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Full text of ""Das regenbogen-buch"; deutsches weissbuch, österreichisch-ungarisches rotbuch, englisches blaubuch, französisches gelbbuch, russisches orangebuch, serbisches blaubuch und belgisches graubuch; die europäischen kriegsverhandlungen, die massgebenden dokumente, chronologisch und sinngemäss zusammengestellt, übers"

Class . 

Book 

Copyright^? 



33 £Q 



COPYRIGHT DEPOSHV 



Digitized by the Internet Archive 
in 2011 with funding from 
The Library of Congress 



http://www.archive.org/details/dasregenbogenbuc01beer 



Das F?eg©nt>og:en-Bucl-i" 




Orange- Blau und 
Grau-Buch 

Die europäischen 
friegsverhandlungen 

Die massgebenden Dokumente, 

chronologisch und sinngemäss 

zusammengestellt, übersetzt und 

erläutert von 

Dr. MAX BEER 




Verlag von Ferd. Wyss 
Bern 1915 



/ 

„DAS REGENBOGEN-BUCH" 

* 

Deutsches Weissbuch, österreichisch-ungarisches 
Rotbuch, englisches Blaubuch, französisches 6elbbuch, 
russisches Orangebuch, serbisches Blaubuch 
und belgisches Graubuch + « * 



Die europäischen 
Kriegsverhandlungen 

Die massgebenden Dokumente, 

chronologisch und sinngemäss 

zusammengestellt, übersetzt und 

erläutert von 

Dr. MAX BEER 




Verlag von Ferd. Wyss 
Bern 1915 



2 



5 

6° 



Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung 

vorbehalten. 

Copyright 1915 by> Ferd. Wyss, Bern. 



'CI.Afor.13282^ 



**A*L 



Buchdruckerei R. Suter & Cie., Bern. 

DEC 30 1915 % 

Sft[.l» ÖD 



VORBEMERKUNG. 



Der Titel dieses Buches gibt genau seinen Zweck und 
Inhalt an. Es will mit Hilfe des von den Regierungen der 
kriegführenden Länder veröffentlichten Aktenmaterials einen 
klaren Ueberblick über die diplomatischen Verhandlungen 
geben, die dem Ausbruch des Weltkrieges vorangingen. 

Es vereinigt daher die massgebenden Dokumente des 
deutschen Weissbuches, des österreichisch-ungarischen Rot- 
buches, des englischen Blaubuches, des russischen Orange- 
buches, des französischen Gelbbuches, des serbischen Blau- 
buches und des belgischen Graubuches zu einer Art von 
«Regenbogenbuch». Die Notwendigkeit einer Beschränkung 
auf die massgebenden Dokumente, d. h. der für den Ver- 
lauf der Verhandlungen und den Standpunkt einer jeden 
Regierung entscheidenden Akten, ergab sich aus dem 
Zwecke, ein Bild der Kriegsverhandlungen zu bieten und 
nicht eine formlose Fülle von Telegrammen, in der das 
Wesentliche im Unwesentlichen verschwunden wäre. Die 
Sammlung von dreihundert Akten, die hier geboten wird, 
übergeht kein einziges wichtiges Dokument. Der Verfasser 
verzichtete nur auf die Akten, deren Bedeutungslosigkeit 
für die Krisis auf der Hand liegt, wie auf jene, deren 
Inhalt durch andere Akten gleichwertig wiedergegeben wird, 
nur eine zwecklose Wiederholung darstellen würde oder in 
den Anmerkungen erschöpfend herangezogen werden konnte. 

Diese massgebenden Dokumente wurden chrono- 
logisch und sinngemäss zusammengestellt. Das will 
heissen, sie wurden nicht nach Büchern geordnet, sondern nach 
dem Datum, das sie tragen, und der logischen Folge der 
Ereignisse, über die sie berichten. Eine derartige Anordnung, 
die alle Farbenbücher zu einem neuen Ganzen zusammen- 
schmilzt, begegnete naturgemäss nicht unerheblichen Schwie- 
rigkeiten. Das Datum der Absendung eines Schriftstückes 
— der Leser sei hierauf besonders aufmerksam gemacht — 
ist nicht immer das Datum der Ereignisse, die es behandelt. 
Ausserdem sollte tunlichst die ursprüngliche Reihenfolge 
d^r Akten eines jeden Buches auch in der neuen Zusammen- 
stellung beibehalten werden, was nicht immer leicht war, 
da die Numerierung oft recht willkürlich ist, viele Tele- 
gramme einander kreuzten, die in den betreffenden Büchern 
nacheinandergesetzt wurden, und schliesslich innerhalb eines 
Datums die Stunden und Minuten der Absendung des Schrift- 



Stückes und der Ereignisse nicht angegeben sind. Und über all 
diesen Kleinigkeiten endlich sollte der grosse Zug der Verhand- 
lungen herausgearbeitet werden. Der Verfasser glaubt diese 
Schwierigkeiten im Masse des Möglichen überwunden und eine 
zeitlich und sinngemäss zutreffende Ordnung erzielt zu haben. 

Die fremdsprachlichen Akten wurden aus dem Original- 
text übersetzt: die des Blaubuches aus dem Englischen, 
die der anderen Bücher aus dem Französischen. Von den 
betreffenden Regierungen bereits hergestellte Uebersetzungen 
wurden wo möglich verwertet, d. h. die Uebersetzung des 
englischen Blaubuches und die des belgischen Graubuches. 

Dem Uebersetzer kam es auf grösste Treue und Ge- 
nauigkeit an. Stilistische Schönheiten konnten nicht geboten 
werden. Ein Vergleich mit den Originaltexten, vornehmlich 
dem englischen Text, wird den Leser schnell davon über- 
zeugen, dass umständliche und unreine Wendungen, schwere 
Satzgebäude, störende Wortwiederholungen und dergleichen 
mehr, nicht der Uebersetzung, sondern dem Originale zur 
Last gelegt werden müssen und auch dort, wo sie zu vermeiden 
waren, zum Besten einer genauen Vermittlung der fremd- 
sprachlichen Dokumente in das Deutsche übernommen wurden. 

Den auf solche Weise in deutscher Sprache zusammen- 
gestellten Dokumenten stehen die notwendigen Erläuterun- 
gen zur Seite. Der erläuternde Teil besteht aus Randnotizen, 
Anmerkungen, einer Einführung und einem Schlusswort. 

Die Randnotizen fassen den Sinn der einzelnen Akten- 
stücke in neben den Text gestellten Inhaltsangaben zusammen. 

Die Anmerkungen folgen, in Fussnoten, den wichtigsten 
Akten, um die allgemeinen Zusammenhänge herzustellen und 
die Schriftstücke und Vorgänge selbst kritisch zu beleuchten. 

Die Einführung unterzieht ein jedes der sieben diplo- 
matischen Bücher einer allgemeinen Kritik, legt ihre Be- 
deutung für die Erkenntnis der Geschichte der Kriegs- 
verhandlungen dar und macht die für das Verständnis der 
vorliegenden Sammlung nötigen Angaben. 

Das Schlusswort versucht, die Ergebnisse, zu denen 
ein vorurteilsloses Studium der sieben Bücher führt, kurz 
zusammenzufassen und die Frage nach Schuld und Ver- 
antwortung am Kriegsausbruch zu beantworten. 

In einer dem Inhaltsverzeichnis folgenden Aufstellung 
wird eine genaue Uebersicht, die nach einzelnen Büchern 
geordnet -ist, über die in die Sammlung aufgenommenen 
Dokumente gegeben. Der Sammlung selbst geht ein Ver- 
zeichnis der wichtigsten an den Kriegsverhandlungen be- 
teiligten Persönlichkeiten voran. , Iltr ~~~r* 

Dr. MAX BEER. 



INHALTSVERZEICHNIS. 

Abkürzungen: Wb. = Welssbuch; Neuausg. d. Wb. = Neuausgabe des Welssbuches; 

Rb. = Rotbuch; Blb. = Englisches Blaubuch; Gib. = Gelbbuch; Ob.= Orangebuch; 

Serb. Blb. = Serbisches Blaubuch ; Grb. = Graubuch. 

' Seite 

Vorbemerkung I— " 

Inhaltsverzeichnis III— IV 

Liste der Dokumente V— XI 

Einführung 3—54 

Die massgebenden Dokumente über die europäischen 

Kriegsverhandlungen 29. Juni— 4. September 1914 . . 55—374 

Liste der wichtigsten Persönlichkeiten 57—58 

29. Juni: Rb. 1, Serb. Blb. 1 59—60 

30. Juni: Rb. 2, Serb. Blb. 2, Serb. Blb. 5 61-62 

1. Juli: Rb. 3, Serb. Blb. 8 63—64 

2. Juli: Gib. 8, Serb. Blb. 10 65 

3. Juli: Serb. Blb. 12 '. 66 

4. Juli: Gib. 9, Serb. Blb. 13, Rb. 4, Serb. Blb. 14 . . 67—69 
6. Juli: Serb. Blb. 15, Rb. 5, Gib. 10 70—71 

14. Juli: Serb. Blb. 19 72 

15. Juli: Serb. Blb. 24 73 

16. Juli: Serb. Blb. 26 74 

18. Juli : Serb. Blb. 29 75 

20. Juli : Blb. 1 76 

21. Juli: Gib. 15, Rb. 6 77—81 

22. Juli: Blb. 2, Gib. 18, Rb. 7, Rb. 8 . 82—91 

23. Juli: Blb. 3, Rb. 9, Gib. 21, Ob. 1, Wb. 1 .... 92—98 

24. Juli : Gib. 22, Blb. 5, Rb. 1 1, Gib. 25, Gib. 26, Gib. 28, 

Blb. 6, Rb. 14, Rb. 15, Gib. 31, Serb. Blb. 36, 
Wb. 4, Rb. 16, Rb. 17, Rb. 18, Wb. 3, Ob. 4, 
Ob. 6 (Serb. Blb. 37), Ob. 9, Blb. 8, Gib. 29, 
Gib. 27, Gib. 30, Blb. 10, Gib. 32, Gib. 33, 
Blb. 11, Blb. 12, Grb. 2 99—131 

25. Juli: Rb. 19, Blb. 17, Blb. 24, Gib. 35, Gib. 36, Rb. 20, 

Ob. 12, Rb.21, Ob. 17, Ob. 18, Blb. 25, Wb. 13, 
Serb. Blb. 38, Rb. 22, Rb. 23, Rb. 34, Serb. 
Blb. 40, Rb. 24, Serb. Blb. 41, Rb. 26, Blb. 27, 
Rb. 27, Wb. 6 ! 132-157 

26. Juli : Gib. 50, Blb. 32, Blb. 34, Rb. 29, Rb. 30, Blb. 36, 

Blb. 40, Ob. 25, Wb.5, Wb. 10, Wb. 10a, Wb. 10b 
Gib. 56, Gib. 57, Ob. 29, Wb. 7, Wb. Denk- 
schrift, Rb. 28 158—176 

27. Juli: Wb. 11, Rb. 31, Wb. 8, Wb. 9, Rb. 32, Ob. 31, 

Ob. 32, Ob. 33, Wb. 12, Gib. 61, Gib. 62, Ob. 35, 
Gib. 72, Blb. 43, Wb. 15, Gib. 74, Blb. 44, 
Blb. 46, Blb. 47, Blb. 48, Blb. 55, Ob. 40 (Serb. 
Blb. 43) 177-196 

1 



— IV — 

28. Juli: Blb. 58, Gib. 76, Gib. 78, Blb. 59, Gib. 81, Seite 

Blb. 64, Blb. 67, Blb. 68, Ob. 43, Blb. 71 , Rb. 36, Rb. 
37, Serb. Blb. 47, Blb. 70—1, Ob. 48, Blb. 70—11, 
Rb.39, Rb. 40, Ob. 45, Gib. 83, Rb. 41, Rb. 42, 
Rb. 43, Wb. 16, Wb. 2, Wb. 14, Wb. 20. . . 197—221 

29. Juli : Blb. 72, Blb. 75, Blb. 76, Blb. 77, Gib. 86, Gib. 87, 

Rb.44, Wb. 17, Rb. 45, Rb. 46, Wb. Denkschrift, 
Ob. 49, Wb. Denkschrift, Ob. 50, Ob.51, Rb.47, 
Blb. 78, Rb. 48, Gib. 96, Blb. 79, Blb. 83, Blb. 85, 
Blb. 87, Ob. 53, Ob. 55, Ob. 57, Ob. 58, Blb. 88, 
Blb. 89, Blb. 90, Blb. 91, Grb. 8, Wb. 21, Wb. 22, 
Neuausg. d. Wb. Abschnitt 3, 22, IV .... 222—255 

30. Juli: Neuausg. Wb. Abschn. 4, Rb. 49, Gib. 100, 

Gib. 101, Serb. Blb. 44 (Ob. 56), Serb. Blb. 48, 
Ob. 59, Ob. 60, Blb. 97, Ob. 63, Ob. 64, Blb. 98, 
Wb. 18, Wb. 23, Wb. 23a, Rb. 50, Blb. 99, Blb. 
101, Blb. 103, Gib. 108, Blb. 105 mit Anlage 1 
und 2, Neuausg. Wb. Abschn. 5. I., Ab. II. . . 256—284 

31. Juli: Rb.51, Rb.52, Rb.53, Blb. 108, Blb. 109, Blb. 110, 

Blb. 111, Wb. Denkschrift, Wb. Denkschrift, 
Blb. 112, Blb. 113, Blb. 114, Blb. 115, Ob. 66, 
Rb. 55, Grb. 10, Grb. 11, Grb. 12 mit Anlage, 
Blb. 116, Gib. 110, Ob. 67, Ob. 68, Ob. 69, 
Gib. 114, Neuausg. d. Wb. Abschnitt 5. III., 
Wb. 24, Wb. 25, Gib. 117, Blb. 117, Blb. 121, 
Blb. 122 285—313 

1 August: Ob. 70, Rb. 56, Gib. 122, Blb. 123, Blb. 127, 

Ob. 74, Ob. 75, Blb. 134, Blb. 135, Gib. 120, 
Gib. 124, Gib. 125, Gib. 126, Blb. 136, Gib. 127, 
Blb. 138, Wb. 26, Wb. 27, Neuausg. d. Wb. 
Abschn. 5. IV, do. V, Neuausg. d. Wb. Ab- 
schn. 61, do. II, Neuausg. d. Wb. Abschn. 5. VI, 
do. VII, do. VIII, Neuausg. d. Wb. Abschn. 
6. III 314—340 

2 August: Neuausg. d.Wb. Abschn. 5. IX, Rb. 57, Grb. 18 

8 (Blb. 147, Gib. 131), Gib. 133, Blb. 148, Gib. 138, 

Grb. 20 341—347 

3. August: Gib. 143, Grb. 22, Grb. 24, Blb. 151, Grb. 25, 

Gib. 144, Gib. 147 348-355 

4. August : Gib. 157, Serb. Blb. 49,' Grb. 27, Grb. 28, Blb. 157, 

Blb. 159, Grb. 40 356—362 

5. August: Rb. 59 363-364 

6. August: Serb. Blb. 51 365 

9. August : Grb. 60 366-367 

12 August: Grb. 71, Neuausg. d.Wb. Abschn. 3,28 ... 368 

17. August: Neuausg. d.Wb. Abschn. 3, 29 369-370 

23. August : Neuausg. d. Wb. Abschn. 3, 30 371 

24. August : Rb. 69 ^ 

28. August: Grb. 77 373 

4. Sept. : Gib. Kap. VII 374 

Schlüsswort 6t0 öy - 




LISTE DER DOKUMENTE 

Nr. Absender und Empfänger Datum Seite 

Aus dem Weissbuch. 1 ) 

1 Bethmann Hollweg — Paris, Petersb., London 23. Juli 97 

2 Bethmann Hollweg — Bundesregierungen . 28. > 218 

3 Tschirschky — Bethmann Hollweg .... 24. » 117 

4 Pourtales — Bethmann Hollweg > > 113 

5 > » > 26. > 168 

6 » > > 25. > 157 

7 > > > 26. > 174 

8 Konsulat in Kowno — Bethmann Hollweg . 27. > 179 

9 Romberg — Bethmann Hollweg > > 179 

10 Bethmann Hollweg — Lichnowsky ... 26. » 168 

10a Bethmann Hollweg — Schön > > 169 

10b Bethmann Hollweg — Pourtales » > 169 

11 Pourtales — Bethmann Hollweg 27. > 177 

12 Bethmann Hollweg — Lichnowsky ....>> 181 

13 > > > .... 25. » 143 

14 Bethmann Hollweg — Pourtales 28. > 220 

15 Bethmann Hollweg — Lichnowsky .... 27. > 186 

16 Tschirschky — Bethmann Hollweg .... 28. > 218 

17 Bethmann Hollweg — Schön 29. » 229 

18 Militärbevollm. in St. Petersburg — Wilhelm II. 30. > 268 

20 Wilhelm II. — Nikolaus II 28. > 220 

21 Nikolaus IL — Wilhelm II 29. > 253 

22 Wilhelm IL — Nikolaus II > > 254 

23 > > 30. > 269 

23a Nikolaus IL — Wilhelm II » » 270 

24 Bethmann Hollweg — Pourtales 31. > 306 

25 Bethmann Hollweg — Schön > > 307 

26 Bethmann Hollweg — Pourtales 1. August 333 

27 Schön — Bethmann Hollweg 1. > 334 

Denkschrift Bethmann Hollweg — Pourtales . . 26. Juli 175 

> Militärattache in St. Petersburg — 

Bethmann-Hollweg » > 230 

> Pourtales — Bethmann Hollweg . . 29. > 232 

> Nikolaus II. — Wilhelm II 31. > 290 

> Wilhelm IL — Nikolaus II 31. > 291 



Aus der Neuausgabe des Weissbuches. 

Abschnitt 3. 22. IV. Nikolaus IL — Wilhelm IL . 

> 3. 28. Jagow — Rex 

> 3. 29. Funakoshi — deutsche Regierung 

> 3. 30. Deutsche Regierung — Funakoshi 

> 4. De l'Escaille — Davignon 

> 5. I. Prinz Heinrich — Georg V. . 

> 5. IL Georg V. — Prinz Heinrich . 



29. Juli 


255 




368 


17. > 


369 


23. > 


371 


30. Juli 


256 


30. > 


282 


> » 


283 



') Es ist zu bemerken, dass Im Welssbuch die Anlagen nicht nach der chrono- 
logischen Folge numeriert sind, sondern die Anlage -Nummern sich auf die Denk- 
schrift beziehen. 



— VI — 

Nr. Absender und Empfänger Datum S eite 

Abschnitt5. III. Wilhelm II. — Georg V. . . . 31. Juli 305 

> 5. IV. Georg V. — Wilhelm II. . . . 1. August 335 
» 5. V. Lichnowsky — Bethmann Hollweg > » 335 

> 5. VI. Wilhelm II. — Georg V. . . . > » 338 

> 5. VII. Bethmann Hollweg — Lichnowsky » > 339 

> 5. VIII. Georg V. — Wilhelm II. ... > > 339 
» 5. IX. Lichnowsky— Bethmann Holl weg 2. » 341 

> 6. I. » > » 1. » 336 

> 6. II. » > > 1. > 336 
» 6. III. > > » 1. » 340 



Aus dem Rotbuch. 

1 Storek — Berchtold 29. Juni 59 

2 > » 30. » 61 

3 Jehlitsehka — Berchtold 1. Juli 63 

4 Szecsen — Berchtold 4. > 68 

5 Hoflehner — Berchtold 6. ■» 70 

6 Giesl — Berchtold 21. » 78 

7 Berchtold — Giesl . . . . 22. » 84 

8 Berchtold — die öster.-ungar. Botschafter » » 89 

9 Berchtold — Mensdorff 23. » 94 

11 Szecsen — Berchtold 24. » 102 

14 Szäpäry — Berchtold ■...'>» HO 

15 Communique des russischen Amtsblattes . . » > 111 

16 Szäpäry — Berchtold > » 113 

17 Berchtold — Mensdorff » » 115 

18 Berchtold — Szäpäry > » 115 

19 Berchtold — die österr.-ung. Botschafter . 25. » 132 

20 Berchtold — Macchio > » 138 

21 Berchtold — Szäpäry > > 139 

22 Giesl — Berchtold > » 144 

23 > > » > 144 

24 » » » » 152 

26 Berchtold — Szäpäry > » 153 

27 » > > > 156 

28 Szäpäry — Berchtold 26. » 175 

29 Berchtold — Mensdorff » > 163 

30 Berchtold — die öster.-ungar. Botschafter . » » 163 

31 Szäpäry — Berchtold 27. » 178 

32 Berchtold — Szäpäry 27. > 179 

34 Paschitch — Giesl 25. > 144 

36 Müller — Berchtold 28. » 205 

37 Berchtold — Belgrad > » 206 

39 Berchtold — Mensdorff » » 209 

40 Berchtold — Szäpäry > > 210 

41 Berchtold — Mensdorff » > 213 

42 Berchtold — Szögyeny » » 216 

43 ■» » » > 217 

44 Berchtold — die öster.-ungar. Botschafter . 29. » 227 

45 Szecsen — Berchtold » > 229 

46 Szögyeny — Berchtold > > 230 



— VII - 

Nr. Absender und Empfänger Datum Seite 



47 Szäpäry — Berchtold 29. Juli 234 

48 Berchtold — Szögyeny » » 239 

49 Berchtold — Szäpäry 30. > 259 

50 > » » » 270 

51 Berchtold — Berlin, London u. Petersburg 31. » 285 

52 Szäpäry — Berchtold , > » 286 

53 Berchtold — die öster.-ungar. Vertreter . . » » 286 

55 Szäpäry — Berchtold > » 294 

56 » > 1. August 314 

57 Szäpäry — Berchtold 2. > 341 

59 Berchtold — Szäpäry 5. » 363 

69 Berchtold — Müller 24. > 372 



Aus dem englischen Blaubuch. 

1 Grey — Rumbold 20. Juli 76 

2 Rumbold — Grey 22. > 82 

3 Grey — Bunsen 23. > 92 

5 > > 24. > 101 

6 Buchanan — Grey » > 107 

8 Crackanthorpe — Grey > > 120 

10 Grey — Bertie > » 124 

11 Grey — Rumbold » > 128 

12 Grey — Crackanthorpe » > 129 

17 Buchanan — Grey 25. > 132 

24 Grey — Buchanan > > 135 

25 Grey — Rumbold > > 141 

27 Grey — Paris, Berlin, Petersburg . . . » > 156 

32 Bunsen — Grey 26. » 161 

34 Rumbold — Grey » » 162 

36 Grey — Paris, Rom, Berlin » » 164 

40 Bunsen — Grey » » 165 

43 Goschen — Grey 27. » 185 

44 Buchanan — Grey » » 189 

46 Grey — Goschen > » 190 

47 Grey — Buchanan » » 191 

48 Grey — Bunsen > » 192 

55 Buchanan — Grey » » 195 

58 Bertie — Grey 28. » 197 

59 > > » > 200 

64 Rodd — Grey » » 201 

67 Grey — Goschen » » 202 

68 » » » » 203 

701 Sasonow — Swerbejew > » 207 

70 II Sasonow — Benckendorff » » 207 

71 Goschen -— Grey > » 204 

72 Buchanan — Grey 29. > 222 

75 Goschen — Grey » » 223 

76 » > » » 224 

77 Grey — Goschen > > 225 

78 Buchanan — Grey » » 236 



— VIII — 

Nr. Absender und Empfänger Datum Seite 

79 Bunsen — Grey 29. Juli 240 

83 Crackanthorpe — Grey » » 241 

85 Goschen — Grey » » 242 

87 Grey — Bertie » > 243 

88 Grey — Goschen » » 249 

89 » > > > 250 

90 > » » » 251 

91 Grey — Bunsen » » 252 

97 Buchanan — Grey . 30. > 263 

98 Goschen — Grey > > 267 

99 Bertie — Grey » > 272 

101 Grey — Goschen > > 274 

103 Grey — Buchanan » » 276 

105 Grey — Bertie > » 278 

105 Anlage I Grey — P. Cambon (22. Nov. 1912) 280 

105 Anlagen P. Cambon — Grey (23. Nov. 1913) 281 

108 Goschen — Grey 31. Juli 287 

109 » > > » 287 

110 Grey — Buchanan » » 288 

111 Grey — Goschen » > 289 

112 Goschen — Grey » > 291 

113 Buchanan — Grey » » 292 

114 Grey — Paris und Berlin » » 293 

115 Grey— Villiers » » 293 

116 Grey — Bertie > » 298 

117 Bertie — Grey > » 310 

121 Goschen — Grey » > 311 

122 » > » > 312 

123 Grey — Goschen 1. August 316 

127 Bunsen — Grey » » 319 

134 Bertie — Grey > > 321 

135 Grey — Buchanan » > 322 

136 Bertie — Grey > » 330 

138 Goschen — Grey » » 332 

147 Eyschen — Garantiemächte und Belgien . 2. » 342 

148 Grey — Bertie > > 343 

151 Villiers — Grey 3. > 351 

157 Jagow — Lichnowsky 4. » 359 

159 Grey — Goschen > > 360 



Aus dem Gelbbuch. 

8 Dumaine — Viviani 2. Juli 65 

9 De Manneville — Viviani 4. > 67 

10 Paleologue — Viviani 6. » 71 

15 J. Cambon — Bienvenu-Martin 21. > 77 

18 Dumaine — Bienvenu-Martin 22. » 83 

21 Allize — Bienvenu-Martin 23. > 95 

22 Viviani — Bienvenu-Martin 24. > 99 

25 Bienvenu-Martin — Viviani > » 103 

26 > > » > 104 

27 » > > > 122 

28 > > > > 105 



— IX — 

Nr. Absend er und Empfänger Datum Seite 

29 J. Cambon — Bienvenu-Martin 24. Juli 121 

30 > » .....»» 122 

31 Paleologue — Bienvenu-Martin ....»> 112 

32 P. Cambon — Bienvenu-Martin » > 126 

33 > > » » 127 

35 J. Cambon — Bienvenu-Martin .... 25. > 136 

36 Bienvenu-Martin — Viviani > » 137 

50 > » 26. > 158 

56 » > > » 169 

57 Note für den franz. Minister des Aeussern > * 171 

61 Bienvenu-Martin — Viviani 27. » 182 

62 > i » > 183 

72 Barrere — Bienvenu-Martin » » 184 

74 J. Cambon — Bienvenu-Martin > > 187 

76 Viviani — Bienvenu-Martin 28. > 197 

78 Bienvenu-Martin — die franz. Botschafter > > 199 

81 J. Cambon — Bienvenu-Martin . . . . > > 200 

83 Dumaine — Bienvenu-Martin » » 212 

86 Paleologue — Bienvenu-Martin .... 29. » 226 

87 Klobukowski — Bienvenu-Martin . . . . j> > 226 
96 Barrere — Bienvenu-Martin > > 240 

100 Paleologue — Bienvenu-Martin 30. > 259 

101 Viviani — Petersburg und London . . . > > 260 

108 P. Cambon — Viviani > > 277 

110 > > 31. > 299 

114 Viviani — die franz. Botschafter . . . . > > 304 

117 Viviani — Paleologue » > 309 

120 Viviani — London, Petersburg, Berlin etc. 1. August 323 

122 Viviani — London, Berlin und Brüssel . > » 316 

124 Barrere — Viviani * > 325 

125 Viviani — die franz. Botschafter . . . . > > 327 

126 P. Cambon — Viviani > > 328 

127 Viviani — P. Cambon > > 331 

131 Ey sehen — Garantiemächte und Belgien . 2. » 342 

133 Schön — Viviani » » 343 

138 Viviani — P. Cambon » > 345 

143 P. Cambon — Viviani 3. > 348 

144 » » » > 353 

147 Schön — Viviani > > 354 

157 Franz. Regierung — Grossmächte . . . - 4. > 56 

Kap. VII. Erklärung des Dreiverbandes ... 4. September 374 



Aus dem Orangebuch. 



1 Strandtman — Sasonow 23. Juli 96 

4 Sasonow — Kudascheff 24. > 117 

6 Alexander — Nikolaus II > > 119 

9 Strandtman — Sasonow » > 120 

12 Kudacheff — Sasonow 25. > 139 

17 Sasonow — Benckendorff > > 140 

18 Pourtales — Sasonow » » 141 



— X — 

Nr. Absender und Empfänger Datum Seite 

25 Sasonow — Schebeko 26. Juli 167 

29 Sewastopulo — Sasonow >' > 174 

31 Benckendorff — Sasonow 27. » 180 

32 Sasonow — Paris und London ....»> 180 

33 Sasonow — Paris, London, Wien und Rom » > 181 

35 Iswolskp — Sasonow » » 184 

40 Nikolaus II — Alexander > » 196 

43 Sasonow — Benkendorff 28. » 204 

45 Schebeko — Sasonow > » 212 

48 Sasonow — Benckendorff > > 207 

49 Sasonow — Bronewski 29. » 231 

50 Sasonow — London und Paris .... » » 233 

51 Bronewski — Sasonow » » 234 

53 Iswolsky — Sasonow » » 245 

55 » » > » 247 

56 Alexander — Nikolaus II 30. > 261 

57 Strandtman — Sasonow 29. » 247 

58 Sasonow — Iswolsky 29. » 248 

59 Strandtman — Sasonow 30. » 262 

60 Sasonow — Berlin, Wien, Paris, etc. . . » » 262 

63 Swerbejew — Sasonow » » 265 

64 Benckendorff — Sasonow » > 266 

66 Schebeko — Sasonow 31. » 294 

67 Sasonow — Berlin, Wien, Paris, London etc. » » 301 

68 Swerbejew — Sasonow - » » 302 

69 Sasonow — Iswolsky » > 303 

70 Sasonow — russ. Vertreter im Auslande . 1. August 314 

74 Iswolsky — Sasonow » » 319 

75 » » » » 320 



Aus dem serbischen Blaubuch. 

1 Jov. Jovanowitsch — Paschitch .... 29. Juni 60 

2 » » .... 30. » 61 
5 > »..,.>» 62 
8 Paschitch — alle serb. Gesandtschaften . 1. Juli 63 

10 Vesnitch — Paschitch 2. » 65 

12 Jov. Jovanowitsch — Paschitch .... 3. > 66 

13 Vesnitch — Paschitch 4. » 67 

14 Spalaikowitch — Paschitch » » 69 

15 Jov. Jovanowitsch — Paschitch .... 6. > 70 
19 Dr. M. Jovanowitsch — Paschitch ... 14. » 72 
24 Jov. Jovanowitsch — Paschitch .... 15. » 73 
26 Dr. M. Jovanowitsch — Paschitch ... 16. » 74 
29 Spalaikowitsch — Paschitch 18. » 75 

36 > » 24. » 112 

37 Alexander — Nikolaus II > » 119 

38 Paschitch — alle serb. Gesandtschaften . 25. » 143 

40 Giesl — Paschitch » » 151 

41 Paschitch — alle serb. Gesandtschaften . » » 152 

43 Nikolaus II. — Alexander 27. » 196 

47 Spalaikowitsch — Sasonow 28. » 206 



— XI — 



Nr. 



Absender und Empfänger 



Datum 



Seite 



44 Alexander — Nikolaus II 30. Juli 261 

48 Sasonow — Spalaikowitsch > » 261 

49 Paschitch — Dr. M. Jovanowitsch ... 4. August 358 
51 Dr. M. Jovanowitsch — Paschitch ... 6. > 365 



Aus dem Graubuch. 

2 Davignon — Paris, Berlin, London, Wien etc. 24. Juli 130 

8 Davignon — Berlin, Paris, London, etc. . 29. > 253 

10 Davignon— alle Vertreter Belgiens . . 31. > 295 

1 1 Davignon — Berlin, London und Paris . » > 295 

12 Davignon— Berlin, London und Paris. . » » 296 
Anlage zu 12. Belg. Ges. Berlin — Davignon (2. Mai 1913) 297 
18 Eyschen — Garantiemächte und Belgien . 2. August 342 

20 Below-Saleske — Davignon » > 345 

22 Davignon — Below-Saleske 3. > 349 

24 Davignon — die belg. Gesandten ... > » 350 

25 Albert I. — Georg V > > 352 

27 Below-Saleske — Davignon 4. > 358 

28 Villiers — Davignon > > 358 

40 Davignon — England, Frankreich, Russland > > 362 

60 Fallon — Davignon 9. > 366 

71 Davignon — Fallon 12. » 368 

77 Clary — Davignon 28. » 373 



BERICHTIGUNG. 

Es muss heissen: 
S. 173, zweiter Absatz im Text: Statt «der mich lächelnd anhörte* — 

der lächelnd zuhörte. 
S. 189, Randnotiz: Statt «Haltung Russlands» — Haltung Englands. 
S. 243, Randnotiz: Statt «Buchanan» — Goschen. 
S. 248, Anmerkung 2 zu Ob. Nr. 58 ; Statt «Blb. 70. - II» — Blb. 70. - 1. 
S. 303, zweite Zeile derUeberschrift: Statt «Iswolskp» — Benckendor ff. 



Einführung. 



uropäer verschiedener Nationalitäten werden noch in 
Jahren nicht zu einer Verständigung über das Pro- 
blem der Ursachen des Weltkrieges gelangen. Für 
den einen bleibt es der deutsche Militarismus, den anderen 
der französische Rachegedanke, für jenen ist es briti- 
scher Handelsneid und diesen russisch-slawischer Erobe- 
rungsdrang und dergleichen mehr. Selbst über den Kriegs- 
anlass ist eine Einigung nicht zu erzielen. Besteht er für 
einen Teil der europäischen Meinung in der Bluttat von 
Serajewo und den ihr zugrunde liegenden panserbischen 
und panslawistischen Bestrebungen, so für die anderen, die 
über diese Tat ruhig hinweggleiten, in der < österreichisch- 
deutschen Provokation >, wie sie das Ultimatum an Serbien 
darstellen soll. Und die Erweiterung des Krieges zwischen 
den Festlandmächten durch das Hineintreten Englands fügte 
neue Möglichkeiten geschichtlicher Auslegungen hinzu. 1 ) 

Aber über der Frage der tieferen Ursachen und 
problematischen Anlässe, unter Ausschaltung aller Ge- 
schichtsphilosophie und kleinlich peinlicher Bewertung der 
äusseren Ereignisse, besitzen wir eine Tatsache, an die wir 
uns klar und fest halten können, die Tatsache, dass der 
Weltkrieg 1914—1915 aus den Verhandlungen in den Monaten 
Juli und August des Jahres 1914 hervorgegangen ist. Das 



J ) Das Eintreten der Türkei und Italiens in den Krieg kann in 
dieser Arbeit natürlich nicht berücksichtigt werden. Der Kriegsein- 
tritt dieser Staaten fand statt, als der Weltkrieg bereits wütete. Mit 
den europäischen Kriegsverhandlungen der Monate Juli und August 
hat jene Kriegserweiterung nichts zu tun. Damit soll natürlich nicht 
verkannt werden, dass Fragen der türkischen und italienischen Politik 
bereits während der Verhandlungen unter den übrigen Mächten von 
gewissem Einfluss auf die Entscheidungen Russlands, Frankreichs und 
auch Englands waren. 



— 4 — 

ist eine Binsenweisheit und ist doch mehr als eine solche. 
Denn wenn man sich von allen Nebeln einer grübelnden 
Vertiefungs- und Auslegungssucht befreit, muss man doch 
diese grundlegende Wahrheit anerkennen, dass nämlich 
weder die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thron- 
folgers, noch die Ueberreichung des Ultimatums in Belgrad 
an und für sich irgendwelchen europäischen Krieg entfes- 
selte und entfesseln konnte. Sie schufen eine europäische 
Lage. Sie wurden der Anlass zu europäischen Verhandlungen. 
Diese Verhandlungen sollten offiziell Unstimmigkeiten lösen. 
Sie wollten offiziell einen modus vivendi für das aufgestörte 
Europa finden. Und an seiner Statt schufen sie den Casus 
belli. Sie wollten Friedensverhandlungen sein, und sie wurden 
Kriegsverhandlungen. 

Ist es also noch müssig, auf jeden Fall schwierig, die 
tieferen Ursachen zu erkennen, aus denen das Europa der 
Monate Juli-August 1914 hervorging, jenes Europa, dessen 
Friedensverhandlungen zu Kriegsverhandlungen werden 
mussten, so steht nichts einer Prüfung der Frage entgegen, 
warum aus jenen Friedensverhandlungen Kriegsverhandlungen 
wurden. Darf man nicht den ganzen weiten Weg überschauen, 
der vom fernen Horizont eines heute sagenhaften Friedens in 
die Gegenwart der Schlachtfelder führt, so ist es erlaubt, 
die letzte Wegstrecke zu überblicken. Die Wegstrecke, deren 
Meilensteine das Datum des 23. und 25. Juli, des 1., 3. und 
4. August führen. Dieser Ueberblick und diese Prüfung 
kann auf jede künstliche und kunstfertige Konstruktion ver- 
zichten, auf jedes Schürfen in den Trümmern des alten Eu- 
ropas. Es genügt, Schritt für Schritt die Verhandlungen zu 
verfolgen, die dem blutigen Zusammenprall vorangingen. 
Es genügt mit offenen Ohren und hellem, unbefangenem 
Sinn der Sprache der Kabinette zu lauschen, mit ungetrübtem 
Blick die Aktenstücke zu lesen, die jede der kriegführenden 
Regierungen über die Kriegsverhandlungen im Herbste des 
Jahres 1914 veröffentlichte. Erwecken wir noch einmal die 
dunklen Tage reich an Worten und reich an heimlichem 
Trachten und Denken, aus denen dieser Krieg entstand. 
Damals hörten wir nur die schweren, dumpfen Schlussätze, 



— 5 — 

die man in unsere harrende Aengstlichkeit warf. All das 
Raunen und Flüstern, das zwischen ihnen lag, war uns ver- 
borgen. Heute können wir, so gut es heute möglich ist, 
dem Meinungsverkehr zwischen den Hauptstädten des alten 
Europas lauschen und aus ihm die Antwort auf die Frage 
erhorchen, warum der Friede zerschlagen wurde. 

* * 

Auf diese Frage versuchten natürlich nach Ausbruch 
des Krieges alle europäischen Regierungen zu antworten. 
In flammenden Manifesten, Aufrufen, Kammerreden und 
dergleichen mehr erklärte eine jede den in den Kampf 
ziehenden heimischen Scharen und den aufhorchenden neu- 
tralen Staaten, warum der Friede starb. Eine jede war na- 
türlich schuldlos daran, dass aus den Verhandlungen für den 
Frieden Kriegsverhandlungen geworden. Sie wollte den 
Krieg vermeiden, den der Gegner heimtückisch entfesselte. 
Alle diese Kundgebungen haben in erster Linie natürlich 
nur den Wert, den ihnen der Augenblick gab. Sie sollten be- 
geistern und anklagen. Immerhin stellten sie die erste amt- 
liche Geschichte des Kriegsausbruches dar. Mit ihnen 
allein ist nichts anzufangen. Aber sie sind notwendig für 
das Verständnis der eigentlichen Akten über die Kriegs- 
verhandlungen, so wie sie vor Kriegsausbruch entstanden 
sind. Aus ihnen ersehen wir, was die Akten nach Wunsch 
und Willen der betreffenden Regierung aussagen sollten. 
Sie geben uns den Masstab für die Beurteilung der Doku- 
mente. 

Die erste Aufgabe dieser Einführung muss es also sein, 
dem Leser der folgenden Dokumentensammlung einen kurzen, 
aber scharfen Ueberblick über die offiziellen Darlegungen 
nach Kriegsausbruch zu geben. Bevor wir an die vor Kriegs- 
ausbruch entstandenen Akten herantreten, müssen wir einen 
Blick auf die nach Kriegsausbruch von einer jeden Regierung 
aufgestellten Thesen werfen. 

Für die deutsche Auffassung sind folgende Zitate aus 
der Denkschrift des Weissbuches und der Reichskanzlerrede 
in der 2. Kriegstagung des Reichstages charakteristisch: 



— 6 — 

1. «Ein moralisch geschwächtes, durch das Vordringen des 
russischen Panslawismus zusammenbrechendes Oesterreich wäre für 
uns kein Bundesgenosse mehr, mit dem wir rechnen und auf den wir 
uns verlassen könnten, wie wir es angesichts der immer drohender 
werdenden Haltung unserer östlichen und westlichen Nachbarn müssen. 
Wir Hessen daher Oesterreich völlig freie Hand in seiner Aktion gegen 
Serbien. Wir haben an den Vorbereitungen dazu nicht teilgenommen.» 

2. «Vom ersten Augenblick des Konfliktes an haben wir auf 
dem Standpunkt gestanden, dass es sich hierbei um eine Angelegen- 
heit Oesterreichs handelte, die es allein mit Serbien zum Austrag zu 
bringen haben würde. Wir haben nachdrücklich den Standpunkt ver- 
treten, dass kein Kulturvolk das Recht habe, in diesem Kampf gegen 
Unkultur und politische Verbrechermoral Oesterreich in den Arm zu 
fallen und die Serben ihrer gerechten Strafe zu entziehen. » 

3. « Getreu unserem Grundsatz, dass eine Vermittlungsaktion 
sich nicht auf den lediglich eine österreichisch-ungarische Angelegen- 
heit darstellenden österreichisch-serbischen Konflikt, sondern nur auf 
das Verhältnis zwischen Oesterreich-Ungarn und Russland beziehen 
könnte, haben wir unsere Bemühungen fortgesetzt, zwischen diesen 
beiden Mächten eine Verständigung herbeizuführen.» 

4. « Die russische Regierung hat durch ihre die Sicherheit des 
Reiches gefährdende Mobilmachung die mühsame Vermittlungsarbeit 
der europäischen Staatskanzleien kurz vor dem Erfolge zerschlagen. 
Die Mobilisierungsmassregeln, über deren Ernst der russischen Regie- 
rung von Anfang an kein Zweifel gelassen wurde, in Verbindung mit 
ihrer fortgesetzten Ableugnung zeigen klar, dass Russland den Krieg 
wollte.» (Denkschrift des Weissbuches.) 

5. «Die Verantwortung an diesem grössten aller Kriege liegt 
für uns klar. Die äussere Verantwortung tragen diejenigen Männer in 
Russland, die die allgemeine Mobilisierung der russischen Armee be- 
trieben und durchgesetzt haben. Die innere Verantwortung liegt bei 
der grossbritannischen Regierung. Das Londoner Kabinett konnte den 
Krieg unmöglich machen, wenn es unzweideutig in Petersburg erklärte, 
England sei nicht gewillt, aus dem österreichisch-serbischen Konflikte 
einen kontinentalen Krieg der Grossmächte herauswachsen zu lassen. 
Eine solche Sprache hätte auch Frankreich gezwungen, Russland 
energisch von allen kriegerischen Massnahmen abzuhalten. Dann aber 
gelang unsere Vermittlungsaktion zwischen Wien und Petersburg, und 
es gab keinen Krieg. England hat das nicht getan. England kannte die 
kriegslüsternen Treibereien einer zum Teil nicht verantwortlichen, aber 
mächtigen Gruppe um den Zaren. Es sah, wie das Rad ins Rollen kam, 
aber es fiel ihm nicht in die Speichen. Trotz aller Friedensbeteue- 
rungen gab London in Petersburg zu verstehen, England stehe auf 
Seite Frankreichs und damit auch Russlands.» 



— 7 — 

6. «Die belgische Neutralität, die England zu schützen 
vorgab, ist eine Maske. Am 2. August, abends um 7 Uhr, teilten wir 
in Brüssel mit, die uns bekannten Kriegspläne Frankreichs zwängen 
uns, um unserer Selbsterhaltung willen durch Belgien zu marschieren. 
Aber schon am Nachmittage dieses 2. August, also bevor in London 
das geringste von unserer Demarche in Brüssel bekannt war und be- 
kannt sein konnte, hatte England Frankreich seine Unterstützung zu- 
gesagt und zwar bedingungslos zugesagt für den Fall eines Angriffs 
der deutschen Flotte auf die französische Küste. Von der belgischen 
Neutralität war dabei mit keinem Wort die Rede. Diese Tatsache ist 
festgestellt durch die Erklärung, die Sir Edward Grey am 3. August 
im englischen Unterhaus abgab, und die mir am 4. August infolge 
des erschwerten telegraphischen Verkehrs nicht in extenso bekannt 
war, und bestätigt durch das Blaubuch der englischen Regierung 
selbst. Wie hat da England behaupten können, es habe das Schwert 
gezogen, weil wir die belgische Neutralität verletzt hätten?» 

(Rede des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg im Deut- 
schen Reichstag am 2. Dezember 1914.) 

Die für Oester reich- Ungarn massgebende Auffassung 
über den Ausbruch des Krieges mit Serbien erhellt am 
Klarsten aus folgenden Sätzen des Manifestes, das Kaiser 
Franz-Joseph am 28. Juli an seine Völker richtete: 

1. <Ein verbrecherisches Treiben greift über die Grenzen, um 
im Südosten der Monarchie die Grundlagen staatlicher Ordnung zu 
untergraben. Eine Reihe von Mordanschlägen, eine planmässig vor- 
bereitete und durchgeführte Verschwörung, deren furchtbares Gelingen 
mich und meine treuen Völker ins Herz getroffen hat, bildet die weit- 
hin sichtbare blutige Spur jener geheimen Machenschaften, die von 
Serbien aus ins Werk gesetzt und geleitet wurden. > 

2. < Diesem unerträglichen Treiben muss Einhalt geboten, den 
unaufhörlichen Herausforderungen Serbiens ein Ende bereitet werden, 
soll die Ehre und Würde meiner Monarchie unverletzt erhalten und 
ihre staatliche, wirtschaftliche und militärische Entwicklung vor be- 
ständigen Erschütterungen bewahrt bleiben.» 

3. < Serbien hat die massvollen und gerechten Forderungen 
meiner Regierung zurückgewiesen und es abgelehnt, jenen Pflichten 
nachzukommen, deren Erfüllung im Leben der Völker und Staaten die 
natürliche und notwendige Grundlage des Friedens bildet. So muss 
ich denn daran schreiten, mit Waffengewalt die unerlässlichen Bürg- 
schaften zu schaffen, die meinen Staaten die Ruhe im Inneren und den 
dauernden Frieden nach Aussen sichern sollen.» 

(Manifest des Kaisers.) 



- 8 — 

Den Ausbruch des Krieges mit Russland als Folgeer- 
scheinung des ersten Krieges mit Serbien stellt eine Ein- 
leitung zum Rotbuche, welche die österreichisch-ungarische 
Auffassung, wie sie sich in allen offiziellen Kundgebungen 
äusserte, gut zusammenfasst, folgendermassen dar: 

1. «Am 24. Juli hat der k. u. k. Botschafter dem russischen 
Minister des Aeusseren gegenüber die Friedensliebe der Monarchie 
hervorgehoben. Ihr einziges Ziel sei, dass der Bedrohung unserer 
Dynastie durch serbische Bomben und unseres Territoriums durch die 
revolutionären Umtriebe Serbiens ein Ende bereitet werde. 

Dieses Ziel zu erreichen war eine Lebensfrage der Monarchie. 
Sie konnte sich daher durch die Möglichkeit eines Zusammenstosses 
mit Russland, falls dieses Serbien in Schutz nehmen sollte, nicht ab- 
schrecken lassen, der unerträglichen Situation ein Ende zu bereiten, 
dass ein russischer Freibrief dem Savekönigreiche die dauernde un- 
gestrafte und unstrafbare Bedrohung Oesterreich-Ungarns ermögliche.» 

2. «Am 30. Juli hat der englische Staatssekretär neuerdings 
angeregt, dass sich Oesterreich-Ungarn in seinem Konflikte mit Serbien 
der Vermittlung der Mächte bediene. Von dem Wunsche geleitet, ihr 
Möglichstes zu tun, um den Weltfrieden zu erhalten, hat sich die 
k. u. k. Regierung bereit erklärt, diese Vermittlung anzunehmen. Die 
Ehre und das Interesse Oesterreich-Ungarns aber erheischten, dass 
dies nicht unter dem Drucke der drohenden Massnahmen Russlands 
geschehe. Sie musste daher vor allem fordern, dass die feindseligen 
Mobilisierungsmassnahmen des Zarenreiches vorerst rückgängig ge- 
macht werden. Dieses Verlangen hat das Petersburger Kabinett mit 
der Mobilisierung der gesamten russischen Streitkräfte beantwortet.» 

3. < Im Bunde mit der Selbstsucht Grossbritanniens und der 
Revanchebegierde der französichen Republik hat die Petersburger 
Regierung kein Mittel verschmäht, um der Tripleentente die Vorherr- 
schaft in Europa zu sichern und sich selbst freie Bahn für ihre kühn- 
sten Pläne zu schaffen. In ihren Lebensinteressen auf das schwerste 
gefährdet, sahen sich Oesterreich-Ungarn und Deutschland vor die 
Wahl gestellt, ihre Rechte und ihre Sicherheit zu verteidigen oder 
vor den Drohungen Russlands zurückzuweichen. Sie sind den Weg 
gegangen, den ihnen Ehre und Pflicht wiesen.» 

(Einleitung zur Volksausgabe des Rotbuches.) 

Die englische Regierung legte ihre Haltung vor- 
nehmlich in der Rede Greys am 3. August nach Ausbruch 
des Festlandskrieges, der Rede Asquith's vom 6. August, 
nach Ausbruch des deutsch - englischen Krieges, und in 
einem Expose zum Blaubuch nieder. Ausführlich behan- 



— 9 — 

delte sie in erster Linie die eigenen Bemühungen um die 
Erhaltung des allgemeinen Friedens und entwickelt die 
These, dass England um Belgiens willen eingreifen musste. 
Interessant ist es nun, dass am 3. August Sir Edward Grey 
der Wahrheit näher kam, als Asquith am 6. August. 

1. «Vom 24. Juli ab, als Russland zum ersten Male um Eng- 
lands Hilfe bat, bis zum 2. August, an dem eine bedingungsweise 
Unterstützung zur See Frankreich versprochen wurde, hat Sir Edward 
Grey es beständig abgelehnt, irgend ein Hilfeversprechen irgend einem 
unserer gegenwärtigen Verbündeten zu geben. Er erklärte, die Lage 
Englands wäre die einer unbeteiligten Partei, deren Friedenseinfluss 
in Berlin und in Wien dadurch beeinträchtigt werden würde, wenn 
man wisse, dass wir nicht nach jeder Seite in dem Streitfall unab- 
hängig sind. Er wollte nicht glauben, dass der beste Weg zum euro- 
päischen Frieden in einer Machtdemonstration beruhe. Wir ergriffen 
keine andere Mobilmachungsmassregel als die Sammlung unserer Flotte 
und wir beschränkten uns darauf, Oesterreich am 27. Juli und Deutsch- 
land am 29. Juli klar darauf hinzuweisen, dass wir uns im Falle 
einer europäischen Konflagration nicht zur Neutralität verpflichten 
könnten. Wir gaben unseren gegenwärtigen Verbündeten keine Ver- 
sprechungen, aber Deutschland warnten wir dreimal — am 30. Juli, 
am 31. Juli und am 1. August — hinsichtlich der Wirkung, die eine 
Verletzung der belgischen Neutralität auf unsere Haltung und auf die 
Gefühle des britischen Volkes ausüben würde. Nach der deutschen 
Kriegserklärung an Russland am Nachmittag des 1. August telegra- 
phierte der Zar seiner Majestät dem König folgendes : « In dieser feier- 
lichen Stunde möchte ich Dir nochmals die Versicherung geben, dass 
ich alles was in meiner Macht lag, zur Verhinderung des Krieges tat. > 
Es muss gerechterweise gesagt werden, dass die Regierung Seiner 
Majestät hierin einen wahrheitsgemässen Ausdruck der russischen 
und französischen Haltung während der Krisis sieht.» 

(Expose des Blaubuches.) 

2. «Wenn wir in einer Krisis wie dieser den Ehren- und In- 
teressenpflichten, wie sie dem belgischen Vertrag gegenüber bestehen, 
aus dem Wege gehen, so bezweifle ich, dass, wie gross auch unsere 
materielle Kraft am Ende sein mag, sie in Anbetracht der Einbusse 
unseres Ansehens noch irgendwelchen Wert besitzt. Und glauben Sie 
nicht, dass eine Grossmacht, ob sie sich nun an diesem Kriege be- 
teiligt oder nicht beteiligt, an seinem Ende in dtr Lage sein wird, ihre 
überlegene Kraft anzuwenden. Denn wir, mit einer mächtigen Flotte, 
die wir für fähig halten, unseren Handel und unsere Küsten zu schützen, 
werden, wenn wir in den Krieg verwickelt werden, nur wenig mehr 
leiden als wenn wir selbst neutral bleiben. Wir werden durch diesen 
Krieg schrecklich leiden, gleichviel ob wir an ihm teilnehmen oder 



— 10 — 

neutral bleiben. Der Auslandshandel wird stocken, nicht weil die 
Handelswege geschlossen sein werden, sondern weil man auf der 
anderen Seite keinen Handel mehr treibt. Die Festlandnationen sind 
in einen Krieg verwickelt — ihre gesamten Bevölkerungen, ihre ge- 
samten Kräfte, ihr gesamter Reichtum ist in dem verzweifelten Kampf 
festgelegt — sie können sich nicht um den Handel mit uns kümmern 
wie in Friedenszeiten, ob wir an dem Kriege teilnehmen oder nicht. 
Ich glaube auch keinen Augenblick, dass wir am Ende dieses Krieges 
in der Lage sein werden, in der materiellen Lage, unsere Kräfte ent- 
scheidend zu verwenden, um die Ergebnisse dieses Krieges wieder 
rückgängig zu machen und zu verhindern, dass das gesamte West- 
europa — wenn dieses das Ergebnis des Krieges sein sollte — unter 
der Herrschaft einer einzigen Macht uns gegenübersteht.» 
(Rede von Grey, am 3. August 1914 im Unterhaus.) 
3. « Wenn wir leider — trotz all unserer Bemühungen zur Erhal- 
tung des Friedens und des vollen schweren Bewusstseins der Er- 
gebnisse im Falle der Entscheidung für den Krieg — es nichts- 
destoweniger als die Pflicht und das Interesse dieses Landes erachten, 
in den Krieg zu ziehen, so mag das Haus überzeugt sein, dass dies 
in dem Glauben geschah, den das Land sicher teilen wird, dass wir 
das Schwert für eine gerechte Sache ziehen. Falls ich befragt 
werde, wofür wir kämpfen, so kann ich in zwei Sätzen antworten : 
Erstens, um eine hohe und teure internationale Pflicht zu erfüllen, 
die, wenn sie im gewöhnlichen Leben zwischen zwei Privatper- 
sonen in Frage käme, nicht nur als eine gesetzliche, sondern auch 
als Ehrenpflicht gelten würde, die kein sich selbst achtender Mann 
verleugnen kann. Ich sage zweitens, dass in unserer Zeit, in der die 
rohe Kraft von grösstem Einfluss und ein Element der Menschheits- 
entwicklung darzustellen scheint, wir zur Verteidigung des Prinzips 
der Rechte der kleinen Staaten kämpfen, damit sie nicht ohne Rücksicht 
auf den internationalen guten Glauben durch den eigenmächtigen 
Willen einer starken und herrschsüchtigen Nation vernichtet werden.» 
(Rede von Asquith, am 6. August 1914 im Unterhaus.) 

Für Rasslands offizielle These gibt ein Rundschreiben 
Sasonows an die russischen Auslandsvertreter vom 2. Au- 
gust 1914 den deutlichsten Aufschluss. 

1. «Da die russische Regierung die Schmälerung der Würde 
Serbiens, die diese Forderungen enthielten 1 ), desgleichen die Tendenz 
Oesterreich-Ungarns, die aus den Forderungen ersichtlich war, sich 
die Vorherrschaft auf dem Balkan zu sichern, nicht hinnehmen konnte,, 
machte sie die österreichisch-ungarische Regierung darauf aufmerksam, 
dass es wünschenswert wäre, die einzelnen Punkte der österreichisch- 
ungarischen Note einer neuen Prüfung zu unterziehen. Die öster- 
reichisch-ungarische Regierung hielt es für unmöglich, in eine Dis- 

*) Die österreichisch-ungarische Note an Serbien. 



— 11 — 

kussion der Note einzuwilligen. Die Beschwichtigungsaktion der an- 
deren Mächte in Wien war von keinem grösseren Erfolg. > 

2. < In Erkenntnis des übertriebenen Charakters der österreichi- 
schen Forderungen hatte Russland vorher erklärt, dass es ihm unmög- 
lich sein würde, gleichgültig zu bleiben, ohne jedoch abzulehnen, alle 
Anstrengungen für einen friedlichen Ausgang zu machen, der für 
Oesterreich annehmbar wäre und seine Empfindlichkeit als Gross- 
macht schonen würde. Gleichzeitig gab Russland auf entschiedene 
Weise zu verstehen, dass es eine friedliche Lösung der Frage nur in 
dem Masse hinnehmen würde, als sie nicht die Schmälerung der Würde 
Serbiens als unabhängigen Staat voraussetze. Leider waren alle Be- 
mühungen der Kaiserlichen Regierung in dieser Richtung ergebnislos. 
Die österreichisch-ungarische Regierung, nachdem sie sich allen ver- 
söhnlichen Interventionen der Mächte in ihren Konflikt mit Serbien 
entzogen hatte, nahm die Mobilmachung vor und erklärte offiziell an 
Serbien den Krieg; am nächsten Tage wurde Belgrad bombardiert.» 

3. «Infolge dieser Handlungsweise der österreichisch-ungarischen 
Regierung . . ., erachtete die Kaiserliche Regierung es für notwendig, 
die Mobilmachung der Militärbezirke Kiew, Odessa, Moskau und Kasan 
anzuordnen. Eine derartige Entscheidung erwies sich als dringlich, 
weil seit der Ueberreichung der österreichischen Note an die ser- 
bische Regierung und den ersten Massnahmen Russlands fünf Tage 
verflossen waren und nichtsdestoweniger das Wiener Kabinett keinen 
Schritt unternommen hatte, um unseren Friedensbemühungen entgegen- 
zukommen. > 

4. «Oesterreich-Ungarn lehnte eine spätere Aussprache mit 
uns ab, und das Wiener Kabinett sperrte sich gegen die Teilnahme 
an der geplanten Mächtekonferenz. Nichtsdestoweniger setzte Russ- 
land seine Bemühungen für den Frieden fort. Auf die Frage des 
deutschen Botschafters, unter welchen Bedingungen wir unsere Rü- 
stungen einstellen würden, antworte der Minister des Aeusseren, dass 
unsere Bedingungen diese wären: Oesterreich-Ungarn sollte den 
europäischen Charakter der österreichisch-serbischen Frage anerkennen 
und sich bereit erklären, nicht auf den mit den souveränen Rechten 
Serbiens unvereinbaren Forderungen zu bestehen. Der Vorschlag 
Russlands wurde von Deutschland als unannehmbar für Oesterreich- 
Ungarn bezeichnet.» 

5. <Der Misserfolg unserer Friedensvorschläge zwang uns, die 
militärischen Vorsichtsmassregeln zu erweitern. Als das Berliner 
Kabinett uns hierüber befragte, erhielt es die Antwort, dass Russland 
gezwungen sei, seine Rüstungen zu beginnen, um sich gegen jede 
Möglichkeit zu sichern. Aber obwohl Russland diese Vorsichts- 
massregeln ergriff, suchte es weiter aus allen Kräften einen Ausweg 
aus dieser Lage und erklärte sich bereit, jede Lösung hinzunehmen, 



— 12 — 

die mit den von uns gestellten Bedingungen übereinstimme. Trotz 
dieser versöhnlichen Mitteilung richtete die deutsche Regierung am 
31. Juli an die russische Regierung die Aufforderung, ihre militärischen 
Massregeln bis zum Mittag den 1. August einzustellen, indem sie im 
Weigerungsfalle mit der allgemeinen Mobilmachung drohte. — Am 
nächsten Tage, dem 1. August, überreichte der deutsche Botschafter 
dem Minister des Aeusseren im Namen seiner Regierung die Kriegs- 
erklärung. » 

(Rundschreiben Sasonows vom 2. August, Orangebuch.) 

Die Vorgeschichte des Krieges in amtlicher französi- 
scher Beleuchtung fassen folgende Auszüge aus der Botschaft 
des Präsidenten Poincare vom 4. August und der Regierungs- 
erklärung des Ministeriums Viviani am selben Tage zu- 
sammen : 

1. «Frankreich ist soeben Gegenstand eines rohen und vor- 
bedachten Ueberfalles geworden, der eine unverschämte Heraus- 
forderung des Völkerrechtes darstellt. Ehe noch eine Kriegserklärung 
an uns gerichtet wurde, ehe noch der deutsche Botschafter seine 
Pässe verlangt hatte, ist unser Gebiet verletzt worden. > 

2. < Seitdem das Ultimatum Oesterreichs eine bedrohliche Krisis 
über ganz Europa eröffnet hatte, widmete sich Frankreich ganz der 
Aufgabe, eine Politik der Vorsicht, der Weisheit und der Mässigung 
zu verfolgen und überall anzuempfehlen. Man kann Frankreich keine 
Handlung, keine Gebärde, kein Wort zuschreiben, das nicht friedlich 
und versöhnlich gewesen wäre. > 

3. « Nachdem am Tage vorher unsere Verbündeten und wir öffent- 
lich die Hoffnung ausgesprochen hatten, dass die unter den Auspizien des 
Londoner Kabinettes eröffneten Verhandlungen eine friedliche Entwick- 
lung nehmen würden, erklärte Deutschland plötzlich an Russland den 
Krieg, fiel in Luxemburg ein, beschimpfte schmählich die edle belgische 
Nation, unsere Nachbarin und Freundin, und versuchte uns inmitten 
der diplomatischen Verhandlungen verräterisch zu überraschen.! 

(Botschaft des Präsidenten der Republik vom 4. August 1914.) 

4. < Die geforderten Genugtuungen 1 ), oder wenigstens mehrere 
von ihnen, verletzten unzweifelhaft die Rechte eines souveränen 
Staates. Trotz ihres übertriebenen Charakters erklärte sich Serbien 
am 25. Juli bereit, sich ihnen fast ohne Einschränkung zu unterwerfen. 
Dieser Unterwerfung, die für Oesterreich-Ungarn einen Erfolg und 
für den europäischen Frieden eine Gewähr bedeutete, waren die 
Ratschläge, die Frankreich, Russland und Grossbritannien in Belgrad 
gegeben hatten, nicht fremd. > 

*) Die österreichisch-ungarische Note an Serbien. 



— 13 — 

5. «Von der ersten Stunde an mussten wir mit Bedauern fest- 
stellen, dass unsere Dispositionen und Bemühungen in Berlin kein 
Echo fanden. Nicht nur schien Deutschland keineswegs geneigt, 
Oesterreich-Ungarn die freundschaftlichen Ratschläge zu geben, zu 
denen seine Stellung es berechtigte, es schien sich vielmehr von 
diesem Augenblick an und mehr noch in den folgenden Tagen zwi- 
schen das Wiener Kabinett und die Vermittlungsvorschläge der andern 
Mächte zu drängen. > 

6. < Seit dem Morgen des 25. Juli, d. h. noch ehe die Frist, die 
Oesterreich-Ungarn Serbien bewilligt hatte, abgelaufen war, hielt es 
die Truppen Elsass-Lothringens in den Kasernen bereit. Am selben 
Tage wurden die Kunstbauten in der Nähe der Grenze gerüstet. Am 
26. schrieb es den Eisenbahnen Vorbereitungsmassnahmen für die 
Konzentration vor. Am 27. nahm es Requisitionen vor und stellte 
Deckungstruppen auf. Am 28. begannen die persönlichen Reservisten- 
aufgebote, und die der Grenze entfernten Elemente wurden ihr 
näher gebracht. Konnten alle diese mit unerbittlicher Methode be- 
triebenen Massregeln uns über die deutschen Absichten im Zweifel 
lassen? Das war die Lage, als die deutsche Regierung am Abend 
des 31. Juli, nachdem sie seit dem 24. mit keiner positiven Handlung 
an den versöhnlichen Bemühungen des Dreiverbandes teilgenommen 
hatte, an die russische Regierung ein Ultimatum richtete, unter dem 
Vorwand, dass Russland die allgemeine Mobilmachung seiner Heere 
angeordnet hatte, und in einer Frist von 12 Stunden die Einstellung 
dieser Mobilmachung forderte.» 

7. «Am selben Abend, ohne sich um die Annahme des eng- 
lischen Vorschlages . . . durch das Petersburger Kabinett zu kümmern, 
erklärte Deutschland an Russland den Krieg. Gleichzeitig, ohne Rück- 
sicht auf die äusserste Mässigung Frankreichs, im Widerspruch zu 
den friedlichen Erklärungen des deutschen Botschafters in Paris, in 
Verletzung der Regeln des internationalen Rechtes, überschritten die 
deutschen Truppen an drei verschiedenen Punkten unsere Grenze. 
Gleichzeitig, in Vergewaltigung des Vertrages von 1867, der mit 
Preussens Unterschrift die Neutralität Luxemburgs gewährleistete, 
fielen sie in das Gebiet des Grossherzogtums ein, somit den Protest 
der Luxemburger Regierung hervorrufend. Schliesslich wurde selbst die 
belgische Neutralität bedroht . . . Seitdem erneuerten sich die Ueber- 
fälle, vermehrten sich und wurden deutlicher. Auf mehr als 15 Punkten 
wurde unsere Grenze verletzt. Gegen unsere Soldaten und Zollwächter 
wurden Gewehrschüsse abgegeben. Dabei gab es Tote und Verwundete. 
Gestern warf ein deutscher Flieger drei Bomben auf Luneville. — Der 
deutsche Botschafter, dem ich wie allen Grossmächten diese Tatsachen 
mitteilte, dementierte sie nicht und sprach kein Bedauern aus. Dagegen 
kam er gestern, um seine Pässe zu verlangen und uns den Kriegs- 
zustand zu notifizieren, indem er, der Wahrheit zuwider, feindliche 



— 14 — 

Akte, die französische Flieger in der Eiffelgegend und sogar auf der 
Karlsruher Bahnstrecke und in der Nähe von Nürnberg ausgeführt 
hätten, vorgab.» 

(Regierungserklärung des Ministerpräsidenten Viviani 
am 4. August 1914.) 

Was endlich Serbien und Belgien betrifft, so erübrigt 
sich nach den obenstehenden Auszügen ein Eingehen auf 
die entsprechenden Darstellungen dieser beiden Staaten. Für 
Serbien liegt der Schlüssel des Krieges in der Ueberzeu- 
gung, das die serbische Antwort auf das Ultimatum die äus- 
serste Grenze der Nachgiebigkeit darstellte und darüber 
hinausgehende Forderungen nur Oesterreich-Ungarns Ab- 
sicht beweisen, Serbien zu vernichten. Für Belgien beruht 
begreiflicherweise die gesamte Auffassung vom Kriege 
auf der einfachen Ueberlegung, dass Deutschland nicht be- 
rechtigt gewesen sei, einen Durchzug durch belgisches Ge- 
biet zu fordern, dass die Gründe, die Deutschland dafür 
anführte, nicht zwingend waren und Belgien es seinen Ver- 
pflichtungen schuldete, gemeinsam mit England und Frank- 
reich jede Gebietsverletzung durch Deutschland zurückzu- 
weisen. Diese serbischen und belgischen Gesichtspunkte 
sind in den Darlegungen der Dreiverbandsregierungen mit- 
eingeschlossen. Aber nur ihre Beziehung zu der Politik 
der Grossmächte gibt ihnen Bedeutung für die Vor- 
geschichte des Weltkrieges, der als solcher eben nicht zu 
verwechseln ist mit dem österreichisch-serbischen Kriege, 
der an und für sich durchaus nicht die Notwendigkeit eines 
Weltkrieges einbegriff, und mit dem deutsch-belgischen 
Kriege, der ohne den vorhergehenden Ausbruch des Welt- 
krieges natürlich nie entstanden wäre. 

Die Erklärungen aller sieben Regierungen sind in 
gleich kategorischem und entschlossenem Ton gehalten. 
Eine jede stellt die Ereignisse auf ihre Art zusammen 
und zieht die ihr zusagenden Schlüsse. Eine jede wurde von 
den verschiedenen Völkern im Taumel der ersten Kriegs- 
begeisterung als Wahrheit aufgenommen, vielleicht mit Aus- 
nahme der englischen Darlegungen, die bereits im eigenen 
Lande den Widerspruch einer skeptischen Minderheit fanden. 



- 15 — 

Wo nun die Wahrheit liegt, wird das Studium der Akten 
ergeben. Für die deutschen und die österreichisch-ungarischen 
Darstellungen gibt es auf jeden Fall keinen andern Prüfstein. 
Denn sie sind derartig geschlossen und zwingend aufgebaut, 
dass nur der Nachweis, ihre Grundlagen seien falsch, sie 
zusammenwerfen könnte. Das gilt zum Teil auch für die 
russische Darlegung, obgleich hier allerdings schon ohne 
besondere Kenntnis der Akten Kritik geübt werden kann. 
Denn Sasonow nennt z. B. die angedrohten deutschen Mass- 
nahmen bei ihrem Namen, bezeichnet aber die russische all- 
gemeine Mobilmachung, die doch den Anlass zur deutschen 
Kriegserklärung wurde, einfach als «Erweiterung unserer 
militärischen Massnahmen». Selbst wenn die russische Re- 
gierung darin, dass Deutschland sich auf die russische all- 
gemeine Mobilmachung berief, nur einen Vorwand sieht, 
ist es seltsam, dass sie die Natur dieses «Vorwandes» ver- 
schleiert. 

In erhöhtem Masse aber bieten die Darstellungen 
Englands und Frankreichs, aus ihrem eigenen Zusammen- 
hange heraus, der Kritik Blossen dar. Die Rede Sir Edward 
Greys vom 3. August entkräftet zum Teil die Rede vom 
6. August. Am 3. August stellte er sich vor dem Parlament in 
aller Offenheit die Frage : — Sollen wir Krieg führen ? — und 
rechnet aus, in welchem Falle England «mehr leiden» werde. 
Er bespricht, ohne dass noch der belgische Kriegsgrund 
bestand, die Notwendigkeit einer Unterstützung Frankreichs, 
dem er ein Hilfsversprechen erteilt, das Deutschland un- 
bedingt als einen Kriegsgrund hätte auffassen können, das 
auf jeden Fall eine englische Provokation war. Die Dar- 
legungen vom 6. August dagegen stellen sich auf einen 
ganz anderen Boden. Der Widerspruch ist nicht zu lösen. 
Auch ohne Blau-, Gelb-, Weiss- und andere Bücher sind 
also die offiziellen englischen Kriegsargumente leicht umzu- 
stossen. Was Frankreich angeht, so genügt gleichfalls die Lek- 
türe der zitierten Auszüge, um die Haltlosigkeit des seltsamen 
Dogmas darzutun, auf das die französische Regierung ihre 
gesamte Auffassung stützt. Für Frankreich ist der Krieg 
einfach ein deutsch-französischer Krieg. Seine europäischen 



— 16 — 

Verquickungen spielen eine untergeordnete Rolle. Nach der 
französischen Darstellung entstand der Krieg infolge eines 
deutschen Ueberfalles auf Frankreich, infolge von Grenz- 
verletzungen, die sich Deutschland zu Schulden kommen 
Hess. Wie wir sehen werden, übermittelte die französische 
Regierung der Oeffentlichkeit zunächst keinerlei Akten. In den 
Erklärungen aus dem Munde der höchsten Leiter des Landes 
wurden also die wichtigsten Punkte nicht gebührend be- 
handelt, z. B. das französisch-russische Bündnis, auf Grund 
dessen doch Frankreich nur in einen Konflikt geriet, mit 
dem es ursprünglich auch nicht das Geringste zu tun hatte, 
in dem es sich um keinen deutsch-französischen Streitfall 
handelte. Diesen schweren Mangel kann man auch ohne 
Heranziehung der Akten und sonstigen Veröffentlichungen 
feststellen. Ernstere Einwände, die das ganze Gebäude 
jener populären Darstellungen erschüttern müssen, wie der 
Hinweis, dass die französische Regierung die zahlreichen 
Schritte Deutschlands in Paris und die letzte deutsche An- 
frage, ob Frankreich neutral bleiben wolle, völlig übergeht, 
sind nur mit Berufung auf die Akten, namentlich das Gelb- 
buch, möglich. 

* * 

Die eigentlichen Akten über die Kriegsverhandlungen, 
aus denen erhellen soll, ob die allgemeinen Leitsätze nicht 
nur an den schnell verwischten Maueranschlägen der Mobil- 
machungstage, sondern auch in den ewigen Tafeln der 
Geschichte bestehen können, wurden der Oeffentlichkeit 
in Gestalt von Sammlungen des diplomatischen Schrift- 
wechsels der betreffenden Regierungen zugänglich gemacht. 

Es sind dies: 

ein deutsches Weissbuch, mit den dazu zu rechnenden 
weiteren dokumentarischen Veröffentlichungen über die 
deutsch-englischen Verhandlungen und den belgischen 
Streitfall, 

ein englisches Blaubuch, 
ein russisches Orangebuch, 
ein französisches Gelbbuch, 



— 17 — 

ein serbisches Blau buch, 

ein belgisches Graubach und 

ein österreichisch-angarisches Rotbach. 1 ) 

Der diplomatische Schriftwechsel der einzelnen euro- 
päischen Regierungen, so wie er in der dem Kriege voran- 
gehenden Krisis entstand, stellt natürlich auch nur einen 
Bruchteil des wirklich vorhandenen Aktenmaterials dar. Vieles 
ist noch nicht veröffentlicht worden. Vieles wird vielleicht 
nie bekannt werden. Aber es ist doch anzunehmen, dass die 
Urkunden, soviel die Zukunft auch noch aus den Archiven 
ans Tageslicht fördern mag, soviel Ergänzungen und Ver- 
schiebungen noch hinzukommen mögen, in ihren Grundlinien 
bestehen bleiben werden. Auf jeden Fall werden sie ihren 
Wert bewahren als Zusammenfassung der geschichtlichen 
Kenntnisse, die wir noch während des grossen Krieges 
aufstapeln konnten. 

Und da ja eine jede Regierung sicher von den ihre 
Politik entlastenden Akten nichts verschwieg, die belastenden 
Akten aber von den feindlichen Regierungen sorgsam zu- 
sammengetragen wurden, reicht auch der heutige Doku- 
mentenschatz vollauf für die Prüfung der grossen Schuldfrage 
aus, deren Ergebnis künftige Veröffentlichungen eben nur 
noch schärfer und unerbittlicher unterstreichen können. 

Auch von einer jeden dieser Veröffentlichungen muss 
man natürlich zunächst annehmen, dass sie ausschliesslich 
die Tendenz verfolgt, der nationalen Sache zu dienen. Ihr 
objektiver Wert kann also nur durch den Vergleich mit 
•den anderen Veröffentlichungen festgestellt werden. Erst 
wenn die Akten einer Regierung diese Probe bestehen, 
lässt sich von ihnen sagen, dass sie nicht nur ihrer 

*) Die bis zur Stunde erschienenen Aktensammlungen über die 
später ausgebrochenen Kriege, wie das zweite russische Orangebuch, 
das zweite englische Blaubuch, die beide das Entstehen des Krieges 
mit der Türkei behandeln, und das italienische Grünbuch über den 
italienisch-österreichischen Konflikt, wie auch das hierauf bezügliche 
österreichisch-ungarische zweite Rotbuch können in dieser, nur der 
europäischen Krisis vom Juli-August 1914 gewidmeten Zusammen- 
stellung nicht verwertet werden. 



- 18 — 

Nation, sondern auch der Wahrheit dienen. Ausserdem spie- 
geln die Veröffentlichungen einer jeden einzelnen Regierung 
im Wesentlichen nur den Anteil dieser Regierung an der 
Krisis wieder. Erst die Nebeneinanderstellung der Akten 
verschiedenen Ursprunges kann daher ein volles plastisches 
Bild der Vorgeschichte des Weltkrieges geben. Infolge- 
dessen war es notwendig, die wesentlichen Teile der sieben 
Aktensammlungen über den Ausbruch des Krieges in leicht 
übersichtlicher Form nebeneinanderzustellen, ineinander zu 
verschmelzen, aus den sieben Büchern ein Buch zu formen, 
und somit durch die Konfrontation mit den anderen ein 
jedes der Wahrheitsprobe zu unterziehen und aus all der 
Einseitigkeit die allein Segen bringende Vielseitigkeit zu 
gewinnen. Eine solche Zusammenstellung nimmt einem jeden 
der Bücher seine gefährliche Ausschliesslichkeit. Sie löst 
seine geschlossene Welt in ihre Bestandteile auf. Die Ein- 
heit wird das Einzeldokument, gleichviel welchen Ursprunges. 
Und schon dadurch wird es eines Teiles seiner Tendenz 
entkleidet. Was ihm dann noch an Tendenz anhaftet, wird 
unschwer zu erkennen sein. 

Sollen nun auch die Dokumente für sich selbst spre- 
chen, so ist es just bei einer derartigen Zusammenstellung, 
in deren bunter Gesamtheit die einzelne Farbe verschwindet, 
vonnöten, kurz die wesentlichen Charakterzüge der einzelnen 
Aktensammlungen festzuhalten, noch einmal ein jedes der 
sieben Bücher zu durchblättern, ehe sie ineinander übergehen 
und einen Teil ihrer Eigenart dem Ganzen opfern. 

Das deutsche Weissbuch wurde am 4. August 1914 
den Mitgliedern des Reichstages überreicht. Es wurde also 
in einem Augenblicke abgefasst und verteilt, in dem nur 
der deutsch-russische und der deutsch-französische Krieg 
verarbeitet werden konnten und auch der deutsch-französische 
Krieg, der offiziell erst am 3. August ausbrach, begreif- 
licherweise nur zu kurzen Worten Anlass gab. 

Dieses erste amtliche deutsche Material, das zum Teil 
bereits in einer Sonderausgabe der Norddeutschen Allge- 
meinen Zeitung in der Nacht vom 31. Juli zum 1. August 
bekannt gegeben worden war, trug den Titel «Vorläufige 



— 19 — 

Denkschrift und Aktenstücke zum Kriegsausbruchs Der 
Buchhandel bemächtigte sich seiner in zahlreichen Ausgaben 
mit Untertiteln und Zusätzen. In der ursprünglichen Form 
enthält das Weissbuch eine Denkschrift, in die eine Anzahl von 
Schriftstücken und Telegrammen aufgenommen wurde, die 
österreichisch-ungarische Note an Serbien, die serbische Ant- 
wort, einen Auszug aus dem österreichisch-ungarischen Dossier 
über die grosserbische Bewegung und ihre Folgen und 
27 Anlagen, die sich auf die Denkschrift beziehen, darunter 
ein Teil des Telegrammwechsels zwischen dem Deutschen 
Kaiser und dem Kaiser von Russland. Ein anderer Teil 
dieses Telegrammwechsels wurde in die Denkschrift selbst 
eingereiht. Diese einzelnen Stücke behandeln ausführlich 
den Ausbruch des österreichisch-serbischen Krieges, die 
deutschen Bemühungen, diesen Krieg zu lokalisieren, ihr 
Scheitern, die Verhandlungen mit Russland über die russi- 
sche Intervention und die russischen militärischen Mass- 
nahmen und die deutschen Versuche, mit Frankreich in fried- 
lichem diplomatischen Verkehr zu verbleiben. Ein deutsch- 
englischer Krieg bestand, wie gesagt, noch nicht. Wenn die 
deutsche Regierung auch mit diesem Kriege rechnen musste, 
so war sie doch noch nicht berechtigt, darüber irgendwelche 
Akten zu veröffentlichen. Auch in der Bewertung der di- 
plomatischen Vorgänge, die zu dem deutsch-russischen und 
deutsch-französischen Kriege führten, musste sie sich infolge- 
dessen grosse Zurückhaltung auferlegen und konnte somit 
den Ursachen des Krieges nur in beschränktem Masse ge- 
recht werden. Das erklärt die verhältnismässig geringe An- 
zahl der im Weissbuch veröffentlichten Dokumente. Das er- 
klärt auch, dass von England noch überall in der freund- 
schaftlichsten Weise gesprochen und nichts, was England 
biosstellen könnte, gesagt wird, dass die belgische Ange- 
legenheit unerwähnt bleibt und sogar der Satz fällt: « Schulter 
an Schulter mit England haben wir unausgesetzt an der 
Vermittlungsaktion fortgearbeitet >. Wenige Stunden nach 
der Veröffentlichung des Weissbuches gab es allerdings für 
Deutschland keinen Zweifel mehr darüber, dass diese For- 
mel nur auf die gemeinsame Arbeit Englands mit Russland 



- 20 — 

und Frankreich Anwendung finden konnte. Und nachdem 
dann am 5. August der deutsch-englische Krieg ausgebrochen 
war, folgte eine Reihe von Veröffentlichungen in der Nord- 
deutschen Allgemeinen Zeitung vom 21. August, vom 12. 
und 26. September, usw., die sich mit den deutsch-englischen 
Verhandlungen vor Kriegsausbruch befassten, den Tele- 
grammwechsel zwischen dem Deutschen Kaiser und dem 
König von England, die Telegramme des Prinzen Heinrich 
von Preussen, des deutschen Reichskanzlers, des deutschen 
Botschafters in London und ein bedeutsames Schreiben des 
belgischen Geschäftsträgers in St. Petersburg mitteilten und 
erläuterten. Schliesslich wurde auch im Zusammenhange 
mit den deutsch-englischen Verhandlungen die Frage der 
belgischen Neutralität behandelt. Nachdem bei Kriegsaus- 
bruch die Verletzung der belgischen Neutralität nur mit 
strategischen Notwendigkeiten gerechtfertigt worden war, 
wurden im Laufe der Polemik mit England, das als Kriegs- 
grund einzig und allein diese Verletzung gelten lassen 
wollte, von deutscher Seite wichtige belgische Akten ver- 
öffentlicht, mit deren Hilfe nachgewiesen werden sollte, dass 
Belgien bereits lange vor dem Kriegsausbruch seine Neu- 
tralität zugunsten Englands aufgegeben hatte. 1 ) Alle diese 
späteren Veröffentlichungen verschoben natürlich das Bild, 
das in der ersten Fassung des Weissbuches gezeichnet 
worden war, und gestatteten Einblick in den erweiterten 
Tatbestand, für den der Reichskanzler in seiner Rede vom 
2. Dezember 1914, in der zweiten Kriegstagung des deut- 
schen Reichstages das Wort prägte: Die innere Schuld am 
Kriege trifft England, die äussere Russland. 

Eine neue amtliche Zusammenstellung, die den Titel 
führt «Deutsches Weissbuch, Aktenstücke zum Kriegsaus- 
bruch mit nachträglichen Ergänzungen» erweiterte dem- 
entsprechend das alte Weissbuch, indem sie eine Anzahl 
der in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung veröffent- 

*) Zuerst in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung, dann in 
einer bei Stilke, Berlin 1914 erschienenen Broschüre, «Die belgische 
Neutralität) und schliesslich in der Neuausgabe des Weissbuches zu- 
sammengefasst. 



— 21 — 

lichten Dokumente dem früheren Text anfügte. Diese Aus- 
gabe bringt neben den 27 Anlagen der ersten Ausgabe 15 
neue Anlagen, die den englisch-deutschen Verhandlungen 
und dem Ausbruch des Krieges mit Japan gewidmet sind, 
und umspannt die Zeit vom 23. Juli bis zum 23. August. 

Schliesslich erschien im Mai 1915 eine Zusammen- 
stellung sämtlicher von der deutschen Regierung sowohl 
im Weissbuch als später in der Norddeutschen Allgemeinen 
Zeitung veröffentlichten deutschen Dokumente. Diese als 
Neuausgabe des Weissbuches bezeichnete Ausgabe führte 
den Titel «Aktenstücke zum Kriegsausbruch. — Heraus- 
gegeben vom Auswärtigen Amt». Neue Dokumente über 
die Kriegsverhandlungen bringt diese Ausgabe dagegen 
nicht. Abgesehen von einigen schon in der Presse bekannt 
gewordenen Anlagen, die den früheren Anlagen des Weiss- 
buches angeschlossen wurden, enthält sie in ihren ersten 
drei Abschnitten — 1. Denkschrift, vorgelegt dem Reichstage 
am 3. August 1914; 2. Oesterreich und Serbien; 3. Aus 
dem deutschen diplomatischen Schriftwechsel — einfach den 
Wortlaut des alten deutschen Weissbuches. In acht weiteren 
Abschnitten folgen nun, so wie sie in der Norddeutschen All- 
gemeinen Zeitung erschienen waren, die während des Krieges 
von der deutschen Regierung preisgegebenen Akten und zwar 
4. Ein belgischer Diplomat über Deutschlands Bemühungen 
zur Erhaltung des Friedens; 5. Schriftstücke zum politischen 
Meinungsaustausch zwischen Deutschland und England; 
6. Verhandlungen des Fürsten Lichnowsky mit Sir Edward 
Grey; 7. Aus der Vorgeschichte des Krieges; 8. Die Brüsseler 
Dokumente I; 9. Die Brüsseler Dokumente II; 10. Englische 
Spionage in Brüssel; 11. Neue Dokumente über Englands 
Neutralitätsbruch; 12. Bei dem englischen Legationssekretär 
Grant-Watson gefundene Schriftstücke. 

Für uns kommen in dieser Arbeit nur das alte Weiss- 
buch, also die Abschnitte 1, 2 und 3 der neuen Ausgabe, dazu 
die sonst noch auf die Kriegsverhandlungen bezüglichen 
Akten, Abschnitt 4, der Brief des Belgiers de l'Escaille über 
Englands Politik in St. Petersburg während der Krisis, 
Abschnitt 5 und 6, d.h. die Akten über die deutsch-englischen 



— 22 — 

Verhandlungen in Betracht. Abschnitt 7 sammelt deutsche 
diplomatische Berichte über die Kriegspolitik des Dreiver- 
bandes aus der Zeit vor der Krisis. Sie weisen einen be- 
deutenden historischen Wert auf, sind aber belanglos für 
den unmittelbaren Verlauf der Krisis in den Monaten Juli 
und August 1914. Die Abschnitte 8, 9, 10, 1 1 und 12 umfassen 
die in Belgien aufgefundenen Dokumente über die belgisch- 
deutschen Abmachungen für den Fall eines Festlandkrieg©£ 
Auch diese Aktenstücke sind im Rahmen unserer Zusammen- 
stellung zu vernachlässigen. 

Die Frage der belgischen Neutralität hat in der Tat mit 
dem Kriegsausbruch nichts zu tun. Wir können daher in dieser 
Arbeit nicht in die Diskussion darüber eintreten, inwiefern 
die Abmachungen oder Gespräche zwischen Belgien und 
England eine Verletzung der belgischen Neutralität recht- 
fertigen können. Die belgische Neutralität darf uns hier nur 
insofern interessieren, als sie den Gegenstand der europäi- 
schen Kriegs Verhandlungen ausmachte. Auch die Denkschrift, 
die wörtlich aus der ersten Ausgabe des Weissbuches über- 
nommen wurde, geht ganz folgerichtig auf die Frage der 
belgischen Neutralität nicht ein. 

Eine jede der diplomatischen Aktensammlungen hat 
ihr bestimmtes Gesicht, ihre eigene Sprache, ihren eigenen 
Ton. Die Eigenschaften, die beim Lesen des deutschen 
Weissbuches 1 ) auffallen, sind: grosse Knappheit, genaue, 
straffe Ausdrucksweise, die kein überflüssiges Wort und keine 
Wiedergabe von blossen Stimmungen zulässt. Der Stil ist 
herb und ernst, der Ton würdig. Wenn man die diploma- 
tischen Schriftstücke, die zwischen Ministern und Auslands- 
missionen ausgetauscht werden, vielleicht in folgende vier 
Gattungen unterbringen kann: — 1. Informationen, 2. Instruk- 
tionen, 3. Persönliche Meinungen, Vermutungen und Stim- 
mungen, 4. Kommentare und Wiederholungen, die den Mangel 
an Instruktionen, Informationen und Meinungen verdecken 



') Unter Weissbuch verstehen wir durchweg das alte deutsche 
Weissbuch, dessen Numerierung beibehalten wird. Für die den späteren 
Veröffentlichungen entnommenen Stücke, beziehen wir uns auf die 
Numerierung der Neuausgabe. 



- 23 — 

sollen, — so kann man wohl sagen, dass die deutschen Akten 
ausschliesslich den ersten beiden Klassen angehören. Irgend 
ein Schriftstück, dessen Inhalt und Ton, dessen Auffassung 
auf nachträgliche Herstellung schliessen Hesse, ist im deut- 
schen Weissbuch nicht zu entdecken. Die Feinde Deutsch- 
lands konnten wohl hier und da auf die grosse Knappheit 
der deutschen Sammlung hinweisen, aber niemand konnte 
den,Vorwurf erheben, dass Dokumente künstlich hinzufabri- 
ziert oder entstellt worden wären. 

Als zweite diplomatische Aktensammlung über den 
Krieg erschien unter dem Titel « Korrespondenz über die 
europäische Krisis» das englische Blaubuch. Es enthielt 
159 Stücke und wurde dem Parlament vor der Sitzung vom 
6. August unterbreitet, also nach der Kriegserklärung Eng- 
lands an Deutschland. Es erschien später in erweiterter, zum 
Teil von der ersten Fassung abweichender Form mit einer 
Einleitung und Berichten über die Parlementsitzungen in 
den ersten Tagen des Monates August, unter dem Titel 
«Grossbritannien und die europäische Krisis». Diese Aus- 
gabe enthält 161 Stücke, d. h. die 159 Stücke der ersten 
Fassung und zwei nach Kriegsausbruch in London herge- 
stellte Berichte der englischen Botschafter in Wien und 
Berlin. Sie reicht vom 21. Juli bis zum 4. August, wenn 
man die beiden Berichte der Botschafter nicht in Betracht 
zieht. Wenn diese Aktensammlung den vorhandenen 
Dokumentenschatz auch bei Weitem nicht erschöpfte — 
wichtige Akten über die englischen Hilfeversprechen an 
Frankreich, über deutsche Konzessionen und Vorschläge 
fehlen nachweisbar, — so stellt sie doch die reichhaltigste 
der diplomatischen Sammlungen dar, was sich aus den eng- 
lischen parlamentarischen Gebräuchen erklären lässt. Sie ist 
daher trotz ihrer Lücken eine wahre Fundgrube für die 
historische Erkenntnis der grossen Krisis. Sie verschmäht 
es nicht, auch solche Dokumente zu bringen, die stärker 
als die Akten der feindlichen Staaten die englische Politik 
belasten. Man könnte diese oder jene der anderen Veröffent- 
lichungen für das Verständnis der Vorgänge vor Kriegsaus- 
bruch entbehren, so etwa das französische Gelbbuch. Ohne 



— 24 — 

das englische Blaubuch würden unsere heutigen Kenntnisse 
über die Vorgeschichte des Krieges dagegen recht man- 
gelhaft sein. Das liegt zum grossen Teile daran, dass sich 
die englische Politik zunächst abwartend verhielt und äus- 
serlich unbeteiligt die Vorgänge registrierte. Es rührt aus- 
serdem daher, dass Russland und Frankreich in ihrem Be- 
mühen, England auf ihre Seite zu ziehen, und Deutschland 
und Oesterreich-Ungarn in der Ueberzeugung, dass Eng- 
land als unabhängiger, durch keinerlei Verpflichtungen ge- 
bundener Staat über den Parteien stehe und unbedingt ver- 
mittelnd wirken wolle, einen jeden ihrer Schritte in London 
ausführlich darlegten. Das Kabinett Sir Edward Greys war 
der Mittelpunkt der Verhandlungen. In ihm liefen alle Fäden 
zusammen. Es war gleichsam das Vorzimmer des Welt- 
krieges. Die Aktenstücke, die über die Massnahmen der 
andern Mächte Aufschluss geben, sind daher im Grossen 
und Ganzen als zuverlässig zu betrachten. Erst mit dem 
Augenblicke, da England deutlicher aus seiner Passivität 
hervortritt, trübt sich das Bild. Die englischen Initiativen 
werden nur kurz berichtet oder verschwiegen. Ueber die 
Tätigkeit der englischen Diplomatie in Paris und St. Peters- 
burg wird bei weitem nicht so viel berichtet wie über die 
Tätigkeit in Berlin, und über Englands Schritte in Belgrad 
wird mit wenigen Ausnahmen dichtes Schweigen gebreitet. 
Nichtsdestoweniger aber macht das Blaubuch nicht den Ein- 
druck eines blossen Vertuschungs- und Beschönigungsver- 
suches. Wer es aufmerksam liest, wird darin eine Darstel- 
lung der englischen Politik finden, die durchaus nicht zu 
den Ministerreden passt. Die hier und da auftauchende un- 
freundliche Kritik gewisser deutscher Diplomaten, z. B. der 
deutschen Botschafter in Wien und St. Petersburg, vermag 
diesen Eindruck nicht abzuschwächen, schon deshalb nicht, 
weil derartige aggressive Bemerkungen erst von dem Augen- 
blicke ab angewandt werden, in dem der Leser die deutsch- 
feindliche Haltung der englischen Diplomatie schon längst 
unzweifelhaft erkannt hat. 

Es darf daher nicht verwundern, wenn das einleitende 
Expose und die Parlamentsreden durchaus nicht auf den 



■m 



— 25 — 

Aktenstücken selbst fussen, sondern von Prämissen ausgehen, 
für die der diplomatische Schriftwechsel der englischen Re- 
gierung keinerlei ernsthafte Handhabe bietet. Man wird 
daher auch verstehen, dass die englische Regierung die 
Wirkung wichtiger Stücke durch nachträgliche Aktenstücke 
abzuschwächen suchte und am Schlüsse des Blaubuches 
selbst, als Erreger des letzten und dauerhaftesten Ein- 
druckes, die beiden nicht natürlich aus dem Verlaufe der 
Krisis erwachsenen, sondern erst nach Kriegsausbruch in 
England angefertigten Sammelberichte der Botschafter in 
Wien und Berlin anfügt. Es soll hier nicht dem wesentlichen 
Teil dieses Buches, der Sammlung der Dokumente selbst, 
vorgegriffen und das unbefangene Urteil des vorurteilslosen 
Lesers bestochen werden. Es muss daher an dieser Stelle 
darauf verzichtet werden, auf die Widersprüche innerhalb 
des Blaubuches einzugehen. Wir müssen aber wegen der 
grossen Wichtigkeit, die die englische Politik den letzten 
beiden Botschafterberichten beimisst, die in unserer Zusam- 
menstellung als nach der Krisis entstanden, keinen Platz bean- 
spruchen können, ihnen an dieser Stelle einige Worte gönnen. 
Der eine, datiert vom 8. August 1914 aus London, rührt 
von dem früheren englischen Botschafter in Berlin her. Er 
berichtet über die Unterhaltungen, die Sir E. Goschen am 
4. August mit dem deutschen Staatssekretär am Auswärtigen 
Amt und dem Reichskanzler hatte, d. h. über die Ableh- 
nung des englischen Ultimatums an Deutschland. Er enthält 
die zur offiziellen englischen These gewordene Darlegung, 
dass der Krieg zwischen Deutschland und England wegen 
der Verletzung der belgischen Neutralität entstand. Er ent- 
hält die Elemente der späteren moralischen Entrüstung, die 
die englische Regierung gegen das Deutsche Reich zu ent- 
fesseln suchte. Er wurde das bekannteste und verbreitetste 
Stück des Blaubuches und leistete den Liebhabern einfacher 
und billiger Schlagworte treffliche Dienste, indem er den 
deutschen Reichskanzler in völliger Verschiebung der Situa- 
tion in der Pose des zynischen Vertragsbrechers, für den 
ein Vertrag nur ein «Fetzen Papier» ist, geschickt und grell 
beleuchtet darstellte. Die Lektüre der wirklich aus der Krisis er- 



- 26 — 

wachsenen, nicht nachträglich im Londoner Auswärtigen Amt 
zur Stimmungmache hergestellten Dokumente wird nun leicht 
dartun, welch geringer Wert diesem nur der englischen Agitation 
dienenden Berichte innewohnt. Aus den zahlreichen Akten, 
die ihm widersprechen, zu deren Verschleierung er ja gerade 
dienen soll, sei hier nur das unserer Ansicht nach wichtigste 
Stück des gesamten Blaubuches erwähnt, das Stück 123, 
ein Telegramm Sir Edward Greys, datiert vom 1. August 
London, in dem berichtet wird, dass Fürst Lichnowsky, der 
deutsche Botschafter, in London angefragt habe, ob Eng- 
land neutral bleiben würde, wenn Deutschland im Falle eines 
Sieges über Frankreich auf jede Annexion, sogar Kolonial- 
annexion verzichte und ausserdem auch die belgische 
Neutralität achte. Grey lehnte es nach seinem eigenen Be- 
richt ab, irgendwelche Bedingungen zu besprechen, unter 
denen England neutral bleiben würde. Aus diesem wichtigen 
Telegramm, das durch die deutschen Akten bestätigt und 
wesentlich ergänzt wird, ist ersichtlich, dass noch am I.Au- 
gust das Schicksal Belgiens, vielleicht Frankreichs und der 
ganzen Welt in Englands Händen ruhte. Die deutsche Po- 
litik und der Stand der deutsch-englischen Verhandlungen 
erscheinen hier, wie in den meisten anderen Akten des 
Blaubuches, also in einem ganz anderen Lichte als in der 
künstlichen Darstellung des in London angefertigten Be- 
richtes. Die englische Regierung hat daher auch ihr Mög- 
lichstes getan, um dieses Telegramm in Vergessenheit zu 
bringen. Es wurde in den grossen Parlamentsreden und in 
den das Blaubuch einleitenden Darstellungen vollständig 
verschwiegen, während ein früheres Telegramm, Nr. 85, in 
dem Deutschland in seinen Angeboten noch nicht so weit 
ging wie im Stück 123, immer wieder zur Belastung der 
deutschen und zur Rechtfertigung der englischen Politik an- 
geführt wird. 

Der zweite in London hergestellte Bericht, der des 
englischen Botschafters in Wien, Sir Maurice de Bunsen, 
fällt genau so aus dem Rahmen der organisch aus der 
Krisis erwachsenen Akten, wie der Goschensche Bericht. 
Er trägt das Datum des 1. September und bietet eine zu- 



— 27 — 

sammenfassende Darstellung der gesamten Krisis vom 23. Juli 
bis zum diplomatischen Bruch zwischen England und Oester- 
reich -Ungarn, deren Inhalt und Ton unverkennbar tenden- 
ziös sind. Denn es handelt sich nicht um eine Darstellung 
der Ereignisse in Wien; Bunsen geht über die ihm allein 
zustehende Aufgabe eines englischen Vertreters in der öster- 
reichischen Hauptstadt hinaus und betrachtet die gesamte 
politische Situation aus der Londoner Perspektive der vollen- 
deten Tatsachen. Seine Darstellung gipfelt in der Behaup- 
tung, dass Oesterreich-Ungarn bereit war, den russischen 
Forderungen nachzugeben und Deutschland den Krieg in 
dem Augenblicke vom Zaune brach, da Oesterreich-Ungarn 
sich fügte. Diese Behauptung konnte allerdings von eng- 
lischer Seite nur in einem nachträglichen Schriftstück auf- 
gestellt und erläutert werden. Sie steht im Widerspruch zu 
dem Lauf der Ereignisse, so wie sie in den übrigen Akten 
des Blaubuches dargestellt werden. 

Diese kurzen Hinweise, auf die wir uns hier be- 
schränken müssen, genügen vorläufig, um die Unzuverläs- 
sigkeit des Blaubuches zu charakterisieren. Weitere Beispiele 
werden sich aus der Zusammenstellung der Dokumente 
selbst ergeben. Wenn daher das Blaubuch auch, wie gesagt, 
für das Verständnis der Vorgeschichte der Krisis unentbehr- 
lich ist, so muss es immerhin mit grösster Vorsicht aufge- 
nommen werden. Man muss es mit Sorgfalt und peinlichster 
Aufmerksamkeit lesen. Man muss, wenn man zu den letzten 
allgemeinen Behauptungen der englischen Diplomatie am 
Ausgang des Buches gelangt und die Lücken im letzten 
Teile feststellt, immer wieder auf die grundlegenden Do- 
kumente der ersten Seiten zurückgreifen. Man muss die 
rückschauenden Urteile mit den vor der Zuspitzung der 
Krisis ausgesprochenen Meinungen vergleichen. Und man 
muss sich vor allem nicht durch die gewollte Ungenauig- 
keit und Verschwommenheit des Stiles täuschen lassen. 

Denn wenn das Wort «Le style est l'homme» wahr 
ist, so kann der Stil der englischen Telegramme manchen 
wertvollen Aufschluss über die englischen Diplomaten wäh- 
rend der Weltkrisis und den Charakter ihrer Tätigkeit geben. 



— 28 — 

Die Telegramme, und das gilt vornehmlich von denen Sir 
Edward Greps, sind in einem gewundenen, langatmigen, ver- 
wickelten Stil abgefasst, der dem Uebersetzer nicht uner- 
hebliche Schwierigkeiten bereitet. Sie sind zuweilen, wenn 
man sich auf einen literarischen Standpunkt oder nur den 
eines normalen Sprachgefühles stellt, unleserlich. Die Sätze 
sind lang und verschroben. Die Nebensätze schränken 
fast regelmässig den im Hauptsatz ausgesprochenen Ge- 
danken ein oder heben ihn auf. Das Bemühen dieser Sprache 
ist stets darauf gerichtet, jede Klarheit zu vermeiden und 
alle Dinge und Erscheinungen, alle Meinungen und Urteile 
in einen Nebel des Zweifels und der Unentschiedenheit zu 
hüllen. Die Klarheit, Kürze und Genauigkeit des deutschen 
diplomatischen Stiles geht den Akten Sir Edward Greys 
völlig und absichtlich ab. Wollen wir auf die oben skiz- 
zierte Einteilung der Dokumente zurückgreifen, so kann ge- 
sagt werden, dass es sich beim Blaubuche in den wenig- 
sten Fällen um blosse Informationen und Instruktionen han- 
delt, sondern meistens um Kommentare,Wiederholungen, viel- 
fache Beleuchtung bereits gesagter Dinge. Reine Stim- 
mungen und persönliche Urteile werden allerdings nur selten 
gegeben, wenigstens nicht in dem massgebenden Teile des 
Buches. Das genügt aber durchaus nicht, um den Eindruck 
der Objektivität und Sachlichkeit hervorzurufen. Der vor- 
herrschende Eindruck, den man gleich von Beginn des Bu- 
ches an empfängt, lässt sich etwa folgendermassen zusammen- 
fassen : Die englischen Diplomaten, und vornehmlich Grep, 
behalten hinter jedem ausgesprochenen Satze einen unaus- 
gesprochenen Satz im Sinne. Sie reden neben den Ereig- 
nissen und vor allem neben ihren wahren Urteilen her, be- 
wahren diese aber stets in klarer Folgerichtigkeit im Ge- 
dächtnis und sprechen sie erst im letzten Augenblicke, wenn 
sie ihrer Sache völlig sicher sind, kurz und deutlich aus. 
Das Verstecken der Gedanken hinter den Worten beschränkt 
sich also nicht auf die diplomatischen Verhandlungen mit 
den Vertretern des Auslands selbst. Es geht auf die inter- 
nen Berichte über die Verhandlungen über. Diese Methode 
hat zweifellos den unbeabsichtigten Vorteil, die geistige 



— 29 — 

Atmosphäre, die die Verhandlungen umgab, auch dem nach- 
prüfenden Leser zu vermitteln. Aber sie ist doch nicht stark 
genug, um die wahren Vorgänge dem aufmerksamen Blick 
zu verbergen. All dies zeigt aber auch, wie sehr gerade 
bei dem Blaubuch eine sorgfältige und treue Uebersetzung 
vonnöten ist. Eine tendenziöse Uebersetzung kann ohne 
Schwierigkeit in Fälschung ausarten. Die englische Regie- 
rung hat eine offizielle französische Uebersetzung an- 
fertigen lassen, die in London selbst und eine offizielle 
deutsche Uebersetzung, die in Bern erschien. Auf diese 
deutsche Uebertragung wird in den Anmerkungen öfters 
hinzuweisen sein. Sie äst entweder eine leichtfertige, naiv 
den Sinn verschiebende Uebersetzung, von der man nicht 
weiss, ob der Verfasser kein Englisch oder kein Deutsch 
kannte, oder eine berechnend den Urtext verschiebende Ar- 
beit. Der Verfasser der im vorliegenden Bande enthaltenen 
Uebersetzung, die sich, wo irgend möglich, an die amtliche 
Uebersetzung hielt, neigt nach genauer Prüfung der Texte 
der zweiten Auffassung hin. 

Als dritte am Kriege beteiligte Grossmacht trat Russ- 
land mit einem Orangebüch auf den Plan, das in einer 
russischen und einer französischen Ausgabe erschien. Die 
französische Ausgabe führt den Titel: «Ministerium des 
Aeusseren — Sammlung diplomatischer Dokumente. Ver- 
handlungen vor dem Kriege. 10./23. Juli — 24. Juli/6. Au- 
gust 1914.» Ausserdem gab die englische Regierung das 
Orangebuch in einer zweisprachigen Ausgabe (französisch 
und englisch) heraus,und Hess sie im Oktober 1914 an die Par- 
lamentsmitglieder verteilen. Sie führt den Titel « Dokumente 
über die dem Kriege vorangehenden Verhandlungen, ver- 
öffentlicht von der russischen Regierung». 

Das russische Orangebuch enthält 79 Stücke, die, wie 
gesagt, vom 23. Juli, dem Tage der Ueberreichung des 
österreichisch-ungarischen Ultimatums an Serbien, bis zu 
der österreichisch-ungarischen Kriegserklärung an Russland, 
den 6. August 1914, reichen. Es muss aber, trotzdem es 
mehr Stücke enthält als das alte deutsche Weissbuch, 
als die knappste der Veröffentlichungen der Grossmächte 



— 30 — 

bezeichnet werden. Die Lückenhaftigkeit fällt auch dem ober- 
flächlichsten Leser sofort auf. Es muss ihm in der Tat ver- 
wunderlich erscheinen, dass die russische Regierung kein 
massgebendes Dokument über ihre Verhandlungen mit Serbien 
veröffentlichte. Mag es noch hingehen, dass der Zeit zwi- 
schen dem Attentat von Serajewo und der Ueberreichung 
des österreichisch-ungarischen Ultimatums kein einziges 
Dokument gewidmet ist, so kann man sich schwer damit 
abfinden, dass in der darauffolgenden Zeitspanne nicht ein 
russisches Dokument die Behauptung Russlands, es habe 
in Belgrad zur grössten Mässigung geraten, unterstützt. 
Dieselbe Lückenhaftigkeit ist bei den Verhandlungen Russ- 
lands mit den Grossmächten zu beobachten. Der eigentliche 
Wortführer ist Sasonow. Die Berichte der Botschafter über 
ihre Demarches in den Hauptstädten sind sehr spärlich. Und 
Sasonow selbst berichtet über die wirklich massgebenden 
und entscheidenden Besprechungen, die in Petersburg statt- 
fanden, nichts oder nur wenig. 

All dies geht mühelos aus dem Vergleiche mit den 
Veröffentlichungen der andern Regierungen, hauptsächlich 
der englischen Regierung hervor. Entscheidende Massnah- 
men wie die russische allgemeine Mobilmachung werden 
überhaupt nicht erwähnt. Wichtige österreichisch-ungarische 
Erklärungen bleiben dem Leser des Orangebuches voll- 
ständig unbekannt. Und was viel schwerwiegender ist — 
wichtige Kundgebungen Sasonows selbst, die wir aus den 
übrigen Veröffentlichungen kennen, sind im Orangebuche 
verschwiegen oder nur verstümmelt enthalten. Daher gibt 
die Lektüre dieses Buches nur eine bruchstückförmige Dar- 
stellung. Die Ereignisse hüpfen und springen an uns vorbei. 
Trotzdem aber wird auf den vorurteilslosen Leser kaum der 
Eindruck erweckt, den eine derartige Zusammenstellung 
offenbar bezweckte. Auch die sorgsam ausgewählten und 
bearbeiteten Dokumente enthüllen noch mehr als die russi- 
sche Regierung enthüllen wollte. Auch aus ihnen geht hervor, 
dass die russische Friedensliebe, die Sasonow ständig be- 
tont, kaum mehr als eine ganz allgemeine, theoretische 
Friedensliebe ist, mit der der konkrete Einzelfall der russi- 



— 31 — 

sehen Ziele während der Krisis schwerlich zu vereinbaren 
war. Aus ihnen geht hervor, dass Sasonow während der 
gesamten Krisis den einmal eingenommenen Standpunkt nicht 
veränderte. Auch die russische Mobilisationspolitik wird hier 
hinreichend deutlich. Schärfere Lichter aber wirft das Orange- 
buch auf die französische Politik: Von irgendwelchen Ver- 
suchen Frankreichs, in St. Petersburg einen versöhnlichen 
und mässigenden Einfluss auszuüben, ist nicht die Rede. 
Und wenn auch das Orangebuch die wichtigsten Unter- 
redungen zwischen Sasonow und dem französischen Bot- 
schafter, vor allem eine entscheidende Unterredung vom 
24. Juli, die uns das Blaubuch übermittelt, verschweigt, so 
bringt es doch einige Dokumente, aus denen unzweifelhaft 
hervorgeht, dass Frankreich sich ohne Vorbehalt der russi- 
schen Politik zur Verfügung stellte. 

Es mag zum Teil an der Lückenhaftigkeit der russi- 
schen Sammlung und der dadurch bedingten Sprunghaftig- 
keit der Darstellung liegen, wenn das Orangebuch einen 
nervösen und gereizten Eindruck macht. Aber der Ton der 
einzelnen Telegramme Sasonows genügt bereits, um diesen 
Eindruck zu vermitteln. Erstaunliche Widersprüche, Meinungs- 
schwankungen, Ausbrüche des Aergers charakterisieren diese 
Dokumente, die Sachlichkeit des Urteils und guten Willen, 
den Partner im diplomatischen Spiel zu verstehen, vermissen 
lassen. Ein Vorzug ist allerdings dem Orangebuch nicht 
abzusprechen. Die einzelnen Stücke sind kurz und prägnant. 
Der verantwortliche Minister der äusseren Politik wusste 
entschieden was er wollte. Ein breiter, phrasenhafter Stil ist 
nur in wenigen für England berechneten Stücken zu ver- 
zeichnen, in denen es gilt, die Friedensliebe Russlands zu 
beteuern. 

Von den 79 Stücken des Orangebuches sind die beiden 
vorletzten, gleich den Schlussberichten des Blaubuches, 
völlig wertlos für das Verständnis der Verhandlungen. Es 
sind zwei Rundschreiben Sasonows — aus dem einen wurden 
oben die wichtigsten Stellen zitiert — an die Vertreter Russlands, 
in denen nach Ausbruch des russisch-deutschen Krieges die 
russische Politik zusammenfassend dargestellt wird. Sie fussen 



— 32 — 

ebensowenig auf dem vorangehenden Aktenmaterial wie die 
erwähnten Berichte Goschens und Bunsens. Und wenn der 
Widerspruch hier minder gross erscheint, so liegt das nur 
daran, dass das vorangehende russische Aktenmaterial eben 
weniger reichhaltig ist als das englische. 

Im November 1914 erschien ein französisches Gelb- 
buch, nachdem seit Kriegsausbruch die französische Oeffent- 
lichkeit über keinerlei dokumentarisches Material verfügt 
hatte. Während in Deutschland, England und Russland 
den offiziellen patriotischen Manifesten frühzeitig amt- 
liche dokumentarische Veröffentlichungen zu Hilfe kamen, 
musste das französische Volk sich mit der Kammerrede des 
Ministerpräsidenten, dem Manifest des Präsidenten der Re- 
publik und den inspirierten Zeitungsartikeln begnügen. Man 
sah daher begreiflicherweise der Veröffentlichung des Gelb- 
buches überall mit grösster Spannung entgegen. Man er- 
wartete wertvolle Enthüllungen und Ergänzungen zu dem 
bisher von den andern Regierungen veröffentlichten Material. 

Aeusserlich stellte sich das Gelbbuch in der Tat als 
die umfangreichste und vollständigste Sammlung dar. Rein 
technisch genommen machte es einen vorzüglichen Eindruck. 
Der Titel lautete: «Ministerium des Aeusseren. — Diplo- 
matische Dokumente. — 1914. — Der europäische Krieg. 
I. Aktenstücke zu den der deutschen Kriegserklärung an 
Russland (1. August 1914) und an Frankreich (3. August 
1914) vorangehenden Verhandlungen. — Erklärung vom 
4. September 19 14. » Es enthält 160 Stücke und einen Anhang 
mit ausgewählten Akten des Blaubuchs, des Weissbuchs 
— den Telegrammwechsel zwischen dem Deutschen Kaiser 
und dem Kaiser von Russland mit einer willkürlichen Aen- 
derung in der Reihenfolge — , des Orange- und des Grau- 
buchs. 

Diese Auswahl ist natürlich rein tendenziös und ohne 
jegliche Bedeutung. Leider enttäuschten aber auch die Ori- 
ginalakten der französischen Regierung. Die stattliche Zahl 
160 muss in der Tat zunächst durch Abzug der Stücke 
158 und 159 beschnitten werden, die nach dem Kriegsaus- 
bruch entstanden, d. h. die Botschaft des Präsidenten Poin- 



— 33 — 

care und die Kammerrede des Ministerpräsidenten Viviani 
vom 4. August. Zu den über die Verhandlungen Aufschluss 
gebenden Akten kann man diese Kundgebungen natürlich 
noch viel weniger rechnen als die nachträglichen Darstel- 
lungen des Blau- und des Orangebuches. Sie sollen ja ge- 
rade durch das während der Krisis entstandene Aktenmaterial 
bekräftigt werden. Während aber die Zusatzstücke des Blau- 
und des Orangebuches immerhin noch ihrer Form, ihrem 
Inhalt und auch ihrem äussern Zwecke nach sich dem Rahmen 
der diplomatischen Dokumente anpassen, handelt es sich bei 
dem Präsidentenmanifest und der Kammerede um Aeusse- 
rungen ganz anderer Art: Es waren rein politische und pa- 
triotische Kundgebungen, mit dem ganz bestimmten Zwecke, 
das Volk zum Kriege zu begeistern und durchaus nicht dem 
Zwecke, sachlich eine historische Epoche zu ergründen. 
Indem sie an den Schluss der während der Krisis entstan- 
denen Akten gestellt werden, sollen sie offenbar nur den 
Inhalt dieser Akten verwischen und den prüfenden Leser in 
einen anderen Zusammenhang führen. 

Ebensowenig wie diese Schlussstücke kommt der ganze 
erste Teil des Gelbbuches für die Ergründung der Kriegs- 
verhandlungen in Betracht. Er führt die Kapitelüberschrift 
« Anzeichen >, d. h. Anzeichen für den Kriegswillen Deutsch- 
lands, dient den späteren Dokumenten über die eigentliche 
Krisis als grundlegende Einleitung und enthält 6 Stücke, die 
alle aus dem Jahre 1913 stammen: Botschafterberichte und 
geheime Noten, darunter auch ein deutscher Geheimbericht, 
der den Franzosen, man weiss nicht wie, in die Hände ge- 
fallen ist . . . Alle diese Stücke wollen den Nachweis führen, 
dass Deutschland seit langem den Krieg gegen Frankreich 
vorbereitete. Wie wenig ernsthaft eine derartige Methode 
ist, liegt auf der Hand. Denn wenn für die Akten, die sich 
auf die Krisis selbst beziehen, die Fiktion immerhin aufrecht 
erhalten werden kann, dass sie den wesentlichen Teil aller in 
dieser Zeitspanne entstandenen Dokumente wirklich ausmachen, 
so kann natürlich nicht davon die Rede sein, dass jene sechs 
Dokumente tatsächlich die deutsch-französischen Beziehungen 
von 1913 bis 1914 zusammenfassen. Sie können nichts an- 



— 34 — 

deres sein als für den bestimmten Zweck ausgewählte Stücke. 
Sie sollen die offenbar auch nach Ansicht der Verfasser des 
Gelbbuches unzulänglichen späteren Dokumente auf eine brei- 
tere Basis stellen, ihnen von vornherein einen bestimmten 
Sinn verleihen, der ihnen selbst nicht innewohnt. Man müsste 
diese 6 Dokumente also auch ablehnen, selbst wenn sie 
im Uebrigen unanfechtbar wären. Das ist aber keineswegs 
der Fall. 

Es ist hier nicht der Platz, eine wirklich kritische 
Einzeluntersuchung vorzunehmen. Es ist heute überdies un- 
möglich und in vielen Fällen wird es niemals möglich sein, 
die Echtheit eines jeden Stückes genau zu erweisen oder 
seine Unechtheit einwandsfrei darzulegen. Immerhin muss 
darauf hingewiesen werden, dass, während die Veröffent- 
lichungen der deutschen Regierung höchstens in den aus 
ihnen gezogenen Schlussfolgerungen, nicht aber in ihrer Echt- 
heit von den Gegnern Deutschlands angezweifelt werden 
konnten, die deutsche Regierung wichtige Stücke der Drei- 
verbandsakten und vor allem des Gelbbuches als Fälschungen 
bezeichnete. Und die charakteristischsten Beispiele beziehen 
sich gerade auf jene Gelbbuchdokumente aus dem Jahre 1913. 
Da ist zunächst Nr. 2, ein deutscher Geheimbericht, in dem 
des Langen und Breiten die deutschen militärischen Ziele 
«aus deutscher Quelle » dargelegt werden. Er wurde sogleich 
nach Veröffentlichung des Gelbbuches von deutscher Seite 
als Fälschung abgelehnt. 1 ) Ein Beweis jedoch, dass es sich 
um eine Fälschung handelt, lässt sich natürlich eben so wenig 
erbringen wie der Beweis für die Echtheit dieses Schrift- 
stückes. Ebenso stehen Behauptung und Gegenbehauptung 
einander gegenüber in der Diskussion, die sich anlässlich 
eines Berichtes des französischen Botschafters in Berlin über 
eine Unterredung zwischen dem Deutschen Kaiser, dem König 
der Belgier und dem deutschen Generalstabschef von Moltke 
entspann (Nr. 3), in deren Verlauf der Kaiser und der General- 
stabschef auf die Unvermeidlichkeit eines Krieges hingewiesen 
haben sollen. Dieser Bericht wurde gleichfalls von deutscher 



Norddeutsche Allgemeine Zeitung. 18. Dezember 1914. 



— 35 - 

Seite als völlig unwahr zurückgewiesen. 1 ) Für jeden Deut- 
schen wird mit diesen deutschen Dementis die Frage er- 
ledigt sein. Allgemeinen Wert aber kann nur eine Feststel- 
lung haben, die durch die betreffenden Dokumente selbst 
ermöglicht wird. Eine solche Feststellung aber gelang bei 
dem Stück 5 des Gelbbuches. Dieses Dokument trägt den 
Titel: «Note für Herrn Stephen Pichon, Minister des Aeus- 
seren », mit dem in Klammern gesetzten Untertitel : « Ueber 
die öffentliche Meinung in Deutschland, nach den Berichten 
der diplomatischen und Konsularagenten». — Das Stück ist 
datiert: «Paris, den 30. Juli 1913». In Deutschland wies man 
mit berechtigtem Spott nach Erscheinen des Gelbbuches auf 
folgende Stelle des Dokumentes hin: «Im Juli 1911 stellte 
der « Coup d' Agadir » wirklich zum ersten Mal die marrok- 
kanische Frage als nationale Frage auf, die für das Leben 
und die Ausdehnung des Reiches wichtig sei. Die Press- 
enthüllungen und Pressprozesse, die nun folgten, haben hin- 
reichend gezeigt, wie die Kampagne organisiert war, welche 
alldeutschen Begierden sie entfacht und welchen Groll sie 
hinterlassen hatte. Wenn man den Kaiser angreift und der 
Kanzler unpopulär ist, so war Herr von Kiderlen der best- 
gehasste Mann Deutschlands im vergangenen Winter. Er 
beginnt jedoch nur noch missachtet zu sein, und er gibt 
zu verstehen, dass er seine Rache nehmen wird. «Es war 
nicht schwer festzustellen, dass im «letzten Winter» d.h. 
im Winter 1912, im Dezember, Herr von Kiderlen-Wächter 
bereits gestorben war, also im Jahre 1913 nichts mehr «be- 
ginnen» und auch nichts «zu verstehen» geben konnte. 2 ) Von 
französischer Seite wurde offiziell geantwortet, dass diese 
deutsche Feststellung gar nichts besage, denn aus dem 
Dokumente gehe hervor, dass es sich hier um Ereignisse 
des Jahres 1911 handle. Das ist jedoch nicht der Fall. Es 
wird hier zwar u. a. von Ereignissen aus dem Jahre 1911, 
aber neben solchen aus dem Jahre 1912 gesprochen, immer 
aber aus der Perspektive des Jahres 1913 heraus, dessen 
Datum das Schriftstück trägt, das auf ein vom 6. Mai 1913 

1 ) Norddeutsche Allgemeine Zeitung. 21. Dezember 1914. 

2 ) Norddeutsche Allgemeine Zeitung. 4. Januar 1915. 



— 36 — 

datiertes Stück im Gelbbuch folgt und vor einem vom 
22. November 1912 datierten Stücke steht. Die Meinungs- 
äusserungen des Stückes 5 beziehen sich also, darüber kann 
kein Zweifel bestehen, auf das Jahr 1913. Wird doch u. a. 
hier auch von dem deutschen Wehrgesetz und der Wieder- 
einführung des dreijährigen Dienstes in Frankreich gespro- 
chen. Vor allem aber: die französische Regierung will doch 
gerade mit diesem Dokumente beweisen, dass im Jahre 1913, 
d. h. kurz vor der Krisis des Jahres 1914, bereits kriege- 
rische Strömungen, als «Anzeichen» der späteren Ereig- 
nisse bestanden. Die französische Regierung könnte also 
höchstens erwidern, dass irrtümlich Noten, die sich auf das 
Jahr 1911 beziehen, in dieses Dokument hinein verarbeitet 
wurden. Dann bleibt jedoch der Vorwurf bestehen, dass 
eine Methode wenig vertrauenerweckend und höchst seltsam 
ist, die Dokumente aus dem Jahre 1911 unter das genaue 
Datum 30. Juli 1913 stellt, um damit etwas für das Jahr 
1913 zu beweisen und zwar zum weiteren Zwecke eines 
Beweises für das Jahr 1914, was sich höchstens für das 
jähr 1911 beweisen lassen könnte... 

Eine derartige Methode entwertet auf jeden Fall die 
schon ohnehin bedenkliche Einleitung der Aktensammlung 
durch willkürlich zusammengestellte Dokumente aus der 
Vorzeit. Sie rechtfertigt aber nebenbei den Verdacht, dass auch 
die übrigen Dokumente nicht zuverlässig sind. So hat man 
auch in Deutschland diese und jene der übrigen Akten für 
nachträgliche Fabrikate, für Fälschungen erklärt. Es ist wie 
gesagt nicht möglich, hier in eine derartige Debatte einzu- 
treten. Aber eine von deutscher Seite mit besonderer Schärfe 
gekennzeichnete Schwäche der Gelbbuchdokumente darf 
nicht unerwähnt bleiben. Die Diplomaten des Gelbbuches 
bringen durchweg die offiziellen Versicherungen der deut- 
schen Regierung, dass sie die österreichisch-ungarische Note 
vor ihrer Ueberreichung an Serbien nicht gekannt habe, mit 
unzweideutigen Kommentaren, in denen sie diese deutschen 
Versicherungen als der Wahrheit zuwiderlaufend bezeichnen. 
Für die Berechtigung dieses Zweifels an den feierlichen 
Erklärungen der deutschen Staatsmänner bringt das Gelb- 



— 37 — 

buch nur einen c Beweis >: die Aeusserung des französischen 
Gesandten in München, Alize, dass Graf von Hertling, 
der bayrische Ministerpräsident ihm erklärt habe, von der 
Note vor der Ueberreichung Kenntnis genommen zu haben. 
Sogleich nach Bekanntwerden des Gelbbuches gab nun 
Graf von Hertling bekannt, dass diese Behauptung des 
französischen Diplomaten eine Erfindung sei . . .*) 

Es soll hier gar nicht besonders betont werden, dass 
die wiederholte feierliche Erklärung der deutschen Regie- 
rung, sie habe von der Note keine vorherige Kenntnis er- 
halten, auch für die Feinde Deutschlands glaubwürdig sein 
durfte. Aber selbst wenn die Versicherungen des Reichs- 
kanzlers und des Staatssekretärs am Auswärtigen Amte, der 
deutschen Botschafter in den europäischen Hauptstädten 
usw. nichts als ein abgekartetes Spiel gewesen sind, ja, ge- 
rade in diesem Falle, ist es doch undenkbar, dass der bay- 
rische Ministerpräsident eine der Abmachung derart zu- 
widerlaufende Aeusserung getan haben könnte! Und die 
selbst in diesem Falle unglaubliche Aeusserung Hertlings 
bietet doch wiederum den einzigen Anhaltspunkt für die 
Annahme, dass die Versicherung der anderen deutschen 
Staatsmänner nicht der Wahrheit entsprochen habe. Das 
Dementi des Grafen Hertling ist also entschieden glaub- 
würdiger als die Behauptung des Gelbbuches. Dieses Bei- 
spiel mag hier genügen. Es wird an Hand einzelner Doku- 
mente Gelegenheit sein, den sachlichen Nachweis zu führen, 
dass eine grosse Anzahl der im Gelbbuch gebrachten Infor- 
mationen falsch ist und eine grosse Anzahl der dort auf- 
gestellten Behauptungen in sich zusammenfällt. 

Betrachten wir die Akten des Gelbbuches nun aber, 
ohne weitere Einzelfälle herauszugreifen, und nach Abzug der 
sechs einleitenden und der beiden vorletzten Akten, so bleiben 
noch 152 Stücke der Betrachtung vorbehalten. Von diesen 
bringt das letzte die Erklärung des Dreiverbandes vom 
4. September, in der sich die drei Regierungen zu gemein- 
samem Friedensschluss verpflichten. Es gehört also auch nicht 
in den Zusammenhang der Verhandlungen vor Kräegsaus- 

') Bayrische Staatszeitung. 13. Dezember 1914. 



— 38 — 

bruch. Die übrigen 151 Stücke stellen demnach die eigentliche 
Korrespondenz der französischen Regierung mit ihren Ver- 
tretern im Auslande dar. Von diesen Schriftstücken sind 
die Telegramme der Botschafter wenig umfangreich. 
Einen grossen Raum nehmen die Telegramme des Justiz- 
ministers Bienvenu-Martin ein, der den Ministerpräsidenten 
und Minister des Aeusseren, Viviani, während seiner Russ- 
landreise vertrat, und die unkontrollierbaren Mitteilungen 
militärischen Inhalts. Wichtig ist nun, dass eine grosse An- 
zahl der Dokumente immer wieder denselben Fall behandelt. 
Die Botschafter berichten nach Paris, Bienvenu-Martin über- 
mittelt ihre Berichte in einem Rundschreiben den anderen 
Botschaftern oder dem Ministerpräsidenten, Viviani antwortet 
darauf, indem er die in dem letzten Schreiben ausgespro- 
chenen Ansichten billigt oder erweitert. Daraus ergibt sich 
bereits, dass das Tatsachenmaterial in keinem Verhältnis zu 
dem Umfang und der Zahl der Schriftstücke steht. Davon 
abgesehen aber sind die verarbeiteten Tatsachen an und für 
sich sehr geringfügig, so geringfügig, dass man aus der 
blossen Lektüre des Gelbbuches keinen Ueberblick über 
die Vorgeschichte des Krieges erlangen könnte, was viel- 
leicht die Anfügung von Aktenstücken aus den anderen Ver- 
öffentlichungen im Anhange erklärt. Das deutsche Weissbuch 
mit seiner geringen Anzahl von Akten vermag allerdings 
auch nur einen Ausschnitt aus der Krisis zu bieten. Das 
liegt abgesehen von den oben angegebenen Gründen daran, 
dass die Diplomaten des Dreiverbandes die deutsche Diplo- 
matie sorgfältig von allen internen Besprechungen aus- 
schlössen. Immerhin gibt das Weissbuch — und das war 
ja zunächst seine Aufgabe — ein geschlossenes Bild der 
Tätigkeit der deutschen Diplomatie. Das englische Blaubuch, 
bot, wie wir bemerkten, ein ziemlich umfassendes Bild von 
der Tätigkeit der nichtenglischen Diplomatie, wenn es über 
die Tätigkeit Englands auch bedeutend sparsamer berichtet. 
Das Gelbbuch berichtet im Grunde weder über das eine 
noch das andere. Es gibt weder hinreichenden Aufschluss 
über die Verhandlungen, die Frankreich mit den anderen 
Mächten pflog, noch über die Verhandlungen der anderen 



— 39 — 

Mächte untereinander. Was in dieser Beziehung im Gelb- 
buch angeführt wird, war zum grossen Teil schon aus den 
anderen Veröffentlichungen bekannt und wird häufig in diesen 
weit genauer dargestellt. 

Welche neuen Enthüllungen durfte man aber füglich 
vom Gelbbuch erwarten, das erst lange nach dem 
Weiss-, Blau- und Orangebuch erschien? Zunächst durfte 
man Klarheit über die russisch - französischen Verhand- 
lungen verlangen. Die bietet das Gelbbuch nicht. Darin 
liegt allerdings just eine bedeutsame Enthüllung: Denn 
wir erfahren nichs von irgendwelchen Bemühungen Frank- 
reichs, Russland im Sinne des Friedens zu beeinflussen. 
Zweitens durfte man hoffen, von französischen Schritten in 
Belgrad zu hören, von Bemühungen, Serbien zu einer ver- 
söhnlichen Haltung zu veranlassen. Das Gelbbuch enthält 
kein wichtiges Telegramm von Paris nach Belgrad und Bel- 
grad nach Paris. Drittens durfte man auf die Darstellung 
der deutsch-französischen Verhandlungen gespannt sein. Das 
Weissbuch hatte Frankreich recht wenig belastet. Es enthält 
die Instruktionen des Reichskanzlers an den deutschen Bot- 
schafter in Paris, in denen immer wieder der Wunsch aus- 
gesprochen wird, mit Frankreich in freundschaftlicher Füh- 
lung während der Krisis zu verbleiben. Das Orangebuch 
aber veröffentlichte bereits einige Stücke, aus denen hervor- 
geht, dass Frankreich diesem Wunsche ablehnend gegenüber- 
stand. Das Gelbbuch häuft nun die Belege für diese vernei- 
nende Haltung. Bereits die Akten aus den ersten Stunden der 
Krisis, ja, aus der Zeit vor der Krisis, offenbaren den deutsch- 
französischen Gegensatz, den die französische Diplomatie allen 
deutschen Anregungen, allen deutschen Aeusserungen in 
Paris, in Berlin, in St. Petersburg, in London zu Trotz als 
Voraussetzung für die Verhandlungen ansah. Neben dieser 
feindseligen und ablehnenden Haltung spiegeln die Gelb- 
buchakten über den serbisch-österreichischen Streitfall und 
seine etwaigen Folgen reinste Passivität wieder. Konnte 
man von den Akten des Blaubuches sagen, dass sie gleich- 
sam neben den Ereignissen hergehen, so darf von denen 
des Gelbbuches gesagt werden, dass sie hinter ihnen her- 



hinken. Wirklicher eigener Antrieb, wirkliche Energie spricht 
nur aus jenen Stücken des Gelbbuches, die sich auf die fran- 
zösisch-englischen Verhandlungen beziehen, auf Verhand- 
lungen, die nicht der Erhaltung des europäischen Friedens 
galten, sondern die englische Hilfe im Falle eines deutsch- 
russischen und deutsch-französischen Krieges und vorher 
noch die volle diplomatische Unterstützung Russlands durch 
England sichern wollten. Diese Stücke erweitern die im 
Blaubuch enthaltenen Dokumente in wesentlicher Weise. Sie 
enthüllen manche seltsame Lücke der englischen Veröffent- 
lichung. 

Der Eindruck, den das Gelbbuch im allgemeinen macht 
lässt sich etwa folgen dermassen festhalten: Während es einer- 
seits sehr beträchtliche, sehr bedenkliche Lücken aufweist, 
die durch die Belege aus den Veröffentlichungen der an- 
deren Regierungen und namentlich der anderen Dreiverbands- 
regierungen erhellen, gibt es andererseits des Guten zu viel. 
Eine tendenziöse Einteilung in 7 Kapitel, die Einreihung 
«geheimer» Berichte aus den Vorjahren, die Einfügung 
von Anlagen aus ungenannter und unbekannter Feder oder 
auf Grund «sicherer» Quellen, die unkontrollierbar sind, 
Stücke, die nichts über den Gang der Krisis vom Juli bis 
August 1914 oder vorhergehender Krisen zu sagen haben, 
sondern nur journalistisch-polemisch gehaltene Stimmungs- 
bilder und Betrachtungen über Deutschlands Kriegsabsichten 
sind, all dies schadet der Beweiskraft und dem Ernst dieser 
diplomatischen Veröffentlichung ausserordentlich. Diese nicht 
immer geschickt aufgesetzten Schriftstücke müssen mehr 
noch als alle anderen Dokumente auf Treu und Glauben 
hingenommen werden. Ihre Behauptungen wollen apodiktisch 
sein. Jede Regierung hätte ähnliche Schriftstücke in ihre Ver- 
öffentlichungen einschieben können. Nur die französische 
Regierung wandte diese Methode an. Aber nicht nur in 
ihnen, auch in den Telegrammen der Botschafter und Ge- 
sandten, in erster Linie aber den zusammenfassenden Noten 
des Quai d'Orsay über die allgemeine Lage, herrscht ein 
stark subjektiver Ton vor. Alle diese Diplomaten geben 
ihre persönlichen Ansichten weiter. Und diese persönlichen 



— 41 — 

Ansichten scheinen keineswegs aus den besonderen Um- 
ständen der Krisis erwachsen zu sein, sondern es sind vor- 
gefasste Ansichten, die Ansichten der meisten Franzosen in den 
letzen Jahren vor dem Kriege, es sind die Ansichten, die man 
ständig in der französischen Presse lesen konnte: sie ent- 
springen der unbedingten Ueberzeugung, die nicht nachgeprüft 
wird, dass Deutschland der Feind Frankreichs sei, dass Deutsch- 
land einen Krieg wolle, dass Frankreich unter keinen Um- 
ständen irgendwie mit Deutschland zusammengehen könne. 
Dazu gesellen sich einige politische Gemeinplätze, 
die man in französischen Leitartikeln hundertmal fand, die 
aber hier von Berufsdiplomaten, auf deren Ansicht doch 
das Schicksal ihres Vaterlandes beruht, ohne weiteres als 
grundlegende Wahrheiten wiedergegeben wurden : 1. Oester- 
reich-Ungarn ist als ein dem Verfall geweihter Staat anzu- 
sehen, dessen Völker nur den Augenblick erwarten, um 
sich der Habsburger Herrschaft zu entziehen; 2. Russland 
hat das unbedingte Recht, die slawischen Völker zu bevor- 
munden und jeden Eingriff in dieses Recht als Bedrohung 
und Kriegsgrund anzusehen; 3. die österreichische Politik 
wird nicht in Wien, sondern in Berlin gemacht. Und darüber 
hinaus herrscht endlich die felsenfeste Einbildung, dass alle 
Politik der Welt sich nur um den deutsch-französischen 
Gegensatz dreht: Wenn Serbien durch Oesterreich-Ungarn 
eingeschüchtert wird, so heisst das nur, dass Deutschland 
Frankreich niederwerfen will. Viviani stand völlig auf dem 
Boden dieser Geschichtsphilosophie des Gelbbuches, als 
er in der zweiten Kriegstagung des französischen Parla- 
mentes im Dezember den gewaltigen Weltkrieg, der doch 
in seinen Anlässen gar nichts mit Frankreich zu tun hatte, 
als eine deutsche Unternehmung zur Zerschmetterung Frank- 
reichs bezeichnete. Und all diesen zahlreichen Privatmei- 
nungen stehen leider nur wenig wirklich sachliche Berichte 
gegenüber. Es sind Stimmungsbilder und Stimmungsaus- 
brüche, die in einem Ton heftigsten Misstrauens und fin- 
sterer Entschlossenheit übermittelt wurden und denen nur 
ein Vorzug zuerkannt werden muss: sie sind leserlich, klar 
und flüssig geschrieben. 



— 42 — 

Zuletzt unter den Grossmächten gab Oesterreich-Un- 
garn der Oeffentlichkeit seine Akten über den Kriegsaus- 
bruch preis. Erst im Februar des Jahres 1915 erschien das 
österreichisch-angarische Rotbuch. Es führt den Titel : 
«K. und k. Ministerium des Aeusseren-Diplomatische Akten- 
stücke zur Vorgeschichte des Krieges 1914 >. Gleichzeitig ver- 
öffentlichte die österreichisch-ungarische Regierung eine hand- 
liche Volksausgabe des Rotbuches, die sich von der ur- 
sprünglichen Ausgabe nur dadurch unterscheidet, dass sie 
mit einer erklärenden Einleitung versehen ist und die wenigen 
in englischer oder französischer Sprache abgefassten Doku- 
mente in der Uebersetzung bringt. Das Rotbuch enthält 
69 Stücke und reicht vom 29. Juni bis zum 24. August 1914 

Das späte Erscheinen dieser Aktensammlung mochte 
befremden, und es ist in der Tat nicht klar, warum die öster- 
reichisch-ungarische Regierung über sechs Kriegsmonate 
verstreichen Hess, ehe sie dem Beispiel der anderen Mächte 
folgte. Der Vorwurf allerdings, den man an das späte Er- 
scheinen des Gelbbuches knüpfen konnte, dass nämlich bis 
zu jenem Augenblicke die französische Oeffentlichkeit über 
keinerlei Aktenmaterial zur Beurteilung der diplomatischen 
Ereignisse vor dem Kriege verfügte, lässt sich nicht auf den 
Fall des Rotbuches übertragen. Für Oesterreich-Ungarn war 
der Krieg vornehmlich ein österreichisch-serbischer Krieg 
mit den daraus erwachsenen Folgen. An Aktenmaterial über 
den Ursprung des österreichisch-serbischen Krieges aber 
hatte es von Anbeginn an nicht gefehlt. Das Dossier der 
österreichisch-ungarischen Regierung d. h. die Ergebnisse der 
Untersuchung über die grosserbische Propaganda und die 
politische Vorgeschichte der Mordtat von Serajewo waren 
zu ihrer Zeit veröffentlicht worden. Auch die einzelnen Noten 
über Russlands Intervention und ihre Aufnahme durch 
Deutschland und Oesterreich-Ungarn waren der Oeffentlich- 
keit bekannt. Und schliesslich war das deutsche Weissbuch, 
das ja durchaus dem österreichisch-serbisch-russisch-deut- 
schen Streitfall gewidmet war, der österreichisch-ungarischen 
Oeffentlichkeit in demselben Masse zugänglich wie der 
deutschen. Die Vorgeschichte des Krieges war in der Tat 



— 43 — 

für Deutschland und Oesterreich-Ungarn dieselbe. Was man 
füglich von einer österreichisch-ungarischen Veröffentlichung 
noch erwarten durfte, war ohnehin nur eine Ergänzung der 
deutschen Akten mit Hilfe österreichisch-ungarischen Materials. 

Diese Erwartungen erfüllte das Rotbuch vollauf. Wer 
sich sein spätes Erscheinen zunächst mit einem schlechten 
Gewissen der österreichisch-ungarischen Regierung erklärt 
hatte, musste angesichts des nunmehr vorliegenden Akten- 
materials derartige Vermutungen von sich weisen. Die 
69 Stücke des Rotbuches stellen natürlich auch nur einen 
Auszug aus dem vorhandenen Dokumentenschatz dar. Aber 
sie bilden zum Teil sehr ausführliche und inhaltsreiche Dar- 
legungen — das der serbischen Propaganda gewidmete 
Dossier zählt über 50 Seiten ! — und entrollen ein geschlos- 
senes und klares Bild der Krisis, so wie sie sich aus der 
österreichisch -ungarischen Perspektive ausnehmen musste. 
Naturgemäss bildet den eigentlichen Gegenstand der Akten 
erstens der österreichisch-serbische und zweitens der öster- 
reichisch-russische Streitfall. Ueber diese beiden wichtigen 
Phasen der Krisis aber brachte das Rotbuch Enthüllungen, 
die für die lange Wartezeit reichlich entschädigen. 

