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Full text of "Das Verbrechen, vom Verfasser des Buches J'accuse"

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DAS VERBRECHEN 



Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung, von der Verlagsbuchhand- 
lung vorbehalten. Copyright 191 7 by Payot & C*, Lausanne. 



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DAS 



VERBRECHEN 



VOM Verfasser des Buches 



J'ACCUSE 



Q\y(ziltr\^ ^ !Aicha»"cl_\ 



Niemals in der Weltgeschichte 
ist ein grösseres Verbrechen be- 
gangen worden. Niemals ist ein 
begangenes Verbrechen mit grösse- 
rer Kaltblütigkeit und Heuchelei 
abgeleugnet worden. 

« J'ACCUSE. )) 



II. Band. 







VERLAG PAYOT & C% LAUSANNE 
1917 



511 

Qrl3 



Zweiter Teil. 



VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 



VORGESCHICHTE 

DES 

VERBRECHENS 



I. 



Der Präventivkrieg. 



Vorbeugungs-oder 
Eroberungskrieg ? 

Ich habe bereits in meinem Buche J'accuse mit aller Schärfe 
darauf hingewiesen, dass von den drei Qualifikationen, die man 
diesem Kriege geben kann : Defensivkrieg, Präventivkrieg, impe- 
rialistischer Eroberungskrieg — nach meiner Ansicht nur die 
dritte Bezeichnung, soweit Deutschland in Betracht kommt, 
zutrifft. 

Die erste Bezeichnung : Verteidigungskrieg gegen Ueberf all — 
ist heute noch, nach zweieinhalb] ähriger Kriegsdauer, die, welche 
die öffentliche Meinung in Deutschland beherrscht. Es ist die 
Formel, mit der der Krieg begonnen wurde und mit der er heute 
unentwegt fortgeführt wird. Am i. August 1915, am ersten Jahres- 
tage des Kriegsbeginns, hat der Kaiser, fast mit denselben Worten 
wie ein Jahr vorher, von dem « Verteidigungskampf für die höchsten 
Güter der Nation, ihr Leben und ihre Freiheit » gesprochen. Nach 
dem Gelingen der dritten Kriegsanleihe hat der Kaiser, in seinem 
Glückwunschtelegramm an den Reichsschatzsekretär Dr. Helffe- 
rich, den unerschütterlichen Willen des deutscheu Volkes betont. 



10 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

« den durch freventlichen Ueberfall uns aufgezwungenen Krieg bis 
zum siegreichen Ende durclizuführen ». Die Formel ist bis heute 
dieselbe geblieben. Da aber Unwahrheiten durch öftere Wieder- 
holung nicht zu Wahrheiten werden, so werden alle Bemühungen 
der deutschen Machthaber, den Krieg immer wieder von neuem als 
einen Verteidigungskrieg hinzustellen, vor der Welt — und hoffent- 
lich am Ende auch vor dem deutschen Volke — vergebliche 
bleiben. Trotz allen Ableugnens der Schuldigen hat die Geschichte 
schon heute dem verfolgten, geschmähten und beschimpften Ver- 
fasser des Buches J'accuse recht gegeben und mit unverwischbaren 
Lettern den Wahrspruch in ihre ehernen Tafeln geschrieben : 

Deutschland und Oesterreich sind schuldig, bewusst und 
vorbedacht den europäischen Krieg herbeigeführt zu haben. 

Dieses Thema ist für mich mit den dokumentarischen Bewei- 
sen, die ich in meinem Buche und in diesem Ergänzungswerk 
erbracht, bis auf weiteres erledigt und ich habe weder die Absicht 
noch sehe ich eine Veranlassung, in nächster Zukunft darauf 
zurückzukommen. 

Auch bei den klügeren Leuten in Deutschland — aus allen 
Schichten, von den höchsten Diplomaten, früheren Botschaftern 
herunter, über Professoren und Schriftsteller des Völkerrechts, 
Kaufleute, Industrielle, Intellektuelle aller Kategorien hinweg 
(die sich zum Teil im <(Bund Neues Vaterland» ein Stelldichein 
gegeben hatten) bis zu den Linkssozialisten, denen man die Wahr- 
heitserkenntnis durch Verhaftungen und Hochverratsprozesse 
auszutreiben sucht, — überall, selbst bei Kreuzzeitungsleuten wie 
Schiemann, und « Zukunfts »-Menschen wie Harden, bricht sich 
mehr und mehr nicht nur die Erkenntnis, sondern (zensurgemäss 
versteckt und verschleiert) auch das B e kenntnis Bahn : der Krieg 
ist in Wirklichkeit kein Verteidigungs-, sondern ein Vorbeugungs- 
krieg. Oder, wie ich es in meinem Buche ausgedrückt habe : 
wir sind zwar nicht angegrifi'en, aber wir wären angegriffen worden, 
in späterer, uns militärisch ungünstigerer Zeit ; deshalb sind wir 
dem Angriö'e in dem uns günstigeren Moment zuvorgekommen. 

Dieses Zugeständnis des Präventivkrieges ist für uns, die wir 
den imperialistischen Eroberungskrieg diagnostizieren, schon ein 
erheblicher Gewinn. Es ist ein Entgegenkommen auf halbem 
Wege. Es ist das Zugeständnis, dass alle die volltönenden Phrasen, 
mit denen man vor zweieinhalb Jahren das deutsche Volk zum 
Kriege begeistert hat und die man heute noch unentwegt wieder- 
holt, auf Unwahrheit beruhen, dass weder die Russen noch die 
Franzosen uns an der Augustwende des Jahres 1914 überfallen 



1 



DER PRÄVENTIVKRIEG II 

haben, dass uns nicht das Schwert in die Hand gedrückt wurde, 
um uns zu « wehren bis zum letzten Hauch von Mann und Ross », 
dass es nicht galt « unsere heiligsten Güter, das Vaterland, den 
eigenen Herd gegen ruchlosen Ueberfall zu schützen ». Wer Prä- 
ventivkrieg sagt, drückt damit aus : Jeder Satz, der damals 
gesprochen und geschrieben wurde, der heute gesprochen und 
geschrieben wird, um das Volk an einen Verteidigungskrieg glau- 
ben zu machen, ist eine Unwahrheit ; das deutsche Volk ist getäuscht 
worden, man hat es zur Schlachtbank geführt und begeistert für 
etwas, das tatsächlich nicht vorhanden war, für eine Einbildung, 
für ein Phantom. 

Insofern, soweit diese negative Seite in Betracht kommt, die 
Verwerfung des Verteidigungskrieges, stimmen also die Vertreter 
des Vorbeugungs- und des Eroberungskrieges überein. Auch die 
ersteren, wenn sie logisch sein wollen, müssen zugeben, dass das 
deutsche Volk getäuscht worden ist. Da aber jede Täuschung doch 
einen Grund und einen Zweck haben muss — aus reinem Ver- 
gnügen fälscht niemand die Wahrheit — , so werden sie weiter 
zugeben müssen : Wenn das deutsche Volk die Wahrheit gekannt 
hätte, wenn es gewusst hätte, dass es nicht unmittelbar bedroht, 
nicht überfallen worden ist, so würde es nicht oder mindestens 
nicht mit solcher Einstimmigkeit und Begeisterung in den Krieg 
gezogen sein. Auch die Anhänger des Präventivkrieges müssen 
die Täuschung zugeben und könnten zu ihrer Rechtfertigung 
höchstens anführen, dass die Täuschung notwendig war, weil die 
Verteidigung gegen einen gegenwärtigen Ueberfall dem einfachen 
und gesunden Sinn des Volkes begreiflich, die Vorbeugung gegen 
zukünftigen Ueberfall aber ihm unbegreiflich Und als Kriegsgrund 
unentschuldbar erschienen wäre. Das moralische Urteil über das 
Verhalten der deutschen Regierung dem eigenen Volke gegenüber 
muss also für jeden Ableugner des unmittelbaren Verteidigungs- 
krieges dasselbe sein : möge er den deutschen Angriffskrieg recht- 
fertigen, wie er will, möge er ihn für einen Angriffskrieg halten, 
der zur Vorbeugung künftiger Angriffskriege von der Gegenseite 
notwendig war, oder für einen Angriffskrieg, der, rein aus impe- 
rialistischen Tendenzen entstanden, imperialistischen Zwecken 
dienen sollte, — in jedem Falle gibt er zu, dass es kein Ver- 
teidigungskrieg war, und daraus folgt, dass Herrscher und Regie- 
rungen das Volk belogen haben. 



Ich selbst gehöre, wie ich in meinem Buche deutlich zum 
Ausdruck gebracht habe, zu der Kategorie von Beurteilern, die 



12 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

nicht den Präventionskrieg, sondern den imperialistischen Erobe- 
rungskrieg für die zutreffende Bezeichnung der Sache halten. Den 
Beweis für die Richtigkeit meiner Auffassung habe ich durch eine 
Reihe politischer Tatsachen und durch die Beibringung wichtiger 
Zeugnisse aus der nationalistisch-imperialistischen I^iteratur 
Deutschlands zu führen versucht. Man hat diese politischen Tat- 
sachen für unerheblich erklärt und die literarischen Zeugnisse 
als nicht massgebend beiseite zu schieben versucht. Man hat meine 
Darstellung des Verhaltens Deutschlands auf den Haager Konfe- 
renzen und bei den anschliessenden Verständigungsverhandlungen 
mit England zu bekämpfen versucht, worauf ich in einem beson- 
deren Kapitel noch zurückkommen werde. Man hat den General 
Bernhardi und seine Gesinnungsgenossen von den Rockschössen 
der deutschen Regierung abzuschütteln versucht, ohne meine 
schlagenden Hinweise auf die Anschauungen, Handlungen und 
Schriften des deutschen Kronprinzen auch nur zu erwähnen. Ich 
werde in einem ferneren Kapitel eine reiche Auslese aus unserer 
alldeutschen, chauvinistischen und imperialistischen Iviteratur vor- 
führen und damit den Beweis erbringen, dass es mit der Abschütt- 
lung Bernhardis nicht getan ist, dass immer noch die Bernhardiner 
übrig bleiben, die Deimlinge, der Keim und seine Keimlinge, der 
« Alldeutsche Verband » mit seinen Generalen, Admiralen, seiner 
einflussreichen, skrupellos auf ihr Kriegsziel losgehenden Presse, 
und dass, genau wie der grosse Bernhardi selbst, auch alle die 
kleinen und kleinsten Bernhardiner unverrückbar und unverrückt 
(obwohl manchmal wie verrückt !) das Ziel ins Auge gefasst und 
verfolgt haben, das in den Bernhardischen Kapitelüberschriften 
mit aller wünschenswerten Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht 
ist : « Deutschlands historische Mission » ; « Weltmacht oder 
Niedergang » ; « Recht und Pflicht zum Weltkriege ». 

Davon später. Im jetzigen Augenblick sprechen wir nicht von 
dem imperialistischen, sondern von dem Präventivkriege. Eine 
strenge, unbedingt sichere Scheidelinie zwischen den Vertretern 
der einen und der anderen Anschauung lässt sich allerdings nicht 
ziehen. Auch in der imperialistischen Literatur klingt vielfach die 
Idee der Vorbeugung gegen einen gegnerischen Angriff durch. 
Nicht alle Imperialisten haben die Offenheit und Ehrlichkeit des 
preussischen Generals, der einen Angriffskrieg von Seiten der 
Tripleentente ausdrücklich ausschliesst und unserer Diplomatie 
die Aufgabe zuweist. « die Karten so zu mischen, dass wir von Frank- 
reich angegriffen würden Weder Frankreich noch Russland noch 

England haben es nötig, uns anzugreifen, um ihre Interessen durch- 
zusetzen. » Nicht alle Imperialisten sagen es so ehrlich wie Bern- 
hardi heraus, dass Deutschland zu dem ersehnten und für seine 



DER PRÄVENTIVKRIEG I3 

Zukunft unbedingt erforderlichen Weltkrieg nur gelangen könne, 
wenn es ihn selbst herbeiführe. Manche von unseren Kriegs- 
hetzern sind schlauer und vorsichtiger als der militärische Drauf- 
gänger und lassen — neben der Betonung der Notwendigkeit 
eines kriegerischen Aufstiegs zur Weltmacht — auch noch das 
andere Motiv der « Unvermeidlichkeit » des Krieges durchklingen, 
das Motiv : wenn wir ihn nicht anfangen, so werden die anderen 
in dem ihnen günstigen Moment ihn anfangen. Also eine Mischung 
von präventiven und imperialistischen Motiven, von denen die 
letzteren die eigentlich massgebenden sind, die ersteren aber als 
schamverhüllendes Mäntelchen der nackten Kriegsbrutalität 
umgehängt werden. 

Alle diese Motivierungen des früheren Zukunfts- und jetzigen 
Gegenwartskrieges basieren, wie gesagt, auf derselben negativen 
Grundlage, dass sie die Behauptung, wir führten einen Befreiungs- 
und Verteidigungskrieg, zu einer Lüge stempeln. Der Vorbeu- 
gungs- wie der Eroberungskrieg sind gleichermassen Angriffs- 
kriege und es besteht zwischen beiden nur der Unterschied, dass 
der Eroberungskrieg ein reiner Angriffskrieg, der Vorbeugungs- 
krieg aber ein sozusagen vorweggenommener Verteidigungskrieg 
ist. 

Ehrliche und unehrliche 
P räventivkrieger. 

Die notwendige Voraussetzung des Vorbeugungskrieges ist 
der von anderer Seite beabsichtigte Angriff. Es genügt nicht, dass 
diese Angriffsabsicht der anderen behauptet wird, sie muss 
bewiesen werden. Unter den Vertretern des Präventivkrieges 
muss man wiederum zwei Gruppen unterscheiden : die einen, 
die wirklich an die Angriffsabsichten der Ententemächte gegen 
die Zentralmächte geglaubt haben ; die anderen, die nur so taten, 
als glaubten sie daran, in Wirklichkeit aber solchen Angriff keines- 
wegs befürchteten und es nur ihren imperialistischen Eroberungs- 
zwecken dienlich erachteten, das Volk daran glauben zu machen. 
Die ersteren sind die ehrlichen, die zweiten die unehrlichen Prä- 
ventivkrieger. 

Die Argumente beider Gruppen sind genau die gleichen und, da 
das wirkliche Glauben oder das nur Glaubenmachen im wesent- 
lichen ein Produkt innerer Verstandes- und Seelenvorgänge ist, 
so ist es schwer, bei jedem einzelnen der Kriegshetzer zu unter- 
scheiden, ob er zu den ehrlichen oder zu den unehrlichen Präven- 
tivkriegern gehört. Die Klügeren unter ihnen werden wahrschein- 
lich mit den reinen Eroberungspolitikern ä la Beruhardi darin 



14 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Übereinstimmen, dass weder Frankreich noch Russland noch 
England auch nur das geringste Interesse daran hatten, einen 
europäischen Krieg zu entfesseln, den sie, gegenüber der stärksten 
Militärmacht der Welt, für sich selbst als ausserordenthch gefähr- 
lich, für Europa und die Welt aber als eine der schlimmsten Kata- 
strophen ansehen mussten. Die weniger Klugen mögen wirklich 
an das Schauermärchen geglaubt haben : 

dass das liberale englische Kabinett, das seit fast zehn 
Jahren auf allen möglichen Wegen eine Verständigung 
mit Deutschland, internationale Schiedsgerichte und Rüs- 
tungsbeschränkungen erstrebt hatte, die Entfesselung 
eines europäischen Krieges zur Vernichtung seines besten 
Kunden und I^ieferanten ins Auge gefasst habe ; 

dass die bürgerliche Regierung der dritten französi- 
schen Republik, die mit den unbedingt pazifistischen 
Ansichten eines Jaures und seiner Partei und mit dem aller- 
seits anerkannten ernsten Friedenswillen des französischen 
Volkes zu rechnen hatte, dem auf Deutschland « neidischen » 
England ihre Beteiligung an dem Ueberfall zugesagt habe, 
um ihre ein halb Jahrhundert alten Revanchegluten durch 
eine europäische Sintflut zu kühlen ; 

dass der persönlich gutmütige und friedliebende Zar 
Nikolaus, der Anreger und Förderer der Haager Friedens- 
konferenzen, der Beherrscher des ohnedies schon allzu- 
grossen, innerlich unfreien und revolutionär durchwühlten 
Russland, seine beiden Spiessgesellen in ihren Raub- und 
Racheplänen unterstützt habe. 

Die Argumente der ehrlichen und unehrlichen Präventivpoli- 
tiker sind dieselben. Das Rezept, aus dem das giftige Ragout der 
Gefährdung Deutschlands zusammengebraut wurde und wird, 
ist folgendes : Man schlägt die Geschichtskalender der letzten 
fünfzehn Jahre nach, notiert sorgfältig alle Königs-, Kaiser- und 
Präsidentenbesuche, alle Ministerkonferenzen, soweit sie auf 
Seiten der Ententemächte stattgefunden haben, spricht von den 
begeisterten Empfängen König Edwards in Paris, Fallieres' und 
Poincares in Petersburg, von den Zusammenkünften in Reval 
und anderen Hafenorten, von den kaiserlichen, königlichen und 
präsidenthchen Diner-Toasten, von Hetzartikeln der Chauvi- 
nistenpresse (die es bekanntlich in allen Ländern, am schlimmsten 
aber in Deutschland gibt), man lässt möglichst häufig die Namen 
Delcasse, Clemenceau, Iswolsky, Northchff, Millerand und Poincare 
ertönen, mischt und quirlt diesen Brei gehörig zusammen, giesst 



DER PRÄVENTIVKRIEG 15 

Über das ganze als Sauce die Einkreisungspolitik König Edwards 
und das Gericht ist fertig. Man serviert es noch dampfend 
dem gläubigen deutschen Volke unter der Menubezeichnung : 
Blutgericht der Ententemächte für das deutsche Volk, und prä- 
sentiert dafür die Rechnung : Milliardenbewilligung für neue 
Heeresvorlagen, für neue Soldaten, neue Kanonen, neue Schiffe 
und schliesslich für den Vorbeugungskrieg, der uns davor schützen 
soll, das Hexengebräu der anderen in dem jenen günstig erschei- 
nenden Momente verschlingen zu müssen. 

Man lese nur alle die — jetzt haufenweise erscheinenden — 
Schriften der Verteidiger der deutschen Regierung und ihrer 
engelsreinen Unschuld nach, die Schiemann, die Chamberlain, 
die Helmolt, die Rohrbach, die ganze Professorenliteratur wie 
Oncken, Bergsträsser, Meyer und Genossen, — überall wird man 
dasselbe Rezept finden : französische, englische, russische Hetz- 
artikel, Monarchen- und Ministerzusammenkünfte, Erhöhungen 
der Land- und Seemacht — auf der anderen Seite — , diplomatische 
Aktionen, Ententeabkommen zwischen England und Frankreich, 
England und Russland etc. Das Fälscherkunststück, das man 
übereinstimmend, mit mehr oder weniger Dreistigkeit und Ge- 
schick, in unserer Chauvinistenliteratur anwendete und heute 
noch anwendet, um die von Seiten der Ententemächte drohenden 
Kriegsgefahren dem deutschen Volke in bengalischem Lichte 
vorzuführen, besteht vor allem darin, dass man alle auf der Gegen- 
seite stattfindenden Vorgänge als Vorbereitungen eines kriege- 
rischen Angriffs hinstellt, während man alle auf Seiten der Triple- 
allianz stattfindenden identischen Vorgänge nur als vorsorgliche 
Verteidigungsniassnahmen qualifiziert. Wenn der deutsche und 
österreichische Generalstabschef, wie dies doch regelmässig 
geschehen ist, miteinander konferieren, den Zustand ihrer beider- 
seitigen Armeen miteinander erörtern, strategische Ideen aus- 
tauschen und Pläne für einen etwaigen Krieg gemeinschaftlich 
entwerfen, so sind dies selbstverständlich Defensiv massregeln 
für die Eventualität eines Ueberfalls seitens der Ententemächte, 
ohne die Spur offensiver Absichten. Wenn aber englische und 
französische Generale dasselbe tun, oder sich gar ein gleicher 
Meinungsaustausch zwischen englischen und russischen Offizieren 
oder Marineleuten vorbereitet, dann schreit sofort die deutsche 
Imperialisten- und Chauvinistenpresse Zeter und Mordio, malt in 
grellsten Farben die Angriffsabsichten der Ententemächte an die 
Wand und handelt wie die Gracchen, die sich über Aufstand 
beklagen. 

Die Besuche König Edwards in Paris, Fallieres' und Poincares 
in Petersburg, die Anwesenheit des Grossfürsten Nicolai Nico- 



l6 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

laiewitsch bei den französischen Manövern, englische Flotten- 
Übungen in der Nord- und Ostsee, die Zusammenkunft des 
Zaren und König Edwards auf der Reede von Reval, ja sogar 
der harmlose Höflichkeitsbesuch des Einkreisungskönigs bei 
seinem alten Freunde, dem Kaiser Franz Josef in Schönbrunn 
— alles dies sind Ausflüsse und Symptome teufhscher Ueberfalls- 
absichten gegen Deutschland, das man zunächst isoHeren, sogar 
von seinem österreichischen Bundesgenossen trennen und dann 
gemächlich erdrosseln will. 

Dabei lässt man natürlich die entsprechenden Vorgänge, die 
sich zwischen dem deutschen und russischen, zwischen dem engli- 
schen und deutschen Herrscher abspielen, entweder beiseite oder 
man stellt sie als unpolitische Höflichkeitsbesuche oder — was 
noch wirkungsvoller und häufiger vorgebracht wird — als raffi- 
nierte Lügenmanöver dar, durch welche die armen Deutschen in 
Sicherheit eingewiegt werden sollen, um später umso leichter 
überwältigt zu werden. Die Potsdamer Zusammenkunft zwischen 
den Monarchen Deutschlands und Russlands, in Gegenwart ihrer 
leitenden Minister, wird von dem Geschichtsforscher Helmolt als 
« die grosse Lüge von Potsdam » bezeichnet ; nach dem andern 
Geschichtsforscher Schiemann hat sie « nur den Schein einer Bes- 
serung der deutsch-russischen Beziehungen zur Folge gehabt », 
obwohl Herr von Bethmann am lo. Dezember 1910 das Resultat 
der Potsdamer Entrevue in die Worte zusammenfassen konnte, 
dass « sich beide Regierungen in keinerlei Kombination einlassen 
würden, die eine aggressive Spitze gegen den anderen Teil haben 
könnte ». Die Abmachungen über die Balkan-Politik und über 
Persien sind — nach Helmolt — von Deutschland sicher ehrlich 
gemeint gewesen, nicht aber von Russland. Die Darstellungen 
Sazonows über das Potsdamer Abkommen werden von Schiemann 
als « gewissenlos » hingestellt. Das praktische Resultat aber, 
wonach Russland dem deutschen Bagdadbahn-Unternehmen keine 
Schwierigkeiten in den Weg legen, sondern im Gegenteil seinen 
Anschluss an das russisch-nordpersische Bahnnetz fördern wollte, 
wird von dem Berliner Kreuzzeitungsprofessor verschwiegen. 

Schiemann, « der deutsche Deroulede », 
und andere Präventivkrieg er. 

Dieser Herr Schiemann, königlich preussischer Geheimer Re- 
gierungsrat, Professor an der Berliner Universität, Direktor des 
Seminars für osteuropäische Geschichte und Ivandeskunde, ver- 
dient ein besonderes Kapitel. Er scheint nicht ruhig schlafen zu 



DER PRÄVENTIVKRIEG I7 

können, wenn er nicht alle paar Monate eine neue Kriegsbroschüre 

— mit entblösstem Schwert auf dem Titelblatt, bei Georg Reimer, 

— herausbringt. Er parzelliert sein grosses vierzehnbändiges 
Ceschichtswerk, vermutlich weil er die Erfahrung gemacht hat, 
dass das Parzellierungsgeschäft gewisse Vorteile bietet, dass die 
Summe der einzelnen Teile, in handliche Broschüren zerlegt, 

— entgegen den sonst geltenden Regeln der Mathematik — einen 
grösseren Absatzwert repräsentiert als ein schweres, nur wenigen 
Börsen zugängliches Quellenwerk. So hat er sich auch die Gelegen- 
heit nicht entgehen lassen, über und gegen mein Buch eine 
Broschüre von 68 Seiten herauszugeben, unter dem ansprechen- 
den Titel : « Ein Verleumder, Glossen zur Vorgeschichte des Welt- 
krieges 1. » Von diesen 68 Seiten aber sind — zusammengerechnet — 
kaum vier oder fünf Seiten meinem 378 Seiten umfassenden Buche 
gewidmet, während alles übrige ein leeres Drumrum- und Vor- 
beireden ist. Die Verleumderbroschüre des früheren Kreuzzei- 
tungs- Redakteurs macht auf den unbefangenen I^eser beinahe 
den Eindruck, als wenn sie ohne Rücksicht auf mein Buch bereits 
fertiggestellt und dann, um sie anziehender und pikanter zu ma- 
chen, mit einigen Anfangs- und Schlussw^orten und dem Verleum- 
dertitel — behufs besseren Absatzes — auf mein Buch zugestutzt 
worden wäre. 

Der Kern des Buches J'accuse, der eigentliche Schuldbeweis 
(Kapitel III, Seite 115-293) ist mit den vernichtenden Worten 
abgetan : 

« Auf eine Polemik gegen seine (des Anklägers) Aus- 
legung der amtlichen PubHkationen des Materials, das die 
Zeit zwischen der Ermordung des Erzherzogs und dem 
Ausbruch des Krieges betrifft, lassen wir uns nicht ein. * 
(S. 67.) 

Also auf die Schuldfrage kommt es überhaupt nicht an. Wer in 
den kritischen Tagen vom 23. JuH bis 4. August 1914 den euro- 
päischen Krieg herbeigeführt hat, wer ihn auf der anderen Seite 
verhindern und den Frieden erhalten wollte, — auf diese neben- 
sächlichen Fragen lässt sich der Berhner Geschichtsprofessor nicht 
ein. Er verweist auf andere, die diese Fragen bereits erörtert und 
die Ausführungen des Anklägers widerlegt hätten. Wer und was 
diese anderen sind, haben wir im Laufe dieser Abhandlung (Band I) 
gesehen. Es ist unmögHch, sie alle ad absurdum zu führen, wenn 
man nicht ungezählte Bände oder vielmehr Bibliotheken schreiben 
will. Es muss genügen, den hervorragendsten und, wie ich gerne 

^ Verlag von Georg Reimer, Berlin, 1915. 
Das Verbrechen II 2 



l8 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

anerkenne, klügsten und geschicktesten, dessen Argumente mehr 
oder weniger von allen übrigen nachgebetet werden, Herrn Helffe- 
rieh, zu widerlegen, — nach dem Grundsatze : in majorem et 
minus continetur. Herr Schiemann aber, der die unerhörte Drei- 
stigkeit hat, einem Buche, dem zum mindesten die Anerkennung 
gebührt, mit unendlichem Fleiss und Eifer — sozusagen als 
Pionier — in die schwierigen Irrgänge der unmittelbaren diplo- 
matischen Vorgescliichte des Krieges eingedrungen zu sein, auf 
Schritt und Tritt Fälschung, Verleumdung, bösen Willen und 
Vaterlandslosigkeit vorzuwerfen, — Herr Schiemann war ver- 
pflichtet, diese Vorwürfe im einzelnen zu begründen, er war 
verpflichtet, sich hierbei nicht an das weniger erhebliche Kapitel : 
« Die Vorgescliichte des Verbrechens », sondern an das Haupt- 
und Kernkapitel meines Buches : « Das Verbrechen » zu halten. 
Da er das nicht tut, sondern « kneift », sich hinter dem Schilde 
von anderen versteckt, die meine Anklagethesen zwar angreifen, 
aber nicht widerlegen, so gebe ich den Vorwurf der Verleumdung 
dem Professor Dr. Theodor Schiemann, früherem Kreuzzeitungs- 
redakteur in Berlin, zurück und erkläre sein Schriftchen für ein 
wertloses Geschreibsel, das auch nicht einen Satz, nicht einen 
Buchstaben meiner dokumentarischen Beweise aus der Welt zu 
schaffen imstande ist. 

Seine Verdächtigungen des Charakters des Anklägers prallen 
wirkungslos an dem Deutschen ab, der weder eine « Vergangen- 
heit » zu verstecken, noch « Rache » für irgend etwas zu nehmen 
hat, noch « eine der heimatlichen Scholle entfremdete Existenz »• 
ist. Wenn der Ankläger sich nicht nennt, so tut er dies deshalb, 
weil er nicht in der glücklichen Lage der Schiemänner ist, unter 
der Militär- und Zensurherrschaft in Deutschland seine Meinung 
frei äussern zu können, ohne sich den schlimmsten Verfolgungen 
auszusetzen, ohne sich für alle Zukunft mundtot, vielleicht sogar 
wirklich tot machen zu lassen. Für ihn würde der Burgfrieden in 
einem Burgverliesse enden, wie für den mutigen Liebknecht, dem 
ich schon in meinem ersten Buche meine Bewunderung ausge- 
sprochen habe und dem ich heute, da er zum Märtyrer seiner 
Ueberzeugung geworden, zurufe : Meinen Gruss, tapferer Genosse, 
— dich haben sie zum Schweigen verurteilt, umso lauter und ver- 
nehmlicher werden wir anderen reden. — 

DiewahrenLandesverräter. 

Der Ankläger verschweigt seinen Namen, weil er sich das Recht 
und die Freiheit, weiter zu reden und weiter zu wirken, nicht ver- 



DER PRÄVENTIVKRIEG I9 

kümmern lassest will. Alle Schmutzfluten der Verleumdung und 
Verdächtigung lässt er ruhig über sich, ergehen, in dem sicheren 
Bewusstsein, ehrlich und unbestechlich der Wahrheit, dem wahren 
Wohle des deutschen Volkes zu dienen, mehr als alle Schiemänner 
zusammengenommen. Denn das mögen sich meine Angreifer 
gesagt sein lassen : Wenn sie es wagen, mich als ausserhalb des 
deutschen Volkes stehend zu denunzieren, so erwidere ich ihnen : 
Sie sind nicht berechtigt, im Namen des deutschen Volkes zu 
sprechen. Die wahren Freunde Deutschlands stehen da, wo ich und 
meine Gesinnungsgenossen stehen. Die Chauvinisten und Imperia- 
listen, die Nationalisten und Alldeutschen, an ihrer Spitze die 
Junker der « Kreuzzeitung » — sie sind die wahren Feinde des 
deutschen Volkes, die wahren Landesverräter. 

Das Rezept der Kriegshetzer diesseits und jenseits ist immer 
dasselbe gewesen : sie hetzen und provozieren durch Wort und 
Schrift und, wenn dann im anderen Lande die Gegenwirkung ihrer 
Hetzereien sich kundtut, so benutzen sie die dortigen Erschei- 
nungen, um sie dem eigenen Volke wiederum in möglichster 
Uebertreibung vorzuführen, um hier von neuem, stärker als 
zuvor, die Leidenschaften zu entflammen. So geht das Spiel 
herüber und hinüber, getrieben von wenigen hundert, im äusser- 
sten Falle wenigen tausend Personen : jeder unerhebliche Vor- 
oder Zwischenfall, jeder unverantwortliche Pressartikel wird 
übertrieben und aufgebauscht, zu immer stärkerer Aufreizung der 
Völker benutzt, bis schliesslich der immer von neuem erhitzte 
Hexenkessel zum Platzen kommt und eine furchtbare Explosion 
Leben und Wohlfahrt der Völker zerstört. Diese wenigen Hunderte 
oder Tausende, Journalisten, Generale, Militärlieferanten und 
Rüstungsindustrielle, Reaktionäre und Junker, die den Freiheits- 
drang der Völker im Blut und Pulverdampf der Kriege zu 
ersticken suchen, — Ehrgeizige, die nach Schlachtenruhm, Feder- 
helden, die nach dem Lorbeer patriotisch-schwülstigen Phrasen- 
tums dürsten, das sind die Schuldigen am Kriege. Das, Herr 
Schiemann, sind die Verbrecher, die Vaterlandsverräter, von denen 
die wiedererwachten Völker sich mit Abscheu und Verachtung 
abwenden werden, denen aber hoffentlich noch ein anderes, 
schwereres Los zuteil werden wird, entsprechend der Grösse ihrer 
unsagbaren Schandtaten. Wir aber, wir Ankläger — wie wenige 
sind es in dieser säbelrasselnden, freiheitknechtenden Zeit ! — 
wir fürchten eure Blitzstrahlen nicht. Wir wissen, dass unsere und 
eure Stunde kommen wird, die Stunde, da die Völker, denen ihr 
heute unser Wort verschliesst, es dennoch hören, erfassen und 
befolgen werden, die Stunde der Anklage und des Gerichts. 



20 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Francis Delaisi. 

Unter allen deutschen Kriegshetzern ist Herr Theodor 
Schiemann, der Wortführer der Kreuzzeitungs- Junker, einer der 
schlimmsten. Mit Recht trägt er den Ehrentitel « der deutsche 
Deroulede », den ihm ein Franzose, Francis Delaisi, in seiner 
Schrift : « La guerre qui vient » verliehen hat. Dieses im Jahre 
191 1 in Paris erschienene Schriftchen, dem Herr Schiemann in 
seiner Verleumderbroschüre nicht weniger als fünf Seiten widmet 
(also mehr Raum, als dem ganzen Buche J'accuse), — dieses fran- 
zösische Schriftchen passt unseren deutschen Kriegshetzern aus- 
serordentlich gut in den Kram ; sie haben es ausgegraben, über- 
setzt und herausgegeben ^, weil es scharfe Angriffe auf die englisch- 
französische Entente-Politik enthält und eine Art J'accuse-Schrift 
gegen die damalige französische Regierung darstellt. Das ist ja 
überhaupt das charakteristische unserer chauvinistischen Pole- 
mik, dass sie die klarblickenden Geister, welche in anderen 
I/ändern, in England, Frankreich und Russland gewisse politische 
Richtungen bekämpfen und auch ihnen gefährliche nationalistisch- 
imperialistische Tendenzen nachzuweisen suchen, wegen ihrer 
höheren Einsicht preist und sie als Muster wahrer Patrioten 
— drüben, jenseits der Grenzen ! — hinstellt. 

Die Schrift des Francis Delaisi nennt Schiemann eine bedeut- 
same Schrift, durch die « zu viel gefährliche Wahrheit dem 

beschränkten Untertanenverstande der Franzosen zugeführt 
worden » sei. Er ist für ihn « ein Mann, der wirklich etwas zu 
sagen hat », u. s. w. Genau dasselbe System, drüben als Wahrheit 
und Vaterlandsliebe zu loben, was man hüben als Verleumdung 
und Vaterlandsverrat brandmarkt, wenden alle unsere Kriegs- 
hetzer an, wenn sie von den russischen Revolutionären oder den 
englischen oder französischen Kriegsgegnern sprechen. Roger 
Casement, an dessen Tod die deutsche Regierung die Hauptschuld 
trägt, da sie sein aussichtsloses Unternehmen durch Waffen, Geld 
und Schiffe unterstützt hat, — Roger Casement, der Revolutionär, 
ist für unsere reaktionären Hetzer « der grosse irische Patriot ». 
Bernard Shaw ist sogar die Ehre zuteil geworden, von dem Reichs- 
kanzler in seiner Rede vom 19. August 1915 zitiert zu werden, mit 
seinem sehr richtigen Ausspruch, die Gleichgewichtspolitik sei ein 
« Brutofen für Kriege » — weshalb bekanntlich Deutschland an 
Steile der verfehlten Gleichgewichts politik eine U e b e r- 
gewichts politik Deutschlands setzen will. Was würde man in 

* Unter dem Titel ; « Der kommende Krieg » bei E. S. Mittler & Sohn. Berlin 
1915- 



DER PRÄVENTIVKRIEG 21 

Deutschland gesagt haben, wenn Herr Asquith oder Herr Viviani 
den Verfasser von J'accuse als klarblickenden deutschen Patrioten 
zitiert hätten ? Verkaufter Vaterlandsverräter, steinigt ihn ! 
Das hat man auch heute schon gerufen. Welche Steigerung in 
der Beschimpfung hätte man ausfindig gemacht, wenn dem deut- 
schen Accusator drüben dieselbe ehrende Erwähnung zuteil 
geworden wäre, die man dem englischen Accusator hüben gewid- 
met hat. 

Mit welch unverhohlener Freude und Anerkennung werden 
die englischen Kriegsgegner, die Angreifer Greys, selbst in der 
offiziellen deutschen Presse zitiert, die Ramsay MacDonald, die 
Trevelyan, die Morel, Brailsford und Norman Angell, obwohl 
— wie wir an anderer Stelle gesehen haben — diese englischen 
Kritiker ausnahmslos die unmittelbare Verantwortung für den 
europäischen Krieg auf Deutschland wälzen. Es ist mir nicht 
bekannt geworden, dass mein — in den kriegführenden und neu- 
tralen I/ändern weitverbreitetes — Buch je von einem englischen, 
französischen oder russischen Minister, je von einer offiziellen 
Zeitung oder Telegraphenkorrespondenz in diesen Ivändern ge- 
nannt, gelobt oder empfohlen worden wäre. Dagegen ist mir 
bekannt, dass man aus der lobenden Erwähnung der jenseitigen 
Kriegsgegner in Deutschland ihnen weder in England noch in 
Frankreich noch in Russland einen Strick gedreht, dass man sie 
nicht zu Verrätern gestempelt, dass man ihnen nicht die Schand- 
marke der Bestechlichkeit an die Stirne geheftet, dass man nicht 
das deutsche Lob als einen Beweis ihrer Verworfenheit und Unehr- 
lichkeit hingestellt hat. Diese Art des Kampfes ist, wie so manches 
andere, eine Spezialität der deutschen Chauvinistenpresse, die damit 
die schmähliche Erbschaft der preussischen Reaktionäre aus vor- 
und nachmärzlicher Zeit, der Kreuzzeitungsleute und Deklaranten, 
der Stieberschen Polizeispitzel und Hochverratsfabrikanten 
übernommen hat. Haben diese Hintertreppen-Politiker nicht 
auch ihren Standesgenossen, den Junker Bismarck, mit den 
schmählichsten persönlichen Verleumdungen bekämpft, in der 
Zeit nach Gründung des deutschen Reiches, als er es wagte, das 
auf demokratischer Wahlgrundlage aufgebaute neue Deutschland 
ein Jahrzehnt lang — gegen Pfaffen und Junker — nach liberalen 
Grundsätzen zu regieren ? Sind nicht auch gegen diesen grössten 
aller preussischen Junker, dem man seine — leider nur zeit- 
weise — Abtrünnigkeit von der Junker- und ReaktionspoHtik im 
Kreuzzeitungslager nicht verzeihen konnte, Tintenströme schmut- 
zigster Verdächtigungen und Verleumdungen jahrelang ver- 
gossen worden ? 

Die Schiemann und Genossen können den Ankläsrer nicht 



22 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

widerlegen, darum beschimpfen sie ihn. Mit « Abscheu » wendet 
sich Schiemann von ihm ab, der « allgemeinen Verachtung » 
will er ihn preisgeben. Der Ankläger aber ruft seinem Ankläger 
zu : Auf dein und deiner Genossen Haupt wird einst der Fluch 
des deutschen Volkes fallen, wenn es erwacht sein wird aus dem 
betäubenden Schlaf, in den ihr es mit den erstickenden Gasen 
eurer Lügen, Fälschungen und Verdrehungen versenkt habt, 
wenn es erkannt haben wird, dass nicht von aussen, sondern von 
innen ihm das Verderben drohte, dass kein fremder Feind Deutsch- 
land vernichten, zerschmettern, entmannen wollte, dass die inneren 
Feinde, die Kriegshetzer und Chauvinisten, die Macht- und Ruhm- 
und Beutegierigen in raffinierter jahrelanger Tätigkeit den Ver- 
folgungswahn im deutschen Volke erzeugt haben, um aus denen, 
die sich passiv verfolgt wähnten, schliesslich aktive Verfolger und 
blinde Werkzeuge ihrer eigennützigen Bestrebungen zu machen. 
Der deutsche Deroulede hat den Ruhm, ein Hauptführer des 
deutschen Volkes auf dem Kriegspfade zu sein. Der Franzose 
Francis Delaisi, der Mann, « der wirklich etwas zu sagen hat », 
der klarblickende Diagnostiker der damaligen, der Prophet der 
heutigen Zustände, stellt Herrn Schiemann folgendes lobende 
Zeugnis aus : 

Ich weiss freilich, dass die chauvinistischen Zeitungen jenseits des 
Rheins (die es ja in Deutschland wie bei uns gibt) fürchterliche Drohungen 
laut werden lassen. Professor Schiemann, der deutsche DeroulMe, hat gesagt : 
« Im Falle eines Krieges mit England nehmen wir Frankreich als Geisel. » 
Und der alte Bismarckianer Harden hat erklärt : « Wir werden in Frankreich 
einfallen, werden ihm eine Kriegskontribution von 20 Milliarden auferlegen 
und werden mit diesem Geld die Kosten unseres Krieges mit England be- 
streiten. » Aber das sind alles Rodomontaden, deren sich nun unsere 
Nationalisten mit Begeisterung bedienen und die keiner noch so kurzen 
Prüfung standhalten. (« Der kommende Krieg », S. 34.) 

Dieses Zeugnis verschweigt Herr Schiemann natürlich in seiner 
Verleumderschrift ; da er aber sonst dem Franzosen eine so 
unbedingte Zuverlässigkeit nachrühmt, so wird er auch den 
Ehrentitel : « der deutsche Deroulede » von ihm annehmen müssen 
und wird den Vorwurf nicht von sich abwälzen können, dass er 
mit seinen deutsch-chauvinistischen Rodomontaden die fran- 
zösischen Chauvinisten entflammt und so das Feuer nach beiden 
Seiten geschürt hat. 



Schiemann und Greindl. 

Die verhängnisvolle Bedeutung Schiemanns für die Ver- 
schärfung und Verbitterung der Beziehungen Deutschlands zu den 



DER PRÄVENTIVKRIEG 23 

Entente-Mächten wird an verschiedenen Stellen der belgischen 
Gesandtschafts-Berichte, ebenso in dem Buche des Baron Beyens : 
L'Allemagne avant la guerre'^ hervorgehoben. In seinem Bericht 
vom 6. Mai 1908 weist der deutschfreundlichste aller belgischen 
Gesandten, Baron Greindl, auf die Hetztätigkeit Schiemanns bei 
Gelegenheit des damals wieder aufflammenden Marokko- Konflikts 
hin : er stellt dem Kreuzzeitungs- Professor das Zeugnis aus, dass 
er « persona grata beim Kaiser und sehr gut angeschrieben im 
Auswärtigen Amt (sei), wo er sich seine Informationen holt und 
von wo er oft inspiriert wird, ohne dabei irgendwie offiziös zu 
sein ». In seinem Bericht vom 13. Mai 1908 betont Greindl noch- 
mals, dass « den Artikeln des Herrn Schiemann ernste Beachtung 
geschenkt werden muss, wiewohl dieser Journalist in keiner Weise 
als offiziös anzusehen ist. » 

Herr Greindl vergeht geradezu in Bewunderung vor dem 
grossen Schiemann, dem er in der Tat einen grossen Teil seiner 
Anschauungen und Konstruktionen entlehnt. Der aufmerksame 
lycser der Greindlschen Berichte merkt auf Schritt und Tritt, 
dass dieser belgische Gesandte einer der fleissigsten und dank- 
barsten Leser der Schiemannschen Wochenübersichten gewesen 
ist : überall bei Greindl finden wir die Schuldkonstruktionen gegen 
die Ententemächte, mit denen der Kreuzzeitungsprofessor bril- 
liert hat und jetzt in seinen Kriegsschriften brilliert. « Herr 
Schiemann, dessen grosses Ansehen als Journalist und dessen 

Beziehungen zur Regierung Ihnen bekannt sind, stellt fest » 

so heisst es in dem Greindlschen Bericht vom 17. Februar 1909, 
unmittelbar nach dem Besuche des Königs Edward und seiner 
Gemahlin in Berlin. 

Die Art, wie Schiemann, unter dem begeisterten Beifall 
Greindls, das Resultat des englischen Königsbesuches darstellt, 
ist so charakteristisch für die Methode dieses Haupthetzers, dass 
ich diese Episode hier mit einigen Worten berühren möchte. 
Dass der Besuch in befriedigender Weise verlaufen und gerade 
damals, während der bosnischen Annexionskrisis, von grösster 
Bedeutung war, konnte selbst ein Schiemann nicht leugnen. Was 
tut er also ? Er meint, man müsse erst mindestens fünf bis sechs 
Wochen abwarten, um die Stellungnahme der englischen Presse 
zu dem Königsbesuch kennen zu lernen : 

Wir wollen abwarten, ob bis dahin eine Beruliiguug der öffentlichen 
Meinung in England in Bezug auf die deutsche Gefalir erfolgt sein wird ; 
denn solange dieses Phantom wie ein Alpdruck auf den Engländern lastet, 
ist alles möglich. Man wird daher die Haltung von « Times », « Standard », 
« National Review » und Konsorten verfolgen müssen, um festzustellen, ob 

* Paris. G. van Oest & C, 1915. 



24 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

die Hetzkampagne gegen Deutschland fortgesetzt wird oder ob sie endlich 
ein Ende gefunden hat. Im übrigen wird zugegeben, dass frexmdschaftliche 
politische Gespräche, aber keine Abmachimgen stattgefrmden haben. 

Diese Darlegung Scliiemanns begleitet der belgische Gesandte 
mit dem sehr bezeichnenden Kommentar : 

On ne peut pas mieux dire que Man kann es nicht besser aus- 

meme si le roi d' Angleterre a un drücken, dass, selbst wenn der König 

d^sir sincere de se rapprocher de von Kngland den ehrlichen Wimsch 

TAUemagne, il est malgre sa grande nach einer Annähertmg an Deutsch- 

influence personnelle incapable de land besässe, er trotz seines grossen 

le leahser, aussi longtemps qu'mi persönlichen Einflusses so lange aus- 

revirement ne se sera pas opere dans serstande wäre, sie zu verwirklichen, 

ropinion publique anglaise, als sich nicht ein Umschwimg in der 

^ . ,, öffentlichen engUschen Meinung voll- 

wemai. ^^^^ ^^^^^ ^^^ Greindl ^ 

Diesmal passt es also dem Kreuzzeitungsprofessor — und sei- 
nem gelehrigen Nachbeter, dem belgischen Gesandten — , den 
Einkreisungskönig Edward als friedliebend und seinen Berliner 
Besuch — wenigstens seinen A bsichten nach — als friedensfördernd 
zu bezeichnen. Herr Greindl sieht sich sogar genötigt, festzustellen, 
dass der diplomatische Begleiter des Königs Edward — in seinen 
Beratungen mit dem Reichskanzler und dem Staatssekretär des 
Auswärtigen Amtes — mit den deutschen Staatsmännern darin 
einig war, 

dass man die grössten Anstrengungen machen müsse, damit aus der Bal- 
kanfrage kein Krieg entstehe... dass man sich über die Notwendigkeit einig 
war, eine Konferenz zu berufen, um das Ergebnis der zwischen den meist- 
interessierten Mächten schwebenden Verhandlvmgen zwar nicht zu revi- 
dieren, aber doch zu registrieren. Sir C. H ardin ge stellte sich also auf den 
österreichischen Standpunkt. Man kam überein, sich beiderseits von dem 
Ergebnis der Berliner Begegnvmg für befriedigt erklären zu wollen. In diesem 
Sinne wurden auch die Mitteilungen an die Zeitungen abgefasst. (Siehe 
Absatz 3, a. a. O.) 

Diese Darstellung Greindls ist die schärfste Widerlegung der 
von Herrn von Bethmann und seinen Offiziösen erhobenen An- 
klage gegen die englische Regierung, dass diese während der 

^ Siehe Belgische Aktenstücke 1905—1914- Herausgegeben vom Auswärtigen 
Amt (Berlin, Mittler & Sohn), Nr. 55. 

Die obige amtliche deutsche Uebersetzung gestattet sich hier die kleine, aber 
wichtige Fälschung, die Worte « si le Roi d'Angleterre a un desir, etc. » zu übersetzen : 
« wenn der König von England den ehrlichen Wunsch besässe ». Richtig muss es 
heissen : « besitzt ». Und ebenso die weitere Fälschimg, die Worte : « il est incapable » 
zu übersetzen mit : « er wäre ausserstande ». Richtig muss es heissen : « er ist ausser- 
stande ». Der Unterschied zwischen dem Greindlschen Original und der deutschen 
Uebersetzung ist augenfällig : der belgische Diplomat lässt die MögHchkeit zu, dass 
der englische König wirklich friedliebend ist, der deutsche Uebersetzer aber schnei- 
det mit seinem Konjunktiv diese MögHchkeit direkt ab. 



DER PRÄVENTIVKRIEG 25 

bosnischen Krisis nichts für die friedliche Verständigung getan, 
sondern im Gegenteil auf kriegerischen Konflikt gedrängt habe. 
Ich werde an anderer Stelle die Hinfälligkeit, ja die Bösgläubigkeit 
dieser Anklage ausführlich nachweisen. Der Bericht Greindls vom 
17. Februar 1909 ist eine wichtige Unterstützung dieses Nach- 
weises. Schon damals aber, 1909, passte den Schiemann und 
Greindl, die fast überall den gleichen Strang ziehen, das offensicht- 
liche Friedensstreben des englischen Königs und seiner Regierung 
sehr schlecht in ihren Kram : angeblich war ja bereits acht 
Monate vorher, im Juni 1908, auf der Reede von Reval das An- 
griffskomplott gegen Deutschland zwischen dem Zaren und dem 
englischen König geschmiedet worden (dies die Schiemannsche 
Erfindung, die ich später noch beleuchten werde). Man war 
also in einem Dilemma : Ueberfallskomplott im Juni 1908 
und Friedensteudenz im Februar 1909 reimten sich schlecht 
zusammen. Der deutsche Uebersetzer des Greindlschen Berichts 
hilft sich, wie oben bemerkt, mit einer Fälschung des französischen 
Textes. Wie aber helfen sich die Schiemann-Greindl ? Nichts 
einfacher als das. Sie stellen diesmal — zur Abwechslung — den 
englischen König und seine Regierung nicht als die Leiter der 
angeblichen englischen Einkreisungs- und Angriffspolitik, sondern 
als die Sklaven gewisser englischer Pressorgane hin und machen 
ihre Anerkennung der offiziellen englischen Friedenspolitik von 
der geneigten Zustimmung dieser Journale abhängig. Mit an- 
deren Worten : Der englische « Jude wird stets verbrannt * : 
tut König Edward etwas, was man als Kriegspolitik drehen und 
deuteln kann, dann ist er der unbestrittene Leiter der auswär- 
tigen Politik Grossbritanniens ; tut er aber etwas, was offensicht- 
lich der Friedenserhaltung dient, so hat dies gar keine Bedeutung, 
solange gewisse Pressorgane nicht ihre Zustimmung erteilen ; 
dann ist er nicht der intellektuelle Lenker der englischen Politik, 
sondern nur das ausführende Organ der öffentlichen Meinung. 
Da man stets, in jedem Lande und besonders in dem demokra- 
tischen England, massgebende Pressorgane der Opposition finden 
wird, die die Handlungen der Regierung ihrer Kritik unterwerfen, 
so ist man mit diesem « Verwechselt-das-Bäumchen »-Spiel stets 
in der Lage, friedlichen Regierungsaktionen jede Bedeutung 
abzusprechen, weil sie von der öffentlichen Meinung nicht gebilligt 
seien. Wir werden au anderen Stellen sehen, mit welcher Virtuo- 
sität von den Schiemännern dieses raffiniert ausgeklügelte Be- 
lastungssystem durchgeführt, und wie es von dem gläubigen 
Greindl, der in seinem viel jährigen Berliner Aufenthalt ganz in 
den Anschauungen der Wilhelmstrasse aufgegangen war, ver- 
trauensvoll nachgeäfft wird. 



26 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 



Welche führende Rolle der deutsche Deroulede in der Hetz- 
literatur diesseits des Rheines gespielt hat, wird, wie schon 
bemerkt, auch von dem früheren belgischen Gesandten in 
Berlin, Baron Beyens, in seinem obengenannten Buche ^ be- 
stätigt. Beyens spricht von den verderblichen Einflüssen, welche 
die Chauvinistenpresse in Deutschland und Frankreich auf die 
Volkstimmungen ausgeübt hat, und schildert insbesondere die 
Wirkung dieser täglichen Lektüre auf die Anschauungen und 
Entschlüsse des Kaisers. Von all diesen verbrecherischen Hetzern 
nennt er — genau wie Delaisi — nur den Dr. Theodor Schiemann 
mit Namen ; er führt ihn als besonders abschreckendes Beispiel 
an, « um sich eine Idee von der Bösgläubigkeit, der herausfor- 
dernden Haltung {morgue) und der Insolenz gewisser deutscher 
Publizisten zu machen », und begründet den verhängnisvollen 
Kinfluss Schiemanns damit, dass dieser « damals am Hofe von 
Berlin populär und in Gunst war und jeden Mittwoch Morgen 
in seiner politischen Wochenübersicht die frankophoben und russo- 
phoben Leser der « Kreuzzeitung » erfreuen durfte ». 

Man sieht, Herr Schiemann war und ist heute noch unter den 
politischen Schriftstellern Deutschlands eine der bedeutendsten 
und einflussreichsten Erscheinungen, allerdings im schlechtesten 
Sinne des Wortes. In dem Sinne etwa, wie Disraeli von Gladstone 
sagte : « He is a good man, in the worst sense of the word. » Der 
Umstand, dass man gerade ihn von Seiten der Wilhelmstrasse 
gegen den Ankläger losgelassen hat, gereicht mir zur ganz beson- 
deren Ehre : ich werde diese Ehrenbezeugung durch eine möglichst 
ausführliche Behandlung der Schiemannschen Gegenschrift erwi- 
dern und diesen Schädling am deutschen Volkskörper, diesen 
journalistischen Haupturheber des jetzigen Krieges, diesen poli- 
tischen Brunnenvergifter, der wahre Vaterlandsfreunde der Vater- 
landslosigkeit zu bezichtigen wagt, so, wie er es verdient, an den 
Pranger stellen. 

Die Entente ein A g g r e s s i v b ü n d n i s ? 

Man kann nicht von mir verlangen — und ich mute es mir 
nicht zu — , das ungeniessbare Gebräu der Schiemannschen und 
ähnlicher Kriegsschriften bis zum letzten Tropfen auszuleeren. 
Ich muss mich begnügen, die wesentlichen Punkte aus diesen 
Schriften hervorzuheben, um die Geschichtsklitterungen des 

* L'Allemagne avant la guerre, S. 24. 



DER PRÄVENTIVKRIEG 2 7 

Kreuzzeitungsprofessors und seiner Kollegen ins rechte Licht zu 
setzen. Schiemann, wie Helmolt, wie Rohrbach, wie Chamberlain 
gehen alle — ohne Ausnahme — von dem für sie feststehenden 
Satze aus, dass England, Frankreich und Russland seit Jahren, 
etwa seit dem Beginn dieses Jahrhunderts schon, Krieg gegen 
Deutschland und Oesterreich gewollt, vorbereitet und nur darauf 
gewartet haben, ihre Rüstungen bis zum letzen Schiff und Mann 
zu vollenden und dann loszuschlagen. Die Entente ist ein Aggres- 
sivbündnis gewesen. Das ist der Ausgangspunkt all ihrer Erörter- 
ungen und von diesem vorgefassten — oder vielmehr wider bes- 
seres Wissen vorgebrachten — Gesichtspunkt aus beleuchten 
sie alle Vorgänge der letzten anderthalb Jahrzehnte. 

Nun aber fehlt es in allen Schriften dieser Art unbedingt und 
ausnahmslos an jedem, auch nur dem geringsten Beweise für jene 
Ausgangsthese. König Edward VII. hat die Entente mit Frank- 
reich (1904) und die quasi-Entente mit Russland (1907) zustande 
gebracht. Diese Ententen waren aber, wie wir wissen, im w^esent- 
lichen nichts anderes als die Einigung über europäische und 
äusseren ropäische Interessenfragen und aus der Beseitigung der 
Reibungsquellen ist dann von selbst allmählich ein immer festeres 
politisches Freundschaftsverhältnis entstanden. Auch militärische 
Besprechungen haben stattgefunden und sollten weiter statt- 
finden. Sie sollten — auch das braucht nicht bestritten zu wer- 
den — nicht bloss zwischen Frankreich und England, sondern, 
soweit die beiderseitigen Marinen in Betracht kommen, auch 
zwischen England und Russland fortgesetzt werden. Die Schie- 
mann und Genossen machen ein grosses Wesen daraus, dass diese 
Erweiterung der militärischen Besprechungen auf englische und 
russische Marineangelegenheiten bevorstand oder gar schon ein- 
geleitet war ; sie leiten auch daraus — wie aus allen anderen 
Vorgängen auf Seiten der Entente — Komplottabsichten her, — 
ein Versuch, den ich schon an anderer Stelle beleuchtet habe 
und später noch näher zu erörtern Gelegenheit haben werde. 
Ueberall Insinuationen, nirgends Beweise ! 

Ich bin nicht in der glücklichen Lage, alles zu wissen, was die 
Rohrbach, Helmolt und Scliiemann über die geheimen Abma- 
chungen von Herrschern und Diplomaten, die nirgends offiziell 
publiziert worden sind, mit beneidenswerter Sicherheit zu wissen 
behaupten. Ich habe mich in meinem Buche — und tue dies auch 
in dieser Arbeit — nur an öffentlich bekannte, geschichtliche Tat- 
sachen und Dokumente gehalten. Nirgends habe ich \'ermutungen 
oder Kombinationen ausgesprochen, nirgends Zeitungsartikel 
mehr oder weniger offiziöser Natur als Beweise von Tatsachen oder 
als Ausdruck von Regierungsabsichten herangezogen. GescMchte 



28 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

und Vorgeschichte des Verbrechens habe ich an der Hand und 
auf der Grundlage von Dokumenten behandelt und werde auch 
jetzt meinen Gegnern nicht auf das schlüpfrige und unsichere 
Gebiet der Zeitungsausschnitte und journalistischen Kombina- 
tionen folgen. 

Eine Ausnahme von dieser Regel muss ich nur in dem spä- 
teren Kapitel machen, das einen Ueberblick über den deutschen 
Chauvinismus vor dem Kriege geben soll. Hier sind die Zeitungs- 
ausschnitte eben Dokumente. Da man mir Bernhardi als angebliche 
« Einzelerscheinung » wegeskamotieren will, bin ich zu dem Nach- 
weis gezwungen, dass dieser « brav' general » eben nur Einer 
unter vielen ist. — 

Schon aus der Methode der deutschen Unschuldsretter erkennt 
man die Unlauterkeit ihrer Absichten und die Schwäche ihrer 
Position. Während ich in meiner Vorgeschichte mich auf 
Zahlen und Daten und Dokumente stütze, — die deutschen 
Imperialisten und ihr hochgestelltes Haupt auf ihren eigenen 
Worten festnagele, — die Tatsache, dass Deutschland den 
ihm angeblich versagten « Platz an der Sonne » mehr wie 
irgend ein anderes Land bereits inne hatte, statistisch nach- 
weise, — die Hohlheit der imperialistischen Ausdehnungsbestre- 
bungen durch Zahlen und Daten über die industrielle und Bevöl- 
kerungsentwicklung Deutschlands belege, — während ich an der 
Hand der Haager Konferenz-Protokolle und der authentischen 
Darstellung der englisch-deutschen Verständigungsverhandlungen 
den Widerstand Deutschlands gegen jede Rechtsorganisation 
und Rüstungsbeschränkung und damit die Schuld Deutschlands 
an der gespannten europäischen Lage nachweise, — so arbeiten 
die Scliiemann und Genossen auch hier überall nur mit Zetteln, 
mit Zetteln, mit Zetteln. Sei es, dass sie verdächtige diplomatische 
Geheimvorgänge behaupten oder scheinbar entgegenkommende 
Aktionen der Gegenseite der Hinterhältigkeit zeihen, niemals 
stützen sie sich auf Dokumente, stets supponieren, suggerieren, 
kombinieren sie, mit Hilfe eines meisterhaft geordneten Zettel- 
materials. 

D a s A ng r i f f skomplott von Reval 
(1908) und die Zettelmethode. 

Ein Beispiel. Dem Besuche König Edwards beim Zaren im 
Juni 1908 auf der Reede von Reval legt Herr Schiemann natürlich 
die grösste Bedeutung bei und zwar — von seiner vorgefassten 
Kriegsthese ausgehend — in dem Sinne, dass dieser Besuch einem 
weiteren Ausbau des Kriegskomplotts zu dienen bestimmt war. 



DER PRÄVENTIVKRIEG 29 

Um ZU beweisen — was nämlich Herr Schiemann unter Beweis 
versteht — welch' böse Absichten gegen Deutschland König 
Edward mit seinem Besuch verfolgte, zitiert Schiemann den 
Artikel eines russischen Blattes « Golos Moskwy » vom 31. Mai 
1908, das « damals als Organ Gutschkows die Meinung sehr ein- 
flussreicher Kreise wiederspiegelte », und macht sich ohne wei- 
teres die Behauptung dieses Blattes zu eigen, dass der königliche 
Besuch die Einleitung eines russisch-englischen Bündnisses mit 
der Spitze gegen Deutschland bedeutete, a Vom Westen und Osten 
durch die Armeen Russlands und Frankreichs gepresst, vom 
Meer durch die englische Flotte abgeschnitten, würde es (Deutsch- 
land) in eine Bedrängnis geraten, aus der es kaum einen Ausweg 
gäbe. » (« Ein Verleumder », S. 28.) 

Den Artikel dieses Blattes begleitet Schiemann mit der 
Bemerkung : « Schon damals wünschte man in Russland Krieg. » 
Der Zweck des Krieges sei für Russland der Besitz Konstanti- 
nopels und der Dardanellen, für Frankreich der Wiedererwerb 
Elsass-Lothringens, für England die Kapitulation der deutschen 
Flotte 1. Die führenden Politiker der drei Mächte wussten — nach 
Schiemann — , dass man diese Ziele nicht ohne Kampf erreichen 
werde. Dies die Einleitung zu dem Königsbesuch auf der Reede 
von Reval, gestützt auf den nicht gezeichneten Artikel eines 
unverantwortlichen russischen Blattes. 

Was Zar und König miteinander verhandelt haben, ist Herr 
Schiemann bescheiden genug, nicht wissen zu w^ollen. Dagegen 
weiss er ganz genau, in welcher Weise sich Sir Charles Hardinge 
und Iswolsky über ihre Zukunftspläne verständigt haben. Herr 
Schiemann weiss das, obwohl die Verständigung nur mündlich 

* Meine — entschieden ablehnende — Stellvingnahme zu den Ende 191 6 von 
den russischen Machthabern proklamierten Eroberungsabsichten auf Konstantinopel 
und die Dardanellen wird in dem Abschnitt « Kriegsziele » näher begründet. Jene 
Absichten sind jetzt — nach Hiuwegfegimg des Zarenregiments — schnell in den 
Hintergrimd getreten und werden — mit dem Fortschreiten der revolutionären 
Entwicklung — vollends verschwinden ; sie werden der Forderung der « Inter- 
nationaUsierung der Meerengen » Platz machen — einer Forderung, die von jedem 
Freunde einer friedUchen Völkerorganisation nur gebiUigt und unterschrieben 
werden kann. Immerhin möchte ich — im HinbUck auf die früheren imd aucli 
jetzt noch von mancher Seite vertretenen — Absichten der russischen Machthaber 
auf Konstantinopel hervorheben, dass es etwas ganz andere.s ist, ob ein krieg- 
führender, von Deutschland angegriffener, bereits durch die formelle Abtrennung 
von Russisch-Polen und durch die vorbereitete Abtrennung der Ostseepro\'inzen 
beraubter Staat auch seinerseits Annexionsabsichten kundgibt, um den lang- 
ersehnten freien Ausgang nach dem Mittehneer als Lohn seiner kriegerischen 
Anstrengungen zu erlangen, oder ob dieser selbe Staat mitten im Frieden (190S) 
mit anderen Staaten ein Angriffskomplott gegen Deutschland schmiedet-, um auf dem 
Wege eines Weltkrieges seine territoriale Expansion zu betreiben. Dieser letztere 
Vorwurf wird von den Schiemännern gegen Russland erhoben und dafür ist nie 
•ein Beweis erbracht worden. 



30 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

erfolgte ; er behauptet, dass sie « später auf Umwegen auch zu 
unserer Kenntnis » gelangt sei. Wohin ging nun die Verstän- 
digung ? 

Iswolsky erklärte sich bereit, mit England gegen Deutschland vor- 
zugehen, wenn Russland sich so weit militärisch gekräftigt haben werde. 
Es wurden dafür als spätester Termin 6 bis 8 Jahre ins Auge gefasst, also die 
Jahre 1914 bis 1916. ...Eine längere Periode militärischer Vorbereitung 
wurde selbstverständlich für die drei Mächte in Aussicht genommen. (Ver- 
leumderschrift, S. 29.) 

Das ist die Basis für alle weiteren Behauptungen Schiemanns 
von der dem deutschen Volke drohenden Kriegsgefahr. Der 
Kriegsentschluss ist — das weiss Herr Schiemann — auf der Reede 
von Reval im Juni igo8 gefasst worden. Der Kriegsausbruch war 
nur noch eine Frage der Zeit und der Vollendung der militärischen 
Vorbereitungen der Ententemächte. 

Wo sind die Beweise für Ihre Behauptung ? frage ich den Herrn 
Geschichtsprofessor. Wenn nun jemand behaupten wollte, dass 
Kaiser Wilhelm und der Erzherzog Franz Ferdinand bei ihren 
beständigen Zusammenkünften die Herbeiführung des « unver- 
meidlichen » europäischen Krieges beschlossen und in allen Ein 
zelheiten das Wann und Wie festgesetzt hätten, was würden Sie 
dazu sagen, Herr Professor ? Würden Sie Beweise verlangen oder 
nicht ? Und würden Ihnen Beweise genügen ähnlich denjenigen, 
die Sie den Mut haben, als Beweise für die Kriegsentschlüsse von 
Reval vorzuführen (S. 29 und 30 Ihrer Schrift) : dass nämlich 

in England « gleich nach den Revaler Tagen die Agitation für 

Konzentrierung der Kanalflotte in der Nordsee » begann ; dass in 
England das bekannte Buch von Hislam erschien ; dass der rus- 
sische Reichsrat Panzerkreuzer bewilligte, England und Russland 
für Reformen in Mazedonien eintraten und englische Flotten- 
manöver in der Nordsee stattfanden ; dass der Präsident Fallieres 
auch seinerseits einen Besuch in Reval machte und König Edward 
in Ischl mit dem österreichischen Kaiser und in Marienbad mit 
Clemenceau und Iswolsky zusammentraf ? Alle diese welterschüt- 
ternden Tatsachen sind für Herrn Schiemann Teile einer grossen 
* Machination » — einer Kriegsmachination, die Deutschland den 
Garaus machen und sogar Oesterreich von seinem Bundesgenossen 
ablenken sollte. 

Ich habe absichtlich diesen Punkt herausgegriffen, weil man 
die Methode der deutschen Geschichtsfälscher, um sie verständ- 
lich zu machen, an Beispielen illustrieren muss. Die entscheidende 
Tatsache, der Kriegsentschluss Russlands und Englands, der 
nur mündlich gefasst sein soll, ist durch nichts, aber auch 



DER PRÄVENTIVKRIEG 31 

gar nichts bewiesen. Aber ein russischer Zeitungsartikel als Ein- 
leitung der Revaler Zusammenkunft, eine Reihe von an sich ganz 
unerheblichen, mit deutsch-professoraler Gründlichkeit zusam- 
mengestellten Tatsachen, — ich mache dem Herrn Professor 
wiederholt mein Kompliment für seine unvergleichliche Zettel- 
sammlung und wäre glücklich, wenn er mir das Rezept dazu 
mitteilen wollte, — das Buch eines englischen Privatmannes, 
englische Flottenmanöver, Präsidenten- und Königsvisiten etc. 
dienen dem deutschen Geschichtsprofessor dazu, den Verdacht 
zu erwecken, als wenn die von ihm behauptete Tatsache wahr 
wäre. Er versucht — mit den elendesten Mitteln ■ — einen Indi- 
zienbeweis, der absolut unzureichend ist und dessen einzelne 
Glieder, wenn sie wahr sind, nicht das mindeste für die Schie- 
niannsche Behauptung einer Offensiv- Allianz ergeben. Alles was 
Schiemann vorbringt, ergibt nicht den geringsten Anhalt für 
englisch-russische K r i e g s absiebten gegen Deutschland. Das 
Buch von Hislam ? Und unsere Chauvinisten- und alldeutsche 
Literatur, von der ich an anderer Stelle einige erbauliche Proben 
geben werde? Flottenmanöver in der Nordsee? Und unsere jähr- 
lichen Land- und Seemanöver nach Osten und Westen und Norden ? 
Präsidenten- und Königsbesuche ? Waren nicht ein Jahr vorher, im 
August 1907, der Zar und der König von England in Swinemünde 
und in Wilhelmshöhe zu Besuch ? War der Kaiser nicht im No- 
vember 1907 in Windsor gewesen und in der Guidhall in London 
aufs glänzendste empfangen worden ? Auch im August 1908 war 
König Edward bekanntlich beim deutschen Kaiser zu Besuch, in 
Begleitung desselben Sir Charles Hardinge, dessen Anwesenheit 
in Reval Herrn Schiemann so ausserordentlich verdächtig er- 
scheint. Und gerade bei dieser Gelegenheit unterbreitete der 
englische Unterstaatssekretär im Auftrage Greys dem deutschen 
Kaiser und der deutschen Regierung Vorschläge zu einer Einigung 
über die beiderseitigen Flottenrüstungen — Vorschläge, die Kaiser 
Wilhelm bekanntlich a limine zurückwies 1. Schon aus dieser 
Tatsache des Besuches König Edwards beim deutschen Kaiser 
im August 1908, die Herr Schiemann natürlich verschweigt, und 
aus dem Inhalt der seitens des englischen Unterstaatssekretärs 
mit der deutschen Regierung gepflogenen Verhandlungen ergibt 
sich die Hinfälligkeit des Schiemannschen Indizienbeweises, der 
aber auch sonst schon, mit seiner tendenziösen Zusammenstellung 
von lauter unerheblichen Tatsachen, vollständig in der Luft 
schwebt. 

So wird hei uns in Deutschland Geschichte gemacht ! Alles, was 

* Siehe Cook : How Bntain sirove for Peace (deutsche Uebersetzung, Pavot & C°. 
1915)- S. II. 



32 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

nun folgt auf das Jahr 1908 und mit der These des Revaler Kriegs- 
entsclilusses nicht zusammenstimmt, wird entweder verschwiegen 
oder verfälscht oder als absichtliche Einwiegung und Irreführung 
Deutschlands hingestellt. Die Schiemann und Genossen verfahren 
genau nach demselben Rezept wie Herr Helfferich. Nach Helf- 
ferich ist der Entschluss zum Losschlagen seitens der drei Entente- 
mächte am 29. Juli 1914 gefasst worden. Vorher, gleichzeitig und 
später haben diese Mächte unzählige Handlungen begangen, wel- 
che die Helfferichsche Behauptung glatt widerlegen. Diese Hand- 
lungen und Vorschläge werden entweder verschwiegen oder ver- 
fälscht oder als unaufrichtig hingestellt. Helfferich und Schiemann 
— par nobile fratrum ! 

Die bosnische Krisis 
1908 /1909. 

Wie Herr Helfferich die unmittelbare Vorgeschichte des 
Krieges behandelt, so behandelt Herr Schiemann die entferntere, 
insbesondere die geschichtlichen Tatsachen, die seine Behauptung 
des Revaler Komplotts ad absurdum führen. Er kann zwar nicht 
verschweigen, dass Russland nach langen Verhandlungen zwischen 
Aehrental und Iswolsky im März 1909 die Zugehörigkeit von Bos- 
nien und der Herzegowina zu der habsburgischen Monarchie 
anerkannte und auch die Anerkennung seitens Serbiens veran- 
lasste, er merkt aber nicht, dass diese historisch feststehende 
Tatsache seine ganze Erfindung des Revaler Komplotts über den 
Haufen wirft. Er verschweigt natürlich, dass das Hauptverdienst 
an dem friedlichen Ausgleich der Annexionskrisis der englischen 
Regierung und den Friedensbemühungen Sir Edward Greys zu 
danken war. Herr Schiemann ist stolz darauf, sagen zu können : 
« Nicht er (Grey), sondern Kiderlen setzte sich durch » — mit 
anderen Worten : Deutschlands gepanzerte Faust, die drohend 
hinter Oesterreich erhoben war, zwang die übrigen europäischen 
Staaten, England an der Spitze, zum Nachgeben. Aber er besitzt 
lücht einmal das Gerechtigkeitsgefühl, der englischen Regierung 
diese, im Interesse des europäischen Friedens geübte und Russland 
anempfohlene Nachgiebigkeit als Verdienst anzurechnen, sondern 
er knüpft an die Darstellung des Vorgangs noch die unerwiesene 
Verdächtigung : Sir Edward Grey habe gegrollt und dem Peters- 
burger Kabinett sehr nachdrückliche Vorwürfe wegen seiner 
friedfertigen Haltung gemacht. Woher weiss Herr Schiemann das ? 
Wo ist der Beweis dafür ? Ich, der unscheinbare Verfasser von 
J'accuse, kann mich keiner hohen Beziehungen, weder diesseits 
noch jenseits der deutschen Grenzen, rühmen. Was ich weiss. 



DER PRÄVENTIVKRIEG 33 

sind Öffentlich bekannte, dokumentarisch beglaubigte Tatsachen : 

1909 wie 1913 hat die engHsche Regierung mit unermüdlichem 
Eifer für die Erhaltung des europäischen Friedens gewirkt, beide 
Male durch ihren mässigenden Einfluss auf Russland und beide 
Male gegen den hartnäckigen unbeugsamen Widerstand Oester- 
reichs. 

Dass die Haltung Deutschlands in der Annexionskrise, die Herrn 
Schiemann « in allen Punkten loyal und korrekt » erscheint, in 
England und Russland einer etwas anderen Auffassung begegnete, 
war nur natürlich. Herr Schiemann spricht von dem « Hass » gegen 
Deutschland, der sich in England <( in Form einer Panik » geäus- 
sert habe. Ich habe bisher nur gehört, dass Furcht in Panik aus- 
arten, Hass aber sich höchstens zur Erbitterung steigern könne. 
Jedenfalls war die JVIisstimmung in England und Russland sehr 
erklärlich, da Deutschland durch seine unbeugsame Unterstützung 
des österreichischen Gewaltakts die I^eidenschaften in den anderen 
Ländern, besonders in den slavischen, entfesseln musste, und 
somit zur Anfachung der grosserbischen Bewegung und letzten 
Endes zur Herbeiführung des heutigen Krieges erheblich beitrug. 
Herr Schiemann natürHch verschiebt auch hier Ursache und 
Wirkung. Gewisse Aeusserungen englischer Politiker und Jour- 
nalisten, die nur die Rückwirkung des deutsch-österreichischen 
Vorgehens waren und die Erbitterung über die frevelhafte Gefähr- 
dung des europäischen Friedens durch solche Politik der gepan- 
zerten Faust zum Ausdruck brachten, — sind für Herrn Schie- 
mann ebensoviele Beweise für die Zerschmetterungsabsichten 
Englands gegen Deutschland 1. 

Dann aber trat — nach Schiemann — ein plötzlicher Stim- 
mungswechsel in England ein. Englische Geistliche besuchten 
BerHn, der Zar traf im Juni 1909 mit Kaiser Wilhelm zusammen 
und die Tischreden, die damals ausgetauscht wurden, « Hessen 
den Schluss zu, dass Russland sich weder zum Bundesgenossen 
der französischen Revanche noch der englischen Panikpolitik 
hergeben werde -. » Ich denke, in Reval war ein Jahr vorher 
der Krieg gegen Deutschland beschlossen worden ? ! König 
Edwards neue Zusammenkunft mit Clemenceau in Marienbad 
im Sommer 1909 machte nach Schiemann « einen fast elegischen 
Eindruck ». Woher weiss das Herr Schiemann ? Iswolsky wurde 
Ende 1909 zum Mitglied des Reichsrats ernannt und im Oktober 

1910 nach Paris versetzt. In der englischen und russischen 
Presse wurden Stimmen laut, die für die Erhaltung des 

' Auf die bosnische Krisis und das Verhalten Deutschlands und Englands bei 
■dieser Gelegenheit komme ich später noch ausführhch zurück. 
^ Verleumderschrift, S. 33. 

Das Verbrechen II o 



34 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

europäischen Friedens eintraten. Ja, Herr Schiemann versichert 
sogar, von politischen Freunden aus Frankreich die Nach- 
richt erhalten zu haben (1910), « dass die öffentliche Meinung des 
Landes den Frieden erhalten wolle und entschlossen sei, nicht mit 
England zu gehen 1. » Ich denke, das Komplott der Triple- 
entente war 1908 auf der Revaler Reede als Termingeschäft per 
1914-1916 geschlossen worden ? ! Wie reimen sich alle diese 
Friedenszeichen mit dem Komplott zusammen ? 

Kaiser Wilhelm reist zur Beerdigung König Edwards nach 
London. Zar Nikolaus kommt mit seinem Minister Sazonow nach 
Potsdam. Die Marokkokrisis von 191 1 wird Infolge der gemein- 
schaftlichen Friedensbemühungen aller Grossmächte glücklich 
gelöst. Die Balkankrisis beginnt. Der Londoner Botschafter- 
konferenz gelingt es, unter Greys Führung auch hier scheinbar 
unübersteigliche Schwierigkeiten zu überwinden und den euro- 
päischen Frieden zu erhalten. Inzwischen schweben von 1909- 

1912 die englisch-deutschen Verständigu7igsverhandlungen, findet 
Anfang 1912 der Haidanesche Besuch in Berlin statt — Vorgänge, 
auf die ich in einem besonderen Kapitel zurückkommen werde — , 
wird in der ersten Hälfte des Jahres 191 4 das deutsch-englische 
Abkommen über Kleinasien und die Bagdadbahn abgeschlossen, 
die Abgrenzung der Interessensphären in Ost- und Westafrika 
zwischen Lichnowsky und Grey vorbereitet, treffen sich die 
Monarchen Englands, Russlands und Deutschlands im Frühjahr 

1913 in Berlin zur Hochzeit der Kaisertochter — kurz, ereignen 
sich eine Menge politischer und höfischer Vorgänge von einschnei- 
dender Wichtigkeit ; für die Schiemann und Genossen aber haben 
alle diese Vorgänge, da sie in ihre Komplottheorie nicht hinein- 
passen, keinerlei Bedeutung, sie verschweigen sie oder drücken 
ihren Wert herab oder stellen sie nach bekanntem Rezept als 
tückische Finten von der Gegenseite dar : 

Das Parlament wusste auch nicht, dass der Krieg mit Deutschland seit 
jgog im Prinzip beschlossen war, mid seither nur die Gelegenheit gesucht 
wurde, ihn mit möglichst sicheren Aussichten auf Erfolg zu füliren. 1905, 
1908, 191 1 glaubte man in England dem Ziele nahe zu sein, und es hat nicht 
an England gelegen, dass Kongresse und Konferenzen mid nicht das Schwert 
die Konflikte jener Jahre entschieden. Danach aber nahm die enghsche 
Politik die neue Wendtmg, den Ausbruch des Kampfes, dessen Umfang sie 
richtig voraussah, hinauszuschieben, bis die russischen und die eigenen 
Rüstimgen so weit gediehen seien, als die Sicherung des Erfolges verlangte. 
In Aussicht genommen wurde frühestens das Jahr 191 5, bis dahin musste 
jeder Konflilct vermieden und Deutschland durch Verhandlvmgen über die 
schwebenden Probleme : Proportion des Flottenbaus, Flottenfeier jähr, 
Afrikanische Kolonien, Bagdadbahn, in der Vorstellung erhalten werden,, 

* Verleumderschrift, S. 35. 



L 



DER PRÄVENTIVKRIEG 35 

dass es von England wenig zu fürchten habe. Bekanntlich haben wir an 
dieser Vorstellung bis zum letzten AugenbHck festgehalten. Das Spiel Sir 
Edward Greys war glücklich gespielt worden. Jetzt hegen seine Karten offen 
vor uns und wir sehen, dass es die Karten eines professionellen Falschspielers 
sind. (Verleumderbroschüre, S. 64/65.) 

Das ist der Grundgedanke, nach dem die ganze europäische 
Geschichte der letzten zehn Jahre behandelt wird. Alles, was 
diesem Grundgedanken widerspricht, wird verschwiegen oder ist 
« zum Schein », um Deutschland zu täuschen, oder gegen den 
Wunsch und Willen der englischen Regierung geschehen. 

Die Fälschertaktik 
der Schiemann und C°. 

Es ist geradezu ungeheuerlich, mit welcher dreisten Stirn 
die Schiemann und Genossen alle, aber auch alle Vorgänge seit 
1905 auf diesen lyeisten schlagen. Die Vorgänge, die unmöglich 
zu verschweigen oder zu fälschen sind und deren unzweideutige 
Friedenstendenz nicht aus der Welt geschafft werden kann, 
werden kalt-lächelnd damit erklärt, dass die russischen, franzö- 
sischen und englischen Kriegsvor Bereifungen noch nicht weit genug 
gediehen gewesen seien, und man daher mit der Herbeiführung 
des längst beschlossenen Krieges noch bis zu dem festgesetzten 
Zeitpunkt warten musste. Mit diesem Schema kommen die 
deutschen Geschichtsfälscher natürlich überall aus. Soweit man 
irgend einem politischen Vorgang, einem Königsbesuch, einer 
Ministerkonferenz, einer Zeitungspolemik irgendwie einen kriege- 
rischen Charakter unterschieben kann, tut man es natürlich. 
Soweit dies aber absolut unmöglich ist, gibt man den friedlichen 
Charakter des Vorganges zwar zu, schiebt ihm aber die Tendenz 
unter : Aufgeschoben ist nicht aufgehoben ; wir müssen jetzt 
friedlich erscheinen, weil wir noch nicht fertig sind ; sobald wir 
aber fertig sein werden, wird der grosse Schlag erfolgen. Man lese 
die Broschüren Schiemanns : Ein Verleumder und : Wie England 
eine Verständigung mit Deutschland verhinderte ^ nach und überall, 
ausnahmslos, wo unter Englands Beteiligung oder gar Führung 
eine europäische Friedensaktion erwähnt wird (w;o es irgend geht, 
werden sie unterschlagen), überall wird hinzugesetzt, dass die 
Sache « nur zum Schein », nur um Deutschland zu täuschen, nur 
um die Vorbereitungen der Ententemächte in Ruhe fortführen 
zu können, erfolgt sei. 

Die Potsdamer Entrevue hat — wie ich bereits oben hervor- 
gehoben — « nur den Schein einer Besserung der deutsch-russi- 

^ Berlin 1915. Verlag von Georg Reimer. 



36 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

sehen Beziehungen zur Folge gehabt. » [Der Verleumder, S. 36.) 
Der als Gegenzug gegen die Sendung des Panther erörterte Plan 
einer französisch-englischen Flottendemonstration vor Agadir 
fand den Widerspruch Caillaux' und scheiterte auch im englischen 
Kabinett — ein Beschluss, der zweifellos dem Frieden diente, den 
aber Herr Schiemann mit dem Zusatz berichtet, dass Sir Edward 
Grey sehr « erbittert » darüber gewesen sei (S. 43). Ich frage auch 
hier, wie an so vielen anderen Stellen : Woher weiss Herr Schie- 
mann das ? Er weiss es natürlich nicht, sondern erfindet aus hei- 
terem Himmel, weil dies in sein Anklagesystem passt, dass Grey 
über den friedlichen Beschluss erbittert gewesen sei. Wendungen 
wie die : « der Krieg, auf den die englischen Staatsmänner hin- 
arbeiteten », — der Wüle Englands, « unter allen Umständen die 
grosse Politik auf Bahnen zu erhalten, die zu einem Bruch mit 
Deutschland führen mussten », — « sein (Greys) System der poli- 
tischen Vorbereitung eines Krieges gegen Deutschland » — «es 
war eine Kriegspolitik und die Aufgabe, alles zu fördern, was im 
Augenblick des in Aussicht genommenen Konflikts den drei gegen 
Deutschland verschworenen Mächten förderlich sein könnte », — 
« die grosse gegen Deutschland und Oesterreich-Ungarn gerichtete 
Verschwörung der Ententemächte » — « Schachzüge zur Vorbe- 
reitung auf jenen Kampf ums Dasein » — solche und ähnliche 
Wendungen kehren überall in den Schiemannschen Broschüren 
wieder. 

Dementsprechend ist jede Friedensaktion Englands und der 
anderen Ententemächte « ein Doppelspiel ». Wenn durch Konfe- 
renzen, Kongresse und diplomatische Verhandlungen der Frieden 
erhalten wurde, so « hat es nicht an England gelegen ». Bei den 
Verhandlungen um eine politische Verständigung und gleich- 
zeitige Beschränkung der Seerüstungen handelte es sich « um 
trügerischen Schein ». lyord Haidane ist nach Berlin gesandt 
worden « angeblich um eine Verständigung einzuleiten, in Wirk- 
lichkeit, um zu rekognoszieren und neue Argumente für die 
bereits feststehende Politik des Kabinetts herbeizuschaffen. » 
{Der Verleumder, S. 47.) Aehnlich drückt sich der Geschichts- 
forscher Schiemann in seiner andern — obenerwähnten — Bro- 
schüre (S. 24) über die Haidanesche Mission aus, die — nach seiner 
Darstellung — seitens der englischen Regierung gar nicht ernst 
gemeint war, sondern « keinen anderen Zweck hatte, als die Stim- 
men in England zu beruhigen, die immer lauter auf eine Verstän- 
digung mit Deutschland drangen. » 

Den tatsächlich erfolgten Abschluss des deutsch-englischen 
Abkommens über Kleinasien und die Bagdadbahn unterschlägt 
Schiemann, weil er einen wirklichen Abschluss über wirkliche 



DER PRÄVENTIVKRIEG 37 

Interessenfragen doch unmöglich als fingiert hinstellen kann. 
Er sagt darüber wörtlich, unter der generellen Bezeichnung 
« Doppelspiel in England » : 

Die lange ruhenden Verhandlungen mit Deutschland über Ausgleichung 
der beiderseitigen Interessen im Gebiet der Bagdadbahn, und in Afrika auf 
Kosten Portugals, wurden wieder aufgenommen imd mit scheinbarer Auf- 
richtigkeit dem Abschluss ganz nahe geführt, so dass im September 19 13 ein 
Abko mm en unmittelbar bevorzustehen schien. Dass es sich dabei, wie bei 
den gleichfalls fortgesetzten Verhandlimgen über ein Marineabkommen, um 
trügerischen Schein handelte, wissen wir aus den oben wiedergegebenen Be- 
kenntnissen Haldanes vom 5. Jvdi 1915. Es waren Schachzüge zur Vorbe- 
reitung auf jenen « Kampf xuns Dasein », den Haidane seinen Kollegen im 
Kabinett nach seiner Rückkehr aus Berlin im Februar 191 2 als imvermeid- 
Uch dargestellt hatte. (Der «Verleumder», S. 59.) 

In Wahrheit ist das Abkommen über Kleinasien und die 
Bagdadbahn, v^^ie Schiemann natürlich ganz genau weiss, nicht 
bloss « im September 1913 unmittelbar bevorstehend gewesen », 
sondern im Frühjahr 1914 tatsächlich zum Abschluss gelangt. Auch 
die Verhandlungen über die afrikanischen Interessensphären der 
beiden Mächte haben nicht, wie Schiemann lügt, einen « trüge- 
rischen Schein » getragen, sondern waren bei Ausbruch des 
Krieges so weit gediehen, dass ihr Abschluss binnen kurzem 
bevorstand. Den tatsächlichen Abschluss des Vertrages über 
Kleinasien verschweigt Schiemann in beiden Broschüren, woraus 
sich klar seine mala fides ergibt. Von dem Vertrage über Ost- und 
Westafrika, der, weil er nicht zustande gekommen, sich für die 
lügenhafte Insinuation der englischen Unaufrichtigkeit besser 
eignet, behauptet er in der Verständigungsbroschüre (S. 26), 
dass Grey sich geweigert habe, diesem Vertrage die feste Form 
einer den beiden Parlamenten zu präsentierenden Vorlage zu 
geben, weil es sich auch hier bei Grey « immer nur um den Schein 
eines Entgegenkommens » gehandelt habe. Auch dies eine bewusst 
lügenhafte Insinuation, darauf berechnet, die ganze englische 
Politik als jahrelang fortgesetztes systematisches Scheinmanöver 
hinzustellen. In Wahrheit war der Vertrag noch nicht in allen 
Punkten perfekt, als der Krieg ausbrach, und war eine Publika- 
tion auch noch aus besonderen Gründen untunlich, da es sich um 
die Abgrenzung von Interessensphären nicht gegenüber afrika- 
nischen Wilden, sondern gegenüber einem europäischen Staate, 
Portugal, handelte. — 

So ist Schiemann auf Schritt und Tritt gezwungen, um die 
englischen, in Wahrheit dem Frieden dienenden Aktionen auf 
den Kammerton des später auszuführenden Kriegskomplotts 
abzustimmen, entweder die Tatsachen zu unterdrücken oder zu 



38 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

fälschen oder den englischen Handlungen Motive unterzuschieben, 
die durch die Handlungen selbst aufs deutlichste widerlegt werden. 
Oder, wenn auch das nicht geht, zum mindesten hervorzuheben, 
dass die Friedenserhaltung « nicht das Verdienst Englands » und 
ganz gegen die persönlichen Wünsche des « inneren Kreises des 
Kabinetts », zu dem er willkürlich Asquith, Grey, Haidane und 
Churchill rechnet, geschehen sei. 



Ein anderes Beispiel dieser perfiden Fälschertaktik. In der 
Verleumderbroschüre lässt er die erfolgreiche Tätigkeit der 
Londoner Botschafter-Konferenz vollständig beiseite, während er 
sonst ausführlich von dem Balkankriege, von den L/ondoner 
Verhandlungen der Balkanstaaten mit der Türkei, von dem 
Scheitern dieser Verhandlungen, von der Wiederaufnahme des 
Krieges, von dem Kampfe der Bundesgenossen untereinander, 
vom Frieden von Bukarest und von dem endlichen Friedens- 
schluss zwischen Bulgarien und der Türkei redet (S. 54). Die 
gemeinschaftliche, von beiden Seiten ehrliche, erfolgreiche und 
für den zukünftigen Frieden Europas die besten Aussichten ver- 
sprechende Friedenstätigkeit Deutschlands und Englands, der 
damals die Erhaltung des europäischen Friedens ausschliesslich 
zu danken war, lässt er vollständig beiseite und schliesst den 
betreffenden Absatz mit einer Bemerkung, welche die damalige 
politische Situation bewusst in ihr Gegenteil verkehrt : « Das alles 
schuf eine völlig neue politische I^age, deren verschiedene Stadien 
von entscheidendem Einfluss auf die grosse gegen Deutschland 
und Oesterreich-Ungarn gerichtete Verschwörung der Entente- 
mächte wurden. » 

In der Verständigungsbroschüre (S. 26) ist Herr Schiemann 
so gütig, der Tätigkeit Englands, in Gemeinschaft mit Deutsch- 
land, auf der lyondoner Botschafter- Konferenz zu gedenken, 
leitet aber die wenigen hierauf bezüglichen Sätze mit der nieder- 
trächtigen Insinuation ein : 

Er (Grey) sowohl wie F'rankreich waren entschlossen, mit der gegen 
Deutschland vorbereiteten Aktion zu warten, bis Russland, das mit äus- 
serster Anstrengmig rüstete, seine im August 19 13 vom General Joffre kri- 
tisch besichtigten Vorbereitungen beendet habe, zu denen u. a. auch der 
Ausbau von Eisenbahnen gehörte, die in Polen zur österreichischen imd 
preussischen Grenze fahren sollten. Diese Erwägung erklärt auch die Haltung 
Englands während der Balkanwirren igi2 und igi3- 



DER PRÄVENTIVKRIEG 39 

Also auch die friedenserhaltende Tätigkeit Greys auf der 
Londoner Konferenz war nur ein Scheinmanöver, um den Aus- 
"bruch des beabsichtigten europäischen Krieges so lange zu ver- 
zögern, bis die Ententemächte ihre militärischen Vorbereitungen 
beendigt hätten. Ein militärischer Besuch des Generals Joffre in 
Russland wird so ganz nebenbei als ein Glied in der Kette der 
Vorbereitung des Ueberfallskrieges hingestellt. Als ob die öster- 
reichischen und deutschen Herrscher und Heerführer sich nie- 
mals besucht und niemals ihre gegenseitigen Truppen besichtigt 
hätten ! So treibt der deutsche Deroulede von Anfang bis zu 
Ende seiner Kriegs- und Hetzschriften die politische Brunnen- 
vergiftung. Er fälscht die Tatsachen oder ihre Motive, vergisst 
aber eines, dass er sich dadurch mit den offiziellen Erklärungen der 
deutschen Regierung beständig in Widerspruch setzt. Die Greysche 
Politik während der Balkankrise von 1912-1913 hat nicht allein 
in Europa und der ganzen Welt unbedingte Anerkennung und 
Lob gefunden, sie wurde auch von Herrn von Jagow selbst im 
Reichstag am 7. Februar 1913 mit folgenden Worten gefeiert ; 

Eine der letzten von meinem Vorgänger im Reichstag abgegebenen Er- 
klärungen — wenn ich nicht irre, die allerletzte — bezog sich auf imsere 
Beziehtmgen zu England. Er betonte bei dieser Gelegenheit, dass während 
der ganzen kürzHch überstandenen Krisis im nahen Osten unsere Beziehungen 
zu England besonders vertrauensvoll gewesen seien. Er wies auf die guten 
Dienste hin, die der Sache eines Einverständnisses zwischen allen Mächten 
durch die in offenem Ton gehaltenen und in vollkommenem Vertrauen ge- 
führten Besprechvmgen zwischen London imd Berlin, während aller Stadien 
der Krisis, geleistet seien, vmd drückte die Erwartung aus, dass sie fort- 
fahren würden, diese Dienste zu leisten. Es verursacht mir besonderes Ver- 
gnügen, dass bei meiner ersten Gelegenheit, an dieser Stelle zu sprechen, 
ich bestätigen kann, dass diese Erwartimg durchaus und vollständig erfüllt 
worden ist. Der vertrauliche Meinungsaustausch, den wir mit der britischen 
Regierung unterhalten, hat wesentHch zu der Beseitigimg von Schwierig- 
keiten beigetragen, die sich während der letzten Monate erhoben hatten. 
Wir haben nmi gesehen, dass wir nicht nur sentimentale Berührungspunkte, 
sondern auch einander ähnliche Interessen mit England haben. Ich bin kein 
Prophet, aber ich hege die Hoffnung, dass wir auf dem Boden allgemeinen 
Interesses — in der PoUtik der fruchtbare Boden — fortfahren können, mit 
England zusammen zu wirken, und vielleicht die Früchte unserer Bemüliungen 
ernten mögen. (Zitiert nach Cook, a. a. O. deutsche Uebersetzung, S. 26.) 

Diese Anerkennung aus dem Munde des deutschen Staats- 
sekretärs Herrn von Jagow und seines Vorgängers schlägt die 
ganze lügenhafte Darstellung Schiemanns aus dem Felde. Und 
zwar nicht nur seine Darstellung der englischen Tätigkeit auf der 
Londoner Konferenz, sondern auch alles übrige, was er über die 
englisch-französisch-russische Verschwörung seit 1909 vorzu- 
bringen sich erdreistet. Wenn es richtig ist, a dass der Krieg mit 



40 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Deutschland seit igog im Prinzip beschlossen war » (Verleumder- 
broschüre Seite 64), so wäre es unmöglich gewesen, dass Grey 
in der ernsten, offenen, ehrlichen und vertrauensvollen Weise, 
die ihm — unter ausdrücklicher Berufung auf seinen Vorgänger 
Kiderlen — Jagow nachrühmt, während der Balkankrise mit 
Deutschland zusamm-en für den Frieden gearbeitet hätte. Eines 
schliesst das andere aus. Herr Scliiemann möge sich also mit Herrn 
von Jagow und mit den Manen des Herrn von Kiderlen- Wächter 
auseinandersetzen. 

Wenn es richtig wäre, was Herr Schiemann der englischen 
Regierung als Motiv ihrer früheren Haltung unterschiebt, so hätte 
diese Regierung auch während der kritischen Tage vom 23. Juli 
bis 4. August 1914 nicht so unermüdlich, so aufopferungsvoll und 
so energisch für die Erhaltung des Friedens gearbeitet, wie es 
Herr von Bethmann in dem deutschen Weissbuch ihr nachrühmt. 
Ich habe die leiste der lyobeserhebungen Bethmanns zu Gunsten 
der englischen Regierung in meinem Buche (Seite 203-204) zusam- 
mengestellt; sie schliesst ab mit der feierlichen Anerkennung der 
Friedensbemühungen Englands in der Kriegserklärung an Russ- 
land. Wie erklärt Herr Schiemann diesen Lobeshymnus des 
Reichskanzlers, wenn das Verdammungsurteil richtig ist, das er 
— der Geschichtsprofessor — über die englische Politik seit 1908 
zu fällen wagt ? « Die Heuchelei, mit der die Intrige geführt wor- 
den ist, steht beispiellos da », ruft Schiemann entrüstet aus. Also 
sechs Jahre Intrigenspiel ! Eine ganze Serie positiver Friedens- 
handlungen, gekrönt durch die — leider vergeblich gebliebenen — 
Friedensbemühungen in den kritischen Julitagen 1914 : gütliche 
Beilegung von drei Marokkokrisen 1905, 1909 und 191 1 ; Ver- 
hinderung eines österreichisch-russischen Krieges wegen der 
bosnischen Annexion 1908-1909 ; Verhinderung eines österreichisch- 
russischen und im unvermeidlichen Anschluss daran eines euro- 
päischen Krieges 1912-1913 während der Balkankrisis ; dazu die 
umfassende, aufreibende, führende Tätigkeit zur Verliinderung 
des jetzigen Krieges ^ — alles das ist Finte, Heuchelei, Aktion 
eines «professionellen Falschspielers», sechs lange Jahre hindurch! 

Und trotzdem hat man in der Wilhelmstrasse nichts davon 
gemerkt ! Man hat mit Herrn Gre}^ zusammen gearbeitet, man hat 
ihm — noch bis zum 4. August 1914 — Lob über Lob gespendet, 
und nun auf einmal kommt Herr Schiemann, desavouiert — nicht 
etwa Herrn Grey, sondern die Herren von Bethmann, Jagow und 
Genossen, stellt sie als getäuschte, verführte Opfer des schlauen 
Engländers hin, dessen Schliche nun endlich durch den grossen 

* Siehe J'acctise, S. 201 flgd. und die betreffenden Abschnitte in Band I dieses 
Werkes. 



DER PRÄVENTIVKRIEG 4I 

Schiemann enthüllt worden sind. Man weiss in der Tat nicht, was 
man bei diesen Geschichtsfälschern mehr bewundern soll, die 
dreiste Stirn, mit der sie ihre Fälschungen vortragen, oder die 
unverschämte Missachtung der deutschen Intelligenz, der sie 
ihre Fabeln als historische Tatsachen aufzutischen wagen. 

« Die aggressive Tendenz Englands ist durch die Vereinba- 
rungen mit Frankreich und Russland, deren wir oben gedacht 
haben und die heute publici juris sind, erwiesen. » (Verständi- 
gungsbroschüre, S. 21.) Diese Vereinbarungen sind, wie ich 
bereits oben dargelegt habe, angeblich auf der Reede von Reval 
im Juni 1908 zwischen Hardinge und Iswolsky « nicht offiziell, 
sondern in einer mündlichen Verhandlung » getroffen worden. 
Herr Schiemann kennt ganz genau den Inhalt dieser mündHchen 
Vereinbarungen, den Termin, wann sie ins Leben treten sollten, 
die aggressive Tendenz gegen Deutschland, die positive Kriegs- 
absicht ; er baut auf diese angeblichen Vereinbarungen sein ganzes 
Anklagegebäude auf, hat aber nimmer und nirgends auch nur den 
Schatten eines Beweises für seine Behauptungen beigebracht. Mit 
diesem Phantom des Kriegskomplotts von 1908 schlägt er — genau 
wie Helfferich mit dem Kriegskomplott vom 29. Juli 1914 — 
alle erwiesenen historischen Tatsachen tot oder sucht sie seiner 
These entsprechend umzufälschen, stellt die führenden deutschen 
Diplomaten, die auch ich gewiss nicht in Schutz zu nehmen habe, 
als dermassen düpiert und borniert hin, dass sie ihn eigentlich 
wegen Verleumdung verklagen müssten, und versteigt sich sogar 
zu einer Verdächtigung seiner persönlichen Freunde in England, 
die eines Gentleman unwürdig ist. Man lese auf den Schlüsselten 
seiner Verständigungsbroschüre seine Unterhaltungen mit Charles 
Trevelyan im Februar 1913 und Lord Haidane im Frühjahr 1914, 
beide Mitglieder des Kabinetts Asquith. Trevelyan versicherte 
ihm mit grösster Bestimmtheit, dass England unter keinen Umstän- 
den Krieg führen werde ; ein Ministerium, das Vorbereitungen zu 
einem Kriege treffe, würde sofort gestürzt werden. Trevelyan hat 
bekanntlich mit Burns und Lord Morley bei Ausbruch des Krieges 
demissioniert, aber nicht etwa, weil sie Sir Edward Gre}^ auch nur 
die geringste Schuld am Kriegsausbruch beimassen oder seine 
ernsten Friedensbemühungen bestritten, sondern nur, weil sie 
trotz des Kriegsausbruchs die Neutralität Englands vorgezogen 
hätten. 

Auch die Unterhaltung mit Lord Haidane « bei einem poli- 
tischen Abendessen zu zweien » — wenige Monate vor Ausbruch 
des Krieges — bestätigte den Eindruck Schiemanns, dass die 
Neigung zu einer Verständigung mit Deutschland in allen indu- 
striellen Kreisen Englands herrsche. Haidane hielt die damalige 



42 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Mächtegruppierung für die beste Friedensgarantie, da Grey Russ- 
land zügle und Deutschland Oesterreich-Ungarn. Man sprach 
über die Schädigung der Interessen Englands und Deutschlands 
durch « die jetzige beiderseitige Belagerung der Nordsee ». In 
einem Briefe Haldanes an Schiemann versichert ersterer : sein 
Ehrgeiz ginge dahin, die beiden Länder in immer intimere, freund- 
schaftlichere Beziehungen zu bringen. Beide hätten ein gemein- 
schaftliches Werk für die Welt zu verrichten und jeder bringe 
seine besonderen Fähigkeiten dazu mit. Je weniger die Völker 
und die Gruppen die politischen Fragen vom rein egoistischen 
Standpunkte aus behandelten, umso mehr würden die Reibungen 
verschwinden, umso schneller normale und gesunde Beziehungen 
hergestellt werden. Etwas von diesem guten Werk sei jetzt zwischen 
den beiden Nationen in die Erscheinung getreten. Wir müssten uns 
bemühen, diesem Anfang zu weiterem Wachstum zu verhelfen. 
Diesen ehrlichen und aufrichtigen Freundschaftsbrief begleitet 
Scliiemann mit dem Kommentar : « Es fällt schwer, an die Auf- 
richtigkeit der hier ausgesprochenen Gesinnungen zu glauben, 
wenn man bedenkt, dass Lord Haidane zum inneren Kreise des 
Kabinetts gehörte und daher die geheimen Schachzüge der Politik 
Greys kennen musste ». (Verständigungsbroschüre, S. 28.) 

Also nicht nur Grey hat gelogen, beständig, jahrelang, auch 
Trevelyan und Haidane haben gelogen. Die persönlichen Eindrücke 
Schiemanns in England waren trügerisch. Die Perfidie Albions 
erstreckt sich nicht nur auf das Volk als solches, sondern auch auf 
alle einzelnen Individuen, mit denen der reine Wahrheitsheld 
Schiemann in freundschaftliche Beziehungen getreten ist. Die 
Engländer haben gelogen und die guten ehrlichen Deutschen sind 
auf diese Lügen hineingefallen. — 

In unmittelbarem Anschluss an seine Erzählung über Haldanes 
Aeusserungen stellt Schiemann nochmals alle Greyschen Lügen 
zusammen. Am 4. August 1914 sei es klar zu Tage getreten, dass 
aus den « Unterhaltungen » der Ententediplomaten und Militärs 
Verträge, aus den Ententen Allianzen geworden waren, die bisher 
nur unter falschem Namen herumliefen. Sechs Wochen, nachdem 
Grey das Vorhandensein bindender Kriegsverpflichtungen abge- 
leugnet habe, « stellte England uns vor die vollendete Tatsache eines 
Kampfes auf Lehen und Tod. » 

Dies keine Greysche, sondern eine Schiemannsche Lüge ! 
Wir kennen nunmehr die Grey-C ambonsche Korrespondenz vom 
22.-23. November igi2, auf die ich an dieser Stelle nicht nochmals 
zurückzukommen brauche (siehe J'accuse, S. 66). Keine Spur 
einer Allianz ist darin enthalten, im Gegenteil, volle Freiheit 



DER PRÄVENTIVKRIEG 43 

beider beteiligten Länder, wie sie sich im Falle eines Kriegsaus- 
bruchs verhalten wollten. Von dieser Freiheit hat England bei 
Ausbruch des europäischen Krieges ausgiebigen Gebrauch ge- 
macht. Es hat den deutsch-russischen Krieg ausbrechen lassen, 
ohne sich zu beteiligen ; es hat den Franzosen für den Fall, dass 
sie in den Krieg hineingezogen würden, keine Zusage der Kriegs- 
beteiligung, sondern nur die bedingte und beschränkte Zusage 
des Flottenbeistandes gemacht (am 2. August. Blaubuch Nr. 148). 
Erst wegen der belgischen Frage, welche unmittelbar in die 
englischen Interessen eingriff, ist England dem Kriege beigetreten 
und auch dies nur, nachdem alle Versuche, die Verletzung der 
belgischen Neutralität rückgängig zu machen, am 4. August ge- 
scheitert waren (Blaubuch Nr. 160). Grey hat also nicht, wie Schie- 
mann ihm vorwirft « bewusst vor dem Parlament die Unwahr- 
heit gesagt » ; er hat die Wahrheit gesagt und dementsprechend 
gehandelt. Die «vollendete Tatsache eines Kampfes auf Leben 
und Tod » war nicht die Folge von heimlichen Allianzen, sondern die 
Folge von Deutschlands Vorgehen gegen Belgien, welches Eng- 
land vergeblich rückgängig zu machen bemüht gewesen war. 



Noch eine fernere Lüge erlaubt sich Schiemann, indem er 
Crey der Lüge bezichtigt. Ich habe bereits an anderer Stelle 
bemerkt, dass mir nicht die besonderen Verbindungen des Kreuz- 
zeitungsprofessors zur Verfügung stehen, mittels deren er Tat- 
sachen vorbringen und als erwiesen hinstellen kann, die aus 
öffentlichen Dokumenten nicht bekannt sind. Ich weiss daher 
nicht, ob es wahr ist — « wie aus russischer Quelle bekannt wurde » 
(Schiemann behauptet das ohne Beweis) — , dass Grey den rus- 
sischen Antrag auf Abschluss einer Marinevereinharung bereits 
angenommen und die entsprechenden Ausarbeitungen seitens der 
beiderseitigen Marinestäbe genehmigt habe. Das kann sein oder 
auch nicht sein. In jedem Falle beweist es nicht das geringste für 
das Schiemannsche Angriffskomplott. Militär- und Marineverein- 
barungen viel intimerer Art bestanden seit undenklicher Zeit 
zwischen Deutschland und Oesterreich und doch behaupten die 
Schiemann und Genossen, dass diese Vereinbarungen nur defen- 
siven Zwecken dienten. Weshalb also sollen englisch-russische 
Marine-Konventionen, wenn sie wirklich schon bestanden oder 
in Aussicht genommen waren, unbedingt offensiven Absichten 
gedient haben ? 

Ich habe in meinem Buche bereits ausführlich auseinander- 
gesetzt und kann hier nicht darauf zurückkommen, aus welchen 



1^ 



44 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Gründen das tiefe und immer wachsende Misstrauen gegen 
Deutschland und seinen Bundesgenossen Oesterreich, nicht nur 
bei den Ententemächten, sondern auch bei den Neutralen in der 
ganzen Welt entstanden war. Das Verhalten der Kaisermächte 
auf den Haager Konferenzen, die schroffe Ablehnung jeder Frie- 
denssicherung durch Rechtsorganisationen, jeder Rüstungsbe- 
schränkung durch internationale oder partielle Vereinbarungen, 
die krass-egoistische, rücksichtslos ihren Interessen nachgehende 
österreichische Balkanpolitik, die blinde Unterstützung dieser 
Politik durch Deutschlands « gepanzerte Faust » und « schim- 
mernde Rüstung », das verbrecherische Treiben der Alldeutschen, 
der stets unverschämter sein Haupt erhebende preussische Mili- 
tarismus — diese und andere Umstände, über die man in meinem 
ersten und in diesem zweiten Buche nachlesen möge, hatten die 
Ententemächte zusammengeführt und kitteten sie immer fester 
aneinander. Es wäre daher keineswegs zu verwundern gewesen, 
wenn zu den französisch-englischen Militärbesprechungen nun 
auch russisch-englische hinzugetreten wären. Diese Tatsache 
beweist nichts, aber auch nicht das geringste zu Gunsten eines 
Angriffskomplotts, eines aggressiven Schlachtplans der « ver- 
schworenen » Mächte ; sie beweist nichts anderes, als dass man 
einen europäischen Krieg für möglich und militärische Siche- 
rungsmassregeln zur Abwendung eines solchen für zweckmässig 
hielt. 

Dieser ganze Gedankengang, der beständig in der deutschen 
Kriegshetzer- lyiteratur wiederkehrt : militärische Massregeln und 
Vereinbarungen auf der Gegenseite sind aggressiv, die gleichen 
Handlungen auf der Diesseite aber defensiv, — er wäre direkt 
blödsinnig zu nennen, wenn er nicht so raffiniert-teuflisch aus- 
geklügelt und auf die damalige und jetzige Psychologie des deut- 
schen Volkes berechnet wäre. Das Wesen des europäischen Gleich- 
gewichtssystems bestand doch gerade darin, die Militärmacht auf 
beiden Seiten so zu stärken und zu verketten, dass die Mächte- 
gruppen sich gegenseitig die Wage hielten. Die Stärkung der einen 
Seite musste notwendig die der anderen Seite herbeiführen, damit 
nicht die Wage des einen Teiles zum Nachteil des anderen sinke. 
Wie kann man England einen Vorwurf daraus machen, dass es 
seine unzulängliche I^andmacht durch Eventualabreden mit Frank- 
reich und Russland zu verstärken suchte, um so der zu Lande und 
zu Wasser gleich mächtigen deutschen Wehrkraft, der noch die 
Bundesgenossen Oesterreich und — wie man annehmen musste — 
Italien zur Seite standen, einigermassen die Wage zu halten ? Wie 
kann man Frankreich einen Vorwurf daraus machen, dass es die 
deutsche Wehrvorlage von 1913 mit der Einführung der drei- 



DER PRÄVENTIVKRIEG 45 

jährigen Dienstzeit beantwortete, da es mit seiner bedeutend 
geringeren Bevölkerung nur in einer längeren Dienstzeit den Aus- 
•gleich gegen die riesenhafte deutsche Truppenvermehrung finden 
konnte ? 



Die d e u t s c h e W e h r V o r 1 a g e u n d 
das französische Drei] ahr sgese tz. 

Auch hier wieder lügen Schiemann und Konsorten, indem sie 
Frankreich mit der dreijährigen Dienstzeit den Vortritt lassen und 
die deutsche Wehrvorlage nur als Folge der französischen Heeres- 
vermehrung hinstellen. Das Umgekehrte ist die Wahrheit. Die 
deutsche Wehrvorlage ist früher eingebracht und früher votiert 
worden (April 19 13), als das französische Gesetz betreffend die 
dreijährige Dienstzeit (August 1913). Sie ist nicht etwa motiviert 
worden mit einer bevorstehenden Erhöhung der französischen 
Wehrmacht, durch Verlängerung der Dienstzeit, sondern vielmehr 
mit der neuen Staatenkonstellation am Balkan, die dem österrei- 
chischen Kaiserstaat eine unter Umständen gefährliche Kriegs- 
gegnerschaft im Süden schaffen könnte und als Ersatz für die 
Ablenkung eines Teils der österreichischen Truppenmacht eine 
Erhöhung der deutschen erforderlich mache. Von der Einführung 
der dreijährigen Dienstzeit in Frankreich war bei der Ausarbeitung 
und Einbringung der grossen Wehrvorlage in Deutschland keine 
Rede. Der Gedanke der dreijährigen Dienstzeit trat erst nach der 
Ankündigung dieser Vorlage in Frankreich auf und wurde erst 
nach der Genehmigung der deutschen Truppenvermehrung ver- 
wirklicht. 

Diese chronologisch feststehenden Tatsachen, auf die ich an 
anderer Stelle noch zurückkomme, können die Schiemänner 
natürlich nicht aus der Welt schaffen. Was tun sie also, um auch 
hier die Franzosen als « das Karnickel » hinzustellen, « das ange- 
fangen hat » ? Sie behaupten — das heisst, sie erfinden — , dass 
sich Poincare bereits hei seiner Petersburger Reise igi2 als Minis- 
terpräsident verpflichtet habe, nach seiner Wahl zum Präsidenten 
der Republik die dreijährige Dienstpflicht in P'rankreich einzu- 
führen (siehe Verleumderbroschüre, S. 51). Wo ist der Beweis 
hierfür ? Wer konnte im Sommer 19 12 wissen, dass Poincare 
Anfang 1913 zum Präsidenten der französischen Republik gewählt 
werden würde ? Hing seine Wahl nicht von allen möglichen Zufällen 
ab ? War sie nicht durch starke und intrigante politische Gegner, 
z. B. Clemenceau, aufs äusserste gefährdet ? Und Russlaud sollte 
so dumm gewesen sein, auf diesen Zukunftswechsel hin bereits 
bestimmte Zusagen der französischen Regierung zu machen, wie 



46 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Schiemann uns glauben machen will ? Tatsache ist, dass auch die 
letzten riesenhaften Heeresvermehrungen, die den Zustand 
Europas : — wie wir Pazifisten und Sozialisten richtig vorausgesagt 
haben — bis zur Siedehitze spannen mussten, von Deutschland 
begonnen und von Frankreich nur nachgemacht worden sind. Die 
Behauptung, dass Frankreich den Anfang hätte machen wollen, 
schwebt in der Luft und ermangelt jeden Beweises. Auch die bel- 
gischen Gesandtschaftsberichte, denen die deutsche Regierung 
bekanntlich so ungeheuren Beweiswert beimisst, stellen den 
Zusammenhang zwischen der deutschen und französischen Heeres- 
vermehrung als Ursache und Wirkung in unzweifelhafter Weise 
fest (wie ich in der besonderen Studie über die belgischen Akten- 
stücke nachweisen werde). 

Also stets und überall dieselbe Taktik der Bntenteankläger : 
selbst chronologisch feststehende Tatsachen w'erden durch beweis- 
lose Behauptungen und Insinuationen umzumodeln gesucht. 

Die englisch -russischen 
Marineberatungen. 

Aber kommen wir auf das Lügenregister Schiemanns gegen 
Grey zurück. Die in Aussicht genommenen Marineberatungen 
zwischen englischen und russischen Fachleuten sucht er als Symp- 
tome des Angriffskomplotts hinzustellen und leistet sich dabei 
folgenden Satz (Seite 28 der Verständigungschrift) : « Dabei war 
ein Krieg zwischen Dreibund und Dreiverband ausdrücklich in 
Aussicht genommen und die volle Allianz Englands Voraussetzung.» 
Diese Ausdrucksweise ist absichtlich so unklar gewählt, um den 
Leser — natürlich wiederum ohne den Schatten eines Beweises — 
glauben zu machen, dass der Krieg gegen Deutschland und seine 
Bundesgenossen positiv beabsichtigt und der Beistand Englands 
voll gesichert war. Das ist wiederum eine perfide Insinuation, 
deren Glaubwürdigkeit schon von vornherein daran krankt, 
dass Herr Schiemann, den die englisch-russischen Marine-Sach- 
verständigen doch wohl nicht hinzugezogen haben, gar nicht 
wissen kann, was diese Sachverständigen « in Aussicht genommen » 
und wie weit den Russen der englische Beistand garantiert war. 
Aber nehmen wir einmal an, Herr Schiemann habe an der Türe 
des Beratungszimmers, falls es überhaupt schon zu Beratungen 
gekommen sein sollte, gelauscht : ist es nicht ganz natürlich, 
dass die Besprechungen der Marine-Sachverständigen den Fall 
eines Krieges zwischen Dreibund und Dreiverband in Aussicht 
nehmen und die Beteiligung Englands dabei voraussetzen 
mussten ? Welchen Zweck hätten denn die Beratungen gehabt,. 



DER PRÄVENTIVKRIEG 47 

wenn nicht den, für den Fall eines europäischen Krieges gemein- 
schaftliche russisch-englische Seeoperationen ins Auge zu fassen ? 
Haben die Beratungen der militärischen Sachverständigen der 
Dreibundstaaten, Deutschland, Oesterreich und Italien, nicht auch 
den europäischen Krieg und die Beteiligung aller drei Staaten 
im Auge gehabt ? Nur für den Kriegsfall standen sich doch die 
beiden Gruppen gerüstet gegenüber. Die Vereinbarung ihrer Opera- 
tionen gehörte zu der militärischen Rüstung ebensogut, wie 
Truppen, Kanonen und Schiffe. Was ist daran zu verwundern 
und was ist verdächtig, wenn englisch-russische Sachverständige 
ihren Beratungen dieselbe Voraussetzung — nämlich einen even- 
tuellen europäischen Krieg — zu Grunde legten, wie deutsch- 
österreichische Fachleute im gleichen Falle ? 

Aus dieser ganz natürlichen Grundlage und Voraussetzung 
der Beratungen macht nun aber Herr Schiemann durch absicht- 
lich zweideutige Wortfassung eine Angriff stendenz. Der Krieg 
gegen den Dreibund war — nach ihm — « ausdrücklich in Aussicht 
genommen », soll heissen : beabsichtigt. Die volle Allianz Englands 
war « Voraussetzung », soll heissen : garantiert. Und mit diesem 
Schwindelmanöver träufelt Herr Schiemann auch bei dieser Ge- 
legenheit die giftige Verleumdung in die gläubigen Seelen seiner 
deutschen Leser, dass das Angriffskomplott beschlossen und alle 
Einzelheiten bereits vereinbart worden seien. Ich habe absichtlich 
bei diesem Beispiel länger verweilt, weil es charakteristisch ist 
für alle Beweisführungen Schiemanns und seiner Genossen. Sie 
verfahren nicht induktiv durch Sammlung und Vorführung von 
Beweisen für ihre These, sondern deduktiv, indem sie die These 
beweislos — wie einen mathematischen oder geometrischen Grund- 
satz — an die Spitze stellen und nunmehr jeden einzelnen, auch 
den unerheblichsten und harmlosesten Vorgang in dem Lichte 
ihrer These vorführen. Wie lange werden sie mit diesen Taschen- 
spieler-Kunststücken beim deutschen Volke noch Glück haben ? 
Wann wird endlich die Wahrheit durchbrechen, wann Klio den 
Griffel fortwerfen und mit dem Besenstiel in der Hand ihre unge- 
treuen Jünger aus dem Tempel der Wissenschaft hinausjagen ? 

Die von Schiemann «angezettelte» 
Entente-Verschwörung. 

Ausserordentlich bezeichnend ist es, wie diese Geschichts- 
forscher an den Tatsachen, die sie weder verfälschen noch ummo- 
deln können, mit der Scheu des ertappten Verbrechers vorbeieüen. 
Mit Zeitungsartikeln, mit unbewiesenen Berichten über mündliche 
Verhandlungen etc. kann man beliebig schalten und walten. Ich 



48 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

will mich verpflichten, für jedes lyand und jeden beliebigen Mo- 
ment ein Stimmungsbild ganz nach meinen Wünschen zu zeichnen, 
indem ich die Rede eines Politikers (aus der ich natürlich alles 
mir nicht passende weglasse) oder den Artikel eines Journalisten 
zitiere, die gerade meiner Meinung sind und meinen Zwecken 
dienen. In jedem lyande gibt es Parteien und Anschauungsgegen- 
sätze, die in Rede und Schrift zum Ausdruck kommen. Ich brauche 
nur die auszuwählen, die dem von mir gewünschten Bilde entspre- 
chen, und ich habe den Beweis erbracht, dass Frankreich, England 
oder Russland in einem gegebenen Moment so gedacht haben, 
wie es mir zu schildern passt. 

Dies das System Schiemanns. Je mehr man ihn liest — für 
einen ehrlich nach Wahrheit strebenden Menschen eine schwere 
Aufgabe ! — umso mehr kommt man hinter seine Schliche. 
Dieser Schie- ist der Zettelmann xav' i^oxrjv. Alle Zeitungen der 
Welt sind in seinem Zettelkasten vertreten. Man spricht von 
einem politischen Ereignis in Russland : er zieht, wie es ihm 
gerade passt, einen englischen, französischen, rumänischen oder 
belgischen Zeitungsausschnitt heraus und widerlegt damit, was 
man behauptet hat. Man spricht von der Beilegung des Marokko- 
konflikts 191 1, von der erfolgreichen Mitwirkung Englands an 
der Verhinderung des Kriegsausbruchs. Herr Schiemann öffnet 
seinen Zettelkasten und zieht — rate, lieber lycser, was er heraus- 
zieht : eine Nummer der Leipziger Illustrierten Zeitung vom De- 
zember 191 1, in der die Stellung der englischen und deutschen 
Flotte in den Sommermonaten 19 11 graphisch aufgezeichnet ist. 
(Verleumderschrift, S. 43.) Diese graphische Darstellung beweist 
natürlich nicht das geringste. Herrn Schiemann aber, dem Ge- 
schichtsforscher, gibt sie Gelegenheit, die Sätze anzuknüpfen : 

Bs waren die Tage, an denen erwogen wurde, ^nit U ebermacht über unsere 
Flotte herzufallen. Im September waren den englischen Offizieren ilire Marsch- 
ziele auf dem Kontinent bereits bekannt gegeben. 

Also wieder ein schlagender Beweis, jene Karte der Leipziger 
Illustrierten Zeitung, dass England nichts anderes ersehnte und 
erstrebte, als uns zu überfallen und zu vernichten. 

Sir Edward Grey hält am 27. November 191 1 die bekannte 
Rede im englischen Parlament (siehe J'accuse, S. 84), in der er den 
dringenden Wunsch Englands nach besseren Beziehungen zu 
Deutschland betont : Grossbritannien habe ein freundschaftliches 
Einverständnis zwischen Deutschland und Frankreich in der Ma- 
rokkofrage erleichtert ; es sei zu hoffen, dass dieses Abkommen 
auch die « Tafel rein gewaschen » habe in Bezug auf die englischen 
Beziehungen zu Deutschland. Die bestehenden Freundschaften 



DER PRÄVENTIVKRIEG 49 

Englands seien kein Hindernis, noch neue Freundschaften zu 
schHessen. Er, Grey, würde jedem Wunsch Deutschlands, die 
gegenseitigen Beziehungen zu bessern, herzlich entgegenkommen 
und nichts werde in Englands Politik sein, was einer abgünstigen 
Haltung Englands ähnlich sehe ^. Was macht Herr Schiemann 
aus dieser aufrichtigen und ehrlichen Friedensrede Greys ? Eng- 
land sei entschlossen — sagte Grey nach Schiemann (Verleum- 
derschrift, S. 45) — , bei der Form seiner Beziehungen zu Frank- 
reich und Russland zu beharren, was — wie Schiemann seiner- 
seits hinzufügt — « doch nichts anderes bedeutete, als dass er 
(Grey) sein System der politischen Vorbereitung eines Krieges 

gegen Deutschland fortführen werde ». Ist je eine unerhörtere, 

frechere Fälschung dagewesen ? 

