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Full text of "Das Leben Theodor Herzls"

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FRIEDEMANN: 
DAS LEBEN THEODOR HERZLS 



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■DAS LEBEN 

THEODOR HERZLS 

Von 

ADOLF FRIEDEMANN 



2. DURCHOESEHBNB AUPLAOB 
6.-10. TAUSEND 



1919 
JÜDISCHER VERLAG BERLIN 

DiBiiu.d, Google 



' rr^ Copyright by the Jadisdier Verlag, Berlin 1919 



Spamersche Buthdruckerei in L^zig 



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U9SlC/-2.2i 



Vorwort zur ersten Auflage 

Dies Bächleln ist tin geringer Zoll der Dankbarkeit und treuer 
Verehrung. Entstanden aus dem Wunsche, Herzls lebenswarme 
Erschdnung zu erhalten, wie sein engerer Kreis sie sah, ist es doch nur 
ein schwacher Versuch, Denn nur das Genie kann dem Genie Ge» 
rechtigkeit erweisen. Aus der Erinnerung, eigenen Aufzeichnungen und 
denen anderer Freunde, endlich aus den Archiven und zahlreichen 
Briefen Herzas, entnahm ich das Material, aus dem sein Bild sich 
formte. 

Für das Volk habe ich geschrieben, das Herzl liebte, und das ihn 
wiedergeliebt hat mit jenem Instinkt, der die Treue fühlt. Deshalb 
habe ich weniger um Einzelheiten gesorgt und meinen Blick mehr auf 
das Ganze gerichtet. Auch die Polemik ist vermieden, soweit es irgend 
angängig erschien, Herzl selbst hatte es so gewollt, und die Tatsachen 
sprechen am besten für sich selbst. 

Allen denen, die nSch bd der Arbeit unterstützten, sage ich herz- 
lichen Dank. Dem Buche selbst erbitte ich milde Beurteilung derer, 
die Herzl nahestanden: es ist mit Uebe geschrieben. 



Berlin, im Mai 1914. ADOLF FRIEDEMANN, 



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„Mag uiure Zdt mld) beflrelten, 
Idi U5' CS rahig gesdiehn — < 

Id) komm« ans anderen Zdten * 

Und hoffe, In andre m gchn." 

Grillpamr. 
HcreI an G. G. Cohen, am i8. XI. oi. 

Zehn Jatire sind vergangen, stit Theodor Herzt uns entrissen wurde 
— ein langer Zeitraum im Dasdn des einzelnen, dessen ganzes 
Wesen, Denken, Empfinden er oft umgestaltet. Die Völker leben lang« 
samer, und ihre' Persönlichkeit unterliegt sehr allmählichen Wand- 
lungen. Deutsche, Engländer, Russen blieben viele hunderte Jahre 
unverändert, so daß man typische Charaktere für ihre Wesensart erfand. 
Unter gleichbleibenden oder doch wenig veränderten Verhältnissen 
schuf sich die Menge ein Volksideal. Der einzelne bildete sich nach 
dieser Idealfigur aus, nahm durch Willen und Vererbung ihre Eigen* 
Schäften an. So entstanden der deutsche Michel, llja von Murom, John 
Bull. Aber im Leben jedes Volkes kommen Momente, mdst begleitet 
von schweren äußeren oder inneren Erschütterungen, die seine ganze 
Wesensart umformen, indem sie ihm andere Ziele geben, fär welche 
es neue und bisher weniger geschätzte Eigenschaften herausbilden 
mu5> Dann verändert die Menge ihr Ideal, schafft sich neue Vorbilder, 
und ihr ganzer Charakter gestattet sich um. In solchen Tagen jubilieren 
die Jungen, und die Alten klagen, weit wieder mal eine „gute alte Zeit" 
zugrunde geht. Was ist im Zeitalter der Maschinen' und des Militarist 
mus vom deutschen Volkscharakter der Zeit Goethes geblieben? Da« 



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Das JaJentum vor Herzt 



mals wimmelte Deutschland von empfindsamen fun^n Werthers und 
Lotten, von Romantikern der Tat und der Feder. Damals lebte der 
fromme, schwärmende, naivgeduldige Michel noch. Heute wird man 
ihn vergeblich suchen. Die Romantiker werden belächelt, die Frommen 
bespöttelt. Und man wird den Durchschnitt unserer Jugend weder für 
naiv noch besonders geduldig erklären dürfen! Ob man sich nun über 
diese Entwicklung freut, oder sie beklagt — sie war selbstverständlich 
für ein Volk, das unter normalen Verhältnissen lebt und mit seinen 
Aufgaben fortschreitet. 

Nur die Art der )uden war es durch viele Jahrhunderte, den Dingen 
und Ereignissen nachzuhinken. Sie waren immer das, was sie hundert 
oder zweihundert Jahre früher hätten sein sollen : Scholastiker zur Zeit 
der Luther und Reuchlln, Mystiker und Anhänger des Sabbatai Zewi, 
ab die Naturphilosophen zu lehren begannen und die Schranken zwischen 
den Völkern fielen. Sie waren Kosmopoliten, als die ganze Welt von 
nationalistischen Theorien widerhallte, und die Völker In blutigen 
Kriegen ihre Eigenexistenz errangen. Die Juden tragen heute noch im 
europäischen Osten die Tracht deutscher Hausväter des Mittelalters. 
Sie reden dort den altdeutsch^jüdischen Jargon, im Orient das Idiom 
des alten Kastilien. Sie waren, unter Elend und Not endloser Be- 
drückung, Menschen geworden mit erstorbenen Sinnen, lebend In einer 
fremden VCelt, unberührt von dem Wirken und Treiben des großen 
Menschheitsstromes. Nach innen gekehrt war ihr geistiges Empfinden, 
nach rückwärts ihr politisches Denken. Ihr Stolz erschöpfte sich im 
Preisen der Taten biblischer Helden und des Umstandes, daS Don 
Joseph dereinst Herzog von Naxos geworden war. Die Gegenwart war 
nüchtern und vom Alltag des Kleinbürgertums erfüllt, die irdische Zu- 
kunft leer und ohne Hoffnungen, Eine Generation nach der anderen 
wuchs heran, getangweilt von den matten, glanzlosen Bildern halb' 
verblaßter und leidenerfüllter Historie, immer kritischer durch Wissen 
und Erkenntnis, ohne Tradition und ohne Ideale. Nach welchem Vors 



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Dca Jvdenttjm vor Herz! 



bilde sollte sich die jüdische Jugend Deutschlands, Rußlands Eng- 
lands, Österreichs erziehen? Dem jüdischen Wesen behagten die Werther 
und Lord Byron so wenig, wie englischer Sportsinn und preußisches 
ReserveofHzierstum. „Es war niemand da," sagt Herzl dem Baron 
Hirsch, „der uns — wäre es auch nur aus monarchischem Eigennutz — 
zu rechten Männern erzogen hätte." So zerfiel das Judentum mehr 
und mehr. Die fatalistische Auffassung, daß die Auflösung nicht mehr 
abzuwenden sei, war in Westeuropa wenigstens Gemeingut der %e= 
bildeten Kreise. Und im Streben nach äußerlicher Assimilation, nach 
finanziellen und gesellschaftlichen Erfolgen, suchte das intellektuelle 
Judentum Ersatz für jenes idealistische Gesellscha^treben, das man 
als zwecklos, ziellos empfand, da man doch einer untergehenden Ge= 
meinschaft angehörte. 

Auch heute sind diese Stimmungen noch nicht überwunden. Auch 
heute sehen wir noch in einzelnen Kreisen des jüdischen Volkes dieses 
gleichgültige Dahindämmem, hören wir die halbdurchdachten kosmo- 
politischen Reden und erleben die traurigen Akte würdeloser Selbst- 
verleugnung. Und doch haben wenige lahre genügt, das Volk in seinem 
Kern zu verändern. Rings um uns erwacht neues Leben, organisiert 
sich dss Judentum zum Kampf um seine Fortexistenz. Eine neujüdische 
Literatur entsteht, die alte Stammessprache erwacht zu neuem Leben, 
und durch die Jugend, insbesondere an den Universitäten, geht ein 
begeisterungsfrischer Zug. Und die ganze, ihrer selbst bewußte Juden« 
heit, sie mag zionistisch sein oder nicht, arbeitet mit dem Gedanken- 
schätz, der vom Wirken jenes einzigartigen Mannes ausging, dessen 
Andenken jedem Juden teuer sein sollte. Tausend winzige Ideenbäche 
sind vom Strome seines Denkens in den dürren Acker des modernen 
Judentums gerieselt und haben dort sprießende Keime geweckt. Er hat 
den Juden nach langer Zeit den Idealismus wiedergegeben, indem er 
durch sein Auftreten die notwendige Folge des Materialismus, den 
Fatalismus, zerbrach. Die Jugend hat gelernt, sich an seinem Wesen 



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Die tfirfegg Herzli ai4 ^'' JuJai 



heranzubilden zur freien Tat. Zu tleben, was er liebte, zu kSmpfen, 
wie er gekämpft, selbstlos und freudig gleich ihm für die Gemeinschaft 
zu leiden. Zum ersten Male seit langen, langen Tagen hat sie in Theodor 
Herzl wieder eine Idealfigur gefunden, deren Eigenschaften sie be* 
geistert nacheifert. Bereits bildet sich im Osten ein Legendenkranz 
um unseren großen Toten, und um den Volkshelden wird getrauert In 
all den wdt zerstreuten Zelten Jakobs. — 

Im Gedächtnis derer, welche das Glück hatten, Theodor Herzl zu 
kennen, lebt sein Bild als das des Lenkers der zionistischen Kongresse. 
Waren sie doch seine große Schöpfung, mit der er die zerstreuten Träger 
der Nationalidee einigte in dem einmütigen Bekenntnis zur Zukunft 
des Volkes auf eigenem Boden, Im alten Stammeslande. Schlank und 
groß, mit den ftinen, blassen, bartujnrahmten Gesichtszügen eines alten 
AssyrerkSnigs und den TrSumeraugen der Propheten, die doch so 
scharf und klug blicken konnten. Er erhebt die Hand mit jenen charak- 
teristischen, abgerundeten Bewegungen — und das Tosen des erregten 
Kongresses weicht atemloser Stille. Und seine klare, weittragende 
Stimme, die auf alle rhetorischen Effekte verzichtet, weckt rausch- 
artige Begeisterungsstürme. Ober all seinem Wesen liegt schlichte Ruhe, 
die selbstverständliche Sicherheit und Anmut, welche sonst nur das 
Erbteil alter Aris'okra'enfamilien mit Generationen dauernder Hoch- 
kultur ist und aus dem leichteren Kampfe ums Dasein, dem Bewußt- 
sein völliger Unabhängigkeit und unangefochtenen Ansehens folgt. 
Unter Juden finden wir diese Eigenschaften fast nur bei den Spaniolen, 
den Nachkommen spanischer Juden, deren Körper und Geist frei ge- 
blieben war von den Folgen mittelalterlicher Bedrückung. Und wirklich 
entstammt Herzl einer spanisch-jüdischen Familie, als deren einziger 
Sohn^er am 2. Mai 1860 in der Tabakgasse zu Budapest geboren wurde. 

Sein Vorfahre, Löbel, war ein spanischer Jude gewesen, der, von 
der Inquisiton gezwungen zum Christentum übertrat und Mönch 



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HerzU HahmH 



wurde. Es gelang ihm splter, nach der Tfirkei zu entkommen, wo er 
sich wieder zum Judentum bekannte. Prinr Eugen verileh der Familie 
das Recht, In Semlin zu wohnen, wo noch Herzls Großvater Simon Low 
Herzl lebte. Sein Vater, Jakob, übersiedelte nach Budapest und ver- 
heiratete sich dort mit Jeanette Diamant. Die Ehe, der außer Theodor 
Herz) noch dne früh verstorbene Tochter — Pauline — entsproß, war 
Oberaus glücklich. Jakob Herzt erscheint als ein ernster, kluger, gemüts- 
tiefer Mann. Jeannette Herzl war dne sehr sch&ne, geistvolle und 
wahrheitsstolze Frau, die sich In jener unendlich selbstlosen Liebe zu 
Mann und Kindern erschöpfte, die jedes Opfer der eigenen Persönlich- 
keit ganz unbewußt zu bringen bereit war. Als Jakob Herzl infolge eines 
unglücklichen WaldgeschSftes sein ganzes Vermögen verlor, verdoppelte 
sie ihre Zärtlichkeit. Weit entfernt von Vorwürfen, bemühte sie sich. 
Ihn durch tausend kleine Aufmerksamkdten über den Verlust zu trösten. 
Vor allon sollten die Kinder nichts vermissen. 

Vater und Mutter legten sich heimlich allerlei Entbehrungen für 
„Dori" auf, um dem Sohne, der eine Sußerst sorgfSltige Erziehung 
genossen hatte, das Studium und die SchriftsteHerlaufbahn zu ermög- 
lichen'). 

') Herzl hat denn audi an den Eltern mit geradezu tdiwlrmerlsdier Liebe 
gehangen. Nadi leder Reise, feder Abwesenheit galt der erste Gang der 
Mutter. Ais er Im August 190; von Aussce fiber Wien zu Plehwe reiste, war 
er den Freunden In Wien pifttzlicfa entsdiwunden. Bei der RQddichr ent- 
adiuidlgte er sldi: vor widitlg«n Unternehmungen pflege er stets das Grab 
seines Vaters au&usudien. 

An Lilien, der Ihn auf der Rheinbrttdie photographlert hat, sdirelbt er 
am 90. I. 03: „Bitte doch sudi nm zweite Kopien fSr meine Mutter, d. h. 
sie kriegt die erste und die zweite bleibt bei mir" (vgl. Ost nnd West vom 
August/September 1904, S. 639). 

Diese selbst gejenflber Haibfremden erzeigte Zartlichlidt ertitlit Ihn vor 
allem fQr seine Frau und die Kinder. Sie zeigt sich in aiien Handlungen 
und allen Briefen, wibrend der Kranliheit, selbst in der Sterbestunde. Mitten 
im wildesten Sturm der Ostafrlkadebatte bittet er den Verfasser: sich kann's 



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Htrzb Familie, töne Jagend 



Als 1878 Pauline starb, zog die Familie nach Wien, wo Theodor 
Herz! juristischen und literarischen Studien oblag. Aber die Dichtung 
zog ihn mehr an, als das gemeine Recht. War doch schon in frühen Jahren 
eine außerordentliche Phantasie das hervorstechende Merkmal seines 
Charakters gewesen. Mit zehn Jahren beschloß er den Panamaisthmus 
zu durchstechen, mit vierzehn Jahren gründete er den belletristischen 
Verein „Wir"*), aus dessen uns erhaltenem Vortragsverzeichnis sich 
eine in diesem Alter ungewöhnliche Produktivität ergibt. Und berdts 
in der siebenten Klasse des Gymnasiums schrieb er den ersten Zeitungs- 
artikd. „Natürlich ohne Namen; sonst würde ich vom Lehrer ein- 
gesperrt worden sein"*). 

So war es natürlich, daß schon in der Studienzeit eine große Anzahl 
von literarischen Erzeugnissen entstand, und daß er seit 1884 nach 
dem Bestehen des ersten Examens sich fast ganz der Schriftstellerei 
widmete. Er war damals Rechtspraktikant in Salzburg, dessen schöne 
Lage ihn mit Begeisterung und neuer Arbeitsfreudi^eit erfüllte. „In 
Salzburg," schreibt er, „erschien mir die Arbeit anziehender; die 
Szenerie um die Stadt ist bekanntlich eine besonders schöne. Mein 
Arbeitszimmer war in einem alten Festungsturme gerade unter dem 
Glockenstuhle, und Qglich dreimal tönte mir das Geläute recht hübsch 
in die Ohren."') 

heute nlcl^t, schreiben Sie für mich dem Hansel. Er soll nicht denken, daß 
sein Vater Ihn vergessen bat." Es scheint, daß bei ihm die Gefühle nicht, 
wie bei anderen Menschen, nach den StimmunKen sinken und anschwellen, 
er ist stets von der gleichen, überfließenden Herzenswfirme gegen die Seinen 
und die Freunde. Auch von gleicher Gate gegen jeden Fremden. Wie vielen 
Jungen Schriftstellern hat er geholfen 1 Nur wenn seiner Ansicht nach etwas 
der Volkssache Schldllches geschieht, wird er scharf und kalt wie Eis. 
Gelegentiich selbst gegen die verdientesten Fretmde. 

^) Vgl, S, 123. 123 — 127. 

') Selbstbiographie In der Sterbenummer der Wdt 

^ Selbstbiographie a. «. O. 



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Herz! aU SchjfUt^er 13 



Er war damals außerordentlich schöpferisch. Bis zu seinem dreißigsten 
Lebensjahre hat er — nach eigener Äußerung — siebzehn Theaterstücke, 
zahllose Reisefeuilletons, Studien und Kritiken geschrieben. Und dabei 
schrieb er nicht immer leicht. Denn {edes kleine Feuilleton war ihm ein 
Kunstwerk, an dessen Vollendung er die höchsten Ansprüche stellte, 
und das ihm nach eigener tlberzet^ung nie völlig gelang. Er wollte 
keine leeren Sitze, er formte die Funde seines grübelnden Sinnens 
zu nachdenklicbaphilosophlschen Betraditungen für den Alltag. 

Durch alle die künstlerischen Arbeiten dieser etwa bis zum Jahre 
1891 reichenden Epoche geht derselbe Zug: iene schmerzliche Re» 
signiertheit, die In dieser Welt der Tatsachen kein Genüge findet, hoff' 
nungslos vor dem letzten Grund der Dinge sich bescheidet und in 
wehmtttigem Scherz das Le'd überwindet. Das alles ist in seinen Bestand- 
teilen nicht neu, in der Gesamtheit, besonders bei den Franzosen, da* 
gewesen, deren Wesen und Kultur Herel in jungen Jahren sehr geliebt 
hat. (In spSteren Jahren trat an die Stelle dieser Jugendliebe die Veni 
ehrung der Engländer.) Und dennoch hat Herzl schon frühzeitig völlig 
den ^genen Giarakter seines Stils, seine Eigenart, gefunden, die trote 
sieler Nadiahmungsversuche keinem anderen nachzubilden gelungen 
ist. In vielen seiner Essays tritt jener echt jüdische Zug hervor, die 
teleologische Betrachtungsweise, die der ganzen Denkart der Nation 
den Stempel au^edrückt hat. Und dabei glitzern alle diese Arbeiten von 
gastvollen, oft scharfkantigen Bemerkungen. Wie blitzende Funken 
aus der Waffe eines Fechters, der weiß, daß er verlorenen Kampf 
lömpft. 

Kein Wunder, daß Herzl bald als Feuilletonbt einen wohtbegründeten 
Ruf genoß, daß seine Auisltze ihm mehr dntrugen, als wenn er „einen 
wirklichen Beruf" ergriffen hätte, wie er ironisch in seiner Selbst- 
biographie meint. 

In diese Zeit fallen auch seine ersten Theaterstücke: u. a. „Seine 
Hoheit" (das Geld), ein abendfüllendes Schauspiel, und die Lustspiele 



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Hdrat — ■ Pcämi Bomhon 



«Der Plttctttltng" und „Prinzen aus Genieland". Ihnen sd)l(»sen sich 
an: „Die Wilddiebe," „I love you" und „Unser [Stehen", sSmtlich 
Lustspiele, dann die Schauspiele: HGretel", „Das neue Ghetto" und 
„Solon in Lydien". Sie sind im Burgtheater in Wien, dem K6niglichen 
Schauspielhaus in Berlin und auf vielen anderen deutschen BQhnen 
zum Teil mit großem Erfolge gegeben worden; aber keines von ihnen 
hat sich dauernd die BQhne erobert. Manchem der Stücke fehlt das 
Dramatische, in den Personen entbehrt man zuweilen die seelische 
Vertiefung In die Natur anderer. Sie reden dann, was der Autor denkt 
— stets feingeistig, oft mit klugen, philosophischen Sentenzen, aber 
nicht das, was sie selbst sagen mUgten. Das eigentliche Feld seiner &■ 
folge ist das Feuilleton geblieben. 

Herzt hatte sich Im Jahre 1889 mit lulie Naschauer verheiratet, die 
ihm drei Kinder schenkte. Während einer Reise in Spanien 1891 bot 
sich ihm die Korrespondentenstelle der Neuen Freien Presse In Paris, 
und Herzl nahm sie mit Begeisterung an. Er hat sp&ter veräditlich von 
dem Milieu der Unehrlichkelten und Oberflächlichkeiten, der Kor> 
ruption gesprochen. Aber das war nach Panama und der Dreyfusaffäre, 
die für sein ganzes Leben von so entscheidender Bedeutung werden 
sollte. 

In Paris sind die Feuilletons entstanden, welche Im „Palais Bourbon" 
verdnigt rind, dnem Buch, das er selbst für seine beste Sammlung 
erklärt hat^). 

Es enthält meisterhafte Skizzen aus dem politischen Leben Frank« 
relchs, Schilderungen von Personen, Parlamentsverhandlungen, psydio« 
logische Studien der Wahlennassen. Alles scharf impressionistisch, oft 
von dramatischer Anschaulichkeit und stets voll feinen Verständnisses 
für das Milieu. Das „Palais Bourbon" Ist ein Kunstwerk ersten Ranges, 
das noch lange, wenn man Herzls Stücke nicht mehr spielen sollte. 



>) Brief an den Verfasser vom S. X. oz, s. S. 
*) Palais Bourboa S. 68. 



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ParüerZelt tj 

dem Leser stXndlgen Genug bereiten, dem Kulturhistoriker eine Fun<U 
grübe für das Verständnis der dritten Republik bieten wird. 

Die Pariser Zeit ist, Bugerlich genommen, wohl der Zeltabschnitt 
im Leben Herzls, der als sein glücklichster bezeichnet werden mug. 
An der Seite einer klugen Frau, die seinem literarischen Schaffen viel 
Verständnis entgegenbrachte, gefeiert von den Berufegenossen und dem 
Publikum, stand er auf der H5he seiner Kraft. Der Gedanke an eine 
politische Tätigkeit und gar an eine solche im jüdischen Interesse lag 
ihm weltenfern; er empfand sich ganz als deutschen Schriftsteller. Die 
immer enger werdenden Beziehungen zu schriftstellerischen Grdgen 
verliehen ihm Befriedigung. Und in dieser Epoche hat er unendlich 
viel von dem politischen Verständnis, der Routine, sich angeeignet, 
die er spBter In den Dienst der zionistischen Bewegung stellen konnte. 

Aber bald trat eine Ernüchterung ein. HerzI hat oft darttber ge- 
sprochen, <9rie das Strebertum und die Hohlheit der politischen Glücks- 
jSger ringsumher ihn in ein wachsendes Unbehagen versetzten. „Wer 
die dffendichen Sitten dieses Landes betrachtet," so schreibt er, „der 
entdeckt, dag alle vier fahre, zur Zeit der Kommerwahlen, ungefiihr 
fün^hnhundert MSnnem, die sich um das Vertrauen ihrer Mitbürger 
bewerben, die Ehre kurzweg abgeschnitten wird," Und weiter: „Da 
es sich bdm R^erungswechsel nicht um Prinzipien, sondern um Per- 
sonen handelt, sind alle Geschicklichkeiten zulässig ... So denke ich 
mir oft, wenn Ich den behenden Herrn Goblet sprechen h6re: „Wie 
schade, dag er sich nicht gleich selbst widerlegen darf. Da würden die 
Funken stieben. Es wäre ein Genug, Goblet gegen Goblet zu hören*.* 
Auch dem gesellschaftlichen Krebe begann er skeptisch gegenObera 
zustehen. Seine philosophierende Natur empfand tief die Oberflächlich- 
keit einer Gesellschaft, die doch die feingeistigste Europas in sich schlog. 
Diese Empfindungen verstärkten sich, als die Dreyhisafföre entstand, 

*) Palais Bourbon S. iio. 



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Inmre Wandlung 



und der mit unheimlicher Gewalt aus den Tiefen der Volksseele empor- 
schießende Antisemitismus alle die schönen, auf französischer Erde 
erwachsenen Begriffe von Gleichheit und Brüderlichkeit wie ein aus 
dem Boden brechender Schlatnmstrom überflutete. 

Herzl war stets ein Jude von Ehrgefühl gewesen. Der in seinem reli> 
giösen Judentum gekränkte Knabe hatte in Budapest die Realschule 
verlassen und war ins Gymnasium angetreten. Aber der nationale 
Gedanke war ihm unverständlich geblieben. 

Noch 1894 hatte er in einer Rezension von Dumas' „femme de Claude" 
geschrieben : 

„Der gute Jude Daniel will die Heimat seines Stammes wiederfinden 
und seine zerstreuten Brüder heimführen. Doch gerade ein solcher 
Daniel weißi daß den Juden mit ihrer historischen Heimat nicht ge- 
dient wXre. Es ist kindisch, die geographische Lage dieses Landes zu 
suchen . . . Und wenn die Juden wirklich ,heimkehrten', so würden sie 
am anderen Tage entdecken, daß sie längst nicht mehr zusammen- 
gehören, Sie wurzeln seit Jahrhunderten In neuer Heimat, entnationali- 
siert, voneinander verschieden, in einer Charakterähnlichkeit nur durch 
den sie überall umgebenden Druck erha'ten." 

M. Paul-Schiff erzählt*), daß er Herzl nach dem Erscheinen des 
fudenstaats und der Gründung der zionistischen Organisation anläßlich 
eines Besuches diese Worte entgegenhielt. 

Herzl schwieg einen Augenblick und rezitierte dann folgendes Ge- 
dichtchen Paul Heyses: 

„Wer heute Idflser Ist als gestern 
Und es mit frohem Mut bekennt, 
Den werden die BledermSiiner ISstern 
Und sasen: er sei inkonsequent." 

Die Wandlung war also scheinbar eine sehr plötzliche gewesen. Die 
Erleuchtung war gekommen, wie der erwachende Frühling Über Nacht. 



*) Frankfurter Zeltung vom 22. fall 1 



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Innere Wandlung 



Und doch hatte sich diese Wandlung lange vorbereitet; wie denn über* 
haupt äußerlich überraschende seelische Vorgänge meist nur die Folgen 
einer innerlichen, oft der eigenen Persönlichkeit unerkennbaren Ent- 
wicklung sind. 

Die Anfänge liegen weit zurück. Schon die Geschehnisse in der 
studentischen Verbindung Albia, der Herzl in Wien angehört hatte, 
und die plötzlich beschloß, neue jüdische Mitglieder nicht mehr auf> 
znehmen, hatten ihn nachdenklich gemacht. Ohne Zögern sandte er 
„den edlen, jungen Leuten" das Band zurück. 

Dann begann der Siegeszug des Antisemitismus, der von Deutschland 
nach Ungarn kommend, die Gemüter in Osterreich zu vergiften begann. 
Dr. Bernhard Beck, der Hausarzt der Familie )akob Herzl, erzählt, daß 
schon damals der jugendliche Theodor Herzl sich In seinem Stolz aufs 
tiefste verletzt fühlte und den Gedanken der Auswanderung nach 
Palästina zu erwägen begann^). Noch als Student, im |ahre 1882, las 
er Dürings Buch über die Judenfrage, jene Schrift „voll von Haß wie 
von Geist", die auf ihn wirkte, „wie wenn er einen Schlag auf den Kopf 
bekommen hatte"'). Es brachte ihm nach eigenen Worten sein Volks- 
tum zuerst wieder in Erinnerung: die Antisemiten haben es in ihm 
wieder aufgeweckt. Aber nur erweckt 1 Ein langer Reifeprozeß war er- 
forderlich, bis der durch äußerliche Vorgänge erzeugte Gedanke des 
rein deutsch empfindenden Literaten zum bewußten Jüdisch-nationalen 
Fühlen sich entwickeln konnte. War er doch seelisch ganz auf sich selbst 
angewiesen. Die Gedanken ^nge und Schriften der Pinsher, Ltppe, 
Rülf, die gerade damals die jüdisch-nationale Bewegung einleiteten, 
drangen nicht in seinen Lebenskreis. 



1) V^. Gedenlinr. der „Welt" vom 20. Mai 1910. Wolffsohn berichtet, 
daß Herd 1878 nach dem Lesen einer StScker'scIien Brandrede in sein 
Notizbuch schrieb; „Eigentlich sind die Juden dumme Kerls, wenn sie sich 
das bieten lassen und sich nicht nach einem eigenen Lande umsehen". 

*) Vgl. Zionistische Schriften II, S. izi. 



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Imere WanJlang 



Und die literarischen und gesellschaftlichen Erfolge haben das jQa 
dische Empfinden Herzls wieder eingeschränkt. Oberhaupt muß man 
sich stets vor Augen halten, wie wenig er für eine jüdisch-politische 
Rolle von Hause mitbrachte, und wie schwierig es gerade für ihn sein 
mußte, sich zur Klarheit durchzuringen. 

Sein Eltemheim war das typische jenes Kreises, der wohl noch in 
der Religion und einem gewissen Rasseempfinden wurzelt, dem Abfall 
verächtlich gegenübersteht,iaber doch den Kindern nur wenig an posi> 
tiven jüdischen Werten mit ins Leben zu geben vermag. Herzt lernte 
ein wenig Hebräisch und vergaß es wieder. Nicht viel anders ging es 
mit dem Studium der jüdischen Geschichte. Wenn er den Eltern die 
übliche Neujahrsgratulation abstattete, so war es wichtig, dag er sich 
dabei des Französischen bedienen konnte. 

Die dem Judentum entstammenden Morallehren, die Jeannette HerzI 
ihren Kindern mit großem Eifer einzuprägen sich bemühte, und die 
in den Schriften und Reden ihres Sohnes oft und prägnant wiederkehren, 
waren in ihrem Munde doch nur allgemeine ethische Grundsätze. Herzl 
hat bis zu seinem Ende nur über ein geringes jüdisches Wissen verc 
fügt, und das konnte auch gar nicht anders sein. Denn die Richtung 
seiner Erziehung wie der eigenen geistigen Meigungen drängte zu Ge» 
bieten allgemein kultureller Art. Eine oberflächlich jüdische Erziehung, 
die nur eben leidlich der Form gerecht wird, prädestiniert vielleicht 
mehr zur späteren Vernachlässigung oder dem Verlassen des Judentums, 
als eine ganz unjüdische. Denn wer nichts vom Judentum weiß, ent^ 
deckt oft bei zufälliger Berührung Reize, die ihm die eindringliche 
Beschäftigung wertvoll machen. Wer aber in der Kinderzeit einige 
Kenntnisse erwarben hat, ohne daß man verstand, sie seinem Emp= 
finden innerlich nahezubringen, ist später oft geneigt, die Beschäftigung 
mit der ganzen Angelegenheit gleichgültig abzulehnen. Besonders dann, 
wenn starke, allgemein menschliche Interessen ihn beschäftigen. Das 
Judentum, schlecht gelehrt und folglich nur halb erfaßt, als Gegen» 



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Itmere Wan^ang 19 

stand eines Glaubens, dem sich wissenschaftliche Erkenntnisse schein- 
bar entgesenstellen, wird dann schnell überwunden. Es erscheint als 
beengend, rückständig, gleichgültig gegenüber den großen allgemeinen 
Problemen, und wird schließlich abgestreift. 

Diesen Weg sind die Söhne von unzähligen jüdischen Familien in 
Westeuropa gegangen, die Sprößlinge alter angesehener und in ihrer 
Art ganz gut jüdischer Kreise. Die dberraschung der Eltern pflegt in 
solchen Fällen nicht geringer zu sein, als die der Fernerstehenden. Und 
dabei ist der Vorgang für den psychologischen Betrachter doch ein 
ganz klar verständlicher! 

Vielleicht wäre ohne den starken Apell des Antisemitismus auch 
Theodor Herzl diesen Weg geschritten. Denn auch ihm erschien das 
Judentum ^äichgültig, die Judenheit kleinlich, enge, und er hing nicht 
an den Juden als Menschen. Er sah nur das gedrückte Volk mit dem 
Ghettogeist. Erst später verstand er, daß man die Juden betrachten muß 
als die Gesamtheit, die sie sein wollen und nach ihrem Innersten sein 
können. 

Auch das Milieu der Familie seiner Gattin beeinflußte ihn wenig 
genug nach der bewußt jüdischen Seite. Hier überwogen — wohl noch 
mehr als bei der Familie Herzl — die allgemeinen Interessen. Dazu 
kam die österreichische Leichtlebigkeit. Jüdische Anregungen hat 
Theodor Herzl jedenfalls auch von dieser Seite her nicht erhalten. 

Aber der Antisemitismus schritt vor. Er vergiftete das öffentliche 
Leben und verpöbelte seine Formen. Man begann, die Juden aus dem 
Staats" und Gemeindedienst zu verdrängen; Herzl selbst bekam den 
„Asemitismus" der Verwaltung zu spüren. Denn er wäre gern in 
Salzburg, in der Richterlaufbahn verblieben. Aber er erkannte bald die 
Aussichtslosigkeit seines Strebens und mußte seinen Hoffnungen ent- 
sagen. Er hat diese Notwendigkeit manchmal noch in späten Jahren 
bedauert, und sich das friedliche, schöne Leben, das er hätte führen 
können, ausgemalt; besonders dann, wenn die Wogen des politischen 



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20 ^^ Innere WanJlwtg 

Lebens ihn allzuscharf umbrandeten. Mie hatte er si^ ja eine Sffent* 
liehe Tätigkeit ersehnt, und er wSre oft gerne zu seinen Büchern helma 
gekehrt — wenn er gedurft hätte. 

