäßes selbst gleichkommt. Diese Typen gehören zu den 
bekanntesten untl am 
weitesten verl^reiteten 
Erzeugnissen der an- 
tiken Glasmacherei 
und bekunden beinahe 
ebenso wie die belieb- 
ten vSchmuckperlen die 
ungeheuere ^Ausdeh- 
nung des alexandrini- 

schen .Vbsatzgebietes. im Museum von Kairo steht ein der- 
artiger Napf aus den Funden Flinders Petries vom llaw ara-Fried- 
hofe, der dem I\'. Jahrhundert vor (/hr. angehört. Außer henkel- 
losen kommen auch Tiegel mit zwei F'adenhenkeln oder flach 
geri])pten Bandhenkeln vor, die am Rande mit tünt-r .Schleife 
ansetzen und nach scharfer Biegung senkrecht ])is an den oberen 
Teil der Bauchung reichen (Formentafel C i5()). Die zur Zeit 
der [8. Dvnastie häufige Tonform 3 ist gleichfalls in (ilas sehr 
beliebt (l'ormentafel P) 85, 91). Ihren l'rsprung aus der ägvp- 
tischen Keramik nehmen auch die als TrinkgetTilH^ in der frühen 
und mittleren Kaiserzeit allbekannten Kugelbecher. I )ie unter 
Xo. 4 — 6 der Abbildung 3 in linrissen wiedergegebeiuMi .Stücke 
sind gleichfalls in (iräl)ern der iS. I )vnasiie gefunden; Xo. 7, 
prächtig lasurblau glasiert, stammt aus der 20. Dynastie (1220 
bis 1080); auch die anderen zeigen lebhafte farbige Glasuren, 
die sie wie Gläser erscheinen lassen. Der st(Mle. stMikrechte 



.\1)1). 41. ( Icripptc Schale. I. 



ihrh 



*) Henry Wallis, Kgyptian ceramic art (Ihe Mac (Ircgor collcclinni. T. \' — \'H. 
Kita, D.'is Glas im Altertume. 5 



82 

oder leicht nach oben sich erweiternde Rand wird von der Glas- 
industrie der frühen Kaiserzeit übernommen (Formentafel F 356 
bis 362), später durch einen ausg"esch\veiften oder einen Rand- 
wulst ersetzt. Im allgemeinen macht dieser Typus in Glas die- 
selben Wandlungen durch wie in Ton.^) Selbst das Infundibulum 
hat, wie No. 6 zeigt, bereits seine Vorläufer in der Keramik 
des neuen Reiches. Die Fläschchen mit einer kleinen Ausguß- 
dülle am Bauche sind in der Kaiserzeit weder in Ton noch in 
Glas am Rheine selten: man bediente sich ihrer zum PTillen der 
Ollämpchen, vielleicht auch als Saugflaschen für Kinder. 

Die charakteristischen flachrunden Pilger flaschen, die 
Neujahrsflaschen, mit einem kurzen Halse in Form eines Lotus- 
kapitells, an welches sich zwei hockende Affen anlehnen, waren 
dazu bestimmt, eine große Rolle in der Glasmacherei zu spielen. 
Miin schreibt diese zumeist türkisblau glasierten und mit orna- 
mentalen Ringkragen versehenen Gefäße der saitischen Zeit 
zu.') Auch ringförmig durchbrochene, sog. Wurstkrüge dieser 
.Vrt kommen vor (Abb. 13 Xo. 8, 9). Getreue Kopien in Glas 
sind bisher allerdings nicht festgestellt, dagegen sind plattbauchige 
Flaschen mit glattem Röhrenhalse oder einem den äußeren Umriß 



^) Abgeb. bei Edgar, Greco-egyptian glass. Catalogue general des antiquilees 
egypt. du musee du Caire. Vol. XXII. Le Caire 1905, T. IV 32, 527. Es ist 
eine sehr verdienstliche Publikation, wenn auch auf die historische Einleitung zu 
wenig (Jewicht gelegt ist. Die Beschreibung der einzelnen Stücke ist nicht immer 
genau. So ist die Amphoriske T. IX 32, 733 als ,,nach der Art altägyptischer 
Gläser modelliert'' bezeichnet, während schon die Abbildung durch die peinliche 
Kegelmässigkeit der Form und durch die Naht am Boden deutlich bekundet, daß das 
Glas in einer Form geblasen ist. Es ist schlauchförmig, wie die altägyptischen Eimer, 
unten abgerundet. Die doppelt gehenkelte Kugelflasche auf derselben T. IX 32, 129 
nennt E. ,,ganz ohne gleichen", während der Typus am Rheine sehr verbreitet ist. 
(Vgl. Formentafel C 133, 135, 137). Allerdings sitzen die Henkel bei dem Kairener 
Exemplar bloß auf dem Bauche und reichen nicht an den Hals heran. Das ist aber 
unwesentlich; die Form ist die der gewöhnlichen Kugelflaschen mit kurzem nach 
oben etwas erweiterten Röhrenhalse und zwei kleinen unrcgelmässigen Fadenhenkeln 
mit einer Schlinge. Der Wert des Buches beruht vor allem auf den zahlreichen 
Lichtdruck- Abbildungen ägyptischer Gläser der Kaiserzeit, durchweg Gebrauchsware 
gewöhnlicher Art, deren F~ormen sich grossenteils mit den gallisch-rheinischen decken. 
Die Tafeln sind nach Aufnahmen von ßrugsch-Pascha hergestellt, dem somit das 
Hauptverdienst dieser Veröffentlichung zufällt. 

-) Maspero a. a. O. S. 255, Tlg. 22S. 



83 




Abb. 42. (Gerippte Schale. I. Jahrb. 



des Lotuskapitells tMiihaltenden Trichterhalse nicht selten. (Formen- 
tafel C" 131, 132, 140 u. a.) Der Affe war ein Lieblingsmotiv der 
ägyptisciu'ii Kunst und wurde in großen und kleinen Skulpturen 
aus verschiedenem Material d^lrgestellt. Die alexandrinische 
Kunst, welche von der alten die Vorliebe für Tierdarstellungen 
erbte, bildete Flaschen in Gestalt hockender, die Syrinx. bla- 
sender Affen, \'on welchen sich in den Museen von Köln, Bonn, 
Trier und Amiens Exemplare erhalten haben. Als Besatzstück aber, 
wie in der Keramik, scheint das Affenmotiv von den Glasbläsern 
nicht benutzt worden zu sein. Immerhin ist der Einfluß jener 
Tonflaschen auf die 
Glasindustrie in den 
teils kugeligen, teils 
ringförmigen Fläsch- 
chen mit kurzem 
Halse, auf dem ge- 
w öhnhch ein starker 
flacher Ring aufsitzt, 
nicht zu verkennen. 
(Vergl. Formentafel 

B 130, C 161 — 166). An Stelle der Affchen treten Ösen aus Faden- 
schlingen, bei feineren Stücken kleine in sich zusammengerollte 
Delphine oder Delphinköpfe, weshalb ich diese Art von Gläsern 
„Del])]iinflaschen" benannt habe, eine Bezeichnung, die bereits all- 
gemein angenommen ist. Die flache Randscheibe ist ebenso wie der 
fl;iche Henkel der Tiegel und zvlindrischen Kannen in dem Ary- 
ballos Xr. 10 \-orgebildet, welcher in der saitisclien Fpoche und 
später für den Export nach Griechenland berechnet war und sich 
deshalb in der Palmette griechischem (jeschmack anschließt. Der 
flache Henkel ist bei Gläsern gerippt, wenn er aus nebeneinander 
gelegten runden GlasstäbiMi zusannnengesetzt oder in einer 
Form gepreßt wurde, was die Regel war. Der Aryballos ist 
bezeichnend für den Einfluß, den die griechische Kunst seit den 
saitischen K(')nigen gewann, die sich mit einer griechischen Leib- 
garde umgaben. Er ist in Ton zumeist hellgrün glasiert, manch- 
mal naturfarbig mit blauen aufgemalten Ornamenten. In der 
griechisch-römischen Zeit kommt auch eine Xetzxerzierung in 
Relief vor, welche das Wirbild für die im III. Jahrhundert auch 

6* 



84 

in der g^allischen (rlasiiidustrie beliebte Auflage eines Fadennet/.es 
mit rautenförmij^"en Maschen abg"ab. lün hellblauer Becher aus 
römischer Zeit im Museum von Kairo zeig-t das Fadennetz, das 
aber bei Tonj^-efäßen g-ewöhnlich in einer Ilohlform gebildet ist. ^) 

Eine der interessantesten Bildungen ist unter Xr. 13 an- 
gedeutet, die einen lasurblau glasierten Becher der Ramses- 
])eriode wiedergibt. Im wcitc^ren \"erlaufe der Kntwickelung 
setzt sich der obere Teil schärfer von dem unteren ab und 
nimmt schließlich die Gestalt eines breiten, trichterförmigen 
1 lalst-s an. der auf einem kugeligen I^auche sitzt. TMe Form, 
die der Tyinis in der Ptolemäerzeit gewonnen hat. \ersinnlicht 
Xr. II. ein Bescher aus weil)em Ton. dessen Kuntlung mit einem 
Kranze l)lauer rro])fen geschmückt ist. l^s ist wohl imzw t'ifel- 
haft. daf) wir hier das Prototv]) des l^ekannten gallischen l'rink- 
bechers \-or uns halben, der jetzt nc ch allgemein als eine Schö])fung 
der gallischen Keramik \on selbständig(^r Eigenart gilt und 
nach der ülilichen I{rklärung aus der Xa(4iahmung des hölzernen 
Weinfasses (mtst£inden ist, dem man ein breites zylindrisches 
oder tricliterförmiges Mundstück aufsetzte. Der gallische Trink- 
becher wurde in allerlei \^arianten \on den gallisch-rheinischen 
Werkstätten in Glas nachgebildt^t. (Vgl. Formentafel B 85, 
88, 91 — 96.) Auch die \>rzierung mit Tro]:)fen eignete sich 
\ortrefflich für die Glastechnik und bildete zu allen Zeiten, be- 
sonders aber in der s|)ätr(")mischen Periode, einen l^eliebten, 
mannigfacher Ausbildung fähigen Schmuck. Ebenso leicht ließ 
sich die Fassung der Gefäßwand, die ]ilastische Ausgestaltung 
durch pjndrücke, Ri])])en, Buckel und Kanelluren sowohl aus 
freier 1 land mit Beihilfe ])assend ])roiilierter Werkzeuge, wie 
durch Blasen und Formen, durch Pressung und .Schliff auf die 
Glastechnik übertragen. Schon unter den Scherben \'on Theben 
und Teil el Amarna befanden sich gel:)uckelte und geri])])te Stücke. 

Die unter Xr. 14 dargestellte melonenartig kanellierte Tonviise 
g-ehört wahrscheinlich der Ptolemäerzeit an und ist ihrerseits die 
Xachbildiuig eines getriebenen Metallgefäßes. Ahnlich ist Xr. 
3718 des \on Bissingschen Katalog'es von Kairo, das Bruchstück 



^) Vgl. V. Bissing, Die altägypt, Fayenccgefässe. Katalog von Kairo. S. XV, 

No. 3738 — 3749. -\.uch (jläser mit Netzwerk sind mitunter geformt. 



«5 

fiiii's lirllhlau i^in^icrtfii I\.iit;"('11)('(ii('r^ mit 1 .änysri])])«'!! aus (l»^r 
Npäli'ii /t'it (h's lunuMi Reiches. Xebcn die zalilrrichen Arbeiten 
dieser .Art aus oiasicrttMii I'on kouimcu in der römischen Zeit dit^ 
P'altenbecher. die schon in I'omix'ji \ertreten sind imd in der 
Blütezeit der s^'allisch-rlieinisclien ( ilasmach(^rei. im II. und Ill.Jahr- 
himdert n. ( "hr. unt^'emein häutit.;' lier^"estelU wurden. I )('r urahe 
'J'v])us des /.\ lindrischen l^x'cliers. den wir mit g'hitten W'andunt^'en 
schon bei dcMi mchrfarbii^-en. aus freier 1 land modelherten Bechern 
der Prinzessin Xsichonsi traten, wurde imter den l'tolemäern zur 
Merstelhm^- von Ton- 
bechern mit hyürh- 
chem R eh ef schmucke 
benutzt, (he als l'n- 
tersätze \on Kus^el- 
bechern chenttMi. Ihre 
(iruncUorm ist in Xr. I2 
\\i(Hlertfe^"eben. I)ar- 
nach können wir wold 
aucli manche dt^r zahl- 
losen (ilasbecher die- 
ser Art (Formentafel 
¥. 293 ff) als Unter- 
sätze gläserner !vuL;'(dbecher betrachten, die weisen der Riniduni^- 
ihrer L'nterseite nicht frei stehen konnten. Auc-h der eii.j'en- 
artis^e I lenkelansatz ^fallischt^r dlaskannen xon Ku,y"elform, 
deren J lals durch einten Rin,u" imterbrochen ist. \'on wcIcIkmh 
die beid(Mi I lenkel ausj^'ehen. (I'^ormentafel (' 138) ist an c^nc^r 
plattbauchig-en I'ü^erkanne aus hellblau ^"lasierter l^'aN'ence 
(Xr. 3673 des von I )issiny'schen Kataloi^^es der Favencen \-on 
Kairo) vorgebildet. l-",benso halxMi die bekannten dopj^elten 
und dreifjichen Schlau(-hbalsamarien. die in ^Toßer Zahl aus svri- 
schen dlashütten herxorjj-ej^ang'en sind i Formentafel A S — 10), 
viele \^:)ri>-äng-er in der ägyptischen Keramik. ZwtM und m(^hr 
schlauch- oder xasenförmige OlfläschchtMi aus Ton wa^rden mit- 
unter auf einer gemeinsamen Bodenplatte dicht aneinander 
befestigt. ^). 




.\bb. 43. (lerippte Schale, goldbraun. Kuln. II. Jahrh. 



1) Abgcb. bei F.dgar a. a. O. T. VUI 32, 655, 656, 65Q, 661. 



86 

Während die Nachbildung' \on Tonwaren in Glas das g"e- 
wöhnliche \\ar, kam manchmal auch das Gegenteil vor, die Nach- 
bildung- von Gläserformen und für die Glastechnik charakteris- 
tischen Verzierung-sarten, wie z. B. die des Kerbschnittes, in Ton. 
Die drei in ägvptischen Gräbern der Kaiserzeit g-efundenen Ton- 
Amphoren Nr. 15 — 17 sind offenbar Ko])ien von Glasgefäßen, 
denn die Bildung der Henkel aus runden Fäden ist eine dem 
Glase eigentümliche, dem Tone fremde. Besonders der Stachel, 
welcher bei dem rechten Henkel der erstg-enannten X'dse dicht 
am oberen Ansätze \'orragt, deutet auf die Kneifarbeit mit der 
Glaszange. 

Die Formen der Gebrauchsware römisch -V>y/.antinischer 
Periode stimmen mit den gleichzeitigen Erzevignissen gallisch- 
rheinischer Werkstätten zum größeren Teile so sehr überein, daß 
man auch darin die Abhängigkeit des Westens von der Zentrale 
Alexandrien bestätigt sieht. -^j Stärkere Unterschiede treten, \on 
einzelnen altägyptischen Typen abgesehen, fast nur im Material 
und in der Dekoration hervor. Die ordinären Gläser sind 
zumeist stark grünblau gefärbt und \on jener Sorte, die 
in den euro])äischen Museen durch die imjiortierten Aschen- 
urnen, die zvlindrischen, vier- und sechseckigen Kannen für 
Ol und Parfüme u. a. reichlich vertreten ist. Das (ilas, das 
in Gallien und am Rhein für GeOirauchsgefäße, Fensterscheiben 
etc. verwendet wurde, ist wie das italische heller und grün- 
licher, mit geringerem Anklang an lilau, dafür öfter ins gell:)- 
liche, bräunliche und olivfarbige überg-ehend. Avich die Gläser 
der 1896/7 in Luxor befindlichen Sammlung Newberry, welche 
ägyptische Funde aus römischer Zeit enthielt, zeigten Formen, 
die den g-allisch-rheinischen sehr nahestehen.') Als \>rzierung 
ist außer einfachen F'äden, Ri]ipen. Falten, Stacheln \ereinzelt 
auch Bemalung, Gra\ierung und Schliff verwendet. Reste 
von bemalten Gläsern wurden namentlich in Oxyrynchus ge- 
funden. 

Manche Gelehrte, die sich mit der Tatsache eines Massen- 



1) Edgar a. a. O. T. VII 32, 628, 631, 629, 632, 634. T. VllI 32, 637, 640, 
651, 663, 643, 645, 667 u. a. 

^) Nach Photographien bei Prof. Wiedemann in Bonn. 



8; 



exportes ä^-\pti.>cher Glaswaron aus Alexaiulrien nach allen 
Teilen der antiken Welt nicht recht befreunden kcinnen und 
jreneiyft sind, in Gläsern von alexandrinischem 'I"}pus Xach- 
bildung-en einheimischer Werkstätten zu erblicken, weisen auf 
die gTol]en Schw ieris^keiten des Transportes dieser j^ebrech- 
lichen Waren hin, welche trotz aller Vorsichtsmaßreg-eln allzu 
häufige und emphndliche \'erluste durch Bruch veranlaßt 
hätten, um eine Massenausfuhr lohnend erscheinen zu lassen.-^) 
Es scheint aber, daß man es verstand, solche Verluste auf ein 
Mindestmaß einzuschrän- 
ken und zwar durch eine 
sorgfältig"e \^erpackun,i,''. 
von welcher sich im Mu- 
seum von Kairo noch 
mehrere völlig" w ohlerhal- 
tene Beispiele erhalten 
haben. Hier erscheinen 
u. a. mehrere jener Ol- 
und Parfümflaschen von 
äußerst dünnem und ge- 
brechlichem Glase mit 
langem röhrenförmigen 
1 lalse und flachkegelför- 
migem Bauche, der manch- 
inal nicht viel mehr als 

die Funktion einer Fußplatte versieht. Bohn und Dresse! 
zweifeln, ob es italische oder gallisch -rheinische Erzeugnisse 
seien, der alexandrinische Ursprung scheint ihnen wohl wegen 
der geringen Transportfähigkeit ausgeschlo->sen. Die bei uns 
gefundenen Exemplare haben manchmal Namensstempel von 
italischem Klange. Daß dieser Typvis aber gleichfalls in Ägypten 
heimisch ist, beweisen die Exemplare des Museums von Kairo.") 
Ihnen verwandt sind die gleichüdls ganz dünnwandigen und 
langhalsigen FUischen, deren Bauch sich der Birn- oder 
Schlauchform nähert. Drei von diesen haben noch die alte \'er- 




Abb. 44. Kugelbecher, künstlich irisiert. 
Köln, Sammlung M. vom Rath. 



') Bohn im Corpus inscr. lat. XIII S. 657, 666e. 

-) Vgl. V. Bissing a. a. O. S. XXIV, No. 3887, 18005. 



88 

packunj^-^). Die eine, 0,22 m hoch, 0,075 im größten Durchmesser, 
ist von oben bis unten in Streifen \on Pflanzenfasern eingewickelt, 
unter welchen man einige .Stücke von griechischem Papyrus be- 
merkt. Die Hülle ist noch heute sehr fest und fast unbeschädig-t, 
allerdings war sie nicht dem Transport ausgesetzt. Die andere. 
0,1 85 m hoch, 0,065 im Durchmesser, steckt in derselben A^erpackung. 
Während bei jener nur der Randwulst herxorsieht, ist bei dieser 
die Hülle \om olleren Teile des Halses entfernt. Die dritte, im 
Fayün [gefunden, 0.125 m hoch, 0,055 i'"'"' Durchmesser, mit breitem 
Randw vilst und kürzerem I lalse, ist ebenso eingewickelt und über- 
dies mit einem Grasstopfen versehen (Abb. 1 2.) Auf einer der Fasern 
liest man in großen, aber nicht mehr deutlichen Buchstaben den 
Namen A^l^OJEATOY (?). Bei einer vierten Flasche bemerkt 
man, da die Hülle beschädigt ist, daß unter den breiteren Fasern 
der oberen Hülle eine Schicht aus dünneren und weicheren Fäden 
liegt, welche \'on einem Faserknoten unter dem Bauche des Ge- 
fäßes ausgehen laid in feiner Zerteilung dieses völlig" umspinnen.') 
Fine solche A'^erpackung bot hinreichenden Schutz geg-en alle Ge- 
fahren des weiten Weges zu AVasser und zu Lande. Selbstver- 
ständlich waren bei diesen vSendungen nicht die Flaschen die 
Hauptsache, die man (ebensogut im Lande herstellen konnte, 
sondern ihr Inhalt, die berühmten orientalischen Öle und Par- 
füme, welche man. wie noch heute, auch in kleineren Uuantitäten 
abmaß. Das gleiche gilt von den sogenannten Lagonen, den 
g-roßen zylindrischen und prismatischen, \-ier- und sechseckig'en 
Kannen aus grünlichV)lauem (jlase mit kurzem Halse, flachem 
Randwulste und breiten, meist gerippten Henkeln. Alan be- 
zeichnet auch diese als gallisch und meint, daß sie in anderen 
Gegenden des Reiches nicht vorkämen. Das ist jedoch ein 
Irrtum. Außer 'den in Frankrei(ii und am Rheine gefvmdenen. 
oft am Boden mit konzentrischen Ringen, Punkten, Namen 
oder einzelnen Buchstaben gestempelten Exemplaren und zahl- 
reiche Lagonen in Ägypten"), auf den griechischen Inseln, in 



1) Edgar a. a. O. T. VIII 32, 655, 656, 661. 

■-) Auch Deville bildet T. XCII B. ein Fläschchen mit solcher Umhüllung ab, 
das sich in der ägyptischen Abteilung des Louvre befindet. 

3) F.dgar a. a. O. T. V 32, 540. 545. 542, 541, 543- 



89 




Süditalien, besonder^ in ( ';inii)anicn i l'omjx'ji. in MengTn im Museum 
\-on Xeapel), im cisalpinisclifn (lallicn und in Lijj-urien ischr x'iele 
in dcrRrera in Mailand' /u Fay'e j^-etreten. Sic wurden in ])asscndf 
llol/kisten \(M-})aekt imd so mit < )len inid Parfümen, auch mit 
feineren \\\^insorten xcrsendet. Man sieht sie auf den (irab- 
steinen \on Soldaten, 
welche den X'crstorlxMicn 
in der Iti^'a aut dem 
1 riclinium lie^-end inid 
den Becher schwindend 
darstellen. (Abb. 14.) Sie 
stehen hier meist in recht 
stattlicher dröße aK 
Weinbehälter auf dem 
Boden \'or dem Laj^er. 
Zum Trai^-en bediente 
man sich eines P)üoels 
aus Iironze odc^r einer 
Sclnuir. welche an den 
llcnkeln befesti,L;'t wurde 
oder besonderer Körbe 
aus Bast oder Ton mit 
zwei .Vbteilun,i;'eri. zwi- 
schen welchen der halb- 
kreisförmiq"e Henkel an- 
gebrachtist. .Solche Tra- 
g'ekörbe sind aus I'ompeii 
in das Museum zu Xeapel 
g'ekommen. (Abi). 15.) 
Auch diese Kannen, die kunstlos aus ordinärem Material durch 
Blasen in I lohlformen hi-rs^-estellt wurden, verdanken, soweit sie 
ägyptischen Ursprunges sind, ihre \'erbreitung in fremde Länder 
vor allem ihrem Inhalte. 






Abb. 45. Gcpreüte Schale. Köhi, ehem. 
Sammlung 1 )isch. 



1 ?»^ 



90 

Phönizien. 

Die bereits erwähnte .Vnekdote von der Erfindunt^- des Glases, 
mit welcher Plinius seine Abhandlung" über den Gegenstand ein- 
leitet, lautet wörtlich folgendermaßen: 

„Der an Judäa grenzende Teil Syriens, Phönizien genannt, 
hat innerhalb der Ausläufer des Berges Karmel einen Sumpf 
namens Cendevia. Aus diesem entspringt angeblich der Flui) 
Belus, ^) der sich nach einem Laufe von 5000 Schritten bei 
der Kolonie Ptolemais ins Meer ergießt. Langsam ist .sein 
Lauf, ungesund, aber durch gottesdienstliche Zeremonien ge- 
heiligt sein Wasser, schlammig und tief sein Bett. Zur Zeit 
der Ebbe bleuet ein feiner glänzender Sand am Strande zurück, 
der sich nicht weiter als 500 Schritte ausdehnt. An dieser 
Stelle sollen einst Salpeterhändler mit ihrem Schiffe gestrandet 
sein. L^m ihre ALihlzeit zu bereiten, legten sie in Ermangelung 
von Steinen Stücke Salpeters von der Ladung des Schiffes 
vniter die Kochkessel. Nachdem sie Feuer angemacht, sei \er- 
mischt mit dem L^fersande eine edle glänzende Flüssigkeit unter 
den I lerden entstanden und dies war der L'^rsprung des Glases." 

Von Plinius ist die Erzählung in die Schriften Isidors. des 
Bischofs \on Sevilla (VIL Jahrhundert) und in jene bereits erwähnte 
Sammlung von Rezepten übergegangen, welche die Arbeiten 
\on verschiedenen Schriftstellern vereint, aber unter dem 
Namen des ] leraclius und dem Titel „^^on den Farben und 
Künsten der Römer" bekannt ist. Trotz der L'nwahrschein- 
lichkeit der \'orgänge g"laubte das Altertum fest daran, dal] 
die Erfindung des Glases den Phöniziern zu verdanken sei 
und phönizische Gläser wurden bis in unsere Tage als die 
ältesttm und berühmtesten angesehen. Das Material \-on den 
Sandbänken Phöniziens galt neben dem ägy])tischen für das 
beste. Str^ÜDo teilt mit, daß das phönizische Ufer zwischen Pto- 
lomäis und Tyrus mit kleinen Hügeln aus glasigem Sande be- 
deckt sei, den man aber an Ort und Stelle nicht schmelzen 
könne, sondern zu diesem Zwecke nach Sidon schaffen müsse. 
Die vSidonier ihrerseits rühmten sich, daß jener Sand nur dann 



') Heute Nahr-Halu genannt. 



91 



^-utes ( rl;is liefere, wenn er xoii ihnen l)earbeitet \\(M-(le.^) Diese 
Mitteiluiii^-en ery-änzt Jt)se])hus Maxius durcli die Xaehricht. dali 
sich am Fluide Belus in (h-r Nähe des Memnoiii^r^ibes eine runde 
Cirube von loo EUen Durchmesser befände, die mit vSand zur 
Glasbereitunt»- L^-efülh sei. Werch^ der Vorrat erschcipft. so er- 
neuere er sich von selbst und zwar durch den Wind. Xur jener 
Sand sei brauchbar, den man 
selbst aus der Grube hole, aller 
andere tauge wenijjf. ') Auch 
Tacitus äußert sich über diese 
Fundt^Tube: „Der ßelus eri^'ielk 
sich in d;is jüdische Meer. An 
seiner Mündunt.;" wird (ilas aus 
einer Mischung" \on .Sand luul 
Xitrum gewonnen. Dieses Ufer 
\(>n mäßig"er Ausdehnung- ist 
unerschöpflich."'"') Die Bemer- 
kung- des Josephus ist offenbar 
nur eine legendarische Aus- 
schmückung" der Tatsache, daß 
sich neben dem durch den Fluß 
ang'eschwemmten Sande auch 
|-"lugsand dort \'orfand. 

Außer diesen und ähn- 
lichen allg-emeinen Nachrichten 
finden sich bei antiken .Schrift- 
stellern nur wenig-e Stellen, 
die \-on phönizischer Glasarbeit 
handeln. lierodot und nach 
ihm Plinius sprechen \"on einer 

g-roluMi .Smarag-dstele im Tempel des Melkarl zu lyrus und 
einer anderen zu .\])ion.'i Damit lial es diesell)e Tx^wandnis 
wie nüt den äg"V])lischen ( )belisken und den smaragdenen 
Zieg'eln bei Moses. Ebensowenig ist mit der Xaehricht an- 




.\bli. 46. Musclielkannc. 
Köln, Mu-^euni Wallraf-Richartz. III. Jahrli. 



') Froeliner a. a. O. S. 18 f. 
'-) Josephus Flavius, Jüdischer Krieg II 10, 2. 
•') Tacitus, bist. I 5, 7. 
■*) Jene verbreitete Nachts angeblich einen glänzenden Schein. 



92 

zufang"en, daß in einem Tempel auf der Insel Arados zwei 
große Glassäulen standen, die das Erstaunen des Apostels Petrus 
erregten, als dieser eigens dahin reiste um sie zu sehen, ^j \'iel- 
leicht waren diese Säulen wie die ägyptischen mit glänzend gla- 
sierten Toneinlagen \'erziert. Auch \on gläsernen Särgen wird 
wieder berichtet, die in großer Zahl in Sidon hergestellt worden 
sein sollen. Plinius nennt diese Stadt „Artifex vitri". und sagt, 
daß sie besonders wegen ihrer Erfindung der (schwarzen) gläser- 
nen Spiegel Ruhm geerntet habe. Eeider g-ibt er nichts genaueres 
darüber an, auch nicht, wann diese Erfindung gemacht worden sei. 
Sie dürfte kaum \or die Kaiserzeit fallen, da man erst aus dieser 
g"läserne Spiegel kennt: die meisten g-ehören sogar erst dem IL 
und III. Jahrhundert an. (Jff(Mil)ar w ar Sidons ( ilanzperiode in 
Plinius Tagen schon \'orbei, denn er bezeichnet die dortigen 
Werkstätten gleichzeitig als „ehemals l)erühmt." ') Athenäus teilt 
gfelegentlich mit, daJ] man in Sidon g'"eschliffene ßecher her- 
g"estellt hal)e. 

Diis ist alles, was man über die hochberühmte sidonische 
Glasindustrie \'on antiken Schriftstellern erfährt. \"on den be- 
kannten Arl)eiten des fjnn"on. Artas und anderer griechischer oder 
g"räzisierter Glaskünstler und den sidonisclu^n Siegesbechern s^igt 
die zeitgenössische Literatur kein Wort. Noch schlimmer ist es 
um Tyrus bestellt, dessen Glasindustrie noch im XII. Jahrhundert 
im Gangt^ war. Nach den Worten des Benjamin \on Tudela be- 
fanden sich damals gegen 400 jüdische Glasmacher in der St£idt. 
da die syrisch-phönizischen Glashütten allmählich fast ganz in die 
Hände der Juden übergegangen waren. Daß dort fleißig g-ear- 
beitet worden war, beweisen Reste von (ilasw erkstätten, über 
welche auch Renan berichtet, zahlreiche Schlacken, Scherben 
farbig-(^r Glasgefäße, halbglasierter Substanzen und Glaspasten. 
In Sidon \\urden Amulette aus farbigen Pasten mit Figuren und 
Inschriften gefunden, die man weg'en letzterer für einheimische 
L'rzeugnisse gehalten hat. Doch wird dieser Beweis schon durch 
die Tatsache bedeutend entkräft(H. daß assyrische lOroberer ihre 



'j Clemens von Alexandrien, recognitiones II 1434. 

^) ,,Sidone quondam iis officinis (vitri) nobili si quidem etiam specula e.xcugi- 
taverit''. l'Iinius 5, 76; 36, 193. 




93 

äj^'Vptisc'lien Pn-utt-^tiicke durch nachträj^lichf I-jni^rax it'runL;- \on 
Keilinscliriftcn als ilir Kij^'cntum bezeichneten. Als ])hönizisch 
möchte man auch eine Gruppe im Louvre aus opakgTÜner Glas- 
]iaste in Ans])ruch nehmen, die eine Gottheit mit zwei Tieren 
an der S(Mte darstellt, i'lwa wie die l)erülnnte Skulptur vom 
I.öwentor in .M\-kenae. Sie wurde» in i'h(")nizien s^efuncUm und 
vmterscheidet sich im Stile ebenso 
\-on mvkenischen. wie von archai- 
schen und k\-prischen .\rl)eiten. 
Dag'eg'en stimmt sie mit den hloltMi 
und ^fasken iiberein, die man auf 
Glasz\lind('rn (Perlen) im östlichen 
Mittelmeerbtn^ken und in Süditalien 
w iederholt getunden hat. In einem 
(irabe zu Tarsos in Sardinien, das 
lanye im Ijesitzt' der Phönizier war. 
entdeckte man ein Perlenhalsband. 
das zwei zylindrische Stücke mit 
Stiermasken und eine bärtii^e M^iske 
mit Glotzaug"en und eig-entümlich 
schreckhaftem, fast i.j'espenstischem 
Ausdruck enthält. Als Grvmdfarbe 
herrscht bei diesen Stücken i.felb 
\'or, di<' Kc'ipfe sind lan!t,'',Lrestreckt. 
bärtii>', oft mit re^'ellosen kusj"eli,s.,''en 
Tropfen in l)untcn h'arben besetzt. 
Die Sammlung;" Sarti in Rom zählte 
drei derartij^e Ahisken imbekannten, 
w ohl süditalischen Fundort("s, ferner 
das Hru(~hstück einer /vlinder])erle, 

d'w mit \\er ])aus])äckij^en und ,i,TotzäutJ-ig-en Masken ^-erziert 
ist. An diesen sind zahlreiche buntfarbi,i,'"e Tropfen aufj^esetzt. ^) 
(Abb. 19, 20.) Froehner ist t^enei^t. diese Masken und Zylinder 
für alt])hönizisch zu halten, doch läßt sich auch für diese Art 
der äicyjUische L'rspruny- sicher nachweisen. In der Sammlunj:r 
V. Bissing- befinden sich gleichartigfe große Maskenperlen, die 



V.., 




Abb. 47. Kegelkanne. 

K'iln, Museum Wallraf-Richartz. 

III. lahrh. 



^) Ludwig PoUak, vcndita Sarti T. XXiy S. 65, i\o. 383. Froehner a. a. O. S. 104. 



94 

wahrscheinlich aus Memphis stammen, bei welchen der hagere, 
langgestreckte, g-lotzäugige und bärtige Typus wegen der 
besseren Erhaltung der Stücke deutlich semitische Züge erkennen 
läßt. Das Antlitz ist \on mattgelber Farbe, der spitze Bart, 
die Haarlocken glänzend schwarz, ebenso die fast halbkreisför- 
migen Augenbrauen und die Augensterne selbst, wenn diese nicht 
durch dunkelblaue Tropfen hergestellt sind. Man hat den Ein- 
druck, als ob eine überlegene Kunst hier absichtlich Karikaturen 
geschaffen hätte und nicht etwa den von naiven Erzeugnissen 
unbeholfener Hände. (x\bb. 21.) Dazukommt, daß diese Masken 
in Ägypten nicht selten sind, namentlich in Gräbern der Ptole- 
mäer- und Kaiserzeit. ^) Sie sind ein Erzeugnis alexandrinischer 
Kunst, welcher die Karikatur sehr geläufig war. Man wollte 
offenbar Juden, S\-rer, Babvlonier karikieren und damit eine von 
altersher übliche Art von (xlasperlen, solche mit Masken in 
ägvptischem Stile und Kopfjnitz besetzte, wieder in neuer Form 
auf den Alarkt werfen. Bei Deville finden wir zwei Kopfperlen 
derselben Art.") Die eine gibt einen semitischen Tyjnis in aller 
vSchärfe wieder, mit gelber Hautfarbe, wulstigen Ei])}:)en, großen 
schwarz umrandeten Augen, ebenso gefärbtem lockigem Haar, 
Pjart und großen weißen ( )hrriugcn. Die andere zeigt einen 
der in der alexandrinischen Kunst so beliebten Xegerköpfe, 
glänzend schwarz glasiert, mit Glotzaugen. I hiarschojif und weißen 
Kugeln an den ( )hren. Dex'ille bezeichnet die vStücke als ägyp- 
tische Eunde, ohne ihren AufV)ewahrungsort anzugeben. Das Glas 
wurde in der Antike srhr oft zu Scherzen aller Art. zu ko- 
mischen und grotesken Bildungen lienutzt. In Ägypten A\aren 
die Eigürchen des Bes und ähnliche sehr beliebt; s])äter kamen 
die Gläser in Eorm musizierender Affen, die Schuhflickergläser 
Neros, die Karikaturen des Commodus usw. Die karikierten 
Perlen stehen also durchaus nicht \'ereinzelt. (Über die ägyp- 
tischen Maskenperlen siehe den folgenden Abschnitt.) 

In Sidon, Tortosa (Antaradus), Bvzacene u. a. sind Alabastra 
mit farbigem Eadenmuster zahlreich zum A'orscheine gekommen. 



') Professor v. Bissing teilt mir mit, daß auch 1906 in ägyptischen Gräbern 
der Kaiserzeit wieder zahlreiche dieser Art von Maskenperlen aufgetaucht seien. 
■-) Deville T. CXI D, E, Seite 86. 



95 



ebenso bei den Xachi^rabuni^-en Cesnolas auf Cypern und in 
Saida. V) Auch bei diesen Stücken ist der äg-yptische Urs])runi;- 
zweifellos. Die Technik ist Tioch die alte, die Modellierung- 
aus freier Hand über einem Tonkerne. Weitaus über\viei.i-end 
an Zahl sind jedoch in Kleinasien und auf dem i^anzen Gebiete 
punischer Kolonisation die jreblasenen (jefälie der Kaiserzeit. 
Zu diesen j^ehören auch die reliefier- 
ii'U Becher und Fläschchen des 
Ariston, Artas. Eirenaios, Ennion, 
Meg-es und anderer sidonischer Grie- 
chen, die an anderer Stelle ein- 
t^ehend besprochen werden. .Sie sind, 
soweit unsere Kenntnis reicht, jetzt 
die einzig"en sicher datierten Erzeug-- 
nisse phönizischer Glaswerkstätten, 
aber sie g^ehören bereits einer Periode 
an. in welcher der Hellenismus längst 
alle orig-inalen Kunstweisen im Orient 
verdräng"t hatte. Es sind keine ])h()- 
nizischen Erzeugnisse mehr, sondern 
griechisch-römische Produkte der in- 
ternationalen Reichskunst. Nicht eines 
der von Perrot und Chipiez III. 732 ff. 
aufgeführten Stücke läßt sich der 
j^hcinizischen Kunst vor dem \\ Jahr- 
hundert zuweisen.") Mehrere der 
gfriechisch - sidonischen Reliefgläser 
kamen in Sidon zum \'orschein. In 
Kudriatati (Provinz Constantine) fand 
man einen Becher mit I\ml)l('men der Arena und drr Insciirift 
AA1')E THX XIKllX, der in einem Becher ^lus Alelos sein SfMtcn- 
stück hat:",) in .Vskalon eine gläserne Statuette der Kybele, in 
Berenike(Kyrenaika)eine optische Linse aus farl)los-durchsichtig(Mn 




Abb. 48. Traubenkanne. 

Köln, Museum Wallraf-Richartz. 

III. Jahrh. 



') Xesbilt, catalogue of the collection of glass formet! by Felix Slade. iSjr. 
S. S. Perrot & Chipiez a. a. O. III 732 f. 

-) V. Bissing, recueil des travaux 2S, S. 21. 
'•^) Frocliner a. a. O. S. 119 f. 



96 

(jlase, in der römischen Kolonie \on Karthag"o Aschenurnen. 
Yon besonderem Interesse sind zwei der seltenen bemalten 
Glasbecher, ^•on welchen einer aus lasurblauem Glase mit 
Weinlaub und \^öj^-eln jjfeschmückt in Khamissa (Thubursicum) in 
Numidien, der andere, farblos, mit bunten Gladiatorenszenen, in 
Ali^'ier (Icotium) i^'efunden wurde. \) 

Syrien und Judäa. 

Auch in Syrien und Palästina entstand erst in der Kaiser- 
zeit eine selbständig"e Glasindustrie. Jedenfalls halben die Juden 
schon früher das Glas als Importware i>-ekannt, obwohl uns ihre 
Schriften darüber keine sichere .Vuskunft g'eben. Xamentlich 
unter Iiitmosis III., der Syrien und Palästina seinem Scepter 
unterwarf, wird die damals in höchster Blüte stehende (xlas- 
industrie Ai,''v])tens die Grenzen des Landes überschritten haben. 
Moses s])richt \'on Zie^t^eln aus Smarayd. womit wohl ebenso g"la- 
sierter Ton i.femeint ist. wit^ mit den Smara^'dsäulen des Melkart- 
tempels zu Tyru-i. Die Uekamitschaft mit (das soll eine Stelle 
bei I liob 28.17 beweisen, in der es heilk: „(lold und Sa])hir 
und Glas mas.,»" ihr (nämlich der \Veisheit) nicht jji'leichen, n.och 
um sie y'ülden Kleinod tauschen." Darin wäre zuQfleich die 
Wertschätzung" des (jlases ausg-esprochen. Aber die lutherische 
Übersetzung- sagt hier nichts \-on Glas, sie lautet vielmehr: 
„Gold und Demant mag- ihr nicht gleichen." Im \orausg-ehenden 
Verse i(3 wird der Sajihir g;enannt. im folgenden „Ramoth, Gabis 
und Perlen". DiMunach scheint es sich hier um die willkürliche Be- 
ziehung eines Ausdruckes auf ( rias zu handeln, das sonst gewöhn- 
lich „Sekukith" g-enannt wird, tnn AVort, das im arabischen Aus- 
drucke für Glas „Zadjadj" erhalten ist.") Salomon tadelt in seinen 



^) Siehe Abschnitt X: Die Gläser mit Malerei. 

^) Nach Hambcrger u. Michaelis, comment. societ. Gotting. IV, Seite 27 
und 58, wo alle jüdischen Zitate, die auf Glas bezogen werden, zusammengestellt 
sind, bewertet Hiob angeblich das mit Gold durchsprenkelte Glas höher als Saphir und 
Gold. Auch diese Nachricht dürfte auf einer sehr gewagten Auslegung eines unsicheren 
hebräischen Ausdruckes beruhen. 



97 



Sprüchen 23, 31 jene, „welclic dvn \Veiii so rot s(»h(Mi und wie 
er im Glase so schön stehe." \) liier kann nur ein durclisic-htiges 
Gefäß gemeint sein. Ob der Ausdruck richtig mit ,Glas' über- 
setzt ist oder vielmehr einen anderen durchsichtigen Stoif, etwa 
Krystall, bezeichnet, ist sehr fr^lglich, zunuU noch in der Kaiserzeit 
beide Stoffe miteinander verwechselt wurden. Josephus Flavius 
kennt natürlich das Glas bereits genau. Er möchte sogar im 
Wetteifer mit anderen den Juden die Ehre 
seiner Erlindinig beimessen, indem er er- 
zählt, daß tMust in Judäa ein Waldbrand 
entfacht worden sei, bei welcher (relegen- 
heit sich die Holzasche derart mit dem 
glühend gewordenen Sande des Bodens 
verschlackt habe, dal5 daraus flüssiges 
Glas entstand. Diese ^lär ist freilich noch 
unwahrscheiTilicher als jene \on der P.nt- 
stehung des Glases durch Sodastücke unter 
den Kochkesseln jihönizischer Seefahrer. 
Daß sie iiber nicht ganz aus der Luft ge- 
griffen ist, zeigen die verschlackten Wälle, 
die sogenannten Glasburgen des Nordens, 
von welchen später die Rede sein wird. 
• .- Die Glasfunde auf svrisch-])alästinen- 
sischem Boden gehören fast durchweg 
der Kaiserzeit an, nur einige ältere in 
Jerusalem entdeckte P)alsamarien mcigen 
schon einige Jiihrhunderte früher aus 
Ägypten ins fand gebracht worden sein. 
Aufschwung die Industrie Syriens in der Kaiserzeit genommen 
hat, zeigen die reichen Funde, die bei der Anlage der B^igdad- 
bahn und anderen Eisenliahnbauten in römischen Gräbern 
des Landes gemacht wurden. Diese waren zum großen Teile 
nach Art \"on Columbarien in den Felsen eingehauen und 
durch Aberglauben lange \or F^lünderungen von selten der 
Beduinen geschützt gewesen. Besonders ergiebig war die Bahn- 
strecke von Jaffa nach Jerusalem, dann weiter nördlich die Grä- 




.\bb. 49. l.agona mit 
Schlangenfaden. Köln. 

Welch bedeutenden 



^) „N'e intueris vinum quando flavescit, cum splenduerit in vitro coloribus." 
Kisa, Das Glas im Altertume. - 



98 

berstraße von Leg"h Bab und von Bed Jubrin, dem alten Eleu- 
theropolis, auch die von Askalon/) Durch die beim Eisenbahn- 
bau beschäftig'ten Werkleute g'elang-ten die Funde seit etwa 1895 
nach Deutschland in die Hände von Privatsammlern und Händ- 
lern, wobei leider manchmal die Spuren der Herkunft verwischt 
wurden, so daß Verwechselung-en, namentlich mit gallisch- 
rheinischen Funden entstanden. Die bedeutendste Sammlung- sy- 
rischer Gläser besitzt Kommerzienrat Zettler in München.-) In 
ihren Formen, namentlich denen der einziehen Gebrauchsware, 
herrscht große Übereinstimmung mit den Arbeiten der westlichen 
Provinzen des Reiches, ein \\eiterer Beweis für den Einfluß, den 
die von Alexandrien ausgehenden Typen überall ausübten. 
Eigenheiten finden sich freilich in den für Syrien kennzeichnenden 
Ölfläschchen von langgestreckter Schlauchform, (Formentcifel A 
8 — 10) den balusterartigen Bildungen mit runder Fußpkitte (Abb. 
18) und den Fadenhenkeln, die in Verbindung- mit dem vSpiral- 
schmucke des Bauches und dem Zickzack, das sich an die Mün- 
dung anlehnt, kleine vSeitenösen bilden oder sich in hohen ])han- 
tastisch verschlungenen Korbbogen über das Gefäß erheben. 
Oft sind zwei röhrenförmige Fläschchen dicht zusammengebracht, 
mit einem gemeinsamen Spiralfaden umwickelt und mit einem 
großen Henkel versehen. Man nannte sie im Griechischen 
JUixv^a, solche, die drei Fläschchen vereinigten TQiXexv^a^). 
(Abb. 17, 18: Formentafel A 7 — 9). Auch die schlanken röhren- 
förmigen Ölfläschchen, die Newton zu Hunderten in Knidos 
fand, sind vertreten, Pläschchen, deren Körper scharf kegel- 
förmig absetzt, mitunter mit leichter Schweifung, an der 
Mündung trichterförmig erweitert, zum Unterschiede von 



1) Ich verdanke diese Angaben hauptsächlich den Mitteilungen des Herrn Kom- 
merzienrates F. X. Zettler in ^München, der eine Sammlung antiker, zumeist syrischer 
Gläser besitzt und auf seinen Reisen auch zahlreiche Stücke in treuen Aquarellauf- 
nahmen abbilden ließ. Er hat mir sowohl die Originale wie die in einem großen 
Foliobande vereinten Aufnahmen in liebenswürdiger Weise zum Studium überlassen. 

") Syrische Funde aus der Kaiserzeit bilden auch den Kern der ehem. Sammlung 
Koussel, welche in die Slade's überging und mit dieser jetzt im Brit. Museum aufgestellt ist. 

■') Felix Hettner wendet diesen Ausdruck auf jene Kannen an, die im Inneren 
durch Scheidewände in drei Abteilungen getrennt sind; jeder von ihnen entspricht 
eine besondere Mündung, doch werden sie durch eine gemeinsame Außenwandung 
verkleidet. Auch diese Kannen sind durch das Zusammenpressen von dreien entstanden, 
wodurch das Volumen einer einzelnen Kanne auf ein I )rittel beschränkt wurde. 



99 



den g";illischen Tyi)en «Formentafel .\ 12 — 15). Die Fkischen- 
hälse zeigten gleichüills eii>"enartig-e Bildung-en. Sie behalten im 
allgemeinen die zylindrische Form bei, sind jedoch in zwei Teile 
gegliedert, einen längeren und breiteren Oberteil und einen 
engeren Unterteil. F'ast ausnahmelos ist der Hals scharf von 
dem Körper abgesetzt, selten verläuft er allmählich in die Run- 
dung. Das Material unterscheidet sich deutlich von dem der 
italischen, g^dlischen und ägy])tischen Gläser. Es ist von einem 
warmen \\\Mß, das nur leicht ins gell)liche oder grünliche spielt, 
nie grünblau, wie 
bei den ägyptischen 
und grünlich oder 
oliv wie bei den 
gallisch-rheinischen. 
Daneben findet sich 
auch ganz farbloses 
Mattglas und Krv- 
stallglas. 

In den letzten 
Zeiten des Kaiser- 
reichs beteiligten 
sich die Juden sehr 

rege an der Glasindustrie. Die phönizischen Werkstätten in 
Tyrus gingen nach und nach sämtlich in ihre Hände über. Im 
VI. Jahrhundert sind zahlreiche jüdische Glasmacher in Kon- 
stantinopel ansäßig. Von einem dieser erzählt die Legende, daß 
er sein Kind aus Zorn über dessen heimliche Teilnahme am Abend- 
mahle der Christen in den Glasofen geworfen habe, aus welchem 
es aber von der heiligen Jungfrau befreit wurde, nachdem sie die 
Flammen erstickt hatte. Auch in italienischen Städten betrieb 
die jüdische Kolonie die Glasmacherei. Im Jahre 687 wanderten 
griechische Arbeiter nach FVankreich aus, wo sie, wie berichtet 
wird, auf jüdische Art Glas herstellttMi. W^as man im Mittelalter 
unter „ Judenglas ", vitrum Judaicum, \erstand, geht aus einer Stelle 
bei lieraclius III., cap. 49 hervor, in welcher er von der Berei- 
tung der Farben zur Glasmalerei hiindelt. „Nimm ein Grossinum 
vSaphir", empfiehlt er „und dann Erzschaum, welcher vom heißen 
Eisen am Ambos'geschlagen wird: nimm davon ein Drittel mit dem 




-Abb. 



.Muria ;ius Sackrau. 



lOO 

Grossinum und mit Bleiglas, jüdischem nämlich, vermische 
es und reibe es g-ut auf dem Marmor."^) Die Wendung „plum- 
beum vitrum, Judaicum scihcet" bezeichnet deutUch, was man im 
Mittelaher unter Judenglas verstand.-) Durch einen Zusatz 
von Bleioxyden erzielt man, wie schon g"elegentlich der Funde 
von Wilderspool bemerkt wurde, ein sehr durchsichtigfes und 
glänzendes, die Lichtstrahlen stark brechendes und schön klin- 
g'endes Glas, das sich besonders durch Schliff gut bearbeiten 
läßt, vermindert aber dadurch dessen Härte. Nach dem Rezepte 
des Theophilus in seiner Schedula III 8 wurde zur Herstellung" 
von Judenglas Blei in einem Topfe zu Pulver g-eb rannt, zum 
Auskühlen fortgestellt und dann zwei Teile Blei mit einem Teile 
Sand gemischt. Die Holländer nannten das aus Kieselerde und 
Bleioxyden gewonnene weiche Glas Jet, die Franzosen Rocjiille. 
Man g-ebrauchte Blei auch als Flußmittel, um damit die Farben 
auf Glasscheiben zu befestigen."^) 

Diis ganze Mittelalter hindurch waren jüdische Glasmacher in 
Hebron tätig, ja noch im vorigen Jahrhunderte f^lnd Miß Martineau 
dort jüdische Glashütten, aus welchen Gefäße und Schmucksachen 
hervorgingen. Das Österreichische Museum in Wien besitzt eine 
große Sammlung derartiger Arbeiten. Die Gefäße, zumeist aus 
ordinärem bläulichem oder gelblichbraunem Glase, zeigen in den 
Formen noch manche antike Überlieferung, ebenso die Schmuck- 
sachen, die Arm- und Beinringe für Beduinenweiber aus opak- 
farbiger Paste mit Flecken, Bändern und Spiralen. Jüdische Glas- 
macher von Tyrus und Hebron vermittelten im IX. Jahrhundert, 
als die Handelsbeziehung'-en zwischen Venedig und dem Oriente 
begannen, die Glasindustrie in Venedig: anfang-s brachte man 
sogar den Sand vom Belus und aus der Wüste zwischen Kairo 
und Alexandrien dahin. Bezeichnend für die Wertschätzung des 
durchsichtigen Glases auch im frühen Mittelalter ist eine Stelle im 
Talmud, in welcher es der Gesetzgeber als wider die gute Sitte 
bezeichnet, daß man den Reichen aus weißen Gläsern zu trinken 
gebe, während sich die Armen mit farbigen begnügen müßten.^) 



^) Vgl. Blätter für Kunstgewerbe I S. 30. 
-) Ilg, Ausgabe des Theophilus S. 137 Anm. 
•^) ders. bei Lobmeyr S. 66. 
^) Talmud, Ordnung für die kleinen Feste 111 



lOI 



Mesopotamien. 

Auch in Assyrien finden sich Spuren, die auf eine Be- 
kanntschaft mit der Glasindustrie schließen lassen. Die Be- 
ziehungen zwischen diesem Reiche und Ag-ypten machen zu 
g-ewissen Zeiten einen reg-en Imjjort wahrscheinlich. Alte .Autoren 
erzählen von einem ung-enannten König-e von Babylon, daß 
er seinem Kolleg-en in Ag-ypten eine vStele oder einen Obelisk 
aus Smarat^d, drei ¥A\en breit und vier hoch als Geschenk 
übersendet habe. Vielleicht 
ist damit wiederum Praser, 
der lauchgTÜne Smarag"d, 
oder glasiertes Steinzeug 
gemeint, aber sicher nicht 
(xlas. Auch die Sage von 
den gdäsernenSärg-en taucht 
hier wieder auf. Als Xerxes 
das Grab eines der Grün- 
der der chaldäischen Dy- 
nastie öffnen ließ, soll er 
zu seiner Überraschung 
den Leichnam in einem 
gläsernen Sarge gefunden 

haben, der mit Ol gefüllt war. Mit den gläsernen Särgen der 
Athioper, Ägypter und Alexanders des (jroßen ist dieses Kapitel 
aber noch nicht abgeschlossen. Noch ^lus dem XII. Jahrhundert 
berichtet Benjamin \'on Tudela, daß auf Befehl des Kalifen von 
Susa der Leichnam des Propheten Daniel nachträglich gleichfalls 
in einem gläsernen Sarge beig'esetzt worden sei. Diese Nachricht 
hat nichts unwahrscheinliches, w eiiii man bedenkt, daß gläserne, 
d. h. aus Glasplatten zusammengesetzte Särg-e in der Reliquien- 
verehrung eine große Rolle sjüelen. X'ielleicht hat es sich in 
letzterem Falle gleichfalls um eine Beisetzung der Reliquien 
ad oculos gehandelt. 

Im übrigen sind diese Nachrichten schwer zu kontrol- 
lieren, weil sie gewöhnlich auf der Mißdeutung eines Aus- 
druckes l^eruhen, den man ohne genügende Gründe auf Glas 
bezog. Die Ausgrabungen haben ebensowenig Reste \on gläsernen 




Abb. 51. Römisches Plattengrab. 
Rheinisch, I. Jahrhundert. 



I02 

Särgen wie von Säulen und Obelisken, sondern nur kleine 
Schmuckperlen, Siegelzylinder, Amulette, Ringe, Zierplatten und 
Würfel erg-eben. Die in den Ruinen der Königspaläste von 
Ninive und Kujundschik zum Vorscheine gekommenen Glas- 
pasten sind genau den ägyptischen in Material, Form, Farbe 
und Schmuck gleich. Ein kleiner Glaswürfel im Louvre ist mit 
aufgelegtem Blattgold verziert. Während die Tonglasur in den 
Prachtbauten der assyrischen Könige zwar nach ägyptischem 
Vorbilde, aber in durchaus selbständigen Formen in reichem 
Maße zur Anwendung gekommen ist. findet sich von selbstän- 
diger Bearbeitung des Glases keine Spur. 

Dieses wurde nur in seiner ersten Fntwicklungsform als 
farbige Paste, zu den genannten kleinen Gegenständen verar- 
beitet, aus Ägypten eingeführt; die aus freier Hand über einen 
Kern modellierten Gefäße fehlen mit einer vereinzelten Aus- 
nahme gänzlich. Diese Ausnahme wurde sogar wegen einer 
Keilinschrift eine Zeitlang als einheimisches Erzeugnis betrachtet. 
Es ist die berühmte Glasvase des Königs Sargon, des 
großen Eroberers von Syrien (721- — 704), die in den Ruinen 
des Königspalastes von Ninive gefunden wurde und jetzt im 
Britischen Museum verwahrt wird: Das Prototyp des Ala- 
bastrons, ein Kännchen von gedrungener Schlauchform, dick- 
wandig, mit kurzem, leicht ausgebogenem Rande und zwei 
viereckigen Ansätzen, die als Ösen dienen. (Abb. 22.) Die 
trübe, grünlich durchscheinende Masse ist aus freier Hand 
über einem Tonkerne modelliert, das Äußere mit dem Rade 
abgeschliffen, als würde es sich um eine Arbeit in Krystall 
oder Akibaster handeln. Auf einer vSeite ist ein Löwe, auf 
der anderen der Xame .Sargons (Saryukins) in Keilschrift ein- 
graviert. Die Vase wurde \'on Layard mit anderen Funden 
wohlverpackt nach Bombav gebracht, wo sie verladen werden 
sollte. Doch war sie plötzlich auf rätselhafte Weise ver- 
schwunden, bis sie einige Zeit später durch einen glücklichen 
Zufall \on einer englische Dame bei einem Geistlichen in 
Devonshire wieder entdeckt wurde. ■^) Froehner der die Phö- 



^) Archäol. Zeitg. 1S48 S. 380; 1S49 S. 71. I'errot & Chipiez, Assyrie 
S. 717, leider mit ungenauer Abbildunt;. Die technische Erklärung von C. Friedrich 



I03 

nizitM' fälschlich für die Krfimlcr des t;irl)l()s- durchsichtig'cn 
Gleises hält, eriniK^rt daran, dali Sart»"on Samaria eroberte 
und aus Phönizien i^Tolk" Beute heimbrachte. Der sogenannte 
Kalend(^r Sarpfons zähle als (lewiiin der l'.rt)berun^'szüjj-e dieses 
llerrschers nach S\-rien eine j^^Tolle Mens^"e \on (jese-henkcn an 
(rold, Silber, Ebenholz und (iefälien aller Art auf. h.s ktinnte 
sich denniach auch dieses (iefäß dabei befunden haben, ob es 
nun Lj'erade in Phönizien selbst oder anderswo an den Küsten 
Kleincisiens entstanden sei. Wir haben aber g"esehen, dal) sich 
eine eij^^ene phönizische dlasindustrie nicht nachweisen lasse, 
wodurch auch hVoehners 
X'ermutunir \on tler Erfin- 
dung- des farblosen Cilases 
hinfällig" wird. Da,iJ;eiJ;en ha- 
ben wir solches schon in Teil 
el Amarna i^efunden. Da-- 
aus Quarz j^ewonnene Gla^ 
war schwerer zu bearbeiten 
als das g'ewöhnliche, d^dier 
sind die daraus modellierten 
( iefäl)e dickwandii,'"er. Tech- 
nik und Eorm der \"ase 
Sari>-ons deuten auf äg-ypti- 

schen Ursprung-. Die Keilinschrift bildet d^ÜDci kein Hindernis, 
denn es g-jbt g^enug Vasen aus Alab^ister, welche auf der einen 
Seite o\n ägv]-)tisches Zierschild, auf der anderen einen assy- 
rischen Königrsniimen in Keilschrift irraviert zeig^en. Wie nach 
Syrien führten Sarg^on krieg'erische Unternehmungen auch nach 
Ag-ypten. in die äithio])ische Zeit, in das \'1II. Jahrhundert und 
den Beg-inn des \'ll. fallen die N^ersuche assyrischer König-e sich 
des Reiches am Xil zu bemächtigen. Auf einem der zahlreichen 
PLinfälle konnte Sargfon leicht Gelegenheit gefunden haben, in 
den Besitz der \'ase zu gelangen, die vr. wie üblich, nach seiner 
Rückkehr in die lleimat mit seiiu^m Wunen signieren liel). 




Abb. 52. Schälchen aus KrvstallgUis. Äijyptisch. 
München, Antiquarium. 



a. a. O. ist cjanz vcrl'ehlt. Unsere .^bbilflunj:; ist nach einer neuen photogr;iphischen 
Aufnahme hergestellt, die ich Herrn Dr. Wallice Hudgc vom britischen Museum und 
Herrn Prof. von Bissing verdanke. 



I04 

Jedenfalls lieq"t es näher anzunehmen, daß sie direkt aus 
Ägypten stamme, als daß sie auf dem Umwege über Phönizien 
als ägyptische Importware nach Ninive gekommen sei. 

Auf meine Bitte nahm sich Professor v. Bissing gelegent- 
lich einer Studienreise 1906 die Mühe, die Vase Sargons genau 
zu untersuchen, wobei er von Konservator Dr. E. Wallis Budge 
in dankenswerter Weise unterstützt wurde. Das dicke hellgrüne 
und ziemlich durchsichtige Glas ist auf der rauh gewordenen 
Außenseite stark irisiert, die P'orm durchaus ägyptisch, speziell 
den Alabastergefäßen der saitischen Zeit verwandt, die Inschrift 
ebenso wie die beiden kleinen Löwen rechts und links von ihr,^) 
die rein assyrischen Stil zeigen, nachträglich eingekratzt. Auch 
die beiden genannten Gelehrten zweifeln nicht daran, daß die 
Vase in Ägypten entstanden sei. 

In den Ruinen \on Nini\'e fand Layard außerdem eine 
Reihe \'on Glasgefällen der Ptolemäer- und der Kaiserzeit. Auch 
in Kujundschik und Babvlon wurden solche gefunden. 

\'on den alten Persern wissen wir aus einer Stelle bei 
Aristoiihanes, daß sie bei Hofe aus goldenen und gläsernen Ge- 
fäßen tranken.'^) Die Athener, die 444 vor Chr. zum Groß- 
könige nach fLkbatana kamen, um mit ihm einen Wrtrag 
abzuschließen, berichteten mit Staunen, daß sie überall auf 
ihrem Wege genötigt wurden aus Gold oder Glas zu trinken. 
In Griechenland stobst waren damals Glasgefäße noch sehr 
kostbar. Die Perser werden sie, ebenso wie die Griechen 
selbst, aus Ägypten bezogen haben. Der persische Ausdruck 
für (ilas „bulur" ist gleichbedeutend mit Krvstall. Kr stammt 
also erst aus einer späteren Zeit, als das farblos -durchsichtige 
Glas allgemein war, d. h. aus der Kaiserzeit. Farbiges Glas hat 
keinen eigenen Namen, wahrscheinlich wvirde es, analog dem 
Ausdrucke Kystall. jeweilig mit dem Namen jenes 1 lalbedelsteines 
bezeichnet, welchen es nachahmte. Aus solchen Gepflogenheiten 
ergeben sich ja mitunter auch in den Berichten klassischer 
Autoren nicht geringe Schwierigkeiten. Eine Bemerkung des 
Athenäus \'on Naukratis, eines Grammatikers des III. Jahrhunderts 



■*) Auf der Abbildung kaum sichtbar. 
-) Aristophanes, Arachne V 73. 



lO: 



nach Chr., th-r in Alr\an(h"ia und Koin lebte, liat mit der früheren 
einigte .Ahnhciikeit. I'.r ijericiitet nämheh von den Persern, daß 
sie zur Zeit Alexanders d. droTjen aus (jlas^efäßen zu trinken 
liebten. Es ist nicht unmösrlich, daß er einfach die Meldung- 
des Aristophani^s wiriiert, ohne etwas Xeu(\s b{Mbrini.;"en zu wollen, 
denn der .Vltersunterschied ist in den beiden Daten g^erin^. Die 
Berichte sind im übrig'en ohne ])raktische Bedeutunir, da wir in 
Persien nur dläserfunde aus der Zeit der 
alexandrinischen Werkstätten ha1)en. Wahr- 
scheinlich bürg'erte sich die ( ilasindustrie, 
die im X\'J. und X\'il. Jahrluindert in Per- 
sien eine hohe Blüte erlebte, erst unter der 
Römerherrschaft \"on S\-rieii aus ein. Jetzt 
g'\lt das Gkis von Schi ras für das feinste 
im Oriente. 

O O 

Ob in Indien im Altertume das Glas 
heimisch war. ist trotz der Mitteilung' des 
Plinius, daß dort aus zerbrochenem Krvstall 
schönes durchsichtiges Gkis g^emacht werde, 
zweifelhaft.^) Wie schon C. Friedrich be- 
merkt, ist es höchst unwahrscheinlich, daß 
man dort einen wertxollt^i Stoff zerstört 
haben sollte, um ein Surrogat von ga^ringe- 
rem Werte an dessen Stelh^ zu setzen. ■) 
Dies wird noch unwahrsclieinlitiier durch 

die Beobachtung- desselben Plinius. daß die Wertschätzung" des 
echten Bergfkrvstalles um so mehr g^estiegen sei, je grcißere Fort- 
schritte man in der Imitation dieses Minerales durch farblos- 
durchsichtigfes Glas gemaciit hal)e.''» Wahrscheinlich ist hierlx'i 




.\bb. 53. üalsamarium 

aus Krystallglas. 

Ägyptisch. Louvre. 



') Plinius sagt 36, ::6. daß es deshalb unvergleichlich sei ,,. .et ob iil nulluni 
comparari.'' 

^) C. Friedrich, Bonner Jahrb. 74, S. 164 f. 

^) l'linius 37, 10. ,,Mire his (crystallis) ad similitudinem accesserc vitrea, 
sed prodigi modo ut suum pretium auxerint crystalli, non deminuerint." 



loO 

unter Krystall ^nr nicht der Berg-krystall zu verstehen, sondern 
weißer feiner Quarz, den man zerschlug" und pulverte, um d^iraus, 
wie in Ägypten und anderwärts, farblos-durchsichtiges Glas zu 
erzeug'en. Friedrich führt als Beispiel dafür, daß man auch noch 
heute zwei ganz \erschiedene, namentlich auch im Werte sehr 
auseinanderg-ehende Stoffe mit g-leichem Ausdrucke bezeichne, 
die Arbeiter der bayrischen Glashütten von Zwiesel im Fichtel- 
gebirge an, die g-leichfalls den feinen weißen Quarz, den sie zur 
Frzeug-ung farblos -durchsichtigen Glases ^•erwenden, Krystall 
benennen. — Im übrigen rühmt Plinius die Inder auch als 
g"eschickte Nachahmer von Edelsteinen. Funde haben seine 
Nachrichten bisher nicht bestätigt; was von antiken Gläsern dort 
zum Vorschein gekommen ist, gehört der gewöhnlichen Gebrauchs- 
ware der Kaiserzeit an und steht den svrischen Gläsern nahe. 




III. 



Der antike Glasschmuck und seine 
Verbreitung. 



Das Email. 




Abb. 54. Asclienurnen aus ( ilas. Aus rheinischen Gräbern. 



Der antike Glasschmuck und seine Verbreitung. 




Den llauptg-egen.stiuul der Ausfuhr \on Glaswaren aus 
Ägypten bildeten die Schmuckperlen und anderer Zierrat des 
menschlichen Körpers, wie (Jhrgehäng-e, Anhänger, Arm- und 
Haarringe, Fingerringe, Gewandnadeln, auch Spielsteine usw. 
Fa.st ausschließlich für 
den Export waren die 
von Iferodot erwähnten 
W^'rkstättcMi \oii Xau- 
kratis tätig, die im Vi. 
Jiihrhundert \-or Chr. '^^^- 54 a- 

und spät(^r in Blüte standen und aul')er einheimischen auch 
griechische Werkleute beschäftigten. Diesen machte mitunter 
die Darstellung ägyptischer R(\sonderheiten, wie beispielsweise 
dt^r 1 Jierogly])hen, Schwierigkeiten, so daß ihre Arbeiten leicht 
in den Verdacht absichtlicher Fälschungen geraten können. 
.Vn diesen fehlt es freilich in der (rlasindustrie ebensowenig 
wie auf anderen Gebieten. Xamenthch die arabiscluMi J laudier 
entwickeln in der Täuschung europäischer Reisender durch 
angeblich zufällige Funde von Scarabäen, Uschebtis und kleineren 



Henkel von Aschenurnen. 



HO 

Glas- und Glasurarbeiten, welche g^eschickt nachgeahmt werden, 
große Findigkeit. 

Die ägyptischen vSchmuckperlen aus Glas sind die weitaus 
bekanntesten und Verbreitetesten Überreste antiker Glasarbeit. 
Man findet sie teils einzeln, teils (allerdings zumeist von jüngerer 
Hand) an Drähten und Schnüren zu Halsketten, Brustgehängen 
und Armbändern zusammengereiht, von Indien bis an die Gold- 
küste Afrikas, vom Pontus bis nach Britannien, an den Küsten 
des Mittelmeeres ebenso wie im Innern von Deutschland und 
Frankreich, im Keltenlande und in Skandinavien. Die Toten- 
städte der Eisenzeit (Vilkmova), die der älteren und jüngeren 
Hallstadtperiode, die der Certosa von Bologna, die Gräber der 
älteren und jüngeren Latenezeit haben eine ungeheuere Menge 
dieser zierlichen Erzeugnisse erschlossen, ja vielleicht erscheinen 
sie als erste Regungen der Kultur, als die frühesten Boten der vor- 
geschrittenen Zivilisiition des Südens diesseits der Alper sogar schon 
in der neolithischen Periode. Mit diesen leicht transportablen und 
^^■ohlfeilen Massen-P>zeugnissen konnten die phönizischen und spä- 
ter die griechischen, römischen und syrischen Kaufleute bei nai\'en 
Völkern gute Geschäfte machen. Germanen und Kelten gaben 
ihnen Zinn, Kupfer, Bernstein und Pelze für den buntglitzernden 
und gefälligen Schmuck ebenso leichten Herzens in Tausch, wie 
später die Indianer Perus und die Xeger der Westküste Afrikas 
ihr Gold den Venezianern für ihre Conterien. In den Ländern 
am Mittelmeer nannte man sie später „ägyptische Steine", in 
England bezeichnete sie der Volksmund als „Druideneier", in 
Schottland als Nattern- und Schlangeneier. Den germanischen 
Stämmen galten sie als Talismane und wurden, weil sie ihrem 
Träger den Sieg verbürgten, auch „Siegessteine" benannt. 

Unter den Dolmen von la Loziere lagen Halsketten und 
einzelne Perlen aus blauer Paste ägyptischen Ursprunges, eine 
schwarze Perle mit blauen Adern wurde in den Dolmen von 
Locmariaquer gefunden.') In nordischen Gräbern erscheinen sie 
nach Sophus Müller ausschließlich als Frauenschmuck.-) Gewöhn- 
lich wurden sie an Halsbändern getragen, bisweilen läßt ihre 

^) Froehner S. 7. 