Nun aber kommt der Zettel zu Hilfe. Der betreffende Karton 
wird geöffnet und - — rate, lieber I^eser, was herausgezogen wird : 
ein Pariser Telegramm an das Journal de Geneve, in dem der 
Absender hervorhebt, man dürfe aus dem Nichtbestehen einer 
Militär- Konvention zwischen England und Frankreich, die Grey 
mit Recht abgeleugnet habe, « nicht folgern, dass England und 
Frankreich niemals die Möglichkeit ins Auge gefasst hätten, ihre 
Streitkräfte zu vereinigen. » Was beweist diese unerhebliche 
Meinungsäusserung eines unbekannten Parisers, der an ein 
Schweizerblatt telegraphiert und dessen Kompetenz wir nicht 
kennen, was beweist das zu Gunsten der Schiemannschen Um- 
fälschung der Greyschen Friedens-Chamade in eine Kriegs-Fan- 
fare ? Aber gleichviel, ein Zettel muss heran. In diesem Falle 
allerdings scheint Herr Schiemann sich im Karton vergriffen zu 
haben, denn der Zettel aus dem Journal de Geneve hat mit der 
Greyschen Rede gerade so viel zu tun, wie Herr Schiemann mit 
dem Dienste der Wahrheit. 



Noch ein anderes, geradezu komisches Beispiel der « Anzette- 
lungen » des grossen Geschichtsforschers. Am Schluss seiner 
Verleumderbroschüre (S. 65-67) glaubt er dem Ankläger einen 
tötlichen Schlag zu versetzen, indem er den Brief — man höre und 
staune ! — den Brief eines Engländers an einen Chilenen veröffent- 
licht, der in Santiago de Chile in der dortigen Gazeta militar abge- 
druckt worden sein soll und für den Geschichtsforscher ein « wich- 
tiges Dokument der Zeitgeschichte » bildet. Also wohlgemerkt : 
wir kennen den Briefschreiber nicht, wir wissen nicht, ob er über- 
haupt existiert, wir können auch nicht kontrollieren, ob der Brief 

' Sich? auch Cook, a. a. O. Uebersetzung. S. 22. 
Das Verbrechen II 4 



50 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

in englischer oder spanischer Sprache geschrieben, ob er in der 
Gazeta militar in Cliile wörtlich so erschienen ist, wie der Gescliichts- 
for scher ihn wiedergibt. Wir sind auf die Reproduktion bei 
Schiemann, der sie wiederum der Kölnischen Zeitung entnimmt, 
angewiesen, und mit diesem erschütternden Dokument in der 
Hand ruft er triumphierend dem Ankläger zu : 

Das ist endlich einmal eine Stimme, die sich offen zu den Motiven der 
Männer bekennt, die den Krieg gemacht haben ; nach all der offiziellen 
Heuchelei ein aufrichtiges Wort. Wir empfehlen es dem « A nkläger » zur Läu- 
terung seiner Wertschätzung der uneigennützigen Friedensliebe seiner englischen 
Helden. Er hat jetzt ein Bild der wirklichen Vorgeschichte des Krieges er- 
halten, ein Stück Wahrheit, so weit sie sich heute ergründen lässt. 

Was der angebliche englische Briefschreiber seinem chile- 
nischen Adressaten mitteilt, übergehe ich, weil es mir widerstrebt, 
mich auf das niedrige Niveau eines Geschichtsschreibers zu bege- 
ben, der solchen anonymen Dreck als historisches Dokument und 
sogar als Schluss- Knalleffekt zur Zerschmetterung des Anklägers 
hervorholt. Wie weit muss es mit diesen Verteidigern der deutschen 
Unschuld gekommen sein, wenn sie sich zu solcher Art der Beweis- 
führung erniedrigen 1 Dem chilenischen Volke wird natürlich 
enthüllt, dass englischer Handelsneid den Krieg entfesselt habe, 
dass in Belgien schon früher als in England der Gedanke eines 
Bundes zur Zerschmetterung Deutschlands entstanden sei (das 
druckt Herr Schiemann gesperrt), dass die englischen Fabrikanten 
und Handelsherren die Verwüstung des Kontinents —einschliesslich 
der « industriereichsten Gebiete von Frankreich und Russland » — 
erstreben, denn, je mehr der Kontinent verwüstet wird, « umso 
grösser und positiver werden die Vorteile für England sein ». 

Mit diesem Zettel, Herr Schiemann, haben Sie wirklich den 
Rekord geschlagen und nicht nur den Rekord, auch mich, den 
Ankläger. Ich fühle mich zerschmettert. Nun sind die « Karten 
des professionellen Falschspielers » Grey wirklich aufgedeckt. 
Nun wissen wir authentisch, welche Verbrecher und Schufte die 
Engländer sind. Aus Chile kam uns die Erleuchtung und Ihnen, 
Herr Professor, danken wir das. 



Der stets «enttäuschte» 
Sir Edward Grey. 

Zu den halsbrecherischsten Kunststücken muss Herr Schie- 
mann seine Zuflucht nehmen, um alle den Friedenswillen der 
Ententemächte bekundenden Tatsachen auf den Leisten des 
Kriegskomplotts zu schlagen. Er wendet zu diesem Zwecke ver- 



DER PRÄVENTIVKRIEG 5I 

schiedene Methoden an. Entweder stellt er die offenbar auf die 
Erhaltung des Friedens gerichtete Haltung der Ententemächte 
als nur scheinbar darauf gerichtet hin und begründet sie mit 
irgendwelchen besonderen Interessen oder Situationen, denen 
die betreffende Macht in einem gegebenen Moment Rechnung 
tragen musste. Die Friedenserhaltung ist — von diesem Fälscher- 
standpunkte aus — niemals Selbstzweck, immer nur erzwungene 
Folge eines augenblicklichen Notstandes. Oder — zweite und 
gleichzeitig bequemste Methode Schiemanns — : er unterschlägt 
den Vorgang vollständig. Oder — dritte Methode — : je nachdem 
er an der betreffenden Stelle England oder Frankreich oder Russ- 
land als Führer des Kriegskomplotts hinstellen will, behauptet 
er, dass die beiden anderen aus besonderen Gründen es in dem 
betreffenden Augenblick nicht zum Kriege kommen lassen 
konnten, dass aber der dritte, der Führer und Anstifter, « schwer 
enttäuscht » oder « erbittert » den friedlichen Ausgang der Krise 
mitangesehen habe. 

Diese schwere Enttäuschung und Erbitterung wird auf Schritt 
und Tritt als Gemütszustand der englischen Regierungsmänner, 
besonders Sir Edward Greys, festgestellt. Ein Wunder, dass dieser 
Unglücksmann vor lauter Enttäuschungen sich noch nicht umge- 
bracht hat ! Höre nur, verehrter Leser, welche Unsumme von 
schweren Enttäuschungen Herrn Qi^y allein auf Seite 19 der 
« Verständigungsbroschüre » nachgerechnet werden : 

Es war eine schwere Enttäuschung für die englischen Staatsmänner, dass 
trotz des ungeheuren Lärms der Serben und trotz der entschieden kriege- 
rischen Haltung Russlands Nikolaus II. am 25. März igog die Annexion 
anerkannte. Die Enttäuschung war um so grösser, als kurz vorher, trotz des 
noch schwebenden Casablancakonflikts, auch die marokkanischen Schwierig- 
keiten zwischen Deutschland und Frankreich beigelegt wiurden. Am Tage, 
da König Edward seinen ersten Besuch in Berlin machte, amp. Februar 1909, 
war ein deutsch-französisches Abkommen über Marokko vmterzeichnet und 
Ende Mai auch der Casablancakonflikt diurch Schiedsspruch zu leidUcher 
Zirfriedenheit beider Teile beseitigt worden. 

Also die bosnische Krise von 1908-1909 war durch die Nach- 
giebigkeit Russlands dem österreichischen Rechtsbruch gegenüber 
glücklich beigelegt, das zweite Marokkoabkommen zwischen 
Deutschland und Frankreich glücklich unter Dach und Fach 
gebracht und auch der Casablanca- Konflikt durch Schiedsspruch 
erledigt worden. An der Erreichung dieser Resultate hatte England, 
als Vermittler Russland und Frankreich gegenüber, das Haupt- 
verdienst. Der Frieden Europas war wieder einmal erhalten 
worden. Herr Schiemann aber hat die Kühnheit, von einer «schwe- 
ren Enttäuschung für die englischen Staatsmänner »> zu sprechen 



52 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

und den Satz anzufügen : « Es ist nicht zu viel gesagt, dass König 
Edward, was an ihm lag, getan hat, um zu einem anderen Ausgang 
zu gelangen » (Verständigungsbroschüre, S. 19.) 

Von einem anderen Erbitterungsfall Greys habe ich bereits 
früher gesprochen : er war « erbittert » (Verleumderbroschüre, 
S. 43), dass die Panther-Sendung nicht durch eine französisch- 
englische Flottendemonstration beantwortet wurde, in diesem 
Falle erbittert über den doppelten Widerstand, den er bei der 
französischen Regierung und im eigenen Kabinett fand, — alles 
natürlich freie Erfindungen Schiemanns. 

Die schlimmsten « Enttäuschungen » aber erlitten natürlich 
die englischen Kriegspolitiker Grey, Asquith und Konsorten, als 
der dritte Marokkovertrag vom 4. November 191 1 zustande kam, 
an dem sie selbst bekanntlich in erster lyinie mitgewirkt hatten. 
Die englischen Flottenmassregeln während der monatelangen 
Krisis, die Europa bis an den Rand eines Krieges führte, werden 
natürlich als Ueberfalls absiebten hingestellt. Schon 1905 
— sogar nach dem Sturze Delcasses — « erwog (England) allen 
Ernstes die Frage des C/eöcr/a/^s» (Verständigungsbroschüre, S. 12), 
also drei Jahre vor den Abmachungen von Reval, die, wie Schie- 
mann an anderer Stelle behauptet, erst die Grundlage zu dem 
Ueberfallskomplott legten. Die Verdienste Englands um das 
Zustandekommen des dritten Marokkovertrages werden selbst- 
verständlich in ihr Gegenteil verkehrt. « Es hat nicht an Asquith 
und Grey gelegen, dass der Frieden schliesslich trotz allem erhalten 
blieb » (Verleumderbroschüre, S. 44.) — so heisst es im unmittel- 
baren Anschluss an die Erwähnung des Vertrages. Und ebenso 
wird, um bei dem Leser den aus der Tatsache des Friedens- 
schlusses sich ergebenden Eindruck sofort wieder zu verwischen, 
in demselben Atemzuge von der Erneuerung des englisch- japa- 
nischen Allianz-Vertrages gesprochen, die erfolgt sei « offenbar 
in der Absicht, sich den Verbündeten im Osten auch gegen Deutsch- 
land für den Fall zu sichern, dass der Krieg, auf den die englischen 
Staatsmänner hinarbeiteten, erst nach dem August 19 15 aus- 
brechen oder um diese Zeit noch nicht erledigt sein sollte. » 
(Verleumderbroschüre, S. 43.) 

Wenn man eine Weile — unter Ankämpfung gegen Brech- 
reiz — dieses Schiemannsche Fälschungssystem lesend verfolgt 
hat, so wird man von einer Art Bewunderung für diesen Mann 
erfasst, ähnlich der Anerkennung, die man den berühmten Geld- 
sclirankknackern zollen muss, denen es gelingt, auch die panzer- 
festesten Arnheims zu erbrechen. Die Verbrechergeschicklich- 
keit ist bei beiden dieselbe, nur dass jene schliesslich Gold zu Tage 
fördern, Schicmann aber nur Blech. — 



DER PRÄVENTIVKRIEG 53 

Der Marokko vertrag von 191 i. 

Der Marokkoabschluss von 191 1 ist ihm unbequem. Zunächst 
fälscht er, dass die englischen Staatsmänner, die ihn wesentlich 
mit zustande gebracht, wenn es nach ihnen gegangen wäre, ihn 
verhindert hätten. Diesmal sind also die Engländer, die sonst 
Führer und Anstifter des Verbrecher-Trios sind, die Ueber- 
stimmten. Dann aber, um auch einen Nachweis — ä la Schiemann 

— für seine Behauptung der englischen Gegnerschaft gegen den 
Friedensschluss zu erbringen, bekommt er es fertig, die Prolon- 
gation des englisch- japanischen Vertrages als Kriegsvorberei- 
tungsakt gegen Deutschland hinzustellen, obwohl dieser Vertrag, 
wie jedermann weiss, nur zur Rückendeckung Japans gegen 
Russland geschlossen war. Die Benutzung des japanischen Bünd- 
nisses gegen Deutschlands Besitzungen in Ostasien, die nur eine 
Folge des ausgebrochenen europäischen Krieges war, wird als 
eine bereits im Sommer 1911 vorgefasste Absicht Englands 
hingestellt und diese Erfindung wiederum dazu benutzt, um den 
Nachweis zu führen, dass England im Sommer 1911, als es für die 
Beilegung des deutsch-französischen Konflikts arbeitete, in Wahr- 
heit nicht den europäischen Frieden, sondern den Krieg gegen 
Deutschland erstrebt hat. Welch' Gesicht mag Herr Schiemann 
machen, wenn er solche Fälschungen, die ihm natürlich voll- 
kommen bewusst sind, niederschreibt. Welche Verachtung mag 
in seinen Augen liegen, gegen den deutschen Leser, dem er solche 
Märchen aufzubinden sucht : denn dass in der ganzen übrigen 
Welt niemand an seine Erfindungen glaubt, das weiss er doch 
selber. 

Herr Schiemann wagt es sogar, sich darüber zu entrüsten, 
dass Sir Edward Cook die Behauptung aufstellt, Grossbritannien 
habe das Zustandekommen des französisch-deutschen Marokko- 
vertrages erleichtert. Die Entrüstung, Herr Schiemann, ist auf 
unserer Seite. Cook zitiert mit Recht die bereits oben erwähnte 
Rede Greys vom 27. November 1911 (siehe Cook, S. 22. J'accusc, 
S. 84), in welcher Grey nicht nur die friedenstiftende Tätigkeit 
Englands in der Marokkofrage der Wahrheit entsprechend her- 
vorhebt, sondern auch den dringenden Wunsch Englands nach 
freundschaftlichen Beziehungen zu Deutschland zum Ausdruck 
bringt. Die friedenstiftende Tätigkeit Englands, die allerdings 

— entsprechend dem englisch-französischen Marokkovertrage — 
Frankreich diplomatisch stützte, aber trotzdem nüt allen ]\Iitteln 
den europäischen Krieg zu verhindern suchte, ist eine historische 
Tatsache, die Herr Sclüemann, seiner bewährten Methode folgend, 
durch Zettelproduktion aus der Welt zu schaffen sucht. Im 



54 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Frühjahr 191 1 zeigte eine englische Flottenzeitung die deutsche 
Hochseeflotte als Illustration mit der Unterschrift « The Ennemy ». 
Beweis der Kriegsabsichten der englischen Regierung ! Nach 
Lösung der Krisis wurde den Mitgliedern des englischen Parla- 
ments ein offener Brief von Morel und Hirst überreicht, in dem 
die auswärtige Politik Englands der letzten sieben Jahre einer 
scharfen Kritik unterworfen und gegen irgend welche Allianzen 
oder politische Abkommen protestiert wird, die England zu 
Schritten gegen seine eigenen nationalen Interessen zwingen 
könnten (siehe Verständigungsbroschüre, S. 23. Verleumder- 
broschüre, S. 45). Ist in diesem Anklagebrief oppositioneller 
Politiker auch nur der Schatten des Vorwurfs enthalten, dass die 
englische Regierung absichtlich auf Krieg hintreibe ? Ist nicht 
vielmehr — nach Schiemanns eigenen Zitaten — nur die Gefahr 
hervorgehoben, dass England gegen seinen Willen durch gewisse 
Abkommen mit Kontinentalmächten in Krieg verwickelt werden 
könnte ? Ist der Standpunkt, den Morel und Hirst hier einnehmen, 
nicht genau derselbe, wie der, den sie dem gegenwärtigen Kriege 
gegenüber einnehmen, — der Standpunkt nämlich, dass die 
liberale englische Regierung zwar den Frieden gewollt und für 
ihn gearbeitet habe, dass es aber in der Vergangenheit eine bessere 
Politik für England gewesen wäre, sich von jeder Entente mit 
kontinentalen Mächten fernzuhalten. Wie wenig diese Kritik 
der englischen Politik aus der Vorkriegszeit mit dem gegenwärti- 
gen Kriege zu tun hat, finde ich bestätigt durch folgenden Satz, 
den Morel in einem Artikel vom 13. Februar 1915 im New States- 
man geschrieben hat : 

Den ersten Piuikt, Belgien betreffend, übergehe ich hier, weil, wie ich 
glaube, über die Unvermeidlichkeit eines deutsch-englischen Krieges infolge 
der deutschen Besetzutig Belgiens im Jahre igi4 in unserem Lande es nur eine 
Meinung geben kann. 

Diese Anerkennung der Tatsache, dass Belgien die Ursache 
des deutsch-englischen Krieges gewesen ist und notwendig sein 
musste, wiegt aus dem Munde Morels umso schwerer, als dieser 
im übrigen der englischen auswärtigen Politik ein längeres Sünden- 
register vorhält. Jedenfalls beweist der Schiemannsche Zettel 
nicht das geringste für seine Behauptung, dass die englische 
Regierung dem Marokkoabsclüuss entgegengearbeitet habe, und 
ist — wie die ganze Zettelsammlung — nichts anderes, als Sand 
in die Augen kritikloser Leser. — 

Schluss- Rezept des Gescliichtsforschers : Wenn alle anderen 
Mittel versagen, um die Friedensaktion der Ententemächte in 



DER PRÄVENTIVKRIEG 55 

eine Kriegsvorbereitung umzufälschen, dann bleibt immer noch 
der letzte Ausweg übrig : sie waren noch nicht fertig, ihre militä- 
rischen Vorbereitungen noch nicht abgeschlossen, erst 191 5 etwa 
sollte losgeschlagen und bis dahin musste der deutsche Michel 
über die bösen Absichten seiner Feinde im Unklaren gehalten 
werden. Auf diese Taktik und ihre praktische Anwendung habe 
ich bereits früher liingewiesen. 

Mit diesen vier Mitteln ist Herr Schiemann stets gedeckt. 
Grey und Asquith können tun und lassen, was sie wollen. Ent- 
w^eder ist es überhaupt nicht geschehen oder es ist nicht ernsthaft 
gemeint gewesen und hat nur scheinbar dem Frieden, tatsächhch 
aber eigenen Interessen gedient. Oder aber, es ist das Produkt 
einer augenblicklichen Zwangssituation gewesen. Oder endlich, 
es war auf die Täuschung Deutschlands und auf die sichere 
Vorbereitung des späteren Ueberfalls berechnet. 



Ein nettes Beispiel, wie der Geschichtsprofessor, der mir 
« Unwissenschaftlichkeit meiner Untersuchungsmethode », « Ober- 
flächlichkeit der historischen Kenntnisse », « tendenziöse Zusam- 
menstellung von Bruchstücken von Verhandlungen » etc. vor- 
wirft, — wie dieser mustergültige Historiker mit denselben Tat- 
sachen umspringt, je nach dem Zweck, den er an dieser oder jener 
Stelle mit ihnen verfolgt. Es darf doch wohl als eine historisch 
unbestreitbare Tatsache hingestellt werden, dass die bosnische 
Annexionskrisis durch die Schuld Oesterreichs und des liinter ihm 
stehenden Deutschland aller Wahrscheinlichkeit nach zu einem 
europäischen Kriege geführt hätte, wenn nicht England und 
Frankreich all ihren Einfluss auf ihren Bundes- und Entente- 
genossen Russland aufgeboten und schliesslich die russische 
Regierung — ebenso wie die serbische — zur Anerkennung des 
von Oesterreich geschaffenen Zustandes veranlasst hätten. Die 
Tatsache der gefährlichen europäischen Krisis, die bekannt- 
lich zur österreicliischen und russischen Mobüisation geführt 
und im März 1909 ihren Höhepunkt erreicht hatte, erkennt auch 
Schiemann an. Auch er spricht von « ci?ier diplomatischen Kam- 
pagne, die nahe daran war, in einen europäischen Krieg auszu- 
laufen », von einer « Presskampagne von fast beispielloser Heftig- 
keit », von dem Protest der Ententemächte gegen die Annexion 
und von dem endlichen Nachgeben Russlands und Serbiens, nach- 
dem ein österreichisch-russischer Krieg bereits unvermeidlich 
erschienen sei. (Verleumderbroschüre, S. 30-32. Verständigungs- 
broschüre, S. 19.) Dass Scliiemann auch bei dieser Gelegenheit 



56 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

der englischen Regierung die Absicht unterschiebt, es zum Kriege 
zu treiben, habe ich bereits hervorgehoben. AugenbHckHch kommt 
es mir nur auf die Feststellung an, dass Russland, unterstützt 
von den Ententemächten, gegen die österreichische Annexion 
protestierte, dass von Oesterreich und Russland mobilisiert und 
der europäische Krieg im Anzüge war. 

Diese tatsächliche Feststellung passt nun Herrn Schiemann 
an einer anderen Stelle seiner Verleumderschrift nicht in den 
Kram. Es gefällt ihm nicht, dass ich in meinem Buche die Anne- 
xion von Bosnien und der Herzegowina als eine Herausforderung 
Russlands und Serbiens hinstelle, als eine der vielen systematisch 
durchgeführten Handlungen Oesterreichs, die aus rein egois- 
tischem Interesse beständig den Frieden Europas in Gefahr 
gesetzt und schliesslich diesen entsetzlichen Krieg herbeigeführt 
haben. Was tut also Herr Schiemann ? Er nennt (S. 22 der Ver- 
leumderschrift) den österreichischen Akt von 1908 « die im Ein- 
verständnis und unter vorheriger Billigung Russlands vollzogene 
Annexion von Bosnien und der Herzegowina ». Das übersteigt nun 
doch alles bisher Dagewesene an Ummodelung der Tatsachen, 
je nach dem Zweck der jeweiligen Darstellung. Die schwere euro- 
päische Krisis, die diplomatische Kampagne, die nahe daran 
war, in einen europäischen Krieg auszulaufen (Verleumderbro- 
schüre, S. 31-32), die entschieden kriegerische Haltung Russlands 
(Verständigungsbroschüre, S. 19), — diese gefahrvollen Zustände 
wandeln sich unter den geschickten Händen des historischen 
Taschenspielers zu einer « im Einverständnis und unter vorheriger 
Billigung Russlands vollzogenen Annexion » um, bloss weil dem 
Taschenspieler das eine Mal diese, das andere Mal jene Behaup- 
tung besser in den Kram passt. Ich habe schon in meinem Buche 
das englische Sprichwort zitiert : Wer lügt, muss ein gutes Ge- 
dächtnis haben. Herr Schiemann vergisst bereits auf Seite 31, was 
er auf Seite 22 geschrieben hat. 

Der Venezuela-Streit. 

Das System Schiemanns, durch Heraussuchen von Zetteln je 
nach Bedarf Stimmungen und Strömungen im englischen Volke 
vorzuspiegeln, die ihm in seine jeweilige Beweisführung gerade 
hineinpassen, möchte ich an einem weiteren Beispiel erläutern 
— ein Beispiel, das umso schlagender ist, als ich Scliiemann durch 
Schiemann selber widerlegen kann. In der Verleumderbroschüre 
macht er ein grosses Aufheben davon und wirft mir Unterschla- 
gung wichtiger Tatsachen vor, weil ich aus der Zwischenzeit 
zwischen der ersten und zweiten Haager Konferenz die — 



DER PRÄVENTIVKRIEG 57 

hört, hört ! — die Venezuela- Angelegenheit nicht erwähnt habe 
(1902-1903). 

Nun, ich muss zu meiner Schande gestehen, auch heute noch 
— trotz der Schiemannschen Aufklärungen — habe ich den Zu- 
sammenhang des Venezuela-Streits mit den Bestrebungen der 
Haager Konferenz (Einsetzung eines Schiedsgerichts für Völker- 
streitigkeiten, Beschränkung der Rüstungen u. s. w.) nicht be- 
griffen. Die englische und die deutsche Flotte hatten bekanntlich 
im Winter 1902- 1903 zusammengewirkt, um den Gewaltherrscher 
Venezuelas, Castro, zur Innehaltung seiner internationalen Ver- 
pflichtungen zu zwingen. Dieses Zusammenwirken wurde von 
allen friedensfreundlichen Elementen in beiden Ländern selbst- 
verständlich mit grosser Sympathie aufgenommen und als ein 
günstiges Zeichen für die Zukunft gedeutet. Natürlich gab es und 
gibt es in England wie in Deutschland stets Elemente, die dem 
friedlichen Zusammenarbeiten der \^ölker entgegenstreben und 
in der Verhetzung des überall friedliebenden Volkes gegen andere 
Völker ihr Brot und ihren Vorteil finden. Solche Hetzer- und 
Verschwörerbanden vergiften gewerbsmässig — aus niedrigstem 
Eigen- oder Klasseninteresse — die öffentliche Meinung, sie suchen 
durch unterirdische Kanäle ihr Schmutzwasser zu den massge- 
benden Stellen hinzuleiten und, wenn dann endlich, nach jahre- 
langem Bohren und Hetzen und Agitieren, der Weltbrand losge- 
brochen und das verheerende Feuer alle Völker verzehrt, dann 
stellen sie sich hin, weisen mit dem Finger über die Grenze hinüber 
und rufen : Drüben steht der Brandstifter ! 

Herr Schiemann, der deutsche Deroulede, kennt besser als 
irgend jemand diese Verbrecherkreise in Deutschland. Auf ihn, 
wie auf alle seinesgleichen diesseits und jenseits der deutschen 
Grenzen, passen die Worte, die er am Schluss seiner Verleumder- 
broschüre den angeblich Kriegsschuldigen in England, Frankreich 
und Russland zuruft : 

« Das Blut, das in diesem Kriege vergossen worden ist, 
und aller Jammer, der ihn begleitet hat, schreit um Vergel- 
tung gen Himmel. Sie wird auf die Häupter derjenigen 
zurückfallen, die ihn angestiftet haben. » 

Diese Hoft'nung teile ich. Das ist einer der wenigen Punkte, in 
denen ich mit dem Kreuzzeitungsprofessor übereinstimme. An die 
Laternenpfähle die Schuldigen ! wird hoffentlich der Schlachtruf 
aller Völker nach diesem wahnsinnigen Massenmorde werden. An 
die Laternenpfähle alle Derouledes, die diesseitigen und die jen- 
seitigen ! 



58 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Ich möchte übrigens mit dieser Zusammenstellung des deut- 
schen und des französischen Deroulede nicht missverstanden 
werden. Nicht ich bin es gewesen, sondern ein Franzose, der seinen 
Landsmann, den feurig-begeisterten Patrioten, der allerdings 
in seinem ehrlichen Uebereifer manchen Schaden gestiftet hat, 
mit einem deutschen Geschichtsfälscher in Verbindung brachte, 
der nichts von Ehrlichkeit, nichts von wahrem Patriotismus (ist 
er doch nicht einmal als Deutscher geboren!), nichts von flam- 
mender Begeisterung für eine ideale Sache besitzt, sondern, kalt- 
blütig und kaltlächelnd in seiner Studierstube sitzend, geschicht- 
liche Daten und Tatsachen so lange zurechtrenkt und zurecht- 
knetet, bis sie das höheren Orts gewünschte Bild ergeben. Der 
wahre Deroulede war ein ehrlicher, für eine grosse Sache begeis- 
terter Schwärmer — der falsche ist ein unehrlicher, mit kleinen 
Mitteln niedrige Zwecke verfolgender Geschichtsmacher. Nichts 
haben die beiden Deiouledes miteinander gemein, ausser dem 
Erfolg der Verschärfung der nationalen Gegensätze. Der Franzose 
hat mutig sein Schwert gezogen und in warmherzigen lyiedern 
seine Volksgenossen zur Rückeroberung der verlorenen Provinzen 
aufgerufen. Der Deutsche dagegen hat in seinem Geheimlabora- 
torium gefährliche Gifte erzeugt und heimlich bei Nacht die 
öffentlichen Brunnen damit verseucht. Paul Deroulede hat es 
nicht verdient, einem Theodor Schiemann seinen Namen zu 
leihen. Diese Ehrenerklärung bin ich den Manen des französischen 
Patrioten schuldig 



Aber kommen wir auf Venezuela zurück. Das gemeinschaft- 
liche Friedenswirken Englands und Deutschlands, das — trotz 
des Scheiterns der ersten Haager Konferenz — den Wunsch 
gemeinschaftlichen Zusammenarbeitens auch auf der englischen 
Seite deutlich kundtat, passt Herrn Schiemann nicht in die Kon- 
struktion des Ueberfallskomplotts, das er dem König Edward 

— von Beginn seiner Regierung an (1901) — ■ andichtet. Nach 
Schiemann ist es Tatsache, dass « dem Könige seit Beginn seiner 
Regierung der eine politische Gedanke feststand, die Ausnutzung 
des fortlebenden französischen Revanchegedankens zum Angelpunkt 
der englischen Politik zu machen. » (Verständigungsbroschüre, S. 11.) 

Ausnutzung des Revanchegedankens, Kriegskomplott gegen 
Deutschland und friedliches Zusammenarbeiten in Venezuela 

— das passt offenbar nicht zueinander. Darum schnell ans Werk, 
Prestidigitateur ! 

Hokus, Fokus, eins, zwei, drei ! 
Geschwindigkeit ist keine Hexerei ! 



DER PRÄVENTIVKRIEG 59 

Den Zettelkasten geöffnet, ein Zettelchen hervorgeholt, angeb- 
lich aus der National Review (die Existenz und den Inhalt dieser 
nicht wörtlich zitierten Pressäusserung kann ich nicht kontrol- 
lieren) und unmittelbar an die Tatsache des Zusammenwirkens 
"in Venezuela, gestützt auf die Aeusserung der National Review, 
die Behauptung aufgestellt, dass eine Verschwörergruppe in 
England und Russland die Parole einer Weltallianz gegen 
Deutschland ausgegeben, also die Friedensaktion zu einem Kriegs- 
geschrei benutzt hätte. Auch hier wieder dasselbe System : Ver- 
such der Auslöschung einer historischen Tatsache durch irgend 
einen, nicht einmal kontrollierbaren und nicht einmal wörtlich 
zitierten, Zeitungsausschnitt, der, wenn er wirklich existiert, die 
unmassgebHchen Gedanken einer Hetzerbande, aber weder die 
Gedanken des englischen Volkes noch seiner Regierung wieder- 
spiegelt. 

Im vorliegenden Falle nun — und deshalb verweile ich gerade 
bei diesem Fall — kann man durch Schiemann selbst die Haltlo- 
sigkeit und Verwerflichkeit dieser Methode nachweisen. Während 
er in der Verleumderbroschüre (S. 17) die Konstruktion einer 
Weltallianz gegen Deutschland auf einer Aeusserung der National 
Review aufbaut, zitiert er in der Verständigungsbroschüre (S.^ 11) 
— unvorsichtigerweise, er hält eben seine Leser für noch kritik- 
loser, als sie in Wirklichkeit sind, — eine Rede Balfours, des dama- 
ligen Ministerpräsidenten, vom 13. Februar 1903, in welcher 
dieser mit der grössten Entschiedenheit dem Aufreizen der 
öffentlichen Meinung Englands gegen Deutschland entgegentritt : 

Wir wollen — sagte Balfour nach Schiemanns Zitat — vuis eines alten 
Ideals erinnern, dass nämlich alle die Nationen, die in den vorderen Reihen 
der ZiviHsation stehen, lernen sollten, zusammenzuarbeiten zum Besten der 
Gesamtheit, mid dass nichts der Verwirklichung dieses hohen Ideals mehr im 
Wege steht, als jene nationalen Bitterkeiten, Eifersüchteleien und Feind- 
seligkeiten... Was Venezuela betrifft, so geht das vorüber... aber im Hin- 
bhck auf die Zukimft bin ich voll Unruhe, wenn ich bedenke, wie leicht es 
ist, das Feuer internationaler Eifersucht zu schüren, mid wie schwer es fällt, 
es wieder zu stillen. 

Diese Rede des Ministerpräsidenten, die den Lesern der 
Verleumderbroschüre wohlweislich verschwiegen wird, schlägt 
natürlich die angebhchen Aeusserungen der National Review voll- 
ständig aus dem Felde. Die verantwortliche Regierung, sowohl die 
damalige unionistische wie die heutige liberale, war eben unbedingt 
friedHch gesinnt, erstrebte eine Verständigung mit Deutschland, 
ein Aufhören der ruinösen Flottenkonkurrenz und trat in die En- 
tenteverbindungen nicht zur Herbeiführung eines Krieges, sondern 
zur Erhaltung des Friedens ein, — zur Friedenserhaltung auf dem 



6o VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

damals noch für aussichtsvoll gehaltenen Wege des europäischen 
Gleichgewichts. 

Wie findet sich nun der historische Taschenspieler aus der 
Schwierigkeit heraus, die von ihm selbst zitierten Worte des engli- 
schen Ministerpräsidenten mit seiner Grundthese « Kriegskom- 
plott gegen Deutschland » in Einklang zu bringen ? Nichts leichter 
als das. Der Zauberkünstler arbeitet auch hier mit doppeltem 
Boden. Balfour brachte die Ansichten der englischen Regierung 
zum Ausdruck, die National Review aber und ihre journalistischen 
Genossen die « seelischen Stimmungen, die, wie man in diesen 
journalistischen Kreisen wohl wusste, in König Edward lebendig 
waren. » (Verständigungsbroschüre, S. lo.) Man sieht, der « neue 
preussische » Geschichtsforscher (baltisch-russischen Ursprungs) 
kommt nie in Verlegenheit. Die Hetzer agitieren gegen Deutsch- 
land. Der Chef des Kabinetts tritt ihnen mit grösster Entschie- 
denheit entgegen, aber — der König steht insgeheim hinter den 
Hetzern — gegen sein eigenes Ministerium ! — und so ist wiederum 
das gewünschte Bild des königlich-englischen Kriegskomplotts 
gegen Deutschland gezeichnet. Besonders bemerkenswert ist noch 
bei diesem Taschenspielerkunststück, dass sonst immer, wo es 
den Schiemännern passt, der König Edward in höchst-eigener 
Person als der Anstifter und Anführer der teuflischen Einkreisungs- 
und Kriegspolitik und die Minister nur als seine ausführenden 
Organe hingestellt werden. Hier aber beim Venezuela-Fall, wo 
der Minister sich unzweideutig gegen die Hetzer wendet, muss man 
einen Zwiespalt zwischen dem sonst allein Richtung gebenden 
Königswillen und seinem Ministerium konstruieren — eigens zu 
dem Zwecke, auch die venezuelanische Friedensaktion in einen 
Faktor der Kriegsvorbereitung umzuwandeln. 

Italiens Rolle im Weltkriege. 

Bei seinen aussichtslosen Versuchen, meine «Vorgeschichte des 
Verbrechens » zu widerlegen, geht Herr Schiemann natürlich auf 
die von mir behandelten Punkte, die sich in allem Wesentlichen 
auf historisch feststehende Tatsachen und Dokumente stützen, 
so gut wie gar nicht ein, — - worauf ich in einem ferneren Ab- 
schnitt noch zurückkommen werde. Dagegen sucht er, um abzu- 
lenken, die ganze Weltgeschichte, alles, was sich irgendwo auf dem 
Erdkreise, in Japan, Südamerika oder sonstw^o zugetragen hat 
und nicht im geringsten Zusammenhang mit meinem Nachweis 
steht, dass Deutschland und Oesterreich in erster lyinie an dem 
gespannten Zustand Europas die Schuld tragen, — alle möglichen 
fernabliegenden Vorgänge sucht er heranzuziehen, um dann diese 



DER PRÄVENTIVKRIEG 6l 

Zusammenstellung unerheblicher oder unerwiesener Tatsachen 
mit dem stolzen Wort zu schliessen : 

Ich denke, diese Tatsachen werden genügen, um eine Seite der n Vor- 
geschichte des Verbrechens » klarzustellen, von der der « Ankläger », der die 
a Wahrheit » zu kennen beansprucht, offenbar gar nichts gewusst hat. (Ver- 
leumderbroschüre, S. 21/22.) 

So dient dem Geschichtsforscher als Beweis des Kriegskom- 
plotts auch die französisch-italienische Intrige, wie er die Bezie- 
hungen Frankreichs und seiner Ententegenossen zu Italien vom 
Jahre 1902 bis zum Eintritt Italiens in den Krieg bezeichnet. Ich 
möchte bei dieser Gelegenheit betonen, dass ich die Stellung- 
nahme Italiens bis zur Neutralitätserklärung als durchaus korrekt 
und loyal, nicht nur den italienischen Interessen, sondern auch 
der politischen Treue und Ehrlichkeit entsprechend — die für 
mich « kein leerer Wahn » sind — ansehe. An dem Urteil, wie ich 
es in meinem Buche gefällt habe, habe ich nichts zurückzunehmen. 
Dagegen nehme ich keinen Anstand, das spätere Verhalten des 
Ministeriums Salandra während seiner Verhandlungen mit Oester- 
reich und Deutschland, das Markten und Feüschen nach beiden 
Seiten hin und den schliesslichen Entschluss zum Kriege gegen 
die bisherigen Bundesgenossen ebenso zu verurteilen, wie es der 
hervorragendste Staatsmann Italiens, Giolitti, verurteilt hat. 
Das berühmte « parecchio » des klugen Piemontesen (« Was 
Oesterreich uns bietet, ist doch immerhin einiges ») und seine 
daraus gezogene Konsequenz, dass man den Spatz in der Hand 
der Taube auf dem Dache vorziehen sollte, halte ich noch heute 
— sogar heute, nach zweijährigem österreichisch-italienischem 
Kampfe, mehr denn je — für das klügste Wort, das gesprochen, 
für den klügsten Rat, der dem italienischen Volke erteilt werden 
konnte. Ich bin nicht sicher, ob nicht heute König, Regierung 
und Volk in Italien glücklich wären, wenn sie im Mai 1915 die 
Kompensationen für ihr Neutralbleiben angenommen hätten, die 
sie damals, ohne jedes Opfer an Gut und Blut, erhalten konnten, 
aber als unzureichend zurückgewiesen haben. Vielleicht ist der 
Augenblick nicht mehr fern, wo der Mann, den man bei Ausbruch 
des Krieges — wie so viele wahre Vaterlandsfreunde in anderen 
Ländern — als Vaterlandsverräter bespien und gebrandmarkt hat, 
als Vaterlandsretter zurückkehren und Italien — und damit Eu- 
ropa — den Frieden wiedergeben wird. 

Wie dem aber auch sei, in keinem Falle haben diejenigen, die 
den Italienern ihren militärischen Beitritt zur Entente als Ver- 
brechen anrechnen, ein Recht dazu, solchen Vorwurf zu erheben. 
Der Beitritt Italiens ist eine Folge des europäischen Krieges, wie 



62 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

der Beitritt anderer Mächte auch, der Türkei, Bulgariens, Rumä- 
niens. Alle diese Beitrittserklärungen, nach der einen oder anderen 
Seite hin, haben nichts mit dem Ursprung des Krieges zu tun, son- 
dern sind durch besondere nationale Aspirationen veranlasst 
worden, die den europäischen Wettersturz als günstige Gelegen- 
heit benutzten, um langersehnte Beutestücke aus der allgemeinen 
Sintflut herauszufischen. Wäre der Krieg nicht von Deutschland 
imd Oesterreich herbeigeführt worden, so wären diese besonderen 
Beutezüge unmöglich gewesen. Die grossen Urheber des Krieges 
haben also kein Recht, den kleinen Nutzniessern v.'egen ihres Ver- 
haltens Vorwürfe zu machen. 



Dies zur Klarlegung meines Standpunktes dem Verhalten 
Italiens gegenüber. Nun aber zurück zu Schiemann und seiner 
Fälschungsmethode. Nach seiner Darstellung hat sich Italien 
bereits 1902 an Frankreich und 1909 in Racconigi an Russland 
verkauft. Scliiemann behauptet wie immer, ganz genau den Inhalt 
der italienisch-französischen und italienisch-russischen Abmach- 
ungen zu kennen, die selbstverständlich — wie alles, was Schie- 
mann vorbringt, — ihre Spitze gegen Deutschland und Oesterreich 
richteten. Den Beweis für den Beitritc Italiens zu dem Komplott 
findet er, obwohl er selbst zugeben muss, dass die Vereinbarungen 
Italiens mit Frankreich streng geheim gehalten wurden, darin, 
« dass die nach Tripolitanien geschickten Truppen nicht von der 
neutralen schweizerischen oder von der österreichischen, sondern 
von der französischen Grenze genommen wurden, die Italien ganz 
von Truppen entblösste. »(Verleumderbroschüre, S. 19.) 

Auch dies ein beliebter Trick des Taschenspielers. Wenn er 
diplomatische Vereinbarungen beweisen will und ihm seine Zettel- 
sammlung nicht die entsprechenden Dienste leistet, dann führt er 
militärische Massregeln als Beweismittel ins Feld : z. B, englische 
Flottenmanöver in der Nord- und Ostsee, französische Truppen- 
raanöver an der Ostgrenze, russische an der Westgrenze. Alles das 
soll Kriegsabsichten gegen Deutschland beweisen. Als ob die Fran- 
zosen nach dem Atlantischen Ozean, Russland nach Kamschatka, 
England nach Island hin Manöver veranstalten könnten ! Als ob 
nicht auch Deutschland seine Manöverterrains an der Ost- oder 
Westgrenze, nach Russland oder Frankreich, nicht aber nach 
Oesterreich oder nach der Schweiz hin, wählte ! An vielen Stellen 
seiner Kriegsbroschüren operiert Schiemann — für seine gläubigen 
Ivcser scheinbar mit Erfolg — mit solchem Hinweis auf Manöver 



DER PRÄVENTIVKRIEG 63 

als Bestätigung von Kriegsabsichten. Am Schluss der Verständi- 
gungsbroschüre z. B. heisst es : 

Die Heuchelei, mit der die Intrige geführt worden ist, steht beispiellos 
da. Die Palme gebührt wohl dem Freimdschaftsbesuch des enghschen Ge- 
schwaders in Kiel unter Führimg des Admirals Beatty. Es hat zwei Tage 
nach der Ermordimg des Erzherzogs durch den Kaiser- Wilhehnkanal seine 
Heimfahrt angetreten, um sich jener Konzentration der gesamten enghschen 
Flotte anzuschhessen, die kampfbereit vor vSpithead lag. 

Also die Rückkehr des englischen Geschwaders aus Kiel am 
30. Juni 19 14 und seine Vereinigung mit der übrigen Flotte zu den 
grossen Seemanövern — 23 Tage, ehe das österreichische Ulti- 
matum an Serbien gestellt und damit die europäische Kriegs- 
gefahr heraufbeschworen wurde, — diese Rückfahrt englischer 
Schiffe nach ihrer Heimat und die Veranstaltung grosser See- 
manöver — nicht einmal an den deutschen Nord- oder Ostsee- 
küsten, was sonst als so gravierend hingestellt wird, — dieser 
durchaus inoffensive Vorgang verdient nach Schiemann die Palme 
der Heuchelei und zieht der englischen Manöverflotte sofort den 
Verdacht zu, dass sie « kampfbereit vor Spithead lag » ! ! 

Zu welchen Resultaten dieses geradezu idiotische System der 
Umfälschung von Manövervorgängen in Kriegsabsichten führen 
muss, das zu erkennen scheint der deutsche Patriot Schiemann 
seine deutschen I,eser nicht für fähig zu halten. Alles, was er je 
und irgendwo aus Land- oder Seemanövern der Ententemächte 
deduziert, lässt sich mit derselben Logik auf. die Dreibunds- 
mächte anwenden : auch sie haben jedes Jahr zu Wasser und zu 
Lande manövriert ; auch sie haben selbstverständlich immer nur 
nach den Seiten hin manövriert, wo ein möglicher Krieg statt- 
finden könnte. Dass die deutschen Manöver nach der taktischen 
Grundregel der deutschen Militärwissenschaft : « Die beste Ver- 
teidigung ist der Hieb » — , stets offensiv, nicht defensiv waren, 
dass sie überhaupt nach Osten, Westen oder Norden, also nach 
der Seite der Ententemächte stattfanden, müsste — nach Schie- 
manns Logik — für die englischen, französischen und russischen 
Schiemänner den unwiderleglichen Beweis erbringen, dass Deutsch- 
land seit 45 Jahren nichts anderes als den Offensivkrieg gegen 
die Ententemächte \-orbereitet hat. Aber all das geniert den 
grossen Geist Schiemanns und scheinbar auch seine Leser nicht. 
Die Logik ist bei der allgemeinen Preissteigerung in Deutschland 
offenbar ein Gegenstand geworden, der für diese Leute uner- 
schwinglich ist. 

Kein Wunder, dass auch bei der Konstruktion der französisch- 



64 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

italienischen Intrige, für die man andere Beweise nicht hatte, 
italienische Militärmassregeln zu Hilfe genommen wurden. Weil 
Italien seine Truppen für Tripolis von der französischen, nicht 
aber von der schweizerischen oder österreichischen Grenze ent- 
nahm, deshalb ist für Schiemann der Abschluss des italienisch- 
französischen Komplotts gegen die Kaisermächte bereits für das 
Jahr 191 1 bewiesen. Von Frankreich war nichts zu befürchten — 
Frankreich war bereits « geheimer Bundesgenosse » Italiens 
geworden — , von Oesterreich aber alles, obwohl Italien mit 
Oesterreich im Dreibund vereinigt war, und der Dreibunds- 
vertrag im folgenden Jahre (1912) noch vor seinem Ablauf unver- 
ändert erneuert wurde. Was aber war von der Schweiz zu fürchten? 
Wenn die Belassung der Grenztruppen nach der österreichischen 
Seite ein Zeichen für den bereits vorhandenen Zwiespalt zwischen 
Oesterreich und Italien war, war etwa das Belassen der Truppen 
an der Schweizergrenze auch das Zeichen eines Zwiespalts oder 
gar eines Angriffskomplotts Italiens und der Ententemächte 
gegen die Schweiz ? Ja, ja, die Logik ! Sie sind ein erbitterter 
Feind der Wahrheit, Herr Schiemann. Aber Sie bekämpfen sie ohne 
Verstand und lyOgik und lassen sich nur allzu oft in Ihrem eigenen 
Netze fangen 

Aber es kommt noch besser : 

In den Kreisen des Dreiverbandes zog man mit Recht daraus (aus der 
Entblössvmg der italienisch-französischen Grenze) den Schluss, dass es sich 
nvmmehr darum handeki musste, Italien für ein aktives Zusammengehen mit 
den Gegnern Deutschlands und Oesterreichs zu gewinnen. (Verleumderschrift, 
S. 19.) 

Also die Truppenentblössung an der französischen Grenze — 
und zwar ausschliesslich an dieser — , die Schiemann behauptet, 
ohne den Schatten eines Beweises dafür zu erbringen, und die, wenn 
erfolgt, aus allen möglichen strategischen, nicht politischen Grün- 
den geschehen sein kann, — • diese unerhebliche und unerwiesene 
Tatsache war für die Ententemächte das Signal, das arme Italien 
nun vollends zu umgarnen und auf ihre Seite gegen die Kaiser- 
mächte zu ziehen. Schiemann braucht und benützt dieses Moment, 
um auch an diesem Beispiel wiederum die teuflischen, jahrelang 
betriebenen Kriegsvorbereitungen der Ententemächte darzutun. 

Bei dieser willkürlich ersonneuen Konstruktion ist ihm in- 
dessen ein Umstand sehr unbequem, den er zu seinem Leidwesen 
nicht wegeskamotieren kann, die Erneuerung des Dreihundes. Was 
tut er also ? Er konstruiert ein weiteres Komplott, bei dem <( wie 
es scheint, Iswolski direkten oder indirekten Anteil hatte » (ohne 
Iswolski, Delcasse oder Grey geht es nun einmal nicht ab), bei 



DER PRÄVENTIVKRIEG 65 

dem man beschloss, nicht mehr auf den Austritt Italiens aus dem 
Dreibund hinzuarbeiten, sondern vorzog, « das jetzige Verhältnis, 
in dem Italien tatsächlich die Politik der anderen paralysierte, » als 
vorteilhafter bestehen zu lassen. Also bereits im Jahre 1911-1912 
— gleichzeitig mit der formellen Erneuerung des Dreibundes — 
eine Art Geheimvertrag Italiens mit den Ententemächten, wonach 
ersteres nur scheinbar im Dreibund verbleiben, tatsächlich aber 
den Interessen der Ententemächte dienstbar werden sollte. Ist 
eine ähnliche Geschichtsfälschung je dagewesen ? Ist es nicht 
eine notorische Tatsache, dass Italien nur unter dem Schutz und 
unter der Rückendeckung seiner Dreibundsgenossen seinen tripo- 
htanischen Feldzug mit Erfolg durchführen konnte ? Ist es nicht 
bekannt, dass gerade die Politik Englands und Frankreichs, von 
denen ersteres für Aegj^pten, letzteres für Tunis fürchtete, den 
Italienern bei ihrem libyschen Feldzug alle möglichen Schwierig- 
keiten in den Weg legte ? Erinnert man sich nicht der recht 
gefährlichen Konflikte, die zwischen Frankreich und Italien wegen 
gewisser Schiffsereignisse auf dem mittelländischen Meere aus- 
brachen und ohne den Rückhalt der Kaisermächte vielleicht 
bedenkliche Folgen nach sich gezogen hätten ? Erinnert man sich 
nicht der französischen Besetzung des Hinterlandes von Tripolis, 
der englischen Ansprüche auf gewisse Grenzgebiete zwischen 
Aegypten und Cyrenaika ? Nur dem bestehenden Dreibund hatte 
Italien den Erfolg seines afrikanischen Raubzuges zu verdanken. 
Herr Schiemann unterschlägt alles, was seiner Behauptung 
eines bereits seit 1902 existierenden italienisch-französischen 
sov/ie eines allgemeinen europäischen Kriegskomplotts gegen 
Deutschland und Oesterreich widerspricht. Die Giolittischen Ent- 
hüllungen z. B., die einen wesentlichen entscheidenden Teil meiner 
Vorgeschichte des Verbrechens darstellen, schweigt er tot ^. Diese 
aber sind — zum Unterschied von der Zettelkrämerei des Ge- 
schichtsprofessors — dokumentarisch erwiesen, nach Datum und 
Wortlaut, sind nie und nirgends von Oesterreich oder Deutsch- 
land bestritten worden und beweisen unwiderleglich, dass Oester- 
reich bereits im Sommer 1913 den Ueberfallskrieg gegen Serbien 
geplant hat, den es dann im Sommer 1914 zur Ausführung brachte. 
Die Enthüllungen Giolittis beweisen aber auch für den hier erör- 
terten Punkt — das angeblich jahrelang bestehende Geheim- 
abkommen zwischen Italien und der Entente — , dass ein solches 
Geheimabkommen ausgeschlossen ist : denn hätte es bestanden, 
so hätte es der österreicliischen und deutschen Diplomatie nicht 
bis zum Sommer 1913 verborgen bleiben können und Oesterreich 
würde sich wohl gehütet haben, vor der Ausführung seiner Ueber- 

' Siehe J'accuse, S. 103. 
Das Verbrechen II , 5 



66 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

fallsabsicliten gegen Serbien Italien um seinen eventuellen Beistand 
in einem etwa ausbrechenden europäischen Kriege zu befragen. 
Dass Italien später, im Laufe des gegenwärtigen Krieges, in 
einem gegebenen Moment mit den Ententemächten Verhand- 
lungen begonnen hat und schliesslich auf ihre Seite getreten ist, 
ist eine andere Frage, über die ich bereits mein Urteil abgegeben 
habe. Aber das ist ein Schritt, der nach Ausbruch des europäischen 
Krieges erfolgt ist. Die Schiemannsche Konstruktion dagegen 
eines lange Jahre vor dem Kriege zwischen Italien und den Enten- 
temächten bestehenden Komplotts, das ihm — neben seinen 
anderen haltlosen Schuldbeweisen — als Beleg für die Kriegs- 
absichten des Dreiverbandes dienen soll, — diese Konstruktion 
schwebt vollständig in der Luft und widerstreitet allen fest- 
stehenden historischen Tatsachen. — 

Einen niedlichen lapsus lässt sich Schiemann bei dieser Gele- 
genheit zuschulden kommen. Er wirft der italienischen Regierung 
schon für die damalige Zeit (1911-1912) « ein non plus ultra an 
Perfidie » vor und findet diese Perfidie besonders darin, dass die 
italienischen Diplomaten auf vertrautestem Konfidenzfusse mit 
ihren Ententefreunden standen, daneben aber « duldeten, dass 
gleichzeitig der italienische Generalstab mit dem unsrigen militä- 
rische Massnahmen für den Fall eines Krieges beratschlagte. » 
(Verleumderbroschüre, S. 20.) Also auch der italienische General- 
stab, nicht nur der österreichische, mit anderen Worten der ganze 
Dreibund hat noch im Jahre 1912, also sicher auch in allen voran- 
gegangenen Jahren, militärische Massnahmen für den Fall eines 
Krieges beratschlagt ! Was haben die englischen, russischen und 
französischen General- und Marinestäbe anderes getan ? Haben sie 
nicht auch militärische Massnahmen für den Fall eines Krieges 
beratschlagt ? Weshalb war das, was sie ins Auge gefasst hatten, 
auf ihrer Seite ein Offensivkrieg, während es auf Seite des Drei- 
bundes nur ein Defensivkrieg war ? 

So schlägt Herr Schiemann sich selber. So sehen die « erdrük- 
kenden Beweise » aus, mit denen er den Ankläger totzuschlagen 
sucht. Wenn ich diese lächerliche Art der Beweisführung mit 
Zetteln, mit willkürlichen Konstruktionen und Insinuationen,, 
mit der Interpretation gleichartiger Vorgänge in diesem oder 
jenem Sinne, je nach der Partei, von der sie ausgehen, u. s. w. im 
einzelnen weiter verfolgen wollte, müsste ich Bände schreiben. 
Diese Mühe sind die hqlt- und gehaltlosen Schiemannschen Hetz- 
broschüren nicht wert. Immerhin lohnt es sich, die Methode dieser 
Herren einmal festzunageln, um dem deutschen Volke den Beweis 
zu erbringen, mit welchen Mitteln und mit welcher Bösgläubigkeit 
— denn Schiemann selbst glaubt nicht ein Wort seiner Bezichti- 



DER PRÄVENTIVKRIEG 67 

gungen — man es täuscht, verhetzt und, gleichviel wie der Krieg 
endigt, ins Unglück führt. Wenn ich hier den Machenschaften des 
Geschichtsprofessors Schiemann im einzelnen nachgehe, so trifft 
mein Urteil in gleicher Schärfe auch den anderen Geschichts- 
professor, Herrn Hans F. Helmolt, dessen Buch « Die geheime Vor- 
geschichte des Weltkrieges » von ebenso viel Verdrehungen der 
Wahrheit strotzt wie die Kriegsbroschüren seines Kollegen Schie- 
mann. Den Nachweis muss ich mir für eine andere Gelegenheit 
vorbehalten. Der « Treppenwitz der Weltgeschichte » will, dass Herr 
Helmolt ein Buch unter diesem Titel herausgegeben hat — ein Buch, 
das sich in seinem Untertitel als Sammlung « Geschichtlicher Irr- 
tümer, Entstellungen und Erfindungen)} bezeichnet. Das Buch ist von 
W. I/. Hertslet geschrieben und in achter Auflage von Herrn Pro- 
fessor Helmolt bearbeitet und herausgegeben worden. Ich hoffe, 
dass die neunte Auflage erheblich vermehrt und um die « Entstel- 
lungen und Erfindungen » der Herren Helmolt und Schiemann 
bereichert werden wird. 



Lügen haben «kurze Beine». 

Ueberall kann man feststellen, wie die Lügen Schiemanns 
kurze Beine haben. Im Sommer 1908 auf der Reede von Reval 
ist angeblich das Kriegskomplott geschmiedet worden. Trotzdem 
erfolgt im Frühjahr 1909 der Rückzug Russlands in der bosni- 
schen Annexionskrise ; im Sommer 1909 treffen sich, wie Schie- 
mann selbst erzählt, der Zar und Kaiser Wühelm, und damals 
ausgetauschte Tischreden « Hessen den Schluss zu, dass Russland 
sich weder zum Bundesgenossen der französischen Revanche noch 
der englischen Panikpolitik hergehen werde. » (Verleumderschrift, 

S. 33.) 

Iswolski wird von seinem Posten als Minister des Auswärtigen 
abgesetzt und Sazonow an seine Stelle berufen (Herbst 191 0) ; 
englische und russische Journalisten weisen auf die Gefahren der 
europäischen Spannung hin und predigen Versöhnung ; von Frank- 
reich aus schreiben dortige politische Freunde dem Herrn Pro- 
fessor, « dass die öffentliche Meinung des Landes den Frieden 
erhalten wolle und entschlossen sei, nicht mit England zu gehen. » 
(Verleumderschrift, S. 35.) Kaiser Wühelm, der in den besten 
persönlichen Beziehungen zu dem neuen englischen König Georg V. 
steht, kommt zur Beerdigung Edwards VII. nach London, der 
Zar kommt mit Sazonow nach Potsdam. Alles Tatsachen, die 
Schiemann selber (Verleumderbroschüre, S. 34-36) ausführlich 
erzählt, wobei er aber vollständig vergisst, dass er einige Seiten 
vorher das Kriegskomplott an die Wand gemalt hat und einige 



68 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Seiten später es wieder auf der Bildfläche erscheinen lässt. Um 
all diese Widersprüche zu lösen, wird von « widerspruchsvollen 
politischen Strömungen » in England, Frankreich und Russland 
gesprochen, gelegentlich von der Unselbständigkeit der Herrscher 
gegenüber ihren kriegslüsternen Regierungen — kurz, es wird, um 
den roten Faden des Kriegskomplotts weiter spinnen zu können, 
mit den historischen Tatsachen Fangball gespielt und alles den 
Konstruktionsbedürfnissen des Geschichtsklitterers angepasst. 

Die deutsch-englischen Ver- 
ständigungsverhandlungen 
im lyichte Schie mannscher 
Geschichtsforschung. 
Desgleichen der Agadirfall. 

In der ersten Hälfte des Jahres 19 ii war Kaiser Wilhelm zur 
Enthüllung des Denkmals der Königin Viktoria nach London 
gekommen und von der Bevölkerung mit Begeisterung aufge- 
nommen worden. Kurz nachher wohnte der deutsche Kronprinz 
der Krönung des Königs Georg bei und erhielt ebenfalls einen 
äusserst sympathischen Empfang. In derselben Zeitperiode fanden 
zwischen den beiden Regierungen die ausserordentlich wichtigen 
Verhandlungen über eine politische Verständigujtg und gleichzeitige 
Rüstungsbeschränkung zur See statt, die ich bereits in J'accuse 
(S. 83-85) behandelt habe und auf die ich in einem besonderen 
Kapitel ausführlich zurückkommen werde. 

Diese Verhandlungen spiegelten sich auch in den Parlaments- 
sitzungen beider Länder wieder. Ich verweise hier nur auf die 
Reichstagssitzungen vom 23. Februar und 30. März 1 911, in denen 
dem Reichskanzler Herrn von Bethmann — nicht bloss von oppo- 
sitioneller Seite — heftige Vorwürfe über sein kühles Verhalten 
den englischen Vorschlägen gegenüber gemacht und in einer 
ziemlich scharf gehaltenen Resolution das Ersuchen an die Re- 
gierung gerichtet wurde, in Verhandlungen über gleichzeitige 
und gleichmässige Rüstungsbegrenzung mit anderen Gross- 
mächten einzutreten. Auch auf die denkwürdige Rede Greys 
vom 12. März 1911 will ich an dieser Stelle liinweisen, in der er 
das Niveau des damaligen englischen Flottenbudgets als die 
« Hochwassermarke » bezeichnete und den « Zusammenbruch der 
Kultivr » voraussagte, falls es nicht gelinge, die Zunahme der 
Rüstungsausgaben zu beschränken und mit Deutscliland zu 
einem Abkommen zu gelangen. Mit diesen Friedensworten und 
-Vorschlägen Greys vergleiche man die Antwort des Reichs- 
kanzlers von Bethmann Hollweg in der Reichstagssitzung vom 



DER PRÄVENTIVKRIEG 69 

30. März 1911, die nur das elende abgedroscliene Gegenargument 
wiederliolte, dass man die geheime Ueberschreitung der verein- 
barten Rüstungsgrenzen auf der Gegenseite nicht kontrollieren 
könne (obwohl doch, wie jedermann weiss, dem so wunderbar 
organisierten Spionagedienst aller lyänder, Deutschland an der 
Spitze, nicht ein Gamaschenknopf auf der Gegenseite verborgen 
bleibt), dass somit die Frage allgemeiner Abrüstung « unlösbar 
sei, solange Menschen Menschen und Staaten Staaten sind ». 
Wobei der Herr Reichskanzler wiederum — nach der altbewährten 
Taktik der preussischen Gegner gegen jede Rüstungsvereinbarung 
— in bewusster Verdrehung das Schreckgespenst der allgemeinen 
Abrüstung vorführte, obwohl es sich in Wirklichkeit bei den dama- 
ligen englischen und allen ähnlichen Vorschlägen keineswegs um 
eine allgemeine Abrüstung, sondern zunächst nur um einen 
Rüstungs stillstand auf der Basis des Status quo und erst eventuell 
um eine spätere gleichmässige Verminderung der Rüstungen 
handelte. 

Auf diese Fragen werde ich — wie gesagt — in einem beson- 
deren, den deutsch-englischen Verhandlungen gewidmeten Kapitel 
noch näher eingehen. Augenblicklich, bei der Abfertigung des 
deutschen Deroulede, kommt es mir nur darauf an, auch hier 
seine Unterschlagungs- und Fälschungstaktik an den Pranger 
zu stellen. Von all diesen epochemachenden Verhandlungen von 
Regierung zu Regierung in der ersten Hälfte des Jahres 1911, 
von deren Rückwirkung auf die parlamentarischen Verhandlun- 
gen, von den Friedensäusserungen Greys und der kühlen Zurück- 
weisung des Reichskanzlers erwähnt Schiemann nicht ein Wort. 
Von der Haidaneschen Mission spricht er nur ganz nebenbei. 
Zur näheren Belehrung des Anklägers verweist er auf seine Ver- 
ständigungsbroschüre. Auch in dieser Broschüre aber (S. 22-23) 
suche ich vergeblich etwas über die wichtigen Vorgänge von 191 1. 
Schiemann erwähnt zwar die Rede Asquiths vom Juli 1910, auch 
die Bethmannsche Antwort darauf vom Dezember 1910, ohne 
natürlich den für die deutsche Regierung belastenden, für die 
englische aber entlastenden Inhalt näher anzuführen. Von den 
Reden und Verhandlungen aus der ersten Hälfte des Jahres 1911 
bis zum Eintritt des Agadirfalles erwähnt er aber nichts, unter- 
schlägt auch den Kronprinzenbesuch (obwohl er doch sonst auf 
Fürstenbesuche so enormen Wert legt) und knüpft statt dessen 
an den Kaiserbesuch sofort eine unkontrollierbare Bemerkung 
an, die wörtlich folgendermassen lautet : 

Gleich nach seiner (des Kaisers) Abreise wurde die Kampagne \\-ieder 
aufgenommen, und schon wälirend Kaiser Wilhelms Aufenthalt in London 
hatte Grey unserem Botschafter Metternich erklärt, dass die z\\nschen Eng- 



70 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

land und Frankreich getroffenen Vereinbarungen England die Pflicht aufer- 
legten, Frankreich selbst dann zu vmterstützen, wenn der Aufenthalt in Fez 
von langer Dauer sein sollte ; was nicht anders zu verstehen war, als dass 

England den Franzosen das R cht -'■-p;-nr'-, Marokko allmählich zu annek- 
iieren, und entschlossen sei, sie dabei nnt Waffengewalt zu unterstützen. (Ver- 
levunderbroschüre, S. 41.) 

Ob und in welcher Form Grey diese Bemerkungen zu Metter- 
nich gemacht hat, kann ich nicht feststellen, da Schiemann die 
Quellenangabe unterlässt. Bei der absoluten Unglaubwürdigkeit 
des Geschichtsforschers sage ich ihm auf den Kopf zu, dass eine 
Aeusserung Greys in dem Sinne, England spreche den Franzosen 
das Recht zur Annektierung Marokkos zu und würde sie hierbei 
mit Waffengewalt unterstützen, nicht gefallen ist und nicht 
gefallen sein kann. Bringen Sie Beweise, Herr Schiemann. Ohne 
Beweise glaube ich Ihnen nichts. Ihre eigene Erzählung, dass die 
englische Regierung sogar eine englisch-französische Flotten- 
demonstration gegen die Panthersendung abgelehnt hat, vor allem 
aber die Tatsache der englischen erfolggekrönten Einigungs- 
bemühungen beweisen, dass ein so vorsichtiger Diplomat wie 
Grey unmöglich — und noch dazu während der Anwesenheit des 
Kaisers — eine solche brutale Kriegsdrohung ausgesprochen 
haben kann. Die haben Sie erfunden, Herr Professor, wie fast 
alles andere ähnliche, um an jedes friedensfördernde und frie- 
densverheissende Ereignis den Teufelsschwanz Ihres erdichteten 
Kriegskomplotts anzuhängen. — 



Auch die ferneren Bemerkungen, die Schiemann an die Erzäh- 
lung vom Kaiserbesuch und der Panther-Sendung anknüpft, sind 
ausserordentlich charakteristisch für seine Methode : 

Unserem Generalstab gingen von seinen Agenten Nachrichten zu, die 
den Ernst der Lage kennzeichneten. Sie wiesen auf die A bsicht Englands hin, 
im Kriegsfall Belgien oder Kopenhagen zu besetzen. So meldete unser Mili- 
tärattache in Bern auf Grund absolut zuverlässiger Nachrichten, dass die 
Landimg enghscher Truppen in Belgien im Laufe des Sommers mimittelbar 
bevorgestanden habe. Auch das war in höchstem Grade verdächtig, dass 
damals die französischen Generalstabsreisen und die Manöver der 3., 4. 
imd 5, Kavalleriedivision ausschlicsshch an der belgischen Grenze statt- 
fanden. (Siehe Verleumderbroschüre, S. 42.) 

Also : 

I. Unsere Generalstabsagenten wiesen auf Englands Absicht 
hin, Belgien oder Kopenhagen zu besetzen. Unser Militärattache 



DER PRÄVENTIVKRIEG 7I 

in Bern — ausgerechnet Bern ! vermutlich wegen der geogra- 
phischen Nähe zu Brüssel und Kopenhagen ! — wusste das ganz 
genau. Merkwürdig ! Weshalb sind die englischen Truppen erst 
achtzehn Tage nach dem deutschen Einbruch vom 4. August 1914 
in Belgien erschienen ^, obwohl die belgische Regierung doch schon 
am 5. August um militärische Hilfe ersucht und Belgien bekannt- 
lich seit vielen Jahren «sich an Engl and verkauft hatte» ! ? Weshalb 
ferner haben die Engländer nicht im Sommer 1914 Kopenhagen 
besetzt, das sie doch im Sommer 1911 zu besetzen die feste Ab- 
sicht hatten ? Aus der Verständigungsbroschüre (S. 24) erfahren 
wir, woher Herr Schiemann und der deutsche Generalstab diese 
erschreckenden Nachrichten über Englands Absichten empfangen 
hatten : 

Es ist nicht öffentlich bekannt geworden, aber zuverlässig festgestellt, 
dass damals der englische Manneattache in Rom für den Kriegsfall, den er 
erwartete, darauf hinwies, dass England Belgien, resp. Kopenhagen besetzen 
müsse. Das sei zwar sehr brutal, aber durch den geschichtlichen Vorgang 
sowie durch die Umstände geboten. 

Also nun haben wir die ganze Intrige in der Hand. Der eng- 
lische Marineattache in Rom — das ist nach Schiemann « zuver- 
lässig festgestellt » — weist darauf hin, dass England Belgien, 
respektive Kopenhagen besetzen müsse. Dieser strategische Eigen- 
gedanke des englischen Marineattaches in Rom wird dem deutschen 
Militärattache in Bern und von diesem dem deutschen General- 
stab übermittelt. Auf dem Wege von Rom über Bern nach BerUn 
aber wird aus dem strategischen Gutachten des englischen Marine- 
attaches eine feste Absicht der englischen Regierung und ein 
unmittelbares Bevorstehen des betreffenden räuberischen Aktes. 
So wird von Herrn Schiemann Geschichte gemacht ! 

2. Die französischen Generalstabsreisen und Manöver an der 
belgischen Grenze waren nach Schiemann « in höchstem Grade 
verdächtig ». Ich habe schon früher einmal gefragt : wo sollen 
denn die Franzosen manövrieren, um Herrn Scliiemann nicht ver- 
dächtig vorzukommen ? Nach den Pyrenäen oder nach dem Atlan- 
tischen Ozean vielleicht ? Nicht einmal nach der italienischen 
Grenze zu hätten sie, wenn es nach Herrn Schiemann ginge, manö- 
vrieren dürfen, denn sofort hätte er ausgerufen: Aha, wiederum 
ein Beweis für die französisch-italienische Intrige, die Fran- 
zosen manövrieren im geheimen Einverständnis mit Italien an 
der italienischen Grenze, um den Schein zu erwecken, als ob sie 
einen Krieg gegen den Dreibundgenossen für möglich hielten ; 
in Wahrheit stecken sie mit ihm unter einer Decke. Also nochmals, 

* Siehe Waxweiler a. a. O. S. 191. 



72 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

welche Manöver eigentlich erscheinen Ihnen unverdächtig, Herr 
Schiemann ? Offenbar nur die preussischen, wenn sie nach Russ- 
land und Frankreich hin, und die österreichischen, wenn sie an 
der galizischen Grenze stattfinden. Auch hier wieder dasselbe Bild 
eines Geschichtsforschers, wie er im Buche steht, vor dem der 
Ankläger mit seiner « unwissenschaftlichen Methode » den Hut 
abnehmen muss. Die wichtigsten Parlaments- und Regierungs- 
verhaudlungen lässt der Mann weg und operiert statt dessen mit 
Generalstabsreisen, Manövern und Berner Militärattache-Berich- 
ten — notabene alles Dinge, die nicht bloss unerheblich, sondern 
auch unerwiesen sind. 



Eine weitere unerhörte Fälschung leistet sich Schiemann in 
der Darstellung der englischen Stimmungen nach Erledigung des 
Marokkokonflikts. Er konstruiert — in bewusstem Widerspruch 
mit der Wahrheit — einen Gegensatz in den Tendenzen eines Teils 
der liberalen öffentlichen Meinung Englands und des Asquith- 
schen Kabinetts. Dieser Gegensatz ist erlogen. Sämtliche Mit- 
glieder des Kabinetts Asquith haben nicht im Gegensatz, sondern 
an der Spitze der Verständigungsbewegung gestanden, die sich 
unmittelbar an den gefährlichen Agadir-Konfhkt anschloss. Die 
Einleitung zu der Verständigungskampagne bildete die bereits 
oben erwähnte Parlamentsrede Greys vom 27. November 1911. 
Derselbe ehrliche Grundton des aufrichtigen Wunsches, die Bezie- 
hungen zu Deutschland zu bessern und auf diese Weise eine Annä- 
herung der beiden europäischen Mächtegruppen zu erreichen, geht 
durch sämtliche Reden und Handlungen der englischen Minister 
in dieser Zeit. Es würde zu weit führen, auf alle diese Aeus- 
serungen hier einzugehen. Ich fordere den Herrn Geschichtspro- 
fessor auf, mir eine einzige Aeusserung der Asquith, Haidane, 
Churchill, Lloyd George und der anderen englischen Kabinetts- 
mitglieder nachzuweisen, in denen sie sich mit den von Schiemann 
selbst zitierten liberalen Pressäusserungen in Widerspruch gesetzt 
und etwas anderes als Verständigung und Ausgleich mit Deutsch- 
land gepredigt hätten. Die mehrerwähnte Rede Greys vom 27. No- 
vember 191 1 ist — worauf ich schon hingewiesen habe — ihrem 
Sinne und ihrer Tendenz nach durch Schiemann in ihr absolutes 
Gegenteil verfälscht worden. (Siehe auch Cook, S. 22, J'accuse, 
S. 84.) Sie ist tatsächlich die Einleitung zu dem neuen Beginn der 
englisch-deutschen Verständigungsverhandlungen gewesen, die durch 
den Agadirkonflikt unterbrochen worden waren. Grey hob aus- 
drücklich hervor, dass nunmehr durch das deutsch-französische 



DER PRÄVENTIVKRIEG 73 

Abkommen auch in Bezug auf die deutsch-englischen Beziehungen 
« die Tafel reingewaschen worden sei ». 

Selbst Schiemann kann nicht umhin, bedeutende engUsche 
Presstimmen zu Gunsten einer deutsch-englischen Verständigung 
aus seinem Zettelregister h rvorzuholen. Auch kann er nicht ver- 
schweigen, dass eine eigentliche Militärkonvention zwischen 
Frankreich und England nicht bestand, vielmehr nur ein anderer 
Zustand, den er folgendermassen schildert : 

Jedesmal, wenn ein Krieg mehr oder minder drohend schien, sind beide 
Regierungen in Beratungen getreten und haben versprochen, für einen be- 
grenzten Zeitraum sich gegenseitig mit ihrer Kriegsmacht zu unterstützen. 
Das war der Fall im Laufe des Sommers 1905, wie zm: Zeit des Zwischenfalls 
von Casablanca. Im Laufe dieses Jahres aber war die Entente cordiale ein 
so geschmeidiges Instrument, dass jedesmal, wenn die Umstände es zu ver- 
langen schienen, eine militärische Abmachimg mündlich abgeschlossen wurde, 
welche für die Dauer der Krisis gelten sollte, imd die zum Austausch sehr 
präziser Ansichten darüber führte, wie die Streitkräfte beider Nationen 
benutzt werden sollten. (Verleumderschrift, S. 45.) 

Auch hier wieder verplappert sich der Herr Professor, indem 
er wider Willen den Charakter der Entente als einer Defensiv-, 
aber nicht einer Offensivverbindung enthüllt. Militärische Abma- 
chungen, die nur von Fall zu Fall, wenn ein Krieg mehr oder min- 
der « drohte » oder « wenn die Umstände es zu verlangen schie- 
nen », und nur « für die Dauer der Krisis mündlich » abgeschlossen 
wurden, können doch unmöglich Verabredungen für einen Offen- 
sivkrieg, für einen müitärischen Ueberfall sein. Die von Schiemann 
selbst gebrauchten Worte « wenn ein Krieg drohend schien » etc. 
bezeichnen unzweideutig, dass der Krieg bei all den von ihm auf- 
geführten Gelegenheiten (1905, 1909, 1911) seitens der Entente- 
mächte nicht beabsichtigt, sondern nur befürchtet war — was das 
absolute Gegenteil der absichtlichen Herbeiführung ist — , und 
dass ihre Verabredungen nur auf Verteidigung, aber nicht auf 
Angriff gingen. So haben auch hier wieder, wie überall, die Lügen 
kurze Beine, weil die Lügner ein kurzes Gedächtnis haben. 



Ueber die Haidanesche Mission vom Februar 1912 — die 
nächste Folge der Wiederannäherung der englischen und dei 
deutschen Regierung — spreche ich an anderer Stelle. Hier genügt 
die Hervorhebung der perfiden Insinuation Scliiemanns — die 
ganz seinem allgemeinen System entspricht — , dass auch diese 
Mission nicht ernsthaft gemeint gewesen, sondern nur dazu be- 
stimmt gewesen sei, « die Stimmen in England zu beruhigen, die 



74 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

immer lauter auf eine Verständigung mit Deutschland drangen » 
(Verständigungsbroschüre, S. 24), oder, wie es in der Verleumder- 
broschüre (S. 47) heisst : « angeblich, um eine Verständigung 
einzuleiten, in Wirklichkeit, um zu rekognoszieren und neue Argu- 
mente für die bereits feststehende Politik des Kabinetts herbei- 
zuschaffen. » Stets die alte Ivcier ! Die englischen Minister können 
tun, was sie wollen : sie können friedliche Reden im Parlament 
halten, ihre Reden werden unterdrückt oder verfälscht ; sie können 
zu Verständigungsverhandlungen nach Berlin reisen, ihren Reisen 
werden Motive der Täuschung und Unehrlichkeit untergeschoben ; 
sie können positive Vorschläge über politische Verständigung und 
Rüstungsbeschränkung machen, man wird diesen Vorschlägen 
den bösen Hintergedanken unterschieben, dass sie nur auf die 
Binlullung und militärische Schwächung Deutschlands berechnet 
seien, damit man später umso sicherer über den dummen Michel 
herfallen könne. 

An das Scheitern der Hai daneschen Mission und den Haidane- 
schen — von Schiemann entstellten — Bericht hierüber (ich 
komme später noch darauf zurück) wird sofort der lügnerische 
Satz geknüpft, der bei dem gläubigen l/cser den Eindruck eng- 
lischer Friedensbemühungen wegwischen soll : 

Es war eine Kriegspolitik und die Aufgabe, alles zu fördern, was im Au- 
genblick des in Aussicht genommenen Konflikts den drei gegen Deutschland 
verschworenen Mächten förderlich sein konnte. Dass der Bruch nicht früher 
provoziert wurde, geschah aus Rücksicht auf Russland, das mit seinen 
Kriegsvorbereitungen im Rückstande war tmd sich darauf berufen konnte, 
dass ihm in den Verhandlungen von Reval ein weiterer Termin gestellt 
worden war. (Verleumderbroschüre, S. 48.) 



Bei der weiteren Schilderung der deutsch-englischen Bezie- 
hungen wird das Fälschungssystem munter fortgesetzt. Die 
bekannten Churchillschen Vorschläge eines naval holiday, die 
zweimal in den Jahren 1912 und 1913 seitens des englischen Mi- 
nisters gemacht wurden, zitiert der Mann der wissenschaftlichen 
Untersuchungsmethode, der Wahrheitsvertreter, der anderen 
Ivcuten bewusste Verleumdung vorzuwerfen sich erdreistet, mit 
folgendem Satz (Verleumderbroschüre, S. 48) : « Gleich nach Hal- 
danes Rückkehr hielt Churchill die berüchtigte Rede, in der er die 
deutsche Flotte für eitlen Luxus, die englische für eine Notwendigkeit 
erklärte. » Das Taschenspielerkunststück Schiemanns besteht 
auch hier wieder darin, dass er einen in manchen englischen Minis- 
terreden tatsächlich vorkommenden, vollkommen berechtigten 



DER PRÄVENTIVKRIEG " 75 

Gedanken ^ aus der Churchillsclien Rede, allerdings in verfälschter 
Form, herausgreift, den wesentlichen Inhalt der Churchillschen 
Erklärungen aber glatt unterschlägt. Wohl niemand kann die 
Richtigkeit des Gedankens englischer Staatsmänner bestreiten, 
dass für England mit seiner damals unbedeutenden I^andmacht, 
seiner insularen Lage, und seinem weltumfassenden Kolonial- 
besitz die Flotte eine ganz andere Bedeutung hatte als für Deutsch- 
land, das doch in erster Linie ein Kontinentalstaat mit verhält- 
nismässig unbedeutendem Kolonialbesitz ist, und dessen Land- 
macht die aller anderen Staaten an Tüchtigkeit und Schlagkraft 
übertrifft. Lediglich diesen Gedanken haben die englischen Staats- 
männer wiederholt zum Ausdruck gebracht, nicht um Deutsch- 
land in der Entwicklung seiner Flotte zu hindern, sondern um 
ihren Standpunkt zu begründen, dass England stets an dem 
Grundsatz des Ueberwiegens seiner Flottenmacht über die deut- 
sche in einem gewissen Verhältniss festhalten müsse. Diesen 
richtigen Gedanken greift der Geschichtsfälscher — in entstellter 
Form — aus der Churchillschen Rede heraus und unterschlägt 
die klugen und wichtigen Vorschläge des englischen Marinemi- 
nisters auf Einführung eines Flotten] eiertages zwischen den beiden 
Ländern. 

Man lese das Nähere über diesen Churchillschen Vorschlag bei 
Cook (S. 25) und in meinem Buche (S. 89) nach. Man vergleiche 
damit die drei Zeilen, die « der Verleumder » über die Churchillsche 
Rede bringt, und man wird sich ein Bild machen können von der 
Wahrheitsliebe dieses journalistischen Führers der « echt preussi- 
schen Leute ». Ich habe seine beiden Broschüren sorgfältig durch- 
gesehen und nur ein Mal, bei der Aufzählung aller englischen 
« Scheinmanöver » der letzten Jahre, den Hinweis auf das Flotten- 
feier jähr — mit einem einzigen Wort, ohne jede nähere Darlegung, 
um was es sich handelt, — gefunden (Verleumderbroschüre, S. 65). 
Während er so den wesentlichen Inhalt der Churchillschen Erklä- 
rungen unterschlägt, unterlässt er es nicht, an derselben Stelle 
wo er die Unterschlagung begeht, englische Oppositionsblätter, 
die gegen die Verständigungspolitik der liberalen Regierung 
schreiben, als Stimmungssymptome Englands zu zitieren und 
gleichzeitig auf die epochemachende Tatsache hinzuweisen, dass 
■ — Engländer und Franzosen an der Sokol-Feier in Prag teilnah- 
men, « deren deutschfeindlicher Charakter damals so offenkundig 
zu Tage trat ». (Verleumderschrift, S. 48.) Ueber diesen Geschichts- 
Mischmasch wird dann noch etwas Sauce aus dem Tcmps, aus 
einer militaristischen Rede des Lord Roberts etc. gegossen, die 
Anwesenheit russischer Militärs und später des Grossfürsten 

* Siehe auch Grej-s Parlaiuentsrede vom 29. März 1909, Cook, S. 7. 



76 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Nicolai Nicolajewitscli in Frankreich hervorgehoben, eine Indis- 
kretion des Gil-Blas hinzugetan, die Poincare-Reise nach Peters- 
burg, die « Verschwörung auf dem Balkan », denunziert, etwas 
Zettelwerk aus der « Nowoje Wremja » etc. hinzugesetzt, die 
Londoner Friedensverhandlungen imd schliesslich der Frieden 
von Bukarest nur so nebenbei erwähnt, — um als Abschluss 
diesem ganzen Gemisch von Unterschlagung, Fälschung und 
Verdrehung den Titel zu geben : « Die grosse gegen Deutschland 
und Oesterreich-Ungarn gerichtete Verschwörung der Entente- 
mächte. » (Verleumderbroschüre, S. 54.) 

Es ist schwer und ohne Zitierung ganzer Seiten unmöglich, 
dem Leser ein getreues Bild dieser Schiemannschen Giftmische- 
reien zu geben. Man lese — unter Ueberwindung des natürlichen 
Widerwillens — die Seiten 48-54 der Verleumderbroschüre nach, 
um sich über den Verfasser und seine Methode Aufklärung 
zu verschaffen. Lord Roberts z. B., bekannthch der eifrigste 
Verfechter der allgemeinen Wehrpflicht in England, der auch 
in seinen sonstigen, rein militaristischen Anschauungen manche 
Aehnlichkeit mit unserm Bernhardi zeigte, wird in einem Atem 
mit Churchill, Haidane und den übrigen liberalen Ministern 
zitiert. Dabei wird absichtlich ausser Augen gelassen, dass unser 
Bernhardi, den manche allerdings jetzt von den Rockschössen 
abschütteln möchten, die Anschauungen und Bestrebungen unse- 
rer Imperialisten, Militari ;ten, Alldeutschen und Junker, also der 
tatsächlich damals herrsche 'den und die Regierung beherrschenden 
Richtungen in klassischer 7eise zum Ausdruck bringt, während 
Lord Roberts mit seinen militaristischen Bestrebungen in schärf- 
stem Gegensatz zu den Anschauungen und Handlungen des libe- 
ralen englischen Kabinetts stand. Die massgebende liberale 
Zeitschrift « Nation » nannte die Robertsschen Ideen einen 
* Moralkodex für ein Rudel Wölfe ». Solche Wolfsmoral gab der 
deutschen Politik die Richtung an, hatte aber weder Bedeutung 
noch Einfluss auf die öffentliche Meinung Englands, geschweige 
denn auf die Handlungen der englischen Regierung. Erst nach 
länger als einjähriger Kriegsdauer ist — unter dem Druck der 
militärischen Notwendigkeit — die von Roberts seit Jahren ver- 
langte allgemeine Wehrpflicht in England eingeführt worden. 

Eingeständnis des Präventivkrieges 
und andere «Unstimmigkeiten». 

« Die tapferen Bücher von Bernhardi haben in richtiger 
Voraussicht der sich vorbereitenden Dinge auf die Notwen- 
digkeit hingewiesen, ztim Schwert zu greifen, ehe die Ver- 



DER PRÄVENTIVKRIEG 77 

schwörung, die Deutschland bedrohte, zur Tat überging 

Heute wird schwerlich jemand bestreiten, dass Bernhardi 
die Zusammenhänge richtig gesehen und erkannt hat. » 
(Verleumderbroschüre, S. 6 und 7.) 

Mit diesen Worten verteidigt Herr Schiemann die Roberts- 
Bernhardische Wolfsmoral — die er für England verurteilt — als 
ein Recht und eine Notwendigkeit für Deutschland. Ein dankens- 
wertes Zugeständnis, in dem das unzweideutige Anerkenntnis 
enthalten ist, dass wir keinen Verteidigungs- solidem einen 
Präventivkrieg führen. Herr Schiemann hat sich auch hier wieder 
einmal « verschnappt ». — 

Er verschnappt sich überhaupt auf Schritt und Tritt. Unmit- 
telbar hinter der grossen Verschwörungs-Apotheose, die für ihn 
aus den Balkan-Ereignissen her ausleuchtet, erzählt er von der 
Wahl Poincares zum Präsidenten und der Entsendung Delcasses 
auf den Botschafterposten in Petersburg (Anfang 1913) : « Sein 
(Delcasses) Auftrag ging dahin, aus der französisch-russischen 
Defensiv- Allianz eine Defensiv- und Ofjensiv-Mlmnz zu machen. » 
(Verleumderbroschüre S. 54.) Bis dahin war es also nur eine 
Defensiv-Allianz ? ! Ich denke, seit der Entente von 1904 zwi- 
schen England und Frankreich, seit der russisch-englischen En- 
tente von 1907 und besonders seit der Zusammenkunft in Reval 
1908 war der Dreiverbandskrieg gegen den Dreibund beschlossene 
Sache ? ! Und nun auf einmal anno 1913 ist die Offensiv- AlHanz 
noch nicht einmal abgeschlossen sondern erst in Vorbereitung 
durch Delcasses Bemühungen in Petersburg ? ! Ich bitte den Herrn 
Professor auch hier um freundliche Aufklärung über den für 
meinen beschränkten Kopf unlösbaren Widerspruch. — 

Es folgt die Darstellung angeblicher französischer und rus- 
sischer Hetzmanöver unter reichlicher Zettelverwendung. Die 
Slaven-Bankette und ihr Telegrammverkehr mit dem Zaren im 
Winter 1913, Berichte aus dem Temps und aus russischen, nicht 
mit Namen angeführten Zeitungen (S. 56. Wo ist der Zettel her- 
genommen ?) werden als kriegerische Stimmungsbüder vorge- 
jührt, die Hauptsache aber natürlich auch liier verschwiegen, 
dass nämlich Russland, Frankreich und England auf der Londoner 
Botschafter-Konferenz allen österreichischen Forderungen ohne 
Ausnahme nachgaben, dass sie die :Montenegriner aus dem mit 
Blutströmen erkämpften Skutari wieder lünauskomplimentierten, 
die Serben von der Adriaküste wieder zurückdrängten, das alba- 
nische Scheinfürstentum den serbischen Ausdehnungsbestrebuugeu 



78 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

vorlagerten, den Serben nicht einmal das berühmte « Fenster 
nach der Adria » bewilligten, — kurz, dass die Ententemächte der 
Unersättlichkeit Oesterreichs — das in einigen Fragen mit dem 
Dreibundgenossen Italien konform ging — auf der ganzen diplo- 
matischen Ivinie einen unbedingten Sieg zugestanden. Alles dies 
— das wesentliche und entscheidende — unterschlägt der Ge- 
schichtsprofessor, um sich an Nebensächlichkeiten, Bankette, 
telegraphische Korrespondenzen (die auch bei uns zwischen All- 
deutschen und regierenden Herren haufenweise zitiert werden 
könnten) zu halten und damit die geschichtliche Wahrheit in ihr 
Gegenteil zu verkehren. 



Einen Meistercoup schöpferischer Erfindungsgabe leistet 
sich Herr Schiemann bei der Erzählung von dem Ministerrat, 
den der Zar anfangs März 1913 ins Winterpalais berief, um, wie 
Schiemann behauptet, über die Frage : Krieg oder Frieden zu 
entscheiden. Das Ergebnis der Beratungen soll der Zar selbst den 
Herren seiner nächsten Umgebung mit folgenden Worten mit- 
geteilt haben : « Wir werden keinen Krieg haben. Suchomlinow, 
Sazonow und Kokowzew sagen, dass wir noch 5-6 Jahre brauchen, 
um fertig zu werden. » (a. a. O. S. 56). Ich frage Herrn Schiemann, 
woher weiss er so genau die Worte, die der Zar den Herren seiner 
nächsten Umgebung gesagt hat ? Woher weiss er und wie will 
er beweisen, dass der Zar auf die Fertigstellung der russischen 
Armee in 5-6 Jahren hingewiesen hat in dem Sinne, wie der Ge- 
schichtsforscher ihm unterschiebt, dass nämlich in 5-6 Jahren der 
Angriffskrieg auf Oesterreich und Deutschland losbrechen solle ? 

Ich erlaube mir, diese Erzählung Schiemanns für eine freie 
Erfindung zu erklären. Da er keine Quellen angibt und nur die 
nächste Umgebung des Zaren als Zeugen nennt, so erwarte ich 
seine Beweise. Tatsache ist die schon her\^orgehobene Nachgie- 
bigkeit Russlands in allen Fragen ohne Ausnahme, die die Lon- 
doner Botschafterkonferenz beschäftigten. Tatsache ist ferner 
— und wird auch von Schiemann nicht geleugnet — , dass nach 
der Erledigung der Konferenzfragen die Spannung zwischen 
Oesterreich und Russland verschwand und eine Verständigung 
über Demobilisierung zwischen ihnen stattfand. Tatsache ist 
endlich, dass es Oesterreich war — nicht Russland — , das sich 
mit den Resultaten des Bukarester Friedens nicht begnügen 
wollte und im Sommer 1913 — siehe Giolittis Enthüllungen — 
einen Ueberfall auf das ihm zu stark gewordene Serbien beab- 
sichtigte. Diese entscheidenden Tatsachen, von denen der Ge- 
schichtsforscher nur die mittlere erwähnt, sucht er aus der Welt 



DER PRÄVENTIVKRIEG 79 

ZU schaffen durch die Erfindung der Zarenäusserung über den 
jür später beabsichtigten Angriffskrieg. Wie lange wird das 
deutsche Volk solchen Wahrheitsfälschern noch Gehör schenken 
und ihnen Folge leisten ? ! — 

Es ist klar, dass Herr Schiemann auf Schritt und Tritt in 
Schwierigkeiten geraten muss, wenn er seine Erfindungen mit 
den historisch feststehenden Tatsachen, die er nicht immer unter- 
schlagen kann, in Harmonie bringen will. Er hilft sich dann stets 
mit der Ausrede, dass die betreffende unleugbare Tatsache 
« besonders auffallend », « sehr merkwürdig » etc. sei. Dieses 
Auffallen und diese Merkwürdigkeit sind eben nur vorhanden, 
wenn die Schiemannschen Erfindungen Wahrheiten wären. Dann 
klappt eben die Sache nicht. Sind sie aber als Erfindungen ent- 
larvt, so erscheinen die betreffenden Vorgänge sofort als durchaus 
logisch, vernünftig und in voller Harmonie mit den übrigen 
Tatsachen. Herr Scliiemann wundert sich z. B. ausserordentlich 
darüber und findet keine Erklärung dafür, dass Russland im 
Herbst 1913 es zuliess, dass Serbien bei Gelegenheit einer neuen 
gefährlichen österreichisch-serbischen Krisis wegen Albaniens sich 
einem österreichischen Ultimatum fügen musste. Für den, der 
wahrheitsgemäss das russische Verhalten während der bosnischen 
Krisis von 1908-09 und während der Balkankrisis von 1912-13 
zur Darstellung bringt, hat die Nachgiebigkeit Russlands im 
Herbst 1913 nichts Ueberraschendes. Russland hat eben stets den 
österreichischen Forderungen nachgegeben und Serbien zur Nach- 
giebigkeit veranlasst. Am allerweitesten ist Russland hierin ge- 
gangen in dem österreicliisch-serbischen Konflikt vom Juli 1914, 
indem es das serbische Brudervolk zu einer platten diplomatischen 
Unterwerfung unter die horrenden, noch nie dagewesenen öster- 
reichischen Uebermutsforderungen veranlasste. Für Herrn Schie- 
mann — den Erfinder und Vertreter des russisch-französisch- 
englischen Kriegskomplotts — muss das alles « merkwürdig » 
und « auffallend » sein. Für uns, die wir die Friedensliebe und 
Nachgiebigkeit Russlands in allen Konflikten mit Oesterreich 
kennen, ist alles das keineswegs auffallend, sondern die einfache 
Folge des Gesamtverhaltens des russischen Herrschers und seiner 
Regierung im Sinne der europäischen Friedenserhaltung. 



Eine besondere Wichtigkeit legt Schiemann dem Besuch König 
Georgs in Paris in Begleitung Greys im April 1914 bei. Um die 
Wichtigkeit dieses Besuches darzutun, zitiert er ausführlich die 
in dem zweiten deutschen W^eissbuch « Aktenstücke zum Kriegs- 



80 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

ausbruch » (S. 49-57) abgedruckten, nicht unterzeichneten Be- 
richte deutscher Agenten in ausländischen Hauptstädten. Wenn 
die Verteidiger der deutschen Regierung vielfach den amtlichen 
Aktenstücken, die von den Ententemächten in ihren Dokumenten- 
sammlungen publiziert worden sind, den Glauben absprechen, 
selbst wenn diese Aktenstücke unterzeichnet und durch den 
ganzen Zusammenhang der diplomatischen Vorgänge und Publi- 
kationen bestätigt sind, so wird es wohl gestattet sein, die ano- 
nymen Berichte, die das zweite deutsche Weissbuch als « Amtliche 
Aktenstücke zur Vorgeschichte des Krieges » zu bezeichnen sich 
erlaubt, von denen wir aber weder den Autor noch auch nur den 
Ursprungsort kennen, mit einem grossen Fragezeichen zu ver- 
sehen. Aus welchen dunkeln Quellen diese unbeglaubigten Nach- 
richten stammen, dürfte schon aus der Nummer X (Weissbuch, 
S. 56) hervorgehen, wo ein Brie fvom « 12. -25. Juli 1914, Peters- 
burg » in Abschrift mitgeteilt wird, den der Adjutant eines damals 
im Auslande weilenden russischen Grossfürsten an den letzteren 
gerichtet hat. Der Brief « erweist meines gehorsamen Dafürhal- 
tens — so bemerkt der ihn überreichende Agent in seinem Be- 
gleitschreiben, — dass man schon seit dem 24. d. M. in Russland 
zum Kriege entschlossen ist. » Woher mag wohl der deutsche 
Agent Abschrift eines solchen Privatschreibens erhalten haben ? 
Welches mag « der vertrauliche Weg » sein, den er hierzu benutzt 
hat ? Im übrigen beweisen diese « amtlichen Aktenstücke » 
nicht das geringste für die von Schiemann herausdestillierte Be- 
hauptung, « dass der Krieg mit Deutschland seit 1909 im Prinzip 
beschlossen war und seither nur die Gelegenheit gesucht wurde, 
ihn mit möglichst sicheren Aussichten auf Erfolg zu führen. » 
(Verleumderbroschüre, S. 64.) 

Die Korrespondenz Grey-Cambon, 
November 191 2. 

Das « Abkommen » zwischen England und Frankreich — wenn 
man die Korrespondenz vom 22.-23. November igi2 zwischen Grey 
und Paul Camhon (Blaubuch Nr. 105 Anlage i und 2) überhaupt 
ein Abkommen nennen kann — trug, wie Schiemann selbst zu- 
geben muss, « pour sauver la face einen bedingten Charakter ». 
In Wahrheit war es weder ein Abkommen, noch trug es einen 
bedingten Charakter, sondern stellte im Gegenteil fest, dass jede 
der beiden Regierungen, trotz der stattgehabten Beratungen mili- 
tärischer und maritimer Sachverständigen, die volle Entschei- 
dungsfreiheit behielt, ob sie im Falle eines zukünftigen Krieges der 
anderen durch bewaffnete Macht Beistand leisten ivolle oder nicht. 



DER PRÄVENTIVKRIEG 8l 

(That such consultation does not restrict the freedom of either Go- 
vernment to decide at any future time whether or not to assist 
the other by armed force. We have agreed that consultation bet- 
ween experts is not, and ought not to he regarded as, an engagement 
that commits either Government to action in a contingency that 
has not arisen and may never arise. The disposition for instance 
of the French and British fleets respectively at the present moment 
is not based upon an engagement to co-operate in war.) 

Selbst im Falle eines unprovozierten Angriffs auf Frankreich 
oder England seitens einer dritten Macht (an unprovoked attack 
by a third Power) — also im Falle eines reinen Verteidigungs- 
krieges — sollte die andere Macht nicht zum militärischen Bei- 
stande verpflichtet sein, sondern es sollte nur eine Beratung mit 
der anderen Regierung stattfinden über die Frage, ob beide Re- 
gierungen zusammen den Angriff abwehren und den Frieden 
bewahren sollten, und in bejahendem Falle, welche Massregeln 
sie gemeinschaftlich treffen sollten. Wenn diese Massregeln eine 
militärische Aktion involvierten, dann erst sollten die Pläne der 
Generalstäbe in Erwägung gezogen und sollte seitens der Regie- 
rungen entschieden werden, welchen Effekt man diesen Plänen 
geben solle (it should immediately discuss with the other whether ^ 
both Governments should act together to prevent aggression and 
to preserve peace, and, if so, what measures they would be pre- 
pared to take in common. If these measures involded action, the 
plans of the General Staffs would at once be taken into conside- 
ration, and the Governments would then decide what effect should 
be given to them) . 

Für jeden, der sich ein selbständiges Bild über diese englisch- 
französischen Verhandlungen machen will, die in den Erörte- 
rungen unserer deutschen Regierungsverteidiger eine viel grössere 
Rolle spielen, als sie in Wirklichkeit verdienen, ist es empfehlens- 
wert, diese Korrespondenz zwischen Grey und Paul Cambon 
(Blaubuch Nr. 105, Anlage i und 2) sorgfältig nachzulesen. Wer 
sich dieser geringen Mühe unterzieht, wird sofort erkennen, dass 
alle Schlussfolgerungen, die seitens unserer deutschen Regierungs- 
presse aus diesen Schriftstücken gezogen werden, völlig haltlos 
sind, und dass in Wirklichkeit nicht die geringste Bindung für 
die eine oder die andere Macht zum kriegerischen Beistand in 
ihnen enthalten ist. Schon die äussere Form der Korrespondenz 
— Grey schreibt : « My dear ambassador », Cambon antwortet : 
« Cher Sir Edward 1 », — deutet daraufhin, dass es sich nicht um 

* Diese vertrauliche Anrede Cambons ist — bezeichnenderweise 1 — im 
deutschen Weissbuch (S. 51) weggelassen, während sie im Blaubuch, Anlage :: zu 
No. 105, steht. 

Das Verbrechen II ^ 



82 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Staatsverträge, sondern nur um die schriftliche Fixierung münd- 
licher Unterhaltungen handelt, die man vor Missverständnissen. 
oder etwaigen Verdrehungen von böswilliger Seite schützen wollte. 
Wenn man natürlich, wie unsere « Geschichtsforscher » dies sys- 
tematisch tun, alle Aeusserungen der Entente-Diplomatie als 
bewusste Täuschung « pour sauver la face » hinstellen und hinter 
jedem Wort eine andere — verschwiegene — Absicht suchen will, 
dann kann man auch hier bei dem Briefwechsel vom Novem- 
ber 1912 — wie Helfferich, Schiemann und Genossen es tatsäch- 
lich tun — die schriftliche Fixierung mündlicher Unterhaltungen 
als Scheinmanöver qualifizieren und hinter dem Schein eine Wirk- 
lichkeit suchen, für die es an jedem Beweise fehlt. Man lese nur 
die Worte, die Schiemann an die Erwähnung des « Abkommens » 
vom November 19 12 knüpft, wonach « tatsächlich England, 
an Händen und Füssen gebunden, in Abhängigkeit von den Ent- 
schlüssen stand, die Russland oder Frankreich zu fassen belieb- 
ten. » (S. 64.) Man vergleiche damit die strikte Betonung Greys, 
dass jede Regierung, selbst im Falle eines unprovozierten Angriffs 
auf die andere, sich ihre volle Entschliessungsjreiheit vorbehalte, und 
man wird ermessen können, bis zu welchem Grade dreister Fäl- 
schung diese preussischen Geschichtsforscher vorgedrungen sind. 
Dabei beweist nicht nur die offene Art, wie die englische Re- 
gierung den Briefwechsel vom November 1912 in die Oeffentlich- 
keit gebracht hat — im Blaubuch und in der Rede Greys vom 
3. August 1914 — , sondern auch das tatsächliche Verhalten Eng- 
lands nach Ausbruch des Krieges, zwischen Deutschland und 
Russland — und Deutschland und Frankreich, dass England 
weder an Händen noch an Füssen noch auch nur am kleinen Fin- 
ger an Frankreich oder Russland gebunden, vielmehr absoluter 
Herr seiner Entschliessungen geblieben war. Hätten die gedachten 
Briefe tatsächlich eine Kriegsverpflichtung Englands, die bereits 
seit zwei Jahren bestanden hätte, dargestellt, so würde die eng- 
lische Regierung sie nicht im Blaubuch abgedruckt und in öffent- 
licher Parlamentssitzung vorgelegt haben. Wäre England seit 
Ende 1912 an Frankreich gebunden gewesen, so wäre die bedingte 
und beschränkte Zusage einer Flottenhilfe, die Grey am 2. Au- 
gust 1914 gab, und die Genugtuung, die man in Frankreich darüber 
empfand, unerklärlich gewesen. Die Zusage vom 2. August wäre 
gegenüber dem « Abkommen » vom November 1912 ein minus 
gewesen und Frankreich hätte darüber entrüstet, statt befriedigt 
und dankbar sein müssen. Wäre der Briefwechsel von 1912 eine 
englische Kriegsbindung an Händen und Füssen gewesen, so 
hätte England nicht am 4. August abends ein Ultimatum an 
Deutschland stellen können, welches lediglich die NichtVerletzung: 



DER PRÄVENTIVKRIEG 83 

der belgischen Neutralität verlangte, also im Falle der Bewilligung 
dieser Forderung von der Kriegsbeteiligung Abstand nahm. Eng- 
land hätte, wenn es bereits seit zwei Jahren an Händen und 
Füssen gebunden gewesen wäre, auf alle Fälle — mit oder ohne 
belgische Neutralitätsverletzung — dem am Tage vorher ausge- 
brochenen Kriege zwischen Deutschland und Frankreich als Bun- 
desgenosse der letzteren Macht beitreten müssen. 

Also Wortlaut, Umstände der Veröffentlichung und tatsäch- 
liches Verhalten Englands beweisen unwiderleglich, dass die 
Schriftstücke vom November 19 12 so aufzufassen, wie sie geschrie- 
ben sind, dass sie nicht Fassade, sondern Substanz darstellen, dass 
diese Substanz aber etwas rein negatives, der Ausschluss irgend 
einer Beistandsverpflichtung im Kriege ist. 

Auch die Art, wie Paul Cambon in der Unterhaltung mit Grey 
vom 30. Juli 1914 (Blaubuch Nr. 105) auf die Korrespondenz von 
1912 hinwies, bestätigt den absolut unverbindlichen Charakter 
dieser Korrespondenz. Cambon erinnert den englischen Staats- 
sekretär an jenen Briefwechsel, fügt aber ausdrücklich hinzu : 
er wünsche Grey nicht zu einer direkten Aeusserung zu veran- 
lassen, dass England intervenieren würde, sondern er möchte nur 
von Grey hören, was England tun würde, wenn bestimmte Um- 
stände einträten, wobei er insbesondere an eine Aggression 
Deutschlands auf Frankreich dächte (the particular hypothesis he 
had in mind was an aggression by Germany on France) . Grey lehnte 
jedes Eingehen auf Cambons Fragestellung ab und verwies auf 
die Kabinettssitzung des nächsten Tages. Ich habe bereits an an- 
derer Stelle ausführlich dargelegt, dass das Ergebnis der Kabinetts- 
sitzung eine strikte Ablehnung jeder Verpflichtungserklärung 
Englands war, in einem etwaigen Kriege zu intervenieren (Blau- 
buch Nr. 116 und 119). Wäre diese Stellungnahme des enghschen 
Kabinetts möglich gewesen, wenn der Briefwechsel von 1912 eine 
Bindung Englands an Händen und Füssen, eine Abhängigkeit 
von Frankreich oder Russland dargestellt hätte, wie sie Scliie- 
mann seinen lycsern vorzuschwindeln sucht ? 

Immer wieder dasselbe Bild : die der englischen Regierung 
untergeschobenen Hintergedanken stehen mit allen dokumenta- 
risch erwiesenen Tatsachen in Widerspruch. Nimmt man dagegen 
die Handlungen und Erklärungen Englands — wie seiner Enten- 
tegenossen -^ so wie sie sich geben, als ehrlichen Ausdruck ihrer 
wirklichen Absichten, so stimmen sie mit allen er\viesenen Tat- 
sachen vollkommen überein und bilden eine geschlossene Beweis- 
kette, die allerdings unseren deutschen Gescliichtsforschern 
höchst unbequem ist. Als Grey am 11. Juni 1914 im englischen 



84 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Parlament — ebenso wie Asquith ein Jahr vorher — die Erklä 
rung abgab, es beständen keine unveröffentHchten Vereinba- 
rungen, welche die freie EntSchliessung Englands einschränken 
oder behindern könnten, über seine Teilnahme oder Nichtteil- 
nahme an einem europäischen Kriege zu entscheiden, hat er nicht, 
wie ihm Schiemann unterschiebt, eine machiavellistische Erklä- 
rung abgegeben, welche die Wahrheit verschweigen sollte, son- 
dern hat in korrektester Weise den wirklichen Stand der Dinge 
dargelegt. Die Marinebesprechungen mit Russland, deren Tat- 
sächlichkeit ich weder bestreiten noch zugeben kann, konnten 
unmöglich einen weitergehenden Charakter haben, als die schon 
vor Jahren eingeleiteten Besprechungen englischer und franzö- 
sischer Militärs. Die Bedeutung oder vielmehr die Bedeutungs- 
losigkeit der letzteren — im Sinne eines Kriegshündnisses — ergibt 
sich aus der Korrespondenz vom November 1912. Wenn ähnliche 
Besprechungen zwischen englischen und russischen Marine- 
Sachverständigen beabsichtigt oder bereits eingeleitet waren, so 
konnten auch diese nichts anderes bezwecken, als technische 
Beratungen für den Fall eines Krieges, konnten aber keinesfalls 
eine Verpflichtung zur Kriegsteilnahme für England begründen. 
Wenn Grey nicht nur die Existenz von Bündnisabreden, sondern 
auch das Schweben von derartigen Verhandlungen und schliess- 
lich sogar die Wahrscheinlichkeit ablehnt, dass man je in solche 
Verhandlungen eintreten könnte, so wüsste ich nicht, wie er sich 
umfassender oder präziser hätte ausdrücken können. Die deutsche 
Regierung selbst, in ihren « Aktenstücken zum Kriegsausbruch » 
(S. 53-54), kann nicht umhin, Aeusserungen englischer Blätter 
und Politiker zu zitieren, welche den Sinn der Greyschen Rede 
dahin präzisieren : « England sei nicht im Schlepptau irgend eines 
anderen Landes. Es sei nicht der Vasall Russlands, nicht der 
Verbündete Frankreichs und nicht der Feind Deutschlands. » 
Eine Persönlichkeit aus der nächsten Umgebung Greys — so 
berichtet das zweite deutsche Weissbuch — habe aufs bestimm- 
teste versichert : 

dass keinerlei Abmachungen militärischer oder maritimer Natur zwischen 
England vmd Frankreich bestünden, obwohl der Wunsch nach solchen auf 
französischer Seite wiederholt ktmdgegeben worden sei. Was das englische 
Kabinett Frankreich abgeschlagen habe, werde es Russland nicht gewähren. 
Es sei keine Flottenkonvention mit Russland geschlossen worden, und es 
werde auch keine geschlossen werden. 

So bleibt also die Behauptung, dass England sich bereits vor 
Ausbruch des Krieges, früher oder später, Russland oder Frank- 
reich gegenüber zur Kriegsbeteiligung verpflichtet habe, nicht nur 



DER PRÄVENTIVKRIEG §5 

unerwiesen, sondern direkt widerlegt. Nehmen wir aber selbst an, 
dass solch Versprechen der Kriegsbeteiligung erwiesen wäre (was 
nicht der Fall ist), so schwebt doch immer noch die weitergehende 
Behauptung in der Luft, dass diese Kriegsbeteiligung für einen 
Offensiv- und nicht bloss für einen Defensiv krieg zuge- 
sagt worden sei. Das ist doch der Schwerpunkt von allem. Könnte 
man England einen Vorwurf daraus machen, wenn es sich zum 
Bundesgenossen Frankreichs oder Russlands gegen einen unpro- 
vozierten Angriff seitens Deutschlands hergegeben hätte ? Hat 
England nicht dasselbe Recht wie Deutschland, Defensivbünd- 
nisse zu schliessen ? Ein Vorwurf gegen England könnte doch nur 
dann erhoben werden, wenn es zu einem Angriffskrieg gegen 
Deutschland und Oesterreich sich mit Russland und Frankreich 
verbündet hätte. Darauf allein kommt es an. Das ist das Ziel aller 
Erörterungen der Schiemann und Genossen. Da sie aber nicht 
einmal den Schatten eines Beweises dafür erbringen können, dass 
England überhaupt eine Zusage der Kriegsbeteiligung gemacht 
hat, so fehlt ihnen erst recht jeder Beweis dafür, dass es eine solche 
Zusage für einen Offensivkrieg gemacht habe. Dieser Beweis wird 
nicht einmal versucht, von niemandem unter den Verteidigern 
Deutschlands. Sie erfinden das Kriegsbündnis und erfinden noch 
dazu das Bündnis zu einem Offensivkriege. Auf einem Unterbau 
von Papier errichten sie einen tönernen Oberbau ; kein Wunder, 
dass ihre Konstruktion elend zusammenbricht. — 

Auch bei diesen Erörterungen über die angebHch im Frühjahr 
1914 in Paris stattgehabten Komplottabreden passiert Herrn 
Schiemann natürlich, wie so oft, das Unglück, sich zu verplap- 
pern und aus der Rolle zu fallen. Das Kriegskomplott ist bekannt- 
lich — nach Schiemann — im Juni 1908 zu Reval geschmiedet 
worden. Der Ententekrieg gegen Deutschland und Oesterreich 
war von da ab beschlossene Sache und man wartete nur auf die 
günstigste Gelegenheit zum Losschlagen. Wenn das richtig ist, 
musste doch der englischen Regierung ein Marineabkommen mit 
Russland in höchstem Masse wülkommen sein. Auch die englische 
Regierung musste doch bestrebt sein, die beabsichtigte Vernich- 
tung Deutschlands durch immer engere militärische Beziehungen 
zu den beiden anderen Ententemächten nach Kräften vorzu- 
bereiten. Trotzdem spricht der ungenannte Berichterstatter des 
deutschen Weissbuchs (S. 52) davon — und Schiemann unüber- 
legterweise druckt es ihm nach — , dass « die Befriedigung der 
russischen und französischen Diplomatie über diese erneute Ueher- 
rumpelung der englischen Politiker gross » gewesen sei. Die « Ueber- 
mmpelung » bestand in dem gemeinschaftlichen Beschluss der 



86 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Ententemächte, ein Marineabkommen zwischen England, und 
Russland ins Auge zu fassen und die Verhandlungen darüber 
zwischen englischen und russischen Marineleuten in I^ondon 
stattfinden zu lassen. Wieso « Ueberrumpeluug », frage ich, wenn 
England bereits seit 1908 ein Spiessgeselle der beiden anderen 
Räuberstaaten war und mit Sehnsucht den günstigsten Moment 
für den Ueberfall erwartete ? Sie widersprechen sich wieder 
einmal selbst, Herr Schiemann. Ihre « Ueberrumpelung » ist eine 
Widerlegung des Komplotts von Reval. 

Vorgeschichte und Ge- 
schichte des Verbrechens. 

Der Verfasser der Verleumderschrift geht, wie ich bereits 
hervorgehoben habe, auf den wesentlichen Inhalt, den Kernpunkt 
meines Buches, auf die Untersuchung der unmittelbaren Kriegs- 
ursache und Kriegsschuld nicht ein. Er verweist auf einige Bücher 
und Schriften, die angeblich « mit wissenschaftlicher Gründlich- 
keit, erschöpfend und unparteiisch », an der Hand der amt- 
lichen Publikationen die Schuldfrage untersuchen und von den 
« Behauptungen des Anklägers auch nicht einen Punkt bestehen » 
lassen (S. 67). Ich lehne es ab, den Wechsel, den der Geschichts- 
forscher Schiemann auf andere angebliche Geschichtsforscher 
zieht, meinerseits zu honorieren und mich mit Herrn lyudwig 
Bergsträsser, den Schiemann als Kulisse vor sich hinstellt, herum- 
zuschlagen. Ich habe mir einen gewichtigeren und höherstehenden 
Gegner, den Staatssekretär Dr. Helfferich, ausgesucht und bin 
mir bewusst, den von diesem ausgesprochenen und angeblich 
begründeten Schuldigspruch gegen die Ententemächte durch 
das Buch J'accuse und dieses Ergänzungswerk vernichtet, mein 
eigenes Schuldverdikt gegen die Zentralmächte aber nur noch 
fester und unerschütterlicher als bisher begründet zu haben. Es 
ist unmöglich und würde ein halbes Menschenleben erfordern, 
wenn man — nach Abführung des Hauptgegners — nun auch 
noch mit allen seinen Sekundanten sich herumschlagen wollte. 
Die Methode dieser Herren ist überall dieselbe. Wer Helfferich 
widerlegt hat, hat alle widerlegt. Ich glaube, mich mit der Zer- 
trümmerung der Helfferichschen Brandstiftungsthese begnügen 
zu können. 

Herr Schiemann aber macht es sich denn doch gar zu leicht. 
Er behandelt auf 67 Seiten — in seiner Weise — die entferntere 
Vorgeschichte des Krieges, lehnt aber unter Berufung auf andere 
Forscher jede Erörterung der unmittelbaren Vorgeschichte ab. 



DER PRÄVENTIVKRIEG 87 

Dieser Standpunkt ist schon an sich verfehlt und unlogisch. Er 
erinnert an das Verfahren eines Staatsanwalts, der sich darauf 
beschränken würde, das Vorleben des Angeklagten zu untersuchen, 
ohne die Tat selbst einer Erörterung zu unterziehen. Wenn selbst 
die Behauptung Schiemanns, Frankreich, Russland und England 
hätten einen Angriffskrieg gegen die Kaisermächte geplant und 
beabsichtigt, ebenso richtig und erwiesen wäre, wie sie unrichtig 
und unerwiesen ist, so würde daraus noch lange nicht folgen, dass 
der jetzige Krieg der von den Ententemächten beabsichtigte Angriffs- 
krieg sei. Dies umsoweniger, als Schieraann selbst die Angriffs- 
absichten auf eine spätere Zeitperiode verlegt. Wenn zwei Per- 
sonen, von denen die eine ein bedenkliches, die andere aber ein 
unbedenkliches Vorleben hinter sich hat, einer wirklich geschehe- 
nen Tat verdächtig sind, so folgt aus dem bedenklichen Vorleben 
der einen noch lange nicht, dass sie die Tat begangen habe. Selbst 
wenn der Verdächtigte ein bereits vorbestrafter Verbrecher wäre, 

— nicht bloss ein Mann, bei dem man « sich der Tat versehen 
kann », — so genügt sein Vorleben noch keineswegs, um ihn der 
Tat für überführt anzusehen. Sein Vorleben gibt ein Verdachts- 
moment ab, weiter nichts. Die Tat selbst muss ihm bewiesen 
werden. 

Genau so steht es mit der Beurteilung der Schuld an diesem 
Kriege. Selbst wenn Frankreich, England oder Russland vor- 
bestrafte Verbrecher wären, das heisst, auf die Politik übertragen : 
selbst wenn sie, etwa im Laufe der postnapoleonischen Geschichts- 
epoche, seit der Neuordnung Europas durch den Wiener Kongress, 
kriegerische Ueberfälle auf europäische Grossmächte ausgeführt 
hätten — was bekanntlich (nach Bismarcks Selbstbekenntnissen 
über den Ursprung des Krieges von 1870) nicht einmal von dem 
Frankreich Napoleons III. behauptet werden kann — , so würden 
sie wegen dieser verbrecherischen Vergangenheit noch nicht der 
Schuld an dem gegenwärtigen Kriege überführt sein. Selbst 
Kriegs taten aus der Vergangenheit würden nicht zum Schuld- 
beweis genügen, geschweige denn Kriegs absiebten für die 
Zukunft. 

Wenn ich alles, was Schiemann und Konsorten über die heim- 
tückische, perfide Kriegsverschwörung der Ententemächte vor- 
bringen, für bare Münze nehmen würde, wenn ich die Behauptung 
Bernhardis, dass die Ententemächte ihrerseits gar nicht an einen 
Angriffskrieg gedacht haben \ für einen AugenbHck vergesse, 

— kurz in allem die dreisten Fälschungen des Gesclüchtsprofessors 
als unumstössliche Wahrheiten hinnehme, so ist damit noch nicht 

* Siehe J'accuse, S. 27. 



88 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

der geringste Beweis erbracht, dass dieser Krieg von 1914 von 
Frankreich, Russland und England herbeigeführt worden ist. 
Im Gegenteil. Die bösen Absichten der anderen würden erwiesen 
sein, aber nicht die Ausführung dieser Absichten, die ja — nach 
Schiemanns eigener Zeitbestimmung — erst einige Jahre später 
erfolgen sollte. Gerade wegen der bösen Absichten der Entente- 
mächte aber - — die doch, ausser Herrn Schiemann, auch der deut- 
schen Regierung bekannt gewesen sein müssen — würde der 
Verdacht, ja sogar die Wahrscheinlichkeit begründet sein, dass 
Deutschland den Angreifern zuvorgekommen sei, um durch 
einen Präventivkrieg dem angeblich beabsichtigten Ueberfall 
zu entgehen. 

So laufen alle Argumente Schiemanns und seiner Leute auf 
die Bestätigung des Präventivkrieges hinaus, widerlegen aber — 
ohne es zu wollen — die These des Verteidigungskrieges. 

Ich habe schon an früherer Stelle auf ein offenes Zugeständnis 
des Präventivkrieges von Seiten Schiemanns hingewiesen. Ein 
anderes Zugeständnis gleicher Art lautet folgendermassen : 

« Es ist auch eine historisch unhaltbare Vorstellung, 
dass ein Präventivkrieg nicht seinem Wesen nach ein De- 
fensivkrieg sein kann. Was war denn der Krieg, den Fried- 
rich der Grosse sieben lange Jahre hindurch um die 
Erhaltung des preussischen Staates führte, wenn nicht 
ein Defensivkrieg, in dem er verloren gewesen wäre, hätte 
er nicht das Praevenire gespielt. Das im 17. Jahrhundert oft 
gebrauchte Wort « Melius est praevenire quam praeveniri » be- 
zeichnet ganz treffend die Entscheidung, vor der Friedrich 
gestanden hat, und entspricht den Verhältnissen, mit 
denen wir im August 1914 rechnen mussten. » (Verleumder- 
schrift, S. 7.) 

Damit ist das ganze offizielle Deutschland, vom Kaiser her- 
unter bis zum letzten Regierungsschreiber, Lügen gestraft. 
Schiemann, der Wortführer der preussischen Junkerpartei, der 
habitue und Vertraute der Wilhelmstrasse, der vielgelesene und 
— besonders an allerhöchster Stelle — vielbeachtete « Wochen- 
schauer » der « Kreuzzeitung », das Sprachrohr und oft auch der 
Souffleur der preussischen Machthaber — Schiemann, der es 
besser als irgend jemand anders wissen muss, gibt zu, dass 
Deutschland nicht überfallen worden ist, sondern den Krieg her- 
beigeführt hat, um einem zukünftigen Ueberfall zuvorzukommen. 
Bleibt also nur die Frage zu untersuchen. 



DER PRÄVENTIVKRIEG 89 

erstens : ob ein Präventivkrieg überhaupt moralisch und poli- 
tisch zu rechtfertigen ist ? — und 

zweitens : — für den Fall der Bejahung der ersten Frage — , 
ob die tatsächlichen Voraussetzungen der Prävention im Sommer 
19 14 vorlagen ? 

Auf diese Fragen werden wir im folgenden Kapitel ausführlich 
eingehen. 




II. 



Theorie und Praxis des Präventivkrieges. 



Wenn ich in meinem Buche von der « gigantischen Ivüge » 
gesprochen habe, mittels deren das deutsche Volk in diesen Krieg 
hineingelockt worden sei, so habe ich damit zunächst nur den 
negativen Gedanken zum Ausdruck bringen wollen, dass die Be- 
hauptung des feindlichen Ueberfalls und des Verteidigungs- 
krieges eine bewusste, auf Täuschung des deutschen Volkes be- 
rechnete Unwahrheit ist. Dieser Unwahrheit haben sich alle 
schuldig gemacht, die das Nichtvorhandensein eines Ueberfalls 
kannten, in erster Linie diejenigen, die den Krieg ihrerseits durch 
Wort und Schrift und tatsächliches Handeln herbeigeführt haben. 
Die Motive, welche die einzelnen Individuen oder Gruppen zu 
ihrem Handeln veranlasst haben, sind bei der moralischen Beur- 
teilung gleichgültig. Der Präventivkrieger hat ebenso gelogen wie 
der Eroberungskrieger. Ersterem stehen höchstens mildernde Um- 
stände zur Seite, wenn er ernsthaft und aufrichtig an den zukünf- 
tigen Angriff geglaubt und ein Zuvorkommen für notwendig, 
erachtet hat. Mildernde Umstände, sage ich, nicht aber Freispre- 
chung von Schuld. 



Bismarck und der Präventivkrieg. 

Ueber die Frage der moralischen Berechtigung von Vorbeu- 
gungskriegen ist viel und viel Widersprechendes gesprochen und 
geschrieben worden. Der stärkste Zeuge gegen Vorbeugungs- 
kriege ist Fürst Bismarck. Seine Aussprüche gegen Präventiv- 
kriege in seinen <( Gedanken und Erinnerungen » sind vielfach 
zitiert und auch in meinem Buche (S. 33) erwähnt worden. In 
seiner berühmten Reichstagsrede vom 6. Februar 1888 sagte er 
wörtlich : 



92 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Wenn ich heute hier vor Sie treten und Ihnen sagen wollte : Wir sind 
erhebhch bedroht von Frankreich und Russland ; es ist vorauszusehen, dass 
wir angegriffen werden ; meiner Ueberzeugung nach glaube ich es als Diplo- 
mat, nach militärischen Nachrichten hierüber ; es ist nützhcher für uns, 
dass wir als Defensive den Vorstoss des Angriffes benützen, dass wir jetzt 
gleich schlagen... und ich bitte also den Reichstag um einen Kredit von 
einer Milliarde, um den Krieg gegen imsere beiden Nachbarn heute zu tmter- 
nelimen, — ja, meine Herren, ich weiss nicht, ob Sie das Vertrauen zu mir 
haben würden, mir das zu bewilligen. Ich hoffe nicht... Es ist nicht die Furcht, 
die uns friedfertig stimmt, sondern gerade das Bewusstsein imserer Stärke, 
das Bewusstsein, auch dann, wenn wir in einem minder günstigen Augenblick 
angegriffen werden, stark genug zu sein zur A bwehr und doch die MögHchkeit 
zu haben, der götthchen Vorsehung es zu überlassen, ob sie nicht in der 
Zwischenzeit doch noch die Notwendigkeit eines Krieges aus dem Wege 
räumen wird. 