Dazu kam die wirtschaftliche Schädigung der Juden in Österreich, 
düe groSe Judenverfolgung in Rugland. Sicherlich sind auch diese Vor- 
gänge nicht ohne Einfluß auf Ihn geblieben. Sprach er doch später stets 
von ihnen mit jener Mischung von zornigem Mitleid und verletztem 
Selbstgefühl, die nicht erst mit der zionistischen Idee in ihm geboren 
sein kann. HerzI empfand Überhaupt das Elend auSerordentlich tief. 
Er spricht in seinen Feuilletons von dem elenden Leben der sädtischen 
Massen, von der tnurigen Wiese, auf der die Kinder der Armen spielen, 
unter kränklichen Bäumchen, die „wohl nie im Leben stark werden 
und Schatten spenden, so wenig wie die Menschenpflänzchen, die hier 
kümmerlich gedeihen". In Agypitn rührt ihn tief das Sklavendasein 
der Fellachen, und als der Ankauf der Jesreelebene besprochen wird, 
erklärt er, „man könne doch nicht arme, arabische Bauern von der 
Scholle treiben"^). 

Immerhin wurden alle diese Eindrücke verletzten Selbstgefühls und 
mitleidiger Erregungen stets wieder verdrängt von der „Hoffnung auf 
die allmähliche Entvidcklung der Menschheit zur Duldung"*). Gab es 
doch freie und gerechte Völker I Gab es doch ein Frankreich als lebendes 
Beispiel der Entwicklung zu freiem Menschentum. Gewiß ging es den 
Juden schlecht. „Es geht den Maschinenmenschen ähnlich wie den Juden, 
die zufällig in einer antisemitischen Zeit ihr Leben verbringen müssen. 
Spätere Juden werden lichtere Tage sehen, die jetzigen sind einfach 
übel daran", so klagt er im Palais Bourbon. Aber durch alle diese Bea 
trachtungen geht doch immer noch der hoffnungsvolle Unterton. 

Da kommt der Dreyfugprozeg und erschüttert ihn im tieften Innern. 

*) Im Mai 1909 gegenüber dem Verfasser. 

*) „Zionismus" in der Nortli American Review, abgedruckt la Herzls 
Zioniitinctien Schriften II, S. 124. 



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Dar Dreifi^proz^ 



Er sieht »den Wunsch der ungeheuren Mehrheit in Frankreich, einen 
Juden und in ihm alle luden zu verdammen . . . Seither ist das ,Nleder 
mit den luden' ein Peldgeschrei geworden. Wo? In Frankreich, fm 
republikanischen, modernen, zivilisierten Frankreich; hundert fahre 
nach der Erklärung der Menschenrechte . . . Wenn ein im übrigen 
fortechreitendes, gewi^ hochzivilisiertes Volk auf solche Wege gelangen 
konnte, was war von anderen Völkern zu erhoffen, die heute noch nicht 
auf der Höhe sind, auf der die Franzosen bereits vor hundert Jahren 
hielten?"*). 

Beim Anhören der Verhandlungen in Paris, btim Anschauen der 
aufgepeitschten Instinkte der vor Haß heulenden Menge, geriet Herzl 
in schwere seelische Konflikte. Sein dgenes Ehrgefühl war in dem 
französischen Capitaine zu Tode getroffen, seine eigene Würde in der 
eines ganz fremden, ihm nicht einmal sympathischen Juden aufs schwerste 
verletzt. Und aus der klaren Erkenntnis, daß er sich selbst nur wieder- 
finden könne, wenn er die eigene Persönlichkeit auf neuen Voraus- 
setzungen wieder aufbaue, erstand das starke und tiefe Gefühl der 
Zugehörigkeit zu seinem Stamme. Das halbschlummernde Volksgefühl 
erwachte in ihm von neuem mit der Kraft einer Offenbarung. Einer 
Offenbarung, die ihn gerade deshalb bis zum Missionsgefühl begeisterte, 
weil er von anderen Männern mit gleichartigem Empfinden nichts wußte, 
seine Ideen für völlig original hielt und ihm nicht einmal der Gedanke kam, 
daß sie sich logisch aus dem Werdegang, der vererbten Empfindung gleich- 
zeitig sedisch Erschütterter ergeben mußten. „Was ist eine Nation?" so 
meditiert er, „eine historische Menschengruppe von erkennbarer Zu- 
sammengehörigkeit, die durch einen gemeinsamen Feind zusammen- 
gehalten wird . . . Der Feind macht uns ohne unseren Willen zum 
Volke." Herzl erkennt also zunächst nicht einmal die nationalen In- 
stinkte. Und gerade deshalb erscheint ihm der Gedanke des Juden- 
staates wie e ine Art von Erleuchtung aus einer anderen Welt. 

'} „Zionismus" a.a.O. 



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22 Innere WanJlwig 

Freilich ^hört zu solchen Bekenntniuen und Erlebnissen ein Mensch 
ganz ohne Vorurteile, eine Persönlichkeit von jener Grö^e der Anschau- 
ung, der das gesellschaftliche, religiöse und politische Milieu nicht zur 
Denkeinschränkuns geworden ist. Wer im Alltag wurzelt, das Glück 
oder ein Surrogat davon im Behagen seiner Tätigkeit sucht, kann sie 
niemals finden. Nur wer sich gewöhnt hat, die Dinge voraussetzungslos 
von der höchsten Warte zu betrachten, sub specie aetemitatls, kann im 
Ahnen der großen Zusammenhänge ein Werkzeug der Macht werden, 
die wir empfinden, wenn auch nicht verstehen. Deren Zwecken die höchst^ 
stehenden von uns dienen dürfen, weil sie in der Weite ihres Verständ- 
nisses wenigstens ein undeutliches Klingen aus anderen Sphären ver- 
nehmen, wo nicht in Worten, sondern in Empfindungen geredet wird, 
wo durch sie Ziele gesucht werden in fernen Weiten. Der Atitagsmensch 
fühlt nichts davon und belächelt sie selbstzufrieden und überlegen. 
Im Genie aber entzündet das kurze Aufblitzen höherer Erkenntnis eine 
seltsame Unruhe, die erhabene Gemütsstimmung der Produktion. 
Kunstwerke und Ideen und große Taten werden geboren, geschaffen 
aus dem Geiste, dessen Adlerschwingen Herzl über seinem Haupte 
rauschen zu hören glaubte, als er den Judenstaat schrieb. Es war ein 
Nachfühlen des ewigen Schöpfungsdranges, wie es stets der große 
Staatsmann gleich einem Künstler erfährt. Denn bdde stellen das vor 
ihrer Seele fertig erstandene Werk durch ihre Tätigkeit plastisch in die 
Wirklichkeit hinein. In Unruhe, krankhaftem, sich übersprudelndem 
Tätigkeitsdrang, wie ihn Herzl von sich selbst berichtet: „stehend, 
gehend, liegend, auf der Gasse, bei Tisch, bei Nacht, wenn es mich 
aus dem Schlafe aufjagt", muß er schreiben. Ein Freund nimmt ihm 
große Teile der Beru^rbeit ab, weil er sie nicht leisten kann. Der Drang 
ist zu qualvoll erregend. Denn der Gedanke wird voll Glücksgefühl 
empfangen. Geboren wird er gleich seinem menschlichen Träger mit 
Schmerzen. 

Während Herzl den Plan zur Wiederherstellung des jüdischen Volkes 



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Herzl und Baron Hirsch 



im eigenen Lande faßte, hatte er doch keineswegs die Absicht, mit ihm 
an die breite Öffentlichkeit zu gehen. Er vcoUte nur privatim an sdne 
Freunde, an einflußreiche und angesehene Männer herantreten. Glaubte 
er doch, daß sein Plan bei einigem Nachdenken so klar und einleuchtend 
sei, daß er ohne weiteres von jedem Juden erfaßt und gebilligt werden 
müsse. Es sollte gehandelt, nicht disputiert werden, und die öffentliche 
Agitation erschien nur als das letzte Auskunftsmittel. Vor allem setzte 
er große Hoffnungen auf einen Mann, der damals infolge seiner groß- 
zügigen Hilfsaktionen für die nodeidenden Juden in aller Munde war: 
den Baron M. Hirsch. Im Mai 189J wandte Herzl sich an ihn mit dem 
Ersuchen, ihm einen Tag zu einem „judenpolitischen" Gespräch zu 
bestimmen. Hirsch antwortete am 20. Mai 189;, daß er in London sei 
und ihm deshalb anheimstellen müsse, seine Ideen schriftlich nieder- 
zulegen. Darauf erwiderte Herzl vier Tage später in einem Schreiben, 
das sehr charakteristisch für seine Art der Menschenbehandlung er- 
scheint. Er erklärt sich zwar zur schriftlichen Niederlegung seiner Ideen 
bereit, fügt aber hinzu: „Wenn Sie mir durch Ihren Sekretär irgendeine 
höfliche Formel der prise en considiration antworten ließen, wären 
Sie für mich dauernd erledigt. Und das wäre vielleicht im allgemeinen 
Interesse zu bedauern." 

Der überlegene, fast herablassende Ton, den Herzl hier anschlug, 
verfehlte seinen Zweck nicht. Hirsch erwiderte postwendend, er begebe 
sich auf 48 Stunden nach Paris und erwarte Herzl zu der gewünschten 
Aussprache, die denn auch am Pfingstmontag 189; stattfand. Der von 
Herzl aufgezeichnete Wortlaut ist überaus interessant. Der große, 
von philantropischen Ideen getragene Geldjude und der Gdstesjude 
stehen sich gegenüber, von einander gefesselt und doch voll Mißtrauen. 
Hirsch hält die Lösung der Judenfrage nur so für möglich, daß man 
das geistige Niveau der Juden niederschraubt. Aller Haß kommt von 
ihrer zu großen Intelligenz. Er sieht in dem Journalisten, dessen Geist 
er wohl fühlt, einen Schwärmer, dessen Gedanken und Pläne ihm un» 



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24 Herzl und Baron Hinch 

ausführbar erscheinen, wenn er auch die Kritik seiner eigenen Arbeit 
nicht zurQckweist. Er sagt schließlich selbst: „Auswandern w8re das 
einzige. Es gibt Länder genug zu kaufen." Aber er meint: „V(/oher 
nehmen Sie das Geld? Rothschild wird $00 Franken unterschreiben." 
Und HerzI, dem die Idee allmächtig scheint, erwidert mit der sou- 
veränen Verachtung des Geldes, die ihn sein Leben hindurch aus> 
gezdchnet hat: „Ich werde eine Nationalanleihe von to Milliarden Mark 
aufbringen"^). 

Heimgekehrt, fühlt Herzl, dag er dem leise ironisierenden Tone des 
anderen noch einmal entg^nen, ihm die Qberlegen-wirkende Kraft des 
Ideab klar machen müsse. Er zürnt sich selbst, daß er sich hat unter- 
brechen, vom Hauptpunkte abbringen lassen. Und er schreibt an Hirsch 
jenen wundervollen dritten Brief: „Ich hätte Ihnen schließlich sagen 
müssen, welche Fahnen und wie ich sie aufrollen will. Und hätten Sie 
mich spöttisch gefragt: eine Fahne, was ist das? Eine Stange mit einem 
Fetzen Tuch! Nein, mein Herr, eine Fahne ist mehr als dasi Mit einer 
Fahne führt man die Menschen, wohin man will, selbst ins Gelobte Land. 

Für eine Fahne leben und sterben sie, es ist sogar das einzige, wofür 
sie in Massen zu sterben bereit sind, wenn man sie dazu erzieht . . . 
Wissen Sie, woraus das Deutsche Reich entstanden ist? Aus Träume- 
reien, Liedern, Phantasien und schwarz-rot-goldenen Bändern. Und in 
kurzer Zeit! Bismarck hat nur den Baum geschüttelt, den die Phan- 
tasten pflanzten . . . Ja," so fährt er mit fast biblischem Pathos fort, 
„nur das Phantastische ergreift die Menschen. Und wer damit nichts 
anzufangen weiß, der mag ein vortrefflicher, braver und nüchterner 
Mann sein, und selbst ein Wohltäter im großen Stil. Führen wird er 
die Menschen nicht, und es wird Icdne Spur von ihm bleiben"*). 

Zwei Weltanschauungen waren zusammengetroffen. Zwei Männer 
von großer Opferbereitschaft für ihr Volk, die einander nicht sogleich 

^) Sietie Zionistische Schriften I „Theodor Herzl und Baron Hirsch". 
■) Zionistische Scliriften I., S. yj. 



Digitized^yGOOglC 



0fr Judetataal 25 

verstanden. Herzl ist dem großen Philantropen nicht mehr begegnet, 
hat ihm selbst den Judenstaat nicht fibersandt. |\^ 

Und doch hat er in sein Tagebuch geschrieben, als er Hirschs am 
21. April 1896 erfolgten Tod erfuhr: „Es kommt mir vor, als wäre 
unsere Sache heute ärmer geworden"*). 

In der nun folgenden Zeit ist der „Judenstaat" entstanden, der die 
Welt g)eich2ettig verblüffen und begeistern, Herzl zum Führer der zer- 
streut lebenden Zionisten erheben und eine ganze Sturmflut von Haß 
entfesseln sollte. Herzl verwahrt sich in der Vorrede dagegen, eine 
Utopie geschrieben zu haben, sucht dann den Antisemitismus zu er> 
klären und wendet sich gegen die Assimilation, die nicht unrühmlich, 
aber undurchführbar ist. Denn die alten Vorurteile gegen uns sitzen 
zu tief im Volkagemitt: das Märchen 'und das Sprichwort sind anä> 
semitisch. Er verlangt, die Judenfrage als nationale Frage zu lösen. 
„Wir sind ein Volk. Ein Volk!" 

Wer sich ab israelitischen Franzosen, Deutschen fühlt, den geht die 
Sache nicht an. Er spricht zu den deutschen, französischen Juden. 
Für die Reinheit der Idee und die Kraft ihrer Ausführung fordert er 
Bürgschaften: Als moralische Person, die Subjekt von Rechten außer- 
halb der Privat-Vermögenssphäre ist, die Society of Jews. Daneben 
steht die juristische Person der Jewish Company, die ein Erwerbswesen 
ist. Die erstere soll also etwa die soziale Gemeinschaft, die staatsbildende 
Macht, die letztere den Staat als handelnde Organisation schon in der 
Diaspora vertreten. Allmählich sollen die Juden aus ihren Positionen 
in das neue Land abziehen. Die Jewish Co. liquidiert ihren Besitz, 
bereitet das neue Heim vor. Nach Palästina oder Argentinien gilt ihm 
gidctt. Aber nicht heimlich, auf dem falschen Wege der „ Infiltration", die 
zu Einwanderungsverboten fQhren][mÜsse. Nur auf der Grundlage ge* 
sicherter Souveränität. 

^) Vgl. Anm. zn den Zioniitischen Schriften, Bd. II, S. 291/92. 



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26 Der Judenstaai 

Die ungelernten Ari>eiter finden zunächst lohnende Beschäftigung 
bei Erdarbeiten, Bauten und dergleichen Unternehmungen. 

Der Siebenstundenarbeitstag wird eingeführt. Er gilt als „Welt- 
sammelruf" für die Armen, die wirklich in ein gelobtes Land kommen 
sollen. Jeder Bedürftige erhält leichte, ungelernte Arbeit. Aber auch die 
reichen Juden werden kommen: sie brauchen ihre Feste nicht mehr 
hinter verhängten Fenstern zu geben. Das Geld soll von der Hochbank 
beigebracht werden, wenn sie klug ihren Vorteil erkennt. Wenn nicht, 
so wird an die besitzende Mittelschicht appelliert, wie man das in 
katholischen Kreisen wiederholt versucht hat. Versagt auch diese, so 
muB man direkt das Volk, den armen Mann, auch den Christen auf° 
rufen, ein Plebiszit durch die Zeichnung veranstalten. Das alles mit 
Hilfe der beteiligten Regierungen, 

Man wird in Gruppen ausreisen, die Rabbiner an der Spitze; werden 
doch die Geistlichen den Plan zuerst begreifen. In den Gruppen werden 
die Stadtpläne ausliegen. Der Mittelstand wird unwillkürlich dem Zuge 
der Armen sich anschließen infolge seiner Beziehungen zu ihnen, der 
allgemeinen Wertsteigerung in Palästina während der Dauer der Wan= 
derung und der steigenden Kultur. Das religiöse Gefühl, die Sehnsucht 
nach einer Heimat werden die Menge treiben. 

Die Society of Jews als negotiorum gestor, der „neue Moses der 
Judenheit", versteigert statt für Geld für Leistungen Plätze und Städte, 
verteilt als Belohnung für größere Opfer Universitäten, Hochschulen, 
Staatsinatitute. Sie arbeitet die Verfassung aus, möglichst in der Form 
der aristokratischen Republik. 

Da wir nicht hebräisch miteinander reden können, wird jeder seine 
Sprache behalten, wie das bei der Bildung der Schweiz der Fall war. 
Nicht an der Sprache, am väterlichen Glauben erkennen wir uns. Den- 
noch soll Glaubensfreiheit herrschen. Auch der Fremdnationale soll 
gleichberechtigt sein, wie]^der Einheimische. Hatten wir doch Zeit, 
Toleranz zu lernen! So wird „ein Geschlecht wunderbarer Juden aus 



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Der Judemtaat 27 

der Erde wachsen. Die Mal(kabä«r werden wieder aufstehen, Moch ein> 
mal sei das Wort des Anfangs wiederholt: die Juden, die wollen, werden 
ihren Staat haben*)." 

Herzt wußte, als er seine Gedanken zu Papier brachte, daß eine Menge 
von Einwendungen und scharfe Bekämpfung seiner harrten. Daß viele 
ihn für einen hoffnungslosen Phantasten erklären würden. Aber das \X/ort 
„unmöglich" hat in seinem Sprachschatz nie existiert. Er hat sich stets 
an Carlyle gehalten, der sagt: „Strecke deine Hand aus in Gottes Na- 
men; wisse, daß das Wort ,unm5glich' da, wo Wahrheit und Erbarmen 
und die ewige Stimme der Natur befehlen, in dem Wörterbuch des 
braven Mannes keinen Platz hat. Daß, wenn alle Menschen .unmöglich' 
gesagt haben und geräuschvoll anderswohin getaumelt sind, und du 
allein noch übrig geblieben bist, dann erst deine Zeit und Möglichkeit 
gekommen ist. Nun bist du an der Reihe! Tue es und frage keinen 
Menschen um seinen Rat, sondern bloß dich und Gott"'). 

Und wirklich war seine Situation nach Abfassung der Schrift eine 
fast unmögliche. Wohl hatten die „Makkabäer" in London ihn nach 
einem Vortrage am 24. November 189; zum Ehrenmitglied ernannt. 
Aber wirkliche Förderung hatte er zunächst nicht erfahren, wenn auch 
die Führer der englischen Chowewe Zion auf ihn aufmerksam geworden 
waren. Bei seinen nächsten Freunden begegnete er völligem Mangel 



') Ein Teil der sehr interessanten „Einfllle zum Judenstaat" ist in der 
Her2l^edenknummerder„WeIt"Nr. 27 vom 7. Juli 1914 von Leon Kellner 
veröffentlicht worden. 

') „In dieser Stadt Wien habe ich mich eines Tages von meinem ganzen 
Lebenskreise, von rillen meinen Beliannten und allen Freunden losgesagt, 
und bin als ein einsamer Mensch für das eingetreten, was icii für richtig 
gehalten habe. Ich habe nicht das MajoritatsbedQrfnis, ich brauche keine 
Maloritit. Was ich brauche, ist nur, daß ich mit meiner dgenen tlber> 
Zeugung im Reinen bin. Dann bin ich zufrieden, selbst wenn kein Hund von 
mir ein Stück Brot annimmt." (Stenogramm der Sitzung des großen A. C. 
vom II. IV. 04. Rede Herzls gegen die Charkower.) 



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zS Herzb Lagt nach dem Erscheinat ies Judaidaatet 

an VerstSndnls. Baron Hirsch starb in dem Augenblick, als Herzl sldi 
entschloß, ihm den Judenstaat zu Übergeben, Nur ein Mann, ein Schrift- 
steller von europäischem Rufe und sroBzQgiger Persönlichkeit trat ent- 
schlossen neben Ihn, um In dem beginnenden Kampfe Schulter an 
Schulter mit Ihm zu streiten: Max Nordau. Es kann hier nicht unsere 
Aufgabe sein, Nordaus zionistisches Wirken zu würdigen. Es gehört 
der Geschichte an und kann niemals hoch genug bewertet werden. Aber 
es soll doch festgestellt werden, da% Herzl mit geradezu seltener Liebe 
und Verehrung an seinem „teuren und großen Freunde* hing. Diese 
Beziehungen sind trotz mancher sachlichen Differenz, z. B. in der 
Ugandafrage, bis zu Herzls Tode die ungetrabtesten geblieben^). 

Verstreut In Rußland, Osterreich, Deutschland, Rumänien bestanden 
zionistische und national -jUdi sehe Organisationen. Ihre Zahl war nicht 
groß, ihre Stoßkraft gering. Schon im September 1893 hatten sie dne 
Vorkonferenz In Wien gehalten, an der acht Kimpfer fQr den Ge« 
danken der Wiedererstehung des jQdlschen Volkes teilgenommen hatten*). 
Man hatte die Einberu^ng eines zionistischen Weltkongresses nach 
Bertin fQr Ostern 1894 beraten, war eher nicht'über die Vorarbeiten 
hinausgelangt. Nun war es die Wiener Studentenverbindung Kadimah, 
die im Verfasser des Judenstaats den fehlenden Führer sah und ihn auf 
den Schild erhob. Im Mai 1896 erstattete Dr. M. T. Schnirer im Ver- 
band Zion in Wien ein Referat über den Judenstaat, und der Verband 
erließ gemeinsam mit den Studentenverbindungen der Universttiten 
Wien, Graz und Czernowitz einen Aufruf zur Unterzdt^nung einer 
Adresse an Herzl, die sich bald mit lausenden von Unterschriften be- 
deckte*). Ohne dieses studentische Pronunziamento wäre Herzl schwer- 



') Nordau war gegen Ostafrika und hatte sich nur den Wänschen Herzls 
folgend zu der Rede fttr das „Nachtasyl" entschlossen, 
r^*) Bambus, 4 Bdkowsky, Birnbaum, Bralnia, Dombusch, Ehrenpreis, 
M. Moses, Salz. 

*) Vgl. Anhang, S. 128. 



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Vw dem I. Basder Kongr^ 29 

bch schnell zu einer unbestrittenen, (Qhrenden Stellung gelangt. Denn 
von den vorher maggebenden Persönlichkeiten sind ihm eine ganze 
Anzahl — selbst der verdienstvolle greise Dr. Rülf — nur zögernd 
gefolgt*). Sie hegten Bedenken gegen Herzls Selbstsicherheit, deren 
GrOnde sie nicht verstanden. Weil sie nicht wußten, da§ Ihm tatsächlich 
bei der Arbeit die ganze nationale Bewegung unbekannt gewesen war, 
glaubten sie, daß ein Ehrgeiziger sie beiseite schieben wolle. Sie zwei> 
feiten am Ernste des Mannes, der aus so ganz un)Udischem Lebens- 
kreise zu sdnem Volke kam und mit Selbstverständlichkeit ihre Erbschaft 
antrat. Und auch sein Plan, die breite OffentUchkeit mit einer Dis- 
kussion zu befassen, die man für eine innerjüdische Angelegenheit hielt, 
kam manchem wenig gelegen. 



') Rolf sagt Im „Zlon" vom 17. Mai 1896: „Das alles hat nicht gehindert, 
dag wir nicht auch in Deutachland und Osterreich wanne und begeisterte t 
Anhänger, ganz besonders unter der studierenden lugend gefunden haben. 
Ob wir zu diesen auch den Verfasser der jUngst erschienenen Schrift »Der 
Judenstaat", Dr. Theodor Herzl, rechnen dürfen, ist mir noch nicht ganz 
klar geworden. Der Mann tritt so sicher und selbstbewußt auf, als ob er 
der erst« wfire, welcher mit solchen Gedanken und Ratschlagen hervor- 
getreten wSrc, und doch hat schon Dr. Pinsker In seiner Schrift „Auto- 
emanzipation" ganz und gar dasselbe gesagt und zwar noch viel besser und 
eindringlicher, vor allem mit weit größerer HerzenswSrme und Geistesschärfe. 

So ist es nun mal unter uns Juden. Jeder will der erste sein und ,drangt 
sich an die Spitzt ~ kein Cemeingelst, kein Zusammenwirken, kein pietät- 
volles Anknüpfen an die frühere Leistung und Bestrebung, auf diese Weise 
kommen wir nicht vorwärts im ErlSsungsstreben. Man berücksichtigt allzu- 
wenig das W'ort des Welsen: wer da^gt ein Wort Im Namen seines Ur- 
hebers, der bringt die Erl6sung in die Weit. 

Jedenfalls hat sich auch Herzl in den schirmen Gegensatz zu allen den 
»Staatsbflrgem Jüdischen Glaubens" gesetzt, das allein schon bringt ihn 
uns naher und macht ihn uns vertraut." 

Als Herzl den Aufsatz Itülfs gelesen hatte, äußerte er zu Wolffsohn: „ich 
hatte keine Ahnung von Pinskers , Autoemanzipation'. Hatte ich sie ge- 
kannt, so wSre der Judenstaat wahrscheinlich ungeschrieben geblieben" 



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fO Vor dem l. Basder Kor^r^ 

Aber der Stein war einmal ins Rollen gebracht und die Zauderer 
und Zögerer standen einem Manne von ungeheurer Willenskraft und 
Arbeitsfähigkeit gegenüber. Einem Manne, der entschlossen war, jede 
Chance auszunutzen. Bald zeigte sich, daß HerzI Gedanken aussprach, 
die im Empfindungsieben Unzähliger geschlummert hatten. Die Massen 
Im Osten gerieten in Unruhe. „Schon habe ich meinen Lohn", schreibt 
er am 8. April 1896 an seinen späteren Freund Gustav G. Cohen in 
Hambui^, „die armen Leute unseres Volkes erkennen mich als ihren 
Freund; aus Rußland, Galizien, Rumünien, Bulgarien, Ungarn be- 
komme ich jubelnde Zustimmungen; die akademische Jugend stellt 
sich hinter mich, in England nimmt man die Sache sehr ernst ... Ich 
kenne meine Juden, ich weiß, was In uns steckt, was in uns stecken 
mußte, wenn wir die schwersten Prüfungen überstanden, die |e ein 
Volk der Geschichte durchmachte." 

Und sobald er dies erkannt hatte, begann er zu handeln. 

Wollte man eine völkerrechtlich gesicherte Siedelung, so mußte zu* 
nächst der Souverän des in Aussicht genommenen Landes um seine 
Zustimmung angegangen werden. Die Massen aber begeisterten sich 
nicht für Argentinien, das Land, wo die Ackerbauer auch Juden sein 
durften. Sie wollten die religiöse und historische Heimat, wo die Juden 
auch Ackerbauer sein konnten. 

HerzI begann also seine Tätigkeit, indem er das Terrain In Konstanti- 
nopel erforschte. Auf der Durchreise in Sofia bereiteten ihm die bul- 
garischen Juden einen stünnisch=begeisterten Empfangt), Und er kam 
heim mit großen Hoffnungen auf die Zukunft. „Mit glänzendem 
Resultat bin ich heute von Konftantinopel gekommen, reise morgen 
nach London", schreibt er am 1. Juli 1896 an Cohen. Natürlich be- 
stand das gemeinte Resultat nur im Anknüpfen von Beziehungen. Aber 
er war ernst genommen worden! HerzI hatte auch hier die richtige 



') Sieiie Bericht des Dr. Rüben Bierer in „2ion" vom 1?. )uii 1896. 



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Vor dem I. Baseler Kongr^ 



Psychologie angewendet. Da er mit dem schwierigen Apparat türkischer 
Verhandlungen nicht genügend vertraut war, engagierte er einen Diplo- 
maten von Fach als Begleiter. Und um den im Orient notwendigen 
Eindruck zu erzielen, wurde für die Repräsentation nicht gespart. „Mit 
einer Handtasche in der Hand hätte man über mich gelacht", sagte er 
dem Verfasser, 

Am 6. Juli 1896 sprach Herzl in London vor den Maccabaeans. Die 
besten Männer der englischen Judenheit, unter anderem Goldsmith, 
Singer, Sir Samuel Montague waren anwesend. In der sehr regen 
E)ebatte wurde Herzl warm von dem christliclien Maler Holman Hunt 
unterstützt, der selbst ganz unabhängig von Herzl den Gedanken der 
Errichtung eines jüdischen Staates gefaßt hatte. Von den jüdischen 
Rednern begnügte sich Zangwill mit einigen Scherzen. Die Führer der 
Chowewe Zion traten für Infiltration ohne politischen Hintergrund ein, 
während andere den ganzen Plan Herzls als dem jüdischen Missions= 
gedanken zuwiderlaufend bekämpften. 

Diese Erfahrung bestärkte Herzl in der Überzeugung, da§ er vor 
allem die Massen gewinnen müsse, und daß ein WeltkongreB nötig 
sei. Eine Diskussionstribüne, von der aus mit einer großen Kundgebung 
Regierungen und Völker von der Nützlichkeit und Durchführbarkeit 
der Idee überzeugt werden könnten. 

Nun beginnt eine fieberhafte Tätigkeit. Herzl tritt an zahlreiche 
Persönlichkeiten heran und wird von ihnen aufgesucht. Er bemüht sich, 
die angeknüpften Verbindungen mit Konstantinopel auszubauen^) und 
neue Beziehungen zu europäischen Souveränen zu finden. Er verfaßt 

'^) „Aus Konstantin opel, wo ich gut an gesell rieben bin, hatte ich vor 
wenigen Tagen günstige Nachrichten. Die Sache wird sich wahrscheinlich 
so machen, daß ich mit dem fait accompli die Welt überrasche und dann 
frage: Wer geht mit? Es ist ein Riesenwerli, für das ich zuerst Hohn, jetzt 
Anfeindungen, spiter Undank hatte, habe und haben werde. Aber ich bin 
fest in mir und tu's eigentlich nur, weil ich von innen heraus es tun muß." 
Brief vom ,. IX. 96 an G. G. Cohen. Siehe Anhang, S. 105. 



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Vor Jan l. Stada Kongr^ 



eine Denkschrift an die Familie Rotschild, auf die er Hoffnungen setzt. 
Galt doch Edmond de Rothschild, den Goldsmith mit Mohilewer und 
Erlanger für die Sache der Kolonisation gewonnen hatte, seit lange als 
ihr Schirmherr. Herzl hat mit ihm eine längere erfolglose Auseinandera 
Setzung, er bietet ihm vergeblich die Führung an'). Die Begeisterung 
der Massen wächst, zugleich aber auch die Gegnerschaft gegen die 
programmatische These des Judenstaats und der Forderung Herzls, 
die „ InfiltratSon" bis zur Erlangung der staatlichen Sicherung ein- 
zustellen. Am 7. November 1896 spricht er in der „Wiener Union". 
Wohl unter dem Eindruck der Gegnerschaft beginnt er das Wort 
„Judenstaat" erklärend abzuschwächen. Er benutzt es kurz zu Anfang 
der Rede, dann aber spricht er von „Kolonisation im großen Mag- 
stabe: . . . die unter ihrem Selbstschutze steht und ihre Autonomie hat", 
von „Erlaubnis der Masseneinwanderung" seitens der türkischen Re- 
.gierung, für die ein Tribut gezahlt werden soll. Für die Zwecke des 
letzteren will er ev. einen „Nationalfonds" durch Subskription aufbringen. 

Am 6. und 7. MSrz 1897 fand wiederum in Wien, wohin Herzl als 
Feuilletonredakteur der Neuen Freien Presse übergesiedelt war, in der 
Rembrandtgasse eine Konferenz zur Einberufung eines zionistischen 
Weltkongresses statt*). 

Herzl präsidierte ihr. Von den Erschienenen waren mehrere — so 
Bambus und Salz — ■ eifrige Anhänger der Infiltrations- und Koloni- 
sationspolitik. Es wurde ein Ausschuß zur Vorbereitung des Kongresses 
gebildet, und dieser auf den zy. bis 27. August nach München ein- 
berufen. 

In der von Herzt im Namen der vorbereitenden Kommission ver- 
sandten „vorläufigen Anzeige" sind Referate von Nordau, Bambus, 



') Briefe an Wlihelm Grog In Jaffa vom 18. IX. 96 und 28. X. 96. 

*) Nach dem Protoltoll waren in der entscheidenden Sitzung vom 7. MSrz 
anwesend: Herzl, Moses, Kremenezlty, Salz, York^Stelner, Tiion, Turow, 
Bambus, Ehrenpreis, Kellner, Kokesch. 



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Voranzeige — Kongr^gegner 



Hirsch Hildetheimer, Bodenhetmer und Henl vorgesehen. Letzterer 
sollte über das Thema : „Die Judenfrage und der nächste diplomatische 
Kongreß der Grogmlahte" Bericht erstatten. Es heißt darin: „So er- 
halten die gemeinsamen Bedtirfnissc ein Organ. Es wird ein Zufluchts- 
ort für die WQnsdie und Beschwerden unserer BrOder geschaffen. Die 
Judensache muß dem Belleben vereinzelter Personen — wie gutwillig 
diese auch sdcn — entrückt sein. Es mu§ ein Porum entstehen, vor 
dem jeder für das, was er in der Judensache tut und tSgti zur Rechen- 
schaft gezogen werden kann. Dem wird sich k'tin redlicher Mann wider- 
setz^')." 

jLdder hatte Herzl in der Reinheit seiner Gesinnung und dem 
Wunsche, der ihm heiligen Sache zu dienen, mit den Sch<3cächen der 
menschlichen Natur nicht genügend gerechnet. In der Presse und hinter 
den Kulissen b^ann ein wahres Kesseltreiben gegen den KongreB- 
Das war noch nicht dagewesen! Jüdische Dinge in der Öffentlichkeit 
vor zahlreichen Zuhörern erörtert! Und noch dazu unter der Führung 
eines Mannes, der einen jüdischen Staat wolltet EMe einen sahen schon 
die Judenemanzipation gefährdet, andere fürchteten wenigstens ein 
.riesiges Anschwellen des Antisemitismus und ein Abrücken der libe- 
ralen christlichen Verteidiger. 