Es beginnt, wie gesagt, mit dem 29. Juni, d. h. dem 
Tage nach der Ermordung des Erzherzog-Thronfolgers und 
seiner Gemahlin in Serajewo. Eine ganze Anzahl von Be- 
richten aus Belgrad und anderen serbischen Städten beschäf- 
tigt sich mit den Freudenausbrüchen, die durch die Schreckens- 
tat in dem Königreiche hervorgerufen wurden, und zeigt, wie 
eine solche Haltung Serbiens in den massgebenden Kreisen 
der Monarchie verstimmen und einen Schritt gegen Serbien 
als unerlässlich erscheinen lassen musste. Es gestattet einen 
Einblick in die zahlreichen Versuche der österreichisch-un- 
garischen Regierung, dem einmal als notwendig erkannten 
Schritt jede unnötige Schärfe und Härte und vor allem jede 
Spitze gegen Russland zu nehmen. Die Bemühungen, Russ- 
land zu beruhigen, ihm alle denkbaren Garantien für die 
Zukunft Serbiens und für die Beihaltung des Balkanstatuts 
zu bieten, ihm überzeugend den Wunsch Oesterreich-Un- 
garns, keine russischen Interessen zu verletzen, darzulegen, 



— 44 — 

füllen fast den gesamten übrigen Teil des Rotbuches. Die 
Telegramme Szäpärps, des österreichisch-ungarischen Bot- 
schafters in St. Petersburg, und des Grafen Berchtolds 
tragen in diesem Sinne ein überzeugendes Material zusam- 
men, das durch keinerlei Akten Russlands und der übrigen 
Regierungen entkräftet wird. Darüber hinaus aber beleuchten 
sie in ganzer Schärfe die Intransigenz Sasonows und 
seinen unbeugsamen Willen, keine Verständigung mit Oester- 
reich-Ungarn anzubahnen, sich durch keinerlei österreichisch- 
ungarische Erklärung und Garantie befriedigen zu lassen. 
Auch diese Akten werden durch keine der anderen Veröf- 
fentlichungen dementiert, auch nicht durch das Gelbbuch, 
das keine Mühe scheut, Sasonows Politik als nachgiebig 
hinzustellen, sich aber mit ganz allgemein gehaltenen Ver- 
sicherungen über Russlands Friedensliebe begnügen muss. 
Die Russland und Serbien gewidmeten Aktenstücke 
besitzen also einen unverkennbaren Wert. Ihnen fügt nun 
das Rotbuch eine Anzahl von Dokumenten bei, die beredtes 
Zeugnis von den österreichisch-ungarischen Bemühungen, 
England und Frankreich über die Politik der Monarchie zu 
beruhigen, ablegen sollen. Die auf England bezüglichen 
Akten decken sich zum grossen Teile mit den im Blaubuch 
veröffentlichen Schriftstücken. Da aber in Greps und Bunsens 
Telegrammen die Unterhaltungen mit dem Botschafter der 
Monarchie in London und dem Grafen Berchtold in Wien 
oft nur skizziert sind, bieten sie natürlich viel weniger 
Aufschluss über die englisch-österreichischen Pourparlers 
als die Rotbuchstücke und zwar vor allem die ausführlichen 
Instruktionen des Grafen Berchtold. Hier wird mit grösster 
Freimütigkeit, in einer Sprache, die den festen Willen ver- 
rät, unbedingt eine friedliche Lösung für die Krisis zu finden, 
immer wieder England bestürmt, in gerechter Würdigung 
der Lage Oesterreich-Ungarns seinen Einfluss für den Frieden 
einzusetzen. Aehnlich sagt das Rotbuch über die österrei- 
chisch-französischen Verhandlungen aus. Es zeigt, dass zu- 
nächst die französische Regierung der österreichisch-ungari- 
schen Politik nicht verständnislos gegenüberstand und keinerlei 
Kritik an dem Vorgehen der Monarchie gegen Serbien übte, 



— 45 — 

um dann, als Russland auf den Plan trat, völlig abzu- 
schwenken. Das Gelbbuch befindet sich hier in auffallendem 
Widerspruch zu dem Rotbuch. 

Was den deutsch-österreichischen diplomatischen Ver- 
kehr betrifft, so bestätigt das Rotbuch alles, was im deut- 
schen Weissbuch gesagt wurde. Es enthält Akten, aus denen 
hervorgeht, dass Deutschland sich lebhaft in Wien im Sinne 
einer gemässigten und versöhnlichen Politik bemühte, leb- 
hafter als es dem Ministerium des Aeusseren der Monarchie 
erwünscht war. Es enthält Akten, aus denen sich ergibt, dass 
die Vorhaltungen Deutschlands in St. Petersburg im strikten 
Einverständnis mit Oesterreich-Ungarn gemacht wurden. Es 
lässt entnehmen, dass die österreichisch-ungarischen und die 
deutschen Botschafter stets in engem Verkehr miteinander 
standen, bietet aber keinen Anhaltspunkt für ein darüber- 
hinausgehendes Zusammengehen der beiden verbündeten 
Regierungen, keinen Anhaltspunkt für die Vermutung, dass 
die Aktion gegen Serbien mit Deutschland vorher beraten 
worden war. 

Das Rotbuch schliesst seine Akten über die Kriegs- 
verhandlungen natürlich nicht mit dem Kriegsausbruch zwi- 
schen Deutschland und den Dreiverbandsmächten ab. Die 
österreichisch-ungarische Kriegserklärung an Russland er- 
folgte erst am 6. August, die Kriegserklärungen Frankreichs 
und Englands an Oesterreich erst am 12. August. Der 
Kriegszustand zwischen Oesterreich-Ungarn und Belgien 
wurde erst am 22. August hergestellt. Das Aktenmaterial 
über diese formelle Ausdehnung des Krieges und schliess- 
lich über die Beteiligung Oesterreich-Ungarn s am deutsch- 
japanischen Kriege bildet den letzten Teil des Rotbuches. 

Das Rotbuch enthält nur recht wenige Akten über die 
allgemeine Krisis, d. h. es wirft nur spärliche Lichter auf die 
Verhandlungen zwischen Deutschland und den Dreiverbands- 
mächten. Aber die massgebenden Verhandlungen dieser 
Staaten mit der Doppelmonarchie sind umso klarer, schärfer 
und auch überzeugender dargestellt. Vor allem sind die Do- 
kumente, die das Österreichisch-serbische Problem behandeln, 
von grosser Beweiskraft. Die Rotbuchakten widerlegen ent- 



— 46 — 

schieden die durch die Dreiverbandakten verbreitete Auf- 
fassung, als habe Serbien den grössten Teil der österreichisch- 
ungarischen Forderungen angenommen, und auch das grosse 
Dossier über die grosserbischen Umtriebe, das eben seines 
Umfanges halber leider in der Sammlung nicht folgen kann, 
dürfte schwer zu entkräften sein. Ein solcher Versuch ist 
auch in keiner der Veröffentlichungen der anderen Regie- 
rungen unternommen worden. Alle Dokumente machen im 
Uebrigen den Eindruck der Zuverlässigkeit. Abgesehen von 
den erwähnten Widersprüchen zwischen Rot- und Gelbbuch, 
werden sie durchweg durch die Akten der feindlichen Re- 
gierungen bestätigt. Keine von jenen inneren Widersprüchen, 
verhängnisvollen Ungeschicklichkeiten usw., die z. B. beim 
Orange- und Gelbbuch auffielen, ist im Rotbuch nachweisbar. 
Desgleichen kann auf keine für den Gang der Verhandlungen 
fühlbare Lücke hingewiesen werden. 

Sprache und Ton der Rotbuchakten muten ernst und 
würdig an. Es sind streng sachliche, manchmal nüchterne 
Berichte und Instruktionen, die klar und deutlich ohne hinter- 
hältige Form sagen, was zu sagen ist. Das berühmte öster- 
reichische Kanzleideutsch treibt zwar hie und da seine 
bekannten Blüten. Aber die meisten Stücke sind doch in 
einer klaren, wirksamen Sprache geschrieben, die durch- 
aus dem schweren, ernsten Gehalt angemessen ist. Ueber- 
all, wo von Serbien die Rede ist, herrscht der Ton fester 
Entschlossenheit, unerschüttlicher Willenskraft vor, dort, wo 
Oesterreich-Ungarn zu den Grossmächten redet, der Ton 
aufrichtigen und hoffnungsvollen Vertrauens auf Verständnis 
und Solidarität mit seinen Bestrebungen, und dann wieder, 
namentlich Russland gegenüber, offenherzigsten Entgegen- 
kommens. Das sind Eigenschaften, denen sich, so möchte 
man meinen, kein Leser des Rotbuches entziehen kann. Es 
spricht aus ihnen die Tragik eines Staates, der mehr denn 
ein anderer des Friedens bedurfte und für den Frieden wirkte, 
der aber in dem klaren Bewusstsein lebte und handelte, dass 
es sein Dasein gilt und dass selbst der schwerste Krieg 
einem faulen, niederschmetternden, beengenden Frieden vor- 
zuziehen ist. 



— 47 — 

Die grösste Ueberraschung von allen diplomatischen 
Veröffentlichungen musste dem unbefangenen Leser das 
serbische Blaubuch bereiten. Denn hätte die österreichisch- 
ungarische Regierung noch einer dokumentarischen Unter- 
stützung ihres Standpunktes bedurft, so wäre kein Material 
dafür geeigneter gewesen, als die Veröffentlichung der ser- 
bischen Regierung. Wenn im Allgemeinen alle diplomati- 
schen Farbenbücher den Zweck verfolgen, die eigene Re- 
gierung zu entlasten und die feindliche Regierung zu be- 
lasten, so erfüllt das serbische Blaubuch diesen Zweck 
ausserordentlich schlecht. Und das will viel sagen, bei einer 
Aktensammlung, deren Teile die betreffende Regierung nach 
Gutdünken auswählen und zusammenstellen konnte. 

Das serbische Blaubuch — «Diplomatischer Schrift- 
wechsel der serbischen Regierung > — enthält 52 Akten und 
umfasst die Zeitspanne vom 29. Juni bis 6. August, wenn man das 
letzte Stück, Nr. 52, einen nachträglich am 16. August in Nisch 
angefertigten Sammelbericht des serbischen Gesandten in 
Wien, aus den wiederholt angeführten Gründen unberück- 
sichtigt lässt. Das Buch bezieht sich nur auf die Vorge- 
schichte des österreichisch-serbischen Krieges. Hierbei 
können zwei Abschnitte unterschieden werden. Der eine ent- 
hält die Akten vom 29. Juni bis zum 23. Juli. d. h. aus der 
Zeit von der Mordtat von Serajewo bis zur Ueberreichung 
des österreichisch-ungarischen Ultimatums, der zweite um- 
fasst die Zeit von diesem Ereignis bis zur österreichisch- 
ungarischen Kriegserklärung an Serbien, am 28. Juli. Die vier 
letzten Dokumente, die spätere Daten tragen, beziehen sich 
nur auf die russische Hilfeleistung und die serbische Kriegs- 
erklärung an Deutschland. 

Die Akten des ersten Abschnittes, 31 an der Zahl, 
machen mehr als die Hälfte sämtlicher Stücke aus. Ihre Auf- 
gabe hätte es offenbar sein müssen, den Nachweis zu führen, 
dass die österreichisch-ungarische Regierung zu Unrecht 
ein hartes und scharfes Ultimatum an Serbien richtete, dass 
die Voraussetzung für dieses Ultimatum nicht bestand, d. h. 
Serbien sich keiner kränkenden Passivität und keines Mangels 
an eigenen Initiativen schuldig gemacht, sondern versucht 



— 48 — 

hatte, seine etwaige Verantwortung an dem Verbrechen 
zu sühnen und der Erregung in Oesterreich-Ungarn Rech- 
nung zu tragen. Keines der 31 Stücke kann diese Aufgabe 
erfüllen. Kein einziges Stück verzeichnet irgendwelche wirk- 
lich freundschaftliche Demarche in Wien, irgendwelches den 
österreichisch-ungarischen Schritten zuvorkommendes Aner- 
bieten. Dafür bringt das Blaubuch aber Stücke, in denen 
Serbien als Ankläger gegen Oesterreich-Ungarn auftritt, 
durch dessen Presse es sich seit der Mordtat beleidigt fühlt. 
Ehe es zu einem österreichisch-ungarischen Schritte kam, 
sehen wir die serbische Diplomatie in Paris und St. Peters- 
burg gegen Oesterreich Stimmung machen und nicht ohne 
Erfolg. Zwei Dokumente sind hierbei besonders bedeutsam: 
eines, in dem Sasonow deutlich Serbien seine Sympathien 
ausdrückt, ein anderes, in dem Ministerpräsident Viviani sein 
Verständnis für die serbischen Bestrebungen bezeugt. Nicht 
minder wichtig sind die Stücke, in denen der serbische Ge- 
sandte in Wien sich genötigt sieht, der serbischen Presse 
einen anständigeren Ton anzuraten. Dass sich daneben 
Stücke befinden, die unwillig über Oesterreich-Ungarns festen 
Willen, Serbien mit Krieg zu überziehen, berichten, kann 
kaum verwundern. 

Was man über die Vorgeschichte des Ultimatums von 
serbischer Seite erfährt, unterstützt also nicht nur die öster- 
reichischen Veröffentlichungen, sondern verschärft auch ihre 
Serbien belastende Bedeutung. Von weniger Interesse sind 
die der Krisis vom 23. bis zum 28. Juli gewidmeten Stücke. 
Aber auch sie, wie das Orange-, wie das Gelb-, wie das 
Blaubuch, weisen keinen einzigen Beleg auf für etwaige 
ernsthafte Bemühungen des Dreiverbandes, Belgrad im 
Sinne der Mässigung zu beeinflussen. Sie zeigen vielmehr 
das feste Vertrauen ^Serbiens in die russische Unterstützung 
und bringen Beweise dafür, dass dieses Vertrauen durchaus 
gerechtfertigt war. Nichts ist in diesem Zusammenhange 
charakteristischer als ein Telegramm des serbischen Ge- 
sandten in St. Petersburg, in dem berichtet wird, wie er 
dem deutschen Botschafter, als dieser die Hoffnung auf die 
Lokalisierung des Konfliktes aussprach, eine spöttische Ab- 
fuhr erteilte. 



— 49 — 

Nach diesen kurzen Angaben wird es nur natürlich 
erscheinen, dass das serbische Blaubuch im Grossen und 
Ganzen den Eindruck der Aufrichtigkeit macht. Denn es 
spricht deutlich und klar das Wesen der serbischen 
Politik während der kritischen Zeit aus: Serbien denkt nicht 
daran, sich irgendwie zu demütigen. Serbien sieht in Oester- 
reich seinen Feind, den Erbfeind, dem es nur gezwungen 
nachgeben würde. Ein solcher Zwang besteht aber nicht. 
Die Hilfe Russlands ist sicher. Und mit Russlands und des 
Dreiverbandes Hilfe kann ein österreichisch-serbischer Krieg 
nur die Verwirklichung der serbischen Träume bringen, die 
eine Unterwerfung Serbiens endgültig begraben würde. Nichts 
ist begreiflicher vom rein serbischen Standpunkte als diese 
Haltung. Es war nicht Serbiens Aufgabe, den europäischen 
Frieden zu erhalten. Wenn das serbische Blaubuch keine 
Beweise für serbische Friedensbemühungen bringt, keine 
Beweise serbischer Nachgiebigkeit, so belastet das nicht 
Serbien. Es entlastet einfach Oesterreich-Ungarn und belastet 
jene, die für Serbiens Haltung verantwortlich waren. 

Bietet das serbische Blaubuch vor allem Material für 
die erste Phase der europäischen Kriegsverhandlungen, so 
kommt das belgische Graubach — «Diplomatische Korres- 
pondenz des Ministeriums des Aeusseren des Königreichs 
Belgiens über den Krieg 1914» — nur für die letzte Phase 
in Betracht. Es enthält zwar 79 Stücke, die mit dem 24. Juli 
beginnen und bis zum 29. August gehen. Doch es veröf- 
fentlicht mit wenigen Ausnahmen keine Akten, die irgend- 
wie Aufschluss über den Ausbruch und die erste Entwick- 
lung der europäischen Krisis geben könnten. Es bringt wie 
alle sieben Aktensammlungen die österreichisch-ungarische 
Note an Serbien und die serbische Antwort, und auch kurze 
Telegramme der serbischen Gesandten über die markantesten 
Ereignisse. Im Uebrigen jedoch drehen sich naturgemäss 
alle Akten ausschliesslich um die Frage der belgischen Neu- 
tralität. Sie bestehen aus Mitteilungen des Ministers des Aeus- 
seren, Versicherungen, dass Belgien seine Neutralität aufrecht 
erhalten will, Erklärungen Frankreichs und Deutschlands, 
Anlagen aus den Vorjahren, die Deutschlands Willen, die 



— 50 — 

belgische Neutralität zu achten, dartun, aus Telegrammen, 
die sich auf Englands Anfrage in Berlin, Paris und Brüssel 
beziehen, ob die drei Regierungen das Nötige zur Aufrecht- 
erhaltung der Neutralität zu tun beabsichtigen, einigen Stücken 
über die Verletzung der luxemburgischen Neutralität durch 
Deutschland, dem deutsch-belgischen Notenwechsel anlässlich 
des deutschen Ultimatums an Belgien und den darauf be- 
züglichen belgisch-englischen und belgisch-französischen 
Pourparlers, dem zweiten deutsch-belgischen Notenwechsel 
anlässlich des deutschen Angebotes vom 9. August, einer 
Anzahl von Telegrammen über die Neutralität der afrika- 
nischen Kolonien und gewissen belgisch -holländischen 
Erörterungen von untergeordneter Bedeutung und schliess- 
lich aus einer belgischen Berichtigung einer im Blaubuch 
enthaltenen deutschen Anschuldigung, dass Belgien bereits 
vor dem Ultimatum feindselige Akte gegen Deutschland 
begangen habe. 

Alle diese Akten sind sachlich und in würdigem Tone 
abgefasst. Sie wollen ein knappes und wirksames Bild 
einer korrekt neutralen Haltung, mit allen den äusseren Merk- 
malen und Kundgebungen eines zur Aufrechterhaltung seiner 
Neutralität entschlossenen kleinen Staates entwerfen. Sie sollen 
beweisen, dass Belgien sich anschickte, streng neutral zu 
bleiben und dass Deutschland seine Neutralität verletzte. 
Eine solche Beweisführung war natürlich sehr einfach. Es 
genügte, die offiziellen Kundgebungen zusammenzustellen, 
um einen Sachverhalt zu kennzeichnen, den der deutsche Reichs- 
kanzler viel knapper und deutlicher gekennzeichnet hatte, als 
alle Graubuchdokumente es vermögen, indem er im Reichstag 
offen zugab, dass Deutschland ein Unrecht begehe, indem 
es in Belgien einmarschierte: « So waren wir gezwungen, uns 
über den berechtigten Protest der luxemburgischen und der 
belgischen Regierung hinwegzusetzen. Das Unrecht — ich 
spreche offen — , das Unrecht, das wir damit tun, werden 
wir wieder gutzumachen suchen, sobald unser militärisches 
Ziel erreicht ist.» 

Selbstverständlich konnte der Kanzler, der längst an 
Belgiens Schuld glaubte, jedoch Belgien dem Einfluss des 



— 51 — 

Dreiverbandes zu entziehen und ihm die Schrecken des Krieges 
zu ersparen wünschte, nicht anders sprechen als er sprach. Aus- 
serdem gilt für seine Erklärungen über Belgien was von seinen 
Darlegungen über Frankreich und England gesagt werden 
musste: Offiziell bestand noch kein Kriegszustand zwischen 
England und Deutschland. Ohne England anzuklagen konnte 
aber der Reichskanzler nicht Belgien seine einseitige Hal- 
tung vorwerfen. Er konnte seine offene Meinung über Bel- 
giens Politik erst nach Ausbruch des Krieges mit England, 
nach der endgiltigen Ablehnung der deutschen Versöhnungs- 
bemühungen durch Belgien, nach Auffindung des Brüsseler 
Beweismaterials in seiner zweiten Reichstagsrede am 2. De- 
zember 1914 aussprechen, in der keinerlei diplomatische 
Rücksicht ihn mehr hinderte, Belgien und England des Ein- 
verständnisses zu beschuldigen. 

Die Frage, ob Belgien tatsächlich die proklamierte 
Neutralität auch einem anderen Staate als Deutschland 
gegenüber aufrechterhalten hätte, die Frage, ob irgend- 
welche belgisch - englischen Verhandlungen nachträglich 
Deutschlands Vorgehen gerechtfertigt erscheinen lassen, 
wird also durch die Reichstagsrede vom 4. August nicht 
berührt. Ebensowenig brauchte das Graubuch hierüber Auf- 
schluss zu geben, nachdem bei Ausbruch des deutsch-bel- 
gischen Krieges Deutschland sein Vorgehen keineswegs mit 
irgendwelcher Verschuldung Belgiens begründete, sondern 
mit von Belgiens Haltung unabhängigen, aus der bevorste- 
henden europäischen Kriegslage gegebenen Motiven. Nur 
die Frage der belgischen Neutralität als deutsch-belgische 
Angelegenheit ist im Graubuch dargelegt. Für uns haben die 
belgischen Akten aber nur insofern Interesse, als sie Material 
zu den Kriegsverhandlungen bieten, da die ganze Frage der 
belgischen Neutralität — wir haben darauf bereits hinge- 
wiesen — für die Vorgeschichte des Weltkrieges nur inso- 
fern in Betracht kommt, als sie eine Rolle in den Verhand- 
lungen zwischen den Grossmächten spielte. 

Die wichtigsten Akten hierüber enthält nicht das Grau- 
buch, sondern das englische Blaubuch. Immerhin erteilt auch 
das Graubuch in einigen bedeutsamen Schriftstücken Antwort 



- 52 — 

auf die wichtige Frage, inwiefern Belgien selbständig und 
unabhängig in den kurzen deutsch-belgischen Verhandlungen 
auftrat oder ob es unter dem Drucke Frankreichs und Eng- 
lands handelte. Ueber den Verlauf der europäischen Krisis 
veröffentlicht das Graubuch sonst nichts. Es ist das ent- 
schieden sehr bedauerlich, denn die belgischen Auslands- 
vertreter werden in ihren Berichten während der grossen 
Krisis manche interessante Beobachtung niedergelegt haben. 
Welch wertvolle Aufschlüsse in der Tat die Beobachtungen 
neutraler Diplomaten geben könnten, lehrt der Petersburger 
Brief des belgischen Geschäftsträgers De l'Escaille, der 
ebensowenig wie ein in diesem Briefe erwähntes Telegramm 
im Graubuch Spuren hinterlässt. Aber auch über die Stel- 
lungnahme der belgischen Regierung selbst zu den Ereig- 
nissen würde die Veröffentlichung jener Berichte ausnehmend 
bedeutungsvolles Material zu Tage fördern. Zwei Stücke 
des Gelbbuches, 35 und 87, in denen die französischen 
Diplomaten über Unterredungen mit dem belgischen Ge- 
sandten in Berlin und dem Minister des Aeusseren in Brüssel 
berichten, zeigen in der Tat, dass die Auffassung, die Belgiens 
Diplomaten von den Ereignissen hatten, durchaus nicht immer 
auf die kühle Sachlichkeit und Unparteilichkeit der Graubuch- 
Akten gestimmt war. 



Wir haben in Vorstehendem die Grundzüge der sieben 
Akten Sammlungen, auf denen unsere Kenntnis der Vorge- 
schichte des Weltkrieges fusst, skizziert. Dabei mussten wir, 
ohne dem Urteil des Lesers vorgreifen zu wollen, bereits 
einige allgemeine Bemerkungen über die Zuverlässigkeit 
der einzelnen Veröffentlichungen machen. Wir haben auch 
auf die Beziehungen unter ihnen hinweisen können und dabei 
festgestellt, dass die einzelnen Dokumente der Dreiverbands- 
staaten einander häufig widersprechen. Der Leser wird beim 
Studium der Dokumente bestätigt finden, dass allem Erwarten 
zuwider, allem Interesse der drei verbündeten Länder ent- 
gegen, die Ereignisse sich in ihren Akten sehr verschieden- 
artig wiederspiegeln, ja, dass sich die wesentlichen Beweise 



— 53 — 

für die Unzuverlässigkeit einer jeden von ihnen aus den 
Akten der Verbündeten ergeben. Desgleichen wird man wahr- 
nehmen, dass es keine willkürliche Konstruktion ist, wenn 
wir diesen Unstimmigkeiten die Geschlossenheit und Har- 
monie der deutschen und österreichisch-ungarischen Ak- 
ten entgegenstellen. Kein Widerspruch zwischen Weiss- 
und Rotbuch. Keine Lücke in dem einen, in die das andere 
nicht harmonisch seine Akten einfügt, anstatt ihre kompro- 
mittierende Absichtlichkeit zu enthüllen, wie es bei den Akten 
des Dreiverbandes der Fall ist. Das ist zweifellos von grosser 
Bedeutung. Bedeutungsvoller aber ist die Frage, ob die 
Akten jeweils durch die Belege feindlicher Regierungen 
bestätigt werden. Auch hierauf haben wir bereits im Laufe 
unserer Uebersicht die Antwort skizziert. Und schliesslich 
bleibt die wichtige Frage offen: Inwieweit erfüllen die 
einzelnen Aktensammlungen den Hauptzweck, den die Re- 
gierungen mit der Veröffentlichung verfolgten, inwieweit 
stützen sie die offiziell verbreiteten allgemeinen Darstellungen 
über den Kriegsausbruch? Und welche offizielle Darstellung 
endlich geht als Sieger aus dem Wettbewerb hervor, d. h. 
vermag sich nicht nur auf die eigenen Dokumente, sondern 
auch auf das Material der anderen und der feindlichen 
Mächte zu stützen? *) 

Lassen wir nun die Akten sprechen. Sie allein ver- 
mögen befriedigend auf die Frage nach dem unmittelbaren 
Ursprung des Krieges, auf die Frage nach Schuld und Ver- 
antwortung Antwort zu erteilen. Ihre zwingende Sprache allein 
kann die Vorurteile und schiefen Vorstellungen, die sich nur 
auf die grosse Phrase stützen, zerstören, indem sie uns in die 
schwere, fieberhafte Zeit zurückführt, da der Friede starb. Be- 
reits die Lektüre eines jeden der sieben Bücher gewährt den 
seltsamen Reiz des Miterlebens, der Zeugenschaft an dem 

Eine Antwort auf diese Frage gibt auch Dr. Karl Helfferich 
in seiner ausgezeichneten Broschüre: «Die Entstehung des Weltkrieges 
im Lichte der Veröffentlichungen der Dreiverbandsmächte >, Georg 
Stilke, Berlin, 1915, die dem Verfasser dieses Buches während der 
Fertigstellung dieser Arbeit bekannt wurde. (Siehe Anmerkungen 
S. 281, 293 und 348.) 



— 54 — 

Werden und Gestalten der furchtbaren Ereignisse, und nie- 
mand entgeht einer dumpfen und heissen Wallung, wenn 
beim langsamen Abrollen der einzelnen Stücke immer dro- 
hender und immer deutlicher das Gespenst des Krieges 
auftaucht. Ab und zu, beim Fortschreiten der Intrige, 
deren Fäden wir greifen, steigt die Hoffnung in uns 
auf, dass das Schlimmste nicht eintrifft. Dann wieder em- 
pfinden wir das entsetzlich peinigende Gefühl, dass mit 
etwas gutem Willen das fürchterliche Unheil vermieden 
werden kann und dennoch nicht vermieden wird. Bis endlich 
in das Gewirr der gewundenen und langatmigen Redens- 
arten das trockene, schwere, kurze Wort fällt: «Mobil- 
machung >! oder «Krieg»! Aus den sieben fesselnden Ro- 
manen, die wir ineinanderschmiegen, erwächst das Ge- 
samtdrama der furchtbaren Krisis. Aus deutschen, eng- 
lischen, französischen, russischen Worten, den Worten aller 
europäischen Staatsmänner und Fürsten erhebt sich ein 
dumpfes, grollendes Stimmengewirr. Es nimmt sich aus 
wie die Sprachverwirrung zu Babel. Niemand will mehr 
den anderen verstehen. Und dennoch ertönt aus dem Chaos 
der Stimmen zuletzt der klare gewaltige Klang der Wahr- 
heit, die nicht umzubringen ist, die am Dirigentenpult der 
Weltgeschichte steht und ihre erbittertsten Widerstreiter zum 
Takthalten zwingt und zum Mitsingen. 



Die 

massgebenden Dokumente 
über die europäischen 
Kriegsverhandlungen 

29. Juni bis 4. September 1914 



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»g&| 



Liste der wichtigsten Persönlichkeiten. 



Die Staatsoberhäupter. 

Wilhelm IL, Deutscher Kaiser. 

Franz-Joseph, Kaiser von Oesterreich, König von Ungarn. 
Georg V., König von England. 
Nikolaus IL, Kaiser von Russland. 

Raymond Poincare, Präsident der französischen Republik. 
Albert L, König der Belgier. 

Peter L, König von Serbien. — Kronprinz Alexander, Regent von 
Serbien. 

Die Diplomaten. 

DEUTSCHLAND, 
von Bethmann Hollweg, Reichskanzler, 
von Jagow, Staatssekretär am Auswärtigen Amt. 
Zimmermann, Unterstaatssekretär am Auswärtigen Amt. 
Fürst Lichnowsky, Botschafter in London. 
Graf Pourtales, Botschafter in St. Petersburg. 
Freiherr von Schön, Botschafter in Paris, 
von Tschirschky und Bögendorff, Botschafter in Wien. 
Freiherr von Flotow, Botschafter in Rom. 
von Below-Salesse, Gesandter in Brüssel. 
Freiherr von Griosinger, Gesandter in Belgrad. 

OESTERREICH-UNGARN. 
Graf Stürgkh, Oesterreichischer Ministerpräsident. 
Graf Tisza, Ungarischer Ministerpräsident. 

Graf Berchtold, Oesterreichisch-ungarischer Minister des Aeusseren. 
Freiherr von Macchio, I. Sektionschef im Ministerium des Aeusseren. 
Graf Forgach, IL Sektionschef im Ministerium des Aeusseren. 
Graf von Szögyeny-Marich, Botschafter in Berlin. 
Graf Szäpäry, Botschafter in St. Petersburg. 
Graf Czernin, Geschäftsträger in St. Petersburg. 
Graf Mensdorff, Botschafter in London. 
Graf Szecsen, Botschafter in Paris. 
Merep von Kapos-Mere, Botschafter in Rom. 
Graf Clary und Aldringen, Gesandter in Brüssel. 
Freiherr von Giesl-Gieslingen, Gesandter in Belgrad. 

RUSSLAND. 
Sasonow, Minister des Aeusseren. 
von Schebeko, Botschafter in Wien. 
Fürst Kudascheff, Geschäftsträger in Wien, 
von Swerbejew, Botschafter in Berlin. 



58 Liste der wichtigsten Persönlichkeiten. 

von Bronewski, Geschäftsträger in Berlin. 
Graf Benckendorff, Botschafter in London, 
von Etter, Botschaftsrat in London. 
Iswolsky, Botschafter in Paris. 
Sewastopulo, Geschäftsträger in Paris. 
Krupenski, Botschafter in Rom. 
von Strandtman, Geschäftsträger in Belgrad. 

ENGLAND. 
Sir Edward Grey, Staatssekretär des Auswärtigen Amtes. 
Sir A. Nicolson, Unterstaatssekretär des Auswärtigen Amtes. 
Sir Edward Goschen, Botschafter in Berlin. 
Sir H. Rumbold, Geschäftsträger in Berlin. 
Sir Maurice de Bunsen, Botschafter in Wien. 
Sir George Buchanan, Botschafter in St. Petersburg. 
Sir Francis Bertie, Botschafter in Paris, 
de Graz, Gesandter in Belgrad. 
Crackanthorpe, Geschäftsträger in Belgrad. 
Sir Francis Villiers, Gesandter in Brüssel. 

FRANKREICH. 

Viviani, Ministerpräsident und Minister des Aeusseren. 

Bienvenu-Martin, Justizminister, stellvertretender Minister des Aeusseren. 

Berthelot, stellvertretender Direktor des politischen Departements. 

Jules Cambon, Botschafter in Berlin. 

De Manneville, Geschäftsträger in Berlin. 

Dumaine, Botschafter in Wien. 

Paul Cambon, Botschafter in London. 

De Fleuriau, Geschäftsträger in London. 

Paleologue, Botschafter in St. Petersburg. 

Klobukowski, Gesandter in Brüssel. 

Boppe, Gesandter in Belgrad. 

SERBIEN. 
Paschitch, Ministerpräsident und Minister des Aeusseren. 
Patschu, Finanzminister und stellvertretender Minister des Aeusseren. 
Jov. Jovanowitsch, Gesandter in Wien. 
Dr. Jovanowitsch, Geschäftsträger in Berlin. 
Spalaikowitsch, Gesandter in St. Petersburg. 
Boschkowitsch, Gesandter in London. 
Vesnitch, Gesandter in Paris. 

BELGIEN. 
Davignon, Minister des Aeusseren. 
Baron Bebens, Gesandter in Berlin. 
De l'Escaille, Geschäftsträger in St. Petersburg. 
Baron Fallon, Gesandter im Haag. 



29. Juni 



59 



29. JUNP 



Der Legationsrat der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft 
in Belgrad, Ritter von Storck, an den österreichisch-unga- 
rischen Minister des Aeusseren, Graf Berchtold. 



Rotbuch Nr. 1. 

Belgrad. 

Wir alle stehen noch immer derart unter dem erschüttern- 
den Eindruck der gestrigen Katastrophe, dass es mir schwer 
fällt, mit der nötigen Fassung, Sachlichkeit und Ruhe das 
blutige Drama in Serajewo von hier aus entsprechend zu be- 
urteilen. Ich bitte daher, mich vorläufig auf die Registrierung 
einiger Tatsachen beschränken zu dürfen. 

Gestern — den 15./28. — wurde der Jahrestag der 
Schlacht auf dem Amselfelde festlicher als sonst begangen 
und der serbische Patriot Milos Obilic gefeiert, der mit zwei 
Gefährten den siegreichen Murad meuchlings erstochen hat. 

Wo Serben leben, gilt Obilic als der Nationalheros. An 
die Stelle der Türken sind aber — dank der unter der 
Aegyde der königlichen Regierung gezüch- 
teten Propoganda und der seit Jahren betriebenen 
Presshetze — nunmehr wir als die Erbfeinde getreten. 

Den drei jugendlichen Serajewoer Attentätern Princip, 
Cabrinovic und dem dritten unbekannten Bombenwerfer 
scheint daher eine Wiederholung des Dramas auf dem Kosso- 



R b. Nr. 1 . l ) Am 28. Juni wurden der Erzherzog-Thronfolger Franz- 
Ferdinand und seine Gemahlin, die Herzogin von Hohenberg, in Sera- 
jewo von dem bosnischen grosserbischen Verschwörer Gabriel Prin- 
cip erschossen, nachdem ein Komplize Princips, Cabrinovic, kurz vorher 
ein erfolgloses Bombenattentat begangen hatte. 



Die Mordtat 
von Serajewo 
wird in Serbien 
mit Genugtu- 
ung aufgenom- 
men. 



60 



29. Juni 



vopolje vorgeschwebt zu haben. Sie haben noch eine un- 
schuldige Frau mit erschossen und mögen glauben, damit ihr 
Vorbild noch übertroffen zu haben. 

Jahrelang ist in Serbien Hass gegen die Monarchie ge- 
sät worden. Die Saat ist aufgegangen und Mord ward ge- 
erntet. 

Die serbische Regierung hat auf die zirka 5 Uhr nach- 
mittags bekannt gewordene Nachricht hin die Obilic-Feier um 
10 Uhr abends offiziell abstoppen lassen; inoffiziell und in der 
Dunkelheit hat sie aber noch geraume Zeit weiter gedauert. 

Die Leute sollen sich vor Freude in die Arme 
gefallen sein (Augenzeugen) und man hörte Bemerkungen 
wie: «Recht ist ihnen geschehen, wir haben das schon lange 
erwartet», oder «Das ist die Rache für die An- 
nexion.» 



Der serbische Gesandte in Wien, Jov. Jovanowitsch, an 
den serbischen Ministerpräsidenten und Minister des 
Aeusseren, Paschitch. 



Die Haltung 
der serbischen 
Presse ruft 
in Wien Miss- 
stimmung her- 
vor. 



Serbisches Blaubuch Nr. 1. 

Wien. 

Die Wiener Zeitungen behaupten, die gerichtliche Unter- 
suchung gegen die Urheber des Attentates habe erwiesen, dass 
das Verbrechen in Belgrad vorbereitet wurde, dass ein ganzes 
Komplott auf weitester Grundlage in Belgrad unter der von 
der grosserbischen Idee inspirierten Jugend organisiert worden 
sei und dass die Belgrader Zeitungen die Oeffentlichkeit mit 
ihren Schilderungen vom Elend der Situation in Bosnien er- 
regen. Das soll, nach den Wiener Zeitungen, einen beträcht- 
lichen Einfluss ausüben, da die Belgrader Zeitungen heimlich 
in grosser Zahl nach Bosnien eingeführt werden. 



30. Juni 



61 



30. JUNI 



Der Legationsrat der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft 
in Belgrad, Ritter von Storck, an den österreichisch- 
ungarischen Minister des Aeusseren, Graf Berchtold. 

Rotbuch Nr. 2. 

Belgrad. 

Ich richtete heute an den Generalsekretär des Aus- 
wärtigen Amtes, Herrn Gruic, die naheliegende Frage, welche 
Massregeln die königliche Polizei ergriffen habe, respektive zu 
ergreifen gedenke, um die Fäden des Attentates, welche noto- 
risch nach Serbien hinüberspielen, zu verfolgen. 

Seine Erwiderung lautete, dass sich die serbische Polizei 
bisher mit dem Gegenstand überhaupt nicht befasst 
hätte. 



Die serbische 
Polizei befasst 
sich nicht mit 
dem Verbre- 
chen. 



Der serbische G esandte in Wien, Jov. Jovanowitsch, an 
den serbischen Ministerpräsidenten und Minister des 
Aeusseren, Paschitch. 

Serbisches Blaubuch Nr. 2. 

Wien. 
In Wien wird die Tendenz immer offener, in Europa den 
Eindruck zu erwecken, dass das gegen den Erzherzog-Thron- 
folger von Oesterreich-Ungarn begangene Attentat das Er- 
gebnis einer in Serbien vorbereiteten Verschwörung ist. Man 
beabsichtigt, sich dessen als eines politischen Mittels 
gegen uns zu bedienen. Man muss daher mit der grössten Auf- 
merksamkeit die Sprache unserer Zeitungen über das Ereignis 
von Serajewo überwachen. 



Der serbische 
Gesandte in 
Wien warnt 
vor der Hal- 
tung der ser- 
bischen 
Presse. 



62 



30. Juni 



Der serbische Gesandte in Wien, Jov. Jovanowitsch, an 
den serbischen Ministerpräsidenten und Minister des 
Aeusseren, Paschitch. 



Der serbische 
Gesandte in 
Wien prote- 
stiert gegen 
die antiserbi- 
schen Folge- 
rungen aus 
dem Attentat. 



Serbisches Blaubuch Nr. 5. 

Wien. 

Da Graf Berchtold mich nicht empfangen konnte, hatte 
ich mit dem ersten Sektionschef des Ministeriums des Aeusseren 
eine Unterhaltung über das Attentat in Serajewo. Im Verlaufe 
des Gespräches sagte ich ihm im Resume folgendes : « Die 
königliche Regierung missbilligt auf das entschiedenste das 
Attentat von Serajewo und wird ihrerseits sicherlich und auf 
loyalste Weise alles tun, um zu beweisen, dass sie auf ihrem Ge- 
biete keine Bewegung oder Unternehmung duldet, die strafbar 
wäre oder unsern bereits so heiklen Beziehungen mit Oester- 
reich-Ungarn schaden könnte. Ich glaube, dass die Belgrader 
Regierung bereit ist, die Mitschuldigen vor Gericht zu ziehen, 
wenn es bewiesen ist, dass es solche in Serbien gibt. Trotz aller 
Hindernisse, die von der österreichisch-ungarischen Diplomatie 
aufgestellt wurden (Schaffung eines unabhängigen Albaniens, 
Widerstand gegen einen freien Ausgang des serbischen König- 
reiches zum adriatischen Meere, Forderung der Revision des 
Bukarester Vertrages, Ultimatum des Monats September 
u. s. w.) beharrte die serbische Regierung in ihrem Wunsche, 
unsere nachbarlichen Beziehungen auf feste Grundlagen zu 
stellen. Sie wissen, dass auf diesem Wege manches geleistet 
und erzielt wurde. Serbien will diese Bemühungen fortsetzen, 
in der Ueberzeugung, dass sie fortgesetzt werden können und 
müssen. Das Attentat von Serajewo soll und kann diese Auf- 
gabe nicht hindern. » 

Baron Macchio 1 ) nahm hiervon Kenntnis und erklärte, dem 
Grafen Berchtold alles was ich gesagt habe, mitteilen zu wol- 
len. Am selben Tage teilte ich die Grundlinien meiner Unter- 
redung dem französischen und dem russischen 
Botschafter mit. 2 ) 

Serb. Blb. Nr. 5. ') Erster Sektionschef im Ministerium des 
Aeussern, Freiherr v. Macchio. 

3 ) Dieses ist die einzige wirkliche Demarche, die von serbischer 
Seite nach der Ermordung des Thronfolgers in Wien unternommen 
wurde. Wie man sieht, ging sie aber nur von Jovanowitsch selbst aus, 
der keinen Schritt im Auftrage seiner Regierung unternahm und kei- 
nerlei serbische selbständige Massregeln gegen die Verschwörer an- 
kündigte. Es ist bezeichnend, dass er in einem Augenblick, da ganz 
Oesterreich-Ungarn gegen Serbien verstimmt war, der österreichisch- 
ungarischen Diplomatie die in diesem Zusammenhange erstaunlichen 
Vorwürfe über ihre Balkanpolitik machte. 



1. Juli 63 



1. JULI 



Der österreichisch-ungarische Generalkonsul in Uesküb, Jeh- 
litschka, an den österreichisch-ungarischen Minister des 
Aeusseren, Graf Berchtold. 

Rotbuhc 3. 

Uesküb. 

Als sich in den Abendstunden die Nachricht von der ent- unmoralische 
setzlichen Schandtat, deren Schauplatz Serajewo gewesen tun^ftiTdie 
war, verbreitete, bemächtigte sich der fanatisierten Menge g^™" 
eine Stimmung, welche ich nach den zahlreichen Beifalls- 
äusserungen, welche mir von meinen absolut zuverlässigen 
Gewährsmännern gemeldet werden, nicht anders als un- 
menschlich bezeichnen kann. 

Angesichts dieser Haltung der Bevölkerung, welche in 
gleicher Weise auch in Uesküb zu Tage trat, fallen alle Ver- 
suche der serbischen Presse, die moralische Verantwortung 
für die Tat, welche von einer repräsentativen Versammlung 
mit solch unverhohlener Genugtuung aufgenommen wird, von 
Serbien abzuschütteln, in ein erbärmliches Nichts zusammen. 

Der serbische Ministerpräsident und Minister des Aeusseren, 
Paschitch, an alle serbischen Gesandtschaften. 

Serbisches Blaubuch 8. 

Die serbische Regierung war stets wachsam und seit den Paschitch pro- 
letzten Ereignissen wird sie doppelt wachsam sein, was anar- £1 ^ntisfrw 611 

sehe Kam- 

R b. Nr. 3. *) Bericht über das Fest des 525. Gedenktages für die paffne - 
Schlacht auf dem Amselfelde vom 28. Juni und der damit verbundenen 
grosserbischen Agitation in Oesterreich-Ungarn. 



Serb. Blb. Nr. 8. ') Inhaltlich gleichbedeutend mit dem Tele- 
gramm Nr. 5 des serb. Blb. Paschitch protestiert gegen die Annahme, 
dass Serbien an dem Attentat mitschuldig sei. 



64 1. Juli 

chistische Elemente betrifft; wenn sie in Serbien solche ent- 
deckt, wird sie gegen dieselben energisch strengste Massregeln 
ergreifen. Ausserdem wird sie ihre ganze Pflicht tun, mit allen 
ihr zu Gebote stehenden Mitteln, um im Innern ihrer Grenzen 
die aufgeregten Gemüter zu beruhigen. 2 ) Aber sie kann keines- 
wegs erlauben, dass die österreichisch-ungarische Presse die 
öffentliche Meinung Europas täuscht und dass sie, aus rein 
politischen Zielen, die schwere Verantwortlichkeit eines von 
einem österreichischen Untertanen begangenen Verbrechens 
auf Serbien und das ganze serbische Volk zurückfallen lässt, 
dem solche Akte nur Schaden und keinerlei Nutzen bringen 
können. 

Ich bitte Sie, in diesem Sinne mit allen zweckmässigen 
Mitteln zu handeln, um so bald wie möglich der antiserbischen 
Kampagne vor der öffentlichen Meinung Europas ein Ende 
zu machen. 



Serb. Blb. Nr. 8. 2 ) Diese Versprechungen sind nicht etwa an 
die Wiener Regierung gerichtet, sondern sollen den Gesandten bei 
den andern Mächten zur Stimmungmache zugunsten Serbiens gegen 
Oesterreichs «antiserbische Kampagne» dienen. 



2. Juli 



65 



2. JÜL1 



Der französische Botschafter in Wien, Dumaine, an den fran- 
zösischen Ministerpräsidenten und Minister des Aeusseren, 

Viviani. 

Gelbbuch Nr. 8. 

Wien. 

Das Verbrechen von Serajewo ruft den lebhaftesten 
Groll in den österreichischen Militärkreisen hervor, wie bei 
allen jenen, die sich nicht darein ergeben, dass Ser- 
bien den Rang auf dem Balkan behält, den es sich er- oesterreichs. 
obert 'hat. 

Die Untersuchung über den Ursprung des Attentates, 
die man von der Belgrader Regierung unter für ihre Würde 
unduldbaren Bedingungen fordern möchte, würde bei einer 
Weigerung den Beschwerdeanlass für eine militärische Exe- 
kution bieten. 1 ) 



Der französi- 
sche Botschaf- 
ter in Wien 
verdächtigt die 
Haltung 



Der serbische Gesandte in Paris, Dr. Vesnitch, an den ser- 
bischen Ministerpräsidenten und Minister des Aeusseren, 



Paschitch. 



Serbisches Blaubuch Nr. 10. 



Paris. 



Die französische Regierung rät ums, die grösste Kalt- Frankreich rat 
blütigkeit und Sammlung zu bewahren, sowohl in den offi- Kaitbituigkeit 
ziehen Kreisen als der öffentlichen Meinung. 1 ) an ' 

G 1 b. Nr. 8. ') Es ist zu beachten, dass drei Tage nach der Mordtat der 
französische Botschafter in Wien die Entrüstung in Oesterreich-Ungarn 
als Aeusserung balkanpolitischer Spekulationen darstellt und bereits 
in der Lage sein will, von den für Serbiens Würde unannehmbaren 
Bedingungen, denen eine militärische Exekution folgen soll, zu sprechen. 
Diese Voraussicht steht in seltsamem Widerspruch zu dem spätem 
Vorwurf, dass Oesterreich-Ungarns Schritt gegen Serbien die euro- 
päische Diplomatie völlig überrascht habe. Das französische Gib. ist die 
einzige diplomatische Veröffentlichung, die Anfang Juli bereits eine 
derartige Information verzeichnet. Selbst das serbische Blb. enthält 
nichts dergleichen. 

Serb. Blb. Nr. 10. ') Offenbar eine Antwort auf die von Pa- 
schitch dem Gesandten in Paris aufgetragene Mitteilung vom 1. Juli, 
serbisches Blb. Nr. 8. 



66 3. Juli 



3. JULI 



Der serbische Gesandte in Wien, Jov. J ovanowitsch, an 
den serbischen Ministerpräsidenten und Minister des 
Aeusseren, Paschitch. 

Serbisches Blaubuch Nr. 12. 

Wien. 

S% ei K?die Baron Maechio sagte mir: Niemand klagt 'das Königreich, 

serbische Re- weder die serbische Regierung, nooh das ganze serbische Volk 

fondlm dfe an - Wir kla S en nur diejenigen an, die die grosserbischen Bestre- 

Bew| e mi S cr Clie Zungen betreiben und für ihre Verwirklichung arbeiten . . . 



Serb. Blb. Nr. 12. J ) und 2 ) Aus einem längern Berichte des 
serbischen Gesandten in Wien, in dem dieser wiedergibt, wie er dem 
Sektionschef Maechio gegenüber über die österreichisch-ungarische 
Presse Klage führt. 



4. Juli 



67 



4. JULP 



Der französische Geschäftsträger in Berlin, De Manneville, 
an den französischen Ministerpräsidenten, Viviani. 

Gelbbuch Nr. 9. 

Berlin. 

Der Unterstaatssekretär am Auswärtigen Amt 2 ) sagte 
mir gestern und wiederholte es mir heute, er hoffe, dass Ser- 
bien die Forderungen annehmen werde, die 
Üesterreich gegebenenfalls stellen könnte, uim die an dem Ver- 
brechen von Serajewo Mitschuldigen ausfindig zu machen und 
zu verfolgen. Er fügte hinzu, dass er in diesen Ausgang ver- 
traue, weil Serbien, wenn es anders handelte, die Meinung 
der gesamten K u 1 1 u <r w e 1 1 gegen sich haben 
w ü r d e. 3 ) 

Die deutseihe Regierung scheint also nicht die Besorgnis 
zu teilen, die sich in einem Teile der deutschen Presse in bezug 
auf die Möglichkeit einer Spannung zwischen den Regierungen 
von Wien und Belgrad äussert, oder will nicht den Anschein 
der Besorgnis erwecken. 



Deutschland 
vertraut fest 
auf das Entge- 

fenkommen 
erbiens. 



Der serbische Gesandte in Paris, Vesnitch, an den serbischen 
Ministerpräsidenten und Minister des Aeusseren,Paschitch. 

Serbisches Blaubuch Nr. 13. 

Paris. 

Ich hatte Mittwoch über das Attentat von Serajewo eine 

ziemlich lange Unterredung mit dem neuen Minister des 

Gib. Nr. 9. l ) Tag der Beisetzung des ermordeten Erzherzog- 
Thronfolgers. 

2 ) Zimmermann. 

3 ) Dieses Vertrauen in die Meinung der Kulturwelt, die gegen 
Serbien auftreten würde, erscheint als der Grundzug und die Voraus- 
setzung der deutschen und der österreichisch-ungarischen Politik wäh- 
rend der Krisis. 



Viviani be- 
greift den ser- 
bischen Stand- 
punkt. 



68 



4. Juli 



Aeusseren, Herrn Viviani, den dieses Ereignis recht beun- 
ruhigt hatte. Ich benutzte diese Gelegenheit, um ihm in 
grossen Linien die Ursachen auseinanderzusetzen, die das 
Attentat hervorgerufen hatten, d. h. in erster Linie das un- 
erträgliche Regierungssystem in den annektierten Provinzen, *) 
besonders die Haltung der offiziellen Organe und die ganze 
Politik der bosnischen Regierung allem gegenüber was die 
orthodoxe Religion betrifft. 2 ) Er hat die Lage verstan- 
den; jedoch sprach er den Wunsch aus, dass die Kaltblütig- 
keit und die Würde bei uns bewahrt blieben, um neuen An- 
klagen Wiens kein Motiv zu geben. 

Nach der ersten Aufregung ist ein Umschwung in der 
öffentlichen Meinung Frankreichs eingetreten, in solchem 
Masse, dass der Ministerpräsident es selbst für angebracht 
hielt, in der Deputiertenkammer die Ausdrücke seiner Er- 
klärung, die er vorher über dieses Ereignis im Senat gemacht 
hatte, zu milder n. 



Der österreichisch -ungarische Botschafter in Paris, Graf 
Szecsen, an den österreichisch-ungarischen Minister 
des Aeusseren, Graf Berchtold. 



Rotbach Nr. 4. 

Paris. 
PräsidentPoin- loh habe heute Herrn Poincare den Dank der k. u. k. Re- 

En r 4eIenkom- £ ierun S für sein Beileid übermittelt. 

men Serbiens. Auf die serbenfeindlichen Demonstrationen bei uns an- 

spielend, erwähnte er, dass nach der Ermordung des Präsi- 
denten Carnot in ganz Frankreich alle Italiener den ärgsten 
Verfolgungen seitens der Bevölkerung ausgesetzt waren. 

Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass die damalige 
Bluttat mit keinerlei antifranzösischer Agitation in Italien im 
Zusammenhange stand, während man jetzt zugeben muss, 



Serb. Blb. Nr. 13. >) Vesnitch braucht im Gespräch mit Viviani 
den Ausdruck < annektierte Provinzen », der in Frankreich für Elsass- 
Lothringen geläufig war. 

2 ) Die serbische Diplomatie wollte den Vorwurf der öster- 
reichisch-ungarischen Presse, dass die serbische Presse die Mordtat 
mit einer österreichisch-ungarischen Unterdrückungspolitik in Bosnien 
rechtfertige, damit entkräften, dass die Presse vollständig frei sei und 
die Regierung nicht gegen sie einschreiten könne. Mit diesem Tele- 
gramm ist der Beweis erbracht, dass die serbische Diplomatie sich 
genau derselben Argumente bediente wie die angeblich desavouierte 
Presse. 



4. Juli 



69 



dass in Serbien seit Jahren mit allen erlaubten und unerlaub- 
ten Mitteln gegen die Monarchie gehetzt wird. 1 ) 

Zum Schlüsse sprach Herr Poincare die Ueberzeu- 
g u n g aus, die serbische Regierung werde uns bei der ge- 
richtlichen Untersuchung und der Verfolgung eventueller Mit- 
schuldiger das grösste Entgegenkommen zeigen. Einer solchen 
Pflicht könne sich kein Staat entziehen. 



Der serbische Gesandte in St. Petersburg, Spalaikowitch, 
an den serbischen Ministerpräsidenten und Minister des 
Aeusseren, Paschitch. 

Serbisches Blaubuch Nr. 14. 

St. Petersburg. 
Der Minister des Aeusseren sagte mir, dass die Grau- 
samkeiten, die an den Serben in Bosnien 'begangen wurden, die 
Sympathien Europas für uns steigern werden. Er glaubt, dass 
die Welt den Anklagen, die Wien gegen uns schleudert, nicht 
Glauben schenken wird. Es ist wesentlich, dass die 
öffentliche Meinung in Serbien ruhig bleibt. 



R b. Nr. 4. ') Vergleiche die ähnliche Parallele, die Sasonow 
zwischen den Attentaten russischer Anarchisten und der Tat von 
Serajewo zieht. Gib. Nr. 10. 



Sasonow er- 
wartet ein Stei- 
gen der euro- 
päischen Sym- 
pathien für 
Serbien. 



70 



6. Juli 



6. JULI 1 ) 



Die serbische 
Presse ver- 
stimmt weiter 
in Wien. . 



Der serbische G esandte in Wien, Jov. Jovanowitsch, an den 
serbischen Ministerpräsidenten und Minister des Aeus- 
seren, Paschitch. 

Serbisches Blaubuch Nr. 15. 

Wien. 
Die Aufregung in den militärischen und Regierungs- 
kreisen gegen Serbien nimmt unaufhörlich zu infolge der 
Artikel unserer Zeitungen, die von der österrei- 
chisch-ungarischen Gesandtschaft in Belgrad eifrig ausge- 
beutet werden. 



Freudenaus- 
brüche in Ser- 
bien über das 
Attentat. 



Der österreichisch-ungarische Gerent in Nisch, Hoflehner, 
an den österreichisch-ungarischen Minister des Aeus- 
seren, Graf Berchtold. 

Rotbuch Nr. 5. 

Nisch. 

Die Nachricht vom entsetzlichen, nur zu wohlgelungenen 
Attentate in Serajewo rief hier Sensation im vollsten Sinne 
des Wortes hervor. Von Bestürzung oder aber Empörung war 
so gut wie nichts zu bemerken, in weitaus vorherrschendem 
Masse kamen nur Empfindungen der Genugtuung, ja der 
Freude, und dies vielfach ganz unverhüllt, ohne jede Zu- 
rückhaltung, nicht selten in ganz roher Form zum Aus- 
drucke. Dies gilt hauptsächlich für die sogenannten führenden 
Kreise, die Intelligenz, wie Berufspolitiker, Lehrpersonen, 
Beamte, Offiziere und die Studentenschaft. Etwas zurückhal- 
tender zeigte sich noch die Kaufmannschaft. 

Alle Erklärungen, die seitens serbischer amtlicher Stellten 
oder einzelner höherer Persönlichkeiten abgegeben wurden 
und die Entrüstung über das Attentat und dessen Verurteilung 

l ) Am 6. Juli reiste Kaiser Wilhelm II. nach Kiel ab, von wo 
er am 7. Juli seine Nordlandsreise antrat. 



6. Juli 



71 



zum Ausdruck bringen sollen, müssen als bitterste Ironie auf 
den wirken, der Gelegenheit hatte, in den jüngst verflossenen 
Tagen in nächster Nähe Einblicke in das Gefühlsleben der 
serbischen intelligenten Bevölkerung zu gewännen. 

Der Gefertigte hatte am Tage des Attentates gegen 9 Uhr 
abends ohne Ahnung noch vom Geschehenen ein hiesiges 
Gartenkaffee besucht und wurde hier zuerst von einem Be- 
kannten über das ganz bestimmt aufgetretene Gerücht in 
Kenntnis gesetzt. Es war eine Pein sondergleichen zu beob- 
achten und zu hören, wie eine förmlich fröhliche Stimmung 
die zahlreichen Gäste des Lokales erfasst ; hatte, mit welcher 
ersichtlichen Genugtuung man über die Tat debattierte und 
wie Ausrufe der Freude, des Hoihnes und Spottes 
aufflatterten — selbst den an Ausbrüche des hier herrschenden 
politischen Fanatismus seit langem Gewöhnten mussten diese 
Wahrnehmungen aufs äusserste deprimieren. 

Der französische Botschafter in St. Petersburg, Paleologue, 
an den französis chen Ministerpräsidenten, Viviani. 

Gelbbuch Nr. 10. 

St. Petersburg. 

Im Verlaufe einer Unterhaltung, die er mit dem öster- Sasonowwarat 
reichisch-ungarischen Geschäftsträger herbeiführte, wies Herr schenSehritten 
Sasonow freundschaftlich auf die beunruhigende Irritation hin, m Serbien - 
die durch die Angriffe der österreichischen Presse gegen Ser- 
bien in seinem Lande hervorgerufen werden könne. 

Als Graf Czernin 1 ) zu verstehen gab, dass die österrei- 
chische Regierung vielleicht gezwungen sei, die Anstifter des 
Attentates von Serajewo auf serbischem Gebiete zu 
suchen, unterbrach ihn Sasonow, indem er sagte: «Kein Land 
hat mehr als Russland unter auf fremdem Gebiete vorbereiteten 
Attentaten gelitten. Haben wir jemals den Anspruch erhoben, 
gegen ein Land die Massregelm zu ergreifen, mit denen Ihre 
Zeitungen Serbien bedrohen? Betreten Sie nicht die- 
s e n W e g. » 2 ) 

Möge diese Warnung nicht umsonst sein. 3 ) 

Gib. Nr. 10. ') Oesterreichisch-ungarischer Geschäftsträger in 
St. Petersburg. 

2 ) Sasonow bedient sich hier eines charakteristischen Sophis- 
mus: Er vergleicht die revolutionären Attentate, die russische Anar- 
chisten im Auslande vorbereiteten, ohne dass jedoch das Ausland 
etwas damit zu tun hatte, mit dem im Interesse des Grosserbentums 
begangenen Attentat. Vergl. auch die ähnliche Wendung des Präsi- 
denten Poincare. Rb. Nr. 4. 

3 ) Das Rb. enthält kein Dokument über dieses Gespräch Czer- 
nins mit Sasonow. 



72 14. Juli 



$h 



14. JULI 



Der serbische Geschäftsträger in Berlin, Dr. M. Jovanowitsch, 
an den serbischen Ministerpräsidenten und Minister des 
Aeusseren, Paschitch. 



Serbisches Blaubuch Nr. 19. 

Berlin. 
von Jagow ' Der Staatssekretär 1 ) erklärte, er begreife nicht die pro- 

warnt Serbien. . , u ,, , ,. , t-» j -i a •££ 

vozierende Haltung der serbischen Presse und ihre Angriffe 
gegen Oesterreich-Ungarn, die dieses als Qrossmacht nicht 
hinnehmen könne. 



Serb. Blb. Nr. 19. l ) von Jagow. 



15. Juli 



73 



15. JÜL1') 



Der serbische Gesandte in Wien, Jov. Jovanowitsch, an den 
serbischen Ministerpräsidenten und Minister des Aeus- 
seren, Paschitch. 

Serbisches Blaubuch Nr. 24. 

Wien. 

Man ist hier der Ansicht, dass weder die Untersuchung, 
noch die Erhebungen über das Attentat von Serajewo ge- 
nügende Beweise geliefert haben, auf Grund deren man das 
offizielle Serbien anklagen könnte; aber man glaubt, dass Ser- 
bien angeklagt werden Wird, weil es auf seinem Gebiete ge- 
wisse revolutionäre Elemente geduldet hat. Man kritisiert 
und man verurteilt in den 'hiesigen diplomatischen Kreisen 2 ) 
die Methoden der österreichisch-ungarischen Regierung, be- 
sonders die Haltung des Korrespondenzbüros vom Ballplatz 
und der Wiener Presse seit dem Attentate 'bis heute. Eine 
grosse Anzahl von Personen billigt unsere Haltung, 
die sie als korrekt und eines ernsthaften Landes würdig beur- 
teilt. Man missbilligt nur die Artikel von gewissen Zeitungen 
bei uns, obgleich alle anerkennen, dass diese Artikel durch 
die Wiener Presse provoziert worden sind. 

Obgleich es scheint, dass das deutsche Ministerium des 
Aeusseren nicht die Wiener Politik gegen Serbien billigt, er- 
mutigt die deutsche Botschaft in Wien diese Politik gerade im 
gegenwärtigen Augenblick. 



Serb. Blb.Nr.24. ') Am 15. Juli beantwortete der ungarische Mini- 
sterpräsident Graf Tisza im ungarischen Abgeordnetenhause eine Inter- 
pellation über den Stand der österreichisch-serbischen Beziehungen dahin, 
dass die schwebende Angelegenheit nicht unbedingt zu einer kriegeri- 
schen Lösung führen müsse, wies aber auf die « ultima ratio > hin, als 
die ein Staat, der sich behaupten wolle, den Krieg ansehen müsse. — 
— Tisza hatte bereits am 8. Juni in Beantwortung einer Interpellation 
im Abgeordnetenhause in friedlichem, aber entschiedenen Sinne ge- 
sprochen. — Am 15. Juli wurde Erzherzog Friedrich als Nachfolger 
des ermordeten Thronfolgers zum Generalinspektor der Armee ernannt. 

2 ) Offenbar die Botschafter des Dreiverbandes. 



Die Dreiver- 
bandsdiploma- 
ten in Wien 
bUligen Ser- 
biens Haltung. 



74 16. Juli 



16. JULI 1 ) 



Der serbische Geschäftsträger in Berlin, Dr. M. Jovanowitsch, 
an den serbischen Ministerpräsidenten und Minister des 
Aeusseren, Paschitch. 

Serbisches Blaubuch Nr. 26. 

Berlin. 
wMnivonNeu- *^ er Staatssekretär erklärte mir, er habe nach den Be- 

em die Serben, richten des deutschen Gesandten in Belgrad die Lieber - 
zeugung gewonnen, dass eine grosserbische Propaganda exi- 
stiert, welche die Regierung energisch unterdrücken sollte 
im Interesse ihrer guten Beziehungen zu Oesterreich-Ungarn. 



Serb. Blb. Nr. 26. *) Am 16. Juli trat Präsident Poincare an Bord 
des Panzerschiffes «France» seine Reise nach Russland an. 



18. Juli 75 



18. JÜL1 



Der serbische Gesandte in St. Petersburg, Spalaikowitsch, 
an den serbischen Ministerpräsidenten und Minister 
des Aeusseren, Paschitch. 

Serbisches Blaubuch Nr. 29. 

St. Petersburg. 
Ich hatte eine Unterredung mit dem Gehilfen des Mi- ^wonow er- 
nisters des Aeussern über die provozierende Haltung des Serbien. 
Korrespondenzbüros in Wien und der österreichisch-unga- 
rischen Presse. Herr Sasonow sagte mir vor einigen Tagen, 
dass er darüber erstaunt sei, dass die österreichisch-unga- 
rische Regierung keine Massregel ergriffen habe, um dieser 
fruchtlosen Agitation der Wiener Presse ein Ende zu machen, 1 ) 
die letzten Endes niemand beeinflusst und nur O ester- 
reich - -U n g a r n schadet. 



Serb. Blb. Nr. 29. ') Es ist bezeichnend, dass Sasonow kein 
entsprechendes Erstaunen darüber ausdrückt, dass die serbische Re- 
gierung ihrer Presse keine Vorhaltungen mache, obgleich selbst der 
serbische Gesandte in Wien sich bewogen fühlte, dazu zu raten ! 



20. Juli 



20. JULI 



Grey verab- 
scheut den Ge- 
danken eines 
Krieges wegen 
Serbien. 



Der englische Staatssekretär Sir E. Grey an den englischen 
Geschäftsträger in Berlin, Sir H. Rumbold. 

Blaubuch Nr. 1. 

London. 

loh fragte den deutschen Botschafter 'heule, ofo er irgend 
etwas wisse, was in Wien betreffs Serbien vorginge. 

Er sagte, er wüsste von nichts, aber Oesterreich-Ungarn 
würde sicherlich irgend einen Schritt unternehmen und er be- 
trachte die Lage als sehr unbequem. 

Ich sagte, dass ich seit einiger Zeit nichts gehört habe, 
ausgenommen dass Qraf Berchtold in einem Gespräch mit 
dem italienischen Botschafter in Wien seinerseits die Befürch- 
tung, dass die Lage ernst sei, abgeschwächt habe, indem, 1 er 
sagte, sie werde sich aufklären. 

Der deutsche Botschafter sagte, es würde sehr wün- 
schenswert sein, wenn Russland in Bezug auf Serbien als Ver- 
mittler handeln könnte. 

Idh sagte, dass ich vermute, die österreichische Re- 
gierung würde nichts tun, ohne vorher der Oeffentlichkeit ihren 
Streitfall mit Serbien bekannt zu geben, vermutlich auf Grund 
der durch die bei der Untersuchung gemachten Entdeckungen. 

Der Botschafter sagte, er nehme als sicher an, dass die 
Regierung auf Grund von Gutachten handeln Würde, die be- 
kannt sind. 

Ich sagte, dies würde es anderen, wie Russland, erleich- 
tern, in Belgrad zur Ruhe zu mahnen. In der Tat, je vernünf- 
tiger die Grenzen seien, in denen Oesterreieh seine Forde- 
rungen halten könne, je strenger die Rechtfertigung sei, die 
es für das Vorbringen seiner Forderungen anführen könne, um 
so grösser wäre die Aussicht, dass die Dinge glatt verliefen. 
Ich verabscheue den Gedanken eines Krieges zwischen 
G r o s s m ä e h t e n , es wäre abscheulich, wenn einige von 
ihnen Serbiens halber in einen Krieg hineingezogen werden 
sollten. 1 ) 

Blb. Nr. 1. J ) Hier fällt zum ersten Male und zwar aus eng- 
lischem Munde das Wort von einem « Krieg zwischen Grossmächten >. 



21. Juli 



77 



21. JULI 



Der französisch e Botschafter in Berlin, Jules Cambon, an 
den stellvertretenden französischen Minister des Aeus- 
seren, Bienvenu-Martin. x ) 



Gelbbuch Nr. 15. 

Berlin. 

Ich erfahre, dass der serbische Vertreter in Berlin gestern 
einen Schritt in der Wilheknisstrasse umternomimen hat, um 
mitzuteilen, dass seine Regierung bereit sei, die durch das 
Attentat von Serajewo verursachten Vorstellungen Oester- 
reichs anzunehmen, falls Oesterreich nur juristische Mitarbeit 
zur Unterdrückung und Verhinderung künftiger politischer 
Attentate fordere, aber er sei beauftragt, die deutsche Re- 
gierung darauf aufmerksam zu machen, dass der Versuch, 
durch eine solche Untersuchung das Ansehen Serbiens zu 
schädigen, gefährlich sei. 2 ) 

Ich kann Ew. Exzellenz gleichfalls vertraulich mitteilen, 
dass der russische Geschäftsträger 3 ) bei dem heutigen diplo- 
matischen Empfang Herrn von Jagow von der Angelegenheit 
sprach. Er sagte ihm, Deutschland kenne seiner Meinung nach 
die von Oesterreich vorbereitete Note sehr gut und sei infolge- 
dessen in der Lage, die Versicherung abzugeben, dass die 
österreichisch-serbischen Schwierigkeiten lokalisiert bleiben 
würden. 

Der Staatssekretär erklärte, dass er durchaus 
nichts von dem Inhalt dieser Note wisse und 



Gib. Nr. 15. *) Bienvenu-Martin, Justizminister des Kabinetts 
Viviani, übernahm das Ministerium des Aeusseren in Vertretung Vivi- 
anis, der mit dem Präsidenten der Republik nach Russland reiste. 

2 ) Das serbische Blb. enthält nichts über einen solchen Schritt. 

3 ) von Bronewski. 



von Jagow 
erklärt, er 
kenne die 
österreichisch- 
ungarische 
Note nicht. 



78 



21. Juli 



drückte sich mir gegenüber ebenso aus. Ich kann mich nur 
über seine Erklärung wundern, die so wenig zu der Meinung 
passt, die man sich über die Lage bilden muss. 4 ) 

Est ist mir übrigens versichert worden, dass jetzt bereits 
die vorbereitenden Bekanntmachungen für die Mobilisation, 
die Deutschland in eine Art von « Gewehr bei Fuss » - Zu- 
stand während der Spannungsperiode setzen sollen, hier an 
die Jahrgänge, die für diesen Fall in Betracht kommen, gerich- 
tet wurden. Das ist eine Massregel, zu der die Deutschen bei 
ihren Gepflogenheiten Zuflucht nehmen können, ohne sich 
Indiskretionen auszusetzen und ohne die Bevölkerung zu be- 
unruhigen. Sie trägt keinen sensationellen Charakter und hat 
nicht notwendigerweise die tatsächliche Mobilmachung zur 
Folge, wie wir bereits gesehen haben, aber sie ist darum nicht 
minder bezeichnend. 5 ) 



Der österreichisch-ungarische Gesandte in Belgrad, Freiherr 
von Giesl, an den österreichisch-ungarischen Minister 
des Aeusseren, Graf Berchtold. 



Freiherr von 
Giesl schildert 
die gegen 
Oesterreich- 
Ungarn gerich- 
tete Agitation 
in Serbien. 



Rotbuch Nr. 6. 

Belgrad. 

Ich bin nunmehr — nach dem unglückseligen Verbrechen 
vom 28. Juni — wieder seit einiger Zeit auf meinem Posten 
und kann mir erlauben, über die hier herrschende Stimmung 
ein Urteil abzugeben. 

Seit der Annexionskrise waren die Beziehungen zwischen 
der Monarchie und Serbien auf Seite des letzteren durch na- 
tionalen Chauvinismus, Feindseligkeit und eine wirksame Pro- 
paganda der grosseribischen Aspirationen in unseren von Ser- 
ben bewohnten Ländern vergiftet; seit den beiden letzten 
Balkankriegen hat der Erfolg Serbiens diesen Chauvinismus 
zum Paroxismus gesteigert, dessen Ausbrüche stellenweise 
den Stempel des Wahnsinns tragen. 



Gib. Nr. 15. *) Die französisch - russische Ueberzeugung, dass 
Deutschland an der Note beteiligt war, war durch keine noch so kate- 
gorische Erklärung Deutschlands zu beseitigen. Sie kehrt immer wieder. 
Vergl. u. a. Gib. Nr. 21 und 30. 

5 ) Worauf Cambon diese Information über militärische Mass- 
nahmen noch vor Ueberreichung der Note stützt, ist unerfindlich. Sie 
steht in striktem Widerspruch zu allem was von deutscher Seite über 
die Militärmassnahmen Deutschlands während der Krisis gesagt wurde. 
Selbst die russische Diplomatie ging nicht soweit, Deutschland bereits 
am 21. Juli militärischer Massregeln zu verdächtigen. 



21. Juli 79 

Es sei mir erspart, hiefür Beweise und Beispiele er- 
bringen zu müssen, sie sind überall und immer in den Kreisen 
der politischen Gesellschaft wie unter dem niederen Volke, in 
allen Parteien billig zu haben! Ich stelle es als bekanntes 
Axiom hin, dass die Politik Serbiens auf die Abtrennung der 
von Südslawen bewohnten Gebiete und in weiterer Folge auf 
die Vernichtung der Monarchie als Grossmacht aufgebaut ist 
und nur dieses eine Ziel kennt. 

Niemand, der auch nur acht Tage in dem hiesigen poli- 
tischen Milieu zu leben und zu wirken bemüssigt ist, wird 
sich dieser Wahrheit verschliessen. 

Infolge der jüngsten Ereignisse, welche die hiesigen poli- 
tischen Stimmungen beeinflussen, und dazu rechne ich das 
Attentat in Serajewo, den Tod Hartwigs und die Wahl- 
kampagne, hat sich der fiass gegen die Monarchie noch ver- 
tieft. 

Das Attentat in Serajewo hat den Serben den bevor- 
stehenden Zerfall der habsbuirgischen Staaten — auf welchen 
man schon früher seine Hoffnungen setzte — als in kürzester 
Zeit zu erwarten, den Abfall der von Südslawen bewohnten 
Gebiete der Monarchie, die Revolution in Bosnien-Herzegowina 
und die Unverlässlichkeit der slawischen Regimenter — als 
feststehende Tatsachen vorgegaukelt und brachte System und 
scheinbare Berechtigung in ihren nationalistischen Wahnsinn. 1 ) 

Das so verhasste Oesterreich-Ungarn erscheint den Ser- 
ben nunmehr ohnmächtig und kaum mehr würdig, einen Krieg 
mit ihm zu führen — zum Hasse gesellt sich die Verachtung — 
es fällt ohne Mühe als zermürbter Körper in den Schoss des 
in naher Zukunft zu verwirklichenden grosserbischen Reiches. 

Blätter, welche nicht zu den allerextremsten gelhören, be- 
sprechen in täglichen Artikeln die Ohnmacht und den Zerfall der 
Nachbarmonarchie und beschimpfen sie ohne Scheu und Furcht 
vor Ahndung ihrer Organe. Sie machen selbst vor der erhabenen 
Person unseres Herrschers nicht Halt. Sogar das Regierungs- 
organ weist auf die Zustände in Oesterreich-Ungarn als auf 
die einzigen Ursachen des fluchwürdigen Verbrechens hin. Die 
Furcht vor Verantwortung besteht nicht mehr. Das serbische 
Volk wird seit Jahrzehnten durch die Presse erzogen und die 
jeweilige Erziehung hängt von der Parteipresse ab; die Frucht 
dieser Erziehung ist die grosserbisclhe Propaganda und ihre 
abscheuliche Ausgeburt, das Attentat vom 28. Juni. 

Ich übergehe die an Wahnwitz streifenden, von der 
« Times » als « tobsüchtig » bezeichneten Anklagen und Ver- 



Rb. Nr. 6. ') Dass nicht nur Serbien, sondern auch die fran- 
zösische Diplomatie so dachte, beweist Gib. Nr. 18. 



80 



21. Juli 



Freiherr von 
Giesl hält ein 
äusserst ener- 
gisches Ein- 
schreiten ge- 
gen Serbien für 
unumgänlich 
nötig. 



dächtigungen anlässlich des Todes Hartwigs 2 ), überhaupt die 
lügenhafte Fresskampagne, welche aber die Serben in der 
Ueberzeugung bestärken dürfte, dass die Regierung und die 
Vertreter Oesterreich-Ungarns vogelfrei sind und Bezeichnun- 
gen wie Mörder, Lump, infamer Oesterreicher etc. für uns als 
schmückende Beiwörter gelten müssen. 

Der Tod Hartwigs 'hat in der Erkenntnis der Schwere 
dieses Verlustes in der serbischen politischen Welt einen fana- 
tischen Kultus des Verstorbenen ausgelöst und man liess sich 
dabei nicht allein von der Dankbarkeit für die Vergangenheit, 
sondern auch von der Sorge um die Zukunft leiten und überbot 
sich in sklavischer Unterwürfigkeit vor Russland, um dessen 
Wohlwollen für kommende Zeiten zu sichern. 

Als dritter Faktor vereinigt die Wahlkampagne alle Par- 
teien auf der Plattform- der Feindseligkeiten gegen Oester- 
reich-Ungarn. Keine der auf die Regierungsgewalt aspirieren- 
den Parteien will in den Verdacht kommen, eines schwäch- 
lichen Nachgebens gegenüber der Monarchie für fähig gehalten 
zu werden. So wird die Wahlkampagne unter dem Schlag- 
worte der Bekämpfung Oesterreich-Ungarns geführt. 

Man hält die Monarchie aus inneren und äusseren Grün- 
den für ohnmächtig, zu jeder energischen Aktion unfähig und 
glaubt, dass die ernsten Worte, die schon an massgebenden 
Stellen bei uns gesprochen worden sind, nur Bluff seien. 

Die Urlaube des k. u. k. KriegsministeTs und Chefs des 
Generalstabes haben in der Ueberzeugung bestärkt, dass die 
Schwäche Oesterreich-Ungarns nunmehr evident ist. 

Ich habe die Geduld Euer Exzellenz etwas länger in An- 
spruch zu nehmen mir erlaubt, nicht weil ich mit Vorstehendem 
etwas neues zu bringen glaubte, sondern weil ich diese 
Schilderung als Ausgang zu der sich aufdrängenden Kon- 
klusion betrachte, dass eine Abrechnung mit Serbien, ein 
Krieg um die Grosstnachtstellung der Monarchie, ja um 
ihre Existenz als solche, auf die Dauer nichtzu umgehen 
i s t. 

Versäumen wir es, Klarheit in unser Verhältnis zu Ser- 
bien zu bringen, so werden wir mitschuldig an den Schwierig- 
keiten und der Ungunst der Verhältnisse bei einem künftigen 



Rb. Nr. 6. 2 ) Der russische Gesandte in Belgrad, von Hartwig, 
starb am 10. Juli an einem Schlaganfall, während eines Besuches auf der 
österreichisch-ungarischen Gesandtschaft. Er galt als heftiger Feind 
Deutschlands und Oesterreichs. Mit ausdrücklicher Genehmigung Saso- 
nows fand am 14. Juli seine Beisetzung in Belgrad statt, unter unge- 
heurer Teilnahme des offiziellen Serbiens und der ganzen Oeffentlichkeit. 



21. Juli 81 

Kampfe, der doch, früher oder später, ausgetragen werden 
muss. 

Für den lokalen Beobachter und den Vertreter der öster- 
reichisch-ungarischen Interessen in Serbien stellt sich die Frage 
so, dass wir eine weitere Schädigung unseres Prestiges nicht 
me'hT ertragen können. 

Sollten wir daher entschlossen sein, weitgehende Forde- 
rungen, verbunden mit wirksamer Kontrolle — denn nur eine 
solche könnte den Augiasstall der grosserbischen Wühlarbeit 
reinigen — zu stellen, dann müssten alle möglichen Konse- 
quenzen überblickt werden und es muss von Anfang an der 
starke und feste Wille bestehen, durchzuhalten. 

Halbe Mittel, ein Stellen von Forderungen, langes Parla- 
mentieren und schliesslich ein faules Kompromiss wäre der 
härteste Schlag, der Oesterreich-Ungarns Ansehen in Serbien 
und seine Machtstellung in Europa treffen könnte. 3 ) 



Rb. Nr. 6. 3 ) Die beiden letzten Absätze enthalten die Grund- 
anschauungen der österreichisch-ungarischen Politik Serbien gegenüber 
während der gesamten Krisis: Die feste Absicht, wie Giesl sagt, 
«durchzuhalten» und ein «faules Kompromiss» zu vermeiden. 



82 



22. Juli 



22. JULI 



Der englische Geschäftsträger in Berlin, Sir H. Rumbold, an 
den englischen Staatssekretär, Sir E. Grey. 



von Jagow er- 
klärt jede Ein- 
mischung in 
österreichisch- 
serbische Ver- 
handlungen für 
unangebracht. 



Blaubuch JSfr. 2. 

Berlin. 

Gestern Abend traf ich den Staatssekretär am Aus- 
wärtigen Amt, und Seine Exzellenz erwähnte im Laufe der 
Unterredung die bevorstehende österreichische Demarche in 
Belgrad. Seine Exzellenz war offenbar der Meinung, dass dieser 
österreichische Schritt bereits stattgefunden ihabe. Er be- 
tonte, dass die strittige Frage nur in den Bereich einer 
ö s t e r r e i c h i s c h - s e r b i s c h e n Erledigung falle 
und dass keine Einmischung von aussen in die Ver- 
handlungen dieser 'beiden Länder stattfinden sollte. Er hatte 
es daher für unratsam erachtet, dass die deutsche Regierung 
der österreichisch-ungarischen Regierung in dieser Angelegen- 
heit näher trete. Er hatte jedoch bei Gelegenheiten in Unter- 
haltungen mit dem serbischen Gesandten nachdrücklich auf 
die ausserordentliche Wichtigkeit guter österreichisch-serbi- 
scher Beziehungen hingewiesen. 1 ) Zum Schlüsse bemerkte Seine 
Exzellenz, dass die Haltung, die Oesterreich-Ungarn lange 
Serbien gegenüber eingenommen hatte, seiner Meinung nach 
von grösster Duldsamkeit getragen worden sei. 



B 1 b. Nr. 2. l ) Diese Erklärung von Jagows wird bestätigt durch 
Gib. 9 und 15 und serb. Blb. 19 und 26. 



22. Juli 



83 



Der französische Botschafter in Wien, Dumaine, an den stell- 
vertretenden französischen Minister des Aeusseren, 
Bienvenu-Martin. 

Gelbbuch Nr. 18. 

Wien. 
Man weiss noch nichts von den EntSchliessungen, die 
Graf Berchtold, der seinen Aufenthalt in Ischl verlängert, vorn 
Kaiser zu erlangen sucht. Man glaubt, dass die Regierung beab- 
sichtigt, mit der grössten Strenge gegen Serbien vorzugehen, 
ein Ende mit ihm zu machen, « es wie ein zweites Polen zu 
behandeln ». Acht Armeekorps wären bereit, ins Feld zu 
rücken, aber Herr Tisza, den die Agitation in Kroatien sehr 
beunruhigt, soll in mässigendem Sinne tätig interveniert 
haben. 1 ) 

Auf jeden Fall glaubt man, dass der Schritt in Belgrad 
in dieser Woche stattfinden wird. Die österreichisch-ungari- 
schen Forderungen, die sich auf die Unterdrückung des Atten- 
tates und gewisse Garantien hinsichtlich der Polizei und der 
Ueberwachung beziehen, scheinen für die W ü r d e der Ser- 
ben annehmbar; Herr Jowanowitsch glaubt, dass sie 
angenommen werden. Herr Paschitch wünscht eine friedliche 
Regelung, erklärt aber, dass er zu jedem Widerstände 
b e r e i t i s t. Er vertraut in die Stärke der serbischen Armee; 
er rechnet ausserdem mit der Vereinigung aller Sla- 
ven der Monarchie, um die gegen sein Land gerich- 
teten Anstrengungen zu lähmen. 

Wenn man nicht vollständig verblendet ist, müsste man 
hier erkennen, dass ein Gewaltstreich der grössten Wahr- 
scheinlichkeit nach, sowohl für die österreichisch-uingarischen 
Truppen als auch für die 'bereits gefährdete Kohesion der vom 
Kaiser beherrschten Nationalitäten verhängnisvoll sein 
muss. 

Der deutsche Botschafter, Herr von Tschirsky, gibt sich 
als Anhänger gewalttätiger Entschlüsse, wenn er auch gerne 
verstehen lässt, dass die kaiserliche Kanzlei mit ihm über 
diesen Punkt nicht völlig übereinstimmt. 2 ) Der russische Bot- 



G 1 b. Nr. 18. ') Graf Tisza wurde am 22. Juli abermals im ungarischen 
Abgeordnetenhause interpelliert. Er erklärte, es sei nicht im Interesse 
des Landes, die Frage der österreichisch-serbischen Beziehungen zu 
diskutieren, und sprach im weiteren Verlaufe der Debatte die Ueber- 
zeugung aus, dass im Falle ernster Ereignisse alle Ungarn für das 
Vaterland eintreten würden. 

2 ) Vergl. serb. Blb. Nr. 24. 



Paschitch und 
der französi- 
sche Botschaf- 
ter in Wien 
rechnen mit 
dem Zerfall 
Oesterreich- 
Ungarns. 



84 



22. Juli 



schafter, der gestern infolge beruhigender Erklärungen, die 
ihm auf dem Ministerium des Aeussern gegeben wurden, seinen 
Landaufenthalt angetreten hat, vertraute mir an, dass seine 
Regierung keine Einwendungen gegen einen Schritt machen 
wird, der die Bestrafung der Schuldigen und die Auflösung 
der notorisch revolutionären Vereine 3 ) bezwecke, aber keine 
für das serbische Nationalgefühl demütigenden Forderungen 
zulassen könne. 



Der österreichisch-ungarische Minister des Aeusseren, Graf 
Berchtold, an den österreichisch-ungarischen Gesandten 
in Belgrad, Freiherrn von Giesl. 

Rotbuch Nr. 7. *) 

Wien. 

Süsch-Sgari- ^ uer Hoelhwonlgeboren wollen die nachfolgende Note am 

sehe Note an Donnerstag, den 23. Juni, nachmittags, der königlichen Regie- 

Serbsen: mng üb erre i c b. en: 

Am 31. März 1909 hat der Königlich Serbische Gesandte 
am Wiener Hofe im Auftrage seiner Regierung der Kaiserlichen 
und Königlichen Regierung folgende Erklärung abgegeben: 
« Serbien anerkennt, dass es durch die in Bosnien geschaffene 
Tatsache in seinen Rechten nicht berührt wurde und dass es 
sich demgemäss den EntSchliessungen anpassen wird, welche 
die Mächte in bezug auf Art. 25 des Berliner Vertrages treffen 
werden. Indem Serbien den Ratschlägen der Grossmächte 
Folge leistet, verpflichtet es sich, die Haltung des Protestes 
und des Widerstandes, die es hinsichtlich der Annexion seit 
vergangenem Oktober eingenommen 'hat, aufzugeben und 
verpflichtet sich ferner, die Richtung seiner gegenwärtigen 
Politik gegenüber Oesterreich-Ungarn zu ändern und künftig- 
hin mit diesem letzteren auf dem Fusse freundnachbarlicher 
Beziehungen zu leben.» 



Die serbische 
Erklärung vom 
31. März 1909. 



Gib. Nr. 18. 3 ) Vergleiche die dieser Erwartung widerspre- 
chende Haltung Sasonows in der Vereinsfrage, Rb. 14: «Am lebhaf- 
testen erklärte sich Herr Sasonow gegen die Auflösung der «Narodna 
Odbrana», die Serbien niemals vornehmen werde>. 



Rb. Nr. 7. *) Diese Note wurde den Regierungen der Mächte 
am 23. resp. 24. Juli von den österreichisch-ungarischen Vertretern 
überreicht. Sie ist in sämtlichen in diesem Buche behandelten Ver- 
öffentlichungen enthalten. 



22. Juli 85 

Die Geschichte der letzten Jahre nun, und insbesondere 
der schmerzlichen Ereignisse des 28. Juni, haben das Vor- 
handensein einer subversiven Bewegung in Serbien erwiesen, 
deren Ziel es ist, von der österreichisch-ungarischen Monarchie 
gewisse Teile ihres Gebietes loszutrennen. Diese Bewegung, 
die unter den Augen der serbischen Regierung entstand, 'hat 
in der Folge jenseits des Gebiets des Königreichs durch Akte 
des Terrorismus, durch eine Reihe von Attentaten und durch 
Morde Ausdruck gefunden. 

Weit entfernt, die in der Erklärung vom 31. März 1909 Die . serbische 
enthaltenen formellen Verpflichtungen zu erfüllen, hat die Kö- dete die gross- 
niglich Serbische Regierung nichts getan, um diese Bewegung pt^n^! Pro " 
zu unterdrücken. Sie duldete das verbrecherische Treiben der 
verschiedenen gegen die Monarchie gerichteten Vereine und 
Vereinigungen, die zügellose Sprache der Presse, die Verherr- 
lichung der Urheber von Attentaten, die Teilnahme von Offi- 
zieren und Beamten an subversiven Umtrieben, sie duldete 
eine ungesunde Propaganda im öffentlichen Unterricht und 
duldete schliesslich alle Manifestationen, welche die serbische 
Bevölkerung zum Hasse gegen die Monarchie und zur Verach- 
tung ihrer Einrichtungen verleiten konnten. 

Diese Duldung, der sich die Königlich Serbische Regierung 
schuldig machte, hat noch in jenem Moment angedauert, in 
dem die Ereignisse des 28. Juni der ganzen Welt die grauen- 
haften Folgen solcher Duldung zeigten. 

Es erhellt aus den Aussagen und Geständnissen der ver- 
brecherischen Urheber des Attentats vom 28. Juni, dass der 
Mord von Serajewo in Belgrad ausgeheckt wurde, dass die 
Mörder die Waffen und Bomben, mit denen sie ausgestattet 
waren, von serbischen Offizieren und Beamten erhielten, die 
der Narodna Odbrana angehörten, und dass schliesslich die 
Beförderung der Verbrecher und deren Waffen nach Bosnien 
von leitenden serbischen Grenzorganen veranstaltet und durch- 
geführt wurde. 

Die angeführten Ergebnisse der Untersuchung gestatten 
es der k. und k. Regierung nicht, noch länger die Haltung zu- 
wartender Langmut zu beobachten, die sie durch Jahre jenen 
Treibereien gegenüber eingenomimen hatte, die ihren Mittel- 
punkt in Belgrad haben und von da auf die Gebiete der Mo- 
narchie übertragen werden. Diese Ergebnisse legen der k. und 
k. Regierung vielmehr die Pflicht auf, Umtrieben ein Ende zu 
bereiten, die eine beständige Bedrohung für die Ruhe der Mo- 
narchie bilden. 

Um 'diesen Zweck zu erreichen, sieht sich die k. und k. 
Regierung gezwungen, von der serbischen Regierung eine 



86 



22. Juli 



OesterreiCh- 
Ungarn ver- 
langt eine 
feierliche Er- 
klärung 
Serbiens. 



Die 10 Forde- 
rungen der 
österreichisch- 
ungarischen 
Regierung. 



offiziellle Versicherung zu verlangen, dass sie die gegen 
Oesterreich - Ungarn gerichtete Propaganda verurteilt, das 
heisst die Gesamtheit der Bestrebungen, deren Endziel es ist, 
von der Monarchie Gebiete loszuilösen, die ihr angehören, und 
dass sie sich verpflichtet, diese verbrecherische und •terro- 
ristische Propaganda mit allen Mitteln zu unterdrücken. 

Um diesen Verpflichtungen einen feierlichen Charakter zu 
geben, wird die Königlich Serbische Regierung auf der ersten 
Seite ihres offiziellen Organs vom 26./13. Juli nachfolgende 
Erklärung veröffentlichen : 

« Die Königlich Serbische Regierung verurteilt die gegen 
Oesterreich-Ungarn gerichtete Propaganda, das heisst die 
Gesamtheit jener Bestrebungen, deren Ziel es ist, von der 
österreichisch-ungarischen Monarchie Gebiete loszutrennen, 
die ihr angehören, und sie bedauert aufrichtigst die grauen- 
haften Folgen dieser verbrecherischen Handlungen. 

Die Königlich Serbische Regierung bedauert, dass ser- 
bische Offiziere und Beamte an der vorgenannten Propaganda 
teilgenommen und damit die freundnachbarlichen Beziehun- 
gen gefährdet haben, die zu pflegen sich die Königliche Re- 
gierung durch ihre Erklärung vom 31. März 1909 feierlichst 
verpflichtet hatte. 

Die Königliche Regierung, die jeden Gedanken oder 
jeden Versuch einer Einmischung in die Geschicke der Be- 
wohner was immer für eines Teiles Oesterreich-Ungarns 
missbilligt und zurückweist, erachtet es für ihre Pflicht, die 
Offiziere und Beamten und die gesamte Bevölkerung des Kö- 
nigreichs ganz ausdrücklich aufmerksam zu machen, dass sie 
künftighin mit äusserster Strenge gegen jene Peronen vor- 
gehen wird, die sich derartiger Handlungen schuldig machen 
sollten, Handlungen, denen vorzubeugen und die zu unter- 
drücken sie alle Anstrengungen machen wird.» 

Diese Erklärung wird gleichzeitig zur Kenntnis der König- 
lichen Armee durch einen Tagesbefehl Seiner Majestät des 
Königs gebracht und in dem offiziellen Organ der Armee ver- 
öffentlicht werden. 

Die Königlich Serbische Regierung verpflichtet sich 
überdies, 

1. jede Publikation zu unterdrücken, die zum Hass und zur 
Verachtung der Monarchie aufreizt und deren allgemeine Ten- 
denz gegen die territoriale Integrität der letzteren gerichtet ist, 

2. sofort mit der Auflösung des Vereins « Narodna Od- 
brana» vorzugehen, dessen gesamte Propagandamittel zu kon- 



22. Juli 87 

fiszieren und in derselben Weise gegen die anderen Vereine 
und Vereinigungen in Serbien einzuschreiten, die sich mit der 
Propaganda gegen Oesterreich-Ungarn beschäftigen. Die Kö- 
nigliche Regierung wird die nötigen Massregeln treffen, damit 
die aufgelösten Vereine nicht etwa ihre Tätigkeit unter ande- 
rem Namen oder in anderer Form fortsetzen, 

3. ohne Verzug aus dem öffentlichen Unterricht in Ser- 
bien, sowohl was den Lehrkörper als auch die Lehrmittel be- 
trifft, alles zu beseitigen, was dazu dient oder dienen könnte, 
die Propaganda gegen Oesterreich-Ungarn zu nähren, 

4. aus dem Militärdienst und der Verwaltung im allge- 
meinen alle Offiziere und Beamte zu entfernen, die der Propa- 
ganda gegen Oesterreich-Ungarn schuldig sind und deren Na- 
men unter Mitteilung des gegen sie vorliegenden Materials 
der Königlichen Regierung bekanntzugeben sich die k. und k. 
Regierung vorbehält, 

5. einzuwilligen, dass in Serbien x ) Organe der k. und k. 
Regierung bei der Unterdrückung der gegen die territoriale 
Integrität der Monarchie gerichteten subversiven Bewegung 
mitwirken, 

6. eine gerichtliche Untersuchung gegen jene Teilnehmer 
des Komplotts vom 28. Juni einzuleiten, die sich auf serbischem 
Territorium befinden. — Von der k. und k. Regierung hierzu 
delegierte Organe werden an den bezüglichen Erhebungen teil- 
nehmen, 

7. mit aller Beschleunigung die Verhaftung des Majors 
Voja Tankkosic und eines gewissen Milan Ciganovic, serbi- 
schen Staatsbeamten, vorzunehmen, welche durch die Ergeb- 
nisse der Untersuchung kompromittiert sind, 

8. durch wirksame Massregeln die Teilnahme der ser- 
bischen Behörden an dem Einschmuggeln von Waffen und 
Explosivkörpern über die Grenze zu verhindern; — jene Or- 
gane des Qrenzdienstes von Schabatz und Loznica, die den 
Urhebern des Verbrechens von Serajewo bei dem Uebertritt 
über die Grenze behilflich waren, aus dem Dienste zu ent- 
lassen und strenge zu bestrafen, 

9. der k. und k. Regierung Aufklärungen zu geben über 
die nicht zu rechtfertigenden Aeusserungen hoher serbischer 
Funktionäre in Serbien und dem Auslände, die ihrer offiziellen 
Stellung ungeachtet nicht gezögert haben, sich nach dem At- 



R b. Nr. 7. J ) Dies ist der Punkt, mit dem Serbien und der 
Dreiverband vor allem ihren Widerstand rechtfertigten. 



22. Juli 



tentat vom 28. Juni in Interviews in feindlicher Weise gegen 
Oesterreich-Ungarn auszusprechen, 

10. die k. und k. Regierung ohne Verzug von der Durch- 
führung der in den vorigen Punkten zusamimiengefassten Mass- 
nahmen zu verständigen. 

Die k. und k. Regierung erwartet die Antwort der Kö- 
niglichen Regierung spätestens bis Sonnabend, den 25. d. Mo- 
nats, um 6 Uhr nachmittags. 

Ein Memoir über die Ergebnisse der Untersuchung 

von Serajewo, soweit sie sidh auf die in Punkt 7 und 8 ge- 

. nannten Funktionäre beziehen, ist dieser Note beigeschlossen. 

Beilage. Die bei dem Gericht in Serajewo gegen den 
Gabrilo Princip und Genossen wegen des am 28. Juni d. Jahres 
begangenen Meuchelmordes beziehungsweise wegen Mitschuld 
hieran anhängige Strafuntersuchung hat bisher zu folgenden 
Feststellungen geführt : 

de a r S Unter- nis 1? Der ^ Ian ' den E rznerz °g Franz Ferdinand während 

suckung gegen seines Aufenthaltes in Serajewo zu ermorden, wurde in Bel- 
™n 'seäewcT §rad von Gabrilo Princip, Nedeljko Gabrinovic, einem gewissen 

Milan Ciganovic und Trifko Grabez unter Beihilfe des Majors 

Voja Tankkosic ausgeheckt. 

2. Die sechs Bomben und vier Browningpistolen, deren 
sich die Verbrecher als Werkzeuge bedienten, wurden dem 
Princip, Gabrinovic und Grabez in Belgrad von einem gewis- 
sen Milan Ciganovic und dem Major Voja Tankkosic verschafft 
und übergeben. 

3. Die Bomben sind Handgranaten, die dem Waffendepot 
der serbischen Armee in Kragujevac entstammen. 

4. Um das Gelingen des Attentates zu sichern, unterwies 
Milan Ciganovic den Princip, den Gabrinovic und Grabez in der 
Handhabung der Granaten und gab in einem Walde neben dem 
Schiessfelde von Topschider dem Princip und Grabez Unter- 
richt im Sohiessen mit Browningpistolen. 

5. Um dem Princip, Gabrinovic und Grabez den Ueber- 
gang über die bosnisch-herzegowinische Grenze und die Ein- 
schmuggelung ihrer Waffen zu ermöglichen, wurde ein ganz 
geheimes Transportsystem durch Ciganovic organisiert. Der 
Eintritt der Verbrecher samt ihren Warfen nach Bosnien und 
der Herzegowina wurde von den Grenzhauptleuten von Scha- 
batz (Rade Popovic) und Loznica sowie von den Zollorganen 
Budivoj Grbic von Loznica mit Beihilfe mehrerer anderer 
Personen durchgeführt. 



22. Juli 



89 



Gelegentlich der Uebergabe der vorstehenden Note wol- ungeteilt 
len Euer Hochwohlgeboren mündlich hinzufügen, dass Sie be- f^f^ 8 ^^ 
auftragt seien — falls Ihnen nicht inzwischen eine vorbehaltlose die voiist&i- ' 
zustimmende Antwort der Königlichen Regierung zugekommen ^ÄteÄ 5 
sein sollte — nach Ablauf der in der Note vorgesehenen vom 
Tage und von der Stunde Ihrer Mitteilung an zu rechnenden 
48stündigen Frist, mit dem Personal der k. und k. Gesandt- 
schaft Belgrad zu verlassen. 



Der österreichisch - ungarische Minister des Aeusseren, Graf 
Berchtold, an die österreichisch-ungarischen Botschafter 
in Berlin, Rom, Paris, London, St. Petersburg und 
Konstantinopel. 

Rotbuch Nr. 8. x ) 

Wien. 

Die k. und k. Regierung hat sich in die Notwendigkeit cWsch^gL 
versetzt gesehen, durch die Vermittlung des k. und k. Gesand- nsche Rede- 
ten in Belgrad am Donnerstag den 23. dieses Monats folgende tigt^en Mäch- 
Note an die königlich serbische Regierung zu richten (siehe i^enlchSia 
Weisimg an den k. und k. Gesandten in Belgrad, vom 22. Juli Beigrad. 
1914). 

Ich habe die Ehre Euer Exzellenz einzuladen, den Inhalt 
dieser Note zur Kenntnis der Regierung zu bringen, hei wel- 
cher Sie akkreditiert sind, und dieser Mitteilung folgenden 
Kommentar beizufügen: 

Am 31. März 1909 hat die königlich serbische Regierung 
Oesterreich-Ungarn gegenüber die Erklärung abgegeben, deren 
Text oben wiedergegeben ist (siehe obzitiente Weisung). 

Aber schon vom nächsten Tage an hat sich Serbien in eine 
Politik eingelassen, die den Zweck verfolgte, subversive Ideen 
unter den Staatsangehörigen der österreichisch-ungarischen 
Monarchie serbischer Nationalität wachzurufen und auf diese 
Weise die Losreissung der an Serbien grenzenden österrei- 
chiseh-ungarisclhien Gebiete vorzubereiten. 

Serbien ward der Herd einer verbrecherischen Wühl- 
arbeit. 

Bald bildeten sich Gesellschaften und Zweigvereine, welche 
teils offenkundig, teils im Geheimen bestimmt waren, Unruhen 
auf dem österreichisch-ungarischen Territorium hervorzurufen. 



Rb. Nr. 8. ') Deutscher Text nach der Volksausgabe des Rb. 



90 22. Juli 

Diese Gesellschaften und Zweigvereine zählen zu ihren Mit- 
gliedern Generäle, Diplomaten, Staatsbeamte und Richter, kurz 
die Spitzen der offiziellen und nicht offiziellen Welt des König- 
reiches. 

Die serbische Journalistik steht beinahe vollständig im 
Dienste dieser Propaganda, die gegen Oesterreich-Ungarn ge- 
richtet ist und kein Tag vergeht, ohne dass die serbischen 
Pressorgane ihre Leser zum Hasse und zur Verachtung der 
Nachbarmonarchie oder zu Attentaten aufhetzen, die mehr 
oder weniger offen gegen ihre Sicherheit und Integrität ge- 
richtet sind. 

Eine grosse Anzahl von Attentaten hat die Aufgabe, mit 
allen Mitteln die Agitation gegen Oesterreich-Ungarn aufrecht 
zu erhalten und in den Grenzgebieten die Jugend dieser Länder 
zu verführen. 

Der Geist der Verschwörung, der den serbischen Politi- 
kern eigen ist, und dessen blutige Spuren die Annalen des 
Königreiches aufweisen, hat seit der letzten Balkankrise eine 
neue Belebung erfahren; Individuen, welche den Banden an- 
gehörten, die bisher in Mazedonien beschäftigt waren, haben 
sich der terroristischen Propaganda gegen Oesterreich-Ungarn 
zur Verfügung gestellt. 

Angesichts dieser Treibereien, denen Oesterreich-Ungarn 
seit Jahren ausgesetzt ist, hat die serbische Regierung nicht 
die geringste Massnahme treffen zu sollen geglaubt. Hiedurch 
hat sie die Pflicht verletzt, die ihr die feierliche Erklärung vom 
31. März 1909 auferlegte, und sich zu dem Willen Europas und 
zu der Verpflichtung, die sie Oesterreich-Ungarn gegenüber 
auf sich genomimcn hatte, in Widerspruch gesetzt. 

Die Langmut der k. und k. Regierung der provozierenden 
Haltung Serbiens gegenüber war von der territorialen Uneigen- 
nützigkeit der österreichisch-ungarischen Monarchie und von 
der Hoffnung eingegeben, dass die serbische Regierung 
schliesslich doch den Wert der Freundschaft Oesterreich- 
Ungarns richtig einschätzen werde. Indem die k. und k. Regie- 
rung eine wohlwollende Haltung den .politischen Interessen 
Serbiens gegenüber beobachtete, gab sie sich der Hoffnung 
hin, dass sich das Königreich am Ende entschliessen werde, 
auch seinerseits eine analoge Haltung einzunehmen. Oester- 
reich-Ungarn erwartete vor allem eine solche Evolution in den 
politischen Ideen Serbiens, als die Monarchie nach den Ereig- 
nissen des Jahres 1912 durch ihre uneigennützige Haltung und 
ohne Groill die so bedeutende Vergrösserung Serbiens ermög- 
lichte. 



22, Juli 9jl 

Dieses dem Nachbarstaate bewiesene Wohlwollen Oester- 
reich-Ungarns hat jedoch in keiner Weise das Verhalten des 
Königreiches modifiziert, welches fortfuhr, eine Propaganda 
auf seinem Gebiete zu dulden, deren unheilvolle Folgen sich 
am 28. Juni dieses Jahres der ganzen Welt kundgetan haben, 
an dem Tage, an welchem der Thronfolger der Monarchie und 
seine erhabene Gemahlin die Opfer eines in Belgrad vorbe- 
reiteten Komplottes wairden. 

Angesichts dieser Sachlage hat sich die k. und k. Regie- 
rung entschriessen müssen, neue und -dringende Schritte in 
Belgrad zu unternehmen, um die serbische Regierung zu ver- 
anlassen, die brandstiftende Bewegung zum Stillstand zu 
bringen, welche die Sicherheit und die Integrität der öster- 
reichisch-ungarischen Monarchie bedrohte. 

Die k. und k. Regierung ist überzeugt, dass sie, indem g® 8 *^^ 1 " 
sie diesen Schritt unternimmt, sich in vollem Einklänge mit überzeugt, in 
den Empfindungen aller zivilisierten Nationen befindet, die es fen^Kuiirrvöi- 
nicht zulassen könnten, daiss der Fürstenmord eine Waffe ||™ zu nan " 
werde, deren man sich im politischen Kampfe straflos bedienen 
darf, und dass der europäische Friede unaufhörlich durch die 
von Belgrad ausgehenden Umtriebe gestört werde. 

Zur Unterstützung der vorstehenden Ausführungen, hält 
die k. und k. Regierung zur Verfügung der Regierung 
eine Sammlung von Beweisstücken, welche die serbischen Um- 
triebe und die Beziehungen veranschaulichen, welche zwischen 
diesen Umtrieben und der Mordtat vom 28. Juni bestehen. 

Eine identische Mitteilung ergeht an die k. und k. Vertre- 
ter bei den anderen Signatarmächten. 

Sie sind ertnächigt, eine Abschrift dieser Weisung dem 
Herrn Minister des Aeusseren zu hinterlassen. 



92 



23. Juli 



23. JULI 



Der englische Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an den britischen Botschafter in Wien, Sir M. de Bimsen. 

Blaubuch Nr. 3. 

London. 
Graf Mensdorff x ) sagte mir heute, dass er morgen früh in 
der Lage sein werde, mir offiziell die Mitteilung zukommen zu 
lassen, die, wie er meinte, heute von Oesterreich an Serbien ge- 
richtet wlürde. Dann erklärte er mir privat, welcher Art die 
Forderungen sein Würden. Da er mir sagte, dass die Tatsachen 
alle in dem Schriftstück, das er mir morgen überreichen wird, 
dargelegt seien, ist <es unnötig, sie jetzt anzuführen. loh ver- 
stand, dass sie den Beweis der Mitschuld einiger serbischer 
Beamter an der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand 
enthalten würden und eine lange Liste der daraus gefolgerten 
Forderungen Oesterreichs an Serbien. 

Im Hinblick darauf sagte ich, dass ich über diesen Gegen- 
stand keinerlei Bemerkungen machen könne, solange ich nicht 
die offizielle Mitteilung erhalten hätte und dass ich über diesen 
Gegenstand wahrscheinlich auch keine Bemerkung auf den 
ersten Blick machen könne. 

urey bedauert Aber als Graf Mensdorff mir sagte, dass es sich seiner 

dir B be?orste? Vermutung uach um eine Art von Befristung handle, 
henden Note, was tatsächlich einem Ultimatum gleichkäme, sprach ich 
darüber grosses Bedauern aus. Wenn man mit einer Befristung 
beginne, so könne das die öffentliche Meinung im R u s s 1 a n d 
entflammen und es wäre dann schwierig, wenn nicht unmöglich, 
eine längere Frist zu bewilligen, selbst wenn es sich nach 



Blb. Nr. 3. J ) Oesterreichisch-ungarischer Botschafter in London. 



23. Juli 93 

einigen Tagen herausstellte, dass durch eine .längere Befristung 
die friedliche Regelung und die Erlangung einer befriedigenden 
Antwort von Serbien zu erzielen wäre. Ich gab zu, dass ohne 
Befristung die Verhandlungen ins Bndlose gehen könnten, aber 
ich gab zu verstehen, dass eine Befristung immer nachträglich 
eingeführt werden könnte, dass, wenn man bei Beginn die Forde- 
rungen ohne Befristung stelle, die öffentliche Meinung in Russ- 
land sich weniger erregen Würde; nach einer Woche könne sie 
sich beruhigen; und wenn die Sache Oesterreichs eine gute 
sei, so wäre die russische Regierung offenbar in der Lage, 
ihren Einfluss zugunsten einer befriedigenden Antwort Serbiens 
geltend zu machen. Eine Befristung sollte im Allgemeinen nur 
als letzter Weg angewandt werden, nachdem andere Mittel 
versucht worden und fehlgeschlagen waren. 

Graf Mensdorff sagte, dass wenn Serbien in der Zeit, die 
seit der Ermordung des Erzherzogs verflossen wfar, aus eigenem 
Antriebe eine Untersuchung auf eigenem Gebiete eingeleitet 
hätte, all dies vermieden worden wäre. 1909 hatte Serbien in 
einer Note erklärt, dass es in guten nachbarlichen Beziehungen 
mit Oesterreich leben wolle; aber es habe niemals sein Ver- 
sprechen gehalten; es habe die Bewegung angestachelt, deren 
Ziel die Auflösung Oesterreichs war und es wäre unbedingt 
nötig, dass Oesterreich sich dagegen schütze. 

Ich sagte, ich wolle das, was Graf Mensdoi'ff mir diesen Grey interes- 
Nachmittag sagte, weder koniimentieren noch kritisieren, aber m^den^öste^- 
ich könnte nicht umhin, auf die schrecklichen Folgen einzu- bfschen'streit- 
gehen, die die Lage einbeschliesse. Grosse Befürchtungen waren fall, sondern 
mir über die komimenden Ereignisse geäussert worden, nicht europäische 
nur von Herrn Cambon und Graf Benckendorff, 2 ) s || e e ^euf' 
sondern auch von anderen, und es war mir dargelegt worden, und die wtr- 
dass es sehr wünschenswert sei, wenn alle, die in Petersburg ££}£ m ßuss " 
Einfluss haben, ihn zugunsten der Geduld und Mässigung aus- 
nutzen möchten. Ich hatte geantwortet, dass das Mass des Ein- 
flusses, den man in diesem Sinne in Petersburg ausüben könnte, 
von der Vernunft der österreichischen Forderungen und der 
Kraft der Beweise, die Oesterreich entdeckt haben mochte, 
abfange. Die möglichen Folgen der gegenwärtigen Lage 
wären schrecklich. Wenn etwa vier Grossmächte — sagen wir 
Oesterreich, Frankreich, Russland und Deutschland — in einen 
Krieg verwickelt wären, schiene mir, dass das eine grosse 



Blb. Nr. 3. 2 ) Im Gib. ist nichts über derartige Gespräche zwi- 
schen Paul Cambon, dem französischen Botschafter in London, und 
Grey enthalten. Das Ob. beginnt erst mit dem 24. Juli und kann daher 
über Gespräche Benckendorffs, des russischen Botschafters in London, 
keine Aufklärung geben. 



94 



23. Juli 



Grey befürch- 
tet einen euro- 
päischen 
Krieg. 



Summe Geldes erfordere und eine derartige Störung des Han- 
dels, dass ein Krieg einen vollständigen Zusammenbruch des 
europäischen Kredites und der europäischen Industrie mit sich 
bringen oder nach sich ziehen müsse. In unseren Tagen, in 
grossen Industriestaaten, würde das einen Zustand bedeuten, 
der schlimmer wäre als der im Jahre 1848 und gleichviel wer 
in diesem Kriege Sieger sei, viele Dinge würden hinweg- 
geschwemmt werden. 3 ) 

Graf Mensdorff wandte gegen diese Darstellung der mög- 
lichen Folgen der gegenwärtigen Lage nichts ein, aber sagte, 
dass alles von Rnss'land abhinge. 

Ich machte die Bemerkung, dass in einer schwierigen Zeit 
wie dieser es eben so wahr sei, dass zwei zum Frieden ge- 
hören, wie, dass zwei zum Streite gehören. Ich hoffte sehr, 
dass, wenn Schwierigkeiten entstünden, Oesterreich und Russ- 
land in der Lage Wären, in erster Instanz über die Schwierig- 
keiten direkt miteinander zu verhandeln. 4 ) 

Graf Mensdorff sagte, er hoffe, dass dies möglich sein 
Würde, aber er stand unter dem Eindrucke, dass St. Petersburg 
kürzlich nicht eine sehr günstige Haltung eingenommen habe. 



Der österreichisch-ungarische Minister des Aeusseren, Graf 
Berchtold, an den österreichisch-ungarischen Botschafter 
in London, Graf Mensdorff. 



Oesterreich- 
Ungarn rech- 
net mit Eng- 
lands yerständ- 
nisvoller Hal- 
tung. 



Rotbuch Nr. 9. 

Wien. 
Da unter den Ententemächten England am ehesten für 
eine objektive Beurteilung unseres heutigen Schrittes in Belgrad 
zu gewinnen sein dürfte, ersuche ich Eure Exzellenz bei der 
Konversation, die Sie am 24. d. M. gelegentlich der Ueber- 
reichung der Zirkularnote im Foreign Office haben werden, 



B Ib. Nr. 3. 3 ) In diesem seltsamen materialistischen Motiv der wirt- 
schaftlichen Gefährdung, des Zusammenbruchs des Handels durch einen 
Krieg der Grossmächte, klingt das Kriegsargument an, das Sir Edward 
Grey am 3. August im Unterhause für die englische Intervention vor- 
brachte. Siehe Einführung S. 9. 

4 ) Später kam Grep auf diese naheliegendste Methode einer 
Verständigung erst zurück, als die direkten österreichisch -russi- 
schen Gespräche mit Unterstützung Deutschlands unabhängig von 
England im Gange waren und Grey selbst das Heil in der Vermitt- 
lung der anderen Regierungen gesucht hatte. 



23. Juli 



95 



unter anderem auch darauf hinzuweisen, dass es Serbien in 
der Hand gehabt hätte, den ernsten Schritten, die es unserer- 
seits erwarten musste, die Spitze abzubrechen, wenn es seiner- 
seits spontan das Notwendige vorgekehrt hätte, um auf serbi- 
schem Boden eine Untersuchung gegen die serbischen Teil- 
nehmer am Attentat vom 28. Juni laufenden Jahres einzuleiten 
und die Verbindungen aufzudecken, die hinsichtlich des Atten- 
tates erwiesenenrmassen von Belgrad nach Serajewo führen. 

Die serbische Regierung hat bis heute, obwohl eine An- 
zahl notorisch bekannter Indizien nach Belgrad weisen, in 
diesem Belange nicht nur nichts unternommen, sie hat viel- 
mehr die vorhandenen Spuren zu verwischen getrachtet. 

So ist einem telegraphischen Bericht unserer Gesandt- 
schaft in Belgrad zu entnehmen, dass der durch die überein- 
stimmenden Aussagen der Attentäter kompromittierte serbische 
Staatsbeamite Oiganovic aim Tage des Attentates noch in 
Belgrad weilte, drei Tage darauf aber, als sein Name in den 
Zeitungen genannt wurde, die Stadt 'bereits verlassen hatte. 
Bekanntlich erklärte auch schon der serbische Pressechef, 
dass Ciganovic in Beilgrad völlig unbekannt sei. 

Was die kurze Befristung unserer Forderungen anbelangt, 
so ist dieselbe auf unsere langjährigen Erfahrungen serbischer 
Verschleppungskünste zurückzuführen. 

Wir 'können die Forderungen, deren Erfüllung wir von ungarn^ami 
Serbien verlangen und die eigentlich im Verkehr zwischen ^g e j2SSh t 
Staaten, die in Friede und Freundschaft leben sollen, nur einer Diskus- 
Selbstverständliches enthalten, nicht zum Gegenstand werfeT ter 
von Verhandlungen und Kompromisse n m a - 
chen und können mit Rücksicht auf unsere volkswirtschaft- 
lichen Interessen nicht riskieren, eine politische Methode, wo- 
nach Serbien die entstandene Krise nach seinem Belieben zu 
verlängern in der Hand hätte, zu akzeptieren. 



Der französische Gesandte in München, Allize, an den fran- 
zösischen stellvertretenden Minister des Aeusseren, 
Bienvenu-Martin. 



Gelbbuch Nr. 21. 

München. 
Die bayrische Presse scheint zu glauben, dass eine fried- cheVeuS- 1 
liehe Lösung des österreichisch-serbischen Zwischenfalles nicht g^f^i^ster- 
nur möglich, sondern wahrscheinlich ist; in den offiziellen Krei- Präsidenten. 



96 



23. Juli 



sen dagegen trägt man seit einiger Zeit mit mehr oder weniger 
Aufrichtigkeit wirklichen Pessimismus zur Schau. 

Der Ministerpräsident vornehmlich sagte mir heute, dass 
die österreichische Note, die er kenne, 1 ) seiner Ansicht 
naöh in einer für Serbien annehmbaren Weise redigiert worden 
sei, aber dass die gegenwärtige Lage deshalb nicht minder 
ernsthaft wäre. 



Die Ueberrei- 
chung der Note 
in Belgrad. 
Patschu 
erbittet Russ- 
lands Hilfe. 



Der russische Geschäftsträger in Belgrad, Strandtman, an 
den russischen Minister des Aeusseren, Sasonow. 

Orangebuch Nr. 1. 

Belgrad. 
Der österreichisdhe Gesandte hat soeben, um 6 Uhr 
abends, dem Finanzminister Patschu, der Paschitch vertritt, 
eine Ultimatumsnote überreicht, die für die Annahme der darin 
enthaltenen Forderungen eine Frist von 48 Stunden festsetzt. 
Giesl fügte mündlich hinzu, dass, falls die Note nicht voll- 
ständig innerhalb der Frist von 48 Stunden angenommen 
würde, er Befehl hätte, Belgrad mit dem Gesandtschaftspersonal 
zu verlassen. Pasc'hi'tdh und die anderen Minister, die auf einer 
Wahlreise begriffen sind, wurden zurückberufen und werden 
morgen früh 10 Uhr in Belgrad erwartet. Patschu, der mir 
den Inhalt der Note mitteilte, erbittet die Hilfe Russlands und 
erklärt, dass keine serbische Regierung die Forderungen 
Oesterreichs annehmen könne. 1 ) 



Gib. Nr. 21. ') Siehe Einführung S. 36— 37. * Dont il avait 
connaissance > im Gib. gesperrt. Der Ministerpräsident, Graf von 
Hertling, dementierte diese Behauptung, in der das Gib. den — ein- 
zigen! — Beweis für Deutsehlands Kenntnis von dem österreichisch- 
ungarischen Schritt zu besitzen glaubt. Siehe auch Gib. Nr. 15 und 30. 



Ob. Nr. 1. *)Es ist zu beachten, dass der stellvertretende Minister 
Patschu sogleich nach Kenntnisnahme der Note, ohne Beratung mit dem 
Ministerpräsidenten und den anderen Ministern, die Note als unannehmbar 
bezeichnen, davon den russischen Geschäftsträger offiziell verstän- 
digen und Russlands Hilfe erbitten konnte. Die Stellungnahme Serbiens 
war, wie auch die vorhergehenden Dokumente des Gib. und serb. Blb. 
zeigen, also bereits vor der Ueberreichung der Note, festgelegt. Patschu 
selbst telegraphierte nach Erhalt der Note an die serbischen Gesandten: 

« Die serbische Regierung hat noch keine Entscheidung getroffen, 
da nicht alle Minister in Belgrad weilen; aber bereits jetzt kann ich 
sagen, dass diese Forderungen derart sind, dass keine serbische Re- 
gierung sie vollständig annehmen kann>. Erwähnt aber nicht den 
Hilferuf an Russland (serb. Blb. Nr. 33). 



23. Juli 



97 



Der deutsche Reichskanzler, von Bethmann Hollweg, an die 
deutschen Botschafter, Freiherrn von Schön, Graf Pour- 
tales und Fürst Lichnowsky, in Paris, St. Petersburg 
und London. 1 ) 

Weissbuch, Anlage 1. 

Berlin. 
Die Veröffentlichungen der österreichisch-ungarischen Re- 
gierung über die Umstände, unter denen das Attentat auf den 
österreichischen Thronfolger und seine Gemahlin stattgefunden 
hat, enthüllen offen die Ziele, die sich die grosserbische Propa- 
ganda gesetzt hat, und die Mittel, deren sie sich zur Verwirk- 
lichung derselben bedient. Auch müssen durch die bekannt 
gegebenen Tatsachen die letzten Zweifel darüber schwinden, 
dass das Aktionszentrum der Bestrebungen, die auf Loslösung 
der südslawischen Provinzen von der österreichisch-ungari- 
schen Monarchie und deren Vereinigung mit dem serbischen 
Königreich hinauslaufen, in Belgrad zu suchen ist, und dort 
zum mindesten mit der Konnivenz von Angehörigen der Re- 
gierung und Armee seine Tätigkeit entfaltet. 

Die serbischen Treibereien gehen auf eine lange Reihe 
von Jahren zurück. In besonders markanter Form trat der 
grosserbische Chauvinismus während der bosnischen Krisis in 
die Erscheinung. Nur der weitgehenden Selbstbeherrschung und 
Mässigung der österreichisch-ungarischen Regierung und dem 
energischen Einschreiten der Grossmächte war es zuzuschrei- 
ben, dass die Provokationen, welchen Oesterreich-Ungarn in 
dieser Zeit von Seiten Serbiens ausgesetzt war, nicht zum Kon- 
flikte führten. Die Zusicherung künftigen Wohlverhaltens, die 
die serbische Regierung damals gegeben hat, hat sie nicht ein- 
gehalten. Unter den Augen, zum mindesten unter stillschwei- 
gender Duldung des amtlichen Serbiens, hat die grosserbische 
Propaganda inzwischen fortgesetzt an Ausdehnung und Inten- 
sität zugenommen; auf ihr Konto ist das jüngste Verbrechen 
zu setzen, dessen Fäden nach Belgrad führen. Es hat sich in 
unzweideutiger Weise kundgetan, dass es weder mit der 
Würde noch mit der Selbsterhaltung der österreichisch-ungari- 
schen Monarchie vereinbar sein würde, dem Treiben jenseits 
der Grenze noch länger tatenlos zuzusehen, durch das die 
Sicherheit und die Integrität ihrer Gebiete dauernd bedroht 



Deutschland 
ersucht den 
Dreiverband 
um gerechte 
Würdigung 
des österrei- 
chisch-ungari- 
schen Schrittes 
und befürwor- 
tet die Lokali- 
sierung des 
Konfliktes. 



Wb. Nr. 1. *) Das Wb. führt nur Paris, London, St. Petersburg an, 
während die österreichische Mitteilung auch ausser nach Berlin und diesen 
drei Hauptstädten nach Rom und Konstantinopel gerichtet wurde. Es 
handelt sich also um einen deutschen Schritt beim Dreiverband. 



98 23. Juli 

wird. Bei dieser Sachlage können das Vorgehen sowie die 
Forderungen der österreichisch-ungarischen. Regierung nur 
als gerechtfertigt angesehen werden. Trotzdem 
schliesst die Haltung, die die öffentliche Meinung sowohl als 
auch die Regierung in Serbien in letzter Zeit eingenomimen hat, 
die Befürchtung nicht aus, dass die serbische Regierung es 
ablehnen wird, diesen Forderungen zu entsprechen, und dass 
sie sich zu einer provokatorischen Haltung Oesterreich-Ungarn 
gegenüber hinreissen lässt. Es würde der österreichisch-unga- 
rischen Regierung, will sie nicht auf ihre Stellung als Qross- 
macht endgültig Verzicht leisten, nichts anderes übrig bleiben, 
als ihre Forderung bei der serbischen Regierung durch einen 
starken Druck und nötigenfalls unter der Ergreifung 
militärischer Massnahmen durchzusetzen, 
wobei ihr die Wahl der Mittel überlassen bleiben muss. 

Ew. usw. beehre ich mich zu ersuchen, sich in vorstehen- 
dem Sinne (dem derzeitigen Vertreter des Herrn Viviani) (Sir 
Edward Qrey) (Herrn Sasonowi) gegenüber auszusprechen und 
dabei insbesondere der Anschauung nachdrücklich Ausdruck 
zu verleihen, dass es sich in der vorliegenden Frage um eine 
lediglich zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien zum Aus- 
trag zu bringende Angelegenheit handle, die auf die beiden 
direkt Beteiligten zu beschränken das ernste Bestreben der 
Mächte sein müsse. Wir wünschen dringend die 
Lokalisierung des Konflikts, weil jedes Ein- 
greifen einer andern Macht infolge der ver- 
schiedenen Bündnisverpflichtungen u n a b - 
seihbare Konsequenzen nach sich ziehen 
w ü r d e. 

Einem gefälligen telegraphischen Bericht über den Verlauf 
Ihrer Unterredung werde ich mit Interesse entgegensehen. 



24. Juli 99 



24. JULI 



Der französische Ministerpräsident und Minister des Aeus- 
seren, Viviani, 1 ) an den stellvertretenden französischen 
Minister des Aeusseren, Bienvenu^Martin. 

Gelbbuch Nr. 22. 

Reval 

Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie schleunigst Herrn {^ d D *f^Q 
Dumaine die folgenden Informationen und Instruktionen mit- Interesse ser- 

, ., .. , , biens die 

teilen mochten. Ueberreichung 

Reval, den 24. Juli 1914 SÄ|S 
1 Uhr morgens. sch e? Note 

° verhindern. 

Im Verlaufe meiner Gespräche mit dem russischen Mi- 
nister des Aeussern betrachteten wir die Gefahren, die aus 
eventuellen österreichisch-ungarischen Schritten gegen Serbien 
in Bezug auf das Attentat, dem der Erzherzog-Thronfolger zum 
Opfer fiel, entstehen könnten. Wir kamen in dem Gedanken 
überein, dass nichts versäumt werden dürfte, um einem Ver- 
langen nach Erklärungen oder einer dringlichen Aufforderung 
zuvorzukommen, die einer Einmischung in die inneren 
Geschäfte Serbiens gleichkäme und die dieses als Angriff auf 
seine Souveränität und Unabhängigkeit auffassen könnte. 

Infolgedessen schien es uns geboten, in einer freund- 
lichen Aussprache dem Grafen Berchtold Ratschläge zur 
Mässigung zu erteilen, die ihm zu verstehen gäben, wie 



') Gelb. 22. Viviani sandte dieses Telegramm aus Reval, auf 
der Rückreise aus Russland. 



100 24. Juli 

schlecht inspiriert eine Einmischung in Belgrad wäre, wo man 
darin eine Drohung des Wiener Kabinettes sehen könnte. 2 ) 

Der englische Botschafter, den Herr Sasonow ver- 
ständigte, sprach den Gedanken aus, dass seine Regierung sich 
zweifellos einem Schritte anschliessen würde, der auf die Aus- 
schaltung der Gefahr hinziele, die den allgemeinen Frieden 
bedrohen kann und hat in diesem Sinne an seine Regierung 
telegraphiert. 3 ) 

Herr Sasonow hat zu diesem Zwecke Herrn Schebeko 4 ) 
Instruktionen erteilt. Ohne dass es sich hier um ein Kollektiv- 
vorgeben 5 ) oder ein abgekartetes Vorgehen des Dreiverbandes 
in Wien handelt, bitte ich Sie, sich über die Frage mit den 
russischen und englischen Botschaftern zu unterhalten und sich 
mit ihnen über das beste Mittel für einen jeden von Ihnen zu 
verständigen, um ohne Zögern dem Grafen Berchtold die Rat- 
schläge zur Mässigumg zu erteilen, die die gegenwärtige Lage 
zu erfordern scheint. 

Ich füge hinzu, dass es angebracht wäre, Herrn Paul 
Camibon zu bitten, bei Sir Edward Grey die Zweckmässigkeit 
eines solchen Schrittes geltend zu machen und die Anregung 
zu unterstützen, die der englische Botschafter in Russland zu 
diesem Zwecke dem Foreign Office zukommen Hess. G'raf 
Benckendorff ist beauftragt worden, eine ähnliche Empfehlung 
vorzubringen. 



Gib. Nr. 22. 2 ) Hier wird also jede Forderung, die Oesterreich an 
Serbien stellen könne, welcher Art sie auch sei, als ein Schritt bezeichnet, 
der aus Rücksicht auf Serbien unbedingt vermieden und hintertrieben 
werden müsse. Hier tritt auch deutlich hervor, dass noch vor Kennt- 
nisnahme des Inhaltes der Note, noch vor ihrer Ueberreichung, der 
Ministerpräsident, der sich bekanntlich in Begleitung des Präsidenten 
der Republik befand, unbedingt den russischen Standpunkt zu dem 
seinen machte. In diesem Zusammenhange mag auch an das Press- 
communique erinnert werden, das nach der Begegnung des Präsi- 
denten der Republik mit dem Kaiser von Russland ausgegeben wurde: 
«Der Besuch, den der Präsident der französischen Republik soeben 
Seiner Majestät dem Kaiser von Russland machte, hat den beiden 
befreundeten und verbündeten Regierungen Gelegenheit gegeben, 
die vollkommene Gemeinsamkeit ihrer Ansichten über die verschie- 
denen Probleme festzustellen, vor welche die Sorge für den allge- 
meinen Frieden und für das europäische Gleichgewicht die 
Mächte namentlich im Orient stellt». 
CT °""-~ 3) Dieses Telegramm ist nicht im Blb. veröffentlicht worden. 

4 ) Russischer Botschafter in Wien. 

5 ) Ein Kollektivvorgehen war immerhin geplant, wie u. a. Blb. 
Nr. 6 beweist. Auf ein offizielles Kollektivvorgehen des Dreiver- 
bandes wollte aber England zunächst nicht eingehen. Immerhin zeigt 
dieses Telegramm, dass Greys Stellungnahme vom ersten Tag an auf 
bestimmten Dreiverbandsabmachungen fusste. 



24. Juli 101 

Der englische Staatssekretär des Aeusseren Sir Edward Grey 
an den englischen Botschafter in Wien, SirM. deBunsen. 

Blaubuch Nr. 5. 

London. 

Graf Mensdorff hat mir die an Serbien gerichtete Note S^^^gj 
gleichzeitig mit einer Erklärung der Gründe, die dazu geführt ^ VeratBMe^ 

haben, Übermittelt. Serbiens Sou- 

veränität. 

In der darauf entstehenden Unterhaltung mit Seiner 
Exzellenz bemerkte ich, dass ich es für sehr bedauerlich halte, 
dass man auf eine Befristung im gegenwärtigen Stadium der 
Verhandlungen beharrt habe. 1 ) Die Ermordung des Erzherzogs 
und einige Serbien betreffende Umstände, die in der Note an- 
gegeben werden, erweckten, wie es nur natürlich sei, Teil- 
nahme für Oesterreieh, aber gleichzeitig hätte ich niemals vor- 
her gesehen, dass ein Staat an einen andern unabhängigen 
Staat ein Dokument von so furchtbarem Charakter richtete. 

Die Forderung 5 2 ) würde kämm mit der Auifrechterhaltuug 
der unabhängigen Souveränität Serbiens vereinbar sein, wenn 
sie bedeutete, wie es der Fall zu sein schien, dass Oesterreieh 
mit dem Rechte ausgestattet werden solle, Beamte zu er- 
nennen, die innerhalb der serbischen Grenzen Machtbefugnisse 
haben sollten. 

Ich fügte hinzu, dass ich grosse Befürchtungen hege 
und dass ich die Angelegenheit einzig und allein vom Stand- 
punkte des europäischen Friedens betrachten würde. Die Ur- 
sachen der österreichisch-serbischen Streitigkeiten gingen die 
Regierung Seiner Majestät nichts an und die Bemerkungen, die 
ich darüber gemacht hätte, verfolgten nicht den Zweck, diese 
Ursachen zu diskutieren. 3 ) 



Blb. Nr. 5. Siehe Blb. Nr. 3. 

2 ) Diese Forderung lautete: «einzuwilligen, dass in Serbien 
Organe der k. und k. Regierung bei der Unterdrückung der gegen 
die territoriale Integrität der Monarchie gerichteten subversiven Be- 
wegung mitwirken >. 

3 ) Das österreichische Material ist in der Tat niemals von der 
Dreiverbandsdiplomatie zum Gegenstand irgend welcher Unterhaltung 
gemacht worden. Die Sache selbst wurde nie geprüft, sondern nur 
das Problem der serbischen und russischen Empfindlichkeit gegenüber 
einem als Provokation erklärten deutsch-österreichisch-ungarischen 
Vorgehen. Das österreichische Material, das allein die Härten der 
Note erklären und rechtfertigen konnte, wurde übersehen. Man hielt 
sich nur an die Härten der Note, die daher nicht als Schlussfolgerung 
der österreichischen Klagen über Serbien wirkte, sondern als po- 
litische Aktion gegen Russland. 



102 



24. Juli 



Grey kündigt ich schloss, indem ich sagte, wir würden zweifellos mit 

nungsaus- 1 " anderen Mächten in Meinungsaustausch treten und müssten 

Sn Ch Mächten ihre Ansichten über die Möglichkeit einer Beilegung der 

an - Schwierigkeiten der Lage abwarten. 

Graf Mensdorff erwiderte, die gegenwärtige Lage wäre 
nie entstanden, wenn Serbien nach der Ermordung des Erz- 
herzogs nur eine Hand gerührt hätte; Serbien jedoch habe kein 
Zeichen der Sympathie oder des Beistandes gezeigt, obgleich 
bereits seit der Ermordung mehrere Wochen verflossen wa- 
ren; eine Befristung wäre sehr wichtig, um eine Verschleppung 
durch Serbien zu verhindern. 

Ich sagte, wenn Serbien die Antwort verschleppte, hätte 
man später eine Befristung festsetzen können; 4 ) aber wie die 
Dinge jetzt stünden, wäre der Wortlaut der serbischen Ant- 
wort von Oesterreieh diktiert worden, das sich nicht damit 
begnügt hatte, eine Antwort innerhalb der Frist von 48 Stunden 
nach der Ueberreichung zu verlangen. 5 ) 



Bienvenu- 
Martin stimmt 
nach dem 
österreichi- 
schen Bericht 
den österrei- 
chisch-ungari- 
schen Darle- 
gungen zu. 



Der österreichisch - ungarische Botschafter in Paris, Graf 
Szecsen, an den österreichisch - ungarischen Minister 
des Aeusseren, Graf Berchtold. 

Rotbuch Nr. 11. 

Paris. 
Soeben dem mit der Vertretung des abwesenden Mini- 
sters des Aeusseren betrauten Herrn Justizminister Weisung 
vom 22.d.M. vorgelesen und Kopie hinterlassen. Herr Bienvenu- 
M artin, der durah die heutigen Morgenblätter vom Inhalt 
unserer Demarche in Belgrad beiläufig informiert war, schien 
durch meine Mitteilung ziemlich impressioniert. 
Ohne sich in eine nähere Erörterung des Textes einzulassen, 
gab e r b e r e i t wi i 1 1 i g zu, dass die Ereignisse der letzten 
Zeit und die Haltung der serbischen Regierung ein energisches 
Einschreiten unsererseits ganz begreiflich scheinen lassen. 



Blb. Nr. 5. 4 ) Auf die Begründung der österreichischen Note 
mit der Nichtinnehaltung des serbischen Versprechens von 1909 geht 
Grej? nicht ein. 

5 ) Der Bericht, den Graf Mensdorff von dieser Unterhaltung 
an den Grafen Berchtold sandte, Rb. 10, stimmt im Grossen und 
Ganzen mit der Greyschen Version überein. Grey verschweigt jedoch 
die bedeutsame Antwort Mensdorffs auf seine Bedenken zu Punkt 5, 
die lautete: «Ich erwiderte, Kollaboration von z. B. Polizeiorganen 
tangiere keineswegs Staatssouveränität >. 



24. Juli 



103 



Punkt 5 der in Belgrad überreichten Note schien dem 
Herrn Minister besonders aufzufallen, denn er Hess sich den- 
selben zweimal vorlesen. 

Der Herr Minister dankte mir für meine Mitteilung, die, 
wie er sagte, eingehend geprüft werden würde. Ich nahm die 
Gelegenheit wiahr, um zu betonen, dass es sich um eine Frage 
handle, die direkt zwischen Serbien und uns ausgetragen 
werden nmss, dass es aber im allgemeinen europäischen Inter- 
esse liege, wenn die Unruhe, die seit Jahren durch die serbische 
Wühlarbeit gegen uns aufrecht erhalten werde, endlich einem 
klaren Zustand Platz mache. 

Alle Freunde des Friedens und der Ordnung, und zu 
diesen zählte ich Frankreich in erster Linie, sollten daher Ser- 
bien ernstlich raten, seine Haltung gründlich zu ändern und 
unseren berechtigten Forderungen Rechnung zu tragen. 

Der Herr Minister gab zu, dass Serbien die 
Pflicht habe, gegen etwaige Komplizen der Mörder von 
Serajewo energisch vorzugehen, welcher Pflicht es sich wohl 
nicht entziehen werde. Unter nachdrücklicher Betonung der 
Sympathie Frankreichs für Oesterreich-Ungarn und der zwi- 
schen unsern beiden Ländern bestehenden guten Beziehungen, 
sprach er die Hoffnung aus, dass die Streitfrage friedlich, in 
einer unsern Wünschen entsprechenden Weise ausgetragen 
werden wird. 

Der Herr Minister vermied jeden Versuch, die 
Haltung Serbiens irgendwie zu beschönigen oder zu vertei- 
digen 



Der französische stellvertretende Minister des Aeusseren, 
Bienvenu-Martin, an den französischen Ministerpräsi- 
denten, Viviani, an Bord des Kriegsschiffes „France" 
und die französischen Vertreter. 



Gelbbuch Nr. 25. 

Paris. 
Ich habe die Ehre, Sie zu benachrichtigen, dass die öster- 
reichische Note, die Donnerstag Abend in Belgrad überreicht 
wurde, mir in Form einer Kopie vom österreichisch-ungari- 
schen Botschafter hinterlassen wurde. 



Gib. Nr. 25. ') Hier folgt ein Resume der Note ohne per- 
sönliche Meinung des Ministers. 