Man hat den Bismarck nach 1870 mit dem Bismarck vor 1870 
in Widerspruch zu setzen gesucht und behauptet, seine spätere 
Abneigung gegen Vorbeugungskriege sei « kein Kunststück >> 
gewesen, nachdem er selbst, vor allem in der Herbeiführung des 
deutsch-französischen Krieges, sich des Mittels der Prävention 
mit genialer Rücksichtslosigkeit und mit Erfolg bedient hatte. 
Dieser Versuch unserer Imperialisten und Chauvinisten, den 
grossen deutschen Staatsmann als Eideshelfer für ihre Kriegs- 
schürereien in Anspruch zu nehmen, ist hinfällig. Das Verhalten 
Napoleons nach dem Tage von Sadowa, während der Luxembur- 
ger Krisis von 1867 und während der folgenden Jahre bis zum 
Ausbruch des Krieges, bewies zur Evidenz, dass der — vom his- 
torischen und nationalen Standpunkt aus berechtigte — Drang 
des deutschen Volkes nach einem neuen deutschen Reiche in dem 
Kaiser der Franzosen einen unerbittlichen Gegner fand, und dass 
diese Gegnerschaft nur durch Blut und Eisen zu überwinden war. 
Napoleons Gegnerschaft gegen Deutschlands Einigung war eine 
Tatsache, nicht eine Befürchtung oder Vermutung. Die Herstellung 
dieser Einigung war ein nationales Recht und das Streben danach 
eine geschichtliche Notwendigkeit für das deutsche Volk : es war 
ein Streben nach innerer Neugestaltung und Festigung, das keine 
aggressive Spitze gegen andere europäische Mächte, keine Expan- 
sionsbestrebungen über die deutschen Grenzen hinaus enthielt, 
keine Rechte und Interessen Dritter zu verletzen bestimmt war. 
Diesem nationalen Einigungsstreben des deutschen Volkes Hin- 
dernisse in den Weg zu legen, war ein Frevel. Die Parole «revanche 
pour Sadowa >> war eine Ruchlosigkeit, ein Uebermut, gegen den 
das nationale Bewusstsein der Deutschen sich mit Recht empörte. 
Der Entschluss, Deutschland von dieser bonapartistischen Vor- 
mundschaft zu befreien, war nicht Prävention, sondern Ahschüt- 
telung eines tatsächlich vorhandenen politischen Joches, es war der 



THEORIE UND PRAXIS 93 

Kampf des deutschen Volkes um die Freiheit, die Selbstbestim- 
mung in seiner inneren politischen Entwicklung, es war ein 
Gegenstück zu dem Freiheitskampf von 1813, der nach aussen 
hin das Joch der Fremdherrschaft abgeschüttelt hatte. 

Aus alledem ergibt sich, dass die prinzipielle Ablehnung von 
Präventionskriegen seitens des grossen deutschen Staatsmannes 
nicht bloss den gestus des gesättigten Raubtieres darstellt, das 
nach Befriedigung seiner Gier gemächlich in der Sonne liegt, ohne 
an weiteres Morden zu denken, — sondern der tiefgewurzelten 
inneren Anschauung Bismarks entsprach, die gleichermassen 
auf religiös-moralischen, wie auf praktisch-staatsmännischen 
Gründen beruhte. Tatsächlich hat ja auch schon der preussische 
Junker, Herr von Bismarck-Schönhausen, im Dezember 1850 im 
preussischen Landtag die Worte gesprochen ^ : 

Es ist leicht für einen Staatsmann, sei es in dem Kabinette oder in der 
Kammer, mit dem populären Winde in die Kriegstrompete zu stossen und 
sich dabei an seinem Kaminfeuer zu wärmen oder von der Tribüne don- 
nernde Reden zu halten und es dem Musketier, der auf dem Schnee ver- 
blutet, zu überlassen, ob sein System Sieg und Ruhm erwirkt oder nicht. Es 
ist nichts leichter als das, aber wehe dem Staatsmann, der sich in dieser Zeit 
nicht nach einem Grunde zum Kriege umsieht, der auch nach dem Kriege noch 
stichhaltig ist. 

Seine Stellungnahme gegen die von Moltke gewünschte Kriegs- 
entfesselung im Jahre 1867 bei Gelegenheit der Luxemburger 
Frage erläutert Bismarck in seinen « Gedanken und Erinnerun- 
gen » (Band II, S. 230) folgendermassen : 

Ich bin zur Zeit der Luxemburger Frage (1867) eüi grundsätzlicher 
Gegner von Präventivkriegen gewesen, d. h. von Angriffskriegen, die wir nur 
deshalb führen ^vürden, weil wir vermuteten, dass wir sie später mit dem 
besser gerüsteten Feinde zu bestehen haben würden. 

Den gleichen Standpunkt gegen « antizipierte Kriege » nahm 
ein von dem alt- Reichskanzler inspirierter Artikel der « Ham- 
burger Nachrichten » (vom 4. November 1892) ein : 

Dass die Aussicht, später einen Krieg wahrscheinlich führen zu müssen, 
genügenden Grimd abgebe, denselben früher, miter günstigeren Umständen 
selbst zu beginnen, diese Polgenmg ist zuweilen in militärischen Kreisen 
gezogen worden, und einen Hauptgrmid der Verstinunimg dieser gegen den 
damaligen Reichskanzler bildete der Umstand, dass dieser gegen solche anti- 
zipierte Kriege jederzeit sehr bestimmt aufgetreten ist. 

1 Ich entnehme die nachfolgenden Bisniarck-Zitate der vorzüglichen kleinen 
Schrift, die vom Bund « Neues Vaterland » unter dem Titel : « Was täte Bis- 
marck ? » (Berlin, 1915) herausgegeben worden ist. 



94 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Ein, wenige Wochen nach Bismarcks Rücktritt ebenfalls 
in den « Hamburger Nachrichten » (Abendausgabe vom 3. Mai 
1890) erschienener, in jedem Worte den Geist und Stil des alt- 
Reichskanzlers atmender Artikel geht den Präventivkriegern mit 
noch schärferem Geschütz zu I^eibe : 

Die « Kreuz-Zeitung » veröffentlichte kürzlich vmter vollkommener Bil- 
ligung und lobender Anerkennung des Inhalts spaltenlange Auszüge aus 
einer bei Kay in Kassel anonym erschienenen Broschüre, betitelt : o Videant 
consules, ne quid res pubHca detrimenti capiat ». Die Broschüre, die gegen 
die auswärtige und militärische Politik imter dem Fürsten Bismarck gerichtet 
ist, kommt zu dem Ergebnis, dass Deutschland zu der Zeit, als es noch mili- 
tärisch überlegen war, sich mit Frankreich hätte aufs neue auseinandersetzen 
müssen, um alsdaim seine ganze Kraft gegen Russland, den wahren Natio- 
nalfeind zu richten, dass aber Fürst Bismarck dies verhindert habe, sodass 
alle dem deutschen Volk auferlegten Opfer tunsonst gewesen seien. Die 
« Kreuz-Zeitung » bestätigt durch ihr Verhalten einer Schrift gegenüber, die 
es dem Fürsten Bismarck zum Vorwurf macht, zwei blutige Kriege verhin- 
dert zu haben, das Vorhandensein von kriegerischen Unterstrcmungen, das 
sie sonst eifrigst bestritten hat... Wie sich die « Kreuz-Zeitung » mit der 
Situation, in die sie sich dadurch selbst gebracht, abfinden wird, überlassen 
wir ihr ; aber wir sind von der Offenheit frappiert, mit der sich das Blatt zu 
dem in der Broschüre entwickelten ruchlosen Programm bekennt. 

Bei anderer Gelegenheit tat Bismarck den für seine plastische 
Ausdrucksweise so charakteristischen Ausspruch : das Vorweg- 
nehmen eines möglichen Angriffs komme ihm vor wie der Selbst- 
mord in Erwartung des Todes. 

Diese und ähnliche Aussprüche Bismarcks sind bekannt. 
Weniger bekannt aber sind die Einzelfälle, in denen er alle seine 
Autorität aufwenden musste, um den militärischen Einflüssen 
bei der Entscheidung über den Beginn oder über den Abschluss 
von Kriegen entgegenzutreten. 

Strategie und Diplomatie. 

In einer interessanten kleinen Schrift : « Military Strategy 
versus Dipiomacy, in Bismarck' s Time and Afterwards'^, » stellt 
Munroe Smith, Professor der Jurisprudenz an der Columbia- 
Universität, an der Hand der Bismarckschen Memoiren und anderer 
deutschen Memoirenwerke, den fast ununterbrochenen Kampf des 
alt-Reichskanzlers gegen die Generale, den Grafen Moltke an der 
Spitze, dar — den Kampf um die Frage, ob man Kriege, die un- 
vermeidlich erscheinen, absichtlich in einem Momente, wo man 
militärisch dem Gegner überlegen sei, herbeiführen solle und 
dürfe. 

' New- York, 1915, by Ginn & Co. 



THEORIE UND PRAXIS 95 

Schon 1864 bei dem gemeinschaftlichen Kriege Deutschlands 
und Oesterreichs gegen Dänemark waren starke militärische Ein- 
flüsse tätig, um den König von Preussen zu veranlassen, die 
Grenze Jütlands allein, ohne Oesterreich, zu überschreiten. Der 
alte Feldmarschall Wrangel konnte sich nicht enthalten, die belei- 
digendsten Telegramme gegen Bismarck — nicht einmal in chif- 
frierter Schrift — an den König zu richten und sogar von Diplo- 
maten zu sprechen, die an den Galgen gehören ^. 

Im Jahre 1866 zeigten sich die militärischen Gegnerschaften 
gegen Bismarcks Staatskunst nicht nur vor Beginn des Krieges, 
sondern noch mehr bei seinem Abschluss. Obwohl der Krieg mit 
Oesterreich unvermeidlich erschien, schlug Bismarck nicht sofort 
los, sondern Hess Oesterreich bei jedem einzelnen Schritte der 
militärischen Vorbereitungen die Vorhand. Mitte März schon 
konzentrierte Oesterreich seine Truppen in Böhmen, Preussens 
Antwort beschränkte sich darauf, seine aktive Armee in Kriegs- 
bereitschaft zu setzen. Im Laufe des April begannen einige 
deutsche Bundesstaaten mit militärischen Vorbereitungen. Am 
8. April schloss Bismarck den Vertrag mit Italien. Oesterreich 
und Italien mobilisierten. Erst in der ersten Hälfte des Mai mobi- 
lisierte Preussen seine Reserven und begann, an der sächsischen 
Grenze und in Schlesien Truppen zu konzentrieren. Dann wartete 
Bismarck, Moltke aber verlor die Geduld und wünschte den sofor- 
tigen Beginn der militärischen Operationen, da jeder Tag Verzö- 
gerung die bis dahin nur unvollkommen ausgestatteten und nur 
teilweise konzentrierten feindlichen Kräfte verstärken würde. 
König Wilhelm aber nahm für Bismarck Partei und Hess die preus- 
sischen Truppen beinahe einen Monat lang mobilisiert stehen, 
ohne anzugreifen. Erst als von Oesterreichs Seite der offene Angriff 
erfolgte, gestattete Bismarck den Beginn der Feindseligkeiten -. 

Dieselben Gegensätze zwischen Staatsmann und Strategen, 
wie bei Beginn des Krieges von 1866, zeigten sich auch beim 
Abschluss, bei der Formulierung der Friedensbedingungen. Auch 
hier setzte Bismarck die Grundsätze durch, die er in seinen « Ge- 
danken und Erinnerungen » dahin präzisiert, dass die Bestimmung 
und Abgrenzung der Kriegsziele vor und während des Krieges 
politische und nicht strategische Probleme seien, und dass der 
leitende Staatsmann, um den richtigen Weg zur Erreichung dieser 
Ziele zu finden, nicht ohne Einfluss auf den Gang des Krieges 
selbst bleiben dürfe. Nach diesen Grundsätzen handelte er be- 
kanntlich beim Friedensschluss mit Oesterreich. Den siegreichen 
Einzug in Wien, die Abtretung österreichischer Territorien und 

* « Gedanken und Erinnerungen », S. 323. 

* Sybel « Begründung des deutschen Reiches », S. 421. 



96 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

die Belastung Oesterreichs mit einer grossen Kriegsentschädigung 
lehnte er ab, weil er schon damals voraussah, dass er den Kaiser- 
staat als Bundesgenossen in Europa brauchen würde, ihn also nicht 
durch erniedrigende und bedrückende Friedensbedingungen sich 
zum dauernden Feinde machen dürfe. — 

Sehr interessant ist der Hinweis von Munroe Smith auf den 
Gegensatz, der bereits ein Jahr nach dem deutsch- österreichischen 
Kriege, bei Gelegenheit der Luxemburger Frage im Jahre 1867, 
zwischen Bismarck und Moltke über die Eventualität eines 
deutsch- französischen Krieges bestand. Moltke wünschte schon 
1867 den Ausbruch des Krieges mit Frankreich, den er für abso- 
lut unvermeidlich hielt. Er wünschte den sofortigen Ausbruch, 
weil er meinte, dass die damals unzweifelhafte Ueberlegenheit 
der deutschen Militärmacht später von Frankreich ausgeglichen 
werden könnte. Graf Bethusy-Huc teilte Moltkes Anschauungen 
dem Reichskanzler mit, der zwar die militärischen Erwägungen 
Moltkes nicht missbilligte, aber keine Verantwortlichkeit für die 
Herbeiführung eines Krieges übernehmen wollte : die persönliche 
Ueberzeugung eines Staatsmannes, dass ein Krieg eventuell 
ausbrechen könnte, so begründet sie auch sein mag, könne seine 
Herbeiführung nicht rechtfertigen ; unvorhergesehene Ereignisse 
könnten die Situation ändern und das abwenden, was unvermeidlich 
erscheine ^. — 



Auch nach dem deutsch-französischen Kriege widerstand 
Bismarck militärischen Einflüssen und lehnte die Wegnahme rein 
französischer Territorien, die von militärischer Seite gewünscht 
und suggeriert wurde, ab. Er begnügte sich mit der Annexion 
von Elsass und Lothringen und Hess hierbei allerdings neben den 
nationalen Gesichtspunkten auch militärische Rücksichten bis 
zu einem gewissen Grade zur Geltung kommen. Diese — vielleicht 
die einzige — Konzession Bismarcks den militärischen Rücksichten 
gegenüber, ist für Deutscliland und für Europa verhängnisvoll 
geworden ; ist sie doch letzten Endes der Ursprung und Keim 
des gegenwärtigen Krieges. Wäre Frankreich damals so behandelt 
worden, wie Oesterreich nach 1866, so wäre vermutlich ein freund- 
licheres Verhältnis zwischen den beiden Nachbarländern von 
Anfang an entstanden, zumal der Krieg doch nur gegen das 
französische Kaiserreich, nicht aber gegen die dritte Republik 
begonnen worden war. Der Rüstungswahnsinn hätte vermutlich 

' Siehe Moltkes « Memoiren », II, 204 uud Bismarcks « Gedanken und Erinne- 
rungen », S. 441. 



THEORIE UND PRAXIS 97 

niclit die ungeheuren Dimensionen angenommen, die schliesslich 
zum Kriege führen mussten. An Stelle des gefährlichen Gleich- 
gewichtsystems wäre ein europäischer Friedenszustand entstanden, 
der jedem Staate seine natürlichen Existenzbedingungen garan- 
tiert und einen günstigen Boden zur friedlichen Ordnung aller 
aussereuropäischen Fragen bereitet hätte. Die eine Konzession 
Bismarcks an die Generale war verhängnisvoll für die ganze euro- 
päische Zukunft. 

Ein warnendes und lehrreiches Beispiel für unsere heutigen 
Staatsmänner. Hätten sie den « rein militärischen Erwägungen 
der Generalstäbe » (Rotbuch Nr. 28) nicht Folge gegeben, hätten 
sie in den kritischen Tagen vom 29. bis 31. Juli den Bismarckschen 
Grundsatz befolgt, dass man wegen Truppenkonzentrationen 
keine Erklärungen vom Nachbarstaat fordern, sondern sich ein- 
fach mit militärischen Gegenmassregeln begnügen solle (siehe Bis- 
marcks Rede vom 6. Februar 1888), — hätten sie sich mit der in 
dem Ultimatum vom 31. Juli ausgesprochenen Drohung : Mobi- 
lisierung gegen Mobilisierung begnügt, anstatt sie siebzehn 
Stunden später in die Formel umzuwandeln : Krieg gegen Mobi- 
lisierung, — dann wären wir heute nicht in einem europäischen 
Kriege. — 



Auch Bismarcks Nachfolger Caprivi, der ebenso wie sein Vor- 
gänger unter dem Kriegsdrängen einer Kamarilla zu leiden hatte, 
die stets nur den Gesichtspunkt der augenblicklichen militä- 
rischen Ueberlegenheit, daneben aber weder politische noch mora- 
lische noch menschliche Erwägungen gelten Hess, — auch Caprivi 
hat sich in einer seiner Reichstagsreden mit aller Schärfe gegen den 
Präventivkrieg ausgesprochen (am 23. November 1892) : 

In der Presse, und auch von wohlmeinenden hochpatriotischen Männern 
ist mir die Ansicht entgegengetreten : Ja, aber der Zustand in einer so 
schweren Rüstvmg, wie wir ilm tragen, einer Rüstimg, die noch erschwert 
werden soll, wird der nicht auf die Dauer unerträglich, und täten wir nicht 
besser, dem Zustande dadurch ein Ende zu machen, dass wir selbst zmn 
Schwert griffen, den günstigen Moment wählten mid uns dann durch eine 
Ausnützimg der Siege, auf die wir hoffen dürfen, emen Frieden wiederimi 
auf zwanzig bis dreissig Jahre sicherten ? Ich glaube, dass das eine Ansicht 
ist, die die Regierungen mid auch das deutsche Volk niemals würden akzep- 
tieren wollen. Abgesehen von den moralischen Bedenken, die dem entgegen- 
stehen, stehen auch schwere, sachliche Bedenken einer Durchfüliriuig solcher 
Ideen im Wege... Ich habe die feste Ueberzeugung, dass selbst nach einem 
glücklichen Abschlu.ss eines prophylaktischen Krieges der Zustand, in den 
wir versetzt werden würden, ungleich migünstiger wäre als der gegenwär- 

Dag Verbrechen II 7 



gS VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

tige. Ich wiederhole also, nicht bloss als meine eigene Ueberzeugtmg, son- 
dern, soweit es mir bekannt ist, als die Gesinmmg der Regienmgen, dass 
niemals von Deutschland ein solcher Präventivkrieg wird geführt werden. 

A. H. Fried hebt mit Recht bei Erwähnung dieser Caprivischen 
Rede hervor, wie wenig stichhaltig die von den Kriegshetzern 
stets vorgebrachte Phrase der « Unvermeidlichkeit » eines Krieges 
ist : damals, 1892, gedachten die « wohlmeinenden hochpatrio- 
tischen Männer » durch einen neuen deutsch-französischen Krieg, 
der unzweifelhaft zu einem europäischen sich erweitert hätte, den 
Frieden auf zwanzig bis dreissig Jahre zu sichern. Der Frieden ist 
aber auch ohne jenen Krieg auf zweiundzwanzig Jahre gesichert 
gewesen und würde noch heute bestehen, wenn die Regierungen 
und Herrscher Deutschlands und Oesterreichs den Einflüste- 
rungen der Militaristen und Kriegshetzer ebenso widerstanden 
hätten, wie dies Bismarck und Caprivi getan haben. Jedenfalls 
hat sich nachträglich herausgestellt, dass der angeblich im Jahre 
1892 unvermeidliche Krieg vermieden und trotzdem das Resultat 
eines zwanzig- bis dreissig jährigen Friedens erzielt werden konnte. 

Friedrich der Grosse. 

Die Verteidiger des Präventivkrieges pflegen sich mit Vorliebe 
auf gewisse Aussprüche Friedrichs des Grossen zu stützen : 

Es gibt Vorbeugungskriege, vmd die Fürsten handeln weise, wenn sie 
diese unternehmen. Sie sind eigentlich Angriffskriege, aber sie sind darum 
nicht minder gerecht. Wenn die Uebermacht eines Staates aus ihren Ufern 
za treten vmd die Welt zu überschwemmen droht, dann ist es klug, ürr Dämme 
entgegenzusetzen und den I^auf des reissenden Stromes zu hemmen, solange 
man es noch vermag. Man sieht, wie die Wolken sich ballen, wie das Gewitter 
heraufzieht xmd die Blitze es ankünden. Kann ein Fürst, dem diese Gefahr 
droht, das Unwetter nicht allein abwenden, so wird er sich, wenn er weise 
ist, mit allen denen vereinigen, welchen die gleiche Gefahr ein gleiches Inte- 
resse gibt. Hätten die Könige von Aegypten, von Syrien imd Mazedonien 
sich gegen die römische Macht verbündet, so wäre Rom nie imstande ge- 
wesen, diese Reiche zu stürzen. Ein weise vereinbartes Bündnis imd ein mit 
Nachdruck geführter Krieg hätten jene ehrgeizigen Pläne vernichtet, deren 
Erfüllung die Welt in Fesseln schlug. Es ist weise, das geringere Uebel dem 
grösseren vorzuziehen und den sichersten Ausweg zu wählen, um den xmge- 
wissen zu meiden. Ein Fürst tut also besser daran, einen Angriffskrieg zu 
unternelmien, solange ihm die Wahl zwischen dem Lorbeerkranze vmd dem 
Oelzweige noch freisteht, anstatt bis zur Zeit der Not zu warten, wo eine 
Kriegserklärung seine Kjiechtschaft vmd seinen Untergang nwr auf kvirze 
Zeit hinausschieben kann. Es ist ein ausgemachter Grundsatz, dass zuvor- 
kommen besser ist, als sich zuvorkommen lassen : die grossen Männer sind 
dabei stets wohl gef aliren, wenn sie ihre ]Macht gebrauchten, bevor die Feinde 
Vorkelirungen treffen konnten, die ihnen die Hände gebvmden mid ihnen die 
Macht geraubt hätten. 



THEORIE UND PRAXIS 99 

Diese und älinliche Aussprüche des grossen preussisclien 
Königs erklären sich aus den Verhältnissen seiner Zeit. Die Staaten- 
bildung in Europa war damals noch einer flüssig-feurigen Masse 
gleich, die noch langer Jahre bedurfte, ehe sie zu einem einiger- 
massen festen Zustande sich abkühlte. Das kleine Preussen 
besonders — erst seit einem halben Jahrhundert zum Königreich 
geworden — war im Begriff, eine seiner inneren Kraft und Tüch- 
tigkeit entsprechende territoriale Geltung zu gewinnen, und fand 
als Gegner seines Aufstiegs hauptsächlich die alte Macht der Habs- 
burger auf seinem Wege, die sich mit Russen und Franzosen zur 
Niederhaltung des neuen Rivalen verbündet hatte. Der aufstre- 
bende Preussenstaat, von allen Seiten damals wirklich ein- 
gekreist, gezwungen, durch militärische Schlagfertigkeit und 
raschestes Handeln die Ungunst seiner territorialen, politischen 
und finanziellen Lage auszugleichen, — der Staat Friedrichs des 
Grossen konnte unter Umständen in der Antizipierung bevor- 
stehender Angriffe sein einziges Heil, im ruhigen Abwarten aber 
seinen Untergang finden. Dazu kam, dass die Gefahr übermütiger, 
aus dynastischen oder Macht- und Eroberungsgründen hervor- 
gehender Kriege damals eine ganz andere war wie heute — 
damals, als die Dynastien fast nur mit Söldnerheeren ihre Kämpfe 
ausfochten, ohne parlamentarische Kontrolle und Bewilligung 
der Kriegsausgaben, ohne Einfluss der Völker auf die Herbei- 
führung und Beendigung der von den absoluten Monarchen be- 
schlossenen Kriege. Damals waren in der Tat Ueberf allsgefahren 
für einen kleineren, auf strebenden, den Grossen unbequemen Staat 
vorhanden, — Gefahren, von denen heute, wo doch schliesslich, 
trotz allem offenen oder versteckten Absolutismus, die Völker mit- 
zuraten und mitzutaten haben, keine Rede mehr sein kann. Oder 
sagen wir besser : keine Rede mehr sein sollte ! Denn leider hat die 
Ursprungsgeschichte dieses Krieges, insbesondere der Ueberfall 
auf Belgien uns belehrt, dass wir noch keine Veranlassung haben, 
uns pharisäisch unserer Kulturfortschritte im Vergleich zu ver- 
gangenen Zeiten zu rühmen. 

Bei der Beurteilung der friederizianischen Präventions- 
theorien ist aber ferner auch der riesenhafte Untey schied zwischen 
den Folgen eines damaligen, selbst siebenjährigen Krieges, imd 
denen eines heutigen Weltkrieges in Betracht zu ziehen. Sieben 
Tage des heutigen Weltkrieges fügen den kriegführenden Ländern 
und den Neutralen, fügen der ganzen Welt ein tausendfach 
grösseres Unglück, tausendfach grösseren Schaden an Blut und 
Wohlstand und Kulturzerrüttung zu, als sieben Jahre des dama- 
ligen preussischen Krieges gegen Oesterreich und seine Bundes- 
genossen, Von einem Welthandel, einem Weltverkehr, einem 



100 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Weltaustausch geistiger und materieller Güter war damals, in 
der Zeit der Postkutschen und der Segelschiffe, noch keine Rede. 
Wer will das heutige Zeitalter der drahtlosen Telegraphie, der 
Elektrizität, der Luftschiffahrt, der telephonischen Unterhaltun- 
gen über weiteste lyänderstrecken hinweg, des milliardenweisen 
Warenaustausches durch Kabelabschluss und Dampfschiffe, mit 
dem damaligen Merkantilsystem des Innenhandels vergleichen, 
dem zwar der Trieb nach Aussenentfaltung nicht fehlte, dem aber 
die geeigneten Kommunikationsmittel für Abschluss und Liefe- 
rung mangelten. Wenn damals der friederizianische Gedanke, 
einem sicher drohenden Ueberf all durch einen Angrift'skrieg zuvor- 
zukommen, diskutabel war, so ist er heute jedenfalls, gegenüber 
der UnWahrscheinlichkeit der Voraussetzung und der Unermess- 
lichkeit der Folgen, undiskutierbar und kann ein unter solcher 
Begründung ausgeführter Angriff nur unter die Kategorie von 
Kriegen gerechnet werden, die Bismarck einmal als <( bonapartis- 
tische Ruchlosigkeit » gebrandmarkt hat. 

Wann ist ein Krieg 
«unvermeidlich» ? 

Die Tatfrage, ob ein Krieg unvermeidlich, ob er in Wirklich- 
keit von der Gegenseite über kurz oder lang beabsichtigt sei, ist 
eine der schwierigsten, die sich einem Staatsmann zur Lösung dar- 
bieten können. Es ist unmöglich, sie je mit einem bestimmten 
Ja oder Nein zu beantworten. Das Vorhandensein von kriege- 
rischen Strömungen in Nachbarländern beweist noch nicht, dass 
diese Strömungen die Herrschaft über die Staatsoberhäupter und 
Staatslenker gewonnen haben oder gewinnen werden. Solche 
Strömungen sind stets oder meist nur Ausflüsse von Minoritäten 
und es kommt bei der Beurteilung ihrer GefährHchkeit darauf 
an, ob diese Minderheiten die Macht in Händen haben oder 
imstande sind, sich zu Mehrheiten zu entwickeln. 

Der Erfolg der Kriegstreiberei hängt aber auch innerhalb 
dieser verbrecherischen Schichten sehr häufig von dem Leben 
oder Sterben einzelner führender Persönlichkeiten ab. Sitzen die 
Kriegstreiber in der Regierung selbst, so können sie unschädlich 
werden, wenn sie — sei es durch den Machtspruch eines Monar- 
chen, sei es durch Majoritäten in den Parlamenten oder unter den 
Ministerkollegen — von ihrem Amte abberufen werden. Ist die 
Kriegslust und Kriegsgefahr bei dem Herrscher selbst vorhanden, 
so können unzählige persönliche und sachliche Umstände eintre- 
ten, die selbst diese grösste aller Gefahren beseitigen oder abschwä- 
chen können. Ein kranker Herrscher wird sich schwerer zu einem 



THEORIE UND PRAXIS lOI 

Kriege entschliessen als ein gesunder. Ein königlicher « Bruch » 
kann unter Umständen den Bruch der diplomatischen Beziehun- 
gen, ein kaiserlicher « Durchfall » einen kriegerischen Einfall 
verhindern ; ein fürstlicher « Stein » kann der Stein des Anstosses 
werden, über den alle noch so mächtigen Kriegshetzer stolpern. 
Der kriegslustige Monarch kann sterben und ein friedliebender 
Nachfolger auf den Thron gelangen. Starke Volksstimmungen, 
Volksbewegungen oder Parlamentsströmungen, die den kriege- 
rischen Absichten des Herrschers entgegenlaufen, können ihn 
von der Unmöglichkeit der Durchführung seiner Pläne oder von 
der Gefahr überzeugen, die der Versuch solcher Durchführung 
für seine eigene monarchische Stellung heraufbeschwören könnte. 
Wie stark der Einfluss einzelner Personen auf die Erhaltung 
des Friedens oder den Ausbruch des Krieges selbst von leitenden 
Politikern eingeschätzt wird, beweist, neben unzähligen anderen 
Beispielen, der Fall Delcasse vom Juni 1905. Die Meinung, dass 
der damalige französische Minister des Auswärtigen durch seine 
Marokko-Politik zwar nicht absichtlich, aber unbewusst und 
ungewollt eine kriegsgefährliche Situation in Europa heraufbe- 
schwören könnte, war damals nicht nur diesseits, sondern auch 
jenseits der Vogesen verbreitet und fand ihren Ausdruck in der 
historischen Ministerratssitzung vom 6. Juni 1905, in der der Minis- 
terpräsident Rouvier und seine Kollegen den allzu temperament- 
vollen Minister des Auswärtigen zum Rücktritt zwangen. (Damals 
soll bekanntlich das geflügelte Wort Rouviers gefallen sein, dass 
Delcasse, der kleine Don Juan, nicht nur England, Russland und 
Spanien in seinen Netzen gefangen, sondern schliesslich auch noch 
Italien verführt habe : « L'Allemagne vous reproche d'avoir 
debauche 1' Italic »). — Unbestreitbar war die gefährlichste Span- 
nungsperiode zwischen Deutschland und Frankreich seit dem 
Kriege von 1870 die Zeit des Boulangismus. Nach dem Sturze des 
« brav' General » und der Verbannung seiner hervorragendsten 
Anhänger trat sofort ein ruhigeres Verhältnis zwischen Deutsch- 
land und Frankreich ein, das dann wieder durch die Dreyfus- 
Affäre zu kriegerischen Wellen aufgerührt wurde, aber bald nach 
Ablauf dieser Affäre von neuem in ruhiges Fahrwasser einlief. — 
Der Wahl Poincares zum Präsidenten der französischen Republik 
legen unsere Chauvinisten — mit Unrecht — eine symptomatische 
Bedeutung für das Wiedererwachen der französischen Revanche- 
absichten bei. Von welchem Zufall, welchem unvorherselibaren 
Resultat parlamentarischer Intrigen hing es ab, dass an Stelle des 
angeblich nationalistisch -gesinnten IvOthringers der harmloseste 
aller Präsidentschafts-Kandidaten, Herr Pams, ins Elysee einge- 
zogen wäre ?! — Die Reise des österreichischen Thronfolgers 



102 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Franz Ferdinand nach Serajevo ist der äussere Anlass zu dem 
europäischen Kriege geworden. Erinnert man sich nicht, dass der 
alte Kaiser Franz Joseph in dem Jahre vor dieser Reise monatelang 
schwer erkrankt war und beständig zwischen Leben und Sterben 
schwebte ? Wäre der Kaiser damals gestorben, so wäre Franz 
Ferdinand vermutlich nicht nach der bosnischen Hauptstadt 
gefahren, er wäre nicht ermordet worden und der europäische 
Brand — wenigstens aus dieser Ursache — nicht emporgelodert. — 

Wir haben in Deutschland die Freude und die angenehme 
Aussicht, einen zukünftigen Kaiser zu besitzen, der, wie ich an 
manchen seiner Schriften, Reden und Handlungen nachgewiesen 
habe, zu der schlimmsten Kategorie der « Kriegshelden » gehört, 
— zu denen, die — keinen persönlichen Gefahren ausgesetzt — den 
Krieg um des Krieges willen lieben, denen noch immer der Völker- 
frieden « ein Traum und nicht einmal ein schöner » ist, — die das 
Zerfleischen und Zerfetzen von Millionen menschlicher Körper, 
die Elend, Hunger und Obdachlosigkeit von Abermillionen un- 
glücklicher, von Haus und Heimat vertriebener Männer und 
Frauen, Greise und Kinder, die Brand und Verwüstung, wirt- 
schaftliche und kulturelle Zerrüttung als heilsame Medizin, als 
« Stahlbad »> ansehen, um die erschlafften Nerven — notabene 
des arbeitenden Volkes, nicht ihre eigenen ! — wieder auf den 
Damm zu bringen. Dass solche Gesinnungen auf einem Kaiser- 
throne die höchste Gefahr für die Welt bedeuten, ist einleuchtend. 
Wenn aber zufällig der älteste Sohn des deutschen Kaisers anders 
geartet wäre, wenn er die Meinung aller Völker und aller modern 
und menschlich empfindenden Herrscher teilte, dass nicht Zer- 
störung, sondern Aufbau und Weiterentwicklung die hohe Aufgabe 
aller Regierungen und Herrscher, dass der Frieden das höchste 
Gut der Völker, die einzig sichere Grundlage ihrer Wohlfahrt und 
ihres Gedeihens ist, — wenn zufällig der älteste Sohn, der Thron- 
folger, wie sein Grossvater, ein Friedensfürst und die kriegerische 
Hohenzollerunote vielleicht auf einen unschädlichen jüngeren 
Sohn übergegangen wäre, dann wäre die Gefahr von oben her 
ohne weiteres beseitigt und die Erhaltung des Weltfriedens um 
ein gutes Stück wahrscheinlicher gemacht. Auch an diesem Bei- 
spiel sehen wir also, wie der Zufall der Er st gehurt, — der aber 
durch einen weiteren Zufall des Ausscheidens dieses Erstgeborenen 
(durch Tod, Krankheit oder sonstige « unvorhergesehene » Um- 
stände) wieder ausgeschaltet werden kann und hoffentlich ausge- 
schaltet w i r d, — die Schicksale von Ivändern und Völkern be- 
stimmen kann. 

Alles Zufall, nirgends sichere Vorausherechnung im Schicksal 
der Menschen, im Schicksal der Völker. Wer könnte auch nur im 



THEORIE UND PRAXIS IO3 

bescheidenen Rahmen eines Privatlebens sagen, dass eine be- 
stimmte Entwicklung fatalistisch, unvermeidlich so oder so ein- 
treten müsse. « Der Mensch denkt und Gott lenkt. » Dieses wahre 
Sprichwort, das man populär auch wohl so formuliert : « Es 
kommt alles immer anders » — das sollten gerade die Frommen 
und Gottgläubigen im Lande beherzigen. « Nichts ist beständig 
als der Wechsel » — daran sollten die denken, welche die « Unver- 
meidlichkeit » von Kriegen beständig im Munde führen und doch 
ihrerseits nicht einmal vorausberechnen können, ob sie diesen 
Abend noch mit ihrer Familie bei Tische sitzen oder dem wirklich 
unvermeidlichen Sensenmann zum Opfer gefallen sein werden. 
Zufall, nichts als Zufall ist es, was die Schicksale der Einzelnen 
und der Völker regiert, — so sagen die Skeptiker, die Ungläu- 
bigen. Was ist der Zufall anderes als « der kleine Finger an der 
Hand des allmächtigen Gottes ? » — sagen mit Jean Paul die 
Gläubigen, die Gottvertrauenden. Fatalismus hier und Fatalismus 
dort. « Kismet » nennen es die Türken, dvdjTir] nannten es die 
Griechen. Man kann der Vorsehung nicht in die Karten gucken, 
um der geschichtlichen Entwicklung nach eigener Berechnung 
vorzugreifen, — so sprach und handelte Bismarck. Schon aus 
diesem einen Grunde, der Unmöglichkeit der Vorausberechnung 
menschlicher Ereignisse, ist die Herbeiführung eines Krieges des- 
halb, weil er doch einmal kommen müsse, also eines vorwegge- 
nommenen Angriffskrieges, ein Verbrechen, ebenso schwer als die 
ruchlose Missetat eines reinen Angriffs- und Eroberungskrieges. 

Die drei Voraussetzungen 
des Präventivkrieges. 

Die Verteidiger des Angriff'skrieges zum Zwecke der Prä- 
vention müssten, um ihre These zu rechtfertigen, drei Punkte 
beweisen, deren Beweis ihnen, den Angreifern, nicht uns, den 
Verneinern ihres Angriffsrechts, obliegt : 

1. Sie müssen die prinzipielle Frage, ob ein als antizi- 
pierter Verteidigungskrieg unternommener Angrift'skrieg 
politisch, moralisch und menschlich zu rechtfertigen ist, 
bejahend beantworten. Dass diese Frage im modernen 
Staatsleben und für moderne Staatsmänner grundsät ;:lich 
zu verneinen ist, glaube ich oben dargetan zu haben und 
komme später noch darauf zurück. 

2. Sie müssen, wenn sie die prinzipielle Frage ihrerseits 
bejahen, nachweisen, dass die tatsächlichen Voraussetzungen 
des von ihnen als zulässig oder gar geboten hingestellten 



104 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Vorbeugungskrieges im einzelnen Falle vorhanden sind, 
mit anderen Worten : dass der Angriffskrieg von der an- 
deren Seite unweigerlich beabsichtigt, beschlossen und be- 
vorstehend war, dass es sich also für den jetzt angreifenden 
Staat nur um die Frage handeln konnte, ob er früher oder 
später seinem Gegner im Kampfe gegenüberzutreten habe. 
3. Sie müssen beweisen, dass die politisch-diploma- 
tische Situation, die den späteren Angriff von anderer 
Seite unvermeidlich machte, auch durch diese andere 
Seite verschuldet, also nicht ein Produkt der Fehler und 
Verschuldungen des jetzt angreifenden Staates gewesen 
ist. Mit anderen Worten : dass die Gegenpartei ihrerseits 
nicht nur eine gefährliche Situation — ohne jedes Ver- 
schulden des jetzt angreifenden Staates — geschaffen hatte, 
sondern auch im Begriffe stand, dieser Situation durch 
Herbeiführung eines Krieges ein Ende zu machen. 

Alle diese Fragen, sowohl die prinzipielle nach der Berechtigung 
von Präventivkriegen überhaupt, als die beiden Tatfragen ad 2 
und 3 müssen gleichermassen bejaht werden, wenn die Präven- 
tionisten ihren Standpunkt rechtfertigen wollen. Würde z. B. 
nur die zweite Frage zu bejahen, die dritte aber zu verneinen sein, 
so würde sofort das Schlussglied in der logischen Kette, die zur 
Rechtfertigung des Präventivkrieges führt, wegfallen. Es würde 
dann zwar die Absicht der Gegenseite, einen Krieg in einem späte- 
ren Moment herbeizuführen, bewiesen, gleichzeitig aber festge- 
stellt sein, dass diese Absicht aus einer politischen Lage empor- 
wuchs, deren Gefährlichkeit nicht auf das Schuldkonto des even- 
tuellen späteren, sondern auf das des jetzigen Angreifers zu setzen 
ist. Wenn A. durch Provokationen, Gewalthandlungen, Ehr- und 
Interessen Verletzungen den B. zur Erbitterung und zur Rache 
aufreizt und dann dem voraussichtlichen Racheakt des B. noch 
durch Eröffnung der Feindseligkeiten seinerseits zuvorkommt, so 
ist er doppelt zu verurteilen, weil er einmal den B. gereizt hat und 
dann noch der natürlichen Folge dieser Aufreizung, anstatt sie 
abzuwarten, zuvorgekommen ist. Anders liegt die Sache, wenn 
die Reizung von B. ausgegangen, wenn B. ausser der Provokation 
auch noch die nachweisbare Absicht kundgegeben hat, gegen A. 
mit Gewalt vorzugehen, und wenn nun A. dem bevorstehenden 
Gewaltakt des Provokanten B. durch seinen tatsächlichen Angriff" 
zuvorkommt. In diesem Falle ist die obige zweite und dritte Frage 
zu Gunsten des A. zu beantworten und sein Angriff* — immer die 
prinzipielle Zulässigkeit des Präventionskrieges vorausgesetzt — 
zu rechtfertigen oder wenigstens zu entschuldigen. 



THEORIE UND PRAXIS I05 

Von diesen Gesichtspunkten aus habe ich, obwohl ich meiner- 
seits den Präventionskrieg aus prinzipiellen Gründen unbe- 
dingt verwerfe, schon in meinem Buche die Frage untersucht, 
ob Deutschland und Oesterreich wenigstens von ihrem Stand- 
punkte aus ihren Angriffskrieg als Präventionskrieg zu recht- 
fertigen imstande sind. Ich habe diese Frage verneinen müssen. 
Ich habe den Nachweis zu führen unternommen : 

erstens : Frankreich, Russland und England hatten nicht die 
Absicht, Deutschland und Oesterreich zu überfallen, vielmehr 
hatten ihre Bündnisse und Ententen nur einen defensiven Cha- 
rakter ; 

zweitens : Selbst wenn die gespannte europäische Situation 
in der Tat zu einem « unvermeidlichen » Kriege drängte, so war 
diese Situation nicht die Schuld der Ententemächte, sondern 
— mindestens in weit überwiegendem Masse — die der Kaiser- 
mächte. 

Somit ist der Versuch der Kaisermächte, durch einen 
europäischen Krieg eine Spannung zu lösen, die sie selbst 
herbeigeführt haben, in doppeltem Sinne verbrecherisch. 



Die deutschen Präventionisten begnügen sich in der Regel 
mit der Beantwortung der zweiten der oben gestellten Fragen. Sie 
suchen aus der Vorgeschichte des Krieges, aus der Haltung und 
den Abmachungen der Ententemächte untereinander, aus der 
Einkreisungs-Politik König Edwards, aus der angeblichen Revan- 
che-Politik Poincares und Delcasses, aus der panslawistischen 
Strömung in Russland, die allmählich zu der Ueberzeugung ge- 
kommen wäre, « dass der Weg nach Konstantinopel durchs 
Brandenburger Tor führe », aus dem Handelsneid des englischen 
Krämervolkes, das stets in der Geschichte die Unterdrückung des 
jeweUig seemächtigsten Kontinental-Staates durch Verbindung 
mit anderen Kontinental-Staaten erstrebt habe, — die deutschen 
Chauvinisten und Präventionisten, sage ich, suchen aus dieser 
Tatsachensammlung ä la Schiemann den Nachweis eines auf die 
Zerschmetterung der Zentralmächte gerichteten Offensivbundes 
zu erbringen. Dagegen gehen sie über die andere Frage, wie weit 
Deutschland und Oesterreich an der Bildung und Verdichtung jenes 
Bundes selbst die Schuld tragen, mit bezeichnendem Stillschweigen 
hinweg. 

Ich habe bereits in meinem Buche und in den vorhergehenden 
Abschnitten dieser Arbeit darauf hingewiesen : 



I06 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

dass in allen, die Kriegsurheberschaft der Ententemächte 
behauptenden deutschen Schriften auch nicht der Schatten 
eines Beweises für die Offensiv- Absichten dieser Mächte 
erbracht ist ; 

dass ihr Zusammenschluss und ihre immer engere Ver- 
kettung vielmehr lediglich aus der Furcht vor den impe- 
rialistisch-kriegerischen Absichten, vor den Weltmacht- und 
Hegemoniebestrebungen Deutschlands, vor der ins Unge- 
messene wachsenden Land- und Seemacht des deutschen 
Reiches, vor der Kriegsbegeisterung und Kriegshetze des 
« Alldeutschen Verbandes », mit seinen Filialen, « Deutscher 
Wehrverein », « Deutscher Flottenverein », u. s. w. hervorge- 
gangen ist ; 

dass alle militärischen und maritimen Abmachungen und 
Vorbesprechungen zwischen Frankreich und England, Frank- 
reich und Russland, und ebenso die in Aussicht genommenen 
Abreden zwischen England und Russland nur zum Schutze 
gegen einen eventuellen deutschen Angriff, niemals aber zu 
einem spontanen Angriff auf Deutschland bestimmt waren. 

Ich habe die Gründe ausführlich dargelegt, die das wachsende 
Misstrauen gegen Deutschlands Absichten, gegen die Ehrlichkeit 
und Aufrichtigkeit seiner Friedensversicherungen, nicht nur in 
Frankreich, England und Russland, sondern auch in der ganzen 
neutralen Welt hervorgerufen hatten. Diese Gründe waren im 
wesentlichen : 

die Haltung Deutschlands und seines Bundesgenossen 
Oesterreich-Ungarn auf den Haager Konferenzen, sein 
entschiedener Widerstand gegen die obligatorische Schieds- 
gerichtsbarkeit und gegen jede Beschränkung der Land- 
und Seerüstungen ; 

sein zweideutiges und verdächtiges Gebaren während 
der deutsch-englischen Verständigungsverhandlungen von 
1909-1912 ; 

der Bernhardismus und Treitschkismus, diese brutalen 
Kriegs- und Weltmachtstheorien, die von gelehrigen uni- 
formierten und nicht-uniformierten Schülern in immer 
weitere Kreise getragen, in immer raffinierterer Weise zur 
Vergiftung der deutschen Volksseele benutzt wurden ; 

die impulsiv-ruckweise kaiserliche Politik, die es in 
schwierigen europäischen Momenten vorzog, statt diplo- 
matischer Verhandlungen mit gepanzerter Faust auf den 
Tisch zu schlagen, statt des Diplomatenkleides die glän- 



THEORIE UND PRAXIS IO7 

zende Waffenrüstung hervorzukehren, — die ewig das 
scharf geschliffene Schwert und das trockene Pulver im 
Munde führte, — die mitten im Frieden mit drohender 
Gebärde an die Schlachten der Vergangenheit, an die 
Freiheitskämpfe von 18 13, an Wörth, Weissenburg und 
Sedan erinnerte ^ ; 

die aufreizende, beängstigende, nach Theatereffekten 
haschende Politik, die erst in der Krügerdepesche, dann 
in der Sendung eines südafrikanischen Feldzugsplanes an 
die königliche Grossmutter, in dem kaiserlichen Privat- 
briefe an Ivord Tweedmouth, in der I^andung in Tanger 
und in dem Panthersprung von Agadir ihren bezeichnenden 
Ausdruck fand, die im Innern Deutschlands, besonders in 
den Reichslanden, in der preussisch-harten Behandlung 
der Elsass-IvOthringer, in den Uebergriffen der Militär- 
gewalt gegen die Zivilgewalt ein getreues Spiegelbild der 
äusseren Politik bot. 

Alles dies steigerte das Misstrauen gegen die preussisch- 
deutsche Europa-Politik bis zu einem solchen Grade, dass nur 
durch ein immer festeres und stärkeres Gegenbündnis die Möglich- 
keit der Erhaltung des europäischen Friedens gegeben schien. 

Bei einer Fortsetzung dieses elektrisch geladenen Spannungs- 
zustandes wäre es nicht zu verwundern gewesen, wenn der Bund 
der Ententemächte zu immer engeren Abmachungen vorgeschrit- 
ten wäre. Die Anbahnung der englisch-russischen Marine- Kon- 
vention im Frühjahr 1914 würde möglicherweise zu einem 
Abschluss der Verhandlungen, zu einem in allen Einzelheiten 
ausgearbeiteten Kooperationssystem der beiden Flotten geführt 
haben, wenn der Ausbruch des Krieges nicht dazwischen gekom- 
men wäre. Und dennoch — trotz alledem ! — man mag die ganze 
deutsche Kriegsliteratur von Anfang bis zu Ende durchlesen 
— dennoch fehlt es an jedem greifbaren Beweise oder auch nur 
Versuch eines Beweises, dass die Annäherung und der Zusammen- 
schluss der Entente-Mächte einen Angriff auf Deutschland oder 
seine Bundesgenossen zum Ziele gehabt hätte. Der Zusammcn- 
schluss war nicht die Ursache, sondern die Wirkung der europäischen 
Spannung. Die Politik König Edwards, der man den Namen 
« Einkreisungspolitik » gegeben hat, könnte man richtiger be- 
zeichnen als die Politik der Unschädlichmachung der kriegerischen 
Weltmachtbestrebungen Deutschlands. 

1 Siehe u. a. die Reden des Kaisers Wilhelm im Sommer 1904 zu Karlsruhe 
und zu Mainz, seine Ansprache an den Prinzen Heinrich vor dessen Abreise nach 
Ostasien (1897), seine Antwortrede an den Wiener Bürgermeister im Jahre 1910. 



I08 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Als König Edward auf den Thron kam, war zwei Jahre vorher 
der erste Haager Kongress, hauptsächUch durch Deutschlands 
Schuld, resultatlos verlaufen, die obligatorische Schiedsgerichts- 
barkeit von England befürwortet, von Deutschland abgelehnt 
worden, die Erörterung der vertragsmässigen Rüstungsbeschrän- 
kung von Deutschland zurückgewiesen, statt dessen aber durch 
das deutsche Flottengesetz der Anfang zu einer Seemacht gelegt 
worden, die im Laufe der Jahre der englischen Suprematie auf 
dem Meere sich immer weiter zu nähern drohte und auch das 
friedliebende englische Volk, dem keine wesentliche Landmacht 
zur Verfügung stand, für die Sicherheit des Vereinigten König- 
reichs fürchten lassen musste. Alle Versuche zuerst des unionis- 
tischen und später in verstärktem Masse des liberalen englischen 
Kabinetts, die ruinöse Rüstungskonkurrenz der beiden Länder 
durch vertragsmässige Beschränkungen zum Stillstand zu bringen, 
schlugen fehl. Kaiser Wilhelm und sein Grossadmiral von Tirpitz 
hatten ihr leidenschaftlich geliebtes Schosskind, die neugeborene 
deutsche Flotte, viel zu sehr in ihr Herz geschlossen, um dem 
Wachstum dieses Sprösslings irgend welche Hindernisse und 
Beschränkungen in den Weg legen zu lassen. Es fiel wohl gelegent- 
lich einmal ein Wort aus dem Munde des Grossadmirals, wonach 
Deutschland vielleicht auf ein gewisses Stärkeverhältnis zwischen 
den beiden Flotten eingehen könne. Diesem Worte wurde aber 
nie eine praktische Folge gegeben : Deutschland wollte frei 
bleiben und blieb frei in der Entwicklung seiner Seemacht. 

Der zweite Haager Kongress verlief bezüglich der wichtigsten 
Fragen, die ihn beschäftigten, ebenso resultatlos, wie der erste. 
Die bosnisch-herzegowinische Krisis zeigte Deutschland als 
Sekundanten hinter seinem Bundesgenossen mit drohend erho- 
bener, gepanzerter Faust und führte die Gefahr eines europäischen 
Krieges so dringend herauf, dass es der ganzen Nachgiebigkeit 
Russlands und der guten Ratschläge Englands und Frankreichs 
bedurfte, um den Ausbruch des Weltbrandes schon damals zu 
verhindern. 

Alle diese Tatsachen — und noch viele ähnliche, die hier auf- 
zuzählen zu weit führen würde, — haben die Politik der Unschäd- 
lichmachung von Seiten des Königs Edward veranlasst und ge- 
fördert : es war keine Kriegs-, sondern eine Friedenspolitik, ihre 
Tendenz war nicht auf die Störung, sondern auf die Erhaltung 
des europäischen Friedens gerichtet. Diese Erhaltung glaubte 
man — mit Recht — am besten durch die Schaffung eines dem 
Dreibund möglichst gleichwertigen und gleich starken Dreiver- 
bandes erreichen zu können. Wie die Tendenz der deutschen 
Flottenrüstung ausgesprochenermassen dahin ging, eine so starke 



THEORIE UND PRAXIS IO9 

Flotte ZU schaffen, dass auch der stärkste Gegner nicht ohne 
Gefahr für seine eigene Seemacht ihr kriegerisch entgegentreten 
könne, so ging die Tendenz der Ententebildung dahin, dem Drei- 
bunde mit dem übermächtigen Deutschland an der Spitze eine 
Koalition gegenüber zu stellen, die zwar nur zum Teil durch 
festes Bündnis aneinander gekettet war, die aber bei kriegs- 
drohenden KonfUkten eine so starke Gegnerschaft darstellen 
sollte, dass auch die grösste Militärmacht der Welt nicht ohne 
eigene Gefahr einen Krieg riskieren könnte. 



Von diesem Standpunkte aus, von dem Gesichtspunkte der 
Friedensabsichten des Dreiverbandes, die auch durch die Enthül- 
lungen der belgischen Archive — wie wir später sehen werden — 
nicht in Kriegsabsichten umgewandelt werden können, erscheint 
ohne weiteres der grössere Teil der deutschen Kriegsliteratur, 
soweit er sich auf die entferntere Vorgeschichte des Krieges 
erstreckt, als halt- und gegenstandslos. Immer wieder verweisen 
die Verteidiger Deutschlands auf die Besprechungen der englischen 
und französischen, der englischen und belgischen Militärs, auf die 
Korrespondenz zwischen Grey und Paul Cambon vom November 
1912, auf die beabsichtigte englisch-russische Marinekonvention, 
deren Grundlagen bei dem Pariser Besuch des englischen Königs- 
paares im Frühjahr 1914 durch Iswolsky gelegt worden seien. 
Alle Einzelheiten dieser militärischen Abmachungen zwischen den 
Ententemächten werden in sensationeller Form dem deutschen 
Publikum aufgetischt : die lyandung englischer Truppen in Däne- 
mark oder Schleswig-Holstein, der Transport russischer Truppen 
durch englische Kauffahrer nach Pommern, die Sendung eines 
englischen Hilfskorps nach Belgien und Frankreich etc. Selbst 
wenn alle diese Einzelheiten wahr wären, so beweisen sie nicht 
das geringste für die Absicht eines räuberischen Ueberfalls, son- 
dern stellen militärische Massnahmen dar, die an sich ebenso gut 
einem Verteidigungskriege, wie einem Angriffskriege dienen 
konnten ; sie geben also kein Indizium ab, das als Unterlage für 
einen Präventivkrieg heranzuziehen wäre. 

Ja, man kann sogar noch weiter gehen : Selbst wenn erwiesen 
wäre — wofür aber tatsächlich jeder Beweis fehlt — , dass jene 
angeblich vereinbarten, militärischen und maritimen Aktionen 
primäre, also einem deutschen Angriff zuvorkommende Akte sein 
sollten, so wäre selbst damit noch nicht dargetan, dass sie einem 
räuberischen Ueherjallskriege dienen sollten. Ist nicht von einem 
Preussen der militärische Grundsatz aufgestellt worden : « Die 



HO VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

beste Verteidigung ist der Hieb » ? Haben nicht Deutschland und 
Oesterreich den jetzigen « Verteidigungskrieg » damit begonnen, 
dass sie ihrerseits die entscheidenden Kriegserklärungen abge- 
geben haben und in fremde I^änder eingebrochen sind ? Wie 
können die Angreifer Serbiens, Belgiens, Russlands und Frank- 
reichs, die Verfechter des « aufgezwungenen » Krieges, die Be- 
hauptung wagen, dass ein Angriffskrieg nicht gleichzeitig ein 
Verteidigungskrieg sein könne ? ! Selbst wenn die militärischen 
Verabredungen zwischen den General- und Marinestäben der 
Ententemächte eine Bündnispflicht statuiert hätten — was nicht 
der Fall ist — , selbst wenn sie als militärische Angriffsmassregeln 
gedacht und erwiesen wären — was ebensowenig der Fall ist — , 
so wäre noch immer nicht der geringste Beweis für die Behauptung 
erbracht, dass die Ententemächte einen räuberischen Ueberfall 
auf Deutschland und seine Bundesgenossen beabsichtigt hatten ; 
es bliebe noch immer die ebenso berechtigte Auslegung übrig, 
dass jene militärischen Akte — nach preussischem Vorbild — 
Angriff sakte zum Zwecke der Verteidigung sein sollten. 

Der Beweis, dass rein spontane Angriffsakte zum Zwecke der 
Vernichtung und Zerschmetterung Deutschlands beabsichtigt 
waren, liegt denen ob, die aus jenen Angriffsabsichten das deutsche 
Recht zur Prävention herleiten. Dieser Beweis muss, wenn er die 
Grundlage eines so folgenschweren Kriegsentschlusses bilden soll, 
strikte geführt werden, nicht mit Wahrscheinlichkeiten und Mut- 
massungen. Der Beweis ist nirgends ernsthaft angetreten, ge- 
schweige denn mit Erfolg geführt worden. Die Methoden dieser 
Beweisführung habe ich bei der Abführung Schiemanns genügend 
gekennzeichnet und brauche hier nicht darauf zurückzukommen. 
Die Frage ist von den Präventionisten mit genügender Präzision 
gestellt worden, es ist die — bereits oben berührte — Frage nach 
dem « unvermeidlichen » Krieg ; die Antwort aber lässt an Prä- 
zision alles zu wünschen übrig. 

Was heisst : unvermeidlich ? Unvermeidlich ist eine Sache, der 
man auf keine Weise entgehen kann, deren Eintritt unbedingt 
sicher ist, wie der Aufgang der Sonne morgens, wie ihr Untergang 
abends. Welcher sterbliche Mensch will sich unterfangen, in die 
Mysterien des unerforschlichen Schicksals so einzudringen, dass 
er ein zukünftiges Ereignis als unvermeidlich hinzustellen wagt ? 
Wer traut sich die Prophetengabe zu, mit solcher Sicherheit Zu- 
künftiges vorauszusagen, dass er auf einem zukünftigen Ereignis 
die verhängnisvollsten Gegenwartsentschlüsse aufbaute ? Wer 
besitzt den prometheischen Uebermut, von Unvermeidlichem zu 
sprechen, wo es sich um Menschenentschlüsse handelt, die stets 
vermeidlich sind und — mit oder ohne den Willen der Handelnden 



THEORIE UND PRAXIS III 

— zum Guten oder zum Bösen ausschlagen können ? ! Nur Natur- 
gewalten sind unvermeidlich, weil sie sich der menschlichen 
Willensbestimmung entziehen. Wo der Mensch zu wollen und zu 
handeln hat, ist alles vermeidlich, nur die Folgen der Handlungen 
nicht, die hinter ihnen hergehen, wie der Schatten hinter der 
Menschengestalt, klein oder gross, breit oder schmal, je nachdem 
die Sonne einer höheren Schicksalsmacht sie bescheint. Ein Erd- 
heben, ein Wolkenbruch ist unvermeidlich. Ein Kriegsbeben, ein 
Völker Zusammenbruch ist stets vermeidbar. 

Es geht daher « über unsere Kraft », sogar über die Kraft 
unserer nationalistischen Uebermenschen hinaus, die Unver- 
meidlichkeit eines Krieges zu beweisen, selbst wenn sie diesen 
Beweis mit besseren Mitteln zu führen versuchten, als sie es in 
WirkHchkeit tun. Ich habe den Gegenbeweis zu führen unter- 
nommen, gegen ihre Behauptung, dass die Ententemächte einen 
europäischen Krieg und mittels desselben eine Vernichtung 
Deutschlands und Oesterreichs beabsichtigt hätten. Man mag 
diesen Gegenbeweis für gelungen oder misslungen ansehen, das 
Misslingen des Gegen beweises bedeutet noch nicht das Gelingen 
des Haupt beweises, der meinen Gegnern obliegt. Ich habe 
bewiesen und werde später noch durch weitere Beweise meine 
Behauptung unterstützen : 

dass die Kriegsströmungen in Deutschland stärker und 
gefährlicher als irgendwo anders in der Welt waren ; 

dass die militärischen Vorbereitungen Deutschlands die 
aller übrigen Länder an Stärke und Umfang übertrafen ; 

dass die kriegerische Zusammenarbeit der deutschen 
und österreichischen Heere genauer und sorgfältiger stu- 
diert und vorbereitet war, als bei den Ententemächten ; 

dass die strategischen Pläne Deutschlands (der Ueber- 
fall Belgiens und Frankreichs als Vorspiel, die Zerschmet- 
terung Russlands als Nachspiel) einen ausgesprochen 
aggressiven Charakter hatten. 

Ich habe aus Bernhardis bekanntem Buch den Satz zitiert, 
der alle Präventionisten erbarmungslos zu Boden schlägt : 
« Weder Frankreich noch Russland noch England haben es nötig, 
uns anzugreifen, um ihre Interessen durchzusetzen. » Ich werde 
später eine Reihe imperialistischer Pressäusserungen zitieren, die 
gleich Bernhardi den imperialistischen Eroberungskrieg prokla- 
mieren, ohne jedes schamverhüllende Mäntelchen der « Vorbeu- 
gung gegen feindlichen Ueberfall ». Man könnte die Herren eigent- 
lich sich selbst überlassen : Der Imperialist schlägt den Prävcn- 



112 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

tionisten tot. Manche, die zwischen Präventionismus und Imperia- 
lismus hin- und herpendeln, wie z.B. Harden, erklären es das eine 
Mal für schmachvoll, das gute deutsche Recht auf Weltmacht- 
erstrebung hinter dem feigen Schutzwall der Grenzverteidigung 
zu verstecken, während sie ein anderes Mal, wenn gerade der Prä- 
ventionismus in ihren Kram passt, von dem Recht und der Pflicht 
der antizipierten Notwehr gegen zukünftigen Ueberfall sprechen. 
Ich habe, obw^ohl mir die Beweislast nicht obliegt, genügend 
Beweise und Zeugnisse aus dem deutschen imperialistischen Lager 
selbst beigebracht (und werde später noch weitere beibringen) für 
meine Behauptung, dass die Ententemächte den europäischen 
Krieg nicht beabsichtigt hatten. Der Beweis des Gegenteils steht 
noch aus. Damit fällt die Grundlage der Präventions-Theorie : sie 
schwebt in der Luft, da ihre Voraussetzung, die Unvermeidlichkeit 
eines feindlichen Ueberf alles, zum mindesten unerwiesen, — wenn 
man meinen Ausführungen aber folgen will, direkt widerlegt ist. 



Die militärischen Rüstungen des Dreiverbandes 
und des Dreibundes. 

Ich sagte oben, die müitärischen Rüstungen Deutschlands 
hätten die aller übrigen Länder an Stärke und Umfang übertrofEen. 
Schon in J'accuse (S. 31) habe ich in einem Abschnitt unter dem 
Titel : « Sind wir überfallen worden oder wären wir überfallen 
worden ? » alle die Gründe hervorgehoben, die von der deutschen 
Kriegspartei seit Jahren für die Angriffsabsichten der Entente- 
mächte trügerischerweise ins Feld geführt wurden : 

« Wozu die grossen Rüstungen ? « heisst es meistens. Und unsere Rüstun- 
gen, erwidere ich darauf, die doch grösser und umfassender als in irgend 
einem Lande der Welt waren ? Hat sich je ein Land im Frieden, wie wir 
19 13, zu einer plötzlichen Erhöhung der Friedenspräsenzstärke um 140,000 
Mann, von 720,000 auf 860,000 Mann, zu einer ausserordentlichen Wehr- 
steuer von I Milliarde Mark verstiegen ? 

Dieser Satz ist von verschiedenen meiner Gegner angegriffen 
und die Gegenbehauptung aufgestellt worden, dass die Entente- 
mächte, Russland, England und Frankreich, stärker zum Kriege 
gerüstet gewesen seien als die Dreibundmächte, Deutschland, 
Oesterreich und Italien. Da diese Behauptung auch sonst in der 
deutschen Verteidigungsliteratiir vielfach wiederkehrt, so halte 
ich es für zweckmässig, auf diese Frage der Militärstatistik des 
näheren einzugehen, obwohl dieselbe mit meinen oben zitierten 
Sätzen nur in sehr losem Zusammenhange steht. Jeder unbefan- 



THEORIE UND PRAXIS 113 

gene Leser sieht sofort, dass es sich bei jenen Sätzen meines Buches 
nicht um einen statistischen Zahlenvergleich handelt, sondern 
der Schwerpunkt auf der plötzlichen Erhöhung der Friedensprä- 
senzstärke um 140,000 Mann und auf der in der Rüstungsge- 
schichte noch nie dagewesenen deutschen Erfindung einer Mil- 
liarden- Kriegs Steuer in Friedenszeiten liegt. Diese plötzliche und 
noch dazu völlig ungenügend motivierte, in keinem anderen 
Lande je in gleichem Masse stattgefundene Hinaufschraubung 
der Friedenspräsenzstärke, die damals Schrecken und Erstaunen 
in der ganzen Welt hervorgerufen und zur verhängnisvollen Ver- 
schärfung der europäischen Lage aufs erheblichste beigetragen 
liat, — diese unprovozierte und provozierende Erhöhung, in Ver- 
bindung nüt der einmaligen Kriegssteuer von einer Milliarde Mark 
und laufenden Mehrausgaben von zweihundert Millionen, — das 
ist es, was J'accuse der deutschen Regierung und ihren Kriegs- 
hetzern vorhält, wenn diese die Rüstungen der Gegenpartei als 
Symptome des beabsichtigten Ueberfalls dem deutschen Volke 
vorspiegeln. Jener folgenschwere Vorgang der Militärvorlage von 
1913, die man, unter Verfälschung des zeitlichen Verlaufs, als 
Folge der Verlängerung der Dienstzeit in Frankreich hinzustellen 
sucht, während sie tatsächlich ihre Ursache war, — jener unver- 
antwortliche Angriff auf die ruhige und friedliche Entwicklung 
Europas, die damals, infolge der erfolgreichen Friedensbemü- 
hungen in der Balkankrisis, einigermassen gesichert schien, — 
jene gefährliche Kriegsvorbereitung und Aufrüttlung kriegerischer 
Instinkte sollte mit den betreffenden Sätzen gegeisselt, nicht aber 
eine Statistik über die Zahlen der Friedenspräsenzstärken gegeben 
werden. Nur ein böswilliges Verkennen des Sinnes und Zusam- 
menhanges der betreffenden Sätze konnte meinen Gegnern Veran- 
lassung geben, ihre statistischen Zusammenstellungen zur Wider- 
legung meiner angeblichen Behauptungen auszukramen. Tant 
pis pour eux ! Ich werde ihnen jetzt nachweisen, dass auch auf 
dem Boden der Statistik, das heisst : der richtig und sachgemäss 
aufgestellen Statistik ihre Behauptung der Stärkerrüstung der 
Ententemächte hinfällig, dass im Gegenteil eine bedeutende 
Mehrrüstung der Dreibundmächte festzustellen ist. 

Wer hat stärker gerüstet vor 
dem Kriege, der Dreibund 
oder der Dreiverband? 

Selbstverständlich muss man bei der Beantwortung der Frage, 
welche von beiden Gruppen stärker gerüstet hat, vollständig die 
Konstellationen beiseite lassen, die sich i)n Laufe dieses Krieges 

Das Verbrechen II ° 



114 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

ergeben haben. Diese Konstellationen waren von keiner Seite 
mit Bestimmtheit vorauszusehen und konnten — je nach ihrer 
Gestaltung — das Kräfteverhältnis der beiden Gruppen stark 
modifizieren oder sogar vollständig umstossen. Wenn England 
z. B. neutral gebheben wäre — was Deutschland noch bis zum 
letzten Moment zu erreichen suchte — , so wäre das militärische 
Uebergewicht vom ersten Moment an auf selten der Zentralmächte 
gewesen, selbst wenn Italien sich des Beitritts enthalten hätte 
oder sogar der Gegenpartei zu Hülfe gekommen wäre. Während 
auf der einen Seite Italien und Rumänien die Truppenmacht des 
Dreiverbandes erhöht haben, sind auf der anderen Seite Bulgarien 
und die Türkei der Gruppe der Zentralmächte beigetreten. Auch 
andere Gruppierungen in der Zukunft sind nicht ausgeschlossen. 
Es ist unmöglich, alle diese bereits eingetretenen und eventuell 
noch eintretenden Verschiebungen zur Grundlage eines Stärke- 
vergleichs zu machen und sie zur Beantwortung der Frage, wer 
vor dem Kriege stärker gerüstet hat, heranzuziehen. Diese Frage 
kann nur nach dem damaligen Stande der Bündnisse oder En- 
tenten entschieden werden. Der Zweck dieser Gruppierungen war 
das gegenseitige In -Schach -halten vermittelst der Bedrohung 
durch die beiderseitigen Machtmittel. Die Erhöhung dieser Macht- 
mittel auf der einen Seite, also die erhöhte Bedrohung, musste 
durch eine Verstärkung der Machtmittel auf der anderen Seite 
ausgeglichen werden. Das war die bekannte Schraube ohne Ende. 
Unsere augenblickliche Untersuchung bezweckt die Feststellung, 
welche Gruppe durch ihre Initiative die Schraube immer stärker 
angezogen und damit den Spannungszustand Europas immer mehr 
verschärft hat. Diese Frage lässt sich nur auf der Grundlage der 
damaligen Gruppenhildung, nicht aber auf der Grundlage später 
eingetretener Kriegs-Kombinationen entscheiden. 

Ein fernerer — für jeden unparteiischen Beurteiler selbstver- 
ständlicher, daher von meinen Gegnern fast durchgängig ausser 
acht gelassener — Ausgangspunkt ist, dass der Vergleich der Rüs- 
tungen beider Mächtegruppen nicht nach absoluten Zahlen, sondern 
nur im Verhältnis zur Bevölkerungsziffer angestellt werden kann. 
Nur Unverständige oder Böswillige können es unternehmen, 
absolute Zahlen bezüglich der militärischen Rüstungen mitein- 
ander zu vergleichen, um daraus Schlussfolgerungen über grösseren 
oder geringeren c Militarismus » der betreffenden Staaten zu 
ziehen. Dass Militarismus nicht mit Militärrüstungen identisch 
ist, habe ich an anderen vStellen genügend auseinandergesetzt und 
brauche hier nicht darauf zurückzukommen. Will man aber schon 
militärische Zahlen miteinander vergleichen, so geben absolute 



THEORIE UND PRAXIS II5 

Zahlen selbstverständlich keinen Masstab für die Höhe der Rüs- 
tungen : es kommt vielmehr in jedem Staate auf das Verhältnis 
der Gesamtbevölkerung zu der Friedens- und Kriegsstärke des 
Heeres an. Mit den absoluten Zahlen kommt man zu ganz un- 
sinnigen Schlussfolgerungen. Nehmen wir an, ein Staat von fünf 
Millionen Einwohnern unterhält 500,000 Soldaten im Frieden, also 
10% seiner Bevölkerung, ein anderer mit 30 IVIillionen Einwoh- 
nern I Million, also 3 1/3 % seiner Bevölkerung. Wer ist stärker 
gerüstet, der erstere oder der letztere Staat ? Zweifellos der er- 
stere, obwohl er absolut genommen nur die Hälfte der Soldaten des 
letzteren unterhält. Die ewig-Blinden aber würden bei dem 30 Mil- 
lionen-Staat eine halbe Million Streiter mehr auf dem Plane sehen 
und sofort triumphierend ausrufen : Da seht ihr, wer der stärkere 
Rüster ist ! — 

Der Vergleich militärischer Zahlen ist eine ausserordentlich 
schwierige Operation, da die Statistiken in den verschiedenen 
Ländern nach verschiedenen Gesichtspunkten aufgenommen und 
die einzelnen Truppenkategorien in verschiedener Weise geordnet 
werden. Ich bekenne, Laie auf militärischem Gebiete zu sein, und 
muss mich mit der Versicherung begnügen, dass ich nach bestem 
Wissen und Gewissen verschiedene Quellen benutzt, miteinander 
verglichen und die so im allgemeinen bestätigten Zahlen in meine 
Tabelle eingesetzt habe. Es sind benutzt worden : Hickmann, 
Universal-Taschenatlas von 1915 ; Justus Perthes, Gotha, Taschen- 
atlas von 1916 ; Statistisches Jahrbuch für das deutsche Reich von 
1914 u. a. 

Um meiner mangelnden Fachkunde zu Hülfe zu kommen und 
jedem Vorwurf tendenziöser Zusammenstellung die Spitze abzu- 
brechen, habe ich — neben meinen eigenen Zusammenstellungen 
aus den genannten Quellen — noch einen militärischen Fachmann 
aus neutralem Lande zu Rate gezogen. Die Aufstellungen dieses 
Fachmannes über die Friedens- imd Kriegsstärke der sechs euro- 
päischen Grossmächte sind — nach der Versicherung dieses Herrn 
— « nach gleicher Rechnungsmethode aufgestellt, soweit dies bei 
der Verschiedenartigkeit der Heeresorganisationen überhaupt 
möglich ist. » Alle diese Schwierigkeiten der Vergleichung mili- 
tärischer Statistiken existieren natürlich für die meisten meiner 
Gegner nicht : sie stützen sich in der Regel auf irgend eine, ihren 
Behauptungen gerade günstig scheinende Zusammenstellung, 
gleichviel ob dieselbe eine besondere Autorität für sich in Anspruch 
nehmen kann oder nicht ; sie unterlassen jeden Vergleich mit 
anderen Aufstellungen, jede eingehendere Untersuchung des Be- 
rechnungssystems ihres Gewährsmannes, iind suchen mit dieser 



Il6 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

oberfläclilichsten aller Beweismethoden angebliche Behauptungen 
des Anklägers zu widerlegen, die dieser nie aufgestellt hat. Ich 
habe in erster Linie den Vorwurf gegen Deutschlands Herrscher 
und Regierung erhoben, dass sie stets als erste, mit einer gefähr- 
lichen Plötzlichkeit, die endlose Rüstungsschraube weiter ange- 
zogen, und dann, dass sie und ihre Bundesgenossen relativ — das 
heisst im Verhältnis zur Bevölkerungsziffer — stärker als die 
anderen europäischen Grosstaaten gerüstet haben. 

Den ersteren Vorwurf habe ich schon an anderen Stellen be- 
wiesen. Den letzteren werde ich jetzt beweisen. 



I. 
Friedenspräsenzstärke von Heer und Marine : 

Deutschland ^ 868,000 Mann. Frankreich . . 713,000 Mann. 

Oesterreich . . 435,000 » Russland .... 1,448,000 » 

Italien 343,000 » England "... 613,000 » 

1,646,000 Mann. 2,774,000 Mann. 

Danach verhält sich die Friedensrüstung des Dreibundes zu 
der des Dreiverbandes ungefähr wie i : 1,68 — wohl gemerkt, 
unter Ansetzung der für den Dreibund günstigsten Zahlen. 

Wenn ich an Stelle der obigen Zahlen die mir von meinem 
militärischen Sachverständigen gelieferten setze, so stellt sich das 
Verhältnis des Dreibundes zum Dreiverbande f olgendermassen dar : 

Deutschland 870,000 Frankreich 750,000 

Oesterreich-Ungarn . . 414,000 England 170,000 

Italien 305,000 Russland 1,200,000 

1,589,000 2,120,000 

Danach verhält sich die Friedensrüstung des Dreibundes zu 
der des Dreiverbandes ungefähr wie i : 1.33. 

* Was die Truppenmacht des deutschen Reiches zu Wasser und zu Lande anbe- 
trifft, so ergibt das Jahrbuch für 1914 eine Gesamtstärke im Frieden von rund 
880,000 Manu. Ich habe nüch, um den gleichen Masstab auf Deutschland und die 
anderen Länder anzuwenden, an die Zusammenstellung im « Gotha » gehalten, die 
für Deutschland 868,000 Mann ergibt, also noch hinter der offiziellen Zahl zurück- 
bleibt. 

2 Die enghsche Gesamtstärke wird bei Hickmann nur auf 570,000 Mann — ein- 
schhesslich der in Indien stehenden Truppen — angegeben. Ich habe, um dem 
Vorwurf tendenziöser Herabsetzung der Zahlen zu entgehen, die höhere Ziffer aus 
dem. Gotha entnommen. Einer meiner Gegner beziffert die enghsche Friedensarmee 
sogar nur auf 285,000 Mann ; allerdings die gesamte Friedensstärke der Entente 
auf 3,035,000. 



THEORIE UND PRAXIS II7 

II. 

Wie nun verhalten sich die Bevölkerungsziffern dex beiden 
Gruppen zueinander ? Ich folge auch hier dem Gotha und unter- 
scheide europäische und Gesamtbevölkerung. 

Europäische Bevölkerung. 

Deutschland ... 68 Millionen. Frankreich ... 40 Millionen. 

Oesterreich .... 53 » Russland 140 » 

Italien 36 » England 46 » 

157 Millionen. 226 Millionen. 

Die europäischen Bevölkerungen der beiden Mächtegruppen 
verhalten sich also zueinander etwa wie i : 1,44, sodass die 
Friedenspräsenzstärke der Ententemächte — nach der euro- 
päischen Bevölkerung bemessen — 

a) wenn ich die Zahlen des Gotha zu Grunde lege, nur um 
0,24 (1,68 — 1,44) die des Dreibundes übersteigt ; 

h) wenn ich die Zahlen meines Sachverständigen zu Grunde 
lege, sogar um 0,11 (1,44 — 1,33) hinter der des Dreibundes 
zurückbleibt. Hätte ich Statistiken benutzen wollen, die die 
Zahlen des Dreibundes um eine Kleinigkeit höher, die des Dreiver- 
bandes ein wenig geringer als der Gotha angeben, so würde das 
Verhältnis der Truppenzahl zur Bevölkerung aufs Haar bei beiden 
Gruppen das gleiche sein. 

Demgegenüber wagt einer meiner Gegner die Behauptung, da?s 
im Jahre 1914 die Friedensstärke der Armeen der Triple-Entente 
mehr als doppelt so gross war als die des Dreibundes ! 



So stellt sich die Sache, wenn man die europäische Bevölkerung 
aller Staaten als Masstab zu Grunde legt. Dieser Masstab ist aber 
nicht zutreffend : denn die Armeen sind nicht nur teilweise aus 
Kolonialtruppen zusammengesetzt, sondern sie sind auch dazu 
bestimmt, ausser dem Mutterlande die Kolonien zu Lande und zu 
Wasser zu beschützen. Je grösser das Kolonialgebiet und die Kolo- 
nialbevölkerung, umso stärkerer Schutz der auswärtigen Besit- 
zungen ist erforderlich. Man kann also nicht bei der Entschei- 
dung der Frage, wer im Frieden stärker gerüstet gewesen ist, die 
andere Frage beiseite lassen : wer hatte eine grössere Bevölkerung 
in und ausserhalb Europas durch seine Militärmacht zu schützen ? 

Abgesehen von diesem Gesichtspunkt kommt aber auch noch 
der oben bereits angedeutete in Betracht : das Verhältnis der 



IIÖ VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Mannschaf tszahl jedes I^andes zur eigenen Bevölkerung wird 
umso geringer, je weiter man den Kreis dieser Bevölkerung zieht. 
Es ist ein Unterschied, ob man die englische Militärmacht mit 
den 46 Millionen Einwohnern des Vereinigten Königreichs ver- 
gleicht, oder ob man die 377 Millionen Einwohner ausserhalb des 
Königreichs hinzurechnet. In Wirklichkeit muss man sie hinzu- 
rechnen, denn das englische Friedensheer wird nicht nur teilweise 
aus den englischen Besitzungen in anderen Weltteilen rekrutiert, 
sondern dient auch dazu, diese Besitzungen zu schützen und dem 
englischen Weltreich zu erhalten. 

Bei Russland ist die Hinzuzählung der asiatischen Besitzun- 
gen etc. mit ca. 36 Millionen Einwohnern zu den 140 Millionen des 
europäischen Russland umso mehr geboten, als das russische Reich 
ein zusammenhängendes, in sich geschlossenes Gebiet bildet, also 
auch seine Militärmacht nicht in eine europäische und aussereu- 
ropäische gesondert werden kann. Um zu einem den tatsächlichen 
Verhältnissen entsprechenden Rechnungsresultat zu kommen, 
muss man die gesamte russische Bevölkerung — ebenso wie die 
englische imd französische — mit ihrer Militärmacht zu Wasser 
und zu I^ande in Vergleich stellen. 

Danach ergibt sich folgende Rechnung : 

Gesamtbevölkerung : 

Deutschland ... 80 Millionen. Frankreich .... 86 Millionen. 

Oesterreich .... 53 » Russland 176 » 

Italien 38 » England 423 » 

171 Millionen. 685 Millionen. 

Die Bevölkerungszahl der beiden Mächtegruppen verhält sich 
danach fast genau wie i : 4. Ihre Friedenspräsenzstärke (nach 
Gotha) aber, wie wir oben gesehen haben, nur wie i : 1,68. Mit 
anderen Worten : die Ententemächte müssten, um in gleicher 
Weise wie der Dreibund gerüstet zu sein, viermal so viel Friedens- 
soldaten halten als der Dreihund ; sie müssten statt 2,774,000 Mann 
6,600,000 Mann unter Waffen halten. Sie bleiben also um 4 Mil- 
lionen Mann hinter dem Rüstungsniveau des Dreibundes zurück. 

III. 

Noch überraschender stellt sich das Resultat, wenn man die 

Kriegsstärke 

der beiden Mächtegruppen an der Hand ihrer Bevölkerungsziffern 
untersucht. 



THEORIE UND PRAXIS IIQ 

Das Verhältnis der europäischen Bevölkerungen zueinander 
ist, wie oben dargelegt, nach dem Gotha wie i : 1,44 : der Drei- 
bund umfasst 157 IMillionen, der Dreiverband 226 Millionen. 

Das Verhältnis der Gesamtbevölkerungen zueinander ist 
nach dem Gotha fast genau dasselbe wie nach dem Hickmann, 
nämlich 1:4 = 171 Millionen : 685 Millionen. 

a) Nach Hickmann ergeben sich folgende Kriegsstärken für 
Heer und Marine : 

Deutschland . 3,000,000 Mann. Frankreich . . 2,350,000 Mann. 

Oesterreich . . 1,800,000 » Russland .... 4,600,000 » 

Italien 1,100,000 » England .... 1,080,000 » 

5,900,000 Mann. 8,030,000 Mann. 

Also Verhältnis i : 1,36. 

Da die europäischen Bevölkerungen der beiden Mächtegruppen 
sich wie i : 1,44 verhalten, so ergibt sich eine Unterrüstung der 
Ententestaaten für den Kriegsfall von 0,08. Nimmt man aber 
— was ich für geboten halte — die Gesamtbevölkerung aller 
Staaten in und ausserhalb Europas zum Masstab, die sich wie 
I : 4 verhält, so ergibt sich eine Unterrüstung des Dreiverbandes 
von 2,64 (4 — 1,36), mit anderen Worten : der Dreiverband könnte 
seine Kriegsrüstung bis auf 23,600,000 Mann (viermal die Kriegs- 
rüstung des Dreibundes) erhöhen und würde dann erst auf dem 
Rüstungsniveau des Dreibundes angelangt sein. 

b) Nach dem Gotha stellen sich diese Zahlen folgendermassen : 

Deutschland . 5,077,000 Mann. Frankreich . . 4,120,000 Mann. 

Oesterreich . . 1,920,000 » Russland .... 4,048,000 » 

Italien 1,220,000 » England .... 1,281,000 » 

8,217,000 Mann. 9,449,000 Mann. 

Also Verhältnis i : 1,15. 

c) Nach den Aufstellungen meines militärischen Sachverstän- 
digen stellt sich die Kriegsstärke der europäischen Grossmächte 
folgendermassen : 

Deutschland 5,800,000 Frankreich 4,200,000 

Oesterreich-Ungarn . 2,000,000 England 800,000 

Italien 1,100,000 Russland 7,668,000 

8,900,000 12,668,000 

Also Verhältnis i : 1,42. 



120 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Danach ergibt sich — auf der Grundlage der Zahlen des 
Gotha — , wenn man nur die europäischen Bevölkerungen in Be- 
tracht zieht, eine Unterrüstung der Ententestaaten im Vergleich 
zum Dreibund von 1,44 — 1,15 = 0,29. 

Legt man die Zahlen meines militärischen Sachverständigen 
der europäischen Bevölkerungsziffer — nach Gotha — zu Grunde, 
so ergibt sich bei der Entente eine um 0,02 geringere Kriegsrüstung 
als beim Dreibund (1,44 — 1,42). 

Zieht man aber, wie ich es für notwendig und richtig halte, die 
Gesamt bevölkerungen in Betracht, so ergibt sich bei den 
Gothazahlen die enorme Unterrüstung der Ententemächte von 
4 — 1,15 = 2,85 ; bei den Zahlen meines Sachverständigen von 
4 — 1,42 = 2,58. Mit anderen Worten : der Dreiverband könnte 
seine Kriegsrüstung auf 32,800,000, resp. auf 35,600,000 Mann 
erhöhen (viermal die Kriegsrüstung des Dreibundes) und würde 
dann immer erst auf dem Rüstungsniveau des Dreibundes ange- 
langt sein. — 

Am riesenhaftesten stellt sich die Unterrüstung der Entente- 
mächte dar, wenn man die Kriegsstärken der beiden Mächtegrup- 
pen so als richtig annimmt, wie sie einer meiner Gegner selber 
— auf Grund seiner Quelle — uns vorführt, wenn man sich dabei 
aber gestattet, diese Kriegsstärken im Verhältnis zu den Gesamt- 
bevölkerungen zu setzen. Der betreffende Herr gibt das Verhältnis 
der Kriegsstärke des Dreibundes zu der des Dreiverbandes etwa 
wie II : 12 an, 11 Millionen zu 12 IVIillionen Mann. Da die Gesamt- 
bevölkerung des Dreibundes sich, wie oben dargelegt, zu der 
Gesamtbevölkerung des Dreiverbandes wie i : 4 verhält, so müsste 
die Kriegsstärke der Ententemächte 44 Millionen Mann betragen, 
um auf dem gleichen Niveau wie die des Dreibundes zu bleiben. 
Da sie nur 12 Millionen beträgt, so bleibt sie um die Riesenziffer 
von 32 Millionen hinter dem Kriegsniveau des Dreibundes zurück. — 

Dies das Vergleichsresultat, wenn man sich auf den Boden 
meiner Gegner stellt, wenn man — unter vollständiger Verken- 
nung des Wesens und Kerns der Streitfrage — die Priorität und 
Plötzlichkeit der Hinaufschraubung der Wehrkraft Deutschlands 
vollständig beiseite lässt und nur die Zahlen der Heeresstärken, 
allerdings auf der Basis der Bevölkerungsziffer, sprechen lässt. 
Auf ihrem eigenen Boden sind meine Gegner geschlagen und ver- 
dienen ihrerseits den Vorwurf der « lyeichtfertigkeit », den sie 
nicht unterlassen können, auch bei dieser Gelegenheit dem Ver- 
fasser von J'accuse ins Gesicht zu schleudern. 



THEORIE UND PRAXIS 121 

Delcasses Sturz (Juni 1905). 

Nach diesem militärischen Exkurs, der durch die Heranziehung 
der MiHtärstatistik von Seiten meiner Gegner notwendig geworden 
war, kehre ich zu meinem Thema zurück, zu meiner Behauptung, 
dass nie und nirgends — weder aus militärischen noch aus diplo- 
matischen Fakten — der geringste Nachweis für die angeblichen 
Ueberfallsabsichten der Entente erbracht oder auch nur ernsthaft 
versucht worden ist. Obwohl mir — wie bereits bemerkt — der 
Gegenbeweis nicht obliegt, so will ich doch an dieser Stelle auf 
einen — bereits oben kurz berührten — Punkt eingehen, den die 
deutschen Präventionisten mit besonderem Eifer als Zeichen der 
kriegerischen Absichten Englands und Frankreichs hen'orzuheben 
pflegen. 

Im Juni 1905 ist bekanntlich der Mann, den man in Deutsch- 
land als den Prototyp eines französischen Revanche-Politikers 
hinzustellen liebt, der damalige Minister des Auswärtigen Delcasse, 
infolge des Marokko- Konfliktes gestürzt worden. Zu seiner Recht- 
fertigung hat Delcasse im Oktober desselben Jahres im Pariser 
Matin Enthüllungen über seine Verhandlungen mit der englischen 
Regierung und über die Vorgänge im Ministerrat, die zu seinem 
Sturze führten, gemacht. Ich zitiere diese seine Enthüllungen 
absichtlich nach der Darstellung Helmolts {Die geheime Vorge- 
schichte des Weltkrieges), weil die Darstellung dieses literarischen 
Führers der Präventionisten sicher, so weit es sich um die 
Begründung der Präventions-Idee handelt, unverdächtig ist. 
Darnach hat Delcasse im Matin das « verblüffende Geheimnis » 
preisgegeben : 

Frankreich sei von England verständigt worden : wenn Frankreich ange- 
griffen werden würde, sei England bereit, den Kaiser Wilhelm-Kanal zu 
besetzen und 100,000 Mann in Schleswig-Holstein auszuschiffen. Wenn 
Frankreich es wünsche, wolle England dieses Anerbieten schrif tUch wieder- 
holen. (S. 13 a. a. O.) 

Auch in seiner Verteidigungsrede im Ministerrat teilte Del- 
casse — nach Helmolts Darstellung — seinen Minister- Kollegen 
mit, « dass England bereit sei, Frankreich bis ans Ende zu unter- 
stützen und ihm beizustehen, wenn es demnächst angegriffen 
werde ». Diese Darstellung Delcasses wurde von Stephan Lauzanne 
im Matin vom 8. Oktober 1905 mit den denkwürdigen Worten 
geschlossen (die ich ebenfalls nach Helmolt zitiere) : 

Wenn Herr v. Bülow sich darüber beklagt, dass man Deutschland iso- 
lieren wolle, so raüsste er sich vielmehr die Frage stellen, ob sich nicht Deutsch- 
land selbst durch sein Vorgehen von dem übrigen Europa isoliert. Die Schöpfer 



122 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

des Misstrauens und des argwöhnischen Hasses, die jeden Tag mehr das 
Deutsche Reich einschnüren, heissen nicht Delcasse, Lansdo^vne, nicht 
Eduard VII. und nicht Roosevelt, sondern sie heissen Bismarck imd Moltke, 
Wilhehn II. vuid Bülow. Diese haben das in Eisen starrende, stachHge, auf- 
gereizte und aufreizende Reich geschaffen xmd entwickelt, das seit einem 
Viertel Jahrhundert Eiuropa herausfordernd betrachtet und das Europa not- 
gedrtmgen schliesslich selbst scheel ansehen musste. Sie sind es, die Deutsch- 
land, indem sie es immer mehr verpreussen, die Sympathien nehmen, die 
früher seine tätige Wissenschaft imd seine ernste Bescheidenheit ihm sicher- 
ten. Sie sind es, die in unserer Zeit, die man milde glaubte, barbarische Dro- 
hungen oder brutale Leidenschaften emporsprühen lassen. Europa hat Furcht 
vor dem Feuer, das ununterbrochen in Berlin glimmt, und bildet vorsichtshalber 
schon jetzt die Kette. (S. 17/18 a. a. O.) 

Diese Enthüllungen Delcasses und der Kommentar lyauzannes, 
die nach Helmolt den « teuflischen Bund » zur Unterdrückung 
Deutschlands ins helle Licht stellen, ergeben für den unbefan- 
genen Leser das gerade Gegenteil : sie ergeben in unzweideutigen 
Worten die ausschliesslich defensiven Absichten der englisch- 
französischen Entente. Sie bezeichnen in zutreffender Weise den 
Grund und Ursprung der europäischen Spannung, sie legen den 
Finger auf die Wunde, indem sie die Furcht vor dem in Berlin 
glimmenden Feuer, das Misstrauen gegen das in Eisen starrende, 
aufgereizte und aufreizende Reich als Ursache der sich immer 
fester zusammenschliessenden Verteidigungs- Kette hinstellen. Die 
Ma^zM-Enthüllungen sind in der europäischen, besonders in der 
englischen Presse zum Gegenstand lebhafter Erörterungen ge- 
macht worden. Die englische Regierung (damals noch Lord 
Lansdowne) ebenso wie die inspirierte und nicht-inspirierte 
Presse Englands haben gewisse Einzelheiten der Delcasseschen 
Enthüllungen, besonders die angeblich geplanten militärischen 
Massregeln, bestritten, haben aber nicht geleugnet, dass England 
bereit sein würde, im Falle eines unprovozierten Angriffs auf Frank- 
reich der französischen Republik militärischen Beistand zu leisten. 
Die Times schrieben damals (ich zitiere nach Helmolt, S. 19) : 

Der « Matin ;> behauptet, dass Mr. Delcasse seinen Kollegen im Minis- 
terium mitteilte, England sei bereit, Frankreich zu ixnterstützen imd werde 
die Partei der Republik ergreifen, falls ein unerivarieter Angriff gegen Frank- 
reich gerichtet werden sollte. Dagegen haben wir nichts einzuwenden. Wir 
zweifeln nicht im geringsten daran, dass in einem solchen Notfalle die eng- 
lische Regierung Frankreich mit vollem Beifall der Nation unterstützt 
haben würde. 

Ein Abkommen nach dieser Richtung hin war bekanntlich 
nicht getroffen worden, sondern es blieb — wie die Grey- 
Cambon- Korrespondenz vom November 1912 ergibt — selbst 
im Falle eines unprovozierten deutschen Angriffs immer noch 



THEORIE UND PRAXIS 123 

dem Ermessen Englands überlassen, ob es dem Angegriffenen 
militärischen Beistand leisten wolle oder nicht. Aber darauf kommt 
es bei unserer gegenwärtigen Untersuchung nicht an. Es genügt 
mir hier, darauf hinzuweisen, dass selbst dieses angebHch folgen- 
schwerste, die « teuflischen Absichten » unserer Gegner enthül- 
lende Abkommen, wenn es in allen Einzelheiten wahr wäre, 
keinen offensiven, sondern einen deutlich ausgesprochenen defen- 
siven Charakter hatte. « Wenn Frankreich angegriffen werden 
sollte », war England zur militärischen Hülfe bereit, — so heisst 
es in der Enthüllung des Matin und in der Bestätigung durch 
die Times. Nicht also : « wenn Frankreich angriff ». Europa hat 
Furcht vor BerHn, deshalb schliesst es sich zusammen, so lautet 
der Kommentar von Stephan lyauzanne. Wo ist hier oder ander- 
wärts von Vernichtungs- und Ueberfalls- Absichten gegen Deutsch- 
land die Rede ? Wo ist der Angriffs- Krieg auch nur angedeutet, 
der « unvermeidliche », dem man durch Vorbeugung zuvorkom- 
men musste ? Wenn Delcasse schon wegen dieser Defensiv- 
Abreden gestürzt worden ist, bloss weü das vorsichtige und 
verängstigte Frankreich schon darin eine Aufreizung des gefähr- 
lichen Nachbarn sah, was würde erst einem französischen Minister, 
was einem Präsidenten der Republik passiert sein, der den wahn- 
sinnigen Gedanken gefasst hätte, das friedliebende demokra- 
tische Gemeinwesen einigen unverantwortlichen Schreiern und 
Hetzern zuliebe in blutige, kriegerische Abenteuer zu stürzen ? ! 
Nicht einen Tag länger wäre Poincare an der Spitze der Republik 
geblieben, wenn er je solche Kriegs gedanken gefasst oder kundgegeben 
hätte. Nicht einen Tag länger hätten die unbedingt pazifistischen 
Linksparteien der Radikalen und Sozialisten, die noch in den 
Frühjahrstagen von 1914 einen so eklatanten Wahlsieg davon- 
getragen haben, ein Ministerium geduldet, das die europäische 
Spannung durch blutigen Waffenkampf, statt friedHcher Ver- 
ständigung, zu lösen versucht hätte. Wenn schon der Schöpfer 
der Defensiv-Entente von 1904 als gefährlicher Aufreizer den 
Drohungen von aussen und den Gegnern von innen weichen 
musste, welches Schicksal würde einem angriffslüsternen Präsi- 
denten beschieden gewesen sein ? ! Nein, alle diese angeblichen 
Ueberfallsabsichten sind nichts anderes als Lüge und Erfindung 
— Erfindung, für die es in der Vergangenheit keinen Beweis gibt 
und die in der jüngsten Gegenwart — in den Tagen vor Ausbruch 
des Krieges — durch die unermüdlichen Bemühungen Frank- 
reichs um die Friedenserhaltung widerlegt wird. 

Der Sturz Delcasscs im Jahre 1905 beweist gerade das Gegen- 
teil von dem, was unsere Chauvinisten daraus herzuleiten suchen, 
er beweist : 



124 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

erstens, dass selbst der Minister der Republik, der als 
der schlimmste Kriegsschürer in Deutschland verschrieen 
wird, nie etwas anderes als den Schutz Frankreichs gegen 
deutschen Angriff erstrebt hat ; und 

zweitens, dass selbst diese rein defensive Politik ihn 
sein Amt gekostet hat, weil man unter allen Umständen 
eine Aufreizung des Misstrauens und des Verdachtes auf 
deutscher Seite verliindern wollte. 

So schlägt auch dieses Argument, das sie für besonders stark 
halten, lediglich zum Nachteil der Präventionisten aus. 

Das Weltschwurgericht, 

Wenn über die Schuldfrage ein Weltgeschworenengericht zu 
entscheiden hätte, so müssten ihm zwei Hauptfragen und eine 
Anzahl Nebenfragen zur Beantwortung unterbreitet werden. Die 
beiden Hauptfragen lauten : 

Führen die Zentralmächte, Deutschland und Oester- 
reich-Ungarn, einen Angriffskrieg ? 

Oder : 

Führen sie einen Verteidigungskrieg ? 

Wird die erste Frage bejaht, so muss — nach dem überein- 
stimmenden Urteil der Welt, dem auch die Angeklagten selbst 
ihre Zustimmung nicht versagen, — die Verurteilung erfolgen. 

Wird die zweite Frage bejaht, so müssen die Angeklagten 
— und auch dieses Urteil würde die Billigung der ganzen Welt 
finden — freigesprochen werden. 

Insoweit ist die Entscheidung klar und einfach. Die Schwierig- 
keiten in der Fragestellung und in der Beantwortung ergeben sich 
erst bei den Nebenfragen, die der erstgenannten Hauptfrage 
hinzuzufügen sind. Diese Nebenfragen betreffen den Präventiv- 
krieg, der an sich ein Angriffskrieg ist, aber unter Umständen 
und aus Gründen erfolgt, die ihn — wenigstens im Sinne der Prä- 
ventionisten — als berechtigt und daher straflos erscheinen lassen. 
Der Verteidiger in dem Weltschwurgerichtsverfahren würde also 
zu der ersten Hauptfrage für den Fall ihrer Bejahung folgende 
Unterfrage stellen : 

« Ist es wahr, dass der von den Angeklagten begonnene 
Angriffskrieg lediglich zu dem Zwecke unternommen 
worden ist, einem sicheren, auf andere Weise unvermeid- 
lichen Angriffskriege von der Gegenseite zuvorzukommen ? » 



THEORIE UND PRAXIS 125 

Die Bejahung dieser Unterfrage würde (immer die prinzipielle 
Zulässigkeit des Präventivkrieges vorausgesetzt) einen Straf- 
ausschliessungsgrund erzeugen, der — trotz der Bejahung der 
Hauptschuldfrage — zur Freisprechung der Angeklagten führen 
müsste. 

Aber mit dieser einen Unterfrage wäre es nicht abgetan. Auch 
der öffentliche Ankläger würde eine weitere Unterfrage — für 
den Fall der Bejahung der ersten Haupt- und der ersten Unter- 
frage — stellen und zwar dahingehend : 

« Ist es wahr, dass die Angeklagten durch ihr eigenes 
Verhalten einen Zustand in Europa herbeigeführt haben, 
der die Angriffsabsicht von der Gegenseite ermögHcht oder 
veranlasst hat ? s) 

Diese zweite, für den Fall der Bejahung der ersten Haupt- und 
der ersten Unterfrage gestellte Unterfrage bezieht sich auf die Darle- 
gungen (in meinem ersten Buche und in dieser Arbeit), die mit der 
Feststellung endigen, dass nicht die Ententemächte, sondern die 
Kaisermächte die Schuld (mindestens die Hauptschuld) an dem 
Spannungszustande Europas, an den beständigen Reibungen 
und Kriegsgefahren, die Schuld an dem Fortbestehen der Völker- 
anarchie und Rüstungskonkurrenz tragen. Gesetzt also, es wäre 
wahr — was natürlich unwahr und hier nur als Hypothese be- 
trachtet ist — , dass die Ententemächte Angriffsabsichten auf die 
Kaisermächte gehabt haben, so würde selbst das nachweisliche 
Vorhandensein solcher Kriegsabsichten den Präventionskrieg der 
Kaisermächte nicht entschuldigen, weil sie selbst, wie es in obiger 
Frageformel heisst, « einen Zustand herbeigeführt haben, der die 
Angriffsabsichten der Gegenseite ermöglicht oder veranlasst hat. » 
Selbst bei der den Angeklagten günstigsten Hypothese also, bei 
der Hypothese eines durch positive Angriffsabsichten der Gegen- 
seite provozierten Vorbeugungskrieges, würde trotzdem die zweite 
Unterfrage zu Ungunsten der Kaisermächte beantwortet werden 
und somit die Verurteilung erfolgen müssen. 

Dieser als günstigste Hypothese angenommene Fall wird aber 
tatsächlich, wie die Dinge liegen, nicht eintreten. Denn schon die 
erste Unterfrage bezüglich des Präventionskrieges muss verneint 
werden, sodass es zur Beantwortung der zweiten Unterfrage 
überhaupt nicht kommt. 

Weshalb muss die Frage nach dem Präventionskriege verneint 
werden ? 

Weil nicht weniger als alle Voraussetzungen der berechtigten Vor- 
beugung — selbst vom Standpunkte der Präventionistcn aus — fehlen. 



126 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Es fehlt : 

a) jeder Beweis dafür, dass ein Angriffskrieg von der 
Gegenseite beabsichtigt war. Diese Behauptung ist im 
Gegenteil widerlegt. 

h) Es fehlt der Beweis dafür — vielmehr ist auch hier 
der Gegenbeweis erbracht — , dass der Krieg lediglich zu 
dem Zwecke unternommen worden sei, einem Angriffs- 
kriege von der Gegenseite zuvorzukommen. Die Vorge- 
schichte des Krieges in all ihren Stadien und Erscheinungen 
ergibt, dass es sich nicht um einen antizipierten Vertei- 
digungskrieg, sondern um einen wohl vorbereiteten und 
vorbedachten imperialistischen Expansionskrieg handelt. 

c) Es fehlt vor allem auch an dem Nachweis, dass der 
angebliche gegnerische Angriffskrieg — falls Angriffs- 
absichten der Gegenseite überhaupt vorhanden und er- 
wiesen wären — auf andere Weise als durch Präventions- 
krieg nicht zu vermeiden gewesen sei. Auch hier ist 
das Gegenteil dargetan : nämlich die Vermeidbarkeit des 
Krieges, falls Deutschland und Oesterreich den un- 
zähligen Vermittlungs- und Verständigungsvorschlägen ein 
williges Ohr geliehen, falls sie — um nur eines zu nennen 
— wenigstens die Anrufung des Haager Schiedshofes 
akzeptiert hätten. Es war leichter, den Krieg zu vermeiden, 
als ihn herbeizuführen. Zu vermeiden war er durch ehrlichen 
und aufrichtigen Friedenswillen ; herbeizuführen nur durch 
Winkelzüge, Zweideutigkeiten, Verschleppungen und schliess- 
lich Brutalitäten. 

Nach alledem fehlt es, selbst wenn man sich auf den prinzi- 
piellen Standpunkt der Präventionspolitiker stellt, an allen tat- 
sächlichen Voraussetzungen, welche die Prävention im vorlie- 
genden Falle als berechtigt und daher straflos erscheinen lassen 
könnten. Die — erste — Unterfrage nach dem Präventions- 
kriege muss also aus tatsächlichen Gründen verneint werden, so 
dass die zweite — nur für den Fall der Bejahung der ersten zu 
stellende — Unterfrage, welche die Schuld an dem Spannungs- 
zustande und seinen Explosionen betrifft, keiner Beantwortung 
unterzogen zu werden braucht. Das W eltschwur gericht muss auf 
alle Fälle zu einer Verurteilung der Kaisermächte kommen, gleich- 
viel ob es nur die erste oder beide Unterfragen zu der ersten 
Hauptfrage beantwortet. Verneint es das Vorhandensein eines 
Präventionskrieges, so bleibt der reine Angriffskrieg übrig. Bejaht 
es das Vorhandensein — aus prinzipiellen und aus tatsächlichen 



THEORIE UND PRAXIS I27 

Gründen — , so wird dieses günstige Verdikt wieder aufgehoben 
durch die bejahende Antwort auf die zweite Unterfrage, welche 
die Schuld an dem anarchischen, gereizten und kriegsschwangeren 
Zustande Europas den Zentralmächten zur Last legt. 



Bei all diesen Erörterungen, die, wie man die Sache auch 
anfasst, zu einem den Kaisermächten ungünstigen Resultat 
führen müssen, habe ich noch ganz ausser acht gelassen, dass die 
Prävention — selbst wenn man sie im allgemeinen prinzipiell 
zulassen will — gegen einen, nach der Schätzung unserer Präven- 
tionisten erst in zwei bis drei Jahren geplanten Angriff allen 
Grundsätzen des Rechts und der Vernunft widerspricht. 

Das Beispiel der strafgesetzlichen Notwehr dürfte hier unbe- 
dingt zutreffend sein. Ich sehe nicht ein, weshalb man das anti- 
zipierte Verteidigungsrecht eines Staates mit seinen riesenhaften, 
welterschütternden Konsequenzen weiter ausdehnen soll, als das 
Verteidigungsrecht eines Individuums, dessen Notwehrakt nur 
den beschränkten Kreis von zwei oder mehr Personen berührt. 
Wenn die Notwehr des Individuums nur dann und insoweit 
straflos ist, als sie zur Abwehr eines gegenwärtigen, rechtswidrigen 
Angriffs bestimmt und erforderlich ist (Reichsstrafgesetzbuch 
§ 53) > Vv^eshalb soll das Notwehrrecht des mächtigsten, beweg- 
lichsten und kriegsbereitesten Militärstaates der Welt einem 
schwerfälligen Koloss wie dem Zarenreich gegenüber ins Unbe- 
grenzte ausgedehnt werden ? Weshalb soll dem Staate die Not- 
wehr, die antizipierte Verteidigung gegen zukünftige, erst in 
Jahren beabsichtigte Angriffe gestattet sein, während dem Indi- 
viduum nur die Verteidigung gegen einen gegenwärtigen Angriff 
gesetzlich erlaubt ist ? Könnte nicht auch ein Privatmann auf 
den Gedanken kommen, in des Nachbars Grundstück mit gela- 
denem Gewehr einzudringen unter der Behauptung, der Nachbar 
habe den gleichen Akt ihm gegenüber für eine spätere, noch weit 
entfernte Zeit beabsichtigt und er habe ihm nur zuvorkommen 
wollen ? Würde der blödeste Verteidiger es wagen, solchen Ein- 
bruchsakt als Notwehr hinzustellen und auf Straflosigkeit zu 
plädieren ? 

Wenn der Reichskanzler in seiner Rede vom 4. August 1914 
den Einbruch in Luxemburg und Belgien mit der « Notwehr » moti- 
viert hat (« Meine Herren, wir sind jetzt in der Notwehr und Not 
kennt kein Gebot ! »), so standen ihm zwar keine sachlichen Gründe, 
aber wenigstens eine gewisse Logik zur Seite. Denn Herr von 
Bethmann gehört — gleich seinem kaiserlichen Herrn — nicht zu 



128 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

den Präventionisten, er ist Führer und Herold der Defensionisten. 
Beide, Diener und Herr, haben vom ersten bis zum heutigen 
Tage die Behauptung des « ruchlosen Ueberfalls » aufrecht er- 
halten, gegen den wir « unsere heiligsten Güter, das Vaterland, 
den eigenen Herd zu schützen haben ». Die Defensionisten stehen, 
soweit ihre Theorien von Notwehr und Vaterlandsverteidigung 
sich gegen einen wirklichen gegenwärtigen Angreifer, nicht gegen 
ganz unbeteiligte und unschuldige Neutrale richten i, auf rechtlich 
unanfechtbarem Boden, nur fehlt ihnen im vorliegenden Falle 
jede tatsächliche Unterlage für ihre Theorien. Die Präventionisten 
dagegen, die den beabsichtigten Ueberfall auf das Jahr 19 16 
oder 1917 datieren, also eine gegenwärtige Notwehr durch einen 
zukünftigen, von tausend Zufälligkeiten noch abhängigen Angriff 
begründen, sie sind nicht nur in der Tatfrage beweisfällig, sie 
verlieren auch jeden Rechtsboden unter den Füssen und werden 
so auf dem von ihnen selbst gewählten Terrain nach beiden 
Richtungen hin geschlagen. 

Analogie des Strafprozesses. 

Man hat mir zum Vorwurf gemacht und wird es auch diesem 
neuen Werke gegenüber tun, dass ich diese politischen Dinge zu 
sehr nach juristischen Gesichtspunkten von Schuld und Strafe 
behandle. Dieser Vorwurf ist unbegründet. Wenn es sich bei der 
Beurteilung der Schuldfrage um Staatsinteressen, um territo- 
riale oder kommerzielle Expansion, um Machtvergrösserung oder 
dergleichen handelte, so wären selbstverständlich Untersuchungen 
über die grössere oder geringere Verantwortung der einzelnen 
Mächte nicht am Platze. Wenn unsere offenen Imperialisten 
— ich möchte sie die « unverschämten » nennen im Gegensatz zu 
den « verschämten d, die sich ein präventionistisches Mäntelchen 
umhängen, — wenn unsere unverschämten Imperialisten ä la 
Bernhardi das Recht Deutschlands auf Weltmacht, auf Eroberung 

^ Dass selbst die berechtigte Notwehr gegen einen angreifenden Staat niemals 
die Verletzung der Rechte eines dritten Staates — und noch dazu eines garantiert 
neutralen — rechtfertigen kann, darüber herrscht in der modernen Völkerrechts- 
wissenschaft nicht der geringste Zweifel. Ich habe diesen allgemein anerkannten 
Grundsatz in J'accuse (Seite 178 ff.) ausführhch begründet und in die Worte 
zusammengefasst : « Die Notwehr entschuldigt nie die Verletzung der Rechte 
eines Dritten. Die Notwehr gegen Frankreich konnte nicht die Verletzung belgischer 
Rechte entschuldigen. » Von dieser communis opinio der Völkerrechtslehrer aller 
Länder weicht nur die neueste kriegsgeborene Vülkerrechts\\assenschaft in 
Deutschland ab, die — mit wenigen rühmhchen Ausnahmen — die schmäbHche 
Aufgabe übernommen hat, alle, auch die schändlichsten Rechtsbrüche Deutsch- 
lands mit dem Mantel wisseuschafthcher Begründung zu bedecken. Womit sie der 
deutsclien Sache in der Welt nichts nützt, aber der deutschen Wissenschaft den 
letzten Rest von Achtung raubt. 



THEORIE UND PRAXIS 129 

in und ausserhalb Europas, auf See- und Handelssuprematie pro- 
klamieren und den Krieg als Mittel zu diesem Zwecke empfohlen 
haben und weiter empfehlen, so kann man ihnen selbstverständ- 
lich nicht mit juristischen Untersuchungen über die Frage der 
Verantwortung an dem Kriege zu Leibe gehen : sie lachen dem 
Untersucher ins Gesicht und nehmen gern und ohne Scheu die 
Verantwortung auf die Schultern Deutschlands, falls nur der Er- 
folg den deutschen Heeren zur Seite steht. Dem kriegerischen 
Imperialismus gegenüber gibt es keine Rechts- und Schulderwä- 
gungen, ihm kann man nur beikommen mit politischen, wirt- 
schaftlichen und militärischen Gründen, um ihm die Verderblich- 
keit und Zwecklosigkeit, die Gefährlichkeit und Kulturwidrigkeit 
seiner Bestrebungen vor Augen zu führen. 

Ganz anders aber steht es den Defensionisten und Präventio- 
nisten gegenüber : sie stehen ihrerseits auf dem Rechtsboden und 
müssen daher auch ihrem Gegner gestatten, sich auf diesen Boden 
zu stellen. Sie behaupten übereinstimmend, einen Verteidigungs- 
kampf zu führen : die ersteren gegen einen gegenwärtigen, die 
letzteren gegen einen zukünftigen Angriffskrieg. Die Frage, ob 
diese Behauptung des Angriffskrieges wahr oder unwahr ist, ist eine 
Tatfrage, die in derselben Weise und mit denselben Mitteln ent- 
schieden werden muss, wie alle Tatfragen bei gerichtlichen Unter- 
suchungen. Zeugen und Dokumente sind die Beweismittel : aus 
ihnen muss die Richtigkeit oder Unrichtigkeit der Behauptung 
des Verteidigungskrieges (des unmittelbaren oder des antizi- 
pierten) hergeleitet werden. Die Richtlinien, nach denen diese 
Beweiserhebung zu erfolgen hat, sind prinzipielle, ebenso wie 
gerichtliche Beweiserhebungen nach rechtlichen Gesichtspunkten 
geleitet werden müssen. Das Resultat der Beweisaufnahme muss 
ein Schuldigspruch oder ein Freispriich sein, genau wie bei gericht- 
lichen Untersuchungen. 

Es besteht also eine vollkommene Analogie zwischen dem bür- 
gerlichen Strafverfahren und der völkerrechtlich-kriminellen Unter- 
suchung über die Schuld an dem europäischen Kriege. Die Impe- 
rialisten lehnen mit Recht diese Untersuchung ab, da für sie die 
Herbeiführung des Krieges nicht ein Verbrechen, sondern ein 
Recht und sogar eine Pflicht gegenüber der Zukunft Deutschlands 
ist. Die Defensionisten und Präventionisten aber können die Un- 
tersuchung der Schuldfrage nicht ablehnen, da sie ja den Krieg 
nicht für ein spontanes Unternehmen der deutschen und österrei- 
chischen Regierung, sondern für einen aufgezwungenen Verteidi- 
gungsakt erklären, der durch die verbrecherische Kriegsanzet- 
telung von der Gegenseite veranlasst worden sei. Alle Reden und 
Schriften der deutschen Herrscher, der deutschen Regierungs- 

Das Veibiechen II 9 



130 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

männer und ihrer Presse bewegen sich in diesem Geleise. Auf dem- 
selben Boden stehe auch ich, bloss dass ich, was jenen anderen 
missfallen mag, zu einem absolut entgegengesetzten Untersu- 
chungsresultat als sie gelange. Mir wirft man mein Anklagesystem 
vor, weil es zu höchst unwillkommenen Resultaten führt ; jene 
aber wenden unentwegt dasselbe Anklagesystem gegen ihre 
Kriegsgegner an, weil sie — töricht genug — immer noch glauben, 
damit zu einem ihnen günstigen Urteilsspruch in der Welt zu 
gelangen. 

Die Vorgeschichte ergibt 
den «dringenden Verdacht» 
des deutschen Kriegswillens. 

Wenn Ivcute, wie Schiemann, das ganze Gewicht ihrer Beweis- 
führung ausschliesslich auf die Vorgeschichte legen, so müsste 
man wenigstens erwarten, dass sie ausführlich auf die wesentlichen 
Punkte der Vorgeschichte eingehen würden. Aus der Gesamtheit 
der Vorgeschichte hatte ich den Schluss gezogen : 

dass Deutschland und Oesterreich bereits vor der Er- 
mordung des Erzherzogs Franz Ferdinand in dem « drin- 
genden Verdacht » standen, auf den europäischen Krieg 
hingearbeitet zu haben ; Deutschland, um seine Welt- 
machtpläne zu verwirklichen, Oesterreich, um seine Bal- 
kanposition zu befestigen und zu verbessern. 

Die Hauptargumente, welche mich zu dieser Schlussfolgerung 
geführt haben, lassen sich in sechs Gruppen zusammenfassen : 

I. Die Tendenzen unserer Alldeutschen und Imperialisten, 
die ich aus ihren Reden, ihren Schriften und ihrer jahrzehnte- 
langen, immer erfolgreicheren Agitation — unter der Führung Bern- 
hardis und anderer Generale und unter der tatkräftigen Förderung 
des deutschen Kronprinzen — bewiesen habe. Da man Bernhardi als 
eine Einzelerscheinung zu desavouieren und die entscheidende 
Führung des deutschen Kronprinzen zu verschweigen sucht, so 
werde ich, wie schon bemerkt, in einem besonderen Abschnitt 
dieser Arbeit einen grösseren Extrakt aus anderen Reden und 
Schriften alldeutscher und imperialistischer Politiker geben und 
die Schuldigen so festnageln, dass ein Entweichen ihnen unmög- 
lich ist. Die von diesen Kreisen jetzt proklamierten Kriegsziele 
mit ihren ungeheuren Annexionen, Entrechtungen benachbarter 
Völker, Länder- und Machtverschiebungen stimmen genau mit 
ihren seit Jahrzehnten verfolgten Zielen überein und dienen so 



THEORIE UND PRAXIS 13 1 

zur Bestätigung der Tendenzen, die sie vor dem Kriege und auf 
den Krieg hin stets kundgegeben haben. 

2. Die unerschütterliche Gegnerschaft Deutschlands und 
Oesterreichs gegen jede rechtliche Organisation der europäischen 
Staatengemeinschaft, die sich insbesondere auf den beiden Haager 
Konferenzen — im Gegensatz zu den Bestrebungen der Entente- 
mächte — gezeigt hat. 

3. Die gleiche unentwegte Gegnerschaft gegen jede Verein- 
barung zwischen den europäischen Staaten im allgemeinen oder 
zwischen Deutschland und England im besonderen, betreffend den 
Stillstand oder die Herabminderung der Rüstungen zu Wasser 
und zu Lande. 

4. Das Voranschreiten vor allen übrigen europäischen Staaten 
in der immer weiteren Ausdehnung und Vervollkommnung der 
Land- und Seerüstungen. 

5. Das beständige diplomatische Bestreben, England zu einer 
Neutralitätsverpflichtung bei Kontinentalkonflikten zu veran- 
lassen, — ein Bestreben, das noch zuletzt, kurz vor Ausbruch des 
Krieges, in dem bekannten Neutralitätsantrage Bethmanns zu 
Tage getreten ist. 

6. Der Versuch Oesterreichs, schon im Sommer 19 13 einen 
kriegerischen Ueberfall auf Serbien auszuführen und damit den 
Ausbruch eines europäischen Krieges zu riskieren, — ein Versuch, 
der durch die Enthüllungen Giolittis aktenmässig erwiesen ist. 

Von diesen sechs Tatsachengruppen, die jeden unbefangenen 
Geschichtsforscher zu den von mir gezogenen Schlussfolgerungen 
führen müssen und tatsächlich nicht nur in Europa, sondern in 
der ganzen Welt zu diesen Schlussfolgerungen geführt haben, 
— dies einer der Hauptgründe der mit Furcht gepaarten Anti- 
pathie, der Deutschland schon vor der jetzigen ungeheuerlichen 
Kriegsschuld in der Welt begegnet ist, — von diesen Tatsachen- 
gruppen ist in den Schiemannschen und ähnlichen Schriften ent- 
weder gar keine Rede oder man behandelt diese Dinge absichtlich 
so oberflächlich, dass das Bestreben, ihnen scheu aus dem Wege 
zu gehen, offensichtlich zu Tage tritt. Die Haager Konferenzen, 
die deutsch-englischen Verständigungsverhandlungen, die Giolit- 
tischen Enthüllungen, die einzig in der Welt dastehende Verei- 
nigung einer ersten Landmacht mit einer sich mehr und mehr der 
englischen nähernden Seemacht u. s. w. u. s. w. — alle vorstehend 
aufgeführten Tatsachengruppen, die für die Schuldfrage — soweit 
die entferntere Vorgesclüchte in Betracht kommt — von erheb- 
lichster Bedeutung sind, werden von den Verteidigern der deut- 
schen Unschuld entweder totgeschwiegen oder verfälscht oder 
en bagatelle behandelt. Ihr einziges Bestreben ist, angebliche 



132 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

« Kriegsströmungen » in den Ententeländern in bengalischem 
Lichte zu zeigen, um dadurch den Verdacht zu erwecken, dass der 
Krieg von jener Seite beabsichtigt gewesen sei. Aber auch dieser 
Verdachtsbeweis fällt vollständig ins Wasser, wenn man die 
Kriegsströmungen diesseits und jenseits nach ihrer Stärke und 
ihrem Einfluss miteinander vergleicht. 

Das ist der Krieg, 
wiewirihnlieben. 

Auf die Literatur und Agitation der Alldeutschen, auf ihre 
hohe Protektion, auf die Schriften und Handlungen des hohen 
Protektors, der auch jetzt in diesem männermordenden Kriege 
sich nicht enthalten kann, seine früheren Sympathien und seine 
Kriegslust um des Krieges willen bei jeder passenden oder unpas- 
senden Gelegenheit zum Ausdruck zu bringen, — auf alles dies 
gehen solche Gescliichtsforscher nicht mit einem Worte ein. Nir- 
gends, in keinem anderen Lande der Welt, hat sich ein Thronerbe 
in so herausfordernder Weise, wie in Deutschland, an die Spitze 
der Kriegspartei gestellt, nirgends gegen den eigenen Vater und 
dessen ursprünglich friedliebende Regierung eine so offenkundige 
Fronde gebildet. Der deutsche Kronprinz, der den Heldentaten des 
Leutnants von Forstner in Zabern gegen den lahmen Schuster 
seinen Beifall nicht versagt, der den Obersten Reuter nach der 
Einsperrung von Richtern und Staatsanwälten in den Panduren- 
keller mit dem berüchtigten Telegramm « Immer feste druff » zu 
w^eiteren ähnlichen Taten ermuntert hat, — dieser Erbe eines 
Kaiserthrones hat offenbar noch heute, da Millionen von Leichen 
die Schlachtfelder Europas düngen und viele Millionen Verstüm- 
melter ihr Unglück durch die Welt schleppen, da die Erde eine 
Hölle, ein Jammertal geworden, da Not, Qual und Elend zum 
Himmel schreien, — er hat offenbar noch heute kein Gefühl für 
die Verantwortung, die auf den Häuptern der Veranstalter solchen 
Massenmordes lastet. Seine Sympathien sind noch dieselben ge- 
blieben wie vor dem Kriege. Er hat dem gefallenen Leutnant von 
Forstner — ostentativ, als besondere Auszeichnung ! — ein Tele- 
gramm und einen prachtvollen Lorbeerkranz gewidmet ; er hat am 
22. August 1915 einen kriegsbegeisterten Aufruf an seine Armee 
erlassen, den man aufbewahren und nachlesen muss, wenn man 
die Tendenzen richtig begreifen will, die Europa in dieses Massen- 
blutbad gestürzt haben. Er kann es nicht erwarten, bis der « Maul- 
wurf skrieg » im Westen dem « freudigen Leben stolzer Angriffs- 
schlachten » wieder Platz machen wird ; « in ungebrochener 
Kampfesfreude » wartet er auf den « Tag, wo der Kaiser auch uns 



THEORIE UND PRAXIS 133 

ZU neuem Angriff ruft : heraus aus den Gräben und Stollen, hinein 
in den Krieg, wie wir ihn liehen ! Gehe Gott, dass hald der Tag 
erscheine ! » 

Der Krieg, wie wir ihn liehen ! Das ist derselbe Geist, der aus 
den Schriften des Kronprinzen spricht, die ich in meinem Buche 
zitiert habe. Der Attackengeist derer, die die Attacke zu komman- 
dieren, aber nicht persönlich unter Einsetzung von Leib und Leben 
durchzuführen haben. Was mögen die Landwehr- und Landsturm- 
männer empfunden haben, als sie diesen feurigen Aufruf ihres 
Armeechefs lasen ? ! Was mögen sie denken über « das freudige 
Leben stolzer Angriffsschlachten » ? Was mögen sie empfinden, 
wenn sie die Gräben und Stollen verlassen, sich dem vernichtenden 
Feuer der feindlichen Maschinengewehre, den platzenden Gra- 
naten, Schrapnells und vergiftenden Gasen entgegenwerfen müs- 
sen ? Was mögen sie empfinden, wenn ihre Glieder zerschmettert, 
ihre Augen geblendet, ihre Sinne umnebelt, ihre Gesichter, ihre 
Leiber, ihre Arme und Beine von dem tötlichen Blei und Eisen 
zerrissen werden ? Werden auch sie mit ihrem hohen Chef aus- 
rufen : Das ist der Krieg, wie wir ihn liehen ? Werden auch sie 
Gott anflehen, dass der Tag des Draufgehens, heraus aus den 
Schützengräben, bald erscheinen möge ? Nein, sie alle haben 
Frauen und Kinder, Mütter und Väter zu Hause gelassen, die in 
banger Qual, Stunde um Stunde, Tag um Tag an ihre Lieben 
draussen im Felde denken. Sie, die Kämpfer im Schützengraben, 
erwartet der Tod. Den Königssohn aber, im sicheren Hauptquar- 
tier, — der « Ruhm ». Schon jetzt windet sich der junge Kriegs- 
held hinter der Front den Vorschuss-Lorbeer um die Stirne. 
« Frankreich soll sie wieder kennen lernen, die Sieger von Longwy » 
— so schliesst sein Armeebefehl. Schon jetzt berauscht er sich an 
den Erfolgen kommender Tage, an neuen Kämpfen, neuen Erobe- 
rungen, die ihn keinen Tropfen seines edlen Blutes kosten, ihm 
nicht einmal die wohlgepflegte Haut ritzen werden. Die in den 
Schützengräben aber, die so schon in Lehm und Dreck, in Hunger 
und Kälte, in Todesangst und Todesqualen verkommen, sie lieben 
anderes als den Krieg, sie lieben den Frieden, sie lieben die Heimat, 
sie lieben ihre Lieben, in deren Armen sie ausruhen möchten, 
bald und für immer, von der entsetzlichen Mordarbeit 



Diese Kriegsbegeisterung um des Krieges willen an hohen, 
höchsten und allerhöchsten Stellen und bei ihrer Gefolgschaft 
von Soldaten und Junkern — dieses Charakteristikum des preus- 
sischen Militarismus, diese besondere Geistesrichtung, die aus der 



134 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

preussischen und der Hohenzollern-Geschichte wohl erklärlich, 
aber in der modernen Welt ein Unikum ist, — sie i7iuss als eine der 
Hauptursachen dieses Krieges erkannt und gebrandmarkt werden. 
Imperialistische Bestrebungen, Expansionssucht, Kolonialfana- 
tismus, Rüstungsinteressen als Ursachen der Kriegstreiberei 
existieren auch in anderen Ländern, schwächer und weniger ein- 
flussreich als in Preussen-Deutschland, aber sie sind immerhin 
vorhanden und haben auch ihrerseits in gewissem Masse zu den 
Reibungen und der Spannung unter den europäischen Gross- 
mächten beigetragen. Wenn ich aber selbst annehmen wollte 

— was ich bestreite — , dass diese Bestrebungen auch in 
anderen Ländern eine Lösung der vorhandenen Spannungen 
durch Krieg in Aussicht genommen hatten (selbst Bernhardi 
schiebt bekanntlich den Ententemächten die Absicht kriegerischer 
Lösung nicht unter), so bleibt doch noch immer der besondere 
Faktor der preussischen Kriegslust um des Krieges willen (l'art 
pour l'art) übrig und dieser schwerwiegende Faktor bringt die 
Wage, auf der die Schuld der verschiedenen Nationen abzumessen 
ist, zu Lasten Preussens und Deutschlands zum sinken. 