Ein Teil der alten Chowewe Zion fürchtete ein Verbot der Klein- 
kotonisation durch den Kongreß, und endlich fanden sich jene niedrigen 
Charaktere ein, denen die Grö^ eines Gedankens, dner Tat ein steter 
innerlicher Vorwurf ist. Die ihre eigene Jämmerlichkeit zwingt, das 
Edle zu vahöhnen, mit Kot zu bewerfen und mit veigifteten Waffen 
zu bekämpfen. Es gehörte ein ganzer Mann dazu, gegenüber alledem 
fest zu bleiben. Aber HazX war unerschütterlich. Für ihn gab es nur 
eine Antwort: „die Größe des Kongresses"'). Und er war sich der Schwere 

') Siehe Ahang, S. 112 und 13;. 

*) Brief an Dr. Ehrenpreis vom 24. |unl 1S97 In der „Writ" vom 30. Mai 



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Geffner da Kongrasea 



der zu erwartenden Gegnerschaft bewußt gewesen. Zunächst hatte sich 
der Chief Rabbi Dr. Adler gegen das Nationaljudentum gewendet; er 
ist HerzI übrigens auch bei der BanksrUndung spSter In den Weg ge- 
treten. Ihm folgte mit einer Broschüre der Wiener Oberrabbiner Dr. 
Glidemann, der anfangs der Sache so freundlich gegenüber gestanden 
hatte, da5 er nach der Durchsicht der BOrstenabzüge des „Judenstaats" 
an Herzt schrieb: »Ich habe alles gelesen und finde nichts zu monieren". 
Die Erwiderung in Blochs Wochenschrift vom zf. April 1897 zeigte bei 
aller Vornehmheit der Form, daß HerzI eine sehr scharfe Klinge zu 
führen verstand^). 

Er sollte bald Gelegenhdt finden, sich ihrer oftmals nach außen wie 
nach innen zu bedienen. Vor altem bedurfte er nun eines Zeitungs- 
Organs, denn die Presse war fast ganz in gegnerischen Händen, Geld 
war freilich zur Unterhaltung des Blattes nicht vorhanden. Aber Herzt 
war überhaupt nie geneigt, sich bei der Verfolgung von Plänen durch 
Bedenken äußerlicher Natur aufhatten zu lassen; und gar in materiellen 
Dingen war er fast mehr als großzügig. 

Seine Freigebigkeit und Uninteressiertheit in Geldsachen stimmte 
harmonisch zu seinem ganzen Wesen. Auch in späteren Zelten, als die 
Organisation geschaffen war und über größere Geldmittel verfügte, 
hat er kaum daran gedacht, sich selbst erhebliche verauslagte Beträge 
erstatten zu lassen. So kam es, daß sein Vermögen sich erschöpfte und 
daß er sorgenvoll an die Zukunft seiner Kinder dachte. Er hat dien 
mit der Selbstlosigkeit alles geopfert, die Ihm natürlich war; so selbst» 
verständlich, daß er ihr Fehlen bei anderen gar nie begriff und hundert- 



>) Henl hat aber stets scharf unterschieden zwischen den unversöhn- 
lichen Gegnern der Sache, und denen „avec lesquels nous nous — enten- 
drons plus tard". Wenn er einseifen mußte, war er doch stets bemüht, 
dem Feind eine Rückzugsbrflcke zu bauen. „Unser Banner soll mSsllchst 
seidlf wehen", hat er gesagt und geschrieben. Das judentam war seiner 
Ansicht nach In Gefahr, wenn es starke Zerklüftung im Innern zeigte. 



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BegränJung der „Welt" jf 



mal sich tauschen lieg. Er gab alles hin; Gesundheit und Kraft, Ruhe 
und häusliches Behagen, sein Vermögen und zuletzt sogar sein Leben*). 

Die „Welt" wurde also auf Kosten Herzls gegründet, als des jüdischen 
Volkes „Wehr und Waffe und zwar eine reine Waffe", so heißt es im 
Programm vom j. funi 1897, „gegen seine Feinde — ohne Unterschied 
der Konfession, als das Organ der Männer, die das fudentum aus dieser 
Zeit hinauf in bessere Zeiten führen wollen . . ., in die völkerrechtlich 
gesicherte Hdmstätte für diejenigen Juden, die sich an ihren )etzigen 
Wohnorten nicht assimilieren können oder wollen". 

Sogldch der erste Leitartikel „Der Kongreß", von Herzl selbst ge- 
schrieben, war programmatischer Natur; der in der zweiten Nummer 
ein Kampfruf Nordaus gegen die Giidemannsche Schrift. Und nun 
galt es, den Kongreßgedanken nach rechts und links zu verteidigen. 
Schon Im April hatten sich Widerstände aus den Kreisen der Chowewe 
Zion empfindlich bemerkbar gemacht. Der verdiente und selbstlose 
Hirsch Hildesheimer zog sich zurück und legte das Referat über „die 



*) Herzl hat sich darüber nicht lange vor seinem Tode — 190J In Kairo 
— eingehend zum Verfasser susgespochen. Er hatte nie unter Irgend- 
welchen Formen elnn EntschSdigxing von Seiten der Organisation an- 
genommen, well er sich ein Ideales Streben nicht bezahlen lassen und sich 
nicht der Verleumdung aussetzen wollte, er verfolge materielle Interesen. 
Aber da er nicht von der Bewegrung abhängig sein wollte, mußte er all- 
hingig von der Neuen Freien Fresse bleiben, deren Besitzer seine Ideen 
systematisch totzuschweigen versuchten. Ein Musterbeweis dieser klein- 
lichen Methode sind die Nummern des Blattes nach Herzls Tode, wo seine 
Lebensaufgabe knapp erwähnt wird, wSbrend man mit der Miene des 
Leidtragenden spaltenlang Beileidsbezeugungen an die Zeitung wiedergibt. 
Herz) hat dieses Verhältnis als überaus listig empfunden, als „sleben- 
fShrigen Kampf". Kam es doch vor, daß er zu einem der mächtigsten 
Souveräne Europas beschieden wurde, und daß er nicht aus der Redaktion 
fort konnte. Freilich luinn man daraus nicht einseitig der Zeltung einen 
Vorwurf machen. Aber das Gefühl materieller Gebundenheit hat Herzl oft 
aufs schwerste bedrückt. 



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^6 Stdlaag der ChowaOt Zio n 

Aufgaben der [lidischen Wohltatiglteit in Palästina" nieder. Er haft« 
geglaubt, sich an einem Chowewe Zion-Kongreß, nicht an einem Zlo* 
nistenkongreß zu beteiligen, und zog ganz logisch die Konsequenz, als 
er sah, daß er sich geirrt hatte. Denn für ihn und sein^ Freunde v/tt 
der Süßere Charakter der Veranstaltung maßgebend. Sie waren Zionisten, 
wohl auch sogar Islationallsten, fürchteten aber, daß das politische Gea 
prige, das Herzl der Sache aufdrücktei ihr Schaden bringen und ihr 
die Sympathien der Kreise entziehen müsse, die bisher kolonisiert 
hatten. Herzl dagegen sah nach eigenen Worten in der vers^iedene» 
Benennung keinen grSßeren Unterschied als zwischen „blanc bpnnet" 
und „bonnet blanc". Er konnte und wollte keine Konzessionen madien, 
und sein ebenfalls konsequentes und dabei radikales Vorgehet? erschien 
den Berliner Herren als Gewaltsamkeit^). Willi Bambus schied aus der 
vorbereitenden Kommission, nahrn dann aber doch aip Baseler Kongreß 
teil. Allerdings In der ausgesprochenen Absicht, Herzl energisch zu 
bekämpfen. Auch der Headquarterstent der Londoner Chowew? Zion 
erklärte, dem Kongreß fernbleiben zu wollen, weil er in den Mitteln 
von denen Herzls abwiche*). Mit Recht erwiderte ihm Herzl, daß man 
ja gerade über die richtigen Mittel in Basel beraten wolle. 

Ganz anders war natürlich die Opposition von assimilatorischer Seite. 
Die Rabbiner Vogelstein und Maybaum protestierten zunSchst in der 
Allgemeinen Zeitung des Judentums. „Wir verwahren uns dagegen," 
so schrieben sie, „daß die Einberufer des K^ngre^es im Namen der 
Judenheit das Wort führen, und wir sind überzeugt, daß.kein Rabbiner 
oder Vorsteher einer deutschen Gemeinde auf dem Kongreß erscheinen 
und daß in solcher Weise vor aller Welt dargetan werden wird, daß die 

*■) Brief an Dr. Hlldeshclmer vom 9. Mai 1897. Heral hat anter anderm 
auc^ ■elbstSndlg' einen Punkt „Regduni; dir törklschen Ptnanien* In die 
Tagesordnung eingeschoben, was ihm verdacht wurde. Siehe Anhang 

S..IO-M,. . ■ ■: -.. 

') ErkiSrung in Nr. 2O der Revue „Pateittne". 



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Proteste der Rabbaio' and itr MSnchener Gemeinde 37 

deutsche ludenheit mit den Tendenzen der Zionlsten nichts gemein 
Rat." Sie Hatten allerdings den Schmerz, dag Bereits in der nächsten 
Nummer der „Welt" ein deutscher Rabbiner, der greise Dr. Rülf« 
Meiiiel, gegen sie lebhaft Partei ergriff. 

Zur gldchen Zeit richtete der MOnchener Gemeindevorstand ein 
Schreiben an die vorbereitende Kommission, in dem er gegen die Ab- 
haltung d^ Kongresses Einspruch erhob. Daraufhin wurde zunSchst 
ZQiich als Kongregort ins Auge gefaßt, und schlieSlich die Abhaltung 
am 29. August und den folgenden Tagen in Basel beschlossen^). 

Als man auf Seiten der Gegner sah, da% an dem eisernen Willen des 
neuen Führers der Bewegung alle Oppositionsversuche machtlos zer* 
flössen, holten sie zu einem, wie sie glaubten, vernichtenden Schlage aus. 

Die Rabbiner Maybaum, Guttmann, Horowitz, Auerbach und Werner 
erlieBen Im Berliner Tageblatt und anderen Zeitungen als geschSfts- 
führender Vorstand des deutschen Rabbinerverbandes eine Erklärung. 
Sie behaupteten darin, die Bestruungen der „sogenannten" Zionisten 
widersprächen den messianischen Verheißungen; das Judentum ver- 
pflichte seine Bekenner, dem Vaterland, „dem sie angehören", mit allen 
Kräften zu dienen. 

Nach einer kurzen Verbeugung vor den Kotonisationsbestrebungen 
wird dann „aus Gründen der Reli^on wie der Vaterlandsliebe . . . vor 
den vorerwähnten zionistischen Bestrebungen und ganz besonders vor 
dem trotz aller Abmahnungen noch immer geplanten Kongreß" eini« 
dringlich gewarnt. 

Diese vielerörterte Erklärung hat der Bewegung nicht nur nichts 
geschad^, sondern ihr sehr genfi^. Die Entrüstung über die in der 



') Z«tel dahihsesangene christliche Freunde der Bewegung, Bernhard 
ColRn-Bemouilli, Redakteur der Baseler Machrichten, und der Buchhflndler 
Kober, Schwiegersohn des protestantischen Bischöfe Gobat von Jerusalem, 
taten In dieser schwierigen Lage ihr bestes, um den Kongreß In Basel zu 
ermöglichen. 



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^8 ,J*mtestT<Mmer" — Wdim Pnieae 

ErldSrang liegende Denundation der Vsterlandsloslgkeit reizte die 
Anhänger des Kongre^planes zu verdoppelten Anstrengungen. Zurück- 
gehalten hat die Erklärung wohl niemand. Die Unterzeichner aber 
haben viel Peinliches hören mUssen — vor allem von Herzl selbst, der 
für sie in seinem glänzend geschriebenen Leitartikel der „Welt* vom 
10. }uli 1897 das Wort „Protestrabbiner" prägte. „Damit sie fürder 
nicht mit den guten Rabbinern verwechselt werden, wollen wir die 
Angestellten der Synagoge, die sich gegen die Erlösung ihres Volkes 
verwahren, die Protestrabbiner nennen." 

Von den Unterzeichnern des Protestes hat mindestens einer später 
der zionistischen Sache recht nahe gestanden, und auch andere würden 
sich schwerlich später noch zur Unterschrift verstanden haben. Aber 
die Erregung der jüdischen Öffentlichkeit gegoi die angdiliche Friedens- 
störung, die Furcht der maßgebenden Kreise, war so grog, dag sie 
sonst klugen und wohlwollenden Leuten die ruhige Überlegung nahm. 

Auch die amerikanische Rabbinerkonferenz motivierte ihre Ablehnung 
mit einer Erklärung, mehr offen als klug: „Der Kongreß und der Juden- 
staat beabsichtigen, verfolgten und bedrückten Juden eine Heimats- 
stätte zu schaffen. Wir Juden in Amerika leben so fr«, daß auch an 
Jüdischer Staat keine größere Freiheit gewähren Itann, folglich (!) 
geht uns der Judenstaat nichts an." Es war eine Äußerung Jener Men- 
schenklasse, die Nordau mit dem Worte gebrandmarkt hat: sie sitzen 
im sicheren Boot und schlagen den Ertrinkenden, die sich an den Boots- 
rand klammern, mit dem Ruder auf die Köpfe. 

Dasalles waren offene Gegner. Undwievielistnochhinterden Kulissen 
gegen den Kongreß und gegen Herz) gewühlt und intrigiert worden! 

Andererseits war ersichtlich, daß der Kongreß warme und dnfluß- 
reiche Freunde unter Juden wie Christen besaß. Von letzteren soll der 
greise Reverend Professor Hechler nicht vergessen werden, dem Herzl 
damals und auch in der Folgezelt oft wichtige und erfolgreiche Förderung 
seiner politischen Arbeit zu danken hatte. Der ehrwürdige R. Samuel 



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Ztathmmmgierl^i^angea ^9 

Mohilewer setzte sich mit seiner grogen AutoritSt für die zionistischen 
Zi^e ein, ebenso der sephardische Chacham Gaster In London und 
Zadok Kahn, der grand rabbin de France. Die zionistischen Ortsgruppen 
schössen fSrmlich aus dem Boden, und ein [Udlsches Zeitungsorgan 
nach dem anderen stellte sich der Bewegung zur Verfügung, Die be- 
geisterten Zustimmungserklärungen an HerzI schwollen zu Bergen an. 
Fast ober Nacht war er eine der umstrittensten, aber auch gefeiertsten 
Persönlichkeiten geworden, 

HerzI hatte in all diesen Monaten fast tibermenschliches geleistet. 
Er hatte organisiert und agitiert. Freunde geworben und Feinde in Wort 
und Schrift bekämpft. Es ist wohl keine tlbertreibung, wenn er in seinen 
Briefen Jetzt und in den nächsten Monaten wiederholt: „Ich bin atemlos 
vor Arbdt^), ich bin erdrQckt von Arbeit, und mug mich auf die Mit- 
arbeiter verlassen können"'). Aber diese Mitarbeiter fand er, und zwar in 
großer Zahl. Und dann hielt ihn die B^eisterung des Volkes, der ein- 
fachen Leute mit geradem Sinn und natUrhchem Verständnis, aufrecht. 
So schreibt er an Gustav G. Cohen: „Zu meinen Genugtuungen gehören 
einzelne der Briefe, die ich bekomme. So unlängst der Brief eines 72 |äh- 
rigen Mann^, Namens Baruch aus Basel. Ein Brief voll hoher und 
reifer Gedanken, blühend von. reichem Wissen, milder Lebensklugheit. 
Er schreibt mir, da§ er ein Handelsmann sei, und die Wissenschaft sein 
Leben lang nur insgeheim als „die hohe, himmlische Göttin" verehrt 
habe. Er schreibt u. a. über den Geist des römischen Rechts Worte, 
die mich, den Juristen, geradezu betroffen machten. 

Solche Leute haben wir, solche Unbekannte"*). 

Dem Kongreß in Basel ging eine Vorkonferenz voraus, deren Sitzungen 
HerzI Idtete. Über alle Punkte herrschte Einmütigkeit, auger Ober die 

*) Briefe an M. |. Bodenheimer vom 2. Oktober 1897, Nordau vom 
so. lull 1S97. 

*) Brief an Dr. Ehrenpreis vom 24. Juli 1897. 
■) Brief an G. G. Cohen vom 7. Dezember 1896. 



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40 Der I. Baader Kongr^ 



Formubenins des Programmes. Es wurde deshalb eine Protamin- 
kommission, bestehend aus sieben Mitgliedern, eingesetzt. Dies waren : 
Nordau, Mintz, Schapira, Rosenberg, ßodenheimer, Birnbaum, S. R. 
Landau. Von ihr stammt das Baseler Progranun mit der von HerzI 
vorgeschlage'nen Modifikation, dag an Stelle der nach langer Beratung 
von der Kommission gewählten Worte „Schaffung einer rechtlich 
gesicherten Heimstätte", die Worte „öffentlich rechtlich" usw. 
gesetzt worden sind. 

197 Delegierte aus allen von Juden in größerer Zahl bewohnten 
Ländern hatten sich am 29. August 1897 zu dieser ersten allgemeinen 
}udenversammlung seit der Zerstörung Jerusalems eingefunden und die 
Begeisterung war grenzenlos. Hnander ganz fremde Personen um> 
armten sich unter Tränen, und dem Einberufer des Kongresses wurden 
endlose und stQrmische Ovationen dargebracht. Und der von Lippe als 
Alterspräsidenten eröffnete Kongreß verlief, wie HerzI es am Schlüsse 
seiner großen Einleitungsrede, die das Wcaen der Bewegung skizzierte, 
gewünscht hatte: 

^Unser Kongreß sei ernst und hoch, den Unglücklichen zum Wohle, 
niemandem zum Trutz, allen Juden zur Ehre, und würdig einer Ver- 
gangenheit, deren Ruhm wohl schon fem, aber unsterblich ist." 

Der Kongreß war ein historischer Moment gewesen, die nationale 
Idee hatte ihre einigende Kraft gezeigt. Die Elewegung war „aus dem 
Ghetto ins Freie" getreten, Herzt ihr unbestrittener Führer, und das 
Ganze getragen von seinem Geiste. Die Weihe dieser Tage ist allen 
Beteiligten unvergeßlich geblieben. Zwischen der praktischen Oppo> 
sition und HerzI kam ein vorläußger Kompromiß zustande. Die G^en» 
Sätze sollten in einer Kommission ausgetragen werden, die sich ihrerseits 
mit den Palästinavereinen ins Einvernehmen setzen sollte. Ihr gehörten 
an Schnirer, Mintz, Kaminka, Rubenstein und Bambus. Der letztere 
gab allerdings seine Befehdung Herzls nicht auf und betrieb sogar die 
Gründung einer Kolonialbank durch die Palästinavereine. 



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Herd and dU nantchai Jaden 41 

Die Wirkung auf die jüdische Welt war eine ganz außerordentliche 
und die Diskussion des Monismus war wochenlang fast das einzige 
Thema im Westen wie im Osten. 

Die Bewegung schwoll von neuem riesig an. Fast alle jQdischen 
Blatter, auch die assimitatorischen, bezeugten dem Ernste der Ver- 
anstaltung' und dem ganz außerordentlichen Elan, mit dem sie sich 
durchgesetzt hatte, ihre Achtung. Aber nicht nur fCir die )udenhdt — 
auch für HerzI war der Kongreg eine Quelle von Qberraschungen ge« 
wesen. Er hatte dort die russischen Juden entdeckt. In sdnem Artikel 
der „Welt* vom 8. Oktober 1897, später in der „Contemporary Review", 
spricht er von ihnen, ihrer Begabung, seelischen Einheitlichkeit, kul> 
turellen Geschlossenheit in der wBrmsten Art und Weise. Schon vor dem 
Kongreß hatte er mit einigen von ihnen in Korrespondenz gestanden, 
die ihn gefesselt hatte. Nun traten ihm die Mandelstamm, ]asinowsky, 
J. L. Goldberg, UssEschkin perönlich gegenüber. Er empfindet zum 
erstenmal die Juden als geschlossene Menschen und sucht den Juden 
in sich selbst. WShrend er im Judenstaat noch die Assimilation für 
nicht unrühmlich erklärt, ist er spHter sehr entschieden anderer Ansicht 
gewesen. Aber sie war für ihn immer nur ein Verleugnen der Eigenart, 
der Bande des Blutes, der Abstammung, des Gemeinsamkeitsgefühls, 
des Stolzes auf unsere große Tradition. Nicht der Bruch mit einer 
Ku}turgemeinschaft. Denn er war eben ein Westler nach Bildungsgang 
und Empfmden. 

Herzl war ein Tatenmensch und viel zu sehr erfüllt von seiner Auf> 
gäbe, die ihm eine Mission bedeutete, als daß er sich mit dem Versuch 
der Durchdringung einer Kultur hätte plagen können, die ihm nach 
den Tatsachen fern lag. Es fehlte ihm dazu die Zelt und die abstrakte 
Denkwelse. ^ 

Aber auch in der christlichen Welt hatte der Kongreß lebhaften Ein- 
druck hervorgerufen. Insbesondere die engtische Presse ging mit der 
Unbefangenheit an die Diskussion des Problems, die man in diesem Lande 



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Wirhftng des Kongraxt 



der Freihdt und des weiten politischen Horizontes voraussetzen konnte. 
Wahrend die Juden gehörige »Neue Freie Presse" den Kongreß tot- 
zuschweigen sich bemühte, forderten die konservative „Fall Mall Ga- 
zette" und der radikale „Daily Chronicle" fast gleichzeitig, spSter Arnold 
White in der „Contemporary Review", eine europäische Konferenz zur 
Lösung der Judenfrage. So erfreulich dieser Widerhall der zionistischen 
Forderungen in England war, so wenig erbaulich war die Wirkung an 
anderen politischen Stellen. Es wurden lebhafte Versuche gemacht, 
verschiedene Mächte zu Protesten gegen die jüdischen Forderungen in 
Konstantinopel zu veranlassen. Wenn auch solche Tatsachen bewiesen, 
daS man in politischen Kreisen die Kraft der Bewegung und vielleicht 
noch mehr die ihres neuen Führers verstand, so bedurften diese Vor- 
gänge doch ernster Sorge und Abwehr. Die „Welt" und die „Correspon- 
dence de l'Est", die Michael von Newlinski leitete, haben HerzI dabei 
große Dienste geldstet*). Zugleich begann er große Hoffnungen auf 
die Person des Deutschen Kaisers zu setzen, der sich zur Fahrt nach 
Palästina rüstete und dessen Fürsprache beim Sultan er erhoffte. Wie 
aber sollten die Mittel zur Durchführung seiner großen Pläne auf- 
gebracht werden? Die Erfahrung hatte Herzl gelehrt, daß auf die jüdische 
Hochbank in jüdischen Dingen nicht zu rechnen war. Jüdische An- 
gelegenheiten betrachtete man ja in diesen Kreisen nie vom Standpunkte 
des Geschäfts, sondern nur von dem der Wohltätigkeit. Und Herzl 
sollte bald erfahren, daß die Großbanken selbst dann ihre Meinung 
nicht änderten, wenn Souveräne hierauf bezügliche Wünsche äußerten. 
Man mußte deshalb mit einer Subskription ins Volk gehen, die Masse 



*) Herzl wurde gtaddlciierwelse rechtzeitig über die Gefahren, die ini- 
besondere von klrclilicher Seite droiiten, informiert und vermochte ihnen 
zu begegnen. Immerliin bedurfte es für ilin außerordentllciier Anstrengun- 
gen, um Herr der Situation xu bleiben. „In Konstantlnopel wird gearbeitet. 
Aber Ich bin ein einzelner M^nn und die Arbeit ist enorm." Brief vom 
28. September 1897 an Cohen. 



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Vonabtäen für Jie Bardt 4; 



aufrufen. Die Aktion wurde durch einen Artikel in der „Welt" aus 
Herzls Feder eingeleitet^). GemaS seinen schon im „Judenstaat" ver- 
kündeten Ideen stellte er als Grundprinzip auf, dag kein politischer 
Leiter der Bewegung sich an ihren geschäftlichen Unternehmungen 
beteiligen dürfe: „Die Inkompatibilität des Politischen mit dem Ge* 
schäftlichen ist Ehrensache". Als Kapital der Bank wurden zwei Milli- 
onen Pfund gefordert; ihre Zwecke sollten sein: Bankkredite und andere 
Hilfe fOr Buswanderungslustige Juden, Agrarkredite für die Kolonisten 
in Palistina, Bildung landwirtschaftlicher und gewerblicher Berub- 
genossenschaften. Die Bank soll der „unpersönliche Bankier" der Be- 
wegung sein und Anleihen für den Staat vermitteln, mit dem ein Ab- 
kommen zu treffen ist (d. h. die Türkei). Herzl beschließt, am 6. Januar 
1898 nach Berlin zu einer vertraulichen Konferenz mit Finanziers zu 
fahren, die der Professor Ludwig Stein vorbereitet hat*). Er lä§t in 
London dafür arbeiten und sucht Anknüpfung In Paris. Dabei hofft 
er immer noch ein wenig auf das Geld der Familie Hirsch — nun, da 
der Baron H. tot ist, denkt er auf Bodenheimers Anregung an seine 
Witwe»). 

Daneben laufen andere politische Aktionen, Arbeiten für die Ein- 
hebung der vom KongreS beschlossenen Schekelabgabe, organisatorische 
Maßnahmen aller Art, für die Gevdnnung einflußreicher Männer, der 
Presse, — kurz, Herzl ist Seele und Mittelpunkt einer fieberhaften 
Tätigkeit. Dabei findet er noch Zeit zu politisch-schriftstellerischer 
Arbeit für die zionistische und allgemeine Presse*), und muß eine um- 
fangreiche Beru^tätigkeit ausüben. Und endlich entsteht, inmitten von 
Lärm und Hast, während einer Feierstunde vor dem Makkabäerfeste 
jenes wundersam feine, nachdenklich-innige Bekenntnis eines Mannes, 

*) Vom 19. November 1897. 

*) Brief an Cohen vom 39. Dezember 1897. 

*) Brief an Dr. Bodenheimer vom 2. Olttober 1S97. 

*) Pflr erstere meist unter dem Pseudonym Benjamin Scff. 



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Die .J^atOTok" — Probezdcknang für iit Bank 



den das Leid um sdn Volk verzehrt hatte, bis „mich utid nach seine 
Seele eiiie eliirige blutende Wunde ^r". Bis es ihn zu eiriim großen 
Dichter verUSrt hatte. Jenes B^enntnis der Liebe ztim Judentum, 
zur Schönheit seiner Pesfe, mm Glauben an die große Zukunft der 
Nation, das für immer erhalten bleiben wird: die „Menorah". 

Am 10. Januar, dann noch einmal am 8. Februar 1898 sprach HerzI 
in Berlin^). Von diesen Tagen an, so kann man 'wOhl sagen, beginnt 
das starke Eindringen der zionistischen Idee in die jüdischen Kreise 
Deutschlands. Herzls Worte waren überall Gegenstiind des Tages- 
gesprXchs. Und noch ein zweit», fßr den Beginn des Zionismus groger 
Erfolg im Westen war der Bewegung unmittelbar darauf beschieden : 
der AnschhiS der bisher zSgemden englischen Chowewe Zlon, der sich 
in Clerkenwell Town Hall vollzog. Besonders bemerkenswert war die 
Rede des aktiven englischen CHiersten Gbidsmith, der sich mit groger 
Entschiedenheit für den Staatsgedanken Herzls einsetzte. Die an- 
genommene Resolution Dr. Hirsch — detfaas lautete: „Die Konferenz 
Ist der Ansidit, dag die nationale Idee einen integrierenden Bestandteil 
der zionistischen Bewegung bildet, und dag es die Pflicht aller Juden 
sei, sich zum Zwedce einer gesetzlichen Wiederanslediung des {Qdlschen 
Volkes In Palästina zu vereinigen." 

Inzwischen waren die Vorbereitungen für die Bankzdchnung go 
troffen worden. Eiii Bankkomitee, bestehend aus David Wolffsohn, 
Bodenheimer und Schauer wurde in Köln errichtet und begann seine 
Tätigkeit. 

Seine Aufgabe war, eine Art von Probezeichtiung durchzuführen. 



') Vgl. „Welt" Nr. 3 und Nr. 7 von 189S. Die erstere Rede Ist in Theodor 
Herzls „Zionistischen Schillten" niditabgedmckt. Sie sciilleßt mit den 
Worten: „Ich glaub', Ihnen sagen zu kennen, daß Wir dem Jodentnm 
etwas gebracht haben ; der Jugend eine Ho^nung, dem Aher einen Traum, 
allen Menschen etwas Schfines." Diese Worte charakterisieren vorzQglich 
die ganse Ästhetik dieser Epoche, die von Herzl auf die Bewegung überging. 



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Der II. Baader Kongreß 



Bis zum zucf^ten Kongreg, def Ende Auf^ust in Bi^^ zusaipmen^reten 
sollte, wollte. man eine Clbeni^cht dar^er halben, ob, das. ga^ize Ui^t^ 
nehmeii Aujalcht auf, Erfolg hätte, und so wurde d^, Judentum der 
8:anzen Welt zur Zeichnung auf^ufe^. Vidlelcht hätte m^n besser 
ein odei; zwei )ahre Upger mit der Arbi;it für die.Bank g^w^rtetr Dann 
wSre die junjg:e Organisation kr&ftiger gew^en, und man hätte a^ch 
vielle{i^t Großl^ankitera für die Sa^fa^, gftvinnen k&nnen. Aber HerzI 
glaub|te nach den gro^n Erfolgen der letzten zwt^ Jahte auch. hier im 
Sturme vocgefien zu können und war.vo^ dem. Gelingen fest: überzeugt. 
Die Oro^ankiers .batt^o ihm, zu lange ,her^mgezög^ mit d^ Bildung, 
des Emissionssyndikates. So sollte ein populäres Syndikat entstehen, 
welches zu^e|ch die gesicherte, Sul>s,kTiption bedeuten viüide^). Er 
war seiner. Sache, so sicher, dag er selbst-zooo Shapes zeichnete! Und 
wie imme^ riß. er nüt der suggestiven. Kraft seines VX/iU^ die Ben 
wegung mit si^h. fort- Die, Zeichnung, erfo^e in einer Art, wie.wpM 
noch nie eine , Bank, gegründet worden.ist. Zebntaifsende von kl^e^ 
Zeichnern riss^ sich. um die Bapkanteile, und entüchte^fi die erste 
Rate. Aber, dje großen,- ^eichnuifg^. blieben geling an. Zahl. Einige 
mittlere Fina^leute. .zeigten Interess^. hielten sich, aber ängstlich im 
Hintergrunde. Immerhin viX das. Ergebnis. bis zum Beginn de; KofH' 
gress» nicht unbefriedigend, und konnte als Grur^dlage weijt^tei; Arbeit 
dienen. Und der agitatorische Wert der Aktion war. ein un3cj>i^barer 
gewestsn. 

So kam der zweite Basdiei; Kongreß .heran. Zw^ Aufgaben h|irrtcn 
seinem hauptsächlich: Dje, Regelung de^. Bpnkfinqge. und des Verhält* 
nisses der Bewegung zu deif Kolonisationsbestrebungen. In der letzteren 
Frage bestanden nicht unerhebliche Differenzen zwischen den An- 
hängern der Kleinkolonisation und, Herzl, fort Sie hatten, sog^r zu einet 
Spaltung innerhalb der en^chen Ztooisten g^brt und. ein Ausgleich 



*) Brief an Cohen vom 2j. Mal 1898. 



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Der IL Boider Kaigriß 



tat dringend not. HerzI litt Infolge der Anstrengungen und Arbelt an 
nervösen Herzbeschurerden; er wollte die Oberleitung für ein Jahr nach 
Paris verlegen und Nordau unterstellen, der Gedanke unirde aber ans 
politischen Gründen wieder fallen gelassen. 

War der erste Kongreg ein Fest des Wiedersehens, der Einigung im 
Geiste gewesen, so sollte die zweite Zusammenkunft der Vertreter des 
jüdischen Volkes die festen Grundlagen für die Organisation schaffen. 
Es war eine Feierstimmung, in der man sich versammelte. Sie hat über 
allen den ersten Kongressen gelegen und sie teilte sich sogar der christ- 
lichen Bevölkerung Basels mit. Als der Schweizer Festzug von St. Jakob 
zurückkam, wo die Eidgenossen den Sieg über die Armagnacs vom 
26. August 1444 zu feiern pflegen, stand HerzI mit den anwesenden 
Delegierten auf dem Balkon des Kongreßhauses. Seine königliche Er- 
scheinung ergriff die Menge, und als einige Delegierten „Hoch die 
Schweiz" riefen, senkten sich die Fahnen des Zuges, grüßten das vom 
Balkon flatternde blauweiSe Banner und brausend schallte es wohl 
zum ersten Male seit Jahrtausenden herauf: „Hoch die Judenl" 

Bei der Kongreßeröffnung war HerzI Gegenstand einer Begeisterung, 
dner jubelnden Ovation, wie sie wohl selbst den gekrönten Herrschern 
dieser Erde nur selten zuteil wird. Immer von neuem rauschten Beifalls- 
stürme durch den Saal, die er in jener schlicht-gebeugten und doch 
stolzen Haltung entgegennahm, die niemand vergessen kann. 

Solche Tage haben ihn für Undank und Verleumdung, EnttSuschungen 
und Mühsal entschädigt. Was kann das Leben Größeres bieten, als 
solche Kundgebungen des Dankes und der Liebe? 