Nach seinein 
eigenen Be- 
richt lässtBien- 
venn-Martin 
<lurch den 
Direktor des 
politischen 
Departements 
die Wahl des 
Zeitpunktes 
für die Demar- 
che in Belgrad 



104 



24. Juli 



Aussicht 
stellen. 



tadein und eine Als e r sogleich nach dieser Mitteilung den stellvertreten- 

Ä n B^ad den politischen Direktor besuchte, 2 ) teilte Graf Szecsen ihm 
Z»<S nin ohne weiteres Kommentar die Ueberreichung der Note mit. 
Herr Berthelot konnte auf meine Anweisung den österreichisch- 
ungarischen Botschafter nur auf den Eindruck der Unruhe auf- 
merksam machen, den die am Morgen über den Inhalt der 
österreichischen Note erschienenen Informationen hervorriefen 
und auf das peinliche Gefühl, das in der öffentlichen Meinung 
Frankreichs unzweifelhaft die Wahl des Augenblickes für 
einen so imperativen und kurzbefristeten Schritt hervorrufen 
müsse, das heisst die Stunde, da der Präsident der Republik 
und der Ministerpräsident und Minister des Aeusseren Peters- 
burg verlassen hatten und sich auf dem Meere befanden, also 
ausser Stande waren, gemeinsam mit den nicht unmittelbar 
interessierten Mächten die so wünschenswerte Beruhigungs- 
aktion zwischen Serbien und Oesterreich im Interesse des 
allgemeinen Friedens auszuüben. 3 ) 

Der serbische Gesandte besitzt noch keinerlei Anhalts- 
punkte über die Absichten seiner Regierung. 

Der deutsche Botschafter hat mich gebeten, ihn heute 
nachmittag um 5 Uhr zu empfangen. 



Der stellvertretende französische Minister des Aeusseren, 
Bienvenu-Martin, an den französischen Gesandten in 
Stockholm (für den Ministerpräsidenten) *) und nach 
Belgrad, Wien, London, B erlin, Rom, St- Petersburg. 

Gelbbuch Nr. 26. 

Paris. 
Herr Vesnitch hatte noch heute morgen von seiner 
Regierung kein Telegramm erhalten, das ihn über ihre Ab- 
sichten informieren könnte und kennt nicht den Inhalt der 
österreichischen Note. 



Glb.Nr.25. 2 )Bienvenu-Martin berichtet nichts über eine Unterhaltung 
mit Szecsen, der ihm nach diesem Telegramm nur die Note überreicht hatte 
und dann sogleich fortgegangen war. Dem widerspricht das vorstehend 
abgedruckte Stück 11 des Rb., in dem der österreichisch-ungarische 
Botschafter einen langen Bericht über eine Unterhaltung mit Bienvenu- 
Martin bei Ueberreichung der Note bringt, während welcher der 
Minister eine Haltung einnahm, die Oesterreichs Vorgehen verständnis- 
voll gerecht wurde. 

3 ) Vergleiche Blb. Nr. 6. Hier wie dort wird das Datum 
der Ueberreichung der Note als böswillige Absicht Oesterreichs 
ausgelegt. Man vergisst dabei vollständig, dass nicht nur der Prä- 
sident auf dem Meere weilte, sondern auch Kaiser Wilhelm II. 

Gib. Nr. 26. J ) Präsident Poincare und Viviani sollten den 
schwedischen Hof besuchen. 



24. Juli 



105 



Als er bei der politischen Direktion Rat erfragte, sagte 
ihm Herr Berthelot 2 ) ganz privat, dass Serbien versuchen 
sollte, Zeit zu gewinnen, da die Frist von 48 Stunden 
vielleicht mehr eine entschiedene Aufforderung als ein eigent- 
liches Ultimatum bedeute, 3 ) dass es beispielsweise anginge, für 
einige nicht mit der Würde und der Souveränität Serbiens un- 
vereinbare Punkte sogleich Genugtuung anzubieten; es wurde 
ihm geraten, darauf hinzuweisen, dass die Feststellungen der 
österreichischen Untersuchung von Serajewo einseitig seien, 
und dass Serbien, obgleich es bereit sei, gegen alle Mitschul- 
digen an dem Verbrechen, das es vollständig missbillige, vor- 
zugehen, verlange über die Beweise aufgeklärt zu werden, um 
sie schnell zu prüfen; Serbien möge vor allem versuchen, dem 
direkten Verkehr mit Oest erreich zu ent- 
schlüpfen, indem es sich bereit erkläre, sich dem Schieds- 
spruch Europas zu unterwerfen. 4 ) 

Ich habe in London und St. Petersburg naen den Absichten 
der englischen und russischen Regierungen gefragt. Anderer- 
seits geht aus unsern Informationen hervor, dass Italien erst 
heute die Mitteilung der Note erhielt, über die es weder befragt 
noch unterrichtet worden war. 6 ) 



Am Quai d'Or- 
say rät man 
Serbieiij Zeit 
zu gewinnen 
und sich der 
direkten Rege- 
lung mit 
Oesterreich zu 
entziehen. 



Der französische stellvertrete nde Minister des Aeusseren, 
Bienvenu-Martin, nach Stockholm (für den Minister- 
präsidenten) und an die französischen Vertreter. 

Gelbbuch Nr. 28. 

Paris. 
Herr von Schön teilte mir eine Note seiner Regierung 
mit, ohne mir eine Abschrift lassen zu wollen, las sie mir aber 
auf meinen Wunsdh zweimal vor. 

Diese Note lautet fast wörtlich folgendermassen : 
_._-__-_______ i) 

Ich bemerkte dem deutschen Botschafter gegenüber, dass, 
so sehr das Verlangen nach Bestrafung aller Mitschuldigen an 
dem Attentat von Serajewo auch gerechtfertigt erscheine, man 
doch schwer für die Würde und die Souveränität Serbiens 



G 1 b. Nr. 26. ^Stellvertretender politischer Direktor im Quai d'Orsap. 

3 ) Vergleiche Blb. Nr. 14 und Rb. Nr. 17. 

4 ) Die Aufforderung, dem < direkten Verkehr mit Oesterreich- 
Ungarn zu entschlüpfen», hiess mit andern Worten den Streitfall 
internationalisieren. Dieses Programm, dem Frankreich treu blieb, 
steht strikt dem deutschen Programm der «Lokalisierung» gegenüber. 

6 ) Siehe S. 325—326. 

Gib. Nr. 28. ') Text der Mitteilung siehe Wb. Anlage 1. 



Bienvenu-Mar- 
tin tadelt dem 
deutschen Bot- 
schafter ge- 
genüber den 
österreichisch- 
ungarischen 
Schritt und 
verhält sich 
der deutschen 
Demarche ge- 
genüber ableh- 
nend. 



106 24. Juli 

unannehmbare Miassregeln fordern könne: die serbische Re- 
gierung, selbst wenn sie sieh unterwerfen wolle, liefe Gefahr, 
von einer Revolution fortgefegt zu werden. 

Ich gab gleichfalls Herrn von Schön zu verstehen, dass 
seine Note nur zwei Hypothesen ins Auge fasse : die einer 
vollständigen Ablehnung oder die einer herausfordernden Hal- 
tung Serbiens. Eine dritte Hypothese (die einer Verständigung 
die Tür öffnete) müsste jedenfalls in Betracht gezogen werden; 
die Hypothese einer Annahme der Note durch Serbien, das 
einwillige, sogleich alle Genugtuungen zur Bestrafung der 
Mitschuldigen und alle Garantien zur Unterdrückung der 
österreichisch-feindlichen Propaganda, die mit seiner Souverä- 
nität und Würde vereinbar seien, zu geben. 

Ich fügte hinzu, dass, wenn innerhalb dieser Grenzen die 
von Oesterreich bezweckte Genugtuung annehmbar sei, die 
Modalitäten ihrer Durchführung geprüft werden könnten; wenn 
Serbien offenbare Beweise von Gutwilligkeit gebe, könne man 
nicht verstehen, dass Oesterreich nicht zu einer Unterhaltung 
bereit sei. 

Vielleicht wäre es nicht angebracht, es dritten Mächten, 
die sich weder moralisch noch gefühlsmässig an Serbien des- 
interessieren können, zu schwer zu machen, eine dem Wunsche 
Deutschlands nach Lokalisierung des Konfliktes entsprechende 
Haltung einzunehmen. 

Herr von Schön erkannte den Wert dieser Bemerkungen 
an und erklärte unbestimmt, dass diese Hoffnung immer noch 
möglich bliebe. Als ich ihn fragte, ob die österreichische Note 
den Charakter einer einfachen « mise en demeure » habe, die 
eine Diskussion zulässt, oder eines Ultimatums, antwortete er, 
dass er darüber keine persönliche Meinung habe. 2 ) 



Gib. Nr. 28. 2 ) Diese Darstellung, die Bienvenu-Martin gibt, wider- 
spricht ihrem Inhalt, mehr noch ihrem Geiste nach einem Bericht, den Graf 
Szecsen auf Grund der Mitteilungen von Schöns an Berchtold tele- 
graphierte, Rb. Nr. 15. Es heisst da vor allem: «Herr Bienvenu- 
Martin hat ihm gesagt, er könne sich noch nicht definitiv äussern, 
soviel könne er aber schon jetzt sagen, dass die französische Re- 
gierung auch der Ansicht sei, unsere Kontroverse mit Serbien 
ginge nur Belgrad und Wien an und dass man hier hoffe, dass 
die Frage eine direkte und friedliche Lösung finden werde». 
Diese Darstellung stimmt dagegen mit Rb. Nr. 1 1 überein. Vergleiche 
auch die Denkschrift des Wb., in der es heisst: «Auf unsere Er- 
klärung, dass die deutsche Regierung die Lokalisierung des Konflikts 
wünsche und erstrebe, wurde sowohl von der französischen als der 
englischen Regierung eine Wirkung in dem gleichen Sinne zugesagt». 
Es ist merkwürdig, dass sowohl der Bericht Bienvenu-Martins über 
die erste österreichische wie über die erste deutsche Demarche ganz 
wesentlich von den entsprechenden deutschen und österreichischen. 
Berichten abweicht. 



24. Juli 



107 



Der englische Botschafter in St. Petersbur g Sir G. Buchanan» 
an den englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir 
Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 6. 

S t. P e t e r s b u r g. 

Ich erhielt heute morgen telephonischen Bescheid von 
Herrn Sasonow, dass der Text des österreichischen Ultimatums 
soeben eingetroffen sei. 

Seine Exzellenz fügte hinzu, dass für die Antwort 48 Stun- 
den festgesetzt seien und bat mich, ihn auf der französi- 
schen Botschaft aufzusuchen, uirm die Angelegenheit zu 
besprechen, da der österreichische Schritt klar bedeutete, dass 
der Krieg vor der Türe stehe. 1 ) 

Der Minister des Aeussern sagte, dass der Schritt Oester- 
reichs sowohl provozierend wie unmoralisch sei; Oesterreich 
hätte eine derartige Aktion niemals unternommen, wenn nicht 
Deutschland vorher befragt worden wäre. Er hoffe, dass die 
Regierung Seiner Majestät nicht verfehlen werde, ihre 
Solidarität mit Russland und Frankreich zu 
proklamieren. 2 ) 

Der französische Botschafter gab mir zu verstehen, dass 
Frankreich alle die aus seinem Bündnis mit Russland erwach- 
senden Pflichtenerfüllenwerde, wenn es notwendig 
würde, und dass es ausserdem Russland fest in jedwelchen 
diplomatischen VeThandlungenunterstützen 
w e r d e. 3 ) 

Ich sagte, dass ich Ihnen einen vollständigen Bericht über 
alles was Ihre Exzellenzen eben gesagt hatten, telegraphieren 
würde. Ich könnte natürlich nicht im Namen der Regierung 



Sasonow ver- 
dächtigt 
Deutschland. 

Sasonow und 
Paleologue 
verlangen 
eine öffent- 
liche Solida- 
ritätserklä- 
rung des Drei- 
verbandes. 

Frankreich 
wird Russland 
vollständig 
unterstützen. 



Blb.Nr.6. ') Sasonow berief Buchanan also auf die französische 
Botschaft (!) nicht um die Note, sondern die Kriegsmöglichkeit zu 
besprechen. Wenn die Unterhaltung nicht vollständig in diesem Fahr- 
wasser verlief, so liegt das an Buchanan, der noch eine reservierte 
Haltung bewahrte, weil er wohl keine Instruktionen erhalten hatte. 

2 ) Dieser Appell an England — das geht aus dem Zusammen- 
hange mit dem vorhergehenden Satze hervor — richtet sich gegen 
Deutschland. Sasonow wartet nicht irgend eine Stellungnahme Deutsch- 
lands ab, sondern setzt ohne weiteres voraus, dass Deutschland an 
der Note beteiligt sei. Das genügte ihm, um eine Solidaritätserklärung 
des Dreiverbandes als dringlich zu bezeichnen. 

3 ) Im Gegensatz zu Buchanan hatte Paleologue also bestimmte In- 
struktionen erhalten oder aus den bei der Begegnung zwischen dem 
Zaren, Präsident Poincare, Sasonow und Viviani festgesetzten Richt- 
linien geschöpft. 



108 



24. Juli 



Sasonow 
erklärt die 
Mobilmachung 
für unbedingt 
erforderlich. 



Buchanan regt 
eine Fristver- 
längerung an. 



Seiner Majestät sprechen, aber persönlich sähe ich keinen 
Grund, von der Regierung Seiner Majestät irgend eine Soli- 
daritätserklärung zu erwarten, die eine bedingungslose Ver- 
pflichtung zur Unterstützung Russlands und Frankreichs mit 
Waffengewalt einschlösse. 

Unimittelbare Interessen Englands in Serbien beständen 
nicht und ein Krieg wegen 'dieses Landes würde nie von der 
englischen öffentlichen Meinung gebilligt werden 4 ). Dem ent- 
gegnete Herr Sasonow, wir dürften nicht vergessen, dass die 
europäische Frage mit inbegriffen sei, von der die serbi- 
sche nur einen Teil b i 1 d e und dass Grossbritannien 
sich nicht von den gegenwärtigen Problemen ausschliessen 
könne. 

Auf diese Bemerkung erwiderte ich mit dem Hinweis, 
ich schlösse aus dem was Seine Exzellenz sagte, dass er anrege, 
Grossbritannien solle sich der Absendung einer Mitteilung an 
Oesterreich anschliessen, derzufolge eine aktive Intervention 
in die inneren Angelegenheiten Serbiens nicht geduldet 
werden könne. Aber angenommen, Oesterreich schritte nichts- 
destoweniger zu militärischen Massregeln gegen Serbien trotz 
unserer Vorstellungen, war es dann die Absicht der russischen 
Regierung, sofort an Oesterreich den K r i e g zu erklären? 

Herr Sasonow sagte, er selbst glaube, die russische 
M o b i 1 m a c h u n g m ü s s e auf jeden Fall durchge- 
führt we r d e n ; doch ein Ministerrat würde heute nachmit- 
tag stattfinden und die ganze Angelegenheit beraten 5 ). Ein 
weiterer Ministerrat würde wahrscheinlich morgen unter dem 
Vorsitz des Kaisers abgehalten, wobei eine Entscheidung ge- 
troffen wurde. 

Ich sagte, der wichtige Punkt schiene mir zu sein, 
Oesterreich dazu zu bringen, die Frist zu verlängern, und man 
müsse zunächst in diesem Sinne auf Oesterreich einwirken; 
der französische Botschafter dachte jedoch, dass entweder 
Oesterreich zu sofortigem Handeln entschlossen sei oder bluffe. 
Wie dem auch sei, unsere einzige Aussicht den Krieg 



Blb. Nr. 6. 4 ) Hier tritt zum ersten Male das wichtige Motiv, 
Serbien sei ein ungenügender Kriegsgrund für England, auf. 

5 ) Später bezeichnet Sasonow die russische Mobilmachung als 
Gegenmassregel gegen die österreichische Mobilmachung und zwar 
insofern diese direkt Russland bedrohte. Hier ist festgestellt, dass am 
24. Juli die Frage der Mobilmachung bereits dem Ministerrat vor- 
gelegt wurde. Aus dem Telegramm des Zaren vom 30. Juli, Wb. An- 
lage 23 a, geht dann hervor, dass am 25. Juli, also in dem Minister- 
rat unter dem Vorsitz des Zaren, die Mobilmachung endgiltig beschlossen 
wurde. 



24. Juli 



109 



zu vermeiden, bestände darin, eine feste geschlossene Stel- 
lung einzunehmen. Er glaube nicht, dass noch Zeit sei, meine 
Anregung auszuführen. Darauf erwiderte ich, es sei wünschens- 
wert, zu wissen, inwieweit Serbien bereit sei, den Forderun- 
gen der österreichischen Note entgegenzukommen. Herr 
Sasonow sagte, er müsse erst seine Kollegen über diesen 
Punkt befragen, aber zweifellos könnten einige der öster- 
reichisch-ungarischen Forderungen von Serbien angenommen 
werden. 

Der französische Botschafter und Herr Sasonow fuhren 
beide fort, in mich behufs einer Erklärung vollständiger 
Solidarität der Regierung Seiner Majestät mit den fran- 
zösischen und russischen Regierungen zu dringen, und ich 
sagte daher, dass ich es für möglich halte, dass Sie vielleicht 
bereit seien, den deutschen und österreichischen Regierungen 
ernste Vorhaltungen zu machen, indem Sie nachdrücklich be- 
tonen, dass ein Angriff Oesterreichs auf Serbien den gesamten 
europäischen Frieden gefährden würde. Vielleicht fänden Sie 
einen Weg, ihnen mitzuteilen, dass eine derartige Aktion 
Oesterreichs wahrscheinlich Ruisslands Intervention bedeuten 
würde, was Frankreich und Deutschland mit hinein verwickle 
und dass es Grossbritannien schwerfallenwürde, neu- 
tral zu bleiben, w|enn der Krieg allgemein würde. Herr 
Sasonow antwortete, wir würden früher oder später in den 
Krieg hineingezogen werden, wenn er ausbreche; wir würden 
nur den Krieg 'wahrscheinlicher machen, wenn wir nicht von 
Anfang an gemeinsame Sache mit seinem Lande und Frank- 
reich machten; auf jeden Fall würde, so hoffe er, die Regie- 
rung Seiner Majestät ihre stärkste Missbilligung über die von 
Oesterreioh unternommene Aktion aussprechen. 

Der Präsident der französischen Republik und der Minis- 
teripräsident können auf ihrer Rückkehr von Russland Frank- 
reich nicht vor vier oder fünf Tagen erreichen, und es hat 
den Anschein, als wenn Oesterreich absichtlich diesen Augen- 
blick für die Ueberreichung des Ultimatums wählte 6 ). 

Nach der Sprache des französischen Botschafters scheint 
es mir, dass, selbst wenn wir es ablehnen sollten, uns ihnen 
anzusehliessen, Frankreich und R u s s 1 a n d ent- 
schlossen sind, eine feste Haltung einzuneh- 
men 7 ). 



Sasonow und 
Paleologue 
verlangen 
Englands volle 
Unterstützung. 



das Gib. 



Bl. Nr. 6. 6 ) Vergleiche Gib. 25 und Fussnote 3. 

7 ) Ueber dieses Gespräch berichtet weder das Ob. noch 



110 



24. Juli 



Der österreichis ch-ungarische Botschafter in St. Petersburg, 
Graf Szäpäry, an den österreichisch-ungarischen Minister 
des Aeusseren, Graf Berchtold. 



Sasonow 
wendet sich 
auf das Ent- 
schiedenste 
gegen die 
Österreichisch- 
ungarische 
Darlegung. 



Sasonow 
erklärt Oester- 
reich- Ungarns 
Vertrauen in 
die Solidarität 
der Kultur- 
völker als 
„Irrtum". 



Rotbuch Nr. 14. 

St. Petersburg. 

Der Herr Minister des Aeusseren empfing mich, indem er 
mir sagte, er wisse, was mich zu ihm führe, und erklärte mir 
gleich, dass er zu meiner Demarche keine Stellung nehmen 
würde. Iclh begann mit der Verlesung meines Auftrages: Der 
Minister unterbrach mich das erste Mal bei der Erwähnung 
der Serie von Attentaten und fragte auf meine Aufklärungen, 
ob denn erwiesen sei, dass diese in Belgrad ihren Ursprung 
hätten? Ich betonte, dass sie Ausfluss der serbischen Auf- 
wiegelung seien. Im weiteren Verlauf der Verlesung äusserte 
er, er wisse, worum es sich handle: Wir wollten Serbien den 
Krieg machen und dies solle der Vorwand sein. Ich replizierte, 
dass unsere Haltung in den letzten Jahren ein hinreichender 
Beweis sei, dass wir Serbien gegenüber Vorwände weder 
suchen noch brauchen. Die geforderten solennen Enunziationen 
riefen nicht den Widerspruch des Herrn Ministers hervor; er 
versuchte nur immer wieder zu behaupten, dass Paschitch sich 
bereits in dem Sinne ausgesprochen habe, was ich richtig 
stellte. «II dira cela 25 fois si vous voulez», sagte er. Ich 
sagte ihm, niemand wende sich bei uns gegen 
Serbiens Integrität oder Dynastie. Am lebhaf- 
testen erklärte sich Herr Sasonow gegen die Auflösung 
d e r « N a r o d n a O d b r a n a » , die Serbien niemals vor- 
nehmen werde. Weiteren Widerspruch von Seite des Herrn 
Ministers löste die Beteiligung von k. und k. Funktionären an 
der Unterdrückung der subversiven Bewegung aus. Serbien 
werde also daheim nicht mehr der Herr sein! «Sie werden dann 
wieder intervenieren wollen und welches Leben werden sie 
da Europa bereiten!» Ich erwiderte, es werde, wenn Serbien 
guten Wiillen hat, ein ruhigeres sein, als bisher. 

Den an die Mitteilung der Note angefügten Kommentar 
hörte der Herr Minister ziemlich ruhig an; bei dem Passus, 
dass wir uns mit unsern Gefühlen mit jenen aller zivilisierter 
Nationen eins wissen, meinte er, d i e s s e i ein I r r tu m. Mit 
allem mir zu Gebote stehendem Nachdruck verwies ich darauf, 
wie traurig es wäre, wenn wir in dieser Frage, bei der alles im 
Spiele sei, was wir Heiligstes hätten und, was immer der Herr 
Minister sagen wolle, auch in Russland heilig sei, kein Ver- 



24. Juli 



111 



ständnis in Russland fänden. Der Herr Minister suchte die 
monarchische Seite der Angelegenheit zu verkleinern. 

Das zur Verfügung der Regierungen gehaltene Dossier 
betreffend, meinte Herr Sasonow, wozu wir uns diese Mühe 
gegeben hätten, wo wiir doch bereits ein Ultimatum erlassen 
hätten. Dies beweise am besten, dass wiir eine unparteiische 
Prüfung des Falles gar nicht anstreben. Ich sagte ihm, dass 
für unser Vorgehen in dieser zwischen Oesterreich-Ungarn und 
Serbien spielenden Angelegenlheit die durch unsere eigene 
Untersuchung erzielten Resultate genügen und wir nur bereit 
seien, den Mächten weitere Aufschlüsse, falls dieselben sie 
interessieren, zu geben, weil wir nichts zu verheimilichen 
hätten. 

Herr Sasonow meinte, jetzt nach dem Ultimatum sei er 
eigentlich gar nicht neugierig. Er stellte die Sache so dar, 
als ob es uns darauf anikamime, unbedingt mit Serbien Krieg 
zu führen. Ich erwiderte, wir seien die friedliebendste Macht 
der Welt, was wir wollten, sei nur Sicherung unseres Terri- 
toriums vor fremden revolutionären Umtrieben und unserer 
Dynastie vor Bomben. 

Im Verlaufe der weiteren Erörterungen Hess Herr Saso- 
now nochmals die Bemerkung fallen, dass wir jedenfalls eine 
ernste Situation geschaffen hätten. 

Trotz der relativen Ruhe des Herrn Ministers war seine 
Stellungnahme eine durchaus ablehnende und 
gegnerische. 



Communique des russischen Amtsblattes. 



Rotbuch Nr. 15. ^ 

St. Petersburg. 

Die St. Petersburger Telegraphenagentur meldet : 

Das amtliche Organ veröffentlicht folgendes Communique : 

Die kaiserliche Regierung, lebhaft besorgt durah die über- 
raschenden Ereignisse und durch das an Serbien durch Oester- 



Russland 
erklärt offi- 
ziell, es könne 

reich-Ungarn gerichtete Ultimatum, verfolgt mit Aufmerksam- rentVieibeS" 
keit die Entwicklung des österreichisoh-ungarisch-serbischen 
Konfliktes, in welchem Russland nicht indifferent bleiben kann. 



Rb.Nr. 15. ^Im Ob. ist dieses Communique als Nr. 10 erst unter dem 
25. Juli angeführt. Es wurde aber tatsächlich am 24. Juli ausgegeben. 



112 



24. Juli 



Paleologue 
befürwortet 
ein gemeinsa- 
mes Vorgehen 
des Dreiver- 
bandes gegen 
die „Provoka- 
tion" der ger- 
manischen 
Mächte. 



Der französische Botschafter in St. Petersburg, Paleologue, 
a n den stellvertretenden französischen Minister des 
Aeu sseren, Bienvenu - Martin. 

Gelbbuch Nr. 31. 

St. Petersburg. 

(Der österreichisch-ungarische Botschafter hat Herrn Sa- 
sonow eine Droh -Note an Serbien mitgeteilt. 

Die Dispositionen des russischen Kaisers und seiner Mi- 
nister sind die friedlichsten, wovon der Präsident der Republik 
und der Ministerpräsident sich persönlich überzeugen konnten; 
aber das Ultimatum, das die österreichisch-ungarische Regie- 
rung soeben dem Belgrader Kabinett übenreieht hat, bringt in 
die Lage ein neues und beunruhigendes Element. 

Die öffentliche russische Meinung würde nicht dulden, 
dass Oesterreich Serbien Gewalt antut. Die kurze Frist, die für 
das Ultimatum festgesetzt wurde, macht eine Beschwichti- 
guingsaktion der Dreiverbandsmächte in Wien noch schwie- 
riger. 1 ) 

Ausserdem vermutet Herr Sasonow, dass Deutschland 
seinen Verbündeten unterstützen will, und ich fürchte, dass 
dieser Eindruck richtig ist. Die Solidarität des Dreiverbandes, 
die betont werden muss, kann allein die germanischen Mächte 
verhindern, ihre provozierende Haltung 2 ) zu unter- 
streichen. 



Der serbische 
Gesandte in 
St. Petersburg 
erklärt Pourta- 
les gegenüber 
den Konflikt 
für einen euro- 
päischen. 



Der serbische Gesandte in St. Petersburg, Spalaikowitsch, 
an den serbischen Ministerpräsidenten und Minister des 
Aeusseren, Paschitch. 

Serbisches Blaubuch Nr. 36. 

St. Petersburg. 

Als ich das Kabinett des Herrn Sasonow verliess, dem 

ich den Text des österreichisch-ungarischen Ultimatums mit- 



G Ib. Nr. 31. *) Von einer Beschwichtigungsaktion in Belgrad 
ist also nicht die Rede. 

2 ) Der Ausdruck «provozierende Haltung» in Bezug auf Deutsch- 
land, das in diesem Augenblick noch nicht hervorgetreten war — die 
Mitteilung der deutschen Note war noch nicht einmal vollzogen — 
malt deutlich die Auffassung, die die französische Diplomatie vom 
ersten Augenblick Deutschland gegenüber vertrat. Der Ausdruck 
< germanische Mächte > für Oesterreich-Ungarn und Deutschland ist 
desgleichen bezeichnend für die politische Weltanschauung der russisch- 
französischen Diplomatie. 



24. Juli 



113 



teilte, traf ich den deutschen Botschafter. Er schien sehr guter 
Laune zu sein. In der Unterhaltung, die ich mit dem Grafen von 
Pourtales über die österreichisch-ungarische Demarche be- 
gann, bat ich ihn, mir die Art anzugeben, wie man aus der 
durch das österreichisch-ungarische Ultimatum geschaffenen 
Lage herauskommen könnte. Der Botschafter antwortete mir, 
das hinge nur von Serbien ab, da es sich um eine Frage handelt, 
die nur zwischen Oesterreich und Serbien geregelt werden 
muss und in die niemand anders sich einmischen könnte. Ich 
antwortete dem Grafen von Pourtales, er täusche sich und 
er würde bald davon überzeugt werden, dass es sich nicht um 
eine Frage zwischen Serbien und Oesterreich, sondern mm eine 
europäische Frage handle. 

Der deutsche B otschafter in St. Petersburg, Graf Pourtales, 

an den deutschen Reichskanzler, von Bethmann Hollweg. 

Weissbuch, Anlage 4. 

St. Petersburg. 
Den Inhalt des Erlasses 592 1 ) habe ich soeben in einer 
langen Unterredung mit Sasonow eingehend verwertet. Der 
Minister erging sich gegen Oesterreich-Ungarn in masslosen 
Anklagen und war sehr erregt. 2 ) Auf das bestimmteste erklärte 
er : dass die serbisch-österreichische Differenz zwischen den 
Beteiligten allein ausgetragen werde, könne Russland unmög- 
lich zulassen. 3 ) 

Der österreichisc h-ungarische Botschafter in St. Petersburg, 

Graf Szäpäry, an den österreichisch-ungarischen Minister 

des Aeusseren, Graf Berchtold. 

Rotbuch Nr. 16. 

St. Petersburg. 
Nach fünfstündigem Ministerrate hat Herr Sasonow 
abends den deutschen Botschafter empfangen und mit ihm eine 
lange Unter redung gehabt. 1 ) 

¥b., Anl. 4. *) Gemeint ist Wb. Anlage 1. 

2 ) Vergleiche Rb. 16 und auch Blb. Nr. 6, aus dem gleichfalls 
die grosse Erregung und die heftige Verstimmung Sasonows gegen 
Oesterreich-Ungarn und, da er dort nicht zu einem deutschen Diplo- 
maten sprach, gegen Deutschland hervorgeht. Im Widerspruch zum 
Wb. und Blb., wie auch zu Sasonows eigenen Dokumenten im Ob. 
zeigen die Telegramme Paleologues im Gib. ununterbrochen einen 
versöhnlichen und friedfertigen Sasonow. 

3 ) Diesen Standpunkt gab Sasonow nie auF. Und diesen Standpunkt 
erkannten England und Frankreich als berechtigt an. 

Rb. Nr. 16. ') Es handelt sich um die in Wb. Anlg. 4 behandelte 
Unterredung. 



Sasonow wei- 
gert sich, eine 
Lokalisation 
des Konfliktes 
zuzulassen. 



Sasonow ver- 
dächtigt dem 
deutschen Bot- 
schafter ge- 
genüber 
den Entschluss 
Oesterreich- 
TJngarns. 



114 24. Juli 

Der Herr Minister vertrat hiebei die wahrscheinlich als 
Resultat des Ministerrates zu betrachtende Ansicht, der öster- 
reichisch-ungarisch-serbische Streit sei keine auf diese Staaten 
beschränkte Angelegenheit, sondern eine europäi- 
sche, da der im Jahre 1909 durch eine serbische Deklaration 
erfolgte Ausgleich unter den Auspizien ganz Europas vollzogen 
worden sei. 2 ) 

Der Herr Minister hob hervor, dass ihn besonders der 
Umstand unangenehm berührt habe, dass Oesterreich-Ungarn 
die Prüfung eines Dossiers angeboten habe, während bereits 
ein Ultimatum ergangen sei. Russland würde eine internationale 
Prüfung des von uns zur Verfügung gestellten Dossiers ver- 
langen. Mein deutscher Kollege machte Herrn Sasonow sofort 
darauf aufmerksam, dass Oesterreich-Ungarn eine Einmischung 
in seine Differenz mit Serbien nicht akzeptieren werde und 
dass auch Deutschland seinerseits eine Zumutung nicht an- 
nehmen können, welche der Würde des Bundesgenossen als 
Grossrnacht zuwiderlaufe. 

Im weiteren Verlaufe des Gespräches erklärte der Herr 
Minister, dass dasjenige, was Russland nicht gleichgültig hin- 
nehmen könne, die eventuelle Absicht Oesterreichs-Ungarns 
wäre « de devorer la Serbie >>. 3 ) Graf Pourtales erwiderte, 
dass er eine solche Intention bei Oesterreich-Ungarn nicht 
annehme, da dies dem eigensten Interesse der Monarchie zu- 
widerlaufen würde. Oesterreich-Ungarn sei wohl nur daran 
gelegen «d'infliger ä la Serbie le chätiment justement merite». 4 ) 
Herr Sasonow habe seine Zweifel daran ausgedrückt, ob 
Oesterreich-Ungarn, selbst wenn hierüber Erklä- 
rungenvorliegenwürden, sich hieran genügen lassen 
würde. 

Die Unterredung schloss mit einem Appell Herrn Saso- 
nows, Deutschland möge mit Russland an der Erhaltung des 
Friedens zusammenarbeiten. Der deutsche Botschafter ver- 
sicherte dem russischen Minister, dass Deutschland gewiss 
nicht den Wunsch habe, einen Krieg zu entfesseln, dass es aber 
selbstverständlich die Interessen seines Bundesgenossen voll 
vertrete. 



Rb. Nr. 16. 2 ) Auf diese Begründung des europäischen 
Charakters der Angelegenheit kam Sasonow später wiederholt zu- 
rück. 

3 ) «Serbien zu verschlingen >. 

4 ) «Serbien die gerechterweise verdiente Strafe zu erteilen >. 



24. Juli 



115 



Der österreichisch-ungarische Minister des Aeusseren, Graf 
Berchtold, an den österreichisch-ungarischen Botschafter 
in London, Graf Mensdorff. 

Rotbuch Nr. 17. 

Wien. 

Zu Euer Exzellenz gestrigem Telegramm. 

Ersuche, Sir E. Grey sofort aufzuklären, dass unsere 
gestrige Demarche in Belgrad nicht als formelles Ultimatum 
zu betrachten sei, sondern dass es sich um eine befristete De- 
marche handle, die, wie Euer Exzellenz Sir E. Grey streng ver- 
traulich mitteilen wollen, — wenn die Frist fruchtlos abläuft — 
einstweilen nur von dem Abbruche der diplomatischen Bezie- 
hungen und von dem. Beginne notwendiger militärischer Vor- 
bereitungen gefolgt sein wird, da wir unbedingt entschlossen 
sind, unsere berechtigten Forderungen durchzusetzen. 

Euer Exzellenz sind ermächtigt beizufügen, dass wir aller- 
dings, wenn Serbien nach Ablauf des Termines nur unter dem 
Drucke unserer militärischer Vorbereitungen nachgeben würde, 
es zum Ersätze der uns erwachsenen Kosten verhalten müss- 
ten; bekanntlich miussten wir zweimal (1908 und 1912) Ser- 
biens wegen mobilisieren. 1 ) 



Berchtold er- 
klärt, dass die 
Demarche in 
Belgrad kein 
Ultimatum und 
die Ablehnung 
nicht sofort 
den Krieg 
bedeute. 



Der österreichisch-ungarische Minister des Aeusseren, Graf 
Berchtold, an den österreichisch-ungarischen Botschafter 
in St. Petersburg, Graf Szapäry. 

Rotbuch Nr. 18. 

Wien. 
Ich habe den russischen Geschäftsträger am 24. Juli vor- oesterreich- 
mittags empfangen und ihn versichert, dass ich spezielles Ge- s^ffensTnte- 
wicht darauf lege, ihn sobald als möglich von unseren! Schritte & rität ™ d deu 
in Belgrad in Kenntnis zu setzen und ihm diesbezüglich unseren spektferen? r< 
Standpunkt darzulegen. 

Indern Fürst Kudascheff 1 ) für diese Aufmerksamkeit dankte, 
verhehlte er mir nicht seine Beunruhigung über unser kate- 



R b. N r. 17. ') Oesterreich beabsichtigte also nicht, bei ergebnislosem 
Ablauf der Frist Serbien mit Krieg zu überziehen, sondern rechnete gege- 
benenfalls mit einer weitern Annahme der Forderungen. Wie ausBlb. 14 
und Ob. 16 hervorgeht, gab Grey diese Mitteilung sogleich am 25. Juli 
nach Paris und Petersburg weiter. Grev (Blb. 14) bemerkt dazu, dass 
hierdurch die «unmittelbare Lage etwas weniger gespannt» werde. 



Rb. Nr. 18. *) Russischer Geschäftsträger in Wien. 



116 24. Juli 

gorisches Vorgehen gegen Serbien, wobei er bemerkte, dass 
man in St. Petersburg immer präokkupiert gewesen sei, ob 
nicht unsere Demarche die Form einer Demütigung für Serbien 
annehmen werde, was nicht ohne Reperkussion in Russland 
bleiben könnte. 

Ich Hess mir angelegen sein, den russischen Geschäfts- 
träger in dieser Richtung zu beruhigen. Unser Ziel bestehe 
darin, die unhaltbare Situation Serbiens zur Monarchie zu 
klären und zu diesem Zwecke die dortige Regierung zu veran- 
lassen, einerseits die gegen den derzeitigen Bestand der Mo- 
narchie gerichteten Strömungen öffentlich zu desavouieren und 
durch administrative Massnahmen zu unterdrücken, anderer- 
seits uns die Möglichkeit zu bieten, uns von der gewissenhaften 
Durchführung dieser Massnahmen Rechenschaft zu geben. Ick 
führte des längern aus, welche Gefahr ein weiteres Gewähren- 
lassen der grosserbischen Propaganda nicht nur für die Inte- 
grität der Monarchie, sondern auch für das Gleichgewicht und 
den Frieden in Europa nach sich ziehen würde und wie sehr 
alle Dynastien, nicht zuletzt die russische, durch die Einbürge- 
rung der Auffassung bedroht erscheinen, dass eine Bewegung 
ungestraft bleiben könne, die sich des Mordes als eines nationa- 
listischen Kampfmittels bedient. 

Schliesslich verwies ich darauf, dass wir keine Ge- 
bietserwerbung, sondern bloss die Erhaltung 
des Bestehenden bezweckten, ein Standpunkt, der bei 
der russischen Regierung Verständnis finden müsse. 

Fürst Kudascheff bemerkte darauf, dass er den Stand- 
punkt seiner Regierung nicht kenne und auch nicht wisse, wie 
sich Serbien zu den einzelnen Forderungen stellen werde. 

Zum Schlüsse unserer Unterredung betonte der Herr Ge- 
schäftsträger, dass er nicht ermangeln werde, seiner 
Regierung die Auskünfte zur Kenntnis zu bringen, die ich ihm 
über unseren Schritt gegeben, namentlich auch in der Rich- 
tung, dass unsererseits keine Demütigung Ser- 
biens beabsichtigt se i. 1 ) 



Rb. Nr. 18. 2 ) Diese wichtige Unterredung, deren Wiedergabe an 
Sasonow Kudascheff ausdrücklich verspricht, ist im Ob. nicht wieder- 
gegeben. Dieses erste bedeutsame Kommentar, das Berchtold selbst an die 
Ueberreichung der Note knüpfte mit der Erklärung, dass die serbische 
Integrität respektiert werde, wird in der russischen Veröffentlichung 
übergangen. Das erste Telegramm des Ob. aus Wien ist vom 25. Juli 
datiert. Kudascheff erklärt dort, dass Berchtold in Ischl weile und er 
daher das russische Verlangen nach Fristverlängerung dorthin telegra- 
phieren musste. Dadurch wird offenbar der Anschein erweckt, als 
wenn Berchtold überhaupt nicht in der Angelegenheit zu sprechen 
gewesen wäre. Ueber dieses Gespräch, ohne nähere Inhaltsangabe, 
telegraphiert übrigens auch Sir M. de Bunsen nach London, Blb. 7. 



24. Juli 



117 



Der deutsche Botschafter in Wien, von Tschirschky und 
Bö gendorff, an den deutschen Reichskanzler, von Beth- 
mann Hollweg. 



Weissbuch, Anlage 3. 



Wien. 



Graf Beroht'Ol'd hat heute den russischen Geschäftsträger gf£?Äer 
zu sich gebeten, um ihm eingehend und freundschaftlich den das Gespräch 
Standpunkt Oesterreich-Ungarns Serbien gegenüber ausein- jgjjffild und 
anderzusetzen. Nach Rekapitulierung der historischen Entwick- Kudascheff. 
hing der letzten Jahre betonte er, dass die Monarchie nicht 
daran denke, Serbien gegenüber erobernd aufzutreten. Oester- 
reich-Ungarn werde kein serbisches Territorium beanspruchen. 
Es halte strikt daran fest, dass der Schritt nur eine definitive 
Massregel gegenüber den serbischen Wühlereien zum Ziele 
habe. Notgedrungen müsse Oesterreich-Ungarn Garantien 
für ein weiteres freundschaftliches Verhalten Serbiens der 
Monarchie gegenüber verlangen. Es liege ihm fern, eine Ver- 
schiebung der Machtverhältnisse im Balkan herbeiführen zu 
wollen. Der Geschäftsträger, der noch keine Weisungen aus 
Petersburg hatte, hat die Airsführungen des Ministers ad refe- 
rendum genommen mit der Zusage, sie sofort Sasonow zu 
unterbreiten. 1 ) 



Der russische M inister des Aeusseren, Sasonow, an den rus- 
sischen Geschäftsträger in Wien, Kudascheff. 



Orangebuch Nr. 4. 

St. Petersburg, 

Wollen Sie dem österreichisch-ungarischen Minister bitte 
Folgendes mitteilen: 

« Die Mitteilung, welche die österreichisch-ungarische Russland for- 
Regierung den Mächten am Tage nach der Ueberreichung des Verlängerung* 
Ultimatums in Belgrad machte, lässt den Mächten nur eine 
durchaus kurze Frist, um irgend etwas zur Beilegung der ent- 
standenen Verwicklung zu unternehmen. 



Wb., Anl. 3. ') Auch hier die Zusage, die Ausführungen Berch- 
tolds sofort Sasonow zu unterbreiten, die das Fehlen eines diesbezüg- 
lichen Dokuments im Ob. doppelt auffällig macht. 



118 24. Juli 

«Um den unberechenbaren und für alle Mächte gleich 
verhängnisvollen Folgen vorzubeugen, die aus der Handlungs- 
weise der österreichisch-ungarischen Regierung entstehen kön- 
nen, erscheint es uns als unerlässlich, vor allem die Serbien 
gestellte Frist zu verlängern. 1 ) Oesterreioh-Ungarn, das sich 
bereit erklärt, den Mächten die Elemente der Untersuchung 
zu übermitteln, auf denen die Kaiserliche und Königliche Re- 
gierung ihre Anklagen gründet, sollte ihnen auch die Zeit lassen, 
um sich Rechenschaft darüber abzulegen. 

« In diesem Falle, wenn sich die Mächte von der Berech- 
tigung gewisser österreichischer Forderungen überzeugen, 
würden sie in der Lage sein, der serbischen Regierung dem- 
entsiprechende Ratschläge zu erteilen. 2 ) 

« Eine Weigerung, die Frist des Ultimatums zu ver- 
längern, würde den Schritt Oesterreich-Ungarns bei den 
Mächten jeder Wirksamkeit berauben und würde im Wider- 
spruch mit den Grundlagen selbst der internationalen Be- 
ziehungen stehen.» 3 ) 



Ob. Nr. 4. *) Die Forderung nach Fristverlängerung ging, wie 
man sieht, offiziell von Russland aus. Blb. 6 zeigt, dass die Anregung 
in Wirklichkeit von England ausgeht. 

2 ) Die österreichische Regierung unterbreitete ihr Material den 
Mächten nicht zur Begutachtung, sondern aus internationaler Höflich- 
keit, zur Aufklärung. Diesen Akt der Höflichkeit benutzt Sasonow, 
um das Ultimatum auszuschalten, indem er gleichzeitig für den Fall 
der Ablehnung seiner so begründeten Forderung der österreichisch- 
ungarischen Regierung eine schlechte Zensur für ihre diplomatischen 
Gepflogenheiten ausstellt. Diesen wegwerfenden Ton finden wir auch 
im Gib., wo wiederholt von den « Gewohnheiten > der österreichisch- 
ungarischen Diplomatie in geringschätziger oder misstrauischer Weise 
die Rede ist. Die Forderung Sasonows auf Fristverlängerung gründet 
sich selbstverständlich nicht auf die in diesem Telegramm angegebenen 
Dokumente, und das um so weniger, als Sasonow von dem Dossier, 
wie er ausdrücklich sagte, nichts wissen wollte. Vergleiche Blb. Nr. 6 
und vor allem Gib. Nr. 22, nach dem noch in letzter Stunde der Ver- 
such gemacht wird, überhaupt alle österreichisch-ungarischen For- 
derungen auch ohne Befristung zu verhindern. Schliesslich ist zu 
bemerken, dass Sasonow sich nicht auf die Uebermittlung des Dossiers 
berufen konnte, da Graf Szäpäry ihm bereits, wie aus Rb. Nr. 14 
ersichtlich, erklärt hatte, dass es sich bei der Ueberreichung des 
Dossiers nur um einen Akt des Entgegenkommens handle. 

3 ) Gleichzeitig wies Sasonow die russischen Vertreter in London, 
Berlin, Rom und Paris an, die betreffenden Regierungen zu ersuchen, 
ihre Botschafter in Wien in demselben Sinne zu instruieren, Ob. 5. 



24. Juli 119 

Prinzregent Alexander, Kronprinz von Serbien, an den Kaiser 

von Russland. *) 

Orangebuch Nr. 6 und serbisches Blaubuch Nr. 37. 

Belgrad. 
Die österreichisch-ungarische Regierung hat gestern ^ n 8 p e r r £| c ^ t 
Abend der serbischen Regierung eine Note über das Attentat die Hufe des 
von Serajewo überreicht. Im Bewusstsein seiner internatio- ferbtendie* 
nalen Pflichten hat Serbien von den ersten Tagen des schreck- J°£^gM£ 
lichen Verbrechens ab erklärt, das es dasselbe verurteile und 
bereit sei, eine Untersuchung auf seinem Gebiet zu eröffnen, 
wenn die Mitschuld gewisser serbischer Untertanen im Ver- 
laufe des Prozesses, den die österreichisch-ungarischen Be- 
hörden führten, erwiesen sei. 2 ) Die österreichisch-ungarischen 
Forderungen aber sind unnötig demütigend für Serbien und un- 
vereinbar mit der Würde eines unabhängigen Staates. So ver- 
langt man von uns in einem Ton, der keinen Widerspruch 
duldet, eine Erklärung der Regierung im Amtsblatt und einen 
Tagesbefehl des Herrschers, in dem wir den österreichfeind- 
lichen Geist tadeln und uns selbst Vorwürfe über ver- 
brecherische Schwäche unseren perfiden Intrigen gegenüber 
•machen sollen. Man zwingt uns dann die Zulassung öster- 
reichisch-ungarischer Beamter in Serbien auf, die mit den 
unseren an der Untersuchung teilnehmen und die Ausführung 
der anderen in der Note angegebenen Bedingungen überwa- 
chen sollen. Wir haben eine Frist von 48 Stunden für die An- 
nahme des Ganzen erhalten, widrigenfalls die österreichisch- 
ungarische Gesandtschaft Beilgrad verlassen wird. Wir sind 
bereit, die österreichisch-ungarischen Bedingungen anzuneh- 
men, die mit der Stellung eines unabhängigen Staates verein- Serbien wiu 
bar sind, wie auch jene, deren Annahme Eure Majestät uns ^annehmen, 
anrät. Alle Personen, deren Teilnahme an derm Attentat be- zu deren An- ' 

,. , , , , , », , nähme Kuss- 

wiesen Wird, werden von uns streng bestraft werden. iand rät. 
Gewisse Forderungen können ohne eine Aenderung unserer 
Gesetzgebung nicht ausgeführt werden, wozu wir Zeit 
nötig haben. Man hat uns eine zu kurze Frist gewährt : 
Wir können vor Ablauf der Frist von der österreichisch-un- 
garischen Armee angegriffen werden, 3 ) die sich an unserer 

Ob. Nr. 6 und serb. Blb. Nr. 37. *) Kurz vor der Mordtat von 
Serajewo übertrug König Peter wegen Erkrankung dem Kronprinzen 
die Regentschaft. 

2 ) Vergleiche die gegenteiligen Aeusserungen Mensdorffs Blb. 
Nr. 3, sowie die darauf bezüglichen Stücke des Rb. 

3 ) Der weitere Verlauf der Ereignisse beweist, dass diese 
Befürchtung unbegründet war. Am 25. Juli lief die Frist ab ; erst 
am 28. Juli erfolgte die Kriegserklärung Oesterreich- Ungarns an 
Serbien. 



120 



24. Juli 



Grenze konzentriert. Wir sind unfähig, uns zu verteidigen, 
und wir flehen Eure Majestät an, uns so 
schnell wie möglich zu Hilfe zu kommen. Das 
kostbare Wohlwollen Eurer Majestät, das sich uns gegenüber 
so oft geäussert hat, lässt uns fest hoffen, dass auch dieses 
Mal unser Appell bei ihrem edelmütigen slawischen Herzen 
Gehör finden wird. In diesem schwierigen Augenblicke ver- 
leihe ich den Gefühlen des serbischen Volkes Ausdruck, das 
Eure Majestät anfleht, sich gütigst für das Schicksal des König- 
reichs Serbien interessieren zu wollen. 



Serbien ist zum 
Kriege bereit. 



Der russische G eschäftsträger in Belgrad, Strandtman, *) an 
den russischen Minister des Aeusseren, Sasonow. 

Orangebuch Nr. 9. 

Belgrad. 
Paschitch ist nach Belgrad zurückgekehrt. Er beabsich- 
tigt am festgesetzten Termin, d. h. morgen, Samstag um 
6 Uhr Abend, Oesterreich eine Antwort zu geben, welche die 
annehmbaren und die unannehmbaren Punkte angibt. Man 
wird noch 'heute an die Mächte die Bitte richten, die Unab- 
hängigkeit Serbiens zu verteidigen. Dann , fügte Paschitch 
hinzu, wenn der Krieg unvermeidlich ist — werden wir den 
Krieg führen. 2 ) 



Serbien bittet 
um Englands 
Intervention. 



Der englische G eschäftsträger in Belgrad, Crackanthorpe, an 
den englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir Ed- 
ward Grey. 

Blaubuch Nr. 8. 

Belgrad. 
Die österreichischen Forderungen werden von der ser- 
bischen Regierung als vollständig unannehmbar bezeichnet, sie 
vertraut ernsthaft darauf, dass die Regierung Seiner Majestät 
Mittel und Wege findet, um die österreichische Regierung zur 
Mässigung zu veranlassen. 



Ob. Nr. 9. Strandtman leitete die Gesandtschaftsgeschäfte seit dem 
Tode des russischen Gesandten Hartwig, der am 10. Juli unter sensatio- 
nellen Umständen starb und dessen Beisetzung in Belgrad Anlass zu be- 
geisterten russisch-serbischen Verbrüderungskundgebungen wurde. 
Zum Nachfolger Hartwigs wurde am 25. Juli Fürst Gregor Trubetzkoi, 
der bisherige Direktor für Balkan-Angelegenheiten im russischen 
Ministerium des Aeusseren, ernannt. 
2 ) Vergl. serb. Blb. 34. 



24. Juli 121 

Dieses Ansuchen wurde mir von dem serbischen Mi- 
nisterpräsidenten ausgesprochen, der heute früh nach Belgrad 
zurückgekehrt ist. Seine Exzellenz ist niedergeschlagen und 
ist sichtbar sehr besorgt über die Folgen, die entstehen 
können. 1 ) 



Der französische Botschafter in Berlin, Jules Cambon, an den 
stellvertretenden französischen Minister des Aeusseren, 
Bienvenu-Martin. 

Gelbbuch Nr. 29. x ) 

B e r 1 i n. 

Die Ueberreichung der österreichischen Note an Serbien Cambün über^ 
hat tiefe Bewegung ausgelöst. Der österreichische Botschafter in e Deu?s™h- nff 
erklärt, dass seine Regierung nicht von ihren Forderungen land - 
nachlassen könne. In der Wilhelmstrasse wie in der Presse 
führt man dieselbe Sprache. 2 ) Die Mehrzähl der in Berlin an- 
wesenden Geschäftsträger besuchten mich heute Morgen. Sie 
äussern die Hoffnung auf eine friedliche Lösung. Der russische 
Geschäftsträger bemerkte mit Bitterkeit, dass Oesterreich seine 
Note im Augenblicke überreicht hat, wo der Präsident der 
Republik und der Ministerpräsident Petersburg verlassen hat- 
ten. 3 ) Er neigt der Ansicht zu, dass ein grosser Teil der öffent- 
lichen Meinung in Deutschland den Krieg wünscht und diese 
Gelegenheit ausnützen möchte, in der sich Oesterreich zweifellos 
einiger zeigt als in der Vergangenheit und der Kaiser auf Grund 
eines monarchischen Solidaritätsgefühles und aus Abscheu vor 
dem Attentat zu weniger Versöhnlichkeit hinneigt. 

Herr von Jagow soll mich heute Nachmittag empfangen. 



Blb. Nr. 8. l ) Vergl. serb. Blb. Nr. 35. 



Gib. Nr. 29. 2 ) Es ist nicht verständlich, warum dieses Telegramm 
im Gib. als Stück 29 angeführt wird, während das Telegramm Bienvenu- 
Martins, in dem er den Ministerpräsidenten über Cambons Mitteilungen 
unterrichtet, als Stück 27 vorangeht. 

2 ) Cambon sagt also nur, dass die Presse «dieselbe Sprache 
führt >, d. h. der Ansicht ist, die Forderungen Oesterreichs können 
nicht beschnitten werden. Bienvenu Martin telegraphiert aber auf 
Grund des Cambonschen Telegrammes dem Ministerpräsidenten Viviani, 
dass der Ton der Presse drohend ist und Russland einschüch- 
tern wolle. Davon steht in dem Telegramm Cambons, wie man 
sieht, kein Wort. 

3 ) Vergl. Gib. Nr. 22, woraus hervorgeht, dass Viviani und 
Sasonow noch vor der Abreise des Präsidenten die Richtlinien ihrer 
Politik und ihre Stellungnahme zu einer etwaigen Note Oesterreichs 
festsetzten. 



122 24. Juli 

Der französisch e stellvertretende Minister des Aeusseren, 
Bienvenu-Martin, nach Stockholm, für den Minister* 
Präsidenten, und an die Vertreter Frankreichs. 

Gelbbuch Nr. 27. 

Der französische Botschafter in Wien teilt mir mit, dass 
die öffentliche Meinung durch die Plötzlichkeit und die Ueber- 
triebenheit der österreichischen Forderungen überrascht wurde, 
dass aber die Militärpartei vor allem zu fürchten scheint, dass 
Serbien nachgibt. 

Der serbische Gesandte in Oesterreich glaubt, dass seine 
Regierung, was die Bestrafung der an dem Attentat Mitschul- 
digen und die Garantien für die Unterdrückung der österreich- 
feindlichen Propaganda betrifft, sich sehr versöhnlich zeigen 
wird, 1 ) dass sie aber keinen dem Könige vorgeschriebenen Tages- 
befehl, keine Entlassung der für Oesterreich verdächtigen Of- 
fiziere und nicht die Einmischung fremder Beamter in Serbien 
annehmen könne. Herr Jovanowitsch ist der Ansicht, dass> 
wenn es möglich wäre, eine Diskussion anzubahnen, der Kon- 
flikt unter Mithilfe der Mächte noch beigelegt werden könne. 

Unser Botschafter in Berlin berichtet über die Bewegung, 
die dort durch die österreichische Note hervorgerufen wurde, 
und über die Auffassung .des dortigen russischen Geschäfts- 
trägers, der glaubt, dass ein grosser Teil der deutschen öffent- 
lichen Meinung' den Krieg wünschen würde. Der Ton der 
Presse ist drohend und scheint eine Einschüchterung Russ- 
lands zu bezwecken. 2 ) Unser Botschafter soll heute Abend 
Herrn von Jagow besuchen. 

Herr Barrere berichtet, dass Italien in Wien in beruhigen- 
dem Sinne einwirkt und Verwicklungen zu vermeiden sucht. 

Der französisch e Botschafter in Berlin, Jules Cambon, an 
den stellvertretenden französischen Minister des Aeus- 
seren, Bienvenu-Martin. 

Gelbbuch Nr. 30. 

Berlin. 

Ich fragte den Staatssekretär in der Unterhaltung, die ich 

heute mit ihm hatte, ob es Tatsache sei, wie die Zeitungen 



G 1 b. N r. 27. J ) Die einzige Garantie sah Oesterreich in Punkt 5, der 
von Serbien und dem Dreiverband als völlig unannehmbar bezeichnet 
wurde. 

2 ) Siehe Gib. Nr. 29 und die dazugehörige Fusr.note 2. 



24. Juli 



123 



sagten, dass Oesterreich den Mächten eine Note über seinen 
Zwiespalt mit Serbien überreicht habe, ob er sie erhalten habe 
und was er darüber denke. 

Herr von Jagow antwortete mir bejahend, indem er hinzu- 
fügte, dass die Note energisch sei und dass er sie billige, da 
die serbische Regierung seit langem Oesterreichs Geduld er- 
müdet habe. Er betrachte übrigens diese Frage als eine in- 
nere Angelegenheit Oesterreichs und hoffe, dass 
sie lokalisiert bleiben wird. 

Ich fuhr fort, indem ich sagte, da ich noch keinerlei In- 
struktionen erhalten habe, wolle ich mit ihm nur rein persön- 
liche Ansichten austauschen. Ich fragte ihn darauf, ob das Ber- 
liner Kabinett wirklich nichts von den österreichischen For- 
derungen gewusst habe, und als er das bestätigte, sprach ich 
ihm meine Ueberrasehuug darüber aus, dass er sich anschicke, 
Ansprüche zu unterstützen, deren Grenze und Tragweite er 
nicht kenne. 

Herr von Jagow unterbrach mich, indem er sagte : « Nur 
weil wir privat miteinander plaudern, erlaube ich Ihnen, mir 
das zu sagen.» «Gewiss,» sagte ich, «aber wenn Peter I. sich 
demütigt, so wird Serbien zweifellos inneren Unruhen aus- 
geliefert werden, das öffnet die Tür neuen Möglichkeiten, und 
wissen Sie, wohin Wien Sie führen wird? «Ich fügte hinzu, 
die Sprache der deutschen Zeitungen sei nicht die Sprache von 
Leuten, die der Angelegenheit gleichgültig und fremd gegen- 
überständen, sondern kündige eine tätige Unterstützung an. 
Schliesslich bemerkte ich, dass die kurze Frist, die Serbien 
gegeben sei, uun sich zu unterwerfen, auf Europa unangenehm 
wirke. Herr von Jagow antwortete mir, er erwarte wohl 
«ein wenig Aufregung» seitens der Freunde Serbiens, aber 
er rechne damit, dass sie ihm gute Ratschläge geben werden. 
« Ich zweifle nicht daran, » sagte ich darauf, « dass Russland 
sich bemühen wird, das Belgrader Kabinett zu annehmbaren 
Konzessionen zu veranlassen; aber warum soll man, was man 
von dem einen verlangt, nicht auch von dem andern verlangen? 
Und wenn man damit rechnet, dass in Belgrad Ratschläge er- 
teilt werden, ist es dann nicht gerecht, andererseits auch mit 
Ratschlägen, die in Wien erteilt werden, zu rechnen? » 

Der Staatssekretär Hess entschlüpfen, das hinge von den 
Umständen ab, aber wiederholte dann, indem er sich ver- 
besserte, dass die Angelegenheit lokalisiert bleiben müsse. Er 
fragte mich, ob ich die Lage wirklich als ernst ansehe. « Sicher- 
lich, » antwortete ich ihm, « denn wenn man die Geschehnisse 
vorbedacht hat, verstehe ich nicht, warum man die Brücken 
hinter sich abbrach. » 



Jules Cambon 
verdächtigt 
von Jagows 
Erklärung, 
dass Deutsch- 
land die Note 
nicht gekannt 
hat. 



Cambon ver- 
langt Deutsch- 
landsinterven- 
tion in Wien. 



124 



24. Juli 



Cambon über 
das monarchi- 
sche Empfin- 
den. 



Alles weist darauf hin, dass Deutschland sich anschickt, 
die österreichische Haltung in seltsam energischer Weise zu 
unterstützen. Die Schwäche, die der österreichisch-ungarische 
Verbündete seit einigen Jahren zeigte, minderte das Vertrauen, 
das man hier in ihn setzte. Man fand, dass Oesterreich schwer 
nachzuziehen war. Die schlimmen Prozesse, wie die Affäre 
von Agram und die Affäre Friedjung, machten seine Polizei 
verabscheuenswert und gleichzeitig lächerlich. Man verlangte 
von ihm nur Stärke, aber man ist befriedigt, dass es nun Bru- 
talität zeigt. 

Ein im Lokalanzeiger von heute Abend erschienener 
Artikel deutet auch auf Stimmungen in der deutschen Kanzlei, 
denen wir natürlich in Paris nicht genug Rechnung tragen, ich 
meine das Gefühl monarchischer Solidarität. Ich bin überzeugt, 
dass dieser Gesichtspunkt sehr in Betracht gezogen werden 
muss, um die Haltung Kaiser Wilhelms zu verstehen, dessen 
eindrucksfähige Natur durch die Ermordung eines Fürsten, 
dessen Gast er wenige Tage vorher gewesen war, betroffen 
worden sein muss. 

Es ist darum nicht minder auffallend, die Sorgfalt zu be- 
achten, mit der Herr von Jagow und alle ihm unterstellten 
Beamten ostentativ aller Welt erklären, dass sie die Tragweite 
der an Serbien gerichteten österreichischen Note nicht kannten. 



Grey befürwor- 
tet eine Ver- 
mittlung in 
Wien und St. 
Petersburg. 



Der englische Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an den englischen Botschafter in Paris, Sir Francis 
Bertie. 

Blaubuch Nr. 10. 

London. 

Nachdem ich Herrn Cambon heute von der österreichi- 
schen Note an Serbien gesprochen hatte, die ich heute Morgen 
empfing, und von den Kommentaren, die ich dem Grafen Mens- 
dorff darüber gestern machte, sagte ich Herrn Cambon, dass 
ich heute nachmittag mit dem deutschen Botschafter sprechen 
würde, der mich einige Tage vorher privat ersucht hatte, einen 
beschwichtigenden Einfluss in St. Petersburg auszuüben. Ich 
würde dem Botschafter sagen, dass, wenn die Ueberreichung 
des Ultimatums an Serbien nicht zu Konflikten zwischen 
Oesterreich und Russland führe, wir uns natürlich nicht darum 
zu kümmern brauchten; aber wenn Russland das österreichi- 
sche Ultimatum so aufnehme, wie nach meiner Meinung jedes 



24. Juli 



125 



in Serbien interessierte Land es aufnehmen würde, 1 ) wäre ich 
völlig machtlos angesichts der Form des Ultimatums, irgend 
einen beschwichtigenden Einfluss auszuüben. Ich würde sagen, 
dass ich die einzige Möglichkeit irgend eines vermittelnden 
oder beschwichtigenden Einflusses darin sehe, dass Deutsch- 
land, Frankreich, Italien und wir, die keine unmittelbaren In- 
teressen in Serbien haben, gemeinsam im Interesse des Frie- 
dens gleichzeitig in Wien und Petersburg handeln sollten. 

Herr Cambon sagte, dass wenn eine Aussicht auf Vermitt- 
lung der vier Mächte bestehe, seine Regierung zweifellos erfreut 
wäre, daran teilzunehmen; aber er wies darauf hin, dass wir 
in St. Petersburg nichts vorbringen könnten, solange Russland 
nicht irgend eine Meinung geäussert oder irgend einen Schritt 
ergriffen habe. Aber wenn zwei Tage verflossen seien, würde 
Oesterreich in Serbien einmarschieren, -denn Serbien könne 
unmöglich die österreichische Forderung annehmen. 2 ) Russ- 
land würde von der öffentlichen Meinung gezwungen werden, 
eine Aktion zu unternehmen, sobald Oesterreich Serbien an- 
greife, und daher wäre es, wenn die Oesterreicher einmal Ser- 
bien angegriffen hätten, für irgend eine Vermittlung zu spät. 3 ) 

Ich sagte, ich hätte nicht daran gedacht, irgend etwas 
in Petersburg zu sagen, ehe es nicht klar sei, dass zwischen 
Oesterreich und Russland ein Konflikt bestehe. Ich hätte ge- 
dacht, dass, wenn Oesterreich in Serbien einmarschiere und 
Russland dann mobilisiere, es den vier Mächten möglich sein 
würde, Oesterreichs und auch Russlands Vormarsch anzuhal- 
ten, solange die Verhandlungen währten. Aber es würde für die 
Erfolgsmöglichkeiten eines solchen Schrittes wesentlich sein, 
dass Deutschland daran teilnehme. 

Herr Cambon sagte, es würde zu spät sein, wenn Oester- 
reich einmal gegen Serbien vorgegangen wäre. Das Wesent- 
liche wäre, durch eine Vermittlung in Wien Zeit zu gewinnen. 
Die beste Aussieht für ihre Annahme bestände, wenn Deutsch- 
land sie den anderen Mächten vorschlagen würde. 



Cambon will 
eine deutsche 
Einwirkung in 
Wien und eine 
Vermittlung 
zwischen Wien 
und Belgrad. 



Blb. Nr. 10. 2 ) Grey billigt hiermit den russischen Anspruch auf eine 
Kontrolle der österreichisch-serbischen Beziehungen, er hält die russische 
Intervention für selbstverständlich und unausbleiblich: seine Versicherung, 
dass ihn der österreichisch-serbische Konflikt nicht interessiere, sobald 
er lokalisiert bleibe (das Wort lokalisiert umschreibt er geflissentlich), 
ist daher durchaus platonisch. Die Lokalisierung erschwert Grep durch 
die Anerkennung der russischen Intervention, ehe sie noch erfolgte. 

2 ) Ein Beispiel dafür, mit welchem Pessimismus die französische 
Diplomatie von vornherein arbeitete. Die Ereignisse zeigen, dass Oe- 
sterreich nicht nur nach Ablauf der Frist nicht in Serbien einmarschierte, 
sondern noch drei Tage lang mit der Kriegserklärung wartete. 

3 ) Die Ereignisse zeigen, dass die Vermittlungstätigkeit durch 
den Angriff auf Serbien nicht verhindert wurde. 



126 



24. Juli 



Ich fragte, ob er damit eine Vermittlung zwi- 
schen Oester reich und Serbien meine. 4 ) 

Er erwiderte, dass dem so sei. 

Ich sagte, ich würde mit dem deutschen Botschafter 
heute Nachmittag über diesen Gegenstand sprechen. 



Ein englisch- 
französischer 
Vorschlag : 
Berlin soll 
Wien für eine 
Vermittlung 
zwis chen Wien 
und Belgrad 
gewinnen. 



Der französische Botschafter in London, Paul Cambon, an 
den stellvertretenden französischen Minister des Aeus- 
seren, Bienvenu-Martin. 

Gelbbuch Nr. 32. 

London. 

Da Sir Edward Grey mit mir von seinem Wunsche 
sprach, nichts zu unterlassen, was die Krise beschwören 
könne, einigten wir uns in dein, Gedanken, dass das englische 
Kabinett die deutsche Regierung auffordern könne, die Ini- 
tiative zu einem Schritt in Wien zu ergreifen, um eine Ver- 
mittlung zwischen Oesterreich und Serbien der vier nicht 
unmittelbar interessierten Mächte anzubieten. Wenn Deutsch- 
land sich dazu bereit erklärt, gewinnen wir Zeit und das ist 
die Hauptsache. 1 ) 

Sir Edward Grey sagte mir, er würde mit dem Fürsten 
Lichnowsky von dem Projekt sprechen, das ich soeben dar- 
legte. Ich habe meinem russischen Kollegen davon Mitteilung 
gemacht, er befürchtet eine deutsche Ueberraschung und ver- 
mutet, dass Oesterreich sein Ultimatum nicht ohne vorher- 
gehende Verständigung mit Berlin abgesandt hätte. 

Graf Benckendorff sagte mir, dass Fürst Lichnowsky, 
als er vor etwa einem Monat von seinem Urlaub wieder- 
kam, ihm seine pessimistischen Ansichten über die Beziehun- 
gen zwischen Petersburg und Berlin geäussert habe. Er hatte 
in der letzten Stadt Beunruhigung festgestellt infolge der Ge- 
rüchte über ein Marineabkommen zwischen England und Russ- 

Blb. Nr. 10. 4 ) Der Streitpunkt, um den sich die Kontroverse 
zwischen Deutschland-Oesterreich und dem Dreiverband drehen solle, 
ist hiermit gegeben. «Eine Vermittlung zwischen Oesterreich und Ser- 
bien», die Deutschland und Oesterreich beharrlich ablehnten, um nur 
eine Vermittlung zwischen Oesterreich und Russland als berechtigt 
anzuerkennen. Der Inspirator Sir Edward Greys ist hier, wie man 
sieht, Cambon. 

Gib. Nr. 32. ') Der berühmte Vermittlungsvorschlag Greps geht 
also nicht von England allein, sondern von England und Frankreich 
aus und wurde auf Grund der Beratung zwischen Grey und Paul 
Cambon nur offiziell von England vorgebracht. Er bezweckte von 
vornherein eine deutsche Initiative Oesterreich gegenüber. 



24. Juli 



127 



land, den Besuch des Zaren in Bukarest und die Verstärkung der 
russischen Armee. Graf Benckendorff hatte daraus geschlos- 
sen, dass man in Deutschland gerne einen Krieg mit Russland 
ins Auge fasse. 

Dem Unterstaatssekretär fiel, wie auch uns, das sorgen- 
volle Gesicht des Fürsten Lichnowsky seit seiner Rückkehr 
aus Berlin auf und er denkt, dass Deutschland, wenn es ge- 
wollt hätte, die Ueberreichung des Ultimatums verhindern 
konnte. 

Die Lage ist also sehr ernst und wir sehen kein Mittel, 
um den Lauf der Ereignisse zu 'hemmen. 2 ) 

Immerhin hält Graf Benckendorff es für gut, den Schritt 
zu versuchen, über den ich mich mit Sir Edward Grey ge- 
einigt habe. 3 ) 



Der französisch e Botschafter in London, Paul Cambon, an 
den stellvertretenden französischen Minister des Aeus- 
seren, Bienvenu-Martin. 

Gelbbuch Nr. 33. 

London. 
Der serbische Gesandte hat heute Nacht von Herrn Pa- verlL2t mbon 
schitch ein Telegramm erhalten, nach dem die österreichisch- abermals eine 
ungarische Regierung an ihn ein Ultimatum gerichtet hat, das sck^interven- 
morgen, also Samstag, um 6 Uhr, abläuft. Herr Paschitch gibt tion in Wieu - 
nicht den Wortlaut der österreichischen Mitteilung wieder, 
aber, wenn er so ist wie die Times von heute ihn bringt, so 
scheint es unmöglich, dass die serbische Regierung sie an- 
nenmen kann. x ) 

Gib. Nr. 32. 2 ) Dieses Telegramm, obgleich verhältnismässig 
sachlich gehalten, ist ein seltsames Beispiel für die Korrespondenz 
des Gib. — Benckendorff «vermutet» Deutschlands Mitwissen um die 
Note. Lichnowsky sagt, man sei in Berlin über verschiedene Schritte 
der russischen Politik besorgt. Benckendorff schliesst daraus, dass 
Deutschland < gerne > einen Krieg ins Auge fasse. Lichnowskps sorgen- 
voller Ausdruck wird verzeichnet. Und aus alledem folgert Paul Cam- 
bon: «Die Lage ist also sehr ernst und wir sehen kein Mittel usw.» 

3 ) Die russische Diplomatie war also von den Vermittlungs- 
vorschlägen unterrichtet, ehe sie Deutschland und Oesterreich-Ungarn 
unterbre itet wurden. 

Gib. Nr. 33. J ) Cambon hat nach diesen Aeusserungen also erst 
jetzt das Ultimatum im Resume gelesen! Die Notwendigkeit einer Ver- 
mittlung und einer Beschwichtigung Oesterreichs, den Glauben an 
einen deutschen Kriegswillen aber hat er bereits in den vorhergehenden 
Telegrammen ausgesprochen. Und auch jetzt urteilt er nur nach dem 
Resume. Er kannte nicht den Text des Ultimatums, keine der öster- 
reichischen Beschwerden und Anklagen und nimmt dennoch sogleich 
gegen Oesterreich Stellung. 



128 



24. Juli 



Mein russischer Kollege und ich, der es für äusserst 
schwierig für seine Regierung hält, nicht Serbien zu unter- 
stützen, 2 ) fragten uns, was für eine Intervention dem Kon- 
flikt Einhalt gebieten könnte. 

Da Sir Edward Grey mich auf heute Nachmittag berufen 
hat, habe ich vor, bei ihm anzuregen, eine offiziöse Inter- 
vention der deutschen Regierung in Wien zu fordern, um 
einen plötzlichen Angriff zu verhindern. 3 ) 



Grey befürwor- 
tet Deutsch- 
land gegen- 
über eine Vier- 
mächte - Inter- 
vention in 
Wien und St. 
Petersburg. 



Der englische St aatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 

an den englischen Geschäftsträger in Berlin, Sir H. Rum- 

boll 

Blaubuch Nr. 11. 

Londo n. 

Der deutsche Botschafter teilte mir die Ansicht der 
deutschen Regierung über die österreichischen Forderungen an 
Serbien mit. Ich höre, dass die deutsche Regierung dieselbe 
Mitteilung an die anderen Mächte richtet. 

Ich sagte, falls das österreichische Ultimatum! an Ser- 
bien nicht zu Schwierigkeiten zwischen Oesterreich und Russ- 
land führe, ich nichts damit zu tun hätte; ich hätte noch nichts 
aus Petersburg gehört, aber ich wäre sehr besorgt über die 
Stellungnahme, die Russland zu der Lage nehmen würde. Ich 
erinnerte den deutschen Botschafter daran, dass er vor einigen 
Tagen die persönliche Hoffnung ausgesprochen habe, ich 
würde, wenn es notwendig wäre, einen mässigenden Einfluss 
in St. Petersburg ausüben; aber nun, angesichts des ausser- 
ordentlich unbeugsamen Charakters der österreichischen Note, 
der Kürze der zugebilligten Frist und des Umfanges der öster- 
reichischen Forderungen an Serbien, fühle ich mich Russland 
gegenüber ganz hilflos und ich glaube nicht, dass irgend eine 
Macht allein Einfluss ausüben könne. 

Ich sähe nur eine Möglichkeit eines vermittelnden und 
beschwichtigenden wirksamen Einflusses: den Einfluss den die 
vier Mächte Deutschland, Italien, Frankreich und wir zusammen 



Gib. Nr. 33. 2 ) Auch ohne Kenntnis des Wortlautes der Note. 

3 ) Wie schon oben, verlangt Cambon jetzt wieder ein Eingreifen 
Deutschlands. Dieses Verlangen stellt sich als eine rein französische 
Initiative dar, die über Greys Anregungen hinausgeht. Man muss das 
im Auge behalten, wenn man den späteren Vorwurf Bienvenu-Martins 
und Vivianis liest, dass Deutschland sich zwischen Oesterreich und 
die Mächte gedrängt habe. Frankreich, das sich überhaupt nicht um 
Oesterreich kümmerte, sondern in Deutschland den Anstifter sah, will 
von vornherein Deutschland zum Dazwischentreten zwingen. 



24. Juli 



129 



gleichzeitig in Wien und in St. Petersburg zugunsten einer 
Mässigung ausüben sollten, falls die Beziehungen zwischen 
Oesterreich und Russland drohend werden. 

Die unmittelbare Gefahr bestände darin, dass Oesterreich 
in wenigen Stunden in Serbien einmarschieren *) und die 
russisohe slawische öffentliche Meinung verlangen könne, dass 
Russland zu Hilfe Serbiens aufmarschiere; es wäre wünschens- 
wert, dass man Oesterreich veranlasse, die militärische Aktion 
nicht zu überstürzen, um somit mehr Zeit zu gewinnen. Aber nie- 
mand von uns könne Oesterreich in diesem Sinne beeinflussen, 
wenn nicht Deutschland den Vorschlag machen und an einer 
derartigen Aktion in Wien teilnehmen würde. Sie sollten den 
Staatssekretär davon unterrichten. 2 ) 

Fürst Lichnowisky sagte, man könne erwarten, dass 
Oesterreich nach Ablauf der Frist vorgehe, wenn Serbien nicht 
bedingungslos die österreichischen Forderungen in toto an- 
nehme. Privat regte Seine Exzellenz an, dass Serbien eine 
negative Antwort keinesfalls geben dürfe; eine in einigen 
Punkten günstige Antwort müsse sofort gegeben werden, 
so dass Oesterreich entschuldigt sei, wenn es nicht sofort 
handle. 



Der englische Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an den englischen Geschäftsträger in Belgrad, Crackan- 
thorpe. 



Blaubuch Nr. 12. 

London. 
Serbien sollte versprechen, dass, wenn esbewiesenist, dass 
serbische Beamte, welch untergeordneten Ranges sie auch sein 
mögen, in irgend welcher Weise an der Ermordung des Erz- 
herzogs in Serajewo mitschuldig waren, es Oesterreich vollste 
Genugtuung geben werde. Serbien muss jedenfalls seine Teil- 
nahme und sein Bedauern aussprechen. Was das übrige betrifft, 
so muss die serbische Regierung auf die österreichischen For- 



England rät 
Serbien, seinen 
Interessen ge- 
mäss zu han- 
deln, und ord- 
net sich in 
Belgrad 
Frankreich 
und Russland 
unter. 



Blb. Nr. 11. ^Hier hat sich SirE. Grey also die pessimistische 
These Paul Cambons völlig zu eigen gemacht, der er zuerst, Blb. Nr. 10, 
widersprach. 

2 ) Die Vermittlungsaktion trägt Grey gleichfalls im Cambon- 
schen Sinne vor, vermeidet aber, obgleich er Cambon zusagte, darüber 
mit Lichnowsky zu sprechen, den Hinweis, dass es sich um eine Ver- 
mittlung zwischen Oesterreich und Serbien handelt, auf die ja gerade 
der französisch-englische Vorschlag einer Vermittlung zwischen Russ- 
land und Oesterreich hinaus will. 



130 



24. Juli 



derungen so antworten, wie sie es für die serbischen 
Interessen am Besten häl t. 1 ) 

Man kann unmöglich wissen, ob eine militärische Aktion 
Oesterreiehs nach Verlauf der Frist durch irgend etwas anderes 
als vorbehaltlose Annahme seiner Forderungen verhindert 
werden kann, aber die einzige Aussicht scheint darin zu be- 
stehen, dass eine vollständige Ablehnung vermieden und soviel 
Punkte als es die Frist erlaubt, günstig beantwortet werden. 

Der serbische Gesandte bat gestern, die Regierung Seiner 
Majestät möge ihren Standpunkt mitteilen, aber ich kann nicht 
die Verantwortung auf mich nehmen, mehr darüber zu sagen 
als ich tat, und ich möchte selbst das nicht sagen, ohne zu 
wissen, was die französische und die russische Regierung in 
Belgrad gesagt haben. Sie sollten sich daher mit Ihren franzö- 
sischen und russischen Kollegen darüber beraten, ehe Sie meine 
obigen Ansichten der serbischen Regierung wiederholen. 2 ) 

Ich habe den deutschen Botschafter eindringlich ersucht, 
Oesterreich möge seine militärischen Aktionen nicht über- 
stürzen. 



Die belgische 
Regierung 
fürchtet einen 
deutsch-fran- 
zösischen 
Krieg und be- 
reitet eine 
Neutralitäts- 
erklärung vor. 



Der belgische Minister des Aeusseren, Davignon, an die bel- 
gischen Gesandtschaften in Paris, Berlin, London, Wien 
und St. Petersburg. 



Graubuch Nr. 2. 

Brüssel. 
Die königliche Regierung hat sich die Frage gestellt, ob 
es unter den gegenwärtigen Umständen nicht angebracht sei, 
an die Mächte, die Belgiens Unabhängigkeit und Neutralität 
garantiert haben, eine Mitteilung zu richten, in der die Regie- 
rung ihren Entschluss bestätigt, die internationalen Pflichten, 
die ihr die Verträge im Falle eines Kriegsausbruches an den 
belgischen Grenzen auferlegen, zu erfüllen. 



Blb. Nr. 12. l ) Es kann wohl kein Zweifel darüber bestehen, 
dass vom Standpunkt der serbischen Interessen ein Krieg mit Oester- 
reich, in dem man des Beistandes des Dreiverbandes sicher war und 
von dem man den Sieg der serbischen Träume erhoffte, das Beste 
war. Von einem englischen Druck auf Serbien ist also keine Rede. 

2 ) Aus dieser Instruktion geht deutlich hervor, dass der Drei- 
verband mit seinen Ratschlägen in Belgrad tatsächlich geschlossen 
vorging und England auf eine eigene Stellungnahme Serbien gegen- 
über verzichtete. Vergleiche damit Rb. Nr. 9, wo Berchtold England 
als den Staat bezeichnet, der am objektivsten den österreichisch-ser- 
bischen Streitfall behandeln würde! 



24. Juli 131 

Sie ist zu dem Schlüsse gelangt, dass eine solche Mit- 
teilung zur Stunde verfrüht wäre, dass aber die Ereignisse 
sich überstürzen und ihr keine Zeit mehr lassen könnten, um 
ihren Vertretern im Auslande im gegebenen Augenblicke die 
nötigen Weisungen zu erteilen. 

Angesichts dieser Sachlage habe ich dem Könige und 
meinen Kollegen im Kabinett, die sich meiner Auffassung an- 
schlössen, vorgeschlagen, Ihnen jetzt bereits genaue Anwei- 
sungen über die Demarche zu geben, die Sie zu unternehmen 
hätten, wenn die Möglichkeit eines deutsch-französischen 
Krieges bedrohlicher würde. 

Sie finden in der Anlage einen unterzeichneten, aber 
nicht datierten Brief, den Sie unter Zurücklassumg einer Ab- 
schrift dem Minister des Aeusseren vorlesen wollen, wenn die 
Umstände diese Mitteilung erfordern. 1 ) 

Ich werde Ihnen telegraphisch den Augenblick, in dem 
Sie zu handeln haben, mitteilen. 2 ) 

Das Telegramm wird an Sie abgehen, wenn die Mobil- 
machung der belgischen Armee anbefohlen wird, falls unserer 
aufrichtigen Hoffnung und der Wahrscheinlichkeit einer fried- 
lichen Lösung zuwider, unsere Informationen ums zu dieser 
äussersten Vorsichtsmassregel führen werden. 



Grb. Nr. 2. ! ) Der hier erwähnte Brief enthält eine Neutralitäts- 
erklärung der belgischen Regierung. 

2 ) Diese Anweisung erfolgte am 1. August 1914. 



132 



25. Juli 



25. JULI 



Die österrei- 
chische-unga- 
rische Regie- 
rung übermit- 
telt den Mäch- 
ten ein Dossier 
über die gross- 
serbische Pro- 
paganda. 



Graf Berchtold an die österreichisch-ungarischen Botschafter 
in Berlin, Rom, Paris, London, St. Petersburg und 
Konstantinopel. 

Rotbuch Nr. 19. 

W i e n. 
Im Anbuge erhalten Euer Exzellenz das in der Zirkular- 
note an die Mächte angekündigte Dossier, das die grosserbische 
Propaganda und ihre Zusammenhänge mit dem Serajewoer 
Attentate zum Gegenstände hat. 

Euer Exzellenz wollen dieses Dossier zur Kenntnis der 
dortigen Regierung bringen. 1 ) 



Der englische Botschafter in St. Petersburg, Sir G. Buchanan, 
an den englischen Staatssekretär des Auswärtigen, Sir 
Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 17. 

St. Petersburg, 

Ich sah heute Morgen den Minister des Aeusseren und 

teilte Seiner Exzellenz den wesentlichen Inhalt Ihres heutigen 



Rb.Nr. 19. ^Dieses Dossier, das im Rb. 50 Seiten zählt, ist eine ein- 
gehende, mit zahlreichem unanfechtbarem Beweismaterial ausgestattete 
eindringliche Studie der gegen Oesterreich-Ungarn gerichteten ser- 
bischen Bewegung. Der starke Umfang dieser überzeugenden 
Anklage- und Beweisschrift macht eine Aufnahme des Dossiers in dieses 
Buch unmöglich. Zum vollen Verständnis der österreichisch-ungari- 
schen Politik während der Krisis ist das Dossier allerdings unerläss- 
lich. Die Diplomatie des Dreiverbandes dagegen kümmerte sich nicht 
im geringsten um das wichtige österreichisch-ungarische Material. Sie 
bildete ihr Urteil nach politischen Erwägungen und begnügte sich mit 
den ersten unvollständigen Pressberichten über die serbische Antwort, 
um Stellung zu nehmen. 



25. Juli 



133 



Telegrammes nach Paris mit, 1 ) und heute Nachmittag besprach 
ich mit ihm die Mitteilung an die serbische Regierung, die der 
französische Botschafter anregte, wie in Ihrem gestrigen Tele- 
gramm nach Belgrad berichtet ist. 2 ) 

Der Minister des Aeusseren sagte, dass wias das erstere smomw 
betrifft, die Erklärungen des österreichischen Botschafters Sien an die 
nicht ganz mit den Informationen übereinstimmen, die er von ^ hte appei " 
deutscher Seite erhält. Was das letztere betrifft, so stimmten 
Seine Exzellenz und der französische Botschafter darin überein, 
dass es für eine solche Mitteilung zu spät sei, da die Frist heute 
Abend abläuft. 

Der Minister des Aeussern sagte, dass Serbien vollständig 
bereit sei, Ihrer Anregung Folge zu leisten und diejenigen, deren 
Schuld bewiesen ist, zu bestrafen, aber dass man von keinem 
unabhängigen Staate erwarten könne, dass er die politischen 
Forderungen annehme, die an Serbien gestellt wurden. Der 
Minister des Aeusseren folgerte aus einer Unterhaltung, die er 
gestern mit dem serbischen Gesandten hatte, dass, falls die 
Oesterreicher Serbien angreifen, die serbische Regierung Bel- 
grad verlassen und ihre Kräfte ins Innere ziehen werde, 
während sie gleichzeitig die Hilfe der Mächte anriefe. Seine 
Exzellenz sprach sich zugunsten eines solchen Appelles aus. 
Er würde gerne die Frage auf ein internationales Terrain ge- 
stellt sehen, da die Verpflichtungen, die Serbien 1908 3 ) über- 
nommen hatte und auf die sich das österreichische Ultimatum 
bezieht, nicht Oesterreich, sondern den Mächten gegeben 
wurden. 4 ) 

Wenn Serbien an die Mächte appelliert, würde Russland 
bereit sein, beiseite zu stehen und die Frage den Händen 
Englands, Frankreichs, Deutschlands und Italiens anvertrauen. 
Nach seiner Meinung wäre es möglich, dass Serbien vorschlagen 
werde, die Frage einem Schiedsgericht zu unterbreiten. 

Als ich hierauf die ernste Hoffnung äusserte, dass Sasonow 

Russland den Krieg nicht überstürzen würde, indem es mobi- reSf-un|arns 

lisiere, solange Sie nicht Zeit gehabt hätten, Ihren Einfluss ^enRussiand 6 " 

zugunsten, des Friedens anzuwenden, versicherte mir Seine gerichtet. 



Bl. Nr. 17. ') Bezieht sich auf das S. 115 in der Anm. zu Rb. Nr. 17 
erwähnte Telegramm Greps Blb. 14 nach Paris und St. Petersburg 
über Mensdorffs Mitteilung, dass die Demarche in Belgrad nicht als 
Ultimatum aufzufassen sei. 

2 ) Blb. 12. 

3 ) Soll heissen 1909. 

4 ) Siehe Rb. Nr. 16. 



134 



25. Juli 



Buchanan 
warnt vor einer 
russischen Mo- 
bilmachung, 
aufdieDeutch- 
land mit der 
Kriegserklä- 
rung 

antworten 
müsse. 

Sasonow 
scheut mit 
Frankreichs 
Hilfe keinen 
Krieg. 



Exzellenz, dass Russland keine aggressiven Absichten habe 
und keine Aktion unternehmen würde, so lange es nicht dazu 
gezwungen werde. Oesterreichs Aktion sei in Wirklichkeit 
gegen Russland gerichtet. Es strebe danach, den gegenwär- 
tigen Status Quo im Balkan umzustürzen und dort seine 
eigene Hegemonie aufzupflanzen. 

Er glaube nicht, dass Deutschland wirklich den Krieg 
wünsche, aber sein Verhalten würde durch das unsrige be- 
stimmt. Wenn wir entschieden auf Seiten Frankreichs und 
Russlands stünden, würde es keinen Krieg geben, sollten wir 
das aber nicht tun, so würden Ströme Bluts vergossen und wir 
zu guter Letzt doch in den Krieg verwickelt werden. 

Ich entgegnete, England könnte in Berlin und Wien erfolg- 
reicher die Vermittlerrolle spielen als Freund, der, wenn seine 
Ratschläge zur Mässigung kein Gehör finden, eines Tages der 
Verbündete Russlands werden- könne, als wenn England sich 
gleich als Russlands Bundesgenosse erklärte. Seine Exzellenz 
meinte, dass Deutschland unglücklicherweise überzeugt sei,, 
dass es auf unsere Neutralität rechnen könne. 

Ich sagte alles was ich konnte, um den Minister des 
Aeusseren zur Vorsicht zu mahnen und warnte ihn, dass 
wenn Russland mobilisiere, Deutschland sich 
nicht mit der eigenen Mobilisation begnügen 
oder Russland für die seine Zeit lassen, son- 
dern wahrscheinlich sogleich den Krieg er- 
klären w ü r d e. 5 ) Seine Exzellenz antwortete, dass Russ- 
land Oesterreich-Ungarn nicht erlauben könne, Serbien zu ver- 
nichten, um die vorherrschende Macht auf dem Balkan zu wer- 
den, und wenn Russland der Hülfe Frankreichs 
sicher sei, so würde es den Krieg nicht 
scheuen. Er versicherte mir noch einmal, dass es nicht sein 
Wunsch sei, den Konflikt zu überstürzen, dass ich aber — 
sollte es Deutschland nicht gelingen Oesterreich-Ungarn zu- 
rückzuhalten — die Lage als verzweifelt ansehen dürfe. 



Blb. Nr. 17. 5 ) Hier erkennt die englische Diplomatie völlig die 
schwere Kriegsgefahr. Wenn Russland mobilisiert, kann Deutschland nicht 
warten, wird nicht nur mobilisieren, sondern sogleich den Krieg er- 
klären. Nichtsdestoweniger tat im weiteren Verlauf der Krisis England 
nichts, um die russische Mobilmachung zu verhindern. Deutschland aber 
ging nicht so weit, wie England es angenommen hatte, erklärte nicht 
den Krieg, ja mobilisierte nicht einmal, sondern kündigte nur an, dass 
es, falls Russland seine Mobilisierung nicht einstelle, den Kriegszu- 
stand proklamieren müsse. Und dennoch schloss England sich weiter 
an Russland an. 



25. Juli 



135 



Der englische Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
a n den englischen Botschafter in St. Petersburg, Sir 
G. Buchanan. 



Blaubuch Nr. 24. 



London. 



Sie haben unter sehr schwierigen Verhältnissen die rich- 
tige Sprache betreffs der Haltung der Regierung Seiner 
Majestät geführt. 1 ) Ich billige alles was Sie nach Ihrem gestrigen 
Telegramm sagten und kann im Namen der Regierung nicht 
mehr versprechen. 2 ) 

Ich denke nicht, dass die öffentliche Meinung hierzulande 
unsere Beteiligung am Krieg wegen des serbischen Streitfalles 
gutheissen würde oder gutheissen sollte. Sollte aber der Krieg 
ausbrechen, dann dürften weitere Entwicklun- 
gen d e r Lage uns zur Teilnahme daran zwin- 
gen und ich bin daher bemüht, ihn zu vermeiden. 

Der plötzliche, schroffe und drohende - Charakter der 
österreichischen Demiarche macht es fast unvermeidlich, dass 
in kurzer Zeit Russland und Oesterreich gegen einander mobi- 
lisieren werden. In diesem Falle halte ich dafür, dass die ein- 
zige Hoffnung auf Erhaltung des Friedens darin besteht, dass 
die vier andern Mächte zusammen die Regierungen Oester- 
reioh-Ungarns und Russlands ersuchen, die Grenzen nicht zu 
überschreiten, um den vier Mächten Zeit zum Handeln in Wien 
und St. Petersburg zur Beilegung der Angelegenheit zu geben. 
Sollte sich Deutschland dieser Ansicht anschliessen, dann bin 
ich davon überzeugt, dass wir und Frankreich in diesem Sinne 
vorgehen können. Italien würde zweifellos gerne mitwirken. 

Weder Russland noch Oesterreich-Ungarn würden eine 
diplomatische Intervention oder Vermittlungsversuche dulden, 
wenn diese nicht ganz unparteiisch wären und die Verbündeten 
und Freunde der zwei Parteien einschlössen. Die Mitwirkung 
Deutschlands Wäre daher wesentlich. 



Grey glaubt 
nicht, dass 
England einen 
Krieg wegen 
Serbien 
oilligen wird. 



Blb. Nr. 24. J ) Antwort auf Buchanans Telegramm vom 24. luli, 
Blb. Nr. 6. J 

2 ) Der Passus «und kann im Namen meiner Regierung nicht mehr 
versprechen etc.» wurde in der von der englischen Regierung in Bern 
veranstalteten deutschen Uebersetzung des Blb. ausgelassen. 



136 



25. Juli 



Der belgische 
Gesandte in 
Berlin ver- 
dächtigt die 
deutsche 
Politik. 



Der französisch e Botschafter in Berlin, Jules Cambon, an 
den stellvertretenden französischen Minister des Aeus- 
seren, Bienvenu-Martin. 

Gelbbuch Nr. 35. 

Berlin. 

Der belgische Gesandte ist über die Ereignisse sehr be- 
sorgt. 

Er ist der Ansicht, dass Oesterreich und Deutschland 
aus dem Zusammentreffen der Umstände Nutzen ziehen wollen, 
nach denen Russland und England ihnen gegenwärtig als von 
innern Unruhen erfüllt erscheinen und in Frankreich die Mi- 
litärfrage in Frage gestellt ist; 1 ) er glaubt daher auch nicht, 
dass die Berliner Regierung in Bezug auf die österreichische 
Note unwissend war, wie sie es vorgibt. 

Er glaubt, dass wenn die Form dieser Demarche nicht 
dem Berliner Kabinett unterbreitet wurde, man doch gemein- 
sam mit ihm geschickt den Augenblick wählte, um den Drei- 
verband in einem Augenblick der Desorganisation zu über- 
raschen. 

Er hatte den italienischen Botschafter gesprochen, der 
seinen Urlaub soeben abbrach, um zurückzukehren. Es scheint, 
dass Italien überrascht ist, um nicht mehr zu sagen, weil es 
in dieser ganzen Angelegenheit von seinen beiden Verbündeten 
aus dem Spiele gelassen wurde. 2 ) 



Gib. Nr. 35. v ) Mit den inneren Unruhen sind die Arbeiterunruhen 
gemeint, die mit dem Aufenthalt des Präsidenten der Republik in Russland 
zusammenfielen, und die irländische Bewegung. — Die Schwierigkeiten, 
unter denen nach den Kammerwahlen, die für die Anhänger der drei- 
jährigen Dienstzeit ziemlich ungünstig ausfielen, Präsident Poincare 
seine neue Regierung bildete, Ribots Misserfolg und die Bildung 
eines Ministeriums Viviani, in dem Gegner des dreijährigen Dienstes 
sassen und das sich auf die Sozialisten stützen musste, stellten in der 
Tat den dreijährigen Dienst wieder in Frage. Es ist aber unerfindlich, 
wieso die Gefahr, in welcher der dreijährige Dienst schwebte, Deutsch- 
land zum Kriege verleiten sollte. Im Gegenteil, ein Krieg machte diese 
französischen Schwierigkeiten hinfällig. Glaubte man an eine Gefähr- 
dung des dreijährigen Dienstes, an seine Abschaffung in absehbarer 
Zeit, so musste im Grunde ein Krieg als das einzige Mittel gelten, 
ihn jetzt, da er noch funktionierte, nutzbar zu machen. Will man in 
diesem Zusammenhange überhaupt den dreijährigen Dienst nennen, 
so wäre es für Deutschland entschieden zweckmässig gewesen, seine 
bevorstehende Abschaffung abzuwarten, während Frankreich alles 
Interesse hatte, zum Kriege zu treiben, solange es noch über diese 
Waffe verfügte. 

2 ) Siehe Anmerkung zu Gib. 87. 



25. Juli 



137 



Der stellvertretende französische Minister des Aeusseren, 
Bienvenu-Martin, an den Ministerpräsidenten Viviani in 
Stockholm und an die französischen Vertreter in London, 
Berlin, St. Petersburg und Wien. 

Gelbbuch Nr. 36. 

Paris. 

Der deutsche Botschafter kam mittags, um« gegen einen 
Artikel im «Echo de Paris» zu protestieren, der seine gestrige 
Demarche als « deutsohe Drohung » bezeichnete. Herr von 
Schön sagte zu einigen Journalisten und bestätigte es auf 
der politischen Direktion, dass zwischen Oesterreich und 
Deutsichland über die österreichische Note kein gemeinsames 
Uebereinkommen existierte und dass die deutsche Regierung 
diese Note nicht 'kannte, obwohl sie dieselbe später, als sie 
ihm gleichzeitig mit den andern Mächten mitgeteilt wurde, 
billigte. Baron von Schön fügte hinzu, dass ebensowenig von 
einer « Drohung » die Rede sein könne : die Regierung habe 
sich damit begnügt, anzuzeigen, dass es wünschenswert wäre, 
den Konflikt zu lokalisieren und dass die Intervention anderer 
Mächte die Gefahr einer Verschärfung des Konfliktes mit sich 
brächte. 

Der stellvertretende politische Direktor nahm von der 
Demarche des Barons von Schön Notiz. Nachdem er ihn ge- 
beten hatte, den Wortlaut der letzten beiden Absätze seiner 
Note zu wiederholen, bemerkte er, dass dieser Wortlaut 
Deutschlands Willen ausdrücke, sich zwischen die Mächte und 
Oesterreich zu stellen. Herr Berthelot fügte hinzu, dass, da 
übrigens keinem Journalisten irgend eine Mitteilung gemacht 
worden sei, die Information des «Echo de Paris» nur dieses 
Blatt angehe und nur beweise, dass die deutsche Demarche 
auch anderswo als am Quai d'Orsay und von ihm bekannt ge- 
worden sei. Der deutsche Botschafter entgegnete nichts auf 
diese Anspielung. 

____________ i) 

------------ 2 ) 

Sir E. Girey sagte dem Fürsten Lichnowsky (der ihm 
bis jetzt keine Mitteilung in der Art der von Herrn von Schön 



von Schön ver- 
sichert inParis, 
dass Deutsch- 
land die Note 
nicht kannte 
und protestiert 
gegen die ge- 
hässige Ausle- 
gung seiner 
Demarche vom 
24. Juli. 



Bienvenu-Mar- 
tin sieht in der 
Demarche 
einen Versuch 
Deutschlands, 
sich zwischen 
Wien und die 
Mächte zu 
drängen. 



Gib. Nr. 36. ') Resume der Mitteilung des Grafen Mensdorff 
an Grey, dass es sich nicht um ein Ultimatum, sondern eine befristete 
Note handle. Siehe Rb. 17. 

2 ) Resume des Greyschen Telegrammes nach Belgrad Blb. Nr. 12. 



10 



138 



25. Juli 



in Paris übermittelten Note gemacht hat 3 ), dass, wenn die 
österreichische Note zu keinen Schwierigkeiten zwischen 
Oesterreich und Russland führe, die englische Regierung sich 
nicht darum kümmern würde, aber dass zu fürchten wäre, die 
Härte der Note und die Kürze der Frist führten zu einer Span- 
nung. Unter diesen Bedingungen bestände die einzige Aus- 
sicht, einen Konflikt zu vermeiden, in einer Vermittlung Frank- 
reichs, Deutschlands, Italiens und Englands, und Deutschland 
allein könne in diesem Sinne eine Aktion auf die Wiener Re- 
gierung ausüben. 4 ) 

Der deutsche Botschafter antwortete, dass er diese An- 
regung nach Berlin weitergeben werde, aber gab dem russi- 
schen Botschafter, mit dem er verwandt ist,. zu verstehen, dass 
Deutschland sich zu keiner Demarche in Wien hergeben würde. 



Wien lehnt die 
Fristverlänge- 
rung ab ; Ser- 
bien kann aber 
noch nach Ab- 
lauf der Frist 
die Note 
nehmen. 



an- 



Der österreichis ch-ungarische Minister des Aeusseren, Graf 

Berchtold, an den Sektionschef, Freiherrn von Macchio, 

in Wien. 

Rotbuch Nr. 20. 

Lambach. 
Russischer Geschäftsträger telegraphiert mir, er sei von 
seiner Regierung dringend beauftragt, eine Fristerstreckung für 
das Ultimatum an Serbien zu verlangen. Ich ersuche Euer Ex- 
zellenz, ihm in meinem Namen zu antworten, dass wir eine 
Verlängerung der Frist nicht zugeben können. Euer Ex- 
zellenz wollen hinzufügen, dass Serbien auch nach dem 
Abbruche der diplomatischen Beziehungen 
durch uneingeschränkte Annahme unserer Forderungen eine 
friedliche Lösung herbeiführen kann, doch würden wir in die- 



G 1 b. Nr. 36. 3 ) Diese Behauptung ist falsch. Sie wird widerlegt durch 
Wb. Anlage 1 und durch Blb. Nr. 1 1 . Dieses Telegramm, das über die Ver- 
mittlungsvorschläge, die Bienvenu-Martin oben wiedergibt, berichtet, 
beginnt f olgendermassen : «Der deutsche Botschafter teilte mir die 
Ansicht der deutschen Regierung über die österreichischen Forderun- 
gen an Serbien mit. Ich höre, dass die deutsche Regierung dieselbe 
Mitteilung an die anderen Mächte richtete Die Mitteilung, die nach dem 
Gib. in England nicht gemacht wurde, wurde also in eben dem 
Gespräch gemacht, über das Bienvenu-Martin hier berichtet! 

4 ) Bienvenu-Martin gibt hier die Vermittlungsvorschläge dem 
Ministerpräsidenten als rein englische Vorschläge weiter. Wir haben 
S. 126 darauf hingewiesen, dass die Initiative von Frankreich ausging. 
Man wird vielleicht verstehen, dass Frankreich den Mächten gegenüber 
dieses Detail verschweigt, warum aber dem Ministerpräsidenten und den 
Botschaftern Frankreichs gegenüber? 



25. Juli 



139 



sem Falle genötigt sein, den Rückersatz aller unserer durch 
militärische Massnahmen verursachten Kosten und Schäden 
von Serbien zu verlangen. 1 ) 



Der russische G eschäftsträger in Wien, Fürst Kudascheff, an 
d en russischen Minister des Aeusseren, Sasonow. 

Orangebuch Nr. 12. 

Wien. 
Fortsetzung meines heutigen Telegrammes. Erhalte so- 
eben von Macchio negative Antwort der österreichisch-unga- 
rischen Regierung auf unsern Vorschlag, die Frist der Note 
zu verlängern. *) 



Der österreichis ch-ungarische Minister des Aeusseren, Graf 
Berchtold, an den österreichisch-ungarischen Botschafter 
in St. Petersburg, Graf Szäpäry. 

Rotbuch Nr. 21. 

Bad Ischl. 
Zu Euer Exzellenz Information und Regelung ihrer Berchtold wie- 

, derholt, dass 

bpraCfie : die Aktion in 

Der russische Geschäftsträger hat heute Vormittag beim oeSreeic™ 

Herrn Ersten Sektionschef vorgesprochen, um im Namen seiner Ungarn u. Ser- 
bien berührt. 

R b. Nr. 20. l ) Hierüber zwei Telegramme im Ob. Nr. 1 1 und 12. Nr. 1 1 
enthält Kudascheffs Mitteilung an Sasonow, dass er Berchtold, der in 
Ischl weile, telegraphiert habe. Nr. 12 folgt im Text. Der russi- 
sche Wunsch auf Fristverlängerung wurde von England unterstützt. 
Gre? erteilte dem Botschafter in Wien diesbezügliche Instruktionen, 
siehe Blb. 26 und Ob. 16. von Jagow gab den englischen Wunsch nach 
Fristverlängerung und den gleichen russischen Wunsch nach Wien 
weiter, Blb. 18 und Ob. 14. Der französische Botschafter erhielt von 
Bienvenu-Martin den Auftrag, auf Wunsch der russischen Regierung, 
die Demarche des russischen Botschafters zu unterstützen, Gib. 39. 
Dumaine telegraphierte, Gib. 45, zu der Demarche Kudascheffs, dass 
dieser von dem Schritt «keinerlei Wirkung erwartet» und dass 
Oesterreich entschlossen sei, keine Intervention anzunehmen. Das 
Telegramm Bienvenu-Martins erreicht ihn bei Ablauf der Frist. Dumaine 
telegraphiert darauf, Gib. 48, dass es jetzt unnötig sei, die Demarche 
zu unterstützen. 



Ob. Nr. 12. *) Siehe vorhergehendes Telegramm Berchtolds. 
In dem russischen Telegramm, so wie das Ob. es veröffentlicht, ist der 
äusserst wichtige Satz Berchtolds, dass Serbien auch nach Ablauf 
der Frist noch antworten könne, ausgelassen! 



140 



25. Juli 



Regierung den Wunsch auszudrücken, dass die in unserer Note 
an Serbien angegebene Frist verlängert werden möge. 

Dieses Ersuchen wurde damit begründet, dass die Mächte 
von unserem Schritt überrascht worden seien 1 ) und dass die 
russische Regierung es als eine natürliche Rücksicht des Wie- 
ner Kabinettes gegen die anderen Kabinette betrachten würde, 
wenn den 'letztem Gelegenheit gegeben Würde, die Grund- 
lagen unserer Mitteilung an die Mächte zu prüfen und das von 
uns in Aussicht gestellte Dossier zu studieren. 

Der Herr Erste Sektionschef antwortete dem Herrn Ge- 
schäftsträger, dass er seine Ausführungen sofort zu meiner 
Kenntnis bringen werde; er könne ihm aber schon jetzt sagen, 
dass keine Aussicht bestehe, dass eine Verlängerung der an- 
gegebenen Frist von unserer Seite gewährt würde. Was die 
Gründe anbelange, die die russische Regierung zur Erhärtung 
des von ihr vorgebrachten Wunsches angeführt habe, so schie- 
nen dieselben auf einer irrtümlichen Voraussetzung zu beruhen. 
Unsere Note an die Mächte hätte keineswegs den Zweck ver- 
folgt, dieselben einzuladen, ihre gegenständliche Auffassung 
bekannt zu geben, sondern nur den Charakter einer Informa- 
tion gehabt, die wir als Pflicht internationaler Höflichkeit ange- 
sehen hätten. Im übrigen betrachteten wir unsere Aktion als 
eine nur uns und Serbien berührende Ange- 
legenheit, zu der wir trotz unserer seit Jahren bekundeten 
Geduld und Langmut durch die Entwicklung der Verhältnisse 
zur Verteidigung unserer vitalsten Interessen sehr gegen un- 
seren Wunsch gezwungen worden sind. 



Sasonowappel- 
Uert von Neu- 
em anEnglands 
Unterstützung'. 



Der russische Minister des Aeusseren, Sasonow, an den rus- 
sischen Botschafter in London, Graf Benck endorff. 

Orangebuch Nr. 17. 

St. Petersburg. 
Im Falle einer neuen Verschärfung der Lage, die von 
Seiten der Grossmächte entsprechende Schritte hervorrufen 
könnte, rechnen wir darauf, dass England nicht zögern wird, 
sich klar auf die Seite Frankreichs und Russlands zu stellen 
zum Zwecke der Aufrechterhaltung des europäischen Gleich- 



R b. Nr. 20. J ) Die Telegramme vom 29. Juni bis 24. Juli be- 
weisen, dass die Dreiverbandsdiplomatie nicht im Geringsten von dem 
Schritt überrascht wurde. 



25. Juli 



141 



gewirihts, zugunsten dessen England ständig in der Vergangen- 
heit interveniert hat und das ohne jeden Zweifel im Falle 
eines österreichischen Triumphes erschüttert würde. 1 ) 



Der deutsche B otschafter in St. Petersburg, Graf Pourtales, 
überreicht dem russischen Minister des Aeusseren, 
Sasono w, folgende Verbalnote: 

Orangebuch Nr. 18. 

Von autoritativer Quelle erfahren wir, dass die in einigen 
Zeitungen verbreitete Nachricht, dass die Demarche der öster- 
reichisch-ungarischen Regierung auf Anregung Deutschlands 
unternommen sei, vollständig falsch ist. Die deutsche Regierung 
hatte keine Kenntnis vom Texte der österreichischen Note, 
ehe sie überreicht wurde, und hat keinerlei Einfluss 
auf ihren In (halt ausgeübt. Man hat Deutschland 
zu Unrecht eine drohende Haltung zugeschrieben. 

Deutschland unterstützt natürlich als Verbündeter die 
nach seiner Ansicht gerechtfertigten Forderungen des Wiener 
Kabinetts gegen Serbien. 

Vor allem wünscht Deutschland, wie es bereits vom 
Beginn des österreichisch-serbischen Streitfalles erklärt hat, 
dass dieser Konflikt lokalisiert bleibe. a ) 



Deutschland 
protestiert in 
St. Petersburg 
gegen die Auf- 
fassung, es sei 
an der öster- 
reichisch-un- 
garischen Ak- 
tion beteiligt 
gewesen. 



Der englische S taatssekretär des Aeusseren, Sir Edward 
Grey, an den englischen Geschäftsträger in Berlin, Sir 



H. Rumbold. 



Blaubuch Nr. 25. 



London. 
Der österreichisch-ungarische Botschafter ist ermächtigt Oesterreicn- 
worden, mir mitzuteilen, dass Oesterreichs Vorgehen nach London hSxM- 

gende Erklä- 

Ob. Nr. 17. J ) Dieses Telegramm ist als Antwort auf ein Tele- ran & en ab - 
gramm des russischen Botschafters in London aufzufassen, derauf Greys 
Wunsch die österreichische Interpretation der Frist — auch nach Ab- 
lauf kann weiterberaten werden — mitteilt und einen Vorschlag Greys 
bringt, falls die Fristverlängerung nicht zu erreichen ist, über den 
Einhalt der Feindseligkeiten zu diskutieren. Sasonow diskutiert diesen 
Vorschlag nicht. Er diskutiert überhaupt nicht mehr die Note und ihre 
Härten, sondern das « Gleichgewicht >, das jeden Triumph Oesterreichs 
ausschliessen müsse, selbst wenn also Serbiens Rechte gewahrt blieben. 



Ob. Nr. 18. ') Diese Erklärung wurde auch in London und 
Paris abgegeben, Blb. Nr. 25, Ob. Nr. 16, Gib. Nr. 36. 



142 



25. Juli 



Deutschland 

£rotestiert in 
iondon gegen 
die Annahme, 
dass es an dem 
Schritt in Bel- 
grad beteiligt 
gewesen sei. 



Gre y und Lich- 
nowsky stim- 
mendarinüber- 
ein, dass eine 
Vermittlung 
zwischen Wien 
und Belgrad 
ausgeschlos- 
sen und nur 
zwischen Wien 
und St. Peters- 
burg möglich 



Ablauf der Frist darin bestehen wird, dass es die diplomati- 
schen Beziehungen mit Serbien abbrechen und militärische 
Vorbereitungen, nicht aber militärische Operationen begin- 
nen wlir'de. Indem ich den deutschen Botschafter da- 
von verständigte, sagte ich, dass 'dies einen Zeitraum für die 
Mobilisation bedeute, ohne dass die Grenze überschritten 
werde, worauf ich schon gestern gedrungen hatte. 

Augenscheinlich seien wir jetzt dem Zeitpunkte der Mo- 
bilisation Oesterreich-Ungarns und Russlands nahe. Sollte diese 
stattfinden, so bestände die einzige Friedensaussicht darin, 
dass Deutschland, Frankreich, Italien und wir selbst von 
Oesterreich-Ungam und Russland verlangten, die Grenzen 
nicht zu überschreiten, bis wir Zeit gefunden hätten, zwischen 
ihnen zu vermitteln. 

Der deutsche Botschafter verlas mir ein Telegramm des 
Auswärtigen Amtes in Berlin des Inhalts, dass die deutsche 
Reichsregierung keine Kenntnis der österreichisch-ungarischen 
Note vor ihrem Erscheinen gehabt hätte und dass sie mit dem 
schroffen Ton des genannten Schriftstückes an Serbien nicht 
mehr zu tun habe als die andern Mächte; da aber nun ein- 
mal die Note abgegeben sei, könnte Oesterreich-Ungam die- 
selbe nicht wieder zurückziehen. 1 ) Fürst Lichnowsky meinte 
jedoch, dass wenn ich eine Vermittlung zwischen Russland 
und Oesterreich-Ungarn im Auge habe, Oesterreich die Ver- 
mittlung annehmen könne, ohne seiner Würde etwas zu ver- 
geben. Er erklärte, persönlich dem Vorschlage sympathisch 
gegenüberzustehen. 

Dieser Bemerkung stimmte ich bei und ich fügte hinzu, 
dass ich kein Recht habe, zwischen Oesterreich-Ungarn und 
Serbien zu vermitteln; sobald aber die Frage zwischen Oester- 
reich-Ungarn und Russland auftauchte, wäre der Frieden Eu- 
ropas gefährdet, und in diesem Fall müssten wir alle tätig sein. 

Idh betonte dem Botschafter gegenüber, dass, sollten 
Russland und Oesterreich-Ungarn mobilisieren, die Teilnahme 
Deutschlands an irgend einer diplomatischen Aktion für den 
Frieden wesentlich sein würde. Allein könnten wir nichts 
vollbringen. Die französische Regierung sei gegenwärtig auf 
Reisen und ich könne mich daher nicht mit ihr beraten, so 
dass ich ihrer Ansichten nicht sicher sei, aber ich wäre be- 
reit, wenn die deutsche Regierung meinem Vorschlag zustimme, 
der französischen Regierung mitzuteilen, dass ich es für das 
Richtige hielte, in diesem Sinne zu wirken. 



Blb. Nr. 25. ') Siehe Ob. Nr. 18. 



25. Juli 



143 



Der deutsche Reichskanzler, von Bethmann Hollweg, an den 
deutschen Botschafter in London, Fürst Lichnowsky. 



Weissbuch, Anlage 11 



Berlin. 



Die von Sir Edward Qrey zwischen österreichisoh-ser- Deutschland 
bischem und österreichisch-russischem Konflikte gemachte den Mächten 1 
Unterscheidung trifft vollkommen zu. Wir wollen ebenso- U nd S st e peters n 
wenig wie England uns in ersteren einmischen, und nach wie bürg zu ver- 
vor vertreten wir den Standpunkt, dass diese Frage dadurch 
lokalisiert bleiben muss, dass alle Mächte sich der Einmischung 
enthalten. Es ist deshalb unsere dringende Hoffnung, dass 
Russland sich eines jeden aktiven Eingriffs enthalten wird, 
im Bewusstsein seiner Verantwortung und des Ernstes der 
Situation. Wir sind, falls ein österreichisch-russischer Streit 
entstehen sollte, bereit, vorbehaltlich unserer bekannten Bünd- 
nispf lichten, zwischen Russland und Oesterreich 
mit den anderen Qrossmächten zusammen 
eine Vermittlung eintreten zu lassen. 



Der serbische Ministerpräsident und Minister des Aeusseren, 
Paschitch, an alle serbischen Gesandtschaften. 



Serbisches Blaubuch Nr. 38. 



Belgrad. 



Ich habe heute den Vertretern der befreundeten Staaten 1 ) 
die Grundlinien der Antwort der königlichen Regierung mit- 
geteilt. Ich habe ihnen gesagt, dass die Antwort ganz und gar 
versöhnlich sein wird und dass die serbische Regierung alle 
österreichisch-ungarischen Forderungen in dem Masse, in dem 
das möglich ist, annehmen wird. Die serbische Regierung hofft, 
dass die österreichisch-ungarische Regierung, wenn sie nicht 
eben um jeden Preis den Krieg wünscht, nicht umhin kann, 
die vollständige Genugtuung, die ihr die serbische Antwort 
gibt, anzuerkennen. 



Serbien teilt 
dem Dreiver- 
bande den In- 
halt seiner be- 
vorstehenden 
Antwort an 
Oesterreich- 
Ungarn mit. 



Serb.-Blb. Nr. 38. *) Die Vertreter der Dreiverbandstaaten, die 
also die serbische Antwort vor ihrer Ueberreichung kannten. 



144 



25. Juli 



Der österreichisch-ungarische Gesandte in Belgrad, Freiherr 
von Giesl, an den österreichisch-ungarischen Minister 
des Aeusseren, Graf Berchtold. 

Rotbuch Nr. 22. 

Belgrad. 
Regierung S be^ Ministerrat gestern abends und heute früh zusammen- 

reitet sich auf getreten, nach mehrfachen Versionen soll mir die Antwort auf 
vor. iegs a unsere Note noch vor Ablauf der Frist übergeben werden. Wie 
ich höre, wird Hofzug zusammengestellt; Geld der National- 
bank und der Eisenbahn sowie der Akten des Ministeriums des 
Aeusseren werden in das Innere des Landes gebracht. Einige 
meiner Kollegen sind der Auffassung, dass sie der Regierung 
folgen müssen, speziell auf der russischen Gesandtschaft wird 
gepackt. 

Garnison hat in Feldausrüstung Stadt verlassen. Muni- 
tionsdepots der Festung werden evakuiert. Am Bahnhof star- 
ker militärischer Verkehr. Die Sanitätskolonnen haben Belgrad 
in der Richtung nach Süden verlassen. In Befolgung der mir 
inzwischen zugekommenen Weisungen werden wir im Falle 
Abbruches mit dem Zuge 6 Uhr 30 von Belgrad abreisen. 



Der österreichisch-ungarische Gesandte in Belgrad, Freiherr 
von Giesl, an den österreichisch-ungarischen Minister 
des Aeusseren, Graf Berchtold. 

Rotbuch Nr. 23. 

S e m 1 in. 
Um 3 Uhr nachmittags wurde in Serbien die a 1 1 g e - 
seine Antwort meine Mobilisierung angeordnet. 

überreicht. 



Serbien mobili- 
siert, ehe es 



Der serbische M inisterpräsident und Minister des Aeusseren, 
Paschitch, überreicht dem österreichisch-ungarischen 
Gesandten, Freiherrn von Giesl, folgende Note: 



Paschitch 
überreicht 
Freiherrn von 
Giesl die ser- 
bische Ant- 
wortnote. 



Rotbuch Nr. 34 1 ). 

Die königliche Regierung hat die Mitteilung der k. und k. 
Regierung vom 10. dieses Monats erhalten und ist überzeugt, 



Rb. Nr. 34. J ) Der Text der serbischen Antwort ist in allen diplo- 
matischen Sammlungen enthalten. Die Anmerkungen der österreichisch- 
ungarischen Regierung, deren Wichtigkeit niemand verkennen kann, da 



25. Juli 145 

dass ihre Antwort jedes Missverständnis zerstreuen wird, das 
die freundnachbarlichen Beziehungen zwischen der österreichi- 
schen Monarchie und dem Königreich Serbien zu stören droht. 
Die Königliche Regierung ist sich bewusst, dass der 
grossen Nachbarmonarchie gegenüber bei keinem Anlass jene 
Proteste erneuert wiurden, die seinerzeit sowohl in der Skup- 
schtina als auch in Erklärungen und Handlungen der verant- 
wortlichen Vertreter des Staates zum Ausdruck gebracht wur- 
den und die durch die Erklärung der serbischen Regierung vom 
18. März 1909 ihren Abschkss gefunden haben, sowie weiter, 
dass seit jener Zeit wieder von den verschiedenen einander 
folgenden Regieruingen des Königreichs noch von deren Or- 
ganen der Versuch unternomimen wurde, den in Bosnien und 
der Herzegowina geschaffenen politischen und rechtlichen Zu- 
stand zu ändern. Die Königliche Regierung stellt fest, dass die 
k. und k. Regierung in dieser Richtung keinerlei Vorstellung 
erhoben hat, abgesehen von dem Falle eines Lehrbuchs, hin- 
sichtlich dessen die k. und k. Regierung eine vollkommen be- 
friedigende Aufklärung erhalten hat. Serbien hat während der 
Dauer der Balkankrise in zahlreichen Fällen Beweise für seine 
pazifistische und gemässigte Politik geliefert, und es ist nur 
Serbien und den Opfern, die es ausschliesslich im Interesse des 
europäischen Friedens gebracht hat, zu danken, wenn dieser 
Frieden erhalten geblieben ist. 

Anm. Die Königlich Serbische Regierung beschränkt sich darauf, fest- 
zustellen, dass seit Abgabe der Erklärung vom 18. März 1909 von Seiten der 
serbischen Regierung und ihrer Organe kein Versuch zur Aenderung der 
Stellung Bosniens und der Herzegowina unternommen wurde. Damit ver- 
schiebt sie in bewusst willkürlicher Weise die Grundlagen unserer Demarche, 
da wir nicht die Behauptung aufgestellt haben, dass sie und ihre Organe 
in dieser Richtung offiziell irgend etwas unternommen hätten. Unser Gra- 
vamen geht vielmehr dahin, dass sie es trotz der in der zitierten Note über- 
nommenen Verpflichtungen unterlassen hat, die gegen die territoriale Inte- 
_ grität der Monarc hie gerichtete Bewegung zu unter drücken. Ihre 



sie den ganzen österreichisch-serbischen Streitfall enthalten, sind ausser 
im Rb. und im deutschen Wb. nirgends veröffentlicht worden. Weder 
das Gelb-, noch das Blau-, das Orange-, Grau- und serbische Blau- 
buch gaben diese Anmerkungen wieder. Diese Anmerkungen wurden 
der serbischen Antwortnote beigefügt und dieses klare Dokument der 
österreichisch-serbischen Differenz am 27. Juli den österreichisch-un- 
garischen Botschaftern in Berlin, Rom, London, Paris und St. Peters- 
burg zugestellt und von diesen den betreffenden Regierungen über- 
mittelt. Dieses Dokument ist im Wb. als zweites Stück nach der Denk- 
schrift und im Rb. als Nummer 34 abgedruckt. Der Text der serbi- 
schen Antwortnote ohne Anmerkungen ist im Rb. als Nr. 25 verzeichnet. 
Wir geben hier der Einfachheit und des bessern Verständnisses halber 
bereits unter dem Datum des 25. Juli, in die serbische Note einge- 
schaltet, die österreichisch-ungarischen Anmerkungen vom 27. Juli; 
diese Anmerkungen sind durch kleinen Druck gekennzeichnet. Der 
obenstehende deutsche Text ist der des Weiss- und des Rotbuches. 



146 25. Juli- 



Verpflichtung bestand also darin, die ganze Richtung ihrer Politik zu ändern 
und zur österreichisch-ungarischen Monarchie in ein freundnachbarliches 
Verhältnis zu treten, nicht bloss die Zugehörigkeit Bosniens zur Monarchie 
offiziell nicht anzutasten. 

Die Königliche Regierung kann nicht für Aeusse- 
rungen privaten Charakters verantwortlich 
gemacht werden, wie es Zeitungsartikel und die fried- 
liche Arbeit von Gesellschaften sind, Aeusserumgen, die fast 
in allen Ländern ganz gewöhnliche Erscheinungen sind, und 
die sich im allgemeinen der staatlichen Kontrolle entziehen. 
Dies um so weniger, als die Königliche Regierung bei der 
Lösung einer ganzen Reihe von Fragen, die zwischen Serbien 
und Oesterreich-Ungarn aufgetaucht waren, grosses Entgegen- 
kommen bewiesen hat, wodurch es ihr gelungen ist, deren 
grösseren Teil zugunsten des Fortschritts der beiden Nachbar- 
länder zu lösen. 

A n m. Die Behauptung der Königlich Serbischen Regierung, dass die 
Aeusserungen der Presse und die Tätigkeit von Vereinen privaten Charak- 
ter haben und sich der staatlichen Kontrolle entziehen, steht in vollem 
Widerspruche zu den Einrichtungen moderner Staaten, selbst der freiheit- 
lichsten Richtung, auf dem Gebiete des Press- und Vereinsrechtes, das einen 
öffentlich-rechtlichen Charakter hat und Presse sowie Vereine der staat- 
lichen Aufsicht unterstellt. Uebrigens sehen auch die serbischen Einrich- 
tungen eine solche Aufsicht vor. Der gegen die serbische Regierung erho- 
bene Vorwurf geht eben dahin, dass sie es gänzlich unterlassen hat, ihre 
Presse und ihre Vereine zu beaufsichtigen, deren Wirkung im monarchie- 
feindlichen Sinne sie kannte. 

Die Königliche Regierung war deshalb durch die Behaup- 
tungen, dass Angehörige Serbiens an der Vorbereitung des in 
Serajewo verübten Attentats teilgenomimen hätten, schmerz- 
lich überrascht. Sie hatte erwartet, zur Mitwirkung bei den 
Nachforschungen über dieses Verbrechen eingeladen zu wer- 
den, und war bereit, um ihre vollkommene Korrektheit durch 
Taten zu beweisen, gegen alle Personen vorzugehen, hinsicht- 
lich welcher ihr Mitteilungen zugekommen wären. 

Anm. Diese Behauptung ist unrichtig. Die serbische Regierung war 
über den gegen ganz bestimmte Personen bestehenden Verdacht genau 
unterrichtet und nicht nur in der Lage, sondern auch nach ihren internen 
Gesetzen verpflichtet, ganz spontan Erhebungen einzuleiten. Sie hat 
in dieser Richtung gar nichts unternommen. 

Den Wünschen der k. und k. Regierung entsprechend ist 
die Königliche Regierung somit bereit, dem Gericht ohne Rück- 
sicht auf Stellung und Rang jeden serbischen Staatsangehörigen 
zu übergeben, für dessen Teilnahme an dem Serajewoer Ver- 
brechen ihr Beweise geliefert Werden sollten. 
Sie verpflichtet sich insbesondere auf der ersten Seite des 
Amtsblatts vom 13./26. Juli folgende Enuntiation zu veröffent- 
lichen : Die Königliche Serbische Regierung verurteilt jede 
Propaganda, die gegen Oesterreich-Ungarn gerichtet 
sein sollte, das heisst die Gesamtheit der Bestrebungen, 



25. Juli H7 



die in letzter Linie auf die Losreissung einzelner Gebiete von 
der österreichisch-ungarischen Monarchie abzielen, und sie be- 
dauert aufrichtig die traurigen Folgen dieser verbrecherischen 
Machenschaften. 

Anm. Unsere Forderung lautete: „Die Königlich-Serbische Regierung 
verurteilt die gegen Oesterreich -Ungarn gerichtete Propa- 
ganda . . . " Die von der Königlich-Serbischen Regierung vorgenommene 
Aenderung der von uns geforderten Erklärung will sagen, dass eine solche 
gegen Oesterreich-Ungarn gerichtete Propaganda nicht besteht, oder dass 
ihr eine solche nicht bekannt ist. Diese Formel ist unaufrichtig und hinter- 
hältig, da sich die serbische Regierung damit für später die Ausflucht reser- 
viert, sie hätte die derzeit bestehende Propaganda durch diese Erklärung 
nicht desavouiert und nicht als monarchiefeindlich anerkannt, woraus sie 
weiter ableiten könnte, dass sie zur Unterdrückung einer der jetzigen Pro- 
paganda gleichen nicht verpflichtet sei. 

Die Königliche Regierung bedauert, dass laut der Mit- 
teilung der k. und k. Regierung gewisse serbische Offiziere und 
Funktionäre an der eben genannten Propaganda mitgewirkt, 
und dass diese damit die freundschaftlichen Beziehungen ge- 
fährdet hätten, zu deren Beobachtung sich die Königliche Re- 
gierung durch die Erklärung vom 31. März 1909 feierlich ver- 
pflichtet hatte. Die Regierung .... (gleichlautend mit dem ge- 
forderten Text). 

A n m. Die von uns geforderte Formulierung lautete ; „Die Königliche 
Regierung bedauert, dass serbische Offiziere und Funktionäre . . . mitge- 
wirkt haben . . ." Auch mit dieser Formulierung und dem weiteren Beisatz 
„laut der Mitteilung der k. und k. Regierung" verfolgt die serbische Regie- 
rung den bereits oben angedeuteten Zweck, sich für die Zukunft freie Hand 
zu wahren. 

Die Königliche Regierung verpflichtet sich weiter : 
1. Anlässlich des nächsten ordnumgsmässigen Zusammen- 
tritts der Skuipsohtina in das Pressgesetz eine Bestimmung ein- 
zuschalten, wonach die Aufreizung zum Hasse und zur Verach- 
tung gegen die Monarchie sowie jede Publikation strengstens 
bestraft würde, deren allgemeine Tendenz gegen die territoriale 
Integrität Oesterreichs-Ungarn gerichtet ist. Sie verpflichtet 
sich, anlässlich der demnächst erfolgenden Revision der Ver- 
fassung in den Artikel XXII des Verfassungsgesetzes einen 
Zusatz aufzunehmen, der die Konfiskation derartiger Publika- 
tionen gestattet, was nach den klaren Bestimmungen des Ar- 
tikels XXII der Konstitution derzeit unmöglich ist. 

Anm. Wir hatten gefordert: 

1. „Jede Publikation zu unterdrücken, die zum Hasse und zur Verach- 
tung der Monarchie aufreizt und deren Tendenz gegen die territoriale In- 
tegrität der Monarchie gerichtet ist." 

Wir wollten also die Verpflichtung Serbiens herbeiführen, dafür zu sorgen, 
dass derartige Pressangriffe in Hinkunft unterbleiben; wir wünschten also 
einen bestimmten Erfolg auf diesem Gebiete sichergestellt zu wissen. Statt 
dessen bietet uns Serbien die Erlassung gewisser Gesetze an, welche als 
Mittel zu diesem Erfolge dienen sollen, und zwar: 

a) Ein Gesetz, womit die fraglichen monarchiefeindlichen Pressäusse- 
rungen subjektiv bestraft werden sollen, was uns ganz gleichgültig ist, um 
so mehr, als bekanntermassen die subjektive Verfolgung von Pressdelikten 



148 25. Juli 



äusserst selten möglich ist, und bei einer entsprechend laxen Behandlung- 
eines solchen Gesetzes auch die wenigen Fälle dieser Art nicht zur Bestra- 
fung kommen würden ; also ein Vorschlag, der unseren Forderungen in keiner 
Weise entgegenkommt, daher uns nicht die geringste Garantie für den von 
uns gewünschten Erfolg bietet; 

b) ein Nachtragsgesetz zu Artikel XXII der Konstitution, dass die Kon- 
fiskation gestattet würde — ein Vorschlag, der uns gleichfalls nicht befrie- 
digen kann, da der Bestand eines solchen Gesetzes in Serbien uns nichts 
nützt, sondern nur die Verpflichtung der Regierung, es auch anzuwenden, 
was uns aber nicht versprochen wird. 

Diese Vorschläge sind also vollkommen unbefriedigend — dies um so 
mehr, als sie auch in der Richtung evasiv sind, dass uns nicht gesagt wird, 
innerhalb welcher Frist diese Gesetze erlassen würden, und dass im Falle 
der Ablehnung der Gesetzesvorlagen durch die Skupschtina — von der even- 
tuellen Demission der Regierung abgesehen — alles beim alten bliebe. 

2. Die Regierung besitzt keinerlei Beweise dafür, und 
auch die Note der k. und k. Regierung liefert ihr keine solchen, 
dass der Verein « Narodna Odbrana » und andere ähnliche 
Gesellschaften bis zum heutigen Tage durch eines ihrer Mit- 
glieder irgendwelche verbrecherischen Handlungen dieser Art 
begangen hätten. Nichtsdestoweniger wird die Königliche Re- 
gierung die Forderung der k. und k. Regierung annehmen und 
die Gesellschaft « Narodna Odbrana » sowie jede Gesellschaft, 
die gegen Oesterreich-Ungarn wirken sollte, auflösen. 

A n m. Die monarchiefeindliche Propaganda der „Narodna Odbrana" und 
der ihr affilierten Vereine erfüllt in Serbien das ganze öffentliche Leben; 
es ist daher eine ganz unzulässige Reserve, wenn die serbische Regierung 
behauptet, dass ihr darüber nichts bekannt ist. Ganz abgesehen davon ist 
die von uns aufgestellte Forderung nicht zur Gänze erfüllt, da wir überdies 
verlangt haben: die Propagandamittel dieser Gesellschaft zu konfiszieren; 
die Neubildung der aufgelösten GeseUschaften unter anderem Namen und 
in anderer Gestalt zu verhindern. 

In diesen beiden Richtungen schweigt das Belgrader Kabinett vollkom- 
men, so dass uns auch durch die gegebene halbe Zusage keine Garan- 
tie dafür geboten ist, dass dem Treiben der monarchief eindlichen 
Assoziationen, insbesondere der „Narodna Odbrana", durch deren Auflösung 
definitiv ein Ende bereitet wäre. 

3. Die Königlich Serbische Regierung verpflichtet sich 
Ohne Verzug aus dem öffentlichen Unterricht in Serbien alles 
auszuscheiden, was die gegen Oesterreich-Ungarn gerichtete 
Propaganda fördern könnte, falls ihr die k. und k. Regie- 
rung tatsächliche Beweise für diese Propa- 
ganda 1 i e f e r t. 

A n m. Auch in diesem Falle verlangt die serbische Regierung erst Be- 
weise dafür, dass im öffentlichen Unterrichte Serbiens eine monarchiefeind- 
liche Propaganda getrieben wird, während sie doch wissen muss, dass die 
bei den serbischen Schulen eingeführten Lehrbücher in dieser Richtung zu 
beanstandenden Stoff enthalten, und dass ein grosser Teil der serbischen 
Lehrer im Lager der „Narodna Odbrana" und der ihr affilierten Vereine 
steht. — Uebrigens hat die serbische Regierung auch hier einen Teil unserer 
Forderungen nicht so erfüllt, wie wir es verlangt haben, indem sie in ihrem 
Texte den von uns gewünschten Beisatz „sowohl was den Lehrkörper, als 
auch was die Lehrmittel anbelangt", weglies s. — ein Beisatz, welcher 
ganz klar zeigt, wo die monarchiefeindliche Propaganda in der serbischen 
Schule zu suchen ist. 

4. Die Königliche Regierung ist auch bereit, jene Offiziere 
und Beamten aus dem Militär- und Zivildienst zu entlassen, 



25. Juli 149 

hinsichtlich welcher durch gerichtliche Untersuchung fest- 
gestellt wird, dass sie sich Handlungen gegen die territoriale 
Integrität der Monarchie haben zuschulden kommen lassen; sie 
erwartet, dass ihr die k. und k. Regierung zwecks Einleitung 
des Verfahrens die Namen dieser Offiziere und Beamten und 
die Tatsachen mitteilt, welche denselben zur Last gelegt 
werden. 

Anm. Indem die Königlich Serbische Regierung die Zusage der Ent- 
lassung der fraglichen Offiziere und Beamten aus dem Militär- und Zivildienst 
an den Umstand knüpft, dass diese Personen durch ein Gerichtsverfahren 
schuldig befunden werden, schränkt sie ihre Zusage auf jene Fälle ein, in 
denen diesen Personen ein strafgesetzlich zu ahndendes Delikt zur Last liegt. 
Da wir aber die Entfernung jener Offiziere und Beamten verlangen, die mo- 
narchiefeindliche Propaganda betreiben, was ja im allgemeinen in Serbien 
kein gerichtlich strafbarer Tatbestand ist, erscheinen unsere Forderungen 
auch in diesem Punkte nicht erfüllt. 

5. Die Königliche Regierung muss bekennen, dass sie sich 
über den Sinn und die Tragweite jenes Begehrens der k. und k. 
Regierung nicht volle Rechenschaft geben kann, welches dahin 
geht, dass die Königlich Serbische Regierung sich verpflichten 
soll, auf ihren Gebieten die Mitwirkung von Organen der k. und 
k. Regierung zuzulassen, doch erklärt sie, dass sie jede Mit- 
wirkung anzunehmen bereit wäre, welche den Grundsätzen des 
Völkerrechts und des Strafprozesses sowie den freundnach- 
barlichen Beziehungen entsprechen würde. 

Anm. Mit dieser Frage hat das allgemeine Völkerrecht ebensowenig 
etwas zu tun wie das Strafprozessrecht : Es handelt sich um eine Ange- 
legenheit rein staatspolizeilicher Natur, die im Wege einer besonderen Ver- 
einbarung zu lösen ist. Die Reserve Serbiens ist daher unverständlich und 
wäre bei ihrer vagen allgemeinen Form geeignet, zu unüberbrückbaren 
Schwierigkeiten bei Abschluss des zu treffenden Abkommens zu führen. 

6. Die Königliche Regierung hält es selbstverständlich für 
ihre Pflicht, gegen alle jene Personen eine Untersuchung ein- 
zuleiten, die an dem Komplott vom 15./28. Juni beteiligt waren 
oder beteiligt gewesen sein sollen und die sich auf ihrem Ge- 
biete befinden. Was die Mitwirkung von hierzu speziell dele- 
gierten Organen der k. und k. Regierung an dieser Unter- 
suchung anbelangt, so kann sie eine solche nichtanneh- 
m e n , da dies eine Verletzung der Verfassung und des Straf- 
prozessgesetzes wäre. Doch könnte den österreichisch-unga- 
rischen Organen in einzelnen Fällen Mitteilung von den Ergeb- 
nissen der Untersuchung gemacht werden. 

A n m. Unser Verlangen war ganz klar und nicht zu missdeuten. Wir 
begehrten 1. Einleitung einer gerichtlichen Untersuchung gegen die Teil- 
nehmer des Komplotts, 2. Teilnahme von k. und k. Organen an den hierauf 
bezüglichen Erhebungen (Recherche im Gegensatz zu enquete judicaire), 
3. es ist uns nicht beigefallen, k. und k. Organe an dem serbi- 
schen Gerichtsverfahren teilnehmen zu lassen : Sie sollten nur an 
den polizeilichen Vorerhebungen mitwirken, welche das Material für die 
Untersuchung herbeizuschaffen und sicherzustellen hatten. Wenn die ser- 
bische Regierung uns hier missversteht, so tut sie dies bewusst, denn der 
Unterschied zwischen enquete judicaire und den einfachen Recherchen muss 



150 25. Juli 



ihr geläufig sein. Da sie sich jeder Kontrolle des einzuleitenden Verfahrens 
zu entziehen wünschte, das bei korrekter Durchführung höchst unerwünschte 
Ergebnisse für sie liefern würde, und da sie keine Handhabe besitzt, in plau- 
sibler Weise die Mitwirkung unserer Organe an dem polizeilichen Verfahren 
abzulehnen (Analogien für solche polizeilichen Interventionen bestehen in 
grosser Menge), hat sie sich auch auf einen Standpunkt begeben, der ihrer 
Ablehnung den Schein der Berechtigung geben und unserem Verlangen den 
Stempel der Unerfüllbarkeit aufdrücken soll. 

7. Die Königliche Regierung hat noch am Abend des 
Tages, an dem ihr die Note zukam, die Verhaftung des Majors 
Voislar Tankkosic verfügt. Was aber den Milan Ciganovic an- 
belangt, der ein Angehöriger der österreichisch-ungarischen 
Monarchie ist, und der bis zum 15. Juni (als Aspirant) bei der 
Eisenbahndirektion bedienstet war, so konnte dieser bisher 
nicht ausgeforscht werden, weshalb ein Steckbrief gegen ihn 
erlassen wurde. — Die k. und k. Regierung wird gebeten, 
zwecks Durchführung der Untersuchung sobald als möglich die 
bestehenden Verdachtsgründe und die bei der Untersuchung 
in Serajewo gesamimelten Schuldbeweise in der bezeichneten 
Form bekanntzugeben. 

Anm. Diese Antwort ist hinterhältig. Ciganovic ging laut der von uns 
veranlassten Nachforschung drei Tage nach dem Attentat, als bekannt 
wurde, dass Ciganovic an dem Komplotte beteiligt war, auf Urlaub und be- 
gab sich im Auftrag der Polizeipräfektur in Belgrad nach Ribari. Es ist also 
zunächst unrichtig, dass Ciganovic schon am 15./28. Juni aus dem serbischen 
Staatsdienst schied. Hierzu kommt, dass der Polizeipräfekt von Belgrad, der 
die Abreise des Ciganovic selbst veranlasst hat und der wusste, wo dieser 
sich aufhielt, in einem Interview erklärte, ein Mann namens Milan Ciganovic 
existiere in Belgrad nicht. 

