Skip to main content

Full text of "Das Mühlengewerbe in Baden und in der Rheinpfalz .."

See other formats


This is a digital copy of a book that was preserved for generations on library shelves before it was carefully scanned by Google as part of a project 
to make the world's books discoverable online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 
to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 
are our gateways to the past, representing a wealth of history, culture and knowledge that 's often difficult to discover. 

Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear in this file - a reminder of this book's long journey from the 
publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prevent abuse by commercial parties, including placing technical restrictions on automated querying. 

We also ask that you: 

+ Make non-commercial use of the file s We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machine 
translation, optical character recognition or other areas where access to a large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attribution The Google "watermark" you see on each file is essential for informing people about this project and helping them find 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are responsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can't off er guidance on whether any specific use of 
any specific book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search means it can be used in any manner 
any where in the world. Copyright infringement liability can be quite severe. 

About Google Book Search 

Google's mission is to organize the world's Information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers 
discover the world's books white helping authors and publishers reach new audiences. You can search through the füll text of this book on the web 



at |http : //books . google . com/ 



HO 



IC-MRLP 

ililiilllililiililllll 



LIBRARY 

OP THE 

University of California, 

HECEIVED BY EXCHANGE 



Class 



r 



Volkswirtschaftliche Abhandlungen 
der Badischen Hochschulen 

herausgegeben von 

Carl Johannes Fuchs, Eberhard Gothein, 
Karl Rathgen, Gerhard von Schulze-Gävernitz. 

IX. Band.' 4. Heft. 



Das Mühlengewerbe 

in Baden und in der Rheinpfalz 

Inaugural-Dissertation 
zur Erlangung der akademischen Doktorwürde 

einer Hohen 

Philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg 

vorgelegt von 

Max Fromm 

von Kreuznach 



Karlsruhe 
Druck und Verlag der G. Braunschen Hofbuchdruckerei 

1907. 

Digitized by 



Google 






Angenommen von der philosophischen Fakultät Heidelberg. 
Referent: Geh. Hofrat Prof. Dr. Eberhard Gothein. 



Digitized by 



Google 



-'; 



Vorwort. 



Der Gedanke, das Mühlengewerbe in Baden und in der 
Rheinpfalz zum Gegenstand einer eingehenden Untersuchung zu 
machen, ging aus dem Wunsche hervor, zu zeigen, wie sich hier 
in typischer Weise die Entwicklung zum Großbetriebe im Ge- 
treidemühlengewerbe vollzogen hat. 

Die folgende Studie soll darstellen, daß der rapide Auf- 
schwung unserer Handelsmüllerei keine unnatürliche und des- 
halb volkswirtschaftlich schädliche Erscheinung ist, sondern die 
notwendige Folge der natürlichen Verhältnisse und der wirtschaft- 
lichen Entwicklung des badischen und pfälzischen Landes. 

In der Gegenwart, wo die Lage des Mühlengewerbes mehr 
als je die Parlamente und Presse beschäftigt, ist vor allem eine 
sichere Kenntnis der wirklichen Verhältnisse dieses Gewerbes 
vonnöten. 

Die badische Regierung war wohl die erste in Deutsch- 
land, die über das Mühlengewerbe eine Erhebung im Jahre 1901 
veranstaltet hat. Die Ergebnisse dieser Enquete sind in der vor- 
liegenden Arbeit verwertet. 

Wenn ich das Mühlengewerbe in der Rheinpfalz, das vor- 
nehmlich wegen der Ludwigshafener Walzmühle in diese Unter- 
suchung einbezogen wurde, nicht eingehender, als es geschehen, 
behandeln konnte, so lag das daran, dsiß ich bei den pfälzischen 
Müllerverbänden nur ganz geringes Entgegenkommen fand; ich 
war daher, außer den amtlichen statistischen Veröffentlichungen, 
lediglich auf das spärliche Material, das in den Handelskammer- 
berichten und Fachzeitschriften enthalten ist, angewiesen. 

228188 

Digitized by VjOOQ IC 



Die Anregung zu dieser Arbeit erhielt ich von Herrn Geh. 
Hofrat Professor Gothein in Heidelberg, dem ich auch an dieser 
Stelle für die freundliche Unterstützung meinen herzlichen Dank 
ausspreche. 

Ganz besonderen Dank schulde ich dem Großh. Ministerium 
des Innern, das mir die Benützung der Materialien der Erhebung 
von iQoi bereitwilligst gestattete. 

Ferner danke ich der Generaldirektion der Großh. Badischen 
Staatseisenbahnen und dem Großh. Statistischen Landesamt, die 
mir ihre Bibliotheken für meine Studien zugänglich machten; 
zum Dank bin ich auch den Herren Oberregierungsräten Dr. Bitt- 
mann und Dr. Lange und Herrn Regierungsrat Dr. Hecht für 
die mir gütigst erteilten Ratschläge verpflichtet. Für die Über- 
lassung von Fachzeitschriften und für die ausführlichen Auskünfte 
habe ich vor allem Herrn Mühlenbesitzer Gierich in Ettlingen 
und Herrn Ludwig Seel in Heidelberg zu danken. Sehr umfang- 
reiches Material verdanke ich Herrn Direktor Artmann in Lud- 
wigshafen. 

Zum Schluß danke ich all den Mühlenbesitzern, die mir ihre 
Betriebe gezeigt und mich durch Rat und Tat unterstützten. 

Wertheim am Main, im Februar 1907. 

Max Fromm. 



Digitized by 



Google 



Inhaltsverzeichnis. 



Kapitel I. 

Geschichtliche Entwicklung des badisch-rheinpfälzischen Mühlengewerbes. 

Seite 

A. Das badisch-rheinpfälzische Mühlengewerbe im Mittelalter i 

B. Das badisch-rheinpfälzische Mühlengewerbe am Ausgange des i8. Jahrhunderts 
bis etwa 1840. 

a. Die Entstehung des Mehlhandels 2 

b. Die Lage und Technik des Mühlengewerbes am Ausgang des 18. Jahr- 
hunderts 3 

c. Die Neue badische Mühlenordnung 8 

C. Die badisch-rheinpfälzische Mühlenindustrie von 184O — 1870. 

I. Die Entstehung und Ausbildung der Handelsmüllerei. 

1. Die Einführimg der Dampf kraft in die badisch-rheinpfälzische Mühlen- 
industrie 12 

2. Die Erweiterung des äußeren und inneren Marktes. Der Mehlexport 

und Mehlimport 16 

3. Der Einfluß der veränderten Verhältnisse auf die Lohnmüllerei. Die 
Tauschmüllerei 18 

4. Umgestaltung der Art und Weise des Rohstoff bezuges 19 

IL Die Ergebnisse der statistischen Aufnahmen von 1829, 1847 und 1861 20 

D. Die badisch-rheinpfälzische Mühlenindustrie vom Beginn der siebziger Jahre 
bis zur Neuzeit. 

1. Die Einwirkung der Mühlentechnik 24 

2. Die Entwicklung der Mühlenindustrie nach der Gewerbezählung von 1875 25 

3. Die Bedeutung der internationalen Konkurrenz für die badisch-rhein- 
pfälzische Mühlenindustrie 28 

4. Die Schutzzoilgesetzgebung von 1879 ^^s 1891 und die badisch-rhein- 
pfälzische Mühlenindustrie 30 

5. Der Staffeltarif für Getreide und Mühlenfabrikate von 1891 — 1894 und 
seine Wirkungen auf die badisch-rheinpfälzische Mühlenindustrie ... 34 

6. Die Aufhebung des Identitätsnachweises für Getreide 38 

7. Der zollfreie Grenzverkehr und das Vormerkverfahren an der badisch- 
schweizerischen Grenze 40 

8. Das Mühlenregulativ vom 4. Juli 1899 und die Stellung der badisch- 
rheinpfälzischen Mühlenindustrie zum neuen Zolltarif 42 



Digitized by 



Google 



Kapitel II. 

Die badisch-rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. 

Seite 

A. Einleitung: Die Quellen der Untersuchung. Die badische Produktionsstatistik 

von 1901 45 

B. Die Ergebnisse der Gewerbestatistik von 1882 und 1895 47 

C. Die badisch>rheinpfälzischen Kundenmühlen. 

I. Die Existenzbedingungen der Kundenmüllerei 55 

U. Der Geschäftsbetrieb in den badischen Kundenmühlen. 

1. Der Verkehr mit den Kunden 62 

2. Das Mahlverfahren 62 

3. Die Triebkräfte in den Kundenmühlen 66 

4. Die Mahllohnfrage 68 

in. Die charakteristischen Merkmale der badischen Kundenmühlen. 

a. Der Betriebsumfang gemessen an der Zahl der beschäftigten Personen 73 

b. Der Nebenerwerb in den badischen Kundenmühlen 75 

c. Die Produktivkraft der badischen Kundenmühlen 79 

d. Die Rentabilität der Kundenmühlen in Einzeldarstellungen .... 82 
IV. Die badische Kundenmüllerei und die Landwirtschaft 87 

D. Die badisch- rheinpfälzischen Handelsmühlen. 

I. Einleitung: Das Wesen der Handelsmüllerei 90 

II. Die Existenzbedingungen der badisch-rhein pfälzischen Handelsmüllerei . 91 

III. Die charakteristischen Merkmale der badischen Handelsmüllerei. 

1. Zahl der beschäftigten Arbeiter 93 

2. Die Verbindung mit andern Gewerbezweigen 94 

3. Die Produktivkraft der badischen Handelsmühlen 95 

IV. Die ökonomische Lage und volkswirtschaftliche Bedeutung der badischen 
Handelsmühlen. 

a. Die Kleinbetriebe 97 

b. Die Mittelbetriebe lOi 

c. Die Großbetriebe. 

1. Die Entstehung der badisch-pfälzischen Großmühlen 104 

2. Die Produktions- und Absatzverhältnisse der badisch-pfälzischen 
Großmühlen 106 

3. Die wirtschaftliche Überlegenheit der badisch-rheinpfälzischen Groß- 
mühlen. 

A. Die P'rage des Rohstoffbezuges 122 

B. Die Frage der Absatzgestaltung. 

a. Die gleiche Tarifierung von Getreide und Mehl . . . . 129 

b. Die Organisation des Mehlabsatzes 141 

Schluß: Ergebnisse 146 

Anhang 153 



Digitized by 



Google 



DAS MÜHLENGEWERBE 

in Baden und in der Rheinpfalz 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 



Kapitel I. 

Geschichtliche Entwicklung des badisch- 
rheinpfälzischen Mühlengewerbes. 

A. Das badiseh-rheinpfälzisehe Mühlengewerbe 
im Mittelalter. 

Die Wirtschaftspolitik des Mittelalters hatte die Müllerei wie 
alle andern Nahrungsmittelgewerbe im Interesse der Konsumenten 
d^r schärfsten Beaufsichtigung unterworfen. Der Müller wurde 
aus einem selbständigen Gewerbetreibenden zu einer Art von 
Beamten oder Taglöhner umgewandelt; zum großen Teil sind 
die Müller nie selbständige Handwerker, die auf ihrem Grund 
und Boden ihr Gewerbe betrieben, sondern Pächter, Erblehens- 
leute gewesen.^ Das Recht, eine Mühle zu errichten, hat ursprüng- 
lich zum freien Grundeigentum gehört; es ist aber frühzeitig zu 
einem Hoheitsrechte geworden. 

Seit dem 12. Jahrhundert hatte sich an allen schiff- und 
flößbaren Strömen ein Mühlenregal des Reiches entwickelt, das 
dann den Landesherrn und Städten übertragen wurde.^ Die 
weitere Entwicklung führte auf dem platten Lande zum Mühlen- 
bann, zum Mahlzwang.3 Hand in Hand damit ging das Verbot 
der Mehleinfuhr und des Mehlverkauf es.4 So war denn die 
Betriebsform unseres Gewerbes die »Lohnmüllerei«, die dem 
naturalwirtschaftlichen Gepräge der Wirtschaftsverfassung auch 
entsprach. Der Bauer brachte seine ausgedroschene Frucht in 
einem Quantum von 2, 4, 6 Malter nach der Mühle zur Vermah- 



1 Gothein, Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes, 1892, Bd. I, S. 38, 357, 
360, 493, 495, 515- 

2 Rosenthal, Abhandlung »Mühlenrecht« im »Handwörterbuch der Staats- 
wissenschaften«. 

3 Gothein, a. a. O. S. 236, 493. 

4 Gothein, a. a. O. S. 480, 495^, 496. 

Fromm, Das Mühlengewerbe in Baden und in der Rheinpfalz. I 



Digitized by 



Google 



2 .;•• : :/: •!::':*!• ' •* XapiVei i. 

lung, und als Vergütung für das Zerkleinern des Korns zu Mehl 
erhielt der Müller den sogenannten »Multer« d. h. eine bestimmte 
Quote der zu vermählenden Frucht. 

Die Müller waren in Zünften organisiert, die sich oft über 
verschiedene Ortschaften und Herrschaften erstreckten.' 



B. Das badiseh-rheinpfälzisehe Mühlengewerbe am Ausgange 
des 18. Jahrhunderts bis etwa 1840. 

a. Die Entstehung des Mehlhandels. 

Wenn sich diese Grundlagen der Gewerbeverfassung auch 
bis in das 19. Jahrhundert hinein erhielten, so machte sich doch 
bereits im 18. Jeihrhundert, im Zeitalter des territorialen Fürsten- 
tums, eine freiheitlichere Gestaltung des Gewerberechts geltend. 
Die Entwicklung findet vor allem ihren Ausdruck in der (wenn 
auch in mancher Hinsicht eingeschränkten) Erlaubnis des Mehl- 
handels für den Müller. Die badischen Zunftartikel des Müller- 
handwerkes aus dem Jahre 1770 bestimmen in § 15: »Wollten 
die Müller Mehl verkaufen, so sind sie gehalten, solches in dem 
Preis hinzugeben, der in der Brot- und Hausordnung festgesetzt 
ist.« Damit war die rechtliche Basis für den Mehlhandel gegeben. 
Seine Entstehung ist in der Pfalz auf den sogenannten »Schleich- 
handel« zurückzuführen .2 

Da die im Verhältnis zur Bevölkerung sehr zeihlreichen 
Mühlen einen bestimmten personalen Kundenkreis besaßen, so 
gab es immer eine Zeit, wo die Müller nicht so viel Lohnarbeit 
hatten, um ihr Mühlwerk voll ausnützen zu können. Zu diesem 
Zwecke fuhren sie nun in den nächsten Ortschaften herum, teils 
Arbeit suchend, hauptsächlich aber Frucht einhandelnd, »um das 
daraus gewonnene Mehl nebst den bei günstigem Geschäftsgang 
oft stark über den Selbstverbrauch sich anhäufenden Multer- 
quantitäten mit Profit zu verkaufen«. 

Die Erlaubnis des Mehlhandels berechtigt aber keineswegs 
zu dem Schluß, daß nun auch die Müller im ganzen Lande in 
großem Umfange von dieser Gelegenheit Gebrauch gemacht 



J Gothein, a. a. O. S. 2i. 

2 W. Borgius, Mannheim und die Entwicklung des sttd- westdeutschen 
Getreidehandels, 1899, Bd. I, S. 5. 



Digitized by 



Google 



Geschichtliche Entwicklung des badisch-rheinpfälzischen Mühlengewerbes. ^ 

hätten, denn es fehlte dazu das Absatzgebiet: der Charakter dieser 
Wirtschaftsperiode war, wie schon erwähnt, ein naturalwirtschaft- 
licher; die ländliche Wirtschaft war Produktions- und Konsum- 
tionswirtschaft zugleich. 

Bevor wir aber auf die Bedeutung dieses Handels eingehen, 
wollen wir einen kurzen Blick werfen auf 



b. Die Lage und Technik des Mahlengewerbes am Ausgang 
des i8. Jahrhunderts. 

Die Mühlen jener Zeit waren fast ausschließlich Wasser- 
mühlen. Villingen ist einer der ersten Orte im Schwarzwalde 
gewesen, in denen diese Art von Mühlen zur Geltung gekommen 
ist.^ »An den zahlreichen Bächen und Flüssen des Landes lagen 
dicht hintereinander zahlreiche Mühlwerke, es werden 20—30 
innerhalb 5 Wegstunden schätzungsweise angegeben«, schreibt 
Borgius von der damaligen Pfalz.^ Ebenso wies auch der Schwarz- 
wald mit seinem Wasserreichtum auf diese Ausnützung der Wasser- 
kräfte hin. Roßmühlen mit Göpelwerk und kleine Schiffsmühlen 
auf dem Rhein hatten niederländische Ingenieure in Mannheim 
angelegt. 3 

Was die Größe der damaligen Wassermühlen angeht, so 
hatten sie im allgemeinen zwei Mahlgänge und einen Schälgang, 
dazu kam noch ein Beuteltuch zum Sichten der gemahlenen 
Frucht. Das Mahlverfahren war die damals in ganz Deutschland 
gebräuchliche sogenannte »Flachmüllerei«. Das notdürftig gereinigte 
Getreide wurde gewaschen oder angefeuchtet, auf den Mahlgang 
geschüttet und das Mahlgut durch Ausbeuteln in seine Teile 
gesichtet. Die Steine waren dabei eng und flach aneinander- 
gestellt.4 Die Meihl- und Backproben, die vorschriftsgemäß all- 
jährlich nach der Ernte von den Amtleuten zur Kontrolle der 
Müller aufgenommen wurden, geben uns Aufschluß über die 
Resultate des damaligen Mahlprozesses. So hatte eine solche 



» Gothein a. a. O. S. 88. 
2 Borgius a. a. O. S. 5. 

5 Gothein, »Mannheim im I. Jahrhundert seines Bestdiensc in der »Zeitschrift 
für die Greschichte des Oberrheins«, 1889, S. 192. 

4 Pappenheim, Lehrbuch der Müllerei, 1903, S. 483. 



Digitized by 



Google 



A Kapitel I. 

Probe in Durlach aus dem Jahre 17 13 bei Weizen folgendes 
Ergebnis:' 

Weißmehl .... 40% 

Schwarzmehl . . . 50% 

Kleie und Abgang 10% 

1 00^/0 

Ein Vergleich mit dem Ausbeuteverhältnis bei der Weizen- 
flachmüllerei der Gegenwart ergibt eine bedeutend höhere Anteil- 
ziffer von Kleie und Abgang als bei jener alten Flachmüllerei. 
Neben dieser primitiven Mahlweise war nun in der Pfalz und 
den angrenzenden Teilen Badens am Ausgang des 18. Jahrhunderts 
ein anderes Mahlverfahren verbreitet, die sogenannte xmouture 
economique«.2 Wie schon der Name sagt, stammt dieses Ver- 
fahren von den Franzosen, war aber nach Beckmanns schon 
den Römern nicht unbekannt. »Es besteht darin, daß man den 
Weizen nicht auf einmal so klein mahlet, als man ihn haben will, 
sondern daß man Schrot und Mehl öfter (Hahn berichtet von 
3 Griesgängen) wieder aufschüttet und durch verschiedene Beutel 
siebet.« Die mouture economique zeigte bereits die ersten An- 
fänge der durch die Wiener Müller so berühmt gewordenen 
GriesmüUerei, der dieselbe Idee wie der Hochmüllerei zugrunde 
liegt.4 

Die Erzeugnisse dieses verbesserten Mahlverfahrens ver- 
anschaulichen folgende Mahlproben 5 aus den achtziger Jahren 
des vorvorigen Jahrhunderts; 



Weizen: 




Mehl erster Sorte 


19% 


Mehl zweiter Sorte 


50% 


Mehl dritter Sorte 


7% 


Nachmehl . . . 


8% 


Kleie 


13% 


Abgang .... 


3% 




100% 



Roggen : 



84^0 



Mehl . 
Kleie . 
Abgang 



86 7o 

II ^/o 

100% 



1 Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins, 1861, S. 283. 

2 Hahn, Mühlenpraktika, 1790, S. 55. 

3 Beckmann, Beiträge zur Geschichte der Erfindungen, 1788, Bd. II, S. 46 ff. 

4 Pappenheim, a. a. O. S. 10. 

5 Hahn, a. a. O. S. 159. 



Digitized by 



Google 



Geschichüiche Entwicklung des badisch-rheinpfälzischen Mühlengewerbes. c 

Wenn wir dieses Ausbeuteverhältnis mit den heutigen durch- 
schnittlichen Ausbeuteziffern von 75% bei Weizen und 65% 
bei Roggen vergleichen, so wurde damals auf Kosten der Quali- 
tät des Mehles ca. 10 ^/c mehr Mehl gezogen als in der Gegen- 
wart. 

Die Produktivkraft einer Wassermühle mit 2 Mahlgängen 
und einem Schälgang gibt Hahn^ pro Tag und Mahlgang auf 
900 Pfund an. Auf einen Schälgang rechnet er 450 Pfund, so 
daß die Mühle in 290 Arbeitstagen 652 500 Pfund Mehl und 
315 000 Pfund Schrot, zusammen 967 500 Pfund produziert. Nimmt 
man den 16. Teil der Frucht als Mahllohn, so ergibt derselbe 
jährlich 60468 Pfund oder in Geld 18 15 fl. (das Malter durch- 
schnittlich zu 3 fl. gerechnet). Wenn man dann den Futterwert des 
Abgangs und der Spreu auf 155 fl. schätzt, beträgt der jährliche 
Verdienst des Müllers 1970 fl. Die Unkosten samt einer Ver- 
zinsung des Anlage- und Betriebskapitales von 2400 fl. mit 5 % 
ergeben 806 fl., so daß wir schließlich einen Reingewinn von 
1 1 64 f 1. erhalten, also einen Tagesverdienst von über 3 f 1. täglich. 
Mögen nun auch nicht alle Müller einen solchen Verdienst gehabt 
haben, so war doch das Einkommen im Vergleich zu andern 
Handwerkern sehr hoch.^ 

Der Mahllohn war, unabhängig von den mehr oder weniger 
schwankenden Getreidepreisen, teils durch allgemeine Landes- 
ordnungen, teils durch das Herkommen festgelegt.3 So setzten 
die Zunftartikel des Müllerhand werkes (1770) ihn auf den 16. Teil 
der Frucht fest; in der Pfalz betrug er in manchen Gebieten 
auch den 12. Teil, und er hat sich bei einer großen Zahl von 
Kundenmühlen bis auf den heutigen Tag auf dieser Höhe 
erhalten. 

Die Besitzverhältnisse hatten in dieser Zeit keine Änderung 
erfahren. Die meisten Mühlen, vor allem die der Pfalz, waren 
Pacht- und Erbbestandsmühlen. 

Während mit dem Übergang der Pfalz unter französische 
Herrschaft im Jahre 1801 die Gewerbefreiheit in diese Lande 



» Hahn, a. a. O. S. 58 ff. 

2 Hahn, a. a. O. S. 55, gibt für Hammerschmiede, Steinhauer, Zimmerleute 
einen Tagesverdienst von ca. i fl. an. 

3 Gerstlacher*s Sammlung aller Baden-Durlachischen Verordnungen, 1774, 
Bd. 3, S. 253. 



Digitized by 



Google 



5 Kapitel I. 

ihren Einzug hielt, die nun alle Zwangs- und Bannrechte hinweg- 
fegte, blieb in Baden die alte Gewerbeverfassung bestehen. Wir 
dürfen aber die Bedeutung dieser Rechte nicht überschätzen. Die 
Banngerechtigkeit war zwar im Landrecht in den Artikeln 
710ha bis hh geregelt, aber tatsächlich gab es in Baden doch 
nur noch Reste der ehemaligen Bannrechte; sie sind in den 
meisten, namentlich in den gesegneteren Gegenden des Landes 
verschwunden und vergessen, so im Breisgau und den vormaligen 
österreichischen Landen. ' Allein von einem Zustand freien Wett- 
bewerbes war man noch weit entfernt; immer noch bestanden 
die alten Bestimmungen über die Höhe des Mahllohnes, über die 
Lieferung des Mehles und der Kleie zu Recht. ^ 

Das Haupthindernis einer kräftigen Entwicklung, das Ver- 
bot des Mehlhandels, war jedoch im wesentlichen hinweggeräumt; 
den Vorteil davon hatten vor allem die Pfalz und die angrenzen- 
den Gebiete des Oberrheins. Hier vereinigte sich die natürliche 
Fruchtbarkeit des Bodens des platten Landes mit den denkbar 
günstigsten Verkehrsverhältnissen, um den landwirtschaftlichen 
Export zu fördern. 3 Da finden wir denn auch schon zu Ende 
des 19. Jahrhunderts die Anfänge kapitalistischer Wirtschaft in 
dem Mühlengewerbe. Der »Schleichhandel« hatte, wie oben dar- 
gelegt, die Produktion auf Vorrat zur Folge; dieser Mehlvorrat 
wurde nun teils in die umliegenden größeren Städte und Dörfer 
auf die »Mehl wage«, teils aber auch von dem Export- und Han- 
delshafen der Pfalz, Mannheim, nach dem Ausland, nach den 
Niederlanden und in die Schweiz, geschickt. Wenn auch Angaben 
über die Höhe der Mehlausfuhr nicht vorhanden sind, soviel ist 
jedenfalls sicher, daß sie auch für jene Zeiten nicht besonders 
groß gewesen ist. Ich schließe das aus der Tatsache, daß in den 
sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts die drei in Mannheim vor- 
handenen Schiffsmühlen mit neun Gängen wegen Wassermangels 
und Eisgangs nicht einmal den immer mehr wachsenden Bedarf 
des städtischen Marktes zu decken vermochten. 4 Deshalb wurde 
dann auch im Jahre 1777 ^^^ Anregung des Stadtdirektors Clignet 



1 Blätter für Justiz und Verwaltung im Großherzogtum Baden, 1841, 

s. 315 «. 

2 Gerstlacher, a. a. O. S. 241 ff. 

3 Borgius, a. a. O. S. 5 ff. 

4 Borgius, a. a. O. S. 52, 57. 



Digitized by 



Google 



Geschichtliche Entwicklung des badisch-rheinpfälzischen Mühlengewerbes. n 

auf dem Rheinhauser Hofgut eine große holländische Bockwind- 
mühle von einem holländischen Müller errichtet.' 

Zwei Momente waren es in der Folgezeit, die auf die bereits 
angedeutete Entwicklung der Lohnmüllerei zur Handelsmüllerei 
in der Pfalz einwirkten. Einmal erfolgte jetzt die Regelung der 
Rheinschiffahrt in der Form der sogenannten »Rang- oder Beurt- 
schiffahrt«, die einen regelmäßigen und rationellen Verkehr 
zwischen den nächstgelegenen Stapelplätzen am Rhein und Neckar 
ermöglichte, dann führte die Organisation des pfälzischen Getreide- 
handels zur Schaffung eines Fruchtmarktes in Mannheim. ^ Die 
Folge davon war die Verselbständigung und kapitalistische Um- 
gestaltung der Lohngewerbe, die Getreide als Rohmaterial be- 
arbeiten. In der Lokalisierung des Getreideverkehrs in der Stadt 
lag notwendig die Tendenz zur Zentralisation des Mühlengewerbes 
in Mannheim. Sie kam zum Ausdruck in der Anlage einer 
leistungsfähigeren, größeren Windmühle neben den drei kleinen 
Betrieben, die den Markt nicht beherrschen konnten. Nun machte 
sich die dem Kapital innewohnende Konzentrationstendenz gel- 
tend: mit großem Geldaufwande kaufte der Windmüller die 
kleineren Mühlen auf, um allein die Versorgung des städtischen 
Marktes zu erwerben, aber der Rat der Stadt stellte sich auf den 
Standpunkt der Gewerbefreiheit, so daß der Windmüller ein Bann- 
recht, ein rechtliches Monopol, nicht erhielt. Er konnte auf diese 
Weise das Wiederentstehen zahlreicher kleiner Wind- und Roß- 
mühlen in der Umgebung nicht verhindern, die nun in einen 
starken Wettbewerb mit ihm traten. 3 

Einer Expansion des Mühlengewerbes durch Gründung zahl- 
reicher Schiffs- und Windmühlen in Mannheim begegnen wir be- 
sonders in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts wieder. 4 

In den übrigen Teilen des Landes haben sich kaum Ver- 
änderungen in der Art des Betriebes und des Absatzes vollzogen. 
Die Lohnmüllerei war die herrschende Betriebsform, standen doch 
dem Übergang zur Handelsmüllerei rechtliche und wirtschaftliche 
Hindernisse entgegen. Die Bestimmung, daß der Meihllohn in 



1 Schon im Jahre 1393 ließ die Stadt Speyer durch einen holländischen Wind- 
müller eine Windmühle errichten. 

2 Borgius, a. a. O. S. 61. 

3 Gothein in der »Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins«, 1889, S. 193. 

4 Borgius, a. a. O. S. 133. 



Digitized by 



Google 



8 Kapitel I. 

natura bezcihlt werden müsse, war noch in Geltung, die Bann- 
rechte bestanden, wenigstens formal, noch zu Recht. Die bäuer- 
liche Wirtschaft steckte noch ganz in der Form der Eigenpro- 
duktion, so daß ein größeres Absatzgebiet, die notwendige Vor- 
aussetzung jeder Handelsmüllerei, fehlte, und einen Export ver- 
hinderten die kleinstaatlichen Grenzzölle. 



C. Die Neue badisehe Mühlenordnung. 

Den x\nstoß zur Weiterentwicklung gab die »Neue badische 
Mühlenordnung« aus dem Jahre 1822. Bei der volkswirtschaft- 
lichen Bedeutung unseres Gewerbes waren die Territorialregie- 
rungen schon früh damit beschäftigt, die Rechtsverhältnisse des 
Müllereigewerbes in polizeilicher wie privatrechtlicher Hinsicht zu 
regeln, um die Untertanen gegen Benachteiligung und listige 
Übergriffe zu schützen. Wie alle Verordnungen des Polizeistaates, 
enthielten auch die Mühlenordnungen neben der rechtlichen Re- 
gelung allerlei nützliche Bestimmungen über Bau und Einrichtung 
der Mühle, über Schutz gegen Feuersgefahr usw. Die badische 
Mühlenordnung, die manche Vorschriften der Müllerordnung ^ vom 
5. Januar 17 14 übernahm, setzte zur Einrichtung neuer Mühlen 
ein staatliches Konzessionsrecht fest, wie es in Preußen schon 
1808 geschehen war. Maßgebend für die Erlaubnis soll der 
»reelle Vorteil« der Mahlgäste, nicht der »bloße Privatvorteil des 
Unternehmers« sein. Mit der alten Müllerzunftsatzung (1770) 
stimmt die neue Verordnung darin überein, daß auch sie den 
Befähigungsnachweis vorschrieb. Die Prüfung bestand in der 
Darlegxmg der Fähigkeit, das Mühlwerk zu richten, und in einem 
mündlichen Vortrag über die Theorie des Mühlenbaues. Nach 
wie vor hielt man an den Bannrechten fest, soweit sie sich noch 
erhalten hatten; sie sind aber gemäß § 20 »stets streng zu erklären«, 
d. h. es darf nach der Ansicht des Ministeriums des Innern ^ »den 
Konsumenten nicht verboten sein, ihre Früchte auf einer anderen 
Mühle mahlen zu lassen, wenn nur der auswärtige Müller den 



1 Gerstlacher, a. a. O. S. 240 ff. 

2 Blätter für Justiz und Verwaltung im Großherzogtum Baden, 1841, 
S. 322—323. 



Digitized by 



Google 



Geschichtliche Entwicklung des badisch-rheinpfälzischen Mühlengewerbes. g 

Bannbezirk nicht betritt. Es darf in der Regel die Einfuhr des 
Mehles zum Verkauf nicht als unter den Bann gehörig betrachtet 
werden«. Gerade diese die Bannberechtigung sehr einschränkende 
Bestimmung ist von wirtschaftlichem Interesse, weil sie nicht nur 
der allmählich emporkommenden Handelsmüllerei in ihrem Streben 
nach Absatzerweiterung entgegenkam, sondern auch das Ent- 
stehen solcher Mühlen begünstigte. Dazu trug zweifellos auch 
eine andere Vorschrift der neuen Mühlenordnung bei, wonach 
jeder Müller berechtigt war, den Mahllohn in Geld oder Getreide 
zu beziehen. In dieser Tatsache der Einführung des geldwirt- 
schaftlichen Momentes in die bisher naturalwirtschaftlich organi- 
sierte Müllerei lag die ökonomische Bedeutung dieser Mühlen- 
ordnung. Der Gedanke, den Naturalmahllohn in einen Geldlohn 
umzuwandeln, war schon in der Zeit der Agrarkrisis der zwan- 
ziger Jahre entstanden'; eine Eingabe aus dem Jahre 1817 mit 
der Begründung, daß die Teurungszeit ihn relativ zu sehr in die 
Höhe triebe, wurde mit dem Hinweis auf den Mangel an barem 
Gelde in der bäuerlichen und selbst städtischen Bevölkerung ab- 
gewiesen. Den Erfolg erzielten allerdings die Petenten, daß man 
dem offenbaren Mißstand durch Herstellung eines Systems der 
gleitenden Skala abzuhelfen versuchte. Der Multer sollte betragen 
bei Kornpreisen von: 

weniger als 8 fl. ^lel 

10— 15 fl. . . . V20 l des Produktes. 

über 15 fl. . . V24J 

So kam denn die neue Mühlenordnung im Interesse der 
Müller gerade im richtigen Augenblick. Da das Getreide bzw. 
Mehl fast unverkäuflich war, so war die Folge des Gesetzes ein 
ziemlich allgemeines Fordern des Geldlohnes. ^ Das aber bedeutete 
ein Auseinanderfallen der Interessen von Müller und Mahlkunden. 
Dann verstärkten manche Bestimmungen der neuen Verordnung, 
»die im Konsumenteninteresse das Müllergewerbe engherzigen, 
beinahe zunftgemäßen Bestimmungen und Beschränkungen in Aus- 
übung seiner Tätigkeit unterwarf und ihm einige bisher bestan- 



1 Borgius, a. a. O. S. 133 — 134. 

2 Borgius, a. a. O. S. 134. 



Digitized by 



Google 



IQ Kapitel I. 

dene oder angemaßte Rechte (z. B. auf Aneignung der Kleie und 
Abfälle) raubte, während sie ihm zum Teil das Risiko auferlegte«, 
die Tendenz zum Übergang von der Kundenmüllerei zur Han- 
delsmüllerei. ^ Allein wir dürfen nicht vergessen, daß sich diese 
Entwicklung nicht über das ganze Land hin vollzog; sie blieb 
im wesentlichen auf die Pfalz und auf die an der schweizerischen 
Grrenze liegenden Gebiete dank den relativ günstigen Verkehrs- 
und Exportverhältnissen lokalisiert. Denn jener Tendenz zur Mehl- 
produktion auf Vorrat arbeiteten doch noch mancherlei Umstände 
entgegen. Die Wirkung der Ersetzung des Naturallohnes durch 
den Geldlohn, die doch auch nur vereinzelt (wohl zuerst in den 
Städten) vor sich ging, wurde infolge der vorschriftsmäßigen Be- 
stimmung des Mehlpreises durch die Polizeibehörde (§ 17) sehr 
abgeschwächt; ferner trugen die Müllerzünfte, die in der Regel 
auch die andern Nahrungsmittelgewerbe umfaßten, * die noch 
erhaltenen Banngerechtigkeiten 3 dazu bei, die fortschreitende Ent- 
wicklung zu verlangsamen. Es leuchtet ein, daß sowohl Fest- 
setzung des Mehlpreises wie die andern gewerblichen Beschrän- 
kungen einen Hemmschuh jedes Fortschrittes bildeten. Da der 
Müller auf jeden Fall, mochte er mahlen wie er wollte, seinen 
festgesetzten Preis erhielt, fehlte mit der Aussicht auf einen 
höheren Gewinn jeder Anreiz zur Herstellung eines qualitativ 
besseren Fabrikates und damit der Übergang zu einem ratio- 
nelleren Mahlverfahren. 

Während in Preußen 4, Bayerns und Württemberg unter 
wirksamer Unterstützung der Regierungen in den ersten drei 
Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die Errungenschaften der eng- 
lisch-amerikanischen Mühlentechnik Eingang gefunden hatten, 
war in Baden ein technischer Fortschritt nicht zu verzeichnen. 
Das Hauptverdienst der Amerikaner war neben der Verwertung 
des Dampfes in der Müllerei die Ersparung der kostspieligen 



1 Borgius, a. a. O. S. 134. 

2 Z. B. in Meßkirch; vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Bd. 69, S. 7. 

3 Die zu den Großh. Domänen gehörigen Bannrechte wurden am i. Januar 
1836 unentgeltlich aufgehoben; vgl. R^ertmgsblatt, 1835, S. 246. 

4 Dr. Paul Mohr, Die Entwicklung des Großbetriebs in der Getreidemüllerei 
Deutschlands, 1899, S. 26 — 27. 

5 L. Holländer, Die Lage der Deutschen Mühlenindustrie unter dem Einfluß 
der Handelspolitik 1879-- 1897, '898, S. 3. 



Digitized by 



Google 



Geschichtliche Entwicklung des badisch-rheinpfälzischen Mühlengewerbes. 1 1 

menschlichen Arbeitskraft durch die Paternoster- und Schnecken- 
werke, die Ersetzung der alten Wollbeutel durch Maschinen mit 
prismatischen, zylinderförmigen Haspeln (Sichtzylinder) und die 
Verwendung französischer Mühlsteine. Schon im i8. Jahrhundert 
hatten die Engländer und Amerikaner die Konstruktion der Mahl- 
gänge in der Weise verbessert, daß alle Gänge von einer Haupt- 
welle aus betrieben wurden, während bis dahin jeder Mahlgang 
sein eigenes Wasserrad hatte. In Baden kamen noch im Jahre 
1829 auf jede Mahlmühle vier Wasserräder. ^ Waren die Export- 
bestrebungen der preußischen Müller um die Wende der zwanziger 
Jahre mit Erfolg gekrönt, so führte Baden in denselben Jahren 
mehr Mühlenfabrikate ein als aus; z. B. betrug im Jahre 1831 
die Einfuhr 7072 Ztr. und die Ausfuhr 6934 Ztr. Volz bemerkt 
dazu; »Was die Mehlstoffe angeht, so erstaunen wir zu sehen, 
daß die Einfuhr des Mehles die Ausfuhr um mehr als 100 Ztr. 
übertrifft. Gewiß wird sich die Bilanz noch ungünstiger stellen, 
da die Verbesserung der Mahlmühlen in der Schweiz immer mehr 
um sich greift, und vorzüglich, weil die englisch-amerikanischen 
Mustern teilweise nachgebildeten Mühlen nun mit Eifer im be- 
nachbarten Württemberg verbreitet werden; wenn man auch dort 
auf den bisher vernachlässigten Teil, die Schnellmüllerei, die ge- 
hörige Aufmerksamkeit richtet, wird es den Müllern mit den 
alten Einrichtungen ganz unmöglich mit den neuen Werken Kon- 
kurrenz zu halten.«2 gj- fixhrt diese technische Rückständigkeit 
des badischen Müllergewerbes zum großen Teil auf die mangelnde 
Unterstützung der Regierung zurück, die es bisher unterlassen 
hat, wie Württemberg staatliche Musterbetriebe zu schaffen* 

Fassen wir unsere bisherigen Darlegungen noch einmal kurz 
zusammen, so kommen wir zu dem Ergebnis: im Gegensatz zu 
den benachbarten Gebieten ist in Baden in den ersten drei Jahr- 
zehnten des 19. Jahrhunderts infolge rechtlicher und wirtschaft- 
licher Tatsachen kein allgemeiner Aufschwung des Mühlen- 
gewerbes zu bemerken; dagegen zeigen sich in der Pfalz und 
den angrenzenden badischen Teilen dank der freiheitlichen Ge- 
werbepolitik und den günstigen Verkehrsbedingungen die Anfänge 
Biner Erfolg verheißenden Handelsmüllerei. 



I Volz, Gewerbskalender für das Jahr 1834, S. 51. 
= Volz, a. a. O. S. 51. 



Digitized by 



Google 



12 Kapitel I. 

C. Die badisch-rheinpfÄlzische Mühlenindustrie von 
1840 bis 1870. 

I. Die Entstehung und Ausbildung der Handelsmüllerei. 

I. Die Einführung der Dampfkraft in die badisch-rhein- 
pfälzische Mühlenindustrie. 

Während wir im vorausgegangenen Abschnitt das badisch- 
pfälzische Mühlengewerbe als einen Produktionszweig kennen 
gelernt haben, der im allgemeinen noch handwerksmäßig organi- 
siert und dessen Technik fast noch ebenso unentwickelt ist wie 
vor Jahrhunderten, kennzeichnet sich die folgende Periode, die 
bis in die letzten Jahre hineinreicht, als die Zeit der Entstehung 
und Ausbildung des Fabriksystems in unserem Mühlengewerbe, 
d. h. rein ökonomisch betrachtet, der Entstehung und Ausbildung 
der Handelsmüllerei, aber nicht etwa an Stelle der bisherigen 
Lohn- und Kundenmüllerei, sondern neben dieser Betriebsfomi. 
Die Gründe dieser Entwicklung liegen klar zutage: die 
Entstehung der Eisenbahnen und die weitere Ausdehnung des 
Eisenbahnnetzes schufen einen größeren, aufnahmefähigeren 
Markt, der Anschluß Badens und der Pfalz an den Zollverein 
(1835) förderte den Handel und Verkehr mit den Nachbarstaaten, 
die Vermehrung der Bevölkerung steigerte den Verbrauch und 
die emporkommende Industrie und damit das Zusammenströmen 
der Arbeiter in den größeren und mittleren Städten erzeugte 
große Konsumtionszentren. So sehen wir denn auch, daß in den 
Jahren 1835 bis 1870 ungefähr die Hälfte der heute in Baden 
bestehenden Handels- und Kunstmühlen entstanden ist; dabei 
sind die Betriebe nicht eingerechnet, die als Lohnmühlen schon 
früher bestanden und nun zur Handelsmüllerei übergegangen sind. 
In den vierziger Jahren wurden nun auch in der badischen Müllerei 
die Leistungen der schon geschilderten englisch-amerikanischen 
Mühlentechnik nutzbar gemacht In Mannheim wurde 1834 von 
Baron von Capellen die erste badische Dampfmühle nach ameri- 
kanischem System gegründet, die zugleich auch der erste auf 
spekulativ- kapitalistischer Grundlage beruhende fabrikmäßige 
Mühlengroßbetrieb weir.^ Der »wütende Einspruch« der Schries- 



I In Preußen wurde die erste Dampf mühle 1822, in Bayern 1828, in Würt- 
temberg 1830/31 errichtet. Vgl. Mohr, a. a. O. S. 37. 



Digitized by 



Google 



Geschichtliche Entwicklung des badisch-rheinpfälzischen Mühlengewerbes. i 7 

heimer WindmüUer, die bisher den Mannheimer Markt mit Mehl 
versorgt hatten, ist sehr begreiflich, wenn wir hören, daß alsbald 
infolge des Wettbewerbes die »kleinen Rheinmühlen« zu mahlen 
aufhören mußten. Im Jahre 1848 sind nach einem Bericht des 
Stadtrates alle andern Mühlen bis auf die eine Kunstmühle ver- 
schwunden,^ die 1849 ^i"® Jahresvermahlung von 24000 dz bei 
15 Arbeitern und 30 Pferdekräften aufweisen konnte. ^ »Die 
Mehlfabrikation hat durch die Einführung des neuen Mühlen- 
systems eine bedeutende Ausdehnung gewonnen, das Mehl ist 
ein Handelsartikel geworden und gegenwärtig kaufen die Bäcker 
keine Früchte mehr, sondern bloß Mehl«, berichtet der Mannheimer 
Stadtrat aus jener Zeit. In derselben Weise entstanden auch in 
den übrigen Teilen unseres Untersuchungsgebietes Kunst- und 
Handelsmühlen; besonders sind hier zu erwähnen die badischen 
Amtsbezirke Heidelberg (Bammental) , Weinheim , Wolf ach, 
Stockach, Emmendingen, Lörrach und die pfälzischen Kusel, 
Zweibrücken und Spe5''er. 

So wurde 1841 in Villingen eine Kunstmühle nach ameri- 
kanischem System erbaut, die vor allem deshalb Berühmtheit 
erlangte, weil sie die Frucht auf trockenem Wege d. h. ohne 
Netzung vermahlte. Nach der alten Mahlweise wurde zum Zwecke 
der leichteren Vermahlungsfähigkeit, besonders der harten Früchte, 
das Korn genetzt, was aber ein weniger backfähiges Fabrikat 
ergab. Die trockene Vermahlung war nun insofern ein tech- 
nischer und wirtschaftlicher Fortschritt, als auf diese Weise die 
Herstellung eines exportfähigen »Dauermehles« ermöglicht wurde. 
Die Produktionskraft der Villinger Mühle betrug bei Verwendung 
von 5 bis 6 Mühlknechten je nach den Wasserverhältnissen 
7- bis 8000 dz im Jahr. 3 Das Absatzgebiet war der Breisgau 
und das mittlere Baden, während der Export nach der Schweiz 
wegen der mit billigeren Eisenbahnfrachten arbeitenden württem- 
bergischen Konkurrenz aufgegeben werden mußte. 

Im Jahre 1844 gab es im Seekreis fünf, im Unterrheinkreis 
zwei Kunstmühlen (in Mannheim und Bammental). 4 1849 zählte 



1 Borgius, a. a. O. S. 136. 

2 Amtliche Beiträge zur Statistik der Staatsfinanzen, 1851. 

3 Bericht der Schwarzwälder Industrieausstellung in Villingen, 
1858, S. 98. 

4 Dietz, Gewerbeausstellung für das Großherzogtum Baden, 1847, S. 18. 



Digitized by 



Google 



lA Kapitel I. 

Baden neben der oben erwähnten Dampfmühle sieben Wasser- 
kunstmühlen, deren Produktionsmenge sich ungefähr auf 25 281 dz 
bei 36 Arbeitern bezifferte, so daß durchschnittlich auf eine Miüile 
3612 dz und 5 Arbeiter kamen. Deus Übergewicht hatte jedoch 
die Mannheimer Dampf mühle mit 24 000 dz und einem Rohstoff- 
wert von 190000 fl., während sicjh der Wert der von den übrigen 
Kunstmühlen bearbeiteten Rohstoffe auf 170750 fl. belief. ^ Wie 
rasch diese Entwicklung f ortschritt, ersehen wir daraus, daß 1861 
schon 19 Mühlen teils mit Dampf allein, teils mit Wasser und 
Dampf betrieben wurden. 

Einen mächtigen Aufschwung hatte die Mühlenindustrie in 
der Rheinpfalz genommen. 1847 finden wir hier zwei Dampf- 
mahlmühlen mit vier Mahlgängen und ebensoviel Arbeitern. Das 
ist um so bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dciß zu der- 
selben Zeit im rechtsrheinischen Bayern überhaupt noch keine 
mit Dampf getriebenen Mühlen existierten. Im Jahre 1861 hatten 
sich die Dampfmühlen auf 15 vermehrt. Ein Bild von der Aus- 
dehnung des pfälzischen Mühlengewerbes zu Beginn der sechs- 
ziger Jahre geben uns die Ziffern der Jahresvermahlungen von 
einigen Amtsbezirken und Städten. ^ Die sechs Mühlen in Neu- 
stadt a. d. H. vermahlten zusammen 55000 dz, wovon die eine 
ca 1 5 000 dz, die andere 1 7 000 dz und die vier andern zusammen 
22 500 dz verarbeiteten. Im Amtsbezirk Pirmasenz bestanden 
55 Mühlen mit einem Produktionsquantum von ca. 75000 dz und 
140 Arbeitern; der Bezirk Kusel zählte 84 Mühlen, die jährlich 
315000 dz vermahlten, während die 58 Mühlen in den Bezirken 
Zweibrücken und Homburg zusammen ca. 113 900 dz Getreide in 
Mehl verwandelten. 

Die Ursachen dieses Aufschwungs sind zu suchen in der 
überaus günstigen Absatzgelegenheit nach dem nahen, dicht be- 
völkerten Saargebiet, dann kommen in Betracht die vorteilhaften 
Verkehrsbedingungen, die Nähe des Rheins, der seine An- 
ziehungskraft auf den pfälzischen Unternehmungsgeist ausübte, 
der zunehmende Wohlstand in den fünfziger und sechziger Jahren, 
der an Stelle des früheren Kartoffelverbrauches auch bei den 
ärmeren Schichten der Bevölkerung den Brotkonsum treten 



< Amtliche Beiträge zur Statistik der Staatsfinanzen, 1851. 
2 Handelskammerbericht Ludwigshafen 1863. 



Digitized by 



Google 



Geschichtliche Entwicklung des badisch-rheinpfälzischen Mühlengewerbes. i c 

ließ.^ Es kam dazu, daß Mitte der sechziger Jahre die österreichisch- 
ungarische und französische Konkurrenz auftrat, die die Mühlen 
zwang, für zeitgemäße Verbesserungen zu sorgen. Gerade bei 
dem französischen Wettbewerb machten sich die Wirkungen des 
deutsch-französischen Handelsvertrags von 1865, durch den die 
Mehleinfuhr nach Deutschland zollfrei wurde, sehr stark geltend.^ 
Betrug noch 1865 die Mehleinfuhr aus Frankreich 6255 Ztr., so 
steigerte sie sich im folgenden Jahr auf 16 831 Ztr. 

In Baden zog mit dem 15. Oktober 1862 die Gewerbefreiheit 
ein; auch von dem Mühlengewerbe konnte man sagen: »war die 
Ausbildung des Zunftzwanges sowie des obrigkeitlichen Kon- 
zessionswesens auch nicht allzustrenge gewesen, immer fühlte 
man sich beengtes 

Wir haben gesehen, daß sich unter der Herrschaft der zunft- 
und handwerksrechtlichen Ordnung des Gewerbewesens fabrik- 
mäßige Mühlengroßbetriebe entwickelt haben. Das war nur da- 
durch möglich gewesen, daß die merkantilistische Verwaltungs- 
praxis, die die fabrikmäßige Produktion sehr begünstigte, in dem 
Mittel der Privilegierung einen passenden Ausweg gefunden 
hatte. Der § 9 der Mühlenordnung sagt nämlich: »auch auf 
Dampfmühlen finden die Bestimmungen der Mühlenordnung An- 
wendung, insoweit dieselben auf deren eigentümliche Konstruktion 
passen.« 

Die rechtlichen Grundlagen unseres Gewerbes hatten dadurch 
eine Änderung erfahren, daß nun alle Bannrechte ohne Aus- 
nahme aufgehoben wurden. 4 Die Konzessionspflicht für Mühlen- 
betriebe blieb erhalten und fand dann auch später in der Ge- 
werbeordnung Aufnahme. (§§ 16, 23 G0.)5 

An den alten Rechtszustand erinnert noch eine Verordnung 
des Handelsministeriums vom 3. August 1865,^ nach der »die 
Mühlräume, in welchen Früchte gemahlen werden, stets reinlich 
gehalten werden müssen«. Der Grund dieser Bestimmung mochte 



1 A. a. O. 1859, vgl. Bavaria, Landes- und Volkskunde des Königreichs 
Bayern, 1867, Bd. IV, S. 414. 

2 Handelskammerbericht Ludwigshafen 1866. 

3 Schmoller, Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe, 1870, S. 106. 

4 Regierungsblatt 1848, S. 107. 

5 Vgl. Badisches Wassergesetz von 1899, §§ 37 ff. 

6 Zentral-Verordnungsblatt 1863, S. 123. 



Digitized by 



Google 



l6 Kapitel I. 

wohl der gewesen sein, die Mahlgäste den während des Bestehens 
der Bannrechte ausgeübten polizeilichen Schutz fortgenießen zu 
lassen, vor allem in den Fällen, wo in einer schwach bevölkerten 
Gegend mit nur einer Mühle diese ein faktisches Monopol inne hatte. 
In der Pfalz, die sich seit Beginn des Jahrhunderts der Ge- 
werbefreiheit erfreute, wurde im Jahre 1872 die Gewerbeordnung 
für das Deutsche Reich eingeführt. 

2. Die Erweiterung des äußeren und inneren Marktes. 
Der Mehlexport und Mehlimport. 
In den folgenden Jahren nahm dank den vermehrten und ver- 
vollkommneten Verkehrsmitteln die Mühlenindustrie einen großen 
Aufschwung. Überall und besonders in den Getreideproduktions- 
gegenden wurden Mühlen errichtet, mit bedeutenden Betriebs- 
kräften und neuen Einrichtungen ausgestattet. Die Folge war 
eine Steigerung der Leistungsfähigkeit und Verbesserung der 
Betriebstechnik und damit eine den Verbrauch überschießende 
Produktion, die nun dazu führte, ein größeres Absatzgebiet auf- 
zusuchen. Die oberbadischen Mühlen lieferten nach Mittelbaden, 
Württemberg und Bayern, suchten die französischen und schwei- 
zerischen Märkte auf, während Unterbaden und die Pfalz für das 
nördliche Württemberg und den Niederrhein produzierten. Aber 
den badischen und pfälzischen Mühlen war der heimische Markt 
nicht allein vorbehalten. Schon in den vierziger Jahren (1847) 
kam amerikanisches Mehl den Rhein herauf, das in Fäßchen von 
100 kg zu 18 bis 30 fl. verkauft wurde; ^ vom Westen her machten 
französische Mehle den Erzeugnissen unserer Müllerei heftige 
Konkurrenz, und die feinen Produkte der Wiener und Pester 
Hoch- und Griesmüllerei, die »Kaisermehle«, suchten ein ver- 
feinertes Konsumtionsbedürfnis zu befriedigen. Endlich versorgten 
die norddeutschen Roggenmühlen in Stettin, Danzig und Königs- 
berg Baden und die Rheinpfalz, wo die Erzeugung von Roggen- 
mehl infolge des geringen Anbaues dieser Körnerart fast nicht 
in Betracht kam. Folgende Ziffern ^ mögen diese Handelsbezie- 
hungen erläutern. Es wurden aus Baden ausgeführt: 



1 Badisches Zentralblatt 1855. 

2 Dieterici, Verkehr und Verbrauch im Zollverein, 1831 bis 1857, Bd. II, 
197. Dietz, Das Gewerbe im Großherzogtum Baden, 1863, S. 185. 