Auch seine Eröffnungsrede war immer aufs neue von Jubel unter- 
brochen, obwohl er auf alles rhetorische Pathos verzichtete. „Wir 
wünschen nur eine internationale Diskussion, keinen internationalen 
Verein. Und das sei Mer noch einmal zum ewigen Gedächtnis wiederholt: 
es kann sich bei uns nicht um Bündeleien, geheime Interventionen und 
Schleichwege handeln, sondern nur um eine offene Besprechung unserer 



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Der II. Btader Kongr^ 47 



Gegenwart und Zukunft unter der beständigen Kontrolle der öffent> 
liehen Meinung." Herzl ruft sodann nach dem Volksbewugtsein den 
Volkswillen wach. Er fordert, es unmöglich zu machen, daß fortan in 
den jüdischen Kultusgemeinden gegen Zion agitiert werde und stellt 
als eines der nächsten Ziele der Bewegung die Eroberung der Gemeinden 
hin. Dann bespricht er die Aussichten der politischen Arbeit, die 
Schaffung des finanziellen Instruments der Organisation — der Ko° 
lonialbank — die demnächst ins Lehen treten werde, und wendet sich 
scharf gegen die Infiltrationspolitik der ^praktischen" Zionisten, die er 
„Bnschmuggelung von Ansiedlern" nennt. So schafft er einen Vorklang 
zur Kolonisationsdebatte. In dieser treten Pineles, Bambus u. a. scharf 
gegen Motzkin auf, der die bisherigen Methoden der Kolonisation 
kritisiert. Er äußert sich In seinem Referat sehr ungünstig über den 
bisherigen Stand der Kolonien und verdammt die Infiltration, bevor 
nicht die Tore Palästinas geöffnet seien, die Juden ungehindert Grund> 
besitz erwerben dürften, und sie Garantien in Bezug auf Abhängigkeit 
und Privilegien bezüglich der Ertragssteuer erhielten. Schließlich werden 
die Worte „zweckdienliche Besiedlung Palästinas" des Baseler Pro- 
gramms dahin durch den Kongreß definiert, daß man unter ihnen ver« 
stehen solle: „die Kolonisation, die nach einer von der türkischen 
Regierung dazu erlangten Erlaubnis und nach einem Plan und unter 
Leitung einer vom Kongreß gewählten Kommission durchgeführt 
werden soll". Herzls Ansichten haben also zwar theoretisch nicht durch- 
weg gesiegt, denn die Resolution stellt ein Kompromiß dar. Aber prak- 
tisch bedeutet sie einen völligen Erfolg, da mit der tlberweisung an die 
mittdlose Kommission jede praktische Tätigkeit ausgeschlossen wird. 

Der Kongreß wählt sodann einen Ausschuß zur Gründung der Bank 
mit Wolffeohn und Kann an der Spitze. Endlich wird dem Aktions- 
komitee das Vertrauen ausgedrückt und Herzl durch Akklamation wieder 
zum Vorsitzenden des Aktionskomitees gewählt. 

Mit diesem Vertrauensvotum in der Tasche, als fast unbeschränkter 



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Herzl and Wäb^ II. in Jenadan 



Pfihrer d«r außerordentlich angewachsenen Bewegung, unternimmt HerzI 
den Versuch der Gewinnung des Deutschen Kaisers. 

Im Oktober 1698 tritt Wilhelm II. seine Palästinafahrt an^ zu daen 
Beginn er zunächst den Sultan Abdul Hamid In Konstaatinopel besucht. 
In diesem Besuche eines der mächtigsten Fürsten des chrisdichen 
Europas btd dem Beherrscher der Gläubigen lag selbstversttndllch eine 
außerordentliche Stützung der türkischen Herrschaft, ein Freundschafts- 
beweis fOr die mohammedanische Welt, nie er seit Jahrhunderten nicht 
mehr gegeben worden war. Und aus dieser neu gegründeten Freund« 
Schaft zwischen Deutschen und Osmanen mu^ sich ein staricer Einfluß 
des Kaisers auf den Sultan ergeben. Herzl war es schon früher gdungen, 
den ersteren für seine Pläne zu interessieren. Er wünschte aber auch 
eine öffentliche Bestätigung dieses Interesses zu erlai^en, indem Ihn 
der Deutsche Kaiser auf dem Boden des alten Judenlandes empfing 
und seine Bitte um Hilfe entgegennahm. \ 

Machdem die nötigen einleitenden Schritte erledigt waren, begab 
sich Herzl, h^leitet von Schnirer, Wolffsohn, Bodenheimer und dem 
Ingenieur, Seidener nach Konstantinopel. Dort wurde Herzl am 18. Oka 
tober zunächst vom Kaiser im Yildiz Kiosk in Gegenwart Bfilows 
empfangen und in ein ausführliches Gespräch gezogen. Sodann reiste 
die Abordnung am 19. Oktober über Ägypten nach Palästina und er- 
wartete in Mikweb Israel den nach Jerusalem wallfahrenden Zug. Als 
der Kaiser den das Spalier um Haupte^nge überragenden Führer der 
Zionlsten erblicktet ließ er halten, ritt an Herd heran, reichte Ihm die 
Hand und begrüßte Ihn laut mit freundlichen Worten. Dann unterhielt 
er sich mehrere Minuten mit ihm über seine Eindrücke vom Lande 
und verabschiedete sich sehr freundlich. 

Die Deputation folgte nach Jerusalem und ward dort am 2. November 
in feierlicher Audienz empfangen. Der Minister von Bfilow war ann 
wesend. Von Böswilligen ist später oft genug gespöttdt wonlen, die 
Audienz habe einen Mißerfolg bedeutet, denn praktische Folgen sind 



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Gnfiherzog Friedrkh t. 



nicht ersichtlich gewesen. Wenn einmal der Zeitpunkt fOr eine rücka 
haltlose Klarlegung der Tatsachen gehommen sein wird, die heute 
unmöglich erscheint, wird man den Irrtum einsehen. Lag schon in 
der bloßen Tatsache des offiziellen Empfanges gerade an dieser Stelle 
und unter diesen Verhältnissen eine bedeutungsvolle Erklärung, so 
muSte jeder Zweifel schwinden, wenn man Herzl gestattete, in seiner 
Ansprache geradezu um die Vermittlung des Kaisers zu bitten. „Fflr 
so gut halten nlr diese Sache, für so wert der Teilnahme der Groga 
mutigsten, dag wir Ew., Kaiserliche Majestät um Ihre hohe Hilfe zu 
dem Werke bitten." So spricht man zu den Großen dieser Erde nur 
dann, wenn man vorher weig, Aa% man es darf und daß sie hdfen wollen, 
wenn sie selbst es vermögen. Der Kaiser hat eingehend und in freund- 
lichster Weise erwidert. Sogleich nach dem Empfang reiste die Deputation 
ab. In einem Artikel der „Welt"*) sagt Herzl in Erwiderung der oben 
erwähnten törichten Spötteleien: „Es ist uns gelungen, das Interesse 
zweier Herrscher für unsere gerechte Sache zu erwecken. Und sage 
oder glaube niemand, daß diese Gro^n dabei etwas Unfreundliches im 
Sinne ffihren. Die öde Selbs^espÖttelung mancher Juden, durch die 
wir alle In Verruf kommen, kann ja auch für eine solche Teilnahme die 
hämische Erklärung finden: sie wollen uns los haben I Aber in Wirklich- 
keit Hegt die großmütigste Absicht vor, Kultur zu verbreiten, unglQck- 
lichen, herumirrraidm Menschenmassen eine Heimstätte zu verschaffen, 
Wohlfahrt In eine verwahrloste Gegend zu bringen, und durch all dies 
den Besitzstand der Menschheit an Glück und Gesittung ein wenig zu 
vermehren. So ist die Teilnahme gemeint und so haben wir sie dankbarst 
verstanden." 

Die nädiste Nummer der „Welt" enthielt noch eine Danksagung. 
Sie war an die Adresse des greisen GroBherzogs Friedrich von Baden 
gerichtet, dem die Bewegung berdts Großes verdankte und dessen tat- 



) Nr. 46 vom 18. November 1898. 

FiiFdemann. Wtrcl 



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50 Mtditig in LonioR 

klüftiges und warmherziges Eintreten für unser Volk allezdt unvergessen 
bleiben wird. 

Kurz vor Antritt der Kaiserreise war Herzl in London gewesen und 
hatte dort am j. Oktober in einem von mehr ab 7000 Personen be- 
suchten Meeting gesprochen. Er hat dabei ein Wort gesagt, das ihm 
vielfach verdacht worden ist, weil es die — vielleicht einzige — groge 
Unvorsichtigkeit seines Ldsens war. Er sagte, dag er die Verwirklichung 
seiner Hoffnungen fOr nahe bevorstehend halte. Durch diese Worte 
wurde eine unbesdhreibliche Begeisterung nicht nur in der Versammlung, 
sondern auch im europäischen Osten entfacht. Törichte Leute be- 
gannen, sich auf die Wanderung vorzubereiten, und die Gegner warfen 
Herzl gewissenlose Irreführung der Massen vor. Aber Herzl war durch- 
aus ehrlich gewesen und hatte keineswegs mit den Massen gespielt. 
Er selbst hat später gesagt: „Man fiel Ober mich her, wie Ober einen 
Charlatan. Das Urteil wird aber eine spatere Zeit sprechen, der alle 
Beweismittel vorliegen werden. Dann wird man sehen, wie wahr ich 
auch damals gesprochen und was dazwischen gekommen ist." Durch 
diesen Zwischenfall belehrt, hat er später oft sogar dann üb«* Erfolge 
geschwiegen, wenn es auf Kosten seiner Popularität geschah. 

Wie gelang es nun Herzl, sich das Vertrauen der regierenden Kreise 
zu schalen, das Ihm solche Aktionen ermöglichte? Zunächst mug fest- 
gestellt werden, dag Herzl nicht etwa Bittgänge zu den Großen, mit 
denen er verhandelte, unternommen, sich ihnen angeboten hat. Er 
wugte sehr wohl, dag die Männer, auf die er seine Hoffnungen setzte, 
vor dnem politischen Schnorrertum genau so wenig Respekt haben 
würden, wie vor einem Bitt^nger um Geld; dag ihnen der Jude mit 
besonders hoch erhobenem Haupte als Nachkomme groger Ahnen und 
Träger uralter Traditionen en^egentreten mugte, wenn er ihre Sym- 
pathie erwerben wollte. Stolz und bescheiden. Er seihst war auger- 
ordentlich zurückhaltend. Wohl versuchte er durch Mittelsleute in 
penSnlichen Verkehr mit den Stellen zu kommen, die ihm für die 



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Ha^DiplomaSt 



Förderung der Arbeit nötig erschienen. Aber alle seine Bestrdiungen 
gingen dahin« dag er gerufen wurde. Selbst gegen geringe Taktfehler 
in dieser Hinsicht war er sehr empfindlich. Wußte er doch, daß er die 
Würde der Nation, der lange entwürdigten, zu wahren hatte. So schreibt 
er in einem Briefe vom ly.Aprll 1903 an einen deutschen Gesinnungs- 
genossen: „Ich habe oft genug davor gewarnt, mit diesen Hof> und 
Regierungskreisen in allzu auffallender Weise Fühlung ta suchen. Es 
macht keinen guten Eindruck und schädigt unsere Sache ganz ent- 
schieden. Die größte Zurückhaltung ist diesen Kreisen gegenüber das 
einzig Richtige; nur dann werden wir richtig beurteilt." 

Neben dieser Taktik war es seine wunderbar vornehme und hai^ 
monische Persönlichkeit, der ritterliche Charme seines Wesens und 
sein außerordentliches Taktgefühl, die ihm überall Freunde gewannen. 
Seine vornehme Erscheinung, die über sein ganzes Wesen ausgegossene 
Kultur, die Wärme der Stimme und das stete Formen der Urteile zu 
kleinen, geistvollen Pointen — das alles bezauberte und zwang den 
Partner der Verhandlung in seinen Bann, Und dann hatte er, wie es 
nur der alteingesessene westeuropäische Jude haben kann, natürliches 
VersQndnis für die Anschauungen und Empfindungen de^rer, die ihm 
gegenübertraten. Er verstand klar das starke, protestantisch-innige 
Seelenleben des greisen Großherzogs, der es für einen Teil gottgewollter 
Sendung hielt, daß er dem Volke der Bibel seine Heimat wieder schaffte, 
und den jungen Kaiser, den genialer Scha^ngsdrang und historische 
Romantik für die Bew^img gewannen. Er verstand aber auch den 
großen britischen Kolonialminister Chamberlain, der mit nüchtern 
geschäftlichen Erwägungen reli^öse Unterempfindungen und das groß- 
sügige englische Gerechtigkeitsgefühl für die Schwachen und Be- 
drängten vereinigte. 

/'Ihm selbst war nichts Menschliches fremd in der Weite seines 
Denkens und Fühlens, und so verstand er die Sprache eines jeden. Die 
Sprache des arinen jüdischen Hausierers und der christlichen Herrscher, 



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f2 B^ B n lia ig der Bank 



die des Suhans und des Papstes. Und da er selbst die an das Gute und 
Gn^ der menschlichen Natur appellierende Sprache der WahrbeH und 
GerechtisWt führte, wurde er von allen verstanden. Ihr hat er seine 
Erfolge gedankt. 

Je gr5§er der politische Erfolg schien und je mehr die Bew^ung 
anwuchs — - In |ener Zelt erschien u. a. Nordaas „Dr. Cohn", da fOr 
die Ausbreitung der Idee von großer >X'irkung gewesen ist — um so 
mehr bedurfte man des finanziellen Instruments, der Bank. Das Bank- 
komitee hatte die Vorarbeiten für die endgültige Banksuhskrlption 
erledigt; Wolffsohn, der sich um die Bankgrflndung auBcrordentllchc 
Verdienste erworben hat, arbeitete die Statuten aus. Kann und der Lon* 
doner Bankler Heymann waren während dinr Kaiserreise eifrig an der 
Arbeit gewesen, und die Beratungen mit Hersl In London vom 8 bb 
tj. Dezember 189S führten zu völliger Einigung über die Hauptpunkte. 
Ende Januar genehmigte das Große Aktionskomitee die Statuten, und 
die endgültige Subskription wurde auf den z8. bis jo. März 1899 fest> 
gesetzt. Die von Ussischkin erhobenen Bedenken, die Bank könne Ihre 
Tätigkeit auch In andern Lindern, als dem türkischen Orient ausüben, 
wurden durch bindende Zusicherungen zerstreut^). Andererseits blieben 
auch hier Verleumdungen nicht aus. Nicht einmal die persönliche Ehren- 
haftigkeit der Bankgrfinder blieb unangetastet, während doch die Unter- 
zeichner des Prospektes sogar die Gründungskosten aus eigenen Mitteln 
bezahlt hatten'). Aber alle Minierarbeiten waren umsonst — - die Bank 
wurde registriert und die Subskription gelang. Gelegentlich der An- 
wesenheit in London Im Juni 1899 wurde die Bank für gegründet 
erklärt. Ihre erste Au^abe sollte sein, die Landgesellschaft ins Leben 
zu rufen. Es waren annähernd fünf Millionen Mark gezeichnet worden, 
aber wie viele Schwierigkeiten hatte man überwinden müssen I Die 
reichen Juden waren fast alle fem geblieben. Der schon gewonnen« 



*) Vgl. „Wdt", Nr. 
•) Vgl. „Welt", Nr. 



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Datneat iVtJJstatid 



f5 



reiche Fabrikant Poznansky in Lodz hielt seine Subskription 
nicht aufrecht. Auch die Verhandlungen mit den Rothschilds hatten 
sich zerschlagen. Und fiffentllch war In London erklärt worden, Herzl 
und die Seinen wollten „den armen Leuten das Geld aus der Tasche 
rauben". Herzl f^tt in seiner großen Rede in St. Martins Town Hall 
am z6. Juni Uchelnd über diese ohnmächtigen Beschimpfungen fort, 
über die „kleinen Hautabschürfungen", In dieser Versammlung hat er 
auch zum ersten Male vom Charter gesprochen, den er von der tür« 
Idschen Regierung erwerben wollte, um Palästina unter der Souveränität 
des Sultans zu kolonisieren. Ihn sollte die Bank zu erlangen trachten. 
— VCenn der fewish Colonial Trust heute auch andere Zwecke verfolgt, 
so ist er doch eine Volksbank im besten Sinne des Wortes geworden. 
Allerdings hat die gro^e Zahl der Aktionäre später verwaltungstechnische 
Schwierigkeiten im Gefolge gehabt und die Aktionsßihigkeit eina 
geschränkt. — 

Inzwischen waren neue Angriffe auf Herzl und das Aktionskomitee 
in scharfer Form erhoben worden. Auf dem zweiten Kongreg hatte der 
Verfasser als Vorsitzender des Legitimationsausschusses beantragt, die 
Übertragbar keit der Mandate zu verbieten. Auch sonst waren UnregeU 
mäSigkeiten bei den Wahlen konstatiert worden, so dag Abhilfe dringend 
nötig erschien. Deshalb erlieS das Aktionskomitee eine neue Wahl- 
ordnung, wozu es formal sicher nicht b^gt war. Aber mao hatte nicht 
den dritten Kongreg mit den alten Mängeln behaftet zusammentreten 
lassen wollen. So gut die Absicht war, erregte die Ausführung bei Herzls 
Gegnern in der Partei — vor allem bei Bambus — den Verdacht, Herzl 
wdle die Opposition ausschliegen. Man schrieb und protestierte und 
endlich veröffentlichte Bambus Im „Zlon" vom April 1S99 einen Ar- 
tikel^), in dem er Herzl in schroffster Form angriff, ihm Gewalttätigkeit, 
Rechtsbruch, endlich die Absicht zuschrieb, Bernhard Lazare, Dr. Salz, 



'■) „Der Staatsstreich des Herrn Dr. Herzl." 



3,t,z.d.yGOOgle 



Der lll. Baader Kontra 



S. R. Landau und Ihn selbst vom KongreB fernhalten zu wollen. HerzI, 
dem in seiner strengen Rechtlichst solche Absichten weltenfern ge- 
legen hatten — das Wahlstatut wire auch zur Errdchung solcher Ziele 
ganz ungeeignet gewesen — hat Bambus diesen Angriff nie vergeben, 
obwohl er seine große Beßhigung und Tatkraft nicht verkannt hat. 
Auch gegen das „Diplomatisieren" wird bereits Sturm gelaufen^). 
Vorläufig erfolglos. Als ob nicht alle Völker der Welt eine Diplomatie 
brauchtenl Nur gerade die |uden sollten sie entbehren können. 

Am 15- August 1899 trat der dritte KongreS in Basel zusammen, 
dem die meisten früheren Gegner Herzls ferngeblieben waren. Der 
Verlauf der Verhandlungen war infolgedessen ein wesentlich ruhigerer, 
als auf dem vorhergehenden Kongreß. Erregt wurde die Debatte nur 
bei Behandlung der Frage, ob die sieben Bankdirektoren Gründer« 
shares erhalten sollten, und bei dem Einbringen von Trietschs Cypem> 
Projekt, überdies waren die Delegierten noch infolge der Erfolge Herzls 
im verlaufenen Jahre in gehobener und hoffnungsfreudiger Stimmung. 
So war die Opposition schwach und kraftlos. Die Bank war gegründet, 
die Bewegung von neuem stark angewachsen, die Sympathie regierender 
Kreise gewonnen. Moch kurz vor dem Kongreß hatte der Großherzog 
von Baden sich in der anerkennendsten Weise über Herzls PlSne aus* 
gesprochen*). 

Als er, begeistert begrüßt, auf die Tribüne trat, kiinnte er mit guten 
Gewissen sagen: „Es war ein gutes fahr, wir sind um ein Stück weiter 
gekommen." Und weiter heißt es in der Er&i^ungsrede : „Unsere Be« 
mühungen sind darauf gerichtet, einen Charter von der türkischen Re- 
gierung zu erlangen, einen Charter unter der SouverSnitSt Sr. Majestät 
des Sultans." . . . „Für die Gewährung dieses Charters werden wir der 

*) V^l. z. B. die Außemnsen^vop Salz Im „Jüdischen Votksblatt" vom 
7. April 1899. 

*) Unterredung des Grogherzogs mit Dr. A. Berliner am zf. Juli 1899 
in St. Moritz, siehe Berliner Tageblatt vom iz. August 1899. 



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Der „Charta" 



?5 



tQrkischen Regierung groSe Vortdle vermitteln." Der zionistischen 
Politik werden damit für die nächsten |ahre ihrej W^e vorge* 
schrieben. 

Das Organisationsstatut wurde sodann eingehend beraten. Wichtig 
war, daß von Leitung und Delegierten betont wurde, der Zionismus 
werde nie etwas gegen irgendeine rellj^Sse Richtung im Judentum 
unternehmen. Prinzipielle fragen hat der KongreS nicht entschieden. 
Die Wiederwahl Herds erfolgte unter stürmischen Kundgebungen des 
Vertrauens. 

Die nächsten Monate sind mit Arbeiten für die Bank, politischen 
Bestrebungen und organisatorischen Maßnahmen ausgefüllt. In dner 
großangelegten Rede vor Wiener Kaufleuten und Bankiers spricht er 
im FrUhlIng 1900 über die Bank vom geschichtsphilosophischen Stande 
punkte aus und Ober ihre jüdischen Gegner, die sie zu boykottieren 
versuchen. Der Ton der Rede ist gereizt, das Urteil über andere jüa 
dlsche Organisationen, z. B. die Alliance, scharfer als gewöhnlich. Man 
merkt, dag der Kampf auf seinem Gipfel angelangt ist, und daS Herzl 
nervSs und abgearbeitet ist. Er erklart sich, wie auch schon früher, 
bereit, zu demissionleren, wenn diese Tatsache die anderen großen 
Institutionen gewinnen könne. Qberdies sieht er, dag der erhoffte 
schnelle politische Erfolg ausbleibt. Es folgt eine Zeit der Depression, 
aber sein unverwüstlicher Optimismus siegt, und sein erfinderischer 
Kopf beginnt mit neuen politischen Faktoren — vor allem mit den 
Englandern — zu rechnen. Durch Mr. Sidney Whitman tritt er an 
das rumünlsche Königspaar heran. 

Außer an den politisdien und beruflichen Zielen arbeitet er eifeg 
an dem Roman Alt^Neuland, der agitatorisch wirken soll, nachdem er 
bereits früher dn anderes groges literarisches Tendenzwerk „\ivi neue 
Ghetto' vollendet hat. In letzterem — das im Januar 1898 sdne erste 
Aufführung erlebte — ruft er die Juden auf, sich aus dem moralischen 
Geßngnis, in dem sie stecken, zu befreien. Das Schicksal vornehm 



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j6 . Jm neue Ghüto" 

empfindender Juden wird in dem Advokaten Dr. Jacob Samuel per- 
sonifiziert. Zunächst verlägt ihn sein bester Freund, der Dr. Franz 
Wurzlechner, Er will sich in die Politik stürzen, und da hindert ihn der 
lüdische Umgang. Er will nicht „Judenknecht" heißen. Samuel scheidet 
ohne Groll von ihm. „Wenn ich ein Stück aus der Judengasse heraus- 
gekommen bin, so war's an deiner Hand. Jetzt kann ich schon allein 
wdtergehen." Und er schreitet allein seinen Weg. Sein Verwandter, 
der Bankier Rhelnbei^, beginnt ein wenig sauberes Börsengeschäft, 
dne Gründung, an der ein verkrachter Rittmeister beteiligt ist. Samuel 
wird zur juristischen Hilfeleistung zugezogen. Er durchschaut den 
Charakter der Gründung, bleibt nur, um den Rittmeister zu schützen, 
wird aber gerade durch Ihn ein Opfer des Verhängnisses. Als infolge 
von Unglücksfällen die Aktien sinken und der Rittmeister sich ruiniert 
sieht, will er sich an Rhelnbei^ halten. Samuel tritt dazwischen, um 
die Sache gütlich zu ordnen. Der gereizte andere schleudert ihm das 
Wort „Judenpack" zu. Jacob schlägt den Beleidiger ins Gesicht. Ein 
Duell, in dem Jacob fällt, ist die Folge. „Juden, meine Brüder," ruft 
er, „man wird euch erst wieder leben lassen, — wenn ihr" . . . und 
„Hinaus aus dem Ghetto". Das Stück ist eine Fundgrube lebensvoller 
Züge, ein glänzendes Gesellschaftsbild. E>ie Grogstadtjudenheit wird 
in heiteren, ernsten, leichtfertigen Persönlicbkdten verkörpert. Der 
Börsenagent Wasserstein ist wohl die beste Bgur des Stücks — kultur- 
los, gutmütig, lächerlich zugleich. Eine poetische Legende des Josua 
von Speyer ist wirkungsvoll verwendet. 

Trotz all dieser Vorzüge mug man zugestehen, dag das neue Ghetto 
von dem fast unvermeidlichen Fehler der Tendenzstücke nicht frei ist. 
Die Figuren reden, was der Dichter bewiesen haben will, und das be- 
einträchtigt die Lebenswahrheit und die rein künstlerische^Wirkung. 
Immerhin hat das „Neue Ghetto" bei seinen Au^hrungen im Karl- 
theater in Wien, in Prag, Olmütz usw. lebhafte Erfolge erzielt. ' 

In der Vorkongregnummer der „Welt" Ist ein Probekapitel aus „Alt- 



l.yCOOglC 



Neuland" veröffentlicht^). Da es uns bei dem beschränkten UmfanKe 
dieser Schrift nicht möglich ist, uns eingehend nüt diesem umfang» 
reichen Werke Herzb zu beschäftigen, wollen wir an die vorgedruckte 
Inhaltsangabe anschließen, die vielleicht aus Herzls Feder herrührt: 
„Zum Verständnis der Vorgänge in diesem Abschnitt sei vorausgeschickt, 
dag im Jahre 1920 nach 20 jähriger VerscholUnheit Dr. Friedrich Löwen- 
berg, der mit dem reichen Sonderling Mi*. Kingscourt in völliger Welt- 
entfremdung auf einer Insel Im Stillen Ozean gehaust und nichts von 
den Weltbegebenheiten erfahren hat, nach Europa zurückkehrte. In 
Port Said hörten die Rdsenden vom neuen Au&chwunge Palästinas, 
sie beschlieBen, einen kleinen Umweg zu machen, um diese unerwartete 
Kultur kennen zu lernen. Als sie im Hafen von Haifa ans Land steigen, 
wird Friedrich Löwenbei^ von einem unbekannten Manne angerufen 
und herzlich begrüßt. Dieser Mann ist David Littwak, dessen Eltern 
Friedrich vor zwanzig Jahren aus tiefttem Elend errettet hat. Damals 
war Da\4d Littwak ein kleiner, hungernder Bett^Junge. Heute ist er 
ein stattlicher und freier Mann." Unter sdner Fcthrung besichtigen sie 
das Land mit seinen gartengleichen Pflanzungen und nach neuesten 
Kulturerrungenschaften errichteten Städten, sdnen Industriezentren, 
Handwerkerdörfern, Badeorten und Villenkolonien auf dem Karmel 
und am Tibcriasee. Ein gewaltiger, zehn Meter breiter und drd Meter 
tiefer Kanal führt das Wasser des Mittelmeeres in das Becken des Toten 
Meeres. Sein riesiges GefSlle von mehr als dreihundert Metern liefert 
die füntegtausend elektrischen Fferdekräfte zum Betriebe von Licht- 
und Kraftanstatten alter Art. Auf den Höhen des neuerbauten Jerusalem 
steht neben dem wiedererrichteten Tempel der Friedenspalast als Zeichen 
neuer Ziele der Menschheit dieses Landes und als Mittelpunkt der 
grogzügigen HilfatStigkeit der ganzen Welt — bei Brähden, Ober' 
schwemmungen, Hungersnot, Epidemien. Hierher wenden sich auch 



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f8 „AltneJatJ" 

Erfinder, Kttnsder, Gelehrte um Unterstützung: ihrer Arbtit. Ab Zeichen 
des Gdstes, der ihn errichtete, trägt der Pdast die Inschrift: nihil hu- 
nuni a me alienum puto. 

Und die Träger dieser neuen Ziele sind die Juden der „Neuen Ge« 
Seilschaft", die dieses neue, alte Palästina bewohnen. Menschen, die 
fi'ei sind von den häßlichen Erscheinungen des Konkurrenzkampfes, 
die den Geist freiester Duldung als Lehre langer Leidenszdt unter sich 
pflegen, den Fremdling als ihresgleichen betrachten, und dem Besten 
und Bescheidensten ihre Leitung anvertrauen. „Zion ist nur dann Zion". 
Nur, wer die Führung nicht erstrebt, ist ihrer wert. Berufspolitiker ist 
ein Schimpfwort. Die Bewohner beiderld Geschlechts leisten zwei fahre 
öffentlichen Dienstes. Sie sind gidchberechtigt, doch sind die Frauen 
vernünftig genug, sich nicht auf Kosten des Privatwohls mit den all* 
gemeinen Angelegenheiten abzugeben. Der Boden ist Einzel« oder 
Gemeingut. Letzteres überwiegt und wird bis zum nächsten Jubeljahr 
verpachtet; so wird dem Landwucher vorgebeugt. Die Zeitungen ge- 
hören Genossenschaften. Sie brauchen deshalb keine Sensationen, son- 
dern erziehen das Volk. Überhaupt ist der grögte Teil des Vlfirtscbafts- 
lebens genossenschaftlich organisiert. Jedermann hat dn Recht auf 
Arbdt im siebenständigen Arbdtstage. Selbst der Verbrecher wird an 
nützliche Arbdt gewöhnt und so der Menschheit wiedergegeben. Das 
alles haben die zionistischen Ideen und ihre Träger bewirkt, Männer, 
die der Menschheit dienen wollten, indem sie ihrem dgenen verfolgten 
Stamme dienten. Und die Klugheit wie die Dankbarkelt fordern, daB 
sie das allgemdn Menschliche nie engheräg über der Sorge für die 
Ihrigen vergessen. „Denn Neudorf ist gar nicht in Palästina gebaut 
worden. Es ist gebaut worden in England und Amerika, in Franhrdch 
und in Deutschland. Es ist entstanden aus Erfahrungen, Büßern und 
Trüumen . . . Alle eure Pflanzungen werden verdorren, wenn bei euch 
Frdsinn, Großmut und Menschenliebe nicht gedeihen ... Es wäre 
unsittlich, wenn wir einem Menschen, woher er auch komme, welchen 



Digitized^yGOOglC 



Stammes und wdchen Glaubens er auch sei, die Teilnahme an unseren 
Errungenschaften verwehren wollten . . . Unser Wahrspnich mug sein: 
Mensch, du bist mäa Bruder." Das ist der engherzise Zionismus, — 
aber den man sich In den Kreisen unklarer Kosmopoliten so erhaben 
dankt 1 

Das Buch hat aber nicht nur eine glänzende Diktion und eine wahre 
dberfalle von Gedanken. Es Ist auch durchzogen von wundervollen 
Naturschilderungen und erhebt sich gelegentlich zu großem dichte- 
rischen Schwünge. So in dem Nachruf, den David Littwak seiner toten 
Mutter hält, einem Hohenliede der Mutterliebe, und im Nachwort des 
Verfassers. 

Es ist eine Mischung von realistischer Weltau^ssung und reinster 
SchSnheitspreisung. Wie sein Verfasser sdbst es war, der von eisernem 
Willen, nachtern, gegenwartsfreudig und doch ein Träumer von Größe 
und Schönheit gewesen ist. Und der gesagt hat: „Das Träumen sei 
immerhin auch eine Ausfüllung der Zeit, die wir auf der Erde ver- 
bringen. Traum ist von Tat nicht so versdileden, wie mancher ^aubt. 
Alles Tun der Menschen war vorher Traum und wird später zum 
Traume." 

Herzl hat das Buch neben dem „Palais Bourbon" selbst für sein 
bestes Werk gehalten^). Wir möchten hinzufügen: und neben dem 
leider lange nicht genug gelesenen „Judenstaat", Er hat in „Alt-Neuland" 
sein eigen«) Wesen gegeben, stin Wollen, seine Ziele, seine Hoffnungen. 
Und einigen von denen, die mit ihm rangen, treuen Mitarbeitern, hat 
er ein Denkmal gesetzt, indem er sie zu handelnden Figuren des Buches 
gemacht hat. Politische Feinde, Intriganten, sind in der gleichen Weise 
far Immer festgenagelt worden. Die Namen sind leicht zu erraten. 
Aber auch dem jüdischen Volke errichtete er ein Ehrenmal. Nicht der 
von Elend und Bedrückung entstellten Menge, deren Fehler und 

^) Brief an den Verfasser vom 8. Okttdier 1902. Sid« Anhang S. izo. 

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6o Der IV. (Lonioaer) Km^nfi 

Schwächen er wohl kannte und an sich selbst erfuhr. Sondern dem 
Stamme mit den großen ArJagen und dem unverwüstlichen und reinen 
Streben nach fernen Menschheltszielen. An Ihn hat er gegjai^t, er 
war ihm die Summe der Juden, wie sie sein sollen. In den Eichdbaum, 
Littwak, Steineck ehrt er das Volk der Zukunft. — 

Über den ZukunftstrSumen durfte die Gegenwart nicht vergessen 
werden. 

Montag, den 15. August, trat der vierte Kongreß in der Queens Hall 
in London zusammen. HerzI war kurz vorher im Langham Hotel er> 
krankt und man zweifelte bereits an seinem Erscheinen. Aber sein 
Wille zwang den Körper. Vom Krankenlager fuhr er zwei Tage vor 
dem Kongreß in die Great Assembty Hall, wo 8000 Menschen seiner 
harrten. Die erregte Menge erbrach die Türen des Hauses und trotzte 
einem Heer von Ordnungsbeamten. Cowen, Gaster, Zangwill, Nordau, 
Mandelstamm, Herzl sprachen unter endlosem lubd; das ganze East 
End war in ftebernder Bewegung, Herzl sdbst trug noch deutliche 
Spuren der eben überstandenen Krankheit, aber am Tage der Kongreß- 
eröffnung hatte er die alte Spannkraft wiedergefunden. Er will In seiner 
Eröffnungsrede die Frage nach der bereits erfolgten Erlangung des 
Charters mit „Nein" beantworten. Aber ebenso laut ^t er der Hoff* 
nung Ausdruck, daß er ihn erreichen werde. Dann verlSßt er die Ver> 
teidigungsstdtung und geht selbst zur Frage über an seine jCdlschen 
Gegner: „Was sind eure Resultate zur Linderung der Judennot in 
all diesen Jahren? Wo sind die Resultate? Heraus mit den Leistungen! 
Heraus mit den Ergebnissen! Wir möchten sie gern bewundon und 
ihnen im Namen der Armen danken." Das Ganze wird zu einer bitteren 
Anklage der Gleichgültigkeit und Trägheit süner Zeit. 