Man weise mir aus dem Munde oder aus der Feder eines Herr- 
schers oder Thronerben oder verantwortlichen Regierungsmannes 
oder auch nur eines Generals in einem anderen Lande Aussprüche 
nach, wie ich sie aus den Schriften des deutschen Thronerben in 
meinem Buche zitiert habe. Man weise mir bei einem anderen 
Volke einen Ausbruch des Kriegswahnsinns an leitender Stelle 
nach, wie er in dem kronprinzlichen Armeebefehl vom 22. Au- 
gust 1915 enthalten ist : « Hinein in den Krieg, wie wir ihn lieben! » 

— und ich werde bekennen, dass mein Urteil über die preussischen 
Kriegshetzer ein ungerechtes ist. Man weise mir nach, dass ein 
Thronerbe eines anderen Landes, der die Grenze der Dreissig 
überschritten hat, also für seine Worte und Handlungen voll ver- 
antwortlich zu machen ist, die Behauptung aufstellt : <( Die Sym- 
pathien der Kulturvölker gehen heute noch, wie in den Schlachten 
der Antike, mit dem forsch und tapfer kämpfenden Heere », der 
beim Manöverreiten seinem Kameraden es nachfühlt und nach- 
spricht : « Donnerwetter, wenn das doch ernst wäre », der den 
« sehnlichsten Wunsch » äussert, den « Augenblick des höchsten 
soldatischen Glückes » erleben zu dürfen, wenn der König zum 
Kampfe ruft. Man weise mir solchen Thronerben nach und ich 
werde beschämt eingestehen, dass es preussischen Militarismus 
nicht nur in Preussen, sondern auch sonst in der Welt gibt. Solange 
mir dieser Nachweis aber nicht geführt wird, werde ich aus dieser 
und unzähligen gleichartigen Erscheinungen den Schluss ziehen, 
dass preussischer Militarismus eine « berechtigte Eigentümlich- 



THEORIE UND PRAXIS 135 

keit » des Preussentums ist, und dass diese Eigentümlichkeit, 
neben allen sonstigen zum Kriege drängenden Bestrebungen, den 
Ausschlag zum Kriegsentschluss gegeben hat. 

Der Beweis der Kriegsschuld, wie ihn die Schiemann und Ge- 
nossen aus dem Vorhandensein kriegstreibender Strömungen bei 
den Ententemächten zu führen versuchen, fällt also ins Wasser. 
Diese Strömungen waren in Preussen - Deutschland stärker wie 
irgendwo anders, sie fanden aber vor allem in dem preussischen 
Militär- und Kriegsgeist ein breites Strombett vor, das ihnen die 
Bahn zur verheerenden Ueberschwemmung ganz Europas eröff- 
nete. Sie fanden einen Nährboden vor, der nirgends sonst in Eu- 
ropa vorhanden war, auf dem der Kriegsbazülus sich ungehindert 
entwickeln und schliesslich die Welt verseuchen konnte. Also auch 
von diesem beschränkten Gesichtspunkte der « Kriegsströmungen n 
aus wird und muss die Geschichte den Schuldigspruch über Preus- 
sen und das — leider — verpreusste Deutschland fällen. 




III. 



Deutschland und die Haager Konferenzen. 



Ueber die Haager Konferenzen und die späteren deutsch- 
englischen Verhandlungen gehen die Verteidiger Deutschlands 
mit absichtlicher Flüchtigkeit hinweg, weil hier nicht mit Zeitungs- 
artikeln, Strömungen und Tendenzen, sondern mit dokumentarisch 
erwiesenen und protokollierten Tatsachen gerechnet werden muss, 
die jede Verdunkelung oder Verfälschung unmöglich machen. 

Mit Vorbedacht bin ich in meinem Buche (S. 68 bis 90) aus- 
führlich, unter beständiger Anführung meiner Quellen, auf die 
Haager Konferenzen und die deutsch-englischen Verständigungs- 
verhandlungen eingegangen. Das sind die wenigen Punkte aus der 
entfernteren Vorgeschichte dieses Krieges, über die wir akten- 
mässig informiert sind, die sich also zu einer wissenschaftlichen 
Untersuchung und Feststellung der Wahrheit eignen. Es sind 
aber gleichzeitig die Punkte, aus denen heraus die immer wach- 
sende Spannung in Europa, die Furcht vor Deutschland und daher 
die Ententebildung zum Schutze gegen Deutschland zu erklären sind. 
In einem Aufsatz : « Die deutschen Professoren und der Welt- 
krieg ö (Forum, Aprilheft 1915) hat Walter Schücking mit Recht 
folgendes gesagt : 

Nirgendwo hat sich die Brkeantnis Bahn gebrochen, dass alle praktische 
Friedensliebe, die Deutschland in 44 Jahren betätigt hat, in der öffentHchen 
Meinung des Auslandes den Schaden nicht hat wettmachen können, den die 
Haltung Deutschlands gegenüber der theoretischen Bewegiuig, statt des 
Krieges den Frieden zu rüsten, im Auslande verursacht hat. Wer von 
all den Professoren, die Kimdgebmigen imterzeichnet mid Kriegsbroschüren 
geschrieben haben, weiss denn überhaupt etwas davon, wie sehr Deutschland 
gerade in dieser Frage die Auslandsmächte auf den Haager Konferenzen 
vor den Kopf gestossen hat ? Wer von den neueren Historikern in Deutsch- 
land hat es denn überhaupt für notwendig erachtet, sich init dem Hergang 
der Dinge auf den Haager Friedenskonferenzen auch nur eingehend vertraut 
zu machen ? 



138 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Diese Sätze Schückings treffen den Nagel auf den Kopf. Die 
Haltung Deutschlands auf den Haager Konferenzen und — wie 
ich meinerseits hinzusetze — bei den späteren englisch-deutschen 
Verhandlungen, in Verbindung mit vielen anderen Erscheinungen, 
die ich bereits hervorgehoben habe, hat das Misstrauen gegen 
Deutschland, die Furcht vor deutschen Kriegsabsichten und 
Weltmachtsaspirationen hervorgerufen und immer weiter ge- 
steigert, hat zu Gegenkoalitionen und schliesslich zu einem Span- 
nungszustande geführt, den Deutschland wiederum durch seinen 
Kriegsentschluss zu seinen Gunsten zu lösen unternahm. An 
Deutschlands Widerspruch ist das obligatorische Schiedsgericht 
gescheitert, an Deutschlands Widerspruch jedes materielle Ein- 
gehen auf die Frage des Stillstandes und der eventuellen späteren 
Herabsetzung der Rüstungen. An Deutschlands Widerspruch hat 
es gelegen, dass Europa damals schon die Segnungen einer Rechts- 
organisation versagt blieben, auf welche die Völker-Entwicklung 
der alten Welt gebieterisch hindrängt und die in einer näheren 
oder ferneren Zukunft verwirklicht werden muss. An Deutsch- 
land hat es gelegen, dass der Rüstungswahnsinn die ungeheuer- 
lichsten Dimensionen angenommen hat, die schon in Friedenszeiten 
die Völker an den Rand der Erschöpfung führten und manchem 
den Krieg noch als besser wie solchen Frieden erscheinen Hessen. 

Die Schuldigen der Vergangen- 
heit. Die Schuldigen der Zukunft. 

Die Schuld an diesem Zustande der Vergangenheit lastet aus- 
schliesslich auf Deutschland und Oesterreich. Ohne ihren Wider- 
stand hätten wir seit Beginn dieses Jahrhunderts obligatorische 
Schiedsgerichte zur Entscheidung völkerrechtlicher Streitigkeiten, 
hätten wir vertragsmässige Vereinbarungen über die Rüstungen 
zu Lande und zu Wasser gehabt. Diese Schuld der Vergangenheit 
wäre, falls der Krieg mit einer militärischen Ueberlegenheit der 
Zentralmächte geendet hätte, auch eine Schuld der Zukunft 
geworden. Keinem Lande und keiner Regierung liegen die pazi- 
fistischen Ideen, denen doch trotz allem die Zukunft gehört, so 
fern, so weltenfern wie Deutschland und Oesterreich. Nirgends 
in der offiziellen, offiziösen oder auch nur liberalen und demokra- 
tischen Presse Deutschlands und Oesterreichs wurde — bis zum 
Kriege — der Gedanke einer rechtlichen Organisation der euro- 
päischen Völkergemeinschaft, die ein Rüstungsabkommen zur 
logischen Folge haben müsste, auch nur ernsthaft erörtert ^. Alle 

* Die neueste scheinbare Bekehrung des Reichskanzlers zum « Pazifismus » 
(November 1916) behandle ich — wie schon bemerkt — in einem späteren Kapitel : 



DEUTSCHLAND IM HAAG 139 

massgebenden Kreise, Regierung, Konservative, National-Li- 
berale, Liberale, ja sogar ein Teil der Sozialpatrioten stehen noch 
heute auf dem alten Boden der Machtsicherung, der « realen Ga- 
rantien », der militärischen und wirtschaftlichen Sicherstellung 
Deutschlands. Keiner aus diesen Kreisen denkt auch nur im ent- 
ferntesten daran, dass es sich in Zukunft nicht um einen deutschen, 
sondern um einen europäischen Frieden handelt, der nicht durch 
Sicherstellung Deutschlands — worunter die Eingeweihten na- 
türUch Annexionen verstehen — , sondern nur durch die Sicher- 
stellung aller europäischen Völker gegen Krieg, Unterdrückung 
und Uebermacht geschaffen werden kann. Wie man auch die 
Grenzen innerhalb und ausserhalb Europas stecken, die Länder 
und Völker verteilen, hier fortnehmen, dort zuschlagen möge, — 
wie man auch die Bündnis- oder Ententegruppen in Zukunft ge- 
stalten möge, Europa wird unwiderbringlich verloren sein, es 
wird von neuem in Reibungen, Rüstungen und Kriegen zerrissen, 
kulturell und wirtschaftlich dem Abgrunde zugeführt, ein Sklave 
des alle Reichtümer der Welt aufsaugenden Amerika werden, 
wenn nicht aus den Gruppen eine grosse Gruppe, eine Gesamtheit 
auf rechtlicher Grundlage, unter unbedingtem Ausschluss jeder 
kriegerischen Konfliktlösung und unter Schaffung der nötigen 
Garantien für diese Rechtsordnung, gebildet wird. 

Es würde zu weit führen, an dieser Stelle auf das Thema der 
zukünftigen Gestaltung Europas näher einzugehen. Wir werden 
darauf in einem besonderen Abschnitt zurückkommen. Wer 
etwa — der bisherigen deutschen Gewohnheit entsprechend — 

« Bethmaun, der Pazifist» (Abschnitt: «Kriegsziele»), woselbst ich diese plötz- 
liche, der Not, nicht dem eigenen Triebe gehorchende « Erleuchtung » des deutschen 
Staatsmannes auf ihren wahren Wert zurückführe. 

Wie weit noch heute, während ich diese Anmerkung niederschreibe (Anfang 
1917), selbst die LinksUberaleu in Deutschland von pazifistischen Ideen entfernt 
und in dem engen Horizont der einseitigen Machtsicherung Deutschlands einge- 
schlossen sind, geht aus den Verhandlimgen und Beschlüssen des soeben abgehal- 
tenen Parteitags der Fortschrittlichen Volkspartei für Gross-BerUn hervor. Der 
Führer dieser, auf dem äussersten linken Flügel des deutschen Liberalismus stehen- 
den Partei, Dr. Wiemer, berief sich in seiner Rede ausdrücklich auf die Reichskauz- 
lerrede vom 9. Dezember 1915 und betonte von neuem, dass Deutschland sich 
« politische, miütärische und wirtschaftliche Sicherungen » verschaffen müsse, 
damit « Belgien nicht wieder von England und Frankreich als Aufmarschgebiet 
gegen Deutschland benutzt werden könne. » Die einstimmig, in Anwesenheit der 
hervorragendsten Parteiführer beschlossene Resolution verlangt einen Frieden, 
« der das Reich durch militärische und wirtschaftliche Massnahmen, wie durch not- 
wendige Gebietserweiterungen für die Zukunft sichert. >> Von einer Sicherung aller 
Völker durch Rechtsorganisation ist weder in den Verhandlungen noch in den Be- 
schlüssen des Parteitages auch nur mit einem Worte die Rede. So sieht der Pazi- 
fismus Deutschlands auf der äussersten Linken aus. Man kann sich danach ausmalen, 
welche Gedanken über diese « Utopien » in den Köpfen aller rechtsstehenden Par- 
teien, also bei der grossen Mehrheit der deutschen Volksvertretung, noch heute herr- 
schen. 



140 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

diese Zukunftsgedanken für utopistiscli und unausführbar halten 
sollte, der möge die völkerrechtlich-pazifistische I/iteratur nach- 
lesen, die auch in diesem Kriege eine grosse Bereicherung erfahren 
hat : er wird sich überzeugen, dass es bedeutend leichter ist, eine 
V ölkerrechtsordnung zu schaffen, als seinerzeit die Schaffung inner- 
staatlicher Rechtsordnungen gewesen ist. Die Aufhebung des Faust- 
und Fehderechts in Deutschland und in anderen Ländern, die 
unzähligen Städten und Herren die Möglichkeit nahm, ihr soge- 
nanntes Recht mit den Waffen in der Hand zu verfechten, war 
mit grösseren Schwierigkeiten und scheinbaren Opfern für die 
Einzelnen verbunden, als eine heutige Rechtsorganisation unter 
den wenigen, für kriegerische Konflikte in Betracht kommenden 
Staaten, die alle, ohne Ausnahme, durch den jetzigen Krieg, den 
fürchterlichsten aller Zeiten, zu der Ueberzeugung gekommen sein 
müssten, dass nur in der organisierten Sicherung aller gegen 
zukünftige Kriege das Heil ihrer Völker und der Menschheit zu 
finden ist. 

Diese Gedanken, die heute schon die ganze zivilisierte Welt 
— ausserhalb der schwarz-weiss-roten und schwarz-gelben Grenz- 
pfähle — erfüllen und nach Beendigung des Krieges mit erneuter 
Wucht nach tatsächlicher Gestaltung ringen werden, diese Ge- 
danken würden, wenn die Kaisermächte in die Lage gekommen 
wären, den Frieden zu diktieren, nie und nimmer zur Verwirk- 
lichung gelangt sein. Die Schuld der Vergangenheit wäre auch eine 
Schuld der Zukunft geworden und erst neue, unvorhergesehene 
Ereignisse, erst revolutionäre Massenbewegungen hätten den 
rechtlich geordneten Frieden unter den Völkern erzwingen müssen . 
Der Widerstand der Kaisermächte gegen den geordneten Völker- 
frieden in der Vergangenheit hat den Weltkrieg herbeigeführt ; 
ihr Widerstand gegen eine Friedensordnung für die Zukunft 
würde, wenn sie gesiegt hätten, die Weltrevolution im Gefolge 
gehabt haben. 



Alle diese Vergangenheits- und Zukunftsfragen interessieren 
natürlich einen Schiemann und ähnliche Leute nicht, lieber 
diesen wichtigsten Punkt meiner Vorgeschichte des Verbrechens, 
die Haager Konferenzen und die deutsch-englischen Verhand- 
lungen, geht der «Verleumder» mit wenigen Zeilen hinweg. Von 
der ersten Haager Konferenz berichtet er nichts anderes, als die 
angebliche « politische Vorgeschichte des russischen Konferenz- 
vorschlages », Für ihn ist natürlich erwiesen, dass der Zar Niko- 
laus nicht, um Europa eine Schutzorganisation gegen Kriege zu 



DEUTSCHLAND IM HAAG I4I 

geben und der verheerenden Rüstungskonkurrenz ein Ende zu 
machen, sondern nur deshalb die Konferenz einberufen hat, <f um 
einem Kriege zu entgehen, für den Russland sich nicht vorbe- 
reitet wusste, » ^ angeblich einem Kriege mit England. Auch hier 
wieder die bekannte Verleumdertaktik : der russische Antrag war 
gar nicht ernst gemeint, sondern nur eine Finte, um russischen 
Interessen zu dienen. 

Dieser unerhörten Fälschung gegenüber bleibt mir nichts 
anderes übrig, als auf die tatsächlichen Vorgänge auf der ersten 
Haager Konferenz, auf die Protokolle und Beschlüsse dieser 
Konferenz und auf die umfassende Literatur zu verweisen, die 
sich über jenen weltgeschichtlichen Vorgang gebildet hat. Ich 
habe in meinem Buche auf Frieds : «Handbuch der Friedensbewe- 
gung»'^ {Band I, S. 204 ff.) Bezug genommen und verweise für 
diejenigen, die diesen Schicksalsfragen der Völker das verdiente 
Interesse entgegenbringen, auf die überreiche Literatur, die in 
Frieds Handbuch (Band II, S. 437 ff.) ^ aufgeführt ist. Meine 
Darstellung der Vorgänge auf dieser Konferenz entspricht in 
jedem Worte der Wahrheit und wird durch die amtlichen, von 
allen beteiligten Staaten genehmigten Protokolle und die Lite- 
ratur überall bestätigt. Ueber die erste Haager Konferenz ist, 
unter unzähligen anderen Büchern, ein grosses Werk von Christian 
Meurer in zwei Bänden erschienen ^. Wer sich mehr für das Beiwerk, 
das Drum und Dran der Konferenz, als für ihren sachlichen Inhalt 
interessiert, möge die Memoiren des früheren amerikanischen 
Botschafters in Beüin Andrew D. White : « Aus meinem Diplomaten- 
leben »^ lesen : er wird darin sehr interessante Aufschlüsse, besonders 
über die Haltung Deutschlands und seiner Delegierten auf der 
Szene und hinter den Kulissen der Konferenz, finden. Die aus- 
führlichste Darstellung der Arbeiten der zweiten Haager Konferenz 
in deutscher Sprache gibt das ausgezeichnete Werk von Otjried 
Nippold : <( Die zweite Haager Friedenskonferenz ». ^ Auch das 
grossangelegte Werk von Walter Schücking : « Der Staatenverband 
der Haager Konferenzen » '' will ich erwähnen, in welchem das Ver- 
dienst der pazifistischen Bewegung um die Fortentwicklung des 
Völkerrechts unumwunden anerkannt und der weitere Ausbau 
der durch die Haager Konferenzen geschaffenen Grundlage eines 
Staatenverbandes als Ziel der europäischen Entwicklung hinge- 
stellt wird. 

* Verleumderbroschüre, S. lo. — ^ .Leipzig, Reichenbachsche Verlagsbuch- 
handlung, 191 1. — * Berlin und Leipzig, Verlag der « Friedenswarte », 1913. 
— * München, Verlag J. Schweitzer, 1905 und 1907. — * Uebersetzung, Zweite 
Ausgabe, Leipzig 1916, R. Voigtländer. — ® Leipzig 1911, Duncker & Humblot. — 
^ München 191 2, Duncker & Humblot. 



142 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Die erste Haager Konferenz. 

Nachstehend nur einige interessante Ergänzungen zu der 
Darstellung der Haager Vorgänge im Buche J'accuse — Ergänzun- 
gen, die das Verhalten der Zentralmächte auf der einen Seite, 
der Ententemächte auf der anderen Seite besonders deutlich 
kennzeichnen. 

Manche Verteidiger der deutschen Regierung haben wohl 
versucht, das Verhalten Deutschlands im Haag damit zu entschul- 
digen, dass es sich mehr um « formelle Ungeschicklichkeiten », um 
« rein theoretische Bedenken », etc. auf deutscher Seite gehandelt 
habe. Man erklärt das Verhalten Deutschlands im Haag « sachlich 
für durchaus gerechtfertigt >>, nur der Form nach für ungeschickt. 
Sachlich gerechtfertigt erscheint diesen Verteidigern die Stellung- 
nahme Deutschlands sowohl gegen die internationale Schieds- 
gerichtsbarkeit wie gegen die Beschränkung der Rüstungen : sie 
begründen das mit der bekannten, von allen Leuten dieses Schlages 
immer wieder vorgebrachten Behauptung, dass alle solche Be- 
schränkungen der Bewegungs-, Entwicklungs- und Rüstungs- 
freiheit nur den gesättigten, auf grossem ererbten Besitz ruhenden 
Nationen Vorteile bringen, die jungen und aufstrebenden Völker 
aber in ihrer Zukunftsentwicklung hindern. Für solche Gewalt- 
anbeter ist Entwicklungsfreiheit gleichbedeutend mit Mordfreiheit, 
Unterwerfung unter Rechtsentscheidungen gleichbedeutend mit 
Unterdrückung der staatlichen Persönlichkeit, Rüstungsbeschrän- 
kung — die doch im gleichmässigen Interesse aller liegt und 
niemanden zum Vorteile der anderen benachteiligt — gleichbe- 
deutend mit dem Verzicht auf politischen und wirtschaftlichen 
Aufschwung. Wie weite Kreise der deutschen Intelligenz in dieser 
beschränkten Gedankenrichtung befangen sind, beweist wieder ein- 
mal das neueste Buch des Fürsten Bülow : « Deutsche Politik », das 
genau die Richtlinien — noch heute — wiederspiegelt, in denen 
sich die Bülowsche Politik den Haager Bestrebungen gegenüber 
in so verhängnisvoller Weise bewegt hat. Ganz dumm stellen diese 
Art Leute die Frage : « Sollte vielleicht ein Schiedsgericht darüber 
entscheiden, ob eine Nation reif ist, vom Schauplatz der Welt- 
geschichte abzutreten, und eine andere, ihre Stelle einzunehmen ? » 
Was heisst das anderes, als den Krieg in Permanenz erklären und 
alle zukünftigen Konkurrenzkämpfe der zivilisierten Völker in 
Kultur und Wirtschaftsleben den grossen Kanonen, den giftigen 
Gasen, den Minenwerfern und den Untersee-Torpedos zu über- 
lassen ? Dass die grössere Tüchtigkeit eines Volkes sich nicht 
auf den Schlachtfeldern, sondern auf allen Gebieten friedlicher 



DEUTSCHLAND IM HAAG I43 

Menschentätigkeit durchringt und dem tüchtigeren Volke — ob 
es militärisch mächtiger ist oder nicht — von selbst die Früchte 
seines Fleisses und seiner Begabung in den Schoss wirft — , diese 
offen liegende Wahrheit, die sich in der heutigen Weltstellung 
vieler kleiner und machtloser Staaten bestätigt, ist solchen deut- 
schen Gewaltpolitikern natürlich noch nicht aufgegangen. Für 
sie ist politisch-militärische Macht immer noch gleichbedeutend 
mit wirtschaftlicher und kultureller Geltung. Sie bewegen sich 
immer noch in Anschauungen, die vor einigen hundert Jahren 
vielleicht berechtigt gewesen sein mögen, heute aber durch den 
Weltzusammenhang der Geister und der Wirtschafts-Interessen 
längst überholt sind. Wenn prinzipielle Kriegsfanatiker solche 
mittelalterlichen Anschauungen produzieren, so haben sie wenig- 
stens den Vorzug, konsequent zu sein : sie schwärmen für die 
Blut- und Eisenkur an sich und benutzen sie gleichzeitig als 
Mittel zur Erreichung ihrer politischen Machtzwecke. Wenn aber 
moderne Staatsmänner, tiefgebildete Philosophen, wenn sogar 
Menschen, die sich Liberale und Friedensfreunde nennen, Schieds- 
gerichte und Rüstungsbeschränkungen ablehnen, weil sie auf- 
strebende Staaten in ihrer Bewegungsfreiheit hemmen und andere 
Nationen bevorzugen, die « Renten aus dem ererbten Vermögen 
verzehren dürfen », — dann ist das der Gipfel der Borniertheit und 
Inkonsequenz. Denn die Bewegungsfreiheit, die diese « Friedens- 
freunde » predigen, bedeutet nichts anderes als Kriegsfreiheit. — 

Aber kommen wir auf die Haager Konferenzen zurück. Nur 
die Form des deutschen Auftretens tadeln jene nachsichtigen 
deutschen Beurteiler, nicht aber den Inhalt. Ich muss es mir 
versagen, diesen Leuten zuliebe nochmals alles das auseinander- 
zusetzen, was ich in meinem Buche und in dieser Arbeit über den 
engen Zusammenhang der Haager Konferenzen und ihres Nach- 
spiels, der deutsch-englischen Verständigungsverhandlungen, mit 
dem heutigen Kriege dargelegt habe. Nicht um « formelle Unge- 
schicklichkeiten » oder um « rein theoretische Bedenken » handelte 
es sich, wenn Deutschland den wichtigsten Zielen der Haager 
Konferenzen, der Einsetzung eines internationalen Schiedshofes, 
der obligatorischen Verpflichtung aller Vertragsstaaten, diesem 
Gerichtshof wenigstens beschränkte Kategorien von Streitfragen 
zu unterwerfen, der Erörterung einer allgemeinen und gleich- 
massigen Rüstungsbeschränkung — wenigstens in Form eines 
zeitweisen Stülstandes — den hartnäckigsten Widerstand entge- 
gensetzte, — einen Widerstand, der wiederholt um ein Haar das 
ganze Konferenzwerk in Frage gestellt hätte. Um einen prin- 
zipiellen Gegensatz der TF<?/^'rt;^sc/m^^^^;?g' zwischen der grossen Mehr- 



144 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

heit der im Haag vertretenen Staaten und der kleinen Gruppe 
Deutschlands und seiner Verbündeten handelte es sich. Um 
denselben Gegensatz, der von jeher, mit immer wachsender 
Schärfe bei allen Erörterungen über die Zukunftsgestaltung der 
europäischen Völkergemeinschaft zwischen den preussisch-hohen- 
zoUernschen Machtideen und den demokratisch-westeuropäischen 
Rechtsideen herv^orgetreten ist. Dieser Gegensatz, den der Ver- 
treter der Vereinigten Staaten Choate auf der zweiten Haager 
Konferenz (ehemaliger Botschafter Nordamerikas in London) 
einmal dem Freiherrn Marschall von Bieberstein gegenüber als 
den « Gegensatz von gutem Glauben und Vertrauen in den Völker- 
beziehungen zur Gewaltanwendung » bezeichnet hat, — dieser 
Gegensatz zwischen preussisch-feudal-mittelalterlicher und west- 
europäisch-demokratisch-moderner Weltanschauung ist ja nicht 
bloss auf den Haager Konferenzen zu Tage getreten, er besteht 
seit einem halben Jahrhundert, seit der Zeit, da Bismarck seine 
Blut- und Bisenpolitik in Taten umgesetzt und nach drei blutigen 
Kriegen einen Gewaltfrieden geschlossen hat, der neue Kriege 
gebären musste. Ein Genie wie Bismarck war allerdings stark 
genug, die logischen Konsequenzen aus seinen politischen Theo- 
rien und Handlungen zu verhindern, solange diese Konsequenzen 
ihm unerwünscht waren. Er verstand es, das europäische Schach- 
spiel so zu meistern, dass eine gefährliche Zusammenschliessung 
übermächtiger Gegner nicht stattfinden konnte oder zum min- 
desten hinausgeschoben wurde. Seine schwachen Nachfolger 
dagegen — sie wurden die Geister nicht los, die er gerufen hatte, 
die Geister des sich aufbäumenden Widerstandes, der feindlichen 
Schutzverbindung, die jede Gewaltpolitik im Inneren wie im 
Aeusseren hervorrufen muss. Was ihm und dem Staatsschiff, 
solange er es lenkte, nicht gefährlich werden konnte, das trieb 
unter der ungescliickten Steuerung seiner talent- und energie- 
losen Nachfolger das Schiff dem Abgrunde zu und Hess die Sturz- 
wellen einer europäischen Sintflut über dem unglücklichen Pas- 
sagier, dem deutschen Volke, zusammenschlagen. 

Auf Bismarck und sein Werk sind die Gedanken zurückzu- 
führen, die auch nach seinem Abgang die deutsche Politik und 
die deutsche Staats- und Gesclüchtswissenschaft, die sich zur 
Dirne dieser Politik erniedrigte, beherrscht haben. Die theore- 
tischen und praktischen Verteidiger der unbedingten Selb- 
ständigkeit Deutschlands in seiner auswärtigen Politik, in der 
Wahl und Begrenzung der militärischen Machtmittel zu ihrer 
Durchführung, — diese Verteidiger, die in jeder internationalen 
Rechtsordnung, auch in ihren schwächsten Ansätzen, in jeder 
Rüstungsbeschränkung eine Beeinträchtigimg der Souveränität und 



DEUTSCHLAND IM HAAG I45 

der Entwicklungsfreiheit des zur Weltmacht aufstrebenden 
deutschen Reiches sehen, — diese Verteidiger, die auf Kaiser- 
und Königsthronen, auf Kathedern, Kanzeln und Klubsesseln 
sitzen, — sie sind alle Nachfolger und Sprösslinge aus Bismarcks 
Samen, wenn auch von seinem Geist nicht einmal ein schwacher 
Abglanz in ihre Seelen gefallen ist. 



Die « theoretischen Bedenken » der deutschen Regierung gegen 
die Haager Bestrebungen hatten den sehr greifbaren praktischen 
Untergrund, dass Deutschland sich in allen völkerrechtlichen 
Streitigkeiten unbedingt freie Hand für sein Handeln vorbehalten 
und seine Rüstungen nach eigenem Ermessen so ausdehnen und 
verstärken wollte, um jederzeit seine politischen Zwecke mit 
bewaffneter Hand erreichen zu können. Es wollte weder politisch 
noch militärisch irgendwie gebunden sein. Es w^ollte frei sein, einen 
Krieg herbeizuführen, wie, wo, wann und weswegen ihm dies 
zweckmässig erscheinen würde. Nach diesem Rezept hat Deutsch- 
land sein Verhalten auf den Haager Konferenzen, sowie später 
bei den deutsch-englischen Verständigungsverhandlungen gere- 
gelt. Nach diesem Rezept hat es, als Krönung des Werkes, den 
europäischen Krieg just in dem Momente herbeigeführt, der ihm 
der günstigste zu sein schien. Aber damit ist die Durchführung des 
Systems noch nicht zu Ende. Auch der Frieden, der dem Kriege 
nachfolgen soll, würde, wenn es nach Deutschlands Willen ge- 
gangen wäre, dieselben Kennzeichen getragen haben, wie der dem 
Kriege voraufgegangene sogenannte Friedenszustand. « Real- 
politik », das heisst Machterweiterung und Machtstärkung Deutsch- 
lands, gegründet auf miHtärische Gewalt und politische Unter- 
drückung, — eigensüchtige Verfolgung eigensüchtiger Zwecke, 
Verkennung, ja Verhöhnung jener « Utopien », die allein einen 
dauernden Friedens- und Freundschaftszustand zwischen den 
europäischen Völkern verbürgen können, — das würde die Richt- 
schnur der deutschen Siegerpolitik gew^orden sein, wie es seit 
einem Menschenalter die Richtschnur der deutschen « Friedens- » 
Politik gewesen ist. 

Diese Leitsätze der preussisch-deutschen Politik finden sich 
überall wieder, wo heute ein Deutscher über deutsche Kriegs- 
ziele schreibt, mit Ausnahme der wenigen wirklichen Pazifisten 
und Sozialisten, deren Stimmen aber in der deutschfn Wüste 
ohne Echo verhallen. Das sind dieselben Gedanken, die Deutsch- 
lands Verhalten im Haag geleitet haben : gerade dort, wo die 
Vertreter der verschiedenen Weltanschauungen am grünen Tische 

Das Verbrechen II lO 



146 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

nebeneinander sassen, trat der tiefe innere Gegensatz des Preus- 
sentums und Hohenzollerntums gegen die westeuropäische Demo- 
kratie und die von dieser vertretene pazifistische Weiterentwick- 
lung des modernen Völkerrechts schärfer als irgendwo anders 
herv^or. Diesen Gegensatz zu bestreiten, ist noch niemandem 
bisher, am allerwenigsten den preursisch-deutschen Wortführern 
selbst, eingefallen. Im Gegenteil, sie waren und sind stolz darauf, 
das « Gequassel von Völkerfrieden und Völkerverständigung » 
nicht mitzumachen, sich auf ihr gutes Schwert zu stützen und 
di « Humanitätsduseier >> sich selbst und ihren « Utopien » zu 
überlassen ^. 



Eine ausserordentlich charakteristische Probe der deutschen 
Volkspsychologie nach dieser Richtung hin, gibt ein Aufruf Ber- 
liner Universitäts- Professoren, der, von sieben hervorragend n 
Namen (darunter Giercke, Kahl, Meyer, Wagner, Wilamowitz- 
Möllendorff) gezeichnet, soeben (Ende Juli IQ16) zur Erinnerung 
an den zweiten Kriegsgeburtstag erscheint. Dieser Aufruf setzt 
sich würdig an die Seite des berühmten Intellektuellen-Aufrufs 
aus der Zeit des Kriegsbeginns. Das ganze Spektrum der deutschen 
Kriegsverlogenheit oder, wenn man will, Kriegsverblendung 
strahlt einem aus diesen erleuchteten Köpfen entgegen : weder 
über den Kriegsursprung noch über die Kriegsziele produzieren 
diese gelehrten Herren irgend einen Gedanken, der sich über das 
niedrigste alldeutsche Niveau erhöbe. « Rachsucht, Ländeigier, 
Erwerbsneid der Nachbarn haben ihm (dem deutschen Volke) 
die Waffen in die Hand gezwungen, sich selbst zu retten von der 
geplanten Verstümmelung und Zerstückelung. >) Wer das noch 
heute zu schreiben wagt, kann unmöglich auch nur einen flüch- 
tigen Blick in die diplomatischen Dokumente über die unmittel- 
bare Vorgeschichte des Krieges geworfen haben, muss sich in 
absoluter Unkenntnis befinden über die klaren und unzweideutigen 
Aussprüche der Entente-Staatsmänner, die jeden Gedanken an 
eine Zerstückelung Deutschlands von der Hand weisen (wie ich 
in dem Abschnitt « Kriegsziele >> noch näher darlegen werde) : 

* Diese im Sommer 19 16 niedergeschriebenen Sätze gelten im wesentlichen 
noch heute. Allerdings beginnt nach Ablauf des zwe-ten Kriegsjahres mit der wach- 
senden Ueberzeugung in Deutschland, dass man nicht in der Lage sein wird, den 
gewünschten deutschen Frieden zu diktieren, ein wachsendes Interesse für einen 
europäischen Frieden sich geltend zu machen. Diese Spät- und Zangengeburt eines 
Pazifismus par torce majeure, den ich in einem späteren Kapitel ausführhch be- 
handle, ändert nichts an der Richtigkeit meiner obigen Ausführungen. 



DEUTSCHIvAND IM HAAG I47 

Wir haben das Schwert nicht in die Hand genommen — so heisst es in 
dem neuesten Professoren- Aufruf — , um zu erobern. Nun wir es haben ziehen 
müssen, wollen, können und dürfen wir es nicht in die Scheide stecken, ohne 
einen Frieden gesichert zu haben, den auch die Feinde zu halten gezwxmgen 
sind. Der ist aber nicht zu erlangen ohne Mehrung unserer Macht, Ausdehnung 
des Bereiches, in dem tmser Wille über Krieg und Frieden entscheidet. Dazu 
bedarf es sicherer Bürgschaften, realer Garantien. Darüber ist bei allen Deut- 
schen nur eine Meinung. 

Hier haben wir wieder einmal den typischen Ausdruck des 
Gewalt- und Brobererfriedens, wie er allen grossen Usurpatoren 
in der Weltgeschichte vorgeschwebt hat, aber stets an der rauhen 
Wirklichkeit, an dem natürlichen Freibeits- und Selbständigkeits- 
drang der Völker gescheitert ist. Ein weiterer Kommentar zu 
dieser prof essoralen Megalomanie ist überflüssig. Diese hervor- 
ragenden Staats-, Völkerrechts-, Geschichts- und Volkswirtschafts- 
lehrer haben offenbar von pazifistischen Ideen noch nicht einmal 
aus weiter Ferne die Glocke n läuten hören. Für sie existiert immer 
noch als einziger leitender Gesichtspunkt für die Zukunft : die 
Machtvergrösserung Deutschlands zur « Sicherung gegen zukünf- 
tige Ueberfälle ». Die Voraussetzung, dass wir im Jahre IQ14 tat- 
sächlich überfallen worden sind, wird und muss dabei selbst- 
verständlich aufrechterhalten werden. Dass ein Dauerfrieden für 
alle europäischen Völker, einschliesslich Deutschlands, überhaupt 
niemals durch Machtvergrösserung des einen auf Kosten der 
anderen gesichert werden, dass im Gegenteil solche Machtver- 
grösserung nur die sichere Quelle neuer Kriege sein kann, ist eine 
Wahrheit, die zwar jedem denkenden Arbeiter längst aufgegangen, 
aber bis in die Hörsäle der deutschen Universitäten noch nicht 
gedrungen ist. 



Deutschland gegen 
Schiedsgerichtsbarkeit. 
Whites Memoiren. 

Auf der ersten Haager Konferenz waren bekanntlich 26 
Staaten, auf der zweiten 44 Staaten, darimter sämtliche Staaten 
Südamerikas, mehrere asiatische Staaten und selbstverständlich 
sämtliche europäischen Staaten vertreten. Die Repräsentanten 
aller dieser grossen und kleinen Staaten haben es mit eigenen 
Augen und Ohren mitangesehen imd angehört, wie Deutschland 
und Oesterreich, von ihrer treuen Türkei gefolgt, sich jedem 
entscheidenden Fortschritt zur Verminderung der Kriegsgefahren 
und zur Erleichterung des bewaffneten Friedenszustandes hart- 



148 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

näckig entgegenstemmten. Es ist interessant, bei dieser Gelegen- 
heit sich der — bereits oben erwähnten — Aufzeichnungen des 
Chefs der amerikanischen Vertretung auf der ersten Konferenz, 
des damaligen amerikanischen Botschafters in Berlin, White, zu 
erinnern. White, der von Deutschland, insbesondere auch vom 
deutschen Kaiser, stets nur mit grösster Bewunderung und Hoch- 
achtung spricht, dem aber andererseits der deutsche Wider- 
stand gegen die Erriclitung eines internationalen Schiedshofes 
— des besonderen Herzens- und Schmerzenskindes des amerika- 
nischen Diplomaten — grossen Kummer bereitete, — White 
erzählt uns in geradezu ergreifender Weise, wie er der tiefen prin- 
zipiellen Abneigung des Kaisers Wilhelm und seines ersten Ver- 
treters im Haag, des Grafen Münster, gegen die ganze Schieds- 
gerichtsidee mit allen Mitteln der Ueberredung, der UeberzeU' 
gung und des teil weisen Nachgebens entgegentreten musste, um 
schliesslich die Zustimmung Deutschlands wenigstens zu der 
Errichtung des Schiedshofes durchzusetzen. 

Zu meinem Leidwesen — so erzählt White von einer Unterredung mit 
dem Grafen Münster — machte ich die Bemerkvmg, dass er durchaus da- 
gegen oder doch wenigstens gegen den Plan permanenter Schiedsgerichte 

ist Schiedsgerichte wären jür Deutschland nur schädlich. Deutschland wäre 

auf den Krieg vorbereitet wie kein anderer Staat; Deutschland könnte sein 
Heer in zelm Tagen mobil machen, wozu weder Frankreich, noch Russland, 
noch irgend ein anderer Staat imstande wäre. Das Schiedsgericht würde 
aber jeder feindlichen Macht Zeit geben, sich in Bereitschaft zu setzen, 
demnach brächte es Deutschland nur Nachteil. (A. D. White: Aus meinem 
Diplomatenlehen, S. 379.) 

Als die Times aus London eintraf, lasen wir zu miserer Freude, dass 
unser Schiedsgerichtsprojekt überall Anerkennung gefmiden hatte. Zahllose 
Telegramme, die im Laufe des Tages aus Amerika einliefen, brachten mis 
dieselbe Nachricht. Von Tag zu Tag wächst die Hoffnung, dass wir etwas 
ausrichten werden. Das einzige, das unsere Zukunft trübt, ist die Haltung der 
detttschen Presse gegenüber unserer gesamten Tätigkeit. Am heftigsten ist in 
ihren Angriffen die lutherische, streng konservative, « fromme » Berliner 
Kreuzzeitung. (S. 398 a. a. O.) 

Um 6 Uhr kam Dr. HoUs, imser Vertreter im Schiedsgerichts- Ausschuss, 
und brachte mir sehr betrübende Nachrichten. Augenscheinlich ist jetzt der 
deutsche Kaiser fest entschlossen, federn Schiedsgerichts-Profekte sich zu wider- 
setzen ; er will von keinem ständigen Tribunal etwas hören, mag es mm nach 
englischem oder amerikanischem System organisiert werden. Diese neuen 
Nachrichten entstammen ganz verschiedenen Quellen mid finden ihre 
Bestätigimg darin, dass in der Ausschussitzung einer der deutschen Dele- 
gierten, Professor Zorn aus Königsberg, der bisher für die Schiedsgerichte 
eifrigst eingetreten ist, jetzt erklärt, es würde ihm wohl nicht möglich sein, 
sein Votum dafür abzugeben. Ueberdies sucht der deutsche Kaiser, allem 
Anschein nach, seinen Einfluss auf seüie Alhierten, auf die Herrscher von 
Oesterreich, Italien, Rumänien mid der Türkei, geltend zu machen. (S. 404.) 

Er (Münster) ist tnehr denn fe gegen die Schiedsgerichte eingenommen mid 
behauptet, wir seien im Hinblick auf das ursprüngliche russische Programm... 



DEUTSCHLAND IM HAAG I49 

nicht berechtigt, sie zum Antrag zu bringen. Er äusserte sich über den wei- 
teren Verlauf der Sitzungen sehr pessimistisch Wie schon tags vorher, 

erklärte er sich auch heute als einen Gegner der Schiedsgerichte ; meinte, 
diese wären nichts anderes als « Humbug », sagte, wir hätten kein Recht, 
diesen Antrag zu begünstigen, da er in dem Originalprogramm Russlands 
nicht aufgeführt wäre, u. s. w. (S. 407, 408.) 

Der Amerikaner wundert sich bei dieser Gelegenheit, dass Graf 
Münster gerade wegen seines « gesunden Menschenverstandes » 
vom Kaiser zum Chef der deutschen Mission im Haag auserwählt 
worden sei, er tröstet sich aber über das abfällige Urteil Münsters 
über die Schiedsgerichte, da der deutsche Botschafter ja auch 
Telegraphen und Telephone, Bakterien und Mikroben bei der- 
selben Gelegenheit für modernen Humbug erklärte. White meint 
überhaupt, dass dieser hervorragendste Vertreter der damaligen 
deutschen Diplomatie « mit Ideen, die vor fünfzig Jahren mass- 
gebend waren, gesättigt sei. » 

In seinem Tagebuch vom 13. Juni berichtet White von neuen 
beunruhigenden Nachrichten, die aus Deutschland eingetroffen 
seien : 

Es scheint allerdings kein Zweifel mehr zu sein, dass der Kaiser nicht nur 
gegen Schiedsverträge, sondern überhaupt gegen die gesamte Tätigkeit des 
Kongresses eingenommen ist und an seine Hauptverbündeten, Oesterreich 

und Italien, die Anforderung stellt, ihn darin zu sekimdieren Ehe ich 

Berlin verliess, hörte ich von einem hohen Staatsbeamten, der Kaiser erblicke 
in einem Schiedsgericht eine Beeinträchtigung seiner Souveränität ; auch 
merkte ich es seinen eigenen Worten an, dass ihm die Kongress-Idee 

dmchaus nicht sympathisch ist Es scheint eine Katastrophe im Anzüge zu 

sein. Wer von uns dem Schiedsgerichtsprojekt treu geblieben ist, wird an 
dem Entwurf weiter arbeiten und sein Bestes tun, ihn zu fördern. Es ist 
jedoch nicht vorauszusehen, was für Steine Deutschland mid seine Alliierten 

uns in den Weg werfen können Vor einigen Tagen bemerkte ich gegenüber 

einem namhaften Diplomaten : « Seine Minister sollten doch dem Kaiser 
darüber die Augen öffnen, dass er durch seinen Widerstand gegen ein Schieds- 
gericht eine Unsumme Groll gegen sich heraufbeschwöre, wie sie kein Mi- 
nister dulden dürfte. » « Sie haben recht » entgegnete mir der Diplomat, 
« nur existiert in Deutschland kein Minister, der den Mut besässe, dem 
Kaiser so etwas zu sagen. » 

Graf Münster ritt in den Unterhaltungen mit dem amerika- 
nischen Botschafter stets auf dem Steckenpferde herum, dass 
völkerrechtliche Differenzen viel besser « durch gewiegte Diplo- 
maten » als durch « schiedsrichterliches Urteil von Leuten » 
erledigt würden, « die weder Erfahrung in internationalen Ange- 
legenheiten besässen, noch vorurteilsfrei und unbeeinflusst sein 
könnten. <> (S. 412.) Der Amerikaner verfehlte dagegen nicht, den 
Botschafter in ernstester Weise darauf hinzuweisen, dass die 
Ratgeber des deutschen Kaisers « niemals den jungen Herrscher 



150 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

den Schmähungen, den Vorwürfen und den Feindseligkeiten 
aussetzen (sollten), mit denen alle Völker ihn überhäufen würden, 
sobald es bekannt würde, dass er den Kongress zu Fall ge- 
bracht und die Schiedsgerichtspläne vereitelt hätte ». In stunden- 
langen Unterhaltungen suchte der amerikanische Botschafter 
den Vertreter Deutschlands davon zu überzeugen, dass der 
deutsche Kaiser « als der Feind aller Nationen » betrachtet werden 
würde, wenn Deutschland seinen Widerstand gegen die Ein- 
richtung eines Schiedsgerichtshofes nicht aufgeben würde. 

Der Amerikaner griff « jenes Argument auf, das, wie man sagt, 
so grossen Einfluss auf den Kaiser ausüben soll, und fragte den 
Grafen : « Warum sollte ein Schiedsgericht Deutschland beein- 
trächtigen können ? » Ihr Souverän würde sich nur nach eigenem 
Ermessen an ein Schiedsgericht wenden, wie das überdies schon 
geschehen ist ; Sie wissen, dass Bismarck bei der Streitfrage um 
die Karolinen den Papst zum Schiedsrichter ernannte » (S. 415.) 

Trotz aller Gegenbemühungen Whites, der auch andere Kon- 
gressmitglieder zur günstigen Beeinflussung des Berliner Kabinetts 
veranlasst hatte, traf Mitte Juni ein offizielles Schreiben der deut- 
schen Regierung beim Grafen Münster ein, « in dem sich die deut- 
sche Regierung — worunter natürlich der Kaiser zu verstehen 
ist — endgültig und energisch gegen jedes Schiedsgericht ausge- 
sprochen hat. » (S. 417.) Dieses Schreiben schlug wie eine Bombe 
in die Konferenz ein und erweckte allgemein die Befürchtung, 
dass nun die Konferenz- Arbeiten in ihrem wichtigsten Punkte, 
der Schiedsgerichtsfrage, zum Scheitern verurteilt seien. Infolge 
erneuter Bemühungen beim Grafen Münster entschloss sich 
dieser, den Professor Zorn zur Einholung neuer Instruktionen 
nach Berlin zu senden. Wählte sandte in Begleitung Zorns einen 
andern amerikanischen Delegierten, Dr. Holls, ebenfalls in die 
Reichshauptstadt und gab ihm einen viele Bogen langen Privat- 
brief an den damaligen Staatssekretär des Auswärtigen, Herrn 
von Bülow, mit, in dem nochmals alle schwerwiegenden Gründe 
gegen Deutschlands ablehnende Haltung aufgeführt und das 
Aufflammen bittersten Hasses gegen das deutsche Kaiserreich 
in der ganzen Welt in sichere Aussicht gestellt wird, falls Deutsch- 
land sich endgültig diesem entscheidenden Fortschritt in den 
Völkerbeziehungen in den Weg stellen sollte. 

Ob nun Erfolg oder Misserfolg, in jedem Fall wird man Russlands Kaiser 
von einem Ende der Welt bis zum anderen als den Erlöser, ja buchstäblich als 
einen Heiligen preisen, während der Groll über den deutschen Kaiser berge- 
hoch steigt Sollten wirklich die Berater dieses mit so hohen Geistes- 
gaben ausgerüsteten Herrschers es zugeben, dass solch eine politische 



DEUTS CHI,AND IM HAAG I5I 

Schmähflut, solch ein Strom von Groll imd Hass gegen ihn sich heranwälzt ? 
Ist es denkbar, dass ein so hochherziger Monarch, ein so genialer Mensch 
diesen Vorwürfen ausgesetzt werden sollte ? Meiner Ansicht nach sollten 
seine Berater dem vorbeugen und ihn anflehen, nicht der Welt gegenüber 
die mutwillige Rolle eines Widersachers gegen ein Projekt zu spielen, dessen 
Vollendimg Milhonen und aber Millionen voll Inbrunst heischen. (Schreiben 
Whites an Herrn von Bülow vom 16. Jimi 1899.) 

Auch den bekannten militärischen Einwand gegen Schiedsge- 
richte widerlegt White mit Gründen, die für unsere heutige 
Schuldfrage nicht ohne Interesse sind : « Man hat auch behauptet, 
die Präliminarien eines Schiedsgerichts würden Deutschlands 
Feinden Zeit zu Kriegsrüstungen verschaffen ; stände es da dem 
Kaiser und seiner Regierung im Notfalle nicht ebenfalls frei, 
seine ganze Armee zu mobilisieren? » Man sieht : derselbe vernünf- 
tige Einwand gegen die militärischen Gründe, die in der Regel 
für ein sofortiges Losschlagen, ohne verzögernde Verhandlungen, 
angeführt werden, — derselbe Einwand, den der Zar, noch in 
seiner letzten Depesche vom i. August nachmittags, gegen eine 
sofortige Kriegserklärung und zugunsten weiterer Verständigungs- 
Verhandlungen vorgebracht hat : Mobilisieren, ohne zu kämpfen ! 
Wäre dieser — von jedem vernünftigen und seiner ungeheuren 
Verantwortung bewussten Menschen — als richtig anzuerken- 
nende Grundsatz am i. August befolgt und wäre gleichzeitig der 
drei Tage vorher von dem Zaren gemachte Vorschlag einer Haager 
Schiedshof-Entscheidung akzeptiert worden, so hätten wir heute 
keinen europäischen Krieg. — 

Die Aufregung über Deutschlands Verhalten damals, in jenen 
Junitagen 1899 im Haag, war so gross, dass sogar Stimmen laut 
wurden, man solle, falls es der deutschen Regierung nicht be- 
liebte, sich auf den Boden der Schiedsgerichts-Idee zu stellen, die 
Verhandlungen ohne Deutschland weiterführen und sie wenigstens 
unter den zustimmenden Staaten zum Abschluss bringen. 

Jetzt endlich, infolge des persönlichen Eingreifens des Fürsten 
Hohenlohe, des damaligen Reichskanzlers, infolge des Berichts 
des Professors Zorn und der Einwirkung des amerikanischen Dele- 
gierten Dr. Holls, bequemte sich die deutsche Regierung dazu, 
prinzipiell der Einrichtung eines permanenten Schiedshofes im 
Haag keine Schwierigkeiten mehr in den Weg zu stellen, machte 
aber ihre Zustimmung von der Bedingung abhängig, dass der 
Artikel 10 des vorliegenden Entwurfs, der für eine Reihe von 
minder wichtigen Fällen die Anrufung des Schiedsgerichts obli- 
gatorisch machen wollte, gestrichen werden sollte. Diesem Wun- 
sche Deutschlands, der allerdings dem ganzen Haager Werke 



152 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

einen Teil seiner welthistorischen prinzipiellen Bedeutung nahm, 

— darüber waren sich alle übrigen Konferenz-Teilnehmer voll- 
kommen klar, wie man bei White und in allen Kommentaren 
nachlesen kann — , diesem Wunsche Deutschlands wurde trotz- 
dem nachgegeben, um wenigstens den Schiedshof selber in den 
Hafen zu bringen. — 

Bei der offiziellen Schlussfeier des Kongresses musste der 
unglückliche Graf Münster, als Präsident der deutschen Abord- 
nung, eine Rede halten, die ihm — nach Whites launigem Bericht 

— recht fatal gewesen sein muss : « Denn erstens war er genö- 
tigt, gegenüber dem Kongress, den er nur wenige Wochen vorher 
geschmäht und herabgesetzt hatte, Worte zu wählen, die seine 
grösste Hochachtung ausdrückten, zweitens musste er die Schieds- 
gerichtsfrage, die er für Humbug erklärte, gutheissen, und drit- 
tens musste er de Staal (dem Präsidenten der Konferenz), dem 
er seine Abneigung keinen Augenblick verhehlt hatte, huldigen ! » 

Internationale Unter- 
suchungskommissionen. 
Die «guten Dienste» 
und die Vermittlung. 

Neben der Frage der Schiedsgerichtsbarkeit hatte sich die 
erste Haager Konferenz bekanntlich — den vorliegenden Ent- 
würfen entsprechend — auch mit der Einsetzung internationaler 
Untersuchungskommissionen zur Feststellung streitiger Tatbe- 
stände und ferner mit dem Angebot der guten Dienste oder der 
Vermittlung seitens unbeteiligter Mächte zu beschäftigen. Auch 
in diesen Fragen bildete die deutsche Regierung — natürlich 
immer in Gemeinschaft mit der österreichischen, aber unter steter 
Absonderung der mit den Westmächten gehenden italienischen 
Regierung — beständig den Hemmschuh gegen allen Fortschritt. 
In dem Entwurf zum Beispiel, betreffend die guten Dienste und 
die Vermittlung, standen — schon in Voraussicht der deutschen 
Abneigung gegen jede Vermittlungstätigkeit — die abschwä- 
chenden Worte, dass auf die guten Dienste und die Vermittlung 
unbeteüigter Mächte nur so weit zurückgegriffen werden solle, 
als die Umstände dies zulassen sollten (en tant que les circon- 
stances l'admettraient). Da dieser Zusatz die Bestimmung voll- 
ständig illusorisch machte und ihren Zweck, in jedem Falle das 
Angebot der guten Dienste zu ermöglichen und dadurch Kriege 
zu verhindern, vereitelte, so beantragten in der Sitzung der be- 
treifenden Kommission die Delegierten Hollands, Belgiens und 
mit besonderer Schärfe der Delegierte Italiens, Graf Nigra, die 



DEUTSCHLAND IM HAAG I53 

Streichung jenes Zusatzes. Sofort erhob sich der deutsche Dele- 
gierte, Professor Zorn, und verlangte die Aufrechterhaltung des 
ursprünglichen Textes, « um den beteiligten Mächten ihre volle Ent- 
scheidungsfreiheit zu lassen : die neue Redaktion sei unannehm- 
bar. » Nach verschiedenen Vermittlungsversuchen in der Kom- 
mission musste endlich die Konferenz sich entschliessen, die von 
dem deutschen Delegierten verlangte Abschwächungsklausel zu 
genehmigen. 

Welche Bedeutung derartige Beschlüsse, je nachdem sie einen 
engeren oder weiteren Inhalt bekommen, für die Weltgeschicke 
haben können, haben wir im Sommer 1914 gesehen, als Oester- 
reich und Deutschland jede Vermittlungstätigkeit seitens dritter 
Mächte ablehnten, - — vermutlich, weil sie der Meinung waren, 
« dass die Umstände die Vermittlung nicht zuliessen. ;> Wäre 
damals im Haag eine allgemeine Verpflichtung für die streitenden 
Mächte, die Vermittlung von dritter Seite anzunehmen, festge- 
setzt worden, so hätten Deutschland und Oesterreich zwar auch 
diesen Vertrag für einen Fetzen Papier erklären können, würden 
sich aber damit den Haager Vertragsmächten und der Welt 
gegenüber in noch grösseres und eklatanteres Unrecht gesetzt 
haben, als sie es ohnedies schon getan haben. 



Cour permanente d'A r b i t r a g e. 

Bei einem andern wichtigen Punkte, der mit der Einrichtung 
des permanenten Schiedshofes zusammenhängt, zeigte sich eben- 
falls der systematische Widerstand Deutschlands gegen alle Be- 
stimmungen, die ein wirklich erfolgreiches Eingreifen der neuen 
Institution beim Auftreten von Kriegsgefahren ermöglichen 
konnten, Leon Bourgeois, der Präsident der französischen Dele- 
gation, hatte, in einer bemerkenswerten Rede in der Kommission, 
in der er den Vorsitz führte, den Antrag gestellt, dem permanenten 
Bureau des Schiedshofes den Auftrag und die Ermächtigung zu 
erteilen, in Konfliktfällen eine gewisse Initiative zu ergreifen und 
die im Streit befangenen Mächte an die Möglichkeit der Streit- 
schlichtung durch den Haager Schiedshof zu erinnern. Bourgeois 
hatte mit Recht darauf hingewiesen, dass sehr häufig die Anrufung 
des Schiedsgerichts gerade deshalb unterbleibe, weil keine Macht 
die erste sein wolle, die diesen Schritt unternehme, — aus Furcht, 
in ihrem Lande und in der Welt der Schwäche geziehen zu werden. 
Diese Bedenken würden beseitigt, wenn dem Bureau des Sclüeds- 
hofes selbst das Recht und die Pflicht zu einer solchen Initiative 
übertragen würden : 



154 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Um eine der mächtigen Maschinen in Fimktion zu vsetzen, — so sagte 
der französische Minister — , durch welche die moderne Wissenschaft die 
Welt transformiert, genügt es, einen Finger auf einen Kontaktpunkt zu 
legen : aber immerhin muss irgend jemand die Aufgabe haben, diese einfache 
Bewegmig auszuführen. Die französische Delegation ist der Meimmg, dass 
die Institution, der dieses internationale Mandat anvertraut würde, in der 
Geschichte eine vornehme und nützliche Rolle zu spielen habe. 

In demselben Sinne sprachen sich andere Delegierte aus. Nur 
Professor Zorn, der Vertreter Deutschlands, — der übrigens da- 
mals, auf dem Kongress, allgemein den Eindruck erweckte, dass 
er allein unter den deutschen Delegierten den Tendenzen der Kon- 
ferenz günstig gesinnt sei und nur auf Verlangen seiner Regierung 
ihnen entgegentreten müsse, — nur Dr. Zorn sprach sich nicht 
nur gegen die beantragte Initiative, sondern auch gegen die 
Einsetzung eines permanenten Tribunals überhaupt aus — eine 
Stellungnahme, die, wie ich oben des näheren dargelegt habe, 
später seitens Deutschlands revidiert wurde. In diesem früheren 
Stadium versuchte Zorn noch mit allen Mitteln, die « Cour d' Arbi- 
trage permanente » durch eine « Cour d'Arbitrage occasionnelle » 
zu ersetzen. Trotz eindringlichsten Zuredens, ja sogar Bittens 
seitens des italienischen Vertreters, Grafen Nigra, blieb der 
deutsche Delegierte dabei, die Einrichtung eines permanenten 
Schiedshofes namens seiner Regierung ablehnen zu müssen, und 
entschloss sich nur zu der Konzession, trotz dieser prinzipiellen 
Ablehnung sich den weiteren Arbeiten der Kommission nicht 
entziehen zu wollen. 

Nachdem im späteren Verlauf, nach der Reise Zorns nach 
Berlin, endlich die Zustimmung der deutschen Regierung zu der 
Institution als solcher erteilt worden war, begann — es wäre 
lächerlich, wenn es nicht so überaus traurig wäre, — ein Wort- 
streit über die Bezeichnung des Schiedshofes. Die vorgeschlagene 
Titulatur « Tribunal permanent d'Arbitrage » erschien der deut- 
schen Delegation allzusehr auf gerichtlichen Zwang und verbindliche 
Entscheidung hinzuweisen ; Dr. Zorn beantragte daher, statt Tri- 
bunal «Cour» und statt d'Arbitrage «des Arbitres ••> zu setzen, — 
ein Vorschlag, der die neue Institution sozusagen sofort wieder zer- 
schlagen, ihren Sinn und Zweck verfälscht hätte. Man einigte sich 
endlich auf die Bezeichnung : « Cour permanente d' Arbitrage. » — 

Die «Initiative» des 
Haager Bureaus. 

Nun aber, nachdem das Schmerzenskind endlich unter schwe- 
ren Wehen in die Welt gesetzt war, handelte es sich darum, ihm 



DEUTSCHLAND IM HAAG 155 

wenigstens eine möglichst grosse Lebensfähigkeit zu verschaffen. 
Die obligatorische Verpflichtung der Vertragsmächte, das Schieds- 
gericht auch nur in untergeordneten Streitfragen anzurufen, war, 
wie wir gesehen, auf Deutschlands Verlangen beseitigt worden. 
Umsomehr kam es darauf an, dem ständigen Bureau des Schieds- 
hofes wenigstens die MögHchkeit zu geben, bei drohenden Kon- 
flikten seine Existenz den streitenden Parteien ins Gedächtnis zu 
rufen und sie der «. peinlichen Notwendigkeit » zu entheben, 
ihrerseits den ersten Schritt zu einer gütlichen Verständigung 
zu tun. Peinlich — sage ich — nach den leider noch herrschenden 
Vorurteilen über staatliche Ehre, Prestige und ähnliche mittel- 
alterliche Begriffe, die für den Komment randalierender Stu- 
denten, aber nicht für die Interessen moderner Grosstaaten mass- 
gebend sein dürften. 

Die Franzosen Leon Bourgeois und d'Estournelles de Constant 
nahmen denn auch den früheren Vorschlag der Haager Bureau- 
Initiative mit frischen Kräften auf und besonders der letztge- 
nannte Delegierte, der rühmlichst bekannte pazifistische Senator, 
nahm sich mit besonderem Eifer der Initiativ-Idee an : 

Wir brauchen einen automatischen Vorgang, der die streitenden Mächte 
verpfUchtet, sich für oder gegen die schiedsrichterhche Entscheidung zu 
erklären vor der offen tHchen Meinung und den Parlamenten ; wenn wir diesen 
Mechanismus ausfindig machen mid die Person genau bezeichnen, welche 
den Auftrag hat, den Einladuugsbrief abzusenden, so wird die Situation 
von Grtmd aus geändert. Es wird einer Regierung dann ebenso schwer 
werden, die Entscheidmig des Schiedsgerichts abzulehnen, wie es ihr bisher 
schwer war, sie in ernsten Fällen anzunehmen. 

Als Dr. Zorn die Schwierigkeiten der praktischen Ausführung 
solcher Initiative her\^orhob, entwarf d'Estournelles de Constant 
einen Konferenz-Beschluss, der dem Generalsekretär des Bureaus 
des Schiedshofes den Auftrag erteilte, den Vertretern der strei- 
tenden Mächte am holländischen Hofe ein gleichlautendes Schrei- 
ben zuzusenden, in welchem er sich und das Bureau zur Einleitung 
weiterer Schritte zur Verfügung stellte. D'Estournelles ging sogar 
so weit, den Wortlaut eines solchen Schreibens zu entwerfen, und 
es scheint mir interessant, um den klugen Eifer der Franzosen 
auf der einen Seite und den kurzsichtigen Widerstand der Deut- 
schen auf der anderen zu kennzeichnen, diesen Entwurf hier in 
wörtlicher Uebersetzung wiederzugeben : 

Herr Minister, 

Nachdem die Signatar-Mächte des Haager Generalakts sich ausdrücküch 
verpflichtet haben, nichts zu imterlassen, mxx die friedliche Lösmig von Kon- 
flikten herbeizuführen, die zwischen zweien oder melu-eren unter ihnen aus- 



156 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

brechen könnten, iind nachdem diese Mächte, durch den Artikel 10 des 
genannten Aktes, dem Generalsekretär des internationalen Bureaus das 
Mandat erteilt haben, im gegebenen Moment obige Verpflichtimg den inte- 
ressierten Parteien in die Erinnerimg zu rufen, habe ich die Elire, Ihnen 
mitzuteilen, dass ich zu Ihrer Verfügimg stehe, um den ständigen Schiedshof 
zusammenzuberufen, falls Ihre Regierung mir ihre Intentionen in dieser 
Beziehung — gleichzeitig mit den Namen der designierten Schiedsrichter — 
mitteilen zu sollen glaubt. 

Dieser praktische, leicht ausführbare und sicheren Erfolg 
versprechende Vorschlag des französischen Delegierten fand 
grossen Beifall in der Kommission. Nur der unglückliche Dr. Zorn, 
der Mann der gebundenen Marschroute, erklärte sich — nach 
der Gewohnheit der deutschen Staatsmänner in allen fortschritt- 
lichen Dingen — zwar im Prinzip für den Initiativ- Vorschlag, 
sah aber eine unüberwindliche Schwierigkeit in der Auswahl der 
geeigneten Persönlichkeit für den Sekretärposten, dem eine so 
grosse moraUsche Autorität beigelegt werden solle. An dem Wider- 
stände Deutschlands scheiterte der französische Vorschlag und 
so kam es, dass im Sommer 1914 das seit anderthalb Jahrzehnten 
bestehende Bureau des Haager Schiedshofes — trotz des ser- 
bischen und russischen Vorschlages einer schiedsgerichtlichen 
Entscheidung — sich nicht rühren und kein Zeichen von seiner 
Existenz geben konnte. — 

Aehnliche charakteristische und für die Zukunfts- Entwicklung 
Europas verhängnisvolle Vorgänge spielten sich auf Schritt und 
Tritt während der ersten und zweiten Haager Konferenz ab. Es 
würde zu weit führen, hier auf alle diese Einzelheiten einzugehen. 
Ich kann nur auf die Protokolle der Konferenzen und auf die 
kommentierende Literatur verweisen. Wer eine kurze, gerade un- 
sere vorliegende Erörterung berührende Zusammenstellung der 
betreffenden Tatsachen sucht, möge das vorzügliche kleine Büch- 
lein des Genfer Professors Edgard Milhaud : << Du droit de la force 
ä la force du droit » (Atar, Genf, 191 5) lesen, das mir bei diesem 
Teil meiner Arbeit — wie ich hiermit dankend hervorheben 
möchte — ausgezeichnete Dienste geleistet hat. 



Professor Zorn und 
die Haager Probleme. 

Herr Professor Philipp Zorn, Delegierter Deutschlands auf 
der ersten Haager Konferenz, hat in der Neuen Zürcher Zeitung 
vom 14. Januar 1917 eine lange Erwiderung auf einen Weih- 
nachtsbrief des französischen Senators d'Estournelles de Cons- 



DEUTSCHLAND IM HAAG I57 

tant veröffentlicht, die nach zwei Richtungen hin sehr interessant 
ist : nach der Richtung des Kriegsiir Sprunges und der Kriegs- 
ziele. 

I. Herr Zorn steht nach wie vor auf dem offiziellen deutschen 
Standpunkt des Verteidigungskrieges. Er verwirft — und stimmt 
hierbei ausdrücklich dem französischen Pazifisten zu — den 
Gedanken des Präventivkrieges. Den Verteidigungskrieg aber 
gründet er auf die These, <> dass der russische Zar der Urheber 
des Weltkrieges ist. » Um dies zu beweisen, gibt er folgende 
Zusammenstellung der Tatsachen, die den Weltkrieg herbei- 
geführt haben, — eine Zusammenstellung, die so charakteristisch 
für die Gründlichkeit deutscher Professoren in der Erforschung 
des unmittelbaren Kriegsursprunges ist, dass ich es für inte- 
ressant halte, sie hier im Wortlaut wiederzugeben : 

Dvtrch serbische Mordbuben war unter Vorwissen der serbischen Regie- 
rung der Thronfolger von Oesterreich-Ungarn imd seine Gemahlin in Sera- 
jewo ermordet worden ; für dies scheussliche Verbrechen, das den Höhe- 
punkt jahrzehntelanger Untergrabimg der österreichisch-tmg arischen Staats- 
hoheit von Seiten Serbiens bildete, forderte Oesterreich-Ungarn von Serbien 
eine, zwar der Grösse des Verbrechens gemäss weitgehende, aber weder den 
Territorialbestand noch die Souveränität Serbiens verletzende Genugtuimg ; 
Serbien war bereit, diese Genugtuung zu geben, wurde aber hieran von Russ- 
land verhindert ; Deutschland malmte in Wien mit der Erklärung, dass 
es sich um serbischer Dinge willen nicht in einen Weltkrieg stürzen lassen 
werde, zu immittelbarer Verständigung mit Russland ; während diese Ver- 
handlungen noch schwebten, mobilisierte Russland sein ganzes Heer, und 
diese Mobilisation war, wie dies bereits in einem geheimen Armeebefehle des 
Jahres 1Q12 der Armee verkündet worden war ', der Krieg mit Deutschland. 

Ich habe nicht nötig, dieses Geschichts-Resume des berühm- 
ten deutschen Völkerrechtslehrers einer Kritik im einzelnen zu 
imterwerfen. Meine mehrbändigen Bücher enthalten diese Kritik 
in ausführlichster Weise und zeigen gleichzeitig die Methode an, 
wie unabhängige Forscher, die weder zünftige Professoren noch 
sonst mit Ehrentiteln gesegnet sind, diese schwierige und kompli- 
zierte Geschichtsmaterie behandeln und klarlegeii müssen. Für 
einen deutschen Professor stellt sich die Sache so einfach dar. 
dass er sie in zwanzig Zeüen erledigen zu können glaubt : seine 
kurze, fast im Telegrammstil abgefasste Zusammenstellung 
willkürlich herausgerissener Momente aus der zeitlich kurzen, 
inhaltlich aber unendlich langen V rsprungsgcschichtc des Krieges 
erinnert mich an jene Parodie des Götheschen « Erlkönigs », die 
das berühmte Gedicht in telegraphischer Abkürzung wiedergibt : 

' Auf diesen mysteriösen Armeebefehl komme ich später — in dem Kapitel : 
« Bethmann, der Pazifist » — noch zurück. 



158 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Vater mid Kind 
Reiten durch Nacht und Wind. 
. Töchter von Erlkönig 
Necken Kind ein wenig. 

Kind schreit : 

« Vater, reit. » 

Kommen nach Haus in Not, 

Vater lebendig, Kind tot. 

Genau so kurz und bündig wie dieser abgekürzte « Erlkönig >> 
stellt der zornerfüllte Professor Zorn den schmäliliclien Ueber- 
fall der Ententemächte auf das unschuldige Deutschland dar 
und fügt zur Bekräftigung seiner Darstellung noch hinzu : 

In der Beurteilung dieser Tatsachen ist aber das ganze deutsche Siebzig- 

Millionen-Volk so gut wie vollkommen einig Nie in meinem langen Leben 

war die Eintracht zwischen Regiermig und Volk in Deutschland bei Beur- 
teilung der Regiermigsmassnahnien eine so vollständige mid so feste, wie bei 

Ausbruch des Krieges tmd bis zmn heutigen Tage Das deutsche Volk und 

die Hohenzollern sind heute auf Leben und Tod unlösbar verbunden ', wie noch 
niemals in der Weltgeschichte. Nein, das deutsche Volk wollte den Krieg 
nicht. Und der Kaiser wollte ihn ebensowenig wie das Volk : wir allein von 
allen Grossmächten haben — trotz allen guten Gelegenheiten zmn Kriege — 
vierzig Jahre Frieden gehalten. Aber der Zar wollte den Krieg, vmd er wusste, 
dass Frankreich imd England ihm Heeresfolge leisten würden, tmd dass 
sich Belgien seit 1906 zu antideutschen Zwecken imter Bruch seiner Neutra- 
Htät mit den Westmächten verbunden hatte. Dies ist misere Auffassimg 
von den Kriegsursachen und zwar teilt diese Auffassung eiimiütig das ganze 
deutsche Volk. 

Ich begnüge mich, wie gesagt, die Zornsche Geschichtsdar- 
stellung niedriger zu hängen, zu deren Widerlegung im einzelnen 
ich meine Bücher von neuem schreiben müsste. Der Leser meiner 
Werke ist — auch ohne besondere kritische Begabung oder Vor- 
bildung — in der Lage, jeden einzelnen der obigen Sätze als wahr- 
heitswidrig festzustellen und diese ganze « simplizistische » Zu- 
rückführung der historischen Vorgänge auf einige willkürlich 
herausgerissene Momente als eine Rekordleistung zu erkennen, 
die ihrem Urheber den Titel: «Siniplizissimus» eintragen könnte. 

2. Ebenso interessant wie die Ausführungen Zorns über den 
Ursprung des Krieges sind seine Ausblicke auf die deutschen 
Kriegsziele : 

« Nach der Erklärung des Reichskanzlers (vom 9. No- 
vember 1916) kann kein Zweifel bestehen, dass die Zen- 
tralmächte — entgegen ihrer Haltung auf der Konferenz 

' Anmerkung des Setzers : Glücklicherweise nur Professoren-Wahrheit I Die 
Zukunft wird dies hofientlich erweisen. Wäre es wirkliche Wahrheit — um so 
schlimmer für das deutsche Volk ! 



DEUTSCHLAND IM HAAG I59 

von 1907 — bereit sein werden, dem Haager Schiedshof alle 
internationalen Streitfälle zu überweisen, hei denen die Ehre 
und die Lehensinteressen des Staates nicht heteiligt sind. » 

Das also ist das Maximum an pazifistischen Konzessionen, 
das der deutsche Völkerrechtslehrer, der deutsche Delegierte 
auf der ersten Haager Konferenz, der doch besser wie irgend 
jemand anders die Intentionen der deutschen Regierung kennen 
muss, für die zukünftigen Friedensverhandlungen voraussieht : 
Zustimmung zur schiedsrichterlichen Entscheidung, aber unter 
Ausschluss aller Fälle, hei denen die Ehre und die Lehensinteressen 
der hetreffenden Staaten heteiligt sind. Herr Professor Zorn weiss 
ebenso gut wie wir, dass der Schwerpunkt aller Erörterungen 
über pazifistische Rechtsorganisation von jeher auf der Frage 
lag, ob sämtliche völkerrechtliche Streitigkeiten dem Haager 
Schiedshof überwiesen, oder ob solche, bei denen die « Ehre » und 
die « Lebensinteressen » der Staaten auf dem Spiele stehen (dies 
die stets von den Schiedsgerichtsgegnern vorgebrachte For- 
mel !) von der schiedsgerichtlichen Entscheidung ausgenommen 
werden sollten. 

Alle Theoretiker und Praktiker sind sich längst darüber einig, 
dass jene Ausnahmen die ganze Institution illusorisch machen 
würden. Die führenden amerikanischen Pazifisten, die bekannt- 
lich mit den führenden Staatsmännern drüben identisch sind, die 
Taft, Bryan, Wilson etc. haben längst jene veraltete, auf über- 
wundenen Prestige- Anschauungen beruhende Formel in die Rum- 
pelkammer geworfen und die von ihnen abgeschlossenen Schieds- 
gerichtsverträge auf sämtliche völkerrechtlichen Streitigkeiten 
ohne jede Ausnahme erstreckt. Nur als erste Ahschlagszahlung 
war man — wie wir später sehen werden — auf der zweiten 
Haager Konferenz bereit, falls Deutschland im Prinzip die obli- 
gatorische Unterwerfung unter schiedsgerichtliche Entschei- 
dungen akzeptieren würde, diese wichtige Errungenschaft mit 
jener Ausnahme zu belasten, — in der sicheren Erwartung, dass, 
wenn das Obligatorium, auch im beschränkten Umfange, erst 
einmal bestände, die Beschränkung später von selbst fortfallen 
würde. Blieben die Ausnahmen auf die Dauer bestehen — darüber 
war man sich im Haag vollkommen klar — , so wurde damit dem 
Schiedsgerichtsvertrage ein grosser Teil seines Wertes genommen ; 
es hing dann, gerade in den wichtigsten und gefährlichsten Fällen, 
von dem Belieben jedes beteiligten Staates ab, unter der Behaup- 
tung, seine Ehre oder seine Ivcbensinteressen ständen auf dem 
Spiel, der Schiedsgerichts-Institution ein Schnippchen zu schla- 
gen. Der willkürlichen Auslegung dieser dehnbaren Bestimmung 



l6o VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

war Tür und Tor geöffnet. Wie weit ein böswilliger kriegslüs- 
terner Staat darin gehen kann, beweist gerade das Beispiel Oester- 
reiclis im Sommer 1914 : Die elenden Formeldifferenzen zwischen 
dem österreichischen Ultimatum und der serbischen Antwort- 
note berührten angeblich die lyebensinteressen der Habsburger 
Monarchie in einem solchen Masse, dass Oesterreich und Deutsch- 
land die zwei Mal — von Serbien und von Russland — vorge- 
schlagene Entscheidung des Haager Schiedshofes nicht einmal 
einer Erörterung für wert hielten, sondern mit Stillschweigen 
darüber hinweggingen. 

Was damals — 1907 — als Minimum, als allererster Anfang 
in der praktischen Durchführung der Schiedsgerichts-Idee ver- 
langt wurde — als Minimum, weil jede Mehrforderung dem deut- 
schen Widerstände gegenüber von vornherein als aussichtslos 
erschien — , das bietet heute, nach zweieinhalb Jahren des fürch- 
terlichsten Weltkrieges, "Herr Professor Zorn als Maximum deut- 
scher Konzessionen an, — unter stolzer Bezugnahme auf die 
« weltgeschichtliche Rede *^ des Reichskanzlers vom 9. Novem- 
ber 1916. Was von der Theorie und Praxis des Pazifismus längst 
als wertlos erkannt w^orden ist, bringt Herr Zorn uns heute als 
wertvollste Morgengabe Deutschlands zu dem grossen Friedens- 
Vermählungsfest der europäischen Völker dar. In der Tat, die 
Deutschen sind etwas « spät aufgestanden » und haben — wie 
stets, so auch liier — den Anschluss versäumt. 

3. Allerdings fügt auch der deutsche Professor hinzu : 

<; Damit ist ein grosses Stück des schwierigen Weges 
bereits zurückgelegt. Aber damit ist die Welt nach der 
furchtbaren Katastrophe des Weltkrieges nicht mehr zu- 
frieden : sie fordert, dass auch Streitfälle, in denen Ehre 
und Ivcbensinteressen der Staaten beteiligt sind, zu fried- 
lichem Austrag gebracht werden, wenn immer dies möglich 
ist, und sie fordert hiefür rechtliche Vorkehrungen. » 

Man bemerke auch hier wieder die Reserve : « we^in immer 
dies möglich ist », — die genau dieselben Hintertüren offen lässt, 
wie die Klausel von der Ehre und den Lebensinteressen der Staa- 
ten. Herr Zorn geht also für seine Person scheinbar einen Vier- 
telschritt weiter, als die deutsche Regierung nach seiner Voraus- 
sicht gehen wird, bleibt aber auch seinerseits in der Mitte des 
Weges stehen und lässt alle Möglichkeiten offen, durch die das 
sichere Funktionieren einer Rechtsmaschinerie in internationalen 
Streitigkeiten illusorisch gemacht werden kann. Entweder man 
schafft ein Rechtssystem oder man schafft es nicht : eine Unter- 



DEUTSCHLAND IM HAAG l6l 

werfuug unter rechtliche Normen und rechtliche Entscheidungen, 
a wenn immer dies möglich », ist überhaupt keine Unterwerfung ; 
sie ist die Negierung der Institution selbst und lässt auch in Zu- 
kunft die Anarchie bestehen, die sie scheinbar beseitigen will. 

In Wahrheit hat sich auch Herr Professor Zorn persönlich — 
trotz seiner schon 1899 im Haag zur Schau getragenen Sympa- 
thien für die internationale vSchiedsgerichtsbarkeit — in den 
seither verflossenen achtzehn Jahren noch nicht zu der Aner- 
kennung eines wirklichen Obligatoriums, einer wirksamen Aus- 
schliessung kriegerischer Ivösungen durchgerungen. Ah « rich- 
tigster Weg » erscheint ihm noch heute — wie er in seinem oben- 
genannten Aufsatz auseinandersetzt — « die Ausbildung des 
amerikanischen Gedankens der Sekundanten-Tätigkeit — Art. 8 
der Schiedsgerichts-Konvention von 1907 — und zwar als bin- 
dende Verpflichtung der Staaten. » Mit anderen Worten : die 
kreissenden europäischen Berge sollen das pazifistische Mäuslein 
gebären, dass in der Einleitung des genannten Artikels statt des 
« Einverständnisses » der Vertragsmächte eine « bindende Ver- 
pflichtung » gesetzt wird. Die Vertragsmächte sollen — nach 
Zorns Maximal-Vorschlag — verpflichtet w^erden, bei ernsten, 
den Frieden gefährdenden Streitfragen, jeder eine « Sekundanten- 
macht )> zu wählen, die mit dem Sekundanten der anderen Partei 
in Verbindung tritt, um den Bruch der friedlichen Beziehungen 
zu verhüten. Also eine Verpflichtung zur Annahme einer Ver- 
mittlung — die je nach den Umständen oder dem guten Willen 
der Parteien erfolgreich oder erfolglos sein kann — , aber keine 
Verpflichtung zur Annahme eines Rechtsspruches. Diese mehr 
wie bescheidene Verbesserung des bisherigen Zustandes ist das 
äusserste, was Herr Professor Zorn persönlich heute als wünschens- 
wert, keineswegs aber als voraussichtliches Zugeständnis der 
deutschen Regierung hinstellt. Der Standpunkt der letzteren ist 
— wie wir nun authentisch von Herrn Zorn erfahren — noch viel 
beschränkter als der ihres gelehrten Verteidigers, es ist jener 
längst überwundene Standpunkt der Ehren- und Lebensinteressen- 
Klausel. Das ist die äusserste Grenze der von Deutschland zu 
erwartenden Konzessionen. 

Diese Feststellung von so autoritativer Seite ist von unschätz- 
barem Werte für die Beurteilung der neuesten pazifistischen 
Anwandlungen des Reichskanzlers. Wir haben hier eine authen- 
tische Interpretation vor uns, die uns von neuem beweist, was wir 
schon längst wissen : dass von deutscher Seite eine Zustimmung 
zu einer wirksamen, kriegshindernden Rechtsorganisation der 
Völker — und nun gar zu dem wesentlichen Attribiit einer solchen, 

Das Verbrechen II II 



l62 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

der Rüstungsbeschränkung — nicht zu erwarten ist. Eine solche 
Zustimmung wird von deutscher Seite nur erteilt werden, wenn 
sie erzwungen werden kann, und es wäre im Interesse des Welt- 
friedens, auch im Interesse von Deutschland selbst, zu wünschen, 
dass auch hier die Drohung des Götheschen Balladenkönigs zur 
Wahrheit werde : <* Und bist Du nicht willig, so brauch' ich 
Gewalt. » 

Die zweite Haager Konferenz. 

Obligatorische Schiedsgerichts- 
barkeit. Welt-Schiedsvertrag oder 
Individual-Schiedsvertrag ? 

Aus der zweiten Haager Konferenz (Juli-Oktober 1907) 
möchte ich — in Ergänzung meiner Ausführungen in J'accuse 
(S. 76 ff.) — nur einige charakteristische Züge hervorheben, 
um die haltlosen Versuche gewisser deutscher Regierungsver- 
teidiger, das Verhalten Deutschlands im Haag zu rechtfertigen 
oder wenigstens zu entschuldigen, auf ihren wahren Wert zurück- 
zuführen. 

Auf der zweiten Konferenz bildete bekanntlich, wie auf der 
ersten, die Frage der obligatorischen Schiedsgerichtsentscheidung, 
wenigstens für gewisse minder wichtige Materien, einen der 
erheblichsten Beratungsgegenstände. Freiherr Marschall von 
Bieberstein, der diesmalige Chef der deutschen Mission, hatte 
die undankbare Aufgabe, auch diesmal wieder den Widerspruch 
Deutschlands gegen jedwede obligatorische Schiedsgerichtsbar- 
keit kundzutun und zu begründen. Er suchte sich gegenüber dem 
Einwurf, dass Deutschland ja selbst inzwischen Schiedsgerichts- 
verträge mit beschränktem Obligatorium abgeschlossen habe, 
durch die feine Unterscheidung aus der Schlinge zu ziehen, dass 
Deutschland zwar das Systeme individuel, aber nichc das Systeme 
mondial in dieser Frage akzeptieren könne. Mit anderen Worten : 
Deutschland wollte sich von Fall zu Fall seinen Gegenkontrahenten 
aussuchen, um Gotteswülen aber nicht mit einer Anzahl Gegen- 
kontrahenten auf einmal einen Schiedsgerichtsvertrag schliessen 
und dadurch ein Weltsystem zustande bringen. Auf das letztere, 
auf das Weltsystem kam es aber gerade an. Einzelne Schiedsver- 
träge waren seit 1899 und auch vorher schon in grosser Zahl abge- 
schlossen worden. Die geschichtliche Erfahrung aber lehrte — und 
lehrt täglich von neuem — , dass solche Einzelverträge — wie 
überhaupt die meisten völkerrechtlichen Verträge — im entschei- 
denden Moment nicht gehalten und von dem zielbewussten Frie- 



DEUTSCHLAND IM HAAG 163 

densbrecher als <' chiffon de papier » behandelt werden. Ganz 
anders ein Weltvertrag, der von 44 Regierungen, den Vertretern 
der ganzen zivilisierten Menschheit, unterschrieben wird und 
jedem einzelnen Unterzeichner positive Verpflichtungen gegen- 
über 43 Gegenkontrahenten auferlegt. Solchen Vertrag nach 
jeweiligem Interesse oder Gutdünken zu brechen, wäre in der 
heutigen Zeit denn doch unmöglich, in jedem Falle für den Ver- 
tragsbrüchigen ausserordentlich gefährlich und nachteilig, da er 
sich sofort 43 Verletzten gegenüber sehen würde, die teils mit den 
Waffen, teils mit den JVIitteln diplomatischer und wirtschaft- 
licher Boykottierung, ihn in der Welt isolieren, seine Existenz 
unmöglich machen könnten. Dieser Gefahr konnte und wollte 
sich selbst das mächtige Deutschland nicht aussetzen, daher sein 
hartnäckiger Widerstand gegen den Weltvertrag und seine Zu- 
rückziehung auf den Individual- Vertrag. 

Wenn manche Verteidiger Deutschlands in dem Abschluss 
des deutsch-englischen Schiedsvertrages von 1904 ein Zeichen 
dafür erblicken, dass Deutschland in Wirklichkeit den Haager 
Bestrebungen gar nicht so abgeneigt gewesen sei, wie der böse 
Ankläger es hinzustellen sucht, so beweisen diese Schriftsteller 
damit nur, dass sie nicht geradeaus, sondern vorbeidenken, dass 
sie nicht den springenden Punkt der Erörterung erfasst haben, 
sondern blind nebenbei tappen. Der internationale Schiedsver- 
trag, das ist der springende Punkt aller Erörterungen, das Schieds- 
gerichtssystem, das damit inauguriert werden sollte, wenn auch 
zunächst nur auf engerer Basis, die man aber allmählich — unter 
dem logischen Zwang der Entwicklung — immer mehr zu erweitern 
und zu einem generellen Obligatorium auszugestalten hoffte. Ein 
Cadre für einen Welt-Schiedsv ertrag, für alle völkerrechtlichen 
Streitigkeiten sollte zunächst einmal geschaffen, die volle Aus- 
füllung aber der späteren Entwicklung überlassen werden. Ein- 
zelverträge zwischen den Staaten A. und B. konnten niemals 
einen solchen Cadre abgeben. Daher die Unsinnigkeit der Beru- 
fung auf den deutsch-englischen Einzel vertrag. Daher aber auch 
die logische Konsequenz in der Haltung der deutschen Delegierten 
gegen den Weltvertrag. Da Deutschland eine wirkliche, ernste 
und unlösbare Bindung, wie sie ein Weltvertrag geschaffen hätte, 
nicht wünschte und noch weniger eine allmähliche Ausdehnung 
dieser Bindung auch auf die wichtigsten Streitfragen, das heisst 
mit anderen Worten : eine Ausschaltung des Krieges, — so musste 
man sich gleich von Beginn an der Schaffung eines Rahmens 
entgegenstellen, in den allmählich ein höchst unerwünschtes 
Bild hineingezeichnet werden konnte. 

Die deutsche Regierung und der deutsche Kaiser, denen es 



164 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

vor allem auf die Erhaltung ihrer Ellbogenfreiheit ankam, han- 
delten also ganz konsequent, wenn sie zwar Einzelverträge ab- 
schlössen, einem Weltvertrag aber sich entgegenstemmten. Die 
Verteidiger Deutschlands aber argumentieren unlogisch, wenn 
sie den Einzelvertrag als Beweis dafür hinzustellen suchen, dass 
Deutschland im Grunde gar keine « machiavellistischen Absich- 
ten » und gegen die Haager Bestrebungen nur <( theoretische 
Bedenken » gehabt habe. Nein, die Bedenken waren nichts we- 
niger als theoretisch, sie waren, wie die Verhandlungen der 
beiden Konferenzen, wie sämtliche Kommentare und besonders die 
oben zitierten Memoiren Whites ergeben, sehr praktischer Natur : 
man wollte sich nicht 43 Staaten gegenüber die Hände binden ; 
man wollte nicht in Gefahr kommen, aus dem beschränkten Obli- 
gatorium allmählich, mit dem Strome der öffentlichen Weltmei- 
nung, zum allgemeinen Obligatorium hingetrieben zu werden ; 
man wollte nicht einem dauernden, garantierten Friedenszustande 
zustreben, sondern sich die MögHchkeit vorbehalten, im geeig- 
neten Moment die « schimmernde Wehr » zu zeigen und mit der 
« gepanzerten Faust » zuzuschlagen. Das ist des Pudels Kern. 
Das ist der innere Grund des deutschen Verhaltens im Haag. 
Das ist in seiner ganzen Tragweite von allen Nationen der Welt 
schon damals als der leitende Gesichtspunkt der deutschen Poli- 
tik erkannt worden. Deshalb die harten Kämpfe, die scharfen 
Gegensätze auf den Konferenzen, deshalb die Befürchtungen, 
die man von der ersten Haager Konferenz an für die europäische 
Zukunft hegte. Deshalb endlich der Drang der nicht mit Deut- 
schland verbündeten Grossmächte, sich ihrerseits zusammen- 
zuschliessen, um den Gefahren, die man von Deutschland kom- 
men sah, begegnen zu können. — 

Die Blindheit des Einwandes, Deutschland habe ja doch mit 
England einen Schiedsvertrag abgeschlossen, ergibt sich schon 
aus der Tatsache, dass dieser im Jahre 1904 erfolgte Abschluss 
natürlich allen Teilnehmern der Haager Konferenz von igoy wohl 
bekannt war. Wenn dieser Eiuzelvertrag den Zielen und Zwecken 
eines Weltvertrages gedient hätte, — weshalb dann diese erbit- 
terten und scharfen Verhandlungen auf dem Kongress, um Deut- 
schlands Zustimmung zu einem obligatorischen Weltvertrag zu 
erlangen ? Schon daraus geht hervor, dass es sich um zwei ganz 
verschiedene Dinge handelte, die nur volkommene Ignoranten 
in einen Topf werfen können. Ich hatte daher auch nicht die ge- 
ringste Veranlassung, in meinem Buche den deutsch-englischen 
Schiedsvertrag « wohlweislich » — wie einer meiner Kritiker mir 
vorwirft — zu verschweigen. Dieser Vertrag hat mit den Haager 



DEUTSCHLAND IM HAAG 165 

Konferenzen gerade so viel zu tun, wie gewisse neudeutsche 
« Soziologen » mit Fragen der Politik und des Völkerrechts. 

Wenn alles dies noch der Bestätigung bedürfte, so würde sie 
durch die Haager Verhandlungen selbst erbracht. Der ameri- 
kanische Delegierte, Mr. Joseph Choate, seinerzeit Botschafter 
der Vereinigten Staaten in Grossbritannien — derselbe, der 
neuerdings das vorzügliche Buch des amerikanischen Staats- 
anwalts Beck über die Schuldfrage (« Der Tatbestand », Lausanne, 
Payot & C^^, 1916) mit einem Vorwort herausgegeben hat, 
Mr. Choate erwiderte auf die Marschallsche Unterscheidung zwi- 
schen Individual- und Welt-Vertrag in launiger Weise : die Hal- 
tung des deutschen Delegierten, der für das Schiedsgericht an 
sich begeistert sei, es aber nur den Kontrahenten, die ihm passen, 
zugestehen wolle, komme ihm vor, wie wenn jemand im Traum 
eine himmlische Erscheinung sähe, die die heftigsten Begierden 
in ihm errege, diesem Götterbilde aber sofort den Rücken drehe, 
wenn er es beim Erwachen in seinem Bette vorfände. 

Wenn eine Nation bereit ist, einen Schiedsvertrag mit einer oder mehreren 
anderen abzuschliessen, — so ungefähr sagte der amerikanisehe Delegierte — , 
weshalb lehnt sie es ab, einen solchen Vertrag auch mit allen 43 vertretenen 
Nationen zu schHessen, wenn dies der gebieterische Wmisch aller Völker ist ? 
Avif diese Frage möge Deutschland antworten, denn wir anderen alle sind zu 
einer Generalkonveniion bereit, weil wir absolutes Vertrauen zu den anderen 
Nationen haben. Wir respektieren die Gleichheit aller anderen Mächte auf der 
Basis, wie sie hier vertreten sind und üir Stimmrecht auf der Konferenz 
ausüben. Wir erkennen an, dass sie alle durch ihre Haltimg in gleichem 
Masse Männlichkeit, Intelligenz, Unabhängigkeit und guten Glauben ver- 
treten. Es stehen sich hier im Gnmde zwei Fragen gegenüber : auf der einen 
Seite der gute Glauben, auf der anderen Seite die Berufung auf die Alacht. (II y 
a ici au fond deux questions : l'une, de bonne foi, l'autre, de recovu-s k la 
force.) 

Noch wirkungsvoller als die Rede des amerikanischen Dele- 
gierten war die grosse Ansprache, die Leon Bourgeois, Präsident 
der Schiedsgerichts-Kommission, bei dieser Gelegenheit hielt. 
Mit logischer Schärfe und rhetorischem Schwung hob der fran- 
zösische Staatsmann die symptomatische Bedeutung der Aner- 
kennung des obligatorischen Prinzips in einem Weltvertrage her- 
vor. Auch wenn die sogenannten Lebensinteressen der Staaten 
zunächst von der obligatorischen Schiedsgerichtsbarkeit ausge- 
schlossen blieben, so sei es doch von unschätzbarer Bedeutung 
für die friedliche Entwicklung der Menschheit, dass zunächst ein- 
mal der rechtliche Zwang, sich einer schiedsrichterlichen Ent- 



l66 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Scheidung zu unterwerfen, statuiert und damit die Basis eines 
internationalen Rechtsgebäudes, das den Anschauungen der mo- 
dernen Welt entspreche, gelegt werde. Die Höherführung dieses 
Baues werde von selbst allmählich eintreten. Der Einwand, 
dass die Machtbedingungen eines jeden Staates verschieden 
seien und daher nicht auf den gleichen juristischen Leisten ge- 
schlagen werden könnten, sei hinfällig : denn niemals sei es die 
Absicht der Haager Konferenzen gewesen, in die Machtverhält- 
nisse der einzelnen Staaten einzugreifen, ihre legitime Entwick- 
lung und ihre staatliche Zukunft zu beschränken. Jede Nation 
stelle einen souveränen Staatskörper dar, sei allen anderen an 
moralischer Würde gleichstehend und habe — ob klein oder gross, 
ob schwach oder stark — ein gleiches Anrecht auf den Respekt 
ihrer Rechte, wie auch eine gleiche Verpflichtung zur Erfüllung 
ihrer Verbindlichkeiten. Eine jede solle unter der Herrschaft des 
Rechts sich frei entwickeln können, ohne das gleiche Recht irgend 
einer anderen zu verletzen. Alle Völker seien heute durch ein 
enges Netz gemeinschaftlicher Interessen miteinander verbunden. 
Jede Friedensstörung zwischen zwei Nationen wirke unmittelbar 
auf alle anderen zurück. Deshalb solle hier, im allseitigen Inter- 
esse, eine gegenseitige Garantie durch einen obligatorischen 
W eltschiedsv ertrag geschaffen werden, der zunächst auf Rechts-, 
Interpretations-, lyiquidations- und ähnliche Fragen beschränkt 
werden solle, aber auch in dieser Beschränkung einen entschei- 
denden Forschritt in der grossen Frage der Schiedsgerichtsbar- 
keit bedeute: denn er bringe zum Ausdruck den gemeinschaft- 
lichen Respekt vor dem Recht, das gemeinschaftliche Gefühl der 
Solidarität der Pflichten. Dies wird — so schloss der französische 
Staatsmann seine mit stürmischem Beifall aufgenommene Rede — 
die höchste Moral-Lektion sein, die der Menschheit gegeben werden 
kann ^. 

Dieser bedeutungsvollen Rede Leon Bourgeois' braucht kein 
Wort hinzugefügt zu werden. Sie erhebt die damaligen Verhand- 
lungen und die darauf folgende Abstimmung zu der weltgeschicht- 
lichen Bedeutung, die sie gehabt haben und die heute noch nach- 
wirkt. 

Die Abstimmung ergab folgendes Resultat : der Artikel i6 a 
des vorliegenden Entwurfs, der die obligatorische Schiedsge- 

* Zweite Haager Konferenz Band II, S. 72-73, 87-89, zitiert bei Milhaud a.a.O., 
S. 72-76. Man sieht mit Interesse, wie die Stellungnahme der französischen und 
amerikanischen Delegierten gegenüber den deutschen schon damals — sieben Jahre 
vor dem deutsch-französischen, zehn Jahre vor dem deutsch-amerikanischen 
Kriege — von denselben Grundsätzen diktiert war, die heute den leitenden Staats- 
männern der beiden grossen Repubhken bei der Aufstellung ihrer wichtigsten 
Kriegsziele als Richtschnur dienen. 



DEUTSCHIvAND IM HAAG 167 

richtsbarkeit für eine Reihe minder wichtiger, speziell aufge- 
führter Streitfragen festsetzte und ausdrücklich Lebensfragen, 
Fragen der Unabhängigkeit und der Ehre, ausschloss (interets 
vitaux, independance, honneur) wurde mit 35 Stimmen gegen 5 
Gegenstimmen und 4 Enthaltungen angenommen. Frankreich, 
England, Russland und Italien stimmten dafür. Deutschland, 
Oesterreich und die Türkei dagegen. 

Ein fernerer Artikel 16 c unterwarf gewisse, zur schieds- 
richterlichen Entscheidung ganz besonders geeignete Materien 
ohne jede weitere Beschränkung dieser Gerichtsbarkeit. Die 
obigen Reserven betreffend I^ebensf ragen etc. schienen hier nicht 
nötig, da solche Streitfälle jede Aufbauschung zu c nationalen » 
Fragen schon an sich ausschlössen. Dieser zweite Paragraph 
wurde mit 33 Stimmen gegen 8 Gegenstimmen und 3 Enthal- 
tungen ebenfalls angenommen. Dafür stimmten wiederum Frank- 
reich, England, Russland, Italien, dagegen Deutschland, Oesterreich 
und die Türkei. 

Das weitere Schicksal dieser Vorschläge habe ich schon in 
meinem Buche (S. yj) erzählt. Da die Einstimmigkeit fehlte, 
fielen die Beschlüsse ins Wasser und auch der Antrag, sie wenig- 
stens für die zustimmenden Staaten für verbindlich zu erklären, 
konnte infolge des Widerspruchs des Freiherrn von Marschall, 
der auf dem Grundsatz der Einstimmigkeit bestand, nicht zum 
Beschluss erhoben werden. Die zweite Konferenz blieb in diesem 
wichtigsten Punkte — ebenso wie die erste — durch die Schuld 
Deutschlands resultatlos. 



Ein anderer, scheinbar minder wichtiger Punkt aus den 
Verhandlungen der zweiten Konferenz möge noch erwähnt 
werden, da man auch hier wieder die Grundtendenz Deutschlands, 
im Gegensatz zu den anderen Nationen, jede wirkliche Bindung 
abzulehnen, erkennen kann. Die russische Delegation wünschte 
in den sehr wichtigen Bestimmungen über die Untersuchungs- 
kommissionen, deren Anrufung u. a. im Jahre 1904 einen rus- 
sisch-englischen Krieg wegen der Doggerbank- Affaire verhindert 
hatte, an Stelle der Wahlfreiheit eine vertragliche Verpflichtung 
zu setzen : die Worte : « les puissances contractantes jugent 
utile » sollten durch die Worte : « les puissances contractantes 
conviennent » ersetzt werden. Sofort erklärte sich Herr von Mar- 
schall gegen dieses juris vinculum, und es musste bei der freien« 
Entscheidung der beteiligten Mächte über die Anrufung der Un- 
tersuchungskommissionen verbleiben. 



l68 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Aehnliche Beispiele des deutschen Widerstandes gegen jede 
rechtlich wirksame Funktion der Haager Institutionen Hessen 
sich haufenweise aus den Protokollen beibringen. Ich muss mich 
hier mit den angeführten Beispielen begnügen und glaube, dass 
sie ausreichen, dem Leser ein zutreffendes Bild über den tiefen 
inneren Weltanschauungs-Gegensatz zu geben, der sich zwischen 
Deutschland und der ganzen zivilisierten Welt auf den Haager 
Konferenzen offenbart hat. Die Darstellung und Beurteilung 
dieser Vorgänge, die ich in meinem Buche gegeben, kann ich 
daher in jedem Punkte aufrecht erhalten. Das Deutschland von 
1899 und 1907 war dasselbe Deutschland wie das von 1914. Es 
vertrat zielbewusst und absichtlich das Machtprinzip in der 
Welt, während alle übrigen grossen und kleinen Nationen — 
Deutschlands Bundesgenossen, Oesterreich, die Türkei, und ein 
paar kleinere Staaten ausgenommen — das Rechtsprinzip im 
Völkerleben verwirklichen wollten. Schon damals war Deutsch- 
land das Häkchen, das sich bei Zeiten krümmte, schon damals 
bereitete es den Boden vor, der ihm im geeigneten Moment die 
Durchführung seiner Machtbestrebungen ermöglichen sollte. Die 
Haager Konferenzen bilden — wie ich mit Recht in meinem Buche 
hervorgehoben habe — einen der wichtigsten Merksteine in der 
Vorgeschichte des jetzigen Krieges, einen Leuchtpunkt, der 
Vergangenheit und Gegenwart gleichzeitig erhellt. 

Haag Ursache — Triple- 
Entente Wirkung. 

Den engen Zusammenhang des deutschen Verhaltens im Haag 
mit der Zusammenschliessung der Entente-Mächte, mit der 
Erzeugung des europäischen Spannungszustandes, der zu der 
Kriegs-Explosion geführt hat, haben deutsche Sozialisten und 
Pazifisten schon längst erkannt, ehe die Explosion wirklich er- 
folgt ist. Man lese die Kommentare von Fried, Nippold u. a. zu 
den Haager Konferenzen und man wird dies bestätigt finden. An 
dieser Stelle möchte ich auf einen Artikel Frieds (« Friedens- 
warte » vom Nov. -Dez. 1915) hinweisen, der mit Recht — genau 
wie ich es in meinem Buche tue — die berühmte Einkreisung als 
eine Defensiv -Massnahme kennzeichnet, die hervorgerufen war 
durch das tiefe Misstrauen und die Erbitterung über Deutsch- 
lands friedensfeindliches Verhalten auf den Haager Konferenzen : 

Es ist mutig, über die sogenannte « Einkreisung » jetzt zu sagen, was 
wir von allem Anfang an gesagt haben. Nicht um den Ueberfall Deutsch- 
lands handelte es sich dabei, sondern um einen als notwendig erachteten 
Schutz vor Deutschland. Es waren gewisse Massnahmen Deutschlands, 



DEUTSCHLAND IM HAAG 169 

gewisse Reden, gewisse Haltungen, die diese Furcht erzeugten und zu jener 
Haltimg führten, die man in Deutschland als Isoherungsversuche auslegte. 
Dann war es wieder die Furcht vor der Gefahr der Isoliertmg, die Gegen- 
massnahmen Deutschlands hervorrief, was bei den anderen wieder als Bedro- 
hung erschien. So schrieben wir Pazifisten schon vor einem Jahrzehnt vmd 
früher, dass es sich weniger um eine Einkreisiuig und mehr um eine ^1^5- 
kreisung handelt. Diese Auskreisimg begann im Haag 1899, ^.Is die Kultur- 
staaten der Erde an Stelle der alten Gewaltsicherung eine neue auf Recht 
und Uebereinkommen beruliende setzen wollten imd dabei auf den heftigsten 
Widerstand Deutschlands stiessen. 

Deutschlands Klage über die Delcasscs und Lansdownes ist unberechtigt. 
Es hat die Situation, unter der es leidet, selbst geschaffen. Es hat 1899 im Haag 
seinen Feinden das moralische ISIachtmittel des Misstrauens in die Hand 
gegeben, es hat damit versäumt, den grossen Moment festzuhalten, imd sich 
das Ansehen einer den Frieden mit modernen Mitteln sichern wollenden ISIacht 
zugeben. Es blieb zur Unzeit in alten Geleisen. Wie sehr die Haltung Deutsch- 
lands im Jahre 1899 verfehlt war, geht aus den eben von Andrew D.WTiite 

veröffentlichten Lebenserinnerungen hervor Graf Münster, der für seine 

Verdienste auf der Haager Konferenz den Fürstentitel erhielt, erregte, v/ie 
bei White zu lesen ist, durch seine Haltimg als deutscher Delegierter im 
Haag die Erbitterung und das IMisstrauen aller anderen Staaten gegen 
Deutschland. Deutschland leidet heute noch unter diesem Misstrauen, und 
Delcasse wäre nicht möglich gewesen ohne Münster 

Die Isolierung Deutschlands datiert aus den Haager Tagen. Im Haag 
wurde, wie wir es schon so oft betonten, jener Fehler gemacht, der Deutsch- 
land in der übrigen Welt den Ruf einer in ihren Hauptzügen kriegslustigen 
Macht eintrug. 

Der deutsehe ADti- Pazifismus in Theorie und Praxis. 

Die « theoretischen Bedenken >\ die, nach manchen deutschen 
Entschuldigungs-Suchern, der einzige Grund des deutschen Ver- 
haltens gegenüber den Haupt-Themen der Haager Kongresse, 
der vertragsmässigen Rüstungsbeschränkung und der obligato- 
rischen Schiedsgerichtsbarkeit, gewesen sein sollen, waren in 
Wahrheit — wie ich schon sagte — nichts anderes, als das Bestre- 
ben, sich für die Praxis die vollkommene Handlungs- und Be- 
wegungsfreiheit zu bewahren, die Deutschland für seine Zwecke 
brauchte. In der Tat hat Deutschland in den langen Jahren seit 
den Haager Konferenzen bis zum Kriegsausbruch i7i der Praxis 
genau dieselben Richtlinien verfolgt, die es damals auf den Haager 
Konferenzen sich « theoretisch » vorbehalten hat. Zunächst bei den 
deutsch-englischen Verständigungs- Verhandlungen 1909- 191 2, die 
ich in meinem Buche schon behandelt habe und auf die ich an 
späterer Stelle dieses Werkes ausführlich zurückkommen werde. 
Und dann fortlaufend bis zum Kriegsausbruch 19 14. 

Zwischen dem Verhalten Deutschlands auf den Haager Kon- 
ferenzen und seinem j^anzen späteren Verhalten bis zur frevel- 
haften Herbeiführung dieses Krieges besteht eine gerade, ununter- 



170 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

brochene Linie. Die englischen Vorschläge einer proportionsmäs- 
sigen vertraglichen Beschränkung der beiderseitigen Seerüstungen 
mussten abgelehnt werden, aus denselben Gründen, aus denen 
Deutschland auf dem ersten und zweiten Haager Kongress — und 
ebenso vor und nach den beiden Kongressen, durch den Mund des 
Kaisers, der leitenden Regierungsmänner, der Parteiführer und der 
regierungsfreundhchen Presse — jede Rüstungsvereinbarung 
abgelehnt und die unbedingte Selbständigkeit Deutschlands in 
der Bemessung seiner See- und Landrüstungen in Anspruch ge- 
nommen hatte. 

Die englische Zusicherung von 1912, keine Angriffsabsichten 
gegen Deutschland zu hegen und sich nie an einer Angriffs- Koali- 
tion beteiligen zu wollen, musste als ungenügend abgelehnt werden, 
da Deutschland solche Angriffe in Wirklichkeit gar nicht befürch- 
tete, dagegen das entscheidende Gewicht auf Englands Neutra- 
lität legte, die ihm die Möglichkeit sichern sollte. Kontinental- 
kriege ganz nach seinem Belieben — unter dem Vorwand, sie 
seien ihm « aufgedrungen » worden — herbeizuführen. 

Den Churchillschen Vorschlag eines Flottenfeier jähr es musste 
Deutschland unbeachtet lassen, aus denselben Gründen, aus denen 
es jede andere Beschränkung seiner Rüstungen ablehnte. 

Die Greysche Konferenz ■ — Ende Juli 1914 — musste Deutsch- 
land ablehnen, weil sie unzweifelhaft in kürzester Frist eine fried- 
liche Verständigung herbeigeführt hätte, an der den deutschen 
Machthaberu ebenso wenig gelegen war, wie in den Jahren 1899 
und 1907 an der Schaffung einer internationalen Friedens- 
organisation. 

Die Ueberweisung des Streitfalles an den Haager Schiedshof, 
wie sie zuerst Serbien und dann der Kaiser von Russland vorge- 
schlagen hatten, musste von Deutschland abgelehnt werden, 
aus denselben Gründen, aus denen Deutschland sich gegen die 
ganze Einrichtung des Haager Schiedshofes mit Händen und 
Füssen gesträubt und sie schliesslich nur widerwillig, unter dem 
Drang der Umstände, angenommen hatte. 

Alle englischen und russischen Vermittlungsvorschläge musste 
Deutschland ablehnen, aus denselben Gesichtspunkten heraus, 
aus denen es jede Vermittlungs-Initiative des Haager Bureaus 
als unausführbar zurückgewiesen hatte, usw. 

Kurz und gut, jeder diplomatische und kriegerische Schritt 
Deutschlands, von den Haager Konferenzen bis zum Kriegsaus- 
bruch 1914, war die logische Fortsetzung des im Haag beobachteten 
Verhaltens, war die praktische Ausführung der dort vertretenen 
— aber natürlich nicht offen bekannten — Macht-Theorien. — 



DEUTSCHLAND IM HAAG I7I 

Die Taftschen Schiedsverträge. 

Aber nicht bloss das, was Deutschland getan in diesen Zwischen- 
jahren, auch was es unterlassen hat, beweist den tiefen Gegensatz 
der Weltanschauungen, die Deutschland und seine Bundesge- 
nossen auf der einen Seite und alle übrigen modernen Staaten auf 
der anderen Seite beseelten. Die amerikanische Regierung unter 
den Präsidenten Taft und Wilson hat bekanntlich, nach der zwei- 
ten Haager Konferenz, an der Spitze aller übrigen Länder die 
pazifistischen Bestrebungen fortgesetzt, die sie auf den Haager 
Konferenzen mit idealem Eifer verfolgt hatte. Präsident Taft hat 
im Jahre 1910 einen in allen Einzelheiten ausgearbeiteten Ver- 
tragsentwurf den übrigen Mächten vorlegen lassen, der eine ver- 
tragsmässige Herabsetzung der Rüstungen der Einzelstaaten und 
die Schaffung einer internationalen Militärmacht zur Atifrechter- 
haltung des allgemeinen Friedens bezweckte. Man muss den Hut 
ziehen vor diesen bewunderungswürdigen Amerikanern, die — von 
den preussischen Junkern als kaltrechnende business-men ver- 
schrien 1 — trotz aller europäischen Enttäuschungen den Weg zu 
ihren Weltidealen : Frieden und Wohlfahrt für alle, nicht ver- 
lassen. Es ist eine eigentümliche Ironie der geschichtlichen Ent- 
wicklung, dass gerade diese neue Welt der Vereinigten Staaten 
von Amerika, die die menschliche Ivcistungsfähigkeit in allen 
materiellen, technischen, kommerziellen und industriellen Dingen 
zur höchsten Vervollkommnung gebracht hat, daneben auch in 
allen idealen Bestrebungen immer mehr an die Spitze des mensch- 
lichen Fortschritts tritt. « Marcher ä la tete de la civilisation » 
— scheint mehr und mehr der Ehrentitel der grossen transatlan- 
tischen Republik zu werden. 

Den Gipfelpunkt dieser Entwicklung sehen wir in der Bot- 
schaft, die Präsident Wilson am 3. April 1917 im Kongress verlas 
und auf Grund deren das Bestehen des Kriegszustandes zwischen 
Amerika und Deutschland von der amerikanischen Volksvertretung 
proklamiert wurde. Ich will aus diesem welthistorischen Dokument 
nur folgende Sätze zitieren : 

* Selbst ein Hindenburg kann sich nicht enthalten, in einem soeben — Anfang 
April 191 7 — vom WoliTbureau veröffentlichten Interview der amerikanischen 
Kriegsproklamation die niedrigsten geschäfthchen Beweggründe miterzuschieben : 
« Wilsons Beweggründe imd die seiner Freunde sind mir klar. Die amerikanischen 
Regierenden imd Finanzkreise haben sich auf ein faules Geschäft eingelassen (ge- 
meint sind die MunitionsUeferimgen und Darlehen an den Dreiverband). Wollen 
sie das investierte Kapital nicht opfern, so bleibt ihnen nichts übrig, als dem 
schwankenden Unternehmen mit ihrem gesamten Vermögen beizuspringen. Die 
Frage ist nur, ob sie damit das Unternehmen retten » 



172 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Ich denke dass vmser Ziel darin besteht, die Grundsätze des Friedens 

und der Gerechtigkeit im Leben der Welt gegen die egoistische und autokra- 
tische Macht zu verteidigen. Es ist keine Neutralität mehr möglich, wenn der 
Friede der Welt auf dem Spiele steht, wenn die Bedrohung dieses Friedens 
von einer autokratischen Regierung herrülirt, die durch ihren Eigenwillen 
und nicht durch den des Volkes geleitet ist. Wir haben keine Differenzen 
mit dem deutschen Volke, das nicht der Urheber des Krieges ist 

Wir sind nun auf dem Punkte, den Kampf mit dem Feinde der Freiheit 
aufzunehmen. Um seine Pläne zimichte zu machen, werden wir die gesamte 
Macht der Nation aufbieten. Die Sicherheit der Demokratie in der Welt muss 
gesichert werden. Der Friede muss auf die feste Grundlage politischer Frei- 
heit begründet werden. Wir verfolgen keinen eigennützigen Plan. Wir 
wünschen keine Eroberung und keine Entschädigung für uns selbst, wir wün- 
schen keine materielle Kompensation. Wir werden zufrieden sein, wetm die 
Rechte der Menschheit gesichert sein werden, denn wir werden unsern Bei- 
stand ohne Hass einem ehrenhaften xmd gerechtfertigten Krieg leihen 

(Zitiert nach der Havas-Depesche vom 3. April.) 

Diese, in der Menschheitsgeschichte wohl einzig dastehende, 
von hohem Idealismus getragene Motivierung einer Kriegser- 
klärung ist nur eine logische Konsequenz aus dem früheren 
Verhalten der amerikanischen Staatsmänner den pazifistischen 
Problemen gegenüber, wie auch die von deutscher Seite gegebene 
Veranlassung zu dieser Stellungnahme Amerikas eine logische 
Konsequenz des bisherigen deutschen Verhaltens jenen Problemen 
gegenüber ist. Dass unter Umständen, wenn alle anderen Mittel 
versagen, auch die höchsten Friedensziele nur durch Krieg zu 
erreichen sind, dass die Befreiung der Welt von militärischer 
Herrschaft im Notfalle nur durch Kampf geschehen kann — eben- 
so wie die Befreiung eines Volkes von autokratischer Herrschaft 
nur durch Revolution — , das ist eine Tatsache, die durch die 
Erfahrungen der Geschichte reichlich bestätigt wird. Für solche 
Fälle kann — an Stelle des verwerflichen : si vis pacem, para bel- 
lum — ein ähnlich klingender, aber im Wesen ganz verschiedener 
Grundsatz zur Notwendigkeit werden ; Si vis pacem, fac bellum. 
Es können homöopathische Kuren erforderlich werden, bei denen 
Gift nur durch Gegengift, Toxin nur durch Antitoxin bekämpft 
werden kann. Ueber die Zulässigkeit, ja über die Unvermeidlich- 
keit solcher homöopathischen Heilmethode gegen die europäische 
Kriegsseuche und ihre gefährlichsten Bazillenträger — in der 
Vergangenheit, in der Gegenwart und, wenn keine radikale Hei- 
lung eintritt, auch in der Zukunft — , darüber werden wir an 
späterer Stelle noch ausführlich zu verhandeln haben. 



Ich sprach oben von der interessanten Tatsache, dass in der 
grossen transatlantischen Republik die ideelle Höherentwicklung 



DEUTSCHLAND IM HAAG 173 

mit der materiellen durchaus gleichen Schritt hält. Der Gegensatz 
zwischen beiden Entwicklungen ist eben nur ein scheinbarer ; 
in Wirklichkeit ist die eine die Voraussetzung und Bedingung der 
anderen. Die Riesenentwicklung jenes « lyandes der unbegrenzten 
Möglichkeiten » war nur möglich auf der sicheren Grundlage 
eines langdauernden, auch für die Zukunft garantierten Friedens- 
zustandes. Der Frieden innerhalb der beiden amerikanischen Kon- 
tinente ist — abgesehen von unerheblichen Störungen — durch 
den panamerikanischen Zusammenschluss ein für allemal garan- 
tiert worden. Der Frieden mit den europäischen und asiatischen 
Staaten ist, wenn Amerika nicht der Angreifer ist, durch die geo- 
graphisch unabhängige I^age der beiden Amerika und durch den 
Flottenschutz gesichert. In dieser unangreifbaren Lage und dieser 
jedem eigenen Angriff abholden Gesinnung des Landes hat sich 
die unvergleichliche wirtschaftliche Blüte entfalten können, die 
wir schon vor dem Kriege bewundernd sahen und die jetzt auf 
den Trümmern des zerfleischten Europa noch weitere ungeahnte 
Dimensionen annehmen wird. Die nüchtern-klugen Amerikaner 
sehen und wissen, welchen Glücksumständen sie ihre Blüte zu 
verdanken haben ; sie sind aber auf der anderen Seite zu sehr mit 
modernen Welt- und Menschlichkeits-Ideen durchtränkt, um 
nicht den anderen Kulturvölkern die gleichen Vorteile zu wünschen 
und verschaffen zu wollen. Für sie ist die Interessenharmonie 
aller Kulturvölker — auf geistigem wie auf wirtschaftlichem Ge- 
biete — kein leerer Wahn, und, wenn sie auch jetzt vorübergehend 
aus dem Ruin Europas Vorteile ziehen, so wissen sie doch genau, 
dass ein dauernder Nutzen, eine dauernde wirtschaftliche Blüte 
auch für sie nur aus dem Frieden und Wohlstande der Länder 
erwachsen kann, mit denen sie durch tausend geistige und wirt- 
schaftliche Nervenstränge aufs engste verbunden sind. So erklärt 
sich die Tatsache, dass materielle und ideelle Bestrebungen in der 
grossen transatlantischen Republik gleichen Schritt halten, und 
Amerika auf beiden Gebieten an der Spitze des menschlichen 
Fortschritts marschiert. — 

Die grossartige Initiative des Präsidenten Taft in der Frage 
der internationalen Abrüstung, die ich oben berührt habe, bot 
von vorneherein wenig Aussicht auf Erfolg, nach den bösen Er- 
fahrungen der ersten und zweiten Haager Konferenz, an denen 
Deutschland die Hauptschuld trug : denn Russland hatte ja gerade 
die Rüstungsfrage als Hauptgegenstand an die Spitze der Haager 
Verhandlungen gestellt. Einen vollen Erfolg dagegen hatte die 
fernere Initiative Tafts, unbeschränkte, also alle Streitfragen 
umfassende obligatorische Schiedsgerichtsverträge mit anderen 



174 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Ländern abzuschliessen. Solche Verträge, die also auch die soge- 
nannten Lebens- und Ehrenfragen der Schiedsgerichtsbarkeit 
unterwarfen, kamen mit Frankreich und England zustande und 
traten nur deshalb nicht in Wirksamkeit, weil sie im ameri- 
kanischen Senat zwar eine grosse, aber nicht die vorgeschriebene 
Zweidrittel-Majorität erhielten. England und Frankreich hatten 
die Verträge unterzeichnet. Weshalb ist ein solcher Vertrag mit 
Deutschland nicht abgeschlossen worden ? Weil Deutschland die 
Haager Ablehnungs-Politik auch in der Folgezeit bis heute grund- 
sätzlich fortgesetzt hat. 

Die Bryan-Verträge. 