■-) Sophus Müller, Nordische Altertumskunde. Band II. S. 59 ff. 



I II 

Lag-e darauf schließen, daß sie am I landsrelenke odt^r im Ilaare 
befestigt waren. Daß sie dem Cieschmacke der rauhen Germanen 
zuseig-ten ist leicht begTeiflich, denn sie sind wirklich hübsch und 
em])fahltMi sich dem steig-enden Bedürfnisse nach Zierrat und 
Luxus durch ihre schier unbeg-renzte Mannigfaltig-keit. Sehr 
zahlreich sind sie in der Kaiserzeit, der nordischen Eisenzeit zu 
finden, als die Wrbindung-en mit dem Süden lebhaft und ständig- 



«9>^ 






Abb. 55. .\scheniirnen. Köln, Museum Wallraf-Richartz. 



gfeworden waren. \iel seltener in den früheren Perioden, der 
nordisch(Mi P>ronzezeit, und zwar nimmt die Häufigkeit der Kunde 
sowohl, wie die INIeng-e der in einem einzelnen Grabe \-orhan- 
denen Perlen im Laufe der römischen F^eriode merklich zu. Lin 
Fraueng-rab \on X\ru]) (Odsherred) \üm Knde der X'ölkerwande- 
rung-szeit enthielt nicht weniger als 734 (ilasperlen und außerdem 
deren 482 aus Bernstein. Man ersieht daraus, daß Glas])erlen ein 
sehr einträg-licher Ausfuhrartikel gewesen sein müssen. Auch 
in der nachrömischen Zeit blieb die X'orliebe für diesen Schmuck 
groß. In I>ornholm allein zählte K. \>del gegen lOOO Glas- 
])erlen aus der \"ölkerwanderungszeit und etwa 4000 aus der 



I 12 

folgenden Periode. Die überwältigende Menge und die z^Lhl- 
losen Varianten dieses Schmuckes setzen den Versuchen, sie zu 
ordnen, nach Herkunft. Zeit und Herstellungsart zu l^estimmen, 
große Schwierigkeiten entgegen. Immerhin ist es auch bei den 
nordischen Perlen ohne weiteres klar, daß sie aus Werkstätten 
auf klassischem Boden hervorgegangen und nicht etwa heimische 
Erzeugnisse sind. Mögen solche nach der K^dserzeit auch in 
den neuen germanischen Reichen gemilcht worden sein, so er- 
gibt sich schon aus den 'näheren Fundumständen, daß die 
Schmuckperlen skandinavischer Gräber gleichzeitig mit anderen 
römischen Industrieprodukten eingeführt sind. Germanisches 
Erzeugnis dürften die Perlen aus Ton sein, in welche Stücke 
von Glas eingedrückt sind\) 

Besonders reich an Römerfunden ist im Norden das kleine 
Dänemark, wo auch Kaisermünzen, wie solche des Lucius Verus, 
im Vereine mit ihnen vorkamen. Dtibei ergibt sich, daß der starke 
römische Im])ort auf die einheimische Kunst nicht ohne Einwirkung 
blieb und besonders in der Ausstattung der Waffen einen eigenen 
römisch-germanischen Mischstil schuf, in welchem die Formen 
hervortreten, die in Rom während des I. Jahrhunderts n. Chr. 
herrschend waren. Diesem Mischstile gehören auch jene großen 
Knöpfe, vielleicht von Schwertgriffen an, welche ein eigen- 
tümliches aus Goldplättchen, Grubenschmelz und farbigem Glase 
hergestelltes Mosaik zeigen. Die Torfmoore, welche diese Funde 
lieferten, waren ehemals Meerbusen, in welche die Schiffe ein- 
liefen, deren Ladung sich zum Teil bis heute erhalten hat. Man 
zählt solcher Stellen mehr als achtzig.^) 



^) Vgl. Ilg bei Lobmeyr a. a. <">. S. 5 f. 

-) Über die nordischen P'unde ist zu vergleichen: Führer durch die dänische .Samm- 
lung in Kopenhagen S. So f. — \Viberg, Der Einfluß der klassischen Völker auf den 
Norden durch den Handelsverkehr. Deutsch von INIesdorf, Hamburg 1807. — Montelius, 
Die Kultur Schwedens in vorchristlicher Zeit. Deutsch von C. Appel, Berlin 1SS5. 
Dasselbe Werk in französischer Bearbeitung durch Salomon Reinach, Paris 1895. — 
J. N. V. Sadowski, Die Handelsstraßen der Griechen und Römer. Deutsch von 
Albin Kohn, Jena 1S77. — .Archiv für Anthropologie IV S. Ii f. Grempler, Der 
Fund von Sackrau, Breslau 1S8S. — Vieles über die Römerfunde des Nordens im 
allgemeinen in der schönen Arbeit von Willers, Die römischen Bronzeeimer von 
Hemmor, Hannover 1901. 



"3 



In der Rcyrl u rrdt'U als J rä_y"er (k'>. Zw i^cluMlluLIHk'l^,, der 
die Er/.eui^-nisse der äj^y])ti.schen Glaswerkstätten der j^anzen 
antiken Welt mit I^insrhlul) des Nordens vermittelte, die see- 
fahrenden Phcinizier l)Ptrachtet. So unternehmend aber dieses 
\'ölkchen aucli war. so ^Toße Wrdienste ihm nicht nur in 
kommer/ieHer . sondern auc^h in kultureller 1 linsicht zukom- 
Tuen. bedarf die .Vusdehnun^' seines W'irkun^'skreises doch, 
wie b(^reits iMMiierkt. einer l'.insehränkun^-. I )er ])h(")nizische 
I landel war ^yrcilkeMiteils in den 1 landen xon l\.;irthaL;"o imd 
Giides. r\rus selbst war 
seit dem Vi. Jahrlumdert 
vor Chr. durch dit^ asiati- 
schen Eroberer aus sei- 
ner früheren führenden 
Rolle sehr zurückge- 
dräny't, liatte seine Kolo- 
nien verloren und sich 
\or dem iiufstrebenden 
i^Tiechischen Handel im- 
mer mehr zurückg'ezo- 
^en. Karthatf'os ( rewalt 
erstreckte sich üb(^r 
]\üdta, Sardinien, Sizilien, 

die Bidearen, welche Gebiete schon \on den Tyrern erobert 
worden waren. Sein Handel öffnete sich durch die Säulen des 
Ilerkules freie Bahn und dehnte sich einerseits läng^s der West- 
küste Europas bis nach den Zinn-Inseln (Casseriden) im Süden 
von England, andererseits an den westafrikanischen G(^staden 
bis an den Seneq'al muMiambia aus. während seine Ivarawanen 
im Innern bis an die l'fer de> Xiles und in das XiiJfijferii'ebiet 
\ordranjren. Wie Herodot mitteilt, hab(Mi die Phönizier im 
Auftraire des ä^vptischen Kciniy's Xeclio Afrika umschifft. Um 
470 vor Chr. se^'elte 1 lanno xon Karthaj.;X) aus mit 60 Galeeren 
und 30000 Auswanderern ül)er die Säulen des 1 lerkules hinaus. 
um an Afrikas Gestaden Pflanzstätten zu s^TÜnden. 1-lr yelaniJte 
über das yrüne X'orjrebirs^e in den Golf von (niinea (nach an- 
deren nur bis Sierra Leonen und brachte die erste Kunde 
\on den dort vorkonimeiultMi Schimpansen. \'or kurzem wurde 

Kisa, Das Glas im Altertume. S 




Abb. 56. Ölfiäschchen. Köln, ehem. Sammlung 
Merkens. 



114 

in dem Grabe eines berühmten Negerhäuptling-es in Mansu 
bei den Aschantis ein Perlenhalsband gefunden, das in das 
Britische Museum gekommen ist/) Es besteht aus zwanzig Glas- 
perlen von verschiedenen Formen und Farben, welche sich von 
den sonst in dieser Gegend häufigen Aggry-Perlen venezianischen 
Ursprunges deutlich unterscheiden, \-ielmehr mit den Perlen 
ägyptischer Herkunft übereinstimmen, die man in Gräbern des 
VI. Jahrhunderts vor Chr. in Kamiros auf Rhodos entdeckt hat. 
Wenn damit auch nicht gerade die Fahrt Hannos bewiesen ist, 
so legt der Fund doch für einen Handelsverkehr zwischen dem 
Orient und der Westküste Afrikas Zeugnis ab. 

Sizilien war durch drei Jahrhunderte (von 536 — 241) den 
Karthiigern Untertan, wenigstens der größere und wichtigere Teil 
seines Küstengebietes. Sehr bedeutend war der karthagische Handel 
nach Massilia. Es gab dort eine starke phönizische Kolonie, sogar 
einen Baalstempel. Phönizische Münzen sind im Süden F'rankreichs 
nicht selten, freilich stammen manche von ihnen erst vom Zuge 
Hannibals her, andere von den alten Handelsstraßen. Die Kar- 
thager gruben auch an den Mündungen des Loire nach Zinn. 
Aber nicht sie, sondern Etrusker und Griechen kultivierten Gallien. 
Daß punische Seefahrer durch den Kanal in die Nordsee gekommen 
seien, um hier Bernsteinhandel zu treiben, ist zwar nicht unmöglich, 
aber nicht nachgewiesen. Weder die Alten berichten etwas davon, 
noch sind im Norden und Nordwesten Europas Funde zweifellos 
punischen Charakters gemacht worden. Damit ist zugleich gesagt, 
daß in den Zeiten, in welchen der Handel mit ägyptischen Glas- 
waren noch in den Händen der Phönizier war, keine oder doch 
nur verschwindend wenige Perlen nach dem Norden gekommen 
sind. Diese werden erst häufiger seit der römische Welthandel 
den alexandrinischen Werkstätten neue Absatzgebiete erschlossen 
hatte, besonders aber vom II. Jahrhundert ab, seit römische Waren 
über Gallien und das Rheinland den Weg nach dem freien Ger- 
manien g'efunden hatten. Früher hatte man angenommen, daß 
der größere Teil der in nordischen Gräbern gefundenen Gkis- 
perlen phönizischen Ursprunges sei. Diese Ansicht ist nun end- 
gültig aufgegeben, seit es feststeht, daß Phönizier nicht so weit nach 



^) Veröffentlicht von Read in ,.Man", Januar 1905. 



1^5 



dem Norden vorqfedrunjren sind und daß die ihnen zugeschriebenen 
Glasarb(Mten viehiiehr aus äg-y])tischen Werkstätten stammen. 

Im \'I1. Jahrhundert vor Chr. be^y-annrn die Jonier den l'liöni- 
ziern im Mittelmeere Konkurrenz zu machen. Seit di(^ Phokä("r um 
600 Massiha g-eq-ründet hatten, durchzogen jonische I laudier das 
Hinterland auf den 1 landelswegen längs der Rhonc^ und Saöne, 
drangen weiter an den Rhein, die Seine, den Loire und die 
Garonn(^ \or und führten die griechische Sprache in Gallien ein,^) 
die vor den Römern dort allgemein bekannt war. vSie lehrten 
die Ureinwohner auch den 
Weinbau, die Kunst aus 
Metallen Münzen zu ])rä- 
gen und ersetzten so die 
Naturalwirtschaft durch die 
Geld Wirtschaft. An dieser 
kolonisierenden Tätigkeit 
waren außer Massilia die 
griechischen Niederlassun- 
gen in dem Winkel zwi- 
schen den Pyrenäen und 
dem Mittelmeer beteiligt, 
besonders das rhodische 
Rhoda (jetzt Rosas) und 
das massilische Emporion 
(Ampurias). .Vuch die Massi- 
lier h^ltten es vorwiegend 
auf Zinn abgesehen. Sie 
fuhren durch (rallien über 

den Kanal nach der Insel Iktis iW'igh) hinüber um es dort zu 
holen,-) außerdem auch den Ijernstein.'') In älterer Zeit war 
dieses in der Antike hochgeschätzt(\ den Edelmetallen mindestens 
gleichgehaltene Produkt auf anderen, weiter östlich gelegenen 
Landwegen nach Kleinasien, Griechenland und Italien gelangt. 

Der altgriechische Himdel mit dem Xorden ging \-on Olbia 
am Pontus den Dniestr, den Tvras der Alten hinauf nach Kiew. 




Abb. 



57. Stamnium und Fasskannen. 
Köln, Ende des II. Jahrh. 



*) Strabo, Geogr. IV 5, 2. 

^) Diodorus Siculus, bibl. hist. V, 22. 

') Herodot hist. I 115. 



8* 



ir6 




Ihm folgten auf demselben Wege der römische der Kaiserzeit 
und der byzantinische. \"on Kiew ging es dem polnischen Bug 
zur Seite bis Bromberg, wo ein großer griechischer Münzfund 
gemacht wurde, der wahrscheinlich direkt aus ( )lbia stammt. 
Ein anderer Weg führte östlich den I)nie])r entlang, an der 
Beresina und T)üna weiter bis zur ( )stsee. Beide Wege sind 
bereits bei Ptolenuieus Marcianus und in der Peutingerschen 
Tafel angedeuet. Eine dritte Hcindelsstraße ging vom E^ortus 
Josianus (Odessa) am Schwarzen Meere längs dem Dniestr auf 
die Quellen der Oder und Weichsel zu und daim nach den 
Gestaden der ()stsee. Den Weg bezeichnen zahlreiche Fund- 
stellen griechischer und 
rcJmischer Altertümer. In 
der Ostsee spendete den 
Bernstein das Samland. 
jene bei Xenophon \on 
Lam])sacus Baltia genannte 
Halbinsel, deren ganze 
Küste \'on den Weichsel- 
mündungen bis nach Riga 
reiche Bernsteinhschereien 
aufweist. Übrigens fand man das Produkt auch in der Nordsee. 
Durch diese \^<>rbindungen wurde in der Kaiserzeit die 
Annäherung zwischen Xord und Süd besonders leibhaft gefcirdert. 
\"icle junge unternehmungslustige (iermanen ließen sich durch 
hohen Sold luid andere \"orteile bewegen, ihr (rlück in Rom 
zu su( hen. um dort Kriegsdienste zu nehmen und nach ta]:)ferer 
Soldatenlaufl:)ahn reich 1:»eschenkt und \-on klassischer Kultur be- 
leckt in die 1 leimat zurückzukehren. Manche Funde mögen solchen 
W^mderschaften ihre A^^qiflanzung nach dem Norden verdanken. 
Andere stammen aus der Kriegsbeute, namentlich der \"ölker- 
wandi^rungszeit, oder aus größeren (jeschenken, welche die 
Kaiser und F'eldherren wiederholt den dermanen teils zum Lohn, 
teils zur Beschwichtigung gewähren mußten. Den Strand der 
Ostsee erreichten die Reimer aber viel früher auf den ihnen 
näher liegenden adriatisch-baltischen Handelsweg"en als auf den 
pontisch-baltis(dien. Auch bei ersteren hatten sie unter dreien 
die Wahl. Der ein(^ folgte \-on Celmantia an der l)onau aus 



.•\bb. sS. 



Faßkanne. Köln, Museum 
Wallraf-Ricliartz. 



'•7 



(ItMii l.autc der W'aat;- bi^ in die l\.ar])alhrn und t'ührlc dann 
(hircli den |al)lunka])asN in das ( )d(>r- und W'cichselg-ebiet. Schon 
l'toleniacus nennt im \\'aa,L;'tale mt-hrert^ J landelsstationen. l-'.in 
\v(\stlicher \Vt\iJ- führte x'on X'indobona (Wien) und ("arnuntuni 
1 1 Ieinl)urir) über die rcimische Reichs^Ten/e ins Marclitehl und 
von da teils in das debic^t der Elbe, teils in das dc^r Oder. Unter 
den in Mähren if-(^fundenen Sachen mnir zwar manches aus den 
Markt)mainienkrie,i,'-en stannnen, doch war iJferade dieser \Ve^ 
vom P>ernsteinhande] bevorzuget."") Aul)erdem wird durch zahl- 
reich(> AusgTabunt;rn Ixnviesen, dal) ro- 
nnschc Kaufleute in Schlesien und l)ran- 
den])urL;' angesiedelt waren und nach 
römischer Sitte, sog'ar in gemauerten drab- 
g-ewölben mit Columbarien, bestattet wur- 
den.") .Vuch an den I la\elseen hat man 
Römergräbc^r mit (rraburnen und Charons- 
münzen gefunden, pjn dritter Weg ging 
von Mähren nordwestlich nach Böhmen 
und \on dort längs der Elbe an die Küste. 
I^is gegen Ende des i. Jahrhunderts 
nach Chr. war Aquileia der IIau])t-Sta])el- 
platz für die nach dem Norden gehenden 
Waren.") Dadurch findet die Tatsache, 
daß in der Einfuhr der Rheingegenden 
bis zu diesem Zeitpunkte die italischen 
Erzeugnisse, unter den Glaswaren z. B. die 
farbigen (iläser griechischen .Stiles, die 

italischen Nachahmungen der sidonisclien Kelietgläser. die ül)er- 
fangenen imd Mosaikgläser xorkonnnen, während sie im II. Jahr- 
hunderte fast ganz \-erscliwind(Mi, eine Erklärung. Zum i'.ndc des 
I.Jahrhunderts tritt darin nüt der Befestigung der Rcimi^rherrschaft 
in (iallien und am Rliein ein \'ollkommener W^andtd ein. Die 
Funde ergeben nun ein großes einheitliches Handelsgebiet, das 
von der Ems bis zur Weichsel reicht und nicht mehr \-om Süden 
über die Alpenpässe, sondern vom Südwesten, xon (lallicn aus. 




Abb. 59. Faßbecher. 

Köln, Museum Wallraf- 

Richartz. 



^) Plinius bist. nat. 87. 2. 

') Grempler a. a. * '. II. und III. Fund. 

'■') Willers a. a. <>. S. 19 1 f. 



ii8 

versorgt wird. .\n die vStelle \on Aquileia tritt Massilia, am 
Rhein selbst bilden sich vStapelplätze in Trier und Köln, welche 
den Verkehr zwischen dem Reiche und dem freien Germanien 
vermitteln, teilweise selbst für dessen Bedarf produkti\' tätig- sind. 
Hier überwog- jedoch bis an das Ende der Römerherrschcift der 
Tauschhandel den Münzverkehr. Die kostbaren (rläser, die man 
im Norden gefunden hat, mögen mit Vorliebe diesen Weg ge- 
nommen haben, die meisten dürften aus rheinischen Werkstätten 
hervorgegangen sein, zu deren Spezialitäten gläserne Trinkhörner 
sowohl wie bemalte und mit bunten Schlangenfäderi verzierte 
Gläser gehörten. 

Was die Technik jener im Norden so häufigen antiken 
Glasperlen betrifft, so hat Flinders Petrie einige der Methoden, 
welche in Ägypten zur Zeit der i8. Dynastie bei deren Pler- 
stellung angewendet wurden, geschildert.-*) Nach den in Teil el 
Amarna gemachten Funden hat schon damids, um 1350 vor Chr., 
die Perlenerzeugung den Charakter der Massenfabrikation an- 
genommen. Eine Art bestand darin, daß man einen dünnen Glas- 
fiiden um einen Draht wickelte und an den Enden zusammen- 
drehte, wodurch die Perle leicht zugespitzt erschien. Durch 
Pressung kam eine völlig^e Kugelgestalt oder die eines flach- 
kugeligen, dicken Ringes zum \"orscheine. Durch Querschnitte 
erzeugte m^ui aus einer länglichen zwei oder mehr flache Perlen. 
Eine andere Art bestand darin, daß man Glasröhren auszog, mit 
einem scharfen Werkzeuge einkniff und dann in kleine zylindrische 
Stücke brach, die man durch Schliff vollendete. Solche Perlen 
sind an den blasigen Eängsstreifen der Masse kenntlich, während 
die anderen infolge der Drehung eine spiralförmige vStruktur 
zeigen. Es ist dieselbe Methode, die noch heute bei Erzeugung 
der vSchmelzperlen (Jais) befolgt wird. Jetzt werden die lang- 
gezogenen Gkisröhren nach dem Erk^dten mit einer Art I läcksel- 
maschine zerhackt und dann mit einem schwer schmelzbarem 
Pulver zusammengemengt, um aufs neue im Feuer erweicht 
zu werden. Das Puher \erhindert, dal') die einzelnen Stücke 
dabei zus^unmenbacken und bewirkt, daß diese bei längerem 
.Schnitte ihre scharfen Ränder verlieren und rundlich werden. 



'1 Flinders Petrie, Teil el Amarna. Vgl. auch den Abschnitt II über Ägypten. 



119 

KlfMiK^ zylindrische Perlen dieser Art, zumeist aus leuchtend him- 
mel- oder türkisblauer Paste, mitunter auch aus schwarzer, weißer 
oder andersfarbiger, bildeten den gewiihnlichen Wjlksschmuck 
Ägyptens bis in die Kaiserzeit und darüloer hinaus. Auf Drähte 
und Schnüre, in mehrfachen Reihen angeordnet, wurden sie auf 
Brust, Hals und zu Armen getragen. Auch Mumien sind sehr 
reich mit Glasperlen behängt, zuweilen mit ganzen Perlennetzen 
übersponnen. Diese Perlen fehlen in keiner Altertumssammlung 




Abb. 60. Kannen und Delphinfläschchen. Köln, Sammlung M. vom Kath. 



Europas und des Orients. Wie weit sie zvirück reichen ist nicht 
genau festzustellen, jedenfalls gehen sie noch über die 12. Dy- 
nastie hinauf. 

Neben den zylindrischen kommen am häufigsten die kugeligen, 
eirunden, flachbohnenförmigen, baluster- (rads])eichen-)förmigen 
und solche Kugelperlen \'or. die auf einer oder zwei Seiten ab- 
geflacht sind, ronnenförmige Perlen \on schw arzt'r I^arlx' sind mit 
einem weißen oder gelben Querbande verziert. .Vuch herzförmige 
und kleine viereckige Plättchen mit Augen- und Fadenmustern 
sind unter den Funden Petries aus (jurob u. a. <i8. Dynastie).'^) 



^) Die von I'etrie in Gurob und in anderen Orten Ägyptens gesammelten Glas- 
und Tonperlen sind von Capart auf zahlreichen Tafeln photographisch aufgenommen. 
Die .Aufnahmen wurden mir von Prof. Wiedemann zum Studium überlassen. Viele 
Abl)ildungen von Perlen enthält Petries Werk über Teil el .Amarna. 



120 

Dann flache Ku^else^'niente mit kürbi.siirti,i^"en Ri])])en, Zvlin- 
derperlen mit Querbändern und solche mit Ouerbändern und 
StricheUmjr, flachrunde Rosetten in Form eines Achtpasses, kreis- 
runde auf beiden Seiten j^ewölbte Plättchen mit scharfem Grat, 
tro])fenartij^ lant^g-ezoiifene Anhäng-er, die sich an einem Ende 
l)irnf(">rmig- verdicken und welchen an dem ^deichen Drahte eine 
kleine Rundperle beig'efüg"t ist u. a. Die Formen sind stets scharf 
und regelmäßig" ausgeprägt. Langgezogene Zylinderperlen sind 
oft mit dichten Ouerri])pen \-ersehen und mit Blattgold überzogen. 
Ms finden sich auch Kugel- und Ringperlen mit solcher Art von 
Vergoldung, wie mehrere im .Vntiquarium in München. Später, 
vom IV. Jahrhundert \or Chr. ab, kommt die solide Art der Vergol- 
dung mit Überfang auf — Die Anreihung \on Zylinderperlen er- 
folgte bei Brustgehängen u. a. oft in Netzform, wobei eine kleine 
Rund]ierle gleichsam den Xetzknoten angab. Manchmal findet 
man xon den Z\'linder])erlen fünf lüs acht dicht uf^beneinander 
gedrückt, etwa wie die Pfeifen einer Syrinx. Unter den Ver- 
zierungen sind Bänder, Sjüralfäden, einfache Augen und Augen- 
paare am häufigsten, dann schräge Strichelung. Auf ^d^geplatteten 
Kugel])erlen finden sicli oft Augen, die von einem Strichelkreise 
umgeben sind, sowie kürbisartige Streifung, diese auch mit Augen- 
schmuck \ereinigt. Ovale Perlen enthalten mitunter sechs und 
mehr Augen oder runde Flecken. Die birnförmigen Perlen wech- 
selten in den 1 lalsketttMi mit kugeligen und zylindrischen ab. 
Eine kleine Kugel})erle aus türkisblauem Glase, im Besitze \on 
Professor Wiedemann in Bonn, trägt in gravierten 1 lieroglyphen 
den Namen der Prinzessin Hatschepsut (Hatasu), der Schwester 
Tutmosis' III. , derselben, deren obsidianartige Perle sich im Briti- 
schen Museum befindet. Die \Viedemannsche Perle stammt aus 
den Petrieschen Funden \on Gurob. Die andere hat, wie bereits 
bemerkt, infolge ihrer tiefschwarzgrünen F^irbe bei mehreren Ge- 
lehrten und Kennern, w ie Froehner, Zweifel ob desMateriales erregt. 
Sir Augustus Franks und Makelyne vermochten die Frage, ob 
(ilas oder Obsidian hier benützt sei, nicht zu entscheiden, Froehner 
neigte zu letzterem hinzu, während Wilkinson^) für Glas ist. Das 
spezifische Gewicht der Perle entspricht dem des Kronglases, 



1) Wilkinson, Manners and Customs I S. 53, III .S. 90. 



121 



auch s(m^t liat dir clitMuischc riUcrsucliuny" iiachtrÜLiiirli jenen 
Kceht g'eg"eben, tue für (ilas (Mntfetreten sind. 

Die erste der \on I'ctrir na(^h den Pfunden \ on ICH el Aniarna 
festijfestellten Methotlcii dci- I Icrstellung" \ on l'rrlcii wurde da- 
durch k()ni])h/ierl. dali man anstatt d(\s einfaclien I-'a(hMis zwei 
\erschiedenfarbit>"e um den l)raht wickelte, nachdem man sie selbst 
spiralförmig" zusamniens^-edreht hatte. Solche T)o])])elfäden waren 
auch als l'niranduiiL!' '1'''' Münduni^" \'on (refälleii,' .\lal)astren, 
Ami)horisken und Schalen sein- Ix'liebt. Aucli die so hergestellten 
I^erlen erhielten (hircli Walzen. Pressen und Sclmeiden \-er- 
schiedeiK^ For- 
men. Wenn man 
sie zusammen- 
drückte, bekam 
man Perlen \"on 
dicker Rins^- 
form . w ie sie 
namcMitlich für 
den Kxport in 
jj;"roßen Menj^-en 
hergestellt wur- 
den und sich 
unjremein häu- 
fit»- in den (irä- 

bern des westlic^hen .Mittelmeerbeckens imd diesse-its der .\l])en 
finden. Diese Form zeig"t auch eine der beiden yToßen Perlen, 
welche ang'eblich bereits in (U'r neolithischen Niederlassung" 
zu Leng"yel, Komitat l'olna in Westunsjfarn , y(^funden und 
von einem Pester I l;ind]er für das Museimi in .Mainz er\\()rl)en 
wurden. Die ein(> isi in .\1)1). 24. Pitj-. 16 wi(Mlert^"e,^"eb(Mi.^) Die 
h'undumstände und die .\uskünfte des 1 ländlers sind leidi^r i.j"leich 
unzuverlässig»". Wären si(> ü])er allen /.\\«Mfel erhaben, so müliten 
wir die beiden l'erlen als die ältesten (ilasfunde diesseits der 
Alpen betrachten. Dii- eine ist aus einem fast farblosen, s^elb- 
lich durchscheinenden, ursprün^-lich wohl yanz durchsichtigen 
Faden spiralfc'irmii^" zusammeni;"edreht. in welchem im Inneren ein 





.\bb. 6[. Delphintiäschchen. Knln, Sammlung Nicl.ien. 



') Altertümer unserer heidnischen Vorzeit, Band V, T. Xl\', Fi>;. 214, 215. 



122 

g-elber, opaker Faden zum \'^orscheine kommt. Die Spuren der 
Drehung- sind g^anz deutlich: der Faden ist durch Plintauchen 
eines g^elben Fiidens in farljlos- durchsichtige Glasmasse, durch 
sog-. Überfangen herg-estellt. Solche Masse wurde ja, wie wir 
wissen, schon in Teil el Amarna dadurch hergestellt, daß man den 
Sand durch g-epulverte Quarzkiesel ersetzte. Die andere Perle 
ist gleichfalls ringförmig- und aus einem opak-gelben und einem 
opak-dunkelbraunen Glasfaden zusammeng-edreht. Beide sind aber 
wahrscheinlich späteren Ursprungs; aus Vorsicht wird man sie jeden- 
falls von chronolog-ischen Untersuchungen ausschließen müssen. 
Andere Sorten von Perlen wurden nicht wie die allg-emein 
beliebten himmel- und türkisblauen Schmelzperlen in Zylinder- 
form aus Glasröhren g-eformt, iiuch nicht durch Umwickeln 
eines Drahtes mit dünnen Glasstäbchen, sondern aus der 
opak-farbig-en Paste durch iVustropfen eines erhitzten stärkeren 
Glasstabes erzeug-t, etwa wie man eine Sieg»-ellackstang-e aus- 
tropfen läßt. Dieser Tropfen wurde durch Plätten und W^dzen 
geformt, durch Eintreiben eines runden Metallstäbchens g-elocht 
und nach dem P>k£Üten auf verschiedene Art weiter bearbeitet. 
Auf den durch erneute Erwärmung wieder erweichten Grund 
wurden ^mdersf^lrbige Glasfäden als flache Bänder, Zickzack, 
Wellen, Adern, .Spiralen, Augen, Ringe, Buckeln aufgesetzt, durch 
Walzen fest eing-edrückt und dann durch .Schliff geglättet. Voll- 
kommene Glättung- erzielte man durch leichtes Ausschmelzen an 
der Flamme. Aber schon im IV. Jahrhundert vor Chr. ist außerdem 
bei der Auflage farbig'er Verzierungen eine vereinftichte Technik 
nachzuweisen, die darin besteht, daß der Glasmacher mit einem 
erwärmten Glasstäbchen auf dem gleichfalls erwärmten Grunde 
der Perle farbige Linien und Punkte aufsetzte, also gleichsam 
malte. Diese Verzierung- haftete erhaben auf der Oberfläche, 
während die andere fest eing-edrückt war und jetzt manchmal 
wieder ausgefallen ist, so daß in der Perle \'ertiefte Ornamente, 
Schrauben Windungen, konzentrische Ringe u. a. erscheinen.^) 

'j Ü. Tischler, Die Aggryperlen und die Herstellung farbiger Gläser im Alter- 
tume. In den Schriften der physik.-ökon. Gesellschaft zu Königsberg, Band 27 (1887). 
Lindenschmit in den Altertümern u. h. V. Band IV, 4 u. Deutsche Altertumskunde. 
P. Reinecke in d. Altert, u. h. V. Band V. 3 (die beste und sorgfältigste Bearbeitung 
der vorrömischen Glasperlen). 



12^ 



Diese TtThiiiktMi wurden in Alfx;in(lritMi bis in die tränkische 
ZtMt hinein m'eübt. 

I-'orni, Wrzierun^-, Farbe und Technik der (jliis})erlen sind 
von (Muer schier unerschöpfhchen Mannig-faltig-keit. Ks ist noch 
nicht kmye hi^r, daß man die Bedeutung" dieser kleinen, zierhchen 
Denkmäler einer uralten Kultur in ihrem \ollen Umfiuig-e wür- 
digen g-elernt und sich Mühe tjeg-eben hat, Ordnung- in das, ('haos 
zu bringfen, es zeitlicli und stilistis(-h zu gTU])])i(^ren. Fast alle 
in Grabfeldern diesseits der Alpen ge- 
machten Funde stimmen mit solchen 
aus ägyptischen Gräbern überein, doch 
sind diese selten gleich/eitig, häufig 
sogar viel älteren Diitums. Einzelne 
Sorten scheinen speziell für den Ex- 
port, dem Geschmacke der Barbaren 
entsprechend, hergestellt worden zu 
sein, denn sie fehlen in Ägypten selbst 
fast ganz, kommen aber in Cypern, 
Kleinasien und Griechenland vor. Es 
ist in diesem Falle auch nicht unmög- 
lich, daß eine andere Glaswerkstatt 
des Orients, Sidon oder Tyrus, diesen 
P.xportartikel lieferte. Andererseits 
wurden manche Perlensorten eigens 

für Ägvpten hergestellt und nur in gering-en Mengen in das 
östliche Mittelmeergebiet ausgeführt. 

In der frühen Bronzezeit kommen (xlasjierlen l)ei uns 
noch nicht vor, vereinzelt nur in England und S])anien. wohin 
sie durch die Phönizier gekommen sein mögen. Sie sind 
meist zylindrisch, mit , ileichten Längsrippen versehen, von 
opak-stumpfblauer Masse und in der Technik mit den aus 
Glasröhren gezog-enen übereinstiTumend. Dagegen kann man 
von etwa 1500 vor Chr., \om Beginne der eigentlichen Bronze- 
zeit ab, in den Gräbern Mitteltniro]ias Glasperlen in fast lücken- 
loser Reihe verfolgen. Allen Entwicklungsstufen bis zum Ende 
der römischen herab ist eine weitverbreitete Klasse gemeinsam: 
Fiinfache Rundperlen aus hellblauem Glase. (Abb. 24, Fig. i.) Die 
Farbe ist aus Kupferkisur hergestellt und nicht das tiefe Ultra- 




Abb. 62 Delphintlüschchen. 
Köln, Museum Wallraf-Ricliart/. 



124 

marinblaii. das man in .Vi^'vj^ten seilest im mittleren und neuen 
Reiche, aber auch in Mykene und den ifriechischen Insehi findet: 
dieses scheint nicht nach dem Norden importiert worden zu sein. 
Dag'eg"en stimmt es mit dem Hhiu überein, das in Ag"ypten 
während der saitischen Periode erscheint, und l)ei uns in Arm- 
riniJfen der Latenejjfräber \orkomTTit. 

Die Perlen, \velch(.^ von 1500 bis in die jünj^ere Ilallstadt- 
zeit hineinreichen, sind mit denen \'on Teil el Amarna und den 
s})ätmykenischen idtMitisch. I)ie einfarV)ijren sind dunkelblau oder 
hellt^TÜn durchsichtig", auher ihnen t^-ibt es solche, die aus opak- 
weißen und farbig'en Fäden zusammeng'edreht sind. (Abb. 24, 
Fiir. 2.) In Ag-ypten treten um diese Zeit bereits die so^. AutJ^en- 
])erlen auf, einfarbige Stücke mit rimden, gelljcn flecken, in 
die ein dunkler, meist blauer Punkt eing'esetzt ist. Nach Skandi- 
navien und Ostpreußen kamen diese erst zu Ende der Bronzezeit, 
nach Gallien und in die Aljjenländer zu Anfang der Hallstadtzeit. 

Für diese, d. h. die Jiihre um 1000 — 900 sind in Deutsch- 
land, wie im Mittelmeergebiete ()])ak-dunkle, fast schwarze, blaue 
odf^r l)raime Perlen mit gfelben uiul weißen Ringaug'en kenn- 
zeichniMid, die mitunter auch mehrfache konzentrische Kreise 
bilden. (AV)]). 24, Fig. 3. 4.) Diese sind in die (irundniiisse ein- 
gedrückt, alxT manchmal im Laufe der Zeit \erloren g'egang'en, 
so daß nur I lohlringe oder leere Schrauloengewindt^ stehen blieben. 
Besonders g'-rofje und reich \erzierte Stücke di(^ser Art sind in 
Italien und I lallstadt gefunden v^orden, auch solche aus schwarzem 
(jlase in Form \'on Radnarl:)en (Balustern). Durchsichtig'es Glas 
ist sehr selten. In Ag-v})ten imd im ganzen östlichen Mittelmeer- 
becken kommt diese schwarze, mit Augen xerzierte Perlenart 
schon \or dem Jahre 1000 \or, l:)esonders zahlreich \m Kabyren- 
heiligtume \on Theben und in (_)lvm]:)ia. Auch Perlen mit S])iral- 
einlagen tiiuchen in Ägypten schon um diese Zeit auf, finden 
aber erst in der jüngeren Latenezeit den W eg" zu uns nach dem 
Norden. 

In der späteren Jiallstadtzeit, den Jahren um 700 — 600, sind 
bei uns, wie in Cypern, Griechenland und Italien, hellgrüne 
Perlen nicht selten, auf welche Zickzack- und Wellenlinien 
aufg-elegt sind, ganz wie auf den in Theben und Teil el Amarna 
gefundenen Scherben \-on (Tlasgefäßen: (Abb. 24, Fig. 5, (^): dii- 



12 = 



g-Ci^en tchlcii (lif Au^cnpfrlcii. I^inc neue uiul cluiraklt'ri^ti^.clu' 
ErscluMiiunj^ sind Kiiii^'c' aus liclls^TÜncni und lu'llblaiUMii ( rlase, 
d\v an Srlinürcn am 1 lalse i^-etrai^Tn wcrdiMi, obwohl sie mit- 
unt('r \()n d(^r dröße (Miies Armrin^ws sind. In Xordtrankrtnch, 
wo sie nocli in der frühen Latenezeit xorkonimen. Iiat man sie 
so bei I.eic-lien an Kettchen nel^Mi kleineren befestii^t j^'e- 
fund(Mi. Aus (h:^rsi»lben Zeit stammcMi die Tierko]ifperlen der 
()stal]i(Mi, die leider noch nicht ediert sind. (le^rn JMide des 
\'l. Jahrhunderts tritt als I laupts^TU])]»- die der 
Perlen mit jjfeschichteten Aujjfen (nach 
Tischler; auf. Diese Aug"en bestehen aus wech- 
selnden La^'en \on Milchweil^ und I )inik(4- 
blau (Abb. 24, Fii>-. 7 — 9). die sicdi konzentrisch 
\'erjiin^'en, so dal) immer ein blauer l'unkt 
die Mitte l)ildet. Sie sind teils wie bei de- 
fälk'n aufi4'etro])ft. teils mit erweichten Stäb- 
chen aufgesetzt. Der (irund der Perle ist 
zumeist oranjj'e und opak, auch durchschei- 
nend mtM^rs^rün; seltener sind tiefblau durch- 
sichtit^e Stücke mit einer einzii^"en La^"e \on 
\Veil5 und einem blauen Auy-e. Dit^ oranye- 
g'elben und meerijfrünen Aug"enperlen hnden Abb. 63. Baderiäschchen 
sich in kug-elig-er, ringförmiger und zxlindri- mit Bronzeverschluß und 
scher (lestalt. oft in stattlicher Größe, überall '"^ ' 

in Mengen: in .\g\])ten, den Mittelmeerländern und dit^sseits der 
Al])en und im Norden, sehr zahlreich in ( rriechenland. ItalitMi (in den 
Gräbern der Certosazeit), .Südrussland, in den ])unischen Ländern 
Afrikas und in Sardinien. Am Xordrande der Aljien ])ilden sie bis in 
das \'. Jahrhundert hinein die wtMtaus xorherrschende Art. W'ahr- 
scheinli<-h stammt aus dieser Zeit auch die tiefblaue .\ugenperle. 
die in 1 iermeskeil 1 i<egierungsl)ezirk 'iVi(^r) gefunden wurde. In 
die späte I iallstadtjteriode gehören auch gell)e. hellbl.uie und 
meergrüne Perlen mit großen, weißen Scheil^tMiau t sätzen. die 
einen braunen, mit sieben weil^blauen Augen besetzten Ring ein- 
schließen: an .Stelle des braun(Mi Ringes treten manchmal 
braune Wcllenlinion. .Xul'x^r Ägypten hat man diese Arten ott 
in Xordfrankreich gefunden, während sie Ix-i un-> telilcn. Die 
Aug(Mi]M^rlen sind. b<^sonders die gnißeren l\\emplare uiUer ihnen. 





126 

oft auch mit tropfenförmigen, rundlichen Knoten besetzt, teils 
von der Grundfarbe, teils von anderer, auch mit farblosen (Abb. 24, 
Flg. 9, 1 1 ). In Ägypten und in den Alittelmeerländern treten an 
Stelle der Knotenperlen solche mit aufgelegten Masken von 
Menschenköpfen in Relief mit ägyptischem Kopfputze, teil- 
weise von sehr detaillierter Ausführung und reicher Ausstattung, 
indem Augen, Nase, Lippen, Ohren, Haarlocken und Bart ,durch 
aufgelegte bunte Fäden gebildet werden. (Vgl. S. 93). Bei uns ist 
diese Perlenart, welche den außer Ägypten auch in der Mittel- 
meerzone häufigen Anhängern in ]\Iaskenform sehr nahe stehen, 
bis jetzt nur in drei Exemplaren aus römischer Zeit vertreten.^) 
Der Maskenschmuck an Perlen und Anhängern tritt 
nämlich in Ägy^pten in der saitischen Periode als 
Nachahmung eines Schmuckes des IL Jahrtausends 
auf und erhält sich dort bis in nachrömische Zeit. 
Geschichtete Augenperlen sind bei uns auch in 
der jüngeren Latenezeit, also bis weit in die Zeit 
Bronzeverschluß 'i^^ch Christi Geburt hinein, nicht selten. Im all- 
eines Badefläsch- gemeinen reichen die geschilderten Arten bis in das 
chens. Neapel, jy Jahrhundert vor Chr. Von da ab finden sich 

Museum. . •• ,...,., a r- i i i 

m Ägypten und im ostlichen Mittelmeerbecken 
längere Zeit hindurch Kugelperlen von regelmäßiger P'orm mit 
zahlreichen farbigen Punkten und Scheibchen von sehr dünnem 
Auftrage, daneben aber überall bis tief in die Kaiserzeit hinein 
dunkelblaue Perlen mit weißblauen Augen, größere Exemplare 
auch mit vier Reihen solcher besetzt (Abb. 24, Fig. 14). In die 
ältere Latenezeit gehören außer den über^dl häufigen, schlichten 
blauen Perlen die melonen förmig gerippten, teils durch- 
sichtig tiefblaue, teils solche mit eingelegten farbigen Fäden, 
außerdem glatte blaue, mit eingelegtem weißem Zickzack. 

Der Plaupttypus der mittleren Latenezeit ist bei uns die 
Perle mit Spiraleinlagen (Abb. 24, Fig. 10, 12, 15), die wir in 
Ägypten schon vor dem Jahre 1000 angetroffen haben, oder die 
mit Scheiben und Buckeln, die ihrerseits mit Spiralen verziert 
sind (Abb. 24, Fig. 13). Form und Größe der Stücke sind ebenso 
verschieden, wie Zahl und Anordnung der Spiralen. Eine in Arne- 



1) P. Reinecke a. a. O. Tafel XIV, 246, 247. 



127 



bürg- (.Vltmark) g-efundene Perle hat die für \orrömisrhe Zeit 
seltene kubische Gestalt. I läuti^- ist dagegen der Besatz dunkel- 
blauen Grundes mit orangegelben Buckeln (Abb. 24, Fig. 12). 
Sonst sind für Grundfarben meergrün, orange, hellgrün, hellblau, 
für die Aufhigen o])ak\veil], s(4t(Mier gelb (schwefelgelb oder 
orange), oder weil) mit blau verziert, für Buckeln und Warzen 
orange beliebt. Zum ersten Male tritt jetzt bei Perlen, sowohl für 
den Körper als für den Buckelbesatz farblos-durchsichtiges 
Glas auf, so z. B. in dem Funde \on Dühren bei Sinsheim im 
Badischen. Die einc^ 

der daher stammen- >rf<^SÄ ^. 

den Perlen ist von 
dicker Ringform und 
scharf fassettiert, 4.3 
cm im äußeren, 1,3 im 
innerenDurchmesser, 
1,3 cm hoch, wasser- 
hell durchsichtig und 
innen im Bohrloche 
mit einer opak-gelben 
F'olie bedeckt, welche 
durch den Glaskörper 

goldig hindurchscheint. Vier andere Perlen sind aus demselben 
Stoffe, gleichfalls farblos, aber mit einer Ausnahme ohne Folie 
und außen sämtlich gerundet. Eine Perle hat gedrückte Kugel- 
form, ist aber nur schwach durchscheinend. In demselben 
Grabe und an anderen Orten^) wurden auch Armringe aus 
farblos -durchsichtigem Glase gefunden. Farblos- durchsichtige 
oder doch durchscheinende Glasperlen lieferten ferner die Gräber 
von Erdbach (Nassau) und im Koppswalde (Hunsrück): ganz 
rein ist das Gkis selten, fast imm(>r grünlich oder gelblich 
schattiert.-) In Ägypten und selbst diesseits der Alpen hat 
man Perlen aus dieser F'eriode gefundiMi. welche aus zwei eine 




Abb. 64. 



Prismatische Kannen aus Alexandrien. 
Köln, Sammlung Nießen. 



*) Bonner Jahrbuch, Band 43. S. S5. 

-1 .Schumacher in den .Mtertümcrn u. h. V. Band V, Heft 3, S. 75 f. mit 
.\bbildungen auf T. XV, Fig. 260 — 262. Ders. in den Veröffentlichungen der Karlsruher 
Sammlungen 1899 S. 79. Vgl. auch Revue archeologique 1855, S. 76. Ghirardini, 
La coUezione Baratela di Este 1888, S. 118. Brizio, Monumenti antichi 1899, S. 79. 



128 

vSchichte Blattg'old einschließenden Hälften farblo.s-durchsichtig"en 
Glases bestehen und andere, die mit Blattg'old überzogfen und 
dann mit farlihjsem dlase ül)erüing"en waren, so daß sie wie 
massive (loldperlen aussehen. Nach Tischlers Untersuchungen^) 
kommen (Tlas])erlen mit eingfeschlossenen (Jold])lättchen in 
Ägfvpten schon im l\'. Jahrhundert \'or Chr. \'or und sind 
in römischer Zeit häufig". Auch in dänischen Gräbern wurden 
farblose und g-rünliche (rlasperlen g"efunden, die mit Blattg'old 
überzognen und mit einer durchsichtigen Schichte \'on Glas über- 
fangfen sind. Kine Spezialität der mittleren Latenezeit, die \ier- 
eckig"en Schieber aus tiefblauem Gkise, die mehrfach g"elocht 
sind und so zu Schnüren angfereiht werden konnten, haben 
mitunter Besatz von halbkug'elig'en Tropfen aus farblos-durch- 
sichtigfem Glase. Diese Trojjfen sitzen in breiten orangfe-farbig'en 
Bändern (Abb. 24, Fig-. 11). .Sonst kommen in dieser Zeit noch 
g-ewöhnliche blaue Perlen mit weißen Wellenhnien, vereinzelt 
auch tonnenförmig-e g-rüne Stücke mit hellen eingelegten Fäden 
vor. Da sie in Bibracte nicht zu den vSeltenheiten gehört, kann 
man sie bereits als eine Übergangsform zu der Spätlatene be- 
trachten. 

Als die Hauptform dieser Periode ist diesseits der Alpen 
mit Ausnahme von Xorddeutschkmd die Ringperle zu be- 
trachten (x\bb. 24, Fig. 16). Sie kommt in verschiedenen Größen 
und T'arl:)en \or, auch farblos-durchsichtig, mit einem Stiche ins 
grünliche, gelbhche oder besonders häufig ins bläulich-grüne, oft 
aus Fladen von verschiedener F'arbe zusammengedreht, wie die 
Ringperlen aus Hahnheim (bei (J])])enheim), Heidesheim (bei 
Bingen), Neunmorg^en (bei Nierstein,).") Die früher erwähnten, 
angeblich aus einer neohthischen Nekropole herrührenden Ring- 
perlen des Mainzer Museums stimmen in der Technik und \^er- 
zierungsweise so sehr mit diesen überein, daß man Grund h^it, 
sie gleichfalls erst in die Spätlatene zu versetzen. Oft ist bei 
farblosen Stücken, wie bei den Armringen, auf der Innenseite 
im P)ohrloche eine opak -gelbe Folie aufgelegt, mitunter ein 
gelber Faden eingelegi-t und mit farblos- durchsichtig-em Glase 



^1 Vortrag Tischlers bei der Anthropologen-Versammlung in Breslau 1884. 
■-) .Abgebildet in Altertümer u. h. V. Kd. V, T. XIV. Fig. 217. 219, 221 



129 



überfanüfen : es komnuMi auch Rii\^"e \-or, die in der ATasse 
von andersfarbig'en Streiten und Flecken durchsetzt sind. Wir 
stoßen hier also bereits auf dit^ Anfänt^e des Uberfang-- und 
des Mosaikg-lases, welche zu Beginn der Kaiserzeit eine so 
g"roße Rolle spielten und den Kunststil des Glases für lang^e 
hinaus bestimmten. In den Farben tritt jetzt eine 
viel j^TÖßere Mannigfidtig^keit als früher auf. Be- 
sonders beliebt bleibt aber Dunkelblau mit milch- 
weißer Bänderung", durclisichtig"e Bernsteinfarbe, 
opakes Schwarz mit g-elben und weißen Einlagen u. a. 
So kommen die schönen gestreiften, gebänderten, 
mit eimnn grobmaschigen Xetze versehenen und 
die marmorierten Perlen zust^mde, die in keinem 
der späteren Latenefunde fehlen. Es erproben sich 
in ihnen im kleinen die abwechslungsreichen Tech- 
niken, welche die alexandrischen Werkstätten in 
der Blütezeit der Glasindustrie zu den kostbai-sten 
Prachtleistungen befähigten, die aber in Agvpten 
selbst und in den klassischen Gebieten nur selten 
auf Perlen angewendet wurden. Derartige Perlen 
waren für den Export nach den Barbarenländern 
bestimmt und blieben bloß vereinzelt in der Heimat 
und deren Nachbarländern. Daneben erhielt sich 
diesseits der Alpen auch der Geschmack für die 
Spiralverzierung, für Buckelung, geschichtete Augen, 
für eingelegte mehrfarbige Streifen. F"äden und 
Ringaugen, sowie natürlich für einfache bkiue und 
grüne Kugelperlen. 

In der Kaiserz ei t wurden zahllos(^ neue 
Typen auf den Markt geworfcMi. Einen prächtigen 
Schmuck ergab die Übertragung des Farnkniut' 
musters auf größere Perlen (Abb. 25, Fig. 7, 9). 
\erzierung erfuhr eine reiche Ausbildung (Abb. 25, Fig. 2, 4, i 2 — 17). 
Die Anreihung zu Halsketten erfolgte außer den gewöhnlichen 
.Vrten auch dadurch, daß die Perlen zu beiden Enden eine 
rosettenförmige Bronzefassung t^rhielten, an welcher Ösen an- 
sitzen, mit welchen die einzelnen Glieder aneinander gehenkt 
wurden. Im Münchener Antiquarium befindet sich eine Schmuck- 

Kisa, Das Glas im Altertume. n 





Abb. 65. 

Merkurllasche. 

Köln, Sammig. 

M. vom Rath. 



und 
Die 



l-eder- 
Faden- 



I30 

kette aus runden, kürbisartig gerippten Perlen von hellbkiu-durch- 
sichtigem Glase mit weißen Querbändern, alexandrinische Arbeit 
aus der Kaiserzeit. Die Perlen sind mit derartigen Fassungen 
von vergoldeter Bronze aneinander gereiht. (Abb. 25, Fig. 2.) 

Fäden wurden nicht nur eingelegt, sondern auch plastisch 
aufgelegt. Am häufigsten findet man dicke Zickzack- und Wellen 
fäden in weiß und gelb auf schwarz; daneben glatte Bänder, 
Wellen- und Zickzacklinien, spiralförmige oder netzförmige Um- 
wickelungen, aufgetropfte und aufgemalte. Aber auch das Über- 
fang- und Mosaikglas wurde in verstärktem Maße in der Perlen- 
industrie verwendet. Das Mosaikglas mit seinem unregel- 
mäßigen Marmor- und Fleckenmuster, das Band- und Petinet- 
glas ergaben eine unübersehbare Fülle von Varianten. Zu 
den bisherigen Formen, den kugeligen, plattrunden, ei-, linsen- 
und radnarbenförmigen, den tropfenartigen, zylindrischen, 
würfelartigen, vier- und mehrkantigen Prismen traten einfache 
und Doppelkegel, Stutzkegel, Würfel mit abgestutzten Ecken 
u. V. a. Die Millefioritechnik, die im VIII. Abschnitte geschildert 
werden wird, eröffnete neue glänzende Verzierungsarten. Man 
hatte gelernt durch ein rhythmisches Anreihen von verschieden- 
farbigen dünnen Glasstäben, konzentrisches Überfangen der ein- 
zelnen Stäbe und Stabbündel, spiralförmiges Aufrollen ^•on ver- 
schiedenfarbigen Glasschichten eine buntfarbig gemusterte Masse 
zu erzeugen, aus welcher sich Perlen in beliebiger Form schneiden 
ließen, namentlich wenn die Masse vorher durch Erhitzung er- 
weicht worden war. Solche Perlen zeigen bis zu dem auf gleiche 
Weise wie früher durchgestoßenen Bohrloche in ihrem ganzen 
Kerne dieselbe Musterung (Abb. 25, Fig. 2,3,10). Schon der ununter- 
brochene Verlauf des Musters auf der Außenseite beweist, daß 
sie nicht aus einzelnen übereinander gelagerten Plättchen zu- 
sammengesetzt sind. Solche Auflagen kommen allerdings gleich- 
falls sehr oft vor. Die Plättchen, welche man durch Quer- oder 
Schrägschnitte (bei Bandmustern auch durch Längsschnitte) aus 
den stangenförmigen vStabbündeln des Mosaik- und Millefioriglases 
gewonnen hatte, wurden in erhitztem, halb weichem Zustande zu- 
sammengerollt (Abb. 25, Fig. 5, 6) und so Perlen gebildet, oder 
mit anderen Mustern auf größere einfarbige Perlen aufgelegt. 
Solche mit Millefiori-, vSchachbrett-, Marmor- und anderen Platt- 



131 



cheu bekleidete Perlen treten zuerst in der Zeit der flavischen 
Kaiser auf. ^) In einem norwegischen Grabe fand man eine g'roße 
Kug-elperle von lasurblauer Grundfarbe, die durch rote Längs- 
und Querstreifen in rhombische Felder geteilt ist: diese sind ab- 
wechselnd mit schwarzgelben Schachbrettmustern aus feinem 
Mosaikglase und einem aus konzentrischen Ringen und seestern- 
artigen Strahlen zusammengesetzten Rosettenmuster in gelb und 
rot belegt (Abb. 25, Fig. 8). Ähnlich ist eine bei Lüste- 
bahr in Pommern gefundene große Rundperle aus- 
gestattet. Sie lag mit Perlen aus Bernstein und Edel- 
steinen zu einer Kette vereint am Halse eines Gerippes 
(Abb. 25, Fig. 5). Auch sie ist auf lasurblauem Grunde 
durch rote Bänder in rhombische Felder geteilt, in 
welchen aber mit Schachbrettmustern in gelb 
und dunkelbraun vier ägyptische Frauen- 
masken abwechseln.") Die roten Bänder sind 
in der seit jeher üblichen Weise durch Auf- 
lage von Glasfäden hergestellt, die dann ein- 
gewalzt wurden, die Schachbrettmuster und 
Masken aus Mosaikbündeln in Plättchen aus- 
geschnitten und in erweichtem Zustande an 
die Rundung angedrückt. Eine andere Masken- 
perle wurde erst \'or kurzem für das Mün- 
chener Antiquarium im Kunsthandel erworben. 
Sie stammt angeblich aus Kleinasien, hat 
leicht gedrückte Kugelform und besteht aus 
orangegelber Gkispaste, welche in der ]\Iitte 

\-on einem schwarzen Bande umringt ist. In dieses sind \ier w eiße 
Frauenmasken von zierlicher Zeichnung und durchaus griechischem 
Typus eingelegt; die Umrisse und inneren Linien, wie Augen, 
Nase, Mund, Haar, sind schwarz (Abb. 25, Fig\ 6). Ohne jeden 
Zweifel ist auch die in (Muinn fränkischen Grabe zu Wieuward 
in llollaiid gefundene Glasperle ägyptischen Ursprunges. Sie 
zeigt auf einem breiten blauen Ouerbande fünf ägyptische Frauen- 
masken. ^) Die in Agyjjten selbst uralten Maskenperlen (s. vS. 93f.) 




Abb. 66. Merkurtlaschen. 
Köln, Sammlung Nießen. 



^) Abgebildet in den Altertümern u. h. V. P>d. V, T. XI\'., Fig. 242 — 244. 
^) Sophus Müller a. a. O. II, Abbildung 51. 
^) Bonner Jahrbuch 43 S. 85. 

9* 



132 

haben also erst in der Kaiserzeit unter Anwendung" neuer Tech- 
niken den Weg" nach dem Norden g"efunden. 

Mit Plättchen aus Stabbündeln von Millefiori sind auch jene 
zierlichen Perlenmuster herg"estellt, welche wie in feinster Miniatur- 
malerei feines Blattwerk darstellen. Im Münchener Antiquarium 
ist eine äg"yptische Perle aus farblos durchscheinendem Glase in 
Tönnchenform, deren Muster aus einer hellblauen, opakweiß um- 
säumten Blume besteht (Abb. 25, Fig". i). Noch feiner ist eine 
Kug"elperle der vSammlung" des Professors Freiherrn v. Bissing" in 
München, opakschwarz mit einem Blattmuster in orange und 
weiß-roter Aderung", das sich viermal wiederholt (Abb. 25, Fig". 3). 

Als Fundorte antiker Perlen nennt Minutoli Ifferten in der 
Schweiz, das alte Castrum Fbrodunense, dann die Gräber Ost- 
preußens Storchedinge in Seeland, die Inseln Bornholm und Jüt- 
land.-^) In seiner Sammlung" befanden sich Perlen aus diesen 
Orten neben zahlreichen italischen Fundstücken. Fr nennt ferner 
den Ober- und Niederrhein, wo sie in A'erbindung" mit geschliffenen 
Karneolen und Kieselsteinen vorkämen, Dornburg in Thüringen, 
Weimar, Jena, Potsdam, dann in England .Seccara bei Ruther- 
gleen u. a. O. — West hält die antiken (ilasperlen für die 
Ova anguina, die Schlangeneier des Plinius, deren sich die 
Druiden bedienten. In Schottland nennt man sie Adder Stones 
d. h. Natternsteine, hält sie £dso wie die Aschantis für Fier von 
Reptilien. 

Neben den so gemusterten Perlen kommen in der ganzen 
Kaiserzeit bis tief in die fränkische Periode hinein Perlen aus 
türkisbkmer, durch Verwitterung" oft g"rünlich, manchmal selbst 
kreidig weiß gewordener Glaspaste in Kürbisform mit scharfen 
Längsrippen vor (Abb. 25, Fig". 11), welche sich von denen der 
älteren Latenezeit durch Farbe, Undurchsichtigkeit und Mangel 
jeder Dekoration unterscheiden. Noch häufiger als Glas ist 
freilich zur Herstellung solcher Schmuckperlen das glasierte Stein- 
zeug verwendet. Sie und andere spätere Sorten finden sich aber 
in fränkischen und alemannischen Grabstätten noch häufiger als 
in römischen. 



^) Minutoli, Über die Anfertigung und Nutzanwendung der farbigen Gläser bei 
den Alten, Berlin 18^6. S. 12. 



133 



Tischler unterscheidet zeitlich zwischen den ]\[illefiori- 
Perlen mit Blumen-, Rosetten- und Schachbrettmustern, welche 
durch Zusammenrollen eines Mos£iikplättchens entstanden sind 
und jenen, bei welchen ein einfarbig"er Kern durch Aufi^i^e von 
solchen Plättchen dekoriert ist. Er datiert jene aus dem I. Jahr- 
hundert nach Chr.. diese aus dem III. und IV. Auch die mit Mille- 
tioriplättchen g-eschmückten Emailfibeln und andere emiiillierte 
Metallarbeiten g-ehören nach seiner Ansicht in die spätere Zeit. 
Lindenschmit, der sich dem antiken Ursprünge der 
Millefioriperlen gegenüber skeptisch verhält und zu- 
gleich auch die meisten gläsernen iVrmringe für 
venezianische Arbeiten späterer Zeit erklären möchte, 
weist alle Glasperlen mit Mosaikschmuck der fränkisch- 
alemannischen Periode, dem V. und VI. Jahrhundert 
zu und lälk nur die blauen und türki^farbigen Kürbis- 
perlen als antik gelten. Dem widersprechen jedoch 
sicher datierte Funde aus rheinischen Gräbern, sowie 
Reste von Werkstätten in Bibracte, in Worms, Xan- 
ten u. a., welche für den Bestand einer Emailindustrie 
in Gallien und am Rhein schon in den ersten Jahr- 
zehnten unserer Zeitrechnung Zeugnis ablegen. Wir 
müssen darnach annehmen, daß nicht nur schon in 
dieser Zeit Metallschmuck durch Millefioriplättchen 
seine Emailverzierung erhielt, sondern daß dieses 
Mittelfiori, wenn nicht diesseits der Alpen hergestellt, 
so doch aus importierten gläsernen Stabbündeln aus- 
geschnitten wurde. Es ist nicht einzusehen weshalb 
man dann nicht auch Perlen in gleicher Weise ver- 
zierte, ja Tischler gibt sogar zu, daß diese Technik der Perlen- 
dekoration als die leichtere der X'erzierung von Metallschmuck 
durch Abschnitte von Millefiori vorausging. Wir müssen daher 
auch den so geschmückten Perlen ein höheres Alter, den Anfang 
des I. Jiihrhunderts einräumen. Freilich treten die Millefioriperlen 
zu jeder Zeit an Zahl weit gegen die einfarbigen, mit aufgelegten 
Glasfäden oder mit erweichten Glasstiften bemalten Perlensorten 
zurück. In fränkischen Gräbern finden wir sie überhaupt nur 
noch selten, während die Perlen der letztgenannten Art neben den 
Kürbisperlen massenh£ift vorkommen, was hier gegen Lindenschmit 




Abb. 67. 

Amphoriske 

aus farblosem 

Glase. Neapel, 

Museum. 



134 

festgestellt werden muß. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die 
von den vStürmen der Völkerw^mderung unberührten Industrie- 
bezirke des Römerreiches, namentlich Alexandrien, auch damals 
das Abendland mit Glasperlen in den früheren Formen ver- 
sorgten. Die meisten stammen aber aus der Kaiserzeit und 
kamen, abgesehen von den zahlreichen in Gallien, nament- 
lich in der jetzigen Provinz Namur, angefertigten Perlen in die 
germanischen Gebiete, teils auf dem Wege des Handels, teils 
mit anderen farbigen Gläsern, die von den Barbaren als Kost- 
barkeiten betrachtet und den edlen Metallen gleich gehalten 
wurden, als Kriegsbeute. »Sicher ist, daß Franken, Alemannen 
und die anderen germanischen Stämme, welche mit den antiken 
Völkern in Berührung kamen, keinen vSchmuck höher schätzten, 
als den aus römischen Gräbern geraubten. 

Von den bisher geschilderten antiken Perlensorten durchaus 
verschieden sind die in Afrika, Amerika und den australischen 
Inseln verbreiteten Aggry-Perlen, welche venezianischen Ur- 
sprungs sind. Der Engländer William 1 lutton sagt in der Be- 
schreibung einer Reise im Inneren Afrikas,^) daß die Aggrykörner 
bei den Aschantis, welche sie in einigen Gegenden aus dem Boden 
grüben, sehr geschätzt seien. Sie hätten bei ihnen doppelten 
Goldwert; sie seien verschiedenfarbig, einige gleich Mosaikglas, 
andere hätten geometrisches Blumenmuster von großer Fein- 
heit. Auch im Reisewerke der Brüder Leandre') werden Aggry- 
körner erwähnt. Schon Minutoli bezweifelt, daß alle diese Perlen 
ägyptischen oder antiken Ursprunges seien und glaubt, daß auch 
neuere venezianische und böhmische nach Afrika gedrungen seien.'') 

Auch in Amerika und auf den australischen Inseln sind 
Aggryperlen neben Augenperlen zu finden, welche natürlich gleich- 
falls nicht antiken Ursprunges, sondern wahrscheinlich venezianische 
Nachbildungen sind. Der Hauptunterschied zwischen den Aggry- 
perlen und den ägyptischen besteht darin, daß bei letzteren die 
Streifen und Fäden nur aufgelegt sind, während sie bei jenen 
durch die Masse hindurchgehen. Zuerst hat Augustus Franks*) 



1) Minutoli S. 23. 

") ibd. S. 21. 

3) J. Murray 1832, I S. 180. 

*) A. Franks, Kensington-Museum S. 37 f 



135 

Venedig als die Heimat der Ag-gryperlen vermutet, Tischler 
hierauf diese W-rmutung- bestätigt. ^) Nach dessen Untersuchungen 
bestehen sie zumeist uns sieben konzentrischen Schichten, bei 
welchen eine farbige immer mit einer 0])ak-\veißen alnvechselt. 
Nur die zweite und \ierte Innenschicht sind farblos durch- 
sichtig mit einem Stich ins drünliche. Die farbigen Schichten sind 
opak-rot, von durchsichtigem dunklen Kobaltblau, selten blau- 
grün. Die äußeren Ränder der Schichten erscheinen im Quer- 
schnitte gefurcht mit Ausnahme der innersten Schichte, die stets 
g-latt bleibt. Die 1 lerstellung ging so vor sich : Eine Glasröhre wurde 




Abb. 68. Gruppe von Kugelrläschchea und Balsamarien. 
Köln, Sammlung M. vom Ralh. 



mit opakem Weiß überfangen, durch Pressen in einer gerippten 
Form gefurcht und dann mit einer anderen Farbe überfangen. 
Dies geschah wahrscheinlich nicht durch Eintauchen, sondern in- 
dem man den noch warmen Glasstab über eine Glasplatte rollte 
und diese aufwickelte, denn in den Furchen finden sich manchmal 
noch leere, nicht mit Glas gefüllte Hohlräume. Jedesmal nach 
dem Umlegen einer weißen Schichte wurde der Stab wieder 
ge])r(^ßt und gerippt: dann wurde er außen gerinidet und in 
kleine Stücke zerschnitten. Die so entstandenen kleinen Zylinder 
wurdtMi fast immer an beidtMi IükIcmi zu sechsseitigen Pvramiden 
abgeschliffen, die auf einem zylindrischen Mittelstücke aufsitzen. 
(Abb. 32.) Auf diesem schimmert durch den Überfang die ge- 
rippte Schichte hindurch, während auf den S])itzen die innere 



^) O. Tischler, Über Aggryperlen und über die Herstellung farbiger Gläser im 
-Altcrtume. Schriften der physik.-ökon. Gesellschaft in Königsberg, 27. Jahrg. (1887). 



136 

Struktur durch den Schliff bloßg-eleg"t ist und in verschiedenartigen 
Randstreifen, Zickzack- und Sternmustern zum Vorscheine kommt. 
Die Größe schwankt zwischen 9 bis 25 mm Länge und 8 bis 
22 mm Durchmesser. Nach dem Schliffe wurden die Perlen 
oberflächlich geschmolzen, sowie die modernen venezianischen 
Glasperlen, damit die Kanten etwas abgerundet würden. Vari- 
anten erzielte man dadurch, daß man in die Furchen dünne 
farbige Stäbchen einlegte, welche an den vSchlifflächen der Pyra- 
miden £ds farbige Punkte erscheinen. Manche Perlen sind nicht 
abgeschmolzen, an anderen farbige Stäbchen auch in den äußeren 
Mantel eingedrückt und dann durch Abschleifen ausgeglichen. 
Solche Perlen sind fast über die ganze Erde \-erbreitet und auch 
häufig in den Museen ohne nähere Angabe der Fundumstände 
zu sehen. Auch in Deutschland sind sie nicht selten und da 
manchmal antiken Perlen zugesellt. Ganz besonders z^dilreich 
sind sie aber an der Guineaküste in Afrika \-erbreitet, wo mtm 
sie Aggrykörner nennt. .Sie stammen aus idten Gräbern \'on 
Eingeborenen und werden von den Negern, welche sie für die 
Eier gewisser Zauberschlangen halten, weit über Gold geschätzt. 
In der Anreihung einzelner Glasstäbchen folgen sie dem antiken 
Prinzipe der Millefiori- und Mosaikgläser, enthalten aber ein 
neues Element in dem durch Pressung hergestellten, gerippten 
Überfange, so daß man sie durchaus nicht als bloße Nachbildungen 
bezeichnen kann. Venedig nahm daneben aber auch schon im 
XIII. Jahrhundert die Nachbildung aller anderen antiken Perlen- 
arten auf, zuerst angeblicli durch Christoforo Rriani und Domenico 
Miotti. Die großen buntfarbigen Sorten nach antiken Mustern, 
margherite, später conterie genannt, bildeten von da an einen 
bedeutenden Ausfuhrartikel, dessen jetzt noch vorhandene Reste 
nicht selten zu Verwechselungen mit antiken Perlen Anlaß 
geben, zumal anfangs die Technik die gleiche war. Im Anfang'e 
des XVI. Jahrhunderts erfand aber Andrea Vidaore in Murano 
die Kunst, Perlen in beliebigen Formen an der Flamme der 
Glasbläserlampe zu erzeugen, sowohl massive wie solche aus 
Rühren von Glas, die hohl blieben. Diese dienten zur Nach- 
ahmung natürlicher Perlen, indem man die billigeren Sorten mit 
Wachs, Marcasit oder verschiedenen Farbstoffen füllte, die feineren 
mit sog. Perlenessenz, die man aus Schuppen von Weißfischen 



137 




in dünner Leimlösun^" hcrstt^llte. Man bezeichnete danach solche 
I'erlen als Fisch])erl(Mi. Xeuerer Zeit werden Perlen in Phantasie- 
fonnen, (ilaskorallen. Troj^fen, Lustersteine usw. dadurch herj^'e- 
st(^llt. daß man farbi_i,»"e (ilasstäbe an der Lampe erweicht und mit 
der Zan^'e von ihnen Stücke abzwickt. Schmelzperlen, den kleinen 
z)-lindrischen Perlen aus azur- oder türkisblauer Paste in Ägypten 
ähnlich, werden jetzt meist aus schwarzen Glasröhrchen i»'ezog"en. 
(ianz älmlich ist die besonders in Mu- 
rano schwunghaft betriebene Industrie 
der Stick])erlen, für die man faden- 
(iünnt^ Röhrchen auf i 20 — i 50 m Läni^'e 
ausdehnt. Auch sie werden g"estückt, 
zerhackt und die Bruchkanten durch 
vSchmelzen abgerundet. Xach venezia- 
nischem Vorbilde entwickelte sich vom 
XVI. Jahrhundert ab die noch heute 
blühende Glasperlenfabrik^ltion Böh- 
mens (Gablonz, Trautenau) und als Ab- 
leger von ihr die der sogenannten 
„Pateln" im Fichtelgebirge (Steinach, 
Bischofsgrün, Eberndorf, Warmen- 
steinach). Es sind massive Glasperlen, 
die dadurch hergestellt werden, daß 
der Arbeiter die scharfe Spitze eines 
dünnen Eisenstäbchens in Tonschlicker 
taucht, diesen im Ofen trocknet und 
dann in flüssige (ilasmasse senkt. Das 
anhaftende Glas formt er durch Drehen, 

erneutes Anwärmen, Rollen zu einer rimden Perle und läßt 
diese, während er an (Muem anderen Stäbchen die zweite formt, 
erkalten und erstarren. \\'(^gen des Tonschlickers läßt sie sich 
leicht abstreifen; vorher kann sie noch mit farbigen Fäden ver- 
ziert, nachher eckig zugeschliffen oder poliert werden. Dieses 
Verfahren ist ein uraltes: wir haben (\s bereits in Teil el Amarna 
bei der Formung von Gefäßen aus ( rlasmasse kennen gelernt. 
.\u(~h in Thüringen werden jetzt (ilasperlen, vorwi(\gend Schmelz- 
und Stickperlen, erzeugt. Dit^ zahlreichen FTmde römischer Glas- 
perlen in rheinischen Gräbern \eranlaiken gleichzeitig mit der 




Abb. 69. .-^skos aus Glas. 
Neapel, Museum. 