Dann folgt Nordau mit seiner Rede über die Lage der Juden. Er 
spricht besonders von den rumänischen Judenverfolgungen. Mit sdnem 
großartigen Bilde des Zuges der Vertriebenen, „die planlos wandern 
wie ein Zug nordischer Lemminge, Ober dem RaubvJ^;el schweben, 



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Der IV. (Londoner) Kmgr^ 



um den Raubtiere schwdfen, die sich nach Bdieben Ihre Opfer aus 
dem Zuge herausholen", die jedermann von sich scheucht, ins Un' 
bekannte, ins Blaue, nur weg, weit weg — erzielt er eine namenlose 
ErschOtterung der nach Tausenden zahlenden Zuhfirer. Es ist einer 
der Höhepunkte der Kongresse, wie man sie heute nicht mehr kennt. 
Mandelstamm spricht über die kfirperliche Hebung der Juden, die 
Lebensweise des Ghettos und die n&tigen Reformen. Auch er ist von 
groBer Wirkung, wie denn überhaupt der Londoner Kongreg nach 
augcn hin eine ganz augerordentllche Demonstration bedeutet hat. 
^Jach Innen hin wird wiederum über agitatorische und Organisations« 
fragen beraten. Herz! versichert wiederholt, man werde nichts gegen 
die Religion und Ihre Vorschriften tun, verlangt aber auch Einstellung 
der Agitation gewisser orthodoxer Kreise gegen die Kongresse. Er 
beherrscht diesen Kongre§ wie keinen zuvor, es findet sich kaum eine 
Opposition. In seinem Schlußworte gibt Sokolow der Stimmung Aus- 
druck, wenn er sagt: „Ich fühle das Unzulängliche in dem Titel, wenn 
ich den Mann, der unseren Stolz, unser Programm bildet, nur unseren 
PrSsidenten nenne." Dem entspricht der publizistische Erfolg. Daily 
Mews, Globe, Graphic, Sun, St. James Gazette und viele andere er* 
klären, die Verwirklichung der politischen Bewegung hänge nur von 
dem zielbewußten Witten der Judenheit ab. Die English Zionist Fede- 
ration verlangt in einem Rundschreiben an die Kandidaten für die eben 
stattfindenden Parlamentswahlen deren Stellungnahme zum Zionismus. 
Fast hundert versprechen im Falle der Wahl ihren Einfluß im Parla- 
mente zu seinen Gunsten einzusetzen. 

Auch die Re^erung, insbesondere Lord Salisbury, be^nnt sich zu 
interessieren'). Der Zionismus gewinnt in England außerordentlich an 
Bedeutung. 

Der Ausbau der Organisation beginnt sich bemerkbar zu machen. 

■) Z. B. vgl. „Wdt", Nr. 44, S. 12 von 1900: SalUbury eiUiit den Joden- 
staat in ^un Interview für ma^idi und ntttallcli. 



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6z Empfmtg Jmch dat'Sidttm 

In Deutschland verlangen die Zionisten in zahlreichen Versammlungen 
einen }udentag nach dem Vorschlag Professor Philippsons, den die 
liberale Presse, soweit sie Juden gehört, bekämpft. In Osterrdch be- 
teiligen sie sich an den Gemeindewahien und erringen in Wien starke 
moralische Erfolge. In Bulgarien erobern sie das Landeskonsistorium. 
Herd fahrt oder unterstützt alle diese inneren Arbuten. Aber zugldch 
ist er unermüdlich politisch tätig in Deutschland, England, Osterreich, 
der Türkei. Schon im Jahre 1900 wird ein Charterentwurf gefertigt, 
und er leitet die nötigen Schritte ein, um ihn dem Sultan selbst vor* 
legen zu können. Er will die bisher durch Agenten geführten Verhand- 
lungen selbst zum AbschluB bringen. Herrmann Vimb£ry, der berühmte 
Forscher, bereitet ihm den Weg. Als Lehrer der Prinzessin Fatma 
Sultan hat er einst ihren Bruder, Hamid Effendi, dnen fünfzehnjährigen 
Knaben, kennen gelernt. Mach langer Wanderung durch Asien wird 
er der vertraute Ratgeber jenes Hamid Effendi, der als Abdul Hamid 
den Thron der Kalifen bestiegen hat. Obwohl dem zionistischen Ge- 
danken fremd, stellt er sich Herzl zur Verfügung und es gelingt ihm, 
den Intriguen des Palastes wie diplomatischer Kreise zum Trotz, das 
Mißtrauen des Sultans gegen den Führer des Zionismus zu überwinden. 
Herzl soll empfangen werden und reist Mitte Mai 1901 nach Kon- 
stantinopel ab, b^leitet von Oskar Marmorek und Wolffeohn. Freitag, 
den 17. Mai wird er nach dem Selamlik durch einen Adjutanten ins 
Palais gebeten und vom Sultan in einer zV« Stunde führenden Audienz 
empfangen. Er legt dem Sultan seine Pläne dar und macht auf ihn einen 
überaus günstigen Eindruck^). 



*) „Dieser Herzl sieht ganz wie ein Prophet, wie ein Führer seines Volkes 
ans. Er hat sehr kluge Augen, spricht behutsam und klar." Worte des Sul- 
tans zu Vimbfiry, vgl. dessen Aufsatz In der „Weit" vom 20. Mal 1910. 
Nach einem Bericht Wolffsolina sagte Ihm der Oberzeremonienmeister 
Ibrahim, der Sultan habe bewundernd über Herz) gasorochen nnd ge- 
ankert: „So mu|) )esui CItristus ausgesehen haben". 



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Empfang Jardi Jen Sidtan 



Nach der Audienz erhält er vom Sultan den Grogkordon des Med« 
schjfdieaOrdens, eine außerordentlich hohe Auszeichnung. Am nächsten 
Moi^en wird er wieder in den Yildiz berufen, wo er von Vii i bis 4 Uhr 
verbleibt. Im Begriff abzureisen, wird er zwei Tage später nochmals 
in den Palast beschieden und weik dort von 9 Uhr früh bis ; Uhr nach* 
mittags. Der Sultan beschenkt ihn mit einer prachtvollen Brillantnadel 
und verlangt ein Expos^ von ihm. Herzl reist voller Hoffnungen über 
Konstantinopel nach VCien ab und begibt sich nach Paris und London, 
um (Qr den Fall der Chartererteilung die nötigen Geldmittel aufzu* 
bringen. Während er in Paris verschlossene Türen ftndet, wird ihm In 
London die Besorgung der Land Co. versprochen, wenn er die Charter- 
zusicherung erlangt. Er arbeitet in London das Expos£ für den Sultan 
inmitten des Trubels von Besprechungen, Versuchen und angeknüpften 
Verbindungen aus, und am 24. Juni kommt es in Abdul Hamids Hände. 
In dem Expos£ wird der Charter im voraus veriangt, »weil unsere Leute 
etwas Greifbares haben wollen, ehe sie schwitzen"^). 

Am 11. Juni ist er Gast der Maccabaeans. Zangwill führt den Vorsitz 
und begrüßt ihn unter großen Ovationen als den ersten jüdischen Staats- 
.nann seit der Zerstörung Jerusalems. „An seinen Namen", sagt er, 
„knüpft sich der Ruhm, In einer Zeit, wo das (üdische Volk, geknechtet 
und gedrückt von den anderen, in Skeptizismus und Selbstverachtung 
zu versinken drdit, den Ruf nach Mut und Selbstvertrauen erhoben 
zu haben.« 

Herzl gibt In seiner Antwort zu verstehen, daß ein Erfolg in Kon- 
stantinopel wohl erreichbar sei, wenn die nötigen Geldmittel beschafft 
werden könnten. Er appelliert an die Judenbeit, sich „für die historische 
Hilfe, die man bringt", erkenntlich zu zeigen, und fordert die Auf* 
bringung von zwei Millionen Pfund. 

Aber die Verhandlungen Über das Geld schleppen sich hin, und ohne 



■) Brief vom 29. |üni 1901 an Kokesch. 



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64 Schoien^cP^ 

große Mittel ist ein Abschluß nicht zu erzielen. Vimbiry rOstet im 
September zu einer zweiten Reise und Herzl versucht alles, um Gdd 
aufzutrdben. Er denkt jetzt an Carnegie, an die Südafrikaner, an Ced) 
Rhode«, der denn auch von Stead, dem bekannten Friedensapostd, in 
einem Tischgespräch interessiert wird, aber nicht lange darauf stiibt. 
Er sieht, daß all sein rastloses Arbeiten für sein Volk an der Taubheit 
und Gleichgültigkeit der Satten und Reichen zerschellt. Der Banka 
apparat funktioniert noch immer nicht, weil die Raten der 350 000 Sub- 
skribenten unregelmäßig eingehen, und der Erfolg der Audienz ist im 
Verblassen. Zeitwdse ei^eift ihn tiefe Depression^). Er si^ bei allem, 
was er unternimmt und bleibt doch erfolglos. 

Dazu kommt, daß die Menge ungeduldig zu werden beginnt. Sie 
^11 Erfolge sehen. Selbst angesehene Führer kritteln an ihm herum. 
Es werden ihm von manchen, die seine Lage kennen sollten, bittere 
Vorwürfe gemacht, wenn er einmal Ihre Zirkulare oder Vorschläge 
vernachlässigt, was bei den sprachlichen Schwierigkeiten des Verkehrs 
mit dem Osten oft Schuld da dbersetzer ist, aber manchmal auch an 
seiner ArbdtfQberlastung liegt. Die osteuropäische Studentenschaft 
war auf einer Konferenz in München zusammengetreten und man 
wollte einen besonderen „Jungkongreß" halten zur „Vertiefung der 
Idee und Schaffung dnes theoretischen Zentrums", während der fünfte 
Kongreß auf Wunsch der Russen erst im Winter stattfinden sollte. 
Herzl erregt sich sehr über diesen Plan, wdl er innere Kämpfe und 
politische Entgleisungen der Redner fürchtet und dem ganzen Vor> 
h aben gegen über dieser Gefahr nur sehr geringen Wert beimißt*). 

'■) Brief an Kokeich, d. d. AltaAussee, 6. August 1901, Mandelstamm 
vom 18. August 1901 (a. Anhang S. 114— iif). Brief an Gustav C. Cohen, 
d. d. Alt-Anssee, if. September 1901: »Mir sind In meinem Ldicn schon 
so viele Schiffe untergegangen, dag ich schlechte Nachrichten gut vertragen 
kann." 

*) „Auch Im A. C. ichelnt etwas zu giren. Man spricht von JungaZioniimus 
usw. Das ist wahrlich früh, daf) wir unsere Jungtttrken haben. Wir sind eben 



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Dtr V. (Basder) Kongr^ 



Endlich, im Oktober, winken wieder freundlichere Sterne. Die Aktions- 
(Shlgkdt der Bank wird dank dem Eingreifen einzelner zionistischer 
Firmen erreicht. Sie soll, wie es in der Kundgebung vom tS. Oktober 
t90i heißt, zunächst thesaurieren, nicht Geschäfte machen. Ist sie doch 
„die mühsam errungene Vertragsmfiglichkeit". 

Mit Stolz kann er von dieser Tatsache den fGnften Kongreß in Kenntnis 
setzen, der am 26. Dezember wiederum in Basel tagt. Er kündigt die 
Schaffung des NIationalfonds an, der nach dem Vorschlage des dahin- 
gegangenen Schapira nun in Angriff genommen werden kann. Die Idee 
mu5 dem Volke die Kraft geben, die vorhandenen Institutionen aus- 
zubauen. Nur die Idee kann es; die Leute, die glauben, ein Volk mit 
Geld erlösen zu können, müssen scheitern. „Am Anfang war nicht das 
Geld, am Anfang war die Idee." 

Aber warm appelliert er an die Zionisten, die Instrumente der Be- 
wegung zu hüten „vor — wie soll ich sagen — minder träumerischen 
und unpraktischen Leuten, daß Zionisten, deren Zionismus spät und 
durch praktische Erwägungen hervorgerufen worden ist, in diesen 
Kongreß eindringen gegen den wirklichen Willen des zionistischen 
Volkes"*). 

Des weiteren wird der Nationalfonds beschlossen und endlich einer 
Sezession der „Kulturzionisten" vorgebeugt. Eine ständige Kultur- 
kommission wird eingesetzt. Zangwill leitet mit einer großen Rede 
seinen bekannten Feldzug gegen die Jca ein. 

Während des Kongresses hatte der Sultan mit einer sehr warmen 
Danksagung eine B^rüßungsdepesche geantwortet, die bewies, daß 
man weiter zu verhandeln wünschte. Mitte Februar reist HerzI, einer 
Einladung folgend, nach Konstantinopel. Im März ist er schon in 
London tätig, und ein anderesmal trifft er anfangs Juni in London ein 

ein geistreiches Volk." Brief an Mmdelstamm vom 18. Au^st 1901, ■. 
Anhang S. 1 ■ j. 
') StenogT. Protokoll, S.ioa/o). 



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66 Tod Jacob HerzU — Altai Ccntmiamm 

zur Vernehmiing als Sachverständiger vor der sogenannten Alien Com- 
misslon, der Parlamentskommission für die Prüfung der Einwanderung 
nach En^and. Diese Berufung vor eine solche ausländische Enquete- 
kommfssion stellt eine besondere Ehrung dar. Da trifft Ihn ein harter 
Schlag. Sein Vater Jacob stirbt plötzlich am 9. Juni und er kehrt sofort 
nach Wien zurück. Das herzlichste Verhältnis, das es zwischen Vater 
und Sohn geben kann, war zerrissen. Eine Beziehung, die auf Liebe und 
Treue, aber — was seltener ist — auch auf unbedingtester gegenseillger 
Respektierung beruhte. Herzl hat den Verlust sehr schwer empfunden. 
Mit verdoppelter Energie sucht er Trost in dem Ringen für sein Volk. 
' Am 16. Juli erscheint er vor der Alien Commission, der auch Lord 
Rothschild angehört. Seine Befragung nimmt einen ganzen Tag In 
Anspruch. Sie gestaltet sich zu einer großen Anklage gegen die Länder 
der Verfolgung. Aber auch gegen die Untätigkeit der Baron-Hirsch« 
Stiftung und gegen die fahrlässigen Wohltäter, die durch planloses 
Ansammeln hungernder Massen den Antisemitismus in den Ansiedlungs- 
ländern steigern, statt freie Zufluchtsstätten zu schaffen. Herzl macht 
einen außerordentlichen Eindruck auf die Anwesenden und man darf 
wohl behaupten, Aa% er erheblichen Einfluß auf die Gestaltung des 
Fremdengesetzes gehabt hat. Aber sein Auftreten hat ihn auch in Ver- 
bindung mit Persönlichkeiten gebracht, deren Vermittelung ihm bu 
den späteren Verhandlungen mit der englischen Regierung von größtem 
Werte gewesen ist. 

Unmittelbar darauf wird er telegraphisch zum Sultan berufen und 
reist am 22. Juli mit Wolf&ohn nach Konstantinopel ab. Er wird wie 
ein Fürst empfangen, ist im Sommerpalaste in Therapia Gast des Ka- 
lifen, der ihm für die Dauer des Aufenthaltes eine Hofequipage sendet 
und ihn bd Fahrten zu Würdenträgern durch einen General als Ad- 
jutanten b^leiten läßt. 

Dieses Mal wird sehr ernst verhandelt. Auf Befehl des Sultans führen 
der Großvezier Said, der Oberzeremonienmelst«r Ibrahim Bey und der 



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VoncUäge Ja Sidtan — E{ Arisch 67 

erste PrivatsekretSr des Sultans, Tahsin Bey, die Verhandlungen. Der 
Sultan erhält ein neues Expos£ von HerzI und lädt ihn zum Selamlik: 
dann verlangt er, dag Herzl die Unterredungen mit dem Grogvezier 
für ihn zu Papier bringe und selbst übersetzen la»e. Das Dokument, 
das alle Wünsche der Bewegung enthält, wird am 29. Juli im Yildiz 
abgegeben. Herzl verlangt die Bewilligung jüdischer Siedelung in einem 
zusammenhängenden Teile von Palästina und anderen Gebieten 
Kleinasiens auf der Grundlage eines Charters. Es werden Gegenvor» 
schlage gemacht, die Herzl vor eine schwere Entscheidung stellen I Da 
sie aber dem Baseler Programm nicht entsprechen — der Sultan bietet 
eine zusammenhangtose Kolonisation in verschiedenen Teilen des 
Reiches an — werden sie schließlich als nicht genügend zurückgewiesen. 
Die Vu'handlungen werden aber nicht abgebrochen ; Abdul Hamid ver' 
sichert Herzl wiederholt seiner Sympathien für das (üdische Volk, und 
es wird weiter verhandelt. 

Inzwischen bieten sich neue Wege. Herzl werden Beziehungen zum 
englischen Kabinett vermittelt, und Greenberg unterbreitet im Oktober 
den Vorschlag einer Landkonzession für die Sinai-Halbinsel. Der 
Gedanke wird gebilligt und die britische Regierung drückt ihrem Vers 
treter in Ägypten, Lord Cromer, die Hoffnung aus, der Plan werde 
von ihm und den Räten Sr. Hoheit des Khedive in wohlwollende Er* 
wSgung gezogen werden. Sie wünscht die Entsendung einer Kommission 
von Fachleuten, die das Land auf seine Eignung für die GroBkolonisatlon 
prüfen solle. Versehen mit Empfehlungen des Ministers Lord Lands- 
downe geht Greenberg Ende Oktober nach Ägypten. Die ägyptische 
Regierung stimmt zu und delegiert als Mt^lied der Kommission einen 
Vertreter. 

Zu Anfang Februar bricht die Expedition nach El Arisch auP). Herzl 

I) Mitglieder waren: Coldsmlth, Kegler, Oskar Marmorek, Soskin, 
Joffi, Prof. Laurent, Ingen. Stephens und Mr. Homphreyi als Regie« 
rungskonuniisar. 



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68 An^PalatiM Co. — El AriKk 

selbst hatte sich am 6. Januar nach London begeben, dort mit der 
Regierung: und Lord Rothschild verhandelt, und das Ganze mit Cook 
arrangiert. Zugloch wird die Anglo-Palestine Co. als Tochterinstitut 
des ]. C. T. begründet. 

Inzwischen verhandelt Greenberg Über den Charterentwurf in Kairo 
und erhslt die Zustimmung der Regierung zu den Grundzügen des 
Charters: Selbstverwaltung des Gebiets, Munizipalrechte usw., wenn 
der Bericht gdnstig ausfällt. Ein sehr großer engtisch-jadischer Finander 
sagt seine BetdIigung mit außerordentlich hohen Beträgen für den 
Fall zu, daß der Charter erlangt wird. 

Anfangs März kehrt die Expedition mit günstigem Bericht nach 
Kairo zurück, und Herzl begibt sich, begleitet vom Verfasser, voller 
Hoffnungen nach Ägypten, um selbst mit Lord Cromer die Verband» 
lungen zu führen. „Wir schicken uns an, aus Träumen heraus auf dem 
Erdboden festen Fug zu fassen", Khricb er an Wsrburg'). Die ägyp» 
tische Regierung zeigte sich zunächst d» Ertdlung eines Charters ge- 
•neigt»). 

Dann aber erklärt die ägyptische Regierung, sie könne die Konzession 
nicht erteilen, weit sie nicht genügend Kitwasser für die Bewässerung 
der Pelusinischen Ebene — des besten und fruchtbarsten Landstrichs 
— hergeben könne. Ohne die pelusinische Ebene aber war das ganze 
an sich aussichtsreiche Projekt undurchführbar. Als die britische Re- 
gierung von dem Mißlingen der Verhandlungen Kenntnis erlangte, 



') Brief vom Zf. Dezember 1902. 

*) Herzl hat steh um den Charter für El Arisch (genauer: den grfißeren 
Teil der Slnaihalblnaei ohne die Gebiete llngs des roten Meeres) sehr 
gemüht. Er entwlcttelte gegenüber dem Verfasser in Kairo eingehende 
PlAne für die ersten Jahre über Organiuition, Vorarbeiten und die Arbeiter* 
frage und die Erbauung einer Stadt an der Kfltte. Die spitercn Vorwürfe, 
er habe sich nicht genügend um die Konzession gesorgt, erb5ten nicht 
Im geringsten die Sachlage. 



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Reix nach Rifilani — Ptehae 



schlug sie Herzl dl« Bewilligung eines anderen Landgebietes zum 
Zwecke der jüdischen Kolonisation vor. 

Herzl überlagt diese Verhandlungen Greenberg. Da er ein Haup^ 
bindernis seiner PalSstinapolitlk in der Haltung Rußlands sieht, überdiea 
nach den Schreckenstagen von Kischlnew den brennenden Wunsch 
fühlt, die breite Masse des jüdischen Volkes zu sehen und sdn Leben 
persönlich kennen zu lernen, endlich auch Maßr^eln gegen die zi0> , 
nistische Organisation fürchtet, faßt er den endgültigen Entschluß, nach 
Rußland zu gehen. Er hatte schon früher diese Absicht gehabt, sie aber 
Immer wieder aufgegeben, well er es für alltin würdig hielt, als Zionist, 
nicht aber unter einer Deckmarke, in Petersburg zu erscheinen. „Soll 
Ich etwa als Weinreisender hinkommen, oder gar — als Redakteur der 
(Neuen Freien Presse'?" fragte er Katzenelsohn auf dessen Anregungen. 

Endlich gelang es Jaslnowski, eine Einladung Plehwes für Herzl zu 
erwirken, so daß die Paßschwierigkeiten behoben wurden. Am ;. August 
reist er mit Katzenelsohn über Warschau nach St. Petersburg ab, er 
tut „den vielleicht wichtigsten Schritt seines Lehens". 

Schon die Begegnung mit den ängstlichen, gedrückten, scheuen 
Juden auf den Bahnhöfen erregt ihn mächtig. Er wird blaß, so daß die 
Umgebung alles tut, um ihn abzulenken. Man weiß ja, wie n&tig er sdne 
KrHfte brauchen wird und wie schonungsbedürftig sein unter den 
Anstrengungen für sdn Volk immer schwächer werdendes Herz bo 
reits ist. 

In Petersburg wird er viermal von Plehwe empfangen, der zwar 
eigentlich nur Minister des Innern, tatsSchlich aber allmächtig ist und 
auch die äußere Politik macht. Auch der Finanzminister Witte, der 
Minister von Lambsdorff und der Departementschef Hartwig^) emp- 
fangen ihn. Der Eindruck, den er macht, Ist bei allen Beteiligten hervor- 

*) Letzterer war zugleich Priiident der kalserl. russ. Pallsti na Gesellschaft, 
die neben wissraichaftl leben auch politiaclie Zwectte verfolgte und deshalb 
unter der Zarroherrschaft sehr einflußreich war. 



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Hdimg Pldtaes 



ragend. Der ganze Komplex der politischen Fragen wird eingehend 
erörtert und es gelingt Herzl, Plehwe davon 2u Überzeugen, daß eine 
Förderung der zionistischen Bewegung im Interesse der russischen 
Regierung liege. Die Ergebnisse der Besprechungen werden dem Kaiser 
vorgelegt. Plehwe erklärt, daß der Zionismus VCohlwollen, moralische 
und auch materielle Unterstützung für seine Ziele bei der russischen 
Regierung Anden werde, wenn er politisch außerhalb Rußlands dahin 
wirke, ein Gemeinwesen In Palfistina zu schaffen, und wenn er die Aus« 
Wanderung einer gewissen Anzahl jüdischer Untertanen Ru^ands zu 
organisieren verspreche. Irre die Bewegung von diesem Ziele ab und 
ersetze sie ihr früheres Programm durch eine einfache Propaganda der 
jüdlschanationalen Zusammenfassung, so könne sie von der Regierung 
nicht geduldet werden; denn das Ergebnis werde die Schaffung von 
Gruppen von Individuen sein, die den vaterländischen Gefühlen, welche 
die Stärke eines jeden Staates ausmachen, vollkommen fremd und sogar 
feindlich gegenüberstehen würden. 

Sollte aber das alte Aktionsprogramm wieder aufgenommen werden, 
so würde die russische Regierung bereit sein, die zionistischen BevolU 
mächtigten bei der ottomanischen Regierung zu protegieren, die Tätig- 
keit der Auswanderungsgesellschaften zu erldchtern und sogar aus den 
jüdischen Sondersteuern die Tätigkeit dieser Gesellschaften zu be- 
streiten. 

Plehwe richtet am \z. August einen Brief an Herzl, der die Ergebnisse 
der Unterredung festhält und dem die vorstehenden Zeilen fast wörtlich 
entnommen sind^). 

Tatsächlich ist diese Zusage sehr ernsthaft gemeint gewesen, und es 
sind in Konstantinope! Schritte geschehen, deren Wirkung durch Herzls 
allzufrühes Abscheiden illusorisch gemacht worden sind. 

Während diese Dinge mehr oder weniger bekannt sind, hat Herzl 

>) Der franz&iUche und abersetzte Wortbat findet rieh in der „Wdt" 
vom 25. August t9o;: 



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Haltung Plehwa 



es stets vermieden, sich eingehender über die Unterredungen, wdche 
die Lage der Juden in Ru^and selbst betrafen, und über die Vorschläge 
zu 8u§em, die er Plehwe nach dieser Richtung hin unterbreitet hat. 
Wenn es heute auch noch nicht an der Zeit ist, das ganze Tatsachen^ 
material zu veröffentlichen, so kann doch gesagt werden, daß Herzl 
sehr wesentliche Erldchterungen des Wohnrechts der russischen Juden 
angeregt und auch das Versprechen des Ministers erlangt hat, dafür 
tätig sein zu wollen^). 

Graf Witte verspricht Herzl die Zulassung von Filialen der jüdischen 
Bank in Rußland*) und auch Lambsdorff und Hartwig sagen ihre Untere 
Stützung zu. Herzl wird dann noch von einem der einflußreichsten 
Großfürsten empfangen. Hier macht sich bereits die Wirkung der vielen 
Anfeindungen und Angriffe auf Herzl seitens der Opposition geltend; 
sie werden ihm als Beweis für die politische Unreife der Juden und die 
mangelnde Kraft einer Bewegung vorgehalten, die nur bei größter 
Einheit ihr Ziel erreichen könne. Herzl entkräftet den Einwand mit 
großer Gastesgegenwart: auch gegen Columbus habe die Mannschaft 
seines Schiffes gemeutert. Aber als Amerika in Sicht kam, habe man 
allen Streit vergessen. „Ich versichere, in dem Augenblicke, wo wir 
,das Land' erblicken, sind wir alle ranig"*). Der Großfürst ist bewegt 
und verspricht zu helfen. 

Der Einwand war leider nicht grundlos. Wirklich war Herzls Tätigkeit 
in den letzten Monaten der Anlaß immer heftigerer und manchmal sehr 
persönlich gehaltener Kritiken gewesen, und er sah — wie seine Briefe 
ergeben — voraus, daß sie sich andauernd steigern würden. Schon 
Achad Haams wenig wohlwollende Besprechung von Alt«Neuland hatte 
ihn schwer gekränkt, weil sie seine Intentionen nicht erfaßte. Er hatte 



*) Nadi mündiichen Mittdlongen von Dr. Katzenelsohn. 
*) Das Ergebnis schdterte am Sturae Wittes. 

*i „VCelt" vom 20. Mal 1910 aus „Mtine Erlebnisse mit Herzl" von 
Dr. Katsenelsohn. 



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At^riffe Wegen ier Räx at Pldaee 



zeigen wollen, daß 20 Jahre nach Beginn die geschilderten ZustSnde 
wirklich erreicht werden könnten. Damit wollte er die Zwdfler gea 
winnen und darum durfte nichts Unbekanntes zum Aufbau dieser 
Kultur verwendet werden. Achad Haam verstand ihn nicht, kritisierte 
das Buch als unjUdlsch und erschütterte so in sdnem Kreise das der 
Bewegung notwendige Ansehen des Führers^). 

Schwerer empfand er die politischen Angriffe, die sich angesichts 
der Reise zu Plehwe vervielfachten. Schon frOher hatte man über die 
Ergebnislosigkeit seiner Arbeit gespöttelt, aber das waren meist AuSen- 
stehende, eben gerade die)enigen Juden gewesen, die ihm das Geld zur 
Durchführung seiner schweren Arbeit verweigerten. Und doch kann 
der beste Reiter im Rennen nicht siegen, wenn man ihm dn lahmes 
Pferd zur Verfügung stellt. 

Nun aber wuchs der Widerstand im eigenen Lager schnell an. Die 
Reise SU Plehwe, den man der Organisierung der Massakers von Kischi- 
new beschuldigte, wurde zu einem schweren Vorwurf gegen den Mann, 
der sein Bestes daran setzte, die Lage seiner Brüder zu bessern. Die 
Behauptung, man dürfe mit einem solchen Manne nicht verhandeln, 
war sehr unklug. Völker im Unglück dürfen im Punkte der Ehre nicht 
derartige dberempflndllchkdten zeigen. Andere, weniger wehrlose 
Nationen haben sich tiefer beugen müssen. Und überdies vergaß man 
ganz, daß Herzl nicht nach Rußland ging, um mit dem Menschen, 
sondern mit dem Minister Plehwe zu reden. Mit dem Bestimmer der 
Geschicke von Millionen schwer gedrückter Juden und dem Leiter der 
Politik eines mächtigen Landes, dessen Einfluß bisher die große Volks- 
hilfe in Erez Israel unmöglich gemacht oder doch behindert hatte. 
Gerade nach Kischinew war ein solcher Besuch doppelt notwendig. 

Die Reise zu Plehwe, die Herzl für einen seiner größten Erfolge 
gehalten hat, zeigt deutlich das Wesen seiner Politik im Gegensatz zu 

*) Herzl spridit sich In diesem Sinne in Briefen an Nordau aus. 



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Dai Warn Jer PaliHk Math 



anderen Strömungen in der Bewegung. Für ihn ist dos Ausschlaggebende 
nicht die Schaffung eines geistigen Mittelpunkts, der das Judentum 
erhält und die Diaspora befruchtet, auch nicht die praktische Klein- 
arbeit, die dem einen oder anderen zu helfen sucht; vielmehr erstrebt 
er die schndle und umfassende Erlösung des ganzen Volkes oder doch 
seiner leidenden Überzahl durch politische Verhandlungen. Er versteht 
sdir wohl die Notwendigkeit, auch praktisch etwas zu tun^}, verhandelt 
über den Ankauf geschlossener grö^rer Landkomplexe und freut sich 
über Portschritte der hebrüschen Sprache. Er veranlagt Bewilligungen 
fOr die Nationalbibliothek und die Schule in Jaffa. Aber das alles sind 
ihm nur Einzelbestrebungen, die niemals das Wesen der Bewegung 
ausmachen dürfen, wenn sie nicht vom Wege abirren soll. Die Kultur« 
bewegung erscheint ihm verfrüht und überhastet. Nicht, weil er sie 
nicht verstünde, sondern weil er von ihr KSmpfe im Innern und nach 
außen, das Ausfechten religiöser Meinungsverschiedenheiten innerhalb 
der Organisation und als Folge kultureller, besonders weitgehender 
sprachlicher Sonderbestrebungen politische Schwierigkeiten in den 
AufenthaltsISndern fürchtet, weil er nur an eine organische Kultur- 
entwicklung auf dem Boden Palästinas im eigenen besiedelten Lande 
glaubt und sie im Golus für unorganisch und unmöglich hält*). Und 
die in der Kleinkolonisation liegende Hilfe für den einzdnen hält er für 
die Aufgabe der Kolonisationsvereine. Ihr kann und will er nicht seine 
Existenz widmen, sie ist eben nur eine Wohltätigkeitssache, Almosen« 
frage, wenn sie auch mit noch so viel Geld betrieben wird, und kann 
nie die Judenfrage lösen. „Argentinien Ist eine Art Königsgrab für 



>) Unterstützt t. B. auf Uigisclikins Bitte die „Ceulah", s. „VX'dt" vom 
90. Oktober 1907 und Stenogramm der Sitzung vom 10. bis \j, April 1904. 
Er beschlftirt sich schon 1902 mit der Frage des Anbaus von Baumwdle 
auf Plantagen. Korrespondenz mit Herrn Sald-Ruete. 

*) Vgl. Stenogramm des III. Kongresses. Außerdem zahirdche Auße« 
rungen In PrivatgcsprScIien. 



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74 Dg» Warn da Politik Merxb - 

Hirsch"^). Auch er lehnt die Wohltätigkdt nicht ab, aber er verdammt 
ihre Ausübung am «nzdnen: „Wohltätigkeit an einem ganzen Volke 
ausgeübt, heißt Politilt, und die WohltStigkeit, die dn Volk zu seinem 
eigenen Gedeihen auszuüben versucht, ist die Politik eines Volkes. 
Es gibt keine Politik, die nicht von Absichten der Wohlfahrt durch- 
drungen Ist"*). Dem Volke will er hdfen, nicht dem Lande. Allerdings 
dem Volke in seinem Lande. Wem immer der Ldter solcher Politik der 
großen Volkshilfe, der Erlösung durch Wiedergewinnung des Heimat- 
bodens, die Hand reichen muß, wem er auf solchen von Liebe zu den 
Seinen diktierten Pfaden zu begegnen gezwungen ist, das muß ihm 
gleich gelten. Er strebt nach geheiligten Zielen und darf sich nicht von 
kleinbQrgerlichen Bedenken leiten lassen. Darum schwdgt er über seine 
Erfolge in Rußland und läßt lieber die Nörgler und Kritiker, denen 
seine Arbeit ja erst Bedeutung und ein öffentliches Forum geschaffen 
hat, gegen sich angehen, als daß er das Ergebnis seines Handelns durch 
Rechtfertigungen geföhrdet, die ihm persönlich nützen könnten. 