Ein noch eklatanteres Beispiel der Selbstisolierung Deutsch- 
lands bietet die Geschichte der sogenannten Bryan-Verträge von 
1913. Bryan, der amerikanische Staats-Sekretär des Auswärtigen, 
von jeher einer der begeistertsten Pazifisten der Welt, hatte in 
Gemeinschaft mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, 
Wilson, einen sogenannten Friedensplan entworfen, nach wel- 
chem die Vereinigten Staaten sämtlichen Regierungen den Vor- 
schlag machen sollten, Streitigkeiten jedweder Art zwischen Ame- 
rika und ihnen einer nach bestimmten Grundsätzen zusammen- 
zusetzenden Unter suchimgskommission zu überweisen, die den 
Tatbestand nach allen Richtungen erforschen und feststellen, 
frühestens aber nach Ablauf eines Jahres den beteiligten Mächten 
das Resultat mitteilen sollte. Nach erfolgter Mitteilung blieb es 
jedem Teil überlassen, ganz nach seinem Ermessen zu handeln ; 
wenn er wollte, also auch einen Krieg zu beginnen. Wie man sieht, 
ging dieser amerikanische Vertragsentwurf nicht auf eine schieds- 
richterliche Entscheidung, sondern nur auf eine mit allen Garan- 
tieen der Unparteilichkeit umgebene Feststellung des Tatbestandes 
hinaus und Hess den streitenden Parteien das unbeschränkte 
Recht, sich ganz nach ihrem Ermessen dem Untersuchungser- 
gebnis zu unterwerfen oder nicht. Der Schlussatz des dritten Ar- 
tikels des von dem amerikanischen Senat am 24. April 1913 geneh- 
migten Vertragsentwurfs lautet wörtlich (aus dem französischen 
übersetzt) : « Die Parteien reservieren sich das Recht, bezüglich des 
Streitgegenstandes nach ihrem Ermessen zu handeln, sobald sie den 
Bericht der Untersuchungskommission erhalten haben. » 

Dieser raffiniert kluge Vertrag schonte also alle eingewurzelten 
Vorurteile über vSouveränitäts-, Selbstbestimmungs-, Kriegs- 
und Friedensrecht, oder wie diese angebeteten Götzen einer 
längst entschwundenen Vergangenheit sonst heissen mögen, — 
schonte jene mittelalterliche Phraseologie, die vor der Einführung 



DEUTSCHLAND IM HAAG I75 

des « allgemeinen Landfriedens >> jedes Städtchen und jedes Raub- 
ritterchen zu Gunsten ihres Faust- und Fehderechts geltend 
gemacht hatten, — schonte den verschlissenen Trödelkram, mit 
dem die zünftige Diplomatie ihr trübseliges Handwerk noch heute 
zu drapieren pflegt, — schonte alle Reliquien der Vergangenheit 
und führte doch, sozusagen durch ein Hintertürchen, durch die 
Oeffnung einer kleinen Luke, den belebenden Luftzug moderner 
Welt- und Rechtsanschauungen in das verdumpfte und verstockte 
Geheimkabinett der veralteten Diplomatie hinein — einen Luft- 
zug, der, wie bei der Oeffnung alt-ägyptischer Holzsärge, die da- 
rinnen befindlichen tausendjährigen Mumien der Zerbröckelung 
und Verflüchtigung überlieferte. « Zeit gewonnen, alles gewonnen » 
- — auf diesem, allgemein anerkannten und bei Völkerstreitigkeiten 
mehr wie irgendwo anders geltenden Grundsatz waren die Bryan- 
Verträge aufgebaut. Die meisten Kriege, gerade in der Neuzeit, 
hätten durch die grossen Verbrecher, die sie bewusst angezettelt 
haben, nicht herbeigeführt werden können, wenn man es nicht 
verstanden hätte, in dem entscheidenden Moment die Völker 
über den wahren Tatbestand, über die wahren — meistens uner- 
hört unerheblichen — Gründe, oder vielmehr Vorwände, zu täu- 
schen, ihre Leidenschaften zu entflammen, sie für angeblich « hei- 
lige « Kl lege, für Gotteskriege zu begeistern, die in Wirklichkeit 
nur menschliches Teufelswerk waren. 

Ohne oder gar gegen den Willen der Völker kann man in den 
Zeiten der allgemeinen Wehrpflicht keine Kriege mehr führen. 
Das wussten und wissen die Grossen ganz genau. Darum müssen 
die Völker, wenn es zu dem vom Herrscher gewollten Kriege kom- 
men soll, getäuscht, überrumpelt, mit den immer noch zugkräf- 
tigen Phrasen der Verteidigung von Haus und Herd und Vater- 
land berauscht und umnebelt werden. Das alles ist aber nur in der 
« Hitze des Gefechts », in dem Drange der sich überstürzenden 
Ereignisse, nur von heute auf morgen, kaum auf übermorgen, 
unter keinen Umständen von heute auf ein Jahr möglich. Nur 
einige Tage Frist zwischen dem deutschen Ultimatum und der Kriegs- 
erklärung an Russland und das deutsche Volk würde sich über- 
zeugt haben — trotz Zensur und Belagerungszustand — , dass 
weder die Russen noch die Franzosen in Deutscliland eingebrochen 
waren, dass niemand die Freiheit und Unabhängigkeit Deutsch- 
lands bedrohte. Gerade weil man das getäuschte Volk nicht zur 
Besinnung und Aufklärung kommen lassen und gleichzeitig alle 
Vorteile des schnellen Losschiagens auf seine Seite bringen wollte, 
gerade deshalb hat man die Kriegserklärung in so frevelhafter 
Weise überstürzt — unbekümmert um den Weltbrand, den man 
damit entzündete 



176 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Mit dieser Psychologie der Herrscher und der Völker rechnet 
in feinster Weise der Brj^ansche Vertragsentwurf ^. Das Kriegs- 
spiel der Mächtigen wird aufs empfindlichste gestört, ja unmöglich 
gemacht, wenn der Trumpf des Zeitgewinns in den Händen der 
Friedensfreunde ist. Ein Jahr ist eine lange Zeit und es ist aus- 
geschlossen, dass auf so lange hinaus, selbst beim bösesten Willen 
der Mächtigen, das Kriegsfeuer im Volke geschürt bleiben kann. 
Die Flammen verlöschen, der Rauch verweht, der klare Blick 
kehrt wieder und, wenn dann die nüchtern-unparteiische Ent- 
scheidung der internationalen Untersuchungskommission heraus- 
kommt, so wird sie — gleichviel, wie sie ausfällt, — von allen 
Seiten als objektive Festellung des Tatbestandes anerkannt und 
als willkommener Befreier aus drohender Kriegsgefahr begrüsst 
werden. 

Wie nun verhielten sich die Fortschritts mächte de/ Haager 
Konferenzen zu dem Bryan-V ertrage ? Wie die Rückschrittsmächte ? 
Die Antwort ist kurz und einfach. Der Bryan- Vertrag ist, ausser 
sämtlichen amerikanischen, von folgenden europäischen Mächten 
unterzeichnet worden : von England, Frankreich, Russland, 
Italien, Spanien, Schweiz, Holland, Dänemark, Portugal, Grie- 
chenland, Schweden und Norwegen. Er ist nicht unterzeichnet 
worden von Deutschland, Oesterreich und der Türkei'^. 

Dieser tatsächlichen Feststellung habe ich nichts hinzuzu- 
fügen. Deutschland und Oesterreich sind in ihrem gesamten poli- 
tischen Verhalten, seit 1899 bis heute, von einer beneidenswerten 
Konsequenz gewesen. Macht statt Recht — um Gotteswillen 
keine vertragliche Bindung, die uns unsere Kriegsfreiheit rauben 
oder beeinträchtigen könnte ! Verträge sind ja doch nur Papier- 
fetzen. Wozu also sie erst abschliessen ? Unsere Stärke ist der 
Masstab unseres Rechts. Es lebe die schimmernde Rüstung, die 
gepanzerte Faust, das scharf geschliffene Schwert ! Das ist natür- 
lich alles nur <( theoretisch » gemeint, sagen meine Herren Gegner. 
In der Praxis ist Deutschland und ist stets gewesen « ein Kind, 
kein Engel ist so rein. » Das gute, liebe, friedliche Deutschland !.... 

Idealismus oder Egoismus? 

Im Zusammenhang mit den Haager Konferenzen, die die 
deutschen Kriegsforscher kaum oberflächlich zu streifen pflegen, 

' Von ganz ähnlichen Gedanken geht die neueste, von Taft im Juni 1915 gegrün- 
dete « League to enforce peace » aus : auch dieser Friedensbund will seine Mitgüeder 
zunächst — um Zeitaufschub zu erlangen — nur zur Anrufung eines Tribunals oder 
eines Verständigungsrates (je nach der Qualität des Streitfalles), nicht aber zur 
Unterwerfung unter die Entscheidungen dieser Instanzen zwingen. 

" Siehe Milhaud a. a. O. S. 95. 



DEUTSCHI.AND IM HAAG I77 

unterlassen sie es nie, der neuesten deutschen Mode entsprechend, 
die Frage zu stellen — und natürlich zu verneinen — , ob England 
auf den Haager Konferenzen « aus reinem Idealismus, aus Frie- 
densliebe » oder nur aus egoistischen Gründen die pazifistischen 
Bestrebungen unterstützt habe. Ueber diese volks-psycholo- 
gischen Untersuchungen, die die offen liegenden Tatsachen durch 
Unterschiebung gemeiner Motive (Eigennutz, Düpierung der 
anderen, etc.) aus der Welt zu schaffen suchen, habe ich mich 
schon an anderen Stellen des längeren und breiteren ausge- 
sprochen. Schon die Motive eines einzelnen Menschen zu unter- 
suchen, ist ausserordentlich schwer, fast unmöglich. Geschweige 
denn die Motive eines ganzen Volkes oder seiner aus vielen Indi- 
viduen bestehenden Regierung. Solche Untersuchungen sind nutz- 
und aussichtslos. In der Politik kommt es nur darauf an, ob 
jemand das Gute tut, nicht aber auf die Motive, die ihn dazu 
veranlasst haben. Wie viele Grosstaten — in der Politik wie auf 
anderen Gebieten menschlicher Betätigung — sind aus egoistischen, 
nicht aus altruistischen Motiven entsprungen ! Solange der Mensch 
Mensch bleibt, werden bei den meisten seiner Handlungen und 
EntSchliessungen persönliche und allgemeine Interessen zusam- 
menwirken. 

Als Luther seine Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg 
schlug, hatte er gewiss den Vorsatz, dem verrotteten Papsttum 
einen Stoss ins Herz zu versetzen. Aber auch der Gedanke mag in 
seiner Seele mitgeschwungen haben, dass gerade er den Ruhm 
haben wollte, der Befreier aus der römischen Verderbnis zu sein, 
dass er die Vorteile seiner revolutionären Neulehre auch für sich 
gemessen, das katholische Priester-Cölibat mit der protestan- 
tischen Ehe vertauschen, seine geliebte Katharina Bora an den 
Altar führen wollte. Als der preussische Junker, Herr von Bis- 
marck-Schönhausen, seinen umstürzlerischen Plan fasste, den 
deutschen Bund zu sprengen, und, durch Blut und Eisen, ein 
neues deutsches Reich unter preussischer Führung zu schaffen, 
haben ihm sicher die schwarz-rot-goldenen Ideale vorgeschwebt, 
für die die deutschen Demokraten seit einem halben Jahrhundert 
— auch sie Hoch- und Landesverräter damals, wie wir Holieu- 
zollerngegner heute ! — gelitten und geblutet hatten. Aber 
gleichzeitig war er Preusse und Junker genug, um neben der 
Einigung des deutschen Reiches auch den Machtaufstieg seines 
preussischen Vaterlandes, seines angestammten königlichen Herrn 
zur Zielscheibe seiner politischen Schützenkunst zu machen, um 
neben den deutschen Reichsfarben auch die scliwarz-weisse 
preussische Fahne zu neuen Ehren zu bringen. Auch der persön- 
liche Ehrgeiz spielte natürlich, wie bei allen menschlichen Gross- 

Das Veibreihen II 12 



178 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

taten, eine Rolle in seiner Seele — der Ehrgeiz, seinen Namen 
unsterblich und das vielgeschmähte preussische Junkertum — 
eine seltsame Ironie der Geschichte ! — zum Vollstrecker der 
alten revolutionär-demokratischen Einheitsforderung zu machen. 
Welch' kindisches Beginnen, das politische Verhalten eines 
ganzen Volkes nach seinen — angeblichen — Motiven beurteilen 
zu wollen, wo man doch nicht einmal in die Motive einzelner 
Menschen, mit denen man täglich verkehrt, mit Sicherheit ein- 
dringen kann ! Wissen denn diese feinen Psychologen nicht, dass 
die Motive zu menschlichen Handlungen dem Mosaik gleichen, 
das, aus unzähligen kleinen Steinchen zusammengesetzt, nur in 
der Gesamtheit ein Bild ergibt, in seinen Teilen aber gar nichts 
bedeutet ? Dies schon bei einzelnen Individuen. Und nun erst 
bei ganzen Völkern. 

England hat mit seinem konsequenten Eintreten für alle pazi- 
fistischen Bestrebungen — von der ersten Haager Konferenz an 
bis heute, bis zur Aufstellung seiner heutigen Kriegsziele, die auch 
nichts anderes sind, als die Verwirklichung pazifistischer Ideale, 
— England hat konsequent und unermüdlich den Weg des Fort- 
schritts verfolgt. Das ist sein unbestreitbares Verdienst ; das hat 
ihm und seiner Sache die Sympathien aller Neutralen in diesem 
Völkerringen verschafft. 

Deutschland dagegen hat konsequent und unerbittlich dem 
Rückschritt gedient. Das ist sein unbestreitbares Verschulden ; 
das hat ihm und seiner Sache die Antipathien aller Neutralen in 
diesem Völkerringen zugezogen. Nur diese Tatsachen gelten. Die 
Motive sind gleichgültig. Diese Tatsachen bestehen leider heute 
noch, genau so, wie zur Zeit der Haager Konferenzen. Auch heute 
noch wird der völkerrechtliche Fortschritt durch England, der 
Rückschritt durch Deutschland vertreten. Alle fortschrittlich 
gesinnten Europäer — gleichviel welcher Nationalität — kommen nur 
den Sieg der Fortschritts gedanken, ihre Verwirklichung im Friedens- 
schlüsse erhoffen. Die dritte Haager Konferenz nach dem Kriege 
möge das Werk durchführen, das die erste und zweite infolge des 
deutschen Widerstandes nicht durchführen konnten. Nur so 
wird der Frieden Europas dauernd gesichert sein. 

Schiemann und die 
Haager Konferenzen. 

Den dokumentarisch erwiesenen, durch eine bändereiche 
liistorische und völkerrechtliche Literatur bestätigten Vorgängen 
der Haager Konferenzen gegenüber wagt es ein Mann, der Ge- 



DEUTSCHLAND IM HAAG I79 

schiclitsforscher zu sein behauptet, mit den elenden Mitteln 
anzukämpfen, die auf Seite 8-13 seiner Verleumderschrift zusam- 
mengetragen sind. Wegen der englisch-russischen Reibereien in 
Ostasien, die zu einem Kriege zwischen beiden Staaten zu führen 
drohten, habe Russland, das sich nicht genügend vorbereitet 
wusste, zu der « Abrüstungskonferenz » — wie Schiemann sie 
mit Vorliebe, aber fälschlich nennt — seine Zuflucht genommen. 
Der russische Vorschlag ging bekanntlich nicht auf Abrüstung, 
sondern auf Nichferhöhung der Friedensarmeen und der Militär- 
budgets zu Wasser und zu lyande während einer bestimmten 
Reihe von Jahren. Ein Stillstand der Rüstungen sollte zunächst 
vertragsmässig vereinbart und die allmähliche gleichmässige 
Herabsetzung der späteren Entwicklung und späteren Beschlüssen 
vorbehalten werden. Die unzweifelhafte Tatsache, dass die öffent- 
liche Meinung Englands, in Uebereinstimmung mit der Regierung, 
das Zarenmanifest mit der grössten Sympathie begrüsste — hatte 
doch der englische Premierminister Salisbury schon jahrelang vor 
dem Zarenmanifest auf die Verderblichkeit der stets wachsenden 
Rüstungen und die Notwendigkeit einer internationalen Ver- 
einbarung hierüber hingewiesen — , diese Tatsache verfälscht « der 
Verleumder » (unter ungenauer und unvollständiger Zitierung 
einer englischen Thronrede vom Februar 1899) in ein «skeptisches» 
Verhalten gegenüber dem russischen Vorschlag. lycsen Sie die 
gesamte lyiteratur über die Haager Konferenzen nach, Herr 
Professor, und wagen Sie dann noch meine Behauptung zu be- 
streiten, dass England, Russland und Frankreich die Führung 
auf Seiten derjenigen Staaten hatten, die durch internationale 
Vereinbarung dem ruinösen Rüstungswetteifer ein Ende machen 
wollten, dass aber Deutschland und Oesterreich jede derartige 
Bestrebung zum Scheitern brachten und die Konferenz zwangen, 
sich auf eine platonische Resolution zu beschränken. 

Genau ebenso ging es mit dem russischen Antrage auf Ein- 
führung einer internationalen Schiedsgerichtsbarkeit (siehe 
J'accuse, S. 71-72). Die gefährliche Zuspitzung der Verhandlungen 
über die Frage der obligatorischen Anrufung des Schiedsgerichts, 
das Intermezzo der Reise Professor Zorns nach Berlin, die schliess- 
liche Unterwerfung der Konferenz unter Deutschlands Willen, 
damit nicht die ganze Sache zum Scheitern komme, — alles dies 
sind Tatsachen, die jedem Kenner der Materie bekannt und 
geläufig sind. Herr Schiemann aber unterschlägt dies alles. Er 
arbeitet auch hier mit Zetteln, sucht die Aufmerksamkeit von 
den Hauptpunkten auf unerhebliche Nebenpunkte abzulenken, 
schiebt, wo er die Tatsachen nicht ganz unterdrücken kann, den 



l80 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Handelnden gemeine egoistische Motive unter — und dann hat 
dieser skrupellose Fälscher noch die Stirn, dem Ankläger « scham- 
lose » Behauptungen vorzuwerfen. 

Was erwähnt Schiemann von den Verhandlungen und Be- 
schlüssen der ersten Konferenz ? Nichts, aber auch gar nichts. 
Statt dessen zieht er aus seinem Zettelkasten eine « Standard »- 
Notiz hervor, die von der Sicherung des Privateigentums zur See 
handelt, spricht von dem Gebrauch der Dumdumgeschosse und 
der stinkenden Gase — ohne daran zu denken, dass seine ganzen 
Kriegsschriften nichts anderes als Dumdumgeschosse und stin- 
kende Gase sind, mit denen er die Wahrheit zu zerfleischen, das 
deutsche Volk giftig zu umnebeln sucht. Man sollte es nicht 
glauben, wenn man es nicht schwarz auf weiss vor sich sähe : 
nicht ein Wort von den Verhandlungen und Beschlüssen über den 
russischen Rüstungsantrag, nicht ein Wort über die Schieds- 
gerichte und die Einsetzung des Schiedshofes, nicht ein Wort 
über das friedensfördernde Verhalten der Ententemächte auf der 
Konferenz, über das entgegengesetzte Verhalten Deutschlands 
und Oesterreichs ! Statt dessen unrichtige Behauptungen über den 
angeblich einseitigen Vorbehalt Englands und Amerikas bezüg- 
lich gewisser Geschosse und Gase, Betonung der Frage der 
Privateigentums- Sicherung zur See, die von England damals und 
auch jüngst noch für durchaus diskutabel erklärt worden ist, 
sobald durch obligatorische Schiedsgerichtsbarkeit die Sicherheit 
vor neuen Kriegen und durch Rüstungsabkommen die Sicherheit 
vor dem finanziellen Ruin der Völker gewährleistet sei. 

Die «Freiheit der Meere ». 

Dieses Herumreiten der deutschen Politiker und Zeitungs- 
schreiber auf der wohltönenden Phrase : « Wir erstreben die Frei- 
heit der Meere », ist weiter nichts als : Sand in die Augen der 
kritiklosen Menge. Die Freiheit der Meere existiert — im Frieden. 
Kein Mensch stellt der freien Schiffahrt aller Nationen auf den 
Weltmeeren das geringste Hindernis entgegen. Im Kriege aller- 
dings existiert sie noch nicht : es geht dem Privateigentum zur 
See im Kriege nicht besser als dem Privateigentum zu Lande. Zu 
Ivande werden Städte, Dörfer, Felder und Wälder schonungslos 
verwüstet, wenn die Kriegsfurie über sie dahinbraust. Zur See 
ist das feindliche Privateigentum nach bestehendem Völkerrecht 
der Beschlagnahme ausgesetzt — es sei denn, dass es sich auf 
neutralem Schiffe befindet. Das neutrale Privateigentum — selbst 
auf feindlichem Schiffe — ist der Beschlagnahme entzogen. 



DEUTSCHI.AND IM HAAG löl 

Kriegskonterbande ist stets der Beschlagnahme unterworfen, 
gleichviel, ob sie feindliches oder neutrales Eigentum ist, ob sie 
auf feindlichem oder neutralem Schiffe sich befindet (Pariser 
Seerechts-Deklaration vom i6. April 1856). Ueberall ist hier nur 
von der Beschlagnahme feindlichen oder neutralen Privateigen- 
tums die Rede. Die Zerstörung des Privateigentums zur See, die 
Versenkung feindHcher oder neutraler Schiffe — statt ihrer Weg- 
nahme — , die Nichtberücksichtigung der Eigentumsverhältnisse 
(ob feindlich oder neutral), der Waren qualität (ob Konterbande 
oder nicht) — die blindwütige Zerstörung Tausender von feind- 
lichen und neutralen Schiffen, unter Aufopferung vieler Tausender 
von Menschenleben, — alles das ist nicht internationales, sondern 
kaiserlich deutsches Völkerrecht. Das sind neu eingeführte Grund- 
sätze der kaiserlich deutschen Marine, die sich damit von der so 
laut proklamierten Freiheit der Meere bedeutend weiter entfernt, 
als es je England und andere Seemächte getan haben. Die Freiheit 
der Meere, wie Deutschland sie versteht, ist eine Formel, die nicht 
dem Frieden, sondern dem Kriege dienen soll : sie soll die lyage des 
führenden Kontinentalstaates gegenüber der führenden Seemacht 
im Kriege verbessern, indem sie die jetzt behinderten Zufuhren 
von jeder Hemmung befreit. Der Standpunkt Englands, diese 
Beschränkung seiner Kriegsmittel so lange abzulehnen, als der 
Krieg beständig drohend und durch keine Rechtsorganisation 
ausgeschlossen ist, ist für den unbefangenen Beurteiler unan- 
fechtbar. — 



Aber alles dies sind ja nur Ablenkungen von dem Hauptthema 
der Haager Konferenzen — wirkungslose Versuche Schiemanns, 
die Tatsache zu verdunkeln, dass das Verhalten Deutschlands und 
Oesterreichs auf der ersten und zweiten Haager Konferenz einen 
Hauptteil der Schuld an der späteren europäischen Spannung und 
damit an dem Weltkriege trägt. Von den fünf Seiten, auf denen 
Schiemann die erste Haager Konferenz behandelt, berichten zwei 
Seiten über die angebliche politische Vorgeschichte der Konfe- 
renz (egoistische Absichten Russlands), eine Seite über die oben 
erwähnten Nebensächlichkeiten, und zwei volle Seiten geben — 
die Katze lässt das Mausen nicht ' — einen Zettel wieder, diesmal 
einen wörtlich abgedruckten Artikel aus dem Journal des Dchats 
vom Juli 1899. Die damalige England-feindliche Haltung des 
führenden französischen Blattes kann nicht wundernehmen, nach 
dem im vorangegangenen Jahre stattgehabten Fashoda- Kon- 
flikt und nach dem Ausbruch- des Burenkrieges, bei dem mit 
Recht die Sympathien Frankreichs wie auch Deutschlands auf 



102 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Seiten der Buren waren. Was beweist aber solch Zeitungsartikel 
gegen die Akten und Protokolle der Haager Konferenz ? Wenn 
Frankreich und England damals, wie es tatsächlich der Fall war, 
in einem gewissen politischen Spannungsverhältnis standen, ist 
es nicht umso bedeutungsvoller, dass trotzdem beide Länder und 
beide Regierungen alles im Haag unterstützten, was der Sicherung 
des europäischen Friedens und der Herabminderung der Rüstungs- 
lasten dienen konnte ? Dieses Zusammengehen der beiden — 
damals weder durch Sympathie noch durch Entente verbundenen 
— Länder nach dem einen grossen europäischen Friedensziel hin 
lässt die entgegengesetzte Haltung Deutschlands umso verhängnis- 
voller und verbrecherischer erscheinen. Der Artikel des Journal 
des Debats beweist nichts anderes als das eine : noch nie hat ein 
Geschichtsforscher gewagt, mit solch elendem Zettelkram histo- 
rische, aktenmässig erwiesene und dokumentierte Vorgänge ver- 
dunkeln oder aus der Welt schaffen zu wollen. 

Zwischen der ersten und 
zweiten Haager Konferenz. 

In meinem Abschnitt « Zwischen der ersten und zweiten Haager 
Konferenz >> {J'accuse, S. 72-76) habe ich die unermüdlichen Be- 
mühungen der liberalen englischen Regierung hervorgehoben, das 
Haager Friedenswerk weiterzuführen und insbesondere der wahn- 
sinnigen Rüstungskonkurrenz durch ein internationales Abkom- 
men ein Ende zu machen. Diese Bemühungen gingen nicht nur 
von der seit 1905 ans Ruder gelangten liberalen, sondern auch von 
der vorangegangenen unionistischen Regierung aus und sogar 
der damals allmächtige Kolonial minister Chamherlain war dem 
Gedanken einer internationalen Regelung des Rüstungswesens 
zugetan. Ich verweise auf die in meinem Buche zusammengestellten 
Tatsachen, die nur einen schwachen Auszug aus der betreffenden 
Tätigkeit der englischen Minister geben — derselben Minister, die 
heute von unseren deutschen Geschichtsfälschern als verbre- 
cherische Kriegstreiber, als Urheber des europäischen Massen- 
mordes hingestellt werden. Wer sich ausführlicher über die Be- 
strebungen der Grey, Asquith, Haidane, Lloyd George und des 
verstorbenen liberalen Ministerpräsidenten Campbell-Bannerman 
zur Erreichung eines Rüstungsabkommens informieren will, — 
Bestrebungen, die in Frankreich und Russland ein volles Echo 
fanden und von gleichgesinnten Männern in Parlament und 
Presse mit gleichem Eifer verfolgt wurden, — der lese in Frieds 
Ha7idbuch der Friedensbewegung (Band II, S. 147-192) nach : er 
wird das Gesamturteil Frieds bestätigt finden, dass die liberale 



DEUTSCHI.AND IM HAAG 183 

englische Regierung « in wahrhaft grosszügiger Weise und ohne 
sich von ihren Misserfolgen abschrecken zu lassen, immer wieder 
zu Gunsten einer gleichzeitigen vertragsmässigen Beschränkung der 
Rüstungen offen und unumwunden eintrat. » 

Während in Deutschland alle Welt, vom Kaiser herunter bis 
zu Herrn Schiemann, dem Haager Friedenswerk gegenüber feind- 
lich oder zum mindesten skeptisch blieb — abgesehen natürHch 
von der sozialdemokratischen Partei und den erklärten Pazifisten, 
die beide gleich machtlos waren, — während der Kaiser schon bald 
nach Schluss der ersten Haager Konferenz die Worte sprach : 
« Ehe die Theorien des ewigen Friedens zur allgemeinen Anwendung 
gelangen, wird noch manches Jahrhundert vergehen. Der sicherste 
Schutz des Friedens sind vorläufig das deutsche Reich und seine 
Fürsten ^ » — entwickelte sich zu beiden Seiten des Kanals, in 
England und Frankreich, eine immer lebhaftere Friedensbewegung 
in und ausserhalb der Parlamente, die auch bald zu praktischen 
Resultaten führte. Zunächst zu dem englisch-französischen 
Schiedsvertrag vom 14. Oktober 1903 und dann zum Entente- 
abkommen vom 8. April 1904. Diese Abkommen, obwohl von 
Delcasse, dem angeblichen Kriegstreiber, abgeschlossen, waren ein 
Friedenswerk, nicht eine Kriegsvorbereitung, als welche sie heute 
von den Schiemann und Genossen fälschlich hingestellt werden. 
Sie waren ein Ergebnis der pazifistischen Propaganda in den 
beiden Ländern, die von den Friedensfreunden geführt und von 
den Regierungen gefördert und gutgeheissen wurde. 

Schon mit der Pariser Weltausstellung 1900 hatte die An- 
näherung der beiden Völker eingesetzt. Englische Arbeiter, die 
zwei Millionen Gewerkschaftsmitglieder vertraten, kamen nach 
Paris, um in einer mächtigen Kundgebung (im Oktober 1900) zu- 
sammen mit ihren französischen Gesinnungsgenossen für den Frie- 
den zu demonstrieren. Französische Arbeiter erwiderten diesen 
Besuch (Juni 1901) und überbrachten namens des organisierten 
französischen Proletariats einen Aufruf, der mit den W^orten 
schloss : « Krieg dem Kriege, es lebe der Friede, es lebe die interna- 
tionale Eintracht der Nationen ». Im Juli 1903 fand die denk- 
würdige Parlaments-Entrevue zwischen IVIitgliedern des franzö- 
sischen und des englischen Parlaments in London statt, bei 
welcher der Führer der französischen Friedensbewegung, der 
Senator d' Estour neues de Constant, seine grossartige Rede zu 
Gunsten des Friedens und der Schiedsgerichtsbarkeit hielt, die 
von den englischen Ministern Balfour und Chamberlain, wie von 
dem damaligen liberalen Parteiführer Campbell-Banuerman, in 

* Siehe für diese und die nachfolgenden Tatsachen Fried, Band II, S. 150. 



184 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

gleich friedensfreundlichem Sinne erwidert wurde. Den abge- 
schlossenen englisch-französischen Schiedsvertrag feierte der 
damalige unionistische Ministerpräsident Balfour beim Lord- 
mayors-Bankett mit den Worten, dass hoffentlich der Geist 
immer mehr wachsen werde, « welcher jeder europäischen Regie- 
rung zum Bewusstsein bringt, dass sie ein Verbrechen begeht, 
wenn sie die Nation in einen Krieg treibt, und dass man Streitig- 
keiten einem Gerichte, gegen dessen Entscheidung es keine Berufung 
gibt, unterbreiten oder in aller Offenheit einen loyalen Meinungs- 
austausch herbeiführen müsse, der das sicherste Mittel sei, um 
Missverständnisse zu vermeiden ». 

Alles dies waren — wohl gemerkt — Aeusserungen und Hand- 
lungen der unionistischen Regierung, die von unseren Imperialis- 
ten bezichtigt wird, die Idee des kriegerischen Imperialismus in 
die Welt gesetzt zu haben. Soweit man unter Imperialismus die 
straffere Zusammenfassung des englischen Weltreiches versteht, 
die bekanntlich Chamberlain nicht bloss durch eine engere mili- 
tärische Verbindung, sondern auch durch eine wirtschaftspoli- 
tische Vorzugsbehandlung erzielen wollte, insoweit mag man die 
englische Unionisten-Partei als Vertreterin des imperialistischen 
Gedankens bezeichnen ; insoweit aber mit diesem Worte das 
verbrecherische Hindrängen auf einen europäischen Krieg, das 
territoriale Expansionsstreben auf Kosten anderer europäischer 
Völker, vermittels des unerhörtesten Blutvergiessens der Welt- 
geschichte, bezeichnet werden soll, ist es eine bewusste Ivüge und 
Fälschung, England oder irgend eine Partei dieses I^andes als 
Urheberin des Imperialismus hinzustellen. Das Verdienst, diesen 
Imperialismus in die Welt gesetzt zu haben, gebührt ausschliess- 
lich Deutschland, seinen Alldeutschen, Militaristen und Welt- 
machtpolitikern, all denen, denen wir diesen Krieg zu verdanken 
haben. 



Wenn schon die unionistische Regierung Englands mit sol- 
chem Eifer die Verwirklichung der Haager Friedensgedanken 
erstrebte, so kann man sich ein Bild über die Tätigkeit der nach- 
folgenden liberalen Regierung nach dieser Richtung hin machen. 
Während unsere Kriegsliteratur den König Edward VII. als den 
teuflischen Urheber des Weltkrieges, als den Arrangeur des 
« Ueberfalles » in schwärzesten Farben an die Wand malt, hat die 
während seiner letzten fünf Lebensjahre regierende liberale Par- 
tei — wie ihre Vorgängerin, die unionistische — nichts anderes 
getan als Frieden und Verständigung zwischen den Völkern, 



^ 



DEUTSCHIvAND IM HAAG 185 

Erleichterung der Rüstungslasten zu predigen und, so weit sie es 
vermoclite, ins Werk zu setzen. 

An der Spitze des grossen anglo-deutschen Verständigungs- 
komitees stand der Schwager des Königs, der Herzog von Argyll, 
dem sich einige hundert Namen aus der Elite des englischen 
Volkes anschlössen. Die Bildung des englischen Komitees hatte die 
Gründung eines entsprechenden deutschen zur Folge. Die Wirk- 
samkeit dieser Gesellschaften äusserte sich in wechselseitigen 
Besuchen von Journalisten, Bürgermeistern, Arbeitern, Geistlichen 
in den folgenden Jahren. Eine Reihe von Aeusserungen der libe- 
ralen englischen Minister zu Gunsten der Haager Friedensbestre- 
bungen habe ich bereits in meinem Buche zitiert. Ich möchte hier 
noch auf die Worte hinweisen, mit denen Haidane am 9. November 
1906, bei Gelegenheit des lyOrdmayors-Banketts, die Notwendig- 
keit einer Beschränkung der Kriegsrüstungen begründete : « Es 
wird eine Zeit kommen, die auf das Barbarentum der Gegenwart mit 
Staunen zurückblicken wird. & Das sagte Haidane damals in bezug 
auf den Rüstungs Wahnsinn. Welche Worte würden heute am 
Platze sein in bezug auf den Mord Wahnsinn, der die höchst- 
zivilisierten Völker der Welt erfasst hat ? — 

Auch in Frankreich, Italien, Amerika sprachen sich führende 
Männer in verantwortlicher Stellung zu Gunsten der Haager 
Friedensbestrebungen aus. Leon Bourgeois, der damalige Minister- 
präsident, der heute — hoffentlich ein verheissungsvoUer Umstand 
— wieder in das Ministerium Briand berufen worden ist, begrüsste 
am 12. Juni 1906 in der Deputiertenkammer jede Initiative zur 
Verminderung der Rüstungen mit voller Sympathie. Tittoni, der 
damalige italienische Minister des Auswärtigen — auch ein Kriegs- 
hetzer nach der Behauptung der deutschen Geschichtsfälscher ! — 
äusserte ebenfalls im Juni 1906 auf eine Anfrage im Parlament, 
« dass es ein Verbrechen gegen die Menschheit wäre, nicht auf- 
richtig an den Unternehmungen mitzuwirken, die eine gleich- 
zeitige Verminderung der Rüstungen der grossen Nationen zum 
Ziele haben ä. Die Aufnahme des Rüstungsproblems in das Pro- 
gramm der zweiten Haager Konferenz war, wie ich in meinem 
Buche hervorgehoben habe, das Verdienst Englands, da die 
russische Regierung, nach den bösen Erfahrungen der ersten 
Haager Konferenz und nach dem ganzen Verhalten der deutschen 
Regierung und Regierungspresse in der Zwischenzeit, eine neue 
Erörterung dieses Problems für nutzlos und sogar für den fried- 
lichen Verlauf der Konferenz gefährlich halten musste. Schon 
damals verstand es imsere Hetzpresse vortrefflich, jedes gute 
Werk der Völkerverständiguns: durch Unterschiebung böswilliger 



l86 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Absichten gegen Deutschland zu verfälschen und zum Scheitern 
zu bringen. Man vergleiche nur die Haltung der deutschen Presse 
— stets mit Ausnahme der sozialdemokratischen und einiger links- 
liberalen Blätter — , unserer führenden Politiker und unserer 
Regierung (Fürst Bülow in der Reichstagssitzung vom 30. April 
1907) in dieser, alle Völker gleichmässig interessierenden Frage 
mit der Haltung des englischen Parlaments, der englischen Presse 
und der englischen Regierung, wie ich sie bereits in meinem Buche 
(S. 72-76) dargestellt habe. Man wird auf der einen Seite nicht nur 
Sympathie, sondern begeistertes Eintreten für das Haager Frie- 
denswerk, auf der anderen Seite aber nicht nur Skepsis, sondern 
Hohn und Spott, Missachtung und Drohungen finden. 

Einen Monat, bevor Fürst Bülow seinen kalten Wasserstrahl 
im Reichstag losliess : Deutschland werde sich an der Erörterung 
der Rüstungsfrage nicht beteiligen, sondern nur später « gewissen- 
haft prüfen, ob es (das Resultat der Erörterungen) dem Schutze 
unseres Friedens, ob es unseren nationalen Interessen, ob es 
unserer besonderen Lage entspricht ;>, — einen Monat vorher 
hatte der englische Premierminister Cainphell-Bannerman im 
Unterhaus die kriegerische Haltung der Mächte gegeneinander, 
wie sie in dem übermässigen Anwachsen der Rüstungen zu Tage 
trete, einen Fluch genannt, dem Einhalt getan werden müsse. 
Er hatte, ungefähr gleichzeitig mit seiner Rede, einen von ihm 
unterzeichneten Artikel in The Nation veröffentlicht, in dem er 
betonte, dass die britische Seemacht, die wegen der besonderen 
Lage Grossbritanniens die erste Stelle einnehmen müsse, doch 
keinen aggressiven Charakter besitze ; er hatte die Bereitwilligkeit 
der britischen Regierung betont, wie im Jahre vorher (1906), so 
auch in der folgenden Zeit durch eine freiwillige Herabsetzung 
ihres Flottenetats anderen Ländern mit gutem Beispiel voranzu- 
gehen, in der Erwartung, dass diese nachfolgen würden ; er hatte 
mit Entscliiedenheit die Notwendigkeit betont, dass die Rüstungs- 
frage nicht von den Diskussionen der bevorstehenden zweiten 
Haager Konferenz ausgeschlossen werden dürfe. Dieser Wunsch 
der englischen Regierung wurde den sieben grössten Seemächten 
amtlich mitgeteilt ^ ; er wurde bekanntlich auch erfüllt durch die 
Aufnahme der Rüstungsfrage in das Programm der zweiten Kon- 
ferenz, die Erörterung musste aber infolge des entschiedenen 
Widerspruches Deutschlands unterbleiben und die Konferenz sich 
von neuem mit einer platonischen Resolution begnügen (17. Au- 
gust 1907). 

Die persönliche Abneigung des Kaisers Wilhelm gegen jede 

* Siehe Cook a, a. O. S. lo. 



DEUTSCHI^AND IM HAAG 187 

vertragsmässige Beschränkung oder auch nur einen Stillstand der 
Seerüstungen stimmte vollständig mit den Anschauungen überein, 
die von Regierung, Parlament und Presse in Deutschland vertreten 
wurden. Der Kaiser hielt mit seiner Abneigung gegen jeden derar- 
tigen Gedanken keineswegs zurück : er brachte sie dem britischen 
Botschafter, dem König Edward und dem damaligen Kriegs- 
minister Haidane gegenüber — König Edward und Haidane 
waren im Spätsommer und Herbst beim Kaiser zu Besuch — 
deutlich zum Ausdruck. Eine Erfindung Schiemanns ist es indes- 
sen, wenn er behauptet, dass auch König Edward bei seinem 
Besuch in Kronberg sich « höchst ironisch über die Haager 
Konferenz » geäussert und Sir Charles Hardinge, sein Begleiter, 
einen Einfluss der Konferenz auf die englische Marinepolitik 
abgelehnt habe. Herr Schiemann führt für diese — wie für die 
meisten anderen seiner Behauptungen — keine Quelle an. Das 
tatsächliche Verhalten der englischen Regierung und aller ihrer 
Mitglieder, Campbell-Bannerman, Grey, Haidane, Lloyd George 
etc., ihre Reden und Schriften, ihr erfolgreiches Eintreten für die 
Aufnahme des Rüstungsproblems in das Haager Programm — 
alles dies beweist, dass die Schiemannsche Behauptung über die 
ironischen oder ablehnenden Aeusserungen des Königs und seines 
Begleiters eine bewusste Erfindung und Fälschung ist, darauf 
berechnet, die krasse deutsche Ablehnung jeder Rüstungserörte- 
rung vor und während der Konferenz zu vertuschen und in mil- 
derem Ivichte erscheinen zu lassen. 

Schiemann hat die Dreistigkeit, folgenden Satz zu schreiben : 

Darin (nämlich in dem ablehnenden Standpunkt gegenüber der Erörte- 
rung des Rüstxmgsproblems) trafen, wenngleich aus verschiedenen Motiven, 
die deutschen und die englischen Anschauungen zusammen. (Verständigungs- 
broschüre, S. 13/14.) 

Das ist einfach gelogen. England hat die Erörterung des Rüs- 
tungsproblems auf der zweiten Haager Konferenz vorgeschlagen 
und durchgesetzt ; Deutschland hat seine Beteiligung an dieser 
Erörterung abgelehnt. Um einen für den Erfolg der ganzen Konfe- 
renz gefährlichen Konflikt zu vermeiden, wurde ein Kompromiss 
geschlossen, dahingehend, dass der erste Vertreter Grossbritan- 
niens eine Ansprache liielt, in der das Problem von allen Seiten 
beleuchtet wurde, und eine vorher vereinbarte Resolution vor- 
schlug, die den Regierungen das weitere ernste Studium der 
Rüstungsfrage anempfahl. Die Resolution wurde einstimmig 
angenommen, jede Erörterung aber, dem deutschen Verlangen 
entsprechend, ausgescldossen. Das ist historische Wahrheit, die 



l88 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

gegenteiligen Behauptungen des deutschen Historikers aber das 
Gegenteil der Wahrheit. 

Der Besuch Haldanes im September 1906 beim deutschen 
Kaiser hatte denselben negativen Erfolg, wie der vorhergegangene 
Besuch des englischen Königs und seines Unterstaatssekretärs : 
Ablehnung jeder Erörterung über ein Rüstungsabkommen seitens 
des Kaisers und seiner Regierung. Auch diesem Haidaneschen 
Besuch von 1906 — ebenso wie dem späteren von 1912 — sucht 
Schiemann durch tendenziöse Anhängsel den Charakter einer 
Finte beizulegen — ungeachtet der bereits oben erwähnten per- 
sönlich freundschaftlichen Beziehungen, die ihn mit dem eng- 
lischen Staatsmann verbanden. Diese Herren — Schiemann und 
Genossen — sind eben Gentlemen vom Scheitel bis zur Sohle : 
die Furcht, ihr trügerisches Kartenhaus zusammenstürzen zu 
sehen, zwingt sie, selbst jedes persönliche Anstandsgefühl be- 
freundeten Männern gegenüber beiseite zu setzen, wenn es sich 
darum handelt, ihren Kunstbau vor dem gefährHchen Windstoss 
der Wahrheit zu schützen. 

Um dem Besuche Haldanes von 1906 seine wahre Bedeutung 
einer friedlichen Annäherung an Deutschland und einer aussichts- 
reichen Vorbereitung der bevorstehenden Haager Konferenz zu 
nehmen, fügt Schiemann unmittelbar an die Erwähnung des 
Besuches die falsche Behauptung an, « dass um diese Zeit eine 
englisch-französische Militärkonvention im Hinblick auf Zukunfts- 
möglichkeiten vereinbart worden » sei. (S. 14 a. a. O.) Diese 
« Militärkonvention » ist nichts anderes als die unverbindlichen 
Besprechungen militärischer Sachverständigen, von denen in der 
Grey-Cambonschen Korrespondenz vom November 1912 die Rede 
ist. Diese Besprechungen waren, wie wir bereits gesehen haben, 
nichts weniger als eine Militärkonvention, vor allem aber hatten 
sie — worauf es für Schiemanns These doch allein ankommt — 
nichts weniger als einen offensiven Charakter. Das verhindert aber 
den Geschichtsforscher nicht, den Satz niederzuschreiben : « Diese 
militärischen Unterhaltungen sind bis zum Ausbruch des jetzigen 
Krieges, gleichsam als bestände ein geheimes Bündnis, regelmässig 
fortgeführt worden. » Man beachte die Methode : der wahre Zweck 
des Haidaneschen Besuches, insbesondere seine Beziehung zu dem 
bevorstehenden Haager Kongress, wird verwischt ; durch die, 
Hervorhebung der um dieselbe Zeit angeblich gesclilossenen 
englisch-französischen Militärkonvention werden dem Halda- 
neschen Besuch direkt betrügerische Motive untergeschoben. Und 
dann — um das I^ügengebäude zu krönen — wird aus der ÜVIilitär- 
konvention ein geheimes Bündnis gemacht. 



DEUTSCHLAND IM HAAG 189 

So stellt der Kreuzzeitungsprofessor, der mir gegenüber den 
Moralprediger spielen will, die Vorgeschichte der zweiten Haager 
Konferenz dar. Mir aber wirft er Unterschlagung vor, weil ich 
in der Vorgeschichte nicht von dem englisch- japanischen Bündnis, 
nicht von dem Venezuela-Fall und nicht von der französisch- 
englischen Entente von 1904 gesprochen hätte. Von dieser En- 
tente spreche ich an unzähligen Stellen meines Buches, da wo die 
Besprechung hingehört. Der Venezuela-Fall und das englisch- 
japanische Bündnis aber stehen in so losem Zusammenhang mit 
den Haager Konferenzen, dass ich die ganze europäische oder gar 
europäisch-amerikanische Geschichte der letzten Jahrzehnte hätte 
erzählen müssen, um dem Schiemannschen Vorwurf der absicht- 
lichen Verschweigung zu entgehen. 

Der Venezuela-Streit hat allerdings auch für mich eine gewisse 
Bedeutung, denn er zeigte einerseits die Möglichkeit friedlichen 
Zusammenwirkens Deutschlands und Englands zur Erreichung 
gemeinsamer Ziele und andererseits gab er dem durch die erste 
Haager Konferenz eingesetzten Schiedshöfe Gelegenheit, in 
Funktion zu treten und den Streit durch ein Urteil (22. Februar 
1904) zu beendigen. Auch andere völkerrechtliche Streitigkeiten 
wurden zwischen der ersten und zweiten Haager Konferenz vor 
den Schiedshof gebracht und zu allseitiger Zufriedenheit friedlich 
erledigt. Umso schlimmer für Deutschland, dass es diesem zu- 
kunftsreichen, friedenerhaltenden und kriegverhindernden Insti- 
tut, das nun bereits acht Jahre lang seine I^ebensfähigkeit erwiesen 
hatte, auf der zweiten Haager Konferenz den erbitterten Wider- 
stand entgegensetzte, der die obligatorische Anrufung des Schieds- 
hofes und damit den wesentlichen Zweck dieser Einrichtung zum 
Scheitern brachte ^. 



Das Unerhörteste in Sclüemanns Verhalten ist aber, dass dieser 
Mann, der mir die Nichterwähnung des englisch-japanischen 
Bündnisses und des Venezuela-Streites zum Verbrechen anrechnet, 
in seinen beiden Broschüren von dem Verlauf und den Resultaten 
der zweiten Haager Konferenz nicht ein Wort ern'ähnt. Er unter- 
schlägt diese Konferenz, die ihm natürlich sehr unbequem ist, 
vollständig. Auf ihn passt, wie kaum auf einen anderen, der Vor- 
wurf, den Walter Schücking all den Professoren, die Kriegsbro- 
schüren geschrieben haben, macht, dass sie sich um die Haager 
Friedenskonferenzen nicht bekümmern und infolge dessen auch 

' Siebs J'acciise, S. 77. 



igO VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

nicht wissen, « wie sehr Deutschland gerade in dieser Frage (der 
Rüstungsfrage) die Auslandsmächte auf den Haager Konferenzen 
vor den Kopf gestossen hat. » Gegen den Vorwurf der Unwissen- 
heit muss ich allerdings Herrn Schiemann in Schutz nehmen. Sein 
Verbrechen ist schlimmer als Unwissenheit. Er weiss, was im 
Haag geschehen ist, er kennt genau auch die Vorgeschichte der 
Haager Konferenzen, aber er unterdrückt bewusst die Wahrheit, 
weil sie sein ganzes, mühsam zusammengekleistertes Kartenhaus 
zu Falle bringen muss. Den Kernpunkt meiner « Vorgeschichte 
des Verbrechens » lässt er absichtlich weg, um an dessen Stelle 
seine Zettel- und Ivügenfabrik zu errichten und das deutsche Volk 
über die wirkliche Verantwortlichkeit für die europäische Span- 
nung in den letzten Jahren vor Ausbruch des Krieges zu täuschen. 
Ein eigentümliches Zusammentreffen ist es, dass auf das 
Scheitern der seitens Englands, Russlands und Frankreichs 
erstrebten Vereinbarung über Stillstand und spätere Herabsetzung 
der Rüstungen fast unmittelbar das englisch-russische Abkommen 
über ihre beiderseitigen Interessensphären in Persien, Afghanistan 
und Tibet folgte, welches die Grundlage und den Anfang zur 
Annäherung beider Mächte auch in der europäischen Politik bil- 
dete und als englisch-russische Entente bezeichnet zu werden 
pflegt. Die platonische Resolution zur Rüstungsfrage, auf die sich 
die Konferenz — infolge des Widerstandes Deutschlands gegen 
jede materielle Erörterung und Beschlussfassung — beschränken 
musste, wurde am 17. August 1907 im Haag gefasst. Das englisch- 
russische Abkommen wurde am 31. August desselben Jahres 
abgeschlossen — ein zeitliches Aufeinanderfolgen von Ereignissen, 
das jedenfalls interessant ist, wenn es auch keine ursächlichen 
Zusammenhänge gehabt haben mag. 

Ein Block, nicht Blöcke in Europa. 

Die überwiegende Mehrheit der Kulturwelt hatte sich, wie 
wir oben gesehen haben, am 5. Oktober 1907 für die Einführung 
eines allgemeinen, obligatorischen Weltschiedsvertrages entschieden. 
Nur Deutschland und Oesterreich, gefolgt von einigen kleineren 
Staaten, hatten sich diesem epochemachenden Fortschritt in der 
friedlichen Entwicklung der Menschheit mit heftigstem Wider- 
stände entgegengestellt, was aber nicht verhinderte, dass das 
Prinzip der obligatorischen Schiedsgerichtsbarkeit — allerdings 
mit manchen, auch wieder durch Deutschland hineingebrachten 
Ausnahmen — mit 32 gegen 9 Stimmen angenommen wurde. Der 
Antrag, das Obligatorium wenigstens für die zustimmenden 
Staaten als verbindlich zu erklären, scheiterte ebenfalls an dem 



DEUTSCHLAND IM HAAG IQI 

Widerspruch des deutschen Delegierten Freiherrn Marschall von 
Bieberstein. So blieb auch der Beschluss der zweiten Haager 
Konferenz ein Torso — ein moralischer Erfolg der pazifistischen 
Anschauungen, welche die zustimmenden Staaten geleitet hatten, 
und eine moralische Niederlage Deutschlands, das durch die 
Bekämpfung des Schiedsgerichtsvorschlages und des Rüstungs- 
abkommens die Schuld trägt an der Fortführung des anarchi- 
schen Zustandes zwischen den Völkern, der zu dem heutigen 
Weltkriege geführt hat. Auch heute noch, nach Ausbruch des 
verheerenden Brandes, stehen die führenden Kreise Deutsch- 
lands verständnislos den Bestrebungen gegenüber, die damals 
den Brand verhüten konnten und die allein sein Wiederausbre- 
chen in Zukunft verhindern können ^. Ohne Völker Organisation 
und damit verbundenes Rüstungsabkommen kein dauernder Friede. 
Eine nur teilweise Organisation der europäischen Völker, eine 
neue Einteilung in Gruppen, gleichviel aus welchen Elementen, 
unter welcher Führung und in welcher Form diese Gruppen ge- 
bildet werden, würde das Uebel nicht heilen, sondern nur in 
veränderter Form neu entstehen lassen. Die neuen Gruppen 
würden sich ebenso misstrauisch und feindlich gegenüber stehen 
•wie die alten, würden ebenso wie bisher gegeneinander rüsten 
— wahrscheinlich aber noch viel intensiver und ruinöser, da der 
neue Gewaltzustand zu allen möglichen Revanchen und Repa- 
rationen Veranlassung geben, die Nachwehen des Weltkrieges 
neuen Hass und neue Erbitterung unter den Völkern erzeugen 
würden. Die Rüstungen würden infolge der technischen Fort- 
schritte schneller noch als bisher — zu unerträglicher Höhe empor- 
steigen und aus denselben Gründen, wie im Sommer 1914, absicht- 
lich oder unabsichtlich zu neuen, noch heftigeren Explosionen 
führen. Nur eine einheitliche Organisation der Völker ohne 
Gruppenbildungen, ohne Bündnisse, ohne Ententen, kann der 
Wiederholung solcher Weltkatastrophen vorbeugen. Jeder Ver- 
ständige, gleichviel welchem Lande er angehört, muss das ein- 
sehen und sieht es ein. Nur in Deutschland — das beweisen alle 

1 Ich muss auch hier wieder darauf hinweisen, dass mein Buch fast beendigt 
war, als Herr von Bethmann plötzUch, zur Ueberraschung der ganzen Welt, am 
9. November 1916 mit dem Bekenntnis zu pazifistischen Ideen hervortrat, das in 
schroffstem Widerspruch steht zu dem Verhalten imd zu den Aussprüchen aller 
massgebenden Männer Deutschlands während der ganzen Zeit, seitdem eine pazi- 
fistische Bewegung existiert. Diesen — in höchstem Masse verdächtigen und un- 
glaubwürdigen — Pazifismus der Not, der auf der einen Seite alle möglichen :M a c h t- 
sicherungen für Deutschland erstrebt, auf der anderen Seite aber honigsüsse Worte 
von Recht imd Völkerfreiheit im Munde führt, — diesen platonischen, vorausset- 
zungs- und konsequenzenlosen Pazipsmus der Macht habe ich an anderer Stelle 
geziemend gegeJsselt (in dem späteren Abschnitt Kriegsziele, Kapitel : « Bethmann, 
der Pazifist »). Meine Charakteristik der Vergangenheit wird durch dieses trüge- 
rische Zukunftsbild nicht im geringsten beeinflusst oder verändert. 



192 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Stimmen aus den massgebenden Kreisen — wird auch diesmal 
der Verstand nicht zur Geltung kommen, das Macht- und Herr- 
schaftsstreben der herrschenden Klassen und Kliquen denkt 
auch diesmal nur an das « Sicherungsinteresse » des « siegenden » 
Deutschland und seiner Bundesgenossen. Auch jetzc ist man noch 
nicht zu der Erkenntnis durchgedrungen, dass das richtig ver- 
standene Interesse aller Staaten, auch Deutschlands und seiner 
Bundesgenossen, nur in einer Gesamt Organisation, nicht aber 
in neuen Gruppenbildungen irgendwelcher Art gefördert werden 
kann. 

Wie die neu geplante Bildung auch aussehen und heissen 
möge, ob sie als mitteleuropäischer Staatenverband oder als 
Block der Kaisermächte (mit Anschluss von Bulgarien und der 
Türkei und einer Gebietszone « von Ostende bis Bagdad ») ge- 
dacht sei, — jede Mächtegruppierung, die verschiedene Blöcke 
voraussetzt, anstatt des einen ungeteilten europäischen Staaten- 
blockes, ist von vornherein denselben Gefahren und Katastro- 
phen ausgesetzt, wie die bisherige Gruppenbildung des « euro- 
päischen Gleichgewichts. » Ein Block, nicht Blöcke in Europa! 
Das muss die Parole aller wahrhaften Friedensfreunde werden. 
Das ist der Gedanke, der die Zukunft Europas bestimmen muss. 
Wenn die Regierungen der Zentralmächte der Verwirklichung 
dieses Gedankens nach diesem Kriege entgegentreten, so handeln 
sie genau so verbrecherisch wie damals, als sie die Haager Frie- 
densgedanken — die sicheren Präventivmittel gegen den jetzigen 
Krieg — zurückgewiesen und zum Scheitern gebracht haben. 




IV. 



Englischer Pazifismus in Wort und Tat. 



Der Pazifismus des liberalen englischen Kabinetts hat sich 
nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch bei jeder Gele- 
genheit kundgegeben. Ueber die Bemühungen der englischen 
Regierung, nach dem Scheitern der zweiten Haager Konferenz 
zu einem direkten Abkommen mit Deutschland über eine Be- 
grenzung der beiderseitigen Seerüstungen und gleichzeitig zu 
einer politischen Verständigung zu gelangen, habe ich im Buche 
J'accuse (Seite 78-90) ausführlich berichtet und werde später 
noch darauf zurückkommen. Von allen hieher gehörigen Tat- 
sachen erwähnt der « Verleumder » natürlich nichts. Die Reden 
und Handlungen der Friedensfreunde im englischen Ministe- 
rium — und alle ohne Ausnahme waren sie das, die Campbell- 
Bannerman, Asquith, Grey, Lloyd George, Haidane etc. — exis- 
tieren für den preussischen Geschichtsschreiber nicht. 

Abgesehen von dem unermüdlichen Eintreten der englischen 
Minister für eine Beschränkung der Rüstungen und für politische 
Verständigung mit Deutschland, beachte man, \rie viele dro- 
hende europäische Kriege in den Jahren nach der zweiten Haager 
Konferenz — ebenso wie auch früher — unter lebhaftester Be- 
teiligung, meist sogar unter P'ührung der englischen Regierung, 
verhindert worden sind : die Handlungen der leitenden Männer 
Englands entsprechen durchaus den von ihnen geäusserten Ge- 
sinnungen und Bestrebungen. Ich erinnere nur an die marok- 
kanischen Wirren von 1909 und 1911, die beide Male durch Eng- 
lands Vermittlung zu einer vertragsmässigen Einigung zAnsolien 
Deutschland und Frankreich führten, wie dies bereits vorher 
(1905 /06) durch den Algeciras- Vertrag geschehen war. Ich erin- 
nere an die bosnische Annexionskrisis von 1908 /09, bei welcher 
England mit der Anerkennung des von Oesterreich geschaffenen 

Das Verbrechen II ^3 



194 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Zustandes (am 25. März 1909) den Anfang machte und Russland 
und Serbien dem englischen Beispiel nachfolgten. Ich erinnere 
an den Kretakonflikt 1908/09, bei ^velchem, ebenfalls durch das 
vermittelnde Eingreifen der Schutzmächte einscliliesslich Eng- 
lands, der Krieg zwischen Griechenland und der Türkei ver- 
hindert w^irde. Ich erinnere vor allem an die führende Tätigkeit 
Sir Edward Greys während des Balkankonflikts 1912/13, dessen 
Entwicklung zu einem europäischen Kriege nur durch das fried- 
liche Zusammenarbeiten Englands und Deutschlands verhin- 
dert wurde. Ich erinnere endlich — und das ist natürlich der 
Schwerpunkt meiner Ausführungen — an alles, was Grey, als 
Minister des Auswärtigen im Kabinett Asquith, zur Verhinde- 
rung des gegenwärtigen Krieges getan hat und w-as ich hier nicht 
nochmals aufzuzählen brauche. Diese Taten beweisen den Frie- 
denswillen und die Friedensliebe Englands und widerlegen schla- 
gend die lügenhafte Erfindung der Schiemann und Genossen, dass 
England seit Jahren den Krieg vorbereitet und gewollt habe. 



Englands Verhalten während der bosnischen Krisis 
und des Balkankonflikts. 

(Duell Grey-Bethmann, Mai -Juni igi6.) 

Da die englischen Friedensbemühungen während der letzten 
europäischen Krisen neuerdings von deutscher und österrei- 
chischer Seite in Zweifel gezogen w-orden sind, so muss ich auf 
diesen Punkt hier etwas ausführlicher eingehen. Man hat diese 
Zweifel absichtlich erhoben, um die Ernstlichkeit der englischen 
Friedensbemühungen im Sommer 1914 durch Beispiele aus der 
Vergangenheit in Frage zu stellen. Die Erörterung der Vergan- 
genheit steht also in engem Ztisammenhang mit der gegenwärtigen 
Schuldfrage. Es handelt sich um Englands Verhalten während 
der bosnischen Annexionskrisis 1908/09 und während des Bal- 
kankonflikts 1912 /13. Die Erörterungen liierüber haben in leb- 
haftester Weise zwischen der deutschen und englischen Regierung 
und ihren Offiziösen stattgefunden, im Mai und Juni 1916. 

Grey hatte in einer Unterredung mit dem amerikanischen 
Journalisten Bill von den Chicago Daily News ein kurzes Resume 
der Anklagepunkte gegeben, durch welche die Verantwortung 
für den Weltkrieg der deutschen und österreichischen Regierung 
zur Last gelegt wird. Diese Anklagepunkte stimmen durchaus 
nüt den von mir in J'accuse und in diesem zweiten Buche hervor- 
gehobenen Belastungsmomenten überein. Mit Recht hatte Grey 



ENGLISCHER PAZIFISMUS I95 

besonderes Gewicht auf seinen Konferenzvorschlag und dessen 
Ablehnung von deutscher und österreichischer Seite gelegt : 

Deutschlands Abneigung gegen eine Konferenz wäre verständlich ge- 
wesen, loenn auf der früheren Londoner Konferenz anlässlich der Balkankrise 
von igi2 J13 die Alliierten zum Schaden Deutschlands gewirkt hätten. Nie aber 
ist wohl ein besserer Beweis dafür erbracht worden, dass es uns ehrhch ernst 
war, zu einer loj^alen Erledigvmg der Dinge zu kommen, als mit eben jener 
Konferenz. 

An diesen Greyschen Satz knüpft sich die nachfolgende 
Erörterung zv.ischen der deutschen und englischen Regierung 
an. Herr von Bethmann Hess sich ebenfalls durch einen ameri- 
kanischen Journalisten interviewen und brachte bei dieser Gele- 
genheit dieselben haltlosen Gründe gegen den Greyschen Kon- 
ferenzvorschlag vor, die er seit der Konferenzablehnung (27. Jtdi 
19 14) bis heute unentwegt vorgebracht hat. Diese fadenschei- 
nigen Gründe — die in Wirklichkeit nur Vorwände waren — 
habe ich an anderer Stelle genügend kritisiert und brauche nicht 
darauf zurückzukommen. Nur die neu vorgebrachten Ausreden 
des deutschen Reichskanzlers will ich hier einer Untersuchung 
unterziehen. 



Bethmanns Gründe für die 
Ablehnungder Konferenz. 

Als neue Gründe gegen die Greysche Konferenz — - die schon 
dadurch verdächtig werden, dass sie ihm erst so spät, nach bei- 
nahe zweijähriger Kriegsdauer, eingefallen sind — führt der 
Reichskanzler folgende an : 

I. « Wie konnte ich diesen (den Greyschen) Vorschlag 
annehmen angesichts der umfangreichen, in vollem Gang 
befindlichen Mobilisier ungsmassnahmen der russischen 
Armee ? Trotz amtlicher russischer Ableugnungen und 
wiewohl der formelle Mobilmachungsbefehl nicht vor 
dem Abend des 30. Juli ausgegeben wurde, war uns genau 
bekannt, und ist seitdem bestätigt worden, dass die rus- 
sische Regierung, einem schon am 25. Juli gefassten Eut- 
schluss entsprechend, bereits mit der Mobilisierung be- 
gonnen hatte, als der Greysche Konferenzvorschlag 

erfolgte Mit zwei zu verteidigenden Grenzen konnte 

sich Deutschland auf keine Debatten einlassen, deren 
Ausgang äusserst problematischer Natur war, während 
der Feind die Zeit zur Älobilisierung seiner Armeen aus- 
nutzte, mit denen er uns überfallen v/ollte. » 



196 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

2. « Sir Edward Grey hat in den kritischen Tagen des 
Juli 1914 selbst anerkannt, dass mein Gegenvorschlag 
einer unmittelbaren Aussprache zwischen den Kabinetten 
von Wien und Petersburg besser geeignet sei, den öster- 
reichisch-serbischen KonfUkt zu begleichen als eine Kon- 
ferenz, und diese von Deutschland betriebene Aussprache 
war nach Ueberwindung mancher Hindernisse auf dem 
besten Wege, als Russland durch die, entgegen seinen 
uns ausdrücklich gegebenen Zusicherungen erfolgte plötz- 
Hche Mobilmachung seiner gesamten Armee den Krieg 
unvermeidlich machte. » 

3. Der Reichskanzler beruft sich auf das Verhalten 
Englands während der bosnischen Krisis igo8 jog, um 
den Verdacht zu begründen, dass England, wie es damals 
nichts zur Erhaltung des europäischen Friedens getan, 
im Gegenteil sein Missvergnügen mit der friedlichen 
Lösung in Petersburg zum Ausdruck gebracht habe, so 
auch diesmal (1914) offenbar nicht ernsthaft den Frieden, 
sondern nur Zeitaufschub zur besseren Vorbereitung des 
Ueberfalls erstrebt habe. 

Die russische Mobilisierung als 
Grund der Konferenz-Ablehnung? 

Ad I. Die Motivierung der Konferenzablehnung mit der 
russischen Mobilisierung ist eine vollständige Neuheit : sie tritt 
hier, nach fast zweijähriger Kriegsdauer, zum ersten Male auf. 
Bisher waren nur zwei Motivierungen, die eine von Deutschland, 
die andere von Oesterreich vorgebracht worden. Von Deutsch- 
land die bekannte Begründung, man könne den Bundesgenossen 
nicht vor ein europäisches Gericht ziehen. Von Oesterreich die 
ebenso bekannte Begründung, der Greysche Vorschlag sei zu 
spät gekommen und durch die bereits erfolgte Kriegserklärung 
an Serbien « überholt » worden. Was von diesen Begründungen 
zu halten ist, habe ich in meinem ersten und in diesem zweiten 
Buche an vielen Stellen ausführlich auseinandergesetzt ^ Insbe- 
sondere habe ich schon in meinem ersten Buche auf den Wider- 
spruch zwischen der Berliner und der Wiener Begründung hin- 
gewiesen und schon damals die Unglaubwürdigkeit der einen 
wie der andern dargetan. 

Nun aber kommt Herr von Bethmann mit einer ganz neuen 
Begründung, die noch törichter und haltloser als die früheren 

1 Siehe J'acciise, S. 126 ff., 271-275. Das Verbrechen, Band I, Kapitel I : 
<( Die Greysche Konferenz ». 



ENGWSCHER PAZIFISMUS 197 

ist. Jetzt auf einmal sollen die russischen Mobilisierungsmass- 
nahmen den Ausschlag zur Ablehnung der Konferenz gegeben 
haben. Herr von Bethmann scheint sein eigenes Weissbuch und 
alle seine früheren Erklärungen vergessen zu haben, die nie die 
Tatsache in Frage gestellt haben, dass Russlands Teilmobili- 
sierung am 29. Juli, seine Generalmobilisierung am 31. Juli 
erfolgt ist. Der Greysche Konferenzgedanke ist dagegen — wie 
ich in meinem ersten und zweiten Buche unwiderleglich nachge- 
wiesen habe — schon am 24. Juli, sofort nach Bekanntwerden 
des österreichischen Ultimatums, aufgetaucht und seitdem 
niemals wieder von der Bildfläche verschwunden. Am 27. Juli 
ist er von Deutschland, am 28. Juli von Oesterreich formell abge- 
lehnt worden, aus Gründen, die mit russischen Mobilisierungs- 
massnahmen nicht das geringste zu tun haben. Diese Mass- 
nahmen sind auch, wie wir wissen, zwar am 25. Juli, als Oester- 
reich die diplomatischen Beziehungen mit Serbien abbrach, 
, beschlossen, aber erst am 29. Juli — in Form einer Teilmobili- 
sierung ■ — zur Ausführung gebracht worden. Diese Teilmobili- 
sierung ist gerade die Folge des intransigenten diplomatischen 
Verhaltens von Oesterreich und Deutschland gewesen. Diese 
Folge soll jetzt auf einmal zur Ursache umgefälscht werden. 
Russland hat die Teilmobilisierung am 29. Juli zur Ausführung 
gebracht, vv-eil die Konferenz, ebenso wie die direkte Verhand- 
lung mit Petersburg, schroff abgelehnt und keinerlei selbstän- 
diger Mediationsvorschlag — trotz dringenden Verlangens der 
Ententemächte — von den Kaisermächten gemacht worden 
war. Die russische Teilmobilisierung ist die Folge des diplomati- 
schen Verhaltens der Kaisermächte (und gleichzeitig des fuilitä- 
rischen Vorgehens Oesterreichs gegen Serbien) gewesen, nicht umge- 
kehrt. 

Es ist eine offensichtliche Erfindung, wenn Herr von Beth- 
mann im Frühjahr 191 6 — zum ersten Male — behauptet, die 
russische Mobilisierung habe bereits begonnen gehabt, als der 
Greysche Konferenzvorschlag erfolgte. Man lese die genauen 
Zeitbestimmungen über das erste Auftreten und das fernere 
Schicksal des Greyschen Vorschlages in J'accuse und in dieser 
Arbeit nach, man vergleiche damit meine genauen Untersu- 
chungen über den Zeitpunkt der russischen Mobilisierungen, 
man ziehe die von mir zitierten Stellen aus den diplomatischen 
Publikationen sämtlicher Länder, auch aus dem Weissbuch und 
dem Rotbuch, zu Rate und man wird nirgends auch nur eine 
Andeutung darüber finden, dass Russland am 27. Juli, als 
Deutschland die Konferenz ablehnte, oder gar am 24. Juli, als 
Grey zum ersten Male dem Fürsten Dichnowsky seine Konferenz- 



198 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 



Idee mitteilte (Blaubuch Nr. 11), bereits mit Mobilisierungs 
massregeln begonnen hätte. Damit fällt die neueste Ausflucht 
des deutschen Reichskanzlers ebenso ins Wasser wie alle frü- 
heren. 

Wenn Herr von Bethmann ferner hervorhebt, Deutschland 
hätte sich auf problematische Debatten nicht einlassen können, 
weil es den Feinden dadurch Zeit zur genügenden Vorbereitung 
des U eher j alles gewährt hätte, so erscheint es mir überflüssig, 
auf diesen unlogischen und jeder tatsächlichen Begründung ent- 
behrenden Einwand näher einzugehen. Dass der Einwand Beth- 
manns jeder tatsächlichen Begründung entbehrt, habe ich genü- 
gend an anderen Stellen auseinandergesetzt. Er ist aber auch 
unlogisch im höchsten Masse, weil er eine petitio principii in 
geradezu klassischer Form darstellt. Dass die anderen Deutsch- 
land überfallen wollten, das ist ja gerade das Thema, das zu beweisen 
ist. Der Greysche Konferenz- Vorschlag ist einer der vielen Gegen- 
beweise gegen die Ueberfallsabsicht. Wäre diese erwiesen, so 
hätte Herr von Bethmann natürlich recht, wenn er den Feinden 
die Zeit zur besseren Vorbereitung nicht gelassen hätte. Da die 
Ueberfallsabsicht aber erst bewiesen werden soll und die ganze 
Erörterung der Schuldfrage nur diesem einen Ziele dient, so 
verstösst es gegen die Grundgesetze der Logik, wenn man das 
zu Beweisende als bewiesen hinstellt und daraus seine weiteren 
Schlussfolgerungen zieht. 

Ad 2. Die fernere Behauptung des Herrn von Bethmann, 
Grey habe in den kritischen Tagen 19 14 selbst anerkannt, dass 
der deutsche Gegenvorschlag einer unmittelbaren Aussprache 
zwischen Wien und Petersburg der Konferenz vorzuziehen sei, 
ist eine jener Legenden, die ich bereits an anderer Stelle gründ- 
lich zerstört habe (Siehe Das Verbrechen, Band I Kapitel I : 
« Die Greysche Konferenz », Seite 98-104). Ich kann den Leser 
auf meine dortigen Ausführungen verweisen. 

Englands Verhalten während 
der bosnischen Krisis und 
während des Balkan konflikts. 

Ad 3. Speziell an die Bethmannschen Enthüllungen über 
die bosnische Krisis schliessen sich die ferneren Erörterungen 
(im Mai /Juni 1916) an über die Rolle, die England bei den frü- 
heren Balkankonflikten gespielt habe. Zunächst wendete sich 
Grey in der LTnterhaussitzung vom 26. Mai mit aller Schärfe 
gegen die Geschichtsdarstellung des Reichskanzlers, die er als 
ganz neu und als eine « Lüge erster KJasse » bezeichnete. Er 



i 



ENGLISCHER PAZIFISMUS I99 

fügte den sehr bezeichnenden und nicht bloss für die entferntere, 
sondern vor allem für die nächste Vorgeschichte des Krieges 
gültigen Satz hinzu : « Sie können mit dem deutschen Volke nicht 
vernünftig reden, solange es mit Lügen gefüttert wird und nichts 
von der Wahrheit weiss. » Auch von einem « Laboratorium » in 
Deutschland sprach er, das dort dauernd für die Regierung 
tätig sei und ihr für etwaigen Bedarf derartig gefälschte Ge- 
schichtsdarstellungen liefere. Den Ivciter dieses Laboratoriums 
hat er nicht genannt. Wir aber wissen, dass sein Name mit Seh 
beginnt und mit nn schliesst. Womit ich indessen keine Indis- 
kretion begangen haben will. Ich finde wenigstens in den Schriften 
dieses Sch....nn fast alle die Gerichte präpariert, die der Reichs- 
kanzler und seine Presse dann brühwarm dem deutschen Reichs- 
tag und dem deutschen Volke vorzusetzen pflegen. Auch die 
angebliche « Enttäuschung » und « Erbitterung » der engli- 
schen Diplomatie über den friedlichen Abschluss der bosnischen 
Krisis haben wir oben in den Schriften des Kreuzzeitungs-Pro- 
fessors wohl präpariert vorgefunden. Ohne Beweise allerdings. 
Umso gespannter bin ich auf die Beweise gewesen, die nunmehr, 
nach Ausbruch des offiziellen Zeitungskampfes, von der deut- 
schen Regierung vorgebracht werden würden. 

Jetzt haben wir diese Beweise. Zwei Berichte des Grafen 
Pourtales vom i. und 5. April 1909 sind von der Norddeutschen 
Allgemeinen Zeitung (27. Mai 1916) veröffentlicht worden. Nichts 
anderes. Diese beiden Berichte sind die Unterlage der Bethmann- 
schen Behauptung, dass England niemals für den Frieden, stets 
für den Krieg gewirkt habe, und daher auch die Konferenz von 
1914 nicht dem Ziele der Friedenserhaltung dienen sollte. 

Was enthalten nun diese epochemachenden Berichte des 
Grafen Pourtales, auf die sich, nach der neuesten Darstellung 
des Reichskanzlers, der Verdacht gegen den letzten Greyschen 
Konferenzvorschlag stützte ? Zunächst ist sehr interessant, in 
welcher Weise man das eigentliche Beweisthema zu verschieben 
sucht. Grey hatte Englands Verhalten auf der Londoner Bal- 
kankonferenz 1912 /13 als Beweis für die allgemeinen friedlie- 
benden Intentionen der englischen Politik hingestellt, Herr von 
Bethmann dagegen schiebt unversehens an die Stelle der Bal- 
kankonferenz die bosnische Krisis von 1908/09, um die englische 
Friedensliebe zu verdächtigen. Ueber das eigentliche Beweis- 
thema, Englands Verhalten auf der Balkankonferenz, geht der 
Reichskanzler mit Stillschweigen liinweg — aus dem einfachen 
Grunde, weil hier, wo es sich um eine offizielle, in London zu- 
sammengetretene Konferenz der sämtlichen beteiligten Bot- 
schafter handelte, eine Fälschung des Tatbestandes unmöglich 



200 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

war, während man die Vorgänge von 1908/09, die sich in den 
ältesten Formen der Geheimdiplomatie abspielten, nach Belieben 
fälschen, verdrehen, mit allen möglichen Hintertreppen- und 
Klatschgeschichten verbrämen konnte. Herr von Bethmann 
geht über die Londoner Botschafterkonferenz glatt hinweg. 
Sein Kollege, Herr von Burian, aber, der in dieser Diplomaten- 
Diskussion später ebenfalls das Wort ergreift, kann nicht umhin, 
der Tätigkeit Greys auf der Londoner Balkankonferenz das 
Zeugnis auszustellen : « Gutgläubig war Grey insofern, dass er 
die Lösung der schwebenden Fragen aufrichtig zu fördern bestrebt 
war. » 

Was also legt der Graf Pourtales der englischen Diplomatie 
bezüglich der bosnischen Krisis zur Last ? Ich kann dem Leser 
nur empfehlen, die beiden in der Norddeutschen Allgemeinen 
Zeitung abgedruckten Berichte im Original zu lesen, um wieder 
einmal zu erkennen, von was für Leuten und mit welchen Mit- 
teln die diplomatischen Geschäfte betrieben, von welch lächer- 
lichem Klatsch nur allzu oft die Lebensschicksale der Völker 
abhängig gemacht werden. Graf Pourtales hat nach dem Zustan- 
dekommen des Ausgleichs über Bosnien, das heisst nach der 
russischen und serbischen Anerkennung der österreichischen 
Annexion « von russischen Bekannten und befreundeten Diplo- 
maten » gehört, dass der damalige englische Botschafter in Peters- 
burg, Sir Arthur Nicolson, sich « hetzerisch » über den damals 
ausgeglichenen Konflikt zwischen Russland und Oesterreich 
ausgesprochen habe. Diese Aeusserungen sollen « in den Peters- 
burger Salons », auch bei einem grösseren Diner auf der deut- 
schen Botschaft in Gegenwart von Damen, gefallen sein. Auch 
dem deutschen Botschafter gegenüber habe Nicolson kühl geäus- 
sert, es sei noch keineswegs sicher, dass seine Regierung sich mit 
dieser Lösung einverstanden erklären werde. ]\Iitglieder der 
englischen Botschaft hätten im Jachtklub davon gesprochen, 
dass « Deutschland mit dem Kürassierstiefel aufgestampft » 
habe etc. etc. Es sei « deutlich zu erkennen, dass Sir Arthur 
Nicolson, verstimmt über die durch unsere Aktion erfolgte Lösung 
der bosnischen Krisis, nunmehr auf das eifrigste bemüht ist, 
die Legende von der deutschen Drohung zu verbreiten und 
dadurch die deutsch-russischen Beziehungen zu vergiften. » 
Soweit der erste Bericht des Grafen Pourtales. 

Der zweite (vom 5. April 1909), der sich auf « ganz vertrau- 
liche Mitteilungen von unterrichteter Seite » stützt, spricht von 
ernsten Vorwürfen, die Nicolson Herrn Iswolsk)^ dem dama- 
ligen Minister des Auswärtigen, über seine Konzilianz in der 



ENGIJSCHER PAZIFISMUS 201 

Annexionsfrage gemacht habe. Die Aufforderung des englischen 
Botschafters, die russische Antwort bis zur Stellungnahme der 
englischen Regierung aufzuschieben, habe Iswolsky abgelehnt. 
(Wie reimt sich das mit der angeblichen Rolle Iswolskys als 
schlimmsten Kriegsmachers und Deutschenfeindes zusammen, 
der erst neun Monate vorher das Ueberfallskomplott auf der 
Reede von Reval zustande gebracht haben soll ?) Aber nicht 
nur Nicolson, auch Grey selber sei über die Nachgiebigkeit der 
russischen Politik sehr verstimmt gev.-esen, habe dem russischen 
Geschäftsträger in London darüber Vorwürfe gemacht und sich 
sogar zu der Erklärung verstiegen, die öffentliche Meinung 
Englands würde « ein Eingreifen Grcssbritanniens an der Seite 
Russlands in einen Krieg » damals gebilligt haben. 

Das sind die Dokumente, die das Bethmannsche Misstrauen 
gegen Englands « angebliche » Friedenspolitik im Sommer 1914 
begründen sollen. Da man in Berlin und Wien wohl die Mangel- 
haftigkeit dieser Beweisführung empfand, trat nunmehr auch 
der österreichische Minister des Auswärtigen, Herr von Burian, 
zur Unterstützung des Bundesgenossen mit Enthüllungen her- 
vor. Es wurde zunächst ein offiziöser Artikel in den Pester 
Lloyd lanciert, der nach manchen Richtungen von grösstem 
Interesse ist, und später im ungarischen Abgeordnetenhause 
ein Bericht des Herrn von Burian verlesen, der auf die Vorgänge 
von 1908 /09 noch einiges weitere Licht werfen sollte. Der Artikel 
des Pester Lloyd vom 27. Mai, den man unbedenklich als Mei- 
nungsausdruck der österreichisch-ungarischen Regierung ansehen 
kann, stellt zunächst bezüglich der Londoner Botschajtcrkon- 
ferenz folgenden entscheidenden Punkt fest : « Der Gesamt- 
eindruck der Konferenz war der, dass die englische Diplomatie 

den Krieg vermeiden und den Frieden aufrecht erhalten wollte » 

Wenn dann hinzugefügt wird, dass diese Friedenserhaltung 
auf Kosten Oesterreichs und zu Gunsten Serbiens und seiner 
Hintermänner erfolgt ist, so brauche ich in dieser Beziehung 
nur auf die jedem Zeitungsleser bekannten historischen Vor- 
gänge zu verweisen, wie ich dies schon in J'acciisc in ausführ- 
licher Weise getan habe. Die ganze egoistische LTnersättlichkeit, 
die blind-brutale Eigennützigkeit dieser österreichischen Staats- 
männer, ihre unerhörte Rücksichtslosigkeit gegen die Inte- 
ressen anderer Völker und den Frieden Europas zeigen sich 
wieder einmal in der jetzigen Behauptung des offiziösen unga- 
rischen Organs, dass die damaligen Beschlüsse der Londoner 
Konferenz auf Kosten Oesterreichs erfolgt seien. Ich brauche nur 
an die Räumung Skutaris, an die Gründung des albanischen 
Fürstentums, an die Zurückdrängung der Serben von dem er- 



202 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

oberten adriatischen Küstengestade, — an diese und alle anderen 
Zugeständnisse gegenüber der österreichisch-ungarisciien Mo- 
narclüe zu erinnern, um die Hinfälligkeit der jetzigen Beschwerde, 
Oesterreich habe die Kosten des Ausgleichs tragen müssen, dar- 
zutun. Aber auf diesen Zusatz kommt es weniger an. Der Schwer- 
punkt liegt in dem Zugeständnis, dass die englische Diplomatie 
damals auf der Londoner Botschafter- Konferenz ehrlich und ernst- 
haft den Krieg vermeiden und den Frieden aufrecht erhalten 
wollte. Das ist der springende Punkt dieser ganzen Erörterung. 
Das hatte Grey bei Beginn der Diskussion als hoffnungsvolles 
Vorspiel der beabsichtigten Botschafter- Konferenz von 1914 
hingestellt. Das hatte Bethmann in seiner Erwiderung mit Still- 
schweigen übergangen, indem er unversehens an Stelle der 
Botschafter- Konferenz das Thema der bosnischen Krisis von 
1908/09 unterschob. Das bestätigt nunmehr die österreichisch- 
ungarische Regierung in ihrem offiziösen Organ und damit ist 
Bethmanns Einwand gegen die Konferenz von 1914 zu Boden 
geschlagen. Wenn Grey damals, 1912/13, wie ihm Burian per- 
sönlich und durch den Mund seines offiziösen Organs bezeugt, 
ernsthaft den Frieden erhalten wollte, so hatte er wohl das Recht, 
sich jetzt auf diesen Vorgang zu berufen und damit seine Frie- 
densliebe von 1914 zu begründen. 



Ein Artikel des Pester Lloyd — 
neue Selbstanklage .Oesterreichs. 

Der Artikel des Pester Lloyd vom 27. Mai 1916 ist aber auch 
nach anderen Richtungen hin von grosser Bedeutung. Er enthält 
z.B. folgenden gegen die Greysche Konferenzidee gerichteten Satz : 

Sein Konferenzvorschlag wollte bis zu einem Zeitpunkt, der ihm für 
einen Schlag gegen Deutschland wohl geeigneter erschien, das Konzert der Gross- 
mächte durch einen Verzicht Oesterreich-Ungarns kitten, die wichtigsten 
Fragen seines Grenzschutzes nach eigenen Bedürfnissen zu regeln, und war 
infolgedessen von vornherein gegen imsere Existenzgrundlagen gerichtet.... 
In der Konferenzfrage hatte die Monarchie zu entscheiden, und die Mo- 
narchie ist es, die die Entscheidung gegen die Konferenz getroffen hat.... 
Die Ablehnung der Konferenz war nichts anderes als eine selbstverständhche 
Bejahimg des Lebenswillens der Monarchie als einer Grossmacht.... Für ims 
war und bleibt sein Konferenzvorschlag einer von den Beweisen dafür, dass 
England ein Interresse daran hatte, mis durch'die serbischen Wühlereien zu 
schwächen und in ewiger Unsicherheit zu erhalten, imsere bimdesgenössische 
Kraft für Deutschland zu entwerten mid Deutschland durch diplomatische 
Künsteleien zu täuschen mid die A brechnung mit Deutschland bis zum Ein- 
tritt der völligen Kriegsbereitschaft Russlands hinauszuschieben. Der Kon- 



ENGLISCHER PAZIFISMUS 203 

ferenzpolitiker Grey war kein Friedenspolitiker. Darum ist die Monarchie 
nicht auf seine Konferenz gegangen. Am Scheitern der Konferenzidee ist 
weder Oesterreich-Ungam noch Deutschland schuldig, sondern ein anderer : 
Sir Edward Grey. 

Diese Sätze des offiziösen Budapester Organs enthalten 
zunächst das ungeschminkte Bekenntnis, dass Deutschland und 
Oesterreich im Sommer 1914 nicht von ihren Gegnern überfallen 
worden sind, sondern einen sogenannten Präventivkrieg gegen 
zukünftigen Ueberfall vom Zaun gehrochen haben. Wenn Grey 
den « Zeitpunkt, der ihm für einen Schlag gegen Deutschland 
v/ohl geeigneter erschien » wählen, die « Abrechnung mit Deutsch- 
land bis zum Eintritt der völligen Kriegsbereitschaft Russlands 
hinausschieben » wollte, so ist damit gesagt, dass der englische 
Staatssekretär im Sonmier ig 14 jedenfalls den Krieg nicht gewollt 
hat. Damit ist der feindliche Ueberfall von der österreichisch- 
ungarischen Regierung selbst in offiziöser Form desavouiert. 

Wenn ferner in dem Artikel gesagt ist, dass die Monarchie 
die Konferenz deshalb abgelehnt hat, weil sie über ihre eigenen 
Lebensinteressen nach eigenem Ermessen entscheiden wollte, so 
ist .damit bewiesen, dass der von dem Grafen Berchtold vorge- 
brachte Ablehnungsgrund der « Verspätung », der « Ueberholung 
durch die Kriegserklärung an Serbien » eine Finte war. Das 
stimmt auch mit allen übrigen Tatsachen und Beweisen überein. 
Oesterreich wollte in der Tat — ebensowenig %\ie Deutschland — 
irgend eine Vermittlung in irgend einer Form in dem österrei- 
chisch-serbisch-russischen Streitfall annehmen ; es war ent- 
schlossen, weil es durch Deutscliland angestiftet und gedeckt 
war, den europäischen Krieg jeder Annahme einer Vermittlung 
vorzuziehen. Ueber die Wiener Schwankungen im letzten Mo- 
ment brauche ich an dieser Stelle nicht nochmals zu sprechen : 
sie waren, selbst wenn sie von ernstem Verständigungs\sillen 
diktiert gewesen wären, infolge der Intransigenz der Zentral- 
mächte in den ersten Stadien der Krisis, infolge der Verklau- 
sulierung der letzten Wiener Erklärungen und infolge des immer 
mehr zu Tage tretenden unbedingten Kriegswillens auf deutscher 
Seite nicht mehr geeignet, den Frieden zu erhalten. Die verbre- 
cherische Entschlossenheit, jede europäische Mediation — auch 
in der freundschaftlichen Form der blossen Raterteilung in Wien 
und Petersburg, wie sie Grey vorgeschlagen hatte, — abzu- 
lehnen, wird in der offiziösen Erklärung des Pester Lloyd mit 
dürren Worten zugegeben. Darin liegt eine neue Sclbstbclastung 
der österreichischen Regierung, zu den vielen anderen, die ich 
ihr bereits nachgewiesen habe. 



204 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Am gravierendsten aber ist folgender Satz aus dem Artikel 
des Pester Lloyd, den ich bezeichnenderweise nicht aus deutschen 
Blättern entnehmen kann, sondern aus der Htimanüe vom 5. Juni 
(Korrespondenz des Schweizer Mitarbeiters Homo) übersetzen 
muss. Dieser Satz ist der österreicliisch-ungarischen Regierung 
vermutlich selbst — nachträglich — so gravierend erschienen, 
dass das Wiener Korrespondenzbureau und Wolffs Telegraphen- 
bureau ganz unversehens « vergessen » haben, ihn der deutschen 
Presse mitzuteilen, ^— ein Grund mehr für mich, ihn hier fest- 
zunageln : 

Wemi Sir Edward Grey beurteilen will, bis zu welchem Grade unser 
Verlangen, den Konflikt mit Serbien auf eine Art zu lösen, die ein für alle- 
mal die von dieser Seite kommende verbrecherische Bedrohung des Friedens 
beseitigen sollte, tiefgehend und unwiderruflich war, so kann er sich hier- 
von Rechenschaft ablegen durch die Tatsache, die wir in aller Aufrichtig- 
keit konstatieren : »Selbst wenn die russische Regierung sich enthalten hätte, 
die Mobilisation durchzuführen, die sie heiiulich fortsetzte, trotz aller 
heuchlerischen Versprechungen und Versicherungen, ja selbst, wenn sie die 
begonnene Mobilisation unterbrochen hätte, so würde Oesterreich-Ungarn doch 
auf keine Konferenz gegangen sein, sondern würde darauf bestanden haben, 
seine Angelegenheit mit Serbien zu liquidieren, entsprechend den Bedürf- 
nissen seiner zukünftigen Sicherheit und ohne sich darin durch einen dritten 
behindern zu lassen. 

Das ist der bedeutungsvolle Passus in dem Artikel des Pester 
Lloyd vom 27. Mai, den ich weder in der Wiedergabe des Wiener 
Korrespondenzbureaus noch des Wolftschen Telegraphenbureaus 
gefunden, vielmehr — wie bereits bemerkt — aus der Humanite 
übersetzt habe. Deutlicher als es hier geschieht, kann allerdings 
der Zynismus nicht zutage treten, mit dem die Wiener Herren 
— unzweifelhaft angestiftet und unterstützt von Berlin — wegen 
ihrer Ranküne gegen Serbien, blind und taub gegen die unab- 
sehbaren Folgen, den europäischen Konflikt heraufbeschworen 
haben. Der Budapester Offiziöse macht absolut kein Hehl daraus : 

I. dass alle früheren und jetzigen Einwendungen (von 
Wien und Berlin) gegen den Greyschen Konferenz- Vor- 
schlag nur « Mumpitz » waren, dass man die Konferenz 
nicht wollte, einfach aus dem Grunde, weil — man sie 
eben nicht wollte. Das Einlenken Oesterreichs auf den 
Konferenz weg (Rotbuch Nr. 51, am 31. JuH) war also 
nur ein scheinbares, es war absichtlich in so unbestimmten 
Ausdrücken gehalten, mit so viel Klauseln und Vorbe- 
halten umhüllt, um die Konferenz unmöglich und jeden- 
falls residtatlos zu machen ; 



ENGLISCHER PAZIFISMUS 205 

2. dass die russische Mobilisierung für die Entschlies- 
sungen Oesterreich-Ungarns nach keiner Richtung hin 
in Betracht kam, dass vielmehr die österreichische Regie- 
rung niemals auf eine Konferenz gegangen wäre, selbst 
wenn Russland gar nicht mobilisiert oder die begonnene 
Mobilisation unterbrochen hätte. 

Dieser letztere Punkt steht in schreiendem, unlösbarem 
Widerspruch mit der oben erwähnten, jetzt zum ersten Male 
vorgebrachten Bethmannschen Begründung der Konferenzab- 
lehnung — der Begründung mit der russischen Mobilisierung. 
Herr von Bethmann sagt : Die russische Mobilisierung — die 
er plötzlich schon auf den 25. Juli datiert — machte uns die 
Annahme der Konferenz unmöglich. Herr von Burian sagt : 
Selbst wenn Russland niemals mobilisiert oder die Mobilisation 
unterbrochen hätte, wir wären doch nicht auf die Konferenz 
gegangen. Auch aus diesem unlösbaren Widerspruch — wie aus 
so vielen anderen Unstimmigkeiten und Selbstbezichtigungen 
der beiden Angeklagten — ergibt sich ihre Schuld und ihr 
Schuldbewusstsein. Erstaunlich bleibt es allerdings, wie die bei- 
den Komplicen selbst in einer genau vereinbarten Aktion — wie 
die vom Mai und Juni ig 16 — sich nicht in Uebereinstimmung 
zu setzen vermögen. Das ist nicht nur ein Beweis für die 
Schlechtigkeit ihrer Sache, sondern auch für die Minderwertig- 
keit ihrer Intelligenz. — 



Nach diesem interessanten Exkurs auf die Vorgänge von 
1914, kehren wir zu der bosnischen Krisis von igo8 jog zurück. 
Herr von Burian sucht — offensichtlich auf Grund eines mit 
Berlin vereinbarten Operationsplanes — die Bethmannsche 
Behauptung, England sei über die friedliche lyösung der dama- 
ligen Krisis « enttäuscht » gewesen und habe seinerseits die 
Zuspitzung des Konfliktes erstrebt, durch einige . Berichte öster- 
reichischer Botschafter aus Paris und Petersburg (vom No- 
vember 1908 und März 1909) zu unterstützen. Diese österrei- 
chischen Botschafterberichte sprechen von bösen kriegshetze- 
rischen Ratschlägen, die die englische Regierung damals — Ende 
1908 — den französischen Machthabern erteilt habe ; sie heben 
weiter die Unterstützung hervor, die Nicolson in Petersburg der 
« Bluffpolitik Iswolskys » habe zuteil werden lassen, können aber 
trotzdem die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, dass Iswolsky, 
ohne Erhörung seines britischen Ratgebers, seinen Herrscher 



206 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

veranlasste, die « adhesion sans reserve » zur Streichung des Arti- 
kels 25 des Berliner Vertrages auszusprechen, ■ — dank der festen 
Haltung Oesterreich-Ungarns und Deutschlands, der gegenüber 
den anderen « der Mut schwand, es zum Bruche kommen zu las- 
sen. » Nach erfolgter Beilegung des Konflikts sei dann allerdings 
der böse Nicolas (pardon : Nicolson) bestrebt gewesen, den ver- 
flossenen Streitfall für seine Zwecke auszunützen : 

Sir Arthur Nicolson sowie sein amtlicher und nicht amtlicher Staat (!) 
lassen jetzt die Gefühlssaiten ertönen imd trachten dadm-ch, den Riss zu 
erweitern, den die im nahen Osten sich vollziehende Entwicklung der Dinge 
zwischen den Zentralmächten und Russland verursacht hat. 

Das ist alles, was die Wiener Regierung zu dem bereits oben 
wiedergegebenen Sündenregister der Berliner Regierung zu Ivasten 
Englands beiträgt. Im ganzen vier Botschafterberichte : zwei vom 
Grafen Pourtales, einer von dem Pariser, einer von dem Peters- 
burger Botschafter Oesterreich-Ungarns. Die Berichte des Grafen 
Pourtales sollen angeblich, so wie sie die Norddeutsche Allgemeine 
Zeitung publiziert, vollständig sein. Die Berichte der öster- 
reichischen Botschafter dagegen habe ich in der deutschen 
Presse — nach der Wiedergabe durch das Wiener Korrespondenz- 
Bureau — nur bruchstückweise vorgefunden. 

* * 

Was erwidert nun die englische Regierung auf die Bezichtigung, 
sie habe 1908/09 nicht die friedliche lyösung, sondern den Kon- 
flikt erstrebt ? Das englische Auswärtige Amt bestreitet in 
einer amtlichen, am 29. Mai durch Reuter publizierten Erklä- 
rung alle gegen die englische Regierung erhobenen Vorwürfe : 
Sir Arthur Nicolson erklärt die Mitteilungen über seine Tafel- 
gespräche für « Klatsch » und für « Unwahrheiten ». Das englische 
Auswärtige Amt publiziert einen Bericht Nicolsons an Grey vom 
9. März 1909, in dem der engHsche Botschafter die schon damals 
entstandenen Gerüchte, er habe Iswolsky zu einer anti-deutschen 
und anti-österreichischen Stellungnahme aufgefordert, für voll- 
ständig unwahr erklärt : « Ich habe bei ihm niemals auf irgend- 
eine Richtung hingedrängt, die die Kluft zwischen ihm und W^ien 
vergrössern könnte. » 

Mit derselben Entschiedenheit bestreitet Grey, auch nur im ent- 
ferntesten einen Krieg Englands an der Seite Russlands in Aus- 
sicht gestellt zu haben. Im Gegenteil, in einer am 27. Februar 1909 



ENGI^ISCHER PAZIFISMUS 207 

an Nicolson gesandten Uebersicht (review) erklärt der leitende 
englische Minister ausdrücklich, dass er Herrn Iswolsky bei einer 
Zusammenkunft im Oktober 1908 deutlich zu verstehen gegeben 
habe : England würde Russland 

unterstützen, dasjenige zu erhalten, was mit diplomatischer Unterstützung 
zu erhalten ist, aber dass wir (England) es nicht auf einen Krieg ankommen las- 
sen werden. Wir sind der Auffassung, dass es ausserhalb jeden Verhältnisses 
zu den Interessen, die auf dem Spiele stehen, sein würde, wegen der territo- 
rialen Ansprüche Serbiens einen Krieg zu wagen, bei dem schHesslich der 
grösste Teil des Kontinents mit hineingezogen werden könnte. 

Dies der Tatbestand : Anklage der Zentralmächte gegen 
England und Verteidigung Englands. Für jeden Unbefangenen 
muss sich aus diesen Schriftstücken der Eindruck ergeben, dass 
die deutschen und österreichischen Staatsmänner mit Klatsch 
und Hintertreppengeschichten, mit Dinergesprächen in Gegen- 
wart von Damen, mit potins und commerages aus dem Jacht- 
klub etc. operieren, während die englische Regierung Dokumente 
vorbringt, positive Erklärungen Nicolsons, positive Anwei- 
sungen Greys — beide aus der damaligen Zeit stammend, also 
nicht ad hoc fabriziert, — die die angebliche englische Kriegs- 
hetze in Paris und Petersburg glatt aus der Welt schaffen. Man 
vergleiche die nüchtern-sachlichen Erklärungen der englischen 
Diplomaten mit den altweiberartigen Klatschbasengeschichten, 
wie sie Graf Pourtales dem P'ürsten von Bülow auitischt, — lauter 
Erzählungen aus dritter Hand, vom Hörensagen — und dann 
urteile man, ob ein leitender deutscher Staatsmann heute das 
Recht hat, aus jenen — acht Jahre zurückliegenden — Peters- 
burger Salon- Vorgängen die Folgerung herziüeiten, England sei 
stets für die Zuspitzung der europäischen Konflikte, niemals für 
ihre Applanierung eingetreten, sodass man auch im Sommer 1914 
nicht an einen ernsten Friedenswillen Englands hätte glauben 
können. Diese Schlussfolgerung w^äre selbst dann unerhört, 
wenn sie sich auf ernstere und besser erwiesene Tatsachen stützen 
könnte, als die von den Herren Bethmann und Burian vorge- 
brachten ; sie wird schon allein durch das Verhalten Englands 
auf der Londoner Balkan- Konferenz widerlegt — ein, nach dem 
ausdrücknchen Zugeständnis Burians, unbedingt friedensför- 
derndes Verhalten, über das Herr von Bethmann gerade des- 
wegen mit Stillschweigen hinweggeht. Ich habe schon oben 
hervorgehoben, dass die ganze Diskussion von dem \'erhalten 
Englands auf der Balkan- Konferenz ausging, und dass Herr 
von Bethmann, da er gegen dieses Verhalten, angesichts der 



208 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

geschichtlichen Tatsachen und der ausdrückHchen Anerkennung 
aus dem Munde seiner Staatssekretäre Kiderlen und Jagow, nichts 
vorbringen konnte, unversehens das Thema verschiebt und an 
Stelle der Balkan- Konferenz die bosnische Krisis setzt. Zu seinem 
Unglück ergibt auch diese Krisis nur ein absolut negatives 
Resultat für seine Anklage-These. 

Wie aber kann es gerade Herr von Bethmann mit seinem 
Gewissen verantworten, überhaupt aus diesen längst vergan- 
genen Vorgängen Schlüsse auf den bösen Willen Englands zu 
ziehen, — gerade Herr von Bethmann, der die unausgesetzten 
Friedensbemühungen Gre3's Knde Juli 19 14 an vielen Stellen 
seines Weissbuchs, ja sogar in seiner Kriegserklärung an Russland, 
gewissenhaft registriert und lobend hervorgehoben hat ? Ich 
habe im Buche J'accuse (Seite 203) all diese lobenden Zeugnisse 
des deutschen Reichskanzlers für den englischen Staatssekretär 
zusammengestellt. Was soll es dem gegenüber heissen und 
beweisen, wenn Herr von Bethmann jetzt alte Akten ausgräbt 
und uns glauben machen will, dass England 1909 « in Petersburg 
sein Missvergnügen mit der friedlichen Lösung der damaligen 
Krisis » zum Ausdruck gebracht habe ? Dieses, in dem Labora- 
torium des Herrn Schiemann zusammengebraute «Missvergnü- 
gen » verdampft beim ersten Luftzug quellenmässiger Unter- 
suchung. Aber selbst wenn der damalige Winter 1908 /09 für die 
englische Regierung ein « Winter des Missvergnügens » gewesen 
wäre, so wäre diese Seelenstimmung durchaus erklärlich gewesen : 
denn es war in der Tat für die anderen europäischen Mächte 
gerade -keine Freude, bei allen österreichischen Gewalttaten und 
Gewaltforderungen stets die gepanzerte Faust des deutschen 
Kaisers hinter dem Bundesgenossen erhoben zu sehen. 

In jedem Falle beweist das damalige Missvergnügen nicht 
das geringste für die heutige Schuldfrage : denn England hatte 
vier Jahre nach der bosnischen Krisis bei der Balkan- Konferenz 
— nach eigenem deutschen Anerkenntnis — in ehrlichster und 
erfolgreichster Weise mit Deutschland zusammen für den Frieden 
gearbeitet. Auf diese Friedenstätigkeit beruft sich Sir Edward 
Grey und meint mit Recht, dass sie eine gute Prognose für den 
Erfolg der Konferenz von 1914 hätte abgeben sollen. Das ist 
das Thema, um das sich die Diskussion dreht. Es wird dem deut- 
schen Reichskanzler nicht gelingen, uns durch seine « ollen Ka- 
mellen » von 1908 von diesem Thema abzulenken und jetzt — 
im Sommer 19 16 — den ernsten Friedenswillen Englands zu 
verdächtigen, dem er selbst im Sommer 1914 — in seinem Weiss- 
buch — ein ebenso glänzendes Zeugnis ausgestellt hat, wie dies 
seine Staatssekretäre in den Jahren 1912 und 1913 getan haben. 



ENGLISCHER PAZIFISMUS 209 

Eine Fälschung der N o r d- 
deutschen Allgemeinen Zeitung. 

Damit wären auch die neuesten Einwürfe gegen die Greysche 
Konferenz zurückgeschlagen. Ich muss indessen noch mit einigen 
Worten auf einen Schluss- Artikel der Norddeiitschen Allgemeinen 
Zeitung vom 4. Juni eingehen, der, soviel mir bekannt, die letzte 
Erklärung der deutschen Regierung in dieser Streitfrage dar- 
stellt. Das offiziöse Organ sucht die Pourtalesschen Berichte 
selbstverständlich gegen die englischen Dementis zu verteidigen 
und kommt bei dieser Gelegenheit auf eine Erklärung zu sprechen, 
die Grey in seiner bekannten Unterhaus- Rede vom 3. August 19 14 
über die Stellungnahme Englands der französischen Republik 
gegenüber, während der Marokko-Krisis von 1906, abgegeben 
hat. Grey zieht die damalige Eventualität eines Kriegsausbruches 
zwischen Deutschland und Frankreich in Betracht und stellt 
seine damalige Haltung folgendermassen fest : 

Ich sagte damals, ich könne nichts irgend einer fremden Macht verspre- 
chen, ohne dass dies nachträglich, wenn die Gelegenheit einträte, die volle 
Unterstützung der öffentlichen Meinvmg fände. Ich sprach meine Meinung 
dahin aus : wenn Frankreich damals wegen der Marokkofrage ein Krieg 
aufgezwimgen worden wäre, — wegen einer Frage, die gerade der Gegenstand 
einer Vereinbarung, und zwar einer auf beiden Seiten ausserordentlich popu- 
lären Vereinbarung zwischen unserem Lande und Frankreich geworden war, — 
wenn auf der Grundlage dieser Vereinbarimg Frankreicli damals ein Krieg 
aufgezwungen w^orden wäre, so würde nach meiner i\jisicht die öffentliche 
Meinimg in imserem Lande einer materiellen Unterstützxmg Frankreichs 
zugestimmt haben. 

I Said then that I could promise nothing to any foreign Power imless it 
was subsequently to receive the whole-hearted support of public opinion 
here if the occasion arose. I said, in my opinion, if war was forced upon 
France then on the question of Morocco — a question which had just been 
the subject of agreement between this countr>' and France, an agreement 
exceedingly populär on both sides — that if out of that agreement war was 
forced on France at that time, in my view public opinion in this comitry 
would have rallied to the material support of France (Blaubuch S. 90) . 

Diese Aeusserung Grej^s zitiert die Norddeutsche Allgemeine 
Zeitung, um ihr die Bemerkung folgen zu lassen: « Diese Erklärung 
stimmt derartig mit Pourtales' Bericht über Greys Aeusserung 
überein, dass deren Authentizität unbezweifelbar ist. » Also 
v.^ohlverstanden : Grey soll bei der bosnischen Krisis Russland 
seinen militärischen Beistand zugesagt haben. Grey bestreitet 
dies unter Vorlegimg von Urkunden mit aller Entschiedenheit. 
Nun aber soll die Wahrscheinlichkeit der deutschen Bezichtigung 
durch eine Erklärung Greys bewiesen werden, die er bei dem 

Das Verbrechen U I4 



210 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Marokko- Konflikt igo6 nach eigenem Geständnis der franzö- 
sischen Regierung abgegeben habe. Das alles wäre ganz gut und 
schön und sehr schlau ausgedacht, wenn die Sache nicht einen 
Haken hätte. Der Haken ist : die Erklärung Greys, wie sie die 
« Norddeutsche Allgemeine Zeitung » wiedergibt, ist gefälscht, 
gefälscht gerade in dem entscheidenden Punkte, auf den es 
ankommt. Man hat nämlich — nicht mehr und nicht weniger — 
den oben zitierten Zwischensatz weggelassen : « wegen einer 
Frage, die gerade der Gegenstand einer Vereinbarung, und zwar 
einer auf beiden Seiten ausserordentlich populären Vereinbarung, 
zwischen unserem Lande und Frankreich geworden war. » Auf 
diesen Zwischensatz kommt es an. Das ist der springende Punkt 
der Greyschen Erklärung. Man entsinnt sich, dass Grey während 
der kritischen Tage von 19 14 bei all seinen Unterhaltungen mit 
den Botschaftern der Ententemächte stets den Unterschied 
zwischen dem früheren deutsch-französischen Marokkokonflikt 
und der jetzigen österreichisch-serbisch-russischen Streitfrage 
hervorgehoben hat. Stets betonte der englische Minister : Da- 
mals lagen die Dinge ganz anders, damals handelte es sich um 
einen Konflikt, der Frankreich unmittelbar betraf, um einen 
Konflikt wegen Marokkos, das wir durch den Vertrag von 1904 
der französischen Republik als Interessen-Gebiet eingeräumt 
und garantiert hatten. Damals waren wir verpflichtet, Frank- 
reich schlimmstenfalls sogar mit Waffengewalt in der Wahrung 
seiner Marokko-Interessen zu unterstützen. Das war damals. 
Heute aber handelt es sich um einen Streit, an dem Frankreich 
zunächst gar nicht interessiert ist, um einen Streit wegen der 
Balkan- Rivalität zwischen Russland und Oesterreich, in den 
Frankreich nur eventuell als Bundesgenosse Russlands ver- 
wickelt werden kann. In diesem Streite fühlt England zunächst 
keine Veranlassung, Partei zu nehmen, geschweige denn Frank- 
reich seinen militärischen Beistand zu leihen ; England ist frei 
von jeder Verpflichtung und wird sich bei seinen Entschliessungen 
nur von englischen Interessen leiten lassen. Diese Stellungnahme 
Greys habe ich an den verschiedensten Stellen meines ersten 
und dieses zweiten Buches beleuchtet und viele Belege dafür 
angeführt. (Siehe u. a. J'accuse, S. 207 flgd.. Das Verbrechen, 
Band I Kapitel II, Blaubuch Nr. 87, 116, 119.) 

Derselbe Gegensatz zwischen der Marokko frage und der Bal- 
kanfrage, der in den Konflikten von 1906 und 1914 zu Tage trat, 
gilt natürlich auch für die Konflikte von 1906 und 1908. 1906 
war ein Marokko-Konflikt, 1908 ein Balkan-Konflikt. Es ist 
daher eine bewusste Fälschung, wenn man aus dem Verhalten 
Greys im Jahre 1906 Sclüussfolgerungen auf sein Verhalten im 



ENGIvISCHER PAZIFISMUS 211 

Jahre 1908 zu ziehen versucht, wie dies das offiziöse Organ 
des Herrn von Bethmann unternimmt. Diesen Versuch konnte 
man nur wagen — unkritischen Lesern gegenüber — , indem 
man den obigen entscheidenden Zwischensatz, der auf die beson- 
deren Eigentümlichkeiten gerade des Marokkofalles bestimmt hin- 
weist, unterschlug, und so eine Gleichstellung von Marokko- Konflikt 
und Balkan- Konflikt vorspiegelte, die Grey in allen seinen Aeusse- 
rungen ausdrücklich zurückgewiesen hat. Biese — unzweifelhaft be- 
wusste und absichtliche — Unterschlagung ist nunmehr festgena- 
gelt. Damit ist der angebliche Wahrscheinlichkeitsbeweis für die 
Behauptung, Grey habe 1908 dem Zarenreiche seine militärische 
Unterstützung zugesagt, ins Wasser gefallen. Ja es ist sogar der 
Gegenbeweis erbracht und die Behauptung Greys, dass er Russ- 
land 1908/09 nur seine diplomatische Unterstützung zugesagt 
habe, gerade durch das Zitat Bethmanns, das heisst durch das 
vollständige, nicht zerstückelte Zitat, voll bestätigt. Greys Ver- 
halten erscheint auf Grund des unverfälschten Tatbestandes 
durchaus konsequent, von 1906 bis 1914 : 1906 Marokko-Kon- 
flikt — also eventuelle militärische Unterstützung Frankreichs 
wegen der Vertragsverpflichtung von 1904 ; 1908 und 1914 
Balkan-Konflikt — also nur diplomatische Unterstützung Russ- 
lands und Frankreichs, Vorbehalt voller Handlungsfreiheit für 
England, eventuelles Eingreifen nur nach Massgabe der engli- 
schen Interessen. 



Auch Fürst Bülow in seinem neuesten Buch : « Deutsche 
Politik » (S. 34) hebt ausdrücklich hervor, dass « England vom 
Krimkrieg bis zum Ausbruch des Weltkrieges kein Bündnis mit 
festländischen Mächten geschlossen » hat, und fügt — unter 
Bezugnahme auf Greys Unterhaus- Rede vom 3. August 1914 
(die er irrtümlich auf den 4. August verlegt) — hinzu : 

Noch am Vorabend des Weltkrieges erklärten die englischen Minister, 
England dürfe seine Stellung nicht von Allianzen abhängig machen, die ihm 
feste Verpfhchtimgen auferlegten.... Die Rede, mit der der englische Minister 
den Krieg einläutete, ist hauptsächlich dem Nachweis gewidmet, dass 
England sich bis zuletzt freie Hand gewahrt habe. So sorgsam und überlegt 
sicherte sich die englische PoUtik bis zum letzten Moment selbst Frankreich 
gegenüber die Möglichkeit, nach ihrem Ermessen imd je nach der Lage aus 
dem bisherigen Fremidschaftsverhältnis die letzten Konsequenzen zu ziehen 
oder nicht.... 

Bülow belegt dieses System englischer Nichtbindung, beson- 
ders in militärischer Beziehung, gerade nüt dem Verhalten Sir 
Edward Greys während der Balkankrisis 1908/09 : er zitiert 



212 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Greys Worte aus der obengenannten Unterhaus- Rede, wonach 
der englische Minister schon damals Iswolsky gegenüber genau 
denselben Standpunkt in Balkan-Angelegenheiten eingenommen 
hat, den er bis zum Ausbruch des deutsch-russischen Krieges 
am I. August 1914 auch der letzten Balkankrise gegenüber fest- 
hielt : diplomatische Unterstützung der Ententemächte — ja ; 
militärische Unterstützung — unbedingt nein, weil die öffentliche 
Meinung Englands einen Krieg Grossbritanniens wegen blosser 
Balkan-Interessen nie gebilligt haben würde. 

Durch dieses klassische Zeugnis seines Amtsvorgängers ist 
wieder einmal — wie durch alle anderen erwiesenen Umstände — 
die Behauptung des Herrn von Bethmann, Grey habe schon 
damals (1908-1909) eine «militaristische», auf Krieg drängende 
Politik betrieben, in bündigster Weise widerlegt. Gleichzeitig ist 
aber in obigen Sätzen des früheren Reichskanzlers auch die Bestä- 
tigung der Interpretation enthalten, die jeder unparteiische Beur- 
teiler der Grey-Cambonschen Korrespondenz vom November igi2 
geben musste : dass nämlich auch die Beratungen militärischer 
Sachverständiger von französischer und englischer Seite an dem 
Grundprinzip der englischen Politik, sich vollständig freie Hand 
bei irgend welchen europäischen Konflikten vorzubehalten, nichts 
ändern sollten. Diese Bestätigung aus so autoritativem Munde ist 
von grosser Bedeutung : nimmt sie doch der deutschen Verteidi- 
gungsliteratur, die in der Korrespondenz von 191 2 übereinstim- 
mend einen Beweis des englisch-französisch-russischen Angriffs- 
komplotts sehen will, den Wind aus den Segeln. Auch Herr Helf- 
ferich widmet dieser Korrespondenz nicht weniger als drei Seiten 
und zieht aus ihr die Konsequenz, «dass die britischen und franzö- 
sischen General- und Admiralstäbe seit Jahren Pläne für eine 
gemeinschaftliche Aktion zu Wasser und zu Lande ausgearbeitet 
und vereinbart hatten. Gegen wen sich diese gemeinschaftlichen 
Pläne allein richten konnten, ist nicht zweifelhaft. » ^ Herr Helf- 
ferich macht, wie man sieht, aus den militärischen Beratungen 
ganz unversehens die Absicht einer eventuellen Offensivaktion, 
während Grey in Wirklichkeit — nach Sinn und Wortlaut seines 
Briefes vom 22. November 1912 — nicht einmal eine Defensivhülfe 
gegenüber dem unprovozierten Angriff seitens einer dritten Macht 
zugesagt, sondern selbst in diesem Falle sich seine Entschliessungs- 
freiheit vorbehalten hat : 

It has always been imderstood that such consultation does not restrict 
the freedom of either Government to decide at any future time whether or 
not to assist the other by armed force. We have agreed that consultation 

• Ilelflerich : Die Entstehung des Weltkrieges, S. 25. 



ENGLISCHER PAZIFISMUS 213 

between experts is not, and ought not, to be regarded as an engagement 
that commits either Government to action in a contingency that has not yet 
arisen and may never arise. (Blaubuch S. 90.) 

Hier ist aufs deutlichste gesagt, dass die Konsultation der 
Sachverständigen die beiden Regierungen nicht zu irgend einer 
« Aktion » in irgend einem Falle verpflichten sollte. Trotzdem 
spricht Herr Helfferich — sogar unter Anwendung desselben 
Wortes — von einer « gemeinschaftlichen Aktion zu Wasser und 
zu Lande ». Hält der kluge deutsche Staatssekretär den ebenso 
klugen englischen Staatssekretär wirklich für so töricht, dass 
letzterer seinen parlamentarischen Kollegen ein Schriftstück zum 
Beweise seiner Ni chtbindung wortwörtlich mitteilen würde, das 
tatsächlich eine Bindung enthält ? Schon diese Mitteilung in jener 
kritischen Stunde des 3. August und der gleichzeitige Hinweis 
Greys, dass zum ersten Mal am Tage vorher (am 2. August, 
Blaubuch Nr. 148) eine gewisse bedingte und beschränkte Ver- 
pflichtung seitens Grossbritanniens eingegangen worden sei, — 
schon diese Umstände allein beweisen die Unrichtigkeit und Will- 
kürlichkeit der ausdehnenden Interpretation Helfferichs und seiner 
Gesinnungsgenossen. Die Darstellung Bülows gibt der Helfferich- 
schen These den Rest. England hatte sich — nach Bülow — « his 
zuletzt freie Hand gewahrt ». England war also nicht gebunden zu 
irgend einem militärischen Beistand, weder 1914 noch 1912 noch 
1908; es hat keine Kriegs-, sondern eine Friedenspolitik getrieben. 

Der Kanzler mit 
der eisernen Stirn. 

Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung wagt es, ihren Fälscher- 
Artikel mit einer bombastischen Apostrophe an den englischen 
Minister zu schHessen, seine « vom Reichskanzler nachgewiesene 
militaristische Politik... in der ganzen gegen Deutschland gerich- 
teten Entente-Politik während seiner zehnjährigen Führung des 
Auswärtigen Amtes » zu brandmarken und ihm das Stigma anzu- 
heften : 

« So bleibt Grey in der Geschichte einer der Hauptschul- 
digen des Weltkrieges. Keine Beteuerungen seiner Friedens- 
liebe und seiner guten Absichten befreien ihn davon. » 

Das wagt der Mann durch seine Offiziösen schreiben zu lassen, 
der die Greysche Friedenstätigkeit während der Londoner Bot- 
schafter-Konferenz als verantwortlicher Leiter der deutschen 
Politik miterlebt, dessen Staatssekretär Jagow die damalige, in 



214 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

vollkommenem Einverständnis und gegenseitigem Vertrauen 
durchgeführte deutsch-englische Friedenstätigkeit in geradezu 
herzlichen Worten hervorgehoben hat, der die wiederholten Ver- 
ständigungsversuche Englands auf politischem und maritimem 
Gebiete entgegengenommen, der die verzweifelten Anstrengungen 
des englischen Ministers im Sommer 1914, den europäischen 
Frieden zu erhalten, mitangesehen und in seinen eigenen amt- 
lichen Publikationen anerkannt hat. Dieser Mann wagt es, den 
englischen Friedensfreund militaristischer Politik zu bezichtigen, 
ihn als einen der Hauptschuldigen des Weltkrieges hinzustellen. 

Dazu gehört wahrlich eine eiserne Stirn. 

Ich möchte, da wir doch nächstens besorgt sein müssen, den 
Hauptakteuren in diesem Weltdrama historische Bezeichnungen 
anzuhängen — den « Sieger von Longwy », den « Eroberer von 
Warschau » haben wir ja bereits, — ich möchte für den Reichs- 
kanzler, Herrn von Bethmann Hollweg — nach dem Muster des 
Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand — den Ehrentitel 
vorschlagen : Der Kanzler mit der eisernen Stirn. 




V. 



Die deutsch-englischen 

Verständigungs -Verhandlungen 

(1909-1912) 



Aus dem vorhergehenden Kapitel haben wir die HinfälHgkeit 
des Vorwurfs ersehen, dass England bei den europäischen Kon- 
flikten der letzten Geschichtsperiode vor dem Kriege nicht ernst- 
lich für den Frieden gearbeitet habe. 

Bin ähnlicher Vorwurf ist neuerdings von deutscher Seite 
mit Bezug auf die direkten deutsch- englischen Verständigungs- 
verhandlungen erhoben worden, die in den Jahren 1909-1912 statt- 
gefunden und — wie bekannt — • mit einem Misserfolg geendet 
haben. Ich habe dieses Thema bereits ausführlich im Buche 
J'accuse (Seite 82-90) behandelt, muss aber hier nochmals 
darauf eingehen, da inzwischen neue Tatsachen in die Oeffentlich- 
keit gedrungen sind, die eine erneute Behandlung erfordern. 

Ich kann wohl das Verdienst für mich in Anspruch nehmen, 
als erster in der ganzen deutschen Kriegsliteratur die deutsch- 
englischen Verhandlungen von 1909-1912 in ihrer wahren Be- 
deutung für die Beantwortung der Schuldfrage hervorgehoben 
und einer kritischen Prüfung unterzogen zu haben. Während der 
englische Premierminister Asquith bereits in seiner Cardiff-Rede 
vom 2. Oktober 19 14 diese Verhandlungen berührt und Sir 
Edward Cook in seiner Schrift How Britain strove for peace ^ 
sie ausführlich behandelt hatte, schwieg man sich in Deutsch- 
land geflissentlich darüber aus. In keiner Rede des Reichs- 
kanzlers, in keiner offiziellen oder offiziösen Rechtfertiguugs- 
schrift war von den englisch-deutschen Verhandlungen die Rede — 

* lyondon, 191 4, Macmillau & C°. 



2l6 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

einfach deswegen, weil sie eben nicht zur Rechtfertigung, sondern 
nur zur Verurteilung Deutschlands dienen konnten. Erst die 
aktenmässige Behandlung des Themas in meinem Buche hat das 
Schvveigen im deutschen Blätterwalde gebrochen, hat zu einer 
lebhaften Kampagne in der offiziellen und offiziösen Presse 
diesseits und jenseits des Kanals und zu wiederholten amtlichen 
Aeusserungen der leitenden Minister geführt. Herr von Bethmann 
Hollweg sowohl wie Sir Edward Grey, das deutsche und das engli- 
sche Auswärtige Amt durch den Mund ihrer Telegraphenbureaus 
und ihrer Presse haben das Thema ausführlich erörtert und die 
— in Deutschland bis dahin ganz unwissende — Oeffentlichkeit 
über diesen wichtigen Teil der Vorgeschichte des Krieges aufge- 
klärt. Auch Herr Schiemann kann nicht umhin, der deutsch- 
englischen Verhandlungen in seiner Verleumderschrift Erwähnung 
zu tun, indem er den Ankläger einlädt, die Ausführungen hierüber 
in der Verständigungsschrift nachzulesen ^. Ich habe dieser Ein- 
ladung Folge geleistet, aber ohne den entsprechenden Nutzen 
daraus zu ziehen. Die Ausführungen Schiemanns über die lang- 
jährigen Verständigungsverhandlungen sind ebenso oberfläclilich 
als tendenziös zurechtgestutzt, zu dem Zwecke, aus der Wahrheit, 
dass England in jahrelangen vergeblichen Bemühungen eine poli- 
tische und Rüstungsverständigung mit Deutschland suchte, die 
Unwahrheit zu machen, die das Thema der Schiemannschen 
Broschüre bildet : « Wie England eine Verständigung mit Deutsch- 
land verhinderte. » 

Gang der Verhandlungen. 

Den ersten Teil der Verhandlungen — beginnend mit der Ueber- 
nahme des Reichskanzleramts seitens des Herrn von Bethmann 
Hollweg (Sommer 1909) bis zur Haidaneschen Mission (Februar 
1912) — habe ich in meinem Buche (Seite 78-84) ausführlich dar- 
gestellt und habe dem dort Gesagten kaum etwas liinzuzufügen. 
Der Zweck der Verhandlungen war die beiderseitige verhältnis- 
mässige Begrenzung der Seerüstungen, die Voraussetzung dieser 
Begrenzung ein politisches A bkommen, welches einen Krieg zwischen 
beiden Ländern nach Möglichkeit ausschliessen sollte und somit 
die gegenseitigen Rüstungen als zwecklos erscheinen Hess. Da 
England schon unter dem unionistischen Ministerium und in noch 
viel stärkerem Masse unter dem liberalen, Campbell -Bannerman 
und Asquith, stets die Initiative zu einer vertragsmässigen Be- 
schränkung des englischen und des deutschen Flottenbaues 

* Schiemann : Wie England eine Verständigung mit Deutschland verhinderte. 
S. 20-25. (Berlin, Georg Reimer, 1915.) 