Digitized by 



Google 



Geschichtliche Entwicklung des badisch-rheinpfälzischen Mühlengewerbes. in 



1837 


3 423 Ztr. MC 


ihlenfabrikate, 


1842 


6359 " 


» 


1847 


7 504 » 


» 


1852 


12 131 » 


» 


i86i 


36 738 » 


» 



Die Empfangsländer waren neben der Pfalz und Württem- 
berg hauptsächlich die Schweiz, Frankreich und die Niederlande. 
So gingen 1861 nach der Schweiz 11 649 Ztr., nach Frankreich 
21789 Ztr.^ Die Einfuhr in den freien Verkehr nach Baden 
belief sich auf: 

1847 2653 Ztr. Mühlenfabrikate, 

1859 2502 » > 

1860 2986 » » 

1861 2594 » » 

Daran waren 1859 beteiligt: Österreich mit 922 Ztr. und 
die Niederlande mit 165 Ztr. 

Die Bedeutung Mannheims als Mehlhandels- und Umschlags- 
platz zeigen folgende Zahlen: 2 

1864 kamen an: 80000 Ztr. per Bahn, 
35 000 » » Wasser, 
35 000 » » Fuhre, 

zusammen 150000 Ztr. 
Aut dem Wasserweg wurden Mühlenfabrikate zugeführt: 
1854 9746 Ztr. 

1864 35504 » 

1865 21 687 » 

1866 24015 » 

1867 27 706 » 
Den Rhein abwärts gingen: 

1854 I 108 Ztr. 

1864 3958 » 

1865 5872 » 

1866 25 185 » 

1867 22929 » 



1 Bienengräber, Statistik des Verkehrs und Verbrauchs im Zollverein für 
die Jahre 1847—64, 1868. 

2 Handelskammerbericht Mannheim 1864. 

Fromm, Das Mühlengewerbe in Baden und in der Rheinpfalz. 2 



Digitized by 



Google 



l8 Kapitel I. 

Der Rückgang in der Wasserzufuhr Mitte der sechziger 
Jahre erklärt sich durch das Nachlassen der norddeutschen Ein- 
fuhr zugunsten der französischen Konkurrenz. 



3. Der Einfluß der veränderten Verhältnisse auf die 
Lohnmüllerei. Die Tauschmüllerei. 

Es leuchtet ein, daß die ganze Entwicklung nicht ohne 
Einfluß auf unsere gesamte Mühlenindustrie sein konnte. Die 
Entstehung der technisch gut ausgerüsteten Handelsmühlen, die 
natürlich ihren Absatzkreis immer mehr auszudehnen suchten, 
führte notwendigerweise ziu* Tendenz einer Verminderung der 
Lohnmühlen, die auf einen lokalen oder gar personalen Kunden- 
kreis angewiesen sind. Die Erschließung des badisch-rheinpfäl- 
zischen Marktes für die andere deutsche und ausländische Kon- 
kurrenz ist ein diese Tendenz verstärkender Umstand. Grroße Ein- 
wirkung darauf hatte auch die Mahllohnfrage, da in den meisten 
Kundenmühlen noch der Mahllohn in natura bezahlt wurde. 
Mitte der sechziger Jahre versuchten die Müller diese Vergütung 
von 7i6 auf 7i2 zu erhöhen, allein die Landwirte waren damit 
nicht einverstanden. Sie erklärten die Kundenmüllerei mit ihren 
veralteten Einrichtungen für unzeitgemäß; sie hielten es für ren- 
tabler, das Getreide zu verkaufen und dafür Mehl einzukaufen. 
Als sich aber die Müller wieder mit 7x6 begnügten, kehrten auch 
die Bauern zur alten Weise zurück.' 

Während in den Bezirken Weinheim, Mannheim und Heidel- 
berg schon 1860 eine große Anzeihl der Mühlen zu Handels- 
müblen umgestaltet waren, gingen im badischen Oberlande viele 
Mühlen zu einer Zwischenform von Lohn- und Handelsmüllerei 
über, zur »Tauschmüllerei«. * Auch hier brachte der Bauer oder 
Bäcker seine Frucht zur Mühle, aber er mußte nun nicht mehr 
auf die Vermahlung warten, sondern tauschte sofort gegen sein 
Getreide Mehl ein. War diese Betriebsform auch ein Fortschritt 
gegen früher, vom kapitalistisch -spekulativen Standpunkte aus 
steht sie auf derselben Stufe wie die Lohnmüllerei: der Mahllohn 
wurde auch hier bei sinkenden Getreidepreisen herabgedrückt, 



« Landwirtschaftliches Wochenblatt, 1865, S. 54. 
2 Badisches Zentralblatt, 1860, S. 206. 



Digitized by 



Google 



Geschichtliche Entwicklung des badisch-Hieinpfälzischen Mühlengewerbes. iq 

günstige Einkaufs- und Verkauf sbedingnngen konnten nicht wahr- 
genommen werden. 



4. Umgestaltung der Art und Weise des Rohstoffbezuges. 

Die Produktionsweise der Handelsmüilerei führte alsbald zu 
einer neuen Form des Rohmaterialbezuges. Hatten früher die 
Handelsmühlen ihren ganzen Bedarf an Brotfrucht von den Ge- 
treideproduzenten der Umgebung oder auch vom Fruchtmarkt 
erhalten, so gingen sie nun zum großen Teil in den sechziger 
Jahren dazu über, den Rohstoff durch Vermittlung des Getreide- 
handels zu beziehen. Geradezu notwendig für die nordbadischen 
Mühlen wurde diese Art des Getreideeinkaufs, als die wirtschsift- 
liche Entwicklung in der Mitte des Jahrhunderts den Anbau von 
Brotfrüchten zurückg^ehen ließ.^ Nun mußten entlegenere Pro- 
duktionsgebiete zur Bedarfsdeckung herangezogen werden; so 
außer der Rheinpfalz und dem südwestlichen Baden einige Teile 
Württembergs und das westliche Bayern. In dieser Zeit begegnen 
wir aber auch zuerst der Zufuhr ausländischer Getreidesorten, 
zunächst russischer, ungarischer, französischer Herkunft. Diese 
Veränderung in dem Rohstoffbezuge war — abgesehen von den 
geänderten Anbauverhältnissen — in dem zunehmenden Bedarf, 
den verfeinerten Konsumtionsgewohnheiten und den verbesserten 
Verkehrsmitteln begründet. Ein Müller aus Pforzheim bezog des- 
halb ausländische Frucht vom Händler, weil »die im letzten Jahr- 
zehnt zu besserem Wohlstände gelangten Bauern im Handel 
schwieriger geworden sind«.* 

Mit diesem Augenblicke aber wurde in den Entwicklungs- 
gang der badisch -rheinpfälzischen Mühlenindustrie ein neues 
Moment eingeführt, nämlich die Tatsache der internationalen 
Konkurrenz und des internationalen Verkehrs, zwei Faktoren, 
die in der Folgezeit die Existenzbedingungen und die Grundlagen 
unseres Gewerbes umgestalten sollten. 

Bevor wir jedoch diesen Prozeß, der sich in unserem Unter- 
suchungsgebiet erst in den letzten zwei Jahrzehnten vollzogen 



" Haben doch nach Buchenberger (Das Großherzogtum Baden, 1895, S. 383) 
seit 1865 die Kartoffeln um ca. loooo ha und die FutterkrSuter um ca. 30000 ha 
mehr Terrain, zum Teil auf Kosten des Getreidebaues, erobert. 

X Jahresbericht der Handelsgenossenschaft Pforzheim 1864. 

2* 



Digitized by 



Google 



20 Kapitel I. 

hat, weiter verfolgen, wollen wir im folgenden Abschnitt die Er- 
gebnisse der bisherigen statistischen Aufnahmen betrachten. 



II. Die Ergebnisse der statistischen Aufnahmen von 1829, 
1847 ^^^ 1861. 

Haben wir in der vorausgegangenen Darstellung versucht, 
ein Bild von der qualitativen Entwicklung des badisch -rhein- 
pfälzischen Mühlengewerbes bis in die neuere Zeit herein zu 
geben, so ist nun zu untersuchen, wie dieser Werdegang rein 
quantitativ zum Ausdruck kommt. 

In Baden wurden im Jahre 1829 1803 Mahlmühlen mit 
3476 beschäftigten Personen ermittelt; davon sind 1673 Arbeiter.' 
Eine Unterscheidung der Betriebe nach der Art der Umtriebs- 
kraft ist hier noch nicht gemacht, doch wir dürfen sicher an- 
nehmen, daß die meisten Mühlen mit Wasser getrieben wurden. 
Dampf mühlen gab es noch nicht, ebenso auch keine Unter- 
nehmungen mit mehr als fünf Personen. Letzteres geht daraus 
hervor, daß die Statistik keine »Fabriken« erwähnt.^ Auf 650 Ein- 
wohner kam eine Mühle oder ein Müller. Was die räumliche 
Verteilung der Mühlen betrifft, so stand der Kreis Konstanz mit 
einer Mühle auf 502 Einwohner an erster Stelle, während im 
Kreis Durlach erst auf 1269 Einwohner eine Mühle entfiel. Daß 
die Mühlen durchweg kleine Betriebe waren, ergibt sich daraus, 
daß in einer Mühle durchschnittlich zwei Personen beschäftigt 
waren, der Meister selbst und ein Geselle. Von dem Gesamt- 
betriebssteuerkapital des Landes in der Höhe von 21739575 fJ. 
versteuerten die Müller ungefähr den siebenten Teil, nämlich 
2 957 700 fl.3 

Wir wissen, daß das badische Mühlengewerbe erst anfangs 
der vierziger Jahre einen kräftigen Aufschwung genommen hat. 
So haben sich die Mühlen von 1829 bis 1844 nur um 18 Betriebe 
vermehrt, dagegen in den Jahren 1844 bis 1847 ^"^ 42- Ihre 



1 Dietz, Bericht über die Gewerbeausstellung, 1847. 

6. April 1 8 1 5 

2 »Fabriken« sind nämlich nach dem Gewerbesteuergesetz vom -^-— - — r— : 

* 29. Apnl 18 16 

solche Betriebe, »welche Kunstprodukte zum Verkaufe fertigen und die zugleich mit 
mehr als fünf Personen arbeiten«, 

3 A. Heunisch, Das Großherzogtum Baden, 1857. 



Digitized by 



Google 



Geschichtliche Entwicklung des badisch-rheinpfälzischen Mühlengewerbes. 2 I 

Vermehrung blieb aber beträchtlich hinter dem Wachstum der 
Bevölkerung zurück. Diese nahm um it^jo zu, die Mühlen da- 
gegen nur um ca. 3^/0- 

Die Zahl der Mühlen betrug 1847 1863,* danmter befand 
sich die uns bekannte Mannheimer Dampfmühle, die 15 Arbeiter 
beschäftigte. Alle anderen Betriebe wurden durch Wasser be- 
trieben. Mahlgänge wurden 4418 gezählt, so daß auf eine Mühle 
2,37 Mahlgänge entfielen. Die Zahl der beschäftigten Personen 
(3732) hat seit 1829 um 256 = 7,4% zugenommen, also bedeutend 
stärker als die Mühlen selbst, was auf eine Intensivierung des 
Betriebes schließen läßt. 

Einen viel besseren Einblick in die Verhältnisse vermögen 
uns die Zählungsergebnisse des Jahres 1861 zu geben .-^ 



Jahr 



Wassermühlen 



Durch Dampf 
getrieben 



Durch tierische 
Kräfte getrieben 



i§ 






M 



TS 

-^ öS 



1 



2 =3 



o 



^1 



|i 






t 



N < 













Pfalz 










1847 


700 

730 


1365 
1751 


1335 


! 2 
15 


4 
38 


4 
25 


2 


2 


I86I 


715 


834 




Baden 








I86I 


1922 


4898 


1845 


2378 


19 


27 


II 


15 


16 



Wir haben im vorigen Abschnitt gesehen, daß in den Jahren 
1840 bis 1860 die Entwicklung zur Handelsmüllerei in großem 
Maße erfolgt ist. In Baden hat die Bevölkerung in dieser Periode 
ganz langsam zugenommen (0,7*^/0), die Mühlen dagegen ver- 
mehrten sich von 1863 auf 1956, d. h. um 5^/0. Charakteristisch 
ist die wachsende Verwertung der Dampfkraft: 19 Betriebe im 
Jahre 1861 gegen einen Betrieb im Jahre 1847. Dieselben be- 

* Dietz, Die Gewerbe im Großherzogtum Baden, 1863, S. 19; Badische Ge- 
werbezeitung, 1896, S. 590 bis 591. 

2 Tabellen der Handwerker im Zollverein 1861; Dietz, a. a. O. S. 40. 



Digitized by 



Google 



22 Kapitel I. 

fanden sich zum größten Teil (ii; im Unterrheinkreis, während 
die übrigen acht dem Mittelrheinkreis angehörten. In welchem 
Umfange die Mühlen sich vergrößert haben, zeigt die Vermeh- 
rung der Mahlgänge um 12%. 

Viel deutlicher prägt sich der Entwicklungsgang in der 
Pfalz' aus: 

Zunahme der Mühlen um 6%, 

der beschäftigten Personen um 1 7 %, 

der Mahlgänge um 30^/0, 

der Dampfmühlen von 2 auf 15 Betriebe. 

Im ganzen Königreich Bayern wuchs in derselben Zeit die Zahl 
der Mühlen um 1,9^/0, die der Mahlgänge um nur 5^/0. Im 
rechtsrheinischen Bayern bemerken wir also ein viel langsameres 
Tempo, und die Tendenz zur Betriebsvergrößerung machte sich 
nur wenig geltend; waren doch 1847 die zwei pfälzischen Dampf- 
mühlen zugleich die einzigen im ganzen Königreiche. 

Es steht außer allem Zweifel, daß dieses Emporblühen des 
Großbetriebes in der Pfalz seinen Grund in der Gewerbefreiheit 
hat, während im rechtsrheinischen Bayern das alte Gewerberecht 
noch bis zum Jahr i868 bestand. »Die Gewerbefreiheit der Pfalz 
hat unhaltbare Zustände früher beseitigt, den Übergang befördert, 
die Technik allerwärts verbessert, vor allem und hauptsächlich 
hat sie die Großgewerbe gestärkt.« ^ 

Es läßt sich aus den dürftigen Ziffern der Zählungen 
von 1847 ^^^ i^^i leider nicht ersehen, ob die Betriebsver- 
größerung der einzelnen Mühlen und die Vermehrung der Be- 
triebe überhaupt auch einen Untergang von Mühlen verursacht 
hat. Ich glaube jedoch, daß diese Folge in der Tat nicht ein- 
getreten ist, denn trotz der Zunahme der Mahlgänge um 30% 
in der Pfalz und 12% in Baden ist die Zahl der Gänge pro 
Mühle fast konstant geblieben: 

Mahlgänge 
Baden Pfalz 

1847 2,37 1*9 

1861 2,52 2,4 



X Die Bevölkerung und die Gewerbe des Königreichs Bayern nach der 
Aufnahme von 1861, München, 1862. 
» SchmoUer, a. a. O. S. 157. 



Digitized by 



Google 



Geschichtliche Entwicklung des badisch-rheinpfälzischen Mühlengewerbes. 23 

In beiden Untersuchungsgebieten hat also unser Gewerbe 
noch durchaus eine kleingewerbliche Struktur; Aktienmühlen, die 
im allgemeinen die typische Form des Großbetriebes in der 
Müllerei darstellen, finden sich hier^ noch nicht. Auch die mit 
Dampf getriebenen Mühlen unterscheiden sich, nach Mahlgängen 
gemessen, nicht von den Wassermühlen; in der Pfalz kamen 
1861 auf eine Dampfmühle 2,53, in Baden 1,4 Mahlgänge. ^ Der 
betriebstechnische Unterschied liegt darin, daß die Dampfmühlen 
den beim Wassermühlenbetriebe so zahlreich vorkommenden Stö- 
rungen nicht ausgesetzt sind; ihnen eignet infolge der Unab- 
hängigkeit von der unregelmäßigen Kraftquelle des Wassers eine 
erhöhte Leistungsfähigkeit, und die Verbesserungen des Trans- 
ports des Mahlgutes in der Mühle ermöglichen die Verarbeitung 
einer größeren Menge in kürzerer Zeit. Die durchschnittliche 
Leistungsfähigkeit einer Dampf mühle war 1861 

in der Pfalz . 9,9 PS. 
» Baden . . 6 » 
» Altpreußen 13,5 » 

Fassen wir kurz die Resultate der quantitativen Entwicklung zu- 
sammen, so erhalten wir folgende Ziffern: 

Pfalz: 



Jahr 


Zahl 


Zahl der besdiäftigten 


Auf je 10 000 Einwohner 


der Mühlen 


Personen 


kamen Mühlen 


1824/253 


651 


— 


H 


1847 


704 


1335 


22 


1861 


745 


1549 

Baden: 


29 


1829 


1803 


3476 


16 


1844 


1821 


3729 


H 


1847 


1863 


3732 


H 


1861 


«956 


4238 


14 



K Dagegen hatte Preußen 1856/57 bereits sieben Aktienmühlen; vgl. Mohr, 
a. a. O. S. 66. 

2 In den al^reußischen Provinzen 2,5 Mahlgänge; vgl. Mohr, a. a. O. S. 56. 

3 K. Hohn, Grundriß der Statistik von Bayern. 



Digitized by 



Google 



24 Kapitel I. 

D. Die badiseh-rheinpf&lzisehe Mühlenindustrie vom 
Beginn der siebziger Jahre bis zur Neuzeit. 

I. Die Einwirkung der Mühlentechnik. 

Die treibenden Kräfte, die in dieser Zeit auf die weitere 
Entwicklung unseres Gewerbes eingewirkt haben, waren die Fort- 
schritte der Mühlentechnik und die Tatsachen des internationalen 
Verkehrs und der internationalen Konkurrenz. Wohl in keinem 
anderen Gewerbezweig hat die Umwandlung der technischen 
Voraussetzungen eine so große Revolution auf wirtschaftlichem 
Gebiete erzeugt, wie gerade in der Mehlfabrikation. Entscheidend 
ist hier die Einführung des Walzenprinzipes in das Mahlverfahren 
gewesen,' die an die Erfindung des Porzellan walzenstuhles durch 
den Schweizer Wegmann im Jahre 1873 anknüpfte. Ökonomisch 
bedeutet die Walzenmüllerei Ersparung an Betriebskraft und 
Material und eine quantitativ und qualitativ erhöhte Mehlausbeute. 
Rein technisch betrachtet, liegt aber die Bedeutung des neuen Mahl- 
verfahrens für Deutschland darin, daß es die deutsche Müllerei in 
das System der Hoch- bzw. GriesmüUerei^ geschoben hat. Von In- 
teresse ist eine Produktionskostenberechnung, die van den Wyngaert 
von einer badischen Hochmühle aus dem Jahre 1871 aufmacht :3 

Mahlprodukte Verkaufspreis 



Nr. . . 


280/0 


28 


Pfd 


. ä fl. 


i3- = fl. 3>38 


Nr. I . . 


13 » 


13 


» 


» 


» 


11,30= » 1,29 


Nr. 2 . . 


7 * 


7 


» 


» 


» 


IG = » 42 


Nr. 3 . . 


23 » 


23 


» 


» 


» 


8,30= » 1,58 


Nr. 4 . . 


5 * 


5 


» 


» 


» 


7 = » 21 


Nr. 5 . . 


2 » 


2 


» 


» 


* 


5.30 = * 7 


Futtermehl 


I » 


I 


» 


» 


» 


3,40= » 2 


feine Kleie 


12 » 


12 


» 


» 


» 


2,30= » 18 


grobe Kleie 


6 * 


6 


» 


» 


» 


2,15= » 8 


Verstaubung 


3 » 


— 


» 


» 


» 


— — 




100 0/0 




8 fl. 43 kr. 


Bei einem Weizenpreis 


von 


fl. 


7,30 


und Betrieb. 


äkosten pro Ztr. 
;in Reingewinn 


von 




54 = 8 » 04 » 


ergibt sich c 


. . . 39 kr. pro Ztr. 



1 Schon in den zwanziger und dreißiger Jahren hat es Walzenmühlen gegeben, 
aber eigentlich bahnbrechend ist die Walzenmüllerei erst jetzt geworden. 

2 Die Gries- bzw. Hochmüllerei besteht darin, daß das Getreide zunächst ge- 
schrotet wird (Hochschrot), um möglichst viele Griese zu erzeugen; die gewonnenen 
Griese werden wieder zerkleinert, gesichtet, geputzt imd zuletzt zu Mehl vermählen. 

3 Die Mühle, Wochenschrift ziu* Förderung der deutschen Mühlenindustrie, 
1872, S. 183. 



Digitized by 



Google 



Geschichrliche Entwicklung des badiseh-rheinpfälzischen Mühlengewerbes. 25 

Die Kraussche Mühle in Willstätt war die erste in Baden, 
die Walzenstühle aufgestellt hat. Nun strebte jeder kapitalkräftige 
Handelsmüller darnach, durch Verwertung der technischen Erfin- 
dungen ein besseres Mehl herzustellen und so seinen Absatzrayon 
zu erweitern. Wie im übrigen Deutschland wurden auch in 
Baden und der Pfalz die Handelsmühlen umgebaut, vergrößert, 
neu eingerichtet; an Stelle der schwerfälligen Holzkonstruktion 
trat nun das Eisen. »Das Mühlengewerbe ist vielfach unter Ver- 
besserung und Erweiterung zum Großbetrieb übergegangen«, 
berichtet das Handelsministerium aus dem Jahr 1873.' Viele 
Kundenmüller gaben jetzt die Kundenmüllerei auf und richteten 
sich für den Handel ein.^ Im Amtsbezirk Emmendingen haben 
sogar einige Handelsmühlen infolge vermehrten Absatzes große 
Bäckereien errichtet, so daß die kleinen Kundenmühlen sich nur 
sehr schwer daneben halten konnten. 3 Den besten Beweis für 
diese durch die Mühlentechnik hervorgerufene Tendenz zum 
Großbetrieb bieten die Resultate der Gewerbezählung des Jahres 
1875. 

2. Die Entwicklung der Mühlenindustrie nach der 
Gewerbezählung von 1875.4 

In Baden wurden 1875 1857 Mühlenbetriebe gezählt; es hat 
also gegen 1861 eine Abnahme um 5^/0 stattgefunden, während 
die Bevölkerung um 9% zugenommen hat; auf 10 000 Einwohner 
kamen zwölf Mühlen. In der Pfalz bestanden 662 Mühlen, die 
Abnahme betrug 1 1 %, die Bevölkerung stieg in derselben Zeit 
um 6%; auf 10 000 Einwohner kamen hier zehn Mühlen (in 
Deutschland 14 Mühlen). 

Wir sehen also in beiden Gebieten 5 ein Verschwinden von 
Betrieben, aber verschieden ist das Tempo dieses Prozesses. 
Charakteristisch aber ist die Tatsache, daß in Baden auch die 
Zahl der beschäftigten Personen und die Zahl der Mahlgänge 



1 Jahresbericht des Großh. Badischen Handelsministeriums 1873. 

2 A. a. O. 1874. 

3 A. a. O. 1875. 

4 Beiträge zur Statistik der inneren Verwaltung des Großherzogtums 
Baden, Heft 41. Statistik des Deutschen Reiches, Bd. 34, Teil I und II. 

5 In Preußen ein Rückgang um 5,60/0. 



Digitized by 



Google 



26 Kajutel I. 

zurückging, in der Pfalz dagegen Personen wie Mahlgänge sich 

vermehrten: 

1861 1875 

Personen Mahlgänge Personen Mahlgänge 

Pfalz 1549 1789 1720 (-1-11^/0) 1953 (-»-9>i''/o) 
Baden 4238 4941 4157 (—2^/0) 4812 (—2,6^/0) 
In Baden ging die Entwicklung in der Richtung der Ver- 
drängung der kleinen Kundenmühlen durch relativ kleine, aber 
über das ganze Land zerstreute, fast nur für die nähere Um- 
gebung arbeitende Handels- und Kunstmühlen; in der Pfzdz 
dagegen traten an Stelle der sehr stark verringerten Kleinbetriebe 
an wenigen Orten konzentrierte und für den Fernabsatz einge- 
richtete Mittel- und Großbetriebe. Diese Tatsache ergibt sich 
auch aus einer Gegenüberstellung von Klein- und Großbetrieben 
im Sinne der Statistik' von 1875: während in Baden auf 83 Klein- 
betriebe ein Großbetrieb kam, war das Verhältnis in der Pfalz 
wie 21:1. Unter sämtlichen badischen Mühlen waren 1835 Klein- 
betriebe mit 3893 Personen, 340= 19^0 der Hauptbetriebe wztren 
ohne Gehilfen. Von den 1783 Hauptbetrieben waren nur 265 reine 
Mühlenbetriebe; in 1340 Fällen war Landwirtschaft die Neben- 
erwerbsquelle. Die Pfalz hatte 641 Kleinbetriebe, in denen 
15 19 Personen beschäftigt wurden; gehilfenlose Betriebe wurden 
154 = 23^0 ermittelt. 

Die Großbetriebe waren in der Pfalz durch 21 Mühlen mit 
zusammen 201 Personen, vertreten dagegen hatte das an Ein- 
wohnern fast doppelt so große Baden nur 22 solcher Betriebe, 
die 264 Personen beschäftigten. Eine Gliederung dieser Groß- 
betriebe führt zu folgendem Ergebnis: 

Betriebe mit Baden Pfalz 

6 — 10 Personen 13 14 

II — 50 » 8 7 

51 — 200 » I <40 Personen) — 

Über die motorischen Kräfte geben folgende Zahlen Auskunft: 

Betriebe mit Baden Pfalz 

Wasserkraft 1845 mit 15584 PS. 654 mit 4412 PS. 
Dampfkraft 42» 532» 74» 749* 

Turbinen 123 » i 157 » 7 » — » 

X Die Gewerbestatistik vom i. Dezember 1875 betrachtete Betriebe mit o bis 
5 Personen als Kleinbetriebe, während sie alle Betriebe, die mehr als 6 Personen 
beschäftigten, den Großbetrieben zurechnete. 



Digitized by 



Google 



Geschichtliche Entwicklung des badisch-rheinpfälzischen Mühlengewerbes. 27 

Auf einen Dampfmühlenbetrieb kamen durchschnittlich in 
Baden 12,7 PS., in der Pfalz 10 PS.^ Das bedeutet für Baden 
gegenüber 1861 eine Zunahme um 120%, während in der Pfalz 
die Ziffer gleich geblieben ist. Eine Wassermühle in Baden hatte 
durchschnittlich eine Triebkraft von 8,4 PS., in der Pfalz von 6,7 PS. 

W£is die Zahl der beschäftigten Personen angeht, so kamen 
auf eine Mühle in Baden 2,2, in der Pfalz 2,6 Personen, ^ und 
nach Groß- und Kleinbetrieben unterschieden: es kamen auf einen 
badischen Kleinbetrieb 2,1, auf einen badischen Grroßbetrieb 
12 Personen; auf einen pfälzischen Kleinbetrieb 2,4, auf einen 
pfälzischen Großbetrieb 10 Personen. 

Die maschinelle Einrichtung (gemessen an der Zahl der 
Mahlgänge) 3 einer badischen Mühle bestand in 2,6, einer pfäl- 
zischen in 3 Mahlgängen. 

Nach Groß- und Kleinbetrieben gegliedert: 
in Baden: Grroßbetrieb 7,6; Kleinbetrieb 2,5 
in der Pfalz: Großbetrieb 9,3; Kleinbetrieb 2,7. 

Über die soziale Stellung der beschäftigten Personen unter- 
richten folgende Zathlen. Es waren in 

Betrieben mit o — 5 Gehilfen Baden Pfalz 

Inhaber und Geschäftsleiter 1649 ^H niännliche Personen 

73 31 weibliche » 

1722 645 Personen 

Arbeiter und Gehilfen . . 1994 813 männliche Personen 

— 4 weibliche » 

Lehrlinge 177 57 Personen 



2 171 874 Personen. 



» Im Deutschen Reich 34 PS., die Zunahme gegen 1861 betrug 183 0/0. 

2 In Deutschland 2,19 Personen; auf einen Großbetrieb 16, Kleinbetrieb 
1,9 Personen. 

3 Nach Gattungen gesondert: 

in Baden in der Pfalz 

Kleinbetriebe Großbetriebe Kleinbetriebe Großbetriebe 
deutsche. . . . 3789 49 912 51 

amerikanische . . 272 78 133 26 

andere .... 584 40 712 119 

4645 167 1757 196 

V ^ , > ^ . 

4812 1953 



Digitized by LjOOQIC 



28 Kapitel I. 

Auf einen Inhaber oder Geschäftsleiter kamen demnach in 
den Kleinbetrieben 1,3 Gehilfen und Arbeiter, in Baden wie in 
der Pfalz. 



Baden Pfalz 



In Betrieben mit 
mehr als 5 Gehilfen 

Inhaber und Ceschäftsleiter .28 26 männl. Pers. 
kaufmännisches und tech- 
nisches Aufsichtspersonal .30 16 » » 
Arbeiter und Gehilfen . . . 204^^^«'^°*«'^ 156 » » \^^^^^^^ 

J sind II , I sind 8 

2)LehrUnge 3 WClbl. » ) LehrUnge 

264 201 Personen. 

Es entfielen demnach in den Mühlengroßbetrieben auf einen 
Selbständigen in Baden 8,4, in der Pfalz 6,7 Abhängige, und im 
Durchschnitt sämtlicher Mühlen kamen auf einen Selbständigen 

in Baden . . 1,4 Abhängige, 
» der Pfalz .1,6 » 

» Deutschland 1,2 » 

Charakteristisch ist die auffeJlend geringe Zahl der Lehr- 
linge: in Baden 188, in der Pfalz 65. Der gewerbliche Nach- 
wuchs war also in jenen Tagen schon ganz gering, und seine 
Zahl wirft ein Licht auf die zukünftige Prosperität des Mühlen- 
gewerbes. 

Als allgemeines Ergebnis für das Jahr 1875 muß demnach 
das Vorherrschen der kleinen Kundenmühlen festgestellt werden. 
Die Anzahl der Handelsmühlen läßt sich auch aus dieser Statistik 
nicht ersehen; allein wenn wir die Betriebe mit mehr als drei 
Arbeitern als Handelsmühlen ansehen, so dürften es in der Pfalz 
ungefähr 60, in Baden 120 bis 130 gewesen sein. 



3. Die Bedeutung der internationalen Konkurrenz für die 
badisch-rheinpfälzische Mühlenindustrie. 
Zu derselben Zeit, da die müllerische Technik die ökono- 
mischen Verhältnisse umzuändern begann, trat mit edler Macht 
die Konkurrenz ausländischer Mühlenfabrikate in unserem Gebiete 
auf. Nicht nur daß die französischen und amerikanischen Mehle 
die Produkte unserer Müllerei aus ihren auswärtigen Absatz- 



Digitized by 



Google 



Geschichtliche Entwicklung des badisch-rheinpfälzischen Mühlengewerbes. 20 

gebieten, der Schweiz und dem Niederrhein, zu verdrängen 
suchten, kamen sie nun auch als gefährliche Konkurrenten auf 
den badisch-rheinpfälzischen Markt. Frankreich brachte Weizen- 
und Roggenmehl, während die technisch aufs beste eingerichteten 
Wiener und Pester Mühlen »hochfeine« Fabrikate einführten, und 
endlich kamen alljährlich je nach dem Ernteausfall mehr oder 
weniger große Zufuhren Roggenmehl aus Norddeutschland. Der 
Mehlhandel erhielt durch eine Reihe handeis- und eisenbahntarif- 
politischer Maßnahmen große Förderung. Die Tatsache, daß auf 
allen Bahnen Mehl und Getreide zu demselben Frachtsatz ge- 
fahren wurden, reizte zum Mehlversand an, und Differentialtarife 
trugen zu einer Erschwerung der Konkurrenzverhältnisse bei; 
so kostete z. B. im Jahre 1877 Mehl von Wien über Simbach 
und Lindau nach Romanshom 4,62 Pfg. pro Tonnenkilometer 
(671 km), dagegen von Neustadt a. d. H. nach Romanshorn 
5»53 Pfg« pro Tonnenkilometer (427 km).^ 

Die Einfuhr französischer Mehlsorten wurde nicht nur durch 
die Zollfreiheit erleichtert, sondern auch durch die Einrichtung 
der titres d'acquit-ä-caution in hohem Maße begünstigt. Um die 
Interessen der in den nördlichen Departements gelegenen bedeu- 
tenden Mühlenindustrie nicht zu schädigen, wurde dem Importeur 
gestattet, fremdes Getreide zollfrei einzuführen, wenn er sich in 
einem Revers (acquit-ä-caution) verpflichtete, das aus ausländischem 
Getreide gewonnene Mehl innerhalb drei Monaten wieder aus- 
zuführen, und zwar wurden als Rendement je nach der Ausbeute 
die festen Sätze von 90, 80, 70 und 60% angenommen. ^ Da 
die nordöstlichen, der Pfalz benachbarten Mühlen von dieser 
Zollbefreiung sehr ausgiebigen Gebrauch machten, bewirkte die 
französische Konkurrenz gerade in der Pfalz, daß viele, gut ein- 
gerichtete Handelsmühlen ihren Betrieb einstellen mußten. 3 

Der Einfluß der französischen Handelspolitik wurde noch 
fühlbarer, als im Jahre 1896 durch ein Dekret der Vergütungs- 
modus neu geregelt wurde.4 Der französischen Mühlenindustrie 
wurde dadurch eine Mehlexportprämie gewährt, so daß sie nun 
leicht mit ihren feinen Mehlen nach dem Elsaß und Baden vor- 



* Handelskammerbericht Ludwigshafen 1877. 

2 Lexis, Die französischen Ausfuhrprämien, 1870, S. 387, 

3 Handelskammerbericht Ludwigshafen 1877. 

4 Mohr, a. a. O. S. 137 ff. 



Digitized by 



Google 



•jO Kjipitel I. 

dringen konnte. Bis 1892 hielt sich die Einfuhr nach Baden per 
Bahn immer unter 50 t jährlich, um 1893 auf 562 t zu steigen; 
sie ging dann wieder etwas zurück und belief sich 1896 wieder 
auf 336 t. 



4. Die Schutzzollgesetzgebung von 1879 bis xSgi und die 
badisch-rheinpf^lzische Mtthlenindustrie.' 

Diese Umstände erklären es, daß das berühmte Schreiben 
Bismarcks an den Bundesrat vom 15. Dezember 1878, in dem 
er den »Schutz der gesamten inländischen Produktion« als wün- 
schenswertes Ziel einer neuen Wirtschaftspolitik hinstellte, in den 
Kreisen unserer Müller lebhaften Widerhall fand. Ihre Stellung 
brachten sie in einer am 16. Juli 1878 zu Mannheim gefaßten 
Resolution zum Ausdruck: »Es wolle der deutsche Müllerverband 
beschließen, bei der Reichsregierung mit allem Nachdruck dahin 
zu wirken, daß für Mühlenfabrikate vollständige Handelsfreiheit 
auf Gegenseitigkeit gewährt werde; für den Fall aber, daß dieses 
Ziel, besonders den Staaten gegenüber, mit denen wir angesichts 
ihrer Lage zu uns, in geschäftliche Beziehungen treten könnten, 
nicht zu erreichen sein sollte, mit aller Energie dahin zu trachten, 
daß ein Zoll auf Mühlenfabrikate gelegt werde . . . .«^ Bezeichnend 
ist, daß die Müller Gegner des Getreidezolles waren, erklärten 
sie doch durch ihre Vertreter 1879 in Mannheim: unsere Land- 
wirtschaft habe in ihrer Mehrheit nur ein schwaches Interesse 
daran, einen Getreidezoll zu befürworten, da die meisten Land- 
wirte genötigt seien, monatelang Getreide und Mehl sowie Kleie 
zuzukaufen. Es sei deshalb zur Versorgung des Konsums not- 
wendig, Getreide einzuführen. Die Müller könnten sich deshalb 
mit einem Getreidezoll als »Finanzzoll« nur dann befreunden, 
wenn i. derselbe beim Mehlexport zurückvergütet, und 2. das 
Mehl mit einem 272- bis 3 fachen Zoll belegt werde. Da der 
Wohlstand, ja die Existenz der Landwirtschaft auf einem aus- 
gedehnten, futterverbrauchenden Viehstand beruhe, so liege es 
im wohlerwogenen Interesse unserer Landwirtschaft nicht für 

1 Es liegt natürlich außerhalb des Rahmens dieser Arbeit, eine Darstellung der 
Schutzzollgesetzgebung für Mehl zu geben; es kommt hier nur darauf an, kurz die 
Stellung der badisch-pfälzischen Müller zu diesen Gresetzen zu skizzieren. 

2 Die Mühle, 1870, S. 152. 



Digitized by 



Google 



GreschichÜiche Entwicklung des badisch-rheinpfälzischen Mühlengewerbes. r i 

Mehl-, sondern für Getreideimport entschieden einzutreten.* Die 
Wünsche der badisch-pfälzischen Müller wurden zum Teil wenig- 
stens durch das Gesetz vom 15. Juli 1879, das für Weizen und 
Roggen einen Zoll von i M. pro Doppelzentner und für Mehl 
und Mühlenfabrikate von 2 M. pro Doppelzentner festsetzte, er- 
füllt. Der Getreidezoll stand daher zum Mehlzoll im Verhältnis von 
2:1, und nicht, wie der Müllerverband verlangte, von 2,5 bzw. 
3:1; aber bereits im Juli 1881 kam die Regierung durch Er- 
höhung des Mehlzolles auf 3 M. dieser Forderung nach, um 
dem Mehl einen wirksameren Schutz als bisher zu geben. Die 
Regelung des Mehlausfuhrhandels durch den Identitätsnachweis 
fand nicht den Beifall der pfälzischen Müller, die in einer Zu- 
schrift an die Handels- und Gewerbekammer Ludwigshafen die 
Aufhebung des Identitätsnachweises für Mehl mit der Begrün- 
dung forderten, daß die Kosten des Nachweises die allenf aisige 
Rückvergütung übersteigen und die Kontrollvorschriften unmög- 
lich befolgt werden könnten. Sie schlagen deshalb im Jahre 
1880 vor, die Zollrückvergütung schon dann zu gewähren, wenn 
der Nachweis der Vermahlung fremden Mehles vorliege. Das 
Ausbeuteverhältnis wollten sie auf 70*^/0 bei Weizen und 60*^/0 
bei Roggen festgesetzt wissen.^ 3 

In Ausführung des § 7 des Zollgesetzes waren durch Er- 
laubnis des Bundesrats in Ludwigshafen und in Mannheim ge- 
mischte Privattransitlager für Getreide errichtet worden. 

Die Wirkung dieser Politik auf die badisch-rheinpfälzische 
Mühlenindustrie war in der ersten Zeit rein negativ. Es kamen 
dank der billigen Wasserfracht immer noch große Quantitäten 
amerikanischen Mehles auf den Markt, und zwar waren es nicht 
etwa die besten Sorten, sondern nur mittlere und geringe Ware. 
Erst die Mehlzollerhöhung auf 3 M. vermochte die ausländischen 
Erzeugnisse fern zu hsdten. Ein Blick auf die Einfuhrstatistik 
des Mannheimer Hafenverkehrs läßt dies deutlich erkennen: 

1879 6091 t 1881 10862 t 

1880 9 711 » 1882 5 336 » 



X Die Mühle, 1879, S. 100. 

2 Die Mühle, 1881, S. 215. 

3 Am 14. Mai 1881 wurde das Ausbeuteverh&Unis von 800/0 bei Weizen und 
70 0/0 bei Roggen um je 5 0/0 heruntei^gesetzt. 



Digitized by 



Google 



^2 Kapitel I. 

Besonders der ungarischen Einfuhr war nun ein Riegfei 
vorgeschoben, denn der Zollsatz machte 8 bis 12% des Wertes 
der mittleren Mehlsorten aus. Noch viel gefährlicher war aber 
der norddeutsche Wettbewerb. Der auf den Export angelegten 
ostdeutschen Mühlenindustrie war durch den Identitätsnachweis 
für Mehl die Ausfuhrmöglichkeit verschlossen. Die natürliche 
Folge war, daß die großen norddeutschen Handelsmühlen den 
süddeutschen Mühlen, die fast nur für den einheimischen Bedarf 
arbeiteten, in ihren Absatzgebieten lebhaft Konkurrenz machten. 
Hatte auch die von unser n Müllern sehr befürwortete Aufhebung*^ 
des Identitätsnachweises für Mehl Besserung zu bringen vermocht, 
so blieb immerhin die norddeutsche Mehleinfuhr noch bestehen, 
da die Stettiner und Danziger Mühlen nicht sofort ihre alten 
Absatzorte, England, Skandinavien und Dänemark, wieder erobern 
konnten. Sie schickten nun die feineren und geringeren Mehle 
ins Ausland, mit den mittleren Sorten traten sie mit den süd- 
deutschen kleinen Mühlen in Wettbewerb. Einen unmittelbaren 
Einfluß auf unsere Mühlenindustrie konnte jene zollpolitische 
Maßnahme deshalb nicht haben, weil unsere Mühlen — einige 
oberbadische Handelsmühlen, die nach der Schweiz exportierten, 
ausgenommen — eine namhafte Mehlausfuhr nicht unterhielten. 
Zu all diesen ungünstigen Umständen kam jetzt die starke Kon- 
kurrenz unter den badisch-pfälzischen Mühlen selbst. Zum ersten 
Male im Anfang der achtziger Jahre trat die Überproduktion, die 
Folge des spekulativ-kapitalistischen Charakters der Mehlproduk- 
tion durch die Handelsmüllerei, auf, um bis auf unsere Tage nicht 
wieder zu verschwinden. Wir wissen, daß in diese Zeit die ge- 
waltigen Umänderungen der Mühlentechnik durch Anwendung 
des Walzenstuhles fallen, daß faßt jeder Handelsmüller und auch 
mancher bisherige Lohnmüller diese Fortschritte sich dienstbar 
zu machen suchte. Diese Betriebsvergrößerung und Betriebs- 
verbesserung führte notwendig zu einer Steigerung des Produk- 
tionsquantums, so daß die Produktion dem Verbrauch um ein 
weites Stück vorauseilte. Nicht zu vergessen ist auch die Ver- 



I Auf Antrag des Abgeordneten Richter wurde am 23. Juni 1882 der Identi- 
tätsnachweis für Mehl aufgehoben. Durch ein neues Regulativ wurden die sogenannten 
Mühlenzollkontos eingeführt, worauf der Import an Getreide belastet, der Export an 
Mehl entlastet wird, so daß nur die Differenz zwischen Export und Import verzollt 
wurde. Damit war das Prinzip der Identität durch das der Äquivalenz ersetzt. 



Digitized by 



Google 



Geschichtliche Entwicklung des badisch-rheinpfälzischen Mühlengewerbes. 77 

teuerung des Rohmateriales der Handelsmühlen durch die Zölle. 
Wenn man geglaubt hatte, der Schutzzoll auf Getreide werde 
die Wirkung haben, daß der Getreide überproduzierende Osten nun 
seinen Überschuß in den Getreide unterproduzierenden Westen 
und Süden verschicken werde, die Einfuhr ausländischer Brot- 
frucht aber mindestens stark eingeschränkt werde, so scheiterte 
das an der Verschiedenheit der Getreidesorten. 

Den meisten deutschen Getreidesorten eignet zwar ein großer 
Stärkereichtum, aber sie entbehren des zur Herstellung eines 
backfähigen Mehles erforderlichen reichen Klebergehaltes. Auf 
dieser natürlichen Tatsache beruht die Notwendigkeit der Ver- 
mischung mit kleberhaltigen Getreidearten, Da deshalb die Auf- 
nahmefähigkeit des süddeutschen Marktes für »ostelbisches« Ge- 
treide nicht groß war, waren die Handelsmühlen nach wie vor 
auf die ausländische Brotfrucht angewiesen. Dadurch wurde die 
Stellung dieser Mühlen gegenüber den Lohn- und Kundenmühlen, 
die nur einheimische Herkunft verarbeiteten, sehr schwierig. Wir 
dürfen annehmen, daß schon damals eine Kunst- und Handels- 
mühle vor der Ernte ca. 50^/0, nach der Ernte ca. 20 bis 25*^/0 
ausländische Brotfrucht vermahlte; im Handelskammerbezirk Frei- 
burg' z. B. bezog 1882 eine Mühle 94% ausländischen Weizen 
und Roggen; dagegen nur 6^/0 deutsches Getreide. Die ein- 
zelnen Provenienzen waren: 

10 100 dz russischer Weizen, 

3 000 » amerikanischer Weizen, 

5 000 » ungarischer, galizischer, rumänischer, serbischer, italienischer Weizen, 

400 * französischer Weizen, 

400 » norddeutscher Roggen, 

700 » badischer Landweizen und Roggen, 



19600 dz. 

Die Getreidezollerhöhungen im Jahre 1885 auf 3 M. und 
1887 auf 5 M. pro Doppelzentner stießen daher auf den heftigen 
Widerstand unserer Handelsmühlen, ^ während das Interesse des 
Kundenmüllers mit dem des Getreideproduzenten übereinstimmte. 
Die gleichzeitige Erhöhung des Mehlzolles auf 7,50 M. bzw. 
10,50 M. hatte den Erfolg, daß die ungarischen Mehle fast ganz 



z Handelskammerbericht Freiburg 1882. 

2 Handelskammerbericht Ludwigshafen 1886. 

Fromm, Das Mühlengewerbe in Baden und in der Rheinpfalz. 



Digitized by 



Google 



34 Kapitel I. 

vom Markte verschwanden, und nur sehr feine Sorten in kleinen 
Mengen eingeführt wurden.' 

Die Handelsvertragspolitik vom Jahre 1891 ab wurde auch 
von der süddeutschen Mühlenindustrie wegen der Stabilisierung 
der Verhältnisse begrüßt, aber mit dem Zollsatz von 7,30 M. war 
sie nicht zufrieden, da sie bei einem Fruchtzoll von 3,50 M. zum 
wirksameren Schutze des Mehles einen Mehlzoll von 8,60 M. für 
notwendig hielt. 



5. Der Staffeltarif für Getreide und Mühlenfabrikate von 
189 1 bis 1894 und seine Wirkungen auf die badisch-rhein- 
pfälzische Mühlenindustrie. 

Wenn. in diesen Jahren die norddeutsche Konkurrenz zwar 
nicht aufgehört, aber doch etwas nachgelassen hatte, da in Baden 
und in der Pfalz Mitte der achtziger Jahre mehrere Roggenmühlen 
entstanden waren, um die Zufuhr von norddeutschem Roggen- 
mehl fernzuhalten, so rief die Einführung des Staffeltarifes* auf 
den preußischen Bahnen am i, September 1891 große Beunruhi- 
gung bei der süddeutschen Landwirtschaft und Müllerei hervor. 
Nach diesem Tarife wurden Getreide und Mühlenfabrikate 
folgendermaßen gefahren: an den vollen regelrechten Frachtsatz 
des Spezialtarifes I (4,5 Pf. -1- 12 Pf.) bis 200 km wurden von 
201 bis 300 km 3 Pf., von 301 km ab 2 Pf. pro Tonnenkilo- 
meter ohne Abfertigungsgebühr angestoßen, so daß sich die 
Streckensätze pro Tonnenkilometer ohne die Abfertigungsgebühr 

bei 300 km auf 4 Pf., 



» 


400 


» 


» 3,5 


» 




» 


500 


» 


» 3,2 


» 




» 


600 


» 


» 3.0 


» 




» 


800 


» 


» 2,75 


» 




» 


1000 


» 


» 2,6 


» 


stellten 



1 Handelskammerberichte Mannheim, Freiburg, Heidelberg 1885, 1887. 

2 St. Pernaczynski, »Die Eisenbahntarife für Getreide und Mehl in Posen« 
in den Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Bd. 89, S. 109; Dr. H. Hailer, 
Studien über den deutschen Brotgetreidehandel, Jena, 1902; F. Ulrich, Staffeltarife 
und Wasserstraßen, Berlin, 1894. 



Digitized by 



Google 



Geschichtliche Entwicklung des badisch-rheinpfälzischen Mühlengewerbes. 7 c 

Der Grund der Einführung dieses Staffeltarifes war das Be- 
streben, der ostelbischen Landwirtschaft durch billigeren Transport 
Absatzgelegenheit auf den südwestdeutschen Konsumtionsgebieten 
zu verschaffen. Man begegnet öfters der Anschauung, daß der 
Staffeltarif ein Notstandstarif gewesen sei. Der Minister Thielen 
hat aber im preußischen Abgeordnetenhause* diese Auffcissung 
als falsch bezeichnet; wenn auch die beschleunigte Einführung 
auf akute Notstände zurückzuführen sei, so sei die Staatsregierung 
schon vorher durch eingehende Untersuchungen zur Überzeugung 
gelangt, daß die Einführung der Staffeltarife sowohl wirtschaftiich 
wie finanziell eine richtige Maßregel sei. 

Wichtiger aber ist die Frage nach der Wirkung des Staffel- 
tarifes auf die badisch-pfälzische Landwirtschaft und Müllerei. 
Für Getreide haben schon Conrad^ und Hailers dargetan, daß 
gerade während der Gültigkeit des Staffeltarifes weit weniger 
Weizen und Roggen nach Süd- und Westdeutschland versandt 
wurden, als vorher und nachher. Es bleibt uns deshalb übrig, 
seinen Einfluß auf unsere Müllerei nachzuweisen. 

Zunächst soll die folgende Tabelle zeigen, in welchem Maße 
die Tarifsätze des Reformtarifes (Spezialtarif I) durch die Staffel- 
tarifsätze abgeändert worden sind. Es kostete die Wagenladung 
Mehl zu 10 000 kg nach Ludwigshafen: 



Von 


nach dem 
Refonntarif 


nach dem 
Staffeltarif 


Differenz 11 


absolut 


in Prozenten 


Stettin .... 
Posen .... 
Danzig .... 
Königsberg . . 


367 

573 


259 
273 
324 
350 


Ji 
108 

125 
190 
223 


4IJ 

45J 
58,6 

63.7 



Man ersieht daraus, wie durch eine solche Herabsetzung 
der Frachten die Versendungsmöglichkeit gesteigert werden kann. 

1 Stenographische Berichte der Verhandlungen des Hauses der Abgeordneten, 
1 892/93, Bd. IV, S. 2409. 

2 Conrads »Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistikc, 1894, 3. F. 
Bd. VII, S. 313 ff. 

3 Hailer, a. a. O. S. 145. 

3* 



Digitized by 



Google 



36 



Kapitel I. 



Die Wirkung des Staffeltarifes auf den Versand von Mühlen- 
fabrikaten nach Baden und der Pfalz können wir am besten aus 
der Statistik der »Güterbewegxing auf den deutschen Eisen- 
bahnen« erkennen. Darnach betrug die Mehleinfuhr nach Baden 
(einschlieBlich Mannheim-Ludwigshafen) in Tonnen: 





1889 


1890 


1891 


1892 


1893 


1894 


«895 


Aus Ost- und Westp. 
















preußen .... 


10 


20 


80 


30 


30 


— 


5 


Aus den Elb- und 
















Weserhäfen, Posen 
















und Hannover . . 


2586 


1862 


953 


575 


446 


599 


II 20 


Aus Breslau, Berlin 
















und Brandenburg . 


^25 


267 


245 


295 


370 


384 


369 


Aus Thüringen und 
















Sachsen .... 


3123 


2519 


H79 


875 


867 


'043 


1294 


zusammen . . . 