138 

Berufung venezianischer Glaskünstler auch in Köhi während der 
letzten kurfürstlichen Periode ihre Nachahmung; man stellte 
Perlen nach antiken Mustern aus opaken farbigen Pasten her 
und verzierte sie mit aufgesetzten Reifen und Zickzackbändern. 
Im Museum Wallraf-Richartz und in Kölner Privatsammlungen 
befinden sich zahlreiche Stücke dieser Art 

Mit den Schmuckperlen kamen aus den Werkstätten Ägyp- 
tens auch gläserne Ringe nach dem Westen. Schon in der 
späteren Hallstadtzeit tauchen solche aus hellgrünem und hell- 
blauem Glase auf, die aus Rundstäben zusammengebogen sind, 
so daß die Vereinigungsstelle durch eine leichte Verknotung 
deutlich erkennbar bleibt. Sie haben in der Regel 2^-2 bis 3 cm 
Durchmesser und wurden in größerer Zahl, auch mit anderen An- 
hängern vereint, mit Schnüren am Ihüse getragen. Manchmal 
erreichen selbst solche Anhänger die Größe eines Armringes, 
namentlich in Gräbern der frühen Latenezeit Nordfrankreichs 
sind sie wiederholt aufgefunden worden. Aus der späten Ilall- 
stadtperiode stammen die beiden Ringe von Mergelstetten 
(Württemberg), der eine aus hellblauem, der andere aus hell- 
IJfrünem Glase. ^) Besonders häufig kommen Glasringe in Frauen- 
g"räbern der Latenezeit v^or und gehen durch die ganze römische 
Periode hindurch, in der sie zum Teile kunstvoll ausgestattet werden. 
Einfache Exemplare kennt man aus den Funden \'on Dühren 
bei Sinsheim in Baden, Matrai in Tyrol, Affoltern im Kanton 
Zürich und von anderen Orten der Schweiz, aus Norddeutschland, 
England, Italien u. a. Der Grabfund von Dühren") enthält einen 
bandförmigen (leicht ^ibgeflachten) Armring aus wasserhellem 
Glase, der außen mit mehreren Längswulsten profiliert ist; 
auf der Innenseite ist dem Mittelwulste entsprechend eine gelbe 
Folie aufgelegt. Der äußere Durchmesser des Ringes beträgt 
9 cm, der innere 7, 8, die Höhe 2 cm. Ein anderer hat runden 
Querschnitt und keine farbige Folie. Häufig ist an Stelle dieser 
ein farbiger Faden eingelassen und mit durchsichtigem Glase 
überfangen. Bei glatten Armringen ist in römischer Zeit der 
runde Querschnitt üblich, dagegen bleibt die breite Bandform 



*) Minutoli a. a. O. S. 25. 

2) Abgebildet in d. A. u. h. V. Bd. V. T. XIV. Fig. 220. 



139 

bei farbit^-cn und reicher profilierten Exemj^ilaren. Im Antiqua- 
riuni zu Alünchen befindet sich ein schöner Glasrini^' \on etwa 
3 cm Durchmesser, außen ^t,'-erundet, innen abgeflacht, hchtblau 
irisierend und mit opaken weißen Flecken besetzt. Von hervor- 
ragender Schönheit sind die zahlreichen Bruchstücke von Arm- 
bändern, die Daressy in dem Grabe des Maherpra aus der Zeit 
Amenophis II. (um 1500 vor Chr.) fand. Es sind Reifen derselben 
Form, außen gerundet, innen flach, von dunkel- oder hellblauer 
Grundfarbe, verziert mit einem dichten Zickzack oder Wellen- 
linien aus farbig aufgelegten Fäden, einige auch mit feinen 
llorizontalstreifen. Ein Bruchstück ist 
\on S])iralfäden in weiß und blau ein- 
gefaßt und mit eingedrückten rauten- 
förmigen Besatzstücken \'erziert, welche 
einen hellen oder dunklen Kern von 
dunklen oder hellen Bändern umgeben 
zeigen.^) Ein Armring in der Brera zu 

Mailand, der bei Magenta gefunden 

1 • , 1 11 1 •. -i-iT-i Al)b. 70. Becher mit durch- 

wurde, ist opak-azurblau und mit W ul- ' 

1-1 brochenem Ringkragen. 

sten, Hohlkehlen und Reuen gegliedert; ,. ,, 

^ " Ronen, Museum. 

der Alittelwulst ist durch schräge Riefen 

einem gewundenen Tau nachgebildet. Im \'atikan befinden sich 
zwei Armringe aus schwarzem Glase, das neben kisurblau und 
dunkelviolett die Lieblingsfarbe für Armringe ist. Schwarz ist auch 
dasbeiFroehner vS.49 abgebildete Exemplar. Andere sind inlJnden- 
schmits Altertumskunde, in den „Altertümern unserer heidnischen 
Vorzeit" und im Kataloge der Sammlung M. vom Rath repro- 
duziert.") Häufig ist die Gliederung flachrunder Stücke durch 
starke Querrippen, wie bei einem Exemplare im Museum 
von Namur, die Verzierung durch aufgelegte weiße und gelbe 
lUinder und ZickzacklinicMi, sowie bis in die späteste Zeit die 
rmwickelung mit einem S]Mralfaden'') oder zwei gekreuzten 




*) \'gl, Daressy, fouilles de la vallee des rois I. Tombes de Maherpra et 
Amenophis II. T. XLV. No. 24834 — 24843. (Katalog des Museums von Kairo.) 

-) Vgl. Note 2. .\bbildungen von Glasringen auch in A. u. h. \'. II, Heft 9, 
T. III. Fig. 3, 10. 

^) Plinius 36, 48. Kisa, die antiken Gläser der Sammlung M. vom Rath. 
T. III Fig. 26. 



140 

Fäden. In der frühen Kaiserzeit findet man auch in die Masse 
eing-eschlossene vSpiralfäden, ferner Armringe aus marmoriertem 
und gebändertem Glase. 

Als „Schmuck armer Leute" wurden in der Kaiserzeit wie 
\or Alters in Ägypten (Teil el Amarna) als Schmuck reicher Leute 
gläserne Fingerringe getragen, ein wohlfeiler Ersatz für Edel- 
metall, geschnittenen Bernstein und Alabaster. Die Art ihrer 
Herstellung beschreibt Theophilus-^) folgendermaßen: „Nimm 
Asche, vSalz, gepulvertes Kupfer und Blei. Dann wähle die 
Farben für das Glas und brenne sie. Nimm einen spannlangen 
Holzstab von Fingerdicke. Dieser hat eine lange eiserne Spitze 
und im Drittel seiner Länge eine runde Scheibe iiufgesteckt. Alit 
der vSpitze nimm etwas Glas aus dem Ofen und stecke dann 
die Spitze in einen Holzklotz (oder ähnliches) so ein, daß das 
Glas auf den Holzstab aufgeschoben wird. Dann drehe ihn 
schnell, damit die Rundung vollkommen werde." Ähnlich haben 
wir uns auch die Herstellung der gläsernen Armringe zu denken, 
nur wurde hierbei ein Glasband von entsprechender .Stärke um 
einen dicken Holzpflock gelegt und dieser gedreht. So erklärt 
sich die Abplattung der Ringe an der Innenseite und die Bildung 
des mittleren Wulstes an der Außenseite als natürliche Einwirkung 
der Zentrifugalkraft, die dann mit Absicht weiter ausgestaltet 
wurde. Viele von den Fingerringen erhielten außen ^m einer 
Stelle eine ovale Ab|)lattung. einem Ringstein entsprechend, 
manche wurden durch Reifen und Wülste gegliedert, indem man 
während des Drehens ein Plättchen mit entsprechenden Aus- 
schnitten dagegenhielt, andere erscheinen tauförmig gewunden 
und mitunter überdies auf eine glatte Unterlage aufgesetzt. 
Fadenverzierung aller Art wurde auch hier angewendet. So 
schließt ein Fingerring aus ambragelbem durchsichtigem Glase 
im Museum von Xamur einen weißen Spiralfaden ein, während 
an die Stelle der Abplattung eine runde vSiegelgemme aus Glas 
tritt, die für sich gearbeitet und dem Reif angefügt ist. Auf die 
Fabrikation gläserner Ringsteine in Nachahmung von Edelsteinen 
mit erhabenen und vertieften Figuren (Cameen und Gemmen) 
und anderer Besatzstücke, welche besonders von der Ptolemäer- 



') Theophilus a. a. O. Cap. XXXI. 



141 



zeit ab eine j^Toße Rolle spielt, werden wir bei anch^rer Geleg'en- 
heit zurückkommen. Nach IMinius^) wurden die falschen Rinnsteine, 
die annularia, aus einer Masse in Formen g^epreßt, welche aus 
g"epulvertem Gkise und Kreide jjfemischt war. Sie finden sich 
im ü^anzen Gebiete der alten Welt, in West(m wie im Osten 
und in Italien. Mehrere stammen aus Athen und Cypern, den 
g"rößten antiken Glasrintr besaß Castellani in Rom. Auch Siegel 
aus farbig'em Glase waren in (-rebrauch; im Inventare des Ileka- 
tom])edos werden solche mit Goldfassunt,"" aufsj^eführt. ') 

Neben Perlen und Rinj^en 
aus Glas werden in äg"ypti sehen 
Gräbern, im jj'anzen Mittelmeer- 
becken und diesseits der Alpen 
von der mittleren L^ltenezeit ab 
auch kleine runde Plättchen 
aus Glas gefunden. Sie sind 
opak-weiß, schwarz, dunkelblau, 
dunkelgrün, gelb, auch durch- 
sichtig oder durchscheinend 
lichtblau, gelblich, grünlichblau 
und wasserhell. Neben den ganz 
flachen kommen auch solche in 

erhöhter Halbkugelform vor, die aber ebenso wie jene durch Auf- 
tropfen von Glasmasse auf den Marmor oder eine andere Platte 
hergestellt und oft durch eingepreßte Rosettenmuster verziert sind. 
Der Grabfund von Dühren in Baden enthielt siebzehn knopfartige 
Stücke der hochgerundeten Form \-on etwa i cm Höhe. Davon 
bestanden sechs aus dunkelblauem, leicht durchscheinendem Glase, 
zwei aus wasserhellem, fünf aus oi)akschwarzem. Da sie auf der 
Unterseite flach sind und weder eine Durchbohrung, noch eine 
andere Einrichtung zur Befestigung zeigen, sind es weder Knöpfe 
noch Besatzstücke, sondern wie die völlig flachen Exemplare Spiel- 
steine. Dies geht mit Sicherheit aus d(Mn Vergleiche mit einem 
Kölner Funde d(M- späteren Kaiser/.eit h(^r\or. d(^r sich im dortigen 




Abb. 



•I. GefäU in Form eines Korbes. 
Köln, Sammlung Nießen. 



^) Plinius 37, 21 — 23. 26. 

*) Boeckh, Staatshaushalt II S. 263. Über die Herstellung gläserner Ringsteine 
s. Rollet, Glyptik in Buchers Gesch. der techn. Künste I, 274 f. 



142 

Museum befindet und .Steine derselben Form, jedoch aus Bein 
g-eschnitzt enthält, von welchen die eine Hälfte weiß g^eblieben ist, 
die andere Spuren von roter Farbe zeig't. Neben ihnen lag in den 
Resten eines hölzernen Kästchens mit bronzenem Beschläge und 
Henkel ein Becher mit zwei Würfeln, gleichfalls aus Bein. Auch 
in gidlischen Gräbern Italiens wurden derartige Sj^iele, teilweise 
mit Würfeln, aufgedeckt.'^) Ähnliche .Steine dienten den Ägyptern 
bei ihren Damenspielen und den Römern beim ludus latruncu- 
lorum, doch waren die latrunculi zumeist flach. Andere gläserne 
.Spielsteine, die calculi, erwähnt Ovid, Amores 2, 207 und Mar- 
tial 7, 72 und 8 beim sogenannten Diebesspiele."') Nach Plinius 
verfertigte man aus farbigem Glase auch .Schachbrettfiguren, die 
man abaculi nannte. Petronius erzählt, daß am Ende des Fest- 
mahls des Trimalchio ein junger .Sklave ein .Spielbrett aus Tere- 
bintenholz mit Würfeln aus Krystall gebracht habe. '') 

Herodot sah, wie erwähnt, in Ägypten heilige Krokodile, 
deren Stirn mit großen bunten Glaskugeln geschmückt war. 
Man glaubt solche Kugeln in Atribis im Delta wiedergefunden 
zu haben. Derselben Art sind die Glaskugeln, die Minutoli be- 
schreibt und zum Teile abbildet, darunter eine aus Veji; sie 
bestehen aus buntem Millefioriglase mit verschiedenen Mosaik- 
mustern. Neben diesen kunstreichen .Stücken gibt es aber auch 
einfachere, wie die große Glasperle der .Sammlung des Freiherrn 
von Bissing in München, die in Ägypten von einem Händler 
erworben wurde. (Abb. 31) .Sie hat eine an beiden Polen abgeplattete 
schlanke und unregelmäßig gekantete Kugelform von 4 cm Dm., ist 
mit freier Hand aus dunkelblauer opaker Paste geformt und gegen 
die Enden zu mit einem siegelroten breiten Zickzackbande verziert, 
das weiß eingefaßt und wie bei kleineren Perlen aufgelegt und 
eingewalzt ist. Der Teil ober und unter den Bändern, wo das 

*) Schumacher in A. und h. V. Bd. V. S. 75 f. Brizio, Tombe e necro- 
poli galliche della provinzia di Bologna S. 19. Ders. Monumenti antichi IX (1899) 
S. 682, 942 (Montefortino). 

') Ovid rät einem Liebhaber im Diebesspiele seine Steine durch die seiner 
Dame nehmen zu lassen. 

„Sive latrocinii sub imagine calculus ibit 
Fac pereat vitreo miles ab hoste tuo." 
Bei Lucian heißt es: ,,Callidiore modo tabulae varietur apertae calculus et vitreo 
peraguntur milite bella". 

*) ,,Sequeliatur puer cum tabula tercbinthiaetcrystallinistesseris'Satyriconcap. 27). 



145 



Bohrloch zum X^orscheiiic kommt, ist hchtgrün. Man bemerkt 
an ihm zui^leicli kUnnere Ik)hrlöcher, die \on einer sternförmig'en 
Metallfassuniif herrühren. Diese war mit einer runden Ose ver- 
sehen, mit welcher die Perle entweder kettenartig mit anderen 
Perlen \ereint oder an ein anderes Zierstück angehängt werden 
konnte, wie bei der S. 130 erwähnten Schmuckkette des 
Münchener Antiquiiriums. In den größeren 
Exemplaren, die in Etrurien und an anderen 
Orten Italiens, in Agvjiten, Griechenland, 
namentlich im Kabyrenheiligtume von Theben 
in Temjielruinen zum Vorscheine gekommen 
sind. \'ermutet man Weihegaben an Gott- 
heiten. Einige können wie noch heute im 
Oriente zum Schmucke \'on Szeptern und 
anderen Stäben gedient haben.*) Sesostris 
besaß nach Boudet ein Szepter aus Glas, das 
Smarag'd nachahmte.') Massi\"e Krvstahbälle 
wurden von römischen Damen an heißen Tagen 
zum Kühlen der Hände benutzt. Properz be- 
richtet ausdrücklich von solchem Luxus.'') Andere dienten Jong- 
leurs und selbst vornehmen Privatpersonen zu einem kunstreichen 
Spiele, das besonders in Iladrians Zeit Mode war. Der Großvater 
Marc Aureis soll darin besonders gewandt gewesen sein.*) Solche 
Kugeln waren wohl massiv und nicht mit den Ilohlkugeln unserer 
Museen (Trier, Köln, Mainz, Wiesbaden) identisch, welche sehr dünn 
geblasen, einfarbig und immer gelocht sind. Bei den Exemplaren 
des IToubenschen Antiquariums in Xanten glaubte man im Innern 
Reste von AVasser und Parfüms, auch von Schminke entdecken 
zu können. Darnach dicMiten sie vielleicht zum Aussprühen \-on 




Alil). 72. Trinkgefaß 

mit Widderkopf. 
Terrakotta. Attisch. 



*) Minutoli a. a. O. S. 40. 

*) Gerspach a. a. O. 

") ,,Crystalloque portant candidiorc manu". Cynthia verlangt von T'roperz, 
daß er ihr einen Fächer aus Pfauenfedern und Bälle zum Kühlen der Hände sende. 
Et modo pavonis caudae flabella superbae 
Et manibus dura frigur habere pila (Eleg. II 24). 

■•) Froehner a. a. O. S. 102 f. Das nolanische Vasenbild, das Deville T. 69 
als Beleg für das Spiel mit gläsernen Bällen beibringt, ist freilich nicht beweiskräftig, 
denn es könnten hier ebensogut Wollknäuel gemeint sein. Zum Kühlen der Hände 
dürfte man aber auch Marmorkugeln benützt haben. Vgl. Dütschke, Bonner Jahrb. 60, 
S. 141, Bocttigcr, Kleine Schriften 111, S. 351. Deville gibt S. 59 eine der 



144 

wohlriechenden Essenzen und als Behälter von flüssijj;"er Schminke. ^) 
Hübsche Exemplare solcher sogenannter Schminkkugeln, aus 
farblosem und farbigem Glase, gewöhnlich mit einer aufgemalten 
weißen Spirale verziert, befinden sich im Provinzialmuseum zu 
Trier. Sie sind mit Ausgußröhrchen \'on etwa 2 mm Durch- 
messer versehen. In rheinischen Gräbern des I. Jahrhunderts 
kommen sie nicht selten vor. 

Sehr häufig sind Haarnadeln aus farbigem Glase mit 
verzierten Köpfen, besonders in Gräbern der Kaiserzeit, ciuch 
Ohrgehänge und Anhänger anderer Art. Gewandnadeln, 
die bekannten Fibulae, erhielten schon in sehr frühen Zeiten 
Glasschmuck. Die ältesten Stücke dieser Art sind die Glas- 
bügel altitalischer Fibeln des VII. vorchristlichen Jahrhunderts, 
die in Oberitalien und in den Ostalpen gefunden wurden,") opake 
farbige Pasten mit spiralförmigen Windungen, welche \'on ver- 
witterten und ausgefidlenen Glasfäden herrühren. Im Anti- 
quarium zu München befinden sich zwei Kahnfibeln, die außen 
gerundet, innen leicht abgeflacht und von einem Bronzedraht 
durchzogen sind, der an beiden Enden herausragt. Sie bestehen 
aus schwarzer opaker Glaspaste, die mit dicht angereihten 
gelben Zickzackbändern durchquert ist. (Abb. 23). Auch Ein- 
sätze aus geschnittenen Glasflüssen haben sich erhalten, so ein 
rübenförmiges Zierstück aus türkisblauem Glase an einer Fibel 
des Hallstädter Fundes. 



Inschriften (Irubers wieder, in welcher ein L'rsus Togatus als Erfinder der vitreae pilae 
bezeichnet wird : ,,Ursus Togatus vitrea qui primus pila lusi decenter, laudante populo 
maximis clamoribus, thermis Traiani, thermis Agrippae et Titi multum et Neronis, 
ego sum. Convenite, pilicrepi, statuamque amici floribus ornate. Profundite nigrum 
falernum; canite voci concordi senem pilicrepum, scholasticum, qui vixit omnes ante- 
cessores suos sensi decore atque arte subtilissima. Nunc sum victus ipse, fateor, 
nee semel, sed saepius, ter consule Vero patrono." Der in dieser scherzhaften Inschrift 
genannte Ursus Togatus ist nach Deville Niemand anderer als L. Verus selbst. Quinc- 
tilian schreibt dazu: ,,Miracula illa in scenis pilariorium ut ea quae emiscrint ultro 
venire in manus credas et cjua iubentur excurrere llib. II cap. 12.) 

^) Denkmäler aus Castra Vetera und Colonia Traiana in Houbens Antiquarium 
zu Xanten, herausgeg. von Houben und Fiedler, Xanten 1839, S. 40. Deville, T. 80. 
Bonner Jahrbuch III 193 ibid. LX. 141. — Die chemische Untersuchung einer Trierer 
Schminkkugel ergab als Inhalt allerdings nichts als eingedrungenen Lehm, keine Spur 
von Fett oder ( )1. Vgl. Ilettner, Illustr. Führer d. d. Provinzialmuseum in Trier, S. 107, 
No. 743, 744. Abb. S. 107, Xo. 4, 8. 

-) Reinecke a. a. O. .^ , ; , 



I4'5 

Eine viel gTÖßere Rolle spielt jedoch bei der Dekoration 
der Gewandnadelii und anderer kleiner Metallarbeiten die ver- 
wandte Technik des Kmails. Ohne auf diesen selbständij^en 
Kunstzweig" näher einzuziehen , möchte ich in foli^-endeni einit^'e 
Mt)niente seiner Entw ickelunirstreschichte her\'orheb(Mi, die mit 
der des Glases näher zusammenhänj^en. 

Das französische Wort (Miiail kommt \om mittelalterlich- 
lateinischen smaltum, (\smaltum. italienisch smalto, deutsch Smalte, 
Schmalt(\ Schmelz.^) Smaltum 
wird zurückg"eführt auf das ahd. 
smelziin, das ursprünq-lich auf das 
Schmelzen von Gold und Silber, 
dann auf Glasfluß sich bezieht. 
( Tei>"enwärtijT bezeichnet man 
mit Ismail i. Den Glasfluß, die 
durch Metalloxydegefärbte, leicht 
flüssige Gkismasse. 2. Die Schmelz- 
malerei, d. h. die verschiedenen 
Arten, mit Glasfluß Metall zu deko- 
rieren (aber nicht die Dekoration 
von Ton und Glas mit -Schmelz- 
fiirben). 3. Metallplatten, Gefäße, 

(jeräte usw., die mit Schmelzmalerei x'erziert sind. Der Glasfluß, 
zu welchem man der leichteren .Schmelzbarkeit weg'en bleihaltiges 
Glas zu verwenden pflegt, kann durchsichtig oder undurchsichtig 
sein. Letzteres v,'ird er durch Zusatz ungeschmolzener Stofl^e, 
wie Knochenasche und Zinnoxvd. Man stellt F^mail aus (xlas 
her, das man in einem Mörser aus Achat mit wenig \\\isser zer- 
stößt und zu Pul\(^r Z(M-reibt, wobei das sich trübeiKh- Wasser 
von Zeit zu Zcnt durch klares ersetzt werden muß. Einige Tropfen 
Salpetersäure ziehen die Unr(Mnlichkeit an sich, die schließlich 
noch durch Wasser fortgescliwcmmt wird. Die zurückbU'ibende 
feuchte Schmelzmasse wird mit einer Spatel oder iMUtMii Pinsel 
auf die blank geputzte Metallfläche aufgetragen und im Ofen 
angeschmolzen, der von allen .Seiten gleichmäßige 1 litze gewährt. 
Das Erkalten muß allmählich xor sich gt'hen. weil der (ilasflut] 




.\bb. 73. Tonlampen. Mannheim, 
Antiquarium. 



^) Bücher, Geschichte der technischen Künste s. F.mail 
Kisa, Das Gl.is im Akertiime. 



146 

sonst leicht Risse bekommt. Theophilus j^^ibt in seiner Schedula^) 
ein Rezept zur Herstellung von Email auf Gold (Electra in auro), 
das auch wegen der darin erwähnten Sorten antiker Gläser ^'on 
Interesse ist: 

„Inveniuntur in antiquis aedificiis paganorum in musivo 
opere diversa genera \itri, videlicet album, nigrum, viride, croceum 
saphireum, rubicundum, puri)ureum, et non est perspicuum, sed 
densum in modum marmoris, et sunt quasi kipilli quadri, ex quibus 
fiunt electra in auro, argento et cupro, de quibus in suo loco 
sufficienter dicemus. Inveniuntur etiam \'ascula diversa eorundem 
colorum, quae colligunt Franci in hoc opere peritissimi, et saphi- 
reum quidem fundunt in furnis suis, addentes ei modicum vitri 
clari et cdbi, et faciunt tabulas saphiri pretiosas ac satis utiles 
in fenestris. Faciunt etiam et purpura et \'iridi similiter." 

Die Nachrichten alter Schriftsteller über das Email sind 
unsicher. Die \on Labarte, w Cohausen u. a. ausgesprochene 
Vermutung, daß das Wort Electron, welches Theophilus ohne 
Zweifel für Email gebraucht, auch bei liomer und anderen 
klassischen Autoren diese Bedeutung gehabt habe, ist un- 
begründet; es gibt keinen Ausdruck, den wir in der an- 
tiken Literatur mit Sicherheit auf das Email beziehen könnten, 
wohl ein Beweis dafür, daß es nicht in großer Übung war. 
Doch ergeben Funde immerhin, daß man es sehr wohl 
kannte. Aus deren Reihe sind freilich die angeblichen 
ägyptischen Emailarbeiten älterer Zeit auszuscheiden. Der 
Schmuck der Königin Aah-hotep aus Theben im Museum von 
Kairo, welchen !Mariette und Froehner^) als prachtvolle 
Cloisonnearbeit mit goldenen Figuren auf blauem Grunde 
beschreiben (Abb. 27), die Hasche mit dem Namen des Ameno- 
phis III. und seiner Gattin Taja, ■'^) der Brustschmuck Rhamses' II. 
aus den Grabstätten des Ajiis, "'j (x\bb. 26) die \^ase Setis L, 



») Theophilus, Schedula IIl 53. 

■^) Mariette, parc egyptienne 1897, S. 137. Froehner a. a. O. S. 10. 
Neuerdings veröfl'entlicht in dem l'rachtwerke \'on F. W. von Bissing über den Theba- 
nischen Grabfund T. V. 

■') MarieUe a. a. O. S. 82. 

') Mariette, description des fouilles executees cn Egypte 1. pl. 26. 



H7 



das Täfelchen des Smendes aus -San^) und andere ältere äg"yp- 
tische Schmucksachen haben kein Em^iil in unserem Sinne, 
sondern soj^»-. kaltes, nicht im Feuer aut)>-eschmolzenes Iimail. 
Maspero nennt im Guide du xisiteur au Musee de Caire 1902 
S. 433 die Einkige am Armbande der Atihotep (Achhotep, Abb. 28) 
„pate de verre de la couleur du feldspath". Leserin, der die 
Schmucksachen für de Morj^ifan-) beschreibt, erklärt die graue 
(niclit blaue) Masse als „emeraude d'Eg}^pte." Dagegen glaubt 
Miirc Rosenberg,'') daß hier eine 
Mischung von gestoßenem, aber nicht 
gepulvertem Glase mit einem Binde- 
mittel, vielleicht mit Ton, \orliege. 
Das Material ist wohl etwas härter, 
als sonst an ägyptischen Schmuck- 
sachen vorkommende Einlagen aus 
gefirnißtem Ton. Einlagen jener Art 
stellt Rosenberg auch an dem Brust- 
schmucke der Aah'hotep fest, von 
welchem Maspero in seinem Guide 
S. 432 sagt: „Les figures sont dessi- 
nees par des cloisons d'or, dans 
lequelles on a fixe des plaquettes de 
pierres dures, cornaline, turquoise, 
lapis, päte imitant le feldspath vert; 
chaque couleur est separee de celle cjui l'avoisine par un filet 
d'or brillant." Die Goldschmiedearbeit dieser Stücke entspricht 
ganz jener der Zellenemails, weshalb man die aus farbig'en Edel- 
steinen, farbiger Kittmasse und gefirnißtem Ton auf kaltem Wege 
hergestellten Einlagen für Email gehalten hat. Die Sammlung" 
von Bissing enthält einige lehrreiche Proben dieser ^ütägyptischen 
Einlegearbeit: Einen wundervollen kleinen vSperber, dessen goldene 
Zellen mit schwarzem Kitt gefüllt sind, ein größeres Exemplar 
mit leeren Zellen, die früher wahrscheinlich geschnittene Stücke 




Abb. 74. Becher aus Glas in 

Form eines Nachens. 
Mailand, Museum Poldi Pezzoli. 



') Mariette, description des fouilles executees en Egypte I. S. 19S und von 
dems. Musee de Boulaq S. 169. 

^) de Morgan, fouilles ä Dahchour, Mars-Juin 1894, S. 64 Xo 2. 

") Marc Kosenberg, Ägyptische Einlagen in Gold und Silber. 1906. S. 8. 
Abbildung 16-18. Der Brustschmuck Ramses III. unter Fig. 20. 



148 

farbigen Glases, Edelsteines und Kittes enthielten, das Stück 
eines flachen Armbandes, das mit Stücken von blauem und 
grünem Glase sowie von türkisblauer Kittmasse gefüllt ist u. a. 
Bei Blümner ^) findet sich die richtige Angabe, daß die älteren 
ägyptischen Goldarbeiten durch Gold- und Silberplättchen zu- 
sammengefügte Schmelzstücke aufweisen, also eine Art Zellen- 
email, das sich aber von dem späteren dadurch unterscheide, 
daß die vSchmelzfarben nicht im Feuer aufgeschmolzen seien. 
Semper dagegen glaubt an älteren ägyptischen Arbeiten im 
Britischen Museum Grubenschmelz konstatieren zu können,-') 
wie auch Virchow auf einer Bronze von Koban, die über 
das Jahr looo v. Chr. hinaufreicht, wirklichen Grubenschmelz 
gefunden haben will.'') Auch in diesen Fällen dürfte es sich 
um kaltes Email handeln, bei welchem allerdings Glas \er- 
wendet wurde. 

Dagegen hat sich später unter dem Einflüsse der 
griechischen Kunst in der Ptolemäerzeit wirkliches Email auch 
in Ägypten entwickelt. Der berühmte Schmuck einer äthio- 
pischen Königin aus Meroe im Antiquarium von München, 
zu welchem einige von demselben Finder Forlini erworbene 
vStücke des Berliner Museums gehören, zeigt vortrefflichen Gruben- 
schmelz. ^) Er wurde in einem großen Bronzegefäße entdeckt, 
das sorgfältig- in der Pyramide der nubischen Königin einge- 
mauert w£ir, und enthält Fingerringe mit emailherten Platten, 
Köpfen des Osiris oder von Tieren, dem Utahauge u. a., Hals- 
ketten mit rundlich gekerbten Perlen aus vergoldetem Glase, 
Scarabäen mit in Email eingesetzten Augen, zwei prächtige Paare 
von Armbändern und daneben bronzene Ilenkelbüchsen von rein 
hellenistischem Gepräge. Die Armbänder sind flache breite 
Reifen von Gold, durch Stege in schmälere Streifen geteilt, welche 
ein sehr feines und reiches Muster von Rauten, konzentrischen 
Ring-en, Schuppen u. a., in der Mitte kleine quadratische Felder 
mit Büsten auf blauem Emailgrunde zeig-en. Auch die anderen 



^) Blümner, Technologie der Griechen und Römer S. 407 f. 
-) Semper, der Stil II S. 452- 

^) Virchow, Vortrag bei der Anthropologenversammlung in I^reslau 1884. 
■*) Christ und Lauth, das Münchener Antiquarium 1870, S. 34. Christ, Führer 
d. d. k. Antiquarium 1901, S. 40. 



149 



Muster sind mit GrubtMischnicl/ .gefüllt, hv\ dcni cintMi, etwas 
schmäleren Paare von Annl)ändern nur in lichtblau und kobalt- 
blau, bei dem anderen, \-iel breiteren, auch in smar^ij^dirrün und 
rot (einem stumpfen Ockerrot). Ersteres hat an den vSchließen 
Götterfiguren mit Sperbern auf dem llelm untl \ier wundervoll 
emaillierten netzartig-en Flügeln. Diese späten Stücke, die letzten 
Ausläufer altägvptischen Geschmackes, voll fremder Einflüsse in 
Ornament und Technik, sind nach Rosenberg- in erster Linie 
die unschuldige Ursache zu der Annahme ge- 
wesen, daß die alten Ägypter das Email gekannt 
haben. In dieser Allgemeinheit ist die Be- 
hau])tung aber falsch und hat zu dem Irrtume 
geführt, auch in den ^dten PLinlegearbeiten 
.Schmelzwerk zu erkennen. \^on der Ptole- 
mäerzeit an sind solche aber in Ägypten 
zweifellos vorhanden. Auch die Armbänder 
mit Email, die Deville abbildet und in die 
i8. Dynastie versetzt,-^) stellen sich in .Stil und 
Technik als Arbeiten dar, die etwa gleichzeitig 
mit dem Schmucke von Meroe sind. 

Den Griechen war das Email nicht un- 
bekamit, wenn es auch nur selten geübt worden 
zu sein scheint, ebenso den Römern. Aus 
den gelegentlichen Mitteilungen der Schrift- 
steller ist für uns nicht viel positives zu 
holen. Vielleicht kann man bei der Be- 
schreibung des Zeus von Olympia, des chrysoelephimtinen 
Wunderwerkes des Phidiiis durch Pausanias"), im Email denken. 
Ob bei der .Schilderung eines Goldschmuck(\s mit schwarzen 
Einlagen durch Tleliodor'') dit^selbe Technik anzunehmen ist. 
bleibt zweifelhaft, da die P)eschreibung ebenso gut auf 
geschnittene Steine oder Kitti)lättchen passen könnte. .ApoUo- 
nius von Tyana in Kappadozien, der Xeuplatoniker und Zeit- 
genosse Christi, sah in Indien Bilder, die in Gold, .Silber und 




Abb. 75. Handspiegel. 

Regensburg, Antiqua- 

rium. 



1) Deville a. a. (>. T. 109. 
*) Pausanias, Periegesis 5, II. 
') Heliodor Roman Aeth. 111 4. 



ISO 



anderen Metallen auf Kupferplatten aufg-eschmolzen gewesen 
sein sollen, vielleicht metallische vSchmelzarbeiten. Aber grie- 
chisches Email hat sich, was das entscheidende ist, tatsächlich 
erhalten. Im Münchener Antiquarium befindet sich ein goldener 
Totenkranz aus einem unteritalischen Grabe, angeblich \'omIV.Jiihr- 
hundert vor Chr., mit Staubfäden der Blumen (Astern, Narzissen. 
Myrthen) in blauem PImail. ■") Das Berliner Antiquarium besitzt 
eine Schmuckkette aus ovalen Goldplatten, dazwischen kleinere 
Glieder aus Golddraht, welche ein herzförmiges Einsatzstück aus 
azurblauem Schmelz umschließen. Die ovalen Glieder enthalten 

reiches Ornament aus aufgeleg- 
tem Goldfiligran, das mit türkis- 
blauem und smaragdgrünem 
Zellenschmelze gefüllt ist, und in 




Abb. 76. Glocke und Trichter aus 
Glas. Rom und Neapel. 



der Mitte einen Rubin. Technik 
und Stil entsprechen guten Ar- 
beiten aus alexandrinischer Zeit. 
Erst spät, in der Mitte des 
IX. Jahrhunderts nach Chr. wird 
in der Literatur unzweifelhaft von 
Email gesprochen. Flavius Phi- 
lostratus der Jüngere, ein Rhetor aus dem Gelehrtengefolge der 
Julia Domna, erzählt in seinen „Imagines", die von dem gleich- 
namigen Werke seines Oheims, eines in Rom lebenden .Sophisten 
avis Lemnos, zu unterscheiden sind, von dem bunten Metallzierrat 
der auf einem Gemälde dargestellten Pferde und fügt hinzu: 
„Man sagt, daß die Barbaren am Ozean diese Farben dem glüh- 
enden Erze aufgießen, sodaß diese fest zusammenhängen, steinhart 
werden und die Zeichnung bewahren.""^) Da Philostratus diese 
Nachricht von einem A^erwandten erhalten haben dürfte, welcher 
als Offizier im britanischen Heere gedient hatte, sind mit den 
Barbaren am Ozean wohl die Kelten der französischen und 
britischen Küste gemeint. Labarte ■^) glaubt daraus schließen zu 



1) Christ, Führer S. 39. 

^) Nach Westermann, Philostratorum et Callistrati opera, Paris 1849 lautet die 
Stelle: ,,Aiunt hos colores candenti aeri incoquere oceani accolas barbaros, illosque 
coire et indurcscere et quae picta sunt servare." 

^) Labarte, histoire des arts industriels tom. III S. 50 f. 



•51 

kcinnni. dal) in Kom l-",mail zur Zeit des Septiniius Severus über- 
hau])t unbekannt g^ewesen sei, während Darcel\) annimmt, dal) 
Philostratus nur über die neue Art des P'^mails sein Erstaunen 
ausgedrückt habe, (He in den Arlieiten der Kelten zum Unter- 
schiede \on (hMi kkissischen auftrete. Der Unterschied ])esteht 
nämhch (ku-in. ckil) in dtMi Barbarenemails die Farben dicht an- 
einander stellen ohne zu verlaufen und ohne durch jMetallstege 
jj-etrennt zu sein, wie bei dem bisln^r b(M)bacliteten ägyjiti- 
schen und griechischen 
Stücken. Es ist aber 
doch zweifelhaft, ob 
Philostratus oder sein 
Gewährsmann ein so 
feines Kennerauge be- 
saßen; er spricht ja ganz 
allgemein \()n farbiger 
X'erzierung an Metall- 
gegenständen. Wahr- 
scheinlich war ihm solche 
aus Rom und den klas- 
sischen Ländern über- 
haupt wegen ihrer vSel- 
tenheit unbekannt ge- 
blieben. 

In den keltischen Gebieten, besonders in Gallien, Britannien 
und am Rheine sind dagegen Emailarbeiten aus römischer Zeit 
sehr häufig. Labarte nimmt als Ausgangsgebiet der Industrie^ 
den Teil Galliens zwischen Seine und (jaronne, also Aqui- 
tanien, an, während die Engländer nach der großen Zahl der 
bei ihniMi gemachten Funde die Ehre der Erfindung für ihre 
\'orfahren in Ansi)riuii nehmen möchten. Darunter ist eine 
1 lydria und ein zugehöriger 0])ferteller (praefericulum), eine Art 
Kessel aus Bronze hervorzuheben, der in Bartlow gefunden wurde 
und im Britischen Museum verwahrt wird."^) Reich mit Gruben- 




Abb. 7 7. 



Gruppe von GlasgefiiLkn. 
Rom und Neapel. 



1) Dareel, notice des emaux, l'aris 1867. 

-) Abgebildet bei Labarte, Album T. 100. Text III 50 f. Das Stück ist nicht 
verloren gegangen, wie er meint, sondern befändet sich im Britischen Museum. Vgl. 



schmelz verzierte 1 lydrien sind auch sonst in Eng'hind und in 
Frankreich zum Vorschein gekommen/) Hierzu paßt eine 
rechteckige vSchüssel aus getriebenem Goldblech mit kleinen 
blatt- und rautenförmigen Emails, freilich erst späterer Zeit, etwa 
dem VI. Jahrhundert angehörig, aus Gourdon, Dep. Haute-Saone, 
jetzt in der Nationalbibliothek in Paris"), das Gefäß aus dem 
Torfmoore von Maltbock in Dänemark im Museum von Kopen- 
liagen'^) und die berühmte Schöpfkelle von Pyrmont.^) Kleine 
Metallvasen mit Hmailschmuck sind auch in einem Römergrabe zu 
(riadbach, mehrere in Köln gefunden worden/*) Besonders 
häufig tritt das Email in Westeuropa, in Gallien, am Rhein und 
in der .Schweiz an kleineren Schmucksachen, wie Fibeln, Schnallen, 
S})angen, Beschlägen auf, doch gibt es daneben auch größere, 
wie das Bronzegefäß in Gestalt eines Hahnes in Worms, ein 
Räuchergefäß in Köln u. a. Sehr reich an Schmelzwerken 
ist das Paulus-Museum in Worms. In Blerik (Blariacum bei 
Venloo) wurde 1864 u. a. eine Bronzestatuette der Ceres von 
vortrefflicher Arbeit gefunden, die auf dem Gewände weiß und 
blau emailliert ist.") Am reichsten und manigf altigsten entwickelt 
sich das Email am Rhein jedoch als .Schmuck von Fibeln, 
wobei sich die zierlich komponierten und sorgfältig ausgeführten 
Muster den verschiedenen , oft phantastischen Grundformen 



E. aus'm Weerth, Der Grabfund von Wald- Algesheim , Bonner Winckelmanns- 
programm 1870, S. 2 3 f. 

*) Schon der Graf Caylus veröffentlichte solche in den Recueils des antiquites 
II T. 91, V T. loi, VI T. 83. 

^) Semper a. a. O. II 24. 

'') Memoires de la Sociele royale des antiquaircs du Nord 1868. 

*) Bonner Jahrbuch Bd. 38, T. I, Text S. 47. E. aus'm Weerth a. a. O. 
S. 23 f- Labarte wollte die Pyrmonter Kelle aus der Reihe der antiken Denkmäler 
ausschließen und dem XI. Jahrh. zuweisen, ebenso v. Olfers. Ch. de Linas hielt die 
,, merkwürdige Schale eher für persische Arbeit". Dagegen traten Lindenschmit, Otte, 
E. aus'm Weerth entschieden für gallische Herkunft ein und jetzt sind die Sachver- 
ständigen über diese einig. 

'') Einige zierliche Vasen und Räuchergefäße in Bronze mit Grubenschmelz be- 
finden sich im Museum Wallraff-Richartz, die schönsten rheinischen Funde dieser Art 
im Paulus-Museum in Worms. Vgl. Weckerling, Paulus-Museum; dann auch Rein im 
Bonner Jahrbucli, Bd. 51. (Miszellen.) 

*•) Jetzt in einer Privatsammlung zu \'alkenberg. Vgl. Gaedechens, Das Me- 
dusenhaupt von Blariacum. Bonner Winckelmannsprogramm 1874, S. 6- 



153- 

geschickt an])assen. ') In Px^rtrich an der Mosel ist eine Reihe 
von solchen mit einem Großerze Traians und einem Mittel- 
erze der Diva Faustina (g-est. 141 n. Chr.) gefunden worden.. 
Darunter befinden sich: Eine runde Scheibenfibula von 40 mm 
Durchmesser, in der Mitte auf rotem J-jnailgrunde ein quadrat- 
isches Feld mit weiß-l^lauem Schachbrett- 
muster; dann Emailfibeln nfit Münzen des 
Iladrian und Antoninus Pius, eine runde 
Scheibenfibel mit zweifarbij^em (iruben- 
schmelze. Bei ihr w ie bei einem im Bon- 
ner Jahrbuche Bd. SO, T. W 13 abg-ebil- 
deten l^xemplare ähnlicher Art ist der 
R^lnd mit Kreisboiren verziert, deren Gru- 
ben mit hellrotem und g-rünem Schmelze 
g'efüllt sind, während zwei innere Zonen 
radiäre Streifen in rot und j^rün zeig"en; in 
der Mitte steht ein flacher Knopf mit einem 
rot-grünen Auge. Eine andere Scheiben- 
fibel ist mit vierfarbigem Grubenschmelze 
verziert: das Muster zeigt konzentrische 
Ringe, von welchen der äußere blau und 
weiß gewürfelt ist, während die beiden 
inneren r^idiäre Streifen in rot, grün, weiß 
und blau enthalten: der vortretende Knopf 
(Nabel) hat ein blau -weißes Auge. Rad- 
förmige Fibeln mit Schmelzverzierung 
kamen in der tönernen Urne eines Brand- 
grabes bei Gutenburg (unweit Hermeskeil) 
Jiuii 1S93 im X'ereine mit \'erbrannten 
Knochen zum Vorschein. Die ziemlich 
zerstörten Muster zeigen die l-arben blau, 
grün."') Sehr viele Bronzefibeln mit (irubenschmelz fand man in 
der Gegend von Namur und in Bibr£icte, dem gallischen Pompeii. 
Manche gallische .Schmucksachen sind mit Einlagen von Koral- 




Abb. 78. Zierriasche mit 

Muschclbesatz. Köln, 
Sammlung M. vom Kath. 

gelb, weil), rot und 



^) Bonner Jahrb. 87, 44 f. 

-) Korrcspondenzblatt der Westdeutschen Zeitschrift für Geschichte und Kunst 
)5, 67. 



154 

len verziert, wahrscheinlich waren auch die späteren Vogelkopf- 
hbehi häufig- mit solchen besetzt. Man suchte die Koralle offenbar 
bei anderen Stücken dvirch Email nachzuahmen, da das Korallenrot 
darin besonders beliebt ist. ') 

Cohausen und Lindenschmit'j haben diese Arbeiten ids kel- 
tische erkannt. Ersterer meint, daß die Technik beim Eindringen 
der Römer verloren gegangen und erst im IL Jahrhundert wieder 
aufgenommen worden sei. Der vStil dieser Arbeiten unterscheidet 
sich wesenthch von dem der griechischen Emails. Das Ornament 
wird meist in geometrischen Mustern, die sich leicht auf der Dreh- 
bank oder mit dem Zentrumsbohrer ausführen oder durch Punzen 
einschlagen lassen, zur mehrfarbigen Dekoration kleinerer Bron- 
zen, wie Knöpfen. Eil:)eln, Anhängern, Parfümdöschen, kleinen 
Zierplättchen, benutzt. Es wird ausschließlich Grubenschmelz an- 
gewendet. Cohausen weist nach, daß die vSchmelzfarben keine 
anderen als die der Glaspasten in römischen Mosaikgläsern sind. 
Die Arten der Dekoration sind verschieden, je nachdem ob ver- 
schiedene Farbstoffe miteinander verbunden oder (rlasplättchen 
mit der Schmelzmasse zusammengeschmolzen wurden. Während 
vielfach jede Grube für sich eine einzige Farbe erhielt, sind in 
anderen verschiedene F^irben ohne metallene Zwischenstege neben- 
einander angfebr^icht; in einer dritten vSorte sind zugeschnittene 
vStücke von farbigem Glas in Form von Plättchen, Perlen, Ring'en, 
ganze Plättchen von Millefiori oder Mosaikglas kalt in eine far- 
bige Schmelzmasse eingelegt. (Vgl. die Abb. 29, 30}. 

Semper glaubt, daß diese Art von Email eine den Kelten 
und Iberern eigene Industrie war. die sie nicht erst von den 
Römern zu lernen brauchten, die vielmehr bei ihnen urein- 
heimisch war"^). Nach E. aus'm AVeerth stehen die keltischen 
Arbeiten einer erhärteten bunten Kittmasse näher als den leuch- 



') Vgl. Tischlers Vortrag bei der Anthropologen- Versammlung in Breslau 1884. 

-) Die kleine aber sorgfältige Arbeit v. Cohausens über die Technik der gallisch- 
römischen Emails ist unter dem Titel , .Römischer Schmelzschmuck" in den Annalen 
des nassauischen Altertumsvereines XII erschienen. Ihr sind mit Erlaubnis des 
\'ereins die im Texte unter Abb. 29 und 30 wiedergegebenen Fibeln mit Schmelz- 
sckrauck entnommen. \'gl. auch Lindenschmit in d. A. u. h. \'. Band 1 Heft 2 T. 3, 
Band II Heft i Beilage l, Band II Heft 3 Beilage. 

^) Semper a. a. O. II 185. 



tcndcn. sj^py-cls^lattcn Arl)eiten Non Byzanz und den späteren 
rht'inis(-lien Emails. I^r initerscheidet ^leichzeitii^ i. die l"'assunj.>' 
\()n tafelförmiiif zug'eschnittenen, meist roten Plättchen \'on Edel- 
stein oder Glas (Verroterie), 2. Email und 3. Kittfüllunjjf. Die beiden 
letzteren Arten seien oft schwer zu unterscheiden, was dar^luf 
schließen ließe, daß eine aus der anderen hervorg-insj-. Die älteste 
Technik dürfte die Einlay-e \on Plättchen sein 
(bestätii,'"t \on Rosenberg" und Darcel in Ay-ypten), 
die durch römische \'(^rmittelun,s4" zu den Franken 
kam und im X. Jahrhundert die grölke Blüte 
erreichte (Eg-bertschrein in Trier). Daß das Email 
aus dem (Jrient an den Rhein gelangte, will 
man durch ^mgeblich ägyptische Funde und 
eine neuerdings in dt^r Pfalz entdeckte goldene 
Schnalle des III. Jahrhunderts mit sassanidischer 
Inschrift im Museum von Wiesbaden beweisen. 
In Rom sind Emails vor dem III. Jahrhundert 
nicht nachweisbar,^) dagegen wurde in den 
Katakomben \-on St. Agnese eine Fibula mit 
Kittfüllung aufgefunden. Ernst aus'm Weerth 
g-laubt, daß die nordische Art des F^maillierens 
bei den Römern zuerst die Nachahmung" in bun- 
tem Kitt hervorgerufen habe, wie er sich an 
F'ibeln und Zierscheiben aus römischen An- 
siedelung-en 'so häufig" finde und daß dies zur 
WeiterauNV)il(luiig des r(')mi^ch<'n Ismails führte. 
Daß diese .Vnschauung irrig ist, brauche ich n£ich 
dem, was v. Cohausen über den grallisch-römischen 
Schmelzschmuck festg"estellt hat, nicht von neuem zu erweisen. 
Aber woher die Kenntnis des F2mails nach dem Norden kam. 
ist tatsächlich bisher tioch nicht festgestellt. Am meisten hat die 
X'frniutung" für sich, daß in der älteren Hallstadtperiode mit 
AVaffen, Riemen- und Pferdeschmuck, (iewandnadeln und anderen 
]\Ietallarbeiten aus Etrurien auch solche kamen, die mit g"ravierten 
Zeichnung; en versehen sind, in welche man eine lackrote Paste 




Abb. 79. Zierflasche 

mit Muschelbesatz. 

Trier, Museum. 



*) St. de Laborde, notices des emaux. DarccI a. a. O. Ch. de Linas, 
orfevreries merovingiennes 1864. 



156 

eingfekissen hat. O. Tischler hat für diese Technik den Namen 
Furchenschmelz eingeführt^). Gleichzeitig sind Verzierungen von 
opakweißer, schwarzer und lackroter Paste in Streifen und ring- 
förmigen Vertiefungen auf Bronzefibeln. Viele haben durch 
(Jxydation der Bronze, durch Verwitterung und Feuchtigkeit 
gelitten, P^arbe und Glanz \-erloren und ein kreidiges, poröses 
Aussehen angenommen. Untersuchungen haben ergeben, daß 
es sich auch hier um kaltes Email handle, das aus gepulvertem 
farbigem Glase mit einem Zusiitz von Kreide o. dgl. hergestellt ist, 
ähnlich wie gewisse ägyptische Einlagen, die römischen Ring- 
steine und türkisblauen Schmuckperlen in Kürbisform. Der 
Zusatz von Kreide ist unter dem Mikroskope intakter Schmelz- 
flächen dieser Art noch heutt^ kenntlich. Viele Ringsteine und 
Schmuckperlen der Kaiserzeit sind infolge chemischer Zersetzung 
in demselben entfärbten, gkmzlosen, porös -kreidigen Zustande 
auf uns gekommen. Von dieser Art der Verwitterung sind 
jedoch Metallarbeiten der jüngeren Latenezeit zu trennen, bei 
welchen jetzt nur der Grund der vertieften Ornamentfelder von 
einer weißen Kittmasse ausgefüllt erscheint. Sie bildete die Unter- 
lage für farbigen Schmelz sowohl wie für zugeschnittene Stücke 
farbiger Glaspaste, die später verloren gegangen sind. Gerade 
diese Art, ein Vorläufer der fränkisch -alemannischen Verroterie, 
ist manchmal mit dem Einsätze von Korallen und runden, knopf- 
artigen Glaspasten verbunden. Sie wurde bis in den Anfang 
unserer Zeitrechnung hinein geübt. Während sich die italischen 
Völker mit Ausnahme der Etrusker, die sie von den Ägyptern über- 
nommen haben dürften, für diese vSchmuckform nicht empfäng- 
lich zeigten, bürgerte sie sich bei den Kelten vor der Berührung" 
mit den Römern ein. Die gallischen Emailarbeiten der Latene- 
zeit, namentlich die Funde von Bibracte im lugdunensischen 
Gallien, repräsentieren den Kunststil Mitteleuropas, der unab- 
hängig von dem griechisch-römischen der Mittelmeerländer 
vorwiegend ein geometrischer und koloristischer ist. Seine 



^) O. Tischler, Kurzer Abriß der Geschichte des Emails. Sitzungsberichte der 
Königsberger Gesellschaft 1886 und dessen Abhandlung über vorrömisches und 
römisches Email in den Verhandlungen der 17. allg. Vers. d. deutschen Gesell- 
schaft f. .Anthropologie etc. zu Stettin, München 1886 S. 128 ff. 



157 



foniKilen UnterschiecU' von dem Stile (k-r klassischen Antike 
kennzeichnen am deutlichsten die zoomorphen 1-ibeln, die 
Gewandnadeln in Tierg-estalt. Das galhsche Email erhält sich 
während der ganzen Dauer der Römerherrschaft, sein llauptsitz 
war das heutige Belgien, das Land zwischen Maaß und Sambre. 
Die Museen von Namur, Brüssel, Lüttich sind deshalb am reich- 
sten an derartigen Funden.-^) Aber 
auch am Rhein war die h'.mailarbeil 
in Blüte, namentlich in der Gegend 
\on Worms, welche die zahlreichen 
herx'orragenden Arbeiten lieferte, die 
im Paulus-Museum verwahrt werden. 
Außerdem enthielten römische Grab- 
stätten in Bertrich an der Mosel, in 
Mainz. Köln und Xanten \iele der- 
artige Stücke. In Mainz und Xanten 
hat man ebenso wie in Bibracte Über- 
reste \on Schmelz Werkstätten auf- 
gedeckt, die zum Teile in die flavische 
Zeit hinaufreichen. Dabei ist der Um- 
stand in Betracht zu ziehen, daß 
weder (iallier noch Etrusker gt^- 
nötigt waren, das erforderliche Glas 
selbst herzustellen, da es ihnen \-om 
Oriente in Form kleiner handlicher 
Ziegel und Glasstäbe bereits in ])rä- 
pariertem Zustande geliefert wurde: 
sie brauchten es nur zu zermahlen 
und mit Kreide anzurühren. Je 
weniger Kreide dabei zugesetzt wurch 
die l^'arbe und Konsistenz des I^nails. 

Auch verarbeitetes Glas lernten die Kelten außer den zahl- 
losen Schmuckperlen schon vor d(Mi Riimern kennen. Das älteste 




Abli. So. 'raubcnkanne. 
Köln, Museum. 

desto bess(^r hielt sich 



*) Vgl. Salomon Reinach, Antiquites nationales du Musee de St. Üermain, Ein- 
leitung. Die Funde von Namur und Umgebung, wohl die schönsten und bedeutendsten 
gallischen Emailarbeiten, sind von C. Bequet in den Memoires de la societ6 archeol. 
de Namur vortrefflich publiziert. Über Bibracte vgl. auch BuUios & St. de Fontenay, 
l'art d'emaillerie chez les Edouens, Paris 1875. 



158 

importierte Glasgfefäß gehört Süddeutschland an, das Frajjfinent 
eines viereckigen Fläschchens aus dunkelvioletter Paste mit trüb 
gelblich-weißer Bänderung. Es wurde in dem der späten Hallstadt- 
zeit (um 400 vor Chr.) angehörigen Grabhügel von Belleremise bei 
Pflugfelden in Bayern gefunden und kann den mit ihm aufgedeck- 
ten Metallgegenständen entsprechend, aus Etrurien eingeführt sein. 
In Sta. Lucia in Italien, in Frankreich und in Hallstadt kommen 
halbkugehge vSchälchen aus trüb durchscheinendem, farblosem und 
grünlichem Glase mit weißen Längsstreifen vor, welchen man das- 
selbe, wenn nicht ein höheres Alter zuschreibt. Ein kleines 
Näpfchen aus den Höhlenfunden von ByCiskala hat jedenfalls 
ein noch ehrwürdigeres Alter ^). Daneben findet man in Hallstadt 
aber bereits gewöhnliche Gebrauchsgläser, wie sie aus den Werk- 
stätten von Naukratis und anderen ägyptischen Küstenstädten 
hervorgegangen sind, Näpfe von zierlichen griechischen Formen"-). 
In den Ostalpen scheint sich schon früh im Anschluß an den 
etruskisch- ägyptischen Import eine selbständige Glasindustrie 
entwickelt zu haben, aus welcher manche der Perlen und Arm- 
ringe hervorgegangen sein mögen, die man in den Gräbern 
dieser Gegend findet, vielleicht auch jene beiden Paare von 
Armringen aus Affoltern im Kanton Zürich, das eine dunkelblau 
durchscheinend, das andere aus farblosem Krystallglase, in 
welches ein neapelgelber Faden eingekissen ist''). In Altare, 
einer Ortschaft der ligurischen Alpen, existiert noch heute eine 
Glasindustrie, welche nach jVIurray durch flüchtige Gallier be- 
gründet sein soll. 

Nach diesen Vorläufern entwickelte sich vom IL Jahr- 
hundert ab in Gallien imd Britannien eine rege Emailindustrie. 
Eine Unterbrechung von mehreren Jahrhunderten, wie sie in den 
klassischen Ländern nach den uns bekannten griechischen Arbeiten 
eintrat, ist im Norden nicht zu konstatieren. Man hielt vielmehr, 
nach den Grabfunden zu urteilen, auch nach dem Eindringen der 
Römer an den alten Verzierungsweisen fest, bis die Einfuhr von 
Schmuckperlen mit Auflage von Millefiorii)lättchen der Email- 



^) Reineckc a. a. (J. 

-) Ilg bei Lobmcyr a. a. O. 

'■') Semper a. a. O. II S. 185 T. >iVI i, 



159 



Industrie einen neuen luij^'eahntcn Aufscliwunt;" ,i;'al). Wie man in 
Alexandrien Perlen verzierte, indem man aus StabVjündeln von 
Millefiorii^das Plättchen schnitt und diese auf einfarbig-e Pasten auf- 
leg"te, so wurde es eine BesonderhtMt jjfallisch-rheinischer Kmailleure, 
solche Plättchen in vertiefte Metallflächen, besonders von Fibeln, 
Knöpfen und kleineren Bronzege^enständen einzulassen und so ein 
forthmfendes Muster in Form von Schachbrettern, von konzen- 
trischen Rini^'en, die mit farbisj;'en Piuikten und Rosetten durch- 
setzt sind, \'on Bändern vmd geometrischen Figuren zu bilden. Die 
Farbenskala ist viel reicher als in der Latenezeit: 
zu schwarz, weiß und lackrot kommt dunkelrot, 
mehrere Arten von gelb vnid grün, kobalt und 
türkisblau, violett, braun. Darcel und v. Cohausen, 
welche diese Technik klargestellt haben, schildern 
wie die gallischen Emailleure fertige Mosaikplätt- 
chen mit gepulvertem (xlasstaub im Feuer mit 
der ISIetallunterlage zusammengeschmolzen, da- 
neben aber auch ^Muster bildeten, indem sie ver- 
schiedenfarbigen Glasstaub in einem Metallfeldc 
in bestimmter Zeichnung aus freier Hand \-er- 
teilten und ihn so einzubrennen wußten, daß die 
Farben nicht zusammenliefen, obwohl sie nicht 
durch Metallstege getrennt waren. ^) Gallische 
Emailleure arbeiteten namentlich vom IL Jahr- 
hundert ab auch \-iel für den Ex])ort. fis kann 
bei der Gleichartigkeit der Muster des in Rom 
und anderen Städten Italiens, in Osterreich, Süd- 
deutschland, l-'rankreich, den Rhcingegenden und muster. Ägyptisch. 
England \'orkommenden römischen Schmelz- 
schmuckes keinem Zweifel unterlieg'en, daß diese Arbeiten aus 
einer Quelle stamnnMi. Diese Gleichartigkeit erstreckt sich aber 
nicht l)lol) auf die Must(^r d(^s Emails selbst, dies ließe sich aus 
der gemeinsamen Benutzung alexiuidrinischer Millehoristabbün- 
del erklären, sondern auch auf die Formen des Metallschmuckes, 
\\elch(\ wie /.. P). die hibcln in (iestalt \on \'(')g(^ln, I'h^rdclKMi 
und Rädern, (lallicn cigciitünilicli sind. Man hat auch aul'x-r den 




Abb. 8i. Balsamu- 
rium mit Korb- 



^) V. Cohausen u. a. O. 



i6o 

keltischen Gegenden meines Wissens nirgends Eniiiilwerkstätten 
aufgefunden. 

Im IV. Jahrhundert nach Chr. ist eine Abnahme der technischen 
Sorgfalt wahrzunehmen. Die Vereinigung \-on zwei und mehr 
Farben in einem Felde erschien zu mühsam, da sie peinliche Auf- 
merksamkeit und Geduld erforderte; man begann sich die Arbeit 
dadurch zu erleichtern, daß man das vertiefte Feld durch dünne 
^Sletalldrähte teilte und so Zellen für eine einzelne Farbe schuf. 
Das ergab eine Vereinigung \-on Gruben- und Zellenschmelz das 
sog. gemischte Email, den Übergang zum eigentlichen Zellen- 
schmelze, der seine höchste Ausbildung in Byzanz erfahren 
sollte, aber schon um 700 nach Chr. in merovingischen Grab- 
funden auftritt. Beispiele von gemischtem P^mail finden sich im 
Museum Wallraf-Richartz in Köln, sind aber nach Riegl auch in 
■ den österreichischen Alpenländern zum Vorscheine gekommen. V; 
Um das Jahr 700 setzt dieser einen Ring aus den alemannischen 
•Gräbern von Escheng im Museum \'on Zürich an, der bereits 
reinen Zellenschmelz aufweist. Ob in merovingischer Zeit auch 
der Furchenschmelz der Lateneperiode eine Wiederauferstehung 
feierte mag dahingestellt bleiben. Dr. Koehl schilderte mir 
brieflich einen scheibenförmigen Anhänger aus Bronze, den er 
in einem fränkischen Grabe bei Worms gefunden hatte und der 
mit einer Rosette in weißem und grünem Furchenschmelze ver- 
ziert war. Es ist nicht vmmöglich, daß mit dem P^nde der Römer- 
herrschaft die alteinheimischen Überlieferungen wieder an Stärke 
gewannen, aber ebenso denkbar ist auch, daß der Verstorbene 
einen alten, \'on den \^orfahren ererbten Schmuck getragen hat. 



') A. Riegl, Die spätröniische Kunstindustrie in Österreich-Ungarn. Wien 1901. 



IV. 



Die Verpflanzung der Industrie nach 
Griechenland, Rom und den Provinzen. 



Kisa, Das Glas im Altertume. 



Die Verpflanzung der Industrie nach Griechenland, Rom 
und den Provinzen. 

Griechenland. 

In (JriechtMiland war das Glas von altersher bekannt. Es 
spielt sotJfar in den Ileroensag-en eine Rolle. Perseus bekämpft 
die Medusa mit einem Schilde aus Glas, die Meergötter haben 
an ihren Schiffen nach Lucian^) Anker aus Glas. Homer nennt 
es allerding"s nicht, denn sein Ausdruck „Elektron", der sich in 
der Odyssee findet, ist sicher nicht als Glas zu deuten, sondern 
bezeichnet jene bereits in der Xatur vorhandene mattüfelbe 
Mischung- von Silber und Gold, aus der die ältesten Münzen 
ijfepräg-t und Schmucksachen hergestellt wurden.") Später wurde 
er freilich iiuch auf den Bernstein, im Mittelalter auf das Email an- 
gewendet. Die -Sache dagegen war I lomer nicht fremd, denn die 
„blauen Friese", die nach seinen Worten den Palast des Alkinoos 
schmückten, waren mit Email, mit Glasfluß, ausgestattet. Von 
ihnen gibt uns der Alabasterfries eine Vorstellung, der sich in 
der X'orhalle des Männersaales zu Tiryns erhalten hat: seine 
fächerförmigen Halbkreise und Rosetten heben sich von einem 
Grunde iius blauem Glasfluße wirkungsvoll ab, eine A^erzierungsart, 
zu welcher ägyptische und assyrische Bauten mit ilirem reichen 
Schmucke emaillierter Tonplatten die Vorbilder gelief<'rt hatten, 
frcMlich nur in technischer, lücht in stilistischer Beziehung, denn 
die luykenische Dekoration ist \ on orientalischen Einwirkungen, 
wenigstens in diesen Fällen, unabhängig.''^ Zahlreiche Stücke von 



^) Lucian, vcra historia I 42. 

^) Vgl. Christ, I-'ührer d. Münchener Antiquariums S. 36. 

^) Perrot & Chipiez, Histoire de l'art dans l'antiquite vol. 1\'. — F. Xoack, 
Studien zur griechischen .Architektur I. Jahrbuch des kais. Deutschen archäologischen 
Institutes XL 211 — 247. — Woermann, Geschichte der Kunst I. S. 184. 

II* 



i64 

Glaspasten, die iJfleichfalls zum Schmucke von Gebäuden g"edient 
hatten, sind von Schhemann in Mykenae aufg-edeckt worden. ■'^) 
Dort kamen neben entschieden einheimischen Arbeiten auch 
äg"yptische Importwaren vor, wie andererseits von FHnders Petrie 
mykenische f!rzeuüfnisse in äg'yptischen Gräbern g'efunden wurden. 
Das sind Beweise für einen regen Tauschverkehr, der die Quellen 
des mykenischen Glasornamentes enthüllt. Er ließ auch in der 
folgfenden Zeit nicht nach, ja steigerte sich vielmehr und versah 
namentlich die griechischen Inseln, die mit Ag-ypten in ständiger 
Verbindung waren, mit ihren reichen Schätzen von äg'yp- 
tischen Gläsern. Daß die Verwendung des Glases zu architek- 
tonischem Schmucke auch in der Blütezeit der g-riechischen Kunst 
nicht ausg-estorben war. zeigen die blauen Emails in den jonischen 
Voluten des Tempels der Athene Polias auf der Akropolis.'^) 
Quadr^itische Gkisplatten aus grauer Glaspaste mit Verzierungen 
in £iufg-elegtem Blattgold, sowie andere architektonische Besatz- 
stücke wurden zug-leich mit den dazu gehörigen Tonmodellen 
1877 in Sparta g-efunden. Für die Gefäßbildnerei aus Glas war 
jedoch das griechische Kunstgefühl zur Zeit der Selbständigkeit 
des Tandes nicht empfängdich. Die zahlreichen Alabastra, Känn- 
chen und Fläschchen aus farbigem Glase mit Fadenschmuck, die 
Mosaik- und Millefiorigläser, die an verschiedenen Stellen g'e- 
funden sind, stammen, obwohl ihre Formen zumeist g"riechischem 
vStilgefühle entsprechen, nicht aus einheimischen Werkstätten her, 
sondern sind aus Alexandrien imjiortiert. vSo die \'on Korinth, 
Athen, \'om Piräus. woher mehrere in das Münchener Antiqua- 
rium, nach Brüssel, I*aris und London g-ekommen sind. Auch 
gläserne Fingerringe waren den Griechen bekannt, man fand 
deren zahlreiche in Athen, wo sie acffjayXdsg raXivai'^) hießen. 
Der älteste griechische Ausdruck für Glas ist lil^og x^^l ^^- h. 
g"egossener »Stein. I lerodot braucht ihn zuerst he\ der Beschrei- 
bung der Ohrg-ehänge der heiligen Krokodile am Nil und läßt 
damit erkennen, daß er nur massi\e, opjik-farbig'e Glas]mste, eine 
Nachahmung \on Edelstein, darunter verstehe. Wahrscheinlich 



Schliemann, Mykenae 126, 138. — Derselb. Tiryns 92, 199. 
Woermann a. a. O. 
Ilß a. a. O. S. t6. 



i6; 



übersetzt er damit ein äi^-\-pti,sche.s A\'ort für dlas, eine \"ermu- 
tunj^', welche dureh die Alitteilung" des Geog'raphen Skylax be- 
stätii^t wird, dalJ die Athio]>ier an der Westküste Afrikas \-on 
Händlern „Stein \on A,L!-v])ten*' ).id^dg ^Jlyvntia kauften, d. li. 
Glas])erlen, sowie durch jene eines anderen Reiseschriftstellers, 
des Arrian, der den Peripleos des Roten Meeres verfaßte, daß 
mim den Athiojüern an der Ostküste, also der entg-eg-en^s^esetzten 
Seite Afrikas, XiiHag i'a?.tjg nXeiovu ytvri^ 
^"läserne Steine verschiedener Form v(^r- 
kaufe. Daraus g"eht hervor, daß die Griechen 
das Glas als ein äg-yptisches Erzeug-nis be- 
trachteten und danach benannten.^) 

Daneben kommt auch schon bei 1 lero- 
dot der Ausdruck vaXoc oder vsXog vor^), 
jedoch offen])ar clx'nso wie bei Aristoteles 
für Berg-krystall, das dieser für eine große 
aus dem Orient kommende Kostbarkeit 
erklärt. Der Ursprung' des Wortes ist bis- 
her noch nicht ermittelt, (i. Curtius'") leitet 
es von veii' regfnen ab, denkt also an etwas, 
das durchsichtig" wie ein Reg^entropfen ist. 
Dieser g"ezwung'"enen Deutung" setzt PVoeh- 
ner eine andere plausiblere entgegnen, in- 
dem er das v für ein altes Digamma nimn"it, 
was das Wort äXg, also Siilz, ergeben würde. Abb. S2. Lekythos mit sog. 
Glas und Salz sind einander in gewissen Farnkrautmuster. Ägyptisch. 
Zuständen ähnlich, ein Umstand, der schon 

bei den Gkissärgen der Äthiopier zu Zweideutig"keiten \"er- 
anlassung g"ab. Manche halten jenes Wort für koptischen Ur- 
sprunges, weil die Stadt Koptos in Ägypten \orzügliche durch- 
sichtige Gläser erzeug"t haben soll.^) S})äter l)ürg"erte es sich als 
Bezeichnung" des durchsichtigen Glases neben dem xQvozceXXog 
ein, so daß man deutlich zwischen ihm und der undurchsich- 
tigen XiMg ivTn] unterschied, die man \ielleicht für einen ganz 




^) Froehner a. a. O. S. 4. 
2) Herodot III. 24. 
*) Curtius, Grundzüge S. 397. 
■») Ilg a. a. O. S. 16. 



i66 

anderen Stoff hielt. Der Glaser heißt vaÄoif'dg Glaskocher, der 
Glasmacher Nikokles in Sparta, wohl ein Zeitgenosse Ennions aus 
dem Anfange der christlichen Ära, nennt sich auf einem Gefäß- 
stempel vsXivonoiog^). In den „Wolken" des Aristophanes wird der 
Ausdruck valog in Verbindung mit einem Brennspiegel aus Glas 
genannt, in welchem man das Feuer auffing. Auch die berühmte 
Himmelsphäre des Archimedes, die Ckmdian besingt, war aus 
Glas und nach Ovid ein Werk von „vSyrakuser Art und Kunst". 
Becher aus gegossenem Stein nennt Plato im „Timäos". Spätere 
Schriftsteller, wie Pausanias, sprechen \'on einfachen gläsernen 
Schalen; da dieser seine bekannte Kunsttopographie zwischen 
i8o und i8o \or Chr. schrieb, ist er freilich nur Zeuge der späteren 
Diadochenkunst und kann sehr wohl iVrbeiten seiner Zeit auf 
ältere übertragen. Von ihm stammt auch die Nachricht, daß 
Pausias, ein ] lauptmeister der vSchule \on Sikyon, im Rundbau 
von Epidauros in einem berühmten (iemälde der „Trunkenheit" 
eine Frau darstellte, die neben einem Liebesgotte aus einem 
Glase trank. Ihr Gesicht sei hinter dem durchsichtigen Glase 
sichtbar gewesen. Man könnte hier an ein Krystallgefäß denken, 
doch hat auch ein aus farblos durchsichtigem Gkisfluße model- 
lierter vmd geschliffener Becher für diese Zeit nichts unwahr- 
scheinliches. Er spricht ferner von Geräten aus (rlas, blauen 
SallDenflaschen und j)ur])urnen Bechern aus Lesbos, wo seit dem 
IV. Jahrhundert \'or Chr. zugleich mit der noch bedeutenderen 
von Rhodos eine Glasindustrie bestand, deren Ursprung auf die 
von Naukratis und andere ägyptisch-griechische Werkstätten 
der Nordküste zurückzuführen ist. Noch Athenävis schreibt 
von einer schönen vergoldeten Kylix, von blauen Glasgefäßen 
und purpurnen Glasbechern aus Lesbos. Daneben rühmt dieser 
späte Autor die Glaswerkstätten \'on Rhodos und erzählt, 
daß sie es verstanden hätten, Tongefäße durch Brennen mit 
Binsen- und Myrthenasche durchsichtig und glasartig zu machen, 
„was gewiß mit ihrer Geschicklichkeit in der Glasbereitung zu- 
sammenhänge". Mit dieser Notiz ist wenig anzuf^mgen. Gewiß 
ist nur, daß es keine Gefäße aus Ton gewesen sein können. 