8. Die Serbische Regierung wird die bestehenden Mass- 
nahmen gegen die Unterdrückung des Schmuggeins von Waffen 
und Explosivstoffen verschärfen und erweitern. Es ist selbst- 
verständlich, dass sie sofort eine Untersuchung einleiten und 
jene Beamte des Grenzdienstes in der Linie Sabac-Loznica 
streng bestrafen wird, die ihre Pflicht verletzt und die Urheber 
des Verbrechens die Grenze haben überschreiten lassen. 

9. Die Königliche Regierung ist gerne bereit, Aufklärungen 
über die Aeusserungen zu geben, welche ihre Beamten in Ser- 
bien und im Auslande nach dem Attentat in Interviews gemacht 
haben und die nach der Behauptung der k. und k. Regierung 
der Monarchie feindselig waren, sobald die k. und k. Regierung 
die Stellen dieser Ausführungen bezeichnet und bewiesen haben 
wird, dass diese Aeusserungen von den betreffenden Funktio- 
nären tatsächlich gemacht worden sind. Die Königliche Regie- 
rung wird selbst Sorge tragen, die nötigen Beweise und Ueber- 
führungsmittel hierfür zu sammeln. 

Anm. Der Königlich Serbischen Regierung müssen die bezüglichen In- 
terviews ganz genau bekannt sein. Wenn sie von der k. und k. Regierung 
verlangt, dass diese ihr allerlei Details über diese Interviews liefere und 
sich eine förmliche Untersuchung hierüber vorbehält, zeigt sie, dass sie 
auch die Forderung nicht ernstlich erfüllen will. 



25. Juli 



151 



10. Die Königliche Regierung wird, sofern dies nicht schon 
in dieser Note geschehen ist, die k. und k. Regierung von der 
Durchführuing der in den vorstehenden Punkten enthaltenen 
Massnahmen in Kenntnis setzen, sobald eine dieser Massregeln 
angeordnet und durchgeführt wird. 

Die Königlich Serbische Regierung glaubt, dass es im 
gemeinsamen Interesse liegt, die Lösung dieser Angelegenheit 
nicht zu überstürzen und ist daher, falls sich die k. und k. Re- 
gierung durch diese Antwort nicht für befriedigt erachten sollte, 
wie immer bereit, eine friedliche Lösung anzunehmen, sei es 
durch Uebertragung der Entscheidung dieser Frage an das 
Internationale Gericht im Haag, sei es durch Ueberlassung der 
Entscheidung an die Grossmächte, welche an der Ausarbeitung 
der von der serbischen Regierung am 18./31. März 1909 ab- 
gegebenen Erklärung mitgewirkt haben. 2 ) 



Der österreichisc h-ungarische Gesandte in Belgrad, Freiherr 
von Giesl, an den serbischen Ministerpräsidenten und 
Minister des Aeusseren, Paschi tch. 

Serbisches Blaubuch Nr. 40. 

Belgrad. 

Da die Frist, die in der von mir im Namen meiner Re- 
gierung Seiner Exzellenz Herrn Patsdhu vorgestern, Donners- 
tag um 6 Uhr Nachmittag überreichten Note festgesetzt war, 
abgelaufen ist und ich keine befriedigende Antwort erhalten 
habe, beehre ich mich, Eurer Exzellenz mitzuteilen, dass ich 
heute Abend Belgrad mit dem Personal der k. und k. Gesandt- 
schaft verlassen werde. 

Der Schutz der k. und k. Gesandtschaft mit allem was zu 
ihr gehört, mit ihren Annexen und Archiven, wie auch der 
Schutz der österreichischen Interessen und Untertanen werden 
der kaiserlich deutschen Gesandtschaft anvertraut. 

Die Kanzler Ferdinand Jovanowitsch und Milan Meko- 
witsch, die in Belgrad bleiben, werden der kaiserlich deutschen 
Gesandtschaft zugeteilt. 



R b. Nr. 34. 2 ) In dieser Schlusswendung ist die wiederholt von 
Sasonow vertretene Auffassung wieder zu erkennen. 

Der Dreiverband erklärte, dass Serbien die Note der öster- 
reichisch-ungarischen Regierung so gut wie vollständig angenommen 
habe. Aus dem obenstehenden Dokument geht ohne weiteres hervor, 
dass Serbien von den 10 Forderungen nur eine (Punkt 8) annahm, die 
andern zum Teil ablehnte oder auch sehr wesentlich abänderte oder 
wichtige Vorbehalte daran knüpfte. 



Freiherr von 
Giesl erklärt 
die Antwort für 
ungenügend 
und zeigt der 
serbischen Re- 
gierung den 
Bruch der di- 
plomatischen 
Beziehungen 
an. 



152 



25. Juli 



Schliesslich stelle ich fest, dass mit dem Augenblicke, in 
dem Eure Exzellenz diesen Brief erhalten, der Bruch der 
diplomatischen Beziehungen zwischen Serbien und 
Oesterreich-Ungarn den Charakter eines fait accompli an- 
nimmt. 1 ) 



Freiherr von 
Giesl verlässt 
Belgrad. 



Der österreichis ch-ungarische Gesandte in Belgrad, Freiherr 
von Giesl, an den österreichisch-ungarischen Minister 
des Aeusseren, Graf Berchtold. 

Rotbuch Nr. 24. 

S e m lin. 
loh habe infolge ungenügender Antwort der königlich ser- 
bischen Regierung auf unsere am 23. letzten Monats gestellten 
Forderungen die diplomatischen Beziehungen mit Serbien für 
abgebrochen erklärt und mit Personal der Gesandtschaft Bel- 
grad verlassen. 

Die Antwortnote wurde mir 2 Minuten vor 6 Uhr abends 
übergeben. 



Serbien zeigt 
den Mächten 
die Ablehnung 
der Antwort- 
note an. 



Der serbische Ministerpräsident und Minister des Aeusseren, 
Paschitch, an alle serbischen Gesandtschaft en. 

Serbisches Blaubuch Nr. 41. 

Belgrad. 
Ich habe heute Nachmittag um 5 3 / 4 Uhr die Antwort auf 
die österreichisch-ungarische Note überreicht. Sie erhalten 
heute Abend den vollständigen Text. Sie werden daraus er- 
sehen, dass wir bis an die äusserste Grenze gegangen sind, 
soweit wir nur gehen konnten. Als der österreichisch-ungarische 
Gesandte die Note empfing, erklärte er, er müsse sie mit seinen 
Instruktionen vergleichen und er würde sofort seine Antwort 
erteilen. Als ich auf die Gesandtschaft zurückkehrte, teilte mir 
der österreichisch-ungarische Gesandte sofort mit, dass ihn 
unsere Antwort nicht befriedige und dass er am selben Abend 
Belgrad mit dem ganzen Gesandtschaftspersonal verlassen 
werde. Er überträgt dem deutschen Gesandten den Schutz der 
Gesandtschaft mit allem Mobiliar und den Archiven, sowie 
den Schutz der österreichisch-ungarischen Untertanen und In- 

Serb. Blb. Nr. 40. *) Es handelte sich also nur um den Abbruch 
der diplomatischen Beziehungen und nicht um eine Kriegserklärung. 
Oesterreich-Ungarn blieb also der angekündigten versöhnlichen Hal- 
tung treu. 



25. Juli 



153 



teressen in Serbien. Schliesslich erklärte er, dass durch die 
Ueberreichung seines Briefes die diplomatischen Beziehungen 
zwischen Serbien und Oesterreich-Ungarn vollständig abge- 
brochen seien. 

Die Königliche Regierung hat die Skupschtina für den 
21. Juli nach Nisch einberufen, wohin heute abend alle Mini- 
sterien mit ihrem Personal abreisen. Im Namen des Königs hat 
der Kronprinz den Mobilmachungsbefehl des Heeres unter- 
zeichnet; morgen oder übermorgen wird eine Proklamation 
erscheinen, in der alle Bürger, die nicht zum Militär gehören, 
ersucht werden, ruhig an ihren Wohnsitzen zu bleiben und 
die Militärpflichtigen aufgefordert werden, zu ihren Fahnen zu 
eilen und Serbien mit allen ihren Kräften zu verteidigen, falls 
es angegriffen wird. 



Der österreichis ch-ungarische Minister des Aeusseren, Graf 
Berchtold, an den österreichisch-ungarischen Botschafter 
in St. Petersburg, Graf Szäpäry. 

Rotbuch Nr. 26. 

Wien. 

In dem Augenblicke, wo wir uns zu einem ernsten Vor- 
gehen gegen Serbien entschlossen haben, sind wir uns natür- 
lich auch der Möglichkeit eines sich aus der serbischen Diffe- 
renz entwickelnden Zusammenstosses mit Russ- 
land bewusst gewesen. Wir konnten uns aber durch diese 
Eventualität nicht in unserer Stellungnahme gegenüber Serbien 
beirren lassen, weil grundlegende staatspolitische Konside- 
rationen uns vor die Notwendigkeit stellten, der Situation ein 
Ende zu machen, dass einrussischerFreibrief Serbien 
die dauernde, ungestrafte und unstrafbare Bedrohung der Mo- 
narchie ermögliche. 

Für den Fall, dass Russland den Moment für 
die grosse Abrechnung mit den europäischen 
Zentral mächten bereits für gekommen er- 
achten sollte und daher von vorneherein zum Krieg ent- 
schlossen wäre, erscheint allerdings nachstehende Instruierung 
Euer Exzellenz überflüssig. 

Es wäre aber immerhin denkbar, dass Russland, nach der 
eventuellen Ablehnung unserer Forderungen durch Serbien und 
angesichts der sich für uns ergebenden Notwendigkeit eines 
bewaffneten Vorgehens, mit sich selbst zu Rate ginge und dass 
es sogar gewillt sein könnte, sich von den kriegslustigen Ele- 
menten nicht hinreissen zu lassen. 



Oesterreich 
will sich durch 
dieMöglichkeit 
eines Konflik- 
tes mit Russ- 
land nicht ein- 
schüchtern 
lassen. 



11 



154 



25. Juli 



Berchtold 
hofft, dass 
Russland 
durch die terri- 
toriale Unei- 
gennützigkeit 
Oesterreich- 
Ungarns beru- 
higt werde. 



Sz?päry möge 
Sasonow auf 
das Dossier 
aufmerksam 
machen. 



Dieser Situation sind die nachfolgenden Darlegungen an- 
gepasst, die Euer Exzellenz im gegebenen Moment und in der 
Ihnen geeignet erscheinenden Weise und nach der von Ihnen 
zu ermessenden Opportunität bei Herrn Sasonow und dem 
Herrn Ministerpräsidenten verwerten wollen : 

Ich setze im allgemeinen voraus, dass Euer Exzellenz 
unter den gegenwärtigen Verhältnissen ein enges Einver- 
nehmen mit Ihrem deutschen Kollegen hergestellt haben, der 
seitens seiner Regierung gewiss beauftragt worden sein dürfte, 
der russischen Regierung keinen Zweifel darüber zu lassen, 
dass Oesterreich-Ungarn im Falle eines Konfliktes mit Russ- 
land nicht allein stehen würde. 

Darüber gebe ich mich keiner Illusion hin, dass es nicht 
leicht sein wird, für unsern unvermeidlich gewordenen Schritt 
in Belgrad bei Herrn Sasonow Verständnis zu finden. 

Es gibt aber ein Moment, das seinen Eindruck auf den 
russischen Minister des Aeusseren nicht verfehlen kann, und das 
ist die Betonung des Umistandes, dass die österreichisch-unga- 
rische Monarchie, dem von ihr seit Jahrzehnten fest gehaltenen 
Grundsätze entsprechend, auch in der gegenwärtigen Krise und 
bei der bewaffneten Austragung des Gegensatzes zu Serbien 
keinerlei eigennützige Motive verfolgt. 

Die Monarchie ist territorial saturiert und trägt nach ser- 
bischem Besitz kein Verlangen. Wenn der Kampf mit Serbien 
uns aufgezwungen wird, so wird dies für uns kein Kampf um 
territorialen Gewinn, sondern lediglich ein Mittel der Selbst- 
verteidigung und Selbsterhaltiing sein. 

Der Inhalt des Zirkularerlasses, der an sich schon beredt 
genug ist, wird in das rechte Licht gerückt durch das Dossier 
über die serbische Propaganda gegen die Monarchie und die 
Zusammenhänge, die zwischen dieser Propaganda und dem 
Attentat vom 28. Juni bestehen. 

Auf dieses Dossier wollen Euer Exzellenz die Aufmerk- 
samkeit des Herrn russischen Ministers ganz speziell lenken 
und dartun, es sei eine in der Geschichte singulare Erscheinung, 
dass eine Grossmaclit die aufrührerischen Umtriebe eines an- 
grenzenden kleinen Staates durch so lange Zeit mit so bei- 
spielloser Langmut geduldet hätte wie Oesterreich-Ungarn jene 
Serbiens. 

Wir wollten keine Politik gegen das Aufstreben der christ- 
lichen Balkanstaaten machen und haben daher — trotzdem 
uns der geringe Wert serbischer Versprechungen bekannt war 
— nach der Annexionskrise vom Jahre 1908 zugelassen, dass 
sich Serbien beinahe um das Doppelte vergrössere. 



25. Juli 



155 



Seitdem hat die subversive Bewegung, die in Serbien ^onarcwsche^ 
gegen die Monarchie genährt wind, so exzessive Formen an- weitanschau-_ 
genommen, dass die Lebensinteressen Oesterreieh-Ungarns sehen Regte- 1 " 
und selbst unserer Dynastie durch die serbische Wühlarbeit rung - 
bedroht erscheinen. 

Wir müssen annehmen, dass das konservative, kaiser- 
treue Russland ein energisches Vorgehen unsererseits gegen 
diese Bedrohung aler staatlichen Ordnung begreiflich und so- 
gar notwendig finden wird. 

Wenn Euer Exzellenz in Ihrem Gespräch mit Herrn Sa- 
sonow an diesem Punkte angelangt sein werden, wird der 
Moment gekommen sein, an die Aufstellung unserer Beweg- 
gründe und Absichten den Hinweis zu knüpfen, dass wir zwar 
— wie Euer Exzellenz bereits in der Lage gewesen wären 
darzulegen — keinen territorialen Gewinn anstreben und auch 
die Souveränität des Königreiches nicht anzutasten gedächten, 
dass wir aber andererseits zur Durchsetzung unserer For- 
derungen bis zum Aeussersten gehen würden. 

Dass Wir bisher, soweit es an uns lag, bestrebt waren, 
den Frieden zu erhalten, den auch wir als das kostbarste Gut 
der Völker betrachten, zeige der Verlauf der letzten 40 Jahre 
und die geschichtliche Tatsache, dass unser Aller- 
gnädigster Herr sich den glorreichen Namen 
eines Hüters des Friedens erworben hat. 

Wir würden eine Störung des europäischen Friedens 
schon deshalb auf das lebhafteste bedauern, weil wir stets 
der Ansicht waren, dass das Erstarken der Balkanstaaten zur 
staatlichen und politischen Selbständigkeit unseren Beziehun- 
gen zu Russland zum Vorteil gereichen würde, auch alle Mög- 
lichkeit eines Gegensatzes zwischen uns und Russland be- 
seitigen würden und weil wir immer bereit waren, die grossen 
politischen Interessen Russlands bei unserer eigenen politischen 
Orientierung zu berücksichtigen. 

Eine weitere Duldung der serbischen Umtriebe würde 
unsere staatliche Existenz untergraben und unseren Bestand 
als Grossmacht, daher auch das europäische Gleichgewicht, 
in Frage stellen. Wir sind aber überzeugt, dass es Russlands 
eigenstes, von seinen friedlichen Staatsleitern wohlverstan- 
denes Interesse ist, dass das gegenwärtige europäische, für 
den Weltfrieden so nützliche Gleichgewicht erhalten bleibe. 
Unsere Aktion gegen Serbien, in welcher Form immuer sie 
erfolgt, ist eine durchaus konservative und ihr Zweck die not- 
wendige Erhaltung unserer europäischen Stellung. 



Die Persön- 
lichkeit Kaiser 
Franz-Josephs 
bürgt für die 
österreichisch- 
ungarische 
Friedens- 
politik. 



156 



25. Juli 



Der englische Staatssekretär des Aeusseren, Sir Ed ward Grey, 
an den englischen Botschafter in Paris, den englischen 
Geschäftsträger in Berlin und den englischen Bo tschafter 
in St. Petersburg. 

Blaubuch Nr. 27. 

London. 
dass y dle ü serbi- 1'°^ habe dem deutschen Botschafter die voraussichtliche 

Äac n hT or z(£ ser ^ )is ' c ' 1 ' e Antwortnote, wie sie in Herrn Crackanthorpes heuti- 
gen r werdl. ezc gern Telegramm 1 ) enthalten ist, mitgeteilt. Ich sagte, ich hoffe, 
dass, falls die in Wien erfolgte serbische Antwort dieser Voraus- 
sicht entspricht, die deutsche Regierung sich in der Lage sieht, 
die österreichische Regierung dahin zu beeinflussen, dass sie 
die Note günstig aufnimmt. 2 ) 



Berchtold er- 
läutert den 
Punkt 5 ; er be- 
rührt nicht die 
serbische 
Souveränität. 



Der österreichisc h-ungarische Minister des Aeusseren, Graf 
Berchtold, an den österreichisch-ungarischen Botschafter 
in St. Petersburg, Graf Szäpäry. 

Rotbuch Nr. 27. 

Wien. 
Da Punkt 5 unserer Forderungen, nämlich die Beteiligung 
von k. und k. Funktionären bei der Unterdrückung der sub- 
versiven Bewegung in Serbien, besonderen Widerspruch 
Herrn Sasonows hervorgerufen, wollen Euer Exzellenz sich 
über diesen Punkt streng vertraulich dahin äussern, dass des- 
sen Einschaltung lediglich praktischen Rücksichten entsprang 
und keineswegs der Absicht, die Souveränität Serbiens zu 
tangieren. Wir denken bei Punkt 5 «collaboration» an die Er- 
richtung eines geheimen « bureau de sürete » in Belgrad, wel- 
ches nach Art der analogen russischen Einrichtungen in Paris 
funktionieren und mit der serbischen Polizei und Verwaltungs- 
behörde kooperieren würde. x ) 



Blb. Nr. 27. l ) Bezieht sich auf ein Telegramm des englischen 
Geschäftsträgers in Belgrad, das den Inhalt der serbischen Antwortnote 
angibt. Blb. Nr. 21. 

2 ) Dieses Telegramm erweckt naturgemäss den Anschein als 
habe Grey mit Lichnowsky eine Unterredung gehabt. Es handelte sich 
jedoch nur um eine schriftliche Mitteilung, wie aus Rb. Nr. 21 hervorgeht. 

Rb. Nr. 27. ] ) Ueber diese Mitteilung Szäpärys zu dem viel 
angefochtenen Punkt 5 bringt das Ob. kein Dokument; auch die 
übrigen diplomatischen Veröffentlichungen erwähnen dieses bedeut- 
same Zugeständnis Oesterreich-Ungarns nicht. 



25. Juli 



157 



Der deutsche Botschafter in St. Petersburg, Graf Pourtales, 
an den deutschen Reichskanzler, von Bethmann Hollweg. 

Weissbuch, Anlage 6'. 

St. Petersburg, 

Meldung für S. M. von General von Chelius. Im Kras- 
noelager wurden heute die Truppenübungen plötzlich abge- 
brochen, und die Regimenter kehren in ihre Garnisonen sofort 
zurück. Die Manöver sind abgesagt worden. Die Kriegs- 
schüler wurden heute statt im Herbst zu Offizieren befördert. 
Ueber das Vorgehen Oesterreichs herrscht im Hauptquartier 
grosse Aufregung. Ich habe den Eindruck, dass alle Vorberei- 
tungen für die Mobilmachung gegen Oesterreich getroffen 
werden. 



Die Vorberei- 
tung der nissi- 
schen Mobil- 
machung. 



158 26. Juli 



26. JÜL1 



Der französische stellvertretende Minister des Aeusseren, Bien» 
venu-Martin, an den Ministerpräsidenten, Viviani, an Bord 
des Kriegschiffes * France », und die französischen Bot- 
schafter in London, St. Petersburg, Berlin, Wien und Rom. 

Gelbbuch Nr. 50. 

Paris. 
Französische Man kann die Ereignisse vom Samstag 1 ) folgendermassen 

de a r r Krisis g zusammenfassen: Weigerung Oesterreichs, dem russischen Ver- 
langen nach Fristverlängerung zu willfähren, — Abreise des 
österreichischen Gesandten aus Belgrad nach der Ueberrei- 
chung der serbischen Antwort, die als ungenügend erachtet 
wurde, obgleich sie die Grenze der für möglich gehaltenen Zu- 
geständnisse erreichte, — Mobilmachungsbefehl in Serbien, 
dessen Regierung sich nach Kragujewatz zurückgezogen hat, 
wohin ihr der französische und russische Gesandte folgten. 

Die italienische Regierung, der die österreichische Note 
Freitag mitgeteilt wurde, ohne Bitte um Unterstützung und 
ohne Ankündigung, hat in Abwesenheit des Marquis di San 
Giuliano, der erst Dienstag zurückkehrt, nicht auf die An- 
regung der russischen Regierung, die vorschlug, in Wien auf 
Fristverlängerung hinzuarbeiten, antworten können. Aus einer 
vertraulichen Aeusserung des italienischen Botschafters Herrn 
Paleologue gegenüber geht hervor, dass 'man sich weiter in 
Wien in der Illusion wiegt, dass Russland nicht den Schlag 
parieren werde. Man darf nicht vergessen, dass Italien nur 
an die Dreibundverpflichtungen gebunden ist, falls es vorher 
befragt wird. 



Gib. Nr. 50. *) 25. Juli. 



26. Juli 



159 



Aus Petersburg erfahren wir, dass Herr Sasonow Ser- 
bien geraten hat, utm. Englands Vermittlung zu ersuchen. 2 ) Im 
Ministerrat vom 25., der unter dem Vorsitz des Kaisers abge- 
halten wurde, ist die Mobilmachung der 13 gegebenenfalls 
gegen Oesterreioh operierenden Armeekorps ins Auge ge- 
fasst worden; diese Mobilmachung würde aber nur zu einer 
effektiven, wenn Oesterreich Serbien mit Waffengewalt 
zwingt, und nur nach Angabe des Ministers des 
Aeusseren, dem es a n h e i m g e s t e 1 1 1 wird, das 
Datum festzusetzen, da ihm die Freiheit ge- 
lassen wurde, die Verhandlungen fortzu- 
setzen, selbst wenn Belgrad besetzt se i. 3 ) Die 
russische öffentliche Meinung gibt die politische und moralische 
Unmöglichkeit kund, dass Russland Serbien niederwerfen lässt. 

In London wurde die deutsche Demarche am 25. mit dem- 
selben Wortlaut wie die des Baron von Schön in Paris ausge- 
führt. 4 ) Sir E. Qrey hat dem Fürsten Lichriow.sky geantwortet, 
dass, wenn der Krieg ausbrechen sollte, keine Macht sich in 
Europa desinteressiert verhalten könne. Er hat nicht präzisiert 
und hat dem serbischen Gesandten gegenüber sehr zurück- 
haltend gesprochen. Die Mitteilung, die am Abend des 25. der 
österreichische Botschafter überbrachte, stimmte Sir E. Qrey 
optimistischer; da der diplomatische Bruch nicht sofortige mili- 



Glb. Nr. 50. 2 ) Ein diesbezügliches Telegramm findet sich weder 
im Ob. noch im Blb. Bienvenu-Martin stützt diese Mitteilung auf ein Tele- 
gramm Paleologues aus St. Petersburg vom 26. Juli, das auch nicht 
als eigenes Stück im Gib. enthalten ist, sondern in einem Telegramm 
Bienvenu-Martins an den französischen Geschäftsträger in Berlin zi- 
tiert wird, in dem Bienvenu-Martin in Uebereinstimmung mit dem Bot- 
schafter Paul Cambon, der sich nach Paris begeben hatte, den Saso- 
nowschen Vorschlag bei der englischen Regierung unterstützt. Dieses 
Telegramm trägt die Nummer 53 und folgt merkwürdigerweise auf 
das obenstehende Telegramm. 

3 ) Das Original-Telegramm, aus dem diese höchst wichtige Mel- 
dung hervorgeht, befindet sich nicht im Gib. Keine andere Veröffent- 
lichung, also auch nicht das Ob., erwähnt diesen bedeutungsvollen 
Ministerrat, in dem Sasonow der Herr der Situation und damit der 
einzig Verantwortliche in Russland wurde. Er erhielt also das Recht, 
wann es ihm beliebte die Mobilmachung anzuordnen, und auch die Be- 
fugnis, sie nicht anzuordnen, selbst wenn Oesterreich Belgrad besetze! 
Wenn Russland also, ohne dass selbst Belgrad besetzt, ja überhaupt 
irgend ein ernster militärischer Schlag gegen Serbien ausgeführt 
wurde, später die Mobilmachung anordnete, so ist das einzig auf Sa- 
sonows Entscheid zurückzuführen. 

4 ) Wie aus Gib. Nr. 36 ersichtlich, behauptete Bienvenu-Martin 
zuerst, eine solche Demarche hätte in London nicht stattgefunden. 
Jetzt verlegt er sie auf den 25. Wir verweisen auf die Fussnote S. 138, 
aus der hervorgeht, dass die Demarche in London ebenso wie die in 
Paris am 24. Juli ausgeführt wurde. 



Bienvenu-Mar- 
tin unterstützt 
einen Rat Saso- 
nows, Serbien 
möge um Eng- 
lands Vermitt- 
lung bitten. 



Ein russischer 
Ministerrat: 
Sasonow erhält 
die Befugnis, 
die Mobilma- 
chung anzu- 
ordnen oder 
aufzuschieben. 



160 



26. Juli 



Bienvenu-M ar- 
tin hält von 
Jagows Politik 
für dilatorisch 
und wenig be- 
friedigend und 
die deutsche 
Stimmung für 
chauvinistisch. 



tärisohe Operationen nach sich ziehen soll, will der Staats- 
sekretär noch hoffen, dass die Mächte Zeit zur Intervention 
haben. 

Die Sprache, die der Staatssekretär in Berlin dem russi- 
schen Geschäftsträger gegenüber führte, ist wenig befriedigend 
und dilatorisch; als dieser ihn aufforderte, sich einer Demarche 
in Wien für eine Fristverlängerung beizugesellen, antwortete er, 
dass er bereits in diesem Sinne gehandelt habe, aber dass es 
zu spät sei; auf die Aufforderung, eine Frist zu erlangen, um 
die exekutiven Massregeln aufzuschieben, erwiderte er, dass 
es sich um eine innere Angelegenheit, nicht um einen Krieg, 
sondern um eine Lokalexekution handle. Herr von Jagow tut so, 
als glaube er nicht, dass die österreichische Aktion allgemeine 
Folgen nach sich ziehen könne. 5 ) 

In Berlin vollzieht sich eine wahre chauvinistische Explo- 
sion. Der Kaiser kommt direkt nach Kiel zurück. 6 ) Herr Jules 
Cambon meint, dass bei den ersten militärischen 
Massregeln Russlands Deutschland sofort 
antworten und wahrscheinlich nicht einen Vorwand ab- 
warten würde, um uns anzugreifen. 

In Wien hatte der französische Botschafter keine Zeit 
mehr, um sich der Demarche seines russischen Kollegen anzu- 
schliessen, um eine Verlängerung der Serbien gestellten Frist 
zu erlangen; er bedauert das nicht, da diese Demarche ener- 
gisch zurückgewiesen wurde und England gleichfalls nicht die 
Zeit hatte, seinem Vertreter diesbezügliche Instruktionen zu 
erteilen. 7 ) 

Eine Note der englischen Botschaft wurde mir überreicht; 
sie berichtet über die Konferenz, die der englische Botschafter 
in Petersburg mit Sasonow und Herrn Paleologue hatte. 8 ) Sir 
E. Orey glaubt, dass die vier nicht interessierten Mächte bei 
Russland und Oesterreich darauf dringen sollten, dass ihre Ar- 
meen nicht die Grenze überschreiten und England, Frankreich, 
Deutschland und Italien Zeit lassen, ihre Vermittlung auszu- 
üben. Wenn Deutschland annimmt, so glaubt die englische Re- 
gierung, dass Italien glücklich sein würde, sich der gemein - 



Glb. Nr. 50. 5 ) Auch diese Behauptungen Bienvenu-Martins ent- 
sprechen nicht den Tatsachen, von Jagow sagte, dass er in Wien ein- 
wirken würde, und auch dem Ersuchen um Aufforderung in Wien, zwecks 
Aufschub militärischer Massnahmen, wurde stattgegeben. Siehe Blb. 34 
und Rb. 29. 

6 ) Kaiser Wilhelm brach am 25. Juli seine Nordlandreise ab. 
Er traf am 27. Juli in Potsdam ein. 

7 ) Auch das ist nicht richtig. Aus Blb. Nr. 26 geht hervor, dass Grep 
dem englischen Botschafter in Wien diesbezügliche Instruktionen erteilte. 

8 ) Diese Note ist im Gib. nicht abgedruckt. Sie bezieht sich 
offenbar auf das im Blb. Nr. 6 berichtete Petersburger Gespräch. 



26. Juli 



161 



samen Aktion Englands und Frankreichs anzusehliessen : der 
Anschluss Deutschlands ist wesentlich, denn Oesterreich würde 
nicht mehr als Russland eine andere Intervention als die un- 
parteiischer Freunde oder Verbündeter dulden. 



Der deutsche 
Botschafter in 
Wien rechnet 



Der eng lische Botschafter in Wien, Sir M. de Bunsen, an den 
englis chen Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 32. 

Wien. 

Der deutsche Botschafter hofft zuversichtlich, dass Russ- 
land sich während der Züchtigung Serbiens, zu der Oester- 
reich-Ungarn entschlossen ist, ruhig verhalten wird, da es die Be^nenE* 5 
Zusicherung erhalten hat, 1 ) dass Oesterreich-Ungarn kein ser- 
bisches Territorium annektieren werde. Als Antwort auf meine 
Frage, ob die russische Regierung nicht durch die öffentliche 
Meinung gezwungen werden könnte, zu Gunsten eines stamm- 
verwandten Volkes einzuschreiten, sagte er, dass alles von der 
Persönlichkeit des russischen Ministers des Aeusseren abhinge, 
der, wenn er wolle, dem Drängen einiger Zeitungen leicht 
widerstehen könne. Er wies darauf hin, dass die Tage der pan- 
slavistischen Bewegung in Russland vorbei seien und dass in 
Moskau völlige Ruhe herrsche. Nach der Ansicht Seiner Exzellenz 
würde der russische Minister des Aeusseren nicht so unvor- 
sichtig sein, einen Schritt zu unternehmen, welcher wahr- 
scheinlich viele Russland interessierende Qrenzfragen aufrollen 
würde, Wie die schwedische, polnische, ruthenische, rumänische 
und persische, die einer neuen Lösung unterworfen werden 
könnten. 2 ) Auch Frankreich wäre nicht in der Lage, einem 
Krieg entgegenzusehen. 

Ich erwiderte, dass meiner Ansicht nach den andern 
Mächten die Angelegenheit durch den Ton des österreichisch- 
ungarischen Ultimatums an Serbien etwas erschwert worden 
sei. Man sympathisiere natürlich mit vielen der im Ultimatum 
enthaltenen Forderungen, wenn sie nur mit mehr Mässigung 



Blb. Nr. 32. l ) In der Berner offiziellen Uebersetzung heisst es 
hier fälschlich: «da ihm — das heisst Russland — die Zusicherung 
gegeben worden sein soll, dass Oesterreich-Ungarn keine Absicht hege 
usw->; diese Zusicherung war tatsächlich gegeben worden; das wusste 
auch Bunsen in Wien. Der englische ursprüngliche Text des Tele- 
grammes lautet daher auch : « Having received assurances that no 
Servian territory will be annexed usw.». Die offizielle französische 
Berner Ausgabe gibt eine richtige Uebersetzung dieses Satzes. 

2 ) Wörtlich: «die in den Schmelztigel gebracht würden.» 



162 



26. Juli 



ausgedrückt worden wären. Es wäre jedoch, wie hierauf 
der deutsche Botschafter meinte, unmöglich, mit Serbien in 
einem andern Ton erfolgreich zu sprechen. Serbien würde nun 
eine wohlverdiente Lektion erhalten; doch sollte die An- 
gelegenheit in keiner Weise auf andere, unbeteiligte Länder 
übergreifen. Er bezweifelte, dass Russland, das kein Recht 
hätte, sich ein Protektorat über Serbien anzumassen, so han- 
deln würde, als ob es dieses Recht besässe. Was Deutschland 
anbeträfe, so wüsste es ganz genau, was es täte, wenn es in 
dieser Angelegenheit Oesterreich-Ungarn unterstütze. 3 ) 

Der deutsche Botschafter hat von dem Schreiben gehört, 
das Sie gestern an den deutschen Botschafter in London rich- 
teten und in welchem Sie die Hoffnung aussprachen, dass die 
serbischen Zugeständnisse als befriedigend betrachtet würden. 
Er fragte mich, ob ich davon gehört habe, dass im letzten 
Augenblick die serbische Regierung sich den Schein der Nach- 
giebigkeit gäbe. Ich antwortete, ich habe gehört, dass Serbien 
tatsächlich bereit sei, jede Forderung Oesterreich-Ungarns zu 
erfüllen. Seine Exzellenz bemerkte hierauf, dass die serbische 
Nachgiebigkeit nur auf dem Schein beruhe. Serbien beweise, 
dass es wohl wisse, mit seiner Antwort den gerechtfertigten 
Forderungen Oesterreich-Ungarns nicht genügen zu können, 
da es noch vor der Beantwortung die Mobilmachung anbe- 
fohlen und die Regierung von Belgrad zurückgezogen habe. 



Deutschland 
unterstützt den 
Wunsch Greys, 
dass Oester- 
reich-Ungarn 
die Antwort 
Serbiens be- 
rücksichtigen 
möge. 



Der englische Geschäftsträger in Berlin, Sir H. Rumbold, an 
den englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir 
Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 34. 

Berlin. 
Der Unterstaats-Sekretär des Aeusseren hat mir soeben 
lelephoniert, dass der deutsche Botschafter in Wien beauf- 
tragt worden sei, der österreichisch-ungarischen Regierung 
Ihre Erwartung zu übermitteln, dass dieselbe die serbische Ant- 
wort günstig aufnehmen möge, wenn sie mit dem vorgesehenen 
Bescheid, wie er im Telegramm aus Belgrad vom 25. ds. ent- 



Blb. Nr. 32. 3 ) Die Berner deutsche Uebersetzung gibt dieser Wen- 
dung, die nur besagen will, dass Deutsehland im Bewusstsein handle, dass 
Oesterreich's Forderungen gerecht sind, einen drohenden Charakter, in- 
dem sie fälschlich übersetzt: «sie wüsste es ganz genau, warum es 
die Sache Oesterreich-Ungarns unterstütze > für: she knew very well 
what she was about in backing up Austria-Hungary in this matter >. 



26. Juli 



163 



halten ist, übereinstimmt. 1 ) Der Unterstaats-Sekretär ist der 
Ansicht, die Tatsache allein, dass die deutsche Regierung 
Oesterreich-Ungarn dies mitteilt, bedeute, dass sie bis zu einem 
gewissen Grade Ihre Hoffnung teile. Die deutsche Regierung 
meine, dass sie nicht weiter gehen könne. 

Der österreichisc h-ungarische Minister des Aeusseren, Graf 
Berchtold, an den österreichisch-ungarischen Botschafter 
in London, Graf Mensdorff. 



Rotbuch Nr. 29. 



Wien. 



Herr von Tschirschky teilte mir auftragsgemäss heute mit, Berchtold 
'laut eines in London am. 25. dieses Monats, 3 Uhr nachmittags, wünschet 
aufgegebenen Telegrammes des Fürsten Lichnowsky habe Sir ^rbiensMobii- 
E. Grey diesem die Skizze einer Antwortnote Serbiens über- machung ab. 
sendet und in dem begleitenden Privatschreiben bemerkt, dass 
er hoffe, das Berliner Kabinett würde sich angesichts des ver- 
söhnlichen Tenors dieser Antwort in Wien für deren Annahme 
verwenden. 1 ) 

Ich halte es für angezeigt, dass Euer Exzellenz dem Herrn 
Staatssekretär gegenüber auf die Sache zurückkommen und 
ihn darauf aufmerksam machen, dass fast zur selben Zeit, als 
er dieses Schreiben an Fürst Lichnowsky richtete, nämlich 
gestern uim 3 Uhr nachmittags, Serbien bereits die allgemeine 
Mobilisierung seiner Armee angeordnet hat, was beweist, dass 
in Belgrad zu einer friedlichen Austragung der Sache keine 
Neigung bestand. Die Ueber reich ung der, wie es scheint, schon 
vorher nach London telegraphierten Antwort an den k. und k. 
Gesandten in Belgrad fand mit einem unseren Forderungen 
nicht entsprechenden Inhalt erst um 6 Uhr nach erfolgter 
Ausschreibung der Mobilisierung statt. 

Der österreichisch-ungarische Minister des Aeusseren, Graf 
Berchtold, an die österreichisch-ungarischen Botschafter 
in Berlin, Rom, London, Paris und St. Petersburg. 

Rotbuch Nr. 30. 

Wien. 
Wir haben, nachdem Serbien die von uns aufgestellten oesten-eich- 
Forderungen abgelehnt hat, die diplomatischen Beziehungen Sert^enMaS- 
zu diesem Lande abgebrochen. ten den Bruch 

mit Serbien 

Blb. Nr. 34. ! ) Blb. Nr. 21 führt die Skizze der serbischen Ant- 
wortnote an. 

Rb. Nr. 29. l ) Vergl. Blb. 27. 



164 26. Juli 

Ich ersuche Euer Exzellenz nunmehr, sich sofort zum 
Herrn Minister des Aeusseren oder 'dessen Stellvertreter zube- 
geben und sich ihm gegenüber beiläufig in folgender Weise 
auszusprechen : 

Die königlich serbische Regierung hat es abgelehnt, die 
Forderungen, welche wir zur dauernden Sicherung unserer von 
ihr bedrohten vitalsten Interessen an sie stellen irmssten, zu 
erfüllen, woimit sie bekundet bat, dass sie ihre subversiven, 
auf die stete Beunruhigung einiger unserer Grenzgebiete und 
ihre schliessliche Lostrennung aus dem Gefüge der Monarchie 
gerichteten Bestrebungen aufzugeben, nicht willens sei. 

Zu unserem Bedauern und sehr gegen unsern Willen 
sind wir dadurch in die Notwendigkeit versetzt worden, Ser- 
bien durch die sdiärftsten Mittel zu einer grundsätzlichen Aen- 
derung seiner bisherigen feindseligen Haltung zu zwingen. 1 ) 



Der englische St aatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an die englischen Vertreter in Paris, Berlin, Rom. 

Blaubuch Nr. 36. 

London. 
Grey schlägt Würde der Minister des Aeusseren geneigt sein, den Lon- 

eine Londoner 7, ,.,. 

Konferenz vor. doner Botschafter seines Landes zu beauftragen, sogleich einer 
Konferenz mit mir und den Vertretern Frankreichs, Italiens und 
Deutschlands beizuwohnen, um zu beraten, welche Mass- 
nahmen zu ergreifen wären, um Verwicklungen vorzubeugen? 
Fragen Sie den Minister, ob er dem beistimmt. Wenn er bejaht, 
so müssten, wenn diese Anregung den Regierungen, bei 
welchen sie beglaubigt sind, unterbreitet werden, die betref- 
fenden Vertreter in Belgrad, Wien und St. Petersburg ermäch- 
tigt werden, die Einstellung aller aktiven militärischen Mass- 
nahmen bis zur Beschlussfassung der Konferenz zu verlangen. 1 ) 



Rb. Nr. 30. J ) Von einer kriegerischen Absicht selbst wird nicht 
gesprochen. 



Blb. Nr. 36. ') Das ist der berühmte Vermittlungsvorschlag 
Greys, auf dem Englands Bemühungen für den Frieden sich beschränkten. 
Aus den vorhergehenden Dokumenten war ersichtlich, dass die Vater- 
schaft nicht Grey, sondern Paul Cambon zukommt. Es war auch be- 
reits klar, dass man mit diesem Vorschlag nicht eine Vermittlung 
zwischen Oesterreich-Ungarn und Russland, sondern zwischen Oester- 
reich-Ungarn und Serbien bezweckte. Dieser wichtige Punkt wird auch 
in spätem französischen Geständnissen deutlich gemacht. Grej? selbst 



26. Juli 



165 



Der englische Botschafter in Wien, Sir M. de Bunsen, an 
den englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir 
Edward Grey. 



Blaubuch Nr. 40. 



Wien. 



Der russische Botschafter, der soeben von seinem Urlaub 
zurückgekehrt ist, glaubt, dass die Oesterreichisch-Ungarische 
Regierung zum Krieg entschlossen ist und dass Russland un- 
möglich unbeteiligt bleiben könne. Er hat sich vorgenommen, 



Die Dreiver- 
bandsdiploma- 
ten in Wien 
halten eine An- 
nahme des 
Greyschen 
Vorschlages 
für unmöglich. 



äusserte sich in seiner Unterhausrede vom 27. Juli folgendermassen 
über sein Projekt: «Bei diesem Vorschlag ist die Zusammenarbeit 
der vier Mächte natürlich das Wichtigste. In einer so schweren Krisis 
wie diese es ist, würden die Bemühungen einer einzelnen Macht, den 
Frieden zu erhalten, wirkungslos sein. Die Zeit, die uns in dieser An- 
gelegenheit zur Verfügung stand, war so kurz, dass ich es riskieren 
musste, einen Vorschlag zu machen, ohne die üblichen vorbereitenden 
Schritte zu unternehmen und ohne mich zu versichern, ob er gut auf- 
genommen wird. Aber wo die Dinge so ernst sind und die Zeit so 
kurz ist, lässt sich die Gefahr, etwas Unwillkommenes vorzuschlagen, 
nicht vermeiden. Ich bin trotzdem der Ansicht, vorausgesetzt, dass 
der in der Presse erschienene Text der serbischen Ant- 
wort richtig ist, wie ich es glaube, dass dieser Vorschlag wenig- 
stens eine Grundlage bilden sollte, auf der eine freundschaft- 
liche und unparteiische Gruppe von Mächten, unter denen sich 
solche befinden, die bei Oesterreich-Ungarn und Russland gleiches 
Vertrauen geniessen, eine Beilegung finden könnten, welche allgemein 
annehmbar sein würde. » 

Eine wichtige Voraussetzung des Konferenzvorschlags war also 
die Einstellung aller militärischen Vorbereitungen. Während, wie wir 
später sehen werden, die Bedenken Deutschlands gegen die Form 
einer Konferenz im Dreiverbande auf das Stärkste gegen die deutsche 
Haltung ausgenutzt wurden, obgleich Deutschland einer Vermittlung 
durchaus geneigt war, hatte Grey nichts dagegen einzuwenden, dass 
die wesentliche Voraussetzung von Russland über den Haufen ge- 
worfen wurde: dass Russland rüstete. Aus der Rede Greys geht 
ferner hervor, dass als Voraussetzung die Richtigkeit des in der Presse 
erschienenen Textes der serbischen Antwortnote gelten müsse. Wir 
haben in der Anmerkung zu Rb. Nr. 34 bereits feststellen können, 
dass dies durchaus nicht der Fall war, weil bei geschickter Form 
die serbische Antwort nur eine Ablehnung fast aller Forderungen 
Oesterreich-Ungarns bedeutete. Von besonderem Interesse ist end- 
lich der Satz der Greyschen Erklärung im Unterhause von der «un- 
parteiischen » Gruppe von Mächten. Wie sehr England und Frankreich 
unparteiisch waren und wie unparteiisch sie auf der Konferenz ge- 
wirkt hätten, geht zur Genüge aus den vorhergehenden Stücken des 
Gib. und des Blb. hervor. 



166 26. Juli 

nicht auf eine Zeitverlängerung im Sinne Ihres Telegramim.es- 
nach Paris vom 25. ds. (letzter Abschnitt) zu drängen. 1 ) 

Als die Wiederholung Ihres Telegiramimies nach Paris vom 
26. ds. hier anlangte, 2 ) waren die Botschafter Frankreichs und 
Russlands gerade bei mir. Sie drückten sich über den Inhalt 
des erwähnten Telegrammes, welchen ich ihnen mitteilte, sehr 
befriedigt aus. Indessen bezweifelten sie, dass das zu- 
grunde liegende Prinzip, nach dem Russland als in- 
teressierte Partei das Recht zum M i t s p r e c h e n hat 
in der B e i 1 e g u n g eines r e i n ö st e r r e i c h i s c h - 
serbischen Streitfalles von der Österrei- 
c n i s c ih - u n g a r i s c h e n Regierung anerkannt 
werden kan n. 3 ) 

Dem italienischen Botschafter wurden gleichfalls Instruk- 
tionen ■ erteilt, die russische Forderung nach Fristverlängerung 
zu unterstützen. Sie trafen jedoch zu spät ein, um irgend eine 
nutzbringende Aktion zu ermöglichen. 

B 1. Nr. 40. J ) Blb. Nr. 26. Grev hatte hier vorgeschlagen, dass, 
falls Oesterreich-Ungarn offiziell nicht die Frist der Note verlängern 
könne, es dennoch Fristverlängerung eintreten lasse, so wie Russland 
sie wünschte, und noch keine unwiderrufliche Massregel unternehme. 

2 ) Blb. 36. 

3 ) Der letzte Satz ist von höchster Bedeutung. Er bedarf einer 
Erläuterung, da er oft missverstanden wurde. So bringt die Berner 
Uebersetzung des Blb. diesen Satz in einer Uebersetzung, die den 
Sinn vollständig umkehrt und überhaupt nichts bedeutet. Dieser Satz 
bezieht sich auf Greps Konferenzvorschlag: Deutschland, England, 
Frankreich und Italien sollen in einer Konferenz über den Streitfall 
beraten und Oesterreich-Ungarn und Russland sollen sich dem Er- 
gebnis unterwerfen. Nun erkennen der französische und der russische 
Botschafter in Wien nach dem Bericht des englischen Botschafters 
sogleich mit grosser Klarheit, dass diesem Vorschlag ein für Oester- 
reich-Ungarn und Deutschland nach ihrer bisherigen Stellungnahme 
(Lokalisierung) unannehmbares Prinzip zugrunde liegt: nämlich das 
Prinzip, dass Russland berechtigt ist, für Serbien einzutreten. Dieses 
Prinzip hatten Oesterreich-Ungarn und Deutschland von vornherein be- 
kämpft. Nehmen Oesterreich-Ungarn und Deutschland den englischen 
Konferenzvorschlag an, so erkennen sie das Prinzip an und geben ihre 
Forderung nach Lokalisierung auf. Führt der Konferenzvorschlag zu 
keinem Ergebnis, so war das Prinzip, dass der österreichisch-serbische 
Streitfall nicht lokalisiert werden soll, sondern Russland zu einer In- 
tervention berechtigt, einmal aufgestellt und die ganze österreichisch- 
deutsche Politik fiel zusammen und die Kriegschancen wuchsen. Der 
Vermittlungsvorschlag Greys konnte also sehr wohl als ein Versuch 
gelten, vor allem das Prinzip der russischen Intervention durchzu- 
drücken. Es ist von höchster Bedeutung, dass noch ehe Deutschland 
und Oesterreich aus diesem Grunde den Greyschen Vorschlag in dieser 
Form ablehnten, die russische und französische Diplomatie die Unan- 
nehmbarkeit und den eigentlichen Sinn des Vorschlages erkannte. 
Der späteren Entrüstung und dem Erstaunen der russisch-französischen 
Diplomatie über die Ablehnung des Vorschlages ist damit jeglicher 
Boden entzogen. 



26. Juli 



167 



Der russische Minister des Aeusseren, Sasonow, an den rus- 
sischen Botschafter in Wien, Schebeko. 

Orangebuch Nr. 25. 

St. Petersburg. 

Ich hatte heute eine lange freundschaftliche Unterredung 
mit dem österreichisch-ungarischen Botschafter. Nachdem ich 
mit ihm die zehn an Serbien gerichteten Forderungen geprüft 
hatte, bemerkte ich, dass abgesehen von der wenig geschickten 
Form, einige durchaus unausführbar sind, selbst wenn die ser- 
bische Regierung sich bereit erkläre, sie anzunehmen. So könn- 
ten zum Beispiel Punkt 1 und Punkt 2 ohne eine Umwandlung 
der serbischen Pressgesetze und Vereinsgesetze nicht ausge- 
führt werden und dazu wäre die Einwilligung der Skupschtina 
schwer zu erlangen; was die Ausführung der Punkte 4 und 5 
betrifft, so könnte sie sehr gefährliche Folgen haben und selbst 
die Gefahr terroristischer Akte gegen die Mitglieder des könig- 
lichen Hauses und gegen Paschitch hervorrufen, was nicht 
Oesterreichs Absicht sein kann. Was die anderen Punkte an- 
geht, so scheine mir, dass es mit gewissen Abänderungen in 
den Einzelheiten nicht schwierig sei, einen Boden der Ver- 
ständigung zu finden, wenn die darin enthaltenen Anschuldi- 
gungen durch ausreichende Beweise bestätigt werden. 

Im Interesse der Erhaltung des Friedens, der, nachdem 
was Qraf Szäpäry sagt, Oesterreich ebenso am Herzen liegt 
wie den andern Mächten, wäre es notwendig, der gegenwär- 
tigen gespannten Lage so schnell wie möglich ein Ende zu 
machen. Zu diesem Zwecke erschiene es mir als sehr wün- 
schenswert, dass der österreichisch-ungarische Botschafter be- 
vollmächtigt würde, mit mir in einen privaten Gedankenaus- 
tausch zu treten, mit dem Zwecke, gemeinsam ei- 
nige Artikel der österreichisch -ungarischen 
Note vom 23. Juli umzuformen. Diese Methode würde 
vielleicht erlauben, eine Formel zu finden, die für Serbien an- 
nehmbar wäre und Oesterreich gleichzeitig in den wichtigsten 
Forderungen Genugtuung gibt. Wollen Sie bitte eine vor- 
sichtige und freundschaftliene Auseinandersetzung im Sinne 
dieses Telegranrmes mit dem Minister des Aeusseren herbei- 
führen. 2 ) 



Ein freund- 
schaftliches 
österreichisch- 
russisches Ge- 
spräch in St. 
Petersburg. 



Sasonow 
schlägt direkte 
österreichisch- 
russische Ver- 
handlungen in 
St. Petersburg 
zwecks Um- 
wandlung der 
Note vor. 



Ob. Nr. 25. ] ) Ueber diese Unterredung, datiert vom 26., zwi- 
schen Sasonow und Szäpänp bringt das Rb. kein Dokument. Dafür 
bringt das Rb. ein Telegramm Szäpärys vom 27. Juli über eine Unter- 
haltung vom 27., die abgesehen, dass im Rb. nicht von dem Vorschlag 
einer direkten Verständigung die Rede ist, mit dieser Unterredung, 
die das Ob. vom 26. Juli datiert, identisch sein muss. Das Blb. Nr. 44 
bespricht in einem Telegramm Buchanans vom 27. gleichfalls die Unter- 



168 



26. Juli 



Den Botschaftern in Deutschland, Frankreich, England 
und Italien mitgeteilt. 2 ) 



Der deutsche Botschafter in St. Petersburg, Graf Pourtales, 
an den deutschen Reichskanzler, von Bethmann Hollweg. 



Deutcher Be- 
richt über das 
russisch-öster- 
reichische Ge- 
spräch. 



Weissbuch, Anlage 5. 

St. Petersburg. 
Der österreichisch-ungarische Botschafter hatte heute 
nachmittag eine längere Unterredung mit Sasonow. Beide Be- 
teiligte hatten, wie sie mir nachher sagten, einen befriedigenden 
Eindruck. Die Versicherung des Botschafters, dass Oesterreich- 
Ungarn keine Eroiberungspläne habe und nur endlich an seinen 
Grenzen Ruhe haben wolle, hat den Minister sichtlich beruhigt. 



Deutschland 
macht in Lon- 
don auf die 
russischen Mo- 
bilmachungs- 
massregeln 
aufmerksam. 



Der deutsche Reichskanzler, von Bethmann Hollweg, an den 
deutschen Botschafter in London, Fürst Lichnowsky. 

Weissbuch Anlage 10. 

Berlin. 

Oesterreich-Ungarn hat in Petersburg offiziell und feier- 
lich erklärt, dass es keinen territorialen Gewinn in Serbien 
beabsichtigt, den Bestand des Königreiches nicht antasten, son- 
dern nur Ruhe schaffen wolle. Nach hier eingegangenen Nach- 
richten steht in Russland Einberufung mehrerer Reservisten- 
Jahrgänge unmittelbar bevor, was einer Mobilisierung auch 
gegen uns gleichkommen würde. Wenn sich diese Nachrichten 
bewahrheiten, s o w e r d e n w i r g e g e n u n s e r n W u n s c h 
zu G e g e n m assrege In gezwungen. Auch heute noch 
geht unser Bestreben dahin, den Konflikt zu lokalisieren und den 
europäischen Frieden zu erhalten. Wir bitten daher in diesem 
Sinne in Petersburg mit allem Nachdruck zu wirken. 



redung als am 26. stattfindend, erwähnt aber nicht den Vorschlag einer 
direkten Besprechung. Von diesem Vorschlag erhält Buchanan erst 
am 27. Kenntnis und teilt ihn in einem kurzen Telegramm nach 
London mit. 

2 ) Gleichzeitig sandte Sasonow, Ob. Nr. 26, ein Telegramm an 
den russischen Botschafter in Berlin mit der Aufforderung, den Inhalt 
des obenstehenden Telegramms dem Staatssekretär mitzuteilen und 
ihn zu bitten, in "Wien den russischen Vorschlag zu empfehlen. 



26. Juli 



169 



Der deutsche R eichskanzler, von Bethmann Hollweg, an den 
deutschen Botschafter in Paris, Freiherrn von Schön. 



Weissbuch Anlage 10 a. 

Berlin. 
Nachdem Oesterreich-Ungarn Russland offiziell erklärt 
hat, dass es keinen territorialen Gewinn beabsichtige, den Be- 
stand des Königreiches nicht antasten wolle, liegt die Entschei- 
dung, ob ein europäischer Krieg entstehen soll, nur bei Russ- 
land, das die gesamte Verantwortung zu tragen hat. Wir ver- 
trauen auf Frankreich, mit dem wir uns in dem Wunsche 
um die Erhaltung des e u r o ip ä i s <c h e n Friedens 
eins wissen, dass es in Petersburg seinen Einfluss in be- 
ruhigendem Sinne geltend machen wird. 



Deutschland 
bittet in Paris 
nm Beeinflus- 
sungRusslands 
in friedlichem 
Sinne- 



Der deutsche Reichskanzler, von Bethmann Hollweg, an den 
deutschen Botschafter in St. Petersburg, Graf Pourtales. 

Weissbuch, Anlage 10b. 

Berlin. 

Nachdem Oesterreich sein territoriales Desinteresse- 
ment feierlich erklärt hat, ruht die Verantwortung für eine 
eventuelle Störung des europäischen Friedens durch eine rus- 
sische Intervention allein auf Russland. Wir vertrauen immer 
noch darauf, dass Russland keine Schritte unter- 
nehmen wird, die den europäischen Frie- 
den ernstlich gefährden würden. 



Deutschland 
ersucht Russ- 
land, Schritte, 
die denFrieden 
gefährden, zu 
vermeiden. 



Der französische stellvertretende Minister des Aeusseren, 
Bienvenu-Martin, an den Ministerpräsidenten Viviani an 
Bord der «France> und die französischen Botschafter 
in London, St. Petersburg, Berlin, Wien und Rom. 

Gelbbuch Nr. 56. 

Paris. 
Das Resume der serbischen Antwort auf die österreichi- 
sche Note ist uns jetzt erst mit 20 Stunden Verspätung zugekom- 
men. Obgleich die serbische Regierung in allen Punkten nach- 
gegeben hat, mit Ausnahme von zwei kleinen Vorbehalten, 1 ) hat 



Gib. Nr. 56. l ) Die Lektüre der serbischen Antwortnote genügt, 
um festzustellen, dass Bienvenu-Martin sich hier einer starken Täu- 
schung hingibt. 



Bienvenu-Mar- 
tin ist mit der 
serbischen 
Antwort sehr 
zufrieden. 



12 



170 



26. Juli 



Italien erklärt 
sich für unbe- 
teiligt an dem 
Konflikt. 



Deutschland 
erklärt sich für 
solidarisch mit 
Frankreich. 



Deutschlands 
Bitte, Frank- 
reich möge in 
St. Petersburg 
wirken, lehnt 
Bienvenu-M ar- 
tin mit dem 
Hinweis ab, 
Deutschland 
müsse in Wien 
wirken. 



der österreichisch-ungarische Gesandte die Beziehungen ab- 
gebrochen und somit den vorgefassten Entschluss seiner Re- 
gierung bewiesen, die Exekution Serbiens vorzunehmen. 

Nach einem Telegramm des Herrn Jules Cambon hat der 
englische Botschafter das Gefühl einer leichten Besserung; als 
er zuHerrn von Jagow bemerkte, dass Sir E. Grey nicht von ihm 
verlange zwischen Oesterreich und Serbien zu intervenieren, 2 ) 
sondern, da diese Frage aufhöre lokalisiert zu sein, mit England 
Frankreich und Italien in Wien und Petersburg zu intervenieren, 
hat der Staatssekretär erklärt, dass er sein Möglichstes tun 
werde, um den Frieden zu erhalten. 

Im Verlaufe einer Unterhaltung, die Herr Barrere mit 
dem Generalsekretär des italienischen Ministeriurns des 
Aeusseren hatte, wies dieser darauf hin, dass die italienische 
Regierung wahrscheinlich die österreichische Note nicht gebil- 
ligt hätte; aber da sie ihr vorher nicht mitgeteilt worden war, 
befindet sie sich von jeder Verantwortlichkeit der schweren 
initiative Oesterreichs enthoben. 

Der deutsche Botschafter kam heute Nachmittag, um mir 
eine Mitteilung zu machen, die auf die Intervention Frankreichs 
bei Russland in friedlichem Sinne hinzielte. Oesterreich, so sagte 
er mir, hat Russland erklären lassen, dass es weder eine terri- 
toriale Vergrösserung nodh eine Verletzung der Integrität des 
Königreiches Serbien bezwecke; seine einzige Absicht sei es, 
seine eigene Ruhe zu sichern und Ordnung zu schaffen. Von 
den Entschliessungen Russlands hängt es ab, ob ein Krieg ver- 
mieden wird; Deutschland fühlt sich solidarisch mit Frankreich 
in dem heissen Wunsche, dass der Frieden erhalten bleiben 
möge, und hegt die feste Hoffnung, dass Frankreich seinen Ein- 
fluss in beschwichtigendeim Sinne in St. Petersburg geltend 
machen wird. 

Ich habe auf diese Anregung geantwortet, dass Russland 
gemässigt sei, dass es keine Handlung begangen habe, die an 
seiner Mässigung zweifeln lasse und dass wir mit Russland 
einig darin wären, die friedliche Lösung dieses Konfliktes zu 
suchen. Es schien uns infolgedessen, dass als Gegenleistung 
Deutschland in Wien handeln müsse, wo die Wirksamkeit sei- 
ner Aktion sicher wäre, um die militärischen Operationen, die 
auf eine Besetzung Serbiens hinzielen, zu vermeiden. 

Da der Botschafter mir erwiderte, dass das unvereinbar 
sei mit der Haltung, die Deutschland eingenommen habe, «dass 



G 1 b. Nr. 56. 2 ) Die Gespräche zwischen Grey und Paul C ambon, Blb 
Nr. 10 und Gib. Nr. 32 und endlich auch Vivianis Darstellung, Gib. Nr. 76 
beweisen, dass man mit der obenstehenden Versicherung, die immer 
wiederkehrt, Deutschland und Oesterreich-Ungarn bewusst täuschte. 



26. Juli 



171 



nämlich die Frage nur Oesterreich und Serbien anginge», sagte 
ich ihm, dass die Vermittlung in Wien und St. Petersburg von 
den vier in der Frage weniger interessierten Mächten ausgehen 
könne. 

Herr von Schön schützte darauf das Fehlen hierauf bezüg- 
licher Instruktionen vor, und ich sagte zu ihm, dass ich mi ch 
unter diesen Bedingungen nicht in der Lage 
sähe, nur in Petersburg eine Aktion auszu- 
üben. 

Die Unterhaltung endete mit der von dem Botschafter 
wiederholten Versicherung der friedlichen Absichten Deutsch- 
lands, das er in diesem Punkte als mit Frankreich solidarisch 
erklärte. 3 ) 



Note für den französischen Minister des Aeusseren. *) 

Gelbbuch Nr. 57. 

Nach dem Besuche, den er im Ministerium, um 5 Uhr Das französi- 
nachmittags gemacht, begab sich Freiherr von Schön heute umdesAeusse- 
Abend um 7 Uhr auf die politische Direktion, um zu bitten, dass goHdaritätsI?- 6 
man, um tendenziöse Kommentare der Zeitungen zu vermeiden, g ämn f ] mit d 
wie den des «Echo de Paris» am Abend vorher, und um den Sinn a b. u ' 
der Demarchen der deutschen Regierung richtig zu präzisieren, 
ein kurzes Comimunique der Presse über die Zusammenkunft 
des deutschen Botschafters mit dem Minister des Aeusseren 
mitteile. 

Herr von Schön regte, um seine Meinung zu präzisieren, 
den folgenden Wortlaut an, den der stellvertretende politische 
Direktor unter seinem Diktat aufschrieb: «Der deutsche Bot- 
schafter und der Minister des Aeusseren haben während des 
Nachmittags eine neue Unterhaltung gehabt, in derem Verlaufe 
sie auf die freundschaftlichste Weise und im Gefühle friedlicher 
Solidarität die Mittel untersuchten, die zur Erhaltung des all- 
gemeinen Friedens angewandt werden können. » 



G 1 b. Nr 56. 3 ) Im Ob. Nr. 28 berichtet der russische Geschäftsträger 
in Pariß in ähnlicher Weise über diese Unterredung. Nach dem russischen 
Bericht fand die Unterredung jedoch nicht zwischen Bienvenu-Martin 
und Schön, sondern zwischen Schön und Berthelot statt. Zwischen 
Gib. und Ob. herrscht also dieselbe Unstimmigkeit wie zwischen 
Gib. und Rb. anlässlich der Unterredung Szecsens mit Bienvenu-Martin, 
resp. Berthelot. Siehe Fussnote S. 104. 



Gib. Nr. 57. ') Dieses Dokument des Gib. trägt die Bezeichnung: 
Note für den Minister. Es geht zweifellos von Herrn Berthelot aus 
und ist für Bienvenu-Martin bestimmt. 



172 



26. Juli 



Es erklärt 
Deutschlands 
Politik für 
kriegerisch. 



Der stellvertretende politische Direktor antwortete so- 
gleich: «Also ist in Ihrer Auffassung alles geregelt und Sie brin- 
gen uns die Versicherung, dass Oesterreich die serbische Note 
annimmt oder sich zu Unterhandlungen mit den Mächten dar- 
über bereit erklärt?» Da der Botschafter überrascht war 
und lebhaft verneinte, wurde ihm auseinandergesetzt, dass, 
wenn sich nichts in der negativen Haltung Deutschlands ge- 
ändert habe, der Wortlaut der «Note für die Presse »die er 
anregte übertrieben sei und die öffentliche Meinung Frank- 
reichs i'n eine falsche Sicherheit einwiegen könne, indem er 
Illusionen über die wirkliche Lage schaffe, deren Gefahren nur 
allzu offenbar Wären. 

Auf die Viersicherungen, die der deutsche Botschafter ver- 
schwenderisch über seine optimistischen Eindrücke äusserte, 
antwortete der stellvertretende politische Direktor mit der 
Frage, ob er ihm gestatte, ganz persönlich und privat zu 
sprechen, Mann zu Mann, in aller Freiheit und ohne ihre be- 
treffenden Funktionen in Betracht zu ziehen. Freiherr von Schon 
bat ihn, das zu tun. 

Herr Berthelot sagte nun, dass für den gesunden Men- 
schenverstand die Haltung Deutschlands unerklärlich sei, 
wenn sie nicht zum Kriege hinziele: eine 
rein objektive Analyse der Tatsachen und der Psycho- 
logie der österreichisch - deutschen Beziehungen führten 
logischerweise zu diesem Schlosse. Angesichts der wie- 
derholten Behauptung Deutschlands, dass es den In- 
halt der österreichischen Note nicht gekannt habe, sei 
es nicht mehr erlaubt, über diesen Punkt Zweifel zu äussern; 
war es aber immerhin wahrscheinlich, dass Deutschland sich 
mit geschlossenen Augen in einem solchen Abenteuer auf die 
Seite Oesterreichs gestellt hätte? Gestattete die Psychologie 
aller vergangenen Beziehungen zwischen Wien und Berlin die 
Annahme, dass Oesterreich eine Haltung eingenommen hätte, 
die keinen Rückzug erlaubt, ohne vorher mit seinem Verbün- 
deten alle Folgen seiner Hartnäckigkeit erwogen zu haben? 

Wie überraschend erschiene die Weigerung Deutschlands, 
in Wien einen Vermittlungsratschlag zu geben, jetzt, da es den 
aussergewöhinlichen Text der österreichischen Note kannte! 
Welche Verantwortung nehme die deutsche Regierung auf sich 
und welche Verdächtigungen lasteten auf ihr, wenn es dabei 
verharrte, sich zwischen Oesterreich und die Mächte zu stel- 
len, nach der gewissermassen vollständigen Unterwerfung 
Serbiens, während der geringste Ratschlag, den es in Wien 
erteilte, einem Alpdruck ein Ende machen würde, der auf Eu s 
ropa lastete ! 



26. Juli 



173 



Der Bruch der diplomatischen Beziehungen durch Oester- 
reich, seine Kriegsdrohungen und die Mobilmachung, die es 
durchführe, machten eine friedliche Aktion Deutschlands be- 
sonders dringlich, denn vom Tage an, da die österreichischen 
Truppen die serbische Grenze überschritten, würde man sich 
angesichts eines Tatbestandes befinden, der zweifellos das 
Petersburger Kabinett zum Einschreiten zwinge und die Ge- 
fahr mit sich brächte, einen Krieg zu entfesseln, den Deutsch- 
land erkläre vermeiden zu wollen. 

Herr von Schön, der mich lächelnd anhörte, bestätigte k^nX- ™ 
von neuem, dass Deutschland den Text der österreichischen drücklich, dass 
Note nicht kannte 1 ) und sie erst nach ihrer lieber- den Frieden 
reichung gebilligt habe; es denke immer noch, dass Serbien WÜL 
eine ziemlich strenge Lehre nötig habe, damit es sie nicht ver- 
gesse, und dass Oesterreich es sich selbst schuldig sei, einer 
gefährlichen und für eine Grossmacht umduldbaren Situation 
ein Ende zu machen. Er erklärte übrigens, dass er den Text der 
serbischen Antwort nicht kenne und zeigte sich persönlich er- 
staunt, dass sie Oesterreich nicht befriedigt habe, wenn sie 
allerdings so sei, wie die oft schlecht informierten Zeitungen 
sie hinstellen. 

Er betonte nochmals die friedlichen Absichten Deutsch- 
lands und äusserte seine Meinung über die Wirkung, die gute, 
zum Beispiel in Wien und zum Beispiel von England ausgespro- 
chene freundschaftliche Ratschläge haben könnten. Nach seiner 
Ansicht wlar Oesterreich nicht hartnäckig; es weise nur den 



Gib. Nr. 57. *) Hier bringt das Gib. eine Fussnote, in der auf 
das Dokument Gib. 21 (angebliche Aeusserung v. Hertlings, der die 
Note gekannt haben soll) und ein Telegramm des englischen Botschaf- 
ters in Wien, Blb. Nr. 95, verwiesen wird, in dem Bunsen behauptet, 
aus privater Quelle zu wissen, ohne dass er die Nachricht nachprüfen 
könne, dass der deutsche Botschafter in Wien die Note vor der Ueber- 
reichung kannte und dem deutschen Kaiser telegraphiert habe. Was das 
Dokument Gib. 21 betrifft, so siehe Einführung S. 36-37. Was den Wert der 
Information, auf die sich Bunsen Blb. 95 stützt und die Bienvenu-Martin 
hier der erneuten feierlichen Erklärung von Schöns entgegenhält, be- 
trifft, so sei auf eine andere englische Information über die Vorge- 
schichte der Note aufmerksam gemacht. Am 23. Juli telegraphierte 
der englische Botschafter in Rom an Grep, er nehme an, dass die 
italienische Regierung von der Note, die an Serbien überreicht werden 
soll, in Kenntnis gesetzt wurde, Blb. 38. Bekanntlich behauptete aber auch 
die italienische Regierung, dass sie die Note nicht vorher gekannt 
habe. Während Bienvenu-Martin nun den deutschen Versicherungen 
keinen Glauben schenkt, in ihnen eine kriegerische Absicht vermutet und 
sie durch englische Vermutungen entkräften will, glaubt er den ita- 
lienischen Versicherungen vollständig, sieht in ihnen die Gewähr für 
die friedliche Haltung Italiens und denkt nicht daran, dem Telegramm 
38 des Blb. die entscheidende Bedeutung beizumessen, die er dem 
Telegramm Blb. 95 zuspricht. 



174 



26. Juli 



Gedanken einer förmlichen Vermittlung zurück, das «Gespenst» 
einer Konferenz: ein friedliches Wort aus St. Petersburg, gute 
versöhnliche Worte des Dreiverbandes hätten Aussicht, gut 
aufgenomimen zu werden. Er fügte schliesslich hinzu, dass er 
damit nicht sagen wolle, dass nicht Deutschland seinerseits 
einige Ratschläge in Wien erteilen würde. 

Unter diesen Umständen erklärte der politische Direktor, 
dass er den Minister fragen werde, ob er es für angebracht 
halte, der Presse eine kurze, in gemässigtem Tone abgefasste 
Note mitzuteilen. 



Der russische Geschäftsträger in Paris Sewastopulo, an den 
russischen Minister des Aeusseren, Sasonow. 

Orangebuch Nr. 29. 

Paris. 

Frankreich Der Direktor des politischen Departements erklärte, dass 

Je e ienüber la die nacn semer persönlichen Auffassung die aufeinanderfolgenden 

deutschen De- deutschen Demarchen in Paris den Zweck haben, Frank- 

Ei^chüchte- reich einzuschüchtern undseine Intervention 

ningsversuche |„ s t Petersburg herbeizuführen. 



Der deutsche Botschafter in St. Petersburg, Graf Pourtales, 
an den deutschen Reichskanzler, von Bethmann Hollweg. 



Weissbuch, Anlage 7. 

St. Petersburg. 

Russische Mo- Der Militärattache bittet um Uebermittelung nachstehen- 

Mimachung. ^er Meldung an den Generalstab: 

Ich halte es für sicher, dass für Kiew und Odessa die 
Mobilmachung anbefohlen worden ist. Bei Warschau und Mos- 
kau ist dies fraglich und bei den andern wohl noch nicht der 
Fall. 1 ) : 



Wb. Nr. 7. l ) Am selben Tage wurde über St. Petersburg nach 
einer Meldung der St. Petersburger Telegraphen-Agentur der ausser- 
ordentliche Verteidigungszustand verhängt. 



26. Juli 



175 



Der deutsche R eichskanzler, von Bethmann Hollweg, an den 
deutschen Botschafter in St. Petersburg, Graf Pourtales. 

Weissbuch, Denkschrift. 

Berlin. 
Vorbereitende militärische Massnahmen Russlands wer- 
den uns zu Gegenmassregeln zwingen, die in der Mobilisierung 
der Armee bestehen miüssen. Die Mobilisierung aber 
bedeutet den Krieg. Da uns Frankreichs Verpflichtun- 
gen gegenüber Russland bekannt sind, würde diese Mobili- 
sierung gegen Russland und Frankreich zugleich gerichtet sein. 
Wir können nicht annehmen, dass Russland 
einen solchen europäischen Krieg entfesseln 
will. Da Oesterreich-Ungarn den Bestand des serbischen 
Königreichs nicht antasten will, sind wir der Ansicht, 
dass Russland eine abwartende Stellung einnehmen kann. Den 
Wunsch Russlands, 'den Bestand des serbischen Königreichs 
nicht in Frage stellen zu lassen, werden wir um so eher unter- 
stützen können, als Oesterreich-Ungarn diesen Bestand gar 
nicht in Frage stellt. Es wird leicht sein, im weiteren Verlauf 
der Angelegenheit die Basis einer Verständigung zu finden. 1 ) 



Deutschland 
kündigt in St. 
Petersburg Ge- 
genmassre- 
geln an und 
warnt vor einer 
Verschärfung 
der Lage, die 
durch nichts 
berechtigt sei. 



Der österreichisch-ungarische Botschafter in St. Petersburg, 
Graf Szäpäry, an den Minister des Aeusseren, Graf 
Berchtold. 

Botbuch Nr. 28. 

S t. P e t e r s b u r g. 
Aus Anlass von Gerüchten über russische Mobilisierungs- 
massnahmen hat Graf Pourtales den russischen Minister in der 
ernstesten Weise darauf aufmerksam gemacht, dass heutzutage 
Mobilisierungsmassnahmen als diplomatisches Druckmittel 
höchst gefährlich seien. Denn in diesem Falle gelange die rein 
militärische Erwägung der Generalstäbe zum Wort und wenn 
in Deutschland einmal auf den Knopf gedrückt werde, sei die 
Sache unaufhaltsam. Herr Sasonow versicherte dem deutschen 
Botschafter unter Ehrenwort, dass die bezüglichen Gerüchte 



Wb., Denkschrift. *) Nach dieser Demarche des deutschen 
Botschafters durfte man sich in Russland keinerlei Täuschung mehr 
über den furchtbaren Ernst einer russischen Mobilmachung hingeben. 
Mobilisierte Russland trotzdem, so waren es nicht spätere Vorstel- 
lungen Deutschlands, die zum Kriege führten, sondern diese im vollen 
Bewusstsein ihrer Folgen angeordnete Mobilisation. 



176 26. Juli 

unrichtig seien, dass bisher kein Pferd und kein Reservist ein- 
gezogen sei und dass es sich lediglich um vorbereitende Mass- 
nahmen in den Militärbezirken Kiew und Odessa, vielleicht 
Kasan und Moskau handle. 

Unmittelbar nachher erhielt der kaiserlich deutsche Mili- 
tärattache per Kurier spät abends eine Einladung zu Kriegs- 
minister Suchomlinow, welcher sich darauf berief, dass Graf 
Pourtales dem Minister des Aeusseren über die russischen 
Rüstungen gesprochen habe und da der Botschafter einzelne 
militärische Details missverstamden haben könnte, nehme er 
Gelegenheit, ihn ausführlicher zu informieren. In folgendem mir 
zur Verfügung gestellten Telegramm des Grafen Pourtales 
nach Berlin sind die diesfälligen Mitteilungen des Majors von 
Eggeling zusammengefasst : 
-- 1 ) 



Rb. Nr. 28. *) Inhalt des Telegrammes des Grafen Pourtales, 
Wb. Anlage 11, das unter dem 27. Juli folgt. Nach dem W"b. fand die 
Unterredung nicht am 26., sondern am 27. statt. Das Telegramm des 
Grafen Pourtales ist vom 27. datiert, was natürlich nicht die Mög- 
lichkeit ausschliesst, dass es über ein Gespräch vom 26. berichtet, 
da dieses nach dem Rb. spät abends stattfand. Die Denkschrift aller- 
dings sagt : « Am 27. Juli erklärte der russische Kriegsminister usw. ». 
Der Umstand jedoch, dass Graf Szäpärp bereits am 26. fast wörtlich 
den Inhalt des Telegrammes, das ihm zur Verfügung gestellt wurde, 
nach Wien weitergab, lässt die Vermutung zu, dass die deutsche Denk- 
schrift sich im Datum irrt. Diese Vermutung bestätigten eingezogene 
Erkundigungen, aus denen sich ergab, dass die Unterhaltung spät 
abends am 26. Juli stattfand und das Telegramm des Grafen Pourtales 
um 1 Uhr nachts aufgegeben wurde und infolgedessen das Datum 
des 27. trug. — Da das Telegramm Rb. 28 spät nachts abgesandt 
wurde und über spät nachts stattgefundene Ereignisse berichtet, brin- 
gen wir es hier in der chronologischen Folge hinter Rb. 29 und Rb. 30, 
die S. 163 Platz fanden. 



27. Juli 



177 



27. JÜL1 



Der deutsche Botschafter in St. Petersburg, Graf Pourtales, 
an den deutschen Reichskanzler, von Bethmann Hollweg. 



Weissbuch, Anlage 11. x ) 

St. Petersburg. 

Militärattache meldet über Gespräch mit Kriegsininister : 
Sasonow habe diesen letzteren gebeten, mich über die Lage 
aufzuklären. Der Kriegs minister hat mir sein 
Ehrenwort gegeben, dass noch keine Mobil- 
m a c h u n g s o r d e r ergangen sei. Es würden lediglich 
vorläufig Vorbereitungsmassnahmen getroffen, aber es sei kein 
Reservist eingezogen und kein Pferd ausgehoben. WennOester- 
reich die serbische Grenze überschreiten werde, so werden 
diejenigen Militärbezirke, die auf Oesterreich gerichtet sind, 
Kiew, Odessa, Moskau, Kasan, mobilisiert werden. Diejenigen 
an der deutschen Front, Warschau, Wilna, Petersburg, unter 
keinen Umständen. Man wünsche den Frieden mit Deutsch- 
land dringend. Auf meine Frage nach dem Zwecke der Mobil- 
machung gegen Oesterreich erfolgte Achselzucken, und es 
wurde auf die Diplomatie hingewiesen. Ich sagte dem Minister, 
dass man die freundschaftlichen Absichten bei uns würdige, 
aber auch die allein gegen Oesterreich ge- 
richtete Mobilmachung als sehr bedrohlich 
ansehen werde. 



Der russische 
Kriegsminister 
versichert dem 
deutschenMili- 
tärattache 
ehrenwörtlich, 
dass noch 
keine Mobil- 
machungs- 
order ergan- 
gen sei. 



') Siehe Fussnote zu Rb. Nr. 28. 



178 



27. Juli 



Oesterreichi- 
scher Bericht 
über ein öster- 
reichisch-rus- 
sisches Ge- 
spräch in St. 
Petersburg. 



Der österreichisch-ungarische Botschafter in St. Petersburg, 
Graf Szäpäry, an den österreichisch-ungarischen Mini- 
ster des Aeusseren, Graf Berchtold. 

Rotbuch Nr. 31. 

St. Petersburg. 

Soeben lange Unterredung mit Herrn Sasonow gehabt. 
Sagte dem Herrn Minister, ich hätte den Eindruck, dass man 
über den Charakter unserer Aktion in Russland in Irrtümern 
befangen sei. Man imputiere uns, hiemit einen Vorstoss auf 
den Balkan unternehmen und den Marsch nach Salonich oder 
gar nach Konstantinopel antreten zu wollen. Andere wieder 
gingen so weit, unsere Aktion nur als den Auftakt eines Prä- 
ventivkrieges gegen Russland zu bezeichnen. All dies sei 
irrig, zum Teil geradezu unvernünftig. Das Ziel 
unserer Aktion sei Selbsterhaltung und Notwehr gegenüber 
einer feindseligen, unsere Integrität bedrohenden Propaganda 
des Wortes, der Schrift und der Tat. Niemandem in Oester- 
reioh falle es ein, russische Interessen bedrohen 
oder gar Händel mit Russland suchen zu wollen. Das Ziel je- 
doch, das wir uns vorgesetzt, seien wir unbedingt entschlossen 
zu erreichen und der Weg, den wir gewählt hätten, schien uns 
der zweckdienlichste. Da es sich aber um eine Aktion der Not- 
wehr handle, könne ich ihm nicht verhehlen, dass man sich bei 
einer solchen durch gar keine wie immer gearteten Konse- 
quenzen beirren lassen könne. 

Herr Sasonow stimmte mir bei. Unser Ziel, wie ich es 
ihm geschildert habe, sei ein vollkommen legitimes, aber er 
meine, der Weg, den wir zu dessen Erreichung verfolgen, 
sei nicht der sicherste. Die Note, die wir überreicht hätten, 
sei in der Form nicht glücklich. Er habe sie seitdem studiert 
und wenn ich Zeit hätte, möchte er sie nochmals mit mir 
durchschauen. Ich bemerkte, dass ich zu seiner Disposition 
sei, aber weder autorisiert sei, den Notentext mit ihm zu 
diskutieren, noch denselben zu interpretieren. Seine Bemer- 
kungen seien aber natürlich von Interesse. Der Herr Minister 
nahm sodann alle Punkte der Note durch und fand heute von den 
zehn Punkten sieben ohne allzu grosse Schwie- 
rigkeiten annehmbar, nur die zwei Punkte, betreffend 
die Mitwirkung von k. und k. Funktionären in Serbien und den 
Punkt, betreffend die Entlassung von unserseits zu bezeichnen- 
den Offizieren und Beamten, fand er in dieser Form unannehm- 
bar. Bezüglich der beiden ersten Punkte war ich in der Lage, 
eine authentische Interpretation im Sinne Euer Exzellenz Tele- 



27. Juli 179 

grammes vom 25. dieses Monats zu geben, bezüglich des dritten 
meinte ich, dass er eine notwendige Forderung sei. Uebrigens 
seien die Dinge im Rollen. Die Serben hätten schon gestern 
mobilisiert und was sich seither noch ereignet habe, sei mir 
unbekannt. 



Der deutsche Konsulatsverweser in Kowno an den deutschen 



Reichskanzler, von Bethmann Hollweg. 
Weissbuch, Anlage 8. 



Kowno. 



In Kowno Kriegszustand erklärt. Kriegsvor- 

bereitungen. 



Der deutsche Gesandte in Bern, Freiherr von Romberg, an 
den deutschen Reichskanzler, von Bethmann Hollweg. 

Weissbuch, Anlage 9. 

Bern. 

Erfahre zuverlässig, dass französisches 14. Korps Ma- 
növer abbrach. 



Der österreichisch-ungarische Minister des Aeusseren Graf 
Berchtold, an den österreichisch-ungarischen Botschafter 
in St. Petersburg, Graf Szäpäry. 

Rotbuch Nr. 32. 

Wien. 

Ich ermächtige Euer Exzellenz, Herrn Sasonow gegenüber Oesterreich- 
sich dahin auszusprechen, dass, solange der Krieg zwischen formeu, ^asa 
Oesterreich-Ungarn und Serbien lokalisiert bleibe, die Mo- toriatenVor^" 
narchie irgendwelche territoriale Erober- denmgen er- 
ungen keineswegs beabsichtige. 



180 



27. Juli 



Widerspruch 
zwischen Kon- 
ferenzvor- 
schlag und 
direkten Ver- 
handlungen. 



Der russische B otschafter in London, Graf Benckendorff, an 
den russischen Minister des Aeusseren, Sasonow. 

Orangebuch Nr. 31. 

London. 
Habe Ihr Tellegramim vom 26. erhalten. 1 ) Bitte Sie, mir 
zu telegraphieren, ob naoh Ihrer Meinung Ihre direkten Pour- 
parlers mit dem Wiener Kabinett mit dem Greyschen Projekt 
über die Vermittlung der vier Regierungen übereinstimmen. 
Da er durch den englischen Botschafter in St. Petersburg er- 
fahren hat, dass sie geneigt sind, diese Kombination anzu- 
nehmen, hat Grey beschlossen, 2 ) sie in einen offiziellen Vor- 
schlag umzuwandeln, den er gestern in Berlin, Paris und Rom 
unterbreitete. 



Sasonow ver- 
zichtet vor- 
läufig auf die 
Konferenz zu- 
gunsten der 
direkten Ver- 
handlungen. 



Der russische Minister des Aeusseren, Sasonow, an die rus~ 
sischen B otschafter in Paris und London. 

Orangebuch Nr. 32. 

St. Petersburg. 

Der englische Botschafter hat mich gefragt, ob wir es 
als zweckmässig erachten, wenn England die Initiative zur 
Berufung einer Londoner Konferenz 'der Vertreter von England, 
Frankreich, Deutschland und Italien ergreift, um die Lösung 
der gegenwärtigen Lage zu studieren. 1 ) 

Ich antwortete dem Botschafter, dass ich Pourparlers 
mit dem österreichisch-ungarischen Botschafter unter, wie ich 
hoffe, günstigen Umständen eingeleitet habe. Jedoch habe ich 
noch keine Antwort auf meinen Vorschlag erhalten, eine Revi- 
sion der Note durch die beiden Kabinette vorzunehmen. 

Wenn direkte Auseinandersetzungen mit dem Wiener 
Kabinett sich als unerreichbar herausstellten, 2 ) bin ich bereit, 
den englischen Vorschlag oder jeden andern Vorschlag, der 
geeignet ist, den Konflikt günstig zu lösen, anzunehmen. 



Ob. Nr. 31. ') Bezieht sich auf Telegramm Ob. Nr. 25, das 
u. a. auch nach London mitgeteilt wurde. 

2 ) Grey sah also die Voraussetzung für sein Projekt in der 
russischen Zustimmung. Eine ähnliche Anfrage in Wien erfolgte aber 
nicht. 



Ob. Nr. 32. l ) Siehe Anmerkung zu Ob. Nr. 31. Grey lässt also 
auch durch seinen Botschafter Sasonows Meinung einholen, während, 
wie Wb. Anl. 12 zeigt, in Berlin keinerlei Mitteilung gemacht worden 
war und man, wie schon erwähnt, auch Wien nicht sondiert hatte. 

2 ) Sasonow dachte also an eine Konferenz auch nur für den Fall, 
dass die direkten Pourparlers scheitern sollten. Der deutsche Stand- 
punkt in dieser Frage weicht also formell von dem russischen nicht ab. 



27. Juli 



181 



Der russische Minister des Aeusseren, Sasonow, an die rus- 
sischen Botschafter in Paris, London, Wien und Rom. 



Orangebuch Nr. 33. 

S t. P e t e r s b u r g. 

Habe von der Antwort, die die serbische Regierung dem 
Freiherrn von Qiesl überreichte, Kenntnis genommen. S i e 
übersteigt durch ihre M ä s s i g u n g und den darin 
enthaltenen Wunsch, Oesterreich vollste Genugtuung zu geben, 
alles was ich vorausgesehen habe. Wir sehen 
nicht, welche Forderungen Oesterreich noch stellen könnte, 
wenn das Wiener Kabinett nicht eben einen Vor wand zum 
Kriege mit Serbien sucht. 1 ) 



Sasonow ist 
empört über 
die Ablehnung 
der serbischen 
Antwort. 



Der deutsche Re ichskanzler, von Bethmann Hoüweg, an den 
deutschen Botschafter in London, Fürst Lichnowsky. 



Weissbuch, Anlage 12. 

Berlin. 

Von einem Vorschlag Sir Edward Greys, eine Konferenz 
in London zu vieren abzuhalten, ist hier bisher nichts bekannt. 
Es ist für uns unmöglich, unseren Bundesgenossen in seiner 
Auseinandersetzung mit Serbien vor ein europäisches 
Gericht zu ziehen. Unsere Vermittlungstätigkeit muss 
sich auf die Gefahr eines österreichisch-russischen 
Konfliktes beschränken. 1 ) 



Deutschland 
kann Oester- 
reich-Ungarn 
nicht vor ein 
europäisches 
Gericht ziehen. 



Ob. Nr. 33. ') Es ist unbegreiflich, wie Sasonow in dieser Be- 
urteilung plötzlich die Ablehnung des Punktes 5 usw. übersehen kann, 
über den er doch mit dem österreichischen Botschafter, wie auch den 
andern Diplomaten fortwährend unterhandelte. Auch ist die Ueber- 
raschung über den Inhalt der serbischen Note und ihr angebliches 
Entgegenkommen kaum verständlich; war doch an Sasonow wie an 
die englische und französische Regierung noch vor Ueberreichung 
der Antwortnote eine Inhaltsangabe abgegangen, die viel mehr als 
der eigentliche Text den Eindruck des Entgegenkommens machte. 
Schliesslich erkannte doch Sasonow selbst, Rb Nr. 31, an, dass sieben 
Forderungen unbedingt annehmbar seien; aber auch diese sind doch 
in der serbischen Antwort nicht durchgängig angenommen worden. 



Wb., Anl. 12. ') Der Reichskanzler gibt also nur die Antwort, 
die nach Blb. Nr. 40 die Dreiverbandsdiplomatie voraussah, ausserdem 
aber in einem Augenblick, in dem auch Russland das Konferenzprojekt 
vorläufig ablehnt. 



182 



27. Juli 



Der französisch e stellvertretende Minister des Aeusseren, 
Bienvenu-Martin, an den Ministerpräsidenten Viviani an 
Bord der «France» und an die französischen Botschafter 
in London, St. Petersburg, Wien und Rom. 



Gelbbuch Nr. 61. 



Bienvenu- 
M artin ver- 
dächtigt von 
Neuem die 
deutschen Ab- 
sichten. 



Paris. 

Die drei Demarchen des deutschen Botschafters in Paris 
scheinen charakteristisch zu sein: Freitag verliest er eine Note, in 
'der die deutsche Regierung sich kategorisch zwischen Oester- 
reich und die Mächte steht, die das österreichische Ultimatum 
an Serbien billigt und hinzufügt, dass Deutschland auf das 
Wärmste wünscht, dass der Konflikt lokalisiert bleibe, da jede 
Intervention einer andern Macht infolge der Bündnisverpflich- 
tungen unberechenbare Folgen hervorrufen könne; am zweiten 
Tag, Samstag, nachdem die Wirkung erreicht war und die 
Mächte infolge der Ueberraschung, der kurzen Frist und der 
Gefahren eines allgemeinen Krieges Serbien geraten hatten, 
nachzugeben, kommt Herr von Schön wieder, um seine De- 
marche abzuschwächen, tut so, 1 ) als ob er über den 
erzielten Eindruck überrascht sei und protestiert dagegen, dass 
mian Deutschland Absichten zuschreibt, die es nicht habe, da, 
wie er sagt, weder eine Verabredung vor, noch eine Drohung 
nach Ueberreichumg der Note stattgefunden habe; am dritten 
Tag, am Sonntag, nachdem das Ergebnis erreicht war, dass 
Serbien der Tat nach gewissermassen allen österreichischen 
Forderungen gegenüber nachgegeben hat, kommt der deutsche 
Botschafter zweimal wieder, um die friedlichen Absichten 
Deutschlands und seinen glühenden Wunsch an der Erhaltung 
des Friedens mitzuarbeiten, zu betonen, nachdem er den öster- 
reichischen Erfolg, verzeichnet hat, der die erste Phase der 
Krisis schliesst. 



Gib. Nr. 61. *) <Tut so», «unter dem Vorwando sind immer 
wiederkehrende Redensarten, wenn die französische Diplomatie von 
der deutschen spricht. 

2 ) Des Weitern bespricht Bienvenu-Martin den englischen Kon- 
ferenzvorschlag. 



27. Juli 



183 



D er französische stellvertretende Minister des Aeusseren, 
Bienvenu-Martin, an den Ministerpräsidenten Viviani an 
Bord der «France» und an die französischen Botschafter 
in London, St. Petersburg, Berlin und Wien . 

Gelbbuch Nr. 62. 

Paris. 

Nach seiner gestrigen Demarche, die auf eine beschwich- 
tigende Intervention Frankreichs in St. Petersburg hinzielte, 
kam der deutsche Botschafter wieder, wie ich Ihnen bereits 
mitteilte, auf die politische Direktion, unter dem Vor- 
wand e , dass es angebracht sei, der Presse eine kurze Note 
über den friedlichen und freundschaftlichen Charakter der 
Unterhaltung mitzuteilen. 1 ) 

Die mitgeteilte Note lautet foilgendermassen : « Der 
deutsche Botschafter und der Minister des Aeusseren hatten 
eine neue Unterhaltung, in deren Verlauf sie die Aktionsmittel 
der Mächte zur Erhaltung des Friedens prüften. »Diese ab- 
sieht 1 i >c h nichtssagende Fassung vermied 
e i n e S o H d a r i t ä t m i t D e u t s c hl a n d , die falsch aus- 
gelegt werden könnte. 

Heute Morgen richtete Herr von Schön einen Privatbrief 
an den politischen Direktor unter dem Vorwande, seine Unter- 
haltung mit dem Minister zusammenzufassen und fügte hinzu: 
« Merken Sie Wohl auf den Satz über die Solidarität der fried- 
lichen Gefühle. Das ist keine banale Phrase, sondern der auf- 
richtige Ausdruck der Wirklichkeit. » Das dem Briefe bei- 
gelegte Resuime lautete folgendermassen : 
- - 2 ) 

Idh habe Ihnen die Antwort mitgeteilt, die ich gab (eine 
französische Demarche in Petersburg sei schlecht zu erklären 
und m-üsste als Gegenstück eine deutsche Demarche in Wien 
haben oder wenigstens eine Vermittlung der vier weniger 
interessierten Mächte in den beiden Hauptstädten). 

Der Brief des Herrn von Schön lässt verschiedene Aus- 
legungen zu: die wahrscheinlichste Auslegung ist, dass der 
Brief wie die Demarche selbst bezweckt, Frankreich in 
den Augen Russlands zu kompromittieren, um 
dann, im Falle eines Misserfolges, die Verantwortlichkeit für 
einen eventuellen Krieg auf Russland und Frankreich abzu- 
wälzen, und schliesslich, mit friedlichen ungehörten Versiche- 



Das französi- 
sche Ministeri- 
um des Aeus- 
seren lehnt 
eineSolidarität 
mit Deutsch- 
land ab und 
stellt die deut- 
scheDemarche 
als Intrige hin. 



Gib. Nr. 62. ') Siehe Gib. Nr. 57. 

2 ) Folgt Text der Depesche des deutschen Reichskanzlers. 
Anlage 10. 



Wb. 



184 



27. Juli 



rungen eine militärische Aktion Oesterreichs in Serbien, die 
den österreidhisohen Erfolg vollenden soll, zu maskieren. 3 ) 

loh teile Ihnen diese Mitteilungen zur Information als auf 
jeden Fall zweckdienlich mit. 



Bienvenu-M ar- 
tin denunziert 
die deutsche 
Demarche in 
Russland als 
Intrige. 



Der russische Botschafter in Paris, Iswolsky, an den russi- 
schen Minister des Aeusseren, Sasonow. 

Orangebuch Nr. 35. 

Paris. 

i) 

Nach der Ueberzeugung des Justizministers haben die 
oben angegebenen Demarohes Deutschlands den offen- 
baren Zweck, Russland und Frankreich miteinander zu 
überwerfen, die französische Regierung zu Vorstellungen in 
St. Petersburg zu verlocken und auf diese Weise unseren 
Verbündeten in unseren Augen blosszus teilen, und 
schliesslich im Kriegsfalle die Verantwortlichkeit nicht auf 
Deutschland zu werfen, das angeblich alle Anstrengungen für 
die Erhaltung des Friedens macht, sondern auf Russland und 
Frankreich. 



Der französische Botschafter in Rom, Barrere, an den fran- 
zösischen stellvertretenden Minister des Aeusseren, Bien- 
venu -Martin. 



Gelbbuch Nr. 72. 

Rom. 
Der Marquis di San Giuliano ist heute Abend nach Rom 
zurückgekehrt und ich habe ihn sogleich nach seiner Ankunft 
gesprochen- Er sprach mir von dem Inhalt der österreichischen 
Note und hat mir formell versichert, dass er sie vorher nicht 
gekannt habe. 1 ) 

Er wusste wohl, dass die Note einen strengen und ener- 
gischen Charakter haben sollte, aber er hatte nicht geahnt, 

Gib. Nr. 62. 3 ) Siehe Ob. Nr. 35. Bienvenu-Martin vergisst die 
naheliegendste Auslegung merkwürdigerweise : dass nämlich der Brief 
tatsächlich nichts anderes bedeutet als was er besagt! 



Ob. Nr. 35. x ) Gespräch mit Bienvenu-Martin und Berthelot, 
die Iswolsky, der soeben nach Paris zurückkehrt, über die Demarche 
von Schöns verständigen. Iswolsky telegraphiert den von Freiherrn von 
Schön überreichten Text. 



Gib. Nr. 72. *) Vergl. Anmerkung zu Gib. Nr. 57. 



27. Juli 



185 



dass sie eine solche Form annehmen könne. loh fragte ihn, ob 
es Wahr sei, dass er in Wien, wie gewisse Zeitungen behaup- 
ten, eine Billigung der österreichischen Aktion und die Ver- 
sicherung ausgesprochen habe, dass Italien Oesterreich gegen- 
über seine Bundespflichten erfüllen werde. « Keineswegs, » 
antwortete mir der Minister, « man hat uns nicht befragt, man 
hat uns nichts gesagt, wir hatten also in Wien keine derartige 
Mitteilung zu machen.» 2 ) 

Marquis di San Qiuliano ist der Ansicht, dass Serbien 
am Klügsten gehandelt hätte, wenn es die Note voll- 
ständig angenommen hätte ; auch heute noch, glaubt 
er, wäre das die einzig richtige Lösung, da er 
überzeugt ist, dass Oesterreich keine seiner Forderungen 
zurücknehmen und sie selbst auf die Gefahr einer allgemeinen 
Konflagration hin aufrecht erhalten wird; er zweifelt daran, 
dass Deutschland geneigt sei, sich zu einer Aktion bei seinem 
Verbündeten herzugeben. Er stellt jedoch fest, dass 
Deutschland gegenwärtig viel Wert auf 
seine Beziehungen zu London legt, und glaubt, 
dass, wenn eine Macht Berlin zu einer friedlichen Aktion be- 
stimmen kann, das England sei. 

Was Italien betrifft, so wird es weiter alle Anstrengun- 
gen zur Erhaltung des Friedens machen. Zu diesem Zwecke 
hat er ohne zu zögern dem Vorschlage Sir Edward Greys, in 
London die Botschafter der nicht unmittelbar an dem öster- 
reichisch-serbischen Konflikte beteiligten Mächte zu vereini- 
gen, beigestimmt. 



San Giuliani) 
empfiehlt, dass 
Serbien jetzt 
noch die For- 
derungen Oe- 
sterreich-TJn- 
garns vollstän- 
dig annehme. 
Es wäre dies 
die einzig rich- 
tige Lösung. 



Der englische B otschafter in Berlin, Sir E. Goschen, an den 
englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey. 



Blaubuch Nr. 43. 



B e r 1 i n. 



Eine Kon- 

Der Staatssekretär meint, dass die von Ihnen vorge- ein sctneds- 



Ihr Telegramm vom 26. Juli. 1 ) 
Der Staatssekretär meint, da 
schlagen e Konferenz in Wirklichkeit ein Schiedsgericht sein Bericht 

G 1 b. Nr. 72. 2 ) Offenbar handelt es sich hier um die Erklärung der 
italienischen Regierung, über die das k. k. Telegraphen-Korrespondenz- 
Bureau am 26. Juli folgende Mitteilung machte: «Die italienische 
Regierung hat der k. und k. Regierung die Erklärung zukommen 
lassen, dass sie in einem eventuellen bewaffneten Konflikt zwischen 
Oesterreich -Ungarn und Serbien eine freundschaftliche und dem 
Bundesverhältnisse entsprechende Haltung einnehmen wird>. 

Blb. Nr. 43. x ) Der englische Vermittlungsvorschlag, Blb. N/. 36, 
der aber erst jetzt in Berlin unterbreitet wurde; daher das Telegramm 
des Reichskanzlers. Wb. Anlage 12. 

13 



186 



27. Juli 



Deutschland 
steht direkten 
Verhandlun- 
gen zwischen 
Wien und St. 
Petersburg 
sympathisch 
gegenüber. 



von Jagow 
spricht Go- 
schen gegen- 
über seine Be- 
fürchtung über 
Russlands Mo- 
bilmachung 
aus. 



würde und sie könne nach seiner Ansicht nur auf Verlangen 
Oesteirei'ch4Jngarns und Russlands einberufen werden. 2 ) Er 
könne daher auf Ihre Anregung nicht eingehen, obgleich er 
von dem Wunsche beseelt sei, an der Erhaltung des Friedens 
mitzuarbeiten. Ich entgegnete, ich wäre sicher, dass Ihr Vor- 
schlag nichts mit einem Schiedsgericht zu tun habe, sondern 
bezwecke, dass die Vertreter der nicht direkt interessierten 
vier Mächte beraten und Mittel anregen sollten, um die ge- 
fährliche Lage zu beheben. Er bestand aber darauf, dass die von 
Ihnen vorgeschlagene Konferenz unausführbar sei. Er fügte 
hinzu, dass soeben aus St. Petersburg eingetroffene Nach- 
richten bewiesen, dass Herr Sasonow beabsichtige, in 
einen Meinungsaustausch mit Graf Berchtold zu treten. Er 
dächte, dass diese Art des Verfahrens zu einem befrie- 
dig endenErgebnis führenkönne und dass es daher 
das Beste wäre, bevor man etwas anderes unternähme, das 
Resultat des Meinungsaustausches zwischen der österreichisch- 
ungarischen und der russischen Regierung abzuwarten. 

Im Verlaufe einer kurzen Unterredung sagte der Staats- 
sekretär, dass Oesterreich-Ungarn bisher nur teilweise mobi- 
lisierte, aber dass, wenn Russland gegen Deutschland mobil 
mache, letzteres dem Beispiele folgen müsse. 
Ich fragte, was er unter «gegen Deutschland mobil machen» 
verstehe. Er sagte, dass wenn Russland nur im Süden mobili- 
siere, Deutschland nicht mobilisieren würde; wenn aber Russ- 
land imNordenmobilisiere, müsse Deutschland auch mobilisieren. 
Das russische Mobilisationssystem sei so verwickelt, dass es 
schwer fallen dürfte, die Lokalisierung seiner Mobilisation zu 
erkennen. D e u t s c h 1 a n d m ü s s e d a h e r sehr auf der 
Hut gegen eine Ueberraschung sein. 

Zum Schlüsse bemerkte der Staatssekretär, dass die 
Petersburger Nachrichten eine hoffnungsvollere Beurteilung 
der allgemeinen Lage zuliessen. 



Der deutsche Reichskanzler, von Bethmann Hollweg, an den 
deutschen Botschafter in London, Fürst Lichnowsky. 

Weissbuch, Anlage 15. 

Berlin. 
b e fürwortet d ^* r ^ a, ^ en ^te Vermittlungsaktion in Wien in dem von 

Englands und Sir Edward Grey gewünschten Sinne sofort eingeleitet. Ueber- 
SiäJe d in Vor " dies haben wir Graf Berchtold auch den Wunsch des Herrn 
Wien? Sasonow a uf direkte Aussprache mit Wien mitgeteilt. 

»Blb. Nr. 43. 2 ) Oesterreich-Ungarn war überhaupt, wie bereits 
bemerkt, nicht verständigt worden, und Russland lehnte vorläufig die 
Konferenzidee ab. 



r 



27. Juli 



187 



Der französische Botschafter in Berlin, Jules Cambon, an 
den französischen stellvertretenden Minister des Aeus- 



seren, Bienvenu-Martin. 

Gelbbuch Nr. 74. x ) 

Berlin. 

Ich habe mich heute mit dem Staatssekretär unterhalten 
und ihm gegenüber die Demarche, die Sir E. Goschen soeben 
ausgeführt hatte, unterstützt. Herr von Jagow antwortete mir, 
wie er dem englischen Botschafter geantwortet hatte, dass 
er den Vorschlag, demzufolge die italienischen, französischen 
und deutschen Botschafter mit Sir Edward Qrey ein Mittel zur 
Lösung der gegenwärtigen Schwierigkeiten suchen sollten, 
nicht annehmen könne, weil das die Einsetzung einer regel- 
recnten Konferenz bedeute, um über Österreichs und Russ- 
lands Geschäfte zu verhandeln. 

Ich erwiderte Herrn von Jagow, dass ich seine Antwort 
bedaure, aber dass das grosse Ziel des Sir Edward Grey 
eine Formsache überrage; worauf es ankäme, das wäre die 
Vereinigung Englands und Frankreichs mit Deutschland und 
Italien in der Arbeit an einem Friedenswerke; dass dieser 
Zusammenschluss sich in gemeinsamen Demarchen in Peters- 
burg und Wien äussern könne; dass er mir häufig sein Be- 
dauern darüber ausgedrückt habe, zwei Bündnisgruppen zu 
sehen, die einander stets in Europa gegenüberstanden, dass 
er hier Gelegenheit habe, zu beweisen, dass es einen euro- 
päischen Geist gebe, indem vier Mächte, die zwei verschie- 
denen Gruppen angehören, gemeinsam an der Verhinderung 
eines Konfliktes arbeiteten. 

Herr von Jagow entschlüpfte mir, indem er sagte, dass 
Deutschland Oesterreich gegenüber Verpflichtungen habe. 
Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass die Beziehungen 
zwischen Deutschland und Oesterreich nicht enger wären als 
die zwischen Frankreich und Russland und dass er selbst also 
in diesem Falle die beiden Allianzgruppen gegen einander aus- 
spiele. 2 ) 

Der Staatssekretär sagte mir hierauf, dass er es nicht 
abiebne, ander Verhinderung eines österrei- 



Glb. Nr. 74. ') Das Gib. enthält unter Nr. 67 den Bericht einer 
andern Unterredung, die Cambon am gleichen Tage mit von Jagow 
hatte, in der der Staatssekretär sich ähnlich wie dem englischen Bot- 
schafter gegenüber über die Gefahr einer russischen Mobilmachung 
aussprach. 

2 ) Das ist eine unhaltbare These. Deutschland war Oesterreich- 
Ungarns Verbündeter, Frankreich aber nicht der Verbündete Serbiens. 



Wie Bienvenu- 
Martin in Paris, 
so nimmt Jules 
CamboninBer- 
lin die deut- 
schen Frie- 
densversiche- 
rungen mit un- 
verhohlenem 
Misstrauen 
entgegen. 



188 



27. Juli 



Cambon fragt 
von Jagow, ob 
er den Krieg 
wolle. 



chisch -russischen Konfliktes zu arbeiten 3 ) 
aber dass er nicht in dem österreichisch-serbischen Konflikte 
intervenieren könne. «Der eine ist die Folge des anderen» 
sagte ich, « und es ist wichtig, dass man das Auftauchen eines 
neuen Ereignisses verhindert, das die Intervention Russlands 
herbeiführen könnte. » 

Da der Staatssekretär weiter darauf beharrte, dass er 
gezwungen sei, seine Verpflichtungen Oesterreich gegenüber 
innezuhalten, fragte ich ihn, ob er sich verpflichtet habe, 
Oesterreich mit geschlossenen Augen überall hin zu folgen, 
und ob er von der serbischen Antwort an Oesterreich, die der 
serbische Geschäftsträger ihm heute morgen überreicht hatte, 
Kenntnis genommen habe. «Ich habe noch keine Zeit dazu 
gehabt», sagte er mir. «Ich bedaure es. Sie werden sehen, dass 
abgesehen von Einzelheiten, Serbien sich vollständig unter- 
wirft. Es scheint also, dass, da Oesterreich die Genugtuung 
erhalten hat, die Ihre Unterstützung ihm verschaffte, Sie ihm 
heute raten können, sich damit zu begnügen oder mit Serbien 
den Wortlaut der Antwort zu prüfen.» 

Da Herr von Jagow mir nicht klar antwortete, fragte 
ich ihn, ob Deutschland den Krieg wolle. Er 
protestierte lebhaft dagegen, indem er sagte, er wisse, dass 
ich dies dächte, aber das sei vollständig unrichtig. — «Sie 
müssen dann», sagte ich weiter, «entsprechend handeln. Wenn 
Sie die serbische Antwort lesen, wägen Sie den Wortlaut mit 
Ihrem Gewissen, ich bitte Sie im Namen der Menschheit da- 
rum, und nehmen Sie nicht (persönlich Anteil an der Verant- 
wortlichkeit für die Katastrophe, deren Entstehen Sie zulassen.» 
Herr von Jagow protestierte von neuem, indem er hinzufügte, 
er sei bereit, sich England und Frankreich in einer gemein- 
samen Bemühung anzuschliessen, aber dass man für diese 
Intervention eine Formel finden müsse, die er annehmen könne, 
und dass die Kabinette sich hierüber verständigen sollten. 

«Uebrigens», fügte er hinzu, «sind zwischen Wien und 
Petersburg direkte Unterhaltungen angeknüpft worden, die 
andauern; ich erwarte davon viel Gutes und 'bin hoffnungs- 
voll.» 

Als ich ihn verliess, sagte ich ihm, dass ich heute mor- 
gen den Eindruck hatte, als habe die Stunde der Entspannung 
geschlagen, aber ich sähe wohl, dass dem nicht so sei. Er 
antwortete mir, ich täusche mich, er hoffe, dass die Dinge 



Gib. Nr. 74. 3 ) Das hat Deutschland nie abgelehnt. Der Drei- 
verband aber wollte im Grunde von einer Vermittlung zwischen Oester- 
reich-Ungarn und Russland nichts wissen, sondern ging auf eine 
Vermittlung zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien aus. 



27. Juli 



189 



auf gutem Wege seien und vielleicht schnell zu einem Ergebnis 
führten. Ich ersuchte ihn, in Wien zu handeln, damit sie 
schnell vorwärts gingen, da es wichtig sei, dass nicht in- 
zwischen in Russland eine jener Meinungsströmungen ent- 
stände, die alles mit sich fortschwemmen. 

Nach meiner Ansicht wäre es angebracht, Sir E. Grey, 
der durch Sir E. Goschen von der Ablehnung seines Vor- 
schlages in der vorliegenden Form unterrichtet sein wird, 
zu ersuchen, ihn in einer anderen Form zu erneuern, s o 
dass Deutschland keinen Vorwand 1 n a t , seine 
Teilnahme abzulehnen und in den Augen Englands 
seine Verantwortlichkeit übernimmt. 4 ) 



Der englische Botschafter in St. Petersburg, Sir G. Buchanan, 
an den englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir 
Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 44. 

St. Petersburg. 

Als der Minister des Aeusseren mich befragte, antwortete Die zweideuti- 
ich ihm, dass ich in meiner Unterredung, welche in meinem f&ssiands 8 
Telegramm vom 24. Juli wiedergegeben ist, 2 ) die Haltung Sei- Krisis! ld der 
ner Majestät Regierung genau gekennzeichnet hätte. Ich fügte 
hinzu, dass Sie nicht versprechen könnten, mehr zu tun und 
dass Seine Exzellenz Unrecht hätten, anzunehmen, dass den 
Friedensbestrebungen damit gedient wäre, wenn wir der 



Gib. Nr. 74. 4 ) Die französische Diplomatie suchte durchgängig 
Deutschland bei England zu kompromittieren. 

Der russische Geschäftsträger in Berlin, Bronewskp, be- 
richtet in einem Telegramm an Sasonow, Ob. 39, über diese Unter- 
redung. Er spricht davon, dass Cambon vorgeschlagen habe, die 
vier Mächte sollen in Wien einen Rat mit folgendem Wortlaut er- 
teilen: «sich jeder Handlung zu enthalten, die die gegenwärtige Situ- 
ationverschärfen könnte*, vonjagowhabe diesen Vorschlag kategorisch 
abgelehnt, < trotz der eindringlichen Vorstellungen des Botschafters, 
der betonte, dass sein Vorschlag das Gute habe, die Mächte mitein- 
ander zu vermengen, wodurch der Gegensatz von Dreibund und Drei- 
verband, über den Jagow selbst sich so oft beklagt habe, vermieden 
würde >. Es handelt sich also um dasselbe Gespräch. Wie man sieht, 
berichtet Cambon oder das Gib. nichts von jenem intransigenten Vor- 
schlag und seiner Ablehnung. 



Blb. Nr. 44. ') Wiedergabe der Unterredung Sasonows mit 
Szäpäry. Siehe Anmerkung zu Ob. Nr. 25. 
2 ) Blb. Nr. 6. 



190 



27. Juli 



Sasonowbetont 
die Notwendig- 
keit eines Mo- 
bilmachungs- 
dekrets. 



deutschen Regierung mitteilten, dass, im Falle sie Oesterreich- 
Ungarn mit den Warfen unterstütze, sie es ebenso wie mit 
Russland und Frankreich, auch mit uns zu tun hätte. Die Hal- 
tung Deutschlands würde sich durch eine solche Drohung nur 
noch mehr versteifen, und wir könnten es nur zu einer Ein- 
wirkung auf Wien zur Vermeidung eines Krieges bringen, wenn 
wir uns ihm in der Eigenschaft eines um den 
Frieden besorgten Freundes näherten. Wenn 
unsere Bemühungen erfolgreich sein sollten, dann müsste 
Seine Exzellenz nichtsunternehmen, wasdenKon- 
f 1 i k t beschleunige. Unter diesen Umständen hoffte ich, 
dass die russische Regierung den Mobilisationsukas so lange 
als möglich hinausschiebe und dass die Truppen selbst nach 
seiner Erteilung die Grenzen nicht überschritten. 

Der Minister des Aeusseren antwortete darauf, dass, so- 
lange der Kaiserliche Ukas nicht erschiene, keine wirksamen 
Schritte zur Mobilisation Uinternomraen werden 
könnten und dass die österreichisch-ungarische Regie- 
rung aus dieser Zwischenzeit Nutzen ziehen würde, um ihre 
militärischen Vorbereitungen zu vervollständigen, wenn sich 
dieser Zeitraum zu sehr in die Länge zöge. 3 ) 



Deutschland 
ist im Prinzip 
mit einer Ver- 
mittlung ein- 
verstanden. 



Der englische Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an den englischen Botschafter in Berlin, Sir E. Goschen, 

Blaubuch Nr. 46. 

L o n d o n. 

Der deutsche Botschafter hat mir mitgeteilt, dass seine 
Regierung i im Prinzip im i t der Vermittlung der 
vier Mächte zwischen Oesterreich-Ungarn 
u n d R u s s 1 a m d einverstanden sei, unter dem Vor- 
behalt, dass, wenn Oesterreich-Ungarn angegriffen würde, 
Deutschland seinem Verbündeten beistehe. Der Botschafter 
hatte auch Auftrag, mich zu ersuchen, meinen Einfluss in St. 
Petersburg dahin auszuüben, dass der Krieg lokalisiert und 
der europäische Friede erhalten bleibe. 

Ich erwiderte, dass -die serbische Antwort den österrei- 
chisch-ungarischen Forderungen, weiter entgegenkomme, als 
mian hätte erwarten dürfen. Der deutsche Staatssekretär habe 
selbst gesagt, dass gewisse in der österreichisch-ungarischen 
Note enthaltene Ansprüche kaum von Serbien erfüllt werden 
könnten. Ich nähme an, dass die Antwort Serbiens schwerlich 



B 1 b. Nr. 44. 3 ) Sasonow ist also fest entschlossen, den Zaren zur 
Unterzeichnung des Mobilmachungsukases zu überreden. 



27. Juli 



191 



so entgegenkommend gelautet hätte ohne Russlands versöhn- 
lichen Einfluss in Belgrad, und jetzt wäre wirklich mässigender 
Einfluss in Wien nötig; aber wenn Oesterreich-Ungarn die ser- 
bische Antwort als wertlos beiseite lege und in Serbien ein- 
marschiere, so bedeute das, dass es Serbien um jeden Preis 
zerschmettern wolle, umeingedenk aller daraus entstehenden 
Folgen. Man solle die Antwort Serbiens wenigstens als eine 
Grundlage zu einer Besprechung und zu einer Pause be- 
trachten. Ich sagte, die deutsche Regierung sollte darauf in 
Wien dringen. 

Ich kam auf das, was die deutsche Regierung über 
den Ernst der Lage gesagt hatte, 1 ) falls der Krieg nicht lokali- 
siert werden könne, und beimerkte, dass, wenn Deutschland 
Oesterreich-Ungarn gegen Russland unterstütze, das deswegen 
gesohie'ht, weil Deutschland, unbekümmert um die Ursachen der 
Streitfrage, die Vernichtung seines Verbündeten nicht dulden 
könne- Genau so d ü r f t e n andere Gründe sich über 
dem Streitfall zwi chen Oesterreich-Ungarn 
und Serbien erheben und andere Mächte 
heranziehen und der Krieg würde der Gewaltigste wer- 
den, den man je gekannt halbe; so lange jedoch Deutschland 
im Interesse des Friedens wirke, würde ich getreulich mit- 
wirken. Ich widerholte, dass nach der serbischen Antwort 
jetzt in Wien auf Mässigung gedrungen werden müsse. 



GreystelltEng- 
lands Teilnah- 
me am Kriege 
in Aussicht. 



Der englische Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an den englischen Botschafter in St. Petersburg, Sir 
G. Buchanan. 



Blaubuch Nr. 47. 

L ond on. 
Betreffs meines heutigen Telegramimes an Sir E.Goschen. 1 ) 
Der russische Botschafter teilte mir mit, dass in deutschen 
und österreichischen Kreisen die Meinung vorherrsche, wir 
würden in jedem Falle unbeteiligt bleiben. Seine Exzellenz 
bedauerte den Eindruck, den eine solche Meinung hervor- 
rufen müsse. 

Dieser Eindruck müsse, wie ich betonte, 
durch unsern Befehl an die erste Flotten- 
division, welche gerade in Portland vereinigt sei, nicht 



Blb. Nr. 46. ') In der Demarche beim Dreiverbande vom 24. Juli. 



Grey weist den 
russischenVor- 
wurf zurück, 
England zeigte 
nicht klar ge- 
nug seine Ab- 
sicht auf Russ- 
lands Seite mit- 
zukämpfen. 



Blb. Nr. 47. l ) Blb. Nr. 37, Konferenzvorschlag. 



192 



27. Juli 



nach dem Manöver auseinanderzugehen, aufgehoben wer- 
den. Atoer dem russischen Botschafter bedeutete ich, dass 
meine Bezugnahme auf diese Massregel nicht so ausgelegt 
werden dürfe, dass wir irgendwelche andern als diploma- 
tischen Schritte versprechen könnten. 

Von deutscher und österreichisch-ungarischer Seite hören 
wir, dass man erwartet, Russland werde nicht eingreifen, so 
lange Ocsterreich-Uingarn kein serbisches Land annektiere. 
Ich machte darauf aufmerksam und fügte hinzu, dass es lächer- 
lich wäre, wenn wir uns in unseren Verhandlungen mit der 
deutschen und österreichisch-ungarischen Regierung serbischer 
zeigten als die Russen. 



Der englische Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an den englischen Botschafter in Wien, Sir M. de Bimsen. 



Oesterreich- 
Ungarn be- 
müht sich von 
Neuem, in Eng- 
land Verständ- 
nis für sein 
Vorgehen mit 
Serbien zu 
wecken. 



Blaubuch Nr. 48. 

L o n d o n. 

Graf Mensdorff sagte mir auf Grund seiner Instruktionen, 
dass die serbische Regierung die von Oesterreich-Ungarn 
zum dauernden Schutze seiner Lebensinteressen gestellten 
Forderungen nicht angenommen habe. Dadurch beweise Ser- 
bien, dass es nicht beabsichtige, seine auf Umsturz gerichteten 
Bestrebungen einzustellen, die den Zweck hätten, in den öster- 
reichisch-ungarischen Grenzländern dauernd Unruhen zu stif- 
ten und diese Provinzen Oesterreich-Ungarn zu entreissen. 
Nur widerstrebend und ungern sieht sich die österreichisch- 
ungarische Regierung gezwungen, schärfere Massregeln zu 
ergreifen, um eine vollständige Aenderung in der bis jetzt von 
Serbien beobachteten feindlichen Haltung herbeizuführen. Der 
grossbritannischen Regierung sei bekannt, dass die österrei- 
chisch-ungarische Regierung seit Jahren bemüht gewesen sei, 
Mittel und Wege zu finden, um mit ihrem unruhigen Nachbar 
im Frieden zu leben, obschom dies Serbien durch beständige 
Herausforderungen sehr erschwerte. Der Mord von Serajewo 
habe jedermann bewiesen, welch schreckliche Folgen die ser- 
bische Propagande bereits gezeitigt habe und welch beständige 
Gefahr sie für Oesterreich bilde. Wir müssten begreifen, dass 
für die österreichisch-ungarische Regierung der Augenblick ge- 
kommen sei, durch die stärksten Zwangsmassregeln Garan- 
tien für die endgültige Unterdrückung der serbischen Bestre- 
bungen und für die Sicherheit des Friedens und der Ordnung 



27. Juli 



193 



an der süd-östlichen Grenze Oesterreichs zu erlangen. Da die 
friedlichen Mittel erschöpft worden seien, müsse die öster- 
reichisch-ungarische Regierung schliesslich zu den Waffen 
greifen. Dieser Beschluss sei jedoch nur mit Widerstreben ge- 
fasst worden. Diese Aktion, die keinerlei aggressive Tendenz 
habe, könne nur als ein Akt der Selbsterhaltung betrachtet 
werden. Ausserdem sei die österreichisch-ungarische Regie- 
rung der Meinung, dass sie im Interesse Europas 
handle, indem sie Serbien verhindere, in Zu- 
kunft ein ticitnentder allgemeinen Beunruhi- 
gung zu bilden, wie es während der letzten zehn Jahre 
der Fall gewesen. D e r h o c h a u s g e b i 1 d e t e Gerech - 
tigkeitssinn des britischen Volkes und sei- 
ner Staatsmänner könne die österreichisch-ungarische 
Regierung gewiss nicht tadeln, wenn die letztere ihren Besitz 
mit dem Schwert verteidige und ihre Stellung zu einem Nach- 
banlande, dessen feindliche Politik sie seit Jahren gezwungen 
habe, das Nationalverimögen schwer schädigende Massregeln 
zu ergreifen, ins Reine zu bringen suche. Schliesslich fühle die 
österreichisch-ungarische Regierung im Vertrauen auf unsere 
gegenseitigen freundschaftliclhen Beziehungen, dass sie auf un- 
sere Sympathien in einem ihr aufgezwungenen Kampfe und auf 
unseren Beistand, den Krieg wenn nötig zu lokalisieren, rech- 
nen könne. 

Graf Mensdorff fügte als persönliche Bemerkung bei, 
dass, solange Serbien der Türkei gegenüberstand, Oesterreich- 
Ungarn in Anerkennung des Prinzips der Entwicklungsfreiheit 
der Balkanstaaten nie sehr scharfe Massregeln ergriffen habe. 
Nun, da Serbien seinen Umfang und seine Bevölkerung ver- 
doppelt habe, olhme dass 0esterreich4Jngarn eingeschritten 
wäre, sei die Unterdrückung der subversiven serbischen Be- 
strebungen eine Sache der Selbstverteidigung und Selbst- 
erhaltung für Oesterreich. Er wiederholte von Neuem, dass 
Oesterreich-Ungarn keine Absicht hege, serbisches Gebiet 
zu annektieren oder aggressive Pläne gegen serbisches Gebiet 
auszuführen. 

Ich sagte, ich könne die österreichische Auslegung der ser- 
bischen Antwort nicht verstehen, und ich erzählte dem Grafen 
Mensdorff im Wesentlichen die Unterhaltung, die ich heute 
morgen mit dem deutschen Botschafter über jene Antwort 
hatte. 

Graf Mensdorff gab zu, dass die serbische Antwort auf 
dem Papier zufriedenstellend erscheinen möge; aber die Ser- 
ben haben die Mitarbeit österreichisch-ungarischer Polizei- 
organe und anderer Beamten verweigert, die einzige Garantie, 



Mensdorff be- 
tont den fried- 
lichen, auf die 
Beruhigung 
Europas hin- 
zielenden Cha- 
rakter der 
Aktion gegen 
Serbien. 



Mensdorff wie- 
derholt, dass 
Oesterreich- 
Ungarn keine 
Gebietserwei- 
terung an- 
strebt. 



Grey erklärt 
die serbische 
Antwort für be- 
friedigend und 
weist auf Eng- 
lands Flotten- 
massnahmen 
hin. 



194 27. Juli 

dass sie ihre subversive Kampagne gegen Oesterreich tat- 
sächlich nicht fortsetzen würden. 

Ich sagte, dass es mir schiene, als ob die österreichisch- 
ungarische Regierung glaube, sie könne sogar nach der ser- 
bischen Antwort mit Serbien Krieg führen, ohne Russlands 
Eingreifen in den Streit befürchten zu müssen. Wenn Oester- 
reich-Ungarn Krieg mit Serbien führen und gleichzeitig Russ- 
land zufriedenstellen könne, wäre alles zum Besten; wenn nicht, 
würden die unberechenbarsten Folgen entstehen. Ich sagte, dass 
ich diesen Satz aus einer Meinungsäusserung der deutschen Re- 
gierung wiedergelbe. 1 ) Ich fürchte, dass man in St. Petersburg 
nach der serbischen Antwort eine Entspannung erwarte und 
dass, wenn man sieht, dass die Spannung nur grösser wird, 
die Lage ernster werde. Bereits sei die Wirkung in Europa all- 
gemeine Befürchtung. Ich sagte, dass unsere Flotte heute hätte 
auseinandergehen sollen, wir uns aber nicht in der 
Lage befunden hätten, den diesbezüglichen 
Befehl zu erteilen. Ich dächte, der Augenblick sei noch 
nicht gekommen, die Reserven einzuberufen, und unsere Flotten- 
massnahmen bedeuten keine Drohung; aber in Betracht eines 
möglichen europäischen Krieges könnten wir 
jetzt unmöglich unsere Streitkräfte zerstreuen. 2 ) Ich zitiere dies 
als Illustration der Befürchtungen, die man hege- Ich sei der 
Ansicht, dass die serbische Antwort schon die grösste Demü- 
tigung bedeute, der ein Land je ausgesetzt worden sei, und ich 
fühlte mich darüber sehr enttäuscht, dass die österreichisch- 
ungarische Regierung sie behandle, als sei sie ebenso unbe- 
friedigend wie eine glatte Ablehnung. 3 ) 



B 1 b. Nr. 48. ') Grey zitiert hier die deutsche Mitteilung, in der 
auf die unberechenbaren Folgen hingewiesen wird, wenn der Konflikt 
nicht lokalisiert bleibe, woraus Deutschland folgerichtig natürlich den 
Schluss zieht, dass er lokalisiert bleiben müsse. Dieses Zitat aus Greys 
Munde zur Einschüchterung Oesterreichs ist mehr als seltsam, da er 
damit ja gerade das Prinzip der Lokalisierung bekämpft. 

2 ) Also selbst England, der am wenigsten beteiligte Staat, glaubte 
militärische Massnahmen erlassen zu müssen. Deutschlands Sorge 
dagegen betreffs der russischen Mobilmachungsmassnahmen wollte 
Grey nicht begreifen. 

3 ) Mensdorff unterrichtet übereinstimmend mit dem Grepschen 
Bericht am gleichen Tag Berchtold von dieser Unterhaltung und 
schliesst mit diesen Worten: «Ich glaube Euer Exzellenz gegenüber 
nicht besonders hervorheben zu sollen, dass der Greysche Konferenz- 
vorschlag, insoweit er sich auf unseren Konflikt mit Serbien bezieht, 
angesichts des eingetretenen Kriegszustandes durch die Ereignisse 
überholt erscheint. > Rb. 38. 



27. Juli 



195 



Der englische Botschafter in St. Petersburg, Sir G. Buchanan, 

an den englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir 

Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 55. 

S t. P e t e r s b u r g. 

Bezugnehmend auf mein gestriges Telegramm 1 ) sprach 
ich heute mit dem Minister des Aeusseren und fand, dass er 
sehr versöhnlich und auch optimistischer gestimmt war. 

Der Minister sagte, dass er seinen ganzen Einfluss in 
Belgrad geltend machen würde, um die serbische Regierung 
zu bewegen, soweit wie möglich Oesterreich-Ungarn Genug- 
tuung zu geben, aber die territoriale Integrität 
Serbiens müsse gesichert und dessen Rechte 
als eines selbständigen Staates geachtet 
werden, 2 ) so dass es nicht Oesterreichs Vasall werden 
könne. Es sei ihm unbekannt, ob Oesterreich-Ungarn den 
freundschaftlichen Meinungsaustausch, welchen er vorgeschla- 
gen, annehmen würde, sollte das aber der Fall sein, so wünschte 
er während der ganzen Zeit dieser Unterhaltung in engster 
Fühlung mit den andern Mächten zu bleiben. 

Er kam wieder auf die Tatsache zurück, dass die von 
Serbien im Jahre 1908 3 ) übernommenen Ver- 
pflichtungen, auf welche das österreichisch-ungarische 
Ultimatum Bezug nähme, gegen über der Gesamtheit 
der Mächte eingegangen worden seien. 

Ich fragte, ob er von Ihrem Vorschlag über eine Kon- 
ferenz der vier Mächte gehört hätte, und auf seine Bejahung 
teilte ich ihm vertraulich die von Ihnen an mich ergangenen 
Weisungen mit und fragte, ob er den von ihm vorgeschlagenen 
direkten Meinungsaustausch einer solchen Konferenz vorzöge. 
In einem Gespräch, das ich soeben mit dem deutschen Bot- 
schafter gehabt hätte, wäre dieser der persönlichen An- 
schauung gewesen, dass ein direkter Meinungsaustausch 
Oesterreich-Ungarn angenehmer sein dürfte als eine Konferenz. 

Seine Exzellenz bemerkte, dass er durchaus bereit sei, sich 
einer Einmischung zu enthalten, wenn die Mächte den Vor- 
schlag einer Konferenz annähmen, aber er hoffe, Sie würden 
in diesem Falle mit dem russischen Botschafter in Fühlung 
bleiben. 



Sasonow gibt 
dem engli- 
schen Bot- 
schafter beru- 
higende Erklä- 
rungen. 



Blb. Nr. 55. J ) Blb. Nr. 44. 

2 ) Es ist zu beachten, dass Oesterreich-Ungarn immer wieder 
diese russische Bedingung annahm, ohne Sasonow damit befriedigen 
zu können, der sogar erklärt, eine solche Versicherung sei belanglos. 

3 ) Muss heissen 1909. 



196 



27. Juli 



Der Zar sagt 
dem serbi- 
schen Prinz- 
regenten Russ- 
lands Unter- 
stützung im 
Falle eines 
österreichisch- 
serbischen 
Krieges zu. 



Der Zar an den serbischen Regenten, den Kronprinzen 
Alexander. *) 

Orangebuch Nr. 40 und Serbisches Blaubuch Nr. 43. 

Eure Königliche Hoheit täuschten sich nicht, als sie sich 
in einem besonders schwierigen Augenblicke an mich wandte, 
über die Gefühle, die mich für sie beseelten, und über meine herz- 
liche Sympathie für das serbische Volk. Die gegenwärtige Lage 
ruft meine ernsteste Aufmerksamkeit hervor, und 
meine Regierung wendet alle Anstrengungen auf, um die gegen- 
wärtigen Schwierigkeiten beizulegen. Ich zweifle nicht, dass 
Eure Hoheit und die Königliche Regierung den Wunsch hegen, 
diese Aufgabe zu erleichtern, indem sie nichts vernachlässigen, 
was zu einer Lösung führen kann, uim die Schrecken eines 
neuen Krieges zu vermeiden und doch die Würde Serbiens zu 
wahren. Solange noch die geringste Hoffnung besteht, ein 
Blutvergiessen zu verhindern, sollen alle unsere Bemühungen 
auf dieses Ziel gerichtet sein. Wenn wir trotz unseres aufrich- 
tigen Wunsches erfolglos bleiben, kann Eure Hoheit 
sicher sein, dass Russland sich in keinem 
Falle an dem Schicksal Serbiens desinteres- 
sieren wird. 2 ) 



O b. Nr. 40 und Serb. B 1 b. Nr. 43. *) Antwort auf das Telegramm 
Alexanders von Serbien vom 24. Juli. Serb. Blb. Nr. 37 und Ob. Nr. 6. 

2 ) Die Wendung : «ein Blutvergiessen zu verhindern» will zwei- 
felsohne besagen, den österreichisch-serbischen Krieg zu verhindern. 
Bricht dieser Krieg aus, wird Russland eingreifen. 



28. Juli 



197 



28. JULI 



Der englische Botschafter in Paris, Sir F. Bertie, an den 
englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 58. 

Paris. 

Ich teilte dem stellvertretenden Minister des Aeusseren 
heute nachmittag den Inhalt Ihres Gespräches mit dem 
deutschen Botschafter mit, wie Sie ihn in ihrem Telegramm 
nach Berlin vom 21. Juli berichteten. x ) 

Seine Exzellenz ist für diese Mitteilung dankbar. Er sagt, 
sie bestätige das, was er über Ihre Haltung gehört hatte, und 
er vertraut darauf, dass Ihre dem deutschen Botschafter ge- 
machten Bemerkungen im Interesse des Friedens wirken 
werden. 



Französische 
Dankesbezeu- 
gung für Greys 
Mitteilung an 
Lichnowsky 
über Englands 
Teilnahme am 
Kriege. 



Der französische Ministerpräsident, Viviani, an den französi- 
schen stellvertretenden Minister des Aeusseren, ßien- 
venu-Martin. 



Gelbbuch Nr. 76. 

An Bord der « France ». 

Ich habe über Kopenhagen Ihr Tellegramim erhalten, das vmani billigt 

die Ereignisse des Samstag zusammenfasst, das Telegramm Martos^bieb- 

über den letzten Besuch des deutschen Botschafters, das über nende Haltung 

die Vermittlung, die Russland Serbien anrät, und über die eng- Demarche? 611 

lischen Demarchen in Berlin, wie auch ihr Telegramm, das gegenüber. 
heute morgen direkt vom Eiffelturm ankam. Ich billige 



Blb. Nr. 58. ') Blb. Nr. 46, wo Grey für den Fall eines allge- 
meinen Krieges Englands Teilnahme in Aussicht stellt, d, h. natürlich 
Englands Teilnahme gegen Deutschland. 



198 



28. Juli 



Er erklärt die 
Vermittlung' 
zwischen 
Oesterreich 
und Russland 
für eine Ver- 
mittlung' zwi- 
schen Oester- 
reich und Ser- 
bien! 



völlig die Antwort, die Sie dem Freiherrn von Schön 
erteilt haben; die These, die Sie vertraten, ist sonnenklar 1 ) : 
in der Suche nach einer friedlichen Lösung des Konfliktes sind 
wir vollkommen einer Meinung mit Russland, das nicht für 
die gegenwärtige Lage verantwortlich ist und noch keinerlei 
Massregel ergriffen hat, die den geringsten Verdacht erwecken 
könnte; aber es ist klar, dass als Gegenleistung Deutschland 
sich nicht weigern kann, der österreichisch-ungarischen Re- 
gierung, deren Aktion den Konflikt eröffnet hat, Ratschläge zu 
erteilen. 

Es ist also angebracht, dem deutschen Botschafter gegen- 
über weiter dieselbe Sprache zu führen. Dieser Rat 
stimmt übrigens mit dem zweifachen englischen Vorschlag, 
der in ihrem Telegramm erwähnt ist, überein. Ich billige völlig 
die von Sir E. Grey angeregte Kombination und ich fordere 
Herrn Paul Camlbon direkt auf, es ihm mitzuteilen. Es ist wich- 
tig, dass man in Berlin weiss, dass unsere volle Mitwirkung 
den Bemühungen sicher ist, welche die englische Regierung für 
eine friedliche Lösung des österreichisch-serbi- 
schen Konfliktes anstellt. 2 ) Die Aktion der vier weniger 
interessierten Mächte kann aus den oben dargelegten Grün- 
den n i c h t n u r in Wien und St. Petersburg ausgeübt werden. 
Indem er vorschlägt, sie auch in Belgrad auszuüben, das heisst 
vor allem zwischen Wien und Belgrad, tritt Sir E. 
Grey in die Logik der Lage zurück 3 ); und indem er St. Peters- 
burg nicht aussehliesst, bietet er Deutschland ein Mittel, in aller 
Würde seine Demarche aufzugeben, durch welche die deutsche 
Regierung in Paris und London erklären Hess, dass sie die 
Angelegenheit als eine rein österreichisch-serbische ohne all- 
gemeinen Charakter ansieht. 4 ) 



Gib. Nr. 76. s ) l'evidence meme. 

2 ) Man beachte die Wendung «österreichisch-serbischen 
Konfliktes». Grey versuchte gerade, Deutschland und Oesterreich-Un- 
garn mit der Versicherung zu beruhigen, dass er sich nicht um den 
österreichisch-serbischen, sondern nur um den österreichisch-russischen 
Konflikt kümmere. Viviani aber erklärt Greys Vorschläge für Vor- 
schläge zur Lösung des österreichisch-serbischen Konfliktes! 

3 ) Hier geht Viviani noch weiter. Grey erwähnt Belgrad und St. Pe- 
tersburg als diejenigen Regierungen, die während der Vermittlung 
zwischen Wien und St. Petersburg keine militärische Massnahmen er- 
greifen sollen. Viviani spricht von einer Aktion «vor allem zwischen 
Wien und Belgrad», wie es bereits Paul Cambon getan. 

4 ) Nach Vivianis Auffassung ist also die Vermittlung in St. Peters- 
burg nur Formsache, um Deutschland einen Rückzug zu ermöglichen. 
Der Greysche Vorschlag ist für ihn nichts als ein Vorschlag, den 
österreichisch-serbischen Konflikt zu europäisieren, zwischen Wien und 
Belgrad zu vermitteln; alles andere ist nur Schein! Damit gibt Viviani 



J8. Juli 



199 



Ich bitte Sie, dieses Telegramm unseren Vertretern bei 
den Grossmächten und unserem Gesandten in Belgrad mitzu- 
teilen. 



Der französisch e stellvertretende Minister des Aeusseren, 
Bienve nu-Martin, an die Botschafter in London, Berlin, 
St. Petersburg, Wien und Rom. 

Gelbbuch Nr. 78. 

Paris. 

Ich hatte heute morgen von neuem den Besuch des 
deutschen Botschafters; er sagte mir, dass er keine Mitteilung, 
keinen offiziellen Vorschlag zu überbringen habe, sondern dass 
er rein privat käme, um über die Lage und die Mittel zu 
sprechen, die nicht wieder gut zu machende Akte verhindern 
könnten. Als ich ihn über die Absichten Oesterreichs befragte, 
erklärte er, er kenne sie nicht und wisse nicht, welcher Art 
die Zwangsmittel seien, die es vorbereite. 

Deutschland hat, nach dem was Freiherr von Schön sagt, 
nur den Wunsch, mit Frankreich für die Erhal* 
tungdes Friedens zu wirken. Auf meine Bemerkung, 
dass ein Projekt über die Vermittlung der vier Mächte, dem 
im Prinzip Italien und Deutschland zugestimmt haben, von 
England vorgebracht worden sei, antwortete der Botschafter, 
dass Deutschland in der Tat sich durchaus der Aktion der 
Mächte beigesellen wolle, wenn diese Aktion nicht die Form 
eines Schiedsgerichtes oder einer Konferenz annehme, die 
Oesterreich abgelehnt halbe. 

Ich entgegnete, dass, wenn nur ein Wort die österrei- 
chische Regierung zurückhalte, das Ziel durch andere Mittel 
erreicht werden könne; die deutsche Regierung sei in der 
Lage, Oesterreich aufzufordern, den Mächten Zeit zur Inter- 
vention, zur Anbahnung einer Versöhnung zu lassen. 

Herr von Schön bemerkte mir darauf, dass er keine In- 
struktionen habe und nur wisse, dass Deutschland auf Oester- 
reich keinen Druck ausüben wolle, weil Oesterreich nichts 
von einer Konferenz wissen wolle.. Er wirft den französischen 
Zeitungen vor, Deutschland eine Haltung zuzuschreiben, die 

in dem internen Schriftwechsel unumwunden zu, dass Greys Aktion 
tatsächlich das europäische Schiedsgericht über Wien und Belgrad 
bedeute, als das Deutschland und Oesterreich-Ungarn den Grepschen 
Vorschlag ansahen. Damit fallen die spätem Anklagen, die Viviani 
gegen Deutschland wegen der Nichtannahme des Vermittlungsvor 
Schlages zwischen Wien und St. Petersburg richtet, zusammen. 