5944 


4668 


2757 


1775 


1713 


2026 


2788 



Um ein vollständiges Bild von der Mehleinfuhr nach Baden 
zu erhalten, $ei auch noch die Zufuhr auf dem Rhein nach Mann- 
Ijeim-Ludwigshafen hinzugefügt: 

1889 1890 1891 1892 1893 1894 1895 

32007 t 31168 t 22378 t 14604 t 3Q937t 22338 t 15960 t 

Das Resultat, das wir aus diesen Ziffern herauslesen können, 
i$t die Tatsache, daß während der Geltung des Staffeltarifes die 
Zufuhr von Mühlenfabrikaten aus Norddeutschland per Bahn 
nach Baden nicht zugenommen hat, sondern niedriger geblieben 
ist, als in den Jahren vor und nach der Einführung de§ Staffel- 
tarifes: 

1888 belief sie sich auf 5452 t 

1887 » » » » 5104 » 

Im einzelnen wies nur der Empfang aus Berlin-Branden* 
bürg in den Jahren 1891 bis 1894 eine Steigerung auf, die 



Digitized by 



Google 



Geschichtliche Entwicklung des bädisch-rheinpfälzischen Mühlengewerbes. %h 

sich aber nicht auf diesen Zeitraum beschränkte, sondern ätihiät 
bis 1900: 

1898: 543 t, 

i8gg: 715 * 

1900: 757 » 

Der Zugang auf dem Rhein zeigt zwar im Jahr 1893 eine 
aufsteigende Kurve, aber diese Höhe war auch schon vor dem 
Staffeltarif 1889 und 1890 erreicht worden. Damit wir aber den 
Einfluß dieses Tarifes auf die Produktions- und Absatzverhältnisse 
unserer Mühlenindustrie in seinem ganzen Umfange feststellen 
können, müssen wir noch die Ziffern des Mehlversandes von 
Baden nach den anderen Reichsteilen heranziehen: 

1889^ 60964 t, 
iBgöJ 67 151 » 
1891: 61 244 > 
iSgit 55 I2Ö » 
1Ö93: 67828 » 
1894: 43673 » 
1895 J 60348 » 

Auch da sehen wir, daß im allg'emeineii ein erhebliche!" 
Rückgang nicht eingetreten ist, nur Aach der Rheinprovinz und 
dem Saargebiet hat der Absatz während der Geltung des Staffel- 
tarif es nachgelassen. Er betrug: 

1890: 19 841 t, 
i8gi: 17 468 » 
1892: 10372 » 
1893: 14568 » 
1894: 18 690 » 
1895: 21 859 » 

Die Befürchtungen, die man in dei» badlsehen Müllerei ge- 
hegt hatte, trafen demnach nicht zu; schreibt doch die Mann- 
heimer Handelskammer 1891: *Aüch die Einführung der soge- 
nannten Staffeltarife vermochte nicht den norddeutschen Mühlen- 
fabrikaten den Absatz bei uns in Süddeutschland zu sichern, wie 
man dies ursprünglich erwarten zu dürfen wähnte. Sie sind für 
uns nicht einmal in der Richtung nach Elsaß-Lothringen, dein 



Digitized by 



Google 



38 Kapitel I. 

bisherigen Hauptkonsumtionsgebiet für norddeutsches Weizenmehl, 
von Bedeutung gewesen.«^ Wir können somit als Ergebnis un- 
serer Untersuchung feststellen, daß der Staffeltarif für Getreide 
und Mehl für die badisch-rheinpfälzische Mühlenindustrie nur in- 
sofern von Nachteil gewesen ist, als er den Absatz nach dem 
Rheinland etwas eingeschränkt hat. Der Grund dieser Erschei- 
nung ist darin zu suchen, daß der Staffeltarif den Mehlbezug von 
Nord- nach Süddeutschland vom Rhein weg auf die Eisenbahn 
drängte und damit Mannheim -Ludwigshafen, deren verkehrs- 
politische Bedeutung gerade in der günstigen Lage am Ende des 
schiffbaren Rheins und in der vorteilhaften Verbindung der 
Rheinschiffahrt mit dem südwestdeutschen Eisenbahnnetz liegt, 
in künstlicher Weise den Wettbewerb erschwerte und den Ver- 
kehr günstiger gelegenen Eisenbahnknotenpunkten zuwendete. ^ 
Die leidenschaftliche Bekämpfung, die der Staffeltarif be- 
sonders in Bayern, Sachsen und in sämtlichen westlich von Berlin 
gelegenen Landesteilen erfuhr, veranlaßte schließlich nach langem 
Zögern die preußische Regierung, ihn am i. August 1894 auf- 
zuheben. Den deutschen Osten entschädigte man aber gleich- 
zeitig für den dadurch entgangenen Vorteil durch eine neue Ein- 
richtung, die von ihm seit langem angestrebt war, nämlich die 
Erteilung von Einfuhrscheinen bei der Getreideausfuhr unter Be- 
seitigung des Identitätsnachweises für Getreide. 3 

6. Die Aufhebung des Identitätsnachweises für Getreide. 

Als im Jahre 1887 der Antrag »Ampach und Genossen« 
die Aufhebung des Identitätsnachweises für Getreide verlangte, 
um dem Getreideüberschuß des deutschen Ostens die früheren 
Exportkanäle wieder zu erschließen, traten auch die Handels- 
kammern Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg für die Be- 
seitigung dieser zollpolitischen Maßregel ein, aber im Gegensatz 
zu der Auffassung der Königsberger Kaufmannschaft, die im 



X Handelskammerbericht Mannheim 1891, S. 23. 

2 Daraus erklärt sich auch, daß der Staffeltarif auf die rechtsrheinische bayerische 
Mühlenindustrie und Landwirtschaft viel ungünstiger gewirkt hat. Vgl. Kustermann, 
Das Mühlengewerbe im rechtsrheinischen Bayern, Stuttgart, 1899. 

3 Vgl. Rathgen, Abhandlung »Identitätsnachweis« im »Wörterbuch der Volks* 
wirtsch^t«, Bd. II, S. 5. 



Digitized by 



Google 



Geschichtliche Entwicklung des badisch-rheinpfälzischen Mühlengewerbes. ^g 

Interesse der Ostseestädte die Identität der ein- und ausführenden 
Person forderte, schlugen sie mit Rücksicht auf die Eigen- 
tümlichkeit des Mannheimer Getreidehandels übertragbare Ein- 
fuhrscheine vor. 

In der badisch-pfälzischen Mühlenindustrie war man geteilter 
Ansicht. Die oberbadischen Müller' befürchteten, daß ein Teil 
der geringwertigen norddeutschen Mehle ausgeführt werde, wäh- 
rend der andere Teil, der mit dem aus zollfrei eingeführtem 
russischen Getreide hergestellten Mehl verbessert werde, auf den 
süddeutschen Markt geworfen und so den Konkurrenzkampf noch 
wesentlich verschärfen werde. Die Besitzer der an der Schweizer 
Grenze gelegenen Mühlen begründeten ihre Gegnerschaft damit, 
daß bei guten Ernten das einheimische Getreide mit Hilfe der 
Einfuhrscheine ratsch nach der Schweiz abfließen werde.* Die 
unterbadischen Mühlenindustriellen dagegen konnten infolge der 
norddeutschen Konkurrenz ihre feinen und mittleren Mehlsorten 
nicht auf den Markt bringen, und von einer Ausfuhr der feinsten 
Nummern ins Ausland war nicht zu reden. 

Nachdem der Reichstag sich mehrmals mit dieser Frage 
beschäftigt hatte, wurde schließlich durch Gesetz vom 14. April 1894 
der Identitätsnachweis für Getreide aufgehoben und bestimmt, 
daß bei Ausfuhr von Weizen, Roggen etc. Einfuhrscheine erteilt 
werden, die zur zollfreien Einfuhr einer Menge von Waren be- 
rechtigten, die den gleichen Zollbetrag wie die betreffende aus- 
geführte Getreidemenge zu entrichten haben würde; die Einfuhr- 
scheine werden auch Inhabern von Mühlen bei der Ausfuhr von 
Mühlenfabrikaten nach Maßgabe der dazu verwendeten Rohstoff- 
menge erteilt. (§ 7 Nr. 3.) Die Wirkung dieser zolltechnischen 
Erleichterung zeigte sich für unsere Handelsmühlen in der freien 
Wahl beim Bezüge von ausländischer und einheimischer Rohware 
zur Herstellung eines ausfuhrfähigen Fabrikates; dann sind mit 
dem Inkrafttreten des Gesetzes am i. Mai 1894 manch lästige 
und zeitraubende Kontrollvorschriften verschwunden. In Ober- 
baden hat das Gesetz den Grenzverkehr gehoben, während es 
andrerseits die Weizenausfuhr gefördert hat, 3 aber doch nicht in 



1 Handelskammerberichte Freibuig mid Konstanz 1890 bzw. 1893. 

2 Handelskammerbericht Schopfheim 1894. 

3 Handelskammerberichte Schopfheim und Konstanz 1895 ^^^- 1894. 



Digitized by 



Google 



^O Kapitel I. 

dem Maße, wie man es befürchtet hatte, denn der weiche badische 
Landweizen eignet sich nicht für die Schweizer Mühlen, deren 
Mahlverfahren (ungarische Hochmüllerei) harten Weizen erheischt.' 
Die Steigerung der Mehlausfuhr ins Ausland, vor allein in die 
Schweiz, seit der Aufhebung des Identitätsnachweises veranschau- 
lichen folgende Zahlen, die der Güterbewegungsstatistik ent- 
nommen sind: 

1893: 686 t 

1894: 1212 » 

1895: 1706 » 

1896: i665 » 

Die in § 7 Nr. 3 den Mühlen geWährtetl Erleichterungen 
haben nur für die an der Schweizer Grenze gelegenen Betriebe 
einige Bedeutung, da die Mühlen des nördlichen Baden und der 
Pfalz nur in den feinen Mehlsorten und auch da tiMt in ganz 
geringem Umfarige einen Export ins Atisland unterhalten. Ant 
diesem Grunde können wir es uns auch ersparen, auf das Regu- 
lativ vom 27. April 1894 einiUgeheti, das sich mit dem Auöbeute- 
verhältnls und dem Typeil verfahren beschäftigt, * da es für die 
Mühlenindustrie unseres Untersuchungsgebietes nicht von großer 
Bedeutung gewesen Ist. 3 

7. Der zollfreie Grenzverkehr und das Vormerkverfahren an der 
badisch-schweizerischen Grenze. 
Wenn wir nun in diesem Zusammenhange den Einfluß der 
Zollpolitik auf das badisch-pfälzische Mühlengewerbe weiter ver- 
folgen, so müssen wir zunächst des zollfreien »kleinen Grenz- 
verkehrs« gedenken, der für die oberbadischeii Mühlen an der 
Schweizer Grenze von Wichtigkeit ist. Nach dem Zolltarifgesetz 
von 1879 waren im Verkehr der Grenzgebiete mit dem Auslande 
Müllereierzeugnisse von nicht mehr als 3 kg für die Bewohner 
der Grenzbezirke zollfrei. Diese Bestimmung, die auch wieder in 
den neuen Handelsvertrag mit der Schweiz aufgenommen wurde,* 

^ Handelskamxnerbefioht Konstanz 18^4. 

2 Vgl. Mohr, a. a. O. S. 122 ff. 

3 Jetzt wird vom »Verband deutscher Müller« zur Erschwerung der Getreide- 
ausfuhr die Wiedereinführung des Identitätsnädiweises füi- Getreide angestrebt 

4 Artikel 2 Ziffer II des Zusatzyerfragel^ vom I2. Noyember 1^04 zum Handels- 
vertrag mit der Sdiweiz vom 10. Dezember 1891. 



Digitized by 



Google 



Geschichtliche Entwicklung des badisch-rheinpfälzischen Mühlengewerbes. a i 

hat ihren Gfund In dem richtigen Gedanken, Gebiete, die wirt- 
schaftlich eine Einheit bilden, nicht durch die ZoUinie künstlich 
zu trennen, besonders wenn die Versorgung mit den notwendigsten 
Lebensmitteln in Frage steht. Allein die Verleitung zum Miß- 
brauch dieser Einrichtung liegt sehr nahe, wenn hohe Zoll- 
schranken eineil erheblichen Preisunterschied bewirken. Es werden 
einfach verschiedene Familienangehörige mehrmals des Tags über 
die Grenze geschickt, um je 3 kg Mehl zu holen. Dadurch erleiden 
natürlich die an der Grenze gelegenen Mühlen großen Schaden; 
so hat der Absatz der oberbadischen Mühlen nach Konstanz fast 
ganz aufgehört, da ungefähr drei Viertel des Mehlbedarfes 
durch die Einfuhr im zollfreien Grenzverkehr gedeckt werden. 
Die Handelskammer Konstanz hat die auf diesem Wege erfolgte 
Mehleinfuhr nach Konstanz in den Jahren 1896/97 auf jährlich 
57>3 t berechnet, im Jahre 1898 allein auf 70,8 t. Diese Ver- 
günstigung haben sich die Schweizer Mehlhändler für ihre Zwecke 
nutzbar gemacht und fast an jeder Fähre und Brücke eine Brot- 
und Mehlniederlage errichtet. 

Auf Eingaben der beteiligten Handelskammern und MüUer- 
verbände hin hat die Regierung Kontrollmaßregeln eingeführt; 
es kann, wenn Mißbräuche vorgekommen sind, angeordnet wer- 
den,^ daß die Ware für jede Familie an jedem Tage nur einmal 
zollfrei eingeführt werden darf, oder daß die Zollbefreiung von 
der Lösung von Erlaubniskarten abhängig gemacht wird. 

Zu ähnlich schweren Mißständen führt auch das sogenannte 
Vormerkverfahren (eine Art von Veredelungsverkehr), das darin 
besteht, daß Getreide ausgeführt wird, um als Mehl wieder ein- 
geführt zu werden. Der innerhalb der Grenzzone ansässige 
deutsche Bäcker oder Mehlhändler bestellt bei dem benachbarten 
schweizerischen Müller das für seinen Betrieb notwendige Mehl. 
Der Müller läßt nun in Baden die entsprechende Menge Getreide 
in Säcke fassen, die die Aufschrift des bestellenden Bäckers oder 
Mehlhändlers tragen, auf dessen Namen dann die zollamtliche 
Vormerkung bewirkt wird. Das bestellte Mehl wird dann inner- 
halb einer so kurzen Zeit, daß eine Vermahlung des vorgemerkten 
Getreides unmöglich ist, über die Grenze zurückgebracht* Die 



X Verordnungsblatt der Großh. Badisdien Zolldirektion, 1906 Nr. 4. 
2 Handelskammerbericht Konstanz 1902. 



Digitized by 



Google 



4 2 Kapitel I. 

badischen Mühlen werden dadurch zum Vorteil der schweizerischen 
aus ihrem Absatzgebiet verdrängt. Als man vor Jahren das Vor- 
merkverfahren beseitigen wollte, hat die Regierung in den land- 
wirtschaftlichen Kreisen heftigen Widerstand gefunden, während 
andrerseits die Handelskammer Konstanz die Erfahrung gemacht 
hat, daß die Landwirte, deren Interesse der Vormerksverkehr 
allein dient, von dieser Erleichterung überhaupt keinen Gebrauch 
machen. 



8. Das Mühlenregulativ vom 4. Juli 1899 und die Stellung der 
badisch-rheinpfälzischen Mühlenindustrie zum neuen Zolltarif. 

Wenn auch bei der badisch-rheinpfälzischen Mühlenindustrie 
von einer bedeutenden Mehlausfuhr nicht gesprochen werden kann, 
so sind doch die mit der Schutzzollgesetzgebung eingeführten Be- 
stimmungen über die Zollrückgewährung für ausgeführtes Mehl 
nicht ohne Einfluß auf sie geblieben. So haben die Schädigungen, 
die unsere Exportmühlenindustrie durch das Mühlenregulativ^ vom 
4. Juli 1899 erfuhr, zu lebhaften Klagen Anlaß gegeben. In 
Konstanz* habe die Ausfuhr von geringeren Mehlsorten nahezu 
ganz aufgehört, feinere Mehle würden überhaupt nicht mehr nach 
der Schweiz exportiert, da die Schweizer Mühlen ein besseres 
Fabrikat herstellten, und bei der dort herrschenden Überproduk- 
tion ein Bedürfnis nach Einfuhr gar nicht vorhanden sei. Der 
Rückgang in der Ausfuhr sei in der Herabsetzung bzw. Nicht- 
gewährung der Zollrückvergütung bei dem geringeren Mehl be- 
gründet; auch die Klasseneinteilung wird heftig angegriffen, da 
deren Durchführung in der Praxis bei der verschiedenen Qualität 
des Getreides, der ungleichmäßigen Ausbeute geradezu unmöglich 
sei. Endlich wird das Typenverfahren wegen der verschiedenen 
Härte der Getreidesorten als eine verfehlte Maßregel bezeichnet. 
Die Mannheimer beklagen seit dem Inkrafttreten des neuen 
Mühlenregulatives am i. Januar 1900 einen Rückgang in der 
Ausfuhr; sie weisen hauptsächlich noch auf die Unzulänglichkeit 
der Aschegehaltsprüfung hin, die besonders bei dem Mehl aus 
Hartweizen, dessen Schale mehr gerieben werde und deshalb 



1 Vgl Mohr, a. a. O. S. Il8 ff. 

2 Handelskammerbericht Konstanz, 1901. 



Digitized by 



Google 



Geschichtliche Entwicklung des badisch-rheinpfälzischen Mühlengewerbes. ^ß 

einen höheren Aschegehalt besitze, zu Schwierigkeiten bei dem 
Export führe. Sie erklären die Einhaltung der entsprechenden 
Ausbeutegrenze bei den automatischen Mühlen für technisch un- 
möglich. Für die Zukunft fordern sie zollamtliche Behandlung 
der Ausfuhrmehle auf Grundlage des bücherlichen Nachweises 
je nach den tatsächlichen Ausbeuteverhältnissen.^ In der Tat läßt 
sich aus der Eisenbahngfüterbewegungsstatistik ein Rückgang der 
Ausfuhr aus dem Verkehrsbezirk Mannheim -Ludwigshafen ins 
Ausland feststellen: 

1897: 5082 t 

1899: 3887 » 

1900: 2115 » 

1901: 3322 » 

1902: 2091 » 

Dagegen hat die Ausfuhr nach der Schweiz aus Baden 
(ohne Mannheim) per Bahn seit 1899 sehr zugenommen: 

1899: 434 t 
1900: 617 » 
1901: 1364 » 
1902: 1270 » 
1903: 1505 » 

Wenn also tatsächlich in Oberbaden eine Einschränkung 
der Ausfuhr stattgefunden hat, so scheint sie sich bei den Trans- 
porten per Achse bemerkbar gemacht zu haben. 

Die Erwartungen, die man in der badischen und pfälzischen 
Müllerei in Beziehung auf den neuen Zolltarif gehegt hatte, sind 
nicht ganz in Erfüllung gegangen. Zur Abwehr der russischen, 
belgischen und ungarischen Einfuhr von Kleie wünschte sie einen 
Kleiezoll von i M. pro Doppelzentner, aber sie fand nicht die 
Zustimmung der Regierung und des Reichstags. Wie die ganze 
deutsche Mühlenindustrie, verlangte auch sie einen Mehlzoll, der 
mindestens das 2 72 fache des Getreidezolles betragen sollte; er 
wurde aber nur auf 10,20 M. festgesetzt, beträgt also beim Weizen- 

I Durch Beschluß des Bundesrats vom 21. April 1904 ist eine dringende 
Forderung der Mühlenindustrie insofern erfüllt worden, als eine neue Ausbeuteklasse 
von I bis 650/0 für Roggenmehl und l bis 750/0 für Weizenmehl geschaffen wurde, 
imd der Nachweis über das Ausbeuteverhältnis bis auf weiteres aus den Geschäfts- 
büchern zu erbringen ist. 



Digitized by 



Google 



44 Kapitel I. 

zoll von 5,50 M. nicht einmal das Doppelte und beim RoggenzoU 
ist das Verhältnis wie 2,04: i. Dagegen ist eine längst erstrebte 
Forderung unserer Klein- und mittleren Handelsmüller in dem 
§ 12 Abs. 2 des Zolltarifgeset^es vom ^5. Dezember 1902 erfüllt 
worden« die Beseitigung des zinsfreien Zollkredits für Getreide 
und Mehl. 

Wir sind damit in der Betrachtung der Entwicklung der 
badisch-rheinpfälzischen Mühlenindustfie bis in die Gegenw&rt 
hereingeführt worden; das folgende Kapitel SoU nun ein Bild 
geben von dem heutigen Stand unserer Mühlenindustrie, die Ent- 
wicklungsstufe zeigen, die sie im letzten Jahrzehnt erreicht hat. 



Digitized by 



Google 



Kapitel II 

Die badisch-rbeinpfäl2;i3qhe Mühlenindustrie nach 
ihrem heutigen Stand 

A. Einleitung: Die Quellen der Untersuchung. 
Die badisehe Produktionsstatistik von 1901. 

Wir haben in der voraufgegangenen Darstellung die Ent- 
stehungsgeschichte der badisch-pfälzischen Mühlenindustrie zu 
schildern versucht; nunmehr wird es unsere Aufgabe sein, zu 
zeigen, wi^ sich die Lage des Mühlengewerbes am Ausgang des 
19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter dem Einfluß der 
Kräfte und Tendenzen, die das Wirtschaftsleben der Gegenwart 
beherrschen, gestaltet hat; besonders wird hier zusammenfassend 
der Tatsachen zu gedenken sein, ^ie bei d^r Aus- und Weiter- 
bildung des fabrikmäßigen Mühlenbetriebes von entscheidender 
B|^e^tung gewesen sind. 

Die Quellen unserer Untersuchung sind die Berufs-, und 
Gewerbezählung^n der Jahre i88? und 1895, eine Produktions^ 
Statistik für das Jahr 1899 und die Eisenbahn- und Schiffahrts- 
statistik. Wenn auch die erster^n Zahlen einige Jahre zurück- 
liegen, so vermögen sie uns doch ein getreues Bild von den Ent- 
wicklungstendenzen — und darauf kommt es hier doch in erster 
I.inie an — zu geben, di^ in unserem Gewerbe in den letzten 
Jahrzehnten wirksam gewesen sind. Noch einige Worte zur 
Produktionsstatistik. 

Wenn in einem Produktionszweig, $0 muß in der Müllerei die 
gebräuchliche statistische Aufnahme unvollkommen und lücken- 
haft sein. Die Reichsgewerbestatistik nimmt bei der Unterschei- 
dung der verschiedenen Betriebsgrößenklassen die Zahl der be- 



Digitized by 



Google 



^5 Kapitel H. 

schäftigten Personen als Einteilungsgrund an. Nun sagt aber 
gerade in der Mühlenindustrie die Zahl der Arbeiter über den 
Umfang des Betriebes und über die Produktionskraft nichts aus, 
da infolge technischer Tatsachen die Großbetriebe relativ viel 
weniger Arbeitskräfte als die Mittel- und Kleinbetriebe benutzen. 
Rein nach der Personenzahl gemessen, wird man über die Be- 
triebsgröße zwar kein direkt falsches, aber doch auch kein rich- 
tiges Bild erhalten können. Es muß füglich nach einem anderen 
Unterscheidungsmerkmal gegriffen werden. Die Gliederung in 
Kunden- und Handelsmühlen kann zwar ganz brauchbar sein, 
aber sie trifft nur die Organisation des Betriebes, nicht aber seine 
Größe. Diese kann nur scharf durch eine Produktionsstatistik 
erfaßt werden, die uns genau über das Vermahlungsquantum 
eines Betriebes in einem gegebenen Zeitraum Aufschluß gibt. 
Auf Grund der tatsächlichen Verhältnisse werden dann nach dem 
Maßstabe der täglichen Produktionsmenge die Mühlen in Klein-, 
Mittel- und Großbetriebe gesondert. Nur so können wir sehen, 
unter welchen Bedingungen ein Betrieb in den Konkurrenzkampf 
hinaustritt. Der technischen Schwierigkeiten einer solchen Sta- 
tistik sind sehr viele und große: vor allem will nicht jeder Unter- 
nehmer immer mitteilen, wie viel er produziert, wie viel er gewinnt 
oder verliert; muß er es doch tun, so wird er leicht geneigft sein, 
falsche Angaben zu machen, die dann das Bild trüben; handelt 
es sich gar, wie bei der vorliegenden Erhebung von 1901, um 
eine besondere Enquete, so wird ihr Zweck die Aussage des 
Betriebsinhabers beeinflussen. Der Umstand, daß die badische 
Zählung zu parlamentarischen Zwecken bei Gelegenheit der Peti- 
tionen der Klein- und mittleren Handelsmüller wegen Besserung 
ihrer ungünstigen Lage vorgenommen wurde, mag manchen 
Müller dazu verleitet haben, das Produktionsquantum nicht allzu 
hoch anzugeben. Schließlich kommt dazu, daß die Vermahlungs- 
ziffern der Kundenmühlen in den meisten Fällen nur auf einer 
oberflächlichen Schätzung beruhen, da in der Mehrzahl dieser 
Mühlen von einer Buchführung nicht die Rede ist. 

Infolge dieser Fehlerquellen kann unsere Produktionssta- 
tistik auf absolute Genauigkeit und Zuverlässigkeit keinen An- 
spruch erheben; sie bietet deshalb zwar kein exaktes Bild, aber 
doch eine treffende Illustration der Lage der badischen Mühlen- 
industrie. 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. a^ '"^-^ ' 

B. Die Ergebnisse der Gewerbestatistik von 1882 und 1895. 

Bevor wir nun auf die Einzelbetrachtung der badischen 
Kunden- und Handelsmühlen näher eingehen, wollen wir zunächst 
die Resultate der Gewerbezählungen von 1882^ und 1895^ über- 
sichtlich darstellen, um einen Einblick in die Verschiebungen 
innerhalb des Mühlengewerbes in dieser Periode zu erhalten. 

Während sich die Zahl der Mühlen bis 1861 entsprechend 
der Bevölkerungszunahme vergrößerte, nehmen wir von diesem 
Zeitpunkt an bei wachsender Einwohnerzahl ein starkes Zurück- 
gehen der Mühlen wahr. Stieg die Bevölkerung von 1875 bis 
1895 um 14,5^/0 in Baden und 19,4^/0 in der Pfalz, so sank die 
Zahl der Getreidemühlen 

von 1875 von 1857 bzw. 662 Getreidemühlen, 
bis 1882 auf 1826 » 632 » 

» 1895 » 1596 » 536 » 

oder in den ersten 7 Jahren um i ,7 ^jo bzw. 4,5 ^/o, in den letzten 
13 Jahren um 12,5*^/0 bzw. 15%, von 1875 bis 1895 aber um 
14% bzw. 19%. 3 Noch stärker offenbart sich der Rückgang 
in der Zahl der Hauptbetriebe: 

Baden Pfalz 

1875 1783 661 

1882 1596 585 

1895 1319 473 

Es fand also in 20 Jahren eine Verminderung um 26% bzw. 
28,4*^/0 statt. 4 Demgegenüber steht eine Vermehrung der Neben- 
betriebe: 5 

Baden Pfalz 

1875 74 I 

1882 230 47 

1895 277 63 

» Beiträge zur Statistik der inneren Verwaltung des Großherzogtums 
Baden, Heft 44 und 45, 1885; Beitrage zur Statistik des Königreichs Bayern, 
Bd. 48, 49, 1885 bzw. 1886. 

2 Statistik des Deutschen Reiches, NF. Bd. 114, 115; 1898. 

3 Im Deutschen Reich: in den ersten 7 Jahren um 30/0. in den 13 Jahren 
um 10,20/0 und von 1875— 1895 ^"™ 12,50/0. 

4 Im Deutschen Reich um 23,60/0, 

5 Im Deutschen Reich wuchsen sie in den bekannten Zeiträumen von 2128 auf 
5587 und 8288; und in Preußen waren es 1895 2701 Nebenbetriebe mehr als 1882. 



Digitized by 



Google 



48 Kapitel II. 

Auf je loooo Einwohner kamen Mühlen: 
1875 in Baden 12, in der Pfalz 10, in Deutschland 14, 
1895 » > 9. » » ^ 7» » ^ 10, 

Die zunehmende Konzentrationstendenz in unserem Mtihlen- 
gewerbe geht aus einem Vergleich der Betriebe nach Größen- 
klassen deutlich hervor. Sie kommt zum Ausdruck in dem An- 
wachsen der Mühlen mit mehr als 10 Personen, obwohl (wie 
schon angedeutet) bei den größeren Mühlen eine steigende Pro- 
duktionsmenge nicht auch eine in demselben Verhältnisse wach- 
sende Arbeiterzahl zur Folge hat. 

Baden: 

1875 1882 1895 

® ^ ^ Betriebe Personell Betriebe Personen Betriebe Personen 

mit 6 — 10 Personen 13 ^- 43 285 56 405 

» II— 50 * 8 — 15 233 17 377 

» 51 — 200 » I — I 62 2 196 

22 mit 264 59 mit 580 75 mit 978 

Wir können also von 1875 bis 1895 eine Zunahme der Be- 
triebe um 240%, der Personen um 275% beobachten, wobei 
allein die Mühlen mit 6 bis 10 Personen sich vervierfachten. 

Es vermehrten sich von 1882 bis 1895: 

Die Betriebe mit 6 bis 10 Personen um 30,2*^/0, die darin 
beschäftigten Personen um 42*^/0. 

Die Betriebe mit u bis 50 Personen um 13,3%, die darin 
beschäftigten Personen um 62**/p. 

Im ganzen ergeben diese 13 Jahre ein Wachstum der Be- 
triebe um 27,1% und der Personen um 70*^/0. 

Die Zunahme der Arbeiter in den einzelnen Betrieben erhellt 
daraus, daß 1882 auf einen Betrieb mit mehr als 5 Personen 10, 
1895 dagegen 13,6 Personen entfielen, darunter in der Mühle 
mit über 50 Personen 62 bzw. 98. 

Die pfälzische Statistik weist folgende Zahlen auf: 

1875 1882 i«9S 

Betriebe Personen Betriebe Personen Betriebe Personen 



mit 6 — 10 Personen 


14 


— 


7 


54 


22 


170 


» II— 50 » 


7 


— 


7 


130 


18 


362 


» 51 — 200 » 


— 


— 


— 


— 


I 


69 



21 mit 204 14 mit 184 41 mit 601 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühienindnstrie nach ihrem heutigen Stand. aq 

Das auffällige Zurückgehen der großen Betriebe von 1875 
auf 1882 erklärt sich durch die Betriebseinstellung mehrerer 
größerer Handelsmühlen Ende der siebziger Jahre infolge der 
gesteigerten französischen Mehleinfuhr in die Pfalz. 

Noch viel deutlicher als im benachbarten Baden beobachten 
wir hier die Zunahme der größeren Mühlen von 1882 auf 1895, 
um 193% (in Baden 27,1^0) und der darin beschäftigten Per- 
sonen um 227^/0(70%). Im einzelnen zeigen die Betriebe mit 
6 bis 10 Personen eine Vermehrung um 214% und die mit 
II bis 50 Personen eine solche um 157^/0; die Zahl der in diesen 
Betrieben arbeitenden Personen ist im gleichen Zeitraum um 
214^/0 bzw. 178% gewachsen. Die Ersparung der Arbeitskräfte 
beweist der Umstand, daß 1882 auf einen Betrieb 13 Personen, 
1895 aber trotz der Zunahme nur 14 Personen kamen. 

Dieser immer mehr hervortretenden Bedeutung der größeren 
Betriebe steht eine Abnahme der kleineren und mittleren Betriebe 
gegenüber: 

Baden: 

1882 1895 

Betriebe Personen Betriebe Personen 

mit I Person 464 464 467 467 

2 » 667 1334 395 790 

» 3—5 >> 406 1386 382 1375 



mit I — 5 Personen 1537 mit 3184 


1244 mit 2632 


Pfalz: 




mit I Person 136 136 


138 138 


» 2—5 » 435 1079 


294 812 



mit I — 5 Personen 571 mit 12 15 432 mit 950 

In beiden Gebieten sind also die Mühlen mit nur einer 
Person in den Jahren 1882 und 1895 auf derselben Höhe ge- 
blieben; es ist das die große Zahl jener Kunden- und Lohnmühlen, 
die in abgelegenen Gegenden den Bauern das Getreide für den 
ganzen Eigenbedarf oder wenigstens einen Teil desselben ver- 
mählen und zu Futterzwecken schroten. Dagegen hat der Kon- 
kurrenzkampf den Mühlen mit zwei Personen, also den etwas 
größeren Kundenmühlen, ganz empfindlich zugesetzt; sie sowie 

Fromm, Das Mühlengewerbe in Baden und in der Rheinpfalz. 4 



Digitized by 



Google 



^O Kapitel II. 

die Zahl der in ihnen beschäftigten Personen, haben in den 
13 Jahren in Baden um 41 % abgenommen. In der Pfalz kommt 
dies auch bei den Betrieben mit 2 bis 5 Personen mit 32*^/0 zum 
Ausdruck. Die Mühlen mit 3 bis 5 Personen sind zum Teil wohl 
kleine Handelsmühlen, die in bevorzugter Gegend gelegen sind; 
sie haben in Baden nur um 3,4% und die Zahl der Personen 
nur um 0,8^/0 abgenommen. In der Pfalz erlitten die Klein- 
betriebe bis 5 Personen einen stärkeren Rückgang als in Baden, 
was genau auch dem schnelleren Anwachsen der großen Unter- 
nehmungen entspricht: dort 24,3^/0 bei den Betrieben und 22% 
bei der Personenzahl, hier 19,1% bzw. i7,3°/o.' 

Die Abnahme der mit Mahlgängen ausgerüsteten badischen 
Mühlen geht aus der Anzahl der Mahlgänge in den Jahren 1875 
und 1899 hervor. Während die Mühlen um 26% zurückgingen, 
verminderten sich die Mahlgänge von 4812 auf 3320 (31 *^/o). Für 
Walzenstühle gibt leider die Statistik von 1875 keine Daten, so 
daß ein Vergleich, der für die Frage des technischen Fortschrittes 
interessante Resultate zutage fördern würde, ausgeschlossen ist. 
Einen Aufschluß über dieses letztere Moment vermag uns die 
Zahl der mit Wasser bzw. Dampf getriebenen Mühlen zu geben. 

Baden: 

Wasseraiühlen Dampfmühlen 

1875 1845 mit 15584 PS. 42 mit 532 PS, 

1882 1593 » — » 39 * — ^' 

1895 1559 » 13 116 » 140 » 2812 » 

18992 1376 » — » 154 » — >' 

Pfalz: 
1875 654 mit 4412 PS. 74 mit 719 PS, 
1895 515 '' 4635 >> 96 » 2372 » 

In beiden Gebieten, und zwar in der Pfalz in erhöhtem 
Maße, können wir die steigende Verwertung der Dampfkraft zum 
Mühlenbetrieb konstatieren, dagegen nahmen mit dem Zurück- 
gehen der Kundenmühlen auch die Wassermühlen ab. Die fort- 



1 In Deutschland gingen die Betriebe mit i — 5 Personen um 1 7 oj^^ in Preußen 
um 1 5 ojf^ die Zahl der Personen um 8 bzw. 1 6 0/0 zurück. 

2 1899 hatten die Wasser- und Dampfmühlen zusammen 18 702 PS. 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Müfalenindttstrie nach ihrem heutigen Stand. ci 



schreitende Aneignung der technischen Errungenschaften tritt 
auch in der Anwendung von Gas, Heißluft und Petroleum als 
Kraftquellen hervor. Während es in Baden 1875 noch keinen 
Betrieb gab, der eine dieser Kräfte benutzte, wurde 1882 ein 
Betrieb mit Gas ermittelt, 1895 kamen noch zehn Betriebe mit 
Petroleum, drei mit Benzin und einer mit Elektrizität dazu, 
1899 ist die Zahl der Mühlen mit Benzin auf 18 gestiegen. In 
der Pfalz finden wir ebenfalls 1875 nur Wasser und Dampf als 
Triebkraft, 1895 bedienten sich zwei Betriebe des Petroleums und 
vier Betriebe des Benzins. 

Die großen Umgestaltungen im Mühlengewerbe in den 
letzten Jahren haben auch auf die soziale Stellung der in ihm 
beschäftigten Personen einen weitgehenden Einfluß ausgeübt. 
Die Konzentration zum Großbetriebe bewirkte ein starkes Ziuück- 
gehen der selbständigen Elemente, um die Zahl der Abhängigen 
zu vermehren. Das Wachsen des technischen und sonstigen 
Aufsichts- und Verwaltungspersonals ist der Ausdruck der ge- 
steigerten Anwendung der modernen Mühlentechnik und der 
wachsenden Bedeutung der kaufmännisch-spekulativen Tätigkeit 
im großen Mühlenwerk. 

Nach der Gewerbestatistik^ wurden gezählt: 



Jahr 








1 


Davon 


Im ganzen 1 


Selbständige 


Abhängige 


Verwaltungsi- 
personal 


Arbeiter 


beschäftigte 1 
Personen j 


G 


1 


1 


1 


1 




1 


N 




i 


1875 


1750 


671 


2407 


1049 


30 


16 


2377 


1033 


4157 


1720 


1882 


1482 


— 


2291 


— 


62 

1 


— 


2229 





3773 


1399 


1895 


988 


393 


2622 


II58 


134 


93 


2488 


1065 


3610 


1551 



I Nach der Bemfsstatistik wurden in Baden ermittelt: 



Erwerbstätige Darunter 
im Hauptberuf Selbständige ^^^°gige 
1882 3810 1470 2340 

1895 3403 956 2447 

Vgl. Beiträge zur Statistik der inneren Verwaltung, Heft 44, Teil I, 1885; Statistisches 
Jahrbuch für das Großherzogtum Baden, 28. Jahrgang; 1895 und 1896. 



Erwerbstätige Gesamtzahl der 

im Nebenberuf Erwerbstätigen 

542 4352 

984 4387 



Digitized by 



Google 



5 2 Kapitel IL 

Darnach fand von 1875 ^^* ^^^^ in Baden ein Rückgang 
der Zahl der Selbständigen um 15,3^0, von 1882 auf 1895 um 
33 Vo und von 1875 auf 1895 sogar um 43% bzw. 42% in der 
Pfalz statt,' d. h. fast die Hälfte aller Selbständigen hat im wirt- 
schaftlichen Konkurrenzkampfe ihre gewerbliche Selbständigkeit 
verloren. Dagegen ist von 1882 auf 1895 eine Zunahme der Ab- 
hängigen von 9^/0 bzw. 9,4 ®/o zu bemerken; es kamen in Baden 
1875 auf einen Selbständigen 1,4, 1882 1,5 und 1895 2,7 Ab- 
hängige. 





1 


Gehilfen 




2 


» 


3- 


-6 


» 




6 


» 



In der Pfalz wurden im Jahr 1901 467 Getreidemühlen er«^ 
mittelt.2 Davon waren 

452 handwerksmäßige Betriebe mit 348 Arbeitern, 
15 fabrikmäßige Betriebe mit 446 Arbeitern. 
Alleinbetriebe waren es 223 und Gehilfenbetriebe 244. 
Von diesen letzteren wiederum beschäftigten 

157 Betriebe .... 
46 » .... 
26 » . . , . 
15 » mehr als 

Die Triebkräfte waren bei 

383 Betrieben Wasser, 
7 » Dampf, 

54 » Wasser und Dampf, 

2 » Wasser und Elektrizität, 

6 » Wasser, Petroleum und Benzin. 

Es hat also von 1895 bis 1901 eine Abnahme der Mühlen um 
69 (13%)» von 1875 bis 1901 sogar um 195 (34%) stattgefunden. 
Die Bedeutung der pfälzischen Großmühlenindustrie erhellt daraus, 
daß von den 794 Arbeitern 56% in den fabrikmäßigen Betrieben 
beschäftigt waren. 



'*■ Im Deutschen Reiche betragen die Zahlen für dieselben Zeitabschnitte 20,8 0/0, 
32 0/0 «nd 46 0/0. 

2 Erhebungen der Königlich Bayerischen Fabriken- und Gewerbe- 
inspektoren über das Mühlengewerbe (Beilagenheft zu den Jahresberichten für 
1901) S. 40. 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. c^ 

Das Bild, das uns die Statistik von 1901 von dem badischen 
Mühlengewerbe im Jahre 1899 bietet, zeigt folgende Tabelle: 



Davon 



Betriebsform 



O 



Triebkräfte 



O 



ei »o 



Kundenmühlen 
Handelsmühlen 



1206 
176 



649 
173 



557 
3 



1013 
967 



432 
7 



774 
169 



1093 
116 



10600 
8102 



2863 
457 



228 
650 



Tm ganzen 



1382 



822 



560 



980 



439 



943 



1209 



149 



18 



18702 



3320 



878 



Wir sehen daraus gegen 1895 einen Rückgang um 214 
Mühlen (13,4%) und für den Zeitraum 1882 — 1899 einen solchen 
um 444 Betriebe (24,3%). Von sämtlichen Mühlen des Landes 
waren 87,2% Kunden- und 12,8% Handelsmühlen.' Die Ab- 
nahme der kleinen Betriebe äußert sich auch in der Anzahl der 
Mahlgänge: 

1875 4812 
1899 3320, 

während die Pferdekräfte zugenommen haben: 

1875 16 116 
1895 16 008 2 
1899 18702 

Einen viel tieferen Einblick in die Produktions- und Absatz- 
verhältnisse des badischen Mühlengewerbes erhalten wir, wenn 
wir nach den Ergebnissen der Produktionsstatistik die Mühlen in 
Klein-, Mittel- und Großbetriebe sondern. Unter Berücksichti- 
gung der badischen Verhältnisse und der in Müllerkreisen hcrr- 
sctenden Auffassung über Groß- und Kleinmühlen wurden für 

i Württemberg zählte 1900 1735 (9ir3^/o) Kunden- und 166 (8,70/0) Handels-^ 
mühien. Vgl. VeFhaadlungen der württeK^rgificbe& Kammer der A b ge or d n e t en 
1900,8. 2601. 

2 Von 1875 bis 1895 haben die Waaserpferdekräfte um 2468 PS. abgenommen, 
dagegen vermehrten sich die Dampfpferdekräfte um 2280 PS. 



Digitized by 



Google 



54 



Kapitel II. 



unsere Untersuchung folgende tägliche Vemiahlungsmengen als 
Maßstab zugrunde gelegt: 

Kleinbetriebe . . bis 5 t 

Mittelbetriebe . . 6 — 20 » 

Großbetriebe mehr als 20 » 

Darnach gab es im Jahre 1899 . . . Mühlen, die pro Tag ver- 
mahlten: 

bis 5 t 6 — 20 t mehr als 20 t zusammen 

1356 18 8 1382 

98,2% 1,3% 0,5% 100% 

Es waren also in Baden nur acht Großbetriebe vorhanden, die 
alle Handelsmühlen waren, während unter den 1 8 Mittelbetrieben i6 
und unter den Kleinbetrieben 152 Handelsmühlen ermittelt wurden. 

Soviel Wandlungen auch das badische Mühlengewerbe im 
letzten Jahrzehnt durchgemacht hat, den Charakter, den es schon 
vor einem Jahrhundert gehabt hat, hat es bewahrt: es ist auch 
heute noch in der Hauptsache ein Kleingewerbe. Das wird erst 
dann recht klar, wenn wir wissen, daß ein knappes Viertel sämt- 
licher badischen Mühlen pro Tag weniger als zwei Zentner ver- 
mahlte, dziß fast ein Drittel Alleinbetriebe waren. 

Bevor wir nach diesem Überblick, der rein zahlenmäßig 
schon das Ringen zwischen Klein-, Mittel- und Großbetrieb klar 
darstellt, die Lage der badisch-pfälzischen Kunden- und Handels- 
mühlen betrachten, soll uns die folgende Tabelle über den Ge- 
treidekonsimi und die Mehlproduktion der badischen Mühlen (in 
Doppelzentnern) im Jahre 1899 unterrichten. 

I = Handelsmühlen, II = Kundenmühlen. 





Getreide 
überhaupt 


Davon aus 


Mehl 
überhaupt 


Davon nach || 


Baden 


Deutsch- 
land 


Ausland 


Baden 


Deutsch- 
land 


Aus- 
land 


I 
II 


2 862 262 
i 027 392 


507 780 
976000 


375 170 
28684 


1979 312 
22 708 


2057996 
711 450 


I 034011 
697 466 


I 000274 
13309 


23 711 
675 


zus. 


3 889 654 


I 483 780 


403 854 


2 002 020 


2 769 446 


I 731477 


I 013 583 


24386 


I 
II 


73.6 0/0 
26,4 0/0 


34.20/0 
65,80/0 


92,9 *>/o 
7,1 % 


98,8 o/o 
1,2 0/0 


74,3% 
25.7 % 


600/0 
400/0 


98,7 *»/o 
1.3 ^'/o 


97,3 % 
2,7 *»/o 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. ^^ 

C. Die badisch-rheinpf&lzischen Kundenmühlen. 

I. Die Existenzbedingungen der Kundenmüllerei. 

Die Kundenmüllerei ist die typische Erscheinungsform des 
Lohn Werkes, jenes gewerblichen Betriebsystems, bei dem der 
Rohstoff dem Kunden, das Werkzeug dem Unternehmer gehört. 
Die Struktur der Volkswirtschaft, in der die Kundenmühlen ent- 
standen sind und heute noch fortbestehen, ist im wesentlichen 
eine naturalwirtschaftlich- agrarische. Damit sind auch die Da- 
seinsbedingungen dieser Betriebsform des Mühlengewerbes ge- 
geben, Sie hat zur Voraussetzung selbständige bäuerliche Wirt- 
schaften, die auf ihrem Grund und Boden das bauen und aus 
ihm gewinnen, was zur Befriedigung des Brot- und Futterbedarfs 
notwendig ist. Der Müller steht gleichsam als gewerbliche Hilfs- 
kraft dem eigenproduzierenden Bauern zur Seite; seine wirtschaft- 
liche Stellung trägt mehr einen beamtenhaften Charakter, als den 
eines selbständigen Handwerkers. 

Da Baden und die Pfalz bis in das 19. Jahrhundert herein 
landwirtschaftliche und zwar vorzüglich getreidebauende Gebiete 
waren, lagen die Bedingungen für die Entstehung und Erhaltung 
der Kundenmüllerei sehr günstig. Es kommt dazu, daß auch die 
elementaren Voraussetzungen des Betriebes der Kundenmüllerei 
dank dem Wasserreichtum des badisch-pfälzischen Landes in 
weitem Maße vorhanden sind; denn es besitzt nicht nur drei 
schiffbare Ströme, sondern es ist auch von einem weitverzweigten 
Netz kleiner Flüsse und Bäche durchzogen, die eine billige Ver- 
wertung der Wasserkraft gestatten. So behielt das Mühlen- 
gewerbe seinen, auch durch rechtliche Tatsachen garantierten, 
naturalwirtschaftlichen Charakter solange, als die wirtschaftlichen 
und besonders agrarischen Verhältnisse sich nicht umgestalteten. 
Mit dem Augenblick, wo der einzelne bäuerliche Betrieb nicht 
mehr imstande war, den Selbstbedärf durch Eigenproduktion zu 
decken, sondern noch Getreide zugekauft werden mußte, wo die 
Landwirtschaft des ganzen Landes die Bedürfnisse der wachsenden 
Bevölkerung nicht mehr zu befriedigen vermochte, wo der Bauer 
zum Teil wenigstens die Getreideproduktion aufgab, um mehr 
zur Viehzucht oder dem Anbau von Handels- und Kulturpflanzen 
überzugehen, da mußte sich eine Umänderung in der Organisa- 
tion des Mühlengewerbes vollziehen, da die Voraussetzungen der 



Digitized by 



Google 



56 Kapitel IL 

alten weggefallen waren. Hatte in Baden und in der Pfalz bis in 
die Mitte des vorigen Jahrhunderts die landwirtschaftlich erwerbs- 
tätige Bevölkerung das entschiedene Übergewicht unter der Ein- 
wohnerzeihl des Landes (1830 in Baden 55^/0), so kamen 1895 auf 
100 Personen der Gesamtbevölkerung in Baden nur noch ca. 42 
(1882 48) und in der Pfalz nur noch 36 (46) im landwirtschaft- 
lichen Berufe Tätige. Dann hat in Baden der Anbau von Han- 
delsgewächsen, Kartoffeln und Futterpflanzen seit der Mitte des 
19. Jahrhunderts derart an Bedeutung und Umfang zugenommen, 
daß nach der Anbaustatistik von 1898 auf diese Kulturarten 
41,3% des Ackerlandes entfielen; tritt doch in Baden im Ver- 
gleich zu andern Ländern der Getreidebau mehr in den Hinter- 
grund und nimmt statt dessen der Wein-, Obst-, Handelsge- 
wächse- und Gemüsebau eine entsprechend größere Fläche in 
Anspnich.^ 

Die Untersuchungen^ Hechts haben die interessante Tatsache 
ergeben, dass 49,2 ^o aller Familien des Landes überhaupt keine 
Brotfrucht bauen. Für diese Familien, die sich meist in den 
Städten und Industriezentren des Landes befinden, kann also die 
Kundenmüllerei überhaupt nicht in Betracht kommen. Rein 
theoretisch betrachtet, würden vor allem die Familien der Mit- 
wirkung der Kundenmühlen bei ihrer Mehlversorgung bedürfen, 
die den ganzen Jahresbedarf an Getreide anbauen, das sind 14,6% 
aller Familien des Landes. In der Tat liegen aber die Verhält- 
nisse, wie noch näher darzulegen ist, ganz anders. Bemerkens- 
wert für uns ist ferner noch, daß fast die Hälfte (42,4^/0), aller 
getreidebauenden Familien noch nicht einmal in der Lage ist, 
durch eigenen Anbau den Jahresbedarf an Brotfrucht zu decken; 
sie sind also gezwungen, Getreide bzw. Mehl (und das letztere 
wird wohl meistens der Fall sein) zuzukaufen; sie können daher 
für die Vermahlung ihres Getreides zu Mehl nur zum Teil die 
Kundenmühlen in Anspruch nehmen. 

Soviel ist jedenfalls Tatsache, daß für die Hälfte der Be- 
völkerung des Landes die Müllerei als Lohnwerk von vornherein 
gar nicht in Frage kommt. Halten wir diese Tatsachen mit dem 
Ergebnis der Statistik zusammen, so wird das Zurückgehen dieser 

1 Dr. Hecht, Die Badische Landwirtschaft am Anfang des XX. Jahrhunderts, 
Karlsruhe, 1903» S. 50. 

2 A. a. O. S. 67 ff. 



Digitized by 



Google 



Die badisch - rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. cj 

Mühlen sofort verständlich. In dem Maße, in dem sich die 
überhaupt nicht getreidebauende Bevölkerung vermehrte und die 
Industrialisierung des Landes weiter um sich griff, schränkten die 
auf Vorrat produzierenden Mühlen, die Handelsmühlen, das bis- 
herige Absatzgebiet der Kundenmühlen ein. Das gibt sich deut- 
lich dadurch zu erkennen, daß von 1882 bis 1895 die Mühlen mit 
zwei Personen, cdso die größeren Kundenmühlen, die oft mehreren 
Ortschaften das Getreide vermählen , um 4 1 ^/o abgenommen 
haben, während in derselben Zeit die mittleren Handelsmühlen 
um 30,2*^/0 wuchsen. In jener Zeit tobte ein heftiger Kampf 
ums Dasein zwischen den größeren Kundenmühlen und den mitt- 
leren Handelsmühlen, aus dem schließlich die letzteren als Sieger 
hervorgingen. Es sind das in der Hauptsache die Handelsmühlen 
in der Rheinebene: in den Amtsbezirken Freiburg, Emmendingen, 
Bruchsal, Mannheim, Schwetzingen; im Schwarzwald: Schönau, 
Triberg, Villingen, Wolf ach; im Oberland: Schopfheim, Lörrach; 
in der Seegegend: Stockach und Überlingen; im Unterland: 
Heidelberg und Weinheim, und im Bauland: Tauberbischofsheim. 
Hier war also die Handelsmüllerei die ökonomisch notwendige 
Form der Müllerei. Die KundenmüUerei entsprach nicht mehr 
den wirtschaftlichen Verhältnissen, die auch auf dem Lande einen 
städtisch-geldwirtschaftlichen Charakter angenommen haben. So 
sehen wir auch von 1882 bis 1899 einen starken Rückgang^ der 
Mühlen in den Bezirken: Offenbvu-g um 50%, Tauberbischofs- 
heim 48%, Lahr 40^/0, Wolfach 37%, Heidelberg 33%» Wein- 
heim 32*^/0, Pforzheim 29^/0, Emmendingen 27%, Villingen 
25%. Dieselbe Erscheinung zeigt sich auch in den Weinbau- 
gebieten Bühl (41 7o) und Oberkirch (62%). 

Wie schon angedeutet, hätte die Kundenmüllerei da einen 
günstigen Standort, wo die Konsumenten den ganzen Jahres- 
bedarf an Brotfrucht durch eigenen Anbau decken, wo also 
weder Getreide noch Mehl gekauft werden muß. In der Tat ist 
auch hier eine relativ geringe Abnahme zu bemerken. In den 
Bezirken Kehl und Breisach sind die Mühlen um einen Betrieb 
zurückgegangen, während im Bezirk Schwetzingen ihre Zahl 
gleich geblieben ist. Es wäre aber ein Irrtum, zu glauben, daß 
nun auch immer der Bauer und ländliche Bäcker sein produziertes 



I Im Großherzogtum betrug in diesem Zeitraum die Abnahme 24 o/o- 



Digitized by 



Google 



^3 Kapitel II. 