^j Froehner a. a. ( >. S. 125. Auf einer Inschrift aus Sparta heißt er Sohn 
des Tyndareus. Vgl. Welcker im bull, del instit. 1S44 S. 146. 



167 



sondern nacli den ^'enainiten Zusätzen solche aus Gkis, vielleicht 
iius Bein- oder Hon\y-las, das schwach durchscheinend ist und 
auch in Venedig" durch ähnliche Zusätze erzeug't wird. 

Ein auf Rhodos gefundenes Glasgefäß der frühen Kaiserzeit 
hat den Stempel „Doros, der Rhodier". Besonders ergiebig- waren 
auf Rhodos die Gräber von Kameiros, die sehr viel opak-farloige 
Gläser, zumeist aus der Kaiserzeit, lieferten. Die Funde be- 
finden sich zum größten Teile im Britischen Museum.^) In 
Rhodos lassen iiuch einige Autoren jenen berühmten Krater ent- 
standen sein, der mit Weintrauben im Relief 
geschmückt war, so daß diese grün und unreif 
erschienen, wenn der Becher leer war und 
purpurn schimmerten, wenn man AVein in 
ihn goß. Nach dem Berichte des Achilles 
Tatius, eines Schriftstellers aus dem III. Jahr- 
hundert nach Chr., in dem Gedichte „Leukippe 
vmd Klithophontes" war der Krater für lli])- 
pias von Tyrus bestimmt und danach A\ohl 
in dieser Hauptstätte der Glasindustrie ent- 
standen. 

Zur Zeit des peloponnesischen Krieges 
war das Glas noch ebenso hoch bewertet 
wie Edelsteine, ein Beweis für seine Selten- 
heit. Erst in der römischen Periode wandten 
sich die Griechen besonders in Kleinasien 
und Ägypten der Glasindustrie in erhöhtem 
Maße zu; seitdem die Gefäßbildnerei in Ton \on ihrer früheren 
Höhe herabgeglitten war und das griechische Kunstg^efühl durch 
orientalische Einflüsse eine Wandlung erfahren hatte, wurde 
auch der Geschmack und das Bedürfnis an Glaswaren mit ihrer 
leuchtenden Farbenpracht reger. Zahlreiche Griechen arbeiteten 
zu Beginn der Kaiserzeit und wohl sclion in den letzten Jahr- 
zehnten der Republik in den Werkstätten von Sidon. Zu ihnen 
gehört wahrscheinlich auch PLnnion, von dem in !'antica])aeum 
(Kertsch) eine Ani])li()riskr aus farl)los-durchsichtigem Glast^ mit 
feinen Reliefornammien. I^almetten, Sc]ui])pen. Zweigen und 




Abb. 83. Fläschcheii 

mit bunter Äderung. 

Neapel, Museum. 



1) Newton, Guide S. 38. 



i68 

Kanelluren y-efunden wurde, die in der Eremitage \"on Petersburg 
verwahrt wird. Andere Arbeiten Ennions kamen auf der Insel 
Kythräa zum Vorscheine, mehrere in ItaHen, wohin er wahr- 
scheinlich übersiedelt ist: Zierliche Henkelbecher in Modena, in 
Refrancore bei Asti, in Bagnolo, Borgo S. Domenico, in Solonte 
auf Sizilien, im Agro Adriese. Eines der besterhaltenen Stücke, aus 
Carezzano bei Vercelli, ist ein Becher aus Kob^iltglas, durchsichtig, 
verziert mit einem Eierstabe und einem Friese, der zwei Tesserae 
einschließt. Mit ihm wurde eine Münze des Clavidius gefunden, 
welche darauf schließen läßt, das er zu jenen Glasarbeiten gehört, 
deren Erscheinen unter Tiberius so großes Aufsehen erregte und 
den Anlaß zur Entstehung der abenteuerlichsten Nachrichten über 
neue Erfindungen gab. Ennion signiert seine Arbeiten mit vollem 
Namen an auffälliger Stelle und fühlt sich offenbar als Künstler 
und Neuerer.^) Als Sidonier bezeichnen sich zum Teile aus- 
drücklich die Glasmacher Artas, Ariston, Eirenaios, Meges, Neikon, 
Philippos, durchwegs Griechen oder doch gräzisierte Orientalen, 
die wie Ennion und vmgetähr gleichzeitig mit ihm auch in Italien 
gearbeitet zu haben scheinen. Artas und andere Sidonier ge- 
brauchen doppelsprachige Stempel, die in der Form der Buch- 
staben auf die erste Kaiserzeit hinweisen. Bruchstücke mit dem 
vStempel des Artas, zumeist Henkel von Bechern aus farblosem 
oder farbigem, aber stets durchsichtigem Glase, kommen auch 
diesseits der Alpen häufig vor, so im Österreichischen Museum 
in Wien, mehrere im Antiquarium zu München, wo sich auch ein 
Henkel mit Stem])el des Phili])})os befindet,') imdere in Berlin, 
Würzburg-, Brüssel, Paris, London etc. Ein Glas mit Stempel 
des Meges kam auf der Insel Marion zum A^orschein, auf Melos 
neben zahlreichen anderen Gläserfunden einer der sidonischen 
vSiegesbecher mit der Inschrift AABE THN NIKHN in Relief. 
(Abb. 257, 258.) Vier schöne alextmdrinische Alabastra kamen von 
hier in das Museum von Compiegne."') Jene einzigen mit ziemlicher 



^) Vgl. die Stempel Ennions und der anderen genannten Glasmacher im Ab- 
schnitte X „Stempel und Aufschriften auf Gläsern". Näheres über die Schule von 
Sidon enthält der Abschnitt IX „Geformte Gläser". 

'-) Nach freundlicher Mitteilung von Reg. -Rat Custos Folnesics in ^^'ien und 
Dr. W. Riezler in München. \'gl. auch Christ, Führer S. 119. 

^) Froehner a. a. U. S. 120. 



169 

Sicherheit chitierten Erzeus^iiisse der altberülimteii Werkstätten 
Sidoiis und Phöniziens überhaupt sind in I lohltormen jy^eblasen und 
nehmen nach ihrem Schmucke zu urteilen, zumeist auf die Kämpfe 
und Wettspiele der Arena und den bacchischen Kultus Bezuj^. 
Auf Korfu wurden farl)iire und farblose (jläser der Kaiserzeit 
aufjj-efunden, in Kephalonia unter anderem ein alexandrinisches 
.Alabastron, jetzt im Louvre. Auf Cypern lieferten namentlich 
die Gräber von Idalium tausende von 
(iläsern, die in \-erschiedenen MuseiMi 
Europas zerstreut sind, Alabastra und \it^l 
von der bläulichgrünen Gebrauchsware 
<l(>r Kaiserzeit. \"on letzterer Art sind die 
in das Musee du Cinquantenaire in Brüssel 
g'ekommenen Gläser, welche in den For- 
men sehr an die syrischen erinnern. Unter 
(\t^n Funden von Melos ist noch ein Löffel 
aus opakweißem Glase nachzutrag"en, der 
im Britischem Museum verwahrt wird, 
ferner zahlreiche jener viereckig"en alexan- 
drinischen Ölkannen aus bläulichgTÜnem 
Glase mit konzentrischen Ring^en am 
Boden. Auf Kreta lieferte die Nekro])ole 
von Rhodovani (früher Elyros) Dosen mit 
Deckeln aus ordinärem Glase, sowie einen 
schönen, jetzt im Louvre befindlichen 
Kimtharos. In Panticapaeum kamen außer 

der Amphoriske Ennions yroße Massen g-ewöhnlicher Gel)rauchs- 
ware zum X'orschein. In Kertsch erwarb man 1S73 für die 
Eremitag"e einen Irinkljecher aus farblosem Glase mit \ier Götter- 
sjfestalten in Relief. ') uVbb. 205.) In Kleiuiisien war Kyzikos ergnebig- 
in farbig-en inid farblosen (iläsern der Kaiserzeit, ebenso Abydos 
und Thymbra (Troas). In Knidos fand Newton mehrere luuulert 
lanj^halsig-e ülfläschchen aus ordinärem (jlase. in Attala wurde 
ein altchristliches Goldgflas g^efunden.^) 




Abb. 84. Fläschchen mit 
farbigen Streifen. 
Breslau, Museum. 



*) Näheres im Abschnitt IX „Geformte Gläser". 
-) Froehner S. 121. 



t: ?»^ 



I/o 

Italien. 

Auch in Italien lernte man das Glas durch Import aus Ägypten 
kennen. Zuerst brachten die Phönizier Perlen in die Küsten- 
städte, namentlich in die ihrer Kolonien in Sizilien und Sardinien. 
Hier fand man in Tharros eine Halskette mit Masken und jenen 
eigentümlichen mit Masken besetzten Zylindern, sowie Götter- 
iigürchen in opakfarbiger Paste, von welchem oben die Rede 
war, Arbeiten aus Alexandrien, die man gewöhnlich für phönizisch 
ausgibt. (Vgl. S. 93.) In Tharros und Cornus kamen gegen 300 Gläser 
aller Art zum Vorscheine, zumeist spätere Erzeugnisse, darunter 
zwei farblose Becher mit griechischen Inschriften, von der Art 
der sidonischen Siegesbecher, ^lus ftirblosem in Hohlformen ge- 
blasenem (ilase. Auf einem liest man den Spruch Kaxäxcciqs v.ai 
evqiQaivov auf dem anderen Eigsd^wv kcißs tt^v vixrjv. Außerdem 
kamen Massen von Glasperlen zu Tage. 

Die lebhaftesten Handelsverbindungen mit Ägypten unter- 
hielt Etruri en. Infolge dieser fanden außer Perlen besonders zahl- 
reiche Alabastra aus opak-farbigem Glase mit bunter Fadenver- 
zierung in Form von Bändern, Zickzack mit ^Vellen-, Korb- und 
Farnkrautmustern den Weg ins L^md, die früher wegen der Massen - 
haftigkeit ihres Vorkommens in etruskischen Gräbern für Landes- 
])rodukte gehalten und eigens als „etruskische Gläser" bezeichnet 
w urden. Sie gehörten zum Bestattungskulte und wurden dem Leich- 
name, nachdem er mit wohlriechenden, zugleich konservierenden 
Essenzen und Wein begossen worden war, neu gefüllt ins Grab bei- 
gegeben, gewöhnlich parweise. Die Römer befolgten die gleiche 
Sitte. Die Haupteinfuhr fand in Caere (Cervetri) statt, dessen 
(rräber denn auch besonders reich an Alabastren und anderen 
farbigen Gläsern ägyptischer Herkunft sind. Andere Fundorte 
sind Monteroni, Veii, Sta. Marinella, Toscanella, Vulci, Chiusi 
und Volterra. Die Funde sind in alle AVeit zerstreut, das meiste 
von ihnen verwahren dit Museen von Florenz, London und Paris. 
In Pyrgoi bei Sta. !Marinella wurde auch eine kleine blaue 
Oenochoe mit weißen Stacheln gefunden^), in Pisa der Rest einer 



») Bulletins VI S. 212 f. 

1) Abeken a. a. O., S. 267 (Abbildung). 



I/I 



Vase aus der Kaiserzeit mit einer t^raxierten Zirkusszene (Abb. 247), 
in [sola Farnese aul5er Resten irläserner \Vand- und Fußboden- 
bekleidunL,»- eine Menyfe von Millefioribruchstücken. Milleliori 
und marmorierte Gläser siiul am^h an den anderen F'undstätten 
häufig. Ein Beweis für den ägyptischen Urs])rung der etruski- 
schen Gläser liegt überdies darin, daß neben ihnen in den (iräbern 
oft Scar^lbäen und Uschebtis liegen. ]Man nannte sie und die 
farbigen Gläser der frühen K^iiserzeit überhau])t aueh griechische 
oder phönizische, wie F>oehner meint aus 
keinem anderen Grunde, als weil man 
das Bedürfnis fühlte, die Lücken in unserer 
Kenntnis griechischer luul phönizischer 
(ilasmacherei auszufüllen. ■') Dabei beging 
man wie bei den etruskischen Funden den 
F^ehler, das F^undgebiet mit dem Ursprungs- 
lande zu identifizieren. Allerdings kommen 
jene Gläser auf dem griechischen F^stlande. 
in Attika und Korinth. auf den Inseln, in 
Unteritiüien. namentlich in Cumae, Ruvo 
und Fasano häufig \or, viel häufiger aber 
noch im Orient, im Stammlande Ägypten, 
den Gräbern von Theben und ^Memphis, in 
den unerschöpflichen Fundgruben von 
Cypem und Rhodos, der Xekropole von 
Kameiros. F)er ]\Iär von dem phönizischen 

Ursprünge der alten farbigen Gläser mit F'adenschmuck haben 
namentlich die Massenfunde von Flinders Petrie in Teil el Amarna, 
Gurob und anderen ägyptischen Stätten ein Ende gemacht.") 




Abb. 85. Fläschchen mit 

farbigen Streifen. New^'ork, 

Melropolitan-.Museum. 



^) Froehner a. a. O., S. 41 f. 

^) Während die Archäologen über diese Frage nunmehr einig sind, wollen 
manche Sammler, wahrscheinlich um dadurch die Mannigfaltigkeit ihrer Schätze zu 
erhöhen, auf die Selbständigkeit der i>l)önizischen und griechischen (Glasindustrie noch 
immer nicht verzichten. Zu diesem Zwecke versuchen sie allerlei technische und 
stilistische L'nterschiede zwischen ihnen und den ägyptischen Vorbildern aufzustellen. 
Der Scharfblick des einen geht so weit, in den Varianten des Farnkrautmusters natio- 
nale Eigenheiten zu erkennen. Im allgemeinen möchte man für Ägypten besonders sorg- 
fältige Arbeit und scharfe Formen in Anspruch nehmen, während die anderen Gläser sich 
durch größere Flottheit und Leichtigkeit, Weichheit und Rundung kennzeichnen, wobei 
namentlich die griechischen sehr stark durch ihre eigene nationale Formensprache be- 



172 

Unter den Römern ist Cicero der erste, der über Glas be- 
richtet. In seiner 54 vor Chr. gehaltenen Rede pro Rabiro 
Postumo 14, 40 spricht er zuerst von gläsernen Hausgeräten. Er 
gebraucht dabei das Wort .\'itrum', dessen Ableitung den Philo- 
logen noch immer unüberwindliche Schwierigkeiten bereitet. Die 
Erklärung des Isidorus, dal» damit angedeutet werde, es sei für den 
Blick (visui) durchsichtig, bezeichnet Ilg mit Recht als eine halt- 
lose Tändelei. Nach Jakob Grimm heißt vitrum eine Pflanze, 
deren Saft \on den Kelten Britanniens zum Tättowieren benutzt 
wurde. Im Gälischen heißt diese Pflanze Glas, Glasdu oder 
Glaslys-^}. Darnach hätte es den Anschein, als ob die Römer ihre 
Kenntnis des Glases den Kelten zu verdanken haben, während das 
Umgekehrte der Fall ist. Die Kelten gebrauchen vielmehr für Glas 
den von vitrum abgeleiteten Ausdruck gwydr (gälisch) und gwer 
(bretonisch g = v). Der Glasmacher heißt in Rom vitrearius 
oder vitriarius, Glaswaren wurden vitrea oder vitreamina genannt, 
daneben erhielt sich, wie im Griechischen, für durchsichtig-farb- 
loses Glas der Ausdruck crystallum. Str^ibo bezeichnet es als 
xQvaTa/i./.o(fC(vrj. 

Das älteste Glas ist aus Ägypten eingeführt. Außer Schmuck- 
perlen fand man in Sta. Lucia kleine Schälchen aus farb- 
losem Glase, jenen gleich, die auch diesseits der Alpen in den 



cinflußt seien. Kennereitelkeit mag sich auf die Feststellung solcher Unterschiede viel 
zu gute halten. Ihr Bestand ist nicht zu leugnen, aber ihre Deutung ist vollkommen 
verfehlt. Gerade altägyptische Arbeiten zeichnen sich durchaus nicht durch scharfe 
Formen aus, wie z. B. die Vasen Tutmosis' III. in München und London, die Becher 
der Prinzessin Xsichonsu und andere Gläser aus der i8. Dynastie, der Blütezeit der 
alten Industrie. Dagegen übertreffen die in Hohlformen geblasenen (iläser Alexan- 
driens, die Arbeiten der frühen Kaiserzeit, an Schärfe selbst die sorgfältigsten Leistungen 
der Pharaonenepoche, die noch mit freier Hand modelliert sind. Gar manches Glas, 
welches ob seiner exakten Arbeit von Sammlern der Blütezeit Thebens zugewiesen wird, 
ist tatsächlich aus einer der gräzisierten Werkstätten des Orientes oder Italiens hervor- 
gegangen und umgekehrt manche malerisch flotte Leistung aus Teil cl Amarna oder 
Gurob. Und was das Hervortreten griechischer Formen betrifft, so beweist dies an 
und für sich noch nicht griechischen Ursprung, denn das ägyptische Kunsthandwerk 
verschloß sich solchen keineswegs. Schon in der saitischen Epoche arbeiteten die 
besonders dem Exporte nach Griechenland und den Inseln dienenden Werkstätten von 
Naukratis sehr viel mit griechischen Mustern. 

'1 Grimm, Kleine Schriften II 123. Diefenbach, Celtica I 27, 139; II 446. 



/.-) 



Gräbern der s})äten I lallstacltperiode vorkommen (\'^1. S. 158), 
doch machten erst die Orientfeldzütre Sullas die Römer näher mit 
dem seltsiimen Materi^lle bek^mnt. Im Jahre 58 vor Chr. ließ Scaurus 
das von ihm erbaute Theater nach orientalischen \^orbildern, wie 
er sie beim Feldzug-e geg^en Mithridates kennen g-elernt hatte, teil- 
weise mit Glasplatten verkleiden, die er aus Alex£mdrien bezoyf. 
Die einen ahmten wahrscheinUch Marmor nach, die anderen stellten 
in Cberfang-technik farbii^e figürliche und ornamentale Reliefs dar. 
Das erste vStockwerk des Gebäudes war im Inneren mit Miirmor- 
platten, das zweite mit Glasplatten, das dritte mit vergoldetem 
Holze ausgestattet^). Ungefähr gleichzeitig 
mit Cicero spricht Lucretius von gläsernem 
Geschirr.^) Es war damals noch sehr kost- 
bar, namentlich das f^irblos-durchsichtige, das 
den Krystall nachahmte, so daß die Dichter 
des augusteischen Zeitalters mit \'orliebe. 
wenn sie die Reinheit und den Glanz des 
Quellwassers oder des Taues schildern wollen. 
Vergleiche mit Glas anwenden: Föns splendi- 
dior vitro, ros vitreus, unda vitrea heißt es 
in verschiedenen Varianten. ..Maximus tarnen 
bonos in candido tralucentibus quam proxima 
crystalli similitudine" sagt noch Plinius. Wie 
die Griechen machten auch die Römer einen 
Unterschied zwischen farbigem und farb- 
losem Glase, das vielfach als ein neuer 

und verschiedenartiger Stoff gelten mochte. Als nach der Be- 
siegung Ägyptens durch Augustus (26 vor Chr.) ein Teil des 
Tributes in Form von Glaswaren entrichtet wurde und aus 
/Vlexandrien Massensendungen von gewöhnlicher Gebr£iuchswiire 
eingestroffen waren, sank diese bald im Preise. Virgil, (Jvid, 
Properz, Ilor^iz und Dio Cassius schreiben bereits darüber als über 
etwiis alltägliches. Letzterer s£igt bei Gelegenheit der \'erleihung 
des Bürgerrechts unter Claudius: ..Dieses sonst so teuer erkaufte 
Recht ist im Preise so herabgesunk<Mi. daß man es chmi ersten 




Abb. 86. Fläschchcn mit 

bunter Äderung. 

New York, Metropolitan- 

-Museum. 



') Plinius 36, 114. 

") Lucretius, de rcruni natura I\" 608, 606, \'I 991. 



174 

besten an den Kopf wirft und daß man für einige zerbrochene 
Gläser römischer Bürger werden kann."^) 

Der um 25 nach Chr. verstorbene Geograph .Strabo schätzte 
den ägyptischen Sand für die Glasbereitung höher als jeden 
anderen, doch gesteht er später selbst, daß es nicht besonders 
darauf ankomme, woher der Sand genommen werde, weil man 
überall solchen fände, der hiezu geeignet gemacht werden könne. 
Seit man in augustäischer Zeit an der Mündung des Volturnus 
ein feines vSandlager entdeckt hatte, wurde die Glasfabrikation 
mit Hilfe alexandrinischer Werkleute in Italien selbst betrieben. 
Dieses breitete sich an der Küste zwischen Cumae und Liternum 
in einer Strecke von sechstausend Schritten aus.") Man zerteilte 
den Sand mit den Hammer, mahlte ihn in Mühlen und schmolz ihn 
in den Hütten von Puteoli, wo sich ein eigener clivus vitrearius, 
ein Glasmacherquartier, bildete. Unter der Regierung des 
Tiberius, 14 nach Chr., entstanden in Rom selbst an der Porta 
Cassena Glaswerkstätten, anfangs gleichfalls unter alexandri- 
nischen Werkleuten, in welchen man mit Alexandrien zu 
wetteifern begann.'') vSeneca nennt hier bereits den Zunftbetrieb. 
Er spricht auch von der Kunst des Glasblasens, offenbar als von 
einer neuen Erfindung und gibt seine stoische Erhabenheit über 
Modelaunen durch die Worte kund, daß es im Grunde gleich- 
gültig sei, ob ein anständiger Mensch aus einfachem oder feinem 
Glasgeschirre trinke. 

In die Zeit des Tiberius fällt die Sage von der Erfin- 
dvmg des hämmerbaren Glases. Sie findet sich zuerst in 
den Schriften des Petronius, des Zeremonienmeisters und Ver- 
trauten Neros, Autors des „Gastmales des Trimalchio" und 
ist von da zu Dio Cassius und in die Rezeptensammlung des 
Heraclius übergegangen, wobei sie auf dem langen Wege 
manche Veränderung erfuhr. Auch Plinius kennt sie, be- 



^) „Jus illud magna quondam pecunia venditum adeo tunc vile factum est, ut 
vulgo iactantem fuerit; etiam si quis alicui vasa vitrea confracta dedisset, civem Ro- 
manum fore." In Claudium lit. IX. Vgl, ferner Vergil, Georgica 4, 350, Aeneis 7, 
759; Ovid, Amores I, 655; Properz IV 8, 37; Horaz, Oden III 13, i, Satyren II 3, 222. 

2) Phinius 50, 194. 

') Ders. 36, 26, 194. 



handelt sie aber ziemlich skeptisch^) Diese Anekdote, welche 
im Mittelalter höchst anreg-end auf die Experimente der 
Alchymisten wirkte, besagt, daß einst ein Mann eine Gkis- 
mischung erzeugt habe, welche biegsam und hämmerbar war. 
Als er vor Kaiser Tiberius in Audienz erschien, um seine 
P>findung vorzuführen, sei dieser ergrimmt und habe die vor- 
gezeigte Schale heftig zu Boden geworfen, wobei sie sich 
wie ein Gefäß aus Erz zusammenbog. Der Erfinder aber habe 
sie ruhig aufgehoben, ein Hämmerchen hervorgezogen und mit 
diesem in einigen Augenblicken den Schaden 
wieder ausgebessert. Nun frug der Kaiser ob 
sich außer dem Künstler noch ein anderer 
auf die \"erfertigung solcher Schalen ver- 
stünde, und als dies verneint wurde, sei der 
Refehl ergangen, dem Künstler — das Haupt 
iibzuschlagen , damit nicht durch die Aus- 
nützung einer Erfindung \'on so unerhörter 
Tragweite alles Gold und Silber entwertet 
würde. Offenbar liegt in den Schlußworten 
der Schlüssel zur Enträtselung dieser Anek- 
dote. Durch die P>findung des (flasblasens, 
ntimentlich in Hohlformen, waren die Glas- 
macher instand gesetzt Gefäße mit Relief- 
schmuck und plastische Rundfiguren, wie man sie bisher in 
Metall getrieben hatte, auch in Glas herzustellen. Alles andere 
ist phantastischer Aufputz, von Laien hervorgerufen, welchen 
(»in Reliefglas ein unerklärliches Wunderwerk deuchte, dessen 
plastische Formen sie sich nicht anders, denn als getriebene 
Arbeit in einem rätselhaft bildsamen Stoffe vorstellen konnten. 
Sprechen ja doch selbst noch Gelehrte des XIX. Jahrhunderts 
von „getriebenen" Gläsern! Es ist wohl zu beachten, daß gleich- 
zeitig in Italien di(^ sidonischen Reliefgläser, die Arbeiten des 
Ennion, Artas und anderer Griechen oder gräzisierter Orientalen 
auftauchen, welche Met^dlgefäße mit getriebenen Reliefs in Glas, 




.^bb. 87. Fläschchen 
mit Korbmuster. 
Neapel, Museum. 



*) Petronius Satyricon cap. 51. Plinius 36. 195. Dio Cassius 57, 21. He- 
raclius III 6. Vgl. Ilg, Ausgabe d. Heraclius, Note auf S. 133 f. Eingehend wird dieses 
Thema im Abschnitte V behandelt. 



176 

gleichsam in einem körperlosen Stoffe nachahmten und dadurch 
ungeheures Aufsehen erregten. Das war etwas so gänzlich neues, 
daß man gar nicht daran dachte, dem Glase, das bisher fast 
ausschließlich als farbige Paste zur Nachahmung von Edelsteinen 
und Marmor benutzt worden war, die Fähigkeit zuzutrauen, mit 
Metall in der Bildsamkeit wettzueifern. Das durchsichtige ge- 
blasene Glas erschien den Laien als ein von dem bisher bekannten 
Glase ganz verschiedenes Material und noch lange nachdem die 
Identität beider Stoffe allgemeiner bekannt geworden war, lebte 
die frühere Trennung in den besonderen Bezeichnungen von 
vitrum und crystallum bei den Römern, sowie hl^og yvrri und 
vaXog bei den Griechen fort. 

Das Glas war allmählig, besonders unter Nero, ganz wohl- 
feil geworden, so daß man einen gewöhnlichen Becher schon 
für eine mittlere Kupfermünze erwarb, doch verstand man es 
auch daneben die Preise feinerer Arbeiten gewaltig in die Höhe 
zu treiben. Nero bezahlte für zwei kleine Becher von Krystall- 
glas 6000 Sesterzen, d. h. ungefähr 900 Mark^). Plinius schreibt 

darüber wc'irtlich: sed quid refert, Neronis principatu repert£i 

vitri iirte quae modicos calices duos quos appellabant petrotos 
H. S. VI venderet". Der Ausdruck „petrotos" ist sinnlos und 
offenbar entstellt. Wieseler schlug dafür die Lesarten „pertusos" 
und „perforatos" \or, Übersetzungen des Griechischen diaxqriTdc^ 
Friedrich machte daraus sogar „peritretos"'^). Ich glaube, daß 
die Verwirrung nicht durch den Irrtum eines Abschreibers, 
sondern erst später durch den eines Setzers entstanden ist, und 
daß eine einfache Metathesis den Sinn wieder herstellt, nämlich 
pterotos anstatt petrotos. Nicht durchbrochene Netzgläser, die 
man seit Winckelmann gewohnt ist, als Diatreta im besonderen 
zu bezeichnen, sondern „geflügelte" Gläser hat Nero gekauft, die 
sonst auch calices alati genannt werden, leichte, zierliche Becher, 
die luftig wie Vögelchen waren, körperlose Krystallgefäße. An 
Flügelgläser nach Art der späteren \-enezianischen, mit flügel- 
artigen phantastischen Henkeln, braucht man dabei nicht not- 
wendig zu denken, obgleich solche den Römern sehr wohl bekannt 



^) Plinius 36, 195. 

-) C. Friedrich, lionner Jahrb. 74, S. i6l. J. Wiesclcr, Bonner Jahrb. 60, S. 121. 



177 



warten und den Venezianern die Muster lieferten. ( deiciizeitig 
übertrug-en diese willkürlich den Namen jener kdtis^'en rc'unisehen 
Krystidlgläser auf ihre I lenkelg'läser. Martial, welcher an der 
Wende des I. und II. Jahrliunderts lebte, spricht t^leichüdls von 
diesen kostbaren Bechern Neros, bezeichnet sie als Diatreta, als un- 
nachahmliche Wunderwerke und zählt sie wohl zu den Krystallen, 
die er als Sendung- vom Nil preist^). Er g^ebraucht als erster 
in der cUitiken Literatur den Ausdruck Diatreta für dlasbecher 
nicht näher g-ekennzeichneter Art und galt daher ^ds Hauptstütze 
der Ansicht, daß die Winckelmannschen Diatreta schon in der Zeit 
Neros hergestellt worden seien. Wir 
werden später sehen, daß er damit 
nur geschliffene, mit dem Rade bt-- 
iirbeitete Gläer im allg'emeinen, im 
Gegensatze zu den einfachen gebla- 
senen, meinte. Poetisch spricht ]\Iar- 
tial \'on den luftigen Glaswaren als 
„nimlnis \itreus". Kaiser Lucius 
Verus trank mit Vorliebe aus einem 
Glase ähnlicher vSorte, das er nach 
seinem Leibrosse „\"olucris" be- 
nannte, vermutlich um anzudeuten, 
daß beide leicht wie die Luft, leicht wie der Wind seien.') 

Zu Plinius' Zeiten hatten gläserne Becher bereits die goldenen 
luid silbernen bei den Gastmälern der Reichen verdrängt. In 
Pompeii arbeitete diimals der Glasmacher Publius (iessius 
Ampliatus, der seine in Formen geblasenen Gefäße nach sido- 
nischer Art mit Reliefs versah imd stempelte, in Rom selbst 
iihmte diese Asinius Philippus nach. Auch C. Sal\-ius (iratus, 
von dem man ein (jlas in Pavia f^md, C. Leuponius Borvonicus, 
A. Volumnius Januarius, x\m^lranthus, Paccius Alcinus und L. 




Abb. 88 



Schale mit farbigen Reti- 
cellastreifen. 
Florenz, Altertümersammlung. 



\) Martialis, Epistolae i, 42; 9, 60; 10, 3. 

-) ,,Calicem nomine volucrem ex eius equi nomine." Julius Capitolinus im 
Leben des Lucius Verus. Dünnwandigkeit wurde auch in der Keramik geschätzt, wie 
die auffallend dünnen und scharf profilierten Gefäße aus Terra nigra beweisen. Man 
wollte dadurch eine Eigenschaft des Metalles, sich bis zur äußersten Dünnwandigkeit 
treiben zu lassen, nachahmen. 

Kisa, Das Glas im Altertume. 12 



Aemilius Blastus dürften in der ersten Kaiserzeit tätig" g'ewesen 
sein. vSpäteren Zeiten gehören die Werkstatt der Firmier Hilaris 
und Hylas, des Caecilius Hermes, Claudius Onesimus, Lucretius 
Festivus, Pollius Bassus, Titienus Hyacinthus, Tiberinus u. a. an. 
.Schöne Rehefgläser campanischer Werkstätten enthält das 
Museum von Neapel, auch die Sammlung- Piot. Sie stammen 
aus Pompeii, Herculanum, Bajae, Cumae und aus Ruvo in 
Apulien. Die Raccolta Cumana des Xeapeler Museums ist be- 
sonders reich an opak-farbigen Gläsern, ^luch die Gläser in Form 
von Gänsen und Enten der Sammlung Slade (jetzt im Britischen 
Museum) sind campanisch, ferner das Bruchstück einer Flasche, 
auf der mit Gold und Emailfarben die Küste von Puteoli ge- 
schildert ist^) und ähnliche .Stücke des Museo Campana in Rom: 
doch stammen diese nach den Darstellungen erst aus dem III. 
und IV. Jahrhundert. Aus Ruvo rührt ein \orzügliches Stück 
in Glasmosaik her, das noch näher besprochen werden wird 
aus Pompeii neben etwa 3000 ordinären Gläsern, Aschenurnen 
und Gebrauchsgeräten aller Art, die zum großen Teil aus 
Alexandrien importiert sind und die üblichen Formen des 
bläulichgrünen Geschirres zeigen, auch feine farbige Gläser, 
großenteils aus dem Hause des Diomedes, und sehr viele farb- 
lose und farbige, durchsichtige Glasgefäße, Becher, Schalen, 
Flaschen, Kannen mit Buckeln, Rippen, .Stacheln vmd Kanelluren. 
Unter den gerippten Gläsern sind die flachkugeligen, auch dies- 
seits der Alpen übenül vertretenen .Schalen besonders häufig. In 
ihnen, wie in mehreren anderen Gefäßen treten feine griechische 
Profile bei den älteren Arbeiten deutlich zum Unterschiede von 
den späteren hervor: sie zeichnen sich auch durch bessere, 
Qualität aus. Die campanischen Werkstätten, besonders die 
von von Cumae, lieferten neben Luxusgläsern, wie solchen 
mit Überfang und Gravierung, namentlich die in Hohlformen ge- 
blasene Ware, kunst\'olle Reliefgläser und zugleich ganz einfache 
.Sorten, aber in reinem, farblos durchsichtigem Material. Gerade 
diese bildeten den Hauptteil der Produktion und galten als 
.Spezialität der Werkstätten. Horaz schreibt an Maecenas, um 
ihm einen Begriff von der Einfachheit seines Haushaltes zu geben, 



Abgebildet in der Archäol. Zeitung X. F. 26, T. 11. 



179 



dal) man Ix-i iliiii nur canipaiiisches Geschirr .Canipana su]iellex' 
finde. ^) 

Die Kunst des Blasens in Formen wurde früh zu natura- 
hstischen Bildungen austrenützt. Außer Tiergestalten , wie die 
Gänse und Enten der Sammhnig- Slade, bet>fann mau in Alexan- 
drien bald aus der Keramik das Rhyton, das Trinkhorn in Glas 
zu übertr£ig"en, daneben menschliche 
Köpfe, besonders solche von Negern 
und ganze Figuren nachzubilden. 
Xero soll seinen Spaß an Karika- 
turen gehabt haben, die man ..Schuh- 
flickergläser' nannte, nach seinem 
verkrüppelten Hofnarren, einem 
ehemaligen Schuster aus Benevent. 
Auch priapäische Formen wandte 
man auf frinkgefäße an, besonders 
Becher in Phallusgestalt gehören 
nicht zu den Seltenheiten. Man 
findet sie aucli am Rhein, doch 
braucht man in ihnen ebensowenig 
wie in den zahlreichen Anhängern 
aus Bronze in Form des Phallus 
und der Fica bloße Fascivitäten 
suchen. Der Phallus wurde ja auch 
als Amulett getragen und diente in 
der ganzen Antike, wie im Oriente 
und noch heute bei einigen Natur- 
völkern als iiTonov, als vSchutzmittel gegen den bösen Blick und 
unholde Geister. 

Nach der Zeit Neros bürgerte sich das Glas immer mehr ein. 
Die Industrie überschritt die Grenzen Italiens und fand in Spanien, 
diesseits der Alpen, besonders in Gallien, am Rhein und in England 
neue Pflanzstätten, die sich rasch entfalteten und vom Beginne 
des IL Jidirhunderts ab Italien, Svrien und selbst Alexandrien 




Abb. 89. Fläschchcn mit Spiral- 
faden. Breslau, Kunstgewerbe-Mus. 



Lapis albus 
Pocula cum cyatho duo sustinet; adstat ecliinus 
Vilis, cum patera guttus: Campana supcllex. Satyr. I 6. 



i8o 

wirksame Konkurrenz machten. Um die Wende des Jahrhunderts 
spricht Juvenal wiederholt von ( iläsern ^), vor ihm schon Statins, der 
wieder einmal von der Verwendung des Glases zu architektonischer 
Dekoration zu berichten weiß und den gläsernen Deckenbelag" 
der Bäder des Etruscus rühmt, der in Gold und Farben prangte.") 
Zu Meirtials Zeiten befanden sich in Rom Glaswerkstätten am 
flaminischen Zirkus, deren Erzeugnisse als minderwertig bezeichnet 
werden, im Gegensatze zu den Leistungen der xVlexandriner. 
Hadrian schätzte letztere besonders hoch. Ein ägyptischer Priester 
übersandte ihm einige Gläser, von welchen er zwei seinem 
Schwaiger, dem Consul Servi^mus schenkte, mit der Mahnung, 
sie nur bei besonders feierlichen Anlässen zu benützen. Sie 
werden als „Calices allassontes versicolores" bezeichnet, als bunt 
schillerndes Glas, bei welchem das in einem gewissen Winkel 
schräg auffallende Licht Komplementärfarben hervorruft, also 
wohl in unserem Sinne ein Opalglas. Dieses wird durch Zusätze 
von Knochenasche erzeugt, behält aber die Farben und den 
Schimmer nicht allzulange bei, so daß es nicht Wunder zu nehmen 
braucht, wenn nichts von derartigen Gläsern aus der Antike 
erhalten ist. '^j 

Dagegen dürften sich die rätselhaften, vielbesprochenen 
murrinischen Gefäße, die schon Plinius rühmt, sehr zahlreich 
erhalten haben*). Indem ich auf die eingehende Behandlung 
dieses Themas im VIII. Abschnitte dieses Buches verweise, 
möchte ich hier nur in kurzen Zügen meinen von den üblichen 
Ansichten abweichenden Standpunkt festlegen. 

Der unter lladri^m und Marc Aurel lebende griechische 
Schriftsteller Arri^ui spricht von „vasa vitrea atque murrina, in urbi 
Diospoli (Theben) elabor^ita".") Aus der Gegenüberstellung von Glas 
und Murrinen glaubte man schließen zu müssen, daß sie aus einem 
anderen Stoffe als Glas hergestellt worden seien. Fast drei Jahr- 



^j Juvenalis, sat. 5, 48. 

-j 1'. Papinius Statins, Silviae I 6, 73. 

^) ,, Calices tibi alassontes versicolores transmisi, quos mihi sacerdos templi 
obtulit, et tibi et sorori meae specialiter dicatos, (juos tu velim in festis diebus con- 
viviis adhibeas". Vopiscus, vita Saturnini cap. 8, 10. 

^) Plinius 36, 198; 37, 18, 21. 

^) Arrianus, peripl. mar. Erilhr. (Oxoniae 1698; S. 4. 



i8i 

liundtTtf -^ind sie Geg'enstand eines hitzigen Streites. Zuerst soll 
sie Ponipeius mit di^r Beute des Mithridates im Jahre 6i vor Chr. 
nach Rom g"ebracht haben. Ihre vornehmste Fabrikationsstätte 
soll Carmanien im Partherreiche jjewesen sein. Das ^Material wird 
als undurchsichtig", matti^'länzend, in mehreren Farben schillernd 
und leicht zerbrechlich geschildert. Thiersch g-laubt, daß es 
eine Art von Stein gewesen sei; man riet auf Flußspat, Achat 




Abb. 90. Gruppe von Gläsern mit Spiralfadenschmuck. 
Köln, Sammlung M. vom Rath. 



und ( )]ial, sogar auf l'or/.ellan. f^s wird auch gemeldet, daß die 
Murrinen in Glas nachgeahmt worden seien ^). Dem F^orzellan 
widerspricht aber schon die l'ndurchsichtigkeit. Jedenfalls waren 
sie ein Kunstprodukt, denn ein Halbedelstein würde den Alten 
nicht lange rätselhaft geblieben sein. Die Meldung, daß sie in 
Glas nachgemacht worden seien. l)ringt uns wohl auf die richtige 
Spur. Es muß auffallen, daß nur für die kostbaren Inmtfarbigen. 
die Mosaik- und Millefiorigläser, die doch in Ägyi)ten und später 



') Vgl. Thierschj Über die Vasa Murrhina der Alten, Sitzungsberichte der kg), 
bayer. Akademie d. W. I. Klasse 1835 S. 443 f. Roloff in Wolf und Buttmann, 
Museum d. Altertumswissenschaft II S. 50 f. Semper a. a. O. S. 203. Marquardt, 
Privataltertümer II S. 743. f. 



l82 

wohl auch in ItaHen so hochg^eschätzt waren und viel produziert 
wurden, keine khissische BezeichnuniJf zur \"erfügTing' steht, 
sondern nur ein den späteren venezianischen Nachbildungen an- 
gepasster italienischer Ausdruck. Anstatt zur P>klärung" eines 
überlieferten klassischen Ausdruckes nach einem unbekannten 
Objekt zu fahnden, welchem jener allenfalls entsprechen könnte, 
ist es wohl richtiger, unter den tatsächlich überlieferten Er- 
zeugnissen, auf welche der Ausdruck passen könnte, Umschau 
zu halten. Das ist bei der Übertragung der Bezeichnung 
,Vasa murrina' auf die buntfarbigen ägyptischen Gläser der 
l^^all. Alle jenen nachgesagten PLigenschaften , die Undurch- 
sichtigkeit. Buntfarbigkeit, das Schillern, die leichte Zerbrech- 
lichkeit passen auf sie. Daß man in ihnen in Rom nicht Gläser 
erkannte, braucht bei der geringen Vertrautheit der Römer mit 
den ägyptischen Techniken und der Geheimniskrämerei der 
ägyptischen Werkleute, namentlich in 1 linsicht auf die Legende 
vom hämmerbaren Glase, nicht Wunder zu nehmen. Verschieden- 
heiten in der technischen Behandlung, eigenartiger Schliff, 
fremdartige Muster konnten \öllig genügen bei Laien die 
Ansicht hervorzurufen, daß es sich um ein gimz neues, bisher 
unbekanntes Material handle. Dazu passt die Zeit, in der die 
Vasa murrina angeblich zuerst in Rom auftauchen, die des 
Pompeius, ganz gut, demi sie fällt mit der Erschließung des 
Orientes für die Römer zusammen. Die Bezeichnung einer 
parthi sehen Stadt als Heimat dieser Wunderwerke mag auf 
einem Zufall beruhen, die Römer können dort gerade eine größere 
Anzahl \'on ihnen erbeutet haben. Dal) man sie in Italien in 
Glas nachzuahmen versuchte ist nicht ein Beweis d^ifür, daß die 
Originale aus einem anderen Stoffe bestanden, sondern eher für 
das Gegenteil, nämlich dafür, daß die italischen Glasmacher bald 
die Wahrheit erkannten und sich nicht von der Ansicht der 
Laien täuschen ließen. Die Art wie Plinius 36, 198 über sie 
berichtet, bestätigt meine \"ermutung. P> macht im Glase, ohne 
vorher von einem anderen Material gesprochen zu haben, folgende 
Unterschiede: . . . „fit et album et murrina aut hyacinthos saphi- 
rosque imitatum et omnibus aliis coloribus." Hierauf folgt die 
bereits angeführte vStelle über die Krystallgläser. Er trennt also 
farbloses (w'eißes) Gkis vom farbigen, welches Edelsteine nach- 



i83 



ahmt und setzt an die Spitze des letzteren, der farbigen Sorten, 
die buntfarbige. Er stellt dem weißen, d. h. farblosen Glase die 
murrina, d. h. das bunte, unmittelbar entgegen. Es müßte auf- 
fallen, wenn er bei dieser Aufzählung der farbigen (Häser gerade 
jene hochgeschätzte und beliebte Sorte außer acht gelassen 
hätte, die wir in angeblicher Ermangelung eines klassischen Aus- 
drucks mit einem in der Renaissance entstandenen Worte als 
„Millefiori" bezeichnen. Ich glaube demnach, daß wir diesen ver- 
mißten klassischen 
Ausdruck in den ver- 
kannten ,Vasa mur- 
rina" wiederzufinden 
haben. 

Von Hadrian ab 
fließen die literari- 
schen Nachrichten 
überdieGlasindustrie 
wieder spärlich. Sie 
hatte sichtlich da- 
durch, daß sie etwas 
alltägliches gewor- 
den war und die 
sensationellen tech- 
nischen Erfindungen 
iiusblieben, an Inte- 
resse verloren. Von den um die Wende des I. und II. Jahrhunderts 
lebenden Schriftstellern erwähnen Dio Cassius, Lamprides und 
Julius Capitolinus das GUis.^) Letzterer nennt im Leben des Lucius 
Verus ,calices cristallini Alexandrini' und teilt als Curiosum mit, 
daß der Kaiser viel Geld für das ^"ergnügen geopfert habe in den 
Schenken Roms umherzuziehen und dort alle Gläser, die er fand, 
zu zertrümmern, was für keine große Wertschätzung dieses Kunst- 
produktes spricht.-) Dagegen interessierte sich Commodus für 
die Industrie und versuchte sich sogar selbst als Glasbläser, 




Abb. 91. Gruppe von Gläsern mit Spiralfadenschmuck. 
Aus italienischen Sammlungen. 



*) Dio Cassius \I 17: Lamprides, Alexander 24: Julius Capitolinus im Leben 
des Lucius Verus 5, 10. 

-) „Nummis maximis quos in popinas Verus Imperator iacebit ut caliccs fre- 
geret." Julius Capitolinus im Leben des Lucius Verus. 



184 

allerdings nur in phantastischen Karikaturen nach Art der nero- 
nischen vSchuhflickergläser, die er wieder in Mode brachte. Bei 
dem berüchtig'ten Heliogabal nahm der Cäsarenwahnsinn einmal 
witzig'e Form an, indem er seine ^Schmarotzer zu einer opulenten 
Mahlzeit einlud und ihnen dabei zu ihrem Entsetzen die leckersten 
Gerichte in einer Reihe von Gängen in getreuen Glaskopien 
vorsetzte. Er trieb den grausamen Scherz so weit, daß er nach 
Beendigung des Gastmahles den hungernden Gästen durch 
vSklaven auch feierlich das Waschwasser reichen ließ. Lamprides 
berichtet noch von einem scheußlichen Mißbrauche von Murrinen 
und anderen kostbaren Luxusgefäßen durch den kaiserlichen 
Wüstling, zu welchem übrigens schon zu Martials Zeiten ein Privat- 
mann ein ebenso ekelhaftes Beispiel gegeben hatte. Beide sind 
bezeichnend für die furchtbare Verrohuung, welche der Reichtum 
in den Sitten der Kaiserzeit parallel mit der Hyperkultur hervor- 
gerufen hatte. ^) Des Ileliogabal Nachfolger Alexander Severus, 
Feind alles Luxus, von soldatischer Rauheit, ein Banause der 
Kunst und der Wissenschaft gegenüber, legte auf alexandrinische 
Gläser und auf die Glasindustrie überhaupt eine hohe Steuer 
zugunsten der öffentlichen Bäder. "-) Lrotzdem hielt er für 
seine Person das Glas in Ehren, trank niemals aus goldenen, 
sondern nur aus gläsernen Bechern, auch aus einfachen, ver- 
langte aber, daß das Glas rein und glänzend sei.'"') Die Glas- 
macher Roms hatten sich damals über den Mons Coelius 
ausgedehnt und ihre Werkstätten und Verkaufsstände neben 
denen der Zimmerleute aufgeschlagen.^) Dem strengen Kirchen- 
lehrer Clemens von Alexandrien erschien die Vorliebe für 
Gläser als ein verwerflicher Luxus, die Zunft der Glasmacher 



^) ,,Onus ventris auro excepit, in murrinis et onychinis minxit." Lamprides 
cap. 8. Martial berichtet von einem seiner Zeitgenossen namens Bassa: 
Ventris onus misero, nee te pudet, excipis auro 
Bassa, bibis vitro, carius ergo cacas." 

-) ,,Baccariorum, vitreariorum, argentariorum, aurificum et ceterum artium vec- 
tigal pulcherrimum instituit." Lamprides , Leben des Alexander Severus. Erst Con- 
stantin d. Gr. hob diese Steuer wieder auf. ,,Ab universis muneribus vacare praeci- 
]-)imus." Cod. Theodos. de execusat. artificum lib. XIII tit. 4, 

^) ,,In convivio aurum nescit, pocula mediocra sed nitida semper habuit." Larap- 
rides ibd. 

*) Martianus. topogr, rom. 



als eine höchst ininütze. ihr Rulini als eitel: ..Ouin etiain 
curiosa et inanis caekitorum in vitro vana j^'loria ad frang^en- 
duni artem paratior, quae timere docet simul ac bibas, est a 
l)onis nostris institutis exterminandti" — eifert er in seinem 
Paedag"og"us/) Zur Zeit des Kaisers Galienus soll sich ^luch tat- 
sächlich ein starker Rückg'an^' in der mit Zöllen und Abg"aben 
belasteten Industrie g"eltend s^i-macht und die Mode sich von 
ihr abi^'ewendet haben. Der 
Kaiser selbst f^lnd anf,'"eb- 
lich auch die feinsten Gläser 
seiner Tafel unwert und 
kehrte wieder zu Gold untl 
vSilber zurück,') doch machte 
er seinem Freunde CUiudius 
ids Beweis seiner Gunst zehn 
äi^yptische Gläser verschie- 
dener Arbeit zum Geschenke. 
Auch das Eifern des Cle- 
mens verfing" nicht in allen 
christlichen Kreisen. Be- 
diente man sich des Gla- 
ses doch sogar zu Kultus- 
zwecken, verwahrte Mar- 
tyrerblut und Weihwasser 
in den Gräbern und Altären 

der Katakomben in gläsernen Amjiullen, schmückte die Fondi d'oro 
mit Gold und Schmelzferben und benützte gläserne Canthari als 
Abendmahlskelche beim Meßopfer. Firmus, einer der 30 'r\-rannen. 
erneuerte und übertrieb den Luxus des Scaurus und ließ seinen 
Pakist mit Glasplatten bekleiden, die mit Harz an den WändtMi 
befestigt wurden. ■') Galienus' zweiter Nachfolger. Aurelian, der 
Besieger Zenobias, erneuerte den Zoll auf ägy])tische Glaswaren 




Abi). 92. Gläser mit Fadenschmuck. 
Köln, ehem. Sammlung Merkens. 



^) Clemens Alexandrinus, paedagogus II cap. 3. 

*) ,,Bibit in aureis sempcr poculis, aspernatus vitrum, diccns nihil esse commu- 
nius" berichtet Trebellius Pollio. 

^) „Vitreis quadratis bitumine aliisque medicamentis domum indu.xissc pcrhi- 
betur". Vopiscus im Leben Aurelians. 



i86 

und erhob zugleich einen auf Papyrus. ^) Dabei forderte er gleich 
Octavian von Ägypten einen Teil des Tributes in feinen Gläsern. 
Der nach seiner Ermordung vom vSenate zum Kaiser ausgerufene 
70jährige Tacitus begünstigte die Glasindustrie, soweit dies bei dem 
allgemeinen Rückgange des Gewerbfleißes möglich war und soll 
gleichfalls, wie die meisten Dilettanten, besondere Freude an natu- 
ralistischen Formen, menschlichen und tierischen, der Auflage von 
Schlangen, Fischen, Seesternen und Muscheln geh^ibt haben."') In 
der Tat fallen in das Ende des III. oder in den Anfang des IV. Jahr- 
hunderts einige interessante Schöpfungen dieser Art, Trinkbecher 
mit aufgelegten Seetieren, die im Vatikan, im Provänzialmuseum 
von Trier und im Museum AVallraf-Richartz in Köln \'erwahrt 
werden, aber nicht italischen sondern wahrscheinlich gallischen 
Ursprungs sind. Auch die Verzierung durch Buckel und Riefen 
war zu dieser Zeit beliebt. Seit durch Diocletian wieder ge- 
sichertere Verhältnisse geschaff"en worden waren, hob sich der 
Wohlstand und mit ihm der Gewerbefleiß und namentlich unter 
Constantin d. Gr. kamen für die Gkisindustrie aufs neue gute 
Tage. Der Kaiser stellte die Glasmacher, welche sich in zwei 
Zünfte, die Vitrarii, die Glasbläser und die Di£itretarii, die Glas- 
schleifer und Glasschneider getrennt hatten, den Künstlern 
und Goldschmieden im Range gleich und befreite sie, wie 
erwähnt, \on der P>werbsteuer, die ihnen von iVlexander 
Severus und nachher \'on Aurelian auferlegt worden war. In 
seiner Zeit blühte nicht nur die Malerei und Goldarbeit auf Glas 
neu auf, es fand auch in \-eränderter Form die alte Überfang- 
technik, die Gravierung und der Gkisschliff wieder Pflege. Es 
entstanden jene berühmten Gläser, die mit einem frei ausge- 
schliffenem Netzwerke umgeben sind, auf welche Winckelmann 
die allgemeine Bezeichnung für geschliffene Gläser, ,Vasa diatreta' 
beschränkte, erstaunliche Virtuosenstücke, die man lange für un- 
nachahmlich gehalten hat, bis eine Glashütte in Zwiesel, im 
bayrischen Fichtelgebirge, das Münchener Diatretum getreulich 
kopierte und auf der Landesausstellung in Nürnberg 1882 in 
mehreren wohlgelungenen Exemplaren vorführte. 



') Vopiscus ibd. c. 45. 

") Vopiscus im Leben Aurelians c, 45. 



18; 



In folj^endem ^ehe ich nach Froehner mit einig^en Erg-än- 
zungen die wichtig^sten Fundorte antiker Gläser auf dem Boden 
Italiens an : 

Oberitalien. 

Cimich bei Nizza. Farbige Gläser in der Sammlung Slade. 
Refr^mcore hc\ Asti. Becher des Ennion. 
Polenza. Monza. Gewöhnliche Gläser. 
Pavia. Glas mit Stem])el d(^s (". SaUius 

Grat US. 
Novara. Diatretum. 
Carezzano bei \'ercelli. Glas des Ennion 

mit einer Münze des Claudius. 
Bag-nolo. Glas des Ennion. 
Borgfo S. Domenico. Fragment eines Glases 

des Ennion. 
Raldon bei Verona. Gewöhnliche Gläser. 
Villega, Modena. \'iele Scherben \on 

Murrinen. 
Ag'ro Adriese. Murrinen, Gläser des Ennion. 
Aquileiii. Gläser des P'nnion. 

Etrurien. 

Pisa. Gra\iertes Glas mit Zirkusszene. 
\^olterra. Murrinen und marmorierte Gläser. 
Perugia, (jlflasche mit Stempel der Firmier 

llilaris und IJylas. gef. 1S52. 
Chiusi (Clusium). Murrinen und Perlen im 

Museum \on Florenz. \^ulci. Murrinen. 
Toscanella. Murrinen und Gläser mit Ilolz- 

muster, oft paarweise. 
Cervetri (Caere). Murriiicn und farbige Gläser. Fensterscheibe 

im Museo Campana. 
Pyrg-oi bei Stil. Marinella. Kleii^e blaue ( )t>n(M'hoe mit weil)en 

Stacheln, abgebildet l)ei Abeken. Mittelitalien S. 267. 
X'cii. Zur Zeit Winckelmanns fand man in Isola Farnese eine 

Menge zerbrochener römischer (iläst-r. Kugel aus Mosaik- 

g-las bei Minutoli. .S. 10. 13. 20. 
Monteroni. (_)pake farbige Gläser. 




Abb. 93. 
rippung. 



Kanne mit Spiral- 
Köln, Sammlung 



M. vom Rath. 



Umbrien. 

Collazione bei Todi. Ölflasche mit Stempel der Firmier Hilaris 

und Hylas. 
vSpoleto. Viereckige Aschenurne aus farblosem Glase, auf dem 

Boden ein Sternmuster in Relief. 

Latium. 

Rom. Gläser des Asinius Philip])us im Stile der sidonischen 
Reliefgläser, frühe Kaiserzeit. ^Vulierordentlich zahlreiche 
Funde, besonders von Murrinen (Museo Campana, Samm- 
lung Greau, W. Fol u. a.) 

Tixoli. Ami)hora in der Art \on .Sardonyx, gefunden in der 
Villa 1 ladrians. 

Palestrina (Praeneste). Murrinen. 

Picenum. 

Castel Trosino. Gläser mit Schmelzmalerei, Fadenschmuck, JVink- 
hörner, im Museo Civico in Rom. 

Campanien. 

T^omjieji. Gegen 3000 ordinäre Gläser, zumeist langhalsige 
Fläschchen. Die Aschenurnen sind nicht sehr groß. In 
Pompeji selbst sind jedenfalls die Gläser des Publius 
Gessius Ampi latus entstanden. Große Menge feiner 
farbiger und farbloser Gläser aus dem Hause des Diomedes, 
im Museum von Neapel. 

Herculanum, Puteoli. Murrinen. 

Bajae. Vase mit Überfang bei Minutoli und viele .Scherben \'on 
Murrinen im Kensington-Museum. 

Cumae. Glasplatte mit einer Meerszene bemalt. Wahrscheinlich 
stammen die beiden bemalten Platten des Museo Campana 
ebendiiher. Ungemein zahlreiche Funde besonders opak- 
farbiger Gläser im Museum \-on Neapel (Raccolta Cumana). 
Gläser in P'orm \on Gänsen und Enten bei Charvet T. 13, "]"]. 

Nola. Glaslinse in (joldfassung bei Minutoli. 



iS9 



Apulien. 

Canosa (Canusium). Farbige Gläser. 

Ruvo (Rubi). Zahlreiche opak-farbig-e Gläser, jetzt im Museum 
von Neapel. Am hervorragendsten darunter eine Platte von 
gelber (iriindfarbe mit wt'ilu'ii, blau iimratulctcn Punkten, 
goldenen, blauen und roten Flecken. 

Fasano (Guiitia). Oi)ak-farbige Gläser. 

Sizilien. 

Pundberichte sind nicht \orlianden. Solonte, 
Fragment eines Bechers des Ennion. 

Sardinien, 

("ornus. An 300 Gläser, darunter zwei farb- 
lose Becher mit griechischen Inschriften. Abb. 94. Becher mit 
Tharros. Punische PI aiskette. Glas bei 
Slade Xr. 232. Sogenanntes Diatretum der 
Sammlung Cagnola in Mailand. 




gerippten Fäden. 
Xamur, Museum. 



1 ?»^ 



Spanien. 

In Spanien und Portugal wurden nach der Mitteilung 
des Plinius schon in den ersten Jahrzehnten der Kaiserzeit 
Glasvverkstätten angelegt, doch dürfte dort die Industrie fast 
ausschließlich für den Hausgebrauch gearbeitet und keine höhere 
künstlerische und technische \"ollendung erreicht haben. Ihr 
I [au])tsitz scheint Taracco gewesen zu sein, wo sehr viele Ge- 
brauchsgläser, namentlich langhalsige Flaschen vorkommen. Aber 
auch an anderen Orten wurden neben einigen gravierten Gläsern 
Massen ordinärer Ware aufgedeckt, die in ungeordneten Haufen 
ohne Fundnotizen oder ^indere auf ilire lierkunft bezügliche 
Nachrichten in den Museen lagern. Preilich wurde Glas aus 
dem C)ri(Mite schon lange \or der römisclien Zeit eingeführt, 
zuerst durch die Phönizier, dann durch die Griechen. Sowohl 
in der ])hokischen Kolonie Rosas (dem alten Rhodai wie in dem 
massilisciien Castellon (1(> Ani])urias 1 I\mi)()ri()n i am I-'uIh' der 



Pyrenäen wurden außer Glasperlen auch äg'yptische Alabastra 
und andere opakfarbige Gläser mit Famkrautmuster und Wellen- 
fadenverzierung gefunden. Einige schöne Stücke aus Ampurias 
kamen in die Sammlung Zettler nach München. Mit der Römer- 
herrschaft verfiel auch die Glasindustrie im Lande, Isidor von 
Sevilla (gest. 636) sjiricht von den (Glashütten der Römer als 
von etwas vergangenem. 

Die vorerwähnten gravierten Gläser sind itiüischer Herkunft. 
Sie wurden auf portugiesischen Boden verschlagen und als Grab- 
beigaben verwendet. Das eine, ein Fläschchen mit einer g■ra^•ierten 
Ansicht der Küste von Puteoli und von Bajae wurde in einem 
alten römischen Bergwerke zu Odemira im Bezirke von Evora, 
andere in Ta\'ira gefunden.^) Das läßt darauf schließen, daß die 
Industrie von Campanien, den ältesten Glas^^'erkstätten des 
Westens aus, nach der iberischen Halbinsel verpflanzt wurde. 



1 7*^ 



Gallien. 

Auch nach Gallien wurde die Glasindustrie von den 
Römern verbreitet und die vorzüglichen, noch heute zum Teil 
benutzten Sandlager bei Lyon, Fontainebleau, Chantilly, Nemours, 
Namur ihr dienstbar gemacht, bis man Mittel gefunden hatte, 
auch schlechteren vSand durch Befreiung von Eisenoxyden und 
anderen verunreinigenden Bestandteilen herzurichten und damit 
den bisher an bestimmte Orte gebundenen Betrieb beliebig aus- 
zudehnen. Das Material selbst war den Kelten durch ägyptischen 
und etruskischen Import längst bekannt, wenn sie es auch nicht 
herstellen konnten, ja nicht einmal einen Namen dafür hatten. 
Die keltische Bezeichnung für Glas ist aus dem lateinischen ent- 
lehnt, doch existiert eine ältere dafür bei den Iren in dem Worte 
gloina, Adjectiv gloingha, die in Gallien selbst ausgestorben ist. 
Man hatte das Glas durch die zahlreichen, auch bei den Dol- 
men der normannischen Küste (s. S. iio) gefundenen Schmuck- 
perlen, an den Besatzstücken etruskischer Fibeln der Hallstadt- 



1) Vgl. Abschnitt VIII. 



191 

periode, sowie in \ereinzelttMi Gefäßen kennen _i>-elernt und 
dem rätselhaften, fremdartis^en, ^irlänzenden Stoffe, gleich dem 
Bernstein und den Gemmen eine geheimnisvolle Bedeutung als 
Talisman beigelegt. Die Druiden bedienten sich linsenförmiger 
Kugeln aus farbigem Glase zur Bezeichnung ihrer Rangstufen: 
Blaue bezeichneten die Würde des Oberpriesters, weiße die der 
eigentlichen Druiden, grüne die der Ovaten, dreifarbige die der 
Schüler. Sie trugen Amulette in Form gläserner Perlen. Auch 




Abb. 95. Gruppe von Gläsern mit Spiralfäden. Köln, Sammlung M. vom Rath. 



im Mythus spielte das Glas eine Rolle: er spricht von einer 
gläsernen Insel namens Avallon (angelsächsisch Glastney). 

Diese ersten Boten der Glasmacherei riefen anfangs keine 
direkten Xachbildungen hervor, trugen jedoch mit etruskischem 
Importe zur Entwickelung der gallischen Emailindustrie bei, \on 
der wir namentlich in Bibracte bereits aus der Latenezeit zahlreiche 
hochentwickelte Proben besitzen. Dort und in den Xekropolen 
der Champagne trat den Römern schon bei der Eroberung des 
Landes ein hochentwickeltes Kunstgewerbe und ein Dekorations- 
stil entgegen, der allerdings nicht auf Gallien allein beschränkt 
war, sondern ganz ^Mitteleuropa umfaßte und auf einen gemein- 
samen kelto-skythischen Urs})rung zurückgeht.^) Dieser .Stil ist 
ein wesentlich ornamentaler, geometrischer und auf farbige 



*) Salomon Reinacb, Antiquites nationales du Musee St. Germain. lünlcitung. 



192 

Wirkung" berechneter. Daher pfleg"t er auch im Gegensätze zum 
klassischen Geschmacke dcis PImail. Die Eigentümhchkeiten des 
galUschen Geschmackes treten auch in der Folge hervor. „Ob- 
gleich Rom", sagt Boissier. „während fünf Jahrhunderten die 
Herrin Gidliens gewesen ist, hat es dort den nationalen Geist 
nicht zerstört. Die Gleichförmigkeit des Reiches ist nur schein- 
bar, im Grunde bestehen zwischen den einzelnen Provinzen Ver- 
schiedenheiten und es dient Rom zur Ehre, daß es diese nicht 
zu verwischen gesucht h^it. Der Gallier lebt bei uns unter den 
Römern und wenn er spricht oder schreibt, ist es leicht in seinen 
Büchern und Reden die Vorzüge und Fehler zu bezeichnen, die 
auch später der französischen Literatur eigentümlich sind." 

Der Einfluß der alexandrinischen Kunst, dem Italien selbst 
seit dem Beginn des I. Jahrhunderts erlag, tritt auch in Gallien 
sehr deutlich hervor. Er kam nicht nur über die Alpen ins Land, 
sondern fand schon vor den Römern seinen ^Veg von Massilia 
aus durch das Tal der Rhone ins Innere. Strabo berichtet IV lo, 13, 
daß die Alexandriner viele Fremde bei sich aufnehmen, aber 
auch viele der ihrigen nach auswärts senden. Marseille stand 
immer in Verbindung mit Ägypten, noch im Anfange der frän- 
kischen Zeit kam der Papyrus von hier nach Gallien. Man 
brauchte etwa 30 Tage Seefahrt dahin. Als Pflegestätte von 
Literatur und Wissenschaft wurde ^Nlassilia selbst \on bildungs- 
bedürftigen Römern aufgesucht und war in seiner Blütezeit 
Alexcmdria und Antiochia ebenbürtig. Mit der engeren Heimat, 
den jonischen Inseln, herrschte gleichfalls reger Handelsverkehr. 
Derselbe Strabo sagt von Massilia „(fdi/.lrjvag xavfaxsva^s rag 
^aXctTag". Tacitus und die Inschriften helfen das Bild von der 
glanzvollen Jonierstadt ergänzen, deren Münzen bis in die Alpen- 
gegenden hinein als Zeichen eines länderumfassenden Unterneh- 
mungsgeistes zerstreut sind. ^) Reiche Massihoten hatten im Süden 
Galliens bedeutende Kunstwerke ihrer griechischen Landsleute 
zusiimmengebracht, wie die Venus von Vienne, die beiden 
Statuen dieser Göttin in Arles, die von Frejus, den Diadumenos 
von Vaison, sie hatten einen Meister ersten Ranges wie 
Zenodorus beschäftigt, den vSchöpfer des kolassalen Mercurius 



^) Vgl. E. Maaß, Die Tagesgölter. 



193 

Ar\-ernuN. Während die i^Tii^chische Kunst in .ig-ypten eine vier 
Jahrtausende alte Kultur antraf, eine Monumentalkunst ohne 
g-leichen. stieß sie in Gallien nur auf eine, freilich sehr g-eschickte 
und vielseitig-e ITandwerksübung". Ks ist daher erklärhch, daß die 
Kunst, die sich in Gallien entwickelte, vollkommen griechische For- 
men annahm. Nach Loeschcke waren südg-allische, in griechischer 
Technik g-eschulte Steinmetzen bei den Denkmälern von Xeu- 
magen, Ig"el, dem Grabmale der Julier in St. Remy, dem Triumph- 
bogen in Orange u. a. tätig und wurden die Lehrer der Ein- 

Jl I 




Abb. 96. Gruppe von (Häsern mit Netz- und Zickzackfäden. 
Köln, Sammlung M. vom Rath. 



heimischen. Reinach glaubt dagegen in dem realistischen Zuge 
der Rehefs, die mit Vorliebe Szenen des häuslichen Lebens, des 
Geschäftsverkehres, der Landwirtschaft, des Weinbaus schildern, 
nicht nur hellenistischen (jeist, sondern direkte Einwirkungen 
des ägyptischen Sinnes für die Wirklichkeit erkennen zu müssen. 
Auch in Einzelheiten, wie in der scharfen Umschneidung der 
Reliefs durch gravierte Linien, sieht er bewußte Nach^ihmung 
des ägyptischen Reliefstiles. Viel deutlicher fühlbar machen 
sich ägyptische Einflüsse in der Kleinplastik, in der Neigung 
zur Karikatur bei den Negerbildern in Bronze, Ton und Glas, 
den Gestalten musizierender Affen, den Götterfigürchen, ab- 
gesehen von den zahlreichen importierten Uschebtis und ägyp- 
tischen Klfin])r()iiz('n. I)ie rc'imischen \'illen in l>elgien sind in 
der Anlage denen von Ägypten ähnlich, doch mag hier keine 
unvermittelte Einwirkung im Spiele sein, sondern das Beispiel 

Kisa, Das Glas im Altertume. j -i 



194 

der Villen Pompejis, dieser Kolonie alexandrinischer Kunst auf 
italischem Boden. 