Eine neue ver- 
söhnliche deut- 
sche Demar- 
che in Paris. 




200 



28. Juli 



es nicht habe, indem sie behaupten, Deutschland treibe Oester- 
reich vorwärts. Zweifellos billigt Deutschland Oesterreichs 
Haltung, aber es kannte nicht die Note; es könne Oesterreich 
nicht auf zu brüske Weise zum Einhalten bestimmen, denn 
Oesterreich brauche Garantien gegen die serbischen Methoden. 



Der englische Botschafter in Paris, Sir F. Bertie, an den eng- 
lischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 59. 

Pari s. 
Ich teilte dem stellvertretenden Minister des Aeusseren 
heute den Inhalt Ihrer Unterredung mit dem russischen Bot- 
schafter, wie in Ihrem gestrigen Telegramm nach St. Pe- 
tersburg berichtet, mit. 1 ) 
Bienyenu- Er ist für die Mitteilung dankbar und versteht vollkom- 

StEnliands men, dass es Seiner Majestät Regierung unmöglich ist, sich mit 
Russland in einer Frage zwischen Oesterreieh-Ungarn und 
Serbien, die im gegenwärtigen Stadium, Grossbritan- 
nien nicht betrifft, solidarisch zu erklären. Er begreift ebenfalls, 
dass Sie in Berllin und in Wien nicht eine serbischere Hal- 
tung einnehmen können, als Russland nach deutschem und 
österreichisch-ungarischen Urteil einnimmt. 

Der deutsche Botschafter hat erklärt, dass Oesterreieh- 
Ungarn die serbische Integrität unangetastet lassen werde, 
als er aber gefragt wurde, ob Serbiens Unabhängigkeit auch 
respektiert würde, gab er keine diesbezügliche Versicherung. 



tige" Haltung. 



Der französische Botschafter in Berlin, Jules Cambon, an den 
französischen stellvertretenden Minister des Aeusseren, 
Bienvenu-Martin. 

Gelbbuch Nr. 81. 

Berlin. 
Deutschlands Die Unterhaltung, die Herr Sasonow mit dem Grafen 

mrTifdü-ekte Szäpäry hatte, wurde durch den russischen Geschäftsträger 
Verständigung- Herrn von Jagow zur Kenntnis gebracht. Der Staatssekretär 

zwischen Wien ° ° , , . 

und st. Peters- sagte ihm, dass den Aeusserungen des deutschen Botscnatters 
in Russland zufolge, nachdem nach Ablauf des österreichi- 
schen Ultimatums die Wiener Regierung es nicht ablehne, 



Blb. Nr. 59. l ) Blb. Nr. 47. 



28. Juli 



201 



sich mit der Petersburger Regierung zu unterhalten, man 
hoffen dürfe, dass seinerseits Graf Berchtold mit Herrn 
Schebeko sprechen werde, und dass man einen Ausweg aus 
den gegenwärtigen Schwierigkeiten finden könne. 

Der russische Geschäftsträger sieht mit 
Genugtuung diese Disposition, die den Wünschen 
Herrn von Jagows, dass Wien und Petersburg sich direkt ver- 
ständigen und Deutschland entlasten, entspricht. Es ist nur 
die Frage, ob Oesterreich nicht Zeit zu gewiinnen sucht, um 
sich vorzubereiten. 

_____ _____>) 



Der englische Geschäftsträger in Rom, Sir R. Rodd, an den 
englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 64. 

Rom. 

Auf Ansuchen des Ministers des Aeusseren unterbreite 
ich Ihnen Folgendes : 

Im Laufe einer langen Unterredung sagte der serbische 
Geschäftsträger heute Morgen, dass er der Meinung sei, 
sollte Oesterreich-Ungarn Erklärungen abgeben, in welcher 
Art seine Agenten nach Artikel 5 und 6 mitwirken sollten, Ser- 
bien vielleicht noch die ganze österreichisch-ungarische Note 
annehmen dürfte. 

Da nicht anzunehmen sei, dass Oesterreich-Ungarn Ser- 
bien solche Erklärungen geben würde, könnten sie den ver- 
handelnden Mächten gegeben werden, die dann Serbien den 
Rat erteilen könnten, es solle den Forderungen bedingungslos 
zustimimen. 1 ) 

Die österreichisch-ungarische Regierung hat mittler- 
weile einen langen offiziellen Bericht über die Gründe ver- 
öffentlicht, warum sie die serbische Antwort als ungenügend 
ansehe. Der Minister des Aeusseren betrachtet verschiedene 
Punkte der in diesem Berichte enthaltenen Erklärung als kin- 
disch, so zum Beispiel einen geringen Unterschied in dem Satze, 



Blb. Nr. 64. ! ) Oesterreich-Ungarn machte eine dementspre- 
chende Mitteilung in St. Petersburg, siehe Rb. 27 und 31. 



Giuliano sieht 
in dem öster- 
reichischen 
Kommentar 
zur serbischen 
Antwort we- 
sentliche 
Grundlagen 
für eine Ver- 
ständigung. 



Gib. Nr. 81. \) Hier folgt ein Bericht über die Versuche Cam- 
bons, der den englischen Botschafter unterstützt, von Jagow zur An- 
nahme des Grepschen Vorschlags zu bringen und Deutschland an die 
Wand zu drücken, «le mettre au pied du mur>, der mit dem Bericht 
über die Unterhaltung am Tage vorher, Gib. Nr. 74, übereinstimmt. 
Sollte es sich um dieselbe Unterhaltung handeln? 



14 



202 



28. Juli 



welcher sich auf das Aufgeben der Propaganda bezieht; hin- 
gegen weist die Erklärung einen Satz auf, 2 ) welcher für das 
vom serbischen Geschäftsträger vorgeschlagene Verfahren 
nützlich sein könnte. Es heisst dort, 3 ) dass die Mitwirkung 
von österreichisch-ungarischen Agenten in Serbien nur in 
Untersuchungsfällen, nicht aber im gerichtlichen oder adminis- 
trativen Verfahren stattfinden sollte. Serbien wird angeklagt, 
diesen Satz geflissentlich missverstanden zu haben. Er sei 
daher der Ansicht, dass hier die Sachlage 
aufgeklärt werden könn e. 4 ) 

Ich wiederhole nur aus dem Gedächtnis, da ich den Wort- 
laut der österreichischen Erklärung noch nicht erhalten habe. 

Der Minister betonte, dass er vor allem sehnlichst den 
sofortigen Anfang der Verhandlungen erwarte. Dem italieni- 
schen Botschafter würde grosse Freiheit gewährt, sogleich 
jeden Punkt oder jede Anregung anzunehmen, in der er mit 
uns und Deutschland übereinstimmen könne. 



Auch Grey 
zieht die direk- 
te Verhand- 
lung zwischen 
Wien und St. 
Petersburg 
dem Konfe- 
renzvorschlag 
vor, den er vor- 
läufig zurück- 
nimmt. 



Der englische Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an den englischen Botschafter in Berlin, Sir E. Goschen. 

Blaubuch Nr. 67. 

L o n d o n. 

Die Erklärung in Ihrem Telegramme vom 27. Juli *) über 
meine Absicht, als ich die Abhaltung einer Konferenz vor- 
schlug, ist vollständig richtig. Es würde kein Schiedsgericht 
sein, sondern eine private und zwanglose Diskussion zur Ver- 
ständigung über einen Vorschlag, der zu einer Lösung führen 
könnte. Kein Vorschlag würde gemacht werden, ohne dass 
man vorher in Erfahrung gebracht hätte, ob er den Regierun- 
gen Oesterreich-Ungarns und Russlands genehm sei, mit denen 
die vermittelnden Mächte durch ihre verschiedenen Verbün- 
deten leicht in Fühlung bleiben könnten. 

Aber so lange Aussicht vorhanden ist, dass Oesterreich- 
Ungarn und Russland ihre Meinungen direkt austauschen, 



B 1 b. Nr. 64. 2 ) Die offizielle Berner Uebersetzung sagt : «...soll 
die Erklärung einen Satz aufweisen». 

3 ) Auch hier sagt die offizielle Uebersetzung ohne jede Berech- 
tigung: «In diesem Satze heisse es nämlich», wie auch im weitern 
Text die kategorischen Erklärungen entwertet werden. 

4 ) Auf diese italienische Anregung, wie auf alle anderen in der 
Regel Oesterreich-Ungarn gerecht werdenden Gedanken Giulianos 
ging die Dreiverbandsdiplomatie nicht ein. 



Blb. Nr. 67. ') Blb. Nr. 43. 



28 . Juli ^ 

werde ich jeden anderen Vorschlag zurück- 
halten, da dies mir die beste Gewähr auf Erfolg zu sein. 

scheint. 

Ich erfahre, dass der russische Minister des Aeussereii 
der österreichisch-ungarischen Regierung einen freundschaft- 
lichen Meinungsaustausch angeboten hat, und sollte die letz- 
tere dies annehmen, so würde zweifellos eine Entspannung 
eintreten und so die Lage weniger kritisch gestaltet werden. 

Es ist sehr erfreulich, vom deutschen Botschafter hier zu 
vernehmen, dass die deutsche Reichsregierung 
in Wien eine Aktion im Sinne meines gestri- 
gen Telegrammes an Sie 2 ) ausgeführt hat. 



Der englische Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an den englischen Botschafter in Berlin, Sir E. Goschen. 

Blaubuch Nr. 68. 

L o n d o n. 
Da die deutsche Reichsregierung das Prinzip einer Ver- 
mittlung zwischen Oesterreich-Ungarn und Russland durch die 
vier Mächte angenommen hat, so bin ich, wenn nötig, 
bereit vorzuschlagen, der deutsche Staatssekretär möge die 
Grundzüge anregen, auf welchen eine solche Vermittlung ein- 
setzen könnte. Ich will jedoch mit dieser Idee 
z u r ü ck h alten, bis wir sehen, wtfe die Verhandlungen 
zwischen Oesterreich-Ungarn und Russland fortschreiten. x ) 



B 1 b. Nr. 67. 2 ) Blb. Nr. 46. 



Blb. Nr. 68. ') Eine ähnliche Mitteilung wie hier und in Blb. 
Nr. 67 Hess Grey in St. Petersburg machen. Die Entwicklung des 
Konferenzgedankens lässt sich demnach folgendermassen zusammen- 
fassen : Der Gedanke einer Vermittlung, die im Grunde eine Vermitt- 
lung zwischen Wien und Belgrad sein sollte, war auf französische 
Anregungen hin von Grey nach vorheriger Fühlungnahme mit Frank- 
reich und Russland, ohne Verständigung Oesterreich - Ungarns und 
Deutschlands lanciert worden. Wie die Dreiverbandsdiplomaten in 
Wien es voraussahen, sagte Deutschland der Plan nicht zu. Es erhob 
Einwände wegen der < Schiedsgerichtsform », erklärte sich aber mit 
dem Prinzipe einverstanden. Mittlerweile schlug Sasonow direkte 
russisch-österreichische Verhandlungen vor. Deutschland stimmte 
diesem Vorschlag zu. Deutschland, wie Russland betrachten damit den 
Konferenzvorschlag als erledigt, den Oesterreich als durch den Ab- 
bruch der diplomatischen Beziehungen mit Serbien überhaupt für über- 
holt erklärte. Schliesslich schloss sich auch Grey der russisch-deut- 
schen Auffassung an und zog den Vorschlag zurück. Der immer 
wiederkehrende Vorwurf des Dreiverbandes, Deutschland habe den 
allein seligmachenden Konferenzvorschlag zertrümmert, muss also als 
durchaus haltlos und unbegründet bezeichnet werden. 



Sasonow lässt 
in London er- 
klären, dass 
Berlin intran- 
sigent sei und 
nichts für den 
Frieden tue. 



204 28. Juli 




Der russische Minister des Aeusseren, 


Sasonow, an den 


russischen Botschafter in London, 


Graf Benckendorff. 



Orangebuch Nr. 43. 

S t. P e t e r s'b u r g. 

Meine Unterhaltungen mit dem deutschen Botschafter be- 
stätigen meinen Eindruck, dass Deutschland der Intransigenz 
Oesterreichs sympathisch gegenübersteht. 

Das iBerliner Kabinett, das die gesamte Entwicklung der 
Krisis hätte aufhalten 'können, scheint keinerlei Ak- 
tion auf seinen Verbündeten auszuüben. 

Der Botschafter hält die serbische Antwort für unge- 
nügend. 

Diese Haltung Deutschlands ist besonders beunruhigend. 

Es scheint mir, dass mehr denn irgend eine andere Macht 
England in der Lage ist, in Berlin zu handelin, uim die deutsche 
Regierung zu der nötigen Aktion aufzufordern. In Berlin 
liegt zweifellos der Schlüssel der Situation. 



Der deutsche 
Reichskanzler 
erklärt seine 
Bereitwillig- 
keit zur Ver- 
mittlung in 
Wien und St. 
Petersburg. 



Der englische Botschafter in Berlin, Sir E. Goschen, an den 
englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 71. 

Berlin. 

Auf Einladung des Reichskanzlers besuchte ich Seine 
Exzellenz heute Abend. Er möchte, dass ich Ihnen mitteile, 
dass er sehnlichst wünsche, Deutschland und Grossbritannien 
mögen gemeinsam an der Erhaltung des allgemeinen Friedens 
arbeiten, so wie sie es erfolgreich während der letzten euro- 
päischen Krise getan hatten. Er sei ausser Stande gewesen, 
Ihren Vorschlag, eine Konferenz der Vertreter der vier Mächte 
anzunehmen, da er nicht an ihre Wirksamkeit glaube und weil 
er der Meinung sei, eine derartige Konferenz würde wie ein 
«Areopag» aussehen, der aus zwei Mächten jeder Gruppe be- 
stehen würde, die über die andern beiden zu Gericht sässen. 
Aber aus der Unmöglichkeit, in der er sich befände, die vor- 
geschlagene Konferenz anzunehmen, dürfe nicht abgeleitet 
werden, dass er nicht tatkräftig mitwirken wolle. Sie könnten 
versichert sein, dass er sowohl in Wien als in St. Pe- 
tersburgsein Bestes tue, um die dortigen Kabinette 
zu bestimlmen, miteinander direkt in freundschaft- 
licher Weise die Sache zu diskutieren. Er hege grosse 
Hoffnung, dass eine solche Diskussion stattfinden und zu einem 
befriedigenden Resultat führen müsste, wenn sich aber die 



28. Juli 



205 



von ihm soeben gelesenen Zeitungsnachrichten bewahrheiten 
sollten, dass Russland im Süden bereits vierzehn Armeekorps 
mobilisiert habe, müsse er die Umstände als äusserst ernst 
ansehen und er würde sich in einer ungemein schwierigen Lage 
befinden, da es unter solchen Umständen nicht 
in seiner Macht läge, in Wien weiterhin Mässigung an- 
zuempfehlen. Er fügte bei, dass Oesterreich-Ungarn, das bis 
jetzt nur teilweise mobilisiere, ähnliche Massregeln ergreifen 
müsste; wenn daraus der Krieg entstehen würde, wäre Russ- 
land aliein verantwortlich. Ich wagte einzuwenden, dass, w;enn 
Oesterreich-Ungarn darauf beharrte, von der serbischen Note, 
welche nach meinem Dafürhalten fast jede Forderung Oester- 
reich-Ungarns bewilligte und jedenfalls die Grundlage zu Ver- 
handlungen darbiete, keine Kenntnis zu nehmen, Oesterreich-Un- 
garn sicher auch einen Teil der Verantwortung trüge. Seine Ex- 
zellenz erwiderte, dass er über die serbische Note nicht zu disku- 
tieren wünsche, dass aber der Standpunkt, welchen Oester- 
reich-Ungarn einnehme und den er teile, der sei, dass die Streit- 
frage nur Oesterreich und Serbien, aber Russland keineswegs 
betreffe. Er wiederholte seinen Wunsch, mit Großbritannien 
zusammen zu arbeiten und seine Absicht, für die Erhaltung 
des allgemeinen Friedens sein iBestes zu tun. Seine letzten 
Worte waren : «Ein Krieg zwischen den Gross- 
mächten muss vermieden werden.» 

Mein österreichisch-ungarischer Kollege sagte mir heute, 
dass ein allgemeiner Krieg sehr unwahrscheinlich sei, da Russ- 
land weder einen Krieg wünsche, noch sich in der Lage befinde, 
einen solchen zu unternehmen. Ich glaube, dass diese Meinung 
von vielen Leuten hier geteilt wird. 1 ) 



Er betont aber- 
mals, dass 
Russlands Mo- 
bilmachung 
alle Vermitt- 
lungsbemü- 
hungen gefähr- 
det. 



Er drückt sei- 
nen Abscheu 
vor einem 
Kriege aus. 



Der österreichisch-ungarische Botschafter in Tokio, Freiherr 
von Müller, an den österreichisch-ungarischen Minister 
des Aeusseren, Graf Berchtold. 

Rotbuch Nr. 36. 

Tokio. 
Die heutige offiziöse japanische Times enthält einen Leit- Japan wiiineu- 
artikel, der am Schlüsse besagt, dass Japan mit den drei in tral bleiben! 
Betracht kommenden Grossmächten Oesterreich - Ungarn, 
Deutschland und Russland auf bestem Fusse stehe, während es 
an Serbien in keiner Weise interessiert sei. Im Kriegsfalle 
würde die kaiserliche Regierung selbstverständlich 
strengst e Neutralität bewahren. 

B Ib. Nr. 71. >) Dieser letzte Satz fehlt in der Berner Ueber- 
setzung. 



Oesterreich- 
Ungarn erklärt 
Serbien den 
Krieg'. 



206 




28. Juli 






Der 


österreichisch- 


ungarische Minister 


des Aeusseren, 


Graf 




Berchtold, an 


das königlich serbische Ministerium des 



Aeusseren in Belgrad. 

Rotbuch Nr. 37. 

Wien. 

Da die königlich serbische Regierung nicht in befriedi- 
gender Weise auf die Note geantwortet hat, 'die ihr seitens 
des österreichisch-ungarischen Gesandten in Belgrad am 23. 
Juli 1914 überreicht worden war, sieht sich die k. und k. Re- 
gierung in die Notwendigkeit versetzt, ihre Rechte und Interes- 
sen selbst zu wahren und zu diesem Zwecke an die Entschei- 
dung der Waffen zu appellieren. 

Oesterreich-Ungarn betrachtet sich daher von diesem 
Augenblicke an als im Kriegszustande mit Serbien stehend. 



Serbien ver- 
ständigt Russ- 
land von der 
Kriegserklä- 
rung und ruft 
seine Hilfe an. 



Der serbische Gesandte in St. Petersburg, Spalaikowitsch, 
an den russischen Minister des Aeusseren, Sasonow. 

Serbisches Blaubuch Nr. 47. 

St. Petersburg. 

Ich habe die Ehre, Sie davon in Kenntnis zu setzen, dass 
ich soeben von Herrn Paschitch, dem Ministerpräsidenten, 
folgendes heute Nachmittag um 2 Uhr 10 von Nisch abgesandtes 
dringendes Telegramm erhalten habe: 

«Die österreichisch-ungarische Regierung hat heute durch 
ein Telegramm in Worten an die serbische Regierung den Krieg 
erklärt. 

Paschitch. » 

Indem ich Sie von dem A ! kt in Kenntnis setze, zu dem 
eine Grossmacht einem kleinen slawischen Lande 
gegenüber den traurigen Mut fand, einem Lande, das soeben 
erst aus einer langen Reihe ebenso heldenmütiger wie er- 
schöpfender Kämpfe hervorging, nehme ich mir in diesen für 
mein Land so ernsten Umständen die Freiheit, die Hoffnung 
auszusprechen, dass dieser Akt, der den Frieden Europas 
bricht und sein Gewissen empört, von der ganzen Kulturwelt 
getadelt und von Russland, der Schützerin Ser- 
biens, streng bestraft wird. 

Ich bitte Euer Exzellenz, diese Bitte des ganzen serbi- 
schen Volkes vor den Thron Seiner Majestät zu 
bringen und die Versicherung meiner Ergebenheit und meiner 
Hochachtung entgegenzunehmen. 



28. Juli 



207 



Der russische Minister des Aeusseren, Sasonow, an den 
russischen Botschafter in Berlin, von Swerbejew. 

Blaubuch Nr. 70. — I. 

St. Petersburg. 

Infolge der Kriegserklärung Oesterreichs an 
Serbien wird die kaiserliche Regierung morgen (29.) die Mobil- 
machung der Militärbezirke Odessa, Kiew, Moskau und Kasan 
anordnen. Bitte Sie, die deutsche Regierung davon zu ver- 
ständigen und zu bestätigen, dass Russland keinerlei aggres- 
sive Absichten gegen Deutschland hegt. 

Der russische Botschafter in Wien ist nicht abberufen 
worden. 1 ) 



Sasonow kün- 
digt die Mobil- 
machung ge- 
gen Oester- 
reich-Ungarn 
und zwar als 
Folge der 
Kriegserklä- 
rung an. 



Der russische Minister des Aeusseren, Sasonow, an den russi- 
sehen Botschafter in London, Graf Benckendorff. 



Orangebuch Nr. 48. 

St. Petersburg. 
Angesichts der Feindselig- 
keiten zwischen Oesterreich- 
Ungarn und Serbien ist es not- 
wendig, dass England schleu- 
nigst eine Vermittlungsaktion 
einleitet und dass die militärische 
Aktion Oesterreichs gegen Ser- 
bien unverzüglich eingestellt 



Blaubuch Nr. 70. — IL 

Die österreichische Kriegs- 
erklärung macht natürlich 
den Gedanken einer direk- 
ten Aussprache zwischen 
Oesterreich und Russ- 
land ein Ende. Es ist jetzt 
grosse Eile nötig, damit das 
Londoner Kabinett handelt, um 
eine Vermittlung betreffend die 



Sasonow 
erklärt die 
direkten Ver- 
handlungen 
zwischen Wien 
und St. Peters- 
burg für abge- 
brochen. 



B 1 b. Nr. 70. — I. r ) Dieses Telegramm findet sich nicht im Ob., ob- 
gleich es, wie ohne weiteres ersichtlich, eines der wichtigsten aus dem 
gesamten diplomatischen Schriftwechsel der Krisis ist. Es wurde dem 
englischen Staatssekretär am 29. Juli von Benckendorff überreicht und im 
Blb. abgedruckt. Hier wird also die russische Mobilisation 
nicht wie später durch bedrohliche österreichisch-un- 
garische militärische Massnahmen, sondern nur mit der 
Kriegserklärung an Serbien begründet. Wie aus Gib. 
Nr. 50 ersichtlich, stand es Sasonow frei, sogar bei einer Besetzung 
Belgrads auf die Mobilmachung zu verzichten. 

Der letzte Satz mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass der Bot- 
schafter in Wien nicht abberufen wird, ist bemerkenswert. Sasonow 
hielt es also für notwendig, ausdrücklich mitzuteilen, dass der Bot- 
schafter nicht abberufen wurde; er legte sich also völlige Rechen- 
schaft über den grossen Ernst seiner Mobilmachungsmassnahme ab. 



208 28. Juli 

wird, sonst dient die Vermitt- Einstellung der österreichischen 

lung nur als Vorwand, um die militärischen Operationen zu 

Lösung der Frage in die Länge erzielen. Wenn die militäri- 

zu ziehen und Oesterreich Zeit sehen Operationen nicht ein- 

zu lassen, Serbien vollständig gestellt werden, würde die Ver- 

zu zerschmettern und eine do- mittlung nur dazu dienen, die 

minierende Stellung auf Dinge in die Länge zu ziehen 

dem Balkan einzunehmen 1 ), und Oesterreich Zeit zu lassen, 

Nach Paris, Berlin, Wien Serbien zu zerschmettern 1 ), 
und Rom. 



Ob. Nr. 48 und Blb. Nr. 70 — II J ) Das linksstehende Telegramm 
ist dem Ob. entnommen. Das rechtsstehende stammt aus dem Blb. Es 
wurde von Benckendorff Grey überreicht. Es handelt sich natürlich um 
dasselbe Telegramm, und es ist im höchsten Grade bemerkenswert, dass 
der Text, den das Ob. veröffentlicht, erheblich von dem im Blb. ver- 
öffentlichten abweicht. Das Telegramm des Blb. erklärt, dass durch 
die Kriegserklärung die österreichisch-russische direkte Auseinander- 
setzung beendet ist, und das in einem Augenblicke, in dem die angeb- 
liche Ablehnung Wiens in Petersburg noch nicht erfolgt war. 
Sasonow also hielt aus eigener Initiative die Aussprache für beendet. 
Dieser bedeutsame Satz fehlt im Ob. Man begreift leicht warum. 
Dafür enthält das Ob. den Satz, dass Russland die Einstellung der 
Feindseligkeiten aus Machtgrundsätzen, wegen der dominierenden 
Stellung, die Oesterreich auf dem Balkan erwerben könnte, for- 
dert, also nicht wegen Serbiens Schicksal. Dieser klare rein 
russische Satz fehlt im englischen Blb., was man auch begreift. Dieser 
Widerspruch zwischen den beiden Texten wird noch dadurch be- 
sonders illustriert, dass das Blb. unter derselben Nummer 70, als 
gleichzeitig durch Benckendorff überreicht, noch ein zweites oben 
wiedergegebenes Telegramm Sasonows (I.) über militärische Massre- 
geln enthält, das im Ob. nicht enthalten ist! Schliesslich muss darauf 
hingewiesen werden, dass der sonstigen Gepflogenheit entgegen das 
Blb. die von russischer Seite zur Verfügung gestellten Telegramme 
hier nicht im französischen Text, sondern nur in englischer Ueber- 
setzung bringt und endlich bei dem oben rechts abgedruckten Tele- 
gramm nicht das Datum anführt, d. h. bei jenem Telegramm, das Russ- 
lands Erklärung, die direkten Verhandlungen mit Wien als erledigt 
anzusehen, bereits vor Ankunft der österreichischen Ant- 
wort bringt. Die beiden Telegramme sind unter dem 29. Juli an- 
geführt, weil an diesem Tag durch Benckendorff an Grey überreicht; 
das Telegramm Blb. Nr. 70 — I., das im Ob. nicht enthalten ist, trägt 
aber dabei das richtige Datum des 28., während das andere undatiert 
abgedruckt wird, also bei oberflächlicher Lektüre des Blb. und ohne 
Kenntnis des Ob.-Textes auch als Telegramm vom 29. gelten muss, 
d. h. als nach der österreichischen Antwort abgesandt. 

Um diesen höchst seltsamen Fall noch klarer zu illustrieren, 
mögen die englischen Texte der beiden Telegramme folgen, nach der 
offiziellen englisch-französischen Ausgabe des Ob. und der englischen 
Ausgabe des Blb. Wir bringen desgleichen die beiden französischen 
Texte, wie sie in der zweisprachigen Ausgabe des Ob. und in der 
offiziellen französischen Uebersetzung des Blb. enthalten sind. 



28. Juli 



209 



Der österreichisch-ungarische Minister des Aeusseren, Graf 
Berchtold, an den österreichisch-ungarischen Botschafter 
in London, Graf Mensdorff. 



Rotbuch Nr. 39. 



Wien. 



Wir legen das grösste Gewicht darauf, dass Sir E. Grey Bercktoids An- 
unser Vorgehen gegen Serbien im adlgemeinen und speziell England von 
unsere Ablehnung der serbischen Antwort in uniparteiischer ^un^setnes 1 
Weise würdige, und ersuche ich Euer Exzellenz daher, Ge- Vorgehens zu 
legenheit zu nehmen, dem Herrn Staatssekretär das Ihnen auf uberzeu ^ en - 
dem Postwege übermittelte Dossier im Detail und unter Her- 
vorhebung der besonders markanten Stellen auseinanderzu- 
setzen; in demselben Sinne wollen Euer Exzellenz die kriti- 



In face of the hostilities bet- 
ween Austria-Hungarp and Ser- 
via, it is necessary that Great Bri- 
tain should take instantia media- 
torv action, and that the military 
measures undertaken bp Austria 
against Servia should be imme- 
diately suspended. Otherwise 
mediation will onlv serve as an 
excuse to make the question drag 
on, and will meanwhile make it 
possible for Austria to erush Ser- 
via completely and to acquire 
a dominant position in the 
Balkans. 

Sent to Paris, Berlin, Vienna 
and Rome. 

En presence des hostilites 
entre l'Autriche-Hongrie et la Ser- 
bie il est necessaire que l'Angle- 
terre entreprenne d'urgence une 
action mediatrice et que l'action 
militaire de l'Autriche contre la 
Serbie soit immediatement suspen- 
due. Autrement la mediation ne 
servira que pretexte pour tirer 
en longueur la Solution de la ques- 
tion et donnera entre temps ä 
l'Autriche la possibilite d'ecraser 
completement la Serbie et d'oc- 
cuper une Situation domi- 
nante dans les Balkans. 

Communique ä Paris, Berlin, 
Vienne et Rome. 



The Austrian declara- 
tion of war clearly puts an 
end to the idea of direct 
Communications between 
Austria andRussia. Action 
by London Cabinet in order to 
set on foot mediation with a view 
to Suspension of military Opera- 
tions of Austria against Servia is 
now most urgent. 

Unless military Operations are 
stopped, mediation would only 
allow matters to drag on and give 
Austria time to crush Servia. 



II est e vident que la 
declaration de guerre faite 
par l'Autriche met fin ä 
i'idee de c ommunicati on 
directe entre l'Autriche et 
la Russie. II est maintenant de 
la derniere urgence que le Ca- 
binet de Londres agisse pour 
mettre sur pied la mediation en 
vue de la Suspension des Opera- 
tions militaires de l'Autriche. 

A moins d'arret des Opera- 
tions militaires, la mediation ne 
ferait que laisser trainer les cho- 
ses en longueur et donner ä l'Au- 
triche le temps d'ecraser la Serbie. 



210 



28. Juli 



sehen Bemerkungen zu der serbischen Note (Text der Note mit 
unseren Bemerkungen versehen ist gestern an Euer Exzellenz 
per Post abgegangen) mit Sir E. Qrey durchsprechen und ihm 
klarlegen, dass das serbische Entgegenkommen nur ein 
s c h e i n b a r e s war, bestimmt, Europa zu täuschen, ohne für 
die Zukunft irgend eine Garantie zu bieten. 

Da die serbische Regierung wusste, dass uns nur eine 
vorbehaltlose 1 ) Annahme unserer Forderungen befriedi- 
gen könne, ist die serbische Taktik klar zu durchschauen : 
Serbien akzeptierte, um Eindruck auf die europäische Oeffent- 
lichkeit zu machen, mit allerlei Vorbehalten eine Anzahl unserer 
Forderungen, darauf bauend, dass es nicht in die Lage kommen 
werde, seine Zusagen zu erfüllen. Ein Hauptgewicht bei der 
Konversation Euer Exzellenz mit Sir E. Qrey wäre auf den 
Umstand zu legen, dass die allgemeine Mobilisierung der serbi- 
schen Armee für den 25- Juli nachmittags 3 Uhr angeordnet 
wurde, während die Antwort auf unsere Note erst knapp 
vor Ablauf der Frist, das heisst wenige Minuten vor 6 Uhr, 
überreicht wurde. Wir hatten vorher keine militä- 
rischen Vorbereitungen getroffen, durch die 
serbische Mobilisierung wurden wir aber zu solchen ge- 
zwungen. 



Berchtold 
lehnt eine 
Aenderung der 
Note anSerbien 
ab, nicht aber 
die direkten 
österreichisch- 
russischen 
Verhand- 
lungen. 



Der österreichisc h-ungarische Minister des Aeusseren, Graf 
Berchtold, an den österreichisch-ungarischen Botschafter 
in St. Petersburg, Graf Szäpäry. 

Rotbuch Nr. 40. 

Wien. 

Zu Euer Exzellenz Orientierung und Regelung Ihrer 
Sprache: 

Der kaiserlich russische Botschafter sprach heute bei 
mir vor, uim imir seine Rückkehr aus Russland von kurzem 
Urlaube mitzuteilen und gleichzeitig einem telegraphischen 
Auftrage Herrn Sasonows nachzukommen. Letzterer hätte 
ihm mitgeteilt, dass er eine längere, freundschaftliche Aus- 
sprache mit Euer Exzellenz gehabt hätte (Euer Exzellenz 
Telegramm vom 27. dieses Monats), in deren Verlaufe Hoch- 
diese'lben mit grosser Bereitwilligkeit die einzelnen Punkte 
der serbischen Antwortnote durchgesprochen hätten. Herr 
Sasonow sei der Ansicht, dass Serbien in weitgehendem 
Masse unseren Wünschen entgegengekommen sei, dass aber 



Rb. Nr. 39. ») Im Rotbuch gesperrt. 



28. Juli 211 

einige Forderungen ihm ganz unannehmbar schienen, was er 
auch Euer Exzellenz nicht verhehlt habe. Es schiene ihm unter 
diesen Umständen, dass die serbische Antwortnote geeignet 
sei, den Ausgangspunkt zu einer Verständigung abzugeben, 
wozu die nissische Regierung gerne die Hand bieten möchte. 
Herr Sasonow wolle mir daher vorschlagen, dass der Ge- 
dankenaustausch mit Euer Exzellenz Fortsetzung finde und 
Euer Exzellenz diesbezüglich mit Instruktionen versehen 
werden. 

In meiner Entgegnung betonte ich, dass ich auf einen 
derartigen Vorschlag nicht eingehen könne. Eine 
Verhandlung über den Wortlaut der von uns als unbefriedigend 
bezeichneten Antwortnote könnte bei uns niemand verstehen 
und niemand billigen. Es wäre dies umso weniger möglich, 
als sich, wie 'der Botschafter wisse, bereits eine tiefgehende 
allgemeine Erregung der öffentlichen Meinung bemächtigt 
hätte, überdies unsererseits heute der Krieg an Serbien er- 
klärt worden sei. 

Auf die Auseinandersetzungen des Botschafters, welche 
hauptsächlich darin gipfelten, dass wir die durchaus nicht 
abgeleugnete feindselige Stimmung in Serbien durch eine krie- 
gerische Aktion nicht niederringen, im Gegenteile nur steigern 
würden, gab ich ihm einige Streiflichter hinsichtlich unseres 
derzeitigen Verhältnisses zu Serbien, welches es unvermeidlich 
mache, ganz gegen unseren Willen und ohne jede egoistische 
Nebenabsicht unserem unruhigen Naclhbar imit dem nötigen 
Nachdrucke unsere ernste Absicht zu zeigen, nicht länger 
eine von der Regierung geduldete, gegen den Bestand der 
Monarchie gerichtete Bewegung zuzulassen. Die Haltung Ser- 
biens nach Empfang unserer Note sei übrigens nicht darnach 
gewesen, eine friedliche Beilegung zu ermöglichen, indem, Ser- 
bien, noch bevor es uns eine ungenügende Antwort übergeben 
Hess, die allgemeine Mobilisierung angeordnet und schon da- 
durch uns gegenüber einen feindseligen Akt vorgenommen 
habe- Trotzdem hätten wir noch drei Tage zugewartet. Gestern 
seien nun serbisc'herseits gegen uns die Feindseligkeiten an 
der ungarischen Grenze eröffnet werden. Dadurch sei uns die 
Möglichkeit benommen, bei unserer Serbien gegenüber be- 
wiesenen 'Langmut weiter zu beharren. Die Herbeiführung 
einer gründlichen, aber friedlichen Sanierung unseres Verhält- 
nisses zu Serbien sei uns nunmehr unmöglich gemacht worden 
und wir seien gezwungen, den serbischen Provokationen in 
der Form entgegenzutreten, die unter den gegebenen U-mstän- 
den der Wü rde der Monarchie allein entspreche. 1 ) 

Rb. Nr. 40. ! ) Von einer Ablehnung der direkten Verhand- 
lungen ist hier keine Rede. Siehe Ob. 45. 



212 



28. Juli 



Russischer Be- 
richt über das 
Gespräch 
Berchtold- 
Schebeko. 



Der ru ssische Botschafter in Wien, Schebeko, an den rus- 
sischen Minister des Aeusseren, Sasonow. 

Orangebuch Nr. 45. *) 

Wien. 

Ich habe heute mit dem Grafen Berchtold im Sinne der 
Instruktionen Eurer Exzellenz gesprochen. Ich erklärte ihm in 
freundschaftlichster Weise, wie wünschenswert es sei, eine 
Lösung zu finden, die, indem sie die guten Beziehungen zwi- 
schen Oesterreich-Ungarn und Russland befestige, der öster- 
reichisch-ungarischen Monarchie ernsthafte Garantien für ihre 
künftigen Beziehungen mit Serbien gäbe. 

Ich lenkte die Aufmerksamkeit des Grafen Berchtold 
auf alle Gefahren, die ein bewaffneter Konflikt zwischen 
Oesterreich-Ungarn und Serbien für den Frieden Europas mit 
sich brächte. 

Graf Berchtold antwortete mir, dass er sich völlig des 
Ernstes der Lage und der Vorteile einer freimüti- 
gen Aussprache mit dem Petersburger Kabi- 
nett bew, usst sei. Er sagte mir, dass andererseits die 
österreichisch-ungarische Regierung, die sich nur widerwillig 
zu den ernsthaften Massregeln gegen Serbien entschlossen 
habe, nicht mehr zurückweichen und nicht mehr in irgend 
eine Diskussion der österreichisch-ungarischen Note 
treten könne. 

Graf Berchtold fügte hinzu, dass die Krisis so gespannt sei 
und die Erregung der öffentlichen Meinung einen derartigen 
Grad erreicht habe, dass die Regierung, selbst wenn sie wolle, 
nicht mehr einwilligen könne, und das umso weniger, als die 
Antwort Serbiens selbst beweise, wie Wenig aufrichtig seine 
Versprechungen für die Zukunft seien. 



Dumaine ver- 
dächtigt ohne 
irgend eine 
Grundlage 
Deutschland 
als Kriegs- 
hetzer. 



Der französische Botschafter in Wien, Dumaine, an den stell 
vertretenden französischen Minister des Aeusseren, Bien- 
venu-Martin. 

Gelbbuch Nr. 83. 

W i e n. 

Graf Berchtold erklärt soeben Sir M. de Bunsen, dass 

jede Intervention, die eine Wiederaufnahme der Diskussion 

zwischen Oesterreich und Serbien unter Zugrundelegung der 



Ob. Nr. 45. >) Siehe Rb. Nr. 40. 



28. Juli 



213 



serbischen Antwort bezwecke, nutzlos und übrigens 
verspätet sei, da der Krieg mittags offiziell erklärt wurde. 

Die Haltung meines russischen Kollegen hat sich bis jetzt 
nicht geändert; nach seiner Ansicht handelt es sich nicht 
darum, den Konflikt zu lokalisieren, sondern einfach ihn 
zu verhindern. 1 ) Die Kriegserklärung wird die Einleitung der 
Pourparlers zu vieren, wie die Fortsetzung der direkten Unter- 
haltungen zwischen Herrn Sasonow und dem Grafen Szäpäry 
recht erschweren. 

Man gibt hier vor, dass die Formel, die Deutschlands An- 
schluss zu ermöglichen schien, «Vermittlung zwischen Oester- 
reich und Russland», den Fehler habe, zwischen den beiden 
Reichen einen Konflikt zu verzeichnen, der bis jetzt nicht 
bestehe. 2 ) 

Unter den Verdachtsmomenten, die der plötz- 
liche und gewaltsame Entschluss Oesterreichs einflösst, ist die- 
ses das beunruhigendste, dass Deutschland Oesterreich zu der 
Aggression gegen Serbien gestossen habe, um selbst ge- 
gen Russland und Frankreich Krieg führen zu 
können, unter den Umständen, die es als die günstigsten er- 
achtet, und unter voraus bestimmten Bedingungen. 3 ) 



Der österreichisch-ungarische Minister des Aeusseren, Graf 
Berchtold, an den österreichisch-ungarischen Botschafter 
in London, Graf Mensdorff. 

Rotbuch Nr. 41. 

Wien. 
Der englische Botschafter, welcher heute bei mir vor- 
sprach, hat mir auftraggemäss den Standpunkt Sir E. Qreys 
zu unserem Konflikte mit Serbien in folgender Weise ausein- 
andergesetzt: 

Die englische Regierung habe mit lebhaftem Interesse 
den bisherigen Verlauf der Krise verfolgt und lege Wert da- 



Glb. Nr. 83. J ) Schebeko charakterisiert hier sehr richtig die 
russische Politik: Die österreichisch-serbische Auseinandersetzung 
muss verhindert werden. England und Frankreich wollten sie europäi- 
sieren, was auf dasselbe hinaus kam. 

2 ) «Man gibt vor» usw. Einer von denen, die das «vorgaben», 
war auch Dumaine, worauf in der Anmerkung zu Blb. Nr. 40 hinge- 
gewiesen wurde. 

3 ) Man ist immer wieder durch das Auftauchen solch rein 
persönlicher «Verdachtsmomente» in dem französischen Schriftwechsel 
betroffen. Dumaine führt kein Argument an; er äussert subjektive 
Stimmungen anstatt Informationen zu geben. 



Ein grundle- 
gendes eng- 
lisch-österrei- 
chisches Ge- 
spräch inWien: 
England will 
um jeden Preis 
den österrei- 
chisch-serbi- 
schen Konflikt 
europäisieren. 
Oesterreich- 
Ungarn be- 
harrt auf 
seinen staatli- 
chen Notwen- 
digkeiten. 



214 28. Juli 

rauf, uns zu versichern, dass sie Sympathien für un- 
seren Standpunkt hege und unsere Griefs ge- 
gen Serbien vollkommen verstehe. 1 ) 

Wenn somit England keinen Grund habe, unseren Streit- 
fall mit Serbien an sich zum Gegenstand besonderer Prä- 
okkupation zu machen, so könne derselbe doch nicht der Auf- 
merksamkeit des Londoner Kabinetts entgehen, weil dieser 
Konflikt weitere Kreise ziehen und dadurch den europäischen 
Frieden in Frage stellen könne. 2 ) 

Nur aus diesem für England in Betracht kommenden 
Grunde habe sich Sir E. Grey veranlasst gesehen, eine Ein- 
ladung an die Regierungen jener Staaten zu richten, die an 
diesem Konflikt nicht näher interessiert seien (Deutschland, 
Italien und Frankreich), um gemeinschaftlich mit ihnen im 
Wege fortlaufenden Gedankenaustausches die Möglichkeiten 
zu prüfen und zu erörtern, wie die Differenz möglichst rasch 
ausgeglichen werden könnte. Nach dem Muster der Londoner 
Konferenz während der letzten Balkankrise sollten, nach An- 
schauung des englischen Staatssekretärs, die Londoner Bot- 
schafter der genannten Staaten sich zu dem angegebenen 
Zwecke in fortlaufendem Kontakte mit ihm halten. Sir E. Grey 
habe bereits von den betreffenden Regierungen sehr freund- 
schaftlich gehaltene Antworten erhalten, worin dieselben dem 
angeregten Gedanken zustimmen. Gegenwärtig wäre es der 
Wunsch des Herrn Staatssekretärs, wenn möglich, den Aus- 
bruch der Feindseligkeiten zwischen Oesterreich-Ungarn und 
Serbien in elfter Stunde zu verhindern, wenn dies aber nicht 
tunlich wäre, doch vorzubeugen, dass es zu einem blutigen 
Zusammenstosse komme, eventuell dadurch, dass die Serben 
sich zurückziehen könnten, ohne den Kamipf aufzunehmen. Die 
von Serbien an uns eingelangte Antwort scheine die Möglich- 
keit zu bieten, eine Basis für eine Verständigung abzugeben, 
England sei gerne bereit, hierbei in unserem Sinne und nach 
unseren Wünschen seinen Einfluss zur Geltung zu bringen. 



Rb. Nr. 41. ] ) Wenn Grey den Standpunkt Oesterreich-Ungarns 
verstand, so musste er das nicht nur in Wien, sondern auch in St. Pe- 
tersburg und Paris sagen! Das ist nie geschehen. Im Gegenteil: die 
englische Diplomatie billigte durchaus die russisch-französisch-ser- 
bische Haltung. Wie wir aus Blb. Nr. 12 sahen, beruhigte sie Russland 
und Frankreich durchaus nicht, sondern ordnete sich ihnen in der ser- 
bischen Frage unter. Später ergriff Grey sogar offen für Serbien 
Partei. Grey blieb also in dem eigentlich österreichisch-serbischen 
Streit durchaus nicht gleichgültig, sondern stärkte die serbische Partei. 

2 ) Das ist ein Sophismus. Denn es war nicht möglich zu 
sagen : < Wir kümmern uns nur um die Angelegenheit, soweit sie 
europäisch ist ! >, ohne sie gleichzeitig damit zu einer europäischen 
zu machen. War Grey wirklich in dem österreichisch-serbischen Streit 



28. Juli 215 

Ich dankte dem Herrn Botschafter für die Mitteilung Sir 
E. Qreys und erwiderte ihm, dass ich der Auffassung des Herrn 
Staatssekretärs volle Würdigung zu zollen wisse. Sein Stand- 
punkt sei aber von dem uneinigen naturgemäss verschieden, 
da England an dem Streitfall zwischen uns und Serbien nicht 
direkt interessiert sei und der Herr Staatssekretär wohl 
k a um gründlich orientiert sein könne über die 
schwerwiegende Bedeutung der zu lösenden 
Fragenfür dieMonar chi e. Wenn Sir E. Qrey von der 
Möglichkeit rede, den Ausbruch der Feindseligkeiten zu ver- 
hindern, so komime dieser Gedanke zu spät, da gestern bereits 
serbischerseits auf unsere Grenzsoldaten geschossen und heute 
von uns der Krieg an Serbien erklärt wurde. Was die Idee 
eines Transigierens auf Grund der serbischen Antwortnote an- 
belangt, müsse ich eine solche ablehnen. Wir hätten die inte- 
grale Annahme gefordert, Serbien habe sich durch Winkelzüge 
aus der Verlegenheit zu ziehen gesucht. Uns seien diese ser- 
bischen Methoden nur zu gut bekannt. 

Sir Maurice Bunsen könne unseren Standpunkt durch 
seine hier erworbenen Lokalkenntnisse gewiss richtig ein- 
schätzen und werde in der Lage sein, Sir E. Grey hierüber 
ein genaues Bild zu geben. 

Insoferne Sir E. Grey dem europäischen Frieden dienen 
wolle, würde er gewiss nicht auf Widerstand bei uns stossen. 
Er müsse jedoch bedenken, dass der europäische Friede nicht 
dadurch gerettet würde, dass sich Grossimächte hinter Serbien 
stellen und für dessen Straffreiheit eintreten. 
Denn selbst wenn wir auf einen solchen Ausgleichsversuch ein- 
gehen wollten, würde dieses dadurch nur um so mehr ermutigt, 
auf dem bisherigen Pfade weiterzugehen, was den Frieden 
binnen der allerkürzesten Zeit abermals in Frage stellen 
möchte. 

Der englische Botschafter versicherte mich zum, Schlüsse, 
dass er unsern Standpunkt vollkommen ver- 
stehe, andrerseits aber bedauere, dass unter diesen Um- 
ständen der Wunsch der englischen Regierung, einen Ausgleich 
zu erzielen, derzeit keine Aussicht auf Verwirklichung habe. Er 
hoffe, mit mir weiterhin in Kontakt bleiben zu dürfen, was ihm 

gleichgültig und fürchtete er seine europäische Erweiterung, so gab 
es nur eine Haltung: dafür zu sorgen, dass er weiterhin gleichgültig 
bleiben durfte, dass die europäische Erweiterung nicht eintraf, d. h. 
er musste für das Prinzip der Lokalisierung eintreten, wie Deutsch- 
land. Grey aber tat das Gegenteil : auf Frankreichs Anregung führte 
er die von Russland gewünschte, von ihm selbst angeblich gefürch- 
tete europäische Erweiterung durch seine Vermittlungsvorschläge herbei. 



216 



28. Juli 



wegen der grossen Gefahr einer europäischen Konflagration 
von besonderem Werte wäre. 

Ich erwiderte, ich stünde dem Herrn Botschafter jederzeit 
zur Verfügung, womit unsere Konversation schloss- 3 ) 



Oesterreich er- 
sucht Deutsch- 
land, gegen 
Russlands Mo- 
bilmachung zu 
protestieren 
und Gegen- 
massregeln an- 
zukündigen. 



Der österreichisch-ungarische Minister des Aeusseren, Graf 
Berchtold, an den österreichisch-ungarischen Botschafter 
in Berlin, Graf Szögyeny. 

Rotbuch Nr. 42. 

Wien. 

Ich ersuche Euer Exzellenz sich sofort zum Herrn Reichs- 
kanzler oder Staatssekretär zu begeben und ihm folgendes in 
meinem Namen mitzuteilen: 

Nach übereinstimmenden Nachrichten aus St. Petersburg, 
Kiew, Warschau, Moskau und Odessa trifft Russland umfang- 
reiche militärische Vorbereitungen. Herr Sasonow hat zwar 
ebenso wie der russische Kriegsuninister unter Ehrenwort ver- 
sichert, dass eine Mobilisierung bisher nicht angeordnet wurde, 
der letztere hat Jedoch dem deutschen Militär-Attache mitge- 
teilt, dass die gegen Oesterreich-Ungarn gelegenen Militär- 
bezirke Kiew, Odessa, Moskau und Kasan mobilisiert werden 
würden, wenn unsere Truppen die serbische Grenze über- 
schritten. 

Unter diesen Umständen möchte ich das Berliner Kabinett 
dringend ersuchen, der Erwägung näher zu treten, o b n i c h t 
R u s s 1 a n d i n freundschaftlicher Weise darauf 
aufmerksam gemacht werden sollte, dass die 



Rb. Nr. 41. 3 ) Ueber dasselbe Gespräch berichtet Bunsen, Blb. 
Nr. 62, wobei die Argumente, mit denen Berchtold antwortet, so gut wie 
gar nicht wiedergegeben werden. Der in Anmerkung 2 erörterte 
Sophismus tritt hier in den Schlussworten, wie Bunsen sie be- 
richtet, noch einmal deutlich hervor: «Indem ich mich von S. Ex. 
verabschiedete, bat ich ihn zu glauben, dass wenn im Laufe der gegen- 
wärtigen schweren Krisis unser Standpunkt manchmal von dem seinigen 
abweichen sollte, das nicht daran liegen würde, dass wir die vielen 
gerechten Klagen Oesterreich-Ungarns gegen Serbien nicht verstünden, 
sondern daran, dass während Oesterreich-Ungarn seinen Streitfall mit 
Serbien in erster Linie sehe, wir uns vor allem um den Frieden 
Europas sorgten. Ich sei sicher, dass dieser weitere Gesichtspunkt 
der Frage mit derselben Stärke S. Ex. vorschwebe. Er antwortete, 
er zöge ihn auch in Betracht, doch meinte er, dass sich Russland 
Massnahmen, wie den bevorstehenden, nicht widersetzen sollte, da 
sie eine Gebietsvergrösserung nicht bezweckten und nicht länger auf- 
geschoben werden könnten. > 



28. Juli 



217 



Mobilisierung obiger Bezirke einer Bedrohung Oesterreich- 
Ungarns gleichkäme und daher, falls sie tatsächlich erfolgt, 
sowohl von der Monarchie als vom verbündeten Deutschen 
Reiche mit den weitestgehenden m i !l i t ä r i s c h e n Gegen- 
massregeln beantwortet wierden müsste. 

Um Russland ein eventuelles Einlenken zu er- 
leichtern, schiene es uns angezeigt, dass ein solcher Schritt 
vorerst von Deutschland allein unternommen werden sollte; 
doch wären wir natürlich bereit, den Schritt auch zu zweien 
zu machen. 

Eine deutliche Sprache schiene mir in diesem Augenblick 
das wirksamste Mittel, um Russland dieganze Trag- 
weite eines drohenden Verhaltens zum B e - 
wusstsein zu bringe n. 1 ) 



Der österreichisch-ungarische Minister des Aeusseren, Graf 
Berchtold, an den österreichisch-ungarischen Botschafter 
in Berlin, Graf Szögyeny. 

Rotbuch Kr. 43. 

Wien. 

Der kaiserlich deutsche Botschafter hat mir mitgeteilt, 
dass Sir E. Grey sich mit der Bitte an die deutsche Regierung 
gewendet habe, sie möge ihren Einfluss bei der k. und k. Re- 
gierung geltend machen, dass diese die Antwort aus Belgrad 
entweder als genügend betrachte oder als Grundlage für Be- 
sprechungen unter den Kabinetten akzeptiere. 

Herr vonTsc'hirschky war beauftragt, den englischen Vor- 
schlag dem Wiener Kabinette zur Erwägung zu unterbreiten. 



Rb. Nr. 42. ') Die Bedeutung dieses Dokumentes kann nicht 
stark genug unterstrichen werden. Es ist eines der wichtigsten Schrift- 
stücke aus der ganzen Krisis. Denn es beweist, wie hinfällig die These 
des Dreiverbandes ist, der die deutschen Demarchen in St. Peters- 
burg zu der russischen Mobilmachung als Gewaltakt Deutschlands 
hinstellt, das auf eigene Faust einen deutsch-russischen Krieg vom 
Zaune bricht, derweil Oesterreich bereit war, sich den russischen Wün- 
schen zu unterwerfen. Aus Rb. 42 geht klar hervor, dass die deutschen 
Demarchen logisch aus der österreichisch-russischen Krisis heraus- 
wuchsen. Sie geschahen auf Oesterreichs Anregung. Und während die 
Dreiverbandsveröffentlichungen in der deutschen Demarche einen 
brüsken und unhöflichen Akt sehen wollten, war sie ausdrücklich als 
höflicher Akt gedacht, «um Russland ein eventuelles Einlenken zu 
erleichtern >, da eine österreichische oder österreichisch-deutsche De- 
marche in St. Petersburg entschieden verstimmt hätte. Die Legende 
von einer plötzlichen Kriegspolitik Deutschlands, im Gegensatz zu einem 
nachgiebigen Oesterreich, fällt damit zusammen. 

15 



Berchtold 

lehnt die durch 

Deutschland 

übermittelten 

englischen 

Vorschläge.die 



218 



28. Juli 



zu r berückSch^ Der deutsche Botschafter in Wien, Herr von Tschirschky 
die en, Kriegsei^ und Bögendorff, an den deutschen Reichskanzler, von 

klärung schon ~ ' ~ ~~ "" ~~~ ~~~~~~ ~~~ ~~ "~ ~ — ~ ^ ~~~~~~ ~ ~~~ 

erfolgt sei. Bethmann Hollweg. 

Weissbuch, Anlage 16. 

Wien. 
Graf Berchtolld bittet mich, Euer Exzellenz seinen ver- 
bindlichen Dank für Mitteilung des englischen Vermittlungs- 
vorschlages zu sagen. Er bemerkt jedoch dazu, dass nach Er- 
öffnung der Feindseligkeiten seitens Serbiens und nach der 
inzwischen erfolgten Kriegserklärung er den Schritt Eng- 
lands ais verspätet ansehen müsse. 



Der deutsche 
Reichskanzler 
legt den deut- 
schen Bundes- 
regierungen 
die politische 
Lage dar. 



Oesterreich- 
Ungarn muss 
seine Politik 
durchführen. 



Der deutsche Reichskanzler, von Bethmann Hollweg, an die 
deutschen Bundesregierungen. 

Weissbuch, Anlage 2. 1 ) 

Berlin. 

Euer pp. wollen der Regierung, bei der Sie beglaubigt 
sind, folgende Mitteilung machen: 

Angesichts der Tatsachen, die die österreichisch-unga- 
rische Regierung in ihrer Note an die serbische Regierung be- 
kanntgegeben hat, müssen die letzten Zweifel darüber schwin- 
den, dass das Attentat, dem der österreichisch-ungarische 
Thronfolger und seine Gemahlin zum Opfer gefallen sind, in 
Serbien zum mindesten mit der Konnivenz von Angehörigen 
der serbischen Regierung und Armee vorbereitet worden ist. 
Es ist ein Produkt der g r o s s e r b i s c h e n Bestre- 
bungen, die seit einer Reihe von Jähren eine Quelle dauern- 
der Beunruhigungen für die österreichisch-ungarische Monar- 
chie und für ganz Europa geworden sind. 

In besonders markanter Form trat der grosserbische 
Chauvinismus während der bosnischen Krisis in die Er- 
scheinung 

____________ «) 

Die Antwort der serbischen Regierung auf die Forderun- 
gen, welche die österreichisch-ungarische Regierung am 23. 
dieses Monats durch ihren Vertreter in Belgrad hat stellen 
lassen, lässt indessen erkennen, dass die massgebenden Fak- 
toren in Serbien nicht gesonnen sind, ihre bis- 
herige Politik und agitatorische Tätigkeit 

¥b. Anlage 2. J ) Trägt den Vermerk «Vertraulich!» 
2 ) Hier wird die Stellung Oesterreich-Ungarns zur Sache mit 
denselben Sätzen geschildert, wie sie in Wb. Anlage 1 dem soeben 
zitierten Satz folgen, bis zu den Worten: < angesehen werden >. 



28. Juli 



219 



aufzugeben. Der österreichisch-ungarischen Regierung 
wird demnach, will sie nicht auf ihre Stellung als Grossmacht 
endgültig Verzicht leisten, nichts anderes übrig bleiben, als ihre 
Forderungen durch einen starken Druck und nötigenfalls unter 
der Ergreifung militärischer Massnahmen durchzusetzen. 

Einzelne russische Stimmen betrachten das als selbstver- 
ständliches Recht und als die Aufgabe Russlands, in dem Kon- 
flikte zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien aktiv für Ser- 
bien Partei zu ergreifen. Für die aus einem solchen Schritte 
Russlands resultierende europäische Konflagration glaubt die 
Nowoje Wremja sogar Deutschland verantwortlich machen 
zu dürfen, sofern es nicht Oesterreich-Ungarn zum Nachgeben 
veranlasst. Die russische Presse stellt hiermit die Verhältnisse 
auf den Kopf. Nicht Oesterreich-Ungarn hat den 
Konflikt mit Serbien hervorgerufen, sondern 
Serbien ist es gewesen, das durch eine skrupellose Be- 
günstigung grosserbischer Aspirationen auch in Teilen der 
österreichisch-ungarischen Monarchie diese selbst in ihrer Exi- 
stenz gefährdet und Zustände geschaffen hat, die schliesslich 
in der frevelhaften Tat von Serajewo ihren Ausdruck gefunden 
haben. Wenn Russland in diesem Konflikt für Serbien ein- 
treten zu müssen glaubt, so ist das an sich gewiss ein gutes 
Recht. Es muss sich aber darüber klar sein, dass es damit die 
serbischen Bestrebungen auf Unterhöhlung der Existenz- 
bedingungen der österreichisch-ungarischen Monarchie zu den 
seinigen macht, und dass es allein die Verantwor- 
tung trägt, wenn aus dem österreichisch-serbischen Han- 
del, den alle übrigen Grossmächte zu lokalisieren wünschen, 
eineuropäischerKrieg entsteht. Diese Verantwor- 
tung Russlands liegt klar zutage und wiegt um so schwerer, 
als Graf Berchtold Russland offiziell erklärt hat, es beab- 
sichtige weder serbische Gebietsteile zu er- 
werben noch den Bestand des serbischen Kö- 
nigreichs anzutasten, sondern wolle lediglich Ruhe 
vor den seine Existenz gefährdenden serbischen Umtrieben 
haben. 

Die Haltung der Kaiserlichen Regierung in dieser Frage 
ist deutlich vorgezeichnet. Die von den Panslawisten gegen 
Oesterreich-Ungarn betriebene Agitation erstrebt in ihrem 
Endziel mittelst der Zertrümmerung der Donaumonarchie, die 
Sprengung oder Schwächung des Dreibundes und in ihrer 
Folgewirkung eine völlige Isolierung des Deutschen Reichs- 
Unser eigenstes Interesse ruft uns demnach 
an die Seite Oester reich -Ungarns. Die Pflicht, 
Europa wenn irgend möglich vor einem allgemeinen Kriege zu 



Nicht Oester- 
reich-Ungarn 
eröffnete den 
Konflikt, son- 
dern Serbien. 



Russland trägt 
die Verantwor- 
tung an einem 
etwaigen euro- 
päischen 
Kriege, weil es 
schützend vor 
Serbien tritt. 



220 



28. Juli 



Der Frieden 
ist nur durch 
Lokalisierung 
des Konfliktes 
zu wahren. 



Sollte Russland 
den Krieg her- 
beiführen, 
steht Deutsch- 
land auf Oester- 
reich- Ungarns 
Seite. 



bewahren, weist uns gleichzeitig darauf hin, diejenigen Bestre- 
bungen zu unterstützen, die auf die Lokalisierung des 
Konflikts hinzielen, getreu den Richtlinien derjenigen Po- 
litik, die wir seit nunmehr 44 Jahren im Interesse der Aufrecht- 
erhaltung des europäischen Friedens mit Erfolg durchgeführt 
haben. Sollte indes wider Erhoffen durch ein Eingreifen Russ- 
lands der Brandherd eine Erweiterung erfahren, so Würden 
wir getreu unserer ßiMidesipflicht mit der ganzen Macht des 
Reiches die Nachbarmonarchie zu unterstützen haben. Nur ge- 
zwungen werden wir zum Schwerte greifen, dann aber in dem 
ruhigen Bewusstsein, dass wir an dem Unheil keine 
Schuld tragen, das ein Krieg über Europas 
Völker bringen m ü s s t e. 



Trotz der 
Kriegserklä- 
rung an Ser- 
bien arbeitet 
Deutschland 
an der Verstän- 
digung zwi- 
schen Wien 
und St. Peters- 
burg. 



Der deutsche Reichskanzler, von Bethmann Hollweg, an den 
deutschen Botschafter in St. Petersburg, Graf Pourtales. 

Weissbuch, Anlage 14. 

Berlin. 

Wir bemühen uns unausgesetzt, Wien zu veranlassen, in 
Petersburg Zweck und Umfang des österreichischen Vor- 
gehens in Serbien in einer unanfechtbaren und hoffentlich 
Russland befriedigenden Weise klarzulegen. Hieran ändert 
auch die inzwischen erfolgte Kriegserklä- 
rungnicht s. 1 ) 



Der Deutsche 
Kaiser appel- 
liert an das mo- 
narchische So- 
lidaritätsge- 
fühl, die 
Freundschaft 
und die Frie- 
densliebe des 
Zaren und be- 
tont seine eige- 
nen Bemühun- 
gen in Wien. 



Der Deutsche Kaiser an den Kaiser von Russland. 

Weissbuch, Anlage 20. 

Mit der grössten Beunruhigung höre ich von dem Ein- 
druck, den Oesterreieh-Ungams Vorgehen gegen Serbien in 
Deinem Reiche hervorruft. Die skrupellose Agitation, die seit 
Jahren in Serbien getrieben worden ist, hat zu dem empören- 
den Verbrechen geführt, dessen Opfer Erzherzog Franz Fer- 
dinand geworden ist. Der Geist, der die Serben ihren eigenen 
König und seine Gemahlin morden Hess, herrscht heute noch 
in jenem Lande. Zweifellos wirst Du mit mir darin über- 



Wb. Anlage 14. *) Der Reichskanzler betont hier ausdrück- 
lich, dass die österreichisch-russischen direkten Verhandlungen durch 
den österreichisch-serbischen Krieg nicht gehindert werden. Vergleiche 
damit Blb. Nr. 70 —II, wo Sasonow diese Verhandlungen als durch die 
Kriegserklärung beendet erklärt. 



28. Juli 221 

einstimmen, dass wir beide, Du und ich sowohl als alle Sou- 
veräne ein gemeinsames Interesse daran haben, 
darauf zu bestehen, dass alle diejenigen, die für den scheuss- 
lichen Mord moralisch verantwortlich sind, ihre Strafe 
erleiden. 

Andererseits übersehe ich keineswegs, wie schwierig es 
für Dich und Deine Regierung ist, den Strömungen der öffent- 
lichen Meinung entgegenzutreten. Eingedenk der herz- 
lichen F r e u n d s c h a f t , • die uns beide seit langer Zeit 
mit festem Band verbindet, setze ich daher meinen gan- 
zen Einfluss ein, um Oesterreich-Ungarn dazu zu be- 
stimmen, eine offene und befriedigende Ver- 
ständigung mit Russland anzustreben. Ich hoffe 
zuversichtlich, dass Du mich in meinen Bemühungen, alle 
Schwierigkeiten, die noch entstehen können, zu beseitigen, 
unterstützen Wirst- 

Dein sehr aufrichtiger und ergebener Freund und Vetter 

gez. Wilhelm. 



222 



29. Juli 



29. JULI 



Der englische Botschafter in St. Petersburg, Sir G. Buchanan, 
an den englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir 
Edward Grey. 



Sasonow ent- 
hüllt Bucha- 
nan, dass er 
sich mit kei- 
nerlei Garantie 
Oesterreich- 
Ungarns über 
Serbiens Inte- 
grität und Un- 
abhängigkeit 
begnügen 
wird. Er ist 
zum Kriege 
bereit. 



Blaubuch Nr. 72. 

St. Petersb u r g. 
des Aeusseren bat mich, Ihnen für die 
die Sie dem deutschen Botschafter gegen- 
Ihrem Telegramim nach Berlin be- 



m 



Der Minister 
Sprache zu danken, 
über führten, wie 
richtet ist, dessen Inhalt ich Seiner Exzellenz mitgeteilt 
hatte. 1 ) Er sieht die Lage 'pessimistisch an, da er dieselben 
beunruhigenden Nachrichten aus Wien erhalten hatte, wie die 
Regierung Seiner Majestät. Ich sagte ihm, dass es wich- 
tig wäre, dass wir die wahren Absichten der 
kaiserlichen Regierung kennen 1 ), und ich fragte ihn, 
ob er durch die Versicherung befriedigt sein würde, welche 
nach seinen Instruktionen, wie ich meinte, der österreichische 
Botschafter ihm hinsichtlich der Integrität und der Unabhängig- 
keit Serbiens zu geben autorisiert war. Ich fügte hinzu, ich sei 
sicher, dass irgend eine Verständigung zur Vermeidung eines 
europäischen Krieges der Regierung Seiner Majestät willkom- 
men sein müsse. Seine Exzellenz antwortete darauf, dass, 
wenn Serbien angegriffen würde, Russland 



Blb. Nr. 72. *) Bezieht sich auf Blb. 46, wo Grey in Aussicht 
stellt, dass « andere Mächte » an dem Krieg beteiligt werden könnten. 

2 ) Diese harmlose Frage nach den « wahren Absichten > Russ- 
lands am 29. Juli, also nach Ablehnung der österreichischen Note, nach 
dem Bruch zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien, nach der Kriegs- 
erklärung, nach dem Beschluss der russischen Mobilmachung gegen 
Oesterreich-Ungarn und nach allem was Sasonow bereits am 24. Juli 
(Blb. Nr. 6) gesagt hatte, mutet mehr als seltsam an. 



29. Juli 



223 



sich mit keiner Verpflichtung Oesterreichs, 
weicher Art sie auch sei, ü ! ber diese 'beiden 
Punkte begnügen könne, und dass der Mobil- 
machungsbefehl gegen Oesterreich an dem 
Tage proklamiert würde, andern es die serbi- 
sche Grenze überschreit e. 3 ) 

Ich sagte dem deutschen Botschafter, welcher mich bat, 
dem russischen Minister des Aeusseren rnässigende Ratschläge 
zu erteilen, dass ich das von Anfang an ständig getan hätte und 
dass es nun am deutschen Botschafter in Wien sei, dort eben- 
falls .beschwichtigende Ratschläge zu erteilen. Ich habe Seiner 
Exzellenz klar zu verstehen gegeben, dass, da Russland die 
Dinge ausserordentlich ernst nimmt, es unmöglich sein Würde, 
einen allgemeinen Krieg zu verhindern, wenn Oesterreich Ser- 
bien angreife. 

Was die Anregung zur Abhaltung einer Konferenz betrifft, 
so hatte der Botschafter noch keine Weisungen erhalten, und 
ehe der französische und italienische Botschafter mit mir 
gemeinsam handeln, warten sie noch endgiltige Instruktionen 
ab. 



Der englische Botschafter in Berlin, Sir E. Goschen, an den 
englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 75. 

Berlin. 
Der Reichskanzler hat mich heute wieder rufen lassen 
und sagte mir, dass er bedaure, dass die österreichisch-un- 
garische Regierung, der er Ihre Ansicht sofort mitgeteilt habe, 
geantwortet hat, die Ereignisse seien so rasch weiter ge- 
schritten, dass es zu spät sei, Ihren Vorschlag auszuführen, 
demzufolge die serbische Antwort die Grundlage zur Ver- 



Der Reichs- 
kanzler hofft, 
dass Grey die 
deutschen Be- 
mühungen in 
Wien und 
Deutschlands 
Vertrauen in 
England zu 
würdigen 
wisse. 



Blb. Nr. 72. 3 )HiersprichtSasonowdievolle Wahrheit: Keine öster- 
reichische Versicherung kommt für ihn in Betracht. Wenn Oesterreich Ser- 
bien bekriegt, wird Russland gegen Oesterreich Krieg führen. Alle andern 
Behauptungen Sasonows über seine Mobilmachung, seine hier und da 
Deutschland und Oesterreich-Ungarn beruhigende Haltung maskieren 
diese Tatsache, dass Russland unwiderruflich den Krieg wollte. Weiter 
lehrt Blb. Nr. 72, dass England also diese wahre Haltung Russlands 
kannte; doch es tat nichts, um Russland zu einer andern Auffassung zu 
bekehren, ja blieb weiter mit Russland solidarisch. Deutschland kannte 
weder diese wahre Haltung Russlands noch Englands Mitwisserschaft 
und verhandelte und wirkte auf Englands Betreiben in Wien, um Oester- 
reich-Ungarn zu Zugeständnissen zu bringen, die, wie England wusste, 
Russland fest entschlossen war, in keinem Fall gelten zu lassen. 



224 



29. Juli 



handlung abgeben sollte. Seine Exzellenz hat, als er die Ant- 
wort empfing, eine Botschaft nach Wien gesandt, in der er er- 
klärt, dass, obschon seiner Meinung nach die serbische Ant- 
wort eine gewisse Neigung zeige, den österreichischen Forde- 
rungen entgegenzukommen, er vollständig verstände, dass ohne 
einige sichere Garantien, dass die serbische Regierung die an 
sie gestellten Forderungen erfüllen w'ürde, Oesterreich-Un- 
garn im Hinblick auf .die Erfahrungen der Vergangenheit sich 
nicht zufrieden geben könne. Er hätte dann weiter gesagt, dass 
die Feindseligkeiten, welche gegen Serbien eröffnet werden 
sollten, wahrscheinlich den ausschliesslichen Zweck verfolgten, 
sich solcher Bürgschaften zu versichern, da die österreichisch- 
ungarische Regierung Russland bereits versichert hatte, dass 
sie keine Gebietserweiterung anstrebe. 

Sollte diese Ansicht richtig sein, so rate er der österrei- 
chisch-ungarischen Regierung, sich offen in diesem Sinne zu 
äussern. Eine solche Sprache wtorde, so hoffe er, jedes mög- 
liche Missverständnis beseitigen. 

Bisher habe er noch keine Antwort aus Wien erhalten. 

Seine Exzellenz hoffte, dass Sie aus der Tatsache, dass 
er in der Angelegenheit so weit gegangen sei, diesen Rat in 
Wien zu erteilen, entnehmen möchten, dass er aufrichtig ent- 
schlossen ist, alles was in seiner Macht läge zu tun, um die 
Gefahr europäischer Verwicklungen zu bannen. 

Die Tatsache, dass er Ihnen diese Mitteilung mache, 
sei ein Beweis des Vertrauens, das er in Sie setze, und seines 
Strebens, Ihnen zu zeigen, dass er sein Möglichstes tue, um 
unsere Bestrebungen im Interesse des allgemeinen Friedens 
zu unterstützen, welche Bestrebungen er aufrichtig schätze. 



von Jagow ist 
über französi- 
sche Militär- 
vorbereitun- 
gen beunru- 
higt. 



Der englische Botschafter in Berlin, Sir E. Goschen, an den 
englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 76. 

Berlin. 
Ich fand heute den Staatssekretär sehr niedergeschlagen. 
Er erinnerte mich daran, dass er mir vor kurzem gesagt habe, 
wie vorsichtig er sein müsse, wenn er Oesterreich-Ungarn Rat 
erteile, da jede Vermutung, man Wolle auf das Wiener Kabinett 
einen Druck ausüben, dasselbe wahrscheinlich zur Ueberstür- 
zung der Dinge und zur Schaffung eines fait accompli veran- 
lassen würde. Das sei nun eingetroffen und er sei nicht 
sicher, dass nicht die Uebermittlung Ihres Vorschlages, die 
serbische Antwort als Diskussionsbasis zu behandeln, die 



29. Juli 



225 



Kriegserklärung beschleunigt habe. Die Gerüchte über die Mo- 
bilisation in Russland beunruhigten ihn sehr, e'benso Gerüchte 
über verschiedene (militärische Massnahmen in Frankreich, 
über welche er jedoch keine genaueren Angaben machte. Er 
sprach dann über diese militärischen Massnahmen mit meinem 
französischen Kollegen, welcher Seiner Exzellenz mitteilte, 
dass die französische Regierung nicht mehr getan habe als 
Deutschland, nämlich die beurlaubten Offiziere zurückbe- 
rufen. Seine Exzellenz leugnete, dass Deutschland das getan 
habe, aber es beruht dennoch auf Wahrheit. Mein französi- 
scher Kollege sagte dem Unterstaatssekretär 1 ) im Verlauf der 
Unterhaltung, dass wenn österreichisch-ungarische Truppen 
serbischen Boden betreten und demnach dem militärischen 
Prestige Genüge getan worden sei, der günstigste Augen- 
Mick nach seinem Dafürhalten kommen dürfte, um den vier 
nicht direkt beteiligten Mächten zu gestatten, über die Lage 
zu beraten und Vorschläge auszuarbeiten, um gefährliche Ver- 
wicklungen zu vermeiden. Diese Ausführungen scheinen dem 
Unterstaatssekretär 'beachtenswert, denn er sagte, dass das 
eine ganz andere Sache als die von Ihnen vorgeschlagene 
Konferenz sei. 2 ) 

Der russische Botschafter kehrte 'heute zurück und hat 
der deutschen Reichsregierung von der Mobilisierung in vier 
südrussischen Gouvernements Mitteilung gemacht. 



Der englische Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an den englischen Botschafter in Berlin, Sir E. Goschen. 



Blaubuch Nr. 77. 



London. 



Ich schätze sehr die Ausführungen des Reichskanzlers, G ™y ß^edi- 
w eiche Sie mir in Ihrem heutigen Telegramm 1 ) übermittelten, gung über 
Seine Exzellenz kann sich darauf verlassen, dass unser Land HaUim^ausf 
wie bisher fortfahren wird, jede Anstrengung zur Sicherung des 
Friedens zu machen und das von allen gefürchtete Unglück zu 



Blb. Nr. 76. J ) Offenbar ein Irrtum; es handelt sich nicht um 
den Unterstaatssekretär, sondern den Staatssekretär. 

2 ) Im Gib. ist für den 29. nur eine Unterhaltung Cambons über 
den Konferenzvorschag als Nr. 92 mit dem Staatssekretär von Jagow 
verzeichnet, in der von Vorhaltungen Jagows über die militärischen 
Vorbereitungen Frankreichs und einer Antwort Cambons nicht die 
Rede ist. 



Blb. Nr. 77. J ) Blb. Nr. 75. 



226 



29. Juli 



verhindern. Wenn er Oesterreich-Ungarn bewegen kann, Russ- 
land zufrieden zu stellen und davon zurückzuhalten, dass es 
bis zu einem Zusammenstoss komimt, werden wir uns alle in 
tiefer Dankbarkeit gegen Seine Exzellenz für die Erhaltung des 
europäischen Friedens einig sein. 2 ) 



Paleologue be- 
ruhigt seine 
Regierung. 



Der französische Botschafter in St. Petersburg, Paleologue, 
an den stellvertretenden französischen Minister des 
Aeusseren, Bienvenu-Martin. 

Gelbbuch Nr. 86. 

S t. P e t e r s b u r g. 
Ich bin jetzt bereits in der Lage, Seine Exzellenz zu ver- 
sichern, dass die russische Regierung jedem Verfahren, das 
Frankreich und England ihm zur Erhaltung des Friedens vor- 
schlagen werden, stattgelben wird. Mein englischer Kollege 
telegraphiert in demselben Sinne nach London. *) 



Der belgische 
Minister des 
Aeusseren 
schreibt 
Deutschland 
eine aggres- 
sive Politik zu. 



Der französische Gesandte in Brüssel, Klobukowski, an den 
stellvertretenden französischen Minister des Aeusseren, 
Bienvenu-Martin. 

Gelbbuch Nr. 87. 

Brüssel. 

Aus meiner Unterhaltung mit Herrn Davignon und ver- 
schiedenen Personen, die in der Lage sind, genau unterrich- 
tet zu sein, erhalte ich den folgenden Eindruck: die Haltung 
Deutschlands ist rätselhaft und 'berechtigt zu allen 
Befürchtungen. Es erscheint als unwahrschein- 
lich, dass die österreichisch-ungarische Regierung eine Ini- 
tiative ergriffen habe, die es nach einem vorgefassten Plan 
zur Kriegserklärung führt, ohne ein vorhergehendes 
Abkommen mit Kaiser Wilhelm. 

Die deutsche Regierung bleibt Gewehr bei Fuss und be- 
hält sich nach den Umständen eine friedliche oder kriege- 



Blb. Nr. 77. 2 ) Als Grey dieses Telegramm nach Berlin sandte, 
wusste er, dass Russland durch keine Konzession Oesterreich-Ungarns 
zufrieden zustellen war! Siehe Blb. Nr. 72. 



G 1 b. Nr. 86. ') Diese Versicherung Paleologues wirkt seltsam, 
wenn man Blb. Nr. 72 zum Vergleiche heranzieht, sie wurde übrigens 
von Sasonow prompt zurückgenommen, siehe Ob. Nr. 64. 



29. Juli 



227 



rische Aktion vor, aber die Unruhe ist in allen Kreisen so 
gross, dass eine brüske Intervention gegen uns hier niemand 
überraschen würde. Meine russischen und englischen Kolle- 
gen teilen diese Ansicht. 

Die belgische Regierung nimmt die Massregeln, die der 
mir gestern von Herrn Davignon gemachten Erklärung ent- 
sprechen, x ) dass alles ins Werk gesetzt wird, um die Neu- 
tralität des Landes zu verteidigen. 2 ) 



Der österreichis ch -ungarische Minister des Aeusseren, Graf 
B erchtold, an die österreichisch-ungarischen Botschafter 
in St. Petersburg, London, Paris und Rom. 

Rotbuch Nr. 44. 

Wien. 
Zu Euer Exzellenz Information : 

Ich habe heute dem kaiserlich deutschen Botschafter das 
nachfolgende Memoire in Beantwortung eines von demselben 
bei mir unternommenen Schrittes zukommen lassen: 

Memoire. 
Die k. und k. Regierung hat mit dem ergebensten Danke 
von der Mitteilung Kenntnis genommen, welche ihr der Herr 
kaiserliche deutsche Botschafter am 28. d. M. über das Er- 
suchen des englischen Kabinettes gemacht hat, es möge die 
kaiserlich deutsche Regierung ihren Einfluss beim Wiener 
Kabinette geltend machen, damit dieses die Antwort aus Bel- 



Berchtold lässt 
in Berlin er- 
klären, warum 
er den durch 
Deutschland 
übermittelten 
Wunsch Greys, 
die serbische 
Antwort zu be- 
rücksichtigen, 
nicht erfüllen 
kann. 



Gib. Nr. 87. J ) Ueber diese Erklärung ist weder im Gib. noch 
im Grb. ein Dokument enthalten. 

2 ) Vergl. hiermit das Gespräch Jules Cambon mit dem belgischen 
Gesandten in Berlin. Gib. Nr. 35. Hier wie dort wird die deutsche Politik, ja 
dieWahrhaftigkeit der deutschen Erklärungen von belgischen verantwort- 
lichen Staatsmännern im Gespräche mit französischen Diplomaten auf 
das Schärfste verdächtigt. Eine Diskussion der Frage der belgischen 
Neutralität ist in diesen Anmerkungen, die sich nur mit den sieben Akten- 
sammlungen befassen, nicht am Platze. Anlässlich dieser beiden Schrift- 
stücke muss man jedoch, ohne der Voreingenommenheit beschuldigt 
zu werden, seltsame Rückschlüsse auf die Haltung der belgischen 
Regierung während der Krisis im Juli-August 1914 ziehen. Auf jeden 
Fall lassen diese beiden intimen Gespräche belgischer und französi- 
scher Staatsmänner, die sich in der Verurteilung und Verdächtigung 
der deutschen Politik einig sind, vermuten, dass andere wichtige Ge- 
spräche der Dreiverbands- und der belgischen Diplomatie während der 
Krisis stattgefunden haben. Das belgische Grb. verrät, wie bereits in 
der Einführung erwähnt, nichts hierüber. Es enthält keinen Bericht 
über diese beiden Gespräche, wie auch nicht das in dem Schreiben 
des belgischen Gesandten in St. Petersburg S. 258 erwähnte Telegramm. 



228 29. Juli 

grad entweder als genügend betrachte oder aber als Grund- 
lage für Besprechungen annehme. Was die Aussprache des 
Herrn englischen Staatssekretärs zu Fürst Lichnowsky be- 
trifft, möchte die k. und k. Regierung zunächst darauf aufmerk- 
sam machen, dass die serbische Antwortnote keineswegs, wie 
dies Sir E. Grey anzunehmen scheint, eine Zustimmung zu 
allen unseren Forderungen mit einer einzigen Ausnahme ent- 
halte, dass vielmehr in den meisten Punkten Vorbehalte for- 
nulliert sind, welche den Wert der gemachten Zugeständnisse 
wesentlich herabdrücken. Die Ablehnung betreffe aber gerade 
jene Punkte, welche einige Garantie für die faktische Errei- 
chung des angestrebten Zweckes enthalten. 1 ) 

Die k. und k. Regierung kann ihre Ueberraschung über 
die Annahme nicht unterdrücken, als ob ihre Aktion gegen 
Serbien Russland und den russischen Einfluss am Balkan 
treffen wolle, denn dies hätte zur Voraussetzung, 
dass die gegen die Monarchie gerichtete 
Propaganda n i c ht allein serbisch, sondern 
russischen Ursprungs sei. Wir sind bisher viel- 
mehr von der Auffassung ausgegangen, dass das offizielle 
Russland diesen der Monarchie feindlichen Tendenzen fern- 
stehe und richtet sich unsere gegenwärtige Aktion ausschliess- 
lich gegen Serbien, während unsere Gefühle für 
R u s s 1 a n d , wie wir Sir E. Grey versichern können, 
durchaus freundschaftliche sind. 

Im übrigen muss die k- und k. Regierung darauf hin- 
weisen, dass sie zu ihrem lebhaften Bedauern nicht mehr in der 
Lage ist, zu der serbischen Antwortnote im; Sinne der eng- 
lischen Anregung Stellung zu nehmen, da im Zeitpunkte des 
hier gemachten deutschen Schrittes der Kriegszustand zwi- 
schen der Monarchie und Serbien bereits eingetreten wiar und 
die serbische Antwortnote demnach durch die Ereignisse be- 
reits überholt ist. 

Die k. und k. Regierung erlaubt sich bei diesem, Anlasse 
darauf aufmerksam' zu machen, dass die königlich serbische 
Regierung noch vor Erteilung ihrer Antwort mit der Mobili- 
sierung der serbischen Streitkräfte vorgegangen ist und dass 
sie auch nachher drei Tage verstreichen liess, ohne die Ge- 
neigtheit kundzugeben, den Standpunkt ihrer Antwortnote zu 
verlassen, worauf unsererseits die Kriegserklärung erfolgte. 

Wenn im übrigen das englische Kabinett sich bereit 
findet, seinen Einfluss auf die russische Regierung im Sinne 



Rb. Nr. 44. ') Siehe die Gegenüberstellung der serbischen 
Antwortnote mit dem Kommentar der österreichisch-ungarischen Re- 
gierung S. 144 ff. 



29. Juli 



229 



der Erhaltung des Friedens zwischen den Grossmächten und 
der Lokalisierung des uns durch die jahrelangen ser- 
bischen Umtriebe aufgezwungenen Krieges geltend zu machen, 
so kann dies seitens der k. und k. Regierung nur begrüsst 
werden. 



Der deutsche Reichskanzler, von Bethmann Hollw eg, an den 
deutschen Botschafter in Paris, Freiherrn von Schön- 

Weissbuch, Anlage 17. 

Die uns über französische Kriegsvorbereitungen zugehen- 
den Nachrichten mehren sich von Stunde zu Stunde. Ich 
bitte dies bei der französischen Regierung zur Sprache zu 
bringen und sie eindringlichst darauf hinzuweisen, dass uns 
derartige Massnahmen zu Schutzmassregeln zwingen würden. 
Wir würden Kriegsgefahr proklamieren müssen, und 
wenn dies auch noch keine Einberufungen und noch nicht Mo- 
bilisierung bedeute, so würde dadurch immerhin die Spannung 
erhöht werden. Wir hoffen fortgesetzt noch auf Erhaltung des 
Friedens. 



Deutschland 
macht in Paris 
auf die etwai- 
gen Folgen 
französischer 
Kriegsvorbe- 
reitungen auf- 
merksam. 



Der österreichisch - ungarische Botschafter in Paris, Graf 
Szecsen, an den österreichisch-ungarischen Minister des 
Aeusseren, Graf Berchtold. 

Rotbuch Nr. 45. 

Paris. 

Frankreich trifft unzweifelhaft gewisse militärische Vor- 
bereitungen, wie dies von den Zeitungen vielleicht mit ge- 
wisser Uebertreibung verkündet wird. 

Wie ich streng vertraulich erfahre, ist Baron Schön be- 
auftragt, diese Vorbereitungen heute bei Herrn Viviani zur 
Sprache zu bringen und darauf hinzuweisen, dass Deutsch- 
land unter diesen Umständen gezwungen werden könnte, 
ähnliche Massnahmen zu treffen, die natürlich nicht geheim 
bleiben könnten und deren Bekanntwerden in der Öffent- 
lichkeit grosse Aufregung verursachen würde. So könnten 
beide Länder, trotzdem sie nur den Frieden anstreben, zu 
einer wenigstens teilweisen Mobilisierung gedrängt werden, 
was gefährlich wäre- 



230 



29. Juli 



Ferner wird Baron Schön auftraggemäss erklären, 
Deutschland wünsche lebhaft, dass der Konflikt zwischen uns 
und Serbien lokalisiert bleibe, wobei Deutschland auf die 
Unterstützung seitens Frankreichs zähle. 



Deutschland 
warnt von neu- 
em vor russi- 
schen Mobili- 
sierungsmass- 
nahmen. 



Der österreichisch - ungarische Botschafter in Berlin, Graf 
Szögyeny, an den österreichisch-ungarischen Minister 
des Aeusseren, Graf Berchtold. 

Rotbuch Nr. 46. 

Berlin. 

Bereits Sonntag hat die deutsche Regierung in St. Pe- 
tersburg erklärt, dass die russische Mobilisierung die deutsche 
Mobilisierung zur Folge hätte. 

Darauf erfolgte russischerseits die mit meinem Tele- 
gramm vom 27. d. Mts. gemeldete Antwort. Hierauf wurde 
heute neuerdings nach St. Petersburg telegraphiert, dass durch 
das weitere Fortschreiten der russischen Mobilisierungsmass- 
nahmen Deutschland veranlasst werden könnte, zu mobili- 
sieren. 



Der russische 
Generalstabs- 
chef versichert 
ehrenwörtlich, 
dass die mili- 
tärische Lage 
sich seit dem 
27. nicht ver- 
ändert habe. 



Der deutsche Militärattache in St. Petersburg an den deut- 
schen Reichskanzler, von Bethmann Hollweg. 

Weissbuch, Denkschrift. 

St. Petersburg. 
Der Generalstabschef hat mich zu sich bitten lassen 
und mir eröffnet, dass er soeben von Seiner Majestät komme. 
Er sei vom Kriegsminister beauftragt worden, mir nochmals 
zu bestätigen, es sei alles so geblieben, wie es mir vor zwei 
Tagen der Minister mitgeteilt habe. Er bot mir schriftliche 
Bestätigung an und gab mir sein Ehrenwort in 
feierlichster Form, dass nirgends eine Mobilmachung, 
d. h. Einziehung eines einzigen Mannes oder Pferdes bis zur 
Stunde, 3 Uhr nachmittags, erfolgt sei. Er könne sich 
dafür für die Zukunft nicht verbürgen, 1 ) aber 



wb. Denkschrift. ') Diese «Zukunft», für die der russische 
Generalstabschef im Anschluss an f ine ehrenwörtliche Versicherung, 
dass nirgends Mobilmachungsmas :geln angeordnet seien, sich nicht 
verbürgen konnte, lag in nicht zu \ ' >er Ferne: nämlich am selben Tage 
wurde die Mobilmachung gegen öesterreich-Ungarn angeordnet, nach- 
dem sie bereits lange vor diesem Gespräch beschlossen war. 



29. Juli 



231 



wohl nachdrücklichst bestätigen, dass in den Fronten, die auf 
unsere Grenzen gerichtet seien, von Seiner Majestät keine Mo- 
bilisierung gewünscht würde. Es sind aber hier über erfolgte 
Einziehung der Reservisten in verschiedenen Teilen des Reichs 
auch in Warschau und in Wilna, vielfache Nachrichten ein- 
gegangen. Ich habe deshalb dem General vorgehalten, dass 
ich durch die mir von ihm gemachten Eröffnungen vor ein 
Rätsel gestellt sei. Auf Offiziersparole erwiderte er 
mir jedoch, dass solche Nachrichten unrichtig seien, es möge 
hier und da allenfalls ein falscher Alarm vorliegen. 

Ich muss das Gespräch in Anbetracht der positiven, zahl- 
reichen, über erfolgte Einziehungen vorliegenden Nachrichten 
als einen Versuch betrachten, uns über den Umfang der bis- 
herigen Massnahmen irrezuführen. 2 ) 



Der russische Minister des Aeusseren, Sasonow, an den rus- 
sischen Geschäftsträger in Berlin, von Bronewski. 

Orangebuch Nr. 49 

St. Petersburg. 

Der deutsche Botschafter teilt mir im Namen des Reichs- 
kanzlers mit, dass Deutschland unaufhörlich in Wien einen be- 
schwichtigenden Einfluss ausübe und dass es diese Aktion 
sogar nach der Kriegserklärung fortsetzen werde. Bis heute 
morgen traf keine Nachricht ein, dass die österreichischen 
Heere die serbische Grenze überschritten hätten. Ich bat den 
Botschafter, dem Kanzler meinen Dank für den freundschaft- 
lichen Ton dieser Mitteilung auszusprechen. Ich verständigte 
ihn von den Militärmassnabmen, die Russland getroffen hat, 
deren keine, sagte ich, gegen Deutschland gerichtet sei ; 
ich fügte hinzu, dass sie ebensowenig aggressive Massregeln 
gegen Oesterreich einbegriffen, da diese Massregeln nur durch 
die Mobilmachung des grösseren Teiles der österreichisch-un- 
garischen Armee zu erklären sind. 

Da der Botschafter sich zugunsten direkter Aussprache 
zwischen dem Wiener Kabinett und uns äusserte, antwortete 
ich, dass ich dazu völlig geneigt sei, wenn die Ratschläge des 
Berliner Ka'binettes, von denen er sprach, in Wien ein Echo 
fänden. 



Wb. Denkschrift. 2 ) Man muss bedenken, dass der Absender 
dieses Telegrammes selbstverständlich nicht die Aeusserungen Saso- 
nows dem englischen und französischen Botschafter gegenüber und 
die Telegramme an die russischem Botschafter kennen konnte, die ja 
in noch höherem Masse als die dei stäche zur Verfügung stehenden 
Nachrichten mit den Versicherungen des Generalstabschefs kon- 
trastierten. 



Sasonow gibt 
dem deutschen 
Botschafter 
friedfertige Er- 
klärungen ab, 
die im Wider- 
spruch zu sei- 
nen andern 
Aeusserungen 
stehen. 



232 



29. Juli 



Gleichzeitig machte ich darauf aufmerksam, dass wir" 
völlig geneigt seien, den Vorschlag einer Konferenz der vier 
Mächte anzunehmen, mit dem, wie es schien, Deutschland nicht 
ganz sympathisierte. 

Ich sagte, dass nach -meiner Ansicht, der beste Weg, alle 
Mittel für eine friedliche Lösung nutzbar zu machen, in einer 
Paralellaktion der Pourparlers, einer Konferenz zu vieren zwi- 
schen Deutschland, Frankreich, England und Italien, und einen 
direkten Kontakt zwischen Oesterreich-Ungarn und Russland 
bestände, in der Art des Verfahrens, das man in den kritisch- 
sten Tagen der Krisis des letzten Jahres angewandt hatte. 1 ) 

Ich sagte dem Botschafter, dass nach den serbischen Zu- 
geständnissen ein Boden der Verständigung für die noch offe- 
nen Fragen nicht schwer zu finden sei, vorausgesetzt, dass 
Oesterreich guten Willen zeige und alle Mächte ihren Einfluss 
im Sinne der Versöhnung aufwenden. 

Den Botschaftern in England, Frankreich, Oesterreich- 
Ungarn und Italien mitgeteilt. 2 ) 



Der deutsche Botschafter in St. Petersburg, Graf Pourtales, 
an den deutschen Reichskanzler, von Bethmann Hollweg. 

Weissbuch, Denkschrift. 

St. Petersburg. 
Deutschland Der Minister versuchte mich zu überreden, dass ich bei 

veSebiichjäa- meiner Regierung die Teilnahme an einer Konversation zu 
sonow zu einer vieren befürworten sollte, um Mittel ausfindig zu machen, auf 
PoütYkTube- freundschaftlichem Wege Oesterreich-Ungarn zu bewegen, die- 
wegen. jenigen Forderungen aufzugeben, die die Souveränität Serbiens 

antasten. Ich habe, indem ich lediglich die Wiedergabe der 
Unterredung zusagte, mich auf den Standpunkt gestellt, dass 
mir, nachdem Russland sich zu dem verhängnisvollen Schritte 
der Mobilmachung entschlossen habe, jeder Gedankenaus- 
tausch hierüber sehr schwierig, wenn nicht unmöglich er- 
scheine. Was Russland jetzt noch von uns Oesterreich-Ungarn 
gegenüber verlange, sei dasselbe, was Oesterreich-Ungarn 
Serbien gegenüber vorgeworfen werde : ein Eingriff in 



Ob. Nr. 49. l ) Mit dieser Abänderung und Verhüllung des Ge- 
dankens einer direkten Verständigung mit Wien, der Sasonow in Blb. 
Nr. 70 — 11, entschlüpfen wollte, bereitet er die vollständige Aufgabe 
dieses Gedankens vor. 

2 ) Vergleiche folgendes Stück, Wb. Denkschrift, das über die- 
selbe Unterredung berichtet. 



29. Juli 



233 



Souveränitätsrechte ; Oesterreich-Ungarn habe ver- 
sprochen, durch Erklärung seines territorialen Desinteresse- 
ments Rücksicht auf russische Interessen zu nehmen, e i n 
grosses Zugeständnis seitens eines krieg- 
führenden Staates. Man sollte deshalb die Doppelmonar- 
chie ihre Angelegenheit mit Serbien allein regeln lassen. E s 
werde beim Friedensschluss immer noch Zeit 
sein, auf Schonung der serbischen Souveräni- 
tät zurückzukommen. 

Sehr ernst habe ich hinzugefügt, dass augenblicklich die 
ganze austroserbische Angelegenheit der Gefahr einer 
europäischen K o n f 1 a g r a t i o n gegenüber in den 
Hintergrund trete, und habe mir alle Mühe gegeben, 
dem Minister die Grösse dieser Gefahr vor Augen zu führen. 

Es war nicht möglich, Sasonow von dem Gedanken abzu- 
bringen, dass Serbien von Russland jetzt nicht 
im Stich gelassen werden dürfe. 



Der russische Minister des Aeusseren, Sasonow, an die rus- 
sischen Botschafter in London und Paris. 



Orangebuch Nr. ,50. 

St. Petersburg. 

Als ich meine letzte Unterhaltung mit dem deutschen 
Botschafter hatte, 'hatte ich noch nicht das Telegramim Schebe- 
kos vom 28. Juli erhalten. 

Der Inhalt dieses Telegramms stellt die Weigerung des 
Wiener Kabinettes dar, einen direkten Meinungsaustausch mit 
der kaiserlichen Regierung vorzunehmen. 1 ) 

Infolgedessen bleibt uns nichts mehr übrig, als uns völlig 
auf die englische Regierung zu verlassen für die Initiative der 
Demarchen, die ihr nützlich erscheinen. 

In Wien, Rom und Berlin mitgeteilt. 



O b. Nr. 50. *) Die Lektüre der Telegramme Rb. Nr. 40 und Ob. 
Nr. 45 genügt, um festzustellen, dass diese Behauptung Sasonows falsch 
ist. Berchtold weigerte sich, die Note an Serbien abzuändern, lehnte 
aber nicht die direkten Verhandlungen mit St. Petersburg ab, was der 
russische Botschafter in Wien, Schebeko, selbst zugab. Sasonow 
übrigens hatte nach Blb. Nr. 70 — II. selbst die direkten Verhandlungen 
als erledigt erklärt und im Ob. Nr. 49 das Projekt direkter Aussprache 
durch einen neuen Vorschlag ersetzt. Siehe auch Rb. Nr. 47 und Nr. 50. 

16 



Sasonow lässt 
in London und 
Paris die un- 
berechtigte 
Mitteilung ma- 
chen, dass 
Oesterreich- 
Ungarn direkte 
Verhandlun- 
gen abgelehnt 
habe. 



234 



29. Juli 



von Jagow 
macht auf die 
Gefahr der rus- 
sischen Mobil- 
machung ge- 
gen Oester- 
reich-Ungarn 
aufmerksam. 



Der russische Geschäftsträger in Berlin, von Bronewski, an 
den r ussischen Minister des Aeusseren, Sasonow. 

Ora?igebuch Nr. 51. 

Berlin. 
i) 

Cr sagte mir dann, es schiene, dass wir begonnen haben, 
an der österreichischen Grenze zu mobilisieren und er fürchte» 
dass dies Oesterreich die Möglichkeit, sich mit uns zu verständi- 
gen erschwere, um so mehr als Oesterreich nur gegen Ser- 
bien mobilisiere und an unserer Grenze keine Vorbereitungen 
treffe. Ich entgegnete, dass nach Nachrichten, über die ich ver- 
füge, Oesterreich gleichfalls an unserer Grenze mobilisiere 
und dass wir infolgedessen entsprechende Massregeln ergrei- 
fen müssen. Ich fügte hinzu, dass die Massregeln, die wir viel- 
leicht auf unserer Seite ergriffen haben, keineswegs gegen 
Deutschland gerichtet seien. 



Graf Szäpäry 
erklärt Saso- 
now, dass Oe- 
sterreich-Un- 
garn durchaus 
nicht die 
direkte Aus- 
sprache abge- 
lehnt habe. 



Der österreichisch-ungarische Botschafter in St. Petersburg, 
Graf Szäpäry, an den österreichisch-ungarischen Mini" 
ster des Aeusseren, Graf Berchtold. 

Rotbuch Nr. 47. 

S t. Petersburg. 

Da ich vom deutschen Botschafter erfahren habe, Herr 
Sasonow zeige sich über Euer Exzellenz angebliche Abge- 
neigtheit, Gedankenaustausch mit Russland fortzusetzen und 
über vermeintlich weit über das notwendige Mass ausgedehnte 
und daher gegen Russland gerichtete Mobilisierung est er reich- 
Ungarns sehr aufgeregt, suchte ich den Herrn Minister auf, 
um einige mir vorhanden scheinende Unklarheiten zu beheben. 

Der Herr Minister begann damit, zu konstatieren, dass 
Oesterreich-Ungarn kategorisch weiteren Gedankenaustausch 
ablehne. Ich stellte auf Grund Euer Exzellenz 
Telegrammes vom 28. d. M. richtig, dass Euer 
Exzellenz es zwar abgelehnt hätten, nach 
allem, was vorgefallen, über die Notentexte 
und den ö s t e r r e i ch i s ch - un gar is ch - s e r b i- 



Ob. Nr. 51. *) Erwähnung des Gespräches mit Jules Cambon, 
Blb. Nr. 76, und eine Aeusserung von Jagows, dass Russland sich jetzt 
anscheinend versöhnlicher zeige. 



29. Juli 



235 



sehen Konflikt überhaupt zu diskutieren, 
dass ich aber feststellen müsse, in der Lage gewesen zu sein, 
eine viel breitere Basis des Gedankenaus- 
tausches dadurch anzuregen, dass ich erklärte, 
Wir wünschten keine russischen Interessen 
zu verletzen, hätten nicht die Absicht, natürlich unter 
der Voraussetzung, dass der Konflikt zwischen Oesterreich- 
Ungarn und Serbien lokalisiert bleibe, serbisches Terri- 
torium an uns zu bringen und gedächten auch 
die Souveränität Serbiens nicht anzutasten. 
Ich sei überzeugt, dass Euer Exzellenz über österreichisch-un- 
garische und russische Interessen immer bereit sein würden, 
mit St. Petersburg Fühlung zu nehmen. 

Herr Sasonow meinte, in territorialer Hinsicht habe er 
sich überzeugen lassen, aber was die Souveränität anbelangt, 
müsse er den Standpunkt festhalten, die Aufzwingung 
unserer Bedingungen sei ein Vasallentum. 
Dieses aber Verstösse gegen das Gleichgewicht am 
Balkan und letzteres sei das in Frage kommende russi- 
sche Interesse. Nun kam er wieder auf die Diskussion 
über die Note, die Aktion Sir E. Greys etc. zurück und Wollte 
mir neuerlich nahelegen, dass man unser (legitimes Interesse 
zwar anerkenne und voll befriedigen wolle, dass dies aber in 
eine für Serbien annehmbare Form gekleidet werden solle. Ich 
meinte, dies sei kein russisches, sondern ein 
serbisches Interesse, worauf Herr Sasonow geltend 
machte, russische Interessen seien in diesem 
Fall eben serbische, so dass ich dem Circulus vitio- 
sus durch Uebergang auf ein anderes Thema ein Ende machte. 

Ich erwähnte, ich hätte gehört, man sei in Russland be- 
unruhigt, weil wir für die Aktion gegen Serbien acht Korps 
mobilisiert haben. Herr Sasonow bestätigte mir, dass nicht er, 
der hievon gar nichts gewusst, sondern der Generalstabschef 
diese Bedenken geäussert habe. Ich suchte dem Herrn Minister 
darzulegen, dass jeder Unbefangene sich leicht überzeugen 
könne, unsere südlichen K o r ip s könnten keine 
Bedrohung für R u s s 1 a n d b i 1 d e n. 

Ich bedeutete dem Herrn Minister, dass es gutwäre, 
wenn sein kaiserlicher Herr über die wahre 
Situation informiert würde, um so mehr, als es 
dringend geboten sei, wenn man den Frieden wolle, dem 
militärischen Lizitieren, welches sich jetzt auf 
Grund falscher Nachrichten einzustellen drohe, ein rasches 
Ende zu bereiten. Herr Sasonow meinte sehr charakteri- 
stischerweise, er könne dies dem Generalstabs- 



Russische In- 
teressen sind 
serbische Inte- 
ressen ! 



Der Zar em- 
pfängt täglich 
den General- 
stabschef. 



236 



29. Juli 



Der Mobilma- 
chungs-Ukas. 



chef mitteilen, denn dieser sehe Seine Maje- 
stät alle Tag e. 1 ) 

Der Herr Minister sagte mir weiter, es werde heute 
ein Ukas unterzeichnet, welcher eine Mobili- 
sierung in ziemlich weitem Umfang anordne. 
Er könne mir aber auf das alleroffiziellste erklären, dass diese 
Truppen nicht dazu bestimmt seien, über uns herzufallen; sie 
würden nur Gewtehr bei Fuss bereit stehen für den Fall, dass 
Russlands Balkaninteressen gefährdet würden. Eine note expli- 
cative werde dies feststellen, denn es handle sich nur um eine 
Vorsichtsmassregel, die Kaiser Nikolaus gerecht- 
fertigt gefunden habe, da wir, die wir ohnedies den 
Vorteil rascherer Mobilisierung hätten, nunmehr auch den so 
grossen Vorsprung hätten. Ich machte Herrn Sasonow in 
ernsten Worten auf den Eindruck aufmerksam, den eine solche 
Massregel bei uns erwecken werde. Ich müsse bezweifeln, 
dass die note exiplicative diesen Eindruck zu mildern geeignet 
sein wierde, worauf der Herr Minister sich nochmals in Ver- 
sicherungen über die Harmlosigkeit (!) 2 ) dieser Verfügung er- 
ging. 



Die russische 
Teilmobilma- 
chung. 



Der englische Botschafter in St. Petersburg, Sir G. Buchanan, 
an den englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir 
Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 78. 

St. Petersburg. 
Die Teilmobilisation wurde heute angeordnet. 
Ich teilte den Inhalt Ihres am 28. ds. nach Berlin ge- 
sandten Telegrammes 1 ) dem 1 Minister des Aeusseren Ihren An- 
weisungen gemäss mit, und übermittelte ihm vertraulich 
die Bemerkungen, welche der deutsche Staatssekretär über die 



Rb. Nr. 47. J ) Im Rb. gesperrt. Man darf vielleicht mit dieser 
Tatsache, dass der Generalstabschef täglich den Zaren aufsuchte, den 
seltsamen Satz aus Kaiser Nikolaus Telegramm an Kaiser Wilhelm in 
Beziehung bringen: «Ich sehe voraus, dass ich sehr bald dem Druck, 
derauf mich ausgeübt wird, nicht mehr werde widerstehen können . .» 
usw. Wb. Anl. 21. 

2 ) Das Ausrufungszeichen steht im Rb. 



Blb. Nr. 78. *) Blb. Nr. 67. 



29. Juli 237 

Mobilisation an 'den grossbritannisehen Botschafter in Berlin 
gerichtet hat. Seine Exzellenz hatte bereits aus anderer Quelle 
darüber erfahren. Er erklärte, dass die Mobilisation nur gegen 
Oesterreich-Ungarn gerichtet sei. 

Die österreichisch-ungarische Regierung hätte nun end- 
giltig eine direkte Aussprache zwischen Wien und St. Peters- 
burg abgelehnt. 2 ) Der Minister des Aeusseren sagte, dass er 
einen solchen Meinungsaustausch auf den Rat des deutschen 
Botschafters vorgeschlagen habe. Er habe sich. vorgenommen, 
wenn er diese Ablehnung seitens Oesterreich-Ungarns dem 
deutschen Botschafter mitteile, darauf zu dringen, dass man 
auf Ihren Vorschlag über eine Konferenz der vier Botschafter 
zurückkomme, oder wenigstens einen Meinungsaustausch 
zwischen den drei Botschaftern der weniger beteiligten 
Mächte, Ihnen selbst und, wenn Sie meinten, dem österrei- ^f ?Jä n0-W i e d~ 
chisch-ungarischen Botschafter. Jeder Ausweg, den Frankreich englischen 
und England guthiessen, würde für ihn annehmbar sein, und es gegenüb f er r be- 
sei ihm gleich, welche Form solche Verhandlungen annähmen, reit, alle eng- 
Man dürfe jetzt keine Zeit verlieren, und das einzige Mittel, schlage ^anzu- 
den Krieg zu verhindern, sei für Sie, durch Gespräche mit den nehmen - 
Botschaftern, individuelle oder kollektive, eine Formel zu fin- 
den, zu deren Annahme man Oesterreich bringen könne. Die 
ganze Zeit über wäre die russische Regierung vollkommen 
offen und versöhnlich gewesen und habe alles getan, was in 
ihrer 'Macht gelegen, um den Frieden zu erhalten. Wenn Ihre 
Bemühungen, den Frieden zu erhalten, misslängen, so hoffe er, 
dass das englische Volk davon überzeugt sein würde, dass dies 
nicht Russlands Schuld sei. 

Ich fragte ihn, ob er Bedenken gegen die Ausführung des 
Vorschlags hätte, der im Telegramm aus Rom 3 ) vom 27. Juli 
enthalten war und welchen ich ihm auseinandersetzte. Seine 
Exzellenz erwiderte, dass alles, was die vier Mächte be- 
schlössen, auch seinen Beifall finden würde, vorausgesetzt dass 
es Serbien genehm sei; er könne nicht, sagte er, serbischer als 
Serbien sein. Indessen müssten noch einige Zusätze und Er- 
läuterungen gemacht werden, um die Schroffheit des Ultima- 
tums zu mildern. 



Blb. Nr. 78. 2 ) Man muss annehmen, dass dieses Gespräch nach dem 
Gespräch mit Szäpärp stattfand, da hier die Teilmobilmachung als an- 
geordnet, dort als bevorstehend bezeichnet wird. Dennoch hält Saso- 
now, trotz Szäpärys Erklärungen, die falsche Behauptung, Oesterreich 
habe direkte Verhandlungen abgelehnt, aufrecht. 

3 ) Blb. Nr. 57. 



238 



29. Juli 



Buohanan ist 
mit dem deut- 
schen Bot- 
schafter in St. 
Petersburg un- 
zufrieden. 



Der Minister des Aeusseren meinte dann, dass der Vor- 
schlag, von dem Ihr Telegramm 4 ) vom 28. ds. berichtet, von 
untergeordneter Bedeutung sei. Unter den veränderten Verhält- 
nissen der Lage könne er ihm kaum Wichtigkeit beimessen. 
Sodann, fuhr er fort, habe ihm der deutsche Botschafter mit- 
geteilt, dass seine Regierung ihren freundlichen Einfluss in 
Wien weiter geltend mache. Ich befürchte, dass der deutsche 
Botschafter nicht dazu beitragen wird, die Lage zu mildern, 
wenn er seiner Regierung gegenüber die gleiche Sprache führt, 
welche er heute mir gegenüber anwandte. Er beschuldigte die 
russische Regierung, durch ihre Mobilisation den europäischen 
Frieden zu gefährden, und sagte, als ich auf alles, was seit ge- 
raumer Zeit Oesterreich tat, hinwies, solche Angelegenheiten 
nicht besprechen zu können. 5 ) Ich machte ihn darauf aufmerk- 
sam, dass die österreichisch-ungarischen Konsuln allen öster- 
reichischen Untertanen, welche in einem militärischen Dienst- 
verhältnis standen, mitgeteilt hätten, sie möchten sich stellen, 
dass Oesterreich bereits mobilisiert und denKrieg gegenSerbien 
erklärt habe. Nach den Ereignissen der Balkankrise wisse 
Oesterreieh-Ungarn, dass Russland diese Handlungsweise ohne 
Demütigung unmöglich dulden könne. Hätte Russland seinen 
Ernst durch die Mobilisation nicht bekundet, so würde Oester- 
reich-Ungarn sich auf die russische Friedensliebe verlassen und 
geglaubt haben, es könne sich alles erlauben. Der Minister des 
Aeusseren hat mir zu verstehen gegeben, dass Russland den 
Krieg nicht durch eine sofortige Qrenzüberschreitung be- 
schleunigen würde, und dass in jedem Fall ein bis zwei Wochen 
vergehen würde, bis die Mobilisation beendet sei. Um einen 
Ausweg zu finden, der die gefährliche Lage entspannen wtürde, 
müssten wir in der Zwischenzeit alle zusammen wirken. 6 ) 



Blb. Nr. 78. 4 ) Blb. Nr. 69. 

B ) Pourtales sagt hier nur, was auch Buchanan wiederholt ge- 
sagt hatte, so Blb. Nr. 17. Buchanan trägt hier jetzt auch äusserlich 
eine Deutschfeindlichkeit zur Schau, die er bisher vermied. Vergleiche 
damit den Brief des belgischen Geschäftsträgers in St. Petersburg, De 
l'Escaille, S. 256 ff., über die Wendung der englischen Politik in 
St. Petersburg am 29. Juli. 

6 ) Man kann die russische Auffassung nicht naiver aussprechen, 
als das hier geschieht: Russland brauche noch eine bis zwei Wochen 
bis zur Vollendung der Mobilmachung. Die «Zwischenzeit» könne 
für Auswege benützt werden! Also Friedensbemühungen während der 
für die russische Mobilmachung unumgänglich notwendigen Zeit. Und 
dann . . . ? Und das nimmt Buchanan ohne Kommentar hin und gibt es 
ohne Kommentar weiter. Hier aber liegt der Kern der russischen Po- 
litik während der Krisis: Friedensverhandlungen mit gleichzeitiger 
Mobilmachung. 



29. Juli 



239 



Der österreichisch-ungarische Minister des Aeusseren, Graf 
Berchtold, an den ö sterreichisch-ungarischen Botschafter 
in Berlin, Graf Szögyeny. 

Rotbuch Nr. 48. 

Wien. 

Soeben wurde mir von Herrn von Tschirschky mitgeteilt, 
der russische Botschafter habe ihm gesagt, dass er von seiner 
Regierung verständigt worden sei, dass die Militärbezirke von 
Kiew, Odessa, Moskau und Kasan mobilisiert würden. 1 ) Russ- 
land sei in seiner Ehre als Grossrnacht gekränkt und genötigt, 
entsprechende Massnahmen zu ergreifen. Die russische Mobili- 
sierung wird von unseren galizischen Korpskommandanten be- 
stätigt und Wurde, einer Meldung des k. und k. Militärattaches 
zufolge, heute auch von Herrn Sasonow dem deutschen Bot- 
schafter gegenüber nicht mehr geleugnet. 

Ich ersuche Euer Exzellenz, vorstehendes unverzüglich 
zur Kenntnis der deutschen Regierung zu bringen und hiebei zu 
betonen, dass, wenn die russischen Mobilisie- 
rung s >m a s s n a h m e n nicht ohne Säumen einge- 
stellt werden, unsere a II 1 g e m e i n e Mobilisie- 
rung aus militärischen Gründen unverzüg- 
lich veranlasst werden müsste. 

Als letzter Versuch, den europäischen Krieg hintanzu- 
hälten, hielte ich es für wünschenswert, dass unser und 
der deutsche Vertreter in St. Petersburg 
eventuell auch in Paris sogleich angewiesen 
werden, den dortigen 'Regierungen in .freundschaftlicher 
Weise zu erklären, dass die Fortsetzung der russi- 
schen Mooillisierung Gegen massregeln in 
Deutschland und Oesterreich-Ungarn zur 
Folge haben würde, die zu ernsten Konse- 
quenzen führen müsste n. 

Euer Exzellenz wollen hinzufügen, dass wir uns selbst- 
verständlich in unserer kriegerischen Aktion in Serbien nicht 
beirren lassen werden. 

Die k. und k. Botschafter in St. Petersburg und Paris er- 
halten unter einem die Weisung, die vorerwähnte Erklärung 
abzugeben, sobald ihr deutscher Kollege analoge Instruktionen 
erhält. 2 ) 



Berchtold er- 
sucht die deut- 
sche Regie- 
rung, mit ihm 
in St. Peters- 
burg und even- 
tuell in Paris 
gegen die rus- 
sische Teil- 
mobilisation zu 
protestieren. 



Rb. Nr. 48. ') Eine offizielle russische Benachrichtigung Oester- 
reich-Ungarns über die Mobilmachung erfolgte nicht. 

2 ) Berchtold wiederholt hier also die Bitte, die bereits Rb. 42 
ausgesprochen und auf deren Bedeutung in der dortigen Anmerkung 
hingewiesen wurde. 



240 



29. Juli 



Giuliano 
glaubt, dass 
Russland nicht 
einzugreifen 
braucht. 



Der französische Botschafter in Rom, Barrere, an den stell* 
vertretenden französischen Minister des Aeusseren, 
Bienvenu-Martin. 

Gelbbuch Nr. 96. 

____________ o 

Der Marquis di San Giuliano teilt durchaus nicht diese 
Ansicht. Er glaubt, dass wenn Oesteneich sich damit begnügt, 
Serbien zu demütigen und ausser der Annahme der Note ge- 
wisse materielle Vorteile zu fordern, die nicht das Territorium 
berühren, Russland noch Anlass zur Verständi- 
gung finden k ö n n e. 2 ) Aber wenn Oesterreich Serbien 
Land abnehmen oder als unabhängigen Staat vernichten will, 
hält er es für ausgeschlossen, dass Russland nicht militärisch 
interveniert. 



Der österrei- 
chisch-serbi- 
sche Krieg un- 
vermeidlich. 



Der englische Botschafter in Wien, Sir M. de Bunsen, an den 
englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 79. 

Wien. 
Es gibt jetzt keine Massnahme mehr, welche wir nütz- 
licherweise ergreifen könnten, um den Krieg mit Serbien ab- 
zuwenden, zu dem die österreichisch-uingarische Regierung nun 
vollkommen gezwungen ist durch den heute morgen veröffent- 
lichten Aufruf des Kaisers an sein Volk und durch die Kriegs- 
erklärung. 1 ) Die Botschafter Frankreichs und Italiens stimmen 



Gib. Nr. 96. ') Der italienischen Regierung wird offiziell vom 
russischen Botschafter die Teilmobilmachung mitgeteilt. San Giuliano 
sagt, dass Oesterreich-Ungarn und Deutschland an Russlands Fried- 
fertigkeit glauben. 

2 ) Diese Bedingungen, die nach San Giulianos Meinung Russ- 
land befriedigen müssten, stimmen vollständig mit der österreichisch- 
ungarischen Haltung überein. Im Prinzip deckte sich also die italienische 
Auffassung durchaus mit der Auffassung der beiden anderen Drei- 
bundstaaten. 

3 ) Giuliano verspricht sich viel von Englands Einfluss auf 
Deutschland. 



Blb. Nr. 79. ! ) Das Manifest Kaiser Franz -Josephs — nicht vom 
29., sondern vom 28. datiert — ist wie die übrigen öffentlichen Kund- 
gebungen allgemein bekannt geworden. Da es aber wie jene nicht am 
Ende der europäischen Kräsis erschien, sondern nur am Ende der öster- 
reichisch-serbischen Krisis, ist ihm auch eine weitere politische Be- 



29. Juli 



241 



mit mir in dieser Ansicht iiberein. Wenn die österreichisch- 
ungarische Regierung ihre in St. Petersburg abgegebene Er- 
klärung, dass sie wieder die Unabhängigkeit Serbiens zerstören 
noch serbische Gebiete erwerben wolle, Europa gegenüber zu 
einer bindenden Verpflichtung machte, so würde Russland nach 
der Meinung des italienischen Botschafters zur Ruhe veranlasst 
werden können. Der italienische Gesandte ist aber davon über- 
zeugt, dass Oesterreich-Ungarn das ablehnen würde. 2 ) 



Der englische Geschäftsträger in Belgrad, Crackanthorpe, 
an den englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir 
Edward Grey. 



Blaubuch Nr. 83. 



N i s c h. 



Der Ministerpräsident hat mich ersucht, Ihnen seinen tief- Serbien dankt 
gefühlten Dank für Ihre am 27. ds. im Unterhause abgegebene unterhausrede 
Erklärung zu übermitteln. 1 ) vom 27, Ju,L 



deutung für die Gesamtkrisis zuzuerkennen. Der Ton des Manifestes, das 
natürlich nur dem österreichisch-serbischen Kriege gilt, ist selbstver- 
ständlich auch auf die Möglichkeit eines bedeutsameren Krieges einge- 
stellt. Bemerkenswertsind in diesem Zusammenhange besonders folgende 
Worte: «In dieser ernsten Stunde bin ich mir der ganzen Tragweite 
meines Entschlusses und meiner Verantwortung vor dem Allmächtigen 
voll bewusst. Ich habe alles geprüft und erwogen. Mit ru- 
higem Gewissen betrete ich den Weg, den die Pflicht uns weist. > 
Diese Worte überragen natürlich weit die Bedeutung einer Strafex- 
pedition gegen Serbien. Sie galten für alle Möglichkeiten, die infolge 
der Entwicklung der Krisis hinter dem österreichisch-serbischen Krieg 
standen. 

2 ) Wieder äussert die italienische Diplomatie sich übereinstim- 
mend mit dem deutschen und österreichisch-ungarischen Standpunkt, 
da Oesterreich-Ungarn ja eine solche Verpflichtung zu übernehmen 
bereit war. 



Blb. Nr. 83. ') Grey antwortete auf Anfragen Bonar Laws über 
die europäische Lage mit der Darlegung seines Konferenzprojektes 
und erklärte u. a., dass der in der Presse erschienene Text der ser- 
bischen Antwort eine Grundlage zu Verhandlungen bilden sollte. 



242 



29. Juli 



Der englische Botschafter in Berlin, Sir E. Goschen, an den 
englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey. 



Blaubuch Nr. 85. 



Berlin. 



Deutschlands 
erster Versuch, 
Englands Neu- 
tralität in ei- 
nem etwaigen 
Kriege zu er- 
langen : 
Es sichert zu: 

1. Integrität 
des europäi- 
schen Frank- 
reichs. 

2. Respektie- 
rung der Neu- 
tralität Hol- 
lands. 

3. Unabhän- 
gigkeit Bel- 
giens, selbst 
wenn es in- 
folge einer 
französischen 
Aktion zu Ope- 
rationen in 
Belgien kom- 
men sollte. 



Der Gedanke 
eines allge- 
mein deutsch- 
englischen 
Neutralitäts- 
abkommens. 



Ich wurde gebeten, heute abend zum Kanzler zu kom- 
men. Seine Exzellenz kam gerade aus Potsdam zurück. Er 
sagte, dass, wienn Russland Oesterreich angreife, er befürchte, 
dass eine europäische Konflagration unvermeidlich werde, in- 
folge Deutschlands Bündnisverpflichtungen Oesterreich gegen- 
über, trotz seiner fortgesetzten Bemühungen, den Frieden zu 
bewahren. Dann fuhr er fort, indem er ein hohes Ange- 
bot für Englands 'Neutralität machte. Er sagte, 
soweit er dem Grundzug der englischen Politik beurteilen 
könne, würde England sicher niemals beiseite bleiben und 
Frankreich in irgend einem Konflikt niederwerfen lassen. Das 
aber wäre durchaus nicht Deutschlands Ziel. 
Wenn die englische (Neutralität sicher wäre, 
würde die britische Regierung alle Garantien erhal- 
ten, dass die kaiserliche Regierung keine 
territorialen Erwerbungen auf Frankreichs 
Kosten anstreben würde, falls Deutschland in irgend 
welchem Kriege siegreich sein sollte. 

Ich fragte Seine Exzellenz über die französischen 
Kolonien, und er sagte, es Wäre ihm 1 unmöglich, 
in dieser Hinsicht eine ähnliche Versicherung abzugeben. Was 
H ol 1 a n d jedoch betrifft, sagte seine Exzellenz, dass, so- 
lange Deutschlands Gegner die Integrität und die Neutralität 
der Niederlande achten würden, Deutschland bereit sei, der 
Regierung Seiner Majestät die Versicherung zu geben, dass sie 
genau so verfahren wjerde. Es hinge von der franzö- 
sischen Aktion ab, welche Operationen 
Deutschland gezwungen sein könnte, in Bel- 
gien vorzunehmen. Aber wenn der Krieg vorüber sei, 
würde Belgiens Integrität geachtet werden, wenn Belgien sich 
nicht auf die gegnerische Seite stelle. 

Seine Exzellenz schloss, indem er sagte, dass, seitdem 
er Kanzler sei, das Ziel seiner Politik, wie Sie ja auch wüssten, 
gewesen sei, zu einem guten Einvernehmen mit 
England zu gelangen; er hoffe, dass diese Versiche- 
rung die Basis jenes Einvernehmens, das er so sehr wünschte, 
bilden möge. Er hatte ein allgemeines N e u t r a 1 i - 
tätsabkommen zwischen Deutschland und 



29. Juli 



243 



England im Auge, obgleich es jetzt natürlich noch zu 
früh sei, Einzelheiten zu diskutieren. Eine Zusicherung der 
britischen Neutralität in dem Konflikte, der aus der gegenwär- 
tigen Krisis hervorgehen könnte, würde es ihm gestatten, auf 
die Verwirklichung dieses Wunsches hinzuwirken. 

In Erwiderung auf die Frage Seiner Exzellenz, wie Sie J a u g c t ha £ a e n y 
diese Aufforderungen hinnehmen würden, sagte ich, dass wolle sich nicht 
ich es nichtfür wahrscheinlich halte, dass binden - 
unter den a u g e n b il i c k 1 i c h e n U am s t ä n d e n Sie 
sich irgendwie binden würden, und dass ich 
glaubte, Sie wünschen volle Freiheit zu be- 
halten. 

Da unsere Unterhaltung hiermit zu Ende ging, teilte ich 
den Inhalt Ihres heutigen Telegrammes 1 ) Seiner Exzellenz mit, 
der seinen besten Dank aussprach. 2 ) 



Der englische Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an den englischen Botschafter in Paris, Sir Francis Bertie. 

Blaubuch Nr. 87. 

London. 

Nachdem ich heute Herrn Cambon gesagt hatte, wie ernst 
mir die Situation erschiene, sagte ich ihm, dass ich heute dem 
deutschen Botschafter zu erklären beabsichtige, dass er sich 
durch unsere Unterhaltungen nicht zu dem Gefühle fal- 
scher Sicherheit verleiten lassen solle, dass 
wir beiseite stehen würden, wenn unsere Bemühun- 
gen um die Erhaltung des Friedens, die wir gemeinsam mit 
Deutschland unternehmen, scheitern sollten. 1 ) Dann aber sagte 



Grey teilt Paul 
Cambon mit, er 
werde Lich- 
nowsky über 
die Beteili- 
gung Englands 
am Kriege auf- 
klären. 



Blb. Nr. 85. ') Blb. Nr. 72. 

2 ) Auf diese Unterredung stützte sich die englische Diplomatie 
in ihren offiziellen Darstellungen und Kundgebungen, vornehmlich in 
der Rede vom 6. August 1914 im Unterhause. Es wird beim Tele- 
gramm Blb. Nr. 123 darauf zurückzukommen sein. Hier sei nur erwähnt, 
dass Goschen seine Vermutung, Grey werde nicht auf diese Vor- 
schläge eingehen, nicht mit der belgischen Frage begründet, die ja 
noch gar nicht existiert, sondern mit dem aufrichtigen Argument, dass 
Grey sich nicht «irgendwie binden würde», dass er «wünsche, seine 
volle Freiheit zu behalten» d. h., dass Grey von einer englischen Neu- 
tralität nichts wissen wolle. 



Blb. Nr. 87. ! ) Als Grey Cambon diese Mitteilung machte, 
kannte er noch nicht das Berliner Gespräch Blb. Nr. 85. Dasselbe 
gilt von Blb. Nr. 88, 89, 90. 



244 29. Juli 

ich Herrn Cambon, dass ich es für nötig hielt, ihn auch darüber 
zu verständigen, dass die englische öffentliche Meinung 2 ) die 
gegenwärtige Lage ganz anders ansehe als die Ma- 
rokkos chwierigkeiten vor einigen Jahren. In der 
Marokkoaffäre handelte es sich um einen Streitfall, in dem 
Frankreich in erster Linie interessiert war und in dem schein- 
bar Deutschland, in dem Bemühen, Frankreich zu zerschmet- 
tern, mit dem letztern einen Streitfall suchte, der Gegenstand 
eines besonderen französisch-englischen Abkommens war. Jetzt 
aber handelte es sich um einen Fall, den Zwist zwischen Oester- 
reich und Serbien, in dem wir uns nicht für berufen 
hielten, eine aktive Rolle zu spielen. Selbst 
wenn die Frage eine österreichisch-russische 
würde, fühlten wir uns nicht berufen, eine Rolle darin zu 
spielen. Das wäre dann eine Frage der Vorherrschaft zwischen 
Teutonen und Slawen — ein Kampf um die Vorherrschaft auf 
dem Balkan — und wir waren stets darauf bedacht gewesen, 
es zu vermeiden, wegen einer balkanischen Frage in den Krieg 
Greys Vorsicht hineingezogen zu werden. Für denFall, dass Deutsch- 
imverkekrmit land und Frankreich beteiligt würden, hatten 
wir uns noch nicht befragt, was wir tun sollten. Das wäre ein 
Fall, den man noch prüfen müsste. Frankreich würde dann in 
einen Streit hineingezogen, der nicht seinen eigenen Interessen 
galt, aber in dem infolge seines Bündnisses seine Ehre und 
seine Interessen es zur Teilnahme verpflichteten. 3 ) Wir wären 
aller Verpflichtung ledig und wir hätten dann zu entscheiden, 
welche Haltung uns die britischen Interessen auferlegten. Ich 
hielt es für nötig, das zu sagen, da, wie er wisse, wir hinsicht- 
lich unserer Flotte alle Vorsichtsmassregeln ergriffen und ich 
im Begriffe war, den Fürsten Lichnowsky zu warnen, nicht 
darauf zu zählen, dass wir beiseite stehen würden, aber es 
wäre nicht korrekt, wenn ich Herrn Cambon daraus schliessen 
Hesse, dass dies bedeute, wir hätten Entschlüsse gefasst für 
einen Fall, der hoffentlich nicht eintreten würde. 



Cambon. 



Blb. Nr. 87. 2 )Also nur die englische öffentliche Meinung, nicht 
Grey! 

3 ) Die Greyschen Wendungen stellen die aussergewöhnlichste 
Argumentation dar, die nur denkbar ist. Ein österreichisch-serbischer 
Krieg interessiert England nicht. Ein österreichisch-russischer auch 
nicht. Ein deutsch-französischer auch wohl nur, wenn Frankreich 
«direkt> beteiligt ist. Da aber der deutsch-französische Krieg nur die 
Folge des russischen Krieges ist, Frankreich aber, wie Cambon im 
nächsten Absatz unumwunden erklärt, zu dem deutsch-französischen 
Krieg unbedingt bereit ist, hatte die subtile Unterscheidung Greys 
gar keinen Sinn. Die Einschränkung, dass Frankreich nur direkt an 
dem Kriege beteiligt sein dürfe, Hess Grey übrigens auch bald fallen. 



29. Juli 



245 



Herr Cambon sagte, dass ich die Lage sehr klar dar- 
gelegt hätte. Er verstand meine Meinung dahin, dass in 
einem balkanischen Streit und in einem Kamipf um die Vorherr- 
schaft zwischen Teutonen und Slawen, wir uns nicht berufen 
fühlten, zu intervenieren; wenn aber andere Fragen auftauchen 
und Frankreich und Deutschland mitverwickelt würden, s o 
dass die Fr age der Hegemonie in Europa gelte, 
wir entscheiden würden, was uns zu tun nottäte. Er schiefi 
auf diese Erklärung völlig vorbereitet zu sein und machte 
keinerlei Einwiendung. 

Er sagte, die französische öffentliche Meinung sei ruhig, ^ n nfcht h neu- 
aber entschlossen. Er erwarte, dass Deutschland trai bleiben. 
Frankreich auffordern werde, neutral zu 
bleiben, während Deutschland Russland angreife. Diese 
Versicherung könne Frankreich natürlich 
nicht geben, es wäre gezwungen, Russland 
zu helfen, wenn Russland angegriffen würde. 



Der russische Botsch after in Paris, Iswolsky, an den russischen 
Minister des Aeusseren, Sasonow. 



Orangebuch Nr. 53. 



Paris. 



Anlässlich der Ankunft des Präsidenten der Republik hat J^Elposörar 
der Minister des Aeusseren ein kurzes Expose über die Lage den Präsiden- 
in ungefähr folgendem Wortlaut vorbereitet : *) büek der ßepu " 

Oesterreich, das seine innere Zersetzung fürchtet, be- 
mächtigte sich des Vorwand es der Ermordung des 
Erzherzogs, um zu versuchen, Garantien zu erlangen, die die 
Form einer Besetzung der militärischen Verbindungen 2 ) oder 



Ob. Nr. 53. ') Ein derartiges Expose für den Präsidenten der 
Republik ist im Gib. nicht enthalten. Das Gib. bringt aber unter dem 29. 
Juli als Stück Nr. 85 ein Zirkulartelegramm Bienvenu-Martins an die 
Botschafter in St. Petersburg, London, Berlin, Rom, Konstantinopel, 
Belgrad, das dieselben Ausführungen aufweist und zum Teil identisch 
ist mit dem von Iswolsky resümierten Expose. 

2 ) Gib. 85 bringt an Stelle dieser aussergewöhnlichen und diplo- 
matisch ungeheuerlichen Erklärung des österreichischen Schrittes die 
einleitenden Worte: «Die österreichisch-deutsche Haltung präzisiert 
sich. Oesterreich, das die slawische Propaganda beunruhigt, ergriff 



246 29. Jul i 

des serbischen Territoriums annehmen können. Deutschland 
unterstützt Oesterreich. 3 ) Die Erhaltung 'des Friedens hänge 
allein von Russland ab, weil es sich um eine Angelegenheit 
handelt, die zwischen Oesterreich und Serbien «lokalisiert» 
werden muss, d. h. um die Bestrafung der vorhergehenden 
Politik Serbiens und Garantien für die Zukunft. Daraus fol- 
gert Deutschland, dass man in St. Petersburg eine beschwich- 
tigende Aktion ausführen muss. Dieser Sophismus ist 
in Paris wie in London zurückgewiesen worden. In Paris 
versuchte Freiherr von Schön vergebens, 
Frankreich zu einer mit Deutschland soli- 
darischen Einwirkung auf Russland im In- 
teresse des Friedens hinzureisse n. 4 ) Derselbe 
Versuch wurde in London gemacht. In beiden Haupt- 
städten Wurde geantwortet, dass die Aktion in Wien aus- 
geübt werden müsse, denn die übertriebenen Forderungen 
Oesterreichs, seine Weigerung, die wenigen Vorbehalte Ser- 
biens zu diskutieren, und die Kriegserklärung drohen den all- 
gemeinen Krieg hervorzurufen. Frankreich und England kön- 
nen keine beschwichtigende Aktion in Russland ausüben, das 
bisher die grösste Mässigung an den Tag ge- 
legt hat, indem es vor allem Serbien riet, anzunehmen, 
was von der österreichischen Note anzunehmen möglich 
war. Heute scheint Deutschland auf den Gedanken einer Ak- 
tion auf Russland allein zu verzichten und neigt zu einer ver- 
mittelnden Aktion in Petersburg und Wien hin, aber gleich- 
zeitig versucht Deutschland wie Oesterreich auch, d i e 
Sache in die Länge zu ziehen. Deutschland wider- 
setzt sich der Konferenz, ohne ein anderes praktisches Ver- 
fahren anzugeben. 5 ) Oesterreich führt offenkundig dila- 
torische Pourparlers mit St. Petersburg. Gleichzeitig ergreift 
es aktive Massregeln, und wenn man diese Massregeln duldet, 



die Gelegenheit des Attentates von Serajewo usw. », spricht also ganz 
allgemein von slawisch, worunter sowohl die inneren Unruhen als die 
serbische Agitation gemeint sein kann und sagt statt < Vorwand > Anlass. 
Im Gib. ist nicht von militärischen Verbindungen, sondern von 
der serbischen Regierung und der serbischen Armee die Rede. 

3 ) Im Gib. «Deutschland stellt sich zwischen seinen Verbün- 
deten und die anderen Mächte usw. >. 

4 ) Ungefähr gleichartig im Gib. 

5 ) Im Gib. wird auch Berlins Haltung als dilatorisch bezeichnet, 
das die Konferenzidee zurückweist, ohne etwas anderes vorzuschlagen. 
Diese Behauptung ist unwahr. Deutschland gab in Uebereinstimmung 
mit Russland und England den direkten österreichisch-russischen Ver- 
handlungen den Vorzug vor der von allen Seiten aufgegebenen Kon- 
ferenzidee. 



29. Juli 



247 



werden seine Ansprüche Proportionen wachsen. Es ist sehr 
wünschenswert, dass Russland dem Vermittlungsprojekt, das 
Sir E. Qrey vorbringen wird, seine ganze Unterstützung ge- 
währt. 6 ) Im entgegengesetzten Fälle kann Österreich unter 
dem Vorwande einer «Garantie» die gesamten orientalischen 
Territorialverhältnisse ändern. 



Der russische Botschafter in Paris, Iswolsky, an den russischen 
Minister des Aeusseren, Sasonow- 

Orangebuch Nr. 55. 

Paris. 
Viviani bestätigt mir soeben den festen Ent- 
schluss der französischen Regierung, in 
Uebereinstimmung mit uns zu handeln. Dieser 
Entschluss wird von weitesten Kreisen und von den Parteien, 
die Sozialradikalen eingeschlossen, unterstützt, die ihm eine 
Erklärung überreichten, in der sie absolutes Vertrauen und 
die patriotischen Gefühle der Gruppe ausdrücken. 

_ _ - _______ o 

Er fügte hinzu, dass Frankreich aufrichtig den Frieden 
wünsche, aber dass es gleichzeitig entschlossen sei, in voller 
Harmonie mit seinen Verbündeten und Freunden zu handeln 
und dass Freiherr von Schön sich selbst davon überzeugen 
könne, dass dieser Entschluss die lebhafteste Zustimmung im 
Lande finde. 



Viviani erklärt 
Iswolsky for- 
mell, dass 
Frankreich mit 
Russland ge- 
hen wird. 



Viviani erklärt 
dasselbe dem 
Freiherrn von 
Schön. 



Der russische Geschäftsträger in Belgrad, Strandtmann, an den 
russischen Minister des Aeusseren, Sasonow . 

Orangebuch Nr. 57. 

Nisch. 
Ich habe Paschitch das Antworttelegramm Seiner Maje- 
stät des Kaisers an den Prinzen Alexander mitgeteilt. Nach- 



O b. Nr. 53. 6 ) Im Gib. wird dem Wunsche, Russland möge Greys 
Vorschlag unterstützen, beigefügt, dass dieserVorschlag in Berlin äusserst 
betont werden müsse, um Herrn von Jagow zu einer wirklichen Aktion in 
Wien zu bestimmen, die Oesterreich Einhalt gebieten und es ver- 
hindern könne, dass Oesterreichs diplomatischer Vorteil durch einen 
militärischen Vorteil verdoppelt werde. 



O b. Nr. 55. *) Viviani telegraphiert nach London, dass angesichts 
des Abbruchs der direkten österreichisch-russischen Gespräche, Eng- 
land seine Vorschläge erneuern müsse und empfängt den Freiherrn 
von Schön, mit dem er über den Konferenzvorschlag spricht. 



Die Rührung 
Paschitchs 
über des Zaren 
Hilfeverspre- 
chen. 



248 



29. Juli 



dem Paschitch es gelesen hatte, bekreuzigte er sich und sagte: 
«Herr! Der Zar ist gross und gnädig!» Dann umarmte er 
mich, da er nicht die Bewegung, die ihn ergriff, beherrschen 
konnte. Der Kronprinz wird heute nacht in Nisch erwartet. 



Der russische Minister des Aeusseren, Sasonow, an den 
russischen Botschafter in Paris, Iswolsky. 



Sasonow be- 
schliesst 
Beschleuni- 
gung der Mo- 
bilmachung als 
Antwort auf 
Deutschlands 
Vorstellungen. 



Die französi- 
sche Regie- 
rung lässt in 
St. Petersburg 
erklären, Russ- 
land könne auf 
ihre völlige 
Unterstützung 
zählen. 



Orangebuch Nr. 58. 

St. Petersburg. 