Getreide, das er für seinen Bedarf benötigt, beim Kundenmüller 
mahlen läßt. Einer der tiefsten Gründe des Niedergangs der 
Kundenmüllerei in Baden und der Pfalz liegt gerade darin, daß 
die Landwirtschaft seit ungefähr zwei Jeihrzehnten immer mehr 
dazu übergegangen ist, das Getreide gegen Geld an den Händler 
zu verkaufen, um wiederum von dem Mehlhändler das Mehl zu 
kaufen. »Das Geschäft ist seit 25 Jahren sehr zurückgegangen, 
weil die Bäcker, die das Kunstmehl wohlfeiler kaufen, nicht mehr 
selbst mahlen lassen. Die Bauern und Handwerker lassen zwar 
noch mahlen, sow^eit ihre selbst gepflanzten Früchte reichen, doch 
kaufen auch sie das Mehl bei den Bäckern.«^ Dieses Eindringen 
des geldwirtschaftlichen Momentes hat das Kundenmühlengewerbe 
ausgeschaltet Es war aber nicht allein diese ökonomische Tat- 
sache, es kam ein — vielleicht ebenso stark wirkendes — außer- 
wirtschaftliches Moment dazu: die Verschiebung und Umgestal- 
tung der Konsumtionsgewohnheiten der ländlichen und klein- 
städtischen Bevölkerung. Hatte sie früher nur an den hohen 
Feier- und Festtagen des Jahres feines Weißmehl gebraucht, so 
ist es heute zu einem notwendigen Bedarfsgegenstand geworden. 
Es mag sein, daß die Handelsmühlen mit ihrem qualitativ voll- 
kommeneren Fabrikat dieses Bedürfnis erst geweckt haben; soviel 
ist jedenfalls sicher, daß die Mehrzahl der Kundenmühlen mit 
ihren technisch zurückgebliebenen Reinigungsapparaten ein feines 
Weißmehl nicht herstellen können, ganz abgesehen davon, daß 
sich auch das Getreide, das dem Müller oft gebracht wird, nicht 
immer in gutem Zustande befindet. Nur dem Umstand, daß die 
Landwirte, um nicht ganz ohne Brotfrucht zu sein, nicht alles 
Getreide auf den Markt bringen, sondern immer noch einen Teil 
zu dem benachbarten Müller bringen, verdankt so manche Kun- 
denmühle ihre Existenz. Darauf ist auch die Erscheinung zurück- 
zuführen, daß die Betriebe mit nur einer Person nicht so sehr 
in den Konkurrenzkampf hineingezogen wurden. Aber auch da 
sind häufig unwirtschaftliche wie außerwirtschaftliche Motive maß- 
gebend: Das Herkommen, die Verwandtschaft oder Schulkamerad- 
schaft. Eine eigentümliche Form des ländlichen Personalkredits 



* Untersuchungen des Vereins für Sozialpolitik über die Lage des Hand- 
werks in Deutschland und Österreich in den »Schriften des Vereins für Sozialpolitik«, 
Bd. 69, S. 73. 



V 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. eg 

ist es dann, die den Bauern an die Kundenmühle fesselt. Vor 
der Ernte hat oft der Landwirt kein Futter mehr; er geht nun 
zum Müller, der in der Regel noch Vorräte an gemulterter Frucht 
hat, und läßt sich ein Quantum vermählen, um es ihm nach der 
Ernte wieder zurück zu erstatten. Ein Müller versicherte mir, 
daß auf diese Weise manche seiner Kunden einen jahrelangen 
Kredit in Anspruch nehmen. 

Wenn die Kundenmühlen sich in den oberen Lagen des 
Schwarzwalds halten können, wo der Getreidebau fast völlig ver- 
sagt (in den Bezirken^ Neustadt, Schönau, Triberg und St. Blasien), 
so ist das dadurch zu erklären, daß sie die Landwirte, die gerade 
den Jahresbedarf oder noch weniger anbauen und die deshalb 
ihre Brotfrucht nicht verkaufen können oder wollen, mit Mehl 
oder Kleie versorgen. In der Aufgabe, der Landwirtschaft in 
Gegenden mit ungünstigen Verkehrs- und Absatzbedingungen 
das Getreide in konsumfähiger Form zuzuführen, ruht die 
volkswirtschaftliche Funktion und darum auch volkswirtschaftliche 
Berechtigung der Kundenmüllerei in der Gegenwart. Je mehr 
aber auch solche Gebiete dem Verkehr erschlossen werden, und 
es deshalb vorteilhafter ist, das Getreide zu verkaufen und Mehl 
einzukaufen, fällt für diese Betriebsform die Aufgabe weg. So 
finden wir im Bezirk Neustadt im Jahre 1875 50 Mühlen, die 
schon 1882 auf 44 herabgegangen waren, bis 1899 nur 27 übrig 
waren. Die Kundenmühlen haben sich also seit 1875 fast um 
die Hälfte vermindert. Der Grund dafür ist zu suchen in der 
Errichtung einer Kunst- und Handelsmühle und in der Verkehrs- 
erschließung durch die Höllentalbahn. Es ist natürlich, daß in 
diese getreidearmen Gegenden bald das werbende Kapital ein- 
zieht und die Handelsmüllerei in das Absatzgebiet der Kunden- 
mühlen eindringt. Im Bezirk Triberg bestanden fünf Handels- 
mühlen, während auf einen badischen Amtsbezirk im Durchschnitt 
drei Handelsmühlen kamen. Bemerkenswert ist, daß alle fünf 
Mühlen als Nebengewerbe Bäckerei trieben, eine Erscheinung, 
die bei den meisten Handelsmühlen auf dem Schwarzwalde an- 
zutreffen ist. Drei dieser Mühlen sind in den Jahren 1858, 1867 
und 1873 entstanden, und daher beobachten wir auch hier seit 



I Von 1882 — 1899 Rückgang der Mühlen um 360/0 in Neustadt, 400/0 in 
Schönau, St. Blasien 300/0, Triberg 41 o/q. 



Digitized by 



Google 



6o Kapitel II. 

1875 ein Starkes Zurückgehen der Kundenmühlen um 55%. 
Sehen wir aber nun einmal zu — und diese Verhältnisse können 
für viele Teile Badens als typisch gelten — , in welchem Umfange 
die 5 Handelsmühlen und 14 Kundenmühlen an der Mehl Versor- 
gung des Bezirkes beteiligt waren. Die 14 Kundenmühlen ver- 
arbeiteten 1899 4040 dz Gretreide zu 2394 dz Mehl, während die 
fünf Handelsmühlen aus 22670 dz Brotfrucht 16002 dz Mehl 
herstellten, wovon nur 443 dz außer Baden gingen. Interessant 
ist auch die Tatsache, daß die Handelsmühlen 13570 dz auslän- 
discher Herkunft vermahlten. Es ergibt sich also, daß die Han- 
delsmühlen mit 86°/o und die Kundenmühlen mit nur 14% den 
Mehlbedarf befriedigten. Dieses Resultat wird sofort verständ- 
lich, wenn wir hören, daß von den 14 Kundenmühlen 10, darunter 
ein Hauptbetrieb, unter i dz, die andern vier i — 5 dz pro Tag 
verarbeiteten. 

Vorteilhafter sind die Produktionsbedingungen in den Ge- 
bieten Badens, die Getreide überproduzierend sind. 14,7^/0 aller 
Familien des Großherzogtums können Brotfrucht verkaufen. Sie 
gehören in der Mehrzahl den Bezirken Boxberg, Eppingen, Pful- 
lendorf, Engen, Sinsheim und Adelsheim an. Ein Rückgang der 
Kundenmühlen hat auch hier stattgefunden, nur war er etwas 
langsamer als in den andern Teilen des Landes; in den Bezirken: 
Adelsheim um 4%, Sinsheim 7%, Eppingen 10%, Engen 12%, 
Bretten 14*^/0, Meßkirch 16^/0, Pfullendorf 17%. Donaueschingen 
und Buchen je 18^/0. Diese Kundenmühlen hatten unter der 
Konkurrenz benachbarter Handelsmühlen nicht zu leiden, da fast 
alle genannten Bezirke arm an solchen Betrieben sind (nur Sins- 
heim besitzt sechs kleine auf den Handel arbeitende Mühlen), und 
dann ist hier eine natürliche Voraussetzung gegeben, selbständige 
bäuerliche Wirtschaften, die ihren ganzen Jahresbedarf selbst pro- 
duzieren und auch für den Teil der notwendigen Brotfrucht, den 
sie nicht verkaufen wollen, das weiter verarbeitende Lohngewerbe 
in der Nähe haben müssen. 

Wir können aus dieser Betrachtung der agrarischen Ver- 
hältnisse Badens und ihrer Einwirkung auf die Kundenmüllerei 
den Schluß ziehen: ein Zurückgehen der Kundenmtthlen von 
1882 auf 1899 hat in fast' allen Teilen des Großherzogtums 

I In den Amtsbezirken Karlsruhe und Schwetzingen ist die Zahl der Mühlen 
gleich geblieben. 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. 6i 

Stattgefunden, nur das Tempo dieser Bewegung ist verschieden. 
Es ist schneller oder langsamer, je nach den Anbauverhältnissen 
und den Verkehrs- und Absatzbedingungen der betreffenden Ge- 
biete. Das Resultat dieser Entwicklung scheint aber zu sein, 
daß die Kundenmüllerei, soweit sie noch lebensfähig ist, im all- 
gemeinen die Stellung eines agrarischen Nebengewerbes einnimmt, 
während sich die Handelsmüllerei mehr oder weniger von der 
Landwirtschaft emanzipiert und zur selbständigen Industrie ent- 
wickelt hat In diesen Grenzen wird auch die Kundenmüllerei 
der Zukunft erhalten bleiben, als Versorgerin des kleinbäuerlichen 
Betriebes mit dem täglichen Mehl- und Futterbedarf. 

Wenn auf diese Weise durch den Wegfall der natürlichen 
Voraussetzungen der Kundenmüllerei die Entwicklung zur Han- 
delsmüllerei und damit zum Mittel- und Großbetrieb notwendig 
wurde, so waren auch noch andere Ursachen wirksam, die den 
Rückgang der Kundenmühlen verursachten. Durch Einrichtung 
von Wasserleitungen, durch Ent- und Bewässerungsanlagen, durch 
Flußkorrektionen wurde die zum Betrieb erforderliche Wasser- 
kraft geraubt oder durch Errichtung von Elektrizitätswerken nutz- 
bringender verwertet. Es fehlten die notwendigen Betriebsmittel, 
um das alte Werk zu verbessern oder durch ein neues zu ersetzen, 
und so wurde es ganz still gestellt. Vielfach mag auch die ge- 
schäftliche oder persönliche Untüchtigkeit des Besitzers und des- 
halb Verlust der Kundschaft zur Betriebseinstellung beigetragen 
haben. Mancher, der bisher die Müllerei als Nebenerwerb be- 
nutzte, widmete sich nun ganz der Landwirtschaft oder einem 
andern Gewerbe. Schließlich zwangen persönliche Gründe, wie 
Todesfall, zur Aufgabe des Mühlen gewerbes. ^ 



I Bei der produktionsstatistischen Erhebung im Jahre 1901 konnten folgende 
Betriebseinstellungen ermittelt werden: 

1885— 1890 2 
1890 — 1899 6 

1899 6 

1900 14 
19OX 4 

Im ganzen 32 
Als Grund wurde angegeben: Konkurs in 2, Unrentabilität in 7, Anlage einer Wasser- 
leitung in 3, große Konkurrenz in 9, Frucht- bzw. Geldmangel in 2, hohe Löhne und 
Beschäftigung in der Landwirtschaft in je i , schlechte Wasserkraft in 4 und persön- 
liche Ereignisse in 3 Fällen. 



Digitized by 



Google 



62 Kapitel II. 

II. Der Geschäftsbetrieb in den badischen Kundenmühlen. 

I. Der Verkehr mit den Kunden. 

Der wirtschaftliche Charakter der Kundenmüllerei besteht 
dcirin, daß der Konsument den Rohstoff, das Getreide, dem Be- 
sitzer der Mühle hinausgibt, um es von diesem zu Mehl ver- 
mählen oder schroten zu lassen, je nachdem es für den mensch- 
lichen oder tierischen Verbrauch bestimmt ist. Während so der 
Müller eigentlich nur der Verleiher seines Mühlenwerkes ist, leitet 
der Konsument, der Bauer oder Bäcker, den ganzen Produktions- 
prozeß. In Baden und in der Vorderpfalz wohnen die Kunden oft 
auch der Vermahlung in der Mühle bei und sind bei den erfor- 
derlichen Arbeiten dem Müller behilflich, oder sie verrichten sie 
gar selbst. Der Geschäftsverkehr spielt sich nun in der Weise 
ab, daß der Landwirt das Getreide per Achse zur Produktions- 
stätte hinbringt, um es ebenso wieder in Form von Mehl abzu- 
holen. Ein Zeichen ungünstiger wirtschaftlicher Lage ist es schon, 
wenn der Müller auch diese Arbeit dem Kunden abnimmt und 
mit seinem »Bettelwagen« bei den Bauern herumfährt, um das 
Getreide selbst abzuholen und nach der Vermahlung wieder zu- 
rückzubringen. In der Regel werden dann zu dem Mahllohn 
lo Pfg. pro Zentner als Vergütung hinzugerechnet; oft erhält 
er auch kein Entgelt dafür, er ist froh, wenn er nur etwas zum 
Mahlen bekommt. Muß sich der Müller zu diesem Zweck be- 
sonders ein Fuhrwerk anschaffen und womöglich einen Fuhr- 
knecht einstellen, so erhöhen sich dadurch seine Unkosten, die 
durch die lo Pfg. nicht gedeckt werden. Es ist mir eine Kunden- 
mühle bekannt, die bei einer durchschnittlichen Jahresvermahlung 
von I200 Ztr. 300 M. für den »Kundenwagen« ausgeben muß; 
eine andere Mühle mit 10 000 Ztr. hat in ihrer Bilanz bei diesem 
Posten 1300 M. eingestellt; eine dritte mit 5000 Ztr. gab die 
betreffenden Kosten auf 900 M. an. 

Man sieht: der alte Grundsatz des mittelalterlich - zünft- 
lerischen Handwerkes, nicht zu den Kunden zu gehen, sondern 
sie an sich herantreten zu lassen, ist hier durch die Macht der 
Verhältnisse außer Kraft gesetzt worden. 

2. Das Mahlverfahren. 
Bevor nun der eigentliche Vermahlungsprozeß seinen An- 
fang nimmt, wird das Getreide einer Reinigung unterzogen. Zu 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzischc Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. 5j 

diesem Zweck haben die meisten Kundenmühlen eine Frucht- 
putzmaschine; manche sind auch noch bei dem alten primitiven 
Sieb stehen geblieben, das natürlich eine gute Säuberung, die 
Hauptbedingung eines guten Mehles, nicht ermöglicht. Oft 
bringen auch die Kunden dem Müller das Getreide in einem 
Zustande, in dem schlechterdings ein ordentliches Mehl daraus 
nicht hergestellt werden kann. Daher rühren dann auch die 
Zwistigkeiten zwischen Bauer und Müller; die sprichwörtliche 
:>Unehrlichkeit« des Müllers, von der man auch heute noch in 
bäuerlichen Kreisen hören kann, hat hier ihren Ursprung. Gerade 
bei der Frage der Reinigung spielt die moderne Mühlentechnik 
eine große Rolle. Zwei französische Erfindungen sind es vor 
allem, die der Getreidereinigimg dienen, der Trieur und der Tarar. 
Die Anschaffung dieser Maschinen in den Kundenmühlen scheitert 
aber in den meisten Fällen an dem Mangel an Betriebskapital 
bzw. Betriebskredit. Dann aber würde sich auch eine solche 
Einrichtung bei der Mehrzahl der kleineren Mühlen gar nicht 
rentieren, da ja die Vermahlungsmenge so gering ist, daß diese 
kostspieligen Apparate nicht genügend ausgenutzt werden können, 
und auch die Anforderungen, die der Konsument an das in den 
Kundenmühlen produzierte Mehl stellt, nicht so groß sind, weil 
er sich heute für den Bedarf an weißem, feinem Mehl lieber des 
Fabrikates der Handelsmühlen bedient; es kommt dazu, daß viele 
Kundenmühlen nur noch schroten. Soviel ich in Erfahrung 
bringen konnte, sind auch nur verhältnismäßig wenige badische 
Kundenmühlen mit diesen besseren Reinigungsapparaten ausge- 
stattet, z. B. hatte (1899) eine Kundenmühle im Amtsbezirk Bühl, 
die technisch ganz auf der Höhe stand, zwei Walzenstühle, drei 
französische Mahlgänge, sechs Elevatoren, Zylinder, Sichtma- 
schinen und einen Trieur und Tarar. 

Ist nun das Getreide' gut oder schlecht gereinigt, so wird 
es auf den Mahlgang geschüttet, wo es zu Mehl oder Schrot 
verarbeitet wird. Mahlgänge wurden im Jahre 1899 in den 
badischen Kundenmühlen 2863 gezählt, so daß auf einen Betrieb 
durchschnittlich zwei Gänge kamen: ein Weiß- und ein Schwarz- 
gang. Wenn auch in sehr vielen Mühlen die Mühlsteine aus 



I Der Spelz wird zunächst auf den Schälgang gebracht, um den Kern aus der 
Hülse zu entfernen. 



Digitized by 



Google 



64 Kapitel II. 

dem einfachen Sandsteine hergestellt sind, so ist doch die Zahl 
derer ganz beträchtlich, die sogenannte »Champagnergänge« ^ 
besitzen. Auf dieser wachsenden Verwendung der ^Franzosen« 
in den Kundenmühlen beruht zum größeren Teil der technische 
Fortschritt in der Kundenmüllerei seit den sechziger Jahren. 
Diese Steinmasse zeichnet sich durch ihre Härte und Porosität 
aus, wodurch die Erzeugung eines besseren Mehles erreicht wird. 
Sehr oft finden wir in unseren Mühlen den deutschen neben dem 
französischen Stein, von denen der erstere dann gewöhnlich zum 
Schroten benutzt wird. Die Verwertung des Walzenprinzips durch 
Aufstellung von Walzenstühlen ist in der badischen Kunden- 
müllerei in großem Umfang nicht erfolgt, kamen doch auf 
loa Mühlen nur 19 Walzenstühle. Diese Tatsache ist auf die- 
selben Gründe zurückzuführen, die wir auch bei den ReinigungSr 
maSjChinen als ausschlaggebend bezeichnet haben. So schreibt 
ein Kundenmüller, daß er seinen Walzenstuhl schon zehn Jahre 
nicht mehr im Betrieb habe. Wo Walzenstühle als Schrot- oder 
Auflöswalzenstühle a.ngewendet werden, geschieht das nur in 
größeren Kundenmühlen (6 bis 50 dz tägliche Vermahlung), die 
eben die teure Anlage besser ausnützen können, als die kleineren 
Betriebe. 

Das in Baden gebräuchliche Mahlverfahren ist ein Mittel- 
ding zwischen der Halbhochmüllerei^ und der Flachmüllerei, die 
sogenannte Bauernmüllerei. Für das bei der Vermahlung zu be- 
folgende System ist die Beschaffenheit des Getreides entscheidend. 
In Baden wird nun ziemlich allgemein der gemeine weiche Land- 
weizen gebaut; der sogenannte englische, kleberarme Weizen 
(square head) wird nur auf größeren Gütern wegen seines hohen 
Körnerertrages produziert. Dadurch ist von vornherein das Mahl- 
verfahren gegeben. Es ist bis in die neue Zeit hinein die Fladi- 
müUerei gewesen, erst seit den letzten Jahren ist man zu einem 
komplizierteren Verfahren fortgeschritten, das sich aber noch sehr 
an jene Methode anschließt: das Weizenkom wird zuerst geschrotet 
und gequetscht, beim zweiten Schrotgang werden die Schalen 
abgestreift, durch die dritte Schrotung werden die Griese ge- 



1 Das Material dieser Mühlsteine ist Süßwasserquarz, der in den Brüchen von 
La Fert6 sous Jouarre (Departement Seine) gewonnen wird. 

2 Die »Halbhochmüllerei« ist. wieder ein Mittelding zwischen der bereits be- 
schriebenen Flach- und Hochmüllerei. 



Digitized by ^ 



, Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. 65 

Wonnen, dann wird aus den auf der Griesputzmaschine geputzten 
Griesen in zwei weiteren Schrotungen das Mehl ausgemahlen. 
Es herrscht also — und das hat dieses System mit der Flach- 
müllerei gemeinsam — das Bestreben vor, möglichst wenig Durch- 
gänge durch den Mahlgang anzuwenden, auf der andern Seite 
aber sucht man doch eine Trennung und gesonderte Behandlung 
der Zwischenprodukte durchzuführen, nur nicht in dem weit- 
gehenden Maße, wie es bei der Hochmüllerei geschieht Ein- 
facher gestaltet sich das Mahlverfahren beim Roggen. Das Korn 
wird zunächst geschrotet, mit dem Zwischenprodukte wird dann 
dieser Prozeß noch dreimal wiederholt, bis endlich weißes oder 
bräunliches Mehl entsteht, wie es der Mahlgast wünscht Da die 
Weizenmüllerei in den badischen Kundenmühlen zum Teil schon 
aufgehört hat oder doch sehr stark im Rückgang begriffen ist, 
so befassen sich die Mühlen fast nur noch mit der Verarbeitung 
von Roggen und Spelz; im badischen Unter- und Mittellande 
werden ungefähr 4/^ Roggen und Ys Weizen und Spelz zur Mühle 
gebracht, und im Oberland ist besonders die Mischelfrucht (Spelz, 
Gerste, Weizen, Roggen) sehr beliebt Die Gerstevermahlung 
hat in den letzten Jahren stark abgenommen, da die Bierbrauerei 
sehr gute Preise bietet. 

Das zerkleinerte Mahlgut, das vom Mahlgang kommt, muß nun 
noch abgesichtet, »gebeutelt« werden. Zu diesem Zwecke wurde 
früher und wird zum Teil auch in der Gegenwart noch das Beutel- 
tuch verwendet; in der großen Mehrzahl der Kundenmühlen aber, 
die sich dem technischen Fortschritte nicht verschlossen haben, 
ist man heute zu dem Sichtzylinder übergegangen. 

Das Ausbeuteverhältnis läßt sich bei den Kundenmühlen 
sehr schwer angeben, da sich der Müller nach den verschiedenen 
Wünschen der Kunden richten muß. Als Durchschnitt können 
aber folgende Ziffern betrachtet werden: 

Weizen. Roggen. 

Vorlauf (Brotmehl) 25%]^,, ^^,/ Mehl. . .65-/0 

Weißmehl . . . 45%! ^ '"" Kleie . . . 32-/0 

Kleie 27-/0 Verstaubung 3<>/o 

Verstaubung . . 3-/0 "Töo-T" 

100 -/o 



Fromm, Das Mühlengewerbe in Baden und in der Rheinpfalz. 



Digitized by 



Google 



66 Kapitel II. 

Die innere Einrichtung der badisch-pfälzischen Kunden- 
mühlen hat in den letzten Jahrzehnten dadurch eine Umwandlung 
erfahren, daß in vielen Betrieben die hölzernen Mühlwerke durch 
eine solide eiserne Konstruktion ersetzt worden sind; dadurch 
wird die Feuersgefahr, die bei den Mühlen außerordentlich groß 
ist, erheblich verringert. Kapitalkräftige Kundenmüller sind im 
Laufe der letzten Jahre zur Anschaffung von Elevatoren, Sack- 
aufzügen und Fahrstühlen geschritten, was eine Ersparung der 
menschlichen Arbeitskraft und darum eine Verminderung der 
Produktionskosten bedeutet. 

3. Die Triebkräfte in den Kundenmühlen. 
Die Kraftquellen, deren sich unsere badischen Mühlen be- 
dienen, sind Wasser und Dampf; daneben kommen auch Benzin 
und Elektrizität in Betracht. Die Wassermühlen stehen natürlich 
an erster Stelle, wie folgende Zahlen für Baden aus dem Jahre 
1899 zeigen: 

Wasser 1093 

Dampf 2 

Wasser und Dampf . 98 

Benzin und Wasser . 1 2 

Elektrizität .... i 



1206 

Die Zahl der Pferdekräfte betrug in sämtlichen badischen 
Kundenmühlen 10600 oder pro Mühle 8,75 PS. 

Die Art der Triebkraft hat für die Müllerei die bedeutend- 
sten ökonomischen Folgen, hängt doch von ihr der ganze Betrieb 
und schließlich seine Rentabilität ab. Gerade darin ruht vor- 
zugsweise die wirtschaftliche und technische Rückständigkeit der 
Kuridenmühlen, deiß sie ihren Betrieb nicht nach wirtschaftlicher 
Zweckmäßigkeit, sondern nach des Wassers oder des Windes Kraft 
betreiben können. Da Windmühlen in unserem Untersuchungs- 
gebiet nicht vorhanden sind, so haben wir es nur mit Wassermühlen 
zu tun. Welch großer wirtschaftlicher Nachteil einer Wassermühle 
erwachsen muß, wenn sich nach der Ernte, also in der »Saison« 
der Kundenmühlen, Wassermangel einstellt, braucht nicht weiter 
ausgeführt zu werden; und dieser Schaden ist um so bedeutender, 
je mehr der Besitzer seine Haupttätigkeit in die Müllerei verlegt 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühleniaduatrie nach ihrem heutigen Stand. 5? 

Is^t Schon diese Tatsache erklärt die wirtschaftliche Notwendig- 
keit der Verbindung der Müllerei mit irgend ein«n andern Ge- 
werbe. So gibt es Mühlen, die ein Vierteljahr vollen Geschäfts- 
betrieb haben, ein Vierteljahr nur zyxt Hälfte und das andere 
halbe Jahr aber wegen Wassermangels überhaupt nicht arbeiten 
können. In vielen Fällen antwortet der Müller resigniert: es 
fehlt meist an Wasser oder Frucht oder an beiden, im Scnnmer 
ist kein Wasser und im Winter keine Frucht da. Die Einführung 
des Dampfes als Betriebsmotor in die Kundenmüllerei war daher 
ein technischer und damit auch ein ökonomischer Fortschritt. 
Der andere Vorzug der DampfmüUerei ist der Umstand, daB sie 
ganz beliebig einen Standort wählen kann, der die beste Aus- 
nützung der Produktions- und Absatzverhältnisse gestattet. So 
haben sich denn auch schon viele badische und pfälzische Kun- 
denmüller eine Dampfmaschine als Ergänzung der unzuverlässigen 
Wasserkraft aufgestellt. Die Zahl der Mühlen, die nur mit Dampf 
getrieben werden, ist allerdings sehr klein; auch der Prozentsatz 
der beide Kräftequellen zugleich verwertenden Betriebe mag mit 
8<^/o aller Kundenmühlen sehr niedrig erscheinen. Allein das 
Maß der Verwendbarkeit technischer Errungenschaften ist durch 
Kapitalbesitz und Raumverhältnisse bedingt. Das gilt besonders 
von unsern Kundenmühlen, die in der Regel kein Betriebskapital 
besitzen; oft steht auch der Platz nicht zur Verfügung, um eine 
Dampfmaschine aufstellen zu können, und endlich würde sich 
bei der Mehrzahl der badischen Mühlen diese Kapitalanlage 
wegen des geringen Vermahlungsquantums gar nicht rentieren. 
Gerade die Tatsache der absolut so geringfügigen Produktions- 
menge in den meisten Kundenmühlen kann der Forderung nach 
einer vervollkommneteren technischen Ausrüstung dieser Mühlen 
nicht genug entgegengehalten werden. Manche Kundenmühlen 
sind wegen Fruchtmangels drei Viertel des Jahres außer Betrieb, 
bei andern stehen von ihren drei Mahlgängen seit Jahren zwei 
still, wieder andere können im Monat niu- an acht bis zwölf Tagen 
arbeiten. Noch weitere Umstände kommen dazu, die eine Be- 
triebseinstellung oder doch Betriebseinschränkung erfordern; so 
die schwankenden Ernteverhältnisse, eine ertragreiche Kartoffel- 
ernte, die sofort auf den Brotkonsum lähmend einwirkt; im Bau- 
land, wo der Anbau von Spelz durch die Herstellung von Grün- 
kern (Suppenkern) große Bedeutung hat, erleiden viele Müller 



Digitized by 



Google 



68 Kapitel II. 

durch eine Mißernte den größten Schaden, da ihr ganzer Erwerb 
aus der Müllerei lediglich auf dem Betrieb während der Grün- 
kernzeit beruht (drei bis fünf Wochen). 

Wenn wir endlich noch berücksichtigen, daß in keinem 
andern handwerksmäßigen Betriebe das Sachvermögen so groß 
ist, wie gerade bei der Müllerei,' so wird man verstehen, daß bei 
der etwa 200 Tage oder noch weniger dauernden tatsächlichen 
Ausnützung und bei den oft sehr geringen Produktionsmengen 
von einer ausreichenden Verzinsung des Anlagekapitals keine 
Rede sein kann. Es leuchtet ein, daß unter diesen Bedingungen 
die Produktionskosten sehr hoch sind und der Reinertrag des 
Betriebes bedeutend geschmälert wird. Damit sind wir nun auch 
bei der Mahllohnfrage angelangt, die in der Gegenwart unter 
den KundeamüUern brennend geworden ist. 

4. Die Mahllohnfrage. 

Wir erinnern uns aus dem ersten Kapitel unserer Unter- 
suchung, daß die Vergütung für die Vermahlung des Getreides 
ursprünglich nur in natura geleistet wurde, d. h. in einem Bruch- 
teil der zu vermählenden Körner. Durch Herkommen und poli- 
zeiliche Verordnung war im 18. Jahrhundert der Mahllohn auf 
den 16. Teil der Frucht festgesetzt. Während der Agrarkrisis 
der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts machte sich dann der 
große Nachteil für die Landwirte geltend, der dem Naturallohn 
anhaftete: seine Starrheit gegenüber den schwankenden Getreide- 
preisen. Man half sich eine Zeitlang mit einem System der 
gleitenden Skala, bei dem der Mahllohn proportional dem 
Steigen der Getreidepreise abnahm. Der nächste Abschnitt in 
der Entwicklung wird durch die »Neue Mühlenordnung« gekenn- 
zeichnet, die das Fordern des Geldmahllohnes rechtlich ermög- 
lichte. Von dieser Erlaubnis wurde aber sehr wenig Gebrauch 
gemacht, da sie den Interessen der Landwirtschaft nicht günstig 
war. Im Jahre 1856 vernehmen^ wir lebhafte Klagen über den 
unverhältnismäßig hohen, wenn auch rechtmäßigen Mahllohn, der 
damals immer noch 7i6 oder, in Geld ausgedrückt, 72 fl- pro 



1 Das Anlagekapital einer badischen Kundenmühle hat durchschnittlich eine 
Höhe von 10- bis 25 000 M. 

2 Badisches Zentralblatt 1856, S. 175. 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. 5q 

Zentner betrug. »Aber«, fragt der Artikelschreiber, ^wo ist die 
Mühle, wo bloß der i6. Teil genommen wird?« In vielen Fällen, 
heißt es weiter, nimmt der Müller kaum weniger ais den lo. Teil. 
Man ruft sogar nach der Polizei und verlangt ganz energisch, 
daß solche Gewerbe wieder im Dienste des Publikums stehen 
müssen. Wir sehen, man will dem Müller wieder die sozial- 
rechtliche Stellung einräumen, die er vordem gehabt hat; man 
sucht ihn zum »Dorfhandwerker« zu machen. Doch derartige 
Versuche mußten an der Tatsache der Entstehung der Handels- 
müllerei scheitern. Im Jahre 1865 schlössen dann sämtliche 
Müller des Landes eine Konvention, wonach der Multer von 
^/i6 auf 7i2 erhöht wurde.^ Die Antwort der Landwirte war die 
Drohung, nicht mehr bei der »unzeitgemäßen Kundenmüllerei« 
mahlen zu lassen, sondern die Frucht an die Handelsmühlen zu 
verkaufen, um aus dem Erlös Mehl und Kleie zu beziehen. Die 
Wirkung blieb nicht aus, denn alsbald mußten sich die Müller 
entschließen, zu dem althergebrachten 16. Teil zurückzukehren. 

Die neue Zeit mit ihren veränderten Verhältnissen hat daran 
nicht viel zu ändern vermocht: auch heute noch ist in sehr 
vielen badischen Kundenmühlen der 16. Teil als Mahllohn üblich 
oder in Geld 60 bis 65 Pfg. pro Zentner; oft besteht auch ein 
Unterschied zwischen der Vergütung für Schwarz- und Weißmehl, 
50 bzw. 65 Pfg.,* und für Roggen- und Weizenmehl. Manche 
Müller verlangen ^12 bzw. 70 bis 80 Pfg. pro Zentner; wieder 
andere sind schon bis zu Vio oder 90 Pfg. bis i M. gegangen; 
allgemein gebräuchlich aber ist jetzt der 16. und 12. Teil. 

Das Entscheidende bei der Wertung des Naturalmahllohnes 
ist der Getreidepreis: je nach seinem Steigen oder Fallen be- 
stimmen sich proportional die Mahllöhne. Darin liegt auch das 
Interesse begründet, das die Kundenmüller dieser Preisbewegung 
entgegenbringen, und daraus entspringt auch der Interessen- 
gegensatz zwischen Kunden- und Handelsmüller. Dieser will 
möglichst niedrige Getreidepreise und verwirft alle zollpolitischen 
Maßregeln, die in entgegengesetzter Richtung wirken, jener for- 
dert hohe Getreidepreise und in der Zollpolitik geht er Hand in 
Hand mit dem Landwirt. Ein großer Vorteil ist dem Natural- 

1 Badisches Zentralblatt 1865, S. 72. 

2 Vgl. Erhebungen über die Lage des Kleingewerbes im Großherzog- 
tum Baden, Karlsruhe, 1887. 



Digitized by 



Google 



70 Kapitel II. 

mahllohn insofern eigen, als er das Borgsystem nicht so leicht 
aufkommen läßt, ohne es aber ganz beseitigen zu können, wäh- 
rend der Geldmahllohn einen Fortschritt bedeutet, weil das Ein- 
kommen des Müllers unabhängig von dem Getreidepreis ist. 

In den letzten Jahren geht nun das Bestreben der Kunden- 
müller dahin, allgemein den Naturalmahllohn in einen Geldmahl- i 
lohn umzuwandeln und durch lokale Organisationen unter Fest- ' 
Setzung von Minimalmahllöhnen^ den Wettbewerb einzuschränken. 

Wir haben also hier eine kartellähnliche Bildung: Preisver- 
einbarungen unter bindender Verpflichtung der Beteiligten und 
Festsetzung von Strafen für Verletzung der Satzungen. 

Wenn nun diese Verbände den gehegten Erwartungen nicht 
entsprechen, so liegt das daran, daß sie auf falschen Voraus- 
setzungen aufgebaut sind. Die Vorbedingung solcher Vereini- 
gungen ist eine kleine Zahl von Unternehmern, deren Betriebe 
möglichst örtlich konzentriert sind und auf einer annähernd 
gleichen Stufe der Leistungsfähigkeit stehen. Bei der Kunden- 
müllerei aber haben wir zahlreiche, über das ganze Land hin 



I Ein mir vorli^ender Mahllohntarif hat folgenden Inhalt: 

§ I- 

Der Multer- oder Mahllohn wird auf ^/zo 
» » » Schrotlohn » » 1/12 

zur Mindestannahme fes^esetzt. 

§ 2. 
Der Mahllohn in Geld beträgt als Mindestannahme 

für Weißfrucht i M. 

» Brot- oder Schwarsfrucht . . 90 Pfg. 
» Schroten 60 » 

§3. 

Verstaubung 3 bis 4 Pfund vom Zentner. 

§5-, 
Der Verkaufspreis für jede multerfrei zu mahlende Frucht ist derart geregelt, 
daß sich derselbe um mindestens 3 M. höher stellt als der kursmäßige Einkaufspreis 
6tt einschlägigen Fruchtgattutig. 

§6. 
Zahlung innerhalb vier Wochen gilt als bar. 

§8. 
Hat ein Mitglied außerhalb dem Verbandsgebiet zu tun, so wird ihm für besondere 
Fälle Dispens erteilt. 

§ II. 
Verletzung der Satzungen kann mit Geldbuße bis zu 300 M. bettraft werden. 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälziscbe Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. ^ i 

verteilte Betriebe, die unter den verschiedensten Produktionsbe- 
dingungen arbeiten. Gerade dies letztere Moment ist in unserem 
Gewerbe von großer Bedeutung: die Wasserkraft, die Absatz- 
und Verkehrsverhältnisse sind fast bei jeder Mühle verschieden. 
In den bestehenden lokalen Verbänden sind aber höchstens 20 bis 
25 Müller vereinigt, so daß sie der Konkurrenz der benachbarten, 
nicht der Vereinigung angehörenden Kundenmühlen und vor 
allem sämtlicher Handelsmühlen ausgesetzt sind. So umfaßte 
eine Kleinmüllervereinigung, die sich auf zwei Amtsbezirke mit 
ca. 50 Kundenmühlen im Jahre 1899 erstreckte, 10 Kundenmüller. 
Die Schaffung eines größeren Bezirks- oder gar Landesverbandes 
ist infolge der mannigfaltigen Produktionsbedingungen eine tat- 
sächliche Unmöglichkeit. Die wirtschaftliche Unwirksamkeit der 
Preis Vereinbarungen hat ferner ihren Grund in der Eigenschaft 
des Mehles, das nicht den Charakter der Vertretbarkeit besitzt. 
Jeder Müller mahlt schon deshalb ein anderes Mehl, weil nicht 
jeder Bauer das Getreide in derselben Beschaffenheit zur Mühle 
bringt, und durch die Gestaltung des Ausbeuteverhältnisses können 
die Preisbestimmungen leicht umgangen werden. Um aber auch 
für den Produktionsbetrieb bindende Vorschriften geben zu können, 
sind die Verbände zu lose organisiert. 

Aus diesen Gründen ist denn auch die Idee der Lohnmüller- 
verbände in dem bezeichneten Sinne lebensunfähig. Trotz der 
lebhaften Agitation, die für sie durch den »Deutschen Müllerbund« 
(Sitz in Leipzig) entfaltet wird, gibt es in Baden zurzeit nur drei 
und in der Pfalz nur eine solche Vereinigung. Die Versuche 
weiterer Gründungen scheitern an der Uneinigkeit und dem Kon- 
kurrenzneid der Kundenmüller. Da nun den KleinmüUem für 
bindende Preisvereinbarungen mit der Zwangsinnung, wie sie 
ihnen das Handwerkergesetz bietet, nicht gedient ist, so fordern 
sie die Aufhebung des § looqu der Gewerbeordnung, wonach 
die Zwangsinnungen ihre Mitglieder in der Festsetzung der Preise 
ihrer Waren oder Leistungen oder in der Annahme von Kunden 
nicht beschränken dürfen. Man will also in die deutsehe Zwangs- 
itinung' der Gegenwart das Moment einführen, das in früherer 



* Während in Baden keine Zwangsinncmgen für das Müllergewerbe bestehen, 
gibt es in der Rheinpfalz drei (für die Amtsbezffke: Neustadt a. H. und Dürkheim 
[entstanden 25. X. 1901], Grermersheim [16. IV. 1904] und Landau [23. Vm. 1906]). 
Sie umfassen meistens nur Kundenmühlen; reine Handelsmühlen sind nicht angis- 



Digitized by 



Google 



72 Kapitel IL 

Zeit ein so bequemes Machtmittel zur Einschränkung der Kon- 
kurrenz an die Hand gegeben hat. 

Die Lohnmüllerverbände begnügen sich aber nicht damit, 
Verabredungen über innezuhaltende Mindestpreise zu treffen; sie 
gehen noch einen Schritt weiter, indem sie eine Erhöhung des 
Mahllohnes anstreben. 

Wir haben schon auf die schlechte Rentabilität der Kunden- 
mühlen hingewiesen, um sie später an ein paar Beispielen zu 
illustrieren. Die Produktionskosten dürfen wir durchschnittlich 
auf 70 bis 80 Pfg. pro Zentner berechnen; nur unter ganz gün- 
stigen Umständen werden sie sich geringer stellen. Dann ist in 
Betracht zu ziehen, daß die Verzinsung des Anlagekapitals und 
Abschreibungen (wenn überhaupt) nicht in der Höhe angesetzt 
werden, wie es nach kaufmännischen Grundsätzen wünschenswert 
und notwendig wäre. Vergleichen wir nun den Mahllohn mit 
den Produktionskosten, so ergibt sich die interessante Erscheinung, 
daß im Durchschnitt der Mahlverdienst gleich Null ist, oft sogar 
mit Verlust gearbeitet wird. In der Regel wird also mit fiktiven 
Reingewinnen gewirtschaftet. Tritt nun einmal eine Geschäfts- 
stockung ein, so ist die nötige Widerstandskraft nicht vorhanden 
der Zusammenbruch ist unvermeidlich. Wenn sich solche Betriebe 
doch noch halten können, so erklärt sich das daraus, daß der 
Mühlenbetrieb 'nicht die einzige Erwerbsquelle für den Besitzer 
ist; aber auf jeden Fall bleibt die Tatsache bestehen, daß das 
oberste Gesetz des wirtschaftlichen Handelns, das ökonomische 
Prinzip, verletzt wird. Das haben auch die Müller selber einge- 
sehen: sie verlangen höhere Preise. Während also die ganze 
gewerbliche Produktion der Gegenwart von der Tendenz der 
Preissenkung beherrscht wird, machen sich im Kleinmühlen- 
gewerbe Bestrebungen der Preissteigerung geltend. Und was 
ist am letzten Ende der Zweck? Im Konkurrenzkampf gegen 
die größeren Mühlen nicht unterzugehen. Und was ist der Er- 
folg? Man erleichtert dem Großbetrieb den Wettbewerb, denn 
gerade die Preisherabsetzung der Produkte ist für ihn das Mittel 
zur Verdrängung kleiner, nicht widerstandsfähiger, unter ungün- 



schlossen. Von einer Innung wurde mir mitgeteilt, daß »die Statuten zum Teil nur 
auf dem Papier stehen«. Es scheint, daß diese Zwangsinnungen nur künstliche Pro- 
dukte der Agitation sind; den Vorteil haben sie ja wohl, daß sie ihren Mitgliedern 
Gelegenheit zur gemeinsamen Aussprache bieten. 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. nr 

stigeren Bedingungen arbeitender Produzenten. Die Kleinmüller 
vermeinen dadurch ihre Betriebe wieder rentabel zu machen, daß 
sie die Preise erhöhen, ohne zu bedenken, daß die Unrentabilität 
ihren Grund in den sehr hohen Produktionskosten hat. Aber die 
praktische Frage ist die, ob die Herstellungskosten in den Kunden- 
mühlen überhaupt noch weiter herabgesetzt werden können. Eine 
Erleichterung der steuerlichen Lasten könnte schon eine Vermin- 
derung bewirken; aber alle andern Bestandteile der Rechnung {z. B. 
die Löhne) haben eher die Tendenz, im Werte zu steigen, als zu 
fallen. Das einzige wirksame Mittel wäre ein Wachsen der Pro- 
duktivität und infolge davon das relative Sinken der Produktions- 
kosten. Daß aber das Vermahlungsquantum in den Kundenmühlen 
nicht gesteigert werden kann, geht aus der Darlegung der Existenz- 
bedingungen der Kundenmüllerei hervor. Das ist jedenfalls das Er- 
gebnis unserer Betrachtung, daß die große Mehrzahl der Kunden- 
mühlen zu teuer produziert, und zwar, wie die Produktionsbedin- 
gungen nun einmal gegeben sind, zu teuer produzieren muß, und 
nicht nur das, sie produzieren auch unökonomisch. Damit hat auch 
das selbständige Kundenmühlengewerbe, das ohne Nebenerwerb 
seinen Mann nähren soll, in der verkehrswirtschaftlich organisier- 
ten Volkswirtschaft der Gegenwart sein Nützlichkeit verloren. 

III. Die charakteristischen Merkmale der badischen 
KundenmOhlen. 

a. Der Betriebsumfang gemessen an der Zahl der 
beschäftigten Personen. 

Die Betrachtung der Daseinsbedingungen der Kundenmüllerei 
hat zu dem Ergebnis geführt, daß sie in der Gegenwart nur noch 
die wirtschaftliche Funktion eines bäuerlichen Nebengewerbes 
hat; es wird sich nun darum handeln, darzulegen, wie diese Tat- 
sache an bestimmten, charakteristischen Merkmalen zum Ausdruck 
kommt. Zu diesem Zwecke wollen wir an der Hand der Gewerbe- 
und Produktionsstatistik den Betriebsumfang, die Kombination 
mit andern Gewerbezweigen und die Produktivkraft der Kunden- 
mühlen feststellen. 

Die Zahl der Mühlen, die nur eine Person beschäftigten, war 
auch im Jahre 1899 ungefähr noch auf derselben Höhe stehen 



Digitized by 



Google 



»JA Kapitel II. 

geblieben, wie vor 15 Jahren. Wie sehr die Kundenmühlen mit 
nur einem Arbeiter, also in der Regel mit zwei Personen, vor- 
herrschten, zeigen folgende Ziffern: 



Alleinbetriebe . . 




A%2 


Gehilfenbetriebe mit 


I Arbeiter 


604 


» » 


2 » 


134 


» » 


3—5 Arbeitern 


32 


Gehilfenbetriebe mit 


1—5 Arbeitern 


• 770 


» » 


6 — 10 » 


4 



Es machten also die Mühlen ohne Gehilfen und mit nur 
einem Arbeiter 83% sämtlicher Lohnmühlen aus. Der Prozent- 
satz würde sich noch erhöhen, wenn man bei den Betrieben mit einem 
Arbeiter nur solche mitzählen würde, bei denen dieser ausschließ- 
lich in der Mühle beschäftigt ist. Aber die Betriebsweise eines 
Saisongewerbes, wie es die Kundenmüllerei ist, bringt es mit 
sich, daß der Knecht bald in der Landwirtschaft, bald in der 
Mühle tätig ist. Von den Großkundenmühlen mit mehr als fünf 
Arbeitern beschäftigten je zwei zehn (in den Bezirken Engen und 
Ettenheim), eine sechs (Schwetzingen) und eine acht Arbeiter 
(Mannheim). Im ganzen entfielen auf 100 Kundenmühlen 84 Ar- 
beiter. Es darf nun allerdings nicht außer acht gelassen werden, 
daß in den Mühlen auch Familienangehörige mitarbeiten, was die 
Bedeutung hat, daß eine fremde Arbeitskraft erspart wird. Ihre 
Zahl fiel aber sehr wenig ins Gewicht; 1895 wurden nur 74 ge- 
zählt, darunter 41 weibliche und 13 jugendliche Personen, in der 
Pfalz 59; ob aber wirklich auch alle statistisch erfaßt worden sind, 
scheint sehr zweifelhaft. Eine andere Frage ist die geringe Zahl 
der Lehrlinge, die wir schon früher beobachten konnten. Es gab 
Lehrlinge: 

Baden Pfalz 

1875 i88 65 

1895 173 45 

1903^ 56 — 

Bei der j^älzischen Erhebung im Jahre 1901 wurden in den 
152 revidierten Betrieben nur 4 Lehrlinge gefunden. 



X Handwerkskammerbericlite des Großherzogtums, 1903/04. 



Digitized by 



Google 



Die badisch - rheinpfftlzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. ye 

Diese Erscheinung erklärt sich dadurch, daß in den Kun- 
denmühlen die Knechte allmählich in das Mühlgeschäft dnge- 
arbeitet werden. Eine eigene gewerbliche Ausbildung erhalten 
in der Regel nur die Müllersöhne im väterlichen Betrieb.^ Femer 
trägt der Umstand dazu bei, daß der Mühlenarbeiter des Groß- 
betriebs nicht durch die Schule des Handwerks hindurchgeht, da 
sich dieser bei dem automatischen Mahlverfahren hauptsächlich 
ungelernter Arbeitskräfte bedienen kann. Es scheint, daß auch 
die Bekanntmachung vom 26. April 1899^ ^.uf die Lehrlingshal- 
tung — wie auf die Einstellung von Arbeitern überhaupt — ungün- 
stig eingewirkt hat.3 Von einem geregelten Lehrlingswesen kann 
deshalb auch keine Rede sein; die Lehrlingszeit beträgt bald 
1^2, bald 2 oder 3 Jahre. Damit fällt auch für die Innungen in 
unserem Gewerbe eine ihrer vorzüglichsten Aufgaben von vorn- 
herein weg. 

b. Der Nebenerwerb in den badischen Kundenmühlen. 

Bezeichnend für den kleinen Umfang der Kundenmühlen 
und für ihre Eigenschaft als landwirtschaftliches Nebengewerbe 
ist die geringe Anzahl der reinen Kundenmühlen, d. h. der Be- 
triebe, die nur Mühlen sind, ohne mit irgend einem andern Er- 
werbszweig verbunden zu sein. 

Nach der oben (S. 47) gegebenen Statistik haben von 1875 
auf 1895 diö Hauptbetriebe um 26^/0 abgenommen, während in 
derselben Zeit die Mühlennebenbetriebe um 274% gestiegen sind. 
Die Tendenz geht also dahin, daß der ländliche Müller (und in der 
Hauptsache ist es wohl der ländliche Kundenmüller) das Schwer- 
gewicht seiner Erwerbstätigkeit in irgend ein anderes noch Er- 
folg verheißendes Gewerbe verlegt, das ihm nun zum Haupt- 
beruf wird, während er die Müllerei nur noch als Nebengewerbe 



1 Vgl. Erhebungen über di« Lage des Kleingewerbes im Groß- 
herzogtum Baden, Karlsruhe, 1887. 

2 Darin ist bestimmt, daß in Getreidemühlen den Gehilfen und Lehrlingen 
innerhalb der auf den Beginn ihrer Arbeit folgenden 24 Stunden eine ununterbrochene 
Ruhezeit von mindestens 8 Stunden zu gewähren ist, und daß Lehrlinge unter 16 Jahren 
nicht in der Nachtzeit von 81/2 Uhr abends bis S^/a Uhr morgens beschäftigt werden 
dürfen. 

3 Vgl. Erhebungen der bayr. Fabriken- und Gewerbeinspektoren 
über das Müllergewerbe, 1901, S. 45. 



Digitized by 



Google 



^6 Kapitel II. 

fortführt. Diese Erscheinung kommt auch in den Ergebnissen 
der Berufszählungen von 1882 und 1895 zum klaren Ausdruck: 

Erwerbstätige Erwerbstätige 
im Hauptberuf im Nebenberuf 

1882 3810 542 

1895 3403 984 

Wir ersehen aus diesen Ziffern die interessante Tatsache, daß 
der Abnahme der in der Müllerei hauptberuflich tätigen Personen 
ein Anwachsen der darin nebenberuflich Erwerbstätigen in der- 
sielben Höhe gegenübersteht. Jene Müller sind also in dem Umbil- 
dungsprozeß, dem das Mühlengewerbe unterworfen ist, nicht etwa 
zugrunde gegangen, sondern es ist nur eine Verschiebung ihrer 
wirtschaftlichen Stellung innerhalb des Gewerbes eingetreten. 
Dieser Entwicklungsgang findet sich auch in starkem Maße in 
der Pfalz. Die Hauptbetriebe zeigen einen Rückgang um 28%, 
die Nebenbetriebe sind von einem im Jahr 1875 auf 63 im Jahr 
1895 gestiegen. In Deutschland vermehrten sich die Neben- 
betriebe in derselben Zeit von 2128 auf 8288. Im Jahre 1899 
(vgl. Tabelle S. 53) gestaltete sich die Lage so, daß von 100 Kun- 
denmüllern 54 die Müllerei £ils Hauptgewerbe und 46 als Neben- 
gewerbe betrieben. Es gab demnach nur 120 (10,6%) reine 
Kundenmühlen; rechnen wir noch die 61 reinen Handelsmühlen 
dazu, so erhalten wir im ganzen nur 181 (13%) reine Mühlen- 
betriebe. 87^/0 aller Mühlen und 89,4% der Kundenmühlen 
bedurften also des ergänzenden Nebenerwerbes. 

Darunter nimmt nun die Landwirtschaft die erste Stelle ein; 
es waren verbunden mit Landwirtschaft: 

1875 1366 (73 ''/o) Mühlenbetriebe, 

1882 1722 (94 7o) » 

1895' 1538 (96%) 

1901 941 (68<^/o) » 

Die Abnahme in den letzten Jahren hat ihren Grund in 
dem Eingehen zahlreicher Mühlenbetriebe.^ 



z Im Deutschen Reich waren von 52 389 Getreidemühlen 47 098 d. h. 89,90/0 
mit Landwirtschaft verbimden. 

2 Nach der Berufsstatistik ging in Deutschland von 1882 bis 1895 die Zahl 
der Personen, die neben der Landwirtschaft die Müllerei als Haupt- oder Nebengewerbe 
betrieben, um 6599 zurück. 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheicpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. n'j 

Im Jahre 1899 war die Landwirtschaft bei den Kunden- 
mühlen 

dsis Hauptgewerbe in 462 Fällen 
» Nebengewerbe »410 » 

Es waren also 72^/0 aller Kundenmühlen mit landwirtschaftlichen 
Betrieben kombiniert. Der Nutzen dieser Verbindung liegt — 
abgesehen von den übrigen Wechselbeziehungen zwischen Ge- 
treidemüllerei und Landwirtschaft — in der günstigen Verwertung 
der Nebenprodukte des Mühlenbetriebes durch die Landwirt- 
schaft Beachtenswert ist bei dieser Berufskombination die Ver- 
teilung der Mühlenbetriebe auf die einzelnen Betriebsgrößen- 
klassen. 

Es entfielen Mühlenbetriebe' auf die Größenklassen: 







1882 


1895 


unter 2 ha 


329 


266 


2 bis 


5 » 


539 


502 


5 » 


10 » 


503 


481 


10 » 


20 » 


262 


224 


20 » 


100 » 


88 


. 64 


100 » 


200 » 


I 


— 


200 » 


500 » 


— 


I 


zusammen 


1722 


1538 



Mehr als die Hälfte (60 *^/o bzw. 64 %)^ aller Mühlenbetriebe war 
demnach mit landwirtschaftlichen Betrieben im Umfang von 
2 bis 20 ha verbunden. 

Es ist natürlich, daß neben der Müllerei solche Gewerbe 
dem Haupt- bzw. Nebenerwerb dienen, die in technischer oder 
wirtschaftlicher Beziehung zu dem Mühlengewerbe stehen. So 
wird die einmal vorhandene Wasserkraft, die der Mühlenbetrieb 
nicht ganz ausnützen kann, dazu verwendet, eine Sägemühle oder 



1 Vgl. Beiträge zur Statistik der inneren Verwaltung, Heft 44, 
Teil I; Statistisches Jahrbuch für das Großherzogtum Baden für 1897 bis 1898, S. 82. 