Von allen Künstlern, die im I. Jahrhunderte nach Gallien zu 
arbeiten kamen, ist nur ein Name erhalten, der des Zenodorus. 
Reinach hält ihn bestimmt für einen Alexandriner, Thiersch für 
einen Massilier, aber sein Name kommt sonst nur in Ägypten 
und Syrien vor. Nach Plinius lieferte er für die Stadt der 
Arverner eine Kolossalstatue des Mercur in Erz und bezog" da- 
für bei iojährig"er Arbeit das sehr anständige Honorar von 
400000 Sesterzien. Außerdem kopierte er für Dubius Avitus, 
den .Statthalter der Provinz, zwei von Calamis ziselierte Becher, 
welche Germanicus dem Oheim des Statthalters, seinem Lehrer 
Cassius vSilanus, zum Geschenke gemacht hatte. Sonst erfahren 
wir durch eine Inschrift in Lyon von einem Glasmacher, einem 
„opifex artis vitriae Julius Alexander, natione Afer, civis Cartha- 
giniensis".^) Karthagos Glasindustrie hing mit der seiner Vater- 
st£idt Tyrus zusammen. Vielleicht ist das derselbe Alexander, 
dessen linksläufiger, ziemlich schlecht in Reliefbuchstaben aus- 
geprägter Namensstempel auf dem Boden einer ordinären vier- 
eckigen Flasche aus grünlichem Glase in Rom zu lesen ist.^) 

Alexandrinische I laudier kamen weit ins Land hinein. In 
Clermont (Dep. Oise) wurde der Grabstein eines Alexandriners 
gefunden, der in einem industriellen Betriebe tätig gewesen sein 
könnte. Ägyptische Schiffe gingen außer Massilia auch nach 
Narbonne. Zu Nimes errichtete Augustus nach der LTnter- 
werfung Ägyptens eine Kolonie alexandrinischer Veteranen. 
Die städtischen Einrichtungen sind dort denen der ägyptischen 
Hauptstadt gleich, der Kult der Isis und des Anubis ergibt sich 
aus Altarinschriften, einige Münzen zeigen das Krokodil in Ketten, 
das Symbol des besiegten Ägyptens, und die Zeitrechnung wird 
dort selbst unter Augustus nach alexandrinischem Systeme vor- 
genommen.'") In der gallischen Kleinkunst erscheint öfter die 
Personifikation Alexandrias, das Brustbild der .Stadtgöttin, wie es 
auf einem Bronzerelief aus Pompeji im Museum zu Neapel und 
auf einer silbernen Schüssel des .Schatzes von Bosco Reale vor- 



•) Boissieu, inscriptions de Lyon 427. Orelli 4299. Froehner .S. 124 Nr. i. 
^) Dressel im Corpus inscr. lat. XV. 7001. 
''^) Ilg bei Lobmayr S. 45. 



195 

gebildet ist, mit dem chiirakteristischen Elefantenrüssel auf dem 
Haupte. Außer einigen Tonlampen in Köln kommt zu derartigen 
Darstellungen neuerdings ein Goldbild, ein sog. Fondo d'oro im 
Besitze von Theodor (iraf in Wien, das allerdings \v£dirscheinlich 
aus Alexandria selbst stammt.') 

Im allgemeinen treten am Rhein und im narbonnensischen 
(jallien die heimischen Elemente weniger hervor, weil hier die 
Romanisierung durch Be^unte, Garnison und Veteratien \\o\ stärker 




Abb. 97. Gruppe von Gläsern mit Fadenverzierung. Köln, Sammlung M. vom Rath. 



betrieben wurde. Am deutlichsten sind sie in Gallia Lugdunensis 
und Gallia Belgica, in der Xormandie und I'icardie. (jleichzeitig 
ist ^iber auch nirgends der Zusammenhang zwischen gallischer 
und alexandrinischer Kunst so charakteristisch ausgeprägt wie 
auf diesem Boden, auf welchem sich im IL Jahrhundert die Glas- 
indu.strie zur Selbständigkeit erhob, um zu dessen P^nde und nament- 
lich im Verlaufe des dritten eine Ausdehnung zu erreichen, welche 
die italische hinter si(^li zurückließ und mit der Alexandriens und 
Syriens selbst im Ex])orte wetteiferte. In den Fabriken der Xor- 
mandie, des Artois, d(^r Picardie, der Aisne, im Wakh^ von Bre- 
tonne, an den Ufern d<^r Seine, bei Arras, Rouen. im Tale der 
Meust» wie in Lvon und Marseille wurden Massen gewöhnliclu^r 



'-) Abgebildet bei Vopel, allchristl. (]oldgläser. Das Stück wird unter den 
Gläsern mit Goldverzierung im X. Abschnitte ausführlicher behandelt, wo aucli die 
Abbildung wiedergegeben ist. 

I ; * 



196 

Gebrauchsware erzeugt, deren Reste in sehr zahlreichen Gräber- 
funden auf vnis gekommen sind. In ihnen überwiegt weitaus das 
durchsichtige geblasene Glas, das zum Teile reines Krystallglas 
ist, gewöhnlich aber einen Stich ins grünliche zeigt. Doch ist 
diese Schattierung durchaus \-on dem bläulichgrünen ägyptischen 
Glase verschieden, das sehr häufig bei der Importware vorkommt, 
heller und reiner, mehr einem gelblichen oder olivgrünem Tone 
zuneigend. In Lyon, bei Namur und in Foret de Mervent in der 
Vendee wurden Reste \'on römischen Glashütten aufgedeckt. 

Die Gräber von Gallia Vindobonensis enthalten viel farbiges 
Glas, Kannen und Flaschen von zierlichen griechischen Formen, 
Hals, Fußplatte und Mündung von einem opakweißen oder gelben 
Faden umgeben, iius welchem auch der Henkel gebildet ist. 
Daneben gibt es Reste von Überfangglas, das kameenartig mit 
dem vSchleifrade behandelt ist; ferner Alabastra und Oenochoen von 
opakfarbigem Glase, in welches zierliche Muster von Farnkraut- 
Wellen- und Zickzackfäden oder glatten Bändern eingelassen 
sind. Sie unterscheiden sich von den altägyptischen außer den 
griechischen Profilen der Gefäßbildung, besonders der Mündung, 
namentlich dadurch, daß sie nicht aus freier Hand modelliert, 
sondern geblasen, mittelst der Glaspfeife hergestellt sind. Zu 
diesen Arbeiten der frühen Kaiserzeit kommen die Gläser mit 
Marmormustern, unregelmäßigen mehrfarbigen Flecken und 
Bändern, dann die Millefiorigläser mit ihren in die Masse ein- 
gestreuten Sternchen, Blümchen, konzentrischen Ringelchen, 
vermischt mit Punkten und Flecken, Petinetgläser mit einge- 
kissenen Längsstreifen und mehrfarbigen, spiralförmig gew^undenen 
Streifen und Stäben. Millefioriglas ist gewöhnlich zu flachrunden 
Schalen mit und ohne Fuß verwendet, die teils glatt ^ibgeschlifl^en, 
teils mit Längsri]ipen \erziert sind. vSchalen dieser Art wurden 
auch aus einfarbigem, tiefblauem, rotem, braunem Glase herge- 
stellt. Diese Sorten finden sich im Süden am häufigsten, 
sie kommen aber auch anderwärts, namentlich in den Kolonien 
der frühen Kaiserzeit \'or und stellen den ersten Import aus 
dem Orient und Italien, die Musterexemplare dar, nach welchen 
die neubegründeten Werkstätten ihre Tätigkeit aufnahmen. 
Um die Mitte des I. Jahrhunderts verschwindet die Vorliebe für 
Überfanggläser, Millefiori und Alabastra, das durchsichtige leichte 



197 



Glas bes^innt das schwere opake, die Xach^dimuni^vn x'on Marmor 
und Pldelsteinen zu x-erdrängen. Die jjfallischen Werkstätten 
versuchen sich eine Zeitlang in der Nachahmung der Aüllefiori- 
und ]\Iarmorgläser, aber mit geringem Erfolge. Das Material ist 
gröber, ohne Leuchtkraft, die Farben stumpf, die Politur un- 
beholfen. Bei der Nachbildung der Alabastra mit Farnkraut-, 
Wellen- und Zickzackmustern beschränkt man sich x'on Anfang 
an auf eine annähernde Wiedergabe des äußeren Eindruckes 
und geht den technischen Schwierig- 
keiten der ägyptischen Originale aus 
dem Wege. Das (refäß wird cuis 
durch sichtig- farbigem ( ilase gebkisen 
und darauf diis Muster nicht in Fäden 
aufgelegt und in die Masse einge- 
walzt, sondern dünn und oberfläch- 
lich aufgetragen, teilweise mit dem 
Pinsel aufgemalt. Diese Technik 
wurde nach längerer Unterbrechung 
im III. Jahrhundert wieder aufgenom- 
men und von da ab bis in die 
fränkische Zeit sehr eifrig g-eübt: 
Farnkraut- und Wellenmuster bil- 
den beispielsweise den beliebtesten 
Schmuck fränkischer Glasperlen. 

Mehr Glück hatten die gallischen Werk>tätten bei der Nachl)ildung 
der halbkugeligen gerippten Schalen in einfarbigem Glase, doch 
überwog hier bald das grünlich -durchsichtige die opaken und 
lebhafter gefärbten vSorten. Auch die farbigen Kännchen und 
Fläschchen in griechi^c•lleIl I*'ormen wurden nachgeahmt und dabei 
der Fadenschmuck s])iralförmig oft über den größeren Teil des 
Gefäßes ausgedehnt. Naclidem in der zweiten Hälfte des 
I. Jahrhunderts das farblose (jlas den Geschmack an diesen 
schönen Erzeugnissen zurückgedrängt hatte, kamen sie bei der 
Re^iktion des griechischen Kunstgefühles unter Iladrian aufs 
neue in Mode. 

Inzwischen hatte die Lehrtätigkeit eingewanderter alexan- 
drinischer und italischer Glasmacher Früchte getr^igen. Die 
giillischen Werkstätten erstarkten zur Selbständigkeit und be- 




Abb. 98. Xetzbecher. 
Köln, Museum. 



198 

durften der fremden Beihilfe nicht mehr. L^rngsam vollzog" sich 
auch eine Verschiebung der Industrie von dem stark mit fremden 
Kolonisten durchsetzten Süden nach dem Norden, ihr Schwer- 
punkt erscheint vom Anfange des IL Jahrhunderts ab nach Gallia 
Lugdunensis und Belgica verlegt. Boulogne, Amiens, Reims, 
Vermancl, Namur entwickeln sich zu den Hauptzentren. Das 
farblose Glas herrscht vor und bestimmt den Stil. Die Faden- 
verzierung gewinnt eine außerordentlich reiche Entwickelung im 
phantastischen Schlangenfaden, im Netzwerke, das den Körper 
des Gefäßes völlig umspinnt und in den weiten Zickzacklinien, 
die oft mit Nuppen verbunden werden. 

Daneben wies die Keramik den Weg zu reicher plastischer 
(iliederung durch Eindrücke, Falten und Rippen, durch Buckel, 
aufgesetzte Stachel u. a. Den größten Aufschwung ^lber ver- 
dankt die Industrie der Benützung ^-on Hohlformen, in welche 
das Glas dünnwandig eingeblasen wurde. Zu Anfang des 
IL Jahrhunderts wurden in (lallia Belgica jene Sigillatabecher mit 
zylindrischen Wandungen nachgebildet, deren Reliefschmuck sich 
auf die volkstümlichen Schaustellungen der Arena, die Tierhetzen, 
Wagenrennen, Gladiatorens})iele bezog, die in Gallien ebenso 
heimisch geworden waren wie in Italien. Man versah Tonmodel 
mit ähnlichen Szenen und blies in sie farbiges, goldbraunes, blaues, 
grünliches oder farbloses Glas. Außer diesen sog. Zirkusbechern 
wurden iiuch geformte Gläser mit einfacheren Reliefornamenten 
fabriksmäßig hergestellt, da sich die Arbeit mit Hohlformen, die 
weniger von der persönlichen Geschicklichkeit des Glasbläsers 
abhängig ist als andere, besonders zur Massenproduktion eignete. 
Namentlich mit den Kannen, welche die Gestalt des gallischen 
Weinfasses nachahmen, den Fasskannen, den ,barrillets' der Franzo- 
sen, überschwemmten die belgischen AVerkstätten, insbesondere die 
im III. Jahrhunderte und schon zu Ende des zweiten tätige Officina 
Frontiniana die ganze Pro\'inz, selbst England und Italien. Neben 
derartigen selbständigen Erzeugnissen fielen orientalische An- 
regungen auf fruchtbaren Boden. Die kleinen flachrunden Pilger- 
flaschen, deren vSeiten mit Medusenmasken in Relief geschmückt 
sind, wurden bereits zu Anfang des IL Jahrhunderts in farbigem 
Glase nachgeahmt. Ihnen folgten die Gefäße in Form \'on Janus- 
köpfen, von Neger- und vSkla\enköpfen , \on hockenden Affen, 



199 




Gänsen, Enten und anderen Tieren, die Nachbildung" von Früchten, 
darunter die schönen Kannen in Form v'on Weintrauben u. ii. 

Der Export Syriens scheint auf diese Entwickehnig- nicht 
ohne Einfluß jn-ebliebcni zu sein. -Syrische Kaufleute und Hand- 
werker beg-annen schon im I. Jahrhunderte sich in Gallien nieder- 
zulassen, zuerst in Yienne und Lyon, wo sie namentlich die 
Seidenindustrie einbürg^erten, d^mn in Bordeaux u. a. Unter der 
Kaiserin Julia Domna, einer Syrerin, stieg- die Macht ihrer Lands- 
leute auf allen Gebieten, später g^ing" in Gallien die syrische Ein- 
wanderung- mit der Christianisierung- Hand in I land. Antiochia, 
die Hauptstadt, erschien zug-leich vom II. Jalir- 
hunderte ab neben Alexandria als Vorort grie- 
chischer Bildung-. Damit erklärt sich vielleicht 
auch das häufig-ere Auftreten g-riechischer In- 
schriften auf g-allischen Tong-efäßen und Gläsern 
im in. und I\''. Jahrhundert. Nachdem Sidon 
und Tyrus ihre frühere Bedeutung- verloren 
hatten, fand die Glasindustrie im syrischen Hin- 
terlande eifrig-e Pflegestätten, die ihre Verbin- 
dungen von West nach Ost ausdehnten, sogar 
bis zu den Chinesen, welche erst dadurch das 
Glas überhaupt kennen lernten. Die Syrer 
pflegten vor allem die Technik des aufgelegten Fadens, die Wr- 
zierung mit Buckeln und Eindrücken, sowie das Blasen in Formen. 

Die gallische Industrie bewegte sich im III. Jahrhunderte 
vorzugsweise in gleichen Richtungen, wobei die Farbe gegen 
die plastische Ausbildung in den Hintergrund trat. Dagegen 
lebte im folgenden die PVeuch^ an jener wieder auf Gefäße in 
leuchtendem Blau, Purpurrot, \'iolettrot, Goldbraun, Smaragd- und 
Dunkelg-rün werden wieder häufiger, die Verzierung mit Nu]ipen, 
Zickz£ick- und Wellenfäden gibt zu mehrfarbiger Wirkung (ie- 
legenheit. Aber Form und Dekoration wird immer derber und 
brutaler, bis man im \'. Jahrhunderte sog-ar zum Besatz der Gefäße 
mit unreg-elmälMgen Steinbrocken g-elangte, den Zickzackfaden un- 
fcirmlirh dick und r(\gelIos herlun^(•lllaIlg imd die Fähigkeit \-erlor, 
reine, leuchtende Farben herzustellen, (jraxierung, Schliff und 
Malerei, die Haupttechniken vom Ende des III. Jahrluniderts ab. 
wurden vor\vi(\gend im Rlieinland g-epflegt, insbesondere in Köln 



Abb. 99. Kännchen 

mit Netzverzierung. 

Trier. Museum. 



200 

und Trier. Die anderen gfallischen Gebiete nahmen an ihnen 
nur geringen Anteil, doch bheb die Glasindustrie Belgiens, die 
der Picardie und der Aisne auch noch in fränkischer Zeit ver- 
hältnismäßig die bedeutendste des Nordens diesseits der Alpen. 

Bei der Wohlhabenheit, die sich in Gallien während der 
ruhigen Herrschaft der Römer ausbreitete, drang der Gebriiuch 
des Glases in alle Schichten der Bevölkerung, so daß die Gräber 
der Toten eine große Menge \'on gläsernen Beigaben enthalten. 
Die Zahl der in Gallia Belgica und Gallia Lugdunensis gefundenen 
Gläser wird nur von jener überboten, welche der Boden Kölns 
spendete. Was sich außerhalb der Gräber einst an solchen be- 
fand, ist natürlich längst zerstört, ja selbst die Gräber waren nicht 
immer, namentlich bei feindlichen Einfällen, der Plünderung ent- 
gangen. Aber noch im Mittelalter waren, wie Theophilus be- 
zeugt, gewaltige Massen antiker Gläser in G^dlien vereinigt. Die 
in solcher Arbeit erfahrenen Franken sammelten sie, zerstampften 
sie (!) und schmolzen sie von neuem zu farbigem Glase. Diese 
barbarische Prozedur, welche beweist, daß antikes Glas durch 
sein häufiges Vorkommen an Wert eingebüßt hatte, wurde durch 
das Vorurteil verursacht, daß das so gewonnene farbige Pro- 
dukt besser sei als das auf gewöhnlichem Wege hergestellte. 
Außer Theophilus enthält auch Heraclius Rezepte zur Herstellung 
farbigen Glases, namentlich aber \'on Farben zur Bemalung von 
Glas aus antiken Scherben. Für die Fortdauer der antiken 
Tradition auf gallischem Boden spricht u. a. der Umstand, daß 
die Venezianer im X\T. Jahrhunderte die Asche einer ,herba 
calida' aus Maguelonne in Südfrankreich bezogen, um sie zur Glas- 
schmelze zu \'erwenden. 

Außer dem Karthager Alexandros, der als Glasmacher in 
Lyon tätig war, ist durch Inschriften und Fabrikstempel eine 
ganze Reihe gallischer Glaskünstler bekannt geworden. Auf 
importierten Waren liest man Stempel des Artas, Volumnius 
Januarius, Leuponius Borvonicus, der Firmier Hilaris und llylas 
und andere. Einheimische waren Amaranthus, Patrimonius, 
Imperator, Daecius, Felix, die (Jfticina Frontiniana, Equa(-sius?) 
Lupio, Cebeius Hyllicus, Cosanus (oder Cosanius), G. Appivis 
Apinossus (Besangon), Q. Cassius Nocturnus, Laurentius, ]\Iagunus, 
Rimus, Calcagnus u. a. 



201 

In folg'tMuhMn sind im Anscdilusse an l^VoclnKsr, dit^ wich- 
tigsten Fundorte \on Gläsern auf q-allischem Boden, mit Aus- 
nahme von Deutschland und dcv S(-h\veiz, ang-eführt. 

Gallia Narbonnensis. 

Hauptfundorte sind die dräber \"on Toulouse (Tolosa) und 
Nimes (Nemausus). Hier fand man auch ein Glas mit der Marke 
eines irriechi sehen Werk mcMsters Zt^thos, vielleicht eines ZeitLTenossen 




a /> c 

Abb. loo. Gruppe von Gläsern mit Fadenverzierung. In den Museen von 
a Bonn, b Worms, c Nürnberg (Germanisches M.), d Bonn, e Trier. 

der vSidonier Art^is, Ennion u. a., dann ein her\orra^-endfs Stück, 
einen mit Em^iilfarben bemalten Becher, auf welchem der Kam]^f 
von Pyj>-mäen ges^en Kraniche geschikh^rt ist. Das jetzt im Lou\re 
befindliche Glas wird später noch näher besprochen werden. 

Aix (Aquae Sectiae). Unter anderm große zylindrische 
Aschenurnen. 

Apt (A])ta Julia*. Zahlreiche, überall hin zerstreute Funde. 
Eine Aschenurne mit dem Stem])e ].. ARLEXI lAPlDLS. 

Gallia Vindobonensis» 

liauptfundorte sind die Gräber von Marseille (Massilia) und 
Arles (Arekis). Schon Caylus spricht von ihnen und bildet 



Recueil III 330 T. 89 das Bruchstück eines Überfangglases mit 
bacchischer Szene ab: Ein Bacchant, der einen Bock herbei- 
zieht, gefolgt von einem Satyr. In der Revue archeol. N. S. 28, 
S. 79 werden andere Gläser veröffentlicht. In der Gegend über- 
wiegt die farbige Imjiortware aus dem Orient und die Arbeit 
der frühen Kaiserzeit. 

vSt. Gabriel. (Dep. Vaucluse) und Vaison (Vasio) sehr reiche 
Funde farbiger Gläser, davon mehrere im Britischen Museum und 
früher bei Ch£Lr\'et, jetzt im Metropolitan Museum zu New-York 
(abgeb. bei Froehner a. a. O. T. 18, Sj T. 29). 

Rouffieu. Bourgoin. Le Pouzin. Farbige Gläser im Briti- 
schen Museum. Montagnole (Savoyen), ein Gladiatorenbecher 
bei Charvet (Froehner T. 21). 

Aquitanfen. 

Bordeaux (Burdigala). Saintes (Santones). Im])ortware, da- 
runter eine viereckige blaue und eine viereckige gelbe Flasche 
mit Reliefmasken; gerippte Schalen, einzelne aus Millefiori. 

Vendee. 

Grues. Le Cormier. Reiche Funde, darunter ein Gladiatoren- 
becher aus gelbem Glase. Foret de Mervent, Reste einer Glas- 
werkstätte, gef. 1863. St. Medard des Pres. Chavagne, Becher 
mit Gladiatorenreliefs. 

Deux Sevres. 

Amure. Coulogne-les-Royaux. Luc. Sehr zahlreiche Funde, 
vgl. Revue archeol. XV S. 536. 

Vienne. 

Poitiers (Pietavi) sehr bedeutende Funde. London. 

Maine et Loire. 

Clere. St. Just sur Dive. Grand Murat (Creuze). Tintignac 
(Correze). Issoire (Puy de Dome). 

Gallia Lugdonensis. 

Hier entstanden die ersten Glaswerkstätten auf gallischem 
Boden, vielleicht im Anschlüsse an die von Plmail. Bibracte 



20- 



hat ja auch die ältesten Kmaihirbeiten g'ehefert, von deren 
Werkstätten sich Reste erh^dten haben. Lyon (Lusjfdunum) 
zahlreiche Funde, ^fontbrison (Loire). Chalons s. Saone (Cabil- 
lonum), unter anderem ein gläserner Fisch. Mont Beuvray 
(Bibracte). Charnay, Becher mit Quadrig^en. Autun, (Bibracte) 
Fragment eines Bechers mit Quadrigen. Troyes (Tricasses). Ar^is 
s. Aube. St. Loup. Buffigny. Melun (Mellodunum). Paris, zahl- 
reiche Pfunde. 

Bretag:nc. 

Rennes (Redones). Carnac (Morbihan). 
Außer anderem Reste eines Glasfensters, auf 
einer Seite poliert, auf der anderen rauh, 
an den Rändern Spuren eines roten Kittes. 

Normandie. 

Evreux. Vieux-Evreux (Eburovices). 
Eturquerai unter anderem eine Flasche in 
Form eines Fäßchens aus der Fabrica Fronti- 
niana. Trouville u. a. ein Becher mit einer 
Quadriga und ein Fragment mit ( xladiatoren- 
relief Rouen (Rotomagus) zahlreiche Kan- 
nen der Officina Frontiniana. Quatremares, 
eine Kanne mit Fadenverzierung. Eslette, 
Faßkannen der Frontiniana. Juliobona dgl. 
Etretat dgl. Le Bois de Loges dgl. Fecamp 
dgl. Neuville le Pollet (bei Dieppe) dgl., 

außerdem große Funde von Gläsern neben Münzen xou lladriaii 
bis Marc Aurel. 

Gallia Bcigica. 

Das heutige Dej). Seine Inferieure, die ehemaligen Gebiete 
der \'elocassier und Caleter, scheinen der Mittt^ljuinkt der Fabri- 
kation geformter (jläser, der Becher mit Zirkusszenen in Relief 
sowie der Faßkannen, gewesen zu sein. Während jene in den An- 
fang des 11. Jahrhunderts hinaufreichen, blüln die 1 Tau})twerkstatt 
der Fal^kannen. die Officina Frontiniana, erst gegen Ende dieses 
Jahrhunderts auf Ihr engerer \'"erbreitungsbezirk umfaßt außer 
Gallia Belgicii die Normandie und Köln mit dem Niederrhein. Die 




Abb. loi. Sog. Horn- 
becher. Sammlung Basser- 
mann- Jordan, Deidesheim. 



204 

Hauptfundorte sind hier Reims (Durocotorum Remorum), Amiens 
(Samarobriva) und Vermand (Viromanduum in der Picafdie). Die 
in Reims und Amiens gefundenen Gläser sind zumeist in alle 
Windrichtungen zerstreut, während die in Vermand und Abbeville 
gefundenen — gegen 500, davon der vierte Teil unversehrt — 
glücklicherweise beisammen geblieben sind. ') Gläser bilden in 
Vermand den größeren Teil der Grabbeigaben. Sie reichen nach 
Pilloy von der Mitte des III. bis zum Beginn des V. Jahrhunderts. 
Diese Datierung läßt sich jedoch nicht auf die Frontinuskannen 
imwenden, welche in Neuville le Pollet mit Münzen des Hadrian, 
der Faustina, des Commodus, Antoninus Pius und Marc Aurel 
zusammen gefunden wurden.'^) 

In Amiens, dessen Museum reich an Gläsern aus der Um- 
gebung ist, wurde ein Glasgefäß in Form eines die vSyrinx 
blasenden Affen gefunden, ein Typus, der auch in den Museen 
von Köln, Bonn und Trier vertreten ist, ferner ein Glasgefäß in 
Form eines j£muskopfes (abgebildet bei Froehner a. a. O. T. 16, 
20, 21). — Andere Fundorte: Damery (Marne). Le Chatelet. 
Foret de Compiegne. Beimvais (Caesaromagus Bellovacorum), 
u. a. Kannen mit Spiralrippen. Etaples. Boulogne sur mer 
(Bononia) reiche ^Sammlung im dortigen Museum. Sablonniere, 
Breny, Chouy, Ancy, Chassemy Gläser des IV. Jahrhunderts. 
Im heutigen Belgien: Avenue, Corroy le Grand, Furfoz, Namur, 
Samson, Spontin. I^ann Steinfort in Luxeml^urg. 

Sequana. 

Besan9on (Vesontio). Port sur vSaone (bei Vesoul) Fuß eines 
Bechers mit dem Stempel des italischen Glasmachers G. Leu- 
ponius Borvonicus. 



1) Pilloy, etudes sur d'anciens lieux de sepulture dans l'Aisne, tom. II S. 92 f. 
^) Cochet, Normandie souterraine S. 183. — Bohn im corpus inscr. lat. XIII 
zu No. 38 ff. 



205 

Britannien. 

Von Gallien aus verbreitete sich das Glas zu den keltischen 
Stammesgenossen in Britannien. Strabo nennt unter den Luxus- 
gegenständen, welche die Kelten P^nglands ihren Nachbarn jenseits 
des Kanales verdcmken, Glasperlen und Glasgefäße. Erstere 
hatten ihnen aber bereits die griechischen, vielleicht schon die 
phönizischen Händler direkt zugeführt, wenn sie das geschätzte 
Zimi \on den Casseriden holten und in der Nordsee auf Bernstein 





Abb. I02. Fränkische Beclier Köln, Sammlung Xielien. 



fahndeten. Wie in (iallien trugen die Druiden avich in England 
farbige Glasperlen als Erkennungszeichen und als Talismane; 
noch jetzt nennt das Volk sie Druideneier oder Schlangen- und 
Viperneier, wobei es die Durchbohrung in der Mitte als das Mal 
eines vSchlangenbisses erklärt. Die Volksmeinung Englands berührt 
sich darin mit jener der Aschantis in Afrika, die gleichfalls 
gläserne Schmuckperlen, welche sie in der Erde finden, für Eier 
einer Schlangenart halten. Dabei mag der Umst^md mitspielen, 
daß sie häufig an verborgenen Orten im Boden ruhen und ihre 
Entdeckung Sache des Zufalles ist. Die Germanen in Deutsch- 
land nannten sie auch Siegessteine, weil sie angeblich ihrem 
Träger den Sieg im Kampfe verbürgten. 

Die nordische Mythologie weiß viel von Glas zu erzählen. 
Sie spricht von Quellen, Schüfen, Bergen aus (ilas. Der 
Himmel der PLdda ist eine riesige durchsichtige Glaskugel. 



206 

In der Wickinger vSage legt »Siegfrieds Mutter den Neugeborenen 
in ein Gefäß aus Glas. In einem gewaltigen Pokale aus Glas 
wohnt nach einer keltischen Legende auch König Artus. Den 
nordischen Völkern erschien das Glas, das zu ihnen auf Handels- 
wegen vom Süden herkam, als ein rätselhaftes und kostbares 
Produkt, viel wertvoller als Gold, Silber und Edelgestein. 

Die vSagen von gläsernen Sälen und Burgen mögen auf die 
(ilasburgen zurückzuführen sein, welche sich tatsächlich in Schott- 
land, Frankreich und Deutschland erhalten haben. Man nahm 
früher mit Williams an, daß die schottischen Anlagen dieser Art 
tatsächlich völlig \'erglaste Wälle hätten, deren Entstehen man sich 
folg'endermaßen erklärte. Man habe zuerst einen Graben auf- 
geworfen, diesen mit verschiedenen Materialien, welche in der Hitze 
schmelzen und verglasen, gefüllt und zugleich Holz, Kohlen und 
andere Brennstoffe hinzugefügt. Im Grunde entstand so eine Schichte 
von glasartiger Substanz, auf welche man \on neuem Schmelz- 
material warf, und eine zweite Schichte herstellte. Dies setzte 
man fort, bis der Wall die gewünschte Höhe erreichte. Ilg be- 
zweifelt mit Recht diese Erklärung und denkt an eine natürliche 
Entstehung der Befestigungsanlagen durch einen Waldbrand.^) 
Man erinnert sich da der Erzählung des Josephus Flavius von 
dem Waldbrande in Judäa, durch welchen man zuerst auf die 
Glasbereitung geführt worden sei (s. Seite 97). 

Inzwischen sind diese Glasburgen genauer untersucht 
und aufgeklärt worden. Es sind Befestigungsanlagen, die bis auf 
die Glasverkittung ganz den Steinringen des Taunus, der Eifel, des 
Hochwaldes und anderer Berggegenden Deutschlands entsprechen. 
Sie nehmen eine kleine Fläche auf dem Gipfel steiler Hügel, 
den Rand oder die Mitte steiler Bergzungen ein, so daß sie nur 
von einer .Seite zugänglich sind, hier aber noch durch einen 
Vorwall gedeckt werden. Eine der bestausgeprägten Anlagen 
dieser Art ist Knock Ferrel Naphian, angeblich die Wohnung 
Fingais, zwei Meilen nw. von Ding'wall in Rosshire. Sie bildet 
ein Oval von 120 .Schritt Länge und 40 Breite. Der Wall ist 
12 Fuß, an einer Stelle 23 Ful] hoch, 3 — 4 dick und nach außen 
steiler abfallend als nach innen. An der zugänglichen Spitze ist 



^) Ilg bei Lobmayr S. 45. 



207 

das 0\al xorläng'ert und enthält den durcli /.alilreiche Ouerwälle 
gesicherten Eing-jini,'-, während die andere Spitze durch zwei Quer- 
wälle als letzter Zufluchtsort für die Xot i^eschützt ist. Der Um- 
fassungfswaül und die Querwälle sind nicht massiv g"eschichtet, es 
zeig"t sich vielmehr, daß die A"erg"lasun^ von itmen aus vorge- 
nommen ist, wobei sie an der Außenseite sichtbarer hervortritt, 
als an der entgegeng-esetzten, wo manche Steine gar nicht vom 
Feuer berührt sind. Die Oberfläche ist im Allgemeinen nur 
wenig verschlackt, mit Humus und 1 ieidekraut überzogen und 




Abb. 103. Trinkhorn. Köln, Sammlung M. vom Rath. 

daher kaum \on, einem gewöhnlichen Erdwalle zu unterscheiden. 
Früher nahm man an, daß die Verschlackung erst im XIII. Jahr- 
hundert dadurch herbeigeführt worden sei, daß Belagerer den Wall 
in Brand gesteckt hätten, um ihn zu zerstören. Das wird aber 
schon dadurch wiederlegt, daß der Mittelpunkt der Glut offenbar in 
das Innere der Mauer \'ersetzt war. Gueslin de Bourgogne dachte 
sich daher die Entstehung der (jlasburgen so, daß man im Inneren 
der Mauern Herde angebracht habe, in welchen man ein lang an- 
dauerndes Feuer unterhielt, welches allmählich zur teilweisen Ver- 
schkickung der Steine und Ziegel führte. Andere glaubten, daß 
man durch das ganze Innere der Mauern der Länge nach Brenn- 
material aufschichtete, entzündete, und (he (dut \on außen durch 
angelehnte Holzscheite verstärkte. Prevost ergänzte cHes durch 
den Hinweis auf die Anlage von Zit^geh'ifen beim Feldbrande.-^) 



') Prevost, memoire sur les anciens construclions mijitaircs connues sous Ic 
nom de forts vitrifies. Saumur 1863. 



208 

Ähnlich wie bei diesen habe man eine Mauer mit vielen Zwischen- 
räumen aufgeführt, in welche das Brennmaterial, Holz, Stein- 
und Holzkohle eingelegt und hierauf der Luftzug und die Flamme 
g'eleitet wurde. Von außen habe man die Zwischenräume, wo 
irgend möglich, geschlossen und die g^mze Mauer mit einem 
Überzuge von Ton versehen. Im Inneren finde man fast aus- 
schließlich Lehmziegel und nur ausnahmeweise Steine. 

Dagegen stellt von Cohausen fest, daß man bei den schot- 
tischen Glasburgen gerade im Gegenteile fast ausschließlich das 
Felsmaterial der Umgebung zur Herstellung des Walles benutzt 
h^ibe und nur wenige Ziegel.^) In Frankreich nahm man zumeist 
Granit, weißen Quarz und wenig Sandstein. Der im Granit ent- 
haltene Feldspat reichte hin, in Verbindung mit der Holzasche 
eine leichte Verglasung herbeizuführen, welche die Steine über- 
zog und einen festen Kitt bildete. Über das Alter der schottischen 
Glasburgen und der verwandten Anlagen in Frankreich und auch 
bei uns sind noch keine genügenden Untersuchungen angestellt. 
Man wollte sie den Dänen oder den Einwohnern aus der Drui- 
denzeit zuschreiben. Da man aber in einigen römische Ziegel- 
bruchstücke und lange eiserne Xägel gefunden hat, dürften 
wenigstens diese aus römischer Zeit oder einer bald darauf fol- 
genden Periode stammen. In Deutschland nennt man solche 
Anlagen richtiger Schlackenwälle. Einige von ihnen bestehen 
aus geglühtem Ton, aus Erdmassen, die mit Kohle und Asche 
untermischt sind, andere aus Steinen, welche geglüht, gefrittet 
glasiert oder geschmolzen sind. Solche Wälle gibt es bei Strom- 
berg und Rotenstein in der Nähe von Löbau, auf dem Rein- 
harclsberg"e bei Kamentz, dem Schaf berge bei Bukowitz und bei 
Karlowitz in Böhmen. Am Niederrheine wurden von Nöggerath 
vSpuren von derartigen Wällen am Donnersberge gefunden. 

Vielleicht sind auch nach England alexandrinische Glas- 
macher gegangen, da die Handelsverbindungen von Marseille die 
Rhone hinauf nach Belgien und über den Kanal reichten und 
auch die Griechen Zinn von dort holten. Jedenfalls übte das 
Erstarken der heimischen Glasfabriken in Gallien auch seine 
Wirkung auf die Stammesgenossen in England, denn vom Ende des 



^) V. Cohausen. Die schottischen Glasburgen. Bonner Jahrb. 37, S. 197 f. 



209 

I. JahrluiiultTts al) w urde auch xon diesen dlas erzeuj^t und zwar 
in durchaus g-leicher Art. Die cng-Hsch-römischen Gläser stimmen 
sowohl in Material, wie in P'orm und Verzierung- vollkommen mit 
den g-alli seh -römischen überein. Üb die zu Anfang- des il. Jahr- 
hunderts auftauchenden, in Hohlformen g-eblasenen Zirkusbecher,. 
\on welchen schon die Rede war, auch in England g-emacht 
wurden, wie einige englische Archäolog-en annehmen, ist 
nicht g-anz sichergestellt. Tatsächlich wurden (^bensoxiele \on 




Abb. 104. Trinkhorn aus Castel Trosino. Rom, Museo Civico. 



ihnen in England wie in Erankreich gefunden, ein Bruchstück 
dieser Art auch in den Werkstätten von Wilderspool (s. S. 23), 
was ^dlerdings zugunsten dieser Ansicht ausgelegt werden 
kann. Jedenfalls lassen die Eunde von Wilderspool einen sehr 
entwickelten und vielseitigen Betrieb erkennen, der sich nicht 
auf gewöhnliche Gebrauchsware beschränkte, sondern auch das 
Blasen in Hohlformen, die feinere Eadenverzierung, den Schliff 
und die Gravierung, farbloses und farbiges Glas, auch schon die 
Herstellung- \on Krystallglas durch Zusatz von Bleioxyden kannte 
und damit beweist, daß das moderne englische Bleiglas auf eine 
cüteinheimische Übung zurückzuführen ist. Da sich diese Sorte 
besonders zur Griivicrung und zum Schliffe eignet, sind gra\-ierte 
Gläser unter den antiken Eundini Englands verhältnismäßig sehr 
reich \ertreten. Eunde von römischen Gläsern sind in Eng- 
land überhaupt nicht selten; häufig- kommen auch Emailarbeiten 
\or, selbst größere Stücke, Gefäße aus Bronze mit reichem 

Kisa, Das Glas im Altertunie. jj 



2IO 

Grubenschmelz, (s. S. 151) wie die Bronzevase von Essex (abgeb. 
bei Deville T. 108) u. a. Man kann kaum daran zweifeln, daß 
Philostratus bei seiner Erzählung von den Barbaren am Nord- 
meere, welche in den Metallschmuck von Pferden unverwüstliche 
Farben einzuschmelzen verständen, nicht nur die festlän- 
dischen Küstenbewohner, sondern auch ihre Nachbarn jenseits 
des Kanales gemeint hat. 

Als Fundorte antiker Gläser kommen in England nach 
Froehner folgende Städte in Betracht: 

Arisford, Chilgrove (Archeologia 31, 312) und Dentworth in 
Sussex. Canterbury (Durovernum), wo u. a. eine .Scherbe mit 
graviertem Wagenrennen gefunden wurde. Faversham und 
Hartlip in Kent, an letzterem (Jrte einer der Zirkusbecher aus 
grünlichem Glase, mit Wagenrennen und Gladiatoren. London 
(Londinium): zahlreiche Funde aus Spittlefield, die mit der Samm- 
lung Roach vSmith in das Britische Museum kamen. Colchester 
(Camulodunum), reiche Funde, darunter ein Becher mit gravierter 
Zirkusszene und Inschriften aus Lexden Road, jetzt im Britischen 
Museum. Bartlow Hill, Messnig und Chesterford in Essex. Grun- 
disburgh vmd Melford in Suffolk. Barnwell (Cambridgeshire, 
vgl. Slade a. a. O. S. 44, 45). Leicester (Ratae) u. a. ein Frag- 
ment eines vSiegesbechers mit Gladiatorenkämpfen in Relief. 
Newark, (Gloucestershire). Circencester (Durocornovium). Caerleon 
(Isca vSilurum). Cambeckfort am Hadrianswalle u. a. eine Scherbe 
mit graviertem Namen yJKTyll2N (vgl. Froehner S. 95). 

Skandinavien. 

Zu dem kalten Himmel Skandinaviens ist niemals der 
Rauch einer antiken Glashütte emporgestiegen, aber der 
Handelsverkehr hat einen reichen Strom römischer (xlaswaren 
über die drei nordischen Königreiche, besonders über Dänemark 
ergossen. Wenn man von einigen Ausnahmen absieht, ergibt die 
Gleichartigkeit der Erzeugnisse ein bestimmtes Ursprungsgebiet 
und zwar das gallische. Da zwei besonders gut vertretene 
Sorten, die Gläser mit farbigen Emailmalereien und die Rhyta, 
die gläsernen Trinkhörner besonders von der gallisch-reinischen 
Glasindustrie kultiviert worden sind, darf man annehmen, daß 
auch die dritte im Norden bekannte Art, die Becher mit Hohl- 



21 I 

schliffen, die im tifallischen F(^stlande wie in Kni^daiid herg"estellt 
wurde, aus derselben Ouelle stammt. Dazu kommt, daß sich in 
Dänemark überdies Gläser mit farbij^'en .Schlangenfäden gefunden 
haben, welche geradezu eine Spezialität kölnischer Glashütten 
bildeten. So muß man denn für die mittlere und spätere Kaiser- 
zeit Köln, das Ausfallstor des römischen Handels nach dem freien 
Germanien, auch als .Vusgangspunkt des Exportes von Glas waren 
nach dem Norden betnichten, was mit den Ergebnissen, die 
Willers neuerer Zeit bei seinen Untersuchungt^n ül)er iWc kom- 
merziellen ^"erhältnisse von Westdeutsch- 
land wahrtMid der Römerherrschaft ge- 
wonnen hat, gut zusammenstimmt. ^) 

Die Glasgefäße wurden neben zahl- 
losen Schmuckperlen in (iräbern gefunden, 
die fast durchweg der spätrömischen und 
der Völkerwanderungszeit angehören und 

Abb. 105. 

die Skelette vornehmer einheimischer Per- ^ r.. a- 1 u • ^• 

Fariumtlaschchen in &e- 

sonen. zumeist Erauen. enthielten. Nur die stalt eines Schweinchens, 
wichtigsten und künstlerisch bedeutendsten Köln, Museum, 

sind bisher veröffentlicht, während die Mehr- 
zahl, einfachere Gebrauchsgläser, selbst in den Zeitschriften der 
Archäologischen Gesellschaften des Nordens nur flüchtig erwähnt 
sind.-) Die wichtigsten Stücke, nach den Fundorten geordnet, 
sind: 

Dänemark. 

Varpelew 1801 u. a. gefunden ein Becher aus azurV)lauem 
Ghise in durchbrochener Silberfassung mit der Inschrift EYTYXS2C. 
(Abb. 209). Dieses und das Überfangglas aus Solberg in Schwe- 
den sind vielleicht die einzigen Stücke, die nicht cms dem Rhein- 




^) Willers, die Bronzeeimer von llemmoor S. 191 ff. 

-) Über die nordischen Gläserfunde vgl. vor allem die Abhandlung von Oskar 
Almgreen, Abschnitt XI dieses Buches, das am Schlüsse mehrere .\bbildungen be- 
malter Gläser des Nordens enthält. Einzelheiten finden sich bei Sophus Müller, 
Nordische Altertumskunde II. Montelius, Kultur Schwedens in vorchristl. Zeit, deutsch 
von C. Appel. Willers a. a. O. S. 61 IT. Bohn CiL XIII. Instrumentum do- 
mesticum (Germania Magna. Auch für die Funde auf deutschem und schweizerischem 
Boden). Führer d. d. Dänische Sammlung in Kopenhagen. Manche wichtige Notiz 
verdanke ich den brieflichen Mitteilungen von Dr. O. Almgreen in Stockholm. 

14* 



212 

lande, sondern aus dem Süden, wahrscheinlich auf einem der 
vom Pontus nach der Ostseeküste führenden großen Handelswege 
ins Land gekommen sind, die bereits von den Griechen benutzt 
wurden. Der Becher von Varpelew, welchem eine Münze des 
Kaisers Probus beigegeben war, stimmt in der Technik mit 
mehreren anderen antiken Gefäßen, besonders aber mit einem 
in Georgien g^efundenen, jetzt in der Eremitage von Petersburg 
befindlichen Becher überein. ^) — Gleichfalls in Varpelew ist ein 
farbloser, weiß bemalter Becher mit der Inschrift DVBP gefunden 
worden, welche Bohn in Da Vinum Bonum Pie (Zesais) auflöst. 
Die Malerei stellt Vögel und Trauben dar. Zwei andere Becher 
aus farblos durchsichtigem Glase sind bunt mit Tierszenen bemalt. 
Eines der hier aufgedeckten Gräber enthielt u. a. 1 3 gläserne 
Spielsteine. 

Vorning (Amt Viborg. Jütlandi. Becher aus farblosem Glase 
mit eingeschnittener Inschrift niE ZHCAIC KAAP.C. 

Ilimlingöje (Amt Presto) 1894. Becher mit Tierfries, Löwe 
und Panther, einen Steinbock verfolgend, in bunten Farben ge- 
malt. Ein Trinkhorn aus grünem Glase mit schrägen Riefen. 

Thorslunde (Amt Kopenhagen). Drei Becher aus farblosem 
Glase, beniiilt mit Tierfriesen und Gladiatorenszenen. 

Nordrup (Amt Sorö). Zahlreiche gläserne Spielsteine in zwei 
Farben. Mehrere Becher darunter zwei mit Tierfriesen und Zir- 
kusszenen bemalt. 

Norrebroby (x\mt Odensej. Mehrere Glasschiden. 

Kjärumgaard (Amt Odense). Ein gläsernes Trinkhorn. 

Sophus Müller erwähnt unter den dänischen Funden auch 
Gläser mit eingeschliffenen Ovalen, solche mit Spiralfäden, ein 
enges Kelchglas mit niederem Fuß und vier aufsteigenden 
Schlangenfäden in weiß und blau. Alle bisher genannten Gläser 
befinden sich im Museum von Kopenhagen. 

Schweden. 

Abekris (Schoonen). Sehr viele (jlasperlen und zwei konisch 
nach oben erweiterte Becher mit vier Reihen ovaler Hohlschliffe 
und gravierten Reifen. 



^j Stephani, compte rendu 1872 S. 144, D. T. II, i, 2. Danach ist unsere 
Abbildung 207 hergestellt. Auch bei Schreiber, kulturhistorischer Bilderatlas T. 20, 2. 



21 



Nofwegfen. 

SolV)eriJ" (Amt Uuskerudi. P)eciier in rbt'rfani^'tcc^hnik, fra.g- 
mentiert. ])lau mit weiluMi l<('li(^fl)il{lern.^) 



ce*? 




Abb. lu'i. triascr mit Zickzackfäden. 
Köln, ehem. Sammlung Merkens. 



Germanien. 

In den _s^'"ermaiii.schen Pro\'in- 
zen, \-or allem im Rheinlande. 
hat die antike Glasindustrie schon 
in der Mitte des I. Jahrhunderts 
\Vurzel i>-efaßt. Die WrmittelunLT 
bildete die Colonia Treverorum, 
Trier, deren (jebiet zwar, wie 
die Stadt selbst, zur Pro\inz F)el- 
gica. g'ehörte, sich aber bis zum 
Rheine vorschob, ohne daß die 
(rrenzlinie zwischen (jermanien 
und Helgica immer klar zu ziehen 

wäre. Das untere Moselland wurde später zur Provinz (3ber- 
jjermanien gerechnet. Keltische und g"ermanische Elemente 
waren im Rheinlande durcheinander g-emischt, so daß auch in der 
Kunst, in der Religion und wie in den Verwidtungseinrichtungen 
beide nicht immer streng auseinanderzuhalten sind. Die Tre- 
verer selbst rühmten sich mit Recht oder Unrecht germanischer 
Abstammung, gleich den Xer\-iern, sie waren aber ohne Zweifel 
vollkomnKMi giillisiert und unterschieden sich in nichts von ihrtMi 
westlichen Nachbarn. Noch im W. Jahrhundert sprach man in 
Trier keltisch. Der Dichter der „Mosella", der aus der Garonne 
stammende Ausonius, fühlte sich im Lande der Treverer ganz 
heimisch, und preist mit Begeisterung das idvllische Leben im 
Lande der Rebenhügel, das friedlich unter kaiserlichem Schutze 
geborgen hig, trotz der unruhigen Nähe des Rheines. Allerdings 
war der Unterschied zwischen der wafifenstarrenden >rilitärgrenze 



*} Vgl. Abschnitt XI, wo dieser, wie zahlreiche andere skandinavische l*'und< 
abgebildet sind. 



214 

und dem fernen, lang"e Zeit durch den Limes gesicherten Lande ein 
sehr g-roßer. Durch die Mosel mit den inneren Teilen Galliens 
verbunden, durch die Wasserstraßen der Rhone und Seine dem 
gallischen Handelsverkehr angegliedert, wurde es früh von dem 
von Massilia ausgehenden vStrome antiker Kultur berührt. .Seine 
Lage machte es aber auch zur Operationsbasis in den Kämpfen 
der Kaiser gegen gallische Empörer und germanische Eroberer 
geeignet. In augusteischer Zeit neu geschaffen, wie alle von 
diesem Kaiser gegründeten .Städte, mit einem Netze breiter, 
gerader .Straßen mit rechtwinkeligen Kreuzungen versehen und 
anfcmgs, wie es scheint unbefestigt, blühte die .Stadt bald auf 
und wurde von mehreren der gallischen Nebenkaiser zur Resi- 
denz ausersehen. Maximian machte sie zur eigentlichen ILuipt- 
stadt der ganzen westlichen Reichshälfte, da die politischen Ver- 
hältnisse, namentlich die drohende Germanengefahr die ständige 
Anwesenheit des Reichsoberhauptes notwendig erscheinen ließen. 
Auch sein Nachfolger Constantius residierte in Trier, das die 
Hochzeit seines .Sohnes Constiuitin mit einer Tochter des Maxen- 
tius mit allem Glänze, aller Pracht und Crrausamkeit der dabei 
veranstalteten Zirkusspiele sah. in welchen kriegsgefiuigene 
Fürsten der Franken nebst zahlreichen .Stammesgenossen den 
Bestien vorgeworfen wurden. .So groß war die Zahl der Opfer, 
daß, wie berichtet wird, „die wilden Tiere ob der Menge der 
Leute ermatteten." ^) 

Zwei Jahrhunderte hindurch erfreute sich das Trevererland 
des Friedens und es konnte sich dort ein ähnliches Leben ent- 
falten wie im übrigen Belgien und im lugdunensischen Gallien. 
Handel, Landwirtschaft und städtischer Gewerbefleiß rührten 
sich allenthalben, an den Ufern der schiffereichen ^Nlosel und in 
den Gebirgstäler der Eifel entstanden glänzende Landhäuser, 
deren luxuriöse Einrichtung uns die reichen Reste von Mosaikböden, 
Marmorvertäfelung und kleinem Hausrate aller Art verraten. Ganz 
einzig ist diesseits der Alpen der .Skulpturenschmuck des Park- 
teiches von AVelschbillig, der \on marmornem Gitterwerk um- 
geben war, zwischen welchem sich Hermen erhoben. Auch im 
Taunus entwickelte sich ein glänzendes Landleben, doch können 



Fr. Kocpp, Die Römer in Deutschland. S. 90 ff. 



21 




sich dessen X'illcn nicht mit jenen des Mosellandes messen, wo auf 
Sitten und Lebensfüliruny ein Abglanz des kaiserlichen Hofhaltes 
fiel. Wie es hier zug-ing schildern getreuer als Worte die Reliefs 
von Neumag-en, die tr^iuliche Bilder des Familienlebens, rea- 
listische Szenen des Geschäftsverkehres, der Landwirtschaft, des 
Weinbaues, der Moselschiff^ihrt, enthüllten, und in der zweiten 
Hälfte des II. sowie in der ersten Hälfte des III. Jahrhunderts 
entstanden, ein volles J^ihrhundert vor Ausonius' Lobgedichte. 
Dann zogen sich freilich die Gewitter- 
wolken über dem Trevererlande zusam- 
men: man suchte der drohenden Ger- 
manengefahr durch die Befestigung der 
Stadt vorzubeugen, zu der die berühmte 
Porta Nigra gehört, das stolzeste Denk- 
mal antiker Festungsbaukunst und als 
solches selbst in Rom ohne gleichen. 

In den beiden germanischen Pro- 
vinzen, der Militärgrenze des Reiches, 
saßen dagegen vorwiegend germanische 
Stämme. Die Rauraker waren allerdings Abb. 107. Napf mit Zickzack- 
Kelten: im Decumatenlande, das einen faden. Breslau, Museum, 
großen Teil des obergermanischen Limes 

einschloß, hatte sich nach Tacitus „levissimus quisque Gallorum", 
„der Abschaum der gallischen Völkerschaften" angesiedelt. Die 
drei Hauptstämme jedoch waren rein germanischer Abkunft und 
erst zu Caesars Zeiten, die Ubier gar erst unter Augtistus, vom 
linken Rheinufer auf das rechte verpflanzt worden. xAber auch 
im Decumatenlande saßen germanische Stämme, wie die Suebi 
Nieretes um Ladenburg, die Mattiakor um Mainz und andere, 
später zu den Alemannen und Franken hinztigezogene \^ölker- 
splitter. 

Alle diese Völkerschaften waren schon früh in freundschaft- 
liche Verbindung mit den Römern getreten und hatten sich 
gleichzeitig mit den Galliern auf guten Fuß gesetzt, die versprengt 
unter ihnen lebten, namentlich im Elsaß und in der Pfalz, wo 
das römische Element schon ein halbes Jahrhundert vor Augustus 
nivellierend eingewirkt hatte. Auch die Ubier und Mattiaker 
hatten durch lebhafte Handelsbeziehungen ihre alten Sitten ein- 



2l6 

gebüßt, waren seßhafte Kaufleute, Landwirte, Fischer und Hand- 
werker geworden und wohnten teilweise in städtischen Ansiede- 
lungen. Das Bild, das Tacitus von den freien Germanen ent- 
worfen, paßte daher für diese Stämme längst nicht mehr. Die 
römische Verw^idtung behandelte sie ganz wie die benachbarten 
Gallier. Wie für diese ein National-Landtag am Heiligtume des 
Augustus und der Roma in Lugdunum geschaffen war, sollten 
sich auch die der Römerherschaft unterworfenen Germanen an 
dem Heiligtume des Augustus im Ubierkinde, der Ära Ubiorum, 
alljährlich zu gemeinsamer Beratung versammeln. Ein Cherusker- 
prinz hatte zu Armins Zeiten hier die .Stelle des Oberpriesters 
inne, doch löste sich die Einrichtung bald auf. Die avigusteische 
Provinz Germanien wurde bald aus militärischen (iründen in zwei. 
Nieder- und (Jbergermanien geteilt, deren Grenze der Vlnxtbach 
bildete, der urs])rünglich das Gebiet der Ubier von dem der 
Treverer und später bis in napoleonische Zeit die Diözesen Köln 
und Trier schied. 

Die Städte, die im Rheinlande während des IV., teilweise 
schon zu Ende des III. Jahrhunderts entstanden, entwickelten sich 
aus Legionslagern. .Schon unter Augustus wurde an der Lippemün- 
dung Xanten (Castra Vetera), an der Mainmündung Mainz (Mo- 
guntiacum) als Heereslager begründet, ihnen folgte das große 
Lager an der Ära LTbiorum, das später aufgelöst wurde, kleinere 
in Nymwegen, Cleve, Neuß, Bonn, Windisch (Vindoniss^i), Straß- 
burg u. a. Im Anschluße an sie bildeten sich bürgerliche Nie- 
derlassungen (caniibae), zum Teile blühende Ortschaften, die mit 
dem Ltiger so enge verwuchsen, daß sie sich, besonders im 
Limesgebiete, mitunter auflösen mußten, wenn die Garnison 
verlegt und durch keine andere ersetzt wurde. Aus anderen 
sind dagegen manchmal blühende Ortschaften geworden — 
Städte allerdings gab es bis in die späte Zeit nach rechtlichen 
Begriffen überhaupt nur zwei, Köln und Xanten. Während Mainz, 
trotzdem es der .Sitz des .Stadthalters \-on Obergermanien war, 
nur als befestigtes Lager galt, entwickelte sich die Residenz des 
Stadthalters von Niedergermanien, Köln, zur ersten und bedeu- 
tendsten .Stadt am Rhein, nachdem d^is frühere Fischerdorf der 
Ubier und nachmalige Lager unter Claudius zur Kolonie erhoben 
worden war und die städtische Munizi]Kil\'erfassung bekommen 



2 1/ 




hatte. Die Garnison w urdt^ bis auf wenij^'e, dem Siatthaltcr und 
Legaten zur unmittelbaren Verfüg-ung- stehende Truppen \-er- 
legt und W'teninen angesiedelt, die sich auf ihren (irabsteinen 
mit Stolz cives Agrippinenses nennen. Erst im 111. Jahrhundert 
entstand die Stadtbefestigung, deren Tore und TürnK^ sich teil- 
weise bis heute erhalten haben. Der Hofhalt der .Statthalterei, 
das Heer \-on Beamten, die steigende Wohlhabenheit der Bürger, 
vor allem auf (inmdbesitz und 1 hmdel zwischen Gallien und 
dem freien Germanien begründet, schufen auch hier ein stolzes 
Zeugnis römischer Kulturarbeit. Tempel und 
Paläste, Bäder und Ami)hitheater erhoben 
sich hier wie in Trier, wenn auch, da die 
Sonne kaiserlicher Huld nicht aus nächster 
Nähe strahlte und die Verbindungen mit der 
kunstreichen (jalliii Xarbonnensis weniger 
innig waren, einfacher und bescheidener. 
Trotzdem Köln aufgehört hatte Festung zu 
sein, blieb hier im Angesichte des Feindes 
der militärische Zuschnitt. Luxuriöse Villen 
wolhabender Rentner, wie in Trier, gab es 
hier nicht. Während sich später und noch 
heute in den Burgen und \"illen an den 

Ufern des Rheines der Reichtum des Landes zusammendrängte, 
war in Römerzeiten die Mosel darin dem Rheine \-oraus. Aber 
die günstige Lage der Stadt am LTer der gewaltigen Wasser- 
straße und als Mitteljnmkt eines weitverzweigten Stralkninetzes 
brachte trotz der Unsicherheit der politischen \"erhältnisse und 
der Schwere der kriegerischen Rüstung Hand(4 und (iewerbe 
mächtig em])or und schuf (Miie gewerbliche Tätigkeit, \-on deren 
Früchten sich noch die fränkisch(^ und karolinische Zeit nährte. 
Zwischen zw c^i und sieben Metern schw ankt die 1 iolic der Schutt- 
haufen, in wt^lche spätere l'mg<*staltungen und X'crw iistungen 
die einst blühende Rönn^rstadt xi^wandelt, so dali \'on ihren 
Bauten, mit Ausnahme einiger Befestigungen, nichts mehr 
kenntlich ist. JVit^r hat es darin besser. Dort pulsierte das 
mittelalterliche Leben weniger lebhaft, wenig Neues triit dem 
Alten feindhch entgegen. .Schließlich \erfiel die Moselstadt fast 
völliger Stagnation, bis erst das XIX. Jahrlumdert sich wieder 



.\bb. lo8. Xapf mit 
Buckeln und Zickzack- 
faden. Köln, Sammlung 
Xiellen. 



2l8 

an die alte stolze Vergangenheit erinnerte und neues Leben den 
Ruinen einhauchte. 

Noch weit kriegerischer als in Köln ging es am Mittelrhein 
zu. Zwar brachte der Hof halt des Statthalters auch für Mainz 
allerlei volkswirtschaftliche Vorteile und selbst die Lagerfestung 
wird ihre Tempel, Amphitheater, Bäder und Prachtbauten anderer 
Art gehabt haben. Leider ist \'on alledem nicht einmal die Lage 
festgestellt, außer der Rheinbrücke und Wasserleitung von 
römischen Bauten nichts übrig als ein formloser Klumpen von 
Mauerwerk, der Eigelstein, einst das Kenotaph des Drusus, der 
auf dem Rückzuge von der Lippe \'erunglückt, in Xeuß starb 
und in Mainz beigesetzt wurde. 

Trotz des unleugbar sch^irfen Unterschiedes zwischen dem 
völlig gallischen Lande der Treverer mit seiner glänzenden Haupt- 
stadt, der kiiiserlichen Residenz einerseits und der germanischen 
Militärgrenze andererseits, deren beide Provinzen offiziell zu 
Gallien gerechnet wurden , gab es zahlreiche einigende Be- 
ziehungen. Durch den Verkehr mit dem bunt aus allen Teilen 
des Weltreiches zusammengewürfelten Heere, dessen gemein- 
sames Band die lateinische S]:)rache bildete, war diese am Rheine 
ebenso wie ^m der Mosel zur Umgangss])rache geworden. Nicht 
nur die politische A'erbindung mit Gallien, sondern auch der 
lebhafte Verkehr mit den westlichen Nachbarn, die Durch- 
setzung mit zahlreichen keltischen Elementen, der fortwährende 
Zuzug aus Gallien, während andererseits die Grenze gegen das 
freie Germanien streng abgesperrt war, verschafften der über- 
legenen gallischen Kultur l:)ald das Übergewicht über die naive 
germemische. Dazu kommt, daß die Errungenschaften der 
antiken Zivilisation vom Ende des I. Jahrhunderts ab ihren 
Weg zumeist über (xallien nahmen und so die gallischen Ver- 
mittler iils Vorbilder einer feineren Lebensführung den Ger- 
manen erschienen. Immerhin mögen die Ubier manches Alter- 
erbte zu der sich im Rheinlande entwickelnden Zivilisation bei- 
gesteuert haben. Aber dies ist um so schwerer im einzelnen fest- 
zustellen, iils sie wie die Sugambrer schon in ihren linksrheinischen 
Wohnsitzen mit den Galliern in reger Verbindung waren und 
sich vieles von ihnen angeeignet hatten. So erhält denn das was in 
der Römerherrschaft am Rheine geschaffen wird, ein vorwiegend 



219 



g-allischcs ( u'pränw Wie die Kunst und das Kuu^thandw t-rk der 
Treverer nur als ein Zwriy- der bdi^nschen erscheinen, so folt^t 
auch diis \v£is in KiWn und im Ul^ierlande entstanden ist, den 
Typen von Beljrica, nanienthch in der Skulptur des (Irabschmuckes, 
der Keramik, der Metallarbeit, Emaillerie und (ilasmacherei. 
Köln ist nichts £ds der am weitesten nach Osten \org-eschobenen 
Vorposten der bel^ischcMi Kunst, die in Rou(mi. Amiens, Trier 
und Köln ilirexornehm- 
sten Stütz] )unkte hatte. 
Insbesondert' di<' 
Glasindustrie der Rheiii- 
lande lehnt sich fast in 
idlen Phasen an die Ent- 
wickeln ng der belgi- 
schen an. Die Typen 
und Dt^korationsweisen 
dieser gelten auch für 
jene. Die Xekropolen 
aus den ersten Jahr- 
zehnten des I. Jahrhun- 
derts, die Gräber xon 
I (altern, Xeuß, an der 
Alteburg und an der 
Luxemburgerstraße in 
Köln, teilweise auf 
dem Gebiete, das jetzt 
vom vSüdbahnhofe ein- 
genommen wird, ent- 
halten farbige Gläser, Schcrlx-n xon Millt-hori- und l'berfangglas, 
wie es in Gidlia Narl)()nnensis ülx-rwiegt. Diese Stichen stammen 
aus den ersten Jahrzehnten (Um- rclmischen Okkupation, als noch 
der Weg \-on Atjuileia aus über die Alpen die wichtigste Ver- 
mittelung mit Italien bildete. Das Italische herrscht darum hier 
\-or. Auch in Trier gibt es Grabstätten mit Gläsern italischen 
und alexandrinischen Importes der ersten Kaiserzeit. Dann folgen 
\'om Knde des I. Jahrhunderts ab selbständige Erzeugnisse wie in 
Relgica, in Hohlformen geblasene farblose (iläser. zu Ende des 
IL und im 111. Jahrhunderte u. a. so zahlreiche Kannen des fronti- 




AbV>. 109. Hecher mit Netzwerk. Sammlung Basilewsky. 
Venezianische Arbeit des icS. Jahrh. 



220 

nianischen Typus, daß Cranier \'ersucht war dieser Fiibrik eine 
Zweigniederlassung- in Köln zuzuweisen.-^) In dieser Periode trat 
ein allg-emeiner Aufschwung- auf allen kunstg-ewerblichen Gebieten 
am Rhein hervor, auf dessen Ursachen wir noch zurückkommen 
werden. In ihr wurde auch nicht minder eifrig- die Fabrikation 
von Gläsern mit Reliefs, in Form \-on Xeg-erköpfen, Janusköpfen 
betrieben; die (jefäße in Gestalt hockender Affen mit der Syrinx 
in Händen, diese alexandrinischen Karikaturen auf Merkur, 
scheinen einer Kölner Fabrik zu entstammen. Die Fadenver- 
zierung- nahm in ihnen gleichfalls eine glänzende Entwicklung; 
ihr bestes schuf sie in den formvollendeten Gefäßen mit farbigen 
Schlangenfäden, welche eine Kölner Fabrik zuerst zum .Schlüsse 
des IL Jahrhimderts herstellte und weithin, nach Gidlien, Italien, 
Österreich, selbst bis nach Dänemark \-ersandte. Zum ersten 
Male erscheint in ihnen in Köln das vollkommen farblose feine 
Krystallglas. Fremde Fabriken \ersuchten sich in verg-röberten 
Nachahmungen dieser zierlichen P>zeug-nisse , auch spätere 
Perioden nahmen sie gelegentlich auf Stärker als die anderen 
Glaswerkstätten Belgicas betrieb Trier die Herstellung gravierter 
und geschliffener Gläser, ja das g-roße Bruchstück einer 
Kry Stallglasschale mit einer Darstellung des Wagenrennens im 
Trierer Museum ist wohl die technisch vollendeteste Leistung 
figürlichen Glasschliffes, die wir aus der Antike — von den 
Prachtleistvuigen der Portlandvase und anderer cameenartiger 
Kunstwerke in farbiger Überfangtechnik abgesehen — besitzen. 
Eine Besonderheit Trierscher Werkstätten sind wohl auch die 
wenigen Becher (man kennt deren bisher nur drei ganz erhaltene 
Exemplare) mit ])lastisch aufgelegten Fischen, Konchilien und 
anderen Seetieren \on ebenso naturwahrer wie schöner und ele- 
ganter Bildung, welche zuerst de Rossi Veranlassung- gaben seine 
Überzeugung'- von dem Bestände einer selbständigen rheinischen 
Glasindustrie während der Römerherrschaft auszusprechen. 

Es ist merkwürdig, daß seiner Ansicht gerade von einem 
rheinischen Lokalforscher widersprochen wurde, welchem man 
bisher immer noch das beste, was über die römisch -rheinische 
Glasindustrie geschrieben wurde, verdankt, E. aus'm Weerth. Dieser 



Fr. Cramer, Inschriften auf Gläsern des römischen Rheinlandes, S. 13. 



221 



hat in zalilrtMcheii Aufsätzen die l^'unde antiker (iläser am Rhein ein- 
i^-ehend besprochen und mit den Erzeugnissen Itahens und Galliens 
verg-lichen. Ihm \'erdankt die Wissenschaft in erster Linie die 
Kenntnis jener an Zahl und Kunstwert so bedeutenden Denk- 
mäler, das einseitige Bild, das man sich bisher im Banne Winckel- 
manns und Minutolis von der antiken Glasindustrie gemacht hat, 
die richtige Ergänzung. Durch seine Forschungen hat es sich 
in erster Linie ergeben, dal5 die Ih^rstellung farbigen (ilases, die 
Nachbildung \'on Edelsteinen, 
in der Antike nicht wie man 
früher annahm, die \orherr- 
schende Rolle spielte, daß die 
antike Glasindustrie keines- 
wegs in der Imitation aufging, 
sondern ebenso wie die mo- 
derne alle Eigenschaften des 
(rkises, vor allem die Farb- 
losigkeit und Durchsichtigkeit 
in mannigf^iltiger Weise, mit 
schier unerschöpflicher Ge- 
staltungskraft, auszunützen 
v^erstand. Was m^in früher als 
ein künstlerisches Prinzip be- 
trachtete, die Behandlung des 
Glases als farbige plastische Paste, stellte sich als das erste 
Stadium der Entwickelung heraus, deren weitere Fortschritte 
durch die Erfindung der Glaspfeife und des farblosen Glases 
eingeleitet wurden. Merkwürdigerweise leugnete aber gerade 
der damals beste Kenner der römisch-rheinischen Glasindustrie 
deren selbständige Tätigkeit und versuchte alles auf it^ilische An- 
regungen und Vorbilder zurückzuführen, denen gegenüber die rhei- 
Tiisclien Werkstätten in ])ro\inzieller Befangenheit gebli(»l)en seien. 
Inzwischen hat sich E. aus'm Weerth unter der Fülle der 
Beweise freilich zu de Rossis Ansicht bekehrt, die in den Kreisen 
d(^r rheinischen Sammler längst zustimmende Äußerungen her- 
\orgerufen hatte. Einer von diesen, der \or kurzem verstorbene 
Großkaufmann Heinrich Merkens in Köln, dessen Sammlung bei 
der Versteigerung das Schicksal fast aller Kölner Pri\-atsamm- 




Abb. 