Der deutsche Botschafter hat mir heute den Entschluss 
seiner Regierung mitgeteilt, zu mobilisieren, wenn Russland 
nicht seine militärischen Vorbereitungen einstelle. Wir haben 
diese letzteren aber nur infolge der bereits begonnenen Mobi- 
lisation Oesterreichs unternommen, und weil Oesterreich 
offenbar nicht den Willen zeigt, irgend einen Modus einer 
friedlichen Lösung seines Konfliktes mit Serbien anzuneh- 
men. 1 ) 

Da wir dem Wunsche Deutschlands nicht 
F o 1 g e g e b e n k ö n n e n , b 1 e i b t u n s n i c h t s a n d e r e s 
übrig, als unsere eigenen Rüstungen zu be- 
schleunigen und mit der w a h r s c h e i n il i c h e n 
U n v e r m e i d 1 i c h k e i t des Krieges zu rechnen. 
Verständigen Sie die französische Regierung davon und 
danken Sie ihr gleichzeitig für die Erklärung, 
die der französische Botschafter in ihrem 
Namen abgab, d a s s wir nämlich vollständig 
auf die Unterstützung unseres Verbündeten 
Frankreich zählen können. Unter den gegen- 
wärtigen Umständen ist uns diese Erklärung be- 
sonders wertvol l. 2 ) 



O b. Nr. 58. ') Das entspricht nach Sasonows eigener Motivie- 
rung der Teilmobilmachung, z. B. in Blb. Nr. 70 — I, nicht den Tatsachen. 

2 ) Wie also nach Blb. 70 — II Sasonow die Teilmobilmachung nur 
wegen des Bruches zwischen Oesterreich und Serbien anordnete, so 
geht Sasonow nun zur allgemeinen Mobilmachung über, weil Deutsch- 
land auf die Gefährlichkeit der ersten Massnahme hinwies. Man muss 
das im Auge behalten, wenn man in den weiteren russischen und nament- 
lich den französischen Dokumenten, die auch durch das Blb. widerlegte 
Behauptung findet, Russland antworte nur auf deutsche oder öster- 
reichisch-ungarische militärische Massregeln. 



29. Juli 



249 



Der englische Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an den e nglischen Botschafter in Berlin, Sir E. Goschen. 

Blaubuch Nr. 88. 

London. 

Ich teilte dem deutschen Botschafter heute nachmittag 
die mir zugekommene Nachricht mit, dass Russland seine Mo- 
bilisation der deutschen Regierung mitgeteilt habe. Ich 
sprach ihm ebenfalls von der Mitteilung, welche Graf Bencken- 
dorff gemacht hatte, dass die österreichische Kriegserklärung 
offensichtlich jede direkte Verhandlung zwischen Russland 
und Oesterreich aussichtslos mache. Ich sagte, dass die von 
der Deutschen Regierung gestern auf solche direkte Verhand- 
lungen gebaute Hoffnung heute geschwunden sei. Heute ar- 
beite der Reichskanzler im Interesse einer Vermittlung in 
Wien und St. Petersburg. Wenn er Erfolg habe, sei alles gut. 
Wenn nicht, so sei es wichtiger denn je, dass Deutschland mei- 
nen Vorschlag, den ich heute morgen dem deutschen Botschaf- 
ter unterbreitete, annehme und eine Methode vorschlage, mit 
deren Hilfe die vier Mächte für die Erhaltung des europäischen 
Friedens arbeiten könnten. Ich wies aber darauf hin, dass die 
russische Regierung, obschon sie eine Vermittlung wünsche, 
die Einstellung militärischer Massnahmen gegen Serbien zur 
Bedingung mache, da sonst eine Vermittlung die Angelegenheit 
in die Länge ziehen und Oesterreich-Ungarn Zeit gewähren 
wjürde, Serbien niederzuwerfen. Es sei nun freilich zu spät, 
alle militärischen Oiperationen gegen Serbien einzustellen. In 
kurzer Zeit, so dachte ich, würden die österreichisch-ungari- 
schen Truppen in Belgrad sein und einen Teil serbischen Ge- 
bietes besetzen. Aber selbst dann wäre es noch möglich, irgend 
eine Vermittlung zu verwirklichen, wenn Oesterreich-Ungarn, 
während es erkläre, das von ihm bereits besetzte Gebiet zu 
behalten, bis es von Serbien vollständig befriedigt sei, ver- 
spreche, dass es nicht wieiter vorrücken werde, bis die Mächte 
einen Versuch gemacht hätten, zwischen ihm und Russland zu 
vermitteln. 1 ) 

Der deutsche Botschafter bemerkte, dass er meine ihm 
heute morgen gemachten Mitteilungen bereits nach Berlin 
telegraphiert habe. 



Grey kommt 
auf seinen Ver- 
mittlungsvor- 
schlag zurück. 



Blb. Nr. 88. ') Grey» steht in seiner theoretischen Auffassung 
der Lage ständig Deutschland und Oesterreich-Ungarn sehr nahe, wie 
diese Anregung zeigt, dass selbst bei einer Besetzung Belgrads ver- 
handelt werden soll. Aber Russland gegenüber vertritt er keineswegs 
seine Auffassung, und obgleich Russland das Gegenteil von dem tut, 
was Grey hier und anderswo vorschlägt, weist er nicht die Verant- 
wortung dafür von sich, sondern nimmt sie ruhig hin. 

17 



Selbst nach der 
Besetzung Bel- 
grads kann 
vermittelt 
werden. 



250 29. Juli 

Der englische Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an den englischen Botschafter in Berlin, Sir E. Goschen. 

Blaubuch Nr. 89. 

London. 

demdeSSen Nachdem ich heute nachmittag mit dem deutschen Bot- 

Botschafter, schafter über die europäische Lage gesprochen hatte, sagte 
im S Fau n e g Ss ich ihm, dass ich ihm privat und ganz freundschaftlich etwas 
S^Hu^retehs zu sa S en wünsche, das auf mir laste. Die Lage sei äusserst 
und Russlands ernst. Solange sie sich auf die gegenwärtig in Betracht kom- 
w1rd° reten menden Fragen beschränke, hätten wir nicht an eine Inter- 
vention gedacht. Aber wenn Deutschland hineinverwickelt 
würde und Frankreich mit ihm, dann würde das Problem so 
umfassend, dass es die europäischen Interessen mithineinziehe, 
und ich wünsche nicht, dass er durch den freundschaftlichein 
Ton unserer Unterhaltung — der, wie ich hoffe, andauern 
wird — getäuscht werde und so weit ginge, zu 
glauben, dass wir beiseite stehen würden. 

Er sagte, er verstände das durchaus, aber er fragte, ob 
ich sagen wolle, wir würden unter gewissen Um- 
ständen eingreifen. 

Ich antwortete, dass ich das nicht zu sagen wünschte 
und auch nicht damit irgend eine Drohung oder einen Druck 
ausüben wiollle, wenn ich erkläre, dass, wenn die Dinge sich 
schlimmer gestalten, wir intervenieren würden. Unsere 
Intervention würde gar nicht in Betracht kommen, wenn 
Deutschland oder selbst Frankreich nicht in die Krisis ver- 
wickelt wären. Aber wir wüssten recht wohl, dass wenn 
die Lage sich derart gestallte, dass englische Inter- 
essen nach unserer Meinung unsere Inter- 
vention erforderten, wir sofort intervenie- 
ren müssten und dass unser Entschluss sehr 
schnell sein müsse, genau so wie die Entschlüsse der 
anderen Mächte. Ich sprach die Hoffnung aus, dass der 
freundschaftliche Ton unserer Unterhaltung andauern werde 
und dass ich weiterhin mit der deutschen Regierung in 
der Arbeit für die Wahrung des Friedens in so engen Be- 
ziehungen bleiben könne. Aber wenn unsere Bemühungen 
für die Erhaltung des Friedens scheitern sollten und wenn die 
Frage sich derart erweitere, dass sie tatsächlich alle euro- 
päischen Interessen umfasse, wolle ich mich nicht irgend einem 
Vorwurfe aussetzen, dass der freundschaftliche Ton all unse- 
rer Unterhaltungen ihn oder seine Regierung getäuscht und zu 
der Annahme berechtigt habe, dass wir keinerlei Aktionen 
unternehmen würden, wie auch nicht dem Vorwurfe, dass; 



29. Juli 251^ 

ohne diese Täuschung die Ereignisse eine andere Wendung 
genommen hätten. *) 

Der deutsche Botschafter wandte nichts gegen meine 
Aeusserungen ein; tatsächlich sagte er mir, dass das mit dem 
übereinstimme, was er bereits als seine persönliche Auffas- 
sung über die Lage nach Berlin berichtet habe. 



Der englische St aatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an den englischen Botschafter in Berlin, Sir E. Goschen. 

Blaubuch Nr. 90. 

London. 

Was die Vermittlung zwischen Oesterreich und Russ- Grey vertritt^ 
land betrifft, sagte ich, dürfe sie nicht die Form annehmen, Gesichtspunkt. 
dass Russland gezwungen würde, beiseite zu stehen, wäh- 
rend Oesterreich so weit gehen könne wie es ihm passe, 
Das wäre keine Vermittlung, sondern ein Druck auf Russ- 
land in Oesterrei'chs Interesse. Der deutsche Botschafter 
sagte, dass nach der Ansicht der deutschen Regierung Oester- 
reich nicht 'mit Gewalt gedemütigt werden und nicht seine 
Stellung als Grossmacht aufgeben könne. Ich sagte, das 
wäre ganz meine Ansicht, aber es handle sich nicht darum, 
Oesterreich zu demütigen, es handle sich darum, wie weit 
Oesterreich beabsichtige, die Demütigung anderer zu treiben. 
Es musste natürlich irgend eine Demütigung Serbiens statt- 
finden, aber Oesterreich könnte die Dinge so weit treiben, 
dass sie eine Demütigung Russlands mit sich brächten. 2 ) 



B 1 b. Nr. 89. s ) Damit stellte Grey, wenn man die weitschwei- 
figen Sätze auf ihren Sinn zurückführt, einen deutsch-englischen Krieg 
in Aussicht, falls aus dem österreichisch-serbischen Krieg ein allge- 
meiner Krieg werden sollte. Von Belgien und dergleichen konnte na- 
türlich in diesem Augenblick noch keine Rede sein. Grey nahm also 
den deutsch-englischen Krieg in Aussicht, ohne dass weder er noch 
sonst jemand an die Verletzung der belgischen Neutralität dachte. 



Blb. Nr. 90. *) Grey erwähnt im Gespräch mit Lichnowsky 
die italienische Anregung und ergeht sich in Klagen gegen Oester- 
reich-Ungarn. 

2 ) Grey gibt also die Notwendigkeit einer Demütigung Serbiens 
zu. Diese Demütigung aber gerade will Russland nicht zulassen, sie 
sieht es als die Verletzung des russischen Interesses an, siehe Rb. 
Nr. 47. Wieder steht im Prinzip Grey auf ganz anderem Standpunkt 
als Russland, was ihn nicht hindert, praktisch sich Russlands Argu- 
mente anzueignen, wie die weiteren Ausführungen dieses Dokumentes 
zeigen. 



252 



29. Juli 



Der deutsche Botschafter sagte, dass Oesterreich-Un- 
garn sich kein serbisches Gebiet aneignen wolle, worauf ich 
bemerkte, dass wenn es auch kein serbisches Gebiet zu neh- 
men beabsichtige und auch Serbien dem Namen nach die Un- 
abhängigkeit lasse, Oesterreich-Ungarn Serbien politisch in 
einen Vasallenstaat verwandeln könne, was die ganze Stellung 
Russlands auf dem Balkan beeinträchtigen würde. 

Ich bemerkte, dass es unmöglich sei zu sagen, wer im 
Falle eines europäischen Konfliktes nicht mit hineingezogen 
würde. Sogar die Niederlande schienen Vorsichtsmassregeln 
zu treffen. 

Der deutsche Botschafter sagte nachdrücklich, dass ir- 
gend ein Mittel gefunden werden müsse, um den europäischen 
Frieden zu erhalten. 



Der englische Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an den englischen Botschafter in Wien, Sir M. de Bunsen. 



Auch Mens- 
dorff gegen- 
über vertritt 
Grey Russ- 
lands Auffas- 
sung. 



Blaubuch Nr. 91. 

London. 

Der österreichisch-ungarische Botschafter teilte mir 
heute mit, dass er mir ein langes Memorandum übergeben 
wolle, welches das Verhalten Serbiens gegen Oesterreich- 
Ungarn schildere und die Notwendigkeit des österreichisch- 
ungarischen Vorgehens erkläre. 

Ich erwiderte, dass ich nicht wünsche, die zwischen 
Oesterreich-Ungarn und Serbien schwebende Frage zu disku- 
tieren. Die heutigen Nachrichten schienen mir sehr schlecht 
für den europäischen Frieden zu sein. Den Mächten sei ver- 
wehrt mitzuwirken und Oesterreich-Ungarn die Genugtuung 
zu verschaffen, die sie erlangen könnten, wenn man ihnen die 
Gelegenheit dazu böte, und der europäische Frieden sei in 
Frage gestellt. 

Graf Mensdorff sagte, dass der Krieg mit Serbien fort- 
geführt werden müsse. Oesterreich-Ungarn könne nicht 
der Notwendigkeit, immer und immer wieder zu mobilisieren, 
ausgesetzt werden, wie in den letzten Jahren. Es strebe keine 
Gebietsvergrösserung an und wünsche nur seine Interessen 
zu schützen. 

Ich sagte, dass es durchaus möglich wäre, ohne förmlich 
die Unabhängigkeit Serbiens zu vernichten oder ihm Gebiet 



29. Juli 253 

abzunehmen, es dennoch in das Verhältnis eines Vasallen- 
staates zu bringen. 1 ) 

Graf Mensdorff widersprach dem. 

In Erwiderung auf eine weitere Bemerkung meinerseits 
über die Einwirkung, welche Oesterreich-Ungarns Aktion auf 
die Balkanstellung Russlands haben könnte, sagte er, dass 
Serbien vor dem Balkankriege immer als der österreichisch- 
ungarischen Einflusssphäre zugehörig betrachtet worden war. 2 ) 



Der belgische Minister des Aeusseren, Davignon, an die bel- 
gischen Gesandten in Berlin, Paris, London, Wien, St. 
Petersburg, Rom, Haag, Luxemburg. 

Graubuch Nr. 8. 

Brüssel. 

Die königliche Regierung hat beschlossen, die Armee auf }^| r b ®^ c J® f 
den verstärkten Friedenszustand zu versetzen. den verstark- 

Diese Massregel darf in keiner Weise mit der Mobil- SStS^ge^ 8 " 
machung verwechselt werden. setzt - 

Infolge seines geringen Flächeninhalts bildet ganz Bel- 
gien gewissermassen eine Art Grenzzone. Sein Heer hält 
im gewöhnlichen Friedensstande nur einen Milizjahrgang 
unter den Waffen. Auf dem verstärkten Friedensstand haben 
seine Armeedivisionen und seine Kavalleriedivision dank der 
Einberufung von 3 Jahrgängen ähnlichen Effektivbestand wie 
die permanenten Korps in den Grenzzonen der benachbarten 
Mächte. 

Diese Mitteilungen erlauben Ihnen auf etwaige Fragen zu 
antworten. 



Der Kaiser von Russland an den Deutsch en Kaiser. 

Weissbuch, Anlage 21. 

Peterhof. 
Ich bin erfreut, dass Du zurück in Deutschland bist. In perzarspricht 

,. , i_i.,,., .,t^-i. ..... dem deutschen 

diesem so ernsten Augenblick bitteich Dichinstandig Kaiser seine 
mir zu helfen. Ein schmählicher Krieg ist an fhJ r ü Slr- 



Blb. Nr. 91. ') Fast wörtlich derselbe Dialog wie mit dem 
deutschen Botschafter. Blb. Nr. 90. 

2 ) Die offizielle Berner Uebersetzung sagt statt < vor dem Balkan- 
kriege >, wie es nach dem englischen Text heissen muss < immer >, 
was natürlich eine falsche Behauptung Mensdorffs wäre. 



254 



29. Juli 



reich-Ungarn 
aus, er weist 
auf den wahr- 
scheinlichen 
Krieg hin und 
bittet um Ein- 
wirkung in 
Wien. 



ein schwaches Land erklärt worden, die Entrüstung hierüber, 
d i e i c h v ö 1 1 i g teile, ist in Russland ungeheuer. Ich sehe 
voraus, dass ich sehr bald dem Druck, der auf 
mich ausgeübt wird, nicht mehr w e r d e wider- 
stehen können und gezwungen sein werde, Massregeln 
zu ergreifen, die zum Kriege führen werden. Um 
einem Unglück, wie es ein europäischer Krieg sein würde, vor- 
zubeugen, bitte ich Dich im Namen unserer alten Freundschaft, 
alles Dir mögliche zu tun, um Deinen Bundesgenossen davon 
zurückzuhalten, zu weit zu gehen. *) 

gez. Nikolaus. 



Der Deutsche Kaiser an den Kaiser von Russland. 



Der deutsche 
Kaiser recht- 
fertigt Oester- 
reich-Ungarns 
Vorgehen und 
ersucht Russ- 
land, abzuwar- 
ten und nicht 
durch militä- 
rische Mass- 
nahmen alle 
Vermittlungen 
zu zerstören. 



Weissbuch, Anlage 22. 
Ich habe Dein Telegramm erhalten und teile Deinen 
Wunsch nach Erhaltung des Friedens. Jedoch kann ich — wie 
ich Dir in meinem ersten Telegramm sagte — Oesterreich- 
Ungarns Vorgehen ni ch t als «schimählichen Krieg» be- 
trachten. Oesterreich-Ungarn weiss aus Erfahrung, dass Ser- 
biens Versprechungen, wenn sie nur auf dem Papier stehen, 
gänzlich unzuverlässig sind. Meiner Ansicht nach ist Oester- 
reich-Ungarns Vorgehen als ein Versuch zu betrachten, 
volle Garantie dafür zu erhalten, dass Serbiens Versprechungen 
auch wirklich in die Tat umgesetzt werden. In dieser Ansicht 
werde ich bestärkt durch die Erklärung des österreichischen 
Kabinetts, dass Oesterreich-Ungarn keine territorialen Erobe- 
rungen auf Kosten Serbiens beabsichtige. Ich meine da- 
her, dass es für Russland durchaus möglich 
ist, dem österreichisch-serbischen Krieg 
g e g e n ü b e r i n d e r R o 1 1 e d e s Zuschauers zu ver- 
harren, ohne Europa in den schrecklichsten 
Krieg hineinzuziehen, den es jemals erlebt 
hat. Ich glaube, dass eine direkte Verständigung zwischen 
Deiner Regierung und Wien möglich und Wünschenswert ist, 



Wb. Anlage 21. l ) Hier spricht der Zar es ganz klar aus, dass 
wenn Oesterreich-Ungarn nicht nachgibt, er militärische Massregeln 
ergreifen werde, die zum Kriege führen müssen. Damit wird den 
späteren russischen und französischen Behauptungen, nicht die russi- 
schen Massregeln haben den Krieg verursacht, sondern die deutsche 
Forderung, sie einzustellen, das denkbar schärfste und das berufenste 
Dementi entgegengehalten. Charakteristisch ist ausserdem die 
Wendung von dem « Druck >, der auf den Zaren ausgeübt wird. Man 
vergleiche dieses Eingeständnis mit der Petersburger Friedensidylle, 
die Paleologue in seinen Telegrammen schildert. 



29. Juli 255 

eine Verständigung, die — wie ich schon telegraphierte — 
meine Regierung im it allen Mitteln zu fördern 
bemüht ist. Natürlich wurden militärische Mass- 
nahmen Russlands, welche Oestereich-Ungarn als 
Drohung auffassen könnte, ein Unglück beschleuni- 
gen, das wir beide zu vermeiden wünschen, und würden 
auch meine Stellung als Vermittler, die ich — auf Deinen Ap- 
pell an meine Freundschaft und Hilfe — bereitwillig angenom- 
men habe, untergraben. 

gez. Wilhelm. 

Der Kaiser von Russland an den Deutschen Kaiser . 
Neuausgabe des Weissbuches, Abschnitt 3 ; 22. IV. 

Danke für Dein versöhnliches Telegramm, während die Der Zar ant- 
offizielle Mitteilung, die heute Dein Botschafter meinem Mi- weichend. s " 
nister gemacht hat, in einem sehr verschiedenen Tone ge- 
halten war. Ich bitte Dich, diesen Unterschied zu erklären. 
Es würde richtiger sein, das österreichisch-serbische Problem 
der Haager Konferenz zu übergeben. Ich vertraue auf Deine 
Weisheit und Freundschaft. *) 

gez. Nikolaus. 



Neuausg. d. Wb. Abschn. 3. 22. IV. ') Dieses Telegramm war 
im alten Wb. nicht enthalten. Die russische Regierung veröffentlichte 
es, um mit dem Hinweis auf den Passus über die Haager Konferenz 
die russische Friedensliebe nachzuweisen. Es genügt, diesen Passus 
im Zusammenhange der Krisis zu betrachten, um zu erkennen, dass 
er gerade die denkbar schärfste Ablehnung jedes Vermittlungsgedan- 
kens bedeutet. Oesterreich-Ungarn hatte die serbische Antwort als 
unzulänglich angesehen; es hatte erklärt, dass es seinen Streitfall mit 
Serbien nicht einem europäischen Gericht unterwerfen wolle. Nun 
versuchte Deutschland zwischen Russland und Oesterreich zu vermitteln 
und erbat als Voraussetzung Einstellung der militärischen Massnahmen 
Russlands. Anstatt diese zuzusagen, verlangt der Zar, dass der öster- 
reichisch-serbische Streitfall an das Haager Tribunal gebracht werde, 
d. h. dass Oesterreich bedingungslos den Rückzug antrete! — Wie 
wenig die deutsche Regierung dieses Zarentelegramm befürchtete, 
bewies sie durch seine Aufnahme in die Neuausgabe des Wb. 



256 



30. Juli 



30. JULI 



Der belgische 
Geschäfts- 
träger in St. 
Petersburg be- 
zeugtDeutsch- 
lands Krie- 
densbemühun - 
gen in St. Pe- 
tersburg. 



Der belgische Geschäftsträger in St. Petersburg, de l'Escaille, 
an den belgischen Minister des Aeusseren, Davignon. 

Neuausgabe des Weissbuches, Abschnitt 4. 1 ) 

St. Petersburg. 

Der gestrige und vorgestrige Tag vergingen in der Er- 
wartung von Ereignissen, die der Kriegserklärung Oester- 
reich-Ungarns an Serbien folgen mussten. Die widersprechend- 
sten Nachrichten wurden verbreitet, ohne dass es möglich ge- 
wesen wäre, bezüglich der Absichten der Kaiserlichen (Russi- 
schen) Regierung Wahres von Falschem genau zu unterschei- 
den. Unbestreitbar bleibt nur, dass Deutsch- 
land sich hier ebenso wie in Wien bemüht hat, 
irgend ein Mittel zu finden, um einen allge- 
meinen Konflikt zu vermeiden, dass es dabei aber 
einerseits auf die feste Entschlossenheit des Wiener Kabinetts 



Neuausg. d. ¥b. Abschn. 4. ') Dieser Brief gelangte nicht in 
die Hände des Adressaten. Die «Nordd. Allgem. Zeitung >, die ihn 
am 12. September 1914 zuerst veröffentlichte, ohne dass seitdem seine 
Authentizität je angezweifelt wurde, berichtete über die Auffindung 
dieses bedeutsamen Dokumentes folgendermassen : 

« Am 31. Juli d. J. wurde in Berlin ein Brief mit folgender 
Adresse zur Post gegeben: Madame Costermans, 107 Rue Froissard, 
Bruxelles, Belgique. Da bekanntlich am gleichen Tage das Reichsge- 
biet in Kriegszustand erklärt wurde und damit die Bestellung von 
Privatbriefen nach dem Auslande aufhörte, ist der Brief mit dem 
postalischen Vermerk < Zurück wegen Kriegszustand » dem Aufgabe- 
postamt wieder zugestellt worden. Der Brief blieb dort liegen und 
wurde nach Ablauf der vorgeschriebenen Frist durch die Kaiserliche 
Oberpostdirektion in Berlin zur Ermittlung des Absenders amtlich 
geöffnet. In dem äusseren Briefumschlag befand sich ein zweiter mit 
der Adresse: «Son Excellence Monsieur Davignon, Ministre des Af- 
faires Etrangeres.> Da auch auf diesem Umschlage der Absender nicht 
angegeben war, wurde er ebenfalls geöffnet. Es fand sich in ihm ein 



30. Juli 



257 



gestossen sei, keinen Schritt zurückzuweichen, 2 ) und anderer- 
seits auf das Misstrauen des Petersburger Kabinetts gegen- 
über den Versicherungen Oesterreich-Ungarns, dass es nur an 
eine Bestrafung, nicht an eine Besitzergreifung Serbiens denke. 

Herr Sasonow hat erklärt, dass es für Russland unmög- 
lich sei, sich nicht bereit zu halten und nicht zu mobilisieren, 
dass aber diese Vorbereitungen nicht gegen Deutschland ge- 
richtet seien. Heute morgen kündet ein offizielles Communique 
an die Zeitungen an, dass « die Reservisten in einer bestimmten 
Anzahl von Gouvernements zu den Fahnen gerufen worden 
sind. » Wer die Zurückhaltung der russischen offiziellen Com- 
muniques kennt, kann ruhig behaupten, dass 
überall mobil gemacht wird. 

Der deutsche Botschafter hat heute morgen erklärt, dass 
er am Ende seiner seit Sonnabend ununterbrochen fortgesetz- 
ten Ausgleichsbemühungen angelangt sei und dass er kaum 
noch Hoffnung habe. Wie mir eben mitgeteilt wird, hat auch 
der englische Botschafter sich im gleichen Sinne ausge- 
sprochen. England hat letzthin einen Schiedsspruch vorge- 
schlagen. Herr Sasonow antwortete : « Wir selbst hatten ihn 
Oesterreich-Ungarn vorgeschlagen, es hat den Vorschlag aber 
zurückgewiesen. » Auf den Vorschlag einer Konferenz hat 
Deutschland mit dem Vorschlage einer Verständigung zwischen 
den Kabinetten geantwortet. Man möchte sich wahrhaftig fra- 
gen, ob nicht alle Weit den Krieg Wünscht und nur versucht, 
die Kriegserklärung moch etwas hinauszuschieben, um Zeit zu 
gewinnen. 

England gab anfänglich zu verstehen, dass es sich nicht in 
einen Konflikt hineinziehen lassen wolle. Sir George Buchanan 
sprach das offen aus. Heute aber ist man in St. Pe- 
tersburg fest davon überzeugt, ja man ha t so- 
gar die Zusicherung, dass England Frankreich 
beistehen wird. Dieser Beistand fällt ganz 
ausserordentlich ins Gewicht und hat nicht 
wenig dazu beigetragen, der Kriegspartei 
Oberwasser zu verschaffen. 

Die russische Regierung hat in den letzten Tagen allen 
serbenfreundlichen und österreichfeindlichen Kundgebungen 
freien Lauf gelassen und hat in keiner Weise versucht, sie zu 



Er glaubt nicht 
an die russi- 
sche allge- 
meine Mobili- 
sation, die zu 
Unrecht abge- 
leugnet wird. 



Russland hat 
die Zusiche- 
rung erhalten, 
dass England 
sich auf seine 
Seite stellen 
wird. 

Diese Zusiche- 
rung ist für 
Russlands 
Kriegspolitik 
entscheidend. 



amtlicher Bericht des Königlich Belgischen Geschäftsträgers in St. Pe- 
tersburg, Herrn B. de l'Escaille, über die dortige politische Lage 
am 30. Juli d. J., der im Hinblick auf seine politische Bedeutung von 
der Kaiserlichen Oberpostdirektion dem Auswärtigen Amte zugestellt 
wurde.» Die obenstehende Uebersetzung des französischen Schreibens 
ist die der <Nordd. Allgem. Zeitung» und des Wb. 

2 ) Wien hatte indes diese Entschlossenheit aufgegeben. 



258 30. Juli 

ersticken. In dem Ministerrate, der gestern früh stattfand, 
machten sich noch Meinungsverschiedenheiten geltend; die 
Bekanntgabe der Mobilisierung wurde verschoben, aber seit- 
dem ist ein Umschwung eingetreten, die Kriegs Partei 
hat die Oberhand gewonnen und heute früh 
um 4 Uhr wurde die Mobilmachung bekannt- 
gegeben. 

Die Armee, die sich stark fühlt, ist voller Begeisterung 
und gründet grosse Hoffnungen auf die ausserordentlichen Fort- 
schritte, die seit dem japanischen Kriege gemacht worden 
sind. Die Marine ist von der Verwirklichung ihres Erneuerungs- 
und Reorganisationsplanes noch so entfernt, dass mit ihr wirk- 
lich kaum zu rechnen ist. Darin eben liegt der Grund, 
warum die Zusicherung des englischen Bei- 
standes eine so grosse Bedeutung gewann. 

Wie ich die Ehre hatte, Ihnen heute zu telegraphieren, 
scheint jegliche Hoffnung auf eine friedliche Lösung dahin zu 
sein. Das ist die Ansicht der diplomatischen Kreise. 

Für mein Telegramm habe ich den Weg via Stockholm 
über das Nordisk Kabel benutzt, da er sicherer ist als der 
andere. Diesen Bericht vertraue ich einem Privatkurier an, der 
ihn in Deutschland zur Post geben wlird. 

Genehmigen Sie, Herr Minister, die Versicherung meiner 
grössten Ergebenheit. B. de l'Escaille. 3 ) 

Neuausg. d. Wb. Abschn. 4. 3 ) An die Veröffentlichung dieses 
Berichtes knüpfte die «Norddeutsche Allgemeine Zeitung» folgenden 
Kommentar: 

«Unsere Feinde erklären heute, verleumderisch und unter ge- 
flissentlicher Verdrehung der wahren Tatsachen, aller Welt, die Mächte 
der Tripleentente hätten bis zum letzten Augenblicke nur die Erhal- 
tung des Weltfriedens im Auge gehabt, seien aber durch Deutsch- 
lands schroffes, jede Verständigung unmöglich machendes Verhalten 
zum Kriege gezwungen worden; Deutschland habe eben in seiner 
wilden Eroberungsgier unter allen Umständen den Krieg gewollt. Dem- 
gegenüber ist das vorliegende Dokument als Beweis dafür wertvoll, 
dass man in diplomatischen Kreisen Petersburgs noch am 30. Juli, also 
zwei Tage vor der deutschen Mobilmachung, die Ueberzeugung hatte, 
Deutschland habe sich sowohl in Wien wie in Petersburg die grösste 
Mühe gegeben, den österreichisch-serbischen Konflikt zu lokalisieren 
und den Ausbruch eines allgemeinen Weltbrandes zu verhindern. Es 
ist ferner wertvoll als Beweis dafür, dass dieselben Kreise schon da- 
mals überzeugt waren, England habe durch die Zusicherung, es werde 
in einem etwaigen Kriege nicht neutral bleiben, sondern Frankreich 
gegen Deutschland beistehen, der russischen Kriegspartei den Rücken 
gestärkt und damit wesentlich zur Provozierung des Krieges beige- 
tragen. Und schliesslich ist dieses Dokument auch noch deshalb für 
uns von Interesse, weil sein diplomatischer Verfasser seiner Regie- 
rung berichten zu sollen glaubte, er halte die Versicherung Russlands, 
nur in einzelnen Gouvernements würden die Truppen zu den 
Fahnen gerufen, eine allgemeine Mobilmachung finde aber nicht statt, 
für Schwindel.» 



30. Juli 



259 



Berchtold er- 
klärt, dass er 
durchaus zu 
russisch-öster- 
reichischen 



Der österreichisch-ungarische Minister des Aeusseren, Graf 

Berchtold, an den österreichisch-ungarischen Botschafter 

in St. Petersburg, Graf Szäpäry. 

Rotbuch Nr. 49. 

Wien. 

Antwort auf Euer Exzellenz Telegramm vom 29. Juli. 

Ich bin selbstverständlich nach wie vor bereit, 
die einzelnen Punkte unserer durch die Er- 
eignisse übrigens bereits überholten an Ser- 
bien gerichteten 'Note durch Euer Exzellenz Verhandhm-^ 
Herrn Sasonow e Haut e rn z u lassen. Auch würde r " 
ich besonderen Wert darauf legen, bei dieser Gelegenheit der 
mir durch Herrn Schebeko verdolmetschen Anregung ent- 
sprechend auch die unsere Beziehungen zu Russ- 
land d i r e k t b e t r e f f e n d e n F r a g e n einer vertrauens- 
vollen und freundschaftlichen Aussprache zu unterziehen, wo- 
von sich eine Behebung der in diesem Belange bedauerlicher- 
weise bestehenden Unklarheiten und Sicherstellung der so 
wünschenswerten friedlichen Entwicklung unse- 
rer Nachbarverhältnisse erhoffen Hesse. 

Der französische Botschafter in St. Petersburg, Paleologue, 
an den stellvertretenden Minister des Aeusseren, Bien- 



venu-Martin. 



Gelbbuch Nr. 100. 



St. Petersburg. 



ter mobilisiert, 
seine Mobil- 
machung: in 
Aussieht. 



Der deutsche Botschafter hat Herrn Sasonow erklärt, Deute^iauri 
dass, wenn Russland nicht seine militärischen Vorbereitungen p a ii, dass 
einstellt, das deutsche Heer den Mobilmachungsbefehl erhal- l 
ten wird. 

Herr Sasonow hat geantwortet, dass die russischen Vor- 
bereitungen begründet sind einerseits durch Oesterreichs In- 
transigenz, anderseits durch die Tatsache, dass bereits acht 
österreichisch-ungarische Armeekorps mobilisiert sind. 

Der Ton, mit dem Graf Pourtales diese Mitteilung machte, 
hat die russische Regierung bestimmt, noch in der Nacht die 
Mobilmachung der 13 Armeekorps, die gegen Oesterreich 
operieren s ollen, anzuordnen. *) 

Gib. Nr. 100. ') Graf Pourtales hatte am 29. Juli zwei Ge- 
spräche mit Sasonow. Bereits in dem ersten, das am Mittag stattfand, 
teilte Sasonow ihm mit, dass die Teilmobilisation gegen Oesterreich- 
Ungarn beschlossen sei. Das Gespräch Gib. Nr. 100 fand am Abend 
statt. Die Behauptung, dass der < Ton », in dem Pourtales gesprochen 
habe, der Anlass für die russische Teilmobilmachung war, widerlegt 
sich dadurch von selbst. 



260 



30. Juli 



Sasonow rech- 
net mit dem 
unvermeid- 
lichen Krieg. 
Viviani sagt 
ihm volle Er- 
füllung der 
Bud de spf licht 



Der französische Ministerpräsident und Minister des Aeusseren, 
Viviani , an die französischen Botschafter in St. Peters- 
burg und London. 

Gelbbuch Nr. 101. 

Paris. 

Herr Iswolsky kam heute nacht zu mir und sagte, dass 
der deutsche Botschafter Herrn Sasonow den Entschluss sei- 
ner Regierung notifiziert habe, ihre Streitkräfte zu 'mobili- 
sieren, wenn Russland nicht seine militärischen Vorbereitun- 
gen einstelle. 

Der Minister des Aeusseren des Zaren macht darauf auf- 
merksam, dass diese Vorbereitungen erst infolge der öster- 
reichischen Mobilisierung von acht Armeekorps und der Wei- 
gerung dieser Macht, ihren Konflikt mit Serbien friedlich zu 
lösen, begonnen worden sei. Herr Sasonow erklärt, dass 
unter diesen Umständen Russland seine Rüstungen beschleu- 
nigen und den bevorstehenden Krieg ins Auge 
fassen müsse, dass Russland a u f d i e Bundes- 
h i 1 f e Frankreichs rechne und es als selbstverständ- 
lich erachte, dass England sich, ohne Zeit zu v e r - 
1 i >e r e n , R u s s 1 a n d und Frankreich a n s c h 1 i e s s e. 

Frankreich ist entschlossen, alle seine 
B u n d e s ip f 1 i c h t e n zu erfülle n. 1 ) 

Frankreich wird übrigens keine Bemühung für die Lösung 
des Konfliktes im Interesse des allgemeinen Friedens vernach- 
lässigen. Die unter den weniger interessierten Mächten einge- 
leitete Unterhaltung lässt hoffen, dass der Friede noch be- 
wahrt Werden könne; ich halte es daher für angebracht, dass 
Russland bei den Massregeln der Vorsicht und Verteidigung, 
die Russland für nötig hält, nicht sogleich Dispositionen treffe, 
die Deutschland den Vorwand zu einer gänzlichen oder teil- 
weisen Mobilmachung liefern könnten. 

Der deutsche Botschafter kam gestern am späten Nach- 
mittag, um mit mir von den militärischen Massregeln zu spre- 
chen, welche die Regierung der Republik vornehme, indem er 
hinzufügte, dass Frankreich das Recht habe so zu handeln, 



Gib. Nr. 101. ') Auf die Mitteilung hin, dass Russland weiter 
rüsten, d. h. zur allgemeinen Mobilmachung schreiten und den Krieg 
als bevorstehend ins Auge fassen müsse, versucht Viviani nicht, Russ- 
land irgendwie zu beschwichtigen, sondern antwortete mit der ermun- 
ternden Erklärung, dass es unbedingt seine Bundespflicht erfüllen wird. 
Das war die Friedensaktion, deren Viviani sich später rühmte. 

Was die Motivierung der russischen Mobilmachung betrifft, er- 
übrigt es sich, hier von Neuem auf die falschen Angaben Sasonows 
einzugehen. 



30. Juli 



261 



dass aber in Deutschland die Vorbereitungen nicht geheim 
sein könnten und dass, wenn Deutschland sich dazu ent- 
schlösse, die öffentliche Meinung in Frankreich sich nicht be- 
unruhigen solle. 

Ich antwortete, dass die französische Regierung keine 
Massregel ergriffen habe, über die unsere Nachbarn beun- 
ruhigt sein könnten, und dass ihr Wille an den Verhandlungen 
zur Erhaltung des Friedens teilzunehmen, nicht angezweifelt 
werden könne. 2 ) 



Der serbische Regent, Kronprinz Alexander, an den Zaren. 
Serbisches Blaubuch Nr. 44 und Orangebuch Nr. 56. 

N i s c h . 

Tief gerührt durch das Telegramm, das Eure Majestät 
mir gestern gesandt hat, beeile ich mich, Ihr aus meinem gan- 
zen Herzen zu danken. Ich bitte Eure Majestät, davon über- 
zeugt sein, dass die herzliche Sympathie, die Eure Majestät 
für mein Land beseelt, uns 'besonders kostbar ist, und unsere 
Seele mit der Hoffnung erfüllt, dass Serbiens Zukunft gesichert 
ist, da sie der Gegenstand der höhen Fürsorge Eurer Majestät 
wurde. 

Diese peinlichen Augenblicke können nur die Bande tie- 
fer Zuneigung, die Serbien 'mit dem h e i II i g e n slawi- 
schen R u s s 1 a n d verknüpfen, verengen, und die Gefühle 
ewiger Dankbarkeit für die Hilfe und den Schutz 
Eurer Majestät werden als kostbares Gut in der Seele 
aller Serben bewahrt werden. x ) 



Der serbische 
Kronprinz 
dankt dem 
Zaren für sein 
Hilfeverspre- 
chen. 



Der russische Minister des Aeusseren, Sasonow, an den ser- 
bischen Gesandten in St. Petersburg, Spalaikowitsch. 

Serbisches Blaubuch Nr. 48. 

St. Petersburg. Sasonows Ant . 
Ich hatte die Ehre, Ihren Brief vom 28. Juli Nr. 527 zu w .ort auf Ser- 
empfangen, in dem Sie mir das Telegramm Seiner Exzellenz Hufe. Bltte um 
Herrn N. Paschitch über die Kriegserklärung 0esterreich4Jn- 
garns an Serbien mitteilten. Indem ich aufrichtig dieses trau- 
rige Ereign is bedaure, beeile ich mich, Ihnen mitzuteilen, dass 

Gib. Nr. 101. 2 ) Viviani leugnet nicht, dass Massregeln getroffen 
wurden, er erklärt nur, sie seien nicht beunruhigend. 

Serb. Blb. Nr. 44 und Ob. Nr. 56. ] ) Das Ob. bringt dieses 
Telegramm seltsamerweise ohne Datum, stellt es aber, indem es das- 
selbe als Nr. 56 zwischen Nr. 55 und Nr. 57, d. h. zwei Telegrammen 
vom 29. Juli einreiht, als vom 29. stammend hin. Das serbische Blb. 
datiert es dagegen ausdrücklich als vom 30. Juli. 



262 



30. Juli 



ich nicht verfehlen werde, Seiner Majestät dem Kaiser die 
Bitte des serbischen Volkes, dessen Dolmetsch Sie sind, zu 
unterbreiten. 



Dankeskund- 
gebung für 
Russland, 
Frankreich 
und England 
in der Kriegs- 
sitzung der 
serbischen 
Skupschtina. 



Sasonow stellt 
Oesterreich- 
Ungarn unan- 



Der russische Geschäftsträger in Belgrad, Strandtman, an 
den russischen Minister des Aeusseren, Sasonow. 

Orangebuch Nr. 59. 

N i s e h . 
Der Prinzregent hat gestern ein von allen Ministern un- 
terzeichnetes Manifest anlässlich der Kriegserklärung Oester- 
reichs an Serbien veröffentlicht. Das Manifest endet mit fol- 
genden Worten: «Verteidigt aus allen Kräften Euren Herd 
und Serbien.» Bei der feierlichen Eröffnung der Skupschtina 
las der Regent in seinem Namen die Thronrede, zu deren Be- 
ginn er darauf hinwies, dass der Ort der Einberufung die Be- 
deutung der gegenwärtigen Ereignisse zeige. Dann folgt das 
Expose der letzten Tage — österreichisches Ultimatum, ser- 
bische Antwort, die Bemühungen der königlichen Regierung, 
alles zu tun, was mit der Würde des Staates zur Vermeidung 
des Krieges vereinbar ist, und schliesslich der bewaffnete 
Ueberfall durch den mächtigeren Nachbarn auf Serbien, an 
dessen Seite Montenegro steht. Indem er auf die Haltung der 
Mächte in dem Konflikt überging, verweilte der Prinz zu- 
nächst bei den Gefühlen, die Russland be- 
seelen, und der a 1 1 e r g n ä d ig sten Mitteilung 
des Kaisers, dass Russland in keinem Fall 
Serbien im Stiche lassen werde. Bei jeder Er- 
wähnung des Namens Seiner Kaiserlichen Majestät und Russ- 
lands erschütterte ein gewaltiges und inbrünstiges «Zivio» den 
Sitzungssaal. Die Sympathiezeichen, die Frank- 
reich und England gegeben hatten, wurden auch 
einzeln erwähnt und riefen bei den Abgeordneten beistim- 
mende « Zivio » - Rufe hervor. Die Thronrede endet mit der 
Erklärung, dass die Skupschtina eröffnet ist, und mit dem Aus- 
druck des Wunsches, dass alle Massregeln ergriffen werden, 
um die Aufgabe der Regierung zu erleichtern. 

Der russische Minister des Aeusseren, Sasonow, an die russi- 
schen Botschafter in Berlin, Wien, Paris, Lond on und Rom. 

Orangebuch Nr. 60. 

St. Petersburg. 

Der deutsche Botschafter, der mich soeben verliess, 
fragte mich, ob wir uns nicht mit dem Versprechen, das 



30. Juli 



263 



Oesterreich uns geben könne, 'begnügen könnten, — nicht die 
Integrität des Königreiches Serbien anzutasten — und die 
Bedingungen anzugeben, unter welchen wir 
bereit wären, unsere Rüstungen einzustel- 
len; ich diktierte 1 ) ihm die folgende Erklärung, die er dringend 
nach Berlin senden solle: «Wenn Oesterreich, indem es aner- 
kennt, dass die österreichisch-serbische Frage 
den Charakter einer europäischen Frage a n - 
g e nommen hat, sich bereit erklärt, ausseinem Ulti- 
matum die Punkte zuent fernen, die die souverä- 
nen Rechte Serbiens antasten, verpflichtet sich Russ- 
land, seine militärischen Vorbereitungen 
einzustellen.» 

Wollen Sie dringend telegraphieren, welches die Haltung 
der deutschen Regierung angesichts dieses neuen Bewleises 
unseres Wunsches, das Möglichste für die friedliche Lösung 
der Frage zu tun, sein wird, denn wiir können nicht zulassen, 
dass derartige Pourparlers nur dazu dienen, dass Deutschland 
und Oesterreich für ihre militärischen Vorbereitungen Zeit ge- 
winnen. 2 ) 



nehmbare Be- 
dingungen, die 
den Krieg un- 
vermeidlich 

machen. 



Der englische Bo tschafter in St. Petersburg, Sir E. Buchanan, 
an den englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir 



Edward Grey. 



Blaubuch Nr. 97. 



St. Petersburg. 



Der französische Botschafter und ich besuchten heute Deutschland 
morgen den Minister des Aeusseren. Seine Exzellenz sagte, dass Bttrg^chaf^mr 



*) Ob. Nr. 60. Die Formel ist von Sasonow selbst nieder- 
geschrieben worden, wie sich aus Blb. Nr. 97 ergibt. 

2 ) Sasonow wusste natürlich, dass Oesterreich-Ungarn diese 
Bedingungen überhaupt nicht in Betracht ziehen konnte. Er ver- 
langt in der Tat 1. die Aufgabe der österreichisch-deutschen Poli- 
tik, der zufolge der österreichisch-serbische Konflikt nur Oester- 
reich-Ungarn und Serbien betreffe, also lokalisiert bleiben müsse, 
2. dass Oesterreich-Ungarn seine Forderungen umändere, was Oester- 
reich-Ungarn kategorisch abgelehnt hatte, 3. verlangt Sasonow all 
dieses, indem er Oesterreich-Ungarn mit seinen militärischen Mass- 
nahmen bedroht. Was Oesterreich-Ungarn in äusserlich freundschaft- 
licher Diskussion abgelehnt hatte, sollte es nun unter dem Druck der 
russischen Waffen annehmen und zwar in einer Form, die fast einem 
Ultimatum gleichkam. — In seinem trefflichen, während der Beendigung 
dieser Arbeit erschienenen Buche « Der Gegensatz zwischen Oester- 
reich-Ungarn und Russland », Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart und 
Berlin, 1915, sagt Dr. Alexander Redlich S. 88 über den Sasonowschen 



264 



30. Juli 



die serbische 
Integrität zu 
übernehmen; 
das genügt 
Sasonow nicht. 



Die russische 
Formel. 



liussland wird 
zur allgemei- 
nen Mobil- 
machung 
schreiten, die 
den Krieg 
bedeutet. 
England und 
Frankreich 
nehmen diese 
Entschlüsse 
widerspruchs- 
los hin. 



der deutsche Botschafter ihm gestern nachmittag mitgeteilt 
habe, die Reichsregierung sei bereit, Bürgschaft für die Ach- 
tung der serbischen Integrität durch Oesterreich-Ungarn zu 
leisten. Hierauf haibe er erwidert, dass dem wohl so sein könne, 
aber Serbien Würde nichtsdestoweniger ein österreichischer 
Vasallenstaat werden, gerade so wie unter ähnlichen Umstän- 
den Buchara russischer Vasall geworden sei. Die Revolution 
würde in Russland ausbrechen, wenn es einen solchen Stand 
•der Dinge duldete. 

Herr Sasonow sagte, dass die russische Regierung im 
Besitze unwiderlegbarer Beweise sei, dass Deutschland gegen 
Russland zu Land und Wasser — besonders in der Richtung 
gegen den Finnischen Meerbusen — militärische Vorbereitun- 
gen treffe. 

Der deutsche Botschafter hatte mit dem Minister des 
Aeusseren um zwei Uhr morgens eine weitere Unterredung, 
während welcher der Erstere vollständig zusammenbrach, a 1 s 
er sah, dass der Krieg u n v e r m e i d 1 i c h w a r. x ) 

Er bat Herrn Sasonow, irgend eine Anregung zu machen, 
die er als letzte Hoffnung seiner Regierung in Berlin telegra- 
phisch übermitteln könne. Daraufhin entwarf Herr Sasonow 
eine Formel auf französisch und übergab dieselbe dem deut- 
schen Botschafter, die übersetzt folgendermassen lautet: 
____________ *) 

Sollte Oesterreich-Ungarn diesen Vorschlag nicht anneh- 
men, so wird mit den Massnahmen für eine allgemeine Mobili- 
■ sation fortgefahren, und ein europäischer Krieg 
wird die unausbleibliche Folge davon sein. 
Die Erregung ist hier dergestalt gewachsen, dass, sollte 
Oesterreich-Ungarn eine Konzession verweigern, Russland 
nicht imstande sein wird, ruhig zu bleiben, und da es jetzt 



Vorschlag: <Diese Formel ist, wie gesagt, am 30. Juli aufgestellt worden, 
also eine Woche nach der Ueberreichung des Ultimatums in Belgrad. 
Sie war das Resultat dieser Woche voll von Verhandlungen, voll von 
Erklärungen des durchaus selbstlosen österreichisch-ungarischen Stand- 
punktes, voll von heuchlerischen Friedensversicherungen. Sie war am 
30. genau so wie am 23. fest entschlossen, Oesterreich-Ungarn ent- 
weder zu zwingen, dass es das Recht, ohne Einmischung Dritter, die 
Ruhe an seinen Grenzen zu wahren, aufgebe und damit sein künftiges 
Schicksal selbst besiegle — oder den Vernichtungskrieg gegen die 
Monarchie zu eröffnen^ 



Blb. Nr. 97. ^Dieses Zusammenbrechen:- des Grafen Pourtales, 
über das übrigens weder Sasonow noch Paleologue berichtet, passt 
schlecht zu dem Bilde des intransigent kriegslustigen deutschen Bot- 
schafters, das Buchanan sonst zeichnet. 

2 ) Folgt der Text, siehe Ob. 60. 



30. Juli 



265 



weiss, dass Deutschland rüstet, kann es schon aus strategi- 
schen Gründen kaumi vermeiden, die teilweise Mobilisation in 
eine allgemeine zu verwandeln. 3 ) 

Der russische Botschafter in Berlin, Swerbejew, an den russi- 
sehen Minister des Aeusseren, Sasonow. 



Orangebuch Nr. 63. 



Berlin. 



Habe Ihr Telegramm vom 29. dies, erhalten und den Text {änt S den nd 
Ihres Vorschlages dem Minister des Aeusseren, den ich soeben russischen 

r~ — ~7 , . Vorschlag ab. 

Blb Nr. 97. 3 ) Sasonow, der sich nicht mit einer deutschen Ga- 
rantie über die Achtung der serbischen Integrität begnügt, der Mass- 
nahmen ergreift, die nach seiner eigenen Meinung zum Kriege führen 
müssen, stellt sich damit in schroffen Gegensatz zu der offiziellen Hal- 
tung Greys, der selbst bei einer Besetzung Belgrads noch Verhandlungen 
über die Einstellung der militärischen Massnahmen wünscht. Deutschlands 
Politik stand nie in einem derartigen Gegensatz zu Greys Politik im 
Laufe der Krisis; das hindert nicht, dass Grey Russland ungestört 
seine Politik weiter befolgen lässt und gegen Deutschland auftritt. 

Endlich ist noch darauf hinzuweisen, dass dieser englische Bericht 
über die denkwürdige Unterredung zwischen Sasonow und Lichnowskp 
in den Einzelheiten nicht ganz mit Sasonows eigenem Bericht, der oben 
abgedruckt ist, übereinstimmt. Immerhin heisst es in beiden, dass Sa- 
sonow auf Pourtales Bitte seine Bedingungen angab. Es ist nun selt- 
sam, dass, obgleich nach Buchanans Bericht Sasonow ihm und 
Paleologue gemeinsam den Verlauf der Unterredung mit Pourtales 
erzählte, Paleologue diese Unterredung in einem Telegramm, Gib. 
Nr. 104, ganz anders darstellt. Während nach Sasonows und Buch- 
nans übereinstimmenden Angaben Sasonow nur auf Pourtales dringende 
Bitte seine Formel niederschrieb, erzählt Paleologue, er habe das aus 
russischer Initiative getan. «Kaiser Nikolaus hegt so stark den Wunsch, 
den Krieg zu verhindern, dass ich Ihnen in seinem Namen einen neuen 
Vorschlag machen will» sagte nach Paleologue plötzlich Sasonow. 
Dann folgt die Formel und hieran fügt Paleologue noch die Be- 
hauptung: <Graf Pourtales versprach, diesen Vorschlag bei seiner Re- 
gierung zu unterstützen», was nach Ob. 60 und Blb. 97 nicht den 
Tatsachen entspricht, und den Schlussatz : « Die russische Regierung 
zeigt noch einmal durch ihre Haltung, dass sie nichts unterlässt, um 
den Konflikt zu vermeiden». Die Behauptung Paleologues, dass 
es sich um einen Vorschlag im Namen des Zaren handelt, muss durch 
die russischen und englischen Dokumente als schwerwiegende Un- 
wahrheit erwiesen gelten. Wenn Sasonow diese Mitteilung in der 
Unterredung mit Buchanan und Paleologue gemacht hätte, würde Bu- 
chanan diese wichtige Tatsache in seinem Telegramm an Grep nicht 
verschwiegen haben, ganz davon abgesehen, dass Sasonow sie schliess- 
lich selbst in seinem Telegramm erwähnt hätte. Es galt aber, in Paris 
auf jede mögliche Weise die russische Politik zu entlasten. Die ge- 
ringe Glaubwürdigkeit der Glb.-Dokumente ist aber damit von neuem 
an einem besonders auffallenden Beispiel nachgewiesen. Seltsamer- 
weise stellt später Viviani selbst, Gib. Nr. 114, diese Unterredung nicht 
im Sinne Paleologues, sondern den russischen und englischen Angaben 
entsprechend dar, desgleichen Poincare in seinem Blb. Nr. 99 berich- 
teten Gespräch mit Bertie. 

18 



266 



30. Juli 



sprach, überreicht; er sagte 'mir, dass er ein ähnliches Tele- 
gramm von dem deutschen Botschafter in St. Petersburg er- 
halten habe umd erklärte mir darauf, dass er unseren Vor- 
schlag für unannehmbar für Oesterreich halte. x ) 



Russland 
nimmt sein 
Versprechen, 
alle englischen 
Friedensvor- 
schläge anzu- 
nehmen, 
zurück. 



Der russische Botschafter in London, Graf B enckendorff, an 
den russischen Minister des Aeusseren, Sasonow. 

Orangebuch Nr. 64. 

London. 
Habe den Inhalt Ihrer Telegramme vom 29. und 30. Juli 
Grey mitgeteilt, welcher die Lage als sehr ernsthaft betrach- 
te^ aber die Pounparlers fortzusetzen Wünscht. Ich erklärte 
Grey, dass, seitdem Sie ihm 1 vorgeschlagen haben, alle seine 
Vorschläge zugunsten der Erhaltung des Friedens anzuneh- 
men, vorausgesetzt dass Oesterreich nicht aus diesem Auf- 
schub Nutzen zieht, um Serbien niederzuwerfen, sich die Lage, 
in der Sie sich befänden, offenbar geändert habe. Damals 
Waren unsere Beziehungen zu Deutschland noch nicht kom- 
promittiert. Nach der Erklärung des deutschen Botschafters 
in St. Petersburg über die russische Mobilmachung haben sich 
diese Beziehungen geändert und seine Aufforderung 
hatte von Ihnen die einzige Antworterhalten, die eine Grossimacht 
geben konnte. Als der deutsche Botschafter Wieder zu Ihnen 
kam und sich nach Ihren Bedingungen erkundigte, hatten Sie 
sie unter ganz besonderen Umständen formuliert. Ich habe 
gleichzeitig von Neuem auf Grey gedrungen, die neue durch 



Ob. Nr. 63. x ) Swerbejew spricht hier von einem Vorschlage, 
der in einem Telegramm vom 29. Juli enthalten sei. Es handelt sich offen- 
bar um das Telegramm Ob. Nr. 60, das vom 30. datiert ist, wie auch 
der Vorschlag Sasonows erst an diesem Tage gemacht wurde. Am 
29. wurde in der Tat kein Vorschlag gemacht, wenn man nicht Sa- 
sonows im Telegramm Ob. Nr. 49 enthaltene Aeusserung über die 
Mächtevermittlung darunter verstehen will. Eine Ablehnung kam daher 
nicht in Frage. Das Expose übrigens, in dem es heisst (Ob. Nr. 77): 
« Der Vorschlag Russlands wurde von Deutschland als für Oesterreich- 
Ungarn unannehmbar befunden >, wobei es sich um den Vorschlag Ob. 
Nr. 60 handelt, beweist, dass es sich also nur um jenen Vorschlag 
vom 30. Juli handeln kann. Der Irrtum im Telegramm Swerbejews ist also 
nicht verständlich. Es handelt sich nicht nur um einen Druckfehler, 
da das Datum alten Stiles, das beigefügt ist (der 16.), gleichfalls den 
29. angibt. 

Im Wb. ist ein diesbezügliches Telegramm Pourtales nicht ent- 
halten, aber Blb. und Gib. behandeln, wie wir sahen, den Sasonow- 
schen Vorschlag. 



30. Juli 267 

Deutschlands Fehler infolge der Aktion des deutschen Bot- <£f versteht 
schafters geschaffene Lage in Betracht zu ziehen. Grey ant- 
wortete, er verstünde das und würde diesen Argumenten 
Rechnung tragen. x ) 



Der englische B otschafter in Berlin, Sir E. Goschen, an den 
eng lischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 98. 

Berlin. 

Der Staatssekretär teilte mir mit, dass sogleich nach ^ e e r ^J^ and 
Empfang des Telegrammes, in welchem Fürst Lichnowsky weiter England 
seine letzte Unterredung mit Ihnen berichtet, er bei der öster- funjen^nfin- 
reichisch-ungarischen Regierung anfragte, ob sie eine Vermitt- F^en^u 
hing auf der Basis annehmen wolle, dass ihre Truppen Belgrad bewegen, 
oder irgend einen andern Punkt besetzen und sie von dort aus 
ihre Forderungen veröffentliche. Er hat bis jetzt keine Ant- 
wort erhalten, aber er befürchtet, dass die russische Mobili- 
sation gegen Oesterreich die Schwierigkeiten vermehrt habe, 
da Oesterreich-Ungarn, das bisher nur gegen Serbien mobili- 
sierte, es nun wahrscheinlich als notwendig erachten wird, 
auch gegen Russland zu mobilisieren. x ) Der Staatssekretär 
sagte, dass, wenn Sie Russland bewegen könnten, auf Qrund 
eines solchen Vorschlages eine Verständigung zu finden, und 
es mittlerweile davon abhielten, Schritte, die als aggressiv 
gegen Oesterreich-Ungarn ausgelegt werden könnten, zu uti- 



Ob. Nr. 64. J ) Mit diesen ganz unhaltbaren Argumenten recht- 
fertigt Russland Grey gegenüber den Bruch des Versprechens, von dem 
Paleologue ständig so viel Aufhebens machte, alle englischen Vermitt- 
lungsvorschläge anzunehmen. Gleichzeitig enthebt er Grey der äusseren 
Notwendigkeit, wirklich zu vermitteln. Und Grey? Grey antwortete, 
er verstünde das und würde diesen Argumenten Rechnung tragen». 
Mit anderen Worten: Grey versteht, dass Russlands Mobilmachung 
Deutschland nicht zu Vorstellungen, Russland dagegen zu wachsender 
Intransigenz rechtfertigt und gibt sich damit gern zufrieden. Damit gab 
Grey endgiltig Russland den Freibrief, den europäischen Krieg herauf- 
zubeschwören; damit dankte er entgiltig als Vermittler ab. 

Blb. Nr. 98. ! ) Hier wie auch an anderer Stelle übersetzt 
die offizielle deutsche Berner Ausgabe des Blb. mit besonderer Vor- 
liebe «gegen Russland mobilisieren» mit < gegen Russland die Waffen 
■ergreifen». 



268 



30. Juli 



ternehmen, er noch etwas Hoffnung auf Erhaltung des euro- 
päischen Friedens hege. 2 ) 
Neuer deut- _ E r bat mich, Ihnen die schwierige Lage Deutschlands 

lufdie Gefahr gegenüber der russischen Mobilisation und gegenüber den mi- 
| e anzöShen litärischen Vorbereitungen, welche, wie er hörte, in Frankreich 



Rüstungen. 



ergriffen würden, dringend nahezulegen. Die Reichsregierung 
hätte mit Ausnahme der Einberufung beuirlaubter Offiziere, 
einer Miassregel, die offiziell erst nach, nicht vor dem gestrigen 
Besuch des französischen Botschafters erfolgte, keinerlei be- 
sondere Schritte militärischer Art angeordnet. Etwas müsse 
indessen ballid geschehen, da es zu spät werden könnte, und 
wenn Deutschland mobilisiere, so müsse es auf drei Seiten mo- 
bilisieren. Er bedaure dies, da er wisse, dass Frankreich keinen 
Krieg wünsche, aber es würde eine militärische Notwendigkeit 
sein. 

Seine Exzellenz fügte hinzu, dass das vom Fürsten Lich- 
nowsky gestern nacht erhaltene Telegramm 3 ) Dinge enthalte, 
die er mit Bedauern höre, aber nicht gerade mit Ueber- 
raschung; auf jeden Fall erkenne er unumwunden den Freimut 
und die Aufrichtigkeit an, mit der Sie sprachen. 

Er sagte mir auch, dass jenes Telegramm erst spät in der 
Nacht in Berlin eingetroffen sei; wenn es früher angekommien 
wäre, so hätte der Reichskanzler zu mir natürlich anders ge- 
sprochen, als er es tat. 4 ) 



Sasonow be- 
kämpft die 
Schwan- 
kungen des 
Zaren, auf den 
die Mitteilun- 
gen Kaiser 
Wilhelms Ein- 
druck machen. 



Der deutsche Mi litärbevollmächtigte in St. Petersburg an den 
Deutschen Kaiser. 

Weissbuch, Anlage 18. 

St. Petersburg. 
Gestern sagte mir Fürst Trubetzkoi, nachdem er veran- 
lasst hatte, dass Euer Majestät Telegramm an Kaiser Nikolaus 
sofort übermittelt würde : Gottlob, dass ein Telegramm Ihres 
Kaisers gekommen ist. Er sagte mir nun soeben, das Tele- 
gramm hätte auf den Kaiser tiefen Eindruck gemacht, aber da 



Blb. Nr. 98. 2 ) Während Deutschland auf diese Weise weiter ver- 
handelte und sich um Bedingungen mühte, die Russland in der Intimität mit 
Frankreich und England längst abgewiesen hatte, rüstete Russland zum 
Kriege, weil keine «Versicherungen, welcher Art sie auch seien» ihm 
genügen ! 

3 ) Blb. Nr. 89. Die Mitteilung Greys an Lichnowsky, er möge 
sich durch den freundschaftlichen Ton der Unterhaltungen nicht in 
den Glauben einwiegen lassen, England bleibe neutral. 

4 ) d. h. er hätte nicht das Neutralitätsanerbieten, Blb. Nr. 85, 
gemacht. 



30. Juli 



269 



die Mobilisierung gegen Oesterreieh bereits beföhlen gewesen 
und Sasonow Seine Majestät davon über- 
zeugt hätte, dass es nicht mehr .möglich sei, 
zurückzuweichen, so könne Seine Majestät 
leider nichts mehr ändern. 1 ) Ich sagte ihm darauf, die 
Schuld an den unabsehbaren Folgen trage die frühzeitige Mo- 
bilisierung gegen das doch nur in einen lokalen Krieg mit Ser- 
bien verwickelte Oesterreich-Ungarn, denn Deutschlands Ant- 
wort darauf sei wohl klar, und die Verantwortung fiele auf 
Russland, welches O est erreich -Ungarns Zu- 
sicherung, dass es territoriale Erwerbungen 
in Serbien in keiner Weise beabsichtige, 
ignoriert habe. Oesterreich-Ungarn habe gegen Serbien 
und nicht gegen Russland mobilisiert, und zum sofortigen Ein- 
greifen sei kein Grund für Russiland. Ich fügte des Weiteren 
hinzu, dass man in Deutschland die Redensart Russlands: «Wir 
können unsere Brüder in Serbien nicht im Stiche lassen», nach 
dem furchtbaren Verbrechen von Serajewo nicht mehr ver- 
stehe. Ich sagte ihm schliesslich, er möge, wenn 
Deutschlands Streitmacht mobilisiert werde, 
sich nicht wundern. 



Der Deutsche Kaiser an den Kaiser von Russland. 



Weissbuch, Anlage 23. 

Mein Botschafter ist angewiesen, Deine Regierung a u f 
die Gefahren und schweren Konsequenzen 
einer Mobilisation hinzuweisen; das gleiche habe 
ich Dir in meinem letzten Telegramm gesagt. Oesterreich-Un- 
garn hat nur gegen Serbien mobilisiert, und zwar nur einen 
Teil seiner Armee. Wenn Russland, wie es jetzt nach Deiner 
und Deiner Regierung Mitteilung der Fall ist, gegen Oester- 
reich-Ungarn mobil macht, so Wird die Vermittler- 
rolle, mit der Du mich in freundschaftlicher Weise betrau- 
test und die ich auf Deine ausdrückliche Bitte angenommen 
habe, gefährdet, wenn nicht unmöglich ge- 



Kaiser Wil- 
helm dringt in 
den Zaren, von 
einer weitern 
Mobilmachung 
abzusehen. 



Wb. Anl. 18. ') Wenn es nach den vorhergehenden Telegram- 
men noch eines Beweises bedürfte, wie sehr Sasonow persönlich an 
der Zuspitzung der Krisis beteiligt ist, so wäre dieser Beweis in 
diesem Ausspruch des Fürsten Trubetzkoi gegeben, aus dem hervor- 
geht, dass Sasonow mit seinem grossen Einfluss die günstige Wir- 
kung, die des Deutschen Kaisers Telegramme beim Zaren hervorriefen, 
bekämpfte. 



270 



30. Juli 



macht. Die ganze Schwere der Entscheidung ruht jetzt auf 
Deinen Schultern, sie haben die Verantwortung 
für Krieg und Frieden zu tragen. 

gez. Wilhelm. 



Der Zar ge- 
steht, dass die 
Mobilmachung 
bereits am 
25. Juli be- 
schlossen 
wurde. 



Der Kaiser von Russland an den Deutschen Kaiser. 

Weissbuch Anlage 23 a. 

Ich danke Dir von Herzen für Deine rasche Antwort. 
Ich entsende heute abend Tatisheff mit Instruktionen. Die jetzt 
in Kraft tretenden militärischen Massnahmen sind schon 
vor 5 T a g e n b e s c h 1 o s s e n worden, 1 ) und zwar aus 
Gründen der Verteidigung gegen die Vorbereitungen Oester- 
reichs. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass diese Vorbereitun- 
gen in keiner Weise Deine Stellung als Vermittler beeinflussen 
werden, die ich sehr hoch anschlage. Wir bedürfen Deinen star- 
ken Druck auf Oesterreich, damit es zu einer Verständigung 
mit uns kommt. 

gez. Nikolaus. 



Berchtold be- 
greift nicht, 
wie Sasonow 
an einen Ab- 
bruch der 
österreichisch- 
russischen 
Verhandlun- 
gen glauben 
konnte. 



Der österreichisch-ungarische Minister des Aeusseren, Graf 
Berchtold, an den österreichisch-ungarischen Botschafter 
in St. Petersburg, Graf Szäpäry. 

Rotbuch Nr. 50. 

Wien. 

Zu Eurer Exzellenz Orientierung und Regelung Ihrer 
Sprache : 

Ich habe 'heute Herrn Schebeko auseinandergesetzt, es 
sei mir gemeldet worden, dass Herr Sasonow über meine 
glatte Ablehnung seiner Proposition bezüglich Aussprache mit 
Euer Exzellenz peinlich berührt sei, wie nicht minder darüber, 
dass kein Gedankenaustausch zwischen mir und Herrn Sche- 
beko stattgefunden habe. 



W b. A n 1. 23 a. J ) Also am 25. Juli. Deutlicher und aus berufenerem 
Munde kann die immer wiederkehrende Behauptung des Ob., vor 
allem aber des Gib., dass die russische Mobilmachung durch eine 
österreichische oder deutsche Mobilmachung hervorgerufen sei, nicht 
widerlegt werden. Ein eigentümliches Licht aber wirft diese Mittei- 
lung des Zaren auf die ehrenwörtlichen Versicherungen des russischen 
Kriegsministers und des russischen Generalstabschefs. 



30. Juli 



271 



Bezüglich des ersteren Punktes hatte ich Euer Exzellenz 
bereits telegraphisch freigestellt, auch weiterhin seitens Herrn 
Sasonows etwa gewünschte Erläuterungen bezüglich der Note 
— welche übrigens durch den Kriegsausbruch überholt er- 
scheint — zu geben. Es könne sich dies allerdings 
nur im Rahmen nachträglicher Aufklärungen 
bewegen, da es niemals in unserer Absicht 
gelegen w a r , v o n d e n P u n k t e n d e r N o t e etwas 
abhandeln zulassen. Auch hätte ich Euer Exzellenz er- 
mächtigt, unsere speziellen Beziehungen zu Russland mit 
Herrn Sasonow freundschaftlich zu besprechen. 

Dass Herr Sasonow sich darüber 'beklagen konnte, es 
hätte kein Gedankenaustausch zwischen Herrn Schebeko und 
mir stattgefunden, m u s s a u f e i n e um I r r t u m b e r u h e n , 
da wir — Herr Schebeko und ich — vor zwei Tagen die ak- 
tuellen Fragen durchgesprochen hatten, was mir der Herr Bot- 
schafter mit dem Bemerken bestätigte, er habe Herrn Sa- 
sonow in ausführlicher Weise über diese Un- 
terredung referier t. 1 ) 

Herr Schebeko führte dann aus, warum man in St. Pe- 
tersburg unser Vorgehen gegen Serbien mit solcher Besorgnis 
betrachte. Wir seien eine Grossmacht, die gegen den kleinen 
serbischen Staat vorgehe, ohne dass man in St. Petersburg 
etwas darüber wisse, was wir mit demselben beabsichtigten, 
ob wir dessen Souveränität tangieren, ihn ganz niederwerfen 
oder gar zertreten wollten. Durch historische und andere 
Bande mit Russland verbunden, könne letzterem das weitere 
Schicksal Serbiens nicht gleichgültig sein. Man habe in St. 
Petersburg sich angelegen sein lassen, mit allem Nachdruck 
auf Belgrad einzuwirken, dass es alle unsere Forderungen er- 
fülle, allerdings zu einer Zeit, wo mian noch nicht wissen 
konnte, was für Forderungen wir nachmals gestellt. 2 ) Aber 
selbst bezüglich dieser Forderungen würde man allles ein- 
setzen, um wenigstens das Mögliche durehzinbringen. 

Ich erinnerte den Herrn Botschafter daran, dass wir 
wiederholt betont hätten, wir wollten keine Eroberungspolitik 
in Serbien treiben, auchdessen Souveränität nicht 
antasten, bloss einen Zustand herstellen, der uns Sicher- 
heit biete gegen Beunruhigung seitens Serbiens. Hieran knüpfte 



Er wiederholt, 
er sei zu diesen 
Verhand- 
lungen bereit, 
könne jedoch 
nicht die Note 
an Serbien 
ändern. 



Rb. Nr. 50. ') Der Bericht Schebekos im Ob. Nr. 45 kann nicht 
als ausführlich bezeichnet werden. 

2 ) Man vergleiche mit dieser Behauptung Schebekos die 
Oesterreich- Ungarn feindliche und Serbien ermutigende Haltung 
Sasonows vor Ueberreichung der Note, wie sie aus den vom 
29. Juni bis 21. Juli abgedruckten Stücken ersichtlich ist. 



Berchtold ga- 
rantiert von 
Neuem Ser- 
biens Integri- 
tät und Sou- 
veränität, 



272 



30. Juli 



Er erklärt die 
russische Mo- 
bilmachung 
aisfeindseligen 
Akt gegen 
Oesterreich- 
Ungarn. 



ich eine längere Erörterung unseres unleidlichen Verhältnisses 
zu Serbien. Auch gab ich Herrn Schebeko deutlich zu ver- 
stehen, in welch hohem Masse .die russische Di- 
plomatie, wenn auch gewiss gegen den Wil- 
len der leitenden Faktoren, an diesen Zu- 
ständen schuld sei. 

Im weiteren Verlauf unserer Unterhaltung erwähnte ich 
die nunmehr zu meiner Kenntnis gelangte russische Mo- 
bilisierung. Nachdem sich dieselbe auf die Militärbezirke 
Odessa, Kiew, Moskau und Kasan beschränke, trage dieselbe 
einen h o s t i 1 e n C h a r a k te r g e g e n d i e Monarchie. 
Was der Grund hievon sei, wisse ich nicht, da ja kein Streitfall 
zwischen uns und Russland existiere. Oesterreich-Ungarn habe 
ausschliesslich gegen Serbien mobilisiert, gegen Russland nicht 
einen Mann, was allein aus dem Umstände zu ersehen sei, 
dass das I., X. und XI. K o r ,p s nicht (mobilisiert 
worden seien. Bei dem Umstände jedoch, dass Russland 
offensichtlich gegen uns mobilisiere, müssten auch wir unsere 
Mobilisierung erweitern, wobei ich jedoch ausdrücklich erwäh- 
nen wolle, dass diese Massnahme selbstverständlich keinen 
feindseligen Charakter gegen Russland trage und sich lediglich 
als notwendige Qegenmassnahme gegen die russische Mobili- 
sierung darstelle. 

Ich bat Herrn Schebeko, dies seiner Regierung zu mel- 
den, was er mir zusagte. 3 ) 



Der englische Botschafter in Paris, Sir F. Bertie, an den eng" 
lischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey. 



PräsidentPoin- 
■care fordert 
England auf, 
Deutschland 
zu erklären, 
dass es auf 
Seite Frank- 
reichs kämpfen 
wird. 



Blaubuch Nr. 99. 

Paris. 
Der Präsident der französischen Republik sagt mir, dass 

die russische Regierung von der deutschen Regierung die Mit- 
teilung erhalten habe, dass, wenn Russland seine Mobilisation 
nicht einstelle, Deutschland mobilisieren würde. Aber ein wei- 
terer Bericht aus St. Petersburg sagt, dass die deutsche Mit- 
teilung abgeändert worden sei und nun eine Anfrage darstelle, 



Rb. Nr. 50. 3 ) In seinem diese Darstellung durchaus bestätigenden 
Bericht über diese Unterredung sagt Bunsen in seinem Telegramm an 
Grey, Blb.96: «Der russische Botschafter ist im ganzen genommen zu- 
frieden. Er hatte bereits begonnen, auf das Gerücht hin, dass Oester- 
reich-Ungarn in Antwort auf die russische Mobilisation den Krieg er- 
klären würde, seine Abreise vorzubereiten. Er hofft jetzt, dass etwas 
geschehen kann, um den Krieg mit Oesterreich zu vermeiden. » 



30. Juli 273 

unter welchen Bedingungen Russland demobilisieren würde. 
Die Antwiort lautete, dass Russland 'bereit sei, zu demobilisie- 
ren, wienn Oesterreich-Ungarn versichere, dass es die Sou- 
veränität Serbiens achten und gewisse von ihm an Serbien 
gestellte und von diesem nicht angenommene Forderungen 
zum Gegenstand internationaler Verhandlungen mache. 1 ) 

Der Präsident glaubt, dass Oesterreich-Un- 
garn diese Bedingungen nicht annehmen 
w e r d e. Er ist der Ueberzeugung, dass der Friede zwischen 
den Mächten in Englands Händen liegt. Wenn Seiner Majestät 
Regierung erklären würde, dass England Frankreich zu Hilfe 
kommen wird im Falle eines Konfliktes zwischen Frankreich 
und Deutschland als Folge der gegenwärtigen Schwierigkeiten 
zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien, so käme es zu kei- 
nem Kriege, da Deutschland sogleich sein Verhalten ändern 
würde. 2 ) 

Ich erklärte ihm, wie schwer es für Seiner Majestät Re- 
gierung sein dürfte, eine solche Erklärung abzugeben, aber er 
sagte, er bleibe dabei, dass sie im Interesse des Friedens er- 
folgen müsse. Frankreich, sagte er, sei friedlich. Es wünsche 
keinen Krieg, und alles, was es bisher getan habe, bestände in 
Vorbereitungen für die Mobilisation, um nicht überrascht zu 
werden. Die französische Regierung werde der unsrigen alles 
mitteilen, was in dieser Richtung weiter geschähe. Zuverläs- 
sigen Nachrichten zufolge sollen die deutschen Truppen in 
Diedenhofen und Metz zusammengezogen worden und kriegs- 
bereit sein. Wenn ein allgemeiner Krieg auf dem Festlande 
ausbräche, würde England unvermeidlich hineingezogen wer- 
den zum Schutze seiner Lebensinteressen. Eine jetzt erfolgende 
Erklärung des Inhalts, dass Grossbritannien Frankreich, wel- 
ches den Frieden wünsche, zu unterstützen beabsichtige, würde 
Deutschland sicherlich daran hindern, in den Krieg zu ziehen. 



Blb. Nr. 99. ') Der Präsident der Republik berichtet den Inhalt 
der russischen Formel durchaus falsch, indem er ihn stark mildert. 
Siehe Ob. 60, Blb. 97, Gib. 104, wo die Formel übereinstimmend dahin 
geht, dass Oesterreich 1. den europäischen Charakter des öster- 
reichisch-serbischen Konfliktes anerkenne und 2. die für Serbien un- 
annehmbaren Punkte ohne weiteres streichen soll, was Präsident Poin- 
care zu der obigen ganz harmlosen Formel abändert. 

2 ) Dieser Passus ist höchst charakteristisch : Präsident Poincare 
ist von vornherein davon überzeugt, dass die Formel (selbst in ihrer 
gemilderten Form) von Oesterreich-Ungarn abgelehnt wird. Nichts 
liegt näher, als dass Poincare Russland eine andere Formel anrät, wie 
wenigstens England es tat, wie wir sehen werden. Nein, Poincare 
weiss, dass Oesterreich-Ungarn diese Formel ablehnen wird und dann 
der Krieg entstehen muss. Anstatt einer versöhnlichen Formel schlägt er 
. . . eine englische Drohung an Deutschland vor! England möge Deutsch- 



274 



30, Juli 



Grey lehnt in 
schroffster 
Weise eine 
Neutralitätser- 
klärung ab. 



Er begründet 
die Ablehnung 
mit derUnmög- 
lichkeit, auf 
Kosten Frank- 
reichs undBel- 
giens mit 
Deutschland 
zu verhandeln. 



Der englische Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an den englischen Botschafter in Berlin, Sir E. Goschen. 

Blaubuch Nr. 101. 

London.. 

Betreffs Ihres Telegrammes vom 29. Juli. *) 

Die Regierung Seiner Majestät kann nicht einen Au- 
genblick lang die Vorschläge des Kanzlers, dass sie sich 
unter solchen Bedingungen zur Neutralität 
verpflichten soll, hinnehmen. 

Er verlangt von uns tatsächlich, dass wir beiseite ste- 
hen, während Frankreichs Kolonien ihm ent- 
rissen und Frankreich geschlagen würde, solange Deutsch- 
land nicht französisches Gebiet, abgesehen von den Kolonien, 
erobere. 

Voim materiellen Standpunkt aus ist ein solcher Vor- 
schlag unannehmbar, denn Frankreich könnte, ohne dass man 
ihm europäisches Gebiet nähme, so zerschmettert werden, 
dass es seine Grossmiachtstellung verlöre und der deutschen 
Politik untergeordnet würde. 

Davon abgesehen wäre es eine Schande für uns, mit 
Deutschland einen Handel zu schliessen auf Frankreichs Kosten, 
eine Schande, von der sich der gute Name dieses Landes nicht 
mehr erholen würde. 

Tatsächlich verlangt .der Kanzler auch von uns alle Ver- 
pflichtungen und Interessen, die wir im Hinblick auf die bel- 
gische Neutralität haben könnten, zu verschachern. W i r 
können auch diesen Handel nicht hinnehmen. 

Nach alledem ist es unnötig zu prüfen, ob die Aussicht auf 
ein zukünftiges allgemeines Neutralitätsabkommen zwischen 
Deutschland und England genügend positive Vorteile bietet, 
um uns dafür zu entschädigen, dass wir uns 



land damit einschüchtern, dass es an Russlands und Frankreichs Seite 
treten wird, so wird Deutschland nachgeben und auch Oesterreich-Ungarn 
gezwungen sein nachzugeben. Das wäre der Friede auf Grund einer 
durch Kriegsdrohung erzielten Demütigung Deutschlands. Das war das 
einzige Friedensmittel, das Poincare sah, an Stelle einer Einwirkung 
in St. Petersburg. Und darüber war er sich doch auch offenbar klar, 
dass die Einschüchterung misslingen konnte und damit der Krieg un- 
vermeidlich sein musste. Es kam Poincare also nicht auf eine Friedens- 
aktion an, sondern auf eine Niederringung Deutschlands, zunächst durch 
das gewagte diplomatische Mittel einer englisch-französisch-russischen 
Kriegsdrohung, dann, misslang dieses, wie vorauszusehen war, durch 
die durch solche Solidarität in der Drohung festgelegte englisch-fran- 
zösisch-russische Kriegsallianz auf dem Schlachtfelde. 



Blb. Nr. 101. J ) Blb. 85, Goschens Telegramm über die Unter- 
haltung mit dem Reichskanzler über Englands Neutralität. 



30. Juli 275 

h e ii' t e di e H ä n d e b i n d e n. Wir .müssen unsvoü s tän- 
dig d i e Freiheit erhalten, so zu handeln, wie 
die Umstände es erfordern im Falle einer ungünstigen und be- 
dauerlichen Entwicklung der gegenwärtigen Krisis, so wie der 
Kanzler sie ins Auge fasst. 

Sprechen Sie bitte mit dem Kanzler in diesem Sinne und 
fügen Sie auf das Ernsteste hinzu, dass die einzige Art, 
diegutenßeziehungenzwischenDeutschland 
und England zu erhalten, in dem weiteren 
Zusammenarbeiten zur Erhaltung des euro- 
päischen Friedens besteht. Wenn wir hierbei Er- 
folg haben, werden die Beziehungen zwischen Deutschland 
und England, so denke loh, ipso facto verbessert und verstärkt. 
Um dieses Ziel zu erreichen, wird die Regierung Seiner Maje- 
stät in diesem Sinne in vollster Aufrichtigkeit und bestem Wil- 
len arbeiten. 

Und ich will noch dieses sagen: Wenn der europäische 
Friede gewährt werden kann und die jetzige Krisis gefahrlos 
vorbeigeht, so wird es mein eigenes Bemühen sein, irgend ein 
Uebereinkommen hervorzurufen, an dem Deutschland Teil 
haben kann, durch welches es gesichert ist, dass keine aggres- 
sive oder feindliche Politik gegen Deutschland und seine Ver- 
bündeten durch Frankreich, Russland und uns gemeinsam oder 
einzeln verfolgt werde. Ich habe dies gewünscht und dafür, 
so gut ich es konnte, während der letzten Balkankrisis ge- 
arbeitet, und da Deutschland ein entsprechendes Ziel verfolgte, 
sind unsere Beziehungen fühlbar bessere geworden,. Der Ge- 
danke ist bisher zu utopistisch gewesen, um den Gegenstand 
endgiltiger Vorschläge zu bilden, aber wenn die gegenwärtige 
Krisis, die schärfer ist als jede, die Europa seit Generationen 
gekannt hat, gefahrlos vorüber ist, hoffe ich, dass die Er- 
leichterung und die Reaktion, die darauf folgen wird, eine end- 
giltigere Annäherung der Mächte ermöglichen wird, als es bis- 
her möglich war. 2 ) 



Blb.Nr. 101. 2 )Auf diesesTelegramm, in dem Grey die Vorschläge 
Deutschlands ablehnt, hat die englische Regierung ihre offiziellen Darle- 
gungen aufgebaut,wobei,wie wir schon erwähnten (siehe Einführung S.26), 
die ergänzenden ungleich wichtigeren Gespräche mit Lichnowskp vom 
1. August vollständig verschwiegen werden. Wäre es aber selbst bei 
dieser deutsch-englischen Aussprache, wie Blb. 85 und 101 sie dar- 
stellt, geblieben, so wäre damit die englische Verantwortung für den 
Krieg ausreichend erwiesen. Es geht nämlich aus Blb. 101 hervor, 
dass Grey die Unmöglichkeit, Frankreich besiegt zu sehen, über das 
belgische Problem stellte. Ausserdem enthält es den vom Friedens- 
standpunkt aus ungeheuerlichen Satz, dass <die Aussicht eines 
allgemeinen Neutralitätsabkommens» offenbar nicht «genügend Vor- 
teile bietet >, um England < dafür zu entschädigen», dass es sich 



276 






30. Juli 






Der 


englische Staatssekretär des Aeusseren, 


Sir Edward G 


rey, 




an den 


englischen 


Botschafter in St 


. Petersburg, 


Sir 



Blaubuch Nr. 103. 



Deutschland 
stimmt dem 
letzten eng- 
lischen Vor- 
schlag zu, dass 
nach. der Be- 
setzung ser- 
bischen Ge- 
biets eine Ver- 
mittlung ein- 
treten solle. 



London 



Der deutsche Botschafter teilt mir mit, dass die Reichs- 
regierung sich bemühen werde, Oesterreieh-Ungarn dahin zu 
beeinflussen, nachdem es Belgrad und serbisches Gebiet be- 
setzt haben wird, ein Versprechen 'abzugeben, nicht weiter 
vorzudringen, während die Mächte Serbien zu bestimmen 
suchen, Oesterreieh-Ungarn hinreichende Genugtuung zu lei- 
sten, um es friedlich zu stimmen. Die österreichisch-ungari- 
schen Truppen würden natürlich serbisches Gebiet erst wieder 
räumen, wenn die Donaumonarchie volle Befriedigung erlangt 
hätte. Ich schlug dies gestern als mögliches Mittel, die Lage zu 
entspannen, vor, und wenn es Erfolg hat, hoffe ich ernsthaft, 
dass weitere militärische Vorbereitungen allerseits eingestellt 
werden. 

Der russische Botschafter hat mich über die von Herrn 
Sasonow gemachte und in Ihrem Telegramm vom 30. Juli x ) 
erwähnte Bedingung unterrichtet und befürchtet, sie könne 
nicht abgeändert werden; sollte aber das Vorrücken der öster- 
reichisch-ungarischen Truppen, nachdem Belgrad besetzt 
wurde, eingestellt werden, so glaube ich, dass der Vorschlag 
des russischen Ministers des Aeusseren dahin abzuändern wäre, 
dass die Mächte prüfen würden, wie Serbien Oesterreich völlig 
befriedigen könnte, ohne dass dabei Serbien seine Souveräni- 
tätsrechte und seine Unabhängigkeit preisgäbe. 



die Hände bindet. Damit ist klipp und klar, wie bereits vorher, aus- 
gesprochen, dass England im Fall eines Krieges auf jeden Fall die gün- 
stige Lage ausnützen will. Endlich sagt Grey, dass « die einzige Art, die 
guten Beziehungen zwischen Deutschland und England zu erhalten 
in dem weitern Zusammenarbeiten für die Erhaltung des Friedens 
besteht >. England hat aber diese «einzige Art» nicht gepflegt. 
Deutschland ging auf alle Anregungen Englands ein, Russland lehnte 
sie ab, und England tat nichts, um Russland Einhalt zu gebieten; 
damit führte England den deutsch-russischen Krieg geradezu herbei, 
während es Deutschland in dem gefährlichen Glauben Hess, es arbeite 
«Schulter an Schulter» mit ihm, wie wir bereits in den Anmer- 
kungen zu den russisch-englischen Gesprächen betonen konnten. 



Blb. Nr. 103. J ) Blb. Nr. 97. 



30. Juli 



277 



Sollte sich Oesterreich-Ungarn nach seiner Besetzung 
Belgrads und des benachbarten serbischen Gebietes bereit er- 
klären, im Interesse des europäischen Friedens sein Vorrücken 
einzustellen und über die Mittel, wie ein vollständiges Ueber- 
einkommen zu erreichen wäre, zu verhandeln, so hoffe ich, 
dass Russland auch einwilligt, zu verhandeln und mit seinen 
militärischen Massnahmen innezuhalten, wenn die andern das- 
selbe tun. 

Es ist dies nur eine schwache Aussicht, den Frieden zu 
erhalten, aber die einzige, die ich sehe, wenn der 
russische Minister des Aeusseren sich mit Berlin nicht verstän- 
digen kann. Teilen Sie dem Minister des Aeusseren dies mit. s ) 



Grey meint, 
dass dieser 
Vorschlag 
Russland zur 
Einstellung 
der militäri- 
schen Mass- 
regeln bestim- 
men muss, und 
ändert die rus- 
sische Formel 
dementspre- 
chend ab. 



Der französische Botschafter in London, Paul Cambon, an 
den französischen Ministerpräsidenten und Minister des 
Aeusseren, Viviani. 

Gelbbuch Nr. 108. 

London. 

Fürst Lichnowsky hat keine Antwort auf die Aufforde- 
rung überbracht, die Sir E. Grey gestern an ihn richtete, um 
von der deutschen Regierung eine Formel für die Intervention 
der vier Mächte im Interesse des Friedens zu erlangen. Aber 
mein deutscher Kollege befragte den Staatssekretär des Aeus- 
seren über die militärischen Vorbereitungen Englands. 1 ) 

Sir E. Grey antwortet ihm, dass sie keinerlei offensiven 
Charakter hätten, dass es aber bei dem gegenwärtigen Stand 
der Angelegenheit auf dem Festlande natürlich sei, einige Vor- 
sichtsmassregeln zu ergreifen; dass man in England wie in 
Frankreich die Erhaltung des Friedens Wünsche, und dass, 
wenn man in England wie in Frankreich Defensivmassregeln 
ins Auge fasse, das nicht zum Zwecke einer Vorbereitung einer 
Aggression geschehe. 



Blb. Nr. 103. 2 ) Hier ist wieder der Beweis erbracht, dass Deutsch- 
land völlig Englands Anregungen zu den seinen macht. Es kann kein Zweifel 
darüber bestehen, dass Oesterreich-Ungarn sich hiermit auch zufrieden 
gegeben hätte. Wenn Russland diesen Vorschlag ablehnte und hin- 
fällig machte, indem es zur allgemeinen Mobilmachung schritt, war 
England verpflichtet, sich von Russland zurückzuziehen, umsomehr als 
Grey in diesem Vorschlag das «einzige> Mittel erkannte, den Frieden 
zu erhalten. 



Gib. Nr. 108. l ) Das stimmt durchaus nicht, wie die vorher 
gehenden Stellen des Blb. beweisen. 



278 



30. Juli 



England ei-- 
klärt sich, be- 
reit, den Bünd- 
nisfall mit 
Frankreich zu 
besprechen. 



Die Mitteilungen, die Eure Exzellenz an mich über die 
militärischen Massregeln Deutschlands an der französischen 
Grenze richtete, erlaubten mir, Sir E. Qrey zu zeigen, dass es 
sich nicht nur um einen Konflikt zwischen russischem und 
österreichisch-ungarischem Einflüsse handle; es bestehe die 
Gefahr einer Aggression, die einen allgemeinen Krieg hervor- 
rufen könne. 

Sir E. Grey hat meine Anschauung voll- 
ständig verstanden und gl'aubt wie ich, dass 
der Augenblick gekommen sei, adle Hypothe- 
sen ins Auge zu fassen und gemeinsam zu dis- 
kutiere n. 2 ) 



Der englische St aatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an den englischen Botschafter in Paris, Sir F. Bertie. 



Der fran- 
zösisch- 
englische 
Bündnisfall. 



Blaubuch Nr. 105. 

London. 

Herr Cambon erinnerte mich heute an den Brief, welchen 
ich ihm vor zwei Jahren schrieb und in dem, wir übereinkamen, 
dass, sollte der europäische Friede ernstlich bedroht sein, wir 
zu beraten hätten, was wir tun müssen. Ich lege Abschriften 
des erwähnten Briefes sowie der Antwort Herrn Cambons bei, 
damit Sie von denselben Einsicht nehmen können. Er sagte, 
dass der Friede Europas nie ernster bedroht worden sei als 
gegenwärtig. Er wolle nicht von mir eine förmliche Erklärung, 
dass wir intervenieren würden, wünsche aber von mir zu er- 
fahren, was wir unter gewissen Umständen zu tun gedächten. 
Als besondere Hypothese hatte er eine Aggression Deutschlands 
auf Frankreich im Auge. Er übergab mir einen Bericht, wovon 



Gib. Nr. 108. 2 ) Siehe Blb. Nr. 105. Es sei auch an die Sophistik 
Greys in Blb. Nr. 87 erinnert. Mit Hilfe unkontrollierbarer Meldungen 
über deutsche militärische Massnahmen trennen nun Cambon und Grey 
den deutsch-französischen Fall von dem österreichisch-serbischen und 
russisch-deutschen, tun so, als handle es sich um einen davon un- 
abhängigen Ueberfall Deutschlands auf Frankreich, der mit dem fran- 
zösisch-russischen Bündnisfall nichts zu tun hat, und nachdem sie auf 
diese bequeme Weise den unmöglichen Sonderfall eines deutsch-französi- 
schen Krieges konstruiert haben, konstatieren sie, dass der durch die 
« Entente-Cordiale >- Abmachungen gegebene Fall des englisch-fran- 
zösischen Zusammengehens eingetreten ist! Dieses durchsichtige Spiel 
braucht keine weitere Beleuchtung. 



30. Juli 279 

ich gleichfalls Abschrift beilege, welcher zeigt, dass die offen- 
siven militärischen Vorbereitungen Deutschlands an der Grenze 
weiter vorgeschritten sind, als irgendwelche diesbezüglichen 
Massnahmen, die Frankreich unternommen hat. Seine Ex- Eine humori _ 
zellenz meinte, dass die Aggression Deutsch- stische inter- 

, i i . T=. • c j . pretation des 

lands entweder die Form einer Forderung Wortes 
annehmen würde, dass Frankreich seine mili- »Aggression*. 
tärischen Vorbereitungen einstelle, oder 
einer Forderung, dass es sich im Falle eines 
deutsch-russischen Krieges zur Neutralität 
verpflichte. Natürlich könne Frankreich 
keine dieser Forderungen annehmen. 1 ) 

Ich teilte dem Botschafter mit, dass morgen früh ein 
Kabinettsrat stattfinden und dass idh ihn nachmittags wieder 
sprechen würde. 



B 1 b. Nr. 105. ') Bei diesem Passus, der die Voraussetzung für einen 
englisch-französischen Bündnisfall betrifft und auf Grund dessen Frank- 
reich Englands Hilfe fordert, ist es nötig, einen Augenblick zu verweilen. 
Damit Frankreich berechtigtist, von England Hilfe zu verlangen, d.h. zu- 
nächst den durch den Briefwechseides Jahres 1912 begrenzten Fall zu dis- 
kutieren, bedarf es einer deutschen «Aggression». Die deutschen militä- 
rischen Vorbereitungen, über die für den Zweck der Sache eine Notein 
London überreicht wurde, genügen nicht. Dass Deutschland über Frank- 
reich herfallen wird, das darf Cambon auch nicht hoffen. Worin besteht 
also die für das französisch-englische Zusammenarbeiten unbedingt 
notwendige deutsche Aggression? Sie besteht in einer etwaigen deut- 
schen Aufforderung an Frankreich, nicht gegen Deutschland zu rüsten, 
oder, falls Deutschland nicht einmal das tut, in der deutschen Anfrage, 
ob Frankreich neutral bleiben wolle! Diese Interpretation des Wortes 
Aggression, des Begriffes Ueberfall oder Angriff, ist wohl beispiellos in 
dem Sprachgebrauch, dem Denkvermögen und der diplomatischen Ge- 
schichte derWelt. Sie genügte aber Cambon undGrey durchaus 
zur Unterbreitung ihres Kriegsbündnisses vor dem eng- 
lischen Ministerrat. Dass in dem Entschluss, dem Ministerrat 
die Frage vorzulegen, ob England an Frankreichs Seite das Schwert 
gegen Deutschland ergreifen solle, von Belgien natürlich überhaupt 
noch nicht die Rede ist, soll hier nur nebenbei erwähnt werden. 
Nebenbei kann auch nur erwähnt werden, dass die als Anlage 3 im 
Blb. Nr. 105 angeführte Notiz über deutsche Vorbereitungen an der fran- 
zösischen Grenze inhaltslose Gerüchte enthält. Interesse hat sie nur 
unter diesem Gesichtspunkte: Wenn Grey in dieser von französischer 
Seite überreichten, zweifellos tendenziösen und für rein diplomatische 
Zwecke hergestellten Darstellung deutscher Massnahmen an der Grenze 
die Grundlage einer Aggression und die Voraussetzung für eine Kriegs- 
sitzung des Ministerrates sah, was musste er, wollte er logisch bleiben, 
dann erst in der russischen Mobilmachung gegen Oesterreich-Ungarn 
und der russischen Gesamtmobilmachung gegen Deutschland sehen? 
Er sah nichts darin und Frankreich auch nicht, garnichts als Vor- 
sichtsmassregeln, über die Deutschland sich nicht beunruhigen durfte, 
ohne «den Krieg zu provozieren >! 



280 30. Juli 

Anlage 1 zu Blaubuch Nr. 105. 
Sir Edward Grey an Herrn Paul Cambon. 

London, den 22. November 1912. 

Mein lieber Botschafter. 

Der Bündnis- Von Zeit zu Zeit haben während der letz- 

Cordfai? ntente ten Jahre die Fachleute von Heer und Flotte 
Frankreichs und Englands miteinander be- 
raten. Es war stets ausgemacht, dass diese Meinungs- 
austausche die E n t s c h <l u s s f r e i h e i t der einen oder 
anderen Regierung nicht -berühren sollten, in irgend 
einem Augenblick der Zukunft zu entscheiden, ob sie die 
andere mit ihrer bewaffneten Macht unterstützen solle oder 
nicht. Wir haben angenommen, dass ein Meinungsaustausch 
zwischen Fachleuten keine Verpflichtung bilden konnte und 
nicht als solche angesehen werden -dürfte, welche die eine oder 
die andere Regierung in einer Eventualität binden könne, die 
noch nicht eingetreten ist und vielleicht niemals eintreten wird. 
Beispielsweise beruht die jetzige Verteilung der französischen 
und der englischen Flotte nicht auf einer Verpflichtung zur 
Zusammenarbeit für den Kriegsfall. 

Sie haben jedoch hervorgehoben, dass, wenn die eine 
oder die andere Regierung schwerwiegende Gründe haben 
sollte, einen Angriff von Seiten einer dritten Macht zu fürchten, 
ohne dass eine Provokation erfolgt sei, es wesentlich sein 
könnte, zu wissen, ob sie unter diesen Umständen auf die mili- 
tärische Unterstützung der anderen Macht zählen könne. Ich 
billige, dass, wenn die eine oder die andere Regierung 
schwerwiegende Gründe haben sollte, ohne Provokation den 
Angriff einer dritten Macht oder ein Ereignis, welches den 
allgemeinen Frieden bedroht, zu erwarten, diese Regierung 
sogleich mit der anderen erwägen sollte, ob nichf beide 
gemeinsam vorgehen müssen, um einen Angriff zu verhindern 
und den Frieden aufrecht zu erhalten, und in diesem 
Falle die Massregeln zu suchen, w e 1 c he sie 
geneigt wären, gemeinsam zu ergreifen. Wenn 
diese Massnahmen eine militärische Aktion einschliessen, 
so sollten die Pläne der Generalstäbe sogleich in Erwägung 
gezogen werden und die Regierungen würden darauf über die 
Folge entscheiden, welche man ihnen geben müsste. 



* :5 ^V 



30. Juli 281 

Anlage 2 zu Blaubuch Nr. 105. 
Herr Paul Cambon an Sir Edward Grey. 

London, den 23. November 1913. 
Lieber Sir Edward Grey. 

Durch Ihren gestrigen, vom 22. November datierten 
Brief haben Sie mich daran erinnert, dass in den letz- 
ten Jahren die Armee- und Marinebehörden Frank- 
reichs und Qrossbritanniens sich von Zeit zu Zeit be- 
sprochen haben ; dass es stets als abgemacht galt, dass 
diese Besprechungen nicht die Freiheit für jede Regierung 
einschränken sollten, in Zukunft zu beschliessen, ob sie ein- 
ander die Unterstützung ihrer bewaffneten Macht leihen wür- 
den, und dass beiderseitig diese Besprechungen von Fach- 
leuten keine Verpflichtung bildeten und nicht als Verpflichtun- 
gen angesehen werden sollten, die unsere Regierungen zwän- 
gen, in gewissen Fällen zu handeln; dass immerhin ich Ihnen 
hervorgehoben habe, dass, wenn eine der beiden Regierungen 
schwerwiegende Gründe hätte, einen nicht provozierten An- 
griff seitens einer dritten Macht zu befürchten, es wichtig 
wäre zu erfahren, ob sie auf den bewaffneten Beistand der 
anderen rechnen könne. 

Ihr Brief beantwortet diese Bemerkung, und ich bin er- 
mächtigt, Ihnen zu erklären, dass im Falle eine der beiden Re- 
gierungen ernstlich Grund hat, entweder den Angriff einer 
dritten Macht zu befürchten oder irgend ein den allgemeinen 
Frieden bedrohendes Ereignis, diese Regierung sogleich mit der 
anderen prüfen sollte, ob die beiden Regierungen imEinverständ- 
nis handeln müssen, um einem Angriff zuvorzukommen oder den 
Frieden zu wahren. In diesem Falle sollten die beiden Re- 
gierungen über die Massnahmen beraten, welche sie geneigt 
wären, gemeinsam zu ergreifen. Wenn diese Massnahmen ein 
Vorgehen in sich schliessen sollten, so würden die beiden Re- 
gierungen sogleich die Pläne ihrer Generalstäbe in Erwägung 
ziehen und dann über die Folge beschliessen, welche diesen 
Plänen gegeben werden müsste. 1 ) 



Blb. Nr. 105. *) Als 3. Anlage liegt dem Dokument Blb. Nr. 105 
eine französische Note bei, ein Schreiben Vivianis an Paul Cambon, 
über die bedrohlichen militärischen Vorbereitungen Deutschlands. Dieses 
Dokument stimmt inhaltlich mit einem Telegramm Vivianis an Paul 
Cambon überein, das im Gib. als Nr. 106 angeführt ist. Was diese 
Mitteilung an die englische Regierung betrifft, so ist wiederholt fest- 
gestellt worden, dass es sich um ein sehr unzuverlässiges Dokument 
handelt. So führen u. a. Dr. Karl Helfferich in der erwähnten Schrift und 



19 



282 



30. Juli 



Prinz Heinrich 
bittet König 
Georg, auf 
Frankreich 
und Kussland 
einzuwirken, 
und beteuert 
die friedlichen 
Absichten 
Deutschlands. 



Prinz Heinrich von Preussen an den König von England. 

Neuausgabe des Weissbuches, Abschnitt 5. I. 1 ) 

Bin seit gestern hier, habe das, was Du mir so freund- 
lich in Buckingham Palace am vorigen Sonntag gesagt, Wil- 
helm mitgeteilt, der Deine Botschaft dankbar entgegennahm. 

Wilhelm, der sehr besorgt ist, tut Sein Aeusser- 
stes, um der Bitte Nikolaus' nachzukommen, 
für die Erhaltung des Friedens zu arbeiten. 
Er steht in dauerndem telegrafischem Verkehr mit Nikolaus, 
der heute die Nachricht bestätigt, dass e r m i 1 i t ä r i s c h e 
Massnahmen angeordnet hat, welche einer 
Mobilmachung gleichkommen, und dass diese 
Massnahmen schon vor 5 Tagen getroffen 
w u r d e n. 

Ausserdem erhalten wir Nachrichten, dass Frank- 
reich militärische Vorbereitungen trifft, 
während wir keinerlei Massnahmen verfügt haben, wozu wir 
indessen jeden Augenblick gezwungen sein könnten, wenn 
unsere Nachbarn damit fortfahren. D as würde dann 
einen europäischen Krieg bedeuten. 

Wenn Du wirklich und aufrichtig wünschest, 
dieses furchtbare Unglück zu verhindern, darf ich Dir dann 
vorschlagen, Deinen E i n f 1 u s s auf Frankreich und 



Wilhelm Levison in einem Artikel der Kölnischen Zeitung vom 22. Ja- 
nuar 1915 (Nr. 78), der später mit anderen kritischen Betrachtungen 
in einer sehr lesenswerten Broschüre, « Randglossen zum Französischen 
Gelbbuch», Berlin, Conoordia, Deutsche Verlagsanstalt, 1915 erschie- 
nen ist, den Nachweis, dass es sich hier um eine Fälschung handelt. 
Dr. Helfferich schreibt S. 4, Anmerkung, seines Buches: < Durch die 
Datierung dieser Note vom 30. Juli soll der Eindruck erweckt werden,, 
als ob damals und bereits in den Tagen vorher die deutschen Truppen 
schon hart an der Grenze gestanden und durch Patrouillen die Grenze 
sogar überschritten hätten. Die Notiz beginnt im Wortlaut der dritten 
Ausgabe des Blaubuches : « L'armee allemande a ses avant-postes sur 
nos bornes-frontieres, hier par deux fois des patrouilles allemandes 
ont penetre sur notre territoire» (die deutsche Armee hat ihre Vor- 
posten an unserer Grenze, gestern sind deutsche Patrouillen in unser 
Gebiet eingedrungen). «Gestern» heisst in einer am 30. Juli über- 
reichten Notiz natürlich der 29. Juli. Der 29. Juli war ein Mittwoch. 
In dem ersten Druck des Blaubuchs hiess es aber «hier, vendredi» 
(gestern, Freitag); der vendredi ist erst später, als man die Unstimmig- 
keit bemerkte, gestrichen worden. Hieraus ergibt sich, dass die an- 
geblich am 30. Juli überreichte Notiz überhaupt erst am Sonnabend, 
1. August, verfasst sein kann, ganz abgesehen davon, dass weder am 
29. noch am 31. Juli eine Grenzüberschreitung stattgefunden hat. > 



Neu aus g. des Wb., Abschn. 5. I. *) Zuerst in der Nordd. Allg.. 
Ztg. vom 21. August 1914 veröffentlicht. 



30. Juli 



283 



auch auf R u s s 1 a n d dahin auszuüben, dass sie 
neutral bleiben. Das würde meiner Ansicht nach von 
grösstem Nutzen sein. Ich halte dies für eine sichere und 
vielleicht die einzige Möglichkeit, den Frieden Europas zu 
wahren. Ich möchte hinzufügen, dass jetzt 
mehr denn je Deutschland und England sich 
gegenseitig unterstützen sollten, um ein 
furchtbares Unheil zu verhindern, das sonst 
unabwendbar erscheint. 

Glaube mir, dass Wilhelm in seinen Bestrebungen um 
die Aufrechterhaltung 'des Friedens von der grössten 
Aufrichtigkeit ist. Aber die militärischen Vorbereitun- 
gen seiner beiden Nachbarn können ihn schliesslich zwingen, 
für die Sicherheit seines eigenen Landes, das sonst wehr- 
los bleiben würde, ihrem Beispiel zu folgen. Ich habe 
Wilhelm von meinem Telegramm an Dich unterrichtet und 
hoffe, Du wirst meine Mitteilungen mit demselben freundschaft- 
lichen Geiste entgegennehmen, der sie veranlasst hat. 

gez. Heinrich. 



Der König von England an Prinz Heinrich von Preussen. 
Neuausgabe des Weissbuches, Abschnitt 5. IL 

Dank für Dein Telegramm. Sehr erfreut von Wilhelms 
Bemühungen zu hören, mit Nikolaus sich für die Erhaltung des 
Friedens zu einigen. Ich habe den ernstesten Wunsch, dass ein 
solches Unglück, wie ein europäischer Krieg, das gar nicht 
wieder gut zu machen ist, verhindert werden möge. Meine 
Regierung tut ihr möglichstes, um R u s s 1 a n d 
und Frankreich nahe zu legen, weitere mili- 
tärische Vorbereitungen aufzuschieben, falls 
Oester reich sich niit der Besetzung von Belgrad und benach- 
bartem serbischen Gebiet als Pfand für eine befriedigende Re- 
gelung seiner Forderungen zufrieden gibt, während gleichzeitig 
die anderen Länder ihre Kriegsvortoereitungen einstellen. 1 ) Ich 
vertraue 'darauf, dass Wilhelm seinen grossen Einfluss anwen- 
den wird, um esterreich zur Annahme dieses Vorschlages zu 
bewegen; dadurch würde er beweisen, dass Deutschland und 
Frankreich zusammenarbeiten, um zu verhindern, was eine 



Neuaus g. des Wb, Abschn. 5. II. a ) Das stimmt nicht. Die 
englische Regierung tat nichts in diesem Sinne, sie Hess Russland 
ungehindert die allgemeine Mobilmachung proklamieren, ohne deshalb 
die Solidarität mit Russland aufzugeben. Das geht klar und deutlich 
aus dem Blb. hervor. 



König Georg 
behaupte t,dass 
England sein 
Möglichstes 
tue, um russi- 
sche und fran- 
zösische Mili- 
tärmassnah- 
raen zu -ver- 
hüten. 



284 30. Juli 



internationale Katastrophe sein würde. Bitte versichere 
Wilhelm, d a s s i e h alles t u e u n d auch weiter 
tun werde, was in Meiner Macht liegt, nun den 
europäischen Frieden zu erhalten. 2 ) 



gez. Georg. 



Neuaus g. des W b., Abschn. 5. II. 2 ) Das ist nie geschehen. 
König Georg wandte sich erst zwei Tage später, am 1. August, 
als die Kriegserklärung bereits erfolgt war, an den Zaren, während seine 
Regierung anstatt in St. Petersburg zu wirken, ihre ganze Aufmerk- 
samkeit den französisch-englischen Verhandlungen über das Eintreten 
des Bündnisfalles schenkte. 



31. Juli 285 



31. JULI 



Der österreichisch-ungarische Minister des Aeusseren, Graf 
Berchtold, an die österreichisch-ungarischen Botschafter 
in London und St. Petersburg. 

Rotbuch Nr. 51. 

Wien. 

Ich telegraphiere wie folgt nach Berlin : 4S-uSm" 

Herr von Tschirschky hat auftraggemäss gestern hier Mit- ßj^Sad? 

teilung über eine Unterredung zwischen Sir E. Grey und Fürst Antrieb - 

Lichnowsky gemacht, in welcher der englische Staatssekretär tenGr^schen 

dem deutschen Botschafter das Nachfolgende eröffnete : Vorschlag an 

r> iii. i. i t-» • • i und ist zu der 

Sasonow habe die englische Regierung wissen lassen, Vermittlung 
dass er nach der Kriegserklärung Oesterreich-Ungarns an Ser- o^terreich- 
bien nicht mehr in der Lage sei, mit Oesterreieh-Ungarn direkt F n fy ra u nd •* 
zu verhandeln und daher die Bitte ausspreche, England -möge 
seine Vermittlung wieder aufnehmen. Als Voraussetzung be- 
trachte die russische Regierung die vorläufige Einstellung der 
Feindseligkeiten. 

Zu dieser russischen Eröffnung bemerkte Sir E. Grey zu 
Fürst Lichnowsky, England denke an Vermittlung ä quatre 
und halte dieselbe für dringend geboten, wenn nicht ein Welt- 
krieg entstehen solle. 

Ich ersuche Euer Exzellenz, dem Herrn Staatssekretär 
für die uns durch Herrn von Tschirschky gemachten Mittei- 
lungen verbindlichst zu danken und ihm zu erklären, dass 
wir trotz der A e n d e r u n g , d i e in der Situation 
seither durch die Mobilisierung R u s s 1 a n d s 
eingetreten sei, gerne bereit seien, dem Vor- 
schlag Sir E. G r e y s , zwischen uns und Serbien 
zu vermitteln, näher zu treten. 

Die Voraussetzungen unserer Annahme seien jedoch na- 
türlich, dass unsere militärische Aktion gegen 
Serbien einstweilen ihren Fortgang nehme 



286 



31. Juli 



und dass das englische Kabinett die .russische Regierung be- 
wege, die gegen uns gerichtete russische Mo- 
b i 1 i s i e r n g zum Stillstand zu bringen, in wel- 
chem Falle selbstverständlich auch wir die uns durch die- 
selben aufgezwungenen defensiven militärischen Gegenmass- 
regeln in Galizien sofort wieder rückgängig machen 
Würden. 1 ) 



Russland ord- 
net die allge- 
meine Mobil- 
machung an. 



Der österreichisch-ungarische Botschafter in St. Petersburg, 
Graf Szäpäry, an den österreichisch-ungarischen Mini- 
ster des Aeusseren, Graf Berchtold. 

Rotbuch Nr. 52. 

St. Petersburg. 
Heute früh Ordre zur allgemeinen Mobi- 
lisierung d e r gesamten Armee und Flotte er- 
folgt. 



Oesterreich- 
Ungarn trifft 
militärische 
Massnahmen 
in Galizien. 



Der österreichisch-ungarische Minister des Aeusseren, Graf 

Berchtold, an die österreichisch-ungarischen Vertreter 

im Auslande. 

Botbuch Nr. 53. 

Wien. 

Zu Euer Exzellenz Information und Verwertung bei dor- 
tiger Regierung : 

Da von der russischen Regierung Mobilisierungen an 
unserer Grenze angeordnet worden sind, sehen wir uns zu 
militärischen Massnahmen in Galizien gezwungen. 

Diese Massnahmen sind rein defensiven Charakters und 
lediglich unter dem Drucke der russischen Vorkehrungen er- 
folgt, die Wir sehr bedauern, da wir selbst keinerlei aggressive 
Absichten gegen Russland haben und die Fortdauer der bis- 
herigen guten nachbarlichen Beziehungen wünschen. 

Die der Situation entsprechenden Pourparlers 
zwischen dem Wiener und St. Petersburger 
Kabinett, von denen wir uns eine allseitige 
Beruhigung erhoffen, nehmen inzwischen 
ihren F o r t g a n g. 

Rb. Nr. 51. 1 ) Das ist die glatte Annahme des Greyschen Ver- 
mittlungsvorsehlages, dem jetzt also Deutschland und Oesterreich- 
Ungarn vorbehaltlos zustimmten. 



31. Juli 



287 



Der englische Botschafter in Berlin, Sir E. Goschen, an den 
englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 108. 

Berlin. 

Der Kanzler teilt mir mit, dass seine Bemühungen in 
Wien für den Frieden und für Mässigung zu wirken, sehr ernst- 
haft durch die russische Mobilmachung gegen Österreich be- 
einträchtigt worden sind. Er hat alles getan, was möglich war, 
um in Wien zum Ziele zu gelangen, vielleicht mehr als dem 
Ballplatz angenehm war. Er könne jedoch nicht sein 
Land unverteidigt lassen, derweil die Zeit von an- 
dern Mächten ausgenutzt werde; und wenn, wie er jetzt erfährt, 
Russland militärische Massnahmen auch gegen Deutschland 
ergreift, so sei es ihm unmöglich ruhig zu bleiben. Er wünsche 
mir mitzuteilen, dass es sehr möglich sei, dass die deutsche 
Regierung in sehr kurzer Zeit, vielleicht heute, sehr ernsthafte 
Massnahmen ergreifen würde; er war in der Tat gerade im 
Begriffe, zu einer Audienz beim Kaiser zu gehen. Seine Ex- 
zellenz fügte hinzu, dass die Nachricht von aktiven Vorberei- 
tungen an der russisch-deutschen Grenze ihn gerade im Au- 
genblicke erreichte, als der Zar den Kaiser im Namen ihrer 
alten Freundschaft bat, in Wien zu vermitteln, und als der 
Kaiser tatsächlich dieser Bitte nachkam. 



Deutschland 
teilt in London 
mit, dass es 
gezwungen 
sein wird, den 
russischen 
Massnahmen 
deutsche Mass- 
nahmen ent- 
gegenzusetzen 



Der englische B otschafter in Berlin, Sir E. Goschen, an den 
englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 109. 

Berlin. 

Ich verlas dem Reichskanzler heute morgen Ihre mir 
telegraphiseh übermittelte Antwort 1 ) auf seinen Appell an 
Englands Neutralität im Falle eines Krieges. Seine Exzellenz 
war mit der Nachricht über Russlands Massnahmen längs 
der Grenze, die ich in imeinem unmittelbar vorangehenden 
Telegramm erwähnt habe, so beschäftigt, dass er Ihre Ant- 
wort ohne Bemerkung hinnahm. Er ersuchte mich, ihm die 
soeben vorgelesene Mitteilung als Memorandum zu hinter- 
lassen, da er vor einer Antwort darüber nachdenken wolle, 
denn er sei jetzt mit so ernsten Dingen überbürdet, dass er 



Der Reichs- 
kanzler em- 
pfängt die ab- 
lehnende Ant- 
wort Greys auf 
seine Neutrali- 
tätsvorschläge 



Blb. Nr. 109. ») Blb. Nr. 101. 



288 



31. Juli 



nicht sicher sein könne, alle Punkte im Gedächtnis zu haben. 
Ich händigte ihm. daher den Wortlaut Ihrer Botschaft ein, 
unter der Bedingung, dass derselbe nur als die Wiedergabe 
einer Unterredung und nicht als ein offizielles Aktenstück 
betrachtet werden dürfe. Seine Exzellenz war damit einver- 
standen. 



Der englische Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an den englischen Botschafter in St. Petersburg, Sir 
G. Buchanan. 



Blaubuch Nr. 110. 
Grey erkennt Der deutsche Botschafter teilte mir mit, dass als E r - 

Deutschlands ,., » j j i .1.--T)»»:« 

verdienst um g e b n i s d e r A n r e g u n g e n d e r d e u t s e h e n K e g 1 e - 
Sscn-russl- r u n 2 z wisoben dem österreichischen Minister des Aeusseren und 
scnenvernand- dem russischen Botschafter in Wien eine Unterredung stattge- 
funden habe. Der österreichisch-ungarische Botschafter in St. 
Petersburg sei ebenfalls angewiesen worden, mit dem russi- 
schen Minister des Aeusseren zu beraten und über das österrei- 
chische Ultimatum an Serbien Erklärungen abzugeben und 
die Vorschläge und Fragen, welche die russisch-österreichi- 
schen Beziehungen direkt beträfen, gemeinschaftlich zu er- 
wägen. Auf einen Einwand Russlands über die acht mobili- 
sierten österreichisch-ungarischen Armeekorps möge betont 
werden, dass diese Zahl gegen 400,000 Serben nicht zu gross 
sei. Der deutsche Botschafter bat mich, ich möge auf die 
russische Regierung einwirken, dass sie bei den Verhandlun- 
gen guten Willen zeige und ihre militärischen Vorbereitungen 
einstelle. 

Es hat mir grosse Genugtuung bereitet zu vernehmen, 
dass die Besprechungen zwischen Oesterreioh-Ungarn und 
Russland wieder aufgenommen worden sind und ich bitte 
Sie, dem Minister des Aeusseren das zu berichten und ihm 
zu sagen, dass ich ernsthaft hoffe, er werde dieselben för- 
dern. 

Ich sagte dem deutschen Botschafter, dass ich nicht 
sehe, wie Russland zu einer Unterbrechung der militärischen 
Massnahmen bewogen werden könne, wenn Oesterreich-Un- 
garn dem Vorrücken seiner Truppen in Serbien nicht irgend 
eine Grenze gebiete. 



31. Juli 289 

Der englische St aatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an den englischen Botschafter in Berlin, Sir E. Goschen. 

Blaubuch Nr. 111. 

London. 
Ich hoffe, dass die jetzt zwischen Oesterreich-Ungarn Deute P cWand rt 
und Russland stattfindenden Unterredungen zu einem befrie- gegenüber sei- 
digenden Ergebnisse führen. Den Stein des Anstosses bildete vorscMag n 
bisher das Misstrauen Oesterreich-Ungarns in Bezug auf 
Serbiens Beteuerungen und Russlands Misstrauen gegen die 
Absichten Oesterreich-Ungarns betreffs Serbiens Integrität und 
Unabhängigkeit. Der Gedanke ist mir gekommen, dass im 
Falle, wo dieses Misstrauen Wien und Petersburg an einer 
Lösung hindert, Deutschland, Wien und Petersburg sondieren 
könnte, um zu erfahren, ob es für die vier unbeteiligten 
Mächte möglich wäre, Oesterreich das Anerbieten zu machen, 
ihm zu garantieren, dass es volle Genugtuung in seinen 
Forderungen an Serbien erhalte, vorausgesetzt, dass es we- 
der die serbische Souveränität noch die Integrität des serbi- 
schen Gebietes antaste. Wie Eure Exzellenz wissen, hat 
Oesterreich bereits die Absicht ausgesprochen, sie zu respek- 
tieren. Russland könnte von den vier Mächten verständigt 
werden, dass sie verhindern wiürden, dass Oesterreichs For- 
derungen auf die Souveränität und die serbische Integrität 
übergreifen. Natürlich müssten die Mächte die militärischen 
Operationen und Vorbereitungen einstellen. 

Befragen Sie den Staatssekretär über diesen Vorschlag. 1 ) 
Heute morgen sagte ich dem deutschen Botschafter, dass, f r r e ^ e p tk 
wenn Deutschland irgend einen vernünftigen Vorschlag reich und Russ- 
machen könne, aus welchem zu ersehen wäre, dass Deutsch- fofgschaffzü 
land und Oesterreich danach strebten, den Frieden Europas kün^gen, sich 
zu wahren, und dass ein Verweigern Russlands und Frank- mtransigent 
reichs, den unterbreiteten Vorschlag anzunehmen, unvernünf- verhalten - 
tig wäre, ich eine solche Anregung in Paris und St. Petersburg 
unterstützen und sogar erklären würde, dass, wenn Russland 
und Frankreich ihn nicht annehmen, die Regierung Seiner Ma- 
jestät mit den entstehenden Folgen nichts zu tun haben würde; 
anderseits sagte ich dem deutschen Botschafter dann noch, 



Blb. Nr. 111. s ) Es handelte sich dabei, wie man sieht, um gar 
keinen neuen Vorschlag, sondern um eine Präzisierung des letzten 
Greyschen Vorschlags. Man fragt sich, was Grey mit diesem immer 
wieder erneuten Aufstellen von Vorschlägen, deren Ergebnis er nicht 
abwartete, bezweckte; diese Frage ist umso berechtigter, als Grey 
niemals, wenn diese Vorschläge von Russland umgeworfen wurden, 
den geringsten Protest verlauten liess. 



290 



31. Juli 



dass, wenn Frankreich in den Krieg hineingezogen würde, das 
auch für uns gelte. 2 ) 

Sie können dies hinzufügen, wenn Sie mit dem Reichs- 
kanzler oder mit dem Staatssekretär über den obigen Vor- 
schlag sprechen. 



Der Zar erklärt 
die Einstellung 
der russischen 
Mobilmachung 
für unmöglich. 



Der Kaiser von Russland an den Deutschen Kaiser. 

Weissbuch, Denkschrift. 

Ich danke Dir von Herzen für Deine Vermittlung, die 
eine Hoffnung aufleuchten lässt, dass doch noch alles friedlich 
enden könnte. Es ist technisch ttnnuögHch, unsere 
militärischen Vorbereitungen einzustellen, 
die durch O e s t e r r e i c h s Mobilisierung not- 
wendig geworden sind. 1 ) Wir sind weit davon ent- 
fernt, einen Krieg zu wünschen. Solange wie die Verhandlun- 
gen mit Oesterreich über Serbien andauern, werden Meine 
Truppen keine herausfordernde Aktion unternehmen. Ich 
gebe Dir Mein feierliches Wort darauf. Ich 
vertraue mit aller Kraft auf Gottes Gnade und hoffe auf den 
Erfolg Deiner Vermittelung in Wien für die Wohlfahrt unserer 
Länder und den Frieden Europas. 

Dein Dir herzlich ergebener 
Nikolaus. 



B 1 b. Nr. 1 1 1 . 2 ) Dieses rührselige Versprechen Greys bildet einen der 
bedenklichsten Schönheitsfehler des Blb. Lichnowsky wird es natürlich 
auch nicht ernst genommen haben. Deutschland tat alles, was es konnte, um 
eine österreichisch-russische Einigung zu erzielen. Es nahm die Grey- 
schen Projekte für bare Münze und arbeitete unausgesetzt an ihrer 
Verwirklichung. Indes rüstete Russland und erklärte der englischen Di- 
plomatie insgeheim, die weitgehendste Konzession Oesterreich-Ungarns 
könnte es nicht befriedigen. England nahm das eine wie das andere 
ruhig hin, verhandelte eifrig mit Frankreich über die Teilnahme 
am Kriege, suchte nach dem Kriegsanlass, dessen es benötigte, 
und machte damit sowohl in St. Petersburg wie in Paris alle Bestre- 
bungen für den Frieden hinfällig und unmöglich. Und in diesem Sta- 
dium seiner Wirksamkeit angelangt, sprach Grey die oben wiederge- 
gebenen Worte ! Man braucht sie aber gar nicht einmal im Zusammen- 
hang mit den Verhandlungen zu betrachten. Es genügt, sie mit dem 
gleich darauffolgenden Satz in Beziehung zu bringen: Grey verspricht, 
in Paris und St. Petersburg jede Mitwirkung Englands am Kriege ab- 
zulehnen, falls Paris und St. Petersburg etwaige vernünftige Vor- 
schläge Deutschlands ablehnen. Er fügt aber sofort hinzu, dass dies 
nicht für den Fall gelte, wenn Frankreich in den Krieg hineingezogen 
würde, d. h. auch für den Fall, dass Frankreich eben die vernünftigen 
Vorschläge ablehne ! ! Dieser Satz ist ein Musterbeispiel der Greyschen 
Wortkunst während der Krisis. 



Wb.Denkschrif t. ') Es ist schon wiederholt an Hand des Ob. und 
des Blb. auf die Unrichtigkeit dieser Behauptung hingewiesen worden. 



31. Juli 



291 



Der Deutsche Kaiser an den Kaiser von Russland- *) 

Weissbuch, Denkschrift. 

Auf Deinen Appell an Meine Freundschaft und Deine 
Bitte um Meine Hilfe habe Ich eine Vermittlungsaktion zwi- 
schen Deiner und der Oesterreichisch-Ungarischen Regierung 
aufgenommen. Während diese Aktion im Gange 
war, sind Deine Truppen gegen das Mir ver- 
bündete Oesterreich- Ungarn mobilisiert 
worden, wodurch, wie Ich Dir schon mitgeteilt habe, Meine 
Vermittelung beinahe illusorisch gemacht worden ist. Trotz- 
■dem habe I c h sie fortgesetzt. Nunmehr erhalte Ich 
zuverlässige Nachrichten über ernste Kriegsvorbereitungen 
auch an Meiner östlichen Grenze. Die Verantwor- 
tung für die Sicherheit Meines Reiches zwingt Mich zu 
d e f e n s i v e n G e g e n m a s s r e g e 1 n. Ich bin mit Meinen 
Bemühungen um die Erhaltung des Weltfriedens bis an die 
äusserste Grenze des Möglichen gegangen. 
Nicht Ich trage die Verantwortung für das Unheil, das jetzt der 
ganzen zivilisierten Welt droht. Noch in diesem Augenblick 
liegt es in Deiner Hand, es abzuwenden. Niemand be- 
droht die Ehre und Macht R u s s '1 a n d s , das wohl 
auf den Erfolg Meiner Vermittelung hätte warten können. Die 
Mir von Meinem Grossvater auf dem Totenbette überkom- 
mene Freundschaft für Dich und Dein Reich ist Mir immer 
heilig gewesen, und Ich habe treu zu Ruisslland gestanden, 
wenn es in schwerer Bedrängnis war, besonders in seinem 
letzten Kriege. 'Der Friede Europas kann von Dir noch jetzt 
erhalten werden, wenn R n s s 1 a n d sich ent- 
s c h 1 i e s s t , die militärischen Massnahmen 
e i n z u s t e II 1 e n , die Deutschland und Oester- 
r e i e h - U n g a r n bedrohen. 



Kaiser Wil- 
helm bittet 
nochmals drin- 
gend um die 
Einstellung 
der russischen 
militärischen 
Massnahmen. 



Der englische Botschafter in Berlin, Sir E. Goschen, an den 
englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 112. 

Berlin. 
Nach einer Nachricht, die die deutsche Regierung soeben 
von ihrem Botschafter in St. Petersburg erhalten hat, sind 
das gesamte Heer und die ganze Flotte Russ- 
lands mobilisiert worden. Der Reichskanzler sagte 
mir, dass die Regierung sogleich die « Kriegsgefahr » 

Wb. Denkschrift. x ) Dieses Telegramm kreuzte sich mit dem 
vorher wiedergegebenen Telegramm des Zaren. 



Der Reichs- 
kanzler erhält 
die Nachricht 
von der allge- 
meinen Mobil- 
machung in 
Russland und 
kündigt Sir 
E. Goschen die 
bevorstehende 
Proklamation 
der <Kriegs- 
gefahr> an. 



292 



31. Juli 



verkünden werde, da ja die allgemeine russische Mo- 
bilisation nur gegen Deutschland gerichtet sein kann, 
und die Mobilmachung wird sofort darauf folgen. Seine Ex- 
zellenz erklärte, dass « Kriegsgefahr » die Anordnung 
gewisser militärischer Vorsichtsmassnahmen bedeute, welche 
ergriffen würden, wenn sich die 'Beziehungen mit einem frem- 
den Lande trübten. 

Seine Exzellenz fügte hinzu, dass diese St. Petersburger 
Nachrichten jede Hoffnung auf eine friedliche Lösung des Kon- 
flikts zu beenden scheinen. Deutsehland «müsse jetzt auf alle 
Möglichkeiten vorbereitet sein. 

Ich fragte ihn, ob er nicht doch noch auf die Wiener 
massgebenden Stellen einen Druck ausüben könne, damit die- 
selben im allgemeinen Interesse Russland Versicherungen ab- 
geben und sich zugleich bereit zeigen, die Verhandlungen auf 
freundschaftlicher Grundlage weiter zu führen. Er erwiderte, 
er habe gestern abend Oesterreich-Ungarn gebeten, auf Ihren 
letzten Vorschlag eine Antwort zu geben und dass er eine 
Antwort erhalten habe, die dahin lautete, dass der Minister des 
Aeusseren heute früh die Wünsche des Kaisers Franz-Joseph 
einholen werde. 



Englischer Be- 
richt über die 
russische all- 
gemeine Mo- 
bilmachung. 



Der englische Botschafter in St. Petersburg, Sir G. Buchanan, 
an den englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir 

Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 113. 

St. Petersburg. 

Es ist beschlossen worden, die allge- 
meine Mobilisation anzuordnen. 

Dieser Beschiluss ist die Folge des Berichtes, welcher 
vom russischen Botschafter in Wien eingelaufen ist und der 
besagt, dass Oesterreich-Ungarn entschlossen sei, der Vermitt- 
lung der Mächte nicht Folge zu leisten, und dass es seine Trup- 
pen sowohl gegen Russland als auch gegen Serbien vorrücken 
lasse. 1 ) 

Russiland hat auch Gründe, anzunehmen, dass Deutsch- 
land aktive militärische Vorbereitungen betreibt, und Russland 
kann nicht zulassen, dass Deutschland ihm zuvorkommt. 2 ) 

Blb. Nr. 113. J ) Ein solcher Bericht ist im Ob. natürlich nicht 
enthalten und kann auch nicht existieren, da Oesterreich-Ungarn im 
Gegenteil zu der Vermittlung bereit war und sich dem englischen 
Vorschlag angeschlossen hatte. 

2 ) Buchanan hat also sonst nichts zu der russischen allgemeinen 
Mobilmachung zu sagen, derselbe Buchanan, der wiederholt die Gefahr 
einer russischen Mobilmachung voraussah und selbst erklärt hatte, dass 
eine derartige russische Massnahme den Krieg bedeute. 



31. Juli 



293 



Der englische St aatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an die englischen Botschafter in Paris und Berlin. 

Blaubuch Nr. 114. 

London. 

Ich vertraue immer nooh darauf, dass die Lage nicht völlig 
hoffnungslos ist, aber da die Mobilisation Deutschlands bevor- 
steht, ist es für Seiner Majestät Regierung äusserst wichtig, im 
Hinblick auf die bestehenden Verträge, zu fragen, ob die franzö- 
sische (die deutsche) Regierung gewillt ist, die Neutrali- 
tät Belgiens zu achten, so lange als keine andere 
Macht sie verletzt. 

Die gleiche Frage wird an die deutsche (französische) 
Regierung gerichtet. Es ist wichtig, dass eine Antwort bald 
eintrifft. x ) 



Bei Erhalt der 
Nachricht von 
der russischen 
allgemeinen 
Mobilmachung 
richtet Grey 
die Anfrage an 
Deutschland 
und Frank- 
reich, ob sie die 
belgische Neu- 
tralität achten 
wollen. 



Der englische Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an den englischen Gesandten in Brüssel, Sir F. Villiers. 



Blaubuch Nr. 115. 



L o m d o n. 



In Anbetracht der bestehenden Verträge teilen Sie dem Beigien^u? 

belgischen Minister des Aeusseren mit, infolge der Gefahr seine Neutraii- 

eines europäischen Krieges hätte ich die Regierungen Frank- Aeusserste zu 

reichs und Deutschlands gefragt, ob jede von ihnen die Neu- verteid te en - 
tralität Belgiens achten wolle, solange sie von keiner anderen 
Macht verletzt werde. 



Blb. Nr. 114. ') Hier schneidet Sir Edward Grey selbst die 
belgische Frage an. Man kann dieses Telegramm nicht besser cha- 
rakterisieren, als wenn man mit Dr. Karl Helfferichs vorzüglicher 
Arbeit « Die Entstehung des Weltkrieges usw. >, S. 36, darauf 
hinweist, dass die Petersburger Meldung über die allgemeine Mobil- 
machung als Nr. 1 13 figuriert und sofort darauf Nr. 1 14 die obenstehende 
Anfrage enthält. <Also Greys Antwort*, schreibt Helfferich <auf die 
russische Mobilmachung war nicht ein Schritt in Petersburg, sondern 
das Aufwerfen der belgischen Neutralitätsfrage in Berlin — die An- 
frage in Paris war selbstverständlich Komödie — um den Aus- 
gangspunkt für Englands Eingreifen zu gewinnen*. 

Jetzt wusste Grey, dass der Krieg unvermeidlich war, d. h. un- 
vermeidlich, wenn England nicht in St. Petersburg und Paris erklärte, 
es würde neutral bleiben und somit Russland zum Einlenken zwang. 
Das tat Grey nicht. Er hatte jetzt nur noch einen Gedanken : die <wei- 
tere Entwicklung* herbeizuführen, d. h. den Kriegsgrund zu finden, 
mit dem er das Kabinett und das Parlament zum Eintritt in den Krieg 
veranlassen konnte, zu dem er selbst sich bereits Frankreich gegen- 
über verpflichtet hatte. 



294 



31. Juli 



Sagen Sie, ich nähme an, dass die belgische Regierung 
mit ihrer äussersten Macht ihre Neutralität schützen werde, 
ebenso wie ich dies von den andern Mächten wünsche und 
erwarte. 

Bitten Sie die belgische Regierung um schnelle Antwort. 



Die österrei- 
chisch-russi- 
sckenVerhand- 
lungeninWien. 



Der russische Botschafter in Wien, Schebeko, an den rus- 
sischen Minister des Aeusseren, S asonow. 

Orangebuch Nr. 66. 

Wien. 
Trotz der allgemeinen Mobilmachung setze ich den Mei- 
nungsaustausch mit Graf Berchtold und seinen Mitarbeitern 
fort. Alle betonen das Fehlen jeder aggressiven Absicht Oester- 
reichs und jeder Eroberungsabsicht in Betreff Serbiens, aber 
alle betonen auch die Notwendigkeit für Oesterreich, die be- 
gonnene Aktion vollständig durchzuführen und Serbien eine 
ernsthafte Lektion zu erteilen, die eine gewisse Garantie für 
die Zukunft bilden könnte. 1 ) 



Szäpäry stellt 
die Intransi- 
genz Sasonows 
fest. 



Der österreichisch-ungarische Botschafter in St. Petersburg, 
Graf Szäpäry, an den österreichisch-ungarischen Mini" 
ster des Aeusseren, Graf Berchtold. 

Rotbuch Nr. 55. 

St. Petersburg. 

Euer Exzellenz Telegramm vom 30. dieses Monats er- 
halten. 

Hochdieselben werden meinem Telegramm vom 29. die- 
ses Monats entnommen haben, dass ich, ohne einen Auftrag 
abzuwarten, Konversation mit Sasonow nahezu auf der mir 
nunmehr aufgetragenen Grundlage wieder aufgenommen habe, 
ohne dass sich die beiderseitigen Standpunkte wesentlich ge- 
nähert hätten. 

Inzwischen hat sich allerdings aus den vom deutschen 
Botschafter mit russischem Minister des Aeusseren geführten 
Konversationen ergeben, dass R u s s 1 a n d sich selbst 
mit einer formellen Erklärung, Oesterreich- 



Ob. Nr. 66. J ) In gleichem Sinne berichtet Bunsen, Blb. 118 
über die österreichisch-russischen Gespräche in Wien. Mensdorff war 
nach Blb. 118 angewiesen, Grep eine dementsprechende Mitteilung zu 
machen. 



31. Juli 



295 



Ungarn werde weder das serbische Terri- 
torium schmälern noch die serbische Souve- 
ränität antasten, noch russische Balkan- 
oder sonstige Interessen verletzen, nicht z u - 
f r i e d « n g e b e n würde, und ist auch seither russischer- 
seits die allgemeine Mobilisierung angeordnet worden. 



Der belgische Minister des Aeusseren, Davignon, an alle 
Vertreter Belgiens im Auslande. 



Graubuch Nr. 10. 



Brüssel. 



Der Kriegsminister teilt mir mit, dass die Mobilmachung Belgien ordnet 
angeordnet wurde und dass Samstag, der 1. August, der erste cnung°an ma 
Mobilmachungstag sei. 



Der belgische Minister des Aeusseren, Davignon, an die 
belgischen Gesandten in Berlin, London und Paris. 

Graubuch Nr. 11. 

Brüssel. 

Der englische Gesandte ersuchte mich, ihn in einer drin- 
genden Angelegenheit zu sprechen, und machte mir die fol- 
gende Mitteilung, die er mir schon gerne seit einigen Tagen 
gemacht hätte. Infolge der Möglichkeit eines europäischen 
Krieges hat Sir Edward Grey die französische und die 
deutsche Regierung einzelln gefragt, ob jede von ihnen bereit 
wäre, die belgische Neutralität zu respektieren, falls keine 
andere Macht sie verletze. 

« Angesichts der bestehenden Verträge bin ich beauf- 
tragt, den belgischen Minister des Aeusseren von dem Vor- 
stehenden zu verständigen und zu erklären, dass Sir Edward 
Grey erwarte, dass Belgien sein Möglichstes tun 
wird, um seine Neutralität zu wahren und dass es wünscht 
und erwartet, dass die anderen Mächte sie beachten und 
aufrechterhalten. » 

Ich beeilte mich, Sir Francis Villiers für diese Mitteilung 
zu danken, die die belgische Regierung besonders schätzt, und 
fügte hinzu, dass England und die andern Garantiemächte 
unserer Unabhängigkeit versichert sein könnten, dass wir 
keine Anstrengung vernachlässigen würden, um 1 unsere Neu- 
tralität aufrecht zu erhalten und dass wir überzeugt seien, 



Die englische 
Demarche in 
Belgien. 



296 



31. Juli 



die anderen Mächte würden, angesichts der ausgezeichneten 
freundschaftlichen und vertrauensvollen Beziehungen, die wir 
stets mit ihnen unterhalten hatten, diese Neutralität beobach- 
ten und aufrechterhalten. 

Ich verfehlte nicht, zu betonen, dass unsere Streit- 
kräfte, die infolge unserer kürzlichen Reorganisation erheblich 
entwickelt sind, uns gestatten, uns im Falle einer Verletzung 
unseres Gebietes energisch zu verteidigen. 