DEUTSCH-ENGLISCHE VERSTÄNDIGUNG 21/ 

ergriffen hatte, aber stets an dem Widerstände aller massgebenden 
Stellen in Deutschland gescheitert war (man muss dem Fürsten 
Bülow ein grosses Mass der Verantwortung für den wachsenden 
maritimen Wetteifer zuschieben), so kam es nach dem Wechsel 
in der Person des Reichskanzlers \"or allem darauf an, zu welchen 
Konzessionen Deutschland bezüglich einer Beschränkung seines 
Flottenbaues bereit sein würde. 

Diese Konzessionen waren nun leider minimaler Natur : es 
steht nach dem bisher öffentlich bekannt gewordenen Material 
fest, dass Deutschland niemals bereit war, sein gesetzlich fest- 
gelegtes, bekanntlich in kurzen Etappen beständig erhöhtes 
Flottenprogramm durch Vereinbarung mit England herabzu- 
setzen oder auch nur das Versprechen eines Stillstandes, also einer 
nicht weiteren Erhöhung der Flottenmacht, abzugeben. Das v^ird 
in der vSchrift von Cook, die nach amtlichen englischen Materialien 
verfasst ist, mit voller Bestimmtheit behauptet und nachgewiesen 
und ist in keiner der deutschen offiziellen oder offiziösen Aeusse- 
rungen, auch nicht in der Rede des Reichskanzlers vom 19. August 
191 5, geleugnet worden. Das einzige, was Deutscliland als Gegen- 
leistung gegen eine englische Neutralitätsverpflichtung anbot, war 
eine Verzögerung in dem Bau neuer Schiffe, das heisst eine zeit- 
weilige Verlangsamung in der Herstellung, die aber durch eine 
spätere Beschleunigung ausgeglichen werden sollte, sodass die 
Gesamtzahl der im Rahmen des Flottengesetzes herzustellenden 
Schiffe und auch die Gesamtdauer der Herstellung dieselbe blieb. 
Asquith resümierte in seiner Parlamentsrede vom Juli 191 den 
damaligen Stand der Verhandlungen dahin, dass die deutsche 
Regierung ohne einen Beschluss des Reichstags ihr Flottengesetz 
nicht abändern oder widerrufen könne, und dass ein Vorschlag, 
das Flottenprogramm einzuschränken, nach der Behauptung der 
deutschen Regierung die öffentliche Meinung Deutschlands gegen 
sich haben würde. Die Erwiderung des Herrn von Bethmann 
Hollweg auf die Asquithsche Rede (Dezember 1910) bestätigte 
durchaus deren Inhalt : die deutsche Regierung könne den Bau 
ihrer Flotte nicht beschränken, sie könne höchstens in eine Be- 
sprechung bezüglich einer zeitweiligen Verzögerung des Baues 
eintreten. 

Auch diese absolut ungenügende Zusage einer Verzögerung im 
Flottenbau, die doch keinerlei Verminderung der beiderseitigen 
enormen Rüstungslasten und keinerlei Sicherheit gegen spätere 
Erhöhung des Flottenstandes bot, wurde später (im Mai 1911) 
wieder zurückgezogen, aus dem nichtigen Grunde, dass man die 
Schiffsbauindustrie, die sich bereits auf eine bestimmte Reihen- 
folge von Regierungsbestellungen eingerichtet habe, nicht durch 



2l8 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Zurücknahme oder Verzögerung dieser Bestellungen in Schwierig- 
keiten bringen könne. Kaiser Wilhelm erklärte damals dem bri- 
tischen Botschafter, er würde in keinem Falle seine Zustimmung 
zu einem Vertrage gehen, durch den Deutschland verpflichtet würde, 
sein Flottenpro gramm nicht steigern zu dürfen ^. Die deutsche 
Regierung erklärte im Frühjahr 1911 der englischen zwar ihre 
Bereitwilligkeit, Vorschläge zur beiderseitigen Herabminderung 
der Rüstungsausgaben zu prüfen, machte aber die ausdrückliche 
Reserve, dass diese Vorschläge kein Abweichen von den Erforder- 
nissen des Flottengesetzes in sich schliessen dürften. 

Das Anerbieten einer Verzögerung im Flottenbau war, wie 
bemerkt, ebenfalls zurückgezogen worden. Es blieb also in diesem 
Augenblick, im Frühjahr 191 1, von dem Verhandlungsthema, das 
den nächstliegenden praktischen Zweck der englisch-deutschen 
Besprechungen bildete, von dem Rüstungsproblem überhaupt 
nichts übrig. Kein Stillstand, geschweige denn eine Herabsetzung 
des deutschen Flottenprogramms, nicht einmal eine Verzögerung 
in seiner Ausführung ! Dass unter diesen Umständen auch die 
Bestrebungen nach einer allgemeinen politischen Verständigung 
gegenstandslos waren, ist selbstverständlich. Der nächste prak- 
tische Zweck der Verhandlungen, den die englische Regierung seit 
Jahren verfolgte, war der, beiden lyändern Erleichterung von den 
ruinösen Rüstungslasten zu verschaffen. Die politische Verstän- 
digung war die natürliche Voraussetzung für die Erreichung dieses 
Zweckes. In dem Augenblick, wo durch Deutschlands Widerstand 
der von England erstrebte, aber gleichermassen im Interesse 
Deutschlands liegende Zweck unerreichbar wurde, schwebte auch 
die politische Voraussetzung des Rüstungsabkommens in der Luft. 
Es wäre in der Tat ein Wahnsinn oder eine Lächerlichkeit gewesen 
— wie Haidane bei seinem späteren Besuch in Berlin mit Recht 
hervorhob — , eine vertragsmässige Friedensgarantie zwischen 
beiden Ländern herzustellen und gleichzeitig den Rüstungskampf 
mit ungeschwächten Kräften fortzusetzen, als wenn der Krieg 
jeden Augenblick vor der Tür stände. 

Das ablehnende, allerdings von mancherlei Schwankungen 
unterbrochene Verhalten Deutschlands in der Rüstungsfrage ist 
nicht bloss durch englische Quellen bestätigt, sondern vom Reichs- 
kanzler in seiner Rede vom 30. März 191 1 ohne Rückhalt zuge- 
standen worden ; während Grey am 13. März 1911 in einer Par- 
lamentsrede mit Recht auf das Paradoxon hingewiesen hatte, dass 
man auf der einen Seite Freundschaftsversicherungen austausche, 
auf der anderen Seite aber beständig die Rüstungen gegen ein- 

* Siehe Cook, deutsche Uebersetzung, S. 19. 



DEUTSCH-ENGWSCHE VERSTÄNDIGUNG 219 

ander erhöhe, nahm Herr von Bethmann Hollweg keinen Anstand, 
die ganze Idee einer Rüstungsbeschränkung für unausführbar zu 
erklären, da man die Inuehaltung des Abkommens seitens der 
Gegenpartei doch nicht kontrollieren könne und infolgedessen nur 
fortgesetztes Misstrauen und beständige Reibungen aus solchem 
Vertrage erwachsen würden. 

Selbst Schiemann stimmt insoweit mit Cooks « tendenziöser 
Schrift » — wie der berufsmässige Tendenzhistoriker das englische 
Buch zu nennen wagt — überein, dass er als äusserstes Entgegen- 
kommen der deutschen Regierung die Bereitwilligkeit bezeichnet, 
« das Tempo des Baues unserer Kriegsschiffe zu verlangsamen ^. » 
Auch Schiemann behauptet also nicht, dass wir je uns bereit 
erklärt hätten, einen Stillstand oder gar eine Herabsetzung unserer 
Rüstungen eintreten zu lassen. Er verschweigt aber — was Cook 
mit aller Bestimmtheit behauptet — , dass auch das Angebot einer 
zeitweiligen Verzögerung im Flottenbau im Mai 191 1 zurückge- 
zogen worden ist. 

«Ein paar Dreadnoughts 
mehr oder weniger.» 

Nach allem, was wir über die deutsch-englischen Verhandlun- 
gen wissen, was die deutsche Regierung in diesen Verhandlungen 
getan und die deutschen Staatsmänner geäussert haben, ist es 
nicht gewagt, die Behauptung aufzustellen, dass Deutschland 
niemals ernstlich die A bsicht hatte, sich in seinen See- und natürlich 
noch viel weniger in seinen Landrüstungen auch nur der geringsten 
Beschränkung zu unterwerfen, dass Deutschland also nur die Vor- 
teile einer poHtischen Verständigung mit England — die Neutra- 
lisierung Grossbritanniens in allen europäischen Konflikten — 
erstrebte, dass es aber niemals das von England verlangte Aequi- 
valent — die Beschränkung der Seerüstungen — zu gewähren 
beabsichtigte. Auch Herr von Bethmann Hollweg gibt dies in 
seiner Rede vom 19. August 1915 ebenso deutlich zu verstehen, 
wie er es in seiner obenerwähnten Rede vom 30. März 191 1 mit 
klaren Worten zum Ausdruck gebracht hat : 

« Ich fragte ihn (Haidane) — so erzählt der Reichs- 
kanzler — ob ihm nicht eine offene Verständigung mit 
uns, eine Verständigung, die nicht nur einen deutsch- 
englischen Krieg, sondern überhaupt jeden europäischen 
Krieg ausscliliessen würde, mehr wert sei, als ein paar 
deutsche Dreadnoughts mehr oder weniger. » 

^ Verständigungsbroschüre, S. 21. 



220 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Das klingt, oberflächlich gelesen, ganz harmlos, stellt aber in 
Wahrheit die Dinge auf den Kopf. Die jahrelang wiederholte 
Anregung Englands zu einem Rüstungsabkommen beruhte eben 
auf dem richtigen Gedanken, dass es in der Tat auf die « paar 
Dreadnoughts mehr oder weniger » auf beiden Seiten — mit allem, 
was drum und dran hängt, — auf deutsch gesagt also : auf die 
Konkurrenz der beiderseitigen Seerüstungen ankomme, dass diese 
Konkurrenz vom englischen Standpunkte aus zwecklos sei, da 
England nicht die Absicht habe, Deutschland zu überfallen, und 
dass diese Zwecklosigkeit auch auf deutscher Seite anerkannt 
werden müsse, wenn dort die gleichen friedlichen Absichten be- 
ständen. 

Der Zweck der beständigen englischen Anregungen war ein 
Abkommen über den Flottenbau, wobei England seine tatsächliche 
Superiorität aus den bekannten besonderen Gründen aufrecht 
erhalten und dem Deutschen Reiche seine Stellung als zweitgrösste 
Seemacht belassen wollte. Als angemessenes und dem damaligen 
Stande ungefähr entsprechendes Verhältnis der beiden Seemächce 
gegen einander betrachtete England die Gleichung i6 : lo. Die 
deutsche Regierung machte den — an sich durchaus vernünftigen 
und dem allgemeinen Frieden dienenden — Gegenvorschlag einer 
politischen Verständigung als Basis eines eventuellen Rüstungs- 
abkommens. Allmählich aber, während der stattfindenden Ver- 
handlungen, zeigte sich die deutsche Regierung gegenüber allen 
positiven Vorschlägen Englands zu einer beiderseitigen Rüstungs- 
beschränkung so schwierig und widerstrebend, so schwankend 
in ihren Vorschlägen und Entschlüssen und schliesslich so ableh- 
nend, dass der englische Zweck der Verhandlungen vollständig in 
den Hintergrund trat und eigentlich nur noch über das deutsche 
Verlangen eines Neutralitätsabkommens verhandelt wurde. Mit 
der Geschicklichkeit eines Taschenspielers wurde der eigentliche 
ursprüngliche Verhandlungszweck seitens der Herren von der 
Wilhelmstrasse in den Hintergrund gedrängt und ein anderes 
Verhandlungsthema an dessen Stelle gesetzt, das für Deutschland 
ein gewaltiges, für England aber nicht das geringste Interesse bot. 
Was für einen Wert hatte eine Neutralitätsverpflichtung Deutsch- 
lands für Grossbritannien ? Wenn England der Angreifer war, so 
galt das Abkommen ohnedies nicht, da selbstverständlich die 
Neutralitätsverpflichtung von beiden Seiten nur für den Fall 
ausgesprochen wurde, dass die andere Partei nicht der angreifende 
Teil sei. Der umgekehrte Fall aber, dass England seinerseits ange- 
griffen würde, war und ist nach der gegebenen Konstellation der 
europäischen Mächte und nach der geographischen Lage Gross- 
britanniens so unwahrscheinlich, dass England nicht die geringste 



DEUTSCH-ENGLISCHE VERSTÄNDIGUNG 221 

Veranlassung hatte, für diesen Fall besondere Vorsorge zu treffen. 
Englands Interesse bei den Vertragsverhandlungen mit Deutsch- 
land lag in der Tat ausschliesslich in den <i paar Dreadnoughts mehr 
oder weniger ». Es war daher eine gröbliche Verschiebung der 
Verhandlungsgrundlage, wenn Herr von Bethmann dem englischen 
Minister Haidane diese Frage der Seerüstungen als unerheblich 
hinzustellen suchte. Die Vermeidung eines europäischen Krieges 
war sicherlich das Endziel der englischen Politik, wie es auch das 
vorgeschützte Ziel der deutschen gewesen ist. Gleichzeitig aber 
wollte England dem finanziellen Ruin beider Staaten im Frieden 
ein Ende bereiten. 

Deutschlands letztes Wort: 
Verzögerung, aber nicht Herab- 
minderung der Flottenbauten. 

Die Verhandlungen zogen sich, mit allen möglichen Schwan- 
kungen von deutscher Seite, von 1909 bis zum Sommer 191 1 hin 
und wurden dann durch den erneuten akuten Ausbruch des 
Marokkokonflikts jäh unterbrochen. Inzwischen war König 
Edward gestorben und das liberale Ministerium durch neue 
Wahlen in seiner Friedenspolitik bestätigt w^orden. Kaum war 
der Marokkokonflikt durch den französisch-deutschen Vertrag 
vom 4. November 1911 definitiv beigelegt, als auch Grey bereits 
in seiner bekannten, bereits oben erwähnten Rede vom 27. No- 
vember 1911 auf die deutsch-englischen Verhandlungen zurück- 
kam und die lebhafte Hoffnung auf eine freundschaftliche An- 
näherung beider Mächte zum Ausdruck brachte. Diese Annähe- 
rung schien die besten Aussichten auf Erfolg zu haben, als Lord 
Haidane im Februar 1912 nach Berlin kam — nicht zu dem 
Zwecke, wie Scliiemann wieder fälscht, um die auf Verständigung 
drängenden Stimmen in England scheinbar zu beruhigen, « in 
Wirklichkeit, um zu rekognoszieren », — sondern zu dem ehrlichen 
und aufrichtigen Zwecke, die langjährigen Verständigungsbestre- 
btingen der liberalen englischen Regierung nach Möglichkeit zu 
fördern. 

Ueber den Verlauf des Haidaneschen Besuches habe ich bereits 
in meinem Buche (Seite 84-88) berichtet. Die Bemühungen des 
deutschfreundlichsten aller englischen IMinister nuissten im Sande 
verlaufen, da auch jetzt wieder der wesentliche Zweck der eng- 
lischen Annäherung, ein Rüstungsabkommen zustande zu bringen, 
auf denselben Widerstand wie früher in Berlin stiess. Nach den Er- 
fahrungen der jüngsten Vergangenheit, bei und nach Ausbruch 
des jetzigen Krieges, kann man mit Sicherheit behaupten, dass 



222 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

ein deutsch-englisches Rüstungsabkommen seine Hauptgegner 
nicht im Reichskanzleramt, sondern im Reichsmarineamt hatte. 
Wie der Einfluss der Generale die überstürzte und folgenschwere 
Kriegserklärung an Russland herbeigeführt hat, -v^ie die Tirpitz- 
partei — trotz der inzwischen eingetretenen Inaktivität ihres 
Führers — die rücksichtslose Weiterführung des Unterseeboot- 
krieges schliesslich durchzusetzen wusste, lediglich aus militä- 
rischen Gründen, ohne Rücksicht auf die öffentliche Meinung 
der Welt und auf die Wahrscheinlichkeit eines Krieges mit 
Amerika ^ — wie bei der ganzen Art der deutschen Kriegsführung, 
von den grossen Entscheidungen anfangend bis in die kleinsten 
Vorgänge hinein (siehe z. B. die Erschiessung der Miss Cavell, 
des Kapitäns Eryatt und ähnliche « lyUsitania-Fälle zu I^ande ») 
lediglich militärische Gesichtspunkte massgebend sind und der 
Staatsmann stets vor den Generalen zurückweichen muss, — so 
kann man wohl die Behauptung aufstellen, dass auch damals, 
bei den deutsch-englischen Verhandlungen, bei der Zivilregierung 
der ernste Wille vorhanden gewesen sein mag, zu einem Rüstungs- 
abkommen zu gelangen, dass dieser Wille aber an dem Widerstand 
des Herrn von Tirpitz und seiner Leute gescheitert ist. Nur so 
erklären sich die ewigen Schwankungen im Gewähren und Zurück- 
ziehen, im Vorschlagen und Ablehnen der Grundlagen eines Rüs- 
tungsabkommens, nur so die spätere Verwässerung dessen, was 
man in einem früheren Zeitpunkte bereits positiv zugesagt hatte, 
nur so die Schwierigkeiten und Widersprüche in dem Verhalten 
des Reichskanzlers, der auf der einen Seite eine politische Ver- 
ständigung mit England ernsthaft anstrebte, auf der anderen Seite 
aber, infolge des Widerstandes der Marineleute, keinerlei Kon- 
zessionen in der Rüstungsfrage zu machen in der Lage war. 

Charakteristisch für dieses ewige Hiu-und-Her ist das deutsche 
Angebot einer zeitweiligen Verzögerung im Flottenbau. Dass 
jedes weitere Entgegenkommen von deutscher Seite ausgeschlos- 
sen war, gibt auch Schiemann zu, der von der « bestimmten 
Weigerung Deutschlands » spricht, « das vom Reichstag ge- 
nehmigte Flottenprogramm aufzuheben ». Dass die Zusage der 
zeitweiligen Verzögerung im Flottenbau im Mai 191 1 zurück- 
gezogen wurde, habe ich bereits hervorgehoben. Sie wurde aber 
von neuem bei und nach dem Haidaneschen Besuch gemacht, 
allerdings jetzt mit dem wiederum einschränkenden Zusatz, dass 
erstens das neueste Flottengesetz als Grundlage des Abkommens 
dienen müsse, und zweitens von einer Verbindlichkeit oder einer 
schriftlichen Abmachung überhaupt keine Rede sein könne, 
sondern nur von einer milndlichen Verständigung (understandiug) . 

' die inzwischen zur Wirklichkeit geworden ist. 



DEUTSCH-ENGUSCHE VERSTÄNDIGUNG 223 

Nach meiner Kenntnis des diplomatischen Aktenmaterials 

— diese Kenntnis beschränkt sich auf das öffentlich Bekannt- 
gewordene, da mir besondere Quellen nicht zur Verfügung stehen, 

— ist das letzte Wort, das Deutschland in der Frage der Rüstungs- 
beschränkung gesprochen hat, folgendes Angebot eines münd- 
lichen Abkommens (unter Ablehnung der Schriftform) gewesen : 

Keine Herabsetzung des durch das neueste damalige 
Flottengesetz von 191 2 vorgesehenen Umfangs der 
deutschen Flotte. 

Keine Garantie gegen eine spätere Erweiterung dieses 
Umfangs. Festhaltung der vorgesehenen Gesamtdauer der 
Fertigstellung und nur zeitweilige Verzögerung in der Her- 
stellung der neu zu schaffenden Einheiten. 

Englands Neutralität 

— als Gegenleistung. 

Von dieser Basis ausgehend muss man nun die Gegenleistungen 
betrachten, die Deutschland bezüglich der Neutralität in euro- 
päischen Konflikten von England verlangt hat. Die Frage dieser 
Gegenleistungen ist in der offiziellen und offiziösen Presse beider 
Ivänder imd auch in Erklärungen der leitenden Staatsmänner 
so umfänglich und ausführlich erörtert worden, dass über den 
Tatbestand heute kaum noch ein Zweifel bestehen kann. Da 
ich — zum Unterschiede von Herrn Schiemann — an wissen- 
schaftliche Untersuchungsmethoden gewöhnt bin, so führe ich 
nachstehend die Quellen an, auf Grund deren der Tatbestand 
zu konstruieren ist : 

1. Schrift von Sir Edward Cook : How Britain strove for 

peace. Uebersetzung erschienen bei Payot & C°. 1915. 

2. J'accuse, S. 78-88. 

3. Rede I^ord Haldanes vom 5. Juli 1915. 

4. Antwort der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung auf 

diese Rede, vom 18. Juli 1915. 

5. Rede des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg vom 

19. August 1915. 

6. Antwort von Sir Edward Grey, publiziert vom Reuter- 

schen Bureau am 26. August 1915. 

7. Publikation des englischen Auswärtigen Amts vom 

I. September 1915 (Reutersches Bureau). 

8. Antwort der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung auf 

diese Publikation vom 8. September 1915. 



224 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Vorstehende Zusammenstellung ergibt, dass ein erheblicher 
Teil der auf diese Frage bezüglichen Veröffentlichungen bereits 
vor Erscheinen der Verleumderbroschüre erfolgt war. Trotzdem 
geht der Mann der « wissenschaftlichen Untersuchungsmethode » 
auf den Kern der Streitfrage und ihre wichtigen Einzelheiten 
überhaupt nicht ein ; er lässt die eigentlichen Gründe, welche die 
Verhandlungen zum Scheitern brachten, vollständig beiseite und 
begnügt sich damit, nach seiner nunmehr bekannten Fälscher- 
manier an dem Wortlaut des englischen Verständigungsvorschla- 
ges herumzudeuteln und herumzumodeln, bis er glücklich das 
Gegenteil des wahren Sinnes herausgeholt hat. 

Der Sachverhalt, wie er sich nach der — in diesem Falle aus- 
nahmsweise einmal im wesentlichen übereinstimmenden — Dar- 
stellung der beiden beteiligten Regierungen ergibt, ist folgender : 

I. 

Der erste von dem Reichskanzler von Bethmann Hollweg dem 
Lord Haidane gemachte Vorschlag (Anfang Februar 1912) ging 
ohne Beschränkung dahin, dass bei jedem Krieg, in den einer der 
beiden Vertragschliessenden mit einer oder mehreren Mächten 
verwickelt würde, der andere Vertragschliessende zum mindesten 
wohlwollende Neutralität beobachten und mit allen Kräften für die 
Lokalisierung des Konflikts wirken müsse. 

Dieser Vorschlag wurde als zu weitgehend schon von Lord 
Haidane in Berlin zurückgewiesen, da er die Vertragscliliessenden 
auch dann zur Neutralität — und noch dazu zu einer wohlwol- 
lenden — verpflichtete, wenn der Gegenkontrahent den Krieg 
absichtlich herbeigeführt hatte. Es bedarf keiner weiteren Be- 
gründung, dass England mit der Annahme dieses deutschen Vor- 
schlages sich mit gebundenen Händen Deutschland überliefert 
und schon durch den Abschluss eines solchen Vertrages seine 
Ententefreunde Frankreich und Russland von sich gestossen 
hätte. Deutschland hätte — im Bunde mit Oesterreich — jeden 
seinen Zwecken dienenden Krieg auf dem Kontinent entfesseln 
können, es hätte den Rücken gegen Norden freigehabt. England 
hätte sogar in gewissem Sinne — in den Grenzen der wohlwollen- 
den Neutralität — für Deutschland Partei nehmen müssen ; es 
wäre politisch isoliert, aus dem Konzert der europäischen Gross- 
mächte ausgeschlossen worden und hätte seinem Rivalen um die 
Weltmacht, Deutschland, die Möglichkeit und die Hand dazu 
geboten, zunächst auf dem Kontinent allmächtig zu werden, um 
dann den berühmten Entscheidungskampf mit Grossbritannien 



DEUTSCH-ENGUSCHE VERSTÄNDIGUNG 225 

ZU unternehmen, die « Rechnungsbegleichung » mit England, von 
der Treitschke und seine Schüler seit einem Menschenalter träum- 
ten und schrieben. Dies der Grund, weshalb schon Lord Haidane 
in Berlin, ohne Befragung der Londoner Regierung, den ersten 
deutschen Neutralitäts Vorschlag ablehnte. 

II. 

Infolge der Haidaneschen Ablehnung hat der Reichskanzler 
seine Verständigungsformel modifiziert und in dieser modifizierten 
Gestalt ist sie von Haidane seinen IVIinister- Kollegen nach London 
überbracht worden. Der abgeänderte deutsche Vorschlag ist vom 
englischen Auswärtigen Amt am i. September 1915 wörtlich 
publiziert und von der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung am 
8. September ausführlich behandelt worden, ohne dass der eng- 
lische Text bestritten oder bemängelt worden wäre. 

Die zweite deutsche Formel hatte folgenden Wortlaut : 

"« I. Die hohen kontraktschliessenden Parteien geben ein- 
ander die Versicherung des Wunsches nach Frieden 
und Freundschaft. 

2. Keine wird ohne Herausforderung einen Angriff auf 

die andere unternehmen, oder vorbereiten, oder sich 
der Kombination eines Planes anschliessen, der einen 
Angriff auf andere zum Ziele hat, oder teilnehmen 
an einem Plane zu einer maritimen oder militäri- 
schen Unternehmung, sei es allein oder im Bunde 
mit einer anderen Macht, der dazu ins Leben gerufen 
wird. Die Kontraktschliessenden erklären, dass sie 
durch keine derartige Abmachung gebunden sind. 

3. Wenn eine der kontraktschliessenden Parteien in einen 

Krieg mit einer oder mehreren Mächten ver\dckelt 
ist, in dem sie nicht der Angreifer ist, wird die andere 
Partei gegenüber der Macht, die so in Schwierig- 
keiten geraten ist, mindestens eine wohlwollende 
Neutralität beobachten und ihr Bestes tun, um eine 
Lokalisierung der Konflikte zu erreichen. Wenn eine 
der Parteien durch eine auf der Hand liegende He- 
rausforderung von einer dritten Partei gez\\-ungen 
wird, einen Krieg anzufangen, so verpflichten die 
Kontraktschliessenden sich zu einem Meinungs- 
austausche über ihre Haltung in einem solchen 
Konflikt. 

Das Verbrechen II In 



226 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

4. Die Pflicht der Neutralität, die aus dem vorherigen 

Artikel hervorgeht, findet keine Anwendung, inso- 
weit sie mit den bestehenden Abmachungen nicht 
vereinbar ist, die die Parteien geschlossen haben. 

5. Der Abschluss neuer Verbindungen, die einer Partei 

unmöglich machen würden, gegenüber der anderen 
die Neutralität zu bewahren, ausgenommen die in 
dem Artikel 4 vorgesehenen Fälle, ist in Ueber- 
einstimmung mit den in Artikel 2 vorgesehenen 
Fällen ausgeschlossen. 

6. Die Parteien erklären, alles, was in ihrer Macht liegt, 

zu tun, um Differenzen und Missverständnisse zu 
vermeiden, die zwischen ihnen und anderen Mächten 
entstehen sollten. » 

Auch dieser Vorschlag wurde von der englischen Regierung 
als zu weitgehend abgelehnt, hauptsächlich aus dem Grunde, weil 
der Absatz 4 der deutschen Regierung, welche durch positive 
Allianzen mit Oesterreich und Italien verbunden war, die Möglich- 
keit gegeben hätte, auf Grund dieser Bündnisverpflichtungen ihre 
Neutralität zu verweigern, während auf der anderen Seite England, 
das an keine europäische Macht durch ein Bündnis gefesselt war, 
in allen europäischen Konflikten zu Gunsten Deutschlands hätte 
neutral bleiben müssen. Da der Wetterwinkel Buropas, aus dem 
beständig das Kriegsgewitter loszubrechen drohte, der Südosten, 
insbesondere der Balkan, und bei all diesen Fragen Oesterreich in 
erster Linie interessiert war, so musste England mit der Möglich- 
keit oder gar Wahrscheinlichkeit eines Kriegsausbruchs rechnen, 
an dem Oesterreich beteiligt und Deutschland zur nülitärischen 
Unterstützung Oesterreichs verpflichtet war. Jeder Krieg dieser 
Art bot die Gefahr einer europäischen Verwicklung, bei der 
England — ungeachtet der Berührung seiner eigenen Interessen — 
als untätiger Zuschauer hätte beiseite stehen müssen, wenn es den 
deutschen Neutralitätsvorsclilag angenommen hätte. 



III. 

Die englische Regierung machte nun (am 14. März 1912) fol- 
genden Gegenvorschlag : 

« England wird ohne Herausforderung keinen Angriff 
auf Deutschland machen und sich einer aggressiven Politik 
gegen Deutschland enthalten. Ein Angriff" auf Deutschland 



DEUTSCH-ENGIvISCHE VERSTÄNDIGUNG 227 

ist nicht der Gegenstand und bildet keinen Teil einer Ver- 
tragsverpflichtung oder einer Kombination, der England 
zur Zeit angehört, und England wird keinem Abkommen 
beitreten, das einen solchen Angriff bezweckt. » 

Diesen Vorschlag fand nun wiederum die deutsche Regierung 
unannehmbar und zwar aus dem merkwürdigen, von der Nord- 
deutschen Allgemeinen Zeitung und dem Reichskanzler gleichmässig 
vorgebrachten Grunde, dass die engUschen Zusicherungen « Selbst- 
verständlichkeiten in den gegenseitigen Beziehungen zivilisierter 
Staaten » seien, und dass deshalb « das Versprechen, sich solcher 
Ueberfälle zu enthalten, nicht wohl den Inhalt eines feierlichen 
Vertrages abgeben könne ». In der Tat, eine merkwürdige Be- 
gründung ! Eine Begründung, die, wenn sie wahr ist, die ganze 
Rüstungskonkurrenz als einen Wahnsinn, die ganze deutsche 
Chauvinisten-Iyiteratur als Humbug und vor allem die Begrün- 
dung des jetzigen Krieges als eines Präventiv- oder Defensivkrieges 
als verbrecherische Erfindung kennzeichnet. Wenn in der Tat unter 
zivilisierten Staaten unprovozierte Ueberfälle nicht üblich und 
nicht denkbar sind, weshalb rüsten denn die europäischen Staaten, 
die doch wohl sämtlich sich zu den zivilisierten rechnen, seit einem 
halben Jahrhundert in dieser ungeheuerlichen Weise gegen einan- 
der ? Weshalb hat Deutschland in diesen Rüstungen zu Lande 
den Rekord geschlagen und war drauf und dran, auch zu Wasser 
der englischen Seemacht nahe zu kommen ? Ich denke, Deutsch- 
land und seine Bundesgenossen waren unbedingt friedliebend . ? ! 
Wenn die anderen zivilisierten Staaten dies « selbstverständlich » 
auch waren, weshalb die Rüstungen, weshalb der finanzielle Ruin 
aller Völker, weshalb die ewigen Reibungen und Spannungen, die 
zum grossen Teil in den Rüstungen ihren Ursprung hatten ? 

Und weiter. Operierte nicht unsere alldeutsche und militä- 
rische Presse — und ähnlich die gleichgeartete Presse der übrigen 
Länder — beständig mit der Gefahr eines Ueberf alls von Seiten der 
gegenüberstehenden Mächtegruppe ? Wurden nicht alle immer 
höher steigenden Militär- und Marineforderungen mit " dieser 
Gefahr begründet ? Wird nicht der jetzige Krieg offiziell als Ver- 
teidigung gegen einen gegenwärtigen Ueberfall, offiziös aber und 
unter der Hand als Prävention gegen zukünftigen Ueberfall dem 
unglücklichen deutschen Volke vorgegaukelt ? Wie reimt sich 
das alles zusammen mit der jetzigen Behauptung des Reichs- 
kanzlers, dass die vertragsmässige Garantie Englands gegen einen 
Ueberfall wertlos gewesen sei, weil ein solcher Ueberfall « unter 
zivilisierten Staaten nicht üblich sei » ? Die beiderseitigen See- 
rüstungen Deutschlands und Englands wären doch sinnlos ge- 



228 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

wesen, wenn sie nicht zur Sicherung für den Kriegsfall erfolgt 
wären. Wenn also der Kriegsfall vertragsmässig ausgeschlossen 
wurde, so w^ar dies keine « Selbstverständlichkeit », sondern es 
war die Beseitigung der Voraussetzung, auf welcher die Rüstungen 
beruhten, es schaffte den Boden, auf dem allein ein Rüstungs- 
abkommen geschlossen, die Spannung zwischen beiden Ländern 
beseitigt und die friedliche Annäherung ermöglicht werden konnte. 

IV. 

Inzwischen hatte die deutsche Regierung ihren ersten Vor- 
schlag modifiziert und — wie es scheint ; eine genaue Feststellung 
lässt sich nach dem vorliegenden Material über diesen Punkt nicht 
machen — die Ausnahmebestimmung des ersten deutschen Vor- 
schlages, die in London mit Recht Anstoss erregt hatte, beiseite 
gelassen. Der neue deutsche Vorschlag lautete folgendermassen : 

« Sollte einer der hohen Vertragschliessenden in einen 
Krieg mit einer oder mehreren Mächten verwickelt werden, 
bei welchem man nicht sagen kann, dass er der Angreifer 
war, so wird ihm gegenüber der andere zum mindesten eine 
wohlwollende Neutralität beobachten und für die Lokali- 
sierung des Konfliktes bemüht sein. Die hohen Vertrag- 
schliessenden verpflichten sich, sich gegenseitig über ihre 
Haltung zu verständigen, falls einer von ihnen durch 
offenkundige Provokation eines Dritten zu einer Kriegs- 
erklärung gezwungen sein sollte. » (Siehe Norddeutsche All- 
gemeine Zeitung vom i8. Juli und Reichskanzlerrede vom 
19. August 1915.) 

Man bemerke die eigentümliche und auffallende, von dem 
offiziösen Blatt und dem Reichskanzler gleiclilautend wiedergege- 
bene Wendung : « Ein Krieg, hei dem man nicht sagen kann, dass 
der andere Kontraktschliessende der Angreifer sei. » Was heisst das ? 
Es heisst etwas Negatives, nichts Positives : England ist zur 
Neutralität verpflichtet (und umgekehrt in gleichem Falle Deutsch- 
land) bei jedem Kriege, bei dem man nicht mit Bestimmtheit 
sagen kann, dass Deutschland angegriffen habe, bei dem man aber 
ebensowenig mit Bestimmtheit behaupten kann, dass Deutschland 
angegriffen worden sei, mit anderen Worten, bei dem die Frage ; 
Angriff oder Verteidigung mit einem « non liquet » beantwortet 
werden muss. Während England seine Neutralität bei jedem 
unpr ovo zierten Angriff anderer Mächte auf Deutschland garan- 
tieren wollte, ging Deutschlands Bestreben dahin, diese Garantie 



DEUTSCH-ENGUSCHE VERSTÄNDIGUNG 229 

auch auf den Fall auszudehnen, wo die Frage, ob Deutschland 
angegriffen worden sei oder seinerseits angegriffen habe, unbeant- 
wortet oder unentschieden blieb. 

Diese von Deutschland gewünschte Ausdehnung war von unge- 
heurer Bedeutung. Die Schuldfrage betreffs der Urheberschaft 
eines Krieges, die Frage, welche von beiden kriegführenden Par- 
teien die angreifende oder die angegriffene sei, ist nicht immer so 
leicht zu entscheiden und so klarliegend, wie in dem gegenwär- 
tigen Kriege, den Deutschland und Oesterreich durch zwei Kriegs- 
erklärungen, die eine an Serbien, die andere an Russland, absicht- 
lich und mutwillig, ohne jede Provokation und ohne jeden zwin- 
genden Grund, herbeigeführt haben. In den meisten Kriegen ist 
die Frage, wer der Angreifer, wer der Verteidiger sei, sehr schwer 
zu entscheiden, da beide Teile das Interesse haben, morahsch 
rein vor der Welt dazustehen, und daher die Schuldfrage nach 
Möglichkeit zu verwischen suchen, — nach dem berühmten Rezept 
des « Kartenmischens », das Bernhardi der deutschen Regierung 
so offenherzig-naiv an die Hand gegeben hat. Nicht jede Regie- 
rung ist so ungeschickt im Falschspiel, wie die Berliner und die 
Wiener Regierung sich gezeigt haben. Einem Bismarck wäre die 
famose Fälschung der Emser Depesche schwerlich nachgewiesen 
worden, wenn er sie nicht selbst in genialer Brutalität der Welt 
bekanntgegeben hätte. Kurz, es gibt mehr Kriege, bei denen die 
Schuldfrage im Dunkeln und im Zweifel bleibt, als solche, bei denen 
sie so klar entschieden werden kann, wie bei dem gegenwärtigen 
Kriege. Alle solche Zweifelfälle aber wären nach der Bethmann- 
schen Formel : « ein Krieg, bei dem man nicht sagen kann etc. » 
Deutschland zugute gekommen. In allen Fällen, wo man nicht 
bestimmt behaupten und beweisen kann, dass Deutschland der 
Angreifer sei, in allen zweifelhaften Fällen sollte England eine, 
noch dazu wohlwollende, Neutralität bewahren und nur in den 
wenigen Fällen, wo die Schuldfrage klar und unzweideutig zu 
Lasten Deutschlands entscliieden werden muss, wäre England 
berechtigt gewesen, aus seiner Neutralität herauszutreten. 

Dass die kluge englische Regierung auf diesen Boden nicht 
getreten, ist nicht zu verwundern. Bemerkenswert ist aber, dass 
Herr von Bethmann sie auf dieses Eis zu locken versuchte. Das 
lässt tief blicken ! Wenn die Berliner Regierung damals wirklich 
nichts anderes erstrebte, als einen Schutz vor Angriö'skriegen 
unter Beteiligung Englands, so musste ihr die englische Neutra- 
litätsformel genügen. Hatte sie aber selbst luieingetsandene 
Angriffsabsichten und gleichzeitig die Intention, « die Karten so 
zu mischen, dass wir von Frankreich angegriffen ^^Hirden ^ », hatte 

1 Bernhardi : Deutschland und der nächste Krieg, S. 334. 



230 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

die deutsche Regierung also das Bestreben, einen jener dunkeln 
Fälle zu konstruieren, bei dem man Angriff und Verteidigung nicht 
wohl voneinander zu unterscheiden vermag, so konnte sie nichts 
besseres tun, als die Formel von dem Kriege, « bei dem man nicht 
sagen kann etc. », vorzuschlagen. Aber andererseits konnte auch 
England nichts besseres tun, als diese Formel höflich dankend 
abzulehnen. 

V. 

' Die Verhandlungen kamen also wieder auf den oben unter III. 
angeführten englischen Vorschlag zurück, der nur durch eine 
Einleitung ergänzt wurde, die der Nr. i des zweiten deutschen 
Vorschlages entsprach. Diese englische Formel, welche den Ab- 
schluss und den weitestgehenden Schritt in dem englischen Ent- 
gegenkommen darstellt, habe ich in meinem Buche (S. 8y) wörtlich, 
nach Cook, in englischer Sprache zitiert und auch Schiemann 
macht in diesem Falle eine rühmliche Ausnahme von seinem 
sonstigen Verhalten, indem er ein amtliches Aktenstück weder 
unterschlägt noch fälscht, sondern es seinem Wortlaute nach 
wiedergibt. Natürlich lässt die Katze auch hier das Mausen nicht. 
Die Fälschung kommt hinterher in dem Kommentar, den er dem 
Wortlaut anfügt. 

Nachfolgend die Formel des englischen Vorschlages, wie er 
von Grey dem Grafen Metternich in London übergeben wurde ^ 
(in Uebersetzung) : 

« Da beide Mächte den natürlichen Wunsch haben, 
Frieden und Freundschaft untereinander zu sichern, so 
erklärt England, dass es einen unprovozierten Angriff auf 
Deutschland weder machen noch sich an einem solchen 
beteiligen wird. Ein Angriff auf Deutschland ist nicht der 
Gegenstand und bildet keinen Teil eines Vertrages, einer 
Verständigung oder einer Kombination, zu der England 
jetzt gehört, noch wird England Teilnehmer werden an 

irgend etwas, das ein solches Ziel verfolgt. » ( nor will she 

become a party to anything that has such an object.) 

' In der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom 1 8. Juli 19 15 wird die Formel un- 
genau und unvollständig zitiert. Auch die Wiedergabe in der Rede des Reichskanz- 
lers (Berliner Tageblatt vom 20. August) ist inkorrekt und unvollständig, obwohl 
es doch bei derartigen Dokumenten auf jedes Wort und jede kleinste Nuance 
ankommt. Wenn man an diese deutschen Publikationen entscheidender Schrift- 
stücke denselben Masstab anlegen wollte, den die Helfferich und Genossen an 
einzelne unerhebliche Nebenpunkte in grossen diplomatischen Sammelwerken der 
Gegenpartei anlegen, so würde man — was ich nicht tue • — überall Böswilligkeit 
und Fälschmig vermuten, wo tatsächlich nur Ungenauigkeit und Nachlässigkeit 
vorliegt. 



DEUTSCH-ENGWSCHE VERSTÄNDIGUNG 23 1 

Dass Deutschland mit diesem englischen Angebot in jeder 
Weise zufrieden sein konnte, habe ich in meinem Buche und in 
obigen Ausführungen bereits auseinandergesetzt. Die englische 
Formel enthielt eine Zusage der Nichtaggression im allerweitesten 
Sinne des Wortes : England versprach, weder seinerseits einen 
Angriff auf Deutschland zu machen noch sich an einem solchen 
zu beteiligen ; es erklärte, keinen Vertrag, kein Abkommen, keine 
Verständigung abgeschlossen zu haben, die einen Angriff auf 
Deutschland bezweckten oder zuliessen ; es erklärte, niemals an 
einer Kombination dieser Art teilnehmen zu wollen. Die münd- 
lichen Erläuterungen, die Sir Edward Grey dem Grafen Metter- 
nich bei Aushändigung dieses Schriftstücks gab, betonten noch- 
mals ausdrücklich, dass die britische Politik keinerlei Angriffs- 
pläne gegen Deutschland verfolge, dass es Frankreich vollkommen 
bewusst sei, dass es bei einem etwaigen Angriff auf Deutschland 
keine Unterstützung von England erhalten würde, dass aber 
andererseits auch England sich nicht binden könne, einem Angriff 
Deutschlands auf Frankreich ruhig zuzusehen und im voraus 
für alle Fälle, auch für den Fall der Verletzung garantiert-neutraler 
Länder, seine Neutralität zuzusagen ^. 

Man muss schon die professionelle Fälschermanier Schiemanns 
zu eigen haben, wenn man der sorgfältig durchdachten englischen 
Formel « machiavellistischen Wortlaut » nachsagt, wenn man 
behauptet, dass die alles umfassenden Worte « treaty, understan- 
ding, or combination » und nun gar das allgemeinste Wort, das 
eine Sprache überhaupt enthält « anything », das heisst « irgend 
etwas, was es auch sei », darauf berechnet waren, dem perfiden 
Albion noch Auswege zum Entschlüpfen offen zu lassen. Die 
mündlichen Unterhaltungen von Reval, die fachmännischen Be- 
sprechungen der englischen und französischen Generalstäbe sollen 
angeblich — nach Schiemann — nicht unter obige Formel fallen. 
Jene mündlichen Unterhaltungen fallen selbstverständlich da- 
runter, denn sie können doch auch nichts anderes sein, als « treaty, 
understanding, combination or anything ». Die Besprechungen 
der Generalstäbe fallen selbstverständlich nicht darunter, weil sie 
weder Verhandlungen zwischen den Regierungen darstellten, noch 
einen aggressiven Krieg gegen Deutschland, von dem doch in 
der englischen Formel ausschliesslich die Rede ist, bezweckten. 
Wäre auf der Entrevue zu Reval das englisch-russische Komplott 
geschmiedet worden, das die deutschen Chauvinisten für ihre 
Zwecke erfunden haben, so wäre die englische Neutralitätsformel 
eine Lüge gewesen. Da aber die Revaler angeblichen Abmachungen 
eine Lüge sind, so entsprach die englische Formel der Wahrheit. 

1 Cook, a. a. O., S. 24. 



232 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Die Generalstabsbesprechungen für den Fall eines Defensiv- 
krieges, die noch dazu, wie wir oben gesehen haben, für beide Re- 
gierungen vollständig unverbindlich waren und nicht einmal im 
Falle eines Angriffs von dritter Seite zum Beistand verpflichteten, 
hatten selbstverständlich mit der von England vorgeschlagenen 
Neutralitätsformel nicht das geringste zu schaffen. 

Die englische Formel schloss in ihrer alles umfassenden All- 
gemeinheit jede Möglichkeit einer hinterhältigen Aktion, jede 
Möglichkeit einer Interpretation aus, die etwaigen Angriffsabsich- 
ten Englands einen Ausschlupf gelassen hätte. England nimmt 
nicht teil und wird nicht teilnehmen an irgend etwas, das einen 
Angriff auf Deutschland zum Gegenstand hat (to anything that has 
such an object). Ich fordere die Herren Schie- und Bethmann, die 
eine hinterhältige Interpretation der englischen Formel für möglich 
halten, auf, mir irgend einen Wortlaut anzugeben, der besser und 
allumfassender als der englische jede Möglichkeit eines Angriffs 
seitens Englands oder einer Beteiligung .an solchem Angriff aus- 
schliessen konnte. Wenn Herr von Bethmann sagt : « England hielt 
es für ein Zeichen besonderer, durch feierlichen Vertrag zu besie- 
gelnder Freundschaft, dass es nicht ohne Grund über uns her- 
fallen wollte, behielt sich aber freie Hand für den Fall vor, dass seine 

Freunde das tun wollten » — so kann ich diesen Ausspruch des 

leitenden deutschen Staatsmannes nur mit denselben Worten 
charakterisieren, die er auf die Asquithsche Rede vom 9. Oktober 
1914 anwendet : « Es ist mir unfassbar wie ein hoher Staats- 
mann einen Vorgang, den er genau kennt, objektiv so unrichtig 

darstellen konnte, um daraus Schlüsse zu ziehen, die der Wahrheit 
ins Gesicht schlagen. » Die Bethmannsche Interpretation der 
englischen Formel sclilägt der Wahrheit ins Gesicht : England 
behielt sich nicht freie Hand vor für den Fall, dass seine Freunde 
über uns herfallen wollten. Auch ohne die besonderen Erklärungen, 
die Grey dem Grafen Metternich mündlich, in Ergänzung der vor- 
geschlagenen Formel, abgab, ging aus dem unzweideutigen Wort- 
laut der letzteren hervor, dass England zur Neutralität verpflich- 
tet war, falls Frankreich oder Russland oder beide zusammen 
über Deutschland herfielen. 

VI. 

Die englische Formel genügte bekanntlich der deutschen Re- 
gierung nicht. Graf Metternich wurde beauftragt, eine Zusatz- 
formel dem englischen Staatssekretär zu unterbreiten, die vom 
Reichskanzler, übereinstimmend mit der Norddeutschen Allge- 
meinen Zeitung vom 18. Juli, folgendermassen wiedergegeben wird : 



DEUTSCH-ENGLISCHE VERSTÄNDIGUNG 233 

« England wird daher selbstverständlich wohlwollende 
Neutralität bewahren, sollte Deutschland ein Krieg aufge- 
zwungen werden. » (should war be forced upon Germany.) 

Für den Fall, dass die englische Regierung an dem Versprechen 
wohlwollender Neutralität Anstoss nehmen sollte, scheint die Ber- 
liner Regierung dem Grafen Metternich anheimgestellt zu haben, 
sich auch mit dem Versprechen blosser Neutralität zu begnügen. 
Der Reichskanzler erwähnt diesen Eventualvorschlag nicht, die 
Norddeutsche Allgemeine Zeitung aber — in Uebereinstimmung 
mit dem Londoner Auswärtigen Amt — spricht auch von dieser 
Eventualformel. Auf diesen Punkt indessen — ob wohlwollende 
oder einfache Neutralität — kommt es in dieser Frage weniger 
an. Der Schwerpunkt liegt in dem Verlangen Deutschlands, dass 
England auch im Falle eines dem deutschen Volke aufgezwungenen 
Krieges neutral bleiben solle. An diesem Punkte, soweit die Ver- 
tragsleistung Englands in Betracht kam, scheiterten die Verhand- 
lungen. Sie wären aber, selbst wenn die englische Regierung auf 
die ungeheuerliche Zumutung, die deutsche Zusatzformel zu akzep- 
tieren, eingegangen wäre, auch nach der anderen Problemseite 
hin gescheitert — wie wir oben gesehen haben — , nämlich nach 
der Seite hin, welches Rüstungsahkommen denn Deutschland nun 
als Gegenleistung gegen die englische Neutralität zu bewilligen 
bereit war ? Die Schwierigkeiten, die zu überwinden w-aren, be- 
standen eben in doppelter Richtung : Deutschland verlangte auf 
der einen Seite von England ungeheure Konzessionen in politischer 
Beziehung, war aber auf der anderen Seite nur zu ganz unerhebli- 
chen Zugeständnissen in der Frage der maritimen Rüstungen 
bereit. 

Was bedeutete die von Metternich vorgeschlagene Zusatz- 
formel ? Sie bedeutete nicht mehr und nicht weniger, als dass Eng- 
land in jedwedem Kriege, in den Deutschland verwickelt werden 
könnte, neutral bleiben müsse. Sie führte auf Um\vegen zu dem 
allerersten, bereits in Berlin dem Lord Haidane gemachten und 
von diesem glatt zurückgewiesenen Vorschlag zurück, dass Eng- 
land in allen europäischen Konflikten, an denen Deutschland 
beteiligt wäre, den unbeteiligten Zuschauer machen, dass es dem 
deutschen Imperialismus carte blanche zur Erstrebung der Kon- 
tinental-Hegemonie und zu dem späteren Sturm auf Englands 
Weltmachtstellung gewähren sollte. 

Was heisst : aufgezwungener Krieg ? Aufgezwungener Krieg 
ist ein Angriffskrieg, zu dem der Angreifer durch Umstände 
gezwungen worden ist, die ihm — nach seiner persönlichen Auf- 



234 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

fassung — die Notwendigkeit, den « Zwang » auferlegten, den 
Krieg zu beginnen. Die Auffassung, ob eine solche Notwendigkeit, 
ein solcher Zwang bestand, ist natürlich eine rein subjektive. Da 
infolge des deutschen Widerstandes der Haager Schiedshof als 
obligatorische Entscheidungsinstanz (selbst für minder wichtige 
Streitfragen) ausgeschieden war, so bestand und besteht keinerlei 
Autorität in der Welt, welche berechtigt oder fähig wäre, in bin- 
dender Weise die Frage zu entscheiden, ob für den angreifenden 
Staat eine Notwendigkeit, ein Zwang zum Angriff vorlag. Die subjek- 
tive Entscheidung des Angreifers, dass dies der Fall sei, kann sich 
auf die verschiedenartigsten Motive oder, da niemand diese Motive 
nachzuprüfen berechtigt ist, auf die verschiedenartigsten Vor- 
wände stützen. Das beliebteste dieser Motive — oder Vorwände — 
ist die Behauptung : Der andere wollte mich angreifen ; um seinen 
Angriff zu vereiteln, musste ich ihm zuvorkommen. Frankreich 
war im Begriff, die belgische Neutralität zu verletzen ; um die 
hieraus für Deutschland erwachsenden Nachteile zu verhindern, 
mussten wir ihm zuvorkommen. England, Russland und Frank- 
reich waren seit Jahren entschlossen, uns bei günstiger Gelegen- 
heit zu überfallen ; um diesem gefährlichen Ueberfall zuvorzu- 
kommen, mussten wir in dem uns günstigsten Moment losschlagen. 
Serbien ist im Begriff, durch die grosserbische Propaganda uns 
unsere serbischen Gebietsteile abspenstig zu machen ; um der Zer- 
stückelung der Monarchie zuvorkommen, mussten wir Serbien 
zerschmettern. Oesterreich hat an Serbien, Deutschland an 
Russland den Krieg erklärt, beide sind formell die Angreifer und 
damit die Urheber des europäischen Krieges geworden. Diese 
Urheberschaft ist aber — so argumentieren die Verfechter des 
6 aufgezwungenen » Krieges weiter — nur eine formelle, denn 
materiell waren beide Staaten gezwungen — Oesterreich, um einer 
Zerstückelung Deutschland, um einem vernichtenden Ueberfall zu 
entgehen — , das Prä venire zu spielen. Der österreichisch-serbische, 
ebenso der deutsch-russische und damit der europäische Krieg 
waren also Kriege, die den beiden Kaisermächten « aufgezwungen » 
worden sind. 

Eine noch viel zugkräftigere Motivierung eines Krieges liegt 
natürlich darin, wenn man ihn nicht als einen Präventiv-, sondern 
direkt als einen Verteidigungskrieg gegen einen tatsächlich er- 
folgten Ueberfall hinstellt. Wenn es sich um einen wirklichen, 
ehrlichen Verteidigungskrieg Deutschlands handelte, so wäre 
England nach der von dem englischen Kabinett vorgeschlagenen 
Formel unbedingt zur Neutralität verpflichtet gewesen. England 
hatte ja das Versprechen angeboten, weder selbst einen Angriff 
auf Deutschland zu unternehmen, noch sich an einem solchen zu 



DEUTSCH-ENGLISCHE VERSTÄNDIGUNG 235 

beteiligen. Der deutschen Regierung ist es bekanntlich gelungen, 
dem deutschen Volke den trügerischen Glauben beizubringen — 
der noch bis heute vorhält, aber hoffentlich nicht mehr lange 
vorhalten v\ird, — dass der imperialistische Angriffskrieg nicht 
nur ein durch Vorbeugungspflicht erzwungener Präventiv-, 
sondern ein durch räuberischen Ueberfall herbeigeführter Vertei- 
digungskrieg sei. Man ersieht aus diesem Beispiel, wessen eine 
skrupellose, die Wahrheit und das wahre Volksinteresse miss- 
achtende, von Junkern, Reaktionären und Militaristen missleitete 
Regierung fähig ist. Wenn die kaiserlich-deutsche Regierung, unter 
persönlichem Vorantritt des Herrschers, den längst geplanten und 
vorbereiteten, von den Alldeutschen seit Jahrzehnten angestrebten 
und offen gepredigten Weltmachtskrieg dem deutschen Volke 
als einen neuen Befreiungskrieg — nach dem Muster von 1813 — 
vorzugaukeln vermochte, — wie viel leichter wäre es ihr geworden, 
einen jeden Krieg, aus welcher Ursache er immer entsprungen 
sein möge, unter die Formel des « auf gezwungenen » Krieges zu 
bringen, die England zur Neutralität verpflichten sollte ! Welchen 
Krieg kann man, wenn es möglich war, den heutigen Angriffs- 
krieg in einen Verteidigungskrieg umzufälschen, nicht mit dem 
Namen eines <( aufgezwungenen » Krieges taufen — aufgezwungen 
durch irgend eine strategische, politische oder \^irtschaftliche 
Notwendigkeit ? ! 

Denn wohlgemerkt : der von Herrn von Bethmann verlangte 
Zusatz « aufgezwungen » war nach keiner Richtung hin begrenzt 
oder spezifiziert. Ein Krieg kann aufgezwungen sein, nicht bloss 
durch die Pflicht der Vorbeugung gegen zukünftigen Ueberfall 
(Präventionskrieg), sondern auch durch die Notwendigkeit einer 
weiteren nationalen Konsolidierung, der Entwicklung neuer 
wirtschaftlicher Absatzgebiete, des Erwerbs neuer Häfen und 
Zufahrtsstrassen zur See, neuer Siedelungskolonien, neuen Land- 
besitzes in Europa zur strategischen Verbesserung der Grenz- 
linien U.S.W. Er kann auch durch idealistisch aufgeputzte Ex- 
pansionsgründe « aufgezwungen » sein, z. B. durch die « nationale 
Pflicht » — die man in Italien als « sacro egoismo » bezeichnet — , 
unerlöste Bruderprovinzen der grossen Sprach- und Stammes- 
gemeinschaft anzufügen (irredenta, russische Ostseepro\änzen 
etc.). Kurz, es gibt keinen aus imperialistischen Tendenzen ent- 
sprungenen und imperialistischen Zwecken dienenden Krieg, 
den man nicht unter die Formel bringen könnte : « aufgezwungen », 
durch strategische oder wirtschaftliche oder nationale oder 
Präventivgründe. 

Ein klassisches Beispiel dieser Art von Kriegs motivierung 
liefert der jüngste Bundesgenosse der Zentralmächte, Bulgiirien. 



236 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Wie man die charakteristischen Eigenschaften eines Individuums 
am besten an seiner Karikatur erkennt, so findet man auch die 
Art der deutschen und österreichischen Kriegsmotivierung in 
geradezu belustigender Weise in der bulgarischen Karikatur 
wiedergespiegelt. Der Eintritt Bulgariens in den europäischen 
Krieg ist, wie der bulgarische Gesandte Rizoff in einem aus- 
führlichen Artikel ^ offen ausgesprochen hat, erfolgt, um die 
nationale und politische Einigung des bulgarischen Volkes zu 
verwirklichen, um Serbien zu verhindern, grösser als Bulgarien 
zu werden, und um Russland von Konstantinopel fernzuhalten. 
Herr Rizoff scheut sich nicht, offen auszusprechen, dass nichts 
natürlicher sei, « als die Haltung Bulgariens seit dem Ausbruch 
des europäischen Krieges : es ist lange neutral geblieben, weil es 
sich militärisch vorbereiten musste und erst am Ende des Krieges 
eingreifen konnte ». Der König und seine Regierung seien dann 
erst in Verhandlungen mit dem Vierverhand eingetreten, um 
« Bulgariens unveräusserliche Rechte auf Mazedonien » zur An- 
erkennung zu bringen. Da der Vierverband aber die Aufrechter- 
haltung des Bukarester Vertrages garantiert hatte, seien diese 
Verhandlungen gescheitert und Bulgarien habe — auf Grund des 
gleichen Rechtes wie Frankreich — für sein Elsass-IyOthringen, 
das Mazedonien heisst, die Waffen gegen Serbien ergriffen. 

Diese Sprache ist, sollte ich meinen, deutlich genug : Bulgarien 
hat zum Zwecke nationaler Einigung und Machterweiterung den 
Krieg begonnen und sich der Partei angeschlossen, die ihm die 
meisten Chancen zur Erreichung seiner Zwecke bot. Das nennt 
man in Wirklichkeit einen imperialistischen Krieg, genau wie ihn 
Deutschland führt, der aber bei Bulgarien einen gewissen natio- 
nalen Einschlag hat. Da nun König Ferdinand an den berühmten 
Mustern Deutschlands und Oesterreichs gesehen hatte, dass man 
die wahre Volksbegeisterung nur für einen <( Befreiungskrieg » 
entflammen kann, so dachte er bei sich : Weshalb sollen die Bul- 
garen es besser haben als die Deutschen ? Machen wir flugs auch 
bei uns aus dem Eroberungskrieg einen Verteidigunsgkrieg und 
die Sache wird « wie geschmiert » gehen. Gesagt, getan ! Ein 
königliches Manifest an das bulgarische Volk wird erlassen, in dem 
Volk und Armee « zur Verteidigung des von einem heimtückischen 
Nachbarn besudelten heimatlichen Bodens, zur Befreiung der 
unter serbischem Joche schmachtenden Brüder » aufgerufen wer- 
den. Das Manifest gedenkt der von dem König und der Regierung 
zur Erhaltung des P'riedens entfalteten Bemühungen, die leider 
vergeblich gewesen seien, da ein U eher fall durch serbische Truppen 
bei Koestendil, Trn und Bjelogradschik am 14. Oktober, 8 Uhr 

1 Berliner Tageblatt vom 2. November 191 5. 



DEUTSCH-ENGLISCHE VERSTÄNDIGUNG 237 

früh, den Kriegszustand zwischen Bulgarien und Serbien herbei- 
geführt habe. (Siehe Depeschen des Wölfischen Telegraphen- 
bureaus aus Sofia und Berlin vom 14. Oktober 1915.) 

Da haben wir also die Karikatur. Der Kleine ahmt die Grossen 
nach und enthüllt aller Welt durch die Ungeschicklichkeit seines 
Papageientums die Tücken und Schliche seiner Vorbilder. Der 
von dem bulgarischen Gesandten offen eingestandene nationa- 
listisch-imperialistische, nach genügender militärischer Vorbe- 
reitung und langwierigem Kuhhandel — nach beiden Seiten — 
vom Zaune gebrochene Eroberungskrieg ist über Nacht zu einem 
Verteidigungskrieg gegen serbischen Ueberfall geworden, wegen 
der « Besudelung » des heimatlichen Bodens durch einen heim- 
tückischen Nachbarn. Diese unglücklichen Serben ! Man erinnert 
sich, dass sie auch den Krieg mit Oesterreich durch heimtückischen 
Ueberfall herbeigeführt haben. Siehe das Telegramm des deutschen 
Botschafters in Wien vom 28. Juli 1914 an den Reichskanzler 
(Weissbuch, Anlage 16 : Graf Berchtold bemerkt, « dass nach 

Eröffnung der Feindseligkeiten seitens Serbiens »). Wahrhaftig, 

eine niederträchtige Nation ! Zuerst haben sie gegen Oesterreich 
die Feindseligkeiten eröffnet und dadurch den europäischen Krieg 
herbeigeführt und jetzt, wo Oesterreich und Deutschland mit 
vereinten Kräften in ihr verarmtes, ausgesogenes, durch drei 
Kriege aufgeriebenes Land eindringen, haben sie noch die Frech- 
heit, auch ihren bulgarischen Nachbarn zu überfallen und mit 
Krieg zu überziehen ! Unerhört in der Tat ! Da hilft nur die 
Ausrottung ! Und daran haben die Oesterreicher und Deutschen 
bei ihren verschiedenen Einfällen in das unglückliche Land es 
ja nicht fehlen lassen. 



Ganz ähnlich wie bei Bulgarien liegt der Fall der Türkei. Auch 
die Türkei, die seit Jahren an Deutschland und Oesterreich für 
den Fall eines europäischen Krieges gebunden war und tatsächlich 
die ersten Kriegsakte gegen Russland unternommen hat, be- 
hauptete, von Russland angegriffen zu sein und einen « Kampf um 
die heiligsten Rechte der Nation » zu führen. 

Wir sehen aus diesen Beispielen, die noch beliebig — auch nach 
der anderen Seite hin — vermehrt werden könnten, wie's gemacht 
wird. Nichts leichter als einen imperialistischen Eroberungskrieg 
einem verführten Volke unter der Maske eines « aufgezwungenen » 
Krieges, in den verschiedensten Nuancen — vom reinen Vertei- 
digungskrieg, über den Präventivkrieg hinweg, bis zum nationalen 
Einigungs- oder irredentistischen Erlösungskrieg — vorzuführen. 



238 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Oesterreich und Bulgarien — beide von Serbien überfallen. Das 
ist die belustigendste Komödie, die den Schmerzensschrei dieses 
riesigen Trauerspiels unterbricht. Deutschland von Russland und 
Frankreich überfallen, von England und Belgien durch ein lang- 
jähriges Offensivkomplott bedroht ! Also auch hier Verteidigungs- 
krieg gegen Ueberfall. Das ist zwar weniger belustigend, weil es 
doch allzu tragisch ist, aber es ist nicht weniger Maske und Erfin- 
dung, um verbrecherische Angriffspläne vor dem eigenen Volke 
und der Welt mit dem schön drapierten Mäntelchen der Vater- 
landsverteidigung zu verdecken 

Und gegenüber dieser Fälschungsmöglichkeit und Fälschungs- 
fähigkeit, wie sie sich in diesem Kriege und in vielen Präzedenz- 
fällen in der Geschichte gezeigt hat, sollte die englische Regierung 
ein Neutralitätsversprechen abgeben für den Fall eines dem 
deutschen Reiche « aufgezwungenen » Krieges ? ! Idioten oder 
Verräter ihres Vaterlandes hätten die englischen Minister sein 
müssen, wenn sie dieses deutsche Verlangen erfüllt hätten, das 
tatsächlich auf eine Neutralität in jedwedem europäischen Konti- 
nentalkrieg hinauslief. Wenn der heutige Krieg zum Verteidi- 
gungskrieg Deutschlands gestempelt werden konnte, welcher Krieg 
konnte nicht zu einem « aufgezwungenen » gemacht werden ? 
Deutschland war mit Oesterreich und Italien durch Allianzver- 
träge verbunden — zum Unterschied von England, das keine 
Allianzen geschlossen hatte. Der Absatz 4 des zweiten deutschen, 
dem lyord Haidane unterbreiteten Vorschlages, der die Neutra- 
litätspflicht ausschloss, « insoweit sie mit den bestehenden Ab- 
machungen (mit anderen Staaten) nicht vereinbar ist », — dieser 
Satz war zwar in der neuen von Metternich vorgelegten Zusatz- 
formel nicht enthalten, konnte aber bequem in diese Formel 
hineininterpretiert werden. Wenn Oesterreich oder Italien oder 
beide zugleich in einen Krieg mit einer oder mehreren europäischen 
Grossmächten verwickelt wurden und dadurch der casus foederis 
nach den Allianz-Verträgen für Deutschland eintrat, so war auch 
dies ein Zwang, eine Notwendigkeit, ein dem deutschen Reiche 
aufgezwungener Krieg. England musste also, wenn es die Metter- 
nichsche Klausel unterschrieb, auch in einem solchen Kriege 
— ohne Rücksicht auf seinen Ursprung und seine Ziele — neutral 
bleiben. Die Frage, ob wirklich der casus foederis vorliege oder 
nicht, entzog sich der englischen Beurteilung und Entscheidung. 
Wenn Deutschland diese Frage bejahte und seinen Bundesge- 
nossen kriegerischen Beistand leistete, musste England solchem 
« aufgezwungenen » Kriege ruliig zusehen, gleichviel, ob die Inte- 
ressen Englands oder seiner Enteutegenossen aufs tiefste berührt, 



DEUTSCH-ENGLISCHE VERSTÄNDIGUNG 239 

gleichviel, ob einer oder beide Bntentegenossen selbst in den 
Krieg verwickelt wurden, gleichviel, ob der Krieg eine Verlet- 
zung oder Schädigung der kleinen neutralen Staaten Europas 
herbeiführte. England war also ausgeschaltet aus dem euro- 
päischen Konzert, denn es gab keinen Krieg, den Deutschland 
nicht als direkt oder indirekt ihm auf gezwungenen bezeichnen 
konnte : direkt, wenn es primär in den Krieg verwickelt war, 
indirekt, wenn es sekundär durch seine Bündnisverpflichtungen 
hineingezogen wurde. 

Der Sinn und Zweck der ganzen politischen Verständigungs- 
verhandlungen zwischen England und Deutschland war mit der 
Metternichschen Zusatzklausel ins Gegenteil verkehrt. Der Zweck 
der Verhandlungen war, beiden Staaten das wahnsinnige Weiter- 
rüsten zu ersparen durch die beiderseitige Versicherung, dass 
keiner den anderen angreifen noch an einem Angriff sich betei- 
ligen würde. Diesem Zwecke entsprach die Greysche Formel 
in vollstem Masse. Der Metternichsche Zusatz aber bezweckte 
eine Sicherung Deutschlands gegen englischen Eingriff auch 
dann, wenn Deutschland unter der Maske des aufgezwungenen 
Krieges der Angreifer war. Darauf konnte und durfte England 
nicht eingehen — umso weniger, als das von Deutschland ange- 
botene Aequivalent bezüglich der Seerüstungen, wie wir oben 
gesehen haben, vollkommen wertlos war. 

Weshalb wollte Deutsch- 
land seine Seerüstungen 
nicht beschränken? 

Wenn wir jetzt rückwärts den Gang dieser Verhandlungen 
überblicken, so wird uns auch klar, weshalb Deutschland bezüglich 
der Rüstungsbeschränkungen kein wesentliches Entgegenkommen 
zeigen konnte. Deutschland wollte auf der einen Seite Rücken- 
deckung gegen England im Falle « aufgezwungener » Kriege, das 
heisst verschleierter deutscher Angriffskriege haben ; auf der an- 
deren Seite aber wollte und konnte es seine Seerüstungen weder 
binden noch beschränken, denn diese Angriff'skriege auf dem 
Kontinent konnten ja — nach den tausendfachen Verkündigungen 
unserer Alldeutschen und Imperialisten — letzten Endes kein 
anderes Ziel haben, als die nachfolgende grosse Abrechnung nüt 
England. Erst wollten wir Herren des Kontinents und dann 
Herren der Weltmeere werden. 

Für den ersten Schritt auf dieser Leiter zur Weltmacht hraucJvten 
wir die Neutralität Englands, für den zweiten Schritt aber, die 
Depossedierung Englands, brauchten wir die mächtige Flotte. 



240 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Deshalb musste es die Aufgabe unserer Diplomatie sein, den 
nächsten Zweck mit dem ferneren zu verbinden, das heisst die 
Neutralität Englands für alle Kontinentalkriege zu erlangen, 
aber andererseits in unseren Seerüstungen uns keine Beschrän- 
kungen auferlegen zu lassen. Ich wiederhole, was ich bereits oben 
ausgeführt habe, dass ich nirgends in den deutschen Publikationen 
und Reden zu dieser Frage eine Bereitwilligkeit Deutsclilands 
gefunden habe, auch nur ein einziges der bereits gesetzlich bewil- 
ligten Schiffe zu opfern oder auf neue gesetzliche Bewilligungen zu 
verzichten. Eine gewisse Verzögerung in der Ausführung der be- 
willigten Flottenbauten, die aber durch ein späteres schnelleres 
Tempo ausgeglichen und nicht einmal schriftlich fixiert werden 
sollte, war — nach den mir vorliegenden öffentlichen Quellen — 
das Maximum der deutschen Zugeständnisse auf dem Gebiete der 
Seerüstungen. Das Maximum der englischen Zugeständnisse aber 
auf politischem Gebiete — und gleichzeitig das Minimum — sollte 
nach Bethmanns Verlangen eine englische Neutralitätsverpflich- 
tung sein, die in verschleierter Form tatsäclilich auf eine voll- 
ständige, unbedingte Passivität in allen europäischen Konflikten 
hinauslief. 



Ich kann auf Grund der hier dargelegten Tatsachen dem 
englischen Premierminister Asquith keinen Vorwurf daraus ma- 
chen, dass er das deutsche Verlangen mit den kurzen Worten 
charakterisierte : « Man ersuchte uns, uns zu absoluter Neutralität 
zu verpflichten für den Fall, dass Deutschland in einen Krieg 
verwickelt werden sollte » (in the event of Germany being engaged 
in war). Das ist nicht, wie Herr von Bethmann seinem englischen 
Kollegen vorwirft, eine Entstellung des Sachverhalts, sondern 
entspricht materiell durchaus dem deutschen Verlangen. Auch 
Cook in seiner mehrerwähnten Schrift charakterisiert den deut- 
schen Vorschlag genau in derselben Weise, wie Asquith es tut. 
Beide treffen den Nagel auf den Kopf. Drei Arten von Kriegen 
sind bei der gegenwärtigen Erörterung in Betracht zu ziehen : 

erstens ein reiner Verteidigungskrieg ; 
zweitens ein reiner Angriffskrieg ; 

drittens ein durch die Bezeichnung « aufgezwungen » 
verschleierter Angriffskrieg. 

Im Pralle eines reinen Verteidigungskrieges Deutschlands wollte 
England neutral bleiben. Im Pralle eines reinen Angriffskrieges 
wollte es freie Hand behalten. Deutschland wünschte, durch die 



DEUTSCH-ENGI.ISCHE VERSTÄNDIGUNG 24I 

von ihm vorgeschlagene Formel den « aufgezwungenen » Krieg 
ebenso behandelt zu sehen wie den Verteidigungskrieg. Da indessen 
— wie ich nachgewiesen zu haben glaube — jeder Angriffskrieg 
unter die Formel eines « aufgezwungenen » Krieges gebracht 
werden kann (und von Deutschland — mit denselben IVIitteln wie 
heute — zweifellos gebracht worden wäre) , so lehnte England die 
Gleichstellung des « aufgezwungenen » Krieges mit dem Vertei- 
digungskriege ab. Hätte die englische Regierung dem deutschen 
Verlangen nachgegeben, so wäre England bei allen deutschen 
Angriffskriegen zur Neutralität verpflichtet gewesen und kein Fall 
wäre übrig geblieben, bei dem es aus der vertragsmässig übernom- 
menen Neutralität hätte heraustreten dürfen. Darauf wollte und 
konnte die englische Regierung nicht eingehen und das ist es, 
was der englische Premierminister mit seinen obigen Worten zum 
Ausdruck gebracht hat. 

Die abweichende Behauptung des Reichskanzlers beruht auf 
der trügerischen Unterscheidung zwischen einem Angriffskrieg und 
einem « aufgezwungenen » Krieg, die praktisch ohne jede Bedeu- 
tung war. — 

Dies der wahre Sachverhalt über die deutsch-englischen Ver- 
ständigungsverhandlungen. Dies die Gründe, weshalb sie schei- 
tern mussten, und weshalb dieses Scheitern einen neuen Schuld- 
posten auf dem Konto Deutschlands darstellt. 

Ein deutsch-englisches 
Abkommen hätte den 
Krieg verhindert. 

Interessant sind die Veröffentlichungen über diese Verhand- 
lungen auch nach anderer Richtung hin. Sie beweisen von neuem, 
wie ehrlich und atifrichti g Sir Edward Grey damals — wie stets vorher 
und nachher — eine Verständigung mit Deutschland, eine Beseiti- 
gung der zwischen Tripleentente und Tripleallianz bestehenden 
Spannung und ein Aufhören der verderblichen Rüstungskonkur- 
renz erstrebt hat. Ich will die Möglichkeit nicht von der Hand 
weisen, dass auch der Reichskanzler Herr von Bethmann Hollweg, 
wenigstens bis zu eiaer bestimmten Zeitperiode, von ähnlichen 
Ideen beseelt war. Der Unterschied zwischen den englischen und 
den deutschen Verhältnissen war aber leider der, dass es in 
England keine « Allengländer », keine Militär- und Kriegspartei, 
keine Reaktionäre und Junker gab, die den Friedens- und Ver- 
ständigungsbestrebungen der leitenden Staatsmänner durch unter- 
irdische Minenlegung nach den massgebenden Stellen lün entge- 
genarbeiteten. Der erste Lord der Admiralität, Mr. Churchill, 

Das Verbrechen II 16 



^^^ 



242 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

hatte keine anderen Tendenzen und Wünsche als der Minister- 
präsident, der Staatssekretär des Auswärtigen und alle übrigen 
Kabinettsmitglieder. Kein königlicher Prinz in England stand an 
der Spitze einer Kriegstreiherpartei und feierte in Worten, Schriften 
und Handlungen einen frisch-fröhlichen Krieg als Ziel seiner 
innigsten Sehnsucht. Kein Wehr- und Flottenverein drängte auf 
den « unvermeidlichen » Krieg als Stahlbad für die erschlaffenden 
Nerven des — angeblich — in Wohlleben und Gelderwerb ver- 
weichlichten Volkes. Kein Führer massgebender Parteien sprach 
sich höhnisch-ablehnend gegen eine politische und maritime Ver- 
ständigung zwischen den beiden stammverwandten Völkern aus 1. 
Kein Grossadmiral hatte das Ohr des Herrschers und den Einfluss 
der Herrscherumgebung derart zu seiner Verfügung, dass er 
beständig die technische Weiterentwicklung des kostspieligen 
Mechanismus der Kriegsmarine allen politischen und wirtschaft- 
lichen Rücksichten voranstellen konnte. 

Alle diese Gegenströmungen gegen eine englisch-deutsche 
Verständigungsaktion waren in Deutschland vorhanden, aber 
nicht in England. Der Reichskanzler mag ehrlich eine politische 
Verständigung gewollt haben, die natürlich nur durch die 
Erfüllung des englischen Hauptzweckes, durch ein Rüstungs- 
abkommen zu erreichen war. Seine Bestrebungen mögen durch- 
kreuzt worden sein durch die Kriegshetzer auf der einen Seite, 

^ Noch im April 191 7, nach dreiunddreissiginonatHcher Kriegsdauer, nach dem 
Eintritt Amerikas mid anderer bis dahin neutraler Länder in den Kampf, nach der 
Proklamierung der Wilsonschen Kriegsziele, die in erster Linie die Herstellung 
einer Staatengemeinschaft zur Organisierung und Erzwingung eines dauernden 
Friedens und dementsprechend eine Herabminderung der Einzelrüstiuigen als 
Zweck der amerikanischen Intervention hinstellen, — noch jetzt, nach all diesen 
weltumstürzenden Ereignissen, bringt es der Führer der nationaUiberalen Partei 
Bassermann fertig, folgende Sätze niederzuschreiben : 

« Ich glaube nicht, dass nach dem Weltkrieg die Völkerverbrüderung 
kommt, ich glaube, es wird heissen : Nach dem Siege bindet den Helm fester. 
Eine starke Rüstung werden wir tragen müssen, ein gewaltiges Heer muss uns 
schützen und der Ausbau unserer Flotte ist eine Notwendigkeit. Für diese 
Aufgaben ist mir eine starke Monarchie sicherer als eine vor dem Partei- 
kampf nie ziar Ruhe kommende parlamentarische Regierung so wurde 

im Kampfe gegen Parlamentsgewalt die preiissische Armee geschaffen, das 
herrhche Werkzeug deutscher Einigkeit. Da wir eine nationale Partei sind, 
lassen Sie uns diesen wichtigen Gesichtspimkt nicht übersehen. » {National- 
liberale Rundschau, zitiert nach dem Berliner Tageblatt vom 17. April 1917.) 

Das schreibt heute noch der Führer einer höchst einflussreichen « liberalen » 
Partei ! Man kann sich danach ausmalen, wie es in den Köpfen der weiter rechts 
stehenden Pohtiker aussieht. Dass die Neuschaffung eines gewaltigen Heeres, der 
weitere Ausbau unserer Flotte, selbst wenn diese Fortführung einseitig-miütärischer 
sogenannter Friedenssichcrung an sich erstrebenswert wäre, einfach au der Unmög- 
lichkeit scheitern würde, den erschöpften Völkern von neuem solche Rüstungs- 
lasten aufzuerlegen, das hat ein führender liberaler Politiker in Deutschland, ein 
Mann, der bei einer etwaigen Liukswendung der kaiserlichen Pohtik unter den 
Miuisterkandidaten au erster Stelle stehen würde, noch heute nicht begriffen. 



DEUTSCH-ENGLISCHE VERSTÄNDIGUNG 243 

die den Krieg als solchen ersehnten und als Reaktionäre am 
allerwenigsten mit dem demokratischen England eine Verständi- 
gung wünschten, — durch die Marinefachleute auf der anderen 
Seite, denen die ungehemmte Weiterentwicklung ihres technischen 
Meisterwerkes ein Gegenstand der Passion und eine notwendige 
Vorbereitung der zukünftigen Weltseemacht war. Der Vorwurf 
bleibt trotz alledem auf Herrn von Bethmann sitzen, dass er die 
inneren Widerstände gegen seine Verständigungspolitik nicht zu 
überwinden versuchte oder verstand, dass er nicht lieher sein Amt 
aufgab, als die staatlichen Interessen den militärischen unter- 
zuordnen. 

Zu welchem Verderben diese unverzeihliche Schwäche eines 
Staatsmannes führt, sehen wir an diesem Kriege. Hätte Herr von 
Bethmann damals, 1912, die alldeutschen und militärischen 
Widerstände gegen ein für beide Teile wertvolles Rüstungs- 
abkommen überwunden, so würde dieser innere Sieg ihm auch die 
Möglichkeit gegeben haben, sich mit der angebotenen englischen 
Garantie gegen jeden Angriffskrieg zu begnügen und auf die 
Reserv^e eines deutschen Angriffskrieges — unter dem Titel eines 
« aufgezwungenen » — zu verzichten. Der Sieg des Staatsmannes 
über die Militärs würde den Eifer und die Erfolge der Kriegs- 
schürer gemildert haben, indem er ihnen die Möglichkeit nahm, 
ihre Angriffswaffen immer weiter auszubilden und zu verstärken. 
Der Sieg Bethmanns damals, igi2, würde seine Niederlage jetzt, 
im Juli 1914, verhindert haben. Das deutsch-englische Abkommen 
wäre ein Schutzmittel gegen den europäischen Krieg geworden. 
Der deutsche Reichskanzler bleibt also — das ist das Schluss- 
resultat unserer Betrachtungen — für das Scheitern der Ver- 
ständigungsverhandlungen von 191 2 verantwortlich, weil er, 
ursprünglich vielleicht von ehrlichen Absichten geleitet, im Laufe 
der Verhandlungen sich den Ansichten und Absichten der Militär- 
und Kriegspartei untergeordnet hat, — genau wie er dies in den 
kritischen Julitagen 1914 getan hat. 

Die Berichte Metter nichs 
vom Februar /März 191 2. 

Die in der « Norddeutschen Allgemeinen Zeitung » vom 8. Sep- 
tember 1915 veröffentlichten Berichte Mctternichs vom Februar 
und März 1912 bestätigen in jeder Beziehung die Haltung Greys, 
wie ich sie in meinem Buche (Seite 86) nach Cook dargestellt 
habe. Grey betonte — nach Metternichs Bericht — den ernsten 
Wunsch Englands, in Frieden und Freundschaft mit Deutschland 
zu leben, auch diese Freundschaft durch ein politisches und 



244 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

maritimes Abkommen in feste Formen zu bringen, ohne deswegen 
das freundschaftliche Verhältnis Englands zu Frankreich und 
Russland in Frage zu stellen : 

Seine Politik sei darauf gerichtet, eine erneute Gruppierung der Mächte 
in zwei Lager zu vermeiden und diese werde mit der Zeit ihre Früchte tragen. 
(Bericht Mettemichs vom 17. März 191 2.) 

Grey wies mit Recht darauf hin, dass eine absolute Neutralitäts- 
verpflichtung — selbst mit dem Zusätze vom « aufgezwungenen >> 
Kriege — seitens der englischen Regierung nicht einmal Frank- 
reich und Russland gegenüber eingegangen worden sei. Wenn 
Deutschland auf einer solchen Verpflichtung bestehe, aber anderer- 
seits für seinen Flottenbau sich mehr oder weniger freie Hand 
vorbehalten wolle, so bemerkte Grey hierzu : 

Irgend ein Hinausgehen (Deutschlands) über das bestehende Flottengesetz 
gestatte der englischen Regierung nicht, ia diesem Augenblick ein politisches 
Abkommen mit vms einzugehen. (Bericht Metternichs vom 29. März 1912.) 

Dieser Bericht unseres deutschen Botschafters, unmittelbar 
vor dem Abbruch der Verhandlungen, beweist von neuem, dass 
die deutsche Regierung zu keiner ernsthaften Gegenleistung be- 
züglich des Flottenbaues bereit war, sondern sich ein weiteres 
Hinausgehen über das damals bestehende Flottengesetz vor- 
behielt. Meine Behauptung, für die ich oben den Beweis zu führen 
versucht habe, dass Deutschland als Maximum nur eine zeit- 
weilige Verzögerung im Flottenbau angeboten habe, wird hier- 
durch bestätigt. Wäre irgend eine bestimmte Beschränkung nach 
Umfang oder Kostenaufwand der Flottenrüstung von Deutschland 
angeboten worden, so würde die deutsche Regierung es nicht un- 
terlassen haben, dieses wichtige Gegenangebot mit deutlichen 
Worten hervorzuheben. Das ist aber nirgends geschehen, auch 
nicht in der Rede des Reichskanzlers vom 19. August 1915. 
Daraus folgt, wie aus allen anderen Umständen, dass Deutschland 
— unter dem Druck seiner Marinefachleute und der im deutschen 
Flottenverein konzentrierten Seemachtschwärmer — sich freie 
Hand für die Weiterentwicklung seiner Flotte vorbehalten wollte 
und damit jedes politische und Marineabkommen mit England 
unmöglich machte. 

Die Verhandlungen blieben also resultatlos. Beide Teile blieben 
frei, ihre verhängnisvolle Rüstungskonkurrenz fortzusetzen. Aber 
auch diese Enttäuschung bedeutete für Grey keine Entmutigung. 
Er sprach dem Grafen Metternich gegenüber die Hoffnung aus, 
dass trotz des Scheiterns der jetzigen Verhandlungen eine Ver- 
ständigung in kolonialen und territorialen Fragen weiter versucht 



DEUTSCH-ENGLISCHE VERSTÄNDIGUNG 245 

werden möge, und, wenn solche Verständigung ihre künftige 
Wirkung auf die öffentliche Meinung in beiden Ländern ausgeübt 
habe, dass man von neuem einem politischen und Rüstungsab- 
kommen nähertreten möge. (Bericht Metternichs vom 29. März 
1912.) 

So endeten die englisch-deutschen Verständigungsverhand- 
lungen trotz ihres Miss er folg es doch nicht mit einem Miss klang, 
sondern mit einem günstigen Ausblick in die Zukunft, der sich 
dann auch in der gemeinschaftlichen Friedensarbeit während der 
Balkankrisis und in dem Zustandekommen der Abmachungen 
über Kleinasien, die Bagdadbahn etc. verwirklicht hat. Das Ver- 
halten Greys während der Verhandlungen von 1912 und während 
der folgenden Jahre bis zum Ausbruch des Krieges beweist in 
jeder einzelnen Phase, dass der englische Staatsmann ernsthaft 
und mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln Frieden und Freund- 
schaft mit Deutschland erstrebt hat und für das Scheitern seiner 
Bemühungen nicht verantwortlich ist. 

H a 1 d a n e. 

Herr Schiemann, der Mann der « wissenschaftlichen Unter- 
suchungsmethode », geht auf den wichtigsten Streitpunkt in den 
englisch-deutschen Verhandlungen überhaupt nicht ein. Er 
schreibt eine Broschüre zum Zwecke des Nachweises: «Wie England 
eine Verständigung mit Deutschland verhinderte » und berührt den 
Kern der Frage, den deutschen Zusatz betreffs des « aufgez\Min- 
genen » Krieges, nicht mit einem Worte. Für ihn ist die Angelegen- 
heit mit der Erwähnung des englischen Vorschlages erledigt, den 
er für hinterhältig und machiavellistisch erklärt, und den er 
noch besonders dadurch zu verdächtigen sucht, dass er auf eine 
— ebenfalls von ihm entstellte — Rede Haldanes vom 5. Juli 1915 
Bezug nimmt ^. 

Der Sinn der Haidaneschen Rede, die mir nur in deutschen 
Zeitungsberichten vorliegt, ging in unzweideutiger Weise dahin, 
dass er bei seinem Besuche in Berlin im Februar 191 2 den Eindruck 
gewonnen habe, dass es in Deutschland eine einflussreiche Kriegs- 
partei gebe, die unter dem Vorwand, Deutschland werde von 
England und seinen Ententefreunden mit Ueberfall bedroht, 
ihrerseits zum Kriege dränge. Diese Kriegsschürer hätten leider 
die Oberhand über die grosse Masse des friedliebenden deutschen 
Volkes gewonnen und hätten, wie sie durch ihren Einfluss die 
damaligen Verständigungsverhandlungen zum Scheitern gebracht, 

* Siehe Verleumderbroscbüre, S. 47. 



246 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

SO auch den Ausbruch des jetzigen Krieges herbeigeführt. Die 
Erfahrungen und Beobachtungen, die er im Februar 1912 gemacht 
und die durch das Scheitern der Verständigungsverhandlungen 
im März bestätigt worden seien, hätten ihn und seine Kollegen 
im Ministerium damals veranlasst, die Rüstungen zu Wasser und 
zu Lande weiter zu betreiben, da ja auch Berlin zu einer wirklichen 
Beschränkung seiner Rüstungen nicht zu bestimmen gewesen sei. 

Das nennt Schiemann ein « überaus wichtiges Bekenntnis 
Haldanes », ein Bekenntnis zur « Kriegspolitik ». In Wahrheit war 
es ein Bekenntnis der Aussichtslosigkeit, zu einer Verständigung 
mit Deutschland über die Rüstungsfrage auf der Basis eines poli- 
tischen Abkommens zu gelangen. Diese Aussichtslosigkeit ging 
aus allen Verhandlungen hervor, die Haidane mit dem Kaiser, 
mit dem Grossadmiral von Tirpitz, mit dem Reichskanzler und 
anderen leitenden Persönlichkeiten geführt hatte. Der Reichs- 
kanzler erstrebte ein politisches Abkommen, das ihm Englands 
Neutralität im weitesten Umfange verbürgte ; der Grossadmiral 
von Tirpitz aber und Kaiser Wilhelm selbst erklärten mit aller 
Bestimmtheit, « selbst für ein annehmbares politisches Abkommen 
könne keine Herabminderung in dem vergrösserten Flottenpro- 
gramm eingeführt werden ; nur eine zeitweilige Verzögerung könne 
stattfinden. » (Siehe Cook, S. 23.) Ist es zu verwundern, dass 
Ivord Haidane nach diesen Erfahrungen mit dem Entschluss 
zurückkehrte, nun auch die englische Regierung zu weiteren 
Rüstungen zu veranlassen ? Schon in meinem Buche habe ich auf 
den eigentümlichen Umstand hingewiesen, dass gerade zwei Tage 
vor Haldanes Ankunft in Berlin bei der Reichstagseröffnung eine 
neue grosse Flotten- und Heeresvermehrung angekündigt worden 
war. Nicht einmal von dieser neuen, noch nicht beschlossenen 
Vermehrung wollte Deutschland sich etwas abhandeln lassen. 
Ist es zu verwundern, dass Haidane nach seiner Rückkehr nun 
auch für die Weiterführung der englischen Land- und Seerüstun- 
gen nüt aller Energie eintrat, ungeachtet der Fortführung der 
Verhandlungen zwischen Grey und Metternich, deren Erfolg 
gerade ihm, dem Lord Haidane, nach seinen Berliner Beobach- 
tungen mehr als zweifelhaft erscheinen musste ? 

Damit fällt auch das aus der Haidaneschen Rede vom 5. Juli 
191 5 hergeleitete Argument für eine englische Kriegspolitik. 

Freiwillige Herabsetzung der 
Flotten bauten. Naval holiday. 

Wie sehr die englische Regierung auch nach dem Scheitern 
der Verständigungsverhandlungen eine Einigung mit Deutsch- 



1 



DEUTSCH-ENGLISCHE VERSTÄNDIGUNG 247 

land erstrebte, geht aus ihren Versuchen hervor, durch ihr tat- 
sächliches Verhalten in der Rüstungsfrage Deutschland zum Ein- 
lenken in vernünftige, für beide Völker heilsame Bahnen zu ver- 
anlassen. Ich spreche von dem bereits unter dem Mnisterium 
Campbell-Bannerman im Jahre 1906 eingeschlagenen Wege, durch 
eine freiwillige Herabsetzung bereits bewilligter Flottenbauten 
Deutschland zu einem ähnlichen Schritte zu veranlassen ^. Der 
Versuch von 1906 war misslungen. Deutschland hatte das gute 
Beispiel nicht nur unbefolgt gelassen, sondern auch jede Diskus- 
sion über die Rüstungsfrage auf der damals bevorstehenden 
Haager Konferenz rundweg abgelehnt. Das hinderte den ersten 
Lord der Admiralität, Churchill, nicht, zweimal, in den Jahren 
1912 und 1913, den bekannten Vorschlag eines Flottenfeiertages 
(naval holiday) zu machen, indem er das Versprechen abgab, 
jeder Verzögerung oder Ermässigung im deutschen Schiffsbau eine 
verhältnismässige Verzögerung oder Ermässigung im englischen 
Schiffsbau folgen zu lassen. Churchill ging sogar so weit, in einem 
bestimmten Jahre eine vollständige Pause im Schiffsbau eintreten 
zu lassen, wenn Deutschland sich zu einer gleichen Pause ver- 
pflichte. 

Selbstverständlich hat Deutschland diesen Vorschlag weder 
beantwortet noch befolgt und, wie die deutsche Regierung ihn 
totgeschwiegen hat, so schweigt ihn heute die deutsche Kriegs- 
presse tot. In der Verständigungsbroschüre Schiemanns finde ich 
nicht ein Wort über den naval holiday. In der Verleumderbro- 
schüre ein einziges Wort « Flottenfeier jähr » (S. 65), aber keinerlei 
nähere Darlegung oder Erläuterung. Wie rechtfertigt der Wahr- 
heitsforscher, der mir Verleumdung vorwirft, diese unerhörte 
Unterschlagung ? Wie er den Churchillschen Vorschlag auch 
beurteilen mag, wie er ihn fälschen und entstellen mag, in keinem 
Falle durfte er ihn mit Stillschweigen übergehen. 

Der Vorschlag des Flottenfeiertages bildet den Schlusstein in 
den Bemühungen der englischen Regierung, der Rüstungskonkur- 
renz Einhalt zu tun. Er beruht auf der klugen staatsmännischen 
Idee, dass, wenn zwei Leute sich nicht miteinander einigen können, 
sie deshalb nicht nötig haben, einander zu ruinieren. Der englische 
Vorschlag erforderte keinerlei Verhandlungen, nur ein entspre- 
chendes tatsächliches Verhalten von der anderen Seite. Er war 
elastisch nach allen Richtungen hin. Er konnte auf bestimmte 
Schiffstypen, auf grössere oder geringere Zeiträume, auf die 
Herabsetzung der Flottenausgaben, kurz auf alle möglichen 
Einzelpunkte in der Rüstungsfrage beschränkt werden, und es 
hing nur von Deutschland ab, da die englische Admiralität zu 

' Siehe J'accnse, S. S8-90. 



248 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

jedem modus vivendi bereit war, die Art und den Umfang dieses 
modus zu bestimmen. Es kam, wie so oft, auch in dieser Lebens- 
frage beider Völker nur auf den ersten Schritt an. War dieser 
getan, so ergaben sich die günstigen Folgen für die Zukunft von 
selbst. Diesen ersten Schritt hat Deutschland abgelehnt, wie es 
alle früheren Verständigungsverhandlungen durch seine uner- 
füllbaren Forderungen und seine wertlosen Gegenleistungen zum 
Scheitern gebracht hat. Auch dies ist ein schwerer Schuldposten 
auf dem Konto Deutschlands. Weil es das ist und jede Ent- 
stellung der englischen Absichten in dieser Frage unmöglich ist, 
deshalb unterschlägt man den Vorgang oder geht, wie Schiemann, 
mit der verleumderischen Behauptung darüber hinweg, dass auch 
dieser Vorschlag des Flottenfeierjahres, wie so vieles andere, nur 
dazu bestimmt gewesen sei, in Deutschland die trügerische Vor- 
stellung zu erhalten, dass es von England nichts zu befürchten 
habe. 



Ich möchte diesen Abschnitt mit den Worten schliessen, 
welche die ganze Greysche Verständigungspolitik von igo5-igi4 in 
einen leitenden Gedanken zusammenfassen und zuletzt in seinem 
berühmten Friedensvorschlag vom 30. Juli 1914 (Blaubuch Nr. loi) 
zum Ausdruck gekommen sind, — mit den friedlichen Worten, 
durch die er in seiner Unterhausrede vom 10. Juli 1912, wenige 
Monate nach dem Scheitern der Verständigungsverhandlungen, 
den Ausblick in eine bessere europäische Zukunft eröffnete : 

« Was für einzelne diplomatische Gruppen immer be- 
stehen mögen, das sollte, meiner Ansicht nach, in Fragen 
von gegenseitigem Interesse nicht einen Meinungsaustausch 
und vollkommene Offenheit verhindern, und, wenn die 
stattfinden, bratichen separate Gruppen sich nicht notwen- 
digerweise in einander entgegengesetzten diplomatischen 
Lagern zu befinden. » 

Herrn Schiemann aber, dem deutschen Deroulede, rufe ich die 
Worte in Erinnerung, die Jules Cambon am 2. August 1914, kurz 
vor seiner Abreise aus Berlin, dem Vertreter des Lokalanzeigers, 
Paul Krause, gesagt hat, und die auf niemanden besser als auf 
den Kreuzzeitungsprofessor passen : 

Quelle guerre stupide ! Quelle guerre idiote ! Sprechen Sie mir nicht von 
Konferenzen, die können alle zu nichts führen, wenn es nicht gelingt, in allen 
Ländern einer gewissen Presse den Maulkorb anzulegen, deren schädlicher 



DEUTSCH-ENGLISCHE VERSTÄNDIGUNG 249 

Einfluss für alle modernen Konflikte zwischen den Völkern verantwortlich 
ist. Ich kenne nur eine Art Konferenz, die etwas vorzüglich Nützliches 
hervorbringen könnte, das wäre ein internationaler Kongress, der den Ueber- 
treibungen imd Aufregungen bei Besprechimg internationaler Angelegen- 
heiten ein Ende machen würde ; denn die Regierungen finden immer Mittel, 
sich zu verständigen, solange die Presse nicht die öffentliche Meinung vergiftet. 
Ich bin mir wohl bewusst, dass das, ohne die Freiheit der Presse zu verletzen, 
schwierig ist ; aber die Haager Konferenz wird erst wirkliche Friedensgaran- 
tien schafEen, wenn sie Mittel findet, das Uebel an der Wurzel zu trefien ! 

Damit hat der französische Staatsmann, der, wie der deutsche 
Berichterstatter ihm bestätigt, niemals den Krieg gewollt, der 
stets in ehrlichster Weise auf die Erhaltung des Friedens hinge- 
arbeitet hat, eine tiefe und beherzigenswerte Wahrheit ausge- 
sprochen. Damit hat er die wahrhaft Schuldigen an dem Völker- 
morde gekennzeichnet und gebrandmarkt. Nicht wir, die wir stets 
den Finger auf diese Wunde gelegt, die wir stets auf die fürchter- 
lichen Folgen der gewerbs- und gewohnheitsmässigen Verhetzung 
hingewiesen haben, — nicht wir sind die Landesverräter — nein, 
die Derouledes sind es, die Derouledes hüben und drüben. In erster 
Linie bei uns jener Mann, der, sicher im Strome der öffentlichen 
Meinung schwimmend, es wagt, denen das Vaterlandsgefühl abzu- 
sprechen, die mit grössten persönlichen Opfern und Gefahren, 
gegen Riesenw^ellen von Schmutz und Verleumdung ankämpfend, 
dem deutschen Volke die Wahrheit verkünden w^ollen — , die 
Wahrheit, deren Verstümmelung und Entstellung seit Jahrzehnten 
das ehrlose Gewerbe der Kriegshetzer gewiesen ist. Diese wahrest 
Verräter ihres Landes, die nirgends verderblicher als in Deutschland 
gegen das Wohl ihres eigenen Volkes gewütet haben, sie müssen 
in Zukunft unschädlich gemacht, der verdienten Bestrafung über- 
Hefert werden. Nur so ist dauernder Frieden, nur so eine Verstän- 
digung möglich zwischen den Völkern, die alle — ohne Ausnahme 
— den Frieden wollen. 




VI. 



Die Wortführer des kriegerischen 
Deutschlands. 



Bernhard!. 



Wie ich schon an früherer Stelle hervorgehoben habe, sucht 
man in Deutschland mit allen Mitteln den General von Bernhardt 
von den Rockschössen abzuschütteln, da er in allzu indiskreter 
Weise aus der Schule geplaudert, die Angriffspläne der deutschen 
Imperialisten allzu oft'en enthüllt hat. Herr Schiemann dreht und 
windet sich, um den unbequemen General los zu werden : auf der 
einen Seite behauptet er, die Schriften Bernhardis seien der Re- 
gierung unbequem und unerwünscht gewesen, weil sie den jVIiss- 
brauch voraussah, den böser Wille mit ihnen treiben könnte ; auf 
der anderen Seite aber bestätigt er dem forschen Imperialisten- 
führer, dass er die Zusammenhänge richtig gesehen und erkannt, 
dass seine tapferen Bücher mit Recht auf die Notwendigkeit 
hingewiesen hätten, « zum Schwert zu greifen, ehe die VerschwörtDig, 
die Deutschland bedrohte, zur Tat überging ». Dann wieder sucht 
er die Schriften Bernhardis aus der Zeit ihrer Entstehung zu 
erklären, aus der europäischen Lage im Jahre 1912, wo « wir 
über kurz oder lang mit einer Koalition von England, Russland 
und Frankreich zu rechnen haben würden, deren Ziel nündestens 
die politische Demütigung sein sollte, auf welche dann als logische 
Folgeerscheinung die Zertrümmerung der deutschen Machtstellung 
folgen sollte. » 

Herr Schiemann begeht hier einen Irrtum, der, wie alle seine 
Irrtümer, ein absichtlicher ist : er verwechselt den Imperialismus 
Bernhardis mit dem Präventionismus. Ich empfehle ihm, nur die 
Zitate aus Bernhardi in meinem Buche (S. 25-30) nachzulesen — er 
kann sich auch mit den blossen Kapitelüberschriften begnügen — , 
und er wird finden, dass Bernhardi nichts weniger als eine Koali- 



252 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

tion der Ententemäclite zur « Zertrümmerung der deutschen 
Machtstellung » fürchtete, dass ihm im Gegenteil solche Koalition 
sehr angenehm gewesen wäre, da sie Deutschland der Notw^endig- 
keit überhoben hätte, seinerseits als agent provocateur aufzutreten 
und den für Deutschlands Entwicklung — nach seiner Meinung — 
notwendigen Weltmachtskrieg vom Zaune zu brechen. Bernhardt 
ist ausgesprochener Imperialist, Imperialist ohne jedes Feigenblatt ; 
er fürchtet den Krieg nicht, sondern sehnt ihn herbei, als notwen- 
diges Mittel zur Erfüllung der historischen Mission Deutschlands. 
Auch Herr Schiemann ist Imperialist und wird, wie ich bereits 
früher hervorgehoben habe, gerade in der auswärtigen Presse als 
journalistischer Führer der deutschen Imperialisten bezeichnet. 
Aber zum Unterschied von dem ehrlichen, draufgängerischen 
General ist er verschämter Imperialist, der seine Scham krampfhaft 
mit dem Feigenblatt des Präventionismus zu bedecken sucht. 
Wenn man die Wahl hat zwischen ehrlichen und unehrlichen 
Imperialisten, so ziehe ich meinerseits die ersteren vor : sie zeigen 
wenigstens Charakter, sagen offen, was sie wollen, und ver- 
schmähen, indem sie ihre eigenen Angriffsabsichten offen beken- 
nen, jede Täuschung des deutschen Publikums über angebliche 
Angriffsabsichten der anderen. 



Die vier Gruppen der Verteidiger Deutsehlands. 

Ich möchte die Verteidiger Deutschlands in folgende vier 
Kategorien einteilen : 



Defensionisten. 

I. Die Defensionisten. An ihrer Spitze stehen die Herrscher, 
die Regierungen, die offizielle und offiziöse Presse — sowohl die 
hauptstädtische als die von Berlin aus versorgte Provinzpresse. Im 
Gefolge der Herren von Bethmann Hollweg und Dr. Helfferich, 
der Führer der Defensionisten, befindet sich der grösste Teil der 
sogenannten liberalen, der — bis zum Kriege — demokratischen, 
der rechts-sozialdemokratischen, jetzt sozialimperialistischen Jour- 
nalistik, vor allem aber leider — noch heute ! — der überwiegende 
Teil des deutschen Volkes. Alle diese Personen und Gruppen halten 
noch heute die These des Ueberfalls und des Verteidigungskrieges 
aufrecht, an deren Wahrheit nur die Herde, nicht aber die Hirten 
glauben. Der Standpunkt dieser Gruppe ist prinzipiell unanfecht- 
bar, da jedes Volk das natürliche Recht und die Pflicht hat, sich 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHI^AND 253 

gegen Ueberfall zu verteidigen. Der Fehler liegt hier auf der 
tatsächlichen Seite : der Ueberfall ist nicht gegen Deutschland, 
sondern von Deutschland ausgeführt worden. 

Imperialisten. 

2. Die Imperialisten. Diese Gruppe ist organisiert im « All- 
deutschen Verband », im « Deutschen Wehrverein », im « Deut- 
schen Flottenverein » und ähnlichen Gebilden. Ihre hervorra- 
gendsten Führer und Propagandisten sind Generale und Admirale 
ausser Diensten oder zur Disposition, ihre Gruppen zählen nach 
Hunderttausenden organisierter Mitglieder, ihr Einfluss in der 
Presse drückt sich weniger in eigenen Organen — abgesehen von 
den « Alldeutschen Blättern », — als in der Beeinflussung eines er- 
heblichen und viel gelesenen Teiles der deutschen Zeitungen und 
Zeitschriften aus. Fast die ganze konservative, freikonservative, 
agrarische und ein guter Teil der nationalliberalen Presse stand 
und steht zur Verfügung des deutschen Imperialismus, der in erster 
Linie natürlich die Militär- und Junkerkreise umfasst, aber auch 
weit in die liberalen, demokratischen und neuerdings auch 
sozial-demokratischen Schichten hinein seine Wellen schlägt ^. 

Dass die Presse der rheinisch-westfälischen Rüstungsindustrie 
denselben Strang mit den Imperialisten zieht, ist selbstverständ- 
lich. Von den grossen Rüstungsindustriellen und ihren Vereini- 
gungen gehen auch die reichen Mittel aus, mit denen die all- 
deutsch-imperialistische Agitation seit Jahren in Wort und 
Schrift betrieben wird. Alldeutschtum und Imperialismus sind 
mehr und mehr über manche früheren Parteischranken hinweg- 
gesprungen und haben zu kriegerischem Chorus die Kreuz- 
Zeitung, die Post, die Deutsche Tageszeitung, die Tägliche 
Rundschau, mit den Münchener Neuesten Nachrichten, dem 
Lokal- Anzeiger, der Magdeburgischen Zeitung, der Kölnischen 
Zeitung, der Rheinisch-Westfälischen Zeitung u.s.w. zusammen- 
geführt. Ich spreche hier nicht von der Kriegszeit, die aus er- 
klärlichen Gründen eine unnatürliche feldgraue Uniformierung 
der gesamten öffentlichen Meinung hervorgebracht hat, sondern 
von der jahrelangen Entwicklung vor dem Kriege. Das P'ort- 
schreiten dieser Entwicklung zu einer scheinbar vollkommenen 
Volksharmonie während des Krieges werde ich au späterer Stelle 
beleuchten. 

* Man lese als Beleg hiefür die umfassende Zusammenstellung in dem ausge- 
zeichneten, erst nach Vollendung meines Werkes erchieuenen Buche von 5. G rum- 
back : Das annexionistische Deutschland (Payot & C"^, Lausanne, 191 7). 



254 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Präventionisten. 

3. Die dritte Kategorie der Verteidiger Deutschlands sind die 
Präventionisten. Die prinzipielle Verwerflichkeit ihres Gedanken- 
ganges sowie den Mangel jeder tatsächlichen Voraussetzung der 
Prävention habe ich oben dargelegt: Es gibt sicher nur wenige 
Personen in Deutschland, die « zum Bau gehören » und trotzdem 
an einen beabsichtigten Ueberfall der Ententemächte gegen 
Deutschland glauben. Unzählige und unbestreitbare Tatsachen 
sprechen zu deutlich gegen diese Ueberfallsthese, um denen, die 
sie vorbringen, den guten Glauben zugestehen zu können. Ich 
habe in meinem Buche und in dieser Arbeit einen grossen Teil 
dieser Tatsachen zusammengetragen und daher nicht nötig, hier 
darauf zurückzukommen. Auch der Gang des Krieges selbst 
beweist die Haltlosigkeit der Ueberfallsthese : besonders England, 
der angebliche Anstifter des Komplotts, war so wenig auf einen 
Krieg gegen die erste Militärmacht der Welt vorbereitet, dass es 
bekanntlich erst nach anderthalbjähriger Dauer des Krieges an 
eine ernstliche Organisation und Erweiterung seines Landheeres 
— auf der Grundlage der obligatorischen Dienstpflicht — zu 
denken begann, dass es vor Ausbruch des Krieges nicht einmal 
einen wirksamen Schutz gegen Angriffe aus der Luft und unter 
Wasser vorbereitet hatte. Für die militärische Unterlegenheit 
der Kriegsgegner (in der ersten Kriegsperiode) hat man ja nun 
allerdings in Deutschland die Ausrede bereit, dass die Gegner 
erst zwei Jahre später losschlagen und bis dahin ihre Vorbereitun- 
gen beenden wollten. Dass es für diese Behauptung an jedem 
Beweise fehlt, dass im Gegenteil die Friedenserhaltung für damals 
und später das sehnlichste Ziel der heutigen Kriegsgegner Deutsch- 
lands gewesen ist, glaube ich in meinem Buche und im Laufe 
dieser Arbeit genügend dargetan zu haben. 

Trotzdem ist nicht zu leugnen, dass ein grosser Teil des deut- 
schen Volkes auf die Vorspiegelung : wir sollten später überfallen 
werden und mussten diesem Ueberfall rechtzeitig zuvorkommen, 
hineingefallen ist. Die breiten Massen in den unteren und mitt- 
leren Scliichten Deutsclilands glauben an den Verteidigungs- 
krieg, den man ihnen leichter begreiflich machen und für den 
man sie erfolgreicher begeistern konnte als für einen Präventiv- 
krieg. Die höheren Schichten aber, der höhere Bürgerstand, die 
Intelligenz, die Professoren, Anwälte, Aerzte, Künstler etc. — 
alle, denen man mit dem groben Geschütz des räuberischen 
Ueberfalls nicht beikommen konnte, die aber der feineren Ein- 
flüsterung eines teuflischen Zukunftsplanes wohl zugänglich 
waren, — sie glauben an die bösen A hsicMen der Gegner und prei- 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 255 

sen ihre vorsorgliche Regierung, die diesen Absichten zuvor- 
gekommen sei. Auf ein näheres Studium der entfernteren Vor- 
geschichte des Krieges lassen sich diese Art Leute, die sich wenig 
mit Politik zu beschäftigen pflegen, nicht ein : sie entsinnen sich, 
aus den Zeitungen von König Edwards Einkreisung, von Del- 
casses Revancheabsichten, von der kriegslüsternen Grossfürsten- 
Partei am russischen Hofe, von den Intrigen der « montenegri- 
nischen Weiber » und ähnlichen Räubergeschichten gehört zu 
haben, — das genügt ihren bescheidenen Bedürfnissen nach poli- 
tischer Belehrung. 

Ergraute Gelehrte, die ihr halbes Leben damit verbracht 
haben, einige lateinische Steininschriften oder ägyptische Hiero- 
glyphen zu entziffern, um sich und anderen sicheren Aufschluss 
über Leben und Taten irgend eines vor Jahrtausenden verstor- 
benen römischen Konsuln oder ägyptischen Pharaos zu verschaffen, 
— sie denken gar nicht daran, ja sie würden es für verlorene Zeit 
und Mühe halten, auch nur ein Stündchen gelegentlich auf das 
Studium der Dokumente der allerneuesten Zeitgeschichte zu 
verwenden, die ihre unmittelbarsten Lebensinteressen berührt. 
Die grössten Koryphäen der deutschen Bildungswelt sind poli- 
tische Analphabeten. Den bedeutendsten Mathematikern sind noch 
nicht einmal die Geheimnisse des politischen Einmaleins auf- 
gegangen. Bahnbrechende Embryologen sind in der politischen 
Geschichte ihres Landes auf dem geistigen Niveau eines Embryo 
stehen geblieben. Nur so erklären sich alle die berühmten Intellek- 
tuellen-Aufrufe mit ihrer Unkenntnis der tatsäclilichen Vorgänge 
und der daraus fliessenden Unhaltbarkeit ihrer Schlussfolgerungen. 
Der Grund für diesen — nur in Deutschland her\'ortretenden — 
Zwiespalt zwischen wissenschaftlichem Wissen und politischer 
Unwissenheit liegt — abgesehen von gewissen, dem deutschen 
Bildungs-Philister an sich schon anhaftenden Eigenschaften — 
in dem Mangel des Volkseinflusses auf die Regierung, in dem 
Ausschluss des Parlamentarismus. 

Fast alle jene Professoren, die beständig zum Kriege, zur 
Schuldfrage, zu den Kriegszielen u.s.w. das Wort ergreifen — 
nach dem Motto : Jeder blamiert sich eben so gut, wie er kann — 
fast alle jene Quellenforscher sind an die Quellen dieses Krieges 
nie mit ihrem sonst gewohnten Forschereifer herangegangen. 
Das diplomatische Aktenmaterial ist ihnen vollständig oder fast 
vollständig ein « Buch mit sieben Siegeln » geblieben. Die aus- 
wärtige Presse lesen sie nur in der Wiedergabe und Beleuchtung 
ihrer Tageszeitung, die Vorgänge in anderen Ländern lernen sie nur 
in der gleichen tendenziösen Färbung kennen. Und so kommt es 
denn, dass ein paar Schlagworte die öffentliche ^Meinung gerade 



256 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

unter den Gebildeten beeinflussen und gerade hier Erfindungen, 
wie die vom Präventionskriege, die gläubigsten Hörer finden. 
Der Glaube au den Präventionskrieg ist, wie sich jeder in Deutsch- 
land überzeugen kann, das Privileg gerade der gebildetsten Schich- 
ten des deutschen Volkes, deren Angehörige dem erstaunten 
Frager, ohne sich auf weitere Erörterungen und Beweisführungen 
einzulassen, zu erwidern pflegen : « Es ist doch besser, dass wir 
jetzt in Russland, Belgien und Frankreich sind, als dass die Kosaken 
in zwei Jahren in Berlin gewesen wären. » 

Präventiv-Imperialisten. 

4. Die vierte Kategorie dei Verteidiger Deutschlands möchte 
ich die Half-and-half- Partei nennen : sie sind halb Präventio- 
nisten, halb Imperialisten. Nichi zu verwechseln mit den reinen 
Imperialisten, die nur aus Schamgefühl und aus Zweckmässig- 
keitsgründen das präventive Schurzfell sich vorhängen. Die 
Halb-und-halb-Politiker erstreben eine Weltmachtstellung für 
Deutschland, wenn möglich, auf dem Wege friedlicher Entwick- 
lung, wenn es aber sein muss, auch durch kriegerische Gewalt. 
Da sie fürchten und voraussehen, dass ihr Ziel, wie jedes imperia- 
listische Streben, Reibungen mit konkurrierenden Mächten und 
kriegerische Verwicklungen herbeiführen kann, so sind sie nicht 
abgeneigt, einen besonders günstigen Moment militärischer und 
politischer Ueberlegenheit Deutschlands zum lyosschlagen auszu- 
nutzen. Sie unterscheiden sich von den reinen Imperialisten ä 1a 
Bernhardi dadurch, dass sie den Krieg nicht für eine segensreiche 
Eisenkur, sondern für ein notwendiges Uebel ansehen, das man 
nach Möglichkeit vermeiden müsse. Sie unterscheiden sich von 
den Präventionisten dadurch, dass sie nicht an einen zur Vernich- 
tung Deutschlands bestimmten zukünftigen Ueberfall seitens 
feindlicher Mächte, sondern nur an eine mögliche oder wahrschein- 
liche Hemmung des imperialistischen Aufstieges Deutschlands 
glauben. Diese komplizierte Spielart ist natürlich nicht im Volke, 
weder in den höheren noch in den niederen Schichten, vertreten ; 
sie ist eine species, die nur unter den Leuten « vom Bau » vor- 
kommt. Als charakteristische Vertreter dieser Präventiv-Imperia- 
listen erscheinen mir Paul Rohrbach und seine Anhängerschaft. 



Von diesen vier Kategorien sind nur die Defensionisten 
und reinen Imperialisten ehrlich. Unter den Defensionisten 
natürlich nur die, die die Verteidigungsthese nicht nur als 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 257 

geeignetes Instrument für ihre Zwecke benutzen — also die 
Führer und Herrscher — , sondern die, die wirklich daran glauben, 
also die grosse Masse der mittleren und niederen Volksschichten. 

Unter den Präventionisten sind diejenigen ehrlich, die an den 
beabsichtigten Ueberfall glauben ; unehrlich diejenigen, die wider 
besseres Wissen ihren Anhängern diesen Glauben beigebracht 
haben. 

Das geringste Mass von Ehrlichkeit findet man bei den Prä- 
ventiv-Imperialisten, dieser kleinen Gruppe von Eingeweihten, 
die im allgemeinen moralisch tiefer steht als die der i einen Impe- 
rialisten. Diese Opportunisten der Volksbetörung bedienen sich 
keiner einheitlichen Taktik, sie pflegen, je nach Bedürfnis, mit der 
Verteidigungsthese oder mit der Vorbeugungstheorie zu operieren, 
das eine Mal die Tatsache des gegenwärtigen feindlichen Ueber- 
falls, das andere Mal die Gefahr der zukünftigen Vernichtung dem 
deutschen Volke vor Augen zu führen. Sie verschweigen aber stets 
ihre wahren, letzten Endes auf Krieg hinauslaufenden Tendenzen, 
w^eil diese imperialistischen Machterweiterungs-Ideen der grossen 
Masse unverständlich und keiner Opfer an Gut und Blut wert 
erscheinen würden. Die Führer dieser präventiv-imperialistischen 
Bewegung -wissen selbst natürlich ganz genau, dass wir weder 
überfallen, noch mit Ueberfall, noch auch nur mit wirtschaftlicher 
Beschränkung oder Einzwängung bedroht waren, dass wir uns 
vielmehr in einem dauernden, geradezu phänomenalen wirt- 
schaftlichen Aufstieg befanden, und dass es nur ihre Hegemo- 
nie- und Weltbeherrschungspläne waren, die den Widerspruch 
und Widerstand der konkurrierenden Länder herausforderten. 

Gerade diesen Halb-und-halb- Politikern gegenüber hat die 
Ehrlichkeit der reinen Imperialisten, die sich zum grössten Teil 
aus dem preussischen Junker- und Militärstande rekrutieren, in 
ihrer brutalen Offenheit etwas sympathisches. Diese ost- und 
westpreussischen und pommerschen Soldaten und Agrarier (die 
sich, nebenbei gesagt, zu Unrecht als Urgermanen aufspielen, da 
sie zum grossen Teil slavisches Blut in ihren Adern haben, uie\'iele 
ihrer mit « itz >> und « ow » scliliessenden Namen andeuten) — sie 
verleugnen ihren Ursprung und ihre Geschichte nicht. Für sie hat 
es stets nur ein Strebensziel gegeben : die Durchsetzung ihrer 
Kastenvorrechte und -Vorteile auf politischem und wirtschaft- 
lichem Gebiete. Sie waren keineswegs immer die treuen \'asallen 
der Markgrafen und Kurfürsten von Brandenburg, jener Hohen- 
zollern, die als süddeutsche Burggrafen von Nürnberg den ange- 
stammten Grundbesitzern Preussens, trotz der kaiserlichen 
Belehnung, nur als Parvenüs und Eindringlinge erschienen. Welche 

Das Verbrechen II ^7 



258 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Scliwierigkeiten die brandenburgischen Herrscher hatten, dieses 
trotzige Junkertum ihrem Willen und der staatlichen Ordnung 
zu unterwerfen, wie die Quitzows, Rochows und wie sie alle heissen 
mögen, von ihren Burgen aus Revolution gegen die neuen Herren 
machten und nur mit der « faulen Grete » und anderen Belagerungs- 
geschützen zum Gehorsam gezwungen werden konnten, ist all- 
bekannt. 

Dieser revolutionäre Unabhängigkeitsgeist ist noch heute in 
den preussischen Junkern lebendig und ihm haben sie ihre Erfolge 
in der preussischen und deutschen Geschichte zu verdanken. Jede 
politische und wirtschaftliche Entwicklung war und ist ihnen recht, 
wenn sie ihnen Nutzen bringt. Absolutismus oder parlamenta- 
risches System, Preussentum oder Deutsches Reich, alles ist ihnen 
egal, wenn ihre Profitgier dabei befriedigt wird. 

Und der König absolut. 
Wenn er unsern Willen tut ! 

Sobald ein brandenburgischer Markgraf oder Kurfürst sich 
erlaubte, dem Willen und den Interessen der Junker zuwiderzu- 
handeln, war die schärfste Opposition da, die kein Mittel des 
Widerstandes, selbst nicht die revolutionäre Gewalt, scheute. 
Selbst ein preussischer König musste dieser widerspenstigen 
Junker-Oligarchie gegenüber die Staatssouveränität wie einen 
« rocher de bronze » aufstellen. Selbst ein Bismarck hatte die 
schwersten Kämpfe seines lyebens gegen seine Standesgenossen, 
die preussischen Junker, auszufechten. Während der ersten zehn 
Jahre nach Schaffung des deutschen Reiches, da der grosse Staats- 
mann sich von den konservativ-reaktionären Anschauungen seiner 
Vergangenheit definitiv abzuwenden schien, wurde er als Abtrün- 
niger von der Kreuzzeitungspartei mit den giftigsten Waffen der 
Verdächtigung und Verleumdung verfolgt — Waffen der Hinterlist, 
die all die Stelle der früheren revolutionären Hieb- und Schuss- 
waffen getreten waren. Das deutsche Reich war den preussischen 
Junkern ursprünglich ein Greuel. Ihren preussischen König, 
solange er ihren Willen tat — und diese Willfährigkeit glaubten 
sie im engeren Rahmen der preussischen Militärmonarchie, mit 
dem Junkerparlament, noch auf lange Zeit gesichert — , ihren 
preussischen König wollten sie unter keinen Umständen mit einem 
deutschen Kaiser vertauschen, der, wie sie wolil einsahen, nach 
Uhlands bekanntem Wort « mit einem Tropfen demokratischen 
Oeles gesalbt sein musste ». Daher ihre ursijrüngliche Abneigung 
gegen das deutsche Reich. Daher ihr wütender Ansturm gegen den 
Schöpfer des deutschen Reichstags und des allgemeinen gleichen 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 259 

Wahlrechts. Später haben sie sich mit den Verhältnissen abge- 
funden und sich auch im deutschen Reiche ganz wohnlich einge- 
richtet. Die Umkehr Bismarcks zur agrarischen Schutzpolitik, die 
beständige Erhöhung der Agrarzölle unter den nachfolgenden 
Kanzlern, von denen keiner gegen den Stachel zu locken wagte, 
— selbst ein Kanzler « ohne Ar und Halm », musste sich als 
guten Agrarier bekennen — , die unbedingte Machtstellung im 
Reich, die den Junkern aus ihrem Uebergewicht in Preussen, aus 
den reaktionären Verfassungszuständen des führenden Bundes- 
staates, aus der Personal-Union der hohen preussischen mit den 
Reichsämtern floss, — alle diese, ihren Einfluss und ihre soziale 
Stellung konservierenden, ihre wirtschaftliche Lage immer weiter 
verbessernden Umstände haben die Junker schliesslich mit dem 
Reich versöhnt — nach dem Sprichwort : ubi bene, ibi patria. 

Allmählich aber dauerte ihnen die Friedenszeit zu lange. Die 
Geltung ihres Standes erfordert von Zeit zu Zeit die Auffrischung 
durch einen fröhlichen Krieg. Der Beruf des Soldaten ist es, in dem 
sie vor allem glänzen und sich als die verdienstvollste Schicht der 
Staatsbürger erweisen. Wenn der Kriegsruf erschallt, dann schwei- 
gen die Künste des Friedens, dann tritt der Kaufmann, der 
Industrielle, der Schiffsreeder, der Gelehrte, alle bürgerlichen 
Berufe treten hinter dem Soldaten zurück und nicht nur neue 
Ruhmesblätter heften die alten Junkergeschlechter an ihre 
Wappenschilder, auch neue Goldbarren fliessen in ihre Kassen 
mit der riesenhaften Preissteigerung aller agrarischen Produkte, 
die vom Auslande nicht hereingebracht werden können und daher 
im Inlande zu jedem Preise erworben werden müssen. 

Was ist diesen Imperialisten das Imperium, die Weltherrschaft ? 
Für sie ist es nur ein Mittel, ein Aushängeschild, um ihrem eigenen 
Imperium, ihrer Herrschaft in Preussen-Deutschland, ihrer so- 
zialen und wirtschaftlichen Geltung einen neuen Aufschwung zu 
verleihen. Der Krieg als solcher, mit seiner Zurückdrängung aller 
bürgerlichen Rechte und Interessen, mit seiner glanzvollen Her- 
vorhebung militärischer Tüchtigkeit, mit der strammen Diszipli- 
nierung und Beherrschung aller Regungen bürgerlicher und 
menschlicher Freiheit, mit der Unterdrückung aller garantierten 
Verfassungsrechte und gleichzeitig mit der wirtschaftlichen Be- 
günstigung des Agrarstandes (dem allein man es zu verdanken 
hat, dass das Volk nicht verhungert, der also auch in Zukunft 
noch mehr wie bisher geschützt und begünstigt werden müsse) — 
der Krieg als solcher, als Selbstzweck, als « Erzieher der Nation » 
zu allem Guten und Schönen, zu allem Hohen und Erstrebens- 
werten, das ist das Ideal unserer preussischen Junker. Das ist ihr 



200 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 



1 



Imperialismus, den sie als solchen offen bekennen, dessen innere 
Triebfedern sie aber wohlweislich verschweigen. 