2 Im Deutschen Reich 680/0; vgl. Statistik des Deutschen Reichs, Bd. 112, 
»Die Landwirtschaft im Deutschen Reich nach der landwirtschaftlichen Betriebszählung 
vom 14. VI. 1895«. 



Digitized by 



Google 



78 Kapitel II. 

eine Ölmühle zu treiben. 1899 waren in Baden mit Kunden- 
mühlen verbunden als 

Nebengewerbe Hauptgewerbe 

61 28 Sägemühlen, 

12 I Ölmühlen, 

26 5 Dreschereibetriebe, 

— 3 Elektrizitätswerke. 

Rein wirtschaftliche Gründe sind es, die Müllerei und 
Bäckerei in einem Betriebe vereinigen; meistens dient der Mühlen- 
betrieb dazu, dem weiterverarbeitenden Gewerbe einen Teil des 
Roh- bzw. Halbproduktes zuzuführen; der andere Teil wird in 
der Regel von einer Handelsmühle bezogen, besonders wenn es 
sich um die feinen weißen Mehlsorten handelt. Oft wird auch noch 
Mehlhandel daneben getrieben. Bäckerei und Müllerei finden 
sich sehr häufig auf dem Schwarzwalde beisammen, wo eben 
das eine Gewerbe für sich allein nicht bestehen könnte. Nach 
der Statistik von 1899 waren mit Kundenmühlen verbunden 

als Nebengewerbe als Hauptgewerbe 

10 46 Bäckereien, 

I 3 Mehlhandlungen. 

Die auffallend klein erscheinende Zahl der mitbetriebenen 
Mehlhandlungen erklärt sich dadurch, daß sich der kleine Kunden- 
müller nicht gerne offen als Agent der Großmühlen bekennt, 
denn die Zahl der Kundenmühlen ist nicht gering, die große 
Mengen Mehl von den Handelsmühlen beziehen, teils um es mit 
dem eigenen Produkt zu vermischen, teils um es an die Bauern 
und Bäcker abzusetzen. Wie die Großbrauereien die kleinen Be- 
triebe aufkaufen, so liefern die Großmühlen Mehl an die Kunden- 
müller und dringen auf diese Weise dank deren Unterstützung 
in das Absatzgebiet der kleinen Mühlen ein. So sind manche 
Kundenmüller einfach zu Agenten der Handelsmühlen geworden, 
die dadurch die großen Kosten für Reisende und besondere Mehl- 
agenten ersparen. 

Gastwirtschaften, die ihren Mehlbedarf durch Eigenproduk- 
tion deckten, gab es zwölf; in sieben Fällen fand sich Müllerei 
und Fuhrhalterei beisammen. Die anderen Haupt- bzw. Neben- 
beschäftigungen waren dann Gipserei (in 3 Fällen), Bankgewerbe,' 

» Der Vorschußverein Rastatt, der für das Proviantamt mahlt. 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. yn 

Drechslerei, Schleiferei, Ziegelei, Schreinerei, Maurer- und Schnei- 
dergewerbe (in je einem Fall). 

c. Die Produktivkraft der badischen Kundenmühlen. 

Die Arbeiterzahl und die Häufigkeit des Nebenerwerbes 
vermögen uns nur indirekt über die Leistungsfähigkeit eines Ge- 
werbes Aufschluß zu geben; einen unmittelbaren Einblick in die 
Bedingungen der Produktion gewinnen wir erst, wenn wir wissen, 
wie viele Sachgüter die einzelne Unternehmung hervorbringt, d. h. 
wenn wir ihre Produktivität kennen. 

Die badischen Kundenmühlen haben im Jahre 1 899 1 027 392 dz 
Getreide zu 711 450 dz Mehl vermählen (vgl. Tabelle S. 54), 
das sind von der Gesamtvermahlung bzw. -Produktion aller ba- 
dischen Mühlen 26,4^/0 bzw. 25,7%. Durchschnittlich entfiel 
also auf eine Mühle ein Vermahlungsquantum von 852 dz oder 
bei 300 Arbeitstagen 3 dz pro Tag. 

Das badische Getreide hatte natürlich mit 95 ^/o den Haupt- 
anteil, während die Mühlen an den Landesgrenzen auch bayerische, 
hessische und württembergische Provenienz in Höhe von 2,8% 
verarbeiteten. Die in der Spalte »ausländisches Getreide« ge- 
nannten 22 708 dz (2,2*^/0) enthielten hauptsächlich Mais für Futter- 
zwecke; fremdländisches Getreide wurde nur an der Schweizer 
Grenze vermählen. Dem Ursprungsland der Brotfrucht entspricht 
auch der Lieferungsort des Mehles: nach Baden gingen 98,3%, 
nach Bayern, Württemberg, Hessen 1,6^/0 und in die Schweiz 
0,1^/0. 

Setzen wir die gesamte Produktionsmenge in Beziehung zur 
Zahl der Arbeiter, so kommen auf einen Arbeiter 1014 dz oder 
pro Tag 3,4 dz. Die auf einen Mahlgang entfallende Quote 
belief sich auf 359 dz, d. h. pro Tag auf nur 1,2 dz. 

Die Verteilung der Kundenmühlen auf die einzelnen Betriebs- 
größenklassen ist folgende: 



Weniger 
als I dz 


I— S dz 


b— 10 dz 


11—20 dz 


21—50 dz 


50 und 
mehr dz 


zusammen 


313 

25% 


63% 


105 
9% 


32 

2,6% 


4 
0.3% 


2 
0,1 Vo 


1206 
100 ^/o 



Digitized by 



Google 



8o Kapitel H. 

Fassen wir diese Zahlen zusammen, so erhalten wir 
Betriebe mit bis 5 t täglicher Vermahlung 1204 

» ;^ 6 — 20 t » » 2 



1206 

Charakteristisch ist die Tatsache, daß also gerade ein Viertel 
sämtlicher Kundenmühlen pro Tag nicht einmal 2 Ztr. ver- 
mahlte. 

Was die räumliche Verteilung dieser kleinsten Betriebe an- 
geht, so kamen durchschnittlich auf einen Amtsbezirk fünf solcher 
Mühlen. Weit darüber standen die Bezirke Neustadt und St. Blasien 
mit je 21 Betrieben, dann folgen die Bezirke Waldkirch (15), 
Wolf ach (13), Eberbach (11), Triberg und Buchen (je 10). Wir 
erinnern uns, daß diese Bezirke die Gebiete des Landes sind, die 
weniger Getreide bauen, als zur Deckung des Jahresbedarfes not- 
wendig ist. Diese kleinen Mühlen vermählen das in geringer 
Menge vorhandene Brotgetreide wohl in der Hauptsache für den 
Eigenbedarf oder doch wenigstens für einen ganz engen perso- 
nalen Kundenkreis; das erstere wird vor allem in den Schwarz- 
waldgegenden Triberg und Wolfach zutreffen, wo auf den großen 
»geschlossenen Hofgütern« schon von altersher die Mahlmühle 
neben dem Backofen zu dem erforderlichen Inventar gehört. In 
der unteren Rheinebene dagegen können sich solche Mühlen 
gegenüber den Handelsmühlen nicht halten, und so finden wir 
sie denn auch in den Bezirken Karlsruhe, Ettlingen, Durlach, 
Bruchsal, Schwetzingen und Wiesloch gar nicht und in Breisach 
und Kehl mit nur je einer vertreten. Die Mehrzahl jener 313 
Mühlen, 223, wurden als Nebengewerbe betrieben (40% sämtlicher 
Nebenbetriebe). In der Regel fließt dann das Haupteinkommen 
aus Landwirtschaft und Bäckerei; besonders auf dem Schwarz- 
wald ist die Kombination von Landwirtschaft, Müllerei und 
Bäckerei sehr häufig. Auffallend ist, daß 90 von jenen Zwerg- 
mühlen als Hauptgewerbe angegeben wurden, denn es erscheint 
ja von vornherein unmöglich, daß ein so kleiner Betrieb für eine 
Familie die vorzügliche Erwerbsquelle sein kann;^ in Wirklichkeit 



I So gab z. B. ein Kundenmüller ohne jeden Nebenerwerb bei einer durch- 
schnittlichen täglichen Vermahlung von i dz (2 Wasserpferdekräfte) seinen Tagesver- 
dienst auf 2,40 M. an. 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. 8l 

aber werden jedenfalls Landwirtschaft und Müllerei in gleicher 
Höhe an dem Ertrage beteiligt sein. 

Wie sich Haupt- und Nebenbetriebe sowie Arbeiterzahl auf 
die einzelnen Klassen verteilten, zeigt folgende Tabelle. 



Betriebe mit unter 
z dz taglicher Ver- 
mahlung 


Betriebe mit 
i~5 dz 


Betriebe mit 
6-50 dz 


Betriebe mit 
mehr als 50 dz 


zusammen 11 


|l 


II 




1^ 


II 


1 


11 




1 


II 

KZ 


V 13 




1 
< 


1^ 

xz 


11 


1 


90 


223 


127 


432 


318 


622 


126 


15 


257 


I 


I 


7 


649 


557 


1013 


in 0/0 


in 0/0 


in 0/0 


in 0/0 


in 0/0 


in 0/0 


in 0/0 


in 0/0 


in 0/0 in 0/0 


in 0/0 


in 0/0 in 0/0 


in 0/0 


in 0/0 


H 


40 


13 


66,5 


57 


61 


IM 


3 


25 


0,1 


0,1 


I 


100 


100 


100 



Von den beiden großen Kundenmühlen mit über 50 dz 
täglicher Vermahlung ist die eine im Besitz des Vorschußvereins 
Rastatt, die andere liegt im Bezirk Schwetzingen und ist mit 
einer Mehlhandlung verbunden. Erstere, die ausschließlich für 
das Proviantamt Rastatt arbeitet, vermahlte 1899 17850 dz und 
zwar 10 7 10 dz badisches und 7140 dz sonstiges deutsches Ge- 
treide. Letztere hatte ein jährliches Produktionsquantum von 
25 000 dz badisches Getreide. 

Die große Mehrzahl der Kundenmühlen (63%) und über 
die Hälfte aller badischen Mühlen (54,2 ^/o) vermahlte durchschnitt- 
lich I bis 5 dz täglich. Sie sind ziemlich gleichmäßig über das 
ganze Land verteilt; es hervorragen die getreidebauenden Bezirke 
Tauberbischofsheim, HuUendorf, Boxberg, Mosbach und die ober- 
badischen Waldshut und Lörrach; fast ganz verschwinden sie 
naturgemäß auf den Höhen des Schwarzwaldes und im Bezirk 
Schwetzingen. 

Der Standort der größeren Kundenmühlen mit 6 bis 50 dz 
täglicher Vermahlung, die nur i2**/o aller Kundenmühlen aus- 
machten, ist vorzüglich der getreideüberproduzierende Kraichgau 
(Durlach, von Bruchsal die Gemeinden im Hügelland, Sinsheim, 
Bretten) und die Amtsbezirke Lahr und Emmendingen. 

Es kann nun die Frage aufgeworfen werden, in welchem 
Umfange die badischen Kundenmühlen den Mehlbedarf der Be- 

Fromm, Das Mühlengewerbe in Baden und in der Rheinpfalz. 6 



Digitized by 



Google 



82 Kapitel II. 

völkerung decken. Gehen wir von der Einwohnerzahl des Jahres 
1900 mit I 867 944 Einwohner aus und berechnen wir den durch- 
schnittlichen Bedarf an Mehl pro Kopf der Bevölkerung auf 
140 kg. so erhalten wir als Gesamtbedarf 2 615 122 dz. Die 
Kundenmühlen produzierten nun aber bloß 7 1 1 450 dz Mehl, 
davon — nur das kommt für unsere Berechnung in Betracht — 
wurden 697 466 dz in Baden verbraucht. Es ergibt sich also, 
daß sie nur 26,6*^/0 des Gesamtbedarfes decken konnten. Der^ 
Rest mußte entweder durch die einheimischen Handelsmühlen 
geliefert oder von auswärts eingeführt werden. 

Wir können auch aus diesen Zahlen erkennen, wie sich die 
volkswirtschaiftliche Bedeutung der Kundenmüllerei in wenigen 
Jahrzehnten verändert hat: noch in den fünfziger Jahren des 
19. Jahrhunderts hat sie fast den ganzen Mehlbedarf des Landes 
zu befriedigen vermocht, heute kann sie nur noch mit einem 
Drittel zu der Mehlversorgxmg des Großherzogtums beitragen. 
Nach einem eigentlich nur drei Dezennien währenden, heftigen 
und vernichtenden Konkurrenzkampfe mußte sie ihre einst volks- 
wirtschaftlich so wichtige Stellung an die entstehende Handels- 
großmüllwei abtreten. 

Wenn auch die Kundenmüllerei einen großen Teil ihrer 
Produktivität eingebüßt hat, so wird sie doch durch die Groß- 
industrie nie ganz verdrängt werden. Beide werden noch auf 
lange hinaus nebeneinander fortbestehen, da jede derselben 
bestimmte Anforderungen erfüllt. Auch hier gilt die treffende 
Bemerkung Gotheins: »immer ist durch die Großindustrie der 
Kreis des zunftmäßigen Handwerks nur eingeschränkt, nicht dieses 
selber umgewandelt worden.«^ 

d. Rentabilität der Kundenmühlen in Einzeldar- 
stellungen. 
I. 
Die Mühle ist eine Kundenmühle in der unteren Rheinebene. 
Daneben wird Landwirtschaft getrieben. Der Wert des Grund- 
stückes (200 qm), auf dem die Mühle steht, ist 600 M., und der 
des Mühlengebäudes wird vom Besitzer auf 20000 M. veran- 
schlagt. 



Gothein, Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes, Bd. I, S. 437. 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. gi 

Neben der Wasserkraft von 8 bis lo PS. und einer Turbine 
wird aushilfsweise bei kleinem Wasserstande eine Dampfmaschine 
mit 20 PS. verwendet. 

In der geräumigen und reinlich gehaltenen Mühle stehen 
vier Mahlgänge, eine Grießputzmaschine, ein Schälgang, eine 
Fruchtputzmasclrine, ein Sichtzylinder und ein Fahrstuhl. Diese 
maschinelle Einrichtung hat einen Wert von 30000 M. Dem 
Geschäftsbetrieb dienen femer ein Pferd, Wagen und Säcke im 
Gesamtwert von 2000 M. 

Es werden je nach der heimischen Ernte 6- bis 10 000 Ztr. 
jährlich vermählen. Die Produktionskraft beträgt pro Gang und 
Tag (24 Stunden) 15 Ztr., tatsächlich werden aber im Durch- 
schnitt bloß 7 bis 8 Ztr. vermählen. 

Der Mahllohh wird entweder in Geld oder in natura erhoben 
und beträgst 80 Pfg. pro Ztr. oder den zwölften Teil des zu ver- 
mählenden Korns, 

Über die Arbeiterverhältnisse wird folgendes berichtet: der 
Besitzer arbeitet selbst mit; außerdem sind während neun Monaten 
zwei Gesellen, in der übrigen Zeit ein Geselle beschäftig^. Die 
regelmäßige Arbeitszeit beträgt 16 Stunden, dann wird noch an 
26 Sonntagen des Jzihres gearbeitet. Die Löhne belaufen sich 
zusammen auf 1900 M. 

Die Rentabilität des Betriebes ergibt sich aus folgenden 
Angaben. Zugrunde gelegt ist die Vermahlung des Jahres 1903 
mit 9600 Ztr., also pro Tag 32 Ztr. Bei einem Fruchtpreis von 
9 M. pro Zentner und einem Multer von 8,3 *^/o (V12) beträgt also die 
Bruttoeinnahme 7200 M. Dazu kommen noch Nebeneinnahmen 
aus dem Verkauf von Futterabfällen, für Malz- und Futterschroten 
mit 926 M., so daß wir im ganzen ein Jahreseinkommen von 
8126 M. erhalten. 

Die Ausgaben stellen sich nun folgendermaßen: Steuern 
656 M.; Löhne 1900 M.; Reparaturen 600 M.; Abschreibungen 
2500 M.; Beleuchtungs- und Schmiermaterial 300 M.; Pferd 500 M.; 
Feuerversicherung 170 M.; Mcuschinenkosten ca. 700 M.; Zinsen 
(4*^/0) 800 M.; zusammen 8126 M. Sonach stehen sich Einnahmen 
und Ausgaben in gleicher Höhe gegenüber, so daß also ein Ge- 
winn aus dem Mühlenbetriebe nicht erwirtschaftet v/orden ist. 
Der Besitzer erklärte, daß er — wie das in der Regel geschehe 
— die Abschreibungen und die Verzinsung des Anlagekapitals 

6* 



Digitized by 



Google 



8^ Kapitel II. 

nicht mit berechne. Dadurch würden sich die Ausgaben um die 
beträchtliche Summe von 3300 M. verringern. Nach dieser aller- 
dings nicht kaufmännischen Methode kämen dann die Ausgaben 
nur auf 4826 M. 

Da der Besitzer neben der Landwirtschaft auch noch eine 
ausgedehnte Viehzucht betreibt, kann er die Futterabfälle für 
diesen Wirtschaftszweig benutzen, so daß ca. 1000 M. auf diese 
Weise durch den Mühlenbetrieb gewonnen werden. 

Die Produktionskosten belaufen sich auf 1,70 M. pro Doppel- 
zentner. Da der Mahllohn nur 1,60 M. beträgt, so hätte also 
der Besitzer einen Verlust von 10 Pf. pro Doppelzentner. Zieht 
man die Abschreibungen usw., wie es der Besitzer tut, nicht in 
Betracht, so reduzieren sich die Produktionskosten auf i M., so 
daß sich dann pro Doppelzentner ein Reingewinn von 60 Pf. 
ergäbe. Allerdings, dieser Reingewinn ist eben nur ein fiktiver, 
da nach kaufmännischen Grundsätzen auch Abschreibungen und 
Verzinsung des Anlagekapitals zu den Produktionskosten gerechnet 
werden müssen. Die Verteilung der Unkosten auf den Doppel- 
zentner ist folgende: 



Steuern . . . 


. 0,14 


M. 


Löhne . . . 


0,39 


» 


Reparaturen 


0,13 


» 


Abschreibun gen 


0,52 


» 


Beleuchtung usw 


0,06 


» 


Versicherung . 


0,04 


» 


Pferd. . . . 


0,10 


» 


Maschine . . 


0,15 


» 


Zinsen . . . 


0,17 


» 


zusammen . 


1,70 


M. 



Auffallend sind vor allem die hohen Sätze bei den Ab- 
schreibungen und bei den Steuern. Nur die Verbindung mit der 
Landwirtschaft und die dadurch gegebene Verwertung der mülle- 
rischen Nebenprodukte macht die Fortführung des Mühlenbe- 
triebes rentabel. 

IL 
Die untersuchte, bei Heidelberg gelegene Mühle ist mit fünf 
Mahlgängen und einem Schälgang und Turbinenanlage ausge- 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. 35 

rüstet; sie beschäftigt zwei Mühlburschen und einen Fuhrknecht. 
Die Wasserkraft wird auf 1 1 PS. geschätzt. Das jährliche Ver- 
mahlung^uantum beträgt durchschnittlich 6000 Ztr. oder pro 
Tag 20 Ztr. 

Der Mahllohn ist 7io. Der Rohertrag beziffert sich bei 
einem durchschnittlichen Fruchtpreis von 9 M. pro Zentner auf 
5400 M. Die Ausgaben setzen sich folgendermaßen zusammen: 
Löhne und Verköstigung 2264 M., Kranken- und Unfallversiche- 
rung 207 M., Reparaturen und Abschreibungen 1000 M., Steuern 
und Umlagen 684 M., Dampfkraftaushilfe 490 M., Feuerversiche- 
rung 112 M.; zusammen 4757 M. Es entfallen also auf i Ztr. 
80 Pf. Produktionskosten. Dadurch daß der Mahlverdienst von 
600 Ztr. mit 9 M. pro Zentner berechnet wird, ergibt sich ein 
Reingewinn von 643 M. Mit dem Sinken der Getreidepreise 
wird natürlich der Reinertrag geschmälert. 

Eine Walzenstuhlanlage steht schon seit längerer Zeit fast 
das ganize Jahr still. Der Besitzer ist kapitalkräftig und treibt 
ebenfalls ausgedehnte Landwirtschaft. 

Die Mühle ist eine Wassermühle; daneben wird eine Säge- 
mühle, Landwirtschaft und Gastwirtschaft betrieben. Zur Land- 
wirtschaft wird eine Fläche von acht Morgen benützt, auf der 
Weizen, Spelz, Gerste, Hafer usw. gebaut werden. Was die Wasser- 
verhältnisse angeht, so ist ^2 Jahr reichliches, V4 auskömmliches, 
^4 nicht auskömmliches Betriebswasser vorhanden. Die Wasser- 
kraft ist auf 8 PS. anzunehmen. Der Wert des Mühlengebäudes 
beträgt 18000 M., der maschinellen Einrichtung 6000 M., des 
Grrund und Bodens, auf dem die Mühle steht, 1200 M. Es sind 
drei Mahlgänge (zwei französische und ein deutscher), eine Schäl- 
maschine und ein Zylinder vorhanden. Die Produktionskraft be- 
läuft sich auf 20 Ztr. in 24 Stunden, im Durchschnitt in 12 Stunden 
auf 10 Ztr. 

Der Besitzer arbeitet selbst mit, außerdem ist noch ein Ge- 
selle und ein Lehrling beschäftigt. Der Geselle erhält 3 M. in 
der Woche, dazu noch ein Trinkgeld von 5 M. wöchentlich. Die 



' Die Darstellung der Betriebe III und IV — zwei Mühlen im Amtsbeziric 
Pforzheim — entnehme ich der Arbeit von Mohr, S. 211 ff. Vgl. auch »Schriften 
des Vereins für Sozialpolitik«, Bd. 69, S. 73. 



Digitized by 



Google 



86 Kapitel U. 

regelmäBige Arbeitszeit ist 24 Stunden, 36 stündige Arbeitszeit 
kommt nur selten vor. Als Mahllohn wurden 1896 200 Ztr. oder 
bei einem Kömerpreis von 8,50 M. 1700 M. eingenommen. An 
Feuer Versicherungsprämie wurden 50 M., an Staatssteuern 1 73,53 M., 
an Gemeindeabgaben 349,06 M. gezahlt; für Beleuchtungsmaterial 
wurden 1 20 M. ausgegeben. Im ganzen beliefen sich die Ausgaben 
auf 2357 M., wobei die für den landwirtschaftlichen Betrieb nicht 
gerechnet sind. Demgegenüber standen Einnahmen aus dem 
Mühlenbetrieb mit 1700 M., aus der Landwirtschaft mit 896 M., 
zusammen 2596 M. Es wurde demnach ein Reinertrag von nur 
239 M. erwirtschaftet. Ein Reinertrag allein aus der Mühle ist 
darnach natürlich nicht zu verzeichnen. 

IV. 

Das Mühlengebäude, der Grund und Boden, auf dem die 
Mühle steht, und der Wert der maschinellen Einrichtung werden 
zu demselben Werte wie im vorhergehenden Falle angegeben. 
Nur ist hier Landwirtschaft allein als Nebenbetrieb vorhanden mit 
zehn Morgen. Der Mahllohn betrug 1896 150 Ztr. Der Jahres- 
verdienst aus der Mühle belief sich also auf 1275 M. Dazu kam 
ein Bruttoertrag aus der Landwirtschaft mit 11 20 M., zusammen 
2395 M. An Ausgaben wurden angegeben: Staatssteuer 126 M. 
und Gemeindesteuer 221 M., davon Gewerbesteuer 50 M. zusammen 
347 M.; Versicherung 48 M., Heiz-, Schmier- und Beleuchtungs- 
material 109 M., Utensilien 60 M., Fuhrknecht 250 M. jährlich 
nebst Kost und Logis. Der Geselle erhielt in der Woche 3,50 bis 
4 M. Die Trinkgelder der Kunden beliefen sich auf ca. 5 M. 
bzw. 2 M. wöchentlich. Im ganzen kamen die Ausgaben auf 2137 M. 
Die Reineinnahme betrug also 258 M. Es kann auch hier von 
einem Reinertrag allein aus der Mühle nicht gesprochen werden. 

Bei der Betrachtung dieser Einzeldarstellungen fällt sofort 
die Tatsache der starken steuerlichen Belastung auf. Die Ursache 
dieser Erscheinung ist in der Art der Veranlagung der Mühlen- 
betriebe zu suchen. Nach der badischen Gewerbesteuer und der 
am I. Januar 1908 an ihre Stelle tretenden Vermögenssteuer 
werden nämlich die Mühlen nach der maschinellen Einrichtung und 
der Wasserkraft zur Steuer herangezogen. So richtig es auch an 
und für sich sein mag, von der Zahl der Mahlgänge und der 
Wasserkräfte auf die Leistungsfähigkeit zu schließen, so liegen 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenüidostrie nach ihrem heutigen Stand. 87 

in Wirklichkeit heute bei den Kundenmühlen die Dinge doch 
nicht immer so, daß zwischen der Zahl der Wasserkräfte und der 
Mahlgänge und dem Ertrage eine Verhältnismäßigkeit besteht 
Wir haben darauf hingewiesen, daß viele Mahlgänge und Wasser- 
kräfte infolge der kleinen Produktionsmenge nicht genutzt wer- 
den können. Eine Steuer, die also lediglich nach diesen Kriterien 
bemessen ist, wird nicht jeden Müller nach der wirklichen Leis- 
tung seines Betriebes treffen. Ein gewisser Ausgleich kann aber 
durch die Einkommensteuer erreicht werden. 

Als Ergebnis unserer Erörterungen über die KundenniüUerei 
stellt sich vor allem heraus, daß die gewerbliche Arbeit allein 
dem Kundenmüller seine »Nahrung« nicht mehr zu verschaffen 
vermag. Die meisten können sich nur durch die Ausübung eines 
Nebenberufes, besonders durch einen landwirtschaftlichen Betrieb, 
halten. Mag auch in früheren Zeiten sein Auskommen nicht 
viel besser gewesen sein, als in der Gegenwart, der Mühlenbann 
hat ihm wenigstens eine gewisse Sicherheit der Existenz verbürgt. 

IV. Die badische Kundenmüllerei und die Landwirtschaft. 

Die Wechselbeziehungen zwischen den Kundenmühlen und 
der Landwirtschaft beruhen auf dem Interesse des ländlichen 
Müllers, daß die landwirtschaftlichen Betriebe ihren Brotbedarf 
selbst decken, indem sie ihr eigenes Getreide mahlen lassen und 
daraus selbst Brot herstellen, während es andrerseits im Interesse 
der Landwirtschaft liegt, die zur Viehzucht unentbehrlichen Futter- 
mittel aus der Nähe zu beschaffen. 

Diesen Bedürfnissen kommen nun die über das ganze Land 
hin verteilten Kundenmühlen entgegen; befindet sich doch in der 
Mehrzahl aller Gemeinden mindestens eine Kundenmühle. In der 
Tat haben auch 1899 die badischen Kundenmühlen 51,5% des 
Ertrags an Brotfrucht vermählen. Von dem badischen Getreide, 
das von sämtlichen Mühlen verarbeitet wurde, haben die Kunden- 
mühlen 976000 dz (65,8*^/0) vermählen; badischen Ursprungs waren 
95^/0 des Getreides, das in den Kundenmühlen zu Mehl umge- 
wandelt wurde, der Rest entfiel auf bayerische und württem- 
bergisehe Herkunft und ausländischen Maiö. Dementsprechend 
lieferten sie auch nach Baden 98 % ihrer Mehlproduktion. Fassen 
wir aber die gesamte Mehlproduktion aller badischen Mühlen ins 



Digitized by 



Google 



88 Kapitel IL 

Auge, SO mußten sie mit 40% hinter den Handelsmühlen (6o<^/o) 
zurückbleiben. 

Was die Versorgung mit Futtermitteln angeht, so wurden 
1899 ca. I 120208 dz Kleie^ als Mühlenabfallprodukte gewonnen; 
davon von den 

Handelsmühlen . 804266 dz (72*^/0), 
Kundenmühlen . 315942 » (28%). 

Während die Kleie der Handelsmühlen auch über die ba- 
dische Grrenze hinausgeht, kommt die der Kundenmühlen lediglich 
der badischen Landwirtschaft zugut. 

Wenn daher die Kundenmühlen für die Landwirtschaft die 
bequemsten und sichersten Abnehmer der einheimischen Brot- 
frucht sind (weil eben ihre gewerbliche Existenz darauf beruht), 
so sind aber auch die Gefahren, die dem Bestehen der Kunden- 
mühlen von Seiten der Landwirtschaft drohen, nicht zu vergessen. 
Wir haben bereits darauf hingewiesen, wie infolge des Eindringens 
der modernen Geld- und Verkehrswirtschaft in die bäuerlichen 
Kreise die Übung, das für den Haushalt nötige Getreide auf der 
Kundenmühle vermählen zu lassen, immer mehr abbröckelt. Die 
Getreideabsatzgenossenschaften fördern das Bestreben der Land- 
wirte, die gesamte Körneremte zu verkaufen, nur noch, und die 
Einkaufsgenossenschaften vermitteln ihren Mitgliedern den An- 
kauf von Futtermitteln und Schrotmühlen. So bezog im Jahre 
1903 der Verband der badischen landwirtschaftlichen Konsum- 
vereine 30 Schrotmühlen.^ Diese werden auf den Höfen auf- 
gestellt und die Futtermittel, die früher von dem Kundenmüller 
geschrotet wurden, werden nun in der eigenen Wirtschaft erzeugt. 
Daß auf diese Weise manche Müller, die nur auf das Schroten 
angewiesen sind, ihren Betrieb einstellen müssen, ist ganz zweifel- 
los. Dann wird auch durch den gemeinschaftlichen Kleiebezug, 
teils von den badisch-rheinpfälzischen Großmühlen, teils vom Aus- 
lande, die Produktionssphäre der Kundenmüllerei erheblich ein- 
geschränkt. 



1 In Wirklichkeit ist die Kleiemenge etwas kleiner, da bei den oben stehenden 
Ziffern die Abfallraenge mitgezählt ist; sie ist aber so gering, daß sie für unsem Zwedc 
das Resultat nicht beeinträchtigt. 

2 W. Kummer, Die Entwicklmig des landwirtschaftlichen Genossenschafts- 
wesens im Großherzogtum Baden, Heidelberger Dissertation, 1906, S. 119. 



Digitized by 



Google 



Die badisch- rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. 3q 

Es wurden vom genannten Verband bezogen:' 

1884 4432 Ztr. Kleie 

1894 21349 » » 

1900 51 189 » » 

1904 83594 » » 

Die Zurückdrängung der Kundenmühlen würde beschleunigt 
werden, wenn die einmal im badischen Landwirtschaftsrate^ er- 
hobene Forderung zur Wirklichkeit würde, das landwirtschaftliche 
Genossenschaftsprinzip auch auf die Mehlproduktion auszudehnen, 
d. h. landwirtschaftliche Genossenschaftsmühlen durch die Getreide- 
produzenten zu gründen. Es wurde vorgeschlagen, die durch die 
Konkurrenz der Großmühlen zum Stillstand gezwungenen kleinen 
Landmühlen in den Besitz der ländlichen Genossenschaften über- 
zuführen, die sich den Ankauf und die Vermahlung des einhei- 
mischen Getreides und die Verwertung des gewonnenen Mehles, 
besonders durch unmittelbaren Absatz an die Proviantämter, und 
den Betrieb der Kundenmüllerei zur Aufgabe machen sollten. 
Die praktische Durchführung dieses Gedankens wird wohl an dem 
Umstand scheitern, daß der Betrieb mehrerer kleiner Mühlen 
durch eine Genossenschaft zu kostspielig ist, und eine Genossen- 
schaftsmühle wird dieselbe wirtschaftlich ungünstige Stellung ein- 
nehmen, wie unsere kleinen und mittleren Handelsmühlen. An- 
drerseits würde eine einigermaßen gut geleitete Genossenschafts- 
mühle wie ein konkurrierender Großbetrieb wirken und die Klein- 
mühlen, die bisher dank ungünstigen Verkehrs- und Absatzver- 
hältnissen noch einen gewissen Schutz hatten, würden in kurzer 
Zeit ihre Produktion aufgeben müssen. Ansätze einer solchen 
Genossenschaftsbildung sind jetzt schon vorhanden, indem die 
Lagerhäuser der Getreideabsatzgenossenschaften schroten und Mehl 
verkaufen, das sie durch die Müller des Bezirks mahlen ließen. 

Aus der Bedeutung der dezentralisierten Kundenmühlen 
für die Landwirtschaft entspringt auch die Wirkung, die das Zu- 
rückgehen dieses Lohngewerbes auf die Getreideproduzenten haben 
muß. »Je mehr aber die kleinen und mittleren Mühlen verschwinden, 
um so schlimmer muß sich der Absatz der Inlandsfrucht gestalten, 



1 Klimmer, a. a. O. S. 121- 

2 Verhandlungen des badischen Landwirtschaftsrates 1 900. Vgl. auch Rechen- 
schaftsbericht des Verbandes der badischen landwirtschaftlichen Konsumvereine 1891. 



Digitized by 



Google 



QO Kapitel II. 

für welche jene Betriebe seither die Hauptabnehmer gebildet 
haben.« ^ 

Wenn sich auch jetzt schon die badische und pfälzische 
Landwirtschaft auf dem Wege der genossenschaftlichen Verbin- 
dung an eine andere Form des Absatzes ihrer Produkte gewöhnt 
hat, so sind doch nicht überall, wie z. B. auf dem hohen Schwarz- 
walde, die Voraussetzungen für diese Absatzweise vorhanden. Hier 
würde der gänzliche Untergang der Kundenmühlen eine Kala- 
mität für die Landwirtschaft bedeuten; allein dieser Fall dürfte 
nicht so schnell eintreten, denn gerade da sind die Existenzbe- 
dingungen gegeben, die — es sei denn, daß eine totale Um- 
wälzung der landwirtschaftlichen Verhältnisse einträte — die Kun- 
denmüllerei in ihrer wirtschaftlichen Funktion als bäuerliches 
Nebengewerbe erhalten. 



D. Die badiseh-rheinpf&lzisehen Handelsmühlen. 

I. Einleitung: Das Wesen der Handelsmüllerei. 

Der Unterschied zwischen Kunden- und Handelsmüllerei 
liegt in der verschiedenen Betriebsorganisation: während der 
Kundenmüller dcis Getreide, das er verarbeiten soll, unmittelbar 
vom Getreideproduzenten erhält, um es in Form von Mehl wieder 
direkt an ihn zurückzugeben, kauft der Handelsmüller die Brot- 
frucht auf eigene Rechnung und Gefahr auf dem Binnen- oder 
Auslandsmarkt in größeren Quantitäten ein, um sie, zu Mehl 
umgewandelt, unter Ausnützung der Konjunkturen an den Mehl- 
händler oder sofort an den Konsumenten abzusetzen. Ist die 
Kundenmüllerei die t3rpische Erscheinungsform des Lohngevverbes, 
so macht es bei der Handelsmüllerei Schwierigkeiten, sie in einer 
der andern Betriebsformen unterzubringen. Sie hat sowohl die 
wesentlichen Merkmale des Handwerks als auch der Fabrik- 
in den ersten Jahren ihrer Entwicklung und zum größten Teile 
auch heute noch — wenigstens in unserem Gebiete — hat sie 
einen örtlichen und oft auch festen Kundenkreis, sie arbeitet in 
vielen Fällen mit kleinem Anlage- und Betriebskapital, die tech- 



X Buchenberger, Grundziige der deutschen Agrarpolitik, 1899, S. 232. 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühienindustrie nach ihrem heutigen Stand. gj 

nische Struktur ist oft dieselbe, wie die der Lohnmühlen; der 
Unternehmer ist nicht nur Leiter, sondern auch technischer 
Arbeiter. Wir können die so ausgebildete HandelsmOllerei als 
die typische »kleinkapitaJistische Unternehmung« bezeichnen. Die 
wirtschaftliche und technische Entwicklung des letzten Jahrzehntes 
hat in Baden und in der Rheinpfalz eine neue Art von Handels- 
mühlen geschaffen, die sogenannten Großmühlen oder, wie man 
sie oft nennt, die »Mehlfabriken«. Sie charakterisieren sich durch 
großen Kapitalaufwand, durch regelmäßigen Absatz auf einem 
ausgedehnten, interlokalen und zum Teil auch internationalen 
Markt, durch Beschränkung der technischen Arbeit auf beruflich 
vorgebildete, höhere Beamte und ungelernte Arbeiter, durch starke 
Betonung der kaufmännisch-spekulativen Tätigkeit des Betriebs- 
leiters und durch rationelle Verwertung der Technik, vor allem 
durch den die menschliche Arbeitskraft ersparenden automatischen 
Produktionsprozeß. Diese Mühlen stellen den typischen kapitalisti- 
schen »Großbetrieb« dar. Streng lassen sich die kleinen und 
großen Handelsmühlen nicht voneinander trennen, der Über- 
gang ist ein flüssiger, es sei denn, daß man sie nach der Menge 
des bearbeiteten Rohstoffes sondert. 

Nach diesen begrifflichen Betrachtungen wollen wir nun 
auf die badisch -rheinpfälzischen Handelsmühlen näher eingehen. 

II. Die Existenzbedingungen der badisch -rheinpfälzischen 
Handelsmüllerei. 

Die Darstellung des Werdeganges unseres Mühlengewerbes 
hat uns bereits die Entstehung und Ausbildung der Handels- 
müllerei gezeigt. Rechtliche wie ökonomische Tatsachen wirkten 
dabei mit: die Freigebung des Mehlhandels, die Erschließung 
des Landes durch die Eisenbahnen, die Entwicklung der Rhein- 
schiffahrt, das Wachstum der Bevölkerung und besonders der 
industriellen, der steigende Wohlstand, die Verschiebung der 
Konsumtionsgewohnheiten , das Verschwinden der Überreste 
naturalwirtschaftUcher Wirtschaf tsverfassung, endlich freier, un- 
gehinderter Verkehr mit den Nachbarstaaten. Dadurch wurde 
ein aufnahmefähiger und konsumkräftiger Markt, die wirtschaft- 
liche Voraussetzung der Mehlproduktion auf Vorrat, der Handels- 
müllerei, geschaffen. Wie schon angedeutet, bietet die Statistik 



Digitized by 



Google 



92 Kapitel II. 

keine Handhabe, diesen allmählichen Entwicklungsgang auch 
rein zahlenmäßig zu erfassen, denn die Gewerbeaufnahmen kennen 
den Begriff »Handelsmühlen« nicht. Da femer die Handelsmüllerei 
in ihren ersten Anfängen nicht viel mehr Personen beschäftigte, 
als die Kundenmühlen, so lassen sich auch aus d^ Zahl der 
Personen zuverlässige Resultate nicht gewinnen. Aus den Mate- 
rialien der Erhebung von 1901 konnte ich für Baden ermittteln: 
es sind entstanden 

vor 1875 ungefähr 125 Handelsmühlen 

von 1875 — 1885 * 25 » 

» 1885 — 1895 » 17 » 

» 1895— 1899 » 7 » 

Wir können aus diesen Zahlen entnehmen, daß die Mehr- 
zahl der Handelsmühlen in den sechziger Jahren entstanden ist, 
•teils aus Kundenmühlen hervorgehend, teils ganz neu gegründet, 
teils von da an Kunden- und Handelsmüllerei miteinander ver- 
bindend. 

Wenn wir, wie bei den Kundenmühlen, feststellen wollen, 
in welchem Maße die badische Bevölkerung bei ihrer Mehlver- 
sorgung auf die Produktionstätigkeit der badischen Handelsmühlen 
angewiesen ist, so müssen wir zu diesem Zwecke das Groß- 
herzogtum als ein geschlossenes Wirtschaftsgebiet betrachten, da 
wir dabei die Produktion und Mehleinfuhr von außerbadischen 
Handelsmühlen unbeachtet lassen müssen. Da 49,2*^/0 aller 
Familien des Landes überhaupt keine Brotfrucht bauen, ^ also 
für ihren Bedarf Mehl kaufen müssen, so ergibt sich die Tat- 
sache, daß auf jeden Fall die Hälfte der Bevölkerung Mehl be- 
nötigt, das durch die Handelsmüllerei hergestellt werden muß. 
Aber auch für die übrige Brotfrucht bauende Bevölkerung des Lan- 
des (50,8*^/0) sind die Handelsmühlen unentbehrlich geworden; nur 
das Maß ist verschieden, es ist größer in den Teilen des Landes, 
die den Jahresbedarf an Getreide nicht durch eigenen Anbau zu 
decken vermögen (Odenwald, nördlicher und mittlerer Schwarz- 
wald), es ist geringer da, wo der Jahresbedarf durch Eigen- 
{MToduktion befriedigt werden kann (mittlere Rheinebene und 
Kaiserstuhl). Dieselben Gründe, die hier den Rückgang der 
Kundenmühlen vorbereitet haben, waren es, die das Entstehen 

» Hecht, a. a. O. S. 67 ff. 



Digitized by 



Google 



Die badisch- rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. g^ 

der Handelsmüllerei begünstigten und förderten. Notwendig 
sind die Handelsmühlen für die Gegenden des Großherzogtums, 
die getreideüberproduzierend sind (Bauland, Kraichgau und die 
Seegegend). Während im Jahre 1899 auf einen Amtsbezirk 
durchschnittlich 3 Handelsmühlen kamen (Handels- und Kunden- 
mühlen 26), standen darüber die Bezirke Heidelberg mit 13, 
Wolfach mit 9, Stockach und Emmendingen mit je 8, Bruchsal 
und Tauberbischofsheim mit je 7, Überlingen mit 6 und Pforz- 
heim und Triberg mit je 5 Handelsmühlen. 

Die wichtigste Existenzbedingung unserer Handelsmüllerei 
ist aber die Tatsache, dciß der gesamte Getreidebedarf des ba- 
dischen Landes durch den einheimischen Körnerbau gar nicht 
gedeckt werden kann; schon heute beträgt die Mindererzeugung an 
Brotfrucht über 2 Millionen Doppelzentner. Damit ist die öko- 
nomische Notwendigkeit der Handelsmüllerei gegeben, und ihre 
volkswirtschaftliche Aufgabe besteht vor allem darin, durch Ver- 
mahlung des nicht von der badischen Landwirtschaft hervorge- 
brachten Getreides den Gesamtbedarf an Mehl befriedigen zu helfen. 
Die Handelsmüllerei tritt also da an die Stelle der Kundenmüllerei, 
wo sich diese nicht mehr den neuen wirtschaftlichen Verhält- 
nissen anzupassen vermag. Die Stufe der volkswirtschaftlichen 
Entwicklung, in der die Handelsmüllerei ihre Ausbildung erhält, 
ist die verkehrswirtschaftlich - kapitalistische. Aus dieser öko- 
nomischen Bedingtheit ergibt sich auch das wirtschaftliche Wesen 
der Handelsmüllerei: sie ist nicht, wie die KundenmüUerei, ein 
von der einheimischen Landwirtschaft abhängiges und in deren 
Diensten stehendes Gewerbe, sondern eine auf selbständiger 
Grundlage beruhende Industrie. 

Wir wollen nun im folgenden Abschnitt den Charakter der 
badischen Handelsmüllerei im allgemeinen kennen lernen, wie er 
sich in der Zahl der darin beschäftigten Arbeiter, in der Verbin- 
dung mit andern Gewerben und in ihrer Produktionskraft äußert. 

III. Die charakteristischen Merkmale der badischen 
H andelsmüUerei. 

I. Zahl der beschäftigten Arbeiter. 
Im Jahre 1899 waren in den 176 badischen Handelsmühlen 
967 Arbeiter beschäftigt, so daß also auf eine Mühle durch- 



Digitized by 



Google 



94 



Kapitel II. 



schnittHch 5,5 Arbeiter entfielen. Das Bild wird aber sofort ein 
anderes, wenn wir die Arbeiter auf die einzelnen Betriebsgrößen- 
klassen verteilen: 



AUein- 
betriebe 

(ohne 
Arbeiter) 



Gehilfen- 
betriebe 



Davon in Betrieben mit .... Arbeitern 



•8 ä 
■S M 



2-5 



21—50 



51 — 100 



Über 100 



169 



54 



80 



27 



250 



218 



90 



133 



Bezeichnend ist, daß von allen Mühlen 54 (30%) nur eine 
Hilfsperson hatten, also durchschnittlich nur zwei Personen be- 
schäftigten. In d,en meisten Fällen liegt wohl die Sache so, daß 
der Betriebsunternehmer die technische und kaufmännische Leitung 
in den Händen hat, während der einzige Arbeiter als Fuhrknecht 
tätig ist. Ganz gering ist auch die Zahl der kaufmännischen und 
technischen Beamten: sie betrug 131 und davon kamen 72 auf 
die acht Großmühlen, so daß den Klein- und Mittelbetrieben nur 
59 blieben. 

Wenn wir von der Zahl der Arbeiter einen Schluß auf die 
Struktur des Gewerbes ziehen können, so dürfen wir sagen, daß 
im allgemeinen die badische Handelsmüllerei einen »kleinkapi- 
talistischen« Charakter hat. Zu diesem Ergebnis gelangen wir 
auch, wenn wir 

2. Die Verbindung mit andern Gewerbezweigen 

betrachten. Schon allein der Umstand, daß 82 (46/%) Handels- 
mühlen zugleich Kundenmühlen waren, weist auf den kleinen 
Umfang der Mehrzahl der Betriebe hin. Wenn auch die Müllerei 
bei fast allen (173) Betrieben das Hauptgewerbe wcU", so wurden 
im ganzen doch nur 61 (35*^/0) reine Handelsmühlen ermittelt 
Die große Zahl der mit Landwirtschaft verbundenen Mühlen 
(69 = 40 %) erklärt sich aus der schon genannten Kombination 
mit Kundenmühlen. Öfters fanden sich auch die Sägerei (17) und 
Bäckerei (13) als Nebengewerbe; die überschüssige Wasserkraft 
wurde in drei Fällen zur Erzeugimg von Elektrizität verwendet. 



Digitized by 



Google 



Die badisch- rhetnpfälzische Mühlenindaatrie nach ihrem heutigen Stand. qc 

In je einem Fall wurden neben der Handelsmüllerei Mehl- 
handel und Viehzucht als Hauptgewerbe betrieben. 

Das Vorhandensein des Nebenerwerbes bei so vielen Han- 
delsmühlen ist teils in der historischen Entwicklung begründet, 
teils entspringt es rein wirtschaftlichen Gründen. Die Handels- 
mühlen, die aus der Kundenmüllerei hervorgegangen sind, haben 
diese noch weiter beibehalten, während andrerseits der scharfe 
Wettbewerb manche Handelsmüller gezwungen hat, einen das 
Einkommen ergänzenden Nebenerwerb, gleichsam als Rück- 
versicherung, zu betreiben. 

3. Die Produktivkraft der badischen Handelsmühlen. 

Nirgends tritt uns der scharfe Gegensatz zwischen Kunden- 
und Handelsmühlen so sehr entgegen, wie gerade bei einem 
Vergleich der Vermahlungsmengen der beiden Mühlenbetriebs- 
formen. Ein Blick auf diese Ziffern läßt sofort die verschiedene 
volkswirtschaftliche Bedeutung von Kunden- und Handelsmühlen 
erkennen. Das Vermahlungsquantum der badischen Handelsmühlen 
betrug 1899 (vgl. Tabelle S. 54) 2862262 dz oder 73,6 ^/c von 
der Gesamtvermahlungsmenge aller badischen Mühleo; sonach 
kam durchschnittlich auf eine Handelsmühle eine jährliche Ver- 
mahlung von 16263 dz oder pro Tag ca. 55 dz (in den Kunden- 
mühlen 852 bezw. 3 dz). Also 12^ jo sämtlicher badischen Mühlen 
verarbeiteten 73,6% der Gesamtvermahlung überhaupt. 

Fragen wir nun nach der Herkunft des Getreides, so ergibt 
sich, daß die Handelsmühlen 507780 dz badisches Getreide ver- 
mahlten, d. h. nur 18% ihres Getreideverbrauchs, während bei 
den Kundenmühlen der Prozentsatz 95 % war. Genau umgekehrt 
liegen die Dinge, wenn wir die ausländische Provenienz ansehen: 
da sind die Handelsmühlen mit 69*^/0 ihrer Vermahlungsmenge 
vertreten, die Kundenmühlen dagegen mit nur 2,2%. Noch 
schärfer tritt das zutage, wenn wir den Anteil an dem einge- 
führten Getreide überhaupt betrachten: die Handelsmühlen ver- 
mahlten davon 98,8%, die Kundenmühlen nur 1,2^/0. Bedeutend 
geringer war die Verarbeitung außerbadischen, aber deutschen 
Getreides: bei den Handelsmühlen nur 375 170 dz (13^/0), bei den 
Kundenmühlen 28684 dz (2,8%). 

Wohin wird nun das vermahlene Getreide geschickt? Die 
Gesamtproduktion belief sich auf 2769446 dz; davon entfielen 



Digitized by 



Google 



96 



Kapitel II. 



auf die Handelsmühlen 74,3%, auf die Kundenmühlen 25,7%. 
Auf den badischen Markt warfen die Handelsmühlen 1 03401 1 dz 
oder 50,3^/0 ihrer Mehlproduktion und die Kundenmühlen 98,3*^/0; 
aber trotzdem waren jene doch mit 60%, diese mit nur 40% 
der gesamten Mehlproduktion an der Versorgfung des Landes 
beteiligt. Nach dem übrigen Deutsdiland versandten die Handels- 
mühlen 1000274 dz (48,6%), die Kundenmühlen nur 1,6%; ins 
Ausland endlich exportierten die Handelsmühlen 23 711 dz (1,1^0)» 
die Kundenmühlen nur 675 dz (o.i %). Von der ganzen badischen 
Mehlproduktion gingen von den Handelsmühlen 97,3%, von den 
Kundenmühlen nur 2,7% über die deutsche Grenze. 

Von dem auf 2 615 122 dz berechneten Mehlbedarf haben 
die 176 Handelsmühlen 39,5^0 befriedigt, während die 1206 
Kundenmüblen mit 26,6% beteiligt waren. 

Schon diese Ziffern genügen, um zu erkennen, welch heißer 
Kampf um den Absatz auf dem badischen Markt zwischen 
Kunden- und Handelsmühlen sich abgespielt hat und sich noch 
immer abspielt, um zu verstehen, weshalb so viele Kundenmüller 
binnen wenigen Jahren ihr Gewerbe und vielleicht auch ihre 
Selbständigkeit aufgeben mußten. 

Was das Verhältnis der Arbeiterzahl zu der Vermahlungs- 
menge angeht, so entfielen auf einen Arbeiter pro Jahr 2960 dz 
oder 10 dz pro Tag (bei den Kundenmühlen 3,4 dz). Wenn wir 
die Zahl der Walzenstühle in den Handelsmühlen (650) und deren 
Getreidekonsum vergleichen, so vermählte ein Walzenstuhl im 
Jahre ca. 4404 dz und im Tag 15 dz. 

Die folgende Tabelle zeigt die Verteilung der Handels- 
mühlen auf die einzelnen Größenklassen nach ihrer täglichen 
Vermahlung: 



1-5 t 


6—20 t 


mehr als 
20 t 


zusammen 


152 
86,50/0 


16 


8 

4,5% 


176 
100 0/0 



Man sieht, daß auch in diesen Zahlen der kleinkapitalistische 
Charakter der badischen Handelsmüllerei zum Ausdruck kommt. 
Die Klein-Handelsmühlen mit 86,5^/0 überwiegen sehr stark. 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. an 

während die Mittelbetriebe und die Großmühlen einen ganz 
geringen Prozentsatz ausmachen. 

Wie diese verschiedenen Mühlenbetriebe an der Mehlver- 
sorgung des badischen, deutschen und internationalen Marktes 
beteiligt waren, welches ihre ökonomische Lage und ihre volks- 
wirtschaftliche Bedeutung ist, das soll den Gegenstand der 
folgenden Ausführungen bilden. 

IV. Die ökonomische Lage und volkswirtschaftliche Bedeutung 
der badischen Handelsmühlen. 

a. Die Kleinbetriebe. 