Man hat Herzl auch Ruhmsucht und Haschen nach schnellen Er- 
folgen vorgeworfen. Gewiß war er ehrgeizig, aber nur im höchsten 
Sinne des Wortes. Optimus ipse ^oria dudtur. Er veriangte Anerkennung, 
aber nicht vom lebenden Geschlecht. „Ruhm besteht nicht im Beifall 
der Menge," pflegte er zu sagen, „sondern im Urteil der Geschichte. 
le größer ein Mensch ist, desto länger kann er darauf warten, daß man 
ihn versteht, sei es auch erst In fernen Tagen." Vor dem Richterstuhl 
der Machwelt bestehen zu können, das war sein Ehrgeiz, aber eine Trieb- 
feder zum übereilten Handdn im eigensüchtigen Sinne ist er ihm nie 
gewesen. Für sich selbst hatte er keine schnellen Erfolge nötig. Aber er 
brauchte sie allerdings für sdn Volk. Er brauchte sie, weil das Leben 
der Seinen unertrilgtich war, und noch aus dnem anderen Grunde: 
weil er wußte, daß er mit den Lehensjahren rechnen mußte und daß 

>) Rede In Berlin 1898. 
*) Ebendaielbst. 



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Das Wem der Politik Had$ 75 

er nicht lan^ würde helfen können^)*). „Skorel", schndler, war das 
erste Wort, das er auf russisch erlernen wollte. Er war sich nur zu klar, 
daß er Eile hatte. Und er schont sich nicht. Wenn er :8 Stunden ins 
Pustertal tihrt, um Vjlmb£ry für drei Stunden zu sprechen, ruhelos 
von Konstantinopel nach London eilt, unaufhörlich Europa durchquert, 
so folgt er dem kategorischen Imperativ der Pflicht, der ihn selbst das 
eigene Leben in die Schanze zu schlagen hei^t, um seine Mission zu 
erfüllen. — 

Auf der Rückreise von Petersburg besucht er Wilna, denn er will 
das Volk sehen und kennen lernen. Schon bei der Ankunft ist er Gegen- 

*) Schon im Jahre 190z befallen llin heftige Herzltrimpfe und wfllirend 
des V. Kongresses bat er Anfäile von Iiocligradlger Herzinsuffizienz. 

*) Herzl Iiat immer an das Fortbesteben der Bewegung — nicht nur 
der Idee — nach seinem Tode geglaubt. Er sagte dem Verfasser am 15. März 
1905 in Wien: „^X'enn ich ein Verdienst habe, ist es, alles unpersfinllch 
eingerichtet zu haben. Wenn ich heute sterbe, geht die Maschine glatt welter. 
Man wird mir einen schfinen Neltrolog halten, so und soviele Vereine werden 
mich ins Goldene Buch eintragen lassen. Aber sonst Ändert sich nichts. 
Alle Herren des Meinen AC. sind unterrichtet, und wenn mein Nach- 
folger nicht dieselbe Autorität genießt, so Ist es ganz gut. Er soll sich Ver- 
trauen erwerben.'' Andererseits wußte er, daß die politische Arbeit bei seinem 
Hingang gefShrdet sei, denn diese Titlgkeit hing an der Personenfrage: 
„Da Iffinnen Sie nichts machen. Wenn Sie z. B. eine sehr starke mit großen 
Mitteln, z. B. der ICA, ausgestattete Organisation wfiren, und wenn Sie 
Millionen von Anhtngem hStten und eine Führung bitten, die nicht Jeden 
Augenblick heruntergreift In die allgemeine Lage, heute in Frankreich, 
morgen in Italien, übermorgen in England, so Ist die zionistische Bewegung 
das Spiel von Redensarten . . . Die Organisation kann's nicht, nicht weil 
sie dümmer wtre oder einzelne ungeschickter sind als ich, sondern well 
sie eine Vielheit, eine Menge ist. Das kann nur von einzelnen geschehen. 
Ich hatte nur den Wunsch, daß ich viele Gehilfen hatte. Ich habe einige. 
Aber es ist ein Irrtum zu glauben, daß man aus der Organisation heraus 
das Ziel erreichen könnte . . . Was sie kann, Ist, sich mit dem Volke in Ver- 
bindung setzen, seine Wünsche erforschen." (Stenogramm der AC-Sltzmig 
vom iz. April 1904, S.43zff.) 



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Ai^mthidl in Wien 



stand einer unbeschreiblichen Begdsterung. Er wird wie ein Kfinig 
begrüBt. Eine schwarze, unabsehbare Menschenmasse erwartet ihn und 
drängt sich lebensgef8hrlich in den engen Gassen. Die Polizei muß ihn 
bitten, In tincm Hotel an breiter Straße abzusteigen, damit kein Un^Qck 
geschieht. Beim Empfang im Gemeindehaus erweist man ihm die ganz 
besondere Ehrung der □berreichung „des heiligsten und teuersten aus 
dem Besitz der Gemeinde", der ThoraroDe. Als der greise Rabbiner ihm 
mit zitternden HSnden im Namen des auf Zion thronenden Gottes 
den Priestersegen erteilt, bricht die Versammlung in Schluchzen aus. 
Das Leiden und der Jammer eines ganzen Volkes durchbebt die Herzen 
der Umstehenden und mischt sich mit dem Empfinden der Dankbarkeit 
und Liebe für den Mann, auf dem. alle ihre Hoffnung sich aufbaut. 

Er ist gekommen, den Alltag des Volkes zu beobachten, aber die 
wachsende Erregung der Menschenmenge macht dies, wie den Besuch 
der Synagoge und anderer Anstalten unmöglich. Herzl muß sich darauf 
beschranken, in einzelne Häuser nahe dem Dorfe Werki zu gehen, wo 
man ihm ein Bankett gibt. Das Elend der Heimarbeiter, das er erschaut, 
erschüttert ihn tief, aber mehr noch die stumpfe Gleichgültigkeit, mit 
der diese Armut Ihr Schicksal wie selbstverständlich trägt. '„Wie kSnnt 
Ihr nur so leben"? fragt er immer wieder seine Begleiter. 

Bei der Abreise spielen sich wilde Szenen ab. Obwohl es Vs^ Uhr 
nachts ist, halten Tausende die Strafen besetzt und belagern den Bahn- 
hof, um nur dnen Blick auf den geschlossenen Wagen werfen zu können. 
Die gegenüber diesen Gefühlsausbrüchen ratlose und mißtrauische Polizei 
requiriert Kosaken, welche die Menge mit der Nagaika auseinander- 
treiben, und in die brausenden Hedadrufe mischt sich das Jammern der 
Geschlagenen und Niedergerittenen. Herzl lernt nicht nur die Armut 
kennen, sondern auch die ganze Rücksichtslosigkeit brutaler Polizei' 
Willkür. Bldch und furchtbar erregt besteigt er den Eilzug, den noch 
immer und allen Maßregdn zum Trotz Menschen umdrängen, die 
gerade heute ihre bittere Hilflosigkeit dreifach empfinden. Und denen 



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Atrfaahdt in Wim — Uganda 77 

der Hdfer scheidet, der sie aus Kummer und dumpfer Verzweiflung 
hinüber retten wird ins gelobte Land der Verheißung. 

Die Not und der |ammer umschweben seine Träume, als der Zug 
durch die lithauische Ebene dahinbraust. Sie wollen nicht aus stinem 
Empfinden weichen und veranlassen Ihn, wieder und wieder den Brief 
zu lesen, der ihn wShrend des Aufenthalts im Hotel St. George in Wtlna 
erreicht hat. Er war am 14. August von Sir Clement Hill, dem Ab- 
teilungsvorsteher für die Schutzgebiete im Foreign Office, an Mr. Green- 
berg gerichtet worden und sollte für den kurzen Rest von Herzls Leben 
bestimmend sein. 

Die Verhandlungen Greenbergs mit dem warmen FSrderer der Be- 
wegung, dem Kolonialminister Chamberlain, hatten zu dem Ergebnis 
gefuhrt, daß Mr. Greenberg dem Minister Landsdowne durch Cham- 
berlain einen Charterentwurf ffir ein Terrain in British Ostafrika unter- 
brdten konnte. Das in Frage kommende Land lag zwischen Mairobi und 
dem Nau Escarpment an der Eisenbahn von Mombassa nach dem 
Viktoriasee, und es handelte sich um große Hochflächen, die fQr Euro- 
päer besiedelungsfähig schienen. Chamberlain hatte diesen Landstrich 
in Vorschlag gebracht und die Regierung ihre Zustimmung für den 
Fall ausgedrückt, daß von einer auszusendenden Kommission das Land 
als geeignet bezeichnet werden würde. Sie war bereit, der zu errichtenden 
Siedlung „völlige Bewegungsfreiheit für die Munizipalgesetzgcbung und 
für die Ordnung der religiösen und ausschließlich inneren Verwaltungs- 
angdegenheiten zu gewährleisten". Ein füdischer Beamter sollte Ober- 
haupt der örtlichen Verwaltungsbehörde sein. Diesen von hochheräger 
Gesinnung diktierten Vorschlag Englands hat Theodor Herzl dem 
ereignisreichen sechsten Kongreß unterbreitet, der am 2?. August 190? 
in Basel zusammentrat. Aber er hat auch sogleich in der Eröffnungsrede 
seine, die Entscheidung stark beeinflussende Meinung dahin ausgedrückt, 
dag es sich zwar nur um eine „Kolonisationsaushilfe" handele; dag das 
iüdische Volk kän anderes Endziel haben könne als Palästina, und seine 



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Da VI. (Bcader) Kongnfi 



Anschauungen über das Land seiner Väter unabänderlich seien; daß 
aber der Kongreß Mittd finden könne, von dem Anerbieten Gebrauch 
zu machen. Denn es handle sich darum, die Lage des jüdischen Volkes 
zu bessern und zu erleichtern, ohne daß irgend etwas von den großen 
Grundsätzen aufgegeben werde, auf denen die Bewegung gegründet sd. 
„Zion ist dies freilich nicht und kann es nie werden. Das Zeichen zum 
Aufbruch können und werden wir unseren Massen daraufhin nicht geben." 

HerzI hat diese Form der Kundgebung in der Eröffnungsrede, die 
ihm von den sogenannten „Neinsagern" sehr verObelt worden ist, nicht 
eigenmächtig gewählt. Sie ist vielmehr in einer Vorversammlung von 
Führern der Bewegung gewünscht worden, die vor dem Kongreß 
stattfandM- 

Aber bald erwuchs unter den Delegierten eine starke Opposition 
gegen den Vorschlag. Der Kongreß ist In zwei Parteien gespalten und 
es kommt zu dramatischen Szenen. Man verlangt heftig, Herzl solle 
Et Arisch nehmen, das sich wohl zur Ansledlung eigne, und er solle 
Ostafrika ablehnen, das gänzlich außerhalb des Baseler Programms liege. 
Man verdächtigt ihn, er wolle Palästina aufgeben, obwohl er die Un- 
abänderlichkeit seines Pesthaltens an Erez Israel wiederholt beteuert, 
und obwohl Greenberg sehr klar die Intentionen der Verbandlungen von 
zionistischer Seite mit den Worten kennzeichnet: „Der Weg nach 
Palästina ist nicht nur notwendigerweise immer ein geographischer Weg, 
der politische Weg darf auch nicht aus den Augen gelassen werden." 
Ein Teil des Kongresses gerät in einen Erregungszustand, der ruhigen 
Erwägungen Überhaupt nicht mehr zugänglich ist und am besten mit 



*) Bd Mr. Cowen In Basel. Anwesend waren, soweit Ich feststellen konnte, 
u. a. Mandelstamm, W^fbohn, )elski, Marmorek, Cowen, KoIiBna Bernstein, 
Zangwill, Tschienow, Katzenelsohn. Herzl war wihrend der Beratung ab- 
wesend. Als man ilim das Ergebnis mitteilte, trug er den Entwurf der 
Kongreßrede vor. Man debattierte dann über den etnschrSnkenden Satx: 
„Zion Ist dies freliich nicht und kann es' nie werden". 



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Da VI. (BaxUr) KongT^ 



Nordaus Worten gekennzeichnet wird: „Wir sagen: Das Zid bleibt 
unverrückbar. Dieses Ziel heigt Zion. Wir stehen auf dem Basder 
ProgTamm. Man kann uns die FüBe abhauen; man kann durch die 
äußere Gewalt das Baseler Programm zerstören, niemals aber wird man 
uns mit heilen Beinen, lebendig, vom bestehenden Baseler Programm 
wegrücken." Und Sie erwidern: „Wir haben ungeheuer vid Vertrauen 
zu Ihnen; folglich nehmen wir an, daß Sie sicher vom Baseler Pro- 
gramm abgehen wollen." 

Nach einer überaus stürmischen Debatte wird schließlich der Antrag 
angenommen, eine Kommission von neun Mitgliedern zu ernennen, 
die dem AC. bei Entsendung einer Expedition nach den zu erforschen- 
den Gebieten beratend zur Seite stehen soll. Der Beschlug Ober die 
Besledelung Ostafrikas selbst wird einem besonderen Kongresse vor- 
behalten. Infolge der Abstimmung verlassen die „Neinsager" oder 
„Zione Zion", wie sie sich selber nennen, den Saal. Sie glauben, daß 
Palästina aufgegeben sei und ein Teil von ihnen bricht in Jammern und 
Klagen aus. Schlie^ich geht'Herzl, den diese grundlose Verzweiflung 
tief ergreift, In Ihre Versammlung, die bis zum Morgen tagt. Er weiß 
sie in seiner gütig-überlegenen Art zu beruhigen und zur Wiederkehr 
in den Kongreß zu bewegen^). 

') „Man kam eu mir und sagte: , Diese Leute weinen draußen'. Da ver- 
stand ich, daß Ihr nicht demonstriert hattt, sondern daß Ihr einer nnwlll- 
kürilchen Regung gefolgt seid, well Ihr das Baseler Programm fQr ange- 
griffen hieltet. Deshalb kam ich zu Euch, um Euch Erklärungen abzugeben. 
Es ist ein Mißverständnis, das Baseler Programm bleibt ganz und un- 
angetastet." Rede Herzls vor den Neinsagern nach der Niederschrift von 
Wladimir Jabotlnsky; vgl. Nummer der Welt vom j. Juli 1914. labotlnsky, 
selbst ein Neinsager, bemerkt hierzu: Es gab Augenblicke, wo ich dachte, 
jetzt würden Protestitlmmen laut werden — aber alles schwieg. Beim ersten 
Satz schon verstand ich nach dem Ausdruck, den fast Jedes Gesicht im 
Saale annahm, nach der besonderen Stille, die sofort eintrat, die Bedeutung 
der historischen Worte Lomonosows: „Eber kann Ich die Akademie aus- 
schließen, als die Akademie mich". 



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Der E/jfewKfcafrefl 



^ Neben diesen Vorgängen sind alle anderen Verhandlungen zu halber 
InteresseloiigWt verurtdit. 

In der Schlußrede — den letzten öffentlichen Worten, die er gea 
sprechen I — sagt Herz): „In kraner Stunde und mit kdnem Gedanken 
ist das Baseler Programm verlassen worden . . . Brauche ich denn Bärgen? 
Es ist vielleicht das erste unbeschddene Wort, das man mir vorwerfen 
kann, das ich von dieser Stelle spreche: Der Bürge bin ich selbst, daß 
an diesem Baseler Programm, an dem ich mitgewirkt habe*, nichts 
geändert «drd . . . Wenn ich dein vergesse, Jerusalem, verdorre meine 
Rechte!" 

Unmittelbar nach dem Kongreß wird er auf die Mainau zum Großa 
herzog von Baden beschieden, der sich eingehend unterrichten läßt 
und sein erneutes Interesse erweist. 

Am z8. August bringt die „Times" eine Depesche des Lord Ddamere 
namens der Engländer im Uganda-Protektorat, in der heftig gegen die 
Einwanderung „unerwünschter Fremder" protestiert und die fiffendiche 
Meinung Englands gegen den Plan aufgerufen wird. 

Die englische Regierung wird schwankend und verweist Herzl wegen 
der weiteren Verhandlungen nach Mombassa. Er ersucht daraufhin 
Greenbei^, nochmals dahin vorstellig zu werden, dag man Nilwasser 
für Pelu^um hergebe. Greenberg erwidert ihm, er irre, wenn er meine, 
die englische Re^ening wolle ihr Anerbieten nicht aufrecht erhalten. 
Inzwischen kehrt Ussischkin aus Palästina zurück und verdffendicht ein 
offenes Schreiben an die Delegierten des sechsten Kongresses, indem 
er erklärt, der Kongreß habe sich von Palästina losgesagt, indem er die 
Aussendung der Ugandaexpedition beschlossen habe. Dies hätten nur 
die nicht bemerkt, die „von Diplomatie und übertriebenem Politisieren 
verblendet" seien. Er werde sich mit aller Kraft bestreben, die Durch- 
führung des Beschlusses zu hindern. 

Dieser Brief läßt die Gegnerschaft gegen den Ostafrikaptan und gegen 
Henl und Nordau zu gewaltiger Höhe anschwellen, und ein rUckflichta- 



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Die CharkflioeT Kanfaem 81 

los geführter Ztitungslcampf beginnt. In Rußland entsteht eine hyste« 
rische Erregung, in deren Folge am 18. Dezember dn halbverrOckter 
Fanatiker, Louban, bei einem Chanukahball in der Salle Charras zu 
Parts zwei SchOsse auf Nordau abgibt. Er ruft dabei : „Mort i Nordau 
Afrikanri." Nordau bleibt unverletzt. Kurz darauf wird die Öffentlich- 
keit mit der Nachricht Qberrascht, daß sich dnc größere Zahl von 
russischen Vertrauensmännern in Charkow vereinigt haben, um Herzl 
ein Ultimatum zu stdlen^). Dieses enthielt eine große Anzahl von For- 
derungen inner- und außerpolitischer Art. U.a.: bzgl. Ostafrikas müsse 
Herzl versprechen, daß er keine anderen territorialen Pläne als Palästina 
und Syrien vorschlagen und das Projekt von der Tagesordnung des 
Kongresses absetzen werde, daß er das große AC. vor der Expedition 
zusammenbringe und diese nicht vor einer Änderung des Bankstatuts 
absende, die der Bank jede Arbeit ausserhalb Palästinas unmöglich 
mache, daß er auch die Arbdt in Palästina im Rahmen des Beschlusses 
des zweiten Kongresses in die Zahl der nächsten praktischen Arbeiten 
aufnehme. Diese Erklärungen müsse Dr. Herzl schriftlich abgeben 
in Form dnes Briefes oder Protokolls. Für den Fall der Ablehnung des 
Ultimatums werden in Charkow Kampfmittel beraten, und zwar: Ein- 
stellung der Schekelsendungen nach Wien, Kundgebungen in der Presse, 
Agitationsreisen nach Europa und Amerika, Einberufung eines oppo- 
sitionellen Kongresses vor dem siebenten Kongreß. Eine Deputation, 
bestehend aus Rosenbaum, Temkin und Belkowsky, soll Herzl die 
Forderungen überbringen und nach ihrer Rückkehr weiteres be- 
schlossen werden. 

Bei Bekanntwerden des Attentats und der Charkower Beschlüsse 
geht dne ungeheure Protestbewegung durch den Zionismus. Wdß 
man doch, daß dieses Pronundamento und die angedrohten Kampf- 

I) Temkin, Bemstein-Kohan, G. J. Brück, G. A. Belkowsky, |. A. Gold- 
berg, S. J. Rosenbaum, M. M. Ussischkin, M. Scheinkln, facobsohn, Sapir, 
Ticitlenow, Zlatopolski. 

Prltdamann, K«nl i 



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82 Emf^ang hä Victor Emanael II. and Jan Papst 

mittel die Bewegung in ihrer Grundexistenz bedrohen. Unzählige Ver- 
trauenskund^ebungen von Jasagern wie Neinsagern gehen HerzI zu. 
In Rußland bildet sich ein Schutzkomitee gegen die Charkower. Da^ 
gegen greift ihn Gastet In England heftig an. 

Während ihn so von innen die Gegner bedrängen, betreibt er die 
Gründung einer selbsändigen jüdischen Bank in New York^), ver- 
handelt von neuem ernstlich in Konstantinopel, wird vom König von 
Italien*) und dem Papst') empfangen und arbeitet endlos. „Ich bin 



*-) Unter dem Namen „Jewish Colonial Bank Limited, New York" Brief 
an YorltsSteiner vom 12. Oktober 1903. 

') Herzl })at mit dem KSnlf hauptsiichlicli von Palästina gesprochen. 
Der König betonte, daß er Abneigung gegen alle Juden hege, die sich ihrer 
Abstammimg schSmten. In seinem Lande sei ieder glelchbereehtigt und er 
interessiere sich sehr für diese alte Rasse, die mit so ziher Beharrlichkeit 
an Ihrem Lande hänge. Der Eindruck der weinenden {uden an der Klage« 
mauer sei Ihm unvergeßlich geblieben. Der Zionismus habe seine volle 
Sympathie. Das Land sei schon selir jüdisch geworden und man habe einen 
festen Boden geschaffen. Gs wurde dann auch über die Möglichkeit ver» 
stifrkter Einwanderung von Juden nach Tripolltanien gesprochen. Schliel)' 
lieh erklärte Viktor Emanuel, er selbst wolle den Minister des Äußern, 
Tittoni, auf Herzls Besuch vorbereiten. Das GesprSch dauerte fast eine 
Stunde, trug einen sehr warmen Charakter, und der König äußerte sieb 
später in bewundernder Welse über Herzl. Aufzeichnungen Herzls und 
Mitteilungen des Herrn Oberrabbiners Dr. Margulies- Florenz. 

') Nachdem es Herzl gelungen war, die protestantischen Mächte zu 
gewinnen, suchte er das VX'ohlwollen des Oberhauptes der katholischen Welt 
zu erwecken. Am 20. Januar 1904 empfing ihn der Staatssekretär Merry 
del Val. Herzl hob gegenüber den kirchlichen Bedenken den rein politischen 
Charakter der Bewegung hervor und erklärte die Bereitwilligkeit zur Ex- 
territorial islerung der Heiligen Stätten. „Wir wollen nur die profane Erde 
für unser notleidendes Volk." Merry del Val gab die Versicherug, daß das 
Kardinalskollegium die Angelegenheit eingehend prüfen werde und ver> 
sprach die Vermittelung einer Audienz beim Papst. Der Empfang fand am 
2{. Januar statt und Herzl versuchte in ähnlicher Welse, wie bei Merry 
del Val, die kirchlichen Bedenken zu zerstreuen. Mittellungen Wolffsohns. 



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HerzU {JganäafiSnt _ 



stets Im Geschäft. Wenn ich aufwache, um vier oder fünf Uhr, denke 
ich sofort, «1e ich dies oder jenes einrichten kannte. Denken Sie doch, 
diese furchtbare Verantwortung. Es ermattet mich völlig. Aber ein 
gutes Pferd stirbt in den äden"^). Nach dem Kongreß stellen sich 
starke Beschwerden dn*). 

Allmählich beginnt unter der Last von Mühen, Rdsen, Erregungen 
und Anfeindungen das ohnehin kranke Herz zu versagen. Die AnfSlIe 
mehren sich und mit Kummer sehen die Freunde die Verschlimmerung 
der Krankhdt in diesen Monaten. Aber alle Bitten, sich zu schonen, 
sind vergebens. 

Waren die Angriffe gegen Herzl berechtigt? Hatte er wirklich die 
Absicht, Palästina zu opfern und in Uganda den Judenstaat zu er- 
richten? 

Man kann sdne Absichten mit völliger Sicherheit aus der Korrespon- 
denz entnehmen, vor Allem auch aus der vor dem sechsten Kongreß 
entstandenen. 

Als Chamberlain Herzl zuerst Uganda anbot als ein Land „wo 
Zucker und Baumwolle wächst und der weiße Mann leben kann, ein 
Land, besser als Wales", hatte er sich als sdbstloser und aufrichtiger 
Freund des jüdischen Volkes gezeigt. Ein solches Angebot konnte nicht 
kurzerhand abgelehnt werden, ohne daß man Gate mit Kränkung ver- 
galt. Vor allem aber konnte das Land von Nairobi eine Augenblickshilfe 
für einige Zehntausende*) sein. FOr einige wenigstens aus dieser ver- 
hungernden, getretenen Masse, die er in Rußland gesehen*). Und diese 

*) Gesprfich mit dem Ver&sser In Wien. 

*) „Ich bin geKenwartig noch zu unwohl, nm mich mit geschSftlichen 
Angelegenheiten abgeben zu kfinnen. Ich bin mit sehr unangenehmen 
Herzznstanden von Basel znrQckgcIcommen." Brief an York-Stelner vom 
8. September 1907. 

■) Brief an Nordau vom 19. Juli 1903, 

*) In der Rede zur Einleitung der Ver86hnnngssitznng des AC. vom 11. 
bis 15. April 1904 In Wien sagt er nach dem stenographischen Protokoll: 



i:>yC00gle 



HerzU UganJaplitie 



— so glaubte Herzl — würden einen Stamm erfahrener und disziplinierter 
Pflanzer für den Moment bilden, wo der Charter bezüglich Palästinas 
erreicht sei. Noch ein wtiterer Gedanke bestach ihn: hier war zum 
ersten Male der Judenstaatsgedanke völkerrechtlich anerkannt und der 
Zionismus als „staatsbildende Macht" ernsthaft von einer Großmacht 
mit dem Stempel ihrer Billigung versehen^). Wenn von Rußland der 
Charter für das Nairobiland erteilt wurde, mußten auch Chartered 
Companys in anderen Staaten möglich sdn, in Argentinien, Amerika, 
vielleicht Tripolis*). Eine Anzahl von solchen mußte die Zukunft er* 
leichtern'). Dann waren „lauter Nester und Kraftstationen" geschaffen, 
wo die Vorbereitung für die Wanderung nach Palästina erfolgen konnte. 
Man würde nicht mehr mit Bangen das mögliche Mißlingen der Groß- 



„Mnn persönlicher Standpunkt In dieser Sache war nnd ist, daß wir 
kein Recht haben, einen solchen Vorschlag einfach abzuweisen, vom 
Tische zu schleudern, ohne das VoU( befragt zu haben, ob es will oder 
nicht. Diesen Vorschlag werde ich nicht mit dem vielangefochtenen Worte 
(Nachtasyl' Itennzeichnen, sondern sagen; ,Das Ist ein Stück Brot'. 

Ich, der ich vielleicht ein Stück Kuchen zu essen habe, habe nicht 
das Recht, das Stück Brot, das Armen angeboten wird, abzuweisen, weil 
ich es nicht will, oder weil Ich es nicht brauche. Ich werde vielleicht davon 
entzückt und begeistert sein, wenn selbst in der Not und Hungersnot 
aus idealen Trieben geantwortet wird: Nein, wir wollen dieses Brot 
nicht haben. Aber diese Frage zu stellen bin Ich verpflichtet. Das Ist 
meine tlberzeugung, daß es unsere Pflicht war und ist, und dabei bin 
ich geblieben. Und in dieser Linie, die Ich für streng korrekt und für 
nichts weniger als autokratlsch oder etgenmlchtig, sondern für vollkommen 
volksmaßtg und berechtigt ansehe — in dieser Linie bin ich geblieben 
und Jede Aktion wird es beweisen." 
') Brief an Nordau vom 19. Juli 190;. 
*) Vgl. oben S. 91. Mit dem Minister des Äußern Tittoni hat Herxl lo 

Rom über die Müglichkeit der Ansiedlang von Juden In Tripolis vem 

handelt. Mitteilung von Dr. Margulies-Florenz. 
*) „Unser Weg nach Zion wird mit Charters gepflaitert sein i 

Brief an Nordan vom 19. Jtdl 1909. 



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HerzU Uganjapiäne 



kolonisation zu befürchten brauchen, denn die erfahrenen und 2u leid- 
lichem Wohlstand gelangten Kolonisten konnte man sofort gefahrlos in 
Erez Israel ansiedeln. Ein umgekehrtes englisches Kolonialreich in 
Taschenformat. „Dieser historische Ostafrikaanfang Ist politisch dn 
Rischon le Zion"'). Palüstina aber blieb das Ziel der ganzen Aktion. 
Nicht mit einem Gedanken hat HerzI es je aufgeben wollen, und er hätte 
auch gar keinen Anlaß zu einem solchen Mißgriff gehabt. Ein sehr 
wesendiches Hindernis war (a mit dem Widerspruch Rußlands in Kon> 
stantinopel aus dem Wege gerSumt. An Stelle des Widerstandes war 
Unterstützung getreten, das war ein mächtiger Schritt vorwärt*. Und 
man konnte dem Sultan gegenüber das englische Projekt in die Wag- 
schale der Verhandlungen werfen. Man konnte Abdul Hamid sagen, 
daß man nicht mehr auf ihn angewiesen sei*), und daß man als Entgelt 
für finanzielle Hilfe mehr beanspruchte, als zerstreute Kolonisation: 
den Charter für Erez Israel. 

War aber das Ugandaplateau unbrauchbar, erstattete die Kommission 
einen ungünstigen Bericht, so hatte man immerhin die Dankesschuld 
an die englische Regierung abgetragen und konnte versuchen, mit dem 
Hinwels auf die bewiesene kostspielige Willfährigkeit vielleicht doch 
noch Nilwasser für Pelusium herauszuschlagen. 

Das Ist Herzls Plan von Anfang an gewesen und geblieben. An- 
deutungen genug für säne Ideen finden sich schon in den Reden auf 
dem Kongreß, vor allem in seinen Ansprachen an die Landsmann- 
schaften und die sogenannten „Neinsager". Aber seine Briefe — be- 
sonders die schon vor dem Kongreß an Nordau gerichteten — und seine 
privaten Erklärungen an seine Freunde vor, während und nach dem 
Kongresse schließen jeden Zweifel aus. 

Die Opposition hat die Durchführung dieser Absichten unmöglich 

*} Brief an Nordau vom tj. Juli 1903. 

') TatsSchllcIi wurde Im Winter »905 — und zwar schon In seiner ersten 
Hüfte — In Konstantinopel kräftig gearbeitet. 



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86 Die CharkfMer DtputtOmt bd Htrzl 

gemacht. Schon Mitte Movember verständigt die englische Regierung 
Greenberg, daß sie mit Rücltsicht atif den Widerstand zionistischer 
Kreise ihr Anerhieten nicht aufrecht erhalten könne. Sie bietet statt 
dessen das Tanaland an, das abgelehnt wird. Herzl will das Scheitern 
der Verhandlungen in der Form dnes an Sir Francis Montefiore ge* 
richteten Briefes der Öffentlichkeit mitteilen, und man beratet über 
die Fassung des Schreibens hin und her. Inzwischen sagt Greenberg 
am 16. Dezember dem Foreign Office, daß man auf Einhaltung der 
Zusage rechne. Danach kann Herzl das vorerwähnte Schrdben nicht 
vollständig publizieren, weil er vermdden muß, den Anschein eines 
Doppelspiels zu erwecken. Und auch die Schüsse in der Salle Charras 
machen öffentliche Erklärungen unmöglich, da Herd die Behauptung 
fürchtet, er habe das Projekt aus Schwäche infolge des Attentats fallen 
lassen^). Aus diesen Gründen kann die Ugandasache nicht mehr öffent- 
lich aufgegeben werden, und alle Bemühungen sind nur noch 'darauf 
gerichtet, im Austausch Nilwasser zu bekommen. 

Der unselige Kampf mit den Neinsagern geht also weiter, und die 
Gemüter erhitzen sich immer mehr. Herzl selbst ladet unter alledem 
furchtbar. 

Als die Charkower Deputation nach Wien kommt, lehnt er rundweg 
ab, auf die Fragen des Ultimatums überhaupt zu antworten und „setzt 
sie sdbst gewaltig auf die Anklagebank". Er stellt fest, daß er bereits im 
November einem Abgesandten der Charkower in Edlach Bnsicht in 
einen an Plehwe gerichteten und nach dem Kongreß geschriebenen 
Brief gegeben habe, in dem er seine „palästinensische und nur palästi- 
nensische" Politik auseinandergesetzt habe, und erklärt es für einen 
großen Irrtum, daß Ostafrika — das übrigens aufgegeben sei — die 
Bewegung schwäche. Es stärke sie vielmehr, weil es KfJonisten schaffe 
und die äußere Lage verbessere. Nichts habe ihn mehr entmutigt und 



1) Brief an Nordau vom 70. Januar 1909. 



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Bdlegung des Streiles 87 



geklinkt, als dag man ihn ermahnen zu müssen glaube, das Baseler 
Programm einzuhalten. „Ihr seid die Gracchen, die über Aufruhr 
klagen*)." 

So mu5 die Deputation Wien wieder verlassen. Endlich wird der 
traurige Innenstreit beigelegt auf der Sitzung des Gro^n AC. vom 
II. bis if. April 1904. Fünf Tage lang dauern heftige Auseinander« 
Setzungen. Sie enden mit einem Friedensschluß. Wieder und «ieder 
verlangt man von HerzI Versicherungen, daß er Palästina nicht auf> 
geben wolle. Beweise, daß er für Erez Israel arbeite. Er antwortet mit 
unbegrenzter Geduld, obwohl er weiß, daß er eine große Maiorifät 
hinter sich hat und in jener gütigen Art, die nur der überlegene kennt: 
„Ich bin stärker als Sie", sagt er, „darum bin ich versöhnlich, weil ich 
weiß: wenn wir streiten werden, werde ich siegen"*). Endlich sagt er ein 
Bekenntnis — doppelt wertvoll, weil es sdn letztes ist: „Niemand könnte 
mir vorwerfen, daß ich dem Zionismus untreu geworden wäre, wenn ich 
sagen würde: Ich gehe nach Uganda. Als Judenstaatler habe ich mich 
Ihnen vorgestellt, ich habe Ihnen meine Karte abgegeben : ,Herzl, Juden- 
staatler'. Im Verlaufe der Zeit habe ich viel gelernt, Juden kennen gdemt. 
Es war manchmal ein Vergnügen. Ich habe aber auch, meine Herren, 
einsehen gelernt, daß die Läsung für uns nur in Palästina liegt. In der 
Broschüre ,Der Judenstaat' habe ich ein Stück Land haben wollen. 
Ich habe gesagt: .Palästina oder Argentinien'. Glauben Sie nicht, daß 
es Opportunismus ist, wenn ich politisiere oder diplomatisiere : ich bin 
kein Opportunist! Ich hätte mich bei manchem viel populärer machen 
können, wenn ich gesagt hätte: ,Nicht Palästina, sondern ein anderes 
Land'. Ein rdcher Jude sagte mir einmal: ,Ein Staat könnte mir ge- 
fallen. Aber warum sagen Sie Palästina? Das klingt so jüdisch'. Sie hätten 
mir den Sukkurs nicht leisten können, den ich oft bekommen konnte, 
wenn ich in den Ideen Opportunist wäre. Wenn ich Ihnen sage, ich bin 



'■) Stenographisches Protokoll vom 6. Jbi 
') Stenographisches Protokoll, S. 477. 