I lo. Tonbecher mit Schuppen 
Köln, Museum. 



lung"en, in alle Windrichtung'en zerstreut zu werden, jjfeteilt hat, 
äußert sich über die Frag"e folg'endermaßen : „Die Glasware nbe- 
züge von Italien nach Gallien mußten die Alpen und schwierige 
Wege überschreiten und werden mannigfache Havarien in ihrem 
Gefolge gehabt haben. Es ist daher bestimmt anzunehmen, daß 
man zur Vermeidung dieser Übelstände und zur Befriedigung der 
Bedürfnisse an Glaswaren in den hochentwickelten, in römischem 
Luxus lebenden .Städten Köln, Trier, Mainz, Worms, Metz usw. 
sehr früh dazu üV)erging unter Leitung römischer Glastechniker 
eine provinzielle Glasindustrie ins Leben zu rufen, die im Laufe 
der Zeit ein selbständiges Gepräge der Geschmacksrichtung und 
des Formensinnes angenommen hat. Die P'ormen der am Rhein 
und im Moseltale gefundenen Gläser haben sämtlich verwandt- 
schaftliche Beziehungen zu und untereinander, zeichnen sich viel- 
fach durch hohe Eleganz der Zeichnung aus vmd berechtigen 
zu der Annahme, daß die \"orfahren der heutigen Franzosen schon 
mit dem Formensinne ausgestattet waren, den ihre Nachkommen 
sich zu bewahren gewußt haben. Kommen wir weiter nach .Süden 
hinunter zu jenen Städten, wo die .Vusgrabungen uns noch fort- 
während Gläser liefern, ich meine u. a. Lyon, Arles, Orange, 
Nimes, so begegnen wir Formen, die bei uns höchst selten oder 
nie vorkommen, während wir jene Formen, welche wir hier als 
landläufig bezeichnen möchten, dort ganz \-ermissen. Es scheint 
sich eben auch in diesen beiden Distrikten ein eigenartig ver- 
schiedener Formensinn entwickelt zu haben. P^in anderes Moment, 
welches für selbständig entwickelte Glasfabrikation in nicht ent- 
liehenen Formen spricht, liegt in der ausgedehnten Tonwaren- 
fabrikiition, welche in römischer Zeit im Rheinlande geblüht hat: 
Es hat sich auch hier ein eigenartiges Gefäß herausgebildet, 
welches nur im Rhein- und Moseltale vorkommt, ich meine die 
schwarzen, zuweilen auch roten Tongefäße mit weißen in Barbo- 
tine oder in Aufguß ausgeführten Trinksprüchen, von welchen 
eine reiche Sammlung im Provinzialmuseum zu Bonn sich be- 
findet. Eine derartige Entwickelung bei der Glasfabrikation ist 
besonders erklärlich bei der weiten Entfernung von Rom ; und 
wenn auch die ursprünglichen Formen nur \'on jenseits der Alpen 
überkommen sind, so sind sie doch unter dem Einfluße des Ge- 
schmackes der Bewohner der Rheingegenden zu anderen Gestalten 



223 



hinübergeführt und entwickelt worden. Für die Ausbreitung der 
diesseitigen Glasindustrie spricht besonders noch die Häufigkeit 
der F^lbrikate der Officina frontiniana." ^) 

Merkens, der keine gelehrten Studien getrieben hat, hielt 
Rom noch für den ausschließlichen Gabenborn der antiken Welt 
und gilb dem Handelswege über die Alpen eine Bedeutung, die ihm, 
besonders vom Ende desl. Jahrhunderts ab, nicht zukommt. Davon 
abgesehen enthalten seine Beobaclitungen \iel richtiges. Freilich 
übertrieb er die Verschie- 
denheit rheinischer iVrbeitiMi 
von den FuikUmi im süd- 
lichen Glühen. In Wirklich- 
keit sind die Grundformen 
durchaus gleichartig, beson- 
ders, was ich noch einmal 
betonen möchte, die Belgicas 
des Mosellandes und Kölns. 
Lokale Eigentümlichkeiten 
sind freilich bei Einzelhei- 
ten, bei der Vorliebe für ge- 
wisse Typen u. a. wahrzu- 
nehmen , im allgemeinen 
aber gründen sich die von 
Merkens her\'orgehobenen 
Unterschiede auf die zeit- 
liche Entwickelung. Was er in Südfrankreich oft beobachtet und 
in Köln selten gefunden hat, sind die Importgläser in griechisch- 
italischen Formen, welche für die ersten Jahrzehnte charak- 
teristisch sind. Treffend ist sein Hinweis auf die Keramik. In 
ihr vereint sich nämlich neigen der Bronzetechnik am deut- 
lichsten, was sich von alteinheimischer Tradition erhalten hat und 
gegen die im])ortierten Formen des mittelmeerländischen Kunst- 
stiles ankämpfte. .Vus dem unerschöpflichen Brunnen der Keramik 
tränken auch die gallisch-rheinischen Glasmacher ihre Phantasie. 

*) Mitgeteilt von C. Bone in einem Aufsatze über die Glassammlung Merkens 
im Bonner Jahrh. 8i (_i886) S. 53 f. Vgl. C. Friedrich im Sprechsaal 1S82, No. 27 
und Zeitschrift d. bayr. Landesausstellung zu Nürnberg No. 71; E. aus'm Weerth, 
Bonner Jahrb. 67 S. 156. 




.•\bb. III. 



Becher aus Terra sigülala. 
.\us Arbere. 



224 

Der Barbotinetechnik verdanken die kölnischen .Schkmgenfaden- 
muster ihre PZntstehung-, ebenso wie die Becher mit Eindrücken, 
Rippen und Falten, die Siegesbecher mit Reliefs, die Kopfgläser 
und Trinkhörner von der Keramik vorg-ebildet sind. Merkens irrt 
aber, wenn er die gallischen Trinkbecher mit Sinnsprüchen dem 
Rhein- und Moseltale zuweist, sie sind in Belgica entstanden und 
haben wie ich S. 84 nachgewiesen habe, ihre Form äg}'ptischen 
Tonbechern der Ptolemäerzeit entlehnt.^) 

Häufiger als anderwärts sind in Trier und Köln die Gläser 
mit Fassettenschliff, der oft sehr reiche, überraschend an moderne 
Arbeiten erinnernde Rosettenmuster bildet, Becher und flache 
Teller ^lus Krystallglas, die zu Ende des III. und im IV. Jahr- 
hundert so dekoriert wurden. Viel ausgedehnter ^ds in den 
AVerkstätten der nördlichen Belgica wurde im IV. und noch tief 
in das V. Jahrhundert hinein die figürliche Dekoration durch 
Gravierung und Schliff betrieben, häufig in Verbindung mit 
Vergoldung und Bemalung. Mehr cds die Hälfte dieser Arbeiten 
gehört dem christlichen Kunstkreise an. 

Den Triumph der Glasschleiferei bildeten jene vielbewun- 
derten Becher, die mit einem nur leicht mit dem inneren Glas- 
körper verbundenen kunstvollen Maschennetze umgeben sind, 
das mit dem Schleifrade ausgearbeitet ist. Man hat sich seit 
Winckelmann daran gew^öhnt, diese geschliffenen Xetzgläser 
„Vasa diatreta" zu nennen, obwohl unter dieser Bezeichnung in 
der antiken Literatur alle mit dem Schleifrade und Griibstichel 
bearbeiteten Gläser, also auch die Überfanggläser, im Gegen- 
satze zu den geformten zu verstehen sind. Die meisten dieser 
seltenen und kostbaren Arbeiten sind im Rheinlande gefunden, 
Köln oder Trier, vielleicht beide Städte dürften neben einer 
unbekannten italischen Werkstatt den Ruhm ihrer Herstellung 
beanspruchen können.-) Überhaupt traten im IX. und V. Jahr- 



^) .Auch die Tonbarholine kommt aus Ägypten. Die ägypt. Abteilung des 
Berliner Museums erwarb Vor kurzem aus dem Kunsthandel Stücke, welche eine über- 
raschende Ähnlichkeit mit rheinischen Arbeiten haben. Vgl. Poppelreuter, Die röm. 
Gräber Kölns, Bonner Jahrb. 114/ 115 S. 348. 

-j Vgl. Friedrich im Sprechsaal 1882, Nu. 27, und Zeitschr. der bayr. Landes- 
ausstellung zu Nürnberg, No. 71. Ausführlich werden diese Gläser in .Abschnitte VIII 
behandelt. 




paiiHioüöoyyöö^aifi 




lumdert die rheinischen Werkstätten ^-ei^iMi (he der nordhchen 
und westhchen Belg^ica in den \"orderg-rund. Letztere erlahmten 
zwar nicht in der Produktion, verleg-ten sich £iber mehr auf die 
l)untfarbig"e Zickzack- und Spiralfaden Verzierung- sowie auf die 
Auflage großer, ziemlich derber Xuppen. In kölnischen Werk- 
stätten \vurd(^ damals im Wetteifer mit Rom und dem ()rient 
die Malerei auf (ila^ gepflegt, 
Becher. Platten, ganze Kästchen, 
einzelne Medaillons mit Emailfar- 
ben bemalt, nach .Vrt der Fondi 
d'oro Sgraffitti auf l^lattgold aus- 
geführt. ttMlweise gleichfalls be- 
malt und mit einer Schichte durch- 
sichtigen Glases überfangen. Auch 
dieser künstlerisch hochstehende 
Zweig der kölnischen Glasindustrie 
wurde zuerst von de Rossi als 
selbständige Tätigkeit rheinischer 
AVerkstätten erkannt. Daneben 
zog sich, gleichzeitig mit den 
syrischen Massenprodukten dieser 
Art, bis in die fränkische Zeit die 
erneute Tc^chnik der farbigen 
Faden- und Xuppenverzierung. 
Die Freude am farbigen Glase, 
welche die Anfänge der Industrie 
gekennzeichnet hatte, erwachte 

zum Schlüsse von neuem. Manche .\rl)eiten mit l-'arnkrautmuster 
altägyptischen Stiles, freilich nur leicht aufgemalt, nicht in die 
Masse eingedrückt, können sich in ihrc^r Zierlichkeit und Far}:)en- 
pracht solchen des I. Jahrhunderts an die StMte stellen: im all- 
gemeinen aber versagte bereits der G(\schmack und die tech- 
nische Geschicklichkeit. Es sind plumpe, derbe Stücke von hand- 
festem Kaliber, die Fäden des Zickzacks dick und unregelmäßig, 
die I-'ormenbildiuig sorglos, die Farben unrein und stum])f An 
die Stelle von Purpurrot, d^is man offenbar beabsichtigte, trat 
trübes Violett, an Stelle von Grün schmutziges Oliv. vSo ging 
die Industrie in fränkische Zeit hinein. 

Kisa, Das Glas im Altertume. jr 



Abb. 112. Becher mit aufgesetzter 
farbiger Weinranke. Louvre. 



226 

Die gallischen Glasmacher, welche um die Mitte des I. Jahr- 
hunderts nach Trier, Köln, Worms kamen, um hier ihre Hütten 
aufzuschlagen, fanden im Lande an verschiedenen Orten zur 
Glasbereitung geeigneten Sand, in besonderer Ausdehnung und 
Güte auf der Strecke zwischen Xi\elstein und Herzogenrath im 
Gebiete der Aduatuker, wo noch jetzt die Spiegelfabriken von 
Lüttich (.St. Lambert) und vStolberg sich versorgen. Dieser Lim- 
stand mag die hohe Entwickelung der Werkstätten im nahen 
Köln ganz besonders begünstigt haben. ■'^) Reste von Glas- 
werkstätten hat man an verschiedenen Orten gefunden, in der 
Hochmark (Eifel), ferner bei Trier, bei Worms, an der Nahe und 
in Köln (s. vS. 12). Hier stieß man 1885 in der Gereonsstraße 
gegenüber dem Palaste des Erzbischofes bei einem Kanalbau in 
der Tiefe ^■on etwa i ^/.> Metern auf ausgedehnte Überreste hell- 
grüner durchsichtiger Fritte. Man begnügte sich leider damit, 
einige Wagen mit dieser Masse zu beladen und sie aus dem 
Wege zu räumen, ohne sich um etwa vorhandene Spuren eines 
Schmelzofens zu bekümmern. Die Fundstelle wurde nach Voll- 
endung der Kanalarbeiten zugeschüttet und harrt noch einer 
planmäßigen Aufdeckung, die vielleicht ganz interessante Ergeb- 
nisse liefern würde. '"} 

So groß auch die Ausbeute an Gläsern in den römischen 
Nekropolen Frankreichs und Belgiens sein mag, so wird sie 
doch durch die der rheinischen noch übertroffen und hier 
ist insbesondere der Boden von Köln der ergiebigste. Zu 
Tausenden zählen die Funde von den einfachen Gebrauchs- 
^läsern bis zu den Erzeugnissen des feinsten Luxus, welche 
allein im Laufe der letzten 40 Jahre aus den Gräbern der 
alten Colonia Claudia Agrippinensis Augusta (C • C • A • A) wieder- 
erstanden sind. Das Museum Wallraf-Richartz hat in kaum 
einem Jahrzehnte ausschließlich aus kölnischen Lokalfunden 
die größte Sammlung antiker Gläser unter allen Museen des 



^) Vgl. E. aus'm Werth, Bonner Jahrb. 67, S. 156. 

■') Nach Mitteilung des Altertümerhändlers Robert Becker, welcher bei dem 
Funde anwesend war und einige Stücke der Fritte an sich nahm. Ein großer Klumpen 
von ihr befindet sich bei Konsul C. A. Xießen, dessen Sammlung römischer Alter- 
tümer zahlreiche römische Gläser, zumeist Kölner Herkunft, enthält. Vgl. mein Ver- 
der römischen Altertümer von C. A. Nießen. 2. .^ufl. Köln 1896. 



Festlandes, Italien nicht ausi^-enoninien. zusamineniufebracht. ^) 
Zu der ()ff(Mitlirh(Mi SannnluiiL;" kommen noch /ahlrcichc ])rivate, 
die namentlich zur Zeit der Stadterweiterunj^ entstanden, als die 
P>darlieiten bei der Anlage der neuen Stadtteile, des Kanalnetzes, 
des West- und Südljalnihofes, des Augusta-I lospitales die alten 
(irabfelder aufwühlten und die Massenhaftig-keit i^leichzeiti^'^er 
I'unde eine Überwachuntj- ch^r Arbeiter erschwerte. Die <^-r<"")P»te und 
hervorrag-endste vSammluns^- kölnischer 
Gläser war die \"on Discli, welche^ nach 
dem Tode des Besitzers \-ersteij4'ert und 
überallhin verstreut wurde.") Disch be,i,'"ann 
zu sammeln als der I)om])au den Sinn für 
die \'erg-ani^"enheit neu belebte. Seine 
Sammlung entstand Ende der fünfziger 
Jahre des vorigen Jahrhunderts aus Anlaß 
der Auffindung der berühmten Patene von 
St. Severin, die später für 6400 Mark an 
das Britische Museum \erkauft wurde. 
\Veder die Sammlung Char\'et noch die 
Slades konnten sich mit ihr ^'ergleichen. 
Sie zählte 2583 Nummern, darunter 
432 reimische Gläser. Auf diese allein 
kamen bei der \'ersteigerung über 
52000 Mark. Das Schicksal der gänz- 
lichen Auflösung teilten nach dem Tode 

der Besitzer die Sammlungen J. H. ^Volff, E. Herstatt. F. Greven, 
Forst, Merkens.'') Jetzt bestehen noch die Sammlungen Gramer, 
Reinbold, Xießen, M. vom Rath inid mehrere andere, von 
welchen besonders die beiden zuletzt genannten xon lierxor- 




Abb. 113. Oenochoi- mit farbi- 
gem Fadenschmuck. Brüssel, 
Musee du Cinquantenaire. 



') Vgl. Führer durch das städt. Museum Wallraf-Richartz i<>02, S. 30, und meinen 
Aufsatz: Rom. Ausgrabungen in der Luxemburgerstraße in Köln, Bonner Jahrb. 99 (1S95). 

-) Vgl. F. aus'm Werth, Die Disch'sche Sammlung antiker (Maser. Bonner 
Jahrb. 71, S. 119 ff., mit Lichtdrucktafeln und Textillustrationen. 

") Mit dieser Sammlung beschäftigt sich C. Bone a. a. O. Mehrere Stücke 
aus ihr habe ich in dem .\ufsatze über die Anfange der rheinischen Glasindustrie, 
Zeitschrift d. bayr. Kunstgewerbevereines 1S96, mit zwei Lichtdrucktafeln und Text- 
illustrationen veröffentlicht. Vgl. auch den Auktionskatalog Merkens, Bonn 1905, 
mit Einleitung von C. Poppclrcutcr und Westdeutsche Zeitschrift f. ('•. u. K. 
]. 1882, S. 272 f. 



228 

ragendem Werte sind/) Sehr viele kölnische Gläser enthält 
die hochbedeutende Sammlung des Freiherrn von Heyl in 
Worms, die des Freiherrn \'on Fürstenberg -Stammheim auf 
Schloß IJerff, die Museen von Bonn, Worms und Mainz, das 
Germanische Museum in Nürnberg, der Louvre, das Britische 
Museum und das Kensington-Museum in London, das historische 
Museum in Düsseldorf, das Museum auf der Saalburg u. a. Auch 
in die jetzt im Britischen Museum befindliche Sammlung- Slade, 
in die von Charvet, jetzt im Metropolitan-Museum zu New-York, 
in die von Iloffmann in Paris, von Basilewsky und Stroganow 
sind zahlreiche rheinische, namentlich kölnische Gläser gekommen. 
Schon die unvergleichliche Menge der Funde kennzeichnet 
Köln nicht nur als Ilauptsitz der römischen (ilasindustrie 
am Rhein, sondern als den der gesamten westlichen Hälfte des 
ehemaligen Imperiums. Sie sind fast ausschließlich aus den 
Grabfeldern hervorgegangen, welche die großen Straßenzüge 
von den Toren der Stadt l)is weit in die Umgebung hinaus be- 
gleiteten. Von diesen führte eine von der Hohen Pforte, dem 
ehemaligen Südtore, durch die jetzige Sev^erinsstraße über das 
gleichnamige Tor hinaus, den Rhein enlang gegen Süden, zu- 
nächst zur Alteburg, der ehemaligen Station der römischen 
Rheinflotte. Das Kastell, dessen Fundamente vor einigen Jahren 
wieder aufgedeckt wurden, hatte im Westen seinen eigenen 
Begräbnisplatz, in welchem Gläser aus den ersten Jahrzehnten 
der Römerherrschaft gefunden wurden.") Das Grabfeld von 
St. Severin gehört den späteren Jahrhunderten an und enthielt 
namentlich christliche Gläser vom I\'. und A". Jahrhundert, darunter 
kostbare bemalte Gläser und Fondi d'oro. Auch die merkwürdige 
Sigillataschale, die von der gewöhnlichen Übung abweichend, 
Reliefschmuck auf der konkaven Innenseite zeigt, Orpheus umgeben 



\) Beide sind von mir katalogisiert. Über die Sammlung Nießen vgl. Note 2 
auf Seite 226. Die Sammlung der Frau Maria vom Rath, die nur antike Gläser von 
künstlerischer Qualität enthält, habe ich unter dem Titel „Die antiken Gläser der 
Frau Maria vom Kath in Köln", Bonn 1S90 mit 32 Tafeln veiöffentlicht. Das Werk 
enthält außer den Beschreibungen in der Einleitung einen historischen Abriß ,,Zur 
Geschichte und Technik der antiken Glasindustrie''. 

-| Vgl. General Wolff, Das Kastell Alteburg bei Köln. Auf Grund der letzten 
Nachgrabungen wird vom Museum Wallraf-Richartz eine neue Veröffentlichung vorbereitet. 



229 

von vielen Tieren, ist in diesem (iräberfelde zum W)rscheine s^e- 
kommen.') In der (jeg-end des iM;uirizius-St(Minvei^es beg^ann die 
Straße nacli l'rii^r und Reims, die jetzige Luxemburger Straße. 
Sie war eine Strecke weit von der Wasserleitung begleitet, 
welchi^ dit^ Quellen des \^orgebirges der Stadt zuführte und am 
jetzigen Neumarkte eine große Piscina sjKMste. l)i»> Funde ihres 
besonders ausgedehnt(Mi Gräberfeldes, das durch \ier Jahrhun- 




\bb. 114. ( lläscr mit farbigen Schlangenfätien. Köln, Sammlung M. vom Rath. 



dertt^ benutzt wurde, sind in folgendem näher beschrieben. Die 
(iläser zeigen hier fast alle während der Rcnnerherrschaft üb- 
liihcn T-'onnen. mit Ausnahme geschliffener und bemalter .Stücke, 
die l)is jetzt wenigstens an dieser Stelle fehlen. Das dritte (iral)- 
feld zog sich die Aachener .Strafte entlang, welclie in der jetzigtMi 
Mittelstralie an St. A])()sleln begann. Die letzte I laujjtstralle führte 
xon der sog. Porta I'a])hia. dem \ iell)es])rochenen römischen Xord- 
tore \or der Fassade (le-> Domes, über die Marzellenstraße durcli 
die lugelsteint()r])urg inid die jetzige X(ml')er Straln» entlang gegen 
Norden, nach dem I .egioiislager von Xeul). 



\i Vgl. meinen Aufsatz ,, Seltenheiten in Terra sigillata" in der Zeitschrift des 
t Jsterr. Museums, Kunst und Kunsthandwerk, Wien 1906. 



230 

Eine der erg"iebi^sten Fundstätten von Gläsern ist die Luxem- 
burgerstraße, die einst nach Trier und Reims führte. Von der 
vStadtmauer an bis zu der Stelle, wo jetzt das „Weiße Haus" 
steht, wenn nicht weiter, reihten sich zu beiden vSeiten die Wohn- 
stätten der Toten, über dem Boden durch einfache Stelen oder 
Grabsteine in Form kleiner Kapellen, durch skulpturengeschmückte 
vSockel, durch vSäulen mit einem Pinienzapfen, durch Gebäude in 
Form eines kleinen Tempels, eines Tumulus und andere Grab- 
mäler bezeichnet. Hier war schon im X\TII. Jahrhundert der 
prächtige Sarkophag des Severinius Vitealis mit Reliefs aus dem 
Mythus des Herkules zum Vorscheine gekommen, später die 
reichverzierte Aschenkiste des Julius Speratus, eine Statuette des 
thronenden Juppiter, der Grabstein des Freigelassenen Messulenus 
und eine Menge von Gegenständen des Schmuckes und Haus- 
rates, die den Toten ins Grab beigegeben worden waren. Diese 
Funde befinden sich jetzt sämtlich im Museum AVallraf-Richartz. 

Als vor etwa 30 Jahren ein Teil des Geländes für die Stadt- 
erweiterung und ^Vnlage des Südbahnhofes freigemacht worden 
war, fand man Gelegrenheit eine ausgedehnte Strecke des Gräber- 
feldes im Zusammenhange zu verfolgen. In einer Tiefe von 2 m 
imd unregelmäßigen Abständen von durchschnittlich i m lagen 
dort zylindrische und quadratische Aschenkisten aus Kalkstein, 
welche Aschenurnen aus Ton und Glas, mit den Resten ver- 
brannter Leichen dann Münzen, Tonlampen, Schmuckperlen, sowie 
andere, außerhalb der Urne liegende Totenbeigaben, zumeist zwei 
bis drei kleine Tonkrüge, Tränenfläschchen, andere Fläschchen 
und Kännchen aus Glas, bronzene und tönerne Lampen, Schmuck- 
siichen u. a. enthielten. Die Gegenstände gehören der .Zeit der 
('laudier und der flavischen Kaiser an, die zierlichen farbigen Glas- 
kännchen darunter der Periode italischer Einfuhr, die sonst in Köln 
nur auf der Alteburg und der Arnoldshöhe, dem Gräberfelde der 
Bonner Straße, vertreten ist. Fünf Jahre später gelang es bei einem 
Umbau an der Ecke der Hochstadenstraße die Reste eines großen 
Monumentes in Form eines Tempels zu heben, dessen Giebelfeld 
mit zwei die Weltkugel haltenden Steinböcken verziert ist, wahr- 
scheinlich das Grabmal eines höheren Offiziers der 22. Legion, 
die den Steinbock als Fahnenabzeichen trug und zwischen den 
Jahren 7 1 und 1 20 in Köln stand. Schräg gegenüber an der 



231 

linken Straßrnst'itt- lai^rn die Trümmer eines anderen Säulen- 
baues. Die (xrabstätten dieser (iegend waren unregelmäßig- 
neben- und übereinander gereiht und enthielten sowohl Brand- 
wie Skelettgräber aus verschiedenen Zeiten der Römerherrschaft. ^) 
Einem Skelettgrabe des 1\'. Jahrhunderts entst^immt die schöne 
Schnalle des Ausonius. eines Namensvetters des l)i(lilers der 




Abb. 115. Gläser mit farbigen Schlan^enfäden. Köln, Sammlung M, vom Kath. 

Mosella, ein Opus interrasile in Silber, das bemerkenswerte Auf- 
schlüsse über die Entwickelung des Arabeskenornamentes gab") 
sowie ein mit Silber tauschiertes Tintenfaß. Einem Skelettgrabe 
des III. Jahrhunderts waren zwei zierliche Kannen in Form \-on 
Weintrauben aus farblosem (jlase, eine Muschelkanne aus gleichem 
.Material (Abb. 46, 48), ein großes Exem])lar \om Fäßchentypus 
mit dem Stem])el FR( )X und eine dlaskamie beigegeben, deren 



') Vgl. meinen bereits zitierten Aufsatz über die Funde in der Luxemburger Straße. 
Neuerdings hat J. Poppelrcuter in einem Aufsatze über „Die römischen (jräber Kölns", 
Bonner Jahrb. 114; 115, S. 345 ff. einen Teil dieser Funde behandelt. 

') Abgebildet Bonner Jahrb. 99, T. I, Fig. i. Näheres über das Opus interrasile in 
meinem Aufsatze „Die römischen .\ntiken in Aachen", Westdeutsche Zeitschr. XXV, S. 70 f. 



232 

Körper kegelförmig nach unten sich erweitert (x\bb. 47); die breite 
mit einer Ausgußdille versehene Mündung ist mit einem dicken 
zjickigen Glasfaden verziert, der über dem Ansätze des flachge- 
rippten Henkels eine große aufrechtstehende Schleife bildet. Die 
prachtvolle metallisch glänzende Iris läßt diese Kanne wie ein 
blankpoliertes Gefäß aus vSilber erscheinen. Diese Beigaben ge- 
hörten zu einem Sarkophage aus rotem Sandstein, der im Inneren 
nur noch Knochenreste enthielt. Alan konnte deutlich feststellen, 
daß er schon früher teilweise bloßgelegt und vom Kopfende aus, 
das man durchgeschlagen hatte, beraubt worden war. Bei dieser 
Gelegenheit hatte man entweder die nächste Umgebung des Sarges 
nicht gründlich untersuchen können oder vielleicht absichtlich einige 
Gegenstände aus dem Inneren daneben gestellt, weil sie für den 
Schatzgräber keinen Wert hatten, nämlich ein Holzkästchen mit 
gest^lnzten bronzenen Beschlägen, das inzwischen vermodert war. 
und die genannten Gläser. 

Nicht weit davon lag in einem Skelettgrabe derselben Zeit 
eine große Zvlinderkanne aus farblos durchsichtigem Glase, die in 
drei Reihen übereinander mit phimtastisch gewundenen Schlangen- 
fäden verziert ist. Das Muster wiederholt sich in jeder Reihe 
fünfmal mit geringen Abweichungen. Der Faden, aus welchem 
es gebildet ist, ist gleichfalls farblos, an einigen Stellen platt- 
gedrückt und quer gerieft. (Abb. 49). Die Technik ist dieselbe, 
wie an einigen gestielten Schöpfschalen, die schon früher gelegent- 
lich in dem Grabfelde der Luxemburger Straße gefunden worden 
waren. Sie zeigt sich in hoher Vollendung auch an der schönen 
Pilgerkanne, welche im Verlaufe der Ausgrabungen in einem be- 
nachbarten Sarkophage, wohl vom Ende des IL Jahrhunderts, jenseits 
der Hochstadenstraße zum Vorscheine kam. (Abb. 1 20 u. Tafel Uli. 
Auch sie bildet wie die anderen Funde jetzt eine Zierde der 
Altertümersammlung des Aluseums Wallraf-Richartz. Leider ist 
sie nicht ganz erhalten und in mehrere Stücke gebrochen, die 
aber ziemlich gut zusammengefügt werden konnten. Der Körper 
ist plattrund und beiderseits mit einem Rosettenornamente ver- 
ziert, das aus opakweißen, azurblauen und vergoldeten Glasfäden 
aufs feinste geschlungen ist. Die Vergoldung ist dadurch erzielt, daß 
der heiße Glasfaden durch Blattgold gezogen wurde, so daß Teile 
an diesem haften blieben. Das Ornament besteht aus einer dicht 



^33 



g'eschlossenen Goldspirale, von welcher \"ier blaue Diag"onalrippen 
mit rundg-ezackten g-oldenen Blattumrissen auslaufen; zwischen 
diesen sind blau-weiß-g-oldene Gehäng-e mit flatternden weißen 
Bändern angebracht. ()])akweiß sind die Fäden, welche den Rand 
des langen, leicht in Trichterforni erweiterten I lalses sowie die 
an einem kurzen Knotenstengel ansitzenden Fußplatte umziehen. 
Von derselben Farbe ist auch der breite zackige Faden, welcher 
die beiden halbrunden Henkel hinanläuft 
und oben eine kleine Schlinge bildet, blau 
der ebenso geformte an der Peripherie 
des kreisförmigen Körpers. Erstaunlich ist 
die Sicherheit, mit welcher hier der Arbeiter 
den dünnen Faden handhabte, die vSpirale 
wand, die Wellenlinien der Blattumrisse 
beschrieb und ihn bei der feinen und \-er- 
wickelten Zeichnung stets an die richtige 
Stelle setzte. Nachträgliche A'erbesserun- 
gen sind ja bei dieser Technik so gut 
wie ausgeschlossen. Der Direktor der rhei- 
nischen Glashütten - Aktiengesellschaft in 
Köln-Ehrenfeld. C. Rauter, der zahlreiche 
römische Gläser vortrefflich nachg'ebildet 
hat, verzichtete auf die Kopie dieser Kanne 
wegen Mangels an geschulten Arbeits- 
kräften und bezweifelte selbst, daß es 
deren heute in Murano gebe. In demselben 

Grabe befanden sich noch die Bruchstücke einer zweiten ganz 
gleichen Kanne, Bronzeplättchen mit gestiuizten Medaillons, die 
zum Beschläge eines Kästchens gehörten, sowie ein Glasgefäß 
in (iestalt eines Schweinchens aus azurblauem (jlase, die Beine 
und Ohren gelb aufgesetzt, der Rücken anstatt der Borsten mit 
einem opakgelben Wellenfaden geschmückt. (Abb. 103). Eine 
Kanne mit Fadenrosetten, den gen^mnten ganz ähnlich, wurde 
auch in Straßburg gefunden und ist in die dortig*^ Altertümer- 
sammlung eingereiht. 

Die lange Reihe der Gräber war ehemals durch eine Schenke 
unterbrochen, in der sich müde Wanderer, die des Wegs von Reims 
oder Trier herkamen, stärken konnten. In ihr stand das riesige, fast 




Abb. 116. Helmglas mit 
Fadenverzierung. Köln, 
Museum Wallraf-Richartz. 



234 

I m im JJurchmesser haltende Doliuni aus Ton, ein Weinfaß, das 
nach pompejianischen Vorbildern wahrscheinlich bis an den Rand 
in den Schanktisch eing-elassen war. Aus ihm wurde der his- 
panische Wein, der im Rheinlande mit Vorliebe getrunken wurde, 
mit Schöpfkellen herausg-eholt und in die Becher g"efüllt. Am 
Rheine selbst g"^ib es zur Römerzeit noch keinen Weinbau, wohl 
aber an der Mosel, doch reichte dieser nicht für den g-anzen 
Bedarf durstig'er Legionäre und Ubier hin. In manchen Geg'en- 
den Italiens, aber auch in Skandina\ien, seihte man den Wein, 
während man ihn in den Becher g'oß, durch ein bronzenes Sieb. 
Am Rhein scheint diese Sitte weniger in Übung- g-ewesen zu sein, 
da solche Siebe selten g-efunden werden. 

In den Jahren 1897 und 1898 erschlossen die Arbeiten zum 
Bau der Vorg-ebirg^ebahn eine weitere Strecke des gewaltigfen 
( Gräberfeldes, vorerst auf der linken Straßenseite, dann auch auf 
der rechten. Auf jener wurde das Gelände in einer Läng^e von 
220 m und einer Breite von durchschnittlich 6 m durchforscht. 
In seinem östlichen Teile stießen wir zuerst etwa 0,50 m unter 
der jetzigfen Oberfläche auf zwei lange Parallelmauern, die der 
Straße entlang liefen und aus (irauwackensteinen ohne Verband 
und Mörtel etwa 40 cm tief und 60 cm breit angelegt waren. 
Sie wurden in Zwischenräumen von 2 — 3,50 m durch 1,50 m lange 
Ouermauern gleicher Art Aerbunden. Die so gebildeten recht- 
eckigen Abteilung-en enthielten Brandgräber; in den noch nicht 
geplünderten stand die runde tönerne Urne, die (Jlla, mit den 
Resten des verbrannten Leichnams, daneben die üblichen Bei- 
gaben vom Hausrate des Verstorbenen, Schmucksachen und 
Münzen sowie die Überreste des Holzsarges, in welchem dieser 
vor der eigentlichen Bestattung verbrannt worden war, Holzkohlen 
und eiserne Xägel. Die Beigaben lassen das Alter dieser Gräber 
auf die zweite Hälfte des I. Jahrhunderts bestimmen. Derartige 
unterirdische Friedhöfe mit zusammenhängenden , \-on leichtem 
Mauerwerk umfriedeten Grabstätten sind in verschiedenen Teilen 
des Römerreiches zum Vorscheine gekommen, in Deutschland z. B. 
auch in Moschenwangen (Amt Regensburg). Wahrscheinlich ent- 
hielt das 1886 leider ungenügend erforschte Grabfeld, das sich auf 
der linken Seite der Aachener Straße zwischen dem Hahnentor 
und dem neuen .Vachener Tore hinzog, auch solche Anlagen. 



235 



GejJ-en Osten schlössen sich ebenso wie gei^-en W't^sten in 
der Luxemburger Straße an die umfriedeten Grabstätten stärkere 
rechtwinkelige Grundnumern für überirdische Grabbauten an. 
Funde \on farbigem Wandverjnitz sprechen für eine reiche Aus- 
stattung des Innern: \on der äußeren Gestalt einzelner geben 
(iesimsstücke mit Akainhuskonsolen. Säulenreste mit Pinien- 
schuppen und Skulpturfrag- 



^/f 



mente Zeugnis. Unter die- 
sen befindet sich der Torso 
einer Kalksteingruppe des 
Aeneas, der seinen Vater 
Anchises auf den Schultern 
trägt und den kleinen As- 
canius an der Hand geleitet. 
Ahnliche Gruppen wurden 
schon früher in Köln zwei- 
mal gefunden. Ein größeres 
Grabmal war \-on einer 
S])hinx bekrönt, neben wel- 
cher zwei sprungbereite Lö- 
wen sitzen, den Gruppen in 
den IMuseen von Bonn luid 
Trier verwandt. Ein lebens- 
großer Frauenkopf aus Kalk- 
stein und der gleichfalls 
lebensgroße Kopf einergalli- 
schen Matrona gehören zu 
Statuen, welche der Zerstö- 
rungswut der Franken oder 

der Baulust des ^Mittelalters ebenso zum Opfer gefallen waren, 
wie die oberirdischen Mauern der Grabmäler und der größte 
Teil der ( iriibstelen. Was \on letzteren in diesem Teile der 
Xekropole erh^dten ist, gehört gleichfalls der zweiten Hälfte des 
I. Jahrhunderts an und ist epigriiphisch von großem Interesse. 
Auf einem lernen wir einen Q. Vesinius \"erus kennen, der Zim- 
mermeister der dritten Centurie einer ungenannten Legion war, 
auf einem anderen wird C. FVontinius Candidus als Kölner Bürger, 
civis Agrippinensis, bezeichnet, ein dritter ist dem O. Pompeius 




Abb. 117. Trulla mit farbigen Schlangenfiiden. 
Köln. Museum Wallraf-Richartz. 



2 36 

Burrus aus Forum Julii, dem heutigen Cividale im Friaulischen 
gewidmet, einem Soldaten der 15. Legion, die von Claudius bis 
Traian in Germanien stand. 

In den mehr als 100 bis zum Jahre 1898 hier aufgedeckten 
Grabstätten waren verschiedene Arten der Bestattung \'ertreten. 
Die erste bis in den Anfang des III. Jahrhunderts geübte Art ist die 
der Leichenverbrennung. Diese war bereits vor dem Eindringen 
der Römer bei einigen gallischen Stämmen üblich gewesen, wurde 
dann aber herrschend. Die hierbei üblichen Gebräuche, das pomp- 
hafte Leichenbegängnis, derUstor, der Brandmeister, die Proeficae, 
die Klageweiber, die zahlreichen bezahlten Begleiter, die Parfüms, 
Libationen, die reichen Beigaben \-on Gefäßen, Hausgeräten, 
Schmucksachen machten die Bestattung namentlich für vor- 
riehmere Kreise sehr kostspielig. Teuer war auch das heilige 
Holz des Scheiterhaufens, besonders der Taxus, den man seit 
dieser Zeit noch heute gerne auf Friedhöfen pflanzt.^) Die Ver- 
brennung des Leichnams erfolgte, wie dies an der Luxemburger 
Straße deutlich zu sehen war, an einer bestimmten Stelle des 
Friedhofes in dem Ustrinum, in einer Grube, manchmal auch 
dicht neben dem Grabe, wenn hierzu genug Raum \orhanden 
war. (rroße zusammengehäufte Stücke von Holzkohle, die Er- 
hitzung des Lehmbodens zu einer ziegelartigen Fläche, zahlreiche 
im Feuer zerschmolzene Gläser machten diese Stellen kenntlich. 
Daß die \"erbrennung und Bestattung der Leichen außerhalb 
der Städte vorgenommen werden müsse, war durch die Zwölf- 
Tafel -Gesetze geboten. Xacli der \"erb rennung wurden die 
Knochenreste sorgfältig von den Verwandten gesammelt und in 
Urnen von \erschiedenen Stoffen und Formen getan. Die ärmeren 
Klassen bedienten sich dazu der großen runden Deckelurnen aus 
Ton, in Ermangelung eines Deckels legte man auch einen gewöhn- 
lichen Ziegel über sie. .Sklaven mußten auf jedwede Urne ge- 
wöhnlich verzichten und sich mit einigen Schaufeln Erde be- 
gnügen. An die Stelle der Urne trat manchmal eine zvlindrische 
oder quadratische Kiste aus Jurakalk oder Tuffstein aus dem 
Brohltale. Wohlhabendere benutzten Aschenürnen aus Glas, 



■') C. Boulanger, Le mobilier funerairc galk)-romain et franc cn Picardie et 
Artois. St. Quentin 1O05. p. X\'II ft". 



237 



•h. 



deren Formen s])äter näher beschrieben werden. Diese erhielten 
oft einen Schutz in l'"orm einer gleichfalls zylindrischen oder 
quiidratischen Kiste aus Stein oder Blei, mitunter auch in Form 
einer größeren Tonurne. So wurde sie in einen hölzernen Be- 
hälter getan und danebtMi irdene Gefäße mit Lebensmitteln zur 
Wegzehrung, dlasgefäße mit Wein, Wasser und wohlriechenden 
Ölen. Opfergaben verschiedener, oft kostbarer Art, Münzen u.a. 
getan. Das b'ahrgeld für C'haron wurde _^ 

außerdem dem Toten in F^orm einer Bronze- /?* 

münze auf die Zunge gelegt, nach Ver- 
brennung der Leiche mit den Knochen 
aufgelesen und in der Urne \'erwahrt. Bei 
Skelettgräbern steckt die Charonsmünze oft 
noch zwischen den Zähnen der Toten, die 
ich in einigen Füllen \'on der grasgrünen 
Patina angesteckt fand: gewöhnlich ist sie 
aber bei der Verwesung herabgeglitten 
und unterhalb des Kopfes am Sargboden 
liegen geblieben. Je nach dem Wohlstande 
und der Anhänghchkeit der Hinterbliebenen 
fügte man auch silberne Löffel, F^ibulae, 
Nadeln, Ringe, Spiegel, Lampen aus Ton 
und Bronze und andere (xegenstände des 
1 Ixiusrates und der Toilette hinzu. ]\Linch- 
mal wurde der Leichnam, besonders der 
von Frauen, mit allem irdischen Schmucke 
verbrannt, der dann teilweise geschmolzen 

und unkenntlich geworden ist. Auffallend ist, daß sich am 
Rheine die Legionäre niiMuals in militärischer Ausrüstung, son- 
dern in bürgerlicher Tracht bestatten und häutig- auch auf den 
(rrabsteinen in der Toga abbilden lassen. Lnter diesen Dar- 
stellungen trifft man das sogenannte Toten mal häufig, wo der \ er- 
storbene in der Toga auf dem Triclinium liegend und den wein- 
gefüllten Becher schwingend erscheint, während seine Gattin auf 
einem Sessel neben ihm sitzt und ein Sklave aus der großen Lagona, 
einer jener zylindrischen Kannen aus bläulichgrünem Glase, den 
Becher auf dem mit Speisen besetzten Tische füllt. Eine zweite 
Lagona steht m^mchmal in Reserve auf dem Boden. (Vgl. Abb. 14). 



Abb. 1 1 S. Oenochoe mit 

farbigen Schlangenfäden. 

Köln , Museum Wallraf- 

Richarlz. 



2 38 

Dagegen wurden die germanischen Hilfstruppen, die namentlich in 
der Reiterei dienten, nach nationalem Brauche im vollen Schmucke 
der AV äffen bestattet. Während Gläser in Grabstätten vom I. und 
vom größeren Teile des IL Jahrhunderts ziemlich selten sind, 
mehren sie sich zu Ende des letzteren auffallend und bilden in 
manchen Gräbern des III. Jahrhunderts sog^ir die Mehrzahl 
der Beigaben. Größere Glasflaschen findet man gewöhnlich zu 
dreien, für Milch, Honig und Wein, die drei üblichen Toten- 
spenden. Vielleicht sind jene merkwürdigen Kannen aus farb- 
losem Glase, die eigentlich aus drei fest zusammengepreßten 
Flaschen bestehen, so daß sich im Inneren Scheidewände für 
drei Abteilungen bilden, griechisch rgdixuO^a genannt, für diese 
drei Sorten \on Totenspenden bestimmt gewesen, ebenso die 
dreifachen Balsamarien in Röhrenform (vgl. S. 98). Man findet 
jene in den Museen von Köln, Bonn, Trier u. a. Sobald die hölzerne 
Kiste mit allem nötigen gefüllt war, wurde sie vernagelt, an den 
Ecken mit Winkeleisen verstärkt und so der Erde übergeben. 
Leider hat man es mitunter für nützlich gehalten, sie dvirch Ziegel- 
steine zu beschweren, welche im Laufe der Zeit, wenn das Holz 
vermoderte, hinabsanken und die darunter befindlichen gebrech- 
lichen Gegenstände zerdrückten. 

Unter den Grabsteinen, welche am Kopfende des Grabes 
aufgestellt, Namen, Alter und Stand des Verstorbenen, sowie mit 
einer frommen Formel verbunden, den des Stifters, eines Ver- 
wandten oder Erben enthielten, möchte ich hier einige hervor- 
heben, die einst, dicht neben einander gesetzt, die Grabstätte 
einer Familie an der Aachener Straße in Köln bezeichneten und 
sich jetzt im Museum Wallraf-Richartz befinden. Durch die gleich- 
artige, sehr sorgfältige Ausstattung sind sie als Arbeiten einer 
und derselben Werkstatt gekennzeichnet. Die rechteckige Platte 
aus Juriikalkstein, dem am Xiederrheine für Grabsteine üblichem 
Material, ist am Koi)fende zu einem friesartigen Reliefstreifen 
ausgearbeitet, der bei dem ersten einen Widderkopf zwischen 
zwei Löwen, bei dem zweiten eine Amphora zwischen Greifen, 
bei den übrigen eine dem ersten gleiche Darstellung enthält. Es 
ist ein Motiv, das auf Grabsteinen oft variiert wird, z. B. in der 
Form eines Ebers oder Rehes, die von einem Löwen überwältigt 
werden, Sinnbilder des wehrlos der unerbittlichen Macht des Todes 



'■}9 



ausgesetzten Daseins. Audi der Greifenschnnick ist auf (rral)- 
steinen häufig/) Unter dem Relief l:)efindet sieh in scheinen, 
schwungvollen Buchstaben ausgeführt, an welchen noch stellen- 
weise rote Farbe haftet, die Inschrift. Sie lautet beim ersten: 

Gato, Cal)iri f(ilio). nvl X'iromanduo, Demioncae coniugi eins, 
Athamae et Atrecto, Gati filis. P>i(MUis. (iati f(ilius) pie de suo 
f (aciendum^ c(ura\-it). Zu deutsch : 
„Dem Gatiis, Soluie des ("abirus. 
T^ürger \on X'iromanduum, der 
Demionca. seiner (iattin. dem 
Athamas und Atrectus. Sc'ihnen 
des Gatus, ließ Bienus, des Giitus 
Sohn, liebevoll aus eigenen Mit- 
teln diesen Grabstein errichten". 

Die Familie, welche nach 
den Namen Cabirus und Athamas 
zu schließen, von syrischer Ab- 
stamniung war. hatte sich in \"iro- 
manduum in (lallia Belgica, süd- 
lich \'oii den Xerviern gelegen 
und mit dem heutigen Vermand 
identisch, niedergelassen. Bienus 
liatte dort das Bürgerrecht, war 
aber dann mit seiner Familie 
nach Köln gezogen. \"ermand 
war neben Amiens einer der 
bedeutendsten Sitze der (jlas- 
industrie und beteiligte sich be- 
sonders \om Fnde des 11. Jahrhunderts ab sehr eifrig an der 
Herstellung geformter (iläscr. l^s ist bei den reg(MT Verbin- 
dungen zwischen dfu l)(4gischen Tndustrieorten und der aut- 
bhihendcn I hiu|)tstadt des Niederrhciiies reclit wohl denkl)ar. 
diiß die Familie des Gatus eine der syrischen Glasmacherfannlien 
war, die ihren alten Wohnsitz mit der wohlhabenden .Stadt an 
der Reichsgrenze vertauschten und zu deren großem Auf- 
schwünge beitrugen. Wir wisstMi, daß in .SvriiMi die (ilas- 




Abb. 1 19. Carchesium, smaragdgrün, 

mit Fadenverzierung in Weiß und Gold. 

Köln, Museum Wallraf-Richartz. 



*j Furtwängler in Roschers Lexikon unter ,,Gryps". 



240 

Industrie eine bedeutende Pflegestätte g-efunden hatte und daß 
syrische Kaufleute und Handwerker seit dem I. Jahrhundert in 
(ialhen ^insässig waren. (Vg-1. S. 199). 

Der mit dem Greifenrelief geschmückte Grabstein trägt die 
Widmung: 

Ocellioni, Illanuonis f(ilio), Exomnae coniug(i) eivis, Optatae 
f(iliae), Annae neptiae, Bienus, Gati f(ilius) pie de suo f(aciendum) 
c(uravit). Zu deutsch: „Dem Ocellio, Sohne des Illanuo, seiner 
Gattin Exomna, seiner Tochter Ojjtata, seiner Enkelin Anna hat 
diesen Grabstein Bienus, des Gatus Sohn, liebevoll aus eigenen 
Mitteln gesetzt". 

Bienus, der Stifter beider Grabsteine, war, wie ein anderer 
lehrt, der Schwiegersohn des Ocellio. Die Familie hat sich mit 
Einheiniischen \'erbunden, denn Illanuo ist ein keltischer Name.-^) 

Dem Bienus selbst und seiner Giittin ist ein dritter Grabstein 
gewidmet, mit der Inschrift: 

Bieno, (jati f(ilio), ci\i \"iromanduo, Ingenuae, Ocellionis 
f(iliae), coniugi eins. Zu deutsch: „Dem Bienus, Sohne des Gatus, 
Bürger \on Mromanduum, seiner Gattin Ingenua, Tochter des 
Ocellio". 

Darunter i^t noch Raum für drei Zeilen ausgespart, in 
welchen der Xame des P>ben und Stifters genannt werden sollte. 
Vermutlich hat Bienus selbst den Stein schon bei Lebzeiten für 
sich bestellt und seinem Erben hinterlassen, der aber aus irgend 
welchen Gründen die Hinzufügung seines Namens und der 
Stiftungsformel unterlitMl Vielleicht war er schon \-or Bienus 
selbst gestorben, so daß die Aufrichtung des Titulus fremden 
Händen überlassen blieb. 

Ein vierter zu der Gru])])e g-ehörender Grabstein ist ganz 
ohne Inschrift geblieben, ein fünfter enthält Namen, die von den 
früher genannten abweichen, vielleicht aber derselben Familie 
angehören. Jedenfalls weisen auch sie auf syrische Einwanderung 
hin. Außer neuen urkundlichen Belegen für die Tatsache, daß 
dieses rührige \"olk l:)is an den Rhein vorgedrungen war, bieten 
die Grabsteine \'ielleicht auch solche für die Beziehungen Kölns 
mit den belgischen Werkstätten. Köln, das mit den Städten 



^) Neptia für Neptis kommt auch sonst vor. Vgl. (_'il. III 35S2, V 2208, 8273. 



241 



Belgicas durch Nortreffliclic I landrlsstraßtMi verbunden war, 
bildete ja mit dem aiit^rcii/ciidcii Nordosten (ialliens (»ine ge- 
meinsame Kunstproxin/,.' 

Bemerkenswert ist 
auch ein 1905 in Köhi 
gefundener (irabstein, 
welchen der x\lexandri- 
ner Asklepiades dem 
Griechen Rujihus stiftete. 
Seine Inschrift lautet: 

Memoriae Ruphi, 
natione Greco, ^Mylasei, 
Choraul(a)e, qui vixit an- 
nos XVI, Dionysius As- 
clepiades, natione Alexan- 
drinus, ])arens, item Athe- 
n(a)eus, bene merenti 
de suG (faciendum cura- 
verunt.) "') 

Der Stil der In- 
schrift sowie die Form 
der Buchstaben verraten 
bereits späte Zeit, wohl 
die Glitte des IV. Jahr- 
hunderts. Aus ihr geht 
hervor, dal] sich zwischen 
Köln, Alexiindrien und 
Kleinasien direkte \"er- 
bin düngen entwickelt 
hatten und weit über 
die eigentliche kolonisa- 




Abb. 120. 



Kanne mit Rosctlenschniuc 
Museum. 



Köln, 



^) Im Gegensatze zu der früher mit<:;eteiltcn Ansicht von Merkens macht sich im 
Kunstgewerbe des Niederrhcines und der nördlichen Belgica in r<Jmischer Zeit eine 
auffallende Übereinstimmung selbst in Einzelheiten geltend, Ijesonders in der Glas- 
industrie. Poppelreuter macht darauf aufmerksam, daß ein Blick auf die Tafeln von Cochets 
,,\'ormandie souterraine" die 'allernächste Verwandschaft der kölnisch-rheinischen .Arbeit 
mit jener der westlich gelegenen Teile (Pallien dartue. Denselben Eindruck bekommt man 
beim Studium der Publikationen Pilloys, Boulangers u.a. nordfranzösischer Lokalforscher. 

*) Veröffentlicht von J. Poppelreutcr im Bonner Jahrb. 114 115 S. 371. 

Kisa, Dasi (Jlas im .■\Uertuiiie. l6 



242 

torische Periode hinaus dauernd erhielten. Andererseits reichen 
die Verbindungen Köhis mit dem hellenistischen Orient bis in die 
Zeit zurück, da die Alteburg- als Station der römischen Rhein- 
flotte diente, in welcher viele griechische und syrische Elemente 
vertreten waren/) Nach Poppelreuters Vermutung, welche mir 
sehr wohlbegründet erscheint, wurde der griechische Einfluß auf 
die Rheingegenden nicht nur auf dem Landwege von Marseille 
aus, die Rhone und Mosel entlang vermittelt, sondern schlug 
direkt den Seeweg nach dem Rheindelta ein.") Schon das Zinn, 
Kupfer und der Bernstein hatten ja griechischen vSeefahrern den 
Weg nach dem Norden gewiesen. Die Einwanderung von Kauf- 
leuten und Handwerkern aus dem hellenistischen Südosten hatten 
eine Zeitlang die unsicheren politischen Verhältnisse, besonders 
der Aufstand der Bataver gehemmt. Als aber unter Hadrian 
nach Vollendung der mächtigen vSchutzmauer gegen die Germanen, 
des Limes, größere Ruhe eingetreten war, erwachte wieder die 
Unternehmungslust und ein neuer Strom von Einwanderern 
ergoß sich über die Rheinland^. So ist das Wiederaufleben 
griechischer Formen, der mächtige Aufschwung zu erklären, der 
sich vom Ende des IL J^ihrhunderts ab und namentlich im III. 
bemerkbar macht. Die Kolonisten fanden aber diesmal nicht 
n"iehr wie im I. Jahrhundert eine bescheidene Hausindustrie, 
sondern bereits eine durch lange Übung gesicherte Provinzial- 
kunst vor, deren Formen sich die Fremden bald anbequemen 
mußten. In späterer Zeit zog der Kaiserhof zahlreiche syrische 
Plinwanderer nach Trier, während die Sagen von der thebaischen 
Legion andererseits auf die große Rolle hindeuten, welche 
christlich-ägyptische Elemente in Köln spielten. 

Die Beisetzung erfolgte in dem Grabfelde der Luxemburger 
Straße teils in umfriedeten Grabstätten, teils im freien Boden. 
Einigemal fanden wir um die LTrne Plattengräber aus mächtigen 
Dachziegeln, die sie wie Kartenhäuser umgaben; die einen ein- 
fach giebelförmig zusammengestellt (x\bb. 51), die andern recht- 
winkelig aus vier aufrechten Platten gebildet und mit einer 



^) Vgl. die Inschrift der kleinasiatischcn Griechen auf einem Grabsteine der 
Alteburg bei Köln, Bonner Jahrb. 66, S. 78, 86 S. 129. 
^) Bonner Jahrb. 114/115 S. 369. 



243 



quer clarüberg'elt\i>'t<Mi lit'dcckt. Da die l^rdobcrfläclu' nur an d<'r 
Südseite eine Anseluittunj^" erfahren hat. lie^t,'"en die meisten 
dieser Grabstätten nur etwa i m tief, ebenso die Brandjjfräber einer 
anderen Klasse, die durch kleine längliche vStinnkistcm gekenn- 
zeichnet wird. Diese sind zum Unterschiede \on den früher ge- 
nannten einfachen Urnenbehältern im Inneren mannigfach aus- 
gearbeitet. An den Schmalseiten be- 
finden sich zumeist Stufen nnt halb- ' . 
rundem oder x'iereckigem Ausschnitte, 
jene als Standort für kleinere Kannen, 
Gläser und andere (ieräte, diese zur 
Aufnahme gröl^erer Gefäße berechnet. 
Der große Mittelraum tMithält haupt- 
sächlich die verbrannten Knochenreste, 
Holzkohlen, die eisernen Nägel und 
Winkelbänder der Holzkiste. Die Be- 
zeichnung als „Kindersärge", welche 
für diese Steinkisten in .Sarkophagform 
noch ü})licli ist, hat keine Berechtigung: 
in vielen von ihnen würde kaum die 
Leiche eines neugeborenen Kindes 
untergebracht werden können, da der 
Raum viel zu eng ist. .Sie bilden \-iel- 
mehr einen Übergang von den Urnen- 
gräbern zu den Sarkophaggräbern, von 
der älteren vSitte zur neueren. Die 
Leichenverbrennung wurde von Fami- 
lien, die am Alten hingen, manchmal 
bis in das 111. Jahrhundert hinein bei- 

beh^dten, dabei aber durch die längliche, sarkophagartige Form 
der Steinkisten ein Zugeständnis an die neuauflebende Form 
der Bestattung unverbrannter Leichen gemacht. In solchen ließen 
sich auch die Beigaben sicherer unterbringen und in d»^r Tat haben 
sicli in ihnen sehr \iele wertvolle (jläser und .Sigillaten erhalten. 
Im allg(Mn(Mnen Heß sich feststellen, daß die zahlreicht^ren 
und älteren I)ran(lgräl)er in erster Keihe dicht an drr Stralle 
angelegt waren, die Steinkisten parallel hinter ihnen, obwohl von 
beiden Arten auch zwischendurch Lagerungen in senkrechter 

i6* 




Abb. 12 1. Stamnium mit Schlan- 
gcnfäden. Köln, Museum. 



^44 

Linie auf die Straßenflucht vorkamen. Die Skelettgräber, in 
welchen noch ca. i6 wohlerhaltene vSkelette mit im vSchoße ge- 
kreuzten Armen und nach Norden oder Nordwesten gerichtetem 
.'Vntlitze lagen, enthielten zumeist Holzsärge, die bis auf geringe 
Reste vermodert waren: doch sind auch solche aus Tuff, dann aus 
gelbem und rotem Sandsteine gefunden worden, aus Steinarten, 
die man in Köln erst im IV. Jahrhundert zu bearbeiten begann. 
Die Beigabe einer Münze Constantins des Großen beweist gleich- 
falls, daß das Leichenfeld noch in dieser späten Zeit benutzt wurde. 
Die Skelettgräber nahmen die letzten, von der Straße entferntesten 
Reihen ein und waren zum Teil sehr tief eingebettet. Manchmal 
Ligen jüngere üljer den älteren. Mele zeigten Spuren alter 
Plünderungen. Schon die Franken ließen bei ihren Einfällen 
und noch mehr nach dem Sturze der Römerherrschaft die Gräber- 
straßen nicht ungeschoren, wobei ihnen die Tituli und Grabmäler 
ja deutlich den Weg zu den Schätzen der Tiefe wiesen. Vor- 
ncdimlich auf (jold, Silber und Edelgestein lüstern, teilten sie 
mit allen Barbaren auch die Freude an den leuchtenden, zierlichen 
vSchöpfungen der Glasindustrit^ und schöne, namentlich farbige 
antike Gläser durften in der Kriegsbeute, dem Schlitze eines vor- 
nehmen Germanen nicht fehlen. Das (jrabfeld an der Luxem- 
burger Straße blieb aber auch nach den Frankenkriegen nicht 
verschont. Abgesehen davon, daß die Bischöfe der romanischen 
Zeit zu ihren prachtvollen Kirchenbauten viel antikes Material 
verwendeten — .St. Pantaleon ist größtenteils aus den Überresten 
der Rheinbrücke Constantins errichtet — kam ein großer Teil 
des Grundstückes der alten Gräberstraße an die Klöster Weyer 
und St. Brigitten, die darauf Wirtschaftsgebäude errichteten. 

Die Holzsärge, deren sich zumeist die Armeren vom An- 
fange des III. Jahrhunderts ab bedienten, müssen sehr dickwandig 
gewesen sein, denn die \'on ihnen herrührenden Nägel haben 
oft eine Länge von lo — 15 cm. Die Särge sind von rechteckiger 
Form und bedeutend länger als der Körper des Bestatteten, 
damit zu dessen Füßen Gefäße untergebracht werden konnten.^) 
Auch in dieser Zeit bestand die Wegzehrung gewöhnlich aus 
Milch, I ionig und AW^in in drei größeren Glasflaschen, von 



^) Boulanger a. a. O. 



245 




wflclien zwei zu I-üljen, eine iK'brii dem Ko])fe aufs^Tstcllt wurde. 
Dazu kamen die schon erwähnten sogenannten Tränenfläschchen, 
kleinere Glasfläschchen der verschiedensten Arten für wohl- 
riechende Öle und Parfüme. ird(Mie .Schüs- 
seln. KrÜL,''e aus wtMliem und schwarzem - > 
Ton, aus Terra si^'illata, aus Bronze, Trink- 
becher mit aufs^-emalten Sinnsprüchen usw. ■, 
Manchmal findet man mehr oder wenis^er 
iinsehnliche Reste des Totenmales, Kno- 
chen von Hühnern, Kaninchen, Schweinen, 
Ochsen und Hammeln, Eier und Nußscha- 
len und sehr \'iele Austernschalen, da 
Austern damals ein sehr beliebtes und 
wohlfeiles A^olksnahrung-smittel waren. \Vie 
in den Brandyräbern ii;-ibt es auch hier 
Löffel, Parfümdosen, Toilettegerät. Schreib- 
zeug" und sehr \iele .Schmuckperlen in 
Frauengräbern. War der Sarg zu klein, 
um alle die Beweise der Pietät aufzu- 
nehmen, so legte man einen Teil in eine 
kleine viereckige Kiste aus 1 lolz. mitunter 
aus Bronze oder Blei, und stellte diese 
n.eben den Sarg zu Füßen des Toten. Zu 
Ende des IV. Jahrhunderts wird die Sitte 
der Totenbeigaben seltener, bei Christen 
beschränkt sie sich auf Gefäße, die \-iel- 
leicht mit Weihwasser gefüllt wurden, und 
wenige Schmuck- und ( iebrauchsgegen- 
stände, die dem \'erstorbenen wert waren. 
Trotzdem haben in Köln ausnahmeweise 

gerade christliche Gräber \on den Begräbnis})lätzen an St. Frsula 
und St. .Se\-erin die kostl^aren gra\ierttMi . bemalten und ver- 
goldeten Gläser ergeben, von welchen in einem anderen Zu- 
sammenhange die Rede sein wird. In den fränkischen (iräbern 
tauchen wiederum antike .Schmuckperlen aus farl)ig(Mn (ilas und 
Ton in einer \-orher unbekannten I-'ülle und Mannigfaltigkeit auf 
Jene liegen nicht mehr, wie die heidnischen (rräber. außerhalb 
der Stadt, sondern rings um die CJotteshäuser. 




.\bb. 122. Flasche mit Schlan- 
genfädcn. Köln, Museum. 



246 

\"on der großartigen Wirkung- der Via Ap])ia und selbst 
von jener der Gräberstraße bei Pompeji waren die g-allischen und 
auch die kölnischen wohl weit entfernt. Immerhin muß der 
Anblick der vmunterbrochenen Reihe von Tituli und Grabbauten 
aller Art in ihrem Schmucke schattigfer Bäume, g-rüner Sträucher 
und bunter Blumen für den Wanderer, der sich einer Stadt 
näherte, ein eigentümlich ergreifender gewesen sein. Ehe er die 
Gassen und Plätze mit ihrem lebendigen Treiben betrat, empfingen 
ihn die Manen der Abgeschiedenen. Auf dem Lande bildeten die 
Grabstätten zumeist Gruppen am Rande von Keinen und unter 
Alleen \on Bäumen, die nach den Landhäusern und Gehöften 
führten. Ln Umkreise von Köln befindet sich als Überrest einer 
solchen ländlichen Totenstätte das berühmte Grabmal von Weiden 
und in der Nähe von Trier die durch ihren prächtigen Skulpturen- 
schmuck iiusgezeichnete Ig"ler vSäule. 

Die Brandgräber der Luxemburger Straße haben außer den 
erwähnten Beigaben noch \'iele andere von großem Kunstwerte 
enthüllt. Besonders reich waren jene sarkophagartigen Stein- 
kisten mit Abteilungen im Lineren an Gläsern feinerer .Sorte- 
Eine von ihnen hatte beinahe die Größe eines wirklichen Sarko- 
phages und stand in einer PIrdhöhlung, die durch vorkragende 
Schieferplatten geschützt war. Sie war \ollkommen unberührt 
und enthielt außer verbrannten Knochen im mittleren Räume 
auf den Stufen und in den kleineren Abteilungen nicht weniger 
als dreizehn wohlerhaltene Glasgefäße verschiedener Art in den 
Eormen und Dekorationsweisen \'om Ende des IL Jahrhunderts, 
außerdem bronzenes Schreibgerät, die Reste eines ledernen Leib- 
riemens und dar^m ein ( )lfläschchen nebst zwei Strigiles aus 
Bronze. Die X'erbrennung'' der Leiche hatte, wie deutlich zu 
sehen war, in der Grube selbst stattgf-efunden. Noch luxuriöser 
war eine kleinere, durch eine Querwand geteilte Steinkiste aus- 
gestattet, die in einem Abteil die Knochenreste, in dem anderen 
achtzehn Glasgeiäße von vorzüglicher Itrhaltung aufwies, unter 
diesen eine Reihe jener hochgeschätzten Arbeiten mit Schlangen- 
fadendekor, phantastischen Wellenornamenten aus opakweißen, 
gelben, azurblauen und vergoldeten Glasfäden auf farblos durch- 
sichtigem Grunde. Auch in anderen Steinkisten wurden derartige 
kostbare Gläser gefunden, so namentlich ein (jlfläschchen in 



Gestalt eines (iladiatorenhrlmtvs mit s^-eschlosseneni \"isier, ein 
Seitenstück zu dem ehemals in der Sammlung»" Disch in Köln be- 
findlichen Tlelmirlase. (Abb. ii6.) (jra\-ierte und geschliffene (jlä- 
ser, die aus dem s])ätr(")niisclit'n (iräberfelde an der Severinstraße 
und anderen Orten Kölns so zahlreich hervorg"egang-en sind, fehlen 
hier, dagegen sind frei und in llohlformen geblasene Gläser, 
solche mit Fadeiuunwickelung, mit Eindrücken, Falten, Rippen 
und Staclu^n, kurz die meisten der \'om IL bis 
I\'. Jahrhundert üblichen Arten reichlich vertreten. 
Unter den Bronzen mögen eine Schüssel in Ge- 
stalt einer Pilgermuschel, einige Spiegel, Tinten- 
fässer, Bestecke mit Schreibgriffeln genannt sein, 
unter den Emailarbeiten ein zierliches Räucher- 
gefäß in Gestalt eines Dreifußes, eine kleine 
Schmuckdose, mehrere Fibeln in Gestalt von 
Rundscheiben und Pferdchen, sowie Scharnier- 
fibeln gewöhnhcher Art. Unter den Schmuck- 
sachen aus Bronze, ArmringtMi und Fingerringen, 
Haarnadeln und Schnallen ragt eine zierliche 
1 lalskette mit kleinen Perlen aus azurblauem Glase, 
unterbrochen durch goldene Zwischenglieder her- 
vor. Aus Bernstein, dessen Bearbeitung man in 
Köln vortrefflich verstand,-^) besteht ein dicker 
Fingerring sowie ein kleines Relief mit Amo- 
retten in einem Schiffe und andere Figürchen, 
die ebenso wie der schöne schlafende Amor des 
Museums Wallraf-Richartz, den Belag eines Zier- 
kästchens bildeten. Gleichem Zwecke dienten zahl- 
reiche Amoren, Tierfigürchen und (Jrnamente aus P)cin. die dafür 
Zeugnis gilben, daß auch die Beinschnitzerei in Köln nach 
alexandrinischem Muster arbeitete und eine hohe technische 
Vollendung erreicht hatte. Unter den Tongefäßen, die natürlich 
der Zahl nach überwiegen, finden sich gleichfcdls scliclnc und seltene 




Abb. 123. Stengel- 
bechcr mit Schlau- 
genfäden. Köln, 
Sammlun" Niefien. 



^) Die schönsten antiken Arbeiten aus Bernstein sind in der Sammlung Toppo 
im Museum von Udine vereinigt, welche aus Kunden von Aquileia besteht. Auch die 
öffentlichen und privaten Sammlungen von Aquileia selbst zeichnen sich durch viele 
vortreffliche Bernsteinschnitzereiea aus. Nach diesen sind wohl die von Köln die zahl- 
reichsten und ansehnlichsten. Vgl. Majonica, Führer d. d. Staatsmuseum von Aquileia S. 45. 



248 

vStücke. Die wichtig'sten sind zwei malachitgrün glasierte Am- 
phorisken, ganz mit feinem Weinlaub in Relief bedeckt, aus 
welchem die Gestalten des Bacchus und der Ariadne heraus- 
kommen. Sie sind tadellos erhalten, in Hohlformen gepreßt und 
Arbeiten etwa vom Ende des des I. Jahrhunders. Früher Zeit gehört 
auch eine große Gesichtsurne an, dann halbkugelige Sigillata- 
schüsseln mit Rankenreliefs und Gefäße aus Terra nigra mit papier- 
dünnen Wandungen und scharfen l^rofilen. Den Kugelbechern mit 
Schuppen, Warzen und Kerbschnitt\'erzierung, die in Mengen 
gefunden wurden, reihen sich die späteren Barbotinebecher mit 
Jagd- und Gladiatorenszenen an. Tonlampen sind aus vier Jahr- 
hunderten vorhanden, am häufigsten die frühen Formen, darunter 
eine große vSigillatalampe in Gestaut einer Weintraube, andere 
mit Reliefs im Diskus. 

Außer Köln haben die Gräberfelder von iVndernach, von 
Xanten, Gelsdorf bei Meckenheim, Remagen, Mayen, Flammers- 
heim, das Lager von Xeuß und hindere am Xiederrhein eine 
reiche Ausbeute an Gläsern ergeben, die zum größten Teile im 
Provinzialmusevim \on Bonn aufgestellt ist. "^j Die Funde von 
der Mosel und aus der südlichen Eifel verwahrt das Provinzial- 
museum in Trier.") Die Gläser des Trierer Stadtgebietes stammen 
der Mehrzahl nach \on zwei Begräbnisstätten: Einer nördlich von 
der Porta Nigra gelegenen, welche die Vorstädte Paulin und 
Maar umfaßt und der anderen am linken Ufer der Mosel bei 
dem Dorfe Pallien, die zumeist cliristliche Gräber enthält. Hier 
wurde der schöne Becher mit aufgelegten Fischen gefunden, 
dem als Untersatz ein Pinax aus Milchglas diente. (Abb. 309, 
310.) Das schöne Fragment eines Bechers aus Krystallglas mit 
einem geschliffenen Wagenrennen stammt aus den Thermen. 
T)ie Gläser \"on Worms und Umgebung sind in dem reichhaltigen 

^) Vgl. (". Konen, Das Grabfeld von Andernach, Bonner Jahrb. 86, S. 160 f. 
l>ehner, Führer durch das Provinzial-.Museum in Bonn. 

'-) Vgl. Hettner, illustr. Führer d. d. Provinzial-Museum in Bonn und die Be- 
richte in der Museographie der Westdeutschen Zeitschrift für Geschichte und Kunst, in 
welcher überhaupt die Funde des Rheinlandcs, Württembergs, Hessens, Nassaus, der 
Pfalz, von Luxemburg und auch von Holland regelmäßig verzeichnet, zum Teile auch 
abgebildet werden. Kleinere F"uiide sind im Korrespondenzblatte dieser Zeitschrift 
veröffentlicht. 



?49 



Paulus -Museum'^), die nassauischen im .Nfusoum nassauischer 
Altertümer in Wiesbaden*), di(^ hessischen im !u;roßherzog"lichen 
Museum zu Darmstadt sow ie im Museum \on Mainz vt^reini^t, das 
jedoch auch die anderen rheinischen Gebiete umfaßt, während 
die Sammlunt^en von Speier, Luxemburt>-, Mannheim, Rei,'"ensburir, 
Frankfurt, Xeuwied, Düsseldorf u. a. zumeist Lokalfunde enthalten. 
Die 1 lau])tfundorte \oii antiken (xläsern sind \n dt-n Khein- 
landen ^) : 

Germania Inferior. 

XvmwejL^'en (Xo\'iomai,''us). Sehr 
zahlreiche Funde, über 400 Perlen und 
Spielsteine. 