Die Entstehungszeit der Mehrzahl der Kleinhandelsmühlen 
fällt ins i8. Jahrhundert. Sie sind in jener Zeit als Kunden- 
mühlen gebaut worden und dann in den sechziger und siebziger 
Jahren der Periode der totalen Umwälzung der Mühlentechnik, 
zur Handelsmüllerei übergegangen. Ein Drittel ungefähr wurde 
erst in dieser Zeit neu gegründet (besonders die Handelsmühlen 
der Seegegend sind da entstanden), während die übrigen in den 
letzten zwei Jcihrzehnten neu errichtet wurden oder sich neben 
der bisherigen Kundenmüllerei auch auf die Mehlproduktion auf 
Vorrat verlegten. Sie sind über das ganze Land hin zerstreut; 
fast in jedem Amtsbezirk ist ein solcher Handelsmüller, der sich 
seine Mühle nach den Fortschritten der Technik eingerichtet hat: 
ein eisernes Mühlwerk, vielleicht auch ein Walzenstuhl, ein Sicht- 
zylinder und eine Reinigungsmaschine machen die innere Ein- 
richtung aus. Er kauft von den Landwirten in der Umgebung 
das Getreide auf, die dadurch bares Geld erhalten, und liefert 
per Achse das Mehl an die Bauern, kleinen Mehlhändler und 
Bäcker. Diese kleinen Handelsmühlen, die in geringen Mengen 
auch ausländische Provenienzen vermählen, sind es gewesen, die 
in den siebziger und achtziger Jahren den größeren Kundenmühlen 
mit 2 Personen) in heftigem Konkurrenzkampf hart zusetzten und 
sie schließlich auch zum großen Teil zugrunde richteten. (Ab- 
nahme von 1882 bis 1895 um 41^/0.) Welch anderes Bild binnen 
wenigen Jahren! Heute sind es eben diese kleinen Handels- 
mühlen, die von den Großmühlen in ihrer Existenz bedroht sind. 
Manche von ihnen haben auch in den letzten Jahren vor dem 
andrängenden Großbetrieb die Waffen strecken müssen. Bereits 

Fromm, Das Mahlengewerbe in Baden und in der Rheinpfalz. J 



Digitized by 



Google 



98 



Kapitel II. 



von 1882 bis 1895 habön sie um fast 4% abgenommen. Der 
Grund dieser Erscheinung ist schon genannt: es ist die Ent- 
wicklung zum Großbetrieb in der Getreidemüllerei. Nicht als ob 
diese Mühlen technisch zurückgeblieben wären; 1899 kamen auf 
jede solche Mühle zwei Walzenstühle, ein Schrotwalzenstuhl und 
ein Auflöswalzenstuhl; die meisten Betriebe waren im Besitze 
einer Grieß- und einer Fruchtputzmaschine, oft war auch ein 
Elevator vorhanden, eine Sichtmaschine fehlte fast nie; auch 
mehrere Tarare und Trieure konnten festgestellt werden; 2 bis 3 
Betriebe waren auch zum Teil mit automatischen Maschinen aus- 
gestattet; in vielen Fällen wurde Landwirtschaft als Neben- 
gewerbe betrieben. Durchschnittlich betrug das Anlagekapital 
30- bis 70000 M., das Betriebskapital erreichte eine Durchschnitts- 
höhe von 10- bis 30000 M. Sie beschäftigten 1899 zusammen 
370 Arbeiter, d. h. pro Mühle 2,43. 

Sehen wir nun zu, welches ihre Produktivkraft war: 



L 


Davon 


Mehl 


Davon nach 11 


badisches 
Getreide 


sonstiges 
deutsches 
Getreide 


aus- 
ländisches 
Getreide 


Baden 


dem 
übrigen 
Deutsch- 

knd 


dem 
Ausland 


dz 

615418 
100% 
22%' 


dz 

306 406 
50^0 
61% 


dz 

35309 
60/0 
8% 


dz 

273 703 
44% 

14 Vo 


dz 

454267 
100% 
23^0^ 


dz 

389828 
86 0/0 

38°/^ 


dz 
60842 

13% 
6 0/0 


dz 
3597 

i7'*/o 



Es entfiel also auf eine Kleinhandelsmühle eine jährliche 
Vermahlungsmenge von 4049 dz oder 13.5 dz pro Tag; die auf 
einem Walzenstuhl täglich vermahlene Quote war 6 dz und pro 
Tag und Arbeiter wurden 5 dz Getreide verbraucht. 

Auch diese Zahlen spiegeln den heftigen Konkurrenzkampf 
wieder, den diese kleinen Handelsmühlen in der letzten Zeit 
durchkämpfen müssen. Sie, die ehedem neben den Kunden- 
mühlen an erster Stelle den heimischen Markt beherrscht haben, 



» Diese Zahlen bedeuten den prozentualen Anteü an der Gesamtvennahlungs- 
bezw. Mehlmenge sämtlicher badischen Handelsmühlen. 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. gg 

sind in d^ Gegenwart (obschon 86% aller Handekmühlen) mit 
nur 22% an der Gesamtvermahlungsmenge und mit nur 38% 
an der Mehlversorgung Badens beteiligt. 

Die Standorte dieser kleinen Handelsmühlen sind einerseits 
die getreidereichen Bezirke Sinsheim, Emmendingen, Adelsheim, 
Stockach, Tauberbischofsheim und der Kraichgau, andrerseits die 
getreidearmen Gebiete Tribwg, Wolfach, Schopfheim, Oberkirch 
und Heidelberg. Dort ist es die überschüssige Brotfrucht, die 
an Ort und Stelle gleich weiter verarbeitet werden soll, hier das 
Bedürfnis, an der Konsumtionsstätte das von auswärts bezogene 
Getreide zu vermählen. Daraus erklärt sich auch zum Teil die 
Tatsache, daß von der Gesamtvermahlungsmenge die eine Hälfte 
badischer, die andere Hälfte auidändischer Herkunft war, während 
der Versand über die badische Grenze hinaus ganz gering war. 
Das Mehl, das in das Ausland ging, stammte hauptsächlich von 
den Mühlen an der Schweizer Grrenze. 

Über die wirtschaftliche Lage dieser Kleinbetriebe unter- 
richten uns auch die Ergebnisse einer Enquete der Handels- 
kammer Konstanz im Jahre 1897.* Während die Produktton 
nur bei einer von den 22 untersuchten Handelsmühlen des 
Bezirks in den letzten 5 Jahren gestiegen und bei drei gleitA- 
geblieben ist, ist sie 

bei 560 Betrieben 



um ca. 50^/0 30 7o 20% 
zurückgegangen. 

Als Gründe dieses schlechten Geschäftsganges wurden an- 
gegeben: der oben erwähnte zollfreie Grenzv«rkehr und das 
Vormerk verfahren, diese »Breschen der Zollschutzmauer«, das 
große Angebot württembergischer und bayrischer Mehle, die 
Konkurrenz mit der französischen Mühlenindustrie auf dem 
elsässischen Markt, die Großmühlen in Mannheim-Ludwigshafen, 
die infolge der gleichen Tarifierung von Getreide und Mehl 
ihre Produkte billig und leicht nach Oberbaden verfrachten 
können. Es treten dazu noch einige andere Ursachen, die an 
und für sich nicht so bedeutsam erscheinen mögen, in ihren 



X Das Material dieser Erhebung wurde mir von der Konstauzer Handelskammer 
freundlichst zur Verfügung gestellt. 

7* 



. Digitized by 



Google 



lOO Kapitel 11. 

Folgen aber doch sehr ins Gewicht fallen: die Ent- und Be- 
wässerungsanlagen, die der Mühle das erforderliche Betriebswasser 
entziehen, so daß dann gewöhnlich größere Stauanlagen gemacht 
werden müssen, die ein erhebliches Kapital erfordern, dessen 
ordentliche Verzinsung und Amortisation aber bei der gegen- 
wärtigen Rentabilität der kleineren Mühlen sehr in Frage gestellt 
ist; in manchen Fällen wird es sich der Müller also überlegen, 
ob er den Mühlenbetrieb fortführen kann oder nicht. Die An- 
lage von Wasserleitungen, die in der Gegenwart auf dem Lande 
einen immer größeren Umfang annimmt, hat nicht nur manchem 
Kunden-, sondern auch Handelsmüller seine einzige Betriebskraft 
geraubt und damit seinen Betrieb unmöglich gemacht. Heftig 
werden auch die landwirtschaftlichen Konsumvereine angegriffen, 
weil sie Futtermittel und Mais für ihre Mitglieder beschaffen 
und so die Handelsmühlen ausschalten.' Ein Mühlenbesitzer 
führt den schlechten Geschäftsgang auf den Rückgang des 
Spelzanbaues zurück, der nun durch Weizen ersetzt werde. Alle 
befragten Müller sind aber darin einig, daß ihre Notlage auf die 
»schwierigen Absatzverhältnisse und den ungenügenden Mahllohn« 
(Mahlverdienst) zurückzuführen sei. Damit ist in der Tat auch 
der Kern der Sache getroffen. Der Konkurrenzkampf mit dem 
Großbetrieb, der billiger produzieren und daher auch billiger an- 
bieten kann, hat die Preise so gedrückt, daß viele kleine Betriebe, 
die eben unter ungünstigeren Bedingungen arbeiten und deshalb 
teurer produzieren müssen, nicht mehr rentabel sind. 

Wenn ich auf die Resultate der Konstanzer Enquete näher 
eingegangen bin, so geschah das aus dem Grunde, weil sich 
diese Verhältnisse nicht allein in diesem Bezirk finden, sondern 
für die kleinen Handelsmühlen im ganzen Land als typisch be- 
zeichnet werden können. 

Das Verhältnis dieser Mühlen zu der einheimischen I^nd- 
wirtschaft ergibt sich deutlich aus der Tatsache, daß sie von 
allen Handelsmühlen des Landes am meisten (6i^/o) badische 
Brotfrucht vermahlten. Die Frage des Getreideabsatzes und der 
Futtermittelversorgung wird durch das Bestehen dieser kleinen. 



X Die Landwirte führen aber anderseits an, daß sich die Müller bei der Kleie 
auf einen bestimmten prozentualen Gehalt nicht einlassen, so daß ein sicherer, reeller 
Bezug von diesen nicht möglich sei; vgl. Rechenschaftsbericht des Verbandes der 
bad. Idw. Konsumvereine 1891. 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühleiiindustrie**];Midp*ilti;eji{ heutigeii**3taiÄi! /'^oi 

sehr oft in viehstarken Gegenden gelegenen Handelsmühlen 
einfach und glücklich gelöst. Mit Recht bemerkt deshalb Adolf 
BuchenbergerS daß »es erfahrungsgemäß die mittleren und 
kleineren Mühlenbetriebe sind, welche immer noch am regel- 
mäßigsten als Aufkäufer direkt oder durch Vermittlung der 
kleineren Getreideprovinzialhändler für die Inlandfrucht auf- 
treten«. 

Das dürfte jedenfalls das Ergebnis unserer Betrachtung der 
Lage der Kleinhandelsmühlen sein, daß die Entwicklung zum 
Großbetrieb für ihre Existenz und ihr Fortbestehen am un- 
günstigsten gewesen ist und auch in Zukunft sein wird.^ 

b. Die Mittelbetriebe. 

Die i6 mittleren Handelsmühlen des Landes sind zum großen 
Teil aus schon seit Jahrhunderten bestehenden Kundenmühlen her- 
vorgegangen; andere sind eine Gründung der sechziger und sieb- 
ziger Jahre; wieder andere reichen bis in die vierziger Jahre 
zurück und nur eine Mühle ist erst 1897 in Betrieb gesetzt 
worden. 

Ihr Standort sind die Bezirke Emmendingen, Schwetzingen, 
Kehl, Offenburg, Heidelberg, Ettlingen, Lörrach, Schopfheim, 
Bühl, Überlingen, Waldkirch und Wolf ach. Wir finden also auch 
hier getreidereiche und getreidearme Bezirke nebeneinander. Bei 
der Betrachtung der räumlichen Verteilung der Handelsmühlen 
im Großherzogtum fällt sofort auf, daß im Jahre 1899 in den 
getreideüberproduzierenden Gebieten Eppingen, Boxberg, Buchen, 
Bretten, Meßkirch keine einzige Handelsmühle vorhanden war. 

Die Struktur dieser Mittelbetriebe ist dieselbe, wie die der 
kleinen Handelsmühlen; die technische Einrichtung ist nur in- 
sofern eine andere, als sie mehr Vermahlungsapparate besitzen. 
Während auf eine Kleinhandelsmühle 2,4 Walzenstühle kamen, 
hatte ein Mittelbetrieb 6,6; ein Fortschritt könnte vielleicht darin 



1 Buchenberger, a. a. O. S. 235. Was in dem Abschnitt über »Die 
Kundenmühlen und die Landwirtschaft« gesagt wurde, gilt auch für diese Handels- 
mühlen. 

2 Auf Grimd der Erhebung von 1901 konnte ich feststellen, daß von 1898 
bis 1901 7 Handelsmühlen ihren Betrieb eingestellt haben, davon 6 wegen Unren- 
tabilität, eine aus persönlichen Gründen; ein Unternehmer nannte als Yeranlassimg: 
hohe Löhne, hohe Fruchtpreise, schlechter Erlös und »liederliche Kundschaft«. 



Digitized by 



Google 



I02' 



.•-.•.-* Kapitel IL 



erhUckt werden, daß in den Mittel-Handelsmühlen die eilten Mahl- 
gänge nicht mehr in dem Maß verwendet werden, wie in den 
Kleinbetrieben: dort 2,2 Mahlgänge pro Betrieb, hier 2,6. Ein 
großer Unterschied ist vor allem durch die Zahl der Arbeiter 
gegeben: auf eine Mittel -Handelsmühle entfielen 9,75 Arbeiter 
(Klein-Handelsmühle nur 2,43). Verschieden ist auch der Kapital- 
aufwand. Bei den mittleren Handelsmühlen betrug das Anlage- 
kapital ca. 180000 M. und das Betriebskapital ca. 100 000 M., 
zusammen also durchschnittlich ca. 280000 M. pro Mühle. 
Ihre ftoduktionskraft veranschaulicht folgende Tabelle: 



Getreide 


Davon 


Mehl 


Davon nach 




badisches 
Getreide 


sonstiges 
deutsches 
Getreide 


aus- 
ländisches 
Getreide 


Baden 


dem 
übrigen 
Deutsch- 
land 


dem 
Ausland 


dz 


dz 


dz 


dz 


dz 


dz 


dz 


dz 


515373 


130497 


71659 


313217 


358992 


271 944 


86238 


810 


IOO% 


25^/0 


14^0 


61% 


100% 


75,8-/0 


24% 


0,2% 


i8%' 


25% 


20 Vo 


16% 


17%' 


26 0/0 


9^/0 


3% 



Eine Mittel -Handelsmühle vermählte also durchschnittlich 
32 210 dz im Jahr oder ca. 108 dz im Tag. Die auf einen Walzen- 
stuhl pro Tag entfallende Quote war 16 dz (bei den KJeinmühlen 
nur 6 dz). Beschäftigt waren in diesen Mühlen 156 Arbeiter, so 
daß also die Vermahlungsmenge pro Arbeiter und Tag 12 dz 
(Kleinmühlen 5,6 dz) betrug. 

Wir sehen: 9% aller badischen Handelsmühlen verarbeiteten 
18-/0 der Gesamtvermahlungsmenge, während bei den Klein- 
handelsmühlen das Verhältnis 86^0:22^/0 war. Die größere 
Emanzipation von der heimischen Landwirtschaft zeigt sich darin, 
daß sie nur ein Viertel ihres Getreidebedarfes von badischen 
Getreideproduzenten ankauften (Kleinbetriebe 50°/o). 

Zu den badischen mittleren Handelsmühlen zählt auch das 
Willstätter Mühlenwerk (Amtsbezirk Kehl), das, 1829/30 er- 



X Anteil an der Gresamtvermahlungs- bzw. Mehlmenge sämtlicher Handelsmüblen. 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand, iq^ 

richtet, am i. Januar igoo in die Form der Aktiengesellschaft 
übergeführt wurde. Das Aktienkapital beträgt 520000 M. In 
der technisch sehr gut eingerichteten Wassermühle sind 

2 Direktoren 

3 kaufmännisches Personal 
I Oberraüller 

I Magazinsverwalter 
5 Müller und 
5 Taglöhner 

beschäftigt. 

Deis Vermahlungsquantum betrug 

1899: 38 100 dz 
1904: 60000 » 
1905: 60000 » 

Das Absatzgebiet ist außer Baden das Elsaß. 

Die wirtschaftliche Lage dieser Aktienmühle ist nicht günstig, 
da sie keinen Bahnanschluß hat und ihr Betrieb ganz von der 
Wasserkraft abhängig ist. Eine Wasserklemme hat eine Ein- 
schränkung der Vermahlung zur Folge, so daß unter Umständen 
zur Erfüllung der Verkaufsabschlüsse Mehl eingekauft werden 
muß, und der Wasserstand des Rheins gestattet oft nicht den 
billigeren Bezug des Getreides per Schiff bis Kehl. — Dividenden 
konnten bis jetzt nicht verteilt werden. 

Da die mittleren Handelsmühlen fast ausschließlich auf den 
badischen Absatz angewiesen sind (denn ihr Versand über die 
badische Grenze hinaus belief sich nur auf ca. 24% und der 
internationale Markt kommt für sie ebensowenig in Betracht, 
wie für die KUeinbandelsmühlen) , so treten sie mit den Kunden- 
mühlen und Kleinhandelsmühlen in einen scharfen und erfolg- 
reichen Wettbewerb. Die entstehende Großmühlenindustrie in 
Mannheim-Ludwigshafen und die Entwicklung der Weinheimer, 
Heidelberger und Bammentaler Mühlen zu Großbetrieben haben 
dann auch diesen Handelsmühlen das Absatzgebiet streitig ge- 
macht' Die Ursachen, die es den GroßmuWen ermöglicht haben, 
auch diesen kapitalkräftigen, technisch gut eingerichteten und 



» Ganz bezeichnend dafü? ist der Umstand, daß sich den Mitgliedern des 
»Verbandes bad. Kleinmüller«, die an den Landtag 1895/96 noch allein eine Petition 
\Km Schutz des Gewerbes eingereicht hatten, nun in de^ Jahren i399/l9PO und 1903/04 
auch dl« Betriebsuotemehmer badischer Handelsmijihlen angeschlossen haben. 



Digitized by 



Google 



I04 Kapitel II. 

leistungsfähigen Mittelbetrieben mit gutem Erfolg im Kampf um 
den Absatz auf dem badischen und außerbadischen Markte ent- 
gegenzutreten (entfielen doch von dem Gesamtabsatz nach Baden 
auf sie nur noch 26%), werden im nächsten Abschnitt geschildert 
werden. 

Wenn sich auch die ökonomische Lage der mittleren Han- 
delsmühlen nicht so ungünstig, wie die der kleinen Handelsmühlen 
gestaltet hat, so haben sich doch auch ihre Produktions- und 
Absatzbedingungen in den letzten 10 Jahren sehr verschlechtert; 
aber ihre Kapitalkraft und der Vorteil einer alten und festen 
Kundschaft wird ihnen noch auf lange hinaus das Fortbestehen 
sichern.' 

c. Die Großbetriebe. 

1. Die Entstehung der badisch-pfalzischen Grossmühlen. 

Während die ersten Anfänge der Handelsmüllerei in Baden 
und in der Rheinpfcdz bis in die vierziger und fünfziger Jahre 
des 19. Jahrhunderts zurückreichen, ist ihre Entwicklung und Aus- 
bildung zum Großbetriebe, zur Großmüllerei, erst in den letzten 
10 bis 15 Jahren vor sich gegangen. Dieser Werdegang hat 
sich nun aber nicht etwa allgemein in der Weise vollzogen, daß 
Handelsmühlen sofort als Großbetriebe entstanden wären, sondern 
mit verschwindenden Ausnahmen haben alle die Handelsmühlen, 
die wir als Großbetriebe zu bezeichnen pflegen, ganz allmählich 
diese Stufe erreicht. So wurde die Hildbrandsche Mühle in 
Weinheim 1845 als Kunstmühle errichtet,* die Mannheimer Dampf- 



1 Eine solche Mühle hat im Jahre 1901 ihren Betrieb eingestellt; mit ihr ver- 
schwand die bedeutendste Mühle in der Seegegend. 

2 Da die Geschichte dieser Mühlenuntemehmuog ein interessantes Spiegelbild 
der Entwicklung der deutschen Mühlenindustrie ist, so soll sie hier mit den Worten 
des Herrn Kommerzienrats G. Hildebrand (in seiner Broschüre: »Die Entwicklung 
der Handelsmüllerei und die Mühlenumsatzsteuer«, 1906) wiedergegeben werden: 

»Meine Vorfahren saßen alle, vom Vater auf Sohn forterbend, seit Jahrhun- 
derten in einer kleinen Bach- und Kundenmühle in der Nähe von Darmstadt, einer 
Erbpachtmühle, und ernährten sich schlecht und recht, so gut es in früheren kleinen 
annseligen Verhältnissen möglich war. — Mein Vater madite sich 1828 selbständig 
durch Ankauf einer kleinen Wassermühle bei Worms, wo er in den ersten Jahren' 
noch Kundenmüllerei betrieb, bis ihm meine Mutter bei seiner Verheiratung einige 
1000 Gulden zubrachte. Von da ab betrieb er mit 3 Mahlgängen, die Weizen und 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand, iqc 

mühle von Kauffmann Söhne wurde erst Anfang der achtziger 
Jahre dahin verlegt; die jetzigen Germania -Mühlen werke in Mann- 
heim, die bis 1902 ihren Standort in Neckargemünd bezw. Meckes- 
heim hatten, reichen sogar bis in das Jahr 1560 zurück; die 
Bammentaler Mühle entstand 1850, die Herrenmühle in Heidel- 
berg ist seit 18 12 aus kleinen Anfängen emporgewachsen und 
im Jahre 1897 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden, 
die Ludwigshafener Walzmühle stand ursprünglich in Franken- 
thal (seit 1872), wurde i886 nach ihrem heutigen Standort ver- 
legt und 1894 zu einer Aktienmühle gemacht. Nur die Ent- 
stehungszeit der Rheinmühlenwerke und der RoggenmüUerei von 
Sinner in Grünwinkel fällt in die Jahre 1897 bezw. 1892. 

Dieses allmähliche Emporsteigen kommt auch in den fol- 
genden Zahlen zum Ausdruck: Ed. Kauffmann Söhne, Mannheim, 
beschäftigten 1882 22 Arbeiter, 1899 aber 54; die Weinheimer 



Roggen vermahlten, auf eigene Rechnung Handelsmüllerei , auf einem 4. Gang wurde 
Hirse geschält, außerdem betrieb er einen schwunghaften Getreidehandel, da in jener 
Zeit noch viel Weizen den Rhein hinunter nach Holland und England ging. Im 
Jahre 1845 verkaufte er diese Mühle — sein Vermögen war damals auf 80000 fl. 
angewachsen — und erwarb eine alte, verfallene Kimdenmühle in Weinheim, baute 
sie vollständig neu auf und richtete sie zu einer modernen Kunstmühle (Handelsmühle) 
ein. Auf 8 Gängen wurden Graupen aus Gerste gemacht und auf 4 Gängen Weizen 
und Roggen gemahlen. Bis 1866, wo ich die Mühle in eigenem Betrieb übernahm, 
wurden fortwährend Verbesserungen und Umänderungen vorgenommen; in jener Zeit 
betrug das Vermögen meines Vaters 300 000 fl., das nach seinem Tode unter 5 Kinder 
verteilt wurde. Unsere Mühle konnte Weizen, Roggen und Gerste zusammengerechnet, 
täglich 100 Sack verarbeiten, und war nach den damaligen Begriffen und Betriebs- 
verhältnissen eine der größten und besten Deutschlands. — Von jener Zeit der Über- 
nahme an war meine Tätigkeit ein fortwährender Kampf um die Existenz, denn die 
Konkurrenz war damals schon geradeso heftig und schwierig, wie heute. Ich legte 
mir sofort eine Hilfsdampfmaschine an, so daß ich bald 200 Sack täglich vermählen 
konnte und warf die nicht mehr rentierende GerstenroUerei heraus. Mit der Ent- 
wickhmg und Verbesserung der MüUeieimaschinen gleichen Schritt haltend, baute ich 
fortwährend neue Maschinen ein, warf alte hinaus, vermehrte und verbesserte die 
Dampfkraft, führte Umbauten und Neubauten auf, habe außer den fortlaufenden Ver- 
besserungen in den Einrichtungen dreimal die Mühle gänzlich umgebaut und neu ein- 
gerichtet und war einer der ersten, der die automatische Müllerei auf Weizenver- 
mahlung 1891 einführte, so daß ich heute täglich 2000 Sack Weizen vermählen 
kann. — Vor 5 Jahren wandelte ich mein Geschäft, meiner Kinder wegen, in eine 
G. m. b. H. um; die Mühle selbst wurde mit 700000 M. eingestellt (2000000 M. 
hatte ich seit 1866 wohl hineingesteckt) und das Betriebskapital betrug i 700000 M. 
Seitdem betreibe ich das Geschäft mit meinen Söhnen gemeinschaftlich«. 



Digitized by 



Google 



loö Kapitel II. 

Mühle 1882 61 Arbeiter, 1899 aber 145; Hefft in Bammental 
1882 16, 1895 45 Arbeiter. Die Ludwigshafener Walzmühle 
begann 1872 in Frankenthal mit einem Vermahlungsquantum 
von 75000 dz, 1886 war es schon auf 175000 dz gestiegen, um 
1902 ca. 1500000 dz zu erreichen; Hildebrand in Weinheim ver- 
arbeitetete 1874 56000 dz, 1899 dagegen ca. 588000 dz. 

Während sich diese Handelsmühlen schrittweise weiter ver- 
größert haben, um den wachsenden Mehlbedarf zu befriedigen 
und den Kreis ihres Absatzgebietes zu erweitern, ist die Grün- 
dung der Rheinmühlenwerke unter Mitwirkung der »Pfälzer 
Bank« in Ludwigshafen erfolgt. Es scheint, dsS sie einem Be- 
dürfnis nach Mehl jedenfalls nicht entsprungen ist, sondern dem 
Bestreben der Importeure ausländischen Getreides, sich einen 
Markt zu schaffen; denn, wie wir schon hervorhoben, hat eigent- 
lich seit der Mitte der achtziger Jahre die Überproduktion an 
Mehl nie ganz aufgehört. 

Bevor wir nun die Existenzbedingungen der badisch -pfälzi- 
schen Großmühlen darlegen, wollen wir zunächst die Produktions- 
und Absatzverhältnisse der Großmühlen untersuchen, weil wir 
auf diese Weise den besten Einblick in ihre Lage gewinnen. 

2. Die Produktions- und Absatzverhaltnisse der badiseh-pfälzisohen 

Grossmühlen. ' 

Ein charakteristisches Merkmal der badisch -pfälzischen 
Grroßmühlenindustrie ist ihre Konzentration am Rhein und Neckar; 
weder in Mittel- noch in Oberbaden haben sich bis 1899 Groß- 
betriebe entwickelt. Schon diese räumliche Verteilung der Groß- 
mühlen weist darauf hin, welche Wichtigkeit der Standort für 
sie gewinnt; war früher das Wasser als Betriebsmotor von ent- 
scheidender Bedeutung, so ist es in der Gegenwart als Verkehrs- 
mittel auf die Entstehung der Großmüllerei von tiefgehendem 
Einfluß gewesen. So liegen denn auch sämtliche badischen und 
pfälzischen Großbetriebe an dem Rhein oder doch in seiner un- 
mittelbaren Nähe: Mannheim, Ludwigshafen, Schifferstadt, Wein- 
heim,2 Karlsruhe, Heidelberg, Neckargemünd und Bammental. 

X Der Untersuchungszeitraum ist das Jahr 1899/ 1900. 

2 Jetzt weiden auch die Schifferstädter Mühlenwerke und die Hildebrandsche 
Mühle in Weinheim an den Industriehafen in Mannheim verlegt. 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühleiündustrie nach ihrem heutigen Stand. 107 

Das Anlage- und Betriebskapital dieser großen Mühlen- 
werke erreichte 1899 eine Höhe von 10477000 Mark. ^ 

Es kamen also durchschnittlich auf einen Betrieb i 496 7 10 M. 
Das Aktienkapital der Ludwigshafener Walzmühle beträgt allein 
2000000 M. In dieser Kapitalkraft liegt nicht zum geringsten 
Teile das Geheimnis der kolossalen Leistungsfähigkeit der Groß- 
betriebe. 

Die Zahl der Personen, die in den 8 badischen Großmühlen 
beschäftigt wurden, betrug 513; davon waren 441 Arbeiter und 
72 kaufmännisches und technisches Personal; es entfielen daher 
auf einen Betrieb 64 Personen bezw. 55 Arbeiter; ein Vergleich 
mit den Mittel- und KJeinmühlen ergibt folgende Ziffern; 

Kleinbetriebe 2,43 Arbeiter 
Mittelbetriebe 9,75 » 
Großbetriebe 5 5 ,00 » 

Die Ludwigshafener Walzmühle beschäftigte 1905 ca. 220 
Arbeiter und 50 Beamte; von den ersteren sind aber nur ca. 50 
in der Mühle beschäftigt; die Rheinmühlenwerke 136 Personen, 
davon waren: 

2 Direktoren, 
14 Bureaubeamte, 

1 Reisender, 

2 Obermüller, 

2 Untermüller, 
65 Mühlenarbeiter, 

I Maschinenmeister, 

3 Maschinisten, 
6 Heizer, 

II Handwerker, 

29 Magazinsarbeiter; 

die Germania- Mühlen werke G.m.b.H. ca. 55, davon bei der 
Mehlproduktion ca. 30. 

Die Mehrzahl der Arbeiter setzt sich also im allgemeinen 
aus Maschinisten, Heizern, Handwerkern, Magazinarbeitern 
und Taglöhnern zusammen; die gelernten Müller machen nur 
den kleinsten Teil aus. Der Grrund dieser Erscheinung liegt in 



I Es sind dabei nur 7 Betriebe berücksichtigt. 



Digitized by 



Google 



I08 Kapitel II. 

der weitgehendsten Ersetzung der menschlichen Arbeitskraft 
durch den automatischen Maschinenbetrieb. Dem Müller fällt 
nur noch die Aufgabe zu, die Maschinen zu überwachen. Vom 
Schiffe bezw. Eisenbahnwaggon wird das Rohmaterial durch 
einen Elevator auf die Bänder gebracht, die es dem Silo zu- 
führen, von da geht es wieder von selbst zu den Reinigungs- 
apparaten, durch die Walzenstühle und Sichtmaschinen, erst beim 
Absacken tritt die menschliche Hand wieder helfend hinzu, um 
die Säcke auf das Lager zu bringen; und auch von hier aus 
wird das gesackte Mehl wieder auf Bändern in den Waggon oder 
das Schiff gebracht. Der Nutzen dieses Verfahrens beruht darin, 
daß in der Großmühle nur i bis 2 technisch gebildete und gut 
gelohnte Arbeiter (sog. Obermüllerj verwendet werden, während 
die andern ungelernte Arbeiter sind.^ 

Die maschinelle Einrichtung der Großmühlen kennzeichnet 
sich durch die Verwertung der neusten Errungenschaften der 
Mühlentechnik. Alle Großbetriebe bedienen sich heute des 
automatischen Verfahrens. Da das Mahlgut selbsttätig den ganzen 
Mahlprozeß bis zur völligen Ausmahlung durchläuft und deshalb 
jede einzelne Maschine ohne Unterbrechung fortarbeitet, zeitweilig 
nicht leer stehen darf, so bedeutet der automatische Betrieb 
ökonomisch die zweckmäßigste Ausnützung der verschiedenen 
Apparate und Beschränkung der Handarbeit auf das möglichste 
Maß. In der Müllerei ist auf diese Weise die Mechanisierung 
des Produktionsprozesses in ihrer reinsten Form erreicht; die 
Dampfmühle ist die t)rpische Fabrik. 

Die 8 badischen Großmühlen waren 1899 mit 182 Walzen- 
stühlen und 14 Mahlgängen ausgestattet; es entfielen also auf 
einen Betrieb 23 Walzenstühle und i Mahlgang; dagegen hatte 
ein Mittelbetrieb 6,6 und ein Kleinbetrieb 2,4 Walzenstühle; be- 
züglich der Mahlgänge stellte sich das Verhältnis so: 

Großbetrieb 1,75 Mahlgänge 
Mittelbetrieb 2,2 » 

Kleinbetrieb 2,6 » 



I Dazu kommen noch, wie in allen modernen Großbetrieben, sog. »berufs- 
fremdec Handwerker, wie Schlosser, Schreiner, Sackmacher usw., die die notwendigen 
Reparaturen vornehmen. 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. lOQ 

Wir sehen also, je größer der Betrieb, desto größere Ver- 
wendung der technisch und wirtschaftlich überlegeneren Walzen- 
stühle, desto geringer die Zahl der Mahlgänge. Dazu kommt 
in den Großmühlen ein kompliziertes System der verschiedensten 
und vollendetsten maschinellen Reinigungs- und Putzanlagen, die 
es dem Großbetrieb gestatten, ein qualitativ vollkommenes Fabrikat 
herzustellen. Sie gewähren aber auch die Möglichkeit, nicht 
mehr ganz reinen, z. B. mit Brand behafteten, Weizen derart zu 
säubern, daß ein gutes Produkt aus ihm gewonnen werden 
kann. 

Die Kraftquellen der 8 Großmühlen waren bei 3 nur Dampf, 
bei den übrigen Wasser und Dampf zugleich. Die Zahl der 
indizierten Pferdekräfte betrug zusammen ca. 3410; es entfielen 
folglich auf einen Betrieb ca. 425 PS. Die Ludwigshafener 
Wcdzmühle verwendete 1904 68 Doppelwalzenstühle; und hatte 
eine Triebkraft von ca. 1000 PS. 

Die Getreidemüllerei bildet bei fast allen Großmühlen den 
einzigen Gegenstand des Unternehmens; nur die Roggenmühle 
von Sinner in Grünwinkel wird mit der Brauerei und Spiritus- 
raffinerie als Nebengewerbe betrieben; die Mannheimer Dampf- 
mühle von Ed. Kauffmann Söhne besitzt daneben noch eine 
Erbsenschälerei ; die Ludwigshafener Walzmühle eine Graupen- 
und Hartgrießfabrik. 

Die Tendenz zum Großbetrieb und die wachsende Be- 
deutung des Kapitales in der Mühlenindustrie zeigt sich auch in 
der Umwandlung von Einzeluntemehmungen in die Form der 
Aktiengesellschaft. Diese Entwicklung hat sich in unserem Gebiet 
verhältnismäßig spät vollzogen; erst im Jahre 1889 wurde in 
Neustadt a. d. H. die erste Aktienmühle gegründet. Die Tabelle 
Seite 110 gibt eine kurze Zusammenstellung^ der badisch -pfäl- 
zischen Aktiengesellschaften . ^ 

Es bestanden also 1905 in Baden und in der Rheinpfalz 
8 Aktienmühlen mit einem Anlagekapital von 5620000 M., so 
daß auf eine Aktiengesellschaft durchschnittlich 702 500 M. kamen. 
Da an Dividenden 463000 M. gezahlt wurden, so erhalten wir 
eine Verzinsung von 8,2%. Vergleichen wir diese Ziffer mit der 



1 Handbuch der süddeutschen Aktiengesellschaften 1905. 

2 Das Willstätter Mühlenwerk ist schon oben erwähnt worden. 



Digitized by 



Google 



I lO 



Kapitel II. 



Name und Sitz der 
G«sell4cha.ft 


P 


Aktien- 
kapital 


Rein- 
gewinn 


Dividenden in 0/0 11 


vjrcadia^iiAi i 


l: 


1905 


1900 


1901 


1902 


1903 


1904 


1905 


A.-G. für Mühlenbetrieb, 




















Neustadt a. d. H. . 


1889 


200000 


58368 








4 


6 


6 


« 


Ludwigshafener Walz- 




















mühle 


1894 


2000000 


902 599 


8 


6 


8 


10 


10 


10 


Herrenmühle,vorm .Genz, 




















Heidelberg .... 


1897 


600000 


90593 











6 


4 


4 


Rheinmühlenwerke, 




















Mannheim .... 


1897 


500000 


295 197 











8 


8 


10 


Pfälzische Mühlenwerke, 




















.Schifferstadt . . . 


1898 


700000 


126526 


61/2 


6 


6 


7 


8 


8 


Kunstmühle Kink, God- 




















ramstein 


1898 


600000 


153857 


6 


61/2 


10 


15 


II 


12 


Würzmühle vormals Ge- 




















brüder Abrescfa, Neu- 




'^ 
















stadt a. d. H. . . . 


1898 


500000 


76367 


7 


6 


7 


7 


7 


9 



von sämtlichen 67 deutschen Aktienmühlen erzielten Durch- 
schnittsdividende von 472 %^ so ergibt sich eine außerordentlich 
günstige Rentabilität unserer Aktiengesellschaften, und während 
in Deutschland ein Rückgang in der Rentabilität ^ zu verzeichnen 
ist, beobachten wir in unserem Untersuchungsgebiet eine Auf- 
wärtsbewegung. Es scheint mir deshalb die Ansicht, 3 daß die 
Getreidemühlenindustrie im allgemeinen kein geeigneter Boden 
für die schwerfällige Form der Aktienunternehmung sei, nicht 
ganz zutreffend zu sein ; vielmehr dürfte die schlechte Rentabilität 
auf die Produktions- und Absatzverhältnisse der einzelnen Betriebe 
zurückzuführen sein; als Beispiel mag das Willstätter Mühlen- 
werk gelten. 

Nach dieser Darlegung der räumlichen und sachlichen Grund- 
lagen der Produktion der Großmühlen wollen wir nun ihre 



1 Im Durchschnitt der letzten Jahre zahlten von den 67 Aktienmühlen 10 0/0 
keine Dividende (1905: 310/0), 39% bis 4%, 210/0 über 4- -6 0/0 und 300/0 
über 60/0. 

2 1883 betrug die Durchsdmittsdividende 10,190/0, 1897 40/0. 

3 Vgl. Taeger in den »Annalen des Deutschen Reichs«, 1905, S. 248 ff. 



Digitized by 



Google 



Die badfsch- rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. 1 1 i 

Produktivkraft untersuchen. Es vermahlten die 8 Großmühlen 
Getreide und produzierten Mehl: 



Getreide 


Davon 


Mehl 


Davon nach || 


badisches 
Getreide 


sonstiges 
deutsches 
Getreide 


aus- 
ländisches 
Getreide 


Baden 


dem 
übrigen 
Deutsch- 
land 


dem 
Ausland 


dz 


dz 


dz 


dz 


dz 


dz 


dz 


dz 


I 731471 


70877 


268 202 


I 392 392 


I 244 737 


372 239 


853 194 


19304 


100 0/0 


4% 


160/0 


800/0 


100 0/0 


300/0 


680/0 


20/0 


Dagegen die übrigen 168 badischen Handelsmühlen | 


I 130 791 


436 903 


106 968 


586 920 


813259 


661 772 


147 080 


4407 


100 0/0 


39% 


90/0 


520/0 


100 0/0 


81.50/0 


180/0 


0,5 ^/o 



Die Ludwigshafener Walzmühle hatte 1904 ein jährliches Ver- 
mahlungsquantum von ca. 1500000 dz, das sich aus 1350000 dz 
Weizen und Roggen für Mehl und 150000 dz Gerste und Weizen 
für Graupen und Grieß zusammensetzte. 

Die Gegenüberstellung der 8 Großmühlen mit den 168 
andern Handels- und den 1206 Kundenmühlen ergibt die be- 
merkenswerte Tatsache, daß die Großbetriebe 600680 bezw. 
704079 dz Getreide mehr verarbeiteten, als alle andern Handels- 
bezw. Kundenmühlen zusammen. Der Unterschied wird erheb- 
lich größer, wenn wir auch noch die Produktion der Ludwigs- 
hafener Walzmühle mit ca. 800000 dz im Jahre 1899 dazu- 
rechnen. 

Die Betrachtung der Bezugsländer der Brotfrucht zeigt vor 
allem den geringen Anteil Badens mit nur 4%, während das 
Ausland mit 80% vertreten ist; auch bei den übrigen Handels- 
mühlen begegnen wir diesem Verhältnis, doch nicht in diesem 
starken Maße. Ganz anders ist die Stellung zu der Mehlver- 
sorgung des Landes: hier nahmen die 168 Handelsmühlen mit 
81^/0 ihrer Produktion den ersten Platz ein, um den Großmühlen 
hauptsächlich den übrigen deutschen Markt zu überlassen. Der 
Export nach dem Ausland trat auch bei den Großmühlen zurück. 



Digitized by 



Google 



I 12 



Kapitel II. 



Von dem Mehlbedsirf des Landes befriedigten die Ghroß- 
mühlen 14,2^/0; dagegen hätten sie ihn mit ihrer Gesamtmehl- 
produktion mit 47,5% zu decken vermocht. 

Einen viel tieferen Einblick in die Konkurrenzverhältnisse 
gewährt die Darstellung des prozentualen Anteils der Klein- 
Mittel- und Großmühlen an der Gesamtvermahlungs- bezw. Pro- 
duktionsmenge: 



Handelsmühlen 


Ge- 
treide 


Davon aus 


Mehl 


Davon nach u 


Baden 




dem 
Aus- 
land 


Baden 


g 'S 

u 


dem 
Aus- 
land 


Kleinbetriebe . 
Mittelbetriebe . 
Großbetriebe . 


22 
18 
60 


61 
25 
14 


8 
20 
72 


14 
16 
70 


23 
60 


38 
26 
36 


0/0 

6 

9 

85 


3 
80 




100 


100 


100 


100 


100 


100 


100 


100 



Wir sehen auch hier das große Übergewicht der Groß- 
mühlen bei der Menge des verarbeiteten Rohmaterials, wie bei 
der Mehlproduktion; ferner tritt hier der mit der Größe des Be- 
triebes abnehmende Verbrauch badischen Getreides und die zu- 
nehmende Vermahlung ausländischer Provenienz klar hervor. 
Obwohl die Großmühlen den größten Teil ihrer Erzeugung außer- 
halb Badens absetzten, so ist doch ihr relativ großer Anteil an 
der Mehlversorgung des Großherzogtums deshalb charakteristisch, 
weil noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit die kleinen und mitt- 
leren Handelsmühlen fast allein (es kam noch die Mehleinfuhr 
in Betracht) den heimischen Bedarf deckten. Diese Überflüge- 
lung, besonders der mittleren Handelsmühlen, ist das Ergebnis 
eines scharfen Kampfes um die Beherrschung des badischen 
Marktes. 

Wenn wir nun die Gesamtvermahlungsmenge auf die ein- 
zelnen Großbetriebe verteilen und zugleich mit der der andern 
Handelsmühlen vergleichen, so erhalten wir folgende Ziffern: 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand, n^ 

Es kamen auf einen 





pro Jahr 


pro Tag 


Großbetrieb . 


216834 ^^ 


723 dz 


Mittelbetrieb . 


32210 ^ 


108 » 


Kleinbetrieb . 


4049 » 


13,5 » 



Die auf einen Arbeiter pro Tag entfallende Quote des Ver- 
mahlungsquantums betrug im: 

Großbetrieb . 13 dz 
Mittelbetrieb .12 » 
Kleinbetrieb . 5,6 » 

Die Ausschaltung der menschlichen Hand im Großbetriebe 
geht deutlich daraus hervor, daß trotz der größeren Vermahlungs- 
menge und der bedeutend größeren Arbeiterzahl pro Betrieb in 
den Großbetrieben der Anteil auf den einzelnen Arbeiter fast 
gleich groß war, wie in den Mittelbetrieben. 

In welchem Umfang die Ausnützung der Maschinen mit 
dem Umsatz wächst, veranschaulichen folgende Zahlen, die die 
auf einem Walzenstuhl pro Tag vermahlene Menge angeben: 

Großbetrieb Mittelbetrieb Kleinbetrieb 
32 dz 16 dz 6 dz 

Es wurden täglich verarbeitet: 

pro Arbeiter pro Walzenstuhl 

Ludwigshafener Walzmühle . 25 dz 73,5 dz 

(200 Arbeiter, 68 Walzenstühle) 

Rheinmühlen werke, Mannheim 23 » 36 » 

(119 Arbeiter, 74 Walzenstühle) 

Hildebrand, Weinheim ... 15 » 32,3 » 

(145 Arbeiter, 67 Walzenstühle) 

Herrenmühle, Heidelberg . . ti,3 » 38 » 

(54 Arbeiter, 16 Walzenstähle) 

Die bedeutendste Tendenz, die wir in der Organisation der 
industriellen Großbetriebe in der Gegenwart erkennen können, 
ist die stetige und rasche Vergrößerung der einzelnen Betriebe. 
Wie sich diese Entwicklungstendenz auch in der Großmühlen- 
Fromm, Das Miihlengewerbe in Baden und in der Rheinpfalz. 8 



Digitized by 



Google 



114 



Kapitel II. 



industrie unseres Gebietes geltend gemacht hat, dafür mögen fol- 
gende Zahlen als Beleg dienen: 

Die 8 badischen Großmühlen verarbeiteten 

1897 I 339991 dz 

1898 I 510667 » 

1899 I 731 471 >> 

Die Ludwigshafener Walzmühle vermahlte: 

1872 75000 dz oder pro Tag 250 dz 

1886 175000 » » » » 585 » 

1897 625000 » » » » 2083 » 

1900 907000 » » » » 3023 » 

1904 1500000 » » ;> > 5000 » 



Hildebrand, Weinheim: 

Vermahlungsquantum 

1874 56000 dz 

188 1 85000 » 
1899 588000 » 
1905 650000 » 



Arbeiter Walzenstühle 



133 
145 



Rheinmühlen werke, Mannheim : 

Vermahlungsquantum Arbeiter 

1899' 147 200 dz 90 

1905 800000 » 119 

Herrenmühle, Heidelberg: 

Vermahlungsquantum 

1899 158350 dz 

1903 174000 » 

1904 180000 » 54 

1905 183000 » 54 



58 
67 



Walzenstühle 
38 
74 



Arbeiter Walzenstühle 

44 13 

53 15 

16 

16 



Wir bemerken also in allen angeführten Betrieben eine starke 
Betriebskonzentration, die sowohl in der Personalvergrößerung als 



» Die Mühle wurde in diesem Jahr in Betrieb gesetzt und war nur einige 
Monate im Betrieb. 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfäbdsche Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand, nc 

auch in der Vermehrung der Produktionskapazität zum Ausdruck 
kommt, und dabei geht diese noch weit über jene hinaus. 

Nach dieser Schilderung der Produktionsverhältnisse unserer 
Großmühlen wollen wir nun auch rein ziffermäßig die Absatz- 
verhältnisse der Großmühlen und der andern badischen Handels- 
mühlen kennen lernen; besonders werden wir an den Zahlenreihen 
der mehrfach erwähnten Eisenbahngüterbewegungsstatistik genau 
die Entwicklung der Mannheim -Ludwigshafener Mühlenindustrie 
verfolgen können. 

Aus dem Verkehrsbezirk Mannheim -Ludwigshafen wurden 
Mehl und Mühlenfabrikate versandt: 



1884 . 


II 552 


1890 . 


37277 


1892 . 


23486 


1895 . 


31228 


1896 . 


59968 


1898 . 


74 734 


1899 . 


82037 


1901 


loi 408 


1902 


ni 700 


1903 . 


135513 



Es hat sich also in diesem Zeitraum von beinahe 20 Jahren 
der Mehlversand um das Elffache vermehrt. Deutlich können wir 
sehen, wie die Gründung der Ludwigshafener Walzmühle (1894) 
und der Rheinmühlen werke (1899) auf den Mehlversand ein- 
gewirkt hat. 

Naturgemäß war anfangs der Absatz hauptsächlich auf 
Baden und die Pfalz beschränkt; es kamen dann noch die Rhein- 
provinz, Elsaß -Lothringen, Hessen und Württemberg in Frage; 
auch nach Thüringen und Sachsen gingen in den ersten Jahren 
von 1884 ab jährlich ca. 500 bis 2000 t. Diese Absatzverhältnisse 
blieben ungefähr dieselben bis zum Jahr 1894, von wo ab die 
Ziffern ganz rapid bis in die Gegenwart steigen. Nur der Mehl- 
verkehr nach Baden, der Pfalz und dem Elsaß erhöhte sich schon 
von 1884 ab, um dann auch an der Steigerung teilzunehmen. 
Der Absatz nach Bayern war bis 1895 ganz minimal, ging aber 
auch von da an stark in die Höhe. Die folgenden Zahlen mögen 
das Gesagte bestätigen. 



Digitized by 



Google 



1 1 6 Kapitel II. 

Mehlversand von Mannheim-Ludwigshafen nach 

Baden Pfalz Württemberg Bayern 

1884 2258 t 3163 t 575 t 50 



1890 


6417 « 


7845 * 


3751 » 


431 » 


1895 


6070 » 


8974 ^ 


3323 » 


1581 » 


1896 


II 025 » 


14247 » 


12 841 » 


4443 » 


1900 


20 992 » 


14346 » 


23 118 » 


12884 » 


1903 


27 634 * 


16 163 » 


29 187 » 


22801 »^ 



1884— 1903: + 1 123 0/0 + 4"°/o + 5000 **/o + 45502 °/o 

Es fällt auf, daß der Mehlversand nach der Rheinpfalz nicht 
in demselben Verhältnis gewachsen ist, wie der nach Baden, 
jener hat sich mehr als verfünffacht, dieser verzwölf facht. Das 
dürfte wohl damit zusammenhängen, daß die Pfalz schon seit 
längerer Zeit sehr leistungsfähige Handelsmühlen hat (Kunst- 
mühle Kink in Godramstein, die Aktiengesellschaft für Mühlen- 
betrieb, die Würzmühle, Fr. Corell & Co. und L. Knoeckel in Neu- 
stadt a. d. H., und endlich die Pfälzischen Mühlenwerke in Schiffer- 
stadt). 

Ein Blick auf die Zahlen des Mehlversandes nach Baden 
seit dem Jahre 1896 genügt, um das zu bekräftigen, was wir 
oben über den Konkurrenzkampf zwischen den Großmühlen einer- 
seits und den kleinen und mittleren Handelsmühlen andrerseits 
gesagt haben. Das geht vor allem aus den prozentualen Ziffern 
hervor, »denn eine Konkurrenz, die sich nur in einer mit der 
Konsumkraft des Versorgungsgebietes steigenden Entwicklung 
bewegt, ist auch bei absolut hoher Zufuhr nicht annähernd von 
gleichem Einfluß auf die im Versorgungsgebiet selbst bestehende 
Industrie, wie ein Wettbewerb, der neu einsetzend mit allen Mitteln, 
namentlich auch durch Preisunterbietung, sich Absatz zu schatffen 
sucht«.* Die überragende Konkurrenzbedeutung der Mannheim- 
Ludwigshafener Mühlenindustrie zeigt sich auch in der gewaltigen 
Entwicklung des Versandes nach Bayern (1884 — 1903 -1- 45 502 %) 
und Württemberg (-i-^ooo^/o). »Diese Prozentzahlen veranschau- 
lichen die Energie der Konkurrenz und können daher als Koeffi- 
zienten des Preisdrucks bezeichnet werden.« 



1 1905 : 26026 t. 

2 Wiedenfeld in Schmollers Jahrbuch, 1899, S. 1006. 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. ny 

Sehr gewachsen ist auch die Zufuhr nach der Rheinprovinz 
und Elsaß-Lothringen: 



1884 . 


. 1865 t 


1894 . 


. 4413 » 


1896 . 


. 9203 » 


1900 . 


. 20058 » 


1903 . 


. 28995 » 



Den Mehlexport per Bahn von Mannheim-Ludwigshafen ins 
Ausland mögen folgende Zahlen wiedergeben: 



1884 . 


. 166 1 


1894 . 


. 697 » 


1896 . 


. 1942 » 


1900 . 


. 2115 » 


1903 . 


. 2512 » 



Das Empfangsland ist fast ausschließlich die Schweiz; weniger 
kommt Frankreich in Betracht. Diese Ziffern stellen aber nicht 
in ihrer vollen Höhe den Export der Mannheim-Ludwigshafener 
Mühlenindustrie dar, da sich darunter auch besonders norddeutsche 
Roggenmehle befinden, die bis Mannheim zu Schiff kommen, 
dann per Bahn weitertransportiert werden, um ^egen Einfuhr- 
scheine über die Schweizer Grenze zu gehen. 

Die Bedeutung der Rheinwasserstraße für die Mehlabfuhr 
von Mannheim -Ludwigshafen erhellt aus folgenden Ziffern der 

Binnenschiffahrtsstatistik: 





Mannheim 


Ludwigshafen 


zusammen 




zu Tal 


zu Berg 


zu Tal 


zu Berg 


zu Tal 


zu BeiTg 




t 


t 


t 


t 


t 


t 


1883 


843 


— 


230 


— 


1073 


— 


1895 


887 


2 164 


4 933 


316 


5820 


2 480 


1899 


4075 


2554 


13432 


3835 


17507 


6389 


1900 


8588 


3024 


14 287 


3360 


22875 


6384 


1902 


20776 


8214 


17029 


4 433 


37805 


12647 


1903 


19609 


I9912 


19890 


3666 


39 499 


23578 


1904 


29466 


5570 


— 


— 


— 


— 



Die Mühlenfabrikate, die von Mannheim-Ludwigshafen rhein- 
abwärts gehen, sind hauptsächlich für die Frankfurter und Mainzer 



Digitized by 



Google 



I i8 Kapitel II. 

Gegend, Holland und England bestimmt Gerade in England 
hat sich die Mannheim- Lud wigshafener Großmühlenindustrie in 
letzter Zeit einen großen Markt erobert. Da die nordamerika- 
nische Mühlenindustrie dank der wachsenden Bevölkerung und 
der Zunahme des inländischen Getreidebedarfs immer mehr für 
den heimischen Bedarf in Anspruch genommen ist, kann sie nicht 
mehr in dem Umfange, wie bisher, nach England exportieren. 
Dieses Absatzgebiet hat nun besonders auch die Mannheim- 
Ludwigshafener Mühlenindustrie dadurch für sich gewonnen, daß 
sie sich in ihrer Mehlfabrikation den englischen Konsumtions- 
gewohnheiten anzupassen verstand; dazu kommt, daß die billigen 
Wasserfrachten den Export äußerst bequem und rentabel machen. 

Die Mehle, die rheinaufwärts verfrachtet werden, gehen in 
der Hauptsache nach Maxau bezw. Karlsruhe und Kehl-Straßburg. 

Vom Karlsruher Rheinhafen gingen ab zu Tal: 

1901 2444 t 

1902 4656 » 

1903 3875 * 

1904 3409 » 

Es sind das hauptsächlich die Fabrikate der im Jahre 1892 
errichteten Sinnerschen Roggen- und Maisschrotmühle in Grün- 
winkel bei Karlsruhe. 