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88 Krankltät — Framatdad 

Zionist geworden und bin es geblieben, und wenn alle meine Bestrea 
bungen nach Palästina hingehen, so haben Sie alle Ursache, mir zu 
glauben*^). Er will den Frieden um jeden Preis, und er erreicht ihn. 
Es kommt dne versöhnende Resolution zustande, aber mehr als das: 
Tschlenow selbst erklärt sich für „glücklich, die Qberzeugung ge- 
wonnen zu haben, dag das AC. und sein Vorsitzender sich bemühen, 
planmäßig, energisch und klug in Palästina zu arbeiten*. In warmen 
Worten begründet er den Antrag, dem AC. das volle Vertrauen ausa 
zusprechen. 

Der Kampf ist aus und die Organisation neu geeinigt Die Tdlnehmer 
der Konferenz fahren beruhigten Gewissens heim zu neuer Arbeit. 
Für den Begründer und Einiger der Bewegung aber beginnt der letzte, 
schwere Kampf, in dem er zum ersten Male endgültig einem Stärkeren 
unterliegen soll. 

Wenige Tage vor den Besprechungen hatte Herel noch von Edlach 
aus i'/i Stunden zur Rax emporsteigen können. Am Morgen der Tagung 
erschreckt er die Freunde durch sein Aussehen*). Unmittelbar nach dem 
Schlug konstatieren die Arzte eine schwer beunruhigende Veränderung 
des Herzmuskels. Trotzdem <gid!l er noch am 27. April nach London 
reisen, aber es ist unmöglich. Am ^. Mai geht er zu einer Herzkur nach 
Franzensbad. Das durch übermenschliche Anstrengungen und die Er« 
regungen von )ahren schonungslos geplagte Herz versagt immer mehr 
den Dienst. Heftige Anfälle von Atemnot und Schwäche kehren immer 
wieder. Dabei schont er sich auch jetzt nicht, sobald es sich um mög- 
liche Erfolge zionistischer Arbeit handelt. 

Am 9. Mai besucht ihA Katzenelsohn, den er mit einer Mission zur 
Gewinnung einer bekannten Persönlichkeit nach London gesandt hat, 

') Stenograplitsches Protokoli, S. 472/7;. 

*) „Ich bin In diesen Monaten ein müder Mann geworden," Idagt er 
dem Verfasser am 11. April morgens unter vier Augen, wihrend er In der 
Sitzung unverindert erscheint. 



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Edlach $9 

und der von dort nach Petersburg fahren soll. „Wozu sollen wir uns 
täuschen", sagt er ihm, „es Ist bei mir nach dem dritten Läuten. Ich 
bin kein Feigling und sehe dem Tode sehr ruhig entgegen, um so mehr 
... Ich habe die letzten Jahre meines Lebens nicht nutzlos verbracht* 
Ich war doch kein allzu schlechter Diener der Bew^ung, mtinen Sie 
nicht? ... Es ist keine Zeit mehr zum Scherzen. Es ist bitterer Ernst"^). 

Am nächsten Morgen, um Vt^ Uhr, kam er in das Zimmer des 
Freundes, dn starkes Manuskript in der Hand. Es war ein Memorandum 
für Petersburg. Der todkranke HerzI hatte die ganze Nacht daran ge> 
arbeitet und gefeilt und darüber den Schlaf völlig vergessen. „So wollen 
Sie gesund werden? Das soll dne Kur sein?" rief ihm Katzenelsohn 
vorwurfsvoll zu. „Ja, mein Freund, Sie haben doch gestern gesehen, 
wir haben kdne Zeit mehr zu verlieren. Die letzten Wochen oder Tage 
— wir haben Eile!" 

Seine Briefe an Frau und Kinder sind von verdoppelter Fürsorge 
und Zärtlichkeit. Aber auch heiter, scherzend. Sie sollen nicht um ihn 
sorgen, es soll eine friedliche Abschiedszdt sein nach langem Ringend 

Ungebessert kehrt er nach Wien zurück. Das Leiden wtrd qualvoller 
und die Kräfte schvdnden. Eine Liegekur schafft wenig Lindertmg. 
Am ^. Juni reist er mit seiner Gattin und Kremenezky nach Edlach, 
das er sehr liebt. Bevor er sein Heim verläßt, breitet er über seine Brief- 
schaften im Schreibtisch einen Bogen, auf dem die Worte stehen: In 
niid of Uve come the death. Die Arzte im Edlacher Hof sehen, daß man 
einen Sterbenden bringt. Wider alles Erwarten tritt in der frischen 
Bergluft unter der aufopfernden Pflege seiner Gattin dne kurze Besse- 
rung dn. Er be^nnt wieder zu arbdten, Briefe zu schrdben und faßt 
neuen Lebensmut. Man plant sogar dne Rdse nach Hamburg, um dne 
neue Kur zu versuchen. Aber die Veränderung ist trügerisch. Infolge 
der Vorberdtungen für die neue Behandlung oder infolge dner Er- 

') Nach mflndllchen Mitteilungen^ Katzenelsohns hat Herzl in dem 
Gespräch Nordau als seinen Nachfoiger bezdchnet. 



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90 Herds Tod 

kältung zeigt sich am i . Juli ein Bronchialkatarrh, der in eine Lungen- 
entzündung übergeht. HerzI ist sich seines Zustandes völlig bewu|)t. 
„Grüßen Sie mir Palästina" sagt er zu dttem christlichen Zionsfreund, 
der ihn besucht, „ich habe ii\ein Blut für mein Volk hingegeben". Mit 
Ungeduld verlangt er seine jüngeren abwesenden Kinder und die Mutter 
zu sehen, der man bisher auf sein Verlangen die wahre Lage verheim* 
licht hat. Am 3. Juli in der Frühe treten Anzeichen beginnenden KoU 
lapses auf. Er fordert von dem Arzt das Ehrenwort, daß er ihn nicht 
vor der Ankunft der Seinen sterben lasse. Und nun beginnt zwischen 
ihm und dem Bezwinger aller Menschen ein verzweifeltes Ringen. 
Trotz der Julihitze in Decken und Tücher gepackt, erhält er unaufhörlich 
Stärkungsmittel und Kampferinjektionen. Dabei kommt kein Laut der 
Klage über sdne Lippen; trotz Schmerzen und Atemnot ist er heiter; 
sein eiserner Wille hält selbst den Tod auf. Als endlich die Mutter 
eintrifft, richtet er sich mit übermenschlicher Energie kerzengerade auf 
und ruft ihr zu: „Das ist schön, liebe Mutter, dag du schon da bist. 
Du siehst gut aus; ich sehe nicht so gut aus, aber das wird schon besser 
werden". Nachdem er Mutter und Kinder geküßt, schickt er tie hinaus 
— und sinkt völlig erschöpft zusammen. Selbst in diesem Augenblick 
war er ganz Rücksicht, Zartgefühl, Selbsd)eherrschung gewesen. Noch 
einmal sieht er die Lebensgefährtin und einige Freunde. Um fünf Uhr 
nachmittags hört der um ihn beschäftigte Dr. Werner, als er sich einen 
Augenblick abgewendet hat, einen tiefen Seu^r. Theodor Herzls Haupt 
sinict nieder auf die Brust — der größte und edelste Sohn unseres Volkes 
ist schmerzlos hinübergeglitten in das Land des Friedens, wo es keine 
Kämpfe und Nöte, nicht Bedränger und nicht Bedrängte gibt. „Gott 
zerbricht die Werkzeuge, deren er sich bedient hat", so hotte er dnst 
geschrieben. Und es war in Erfüllung gegangen. 



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HerzU Begräbm — SdJußwort 



Am 7. Juli 1904 Ist Theodor Herzl In Wien von einer schluchzenden 
Menge, die nach vielen Tausenden zShlte, zu Grabe geleitet worden. 
Im Armensarse, schmucklos, wie er es gewollt. Nur die florumhüllte, 
blauweiße Fahne, vor der sich einst in Basel die Banner des Schwdzer 
Zuges gesenkt, hatte man über sdnen entseelten Körper gebreitet. Die 
Fahne, zu d« er in unwandelbarer Treue gestanden, und deren Ehre 
und fleckenloser Reinheit er sich selbst zum Opfer gebracht hatte. 

Auf dem stillen Döblinger Friedhof ruht er nach seinem letzten Willen 
neben seinem Vater Jacob, bis man ihn hinüberführen wird in das Land 
der Freiheit und der Verheißung, für das er gerungen, in die Heimat 
der Väter. 



Wir zeigten am Beginn dieser Schrift, daß unser Volk in Herzl eine 
Idealfigur gefunden hat, an der es sich begeistert und heranbildet, dem 
die Jugend hingebungsvoll nachzueifern sich bemüht. Und wir fragen 
uns am Ende der Wanderung: Weshalb hat seine Persönlichkeit eine 
solche außerordentliche Wirkung hervorzubringen vermocht? Der histo> 
rische Herzl ist ein Mensch von wunderbar guten Eigenschaften. Aber 
das allein genügt nicht, um zu erklären, daß er tatsächlich in jedem von 
uns lebt, in eines jeden Denken und Empfinden seine stille Zelle ge^ 
funden hat, wo er wirkt und schafft. 

Die Idealisten sagen, daß der Held die Geschicke der Völker be- 
stimmt, die Materialisten meinen, daß die wirtschaftlichen Ursachen 
für das Geschehen bestimmend sind. In Wirklichkeit ist weder das eine 
noch andere richtig. Ohne die sozialen Ursachen besteht zwar kein Be« 
dürfnis nach der Tat und dem, der sie vollbringen soll. Also fehlen 
auch dem „Helden" die Möglichkeiten zum Auftreten auf der Welten- 
bOhne. Aber ohne die berufene Persönlichkeit versandet nur zu oft 
der Strom de Geschehnisse und die gärende Bereitschaft der Zeit 
weicht wieder dumpfer Willenlosigkdt und Ergebung. 



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92 Sddtfiwort 

Große Minncr schaffen deshalb keineswegs nur als VCillenserfoUer 
der Massen. Ihre Bgenart prä^ vielmehr das unbestimmte Sehnen de^ 
Menge und preßt es in bestimmte Formen. Die Menge selbst aber 
bildet das erforderliche Material. Diese Synthese Ist die historische 
Funktion der Gesellschaft. 

Als HerzI auftrat, war seine Zeit fOr ihn bereit und er erfüllte sie 
mit snnem gewaltigen Wollen. Ihm standen nicht Kanonen und mSchtige 
Heere zur Verfügung, kdne Scharen geschulter Diplomaten. Kein 
tönender Name öffnete ihm die Türen der Regierenden, und die Truhen 
der Geldfürsten blieben vor ihm verschlossen. Einsam mußte er seinen 
schweren Weg gehen, innerlich einsam, wie jeder wahrhaft Große dieser 
Welt. Aber die Kräfte dazu entnahm er den starken und guten Eigen« 
Schäften der Volksseele. Seine schlichte Opferbereitschaft und sein un- 
verwüstlicher Optimismus, seine ungeheuere Arbeitsfähigkeit und 
Zähigkeit, sein fester Glaube an die Zukunft der Notion und vor allem 
das unzerstörbare Gefühl der Sendung und Berufung — alle diese 
Seiten seines Wesens waren in ihrer Gesamtheit wie eine Verkörperung 
des guten Kernes der Volksgemdnschaft. Er war groß, wie Goethe 
einmal gesagt hat, „nicht durch Erbschaft, durch Glück, durch Gewalt, 
sondern durch das, was.in ihm liegt, was auch in uns liegt". Wir haben's 
empfunden und darum hat er mit so elementarer Gewalt an unsere 
Herzen gegriffen. 

Theodor Herzl ist dahingegangen. Gestorben an der Liebe zu seinem 
Volke und im Kampfe erlegen, weil seinen weiten Wünschen die Mittel 
zur Ausführung versagt blieben. Aber der Herzl, in dem wir uns selbst 
gehoben und erhöht sahen, in dem das Judentum der Zukunft sich 
versinnbildlicht, lebt als der Bdrge siegreichen Vollendens. Er lebt als 
Ausdruck seines wie unseres Wollens, als der Blutzeuge des Judentums, 
das leben will und sich selbst treu bleiben. Er ist die Fahne geworden, 
von der er dem Baron Hirsch gesprochen, „mit der man die Menschen 
führt, selbst ins gelobte Land". 



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ANHANG 



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Wir geben im Nachfolgenden einige Herz! betreffende Schrift- 
stücke und eine Anzahl seiner Briefe. Die meisten der ersteren 
bedürfen kdnes Kommentars. Nur bezüglich der Dokumente des 
Vereins „Wir" sei bemerkt, daß sie charakteristisch erscheinen, wdl 
aus Satzungen und Hausordnung bereits der spätere KongreBpräsident 
herausschaut. Bei aller Kindlichkeit enthalten sie Keime späterer Wesens- 
art und Tat. 

Die Briefe sollen Herzl in seinen Beziehungen zu den verschieden- 
artigsten Personen und Interessekreisen zeigen. Die besondere Heraus- 
gabe einer größeren Briebammlung bldbt vorbehalten. 



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I. BRIEFE 
AN GUSTAV G. COHEN IN HAMBURG 

1. Sept. 96. 
Sehr geehrter Herr, 

Besten Dank für Ihre Broschüre. Ich werde gern die Gedanken, die 
mich in Ihrem Manuskript erfreuten, gedruckt wieder lesen. 

Meinem Freunde Zangwill bestellte ich in London Ihren GruSi als 
er beim Bankett, das mir der Maccabaean Club gab, neben mir aa^. 

Lassen Sie sich durch Schweigen oder Verkleinern der Zeitungen 
nicht irre machen. Die Idee geht vorwärts I Wo sie in die Massen fällt, 
zündet sie. Zugleich arbeite ich „oben", d. h. in den Regierungs« 
Sphären. 

Aus Konstantinopel, wo ich gut angeschrieben bin, hatte ich vor 
wenigen Tagen günstige Nachrichten. Die Sache wird sich wahrschein" 
lieh so machen, daß ich mit dem fait accompli die Welt überrasche 
und dann frage: Wer geht mit? 

Es ist dn Riesenwerk, für das ich zuerst Hohn, jetzt Anfdndungen, 
später Undank hatte, habe und haben werde. Aber ich bin fest In mir 
u. thu's eigentlich nur, weil ich von innen heraus es thun mu5> 

Wenn ich auch nicht jeden Ihrer freundlichen Briefe beantworte, 
äo machen sie mir doch alle viel Vergnügen. 
Mit Zionsgniß 

Ihr ergebener 

Th.He«L 



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96 Bri^ ■ 

AN SAMUEL PINELES IN GALAZ^> 

Neue Freie Presse. 
Redactlon : 
Wien Wien IX, 

Kolowratritig, Fichtegasse Mo. ii. i8. I 97 

Hochgeehrter Herr! 
' Ihren Brief habe ich mit groBem Interesse wiederholt gelesen. Die 
Verhältnisse in Rumänien beobachte ich natürlich mit der größten Atifr 
merkaamkeit, und ich danhe Ihnen für dieienigen Auskünfte, die ich nicht 
schon besaS' Sie scheinen meine Publikationen (Reden in London 
u. a. a. 0.) nicht gelesen zu haben. Ich lege hier die letzte bei, eigentlich 
die vorletzte, denn im Jewish Workingmen's Qub zu London fand vor« 
gestern ein großes Meeting statt, in welchem ich Erklärungen abgeben 
ließ. Am besten ist es, Sie lesen regelmäßig die Londoner „fewish World" 
(8 South Street, Finsbury) der ich alle Mitteilungen zuschicke. 

In Ihrem Briefe tinde ich wichtige Irrtümer, so weit Sie von außer- 
rumänischen Dingen sprechen. Insbesondere ein Mann, den Sie wieder- 
holt mit Dank und Verehrung nennen, kämpft mit allen Mitteln gegen 
den nationaljüdischen Plan. Es ist bedauerlich. Ich kann mich jetzt auf 
Näheres nicht einlassen. 

Ihre Lotterie* u. anderen Sammlungsideen kann ich nicht acceptieren. 
Ich wenigstens kann u. werde mich mit dergleichen nicht abgeben, 
unsere Bewegung hat ohnehin gemeine Verläumder genug. 

Es ist freilich schwer, eine große Agitation ohne Geld zu machen, 
aber es muß geschehen und es geschieht. Ich kann Ihnen die erfreuliche 
Nachricht geben, daß unsere Bewegung mit wachsender Gewalt um 
die Erde herumgeht. 

') Im Besttse des Adressaten. 



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Br^ 97 

Sie werdon doch wissen, da^ ich geseti die Infiltration in Palästina 
bin — wir würden dort nur neue massacrirbare Armenier ansiedeln. 

Kein, mein Plan ist dnfach : das Judenvolk zunächst an sünen jetdgen 
Wohnorten unter der Mationalfahne versammeln u. mit dem Gro§> 
türken vor der Einwanderung über die Garantien der Autonomie Ver- 
trag machen — wobei wir uns natürlich nur mit guten Garantien be> 
gnügen werden. 

Hiezu habe ich im Juni, als idi in Konstantinopel war, eine Einleitung 
gemadit. 

Wenn Sie von mir das mot d'ordre für die Chowewe Zion in Ru- 
mänien haben wollen, so ist es dieses: 

Organisiren Sie sidi, sammeln Sie Kr9fte und halten Sie sich bereit. 
Dberzrehen Sie Rumänien mit einem Netz von Einzelvereinen, (he sich 
in Ihrer Hand centralislren. Ldten Sie eine Wanderagitation ein, legen 
Sie Verzeichnisse unserer Gesinnungsgenossen an und berichten Sie 
mir von Zeit zu Zeit. 

Wenn Sie, wie die Zionisten verschiedener anderer Länder sich 
meiner Führung unterordnen wollen, werde ich Ihnen selbstverständlich 
alle wichtigen Vorgänge bekanntgeben. 

Mit ZionsgruB Ihr ergebener 

Th. Herd. 



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98 Brirfc 

AN WILLy BAMBUS IN BERLIN')-) 

24. IV. 97. 
Sehr geehrter Herr! 

Mit Befremden lese ich die Berichtigung, die Sie den iüdischen 
Blättern schicken wollen. Das wäre ja ein förmliches Dementi meiner 
mit Ihrem Wissen verschickten Anzeige. Ich muB Sie also dringend 
bitten, diese Bemerkungen zu revoclren, entweder Indem Sie den 
Blättern, die Ihr Eingesendet noch nicht brachten, schreiben resp. wo 
es die Zeit erfordert, telegraphiren, dag man Ihre Berichtigung nicht 
bringen möge; oder indem Sie (dort wo Ihre „Bemerkungen" schon 
aufgenommen sind) eine zweite Bemerkung publidren, worin Sie sich 
dagegen verwahren, meine Voranzeige dementirt zu haben. 

Wenn Sie das nicht thun, müßte Ich es thun, und Ich thSte es — 
glauben Sie mir — mit herzlichem Bedauern, denn es wäre das Ende 
unserer gemeinschaftlichen Arbeit. Ich habe die grogen Ressourcen 
Ihrer Intelligenz zu sehr schätzen gelernt, als daß mir diese Trennung 
nicht schwer fiele. 

Durch Ihre Erklärung würden keineswegs die Böswilligen zum Ver- 
stummen gebracht werden, es würde nur der Kongreß compromlttirt 
werden. 

e^- Der Congreg findet unter allen Umständen statt. Alle Intriguen, 
die von einer gewissen mir wohlbekannten Seite gegen den CongreS 
versucht werden, sollen nichts^'nutzen. 

Was Sie anbelangt, kenne^ich Ihre feste Gesinnung und dber« 
zeugungstreue gut genug, um erwarten zu dürfen, dag Sie sich von 
einigen Anfechtungen nicht werden erschüttern lassen. 

Nachdem ich von Ihnen die gewünschte Revocation Ihrer, offenbar 



>) Vgl. S. 5jff. 

') Im Besitze des Herrn Rüben Cohen in Antwerpen. 



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■ ßritfe 99 

in der besten Absicht dem Con^esse zu nutzen, verschickten Be- 
merkungen erhalten habe, will ich mit dem größten Vergnügen nach 
Prag kommen, um mit Ihnen u. Dr. Hildesheimer zu conferiren. 

Ich proponire hiefür Donnerstag den 29. April. An einem anderen 
Tage war's mir kaum möglich. Am 29. April Nachmittags kann ich 
in Prag sein. 

Mit herzlichem Zionsgru5 

Ihr ergebener 

Th. Herzl 



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AN DR. H. HILDESHEIMER, BERLIN ^>»> 

Wien, 9. Mai 1897. 
Sehr geehrter Herr! 

Von Ihrer bekannten Loyalität erwarte ich die Aufnahme dieses 
Briefes in die nächste Nummer der „Jüdischen Presse". Zunächst be> 
scheinige ich Ihnen hiermit, daß Sie sich vom Münchener Zionisten- 
Congreß zurückziehen. Ich bedaure diesen Ihren Entschlug, der mich 
überraschte, lebhaft, denn es wird nicht leicht sein, für das Referat, 
welches Sie übernommen hatten — „Die Aufgaben der jüdischen Wohl- 
tätigkeit in Palästina" — sofort einen Ersatzmann zu finden, der In 
dieser Frage so bewandert ist wie Sie. Der Congreg findet natürlich 
auch statt, wenn wir keinen Referenten über „die Aufgaben der jüdischen 
Wohltätigkeit in Palästina" ausfindig liiachen könnten. Dieser Congreg 
ist überhaupt nicht mehr rückgängig zu machen; der Gedanke einer 
solchen Versammlung gehört gleich anderen publicirten Gedanken 
nicht einmal mehr dem, der ihn zuerst aussprach. Viele Juden haben 
den Congreß acceptirt, damit ist die Frage erledigt. Die vorbereitende 
Commission, die auch nach Ihrem Rücktritte vom Referat über „die 
Aufgaben etc." fortbesteht, und zwar hier in Wien u. A. den Präsidenten 
des Verbandes der österreichischen Zionistenvertine Dr. M. T. Schnirer, 
Prof. Dr. Kellner, Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. 0. Kokesch zu 
Mitgliedern hat und im Auftrage unserer Kölner, Pariser, Londoner 
Freunde, im Einverständnis mit den Landeskomit£es von Galizien, 
Rumänien und Bulgarien wirkt — die vorbereitende Commission hat 
nur noch für die Ordnung der Congreg-Geschäfte Sorge zu tragen. 
Wir hegen die feste Zuversicht, daß der Congreg einen würdigen Verlauf 
nehmen wird, daß wir die Sache, die ja auch Ihnen am Herzen liegt, 

') Vgl. S. 59. 

*) Im Bcfitze des Herrn Dr. S. Hildeshefmer In Berlin. 



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Briefe loi 

um ein gutes Stück vorwärts bringen werden, und namentlich, da^ es 
gelingen wird, manche nebelhafte und thörichte Vorstellung von den 
Bestrebungen der Zionisten zu berichtigen. Man wird in wdteren 
Kreisen erkennen, daB man unserer Bewegung unrecht tut, wenn 
man ihr nichts als Schwärmerei und Gewaltsamkdt — Sie gestatten, 
daß ich mich nicht der kräftigeren Worte unserer Gegner bediene — 
nachsagt. Ich ^aube, Sie sdbst werden sich recht von Herzen freuen, 
wenn der Congreß solche Resultate zeitigt. So fasse ich wenigstens die 
Schlußworte Ihrer ROcktrittserklärung auf, wo Sie freundlich zugretran, 
daß es eine „zweifellos in bester Absicht geplante Veranstaltung" sei, 
wenn Sie sich auch nur von einer anderen Form d^ Veranstaltung 
versprechen, daß sie „wirklich Segen bringen kann". Hierüber J^hen 
unsere Meinungen, wie es schtint, auseinander. 

Zu dem Bedauern, wdches ich über Ihren Rücktritt empfinde, weil 
d«n Congresse eine sehr gesdiätzte Kraft entzogen wird, gesellt sich 
noch ein anderes Bedauern. Ich fühle dnen schweren Vorwurf aus den 
Worten Ihrer Erklärung heraus: „Da Herr Dr. Herzl trotzdem mit 
der Versendung sdner Vorankündigung fortfährt, sieht sich der Heraus* 
g^er dieses Blattes zu der Erklärung gezwungen, daß er selbstverständ- 
lich nie die Absicht gehabt hat, an einem „Zionlsten'''>CongTeß theiU 
zunehmen, sondern seine Anwesenheit und seine Mitwirkung einzig 
und allein für den Fall in Aussicht gestellt hat, daß die geplante Ver* 
Sammlung einer Besprechung der mannigfachen Aufgaben des palästl> 
nenslsdten Hilhwerkes insbesondere der Colonisatlon gewidmet sein 
würde." 

Was heißt das „trotzdem"? Herr Bambus, bisher Mitglied der den 
Congreß vorberdtenden CommsSion, hatte, ohne mich vorher tu be« 
nachrichtigen, eine unsere ganze Arbeit abschwächende Erklärung ver- 
öffenthcht, wonach'es scheinen konnte, als ob „die ganze Angdegenhelt 
sich noch durchaus !m Stadium der Vorbereitung" befinde. Ich war 
davon verblüfft, ersuchte Herrn Bambus um eine neuerliche RichtigB 



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1 02 Bri^e 

Stellung, die ich nicht selbst vornehmen wollte, weil ich der Meinung 
war, daß es sich nur um oberflSchliche Divergenzen handle. Ich sollte 
ja mit Ihnen am 29. April in Prag zur Berathung einiger Congregfragen 
zusammentreffen. Das Stelldichein wurde am letzten Tage als „noch 
verfrüht" abgesagt. Jedenfalls hatte ich kdnen Grund anzunehmen, 
da5 Sie sich lossagen wollten, da Ihre Einwendungen mir nicht als 
principielle vorkamen. Sie hatten gewünscht, daß es „Congreß der Cho' 
wewe Zlon" statt „Zionisten-Congreß" heiße, worin ich keinen größeren 
Unterschied zu sehen vermochte als zwischen bonnet blanc und blanc 
bonnet. Ferner war Ihnen der folgende Passus meiner „vorlüußgen An» 
zeige" nicht recht: „So erhalten die gemeinsamen BedQrfnisse ein Organ. 
(Nämlich durch den Congreß.) Es wird ein Zufluchtsort für die Wünsche 
und Beschwerden unserer Brüder geschaffen. Die Judensache muß dem 
Belieben vereinzelter Personen — wie gutwillig diese auch seien — 
entrückt sein. Es muß ein Forum entstehen, vor dem jeder für das, 
was er in der Judenfrage thut und läßt, zur Rechenschaft gezogen werden 
kann. Dem wird sich kein redlicher Mann widersetzen." 

Ich bitte, mich nicht mißzuverstehen. Ich citire das nicht in tückischer 
Absicht für die Bedürfnisse meiner heutigen Polemik, sondern um 
darzulegen, wie geringfögig unsere Differenz war, wie ich annehmen 
durfte, daß Sie mit solchen Selbstverständlichkeiten, die eigentlich nur 
für die Fassungskraft einfacher Leute gedacht und gesagt waren, ein> 
verstanden wiren. Zu dem konnte ich mindestens bis zu der von Ihrer 
Seite vorgeschlagenen ' Zusammenkunft in Prag annehmen, daß wir 
d'accord seien. Wenn ich seither und bis zur Veröffentlichung Ihrer 
Absage vielldcht einem halben Dutzend Personen, denen ich zuftUig 
schrieb, die gedruckte Voranzdge mitschickte, so kann, glaube ich, 
von einer „trotzdem", also^mala fide geschehenen Versendung der 
Vorankündigung," worunter man*elne*massenhafte Expedition* verstehen 
könnte, nicht gut die Rede sein. In einzelnen dieser Briefe habe ich 
geradezu auf die aufgetauchte geringfügige Differenz hingewiesen. Ich 



Digitized^yGOO^IC 



Br^fe 102 

fasse den ganzen Zwischenfall so auf, da^TSie Rüdtsichten zu nehmen 
haben, die fOr mich nicht existieren. Ich bin der Erste, der Ihre Ent- 
schlüsse respectiert, als die eines Mannes von bekannter Selbstlosigkeit 
und bewährtem Eifer für die Judensache. Wir wollen einander ja nicht 
heruntermachen, auch wenn wir im Einzelnen verschiedener Ansicht 
sind. 

(Bis hier diktiert. Nun eigene Schrift.) 
Der Congreg findet statt. Das ist jetzt die Hauptsache u. dabei 
bleibt es. 

Mit vorzü^icher Hochachtung Ihr ganz ergebener 

Dr. Theodor Herzl. 



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104 ßnVe 

AN DR. MANDELSTAMM, KIEW^> 

Alt- Aussee Steiermark 
18. Vin. poi. 

Mein teurer, guter Freund 

MQde hab' ich mich gelaufen und bin von dem Gesindel, welches 
über das Geld verfügt, nicht einmal angehört worden. Es wird Pech und 
Schwefel regnen müssen, damit diese Steine weich werden. 

Es ist unerhört u. in fünfzig Jahren wird man diesen Leuten auf das 
Grab spucken, wenn man es erfahren wird, da§ ich mit . .') nahezu 
fertig war und nur die lumpigen Gelder nicht bekommen konnte. 
Natüiiich dürfen wir heute unserem Zorn u. Schmerz nicht Luft 
machen, denn dann erführe auch . . . unsere innere Schwäche u. ich 
mu5 mich bemühen ihn hinzuhalten, Zeit zu gewinnen, Wasser aus 
dem Felsen zu schlagen u. Gold aus dem Koth zu kratzen. 

Bequemer für mich wäre es ja, heute abzuschließen u. eine Prokla» 
mation zu edassen: „So, luden, ich armer hilfloser Journalist habe es 
in fünf Jahren so weit gebracht, mit . . . selbst, diese Verhandlung führen 
zu können. Was an mir war, habe ich gethan u. mehr. Ihr aber laßt mich 
im Stich, Ihr seid eine Bagage — hol Euch der Teufet ! ich kümmere 
mich um nichts mehr." 

Ce beau geste, der auch so angenehm u. bequem wäre, ist mir ver- 
sagt. Ich mug es weiterschleppen. Das Schlimmste aber ist, daß 
nicht nur die Antis u. die Indolenten mir Miseren machen, sondern 
die eigenen Leute. In der Bank ist man nicht zu einem Entschluß zu 
bringen, es gibt Reibereien, persönliche Differenzen zwischen den 

') Im Besitze der' Frau Dr. Rosenfeld, Odessa. 

■) An Stelle der Punkte steht im Original eine Chiffre, die den Sultan 
Abdul Hamid bezeichnet. 



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Britfe lo; 

Direktoren. Was Einer proponirt, will der Andere nicht, etc. Bis ich 
wieder als Gewaltmensch auftreten muß, damit nur etwas geschehe. 

Auch im A. C. scheint etwas zu gähren Man spricht 

von „Jungzionismus" etc. Das ist wahrlich früh, daß wir unsere Jung- 
türken haben. Wir sind eben ein geistreiches Volk. 

Aber darüber lache ich schli^lich. Sie sollen mich nur schon aus 
der Bewegung hinauswerfen! 

Voriäufig ist meine Eine Sorge: Geld. Grands dieux, wo soll ich's 
hemehoten? Ich zerbreche mir den Kopf, um etwas zu finden. 

Der KongrcB wird um Weihnachten in Basel sein. Die ungünstigste 
Zeit. Aber mein Vorschlag: Juli in London, wurde von den Fraktionen 
abgdehnt, weil es mein Vorschlag war. Es war nöthiger, sidi <be E>e- 
mäthigang von der ICA abzuholen. Darum hatte man fär den Congr«B 
keine Zeit. 

Dies alles unter uns! Sie haben das Privile^um, daj^ ich ntich 
bei Ihnen ausweme, weil ich Sie so von Herzen \lAe. 

Ihr treuergebener 

Benjamin*). 

>) Herds hcbrtlisdier Vorname, den er nur im intimen Briefwecbs«] 
gebntochte. 



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io6 finVe 

AN MARTIN BUBER, WIEN')') 

Alt-Aussee, am 8. Sept. 1901. 
Hochverehrter Freund! 

Die Banknachricht ist richtig. Es ist dies aber einer der vielen Fälle, 
in welchen es für uns besser ist, die Oeffentlichkeit nicht durch das 
offizielle Organ zuerst zu unterrichten. Wenigstens ist das die Ansicht 
der anderen Herren vom Wiener A. C. Ich wollte vor ungeßhr acht 
Tagen ein Zirkular an die A. C. Mitglieder versenden des Inhalts, daß 
wahrscheinlich noch im September die Aktionsfähigkeit der Bank 
perfekt sein wird, aber dieses von mir berdts adjustierte Zirkular wurde 
von meinen Wiener Kollegen inhibiert, well sie der Ansicht waren, 
daß wir nicht einmal den A. C. Mitgliedern eine solche Mitteilung 
machen dürfen, bevor sie die Kraft einer fertigen Tatsache hat. Nun 
ist mit einiger Bestimmtheit zu erwarten, daß die Boardsitzung vom 
8. Oktober die Aktionsföhigkeit aussprechen wird. 