Xanten (Castra \\^tera). Sehr viele 
Funde waren früher in Houbens Anti- 
quarium. das in die Kollektion Slade und 
mit dieser in das Britische IVIuseum über- 
tfintJ". Virl. Fiedler, Das Antiquarium 
Iloul)ens in X. und Xesbitt a. a. O. — 
Darin befanden sich u. a. ein saphirblauer 
Pokal mit zwei opakweißen Henkeln 
(Slade S. 33), zwei Trinkbecher aus farb- 
losem Glase mit Haarrissen (Craquele), eine schöne (Jenochoe mit 
farbig-en Zickzackmustern äs^yptischen Stiles, eine Taube aus 
lilauem Glase (Slade vS. 48). 

Krefeld. Zwei Alabastra äj^vptischen Stiles, jetzt im Britischen 
Museum. 

Xeuß (Xo\'aesium). Bemaltes Kästchen aus farblosem Glase, 
jetzt s])urlos \'erschwunden. Zahlreiche Bruchstücke von Millefiori 
vmd farbii^"en Gläsern der frühen Kaiserzeit. Blaue .\in])1i(iriske 




Abb. 124. Xapf mit Schlan- 

genfiiden. Köln, Sammlung 

NieLien. 



■') Vgl. Weckcrling, Pas l'aulusmuseum in Worms. 

') Vgl. V. Cohauscn, Führer iJ. d. .■\ltertumsmuseum von Wiesbaden. 

') Die hervorragendsten der in diesem Verzeichnisse genannten Stücke werden 
in den folgenden Abschnitten näher beschrieben und teilweise abgebildet. Die .Auf- 
zählung der Fundorte macht keinen .Anspruch auf Vollständigkeit; sie gründet sich 
im allgemeinen auf die beiden Registerbände der Bonner Jahrbücher, in welchen die 
Funde von (iermania Superior und dem .Moselgebiete wenig berücksichtigt sind. Zur 
Ergänzung ist namentlich die Muscographie der Westdeutschen Zeitschrift für Ge- 
schichte und Kunst, sowie das hierzu gehörige Korrespondenzblalt heranzuziehen. 



2;o 



gef. 1844 mit einer Münze des Septimius Severus, vgl. Bonner 
Jahrb. 5/6, S. 410. — Sämtliche Funde \'on Xeuß sind neuerdings 
in dem Neuß gewidmeten Bande 11 1 112 dieser Zeitschrift zu- 
sammengestellt. 

Weiden. Die Funde der römischen (rrabkammer im Bonner 
Jahrb. 3, S. 148 f. 

Gelsdorf. Vgl. Bonner Jahrb. 33/34, S. 228 f. 

F'lammersheim. IVxl. S. 236. 
Vellerhof (Eifel). Ibd. 19, S. 74. 
Zülpich. F'lasche mit aufgemalter 
Uuadriga im Pro\'inzialmuseum in Bonn, 
gef. 1904. 

Beckum. \\d. Bonner Jahrb. 32.S.1 32. 
Ückesdorf. Ibd. 36, S. 72. 
Rondorf h. Sechtem. Ibd. 63, S. 6 f. : 
58. S. 219. 

\"echten (Holland;. ll)d. 46, S. 115 f. 
Godesberg. Schmuckperlen ibd. 25, 
S. 207 f. 

Rheindorf b. Opladen. Geschliffene 
und gravierte Gläser ibd. 74, S. 63 f. 
Lommersum. Ilxl. 83, S. 138 f. 
Raversbeuren. Fensterscheiben ibd. 
61, 134. 

Stoll^erg. I)gl. Bonner Jahrb. 72, 
S. 185: j':,. S. i78f 

P)Uschdorf. Ibd. ;j. S. 220. 
Groß-Bußlar. Ilxl. 90, S. 117. 
Remagen (Rigomagus). Ibd. 90, S. 18 f. 

Pier b. Jülich. Ivanne in (iestalt (-ines Januskopfes, Bonner 
Jahrb. 84, S. 79. 

Andernach. Zahlreiche Funde aus n'imischer und fränkischer 
Zeit. Vgl. «C. Konen, Das (irabfeld \on Andernach, Bonner 
Jahrb. 86, S. 144 f.: außerdem B. J. 81, S. 57: 76. S. 66: 81, S. 56 f.: 
90, S. 1 8 ; 69, S. 51. 

Bonn (Castra Bonnensis). Vgl. Lehner, Führer d. d. Pro- 
vinzialmuseum in Bonn. Zahlreiche Gläser, namentlich mit 
gravierten und geschliffenen Wrzierungen. 




Abb. 125. Helmglas mit 
Schlangenfäden. Köln. 
Ehem. Sammlung Disch. 



251 



Germania Superior (und Belgica). 



Wiesbilden (Aquiie Aüittiiicae). Aschenurne bei Dorow, Opfer- 
stätten I, S. 36, T. 13, I. Im Museum zahlreiche Funde, besonders 
V. J. 1828. Drei Trinkhörner aus fränkischen Gräbern, mehrere 
Rüsselbecher. 

HeddernhtMm. Zahlreiche Funde, jetzt im Museum xon Wies- 
baden, auch im Historischen Museum zu PVankfurt. 

Bingerbrück. (jroßes Trinkhorn der Sammlung Slade (S. 80). 
Zahlreiche Ghisflaschen und Kannen mit Spiralfäden, jetzt in den 
Museen von Mainz und Wiesbaden (1862). 




Fadenverzierung an dem Helmglase Abb. 125. 



Kreuznach. Kannen mit Kettenhenkel. ("antharus mit 
blauen und braiuuMi Zickzackfäden, abgel:). bei Lindenschmit. A. 
h. \'. I. lieft XI. r. VII, 7. 

Mainz. Zahlreiche Funde im dortigen Museum. Einzelnes 
bei Charvet, \-gl. Froehner, T. 9, 53. 54 und S. 71. 

Castel. Zahlreiche Funde, u. a. eine Traubenkanne, abgeb. 
bei Emele, T. \'l. 17. Saugheber ibd.. F. \'. (k Anderes ibd.. T. \T. 
13, T. V, 3, bei Minutoli Katalog 4^)7, 4(>g. 471. 

Hingen (Bingium). Zahlreiche Kannen mit Ixettenhenkel. 
P)raimes geripptes Fläschchen im Museiun von Karlsruhe. 

1 leimersheim. Siegesbecher mit (jladiatorenkämpfen in 
Relief abgeb. bei Froehner, S. 68. Sechseckiges geformtes Fläsch- 
chen aus goldbraunem Glase mit Medusenmasken ibd. 



2 c 2 

Worms (Borbetomagus). Zahlreiche Funde, zumeist im 
Paulus-Museum, einzelne in dem von Wiesbaden. 

Hohensülzen. Berühmtes sogenanntes Diatretum (Abb. 217) 
sowie andere geschliffene und gravierte Gläser, die später ein- 
gehend behandelt werden. Vgl. Bonner Jahrbuch 59, S. 64, T. 2 — 5. 

Bertrich. (jläser mit Fadenverzierung. 

Cordel i. d. Hochmark. Reste eines Glasofens. 

Cobern. Gravierte Gläser. Gläser mit Spiralfaden und 
andere sehr reiche Funde. 

Kirn. Gravierte und Fadengläser. 

Wies-Oppenheim. Gläser mit Fadenverzierung. 

Gondorf Vgl. Bonner Jahrb. 81, S. 63 u. a. Zahlreiche Funde, 
darunter ein vSchlangenfadenglas, fränkische Tümmler u. a. 

Speier (Noviomagus). (Häser in der Altertumssammlung 
daselbst. 

Rheinzabern. Baden-Baden. 

Straßburg. Reiche Funde. Darunter \'iele gravierte und 
geschliffene Gläser, Kanne mit farbiger Fadenverzierung in Form 
einer Pilgerflasche wie die K(")lner. (Abb. 120.) — Das geschliffene 
Netzglas (Oberlin, Mus. Schöpflini, T. 8) ist bei der Belagerung 
1870 verschwunden. (Abb. 220). 

I leidenhübel. IMrnförmige Am])ulla aus grünlichem Glase, 
umsclilungen \on einem weißen Faden, der mit kleinen Glas- 
perlen bedeckt ist. 

Luxemburg^. 

In dem ans IViersche angrenzenden, ehemals zum (jebiete 
der Treverer gehörigen Großherzogtume Luxemburg sind Gkis- 
funde gemacht worden: In der Stadt Luxemburg selbst, in Bigon, 
Dalheim, llellange — hier zwei \'iolette Kugelbecher, eine kleine 
blaue ^Vmjihoriske mit weißen Tröpfchen und eine prachtvolle 
Millefiorischale. \) (Abb. 204). 

Lothringen. 

Metz. Thionville, St. Mansv bei Toul — von hier stammt 
ein Januskopfglas der Sammlung C'harvet,. (Abb. 298). 



^) Vgl. Publications de la societe arclieol. de Luxembourg IX, S. 2, 20, T, U. 
Näheres in Abschnitt \'III. 



Helvetia (Schweiz). 

Marti^iiv au Maurasses. Aveiiches (Aventicum). Windisch 
AffoUcrn (s. S. 158). 



(X'indoui 



Rhaetia. 

Regensburg-. Fhische mit Sclilaiiirenfäden. (Tläserne Spieg^el 
und anderes in der ^Vhertümersiimmlung daselbst. — Belleremise 
b. Pfluiiffelden, Bayern. Bruchstück eines 
^■ebänderten Fläschchens (s. S. 15S). — 
Breg'enz. 

Noricum. 

SakburL,"" (Tuvaxiumi. Mehrere Funde 
im Museum, darunter ein g^eformtes Känn- 
chen mit Reliefornamenten aus Birgelstein. 
— Innsbruck. Zahlreiche Funde im Ferdi- 
nandeum. — Wels (Ovila). Funde aus Steier- 
mark, siehe Pratobevera, die keltischen und 
römischen Antiken in Steiermark, Graz 1856, 
S. 2 2 f. 

Pannonien. 

Steinamanger uSax'ariiij. Glas des 
Placcius Alcimus. — Daruvar (Jasi). Ge- 
schliffener Xetzbecher (Abb. 218.) — • Szek- 
szard (Alisc^i). Dgl. (Abb. 224). — Oedenburg, 
Becher mit Gladiiitorenkämpfen in Relief. ^) 




Abb. 1 20. Pilgcrllasche niil 

Schlangenfäden. Kiiln, 

Museum. 



Germania Magfna (Das freie Germanien). 

Merseburg. Becher aus Krystallgla^ 
mit geschliffener und graxiertt^r Szene. 

Diana und Actäon, gefunden in Merseburg in unbekannter Zeit 
neben verbriinnten Knochen mit einem unverzierten Becher 
derselben Form, Bronzefibeln und anderen römischen Gegen- 
ständen. Kam mit der .Sammlung Slade in das Britische 
Museum. '") 



1) Vgl. .Abschnitt VIII. 

-) Vgl. Bohn C. J. L. Xill So. E. aus'm Werlh, Bonner Jahrb. 64, S. 127. 
Coli. Slade, Xo. 320, S. 58, 59, Fig. 15. 



254 • 

Vietkow (bei Schmolsin, Pommern) 1906. P2in sog'enanntes 
Steinkistengrab mit Urnen usw. und zwei geschliffenen römischen 
Gläsern. 

Lüstebahr in Pommern. Eine große Schmuckperle, besetzt 
mit Schachbrettmustern und Masken, s. S. 131. — (jlasperlen sind 
in Gräbern des östlichen und besonders des nordöstlichen Deutsch- 
lands sehr häufig. 

Sackrau (Schlesien, 8 km von Breslau). liier wurden 1886 
und 1888 drei Grabfunde gemacht, welche für die Kenntnis der 
Beziehungen dieser Gegenden zu den Römern \'on großer Be- 
deutung sind. ^) Sie lassen sich in die pannonischen, dänischen 
und schwedischen Funde einreihen, welche antike x\rbeiten mit 
einheimischen vereinigen. Das erste Grab enthielt eine Schale 
aus Mosaikglas mit schräg' ausladendem Rande und Fußring, 
von braunvioletter (rrundfarbe mit ach^ltähnlichem Muster in 
braiui, gelb, fleischrot us\\-., bis auf eine Randlücke gut erhalten, 
4,7 cm hoch, 7,7 cm breit, außen ziemlich rauh, innen glatt poliert. 
(Abb. 195.) Dann zahlreiche Scherben eines Glasgefäßes von grün- 
licher Grundfarbe mit kleinen gelben und dunkelgrünen Flecken, 
wahrscheinlich gleichfalls einer Schide. Außerdem mehrere 
kleinere Scherben mit verschiedenen Millefiorimustern, eine licht- 
blaue Glasperle und flachrunde, weiße und schwarze .Spielsteine. 
Die Leichen. \on deren Skeletten sich zahlreiche Überreste vor- 
fanden, waren wie die dänischen ohne Sarg bestattet, mit einer 
P^infassung von Steinen umgeben und mit einer Lage von Steinen 
bedeckt. Wahrscheinlich gehörte der erste Grid:)fund, welcher 
die eben beschriebenen Gläser enthielt, einer Frau an. Xach 
den Zweirollenfibeln, welche beigegeben waren, läßt sich die Zeit 
ziemlich genau bestimmen. Diese Pöbeln treten in Ung'arn am 
Ende des IIP Jahrhunderts als Ausfluß eines römisch-barbari- 
schen Geschmackes auf und beherrschen im IV. und V. Jahr- 
hundert den ganzen Norden bis Norwegen. Andere P^und- 
umstände lassen das Alter des P\mdes auf das Ende des 
IIP oder den Anfang des IV. Jahrhunderts einschränken. Die 



^) Vg'- firempler, Der erste Fund von Sackrau. Breslau 1SS8. Ders. Der 
zweite und dritte Fund. Die aufgezählten Gegenstände sind hier in Licht- und Farben- 
drucken abgebildet. 



255 

beiden anderen (i ruber enthielten ein(^ Trinkscliale aus wein- 
roteni. dick\vandig"em Gkise mit ausiifeschliffenen Ovalen, 1 2 cm 
hoch, 9,2 cm breit, von unten abgeplatteter kug-elig^er Form, 
dann eine Millefiorischale, wie der Becher \ortrefflich erhalten, 
von dunkelvioletter Grundfarbe, bedeckt mit kleinen sechsblätt- 
rig-en Blüten, die von kleinen Punkten umgeben sind; jed(*s 
Blümchen hat einen ziegelroten Kern mit gelb(Mn Rande, sechs 
grüne, gleichfalls gelbgeränderte Blätter und 
einen äußeren Kr^lnz ^'on zehn blaßrosa 
Blättchen. Außer den Blümchen durchziehen 
achatartige .Streifen den Grund {.\bb. 50). 
Wahrscheinlich war hier die Grabstätte eines 
vornehmen vandalischen Geschlechtes. Es 
steht ja fest, daß nicht Sla\-en die ältesten 
Bewohner Schlesiens gewesen sind; vor ihnen 
gehörte das Land Germanen vandalischen 
Stammes, von welchen einzelne Teile nach 
I'annonien zogen, um hier gegen Aurelian 
und Probus zu kämpfen. Nach ihrem .Vb- 
zuge erst folgten die \'on Osten andrängen- 
den Slaven. Die vom Pontus im Osten, so 
wie die von Aquileia über Pannonien nach 
Norden führenden Handelsstraßen erklären 
das X'orkommen dieser antiken Glasarbeiten 
im X'andalenlande, wenn man nicht etwa in 

Rücksicht auf die Kostbarkeit der Funde anstelle des Handels 
li(4oer ein Ehrengeschenk an einen der Führer des Stammes an- 
nehmen will. Nach Felix Dahn „schickten und em])fmgen die 
(jotenkönige, wie Cassiodor und Prokop zeigen, in großer Häutig- 
keit (resandte. welche nach alter Sitte Ehrengeschenke zwischen 
den Königen auszutauschen pflegten".^) Es koimten demnach 
auch durch eine derartige \^>rl)in(huig der Ausgewanderten mit 
flen Zurückgebliebenen Erzeugnisse südlichen Kunstfleißt^s nach 
dem Norden gelang"en. 




Abb. 127. Becher mit 

Schlangenfäden. 
Honii, Provinz ialmuseum. 



^) Felix Dahn, Die Könige der Germanen. Würzburg 1866. III. S. 251. 



^^ß5^ 



V. 



Farbiges und farbloses Glas. 
Die Erfindung der Glaspfeife. 



Kisa, Das Glas im Altertuiiie. 



17 




ab c d 

Abb. 128. Gläser mit Schlangenfäden, a, h, d im Museum von Xamur, 
c im Antiquarium von Regensburg. 



Farbiges und farbloses Glas. Die Erfindung der Glaspfeife. 

Semper unterscheidet dreierleM Zustände des Glases, i. Als 
sehr harter, spröder und fester Körper, dem durch Abnehmen 
von Teilen mit Jlilfe schneidender Instrumente eine beliebig-e 
Form erteilt werden kann. 2. Als flüssige Substanz, in welchem 
Zustande es wie Metall in Formen gegossen wird und beim 
Abkühlen mit Beibehaltung seiner Form und Farbe in den 
Aggregatzustand einer festen, spröden, krvstallinischen Masse 
übertritt. 3. Als weiche, sehr ])lastische, zähe und dehnbare 
Substanz, welche nach der Erkaltung die im weichtMi Zustande 
erhaltenen Formen und Farben unverändert beibehält.^) 

Im idlgemeinen entspricht diese Reihenfolge technis(iirr 
Prozesse der Geschichte der Industrie. Im ersten Zustande wird 
das Glas, nachdem es geschmolzen und erstarrt, wie ein Edel- 
stein bearbeitet, im zweiten wird es teils frei aufgegossen und 
gepreßt, teils in 1 lohlformen getan. Durch das Rad und 



1) Semper, Der Stil II 17S f. 



17* 



26o 

stählerne Werkzeug-e kann es weiter bearbeitet werden. In 
beiden Zuständen wird vorwieg"end opakfarbig'es Glas zu gem- 
menartigen Wirkung'en ausg"enützt. Ihnen folg"t mit der Erfindung" 
der Glaspfeife der dritte Zustand, in welchem die Industrie in 
eine neue große Epoche eintritt. 

Die überwiegfende Anzahl der antiken Gebrauchsg"läser zeig"t 
eine grünliche, bläulichg"rüne oder bräunlich-olivgrüne Färbung. 
Bläulichgrün ist das sogenannte Glas des Pharao in Ägypten, 
\on hellerer grünlicher oder gelblicher Farbe das Glas von 
Syrien, die langhalsigen Flaschen von Sidon, grünlich die Gläser 
Italiens und Galliens. Die Färbung rührt, wie erwähnt, von den 
im Kiessande enthaltenen Eisenoxyden her. An Schönheit steht 
dieses ordinäre Material weitaus dem künstlich gefärbten nach, 
das im Oriente] bis in das 11. Jahrhundert hinein und selbst später 
auch bei Gebrauchsgläsern besserer Sorte bevorzugt wurde. 
Die Gläser hellenistischer und römischer Zeit, welche in den 
Gräbern von Idalium (Cypern) zu Tausenden] gefunden wurden, 
sind der Mehrzahl nach gefärbt. Die farblosen und grünlichen 
vStücke aber, die hier vorkommen, sind nach Cesnola sehr 
dickwandig und wenig durchscheinend, offenbar noch iius freier 
Hand modelliert. In Ägypten findet man schon sehr früh farb- 
loses Glas, das ursprünglich wohl auch ganz durchsichtig war, 
jetzt aber mehr oder [weniger trüb ist. Dieses Material 
wurde wie das farbige als bildsame Paste mit freier Hand 
um einen Tonkern modelliert und an der Außenseite geglättet, 
die Perlen, Amulette, kleinen Besatzstücke und Schmuck- 
sachen in Hohlformen gegossen und ciufgetropft oder durch 
Pressung jverziert. An den Bruchflächen zeigt es sich, daß 
die Trübung nicht durch die ganze Dicke des Glases hin- 
durchgeht, sondern hauptsächlich an der Innenseite vorhanden 
ist und \'on da nur wenig nach dem Inneren vorschreitet. Sie 
ist demnach nicht, wie vSemper meint, künstlich hervorgerufen, 
sondern das P>gebnis eines natürlichen Verwitterungsvorganges, 
w^elcher durch eine mangelhafte Abkühlung des fertiggemachten 
Glases befördert wurde. Namentlich die dickwandigen Gefäße 
und Pasten erkalteten in den unxollkommenen Kühlöfen der 
Alten nicht rasch und gleichmäßig genug. Die Abkühlung trat 
an der Außenfläche früher als im Inneren ein, wodurch eine 



26l 

Verschit'lnint;" ilcr Masse, eine S])annung entstand, die kleine 
Risse hervorrief. xVnfangs kaum bemerkbar, gewährten diese 
Risse und Rauheiten im Laufe der Zeit der Einwirkung von 
Wasser und organischen Säuren freieren Spielraum • ^ils glatte 
und gleichmäßig gekühlte Gläser; die Kali- und Xatronsilikate 
der Glasmasse wurden aufgelöst und dadurch die Trübung und 
Mattierung hervorgerufen. Diese Sorte farblosen Glases wurdr 
bis in das III. Jahrhundert lüncin zur Herstellung jener, oft ^ ., m 
langen, in der Mitte 
verdickten Phiolen, die 
manchmal als Saugheber 
erklärt werden, der vier- 
eckigen, langhalsigen, in 
Formen geblasenen soge- 
nannten Merkurflaschen 
und anderer Gebrauchs- 
ware angewendet. Die 
chemische Untersuchung 
lehrt, dal] ihr Material 
von Eisen- und Mangan- 
oxvden vollkommen frei. 
d. h.. dal) es natürliches 
f^irbloses (ilas ist. ge- 
wonnen aus reinem Kiessande. Man fand ihn an den Ufern des 
Niles, des Belus, an der Küste von Puteoli und an anderen Orten. 
Der Wüstensand Ägyptens war von verschiedenen Sorten. 
An manchen .Stellen gab er ganz weißes, eisenfreies Glas, das sich 
auch \orzüglich zur Färbung eignete, weil die zugesetzten Farb- 
stoffe frei wirken konnten: an anderen dagegen das bekannte, 
stark blaugrün gefärbte, das sehr \iel Eisen enthält. Schon wenig 
Eisen reichte hin. um die Farbe sehr zu beeinflussen. Wenn der 
gewöhnliche rott^ Wüstensand gebraucht wurde, erzielte man 
immer das Glas des Pharao, die blaugrüne .Sorte. Braunen Wüsten- 
sand verwendete man wahrscheinlich in der Regel zur i lerstellung 
blau oder grün gefärbten Glases, indem man 3 — io"/o Kupfer und 
etwas Kalk zusetzte.') Die alexandrinischen Arbeiter behaupteten 




Abb. 129. 



(jläser mit Schlangenfäden. 
Aus der Picardie. 



^) Russell in Petries Medüm. S. 447. 



202 

nach Strabo, dal] sich ihr Sand besonders ^»"ut für farbige Gläser 
eigne. Daneben verstand man es, wie Petrie in Teil el Amarna 
nachgewiesen hat, schon um i 500 v. Chr. reines und farbloses Glas 
aus pulverisierten Quarzkieseln herzustellen, ein Verfahren, das 
nach Plinius später allgemein bekannt war und die Herstellung 
farblosen Glases auch dort möglich machte, wo man nicht über 
reinen Kiessand verfügte. Funde \on reinen, farblosen Gläsern 
sind denn auch im alten Ägypten nichts ungewöhnliches, eben- 
sowenig unter dem orientalischen Import diesseits der Alpen. 

Eine andere Sorte farbloser Gläser erweist sich bei der 
chemischen Untersuchung als künstlich entfärbtes Produkt. Es 
enthält Manganoxyd (Braunstein), welches in geringen Mengen 
zugesetzt die Eigenschaft hat, die Metalloxyde unreinen Kies- 
sandes zu paralysieren und die Schmelze zu klären. Manchmal 
vergriff man sich bei der Entfärbung und gab all zu reichliche 
Dosen von Braunstein zu. Dies geschah besonders zu Ende der 
Römerzeit sowohl in Gallien, am Rhein wie im Orient, zvi einer 
Zeit, als die Hütten die alten Rezepte leichtfertig l^ehandelten, 
noch mehr in der fränkischen Periode und im Mittelalter. Bei 
den farbigen Gläsern des V. Jahrhunderts und der fränkischen 
Zeit kann man alle die Fehler beobachten, die durch zu geringe, 
meist aber dv;rch zu starke Erhitzung sowie durch unrichtige 
Mischungsverhältnisse verursacht werden. Gelb wird zu stumpfem 
Rotbraun, Rot zu Violett, Grün zu schmutzigem Oliv usw. Die 
Folge war, daß die Fritte nicht krystallhell wurde, wie man be- 
absichtigte, sondern eine trübe Komplementärfarbe von Blaugrün, 
schmutziges Braungelb annahm. 

Schon Ilg hat wahrscheinlich auf Anregung Lobmeyrs die 
Ursache der unreinen und mangelhaften Entfärbung zahlreicher 
antiker Gläser darin gesucht, daß den Alten kein Mittel bekannt 
war, den Sand zur vSchmelze von Eisenoxyden zu befreien.^) Da- 
gegen wandte Blümner ein, daß die chemische Analyse häufig 
bei antiken Gläsern Zusätze von Mang-anoxyden ergeben habe. 
Beides ist richtig. In entlegenen Glashütten und bei der Her- 
stellung ordinärer Gläser wandte man den gewöhnlichen unreinen 
Kiessand an, während in anderen Fällen das Material entfärbt 



^) llg, Anmerkung zu Heraclius, S. 392, Blümner a. a. O. IV, S. 392. 



263 



wurde. Wann man diese Eigenschaft der Manganoxyde erkannte, 
geht aus den hterarischen Quellen nicht hervor. Jedenfalls hängt 
diese Erfindung aufs engste mit jener der Glaspfeife zusammtMi, 
da namentlich bei geblasenen Gläsern die Verunreinigung des 
Alateriales auffallen mußte. Als Färbemittel war d^ls Manganoxyd 
längst bek^mnt, man \erwendete es, um braune (jläser herzu- 
stellen. Dabei mag der Zufall, indem 
man einmal durcli ein zu geringes Quan- 
tum anstatt der gewünschten Farbe eine 
Xeutralisierung des bereits ursprünglich 
vorhandenen blaugrünen Tones zu Farb- 
losigkeit erzielte, die Aufmerksamkeit auf 
dieses Entfärbungsmittel g'elenkt haben. 
]3as künstlicli entfärbte Glas ist im 
Gegensatze zu dem natürlich farblosen 
der ersten Periode der Glastechnik, der 
Periode der aus freier Hand modellierten 
Glaspaste, meist zu ilünnwandigen Ge- 
fäßen ausgebalsen, also Hohlglas in mo- 
dernem Sinne. Dickwandiger ist eine 
dritte, sowohl durch Guß und IVessung, 
wie mit der Glaspfeife verarbeitete Sorte 
farblosen Glases, welche gleich dem 
Krystallglase von heute und den opti- 
schen (rläsern. Zusätz(^ \on Bleioxyden 
enthält. Sie eignete sich besonders zur Abb. 130. Kanne mit Schlangen- 
ei ravierung und zum Schliff und fand in fäden. Boulogne, Museum, 
der Kais(^rzeit Ijis ans Ende weitx'erbrei- 

tete und \ielseitige Anwendung. Sie repräsentiert das berühmte 
Krvstallglas, dem Plinius unter allen Sorten die erste und her- 
vorragendste Stelle anweist, das in der Kaiserzeit die höchsten 
Preise erzielte.-^) Es ist ein schönes, glänzendes, trotz seini^r 
Weichheit doch widerstandsfähiges Material, das durch Iri- 
sierung weniger ids die durch Manganoxyde entfärbten Sorten 
gelitten hat. 




^) „Maximus tarnen bonos in candido tralucentibus, quam proxima crystalli 
similitudine". Plinius 36, 198. 



204 

Die noch von Ilg- vertretene Ansicht, daß die Antike den 
Hauptwert auf die Nachahmung edler Steinarten durch farbige 
Glaspasten gelegt habe, ist in dieser F'orm nicht mehr aufrecht 
zu halten. Dieser meint, daß die Nachahmung des Obsidians und 
anderer Steine anfangs Hauptsache gewesen sei und das antike Glas 
auch später, als man bereits krystallreines erzeugen konnte, vor 
allem bunt, nichts anderes als ein Rivale des Edelsteines und 
nicht des Krystalles sein wollte. Die Produktion farbloser Gläser 
trete mehr wie ein Nebenzweig in der Industrie auf. Das ist 
ganz unrichtig. Plinius selbst sagt, daß die römischen Glasmacher 
ihre größte Ehre drein setzten, krystallreines Glas zu erzeugen. 
Lobmeyr bemerkt, daß diese Krystallgläser den modernen sehr 
nachstünden; Ilg stimmt bei und behauptet, das habe seinen 
Grund d^irin, daß die durchsichtig-farblosen (rläser bloß Erzeug- 
nisse der wechselnden Mode gewesen seien, welcher der antike 
Charakter, der immerdar den Edelstein als Vorbild betrachtet habe, 
widerstrebte. Wenn man die Leistungen der antiken Glasindustrie 
im ganzen Gebiete des Römerreiches, im Osten und im Westen, 
in den Ländern des Mittelmeeres wie in denen der Nord- und 
Ostsee überblickt, erkennt man. daß wenigstens vom IL Jahr- 
hundert nach Chr. ab, damals wie heute, das ungefärbte, durch- 
sichtige Glas überwog und zwar nicht nur im ^Massenbedarf, 
sondern auch in der Luxusindustrie. Während die antiken Schrift- 
steller die Earblosigkeit, die Durchsichtigkeit, den Glanz, die 
graziöse Leichtigkeit der Krystallgläser in allen Tonarten preisen, 
finden die Nachahmungen von Edelsteinen durch Glas bei ihnen 
keine andere Beurteilung als wir heutzutage derartigen Imi- 
tationen angedeihen lassen. Seneca warnt vor einem Fälscher 
\on vSmaragden, Plinius spricht vom „lügnerischem Glase" ^) und 
erwähnt Bücher, welche die zweideutige Kunst der Nachahmung 
von Pldelsteinen lehren, verschweigt aber absichtlich deren Titel 
und Autoren, damit nicht andere auf diese Kniffe aufmerksam 
werden und sie nachahmen. Getäuscht werde aber selbst durch 
die geschicktesten Nachahmungen bloß das Auge, während der 
Probierstein erkennen lasse, daß bei den falschen Gemmen der 
Stoff weicher und gebrechlicher sei. Auch durch das geringere 

^) ,,Non est smaragdo alia imitabili materia mendaci vitro". 



>6: 



(jewicht und eine i^rößere Wärme beim Anfühlen verrieten 
diese sich. ^) 

Daß die Fälscher trot/dem mit Krfoli^- arbeiteten, beweist 
die Xachricht. daß selbst die Kaiserin Salonina. die (iattin des 
(ialienus, durch eine gläserne Perlen- 
schnur betrogen wurde. Fäi\ Fälscher 
von Edelsteinen hatte sich anheischig 
gemacht, sie hinters Licht zu führen. 
Die Fälschung wurde jedoch nach- 
träglich entdeckt und der Übeltäter 
vor Galienus zitiert, wo er seiner 
Strafe entgegensah. Der Kaiser be- 
fahl, ihn zu ergreifen und den Löwen 
\orzuwerfen. Gleichzeitig wurde ein 
fetter Kapaun in den Zwinger ein- 
gelassen, auf welchen sich die Bestien 
alsbald stürzten. Alle Zuschauer 
brachen in Gelächter aus, indes der 
arme .Sünder zitternd und bebend 
wartete, bis ihn selbst die Reihe träfe. 
Da ließ der Kaiser durch den Curio 
iiusrufen: „Er ist auf dem Betrüge 
ertappt, nun hat er sein Teil".-) 
Hierauf gab er Befehl den Händler 
freizulassen. — Tatsächlich ist es nur 
ein kleiner Nebenzweig der Industrie, 
welcher absichtlich in der Nachah- 
mung \-ün lüielsteinen durch Glas bis 
zur Täuschung ging. Bei der weitaus 
überwiegenden Zahl farbiger (iläser 
sind die Farben und Muster von Edel- 
und Halbedelsteinen nur als Motive 
benutzt, die mit \-oll('r kün^tlerischer 








Abi) 



131. Flasche mit Barhotine- 
schmuck. Kiiln, Museum. 



*i Plinius 36, 98. „.Adulterantur vitro simillime, sed cote deprehenduntur, sicut 
aliae gemmae; ficlis enim mollior materia fragilisque est. Centrosas cote deprehendunt 
et pondere, quod minus est in vitreis." Ders. 37, 128. ,, Vitro adulterantur, ut visu 
discerni non possint. Tactus deprehendit, tepidior in vitreis.'' 

-) „Imposturam fecit et passus est". 



266 

Freiheit behandelt werden, so daß von einer Kopie g'ar nicht 
die Rede sein kann. 

Farbigfes Glas wurde bis in das V. Jahrhundert hinein her- 
g"estellt, obwohl, wie bemerkt, seit Beginn des I. Jahrhunderts 
das Krystallglas sich den Vorrang erkämpft hatte. Bei einfarbigen 
Gläsern begann man größeren Wert auf vollkommene Durch- 
sichtigkeit, edle Form und eleganten Schmuck zu legen als etwa 
auf ein edelsteinartiges Aussehen. Durchsichtig" sind, oder waren 
ursprünglich \'or der Verwitterung wenigstens, die zahlreichen 
einfarbig'en Ol- und Parfumfläschchen, die man noch in den 
Gräbern der spätesten Kaiserzeit findet, die Balsamarien in Röhren-, 
Kugel- und Kegelformen, die kleinen Oenochoen und Ampho- 
risken, im Gegensatze zu den opaken oder nur wenig durch- 
scheinenden Kännchen vom Anfange unserer Zeitrechnung und 
den alten Arbeiten, die aus freier Hand modelliert sind. Jene ge- 
hören mit ihren griechischen Profilen zu den schönsten und edelsten 
Erzeugnissen der antiken Glasindustrie. Die Farbe ist türkisblau, 
dunkelblau, lackrot, dunkelrot, purpurn, smaragdgrün, schwarz, 
goldbraun, gelb u. a. Der Körper zeigt oben eine starke Wölbung" 
und verjüngt sich allmählich nach der Fußplatte. Der Hals ist 
kurz und eng, mit kleinem runden Randwulst oder gelippter 
Kleeblattmündung versehen und sitzt gewöhnlich scharf auf 
Um den Rand und die Fußplatte ziehen sich Ringe aus opak- 
weißen Fäden, aus welchen auch die Henkel gebildet werden, 
mit dem charakteristischen Schlingenansatze neben der Mündung. 
Doch kommen auch Fäden anderer Farbe vor, gelb auf blau, 
schwarz und rot, blau auf schwarz usw. Es sind dvuxhweg 
feine, der griechischen Keramik und Bronzetechnik entlehnte 
Bildungen, die uns in diesen von Alexandria ausgehenden, dann 
besonders von den campanischen Werkstätten übernommenen 
Typen entgegentreten und leuchtende, von der Verwitterung 
kaum berührte P'arben. Im Oriente, auf den g-Hechischen Inseln, 
in Italien sind sie nicht selten, aber auch über die Alpen sind 
viele importiert worden, namentlich ins terraconensische Gallien. 
Im Anfange der gallischen Fabrikation mögen alexandrinische 
Werkleute sie auch dort erzeugt haben. Zwei der schönsten 
türkisblauen Kannen dieser Art sind in Trier mit einer Münze 
Neros gefunden worden (Abb. 36 d), die größte, vielleicht 



26; 



ans Pompeji eini)f(^führtr, licwalirt die Altt'rtümt'rsamiiiluiiLi" \'on 
Stuttg-art als Geschenk Joachim Murats lAbb. 36bj. Sie ist etwa 
30 cm hoch, von dnnklem Kobaltblau, durchscheinend, mit schön 
g"esch\vini^"enem, ol)en leicht eing"edrücktem Hrnkfl und einem 
Schnabelausg-ull Der Köq^er hat schlanke eiförmij^-e Rundunjj;- 
und ist \()m Fuße durch einen Fadenrini,»" ab^feyriMizt. 
Auch im Mustnuu Poldi Pezzoli in Mailand Ix'tindet sich eine 
schöne Kanne dieser Art (Abb. 36a). Ein a/.url)laues KännclKMi mit 
breitem T lenkel ist ne- 
ben zwei spätrömischen 
Fläschchen aus g-rün- 
lichem (jlase in einem 
Grabe zu Remag-en am 
Rhein i^efunden worden 
und beweist, daß sich 
diese edlen Typen lange 
erhalten haben. Im IL und 
III. Jahrhundert hat die 
gallische Glasindustrie 
solche zierliche Kannen 
und Kännchen auch 
aus farblosem und grün- 
licliem (Jlase hergestellt. 
Daneben gab es 
schon in den ersten Jahr- 
zehnten weniger elegante Bildungen von Kannen und Flaschen. 
Anstatt den Hals durch das Anhalten einer hölzernen Schiene 
während di^s Blasens am Ansätze abzugrcnizen und die größte 
Weite der Rundung in den oberen Teil des Körpers zu verlegen, 
ließ man die Glasblase von der Pfeife herabhängen und setzte das 
Gefäß auf eine Platte. So gingen 1 ials und Kör])er ineinander ülx^r 
und die größte Weite wurd(^ nach miten \-erlegt. ( )ft erzielte man 
nachträglich dadurch eine Abgliederung, daß man den 1 Ials unten 
einzwickte, wie es die meisten syrischen Flaschen zeigen. Zur 
Datierung sind diese Merkmale nicht zu \erwenden, weil sie sich 
von selbst durch die Technik ergeben. Neben Gläser, deren 
Formen der Gefäßbildnerei in Ton und Metall enth^hnt sind, treten 
gleichzeitig solche, die eine m(")glichst bequeme Au-^muzung der 




Abb. 132. Becher mit Fadeninschrift. 
Ronen, Museum. 




268 

Eig'entümlichkeiten des Stoffes erkennen lassen. Nur der leichte 
schräge Rand, der gewissen dünnwandigen jFläschchen anstatt 
des Wulstes eigen ist, kann als Merkmal früher Entstehungszeit, 
der ersten Hälfte des I. Jahrhunderts gelten. Kugelfläschchen mit 
solchem Rande und eingezwickteni Haisansatze sind in Andernach 
mit Münzen des Augustus und Tiberius gefunden worden und 
kommen iiuch in Pompeji vor. Andererseits gab es dort schon 
kegelförmige Fläschchen mit rundlichem Randwulste; ein schlauch- 
förmiges Fläschchen, dessen Körper allmählich in den Hals über- 
geht, fand man in .Vndernach mit einer Münze des Tiberius. 

Sehr häufig sind in den ersten 
Jahrzehnten nach Chr. die bereits er- 
wähnten halbkugeligen Schalen mit Rip- 
pen, die gewöhnlich dickwandig aus 
leuchtendem tiefblauem , purpurrotem, 
dunkelgrünem und goldbraunem (jlase 
hergestellt, sorgfältig abgeschliffen und 
., , T> , .. , • poliert sind. Prachtstücke dieser Art 

Abb. 133. Bruchstuck eines ^ 

Bechers mit Fadeninschrift. bestehen aus Marmorglas und Millefiori, 
Köln. Museum. einfache Nachbildungen aus grünlichem 

Glase findet man noch im IL Jahrhundert. 
Die Form findet sich überall, in Ägypten, Pompeji, Neapel, Rom, 
und ist fast in alle größeren Alt(^rtumssammlungen diesseits der 
Alpen übergegangen. Noch häufiger sind bis in die späteste Zeit 
liinein Kugelbecher und Schalen, deren Ränder und Profile ebenso 
große Mannigfaltigkeit zeigen wie die Dekoration, die allen Wand- 
lungen des Geschmackes folgt und alle Techniken in Anspruch 
nimmt. Auch die klassische Form des Cantharus, des doppel- 
henkeligen Bechers, erhielt sich bis in die letzte Zeit und wurde 
sogar zum Meßkelche. Papst Zephirinus] (202 — 219), welchem die 
Einführung gläserner Meßkelche zugeschrieben wird, bestimmte, 
daß die Meßdiener vor dem zelebrierenden Bischöfe gläserne Teller 
tragen sollen, 'auf welchen die für die amtierenden Priester be- 
stimmte Corona consecrata, das Abendmahlsbrod in Gestalt eines 
rinfgörmigen Bretzels zu liegen kam. Außer mehreren Kelchen 
haben sich auch solche Teller, teils aus einfarbigem Glase, teils 
mit Gold- und Emailmalerei verziert, erhalten. Zu diesen oder 
ähnlichen Geräten gehört der sagenumwobene Becher des 



log 




Grals, der jetzt im Domschatze von Genua als kostbare Reliquie 
g-ehütet wird (Abb. 33). Nach der Lebende soll er dem Heilande 
als Abendmahlsbecher i^-edient haben und von Josef von Arimathia 
bei der Kreuzig'uns^" dazu benutzt worden sein, das aus der Seiten- 
wunde Christi strömende Blut aufzufangen. Durch ein Wunder 
nach dem Monsalvat versetzt, diente er den Rittern des Grals 
beim heilig"en Abendmahle und füllte sich bei der Wandlung- von 
selbst in Purpur strahlend mit Christi Blut. Wie er in die Hände 
der Sanizenen g^elang^te, ist unbekannt. Genuesische Kreuzfahrer 
fanden ihn 1102 in der Moschee \'on Cae- 
sarea und brachten ihn in ihre heimische 
Kathedr^ile. Dort hielt man ihn für ein 
g-roßes Stück geschnittenen Smaragdes, bis 
die Franzosen ihm 1 806 die Ehre erwiesen, 
ihn nach Paris zu „übertragen", bei welcher 
Gelegenheit er zerbrach und sich als (ilas 
entpuppte. Er wurde notdürftig geflickt und 
mit einer geschmacklosen Bronzefassung 
im Empirestil versehen, mußte aber beim 
Friedensschlüsse wieder zurückgestellt wer- 
den. Der angebliche Gralsbecher ist eine 

Schale aus dunkelsmaragdgrünem, dickwandigem Glase von 
etwii 35 cm Durchmesser und 10 cm Höhe, flachrund, acht- 
eckig geschliff"en, mit zwei wagerechten starken Henkeln und 
kurzem schräge zugeschnittenem Fußringe. Innen ist ein Doppel- 
kreis graviert, der mit kleinen Ringen, gleich Würfelaugen, gefüllt 
und mit einem achtspitzigen Stern umgeben ist, dessen Strahlen 
die Kanten der Sch^de markieren und wieder in kleine Ringe 
auslaufen. T)i(' Form ist durchaus antik, ebenso die Gravierung, 
wenn tiuch \or dem HI. Jahrhundert kaum möglich. Die (rravie- 
rung verwertet das Motiv der Corona consecrata in ornamen- 
taler Weise und deutet damit die Bestimmung des Gefäßes an. 
Nach dem ursprünglichen Aufbew£ihrungsorte Caesarea ist die 
Entstehung im Oriente, in Alexandrien, Sidon oder einer syrischen 
Werkstatt wahrscheinlich. Die (ilashütten Alexandriens blühten 
unter sarazenischem Schutze bis tief in das Mittelalter weiter und 
lieferten u. a. die kostbaren farbigen und dickwandigen, teilweise 
mit (iold- und Kmailmalerei verzierten Gläser des Schatzes von 



Abb. 134. Boden eines 
Goldglases mit Fadenin- 
schrift. Britisches Museum. 



2-JO 

S. Marco in Venedig, die Nesbitt mit Unrecht den Byzantinern zu- 
schreibt. Auch dem Gralsbecher ist die Ehre widerfahren, für 
byzantinisch gehahen zu werden. Es ist aber nichts davon bekannt, 
daß in Byzanz, vom Glasmosaik natürlich abj^esehen, die Kunst 
des Hohlg-lases, des Glasschleifens, Emaillierens, A^erg-oldens, jemals 
in nennenswerter Weise betrieben worden wäre. Freilich spricht 
Theophilus und nach ihm andere mittelalterliche Schriftsteller 
oft \'on griechischem Glase und g-riechischen Glaskünstlern, aber 
dies geschieht in keinem anderen Sinne und mit eben derselben 
Berechtigung, mit welcher die Nordländer einst den Glasschmuck 
phönizisch nannten, der ihnen von phönizischen Händlern zu- 
gebracht wurde. Griechische, d. h. byzantinische Kaufleute waren 
es, welche im Mittelalter den Norden mit Glaswaren versorgten, 
die im Orient an den alten Stätten der Industrie entstanden 
waren. Bei dem Gralsbecher ist aber die Bezeichnung als byzan- 
tinisch auch zeitlich verfehlt, da die Schale besonders nach der 
Form der Henkel und des Fußringes entschieden antik ist. Die 
Gesamtform, die der Henkel inbegriffen, wiederholt sich bei 
einigen Glasschalen der frühen Kaiserzeit im Museum von Neapel 
(Formentafel F 392). Manche Kugelbecher haben die Bronze- 
gefäßen entlehnte Form des kleinen Rundhenkels mit Daumen- 
platte, wie der gleichfalls der frühen Kaiserzeit angehörige azur- 
blaue Becher im Schatze von vS. Marco, der im Palazzo Bianco 
in Genua (Abb. 35a, c) von derselben Farbe, einer aus Pompeji 
im Museum von Neapel u. a. ^) 

Kugelbecher von einfacher Form, aber in leuchtenden 
prachtvollen Farben, sind sehr häufig. Besonders beliebt scheinen 
sie bei Barbaren gewesen zu sein, die farbiges Glas sehr hoch 
schätzten und gern sammelten. So enthält der Longobarden- 
schatz von Castel Trosino z. B., der im VI. Jahrhundert angelegt 
wurde, neben zwei Gläsern mit imitiertem Fadenschmuck, auf- 
gemaltem Farnkrautmuster und anderen Arbeiten auch Kugel- 



^) Der Becher kam wahrscheinlich als Geschenk des Papstes Gregor d. Gr. 
aus Rom zur Königin Theodelinde. Der Abt Johannes brachte außer ihm auch 
zahlreiche Reliquien mit, darunter (Jle aus den Lampen, welche vor den Altären der 
Märtyrer in den Grabkammern brannten. Sie befinden sich in kleinen Phiolen aus 
Glas und aus Blei noch heute im Schatze von Monza. Gregor d. Gr. pflegte gleich- 
falls solche ( )le in Glasphiolen zu versenden. 



271 



bocher, deren schcinr Wirkung; ausschließlich auf der satten, 
tiefen Farbe beruht. Kin Kuj^elbecher dieser Art ist auch der 
berühmte Becher Theodelindens im Domschatze von Monz^i, 
Auf einen trotischen Metallfuß hat man als Cuppa einen Kug-el- 
becher aus der Kaiserzeit gesetzt, der nicht aus Saphir be- 
steht, wie man lange annahm, sondern aus durchsichtigem azur- 
blauem Glase. Er ist ganz schmucklos, trägt nur am Rande einen 
schmalen hohlgeschliffenen Reif und 
darunter eine leichte gravierte Kreis- 
linie (Abb. 34). Vielleicht ist er schon 
im Altertume in anderer I^assung als 
Kelch btniutzt worden. ^) Ein ähn- 
licher Kugelbecher, ein Teller und 
ein Kännchen, auffallend durch ihr 
prachtvolles Smaragdgrün, befinden 
sich im Provinzialmuseum von Trier, 
ein Kugelbecher von derselben Farbe 
im Museo Borbonico. wo auch ein 
konischer Becher aus azurblauem 
durchsichtigem Gla.se zu sehen ist. 
(Abb. 35 c). Diese langlebige Becher- 
form, die wir schon im alten 
Ägypten eingetroffen haben, kommt 
auch in smaragdgrüner F'arbe \'or, 
manchmal mit einem kleinen Seiten- 
henkel, so daß sie einem ]\Iörser 
gleicht.') Becher mit geschweiften 

(konkaven) Wandungen, in der Form des C'archesiums, stellte 
man auch in schwarzem Glase her. das durch das Eicht 
gesehen, einen rötlichen ^Schimmer hat. Es ist eine Nach- 
ahmung des Obsidians, von welcher FVoehner behauptet, daß 
sie bei größeren Gefäßen nicht anzutreffen wäre. Ihm sind nur 
einige Armbänder und Nachahmungen von Cameen unter- 
gekommen. Armbänder aus schwarzem Glase sind freilich sehr 
häufig, doch gibt es aus diesem Material, in welchem nach den 

') Das Vorbild dieser Henkelbildung zeigen auch Silberbecher aus dem Funde 
von Bosco Reale. Vgl. Abb. 161. 

'-) Gleichfalls im Museum von Neapel. 




Abb. 135. Gallischer Trinkbecher 
mit Barbotine. Köln, Museum. 



''72 

Berichten von Schriftstellern, auf welche wir später noch zurück- 
kommen werden, Tafelgerät, Büsten und Figuren hergestellt 
wurden, auch größere Gefäße. Von Bechern sind mir zwei 
P^^xemplare bekannt, das eine im Kölner Museum, das andere 
in Namur, beide Lokalfunde, welche eiber so sehr miteinander 
übereinstimmen, daß man auf dieselbe Werkstatt raten möchte. 
Einen Kugelbecher von wundervollem Türkisblau, wohl ägypti- 
scher Herkunft, \'erwahrt das Museum Kircherianum in Rom 
aus dem Schatze von Praeneste; einen außen vollkommen mit 
Blattgold überzogenen erwarb Konmierzienrat Zettler-München 
in Kleinasien. Unter den prächtigen farbigen Gläser des Museums 
\'on Neiipel sei wegen seiner originellen Form noch der mit 
Canelluren gegliederte Askos hervorgehoben, der in mehreren 
Exemplaren, einem opak-dunkelblauen, einem hell-azurblauen mit 
weißen Flecken und mehreren farblosen vertreten ist. (Abb. 69). 
Wie die Edelsteine so kamen auch die Nachbildungen solcher 
in Glas aus dem Oriente nach Rom.^) Zu Plinius' Zeiten ahmte 
man den Saphir, Opal, .Smaragd, Hyazinth, Jaspis, Karneol nach, 
außerdem aber auch den Rubin, Topas, Türkis, syrischen Granat, 
Beryll, Amethyst, Praser, Achiit, Sardonyx, Onyx, Lapiskizuli u. a. 
Die über die Nachahmung von Edelsteinen handelnde Stelle des 
Plinius 36, 198 lautet wörtlich: „Fit et tincturae genere obsidianum 
ad escaria vasa et totum rubens iitque non treducens, haematinum 
appellatur. Fit et album et murrina (also tils Gegensatz zu weiß, 
bunt) aut hyacinthos sapphirosque imitatum et omnibus aliis 
coloribus — maximus tamen bonos in candido tralucentibus quam 
proxima crystalli similitudine". Aber die Nachahmungen sind 
durchaus nicht naturgetreu, weil der Glasmacher bei der Her- 
stellung der Farben sehr \'om Zufall abhängig war, so daß er 
niemals mit Sicherheit vorhersagen konnte, ob es ihm gelingen 
werde, ein Stück ein zweites Mal genau] farbentreu zu wieder- 
holen. Dabei waren allerdings die Fälle ausgenommen, in welchen 
er ein größeres Quantum \orher zurechtgemachter Glaspaste ver- 
arbeitete, namentlich blaue und rote Gläser, deren Material in 
ägyptischen und campanischen Werkstätten fabriksmäßig her- 
gestellt und in l^'orm \on Ziegeln (Kuchen, Stang-en) exportiert 



^) Froehner a. a. O. S. 45. 



273 

wurde. Al)er auch solches V)ereits vorg-erichtete Alaterial konnt(3 
si(4i im erneuten Brandt^ Uncln verändern und durcli unvorher- 
gesehene Beimengunj^en einen anderen Ton erhalten. Besonders 
bei den gemusterten Gläsern, den Marmor-, I^andachat-,()nyxtrläsern 
kann von genauer Xaturnacliahnunig nur selten die Rede sein, der 
Künstler ändert oft willkürlich otU^r d(^r Not gehorchend Farben 
und Muster. Jiispis und Pori)hyr wurden weniger häutig nachge- 
bildet als man glauben solhe. In Kom stc'Wk man /war aut P)ruch- 
stücke derartiger Glasgefälie, 
erhalten scheint aber keines 
zu sein. 

Nach Plinius ]:)ehndet sicMi 
unter den nachgeahmten Stein- 
sorten auch derÜ])al. Auch von 
derartigen Gläsern ist nichts auf 
uns gekommen, was aber nicht 
Wunder zu nehmen braucht, 
denn der Effekt des Opalisie- 
rens wird, wie bereits erwähnt, 
durch einen Zusatz von Kno- 
chenasche und anderen Mitteln 
erreicht, welche der Wrwitte- 
rung nicht Stand halten. Selbst 
die modernen Opalgläser ver- 
lieren bald ihr Farbenspiel. 

Wahrscheinlich waren die obengenannten Calices allassontes des 
Iladrian Opalgläser.^; Semper hält sie allerdings für Millefiori. 
für welche ich den so lange rätselhaften Namen der Vasa inurrina 
gt^rettet zu haben glaul)e. Er wendet sich besonders scharf gegen 
die Ansicht, daß die antike Glasindustrie vor allem iiuf die Imitation 
\-on Edelsteinen ausgegangen sei. In der Tat kann von den 
antiken Gläsern, die altägyptischen inbegriffen, bei welchen man 
sich in Farbe und Muster gewisse bunte Steinarten als \'orbild 
n^lhm, selbst das unbewaffnete Auge kaum irregeführt werden. 
Freilich haben, wie w ir früher sahen, große Säulen, Fliesplatten. 
Stelen, \ielleicht sogar Statuen aus glasiertem Ton, naive Be- 




Abb. 136. Jagdbecher mit Barboline. 
Köln. Museum. 



1) Vgl. S. 180. 
Kisa, Das Glas im .Altertume. 



274 

wunderer über ihre wahre Natur g-etäuscht. Kleine Gefäße aus 
glasiertem Ton sind in Ägypten manchmal Gläsern zum Ver- 
wechseln ähnlich. Es war den Alten aber nicht möglich, Mar- 
more und Edelsteine, selbst den einfarbigen Lapislazuli, so 
täuschend in Glas zu imitieren, wie dies die modernen vStuck- 
marmore einerseits, die falschen Brillanten, Saphire, Opale anderer- 
seits vermögen. Wenn man meint, daß die Antike in der Blüte- 
zeit der Industrie die hervorragendsten Eigenschaften des vStoffes, 
seine Durchsichtigkeit und Earblosigkeit, absichtlich unbenutzt 
gelassen habe, um ihn g"erade in den kunstvollsten Stücken nur 
als Surrog'"at eines edleren zu \erwenden, so drückt man ihr 
damit vmbewußt den Makel der Trucage auf Dies geschieht 
unter dem Einflüsse der fixen Idee, daß die Earblosigkeit und 
Durchsichtig'keit dem auf plastische Wirkung' gerichteten Sinne 
der Alten widerstrebt habe. ^) 

Am schärfsten kommt diese Befangenheit aber g-erade 
bei Semper zum Ausdruck, welcher glaul:)t, daß die zahlreichen 
Scherben von Prachtgefäßen aus schönstem, farblos durchsichtigem 
Glase innerlich fast alle mit dem Rade nachgeschliffen, wo nicht gar 
mit einem Anfluge undurchsichtigen Milchglases überfangen seien. 
Er hält die durch Iris, durch Verwitterung, hervorgerufene Trü- 
bung- für ein künstlerisches Produkt, da die Alten an der vollkom- 
menen Durchsichtig-keit der Gläser kein Gefallen gefunden hätten. 
Dieses uns nur halb verständliche Stilgefühl führte sie nach seiner 
Ansicht \ielleicht auch dahin, die echten Krystallvasen in ähn- 
licher Weise zu blenden. Die Tatsache, dal] das absolut Durch- 
sichtige eig-cntlich formlos erscheint, mochte der Grund dazu 
gewesen sein. (N^ollkommene Berechtigrvmg hat ja das antike 
Stilgefühl auch für uns, wenn es sich um erhabene Arbeit oder 
gar um Bildliaiicrwerk aus durchsichtigem Stoffe handelt, der eine 
naturwahre Wirkung der vorspringenden und zurücktretenden 
Teile gar nicht zuläßt, vielmehr alle Wirkung»- zerstört, weil durch 
die Wrdünnung der Masse hervorgebrachte Tiefen, die im Schatten 
liegen sollen, am hellsten erscheinen müssen und umgekehrt.) Helle 
durchsichtige Plastik aus Glasmasse finde sich daher auf alten 
Gefällen nur selten und nur als Xebenwerk, (auf durchsichtigem 

1) Semper a. a. O. II, S. 183 f. 



(irunclc auch nur b(M ordinärer (ilasware) als i^-(>mmenartii,'"es 
Emblem, Tropfen usw., als Besatz an Henkeln und anderen 
passenden Stellen aufi^-eleg"t. Sonst sei es irewfihnlich erhiibene 
Arbeit aus heller opaker Kruste über dunklem durchsichtigem 
Grunde, ein Verfahren, das die schcinsten und berülimtesten an- 
tiken Glasg-efäße zeii^en.^) 

Es ist richtig-, daß die l'berfangfgläser. welche Semjier zum 
Schlüsse andeutet, zu den schcinsten Eeistung^en der antiken (ilas- 
indu>trie gx^hciren inid auch dem antiken Stil.sjfefülile x-ollkommen 





Abb. 137. Besalzstücke a, b Koni, ehem. Sammlung Sarti, c Köln, Sammlung 

M. vom Kath. 

ents])rechen; vielleicht sagt man aber besser: dem griechischen 
Stilg'-efühle. Diesem war. wie wir sahen, die Glasindustrie 
unsympathisch und mußte sich, wo sie zur Geltung- kam, der 
Kunst der Edelsteinschneider anpassen. Das war zu Zeiten, 
als man die hervorrag-endsten Eigenschaften des (ilases, seine 
Durchsichtigkeit und Dehnbarkeit an der Glaspf(Mfe. noch 
gar nicht kaimte. Diese begründeten eine Re\-olution in der 
Technik und in den ästhetischen Anschauungen, wie sie in dem 
]\Iärchen \om hämmerbaren Glase des Tiberius angedeutet und 
in den verschiedenartigen, in llohlformen geblasenen Gläsern 
verwirklicht ist. Xiclit nur in einzelnen Nebensachen und in 
ordinärer Gebrauchsware tritt diese Geschmacksänderung- hervor, 
sie bestimmt \ielmehr den ganzen Char^ikter der antiken Glas- 
industrie im II. und III. Jahrhundert. Davon bleibt freilich 



1) Semper a. a. O. II, S. 1S6. 



iS^ 



276 

die Tatsache unberührt, daß ein Rehef in durchsichtigem 
Ghise falsch wirkt, daß die Tiefen aufgehoben erscheinen, die 
Glanzhchter stören usw. Diesen Mangel hat die Antike ebenso 
empfunden wie wir, gleichzeitig aber auch den Vorteil erkannt, 
den kein anderer Stoff bietet, daß nämlich ein Glasrelief auf 
beiden Seiten wirkt, auf der einen Seite positiv, auf der anderen 
negativ. In der Regel betrachtete m^m bei .Schalen mit Reliefs 
die Außenseite als Schauseite, bei gravierten die Innenseite und 
richtete danach die Komposition ein. 

Die Farbe beherrschte das Stilgefühl in der antiken Glas- 
industrie solange, als man farbloses Glas nur in geringen Mengen 
und an wenigen Orten herzustellen vermochte und solange das 
Formen von Gefäßen eine Arbeit der freien Hand war. Näher 
als die Entdeckung von Entfärbungsmitteln des durch Eisenoxyde 
verunreinigten Sandes, der Kieselerde, lag die. durch eine Ver- 
stärkung des urs])rünglichen Gehaltes an Metallen die Masse 
intensiver zu färben, durch die Quantität der Zusätze, durch die 
Art des Brennens, durch Entwicklung größerer oder geringerer 
Mengen von Sauerstoff bei Führung der Flamme zu variieren. 
Zufällige Beimengungen met^illischer Bestandteile haben zuerst 
die Aufmerksamkeit auf die dadurch hervorgerufenen Ver- 
änderungen gelenkt und zur Entdeckung der F'ärbemittel ge- 
führt. Die Alten waren keine Chemiker, sie verfuhren emjiirisch 
inid lernten, daß dieser und jener Sand, diese Erdart, jener Stein- 
klumpen, in gewissen Gegenden gewonnen, besondere farbige 
AVirkungen her\orrufe. 

A'^or allem waren die Ägypter durch ihre farbigen Gläser 
berühmt, in der Kaiserzeit die Alexandriner. Nach Strabo eignete 
sich kein Sand so gut zur Herstellung farbigen Glases, wie der 
\-om Nil, den noch die Venezianer auf ihre .Schiffe luden, um 
ihn in den Werkstätten Muranos zu verarbeiten. x\m belieb- 
testen war Blau in verschiedenen .Schattierungen, Türkisblau, 
Smaragdgrün. Goldl^ravm und mehrere Sorten von Rot. Nero 
soll die Gladiatorenspiele durch einen geschliffenen Smaragd in 
Goldfassung betrachtet haben, ohne Zweifel eine Linse aus grün- 
gefärbtem Glase. Unter den roten Farben hebt Plinius vor allem 
das Haematinum hervor, zu deutsch Blutglas, von dunkler 
Pur]Hn-farbe, o])ak und angel)lich kaum von rotem Marmor zu 



277 



unterscheidtMi.') l-'Voehner j^'lauV)t nur in einem jj-läsernen Serapis- 
kopf der Sammlun]!^- I loifinann in Paris') und zwei mit dem Rade 
gfeschliffenen Schalen aus . Midier, jetzt im Louxre, diese hochg'e- 
schätzte Farbe wiederzufinden, andere Forscher sind weniger exklu- 
si\-. Xach Tischler g"ibt es zwei wesentlich verschiedene Erschein- 
ungen des opiikroten Glases, die man bei einiger Übung schon Tuit 
freiem Auge unterscheiden kaim, die aber unfrhl])ar (hirch das Mi- 
kroskop nachzuweisen sind. Blutgkis 
zeigt in farblosem (zrunde dendrit(Mi- 
^lrtige Krvstallisationen xon l\.u])fer- 
oxydul; dieses allein ist mit dem 
llaematinum des Plinius zu identifizie- 
ren. Scherben davon gibt es in zahl- 
reichen Museen, auch an mt^hreren 
ägyptischen Alabastren bildet es die 
Grundfarbe. In neuerer Zeit ist das 
Blutglas durch F^ettenkofer wieder dar- 
gestellt worden, war jedoch wahrschein- 
lich schon vorher in der Mosiiikfabrik 
des \"atikans bekannt. Wesentlich 
verschieden x'on diesem dunkelroten 
Glase ist das, was Tischler 1884 als 
Lackrot bezeichnet hatte und später Ai.b. 138. Amphoriske mit Lotus- 
Ziegelglas oder Ziegelemail be- knospen. Kiiln, Museum. 
nannte, weil es sich in seiner bräun- 
lichen vSchattierung mehr oder weniger der l-'arbe feiner 
Ziegel nähert. Das Ziegelglas zeigt bei sehr dünnem Schliff 
auf ljläulich-transparent(Mn Grunde äußerst feine und absolut 
opake Körperchen, die bei auffallendem Lichte metallisch rot 
erglänzen. In den älteren Gläsern und Kmails erkemit man 
darunter nur bei allerstärkst(M- X'ergrölierung kleine regelmäßige 
Dreiecke. eb(Miso bei den bess(»ren neu(M-en, während die 
schmutzigen, mehr bräunlichen Schmelz\ersuche diese Dreiecke 
großer und deutlicher zeigen und so in Lbergängen allmählich 
zum A \-en turinglase führen, welches mit gr(")ßt>ren. drei- oder 




^) Plinius, 36, 197. 

^) Jetzt bei Pierpont Morj:an. 



278 

sechsseitig"en Kupfertäfelchen durchsetzt ist. Das Ziegelfiflas ent- 
häk demnach metalhsche, äußerst feine Kupferkörnchen, die in 
einer durch Kupferoxyd bläuhch j^efärbten Grundmasse verteilt 
sind. ]\Ian darf es nicht mit dem 1 laematin verwechseln, zumal 
die Gefäße aus reinem Ziegelglase sehr selten sind und wohl 
auch ziemlich s])ät auftreten. Die ,iifallischen Emailfibeln der 
Kaiserzeit enthalten nach Tischler immer Zieg'elg'las, während 
das Rot des etruskischen Furchenschmelzes und kleiner Band- 
streifen von Fibeln mit g^eometrisch gemustertem Emailschmuck 
Blutemail, Ilaematinum ist/) Durch Mercanton in Lausanne ließ 
Minutoli eine Goldplatte untersuchen, welche in den Trümmern 
des alten Canopus g'efunden worden war und nach ihrer Inschrift 
aus der Ptolemäerzeit stammte. Die Inschrift enthielt die Wid- 
mung" eines Tempels an Osiris und war durch einen Überzug" 
von dunkelrotem Sclimelz g"eschützt. Die Farbe, wahrscheinlich 
mit Ikiematinum idcMitisch, war auch hier durch Ku])ferprotoxyd 
hervorg'erufen. 

Während das Ziegelg"las der Kaiserzeit lebhaft rot und rein 
ist, wird es zur Zeit der Völkerwanderung" schmutzig und stumpf 
bräunlich, mit farblosen Krystallen durchsetzt. So zeig'"t es sich 
auf einem Spätlinge der alexandrinischen Werkstätten, einem 
Alabastron des \\ oder \'l. Jalirhunderts im ]\Iuseum von Kolmar. 
Dieses ist auf rotem Grunde mit g^elben und blauen Zickzack- 
liniengemustert, ein Beweis für die Unverwüstlichkeit dieses Typs, 
und das einzige Glasgefäß mit dieser Grundfarbe, das Tischler 
sah. Die Farbe ist nicht mit dem dunkleren, aber durchsichtigen 
Amethystrot zu verwechseln. Bei Perlen dagegen ist das Ziegel- 
glas in der Kaiserzeit häufig, so z. B. bei solchen der vSammlung 
M. vom Ratli in K(">]n. lEinige der auf Seite 53 abgebildeten 
Kugelperlen mit Zickzack- und Wellenbändern haben ziegelrote 
Grundfarbe: Xo. 12, 13, 15 — 17). In der altägyptischen Glas- 
industrie überwieg"t jedoch das Ilaematinum, ohne in der Kaiser- 
zeit ganz aufzuhören. I>)aneben gibt es auch ein schönes undurch- 
sichtiges Dunkelrot, das sich dem Rubin und syrischen Granate 
nähert; gewöhnlich wird es aber durchsichtig gemacht und 



^) Tischler, Abriß der Geschichte des Emails. Schriften der Physik. -ökon. (jC- 
sellschaft in Königsberg 1887. 



79 



so zu Kiii^-elbechrrn und flachku^-clit^"eii Scluilrn xerwendet. Ein 
besonders schönes ExeiTi])lar dieser Art ist eine in der Mag^nus- 
straße in Ivi'iln mit dem Glasg^efäße in I-"orm eines hockenden 
Affen i^efundt-nt' Schale, die innen t^latt. außen am Rande j^ferieft 
luid ckirunter in der g"anzen Fläche mit einem feinen, kassetten- 
artii^J'en Rosettenmuster bedeckt ist. Am Rande l)eßndet sich 
ein zierlicher 1 lenk(^l. (Al)b. 451. Das Stück ist in einer I lohl- 
form i,''ej)reßt und mit dem Rade be- 
arbeitet. ^) 

Auch nach Klapjiroths Analysen, 
welche Minutoli veröffentlicht, ist das 
lebhafte Kupferrot der antiken (iläser. 
das völlig" undurchsichtig" ist und für 
das Jlaematinum des Plinius gehalten 
wird, durch Kuj^feroxvd hergestellt. 
Man nahm hierzu wahrscheinlich natür- 
liche Ku])ferschlacke, die eine lebhaft 
braunrote Farbe hat. Die übrigen Be- 
standteile sind Kieselerde, Bleioxyd. 
Kupferoxyd. Akiunerde, Kalkerde u. a. 
Alit Klapj)roth stimmte Ouicheret über- 
ein."") Das ähnliche Aventuringlas wollen 
manche Ausleger schon in der oben 
zitierten .Stelle des Buches Iliob linden. 
doch beruht diese Ansicht jedenfalls auf ungenauer l'ber- 
setzung. Dag"eg"en hält Beckmann für das Haujnfärbemittel der 
Alten besonders für Rot. die Fisenerde. ■') Mit ihr wurden alle 
Arten \on Rot, X'ioh^tt und Gelb, aber auch lilavi erzeugt, 
indem man die Art inid Menge der Zusätze, den (irad und 
die Dauer der l-'.rhitzung ents])rechend \"ariierte. Auch 
AV. J. Russell liat in ägyptischem Rot als Farbstoff lusen- 
oxyd festgestellt. Seine Analysen g"ründen sich auf die 
neueren Ausg'rabungen von Flinders Petrie in Medüm. (iurob 
und Kahtni. w(^lche Gläser \on der 12. bis zur 19. Dynastie 




Al)b. 139. Becher mit Netzwerk 
und Lotusknospen. Nach Dcville. 



*) Urlichs im Bonner Jahrb. V, S. 377, Abbildung T. W. 
-) Vgl. Revue archeol. N. S. 28 (1874) S. 75 f. 

*) Über Rubinglas vgl. Beckmann, Beiträge zur Gesch. d. Erfindungen 1, S. 378 f. 
Über riaematinum u. a. Abels, .^us der Natur, unter ,,Glas". 



28o 

lieferten/) Das Mineral, aus welchem das Eisenoxyd gewonnen 
wurde, kommt am häufigsten in Kahün vor und heißt oolithischer 
Haematit. Die Stücke dieses Minerales wurden manchmal fein ge- 
pulvert und in diesem Zustande der Schmelze beigefügt, manchmal 
aber in einer Schale mit Wasser abgerieben — etwa wie wir chinesi- 
sche Tusche anreiben — und so kleine Teilchen abgelöst. Man fand 
solche abgeschliffene Stücke und wiederholte den Prozeß mit Erfolg. 
Ein Stück Haematit enthielt 79,11, ein anderes 8 1,34 "/o Eisen- 
oxyd. Die Farbe des Rot variiert sehr wenig. Die Nachahmung 
des ägyptischen Purpurs dagegen wurde durch Kupferoxyd er- 
zielt. Russell setzte der Schmelze etwa 20 '^7(» Kupfersalze zu, 
wobei die Farbe durch die Dauer und Stärke der Erhitzung 
sehr beeinflußt wurde. Auch Beimengungen von Kalk und Eisen 
brachten Änderungen hervor. Außerdem konnte Purpur dadurch 
hergestellt werden, daß dem roten Wüstensande Kupferkarbonate 
in der Höhe von mehr als 20"/,, zugemischt wvirden. Russell 
bezweifelt aber, daß die alten Ägypter diesen mühsamen Prozeß 
mit Bewußtsein und Absicht vornahmen und hält vielmehr das 
einzige Stück dieser Art, das er fand, für ein Ergebnis des Zu- 
fidles. Es erreicht kaum die Größe eines Gliedes des kleinen 
Fingers, während andere Stücke gleicher Purpurfarbe sich in 
Dunkelblau und ( rrünlichblau eingesprenkelt fanden, also offenbar 
unbeabsichtigt entstanden waren. 