Immerhin ist diese mächtige Gruppe unter den Kriegsschü- 
rern noch die sympathischste, weil sie relativ die ehrlichste ist. 
Nur wenige von ihnen verstecken sich hinter dem Defensionismus 
oder Präventionismus. Die meisten tragen unverhohlen ihren 
Kriegs-Enthusiasmus « um des Krieges willen » zur Schau und 
sind stolz darauf, endlich an dem Ziele des Kriegspfades angelangt 
zu Sein, den sie lange Jahre hindurch — trotz Spott und Hohn, 
trotz Gegnerschaft von oben und unten — unbeirrt beschritten 
haben. 



Bei allen anderen Gruppen der Kriegshetzer und Chauvinisten 
treten Tendenz und Methode viel weniger scharf hervor, als bei 
den preussischen Junkern und Militaristen. Imperialismus, Defen- 
sionismus, Präventionismus und Präventiv-Imperialismus gehen 
bei den anderen beständig ineinander über ; selbst in der gleichen 
Rede oder dem gleichen Artikel irgend eines Wortführers dieser 
verschiedenen Gruppen werden alle diese Tasten gleichmässig 
angeschlagen, je nach dem Zweck der betreffenden Beweisführung. 
Die krassesten Widersprüche finden wir auf diese Weise in den 
chauvinistisch-nationalistischen Kundgebungen. Auf der einen 
Seite wird der Weltmachtkrieg als unbedingtes Postulat für die 
innere und äussere Entwicklung des deutschen Volkes aufge- 
stellt {Imperialismus). Auf der anderen Seite wird das Gegen- 
komplott zur baldigen Vernichtung Deutschlands an die Wand 
gemalt {Präventionismus) . An einer dritten Stelle wird der Auf- 
stieg zur Weltmacht als unsere historische Mission bezeichnet ; 
da diese Mission aber ohne Krieg unerfüllbar sei, der Krieg für 
notwendig erklärt {Präventiv-Lmperialismus). Und zu allen diesen 
Motiven kommt natürlich, nach Ausbruch des Krieges, als Haupt- 
und Leitmotiv der Defensionismus hinzu, die Pflicht und Notwen- 
digkeit, « Haus und Herd gegen den räuberischen Ueberfall zu 
verteidigen ». 

So steht unseren Chauvinisten eine grosse Auswahl an « Weisen » 
zur Verfügung, eine grössere fast, als sie der Lehrbub David in den 
« Meistersingern » aufzuzählen vermag : denn jene vier Haupt- 
weisen gestatten eine Fülle von Kombinationen und Permutatio- 
nen ; sie können, je nach Bedürfnis, zu einem Potpourri zusammen- 
gestellt werden, aus dem die Kriegsfanfaren in allen Registern 
heraustönen. Dass hierbei die fürchterlichsten Dissonanzen ent- 
stehen, dass eine Theorie die andere vollständig totschlägt, dass 
der Verteidigungskrieg vor allem — die am stärksten geblasene 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 301 

Fanfare — den imperialistischen und präventionistischen Krieg 
glatt ausschliesst, das merken die schlauen Hirten wohl, aber sie 
sagen es der gläubigen Herde nicht. Wenn der Ueberf all jetzt statt- 
gefunden hat (Defensionismus), so hatten wir keine Veranlas- 
sung, ihm für sfäter vorzubeugen (Präventionismus). Sind wir 
überfallen worden, so ist der Krieg ohne weiteres für uns gerecht- 
fertigt. Wären wir aber nur überfallen worden, so ist unsere 
Berechtigung zum Angriff erst noch zu beweisen. Dass dieser 
Beweis unmöglich, jedenfalls aber nicht geführt ist, habe ich an 
anderer Stelle dargelegt. Beide Voraussetzungen zusammen 
— Verteidigungs- und Präventivkrieg — können nicht wahr sein, 
da sie sich gegenseitig ausschliessen. Wer also beide Behauptungen 
gleichzeitig aufstellt, widerspricht sich selbst und bringt beide 
zu Fall. 

In noch grössere Widersprüche verwickelt sich, wer den Ver- 
teidigungs- oder den Vorbeugungskrieg mit dem imperialistischen 
Kriege zu verkoppeln oder zu verkuppeln sucht. Wer die Theorie 
des imperialistischen Expansionskrieges vertritt, sagt mit anderen 
Worten : Aggression. Wer aber Aggression sagt, kann nicht von 
Verteidigung oder Vorbeugung sprechen. So schlagen sich alle 
diese Motive gegenseitig und bilden ein ungeniessbares Ragout, 
ein zusammengequirltes Panache, bei dessen Genuss jedem ge- 
sunden Magen übel werden muss. 



A. 

Die deutschen Chauvinisten. 

Nachfolgend gebe ich eine Reihe von Aeusserungen aus 
deutschen chauvinistischen Reden und Schriften, die dartun 
sollen, dass der europäische Krieg seit Jahren das Ziel gewesen 
ist, auf welches unsere Alldeutschen, Chauvinisten, Imperialisten 
und Militaristen bewusst und absichtlich losgesteuert haben ; dass 
der General von Bernhardi nur Einer unter Vielen, unter Unzäh- 
ligen war und nur als Musterbeispiel eines rücksichtslosen Drauf- 
gängers besondere Beachtung verdient. Die nachstehend gesam- 
melten Aeusserungen stammen sämtlich aus der Zeit vor dem 
Kriege : sie bewegen sich ohne Ausnahme in imperialistischem 
und präventionistischen! Fahrwasser, das heisst in dem Gedanken- 
gang, dass der Krieg als Angriffskrieg — gleichviel aus welchen 
Motiven — von Deutschland und seinen Bundesgenossen begonnen 
werden müsse. Der Einfluss der Kreise, aus denen diese Aeusse- 
rungen stammen, ist, bis zum Ausbruch des Krieges, in Deutsch- 



202 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

land — zum Unterschiede vom Ausland — unterschätzt worden. 
Wie man den deutschen Chauvinismus unter schätzt hat, so 
hat man den ausländischen über schätzt. Der französische 
Chauvinismus, von dem man in Deutschland mit Vorliebe zu 
sprechen pflegte, war in Frankreich so gut wie machtlos : die 
wenigen nationalistischen und bonapartistischen Schreier, die 
durch Wort und Schrift die Aufmerksamkeit jenseits der Grenzen 
Frankreichs auf sich zogen, hatten im Lande selbst keinerlei mass- 
gebenden Einfluss auf die Regierung. Die herrschenden Parteien, 
die Radikalen, Sozialisten und Radikalsozialisten waren unbe- 
dingt friedlich gesinnt und haben ihre Friedensliebe gerade 
bei Ausbruch des jetzigen Krieges praktisch dadurch betätigt, 
dass sie — \\ie ich an anderer Stelle nachgewiesen habe — jeden 
einzelnen friedensfördernden Schritt der Regierung beeinflusst und 
geleitet haben. 

Bei uns in Deutschland war es umgekehrt. Hier trat der Chau- 
vinismus nach aussen vielleicht weniger hervor, war aber dafür 
um so mächtiger nach innen und unter der Oberfläche. Das 
Wirken des « Alldeutschen Verbandes » während eines Viertel Jahr- 
hunderts hat reiche Früchte getragen. Diesem Verbände gehörte 
eine Reihe hervorragender Männer aus den leitenden Schichten 
des deutschen Volkes an, nicht nur Generale und Admirale wie 
Keim, Liebert, Breusing und andere, sondern auch Oberbürger- 
meister, Grossindustrielle, Universitätsprofessoren, Grossgrund- 
besitzer, hohe richterliche Beamte, Parlamentarier und Zeitungs- 
redakteure. Ein Stab tüchtiger Redner und wirkungsvoller 
Federn stand den Alldeutschen zur Verfügung. In allen möglichen 
Tochtergesellschaften, im « Deutschen Wehrverein », « Deutschen 
Flottenverein », im « Bund Jung-Deutschland », in der grossen 
Zahl der deutschen Kriegervereine, ja selbst in der deutschen 
Turnerschaft schwarz-rot-goldenen Angedenkens hatten sie ihre 
Führer und Werber. Eine Reihe vielgelesener Zeitungen ver- 
breitete ihre Gedanken in den höheren Bürgerkreisen und auch in 
den Mittelschichten. Selbst offiziöse Regierungsorgane öffneten 
ihnen ihre Spalten, wenn es gelegentlich der Regierung darauf 
ankam, kalte Wasserstrahlen hierhin oder dorthin zu senden. Vor 
allem aber hatten sie das Ohr der Mächtigen : die Hof- und Mili- 
tärkreise, die unmittelbare Umgebung des Kaisers waren durch- 
setzt mit Elementen, die offen oder versteckt mit dem « Alldeut- 
schen Verbände » in Verbindung standen und die Fäden vom 
Verbände zum Hofe hinüber und herüber spannen. Der Chef des 
Reichsmarineamtes segelte ganz im alldeutschen Fahrwasser, 
daher sein zeitweiser Gegensatz zur \^^ilhelmstrasse, daher aber 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHI^AND 263 

auch die starke Rückendeckung, die seine Stellung seit achtzehn 
Jahren unerschütterlich gemacht hatte ^. 

Der Kronprinz. 

Die Hauptstütze des Verbandes und seiner Bestrebungen war, 
wie wir wissen, der deutsche Kronprinz. Dieser junge Kriegsheld, 
den die Ivorbeeren seiner Vorfahren nicht schlafen Hessen, ersehnte 
den Krieg zu eigenem Ruhm und zur grösseren Machtentwicklung 
des Reiches, das er einst als deutscher Kaiser beherrschen sollte. 
In welchem atavistischen Ideenkreise dieser junge Mann sich 
bewegte, habe ich in meinem Buche an seinen eigenen Schriften 
darzulegen versucht. Ob er noch heute glaubt, dass die « Sym- 
pathien der Welt mit dem forsch und tapfer kämpfenden 
Heere gehen » ? Ob noch heute, wo Millionen von I^eichen die 
Schlachtfelder Europas düngen, der « Ernstfall » das Ziel seiner 
« innigsten Sehnsucht » ist ? Ich glaube : ja — wie ich die Psycho- 
logie der Herrscher beurteile. Für sie scheint es Naturgesetz zu 
sein, dass der uniformierte Fürst auf feurigem Rosse — wie auf 
dem bekannten Stuckschen Bilde der nackte « Krieg » — über 
Ivcichenfelder einherreitet. Ihr Herz scheint nicht ergriffen zu 
werden, wenn die untergehende Sonne Tausende und aber Tau- 
sende im Todeskampf verzerrter Gesichter und verkrampfter 
Leiber blutigrot beleuchtet, — wenn die Schützengräben bis zum 
Rande mit L/cichen und Verwundeten gefüllt sind, — wenn die 
unterirdischen Minen explodieren und eine Fontäne menschlicher 

* Während der Fertigstellung des Manuskripts ist der Grossadmiral von Tirpitz 
seines Amtes enthoben worden. Grund : der Gegensatz der Bethmänner und der 
Tirpitzianer in der Unterseeboots-Frage. Tirpitz ist gegangen, aber die Tirpitzianer 
sind geblieben. Der von den Rechten, den Nationalliberalen und dem Zentrum 
— bei Bekanntwerden des « Seesieges » über England — im Reichstag ausgestossene 
Begeisterungsruf « Tirpitz, Tirpitz ! » und andere ähnliche Kundgebungen be- 
weisen, dass der Geist des grossen « Torpedisten » nach wie vor seine Anhänger be- 
seelt und seine Rolle keineswegs ausgespielt ist. Solange die Anhänger der Medici 
mit dem Rufe : « Falle, Falle ! >> durch die Strassen von Florenz eilten, war der 
Einfluss der fürsthchen KaufmaunsfamiUe nicht gebrochen, konnte sie sich immer 
wieder zur Macht emporarbeiten, bis sie schliesslich die Beherrscherin Toskanas 
wurde. — 

Inzwischen — Anfang 191 7 — ist der unbeschränkte Unterseebootskrieg — ganz 
nach den Wünschen und auf Betreiben der Tirpitzianer — beschlossen und damit 
die moralische und materielle Isolierung Deutschlands in der Welt zur vollendeten 
Tatsache geworden. Amerika hat die Rolle des Friedensstifters — angesichts der 
brutalen Verletzung der ihm seitens der deutschen Regierung gegebenen Zusiche- 
rungen — aufgegeben und ist in die Reihe der Feinde Deutschlands getreten. Andere 
neutrale Staaten sind dem Beispiele Amerikas gefolgt und weitere werden vermutlich 
noch folgen. Die Tirpitz-Fartei kann sich wieder einmal eines glänzenden inneren 
Sieges rühmen : sogar der abivesende Grossadmiral hat sich als stärker erwiesen, wie 
der anwesende Reichskanzler. 



264 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Gliedmassen, Köpfe, Arme, Beine, Gedärme und Blutfetzen in 
die Luft emporspringen lassen, — wenn Tausende von Unschul- 
digen, von betenden Weibern und jammernden Kindern durch 
die « Heldentat » eines U-Boot- Kommandanten von dem gur- 
gelnden Meeresstrudel verschlungen, wenn Millionen Unglück- 
licher aus brennenden Dörfern und Städten auf die winterliche 
Landstrasse getrieben werden. Das muss so sein. Dafür sind wir 
ja « von Gottes Gnaden ». Derselbe Fürst, dem vielleicht die Augen 
feucht werden, wenn seine daheim gebliebene Gattin ihm von dem 
Schnupfenfieber eines seiner jungen Sprösslinge schreibt, er bleibt 
kühl und gefasst, sein Appetit und seine Nachtruhe werden nicht 
gestört, wenn ein Sturmangriff, den er morgens am behaglichen 
Kaifeetisch, die brennende Zigarette im Munde, befohlen hat. Tau- 
sende von Söhnen, Brüdern und Vätern auf das blutgedüngte 
Schlachtfeld hinstreckt 



Die anderen «hohen Herrschaften». 

Der Baron Beyens, der letzte belgische Gesandte in Berlin, 
macht in seinem feinsinnigen Buche : L'Allemagne avant la guerre ^ 
(auf das ich an anderer vStelle noch ausführlich zu sprechen komme) 
über den ermordeten Erzherzog Franz Ferdinand, den er als vor- 
züglichen Familienvater scliildert, die Bemerkung : « Er gehörte 
zu jenen Fürsten, die ihre eigenen Kinder anbeten, aber sich gar 
kein Gewissen daraus machen, ihrem politischen Ehrgeiz zuliebe, 
die Kinder der anderen auf die Schlachtbank zu schicken. » Auch 
der deutschen Kaiserin sagt der belgische Diplomat nach, sie sei 
eine vorzügliche deutsche Familienmutter, aber leider « mehr tun 
das Wohl ihrer Kinder, als um das ihrer Untertanen besorgt. » 

Damit ist die Psychologie der Fürsten aufs treffendste gekenn- 
zeichnet. Wenn die sechs Kaisersöhne oder nur einige von ihnen im 
Schützengraben zu kämpfen hätten, täglich und stündlich dem 
feindlichen Trommelfeuer, dem Tode oder der Verstümmelung 
ausgesetzt, so würden \\ir morgen den Frieden haben. Da diese 
Gefahr aber nicht besteht, da alle sechs Söhne in höheren Kom- 
mandostellen kugelsicher und weit vom Schuss sind, so kann das 
Morden ruhig seinen Fortgang nehmen — bis zum « Siege » der 
Hohenzollern-Djniastie oder wenigstens, wenn der Sieg diesmal 
mit dem Opfertode von Millionen blühender Jünglinge und Männer 
doch noch nicht zu erkaufen sein sollte, bis zu einem sogenannten 
« ehrenvollen » Frieden, der die Bahn zu neuen Siegen für die 
kommenden Hohenzollern-Sprösslinge offen lässt. Es ist nicht 

' Bruxelles et Paris, van Oest & C", 191 5. 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 265 

bekannt geworden, dass die kaiserliche Familienmutter auch nur 
ein Wort, eine Gebärde von sich gegeben hätte, um ihren Gatten 
von dem fürchterlichen Entschluss zurückzuhalten. Im Gegenteil ! 
Wir ^^issen — ebenfalls aus dem Beyensschen Buche — , dass sie, 
bei dem Marokkokonflikt von 1911, denselben Strang wie ihr 
ältester Sohn gezogen und dem ihr wenig sympathischen Herrn 
von Kiderlen vorwurfsvoll gesagt hat : « Sollen wir denn immer 
vor den Franzosen zurückweichen und uns ihre Impertinenzen 
gefallen lassen ? » Für die hohe Dame hatte und hat der Krieg, 
solange er ihr Haus, ihren Gatten, ihre Kinder verschont, nichts 
schreckenerregendes und auch ihr strenges Christentum scheint 
sich nicht gegen den organisierten Massenmord zu rebellieren. 
Nur wenn ihr Mutterherz in Mitleidenschaft gezogen würde, 
hätte sie vielleicht ihren nicht geringen Einfluss auf die Entschlies- 
sungen ihres kaiserlichen Gemahls zur Geltung gebracht. Die Mil- 
lionen gebrochener Mutterherzen — von anderen Müttern ! — 
scheinen ihr keine schlaflosen Nächte zu bereiten. 

Bei Gelegenheit des Geburtstages der Kaiserin — am 22. Okto- 
ber 1916 — richtete der Kaiser aus dem Grossen Hauptquartier 
einen Allerhöchsten Erlass an den Minister des Innern, in welchem 
es folgendermassen heisst : 

« Den Geburtstag Ihrer Majestät der Kaiserin und 
Königin, Meiner Gemahlin, begehe Ich in diesem Jahre mit 
besonderer Dankbarkeit gegen Gott den Herrn, dessen Gnade 
uns durch die bisherige Bewahrung unserer im Felde stehen- 
den Söhne das Glück unseres Hauses ungeschmälert 
erhalten hat. » 

Das Glück unseres Hauses ! Das ist es, worauf es ankommt. 
Mögen Millionen anderer Häuser elend zusammenstürzen, mögen 
ganze Familien, ganze Generationen ausgerottet werden, das 
Glück des Hauses Hohenzollern, das Familienglück und das 
Djmastenglück, sind durch keine Opfer zu teuer erkauft.... 

Als die ersten Siegesnachrichten im August 1914 die Haupt- 
stadt durcheilten, konnte man die hohen Frauen — die Kaiserin 
und die Kronprinzessin — auf dem Balkon des Kaisersclüosses 
in Berlin bewundern, me sie strahlenden Antlitzes die Huldi- 
gungen der patriotisch erregten Menge entgegennahmen und sich 
gerührt — vor allem Volk — küssten und in die Arme sanken. 
Seitdem, seit « Wilhelms erstem Sieg », sind die Damen etwas 
zurückhaltender geworden, nachdem auf diesen Sieg manche 
Rückschläge, vor allem der grosse Fehlsclilag von Verdun, ge- 
folgt sind. Aber trotzdem können sie es nicht unterlassen, jeden 



266 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Lazarettbesuch, jede Besichtigung von Kriegerheimen u.s.w an 
die grosse Pressglocke zu hängen und, wenn irgend möglich, ihre 
heimischen Heldentaten photographisch oder kinematographisch 
der Mit- und Nachwelt zu übermitteln. Man gehe in die ICinos, 
man schlage die illustrierten Blätter auf, man sehe, wie die hohen 
Herrschaften stets vergnügt und befriedigt dreinschauen, wie der 
junge Thronfolger in seiner koketten Husarenuniform vor ver- 
sammeltem Kriegsvolk den General von Mudra unter den Arm 
nimmt und durch irgend ein ulkiges Wort die ganze Corona der 
umstehenden Soldaten und Offiziere zum Lachen bringt, wie über- 
haupt auf dem Antlitz dieses Thronerben — zum Unterschied von 
seinem meist ernst blickenden Vater ■ — trotz des Menschenge- 
metzels, dem er täglich beiwohnen muss, nie etwas anderes als 
froheste Laune, Scherz und Uebermut zu lesen ist, — wie die hohen 
Damen in den Hospitälern und Blindenheimen, inmitten der un- 
glücklichen Verwundeten, Verstümmelten, Geblendeten, in blen- 
denden Frühjahrs- oder Sommertoiletten, häufig von ihren jungen 
Söhnen umgeben, stets aber strahlend-lächelnden Antlitzes sich vor 
den Photo- oder Kinokasten stellen. « Bitte, recht freundlich ! ». 
Als ob sie nicht der dunkelsten Tragödie der Menschheitsgeschichte, 
sondern einem lustigen Schwank, einem Sportfest oder irgend einer 
mondänen Woliltätigkeitsvorstellung beiwohnten ! Auch direkt 
am Krankenbette, in den Lazarettsälen, lassen sich die hohen 
Damen mit Vorliebe photographieren, um dem gläubigen Volke 
ihre unermüdliche Tätigkeit zur Linderung der Kriegsschrecken 
vor Augen zu führen. Die österreichischen Erzherzoginnen schei- 
nen besondere Liebhaberinnen dieser Samariterphotographien 
zu sein, die sie in der kleidsamen, von ersten Wiener Schneidern 
mit raffiniertem Schick hergestellten Schwesterntracht, mit den 
anmutigen Hauben und den lang herabwallenden Bändern, der 
bewundernden Mitwelt vorführen. Welch neuartige, spannende, 
interessante Emotion solch ein Krieg ! Welch neuer Lorbeerwald 
wächst da empor in den schon so reich gesegneten Gärten der 
Habsburger und der Hohenzollern ! Welche unverlöschlichen 
Eindrücke empfangen die Seelen der kleinen, noch zu Hause 
gebliebenen Prinzen — Eindrücke von Heldentum und unver- 
gänglichem Ruhm ihrer Väter und Grossväter — Eindrücke, die 
in den jungen Seelen fortwirken und sie zu noch grösseren, immer 

noch grösseren Heldentaten anspornen werden 

Welche — für den gewöhnlichen Sterblichen unfassbare — 
Älenschenverachtung muss jene Grossen erfüllen, die diese unge- 
heuren Hekatomben an Menschenleben und Menschenglück als 
einen berechtigten, von Gott gewollten Tribut (sie sind ja alle 
gläubige Christen !) für ihre Grösse, ihren Ruhm, ihre Machter- 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 267 

Weiterung ansehen ! Die Tränen treten uns einfachen Menschen 
in die Augen, wenn wir, z. B. im Vorwärts, die täghchen riesen- 
langen Trauerlisten sehen, in denen die verschiedenen Arbeiter- 
verbände den Tod ihrer Mitglieder — junger und alter bunt 
durcheinander, halber Knaben und halber Greise — anzeigen ; 
wenn wir die rührenden Nachrufe lesen, die hinterlassene Frauen, 
Kinder und Bitern in holprigen, aber umsomehr zu Herzen ge- 
henden Versen ihren in fremder Erde, man weiss nicht wo, in 
Massengräbern verscharrten Lieben widmen ; wenn uns Familien- 
anzeigen vor Augen kommen, in denen die zu Tode betrübten 
Eltern den Heimgang ihres zweiten, ihres dritten Sohnes ankün- 
digen, die dem ersten nachgefolgt sind, — alle, einer nach dem 
andern, abgeschlachtet für « höhere » Zwecke, die ihnen selbst 
weltfremd sind, die ihr Glück, ihren Wohlstand nicht erhöhen, 
die den Schmerz der Hinterbliebenen nicht lindern können, — 
für den Ehrgeiz und die Machtgier der Herrschenden 

Söldnerheere • — allge- 
meine Wehrpflicht. 

Das ist ja der furchtbare Anachronismus der heutigen Kriege, 
der leider noch immer nicht den Völkern zum Bewusstsein ge- 
kommen ist : In alten Zeiten, noch im Mittelalter und bis in die 
neuere Zeit hinein, zog der Fürst persönlich in den Kampf, setzte 
persönlich Deib und Leben aufs Spiel. An der Spitze von Söldner- 
heeren, die er bezahlte, auf eigene Gefahr und Kosten, wie es sich 
gebührt, suchte er Ruhm und Macht für sich und sein Haus zu 
erwerben. Heute bleibt der Fürst, bleiben seine jungen Söhne weit 
hinter der Front zurück in kugelsicheren Hauptquartieren, 
erfreuen sich all ihrer gewohnten Bequemlichkeiten und lassen 
andere für sich kämpfen und sterben, die nicht — wie die Söldner 
früherer Zeiten — freiwillig und berufsmässig das Waffenhand- 
werk ergriffen haben, sondern gezwungen für die Machtinteressen 
der Grossen ihre Haut zu Markte tragen müssen. Der Krieg im 
Altertum und im Mittelalter war eine Barbarei wie der heutige — 
in weit geringerem Masse natürlich, entsprechend der geringeren 
Entwicklung der Zerstörungsmittel. Aber er war an sich logisch, 
indem er die Menschen oder Menschengruppen, die am Ausgang 
des Krieges am meisten interessiert waren, auch den grössten 
persönlichen Gefahren aussetzte und es jedem anderen überliess, 
ob er ihnen — gegen entsprechende Vorteile — Beistand leisten 
wollte oder nicht. Der heutige Krieg mit der allgemeinen Wehr- 
pflicht und der persönlichen Schonung der Dynasten und ihrer 
Angehörige}! ist ein nonsens, da er die eigentlichen Interessenten 



268 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

unberührt und ungefährdet lässt, die armen Völker aber, die kei- 
nerlei Vorteil auch von dem gewonnenen Kriege zu erwarten 
haben, zu Millionen auf die Schlachtbank führt. 

Man möge die Kaiser, die Könige, die Prinzen und Herzöge 
in die vordersten Schützengräben stellen, — der Krieg würde 
sofort zu Ende sein, oder vielmehr, er wäre niemals ausgehrochen. 
Prestige hin, Prestige her ! Weltmacht hin, Weltmacht her ! 
Wenn es den Grossen ans Leben ginge, wenn sie fürchten müssten, 
wie die Kleinen ins Gras zu beissen oder ihr Leben lang, ver- 
krüppelt oder verstümmelt, als Blinde oder Lahme, hilflos und 
mitleiderweckend die Erinnerung an die « grosse Zeit » mit sich 
herumzuschleppen, wenn sie dann noch von der Sorge gequält 
würden — die bei ihnen ja allerdings ausgeschlossen ist — , ihre 
Frauen und Klinder, des Ernährers beraubt, als Bettler zurück- 
lassen zu müssen, — wahrlich, dann würde es mit den Kriegen 
bald zu Ende sein, dann würde bald der so heissersehnte dauernde 
Frieden unter den Völkern herrschen. — 

Renommierpolitik. 

Die allgemeine Wehrpflicht ist in Preussen durch Scharnhorst 
und Gneisenau eingeführt worden zur Zeit der französischen 
PVemdherrschaft, als Verteidigungsmassregel zur Abschüttelung 
des napoleonischen Joches. Nur für Verteidigungskriege hat die 
allgemeine Wehrpflicht einen Sinn, nicht aber für Angriffs- und 
Eroberungskriege. « Auf Eroberungs- und Renommierpolitik ist 
der Deutsche überhaupt nicht berechnet, dazu sind unsere Land- 
wehren, unsere Familienväter nicht da ; sie würden sich wehren 
wie die Bären, wenn sie im Lager angegriffen werden, aber 

sie werden ebensowenig wie die Bären erobern wollen » So 

sagte Bismarck 1895 zu den deutschen Studenten, die ihn in 
Friedrichsruhe besuchten. Unter « Renommierpolitik » verstand 
er das, was er an anderer Stelle einmal « auf Prestige wirtschaften » 
genannt hat, oder : « internationale Streitigkeiten aus dem 
Gesichtspunkte des Göttinger Komments und der Privatmensuren- 
Ehre auffassen. » 

In einem Artikel der Hamburger Nachrichten vom Oktober 
1891 wandte er sich scharf gegen die Nationalisten und Expansio- 
nisten, die Deutschland zumuteten, es « solle in Europa heraus- 
fordernd auftreten, die Rolle eines Mannes spielen, der, plötzlich 
zu Gelde gekommen, nun, auf die Taler in der Tasche pochend, 
jedermann anremple. » In diesen und ähnlichen Aussprüchen 
betonte Bismarck stets den Unterschied des auf der allgemeinen 
Wehrpflicht beruhenden Volkskrieges, der nur als Verteidigungs- 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHI^AND 269 

krieg oder zur Erreichung berechtigter nationaler Ziele geführt 
werden könne, niemals aber für Zwecke des Prestiges oder der 
Machterweiterung über die nationalen Grenzen hinaus. Es heisst 
den Sinn und die Bedeutung der allgemeinen Wehrpflicht verfäl- 
schen, wenn man sie alldeutschen, imperialistischen und expan- 
sionistischen Zwecken, wie es dieser Krieg tut, dienstbar machen 
will. Der letzte politische Schritt, der mit dem Gedanken der all- 
gemeinen Wehrpflicht noch vereinbar ist, war die Einigung 
Deutschlands zum neuen Deutschen Reiche. Was unsere Panger- 
manisten und ihre ausführenden Organe, die deutschen Herrscher 
und Regierungen — nach dem Motto : « Wir sind die Führer, 
darum folgen wir ihnen » — darüber hinaus erstreben, dazu sind 
unsere Söhne, Brüder und Väter, unsere Landwehrmänner und 
Landstürmer zu gut. Dazu ist ihr Blut und ihr Leben zu kostbar. 
Das möge man, wenn man es durchaus erstreben will, auf eigene 
Gefahr und Kosten zu erreichen suchen ; man möge Söldnerheere 
engagieren, wie es die Markgrafen und Kurfürsten von Branden- 
burg und noch die ersten preussischen Könige getan haben ; man 
möge sich mit seinen Söhnen an ihre Spitze setzen und dann 
meinetwegen : Auf nach Teheran ! Auf nach Bagdad ! Auf nach 
Indien und dem Suezkanal ! Aber ohne den deutschen Landwehr- 
mann, der möge daheim bei Frau und Kindern bleiben 

Die Chauvinisten und 
das deutsche V o 1 k.-^ 

Ich sprach von den deutschen Chauvinisten und ihren hohen 
Protektoren. Ich sprach davon, dass und wie sie diesen Krieg seit 
Jahren gewollt und vorbereitet haben. Das Unglück des deutschen 
Volkes ist es gewesen, dass es von der Existenz, der Macht und 
dem Einfluss des Chauvinismus in Deutschland bis zum Ausbruch 
des Weltkrieges keine Ahnung hatte. Die Kriegsgenerale, die 
Führer der Alldeutschen, die Keim, Wrochem, Bernhardi, Eich- 
horn, und wie sie alle heissen mögen, — die Kriegspolitiker, die 
Reventlow, Bassermann, Schiemann, Rohrbach, Harden und all 
die namenlosen Redakteure und Mitarbeiter der weitverzweigten 
und wohlorganisierten Nationalistenpresse Deutschlands haben 
es verstanden, durch ihre geschickte und wirkungsvolle Dema- 
gogie den französischen Chauvinismus, den russischen Pansla- 
vismus den Deutschen als Schreckgespenster vorzuführen, ihnen 
dabei aber zu verschweigen, dass die Bangemacher selbst an die 
äusseren Gefahren, die sie an die Wand malten, gar nicht glaubten, 
sondern sie nur als Vorwand zur kriegerischen Aufwiegelung des 
deutschen Volkes benutzten. 



270 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Für jene Hetzer war der Krieg Selbstzweck ; bei den einen, 
den Soldaten, als natürliche Betätigung und Inbetriebsetzung der 
seit einem halben Jahrhundert aufgebauten und zur höchsten 
Vollendung gebrachten Kriegsmaschinerie, die schliesslich zu 
verrosten drohte, wenn man ihr nicht endlich einmal die Arbeit 
verschaffte, für die sie bestimmt war ; bei den anderen als not- 
wendiges Erziehungs- und Kräftigungsmittel eines in allzulangem 
Frieden erschlaft'enden Volkes ; bei den dritten als stärkster und 
augenfälligster Ausdruck der Machtentwicklung Deutschlands, 
die sich nicht mit der friedlichen Eroberung der Weltmärkte durch 
die Leistungen der Technik, des Handels und der Industrie be- 
gnügen durfte, sondern fremde Länder und Völker ihrem Herren- 
willen unterwerfen niusste. Alle diese Motive führten zu dem glei- 
chen Ziele, zu dem Entschluss, im geeigneten Moment einen An- 
griffskrieg, einen Rauhkrieg zu entfesseln, der Deutschland auf 
Kosten anderer Mächte neue Herrschaftsgebiete verschaffen und 
gleichzeitig den alten germanischen Kriegsgeist wieder an die 
Stelle des « schnöden Strebens nach Mammon » setzen sollte. 

Dass diese Kriegstendenzen im schroffsten Gegensatz zu allen 
Geboten modernen Kulturlebens, zw allen Forderungen der 
Menschlichkeit stehen, dass die völkerverbindende, alle Grenzen 
überbrückende Entwicklung des modernen Geistes- und Güter- 
austausches unverkennbar auf friedliche Organisation der Kultur- 
völker, nicht aber auf kriegerische Bekämpfung und Unter- 
drückung hinweist, das mag jenen politisierenden Generalen und 
Admiralen in ihrem beschränkten Berufs-Ideenkreis nicht immer 
zum Bewusstsein gekommen sein. Den militarisierenden Poli- 
tikern aber, die sich von den Generalen ins Schlepptau nehmen 
Hessen, kann die Kulturwidrigkeit ihrer Kriegshetzereien nicht 
zweifelhaft gewesen sein und deshalb sind sie, die Bassermann 
und Genossen, für die furchtbaren Folgen, die nun die ganze 
Welt betroffen haben, doppelt und dreifach verantwortlich. 

Otfried Nippold : «Der 
deutsche Chauvinismus». 

Das deutsche Volk hat von der, durch die chau\'inistischen 
Hetzer heraufbeschworenen Gefahr nichts gewusst. Es hat unter 
der systematisch betriebenen Suggestion dieser reaktionären Dema- 
gogen die Gefahren jenseits der Grenzen gesehen, während sie 
tatsächlich iiessßiVs im eigenen Lande immer dunkler heraufzogen : 

Die politischen Generale sind durch ihre Demagogie, namentlich im Wehr- 
verein, heute zu einer nationalen Gc/ahr geworden. Kein Mami spielt in 
Deutschland eine so verhängnisvolle Rolle wie der General Keim.... 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 27I 

Wenn es etwas gibt, das das Deutsche Reich wirkHch in Gefahr bringen 
könnte, dann ist dies einzig und allein das Ueberhandnehmen der chauvi- 
nistischen Bewegung. Diese imd nicht die Triple-Entente ist der Feind Deutsch- 
lands... 

Die « Tat », von der die Chauvinistenblätter immer wieder schreiben, 
was ist sie aber in Wirkhchkeit anderes, als ein (( frischer, fröhlicher Krieg », 
der auf einen Raubzug hinauskommt ? 

So schreibt Professor Otfried Nippold in seiner 1913 erschie- 
nenen Schrift {(Der deutsche Chauvinismus » ^, deren lyektüre jedem, 
der sich über den wahren Ursprung und die wirklich schuldigen 
Urheber des jetzigen Krieges belehren lassen will, nicht dringend 
genug empfohlen werden kann. Nippold gibt einen überaus 
reichhaltigen Stoff aus der deutschen Chauvinistenliteratur und 
begnügt sich mit einem kurzen Kommentar dazu, der aber mit 
jedem Worte den Nagel auf den Kopf trifft. Seine Schrift ist um so 
wertvoller, als sie nicht von einem Revolutionär, nicht einmal 
von einer zur Sozialdemokratie gehörigen Persönlichkeit ausgeht, 
sondern von einem Mitglied des Zentralvorstandes des « Verbandes 
für internationale Verständigung » (zu dessen offiziellen Veröffent- 
lichungen die Schrift gehört), und noch dazu von einem Neutralen, 
einem Schweizer Bürger. 

Es ist hochinteressant, heute die Liste der Vorstands- und 
Ausschussmitglieder jenes Verbandes zu lesen. Wir finden darunter 
lauter bekannte, hervorragende Namen aus der deutschen Geistes-, 
Beamten-, Handels- und Industrie weit : siebenundzwanzig Pro- 
fessoren, zehn Geheimräte, eine Anzahl Bankdirektoren, Konsis- 
torialpräsidenten, Generalkonsuln, Admirale ausser Diensten, 
Rechtsanwälte, Oberlandesgerichts-Präsidenten — kurz eine Elite 
deutscher Notabilitäten. Neben politischen Führern, wie Payer, 
Spahn, Naumann, Bachern, Trimborn finden wir Gelehrte wie 
Lamprecht, Liszt, Meurer, Natorp, Laband, Anüra, Martens, 
Mittermaier, Zorn, Fleischmann etc. Neben Bankdirektoren wie 
Gwinner, Maier (Frankfurt a. M.) finden wir Admirale a. D. wie 
Galster und Glatzel (Kiel), die Syndici des Aeltesten- Kollegiums 
und der Berliner Handelskammer, Apt und Dove, Bankiers wie 
Ladenburg und Doktor Paul Stern (Frankfurt a. M.) etc. Alle 
diese gutbürgerlichen Herren müssen doch damals auf dem Boden 
der Nippoldschen Schrift gestanden haben, w^enn sie deren Ver- 
öffentlichung im Namen des von ihnen vertretenen Verbandes 
zugelassen haben. vSie müssen die ebenso scharfen als begründeten 
Anklagen Nippolds gegen unsere gewerbsmässigen Kriegshetzer, 
die Keim, die Liebert, die Bernhardi, die Class, die Redakteure 
der Post, der Täglichen Rundschau, der Deutschen Tageszeitung, 

' Stuttgart, bei W, Kohlhammer. 



2/2 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

der Berliner Neuesten Nachrichten, der Magdeburgischen und 
Kölnischen Zeitung, der Rheinisch-Westfälischen- und Kreuzzeitung 
— sie müssen diese erdrückenden Anklagen doch gebilligt und 
für zutreffend gehalten haben, wenn sie ihre Erhebung im Namen 
des Verbandes gestatteten. 

Wie aber lauten diese Anklagen Nippolds ? Hören wir nur 
einige markante Sätze : 

Diese Leute hetzen nicht nur gelegentlich zum Kriege, sondern sie 
erziehen das deutsche Volk systematisch zur Kriegslust. Und zwar nicht 
etwa nur in dem Simie, dass dasselbe kriegstüchtig mid auf alle Eventuali- 
täten gerüstet sein soll, sondern in dem viel weitergehenden Sinne, dass es 
den Krieg braucht. Der Krieg wird nicht nur als eine Möglichkeit darge- 
stellt, die konunen kann, sondern als eine Notwendigkeit, die kommen 
muss, imd zwar je eher, desto lieber ! Das deutsche Volk braucht in den 
Augen dieser Hetzer einen Krieg, ein langer Friede ist ihnen an sich schon 
bedauerlich, gleichA'iel ob ein Grimd zu einem Kriege vorliegt oder nicht, 
mid so muss man diesen letzteren nötigenfalls eben einfach herbeizuführen 
suchen. An Motiven, die man dem deutschen Volke zu diesem Zwecke 
vor Augen hält, fehlt es diesen Volksbeglückem nicht 

Die Quintessenz ihrer Lehre ist stets dieselbe : der europäische Krieg 
ist nicht nur eine Eventualität, gegen die man sich wappnen muss, sondern 
eine Notivendigkeit, und zwar eine solche, über die man sich im Interesse des 
deutschen Volkes freuen muss 

Und so haben sie zimächst das Dogma aufgestellt : der Krieg muss 
kommen. Sie sagen natürhch nicht, dass der Krieg nur deshalb kommen muss, 
weil sie ihn wollen, und dass er nur kommen wird, wenn sie mit diesem 
Willen durchdringen. Sie stellen einfach das Dogma auf vmd erklären das- 
selbe als unantastbar. 

Und von diesem Dogma ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zu dem 
nächsten chauvinistischen Lehrsatze, der so recht nach dem Herzen der 
kriegslüsternen politisierenden Generale ist : zu dem Satz vom Angriffs- 
krieg, vom Präventivkrieg. Wenn der Krieg doch einmal kommen muss, dann 
in dem Zeitpimkte, der für ims der günstigste ist. Also m. a.W. nicht etwa 
abwarten, bis eine Kriegsursache da ist, sondern ganz einfach losschlagen, 
wann es einem am besten passt 

Was ist Völkerrecht ? Mumpitz ! Was bedeutet der moderne Verkehr, 
Handel, Industrie, Wissenschaft imd Technik ? Sie verweichlichen das 
deutsche Volk nur imd entfremden es seinem eigentlichen Ziele, dem Kriege. 
Alle andern Berufszweige sind im Grunde nichts wert, wenn sie nicht direkt 
oder indirekt der Erziehimg zmn Kriege dienen. Man scheut sich nicht, 
einfach alle Begriffe auf den Kopf zu stellen. Aus dem Kriege machen diese 
Leute statt eines notwendigen Uebels das höchste Gut 

Besser wäre es wahrlich imd auch ehrlicher, wenn diese Kriegsgenerale, 
statt den ganzen A])parat des Wehrvereins in Bewegmig zu setzen, einfach 
zugegeben hätten, dass es ihnen nicht passt, dass die Armee jetzt 40 Jalire 
Frieden gehabt hat und dass sie wieder einmal einen Krieg haben wollen. Aber 
mit diesem Argument hätte man schwerlich viele Leute eingefangen. Und 
so musste denn die Kriegshetze mit anderen Mitteln betrieben werden. Denn 
das Ziel war ja nur dadurch zu erreichen, dass man zmiächst im Volke die 
nötige Stimmung machte, die zum Kriege führen muss, und dass man dann 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 273 

an die Regienmg herantrat und ihr nachwies : das deutsche Volk will den 
Krieg ! 

Vom Defensivkriege aus zwingender Ursache ist man in den chauvinis- 
tischen Kreisen mit der gross ten Leichtigkeit heute bereits beim Angriffs- 
kriege ohne Ursache angelangt und schmeichelt sich, dass das deutsche 
Volk diese Wandlung vom friedfertigen zum kriegslustigen, händelsüchtigen 
Volke auch mitgemacht habe. 

So gibt man sich denn ganz offenktmdig auch gar nicht mehr die Mühe, 
die Richtigkeit des in den Augen dieser exaltierten Politiker längst überholten 
Satzes : « Si vis pacem, para bellum » zu behaupten. Für die Chamönisten 
hat der Vordersatz, wie wir gesehen haben, seine Gültigkeit längst verloren : 
sie wollen gar keine pax, sie wünschen den Krieg tmd arbeiten mit aller 
Macht darauf hin, dass es möglichst bald zu demselben kommt. Die Kriegs- 
rüsttmgen sollen in ihren Augen nicht dazu dienen, den Frieden zu erhalten, 
bewahjre ! Das deutsche Volk braucht einen Krieg imd — dann wäre es auch 
schade um das schöne schlagfertige Heer, wenn es nicht endlich einmal 
wieder benutzt würde 

Dass die alldeutschen politischen Phantasten auf die Eroberung von 
Kolonialgebiet ausgehen, passt den Kriegsgeneralen sehr wohl in ihren 
Kram, aber es ist ihnen doch nur Mittel zum Zweck. Der Krieg selbst ist 
ihnen die Hauptsache 

Zu den Argumenten, mit denen heute Massensuggestion getrieben wird, 
gehört namentlich auch die Parallele mit 18 13. Man sucht künstlich eine 
AehnJichkeit mit 191 3 zu konstrmeren, für die es doch an jeder wirklichen 
Grundlage fehlt 

Und in Ermangelung wirklicher Kriegsursachen, natürlicher politischer 
Gegensätze zu den anderen europäischen Staaten müssen sie nun künstliche 
Ursachen zu schaffen suchen. Das aber kann nur geschehen durch Schaffung 
einer künstlichen Erregimg in der Bevölkerung, durch Aufpeitschimg der 
nationalen Gefühle und systematische Züchtung emes kriegerischen Geistes, 
alles Aufgaben, die von den Kriegsgeneralen heute im Alldeutschen Verband, 
im Wehrverein imd in ähnlichen Organisationen nach Kräften besorgt 
werden 

Die Chauvinisten schrecken daher auch nicht vor Angriffen gegen die 
heutige Regienmg, gegen das heutige System in Politik und Diplomatie 
zurück. Wir haben es ja erlebt, dass sie sogar direkt gegen den Kaiser wegen 
seiner Friedenspolitik Front gemacht haben'.... 

Die Erzählung von der beabsichtigten Einkreismig Deutschlands hat für 
alle harmlosen Gemüter etwas so migemein Einleuchtendes. Und so leiden 

' Das hat sich auch während des Krieges wieder "bei der frage des Unterseeboots- 
krieges, beim Kampf der Hyperannexionisten gegen den bloss annexionistischeu 
Reichskanzler, bei der schon jetzt hervortretenden Opposition der Reaktionäre 
gegen jede demokratische Entwicklung im Reiche und in Preussen gezeigt. Monar- 
chismus passt diesen Leuten gerade so lange, als sie mit imd in der Monarcliie gute 
Geschäfte machen. Eriaubt sich die Monarchie, andere Wege gehen zu wollen, als 
den Alldeutschen, den Militaristen, den Junkern nützUch erscheint, so werden sie 
nach Bedarf auch anlimonarclüstisch, ja revolutionär. Besonders charakteristisch 
für diesen revolutionären « ^Monarchismus » ist eine zwischen dem Alldeutschen- 
Führer, General von Gebsattel, und dem Reichskanzler im Mai 1915 r-tattgehabte 
Korrespondenz, in welcher der Monarchie mit dem Sturz, mit der « Revolution (das 
Wort muss ausgesprochen werden) » gedroht wird, falls der « sichere deutsche Sieg » 
nicht durch die bekannten riesenhaften Annexionen uach allen Himmelsrichtungen 
hin « ausgenutzt » würde. (Siehe ]'orwärts vom 22. IMai 1917.) 

18 

Das Verbrechen II 



274 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

denn wirklich weite Kreise heute an dem, was man im nichtpolitischen 
Leben als Gespensterfurcht zu bezeichnen pflegt, oder nenne man es poli- 
tische Nervosität, Nervenschwäche, Hysterie. Infolge dieses Zustandes ist 
vielleicht heute in der Bevölkerung keines Landes so viel vom Kriege die Rede 
wie in Deutschland. Man hat angesichts des ewigen Kriegstratsches in Deutsch- 
land das Gefühl, in einer kriegsschwangeren Atmosphäre zu leben. Den einmal 
Infizierten gegenüber, die vmter den von diesem hysterischen Milieu ausgehen- 
den Suggestionen stehen, würde man daher auch nichts damit ausrichten, 
wenn man üinen sagen wollte, dass zu einem Kriege ja gar keine Veranlas- 
simg vorHege. Sie lassen es sich nicht nehmen, dass Deutschland in Gefahr ist. 

Diese schlagenden Sätze Nippolds bestätigen Wort für Wort 
die Ausführungen, die ich im Buche J'accuse über die Schuld des 
deutschen Chauvinismus und Pangermanismus an dem Kriege 
gemacht habe. Die Schrift Nippolds ist mir bei Abfassung meines 
Buches nicht bekannt gewesen, sie ist erst kurz vor der Druck- 
legung in meine Hände gelangt ^. Auch das Nippoldsche Zeitungs- 
und Zeitschriftenmaterial, auf das er sein Verdammungsurteil 
über den deutschen Chauvinismus stützt, stand mir nicht zu 
Gebote. Auch ich kannte zwar die verbrecherischen Treibereien 
Alldeutschlands, wusste, wo die Missetäter sassen, an welchen 
Stellen sie ihre Dracheneier niederlegten, um den Wechselbalg des 
Krieges daraus auszubrüten. Aber ich war zu sehr Optimist, 
glaubte zu sehr an das ruhige Blut und den kalten Blick, an den 
Verstand und die Friedensliebe des deutschen Volkes, um einen 
Erfolg jener Kriegshetze an den massgebenden Stellen und bei 
den grossen Volksmassen in Deutschland erwarten zu können. 
Ich beging denselben Fehler, den unzählige Deutsche aus allen 
Schichten der Bevölkerung, den die grosse Mehrheit des deutschen 
Volkes begangen hat : ich unterschätzte die Gefahren des deutschen 
Chauvinismus, ich glaubte, trotz aller Hetzereien, an den gesunden 
Sinn und die moralische Widerstandskraft des deutschen Volkes. 

Ich habe mich getäuscht, wie alle anderen : ich habe nicht er- 
kannt, dass der Friedensboden schon seit Jahren durch Stollen und 
Sappen der Kriegshetzer kreuz und quer unterminiert war, dass 
es nur der Anlegung einer Lunte bedurfte, um die fürchterlichste 
Explosion herbeizuführen. Ich habe gewusst, dass der « Keim » 
ein Giftkeim war, aber ich habe nicht angenommen, dass er in so 
fürchterlichem Masse ein Unglückskeim werden würde, wie er es 
tatsäclilich geworden ist. Der gute Vater Keim ! Der Vater des 
Vaterlandes ! Der Vater dieses vaterländischen Krieges, der aber 
nun, nachdem er ihn jahrelang herbeigewünscht, vorbereitet 
und schliesslich entfesselt hat, fein still auf irgend einem « rond 
de cuir » zu sitzen scheint (wie neulich berichtet wurde, als « Gou- 

' Siehe J'accuse, S. io6. 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 275 

verneuT von Limburg »), der nicht im Schützengraben seine 
Knochen riskiert, sondern weit hinter der Front, auf kugel- 
sicherem Posten, am fernen Kanonendonner sein soldatisches 
Herz erfreut. Von irgend welchen Kriegstaten all dieser Maul- 
helden, wie sie auch heissen mögen, hat noch nichts verlautet. 
Dulce et decorum est pro patria mori ! Schön ist's — für die 
andern ! — fürs Vaterland zu sterben. Schöner aber ist's, fürs Vater- 
land leben zu bleiben. Herrlich ist der « Ernstfall » — statt der 
ewigen, schon langweilig gewordenen Friedensmanöver. Herr- 
licher aber ist's, wenn nur die anderen « im Ernst fallen », die Maul- 
und Federhelden aber, statt Blut, nur Speichel und Tinte zu 
vergiessen brauchen 

Ich habe den Keim und seine Leute unterschätzt, habe es 
nicht für möglich gehalten, dass ein deutscher Kaiser mitsamt 
seinem Kanzler vor diesen kulturlosen, bornierten und barba- 
rischen Volksverderbern, vor seinem unreifen, nie reif werdenden 
Sohne und dessen Gefolgschaft kapitulieren, die Friedensarbeit 
und die Friedenserfolge eines halben Jahrhunderts freventlich 
aufs Spiel setzen könnte. Ich habe einen modernen Völkerkrieg 
mit den unsagbaren Folgen für die ganze Welt, die wir nun seit 
bald drei Jahren schaudernd mitansehen, mit seinen Barbareien, 
Schrecken und Verwüstungen nicht für möglich gehalten ; am 
allerwenigsten aber möglich ohne jeden zwingenden Grund, aus 
frivoler Kriegslust, aus Ruhm-, Ehr- und Machtgier. 

Weil ich einen Erfolg Alldeutschlands für ausgeschlossen hielt, 
hatte ich es unterlassen, den Spuren dieser Bewegung nachzu- 
gehen, die ich in allgemeinen Umrissen wohl kannte, deren ein- 
zelnen Aeusserungen und Akten ich aber kein besonderes Gewicht 
beilegen zu müssen glaubte. Ich hatte keine Zeitungsausschmtte 
gesammelt ä la Schiemann, hatte keine Broschürenliteratur zu- 
sammengestellt und war daher, als der Kriegsausbruch mit aU 
seinen Begleiterscheinungen den ungeahnten Erfolg der jahre- 
langen alldeutschen Vorarbeit zu Tage förderte, auf wenige 
Bücher als Ouellenmaterial angewiesen, aus denen der Zusammen- 
hang des volksbegeisternden « Befreiungskrieges » mit der wohl- 
durchdachten Inszenierung seitens des Alldeutschen Verbandes 
und seiner Filialen deutlich zu erkennen, aber nur in unzureichen- 
dem blasse zu beweisen war. Nun erlebe ich die Freude, durch die 
reiche Materialfülle, die mir die höchst verdienstvolle Arbeit 
Nippolds liefert, alles bestätigt zu finden, was ich aus den Schriften 
Bernhardis, des deutschen Kronprinzen und aus wenigen anderen 
Dokumenten damals zusammentragen konnte. Nun ist es unmög- 
lich, mir das einseitige Herausgreifen « unmassgchlicher » Er- 



276 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

scheinungen vorzuwerfen, — wobei ich die Behauptung der Un- 
massgeblichkeit eines preussischen Generals und eines deutschen 
Thronerben als grobe, mein preussisch-monarchisches Gefühl 
verletzende Respektwidrigkeit zurückweisen muss. Nun bin ich 
in der Lage, eine so lange und vollständige Liste deutscher Chau- 
vinistenführer und Chauvinistenschriften vorzuführen, dass der 
Vorwurf der Parteilichkeit hinfällig wird und das damals mit 
wenigen Strichen, aber richtig gezeichnete Bild den kräftigsten, 
blutroten Hintergrund erhält. 

Zu meiner eigenen Verteidigung und zur Erbauung des deut- 
schen Publikums, das noch immer, scheinbar mit jedem Tage 
mehr, in dem Irrwahn versunken ist, dass sein alldeutscher Er- 
oberungskrieg ein Verteidigungskrieg sei (siehe die übereinstim- 
menden, täglich und stündlich wiederholten Aeusserungen der 
Herrscher, der Regierungen, der bürgerlichen Parteien und der 
Sozialpatrioten) — zur Aufklärung des deutschen Volkes — die 
übrige Welt bedarf dieser Aufklärung nicht mehr — mll ich nach- 
stehend eine Reihe von Aeusserungen aus der deutschen Chauvi- 
nistenliteratur wiedergeben, die eine weitere Verbreitung ver- 
dienen, als sie ihnen bisher zu Teil gew^orden ist. 

Der «Verband für inter- 
nationale Verständigung». 

Die Lektüre dieser Ausschnitte empfehle ich allen Deutschen, 
die das ernste Bestreben haben, ihre wahren Feinde zu erkennen 
und ihr Volk vor ähnlichen Katastrophen wie die jetzige zu 
bewahren. Vor allem empfehle ich die erneute Lektüre jenen 
deutschen Notabilitäten, die, als Vorstands- und Ausschuss- 
mitglieder des « Verbandes für internationale Verständigung », 
also sozusagen als mitverantwortliche Herausgeber der Nippold- 
schen Schrift, die Kriegsbestrebungen der deutschen Chauvi- 
nisten, ihr verbrecherisches Drängen auf den Angriffskrieg doch 
gekannt haben müssen, die aber jetzt fast alle — mit geringen, 
anerkennenswerten Ausnahmen — der Lüge des Defensionismus 
verfallen sind, den Verteidigungskrieg des schmählich Überfallenen 
Deutschlands proklamieren und zum Schutze gegen zukünftige 
Ueberfälle die verhängnisvollsten Annexionen und Gewaltmass- 
regeln empfehlen. In welchem Lager befinden sich heute die 
Payer, die Spahn, die Liszt, die Natorp, die Naumann, die Zorn, 
die Dove, die Laband, die Gwinner ? ! Im Lager der Defensio- 
nisten und Annexionisten, was ja logischerweise dasselbe ist : 
denn wer an den Ueberfall glaubt, muss auch an den Schutz für 
die Zukunft denken. Umgefallen sind sie, fast alle, mit wenigen 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHI.AND 277 

Ausnahmen, zu denen als rühmlichste der Verfasser jener Schrift, 
Professor Nippold, gehört. 



Die deutschen Chauvinisten haben den Krieg gewünscht und 
gewollt, das geht aus allen ihren Aeusserungen aus der Vorkriegs- 
zeit hervor, das kann und wird keiner jener Herren vom « Ver- 
ständigungsverband » leugnen. Aber herbeigeführt haben den 
Krieg die anderen, die jenseitigen Chauvinisten — das ist heute 
das Feldgeschrei der « Patrioten » geworden, zu denen sich — 
fast ausnahmslos — jene Herren des « Verständigungsverbandes ö 
gesellt haben. Der deutsche Chauvinismus, den man früher als 
die grösste nationale Gefahr Deutschlands erkannt und bekämpft 
hatte, ist für jene Herren plötzlich in der Versenkung verschwun- 
den und — wie im Zaubermärchen — statt des untergetauchten 
Wolfes ein friedliches Lämmlein auf der Bildfläche erschienen, 
dem der schlaue und bissige Nachbarfuchs den Garaus machen 
möchte. Der Nachbarfuchs, das sind die Delcasse, die Poincare, 
die Grey und Sazonow, jene gefährlichen Strassenräuber, die 
die arme unschuldige, friedlich ihres Weges wandelnde Germania 
aus dem Hinterhalt überfallen haben. Glauben jene kundigen 
Herren wirklich an diese Fabeln und Räubergeschichten, an die 
man das unkundige Volk seit nunmehr zweieinhalb Jahren 
glauben machen will ? Ueberzeugen sie sich nicht vielmehr aus 
der Geschichte der zwölf kritischen Tage, aus der, diplomatischen 
Dokumentensammlung (die diesen Intellektuellen doch kein 
versiegeltes Buch geblieben sein dürfte), aus der Inszenierung des 
ganzen Klimbims eines « Verteidigungskrieges » mit obligater 
Volksbegeisterung, Sclilossbalkon- Reden, « Schwert-in-die-Hand- 
drücken », « tückischem Ueberfall », « keine Parteien mehr » 
U.S.W. U.S.W. — überzeugen sich die Herren nicht, dass alles das 
nur das Abspielen eines längst entworfenen Programms war ; dass 
jeder Akt und jeder Akteur längst vorausbestimmt und die 
Geueralsreden der letzten Jahre nur Generalproben für den eigent- 
lichen Kriegs- und Festabend waren ? ! 

Ich persönlich bin überzeugt, dass kaum einer jener Männer, 
die damals für internationale Verständigung wirkten, an den 
feindlichen Ueberfall und den Verteidigungskrieg glaubt ; dazu 
sind sie viel zu intelligent, kennen viel zu gut die wirkenden 
Kräfte, die in Deutschland auf den Krieg hingearbeitet haben 
und von ihnen selbst in jener Verbandsschrift als Kriegshetzer 
gebrandmarkt worden sind. Umso schlimmer aber ist ihr Umfall, 
ihre Heuchelei. Sie machen die grosse Lüge mit, weil sie nicht den 



278 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Mut haben, gegen den Strom zu schwimmen, weil sie der all- 
deutschen Gedankenrichtung, die sich mit Kriegsausbruch zu 
einer terroristischen Zwangsgewalt entwickelt hat, nicht zu 
widerstreben wagen, weil sie Nachteile für ihre bürgerliche 
Existenz fürchten, wenn sie ihre wahre Erkenntnis bekennen 
würden, und weil sie andererseits die Vorteile nicht missen möchten, 
die eine gut patriotische Gesinnung gerade in diesen bewegten 
Zeiten für Knopfloch und Geldbeutel einbringt. 

Alldeutschland — Ganz-Deutschland. 

Das Verhalten all dieser Herren und der Schichten, denen 
sie angehören, ist moralisch anfechtbarer und fast von schlim- 
meren Folgen begleitet gewesen, als die jahrelange Kriegstreiberei 
der Chauvinisten. Jene Intellektuellen und Notabein gehören zum 
überwiegenden Teil den liberalen Parteien — von dem linken Flügel 
der freisinnigen Volkspartei bis zum äussersten rechten Flügel 
der Nationalliberalen — an ; auch Zentrumsleute und Freikon- 
servative sind darunter. Aber kein einziges Mitglied des Vor- 
standes und Ausschusses jenes Verbandes, der sich die Anbahnung 
einer friedlichen Völkerverständigung zum Ziele gesetzt hatte, 
stand bis zum Kriege in Verbindung, in innerem oder äusserem 
Zusammenhang mit jenen alldeutschen und chauvinistischen 
Kreisen, welche die geistige, politische und militärische Vorbe- 
reitung des europäischen Krieges zu ihrer Aufgabe gemacht 
hatten. Nippold protestiert in seiner Schrift mit Recht gegen das 
hetzerische Auftreten des nationalliberalen Führers Bassermarm, 
der durch die Unersättlichkeit seiner Rüstungsforderungen, 
durch sein beständiges Drängen auf eine aktive, das heisst auf 
eine Kriegspolitik, durch seine schroffe Ablehnung der frieden- 
stiftenden Bestrebungen der Haager Konferenzen, durch seine 
Zurückweisung eines, beide Teile entlastenden, Rüstungsabkom- 
mens mit England — kurz durch sein ganzes gemeinschädliches 
Auftreten den Kriegsgeneralen in die Hände arbeite und den 
Irrtum hervorrufe, als ob die Nationalliberalen im allgemeinen 
mit den Alldeutschen und Wehrvereinlern identisch seien. 

Das war damals (1913) in der Tat ein Irrtum. Mit dem Kriegs- 
beginn ist es zur Wahrheit geworden. Die demokratische, frei- 
sinnige, nationalliberale, freikonservative und Zentrums-Presse, 
desgleichen die Presse der Sozial-Patrioten unterschied sich in 
der ersten Kriegsperiode — von wenigen Ausnahmen abgesehen 
— kaum noch von der alldeutschen und Chauvinistenpresse. 
Alle Schlagworte von der Einkreisungspolitik, von dem Ueberfall, 
von dem Kampfe um die deutsche Freiheit und Unabhängigkeit 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHXAND 279 

— alle schon lange vor dem Kriege geprägten Lügenphrasen, 
die schon bei den Brinnerungsfesten von 1913 die hohle Begeiste- 
rung für einen neuen « Befreiungskrieg » entflammt hatten, 
waren mit dem i. August 1914 wie mit einem Schlage aus der all- 
deutschen in die ganze deutsche Presse hinübergeflossen und 
überschwemmten nun — gleich den Schmutzwässern der Berliner 
Rieselfelder — den Boden der öffentlichen Meinung in so frucht- 
bringender Weise, dass die phänomenalsten Kohlköpfe natio- 
naler Verblendung und Ueberhebung in Riesenmassen und Rie- 
senmaassen aus den journalistischen Aeckern emporsprossen * . 

Heute, wo der zweieinhalb] ährige sieglose Kriegsverlauf, die 
ungeheuren Opfer an Gut und Blut, die trüben Zukunftsaussichten 
für Deutschlands spätere Stellung in der Welt, manche Enttäu- 
schung und Ernüchterung herbeigeführt haben, — heute, wo der 
Kriegs Ursprung, über den die Mehrheit der Deutschen noch 
immer in der bisherigen Verblendung verharrt, in der öffentlichen 
Erörterung etwas zurückgetreten ist und den Kriegs zielen sowie 
der inneren Entwicklung Preussens und Deutschlands den Platz 
geräumt hat, — heute beginnen die alten politischen Gegensätze 
allmählich wieder hervorzutreten, beginnen unter dem eintönigen 
Feldgrau die alten Farbenverschiedenheiten wiederum sichtbar 
zu werden. Aber damals, als der Krieg ausbrach, und in der ganzen 
ersten — scheinbar erfolggekrönten — Kriegsperiode, waren alle 
politischen Unterschiede wie mit einem Schlage weggewischt und 
der Kaiser hätte, statt seines Wortes : « Ich kenne keine Par- 
teien mehr, ich kenne nur noch Deutsche » — , besser ausgerufen : 
« Ich kenne nur noch Alldeutsche ». 

^ Das Berliner Tageblatt vom 30. April 191 7 stellt noch an diesem Tage — also 
nach dreiimddreissigmonatlicher Kriegsdauer — fest, dass die alldeutsche Press- 
und Wortpropaganda, die vor Ausbruch des Krieges die ganze Welt gegen Deutsch- 
land eingenommen und zusammengeschlossen hatte, nach Ausbruch des Krieges 
einen grossen Teil der deutschen Journalisten und PoUtiker, die früher nicht zu den 
Alldeutschen gehörten, mit « alldeutsch-nationahstischem Geiste » erfüllt habe : 

« Die Mehrzahl der Konservativen, die RechtsnationaUiberalen mit der 
schwerindustriellen Generalsekretärgruppe, selbst einige Fortschrittler und 
viele Personen ohne klare Parteizugehörigkeit reden und schreiben ungefähr 
in dem Tone, der in den « Alldeutschen Blättern » herrscht. Es wäre ungerecht 
zu leugnen, dass auf ihnen allen die gleiche Schuld wie auf den Alldeutschen 
hegt. •> 

In ähnlichem Sinn schreibt das Berliner Tageblatt vom 2. Juni 191 7 : 

<( dass der alldeutsche Geist nicht nur ^ei dem eigentlichen « Alldeutschen Ver- 
band » und seinen Hintermännern zu finden ist. Er hat in sonst unpolitischen 
Kreisen und auch bis in linksliberale Reihen hinein viele Köpfe ver^vi^rt. » 

Der Vollständigkeit halber hätte das Berliner Tageblatt auch eine Reihe Sozial- 
patrioten anführen können, die ebenfalls seit dem 4. August 191 4 in Wort und Schrift 
sich kaum noch von den Alldeutscheu unterscheiden. 



28o VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Die ganze Ideologie und Terminologie der alldeutsclien Gene- 
rale und Schriftsteller war — sozusagen über Nacht, wie eine 
morgendliche Erleuchtung — Gemeingut des deutschen Libera- 
lismus, der deutschen Intelligenz, der offiziellen deutschen Politik 
geworden. Laband und Liszt, Payer und Naumann schrieben und 
sprachen plötzlich nicht anders als vorher Keim und Class, 
Bernhardi und Wrochem geschrieben und gesprochen hatten. 
Ja man kann sogar behaupten, dass teilweise die neuen Alldeut- 
schen die alten an Schärfe der Sprache und an Militärfrommheit 
der Gesinnung noch übertrafen, wie ja die Apostaten in der 
Regel sclilimmer als die Altgläubigen sind. Gelehrte, Pfarrherren 
und andere « Stubenhocker » ritten plötzlich das « geharnischte 
Ross » schneidiger als die ältesten Troupiers, die ihr Leben lang 
zu Pferde gesessen hatten. Was Naumann an überspanntem 
Chauvinismus oder chauvinistischer Ueberspanntheit in diesem 
Kriege geleistet hat, was Payer und Spahn, der süddeutsche 
Demokrat und der ultramontane Zentrumsmann — in früheren 
guten Zeiten die schärfsten Antipoden — , nunmehr in treuer 
Waffenbrüderschaft und Gesinnungsgemeinschaft über « das 
Vaterland in Gefahr », über die Schutznotwendigkeit gegen 
zukünftige Ueberfälle, über die Einigkeit des deutschen Volkes 
und die Heiligkeit des Burgfriedens deklamiert und in ihren poli- 
tischen Handlungen zum Ausdruck gebracht haben (siehe — unter 
vielem anderen — die von Spahn am 9. Dezember 1915 namens 
aller bürgerlichen Parteien abgegebene Erklärung zu Gunsten der 
für Deutschlands Schutz erforderlichen Gebietserwerbungen), — 
das bleibt in nichts hinter den Gedankengängen und Forderungen 
der alldeutschen Generale zurück. Herrn Dr. von Payer insbe- 
sondere wird die patriotische Ruhmestat nicht vergessen werden, 
dass er als Kommissions-Berichterstatter für die Auslieferung 
Liebknechts an die Militärbehörde, für die Erhebung der Landes- 
verrats-Anklage gegen seinen parlamentarischen Kollegen, für die 
erstmalige Durchbrechung des Immunitätsprinzips eingetreten 
ist. Was ist aus dem ehemaligen süddeutschen Demokraten, dem 
schärfsten Preussengegner, aus dem einstmals gut bürgerlich- 
demokratischen Volkstribunen Dr. Payer (ohne « Exzellenz » und 
ohne « von ») geworden in der entnervenden und entmannenden 
Hof- und Regierungsatmosphäre ? 

Das deutsche Volk war in der Tat einig geworden. Leider ! Die 
Bekämpfer des Alldeutschtums waren — wenige rühmliche Aus- 
nahmen abgerechnet — mit fliegenden Fahnen zum Feinde über- 
gegangen, die Intelligenz verneigte sich vor dem Säbel, die Demo- 
kratie vor der Autokratie, das Bürgertum vor dem Junkertum. 
Das Schlimmste an diesem betrübenden, nie für möglich gehal- 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 2öl 

tenen Vorgang aber ist, dass er — trotz der allmählich wieder 
herv-ortretenden kleinen Nuancen-Unterschiede — nicht auf die 
Kriegszeit beschränkt bleiben, sondern weit in die Friedenszeit 
hinein nachwirken wird. Es ist leichter, in Sklaverei zu verfallen, 
als sich daraus zu befreien. Die Geistessklaverei, in die die gebil- 
deten Klassen und leider sogar ein Teil der Arbeiterklasse den 
Alldeutschen, den Junkern und Militaristen gegenüber sich 
einmal begeben haben, wird noch lange Jahre ihnen als schwere 
Fessel am Beine hängen, wird die demokratische und soziale Be- 
freiung des deutschen Volkes noch auf lange Jahre hintanhalten. 



Bei Gelegenheit seines kürzlich gefeierten fünfundzwanzig- 
jährigen Jubiläums konnte der « Alldeutsche Verband » mit Recht 
und Stolz durch den Mund der Täglichen Rundschau verkünden : 

Heute vor fünfundzwanzig Jahren \\airde in Frankfurt a. M. auf Karl 
Peters Einladung eiii Verband begründet, der, in allen Stmiden seines Daseins 
« verspottet und befehdet », sich doch zu einer gewaltigen schaffenden Macht 
xmseres politischen Lebens entwickelte, der seüien Gegnern nicht nur seine 
Gedanken aufzwang, sondern ihnen vielfach auch die Gesetze ihres Handelns 
vorschrieb. Man hat ihn verlacht, geschmäht, verfolgt ; aber seine Gedanken 
ersviesen sich als richtig, und heute, da er im Weltensturm auf sein fünfrmd- 
zwanzig jähriges Wirken zurückblickt, kann er fast alle seine Gegner als 
« alldeutsch » ansprechen ; denn dieser Krieg hat unser ganzes Volk alldeutsch 
fühlen und handeln gelehrt. 

Die später folgenden Ausschnitte werden die Richtigkeit dieses 
wohlriechenden Selbstlobes bestätigen ; sie werden den Beweis 
erbringen, dass das Denken, Sprechen und Schreiben in Deutsch- 
land nach Ausbruch des Krieges fast ausnahmslos — bis in die 
kleinsten Einzelheiten hinein — den Gedankengängen, ja sogar 
vielfach der sprachlichen Ausdrucksweise der alldeutsch- chauvi- 
nistischen Literatur aus den letzten Jahren vor dem Kjiege 
entsprach, und dass es zum grossen Teil noch heute diesem Vor- 
bilde entspricht. 



Etappenstrasse der Gewaltpolitik. 

Macaulay hat einmal gesagt : 

« Grundsätze, die der verhärtetste Räuber kaum seinem 
zuverlässigsten Spiessgesellen andeuten, ja die er sich 
selbst kaum gestehen würde, ohne sie in irgend einen be- 
schönigenden Sophismus zu kleiden, werden ohne die ge- 



282 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

ringste Umschreibung vorgetragen und zu Grundaxiomen 
der ganzen politischen Wissenschaft genommen. » 

Wer einer solchen Räuberpolitik, die — wie jede andere 
Politik — nur durch die Mittel fortgeführt werden kann, denen 
sie ihren Ursprung verdankt, — wer einer Blut- und Gewalt- 
politik, wie sie zu diesem Kriege geführt hat, einmal seine Unter- 
stützung geliehen, der wird, ob er will oder nicht, immer weiter 
die abschüssige Bahn hinabgerissen werden, bis er schliesslich in 
der mittelalterlichen Zwingburg endigt, wo die preussische Militär- 
autokratie das Gesetz diktiert. Wer A sagt, muss auch B sagen. 

Verteidigungskrieg gegen Ueberfall — 

Sicherung gegen zukünftige Ueberfälle — 

Annexion der erforderlichen Sicherungsgebiete — 

Unterdrückung und Knechtung der annektierten Völker- 
schaften — 

Erneuerung und Verstärkung der Rüstungen, um den Gewalt- 
zustand aufrechtzuerhalten — 

Verstärkter Militarismus im Inneren und, was damit gleich- 
bedeutend, verstärkter Kampf gegen Demokratie und 
Sozialismus — 

Erhöhte Begünstigung der Rüstungsindustrie, die uns in 
einem zukünftigen Kriege die Waffen zu liefern hat, des 
Agrariertums, das uns vor dem Verhungern schützen soll — 
das ist die Etappenstrasse in der inneren und äusseren Politik, die 
die alldeutschen Chauvinisten und Reaktionäre der deutschen 
Demokratie und leider auch der Mehrheit der Sozialdemokratie 
vorgezeichnet haben. Das ist die logische Folge des ersten Schrittes 
auf der abschüssigen Bahn. C'est le premier pas qui coüte. 

Eine Befreiung aus dieser tötlichen Umklammerung ist nur 
möglich durch eine entschlossene Umkehr. Der erste Schritt auf 
der abschüssigen Bahn muss rückgängig gemacht werden, wenn 
man nicht bis zur letzten Station mitgeschleppt werden will. Der 
erste Schritt aber heisst : Erkenntnis und Bekenntnis : 

dass Deutschland nicht einen Verteidigungs-, sondern 
einen Angriffskrieg führt ; 

dass dieser Krieg, von langer Hand in allen Einzelheiten vor- 
bereitet, der imperialistischen Machterweiterung dienen sollte; 

dass somit die beabsichtigten Gebietserwerbungen keine 
Schutzmassregeln, sondern reine Eroberungsakte sind ; 

dass diese Eroberungsakte notwe^idig zu neuen Kon- 
flikten und neuen Rüstungen führen müssen ^ ; 

* Diese Sätze gelten selbstverständlich auch für Eroberungsabsichten von der 
anderen Seite. Das Nähere hierüber siehe in dem Schlussabschnitt : Kriegsziele. 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 283 

dass ein dauernder Friede in Europa nur durch allsei- 
tigen Verzicht auf jede Eroberung, durch schärfste Schutz- 
massregeln gegen die chativinistischen Volksfeinde im Innern 
und durch eine friedliche Organisation der europäischen 
Völker familie, ohne Sonder bünde, erreicht werden kann. 

Diese Wahrheiten ins deutsche Volk eindringen zu lassen, 
dazu schreibe ich meine Bücher. Erst wenn Demokratie und Sozial- 
demokratie — auf die anderen Parteien ist bei den heutigen Zu- 
ständen in Deutschland nicht zu rechnen — sich von diesen 
Wahrheiten überzeugt und den ersten « Schritt vom Wege » zurück- 
getan haben werden, erst dann werden neue Hoffnungen für die 
freiheitliche Entwicklung Deutschlands und damit für den 
Frieden Europas erblühen. Wenn nicht, wird das Gewaltprinzip 
nach innen und aussen auch in Zukunft triumphieren, werden 
die Göttinnen der Vernunft und der Freiheit für immer ihr Haupt 
verhüllen 



Vorstehender Abschnitt ist lange Zeit vor der kaiserlichen 
Osterbotschaft von 19 17 geschrieben worden — vor jener mo- 
narchischen Kundgebung, die nicht der Ausfluss freien volks- 
beglückenden Willens, sondern unfreier volksfürchtender Angst, 
der bleiche Reflex rotglühender Himmelszeichen im Osten gewesen 
ist. Ein besseres Wahlrecht für Preussen ist — für die Zukunft 
versprochen worden. Solche Botschaften kennen wir zur Genüge 
aus der preussischen Geschichte : « Die Botschaft hör' ich wohl, 
allein mir fehlt der Glaube. » Es sind die beliebten Zukunfts- 
wechsel preussischer Könige, die bisher niemals eingelöst worden 
sind. 

« Schlimm genug für das deutsche Volk, dass die Furcht der 
Könige seine einzige Hoffnung, ihr Schrecken sein einziger Trost 
ist » — so schrieb Ludwig Börne, als nach der Juli-Revolution 
einige Freiheitslüftchen aus Deutschland nach Frankreich her- 
überwehten, als Gegenzug gegen die von Paris her kommenden 
Weststürme. Das Zepliirsäuseln in deutschen Landen war bald 
verflogen, nachdem die Angst vor den französischen Stürmen 
erloschen war. So wird es auch diesmal, wo im Osten der Orkan 
losgegangen, dem gediüdigen Michel ergehen, wenn er nicht 
endlich erwacht, statt des weissleinenen Schlafzipfels die phry- 
gische Mütze aufs Haupt setzt und mit dem gebotenen Nachdruck, 
statt sich auf langfristige Versprechungen einzulassen, zu sofor- 
tigen Taten schreitet. Zu solcher energischen Aufrafi'ung werden 
allerdings die Parteien und Volksschichten nicht fähig sein, die 



284 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

einmal den Rücken gekrümmt haben vor dem hohenzoUernschen 
Säbelregiment, die ihm Gefolgschaft geleistet haben bei der Voll- 
führung des grössten Verbrechens der Weltgeschichte. 

« Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten. » Am schwer- 
sten aber befreien sich die, die selbst sich Ketten geschmiedet und 
angelegt haben. 

Blutenlese aus der deutschen chauvinistischen Literatur 
vor dem Kriege. 

Für die nachfolgende Zusammenstellung von Aeusserungen 
der Alldeutschen und Chauvinisten habe ich - — ausser eigenem 
Material — folgende verdienstvollen Arbeiten benutzt : 

1. Der deutsche Chauvinismus von Prof. Dr. Otfried Nippold 
(Stuttgart, 1913). — Dieser Schrift verdanke ich — und bringe 
diesen Dank hier besonders zum Ausdruck — eine grosse Zahl 
wertvoller Ausschnitte, die aber doch nur ein sehr unzulängliches 
Bild von dem Gesamteindruck geben, den die umfassende Nip- 
poldsche Sammlung (auf ihren 130 enggedruckten Seiten) 
hervorbringt. Die Lektüre dieser überaus lehrreichen Schrift sei 
nochmals jedem empfohlen, der das Studium von Dokumenten 
dem Nachsprechen hohler Schlagworte vorzieht. 

2. Was täte Bismarck ? von Graf von lycyden (Verlag Neues 
Vaterland, Berlin, L. Jannasch). 

3. Treibende Kräfte von Kurt Eisner (Band II, 33. Jahrgang 
der Wochenschrift Neue Zeit) . 

4. Die Propheten von Wilhelm Herzog (« Forum », Juliheft 
1915)- 

I. 

Die Presse. 

Die Post^ 

28. Januar 1912. Psychiatrie und Politik. Von Medizinal- 
rat Dr. W. Fuchs. 

Im heutigen Deutschland bezweifelt kein Zurechnungsfähiger 
mehr, dass die Tripleentente sich anschickt, uns zu ver- 
nichten. Wir alle wissen: Blut fliesst bestimmt; je länger 
wir warten, um so mehr. Aber wenige wagen den Rat, das Beispiel 
Friedrichs des Grossen nachzuahmen. Und die Tat selbst wagt niemand 

' Organ der freikonservativen Partei, auch « Botschafterpartei » genannt, weil 
ihr die meisten Diplomaten und viele andere hohe Staatsbeamte anzugehören 
egen. 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 285 

Und dennoch lässt unser Volk die Nutzanwendung vermissen. Jeder einzelne 
weiss die ganze Nation fühlt : nur im A n g r i f f winkt Rettung — und dennoch 
erfolgt dieser Schrei nach dem Angriff nicht. In Murmelform verhallt er im Rund 
der Stammtische. .. . . „ t^ ■ j 

Diese deutsche Defensive ist selbstmörderisch. Der Friede 
bedeutet nicht nur die Schande, sondern das Ende. Auch das wissen gar viele, 
empfinden vielleicht alle. Und dennoch ! Und dennoch ! 

Auch diese Genies folgten nicht rein dem kalten Kalkül — Friedrich begann 
den ersten schlesischen Krieg aus kavalierer Ruhmlust — , aber sie sind niemals 
einer nötigen Tat ausgewichen, niemals haben sie den so schwachnervigen wie 
schwachsinnigen Irrtum begangen, einen Krieg anders zu behandeln wie jeden 
sonstigen pohtischen Schachzug. Das Blut des Krieges war für jene Gottgesandten 
ledigUch Nebenprodukt, Nebenprodukt einer Notwendigkeit, einer Pfhcht 

Unbedingt richtig erscheint uns, was der Verfasser über den Angriffskrieg 
zu Präventivzwecken sagt : denn jeder Krieg, der geschlagen wird, um 
einem drohenden unabweisbaren Angriff zuvorzukommen, ist letzten Endes ein 
Abwehrkrieg, ebensogut v/ie der Kampf, zu welchem sich eine Nation erst nach 

erfolgtem offenen miütärischem Angriff bequemt Wenn wir, ganz allgemein 

gesprochen, den Krieg und damit die grösste nationale Kraftanspannung, deren 
ein Volk fähig ist, als im Interesse unseres Volkes hegend erachten, so 
geschieht es ledigUch aus dem Gedanken heraus, dass es das einzige Mittel 
ist, das uns heute noch als Nation vor der unserer rettungslos 
harrenden physischen und psychischen Erschlaffung und 
Entnervung retten kan n.... Ob wir freiUch bei allzu langer Dauer dieser 
Situation noch die Kräfte aufbringen würden, uns wieder emporreissen zu lassen, 
steht dahin ; Seele imd Körper des deutschen Volkes sind in ihrem Lebensnerv 
zu fein geartet, um den in langer Ruhe und Priedenszeit doj)pelt 
wirksamen zersetzenden Einflüssen auf die Dauer wider- 
stehen zu können. 

I. Januar 1913. Jahresende — Schicksalswende? 

Werden sie recht behalten, der Seher von Lehnin wie die somnambulen 

Zukunftskünder, wird Volkesstimme sich auch dort als Gottes- 
stimme erweisen, wosie dem « Glut- »und« Flut »jahredas 
« B 1 u t » j ahr von 1913 folgen lassen will? Niemand vermags heute 
an der Jahresschwelle, zu sagen, und vergebUch bemüht sich das Auge, des Ratseis 
Lösung zu finden •■ xt u 

Auch der vollkommene Fehlschlag der im Frühjahr durch Lord Haidane 

angebahnten und dann geradezu krampfhaft betriebenen Verstaudigungsversuche 
hat sie in ihrem Bemühen nicht abgeschreckt, obwohl er ihr deuthch genug gezeigt 
haben sollte, dass eine Verständigung mit England, so wie die Dmge nun einmaJ 
geworden sind, in normalen Zeiten unmögHch ist, und dass alle darauf abzielenden 
Bestrebungen von England nur aus jeweils besonderen, zeitig bedingten und engum- 
grenzten Gründen unterstützt werden, wie sie im Augenblick für die engüsche 
PoUtik vielleicht gegeben sein mögen. 

heute, am Jahresschlüsse, erscheint es ledigUch geboten, darauf zu verweisen, 

wie die beiden mitteleuropäischen Kaiserreiche und in ihnen das germamsche 
Element in immer stärkerem und zwecksicherem Masse 
vom Wege nach Süden abgeschnitten werden, und wie 
sich gleichzeitig der Kreis immer enger schliesst, den 
Slawen- und Romanentum, unterstützt- von unseren 
einstigen Vettern in England, um uns gezogen haben..... 

Gerade die gegenwärtige J ahreswende steht unter dem Zeichen einer hundert- 
jährigen stolzen Erinnerung : des Tages von Tauroggen, an dem die kühne iat 
Yorcks in der Poscheruner Mühle eine neue Zeit für Preusseu und Deutschland 
heraufführte. Auch damals brachte das dreizehnte J ahr eines neuen J ahrhunderts 
die Befreiung von schwerem, dumpfem Druck, und Besseres könnten wir uns vom 
kommenden Jahre nicht wünschen. Sollte es dazu, wie dam als vor 
hundert J ahreii, des Krieges bedürfen, sollte dem Glut- 
und Flutjahr wirklich das Blutjahr folgen, — nun wohl, so 
wird das deutsche Volk eben zeigen, dass es heute wie früher einer Welt von Feinden 
zu trotzen imstande ist. Noch hat das deutsche Volk seine ISIission mcht erfüllt, 
noch steht die Lösung des letzten und grössten Teiles seiner weltgeschichtlicüen 
Aufgabe bevor, und diese Gewissheit ist in erster Linie berufen, uns über die >.ote 
der gegenwärtigen Zeit hinwegzutrösten. Es ist eine harte Schule, durcli die wir 
zurzeit gehen, aber der stille Läuterungskampf im Innern, der unsere gesamte 
poUtische Kraft lähmt und hinter dem sich grundsätzliche Entscheidungen von 



286 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

höchster Bedeutung verbergen, ist eine Notwendigkeit für uns, die uns keinesfalls 
erspart bleiben duiite. Sind wir erst hier die Sieger geblieben, dann wollen ^vir uns 
des Wortes erinnern, dass wir herrschen müssen oder dienen, Hammer oder Ambos 
sein, und im Willen zu entschlossener Tat werden wir dann zum Hammer greifen, 
um ein anderes Dichterwort wahr zu machen : um am deutschen Wesen die Welt, 
wie ihr bestimmt ist, noch einmal genesen zu lassen. Mit dieser Verheissung im. 
Herzen können wir getrosten Mutes die Schwelle des neuen Jahres überschreiten. 
Das ist unsere welthistorische Mission und von ihr wird keine Macht uns lösen 

27. März 1913. «Sie lispeln Englisch....» 

Ihr eigentlicher Kern ist denn auch in dem von ihm offiziell formulierten 
und an Deutschlands Adresse gerichteten Vorschlage zu erblicken, die Flotten- 
rüstung einzuschränken, und zwar dergestalt, dass Deutschland einj ahrlang 
keinerlei Neubau auf Stapel legt, worauf England dann mit einem 
gleichen Vorgehen antworten werde. Dieser Vorschlag, der wohl in erster Linie 
darauf berechnet ist, den friedensduseligen Elementen in Deutsch- 
land Wasser auf die Mühlen zu leiten imd der Regieriuig im Reichstage wie im Volke 
Schwierigkeiten zu bereiten, ist ebenso hahnebüchen-grotesk, wie ab- 
surd Wer garantiert uns, dass England uns dabei nicht in schamloser Weise 

betrügt 

Rein praktisch genommen erscheint somit der Churchillsche Vorschlag ledigüch 
als eine Art Bauernfängerei, imd die deutsche Regierung kann nicht drin- 
gend genug davor gewarnt werden, sich auf die neuerlichen Lockungen Englands 
einzulassen 

7. April 1913. Der nationalliberale Preussentag. 

Mit Genugtuung wird man es begrüssen, was Herr Bassermann am Sonn- 
abend abend über die Notwendigkeit der Heeres vorlage im einzelnen und 
über die auswärtige Politik im allgemeinen ausgeführt hat. Die Sehnsucht nach den 
Zeiten einer grosszügig-bismarckischen PoUtik, welcher Herr Bassermann Ausdruck 
gab, wird ja weit über die nationaUiberalen Kreise hinaus und fast von der Gesamt- 
heit des deutschen Volkes geteilt, und ebenso allgemein verbreitet ist die von Basser- 
mann vertretene Auffassung über die Ungimst unserer gegenwärtigen internatio- 
nalen Stellung und anderseits über die Notwendigkeit einer national-imperialisti- 
schen WeltpoHtik, der die Entwicklung der Dinge imaufhaltsam zutreibt 

15. April 1913. Ein schwerer deutsch-franzö- 
sischer Zwischenfall. 

Die « ritterliche » und « grande » Nation setzt neuerdings ihren Stolz darein, 
im Verkehr mit Angehörigen fremder Völker Manieren zu bekunden, die man allen- 
falls von Baschkiren, Kalmüken oder Bantu-Negern erwartet, nicht aber von einem 
Volke, das sich selbst das stolze Prädikat ausgestellt hat, an der Spitze der Zi-snli- 
sation zu marschieren. Für Kenner der französischen Volkspsyche ist es zwar nie- 
mals zweifelhaft gewesen, dass dem französischen Volke ausser einigen äusserlichen 
ziviUsatorischen Errungenschaften tiefere sittlich-kulturelle Fähigkeiten nur so 
lange innegewohnt haben, als es in seinen überwiegend keltischen Bestandteilen 
von einer starken germanischen Oberschicht bedeckt vmd bestimmt worden ist. Je 
schwächer diese Oberschicht wurde, je mehr bildeten sich die kulturellen Fähigkeiten 
des französischen Volkes ziuück 

21. April 1913. Barthou gegen Bethmann. 

In dieser Hinsicht muss man es doch als eine schon hahnebüchene Unver- 
frorenheit ansprechen, wenn der französische Ministerpräsident angesichts des 
Völkerrechtsbruches und der Pöbeleien von Limeville und angesichts der Skandal- 
affaire von Nancy von dem « kalten Blut » und dem « Gefühl der Würde » spricht, 
das Frankreichs öffenthche Meinung imd Presse bewiesen hätten. Mit vollem Rechte 
hat neuUch ein deutsches Blatt die Franzosen als die unanständigste Nation Europas 
bezeichnet und es gibt in der Tat in ganz Europa kein halbwegs zivihsiertes Volk, 
das eine so niedrige, heimtückische, minderwertige und feige Gesinnung besitzt wie 
das französische in seiner Gesamtheit 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 287 

Gewiss : Frankreich hat zweifellos Zeiten politischer Grösse gehabt ; aber es hat 
sie g e h a b t und es ist inzwischen zu einem solchen Tiefstand aller der Tugenden 
herabgesunken, die ein starkes stolzes Volk auszeichnen, dass es heute vom kriege- 
rischen Standpunkt aus nur noch als ein höchst zweifelhaftes Vergnügen gelten kann, 
sich mit einem solchen Volke einmal schlagen zu müssen. 

25. April 1913. Die Wehrvorlage und die interna- 
tionale Lage. 

Auch wenn man an eine schhessHche friedhche Lösung der Krisis glauben 

will, so ist es nach aU den Erfahrungen gerade der letzten Wochen doch fraglich, ob 
der Optimismus durchaus gerechtfertigt ist, mit welchem der Reichskanzler kürzhch 
unsere gegenwärtigen Beziehungen zum Auslande charakterisiert hat. Er sah damals 
die einzige Gefahr in der Möghchkeit, dass die panslawistischen Anschauungen in 
Russland zu massgebendem Einfluss gelangen ; doch büdeten die althergebrachten 
guten Beziehungen zwischen Deutschland und dem Zarenreich und der Mangel an 
Interessengegensätzen zwischen beiden Reichen eine gewisse Gewähr für die Er- 
haltimg des Friedens. Unsere Beziehungen zu Frankreich seien durchaus korrekte ; 
die neue französische Mihtärvorlage bedeute keinerlei Drohungen gegen Deutsch- 
land ; die Masse des französischen Volkes sei friedliebend. Mit England ständen wir 
auf dem besten Fusse, wir seien bei der jetzigen Krisis Hand in Hand mit ihm 
gegangen, und es sei durchaus angezeigt, trotz der Zugehörigkeit Grossbritanniens 
zur Triple-Entente ein friedliches Einvernehmen mit dem britischen Weltreich 
fernerhin anzustreben. Auch die Sprache der englischen Staatsmänner sei durchaus 
entgegenkommend vmd friedhch 

Für das deutsche Volk aber ist es keineswegs zuträg- 
lich und zweckmässig, wenn es sich in die friedseligen 
Vorstellungen einlebt, die ihm die Rede des Reichs- 
kanzlers vorgezaubert hat 

Im Bewusstsein ihrer militärischen Ueberlegenheit, die auch nach Durchfüh- 
rimg der neuen deutschen Wehrvorlage bestehen bleibt, imd vmseres unbedingten 
Friedenswllens kann sie alle ihre politischen Zwecke erreichen, ohne es auf die 
Gefahr eines kriegerischen Zusammenstosses ankommen zu lassen. 

Kann aber ein solcher Zustand dauernd erhalten bleiben ? — Kann ein grosses, 
rasch sich vermehrendes Volk -wie das deutsche, auf die Dauer darauf verzichten, 
sich weiter zu entwickeln und seine politische Macht zu er- 
weitern ? Können wir uns auf die Dauer mit unseren 
jetzigen unzureichenden Kolonien und mit unserer 
gefährdeten Stellung im Zentrum Europas begnügen? 
Dürfen wir es darauf ankommen lassen, dass der Zuwachs unserer Bevölkerung 
unserem Vaterlande, wie früher, verloren geht und den uns feindUchen Staaten als 
weiteres Machtelement zufUesst ? Haben wir nicht die Verpflichtung, den Ueber- 
schuss an geistigen Kräften, der in Deutschland vorhanden ist imd überall vielfach 
vmisonst nach Betätigung strebt, Arbeitsgebiete zu eröffnen, die den Interessen 
unseres Vaterlandes dienstbar sind ? 

Von einer Politik des Verzichts und der Entsagung, wie wir sie seit Jahren 
betrieben haben, werden wir unter dem Druck des nationalen Willens zu einer 
solchen übergehen müssen, die positive Zwecke verfolgt: Die 
Stärkung unserer mitteleuropäischen Stellung, die 
endgültige Auseinandersetzung mit Frankreich und 
England; die Erweiterung unseres Kol o n ialbesitzes, 
um dem Ueberschuss unserer Bevölkerung neue deut- 
sche Wohnsitze zu verschaffen; der energische Schutz 
der Auslandsdeutschen; die Erwerbungvon Stützpunk- 
ten für unsere Flotte; die weitere Entwicklung unserer 
aktiven Macht im Verhältnis des Anwachsens der feind- 
lichen Kräfte. Das sind die Aufgaben, die der nächsten 
Zukunft gestellt werden müssen 

Es ist daher durchaus verfehlt, wenn man unsere Heeres- 
verstärkung immer und immer wieder als Versicherungs- 
prämie gegen den Krieg bezeichnet; wenn man immer 
und immer wieder beton t, dassdie Erhaltung des Friedens 
die wesentlichste Aufgabe des Staats sei, die zu er- 
füllen kein Opfer als zu gross betrachtet werden dürfe; 
denn das ist nicht wahr und nur geeignet, den Sinn des 
Volkes mit falschen und schwächlichen Vorstellungen 
zu vergiften 



288 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Das sind die Gründe, die uns heute zur Wiedereinführung der allgemeinen 
Wehrpflicht zwingen, die wir niemals hätten beeinträchtigen lassen sollen, nicht 
aber der schwächliche Gedanke an die Erhaltung des 
Friedens. 

Rheinisch- Westfälische Zeitung K 

12. Januar 1912. Der kommende Krieg. 

Ja, er kommt. Und ein Sturmzeichen kündet ihn schon an — Delcasse ! Krieg 
nicht um Marokko ; das hat Berlin in Ohnmacht vor Cambons und Greys hernie- 
derklatschenden Diplomatenhieben im unblutigen Waffengang den Franzosen 
ausgeUefert. Aber der Revanchekrieg für 1870. Der Krieg um Elsass- 
Lothringen. Der ist heute näher denn je 

Ein Band des Friedens sollte nach der salbungsvollen Predigt des Reichs- 
kanzlers der Marokko-Kongo- Vertrag sein. Als Zeichen, welch tiefster Demütigung 
eine deutsche Regierimg nach dem Heldenjahr von 1870 fähig war, werden künf- 
tige Geschichtsschreiber den Ursprung eines neuen französisch-deutschen Krieges 
vom Tage der Unterzeichnung dieses unglückseligen Abkommens an datieren 

Es muss sofort gehandelt werden. Was an Heeres- und Flotteurüstung geplant 
ist, muss soweit wie mögHch im AugenbUck vorbereitet vmd durchgeführt werden. 
Um die Indemnität kann beim Reichstag nachher jederzeit nachgesucht werden. 
Die Stunde ist ernst. Sie zeigt auf Krieg. Rasches Aufraffen und Entschlossenheit 
kann die Revauchelust noch einmal bannen. Aber es heisst handeln ! 

12. März 1913. Einmal links herum, andermal 
rechts herum. 

Generalmajor Keim hat aber mit seiner rastlosen 
Aufklärungsarbeit vollen Erfolg gehabt. Die Regierung 
macht sich, wenn die vorgestrigen Angaben des Berliner Lokal-Anzeigers 
<( auf Grund besonderer Informationen » zutreffen, alle Forderungen zu 
eigen, die der Wehrverein in Fühlung mit dem Grossen 
Generalstab seit Monaten aufs nachdrücklichste in der 

O e f f e n 1 1 i c h k e i t verficht Kurzum, alles das, aber 

auch alles das, was der Wehrverein seit Monaten v e'r- 
langt, soll jetzt seine Erfüllung finden. 



Berliner Neueste Nachrichten. 

24. Dezember 1912. Der Krieg als Kulturfaktor, 
als Schöpfer und Erhalter der Staaten. 

Unter diesem vielversprechenden Titel ist von Dr. Schmidt- Gibichen- 
fels, dem bekannten Herausgeber der « Politisch- Anthropologischen Revue » 
eine Druckschrift erschienen, deren möglichst weite Verbreitimg im Interesse 
der Bekämpfung des leider auch bei uns schon verbreiteten Pazifismus und der 
Hebimg des kriegerischen Geistes unseres Volkes auf das lebhafteste zu wünschen 
ist. 

Es ist hier mit seltener Lückeulosigkeit mid Schlüssigkeit der Beweis geführt, 
dass der Krieg nicht nur ein Faktor, sondern der Hauptfaktor, nicht 
bloss der Schöpfer, auch der Erhalter wahrer, eehter Kultur ist, 
dass ohne ihn eine geordnete Gesellschaft, ein kraftvoller Staat weder entstehen 
noch auf lange Dauer erhalten bleiben kann 

Er zeigt dann die Gefahren der Ueberkultur einerseits und der Ueberzivili- 
sation andererseits und weist überzeugend nach, wie diese Gefahren nur 
durch rechtzeitig auszubrechende Kriege zu vermei- 
den sind 

Indem der Verfasser auf diese Weise den Krieg als Glied einer gött- 

^ Organ der rheinisch-westfälischen Schwer- und Rüstungsindustrie, 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 289 

liehen Weltordnung zvir Anerkennung bringt, verkennt er dabei keines- 
wegs die Segnungen des Friedens als des anderen, den Krieg ge- 
wissermassen ergänzenden Hauptfaktors wahrer, echter 
Kultur. Er versteht unter Frieden aber nur den wirklichen, ehrenvollen Frieden, 
nicht jenen zweideutigen Zwischenzustand, der weder richtigen Krieg noch recht- 
schaffenen Frieden bedeutet. Wirkhcher Krieg und wirklicher Frieden in ge- 
sunder Abwechslung und Zeitdauer gelten dem Verfasser als die 
imentbehrUchen Vorbedingungen für die Entstehung und Erhaltung alles 
Guten, Schönen, Grossen, Erhabenen sowohl in der Natur wie 
in der wahren, echten Kultur. 

29. März 1913. (Wochenschrift der Berliner Neuesten Nach- 
richten « Deutsche Welt »). Bas Deutschtum im 
Ausland. Von Karl Tolle. 

Ein rein friedlicher Landerwerb hat in dem allgemeinen Ringen um die 
« Plätze an der Sonne » keine Aussicht auf Erfolg oder Bestand, 
der Lohn ist regelmässig Undank, das Schicksal Untergang gewesen. Die ver- 
zweifelte Lage der Deutschen in den slawischen imd magyarischen Gebieten, übri- 
gens auch das langsame, aber sichere Verschwanden der deutschen Elemente in 
den angelsächsischen Reichen, in Nordamerika, in Südafrika und AustraUen, 
geben ims die eindringhche Lehre, dass es mit friedlichen Kulturbe- 
strebungen allein nicht getan ist. Sie ernten Verkennung und 
Bedrängung, wenn die Kulturbringer oder -förderer es in Arglosigkeit und Gleich- 
gültigkeit versäumen, sich rechtzeitig völkisch zu einen und politisch diurchzu- 
setzen, nötigenfalls auch mit Entfaltung kriegerischer 
Tatkraft. 

Tägliche Rundschau'. 

12. November 1912. Zeitungsschau. 

Angesichts der Scylla der Ueberkultur einerseits und der Charybdis der Ueber- 
ziviHsation anderseits müsste es jeder wahre Humanist, jeder, der es mit der Mensch- 
heit gut meint, mit Freude begrüssen, wenn es in der Welt etwas gäbe, was die 
Menschen und Völker vorwärts treibt, sie also vor dem Versinken in Trägheit und 
Fäulnis bewahrt 

Gäbe es etwas Derartiges nicht : der wahre Menschenfreund müsste es 
erfinden und, koste es was es wolle, in den Dienst der Menschheit stellen. Nun 
gibt es aber — man denke — in der Tat etwas Derartiges 

Dieses bestimmte Etwas ist nichts anderes als der Krieg und 
die ständige Bereitschaft dazu. Wehe dem Volke, das in dieser 
Hinsicht nicht auf der Höhe der Zeit steht, wehe der ganzen Menschheit, wenn 
sie jemals glaubte, diesen ihren grössten Wohltäter, diesen einzig zuver- 
lässigen Wächter und Prüfer der allseitigen Tüchtigkeit eines Einzelnen 
und eines Volkes entbehren zu können ! 

Biologisch betrachtet, kann man den kriegerischen Geist eines Einzelnen wie 
eines Volkes als den genauesten Gradmesser für die Stärke der Lebensbejahung, 
die kriegerische Tüchtigkeit als den zuverlässigsten Indikator für die potentielle 
Lebensenergie und den Krieg selbst als ein Höchstmass für deren aktuelle Ent- 
ladimg ansehen. Auch für die wirkliche Höhe der Kulturstufe eines Volkes gibt 
die kriegerische Kraftleistuug den umfassendsten imd imtrüglichsten Massstab 

Soll die Götterdämmerung, die über der europäischen Rasse und 
Kultiu: nun schon solange hegt, endhch weichen und dem Morgenlichte Platz 
machen, so dürfen namentlich "w i r G e r m a n e n in dem K r i e"g e nicht mehr 
imseren Verderber sehen — die Feinde unserer Rasse haben uns das solange vor- 
geredet, bis wir es fast selbst glaubten — : sondern wir müssen in ihm endhch 
wieder den Pleilbringer, den Arzt erkennen, der zwar nicht allein uns von 
allen Uebeln des Leibes und der Seele erlösen kann, ohne den es aber 
absolut unmöglich ist. 

^ Einflussreiches und vielgelesenes Organ alldeutsch-konservativ-antisemi- 
tisc^-ar Richtung. 

Das Verbrechen II I9 



290 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 



Der Reichsbote ^ 

7. Januar 1913. Deutschland und England. 

Lauheit, Unentschlossenheit in uuseren diplomatischen Kreisen, ebenso 
Hangen und Bangen nach Frieden um jeden Preis, nicht nur, -wie selbstverständlich, 
in der Hochfinanz, sondern auch — leider ! — in breiten Volksschichten, das ist 
es, was ims alte Mitkämpfer von 1866 imd 1870/71 entrüstet. Damals, ja, da war 
es « eine Lust zu leben ». Heute könnte man glauben, in die Zeit vor 1806 zurück- 
versetzt zu sein 

Es leidet keinen Zweifel, dass es in England eine Kriegspartei gibt, 
die systematisch auf den Kampf gegen Deutschland hinarbeitet, und dass ihr die 
massgebendsten Märmer angehören. 

14. März 1913. Ueber Krieg und Volkstum. 

Die gewaltigen Vorlagen zu Heeresvermehrungen in Deutschland tmd Frank- 
reich, sowie das beständige Anwachsen der Schlachtflotten Em-opas lassen keinen 
Zweifel darüber, dass die den Haager Friedenskonferenzen 
seinerzeit zugrunde liegenden Gedankengänge von der 
Geschichte überholt worden sind. Die kriegerische Welt- 
anschauung hat die ethischen Einwürfe der unbedingten Friedens- 
freunde seit Jahren scharf zurückgewiesen 

Vor allem ist jener Grimdgedanke verkehrt, die Zukunft werde nur wirt- 
schaftliche (und dabei aus falscher Rechnung begonnene) Kriege sehen. Wie gegen- 
wärtig der Balkan einen Rassenkampf erlebt, so ist jeder deutsche Krieg der 
Zukunft ein Rassenkrieg, ein Kampf um rassisch- völkische Macht und Selb- 
ständigkeit, um Boden für slawische oder germanische Siedlung. Deutschland 
wird von sich aus einen solchen Krieg freiüch erst führen, wenn die Besiedelimg 
im eigenen Lande zum Abschluss gelangt ist. Ebenso ist bei einem 
neuen Siege über Frankreich schon aus strategischen 
Gründen die Hinzunahme einiger Landstriche sicher; 
ebenso lässt sich voraussagen, dass Frankreich das Aus- 
kaufen und die Aufnahme aller Bewohner dieser Land- 
striche auferlegt würde, die nicht auf Grund ihrer ge- 
schichtlich-deutschen Abstammung deutsche Bürger 
werden wollen. 

8. Mai 1913. Oderint dum metuant. 

Herzerqmckend wie eine frische Brise in schwüler Atmosphäre wirken in 
dieser Zeit des Mammonismus die mannhaften Worte, die der K r o n p r i n z in 
seinem neuen Buch «Deutschland in Waffen)) spricht. Erquickend 
freilich nur für ein deutsches, mannhaftes Herz, das neubelebt eine bessere Zeit 
aufsteigen sieht, denn, wie der Kronprinz, denkt die nationale deutsche J ugend, 
Gott sei Dank !Eine bessere, den alten Idealen wieder zu- 
gewandte Zeit, sie naht nach einem Viertel jalirhundert « hitzigen Gelder- 
werbes », der sie zurückdrängte. Davon mag natürlich das Judentum nichts wissen, 
seine Presse schreit Zeter und Mordio. Wir aber sagen mit dem Kronprinzen : 
« Zum tmgestörten G eidverdien eu braucht man Frieden, Frieden um jeden Preis. 
Und doch lehrt uns das Studium der Geschichte, dass noch immer 
alle diejenigen Staaten, bei denen rein kaufmännische Interes- 
se n in Entscheidungsstunden den Ausschlag gaben, elend zugrunde 
gegangen sind » 

Aber wo es ihm, wie meist der Fall, besser passt, da pflegt der Grosskapita- 
lismus das andere Extrem, eine entnervende Friedselig- 
k_e i t . So zurzeit, das heisst seit vielen J ahren, in Deutschland. Leider hat 
sich unter der Einwirkung des modernen Verkehrslebens 
und der Internationalität des Kapitals gerade bei uns 

1 Christlich-konservative Zeitung (weiland) Stöckerscher Richtung, beson- 
ders beliebt und einflussreich bei frommen und hochstehenden Damen, die das 
Christentum beständig im Munde führen, aber durch ihre Handlungen und Dul- 
dungen dem schUmmsten Anti-Christentum Vorschub leisten. 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 29I 

eine internationale oder kosmopolitische Denkungsart 
entwickelt, welche jederzeit das Geschäft voranstellt 
und die Betonung des nationalen Moments stets unlieb- 
sam aufnimmt. 

Hamburger Nachrichten^ 

8. März 1913. Germanentum und Slawentum. 

Um den Bn t s c h ei d u n g s k a m p f wer den wir nach mensch- 
lichem Ermessen nicht herumkommen : Das soUte auch die 
Reichsregierung vor dem ganzen Volke mit wünschenswerter Offenheit doppelt 
imd dreifach unterstreichen und dazu betonen, dass wir im letzten Grunde dabei 
auf uns selbst angewiesen sein werden 

dass es bei dem nächsten Kriege aufs ganze gehen wird, imi Sein oder Nicht- 
sein, und dass deshalb alles aufgeboten werden muss, um diesen uns von unseren 
Neidern und Feinden aufgedrungenen Kampf mit Ehre und Erfolg zu 
bestehen. 

10. März 1913. Der französische Chauvinismus 

als Friedensgefahr. 

Es bleibt also dabei, dass man in Frankreich böse Absichten gegen uns 

hat und dass die inuner wiederkehrende Behauptung, dass Deutschland einen 
Angriff gegen Frankreich vorhabe, ledighch dazu dient, die eigenen schwarzen 
Pläne zu verbergen 

11. April 1913. Unheil b[a r ? 

An leitender Stelle erwähnten wir gestern morgen, dass internatio- 
nale Verbrüderungsillusionisten zum 20. April nach Bern eine 
sogenannte Verständigungskonferenz berufen wollten, auf der ein Ratschluss 
ausgeheckt werden soU, wie eine Vertagung der deutschen Heeresvermehrung zu 
erreichen wäre, und wir konnten diese Idee natürhch nur als Narrheit abtim 

Schon das Ansinnen, dass Angehörige des Deutschen Reichs jene wohlmeinenden 
und freundlichen Dienste annehmen vmd einer Aussprache über die 
deutsche Rüstung auf fremdem Boden sich hingeben sollten, ist 
so ungeheuerlich, dass man nicht nur an dem gesvmden ISIenschenverstand der 
Einladenden, sondern auch an ihrer Wohlerzogenheit zweifeln darf. Ein Deut- 
scher, der sich an dieser Konferenz beteüigte, würde sein Vaterland beleidigen. 

Deutsche Tageszeitung ^ 

28. April 1913. Die Ursache. 

Die von dem Staatsanwälte bekimdete Verständnislosigkeit für das Recht 
eines Ausländers zeigt aber sicherlich im Verein mit den unerhörten Ausschrei- 
timgen von Lüneweiler vmd Nanzig, dass es Zeit wird, gegenüber französischen 
Behörden ebenso die kalte Schulter zu zeigen, wie gegenüber der französischen 
Gesellschaft 

Kann man sich an leitender Stelle wundem, wenn rings im Volke eine be- 
klagenswerte Niedergeschlagenheit Platz greift, weil man wieder imd 
immer wieder die Regierenden von der Abneigung gegen 
Verantwortlichkeit und Kämpfe beherrscht sieht? 
Längst glaubt im deutschen Vaterlande niemand mehr, 
dass die regierenden Kreise sich endlich auf ihre Pflicht 
besinnen und den Weg zu der Politik einschlagen 
könnten, die einzig zum Ziele führen kann. Aber wenn die 

^ Bevorzugtes Organ Bismarcks nach seinem Ausscheiden aus dem Amte. 
* Führendes Organ alldeutsch-agrarisch- konservativer Richtung. Spezia- 
lität : England-feindhch. Politischer Leiter : Graf Reventlow. 



292 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Hüter des Reiches versagen, so muss das Volk selbst Hüter seiner 
Geschicke werden, und die Gneisenau und Nettelbeck, die Arndt und Blücher 
müssen auferstehen ! 

5. Mai 1913. «Donnerwetter, wenn das doch 
ernst wäre!» 

Wenn der gordische Knoten fertig ist, schickt Gott den Alexan- 
der I Oder kUngt es nicht wie eine Antwort auf diese unser ganzes Volk durchzit- 
ternde Sehnsucht, was Kronprinz Wilhelm in seinem dieser Tage in der 
Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart erschienenen Buche «Deutschland 
i n W a f f e n » als sein Bekenntnis zum Mute als höchster Blüte des menschlichen 
Geistes niedergelegt hat ? 

Der zwingenden Logik dieser Sätze kann sich niemand entziehen, und ihre 
Folgerung ist ja auch die jetzt dem Reichstage vorliegende Wehrvorlage. Die Ge- 
fahren einer rein materiellen Weltauschaumig, die nur auf den Genuss gerichtet 
ist, sind richtig und zutreffend charakterisiert. Predigt ja doch unser ganzes Werden 
als Volk dieselbe eindringliche Lelure, dass wir nie ermüden und nie nachlassen 
dürfen, unser Schwert scharf mid unser Volk wehrfähig zu erhalten 

Natürlich ist diese Bekundung echten Hoheuzollerugeistes 
allen Flaumachern und Feinden deutschen Wesens auf die Nerven gefallen, denen 
die Worte von dem Vorrange der tüchtigen Leistung vor dem Gelde und von der 
Notwendigkeit, bei der Schätzung des Reichtumes auch die Entstehung der Ver- 
mögen ins Auge zu fassen, bei ihrer jahrzehntelang geduldeten Selbstsicherheit 
beinahe neu klingen. 

8. Mai 1913. Mangel an nationaler Würde. 

Bekannthch soll am Pfingstsonntag in B e r n eine Versammlung von deutschen 
und französischen Parlamentariern zusammentreten, die ihre Zeit mit Verhand- 
limgen über eine deutsch-französische « Verständigung » verlieren wird 

Deshalb sind auch 30 deutsche Anmeldungen zu dem Berner Kongresse, wie 
gesagt, zu viel : weil sie, ohne die er^vähnte Vorbedingung, bei 30 deutschen 
Parlamentariern einen bedenklichen Mangel an nationaler 
Würde verraten. 

19. Mai 1913. Unsere Verbrüderungsfreunde. 

So plumpem Schwindel — wir gebrauchen dies Wort nicht etwa aus 

nachlässigem Versehen, sondern im Bewusstsein der ganzen Schwere des ihm inne- 
wohnenden Vorwurfes ! — wie die Berner Verständigung ihn Deutschland zumutete, 
ist er denn aber doch wohl noch niemals aufgesessen. Den bürgerlichen Abgeord- 
neten, die von deutscher Seite an dieser zwar misslungenen, aber doch sicherUch bös 
genug gemeinten imd gegen das Vaterland gerichteten Ver- 
anstaltung teilgenommen haben, kann es nicht zur Entschuldigung gereichen, 
dass sie auch in diesem Falle unter der Zwangsvorstellung ihrer demokratischen 
XJnentwegtheit handeln zu sollen geglaubt haben 

hätten die Herren auch nur noch einen Funken jenes Vaterlandsgefühles, 

das sie trotz alledem und alledem doch noch in Anspruch nehmen, so hätten sie die 
Einladung, soweit die Schweiz in Betracht kam, als eine unbezeichenbare Takt- 
losigkeit zurückweisen müssen. Liberal oder konservativ, demokratisch oder mo- 
narchisch : ehrliebende Deutsche können nicht in Zweifel ziehen, dass in 
Fragen unserer Rüstungen zu Wasser und zu Lande nieniand zu entscheiden hat als 
das deutsche Volk in seinen vorgeordneten Stellen : Bundesrat und Reichstag 

Verhängnisvoll ist diese Richtung immerhin erst geworden, als dank der 
Wühlarbeit der Aufweicherpresse nach Bismarcks Entlassung 
jener Geist des feigen Verzichtes und der verängstigten Nerven, der 
dumpfe und kümmerliche Untätigkeit mit friedhchcr Ruhe verwechselt, auch in 
einem grossen Teil unserer Beamtenschaft mid Diplomatie einzog 

Deutsche Warte. 

II. Mai 1913. D i e « G e w o li n li e i t s - F e i n d e ». 

Der gute Wille von 100 Parlamentariern ist noch lange nicht der Wille des 
Volkes, imd Verständigungsaktionen zwischen « Gewohnheitsfeinden », wie es 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 293 

Frankreich und Deutschland noch immer sind, werden nicht durch schöne Redens- 
arten immassgebUcher PersönHchkeiten durchgeführt. 

Der Tag K 

26. April 1913. Der Störenfried. 

Der Beweis ist wieder einmal erbracht worden, dass die französische Re- 
gierung sich über das Tosen der Chauvinisten hinwegzusetzen vermag, wenn sie nur 
will. Dass sie dabei auch Unterstützung imd BiUigung in weiten Kreisen der Be- 
völkermig und der Presse findet. Es ist wieder einmal klar zutage getreten, dass der 
Chauvinismus ein Instrument ist, dessen Klangstärke beeinflusst werden kann, 
dessen völhges Verstummen daher auch nicht ausser dem Bereiche der Mögüchkeit 
hegt . . 

Die Massregelung der Beamten von Nancy war nun geeignet, dem Chauvims- 
mus einen Dämpfer aufzusetzen. Dies scheint aber nicht in der Absicht der franzö- 
sischen Regierung gelegen zu haben 

Die Germania ^ 

8. März 1913. Germanentum oder Slawentum? 

Wenn einmal der grosse Weltkrieg kommt, vmd alle Grossmächte rechnen 

damit, dass er einmal kommen m u s s, dann hat der Dreibund nicht nur Russland, 
Frankreich imd England, sondern auch den Balkanbund gegen sich 

weit näher und drohender erscheint nach den Ereignissen der letzten sechs 

Monate eine Auseinandersetzimg mit R u s s 1 a n d. Die orientahsche Frage hat 
eine andere Form angenommen tmd heisst jetzt einfach : Germanentum 
oder Slawentu m 

Deutsche Montags-Zeitung. 

21. April 1913. Was gilt die deutsche Ehre? 

Der Zwischenfall von Nancy ist erledigt. Der Nachtwächter des Deutschen 
Reiches hat elfe getutet und nun ist allgemeine norddeutsche vmd süddeutsche 
Nachtruhe die erste Bürgerpfhcht. Legts euch schlafen, Kinder ! Die Tante aus 
Norddeutschland pustet das Licht aus. 

Beneidenswertes Temperament. Beneidenswerter M a n g e 1 an Temperament. 
Während es im deutschen Blätterwald rauschte, regte sich kein Zweiglein am alten 
Moosstamm der <( Norddeutschen Allgemeinen ». Keine Erklärung. Kein Urteil. 
Kein Empfinden. Olympische Ruhe. Oder senile Gleichgültigkeit. Bitte zu wählen. 
Ein paar junge Deutsche werden von französischem Pöbel belästigt, beleidigt, 
bedrängt, bespuckt. Nu, wenn schon. Warum gehen sie nach Nancy ? Im übrigen 
hat ja Herr von Schön seine Karte bei Herrn Pichon abgegeben. Schön 

Der Roland von Berlin. 

24. Dezember 1912. 

Die hohen Herren, die am grünen Tisch über das Schicksal der Völker 



bekannt, der mutig zurückweicht, sein gutes, blankes Schwert nicht klirrend 
in die Wagschale geworfen, sondern seine längst von allen Kabinetten Europas 
bel?chelte Friedenspassion von neuem tagtäglich beteuert mid versichert hat 

1 Angebhch parteiloses, in Wahrheit nationalistisches Blatt nationalliberal- 
onservativer Richtung. 

2 Offizielles Organ der (katholischen) Zentrumspartei, der zweitgrössten 
Partei im Reichstag. 



294 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Weup französische und englische Hetzblätter von einer Kriegspartei 
in Deutschland sprechen, so ist das natürlich Unsinn. Aber an den Stammtischen 
unserer Offiziere, bis zu den höchsten Graden hinauf, Icann man manches Wort 
vernehmen, das vor einem Vierteljahrhundert aus dem Mimde preussischer Portepee- 
träger undenkbar gewesen wäre. 

Die Wahrheit ^ 

19. April 1913. Nancy. 

...Man weiss sehr wohl in den Pariser Redaktionen, dass die chauvinistische 
Pöbelstimmung von Nancy die Stimmung des ganzen Landes ist, dass es nur eines 
Funkens bedarf, um ungeheure Pulvermengen zur Explosion zu bringen. Man kann 
sich auch heute nicht melir damit trösten und nicht damit ausreden, dass die Affäre 
von Nancy ein Einzelfall war, der, so betrübhch er sei, keinerlei Rückschlüsse auf 
den Charakter imd die Sinnesart des weitaus grössten Teiles der französischen Nation 

Dass es bei uns in Deutschland Organe gibt, die den Nancyer Vorfall nach dem 
Muster der wildesten französischen Hetzpresse auszunutzen bestrebt sind, mag 
bedauerUch sein, aber es ist belanglos, weil ihre Zahl klein und ihr Einfluss ver- 
schwindend gering ist. Wenn ein junger Mann der « Tägücheu Rundschau » über 
Nacht wahnsinnig geworden ist, so kann dafür schhessUch die deutsche Nation 
nichts. Viel betrüblicher als diese verschwindenden Einzelerscheinungen, denen die 
Ernüchterung unmittelbar zu folgen pflegt, ist die chronische Verständnislosigkeit, 
die der « Vorwärts » und sein Schlepperorgan, das « Berhner Tageblatt », in Fragen 
der nationalen Ehre zu bekunden pflegen. Für sie ist Nancy kein Symptom chauvi- 
nistischen Deutschenhasses, sondern ein Pöbelexzess, wie er sich überall und zu allen 
Zeiten ereignen kann 

Allgemeiner Beobachter. 

I. Juni 1913. Bewusste englische Irreführung. 
Von Kurd von S t r a n t z. 

Es ist daher notwendig, dieses weltbürgerliche Gift, das Herr Normann An- 
gell im selbstsüchtigen Interesse des gerissenen und smarten, um kein Täuschungs- 
mittel verlegenen Albions mit grosser Beharrlichkeit und der Miene des harmlosen 
Biedermannes und idealen Händlers in die Herzen jugendhch entflammbarer Zuhö- 
rer austräufelt, auf seinen gefährhchen Gehalt näher zu untersuchen, zumal er es im 
Buche <( Die falsche Rechnung » mit grossem Erfolg weiter verbreitet 

Daher sollten w'ir endlich die Anbiederung unter- 
lassenund der neue Botschafter mit seinen gehaltlosen 
Versöhnungsreden aufhören. Englands gegenwärtige Friedfertigkeit 
entspringt lediglich der Furcht, sein klägliches L,andungsheer für Frankreich opfern 
zu müssen und sodann keine Truppen zur Bändigung des empörerischen Indiens und 
Aegyptens mehr bereitstellen zu können 

Uns fehlt jede Fälligkeit für eine tatkräftige Machtpolitik, 
nach der das Volk schreit und gerade die Industrie, die 
doch den Frieden braucht. Da die Diplomaten versagen, muss 
das Heer helfen und dessen Rüstung ist seit langer Zeit unzulänglich, so 
dass wir das Milliardeuopfer bringen müssen, 

Leipziger Tagblatt,^. 

24. Januar 1913. W i e s t e h t e s um u n s e r e W e 1 1 p o- 
1 i t i k ? Von Max K u h n. 

Bei aller Achtung vor fremdem Recht muss weiter 
gesagt werden: Deutschland hat die Kolonien noch 
nicht, die es haben muss. Die Bevölkerungszunahme, das 
Wachstum der Bedürfnisse und Leistungen unseres 
Volkes zwingen uns. Noch kann das Reich seine 70 Mil- 

^ Antisemitisch-reaktionäres Blatt. 

2 Einflussreiches Blatt alldeutscli-nationalliberaler Richtung. 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHI^AND 2q5 

Honen Bewohner erhalten. Aber schon sind Millionen von der Scholle 
losgelöst. Das Grosstadtelend greift um sich. Ganze I^andesteile verwandeln sich 
in grosstädtische, naturarme, freudlose Häusermeere. Der Liebe zur Scholle 
werden Millionen entfremdet — werden dem Scheinglück grosstädtischer Genüsse 
zugetrieben. Welcher denkende Deutsche sieht hier nicht die grösste Gefahr unserer 
Ziäunft heraufziehen I Wie soll es werden, wenn wir erst einmal auf loo Millionen 
und mehr Volksgenossen angewachsen sind, und damit müssen wr rechnen, trotz 
des Geburtenrückganges. 

Unsere Entwicklung fordert Anerkennung. Hier 
wächst ein Naturrecht. Das ist keine Prestige-Politik, 
keine A b e n t e u e r e r - P o li t i k ! 

Die ausschUessHche Befolgung der Maxime der « offenen Tür f> hat sich als 
schwerster Systemfehler unserer hohen Politik erwiesen : es wird 
höchste Zeit, dass wir zur Entschlusskraft, zur Forde- 
rung territorialer Erweiterung — selbstverständUch nicht im 
Sinn europäischer Gebietsveränderungen — übergehen. 

IVIit dem System muss auch die Arbeitsmethode geändert werden. 
Passives Verhalten, das « Sich-vom-Strom-treiben-lassen », ist imserer unwürdig. 
Wir brauchen eine aktive Politik 

Hier ist ein Programm, Herr von Jagowl 

Dresdner Anzeiger. 

14. Mai 1913. Die Berner Konferenz. 

Die harten Aufgaben unserer Zeit und die geschichtlichen Tatsachen 

werden die in Bern vertretenen Lehren früher als gefährliche Irrlehren erweisen, 
als es diesen kosmopolitisch und sozialistisch angehauch- 
ten Friedensschwärmern lieb sein wird. Es muss auch Unsinn ver- 
treten werden, damit Vernunft und gesimder Sinn Siege feiern kann und unser 
Volk auf der Bahn nationaler Entwicklung stetig fortschreiten lässt und hinweg 
über alle Phrasen vom ewigen Frieden und die Gefährdung der Zivi- 
lisation durch Anspannung aller Kräfte in ernstem heissen Wettbewerb ! 