Ein Bild von dem Mehlverkehr in Mannheim geben uns 
folgende den Handelskammerberichten entnommene Zahlen: 





Hafenv 


erkehr 


Bahn^ 


verkehr 


zusammen 




Ankunft 


Abgang 


Ankunft 


Abgang 


Ankunft 


Abgang 


1875 


2279 


2 721 


77419 


59018 


79698 


61739 


1885 


94014 


16097 


50080 


100990 


1 44 090 


117 087 


1895 


72716 


26328 


43591 


IIO218 


116 307 


136546 


1900 


183806 


I18276 


47970 


502 610 


231776 


620886 


1901 


172439 


161 964 


58440 


488875 


230879 


650 839 


1903 


239532 


379649 


46445 


628 045 


285977 


I 007 694 



Es erhebt sich nun unwillkürlich die Frage, wie sich unter 
dem Einfluß dieses zum Teil neu einsetzenden Wettbewerbs der 
Mannheim-Ludwigshafener Großmüllerei die Absatzverhältnisse 
der übrigen badischen Handelsmühlen gestaltet haben. Wir haben 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand, hq 

bereits oben festgestellt, daß die kleinen und mittleren Handels- 
mühlen mit nur 15*^/0 an dem Mehlabsatz außerhalb Badens be- 
teiligt W2iren. Die Mehlsendungen der kleinen und Mittelmühlen 
lassen sich aber statistisch nicht so leicht erfassen, da ganz Baden 
mit Ausnahme Mannheims in der Güterbewegungsstatistik einen 
Verkehrsbezirk bildet, also auch darunter der Mehlversand der 
außerhalb Mannheims gelegenen Großmühlen inbegriffen ist; 
aber im eillgemeinen werden wir doch eine gewisse Tendenz im 
Mehlversand feststellen können. 

Vorher wollen wir aber noch untersuchen, wie das Ent- 
stehen und Bestehen der badisch -pfälzischen Großmühlen auf die 
Mehleinfuhr nach Baden gewirkt hat. Es kamen aus Deutsch- 
land (außer Mannheim -Ludwigshafen) Mehl und Mühlenfabrikate: 



1884 


17366 t 


1888 


22094 » 


1895 


25128 » 


1897 


28917 » 


1900 


19433 » 


1901 


18998 » 


1903 


18873 » 



Es hat also schließlich im Beobachtungszeitraum eine Stei- 
gerung der Zufuhrmenge um 8 ^o stattgefunden, dagegen ist die 
Einfuhr aus Mannheim -Ludwigshafen um volle 1123^/0 gestiegen. 
Von entscheidender Bedeutung ist aber, wie wir schon hervor- 
hoben, nicht sowohl die absolute Höhe der Zufuhrmengen, als 
vielmehr die Bewegung der Zufuhr und die Entwicklung, die der 
Anteil von Mannheim -Ludwigshafen an der Gesamtzufuhr aus 
Deutschland genommen hat. Es empfing Baden 





aus dem übrigen 


darunter aus 




Deutschland 


Mannheim - Ludwigshafen 


1884 


89% 


11% 


1888 


69% 


31% 


1897 


67% 


33% 


1900 


48% 


52% 


1903 


40% 


60% 



Diese die Entwicklung der Anteilziffern darstellenden Pro- 
zentzahlen zeigen aufs beste, wie die außerbadische deutsche 



Digitized by 



Google 



I20 



Kapitel U. 



Mühlenindustrie vor der entstehenden badisch-pfälzischen Groß- 
müllerei das Feld räumen mußte; sie lassen aber auch erkennen, daß 
den badischen Handelsmühlen durch die außerbadische Zufuhr ein 
scharfer Wettbewerb erwachsen wäre, wenn sich die Einfuhr in 
demselben Maße wie anfangs weiter entwickelt hätte. Ohne den 
gewaltigen Aufschwung der Mannheim -Ludwigshafener Mühlen- 
industrie hätten wir eine immer größer werdende Mehleinfuhr 
nach Baden aus Norddeutschland; jetzt wird Badens Mehlbedarf 
zum großen Teil durch eine einheimische, leistungsfähige Mühlen- 
industrie gedeckt. 

Nun zu der weiteren Frage, wie sich die Ausfuhr der 
badischen Mühlen (mit Ausnsihme Mannheims) nach Deutschland 
gestaltet hat. 

Es versandte Baden 



Jahr 


Nach dem 

übrigen 
Deutschland 


Davon nach 1 


Hessen 


Württemberg 


Bayern 


Pfalz 




t 


t 


t 


t 


t 


1884 


24187 


5517 


770 


346 


3844 


1890 


40465 


13231 


2 000 


I20I 


8553 


1896 


72476 


(1895) 20901 


12988 


8881 


(1895) 12838 


1900 


67712 


8030 


(19OI) 33454 


14240 


6375 


1903 


82495 


7982 


25545 


21036 


3441 



Wenn wir nun auch diese Ziffern mit dem Mehlversand 
von Mannheim-Ludwigshafen vergleichen, so ergibt sich, daß der 
Mehlversand Badens relativ weit hinter dem von Mannheim- 
Ludwigshafen zurückgeblieben ist, ja wir können eine allgemeine 
Tendenz in der Richtung bemerken, daß sich seit dem Auf- 
blühen dieser Großmühlenindustrie der Mehlverkehr nach der 
Pfalz, Rheinprovinz, Hessen, Thüringen und Württemberg teil- 
weise sogar erheblich vermindert oder doch nicht in der Weise 
weiterentwickelt hat, wie es anfangs der Fall zu sein schien. 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rfaeinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. 121 

Die Mehlausfuhr Badens (außer Mannheim) ins Ausland — 
hauptsächlich in die Schweiz — betrug: 



1884 . . 


. 232 t 


1895 . < 


. 791 » 


I90I . , 


. . 1364 » 


1903 . 


. . 1809 » 



Während sich der Mannheim- Lud wigshafener Mehlexport 
über die deutsche Grenze in demselben Beobachtungszeitraum 
ungefähr um d£ts isfache gehoben hat, hat sich der badische nur 
verachtfacht. 

Die Kleieproduktion der 8 Großmühlen belief sich 1899 
auf 486 734 dz, das sind 60% der von allen Handelsmühlen er- 
zeugten Kleie; mit 43 % waren sie an der Gesamtproduktion der 
badischen Mühlen beteiligt (Kundenmühlen 28 %). Die Lud wigs- 
hafener Walzmühle allein hat 1903 400925 dz und 1904 392 072 dz 
Futterstoffe aus Weizen, Roggen und Gerste hergestellt. Die 
Abnehmer sind hauptsächlich die landwirtschaftlichen Konsum- 
vereine. Der Kleie Versand von Mannheim -Ludwigshafen nach 
Deutschland betrug: 







Davon nach Baden 


1898 


3989 1 


459 t 


1899 


23 229 » 


2 08 1 » 


I90I 


32643 » 


2 141 » 


1903 


58994 » 


7 129 » 



Der Absatz nach Baden war also sehr gering; dagegen wurde 
sehr viel nach Mitteldeutschland verkauft. — Wie die Großmühlen 
auch im Kleieabsatz die andern Handelsmühlen überflügelt haben, 
zeigt der Kleieversand nach Deutschland aus 





Baden 


Rheinpfalz 


1898 


21 656 t 


9895 t 


1900 


24090 » 


8378 » 


1903 


28051 » 


10543 >• 



Wir kommen also zu dem Schluß: die badisch-rheinpfälzische 
Großmühlenindustrie hat den badischen kleinen und mittleren Han- 
delsmühlen nicht nur das eigene »natürliche« Absatzgebiet streitig 



Digitized by 



Google 



122 Kapitel IL 

gemacht, sondern auch ihren Absatz auf dem außerbadischen 
Markte stark eingeschränkt. 

Nun zu der Frage: welche Ursachen waren und sind wirk- 
sam, die diese überragende Bedeutung der badisch-rheinpfälzischen 
Großmüllerei begründeten, mit anderen Worten: worauf beruht 
die wirtschaftliche Überlegenheit dieser Mühlenwerke? 



3. Die wirtschaftliche Überlegenheit der badisch-rheinpSlzischen 

Grossmühlen. 

A. Die Frage des Rohstoffbezuges. 

Die wirtschaftliche Überlegenheit des Großbetriebs in der 
Getreidemüllerei kann ihre Quelle entweder in einem Komplexe 
rein technischer oder rein ökonomischer Tatsachen haben. Siegt 
der Großbetrieb deshalb über den Klein- und Mittelbetrieb, weil 
er allein sich gewisse technische Errungenschaften zunutze machen 
kann oder liegen die tieferen Ursachen dieses allmählichen Rück- 
gangs auch der mittleren Handelsmühlen auf einem ganz andern 
Gebiete? Die Frage muß also so gestellt werden: unterscheidet 
sich der Mühlengroßbetrieb technisch, d. h. durch die verwendeten 
Maschinen und Apparate, von den handwerksmäßigen Betrieben 
und kleinkapitalistischen Unternehmungen? 

Allgemein sieht man das Kriterium des fabrikmäßigen Groß- 
betriebs in der mechanisch -maschinellen Produktionsweise und 
in der Auflösung des Produktionsprozesses in zahlreiche Teil- 
operationen'. Nun genügt auch eine oberflächliche Kenntnis der 
Technik der Müllerei, um zu wissen, daß auch eine kleine Mühle 
dieselben Walzenstühle mit derselben Leistungsfähigkeit, dieselben 
Reinigungsapparate, Sichtmaschinen und Waschanlagen aufstellen 
und ebenso durch das automatische und kontinuierliche Verfahren 
die menschliche Arbeitskraft ausschalten kann, wie die Groß- 
mühle; und eine Zerlegung der Produktion in Teilprozesse, die 
eine mechanische Ausführung durch Arbeitsmaschinen ermög- 
lichen, gestattet die Mühlentechnik nicht. 



I Vgl. Buch er s Artikel »Gewerbe« in Elsters »Wörterbuch der Volkswirt- 
schaf tr ; Schmoller, Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe, 1870, S. 161; P. 
Sinzheimer, Über die Grenzen der Weiterbildung des fabrikmäßigen Großbetriebs, 
Stut^art, 1893, S. 6 ff. 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. 123 

Das, was den Großbetrieb in der Müllerei von dem Klein- 
und Mittelbetrieb unterscheidet, ist nur die Tatsache, daß er mehr 
Maschinen und Apparate derselben Art hat, als jener. Wir haben 
schon bei der Betrachtung der Klein- und Mittelhandelsmühlen 
betont, daß sie (wenigstens zum Teil) bei ihrer Einrichtung den 
Fortschritten der Mühlentechnik gefolgt sind; wir wissen aber 
auch, daß so manche Kunden- und Handelsmühle eben wegen 
ihrer technischen Rückständigkeit dem andrängenden Großbetrieb 
keine Widerstandskraft mehr entgegensetzen konnte, und wir haben 
auch gesehen, daß die Großmühlen mit den vollkommensten und 
leistungsfähigsten Maschinen ausgestattet sind. Aber darauf kommt 
es jetzt nicht an; es gilt nur festzustellen, daß die Technik an 
sich keinen Unterschied in der Organisation der Mühlenklein- 
und Großbetriebe begründet. Die Vorteile des Großbetriebs haben 
ihren Ursprung in ökonomischen Tatsachen, die gekennzeichnet 
werden durch die Verbesserung und Verbilligung der Verkehrs- 
mittel, durch die Verfeinerung der Art und Weise des Rohstoff- 
bezugs und des Fabrikatabsatzes und durch den Übergang eines 
großen Teiles der kaufmännischen Funktionen auf die Händler. 

Die wirtschaftliche Überlegenheit des Großbetriebs in der 
Müllerei beruht also nicht in seiner technischen, sondern in seiner 
Handelsüberlegenheit. 

Diese einleitende Betrachtung gibt uns gleichsam den 
Schlüssel zu dem Verständnis der Konkurrenzkraft der badisch- 
rheinpfälzischen Großmühlen, erklärt uns am besten die örtliche 
Zentralisation dieser fabrikmäßigen Grroßbetriebe am Rhein und 
in seiner unmittelbaren Nachbarschaft. Die wirtschaftliche Grund- 
lage, auf der sie alle aufgebaut sind, ist die Tatsache des billigen 
Wasserbezugs ihres Rohmateriales. 

Wer von Mannheim über die Rheinbrücke nach Ludwigs- 
hafen geht und sieht, wie das Getreide direkt aus dem Schiff 
fast unmittelbar dem Walzenstuhl zugeführt wird, um vielleicht 
noch an demselben Tage mit dem Schiffe oder mit dem Eisen- 
bahnwaggon an seine Bestimmungsorte gebracht zu werden, der 
kennt auch das Geheimnis der riesigen Leistungsfähigkeit dieses 
größten deutschen Mühlenwerkes. 

Als für den Getreidebedarf Deutschlands die heimische Er- 
zeugung nicht mehr ausreichte, und es deshalb immer mehr aus- 
ländischer Provenienzen bedurfte, wurden die großen Hafenplätze 



Digitized by 



Google 



124 Kapitel II. 

und die Endpunkte der Großschiffahrtswege die natürlichen Ein- 
fallstore für das Auslandsgetreide. Mit Notwendigkeit mußte 
hierher die Industrie ihren Standort verlegen, die diese vom Aus- 
land zuströmende Brotfrucht verarbeiten muß, die Großmüllerei. 
So wurde denn auch Mannheim -Ludwigshafen, »der letzte See- 
hafen«, wie es Honseil treffend nannte, das wirtschaftliche 
Gravitationszentrum der badisch -rheinpfälzischen großen Mühlen- 
industrie. 

In der verkehrspolitischen Bedeutung dieses Städtepaares am 
Ende der Rheinschiffahrt und am Ausgangspunkte eines sich 
weit nach ganz Süddeutschland verzweigenden EisenbaJinnetzes 
liegt die Existenzfähigkeit unserer Großmüllerei. 

Die Konzentration des Getreidehandels, die börsenmäßige 
Organisation des Absatzes und die Zentralisation der großen 
Bank- und Kreditinstitute in Mannheim haben auf die Tendenz 
nach örtlicher Zusammenfsissung der Mühlenindustrie verstärkend 
und fördernd gewirkt. 

Unsere Großmühlen decken ca. 80% ihres gesamten Ge- 
treidebedarfes durch ausländische Brotfrucht. Die Gründe der 
Notwendigkeit der Verarbeitung fremder Provenienzen haben wir 
schon gestreift. 

Einmal vermag die deutsche Getreideproduktion den heimi- 
schen Bedarf nicht ganz zu befriedigen, beträgt doch in Baden 
allein die Mindererzeugung ca. 2 Millionen dz, dann erfordert die 
Herstellung eines guten, backfähigen Mehles die Vermischung 
des einheimischen stärkereichen, aber kleberarmen Getreides mit 
ausländischer kleberhaltiger Brotfrucht, endlich kommt — und 
das hat nicht nur für die Großbetriebe, sondern auch für die 
übrigen Handelsmühlen große Bedeutung — die mangelhafte 
Organisation des inländischen Getreideabsatzes in Betracht. Gehen 
wir auf diesen letzten Punkt wegen seiner Wichtigkeit für den 
Rohstoffbezug der badischen Handelsmühlen etwas näher ein. 
Für die mittleren und größeren Mühlenbetriebe ist der Ankauf 
der Brotfrucht in großen Posten aus einem oder mehreren Ge- 
treidelagern bequemer und vorteilhafter, als der weitläufige An- 
kauf in kleinen Mengen von hunderten kleiner Getreideprodu- 
zenten. Ferner entbehrt die inländische Frucht, besonders in 
den Gegenden vorherrschenden bäuerlichen Besitzes, der für den 
Müller wünschenswerten Gleichmäßigkeit der Weizen- undRoggen- 



Digitized by 



Google 



Die badisch - rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. 125 

Sorten, ja vielfach weist sie von Gemarkung zu Gemarkung eine 
denkbar große Verschiedenheit der Sorten auf; auch läßt oft die 
Reinigung der Frucht vor dem Verkauf von Unkraut und andern 
Beimengungen viel zu wünschen übrig.' 

Hecht hat für Baden nachgewiesen, daß bei 96^/0 aller 
Brotfrucht verkaufenden Familien das Quantum des verkäuflichen 
Brotgetreides unter 50 dz bleibt, daß die Landwirte, die über 50 dz 
verkaufen können, nur 0,6^/0 aller überschüssig Brotfrucht pro- 
duzierenden Familien ausmachen 2. Es ist klar, daß solche Verhält- 
nisse für den Bezug in großen Posten denkbar ungünstig und mit 
Zeitverlust, Kosten und andern Unannehmlichkeiten verbunden 
sind. Nun haben allerdings die Landwirte eine Konzentration und 
Organisation des Getreideabsatzes in den Absatzgenossenschaften 
geschaffen. Zurzeit sind 10 solcher Genossenschaften mit Lager- 
hausbetrieb und einer gemeinsamen Verkaufsstelle (Getreidebureau 
in Mannheim) in Baden vorhanden. Während aber die kleinen 
und mittleren Handelsmühlen in dem genossenschaftlichen Ge- 
treideabsatz eine Schädigung erblicken, weil dadurch die Preise 
des Getreides erhöht werden, und deshalb gerade den guten Weizen 
beim Produzenten einkaufen, können die Großmühlen die Genossen- 
schaften deshalb nicht in Anspruch nehmen, weil die Menge des 
verkäuflichen Getreides (besonders des Weizens) verhältnismäßig 
unbedeutend ist. Es wurden vom Getreidebureau 3 verkauft: 

Davon 
Weizen Roggen 

1901 26 700 dz I 709 dz I 035 dz 

1902 45700 » 6424 » 637 » 

1904 60400 » 9 150 » 1350 » 

Der Rest war Gerste und Hafer, Der Verkauf von Weizen 
findet sich fast nur in der Donau- und Seegegend, in geringem 
Umfang auch im Bauland; der gute, rotglasige oberbadische 
Weizen wird aber zum großen Teil durch Vermittlung des Ge- 
treidebureaus an die Schweizer Mühlen abgesetzt. In der letzten 
Zeit scheinen sich die kleinen Mühlen immer mehr bei ihrer 
Bedarfsdeckung der Lagerhäuser zu bedienen, was wohl darauf 

1 Buchenberger, a. a. O. S. 231. 

2 Hecht, a. a. O. S. 86 ff. 

3 Rechenschaftsbericht des Verbandes der badischen landwirt- 
schaftlichen Konsumvereine für 1904, Karlsruhe 1905. 



Digitized by 



Google 



126 Kapitel II. 

zurückzuführen ist, daß sie da ein qualitativ besseres Getreide 
erhalten, als von den I^ndwirten. 

So wird denn auch in Zukunft der mittlere wie der Groß- 
müUer unbedingt für den größten Teil seiner Vermahlung auf 
den Bezug ausländischer Sorten angewiesen sein. Er wird nur 
soviel Inländische P|;pvenienz aufkaufen, als die Qualität und 
Quantität der einheimischen Ernte es gestattet So werden der 
Ludwigshafener Walzmühle oft per Achse große Mengen ein- 
heimischen Roggens und Weizens in Quantitäten von 3 — 4 Sack 
aus der Pfalz zugeführt; sie hat an inländischer Brotfrucht, vor 
allem an Roggen, verbraucht: 



1898 . . 


. . 90000 dz 


1900 


. . 159000 » 


1904 . . 


. . 252407 » 



Auf eine badische Großmühle kamen 1899 10 125 dz ba- 
dische und 33 525 dz sonstige deutsche Herkunft. Nur eine Groß- 
mühle hat überhaupt kein badisches Getreide vermählen. 

Der Rohstoffbezug der Handelsmühlen erfolgt nun auf 
dreierlei verschiedene Weise: entweder sie bedienen sich des 
Zwischenhandels, oder sie verkehren direkt mit dem auswärtigen 
Exporteur, oder sie wenden sich an den Agenten des Exporteurs. 
Gerade in letzter Zeit macht sich bei manchen Großmühlen die 
Tendenz geltend, den Zwischenhandel zu umgehen und unmittelbar 
mit dem Exporteur in Verbindung zu treten, indem sie einen Ver- 
treter in Amerika oder Odessa usw. haben. Wenn nun auch 
durch Vermeidung des vermittelnden Getreidehändlers an Kosten 
gespart werden kann, so hat diese Art des Rohstoffbezugs einen 
großen Mangel. Der Großmüller kauft nicht immer in demselben 
Umfange aus demselben Produktionsgebiete ein, so daß es sich 
nicht lohnt, an den verschiedenen Orten eigene Vertreter zu be- 
stellen. Deshalb hat sich bei den Großmühlen auch der Brauch 
eingebürgert, sich an die Agenten der ausländischen Exporteure 
zu wenden, die in Mannheim selbst oder in Rotterdam ihren Sitz 
haben. Diese komr/^en fast täglich in dsis Kontor der Mühlen, 
machen ihre Offerten, kabeln die Angebote, die von den Mühlen 
gemacht werden, alsbald an ihre Geschäftsherren zurück, so daß 
binnen kurzer Zeit die Schiff ladung Saxonka, Walla-Walla, Red 
Winter Nr. II, Kansas- oder La Plata- Weizen unterwegs ist. Zu- 



Digitized by 



Google 



Die badisch- rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. 127 

gleich sind die Agenten gleichsam eine Auskunftsstelle, die den 
Großmüller in Mannheim usw. über die Emteverhältnisse und die 
Konjunkturen zuverlässig unterrichtet. Während auf diese Weise 
der Getreidezwischenhandel für manche Großbetriebe entbehrlich 
geworden ist, hat er seine volle Wichtigkeit gerade für die mitt- 
leren und kleineren Handelsmühlen behalten, denn es leuchtet 
ein, daß sich die kleineren Betriebe, die auch ausländischer Her- 
kunft bedürfen, nur nicht in dem Maße, wie die größeren Mühlen, 
der geschilderten Organisation des Einkaufs nicht bedienen können, 
schon wegen der mehr oder weniger großen Entfernung von 
Mannheim; dann ist es aber auch wegen des relativ ge- 
ringen Bedarfes zweckmäßiger, den Zwischenhandel, der eben 
den Vorteil des Bezuges im großen auf seiner Seite hat, zu 
benutzen. 

Der fabrikmäßige Großbetrieb kann auch infolge seiner 
Kapitalkraft die allerverschiedensten Getreidesorten rationell aus- 
wählen: er bezieht heute vom La Plata, morgen von Odessa, 
dann wieder aus Indien, aus Rumänien; er hat oft lo bis 20 ver- 
schiedene Provenienzen in seinem Silo aufgestapelt. Schon diese 
Bewegungsfreiheit auf dem Weltmarkte läßt es nicht wün- 
schenswert erscheinen, Vertreter an den Handelsplätzen des Aus- 
landes zu haben; schließlich gewährt ihm diese Sortenauswahl die 
Möglichkeit der Vermischung der verschiedenen Getreidesorten, 
und nicht zuletzt beruht gerade deirauf die Herstellung eines 
qualitativ vollkommenen Fabrikates in den Großmühlen. Die 
kleineren Handelsmühlen können diese Freiheit des Einkaufs auf 
dem Getreidemarkte schon deshalb nicht benutzen, weil sie sich 
eben mehr auf den Zwischenhandel stützen müssen. Ein anderes 
nicht wirtschaftliches Moment macht die vermittelnde Hand des 
Mannheimer Händlers erforderlich: die mangelnde kaufmännische 
Bildung mancher Handelsmüller und die Unübersehbarkeit des 
Weltgetreidemarktes für sie. In der Handelsmüllerei mit ihrem 
Rohmaterial, dessen Preisbildung sehr durch Umstände elemen- 
tarer und daher unberechenbarer Natur bedingt ist, kommt das 
kaufmännisch-spekulative Moment vorzüglich zur Geltung. Der 
Leiter eines Mühlenunternehmens muß deshalb mit großer Um- 
sicht, Schlagfertigkeit und Unternehmerbegabung ausgestattet 
sein, er muß aufs genaueste mit dem Welthandel und seinen kom- 
plizierten Formen vertraut sein. 



Digitized by 



Google 



128 Kapitel II. 

Wir sehen also, daß die Großmühle in Mannheim und Um- 
gebung eine viel zweckmäßigere Form des Rohstoffeinkaufs an- 
wenden kann, als die mittleren und kleineren Handelsmühlen. 
Daß sich der Großmüller auch das den Handelsbedürfnissen eng 
angepaßte Nachrichtenwesen besser zunutze machen kann, als 
der Handelsmüller auf dem Lande, braucht nur angedeutet zu 
werden. 

Da der badisch - pfälzische Handelsmüller auf die Zufuhr 
fremder Provenienzen angewiesen ist, so wird er sich naturgemäß 
der Wasserstraße des Rheins bedienen. Die volkswirtschaftliche 
Bedeutung der Wasserstraßen liegt — ich brauche darauf hier 
nicht näher einzugehen — in der billigen Massenbeförderung, die 
auf ihnen zu bewerkstelligen ist. Die Tendenz zur Preissenkung 
der Getreidefrachten, die für unsere Frage von großer Wichtig- 
keit ist, mögen folgende Zahlen, die den Handelskammerberichten 
von Mannheim entnommen sind, veranschaulichen. Es betrug die 
Fracht für looo kg Getreide nach Mannheim 



von 


1888 


1898 


1903 


La Plata . 


21,21 M. 


20,07 M. 


18,14 M 


Odessa . . 


19,29 » 


14,92 » 


1 1 , 1 1 » 


Ostsee . . 


13,63 » 


9,82 » 


9,56 » 


New- York . 


17,38 » 


18,62 » 


11,80 » 



Während 1903 der mittlere Getreidefrachtsatz auf dem Rhein 
von Rotterdam— Mannheim 3,36 M. pro Tonne betrug, stellte er 
sich auf der Bahn auf 18,40 M.; die Bahnfracht Posen — Mannheim 
dagegen kostet 39,80 M. pro Tonne nach dem Normaltarif. Man 
darf wohl im allgemeinen annehmen, daß bei der heutigen ver- 
feinerten Technik des Handels und Verkehrs der Bezug eines 
Schiffs Getreide aus Odessa oder vom La Plata mit relativ viel 
weniger Kosten und Zeitaufwand verbunden ist, als aus einem 
deutschen, vielleicht abseits der Bahn gelegenen Getreideproduk- 
tionsorte. Nun gereicht ja der billige Wasserstraßentransport 
allen badischen und pfälzischen Handelsmühlen zum Vorteil, die 
überhaupt ausländisches Getreide beziehen. Der Nutzen der am 
Rhein und Neckar gelegenen Großmühlen besteht aber darin, 
daß sie unmittelbar vom Schiffe weg das Rohmaterial ihrem Silo 
zuführen können, während sich die im Binnenlande gelegenen 
Handelsmühlen zur Herbeischaffung an die Produktionsstätte 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mählenindustrie nach ihrem heutigen Stand. x2Q 

noch des teuren Bahntransportes bedienen müssen. Um die Bahn- 
fracht Mannheim -Ludwigshafen bis zur Mühle erhöhen sich also 
die Produktionskosten dieser Handelsmühlen. So kostet ein 
Waggon Weizen Mannheim — Weinheim 26 M.; Mannheim — Neu- 
stadt im Schwarz wald 122 M. Es produzieren also die in Mann- 
heim gelegenen Großmühlen um 0,26 M. pro Doppelzentner billiger 
als die Weinheimer Großmühle und um volle 1,22 M. pro Doppel- 
zentner biUiger als eine Handelsmühle in Neustadt im Schwarz- 
wald, die ihr Rohmaterial von Mannheim beziehen müssen. Diese 
wenigen Beispiele dürften genügen, um die Vorteile zu illustrieren, 
die den Mannheimer Grroßmühlen aus der Tatsache ihres Stand- 
ortes am Ende des schiffbaren Rheinstromes erwachsen. 

Dieser Umstand erklärt aber auch das Interesse, das diese 
Werke an der Freiheit der Wasserstraßen von Abgaben haben. 
Die badischen Müller, die in ihrer Petition an den Landtag auch 
die Wiedereinführung der Gebühren auf den Wasserstrahlen for- 
derten, vergaßen nur zu bedenken, daß damit nicht nur den 
»hassenswerten« rheinischen Großmühlen, sondern ganz besonders 
auch den mittleren und kleinen Handelsmühlen, die zudem nicht 
so leistmigsfähig und kapitalkräftig sind wie jene, die Produktion 
verteuert und so ihre Widerstandskraft im Konkurrenzkampfe 
gelähmt würde. Der wirtschaftspolitische Zweck der Ausfuhr- 
sicherung und Ausfuhrförderung der Erzeugnisse unserer badisch- 
rheinpfälzischen Großmüllerei und die Notwendigkeit der immer 
mehr wachsenden Zufuhr ihres unentbehrlichen ausländischen Roh- 
stoffes spricht gegen eine Belastung des Rheinstromes mit Abgaben. 

So sehen wir, daß in dem Rohmaterialbezug die groß- 
betrieblich organisierte Müllerei in Mannheim und Umgebung 
den mittleren und kleinen Handelsmühlen des Landes durch die 
rationelle Ausnützung der natürlichen Daseinsbedingungen und 
ihrer technischen Beherrschung weit überlegen ist. 

B- Die Frage der Absatzgestaltung. 

a. Die gleiche Tarifierung von Getreide und Mehl. 
Wenn die Wahl des Standortes eines Produktionszweiges ent- 
scheidend ist für seine Rentabilität, so gilt dies ganz besonders 
von der Mühlenindustrie. Die Frage des Rohstoffbezugs und 
der Absatzgestaltung ist für sie in dem Augenblick zu einem 
schwierigen Problem geworden, als sie den naturalwirtschaftlichen 

Fromm, Das Müblengewerbe in Baden und in der Rheinpfalz. 9 



Digitized by 



Google 



I^O Kapitel II. 

Charakter der Kundenmüllerei aufgab, um sich der verkehrswirt- 
schaftlich organisierten Volkswirtschaft der Gregenwart an- und ein- 
zupassen. Der Lohnmüller kümmert sich weder um die Herbei- 
schaffung des zu verarbeitenden Rohstoffs noch um den Absatz 
des fertigen Fabrikats. Anders der Handelsmüller, der Mehl auf 
Vorrat produziert, er muß in kaufmännisch-spekulativer Weise sein 
Rohmaterial einkaufen und ebenso das Produkt daraus an den 
Konsumenten abzusetzen suchen. Für ihn sind die Transport- 
verhältnisse von großer Bedeutung; sie gewinnen aber dann sein 
besonderes Interesse, wenn auf einem bestimmten Gebiet die Menge 
des Getreides dem Bedarf nicht proportional ist, mit andern Wor- 
ten, wenn er gezwungen ist, entweder das Getreide aus der Ferne 
zu beziehen oder für Mehl einen großen Absatzrayon zu erwerben. 
Die erste Eventualität trifft für die ganze süddeutsche Handels- 
müllerei zu, während die zweite unter den gegebenen Verhält- 
nissen nur für einen Teil derselben in Betracht kommt. Der 
getreideunterproduzierende Süden und Südwesten Deutschlands 
bedarf zu seiner Brotversorgung der ausländischen und nord- 
deutschen G^treidezufuhr, während — wie die Dinge jetzt liegen 
— der Mehlabsatz in der Hauptsache auf den Süden beschränkt ist. 

Sehen wir von der Wasserstraße des Rheins ab, so sind es 
die deutschen Eisenbahntarife für Getreide und Mehl, die für uns 
in Frage kommen. Bei der großen Wichtigkeit der Tarifgestaltung 
für unsere Mühlenindustrie dürfte es angebracht sein, diese Frage 
eingehender zu untersuchen. ^ 

Wie bei allen verkehrspolitischen Fragen, so kompliziert 
sich auch hier die Sachlage durch den Widerstreit der Interessen, 
die je nach Landesteilen und Berufsgruppen ganz verschieden 
sind. Der Kernpunkt der ganzen Frage liegt in der einfachen 
Tatsache, daß in der Güterklassifikation des jetzigen deutschen 
Gütertarifes Getreide und Mühlenfabrikate in dieselbe Klasse ein- 



I Vgl. Dr. C. Hampke in Conrads »Jahrbüchern für Nationalökonomie und 
Statistik«, 3. Folge, Bd. IV., S. 84 ff. (vom Standpunkt der norddeutschen Mühlen- 
industrie). Die Arbeiten von Holländer und Kustermann geben nur die An- 
sichten der Interessenten wieder, während Mohr die Frage der gleichen Tarif ierung 
nur kurz streift. Jetzt liegt in dem Bericht der 69. Sitzung der ständigen Tarif- 
kommission in Königswinter 1899 sehr reichhaltiges Material über diese Frage vor, 
vgl. die Anlagen des stenographischen Berichtes des preußischen Abgeordnetenhauses 
1900, B. I, S. 109 ff. 



Digitized by 



Google 



Die badisch • rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand, izi 

gereiht sind, d. h. zu demselben Tarifsatz gefahren werden. Dsis 
Eigenztrtige an diesem Tarifzustand ist gleiche Tarifierung des 
geringwertigeren Rohproduktes und des höherwertigen Halb- 
fabrikats, denn der jetzt geltende Reformtarif von 1877 hat zwar 
nicht das Wertprinzip als die ausschließliche Grundlage der for- 
mellen Tsirifbildung angenommen, aber es doch bei Schaffung der 
drei Spezialtarife neben andern mehr nebensächlichen Momenten 
als Kriterium berücksichtigt. Ein feststehender Grundsatz aller- 
dings, daß Rohprodukte, Halbfabrikate und Fertigfabrikate un- 
bedingt einer differentiellen Tarifierung unterliegen, besteht tat- 
sächlich im Eisenbahngütertarif wesen nicht. ^ Derselbe Tarif zustand 
findet sich auch bei Eisen und Stahl, Gerste und Mctlz, unbehauenen 
und bearbeiteten Steinen usw. Die Wirkung der tarifarischen 
Gleichstellung von Rohprodukt und Fabrikat sei an einem Bei- 
spiel klar gemacht: 

Eine Wagenladung Getreide (10 000 kg) kostet 
auf eine Entfernung von 100 km nach dem 

Spezialtarif I 57»oo M. 

Die Produkte, die aus dieser Quantität Ge- 
treide durch Vermahlung erzeugt werden, 
sind 7000 kg Mehl und 2800 kg Kleie. 
Die Fracht für die 7000 kg Mehl, die auch 
nach Spezialtarif I berechnet wird, beträgt 39,90 M. 
und für die 2800 kg Kleie nach Spezialtarif III 9,52 » 49,42 M. 

so daß Mehl und Kleie zusammen um . . 7,58 M. 

oder 13,3% billiger verfrachtet werden als Getreide. Diese Span- 
nung wird noch größer (30*^/0), wenn die Kleie nicht auch ver- 
sandt wird, sondern an Ort und Stelle verwertet werden kann. 
Es erhellt daraus, daß die Versendung von Mehl vorteilhafter ist, 
als die von Getreide, und zwar um so günstiger, auf je weitere 
Entfernung die Transportleistung zu erfolgen hat; bei einer Ent- 
fernung von 250 km beträgt der Frachtunterschied 15^/0, von 
1000 km 16,1 %. Die ökonomische Wirkung besteht also in der 
größeren Absatzfähigkeit des Mehles. 

Wie ist nun diese eigentümliche Tarifkonstruktion zu er- 
klären? Historisch betrachtet, hat in ganz Deutschland die gleiche 
Tarifierung von jeher bestanden; auch der erste badische Eil- 



I Ulrich, Eisenbahntarifwesen, Berlin und Leipzig, 1886, S. 62. 

9* 



Digitized by 



Google 



172 Kapitel II. 

Gütertarif' stellte Getreide und Mühlenfabrikate in die II. Klasse, 
in der die Taxe 4/^ Kreuzer pro 2^ntner und Wegstunde betrug; 
ebenso wird von Norddeutschland gesagt: »Schon in den ältesten 
Tarifen zeigte sich die Eigentümlichkeit, daß fast allgemein die 
Sätze für Getreide und Mehl gleich standen, obwohl dem Aus- 
beuteverhältnis von 70*^/0 ein um etwa die Hälfte höherer Fracht- 
satz entsprochen haben würde.«* Dieselbe Gestaltung des Getreide- 
und Mehltarifsatzes findet man auch in den Grütertarifen fast aller 
kontinentalen Staaten und in Amerika; 3 in Rußland besteht sie 
seit 1893.4 

Diese allgemeine und seit alter 2^it bestehende tatsächliche 
Tarif einheit muß also wohl dieselben Ursachen haben. Die Momente, 
die hier mitgewirkt haben, waren einmal das Streben, die Mehl- 
ausfuhr zu fördern, so in Rußland ^ und Deutschland, und dann 
der Umstand, daß der in jener Zeit noch gaxiz geringe Mehl- 
verkehr per Bahn eine besondere Tarifposition für Mehl nicht 
erheischte, sagt doch die eben erwähnte Festschrift »Berlin und 
seine Eisenbahnen« zur Erklärung der gleichen Tarifierung: »Die 
Eisenbahnen hatten, soweit zu ermitteln, mit der Beförderung von 
Mehl wenig zu tun.« Endlich war noch ein wirtschaftspolitisches 
Moment maßgebend gewesen, die Erhaltung und Entwicklung 
der getreideverarbeitenden Industrie an der Gretreideproduktions- 
stätte. So schreibt Heinsius^: »Die gleichmäßige Tarifierung ist 
aus der Erwägung hervorgegangen, daß durch die infolge der 
Tarifierung ermöglichten Transporte von Getreide und Mühlen- 
fabrikaten die Mühlenindustrie in den getreideproduzierenden Ge- 
genden entwickelt werden würde, während sie sonst an die 
Konsumtionsplätze verwiesen worden wäre. Einerseits ist es von 
wirtschciftlicher Bedeutung, die Mühlenindustrie in den meist in- 
dustriearmen Getreideproduktionsgegenden zu ermöglichen, andrer- 
seits gebietet es das volkswirtschaftliche Interesse, daß die bei der 
Mühlenfabrikation entstehenden Abfälle, die für die Landwirtschaft 



> Vorschriften über die Güterversendung auf der badischen Eisen- 
bahn, 1847. 

« »Berlin und seine Eisenbahnen 1876 — 1896«, 1896, Bd. II, S. 312. 

3 von der Leyen im »Archiv für Eisenbahnwesen«, 1895, S. 1173. 

4 P. Weryho in den »Schriften des Vereins für Sozialpolitik«, Bd. 89, S. 254. 

5 Weryho, a. a. O. S. 257. 

6 Heinsius, Die allgemeinen Tarifvorschriften, 1885, S. 35. 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand, i^^ 

von größtem Werte sind, auch direkt an Ort und Stelle der Pro- 
duktion unter Vermeidung unwirtschaftlicher Transportkosten ver- 
wertet werden können.« Dieselben Motive haben auch in Ruß- 
land die Umänderung des Mehltarifes veranlaßt* 

Es erhebt sich nun die Frage, ob diese Gründe, die vor 
30 und mehr Jahren bei der Feststellung der Getreide- und 
Mehltarife ausschlaggebend gewesen sind, auch in der Gegen- 
wart noch zureichend sind, um diesen eigentümlichen Tarifzustand 
zu rechtfertigen. 

Was nun zunächst den ersten Punkt, die Hebung der Mehl- 
ausfuhr angeht, so kann dieser Umstand an und für sich auch 
heute die gleiche Tarif ierung von Mehl und Getreide, die als 
Export- bezw. Versandprämie auf Mehl wirkt, gutheißen, da da- 
durch die heimische Mühlenindustrie gefördert wird. So hat 
Rußland 1893 diese Tarifkonstruktion eingeführt, um der Export- 
müllerei die ausländischen Märkte zu erobern.* Dieselben Gründe 
waren in Österreich -Ungarn, Amerika entscheidend. Allein für 
Deutschland dürfen wir diesen Vorteil der gleichen Tarifierung 
nicht überschätzen, denn der überwiegende Teil der deutschen 
Mehlausfuhr vollzieht sich nicht per Bahn, sondern direkt von 
den großen Mühlenbetrieben in Hamburg, Hameln, Stettin, Königs- 
berg, Mannheim, Ludwigishafen und Duisburg per Schiff. 

Dagegen haben sich bei dem zweiten Punkt die Verhältnisse 
ganz umgestaltet; aus den kleinen Kundenmühlen und mittleren 
Handelsmühlen hat sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine 
Mühlen großindustrie entwickelt, die einen ausgedehnten Absatz- 
markt aufsuchen muß; das Mehl ist ein Massenartikel geworden. 
Wie sehr binnen weniger Jahre der Mehlverkehr auf der Eisen- 
bahn gestiegen ist, mögen folgende Ziffern veranschaulichen. Der 
innere Mehlverkehr betrug in 

Baden der Pfalz 

1884 14 167 t 1884 8081 t 

1886 16425 » 1886 8419 » 

1889 22880 » 1890 12 081 » 



1 P. Weryho, a. a. O. S. 256. 

2 Allerdings haben diese Bestimmui^n nicht zu dem gewünsditen Erfolg ge- 
fiUirt; die Ursachen liegen aber nach Weryho in der schlechten Technik und der kost- 
spieligen Produktion der russischen Mühlenindustrie; a. a. O. S. 257, 258. 



Digitized by 



Google 



^34 Kapitel II. 

Baden der Pfalz 

1893 28205 t 1893 17732 t 

1895 39267 » 1899 24272 » 

1900 42232 » 1901 30342 » 

1903 51 163 » 1903 24707 » 

Es hat also in diesem Zeitraum von ca. 20 Jahren in beiden 
Gebieten eine ganz erhebliche Steigerung stattgefunden. 

Die Gründe, die an dritter Stelle aufgeführt worden sind, 
scheinen auf den ersten Blick ganz einleuchtend zu sein, allein 
sie müssen bei näherer Betrachtung vom volkswirtschaftlichen 
Standpunkte aus abgelehnt werden. Der allgemeine Gedanke, 
der jener oben angeführten Stelle von Heinsius zugrunde liegt, 
ist der:^ bei natürlichem Verlauf der Dinge entwickelt sich die 
Industrie regelmäßig da, wo die von ihr verarbeiteten Rohstoffe 
und Rohprodukte gewonnen werden. Die Belastung der Fabrikate 
mit einem höheren, als dem für Rohstoffe bewilligten Frachtsatze 
erleichtert relativ die Abfuhr der letzteren von ihrem Fundort, 
erschwert relativ den Bezug der Fabrikate aus demselben Ge- 
winnungsorte. Wenn diese Begründung in weitem Umfang auch 
richtig ist, so hat doch heute jede Produktion die Tendenz, sich 
nicht nur den »natürlichen« Standort, sondern vor allem den wirt- 
schaftlich rationellsten Standort auszusuchen. Das war aber erst dank 
der Transportmittelvervollkommnung möglich. Gerade darin ruht 
die große volkswirtschaftliche Bedeutung der Verbesserung des 
Verkehrswesens, daß sie »die Industrie aus der Gebundenheit an 
die Fundorte und Erzeugungsstätten der Rohmaterialien befreit 
hat, daß sie eine Schranke, welche die Natur dem Menschen ge- 
zogen, durch die Macht des menschlichen Geistes überwunden, 
der allgemeinen Teilnahme an der Erhaltung der industriellen 
Produktion den Weg geöffnet hat«. 2 Eine solche territoriale 
Arbeitsteilung wird zur ökonomischen Notwendigkeit, wenn die 
Rohstoffe im Inland nicht in genügender Quantität und Qualität 
vorhanden sind, sondern vom Ausland bezogen werden müssen. 



1 Vgl. d*AvJs in der »Zeitung des Vereins deutscher Eisenbahn Verwaltungen«, 
1870, S. 458. 

2 Vgl. E. Sax in der »Vierteljahresschrift für Volkswirtschaft«, 1874, S. 21; 
Lehr, Eisenbahntarifwesen, S. 262; K. Knies, Die Eisenbahnen und ihre Wir- 
kiuigen, 1853, S. 95. 



Digitized by 



Google 



Die badisch - rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand, x ^ ^ 

wenn das Inland nicht auf die weiter verarbeitende Industrie, 
die sonst nach der Rohstoffproduktionsstätte verlegt werden 
würde, ganz verzichten will. 

Wenden wir diese allgemeinen Sätze auf die deutsche und 
besonders badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie an, so ergibt 
sich sofort ein Gegensatz der Interessen. 

Die Mühlenbetriebe, die in einer Getreide produzierenden 
Gegend ihren Standort haben, also in der Hauptsache ihr Roh- 
material unmittelbar vom Produzenten erhalten und ihr Mehl auf 
größere Entfernungen versenden, halten den jetzigen Tarifzustand 
für wünschenswert und notwendig, dazu gesellen sich die Mühlen, 
die auf dem billigen Wasserweg vor allem ausländische Brot- 
frucht beziehen, um dann per Bahn das daraus gewonnene Pro- 
dukt dem Verbrauch zuzuführen. Auf der andern Seite stehen 
die Handelsmühlen, die ihr Getreide aus einem entfernten Pro- 
duktionsgebiete erhalten und den Mehlbedarf der näheren Um- 
gebung befriedigen. Sie bekämpfen die gleiche Tarifierung von 
Mehl und Getreide, weil sie gezwungen sind, das Getreide auf 
demselben Wege per Bahn zu beziehen, auf dem die Mühlen mit 
günstigem Standort billiger ihr Mehl versenden. Die Scheide- 
linie der verschiedenen Interessengebiete läuft in Deutschland 
mitten durch Thüringen und das Königreich Sachsen. Unterbaden 
und die Pfalz, wo die Großmühlen ihr Getreide zu Wasser be- 
ziehen, wollen die Beibehaltung der jetzt geltenden Tarifierung, 
um das Fabrikat nach Oberbaden, der Schweiz und Elsaß ab- 
setzen zu können, während Ober- und Mittelbaden mit seinen 
kleinen und mittleren Handelsmühlen sich durch die billige Mehl- 
zufuhr erdrückt fühlen und darum für eine Tarifänderung ein- 
treten. Wir haben also schon in Baden einen Widerstreit der 
Interessen zwischen den Großmühlen am Rhein und Neckar und 
den übrigen kleinen und mittleren Handelsmühlen des Landes. 
Dieser Gegensatz beruht nun darauf, daß die unmittelbar an der 
Wasserstraße gelegenen Großmühlen, die ihre Rohstoffe auf dem 
billigen Weisserwege beziehen, dieselbe Stellung einnehmen, wie 
die Mühlen in getreideüberproduzierenden Gegenden; sie genießen 
denselben eisenbahntarifarischen Vorteil, den man der Mühlen- 
industrie im Interesse der heimischen Landwirtschaft eingeräumt 
hat, nämlich die Begünstigung des Mehlversandes gegenüber 
dem Getreideversand. Die Handelsmühlen in Mittel- und Ober- 



Digitized by 



Google 



136 Kapitel II. 

baden, in Württemberg und Bayern sind nun darauf angewiesen, 
ihren notwendigen Bedarf an ausländischer Provenienz durch die 
Vermittlung des Mannheimer Getreidehändlers zu decken. Sie 
erhalten also ihr Rohmaterial auf demselben Wege per Bahn, 
auf dem die Mühlen in Mannheim -Ludwigshafen und Umgebung 
ihr Fabrikat absetzen. Da nun aber infolge der gleichen Tarifie- 
rung das Mehl wegen seines Ausbeuteverhältnisses um ca. 13,3*^/0 
eventuell sogar 30% billiger gefahren wird, als das Getreide, da« 
der oberbadische oder bayrische Müller von Mannheim aus er- 
hält, so ist ihm der Müller, der hier seinen Standort hat, be- 
deutend überlegen. Zwei Beispiele mögen das Gesagte veran- 
schaulichen. 

Ein Waggon Getreide von Mannheim auf eine Entfernung 
von 100 km (etwa Bühl) kostet nach dem Satz des Spezialtarifes I 
57 M. Aus diesem Waggon Getreide vermahlt der Handelsmülla* 
in Bühl ca. 72 % Mehl und 26*^/0 Kleie. Die Großmühle in Mann- 
heim verfrachtet 

72% Mehl nach Spezialtarif I zu 41,04 M. 
26% Kleie » » III » 8,84 » 



49.88 M. 



Es ergibt sich eilso eine Differenz zugunsten der Mannheimer 
Mühle um 7,12 M. Sie vermag demnach um diesen Betrag das 
Mehl billiger nach Bühl zu liefern, als der Bühter Müller es ab- 
setzen kann. 

Von Mannheim beträgt die Fracht für 100 kg Getreide nach 
München 1,80 M. Dagegen kostet das aus dem gleichen Quan- 
tum Getreide hergestellte Mehl mit einem Ausbeuteverhältnis von 
60%^ 40*^/0 weniger, nämlich 1,08 M. Hiemach berechnet sich 
für die rheinische Mühlenindustrie aus der gleichen Tarifierung 
von Getreide und Mehl für die Bahnstrecke Mannheim-München 
ein Vorteil von 1,80 M. — 1,08 M. = 0,72 M. pro Doppelzentner 
Getreide oder 1,20 M. pro Doppelzentner Mehl. Die rheinische 
Konkurrenz kann also um diesen Betrag ihr Mehl billiger nach 
Bayern absetzen, als es dem bayrischen Müller möglich ist, denn 
ein Unterbieten des Mehlpreises um 1,20 M. pro Doppelzentner 



I Weizen und Roggen ineinandergerechnet (60 0/0 weiße , 1 2 0/0 dunkle Mehle 
und 25 0/0 Kleie). 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. 137 

erschwert naturgemäß den Wettbewerb der bayrischen Müllerei 
ganz erheblich. 

Wir sehen also, daß die Mannheim-Ludwigshafener Mühlen- 
industrie in der Frage der Absatzgestaltung infolge ihres Stand- 
ortes am Rhein und der gleichen Tarifierung den kleinen und 
mittleren Handelsmühlen in ganz Südwestdeutschland überlegen 
ist Deshalb wenden sich diese auch schon seit langem^ gegen 
diesen Tarifzustand. 

Eine Änderung kann nun nach zwei Richtungen herbei- 
geführt werden: entweder durch Versetzung des Mehles in die 
allgemeine Wagenladungsklasse B, d. h. Erhöhung der Mehlfracht, 
unter Belassung des Getreides in Spezialtarif I oder durch Ver- 
setzung des Getreides in den Spezialtarif II oder III, d. h. Er- 
niedrigung der Getreidefracht, unter Belassung des Mehles im 
Spezialtcirif I. 

Wenn bisher die Bestrebungen der Müller erfolglos geblieben 
sind und wohl auch bleiben werden, so hat das seinen Grund 
darin, daß diese Tarif frage nicht allein das Mühlengewerbe, son- 
dern noch andere Interessensphären berührt, und schließlich ist 
die deutsche Mühlenindustrie über die Durchführung der Tarif- 
reform selbst nicht einig. 

Einer Erhöhung des Mehlfrachtsatzes treten die Müller des 
Ostens und Nordens Deutschlands, sowie die badisch-rheinpfäl- 



' Zur Geschichte dieser Tariffrage vgl. Anlage A des Sitzungsprotokolls der 
ständigen Tarifkommission zu Königswinter 1899; der badische und pfälzische Zweig- 
verband des »Verbands deutscher Müller« hat sich 1891 für Belassung des Mehles in 
Spezialtarif I unter Versetzung des Getreides in den Spezialtarif III oder doch min- 
destens II ausgesprochen. Am 30. März 1896 richtete der »Verband badischer Klein- 
mülier« eine Petition an den Landtag, daß die Mehltarife 30 0/0 höher als die Getreide- 
tarife oder diese 30 0/0 niedriger als jene angesetzt werden sollten (vgl. Beilage Nr. 217 
^um Protokoll der 20. Sitzung der I. Kammer); auf Antrag der Petitionskommissionen 
wurde die Petition von beiden Kammern der Regierung zur Kenntnisnahme tiber- 
wiesen. Dem Landtag 1899/ 1900 lag wieder eine Petition der Betriebsunternehmer 
badischer Handelsmühlen (badischer Zweigverband des »Verbandes deutscher Müller«) 
um Höhertarifierung des Mehles vor (Beilage Nr. 61 zum Protokoll der 89. öffent- 
lichen Sitzung der II. Kammer); auch diese Petition wurde von beiden Kammern zur 
Kenntnisnahme überwiesen. Eine Petition der badischen Binnenlandmülier (badischer 
Zweigverband) an den Landtag 1903/ 1904, in der die Versetzung des Getreides 
in den Spezialtarif III verlangt wurde, hatte denselben Erfolg (Beilagen Nr. 53 bzw. 
115 zu dem Protokoll der 80. Sitzung der II. bzw. 7. Sitzung der I. Kammer, steno- 
/graphischer Bericht der Verhandlungen der II. Kammer S. 2822 bis 2836). 



Digitized by 



Google 



138 Kapitel IL 

zischen Großmühlen entgegen, weil durch die Frachtverteuerung 
ihr Absatzgebiet eingeschränkt würde. Die Betrachtung der Ab- 
satzverhältnisse unserer Gfroßmühlen hat gezeigt, daß sie sich in 
Deutschland einen immer größeren Markt erobert haben, gingen 
doch 1899 6^% ihrer Produktion über die badische Grenze. 
Gerade bei ihrem Absatz nach Bayern, Württemberg und der 
Rheinprovinz würde die Mehlfrachterhöhung eine Mehrbelastung 
herbeiführen. Die Versetzung des Mehles in die Wagenladungs- 
klasse B bringt eine Mehrfracht 

bei einer Entfernung von 100 km von 15 Pf. j pro 
» » » » 200 » » 30 » > Doppel- 

» » » » 300 » » 45 » J Zentner. 