Kupferoxyd verwendet auch Heraclius zum Rotfärben des 
Glases. Sein Rezept lautet: „Nimm Kupferfeile und brenne sie 
zu Pulver, gib sie in den Mörser und es entsteht das rote Glas, 
das wir Galienum nennen."') Purjnir und Fleischfarbe wird bei 
ihm aus der Asche der faina (Pmche) gewonnen. „Wenn es 
beim Kochen in Purpur übergeht, so nimm davon soviel du 
willst, während das übrige in eine andere Farbe übergeht, die 
man Membrum nennt." .Ähnlich heißt es bei Theo|)hilus cap. 7: 
„Wenn das Glas ins rötliche spielt, ähnlich der Fleischfarbe, so 
nimm davon weg, wieviel du für nackte Teile gebrauchst. Das 
übrige koche zwei Stunden lang und du hast eine leichte Purpur- 
farbe. Koche es dann bis zur sechsten Stunde und das Purpur 



^) Flinders Petrie, Mcdi'im S. 44. 
-) Heraclius III 7. 



28l 



wird rot und vollkommen."^) Zur Krklärunj»- ist das voran- 
g"ehende cap. 5 nötisjf. welches lautet: „Vom Schmelzen des 
weißen Glases. Nimm Töj^fe aus weißem Ton, ol)en breit, unten 
eng", mit nach inncMi ^'•ebog'enem Rande imd stelle sie in die 
Öffnung-en des g-lühenden Ofens, welche dazu ein^-erichtet sind. 
Dann schö])fe mit dem Löffel die g-ekochte sandi^'c» Asche hinein 
am ^Vbend inul feuere die g'anze Nacht, damit das aus dem Saudi; 
und der Asche flüssig- hervorgegangene 
Glas g-änzlich g-eschmolzen werde." 
Offenbar ist die Ang^abe, daß Pur])ur 
aus Buchenasche gewonnen werde, ein 
Flüchtig'keitsfehler, denn dieses Mate- 
rial wurde zwar beig^emischt, bildet 
aber tlurchaus nur ein unwt'seiuliches 
Ingrediens gegen die Kui)ferfeil(\ 
Membrum bedeutet Glied, mensch- 
liches Fleisch, also Fleischfarbe; 
Galienum ist ein tiefrotes, durch ein 
Prototyp des Kupfers erzeug-tes Glas, 
das nach seiner Heimat Gallien be- 
nannt wurde; Theophrast schreibt 
es der Francia zu.") Die Rezepte 
zeigen wiexiel bei den Prozessen dem 
Zufall überlassen l:)lieb. Die Her- 
stellung von Rot durch Kupferfeile 

ist im Mittelalter allgemein üblich. Kupferoxydiü oder Eisen- 
oxydul, das aber leicht zu dunkel färbte, waren flie g-ewöhn- 
lichen Mittel. Fs wurde lücht \iel iKMauuexjx'rimentiert. Theo- 
philus will es ganz darauf ankommen lassen, ol) sich infolg"e der 
verschiedenen Zusammensetzung der Materie \-on selbst eine rot(^ 
oder gelbe Farbe zeige; diese solle man auf all(> Falle sogleicli 
benutzen.'') Mehrere Kapitel seiner .Schedula, die vom Färben 
des durchsichtigen Glases handeln, sind verloren geg^mgen und 
nur noch im Index angedeutet. 




Abb. 140. Hecher mit Netzwerk und 
Rosetten. Honn, Provinzialmuseum. 



V) Theophilus cap. 7. 

-') 11g in den Anmerkungen zu Heraclius S. 134 f. 

•') Theophilus II S. 



282 

Auf nieine Veranlassung" unterzog" 1898 Dr. Ililburg" sämt- 
liche im Museum Wallraf-Richartz in Köln vertretenen Sorten 
antiker Gläser der chemischen Analyse namentlich in Rücksicht 
auf die Färbemittel. ■*) Kr stellte fest, daß den Alkalien, um den 
Fluß des Glases zu fördern, Mag"neteisenstein, sowie der 
vSchmelze vielfach g-epul\-erte Kieselsteine, zu Gläsern von far- 
big"em Glänze auch g-epuh'erte Muscheln und fossiler Sand 
zugesetzt wurden. Man erzielte so eine dunkle, schmutzig"e 
Fritte, welche aufs neue zu wiederholten Malen solang"e g^e- 
schmolzen wurde, bis sie rein und zur Aufnahme der färbenden 
Bestandteile g"eeignet war. Das 1 lauptfärbemittel bestand in einer 
Erhöhung" des Gehaltes von Plisenoxyden durch Zusatz von Eisen- 
erde. Je nach ihrer Quantität, nach der Dauer des Schmelz- 
prozesses, der Dicke der \Vandung-en erzielte man \erschiedene 
Arten \'on Rot, Moh^tt und Gelb, auch Blau, in durchsichtigem 
oder undurchsichtigem Zustande. Unter den übrigen Färbe- 
mitteln sind am häufig^sten Kupferoxyde ang"ewendet. flilburgs 
Untersuchungen bestätigen die Richtig'keit der Tischlerschen 
Beobachtung'-en hinsichtlich des Blutrotes und Zieg'"elrotes, sowie 
die Anwendung \-on Kupferoxyden bei den lackroten alexan- 
drinischen Schmuckperlen. Neben KupfertVile kannte das Alter- 
tum für die Darstellung" des Purpurs auch die iVnwendung des 
Goldpur])urs, der leichter als Kupferj^rotoxyd darzustellen war 
und aus einer Lösung" \'on (iold in Königswasser und Wrsetzung 
mit einer anderen Löjsung" aus Zinn und ]v(>nigswasser besteht. 
Das Kunkelsche Rubingdas (\ielmehr das \-on Cassius) bedeutet 
eine Wiederentdeckung" dieses Färbemittels im XVII. Jahrhundert 
und die erneute Ausbeutung der glänzenden Farbe für die 
böhmische Glasindustrie. 

Das mehr oder wenig"er stark ins Violette spielende Wein- 
rot, Amethvstrot, das nur durchsichtig" \-orkommt, wurde von 
John an Bruchstücken aus Memphis Jinalysiert. -) Die Farbe war 
durch Manganoxyde oder Braunstein gewonnen. Eine Probe 
mit einem römischen Glase hatte dasselbe Erg»"ebnis. Andere 
italische und die \"on Ililburg anal3'sierten kfUnischen Gläser 



^) Zuerst veröffentlicht in meiner Beschreibung der Sammlung M. vom Rath. 
-) John, Die Malerei der Alten. S. 34 f. 



283 

\\ar('n dag-egen mit Kupferoxyden gefärbt. Besonders in den 
beiden letzten Jahrhundc^rten wurde diese ?'arbe oft gebraucht, 
vielfach zeigt sie sicii tief und satt, nicht selten aber geht sie 
in mattes ])lau\iolett oder rötlichgelb über. Diese Farben sind 
nicht immt^r beabsichtigt, sondern wie das „Membrum" des 
I leraclius und Theophilus das Ergebnis des Zufalles. Ungenauig- 
kcit in der P)ef()lgung der ererbten \"orschriften, b'cdder in (h:'n 
Mischungsxerhältnissen, Unacht- 
samkeit beim Schmelzen \'er- 
ursacliten jene unbestimmten 
Ilall)t(")ne zwischen \iolettrot 
und gelb, welche wir bei 
späten Erzeugnissen oft \)r- 
mc^rken. Trotzdem erschienen 
gerade solche Fehlfarben Koep- 
ping und anderen modernen 
Glaskünstlern nachahmenswert, 
als sie der üblichen fabriksmäßi- 
gen Korrektheit die künstleri- 
sche Ungebundenheit der freien 
I hmdarbeit entgegensetzten. 

Die Lieblingsfarbe der an- 
tiken (ilasindustrie, besonders 
der ägy])tischen, ist blau. Es 
ahmt nicht, wie Froehner meint, 

den Saphir nach, sondern zeigt alle Schattierungen vom tiefsten 
Schwarzblau bis zu Himmelblau, abgesehen \on dem herrlichen 
Türkisblau, welches diesem Halbedelstein nachgrl)ildt't ist. 
Die meisten Schattierungen tiefertm Blaus nähern sicli dem 
Lajnslazuli, dem Lasursteine, d(M- in Ägypten sehr \iel zu 
vSi-hnuicksaelien. Amuletten. Skaral)ä(Mi, Einlagen, zu Statuetten 
usw. \'erarb(Mtet wurde. i )ie N'orlielx' für das Lapislazuli-Blau 
beherrscht nicht nur die ( dasimlustrie, sondern aucli die Kera- 
mik Ägyptens und er])t sieli im Oriente bis auf den heutigen Tag 
fort, namentlich in der (ilasur xon Fayenceflif^sen. Beckmaim 
hat außer Kupferlasur auch Kobalt als Färbemittel finden wollen \i, 




Ah 



141. l;5echer mit Ilcrzauf lagen. 
Rouen, Museum. 



') Beckmann a. a. O. I S. 378, Quirlierel, Revue archeol. X. S. 28. 



284 

was von anderen bestritten wird. So weist Klapproth in den 
von ihm untersuchten saphirblauen Gläsern aus Capri Kiesel- 
erde, Eisenoxyd, Alaunerde, Kupferoxyd, Kalkerde, aber 
weder Bleioxyd noch Kobalt nach. In welcher Weise das 
Eisenoxyd, das seiner Ansicht nach das Eärbemittel in dieser 
Mischung bildet, dargestellt wurde, läßt sich nicht bestimmen, 
das Verfahren ist seit seiner Verdrängfung durch die bequemere 
Kobaltmethode verloren gegangen. Vielleicht wurde das Eisen 
durch Arsenik zementiert. Nach den Analysen von John ent- 
hielten blaue Gläser aus Memphis, sowohl altägyptische wie 
solche aus römischer Zeit, ihre Farbe durch Kupferoxyd. ^) Es 
war reines Himmelblau und (^twas dunkleres Lapislazuli-Blau, 
teils durchsichtig, teils opak. Plinige enthielten zugleich Spuren 
von Eisenoxyd. Bei einer .Sorte, die hell-lasurblau und stark durch- 
scheinend war, blieb es ungewiß ob sie ganz frei \'on Kobalt war, 
dagegen war blaues Glas von Theben, dunkel-azurblau und durch- 
sichtig, sicher mit Kobalt gefärbt. Das durch Kupferoxyd ge- 
wonnene Blau ist mehr oder weniger reines Berg- oder Türkisblau. 
Während saphirblaues durchsichtiges Glas aus Italien nach 
Minutoli mit Kobalt gefärbt ist und Brogniart auch in dunkel- 
blauem ägyptischen Glase außer Kiesel und Alkali Kobalt und 
ein wenig Ivalk fand, letzteren wohl zu dem Zwecke die Farbe 
heller zu machen, entdeckte Russell in altägyptischen Gläsern 
keine Sjnir von Kobalt. Die blaue Farbe von Gurob ist die 
beste, weniger gvit die in Kahün gefundene. Sie variiert sehr 
stark und geht einerseits in \-iolette, andererseits in grünliche 
Töne über. Zur I lerstellung sind Ku])fersilikate verwendet, 
ebenso für grüne und andere Farben, wobei die Stücke gleich- 
falls entweder ,ge]uilvert oder mit Wasser in einer Schale ab- 
gerieben wurden. Yon Kobalt fand sich keine vSpur, iiuch nicht bei 
dem sogenannten ale xan d r in i sehen Purpur an einem kleinen 
Stücke Glas, dessen tiefes Blau ins rote s])ielte. Im allgemeinen 
beansprucht bei der Mischung die Kieselerde 60 — 80 "/(,, das 
Alkali sehr wenig, etwa io'7(i. in Form von Pottasche und Soda- 
karbonaten. Dazu kommt das Kupfer zur Färbung, sowie Kalk 
und geringe Mengen anderer Bestandteile. 

1) John a. a. O. S. 36 f. 



285 

Hei klassischen Schriftsti'lleni haben sich keinc^ X'orschrifttni 
zur l^'ärbuiiy- des (ikises erhahen. Nur eine spätj^riechische Ab- 
handhuis^- unter dem Titel noir^aig xavara/Man' enthält einig-e 
recht sonderbare, an Alchyniistenweisheit erinnernde (ieheim- 
niitttd, unter welchen Ei und llühnerblut die Hauptrolle spielen. 
Mit I^i\\tM^ mache man gelbes Glas, mit Eigelb weißes; die 
Schale und ihre I läutchen ergeben Wassergrün (tVasinos); Blau 
bekäme man aus dem IMute eines schwarzen llahni^s, und aus 
der Vereinigung \on alledem (Mitstünde Zinnoljerrot. Diese 
Anweisungen sind bezeichnend für die Geheimniskrämerei, 
welche die (Tlasmachf^r mit ihrer Kunst 
trieben. Kann man sich dann wundern, 
wenn über sie Märchen, wie das vom häm- 
merbaren Glase in die Welt gesetzt und 
)3-eglaubt wurden? 

I )er gewöhnliche blaue Farbstoff der 
Alten heißt xvuvog, lat. Caeruleum. Theo- 
l)hrast 5 1 unterscheidet davon drei .Sorten, 
ägyptischen, skythischen und kyprischen Abh. 142. Becher mit drei- 
Kyanos. Den griechischen nennt er ge- eckigen Auflagen. Rom, 
gössen und künstlich hergestellt: beim Rei- Knchenanum. 

l)en ergeben sich vier Schattierungen. Dios- 

korides kemit nur den kyprischen, durch Brennen aus dem Ufer- 
siinde gewonnenen, \itru\" nur künstliches Caeruleum, das in Alexan- 
dria erfunden worden war und auch nach Puteoli eingeführt 
wurde.^) Die Herstellungsart ist nach ihm folgende: Der Sand (nach 
I^linius gleichfalls aus Ägypten herübergebracht) wird zusammen 
mit Klos nitri (zerfallenes oder verwittertes kohlensaures Xatron?) 
zu Mehl gemahlen und dann mit kyprischen Kupferfeilspänen 
gemengt, so daß eine fest<^ knetbare Masse entsteht. Die darauN 
mit der Hand geformten Kug-eln werden getrocknet und in 
einen glühenden Ofen gelegt. Im Feuer verbindiMi sicli Ku])fer 
und vSand und geben eine schöne blaue Farbe, welche neben 
dem Namen Caeruleum Puteolanum auch den Namen Cylon 
führt. Plinius, der aus \'itru\- und Dioskorides schöpft, nennt 




1) Blümner a. a. O. IV. S. 499 f. Heibig, Das homerische Elpos, S. So. 
Lepsius, Die Metalle in den ägyptischen Inschriften, S. 129 f. 



286 

noch ein spanisches Caeruleum und eine .Sorte namens Lomentum, 
die durch Zerreiben des eig"entHchen Caeruleum hery^estelU wurde, 
heller und teurer war. 

Die iVlten erwähnen auch einen Edel- oder Halbedelstein 
unter dem Namen xvaiog von blauer Farbe. Plinius bezeichnet 
als dessen Fundorte eben die drei GetJfenden, in welchen nach 
Theophrast die Farbe gleichen Namens jj^ewonnen wurde. Es 
liegt nahe, anzunehmen, daß wenigstens einige Arten des bFiuen 
Farbstoffes iius diesem Material hergestellt sind. So \'ermutet 
John, wie früher Gilbert, daß d^is skythische Caeruleum ein aus 
Easurstein gewonnenes Ultramarin sei, da sich Easurstein noch 
heute am Baikalsee wie früher im alten Skythien finde; das 
kyprische Caeruleum erklärt er als ein aus Kupferlasur her- 
gestelltes Kupfer- oder Bergblau, da in Cypern kein E^isurstein, 
wohl aber Kupfer gewonnen werde. Das ägyptische Caeruleum 
aber sei ein Kunst])rodukt, l)laues Kupferglas von doppelter 
Art: Das eine künstliches Bergblau, entstanden infolge Zersetzung 
des kyprischen Vitriols, welches sich aus verwittertem Kupferkies 
bildet; das andere eine blaue Clasfritte aus Sand, Kupfer und 
Alkali. Das puteolanische sei im allgemeinen von gleicher 
Eigenschaft, das Eomentum aber sowohl Kuj^ferblau wie Ultra- 
marin. Diese Vermutung wird durch die l'ntersuchungen von 
Eepsius bestätigt. Danach war das ägvjitische Chesbet sowohl 
ein Stein, und zwar Lasurstein, Eapislazuli, wie gleichzeitig ein 
Farbstoff.-') Die blauen (rlasflüsse der ^Vgypter haben bei der 
chemischen Lhitersuchung als färl:)ende Basis Ku])fer ergeben, 
ebenso die Untersuchungen der Farben für (rläser, und zwar 
bei allen Arten von Blau. Sonst hat sich darin auch Kobalt 
nachweisen lassen, was Beckmann bestreiten wollte.") Da die 
mikroskopische Betrachtung aller blauen Farbstoffe bewies, daß 
sie aus Glassplittern, also aus gepulvertem Glase bestehen, so 
scheint es, daß man das unechte Chesbet oder xj^ßjog aus einem 
mit Kui)fererz g'efärbten Glase bereitet habe. Diese Farbe mußte 
ungleich dauerhafter sein als die direkt aus gestoßenen Kupfer- 
erzen gewonnene und gerade durch die Dauerhaftigkeit zeichnen 



John a. a. O. Gilbert, Annalen der Physik 5^, 22 f. Lepsius a. a. O. S. 55 ff. 
Beckmann a. a. O. S. 204. 



!87 



sich die blauen b'arben der Ai^ypter aus. I)i(^se blaue dlasiuasse 
kam in Zieg-elform in den Handel. Das stimmt /um Berichte 
Theophrasts. Dieser k(Mint echten Lapislazuli und unechten, 
als x^^^ bezeichneten. X'on dies(^n wird aber noch als dritte 
Art der unbekannte und unechte /.vavog unterschieden, d. h. 
rohe blaue Kupferlasur, die in Puherform ^gleichfalls schöne 
blaue Farbe gibt, aber von i^-eringer Haltbarkeit. Die Solidität 
hänijft auch sehr von der Menge 
des Zusatzes \on Kreide ab. F.s 
gibt nicht nur blaue Gkisperlen, 
sondern auch Gefäße, welche 
durch Verwitterung \öllig die 
Farbe eingebüßt haben und wie 
ein roher Gipsabguß aussehen. 
Selbst die Fadenverzierung ist 
verschwunden und xon dem 
Wellen- und Zickzacknnister 
nichts als vertiefte Streifen übrig 
geblieben. Diese dritte Art, die 
Dioskorides iillein nennt, ist 
das kyprische Caeruhnun. Das 
skythische des Theo})hrast ist 
echter Lapislazuli, bzw. Ultra- 
marin, diis Spanische wohl gleich- 
falls Ku])ferlasur. 

Bei der Ausbreitung der Glasindustrie spielten die leicht 
transportablen Pasten in P'orm kleiner Ziegel, Blöcke, Kuchen 
und vStangen eine große Rolle. So konnte das schöne ägvp- 
tische Blau ebenso gut in Gallit-n und P)ritannien. wie in 
Alexandria, Memphis und Cam])anien zu Gefäßen, namentlich 
iiber zu SchmuckperlcMi , Armringen, Fmails, zu farbigem 
Fadenschmucke und Mosaikwürf(^ln \erarbeitet werden, selbst 
in Werkstätten, die sich sonst niclit auf die P"ärbung des Glases 
verlegten. Das war für die Industrie \on außerordentlichem 
Vorteile, zum£il sich der F\])ort nicht auf lasur- und türkis- 
blaue Glaspasten beschränkte, sondern auch blut- und lac-k- 
rote, smaragdgrüne, ferner Stabbündel von Mosaik- und 
Millefioriglas, mit Blattgold belegte Pasten umfaßte und da- 




Abb. 143. Becher mit langgezogenen 
Tränen. Rouen, Museum. 



durch namentlich die Entfaltung- der gallischen Emailindustrie 
begünstigte. 

Smaragdgrün, das besonders im IL Jahrhundert beinahe 
ebenso beliebt war wie \'orher Türkisblau , konnte in Ägypten 
am einfachsten dadurch hergestellt werden, daß man dem roten 
Wüstensande Eisen hinzufügte, doch auch mittels Kupfers. Nur 
mußte in diesem Falle der Zusatz stärker sein und die Tempe- 
ratur sehr erhöht werden. Die grüne Farbe erscheint im Brande 
ehe die Fritte ihre gewöhnliche blaugrüne, \'on diesem Augen- 
blicke an ständige Farbe erreicht, verschwindet aber wieder, 
wenn die Erhitzung um ein geringes gesteigert wird. Die 
wSchattierungen entstehen bei einem Zusätze von lo und mehr 
Prozenten der Kupferkarbon^ite rein zufällig und gehen bei 
einer Erhöhung bis 20 "/,, in Lila über. Helles, undurchsichtiges 
S]Kingrün von glänzendem Bruche hat dieselben Bestandteile 
wie Kupferrot, nur in anderen ^Vrhältnissen und mehr Kupfer- 
oxyd als Bleioxyd; jenes gibt Grün, wenn es vollständig mit 
Sauerstoff gesättigt ist. Als Komplementärfarbe von Purpur 
konnte Smaragdgrün auch durch (ioldpurpur hergestellt werden. 
Ileraclius schreibt hierfür Kuj^ferfeile wie für Galienum , für 
Purpurrot \'or.-^) Nahm man davon ein wenig in Pulverform, 
so entstand das gelbe, Cerasin (Wachsgelb) genannte Glas. 
Bleiglas färbt Ileraclius mit Messingfeile grün. Nach Russells 
Analyse wurde Gelb in Gurob durch Eisen und Oker hervor- 
gerufen. Gelbes altägyptisches Glas enthält Eisenoxyde in 
hydratischem Zustande, mit Zusätzen von Kieselerde, Alaun und 
vS])uren anderer Substanzen. Die Farbe ist sehr dauerhaft und 
kommt in allen Varianten \-on warmem Orange bis zu kaltem 
Schwefelgelb vor. Safrangelb erhielt man durch Zusätze von 
Chlorsilber, opakes Weiß durch Zinnoxyd. Schwarzes Glas, 
das Rüssel einer Mumie entnahm, war dem Obsidiiin, dem 
natürlichen vulkanischen Glasflüsse, ähnhch, aber leichter 
schmelzbar und von geringerer Härte. Es war durch Eisen 
gefärbt. \"öllig undurchsichtiges Schwarz enthält größere, leicht 
grünlich durchscheinendes geringere Zusätze von Magneteisen- 
stein.^) Das schwarze Glas, das gegen das Licht gehalten einen 

^) Heraclius 7, 3. 

-) Hilburg a. a. O. Blümner a. a. O. IV. S. 392 f. 



289 

Stich ins rötliche oder bräunhche zeig-t, wie die beiden Becher 
in Kühl und Namur, erhieU seine Farbe nach Phnius angebhch 
durch den sehr eisenhidtig-en Marmorstaub des Lapis Alabandicus 
aus Karien, den man aber wohl durch andere eisenhidtige Sub- 
stanzen ähnlicher Art ersetzen konnte. 

In Teil el Amarna fand Russell bei Gelegenheit der Petrie- 
schen Ausgrabungen zahlreiche Bruchstücke von flachen Pfannen, 




a b d CS' ' 

Abb. 144. Gruppe von Xuppengläsern. Köln, Sammlung M. vom Kalh. 



in welchen die Glasmasse gemischt und geschmolzen wurde. 
Die hier verwendeten Färbemittel waren dieselben, wie in den 
älteren Funden von ^Nledüm, Gurob und Kahün. Einzelne 
vScherben stammen von Pfannen her, deren Inhalt nicht völlig 
geschmolzen war, so daß sich die Bestandteile noch nicht gehörig 
vermischt hatten. Die Pfannen waren aus grobem Töpferton ge- 
formt, hatten ungefähr 4 Zoll Durchmesser und waren ursprünglich 
wahrscheinlich mit einigen Ziegeln bedeckt, um die zehrenden 
Flammen von dem linieren abzuhalten, da die Kanten ge- 
schwärzt sind. Sie ruhten im Ofen auf den Bodenrändern 
umgekehrter zvlindrischer Tc'ipfe. Die Fritt(\ die in d«^r 
einen hergerichtet wurde, ist licht\i()lett, fliederfarben, die un- 
verbrauchte Kieselerde steckt darin in großen, durchsichtigen 

Kisa, Das Glas im Altertume. IQ 



290 

Splittern von Quarzkieseln. Daraus geht hervor, daß gepulverter 
Quarz nicht bloß zur Herstellung farblosen, sondern auch 
farbigen Glases benutzt wurde, da manche Farben sich in ganz 
reinem, möglichst eisenfreiem Materiale leichter herausbringen 
ließen als in gefärbtem. Es wurden auch zerbrochene Pfannen 
mit blauen Glasfritten gefunden, wobei Spuren darauf deuteten, 
daß der Haematit zu diesem Zwecke in Töpfen mit Wasser 
eingerieben worden war. 

In Hawara wurden interessante Proben von Glaspigmenten 
der griechisch-römischen Periode gefunden, welche mit Wachs 
gemischt, zur Herstellung der berühmten Mumienbildnisse ge- 
dient hatten, wie sie namentlich im Fayün in so großer Zahl 
und vortrefflicher Erhaltung zutage getreten sind.-^) Wahr- 
scheinlich bedienten sich die griechischen Maler derselben Farben 
zu ihren sogenannten enkaustischen Malereien. Russell fand in 
Hawara an einer vStelle sechs Töpfe nebeneinander, die wohl 
den Überrest einer Werkstatt bilden und durch einen 
glücklichen Zufall unberührt geblieben waren. Am Rande der 
Töpfe zeigten sich deutliche Spuren des Pinsels, mit welchem der 
Maler die Farben entnahm und am Rande leicht abstreifte. 
Jeder Topf enthielt ein bestimmtes Farbenpigment, im ganzen 
sechs verschiedene: 

Dunkelrotes Pigment, genau unserer gebrannten Siena 
in der Farbe entsprechend und mit ihr identisch, da es gleich- 
üdls aus Eisenoxyd besteht. Es löst sich wie die Terra di Siena 
nicht völlig in Salzsäure, sondern hinterläßt eine flockige Masse 
und etwas Kieselsäure. Es ist durch Erhitzen und Pulverung 
von Eisenocker gewonnen. 

Hellrotes Pigment ist ein Bleioxyd, bekannt als rotes 
Blei oder Minium, Alennige. Es wird aus Blei, Bleioxyd oder 
kohlensaurem Blei durch Erhitzung bis zur Glut hergestellt, ist 
von blasserer Farbe als das heute sogenannte Mennig und mit 
etwas Sand und .Staub gemischt. 

Gelbes Pigment ist ein Eisenocker von hellgelber Farbe. 
Durch Erhitzung wird es dunkler und bekommt eine stumpfrote 
Farbe. Wahrscheinlich diente dasselbe Material zur Herstellung 



^) Flinders Petrie, Hawara S. 67 f. 



291 



des dunkel-braunroten Pigrnentes. Es war in dem Topfe bereits 
mit Ol oder Wachs jjfemischt, also zum Malen hergerichtet, 
denn bei der Erhitzung bis zur Weißglut entwickelten sich 
Dämpfe wie von organischen Stoffen. 

Weißes Pigment besteht aus Kalksulphat oder Gips, haftet 
sehr fest, läßt sich aber mit einem Messer leicht schneiden und 
kratzen. [tMlcnfalls ist es sorgfältig gemahlen und fertig zum Ge- 
brauche hergerichtet, so daß es noch heute verwendet werden 
könnte. Mit bloßem W^asser gemischt 
würde es eine vortreffliche Farbe für 
\erschiedene Zwecke abgeben. 

Rosa Pigment ist von allen 
anderen verschieden. Wälirend diese 
mineralisch sind, ist zu Rosii eine orga- 
nische Substanz verwendet. Es ist er- 
staunlich, daß eine solche sich durch 
viele Jahrhunderte anscheinend mit nur 
geringen Änderungen erhalten hat. So- 
bald man das Pigment erhitzt, wird 
die Farbe sofort zerstört, wobei sich 
ein leicht brenzlicher Geruch entwickelt 
und eine weiße Substanz übrig bleibt, 
die an Menge der ursprünglichen gleich 
ist. Dieser Überrest ist Kalksulphat 
(Gips) und stimmt mit dem weißen 
Pigment überein. Das Färbemittel muß 

daher in einer organischen .Substanz von so geringer Menge 
gesucht werden, daß sie sich durch die chemische Analvse gar 
nicht nachweisen läßt. Russell versuchte es durch Synthese zu 
finden und kam auf Krapp, das als Färbemittel schon in den 
frühesten Zeiten bekannt war. Mit der Krap]nvurzel erzielte er 
eine mit dem ägyptischen Rosapigmente vollkommen über- 
einstimmende Substanz. Diese wurde mit Wasser gekocht, 
abgekühlt und durchgeseiht, hierauf mit Gips gemischt, mit 
welchem sie sich aufs innigste verbindet, und schließlich gepulvert. 
Die Menge des Krappzusatzes bestimmt die Tiefe der Färbung. 

Blaues Pigment. Dieses ist eine Fritte, d. h. nicht zu- 
sammengeschmolzenes Glas, das fein zermahltMi ist. Die Farbe 

19* 




Abb. 145. Polypenbecher. 
Köln, Sammlung M. vom Rath. 



rührt wie bei den früher beschriebenen Pigmenten von Kupfer 
her, ist ungemein haltbar und wird weder von starken Säuren 
noch durch das Licht angegriffen. 

Mit dem farbigen Glase konnte sich das farblose nicht 
messen, solange man es noch nicht an der Pfeife zu blasen 
verstand, sondern wie das farbige mit freier Hand modellierte, 
goß und durch Pressung und Schnitt bearbeitete. Wann die 
für die Glasindustrie epochemachende Erfindung der Pfeife ge- 
macht wurde, wird ebenso wenig berichtet, wie durch wen. 
Froehner macht allerdings den Versuch, auf Grund der bekannten 
Legende \'on der Erfindung des Glases durch phönizische Schiffer 
diesem Volke das Verdienst der ersten Erzeugung farblosen 
Glases beizumessen, aber auch dieses gebührt den Ägyptern. 
Schon in der i8. Dynastie war, nach den Funden in Teil el 
Amarna zu schließen, farbloses Glas bekannt, das man aus ge- 
pulverten Quarzkieseln herstellte. Doch macht Russell darauf 
aufmerksam, daß es dieses Mittels nicht bedurfte, da der weiße 
Wüstensand mancher Gegenden gleichfalls eisenfreies, dem- 
nach farbloses Glas ergab. Zuerst wurde es zu vSchmucksachen, 
Perlen u. a. benutzt, die mitunter aus zwei Hälften bestehen, 
zwischen welche eine Schicht von Blattgold eingelegt ist. Auch 
Armringe, wie die in Gräbern aus der späten Hallstadtzeit in Mergel- 
stätten in Württemberg, aus der Latenezeit in Dühren im Badischen 
und an anderen Orten (s. S. 68) gefundenen, enthalten im Lmeren, 
bezw. an ihrer inneren flachen Seite, eine Lage von Blattgold. 
Außerdem gibt es farblose und farbige Perlen, die außen teils 
mit Goldornamenten verziert, teils vollständig mit Blattgold be- 
legt sind. Solche Perlen sind namentlich in der saitischen 
Periode nicht selten; auch in den Ruinen von Kujundschik wurde 
ein farbloser Glaswürfel mit Überzug von Blattgold gefunden. 
Aber daneben wurden selbst Gefäße aus farblosem Glase modelliert. 
Das berühmte Fläschchen Sargons (VIII. Jahrhundert vor Chr.) be- 
steht aus grünlich durchscheinendem Glase (vgl. S. 102 und Abb. 22). 
Aus ähnlichem, mehr trüb-grauem, ist ein Napf im Antiquarium 
zu München hergestellt. Er hat gedrückte Kugelform, ist sehr 
dickwandig und außen mit sechs runden Nuppen — Ringen mit 
einem Punkt in der Mitte — verziert. Auch er scheint aus freier 
Hand modelliert und nachträglich durch Schliff bearbeitet zu 



293 



sein.^) (Abb. 52). Seine Fntstehung-szeit ist unbestimmt, dürfte 
jedoch in die s^iitische Periode fallen. Dieser gehören iiuch 
die Schälchen ans farblosem, trüb durchscheinendem Glase an, 
die man in (jräbern der späten 1 lallstadtzeit gefunden hat 
(s. S. 185), sowie die Kugelflaschen aus farblosem Glase, im 
Britischen Museum aus Gräbern der 
26. Dynastie (666 — 525). Im Louvre be- 
findet sich ein großes Gefäß aus üirb- 
losem Glase mit dem Korbe, in welchem 
es eingeschlossen war, angeblich aus 
einem thebanischen Grabe. Eine andere 
Vase im Louvre, spitzbauchig und sorg- 
fältig abgeschliffen (Abb. 53), wird mit 
König Amenret in Verbindung gebracht, 
desssn Name auf ihr eingraviert ist.') 
Vielleicht ist er mit dem Amyrtes der 
Griechen identisch, der im I\\ Jahrhundert 
vor Chr. herrschte. Das Material ist feines 
Krvstallglas, die Bearbeitung vorzüglich. 
Auf Reliefs von Theben und, wie es heißt, 
selbst auf solchen des alten Reiches, will 
man durchsichtige, mit rotem Weine ge- 
füllte Gläser bemerkt haben, doch ist diese 
Beobachtung bisher nicht genauer unter- 
sucht worden.") Etwas ähnlicheN wird 

aus der Zeit Alexanders d. Gr. aus Griechenland berichtet. 
Der Maler Pausias von .Sikyon, ein Zeitgenosse des Apelles, 
soll in seinem Gemälde der „Trunkenheit" eine Erau dar- 
gestellt haben, welche eine Schale an die Lippen setzt, doch 
so, daß die Gesichtszüge durch sie sichtbar waren. Dasselbe 
Motiv ist auf einem Wandgemälde des Museo Borbonico in 
Neapel, das aus Ilerculanum stammt, zu einem niedlichen Stil- 
leben ausgenutzt."*) Es zeigt einen \'ogel, daneben eine (xlas- 




Abb. 146. Flasche mit 
Fadenverzierung. Köln, 

Sammlung M. vom Ratli. 



^) Christ, Führer S. 117, Xo. 635. 

*) Xach der Lesung von M. de Rouge. Die Vase ist auch bei Deville T. IVB 
abgebildet. Vgl. die Bemerkung über die saitischen Grabreliefs S. 75. 
') Ilg bei Lobmeyr S. 7 f. 
*) Pistolesi, Museo Borbonico Bd. V. T. 93. 



294 

kanne, über welche ein fußloser Kugelbecher g-estülpt ist. 
Dieser ist farblos durchsichtig, mit g-ravierten Reifen verziert 
und läßt den Flaschenhals vollkommen durchleuchten. Letztere 
Darstellung kann nicht zweifelhaft sein, da sie aus einer Zeit 
stammt, in der man bereits farbloses Glas nicht nur zu formen, 
sondern auch zu blasen verstand, sie läßt aber erkennen, daß 
ein solcher Grad von Durchsichtigkeit immerhin noch als eine 
^Merkwürdigkeit betrachtet wurde und bildhcher Darstellung 
wert erschien. Aber auch die Nachricht von der Schale des 
Pausias hat nichts bedenkhches, da farblose Gläser in der Zeit 
Alexanders aus Ägypten und dem übrigen Oriente leicht nach 
Griechenland gelangen konnten: übrigens kann es sich auch um 
einen Becher aus Bergkry stall handeln, das damals sehr hoch 
geschätzt und beliebt war. In die Ptolemäerzeit oder in die der 
ersten Kaiser wird der schöne Torso einer Statuette der Aphro- 
dite versetzt, die aus durchsichtigem Krystallglase, wahrscheinlich 
nach einer Bronzefigur hergestellt ist. »Sie befand sich in der 
CoUection Hoffmann in Paris. ■^) 

Daß man farbloses Glas aus Ouarzkieseln bereiten könne, 
wußte, wie ich schon früher bemerkt habe, auch Plinius. »Seine 
Mitteilung, daß die Inder den Bergkrystall gepulvert haben, um 
daraus reines Krystallglas zu erzeugen, dürfte gleichfalls so zu ver- 
stehen sein, daß sie eine besonders feine Sorte von krystallinischem 
Quarz Krystall benannt und diese anstatt des vSandes zur Glas- 
schmelze verwendet haben. ]\Ian kann unmöglich annehmen, daß 
sie einen kostbaren Stoff zerstört haben sollten, um daraus ein 
bloßes Surrogat zu gestalten, zumal der natürliche Krystall im 
Werte stieg, je täuschender man ihn in Glas nachzubilden ver- 
stand. C. Priedrich macht zur Erklärung jener Nachricht auf 
die merkwürdige Tatsache aufmerksam, daß die heutigen Glas- 
macher von Zwiesel im bayrischen Walde den reinen Quarz, 
welchen sie zur Bereitung des Glases verwenden, gleichfalls 
als Krystall bezeichnen (s. S. io6).-) 

Vollkommen farblos und wasserhell war übrigens das durch 
Quarz gewonnene Glas ebensowenig, wie das aus eisenfreiem 



^j Abgebildet in le Musee III (1906) No. 12, Fig. 42. 
'^) C. Friedrich im Bonner Jahrb. 74, S. 164 f. 



295 



Sande herg-estellte. N£ich Hinders Petrie hat jenes in Ägypten 
einen Stich ins violette. Die daraus modelHerten oder gegossenen 
Gefäße und Geräte waren dickwandig, schwerfällig und bei der 
plastischen Bearb(Mtung keineswegs den schönen farbigen Gläsern 
ebenbürtig, so dal) das Material recht wohl dem nach Sempers 
Ausdruck „aufs Plastische gerichteten .Sinne der Alten" wider- 
streben mochte. Das änderte sich aber mit der Erfindung der 
Glaspfeife. Erst das gebkisene Glas enthüllte die Mängel des 
bisherigen, erst an der Pfeife entwickelte 
das Krystallglas so recht seine Vorzüge 
vollkommener Farblosigkeit, Durchsichtig- 
keit und Dünnwandigkeit. Bei farbigen 
Gefäßen kam es ja weniger auf Durch- 
sichtigkeit an, welche oft schon dadurch 
beeinträchtigt wurde, daß der Eormsand 
im Inneren teilweise haften blieb. So 
hängen Farblosigkeit und Durchsichtigkeit 
aufs engste mit dem Prozesse des Blasens 
an der Pfeife zusammen. Erst seit man 
das Glas durch Blasen zu formen verstand, 
bemühte man sich es völlig rein, durch- 
sichtig und farblos, gleichsam körperlos 
darzustellen. 

Manche F"orscher nehmen an, daß 
diese Erfindung, von welcher eine neue 
Epoche der Industrie datiert, in die Ptole- 

mäerzeit fallen müsse. Aber die Gläser des Gnibfeldes von 
Idalium in Cypern, welches angeblich die ältesten geblasenen 
Gefäße enthält, gehören nicht durchweg jener Zeit an, sondern 
rücken teilweise bis in die Kaiserzeit hinein und nach Xyres 
fallen gerade die angeblichen Beweisstücke für jene Ansicht 
sämtlich in letztere hinein.^) Ebenso enthalten die ptolemäischen 
Grabstätten Ägyptens noch keine geblasenen Gläser. Weder 
die vom Fayün, noch die von Alexandria und die des Begräbnis- 
platzes von Chatby hiiben bisher ein einziges geblasenes Glas 
ergeben, das sich mit Sicherheit der ptolemäischen Epoche 




Abb. 147. Kugelflasche 

mit farbigen Nuppen. 

Köln, Xießen. 



^) Vgl. Edgar, Graeco-egyptian Glass. Katalog des Museums von Kairo. Einleitung. 



296 

zuweisen ließe. Ferner erklärt Dr. Breccia ausdrücklich, daß sich 
im Museum von Alexandria geblasenes Glas vor der Kaiserzeit 
nicht finde. Kaiserrömisch sind auch die geblasenen Gläser 
des Museums von Kairo, welche von den Ausgrabungen her- 
rühren, die Flinders Petrie 1S88 auf dem Friedhofe von Havara 
anstellte. Dieser war ungefähr von 250 vor Chr. bis ins 
VI. Jahrhundert nach Chr. in Benutzung, enthält aber, soweit 
eine Datierung der Funde möglich ist, gleichfalls keine vor- 
römischen geblasenen Gläser. 

Das Datum der Erfindung des Glasblasens ist somit durch 
den Ausschluß der Ptolemäerzeit nach oben ungefähr mit dem 
Jahre 20 vor Chr. begrenzt. Der Termin nach unten ergibt 
sich, wenigstens annähernd, durch mehrere literarische Zeug- 
nisse und einzelne für die Entwicklungsgeschichte der Industrie 
wichtige Momente, deren Datum gesichert ist. 

Bei Beginn der christlichen Aera gilt das farblose Kr}^stall- 
glas für so kostbar, daß die Dichter keinen poetischeren Vergleich 
für klares Wasser, die Quelle, den Morgentau kennen, als das Glas, 
während wir umgekehrt die Reinheit des Glases, des Edelsteines, 
mit dem Wasser vergleichen, von wasserhellem Glase sprechen 
und das Wasser des Diamanten rühmen (s. S. 173). Daß das ge- 
blasene Glas \-on Seneca als eine ganz moderne Erfindung 
betrachtet wurde, geht aus folgender Stelle seiner Briefe hervor: 
„Cuperem Posidonio vitrarium ostendere, qui spiritu vitrum in 
plurimos habitus format, qui vix diligenti manu effingerentur. 
Ilaec inventa sunt postquam sapientem invenire desivimus". 
Der Philosoph bekämpft d£ibei die Ansicht des Posidonius, daß 
die mechanischen Künste von den Gelehrten (sapientes) erfunden 
worden seien. Gleichzeitig hält es der für Luxus unempfindliche 
Stoiker im Grunde für „gleichgültig ob ein anständiger Mensch 
aus einem durchsichtigen Glase trinke oder einem geringeren." 
Andere Bemerkungen antiker Schriftsteller lassen nicht daran 
zweifeln, daß unter den ersten Kaisern die allgemeine Aufmerk- 
samkeit durch verschiedene sensationelle Erfindungen auf dem 
Gebiete der Glasindustrie erregt wurde. Plinius kennt bereits 
das Glasblasen und teilt die Erzeugnisse aus Glas in drei Gruppen, 
die geblasenen, die mit dem Rade geschliffenen und die wie 
Silber ziselierten. Er bewundert auch das farblos-durchsichtige 



297 



Glas in jener auf S. 173 angeführten Stelle, wo er die verschie- 
denen, den Edelsteinen nachgeahmten Farben der Gläser aufzählt 
und dem Krystallglase den \"orrang vor allen anderen einräumt. 
Das ordinäre grünliche Glas konnte man damals in Rom 
bereits biüig haben, ein Trinkbecher kostete nicht mehr als eine 
mittlere Kupfermünze. Dagegen bezahlte Nero für zwei kleine 
Becher aus Krystallglas 6000 Sesterzien, etwa 900 Mark. Petro- 
nius, sein Zeremonienmeister und X'ertrauter, der Autor des „Gast- 
males des Trimalchio", 
bezeichnet diese Becher 
als \Winderwerke, Plinius 
nennt sie angeblich „calices 
petrosi", ein Ausdruck, der 
wahrscheinlich entstellt ist 
und durch „pteroti" zu er- 
setzen ist (s. S. 176). Wir 
hätten damit nur eine 
griechische Übersetzung 
des ^Vusdruckes „calices 
alati" gewonnen, der sonst 
ül)lich ist. Diese geflügel- 
ten (iläser, die „leicht wie 
Vögelchen" gewesen sein 
sollen, können hohe luftige 

Henkel, etwa in der Art der venezianischen Flügelgläser gehabt 
haben, oder, was mir wahrscheinlicher dünkt, körperlose, leichte, 
durchsichtige Gläser gewesen sein, wie jene, welche Martial als 
„nimbus \itreus" charakterisiert. Solche poetisch schwung\olle Be- 
zeichnungen sind ja neuen, überraschenden Erfindungen gegen- 
über, welche die Phantasie erregten, leicht erklärlich. Noch mehr 
Phantasie ließ derselbe Petronius in seiner bekannten Erzählung 
von dem hämmerbciren Glase des Tiberius walten, die aus seinen 
Schriften in die des Heraclius und anderer übergegangen ist und 
selbst bei modernen Archäologen große Verwirrung angerichtet 
hat. Ich habe bereits dargetan, daß die außerordentliche Vielseitig- 
keit, in welcher das fremde Produkt auftrat, besonders bei Laien 
ganz abenteuerliche \^orstellung-en über seine Xatur erregen 
mußte. Früher hielt man das farbige und das fiirljlose Glas, 




Abb. 14S. Becher mit farbigen Nuppen und 
Zickzackband. Köln, Museum. 



298 

den geg"ossenen Stein und den Hyalos, für verschiedene Produkte- 
und erfuhr nun, daß durchsichtig^e Gefäße mit ReHefschmuck 
aus demselben Stoffe bestanden, wie die von Toreuten bear- 
beiteten Überfangg-läser im Stile der Portlandvase. Wer diese 
zur Zeit des Pompeius und Augustus aus Alexandrien herüber- 
gekommenen Kostbarkeiten kannte, und nun durchsichtige Gläser 
zu Gesichte bekam, deren Reliefs nicht mit dem Rade heraus- 
geschliffen waren, sondern aus einem gefügigen Stoffe wie ge- 
triebene Arbeit hervortraten, mußte leicht geneigt sein, dem 
Glase eine schier unbegrenzte Bildsamkeit zuzumuten, eine Bild- 
samkeit, die der des Edelmetalles gleich kam, diese aber durch 
eine an Körperlosigkeit grenzende Durchsichtigkeit und Leichtig- 
keit übertraf. Es war ja noch nicht allzulange her, daß man 
die ersten Gläser ägyptischer Herkunft kennen gelernt hatte, 
farbig und undurchsichtig, wie aus kostbaren Steinarten ge- 
schnitten. Dann waren Platten und Vasen mit farbigen Reliefs 
gefolgt, mit Mosaikmustern, solche mit Marmor- und Onyxäderung, 
mit bunten Flecken, andere wieder, die dem Krystalle zum Ver- 
wechseln glichen, gepreßt, gegossen, ziseliert, mit dem Rade 
bearbeitet, mit bunten aufgelegten Fäden und anderem Besätze 
geschmückt. In wenigen Jahrzehnten machten die Römer mit 
den verschiedenartigen Gestaltungen einer tausendjährigen In- 
dustrie Bekanntschaft. Und gerade damals, ehe sie noch Zeit 
gefunden, all das fremdartige in sich aufzunehmen, tauchten die 
neuen Erfindungen auf, die das Wesen dieser Industrie von grund- 
auf umgestalteten und sich natürlich mit dem Schleier des Fabriks- 
geheimnisses umgaben. Wen sollte es Wunder nehmen, daß da 
der Legendenbildung Tür und Tor geöffnet war? Man denke 
nur an die Märchen, die sich im Zeitalter der Naturwissen- 
schaften an die F^ntdeckung der Dampf kraft, der Elektrizität, des 
Telephons, der Röntgenstrahlen knüpften, die sich vorher der 
Erfindung der Buchdruckerkunst, des vSchießpulvers, bemächtigt 
hatten! 

Daß farbloses Krystallglas noch in Pompeji als etwas wSeltenes,. 
Fremdartiges und offenbar ganz Neues galt, geht aus dem kleinen 
Stilleben des Museo Borbonico hervor. Kaum hatte sich die Neu- 
gier etwas gelegt, wurden in Rom, zur Zeit des Augustus etwa, 
die Reliefgläser Sidons bekannt und regten allerlei Nachbildungen 



299 




an. Diese Reliefg"läser waren es wahrscheinlich, welche dieVolks- 
phiintasie zu Erzeug'nissen aus hämmerbarem (jlase machte und 
die erwähnte Legende verursachten. Ihre Nachahmer behielten 
anfangs die feine griechische Formensprache bei. Dann folgten 
naturidistische Bildungen, zu welchen die Keramik die Muster 
lieferte, die Fläschchen mit Medusenmasken, die Gläser in Form 
von Menschenköpfen, Tieren, Früchten, die Karikaturen, wie 
Neros Schuhflickergläser und andere Erzeugnisse, in welchen 
sich die neue Technik des geblasenen durchsichtigen (ilases die 
Gunst des großen Publikums er- 
oberte. Es kann demnach wohl 
keinem Zweifel unterliegen, daß wir 
die Zeit des Tiberius, etwa die Jahre 
um 20 nach Chr., als diejenigen be- 
zeichnen müssen, in welcher sich 
das geblasene Glas in Rom ein- 
bürgerte und daß die Reliefgläser 
Sidons als die ersten und ältesten 
Erzeugnisse dieser Art in der Ge- 
schichte der Industrie dastehen. Da- 
mit wäre das Datum der Erfin- 
dung des Glasblasens auf einen Zeitraum von 40 Jahren, 
das Ende der römischen Republik und den Anfang der 
Kaiserzeit begrenzt. 

Daß die Glasmacher Sidons sich dessen wohl bewußt waren, 
etwas Außerordentliches geleistet zu haben, geht daraus hervor, 
daß sie gegen die bisherige Gepflogenheit die in Formen ge- 
blasenen Gläser mit ihrem vollen Namen, häufig sogar in beiden 
Sprachen des Reiches, griechisch und lateinisch, an auffälliger Stelle, 
zumeist am Daumenansatze des Henkels, manchmal auch an der 
Seitenwandung bezeichneten. Sie waren offenbar auf diese 
Leistungen, die etwas eigenartiges waren und welche sie denen 
der Toreuten tds ebenbürtig an die Seite stellen zu können 
glaubten, sehr stolz und fühlten sich wie diese ganz als Künstler, 
im Gegensatze zu früheren (mit Ausnahme der Diatretarii, der 
Glasschneider) und s])äteren Glasmachern. Denn wenn auch 
vom II. Jahrhundert ab und schon früher auch andere Glas- 
stempel zahlreich auftreten, so haben diese doch nicht mehr 



Aljb. 149. Cantharus mit farbigen 
Nuppen. Köln, Museum. 



300 

den Charakter einer Künstlersignatur, sondern den einer Fabriks- 
marke zur Kontrolle und zum Schutze des geschäftlichen Eigen- 
tums. Es werden mit ihnen keine künstlerisch hervoragenden 
Leistungen bezeichnet — solche sind vielmehr fast niemals mehr 
gestempelt — sondern gewöhnliche Gebrauchsware, fabriksmäßige 
Massenerzeugnisse. 

Aber ein Umstand bleibt dabei noch in Betracht zu ziehen. 
Die sidonischen Reliefgläser sind zwar gewöhnlich aus durchsich- 
tigem Glase geblasen, aber fast immer farbig, während unter ihren 
italischen und wohl auch alexandrinischen Nachbildungen die farb- 
losen überwiegen. Es scheint demnach, daß der weitere, an den 
Gebrauch der Glasj^jfeife gebundene Fortschritt, die Herstellung des 
völlig farblos-durchsichtigen Glases, im Anschluß an die sidonische 
Entdeckung in anderenWerkstätten gemacht wurde und da kommen 
in erster Linie die alexandrinischen Wettbewerber in Betracht. 
Diese bemächtigten sich alsbald der neuen Erfindung und vervoll- 
ständigten sie durch Herstellung eines absolut färb- und flecken- 
losen Materiales. Plinius rühmt gerade die alexandrinischen 
Gläser ob ihrer krystallenen Reinheit und noch Martial bezeichnet 
an der Wende des I. und IL Jahrhunderts die „crystalla" £Üs 
Sendung- vom Nil. Die vornehmste und reichste Handels- und 
Industriestadt der alten \Velt, der Vorort der (xlasindustrie und 
Erbe der ägyptischen Traditionen, wußte also mit dem Ruhme, 
die besten farbigen Gläser zu liefern, von nun an den der Er- 
zeugung der besten Krystallgläser zu vereinigen. Freilich standen 
im Anfange des 11. Jahrhunderts auch die Erzeugnisse Sidons 
noch sehr hoch. Lucian sagt einem jungen Mädchen als Schmei- 
chelei nach, daß seine Haut durchsichtiger sei, als das Glas von 
Sidon.^) Dieser Ausspruch, der sich offenbar auf farbloses Glas 
bezieht und nicht etwa, wie C. Friedrich meint, auf gefärbtes, 
stammt aus der Zeit der Antonine. Der Sänger der Liebe 
mußte schon als Asiate in Sidon Bescheid wissen, denn er war 
Sachwalter in Antiochia gewesen und kannte auch die ägyptische 
Industrie als Prokurator der Provinz Ägypten. Zu seiner Zeit war 
das farblos-durchsichtige Glas allgemein bekannt und auch beim 
gewöhnlichen Hausgerät überwiegend. Offenbar war Sidon neben 



^) Lucian, amores cap. 25. 



301 



Alexandria noch im II. Jalirhundert tätig, worauf sich die In- 
dustrie von der Küste mehr nach dem Binnenlande zu, nach Syrien 
und seiner Hauptstadt Antiochia, der Nebenbuhlerin Alexandrias, 
zurückzog. Aber noch aus dem III. Jahrhundert haben wir ein 
Zeugnis des Athenaeus, der mitteilt, daß man in Sidon geschliffene 
Gläser, d. h. Krystallgläser, sowie Becher mit Eindrücken und 
Rippen, hergestellt habe/) Plinius freilich sagt nicht einmal etwas 
von den Arbeiten des Ennion, Artas und ihrer 
Schule. Er hebt nur die schönen schwarzen, 
dem Obsidian ähnlichen Glasspiegel der Sido- 
nier hervor und betrachtet ihre Glanzzeit als 
eine vorübergegangene. „Ouondam his officina 
nobilis", sagt er von der Werkstatt Sidons, 
vielleicht weil er, wie alle Welt, gewohnt war 
die alten Gläser Ägyptens als phönizische Er- 
zeugnisse zu betrachten.'-) Aber wenn auch 
trotz Plinius die Glasindustrie Sidons noch 
lange achtungsgebietend dastand, kann es 
keinem Zweifel unterliegen, daß Alexandrien 
die ältere Nebenbuhlerin überflügelte und die 
Früchte jener Entdeckung sich zu Nutzen zu 
machen verstand, indem es das Glasblasen vor 
allem auf farbloses, tadellos durchsichtiges 
Material übertrug. Daß uns die Schriftsteller 
der Alten nichts darüber berichten, braucht 
nicht Wunder zu nehmen. Das Glas blieb 
ihnen bei der Vielfältigkeit der Erscheinungsformen immer 
etwas geheimnisvolles, und die Hütten beeilten sich schon in 
Rücksicht auf ihre Wettbewerber nicht ihre Geheimnisse zu 
lüften. Über die technischen Vorgänge bei der Glaserzeugung 
wissen Plinius und die Anderen überhaupt nicht \icl. Auch 
sonst hat das Verschweigen einer so epochemachenden Erfin- 
dung, wenn sie vom Orient ausging, nichts auffallendes. 
Man war in Rom daran gewöhnt, aus den Zentren des Luxus 




Abb. 1 50. Rüsselbecher. 

Fränkisch. Wiesltaden, 

Museum. 



*) Athenäus, Gastmal der Sophisten, XI., S. 468. 

*) „Sidone quondam iis officinis (vitri) nobili, si quidcm etiam specula ex- 
cogitaverit." Plinius 36, 26. 



302 

allerlei Verbesserung-en und Verschönerung-en der Lebensführung, 
eine Mode nach der anderen, hervorgehen zu sehen, die dann 
die Runde um das Mittelmeerbecken machte. Namentlich 
in der Glasindustrie drängten sich die neuen, Aufsehen er- 
regenden Erscheinungen in einer verhältnismäßig kurzen Spanne 
Zeit zusammen, so daß das Ausbleiben einer bestimmt datier- 
baren Naichricht über einen hier gemachten Fortschritt um so 
weniger zu überraschen braucht, als es den Schriftstellern so- 
wohl wie ihren Lesern an dem nötigen Interesse für technische 
Vorgänge gebrach. 

Von den virsprünglich f^irblos-durchsichtigen, teils krystall- 
klaren, teils leicht getönten Gläsern der Antike haben sehr viele 
gegen die Absicht ihrer Erzeuger doch im Laufe der Zeit eine 
mehr oder weniger lebhafte Färbung angenommen. Einige 
schimmern und strahlen in allen Farben des Regenbogens, andere 
sehen aus wie blankpoliertes Metall, die dritten zeigen ein ge- 
wässertes Muster, meist weiß in weiß oder gelblich, wie die 
vStruktur des Alabasters, auch farbig manchmal. Gottfried vSemper, 
der geschworene Feind der Farblosigkeit, glaubt, wie oben be- 
merkt, feststellen zu können, daß sowohl die Arbeiten aus natür- 
lichem Krystall, wie deren Nachbildungen in krystallartigem Glase 
vielfach von außen mattiert, oft auch im Inneren mit einem un- 
durchsichtigen, milchglasartigen Cberfange versehen worden seien, 
um die plastische Wirksamkeit farbloser Gegenstände zu ver- 
stärken. In den antiken Gläsern, die jetzt ein gewässertes oder 
alabasterartiges Muster zeigen, erblickt er eine eigene Sorte, 
welche er die damaszinierten Bandgläser nennt. Nach seiner 
Darstellung ist ihre Oberfläche künstlich in Wellen mit einem 
gewässerten Muster verziert, das sich durch die ganze Dicke des 
Glases fortsetzt. Die angeblich sehr seltenen Stücke dieser Art 
— er nennt nur einige Scherben aus Vindonissa im Züricher 
Museum — denkt er sich ganz in der Art des damaszener Stahles 
gearbeitet, indem man feine Glasfäden oder Bänder nach ryth- 
mischer Gesetzlichkeit zu einer Fläche zusammenschweißte und 
so zum Formen oder Blasen eines Gefäßes verwendete.-^) In 
Wirklichkeit sind derartige Gläser gar nicht so selten, ihre 



^) Scmpcr a. a. O. II. 178 f. 



303 



Musterung- ist aber kein Ergebnis der Kunstfertigkeit, sondern 
eines natürlichen Verwitterungsprozesses, den man Irisierung 
nennt. Durch das Blasen mit der Pfeife gerät die anschwellende 
Glasmasse in eine drehende Bewegung, die einzelnen Teile 
■gleicher Konsistenz schließen sich in kreis- oder wellenförmigen 
Zügen aneinander, etwa so wie 
die Streifen einer Seifenblase. 
Im erstarrten und abgekühlten 
Zustand unsichtbar, tritt die durch 
Rotation hervorgerufene Bewe- 
gung der Masse im Laufe der Zeit 
und unter besonderen Umständen 
in Form \on Wellenmustern wie- 
der hervor. Die kleinen \"erschie- 
denheiten in der Konsistenz der 
Masse äußern sich in verschie- 
denen Graden der Widerstands- 
fähigkeit gegen \"erwitterung, in 
einer Trübung und Färbung der 
schwächeren und weicheren Teile, 
welche sich in Ton und Durch- 
sichtigkeit leicht von den stärkeren 
Stellen abheben. Das so ent- 
standene gewässerte Muster geht 
selten durch die ganze Wandung 
hindurch, sondern beschränkt sich 
zumeist auf die äußeren Schichten. 
Die Iris erfreut sich bei 
Sammlern als Kennzeichen hohen 
Alters und damit der Echtheit, 

derselben Wertschätzung wie die Patina der Bronze, obwohl sie 
ein Danaergeschenk der Xatur ist und nichts weniger als zur Kon- 
servierung der mit ihr geschmückten Gläser beiträgt. Sie wird 
hervorgerufen durch den Zutritt einer Säure aus dem Erdreiche 
des Grabes, in welchem die Gläser ruhen, wahrscheinlich der 
Kohlensäure. Unter Mitwirkung der Erd- bzw. der Sonnen- 
wärme verbindet sich diese in Gasform mit dem Alkali des Glases, 
zerstört dessen Oberfläche und dringt allmählicli immer tiefer 




Abb. i;i. 



Rüsselbecher. 
Köln, Museum. 



Fränkisch. 



304 

ein.^) Manche antike Gläser haben dadurch heute etwa die Hälfte 
ihrer ursprünglichen Stärke, an manchen Stellen auch mehr, ein- 
gebüßt. An der freien Luft, in den Schränken der Sammlungen, 
wird dieser Prozeß verzögert, aber nicht aufgehalten, da schon die 
Sonnenstrahlen eine Verwitterung hervorrufen, wie man es an 
den modernen f>nsterscheiben beobachten kann. Nur gänzlicher 
Abschluß der Luft durch einen farblosen und durchsichtigen 
Überzug könnte eine weitere Zerstörung hindern, doch würde ein 
solcher den Gläsern nicht gerade zur Zierde gereichen, da er alle 
Feinheiten der Form, der Verzierung und Farbe aufhebt. Am 
leichtesten sind jene Gläser der Verwitterung ausgesetzt, welche 
durch Braunstein künstlich entfärbt und dadurch zugleich weich 
geworden sind, am widerstandsfähigsten die metallhaltigen, in 
erster Linie die durch Eisen- und Kupferoxyde gefärbten, dann 
aber auch gewöhnliche Sorten, eben wegen ihrer Zusätze von 
Eisen. In Ägypten, Italien und überhaupt in Gegenden von 
warmem Klima ist die \"erwitterung im Verhältnis zu unserem 
feuchten Klima gering.") Alabastra aus Pharaonengräbern, Mille- 
fiori- und Bandgläser haben oft nicht die geringste Spur von 
Iris und sehen, von dem anhaftenden Sand oder Lehm gereinigt, 
spiegelblank aus, als wären sie gestern aus der Hütte gekommen. 
Dasselbe kann man bei Gläsern von tiefer und starker Färbung 
beobachten, besonders bei den türkisblauen, rubinroten, smaragd- 
grünen und lasurblauen. Die von Natur aus farblosen Krystall- 



^) Nach Razumowski bei Minutoli a. a. O. S. 29. 

'^) Minutoli a. a. O. Doch liegt die Irisierung nicht an der Feuchtigkeit des 
Bodens, sondern an dem der Luft. Wasser konserviert vielmehr die in ihm liegenden 
Gläser ebenso ohne Iris, wie es Metallgegcnstände vor Rost und Patina schützt. 
Boulanger hat beobachtet, daß das Glas in der Picardie und im Artois nur in Kalk- 
boden und trockenem Sande irisiere, dal3 es sich aber in Lehm und feuchtem Boden 
nicht verändere. Manchmal zeigte sich Iris nur im Inneren oder nur im Äußeren, 
d. h. einseitig. Die Farben der Iris verändern sich unter dem Einflüsse des Lichtes. 
Boulanger besitzt ein Glas, das aus der Krde mit einer vollkommen schwarzen Iri- 
sierung des Inneren herauskam. Nachdem es zwei Monate lang sehr hellem Lichte 
ausgesetzt war, ging die schwarze Iris in eine perlmutterweiße über. Seitdem scheint 
aber die schwarze Färbung von neuem sich entwickeln zu wollen: sie blättert in 
Teilchen von äußerster Dünnheit ab, während die Zersetzung fortschreitet und die 
Regenbogen-Reflexe immer sichtbar bleiben. Die fränkischen Gläser irisieren weniger 
leicht als die römischen. 



30i 



f 

r 



s^iästT (TschtMiu'ii oft durch die X'crwittcruns^" wir künstlich mat- 
tiert. Sie sind trotz ilires P>l(nzusatzi\s härter als die durch 
Braunstein entiVirl)ten und die Ver\vitti^runj4", w ie früher hervor- 
iJ"ehoben wurde, oft durch unijfenüg-ende X'orsicht bei der Ab- 
kühluni»- mit verschuldet. 

Bei den künstlich entfärbten Gläsern zaubert die Iris manch- 
mal die seltsamsten und schönsten Farben- und Liniens])iele her- 
\-or. Um es soweit zu brintren, bedurfte es der Zerstörung 
mehrerer Schichten der Wanduniuf. 
Die äußerste von diesen ist zu 
einem schmutzig- braunen und 
rauhen Überzug aufgelöst, welcher 
schon bei bloßer Berührung in 
Staub zerfällt oder mit Leichtig- 
keit abblättert. Unter ilir konnnt 
eine zweite Schicht zum X^orschein, 

kreidigweiß und rauh, welche '—x '%., 1, :/"' 

etwas fester sitzt, schließlich eine 
dritte, in blankem Metallglanze "-^ 

oder in schimmernden, wechseln- 
den Regenbogenfarben erpran- ^1-,^ 152. 
gende. Auch sie fällt bei stärkerer 
Erschütterung ab und legt den 

trüben Rest der Wandung bloß. Unter Umständen kann die 
dritte Schicht größere Festigkeit bewahren und das Aussehen \o\\ 
bkmk poliertem Silber mit bläulichen, grünlichen, violetten, bräun- 
lichen Bronzetönen annehmen. Im allgemeinen ist die Iris mit 
größter Vorsicht zu behandeln, namentlich wenn sie den dritten 
und letzten Grad erreicht hat. Durch trockene oder gar feuchte 
Reinigung ist sie unwidt^rbringlich dahin: nur der leichte 
Schimmer, wit^ er sich namentlich auf eisenhaltigen bläulich- 
grünen und auf Krystallgläsern zeigt, verschwindet zwar l)eim 
AnfeuchtiMi des Cilases, kehrt aber an der Sonne in kurzer Zeit 
wieder. 

Bei far])igen Abbildungen antiker Gläser ist e-^ Sitte, sie 
mit der Iris möglichst treu wiederzugeben, meiner Ansicht nach 
mit wenig Berechtigung. .Vbgesehen da\-on, daß sich die metal- 
lischen Reflexe durch Aqvuirell- und selbst durch Ölfarben mit 

Kisa, Das Glas im Akertumc. JO 




Kugclbechur mit Stacheln. 
Köln, Museum. 



3o6 

metallischer Unterlaj^e nur un^-enau nachahiiKMi lassen, wird 
hierbei das 1 laupt.tJi'ewicht auf etwas s^'elej^t, was dem Schö])fer 
des Glases g-anz fremd ist, mit der Industrie selbst nichts zu tun 
hat und deshal):) oft irreführend wirkt. Sammlern g"ilt allerding"s, 
wie bemerkt, die Iris für ein Merkmal der Echtheit, Museen 
aber brauchten auf diesen Umstand durchaus kein übertriebenes 
Gewicht zu les^"en. Künstlerisch gewinnen durch die Iris auch 
solche Gläser nicht, die sonst weder in der Form, noch in der 
Farbe, in der Verzierung- oder im Material irg-end etwas Be- 
sonderes aufzuweisen haben. Aber in den Sammlungen sind 
es g-erade simple Stücke ohne jedweden anderen Vorzug, die 
durch farbenprächtigfe Iris auffallen. So belinden sich z. B. in 
der Sammlung- M. vom Rath in Köln zwei g^anz gfleiche Kugel- 
becher, auf welchen die Verwitterung»- ein wundervolles Spiel 
von konzentrischen Ringen und Wellenlinien hervorgerufen hat, 
freilich viel zu gleichmäßig, als daß man jede nachträgliche 
Nachhilfe von menschlicher 1 hmd ausschließtm könnte (Abb. 44). 
Manche Antiquitätenhändler sind um solche Nachhilfen nicht 
verlegj-en; ätzende Säuren, das King-raben in feuchte Erde, 
namentlich in der Nähe von Abfallgruben, zau]:)ern in kurzer 
Zeit die schönsten Farbenspiele hervor. Aber im allgemeinen 
ist die künstlich zum Zwecke der Täuschung hervorgerufene 
Iris bei einiger in)ung von der natürlichen leicht zu unter- 
scheiden. Sie sitzt g-ewöhnlich fest, da sie nicht tief geht, 
blättert nicht ab, die Regenbog-enfarben sind matt und der 
Grund aufg-erauht. 

Ohne Zweifel hat man im Altrrtume ebenso wie heute, 
die Iris mit Absicht künstlich hervorzuruf(Mi gesucht, indem 
man der Masse Knochenasche zustutzte. Auch die Beigaben 
von Seemuscheln, Schnecken mit Pcrhnutterglanz. von welchen 
antike Schriftsteller sprechen, hatten den Zweck, metallische 
und opalisierende Reflexe, Schiller und Regenbogenfarben 
zu erzeugen. Die Calices allassontes versicolores des Hadrian, 
deren Farbenspiel wechselte, haben wahrscheinlich, wie die 
heutigen Irisgläser, Zvisätze von Goldj)uriuir und chlorsaurem 
Kali erhalten. Das so legierte Glas duldet jedoch kein starkes 
Feuer, es bleibt weich und zieht die Feuchtig-keit sehr an, so 
daß man sich nicht zu \erwundern braucht, wenn von diesen 



307 

künstlich irisierten (rläsern keines erhalten blieb und \ielleicht 
der urs])rüng-liche, bald zerstörte Farbenschiminer im Laufe der 
Zeit durch einen unbeabsichtig"ten, natürlichen ersetzt wurde. 
Außer den Rejrenbog'eng'läsern kannte man auch schon den 
Schmuck der Überfläche durch Haarrisse, die Krachg"läser 
oder craquelierten Gläser, wie zwei Becher aus dem ehe- 
malig-en 1 loubenschen .Vntiquarium zu Xanten zeiüfen, die später 
von Slade erworben wurden und mit dessen Sammlung- in das 
Britische Museum überg'ing'en. ^) Die feinen Risse und vSprünj^e 
des sonst undekorierten, durchsichtig-en und farblosen Krystall- 
glases sind durch Besprengen des noch heißen Gefäßes mit 
kalten Wassertropfen ganz in derselben Weise hervorgerufen, 
wie sie noch jetzt in venezianischen und böhmischen Glashütten, 
sowie bei den Chinesen befolgt wird. 



') ^ gl- Fiedler, Iloubens .Antiquarium zu Xanten. Xesbitt, catalogue of ihe 
coUection of Glass formcd by Felix Slade. 1S71. Pcligot, le vcrrc, 1876. 




a b cd 

Abb. 153. Gruppe von Gläsern. a Ringnäschchen. 

Mainz, Museum, b Ringkanne. Frankfurt, Historisches 

Museum. c Baisamarium. Worms, Paalusmuseum. 

d Becher. Worms. I'aulusmuscum. 



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