Im Laufe der darauf folgenden Unterhaltung schien Sir 
Francis über die Schnelligkeit, mit der wir die Mobilisation 
unseres Heeres beschlossen hatten, etwas erstaunt zu sein. 
Ich wies darauf hin, dass die Niederlande vor uns bereits einen 
ähnlichen Entschluss gefasst hatten und dass andererseits da- 
durch, dass unser neues militärisches Regime erst seit kurzem 
bestand und wir bei dieser Gelegenheit uns zu Uebergangs- 
rnassregeln entsehiliessen müssen, wir zu dringenden und voll- 
ständigen Massnahmen gezwungen seien. Unsere Nachbarn 
und Garantiemächte sollten in diesem Entschluss den Wunsch 
sehen, unseren festen Willen zur eigenen Aufrechterhaltung 
unserer Neutralität zu bekunden. 

Sir Francis Villiers schien mir durch meine Antwort be- 
friedigt zu sein und kündigte mir an, dass seine Regierung 
diese Antwort erwartete, um die Verhand- 
lungen mit Frankreich und Deutschland fort- 
zusetzen, deren Ergebnisse mir mitgeteilt würden. 



Ein deutsch- 
belgisches Ge- 
spräch in Brüs- 
sel über die 
belgische Neu- 
tralität, die 
Deutschland 
nicht zu ver- 
letzen beab- 
sichtigt. 



Der belgische M inister des Aeusseren, Davignon, an die 
belgischen Gesandten in Berlin, London und Paris. 

Graubuch Nr. 12. 

Brüssel. 

Im Verlauf eines Gespräches, das der Generalsekretär 
meines Departements, Baron van der Eist, mit Herrn von Below 
hatte, erklärte er dem deutschen Gesandten die Bedeutung 
der von uns ergriffenen militärischen Massnahmen und sagte 
ihm, sie seien eine Folge unseres Willens, unsere internatio- 
nalen Verpflichtungen zu erfüllen und bedeuteten in keiner 
Weise eine Haltung des Misstrauens unsern Nachbarn gegen- 
über. 

Der Generalsekretär fragte hierauf den deutschen Ge- 
sandten, ob er von der Unterredung, die er mit seinem] Vor- 
gänger, Herrn von Flotow, gehabt hatte, sowie von der Ant- 
wort des Reichskanzlers, mit der dieser den Gesandten beauf- 
tragt hatte, Kenntnis habe. 



31. Juli 297 

Im Verlaufe der durch die Vorlage des holländischen 
Projektes über die Vlissinger Befestigungen im Jahre 1911 her- 
aufbeschworenen Polemik hatten gewisse Zeitungen behaup- 
tet, im Falle eines deutsch-französischen Krieges würde unsere 
Neutralität durch Deutschland verletzt wenden. 

Das Departement des Aeusseren hatte den Gedanken an- 
geregt, dass eine bei der Verhandlung der auswärtigen Politik 
im 'deutschen Reichstage abgegebene Erklärung geeignet wäre, 
die öffentliche Meinung zu beschwichtigen und ihr Misstrauen 
beizulegen, das hinsichtlich der Beziehungen zwischen beiden 
Ländern so bedauerlich wäre. 

Herr von Bethmann Hollweg liess antworten, dass er 
für die Gefühle, die uns zu diesem Schritt bewogen hätten, 
sehr empfänglich sei. Er erklärte, Deutschland habe nicht die 
Absicht, unsere Neutralität zu verletzen, aber er meinte, dass 
Deutschland, wenn es eine öffentliche Erklärung gäbe, seine 
militärische Stellung Frankreich gegenüber schwächen würde, 
das, im Norden beruhigt, alle seine Streitkräfte nach dem 
Osten verlegen würde. 

Freiherr van der Eist sagte wieiter, er begreife vollständig 
die von Herrn von Bethmann Hollweg gegen die angeregte 
öffentliche Erklärung erhobenen Einwendungen, und er er- 
innerte daran, dass seitdem, im Jahre 1913, Herr von Jagow 
der Budgetkommission des Reichstages beruhigende Erklärun- 
gen über die Achtung der belgischen Neutralität abgegeben 
habe. 

Herr von ßelow antwortete, er sei über das Gespräch 
mit Herrn von Flotow unterrichtet und sei sicher, dass die zu 
jener Zeit ausgedrückten Gefühle sich nicht geändert hätten. 

Anlage zu Graubuch Nr. 12. 

Der belgische Gesandte in Berlin an den belgischen Minister 
des Aeusseren, Davignon. 

Berlin, den 2. Mai 1913. 

Ich habe die Ehre, Ihnen nach der offiziösen « Nord- 
deutschen Allgemeinen Zeitung» die während der Sitzung der 
Budgetkommission des Reichstages vom 29. April von dem 
Staatssekretär des Auswärtigen Amtes und dem Kriegsmini- 
ster über die belgische Neutralität abgebenen Erklärungen zur 
Kenntnis zu bringen : 

«Ein sozialdemokratischer Abgeordneter sagte : In Bel- 
gien sehe man mit Sorge einem deutsch-französischen Kriege 
entgegen, weil man fürchtet, dass Deutschland die belgische 
Neutralität nicht respektieren werde. 

> 20 



298 



31. Juli 



« Herr von Jagow, Staatssekretär des Auswärtigen Am- 
tes, antwortete: Die Neutralität Belgiens ist durch internatio- 
nale Abmachungen bestimmt, und Deutschland ist entschlossen, 
diese Abmachungen zu respektieren. 

« Diese Erklärung befriedigte ein anderes Mitglied der 
sozialdemokratischen Partei nicht. Herr von Jagow erklärte, 
er habe den klaren Worten, die er über die Beziehungen 
Deutschlands mit Belgien gesagt habe, nichts hinzuzufügen. 

« Auf weitere Anfragen eines sozialdemokratischen Ab- 
geordneten erwiderte Herr Kriegsminister von Heeringen : 
Belgien spielt bei der Begründung des Projektes der deutschen 
Heeresorganisation keine Rolle, dieses Projekt ist durch die 
Lage im Osten begründet. Deutschland wird nicht aus den 
Augen verlieren, dass die belgische Neutralität durch die inter- 
nationalen Verträge garantiert ist. 

« Da ein Mitglied der Fortschrittspartei nochmals über 
Belgien gesprochen hatte, bemerkte Herr Staatssekretär von 
Jagow von neuem, dass seine Erklärung über Belgien hin- 
reichend klar sei. » 



Grey antwor- 
tet auf Poin- 
cares Bitte. 



England wird 
nicht neutral 
bleiben, wartet 
aber noch «eine 
weitere Ent- 
wicklung) ab. 



Der englische Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an den englischen Botschafter in Paris, Sir F. Bertie. 



Ich habe Ihr 
hierzulande glaubt, 
Streitfall bis 



Blaubuch Nr. 116. 

Londo n.. 
gestriges Telegramm 1 ) erhalten. Niemand 
dass, soweit der gegenwärtige 
jetzt gediehen ist, dabei Verträge 
oder Verpflichtungen Qrossbritanniens berührt werden. Die. 
Stimmung ist ganz anders als während der Marokkofrage. 
Jene Krisis berührte einen Streitfall, der Frankreich ummittel- 
bar betraf, während in dem jetzigen Fall Frankreich in einen 
Streitfall gezogen wird, der es nicht selbst betrifft. 

Ich halte es für ganz unwahr, dass unser Verhalten von 
bestimmendem Einfluss auf die Lage gewesen ist. Die deutsche 
Regierung erwartet nicht, dass wir neutral 
bleibenwerden. 

Wir können uns nicht endgültig verpflichten, an einem 
Krieg teilzunehmen. Ich sagte das dem französischen Bot- 
schafter, der Seiner Majestät Regierung dringend gebeten 
hat, diesen Entschluss noch einmal zu erwägen. 



Blb. Nr. 116. ') Blb. Nr. 99: Poincares Bitte, dass England er- 
klären möge, es werde an Frankreichs und Russlands Seite kämpfen. 



31. Juli 



299 



Ich antwortete darauf, dass es nicht gerechtfertigt wäre, 
augenblicklich eine solche Verpflichtung einzugehen, aber bei 
einer neuen weiteren Entwicklung würden wir die 
Lage sogleich wieder in Erwägung ziehen. 2 ) 



Der französische Botschafter in London, Paul Cambon, an 
den Ministerpräsidenten und Minister des Aeusseren, 
Viviani. 



Gelbbuch Nr. 110. 

London. 

Ann Beginn unserer heutigen Unterhaltung sagte mir Sir 
E. Grey, das-s Fürst Lichnowsky ihn heute morgen gefragt 
habe, ob England in dem Konflikt, der sich vorbereite, die 
Neutralität wahren werde. Der Staatssekretär des Aeusseren 
antwortete ihm, dass, wenn der Konflikt allgemein werde, 
England nicht neutral bleiben könne und dass 
vor allem, wenn Frankreich in den Krieg verwickelt würde, 
England auch hineingezogen würde. 

Ich befragte darauf Sir E. Qrey über die Kabinett- 
sitzung, die heute morgen stattgefunden hatte. Er antwor- 
tete, dass das Kabinett, nachdem es die Lage geprüft habe, der 
Ansicht sei, dass die englische Regierung uns für den 
Augenblick nicht seine Intervention garantieren könne, 
dass es beabsichtige, sich ins Mittel zu legen, um von Deutsch- 
land und Frankreich die Verpflichtung zu erlangen, die bel- 
gische Neutralität zu respektieren, aber, wolle man eine Inter- 
vention ins Auge fassen, so Wäre es angebracht, zu warten, 
bis die Lage sich entwickle. 1 ) 

Ich fragte Sir E. Qrey, ob, um zu intervenieren, die eng- 
lische Regierung den Einfall in das französische Gebiet er- 
warte. Ich wies nachdrücklich auf die Tatsache hin, dass die 
Massregeln, die Deutschland bereits an unserer Grenze er- 
griffen hatte, eine beabsichtigte, baldige Aggression ent- 
hüllten und dass, wenn man die Erneuerung des europäischen 
Irrtums vom Jahre 1870 vermeiden wollte, es angezeigt sei, 
dass England bereits jetzt die Bedingungen ins Auge fasse, 



Blb. Nr. 116. 2 ) Die neue Entwicklung, die den Kriegsanlass 
für die öffentliche Meinung zu dem von Grey bereits längst ent- 
schlossenen Kriege liefern soll, hoffte Grey in der belgischen Frage 
zu gewinnen, die er willkürlich anschnitt. 



Gib. Nr. 110. ') «Bis die Lage sich entwickle» heisst: bis ein 
für die englische öffentliche Meinung annehmbarer Kriegsanlass vorliegt. 



Grey erklärt 
Lichnowsky, 
dass England 
nicht neutral 
bleiben könne. 



Paul Cambon 
verlangt von 
Neuem Eng- 
lands Kriegs- 
hüfe. 



« Der europäi- 
sche Irrtum 
von 1870.» 



300 31. Juli 

unter denen es uns den Beistand geben würde, auf den 
Frankreich zählte. 2 ) 

Sir Edward Qrey antwortete mir, dass die Meinung 
des Kabinetts sich nur im Hinblick auf die gegenwärtige Lage 
gebildet habe, dass diese Lage sich verändern 
könnte und dass in diesem Falle man sofort 
den Ministerrat zur Beratung rufen würde. 

Sir A. Nicolson, den ich beim Verilassen des Kabinetts 
des Staatssekretärs sprach, sagte mir, dass der Rat mor- 
gen von neuem zusammentreten würde und gab mir ver- 
traulich zu verstehen, dass der Staatssekretär der auswär- 
tigen Angelegenheiten nicht verfehlen würde, die 
Diskussion wieder aufzunehme n. 3 ) 

Ihren Instruktionen entsprechend, habe ich das Nötige 
getan, damit das Handschreiben, das der Herr Präsident 
der Republik an Seine Majestät den König von 
England richtete, heute abend dem König überreicht werde. 
Diese Demarche, die sicherlich dem Ministerpräsidenten mor- 
gen früh bereits mitgeteilt wird, wird, daran zweifle ich nicht, 
von dem englischen Kabinett ernsthaft in 
Betracht gezogen werden. 4 ) 



Gib. Nr. 110. 2 ) Die Formel, «auf die Frankreich zählte», gehört 
zu den halben Andeutungen in den französisch-englischen Verhand- 
lungen, die auf tatsächlich bestehende Bündnisabmachungen zwischen 
England und Frankreich hinweisen. 

3 ) Grey berichtet in ähnlicher Weise, Blb. 119, über dieses Ge- 
spräch, doch erwähnt er noch ein Telegramm Jules Cambons, das 
Paul Cambon Sir Arthur Nicolson unterbreitete und in dem sich der 
französische Botschafter in Berlin darüber beklagt, dass die Ungewiss- 
heit über Englands Eingreifen in Berlin als aufmunterndes Element 
gewirkt habe (ein solches Telegramm ist im Gib. nicht enthalten). 
Grey weist diesen Vorwurf mit der bezeichnenden Erklärung zurück, 
dass er Deutschland klipp und klar erklärt habe, England werde an 
Frankreichs und Russlands Seite kämpfen. — Ein zweiter Punkt, der 
gleichfalls in Paul Cambons Bericht vernachlässigt wurde, bezieht 
sich auf Greys Erklärung, dass weitere Entwicklungen abgewartet 
werden müssten, ehe England entgiltig seine Hilfe zusagen könne. 
Als diese weitere Entwicklung bezeichnet er mit aller wünschenswerten 
Klarheit die Frage der belgischen Neutralität, die «kein entschei- 
dender, aber ein wichtiger Faktor für die Haltung» 
Englands werden könne. — Die Wendung «kein entscheidender» ist 
besonders interessant. 

4 ) Dieser Brief wurde mehrere Monate nach Kriegsausbruch von 
der Agence Havas mit dem ausdrücklichen Bemerken verbreitet, er sei 
ein neuer Beweis für die Friedensbemühungen Poincares. Als solcher 
wirkt das Schriftstück jedoch keineswegs. Aus den obigen Ausführungen 
Paul Cambons aber ist ohne jeden Zweifel ersichtlich dass es eine 
derartige Wirkung auch gar nicht bezweckte. Es wird hier 
geradezu als eine besonders wirksame Beeinflussung Englands, am 
Kriege teilzunehmen, charakterisiert. 



31. Juli 



301 



Der russische Minister des Aeusseren, Sasonow, an die 
russischen Botschafter in Berlin, Wien, Paris, London 
und Rom. 



Orangebuch Nr. 67. 

St. Petersburg. 

Beziehe mich auf mein Telegramm vom 30. Juli. *) Auf 
Auftrag seiner Regierung übermittelte mir der englische Bot- 
schafter den Wunsch des Londoner Kabinettes, einige Abän- 
derungen in der Formel, die ich gestern dem deutschen Bot- 
schafter vorschlug, anzubringen. Ich antwortete, dass ich den 
englischen Vorschlag annehme. Hiermit übermittle ich Ihnen 
die dementsprechend abgeänderte Formel : 

« Wenn Oester reich einwilligt, den Vormarsch seiner 
Heere auf serbischem Gebiete einzustellen und wenn es, indem 
es anerkennt, dass der österreichisch-serbische Konflikt den 
Charakter einer Frage von europäischem Interessse angenom- 
men hat, zulässt, dass die Grossmächte prüfen, welche Genug- 
tuung Serbien der österreichisch-ungarischen Regierung ge- 
währen könne, ohne seine Rechte als souveräner Staat und 
seine Unabhängigkeit antasten zu lassen, verpflichtet sich Russ- 
land, sein e abwartende Haltung zu bewahre n. 2 ) 

Ob. Nr. 67. l ) Ob. Nr. 60. 

2 ) Mit dieser Formel zerschlägt Russland alle Hoffnungen, die 
Deutschlands und Oesterreich-Ungarns letzte Nachgiebigkeit zuliessen. 
Die Umänderung der Formel, so wie sie Grey vorschlug, sollte dem 
Greyschen, von Deutschland und Oesterreich-Ungarn angenommenen 
Vorschlage gleichkommen. Sasonow mildert aber seine Formel nur 
äusserlich, in Wahrheit verschärft er sie. Er verlangt: 1. 
Die Einstellung des österreichischen Vormarsches, während Grey die 
Besitzergreifung Belgrads und serbischen Grenzgebietes als Vorbe- 
dingung anerkennt; 2. er bleibt bei seiner Wendung von europäischem 
Interesse und 3. er verspricht nicht einmal mehr, die russischen mili- 
tärischen Massregeln einzustellen, sondern < seine abwartende Haltung 
zu bewahren >. Diese < abwartende Haltung* bestand aber in der all- 
gemeinen Mobilmachung von Heer und Flotte, die als Sasonow diese 
neue Formel abfasste, bereits stattgefunden hatte (siehe Anmerkung 
zu Ob. 68), während Grey die Einstellung aller militärischen Mass- 
nahmen verlangte und Pourtales, als er die Formel Sasonows provo- 
zierte, doch gerade die russischen Bedingungen für die Einstellung 
seiner militärischen Massnahmen erfragte. Das ganze Sasonowsche 
Manöver stellte sich also folgendermassen dar: Die Bedingung für 
das Einstellen seiner militärischen Massnahmen sieht Russland in dem 
völligen Rückzug der deutsch-österreichischen Politik und zwar nicht 
unter gleichzeitiger Einstellung der russischen militärischen Mass- 
nahmen, sondern bei gleichzeitiger Proklamation der allgemeinen 
Mobilmachung! Während Deutschland Englands Vorschlag annimmt 
und Oesterreich Deutschlands Bitte folgend, zu der bisher abgelehnten 
Vermittlung zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien einwilligt, stellt 
Russland seine sämtlichen Streitkräfte auf den Kriegsfuss. — Ueber 
die Abänderung der Formel berichten auch Blb. 120 und Gib. 113. 



Sasonow ver- 
schärft die von 
Deutschland 
und England 
abgelehnte 
Formel: Er 
verlangt die 
gleichen öster- 
reichisch-un- 
garischen 
Konzessionen, 
ohne die allge- 
meine Mobil- 
machung, die 
jene Konzes- 
sionen gerade 
verhindern 
sollten, aufzu- 
geben. 



302 



31. Juli 



gegen 
Deutschland 



Der russische Botschafter in Berlin, Swerbejew, an den rus- 
sischen Minister des Aeusseren, Sasonow. 

Orangebuch Nr. 68. 

Berlin. 
wam^vor Der Minister des Aeusseren sagte mir soeben, dass 

russischen mi- unsere Pourparlers, die bereits durch die Mobilisation gegen 
Massnahmen Oesterreich erschwert wurden, angesichts der ernsten mili- 
tärischen Massregeln, die wir gegen Deutschland ergriffen, 
noch schwieriger werden; darauf bezügliche Nachrichten, so 
sagt er, treffen hier von allen Seiten ein und müssen unver- 
meidlich ähnliche Massregeln seitens Deutschlands hervor- 
rufen. Ich antwortete darauf, nach sicheren Mitteilungen, 
über die ich verfüge, und die durch alle unsere in Berlin ein- 
treffenden Landsleute bestätigt wären, verfolge Deutschland 
gleichfalls derartige Massregeiln mit grosser Geschäftigkeit. 1 ) 
Trotzdem, behauptet der Minister des Aeusseren, dass man 
hier nur die beurlaubten Offiziere und die Truppen von den 
Manöverfeldern zurückberufen habe. 2 ) 



O b. Nr. 68. *) Aus den vorhergehenden Aeusserungen des Ob. 
geht mit Sicherheit hervor, dass die angeblichen deutsehen Massnahmen 
natürlich nur von Swerbejew als Vorwand ausgespielt wurden. 

2 ) Dieses Telegramm müsste eigentlich in unserer Zusammen- 
stellung vor den Telegrammen stehen, in denen die russische 
allgemeine Mobilmachung angekündigt wird, denn die hier berichtete 
Berliner Unterredung fand natürlich statt, als die Mobilmachung in 
Berlin noch nicht bekannt war. Es mag jedoch hier seinen Platz finden, 
damit die Nummernfolge des Ob. nicht gestört wird. Im Ob. steht es 
in der Tat als 68 hinter dem Telegramm 67, das von der abgeänderten 
Formel handelt. Durch diese willkürliche Folge soll der Anschein er- 
weckt werden, dass auch die Abänderung der Formel vor der allge- 
meinen Mobilmachung stattfand, was dem Ob. umso leichter fällt, als 
es überhaupt kein Dokument enthält, das über die allgemeine Mobil- 
machung berichtet. Der Leser des Ob. erfährt überhaupt nichts über 
die russische allgemeine Mobilmachung. Da nun auch das Gib. die 
Folge der Ereignisse, wie in Anmerkung 117 zu Gib. dargelegt, will- 
kürlich abändert, sind wir auf das Blb. angewiesen, mit dessen Hilfe 
wir feststellen können, dass die Abänderung der Formel in der Tat 
nach der Anordnung der allgemeinen Mobilmachung erfolgte, was 
natürlich für die Bedeutung der neuen Formel von grosser Wichtig- 
keit ist (siehe Anm. zu Ob. 67). Die Abänderung der Formel wird 
nämlich im Blb. unter Nr. 120 berichtet. Nach dem dort enthaltenen 
Bericht Buchanans berief auch diesmal Sasonow den englischen und 
den französischen Botschafter zu einer gemeinsamen Unterredung, um 
ihnen persönlich den Text der neuen Formel mitzuteilen, den sie ihren 
Regierungen telegraphieren möchten. Nachdem er das berichtet, fährt 
Buchanan fort: «Dann spielte seine Exzellenz auf das Telegramm an, das 
der Kaiser von Russland dem deutschen Kaiser in Beantwortung des 
vorhergehenden Telegrammes sandte. Er sagte, dass Kaiser Nikolaus 
zunächst Kaiser Wilhelm für sein Telegramm und für die Hoffnung 
auf eine friedliche Lösung dankte. Darin versicherte Seine Majestät 





31. Juli 




303 


Der 


russische Minister des Aeusseren, 


Sasonow, 


an den 



russischen Botschafter in London, Iswolsky. 

Orangebuch Nr. 69. 

St. Petersburg. 

Ich habe den englischen Botschafter gebeten, Grey den 
Ausdruck meiner aufrichtigen Dankbarkeit für 
den freundschaftlichen und festen Ton auszusprechen, dessen 
er sich in seinen Pourparlers mit Deutschland und Oesterreich 
bediente, und dank dessen die Hoffnung, einen friedlichen Aus- 
gang aus der gegenwärtigen Situation zu finden, noch nicht 
ganz verschwunden ist. 

Ich bat ihn auch, dem englischen Minister zu sagen, dass 
nach meiner Ansicht nur in London die Pourparlers noch 
irgendwelche Aussicht auf irgendwelchen Erfolg hätten, in- 
dem sie Oesterreich die Notwendigkeit eines Kompromisses 
erleichterten. 1 ) 

Dem Botschafter in Frankreich mitgeteilt. 



Sasonow lässt 
Grey für seine 
feste Haltung 
gegen 

Deutschland 
und Oester- 
reich-Ungarn 
danken. 



Kaiser Wilhelm, dass die russischen militärischen Vorbereitungen 
keinerlei aggressiven Charakter trügen. So lange die Verhandlungen 
mit Oesterreicn andauern, gewährleiste Seine Majestät, dass kein ein- 
ziger Soldat die Grenze überschreiten würde; es sei jedoch aus den 
dargelegten Gründen unmöglich, eine Mobilmachung einzustellen, die 
bereits im Gange sei>. Aus diesen Sätzen geht hervor, dass es sich 
ohne jeden Zweifel um das Zarentelegramm vom 31. Juli (Wb. Denk- 
schrift), siehe S. 290, handelt, das nach der Anordnung der allgemei- 
nen Mobilmachung abgegangen war. Damit ist der Beweis erbracht, 
dass die neue Formel, der zufolge Russland günstigstenfalls eine « ab- 
wartende Haltung» beobachten wollte, nach der allgemeinen Mobil- 
machung aufgesetzt wurde. Damit ist also auch die tendenziöse und 
irreführende Anordnung der Ob.-Dokumente vom 31. Juli und (siehe 
Anmerkung zu Gib. Nr. 117) des Gib., sowie die Vivianis Politik aufs 
Schärfste belastende durchaus falsche Darstellung der Stücke 
Gib. 114, 120, 125, 127, 157 erwiesen. 

Das hier angeführte Blb. -Telegramm Nr. 120 übrigens führt 
schon an und für sich diesen Nachweis. Es folgt in der Tat als Nr. 120 
auf Nr. 113, in dem die russische allgemeine Mobilmachung berichtet 
wurde.— Ausserdem aber enthält es noch folgenden Satz: «Herr Sa- 
sonow sagte, dass unzweifelhaft mehr Aussicht auf eine friedliche 
Lösung der angesetzten Verhandlung bestünde, wenn sie in London 
stattfände, wo die Atmosphäre günstiger sei, und er hoffe daher, dass 
sie Mittel und Wege sähen, dem beizustimmen ». Man vergleiche diese 
Worte mit Ob. 69, das im Texte folgt. Sasonow berichtet dort genau 
dasselbe in einem besonderen Telegramm. Also auch dieses Telegramm, 
Ob. 69, ist nach der allgemeinen Mobilmachung abgesandt worden. 



Ob. Nr. 69. *) Siehe Anmerkung zu Ob. Nr. 68; in der darauf 
hingewiesen wird, dass die hier berichtete Unterredung zwischen Saso- 
now und Buchanan nach der Anordnung der allgemeinen Mobilmachung 
d. h. etwa gleichzeitig mit der neuen Formel stattfand. Man beachte, 
dass — übereinstimmend mit Blb. Nr. 120 — der Ton zwischen Saso- 



304 



31. Juli 



D er französische Ministerpräsident und Minister des Aeusse- 
ren, Viviani, an die französischen Botschafter in London, 
St. Petersburg, Berlin, Wien, Rom und KonstantinopeL 

Gelbbuch Nr. 114. 

Paris. 

Deuteimlnlf 1 Die Bemühungen, die bis jetzt parallel von England und 

eine wissent- Russland unter eifriger Mithilfe Frankreichs (das von vorn- 
schüderanl herein für jedes Friedenswerk zu haben ist) zum Zwecke 
der Ereignisse. e } ner direkten Verständigung zwischen Wien und St. Peters- 
burg x ) oder einer Vermittlung der vier Mächte unter der ge- 
eignetsten Form unternommen wurden, laufen heute inein- 
ander: Russland, das damit einen neuen Beweis seines Wun- 
sches zur Verständigung gibt, beeilte sich, dem ersten Schein 
einer Initiative Deutschlands seit dem Beginn der Krisis 
(unter welchen Bedingungen Russland seine militärischen Vor- 
bereitungen einstellen würde) 2 ) zu beantworten, indem es 
eine Formel angab und sie sofort auf Englands Bitte abän- 
derte; 3 ) man sollte also hoffen, da anderseits die Pourparlers 
zwischen dem 'russischen und österreichischen Botschafter 
wieder begonnen haben, dass die englische Vermittlung in 
London die Bemühungen der direkten Verhandlungen zwi- 
schen Wien und St. Petersburg vollende. 

Jedoch Deutschlands andauernde Haltung, dass seit Be- 
ginn des Konfliktes, derweil es unaufhörlich bei jeder Macht 



now und Buchanan durchaus herzlich war, also in einem Augenblick, da 
nach Buchanans und Greys eigenen früheren Worten der Krieg durch die 
russische allgemeine Mobilmachung und auch durch die unannehmbare 
Formel unvermeidlich geworden war. Die Haltung Buchanans und Greys, 
wie sie Blb. 113, Blb. 120 und Ob. 69 schildern, geben den 
deutlichsten Aufschluss über den nunmehr vollen und bewussten Ent- 
schluss Englands, nichts zu tun was den Krieg verhindern kann und 
auf Seite Russlands gegen Deutschland zu ziehen. 



Gib. Nr. 114. s ) Diese Bemühungen wurden nicht von England 
und Frankreich, sondern von Deutschland unternommen. 

2 ) Hier sagt Viviani plötzlich selbst, dass die Initiative zu der 
russischen Erklärung von Deutschland ausging und bestätigt damit 
nachträglich die englische und russische Version, Blb. 97 und Ob. 60, 
während Paleologue in unbegreiflichem Widerspruch dazu, wie S. 263, 
Anm. 3 dargelegt, die Initiative Sasonow im Namen des Zaren zuschrieb ! 

3 ) Was es mit dieser Abänderung für eine Bewandtnis hat, wurde 
in der Anmerkung Ob. 67 erwähnt. 



31. Juli 



305 



seine friedlichen Absichten versicherte, der Tatsache nach 
durch seine dilatorische oder negative Stellungnahme alle 
Bemühungen einer Einigung zum Scheitern brachte und un- 
aufhörlich durch seinen Botschafter die Intransigenz Wiens 
ermutigte; 4 ) die deutschen 'militärischen Vorbereitungen, die 
am 25. Juli begonnen wurden und seitdem ohne Stillstand 
fortgesetzt wurden; 5 ) der sofortige Widerspruch Deutschlands 
gegen die russische Formel, die in Berlin als für Oesterreich 
unannehmbar erklärt wurde, ehe man noch diese Macht be- 
fragt hatte; 6 ) schliesslich alle Eindrücke, die wir aus Berlin 
erhalten, 7 ) drängen die Ueberzeugung auf, dass Deutschland 
die Demütigung Russlands, die Zersetzung des Dreiverbandes 
und wenn diese Ergebnisse nicht erzielt werden können, den 
Krieg bezweckt. 



Der Deutsche Kaiser an den König von England. 

Neuausgabe des Weissbuches, Abschnitt 5. III. 

Vielen Dank für Deine freundliche Mitteilung. Deine Vor- 
schläge decken sich mit meinen Ideen und mit den Mitteilun- 
gen, die ich heute nacht von Wien erhielt und die ich nach 
London weitergegeben habe. Ich habe gerade vom Kanzler die 
Nachricht erhalten, dass ihm soeben die Nachricht zugegangen 
ist, dass Nikolaus heute nacht die Mobilisierung seiner gesam- 
ten Armee und Flotte angeordnet hat. Er hat nicht ein- 
mal die Ergebnisse der Vermittelung abge- 
wartet, an der ich arbeite, und mich ganz 
ohne Nachricht gelassen. Ich fahre nach Berlin, 
um die Sicherheit meiner östlichen Grenzen sicherzustellen, 
wo schon starke russische Truppen Aufstellung genommen 
haben. 

gez. Wilhelm. 



Gib. Nr. 114. *) Das ist völlig unrichtig; die Bereitwilligkeit 
Wiens zu Zugeständnissen war auf die Tätigkeit Deutschlands zurück- 
zuführen. Siehe u. a. Rb. Nr. 51. 

6 ) Eine durch nichts zu beweisende Behauptung. Es war Russ- 
land, das am 25. Juli seine militärischen Vorbereitungen begann. 

6 ) Herr Viviani vergisst, dass auch Grey diese Formel für un- 
annehmbar hielt, weshalb er ja gerade ihre Abänderung verlangte und 
selbst Poincare, Blb. 99, erklärte, Oesterreich-Ungarn würde sie nicht 
annehmen ! 

7 ) Ueber die aus Berlin erhaltenen «Eindrücke» ist in den An- 
merkungen zu den Telegrammen Jules Cambons und zu den Aende- 
rungen, die Bienvenu-Martin an ihnen vornahm, alles Nötige gesagt 
worden. Siehe Gib. Nr. 27, 29, 32 etc. 



Kaiser Wil- 
helm teilt 'i 
König Georg 
die russische 
allgemeine 
Mobilmachung 
mit und reist 
nach Berlin ab. 



306 



31. Juli 



Deutschland 
kündigt in 
St. Petersburg 
seine eigene 
Mobilmachung 
an, für den Fali 
Bussland die 
seine nicht in 
zwölf Stunden 
einstellt. 



Der deutsche R eichskanzler, von Bethmann Hollweg, an den 
deutschen Botschafter in St. Petersburg, Graf Pourtales. 

Weissbuch, Anlage 24. 

Berlin. 
Trotz noch schwebender Vermittlungsverhandlungen 
und obwohl wir selbst bis zur Stunde keiner- 
lei Mobilmachungsmassnahmen getroffen 
haben, hat Russland die ganze Armee und Flotte, also 
auch gegen uns, mobilisiert. Durch diese russischen Massnah- 
men sind wir gezwungen worden, zur Sicherung des Reichs 
die drohende Kriegsgefahr auszusprechen, 
die noch nicht Mobilisierung bedeutet. Die 
Mobilisierung muss aber folgen, falls nicht 
R u s s 1 a n d binnen zwölf Stunden jede Kriegs- 
massnahme gegen uns und Oesterreich-Un- 
g a r n einstellt und uns hierüber bestimmte 
Erklärung abgibt. Bitte dies sofort Herrn Sasonow 
mitteilen und Stunde der Mitteilung drahten. *) 



Wb. Anlage 24. J ) Die in diesem Telegramm angeordnete 
Demarche in St. Petersburg stellten die Dreiverbandsregierungen als 
den Ausgangspunkt des Krieges hin. Mit dieser Demarche habe Deutsch- 
land den «Erfolg versprechenden» europäischen und insbesondere 
österreichisch-russischen Verhandlungen ein Ende bereitet und Russ- 
land, das einer derartigen Aufforderung nicht Folge leisten konnte, 
keine andere Wahl gelassen als den ihm von Deutschland aufgezwun- 
genen Krieg hinzunehmen. Es würde zur Kennzeichnung dieser gar 
zu roh gezimmerten Beweisführung genügen, darauf hinzuweisen, dass 
nicht eine deutsche Aufforderung zur Entmobilisierung als Ausgangs- 
punkt des Krieges gelten kann, sondern erst die allgemeine Mobil- 
machung Russlands. Nicht die deutsche Demarche konnte die Ver- 
handlungen zerstören, sondern die durch nichts gerechtfertigte allge- 
meine Mobilmachung Russlands. Da aber auf diese Feststellung die 
Dreiverbandsdiplomatie stets mit der Berufung auf das Zarentele- 
gramm antwortet, in dem Kaiser Nikolaus versprach, seine Truppen 
vorläufig nicht die Grenze überschreiten zu lassen, ist es nötig, hier 
noch einmal darauf hinzuweisen, was die russische Mobilmachung be- 
deutete und die an und für sich bereits selbstverständliche Tatsache 
hervorzuheben, dass keinerlei Versprechen des Zaren der russischen 
allgemeinen Mobilmachung ihren unzweifelhaften Charakter eines casus 
belli, der schwersten Bedrohung des deutschen Nachbarlandes nehmen 
konnte. Einen solchen Charakter hat ohnehin schon jede allgemeine 
Mobilmachung. Wie sehr aber gerade die russische aligemeine Mobil- 
machung diesen Charakter hatte, geht zur Genüge aus den vorher- 
gehenden Dokumenten dieser Sammlung hervor. Hier sei nur noch 
einmal an die wichtigsten erinnert: Blb. Nr. 17: Am 25. Juli erklärt 
Buchanan in Petersburg, dass Russland nicht mobilisieren dürfe, weil 
dann Deutschland sofort den Krieg erklären müsse. Am gleichen 
Tage aber beschloss der russische Ministerrat unter dem Vorsitz 
des Zaren die Mobilmachung, Wb. Anlage 23 a. Blb. 43: von Ja- 
gow erklärt am 27. Juli, dass wenn Russland mobil mache, Deutsch- 



31. Juli 



307 



Der deutsche Reichskanzler, von Bethmann Hollweg, an den 

deutschen Botschafter in Paris, Freiherrn von Schön. 

Weissbuch, Anlage 25. 

Berlin. 
Russland hat trotz unserer noch schwebenden Venmitt- 
lungsaktion und obwohl wir selbst keinerlei Mobilmachungs- 
massnabmen getroffen haben, Mobilmachung seiner gesamten 
Armee und Flotte, also .auch gegen uns, verfügt. Wir haben 
darauf drohenden Kriegszustand erklärt, dem Mobilmachung 



Deutschland 
lässt in Paria 
anfragen, ob 
Frankreich in 
einem deutsch- 
russischen 
Kriege neutral 
bleiben will. 



land auch mobilisieren müsse. Blb. Nr. 76: von Jagow macht am 29. Juli 
Goschen von Neuem auf die Gefahr der russischen Vorbereitungen 
aufmerksam. Wb. Anlage 10: Der Reichskanzler warnt am 26. Juli in 
London vor militärischen Massregeln Russlands, die Deutschland zu 
Gegenmassregeln veranlassen müssen. Aehnliche Mitteilungen in Paris 
und St. Petersburg vom 26. Juli enthalten Wb. Anlage 10 a und 10 b. 
Wb. Denkschrift : Der deutsche Botschafter in St. Petersburg erklärt, dass 
vorbereitende militärische Massnahmen Russlands, Deutschland zu 
Gegenmassregeln, d. h. zur Mobilmachung zwingen müssen, 26. Juli. 
Wb. Anlage 1 1 : Der deutsche Militärattache macht in St. Petersburg 
auf die Gefahren einer Mobilmachung aufmerksam, 27. Juli. Wb. An- 
lage 17: Der Reichskanzler macht in Paris darauf aufmerksam, dass 
französische militärische Massregeln Deutschland zur Proklamierung 
der Kriegsgefahr veranlassen müssen, 29. Juli. Rb. 42, 28. Juli, und Rb. 48, 
20. Juli: Berchtold lässt in Berlin um deutliche Erklärung in Peters- 
burg bitten, welche Folgen die russische Mobilmachung haben müsse. 
All dies und andere deutsche Warnungen vor russischen Militärmass- 
nahmen fanden vor der russischen Teilmobilmachung gegen Oester- 
reich-Ungarn statt und sollten diese verhindern. Wie reagierte Russ- 
land darauf? In seinen Gesprächen mit dem deutschen Diplomaten 
leugneten Säsonow und der Kriegsminister jede militärische Mass- 
regel ab und verkündeten darauf am 29. Juli die schon längst 
vollzogene Mobilmachung gegen Oesterreich-Ungarn. Jetzt wäre 
Deutschland nach seinen Warnungen berechtigt gewesen, gleichfalls 
zur Mobilmachung zu schreiten. Es tat nichts dergleichen. Es ver- 
handelte weiter und bemühte sich eine Ausdehnung der russischen 
Teilmobilmachung zu verhindern. Wb. Anlage 23: Telegramm Kaiser 
Wilhelms an den Zaren. Ob. 60 (Blb. 97): Deutschland ersucht 
Russland, die Bedingungen anzugeben unter denen es nicht weiter 
mobilisiere. Was tat Russland? Zunächst beschloss es am 29. auf die 
Vorstellungen Deutschlands mit verdoppelter Energie weiter zu rüsten, 
Ob. 58. Dann gab es Bedingungen an, deren Ablehnung es als sicher 
voraussah, wie auch Grey und Poincare der Ablehnung sicher waren. 
Und endlich, als trotzdem Deutschland noch weiterverhandelte 
und soweit gegangen war, Oesterreich zur Diskussion seines Streit- 
falles mit Serbien zu überreden, proklamierte Russland die allgemeine 
Mobilmachung. Da Russland bereits vor der Mobilisation in seiner 
Stellung zum österreichisch-serbischen Konflikt immer intransigenter 
geworden war und sich mit keiner österreichischen und deutschen 
Garantie begnügen wollte, war nicht mehr daran zu zweifeln, dass 
Russland jetzt, da es gerüstet dastand, keine andere Lösung als den Krieg 
mehr wollte. Es dürfte nicht zweifelhaft sein, dass Russland von 
dieser allgemeinen Mobilmachung erwartete, dass sie endlich Deutsch- 
lands hartnäckigem Friedenswillen ein Ende machen würde, dass end- 



308 31. Juli 

folgen muss, falls nicht Russland binnen zwölf Stunden alle 
Kriegsmassnahmen gegen uns und Oester reich einstelle. D i e 
Mobilmachung bedeutet unvermeidlich Krieg. 
Bitte französische Regierung fragen, ob sie in einem 
russisch-deutschen Kriege neutral bleiben 
will. Antwiort muss binnen 18 Stunden erfolgen. Sofort 
Stunde der gestellten Anfrage drahten, grösste Eile geboten. 1 ) 

lieh Deutschland zu den Massregeln schreiten würde, die Russland 
bereits nach der Mobilmachung gegen Oesterreich erwartet hatte, auf 
die aber Deutschland verzichtete, um im Glauben an Englands Unter- 
stützung weiter zu vermitteln. Wenn aber alle diese Tatsachen noch 
nicht genügten, um die russische allgemeine Mobilmachung ins rechte 
Licht zu setzen, so frage man in England und Russland selbst an, was 
die leitenden Männer von der Bedeutung der russischen Massnahme 
dachten : Der Zar nannte am 29. Juli die militärischen Massregeln, zu 
denen ihn seine Umgebung verleiten wollte, solche, <die zum Kriege 
führen werden >, Wb. Anlage 21. Sir Edward Grep nannte Blb. 
Nr. 103 die Einstellung der militärischen Vorbereitungen, die < einzige 
Friedensaussicht», die noch bestände. Wenn man diese beiden 
Kronzeugen gehört hat, müsste man ohne weiteres davon überzeugt 
sein, dass Deutschland nun nichts mehr anderes übrig blieb, als Russ- 
land den Krieg zu erklären, wie bereits am 25. Buchanan in St. Peters- 
burg angenommen hatte. Aber noch immer tat Deutschland nichts der- 
gleichen! Es begnügt sich mit der oben wiedergegebenen Aufforde- 
rung an Russland, die Mobilmachung einzustellen, während Kaiser 
Wilhelm persönlich in den Zaren drang, dieser Aufforderung nachzu- 
kommen. Dass nun Deutschland nach der allgemeinen russischen 
Mobilmachung, die nach ihrer Vorgeschichte ja einer russischen 
Kriegserklärung an Deutschland gleichkam und nach der in der unge- 
heuerlichen Formel, Ob. Nr. 67, kundgetanen Absicht Russlands, zu 
keinerlei diplomatischer Lösung mehr die Hand zu reichen, nicht so- 
fort den Kriegszustand als gegeben erachtete, sondern noch einmal 
versuchte, Russland zur Besinnung zurückzurufen, legt Zeugnis ab 
von dem bis auf die Spitze getriebenen Friedenswillen des Deutschen. 
Reiches. 



Wb. Anlage 25. ') Mit der hier aufgetragenen Demarche in 
Paris wurde der französischen Regierung nahegelegt, offen ihre Ab- 
sichten zu zeigen. Frankreich hatte bisher alle deutschen Bemü- 
hungen, inmitten der Krisis eine deutsch-französische Solidarität auf- 
zustellen, die dem österreichisch-russischen Zwist unbedingt seine 
Schärfe nehmen musste und das sicherste Mittel zur Aufrechterhaltung 
des Friedens gewesen wäre, auf das Schroffste abgelehnt. Wie schroff 
Frankreichs Haltung war, konnte die deutsche Regierung damals über- 
haupt noch nicht wissen, da ihr die französisch-russischen und fran- 
zösisch-englischen Gespräche unbekannt sein mussten. Immerhin stand 
die deutsche Regierung jetzt vor der Tatsache der von Russland 
drohenden Kriegsgefahr und der französischen Entschlossenheit, un- 
bedingt zu Russland zu stehen, das ja seine gefährlichsten Massregeln 
erst auf Grund des ermunternden französischen Hilfeversprechens 
vorgenommen hatte. Die Anfrage in Paris, ob die französische Re- 
publik in einem russisch-deutschen Kriege neutral bleiben werde, war 
daher der letzte Versuch, eine Klärung herbeizuführen. Auf jeden Fall 
stellt diese Anfrage glatt und schlicht die Situation hin, die zwischen 
Frankreich und Deutschland bestand. 



31. Juli 



309 



Der französische Ministerpräsident und Minister des Aeus- 

seren, Vi viani, an den französischen Botschafter in 

St. Petersburg, Paleologue. 

Gelbbuch Nr. 117. 

Paris. 

Die deutsche Regierung beschloss mittags, alle militäri- 
schen Dispositionen für 'den sogenannten Kriegszustand zu 
treffen. 

Indem er mir diesen Entschluss heute abend um 7 Uhr 
mitteilte, fügte Freiherr von Schön hinzu, dass die deutsche Re- 
gierung gleichzeitig von Russland die Demobilisation fordere. 
Wenn die russische Regierung innerhalb von 12 Stunden keine 
befriedigende Antwort gegeben hat, wird Deutschland seiner- 
seits mobilisieren. 

Ich antwortete dem deutschen Botschafter, dass ich 
keineswegs über e i n e a n g e b 1 i c h e T o t a 1 m o b i - 
1 i s a t i o n >d e r russischen Armee u n d d e r russi- 
schen Flotte unterrichtet sei, die Deutschland als 
Grund für die neuen militärischen Massregeln, die es heute er- 
greift, anriefe. 1 ) 



Gib. Nr. 117. ! ) Diese Antwort Vivianis, der von einer russi- 
schen allgemeinen Mobilmachung, die in London, wie Berlin, Brüssel 
usw. bekannt war, nichts wissen will, ist eine der erstaunlichsten 
Aeusserungen des Gib. Das Gib. hilft sich damit, dass es diese Er- 
klärung Vivianis unter Nr. 117 und die Mitteilung Paleologues von 
der russischen Mobilmachung unter Nr. 118 bringt. Die Mitteilung 
Paleologues ist ausserdem so gehalten, dass sie Vivianis Erklärung 
als nicht allzu ungeheuerlich erscheinen lässt. Paleologue teilt mit, 
dass die russische allgemeine Mobilmachung die Folge der allgemei- 
nen österreichisch-ungarischen Mobilmachung ist und die Folge der 
< geheimen Mobilmachungsmassregeln, die Deutschland seit sechs 
Tagen unternimmt». Paleologue fügt hinzu: < In Wirklichkeit ergreift 
Russland nur die militärischen Massregeln, die den von Deutschland 
ergriffenen entsprechen». Aus den entsprechenden Dokumenten des Blb. 
und Ob. bereits geht hervor, dass eine jede dieser Behauptungen eine 
Unwahrheit ist. Wenn die russische allgemeine Mobilmachung die Folge 
einer allgemeinen Mobilmachung Oesterreich-Ungarns gewesen wäre, 
hätte auch Buchanan dieses wichtige Argument in seinem Telegramm 
Blb. 113 angeführt, wo er sich doch eifrig bemüht, die russische 
Massnahme zu rechtfertigen. Buchanan aber erwähnt kein Wort 
darüber. Am schlagendsten aber wird Paleologue durch den Zaren 
widerlegt, der selbst zugibt, Wb. Anl. 23 a, dass die russische Mobil- 
machung seit fünf Tagen beschlossen war. 

Die Einreihung des Paleologueschen Telegrammes als Nr. 1 18 ver- 
folgt aber auch einen andern Zweck. Aus dem Blb. sehen wir, dass die 
allgemeine Mobilmachung angeordnet wurde, ehe Sasonow die abge- 
änderte Formel vorschlug. Siehe Anmerkung zu Ob. 68. Das ist 
natürlich sehr wichtig, da der Satz in der neuen Formel von der 
«abwartenden Haltung», die Russland anstatt der Abrüstung ver- 



Viviani weiss 
nichts von der 
«angeblichen 
Totalmobilisa- 
tion» Russ- 
lands ! 



von Schön will 
am nächsten 
Tage wissen, 
ob Frankreich 
neutral bleibt. 



310 



31. Juli 



Viviani be- 
hauptet, er 
schulde 
Deutschland 
keine Rechen- 
schaft über 
seine Absich- 
ten. 



Freiherr von Schön fragte mich zum Schlüsse im Namen 
seiner Regierung, welche Haltung im Fall eines Konfliktes zwi- 
schen Deutschland und Russland Frankreich einnehmen würde. 
Er sagte mir, dass er morgen, Samstag, um 1 Uhr wiederkom- 
men würde, um meine Antwort entgegenzunehmen. 

Ich habe nicht die Absicht, ihm hierüber 
eine Erklärung abzugeben und werde mich darauf 
beschränken, ihm zu sagen, dass Frankreich seinen Interessen 
gemäss handeln wird. Die Regierung der Republik 
schuldet in der Tat nur ihrem Verbündeten 
Rechenschaft über ihre Absichte n. 2 ) 

Idh bitte Sie, das Vorstehende sogleich Herrn Sasonow 
zur Kenntnis zu bringen. Wie ich Ihnen bereits sagte, zweifle 
ich nicht daran, dass die kaiserliche Regierung im höheren In- 
teresse des Friedens ihrerseits alles vermeiden wird, was die 
Krisis unvermeidlich machen oder überstürzen könnte. 



Frankreich 
fragt in Lon- 
don an, welche 
Haltung Eng- 
land ange- 
sichts der 
deutschen An- 
frage in St. Pe- 
tersburg ein- 
nehmen werde. 



Der englische Botschafter in Paris, Sir F. Bertie, an den 
englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 117. 

Paris. 

Der Minister des Aeusseren Hess mich heute abend um 
sieben Uhr zu sich rufen. Als ich eintraf, verliess der deutsche 
Botschafter gerade Seine Exzellenz. 

Der deutsche Botschafter hatte Seiner Exzellenz mitge- 
teilt, dass Deutschland infolge 'der Meldung der vollständigen 
Mobilisation der russischen Armee und der russischen Flotte 
in einem an Russland gerichteten Ultimatum die Demobilisie- 
rung der russischen Truppen verlangt habe. 

Die deutsche Regierung wird es als notwendig erach- 
ten, die vollständige Mobilmachung der deutsahen Truppen an 
der russischen und an der französischen Grenze anzuordnen, 
wenn die russische Regierung nicht binnen zwölf Stunden dem 
Ersuchen Deutschlands Folge leistet. 

spricht, die Beibehaltung der allgemeinen Mobilmachung einbe- 
schliesst. Das Gib. nun bringt den Bericht über die Abänderung der 
Formel unter Nr. 113 und die Mitteilung über die allgemeine Mobil- 
machung erst unter Nr. 118. Damit wird einmal der Sinn der neuen 
Sasonowschen Formel gewaltig gemildert und ausserdem die Mobil- 
machung selbst als unwesentlicher hingestellt. 

2 ) Dieser letzte Passus charakterisiert vorzüglichdie « Friedens- 
bemühungen > Frankreichs, die Viviani immer wieder preist. Frank- 
reich schulde nur seinen Verbündeten Rechenschaft über seine Ab- 
sichten! Was eine derartige These in der gefährlichen Zuspitzung 
der Krisis bedeuten musste, bedarf keiner weiteren Erörterung. 



31. Juli 



311 



Der Minister des Aeusseren trägt mir auf, Ihnen dies 
mitzuteilen, und fragt, welche Haltung Grossbri- 
tannien unter diesen Umständen einnehmen 
werde. 

Der deutsche Botschafter konnte nicht sagen, wann die 
zwölf Stunden ablaufen werden. Er wird morgen, Samstag, um 
ein Uhr nachmittags, auf dem Ministerium des Aeusseren vor- 
sprechen, um die Antwort der französischen Regierung, welche 
Haltung sie unter diesen Umständen einnehmen will, ent- 
gegenzunehmen. 

Er liess 'durchblicken, dass er möglicherweise seine Pässe 
verlangen werde. *) 

Der russische Botschafter sagte mir, er wisse nichts da- 
von, dass eine allgemeine Mobilisation der russischen Streit- 
kräfte stattgefunden habe. 2 ) 



Der englische Botschafter in Berlin, Sir E. Goschen, an den 
englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 121. 

Berlin. 

Auf Ihr Telegramm vom 31. Juli. 1 ) 

Ich brachte heute eine Stunde damit zu, den Staats- 
sekretär eindringlichst zu bitten, er möge Ihren Vorschlag an- 
nehmen und noch einen Versuch machen, um die schreckliche 
Katastrophe eines europäischen Krieges zu verhindern. 

Er verhielt sich Ihrem Vorschlage gegenüber sehr 
freundlich und erkannte Ihre fortgesetzten Bemühungen, den 
Frieden zu erhalten, an, sagte aber, dass die Reichsregierung 
unmöglich irgend einen Vorschlag in Erwägung ziehen könne, 
solange nicht aus Russland die Antwort auf ihre heutige Mit- 
teilung eingetroffen sei; diese Mitteilung, welche, wie er 
zugebe, die Form eines Ultimatums habe, ginge dahin, dass, 
wenn die russische Regierung nicht binnen zwölf Stunden der 
Reichsregierung mitteilen könne, dass sie sofort ihre Mobili- 
sation gegen Deutschland und Oesterreich-Ungarn rück- 



B 1 b. Nr. 1 17. ') Der Bericht Vivianis, Gib. 1 17, über die Demarche 
von Schöns, erwähnt nichts davon, dass der Botschafter die Forderung 
seiner Pässe irgendwie in Aussicht gestellt habe. 

-) Iswolskp wusste nichts von der allgemeinen Mobilmachung 
in Russland ! Dazu passt es sehr gut, dass auch Viviani nichts davon 
wusste. 



Deutschland 
kannkeineVor- 
schläge mehr 
diskutieren, 
solange die 
russische Ant- 
wort nicht ein- 
getroffen ist. 



Blb. Nr. 121. ] ) Blb. 111. 



312 31. Juli 

gängig machen werde, Deutschland sich gezwungen sähe, 
ebenfalls sogleich zu 'mobilisieren. 

Ich fragte Seine Exzellenz, warum er sein Ersuchen 
an Russland noch dadurch erschwert habe, dass er von 
Letzterem auch eine Demobilisierung im Süden verlangte. 
Er sagte, das sei geschehen, damit Russland nicht vorgeben 
könne, seine ganze Mobilisierung sei nur gegen Oesterreich- 
Ungarn gerichtet. 

Seine Exzellenz sagte, dass, wenn die Antwort Russ- 
lands günstig ausfiele, er persönlich glaube, dass ihr Vor- 
schlag eine wohlwollende Beachtung verdiene, und in jedem 
Falle würde er ihn dem Kaiser und dem Reichskanzler unter- 
breiten, aber er wiederholte, dass es zwecklos wäre, ihn zu 
erwägen, solange die russische Regierung nicht auf die deut- 
sche Forderung geantwortet habe. 

Er versicherte mir neuerdings, dass sowohl Kaiser Wil- 
helm, auf Ersuchen des Zaren, als auch das deutsche Aus- 
wiärtige Amt sogar noch gestern abend in Oesterreich-Un- 
garn gedrungen seien, Bereitwilligkeit zur Fortführung der 
Verhandlungen zu zeigen — und die telegraphischen und tele- 
phonischen Mitteilungen aus Wien seien vielversprechend ge- 
wesen — aber die Mobilisation Russlands habe eben alles 
verdorben. 



Der englische Botschafter in Berlin, Sir E. Goschen, an den 
englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 122. 

Berlin, 
von Jagow Betreffs der Neutralität Belgiens nach Ihrem Telegramm 

Kaiser und den vom 31. JuUi an Sir E. Bertie. 1 ) 

bÄÄ?e Ich sah den Staatssekretär, der mir mitteilte, vor Ertei- 

fche Anfrage lujn £ einer Antwort müsse er zuerst mit dem Kaiser und dem 
betreffs der Reichskanzler Rücksprache nehmen. Aus dem, was er sagte, 
StrautTt be- entnahm ich, dass seinem Dafürhalten nach jede Antwort ihrer- 
seits einen Teil des Feldzugsplanes, der im Falle eines Krie- 
ges ins Auge gefasst wird, enthüllen müsste, und er zweifelte 
daher, ob sie überhaupt eine Antwort geben würden. Dessen 
ungeachtet nahm Seine Exzellenz von Ihrem Ansuchen Notiz, 



Blb. Nr. 122. J ) Blb. 114. 

2 ) Im Grb. Nr. 79 wird diese Behauptung energisch bestritten. 



31- Juli 313 

Die Reiohsregierung scheint, nach dem was er sagte, der 
Meinung zu sein, dass Belgien bereits Feindseligkeiten gegen 
Deutschland begangen habe. 2 ) Als Beispiel führte er die in 
Belgien erfolgte Beschlagnahme einer Sendung Getreide für 
Deutschland an. 

Ich hoffe Seine Exzellenz morgen wieder zu sehen und 
die Angelegenheit weiter mit ihm besprechen zu können, aber 
es scheint mir wenig Aussicht vorhanden zu sein, eine be- 
stimmte Antwort zu erlangen. 

Als er heute mit mir sprach, gab mir der Reichskanzler 
zu verstehen, dass Deutschland in jedem Falle den Wunsch 
hegt, die an Sie gerichtete Antwort Frankreichs zu erfahren. 



21 



314 



1. August 



1. AUGUST 



Der deutsche 
Botschafter in 
St. Petersburg 
entledigt sich 
seines Auftra- 
ges, Russ- 
land möge 
innerhalb 12 
Stunden die 
Mobilmachung 
einstellen. 



Der russische Ministerpräsident des Aeusseren, Sasonow, an 
die russischen Vertreter im Auslande. 

Orangebuch Nr. 70}) 

St. Petersburg. 
Um Mitternacht erklärte mir der deutsche Botschafter, 
im Auftrage seiner Regierung, dass, wenn wir nicht innerhalb 
von 12 Stunden, das heisst Samstag mittag, die Demobilisie- 
rung beginnen, nicht nur in Bezug auf Deutschland, sondern 
auch auf Oesterreich, die deutsche Regierung sich gezwungen 
sehe, den Mobilmachungsbefehl zu erteilen. Auf meine Frage, 
obdasder Krieg sei, antwortete der Botschafter ver- 
neinend, fügte aber hinzu, wir wären de im Kriege 
sehr nahe. 



Szäpäry 
spricht von 
neuem Oester- 
reich -Ungarns 
Bereitwillig- 
keit zu Ver- 
handlungen 
mit Russland 
aus, allerdings 
mit dem Vor- 
behalt, dass 
diese Instruk- 
tionen inzwi- 
schen durch 
die allgemeine 
russische Mo- 
bilmachung ge- 
gebenenfalls 
erledigt sind. 



Der österreichisch-ungarische Botschafter in St. Petersburg, 
Graf Szäpäry, an den österreichisch-ungarischen Mini- 
ster des Aeusseren, Graf Berchtold. 

Rotbuch Nr. 56. 

St. Petersburg. 
Bei einem heutigen Besuche legte ich Herrn Sasonow 
dar, dass ich Instruktionen erhalten hätte, ich müsse aber vor- 
ausschicken, die augenblickliche, durch die russische 
a il Ige meine Mobilisierung in Wien geschaf- 
fene Lage sei mir g ä n z 1 i c h u n b e k a n n t , so dass 
ich von dieser bei Verdolmetschung meiner noch vorher 
abgegangenen Weisungen vollkommen absehen müsse. Ich 
sagte, dass die beiden Weisungen Euer Exzellenz von dem 
Missverständnis handeln, als ob wir weitere Verhandlungen 

Ob. Nr. 70. x ) Das Telegramm trägt im Ob. die Ueberschrift : 
« Geheimes Telegramm >. 



1. August 



315 



mit Russland abgelehnt hätten. Dies sei, wie ich ihm schon 
ohne Auftrag versichert hätte, ein Irrtum. Euer Exzellenz 
seien nicht nur gerne bereit, mit Russland auf breitester Basis 
zu verhandeln, sondern auch speziell geneigt, unseren Noten- 
text einer Besprechung zu unterziehen, sofern es sich 
um dessen Interpretation handle. 

Ich betonte, wie sehr die Instruktionen Euer Exzellenz 
an mich einen weiteren Beweis guten Willens böten, wenn ich 
ihm auch noch einmal in Erinnerung rufen müsse, dass mir 
die durch die seitherige allgemeine Mobili- 
sierung geschaffene Situation unbekannt sei, 
ich könne nur hoffen, dass ums der Gang der Ereignisse nicht 
schon zu weit geführt habe; jedenfalls hätte ich es 
für meine Pflicht gehalten, im gegenwärtigen Augenblicke den 
guten Willen der k. und k. Regierung nochmals zu dokumen- 
tieren. Herr Sasonow erwiderte, er nehme von diesem Be- 
weise guten Willens mit Befriedigung Akt; doch möchte er 
mich aufmerksam machen, dass ihm Unterhandlun- 
gen in Petersburg aus naheliegenden Grün- 
den weniger Erfolg versprechend erschienen 
als solche auf dem neutralen Londoner Ter- 
rain. Ich erwiderte, Euer Exzellenz gingen, wie ich schon 
dargelegt hätte, vom Gesichtspunkte einer direkten Fühlung- 
nahme in St. Petersburg aus, so dass ich nicht in der Lage sei, 
zu seiner Anregung bezüglich Londons Stellung zu nehmen, 
doch würde ich Euer Exzellenz hievon Meldung erstatten. 1 ) 



Rb. Nr. 56. *) Das in diesem Telegramm berichtete Gespräch 
diente der Dreiverbandsdiplomatie als Grundlage für die immer wieder- 
kehrende Behauptung, Oesterreieh-Ungarn habe sich trotz der russi- 
schen Mobilmachung zu direkten Verhandlungen über die Note an 
Serbien und zu Abänderungen dieser Note bereit erklärt. Wie hin- 
fällig solche aus diesem Gespräch gezogenen Schlüsse sind, geht aus 
dem ausdrücklichen Vorbehalt des Grafen Szäpärp hervor, der erklärt, 
seine Mitteilungen seien auf Grund von vor der Mobilmachung er- 
folgten Instruktionen abgefasst und können jetzt hinfällig sein, und 
aus der wichtigen Bemerkung, dass eine Besprechung über die Note 
nur ihrer Interpretation gelten solle. Völlig vernachlässigt wurde 
dagegen von der Dreiverbandsdiplomatie der wichtige Umstand, dass 
Sasonow sich dieser Eröffnung gegenüber ablehnend verhielt und auf 
die Londoner Verhandlungen zurückkam. Ueber dieses Gespräch gibt 
ausserdem noch ein Telegramm Sasonows an die russische Botschaft in 
London Aufschluss, das auch den Botschaftern der anderen Grossmächte 
zugestellt wurde. Dieses Telegramm spricht von der Bereitwilligkeit der 
österreichisch-ungarischen Regierung, « den Inhalt ihres an Serbien ge- 
sandten Ultimatums zu diskutieren». Es befindet sich nicht im Ob., 
ist aber, da der russische Botschaftsrat in London, Herr von Etter, 
es Grev überreichte unter Nr. 133 im Blb. enthalten. Zu bemerken ist, 
dass hier die Berner Uebersetzung ganz im Sinne der vom Dreiver- 
bande diesem Gespräche gegebenen Interpretation den englischen Text 



Sasonow will 
von direkten 
Verhandlun- 
gen nichts 
mehr wissen 
und kommt 
auf das Projekt 
einer Londo- 
ner Konferenz 
zurück. 



316 



1. August 



Der französische Ministerpräsident und Minister des Aeusseren , 
Viviani, an die französischen Vertreter in London, Berlin 
und Brüssel. 



Frankreich 
will die bel- 
gische Neutra- 
lität achten. 



Gelbbuch Nr. 122. 

Paris. 

Der englische Botschafter fragt mich im Auftrag seiner 
Regierung, welche Haltung im Falle eines Konfliktes mit 
Deutschland die französische Regierung Belgien gegenüber 
einnehmen würde. 

Ich erklärte, dass wir gewillt seien, wie wir es bereits 
mehrmals der belgischen Regierung mitgeteilt haben, die Neu- 
tralität Belgiens zu achten. 

Nur falls die belgische Neutralität durch eine andere 
Macht verletzt wiürde, würde Frankreich, um seine Verpflich- 
tungen als Qarantiemacht zu erfüllen, in das belgische Gebiet 
eindringen. 



Deutschland 
will die belgi- 
sche Neutrali- 
tät respek- 
tieren und 
nicht nur das 
europäische 
Gebiet sondern 
auch den Kolo- 
nialbesitz 
Frankreichs 
unangetastet 
lassen, wenn 
England neu- 
tral bleibt. 



Der englische Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an den englischen Botschafter in Berlin, Sir E. Goschen. 

Blaubuch Nr. 123. 

London. 

Ich habe heute dem deutschen Botschafter gesagt, dass 
die Antwort der deutschen Regierung betreffs der Neutralität 
Belgiens sehr bedauerlich sei, weil die belgische Neutralität 
der öffentlichen Meinung dieses Landes sehr nahe geht. Wenn 
Deutschland dieselben Versicherungen wie Frankreich abge- 
ben könnte, würde sich auf schätzenswerte Weise die Unruhe 
und die allgemeine Spannung hier verringern; anderseits würde 
es, wenn eine der kriegführenden Parteien die Neutralität 
Belgiens verletze, während die andere sie respektiere, sehr 
schwierig sein, das Volksempfinden hierzulande zurückzuhal- 
ten. Ich sagte ihm, dass Wir die Frage in der Kabinettssitzung 
diskutiert hatten, und, da ich bevollmächtigt worden war, ihm 
dies mitzuteilen, überreichte ich ihm eine diesbezügliche Note. 

Er fragte mich, ob, wenn Deutschland das 
Vers ip rechen abgebe, Belgiens Neutralität 



«the readiness of his Government to discuss the substance of the 
Austrian Ultimatum to Servia > folgendermassen übersetzt: «die Be- 
reitwilligkeit seiner Regierung den Inhalt des an Serbien gestellten 
Ultimatums in Erwägung zu ziehen und zu besprechen. > 



1. August 



317 



nicht zu verletzen, wir uns verpflichten wür- 
den, neutral zu bleiben. 

Ich antwortete, das könne ich nicht sagen, un- 
sere Hände wären noch frei, und wir überlegten noch, welches 
unsere Haltung sein würde. Ich könne nur sagen, dass unsere 
Haltung zum grossen Teile durch die öffentliche Meinung in 
England bestimmt würde, dass Belgiens Neutralität für die 
öffentliche Meinung die grösste Wichtigkeit habe. Ich denke 
nicht, dass wir ein Neu tralitätsversp rechen 
unter dieser alleinigen Bedingung abgeben 
können. 

Der Botschafter drang in mich, ob ich nicht Bedingun- 
gen formulieren könnte, unter wlelchen wir neutral bleiben 
würden. Er meinte sogar, dass die Integrität Frank- 
reichs und seiner Kolonien garantiert wer- 
den könnte. 

Ich sagte, dass ich mich gezwungen fühle, endgültig 
jedes N eu t r ali t ät s v e r sp r e ch e n unter sol- 
chen Bedingungen zu verweigern und dass ich 
nur sagen könne, dass wir unsere Hände frei behalten 
würden. 1 ) 



Blb. Nr. 123. J ) Man sieht ohne weiteres, welch entscheidende 
Bedeutung die von Sir Edward Grey hier wiedergegebene Unterredung 
mit dem Fürsten Lichnowsky hatte. Deutschland machte hier das An- 
erbieten, Belgiens Neutralität vollständig zu respektieren, nachdem es 
vorher nur die Integrität nach dem Frieden versprochen hatte. Deutsch- 
land erklärte sich bereit, sogar im Falle eines Sieges über Frankreich 
ausser dem europäischen Territorium, dessen Integrität es schon früher 
gewährleistet hatte, auch Frankreichs Kolonialreich nicht anzutasten, 
falls England neutral bleibe. 

Diese Tatsachen gehen klar aus dem englischen Blb. hervor. 
Zu ihnen gesellt sich aber noch ein anderes höchst wichtiges Moment: 
Der wichtige Telegrammwechsel zwischen König Georg und Kaiser 
Wilhelm und die Telegramme Lichnowskys, die auf S. 335 ff. folgen. 
Siehe die betreffenden Anmerkungen. Aus Blb. 123 erhellt aber bereits, 
dass Grey unbedingt den Krieg mit Deutschland wollte. Nachdem er 
bei dem ersten deutschen Angebot, Blb. 85, in dem der Reichskanzler 
über Belgien keine andere Zusicherung abgab, als das Versprechen, 
das Königreich nach dem Kriege wieder herzustellen und nur Frank- 
reichs europäischen Besitz unangetastet lassen wollte, gerade wegen 
dieser beiden ungenügenden Zugeständnisse ein Neutralitätsverspre- 
chen verweigerte, Blb. 101, hätte er jetzt seine Neutralität versprechen 
müssen. Als Lichnowsky zunächst die Achtung der belgischen Neu- 
tralität verspricht, sagt Grey, offenbar in der Hoffnung, dass Deutsch- 
land nicht mehr anbieten würde, diese eine Bedingung genüge nicht. 
Danach sagt auch Lichnowsky die Respektierung des französischen 
Kolonialbesitzes zu. Und hierauf erklärt Grey, er müsse es endgültig 
ablehnen, ein englisches Neutralitätsversprechen zu geben. Wie wir 
aus den Stücken des 31. Juli ersehen, hoffte Grey, der den Kabi- 
nettsrat und das Parlament mit einem moralischen Kriegsgrund hin- 



Grey lehnt 
dieses Aner- 
bieten ab : er 
müsse endgül- 
tig auf ein Ver- 
sprechen der 
engüschen 
Neutr antat 
verzichten. 



318 1. August 

Fortsetzung der Anmerkung Blb. Nr. 123. ') 
reissen musste, ja gerade auf die «neue Entwicklung >, d. h. die Ver- 
letzung der belgischen Neutralität durch Deutschland. Nun spielte 
Deutschland ihm den schlechten Streich und war zu allen Zugeständ- 
nissen bereit. Da Grey trotzdem aber den Krieg wollte und zum 
Kriege der Verletzung der belgischen Neutralität bedurfte, lehnte er 
schroff jedes Neutralitätsversprechen ab, in der Gewissheit, dass 
Deutschland nun, da es unbedingt auf Englands Teilnahme am Kriege 
zählen musste, auch nicht mehr die belgische Neutralität respek- 
tieren würde. Dieser Verletzung der belgischen Neutralität durch 
Deutschland, deren Voraussetzung aber erst die Weigerung Englands 
war, neutral zu bleiben, bediente sich Grey nichtsdestoweniger, um 
England zum Kriege hinzureissen. Das war aber nur möglich, 
wenn er dem Parlament und der englischen öffentlichen Meinung die 
bedeutsame Unterredung, Blb. 123, verschwieg. Das geschah denn 
auch: Weder das offizielle Expose des Blb. noch die Parlamentsreden 
vom 3. und 6. August erwähnen das deutsche Angebot, so dass das 
englische Volk tatsächlich glaubte, es kämpfe für die belgische Neu- 
tralität, während in Wahrheit Grey diese Neutralität ohne weiteres 
schützen konnte, wenn er selbst nur neutral blieb. Das englische Ministe- 
rium des Aeusseren versuchte später diese Vertuschungsmethode zu 
beschönigen. Als Erwiderung auf eine Unterredung, die der englische 
Unterstaatssekretär Acland einem dänischen Journalisten gewährte, in 
der wiederum das moralische Motiv, der Schutz Belgiens, betont 
wurde, wies der deutsche Staatssekretär von Jagow in einer Unter- 
redung mit einem andern dänischen Journalisten (veröffentlicht in der 
Kopenhagener « Nationaltidende > vom 1. Oktober 1914), u. a. auf 
das Stück 123 des Blb. hin. Darauf Hess Acland durch das Reuter- 
sche Bureau eine Erwiderung verbreiten, in der es u. a. heisst: 

«Jagow erklärte ferner, dass Grey am 1. August dem deutschen 
Botschafter gegenüber abgelehnt habe, die Neutralität Englands zu 
versprechen, falls Deutschland die Neutralität Belgiens zusichere. 
Diese Anregung ging nicht von der deutschen Regierung aus. Es ge- 
nüge, an die Rede Greys im Unterhause zu erinnern, worin er sagte: 
«Ich wünsche ein Wort hinzufügen über persönliche Anregungen, 
die der Botschafter unabhängig von Mitteilungen seiner Regierung 
machte. Der Botschafter wirkte für den Frieden, aber er, wie andere 
gleich ihm, besass keine wirkliche Autorität in Berlin. Das ist eine 
Erklärung für die Erfolglosigkeit unserer Bemühungen für den Friedens 

Darauf entgegnete die « Nordd. Allg. Ztg. > am 6. Oktober 1914 u. a.: 

«Die Frage des Botschafters Fürsten Liehnowsky an Grey, ob 
dieser die Neutralität Englands versprechen könne, falls Deutschland 
die Neutralität Belgiens zusichere, war eine dienstliche Frage. Die 
deutschen Botschafter sind in solchen Fällen das Sprachrohr ihrer 
Regierung. Glaubte Grey, dass der Botschafter diese Frage nur für 
seine Person stelle, so war es für den britischen Staatssekretär, bei 
aufrichtigem Friedenswillen, um so leichter, eine Zusicherung über 
Englands Neutralität zu geben. Grey ist aber dieser Zusicherung 
auch in der unverfänglichen Form einer persönlichen Rückäusserung 
auf eine persönliche Frage ausgewichen.» 

Die englische Regierung begnügte sich nicht damit, ihrem Volke 
die wichtige Unterredung des Blb.-Stückes 123 in der entscheidenden 
Stunde zu verschweigen und sie später zu umschleiern. Auch in der 
deutschen für die Neutralen berechneten amtlichen Uebersetzung des 
Blb. wird dem unzweideutigen Text Gewalt angetan. Die wiederholt 
erwähnten Unterschiede zwischen dem englischen Original und der 



1. August 



319 



Der englische Botschafter in Wien, Sir M. de Bunsen, an den 
englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 127. 

Wien. 
Allgemeine Mobilisation des Heeres und der Flotte. ! ) 

Der russische Botschafter in Paris, Iswolsky, an den russi- 
sehen Min ister des Aeusseren, Sasonow. 

Orangebuch Nr. 74. 

Paris. 
Bei Empfang des Telegrammes des französischen Bot- 
schafters in St. Petersburg über die Mitteilung, die Innen der 
deutsche Botschafter betreffs des deutschen 
heute die allgemeine Mobilisation anzuordnen, 
der Präsident der Republik das 
chungsdekret unterzeichne t. 1 ) In 
schlägt man die Aufrufe an die Reservisten an. 



Entschlusses, 
machte, hat 
M o b i 1 m a - 
den Strassen 
Der deutsche 



vom Foreign Office in Bern veröffentlichten Uebersetzung treten hier 
besonders befremdend hervor. Der wichtige Abschnitt über das deut- 
sche Angebot, auch Frankreichs Kolonien zu schonen, lautet im eng- 
lischen Text: <He even suggested that the integrity of France and 
her colonies might be guaranteed. I said that y feit obliged to re- 
fuse definitely any promise to remain neutral on similar terms.> 
Wir gaben oben die wörtliche Uebersetzung. Das Foreign Office 
aber übersetzt folgendermassen: «Er Hess sogar durchblicken, 
dass es möglich sei, die Integrität Frankreichs und seines Kolo- 
nialgebietes zu gewährleisten». Diese Uebersetzung schwächt, wie 
man sieht, ganz erheblich die Bedeutung des deutschen Angebotes ab. 
Die Absicht wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, dass die offi- 
zielle Uebersetzung, wenn es sich um Grevs « suggestions » han- 
delt, regelmässig mit « Vorschlag » übersetzt; hier aber muss es « durch- 
blicken lassen > heissen! Die deutsche Uebersetzung des zweiten Satzes 
lautet, wie oben: «Ich sagte, dass ich mich gezwungen sehe, end- 
gültig jedes Neutralitätsversprechen unter solchen Bedingungen zu 
verweigern, eto Die Uebersetzung des Foreign Office schwächt hier 
den entschieden ablehnenden Ton ab, indem sie schreibt: <Ich sagte, 
dass es mir unmöglich sei, auf diese Bedingung hin ein bestimmtes 
Versprechen zu geben. > 

Blb. Nr. 127. ') Das Blb. erteilt mit diesem Telegramm, das als 
Nr. 127 unter dem Datum 1. August angeführt wird, dem Gib., das 
immer wieder behauptet, die russische allgemeine Mobilmachung sei 
die Folge der allgemeinen Mobilmachung in Oesterreich-Ungarn ge- 
wesen, das schärfste Dementi. Die österreichisch-ungarische allgemeine 
Mobilmachung erfolgte in der Tat einen Tag nach der russischen. 

Ob. Nr. 74. *) Wann aber hat der Präsident diese Mitteilung 
erhalten? Zweifellos am 31. Juli bereits, das Gib. aber veröffentlicht 
das betreffende Petersburger Telegramm Paleologues nicht. Das ein- 



Allgemeine 
Mobilmachung 
in Oesterreich- 
Ungarn. 



Bei Empfang 
der Nachricht 
von der deut- 
schen Demar- 
che in St. Pe- 
tersburg unter- 
zeichnet Poin- 
care das Mobil- 
machungs- 
dekret. 



320 



1. August 



Botschafter hat soeben Viviani besucht, aber hat ihm keine 
neue Mitteilung gemacht, indem er die Unmöglichkeit vorgab, 
die empfangenen Telegrannirne zu dechiffrieren. Viviani hat ihn 
von der Unterzeichnung des Mobilmachungsdekrets verstän- 
digt als Antwort auf 'die deutsche Mobilmachung 2 ) und hat ihm 
sein Erstaunen ausgesprochen, dass Deutschland eine derartige 
Massnahme in einem Augenblick ergriffen habe, in dem ein 
freundschaftlicher Meinungsaustausch zwischen Russland, 
Oesterreich und den Mächten noch im Gange sei; 3 ) er fügte 
hinzu, dass «die Mobilmachung nicht notwendigerweise Krieg 
bedeute und dass der deutsche Botschafter in Paris bleiben 
könne, wie der russische Botschafter in Wien und der öster- 
reichische in St. Petersburg geblieben ist. 



Iswolsky 
bekämpft die 
österreichisch- 
ungarischen 
Bemühungen 
in Paris. 



Der russische Botschafter in Paris, Iswolsky, an den russi- 
schen Minister des Aeusseren, Sasonow. 

Orangebuch Nr. 75. 

Paris. 
Ich erfahre vom Präsidenten, dass während der letzten 
Tage der österreichische Botschafter dem Ministerpräsidenten 
energisch versicherte, dass Oesterreich uns erklärt habe, be- 
reit zu sein, nicht nur die territoriälie Integrität Serbiens, 
sondern auch seine souveränen Rechte zu respektieren, dass 
wir aber absichtlich diese Erklärung verschwiegen hätten. Ich 
setze dem ein kategorisches Dementi entgegen. 1 ) 

zige Telegramm Paleologues von diesem Datum ist das bereits oben 
erwähnte Telegramm Nr. 118, das die Anordnung der allgemeinen 
Mobilmachung berichtet. Ueber das deutsche < Ultimatum» an Russ- 
land, das ja der Anordnung der allgemeinen Mobilmachung selbstver- 
ständlich erst folgte, ist dagegen schon vorher die Rede, und zwar 
ausser in dem bereits besprochenen Telegramm Nr. 116 über die 
Unterredung Vivianis mit von Schön, auch in einem Telegramm Jules 
Cambons aus Berlin. Infolgedessen hat Präsident Poincare die Mit- 
teilung bereits am 31. erhalten und daher wohl auch am 31. die all- 
gemeine französische Mobilmachung angeordnet. Dieser Umstand aber, 
beweist ausserdem, was wir bereits S. 309 bewiesen haben, dass das 
Telegramm 118 über die russische allgemeine Mobilmachung willkürlich 
an diese Stelle gerückt wurde, anstatt bereits vorher im Gib. unter- 
gebracht zu werden. 

2 ) Diese Motivierung der französischen Mobilmachung kann nur 
ungeheuerlich genannt werden. Eine deutsche Mobilmachung hatte, 
wie man in Frankreich genau wusste, nicht stattgefunden. 

Ob. Nr. 74. 3 ) Hier taucht wieder das Motiv auf, Deutschland habe 
mit seinem Ultimatum die friedlichen Besprechungen zwischen Wien und 
Petersburg zerschlagen. Vergl. Rb. Nr. 56. 

Ob. Nr. 75 J ) Bezieht sich das «kategorische Dementi» Iswols- 
kys auf die Behauptung, Russland habe die Erklärung Oesterreichs 
verschwiegen, oder auf die Erklärung selbst? Man kann nicht gut an- 



1. August 



321 



Der englische Botschafter in Paris, Sir F. Bertie, an den eng- 
lischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 134. 

Paris. 
Der Präsident der Republik hat mir mitgeteilt: dass die S^j^; 
deutsche Reichsregierung versuche, die Verantwortung auf gegenüber die 
Russland abzuwälzen; erst nachdem in Oesterreich-Ungarn «kund klagt 1 " 
die allgemeine Mobilisation angeordnet worden war, habe der Deutschland 
Zar die allgemeine Mobilmachung anbefohlen; 1 ) die deutsche 
Reichsregierung bezeichne die von ihr getroffenen militäri- 
schen Massnahmen nicht als allgemeine Mobilisation, obschon 
dieselben in Wirklichkeit nichts anderes sind; eine französische 
allgemeine Mobilmachung werde als Selbsterhaltungsmass- 
regel nötig werden, Frankreich sei bereits 48 Stunden hinter 
Deutschland zurück, was die deutschen militärischen Massnah- 
men betreffe 2 ) ; den französischen Truppen Wurde befohlen, 

nehmen, dass das Dementi den ersteren Sinn hatte, denn ob nun Is- 
wolskp derartige Mitteilungen gemacht hatte oder nicht, der Minister- 
präsident und Präsident Poincare wussten das selbst. Ein Dementi 
hierüber wäre also nicht möglich oder unnötig. Es muss sich also 
auf die Erklärung selbst bezogen haben. Und in diesem Falle ent- 
spricht das Dementi Iswolskys nicht den Tatsachen. Aus den Doku- 
menten, die wir zum Abdruck brachten, geht unzweifelhaft hervor, 
dass Oesterreich-Ungarn zu wiederholten Malen feierlich die besagte 
Erklärung abgab. Es geht ebenso deutlich aus ihnen hervor, dass 
Sasonow sich um diese Erklärung nicht kümmerte, sie verdächtigte 
und sogar sagte, er könne sie nicht in Betracht ziehen. 

Blb. Nr. 134. *) Der Präsident der Republik beteiligt sich mit 
dieser Behauptung an der immer wiederkehrenden Verschiebung des 
Zusammenhanges zwischen österreichisch-ungarischer und russischer 
allge/neiner Mobilmachung. Bereits Gib. Nr. 115, ein Telegramm 
Dumaines vom 31. Juli, verlegt die österreichisch-ungarische Mobil- 
machung vor die russische, die erst als Nr. 118 und zwar als moti- 
viert durch die österreichisch-ungarische mitgeteilt wird. Ein Ver- 
gleich dieser Entstellung mit Blb. Nr. 127 (siehe die betreffende An- 
merkung) genügt, um das Verfahren des Gib. und die in Blb. Nr. 134 
berichtete Darstellung Poincares richtig einzuschätzen. 

2 ) Die Behauptung, dass Deutschland mit seinen militärischen 
Massnahmen einen Vorsprung von 48 Stunden hatte, ist angesichts 
der formellen deutschen Erklärungen nicht ernst zu nehmen. Offenbar 
genügte aber der Dreiverbandsdiplomatie selbst diese kühne Motivierung 
der französischen allgemeinen Mobilmachung noch nicht, denn die 
offizielle Berner Uebersetzung des Blb. ändert den oben wörtlich über- 
setzten Abschnitt, <that a French general mobilisation will be neces- 
sarsily self-defence and that France is already 48 hours behind Ger- 
manp as regards German military preparations», folgendermassen: 
«Frankreich wird sich genötigt sehen, um seine Selbsterhaltung be- 
sorgt, ebenfalls zu mobilisieren, das heisst 48 Stunden später als dieses 
Deutschland getan >. Es wird also damit der Eindruck erweckt, als 
habe Deutschland bereits zwei Tage vorher mobilisiert! 



322 



1. August 



sich nur auf zehn Kilometer der deutschen Grenze zu nähern, 
um Deutschland damit den Grund zu der Anklage zu entziehen, 
Frankreich habe Provokationen begangen, während die deut- 
schen Truppen bereits an der Grenze stehen und dieselbe 
zeitweilig überschritten haben; der Zar hat sich trotz der all- 
seitigen Mobilisation bereit erklärt, seine Unterhandlungen mit 
dem deutschen Botschafter in St. Petersburg fortzusetzen, um 
dadurch den Frieden zu bewahren; dass die französische Re- 
gierung, die ausgesprochen friedensliebend ist, die Au»frecht- 
erhaltung des Friedens wünscht und auch jetzt noch nicht 
daran verzweifelt, den Krieg venmieden zu sehen. 



England er- 
klärt, dass 
wenn Russland 
die Mobilma- 
chung ange- 
sichts der ver- 
söhnlichen 
Haltung 
Oesterreich- 
Ungarns ein- 
stellt, der 
Friede erhal- 
ten werden 
kann. 



Der englische Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an den englischen Botschafter in St. Petersburg, Sir 
G. Buchanan. 

Blaubuch Nr. 135. 

London. 

Es wind mir aus bester Quelle berichtet, dass die Regie- 
rung Oesterreich-Ungarns der deutschen Regierung mitgeteilt 
hat, dass, trotzdem die Lage durch die Mobilisation Russlands 
umgestaltet worden sei, sie in Anerkennung der von England 
im Interesse des Friedens unternomimenen Schritte bereit 
wäre, meinen Vorschlag, zwischen Oesterreich-Ungarn und 
Serbien zu vermitteln, in Erwägung zu ziehen. Die Folge die- 
ser Annahme wunde natürlich sein , dass gegenwärtig 
Oesterreich-Ungarns militärische Aktion gegen Serbien weiter 
ginge, und dass die englische Regierung in die russische Re- 
gierung dringen würde, ihre gegen Oesterreich-Ungarn gerich- 
tete Mobilisation einzustellen, in welchem Falle Oesterreich- 
Ungarn natürlich seine militärischen Gegenmassnahmen in Ga- 
lizien, welche durch die russische Mobilisation aufgezwungen 
wurden, widerrufen würde. 

Berichten Sie dem Minister des Aeusseren darüber und 
fügen Sie bei, dass wenn Russland, der Annahme 
des Vermittlungs vor Schlages seitens Oester- 
reich-Ungarns eingedenk, sich zur Einstel- 
lung seiner Mobilisation verstehen könne, es 
noch möglich schiene, den Frieden zu erhalten. Vermutlicher- 
weise muss die Angelegenheit sowohl mit der deutschen, als 
mit der russischen Regierung besprochen werden. 1 ) 



Blb. Nr. 135. r ) Grey steht hier wieder einmal theoretisch auf 
demselben Standpunkt wie Deutschland: Wenn noch Verhandlungen 
möglich sein sollen, müsse sich Russland zur Einstellung seiner Mobil- 



1. August 



323 



leuchtung. 



Der französische Ministerpräsident und Minister des Aeus- 
seren, Viviani, an die französischen Botschafter in London, 
St. Petersburg, Berlin, Wien und Rom. 

Gelbbuch Nr. 120. 

Paris. 

Zwei Demarches wurden gestern von den österreichi- Bnlarnfver- 
schen Botschaftern ausgeführt, die eine in ziemlich unbestimm- gjjj 1 *«* 6 Hal- 
ter Form in Paris, die andere, präziser, in versöhnlichem Sinne, zösiscaer Be- 
in St. Petersburg. 

Graf Szescen kam, um mir zu erklären, dass die öster- 
reichisch-ungarische Regierung offiziell Russland mitgeteilt 
habe, dass sie keinen territorialen Ehrgeiz habe und nicht die 
Staatssouveränität Serbiens antasten werde; dass sie ebenfalls 
jede Absicht, den Sandjak zu besetzen, zurückweise; aber dass 
diese Erklärungen des Desinteressements nur ihren Wert be- 
halten, wenn der Krieg auf Oesterreich und Serbien lokalisiert 
bleibe, da ein europäischer Krieg unabsehbare Eventualitäten 
eröffne. Indem er diese Erklärungen kommentierte, gab der 
österreichische (Botschafter zu verstehen, dass, wenn seine 
Regierung nicht auf die Fragen der Mächte, die in ihrem eige- 
nen Namen sprechen, antworten könne, sie zweifellos Serbien 
antworten könne oder einer Macht, die im Namen Serbiens 
nach ihren Bedingungen frage. Er fügte hinzu, dass hier viel- 
leicht noch eine Möglichkeit gegeben sei. 

In Petersburg besuchte der österreichische Botschafter 
Herrn Sasonow und erklärte ihm, dass seine Regierung darein 
willige, einer Diskussion beizustimimen, die den Inhalt des an 
Serbien gerichteten Ultimatums behandle. Der russische Mini- 
ster erklärte sich durch diese Erklärung befriedigt und schlug 
vor, dass die Pourparlers in London unter der Teilnahme der 
Mächte stattfänden. Herr Sasonow hat offenbar die englische 
Regierung gebeten, die Leitung der Verhandlungen zu über- 
nehmen; er sagte, dass es wichtig sei, dass Oesterreich seine 
Operationen in Serbien einstelle. x ) 



machung bereit finden. Die sanftmütige Art, in der Grep hier das 
deutsche Ultimatum « unterstützt >, konnte natürlich keinen Erfolg haben 
und sollte offenbar auch keinen Erfolg haben. Diese Aeusserungen 
Greys haben aber immerhin den einen Wert, dass sie den Nachweis 
erbringen, dass Deutschland auch nach englischer Auffassung durch- 
aus nichts Unbilliges von Russland verlangte und dass England durch 
seine eigene Auffassung gezwungen gewesen wäre, Russland nicht 
weiter Gefolgschaft zu leisten. 



Gib. Nr. 120. l ) Und Russlands allgemeine Mobilmachung? 



324 



1. August 



Viviani be- 
schuldigt 
Deutschland 



Aus diesen Tatsachen geht hervor, dass Oesterreich sich 
endlich einem Arrangement geneigt zeigt, wie auch, dass die 
russische Regierung bereit ist, auf Grund des englischen Vor- 
schlages in Verhandlungen einzutreten. 2 ) 

Leider scheinen diese Dispositionen, die auf eine fried- 
liche Lösung hoffen 'Hessen, tatsächlich durch Deutschlands 
fen V lS iere Haltung annulliert zu sein. Deutschland hat in der Tat der rus- 
sischen Regierung ein Ultimatum gestellt, das ihr 12 Stunden 
bewilligt für die Entmobilisierung, nicht nur in Bezug auf 
Deutschland, sondern auch auf Oesterreich; mittag läuft die 
Frist ab. Das Ultimatum ist durch nichts gerechtfertigt, da 
Russland den englischen Vorschlag angenoimimen hat, der einen 
Stillstand der militärischen Vorbereitungen aller Mächte ein- 
begreift. 3 ) 

Deutschlands Haltung beweist, dass es den Krieg will. 
Und es will ihn gegen Frankreich. 4 ) Als gestern Herr von 



Gib. Nr. 120. 2 ) Es muss zunächst darauf hingewiesen werden, dass 
die französische Diplomatie sich noch nicht über den Plan einig war, die 
Bereitwilligkeit Oesterreichs, mit Russland das Ultimatum zu besprechen, 
und Deutschlands Fragestellung an Russland gegeneinander auszu- 
spielen. Jules Cambon, in einem Telegramm vom gleichen Tage, Gib. 
Nr. 121, sieht die < deutsche Perfidie > nicht dort, wo Viviani sie sieht. 
Er telegraphiert in der Tat : « Das Ultimatum an Russland schaltet die 
letzten Friedensaussichten aus, die diese Unterhaltungen noch bestehen 
Hessen (die russisch-österreichischen). Man kann sich fragen, ob unter 
diesen Umständen die Bereitwilligkeit Oesterreichs auf- 
richtig war und nicht bezweckte, die Verantwortlich- 
keit des Konfliktes auf Russland zu schieben». Jules 
Cambon sieht also immerhin ein, dass Russland durch seine allgemeine 
Mobilmachung die Verhandlung mit Oesterreich-Ungarn zerschlagen 
hat, während Viviani die russische Mobilmachung mit Schweigen über- 
geht und sich nur mit ihren Folgen, der deutschen Demarche, beschäf- 
tigt und nun diese, und nicht die russische Mobilmachung, für den 
Umschwung verantwortlich macht! 

3 ) Das ist nicht richtig. Russland hatte nicht den englischen 
Vorschlag angenommen, in dem — als Voraussetzung — die Einstellung 
aller militärischen Vorbereitungen verlangt wurde, sondern die allge- 
meine Mobilmachung angeordnet und einen Gegenvorschlag formuliert, 
in dem es nur eine «abwartende Haltung» versprach, d. h. bis auf 
die Zähne gerüstet. 

4 ) « Und es will ihn gegen Frankreich ». . . . Diese Darstellung 
ist nicht diskutierbar. Dass Deutschland auf dem Umwege über 
einen österreichischen Krieg gegen Serbien und einen deutsch- 
russischen Krieg, den Krieg gegen Frankreich als sein wahres Ziel 
betrachtet, das ist eine so aussergewöhnliche politische Auffassung, 
dass man Mühe hat, daran zu glauben, sie gehe von den leitenden 
Staatsmännern einer europäischen Grossmacht aus. In diese These 
aber hatte sich Viviani verliebt. Er wiederholte sie in seiner Re- 
gierungserklärung vom 4. August 1914 und gab ihr in der Regierungs- 
erklärung vom 22. Dezember 1914 folgende klassische Formel: «Und 



1. August 325 

Schön kam, um am Quai d'Orsai zu fragen, welche Haltung Jg^Kii 
Frankreich im Falle eines deutsch-russischen Konfliktes ein- Deutschlands 
zunehmen gedenke, sagte der deutsche Botschafter, obgleich Frankreich zu 
zwischen Deutschland und Frankreich kein unmittelbarer Kon- j£g* egen ' zu " 
flikt besteht und wir seit Beginn der Krisis alle unsere Be- 
mühungen auf eine friedliche Lösung gerichtet haben und das 
noch tun, dass er mich bitte, dem Präsidenten der Republik 
seine Ehrerbietung und seinen Dank auszusprechen, und bat 
mich, die «Dispositionen für seine eigene Person» ergreifen zu 
wollen; wir wissen auch, dass er (bereits die Archive der Bot- 
schaft in Sicherheit gebracht hat. Diese Haltung, als bestände 
ein diplomatischer Bruch ohne direkten Konflikt, und obgleich 
ihm keine negative Antwort gegeben wurde, charakterisiert 
den entschiedenen Willen Deutschlands, gegen Frankreich 
Krieg zu führen. 5 ) Der Mangel an Aufrichtigkeit in seinen 
Friedensbeteuerungen ist durch den Bruch erwiesen, den es 
Europa aufzwingt, während die Verhandlungen endlich von 
Oesterreich im Einvernehmen mit Russland angenommen 
wurden. 



Der französische Botschafter in Rom, Barrere, an den fran- 
zösischen Ministerpräsidenten und Minister des Aeu s- 
seren, Viviani. 

Gelbbuch Nr. 124. 

Rom. 
Ich war heute morgen um 8V2 Uhr bei dem Marquis di Italien wird 
San Qiuliano, um von ihm auf genaue Weise zu erfahren, bfeiben. 



wenn Deutschland diplomatisch den Frieden im Keime erstickte, so 
geschah das, weil es seit mehr als vierzig Jahren unermüdlich sein 
Ziel verfolgte: die Zerschmetterung Frankreichs, um zur Knechtung 
der Welt zu gelangen ! » 

5 ) «und obgleich ihm keine negative Antwort gegeben wurde >. 
Viviani schreibt diese Worte in Nr. 120 des Gib., während Nr. 117 
klar und deutlich die negative Haltung Frankreichs enthült: «Freiherr 
von Schön fragte mich zum Schluss im Namen seiner Regierung, wel- 
che Haltung im Fall eines Konfliktes zwischen Deutschland und Russ- 
land Frankreich einnehmen würde. Er sagte mir, dass er morgen, 
Samstag, um 1 Uhr wiederkommen würde, um meine Antwort ent- 
gegenzunehmen. Ich habe nicht die Absicht, ihm hierüber 
eine Erklärung abzugeben und werde mich darauf beschränken, 
ihm zu sagen, dass Frankreich seinen Interessen gemäss 
handeln wird. Die Regierung der Republik schuldet in der Tat nur 
ihrem Verbündeten Rechenschaft über ihre Absichten». 



326 1. August 

welche Haltung Italien angesichts der pro- 
vozierenden Akte Deutschlands und ihrer 
Folgen annehmen würde. 

Der Minister des Aeusseren antwortete mir, dass er 
gestern abend den Besuch des deutschen Botschafters erhalten 
habe. Herr von Flotow habe ihm gesagt, dass Deutschland die 
russische Regierung aufgefordert habe, ihre Mobilmachung 
einzustellen, und die französische Regierung gefragt habe, 
welche Absichten sie habe; Deutschland habe Frankreich eine 
Frist von 18 Stunden und Russland eine Frist von 12 Stunden 
für die Antwort bewilligt. 

Herr von Flotow fragte im Anschluss an diese Mittei- 
lung, welche Absichten die italienische Regierung hege. 

Marquis di San Qiuliano hat geantwortet, dass, da der 
von O e s t e r r e i c h u n t e r n o nn <mi e n e Krieg, haupt- 
sächlich wegen der Folgen, die er nach den Worten des deut- 
schen Botschafters haben könne, einen aggressiven 
Charakter habe, der nicht mit dem rein defensi- 
ven Charakter des Dreibundes im Einklang stehe, 
Italien nicht an dem Kriege teilnehmen 
könne. 1 ) 



Gib. Nr. 124. 2 ) Mit dieser Aeusserung Giulianos ist ein grosser 
Missbrauch getrieben worden. Die Dreiverbandsdiplomatie benutzte 
sie, um vor der Welt darzutun, dass Deutschland einen Aggressivkrieg 
führe. So Hess die französische Regierung am 3. August der engli- 
schen Regierung die Aeusserung Giulianos mitteilen. «Indem er diese 
Mitteilung machte*, heisst es im Blb. Nr. 152, «betonte Herr Cambon 
auftragsgemäss die italienische Erklärung, dass der gegenwärtige 
Krieg kein defensiver Krieg, sondern ein Angriffskrieg sei und dass 
aus diesem Grund der casus foederis nach dem Wortlaut des Drei- 
bundsvertrages nicht eintrete >. Das ist eine offenbare Verdrehung der 
italienischen Aeusserungen. Aus dem Wortlaut des obenstehenden 
Dokumentes geht mit einwandsfreier Klarheit hervor, dass Giuliano 
nicht daran gedacht hat, den deutsch-russischen oder französisch- 
deutschen oder gar den deutsch-englischen Krieg, ebensowenig wie den 
österreichisch-russischen Krieg, — alle diese Kriege waren überhaupt 
noch nicht ausgebrochen — als deutsche oder österreichische Aggres- 
sivkriege zu betrachten. Er spricht nur von dem österreichisch-serbi- 
schen Krieg, der natürlich, und das ist nie von Oesterreich-Ungarn 
bestritten worden, seiner Form nach ein von Oesterreich-Ungarn ge- 
führter Angriffskrieg ist. Die anderen möglichen Kriege sieht Giuliano 
als Folgen dieses Krieges an. Seine Anschauung deckt sich also auch 
insofern nicht mit der französischen, als Frankreich ja den weiteren Krieg 
als gegen Oesterreichs Wunsch von Deutschland vom Zaune gebrochen 
erklärt, während Giuliano ihn als die Folge des österreichischen 
Krieges gegen Serbien auffasst. Es ist eine vollständige Verschiebung 
der Tatsachen, wenn die französische Diplomatie Giulianos Worte als 
auf den Weltkrieg gemünzt interpretiert, während sie klar und deut- 
lich nur für den österreichisch-serbischen Krieg gelten. 



1. August 327 

Der französische Ministerpräsident und Minister des Aeus- 
seren, Viviani, an die französischen Botschafter in 
London, St. Petersburg, Berlin, Wien, Rom, Madrid 
und Konstantinopel. 

Gelbbuch Nr. 125. 

Paris. 
Der deutsche Botschafter kam heute morgen um 11 Uhr Vi 3 i ^ s u ^ n en 
wieder zu mir. Nachdem ich ihn an alle Bemühungen Frank- geg^ n lguni 
reichs um eine ehrliche Beilegung des österreichisch-serbischen Deutschland. 
Konfliktes und der Schwierigkeiten, die daraus zwischen 
Oesterreich und Russland entstanden sind, erinnert hatte, ver- 
ständigte ich ihn von den seit gestern fortgesetzten Pour- 
parlers : 

1. Ein Transaktions-Vorschlag Englands, der unter 
anderem eine Einstellung der russischen militärischen Mass- 
nahmen vorsieht unter der Bedingung, dass die andern Mächte 
das Gleiche tun; Russlands Zustimmung zu diesem Vorschlag. 1 ) 

2. Mitteilungen der österreichischen Regierung, die er- 
klärt, dass sie kein Gebiet auf Serbiens Kosten anstrebt und 
auch nicht in den Sandjak eindringen will und bereit ist, in 
London mit den anderen Mächten den Kernpunkt der öster- 
reichisch-serbischen Frage zu diskutieren. 2 ) 

Ich hob dagegen die Haltung Deutschlands hervor, das, 
indem es alle Pourparlers fahren lässt, an Russland ein Ulti- 
matum richtete in dem Augenblicke, da dieses soeben die eng- 
lische Formel annahm (die einen Stillstand der militärischen 
Vorbereitungen aller Länder, die mobilisiert hatten, einbe- 
sohliesst), 3 ) und einen diplomatischen Bruch mit Frankreich als 
bevorstehend ins Auge fasst. 

Freiherr von Schön antwortete mir, er wisse nichts von 
der Entwicklung, die die Frage seit 24 Stunden genommen 
habe, dass hier vielleicht ein « Hoffnungsschimmer » vorliege 
für eine Verständigung, dass er von seiner Regierung keine 
Mitteilung erhalten habe und dass er Nachrichten einziehen 
werde. Er beteuerte abermals seinen ehrlichen Wunsch, seine 



Gib. Nr. 125. ') Unter gleichzeitiger allgemeiner Mobilmachung! 
Das ist der wesentliche Punkt. Siehe Anmerkung 3 zu Gib. 120. 

2 ) Alles durch Deutschland erzielte Zugeständnisse, deren Vor- 
aussetzung war, dass Russland seine militärischen Vorbereitungen nicht 
fortsetze. 

3 ) Diese Behauptung Vivianis ist schon wiederholt widerlegt 
worden. Die Formel nahm Russland nicht an und stellte die Mobil- 
machung nicht ein. 



328 1. August 

Bemühungen denen Frankreichs anzusehliessen, um eine Lö- 
sung des Konfliktes zu erreichen. Ich betonte die schwere 
Verantwortung, die die kaiserliche Regierung auf sich nehmen 
würde, wenn sie in derartigen Umständen ungerechtfertigte 
Initiativen ergreife, die unwiderruflich den Frieden gefährden 
könnten. *) 

Freiherr von Schön spielte nicht mehr auf seine bevor- 
stehende Albreise an und verlangte keine Antwort auf seine 
Frage über die Haltung Frankreichs im Falle eines österrei- 
chisch-russischen Konfliktes. 5 ) Er beschränkte sich darauf, 
selbst zu sagen, dass diese Haltung nicht zweifelhaft sei. 

Man darf die Möglichkeiten, die sich aus meiner Unter- 
haltung mit dem deutschen Botschafter ergeben, in keiner 
Weise übertreiben, denn die kaiserliche Regierung fährt ihrer- 
seits mit den gefährlichsten Vorbereitungen an unserer Grenze 
fort. Man darf sie aber auch nicht vernachlässigen und wir 
dürfen nicht aufhören, für eine Verständigung zu arbeiten. 6 ) 
Frankreich betreibt seinerseits alle militärischen Massregeln, 
die geeignet sind, es gegen einen zu grossen Vorsprang der 
deutschen militärischen Vorbereitungen zu sichern. Frankreich 
ist der Ansicht, dass seine versöhnlichen Bemühungen nur Aus- 
sicht auf Erfolg haben, wenn man es bereit und entschlossen 
weiss, falls der Kampf ihm aufgezwungen wird. 7 ) 



Der französische Botschafter in London, Paul Cambon, an 
den französischen Ministerpräsidenten und Minister des 
Aeusseren, Viviani. 

Gelbbuch Nr. 126. 

Paris. 

Sir Edward Orey sagte mir, dass in seiner Beratung 

von heute morgen das Kabinett von Neuem die Lage betrach- 



Glb. Nr. 125. 4 ) Eine solche Initiative war die in dieser Zu- 
sammenstellung Vivianis wieder vollständig vergessene russische 
allgemeine Mobilmachung. 

5 ) Soll heissen deutsch-russischen Konfliktes. 

6 ) Das tat Frankreich nicht. Es protestierte in keiner Weise 
gegen die russische allgemeine Mobilmachung. Seine ganze diploma- 
tische Tätigkeit am 1. und 2. August ging auf die Beteiligung Eng- 
lands am Kriege und auf die Rechtfertigung der russischen Massnahmen 
in London aus. 

7 ) Das Gib. bringt also keinerlei Mitteilung über die nach dem Blb. 
und Ob. erfolgte allgemeine französische Mobilmachung, die, als Vi- 
viani diese Telegramme absandte, bereits angeordnet war. Es spricht 
hier nur von «militärischen Massregeln», die verhindern sollen, dass 
Deutschland keinen Vorsprung gewinnt. 



1. August 329 

tet habe. Da Deutschland von England eine Neutralitätskkusel 
verlangt und sie nicht erhalten habe, bliebe die englische Re- 
gierung Herrin ihrer Aktion, und diese könne sich in verschie- 
denen Hypothesen äussern. 

Zunächst sei die belgische Neutralität für England sehr ®ri&J e y 0m 
wichtig. Frankreich hat sogleich das Versprechen, sie zu respek- Kabinettsrat 
tieren, erneuert. Deutschland erklärte, « nicht in der Lage zu der englischen 
sein, zu antworten ». Sir Edward Grey wird dem Kabinett Jä-ege 3 ^ 
diese Antwort vorliegen und die Ermächtigung verlangen, Mon- fordern, 
tag im Unterhause zu erklären, dass die englische Regierung 
keine Verletzung der belgischen Neutralität erlauben wird. 
Zweitens sind die englischen Geschwader mobilisiert, und Sir 
Edward Grey hat vor, von seinen Kollegen die Erklärung zu 
verlangen, dass die Geschwader sich einer 
Durchfahrt durch die Meerenge widersetzen 
"werden oder, falls sie stattfindet, jeder Demonstration an den 
französischen Küsten. 1 ) Der Kabinettsrat vom Montag wird 
über diese beiden Fragen verhandeln ; ich bemerkte dem 
Ersten Staatssekretär gegenüber, dass, wenn bis dahin irgend 
ein Zwischenfall sich ereignete, man sich nicht dadurch über- 
raschen lassen dürfe und dass man daran denken müsse, 
rechtzeitig zu intervenieren. 



Gib. Nr. 126. J ) Hiermit tritt England bereits aus seiner Neu- 
tralität heraus, ohne dass die belgische Frage damit etwas zu tun hat: 
Es verspricht Frankreich die Unterstützung seiner Flotte, d. h. die 
Beteiligung an einem deutsch-französischen Kriege. Grey hätte es 
zweifellos vorgezogen, erst die Verletzung der belgischen Neutralität 
abzuwarten. Diese konnte aber erst nach Ausbruch des deutsch-fran- 
zösischen Krieges vor sich gehen. Frankreich war aber angesichts 
der offenbaren Schwierigkeiten, die Grey hatte, den Ministerrat mit- 
zureissen, damit nicht gedient. Es wollte unbedingt die Zusicherung 
der englischen Hilfe haben, ehe es Deutschland eine ablehnende Ant- 
wort erteilte. Ohne die Sicherheit der englischen Hilfe wäre Frank- 
reich offenbar neutral geblieben. Dieses Dilemma führte wohl auch 
Grey zu der sonst unverständlichen Anregung, Frankreich und Deutsch- 
land mögen einander bewaffnet gegenüberstehen, ohne loszuschlagen. 
(Siehe S. 335 und Anmerkung). Auf das unaufhörliche Drängen 
Frankreichs, das auf die Entente Cordiale-Abmachungen pochte, dessen 
Neutralität in dem deutsch-russischen Kriege Grey natürlich nicht wollte, 
das aber ohne eine englische Zusicherung nicht losschlagen wollte, 
musste Grey endlich auf seinen Plan verzichten, die «weitere Ent- 
wicklung », die belgische Frage, heranreifen zu lassen. Er musste da- 
mit bereits vor dem Ausbruch des deutsch-französischen Krieges, der 
allein ja erst die belgische Frage spruchreif machen konnte, Frank- 
reich die bewaffnete Unterstützung versprechen. Das hinderte Grey 
allerdings nicht, vor dem Tribunal der Oeffentlichkeit die belgische 
Frage an den Anfang zu stellen, wie er ja auch darüber hinwegglitt, 
dass die belgische Neutralität nie verletzt werden konnte, wenn England 
neutral geblieben wäre. 

22 



330 



1. August 



Der englische Botschafter in Paris, Sir F. Bertie, an den eng- 
lischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey. 



Blaubuch Nr. 136. 



Die französi- 
sche allgemei- 
ne Mobil- 
machung. 



Paris. 



Der Kriegsminister hat heute nachmittag unserem Militär- 
Attache mitgeteilt, dass um 3 40 die allgemeine Mobilisation 
der französischen Armee angeordnet worden sei. 1 ) Das wäre 
notwendig geworden, weil der Kriegsminister wiisse, dass 
unter der Bezeichnung « Kriegszustand » die Einberufung von 
sechs Klassen in Deutschland erfolgt sei. Drei Klassen seien 
genügend, um die Deckungstruppen auf die Kriegsstärke zu 
bringen, während die übrigen drei Klassen die Reservisten bil- 
deten. Dies, sagte der Kriegsminister, sei nur eine Mobilisation 
unter anderer Benennung. 

Die französischen Truppen nahe der Grenze sehen sich 
acht auf Kriegsfuss gebrachten Armeekorps gegenüber, und sie 
erwarten jeden Augenblick einen Angriff. 2 ) Dies ist um jeden 
Preis zu vermeiden. Eine Zone von zehn Kilometer Ausdeh- 
nung ist daher zwischen den französischen Truppen und der 
deutschen Grenze frei gelassen worden. Die französischen 
Truppen werden nicht zum Angriff vorgehen, und der Kriegs- 
minister hält sehr vidi darauf zu erklären, dass diese Art der 
Mobilisation nur defensive Zwecke verfolge. 3 ) 



Blb. Nr. 136. *) Vergl. Anmerkung zu Ob. 74, aus der hervor- 
geht, dass das Mobilmachungsdekret bereits vorher unterzeichnet 
worden war. 

2 ) Hier wird bereits der Versuch gemacht, den kommenden 
deutsch-französischen Krieg auf einen durch keinerlei stichhaltige 
Gründe gerechtfertigten Angriff zurückzuführen.; 

3 ) Die Möglichkeit eines deutsch-französischen Krieges beruhte 
einzig und allein auf dem Willen Frankreichs, das Russlands Intran- 
sigenz vom 24. Juli an durch immer wiederkehrende Ermunterungen 
gestärkt, eine deutsch-französische Solidarität während der Verhand- 
lungen abgelehnt hatte und entschlossen war, auf Deutschlands An- 
frage, ob Frankreich neutral bleiben wolle, verneinend zu antworten. 
Unter diesen Umständen ist es natürlich ein Unding, von «defensiven» 
Zwecken der am 31. Juli infolge des deutschen Ultimatums an 
Russland beschlossenen Mobilmachung zu sprechen. Die Haltung, 
die Frankreich angenommen hatte, zwang es ja, bei Ausbruch des 
deutsch-russischen Krieges auch ohne einen deutschen Angriff gegen 
Deutschland loszuschlagen. 



1. August 331 

Der f ranzösische Ministerpräsident und Minister des Aeus- 
seren, Viviani, an den französischen Botschafter in 
Londo n, Paul Cambon. 

Gelbbuch Nr. 127. 

Paris. 
Wir werden von verschiedenen Seiten davon unterrich- ^^Jßsl- 
tet, dass die deutsche und die österreichische Regierung äugen- sehe MobUma- 
blicklich versuchen, auf England Eindruck zu machen, indem c une " 
sie vorgeben, dass die Verantwortung an dem Kriege, falls er 
ausbricht, auf Russland fällt. Man bemüht sich, Englands Neu- 
tralität zu fordern, indem man die Wahrheit fälscht. 

Aber während man verhandelte und Russland in den 
Verhandlungen unbestreitbar guten Willen zeigte, schritt 
Oesterreich, als erster, zu der allgemeinen Mobilmachung. 2 ) 

Russland sah sich gezwungen, das gleiche zu tun, um 
sich nicht in einen Zustand der Inferiorität zu versetzen, aber 
es blieb stets bereit, zu unterhandeln. Ich habe nicht nötig, 
zu wiederholen, dass, was uns angeht, wir mit England 
fortfahren werden, am Erfolge dieser Pouirparlers zu arbeiten. 

Aber die Haltung Deutschlands hat uns in die absolute 
Notwendigkeit versetzt, heute das Mobilmachungsdekret zu 
erlassen. 3 ) 

Lange vor der russischen Mobilmachung, bereits am 
letzten Mittwoch, wie ich es Ihnen schon telegraphiert habe, 
kündigte mir Herr von Schön die baldige Proklamation des 
«Kriegsgefahrzustandes» an. Diese Massregel ist von Deutsch- 
land ergriffen worden, und im Schutze dieses Wandschirmes 
hat es sogleich seine eigentliche Mobilmachung begonnen. 4 ) 

Heute hat Herr Paleologue telegraphiert, dass Graf Pour- 
tales der russischen Regierung die deutsche Mobilmachung 
angekündigt hat. 5 ) 



Gib. Nr. 127. l ) Fast wörtliche Wiederholung von Gib. Nr. 125. 

2 ) Da das Gib. immer wieder auf dieselben Irrtümer zurück- 
kommt, genügt es auf die frühere Widerlegung hinzuweisen. Anm. 
zu Blb. Nr. 127 und Anm. 1 zu?Blb. Nr. 134. 

3 ) Diese Behauptung ist wiederholt, siehe u. a. Anm. 2 zu Blb. 
Nr. 134, als wissentlich falsch erkannt worden. 

4 ) Das isreine Entstellung. Freiherr'von Schön kündigte nicht 
die baldige Proklamation des « Kriegsgefahrzustandes > an, sondern 
stellte ihn in Aussicht für den Fall, dass Frankreich rüste (Siehe 
Wb. Anlage 17). Diese Massregel wurde erst als Antwort auf die 
russische allgemeine Mobilmachung am 31. Juli ergriffen. 

5 ) Ein solches Telegramm steht nirgends im Gib. 



332 1. August 

Im Kriegsministeriuni eingelaufene Nachrichten bestä- 
tigen, dass diese Mobilmachung tatsächlich in vollem Gange ist. 

Unser Mobilmachungsdekret ist also eine wesentliche 
Schutzmassregel. Die Regierung hat gleichzeitig eine vom 
Präsidenten der Republik und allen Ministern unterzeichnete 
Proklamation veröffentlicht, in der erklärt wird, dass die 
Mobilmachung nicht den Krieg bedeutet, dass sie im: gegen- 
wärtigen Stande für Frankreich das beste Mittel ist, den Frie- 
den zu erhalten und dass die Regierung der Republik ihre Be- 
mühungen verdoppeln wird, um die Verhandlungen zu gutem 
Ende zu führen. 

Wollen Sie diese Angaben Sir Edward Grey schnell- 
stens übermitteln und ihm erklären, dass wiir ständig dem 
Wunsche gehorchten, keinerlei Provokation zu begehen. 

Ich bin davon überzeugt, dass die öffentliche Meinung in 
England, wenn der Krieg ausbrechen sollte, klar sehen wird, 
von welcher Seite die Aggression kommt und dass sie die star- 
ken Gründe begreifen wird, die wir Sir Edward Grey an- 
gegeben haben, um eine bewaffnete Intervention Englands im 
Interesse der Zukunft des europäischen Gleichgewichtes zu ver- 
langen. 6 ) 



Der englische Botschafter in Berlin, Sir E. Goschen, an den 
englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey. 

Blaubuch Nr. 138. 

B e r 1 i n. 
Se^rist a ver- I° n ^° e ^ &m Staatssekretär des Aeusseren den Inhalt 

streichen lässt, Ihres heutigen Telegrammes 1 ) mitgeteilt und brachte geraume 
wort 1fu e ertei- Zeit damit zu, Seiner Exzellenz klar zu machen, dass die 
alfch^DeutS- Hauiptursache des Streites zwischen Oesterreich-Ungarn und 
land. Russland läge, und dass Deutschland nur als Verbündeter 

Oesterreichs hineingezogen worden sei. Wenn daher Oester- 
reich-Ungarn und Russland bereit seien, was augenscheinlich 
der Fall sei, über die Angelegenheit zu verhandeln und 
Deutschland selbst den Krieg nicht wünsche, so schiene es 
mir nur logisch, wenn es seine Hand zurückzöge und weiter 



Gib. Nr. 127. 6 ) Der letzte Satz zeigt klar, welchem Zwecke all 
die falschen Angaben, die vorangehen, dienen: sie sollen es Grey er- 
leichtern, den Ministerrat zur Beteiligung am Kriege zu veranlassen. 



Blb. Nr. 138. ») Blb. Nr. 131. 



1. August 



333 



an der ■Herbeiführung einer friedlichen Lösung mitwirke. 2 ) Der 
Staatssekretär des Aeusseren sagte, dass die Bereitwilligkeit 
Oesterreich-Ungarns, in Verhandlungen einzutreten, dem 
Einflüsse Deutschlands in Wien zuzuschrei- 
ben sei, und dass, hätte Russland nicht gegen Deutsch- 
land mobilisiert, alles zum Besten gewesen wäre. Aber 
indem Russland auf Deutschlands Ersuchen, zu demobili- 
sieren, nicht antwortete, habe es Deutschland gezwungen, 
ebenfalls zu mobilisieren. Russland habe behauptet, dass 
seine Mobilisation nicht notwendigerweise den Krieg 
bedeute und dass die dortige Mobilisation Monate lang 
aufrecht erhalten werden könne, ohne Krieg zu führen. Das- 
selbe gelte nicht für Deutschland. Deutschland besässe den 
Vorteil grosser Beweglichkeit, während Russland über den 
Vorteil einer grossen Zahl verfüge, und die Sicherheit Deutsch- 
lands verwehre es diesem, Russland Zeit zu lassen, grosse 
Truppenmassen aus allen Teilen seiner weiten Gebiete anzu- 
sammeln. Die Lage sei nun die, dass Russland, obschon ihm 
die Reichsregierung einige Stunden mehr als die zuerst zuge- 
standene Frist zugebilligt habe, keine Antwort erteilt habe, 
Deutschland habe daher den Befehl zur Mobilisation ergehen 
lassen und seinen Botschafter in St. Petersburg angewiesen, 
der russischen Regierung binnen einer gewissen Frist zu er- 
klären, dass die Reiohsregierung die Verweigerung einer Ant- 
wort russischerseits als der Herbeiführung des Kriegszustan- 
des gleichkommend ansehen müsse. 



Der deutsche Reichskanzler, von Bethmann Hollweg, an den 
deutschen Botschafter in St. Petersburg, Graf Pourtales. 



Weissbuch, Anlage 26. 

Berlin. 
Falls die russische Regierung keine befriedigende Ant- 
wort auf unsere Forderung erteilt, so wollen Euere Exzellenz 



B 1 b. Nr. 138. 2 ) Diese Auseinandersetzung, dass die Hauptursache des 
Streites zwischen Oesterreich-Ungarn und Russland läge, wäre Russland 
gegenüber weit mehr am Platze gewesen. Denn Russland hatte sich nicht 
mit seiner Mobilmachung gegen Oesterreich-Ungarn begnügt, sondern 
seinem feierlichen Versprechen entgegen, gegen Deutschland die all- 
gemeine Mobilmachung proklamiert! Deutschland nun — auch nun 
noch! — Ruhe und Wertlosigkeit mit Hilfe von Argumenten zu pre- 
digen, die man Russland gegenüber nicht gefunden hatte, das war 
alles, was die englische Diplomatie am 1. August leistete. Immer noch 
Ratschläge in Berlin und Schweigen in St. Petersburg. 



Der Reichs- 
kanzler sendet 
dem Botschaf- 
ter den Text 
der eventuel- 
len Kriegser- 
klärung an 
Russland. 



334 1. August 

ihr heute nachmittag 5 Uhr (mitteleuropäische Zeit) folgende 
Erklärung überreichen : *) 

«Die Kaiserliche Regierung hat sich seit Beginn der 
Krise nach Kräften bemüht, sie zu einer friedlichen Lösung 
zu führen. In Erfüllung eines Wunsches Seiner Majestät des 
Kaisers von Russland hatte Seine Majestät der Deutsche 
Kaiser im Einverständnis mit England die Rolle eines Ver- 
mittlers bei den Kabinetten von Wien und St. Petersburg 
übernommen, als Russland, ohne das Ergebnis abzuwarten, 
zur Mobilmachung aller seiner Land- und Seestreitkräfte 
schritt. 

Infolge dieser drohenden Massnahme, die durch keine 
militärische Vorbereitung von deutscher Seite 'begründet war, 
sah sich Deutschland einer schweren und unmittelbar bevor- 
stehenden Gefahr gegenüber. Hätte es die Kaiserliche Re- 
gierung unterlassen, dieser Gefahr zu begegnen, so würde sie 
die Sicherheit und sogar den Bestand Deutschlands gefährdet 
haben. Infolgedessen sah sich' die Kaiserliche Regierung ge- 
zwungen, sich an die Regierung Seiner Majestät des Kaisers 
aller Russen zu wenden und die Einstellung der besagten 
militärischen Massnahmen zu fordern. Da Russland sich ge- 
weigert hat, dieser Forderung Folge zu leisten, und durch diese 
Weigerung bekundet hat, dass sein Vorgehen gegen Deutsch- 
land gerichtet war, so habe ich die Ehre, auf Befehl meiner 
Regierung Euere Exzellenz wissen zu lassen, was folgt : 

Seine Majestät der Kaiser, mein erhabener Gebieter, 
nimmt die Herausforderung an und betrachtet sich als im 
Kriegszustände mit Russland. » 

Bitte Eingang und Zeitpunkt der Ausführung dieser In- 
struktion nach russischer Zeit dringend drahten. 

Bitte Ihre Pässe fordern und Schutz und Geschäfte 
Amerikanischer Botschaft übergeben. 



Der deutsche Botschafter in Paris, Freiherr von Schön, an 
den deutschen Reichskanzler, von Bethmann Hollweg. 

Weissbuch, Anlage 27. 

Paris. 

Auf meine wiederholte bestimmte Frage, ob Frankreich 
im Falle eines deutsch-russischen Krieges neutral bleibe, er- 



Wb. Anlage 26. ') Der folgende Text ist die offizielle Ueber- 
setzung der französisch geschriebenen Kriegserklärung. 



1. August 



335 



klärte der Ministeripräsident mir, dass Frankreich das tun 
werde, was seine Interessen i : hm geböten. 1 ) 



Der König von England an den Deutschen Kaiser. 

Neuausgabe des Weissbuches, Abschnitt 5. IV. 

Vielen Dank für Dein Telegramm von gestern nacht. Ich 
habe ein dringendes Telegramm an Nikolaus geschickt, in 
dem Ich ihm Meine Bereitwilligkeit ausgesprochen habe, 
alles zu tun, was in Meiner Macht steht, um 
die Wiederaufnahme der Verhandlungen zwi- 
schen den 'beteiligten Mächten zu fördern. 1 ) 

gez. Georg. 



König Georg 
verspricht von 
neuem Frie- 
densbemühun - 
gen. 



Der deutsche Botschafter in London, Fürst Lichnowsky, an 
den deutschen Reichskanzler, von Bethmann Hollweg. 

Neuausgabe des Weissbuches, Abschnitt 5. V. 

Soeben hat mich Sir Edward Qarey ans Telephon gerufen Englische vor- 
und mich gefragt, ob ich glaubte, erklären zu - 
können, dass für den Fall, dass Frankreich 
neutral bliebe in einem deutsch-russischen 
Kriege, wir die Franzosen nicht angriffen. 
Ich erklärte ihm, ich glaubte die Verantwortung 
hierfür übernehmen zu können. 1 ) 



Frankreichs 
Neutralität. 



Wb. Anlage 27. ! ) Das Gib. bringt kein Wort über diese Ant- 
wort Vivianis, die selbstverständlich der Ausgang für die deutsche 
Kriegserklärung wurde. Viviani erklärt Gib. Nr. 117, dass er diese 
Antwort erteilen wird, in seinem Berichte über die Gespräche mit von 
Schön vom 1. August und in seiner Rede vom 4. August erwähnt 
er aber nicht, dass er tatsächlich diese Antwort gab. 



Neuaus g. des Wb., Abschn. 5. IV. ! ) Indes beriet Grey mit 
Cambon über die Teilnahme am Kriege und bemühte sich, den Kabinetts- 
rat zu einer kriegerischen Entscheidung zu bestimmen.. 



Neuaus g. des Wb., Abschn. 5. V. und folgende Stücke. ') Diese selt- 
same Anregung Sir Edward Greys, von der weder das Blb. noch das Gib. 
etwas enthält, ist wohl so zu erklären, dass Grey, der Frankreich infolge 
des Widerstandes des Ministeriums noch nicht die absolut bindenden Zu- 
sagen geben konnte, die Frankreich zum Losschlagen brauchte, ver- 
suchte, noch für Frankreich Zeit zu gewinnen, bis es ihm gelungen 



336 1. August 

Der deutsche Botschafter in London, Fürst Lichnowsky, an 
den deutschen Reichskanzler, von Bethmann Hollweg. 

Neuausgabe des Weissbuches, Abschnitt 6. I. 

London. 
.... Der Privatsekretär Sir Edward Greys war eben 
bei mir, uim mir zu sagen, der Minister wolle mir 
Vorschläge für die Neutralität Englands 
machen, selbst für den Fall, dass wir mit 
R u s s 1 a n d wj i e mit Frankreich Krieg ih ä 1 1 c n. 
Ich sehe Sir Edward Qrey heute nachmittag und werde so- 
fort berichten. 



Der deutsche Botschafter in London, Fürst Lichnowsky, an 
den deutschen Reichskanzler, von Bethmann Hollweg. 

Neuausgabe des Weissbuches, Abschnitt 6. IL 

London. 

Sir Edward Grey las mir soeben die nachstehende Er- 
klärung vor, die vom Kabinett einstimmig gef asst worden war : 

«Die Antwort der deutschen Regierung bezüglich der 
Neutralität Belgiens ist ungemein bedauerlich, weil die Neu- 



war, den Ministerrat zum Kriege zu bestimmen. In diesem Falle wäre 
es natürlich sehr unwahrscheinlich, dass Grey diese Anregung ohne 
Frankreichs Wissen gemacht hat. Es ist aber auch nicht unmöglich, 
dass Grey diesen Vorschlag nur machte, um Deutschland noch eine 
Weile im Zweifel darüber zu lassen, dass England zum Kriege ent- 
schlossen war. Nachdem England es abgelehnt hatte, neutral zu 
bleiben, falls Deutschland Belgiens Neutralität achtete und nach einem 
Siege über Frankreich das europäische und koloniale Gebiet Frank- 
reichs unangetastet Hesse, bestand ja in der Tat kein Zweifel mehr 
über Englands Absicht. Da ist es sehr wohl denkbar, dass Grey mit 
dieser Anregung, die er, sobald er seiner Sache sicher war, wieder 
fallen lassen konnte, noch eine Weile den Eindruck erwecken wollte, 
als bemühe er sich weiter um die Erhaltung des Friedens. Wie dem 
aber auch sei, das Wesentliche an dieser Greyschen Anfrage ist, dass 
Deutschland sofort auf sie einging. Aus diesen Dokumenten 
geht in der Tat hervor, dass Lichnowsky spontan die Einwilligung 
Deutschlands zusicherte und dass der Reichskanzler und schliesslich 
selbst der Deutsche Kaiser sich ohne weiteres bereit erklärten, der 
Anregung Folge zu leisten. Wenn aber selbst diese Dokumente Greys 
Politik und Frankreichs Entschlossenheit zum Kriege nicht ganz klar 
beleuchten können, sondern nur wieder ihre unleugbare Zwiespältig- 
keit dartun, so drücken sie entschieden eines mit hellster Klarheit 
aus: Deutschland, von dem Viviani sagte, es habe die ganze öster- 
reichisch-serbisch-russisch-deutsche Kriegsverwicklung nur als Mittel 
zum Zwecke geschaffen, zum Zwecke eines Krieges gegen Frank- 



1. August 



337 



tralität Belgiens die Gefühle dieses Landes angeht. Wenn 
Deutschland einen Weg sehen könnte, die gleiche positive Ant- 
wort zu geben, wie diejenige, die von Frankreich gegeben 
worden ist, würde dies wesentlich dazu beitragen, die Be- 
sorgnis und die Spannung hier zu beheben, während es auf 
der andern Seite äusserst schwierig sein wjürde, die öffent- 
liche Stimmung in diesem Lande zurückzudämmen, wenn eine 
Verletzung 'der Neutralität Belgiens durch einen der Käm- 
pfenden stattfände, während der andere sie respektierte. » 

Auf meine frage, ob er unter der Bedin- 
gung, d a s s wir die belgische Neutralität 
wahrten, mir eine bestimmte Erklärung über die Neu- 
tralität Grossbritanniens abgeben könne, erwiderte der Mi- 
nister, das sei ihm nicht möglich, diodh würde diese 
Frage eine grosse Rolle bei der hiesigen öffentlichen Meinung 
sipielen. Verletzten wirr die belgische Neutralität in einem 
Kriege mit Frankreich, so würde sicherlich ein Umschwung 
in der Stimmung eintreten, die es der hiesigen Regierung er- 
schweren würde, eine freundliche Neutralität einzunehmen. 
Vorläufig beständen nicht die geringsten Absichten, gegen uns 
feindlich vorzugehen. Man würde dies, wenn irgend möglich, 
zu vermeiden wünschen. Es liesse sich aber schwerlich eine 
Linie ziehen, bis wohin wir gehen dürften, ohne dass man dies- 
seits einschreite. Er (kaim immer wieder auf die belgische 
Neutralität zurück und meinte, diese Frage würde jedenfalls 
eine grosse Rolle sipielen. Er habe sich auch schon gedacht, 
ob es denn nicht möglich wäre, dass wir und Frankreich uns 
im Falle eines russischen Krieges bewaffnet gegenüberstehen 
blieben, ohne uns anzugreifen. Ich frug ihn, ob er in der Lage 

reich, wünschte nichts sehnlicher als den Krieg mit 
Frankreich zu vermeiden. Der Deutsche Kaiser selbst erklärte 
dies feierlich am 1. August. Deutlicher selbst als die Dokumente 
des Gib., Blb. und Ob., aus denen der entschiedene Wille Frank- 
reichs, mit Russland und England zusammen den Kampf zu wagen, 
hervortritt, beweisen diese Akten ausserdem, dass Frankreich seinem 
eigenen Willen gehorchend, gegen Deutschlands Willen, in den Krieg 
eintrat, dass damit auch für England, selbst bei bindenden Abma- 
chungen im Falle einer deutschen < Aggression >, nicht der Schatten 
einer Verpflichtung zur Unterstützung Frankreichs vorlag. Wie Deutsch- 
land durch die allgemeine russische Mobilmachung zum Kriege mit 
Russland, so wurde es durch Frankreichs und Englands Willen zum 
Kriege mit diesen Mächten gezwungen. Frankreich wollte nicht neu- 
tral bleiben. England wollte nichts tun, um Frankreich die Neutra- 
lität nahe zu legen. Es wollte ferner nichts tun, um selbst vor seinem 
eigenen Gewissen neutral bleiben zu können. Das bewies bereits 
hinreichend Blb. 123. Der Bericht Lichnowskys über seine Frage, 
ob Grep «unter der Bedingung, dass wir die belgische Neutralität 
wahrten, mir eine bestimmte Erklärung über die Neutralität Gross- 
britanniens abgeben könne >, bestätigt das. Grey hatte einen Kabi- 



Grey weigert 
sich neutral zu 
bleiben, auch 
wenn Deutsch- 
land Belgiens 
Neutralität 
achtet. 



Grey schlägt 
vor, dass 
Frankreich 
neutral bleiben 
soll. 



338 



1. August 



wäre, mir zu erklären, dass Frankreich auf einen derartigen 
Pakt eingehen würde. Da wir weder Frankreich zerstören, 
noch Gebietsteile erobern wollten, könne ich mir denken, 
dass wir uns auf ein derartiges Abkommen 
einlassen würden, das uns die Neutralität 
Qrossbritanniens sichere. 

Der Minister sagte, er wolle sich erkundigen, verkannte 
auch nicht die Schwierigkeiten, beiderseitig das Militär in Un- 
tätigkeit zurückzuhalten. 



Deutschland 
ist bereit, seine 
Truppen an 
der franzö- 
sischen Grenze 
zurückzu- 
ziehen und 
auch jetzt noch 
Frankreich die 
Hand zum 
Frieden zu 
reichen. 



Der Deutsche Kaiser an den König von England. 

Neuausgabe des Weissbuches, Abschnitt 5. VI. 

Ich habe soeben die Mitteilung Deiner Regierung er- 
halten, durch die sie die französische Neutralität unter der 
Garantie Grossbritanniens anbietet. Diesem Anerbieten war 
die Frage angeschlossen, ob unter diesen Bedingungen 
Deutschland darauf verzichten würde, Frankreich anzugreifen. 
Aus technischen Gründen muss Meine schon heute nachmittag 
nadh zwei Fronten, nach Osten und Westen, angeordnete Mobil- 
machung vorbereitungsgemäss vor sich gehen. Gegenbefehl 
kann nicht mehr gegeben werden, weil Dein Telegramm leider 
zu spät kam. Aber wenn Mir Frankreich seine 
Neutralität anbietet, die durch die engli- 
sche Armee und Flotte garantiert werden 
muss, werde ich natürlich von einem Angriff 
auf Frankreich absehen und Meine Truppen 
anderweitig verwenden. Ich hoffe, Frankreich wird 
nicht nervös werden. Die Truppen an Meiner Grenze w e r - 

nettsbeschluss erzielt, der es als ungemein bedauerlich erklärte, dass 
Deutschland keine Versicherung betreffs der Wahrung der belgischen 
Neutralität abgebe, weil das seiner Regierung sehr erschwere, eine 
etwaige Kriegslust des englischen Volkes zurückzudämmen. Was 
konnte Liehnowsky mehr tun, als ihm Grey diesen Beschluss mit- 
teilte, als erklären^ dass, wenn England neutral bliebe, Deutschland 
die belgische Neutralität wahren werde, deren Verletzung allein ja 
eine Aufregung des englischen Volkes, beileibe nicht der Regierung, 
verursachen konnte! Gab es etwas Bequemeres, wenn England den 
Frieden wollte, als auf diesen Grundlagen mit Deutschland wenig- 
stens zu verhandeln ? Und gibt es einen schlagenderen Beweis neben 
dem Frankreich gegebenen Versprechen, ihm die Flottenunterstützung 
zu gewähren, als die glatte Ablehnung, die Grey dieser Anregung 
zuteil werden Hess? Nach dieser Ablehnung und nach der endgiitigen 
Erklärung, dass auch die Anregung Greys auf einem « Missverständ- 
nis •» beruhe, die durch das Telegramm des Königs Georg eine be- 
sonders bedeutsame Form erhielt, wusste Deutschland, dass zu dem 
deutsch-russischen und dem deutsch-französischen der nun unver- 
meidliche deutsch-englische Krieg treten würde. Es ist von höchster 



1. August 



339 



•den gerade t e 1 e g r a ph i s e h und telephonisch 
abgehalten, die französische Grenze zu über- 
seh r e i t e n. 

gez. Wilhelm. 



Der deutsche Reichskanzler, von Bethmann Hollweg, an den 
deutschen Botschafter in London, Fürst Lichnowsky. 

Neuausgabe des Weissbuches, Abschnitt o. VII. 

Berlin. 

Deutschland ist bereit, auf den engli- 
schenVorschlageinzugehen, falls sich England mit 
seiner Streitmacht für die unbedingte Neutralität Frankreichs 
im deutsch-russischen Konflikt verbürgt. Die deutsche Mobil- 
machung ist heute auf Grund der russischen Herausforderung 
erfolgt, bevor die englischen Vorschläge hier eintrafen. Infolge- 
dessen ist auch unser Aufmarsch an der französischen Grenze 
nicht mehr zu ändern. Wir verbürgen uns aber da- 
für, dass die französische Grenze bis Montag 
den 3. A u g u s t , abends 7 U h r , durch unsere 
Truppen nicht überschritten wird, f a M s bis 
dahin die Zusage Englands erfolgt ist. 

gez. Bethmann Hollweg. 



Deutschland 
nimmt, den 

englischen 
Vorschlag an: 
Es will keinen 
Krieg mit 
Frankreich. 



Der König von England an den Deutschen Kaiser. 

Neuausgabe des Weissbuches, Abschnitt 5. VIII 

In Beanwortung Deines Telegramms, das soeben ein- f c ^üf z ^ d em 
gegangen ist, glaube Ich, dass ein Missverständnis Missverstäna- 
bezüglich einer Anregung vorliegen m u s s , ms vor ' 

Wichtigkeit, dass Deutschland diese Gewissheit hatte, ehe es sein 
Ultimatum an Belgien richtete. Glaubte Deutschland in einem deutsch- 
französischen Krieg unbedingt des Durchmarsches durch Belgien zu 
bedürfen, um wieviel dringender musste ihm diese Notwendigkeit er- 
scheinen, wenn es unbedingt mit einem gleichzeitigen Krieg gegen 
England zu rechnen hatte. Als Deutschland den Einmarsch in Belgien 
vornahm und im Reichstag kundgab, wusste es, dass England auf 
Seite Russlands und Frankreichs kämpfen würde; es konnte offiziell 
aber natürlich nicht diese Tatsache erwähnen. Es konnte daher das 
wichtigste Argument für diesen Einmarsch, den Krieg mit England, 
nicht nennen, um England nicht im Geringsten zu provozieren. Das 
tut aber dieser grundlegenden Tatsache keinen Abbruch, dass Deutsch- 
land die belgische Frage zuerst im Zusammenhang mit der englischen 
Frage erwähnte (Blb. Nr. 85), dass es die Wahrung der belgischen 
Neutralität gewährleisten wollte, falls England neutral bliebe und dass 
es erst sein Ultimatum an Belgien stellte, als England unzweideutig 
seinen Entschluss, Deutschland zu bekriegen, kund getan hatte. 



340 1. August 

die in einer freundschaftlichen Unterhaltung zwischen dem 
Fürsten Lichnowsky und Sir Edward Qrey erfolgt ist, als 
sie erörterten, wie ein wirklicher Kampf zwischen der deut- 
schen und der französischen Armee vermieden werden könne, 
solange noch die Möglichkeit bestellt, dass ein Einverständnis 
zwischen Oesterreich und Russland erzielt wird. Sir Edward 
Qrey wird den Fürsten Lichnowsky morgen früh sehen, um 
festzustellen, ob ein Missverständnis auf seiner Seite vorliegt. 

gez. Georg. 



Der deutsche Botschafter in London, Fürst Lichnowsky, an 
den deutschen Reichskanzler, von Bethmann Hollweg. 

Neuausgabe des Weissbuches, Abschnitt 6. III. 

London. 

England zieht .... Meine Meldung von heute früh ist durch meine 

scäagluräck. Meldung von heute abend aufgehoben. Da positiver 
englischer Vorschlag überhaupt nicht vor- 
lieg >t, erübrigen sich weitere Schritte im 
Sinne der mir erteilten Weisungen. 



2. August 341 



hinfällü 



2. AUGUST 



Der deutsche Botschafter in London, Fürst Lichnowsky, an 
den deutschen Reichskanzler, von Bethmann Hollweg. 

Neuausgabe des Weissbuches, Abschnitt 5. IX. 

Die Anregungen Sir Edward Qreys, die auf dem Wunsche JäeSneen 611 
beruhten, die Möglichkeit dauernder Neutralität Englands zu sind *endgütig 
schaffen, sind ohne vorherige Fühlungnahme mit 
Frankreich und ohne Kenntnis der Mobilma- 
chung erfolgt und inzwischen als völlig aussichtslos aufge- 
geben. x ) 

gez. Lichnowsky. 



Der ö sterreichisch-ungarische Botschafter in Berlin, Graf 
Szögyeny, an den österreichisch-ungarischen Minister des 
Aeusseren, Graf Berchtold. 

Rotbuch Nr. 57. 

B e r 1 i n. 