Darnach würde eine Mühle, die 300000 dz Mehl auf eine Ent- 
fernung von 100 km lieferte, eine Mehrbelastung von 45000 M. 
erfahren. Es wird sich nun fragen, ob der Müller, diesen Be- 
trag abwälzen kann oder nicht, und damit stehen wir auch vor 
der Frage, ob die Tariferhöhung eine Brotpreissteigerung zur 
Folge haben wird, wie es die Bäcker und Konsumenten be- 
fürchten. Pro Kilogramm Mehl würden die Mehrkosten ca. Yö 
bis Ys Pf- ausmachen. Diese Erhöhung ist aber so gering, daß 
sie im Brotpreis nicht zum Ausdruck kommen wird, denn infolge 
der Reibungen des Verkehrs und gegenüber den sonstigen Un- 
kosten bleibt sie in den Zwischenhänden hängen, so daß sie bis 
zu dem Konsumenten, der in der Regel doch in kleinen Quanti- 
täten einkauft, nicht nachweisbar ist. Aber auch die freie Kon- 
kurrenz unter unseren Großmühlen wird eine erhebliche Preis- 
steigerung des Mehles nicht zulassen. Die Wirkung der Mehl-. 
frachterhöhung würde also zweifellos eine Einschränkung des 
Absatzes auf größere Entfernungen sein. Aus diesem Grunde sind 
auch die badisch-pfälzischen kleinen und mittleren Handelsmüller 
für die Versetzung des Mehles in die allgemeine Wagenladungs- 
klasse B, weil dadurch der Verkaufsbereich der Großmühlen ein- 
geengt würde. Es ist aber keine Frage, daß auch den mittleren 
Handelsmühlen ein Nachteil aus der Tarifänderung entstehen 
würde, denn sie haben 1899 24^/0 ihrer Erzeugung außer Baden 
abgesetzt. Der badische Landwirtschaftsrat' (wie fast die ganze 



I Verhandlungen des badischen Landwirtschaftsrates 1895 und 1900. 

Digitized by VjOOQ IC 



Die badisch - rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand. 13g 

deutsche Landwirtschaft)^ schloß sich den müllerischen Bestre- 
bungen an, da er hofft, daß durch die Tarif reform die Lebens- 
fähigkeit der kleinen und mittleren Handelsmüller, der Abnehmer 
des heimischen Getreides, erhalten und die Konkurrenzkraft der 
Gtroßmühlen, die die ausländische Provenienz bevorzugen, gemin- 
dert würde. 

Nachdem nun im September 1899 die ständige Tarifkom- 
mission und die Generalkonferenz der deutschen Eisenbahn- 
verwaltungen fast einstimmig die Höhertarifierung des Mehles ab- 
gelehnt haben, 2 sind die Bestrebungen unserer Handelsmüller auf 
eine Detarifierung des Getreides gerichtet, indem sie die Ver- 
setzung des Getreides in den Spezialtarif III fordern. Ihnen 
schließen sich die bayrischen und württembergischen 3 Müller wie 
bisher an, während die Mühlenindustrie im Osten und Norden 
Deutschlands befürchtet, deiß ihr durch die Detarifierung das Ge- 
treide nach denselben Gegenden entzogen würde, wohin sie jetzt 
das Mehl liefern. Die Wirkung dieser Tarifänderung wäre für 
10 000 kg Getreide 







auf eine Entfernung von 




50 km 


100 km 


500 km 


1000 km 




M. 


M. 


M. 


M. 


nach Spezialtarif I . . . 


35 


57 


237 


462 


» ^ III .. . 


25 


34 


122 


232 


eine Frachtermäßigung von 


10 


23 


"5 


230 




(28%) 


(40%) 


(48%) 


(50 Vo) 



Gegen die Herabsetzung der Getreidefracht ist die ganze 
südwestdeutsche Landwirtschaft; in Baden stehen auch die Kunden- 
inüller auf ihrer Seite. Die badische Landwirtschaft^ befürchtet, 
daß dadurch die Einfuhr ausländischen Getreides und die Zufuhr 
nord- und ostdeutscher Brotfrucht — wie zur Zeit der Getreide- 



' Gegen die Erhöhung waren 1898 die schlesische, ostpreußische, westfälische, 
thüringische und lothringische Landwirtschaft. 

2 Für den Antrag der bayrischen Generaldirektion auf Höhertarifierung des 
Mehls stimmte nur noch Württemberg; die badische und pfälzische Verwaltung ver- 
hielt sich ablehnend. 

3 Diese verlangen aber mit dem »Verband deutscher Müller« nur die Versetzung 
in den Spezialtarif II. 

4 Vgl. Verhandlungen des badischen Eisenbahnrates. 1897, 
1898, 1900. 



Digitized by 



Google 



l^^O Kapitel II. 

Staffeltarife — befördert würde. Was nun zunächst die aus- 
ländische Provenienz anlangt, so haben wir schon oben darauf 
hingewiesen, dciß die Versorgung des südwestdeutschen Konsum- 
tionsgebietes mit ausländischem Getreide nicht durch die Eisen- 
bahn, sondern auf dem billigeren Wasserweg erfolgt; auch eine 
Detarifierung des Getreides würde für Baden und die Rheinpfalz 
daran nichts ändern, wohl aber für Bayern, denn auf die Ent- 
fernung Mannheim — München würde die Herabsetzung schon von 
Einfluß sein. Wenn dann femer an die Staffeltarife erinnert 
wird, so ergaben die schon erwähnten (S. 35) Untersuchungen 
von Conrad und Hai 1er, daß gerade während der Geltung der 
Staffeltarife durchschnittlich jährlich weniger Weizen aus dem 
nord- und ostdeutschen Produktionsgebiete nach dem südwest- 
deutschen Verbrauchsgebiet (vor allem nach Baden) versandt 
wurde, als in der vorhergehenden und nachfolgenden Periode; 
nur beim Roggen hat die Zufuhr etwas zugenommen,^ und über- 
haupt haben sich die Wirkungen der Staffeltarife nicht so sehr 
auf weite, als besonders auf mittlere Entfernungen gezeigt. Bayern 
hatte allerdings mehr unter den Staffeltarifen zu leiden, denn es 
liegt für die Zufahrtsstraßen von Norddeutschland viel günstiger 
als Baden. Die Befürchtungen unserer Landwirte sind also nicht 
begründet. 

Welche Lösung dieser schwierigen Tariffrage nun auch 
theoretisch richtig sein mag — die Detarifierung des Getreides 
wäre aber deshalb vorzuziehen, weil sie im Gegensatz zur Mehl- 
frachterhöhung der Tendenz der Verbilligung der Verkehrsmittel 
entspricht — , ihre praktische Durchführung begegnet nach der 
einen wie der andern Richtung den größten Schwierigkeiten, 
denn ein Ausgleich der Interessen scheint unmöglich und eine 
Reform kann nur von allen deutschen Eisenbahnverwaltungen 
zugleich ausgehen. 

Welche Wirkung würde aber die angestrebte Tcirifänderung 
auf die Lage unserer Mühlenindustrie ausüben? 

Die Aufhebung der gleichen Tarifierung von Gretreide und 
Mehl würde den von ihr begünstigten Ghroßmühlen in Mannheim- 



I Weizen 


Roggen 


1885 bis 1890 4510 


949 Waggons 


1891 » 1894 i^^9 


1455 


1895 » 1899 3080 


744 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzischc Müblenindustrie nach ihrem heutigen Stand, j ^ i 

Ludwigshafen und Umgebung zunächst von Nachteil sein, während 
die mittleren und kleinen Handelsmühlen fern von Mannheim in 
Baden, Württemberg und Bayern, die am schlimmsten in dem mit 
so ungleichen Waffen gekämpften Konkurrenzkampfe geschädigt 
werden, eine Erleichterung im Wettbewerbe erfahren würden. 

Die Frage ist aber die, ob die großbetrieblich organisierten 
Mühlenuntemehmungen, denen durch die Änderung des jetzt gel- 
tenden Tarifzustandes zum Teil die Absatz- und Versendungs- 
möglichkeit ihrer Fabrikate eingeschränkt würde, nun auch wirk- 
lich ihre Produktion vermindern werden. Ich glaube es nicht, 
wollen die Großmühlen nicht ihre Existenzbedingungen selbst 
untergraben, denn im Wesen des Großbetriebs liegt die Massen- 
produktion als ein wesentliches Merkmal seiner Organisation be- 
gründet; gerade unter schlechten Bedingungen muß er mehr 
produzieren, um durch das Wachstum der Produktivität seine 
Produktionkosten zu verringern. Die Reform des Mehl- und Ge- 
treidetarifes würde also den Konkurrenzkampf zwischen dem 
Groß-, Klein- und Mittelbetrieb nicht beseitigen, sondern im Gegen- 
teil verschärfen. Allerdings die einzelnen Gebiete würden ungleich 
davon getroffen werden. Da die Versendungsmöglichkeit be- 
sonders auf weite Strecken eine Einbuße erleiden würde (z. B. 
nach Bayern), so würde gerade die badische mittlere und kleine 
Handelsmüllerei in einen weit heftigeren Konkurrenzkampf hinein- 
gezogen werden, als er bis dahin gewesen war. Es kommt noch 
ein anderes Moment hinzu, das die Wirkungen der Beseitigung 
der Tarifgleichheit auf die badische Mühlenindustrie bis zu einem 
gewissen Grrade illusorisch machen könnte: die Großmühlen werden 
dann in noch weiterem Umfang als bisher ihr Mehl auf dem 
billigen Wasserweg nach Kehl senden, dort lagern oder von da 
sofort in alle Richtungen per Bahn versenden, beträgt doch die 
Wasserfracht nach Kehl pro Doppelzentner nur 30 Pf. gegenüber 
der Bahnfracht von 71 Pf. 

So wird denn diese Tarifbildung auch fernerhin bestehen 
und darum werden auch der GroßmüUerei die Vorteile in der 
Absatzgestaltung gesichert bleiben, die ihr bisher den Wettbe- 
werb mit den übrigen Handelsmühlen so sehr erleichtert und ihr 
einen großen Markt zu erobern geholfen haben. 

b. Die Organisation des Mehlabsatzes. Schon seit 
dem Beginn der achtziger Jahre, als die Umwälzungen in der 



Digitized by 



Google 



1^2 Kapitel II. 

Mühlentechnik die Entstehung von Handelsmühlen hervorriefen, 
trat auch im badisch -rheinpfälzischen Mühlengewerbe die Folge 
der spekulativ -kapitalistischen Produktionsweise auf: die Über- 
produktion. Es war die Zeit, als eben diese vielen kleinen und 
mittleren Handelsmühlen in heftigem Konkurrenzkampf mitein- 
ander lagen, um sich gegenseitig d«is Absatzgebiet abzuringen. 

Dieser Wettbewerb führte auch hier zum Gebrauch unwirt- 
schaftlicher und unreeller Mittel. Eine der Aufgaben, die sich 
der am i6. November 1871 gegründete badische Zweigverband 
des »Verbands Deutscher Müller« gesetzt hat,^ war, allgemein 
dahin zu streben, daß die Ziele nicht über 2 Monate ausgedehnt 
werden, bei einer späteren Zahlung aber 6 ^/o Zinsen zu berechnen. 
Diese Bestimmung war nun vollkommen in Vergessenheit ge- 
raten. In der Regel wurden Greschäfte auf 4- bis 6 -Monatsakzepte 
geschlossen. Da der Müller während dieser Zeit das Risiko zu 
tragen hat, so wurde mit großen Verlusten gearbeitet, was noch 
dadurch vermehrt wurde, daß die Besitzer der kleinen Handels- 
mühlen vielleicht zwar technische, aber keinerlei kaufmännische 
Kenntnisse besaßen. Von einer soliden Geschäftsführung war 
man weit entfernt, schreibt doch ein Müller aus Freiburg, daß 
»viele Mühlengeschäfte jcihrelang nur durch Gefälligkeitsakzepte 
aufrecht erhalten werden«. ^ Man klagte allgemein über ein 
schädigendes Pfuschertum, über Schleuderverkäufe, über »die zu 
immer größeren Ansprüchen gelangende Kundschaft«. 

Um diesen Mißständen wirksam entgegenzutreten, wurde 
am 16. Dezember 1888 ein »Verband oberbadischer Müller« 
gegründet, der sich »die Anpassung der widersinnigen Erzeugung 
an den Verbrauch« als Ziel steckte; er will die Auflagerung 
und schließliche Verschleuderung der weißen Sorten und die Ein- 
fuhr fremder, besonders norddeutscher Mehle verhindern. Die 
Vereinigung war zugleich als ein Preiskartell gedacht: ein Aus- 
schuß sollte von Monat zu Monat Mindestpreise für die einzelnen 
Konsumgebiete und Konsumtionsansprüche feststellen; den Mangel 
der Fungibilität des Fabrikats suchte man künstlich dadurch zu 
erreichen, daß man den Mitgliedern einschärfte, möglichst gleich- 
mäßig zu produzieren. Auf Umgehung der Bestimmungen durch 



1 Die Mühle, 1871, S. 195. 

2 Handelskammerbericht Freiburg 1885. 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand, ia^ 

Gewährung von Abzügen und Änderung der Nummern waren 
strenge Strafen gesetzt. Mehrere Jcihre nachher hören wir, daß 
der Verband die auf ihn gesetzten Hoffnungen nur teilweise er- 
füllt habe, »was mit der Kleinheit des Grebietes zusammenhänge«.'^ 
In den letzten Jahren hat der Verband, wie mir sein früherer 
Vorstand schrieb, »seinen Zusammenhalt verloren«. Wir haben 
schon bei den Lohnmüllerverbänden die Gründe angeführt, die 
einer Kartellierung in der deutschen Mühlenindustrie entgegen- 
stehen; das gilt nicht nur für die Kundenmühlen, sondern ganz 
besonders für die Handelsmühlen. Hier kommt zu der Dezentrali- 
sation, Verschiedenheit der Leistungsfähigkeit und der Produktions- 
bedingungen der einzelnen Betriebe noch die Auslandskonkurrenz, 
die durch den Mehlzoll nicht abgehalten wird. ^ 

Da die Ursache, die Schwierigkeit des Absatzes der Mühlen- 
fabrikate, nicht beseitigt werden konnte, so erhielten sich auch 
die geschilderten Mißstände bei den kleinen und mittleren Handels- 
mühlen bis in die Gegenwart herein, und die im Anfang der 
neunziger Jahre neu einsetzende Konkurrenz mit den entstehenden 
Großbetrieben trug auch viel dazu bei. Planlose Mehlverkäufe 
auf 4, 6, ja 12 Monate, Lieferungen ohne feste Abnahme- und 
Zahlungstermine, übermäßige Kreditierungen an Bäcker und Mehl- 
händler kommen nicht selten vor. Der Bäcker nimmt auch kleine 
Quantitäten Mehl nicht auf einmal auf den Verkaufstermin ab, 
sondern er bezieht sechs- bis achtmal, so daß die Restlieferung 
vier bis sechs Monate im Verzug ist; sinkt der Mehlpreis während 
dieser Zeit, so kauft der Bäcker zwischen hinein wieder von 
einem anderen Müller, der alte Lieferant hat aber die Lager- 
spesen und den Zinsverlust zu tragen, und eine Steigerung der 
Mehlpreise kann er nicht genügend ausnützen. In Verbindung 
damit entstanden auch in Baden die Vertragsabschlüsse mit der 
sogenannten »Baisseklausel«, d. h. bei den Verkäufen auf lange 
Termine hinaus geht der Müller die Verpflichtung ein, daß, falls 



1 Handelskammerbericht Schopfheim 1891. 

2 Zurzeit ist in der deutschen Mühlenindustrie eine Strömung vorhanden, die 
eine Syndikatsoiganisation durch Bildung von Einkaufs- und Verkaufsgemeinschaften 
anstrebt ; zunächst sollen lokale Organisationen geschaffen werden, um zu entsprechender 
Zeit den Einzelmehlverkäufer in der deutschen Volkswirtschaft zu beseitigen. Da sich 
die badisch -pfälzische Mühlenindustrie diesen Bestrebungen gegenüber ablehnend ver- 
hält, so ist hier nicht der Ort, auf sie näher einzugehen. 



Digitized by 



Google 



144 Kapitel II. 

bei Abruf der Marktpreis unter dem vereinbarten Preise steht, 
ersterer zu gelten hat. Dadurch überwälzt der Bäcker das Risiko 
der Preisschwankungen auf den Müller, der bei mangelnder 
Kapitalkraft große Verluste erleidet. 

Auch bei den Großmühlen haben sich bald diese Miß- 
bräuche eingeschlichen, hatten doch auch sie einen lebhaften 
Konkurrenzkampf untereinander zu kämpfen. Gerade die Baisse- 
klausel und die Verkäufe auf lange Fristen hinaus fanden auch 
bei ihnen Eingang, allein mit der Zeit vollzog sich hier eine 
Wandlung. Zwischen dem Großmüller und dem Konsumenten 
schob sich ein gfroßer, leistungsfähiger Mehlhandel ein, der dem 
Großmüller manches Risiko abnimmt. Fast alle unsere Grroß- 
mühlen verkaufen nur noch an die Mehlhändler, jeder direkte 
Verkehr mit dem Konsumenten ist ausgeschlossen, während die 
kleinen und mittleren Handelsmüller den unmittelbaren Verkehr 
mit den Bäckern bevorzugen. 

Auf der andern Seite aber hat der Grroßbetrieb auch wieder 
den Handel eliminiert, indem er durch Agenten und Reisende 
die Bäcker aufsuchen läßt. Daß sehr oft kleine Kundenmüller 
zu solchen Mehlagenten der Großmühlen werden, haben wir schon 
erwähnt, aber auch kleine und mittlere Handelsmühlen sind ihre 
Kunden. Diese mischen das Mehl der Großbetriebe mit ihrem 
Fabrikat oder sie verkaufen es auch ohne weitere Behandlung. 
Diese Agenten und Provisionsreisenden vö-schärfen sehr den 
Konkurrenzkampf innerhalb der Mühlenindustrie und der Kunden- 
müller sieht in ihnen seinen größten Feind, da sie ihm seine 
Mahlgäste abspenstig zu machen suchen. 

Während sich nun die mittleren und kleineren Handels- 
müller nie zusammenfinden konnten, um diese Mißstände zu be- 
seitigen, haben sich die badischen und pfälzischen Großmühlen 
und einige mittlere Handelsmühlen, zusammen 15, im Jahre 1900 
zur »Vereinigung süddeutscher Handelsmühlen« mit dem 
Sitz in Mannheim zusammengeschlossen. Die Vereinbarungen 
beziehen sich auf Verkaufs- und Zahlungsbedingungen. Die 
Zahlung geschieht nach Wahl des Verkäufers entweder gegen 
Kassa abzüglich i^/o Skonto bei Zahlung innerhalb 10 Tagen 
oder gegen 2 -Monatsakzept oder gegen 3 -Monatsbankrimesse. 
Futterartikel werden Netto -Kassa gegen Empfang der Ware ge- 
handelt. Ist der Abnehmer mit der Regulierung im Rückstand, 



Digitized by 



Google 



Die badisch -rheinpfälzische Mühlenindustrie nach ihrem heutigen Stand, ja^ 

SO hat die Mühle dcis Recht der Zxirückhaltung weiterer Liefe- 
rungen. Die Abnahme hat monatlich in gleichen Raten zu er- 
folgen. Die Lieferfrist beträgt ausschließlich des Abschlußmonats 
längstens 4 Monate. Die von der Mühle gelieferten Säcke werden 
zu einem Preis von 35 Pf. pro Stück zurückgenommen. Erfüllungs- 
hindemisse sind u. a. Ausfuhrverbot der Getreideausfuhrländer, 
Streiks und Aussperrungen. Für Streitigkeiten aus Verträgen, 
die nach diesen Bestimmungen abgeschlossen wurden, ist ein be- 
sonderes Schiedsgericht zuständig. 

Während bis jetzt alle Versuche solcher gemeinschaftlicher 
Verabredungen in Deutschland gescheitert sind, hat sich die »Ver- 
einigung süddeutscher Handelsmühlen« sehr gut bewährt, da ihre 
Mitglieder nur mit dem Mehlhändler verkehren und nicht un- 
mittelbar an den Bäcker absetzen. 

So hat sich denn auch hier wieder der Grroßbetrieb die 
Vorteile einer rationellen Absatzgestaltung anzueignen vermocht, 
indem er einerseits durch ein weitverzweigtes Netz ortsbe- 
kannter Agenten den Handel ausgeschaltet hat, andrerseits aber 
die Funktionen des Händlers, die die kleinen und auch mittleren 
Handelsmüller durch das Aufsuchen der oft zahlungsunfähigen 
Kunden selbst mitbesorgen müssen, an einen leistungs- und 
zahlungsfähigen Mehlhandel abgetreten und durch Zusammen- 
schluß eine solide Organisation des Mehlabsatzes herbeigeführt hat. 



Fromm, Das Mühlengewerbe in Baden und in der Rheinpfalz. 



Digitized by 



Google 



Schluß. 
Ergebnisse. 

Der Entwicklung des Mühlengewerbes in Baden und in der 
Rheinpfalz ist die vorhergehende Darstellung gewidmet. Fassen 
wir mit wenigen Worten unsere bisherigen Ausführungen zu- 
sammen. 

Die Kundenmüllerei, die Jahrhunderte lang die herrschende 
Betriebsform in der Müllerei gewesen war, ist seit den sechziger 
Jahren des 19. Jahrhunderts in einer langsamen Auflösung be- 
griffen. Die verkehrswirtschaftliche Organisation der Volkswirt- 
schaft hat eine neue ihren Verhältnissen adäquate Betriebsform 
geschaffen, die Handelsmüllerei, die auf kapitalistisch-spekulativer 
Grrundlage aufgebaut ist. Die Handelsmüllerei engte das Erwerbs- 
gebiet der kleinen Lohnmühlen immer mehr ein. Wie dieser Auf- 
saugungsprozeß vor sich gegangen ist, hat in treffenderen Worten, 
als ich es vermöchte, Woerishoffer im Jahresbericht der Fa- 
brikinspektion für 1891 geschildert: 

»Je nach den örtUchen Bedingungen sind die Kräfte des 
Widerstandes gegen die einbrechende Vernichtung bei den Kun- 
denmühlen verschieden, es befindet sich daher in den verschie- 
denen Landesteilen dieser Aufsaugungsprozeß in verschiedenen 
Stadien, so daß hier an den gleichzeitig vorhandenen Zuständen 
die ganze Entwicklung des wirtschaftlichen Kampfes ums Dasein 
für dieses spezielle Gebiet dargestellt werden könnte. Wo der 
Kampf schon längere Zeit beendet ist, sind auch häufig schon 
die Ruinen der Schlachtfelder beseitigt, und die an die Stelle der 
untergegangenen Betriebe getretenen technisch vollkommeneren 
Anlagen und die neuen Industriezweige, welche sich der frei ge- 
wordenen Wasserkräfte bemächtigt haben, verwischen durch ihre 



Digitized by 



Google 



Ergebnisse. ia*7 

offenbaren guten Wirkungen fast die Erinnerungen an die Leiden, 
welche ein zäher Kampf, dessen Ausgang unzweifelhaft war,* für 
die Unterliegenden bringen mußte. Wo die kleinen Mühlen noch 
nicht völlig unterlegen sind, da sieht man noch den ganzen 
Verzweiflungskampf mit allen seinen nach der Verschiedenheit 
der menschlichen Natur individuell gefärbten Schattierungen. So 
werden in vielen Tälern des Odenwalds Mühlen angetroffen, die 
ihren Betrieb ganz oder zeitweise eingestellt haben. Es fehlen 
die Bedingungen oder ihre Besitzer konnten den energischen Ent- 
schluß nicht fassen, um zu neuen Betriebsformen oder zu einer 
anderen Industrie überzugehen. Man lebt von dem Ertrage der 
kleinen Landwirtschaft, man tut gar nichts mehr für die Unter- 
haltung des Werkes, dessen ganze Beschaffenheit in einen immer 
jämmerlicheren Zustand kommt, man schränkt sich mehr und 
mehr ein, steigt von der eingehaltenen relativ höheren sozialen 
Stufe immer tiefer und tiefer herunter, und das Ende ist der voll- 
ständige wirtschaftliche Untergang durch moralische Entkräftung. 
Es ist der Kampf ums Dasein auf dem sozialen Gebiete in seiner 
häufigsten Erscheinungsform. Es gibt aber auch Besitzer, welche 
es vorziehen, den Kampf auf offenem Felde aufzunehmen, anstatt 
sich in ihrer kleinen wenig beachteten Festung aushungern zu 
lassen. Aber auch hier muß der Kampf, wenn auch ruhmvoller, 
wegen der ungenügenden Streitkräfte und der Unkenntnis der 
feindlichen Stellung, oder weil die Entschließungen nicht recht- 
zeitig gefaßt wurden, schließlich doch verloren gehen. Es gibt 
unternehmende Besitzer kleiner Mühlen, welche ihrer Leistungs- 
fähigkeit auf verschiedene Art aufzuhelfen suchen. Nicht allzu 
selten wird die Kundenmühle auf Spekulation in eine Kunstmühle 
umgebaut. Solche in geringem Umfange ausgeführte, komplizierte 
und kostspielige Einrichtungen lassen aber dann meist wegen 
ihrer relativ zu geringen Leistungsfähigkeit und wegen der schon 
zu weit vorgeschrittenen wirtschaftlichen Schwächung der Eigen- 
tümer keine genügende Rente der Kosten übrig und die Unter- 
nehmer werden vergantet. Eine solche Mühle hatte im Verlaufe 
weniger Jahre den dritten Besitzer, der mit seiner Frau allein die 
ganze Arbeit besorgte. Ein anderer Müller hat mit seiner Wasser- 
kraft die elektrische Beleuchtung eines benachbarten Städtchens 
übernommen und betreibt die Müllerei nur noch nebenbei. Es 
ist dies ein Beispiel dafür, wie bei den durch die fortschreitende 



Digitized by 



Google 



148 



Schluß. 



Entwicklung für ganze Berufszweige eintretenden Katastrophen 
immer einzelne durch günstige Umstände, und richtige und 
rechtzeitige Einsicht begünstigt, dem allgemeinen Untergange ent- 
gehen.« 

Da, wo die Existenzbedingungen für die Kundenmüllerei 
gegeben sind, wo sie vor der Konkurrenz der Handelsmühlen 
geschützt ist, hat sie ihre volkswirtschaftliche Funktion bewahrt. 
Die Sphäre, die dem Kleinbetrieb in der Müllerei auch in der 
Zukunft gesichert ist, ist das agrarische Nebengewerbe in Ge* 
genden mit Eigenproduktion, in den Gebieten des kleinbäuerlichen 
zersplitterten Besitzes mit geringer Brotfruchterzeugung. Aber 
da, wo diese Voraussetzungen fehlen, wird sie einem sicheren 
Untergange entgegengehen. Hier können sie auch wohlgemeinte 
Reformen gegen das siegreiche Andrängen der Großindustrie 
nicht schützen. Wir haben gesehen, daß auch der Geldmahllohn, 
dieser rationelle Ausdruck kapitalistischen Geistes, nie durch- 
dringen wird, da er zu dem natural wirtschaftlichen Charakter 
der Lohnmüllerei nicht paßt. Auch die Verwertung der fort- 
geschrittenen Technik der Müllerei wird sich bei ihr nicht ren- 
tabel machen, da sie die kostspieligen Maschinen und Apparate 
nicht auszunutzen vermag. Der Niedergang der Lohnmüllerei ist 
nicht vor allem deshalb zur Notwendigkeit geworden, weil sie 
eine technisch zurückgebliebene Betriebsform ist, sondern weil sie 
den veränderten ökonomischen Verhältnissen nicht mehr entsprach; 
daß allerdings die technische Rückständigkeit so vieler Kunden- 
mühlen das Tempo der Entwicklung beschleunigt hat, ist wahr. 
Die Macht des Herkommens und das Festhalten am Hergebrachten 
in bäuerlichen Kreisen wird auch den handwerksmäßigen Müller 
noch längere Zeit das Leben fristen lassen. Gewiß wird der Über- 
gang in die neue Zeit mit zahlreichen und heftigen Schmerzen 
verbunden sein, aber er ist unvermeidlich. Was sind die Wir- 
kungen unserer zahlreichen Müllerz wergbetriebe, deren Selbstän- 
digkeit man so gerne rühmt? Hunderte, die trotz emsiger Arbeit 
und Anspruchslosigkeit kaum den nötigen Lebensunterhalt er- 
wirtschaften. Es mag sich das Gefühl dagegen sträuben, zu sehen, 
wie Mühlen, die vielleicht Jahrhunderte im Besitz einer und der- 
selben Familie gewesen sind, nun in kurzer Zeit zugrunde gehen; 
aber die wirtschaftliche Entwicklung wird sich mit Notwendigkeit 
durchsetzen. Durch Zugeständnisse an Irrtum und Unkenntnis 



Digitized by 



Google 



Ergebnisse. iaQ 

wird der unvermeidlich gewordene ökonomische Werdegang nur 
künstlich aufgehalten und durch Täuschung der Hoffnungen wer- 
den die Qualen des Untergangs nur verzögert. 

Wie die in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhun- 
derts entstehende Handelsmüllerei den Kundenmühlen einen hef- 
tigen Konkurrenzkampf bereitet hat, so leidet sie heute unter dem 
Drucke der seit etwa einem Dezennium aufkommenden Grroßindu- 
strie in Mannheim-Ludwigshafen und Umgebung. Die Ursachen, 
die auf andern Gebieten und andern Orten den fabrikmäßigen 
Grroßbetrieb ins Leben gerufen haben, sind auch hier wirksam 
gewesen. Das aber, was dem Grroßbetrieb gerade in unserem 
Gebiete zu seiner ungeheuren Produktiv- und Konkurrenzkraft 
verhelfen hat, ist die rationellste Ausnützung der natürlichen Da- 
seinsbedingungen. Durch den wohlfeilen Wasserbezug des Roh- 
materiales und durch die Gestaltung der Eisenbahntarife beim 
Fabrikatabsatze begünstigt, mit großer Kapitalkraft ausgestattet, 
durch die ökonomischen Vorteile der Massenfabrikation und der 
vollendetsten Verwertung der Technik ist es den Mannheim-Lud- 
wigshafener Großmühlen gelungen, den erfolgreichen Wettbewerb 
mit den badischen Handelsmühlen aufzunehmen. Nicht als ob 
technische Rückständigkeit die Konkurrenzkraft dieser kleinen 
und mittleren Handelsmühlen geschwächt hätte, nein, die Gründe, 
die bei der Entstehung und Ausbildung jener fabrikmäßigen Groß- 
betriebe von entscheidender Bedeutung gewesen sind, haben auch 
die schlechte Rentabilität dieser teils handwerksmäßigen, teils 
kleinkapitalistischen Unternehmungen verursacht. In der kapita- 
listisch organisierten Wirtschaftsweise kommt es lediglich darauf 
an, so billig als irgend möglich zu produzieren; die Unterneh- 
mungen, die dieses oberste Postulat wirtschaftlichen Handelns nicht 
erfüllen können, müssen eben der wirtschaftlichen Entwicklung 
zum Opfer fallen. Damach müssen auch alle jene Reformversuche 
gewertet werden, die die ungleichen Kämpfer im wirtschaftlichen 
Kampf ums Dasein künstlich gleichstellen woUen. Eine Änderung 
der Eisenbahntarife im Sinne einer differentieUen Behandlung von 
Getreide und Mehl kann im allgemeinen den Konkurrenzkampf 
etwas mildern, weil sie mehlfernhaltend wirkt, aber niemals ver- 
mag sie den wirtschaftlichen Grrundpf eiler , auf dem die badisch- 
rheinpfälzische GroßmüUerei ruht, die Möglichkeit des billigen 
Rohstoffbezuges auf dem Rhein, zu erschüttern. Im Gegenteil, 



Digitized by 



Google 



I50 



Schluß. 



wir haben gesehen, daß die angestrebte Tarifreform den badischen 
Handelsmüllern am Ende mehr schaden, als nützen würde. 

Das andere Mittel, das man zum Schutze eines Teiles der 
badischen Müllerei anruft, ist die »Umsatzsteuer«, Die Idee der 
Sonderumsatzsteuern stammt aus dem Jahre 1895 und ist seitdem 
zum eisernen Bestand der Mittelstandspolitiker geworden. Wie 
die Detailhändler gegen die Warenhäuser und Konsumvereine, so 
fordern die Kleinmüller eine Umsatzsteuer gegen die :»hassens- 
werten« Grroßmühlen. ^ Was wollen sie denn mit einer solchen 
Steuer erreichen? Nichts geringeres als Gleichsetzung der Pro- 
duktionskosten im Groß- und Kleinbetrieb durch eine mit dem 
Vermahlungsquantum steigende Steuer. ^ Ist das erreicht, dann 
können die Großmühlen im Preise nicht mehr die übrigen Unter- 
nehmungen unterbieten, und der Konkurrenzkampf hat sein Ende. 
Diejenigen, die eine solche Forderung aufstellen, verkennen doch 
vollkommen das Wesen des Großbetriebs und der kapitalistischen 
Produktionsweise überhaupt. In der Organisation des Großbetriebs 
liegt die Massenproduktion begründet, er muß mehr produzieren, 
denn je größer die Produktivität, desto geringer werden die Un- 
kosten auf die Produkteneinheit. Indem die Freunde einer Um- 
satzsteuer also die Produktionskosten des Großbetriebs erhöhen 
wollen, damit sie denen des Kleinbetriebs gleichkommen, befördern 
sie gerade die Massenproduktion, da eben die Unternehmer durch 
Erhöhung des Produktionsquantums einer wirklichen Steigerung 
der Unkosten durch die Steuer aus dem Wege gehen wollen. 
Wir brauchen nicht lange nach Beispielen zu suchen! Die Lud- 



X Die badischen KleinniüUer richteten an den Landtag 1895/96 eine Petition 
um Einführung einer Umsatzsteuer; auf Antrag der Petitionskommissionen gingen die 
Kammern zur Tagesordnung über, auch dem Landtag 1899/ 1900 lag eine Petition der 
Betriebsunternehmer badischer Handelsmühlen vor, die der Regierung zur Kenntnis- 
nahme überwiesen wurde; denselben Erfolg hatte die Petition an den Landtag 1903/04 
(vgl. Beilage Nr. 53 zum Protokoll der 80. öffentlichen Sitzung der II. Kammer 1904). 

In Baden sucht man durch eine progressive Besteuerung der Gewerbebetriebe 
eine Höherbesteuerung der Großmühlenbetriebe zu erreichen (§ 54 des Vermögens- 
steuergesetzes; vgl. Beilage Nr. 42 zum Protokoll der 8. Sitzung der IL Kammer 1906). 

2 Neuerdings wird eine Mühlenumsatzsteuer mit Kontingentierung vorgeschlagen: 
jeder Mühlenbetrieb erhält ein steuerfreies Vermahlungsquantum, dessen Überschreitung 
einer gestaffelten Umsatzsteuer unterliegt. Die badisch-pfälzischen kleinen und mitt- 
leren Handelsmüller stehen diesem Projekt ablehnend gegenüber, sie halten an der 
einfachen Umsatzsteuer fest. 



Digitized by 



Google 



Ergebnisse. 1^1 

wigshafener Wakmühle hat seit dem Jcihre 1899, ^^ ^^"^ ^^ Bayern 
die Umsatzsteuer eingeführt wurde, ihre Vermahlungsmenge nicht 
etwa eingeschränkt, sondern ganz bedeutend erhöht. ^ Aber die 
praktische Frage ist und bleibt doch die: wird der Großbetrieb 
durch eine Umsatzsteuer in seiner Konkurrenzkraft so gelähmt, daß 
er den Wettbewerb mit den kleinen Werken nicht mehr aufnehmen 
kann? Auch hier mag uns die bayrische Gewerbesteuer als Bei- 
spiel dienen, die sich nach keiner Richtung bewährt hat. Es 
wäre falsch, zu glauben, daß die Wirkungslosigkeit der bayrischen 
Umsatzsteuer nur darauf zurückzuführen ist, daß sie nur in Bayern 
gilt. Wie uns da3 Beispiel der Ludwigshafener Walzmühle zeigt, 
sind die Mühlen durch die Art der Besteuerung gezwungen, ihre 
Produktion zu steigern. Heute gibt die bayrische Regierung 



I Ich kann hier nicht näher auf die Frage der Mühlenumsatzsteuer eingehen; 
ich will nur an einem konkreten Fall die Wirkung des bayrischen Gewerbssteuer- 
gesetzes vom 9. Juni 1899 zeigen. Gewerbssteuertarif Nr. 140 c lautet: »Bei Mühlen, 
welche in den beiden der Steueranlage vorausgegangenen Geschäftsjahren im Durch- 
schnitt mehr als 400000 Ztr. Getreide vermählen haben, ist die Besteuerung nach 
dem Ertrag nur statthaft, wenn die Besteuerung nach dem Vermahlungsquantum eine 
geringere Besteuerung ergeben oder nachweisbar zu einer erheblichen Steuerüberbürdung 
führen würde.« 

Die steuerliche Belastung der Ludwigshafener Walzmühle für 1900/01 



betrug nach dem Vermahlungsquantum 

Staatssteuer 24 235,00 M. 

Kreisumlagen (37,5 0/0 der 

Staatssteuer) .... 9088,13 » 

33323,13 M. 
Hebgebühren (3 0/0) . . . 999,69 » 


nach dem Ertrag 
8895,00 M. 

3335,63 ^ 

12 230,63 M. 
366,92 » 


Gemeindeumlagen . . 
Distriktsumlagen .... 


34322,82 M. 

49768,29 » 

5 148.22 » 

89 239.33 M. 


12 597,55 M. 

18 266,45 * 

I 889,63 » 


Zusammen 


32 753,63 M. 



Dabei war der durchschnittliche Reingewinn in jedem der beiden Jahren 279 000 M. 
Bei einer Vermahlung von i 000 000 dz würde sich die Steuer auf ca. 1 70 000 M. 
belaufen. 

Die Besteuerung in der Steuerperiode 1900/01 zwang die Mühle zu einer Be- 
triebsvergrößerung, damit eine Steuerüberbürdung gegeben war, denn 1902/03 hätte 
die Steuer 150000 M. betragen, die Walzmühle wird deshalb seit 1902 wieder nach 
dem Ertrag zur Steuer herangezogen. 



Digitized by 



Google 



1^2 Schluß. 

selbst zu, daß die Steuer ihren Zweck nicht erreicht hat, denn 
gerade die mittleren Handelsmühlen werden davon getroffen. 

Was aber die finanzpolitische Bedeutung der Umsatzsteuern 
angeht, so sind sie eine schreiende Ungerechtigkeit, denn sie fallen 
wegen ihrer exorbitanten Höhe und der ausgesprochenen Absicht, 
einzelne Gewerbebetriebe mehr als andere zu belasten, ganz aus 
dem Rahmen des modernen Ertragssteuersystems heraus. »Wenn 
die Gerechtigkeit das Fundament der Staaten ist und die Grundsätze 
der Gerechtigkeit bei allen großen Umgestaltungen im Steuer- 
wesen an die Spitze gestellt werden, so verbietet sich auch jeder 
Versuch, die wirtschaftlichen Kämpfe durch ungerechte Anwen- 
dung steuerlicher Machtmittel auszutragen.«^ 

Bedeutet aber denn eigentlich der Großbetrieb in der Müllerei 
eine derartige volkswirtschaftliche Schädigung, daß er mit solchen 
Mitteln bekämpft werden muß? Ist nicht der Großbetrieb in der 
Getreidemüllerei es gewesen, der durch Erspeirungen an Material 
und Arbeitskraft, durch Verbesserungen in der Güte des Produktes 
die Grrundbedingungen für eine reichlichere Bedürfnisbefriedigung 
mit dem notwendigsten Nahrungsmittel geschaffen hat? Ich 
glaube, das kann nicht verneint werden; seine volkswirtschaftliche 
Nützlichkeit hat er dadurch erwiesen. Eine Fabrikindustrie, die 
jährlich schätzungsweise in Baden etwa für 35 Millionen Mark 
Waren erzeugt und umsetzt, ist ein erheblicher Faktor im Wirt- 
schaftsleben eines Landes von zwei Millionen Einwohnern. 

Wie in andern Industriezweigen, so hat auch in der Getreide- 
müllerei der leistungsfähige Großbetrieb die Führung im Gewerbe 
an sich gerissen; diese Führerrolle ihm jemals wieder entreißen 
zu wollen, ist ein Zeichen volkswirtschaftlicher Kurzsichtigkeit 
und hieße die Entwicklung im Wirtschaftsleben aufhalten wollen. 



1 Fuisting, Die Grundzüge der Steuerlehre, 1902, S. 340. 



Digitized by 



Google 



Anhang. 



153 



Anhang. 
Baden. 



Jahr 


Mühlenbetriebe 


Beschäftigte 
Personen 


Mahlgänge 


Auf je 10 000 Ein- 
wohner Mühlen 


1829 


I 803 


3476 


— 




16 


1844 


I 821 


3729 


— 




14 


1847 


1863 


3732 


4418 




14 


1861 


I 956 


4283 


4941 




H 


1875 


1857 


4157 


4812 




12 


1882 


1826 


3 773 


— 




II 


1895 


1596 


3610 


— 




9 


1899 


I 382 


Pfalz. 


3320 




7 


1825 


651 


— 


— 




14 


1847 


704 


1335 


1371 




22 


1861 


745 


1549 


1789 




29 


1875 


662 


I 720 


1953 




10 


1882 


632 


1399 


— 




— 


1895 


536 


1551 


— 




7 


1901 


467 


— 


— 




— 



Getreide-, Mahl- und Schälmühlen in Baden und in der Rheinpfalz 
nach den Ergebnissen der Gewerbezählungen vom i. Dezember 1875, 5. Juni 1882 

und 14. Juni 1895. 



Jahr 



Davon 



-9. 2 



O 



CS 



•^ 



I g 

TS 



Zahl der Hauptbetriebe und der darin beschäftigten 

Personen in der Größenklasse der Betriebe 

mit Personen : 



cg 






2—5 



1 



6 — 10 



11—50 



51—200 



1875 
1882 

1895 



a. Baden. 



1875 


1857 


1783 


74 


4157 


— 


— 


— 


13 


— 


8 


— 


I 


1882 


1826 


1596 


230 


3764 


464 


1073 


2720 


43 


285 


15 


233 


I 


1895 


1596 


I3I9 


277 


3610 


467 


777 


2165 


56 


405 


17 


377 


2 



b. Pfalz. 



662 


661 


I 


1720 


— 


— 


— 


14 


— 


7 


— 


— 


632 


585 


47 


1399 


136 


435 


1079 


7 


54 


7 


130 


— 


536 


473 


63 


1551 


138 


294 


812 


22 


170 


18 


362 


I 



62 

196 



69 



Digitized by 



Google 



Lebenslauf. 

Ich, Max Fromm, bin am 20. September 1882 zu Kreuz- 
nach a. d. N. als Sohn des Betriebssekretärs a. D. Franz Ludwig 
Fromm und der Stephanie geb. Betz geboren. Nach Absol- 
vierung der Volksschule in Herbolzheim i. Br. besuchte ich die 
Gymnasien zu Freiburg und Karlsruhe. Im Juli 1902 legte ich 
das Abiturientenexamen in Karlsruhe ab, um mich dann auf den 
Universitäten Heidelberg, Freiburg i. Br. und München dem Stu- 
dium der Rechts- und Staatswissenschaften zu widmen. 

Ich hörte die Vorlesungen der Herren Professoren Fischer, 
Gothein, Heinsheimer, His, von Jagemann, Jellinek, Kariowa, 
Kindermann, von Lilienthal, Marcks, Rathgen, Schröder, Seng in 
Heidelberg, Eisele, Merkel, von Rohland, Schule, von vSimson in 
Freiburg, von Amira, Birkmeyer, Brentano, Gareis, von Ullmann 
in München. 

Dem volkswirtschaftlichen Seminar in Heidelberg unter Lei- 
tung der Herren Professoren Gothein und Rathgen gehörte ich 
zwei Semester an; während eines Semesters nahm ich an den 
Übungen des statistischen Seminars in München unter Leitung 
des Herrn Professors von Mayr teil. 

Am 27. Juli 1905 promovierte ich an der Universität Heidel- 
berg zum Doktor der Philosophie. 



Digitized by 



Google 



G. Braunsche Hofbuchdruckerei und Verlag, Karlsruhe. 

Volkswirtschaftliche Abhandlungen 
der Badischen Hochschulen 

herausgegeben von 

Carl Johannes Fuchs, Eberhard Gothein, 
Karl Rathgen, Gerhard von Schulze-Gävemitz. 

Die Tarife der deutsclieii Strassenbaliaen, ilire Technilc und wirtschaftliclie 

Bedetttung. Von Dr. LOTHAR WEISS. (Volkswirtschaft!. Abhandlungen. 
VII. Band. 3. Ergänzungsheft.) — Preis im Abonnement 2.40 M., im Einzel- 
verkauf 3.20 M. 

>Der Verfasser versteht es, dem an sich etwas spröden Stoff dadurch von vornherein allgemeines 
Interesse zu sichern, daß er den prinzipiellen Fragen der Tarifbiidung, des Untei^chieds von Straßenbahn- 
und Eisenbahntarif, der Vorzüge des kommunalen oder privaten Betriebes u. a. , gebührende Aufmerk- 
samkeit widmet und sein Werk dadurch über das Niveau einer bloßen Materialsammlung erheblich 
hinaushebt. Wir freuen uns, die verständige und fleißige Arbeit der Beachtung unserer Leser angel^^nt- 
lichst empfehlen zu können.« Literarische Mitteilungen der Annalen des Deutschen Reichs. 

Lolia ttod Haushalt der Ulireafabrilcarbeiter des badischen Schwarzwalds. 

Von Dr. HEINRICH FEURSTEIN. (Volkswirtschaftliche Abhandlungen. 
VII. Band. 4. Ergänzungsheft.) — Preis im Abonnement 2.40 M., im Einzel- 
verkauf 3 M. 

»Die reichhaltigen statistischen Tabellen, die geschichtliche Entwicklung der Scbwarzwälde'' 
Uhrenindustrie, die damit zusammenhängenden nationalökonomischen Betrachtungen, das mit großem 
Fleiße zusammengetragene Material verschaffen einen dauernden Wert dem Buche, welches auf einem 
sozialen Hintergrund entworfen, als lichtvolle Einzeldarstellung sich vorzüglich abhebt.« 

Wissenschaftliche Beilage zur Germania ^Berlin). 

»Das Buch darf als mustergültig dafür bezeichnet werden, wie man die Lage der Arbeiter 
erforschen soll.« Dokumente des Sozialismus. 

Für und wider Karl Marx. Prolegomena zu einer Biographie. Von Dr. AUGUST 
KOPPEL. ( Volkswirtschaf tl. Abhandlungen. VIII. Band. i. Heft.) — Preis 
im Abonnement 2.80 M., im Einzelverkauf 3.60 M. 

»Dem Verfasser, einem Neukantianer, kam es darauf an, die erkenntnistbeoretischen 
Voraussetzungen und die logische Struktur des marxistischen Systems zu untersuchen. Unter 
diesem Gesichtspimkte prüft er in originellem Gedankengang die beiden Pfeiler des Marxismus: Die 
Entwicklung der Lehre vom Wert und Mehrwert und die ökonomische Geschichts- 
auffassung.« Soziale Kultur. 

Die Agrarpolitik des Markgrafen Karl Friedrich von Baden. Von Dr. OTTO 

MOERICKE. (Volkswirtschaftl. Abhandlungen. Vm. Band. 2. Heft.) — 
Preis im Abonnement 2.40 M., im Einzelverkauf 3.20 M. 

»Ich möchte gern anerkennen , daß es, eine Fülle interressanter und im Detail bisher unbe- 
kannter Notizen über die landwirtschaftlichen Änderungen bringt, die damals unter der Ägide der 
zeitweise physiokratisch stark beeinflußten badischen Verwaltung mit mehr oder weniger Erfolg an- 
gestellt sind.« Frankfurter Zeitung. 

Die Lederwarenindustrie in Offenbach am Main und Umgebung. Von Dr. 

LUDWIG HAGER. (Volkswirtschaftl. Abhandlungen. VIII. Band. 3. Heft.) 
— Preis im Abonnement 2.40 M., im Einzelverkauf 3 M. 

»Die Sorgfalt, mit welcher der Verfasser den hier obwaltenden und sozialwissenschaftlich vor 
allen anderen Materien das Interesse in Anspruch nehmenden verwickelten Beziehungen zwischen Lohn- 
arbeit, Hausindustrie und Heimarbeit gerecht zu werden versucht, verdient die vollste Anerkennung, 
und die Darstellung darf als eine völlig sachentsprechende und in hohem Grade belehrende bezeichnet 
werden.« Kritische Blätter für die ges. Sozialwissenschaft. 

Zu beziehen durch jede Buchhandlung oder direkt vom Verlag. 



Digitized by 



Google 



G. Braunsche Hofbuchdnickerei und Verlag, Karlsruhe. 

Volkswirtschaftliche Abhandlungen 
der Badischen Hochschulen 

herausgegeben von 

Carl Johannes Fuchs, Eberhard Gothein 
Karl Rathgen, Gerhard von Schulze-Gävernitz. 

Die Lafe der Orchestermasiker in Deutschland mit besonderer Berücksichtigung 

der Musik-Geschäfte (Stadtpfeifereien). Von Dr. HEINRICH WALTZ. (Volks- 
wirtschaft!. Abhandlungen. VIH. Band. 4. Heft.) — Preis im Abonnnement 
1.80 M., im Einzelverkauf 2.40 M. 

»Die Schrift ist ungemein lesenswert und ein Stiick Kulturgeschichte.« 

Tagesfragen (Kissinger Blätter). 

Die christliche Oewericschaftsbewejifnnf Deutschlands mit besonderer Berück- 
sichtigung der Bergarbeiter- und Textilarbeiter-Organisationen. Von Dr. OTTO 
MÜLLER. (VIII. Band. i. Ergänzungsband.) Vergriffen. 

Die mteste deutsche Gewerkschaft: Die Oiiganisation der Tabakarbeiter und 

Zifarrenarbeiter bis zum Erlasse des Sozialistengeseues. Von Dr. FRANZ 
KLÜSS. (Volkswirtschaftl. Abhandlungen. VIII. Band. 2. Ergänzungsheft.) 
— Preis im Abonnement 1.60 M., im Einzelverkauf 2 M. 

»Im Gegensatz zu der Geschichte der bremischen Organisation wird hier der Versuch gemacht, 
nicht nur Tatsachengruppen aneinander zu reihen, sondern die Fäden der Entwicklung aufzudecken: 
einerseits den Einfluiß der starken Persönlichkeit des Grründers, anderseits die Zusammenhänge mit der 
wirtschaftlichen, politischen imd allgemeinen Zeitgeschichte. Das ist dem Autor gut gelungen und ge- 
rade das verleiht der Schrift besonderen Reiz und Wert.« 

Kritische Blätter für die ges. Sozialwissenschaft. 

Der wirtschaftliche Niedergang Freiburgs i. Br. und die Lage des städtischen 
Grundeigentums im 14. und 15. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Geschichte 

der geschlossenen Stadtwirtschaft. Von Dr. HERMANN FLAMM. (Volks- 
wirtschaftl. Abhandlungen. VIII. Band. 3. Ergänzungsheft.) — Preis im 
Abonnement 2.40 M., im Einzelverkauf 3.20 M. 

»Eins von den Büchern, die wir brauchen: sorgfältige ortsgeschichtliche Untersuchung be- 
stimmter Entwlcklungsreifaen auf Grund eingehender Lokalkenntnis.« 

Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. 

Die Dezentralisation der Industrie und der Arbeiterschaft im Großherz(^;tum 

Baden und die Verbreitung des Mehrfamilienhauses auf dem Lande. Von Dr. 
R. F. WALLI. (Volkswirtschaftl. Abhandlungen. VIII. Band. 4. Ei^gänzungs- 
heft.) — Preis im Abonnement 3 M., im Einzelverkauf 3.80 M. 

»Da die Literatur über diese Frage wenig zahlreich ist und für Baden so gut wie ganz fehlt, 
darf die Wallische Schrift besonderes Interesse beanspruchen. Sie beruht zum großen Teil auf eigenen 
Erhebungen des Verfassers und bnnftt reiches statistisches Material über die Verteilung der Arbeiter 
auf Stadt und Land, soMrie über die Verbreitung des Mehrfamilienhauses auf dem Lande. Die durch 
diese Bauart bedingten Wohnungsverhältnisse werden nach ihrer wirtschaftlichen und sozialen Bedeutung 
scharf beleuchtet und kritisiert.« Frankfurter Zeitung. 

Die Akzise In der Kurpfalz. Ein Beitrag zur deutschen Finanzgeschichte des 17. 
und 18. Jahrhunderts. Von Dr. AUGUST J. FINEISEN. (Volkswirtschaftl. 
Abhandlungen. IX. Band. l. Heft.) — Preis im Abonnement 1.60 M., im 
Einzelverkauf 2 M. 

»Die lebendig gesdiriebene und stets mit archivalischen (oft wörtlichen) Bel^pen versebene 
Abhandlung, die auf fleißiger und gewandter Quellenforschung beruht, ist audi vom allgemeinen» 
national-ökonomischen und kulturellen Standpunkte aus eine anregende Lektüre.« 

Badische Rechtsprazis. 

Zu beziehen durch jede Buchhandlung oder direkt vom Verlag, 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 



^Hi8 BOOK «^p !^l-v^:cSi:^> 



^5mi 



Digitized by 



G( 



338188 



jlVEBSTT-f <*J^^LBT 




I5m-4,*a4t 



Digitizel