Es gehört aber zu den dgentümtichen Schwierigkeiten, mit denen 
ich zu kämpfen habe, daß die Berufenen und Beamteten, welche die 
Entscheidung schließlich zu fSllen haben, immer verstimmt sind, wenn 
so etwas früher in der „Welt" gestanden ist. Ich erzähle Ihnen das 
rückhaltslos, damit Sie nicht glauben, daß ein Mangd an Vertrauen 
vorliegt und Ich nicht wisse, welcher Informationen der Chef des Partei> 
blattes bedarf. Da nun aber schon die Nachricht in der „Hazefirah" 
steht, so glaube ich, wird niemand mehr etwas dagegen einzuwenden 
haben, wenn Sie etwa folgendes in der nächsten Nr. schreiben :„ Wie 
wir erfahren, wird die Boardsitzung vom 8. Oktober voraussichtlich 
die Aktionsfähigkeit der Bank aussprechen." Auch darüber wollen Sie 

^) Buber war damals Redakteur der „Welt". 
*) Im Besitze des Adressaten. 



Digitized^yGOOglC 



ßnVe 107 

sich noch mit Dr. Kokesch und Dr. Kahn telefonisch ins Einvernehmen 
setzen. 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich Sie auch bitten, die Herren zu 
besagen, welches Honorar sie Lilien für die KongreBl<arte zugestehen 
möchten. Dem von diesen Herren bestimmten Honorarsatze schließe 
ich mich im vorhinein an, und ich bitte Sie dann, das Einladungs> 
schreiben an Lilien einem unserer Herren Sekretäre zu diktieren, worauf 
ich €3 hier unterschreiben werde. 

Mit herzlichen Grüßen 

Ihr ganz ergebener 

Herzl. 



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io8 Briefe 

AN HANS HEREL 

The Coburg Hotel 

Carlos PIfice 
Grosvenor Square W. 
17. Juli 90z 
Mein teurer Bursch Hans, 
heute bist Du der nberbringer meiner Nachrichten an die liebe Mama, 
weil ich schon so viele Briefe zu schreiben hatte. Ich hoffe — wenn 
nicht eine, ernste gro^ Verhinderung dazwischen kommt, — Donners« 
tag Abend bei Euch zu sein. 

Meine Prüfung vor der Königlichen Commission^) habe ich ziemlich 
gut bestanden, nur in Englisch hatte ich ungenügend. Du kennst dieses 
Gefühl vom Lateinischen her. Es ist eine Mahnung, das Fehlende nach- 
zuholen. Denn Du und ich, wir müssen immer alles mit Vorzug machen. 
Ich freue mich über Deinen FleiS im Türkischen. 
Küsse die gute Mama für mich und sei zärtlich umarmt von 
Deinem treuen 
^ Papa. 

') Gemeint ist die Vemehmun; Herzls vor der Alien Commission (der 
Fremdenelnwandenmgskommlssion) in London; vgl. S. 77. 



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Brüje 109 

AN FRAU JULIE HERZL, WIEN') 

j. Mai 904. 
Franzensbad, Villa Imperiale. 
Ich bin hier soeben wohlbehalten angelangt, natürlich der «nzige 
Passagier. Man war auf der Station auf einen so lebhaften Fremden' 
verkehr so wenig vorberdtet, da§ man meine Koffer nicht ablud, und 
sie gingen nach Elster weiter. Ich will hoffen, da|^ ich sie zurSclo 
bekomme. 

In dem Hause, wo ich wohne, bin ich der einzige Gast und es ist 
noch kein Bett in meinem Zimmer. Die Wirthin war über mein Er« 
scheinen sprachlos, tlberhaupt bin ich hier derzeit nicht nur der einzige 
Mann, sondern duch die einzige Prau. Die Kurmusik spielt zwar schon, 
aber, da es nicht sicher war, da^ ich kommen würde, hörten sie schon 
um '/g5 auf. 

Ich umarme Dich und die geliebten schönen Kinder , 

Euer treuer Papa 

Theodor. 
*) Aus den Pamilienbriefen sind einige Intime Stellen gestrichen. 



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AN FRAU JULIE HERZL, WIEN 

Franzensbad den to. Mai 904. 
Heute erhielt ich Deinen Sonntagsbrief, aber keinen von gestern. 
Katzenelsohn fährt heute wieder vieg. Er hat direkt die Reise von Berlin 
hierher gemacht, und mu§ nach Hause eilen. Heute hatte ich mein 
sechstes Bad. Das Bad Ist nicht im Hause, aber nicht weit. Heute gab 
es hier für die sieben Kurgaste eine Zerstreuung: Der Kursaal ist ab- 
gebrannt. Das Wetter ist schlecht, ich lese viel 

Drfn treuer Theodor. 



AN HANS HERZL 

Edlacherhof 9. Juni 04. 
Mein geliebter Sohn Hans, 
zu Deinem theuren Geburtstage wünsche ich Dir Gesundheit, Glück 
und GeUngen auf allen Deinen Wegen, jetzt und zu jeder Zeit. So Gott 
will wirst Du für Deinen heuer etwas verpfuschten Geburtstag ent- 
schädigt werden, sobald ich wieder mit Euch, meine Theuren, bei» 
sammen bin. Nach Deiner Prüfung in Aussee wollen wir es uns mit 
Gottes Hilfe froh u. gemütlich machen. 

Dich umarmt Dein Dich 

zirtlich liebender 

Vater. 
KOsse mir das goldene Trude). 



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n, URKUNDEN 

AKTEN DES VOM VIERZEHNJÄHRIGEN HERZL 
GEGRÜNDETEN SCHÜLERVEREINS »WIR« 

a) Grundregeln 
des belletristischen Verdns „Wir", verfaßt von Theodor Herzl, 

angenommen in der i. Sitzung, 22. Februar 1874. 

A. Der Zweck. Wir bilden eine Gesdbchaft, in welcher wir unser 

Wissen bereichern, indem wir kleine Erzählungen, Märchen schreiben, 

wodurch vHr unsere Sprache bilden. Werke werden, wenn sie nicht 

besonders lehrreich sind, nicht empfangen. 

B.Werke. Die Werke können der Geschichte, Sage oder Erlebnissen ent- 
lehnt werden, müssen aber immer in eine angenehme Form gekltidet sein. 

C. Deren Recension. Die Werke werden immer zwei Kritikern 
zur Recension gegeben, falls Beide sie annehmen, so wird das Couvert 
erbrochen, und der Verfasser liest sein Werk vor, im en^gengesetzten 
Falle aber wird das Werk sammt dem unerbrochenen Couvert vor den 
Augen der Mitglieder verbrannt, um den Verfasser nicht von neuen 
Versuchen abzuschrecken. 

D. Deren Einreichung. Die Werke haben ohne Unterschrift des 
Verfeissers dngereicht zu werden, jedoch hat das Werk ein Motto zu 
tragen, welches auch auf dem Couvert steht, das den Namen des Ver> 
fassers birgt. Die Werke müssen sauber mit Tinte abgeschrieben dem 
Sekretär auf eine Art übermittelt werden, durch welche er den Ver- 
fasser nicht erführt; auch werden die Mitglieder ersucht, keinerlei An- 
deutungen^fallen zu lassen, durch welche die Recensenten ihrer Un- 
parteilichkeit beraubt würden. 



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112 VrkanJai 

E. Declamation. Die Mitglieder werden ersucht, wenn tie d^a« 
mieren wollen, dies einige Tage vor der Sitzung dem Präsidenten mit- 
zutheilen, damit derselbe das Programm verfertigen ti5nne. Auch werden 
dieselben ersucht nur solche Gedichte zu deklamieren, welche sie durch- 
fühlen, und welche sie vollständig auswendig wissen. 

F. Mitglieder. Mit^ied kann nur der sein, welcher wemgstens von 
zwei Mit^iedern vorgeschlagmi wird. 

G. Bedingungen. Einzahlungen werden nicht geleistet; doch 
werden die Mitglieder ersucht, womöglich die anzulegende Bibliothek 
mit Beschenkungen zu bereichern. 

H. Bibliothek. Die Bücher werden numeriert, und den Mitgliedern 
von einer Sitzung bis zur anderen geliehen. Versehen wird das Amt 
durch den Präsidenten. 

I. Wahl. Bei der ersten Sitzung wird durch geh^me ^»timniuog 
Präsident und Sekretär gewählt, zur REcen^on kann der Präsident 
die Werke nach seinen Belieben geben. 

K. Sitzung, lieber die Zeit und den Ort der Sitzungen wird immer 
in der vorhergehenden Sitzung aJigcstimmt, wobei der Präsident bei 
gleichem pro und contra die entscheidende Stimme bat. 

b) Hausordnung des „Wir". 
In Bezug auf den Prüaidcnten. 

1. Hat der Präsident die Mitglieder während der Sitzung pr. „Sta" 
anzuredui. 

2. Darf der Pcäsiderri: dm MitgÜcdem nichts beletdiflcndes sagen. 

^. Hat der PrSsident jeden ausreden zu lassen und muß jedem Mit- 
glied die Erlaubnis aitfadlen. näea zu dO^n. Thut er dies nicht, so 
darf man sich die Erlaubnis sdbst nehmen. 

4. Hat der Pi^ident nur Anordnungen zu treffen, mehr ist sdB«s 
Amtes nicht. 

;. Darf der Präsident die Vorlesungen nicht unterbrechen. 



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VrkftnJen ti? 

6. Wegen unbedeutender Fehler darf der Präsident eine Arbeit nicht 
verwerfen. 

7. Einen neuen Presidenten darf man nur nach X Sitzungen wählen. 

In Etezug auf den SekretSr. 

1. Der Sekretär hat alle Arbeiten zu controltieren, zu welchem Zwecke 
er dn Protokoll führt. 

2. Hat der Sekretär alle sonstigen Vortille ins Protokoll zu schreiben. 

3. Hat der Sekretär alles, wie Einladungen, Aufsätze etc. zu schreiben. 

4. Darf man auch nur immer nach 10 Sitzungen einen neuen Sekretär 
wählen. 

In Bezug auf den Archivar. 

1 . Hat der Archivar alle angenommenen Arbeiten zu verwahren. 

2. Hat der Archivar ein Register zu führen, in welchem der Titel, 
der Arbeit, der Namen des Verfassers, die wievielte Sitzung es war, 
als die Arbeit vorgelesen wurde und endlich der wievielte Punkt des 
Prognmmes die Arbeit war. 

■j. Der Archivar hat dies nach Beendigung der Sitzung ungesäumt 
einzutragen. 

In Bezug auf die Recensenten. 

i.Recensionsoll nur bei Gedichten und emsterenErzählungm stattfinden. 

2. Die Recensenten sollen in verschiedener Reihenfolge nacheinander 
kommen, doch mug jedes Mitglied während 6 Sitzungen wenigstens 
einmal recensiert haben. 

■}. Niemand soll ungerecht recensieren, es sollen daher bei jeder 
Arbeit zwei recensieren. Die anderen Mitglieder sollen dann entscheiden, 
wenn die Recension nicht übereinstimmt. 

4. Die Reihenfolge der Recensenten bestimmt der Präsident. 
In Bezug auf die Mitglieder. 

1. Sollen die Mitglieder einander während der Sitzung pr. „Sie" 
ansprechen. 



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114 UrhfBidm 

2. Müssen die Mitglieder für eine Sitzung wenigstens eine Arbelt 
liefern. 

3. Sollen die Mitglieder erst wohl überlegen, bevor sie eine Arbdt 
verwerfen. 

4. Dürfen die Mitglieder während den Vorlesungen nicht hin und 
her gehen, nicht sprechen und keine Ausrufungen machen. Oberhaupt 
soll niemand geringschätzende Andeutungen machen. 

;. Fehlt ein Mitglied, so muß es sich bei dem Präsidenten ent« 
schuldigen. 

6. Sollen seitens der Mitglieder gegen niemand feindliche Anschlige 
geschmiedet werden, auch dürfen keinerlei Verdächtigungen vorkommen, 
wenn man seinen Verdacht nicht auf Beweise stützen kann. 

7. Soll ein neues Mitglied angenommen werden, so müssen wenigstens 
zwei für die Annahme stimmen, sonst kann die Aufnahme nicht stattfinden. 

8. Freie Vorträge sollen vorerst wohl überdacht werden, bevor man 
sie vorträgt. 

9. Vorträge und Vorlesungen können nur aufs Verlangen aller Mit- 
glieder unterbrochen werden. 

10. Sollen die Mitglieder auf alles achten. Denn es sollen keinerlei 
Beleidigungen vorkommen. 

Nachtrag. 
Kann der Präsident einer Sitzung nicht beiwohnen, so bestimme er 
einen Stellvertreter, der für die Sitzung den Präsidenten vertritt. 
Gez. W. Diamant, Angenommen von 

Sekretär des „Wir". gez. Theodor Herzl>Präses 

gez. Julius Reich, Archivar 
gez. Izsaky Ernst 
gez. Koloman Wei§bei^r 
gez. Deutsch San 1 

gez. G. Schwarz. 



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Urkandtn iij 

c) Auszug aus dem Register des „Wir*. 

Man trug u. A. vor: 
Amazim u. der Genius, MBrchen v. Theodor Herzl, Nr. 12. 
Die Freunde, Humoreske von Theodor Herzl, Nr. 4. 
Die verzauberte Harfe, Mirchen von Theodor Herzl, Nr. 8. 
Der Kampf ums Recht der Rache, Novelle von Theodor Herzl, Nr. -jz. 
Die Nemesis, Humoreske von Theodor Herzl, Nr. 5. 
Der gelehrte Professor in der Klemme, Humoreske, von Theodor Herzl, 

Nr. 17. 
Der Schnurrbart, Humoreske von Theodor Herzl, Nr. 1. 
Von Paris nach Lambessa, Erz8hlung von Theodor Herzl, Nr. 37, 



ADRESSE DER OSTERREICHISCHEN 
AKADEMIKER IM MAI 1896'> 

Sr. Hochwohlgeboren Herrn Dr. Theodor Herzl 

in VCien. 
Hochverehrter Herr Doktor! 
Der Ruf, den Sie in Ihrem „Judenstaate" an das jüdische Volk haben 
ergehen lassen, findet einen mächtigen Wiederhall in den Herzen von 
Tausenden Ihrer Stammesgenossen. So alt wie unser Exil ist auch die 

*) Der Aufntf zur Unterzeichnung dieser Adresse sing von folgenden 
im „Verband der fisterreich. Vereine fttr Kolonisation Palastinas und Syriens" 
organisierten Verbindungen aus: Akademische Verbindung „Kadimah" In 
Wien; Verbindung 0sterr.-3chles. Hochschüler „Ivrln" in Wien; Vereinig, 
lad. Veter.«Med. „Libanonia" in Wien; Akademische Verbindung „Has- 
monaea" in Czemowitz; Jüd. Aitadem. Verbindung „Unitas" in Wien; 
Akademischer^ Verein „Gamaia" in Wien; Theologischer Verein der Hörer 
an der isr. Theolog. Lehranstalt In Wien; Akademischer Verein „Humanitas" 
In Graz. 



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1 1 6 UrkanJen 

Sehnsucht unseres Volkes nach Freiheit; aber nur vereinzelt waren die 
Stimmen, die diesem Wunsche lauten Ausdruck segeben haben. Sie, 
hochverehrter Herr Doktor, haben den Mut gehabt, diese Gefühle in 
klarer und prägnanter Welse auszusprechen und den nationalen Be» 
strebungen unseres Volkes neue und für die Zukunft verh ei §ungs volle 
Bahnen zu weisen. Hiefür gebührt Ihnen der Dank der NaUon, den die 
Gefertigten — geistige Arbeiter des Judentums — nicht besser dokua 
mentieren können, als Indem sie das VCiederaufrolUn unserer nationalen 
Fahne freudig begrüßen und sich in den Dienst der heiligen Sache des 
jüdischen Volkes hingebungsvoll stellen. 



ADRESSE DER PALÄSTINENSER AN 
DR. HERZL 1896 

In der Geschichte des jüdischen Volkes für das Jahr $6;6, an dessen 
Grenze wir jetzt stehen, wird für alle Zeiten ein Name in goldenen 
Lettern glänzen, der Name des Mannes, der durch seine herrliche 
Staatsschrift den Völkern ein Friedensbote, seinem eigenen Stamme 
Licht und Leuchte geworden. 

Ewig denkwürdig wird das zur Neige gehende Jahr bleiben als das- 
jenige der geistigen Wiedergeburt des Judenstaates. Und mögen auch 
viele Jahre vergehen, ehe die große Idee zur Verwirklichung wird, die 
treuen Söhne des jüdischen Stamnies werden voll Hoffnung und Zu- 
versicht an den Gedanken des Judenstaates festhalten, werden mit tiefer 
Dankbarkeit und Verehrung an dem Manne hängen, der dem alten 
Glauben neue Nahrung, der ererbten Hoffnung frische Pflege gegeben, 
der seinem Volke ein begeisterter Sohn geworden, ein weiser Lehrer 
und Kostspender. Neben der großen Zahl einsichtsvoller und warmn 
fühlender Glaubensbrüder in den LSndern der Zerstreuung schlagen 



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Urkunden 1 1 7 

Ihnen, hochverehrter Herr Doktor, auch tausende von Herzen aus dem 
angestammten Heimatslande in Liebe und Dankbarkeit entgegen. Die 
Herzen von Tausenden, die Glauben und Hoffnung, Pietät und Treue 
nach dem Lande ihrer Väter verpflanzt haben, und die )etzt zu Ihnen 
mit Hingebung und Verehrung emporblicken, als zu dem hervorragenden 
Dolmetsch ihrer innersten Empfindungen und heißesten Wünsche. 

Im Namen der Schar der Treuen gestatten Sie uns, Ihnen, unserem 
treuen Seelenfreund, dem treuen und würdigen Sohne Zions, den 
Zionsgru^ zu übermittdn zusammen mit unseren aus Herzensgrund 
kommenden Segenswünschen zum neuen Jahr. Gestatten Sie uns, 
Ihnen aus dem altehrwürdigen Jenischalajim ein )'DN1 pin zuzurufen. 
Sei stark und fest im Kampfe für das Recht, die Ehre, die Freiheit 
und das Glück unseres Volkes. 

Wilhelm Gross, Jaffa 

Ephraim Cohn 

D. lellin 

Dr. Joseph Jermans 

Michael Pines 

W. Jawitz 

A. Manni 

Ben Jehuda 

Dr. Grünhut. 



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DIE VORANZEIGE 
DES ERSTEN EIONISTEN- KONGRESSES 

ZIONISTEN-CONGRESS. 

VorlSufise Anzeige. 

Am 2;., 26. und 27. August findet in München ein WeltcongreB 
der Zionisten statt. 

Zweck dieses Congresses ist, eine Annäherung und Verständigung 
zwischen aUen Zionlsten herbdzuführen und dem gemdnsamen Be- 
streben einen einheitlichen Zug zu verleihen. 

Der Congreß wird die Wünsche unserer an den verschiedenen Orten 
bedrängten Brüder entgegennehmen und die Mittel zur Abhilfe berathen. 

Wer am Congreg theilzunehmen gedenkt, hat sich bis spätestens 
15. August anzumelden. Die Anmeldestellen in den einzelnen Ländern 
(Landescomit£s) werden demnächst bekanntgegeben. Vorläufig können 
Anmeldungen an das Centralburcau des Congresses {Verein „Zion", 
Wien II. Rembrandtstraße 11) gerichtet werden. Die Angemddeten 
werden die Eintrittskarten rechtzeitig zugestellt erhalten. Für Unter« 
kunft der Congreßtheilnehmer in München wird auf Wunsch Vorsorge 
getroffen werden. 

Die offidelle Einladung zum Gingresse wird, von sämmtlichen Ein* 
berufern unterfertigt, an Verdne und Körperschaften verschickt werden, 
sobald die Tagesordnung endgiltig feststeht. 

Den Congreß wird der Alterspräsident eröffnen. Hierauf erfolgt die 
Constituierung. Die Verhandlungen sollen nach den Grundsätzen einer 
vernünftigen und würdigen Redefreiheit geleitet werden. 

Für jeden Punkt der Tagesordnung wird ein Referent aufgestellt, an 
den schon jetzt direct oder durch Vermittlung des Vereins „Zion" in 
Wien, Mittheilungen gerichtet werden können. 

Die bisher bestimmten Referate sind: 



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Urkimden 119 

a) die Lage der Juden in den einzelnen Lindem (ein Specialreferat 
für jedes Land), ökonomische, sociale und politische Zustände. Referent 
Herr Dr. Max Mordau, in Paris, ('^4 Avenue de Villiers) 

b) die Colonisation, ihre bisherigen Ergebnisse und ferneren Aus« 
sichten. Agrarische, industrielle, commercielle, technische Fragen. Re> 
ferent Herr Willy Bambus, in Berlin, (W. Bülowstraße 89) 

c) die Aufgaben der jüdischen Wohltätigkeit in Palästina. Referent 
Herr Dr. Hirsch Hildesheimer in Berlin, 

d) Finanzfragen. Referent Herr Dr. Max Bodenheimer in Köln 
a. Rh. (Hohenzollernring tS) 

e) die Judenfrage und der nächste diplomatische Congre§ der Grog- 
mächte. Referent Dr. Theodor Herzl in Wien (IX. Ber^:asse 6) 

f) eine Beschickung der Pariser Weltausstellung 1900 mit iQdischen, 
Colonialpröducten. 

Die weiteren Punkte der Tagesordnung sind später zu publidren. 

Die of^ciellen Delegirten der eingeladenen Vereine und Körper- 
schaften werden zur Congreßzeit in München eine besondere Berathung 
abhalten und deren Ergebnis dem Congresse mittheilen. 

Vide praktische Fragen, welche den Congreß beschäftigen werden, 
enthalten dn Element von Actualität und können deshalb nicht Monate 
vorher formulirt werden. 

Findet es der CongreB für nöthig, so wird er dn Executivcomit^ zur 
Führung der jüdischen Angelegenheiten bis zu sdnem nächsten Zu- 
sammentritt einsetzen. 

So erhalten die gemeinsamen Bedürfnisse ein Organ. Es wird ein Zu- 
fluchtsort für die Wünsche und Beschwerden unserer Brüder geschaffen. 
Die Judensache muß dem Belieben vereinzelter Personen — wie gut- 
willig diese auch seien — entrückt sein. Es muß ein Forum entstehen, 
vor dem Jeder für das, was er in der Judensache thut und läßt, zur 
Redtenschaft gezogen werden'kann. Dem wird sich kein redlicher Mann 
widersetzen. 



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120 Urkpiulen 

Wir sind der Theilnahme aller Menschen grewriBi die unseren Ge> 
danken richtig verstanden haben. Es handelt sich darum, eine dauernde, 
j^esicherte Hamat für diejenigen Juden zu schaffen, welche sich an 
ihren jetzigen Wohnorten nicht assimiliren köni]^n oder wollen. 

Der Congreg zu München wird zeigen, was der Zionismus ist und 
will. Dag er etwas ist und daß er etwas will. 

Dr. Theodor HerrI 

Wien, IX. Berggasse 6 

im Namen der vorbereitenden Commission. 



DAS VON HEREL VERFASETE PROGRAMM 
DER »WELT« 

ABGEDRUCKT IN DER ERSTEN NUMMER DES ERSTEN JAHR- 
GANGS (1897). 

Unsere Wochenschrift ist ein „Judenblatt". 

Wir nehitttn dieses Wort, das ein Schimpf sein soll, und wollen daraus 
ein Wort der Ehre machen. 

„Die Welt" ist ein Blatt der Juden. Welcher Juden? Etwa der Starken, 
denen man ohnehin hilft? Nein, nein, die brauchen keine Unter- 
stützung. 

„Die Welt" ist das Blatt der Armen, der Schwachen, der Jungen, 
aber auch aller derjenigen, die sich, ohne selbst in bedi^ngter Lqe zu 
sein, zu ihrem Stamme hdmgefunden haben. Wage es niemand, zu sagen, 
daB wir den Klassenhag in das Judentum hineingetrt^en, wenn wir 
uns der Schwachen unter unseren Brüdern annahmen. In unseren 
Reihen stehen Minner genug, die weder „Pn^etarier" noch UmstÖrder, 
noch Tollköpfe sind. Die Sache, der wir dienen, ist groß und schön, 



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Urkfffiden izi 

ein Werk des Friedens, die versöhnende Lösung der Judenfrage. Ein 
Gedanke, wohl geugnet, ecflere Menschen — sie seien Christen, Mo» 
hamniedaner oder Israeliten — zu begeistern. 

Wir möchten, um es mit den unseren Freunden schon vertrauten 
Worten zu sagen: 

Bne völkerrechtlich gesicherte Heimstätte schaffen für diejenigen 
luden, die sich an ihren jetzigen Wohnorten nicht assimilieren können 
oder wollen. 

Unter der Zionsfahne finden wir uns zusammen. Blicken wir aber 
auch nach einem fernen Ziele, so dürfen und werden wir doch den 
heutigen Zuständen der luden unsere Aufmerksamkeit nicht entziehen. 
„Die Welt" sdl dem jüdischen Volk eine Wehr und Waffe stin, und 
zwar eine rdne Waffe. Gegen wen? Gegen seine Feinde — ohne Unter> 
schied der Konfession. 

Man erwarte dabei nicht, dag wir zur Sprache des Pöbels hinab» 
steigen, oder daB wir alles verherHichen werden, was |uden tun und 
lassen. Eine redliche, ernste Selbstkritik muß dem Judentum ersprie§lich 
sein, und die wollen wir üben, mögen auch manche darüber wehklagen, 
da§ es „In dieser Zeit" geschieht. 

Eine der schwersten Folgen des Antisemitismus war es, dag „in 
dieser Zeit" gewisse Leute eine Art von Straflosigkeit genossen. Was 
die Judenfresser von ihnen sagten, galt natürhch als wüste Übertreibung, 
und die anständigen Juden Raubten zu allem schweigen zu müssen. 
Daraus konnte eine Solidarhaftung aller für die Mied^trSchtigkdten 
einzelner durch unsere Gegna" konstruiert werden. Und gerade die 
Minderwertigen unter den Juden hatten eine Deckung an unseren 
Feinden, indes unsere Besseren in ihrem Ehrgefühl tief beleidigt wurden. 

Die neue nationaljüdische Bewegung will auch darin Wandel schaffen. 
Von unseren Universitäten ist diese Bewegung vor fünfzehn Jahren 
ausgegangen, und es ist ihr ein Glanz von Idealen geblieben, selbst 
wenn sie nun seit Jahr und Tag in das praktische Leben hinausgetreten 



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122 t/rj^umlen 

Est und mit dessen Bedingungen rechnet. Wie viele törichte Vorstdlungen 
sind über unser wiedergeborenes Natlonaljudentum verbreitet! „Die 
Wdt" wird sie zerstreuen. Man schilt uns durcheinander RealitionSre 
und Revolutionare, wo wir doch nur einen maßvollen gesunden Fort> 
schritt wünschen. Wir hängen mit unserem Gemüt am Alten, das ist 
wahr, wir lieben die schöne kämpf» and leidensvolle Vergangenheit 
unseres Volkes; aber wir wollen doch nicht in irgendeine Enge des 
Geistes zurück. Es ist nur die Aufgabe der Dichtung und Geschichts- 
schreibung, die wir nach Maßgabe des Raumes in der Zdtung pflegen 
werden, uns von den einstigen Zuständen zu berichten. 

Solche Erinnerungen gehören uns allein, die Schönhdt der Hoffnungen 
aberteilen wir mit allen Menschen. „In dieser Zeit" des erneuten Juden- 
jammers gehen auch gar herrliche Dinge in der Welt vor. Die Natur- 
kräfte werden bewältigt, die Kultur erobert sich rastlos neue Gebiete, 
aus dem Verkehr der Völker entwickeln sich mildere Sitten, und dne 
tiefe Sehnsucht nach sozialen Reformen bewegt neben den Ärmsten 
auch die Besten. Die junge Männlichkeit des National Judentums nimmt 
teil an allen diesen Arbdten und Bestrebungen — nicht etwa zum 
egoistischen Vorteil unseres Volkes allan, sondern auch zum Wohle 
anderer Menschen. Das wird sich in unserer Zdtung ebenfalls erkennen 
lassen. 

Und zwischen Erinnerung und Hoffnung steht unsere Tat. Auf Er- 
forschung der Zustände, Erkenntnis der politischen Weltlage und Ver- 
einigung aller Kräfte gründet sich unser Werk. 

„Die Welt' wird das Organ der Männer sdn, die das Judentum aus 
dieser Zeit hinauf in bessere Zeiten führen wollen. 

Wien, den j. Juni 1897. 



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' D,y,i,z„itA^.oogle 



^-•JUt^ , - . '^'^*'-*— »c^;,^ 




Faksimile eines an den Verfasser gerichteten Schreibens, das das Material 

für den Artikel „Heril" in Meyers KonverutionsleKikon liefern soUte. 

im Besitz des Adressaten. 



;„COO<^IC 



NAMEN- UND SACHREGISTER 



Abdul Hamid II. 42, 48, 62, 67, 66, 
■ 67, 85, 104. 
Achad Haam 71- 
Adler, Chief Rabbi 74. 
Adresse der österreichischen Aka< 

demiker 115. 
Adresse der Palästinenser ti6. 
Albia 17. 

Alliance Israelite 55. 
AlUNeuland 5!ff. 
Amerikan. Rabblncrkonferenz j8. 
Ang-Io-Palestine Co. 68. 
Antisemitismus löff., 19, 
Argentinien x^, 30. 
Auerbach, Rabbiner j-j. 
Autoemansipation 29. 
Autonomie in der Türkei 72. 

Bambus 28, 72, 36, 40, 47, ;;, 54, 

98, 101, .19. 
Banich ^9. 

Baseler Programm 40, 47, 67. 
Beck (Hausarzt) 17. 
Belkowsky z8, 81. 
Benjamin Seif (Pseudonym Herzls) 

Ben fehuda 117. 
Berliner, Dr. A. 54. 
Bierer 30. 
Birnbaum 28, 40. 

Bodenbeimer 33, 39, 40, 43, 44, 
48, 119- 



Brainin 2S. 
Brück 81. 
Buber 106. 
Budapest 10, 16. 
Bulgarien 62. 
Bfilow 48. 

Carnegie 64. 
Chamberlain 77, 83. 
Charkower 27, 81 , 82, 86ff. 
Charter 53, 54, 60, Ö2, 63, 68, 84, 

— für BritischJDstafrika 77, 84. 
Chowewe Zion 27, 31, 33, 33, 36, 

Conen, Gustav G. 30, 31, 39, 42. 45, 

45. 95- 
Cohn, Ephraim 117. 
„Dr. Cohn" (Nordaus) 52. 
ColUn-BemouIli 37. 
Correspondence de l'Est 46. 
Cowen 60, 78. 
Cromer 67, 68. 
Cypemprojekt 54. 

„Das neue Ghetto" (Schauspiel) 14, 

S5, 56. 
„Der Konfrefi" (Artikel von Herzl) 
' 15- 
Deutscher Kaiser s. Wilhelm II. 
Diamant, Jeanette ( Herzl s Mutter) 1 1 , 
Dori (Kosename fUr Theodor) 11. 



Digitized^yGOOglC 



Namtn- und Sachtgäter 



Dornbusch 26. 
Dreyfug^ffSre 14, 15, 20. 
Dürin; 17. 

Edlach 88. 

EhrenpT^s 28, ^2, jj, 39. 

El Arisch 67, 78. 

Eo|:l. Parlamentarier and der Zionis- 

mns 61. 
Enslish Zionlst Federation 61. 
Eroberung der Kultus-Gonelndcn 

47- 

Pcttllletons (Herzls) 14. 
Franzensbad 88. ' 

Friedemann (Im Text als „Verfasser" 
bezeichnet) 11, 20, 7j, 68, 7f, 88. 

Gaater 39, 60, 82. 
Gemelndewahien (Zlonisten in) 62. 
Geulah 77. 

Goldberg, I. A. 41, 81. 
Goldsmith 31, 32, 44, 67, 
Greenber; 67, 68, 77, 78, 86. 
Groß 32, 117, 
Großbank, Jadiache 42. 
Grogher2ogr Friedrich von Baden 49, 

J4, 80. 
Grohkolonlsatlon 32. 
Gfidemann 34, 35. 
Guttmann 37. 
de Haas 44. 

Hansel (Hans HerzI) >2. 
Hartwig 6g, 71. 
Hechler 38. 
Helmstiltte 40. 
Herzl 

Begribnls 91. 

in Berlin 44. 

Briefe 9; — 110. 

Charakter it, 16, 20, 34, $0, ji, 
74. 90- 



Dramatiker 13, 14. 

FeulUetonist 14. 

jQdische Er2iehanK 18, 19. 

Krankheit 88. 

\a London 50, 52, 6;. 68. 

in Paris 14. 

Politik 72, 7S. 

Rechtspraktikant 12. 

Rede vor den Wiener Kavfieuten 

Rede' in der „Wiener Union" 32- 
Tod 00. 

VerhSltnis znr Assimilation 41. 
Verbiltnis zo den EnsUndern 13, 

VerntUnis zu den Franzosen 13- 
Verhältnis znr hebr. Sprache 26. 
VerhSltnis zu Palistina 17, 20, z;, 

Ver^ltais zu Rugland 69ff. 

Verhältnis z. Vatikan 8z. 
Herzl, Hans (Sohn) 108, 110. 
Herzl, Jacob (Vater) 11, 66. 
Herzl, Jeanette (Mutter) 18. 
Herzl, Julie (Gattin) tio. 
Herzl, Label (Vorfahre) 10. 
Herzl, Panline (Schwester) 11, 12. 
Herzl, Simon LOw (Großvater) 11. 
Herzl, Trudel (Tochter) 110. 
Heymann 52. 

Hildeshelmer 33, 56, 100, 119. 
Hill 77. 

Hirsch, Baron 9, 23, 2S, 43. 
Hirsch, Baronin 43. 



Hirsch, Dr. , 
Hochbank, IQdlsctte ^2. 
,,Hoch die Juden" 40. 



norowltz 37. 

Ica 65, 7*. «Of- 
Infiltration 32. 
Italien, Kfinig von 8z. 



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