Der Herr Staatssekretär sagte mir soeben, dass von Der Ausbruch 
Russland keine Antwort auf deutsche Anfrage mssSehS? 1 " 
eingelangt sei. Krieges. 

Russische Truppen haben die deutsche Grenze bei 
Schwidden (südöstlich Bialla) überschritten. 

Russland hat daher Deutschland angegriffen. 

Deutschland betrachtet sich daher im 
Kriegszustand e mit R u s s 1 a n d. 

Russischer Botschafter hat heute vormittags Pässe zuge- 
stellt erhalten; er wird voraussichtlich noch heute abreisen. 1 ) 

Neuaus g. des Wb., Abschn. 5. IX. ') Dieses Telegramm be- 
weist, dass es Grey bei seinen Anregungen in keinem Falle ernst war. 

Rb. Nr. 57. ') In der Denkschrift des Wb. wird darüber folgender- 
massen berichtet: «Der Kaiserliche Botschafter in Petersburg hatte 



Einmarsch 
deutscher 
Truppen in 
Luxemburg. 



342 




2. August 










Der 


Präsident der 


luxemburgischen 


Re 


gierung, 


Eyschen 


, an 




die Minister 


des Aeusseren 


der 


Garantiemächte 


und 



Belgiens. 

Graubuch Nr. 18. Blaubuch Nr. 147. Gelbbuch Nr. 131. 

Luxemburg. 
Ich habe die Ehre, Euer Exzellenz folgende Tatsachen 
zur Kenntnis zu bringen: Sonntag den 2. August, früh mor- 
gens, sind die deutschen Truppen nach den der Grossherzog- 
lichen Regierung bis zur Stunde zugegangenen Nachrichten 
über die Wasserbilliger sowie über die Remicher Brücke in 
das luxemburgische Gebiet gedrungen und richten sich nament- 
lich nach dem Süden des Landes und nach der Stadt Luxem- 
burg, der Hauptstadt des Grossherzogtums. Eine ge- 
wisse Anzahl von Panzerzügen mit Truppen und Munition 
ist auf der Eisenbahnlinie von Wasserbillig nach Luxem- 
burg befördert worden, wo man sie jeden Augenblick erwar- 
tet. Diese Tatsachen enthalten zu der durch den Londoner 
Vertrag vom Jahre 1867 gewährleisteten Neutralität Luxem- 
burgs im schroffen Widerspruch stehende Akte. Die luxem- 
burgische Regierung hat nicht verfehlt, bei .dem Vertreter 
Seiner Majestät des Deutschen Kaisers in Luxemburg ener- 
gisch gegen diese Aggression zu protestieren. Ein gleicher Pro- 
test wird telegraphisch dem Staatssekretär des Auswärtigen 
Amtes in Berlin übermittelt werden. 1 ) 



inzwischen den Auftrag erhalten, falls die Russische Regierung inner- 
halb der ihr gestellten Frist keine befriedigende Antwort erteilen 
würde, ihr zu erklären, dass wir nach Ablehnung unserer Forderung 
uns als im Kriegszustand befindlich betrachten. Ehe jedoch eine Mel- 
dung über die Ausführung dieses Auftrages einlief, überschritten rus- 
sische Truppen, und zwar schon am Nachmittag des 1. August, also 
desselben Nachmittags, an dem das eben erwähnte Telegramm des 
Zaren abgesandt war, unsere Grenze und rückten auf deutschem Ge- 
biet vor. Hiermit hat Russland den Krieg gegen uns begonnen.» 



Grb. 18,Blb. Nr. 147, Gib. 131. J ) Gegen die Verletzung der 
luxemburgischen Neutralität durch Deutschland wurde von England 
kein Einspruch erhoben. Auf diese Verletzung, die der Reichskanzler 
in seiner Rede vom 3. August ausdrücklich als solche anerkannte, be- 
ziehen sich noch folgende Stücke der diplomatischen Sammlungen: 
Gb. Nr. 132, 133, 136, 140, 156, Grb. Nr. 66, Blb. 148. Die luxemburgische 
Regierung setzte dem Einmarsch der deutschen Truppen keinen Wider- 
stand entgegen. Die Grossherzogin und der Staatsminister erhielten 
ihren Protest dagegen aufrecht. Die deutsche Regierung zahlte eine 
Indemnität für die Verpflegung der Truppen und allen Schaden, der 
dem Lande aus der Besetzung erwachsen konnte. 



2. August 343 

Der deutsche Botschafter in Paris, Freiherr von Schön, übe rreicht 
d em französischen Ministerium des Aeusseren folgende Note : 

Gelbbuch Nr. 133. Paris 

Der deutsche Botschafter ist soeben beauftragt worden Deutschland 
und beeilt sich, den Auftrag auszuführen, dem Ministerium des lrkiärun|en 
Aeusseren mitzuteilen, dass die militärischen Massregeln, die ^sch^üi^u 1 ; 
Deutschland im Grossherzogtum Luxemburg ergriff, keinen xemburg ab. 
Akt der Feindseligkeit bilden. Sie sind als eine 
reine Vorsichtsmassregel zum Schutze der Eisenbahnen zu be- 
trachten, die infolge der zwischen Deutschland und dem Gross- 
herzogtum Luxemburg bestehenden Verträge der deutschen 
Verwaltung unterstehen. 

Der englische Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
an den englischen Botschafter in Paris, Sir F. Bertie. 

Blaubuch Nr. 148. T n „ , n „ 

London. 

Nach dem Ministerrat heute morgen übergab ich Herrn England gibt 
Cambon folgendes Memorandum: IT^S' 

« Ich bin ermächtigt worden, die Versicherung abzugeben, ^richtlormeii 
dass, sollte die deutsche Flotte in den Aermelkanal eindringen Frankreich 
oder durch die Nordsee Feindseligkeiten gegen die französische rfsche "ufter- 
Küste oder die französische Schiffahrt unternehmen, die briti- | t e ü e tz ^ 1 £n Ur 
sehe Flotte allen in ihrer Macht liegenden Schutz gegen solche Deutschland. 
Angriffe gewähren werde. 

«Diese Versicherung muss natürlich vom Parlament gut- 
geheissen und darf nur dann als die Regierung Seiner Majestät 
zur Aktion bindend ausgelegt werden, wenn die deutsche 
Flotte wie oben angeführt vorgeht. » 

Ich wies darauf hin, dass wir schwerwiegende Fragen 
und schwierige Aufgaben in Betracht ziehen müssten, und dass 
die grossbritannische Regierung sich nicht verpflichten könne, 
Deutschland notwendigerweise den Krieg zu erklären, wenn 
der Krieg zwischen Frankreich und Deutschland morgen aus- 
bricht, aber der französischen Regierung, deren Flotte schon 
lange im Mittelländischen Meere konzentriert ist, sei es von 
grösster Wichtigkeit zu erfahren, welche Massregeln sie er- 
greifen müsse, da die Nordküste Frankreichs gänzlich unvertei- 
digt daliege. Wir hatten es daher für notwendig gehalten, der 
französischen Regierung diese Versicherung zu geben. Das 
verpflichte uns nicht, Deutschland den Krieg zu erklären, so- 
lange die deutsche Flotte die erwähnten Bewegungen und An- 
griffe nicht zur Ausführung brächte, anderseits jedoch würde 



344 2. August 

dieses Versprechen Frankreich die Sicherheit gewähren, 
welche es ihm gestattete, über seine eigene Mittelmeerflotte 
Verfügungen zu erlassen. *) 

Herr Cambon befragte uns dann über die Neutralitäts- 
verletzung Luxemburgs. Ich teilte ihm den in dieser Beziehung 
von Lord Derby und Lord Clarendon im Jähre 1867 nieder- 
gelegten Grundsatz mit. Er fragte mich, was wir über die Neu- 
tralitätsverletzung Belgiens sagen würden. Das sei, erwiderte 
ich, eine viel wichtigere Angelegenheit als die vorhergehende; 
wir seien eben damit beschäftigt, die diesbezügliche Erklärung 
zu erwägen, welche wir morgen dem Parlamente unterbreiten 
würden, nämlich ob wir die Neutralitätsverletzung Belgiens als 
casus belli erklären sollten. 2 ) Ich berichtete ihm dann noch, was 
dem deutschen Botschafter hierüber gesagt worden war. 3 ) 

Blb. Nr. 148. ') Damit trat England in den Krieg ein. Indem es Frank- 
reich formell die Unterstützung seiner Flotte zusagte, gab England seine 
Neutralität auf und erklärt sich bereit, an der Seite Russlands und 
Frankreichs zu kämpfen, ohne dass von deutscher Seite irgend ein 
feindlicher Akt gegen England begangen worden wäre, ohne dass es 
noch über irgend einen offiziellen Kriegsgrund verfügte. Was nach 
allen vorhergehenden Dokumenten, vornehmlich dem Stück Blb. 123 
und den Telegrammen Lichnowskys vom 1. August, nicht mehr zwei- 
felhaft war, erhält hier seine volle einwandfreie Bestätigung: England 
trat in den Krieg mit Deutschland ein, unabhängig von der Frage der 
belgischen Neutralität, die in diesem Augenblick noch nicht gefährdet 
war. In der bereits S. 318 erwähnten, in der «Nationaltidende» ver- 
öffentlichten Antwort von Jagows auf Erklärungen des englischen Unter- 
staatssekretärs Acland, fand der deutsche Staatssekretär am Auswär- 
tigen Amt u. a. folgende unanfechtbaren Worte über diesen Sachver- 
halt: «Unterstaatssekretär Acland behauptet, das Eingreifen Englands 
in den Krieg sei darauf zurückzuführen, dass Deutschland die Neu- 
tralität Belgiens verletzt habe. Ich kann nicht annehmen, dass diesem 
hohen Beamten des Foreign Office unbekannt sein sollte, dass Sir 
Edward Grey in seiner Rede im englischen Unterhause am 3. August 
erklärt hat, er habe dem französischen Botschafter bereits am Nach- 
mittag des vorhergehenden Tages, also am 2. August, die voll- 
ste Unterstützung der englischen Flotte für den Fall 
zugesichert, dass die deutsche Flotte gegen die fran- 
zösische Küste oder die französische Schiffahrt vor- 
gehe. Erst in der Nacht vom 3. auf den 4. August aber erfolgte die 
Verletzung der belgischen Neutralität durch deutsche Truppen. Eben- 
sowenig kann der Unterstaatssekretär vergessen haben, dass Sir Ed- 
ward Grey in seiner Unterredung mit dem Fürsten Lichnowskp am 
1. August es ausdrücklich abgelehnt hat, Deutschland die Neutralität 
Englands für den Fall zuzusichern, dass Deutschland die Neutralität 
Belgiens respektiere. Es handelt sich daher um einen, nicht einmal 
besonders geschickten, erneuten Versuch, die Welt über die Motive 
irrezuführen, die der englischen Beteiligung am Kriege zugrunde liegen >. 
Siehe auch Anmerkung 2 zu Grb. Nr. 20. 

2 ) Hier wird also die Frage aufgeworfen, ob die eventuelle Ver- 
letzung der belgischen Neutralität überhaupt als Kriegsanlass gelten soll. 

3 ) Ueber dieses Gespräch und die wichtige Mitteilung Greys 
berichtet Paul Cambon, Gib. 137. 



2. August 



345 



Der f ranzösische Ministerpräsident und Minister des Aeus- 
s eren, Viviani, an den französischen Botschafter in 
Londo n, Paul Cambon. 

Gelbbuch Nr. 138. 

Paris. 

Ich nehme von dem Inhalt Ihrer Telegramme vom 27., 
30. und 31. Juli und 1. August und dem heute an mich gesandten 
Kenntnis. 1 ) 

Indem ich den Kammern die Erklärung, die Sir Edward 
Qrey Ihnen heute machte und deren Text Sie in Ihrem Tele- 
gramm geben, mitteile, werde ich hinzufügen, d a s s wir 
von England eine erste Hilfe erlangt haben, 
deren Wert uns kostbar ist. 

Ich habe ausserdem vor, zu bemerken, dass die Hilfe, die 
England Frankreich zum Schutze der französischen Küsten 
oder der französischen Handelsflotte zu leisten beabsichtigt, 
derart angewandt wird, dass unsere Kriegsflotte 
gleichfalls im Falle eines deutsch-französischen Konfliktes 
im atlantischen Ozean, wie in der Nordsee und im Kanal 
unterstützt wird. Ich werde ausserdem! hinzufügen, dass 
-die englischen Häfen nicht als Verpflegungsstützipunkte für die 
deutsche Flotte dienen werden. 



Die « erste Hil- 
fe» Englands. 



Der deutsche Gesandte in Brüssel, von Below-Saleske, über- 
reicht abends 7 Uhr dem belgischen Minister des Aeus- 
seren, Davignon, folgende Note: 1 ) 

Graubuch Nr. 20. 

Brüssel. 
Der kaiserlichen Regierung liegen zuverlässige Nach- 
richten vor über den beabsichtigten Aufmarsch französischer 
Streitkräfte an der Maasstrecke Qivet-Namur. Sie lassen keinen 
Zweifel über die Absicht Frankreichs, durch belgisches Gebiet 
gegen Deutschland vorzugehen. 

Die kaiserliche Regierung kann sich der Besorgnis nicht 
erwehren, dass Belgien, trotz besten Willens, nicht imstande 



Gib. Nr. 138. ') Bezieht sich auf Gib. 
Blb. 148 berichteten Eröffnungen Greps. 



Nr. 137, d. h. die unter 



Deutschland 
ersucht Bel- 
gien, den 
Durchmarsch 
der deutschen 
Truppen zuzu- 
lassen, und ge- 
währleistet in 
diesem Falle 
die belgische 
Integrität und 
Unabhängig- 
keit. 



Grb. Nr. 20. J ) Die Note trägt den Vermerk «streng vertrau- 
lich >. Sie wurde in deutscher Sprache überreicht. 



23 



346 2. August 

sein wird, ohne Hülfe einen französischen Vormarsch mit so 
grosser Aussicht auf Erfolg abzuwehren, dass darin eine aus- 
reichende Sicherheit gegen die Bedrohung Deutschlands ge- 
funden werden kann. Es ist ein Gebot der Selbst- 
e r h a 1 1 u n g für Deutschland, demi feindlichen 
Angriff zuvorzukommen. Mit dem grössten Bedauern 
würde es daher die deutsche Regierung erfüllen, wenn Belgien 
einen Akt der Feindseligkeit gegen sich darin erblicken würde, 
dass die Massnahmen seiner Gegner Deutschland zwingen, zur 
Gegenwehr auch seinerseits belgisches Gebiet zu betreten. 

Um jede Missdeutung auszuschliessen, erklärt die kaiser- 
liche Regierung das Folgende : 

1. Deutschland beabsichtigt keinerlei Feindselig- 
keiten gegen Belgien. Ist Belgien gewillt, in dem be- 
vorstehenden Kriege Deutschland gegenüber eine wohlwol- 
lende Neutralität: einzunehmen, so verpflichtet sich 
die deutsche Regierung, beim Friedens- 
schluß s Besitzstand und Unabhängigkeit des 
Königreichs in vollem Umfange zu garan- 
tieren. 

2. Deutschland verpflichtet sich unter obiger Voraus- 
setzung, das Gebiet des Königreichs wieder zu 
räumen, sobald der Friede geschlossen ist. 

3. Bei einer freundschaftlichen Haltung Belgiens ist 
Deutschland bereit, im Einvernehmen mit den Königlich Bel- 
gischen Behörden alle Bedürfnisse seiner Trup- 
pen gegen Barzahlung anzukaufen und jeden 
Schaden zu ersetzen, der etwa durch deutsche 
Truppen verursacht werden könnte. 

4. Sollte Belgien den deutschen Truppen 
feindlich entgegentreten, insbesondere ihrem; Vor- 
gehen durch Widerstand der Maas-Befestigungen oder durch 
Zerstörung von Eisenbahnen, Strassen, Tunnels oder sonsti- 
gen Kunstbauten Schwierigkeiten bereiten, so wird Deutsch- 
land zu s e i n e m: B e d a u e r n gezwungen sein, das 
Königreich als Feind zu betrachten. In diesem 
Falle würde Deutschiland dem Königreich gegenüber keine 
Verpflichtungen übernehmen können, sondern müsste 
die spätere Regelung des Verhältnisses bei- 
der Staaten zu einander der Entscheidung 
der Waffen überlassen. 

Die kaiserliche Regierung gibt sich der bestimm- 
ten Hoffnung hin, dass diese Eventualität 
nicht eintreten und dass die königlich belgische Re- 



2. August 347 

gierung die geeigneten Massnahmen zu treffen wissen wird, 
um zu verhindern, dass Vorkommnisse, wie die vorstehend 
erwähnten, sich ereignen. In diesem Falle würden die freund- 
schaftlichen Bande, die beide Nachbarstaaten verbinden, eine 
weitere und dauernde Festigung erfahren. 2 ) 



Grb. Nr. 20. 2 ) Die Instruktion, die vonjagow mit dieser Note 
an den deutschen Gesandten richtete, enthielt die Aufforderung, die 
belgische Regierung um eine «unzweideutige Antwort binnen zwölf 
Stunden, also bis morgen früh 8 Uhr», zu ersuchen. — Das Ultimatum 
wurde, wie schon gesagt, in Brüssel überreicht, als der Beschluss 
des britischen Kabinettes, Frankreich zur See zu unterstützen, bereits 
gefasst war. Anschliessend an eine diesbezügliche Frage, die ein 
Unterhausmitglied im März 1915, mit dem Bemerken an Sir Edward 
Grey richtete, dass danach nicht die Rede davon sein könne, dass 
England nur zum Schutze der belgischen Neutralität die Waffen er- 
griffen habe, veröffentlichte die «Norddeutsche Allgemeine Zeitung > 
vom 20. März 1915, Nr. 79, folgende Feststellung: 

« 1. Nach dem französischen Gib., Nr. 137, hat Sir Edward Grey 
im Laufe des 2. August, und zwar « ä l'issue du Conseil des Ministres 
tenu ce matin », dem französischen Botschafter offiziell namens des 
britischen Kabinetts die Erklärung abgegeben, dass die englische Flotte 
intervenieren würde, falls die deutsche Flotte den Versuch machen 
sollte, in den Kanal einzufahren oder die Nordsee zu passieren. Das 
diese Erklärung nach Paris übermittelnde Telegramm ist noch am 
gleichen Tage von dem französischen Ministerpräsidenten beantwortet 
worden (Gib. Nr. 138). Der betreffende Beschluss des britischen Ka- 
binetts muss also vor der erst am Abend des 2. August in Brüssel 
gestellten deutschen Anfrage gefasst worden sein. 

2. Schon vor der entscheidenden Kabinettssitzung hat Sir Ed- 
ward Grey dem französischen Botschafter eine Eröffnung gemacht, 
die dem Kabinettsbeschluss Vorgriff. Nach dem französischen Gib. 
Nr. 126 hat er am 1. August dem französischen Botschafter erklärt, 
er werde seinem Kollegen vorschlagen, dass die britische Flotte die 
Durchfahrt der deutschen Flotte durch den Kanal oder — wenn die 
Durchfahrt gleichwohl gelingen sollte — jede Demonstration an der 
französischen Küste verhindern werde. 

3. Das Ultimatum der britischen an die deutsche Regierung in 
Sachen Belgiens ist erst am 4. August gestellt worden. 

4. Es steht hiernach in der Tat fest, dass die englische Regie- 
rung, ganz unabhängig von der Frage der belgischen Neutralität und 
vor der Entscheidung dieser Frage, zum Kriege entschlossen war; 
wenn in der Zeit vom 2. bis zum 4. August deutsche Kriegsschiffe 
auch nur den Versuch gemacht hätten, durch den Kanal oder selbst 
nur durch die Nordsee zu fahren, so wäre es nach den Erklärungen 
Sir Edward Greys und den Beschlüssen des britischen Kabinetts zu 
einer sofortigen Aktion der englischen Flotte und zum Kriegszustand 
zwischen England und Deutschland gekommen, auch wenn niemals 
die Neutralität Belgiens angetastet worden wäre.» 



348 



3. August 



3. AUGUST 



Grrey macht 
sein letztes 
Hilfeverspre- 
chen zu einer 
bindendenVer- 
pflichtung, die 
den Kriegszu- 
stand zwischen 
England und 
Deutschland 
einbegreift. 



Der französische Botschafter in London, Paul Cambon, an 
den französischen Ministerpräsidenten und Minister des 
Aeusseren, Viviani. 

Gelbbuch Nr. 143. 

Londo li. 

Sir Edward Qrey hat mich ermächtigt, Ihnen mitzuteilen, 
dass Sie im Parlamente erklären dürfen, er würde im Unter- 
hause Erklärungen über die gegenwärtige Haltung der eng- 
lischen Regierung abgeben und dass die wichtigste dieser Er- 
klärungen die folgende sein würde: 

« Im Falle, da ein deutsches Geschwader die Meerenge 
passiert oder die Nordsee hinauffährt, um die britischen Inseln 
zu umschiffen, mit der Absicht, die französischen Küsten oder 
die französische Kriegsflotte anzugreifen und die französische 
Handelsflotte zu beunruhigen, würde das englische Geschwa- 
der eingreifen, um der französischen Flotte seine volle Unter- 
stützung zu leihen, so dass von diesem Augenblicke 
a n E n g 1 a n d und Deutschland sich miteinander 
im Kriegszustande befinden würden. 1 ) 

Gib. Nr. 143. *) Damit ist das letzte Glied in die Kette gefügt. 
Grep selbst gibt seinen Flottenabmachungen jetzt den entscheidenden 
Sinn : Er will den Krieg mit Deutschland. Dr. Karl Helfferich kommentiert 
in der zitierten Broschüre dieses Dokument folgendermassen : «Wenn 
also in der Zeit vom 2. bis 4. August deutsche Kriegsschiffe sich 
hätten beikommen lassen, sei es die Strasse von Calais zu passieren, 
sei es durch die Nordsee zu fahren, so wäre es, da man von eng- 
lischer Seite hinter einer solchen Operation ohne weiteres die Absicht, 
die französische Küste oder Flotte anzugreifen oder zum mindesten 
die französische Handelsflotte zu beunruhigen, vermutet hätte, zu einer 
sofortigen Aktion der englischen Flotte und zum Kriegszustand zwi- 
schen Deutschland und Frankreich gekommen . . .; dies ganz unab- 
hängig von Deutschlands Haltung zur belgischen Neutralität . . . Man 
mag nachträglich bedauern, dass es in jener Zeit nicht zu einem Aus- 
fahren deutscher Kriegsschiffe und daraufhin zu einer feindlichen Ak- 
tion der englischen Flotte gekommen ist. Das Märchen, dass England 
lediglich durch die Verletzung der Neutratität Belgiens von Seiten 
Deutschlands gezwungen worden sei, in den Krieg einzutreten, hätte 
dann nicht aufkommen können.» 



3. August 



349 



Sir E. Qrey machte mich darauf aufmerksam, dass die 
Erwähnung einer Operation über die Nordsee hin den 
Schutz gegen eine Demonstration im atlan- 
tischen Ozean mit ein 'begriffe. 

Die Erklärung über das Eingreifen der englischen Flotte 
muss als die englische Regierung bindend be- 
trachtet werden. Sir E. Grey hat mir das versichert und hin- 
zugefügt, hiermit sei die französische Regierung in der Lage, 
die Kammern davon zu verständigen. 

Als ich auf die Botschaft zurückkehrte, erhielt iclh Ihre 
telegraphische Mitteilung über das deutsche Ultimatum an Bel- 
gien. Ich habe es sofort Sir E. Qrey mitgeteilt. 2 ) 



marsch. 



Der belgische Minister des Aeusseren, Herr Davignon, über- 
reicht dem deutschen Gesandten, von Below-Saleske, 
folgende Note: 

Graubuch Nr. 22. 

Brüssel. 

Durch ilhre Note vom 2. August 1914 hat die deutsehe Belgien ver- 
Regierung wissen lassen, dass zuverlässigen Nachrichten zu- Deutschland 
folge französische Streitkräfte die Absicht hätten, an der Maas- den 
strecke Givet-Namur aufzumarschieren, und dass Belgien trotz 
besten Willens nicht im Stande wäre, einen französischen Vor- 
marsch ohne Hülfe abzuwehren. 

Die 'deutsche Regierung erachte sich in die Notwendig- 
keit versetzt, diesem Angriffe vorzubeugen und das belgische 
Gebiet zu verletzen. Unter diesen Umständen schlägt Deutsch- 
land der königlichen Regierung vor, ihm gegenüber eine 
freundliche Haltung einzunehmen, und verpflichtet sich, beim 
Friedensschlüsse den Besitzstand und die Unabhängigkeit des 
Königreiches im vollen Umfange zu garantieren. Die Note fügt 
hinzu, dass, wenn Belgien dem Vormarsche der deutschen 
Truppen Schwierigkeiten entgegenstellt, Deutschland gezwun- 
gen wäre, Belgien als Feind zu betrachten und die spätere Re- 
gelung des Verhältnisses beider Staaten zu einander der Ent- 
scheidung der Waffen zu überlassen. 

Diese Note hat bei der königlichen Regierung tiefes und 
schmerzliches Erstaunen hervorgerufen. 

Die Absichten, die sie Frankreich 'beiaruisst, stehen im 
Widerspruche zu den formellen Erklärungen, die uns am 



Gib. Nr. 143. a ) Auch dieses Versprechen wurde also, wie aus 
diesem Telegramm in aller Klarheit ersichtlich, vor dem Bekannt- 
werden des deutschen Ultimatums an Belgien erteilt. 



350 3. August 

I. August im Namen der Regierung der Republik abgegeben 
worden sind. 

Wenn übrigens Frankreich entgegen unserer Erwartung 
die belgische Neutralität vernetzen sollte, so würde Belgien alle 
seine internationalen Pflichten erfüllen, und sein Heer würde 
dem Eindringling den kräftigsten Widerstand entgegensetzen. 

Die durch das Abkommen von 1870 bestätigten Verträge 
von 1839 legen die Unabhängigkeit und die Neutralität Bel- 
giens unter der Garantie der Grossmächte und insbesondere 
der Garantie der Regierung Seiner Majestät des Königs von 
Preu'ssen fest. 

Belgien ist seinen internationalen Verpflichtungen stets 
treu geblieben. Es hat seine Pflichten im Geiste loyaler Un- 
parteilichkeit erfüllt; es hat keine Bemühungen gescheut, um 
seine Neutralität zu erhalten und ihr Geltung zu verschaffen. 

Der Angriff auf seine Unabhängigkeit, mit dem die deut- 
sche Regierung es bedroht, würde eine offenkundige Ver- 
letzung des Völkerrechts darstellen. Kein strategischer Vorteil 
rechtfertigt die Verletzung des Rechts. 

Die belgische Regierung würde durch die Annahme der 
ihr mitgeteilten Vorschläge die Ehre der Nation opfern und an 
ihren Pflichten Europa gegenüber Verrat üben. 

Im Bewlusstsein der Rolle, die Belgien seit mehr als 
80 Jahren in der Zivilisation der Welt spielt, weigert es sich, 
daran zu glauben, dass Belgiens Unabhängigkeit nur uim den 
Preis der Verletzung seiner Neutralität bewahrt werden könne. 

Wenn diese Hoffnung getäuscht würde, ist die belgische 
Regierung fest entschlossen, jeden. Angriff auf ihr 
R e e h t m i t allen ihr zu Gebote stehenden Mit- 
teln zurückzuschlagen. 



Der belgische Minister des Aeusseren, Davignon, an die 
belgischen Gesandten in Paris, Berlin, London, Wien 
und St. Petersburg. 

Graubuch Nr. 24. 

Brüssel. 
Belgien ruft Wie Sie wissen, hat Deutschland Belgien ein Ultimatum 

mäcnte r iücht überreicht, das heute morgen, am 3. August, um 7 Uhr, abläuft. 
Da sich bis jetzt noch keine kriegerische Handlung ereignet 
hat, beschloss der Ministerrat, dass für den Augenblick eine 
Anrufung der Garantiemächte nicht nötig sei. 

Der französische Gesandte sagte mir hierauf : « Ohne von 
meiner Regierung mit einer Erklärung -beauftragt zu sein, 



an. 



3. August 



351 



glaube ich immerhin auf Grund ihrer bekannten Absichten 
sagen zu können, dass, wenn die königliche Regierung 
meine Regierung als Qarantiemacht ihrer Neutralität anriefe, 
wir unverzüglich diesem Rufe Folge leisten würden; wenn 
diese Bitte nicht formuliert wird, so ist es wahrscheinlich, dass 
die französische Regierung mit ihrer Intervention warten 
würde, bis Belgien einen Akt des wirklichen Widerstandes 
vollbracht hätte, wenn natürlich nicht die Sorge um seine 
eigene Verteidigung Frankreich zu ausserordentlichen Mass- 
nahmen bestimmt. » 

Ich dankte Herrn Klobukowski für die Hülfe, die die fran- 
zösische Regierung uns gegebenenfalls anbiete, und sagte ihm, 
dass die königliche Regierung vorläufig die 
Bürgschaft der Mächte nicht anrufe und es 
sich vorbehalte, später zu erwägen, was zu 
tun sein werde. 1 ) 



Frankreich 
bietet Belgien 
seine Unter- 
stützung an, 
die dieses ab- 
lehnt. 



Der englische Gesandte in Brüssel, Sir F. Villiers, an den 
englischen Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Qrey. 

Blaubuch Nr. 151. 

Brüssel. 

Die französische Regierung hat durch ihren Militär- 
Attache der belgischen Regierung den Beistand von 
fünf französischen Armeekorps angeboten. Die 
folgende Antwort wurde ihr heute gesandt : 

« Wir sind der französischen Regierung für ihr Anerbie- 
ten, uns wenn nötig militärischen Beistand zu leisten, aufrich- 
tig dankbar. Unter den gegebenen Umständen jedoch sind wir 
nicht gesonnen, die Garantie der Mächte anzurufen. Die 
belgische Regierung wird sich später über die ihr nötig erschei- 
nenden Aktionen entscheiden. » *) 



Grb. Nr. 24. ') Klobukowski berichtet über diese Unterredung 
Gib. Nr. 142, ohne dass aus seinem Telegramm ersichtlich wäre, dass 
er diese Demarche ohne Auftrag vornahm. 

Blb. Nr. 151. ] ) Es hat also ausser der angeblich privaten Er- 
öffnung Klobukowskis noch ein zweites offizielles französisches An- 
gebot und zwar in ganz bestimmter Form — 5 Armeekorps — stattge- 
funden, das Belgien gleichfalls ausschlug. Es ist also erwiesen, dass, ehe 
noch Belgien an die Mächte herantrat, Frankreich Anerbietungen machte, 
die sogar Belgien als verfrüht ansah, wie ja auch, ehe noch die Frage 
der belgischen Neutralität gestellt war, England an Belgien mit der 
Aufforderung herangetreten war, auf das Energischste seine Neutralität 
zu verteidigen. Charakteristischerweise bringen weder Gelb-, noch 
Graubuch irgend eine Mitteilung über diese wichtige Demarche des 
französischen Militärattaches. 



Frankreich 
bietet Belgien 
5 Armeekorps 
an, die Belgien 
ablehnt. 



352 



3. August 



Der König der Belgier an den König von England. 



Der König der 
Belgier ruft 
Englands di- 
plomatische 
Intervention 



Graubuch Nr. 25. 

Brüssel. 
In Erinnerung an die zahlreichen Freundschaftsbeweise 
Eurer Majestät und der Vorfahren Eurer Majestät, an die 
freundschaftliche Haltung Grossbritanniens im Jahre 1870 und 
an den Beweis der Sympathie, den es uns eben erst noch ge- 
geben hat, rufe ich zum Schutze der Neutralität Belgiens drin- 
gendst die diplomatische Intervention der Regierung 
Eurer Majestät an. x ) 

gez. Albert 



Grb. Nr. 25. x ) Dieses Telegramm ist gleichfalls im Blb. Nr. 153 
abgedruckt, in einem Telegramm Greys an Goschen, vom 4. August, in 
dem der englische Staatssekretär den Botschafter ersucht, die deutsche 
Regierung zur Achtung der belgischen Neutralität zu mahnen. Eine derar- 
tige Mahnung musste natürlich von vornherein erfolglos bleiben, da Eng- 
land es abgelehnt hatte, selbst neutral zu bleiben, falls die belgische 
Neutralität respektiert würde und das deutsche Ultimatum an Belgien 
ja erst die Folge dieser englischen Ablehnung war. — Es ist zu be- 
achten, dass der König der Belgier in dem Ultimatum noch nicht 
eine Verletzung der belgischen Neutralität sieht und daher auch nicht 
an England als Garantiemacht appelliert; als ein solcher Appell ist das 
Telegramm schon deshalb nicht aufzufassen, weil dann analoge Tele- 
gramme an die andern Garantiemächte hätten abgehen müssen. Es 
handelte sich um eine auf Grund eines besonderen Freundschaftsver- 
hältnisses nur an England gerichtete Bitte, diplomatisch zu interve- 
nieren, Deutschland auf Grund diplomatischer Pourparlers dazu zu ver- 
anlassen, von einer Verletzung der belgischen Neutralität abzusehen. 
König Albert konnte ja, als er diese Bitte aussprach, an. deren Erfolg 
er durchaus glauben durfte, nicht wissen, dass England bereits längst 
alle Pourparlers in diesem Sinne abgelehnt hatte, dass England das 
deutsche Anerbieten, Belgiens Neutralität zu respektieren, falls Eng- 
land selbst neutral bleibe, von sich gewiesen hatte. König Albert 
appellierte an England, indem er sich auf die freundschaftliche Haltung 
Englands im Jahre 1870 berief. Und er konnte nicht wissen, dass Eng- 
land diesmal entschlossen war, eine seiner Haltung vom Jahre 1870 
diametral entgegengesetzte Haltung einzunehmen und bereits alle Brücken 
hinter sich abgebrochen hatte, die einen Rückzug offen hielten. Denn 
worin hatte die englische Haltung vom Jahre 1870, auf die König 
Albert anspielt, bestanden? Bei Ausbruch des deutsch-französischen 
Krieges im Jahre 1870 erkannte Gladstone die Möglichkeit, dass die 
belgische Neutralität verletzt werden könnte. Er sah die Notwendigkeit 
ein, die Garantieverträge aus dem Jahre 1839 für die Dauer des Krieges 
und auf weitere 12 Monate nach Friedensschluss auf eine neue Basis 
zu stellen. Er tat das in dem Wunsche, eine etwaige Neu- 
tralitätsverletzung Belgiens und ein daraus erfol- 
gen d es Hine inziehen Englands in den Krieg zu ver- 
meiden. Er schloss daher mit dem Norddeutschen Bund und mit 
Frankreich Verträge ab, in denen England sich die Hilfe des einen 
Kriegführenden im Falle einer Verletzung der belgischen Neutralität 



3. August 



353 



Der französische Botschafter in London, Paul Cambon, an 
den französischen Ministerpräsidenten und Minister des 
Aeusseren, Viviani. 



Gelbbuch Nr. 144. 

London. 

Als Sir Edward Grey heute morgen gerade zum Minister- 
rat ging, kam mein deutscher Kollege, der ihn bereits gestern 
gesprochen hatte, und bat ihn inständig, ihm zu sagen, d a s s 
die englische Neutralität nicht von der Re- 
spektierung der b elgis chen Neutralität ab- 
hinge. Sir E. Grey lehnte jedes Gespräch 
über diesen Gegenstand ab. 

Der deutsche Botschafter hat der Presse ein Communique 
mitgeteilt, in dem es heisst, dass, wenn England neutral bleibe, 
Deutschland auf jede F 1 o 1 1 e n o p e r a t i o n verzich- 
te und sich 'der belgischen Küste nicht als 



Deutschland 
verspricht, auf 
jede Flotten- 
Operation ge- 
genFrankreich 
und jeden 
Stützpunkt an 
der belgischen 
Küste zu ver- 
zichten, wenn 
England neu- 
tral bleibt. 



durch den anderen sicherte. So hatte auch jetzt wieder Deutschland 
bei England den Abschluss eines deutsch-englischen Neutralitätsver- 
trages angeregt. Während nun Gladstone im Jahre 1870 als Voraus- 
setzung für sein erfolgreiches Eintreten für die belgische Neutralität 
die englische Neutralität ansah, wollte Grey aber, wie wir sahen, 
im ganzen Verlaufe der deutsch-englischen Verhandlungen von dieser 
Voraussetzung nichts wissen. Er wollte im Gegensatz zu Gladstone, 
dass Deutschland sich England gegenüber vorbehaltlos zur Achtung 
der belgischen Neutralität verpflichte, während er selbst sich auf das 
Bestimmteste weigerte, eine Verpflichtung für England, neutral zu 
bleiben, einzugehen. Ja, er ging weiter, er hatte Frankreich seine volle 
Unterstützung zugesagt und sie bereits genau präzisiert, war also über- 
haupt nicht mehr in der Lage, auf Grund des Gladstoneschen Prinzips 
von Deutschland eine Achtung der belgischen Neutralität zu ver- 
langen. Als König Albert sich an England wandte, war England also 
nicht mehr der Staat, der es hätte sein müssen, um diplomatisch für 
Belgien eintreten zu können. Alles was König Albert verlangte, hatte 
Grep bereits verweigert. König Albert wandte sich mit seiner Bitte 
an dasselbe England, das erst eine Verletzung der belgischen Neu- 
tralität ermöglicht hatte, indem es längst vor Ueberreichung des Ulti- 
matums die diplomatischen Pourparlers, die Deutschland wünschte 
und um die König Albert ersuchte, abgelehnt hatte, das den Krieg 
bereits beschlossen hatte und ja gerade die Verletzung der belgischen 
Neutralität brauchte und wünschte, um den Krieg praktisch einleiten 
zu können. So kam es denn, dass Grey anstelle der erbetenen diplo- 
matischen Intervention ein Ultimatum an Deutschland richtete, also 
an Stelle von Verhandlungen zu Gunsten einer für Belgien friedlichen 
Lösung sogleich eine Aktion einleitete, die unbedingt zum Kriege 
führen sollte. 



354 3. August 

Stützpunkte bediene. 1 ) Ich lasse darauf antworten, 
■dass die Respektierung der Küsten nicht Respektierung der 
Neutralität des Gebietes ist und dass das deutsche Ultimatum 
bereits eine Verletzung dieser Neutralität ist. 2 ) 



Der deutsche Botschafter in Paris, Freiherr von Schön, 
überreicht dem französischen Ministerpräsidenten und 
Minister des Aeusseren, Viviani, im Verlaufe seiner 
Abschiedsaudienz folgenden Brief: 

Gelbbuch Nr. 147. 

Paris. 

?rkiärt h Fratk- Die deutschen Verwaltungs- und Militärbehörden haben 

reich den eine gewisse Anzahl ausgeprägter Akte der Feindseligkeit, die 

Krieg - auf deutschem Gebiete von französischen Fliegern begangen 

wurden, festgestellt. Mehrere von ihnen haben offenkundig die 

Neutralität Belgiens verletzt, indem sie dieses Land überflogen; 

der eine versuchte die Kunstbauten bei Wesel zu zerstören, 

andere wurden in der Eiffelgegend bemerkt, ein anderer warf 

Bomben auf die Eisenbahn in der Nähe von Karlsruhe und 

Nürnberg. 

Ich habe die Ehre, auftragsgemäss Eurer Exzellenz mit- 
zuteilen, dass angesichts dieser Aggressionen das Deutsche 
Reich sich als im Kriegszustande mit Frankreich, hervorge- 
rufen durch das letztere, betrachtet. 

Da meine diplomatische Mission hiermit ihr Ende erreicht 
hat, bleibt mir nur noch übrig, Eure Exzellenz zu bitten, mich 
mit den Pässen versehen zu wollen und die Massregeln zu er- 



Glb. Nr. 144. J ) Mit diesem neuen Zugeständnis wurde also 
auch den englischen Versprechungen vom 1. und 2. August an Frank- 
reich der Boden entzogen. Im Reichstage erweiterte am 4. August 
der deutsche Reichskanzler diese Mitteilung mit folgenden Worten: 
« Wir haben der englischen Regierung die Erklärung abgegeben, dass 
solange sich England neutral verhalte, unsere Flotte die Nordküste 
Frankreichs nicht angreifen wird, und dass wir die territoriale Inte- 
grität und die Unabhängigkeit Belgiens nicht antasten werden. Diese 
Erklärungen wiederhole ich hiermit vor aller Welt, und ich kann hin- 
zusetzen, dass solange England neutral bleibt, wir auch bereit wären, 
im Falle der Gegenseitigkeit keine feindlichen Operationen gegen die 
französische Handelsschiffahrt vorzunehmen ». 

2 ) Paul Cambon vertritt hier eine Auffassung, die der Auffassung 
der belgischen Regierung vollständig widerspricht. Belgien sah in 
dem deutschen Ultimatum noch keine Neutralitätsverletzung, da es 
die englisch-französischen Angebote ablehnte und um Englands Ver- 
mittlung ersuchte. 



3. August 355 

greifen, um meine Rückkehr nach Deutschland mit dem Per- 
sonal der Botschaft, dem Personal der Bayrischen Gesandt- 
schaft und des Deutschen Generalkonsulates in Paris zu 
sichern. 

Empfangen Sie, Herr Präsident, den Ausdruck meiner 
Hochachtung. 



Gib. Nr. 147. ') Dieses Schreiben stellt die förmliche Kriegs- 
erklärung des Deutschen Reiches an Frankreich dar. Ministerpräsident 
Viviani wollte in seiner Rede vom 4. August in der Deputiertenkammer 
den Ausbruch des Krieges neben der deutschen «Aggression» auf dieses 
Schreiben, dessen Berechtigung er bestreitet, zurückführen. In seiner 
Schrift «La violation de la neutralite" beige et luxembourgeoise par 
l'Allemagne>, erschienen bei Armand Collin, Paris 1915, sagt der 
Pariser Professor des internationalen Rechts, Andre Weiss, bei Be- 
sprechung dieses Briefes, dass selbst, wenn die darin enthaltenen 
«ungenauen Behauptungen> berechtigt gewesen wären, sie keinerlei 
Bedeutung gehabt hätten, nicht mehr als etwa die Landung deutscher 
Flieger in Frankreich in den letzten Jahren vor dem Kriege, da ja am 
3. August der Kriegszustand zwischen Frankreich und Deutschland 
noch nicht bestand. «In Friedenszeiten» schreibt Weiss — und 
lässt die vorstehenden Worte sperren, «haben Zwischenfälle dieser 
Art keine andere Bedeutung als die, welche die interessierten Teile 
ihnen geben wollen, und die Diplomatie ist dazu da, um zu verhindern, 
dass sie in einen Konflikt ausarten.» Prof. Weiss vergisst hier (und 
weiss es auch zum Teile nicht), dass von «Friedenszeiten> nicht mehr 
die Rede sein konnte. Seit dem 1. August befanden sich Deutschland 
und Russland miteinander im Kriegszustande. Frankreich hatte die 
allgemeine Mobilmachung anbefohlen und die deutsche Frage, ob es 
in dem deutsch-russischen Kriege neutral bleiben wolle, verneinend 
beantwortet. Das bedeutete klipp und klar den Krieg und zwar den 
von Frankreich gewollten Krieg. Dass Deutschland nicht sofort die 
Konsequenzen daraus zog, lag nur daran, — was im Gib. und in allen 
französischen Veröffentlichungen dem französischen Volke beharrlich 
verschwiegen wurde, — dass Deutschland in letzter Stunde an eine fran- 
zösische Sinnesänderung glauben musste infolge der Greyschen An- 
regung, England würde gegebenenfalls die französische Neutralität 
gewährleisten. Als Deutschland sofort auf diese Möglichkeit einer 
Vermeidung des deutsch-französischen Krieges einging, erfolgte die 
englische Antwort, dass die Anregungen «ohne vorherige Stellung- 
nahme Frankreichs* erfolgt und «inzwischen als völlig aussichtslos 
aufgegeben waren. Damit war also festgestellt, dass trotz der er- 
neuten Bereitwilligkeit Deutschlands keinerlei Sinnesänderung in Frank- 
reich eingetreten und jeder Versuch, die Franzosen zu einer andern 
Haltung zu veranlassen, «aussichtslos» war. Damit war der Kriegszustand 
zwischen Frankreich und Deutschland gegeben, dem die deutsche Re- 
gierung in der Demarche des Freiherrn von Schön einfach den offi- 
ziellen Ausdruck verlieh. 



356 



4. August 



4. flüGÜST 



Die französi- 
sche Regie- 
rung über die 
Kriegserklä- 
rung Deutsch- 
lands. 



Die französische Regierung an die Vertreter der Grossmächte 
in Paris. 

Gelbbuch Nr. 157. 

Paris. 

Nachdem die deutsche Reichsregierung ihre Streitmacht 
die Grenze überschreiten und verschiedene Mordtaten und 
Plünderungen ausführen liess, nachdem sie die Neutralität des 
Grossherzogtums Luxemburg verletzt hat trotz der Beschlüsse 
der Londoner Konvention vom 11. Mai 1867 und der V. Haager 
Konvention vom 18. Oktober 1907 über die Rechte und Pflichten 
der Mächte und Personen im Falle des Landkrieges (Artikel I 
und II), die sie unterzeichnet hat; nachdem sie an die könig- 
lich belgische Regierung ein Ultimatum gerichtet hat mit der 
Forderung, den Durchmarsch der deutschen Truppen durch 
das belgische Gebiet zuzulassen, in Verletzung der Verträge 
vom 19. April 1839, die sie gleichfalls unterzeichnet hat, und 
in Verletzung der angeführten Haager Konvention, 

erklärte sie an Frankreich am 3. August 1914, um 
6 Uhr 45, den Krieg. 1 ) 



Gib. Nr. 157. x ) Es ist kaum nötig, darauf hinzuweisen, dass 
diese Aufzählung rein tendenziös ist und vor der Geschichte der Krisis 
nicht standhält. Eine aufrichtige Aufzählung der zur deutschen Kriegs- 
erklärung führenden Ereignisse müsste lauten: 

Nachdem die deutsche Regierung auf ihre Aufforderung an 
Russland, die allgemeine Mobilmachung einzustellen, keine Antwort 
erhalten hatte, erklärte sie Russland den Krieg. Gleichzeitig fragte 
sie die französische Regierung, welche Haltung Frankreich einnehmen 
würde. Die französische Regierung liess keinen Zweifel darüber be- 
stehen, dass sie Russland mit der gesamten Waffenmacht unterstützen 
würde und ordnete die allgemeine Mobilmachung an. Nachdem jeder 
Versuch, Frankreichs Neutralität zu erlangen, fehlgeschlagen war, er- 
klärte Deutschland den Krieg. 

Die Einreihung der Verletzung der luxemburgischen Neutrali- 
tät und der Ueberreichung des Ultimatums in Brüssel in die Vorge- 
schichte des deutsch-französischen Krieges ist natürlich ein Unding. 
Beide Ereignisse fanden nach dem Ausbruch des deutsch-russischen 



4. August 357 

Die Regierung der Republik sieht sich unter diesen Be- 
dingungen gezwungen, ihrerseits zur Waffengewalt zu greifen. 

Sie hat infolgedessen die Ehre, der Regierung von 

hiermit mitzuteilen, dass vom 3. August 1914, 6 Uhr 45 ab 
der Kriegszustand zwischen Frankreich und Deutschland be- 
steht. 

Die Regierung der Republik protestiert bei allen zivili- 
sierten Nationen und besonders 'bei den Signatarmächten der 
oben erwähnten Konventionen und Verträge gegen Deutsch- 
lands Verletzung seiner internationalen Verpflichtungen; sie 
behält sich alle Repressalien vor, die sie gegebenenfalls gegen 
einen Feind, der sich so wenig um ein gegebenes Wort küm- 
mert, ausführen könnte. 

Die Regierung der Republik, die die Grundsätze des Völ- 
kerrechts zu beachten gedenkt, wird sich während der Feind- 
seligkeiten unter Vorbehalt der Gegenseitigkeit, an die von 
Frankreich unterzeichneten Bestimmungen der internationalen 
Konventionen über das Land- und Seekriegsrecht halten. 

Diese Notifikation entspricht dem Artikel 2 der III. Haager 
Konvention vom 18. Oktober 1907 über die Eröffnung der 
Feindseligkeiten und wird überreicht. 



Krieges und nach der negativen Antwort Vivianis statt. Dasselbe gilt 
für die angeblichen Grenzverletzungen, die « verschiedenen Mordtaten 
und Plünderungen». Was diese Zwischenfälle betrifft, so ist auf die 
Rede des deutschen Reichskanzlers im deutschen Reichstage, am 
4. August 1914, hinzuweisen. Nachdem der Reichskanzler über die 
verneinende Antwort Frankreichs berichtet hatte, erklärte er: 

«Trotzdem gab der Kaiser den Befehl, dass die französische 
Grenze unbedingt zu respektieren sei. Dieser Befehl wurde streng- 
stens befolgt, bis auf eine einzige Ausnahme. Frankreich, das zu der- 
selben Stunde wie wir mobil machte, erklärte uns, es werde eine 
Zone von 10 Kilometer an der Grenze respektieren. Und was geschah 
in Wirklichkeit? Bombenwerfende Flieger, Kavalleriepatrouillen, auf 
reichsländisches Gebiet eingebrochene französische Kompagnien ! Da- 
mit hat Frankreich, obwohl der Kriegszustand noch nicht erklärt war, 
den Frieden gebrochen und uns tatsächlich angegriffen. Was jene 
Ausnahme betrifft, so habe ich vom Chef des Generalstabs folgende 
Meldung erhalten: Von den französischen Beschwerden über Grenz- 
verletzungen unsererseits ist nur eine einzige zuzugeben. Gegen den 
ausdrücklichen Befehl hat eine, anscheinend von einem Offizier ge- 
führte Patrouille des 14. Armeekorps am 2. August die Grenze über- 
schritten. Sie ist scheinbar abgeschossen, nur ein Mann ist zurück- 
gekehrt. Aber lange bevor diese einzige Grenzüberschreitung erfolgte, 
haben französische Flieger bis nach Süddeutschland hinein auf unsere 
Bahnlinien Bomben abgeworfen, haben am Schluchtpass französische 
Truppen unsere Grenzschutztruppen angegriffen. Unsere Truppen 
haben sich, dem Befehle gemäss, zunächst gänzlich auf die Abwehr 
beschränkt.» 



358 



4. August 



Der serbische Ministerpräsident und Minister des Aeusseren, 
Paschitch, an den serbischen Geschäftsträger in Berlin, 
Jovanowitsch. 

Serbisches Blaubuch Nr. 49. 

N i s c h . 

Deuts e äiiaM rt I cn Ditte Sie, der Kaiserlichen Regierung mitzuteilen, 

den Krieg. dass Sie den Auftrag erhalten haben, Deutschland mit dem 

Gesandtschafts- und Konsulatspersonal zu verlassen. Ich 

bitte Sie, sofort abzureisen. 1 ) 



Deutschland 
bedauert, in- 
folge der Ab- 
lehnung seiner 
Note an Bel- 
gien, den 
Durchmarsch 
erzwingen zu 
müssen. 



Der deutsche Gesandte in Brüssel, von Below-Saleske, an 
den belgischen Minister des Aeusseren, Davignon. 

Graubuch Nr. 27. 

Brüssel. 

Ich beehre mich, Eure Exzellenz auftragsgemäss zu be- 
nachrichtigen, dass die Kaiserliche Regierung infolge der Wei- 
gerung, die die Regierung S. M. des Königs ihren wohlge- 
meinten Vorschlägen entgegensetzt, zu ihrem lebhaften Be- 
dauern gezwungen sein wird, die gegenüber den französischen 
Drohungen als notwendig erscheinenden Schutzmassnahmen, 
wenn erforderlich mit Waffengewalt, durchzuführen. 

Genehmigen Sie, Herr Minister, die Versicherung meiner 
ausgezeichneten Hochachtung. 



England for- 
dert Belgien 
auf, mit allen 
Mitteln den 
deutschen Plä- 
nen Wider- 
stand entge- 
genzusetzen. 



Der englische Gesandte in Brüssel, Sir Francis H. Villiers, 
überreicht dem belgischen Minister des Aeusseren, 
Davignon, folgende Note : 

Graubuch Nr. 28. 

Brüssel. 

Ich bin beauftragt, der belgischen Regierung zur Kennt- 
nis zu bringen, dass, falls Deutschland auf Belgien einen Druck 
ausübt, um es zur Aufgabe seiner Rolle eines neutralen Lan- 
des zu zwingen, die Regierung Seiner britischen Majestät 
darauf zählt, dass Belgien mit allen Mitteln Widerstand leiste. 



Serb. Blb. Nr. 49. J ) Serb. Blb. Nr. 50 enthält die Aufforde- 
rung des serbischen Ministeriums des Aeusseren an die deutsehe Ge- 
sandtschaft, das Land zu verlassen. Vergl. auch Serb. Blb. Nr. 51. 



4. August 



359 



Die Regierung Seiner britischen Majestät ist in diesem 
Falle bereit, sich Russland und Frankreich anzuschliessen, 
wenn Belgien es wünscht, um der belgischen Regierung so- 
gleich ein gemeinsames Vorgehen anzubieten, das den Zweck 
hätte, den von Deutschland gegen Belgien angewandten Ge- 
waltmassregeln zu widerstehen und gleichzeitig eine Gewähr 
für die Aufrechterhaltung, Unabhängigkeit und Integrität Bel- 
giens zu bieten. a ) 



Der deutsche Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, von 
Jagow, an den deutschen Botschafter in London, Fürst 



Lichnowsky. 



Blaubuch Nr. 157. 



Berlin. 

Wollen Sie, bitte, jedes Misstrauen, das die grossbritan- 
nische Regierung in Bezug auf unsere Absichten haben 
könnte, zerstreuen, indem Sie die ganz formelle Zusicherung 
wiederholen, dass sogar im Falle eines bewaffneten Konfliktes 
mit Belgien, Deutschland sich unter gar keinem Vorwand bel- 



Grb. Nr. 28. *) Diese offizielle Note Englands an Belgien 
stellt einen förmlichen Druck auf die belgische Regierung dar, die 
Waffen zu ergreifen. Die belgische Regierung hatte zunächst die 
Angebote der Waffenhilfe abgelehnt. Sie sah die Angelegenheit, wie 
Deutschland, vorläufig als eine diplomatische an. Sie erwartete eine 
diplomatische Intervention Englands bei Deutschland. Was antwortet 
England auf diese Bitte? Es verlangt von Belgien nicht nur Wider- 
stand im Falle eines Einfalles deutscher Truppen, sondern es fordert 
den bewaffneten Widerstand Belgiens schon als Entgegnung auf einen 
deutschen Druck, d. h. deutsche diplomatische Schritte. Dass England, 
nachdem es seine eigene Neutralität aufgegeben hatte, nicht mehr be- 
rechtigt war, das Königreich Belgien zum Kriege zu zwingen, bedarf 
nach allen vorhergehenden Dokumenten keiner weiteren Darlegung. 
Aber die moralische Seite der Angelegenheit darf wohl noch einmal 
beleuchtet werden: Dieselbe englische Regierung, die eingestandener- 
massen der Verletzung der belgischen Neutralität bedurfte, um ihre 
Kriegspläne verwirklichen zu können, die es abgelehnt hatte, Belgien 
vor dem Kriege durch Eingehen auf die deutschen Neutralitätsvor- 
schläge zu schützen, forderte fast drohend die belgische Regierung 
zum Kriege gegen Deutschland auf und gab sich in dem < Verspre- 
chen), <wenn Belgien es wünscht > sich «Russland und Frankreich 
anzuschliessen > den Anschein, als habe sie vorher nie daran gedacht, 
irgendwie mit diesen beiden Mächten gemeinsame Sache zu machen 
und bringe nur Belgien zuliebe das Opfer, an ihrer Seite in den 
Kampf einzutreten! 



Deutschland 
verspricht der 
englischen Re- 
gierung, die 
belgische Inte- 
grität zu re- 
spektieren, und 
heischt Eng- 
lands Ver- 
ständnis für 
seine Lage. 



360 4. August 

gisches Gebiet aneignen wird. 1 ) Die Aufrichtigkeit dieser Er- 
klärung ist durch die Tatsache bewiesen, dass wir Holland 
unser feierliches Versprechen gaben, seine Neutralität aufs 
strengste zu achten. Es ist augenscheinlich, dass wir uns nicht 
belgisches Gebiet aneignen könnten, ohne uns zugleich auf 
Kosten der Niederlande zu vergrössern. Stellen Sie Sir Ed- 
ward Grey eindringlichst vor, dass das deutsche Volk einem 
durch belgisches Gebiet gerichteten französischen Angriff, wie 
er nach unwiderlegbaren Beweisen beabsichtigt war, nicht 
ausgesetzt werden kann. Deutschland muss infolgedessen die 
belgische Neutralität ausser acht lassen, da es für Deutsch- 
land eine Frage auf Leben und Tod ist, Frankreichs Vorsprung 
zu verhindern. 

Der englische Staatssekretär des Aeusseren, Sir Edward Grey, 
a n den englischen Botschafter in Berlin, Sir E. Goschen. 

Blaubuch Nr. 159. 

London. 
England rieh- Wir erfahren, dass Deutschland an den belgischen Mi- 

tum ei an UItima " nister des Aeusseren eine Note des Inhalts gerichtet hat, dass 
Dentscniand. g^ ^ e Reichsregierung gezwungen sehen könnte, wenn nötig 



Blb. Nr. 157. ] ) Damit nimmt also Deutschland die Drohung 
in seiner Note an Belgien, im Falle eines belgischen Widerstandes die 
Waffen über das Schicksal Belgiens entscheiden zu lassen, feierlieh 
zurück. Am gleichen Tage erklärte der deutsche Reichskanzler von 
Bethmann Hollweg im Reichstage : «Unsere Truppen haben Luxemburg 
besetzt, vielleicht schon belgisches Gebiet betreten. Meine Herren, das 
widerspricht den Geboten des Völkerrechts. Die französische Regie- 
rung hat zwar in Brüssel erklärt, die Neutralität Belgiens respektieren 
zu wollen, solange der Gegner sie respektiert. Wir wussten aber, dass 
Frankreich zum Einfall bereit stand. Frankreich konnte warten, wir 
aber nicht! Ein französischer Einfall in unsere Flanke am unteren 
Rhein hätte verhängnisvoll werden können. So waren wir gezwungen, 
uns über den berechtigten Protest der luxemburgischen und der bel- 
gischen Regierung hinwegzusetzen. Das Unrecht — ich spreche 
offen — das Unrecht, das wir damit tun, werden wir wie- 
d'er gutzumachen suchen, sobald unser militärisches 
Ziel erreicht ist. Was die Haltung Englands betrifft, so haben 
die Erklärungen, die Sir Edward Grey gestern im englischen Unter- 
haus abgegeben hat, den Standpunkt klargestellt, den die englische 
Regierung einnimmt. Wir haben der englischen Regierung die Erklä- 
rung abgegeben, dass, solange sich England neutral verhält, unsere 
Flotte die Nordküste Frankreichs nicht angreifen wird, und dass wir 
die territoriale Integrität und die Unabhängigkeit Belgiens nicht an- 
tasten werden. Diese Erklärung wiederhole ic]h hiermit 
vor aller Welt und ich kann hinzusetzen, dass, solange Eng- 
land neutral bleibt, wir auch bereit wären, im Falle der Gegen- 
seitigkeit keine feindlichen Operationen gegen die französische Han- 
delsschiffahrt vorzunehmen.» 



4. August 361 

unter Anwendung von Waffengewalt, die von ihr als unum- 
gänglich erachteten Massregeln zu ergreifen. 

Es wird uns ebenfalls berichtet, dass das belgische Ge- 
biet in Gemmenich verletzt wurde. 

Unter diesen umständen und in Betracht dessen, dass |^ä{!{£ BOh - 
Deutschlamd sich weigerte, dieselbe Versicherung in Betreff der Krieg. 
Neutralität Belgiens abzugeben wie Frankreich dies letzte 
Woche tat, in Antwort auf unser Ansuchen, welches zu gleicher 
Zeit in Berlin und Paris gestellt wurde, müssen wir dieselbe 
Forderung wiederholen und verlangen, dass eine zufrieden- 
stellende Antwort sowohl darauf als auch auf mein Telegramm 
von heute morgen, 1 ) hier bis Mitternacht einlaufe. Wenn 
nicht, so haben Sie Ihre Pässe zu fordern und mitzuteilen, dass 
Seiner Majestät Regierung sich genötigt sieht, all die ihr zu 
Gebote stehenden Mittel anzuwenden, um die Neutralität Bel- 
giens aufrecht zu erhalten und die Achtung eines Vertrages, 
in dem Deutschland genau so Kontrahent ist wie wir. 2 ) 



Blb. Nr. 159. ') Blb. Nr. 153. 

2 ) Die Dokumente dieser Sammlung und bereits ausschliesslich 
die englischen Akten haben gezeigt, dass England, als es dieses Ulti- 
matum stellte, nicht mehr in der Lage, nicht mehr berechtigt, nicht 
mehr fähig war, Deutschland gegenüber als Wahrer der belgi- 
schen Neutralität aufzutreten. Es war längst aus seiner Neutralität 
herausgetreten, als König Albert um die diplomatische Interven- 
tion Englands bat, deren Voraussetzung ja die englische Neutralität 
bildete. Es hatte, ehe das deutsche Ultimatum an Belgien gerichtet 
worden war, bindende Abmachungen mit Frankreich zum Eintritt in 
den Krieg getroffen. Es hatte, ehe überhaupt noch ein europäischer 
Diplomat an Belgien dachte, erklärt, es würde an Frankreichs Seite 
kämpfen. Es hatte sich geweigert, Belgiens Neutralität durch die 
Wahrung der eigenen englischen Neutralität zu schützen. England war 
in dem Augenblicke, da es mit dem Kriege drohte, falls Deutschland 
nicht Belgiens Neutralität achte, bereits ein kriegführender Staat. Das 
englische Ultimatum wollte daher auf keinen Fall den Krieg vermeiden. 
Es wollte, den belgischen Hoffnungen zuwider, den Krieg unvermeid- 
lich machen. Es war eine Kriegserklärung. Bereits Ton, Inhalt und 
Zeitpunkt des Ultimatums beweisen das und besser, als alle historischen 
Untersuchungen über die Krisis es vermöchten. Vor allem der Zeit- 
punkt. Am 2. August richtete Deutschland das Ultimatum an Belgien. 
Am 3. bat König Albert um die diplomatische Intervention Englands. 
England unternahm keinen Schritt. Denn auch jetzt noch musste es 
angesichts der Bereitwilligkeit Deutschlands, sich auf jede denkbare 
Weise mit England zu einigen, fürchten, dass Deutschland die belgische 
Neutralität wahren und damit England seinen offiziellen Kriegsgrund 
nehmen würde. Am 4. betraten endlich deutsche Truppen belgisches 
Gebiet, nachdem Deutschland nicht den Schatten eines Zweifels mehr 
hegen konnte, dass England an dem Krieg teilnehmen werde. Und 
erst jetzt, nachdem deutsche Soldaten in Belgien standen, jetzt, da Grey 
nicht mehr zu befürchten brauchte, dass Deutschland Belgiens Neutra- 
lität schonen werde, jetzt, da eine solche Forderung unbedingt erfolg- 
los bleiben musste, jetzt erst richtete Grey sein Ultimatum an Deutsch- 

24 



362 4. August 

Der belgische Minister des Aeusseren, Davignon, an die 
Gesandten Grossbritanniens, Frankreichs und Russlands. 

Graubuch Nr. 40. 

Brüssel. 
Belgien appei- Die belgische Regierung bedauert, Ew. Exzellenz mit- 

Garantie* 116 teilen zu müssen, dass heute morgen die deutschen Streit- 
mächte, kräfte unter Verletzung der vertraglichen Verpflichtungen in 
belgisches Gebiet eingedrungen sind. 

Die Königliche Regierung ist fest entschlossen, mit allen 
ihr zu Gebote stehenden Mitteln Widerstand zu leisten. 

Belgien appelliert an England, Frankreich und Russland, 
damit sie als Qarantiemächte an der Verteidigung seines Ge- 
bietes mitwirken. 

Es handelt sich um ein gemeinsames und geschlossenes 
Vorgehen, das bezweckt, den von Deutschland gegen Belgien 
angewandten Gewaltmassregeln Widerstand entgegenzusetzen 
und gleichzeatig die Aufrechterhaltung der Unabhängigkeit und 
Unverletzbarkeit Belgiens für die Zukunft zu sichern. 

Belgien schätzt sich glücklich, erklären zu können, dass 
es die Verteidigung der Festungen übernehmen wird. *) 



land. Nun war er sicher, dass der Krieg, den er am 25. ange- 
kündigt, den er allmählich unvermeidlich gemacht, den er am 1. August 
endgiltig beschlossen hatte, dass der Krieg mit dem ersehnten bel- 
gischen Argument ihm durch keinen Friedenswunsch Deutschlands 
mehr entrissen werden konnte. 

Das ist die Bedeutung des englischen Ultimatums. Die eng- 
lischen Akten selbst geben ihm diese Bedeutung, d. h. die Akten, so 
wie sie während der Krisis entstanden, deren deutliche Sprache auch 
der nachträglich in London hergestellte Bericht Sir E. Goschens nicht 
abzuschwächen vermag. 

So entstand der deutsch-englische Krieg, gegen Deutschlands 
Wunsch, auf Grund eines Vorwandes, den England selbst erst ge- 
schaffen hatte. 



Grb. Nr. 40. l ) Dieser Appell an die Garantiemächte erfolgte 
nach der Zustellung des englischen Ultimatums an Deutschland. 



5. August 363 



5. AUGUST 



Der österreichisch-ungarische Minister des Aeusseren, Graf 
Berchtold, an den österreichisch-ungarischen Botschafter 
in St. Petersburg, Graf Szäpäry. 

Rotbuch Nr. 59. x ) 

Wien. 

Ich ersuche Euer Exzellenz, dem dortigen Minister des ^ st ^ e ^" ärt 
Aeusseren folgende Note zu übergeben : Rufs1and r den 

«Der unterfertigte österreichisch-ungarische Botschafter Krie s- 
hat die Ehre, im Auftrage seiner Regierung Seiner Exzellenz 
folgendes zur Kenntnis zu bringen: 

Angesichts der von Russland im Konflikte zwi- 
schen der österreichisch -ungarischen Mo- 
narchie und Serbien eingenommenen drohen- 
den Haltung und im Hinblick auf den Umstand, dass laut 
einer Mitteilung des Berliner Kabinettes Russland infolge die- 
ses Konfliktes sich veranlasst gesehen hat, dieFeind Selig- 
keiten gegen Deutschland zu eröffnen und die- 
ses Reich sich daher im Kriegszustande mit der genannten 
Qrossmacht befindet, betrachtet sich Oesterreich-Ungarn 
gleichfalls als im Kriegszustande mit Russland stehend. » 

Nach Ueberreichung dieser Note wollen Euer Exzellenz 
sich die Ausfertigung der Pässe erbitten und ungesäumt mit 
dem gesamten Botsdhaftspersonal, ausgenommen etwa zurück- 
zulassender Organe, abreisen. Herrn von Schebeko werden 
gleichzeitig unsererseits die Pässe zugestellt. 2 ) 



Rb. Nr. 59. l ) Uebersetzung aus dem Französischen der Volks- 
ausgabe des Rb. 

2 ) Rb. Nr. 58, 60, 61, 62, 63, 64, 65 enthält die Dokumente über 
den Ausbruch des Krieges zwischen Oesterreich-Ungarn einerseits und 
Frankreich und England andrerseits. Sie lassen sich folgendermassen 
zusammenfassen : 

Oesterreich-Ungarn dachte zunächst nicht an einen Abbruch 
der diplomatischen Beziehungen mit Frankreich und England. Frank- 
reich dagegen wollte unter allen Umständen den Kriegszustand mit 
Oesterreich-Ungarn herstellen. Es führte zunächst am 8. August (Rb. 



364 5. August 



Fortsetzung der Anmerkung Rb. Nr. 59. 2 ) 

Nr. 61) Klage über die Teilnahme österreichisch-ungarischer Truppen am 
deutsch-französischen Kriege. Berchtold dementierte sogleich diese 
Beschuldigung (Rb. Nr. 62) am 9. August. Doumergue, der inzwischen 
das Portefeuille des Aeusseren übernommen hatte, gab nun vor, dass 
österreichisch-ungarische Truppen immerhin auf deutschem Gebiete 
ständen und forderte am 10. August den Grafen Szescen auf, Frank- 
reich zu verlassen, während er gleichzeitig Dumaine abberief. Berch- 
told protestierte, diesmal in London, am 11. August (Rb. Nr. 64) gegen 
diese französische Behauptung, die auf keinen Tatsachen beruhe. 
Darauf teilte Grep am 12. August (Rb. 65) dem Grafen Mensdorf f 
eine förmliche Kriegserklärung Frankreichs mit, mit dem Hinzufügen, 
dass sich auch England im Kriegszustande mit Oesterreich-Ungarn 
befinde. 

Dieser Sachverhalt hat an und für sich keine Bedeutung, weshalb 
hier auf die wörtliche Wiedergabe der zitierten Akten verzichtet werden 
kann. Es war selbstverständlich, dass nach Ausbruch des Krieges 
zwischen Deutschland einerseits und .Russland, Frankreich, England 
andrerseits auch der Kriegszustand zwischen den Mächten des Drei- 
verbandes und Oesterreich-Ungarn herbeigeführt wurde. Für die Vor- 
geschichte des Krieges haben diese österreichisch-ungarischen Akten 
aber insofern eine nicht zu unterschätzende Bedeutung, als sie von 
Neuem die Stellung Englands zu den Kriegsverhandlungen scharf be- 
leuchten. Am 4. August, nach Ueberreichung des englischen Ultimatums 
an Deutschland, erklärte Grey> dem österreichisch-ungarischen Bot- 
schafter in London, laut Rb. 58, < er sehe vorläufig keine Veranlassung 
zu einer Mitteilung an die k. und k. Regierung und keine Ursache, mit uns 
in Konflikt zu geraten, solange wir nicht im Kriegszustande 
mit Frankreich sind». Und er fügte hinzu: Falls Oesterreich- 
Ungarn mit Frankreich im Kriegszustande wäre, «würde es für Eng- 
land als Bundesgenosse Frankreichs wohl schwer sein, mit 
denselben im Atlantischen Meere zu kooperieren und nicht im Mittel- 
ländischen Meer». Und am 12. August, als Grey dem Grafen Mensdorff 
die oben erwähnte französische Mitteilung machte und gleichzeitig 
Oesterreich-Ungarn den Krieg erklärte, bediente er sich folgender Moti- 
vierung: «Da der Bruch mit Frankreich auf diese Weise herbeigeführt 
worden ist, sieht sich die grossbritannische Regierung genötigt, zu er- 
klären, dass der Kriegszustand zwischen Grossbritannien und Oester- 
reich-Ungarn von Mitternacht an besteht». Rb. Nr. 65. — Mit anderen 
Worten : England erklärte an Oesterreich-Ungarn den Krieg als Bundes- 
genosse Frankreichs, ohne die Neutralitätsverletzung Belgiens zu er- 
wähnen. Die belgische Neutralität konnte es in der Tat diesmal nicht als 
Vorwand benutzen, da diese nicht von Oesterreich-Ungarn verletzt 
worden war. Es erklärte auch nicht den Krieg infolge eines durch die Um- 
stände geschaffenen, erst seit Kriegsbeginn bestehenden Bündnisses 
mit Frankreich, denn dann hätte England nicht erst des Umweges über 
die komplizierte französische Kriegserklärung bedurft, sondern sich 
einfach auf den zwischen Oesterreich-Ungarn und Russland bestehen- 
den Kriegszustand berufen können. Das geschah aber in keiner Weise. 
Den österreichisch-russischen Krieg zog Grey nicht in sein Spiel hin- 
ein. Er erklärte also den Krieg an Oesterreich auf Grund seines 
früheren, vor dem deutsch-französischen Kriege bestehenden Bun- 
desverhältnisses mit Frankreich, und gesteht daher indirekt ein, dass 
Deutschland gegenüber das belgische Argument nichts als ein Vor- 
wand war. 



6. August 



365 



6. AUGUST 



Der serbische Geschäftsträger in Berlin, Jovanowitsch, an den 
serbischen Ministerpräsiden und Minister des Aeusseren. 

Serbisches Blaubuch Nr. 51. 

Berlin. 
Als ich den Unterstaatssekretär, Herrn Zimmermann, bSeSfdass 
besuchte, um ihm den Bruch der diplomatischen Beziehungen Russiana* i& 
anzuzeigen, erklärte er 'mir unter anderem, dass Deutschland Krieg^entfes 1 - 
stets von den freundschaftlichsten Gefühlen für Serbien beseelt selte - 
war und bedaure, dass die deutsch-serbischen Beziehungen 
infolge der politischen Kombinationen abgebrochen werden 
müssen. Er hält Russland, das unaufhörlich Serbien angesta- 
chelt habe, für allein verantwortlich für die Angriffe, die folgen- 
schwer für alle Völker sein werden. Wenn Russland im letz- 
ten Augenblick, als es bereits möglich schien, einen bewaff- 
neten Konflikt zu vermeiden, nicht seine ganze Streitkraft 
mobilisiert hätte, wäre es nicht zum Kriege gekommen, denn 
Deutschland hatte seinen ganzen Einfluss in Oesterreich-Un- 
garn im Sinne einer Verständigung mit Russland angewandt. 
Vielleicht hätte Oesterreich-Ungarn sich damit begnügt, Bel- 
grad zu besetzen, und dann wären Verhandlungen eingeleitet 
worden, um die österreichisch-serbischen Beziehungen zu 
regeln. 



366 



9. August 



9. AUGUST 



Deutschland 
bemüht sich, 
nach der Er- 
oberung Lüt- 
tichs, eine Ver- 
söhnung mit 
Belgien anzu- 
bahnen. 



Der belgische Gesandte im Haag, Baron Fallon, an den bei-» 
gischen Minister des Aeusseren, Davignon. 

Graublich Nr. 60. 

Haag. 

Der Minister des Aeusseren x ) hat mich gebeten, Ihnen die 
nachfolgende Mitteilung zukommen zu lassen, weil der ame- 
rikanische Gesandte in Brüssel es ablehnt. 

« Die Festung Lüttich ist nach tapferer Gegenwehr im 
Sturm genommen worden. Die Deutsche Regierung bedauert 
es auf das Tiefste, dass es infolge der Stellungnahme der Bel- 
gischen Regierung gegen Deutschland zu blutigen Zusammen- 
stössen gekomimen ist. Deutschland kommt nicht als Feind nach 
Belgien. Nur unter dem Zwang der Verhältnisse hat es ange- 
sichts der militärischen Massnahmen Frankreichs den schwe- 
ren Entsohluss fassen müssen, in Belgien einzurücken und Lüt- 
tich als Stützpunkt für seine weiteren militärischen Opera- 
tionen besetzen zu müssen. Nachdem die belgische Armee in 
heldenmütigem Widerstand gegen die grosse Ueberlegenheit 
ihre Waffenehre auf das glänzendste gewahrt hat, bittet die 
Deutsche Regierung seine Majestät den König und die Belgi- 
sche Regierung, Belgien die weiteren Schrecken des Krieges 
zu ersparen. Die Deutsche Regierung ist zu jedem Abkommen 
mit Belgien bereit, das sich irgendwie mit Rücksicht auf seine 
Auseinandersetzung mit Frankreich 2 ) vereinigen lässt. Deutsch- 
land versichert nochmals feierlichst, dass es nicht von der 



Grb. Nr. 60. : ) d. h. der holländische Minister des Aeusseren. 

2 ) Hier lief dem Verfasser der Note ein Fehler unter. Auf 
Anfrage Davignons stellte Baron Fallon fest, dass es nicht < seine Aus- 
einandersetzung », was mit «ses arrangements avec la France >, d. h. 
Belgiens Abkommen mit Frankreich übersetzt wurde, sondern «ihre 
Auseinandersetzung» heissen muss, also «son conflit (Deutschlands) 
avec la France >. 



9. August 367 

Absicht geleitet gewesen ist, sich belgisches Gebiet anzueignen, 
und dass ihm diese Absicht durchaus fernliegt. Deutschland 
ist noch immer bereit, das Belgische Königreich unverzüglich 
zu räumen, sobald die Kriegslage es ihm gestattet. » 3 ) 

Der amerikanische Botschafter hatte seinen Kollegen ge- 
beten, sich mit diesem Vermittlungsversuch zu befassen. Der 
Minister des Aeusseren hat diesen Auftrag ohne Begeisterung 
übernommen. Ich habe ihn ihm zu Gefallen übernommen. 4 ) 



Grb. Nr. 60. 3 ) Der deutsche Text, so wie er als Anlage 1 dem 
Stück Nr. 62 des Grb. beiliegt, enthält zum Schluss die Worte : < Der 
hiesige amerikanische Botschafter ist mit diesem Vermittlungsversuch 
seines Brüsseler Kollegen einverstanden >. 

4 ) Zu diesem Versuche Deutschlands, eine Versöhnung mit Bel- 
gien anzubahnen, ist zunächst zu bemerken, dass er all jenen Behaup- 
tungen, die in dem Vorgehen Deutschlands gegen Belgien nicht ein 
strategisches Mittel sehen, sondern Deutschland die von Anbeginn an 
gefasste Absicht, Belgien zu erobern, zuschrieben, die Spitze abbricht. 
Dann widerlegt dieser Schritt die Auffassung, als habe Deutschland 
nur aus Furcht vor England die Wiederherstellung der belgischen In- 
tegrität zugesagt. Hier wird dieses Versprechen erneuert, ohne dass 
natürlich die Rücksicht auf den Kriegsgegner England dabei bestim- 
mend sein kann. Endlich aber verdient der wichtige Satz Aufmerk- 
samkeit, demzufolge Deutschland sich bereit erklärt, das Königreich 
zu räumen, sobald die Kriegslage es gestattet, also nicht erst nach 
Friedensschluss, wie es im Ultimatum hiess, sondern wenn möglich 
bereits vorher. 



368 



12. August 



12. AUGUST 



Belgien lehnt 
das deutsche 
Anerbieten ab. 



Der belgische Minister des Aeusseren, Davignon, an den bel- 
gischen Gesandten in Haag, Baron Fallon. 

Graubuch Nr. 71. 

Brüssel. 

Wollen Sie folgendes Telegramm dem Minister des Aeus- 
seren übermitteln : 

Der Vorschlag, den uns die deutsche Regierung macht, 
wiederholt den im Ultimatum vom 2. August formulierten 
Vorschlag. In getreuer Erfüllung seiner internationalen Pflich- 
ten kann Belgien nur seine Antwort auf dieses Ultimatum 
wiederholen, um so mehr, als seit dem 3. August seine Neutra- 
lität verletzt und ein schmerzlicher Krieg auf sein Gebiet ge- 
tragen wurde und die Bürgen seiner Neutralität pflichtgetreu 
und unverzüglich seinem Appell Folge geleistet haben. 1 ) 



Deutschland 
verzichtet auf 
jede Unterneh- 
mung gegen 
England, die 
ein Eingreifen 
Japans recht- 
fertigen 
könnte. 



Der deutsche Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, von 
Jagow, an den deutschen Botschafter in Tokio, Graf Rex. 

Neuausgabe des Weissbuches, Abschnitt 3, Nr. 28. 

Ostasiatisches Geschwader angewiesen, feindliche Akte 
gegen England zu unterlassen, falls Japan neutral bleibt. Bitte, 
japanische Regierung benachrichtigen. 1 ) 

Grb. Nr. 71. J ) Ehe diese Antwort an Deutschland abging, 
wurde sie den Regierungen Englands, Frankreichs und Russlands, 
Grb. 65, unterbreitet, mit dem Bemerken: «Die königliche Regierung 
beabsichtigt (se propose) folgende Mitteilung zu machen». Die 
drei Regierungen billigten die beabsichtigte Antwort, Grb. Nr. 68, 69, 
72, und zwar Grey mit den Worten, dass er mit der Zurückweisung 
des «Versuches Zwietracht unter den Ländern zu säen, die jetzt zur 
Verteidigung der durch Deutschland verletzten Verträge verbunden 
sind>, einverstanden sei, womit er also wieder die Fiktion aufrecht 
erhält, als sei England erst infolge der belgischen Angelegenheit an 
Frankreichs Seite getreten. 

Neuausg. d. Wb., Abschn. 3, Nr. 28. l ) Auf diese Mitteilung 
erfolgte keine Antwort, wenn man nicht das Ultimatum vom 17. August 
als solche bezeichnen will. 



17. August 



369 



H 



17. AUGUST 



Der japanische Geschäftsträger in Berlin, Baron Funakoshi, 
überreicht der deutschen Regierung folgendes Ultimatum. *) 

Neuausgabe des Weissbuches, Abschnitt 5, Nr. 29. 

Berlin. 
Die Kaiserlich Japanische Regierung erachtet es in der Japan, als ver- 

.... v ,.. :. . i ,. i . j- »* bundeter Eng- 

gegenwartigen Lage für äusserst wichtig und notwendig, Mass- lands, richtet 
nahmen zu ergreifen, um alle Ursachen einer Störung des tSuiESunf. 
Friedens im fernen Osten zu beseitigen und das allgemeine 
Interesse zu wahren, das durch den Bündnisvertrag 
zwischen Japan und Grossbritannien ins Auge 
gefasst ist, um einen festen und dauernden Frieden in Ost- 
asien zu sichern, dessen Herstellung das Ziel des besagten 
Abkommens bildet. Sie hält es deshalb aufrichtig für ihre 
Pflicht, der Kaiserlich Deutschen Regierung den Rat zu er- 
teilen, die nachstehenden beiden Vorschläge auszuführen : 

Erstens. Unverzüglich aus den japanischen und chine- 
sischen Gewässern die deutschen Kriegsschiffe 
und bewaffneten Fahrzeuge jeder Art zu- 
rückzuziehen und diejenigen, die nicht zurückgezogen 
werden können, alsbald abzurüsten. 

Zweitens. Bis spätestens 15. September 1914 das ge- 
samte Pachtgebiet Kiautschou bedingungslos 
und ohne Entschädigung den Kaiserlich Ja- 
panischen Behörden zu dem Zweck auszuantworten, 
es in der Folge an China zurückzugeben. 

Die Kaiserlich Japanische Regierung kündigt gleichzeitig 
an, dass sie, falls sie nicht bis zum 23. August 1914, mittags, 
von der Kaiserlich Deutschen Regierung eine Antwort erhal- 
ten sollte, die diebedingunslose Annahme der vor- 



Neuausg. d. Wb. Abschn. 3, Nr. 29. ') Deutsche amtliche 
Uebersetzung aus dem Englischen. 



370 17. August 

stehenden von der Kaiserlich Japanischen Regierung erteilten 
Ratschläge enthält, sich genötigt sehen wird, so vorzugehen, 
wie sie es nach der Lage der Sache für notwendig befinden 
wird. 2 ) 



Neuausg. d. Wb. Abschn. 3, Nr. 29. 2 ) Am 20. August über- 
reichte der japanische Botschafter, ohne Auftrag, zwecks persönlicher 
Information dem Grafen Berchtold das Telegramm, in dem die japanische 
Regierung ihren Vertreter von dem Ultimatum verständigte. Dieses 
Telegramm enthält nach Rb. 66, wenn auch nicht ganz im Wortlaut, 
die letzten drei Abschnitte des obenstehenden Dokuments, die durch 
folgende beiden Stücke eingeleitet und abgeschlossen werden: 

1. «Die japanische Regierung, welche die gegenwärtige Situ- 
ation in ernste Erwägung zieht, ist auf Grund eines vollen Ein- 
vernehmens mit der britischen Regierung zu dem Zwecke, 
den allgemeinen Frieden in den Gebieten von Ostasien zu befestigen 
und zu erhalten, was eines der Ziele des anglo-japanischen Bündnisses 
bildet, zu dem Entschlüsse gelangt, die notwendigen bezüglichen 
Massnahmen gemeinsam mit Grossbritannien zu ergreifen ; bevor jedoch 
die japanische Regierung zu solchen schreitet, hat sie es für ange- 
messen erachtet, sich an die deutsche Regierung mit einer freundschaft- 
lichen Aufforderung zu wenden, welche dieser am 15. August 1914 in 
folgender Fassung übermittelt wurde.» (Folgt der Text.) 

2. < Es ist aufrichtig zu hoffen, dass der erwähnten Aufforde- 
rung, für deren Beantwortung so reichliche Zeit gewährt werde, von 
der deutschen Regierung stattgegeben werden wird; sollte sie aber 
bedauerlicherweise dieser Aufforderung nicht Folge leisten, so wird 
sich die japanische Regierung gezwungen sehen, die notwendigen 
Massnahmen zur Erreichung ihres Zieles zu ergreifen. 

Der Grund, welcher die kaiserliche Regierung veranlasste, ihre 
gegenwärtige Haltung einzunehmen, ist, wie bereits erwähnt, kein 
anderer als die gemeinsamen Interessen Japans und 
Grossbritanniens, welche in dem anglo-japanischen Bündnisse 
angeführt sind, durch die Festigung der Grundlage für den dauernden 
Frieden in den Gebieten von Ostasien zu wahren. Die japanische Re- 
gierung hat keineswegs die Absicht, sieh in eine Politik 
territorialer Expansion einzulassen, noch hat sie andere 
eigennützige Pläne. Daher ist die kaiserlich japanische Regierung ent- 
schlossen, mit der grössten Sorgfalt die Interessen dritter Mächte in 
Ostasien zu respektieren und sie nicht im geringsten zu verletzten. > 



23. August 371 



23. AUGUST 



Die deutsche Regierung macht dem japanischen Geschäfts- 
träger in Berlin, Baron Funakoshi, folgende mündliche 
Mitteilung : 

Neuausgabe des Weissbuches, Abschnitt 3, Nr. 30. 

Berlin. 
Auf die Forderungen Japans hat die Deutsche Regierung De^scMMid^ 
keinerlei Antwort zu geben. Sie sieht sich daher veranlasst, piomatischen 
den Kaiserlichen Botschafter in Tokio abzuberufen und dem mftjapan^. 
japanischen Geschäftsträger in Berlin seine Pässe zuzustellen. 



372 



24. August 



24. AUGUST 



Der österreichisch-ungarische Minister des Aeusseren, Graf 
Berchtold, an den österreichisch-ungarischen Botschafter 
in Tokio, Freiherrn von Müller. 

Rotbuch Nr. 69. 

Wien. 
Un St arn e trittim Der Kommandant S. M..S. «Elisabeth» erhielt den Auf- 

Rrutge gegen trag, in Tsingtau mitzukämpfen. Ersuche Euer Exzellenz, mit 
rÄschiands Rücksicht auf das Vorgehen Japans gegen das uns verbündete 
Seite. Deutsche Reich Ihre Pässe zu verlangen, Konsulate zu ver- 

ständigen und mit Kolonie und Botschafts- und Konsulats- 
personal naüh Amerika abzureisen. Schutz unserer Staats- 
angehörigen und Interessen wollen Euer Exzellenz amerika- 
nischem Botschafter anvertrauen. Hiesigem japanischen Bot- 
schafter werden Pässe zugestellt. 



28. August 373 



28. AUGUST 

Der österreichisch-ungarische Gesandte in Brüssel, Graf Gary, 
an den belgischen Minister des Aeusseren, Davignon. 

Graubuch Nr. 77. 

Haag. 

Ich habe die Ehre, Euer Exzellenz im Auftrage unserer g^^Särt 
Regierung folgendes zur Kenntnis zu 'bringen : Krieg 11 den 

Im Hinblick darauf, dass Belgien, nachdem es abgelehnt 
hat, die Vorschläge anzunehmen, die ihm zu verschiedenen 
Malen von Deutschland gemacht worden waren, seine militä- 
rische Kooperation Frankreich und Grossbritannien gewährt, 
welche beide Oesterreich-Ungarn den Krieg erklärt haben, und 
angesicht des Umstandes, dass, wie es festgestellt wurde, die 
in Belgien sich aufhaltenden österreichischen und ungarischen 
Staatsangehörigen vor den Augen der königlichen Behörden 
eine Behandlung erdulden mussten, die mit den primitivsten 
Erfordernissen der Humanität im Widerspruche steht und selbst 
den Untertanen eines feindlichen Staates gegenüber unzulässig 
ist, sieht sich Oesterreiüh-Ungarn in die Notwendigkeit ver- 
setzt, die diplomatischen Beziehungen abzubrechen und be- 
trachtet sich von diesem Augenblicke an als im Kriegszustand 
mit Belgien stehend. 

Ich verlasse dieses Land mit dem Personal der Gesandt- 
schaft und übertrage den Schutz meiner Landsleute dem Ge- 
sandten der Vereinigten Staaten in Belgien. 

Seitens der k. und k. Regierung sind dem Grafen Errem- 
bault de Dudzeele die Pässe zugestellt worden. 2 ) 

G r b. Nr. 77. x ) Das Rb. führt diese Note unter Nr. 67 in der Instruk- 
tion an, die Graf Berchtold am 22. August an den Gesandten nach Brüssel 
richtete. Am 21. August aber rückten die deutschen Truppen in Brüssel 
ein. Die belgische Regierung hatte sich am 19. nach Antwerpen be- 
geben; Graf Clarp war ihr nicht dahin gefolgt, sondern in den Haag 
gegangen, von wo er am 28. August durch Vermittlung des hollän- 
dischen Ministers des Aeussern der belgischen Regierung das oben- 
stehende Telegramm zukommen Hess. Die Uebersetzung ist die des Rb. 

2 ) Auf diese Kriegserklärung antwortete Davignon am 29. Au- 
gust, Grb. Nr. 78. Er gab an, dass Belgien, indem es sich verteidigt, 
keinen Akt der Feindseligkeit begehe und protestierte gegen die An- 
schuldigung, dass österreichisch - ungarische Staatsangehörige miss- 
handelt worden seien. 



374 



4. September 



4. SEPTEMBER 



England, 
Frankreich 
und Russland 
verpflichten 
sich, nur ge- 
meinsam Frie- 
den zu schlies- 
sen. 



Erklärung des Dreiverbandes. 

Gelbbuch, Kapitel VII. 1 ) 

Paris. 
Die folgende Erklärung wurde heute morgen im Auswär- 
tigen Amt in London unterzeichnet: 

Die Unterzeichneten, die von ihren Regierungen geziemend 
bevollmächtigt wurden, geben folgende Erklärung ab: 

« Die Regierungen Englands, Frankreichs und Russlands 
verpflichten sich gegenseitig, im Laufe des gegenwärtigen 
Krieges keinen Sonderfrieden zu schliessen. 

Die drei Regierungen kommen überein, dass, sobald es 
angebracht ist, die Friedensbedingungen zu besprechen, keine 
der verbündeten Mächte ohne vorherige Uebereinstimmung mit 
jedem der anderen Verbündeten Friedensbedingungen auf- 
stellen darf. 2 ) 

gez. Paul Cambon. 

Graf Benckendorff. 
Edward Orey. 



Gib., Kap. VII. ') Diese Erklärung bildet das VII. «Kapitel» und 
das letzte Stück — es trägt keine Nummer — des Gelbbuches, das 
hierauf noch einen Anhang von Auszügen aus dem Weiss-, Orange-, 
Blau- und Graubuch aufweist. 

2 ) Diese Erklärung ist natürlich nur im Zusammenhange mit den 
kriegerischen Ereignissen, die zwischen dem Kriegsbeginn und dem 
24. September liegen, zu verstehen. Die Niederlagen der französischen, 
russischen und englischen Heere, die Eroberung Belgiens und Nord- 
frankreichs durch die deutschen Truppen und die Machtlosigkeit der eng- 
lischen Flotte machten es für England zur dringenden Notwendigkeit, 
die verbündeten Staaten, mit deren Hilfe es alleine hoffen durfte, sich 
zu behaupten, weiterhin an die englische Politik zu binden. Die 
Dreiverbandserklärung von London sollte die diplomatische Situation, 
aus der heraus der Krieg entstanden war — England der Führer und 
Nutzniesser des Dreiverbandes — auch durch die unerwartete Kriegs- 
lage hindurch aufrecht erhalten. Im Anschluss an diese Erklärung 
sei daran erinnert, dass das Bundesverhältnis zwischen dem Deutschen 
Reich und Oesterreich-Ungarn von vornherein einen Sonderfrieden 
eines der beiden Staaten ausschliesst und beim Eintritt Italiens in den 
Krieg noch besonders feierlich bekräftigt wurde. 



Schlusswort. 



Zweierlei möchte der Leser der vorstehenden Samm- 
lung noch einmal festhalten, ehe er dieses Buch aus 
der Hand legt: Zunächst das Ergebnis der Unter- 
suchung, inwieweit die einzelnen Aktensammlungen glaub- 
würdig und zuverlässig, aufrichtig und ehrlich, inwieweit 
sie technisch einwandfrei sind. Dann den geschichtlichen 
Inhalt, den Sinn der Kriegsverhandlungen, die grosse Schuld- 
frage. 

Zum ersten Punkt hat schon die Einführung manches 
vorausschicken müssen. Die aufmerksame Lektüre der ein- 
zelnen Dokumente hat nun die kurzen Andeutungen vollauf 
bestätigt und erweitert. Das Ergebnis war dieses: Die Bü- 
cher des Dreiverbandes sind ein jedes einzeln genommen 
unzuverlässig. Sie können nur im Zusammenhange mit den 
anderen ohne Täuschung gelesen werden. Zunächst bedarf ein 
jedes der Ergänzung und Berichtigung durch die anderen 
Dreiverbandsbücher. Englands Akten bedürfen der Korrektur 
durch Frankreichs Akten und zwar nicht nur für die Erkennt- 
nis der allgemeinen europäischen Verhandlungen, sondern 
für wichtige EntSchliessungen und Aeusserungen der eng- 
lischen Politik selbst. 1 ) Ohne Englands Akten wiederum 
bleibt Frankreichs, bleibt vor allem Russlands Politik 
im Dunkeln. Aus englischen Veröffentlichungen erhellt 
die Entstellung, ja erst die Existenz gewisser russischer 
Schritte, die für Russlands Politik ausnehmend wichtig 
sind. 2 ) Russland wiederum beut England seine Hilfe, wenn 
es gilt, in die befremdenden Lücken der französischen Ver- 
öffentlichung das aufklärende Wort zu stellen. Aus Russ- 
lands Orangebuch erfahren wir, wie entschlossen Frankreich 



*) Z. B. Gb. Nr. 126. In diesen kurzen Fussnoten sollen natür- 
lich nicht die Akten rekapituliert, sondern nur beispielsweise hier und 
da einige der zahlreichen Belege angeführt werden. 

2 ) Blb. Nr. 70, 72, etc. 



— 376 — 

war, Russland in einer Aggression gegen Deutschland zu för- 
dern 1 ), während Frankreichs Gelbbuch wieder wichtige Ent- 
hüllungen über Russlands Politik gibt. 2 ) Im Blaubuch lesen 
wir, wie fieberhaft Frankreich daran arbeitete, England in den 
Strudel zu ziehen. 3 ) Das deutsche Weissbuch und das öster- 
reichisch-ungarische Rotbuch müssen andere Lücken der Drei- 
verbandsveröffentlichungen ausfüllen. Sie müssen Englands 
Dokumente über die deutsch-englischen Verhandlungen und 
die belgische Frage, vor allem über die Frage der französischen 
Neutralität ergänzen, sie müssen Russlands Schweigen über 
seine konsequente Ablehnung aller österreichisch-ungarischen 
Friedensbemühungen und ihrer wachsendenNachgiebigkeit auf- 
decken. Sie müssen Frankreichs vollständige Ablehnung des 
deutschen Friedenswillens, seinen Entschluss, nicht neutral zu 
bleiben, sondern aus eigenem Willen in den Krieg einzu- 
treten, unterstreichen und die französische Darstellung über den 
Abbruch der deutsch - französischen Beziehungen richtig- 
stellen. 4 ) Auch die Akten der dem Dreiverbande verbündeten 
Staaten sind zur Ergänzung der Dreiverbandsakten nötig. 
Belgien muss den Beweis liefern, dass die Frage des bel- 
gischen Widerstandes gegen Deutschland zuerst von London 
und Paris aus ventiliert wurde, ehe sie noch in Brüssel 
spruchreif war, wie auch England in diesem Zusammenhang 
Frankreich belastet. Es muss als Kronzeuge für Englands 
zum Krieg treibende Rolle in Petersburg einspringen. 5 ) 
Serbien endlich enthüllt die österreichischfeindliche Haltung 
der russischen und der französischen Regierung lange vor 
Ueberreichung des Ultimatums, kurz nach der Ermordung des 
Erzherzogs. 6 ) So will es ein merkwürdiges Schicksal, dass die 
wichtigsten Züge der Politik eines jeden der Dreiverbands- 
staaten nicht immer aus seinen eigenen Akten, sondern den 
Akten seiner Verbündeten ersichtlich sind und zwar ge- 
rade die belastenden Züge. Das gerade ist das Tragische 



J ) Ob. Nr. 28, 29, 35, 53, 55, etc. 

2 ) Gib. Nr. 50. 

3 ) Blb. Nr. 6, 87, 99, 105, 116, 119, 134, etc. 

4 ) Die Stücke der Neuausg. d. Wb. S. 335 ff. etc. und Rb. Nr. 
18, 21, 26, 31, 32, 47, 49, 56. 

5 ) Grb. Nr. 11, 24, 28, Blb. Nr. 151, Neuausg. d. Wb. Abschn.4. 

6 ) Serb. Blb. Nr. 13, 14, 29, etc. 



— 377 — 

an der Konfrontation, die wir vornahmen. Nicht minder wich- 
tig aber als diese Feststellung war der Nachweis, dass 
die Unzuverlässigkeit der Dreiverbandsveröffentlichungen 
sich nicht auf bedenkliche Lücken beschränkt, sondern sich 
auch auf die Art der Herstellung der einzelnen veröffent- 
lichten Akten erstreckt. Die allgemeinen Angaben, die 
wir in der Einführung machen mussten, fanden nicht nur 
volle Bestätigung. Das eigene Urteil des Lesers wird sie 
erheblich verschärft haben. Denn an zahlreichen Beispielen 
musste er erkennen, dass die Akten des Dreiverbandes neben 
vielen Ungenauigkeiten bewusst falsche Behauptungen ent- 
halten. Wir sahen, dass in erster Linie das Gelbbuch von 
Entstellungen wimmelt, Entstellungen, die nicht nur aus der 
Konfrontation der Gelbbuchakten mit den Dokumenten der 
Frankreich verbündeten Staaten, sondern aus dem Vergleich 
der Gelbbuchstücke unter einander nachweisbar waren. 1 ) 

So viel die Akten des Dreiverbandes aber auch ver- 
schweigen, so viel sie auch entstellen, viel sagen sie doch noch, 
was sie im Interesse ihrer Verfasser besser nicht gesagt hätten. 
England sagt deutlich, dass es von Anfang an eingesehen, dass 
die Verantwortlichkeit für den Ausbruch ein es Krieges bei Russ- 
land ruht, falls es mobilisiere. England gesteht, dass es unbe- 
dingt, falls der Krieg ausbrechen sollte, an Russlands und Frank- 
reichs Seite kämpfen wird. England gibt zu, dass es kein Neu- 
tralitätsabkommen mit Deutschland will, selbst wenn dieses 
Abkommen Frankreich und Belgien, ja der Welt den Frieden 
bewahrt. England enthüllt, dass es ihm möglich gewesen wäre, 
Belgien zu retten, und es darauf verzichtete, um die Hände frei 
zu behalten. 2 ) Russland war in gewissen Stunden nicht minder 
freimütig. Es verheimlicht nicht, dass es Serbien auf jeden 
Fall helfen wird, dass es also alle Verhandlungen, deren Vor- 
aussetzung immerhin eine Österreichische Aktion gegen Ser- 

! ) Die Anmerkungen zu den einzelnen Dokumenten wiesen Sehritt 
für Schritt auf diese Fälle hin. Es mag daher hier genügen, einige der 
wichtigsten Beispiele anzuführen: Gib. Nr. 21, 27, 36, 50, 85 (siehe 
Ob. Nr. 53), 100, 104 (siehe Blb. Nr. 97) 117, 120, 124 (Anm. 1) 125, 
127, Ob. 48, Blb. Nr. 105 (siehe Anm. 1 zu Anlage 2). Siehe auch 
Einführung S. 25 ff und S. 34 ff. 

2 ) Blb. Nr. 17, 24, 46, 87, 89, 101, 105, 111, 116, 119 (siehe Gib. 
J10), 123. 

25 



— 378 — 

bien war, als null und nichtig betrachtet. Es lässt keinen 
Zweifel darüber bestehen, dass es alle Konzessionen, zu 
denen die anderen Regierungen Oesterreich-Ungarn über- 
reden, von vornherein ablehnt, dass es nur ein Ziel hat: 
völliges Nachgeben und Zurückweichen Oesterreich-Ungarns 
oder den Krieg. Es gesteht ebenfalls offen ein, dass Deutsch- 
lands Bemühungen, Russlands Mobilmachung zu verhin- 
dern, nur diese Mobilmachung beschleunigen werden. Es 
erzählt ruhig, wie wichtig Frankreichs bedingungslose Unter- 
werfung unter die russische Politik für Russlands Intransigenz 
war. 1 ) Auch Frankreich kann nicht umhin, aus der Schule 
zu plaudern. Aus seinem Gelbbuch erfahren wir, dass es. 
bereits vor der Ueberreichung des Ultimatums mit Russland 
und England eine gemeinsame Politik gegen Oesterreich- 
Ungarn und Deutschland festgelegt hatte, dass der berühmte 
Konferenzvorschlag in Wirklichkeit durchaus das Gegen- 
teil dessen bezweckte was er vorgab, dass Frankreich 
alle deutschen Friedensbemühungen in Paris auf die brüs- 
keste Weise ablehnte, dass es niemals und nirgends für die 
Erhaltung des Friedens, sondern nur für das Zustandekom- 
men der russisch -englisch -französischen Allianz auf dem 
Schlachtfelde arbeitete, dass es den grosserbischen Bestre- 
bungen, deren Opfer Franz -Ferdinand gewesen, mit Sym- 
pathie gegenüberstand und mit Oesterreich-Ungarns Zerfall 
im Kriegsfalle rechnete. 2 ) Man sieht: was Russland, Frank- 
reich und England selbst über ihre Kriegsschuld sagen, 
genügt, um ihre Verantwortlichkeit zu kennzeichnen. Dasselbe 
gilt von Serbien. 3 ) Was ein jeder von den anderen sagt, 
vollendet das Bild. Deutschlands und Oesterreich-Ungarns 
Dokumente — das ist das besonders wichtige Moment, das 
dem Leser auffallen musste — vermögen nur wenig zu dem 
Bilde der Dreiverbandsschuld, so wie es aus den Dreiver- 
bandsakten ersteht, hinzuzufügen. Die Lücken, die Deutsch- 
land und Oesterreich-Ungarn in den Akten über die Drei- 



J ) Ob. Nr. 4, 10 (siehe Rb. Nr. 15), 40, 48, 58, 60, 64, 67, 74. 

2 ) Gib. Nr. 8, 18, 22, 26, 31, 32, 33, 36, 56, 57, 61, 62, 76, 85, (siehe 
Ob. Nr. 53), 101, 108, 110, 117, 127. 

3 ) Siehe Fussnote 1, Seite 380. 



— 379 — 

verbandsschuld ausfüllen, sind weniger wichtig als die Lücken, 
die der Dreiverband in Deutschlands und Oesterreich- 
Ungarns Wissen von der Dreiverbandsschuld ausfüllt. 

Denn das sind in der Tat die einzigen wesentlichen 
Lücken, die in der deutschen und der österreichisch-unga- 
rischen Aktensammlung festzustellen sind. In ihnen fehlen 
keine wichtigen Akten, die Wesentliches für Deutschlands 
und Oesterreich - Ungarns Haltung bedeuten. Im Gegenteil 
in keiner Aktensammlung ist so scharf und klar Deutsch- 
lands Wille, dass der Konflikt lokalisiert bleibe, dass Russ- 
land sich jeder Intervention enthalte, ausgesprochen wie im 
Weissbuche. Im Gegenteil: in keiner Sammlung ist Oester- 
reich -Ungarns Wille, mit Serbiens gegen die Monarchie 
gerichteter Politik ein Ende zu machen, so klar und ernst 
betont wie im Rotbuche. Die Grundzüge ihrer Politik 
verschleiern Deutschland und Oesterreich-Ungarn nicht. Und 
ebensowenig nichts von dem was die Gegner entlasten 
könnte. Ja, Englands und Frankreichs Haltung nimmt sich 
im Weiss- und Rotbuch bei Weitem nicht so verhängnisvoll 
kriegslustig und zwiespältig aus wie im Blau- und Gelb- 
buch zusammengenommen. Widersprüche zwischen Rot- und 
Weissbuch endlich bestehen nicht. Der einzige Widerspruch 
besteht in einer Ungenauigkeit im Datum, das in der deut- 
schen Denkschrift anders angegeben ist, als im Rotbuch, 
ohne dass dies irgendwie eine Bedeutung für die deutsche 
oder die gegnerische These hätte. 1 ) Und ebensowenig sind 
die deutschen und österreichisch-ungarischen Akten durch 
die Dreiverbandsakten irgendwie zu widerlegen. Die einzige 
Lücke, die sie tatsächlich aufweisen, bezieht sich eben auf 
die Kriegsschuld der Gegner. Dem Weiss- und Rotbuch 
standen nicht genug Dokumente zur Verfügung, um die 
Politik der Gegner zu entlarven. Erst aus Blau-, Gelb- und 
Orangebuch und dem serbischen Blaubuch und dem Graubuch 
geht zum grössten Teile das belastende Material für den 
Dreiverband hervor, wie das entlastende Material für die 
Zentralmächte, das Deutschland und Oesterreich-Ungarn nur 



') Wb. Anl. 11 und Rb. Nr. 28. 



— 380 — 

ahnen konnten, das sie aber selbst nicht in dem Umfange 
besassen. Lückenlos und überzeugend, was die eigene 
Politik betrifft, bedürfen das Weiss- und das Rotbuch tat- 
sächlich der Ergänzung durch Orange-, Gelb-, Blaubuch usw., 
sobald die Frage der Kriegsschuld der Dreiverbandsstaaten gilt. 

Was lehrt nun die Gesamtheit der also beschaffenen 
Aktensammlungen über Schuld und Verantwortung am Kriege? 
Das ist die zweite Frage, auf die das Studium der sieben 
Bücher Antwort erteilen musste. 

Was tat jede der Regierungen für die Aufrechterhaltung 
des Friedens, die ja alle als das Ziel ihrer Tätigkeit bezeichneten? 

Was tat zunächst Serbien, um den Krieg mit Oester- 
reich-Ungarn zu vermeiden? Es tat nichts, um Oesterreich- 
Ungarn nach der Tat von Serajewo zu beruhigen. Es tat 
alles, um einen Krieg mit Oesterreich-Ungarn zu vermeiden, 
in dem es allein gegen den mächtigen Gegner gestanden 
Mtte. Es tat nichts, um einen Krieg zu vermeiden, in dem es 
den Dreiverband, in erster Linie Russland, auf seiner Seite 
Tiatte, sondern wirkte sogleich nach dem Attentat in öster- 
reichischfeindlichem Sinne. Es lehnte die österreichisch- 
ungarischen Forderungen nicht glatt ab, weil dann ein 
Eingreifen des Dreiverbandes schwer möglich gewesen wäre. 
Es zeigte in der Form Entgegenkommen, aber dem Inhalt 
nach schärfste Widerspenstigkeit. 1 ) Es nahm genau die Hal- 
tung ein, die Russland, Frankreich und England brauchten, 
um der öffentlichen Meinung ein nachgiebiges Serbien vor- 
zumalen und um über die scheussliche Mordtat von Serajewo 
hinweggleiten zu können. 

Belgiens Haltung geht nicht minder klar aus den Akten 
hervor. Es hätte den Krieg mit Deutschland vermeiden 
können, wenn es der deutschen Forderung, den Durchmarsch 
zu gestatten, nachgekommen wäre. Dazu konnte Belgien 
sich nicht verstehen. Es wünschte jedoch, dass die ganze 
Frage ausgeschaltet würde durch eine diplomatische Inter- 
vention Englands. 2 ) England kam dieser Bitte nicht nach, 



') Serb. Blb. Nr. 2, 5, 8, 13, 15, 37, Rb. Nr. 2. 
2 ) Grb. Nr. 24, 25, Gib. Nr. 142, Blb. Nr. 151, 



— 381 — 

sondern wartete, bis die Verletzung der belgischen Neutra- 
lität ein fait accompli geworden war, um anstelle von diplo- 
matischen Verhandlungen über die Achtung der belgischen 
Neutralität, die Deutschland selbst wiederholt angeregt hatte, der 
deutschen Regierung ein Ultimatum zu stellen, das unbedingt 
den längst von England gewünschten Krieg mit Deutschland 
zur Folge haben musste und ohne Weiteres die Hoffnung 
Belgiens auf Englands vermittelnde Politik zerstörte und: 
das kleine Land rettungslos in den Strudel zog. 

England selbst tat nichts für die Erhaltung des Frie- 
dens. Es trat von Beginn an als Mitglied des Dreiverbandes, 
auf, während es Deutschland gegenüber noch lange die Rolle 
des Unparteiischen spielte. Es begnügte sich mit sehr klugen 
und klaren Prophezeiungen in St. Petersburg über die Ge- 
fahr, die Russland heraufbeschwöre, tat aber nichts, um. 
Russland an den gekennzeichneten gefährlichen Schritten 
zu verhindern. 1 ) In Belgrad ordnete es sich der russischen: 
Politik unter. 2 ) In Frankreich sprach es kein einziges Wort 
der Mässigung. Dagegen quälte es Berlin und Wien unauf- 
hörlich mit seinen Friedenswünschen. Es lancierte den Kon- 
ferenzvorschlag französischen Ursprunges, der nichts anderes 
als eine Aufhebung des Lokalisationsprinzipes bezweckte 
und der nicht nur von Deutschland, sondern auch von Russland 
als inopportun bezeichnet wurde, mit dessen Ablehnung die 
Dreiverbandsdiplomatie als sicher gerechnet hatte und mit 
dessen Zurückstellung England selbst einverstanden war. 3 ) Es 
stand theoretisch schliesslich, nachdem Deutschland und 
Oesterreich England in allen Punkten nachgegeben hatten 
auf demselben Standpunkt wie Deutschland und Oesterreich,, 
Hess aber Russland ruhig eine Politik verfolgen, die dieser 
Auffassung zuwiderlief. 4 ) Es erkannte die Unannehmbarkeit 
der russischen Formel an, verlangte ihre Abänderung, und 
Hess es sich dann gefallen, dass Russland sie verschärfte. 
Es Hess endlich Russlands allgemeine Mobilmachung zu, 



') Gib. Nr. 22, Blb. Nr. 10, 17, 24, 44, Rb. Nr. 41, Blb. Nr. 72, 
113, 114, !35. 

2 ) Blb. Nr. 12. 

3 ) Blb. Nr. 10, Gib. Nr. 32, 76, Blb. Nr. 40, 67, 68. 

4 ) Blb. 77, 103, 111, 135. 



— 382 — 

die England von vornherein ais Casus belli bezeichnet hatte, 
während Deutschland die letzten englischen Vermittlungsvor- 
schläge angenommen hatte. Es nahm das deutsche Entge- 
genkommen kaltblütig hin und tat nichts in St. Petersburg, 
um die deutschen Bemühungen zur Einstellung der russi- 
schen Mobilmachung zu unterstützen. 

England tat nichts für den Frieden. Was tat es aber 
für den Krieg? Alles was es nicht für den Frieden getan, 
waren Taten für den Krieg. Aber daneben wirkte es posi- 
tiv. Es stärkte den Widerstand Serbiens. Es erkannte 
das Recht Russlands zur Intervention in den österreichisch- 
serbischen Streitfall an. Es stellte seine Beteiligung am 
Kriege in Aussicht. Es sicherte Russland seine Unter- 
stützung zu. Es erklärte, es werde Frankreich nicht im 
Stich lassen. Während Deutschland und Oesterreich-Ungarn 
fieberhaft an der Erfüllung der angeblichen englischen 
Friedenswünsche arbeiteten, verhandelte England mit Frank- 
reich über den gemeinsamen Eintritt in den Krieg, indem es somit 
Frankreich und Russland den letzten Grund zur Erhaltung 
des Friedens nahm. 1 ) Als England damit den europäischen 
Krieg unvermeidlich gemacht hatte, galt es nur noch, den 
deutsch-englischen Krieg unvermeidlich zu machen. Dazu 
schuf es den belgischen Vorwand. Und als der belgische 
Vorwand durch Deutschlands vielfache Anerbietungen be- 
seitigt zu werden drohte, schlug England glatt den Knoten 
durch, indem es sich jede Verhandlungen über die Möglich- 
keit einer belgischen Neutralität verbat und durch schroffste 
Ablehnung der englischen Neutralität und bindende Zusagen 
an Frankreich Deutschland den letzten Zweifel an der Kriegs- 
beteiligung Englands und ihm gleichzeitig den letzten Grund 
nahm, Belgien um Englands willen zu schonen. 2 ) Noch ein- 
mal schien es, als sollte der Kriegsgrund England ent- 



') Blb. Nr. 12, 24, 46, 47, 48, Rb. Nr. 41, Blb Nr. 85, 87, 89, 90, 
Neuausg. d. W~b. Abschn. 4, Gib. Nr. 101, Ob. Nr. 59, 64, 69, Blb. 
Nr. 105, 116, Gib. Nr. 110 (Blb. Nr. 119). Ueber den englischen Kon- 
ferenzvorschlag, den England fallen Hess, siehe Blb. Nr. 36, Anm. 1, 
S. 164—165, Blb. Nr. 40, Anm. 3, S. 166, Blb. Nr. 68, Anm. 1, S. 203. 

2 ) Blb. Nr. 101, 113, 123, 148, Neuausg. d. Wb. Abschn. 5 und 6, 
Gib. Nr. 110, 126, 138, 143. 



— 383 - 

schlüpfen. Deutschland erklärte sich bereit, ein deutsch- 
französisch-englisches Neutralitätsabkommen zu treffen, und 
als England abwinkte, auf den Seekrieg zu verzichten, auf 
den sich Englands Zusage an Frankreich bezog. Und Belgien 
bat um eine diplomatische Intervention. Da sandte England 
das Ultimatum nach Berlin, und der Krieg war entfesselt. *) 

Was tat Russland zur Erhaltung des Friedens? Es 
erklärte einen österreichisch-serbischen Krieg für einen 
russischen Kriegsgrund und ermutigte Serbien. Es willigte 
zwar im Prinzip in die Konferenzidee ein, lehnte diesen 
Gedanken dann aber zugunsten direkter Verhandlungen 
mit Oesterreich- Ungarn ab. Diese Verhandlungen zer- 
brach Russland grundlos, indem es vorgab, Oesterreich 
habe sie abgebrochen. Oesterreich beseitigte diesen Vor- 
wand, indem es sich von Neuem zu Verhandlungen bereit 
erklärte, indem es Zugeständnisse machte, die sich völlig 
mit allen Zugeständnissen deckten, die England verlangt hatte. 2 ) 
Russland blieb unerschütterlich. Es stellte schliesslich For- 
derungen, deren Unannehmbarkeit ihm klar bewusst war. Rein 
diplomatisch hatte es also die Lage rettungslos verfahren. 3 ) 
Das genügte Russland nicht. Durch militärische Massnahmen, 
die nach Deutschlands und Englands Erklärungen den Krieg 
bedeuten mussten, wollte es den Zentralmächten die Mög- 
lichkeit abschneiden, durch diplomatische Zugeständnisse 
den Frieden zu sichern. Sobald Wien ein neues Anerbieten 
machte und Berlin eine neue Warnung vor militärischen 
Massregeln erhob, versteifte sich Russland diplomatisch und 
häufte es die gefährlichen Massnahmen. Als Deutschland 
und Oesterreich-Ungarn endlich den Gipfel der Nachgiebig- 
keit erstiegen hatten, ordnete es die allgemeine Mobilmachung 
an, die nichts als eine Kriegserklärung war. 4 ) -IT"" 

Wenn England und Russland noch äusserlich die Form 
wahrten, als arbeiteten sie für den Frieden, wenn sich aus 

') Grb. Nr. 25, Gib. Nr. 144, Neuausg. d. Wb. Abschn. 5 und 6. 

2 ) Ob. Nr. 16, 25, 32, 45, 48, 50, serb. Blb. Nr. 14, 29, Blb. Nr. 
6, 17, 110, 111, Rb. Nr. 27, 31, 32, 47, 49, 50, 55, 56. 

3 ) Ob. Nr. 60, 67, 69, Rb. Nr. 56, Blb. 72, 97, Wb. Anl. 23 a, 
Wb, Denkschr. siehe S. 290. 

4 ) Ob. Nr. 58, 60, 67, Blb. Nr. 17, 43, 76, 103, Wb. Anl. 10, 10 a, 
10 b, 11, 17, 21, 23, 23 a, Rb. Nr. 42, 48. Siehe Anm. S. 306 ff. 



— 384 — 

der Fülle ihrer Dokumente schliesslich noch von geschickter 
Hand eine täuschende Auswahl von «Friedensdokumenten > 
treffen lässt, so muss von Frankreich gesagt werden, dass 
es nicht einen Finger für die Erhaltung des Friedens rührte. 
Vom ersten Augenblick der Krisis an bot es Russland blinde 
Gefolgschaft an, bis in den Krieg. 1 ) Es Hess in der Folge 
den Bundesgenossen ohne Einspruch handeln. Bremsende 
Worte, wie sie die Berliner Regierung in Wien fand, wur- 
den nie von Paris nach Petersburg gerufen. Durch den Ein- 
tritt Russlands in den österreichisch-serbischen Konflikt ward 
die Möglichkeit des Weltkrieges entfesselt. Frankreich billigte 
dieses Eintreten und diese Möglichkeit. Wenn Russland die 
österreichischen Zugeständnisse abwies, so war Frankreich 
damit einverstanden. Seine ganze Tätigkeit in Russland be- 
schränkte sich darauf, das Misstrauen gegen Deutschland zu 
schüren, Deutschland gegenüber lehnte Frankreich jedwedes 
Zusammengehen zur Erhaltung des Friedens glatt ab. Eng- 
land gegenüber suchte es, Deutschland zu verdächtigen und 
etwaige Vermittlungsvorschläge in die Form von diplo- 
matischen Waffen gegen Deutschland umzugiessen. Was von 
der englischen Billigung der zum Kriege führenden Mass- 
nahmen Russlands gesagt wurde, gilt in erhöhtem Masse 
für Frankreich. Wie England gab es der russischen Regie- 
rung erst die Möglichkeit einer kriegerischen Politik, und 
während Deutschland in London und Petersburg und Wien 
und Paris rastlos arbeitete, warf Paris Netz auf Netz nach 
London hinüber, lebte es nur in dem Gedanken, England 
zum Eintritt in den Krieg zu binden. Mehr als England 
noch hatte Frankreich die Möglichkeit, den Frieden zu er- 
halten. Das rechte Wort in Petersburg hätte Russland ver- 
anlasst, die von Oesterreich-Ungarn angebotenen Zuge- 
ständnisse in Betracht zu ziehen, die von Deutschland immer 
wieder erbetene Einstellung der militärischen Massnahmen 
zu gewähren. Ein Zusammengehen mit Deutschland hätte 
den ganzen Konflikt gemildert. Er wäre der sicherste Weg 
zum Frieden gewesen. Statt dessen bekämpfte die Unver- 
söhnlichkeit und die finstere Kriegsbereitschaft der fran- 



*) Blb. Nr. 6, serb. Blb. Nr. 13, Gib. Nr. 10, 18, 26. 



— 385 — 

zösischen Regierung wirkungsvoll die gewaltigen Friedens- 
bemühungen Deutschlands in Petersburg und in London. *) 

Was endlich taten Oesterreich-Ungarn und Deutschland, 
um den Frieden zu bewahren? 

Oesterreich-Ungarn hätte zweifellos gerne jeden Krieg 
mit dem kleinen Nachbarstaat Serbien vermieden, war aber 
entschlossen, von den Waffen Gebrauch zu machen, wenn 
seine notwendigen Forderungen abgelehnt würden. Dieser 
Krieg wäre zu vermeiden gewesen, wenn Serbien nicht von 
vornherein der Unterstützung des Dreiverbandes sicher ge- 
wesen wäre. Die Ursache für den österreichisch-serbischen 
Krieg war nur die österreichfeindliche Haltung des Drei- 
verbandes. Benutzte aber Oesterreich-Ungarn etwa den 
Vorwand seines Streitfalles mit Serbien nur, um Russland zum- 
Kriege zu provozieren ? Die Akten der Zentralmächte wer- 
den vollauf durch die des Dreiverbandes dahin bestätigt, 
dass Oesterreich-Ungarn nichts ferner lag, als einen Krieg 
mit Russland herbeizuführen. Die Monarchie war der Ansicht, 
dass der tragische Ursprung ihres Streitfalles mit Serbien 
die russische Regierung, die sonst vielleicht eine Bedrohung 
Serbiens nicht zugelassen hätte, in diesem Falle zu ver- 
ständnisvoller Zurückhaltung veranlassen musste. Oesterreich 
vertraute gemeinsam mit Deutschland in eine europäische 
Solidarität, die es völlig ausschliessen würde, dass irgend 
eine Grossmacht der Monarchie in der Ausübung ihrer 
Polizeimassnahmen in den Arm fallen könne. 2 ) Als dieser 
Glaube sich als trügerisch erwies, als Russland seine Inter- 
vention proklamierte und den ganzen Fall als eigene Be- 
drohung ansah, tat die österreichisch-ungarische Regierung 
alles was in ihrer Macht stand, um Russland zu versöhnen 
und zu beruhigen. Sie Hess die Frist verstreichen, ohne zu 
militärischen Massregeln zu greifen. Sie gab Russland die 
feierliche Versicherung, dass sie weder die Unabhängigkeit 
noch den territorialen Bestand Serbiens, und überhaupt den 
Status Quo auf dem Balkan antasten werde. Deutschland 

') Gib. Nr. 31, 36, 56, 57, 61, 62, 76, 78, 85, 87, 101, 108, 110, 
117, 120, Anm. 1 zu 124 und 147, Ob. Nr. 29, 35, 55, 58, 74, Blb. 
Nr. 59, 99, 105, 116, 117, 134. 

2 ) Das geht aus dem gesamten Rb. hervor, z. B. Rb. Nr. 8, 9, 26„. 



— 386 — 

erklärte sich bereit, die Garantie dafür zu übernehmen, dass 
Oesterreich-Ungarn diese Verpflichtung innehalten werde. 
Die Wiener Regierung milderte den Sinn der von Serbien 
und Russiand beanstandeten Punkte des Ultimatums in einer 
Weise, die durchaus annehmbar war. Sie versuchte die 
Krisis für eine allgemeine Besserung der Beziehungen 
mit Russland auszunutzen, trat bereitwillig in Verhandlungen 
mit Russland ein, dem in weitgehendster Weise alle wün- 
schenswerten Erklärungen abgegeben wurden. Sie war 
schliesslich bereit, die Note selbst mit Russland zu be- 
sprechen, trotz der militärischen Bedrohung durch die rus- 
sische Teilmobilmachung. 1 ) Liess sich Oesterreich neben die- 
sen unverkennbaren Friedensbemühungen eine Handlung zu 
schulden kommen, die den Krieg herbeiführen konnte? Es 
lehnte die Fristverlängerung ab, klagt der Dreiverband. Das 
ist richtig, aber nur Serbien gegenüber. Oesterreich-Ungarn 
erklärte sich dagegen den Mächten gegenüber bereit, auch 
nach Fristablauf für eine Beilegung des Zwistes zu wirken. 2 ) 
Tatsächlich war die Frist am 25. abgelaufen und wurde der 
Krieg erst am 28. erklärt, nachdem Serbien und Russland 
diese erneute Frist ungenützt hatten verstreichen lassen. 
Mit der Ablehnung der Konferenzidee, mit der die Dreiver- 
bandsregierungen Oesterreich-Ungarns und Deutschlands 
Kriegs willen beweisen wollen, stand, wie gesagt, Oester- 
reich-Ungarn nicht allein. Russland hielt diese Idee eben- 
falls für unzweckmässig und England machte keinen Anstand, 
sich diesem Gesichtspunkt anzuschliessen. Worin bestand 
also die aggressive Politik der Monarchie? Vielleicht in dem 
Vorgehen gegen Serbien? Dieses Vorgehen war aber durch 
Serbiens Haltung bedingt worden und wurde mit allen 
Vorsichtsmassregeln, mit allen Möglichkeiten einer euro- 
päischen Verständigung umgeben. Es war nicht Oester- 
reich-Ungarns Schuld, wenn Serbien, durch den Dreiverband 
unterstützt, den österreichisch-serbischen Krieg unvermeid- 
lich machte und wenn Russland, durch Frankreich und England 
ermuntert, keine Verständigung mit Oesterreich-Ungarn wollte. 



1 ) Siehe u. a. die in den Fussnoten S. 383 angeführten Stücke. 

2 ) Rb. Nr. 17, Blb. Nr. 14. 



— 387 — 

Kein Staat endlich tat mehr für die Aufrechterhaltung des 
Friedens als Deutschland. Es sah die ganze Gefahr vor- 
aus. Es legte die Basis für die Aufrechterhaltung des Frie- 
dens, indem es das Lokalisationsprinzip verfocht. Es trat 
nicht als Bundesgenosse Oesterreich-Ungarns in die Arena, 
sondern stellte sich von der ersten Stunde an auf einen rein 
europäischen Standpunkt, den Standpunkt einer europäischen 
Kulturgemeinschaft, die unterschiedslos Oesterreich-Ungarns 
Rolle als Vertreter staatlicher Ordnung und staatlicher Moral 
in seinen Forderungen an Serbien billigen müsse. *) Es war 
nicht Deutschlands Schuld, wenn Frankreich und England 
sich nicht zu diesem hohen Standpunkt aufschwingen konnten, 
sondern sogleich die Situation unter dem Gesichtswinkel 
ihrer politischen Interessen und Bestrebungen betrachteten. 
Als es nicht mehr möglich war, den Streitfall als streng 
österreichisch-serbischen zu betrachten, als Deutschland 
wegen der Verfechtung dieses Grundsatzes von allen 
-Seiten angefeindet wurde, übernahm es entschlossen die 
Rolle des Vermittlers zwischen Russland und der Donau- 
monarchie. Es veranlasste Oesterreich-Ungarn nicht nur zu 
seinen wichtigen Zugeständnissen, es gab ihnen dem Miss- 
trauen Russlands gegenüber durch die Verpflichtung, ihre 
Durchführung persönlich zu gewährleisten, einen bedeut- 
samen Wert. Der Deutsche Kaiser selbst trat auf den Plan 
und legte Russland dar, dass es auf jeden Fall abwarten 
könne, da nichts Russland zwinge, sogleich einzugreifen 
und die Aussicht auf Erhaltung des Friedens damit zu zer- 
stören. Und neben den Bemühungen in Wien arbeitete die 
deutsche Diplomatie in Paris im Sinne eines europäischen 
Zusammengehens zwischen Deutschland und Frankreich, und 
in London im Sinne einer unparteiischen Vermittlung der 
englischen Diplomatie. In Petersburg endlich musste die 
deutsche Diplomatie ihre höchsten und entscheidenden An- 
strengungen anwenden, und das allein durch Russlands 
Schuld. Es kann nicht Deutschland zur Last gelegt werden, 
wenn es immer wieder Russland vor militärischen Mass- 
nahmen warnen musste und wenn Russland diese Warnungen in 

x ) Wb. Anl. 1, 3, 10, 20, Ob. Nr. 18, Blb. Nr. 25, Gib. Nr. 36. 



— 388 — 

den Wind schlug. Es ist nicht Deutschlands Schuld, wenn 
das Schwergewicht der europäischen Unterhandlungen, das 
zuerst in Wien und St. Petersburg geruht, nun nach Berlin, 
und St. Petersburg glitt. Jetzt galt es nicht mehr, Oester- 
reich-Ungarn zum Nachgeben zu veranlassen. Oesterreich- 
Ungarn hatte nachgegeben. Es galt, Russland daran zu hin- 
dern, ohne Grund sein gesamtes Heer zu mobilisieren. 
Russland mobilisierte, derweil es diese Massnahme ableug- 
nete, und der Krieg brach los. *■) 

Mit dem Augenblicke, da es immer deutlicher wurde,, 
dass der Schlüssel zu Russlands Haltung in London lag, 
verdoppelte Deutschland seine Bemühungen, England zur 
Aufrechterhaltung des Friedens zu bewegen. Als Deutsch- 
land erkannte, dass England gesonnen war, aus der euro- 
päischen Krisis, die es hatte anwachsen lassen, Nutzen zu 
ziehen, um mit der stärksten Koalition, die je die Welt ge- 
sehen, Deutschland zu bekriegen, versuchte die Berliner 
Regierung England davon zu überzeugen, dass auch auf 
friedlichem Wege seine Interessen gewahrt bleiben würden. 
Es regte an, Frankreichs Zukunft im Falle eines Sieges 
Deutschlands und auch Belgiens Zukunft sicher zu stellen. 
In einem Worte Deutschland verpflichtete sich, den Status 
Quo Westeuropas nicht anzutasten, selbst im Falle eines 
Sieges, ohne dass natürlich Frankreich eine entsprechende 
Verpflichtung einging. 2 ) Die Geschichte kennt kein Beispiel 
für ein gleiches ungeheures Zugeständnis. Endlich ergriff 
die deutsche Regierung die letzte Gelegenheit, die sich zur 
Vermeidung des Krieges oder zu seiner Beschränkung bot: 
Es verpflichtete sich, Belgiens Neutralität nicht anzutasten 
und auch die bereits an der Westgrenze gegen Frankreich 
angesammelten deutschen Truppen zurückzuziehen, wenn 
— in dem einen Falle — England neutral bliebe, — in dem- 
anderen — die Neutralität Frankreichs garantiere. Es war 



J ) Hier müsste das gesamte W"b. und das ganze Rb. zitiert 
werden. Wir begnügen uns, an die wichtigsten Belege der Dreiver- 
bandsakten zu erinnern: Blb. Nr. 25, 34, 43, 46, 71, 75, 77, 97, 98, 
110, 138, Ob. Nr. 49, 60, Gib. Nr. 56, 57, 74, 78, Neuausg. d. Wb. 
Abschn. 4. 

2 ) Blb. Nr. 85. 



- 389 — 

schliesslich bereit, auf einen Seekrieg zu verzichten. 1 ) Der 
deutsche Friedenswille war unerschöpflich. 

So können die Dokumente des Dreiverbandes und der 
ihm verbündeten Staaten kein einziges, wirksames Argument 
gegen Deutschland und Oesterreich-Ungarn vorbringen, so 
sehr sie auch durch nachweisbare Entstellungen, Auslas- 
sungen und Ungenauigkeiten die Zentralmächte ins Unrecht 
setzen wollen. Misstrauen, Zweifel an der deutschen Auf- 
richtigkeit, Vermutungen über geheime deutsche Absichten, 
unvorteilhafte Charakterisierungen der deutschen Diplomaten 
sind keine Schuldbeweise. Im Grunde erheben die Dreiver- 
bandsakten in erster Linie folgende Vorwürfe gegen Deutsch- 
land und Oesterreich-Ungarn: 1. Oesterreich-Ungarn wagte 
-es von Serbien, dem Schützling Russlands, Rechenschaft zu 
fordern, 2. Deutschland Hess Oesterreich-Ungarn nicht im 
Stiche. 3. Die verbündeten Kaiserreiche glaubten nicht an 
4k Doktrine vom slawischen Protektorat Russlands über 
Serbien. 4. Sie wollten nicht ungerüstet die Vollendung der 
russischen Mobilmachung abwarten. Diese Vorwürfe an 
Deutschland und Oesterreich-Ungarn richten, heisst ihnen das 
Leben, das Atmen verbieten. Der Dreiverband klagt Deutsch- 
land und seinen Verbündeten an, dass sie sich nicht unter 
die Tyrannei der Mächtekoalition gebeugt, dass sie sich 
nicht stillschweigend niederringen Hessen, dass sie nicht 
ruhig mitansahen, wie Oesterreich-Ungarn durch Russlands 
Vorhut, Serbien, langsam zerstückelt wurde, dass sie nicht 
abwarteten, bis die russische Armee auf ihrem Gebiete 
stand. Alle anderen Anschuldigungen der Blau-, Orange- 
und Gelbbücher aber gründen sich nur auf subjektive Mei- 
nungen, auf Vorurteile, oder sind diplomatische Kriegslisten. 
Sie können aber nicht diese drei Tatsachen verbergen, die 
aus den Dreiverbandsbüchern erst in voller Klarheit her- 
vorgehen: 1. Dass Russland unbedingt Serbien kriegerisch 
unterstützen wollte und durch die allgemeine Mobilmachung 
Deutschland zur Kriegserklärung zwang, 2. dass Frankreich, 
nachdem einmal die Möglichkeit eines deutsch-russischen 
Krieges bestand, nichts tat, um diese Möglichkeit oder 

') Blb. Nr. 123, Neuausg. d. Wb. Abschn. 5 und 6, Gib. 144. 



— 390 — 

wenigstens die Möglichkeit eines deutsch-französchen Krieges 
zu verhindern, sondern von vornherein Deutschlands Frie- 
densbemühungen ablehnte, Russland blindlings folgte und 
sich weigerte, neutral zu bleiben, und 3. dass England, nicht 
Deutschland, den deutsch-englischen Krieg entfesselte und 
erklärte, dass England einem Lande den Krieg erklärte, 
das unbedingt mit ihm in Frieden leben wollte, damit eine 
Krisis krönte, die es ohne seine strikte Dreiverbandspolitik 
hätte vermeiden können, und einen Kriegsvorwand wählte, 
der erst den englischen Willen zum Kriege zur Vorausset- 
zung hatte. 

Denn wenn irgend eine Tatsache mit siegreicher Klarheit 
aus den vereinigten Dokumenten, vor allem den englischen 
Akten hervorgeht, so ist es die, dass, nachdem England unbe- 
dingt den Krieg mit Deutschland gewollt und unvermeidlich 
gemacht hatte, es nur auf den notwendigen Vorwand wartete 
und als diesen Vorwand die Verletzung der belgischen Neutra- 
lität provozierte. Hatte Grep nicht zunächst den Kriegsgrund 
darin gesehen, dass Deutschland nur das europäische Frank- 
reich, nicht aber das französische Kolonialreich nach einem 
Siege unangetastet lassen wollte? Hatte er nicht als zweiten, 
wichtigeren Kriegsgrund eine etwaige Verletzung der bel- 
gischen Neutralität bezeichnet? Das hinderte ihn nicht, trotz 
Deutschlands Versprechen, auch Frankreichs Kolonialreich 
zu achten, trotz Deutschlands Vorschlag, Belgiens Neutralität 
nicht anzugreifen, die diplomatischen Verhandlungen abzu- 
brechen und nun seine Absicht, Deutschland trotz aller Zu- 
geständnisse auf dem Schlachtfelde entgegenzutreten, un- 
widerrufbar zu machen. 1 ) Damit aber war Deutschland der 
Notwendigkeit enthoben, die belgische Neutralität zu respek- 
tieren. Die Voraussetzung für die Achtung der belgischen 
Neutralität, so wie Gladstone sie 1870 definiert hatte, war 
ein neutrales England. Für Deutschland gab es nun, da es 
mit den beiden anderen angrenzenden Garantiemächten 
Belgiens im Kriege lag, keine Gewähr mehr dafür, dass 
Belgiens Neutralität von den Gegnern geachtet werde, wie 
es anderseits für Deutschland keine Gewähr dafür gab, dass 



') Blb. Nr. 123, 148, 157, Gib. Nr. 126, 143, 144. 



— 391 - 

Belgien imstande oder gewillt sein werde, während der 
Dauer des Krieges neutral zu bleiben. Indem England seine 
geschichtliche Rolle als Hüter der belgischen Neutralität in 
einem deutsch-französischen Kriege aufgab, indem es zu- 
gunsten Frankreichs in den Krieg eingriff, führte es Deutsch- 
land dazu, den Durchmarsch durch Belgien zu fordern. In- 
dem England aus seiner Rolle einer Garantiemacht heraus- 
trat, missbrauchte es die belgische Neutralität und riss das 
Land in den Strudel des Krieges, den Deutschlands wieder- 
holte Anerbieten ihm ersparen wollten. 1 ) 

So ist es eine der schlimmsten Geschichtsfälschungen,wenn 
man als Wurzel des Krieges die Verletzung der belgischen 
Neutralität bezeichnet. Sie hatte nichts mit den Kriegsur- 
sachen zu tun. Sie gehört nicht der Vorgeschichte des 
Krieges an. Sie stellt bereits das erste Kapitel der Kriegs- 
geschichte dar, wenn auch das umstrittenste und traurigste. 

Wenn wir also nun, da wir den eisernen Ring der 
europäischen Kriegsverhandlungen verlassen, die nach 
der Katastrophe entstandenen offiziellen Erklärungen 
der- europäischen Regierungen mit den aus der Krisis er- 
wachsenen Akten vergleichen 2 ), dürfen wir ohne Fehl und 
Zagen feststellen: Die deutsche und österreichisch-ungari- 
sche Darstellung wird nicht nur durch die Akten der ver- 
bündeten Regierungen bestätigt. Die Dreiverbandserklärungen 
werden nicht nur durch die Akten der Dreiverbandsregie- 
rungen widerlegt. Mehr als dies: aus den Dreiverbandsakten 
selbst ergibt sich die Wahrheit der deutschen und öster- 
reichisch-ungarischen Thesen. Mit den Beweisstücken der 
Gegner in der Hand können die verbündeten Kaiserreiche 
ihre Ankläger vor dem Tribunal der Geschichte verklagen. 

England erklärte Deutschland den Krieg, weil dieser 
Krieg das Endziel der englischen Politik war und sich jetzt, 
da Russland und Frankreich gleichfalls zum Kriege bereit 
waren, die beste Kriegskonjunktur bot. Wollte England jemals 
den Krieg gegen Deutschland führen, so war das nur auf 
Grund einer Situation, wie sie der Sommer 1914 bot, 

J ) Siehe auch Anm. S. 352, 353, 361, 363. 
2 ) Siehe Einführung S. 5—16. 



- 392 - 

möglich, einer Situation die sich nicht auf einem deutsch- 
englischen Streitfall, in dem Russlands Hilfe nicht unbedingt 
sicher war, sondern auf einem deutsch-russischen Streitfall 
aufbaute, in dem England nur die vorteilhafte Rolle des 
Helfers zu übernehmen brauchte. Desgleichen konnte Frank- 
reich nur auf Grund eines deutsch-russischen Streitfalles in 
den Krieg ziehen, der allein ihm die Bundeshilfe Russlands 
gewährleistete. Russland, einmal der Hilfe Frankreichs und 
Englands sicher, hatte keine Ursache, versöhnlich zu sein 
und auf seine politischen Ideale zu verzichten. So war der 
Weltkrieg mit dem Augenblicke unvermeidlich, da ein jeder 
der Dreiverbandsstaaten als Mitglied einer ungeheuren Koa- 
lition marschierte, die Englands Bündnis Verhältnis mit Japan 
und andere Gelegenheitsverbündete noch erweitern sollten. 
Der Weltkrieg war in dem Augenblicke unvermeidlich, da 
sich diese Koalition für unbesiegbar erachtete und ihre Vor- 
macht England dermassen von ihrer vorteilhaften Rolle über- 
zeugt war, dass sie bei Ausbruch des Krieges ihr tiefstes 
Geheimnis der aufhorchenden Welt preisgab, den Wahn, dass 
Grossbritannien als kriegführender Staat kaum mehr zu leiden 
haben werde, denn als neutraler! Dieser weltgeschichtliche 
Irrtum, der die rohe Uebermacht und die gute diplomatische 
Konjunktur für ein Siegespfand hält, diese gewaltige Ver- 
kennung der ungeheuren moralischen Kräfte, die Deutsch- 
lands und Oesterreich-Ungarns materielle Stärke ins Gren- 
zenlose steigern mussten : sie bilden die wahre Wurzel des 
Krieges. 






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