Dresdner Nachrichten. 

17. April 1913. Unsere auswärtige Politik und 
Frankreich. 

Denn nach einem verlangt doch jeden deutschen 

Patrioten: endlich herauszukommen aus dem Zustande 
des Tastens und Leisetreten s, klar zu sehen, wohin der 
Weg gehen soll, und dann diesen Weg stetig und zielbe- 
bewusst, wie es deutsche Art ist, zu Ende zu gehen. Der 
Zwischenfall in Nancy bietet Gelegenheit zu zeigen, ob die Reichsre- 
gierung diesen Weg mit Entschlossenheit gehen will 

Die «Verständigung von Volk zu Volk », von der die Sozialdemokratie träumt 
tmd erzählt, ist nach wie vor so fern wie der Himmel, der ewig unerreicht bleiben 
wird. Eine derartige Tendenz in unsere auswärtige Politik hineinzutragen oder 
auch nur ihre Möglichkeit anzudeuten, das wäre wahrhaftig das allerbedenk- 
lichste der staatssozialistischen Experimente, die gegen- 
wärtig in Deutschland an der Tagesordnung sind. Das wäre Preisgabe der Macht, 
die wir doch haben müssen, um uns und unseren Anspruch auf volle Gleichberech- 
tigung in der Welt durchzusetzen. 

Kölnische Zeitung ^ 
10. März 1913. Der Störenfried. 

_ Der schöne Traum der Pazifisten und Soziahsten, der Welt durch Schieds- 
gerichte und Volksverbrüderung den ewigen Frieden zu schenken, ist mit dem 
Rauch des Balkankrieges verflogen und verflattert 

^ Führendes Blatt nationalliberaler Richtung, offiziöses Regierungsorgan. 



2g6 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

So wird denn auch das 20. Jahrhundert die Weltgeschichte nicht Lügen 
strafen, und es wird dabei bleiben, dass nur der Starke Geltung hat 
in der Welt — das ist die Lehre aus den Krf ahrungen der letzten Monate. 
Die Folgerung daraus sind neue Milliardenausgaben für die niihtärische Rüstung, 
in Frankreich ausserdem die Rückkehr zm dreijährigen Dienstpflicht bei der 
Fahne. Bei uns soll die Milliarde einmaliger Ausgaben — die laufenden sollen an 
200 MiUionen betragen — durch eine einmahge Auflage auf das Vermögen gedeckt 
werden. 

Nie ist das Verhältnis zu imserem westHchen Nachbar so gespannt ge- 
wesen wie heute, nie hat sich dort der Rachegedanke so unverhüllt gezeigt, und 
nie ist es so offenbar geworden, dass mau in Frankreich die russische Bundeshilfe, 
die enghsche Freimdschaft nur zu dem Zweck beansprucht, Elsass-Lothrin- 
gen zurückzuerobern. Das ist so offenkundig, dass selbst die Times 
— ein sicherUch nicht durch Liebe zu uns geblendeter Beurteiler — es in diesen 
Tagen für nötig gehalten hat, diese den Frieden gefährdende französische Re- 
vanchelust vor aller Welt zu kennzeichnen. 

Diese Ansicht vertrat auch Theodor Schiemann vor einigen Tagen 
in der Kreuzzeitimg, als er in seiner Wochenübersicht ausführte : 

Es hängt alles daran, ob die Tripleentente einen Charakter angenommen 
hat, der England verpfhchtet, an einem Kriege der « Gruppe » teilzunehmen. Ist 
das der Fall, so kann kein Zweifel darüber bestehen, dass wir in nicht allzuferner 
Zukunft den Krieg der beiden « Gruppen » erleben ; schon die blosse MögUchkeit 
des Mitwirkens von England macht ihn w^ahrscheinlich. 

Sind die neuen Vorlagen erst bewilUgt, dann setzen in der France Mih- 

taire und anderwärts die schriftstellernden Generale ein, die Herren Braniarbas 
und Arciiipret, die dem Volke den blauen Dunst von der französischen Glorie vor- 
machen 

Wir sollten die Gründe für unsere Heeresvermehrimg nicht allzuweit herholen, 
sondern sie dort aufnehmen, wo sie für jedermann sichtbar auf der Strasse hegen : 
wir sollten deutlich nach Westen weisen ; den Finger drauf, denn dort sitzt der 
Störenfried — in Frankreich. 

Magdeburgische Zeitung ^ 

27. Novemberi9i2. Gegen die w e i b i s c li e n Fr iedens- 
a p o s t e 1. 

Gefährlicher erscheinen mir die immer lauter werdenden Bestrebungen 

und die Agitation von gewiss sehr wohlmeinenden Leuten, die an dem S c h ii r- 
zenbande einer bekannten Dame hängen, die den ewigen Frie- 
denpredigen — w-o doch das ganze Leben ein Kampf ist imd wo die Natur 
selbst, ausser der unorganischen, sich beständig im Kampfe befindet — , die mit 
grosser Unduldsamkeit jeden als von niederm Vorurteil behaftet erklären, der dem 
Ikarusfluge ihrer Gedanken imd Wünsche nicht zu folgen vermag, und die uns 
glauben machen wollen, dass es nur an uns hegt, wenn nicht im ewigen Völker- 
irühling die Menschen sich gegenseitig umarmen 

21. März 1913. Tage der Gefahr. Von Paul Kästner. 

Werden wir die Freude erleben, dass 1913 ein Jahr nicht nur der Erinne- 
rimgsfeieru mid der Gedächtnisreden, sondern auch ein Jahr der 
nationalen Tat wird? Es weht ein frischer Frühlings- 
stur m ... . 

1 Eines der einflussreichsten, vielfach von der Regierung inspirierten Proviuz- 
blätter nationalhberalcr Richtung. 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 297 

II. 

Organisationen. 

A. Alldeutscher Verband. 

Vorstandssitzung in Hannover 1912 (vgl. Die 
Post vom 15. April 1912). 

Der Vorsitzende berührte in der Eröflfnungsansprache die politischen Tages- 
ereignisse und erwähnte insbesondere das französische Protektorat 
über Marokko, das die Niederlage der leichtfertigen 
und unfähigen auswärtigen Politik der deutschen Re- 
gierung besiegele. Unter stürmischer Zustimmung der Versammlung 
sprach er die Ueberzeugung aus, dass die sogenannte Marok- 
kanische Frage nicht endgültig gelöst sei, sondern dass 
sie jeden Tag infolge französischer Vertragsbrüche 
von neuem brennend werden könne. Wir halten daran 
fest, dass Westmarokko das deutsche Siedelungsland 
einer hoffentlich nahen Zukunft ist, und sind gewiss, 
dass die alldeutsche Arbeit des letzten Sommers nicht 
vergeblich war. Rechtsanwalt Class erwähnte auch die letzten Miss- 
erfolge der Versöhnungspohtik im Reichslande Elsass-Lothringen 

Als vierter Berichterstatter sprach Herr Regierungsrat a. D. v. S t r a n t z - 
Berlin über : Die deutschfeindliche Haltung der belgischen 
Politik während der d e u t s c h - e n g 1 i s c h - f r a n z ö s i s c h e n 
Krise im vergangenen Jahre und führte etwa folgendes aus : 

Es handelt sich um Belgien, das, trotzdem der überwiegende Teil seiner 

Bevölkerimg vlämischer Abstammung ist, doch in seiner amthchen Politik voll- 
ständig in das Fahrwasser der engUsch-französischen Pohtik geraten ist Einem 

deutschfeindhchen Belgien gegenüber würde das Reich kein Interesse 
haben, die Selbständigkeit des Landes zu schützen, und 
die selbstmörderische Politik Belgiens könnte es mit 
sich bringen, dass bei dem nächsten europäischen Zu- 
sammenstoss das Schicksal dieses Landes besiegelt 
wird, wenn seine amtliche Politik in der Deutsch- 
feindlichkeit beharrt 

Alldeutscher Verbandstag in Erfurt 1912 
(vgl. Erjurier Allgemeiner Anzeiger vom 9. September 1912). 

Der Vorsitzende der Ortsgruppe, Freiherr v. Vietinghoff-Scheel 

erinnerte in seiner Begrüssungsansprache an die glorreiche Zeit vor 42 Jahren. 
Grimd zu letzterer ist, dass unsere Grenzen zu eng sind. Wir 
müssen landhungrig werden, neue Siedlungsgebiete er- 
werben, sonst werden wir ein sinkend Volk, eine v er- 
kümmerte Rasse. Aus echter wahrer Liebe müssen wir 
an unser Volk und seiner Kinder Zukunft denken, wenn 
man uns auch Kriegs- und Rauflust vorwirft. Wäre das 
germanische Volk kriegsfürchtig, so hätte es aus- 
gelebt 

General Keim aus Berlin betonte, dass der Weg zvu: Einigung und Macht 
De\:»cschlands nicht mit Tintenfässern, Druckerschwärze und parlamentarischen 
Beschlüssen gepflastert war, sondern durch B 1 u t, W u n d e n und Waf- 
fentaten bezeichnet ist. Staaten werden aber nur 
durch die Mittel erhalten, mit denen sie geschaffen 
wurden 

Als letzter Redner des Abends mahnte noch Exz. v. W r o c h e m, die Waffen 
scharf zu halten und des Schwertes Schneide in Ruhe zu prüfen. Bei dem allgemeinen 
Aufschwimg ward den Deutschen leider Gold lieber als Eisen ; Sentimentali- 
tät, Human itäts- und Friedensduselei stellten uns vor 
die Gefahr, dass ein Weltbürgertum das Deutschtum 



298 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

überwuchert und unserm Kaiser sogar der Nobelpreis 

angeboten werden sollt e 

Möge in diesem Sinne luisere Jugend heranwachsen für den kommen- 
den Tag erneuten ernsten Waffengangs, den Entscheidungs- 
kampf über Deutschlands Sein oder Nichtsein ! 

Ortsgruppe Berlin (vgl. Berliner Neueste Nachrichten 
vom 25. Oktober 1912). 

In der hiesigen Ortsgruppe des Alldeutschen Verbandes hielt Dr. S c h m i d - 
Gibichenfels, der bekannte Herausgeber der Politisch-Anthropologischen Revue, 
einen mit ausserordentlichem Beifall bcgrüssten Vortrag über : «Der Krieg 
als Schöpfer und Erhalter der Staaten» 

Es erwies sich als über jeden Zweifel erhaben, dass der 
regelrechte Krieg nicht nur die vom biologischen und 
wahrhaft kulturellen Standpunkt aus denkbar beste 
und edelste, sondern auch die für den Bestand des 
Staates und der Gesellschaft von Zeit zu Zeit un- 
bedingt nötige (Form des Daseinskampfes) sei 

An der sich anschliessenden Erörterimg beteihgten sich eine Reihe von Mili- 
tär- und Marineschriftstellern, die die Ausführungen des Vortra- 
genden als ein Meisterwerk der «Ethik des Krieges» kenn- 
zeichneten und dass in der Tat eine Weiterverbreitung dieser 
trefflichen Gedankenfolge im Volke zu wünschen sei, 

Sitzung des Gesamtausschusses in Braun- 
schweig (vgl. Leipziger Neueste Nachrichten vom 2. De- 
zember 1912). 

Die Hauptrede hielt Universitätsprofessor Dr. Graf du Moulin-Eckart 

aus München. Man habe den Alldeutschen Verband das deutsche Gewissen genannt. 
Das wolle er auch sein 

Aber wenige deutsche Kaiser haben das deutsche 
Volkstum verstanden. Das deutscheVolk ist — so kann 
man geradezu sagen — trotz seiner Kaiser gross ge- 
worden. 

An erster Stelle berichtete der Vorsitzende Rechtsanwalt C 1 a s s über die 

poUtische Lage mit besonderer Berücksichtigung des Balkankrieges Wir wün- 
schen, dass beide Mächte dem Friedensbedürfnis nicht das Opfer internationalen 
Ansehens bringen und nicht vor slawischen Anmassungen zurückweichen. Es ist 
ein schlechter Gewinn, jetzt einen Krieg zu vermeiden, um ihn, wer weiss wie bald, 
unter viel ungünstigeren Verhältnissen aufgedrungen zu bekommen 

Es sei dazu nötig der vollständige Bruch mit der leidsamen 
tatenlosen passiven äusseren Politik. Sonst könne das Versäum- 
nis eines Vierteljahrhvmderts nicht eingeholt werden. (Langanhaltender Beifall.) 

Neueste N achrichten, Braunschweig, vom 3. Dezember 1912. 

Nach einer kurzen Pause nahm Herr Generalleutnant L i e b e r t das Wort... 

Eine elende Philisterpolitik werde in Deutschland getrieben. 
(Beifall.) Drei Millionen Kämpfer müssen wir nach Westen schicken, eine MilHon 
nach Osten. Man spricht A^on einem Glutjahr, einem Flutjahr und einem 
B 1 u t j a h r ; wenn der Frühling wieder ins Land kommt, dann kann es soweit sein, 
dass die (iross mächte aufeinander stossen. Darum muss das 
deutsche Volk zusammenhalten und stark sein. 

Es liegt Blutgeruch in der Luft und niemand kann wissen, 

wann und wo die Kriegsfackel emporlodert. 

OrtsgruppeHamburg (vgl. Hamburger Nachrichten vom 
19. Januar 1913). 

General v. Lieber t, M. d. R., sprach im Alldeutschen Ver- 
band, Ortsgruppe Hamburg, über die auswärtige Politik 
und den Willen zur Macht 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 299 

Die Völker, die sich vermehren, wollen sich wirtschaftlich a u s- 

dehnen, sie werden zur imperialistischen Politik gezwimgen mid anderseits 
dahin gedrängt, Machtpolitik zu treiben, die auf Ausdehnimg des 
Machtgebiets bestrebt ist 

Ein Volk, das sich so stark vermehrt hat, wie das deutsche, das ist gezwungen, 
eine stetige ExpansionspoUtik zu treiben. Es muss ehrlich ausge- 
sprochen werden, dass seit dem Rücktritt Bismarcks 
der Wille zur Macht fehlt. 

Sitzung des Gesamtausscliusses in München 
(vgl; Tägliche Rundschau vom 21. April 1913). 

An erster Stelle berichtete der Vorsitzende Rechtsanwalt C 1 a s s - Mainz über 
die politische Lage 

Wenn wir heute wie ein Mann hinter der Regierung stehen vmd ihr für die 
grosszügige Heeresvorlage danken, so wollen wir aber auch zum Ausdruck bringen, 
dass die deutsche Wehrmacht auch ihre Verwendung 
finde, falls missgünstige Nebenbuhler oder Nachbarn 
unseren völkischen Bedürfnissen sich entgegenstellen. 
Unser rasch wachsendes Volk muss sein Daseinsrecht 
geltend machen, es muss sich für Neuland sorge n 

Das Deutsche Reich muss weitschauend seine Zukunft sichern, und das ist nur 
möghch, indem es entschlossen zuaktiverPolitik übergeht. (Lang anhalten- 
der stürmischer Beifall.) 

Ueber die W e h r v o r 1 a g e berichtete GeneralKeim- BerHn. Der mit 
lebhaftem Beifall begrüsste Redner führte aus : 

Was die Behandlung der Wehr vorläge im Reichstag betrifft, so sind in derselben 
neue Gesichtspunkte nicht zur Geltung gebracht worden. 
Alles was die Regierung und auch die Redner der natio- 
nalen Parteien zur Begründung der Wehrvorlage vor- 
brachten, ist schon seiti > 2 Jahren vom Wehrverein und 
auch vom Alldeutschen Verband in Wort und Schrift 
gesagt worden. Selbst die Rede des Herrn Reichskanzlers 
steht insofern auf dem Boden des Alldeutschen Ver- 
bandes, als er mittelbar selbst die Legende vom ver- 
söhnten Frankreich und dem uns gut gesinnten Russ- 
land zerstören half 

Die Weltgeschichte lehit überall, dass nur die Völker sich in der Welt kraftvoll 
behauptet haben, die den Willen zur Macht höher stellten 
als den Willen zu Frieden schlechtweg. 



B. Wehr verein. 

Der deutsche Wehr verein [Der Tagvom 8. Februar 1912). 

Endhch aber die Frage : Sollen wir im höchsten Masse gerüstet sein, um 

jederzeit einem Angriffe mit gutem Mute begegnen zu können, aber auch, um 
einen Krieg, wenn wir ihn für notwendig halten und 
wenn wir den rechten Zeitpunkt gekommen glauben, 
aus eigenen Stücken zu eröffnen ? 

Wie steht's nun heute ? M a n c h einer schlägt an den Schild, 
als ob der Krieg unvermeidlich wäre und je eher je 
lieber von uns heraufbeschworen werden müsse. Denn — 
so hörten wir damals — er bleibe uns doch nicht erspart. Ein 
a?drer meinte, je eher er käme, desto besser. General Litzmann 
meinte vorsichtiger, er werde möghcherweise kommen. Wiederum möchte man 
von ganz anderer Seite aus den Krieg gew isser masseu 
als «produktive Anlage» hinstellen. Das sind doch ziemUch 
gewagte Worte ; man hüte sich, so mit dem Feuer zu spielen. 

Weltlage und Wehrfrage {C asseler Allgemeine Zei- 
iung vom 6. Februar 1913). 

Vortrag des Generals Keim in der Ortsgruppe Casscl 
des Deutschen Wehr Vereins. 



300 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Generalmajor Keim: Jeder gute Deutsche müsse dem 
Wehrverein augehören. Der Wehr verein sei ein Kampf- 
verein für die Wehrkraft unseres Volkes, für die Ideale, 
die das deutsche Volk haben muss. Es rieche nach 
Pulver in der Welt, auch wo augenblicklich nicht 
geschossen wird. Der Wehrverein habe diese Lage schon 
vor einem Jahr erkannt 

Da habe der Wehrverein die Pflicht der Aufklärung, weil der an seiner Zipfel- 
mütze hängende Deutsche die Lage meist doch nicht so auffasse, wie sie ist. Er sei 
viel zu sehr von einer übertriebenen Gereclitigkeitsschwärme- 
r e i durchdrungen, vor der Klopstock schou einmal gewarnt habe. Bei imseren 

Gegnern sei auf solche Humanitätsduselei sicherlich nicht zu rechnen 

Man sage so oft : Wozu und warum Krieg ? Die Könige wollen ihn nicht, die Re- 
gierimgen nicht und das Volk wolle ihn erst recht nicht. Warum also ?Der Krieg 
aber hänge nicht ab von menschlichem Willen und 
Wollen, er sei meist ein unabwendbares elementares 
Ereignis, eine sich aufdrängende dämonische Gewalt, 
an der alle schriftlichen Verträge, alle Humanitäts- 
bestrebungen und Friedenskonferenzen elend schei- 
terten Man gibt sich zuviel der Gefühlsduselei hin. 

Welchen praktischen Zweck hat letzten Endes die 
soviel gepriesene Haager Friedenskonferenz? Schade 
ists um die loo ooo Mark, die das Palais für die Konfe- 
renzen gekostet, das Geld wäre besser für bedürftige 
Veteranen zu verwenden gewesen. 

Hessische Post vom 7. Februar 1913. 

Herr Generalmajor Keim ergriff sodann das Wort. Der Redner erörterte 

zunächst die gesamte politische Lage der Gegenwart. Ein gefahrdrohender Krieg sei 
in absehbarer Zeit unabwendbar vmd ihm müssten wir gewappnet 
gegenüberstehen. Von den regierenden Herren und von ein- 
zelnen Persönlichkeiten hänge die Entscheidung über 
Krieg und Frieden nicht mehr ab, sondern lediglich 
von den Interessen der Völker, und diese drängten mit 
Gewalt zu einer kriegerischen Auseinandersetzung... 

Die Friedensbewegungen luid die Arbeiten und Reden zu Frie- 
denskonferenzen seien ein «grosser Mumpitz». Redner 
warnte vor der Verschwächlichung der deutschen Jugend 
und verwarf die übermässige Glorifizierung des sog. klassischen Heldentums 

Sind wir gerüstet? [Hannoverscher Courier vom 20. Fe- 
bruar 1913). 

Der Vorstand des Deutschen Wehrvereins hatte für Dienstag 
abend ins Kriegerheim zu einem Vortrag eingeladen, in dem Generalleutnant 
v. Wrochem diese für Deutschlands Zukunft so entscheidungsvolle Frage zu 
beantworten suchte 

Diese Lage sei auf die Dauer unhaltbar ;sie dränge zur Entschei- 
dung. Die Sehnsucht nach einem ewigen Frieden sei 
unerfüllbar; und sie verweichliche. Da sei ein ge- 
rechter Krieg besser; ja: selbst geschlagen zu werden 
sei besser, als nicht gekämpft zu haben. Es fehle auch 
nicht an einem grossen nationalen Ziele; bei der Ver- 
teilung der Erde unter die anderen Gross mächte sei 
Deutschland fast leer ausgegangen; Deutschland aber 
brauche neues Siedlungsland für seinen stetig wach- 
senden, unerschöpflichen Reichtum an Mensche n 

Von deutscher Wehr [Danziger Neueste Nachrichten 
vom 6. März 1913). 

Vortrag des Generalleutnants v. Wrochem. Ins Friedrich- 
Wilhelm Schützenhaus hatte die neue Ortsgruppe des Deutschen Wehrve- 
reins geladen. Professor H i 1 1 g e r eröffnete mit begrüssenden Worten die Ver- 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 3OI 

Sammlung, erinnernd an die Tage vor 100 Jahren, in denen das waffenfrohe Volk 
sich erhob, um mit seinem Unterdrücker abzurechnen, an die Tage, in denen der 
Gedanke von der allgemeinen Wehrpflicht erstand 

Unser Volk sehnt sich nach grossen nationalen Zielen. Unsere gegenwärtige 
Pohtik scheint sich auf Selbstbehauptung zu beschränken, doch ein vorivärts stre- 
bendes Volk wie wir, das sich so entwickelt, braucht Neuland für seine 
Kräfte, und wenn der Frieden das nicht bringt, so 
bleibt schliesslich nur der Krieg. Dieses Erkennen zu 
wecken, sei der Wehrverein berufen 

Der Appell an die Waffen bleibe ein heiliges Recht des Volkes. Der Wehr- 
verein verlangt von der Regierimg eine Rüstimg, die uns den Sieg schnell und ohne 
allzu grosse Opfer an Blut erringen lässt 

Aufruf des deutschen Wehr Vereins {Tägliche 
Rundschau vom. 13. März 1913). 

Aufruf des Deutschen Wehr Vereins. Der Gesamtvorstand 
des Wehrvereins erlässt folgenden Aufruf : 

Der Ausgang des Krieges bedeutet eine stetige ernste Bedrohung Oester- 

reichs. Mag zimächst wieder Friede werden ; der habsburgischen Monarchie wird 
der Kampf ums Dasein nicht erspart bleiben. An ihrem Bestand aber hängt der 
unsere 

Deutschland kann nicht in den Verdacht kommen, 
Krieg zu wollen. Ein 42jähriger, in der Geschichte Europas völlig uner- 
hörter Friede hat bewesen, dass es seine Macht keinem anderen Zwecke 
dienstbar machen will, als der Erhaltimg seiner Selbständigkeit und Bewegimgs- 
freiheit. Es begehrt keinerlei Besitz seiner Nachbarn. Wer 
es anders sagt, verleumdet. Aber es darf auch keinerlei Zweifel auf- 
kommen lassen, dass es entschlossen ist, zu behaupten, was es hat 

Darum herbei, Ihr Deutschen alle, die Ihr an die 
Zukunft unseres Volkes glaubt und sie sichern wollt, 
helft dem Wehr verein in seiner guten, in seiner grossen 
Sache. In der Hingebung ans Vaterland gebe es keinen Unterschied der Parteien, 
der Bekenntnisse ; unser aller Glück imd Wohlfahrt hängen an ihm. Niur in dieser 
Gesinnung vermochten unsere Väter vor hundert Jahren sich zu befreien vom frem- 
den Druck 

Weltlage und Wehrfrage {Darmstädter Tageblatt vom 
23. April 1913). 

Der Vorsitzende der Ortsgruppe Darmstadt, Rechtsanwalt Dr. Bopp, führte 

etwa folgendes aus : 

Lernen wir endhch einmal das eine aus der Geschichte, dass ein ungeheurer 
Aufschwung dem Krieg folgte, auf ihm beruhte, dass noch nie ohne 
kriegerische Tüchtigkeit die Blütezeit eines ^'olkes 
dauern konnte, dass der Verweichlichung jedesmal 
auch der wirtschaftliche Niedergang gefolgt ist 

Generalleutnant a. D. Keim, mit lebhaften Ovationen begrüsst, 
führte nach herzUchem Dank für den Empfang etwa folgendes aus : 

Ich bin der Meinung, das da unten am Balkan ist nur ein 

Wetterleuchten; die Explosion muss einmal ko mm e n 
und mit ihr der Krieg Den Deutschen Chauvinis- 
mus vorzuwerfen, ist eine objektive Unverschämtheit 
von Frankreich 

Dass der Wehrverein notwendig und auf dem richtigen Wege war, und dass 
er nur das unbedingt Notwendige verlangt hat, beweist die dritte Heeres- 
vorlage, die alles das verlangt, was der Wehr verein 
für notwendig hielt. Wir lassen uns dieTatsa c h e nicht 
abstreiten, dass wir früher aufgestanden sind, dass 
wir zeitig erkannt haben, was not tut 

Das deutsche Volk hat einen durch seine Geschichte, durch seine beispiellos 
dastehende Kultur begründeten Anspruch darauf, gehört zu werden in der Welt, 
Mit der Bescheidenheit kommen wir nicht weit. Es ist 
manchmal notwendig, die Antwort mit dem Schwerte 
zu geben 



302 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Deutscher Wehrverein [Deutsche Nachrichten vom 
20. Mai 1913). 

Unter ausserordentlich zahlreicher Beteiligung von Einzelmitgliedern und 
Vertretern der korporativ angeschlossenen Verbände aus ganz Deutschland fand 
in Leipzig im Kongressaale der Internationalen Baufach- Ausstellung die 
zweite Hauptversammlung des Deutscheu Wehrvereins statt. Der Vorsitzende, 
Generalmajor z. D. K e i m, begrüsste die Erschienenen : 

Seit der ersten Hauptversammlung sei der Verein mn 255 festgefügte Orts- 
gruppen, um 50 000 Einzelmitgheder und 190 000 korporativ angeschlossene 
Mitglieder gewachsen. Der Verein habe seine Kraft in der Wahrheit und in 
der Wucht der Tatsachen, wenn er auch schon so manchen amt- 
lichen Bart versengt habe, namentlich den Bart der 
vielen Philister, die um keinen Preis der Welt in 
ihrer Sofapolitik gestört sein wollen. Wenn der Verein den 
Pulverdampf, der uns näherkam, schon im vorigen Herbst gerochen 
habe, so könne er das als ein Verdienst in Anspruch nehmen 



III. 

Einzelpersonen. 

A. General Keim. 

Der Wille zum Kriege [Der Tag vom 16. Oktober 1912), 

Sie hatten eben den Willen zum Kriege, und 

wenn solcher Wille in der Seele eines Volkes Wurzel 
geschlagen hat, so vermögen alle diplomatischen Künste 
ihn auf die Dauer nicht auszurotten 

Mit dem Willen zum Kriege muss auch der Ent- 
schluss zur rücksichtslosen Offensive verbunden sein, 
weil eben nur Offensive den Sieg verbürgt. Sie ist 
und bleibt die wirksamste Form, um den politischen 
Willen in militärische Taten umzusetzen. Deshalb ist 
es auch eine so wenig erfreuliche Erscheinung, wenn 
in Deutschland, das, wie ich kürzlich durchaus zu- 
treffend las, «den gesichertsten Platz in der ganzen 
Welt einnimmt», es zum amtlichen und parlamen- 
tarischen Gebrauch geworden ist, stets von der «Ver- 
teidigung» seitens Deutschlands zu reden, für die es 
gerüstet sein müsse. Nein, zum Angriff muss Deutsch- 
land gerüstet sein, genau wie 1 870, und dementsprechend 
muss diese Rüstung auch eine so starke sein, dass wir 
ebenfalls wie 1870 mit weit überlegenen Streitkräften den Willen zum 
Kriege — wenn es nötig ist — ins Militärische übersetzen 
können 

Kr iegsgeist und Volksgeist [Der Tag vom 8. No- 
vember 1912). 

Pflichtgefühl und Mannhaftigkeit, das sind vor allem die Eigenschaften, 

die ein Volk vorwärts bringen und die ihm Erfolge sichern im Kampf ums Dasein, 
und der Krieg ist der folgenschwerste Kampf ums Dasein. Und da sollten die 
Worte des grossen Kriegsphilosophen v. Clausewitz heute mehr als je Beachtung 
finden in deutschen Landen : Niu: das Volk wird eine gesicherte Stellung in der 
Welt haben, das von kriegerischem Geiste erfüllt ist! 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 303 

Die Wehrvorlage als Mindestforderung (Der 
Tag vom 5. März 1913.) 

dieser Schutz kaun wirksam nur durch eine Offensive verbürgt werden, 

im Fall der Friedenstempel einmal geschlossen wird, und darum ist es durchaus 
verfehlt, ja sogar friedengefährdend, dem Auslande ge- 
genüber immer nur von der «Verteidigung» des Vater- 
landes zu reden. Es hegt darin eine offenbare Zimperlichkeit, die einer 
schwächlichen Stimmung entspringt 

Zum Angriffskrieg gehört aber auch zahlenmässige Ueberlegenheit 
der grossen Schlachteneinheiten 

Heeresvorlage und Reichstag [Der Tag vom 
12. April 1913). 

Das letzte und entscheidende Wort spricht 

doch eines Tages der Krieg, und da kann man sichnicht 
mit vorherigen Friedensrücksichten, heissen sie wie 
sie wollen, entschuldigen. 

Alles andere verschwindet dagegen, einschliesslich des Ge- 
redes vom guten Gewissen, vom Recht, von Humanität, 
Weltfrieden und Opfern des deutschen Volkes 

Französisches {Der Tag vom 10. Mai 1913)- 

Denn wir sind schon so weit gekommen, man 

könnte auch sagen gesunken, dass Nationalstolz und 
ein mannhafter Geist, der Kriegstüchtigkeit mit für 
die wertvollste Grundlage völkischen Lebens hält, als 
Chauvinismus bezeichnet werden, beinahe mit der 
Nebenwirkung eines Schimpfwortes. 

Die Franzosen sind niemals ein friedliches Volk 

gewesen, und sie können es auch gar nicht s e i n, weil es ihrem 
innersten Wesen widerspricht, ihrer Ruhmsucht, ihrer nationalen Eitelkeit imd 
seit 1870/71 ihrem Hass gegen Deutschland. Und sie wollen es auch gar nicht 
mehr sein, seitdem sie sich wieder so stark glauben, um gegebenenfalls eine « He- 
rausforderung ergehen zu lassen », um mit dem Herrn Ministerpräsidenten zu 
sprechen 

B. General Bernhardi. 

«Unsere Zukunft» {Die Post vom 23. Dezember 1912). 

Seine eigentliche Absicht war, den Gedanken 

in die Masse zu werfen, dass wir in absehbarer Zeit 
zum Fechten gezwungen sein werden und dass wir 
deshalb mit allen uns möglichen Mitteln und mit 
jeder nur irgend erreichbaren Anstrengung darauf 
hinarbeiten müssen, für diesen Fall die entscheiden- 
den Trümpfe sämtlich in unsere Hand zu bringen 

Wie Exzellenz von Bernhardi auch in den von ihm in unserer Zeitimg ver- 
öffer>tlichten Artikeln schon mehrfach zum Ausdruck gebracht hat, lebt er der 
festen Ueberzeugung, dass der Ausgleich mit England nur im Wege 
kriegerischer Auseinandersetzung erfolgen kann..... 

England müsste uns in der europäischen Politik voll- 
ständig freie Hand lassen und jede IMachter Weiterung 
Deutschlands auf dem Festlande, wie sie etwa in einem mitteleuropäischen 
Bunde oder in einem Kriege mit Frankreich zum Ausdruck kommen könnte, von 
vornherein gutheissen. Es müsste uns beim Ausbau unserer 
K o 1 o n i a 1 p o Ti t i k, sofern sie nicht auf Kosten Englands erstrebt würde, 
diplomatisch nicht mehr zu beeinträchtigen suchen. Es müsste einer etwa beabsich- 
tigten Umgestaltung der Besitzverhältnisse in Nord- 
afrika zugunsten Italiens und Deutschlands zu- 
stimmen 



304 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

So müssen wir luis deun zu der Einsicht entschliessen, dass eine vertrags- 
mässige Verständigung mit England weder im Sinne emer 
dauernden Freundschaft noch in dem einer einstweiligen 
Einigung für uns zu erreichen ist 

Dieses Ergebnis aber bedeutet den Krieg, und zwar 
nicht nur den Krieg gegen England, sondern gegen die 
vereinigten Mächte der Tripleentente 

1813 — 1913, von B e r n li a r d i {Hannoversches Tageblatt 
vom 28. Dezember 1912). 

Wird unser sieggewohntes, in Xv-achsendem Reichtum aber scheinbar nur 

noch dem Frieden nachstrebendes Volk sich auch schweren 
Schicksalsschlägen gewachsen zeigen und auch im Unglück stolz und unüber- 
wunden bleiben ? 

Der Krieg, der uns bevorzustehen scheint, wird entscheidend sein für imsere 
ganze Zukunft. Für uns handelt es sich darum, ob wir unsere jetzige politische 
Stellung behaupten und uns zu einer Weltmacht entwickeln werden, oder ob wir 
zurückgeworfen werden sollen in den Zustand eines reinen Kontinentalstaates 
zweiter Ordnung. Möchte sich jeder Deutsche diese Alternative vor Augen halten ; 
möchte sich misere Regierung völlig klar sein über den grossen Einsatz, der auf 
dem vSpiel steht ! Alles andere muss heute zurücktreten vor dem Willen zur Macht 
und zum Siege. In jedem einzelnen muss der Eutschluss leben, diesen Sieg zu 
erringen, auch wenn er nur schAver zu erfechten ist ; dann wird unser Volk einer 
grossen Zukunft entgegengehen und eine pohtische Weltgeltung erringen, wie sie 
seiner Bedeutung als Kulturvolk vmd seinen grossen Leistungen auf allen Gebieten 
de.s fricdhchen Wettbewerbes entspricht. Dann werden wir ebenso glor- 
reiche Tage erleben wie vor hundert Jahren unsere 
Ahnen. Das ist die Hoffnung und der Glaube, die mir 
in das neue Jahr hinüberleuchten. 

Bernhardis «heutiger Krieg» (Konservative Mo- 
natsschrift vom I. Mai 1913). 

.....Materialismus und Dogmatismus, in dem wir heute versunken sind und der 
sich in krassester Form vor allem im Wirtschafts- und im inneren poUtischen Leben 
der Nation kundgibt, in der Erwerbshatz, in der Kleinigkeitskrämerei und Recht- 
haberei, im Bureaukratismus, in der Pedanterie, in politischer Zänkerei, in Welt- 
bürgertum und feigem, allen Naturgesetzen hohnsprechen- 
den Friede nsdusel. 

Hier gibt es nur eine Gesundung, und die liegt in 
der Kunst und im Kriege 

Der Präventivkrieg und die Notwendigkeit 
deutscher Expansion (Deutsche Weltpohtik und 
kein Krieg. 1913). 

In dem Jahre nach der letzten Marokkokrisis ist die Stimmung nahezu A 1 1- 
ge meingut der deutschen Nation geworden, dass wir 
unsniir durch einen grossen europäischen Krieg die 
Freiheit zu unserer weltpolitischen Betätigung er- 
kämpfen könnten. Namentlich hat das Buch des Generals Friedrich v. 
Bernhardi : « Deutschland und der nächste Krieg » dieser Stimmung Ausdruck 
gegeben und sie zugleich gefördert. Sowohl die Stellung seines Verfassers als sein 
literarischer Wert haljen dem Buch weit über die Grenzen Deutschlands eine grosse 
Beachtmig verschafft 

C. General Eichhorn. 

Unangebrachte Reden [Frankfurter Zeitung vom 
26. November 1912). 

Bei einem von der Stadt Saarbrücken gegebenen Bierabend hielt der neue 
Armeeinspekteur des 7. Armeekorps General v. Eichhorn eine Ansprache, in 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHI,AND 305 

der er auf die ernste Zeit hinmes, das « bereit sein ist alles » wiederholte und sich 

dann gegen den Pazifismus wandte 

Damit täusche man das Volk, begehe ein Verbrechen an ihm, nehme ihm die 
Mannhaftigkeit. In Saarbrücken erinnere jeder Schritt an eine höhere 
Gesinnung, an edlere Auffassung 



Mit diesem « General »-Marsch schliesse ich den ersten Teil 
des deutsch-chauvinistischen Konzertprogramms und enthalte 
mich vorderhand — bis zu meiner zusammenfassenden Schluss- 
betrachtung — jeder weiteren Kritik. Ein Kommentar könnte den 
überwältigenden Eindruck der Pauken- und Trompetenmusik, die 
ich dem Hörer vorgeführt habe, nur abschwächen. Es genügt, 
solche Ausgeburten blutrünstig-kriegerischen Grössenwahns, 
systematisch-gewissenloser Völkerverhetzung niedriger gehängt 
zu haben. Die das geschrieben und gesprochen haben, ihnen ver- 
danken \^ir den europäischen Krieg. 

Sapienti sat ! 

B. 

Der « Alldeutsche Terbaud ». 

Vor dem Kriege. 

Schon im Jahre 1912 — trotz aller auf Frieden und Entspan- 
nung deutenden Zeichen, trotz der Potsdamer Abmachungen, 
trotz der Zusammenkunft des Zaren mit dem Kaiser Wilhelm in 
Baltischport, trotz des englischen Verständigungswillens, der sich 
in der Sendung Haldanes nach Berlin und den daran anknüpfenden 
Verhandlungen geäussert hatte, trotz der definitiven Erledigung 
der Marokko-Frage — schon im Jahre 1912 taten die Alldeutschen 
nichts anderes als in immer leidenschaftlicherer Weise auf den 
« unvermeidlichen » europäischen Krieg lünzuweisen. Am liebsten 
wäre es ihnen offenbar gewesen, wenn die gegen Ende 1912 auf- 
tauchende serbisch-adriatische Hafenfrage zu dem ersehnten 
Kriege geführt hätte. Die Taktik, die Ententestaaten der Deutsch- 
feindlichkeit und der Kriegsabsichten zu beschuldigen, ■s\'urde 
damals — der Abwechslung halber — vornehmlich gegen Russland, 
weniger gegen England und Frankreich gerichtet. Das ganze 
Register — panslawistischer Deutsclienhass, Irreführung der 
deutschen Diplomatie, geheime A^^bmachungen zum Zwecke eines 
demnächstigen Ueberfalles, Zerstückelung Oesterreichs, Kampf 
des Slawentums gegen das Deutschtum in ^litteleuropa, Gross- 

Das Verbrechen II 20 



306 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

fürsten-Partei etc. — kurz, die ganze Litanei, die uns jetzt in der 
deutschen Kriegsliteratur täglich vorgesungen wird, war schon 
damals das ewig A\dederholte Thema der alldeutschen Kundge- 
bungen. Sie können wirklich stolz darauf sein, jene Generale, 
Admirale, Professoren, Präsidenten und Rechtsanwälte, wie 
geschickt und erfolgreich sie der gesamten deutschen Intelli- 
genz, selbst der liberalen und sozialdemokratischen Presse, die 
Gedanken vorgekaut und sogar den Wortlaut souffliert haben, 
der seit Kriegsbeginn von ganz Deutschland — das nunmehr mit 
Alldeutschland identisch war — gläubig nachgebetet wurde. 

Schon am 27. Juli 1912 verhöhnen die Alldeutschen Blätter die 
Vertrauensseligkeit der deutschen Presse, mit der sie die Potsda- 
mer Abmachungen und die Zusammenkunft in Baltischport auf- 
genommen habe : 

Man redet von « Annäherung », von einer Fortsetzung der freundnachbar- 
lichen Politik, die in Potsdam vor zwei Jahren eingeleitet worden ist, und 
zeigt sich höchst befriedigt von dem Ergebnis der Besprechvmgen von 
Baltischport ; den Gipfel der Zufriedenheit erreicht der Leiter imserer aus- 
wärtigen Politik — allerdings in partibus infideliiun — , indem er harmlos und 
bieder vor der Kissinger Magistratsabordnung von dem alle Envartung 
übertreffenden Erfolge des Reichskanzlers zu plaudern für nützlich hält. 

Dieser Vertrauensseligkeit gegenüber erklären die Alldeutschen 
Blätter, dass « die Stimmung in Russland niemals leidenschaft- 
licher deutschfeindlich » gewesen sei, wie jetzt : 

Niemals ist mit mehr Eifer der Krieg nach Westen vorbereitet worden /niemals 
ist die Meimmg in Volk und Pleer mehr für diesen Krieg eingenommen gewesen ; 
niemals hat sich die Regierung in Bezug auf den Krieg in grösserer Ueberein- 
stimimang mit den volkstümlichen Neigungen befvmden.wie eben jetzt. 

In der Generalversammlung des Alldeutschen Verbandes vom 
Dezember 1912 bekannte sich der Vorsitzende, Rechtsanwalt 
Class, unumwunden zur Theorie des Präventionskrieges : « Es sei 
ein schlechter Gewinn, jetzt vielleicht den Krieg zu vermeiden, 
um ihn, wer weiss wie bald, unter ungünstigeren Verhältnissen 
aufgedrungen zu bekommen ; der moralische Eindruck des ver- 
minderten Ansehens dürfe nicht unbeachtet bleiben. » 

Der Vorstand des Alldeutschen Verbandes schloss sich mit fol- 
gender, einstimnüg gefassten Resolution den Ansichten seines 
Vorsitzenden an : 

Die politischen Ereignisse der letzten Wochen haben den schweren Ernst 
der Lage des gesamten Deutschtums in Mitteleuropa enthüllt und klar 

gemacht, dass ilim der Kampf um sein Dasein nicht erspart bleiben wird 

Von dieser Ueberzeugimg ausgehend, ist der Gesamt vorstand des Alldeutschen 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHI.AND 307 

Verbandes der Ansicht, dass das Deutsche Reich die Schwächung oder gar 
Niederwerfung Oesterreich-Ungams nicht zulassen darf ; er erbhckt in dem 
serbischen Verstösse gegen die Donau-Monarchie den ersten Schritt zu einem 
timfassenden Angriff des Slaventmns gegen das Deutschtum imd beurteilt die 
Frage des Strebens nach einem Hafen an der Adria imter diesem Gesichts- 
punkte. 

Interessant ist es, zu beobachten, wie der « Alldeutsche Ver- 
band » in seiner verbrecherischen Kriegslüsternheit die Bagatell- 
frage eines serbischen Hafens an der Adria am liebsten zum Aus- 
gangspunkt eines europäischen Krieges gemacht hätte. Auch diese 
serbische Hafenfrage war ja eine der « I^ebensf ragen Oesterreichs » 
— ebenso wie die Skutarifrage, wie die Gründung des albanischen 
Fürstentums, wie unzählige andere Fragen, von denen damals 
angeblich die Existenz der Donaumonarchie abhing, die man aber 
später, im Kriege, als es den Oesterreichern schlecht ging, gerne 
jedem Kompromiss unterworfen hätte, wenn man etwa einen 
Separatfrieden mit den Serben oder eine Neutralitätszusage der 
Italiener dagegen eingetauscht hätte. Auch die serbische Hafen- 
frage war eine jener Angelegenheiten, welche die ebenso egois- 
tische als bornierte Wiener Regierung derartig auf die Spitze trieb, 
dass um ein Haar schon damals ein europäischer Krieg wegen 
solcher Bagatelle ausgebrochen wäre. Für den « Alldeutschen 
Verband » stellte jene Hafenfrage einen, auf die Niederwerfung 
der Donaumonarchie gerichteten « serbischen Vorstoss » dar. Mau 
sah bereits « die L^age des gesamten Deutschtums in IVIitteleuropa » 
gefährdet ! Kurz man schrieb schon damals genau denselben 
Gedankengang und sogar dieselbe Redewendung vor, die später 
der gelehrige Reichskanzler in seinem Weissbuch (S. 6) zu Tage 
gefördert hat, als er die « Gefährdung des Bestandes der Nachbar- 
Monarchie », der « Stellung der germanischen Rasse in Mittel- 
europa » als Schreckbüd an die Wand malte. 

V/as dieser serbisch- österreichische Hafenstreit in Wahrheit 
für die europäischen Völker bedeutete, die schon damals wegen 
dieser Lappalie zur grossen Schlachtbank geführt werden sollten, 
hat das Friedensmanifest der Internationale, beschlossen zu Basel 
am 25. November 191 2 — also wenige Tage vor dem Vorstands- 
beschluss des « Alldeutschen Verbandes » — , deutHch genug zum 
Ausdruck gebracht : 

Die Balkankrise, die bereits bis heute so schreckliche Greuel herbeigefülirt 
hat, würde, wenn sie weiter greift, die furchtbarste Gefahr für die Zivili- 
sation imd das Proletariat sein. Sie wäre zugleich die grösste Schandtat der 
Weltgeschichte durch den sclireienden Gegensatz zwischen der Grösse der 
Katastrophe mid der Geringfügigkeit der ins Spiel kommenden Interessen 

Ein Krieg zwischen den drei grossen führenden Kulturvölkern wegen des 



308 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

serbisch-österreichischen Hafenstreits wäre verbrecherischer Wahnsinn. Die 
Arbeiter Deutschlands und Frankreichs können nicht anerkennen, dass 
irgend eine durch geheime Verträge herbeigeführte Verpflichtung besteht, 
in den Balkankonflikt einzugreifen. 

In diesen beiden Beschlüssen, dem internationalen von Basel 
und dem nationalen von Braunscliweig, liegt der ganze Gegensatz 
der Weltanschauungen der Kriegs- und der Friedenspartei aus- 
gedrückt. Die Kriegstreiber zeigen sich als die Vertreter einer 
kleinen Minorität, die ihre Macht und ihre Profitinteressen über 
das wahre Wohl der Völker stellt, die entschlossen ist, über Blut 
und Leichen ihren egoistischen Zielen nachzujagen, die jeden 
unbedeutenden Zwischenfall als willkommenes Zündholz benutzen 
möchte, um den Weltbrand damit zu entfachen. Auf der anderen 
Seite sehen wir die Vertreter des arbeitenden Volkes hüben und 
drüben, die, von der Nichtigkeit all dieser territorialen und INIacht- 
f ragen durchdrungen, das hohe Ziel der Friedeuserhaltung allen 
anderen Interessen voranstellen, die das Recht der Völker auf 
Leben und friedliches Arbeiten gegenüber dem verbrecherischen 
Wahnsinn der Kriegshetzer verteidigen. Wer aber hat Recht behal- 
ten ? Die Alldeutschen natürlich ! Die grösste Schandtat der Welt- 
geschichte ist zur Wahrheit geworden. Das Gewitter ist ausgebro- 
chen in demselben Wetterwinkel, in dem es sich schon damals 
1912 — nach dem Wunsche der Alldeutschen — entladen sollte. 

Mit dem ihnen eigenen Brandstifter-Instinkt haben die All- 
deutschen seitdem nicht aufgehört, immer neues Brennmaterial 
zusammenzutragen, gerade an der Stelle, wo schon der meiste 
Zündstofi aufgehäuft war ; immer wieder wiesen sie — faute de 
mieux, da ein deutsch-französischer oder deutsch-englischer 
Konflikt schwer vom Zaune zu brechen war, — auf den Gegensatz 
der russischen und der österreichischen Interessen am Balkan hin. 

Auf einer Vorstandssitzung in München, am 20. April 1913, 
fasste der Verbandsvorsitzende, Rechtsanwalt Class, die politische 
Lage Europas dahin zusammen : 

Nach allem, was zuverlässige Gewälirsmänner uns berichten, sind wir der 
Ueberzeugung, dass die Auseinandersetzung zwischen Russland und uns in 
allernächster Zeit stattfinden werde, sei es nun im Zusammenhang mit dem 
russisch-österreichischen Gegensatz, sei es im ^^'ege eines unmittelbaren 
Zusammenstosses . 

In den « Alldeutschen Blättern » vom 31. Januar 19 14 lesen 
wir folgende Warnung vor der russischen Gefahr : 

Und da will man von voraussichtlich friedlicher Kntwickelung reden ? 
Dies wäre um so leichtfertiger, als sich unter den Grossmächten eine befindet. 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 3O9 

deren Tun darauf hindeutet, dass sie in den orientalischen Fragen vor einer 
höchst aktiven, um nicht zu sagen « aggressiven » Rolle durchaus nicht 
zurückscheuen will. Das ist Russland. Seine Tatenfreudigkeit haben wir ja 
soeben nicht nur in Sachen der Militärabordnung zu spüren bekommen, aber 
die Tatenlust ist damit durchaus nicht erschöpft. Die Truppenanhäufungen 
an der armenischen Grenze, die fast fieberhaft betriebenen Ansammlungen 
von Kriegsmaterial unserer tmd der österreichischen Grenze gegenüber, die 
planmässigen Rüstungen gegen Schweden deuten in bedenklicher Weise 
darauf hin, dass wieder einmal weite russische Kreise von jener Eroberungs- 
sucht befallen zu sein scheinen, die im Zarenreich mit grosser Regelmässig- 
keit längstens alle paar Jahrzehnte aufzuflammen pflegt. 

Im April 1914 hielt der Admiral Breusing auf der Vorstands- 
sitzung des Verbandes zu Stuttgart eine Rede, auf die ich bereits 
an anderer Stelle hinge \\iesen habe : Frankreich sei auf dem 
Höhepunkt seines Hasses angelangt, Russland häufe eine amtliche 
Unfreundlichkeit gegen Deutschland auf die andere : 

Die militärischen Massnahmen an der deutschen und österreichischen 
Grenze sind geradezu bedrohlich : mobile Truppenmassen stehen unmittelbar 
vor unseren Toren An Englands Stelle hat Russland die vorderste Kampf- 
reihe gegen ims bezogen und Frankreich steht ihm ebenso bedingungslos 
zur Verfügung, ^^•ie es vorher England gefolgt ist. 

Uns genügt die drohende Haltung Russlands, seine militärischen Mass- 
nahmen, sein imbedingtes Einverständnis mit Frankreich und dessen Kriegs- 
lust tmd Kriegsbereitschaft. 

Bei der Beurteilung dieser für die Galerie bestimmten, wohl- 
berechneten Angstmeiereien — die den Befensionismus fingieren, 
in Wirklichkeit aber Ausflüsse des aggressiven Imperialismus sind 

— beachte man, dass die deutsche Regierung im vorangegangenen 
Jahre sich die grösste Militärvorlage hatte be\^illigen lassen, die 
je einer Regierung bewilligt worden ist ; dass ihre Flotte in Rie- 
senschritten der englischen nacheiferte ; dass Deutschland in der 
Konstruktion der schwersten Belagerungsgeschütze, der Zeppe- 
line und auch der Unterseeboote, wie sich jetzt herausstellt, allen 
anderen Nationen voran war, dass die Zusammenkünfte des 
Kaisers Wilhelm mit dem Erzherzog Franz Ferdinand immer häu- 
figer und in immer kürzeren Zwischenräumen erfolgten, die letzte 
Zusammenkunft in Konopischt sogar in dem auffälligen Beisein 
des Admirals von Tirpitz ; dass der österreichisch-serbische Krieg 

— der von den Alldeutschen längst in Aussicht genommene Aus- 
gangspunkt des europäischen Krieges — , nach dem Misslingen 
im Jahre 191 2, aller Wahrscheinlichkeit nach bereits im Jalire 1913 
vom Zaune gebrochen worden wäre, wenn Italien nicht seinen 
Beistand versagt hätte und damit gleichzeitig die Gefahr einer 
Enthüllung der frivolen österreichischen Ueberfallsabsichten 



310 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

entstanden wäre. (Deshalb hat man 19 14 Italien gar nicht erst 
befragt.) Alles dies ziehe man in Betracht, nm die angebliche Angst 
Alldeutschlands vor Russlands Ueberfall nach ihrem wahren 
Werte abschätzen zu können. 

Erstaunlich ist und bleibt nur immer, weshalb Russland, 
wenn es tatsächlich schon 1913 und anfangs 1914 mobil und kriegs- 
bereit und überfallslustig war, — weshalb es dann in den kritischen 
Tagen vom Juli 19 14 den Serben zur Nachgiebigkeit gegen das 
österreichische Ultimatum geraten, die Entscheidung des Haager 
Schiedshofes vorgeschlagen, die Londoner Konferenz akzeptiert, 
alle möglichen Verständigungsformeln den Kaisermächten unter- 
breitet, direkte Verhandlungen mit der Wiener Regierung nach- 
gesucht und geführt und weder den Krieg erklärt noch einen 
Angriff unternommen hat ? Weshalb dieses friedfertige, ver- 
söhnliche Verhalten gerade in dem Moment, wo die lange gehegten 
und vorbereiteten Angriffspläne Russlands nun endlich verwirk- 
licht werden konnten ? Vielleicht weiss Herr Rechtsanwalt Class, 
Vorsitzender des « Alldeutschen Verbandes », der ja viel mehr 
weiss als der bescheidene Verfasser dieser Zeilen, auch auf diese 
Fragen eine Antwort zu erteilen 



Am 14. März 19 14 verkünden die « Alldeutschen Blätter » die 
Unvermeidlichkeit der kriegerischen Auseinandersetzung der Zen- 
tralmächte mit ihren Nachbarn im Osten und Westen mit 
folgenden feierlichen Worten : 

Wir hielten und halten heute mehr denn je dafür, dass Deutschland und 
Oesterreich-Ungarn eine kriegerische Auseinandersetzung mit ihren ost- 
westUchen Nachbarn auch bei ehrlichstem Friedenswillen nicht werden ver- 
meiden können, dass ilinen vielmehr ein furchtbarer Entscheidungskampf 
aufgezwungen werden wird... Wer den hohen Ernst einer nicht fernen Zu- 
kunft absichtlich verschleiern will, weil er davon « Abschwächmig der Kon- 
jtmktur » befürchtet, der versündigt sich namenlos schwer am deutschen 
Volke, der ist des Hochverrats am deutschen Volke zu zeilien. 

In gleichem Sinne heisst es am 4. April : 

So wird ein nicht unwichtiger Teil unseres Volkes über den Ernst 

der Lage hinweggetäuscht und fortwährend in einem politischen Wolken- 
kuckucksheim spazieren geführt. Wird dann einmal zur Wirkliclikeit, was uns 
von Jahr zu Jahr, man kann beinahe sagen, von Monat zu Monat näher rückt, 
dami haben wir em Volk, das zum sieghaften Ueberstehen schwerer Zeiten 
so geeignet ist, wie eine Gesellschaft Berliner Teeästheten zum Ackerbau. 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHI.AND 3II 

In der Nummer der Alldeutschen Blätter vom 11. April 1914 
bringt der General von Gehsattel, von dem wir später noch höchst 
bezeichnende Aeusserungen — in der Zeitschrift mit dem ebenfalls 
recht bezeichnenden Titel : « Der Panther » — lesen werden, 
Betrachtungen über unsere äusseren Feinde, Russland, England 
und Frankreich. Er knüpft an den Satz an, der von einem für den 
« Krieg um des Krieges willen » begeisterten Schriftsteller geprägt 
worden war : Das deutsche Volk habe die Folgen des dreissig- 
jährigen Krieges verhältnismässig leicht überwunden, fraglich 
aber erscheine, oh es die Folgen eines weiteren vierzig- bis fünfzig- 
jährigen Friedens überleben w^ürde. Nach Gebsattel würde das 
deutsche Volk nicht in die Gefahr eines so entnervenden und ent- 
mannenden Friedens kommen. England, Russland und Frankreich 
mit ihrem Hass, ihrer Revanchelust und ihrer Handelsrivalität 
würden schon rechtzeitig für die Unterbrechung dieser « schlaffen 
Friedenszeit » sorgen. 

Schon damals, also vor der Ermordung des Erzherzogs, 
rechnete Gebsattel — bei einer Erörterung der strategischen Lage 
in dem bevorstehenden Weltkrieg — mit dem Vorstoss Oesterreichs 
gegen Serbien ; wozu ja allerdings keine besondere Prophetengabe 
gehörte, da wir heute wissen (aus den Giolittischen Enthüllungen) — 
was die alles wissenden und hinter den Kulissen leitenden All- 
deutschen sicher schon damals wussten — , dass Oesterreich schon 
im Sommer 1913 jenen « Vorstoss gegen Serbien » beabsichtigt 
hatte, und dass es nicht das Verdienst der Wiener Regierung war, 
wenn der österreichisch-serbische Krieg damals unterblieb und so 
der von den Alldeutschen längst ersehnte europäische Krieg noch 
einmal hinausgeschoben wurde. 

Im April 1914, bei Gelegenheit der Vorstands-Sitzung des 
« Alldeutschen Verbandes », konnte der Münchener Professor 
Graf du Moulin-Eckart seine Ungeduld schon nicht mehr be- 
meistern : « Der Schicksalstag naht — rief er aus — und wäre 
über uns Ragnarök, die Götterdämmerung verhängt, dann lieher 
in tobender Schlacht, als iji schleichendem Siechtum. » 

In seinem Bericht über die auswärtige politische Lage führte der 
Admiral z. D. Breusin g-Beilin das auch von ihm freundlichst kon- 
statierte Nachlassen der englisch-deutschen Spannung nicht etwa 
auf friedliche Gefühle Englands, sondern nur auf unsere beständig 
wachsende Flottenmacht zurück : England sei nach wie vor bereit, 

an feindlichen Machenschaften anderer Staaten gegen luiser Vater- 
land teilzunehmen Wir sind seit langem der Ueberzeugung, dass die 

unnatürlichen Zustände in Europa, der Wille unserer Gegner, mis auszuschal- 



312 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

ten in jeder grösseren, weltpolitischen Betätigung — dass dies zu kriegerischen 
Auseinandersetzungen führen muss, dass es sich für uns nicht mehr ums 
Biegen handelt, sondern ums Brechen. Wir machen es unseren Verantwort- 
lichen zum Vorwurf, dass sie die Entscheidung über den Beginn dieser Aus- 
einandersetzung imserem Gegner überlassen, — wir haben das mit dem 
Schlagwort gekennzeichnet, dass wir aufgehört haben, Subjekt der grossen 
Politik zu sein, dass wir Objekt, schlechthin Objekt geworden sind. Wir 
verlangen, dass mit dieser Politik des fehlenden Willens und Entschlusses ge- 
hrochen wird ; wir wollen die Herren unserer Entschlüsse werden, sie uns nicht 
von aussen aufzwingen lassen. 

Von Kolonial-Abmachungen, wenn sie auch noch so ent- 
gegenkommend von Seiten Englands, Frankreichs oder Russlands 
behandelt werden, will der streitbare Admiral nichts wissen. Die 
Abgrenzung der Interessen-Sphären in der asiatischen Türkei ist 
ihm « belanglos und darf uns nicht irreführen. Ufiser Schicksal 
entscheidet sich in Europa ; wie hier die Dinge zur Entscheidung 
drängen, wissen wir, und wir lassen uns über die Notwendigkeit 
dieser Entscheidung nicht dadurch hinwegtäuschen, wenn man 
notgedrungen ausserhalb Europas mit uns verhandelt. » 

Von diesem Gesichtspunkt aus, dass nicht die Feder, sondern 
nur das Schwert über unsere Interessen in- und ausserhalb 
Europas zu entscheiden habe, verwirft der Admiral schon pränu- 
merando das etwaige Resultat der schwebenden deutsch-englischen 
Verhandlungen über die portugiesischen Besitzungen in Afrika. 
Der Seeheld hat Hunger nach Dand : « Was wir brauchen, sind 
eigene Siedelungs-Ivänder. » Politischer Einfluss und kommerzielle 
Ausnützung genügen nicht. Als wenn wir nicht — trotz unseres 
relativ bescheidenen Kolonialbesitzes — I^and in Hülle und Fülle 
ausserhalb unserer Grenzen besässen, mehr I,and als wir in vielen 
Generationen besiedeln — vor allem aber viel mehr I^and, als wir 
nach unserer Bevölkerungs- und Auswanderungs-Statistik irgend- 
wie brauchen können. Ich habe schon in meinem Buche darauf 
hingewiesen, dass unsere Auswanderung minimal, dass wir im 
Begriffe sind, ein Einwanderungsland zu werden, dass wir diesen 
Zustand sogar schon längst erreicht haben, wenn man die Hundert- 
tausende polnischer und russischer Landarbeiter, deren unsere 
östliche Landwirtschaft bedarf, als Einwanderer mitrechnet. 
Eine Berechnung, die tatsächlich richtig wäre, da der Bedarf an 
ausländischen Landarbeitern ein ständiger, sich jedes Jahr wieder- 
holender Faktor unserer Fremdenstatistik ist. 



Selbstverständlich war der « Alldeutsche ^'erband » durch die 
riesige Wehrvorlage von igij noch nicht befriedigt, sondern ver- 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 313 

langte sofortige neue Rüstungen. Zur Motivierung dieser For- 
derung wurde die bekannte Taktik eingeschlagen, den Entente- 
Mächten Kriegsabsichten gegen Deutschland und Oesterreich 
unterzuschieben und die europäische Situation so schwarz zu 
malen, wie man sie für die eigenen Zwecke wünschte und mit allen 
Mitteln herbeizuführen bestrebt war. Wer durch fleissiges Stu- 
dium allmählich in den Gedankengang und die Taktik unserer 
Alldeutschen, Chauvinisten und Imperialisten eingedrungen ist, 
wird überall, in allen Schriften und Reden, vor dem Kriege und 
während des Krieges, dieselbe Methode wiederfinden, die ich schon 
bei der Abführung Schiemanns gekennzeichnet habe. Die Methode, 
den anderen das zur Last zu legen, was man selbst beabsichtigt, — 
die Spannung, die man selbst erzeugt hat und beständig von 
neuem erzeugt, den anderen in die Schuhe zu schieben, — den 
Defensivbund der anderen als ein Offensiv- Komplott hinzustellen, 
— den Widerstand der anderen gegen deutsche Hegemonie- und 
Weltmachtbestrebungen in Vernichtungsabsichten umzufälschen. 
Es ist die raffinierte Mischung von präventiven, defensiven und 
imperialistisch-aggressiven Gedanken — die letzteren die wahren 
Gedanken der Führer, die ersteren zur Täuschung der grossen 
Masse bestimmt — , der wir überall in den Kundgebungen des 
« Alldeutschen Verbandes » begegnen. 

Auch der Beschluss der April-V ersammUmg zu Stuttgart 1914 
enthält diesen doppelten Boden : 

Der Gesamtvorstand des Alldeutschen Verbandes stellt fest, dass die 
nach der Beendigung der Balkankriege ersvartete Entspannung der auswär- 
tigem politischen Lage in Europa nicht eingetreten ist, dass diese im Gegen- 
teil durch die ausserordentlichen Rüstungen Frankreichs und Russlands, durch 
die deutsch-feindliche Stimmung massgebender Schichten in beiden Nach- 
barstaaten imd durch unfreundliche Handlungen ihrer Regierungen ver- 
schärft worden ist. Der Vorstand zieht aus allen diesen Vorgängen den Schluss, 
dass Frankreich und Riissland den entscheidenden Kaynpf gegen das Deutsche 
Reich und Oesterreich-Ungarn vorbereiten, und dass beide loszuschlagen be- 
absichtigen, sobald sie die Gelegenheit für günstig halten. Der Vorstand ist 
weiterhin überzeugt, dass dieser Kampf für eine weite Zukmift, vielleicht 
für immer, über das Schicksal des deutschen Volkes entscheiden wird, und dass 
das Geschick der anderen germanischen Völker Europas damit aufs engste 
verknüpft sein wird. In dieser Erkemitnis hält es der Alldeutsche Verband für 
seine Pflicht : unser Volk zu mahnen, der grossen Zeit wachsam xmd entschlos- 
sen entgegenzugehen. 

Am 18. Juli 1914 Spricht sich ein Leitartikel äL^r Alldeutschen Blätter 
über Frankreichs angebliche Kriegsabsichten f olgendermassen aus : 

Die Nation (Frankreich) glaubt nach vierzig Jahren endlich das Ziel ilirer 
Wünsche zu erreichen und erträgt in der .sicheren Hoffnung auf baldige Ent- 
spannung das äusserste. Die Entscheidimg muss schnell kommen, in den 
Jahren 191 5 oder jgi6 sollen die Würfel über das Schicksal Europas fallen. 



314 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Ein wichtiges Zugeständnis, vierzehn Tage vor Ausbruch des 
Krieges ! Das Zugeständnis, dass Frankreich diesen Krieg von 
1914 jedenfalls nicht gewollt hat. Also Gegenbeweis gegen den 
räuberischen lieber fall und den Verteidigungskrieg. 

* * 

Welche Töne Alldeutschland nach der Ermordung des Erzher- 
zogs gegen Serbien anschlug, wie man diese günstige Gelegenheit 
zum endlichen Losschlagen auszunutzen verstand, jetzt, wo 
Deutschland die bedeutende militärische Ueberlegenheit für sich 
hatte und auch maritim durch die Vollendung des Kaiser Wilhelm- 
Kanals gegen alle Eventualitäten gesichert war, — v^ie man das 
diesen Hetzern viel zu friedliebende Auswärtige Amt bei dieser 
Gelegenheit, die so günstig nie wiederkehrte, zum Steifbleiben, 
zur Ablehnung jedes Entgegenkommens, zur Unvermeidlich- 
machung des Krieges zu drängen suchte und mit Erfolg gedrängt 
hat, — das alles ist bekannt und braucht nicht durch viele 
Beispiele belegt zu werden. Heller Jubel durchrauschte die 
Alldeutschen Blätter, als Oesterreich sich « aufraffte » zu poli- 
tischen Massnahmen, « die ebenso kaltblütig und klug vorbereitet 
waren, wie sie eindrucksvoll, ja mit prachtvoller Entschlossenheit 
durchgeführt worden sind ». Welche herrliche Perspektive auf 
Weltbrand und Weltkrieg eröffnete das stramme Verhalten der 
Wiener Regierung ! 



Nach Kriegsausbruch. 

Und nun erst, als der Weltbrand wirklich ausgebrochen war : 

Wir hören den Schritt der Weltgeschichte Es wird ein Kampf werden 

auf Leben und Tod t Es ist eine Lust zu leben 

Die Stunde haben wir ersehnt Nun ist sie da, die heilige Stunde Die 

Russen tückisch und falsch bis zum letzten Augenblick, die Franzosen — vor 
die überraschende Wirklichkeit gestellt — schlotternd und plötzlich die 
Rachelust vergessend, — England kalt erwägend und zaudernd — , das 
deutsche Volk aber jubelt 

Seit Algeciras, erst recht seit den Monaten nach dem Panthersprung von 
Agadir, wissen wir, dass die Mächte des Dreiverbandes uns die Luft zum 
Atmen nicht gönnen, dass wir ersticken sollen in drangvoller Enge, wälrrend 

sie die Welt unter sich verteilen. Das war ein unhaltbarer Zustand Jetzt 

geht es aufs Game l Die Daseinsmöglichkeit des deutschen Volkes in Europa 
und Uebersee muss für alle Zukunft gesichert werden. Das bis zur Selbst- 
vernichtung verblendete Russland zwang uns das Schwert in die Hand — 
Heil uns, dass es das tat I [Alldeutsche Blätter, 3. August.) 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 315 

Dass die Alldeutschen nach Ausbruch des Krieges, den sie 
mit all seinen Einzelheiten, niit seinen Ursprüngen und Kom- 
plikationen prompt vorausgesagt — oder vielmehr voraus be- 
stimmt — hatten, mit Stolz auf ihre Prophetengabe hinwiesen, 
ist nicht verwunderlich. So schreiben denn die Alldeutschen Blätter 
am 24. Oktober 1914 mit berechtigtem Hochgefühl : 

Das Ereignis, auf dessen naturnotwendiges Eintreten wir seit langen 
Jahren mit wachsender Bestimmtheit hingewiesen haben, dessen Zeitprmkt 
von den uns nahestehenden Offizieren fast mit mathematischer Sicherheit 
berechnet wurde, — es ist gekommen wie der Dieb in der Nacht. All die 
Friedensapostel, all die Lau- und Flaumänner, die die « alldeutsche Kriegs- 
hetze » nicht genugsam als « Ausgeburt einer überreizten Phantasie » abtun 
zu können glaubten, sind bescheiden zur Seite getreten und hüllen sich in ein 
verlegenes Schweigen. Der Fortschritt ihrer vielgerühmten Kultur, der nach 
ihrer Meinxmg jeden Krieg zwischen europäischen Völkern bereits heute zixr 
Unmöglichkeit machen musste, hat sich anscheinend doch nicht als stark 
genug erwiesen, um den geradezu banditenhaft eingeleiteten und ausgeführ- 
ten Ueberfall auf Deutschland zu verhindern. 

Wir haben diese sonderbaren Schwärmer, die in einer von Waffen star- 
renden Welt mit der Botanisier trommel auf die Suche nach der hlaiten Blume 
des Weltfriedens gegangen waren, niemals ernst genommen ; wir haben uns 
deshalb über ihre seltsam weltfremden und unwirklichen Angriffe auch nie- 
mals ereifert, und nichts liegt uns heute ferner, als ims diesen so schmählich 
enttäuschten Kultur apo stein gegenüber in dem Ruhme einer weiterblickenden 
und durch die Ereignisse gerechtfertigten Politik zu sonnen. Hier hat die 
Geschichte für uns geurteilt ; sie sind gewogen und zu leicht befimden worden. 

Der Vater Keim, Generalmajor und Führer der Alldeutschen, 
sie}.t in dem ausgebrochenen Kriege nunmehr sein langersehntes 
Ideal verwirklicht. Glücklich ist er, dass « die Hunde, die bisher 
nur gebellt haben, nun endlich zu beissen anfangen ». (Angebliches 
Wort König Edwards auf den deutschen Kaiser und die deutsche 
Regierung, das von den Alldeutschen vor dem Kriege mit Vor- 
liebe kolportiert wurde, um die « lendenlahme » kaiserliche Re- 
gierung zur « befreienden Tat » anzuspornen und den « beissen- 
den » Sohn gegen den nur « bellenden » Vater auszuspielen.) In 
der Täglichen Rundschau vom 29. August 1914. singt der streit- 
bare General — frei nach Nietzsche — das Lob der « Gewalt- 
menschen », die jetzt von nöten seien : 

Das Moll der neudeutschen Politik, das uns so lange in Friedenssicherheit 
wiegen half, muss dem Dur grosszügiger, rücksichtsloser Entschlossenheit 

weichen Wir brauchen in diesen Schicksalsstundcn Geicaltnienschen. 

Andere können es nicht leisten, ihnen ist der Hammer zu schwer. 

Auch jetzt noch, nach Ausbruch des Krieges, wurde der 
unglückliche, nur allzu gelehrige Kanzler — und neben ihm sein 



3l6 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Botschafter, Fürst Lichnowsky — in den Alldeutschen Blättern 
verspottet und angegriffen, weil er nicht früh genug sich der allein 
seligmachenden Lehre Alldeutschlands unterworfen und viel zu 
lange an die Friedensabsichten der Ententemächte, besonders 
Englands, geglaubt habe. Wenn nicht Vater Keim gewesen wäre, 
so wäre Deutschland verloren gewesen : 

Ohne die letzte Heeresvorlage kein deutscher Sieg und die Heeresvorlage 
selbst nicht ohne Keim ^ 

Vater Blücher — Papa Wrangel — Vater Keitn : wer wollte es leugnen, 
dass es beste, allerbeste Gesellschaft ist, in die der Volksmund, mit sicherem 
Instinkt für Persönlichkeitswerte, den vmermüdlichen Vorkämpfer neu- 
deutscher Wehrmacht versetzt hat. [Alldeutsche Blätter vom 24. April 191 5.) 

Früher pflegte man als köstlichstes Dreigestirn am deutschen 
Himmel Göthe, Schiller und Lessing zu nennen. Heute sind 
Blücher, Wrangel und Keim an ihre Stelle getreten ! Ja, ja, "wir 
haben es weit gebracht ! Besonders Wrangel als deutscher Natio- 
nalheld — der Mann, der zwar das übermächtige Dänenvolk 
siegreich aufs Haupt sclilug, aber mit der deutschen Sprache 
beständig in erfolglosem Kampfe lag, — Wrangel als Xational- 
held ! Ich habe nie so herzlich gelacht ! 



Herr von Bethmann 
und die Alldeutschen. 

Alldeutschland ist dem Reichskanzler gegenüber recht un- 
dankbar gewesen. Anstatt seine reuige Bekehrung zu den all- 
deutschen Lehren mit Wohlgefallen auf- und anzunehmen, hat 
man zu der früheren Verspottung nun auch noch eine erbitterte 
Bekämpfung hinzugefügt — eine Bekämpfung ohne Pardon, nach 
dem Grundsatz : Gefangene werden nicht gemacht. 

Nach jahrelangem Zaudern und Zögern hatte sich der Kanzler 
schliesslich nicht nur die Grundlinien und Ziele seines Handelns 
vom « Alldeutschen Verband » vorschreiben lassen, auch bei der 
Ausführung der Tat, bei der Herbeiführung des Krieges, bei der 
Motivierung « pour la galerie », vor allem bei der Behandlung 
Englands ist er in jeder Einzelheit genau nach den Rezepten dieser 
kleinen, aber mächtigen Partei verfahren. 

Die Alldeutschen, deren offen proklamiertes Hauptziel von 

* Man erinnert sich hierbei der bekannten Formel : « Ohne Kanitz keine 
Kähne I » Das heisst : Ohne Erhöbung der Getreide-Zölle keine neuen SchiflEs- 
bewilligungen. Auch ein Beispiel der uneigennützigen Vaterlandsliebe unserer 
Jixnker und Agrarier 1 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHI^AND 317 

jeher die schliessliche Abrechnung mit England war, die Abschüt- 
telung der « politischen Vormundschaft des Dreiverbandes » — wie 
man euphemistisch die Lahmlegung der englischen Weltmacht- 
stellung nannte — , die das « Germanenrecht » für uns in Anspruch 
nahmen, als « ewig dauernd Herrenvolk der Menschheit Aufstieg zu 
leiten », und zu diesem Zwecke dem deutschen Volke beständig 
die harte Mahnung einzuhämmern suchten : « Britannien muss 
vernichtet werden », — dieselben Alldeutschen fassten während 
der kritischen Tage vom ersten bis vierten August den englischen 
Vetter mit Sammthandschuhen an, beriefen sich auf das « gemein- 
same Blut, den gemeinsamen Ehrbegriff, die gemeinsamen Gegner 
in Gestalt der Slaven, malten den « verruchten Brudermord » 
an die Wand, falls England sich zum Bundesgenossen Serbiens, 
Russlands und Frankreichs hergebe. 

Alldeutschland wünschte jetzt noch nicht den Krieg mit 
England : Erst die Ernte heimbringen auf dem Kontinent, gegen 
Frankreich und Russland, und dann das Saatkorn der Zwietracht 
ausstreuen gegen den englischen Rivalen, dann die letzte Sprosse 
zur Weltmacht emporklimmen — das war die Parole der All- 
deutschen und diesen ihm vorgezeichneten Weg hat der Reichs- 
kanzler (schon vom 29. Juli ab, mit seinem Neutralitätsgesuch 
an England) gefügig beschritten. 

Herr von Bethmann war nicht immer ein so gelehriger Schüler 
der Alldeutschen. Es hat langer erbitterter Kämpfe und schlauer 
Minenlegungen bedurft, ehe man die verantwortliche Regierung 
dem Kommando der unverantwortlichen Kriegshetzer voll- 
ständig unterworfen hatte. Nach dem Kiderlen- Vertrage ging die 
vorher schon betriebene Hetze gegen die allzu nachgiebige Reichs- 
regierung, gegen den Kaiser, der beständig mit dem Säbel rassele, 
ohne zuzuschlagen, mit Hochdruck los. Der Weltkrieg war das 
immer wiederkehrende Thema in den Reden und Schriften des 
« Alldeutschen Verbandes » ; die Weltmachtstellung das deutsche 
Hochziel, das man mittels des Weltkrieges zu erreichen strebte. 
Die « treibenden Kräfte » unseres « völkischen » Lebens wurden in 
Gegensatz zu der zaghaften, unmännlichen, die wirtschaftlichen 
Interessen viel zu sehr berücksichtigenden Regierungs weise 
gestellt. Der Leiter des alldeutschen \^ortrags- und Werbe- 
Wesens, Dr. Ritter, betrieb die Kriegshetze im Umherziehen und 
wusste nicht genug die sittliche Läuterungskraft des Krieges, die 
entnervende Wirkung der allzulangen Friedenszeit hervorzu- 
heben. 

Jeder kleine Grenzzwischenfall, die Affaireu von Nanc}' und 
Luneville, wurden begierig von der alldeutschen Presse aufge- 
griffen, in der Hoffnung, mit solchen « Fidibussen » den europäi- 



3l8 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

sehen Erand entzünden zu können. Die französisch-nationalis- 
tisclie Bewegung der elsässischen Protestler wurde — zu Unrecht 
— dem französischen Chauvinismus in die Schuhe geschoben, 
während sie tatsächlich nur eine Rückwirkung des miserabeln, 
preussisch-junkerlichen Regierungs-Systems in den Reichslanden 
war. Die Zaberner Vorgänge waren natürlich Wasser auf die 
Mühle der deutschen Chauvinisten. Der Ivcutnant Forstner und 
der Oberst Reuter wurden zu Nationalhelden gestempelt und 
in ungezählten Resolutionen und Telegrammen wegen ihrer 
heroischen Taten gegen friedliche Bürger beglückwünscht. Na- 
türlich war auch hier, wie bei allen völkischen Kundgebungen, 
Seine Königliche Hoheit der Kronprinz von Preussen und des 
detitschen Reiches an der Spitze der Bewegung : Je mehr der hohe 
Herr in offenen Konflikt mit der Regierung seines Vaters trat, um 
so jubelnder antwortete ihm der Chorus seiner alldeutschen Ge- 
folgschaft. « Verkriechen wir uns lieber in ein Mauseloch, als dass 
wir weiter von Misserfolg zu Misserfolg taumeln » — riefen die 
Alldeutschen Blätter den verantwortlichen Leitern der auswärtigen 
Politik zu, als diese noch immer nicht auf das Kommando der 
alldeutschen Generale « Rechtsum kehrt ! » einschwenken wollten. 

A 1 1 d e u t^s c h e K r i e g s z i e 1 e. 

Anfang August 1914 endlich war man am Ziel seiner Wünsche 
angelangt. Der Krieg war in Berlin beschlossen. Die Zivilgewalt 
hatte vor den Militärs und den Alldeutschen endgültig kapituliert. 
Sie hatte — nach Vorschrift — den Krieg gegen Frankreich und 
Russland, den deutsch-völkischen Weltmachts- Krieg herbeige- 
führt und — ebenfalls nach Vorschrift, aber leider vergeblich — 
die vorläufige Kaltstellung Englands zu erreichen gesucht. Die 
Verletzung der belgischen Neutralität hatte auch den Krieg mit 
England im Gefolge gehabt. Nun ging es aufs Ganze. Nun musste 
die Maske fallen. Nun kam es darauf an, den Krieg so zu führen : 

dass wir uns für die A brechnimg mit England Ruhe vor unseren Nachbarn 
schaffen : Frankreich, Russland mid Belgien müssen in einen Zustand der 
Ohnmacht versetzt werden, dass sie uns dabei nicht stören können. Das ist 
unter keinen Umständen zu erreichen, wenn wir diesen Gegnern nicht ent- 
sprechende Friedensbedmgungen auferlegen, wenn wir sie nach dem Wvmsche 
der Freunde sogenannter « Kulturpolitik « ohne Gebietsverlust mit einer 
massigen Kriegsentschädigung davon kommen lassen. [Alldeutsche Blätter 
vom 12. September 1914). 

Man sieht : genau die Kriegsziele, wie ich sie bereits in meinem 
Buche 1 mit den Worten gekennzeichnet habe : « Erlangung der 

' Siebe J'accuse, S. 24. 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHI^AND 319 

Hegemonie auf dem Festlande und im weiteren Verlauf die Erobe- 
rung der Weltmachtstellung Englands nach dem Grundsatz : öte-toi 
de lä que je m'y mette ! » Wird man alle diese alldeutschen Schrift- 
steller, Redner und Agitatoren, vor allem aber ihre hohen Pro- 
tektoren und Führer, von den Rockschössen abschütteln können, 
wie man dies jetzt mit dem General Bernhardi zu tun versucht ? ! 

Wofür unsere Heere, irnsere Brüder vrnd Söhne draussen kämpfen, 
das ist das grössere Deutschland, das einem neuen Geschlechte Siedelungs- 
und Arbeitsmöglichkeit auf lange Zeit hinaus gewährt, und das sind Grenzen, 
die ims vor einem ähnlichen Ueherfall durch Wegelagerer, wie wir ihn eben 
jetzt erlebt haben, Sicherheit verheissen ! 

So zu lesen in den Alldeutschen Blättern vom 21. November 
1914. Geradezu köstlich dieses pele-mele von Defensionismus und 
Imperialismus ! « Mein Vaterland muss grösser sein » — dies das 
Ziel des Krieges. Dieses stets proklamierte Ziel hätte man aber 
beileibe nicht realisieren wollen — oh nein, niemals, man hat es 
ja stets nur als « frommen Wunsch » ausgesprochen — , wenn nicht 
die « Wegelagerer » durch ihren räuberischen Ueberfall uns zur 
kriegerischen Realisierung gedrängt hätten. Anstatt den Gegnern 
nun für diese willkommene Gelegenheitsmacherei auf den Knien 
zu danken — halten sie uns doch in ihrer Uneigennützigkeit die 
Leiter zu unserem Aufstieg ! — , beschimpfen wir sie in allen 
Tonarten, wandeln wir unsere grössten Wohltäter in die schlimm- 
sten T'J^ebeltäter um. Man sieht auch hier wieder, in welche lo- 
gische Sackgasse die Leute geraten, die die unvereinbaren Ge- 
gensätze « Defensionismus » und « Imperialismus » miteinander 
verkoppeln wollen. Die beiden Gedankenreihen können nicht 
nebeneinander bestehen, sie bekämpfen sich auf Tod und Leben 
und eine von beiden muss notwendig auf dem Platze bleiben. 

Eine Vergrösserung Deutschlands bloss in Afrika oder anderen 
fremden Weltteilen wird von den Alldeutschen als unzureichend 
mit aller Schärfe zurückgemesen. Frankreich, Belgien und Russ- 
land müssen in Europa bluten, müssen Territorien und Kriegs- 
entschädigung hergeben, müssen dauernd « in einen Zustand der 
Ohnmacht versetzt werden ». Das Auswärtige Amt wird in Schutz 
genommen gegen den Verdacht, dass es nur an afrikanische 
Kompensationen denken könne : 

Kommt es nicht fast einer Sclmiähimg des deutscheu Auswärtigen 
Amtes gleich, ihm zuzutrauen, es habe vun solcher Ziele willen das deutsche 
Volk in den Krieg geführt I 

Bitte zu beachten : in den Krieg geführt l Dieselbe Verplappe- 
rung, die so oft in der chauvinistischen Presse vorkommt ! Das 



320 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Eingeständnis — wider Willen — des imperialistischen Expau- 
sions-Krieges ! 

Mit Stolz kann der « Alldeutsche Verband » auf seine Erfolge 
in der Vergangenheit zurückblicken. Mit Genugtuung kann er 
von sich sagen, dass er « in allen seinen Voraussagungen, Mahnun- 
gen, Warnungen, Recht behalten », dass er « sich in Wahrheit als 
das Gewissen des deutschen Volkes erwiesen » habe. Die Gewissen- 
losigkeit spreizt sich als Ge\dssen, wie die Lüge so häufig die 
Maske der Wahrheit aufsetzt. Wehe dem deutschen Volke, wenn 
es nicht endlich diesen Tartufes des Patriotismus die Maske her- 
unterreisst, wenn es nicht endlich liinter der kraftheuchelnden 
Männlichkeit dieser Maulhelden das höhnisch grinsende Skelett 
elendester Profit- und Machtgier erkennt. 

Der Einfluss der Alldeutschen wird sich beim Friedensschluss 
ebenso zur Geltung zu bringen suchen, wie sie in der Vorberei- 
tung und Herbeiführung dieses schreckensvollsten aller Kriege 
das friedliebende deutsche Volk gemeistert und irregeführt haben. 

Der Vorwärts vom 22. Mai 1917 veröffentlichte eine sehr inte- 
ressante und bedeutsame Korrespondenz (auf die ich schon früher 
kurz hingewiesen habe) zwischen dem Gesamtvorstande des 
« Alldeutschen Verbandes », vertreten durch den General Frei- 
herrn von Gehsattel, und dem Reichskanzler. Der « Alldeutsche 
Verband » unterbreitete dem Reichskanzler in einer an das Grosse 
Hauptquartier (wo sich Bethmann damals aufhielt) gerichteten 
Eingabe vom 5. Mai 1915 die Kriegsziele des Verbandes — die 
wir ja zur Genüge kennen — , er tat dies aber in einer so drohen- 
den, geradezu revolutionären Form, dass jene Eingabe — als 
charakteristisches Zeichen der noch heute ungeminderten Macht 
und Rücksichtslosigkeit der Alldeutschen — besondere Beachtung 
verdient. Vor einem Verzicht auf die Gewaltziele des Verbandes, 
die nach Osten und Westen und in allen Weltteilen die riesenhaf- 
testen Gebietserweiterungen fordern, — vor einem Verzicht auf 
diese « Ausnutzung unseres sicheren Sieges » wurde aufs drin- 
gendste gewarnt : 

Es wäre der verhängnisvollste politische Fehler, der gemacht werden 
könnte, und seine nächste Folge wäre die Revolution. Das Wort nmss ausge- 
sprochen werden Kine ungeheure Enttäuschung und Erbitterung wird 

das Ergebnis sein, es wird keinen Halt geben und das nach solchen Leis- 
tungen enttäuschte Volk wird sich erheben. Die Monarchie wird gefährdet, 

ja gestürzt werden Es geht um die monarchische Grundlage des Reiches 

und der Bundesstaaten 

Auch die Antwort Bethmanns auf vorstehende Eingabe (vom 
13. Mai 191 5) ist nach mancher Richtung hin interessant : 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 321 

Die vom Alldeutschen Verband aufgestellten Forderungen zum Kriegs- 
ziel werden nach der völligen Niederwerfung aller unserer Gegner zu wür- 
digen sein. Für den Augenblick verbieten die Interessen der auswärtigen 
Politik und der Landesverteidigung, die allen anderen Rücksichten voran- 
zugehen haben, ein Eingehen auf ihren sachlichen Inhalt 

Ich lasse das Verdienst gelten, das der Alldeutsche Verband durch die 
Hebung des nationalen Machtwillens und die Bekämpfung der Völkerver- 
brüderungs-Ideologie sich vor dem Kriege errungen hat 

Herr von Bethmann vi^eist zwar — das soll nicht verschwiegen 
werden — mit grosser Entschiedenheit den « Versuch einer Mino- 
rität » ab, die « von der Krone berufenen Leiter der Reichs- 
geschäfte ihrem Willen zu unterwerfen ». Er protestiert gegen 
die « drohenden Hinweise auf Revolution ». Aber trotzdem unter- 
lässt er es nicht, nochmals zu betonen, dass « der Krieg und seine 
Erfahrungen den nationalen Machtwillen, auf dessen Hebung sich 
das Existenzrecht des « Alldeutschen Verbandes » gründet, zum 
Gemeingut des deutschen Volkes gemacht haben. » 

Aus diesem Schriftwechsel ist folgendes festzuhalten : 

1. Die kühne Zuversicht, das Machtbewusstsein der All- 
deutschen, die es wagen dürfen, eine mit der Revolution, mit dem 
Sturz der Monarchie drohende Eingabe solcher Art an den Reichs- 
kanzler — und noch dazu während seiner Anwesenheit im Grossen 
Hauptquartier — zu richten. 

2. Die zur Genüge bekannte Extravaganz der alldeutschen 
Kriegsziele. 

3. Die Nichtablehnung dieser Kriegsziele seitens des Reichs- 
kanzlers im Prinzip, sondern nur die Vertagung ihrer Erörterung 
bis zu dem Moment der « völligen Niederwerfung aller unserer 
Gegner ». 

4. Die Anerkennung aus dem Munde des leitenden deutschen 
Staatsmannes, dass der « Alldeutsche Verband » durch seine 
Tätigkeit vor dem Kriege den nationalen Machtwillen zum Ge- 
meingut des deutschen Volkes gemacht habe. 

5. Die Bestätigung des Reichskanzlers, dass die Bekämpfung 
der « Völkerverbrüderungs-Ideologie », das heisst aller pazifisti- 
schen Bestrebungen in Deutschland, ein ebenso verdienstvolles 
wie erfolgreiches Bemühen des <( Alldeutschen Verbandes » gewesen 
sei. 

Diese fünf Feststellungen sind von ausserordentlicher Wich- 
tigkeit für die Beurteilung der Situation in Deutschland, soweit es 
sich um die Kriegsziele handelt, für die Erkenntnis der inneren 
Strömungen und Machtverhältnisse und ihrer Rück\nrkung auf 
die Kriegszielpolitik der verantv/ortlichen Regierung. Jener Brief - 

Das Verbrechen LI -^^ 



322 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Wechsel ergibt von neuem — was \\ir auch sonst schon wissen 
und in dem letzten Abschnitt dieses Bandes : « Kriegsziele » noch 
bestätigt finden werden — , dass der Reichskanzler, trotz seiner 
pazifistischen Anwandlung vom November 1916, niemals in Wirk- 
lichkeit « Bethmann, der Pazifist », sondern im Gegenteil während 
seiner ganzen Laufbahn, bis heute, entschiedenster Gegner aller 
pazifistischen Bestrebungen, aller «Völkerverbrüderungs-Ideologie» 
gewesen ist. Wie er in diesem Punkte mit den Alldeutschen voll- 
ständig übereinstimmt, so ist er auch in der Frage der sogenannten 
« Zukunftssicherung Deutschlands » prinzipiell genau derselben 
Meinung wie die Alldeutschen. «Bethmann, der Annexionist » unter- 
scheidet sich nicht der Art, sondern nur dem Masse nach von 
seinen alldeutschen Angreifern. Auch dies werden wir in dem 
späteren Abschnitte bestätigt finden. 



Ein Frieden nach alldeutschem Rezept würde kein Frieden, 
sondern ein Waffenstillstand sein. Nichts anderes als das Vorspiel 
zu neuen Tragödien. Darüber sind sich auch die Drahtzieher der 
alldeutschen Bewegung vollkommen klar. Aber der Gedanke 
schreckt sie nicht, im Gegenteil, er befriedigt sie. Einem eisernen 
Zeitalter sollen wir entgegengehen, ein Krieg dem andern folgen, bis 
der Grundstein der deutschen Weltmacht unerschütterlich fest- 
gelegt und der Satz zur Wahrheit gemacht ist : 

« Denn es wird an deutschem Wesen 
einmal noch die Welt genesen ». 

In einem Aufsatz der Alldeutschen Blätter vom 5. Juni 1915 
« Die Grundsteinlegung eines grösseren Deutschlands » wird die 
frohe Aussicht auf eine weitere Serie von Kriegen mit folgenden 
Worten eröffnet : 

So lange England als Weltmacht besteht, wird iind muss es aber in einem 
starken Deutschland seinen Todfeind erblicken und infolgedessen versuchen, 
stets von neuem eine Mehrheit von Gegnern zu dessen Niederringung auf 
den Plan zu bringen. Der Krieg zwischen ihm und uns geht nun einmal 
nicht um so enge geographische Ziele, wie der zwischen Frankreich und 
Deutschland, sondern er geht um die Vormachtstellung zur See und die damit 
zusammenhängenden unschätzbaren Werte, und ein Nebeneinander beider 
Staaten, von dem manche Utopisten träumen, ist hier schlechterdings ebenso 
ausgeschlossen, wie es das Nebeneinander von Rom und Carthago war. 

Der Gegensatz zwischen England und Deutschland wird deshalb 
bleiben, bis einer von ihnen endgültig zu Boden gerungen ist, und ob uns eine 
solche Niederzwingung Englands schon in diesem Kriege gelingen wird, 
darf vorderhand billig bezweifelt werden. 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 323 

Wer wagt es, solchen Aussprüchen gegenüber, die Richtigkeit 
der in meinem Buche vertretenen These des deutsch-imperia- 
listischen Weltmacht- Krieges zu bestreiten ? ! Solche Aussprüche 
sind nicht etwa vereinzelt, sondern sie bilden den Grundton, 
auf den die ganze « völkische » Literatur seit Jahrzehnten 
abgestimmt ist. Wir müssen durch, koste es, was es wolle ! 
Durch — bis zur Niederzwdngung Englands ! Durch — bis zur 
Vormachtstellung zur See ! Weshalb soll es das deutsche Volk im 
zwanzigsten Jahrhundert besser haben, als andere Völker zu 
anderen Zeiten ? Hat es nicht mehrere Perserkriege zwischen 
Griechenland und Persien, mehrere punische Kriege zwischen 
Rom und Carthago gegeben ? Haben die europäischen Kriege im 
Gefolge der französischen Revolution nicht zwanzig Jahre, hat der 
grosse Krieg des siebzehnten Jahrhimderts nicht dreissig Jahre, 
haben die Kämpfe des grossen Preussen- Königs mit seinen 
Widersachern nicht sieben volle Jahre gedauert ? « Was schert 
mich Weib, was schert mich Kind, lass sie betteln gehn, wenn sie 
hungrig sind ! » Was schert uns Leben und Wohlfahrt der euro- 
päischen Völker, unser eigenes inbegriffen ? ! W^as schert uns 
friedliches Wirken und Schaffen, was schert uns Menschlichkeit, 
Kultur und Gesittung ? ! « Zum Teufel endlich mit dem ganzen 
Kultur-Geschwätz ! » Macht wollen wir, Macht ! Macht, auf 
Kanonen und Bajonette gestützt, strammes Preussenregiment 
mit « Stillgestanden », « die Finger an der Hosennaht » ! Zu 
Herrer der Welt sind wir geboren, die Herren der Welt w^ollen 
wir sein. 

Das sind die w^undervollen Zukunftsaussichten, die uns All- 
deutschland eröffnet. Unsagbar fürchterlich für denkende und 
empfindende Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts, aber 
logisch und folgerichtig für brutale Gewaltmenschen, denen antike 
und mittelalterliche, von dem Genie Napoleons wieder aufgefrischte 
Weltherrschafts- Gedanken zu Kopfe gestiegen sind. Diese Leute 
glauben Realpolitiker zu sein und merken nicht, dass sie — 
gerade sie — , in den Wolken einer unrealisierbaren Traumwelt 
schwebend, den Boden der heutigen realen Welt vollständig unter 
den Füssen verloren haben. Von höllischen Phantasien umnebelt, 
sind sie blind und taub gegen die Zeichen der Zeit, gegen die 
Morgenröte neuer Jahrhunderte, gegen den Glockenklang fried- 
licher Völkerverständigung — , blind und taub aber auch — zu 
ihrem Schaden — gegen das unterirdische Rauschen wilder Volks- 
strömungen, die, einer verheerenden Sintflut gleich, die verbre- 
cherischen Wiedererwecker längst entschwundener Barbarei 
wahllos und mitleidlos hin wegschwemmen werden. 



324 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Alldeutsche, Liberale, 
Sozialdemokraten. 

Ein weiterer Kommentar zu den oben abgedruckten Aus- 
brüchen der Kriegshetze und des Kriegs Wahnsinns ist überflüssig. 
Jene Ausschnitte aus Zeitungsartikeln, Broschüren und Reden 
sprechen für sich selber, sie geben ein wahrheitsgetreues Bild des 
Geisteszustandes der herrschenden Klassen und Parteien in 
Deutschland, wie er vor dem Kriege bestand und sich während 
des Krieges noch weiter entwickelt hat. Abgesehen von den 
speziell zur Kriegsvorbereitung gegründeten mächtigen Ver- 
einigungen « Alldeutscher Verband », « Flottenverein », « Wehr- 
verein », « Bund Jungdeutschland » usw. gehören die vorstehend 
zitierten Redner und Schreiber allen politischen Parteien von der 
äussersten Rechten bis zu den Nationalliberalen, also gerade den 
Gruppen an, die, wenn sie geschlossen auftreten, die Majorität im 
Reichstag besitzen, die aber vor allem - — was noch viel mehr ins 
Gewicht fällt — die massgebenden Stellen in der Regierung 
Preussens und des deutschen Reiches innehaben oder durch ihren 
Einfluss beherrschen. 

Die einzigen Gruppen, die sich nicht — oder wenigstens nicht 
in gleichem Masse, wie die rechtsstehenden Parteien — an der 
Kriegshetze, an dem Drängen nach einer « aktiven », das heisst 
einer Kriegspolitik, an der Bekämpfung des « feigen, allen Natur- 
gesetzen hohnsprechenden Friedensdusels » beteiligten, waren die 
Fortschrittliche Volkspartei und die Sozialdemokratie, seligen An- 
gedenkens. Nur die Presse dieser Parteien, die aber sowohl ihrer 
Zahl wie ihrem Einfluss nach nur eine Minorität gegenüber den 
rechtsstehenden Gruppen bilden, hat zuweilen in ernsten Worten 
auf die furchtbaren Gefahren hingewiesen, die der deutsche Chau- 
vinismus über Deutschland und Europa heraufbeschwören könnte. 
Damals vor dem Kriege hat die deutsche Demokratie noch klar 
gesehen, noch den Sitz des Uebels erkannt, noch die sogenannte 
nationale Presse als « Giftmischer » und Volksfeinde an den 
Pranger gestellt. Damals gab es noch Demokraten in Deutschland, 
noch wahre und ehrliche Volksfreunde, die immer auch gleich- 
zeitig Friedensfreunde sind. Heute scheint jene Zeit ein Jahr- 
hundert hinter uns zu liegen. 

Alldeutscliland liie und allewege ! — tönte es bei Kriegsbeginn 
aus dem ganzen deutschen Blätterwald. Die nationale Posaune hatte 
die j einhörigsten Ohren taub gemacht, der nationale Phrasenwein 
die kühlsten Köpfe berauscht, das Irrlicht der nationalen Befreiungs- 
lüge die hellsten Augen geblendet. Die Demokratie war den Junkern 
und Militaristen ins Garn gegangen. Man hatte sie hineingelockt 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHI.AND 325 

in die seit Jahren schlau aufgestellte Mausefalle, darinnen das 
lyockbild des Überfallenen Deutschlands als Speckschwarte auf- 
gehängt war. Dann hat man die Klappe zufallen lassen und nun 
sass Herr lyudwig Thoma vom Simplizissimus — im trauten 
Verein mit seinen Antipoden vom Kladderadatsch — darinnen, 
als Wiederkäuer derselben echt-preussischen Gedanken und 
Gesinnungen, die er seinl.ebtag mit blutiger Satire gegeisselt hatte. 
Die Herren Ullstein und Scherl gingen Arm in Arm mit dem 
Grafen Reventlow, und Georg Bernhard, der Ex-Sozialdemokrat, 
blies die gleiche Kriegsposaune wie Maximilian Harden. Die 
Freisinnige Zeitung, das offizielle Organ der Fortschrittlichen 
Volkspartei, wetteiferte mit jedem schwarz- weissen Patriotenblatte 
in der Verfälschung der Ursprungsgeschichte des Krieges, in der 
Forderung besseren Grenzschutzes gegen neue « Ueberfälle », in 
der Verunglimpfung überzeugungstreuer Wahrheitskünder. Gar 
nicht zu reden von der grossen, einstmals demokratischen Wetter- 
fahne in Frankfurt am Main, die in ihrer tapferen Jugendzeit, 
unter ihrem Gründer Sonnemann, die Führerin im Kampfe gegen 
Preussentum und Hohenzollerntum war, heute aber ihre politische 
Weisheit — wohl zubereitet — aus der Wllhelmstrasse bezieht und 
sogar mit Alldeutschland so lange durch dick und dünn gegangen 
ist, als die Kriegsmacher in der Wilhelmstrasse sich des Wohl- 
wollens und der Unterstützung der Alldeutschen erfreuten. 

Inzwischen hat sich der Zustand dieses journalistischen 
« Burgfriedens » zeitweilig geändert. Die scharfe Opposition der 
Reaktionäre und Hyperannexionisten gegen die Bethmannsche 
Regierung — bei Gelegenheit des Konfliktes mit Amerika wegen 
des Unterseeboot- Krieges, bei der Frage der « Neuorientierung » 
in Preussen und Deutscliland, bei der Bestimmung des für die 
« Sicherheit » Deutschlands notwendigen Annexions-Masses ■ — , 
die Extravaganzen der Rechtsparteien in allen diesen Fragen 
haben die Geister wieder etwas geschieden und die Diuksliberalen 
und Soziaipatrioten fast allein in der undankbaren Stellung von 
Regierungs- Verteidigern zurückgelassen. Da aber diese Regierung 
immer noch reaktionär und annexionistisch genug ist, so ist mit 
diesem geringen Umschwung wenig geholfen — um so weniger, als 
nach bekannten Erfahrungen bisher noch jeder nach links lieb- 
äugelnde Kanzler entweder bald wieder auf den « rechten » Weg 
zurückgeführt oder durch die <( kleine, aber mächtige Partei » aus 
seinem Amte verdrängt worden ist ^. 

1 Diese Zurückführung auf den « rechten » Weg hat ja nun — nicht lange, 
nachdem ich obige Prognose niedergeschrieben, — soweit der U ntcrseebootskrieg 
in Betracht kommt, bereits stattgefunden. Hier haben die Gegner Bethmanns 
auf der ganzen Linie gesiegt. Was die Frage der Kriegsziele anbetrifft, so werden 



326 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Eine rühmliche Ausnahme unter den linksliberalen Journa- 
listen machte vor und nach Ausbruch des Krieges der kluge und 
vielwissende Chefredakteur des Berliner Tageblattes, Herr Theodor 
Wolff. Von imperialistisch angehauchten Mitarbeitern umgeben, 
von der luchsäugigen Zensuraufsicht des in den Marken komman- 
dierenden Generals gefesselt und zeitweise sogar am Schreiben 
gehindert, hat er es trotzdem verstanden, sein Redaktionsschiff- 
lein zwischen der Szylla und Charybdis der eigenen und der vor- 
geschriebenen <( Ueberzeugungen » geschickt hindurchzusteuern, 
sodass der aufmerksame Leser, der zwischen den Zeilen zu lesen 
versteht, seine wahren Ansichten über den Ursprung und die 
Verantwortung für diesen Krieg wohl zu erkennen vermag. Er hat 
— ein weisser Rabe unter der schwarz- weiss gewordenen liberalen 
Presse — das journalistische Anstandsgefühl besessen, keinerlei 
Angriffen gegen das Buch J'accuse und seinen Verfasser in seinem 
Blatte Aufnahme zu gewähren, — einfach deshalb, weil er der Ver- 
teidigung keine Aufnahme gewähren durfte. Das ist ein Zeichen 
von Charakterfestigkeit, das in der heutigen Zeit der epidemischen 
Charakterlosigkeit in deutschen Landen doppelt erfreulich berührt 
und rühmlich hervorgehoben zu werden verdient. Das Berliner 
Tageblatt gehört zu den wenigen liberalen Organen, die dem 
Druck der Verhältnisse widerstanden haben, die sich zeitweilig 
wohl etwas biegen mussten, aber niemals zusammengebrochen 
sind. Fast alle übrigen liberalen und demokratischen Blätter sind 
in den Auguststürmen von 19 14 mit Mann und Maus, das heisst 
mit ihrer männlichen Gesinnung und ihrem politischen Gepäck, 
rettungslos zugrunde gegangen. Fast alle — ja sogar der grössere 
Teil der sozialdemokratischen Blätter — haben sich dem volks- 
vergiftenden, wahrheittötenden Regime des Burgfriedens, das 
heisst der gesetzlich ^'orgeschriebenen Falschmünzerei und Heu- 
chelei unterworfen — fast alle, bis auf das kleine Häuflein der 
radikalen vSozialisten, der heutigen « Lhiabhängigen Sozialdemo- 
kratischen Partei », die sich mit energischem Ruck aus der Skla- 
verei des Burgfriedens befreit und zur offenen Wahrheitsbeken- 
nung durchgerungen hat. 

sie soweit siegen, als der militärische Gang der Ereignisse die Durchführung ihrer 
Ziele gestatten wird : potentiell sind sie auch hier die Sieger ; ob sie es virtuell 
sein werden, hängt von den Umständen ab. In der Frage der demokratischen 
Neuorientierung bleibt Fabius Bethmannius Cunctator, wie stets, in der Mitte 
zwischen den beiden Polen hängen, man kann auch sagen : er setzt sich, wie stets, 
zwischen zwei Stühle. Den demokratisierenden Linksparteien verspricht er die 
Wahlreform, den antidemokratischen Rechtsparteien lässt er die Hoffnung offen, 
dass das Versprechen nicht zur Ausführung kommen werde. In dem Bestreben, 
alle zu befriedigen, befriedigt er keinen. 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 327 

Die liberale Presse vor dem 
Kriege und die Chauvinisten. 

Um den Gegensatz zwischen damals und heute, zwischen der 
deutschen Demokratie vor Kriegsausbruch, die das chauvini- 
stische Verbrechertum aufs schärfste verurteilte, und der nach 
Kriegsausbruch, die in dasselbe Hörn mit ihm stiess, — um diesen 
Gegensatz zu veranschaulichen, lasse ich nachstehend einige 
Ausschnitte aus liberalen Blättern — vom Frühjahr 19 13 — 
folgen, die die damalige besonders wütende Hetzkampagne der 
deutschen Chauvinisten gegen Frankreich in gebührender Weise 
kennzeichneten ^. Von den zitierten Blättern haben nur Die 
Welt am Montag von H. von Gerlach und das Berliner Tageblatt 
den Kriegsstürmen standgehalten. 

Die Vossische Zeitung schrieb am 13. März 1913 unter dem 
Titel : « Die Lärmmacher » : 

Nun aber die Kehrseite !Wenn man aus den Kundgebungen 

einiger Aufgeregten, seien es Berufsschriftsteller, 
seien es bramarbasierende Generale a. D., Schlüsse auf 
die Absichten einer Regierung, auf die Pläne eines 
Staates ziehen dürfte, was sollte man dann von 
Deutschland denken? E>s gibt deutsche Blätter, diean 
überschnappendem Chauvinismus hinter dem «Matin» 
und dem «Echo de Paris >> nicht zurückstehen und in 
der Scharfmacherei jeden Rekord schlagen, und es 
gibt Offiziere genug im Ruhestande, die es als Ver- 
brechen am Vaterland ansehen, Ruhe zu halten und 
nicht Tag für Tag himmelschreiende Gefahren an die 
Wand zu malen und die Regierung, wie viel sie auch 
fordere, immer noch elendiglicher Schwäche zu be- 
schuldigen und, wie sich der Reichskanzler bei ander m 
Anlass ausdrückte, «das Schwert im Munde zu führen». 
Sicherlich, auf die Bramarbas und Archipr€t hat 
Frankreich kein Monopol. Hüben gibt es deren so gut 
wie drüben, und sie sind hüben sogar von besonderer 
IJnduldsamkeit und «Schneidigkeit», wenn andere Ge- 
nerale Uebertreibungen zurückweisen und zur Beson- 
nenheit mahnen 

Berliner Tageblatt. 

16. April 1913. Der Zwischenfall von Nancy. 

Dass einige deutsche Zeitungen, meist niederen 

Ranges, den Zwischenfall von Nanc)' zu einer Kriegs- 
hetzerei ausbeuten, trifft zu. Die «Tägliche Rundschau» 
beispielsweise, die nicht um ein Atom besser ist als das 
schamloseste und gewissenloseste französische Chau- 
vinistenorgan, bespricht den Zwischenfall in einem 
unglaublich ordinären Rowdyton und erklärt, man 
müsse iFrankreich meiden, wenn man nach Europa geht, 
wie man die Gosse meidet, wenn man über die Strasse 
geht » 

1 Auch diese Ausschnitte verdanke ich der Schrift Nippolds. 



328 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

21. April 1913. 

Man wird sich über die Bedenken, die in diesem Vorgehen des alldeutschen 

Klüngels liegen, nicht mit der Erwägung hinwegsetzen können, dass es sich eben 
nur um eine kleine Gruppe fanatisierter Chauvmisten handle, die gegenüber der 
Masse des friedlichen Volkes nicht in Betracht komme. Denn die letzte Zeit 
hat klargestellt, dass von diesen Schreiern zahlreiche 
Fäden ebenso zu den reaktionären Parteien, wie zu 
amtlichen Stellen, wie zu einflussreichen Kriegs- 
lieferanten hin- und hergehen. Finden Regierung, 
Reichstag und Volk nicht den Mut, zwischen sich und 
den Alldeutschen reinen Tisch zu machen, dann muss 
das Reich zuletzt im R ü s t u n g s s u m p f ersticken und 
dann hilft auch alle offizielle Friedenspolitik nicht. 

Strassburger Post. 

13. März 1913. Deutschland, Frankreich und 
Elsass-Lothringen. 

«Ein alter Elsässer» schreibt ims : 

Wenn es möglich wäre, Frankreich eine Garantie zu geben, 
dass es von Deutschland nicht angegriffen wird, so würde 
ein französisches Ministerium keine Minute auf seinem Posten bleiben können, wenn 
es eine Erhöhung der Militärlast durchsetzen wollte. 

95 Prozent aller Franzosen sind äusserst fried- 
liebend und wollen um keinen Preis einen Revanche- 
k r i e g 

Wenn Deutschland eine Verständigung unter den Nationen wünscht, so wird 
es sicher die beste Unterstützung bei Frankreich und England finden. Als der 
Stärkere unter den Starken, würde es sich nichts vergeben, wenn es eine Ver- 
ständigung, welche zu Einschränkungen führen würde, anregen wollte 

Strassburger Neue Zeitung. 

13. März 1913. Chauvinismus. Von F. S t e h e 1 i n. 

Mein Gedanke ist der :In Frankreich sind die Chauvinisten, 

deren Anschauungen sich mit denjenigen der « Nationalisten » bis auf weniges 
decken, die Feinde der Regierung. Dem Wesen iires Bestrebens nach 
müssen sie es sein, und zwar unversöhnliche und erbitterte Feinde. Denn sie haben 
zum Endziel ihrer Wünsche die Wiederherstellung der Monarchie 

Der beste Beweis dafür ist die Ernennung Poin- 
cards — der momentan die Friedensidee in Frankreich 
verkörpert — und die Aufnahme, welche diese Ernennung im französischen 
Volke gefunden hat. 

Dass die Hetzer sich auf beiden Seiten aus den Reaktionären rekrutieren, hat 
inFrankreich eine ganz andere Bedeutung als in Deutschland. 
Dort ist es für sie eine Schwäche, hier ein Vorteil. Dort sind sie ja die 
Feinde der Regierung ; hier geben sie sich als Verteidiger 
der Prärogative der Regierung aus, als eifersüchtige 
Wächter des bestehenden Regimes 

II. April 1913. Chauvinistisches Verantwort- 
lichkeitsgefühl. Von F. S t e h e 1 i n. 

Auf dem Deutschen Frauenkongress, gehalten zu Berlin 191 2, hat der Rektor 

der Berliner Universität Frankreich den « Erbfeind » genannt Auf der gegne- 
rischen Seite suchte ich vergebens nach etwas Entsprechendem. Der Grund dafür 
ist sehr einfach. Ein Schriftsteller wie Barrys, irgend ein Politiker, ein Mann, der 
persönliche Vorteile im Auge hat, könnte sich zu solchen Hetzereien hergeben. 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 329 

Niemals aber solche Personen, welche eine verantwor- 
tungsvolle Stellung in der Oeffentlichkeit bekleiden, 
wie ein Geistlicher oder ein Universitätsdozent. Sofortige schärfste Missbilligung 
wäre ihnen gewiss und würde sie von ihrem Vorhaben zurückschrecken lassen, bevor 
sie den ersten Schritt zu dessen Verwirklichung getan hätten 

12. Juli 1913. Schädliclie Bestrebungen. Von F. Ste- 
he 1 i n. 

Die chauvinistische Presse in Deutschland neigt dazu, die 
Kluft noch zu erweitern, welche die Vernünftigen in Elsass-Lothringen 
zu überbrücken suchen. Sie wirft denjenigen Mitgliedern der Regierung Verrat vor, 
die den Einheimischen gegenüber sich entgegenkommend zeigen. Sie verschreit alle, 
die nicht einer Meinvmg sind, als deutschfeindlich, und schreckt vor keiner Ver- 
drehimg zurück, um die Lage möglichst unklar zu erhalten 

Frankfurter Zeitung. 

18. April 1913. Französischer Chauvinismus. Von 
F. Schotthöfer. 

Nach dem Boulangismus mochte der Chauvinismus wieder mehr den ko- 
mischen Nebensiim hervorkehren. Er verlor von seinem Ansehen, je mehr die dritte 
Republik sich von den Ideen des Weltfriedens durchdringen Hess, je mehr die 
♦ Revanche » als klare Forderung vom politischen Programm verschwand 

Die Engländer entdeckten in ihrem « jingoism » ein ebenbürtiges Gegenstück, 
und unser deutscher « Hurra »-Patriotismus darf alle Ruhmestitel des Chauvinismus 
für sich in Anspruch nehmen. Der Unterschied ist bloss noch 
eine Temperamentsfrage. Der französische Chauvin entflammt leichter 
und rascher als der deutsche, der dafür etwas nachhaltiger wirken mag. Es gibt 
in Deutschland jetzt Persönlichkeiten und eine Presse, 
die an nationaler Empfindlichkeit in keinem anderen 
Lande übertroffen werden 

Der Historiker unbefangenen Blicks kann sich auch nicht verhehlen, dass wir 
in einer gewissen Periode in Deutschland an lärmende und 
prahlerische Kundgebungen gewöhnt wurden, wie man 
sie früher dem zweiten Kaiserreich in Frankreich als 
ein Charakteristikum aufgedrückt hatte 

Nach und nach fand man, als einzige Erklärung, die geheime deutsche Absicht, 
die Franzosen durch fortwährende Anrempelungen zum Aeussersten zu reizen. 
Diese Stimmung wurde nach dem Erscheinen des deutschen Kriegsschiffes vor 
Agadir zu einer festen Ueberzeugung 

Doch ist auf der andern Seite auch die Abneigimg gegen einen Weltkrieg ge- 
wachsen. Kein Erfolg könnte die Opfer und Schäden des Krieges lohnen. D i e s e 
Ueberzeugung ist heute in der Mehrheit des franzö- 
sischen Volkes lebendig und fruchtbar geworden. Sie ver- 
hindert, dass eine kecke Angriffslust entsteht und um sich greift. Wenn man sich 
zum Kriege entschliesst, dann geschieht es nur, weil man ihn sich aufgezwungen 
glaubt. Es ist Resignation, keine freie und überlegte Entschlossenheit. Darum kann 
man auch behaupten, dass aus reinen Revanchegedanken 
heraus kein Krieg in Frankreich beliebt gemacht 
werden kann 



März. 

29. März 1913. Von Giftmischern. Von Ludwig T h o m a. 

Nein, geben wir der chauvinistischen Presse, was 

der Presse is t 

Lassen wir der gelben Presse diese Ehre ! Es ist die Kleinarbeit von 365 Tagen 
im Jahre, Mosaik, zusammengesetzt aus Gemeinheiten, Entstellungen, Lügen. Es 
ist die Arbeit nicht von mächtigen Geistern, sondern von kleinlichen Leuten, die 
niedrigen Instinkten schmeicheln, verbrecherischen Begierden dienen und trotzdem 



330 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

durch Phrasen, durch nichts anderes als Phrasen die Ehrlichen und Verständigen 
zum Schweigen zwingen. 

Keiner von diesen Leuten hätte die Gabe, das Volk fortzureissen, vielleicht 
jeder von ihnen erregt Unwillen und Verachtung bei den Näherstehenden, und 
doch haben sie es vermocht, durch Wiederholen und Wiederholen, dass leere 
Worte und Lügen zu unantastbaren Wahrheiten gewor- 
den sind, und doch haben sie Tropfen für Tropfen der 
öffentlichen Meinung Gift eingeflösst, bis diese in 
krankhafter Ueberreizung die Kraft zum Widerstände 
verloren hat. 

Diese Presse hat gesiegt. Gestehen wir ihr das neidlos zu ! 

Auch in Deutschland wirkt die immer wieder verkündete Botschaft von dem 
unvermeidhchen Kriege lähmend und verderblich 

Prahlhänse, die in einem Kriege noch nicht einmal einen Katarrh riskieren 
würden, dürfen als Patrioten paradieren, wenn sie Fanfaren blasen. 

Festreden gelten schon kaum mehr als abgerundet, wenn nicht auf das künftige 
Einsetzen von « Gut und Blut » hingewiesen wird 

Michel Breal und Anatole France predigen gegen den verbrecherischen Wahn- 
sinn jenseits der Vogesen. Was gilt's, sie werden diesseits darum verhöhnt werden ? 

Es ist alles vergiftet, und das verdanken wir der 
nationalen Presse. 

Ehre, wemEhregebührt'. 



Die Welt am Montag. 

21. April 1913. Unvernunft hüben und drüben. 
Von H. V. G e r 1 a c h. 

.....Auch psj'chische Seuchen sind ansteckend. Kaum war das Delirium bei den 
chauvinistischen Tollhäuslern in Nancy zum Ausbruch gekommen, da setzten die 
Tobsuchtsanfälle bei den Alldeutschen ein. Im Handumdrehen 
wurden die Lausbuben von Nancy mit dem französischen Volke identifiziert. 
Frankreich ein Barbareskenstaat I Wer nach Frankreich reist, begibt sich in die 
Gosse ! Wenn den Franzosen das Fell juckt, wollen wir es ihnen gerben I Das 
französische Volk ist ein Pöbelvolk geworden, auf das Niveau zentralafrikanischen 
Niggertums heruntergesunken ! 

So heulte es durch die alldeutsche Presse. Wenn irgend ein franzö- 
sisches Chauvinistenblatt eine Zusammenstellung der 
Beschimpfungen Frankreichs durch die «Post», die «Deut- 
sche Zeitung», die «Berliner Neuesten Nachrichten» 
die «Deutsche Tageszeitung» usw. veröffentlichen 
wollte, so könnte es dem in gewissen Kreisen vor- 
handenen Hass gegen Deutschland reichlich neue 
Nahrung zuführen 

Das Verhalten einer Anzahl deutscher Zeitungen muss als eine Schande für 
die deutsche Kultur bezeichnet werden. 

Die französische Regierung hat in loyalster Weise der öffentlichen Meinung 
Deutschlands die erforderliche Sühne gevvährt und sich damit als die berufene 
Vertreterin eines Kulturvolkes erwiesen. Die französische Presse hat, als sie sich 
von der wahrhaft beschämenden Natur der Nancyer Ereignisse überzeugt hatte, 
in ihren massgebenden Organen mit der erforderlichen Entschiedenheit den Strich 
zwischen dem französischen Volk und den kulturwidrigen Radaumachern gezogen.... 

M a n b e nutzt jeden Anlas s, um zum Kriege zu 
s c h ü r e n, vielleicht weniger, um den Krieg herbeizuführen, als um bei der 
kriegerischen Stimmung die eigenen niedrigen Parteigeschäfte zu fördern. 

^ Und Leute, die noch im Frühjahr 19 13 so die chauvinistischen Giftmischer 
brandmarkten, merkten nicht, merken heute noch nicht, dass sie im Sommer 1914 
selbst unheilbar vergiftet, von lügnerischer Patriotitis durchseucht, aus blutigen 
Anklägern zu tragenden Säulen des Kriegsverbrecliertums umgewandelt wurden. 
Die betrübendste Erscheinung in dem allgemeinen « Umfall » der Intellektuellen 
in Deutschland ist der krasse Farbenwechsel der blau-weissen preussenfeindlichen 
Bajuvaren des « Simplizissimus » in schwarz-weisse militärfromme Anbeter der 
Pickelhaube. 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 33 1 

Jeder derartige Vorfall stellteine gewisse Kriegs- 
gefahr dar. Wir haben leider keiue Sicherheit, dass immer 
die Vernunft der Mehrheit über die Unvernunft der 
Minderheit die Oberhand behalte 

Die unglückhche Behandlung der Marokkoaffäre durch die deutsche 
Diplomatie hat alles Errungene wieder in Frage gestellt. Wir haben praktisch bei 
der Sache ja fast nichts erreicht, aber den französischen Chauvinisten Wasser auf 
ihre Mühlen geüefert. Der Pantersprung nach Agadir setzte 
allen Fehlern die Krone auf 

Nun kommt die ungeheuerliche deutsche Militärvorlage hinzu. Frank- 
reich hat schon seit Jahren mit den deutschen Rüstungen nicht gleichen Schritt 
halten können. Es fehlte ihm einfach an Menschen dazu. Plötzlich, ohne irgend 
welche ausreichende Begründung, soll das deutsche Heer wieder um 130 000 Mann 
vergrösser t werden. Die französische Regierung greift in ihrer Not, um den deut- 
schen Coup einigermassen zu parieren, zu dem verzweifelten Schritt, die Dienst- 
zeit von 2 auf 3 Jahre hinaufzusetzen. Dem französischen Volke wird das unge- 
heure Blutopfer zugemutet, alle seine Söhne noch ein Jahr mehr als bisher dem 
bürgerUchen Berufe zu entziehen. Und das nur, weil Deutschland ohne zwingenden 
Anlass mit dem schlechten Beispiel einer Rüstungsver- 
mehrung vorangegangen ist. Kann es da wundernehmen, wenn die 
Stimmung in Frankreich gegen uns immer bitterer wird ? 

J a u r e s hat sich ein unsterblichesVerdienst dadurch erworben, 
dass er einen wesentlichen Teil seiner Lebensarbeit dem Kampfe gegen den Re- 
vanchegedanken gewidmet hat. Dieser Mann, einer der glänzendsten Redner der 
Welt, hat seinen ungeheuren Einfluss auf die Arbeiter und Intellektuellen Frank- 
reichs ganz und gar in den Dienst des Friedensgedankens gestellt. 

Aber wenn Jaurds nach Berlin kommt, um im Sinne der Versöhnung zu spre- 
chen, dann hindert ihn die preussische Polizei am öffentlichen Auftreten 

H a s s ! Von H. v. G e r 1 a c h. [Die Welt am Montag vom 
2. Juni 1913.) 

Weiss man doch, dass der von ihm (Keim) gegründete und geführte Wehr- 
verein der Urheber der monströsen deutschen Wehrvorlage ist. Da kann sein 
Aufruf zum Völkerhass nur die unheilvollsten Folgen 
zeitigen. 

Solcne Redeii mit dem Leitmotiv des Hasses gegen andere Nationen stellen 
die denkbar schwerste Gefährdung des Völkerfriedens 
und damit der deutschen Interessen dar. Alle guten und ver- 
ständigen Deutschen tun gut daran, zwischen sich und so bedenklichen Elementen 
einen deutlichen Trennungsstrich zu ziehen 

Zum Schluss drucke ich noch einen Bericht der Frankfurter 
Zeitung über eine Sitzung des Zentral Vorstandes der national- 
Hberalen Partei ab, um an der nachfolgenden Kritik der Zeitung 
den damaligen Standpunkt dieses ehemals demokratischen, jetzt 
aber nationalistisch degenerierten Organs zu kennzeichnen. 

Sitzung des Zentral Vorstandes der natio- 
nalliberalen Partei. {Frankfurter Zeitung vom 
10. Februar 1913.) 

Die heutige Sitzung des Zentralvorstandes der uationalliberaleu 
Partei wurde vom Reichstagsabgeordneten Bassermann geleitet. Dieser sprach 
auch über auswärtige Politik in dem Sinne, dass er die auswärtige 
Lage als bedenklich schilderte, neue Rüstungen ver- 
langte und einer aktiven Politik das Wort redete: 
Bassermann schilderte die Faktoren, die zur Verschlechterung unserer Situation 
geführt hätten, vor allem die Lösung des Bismarckschen Rückversicherungsvertrages 
mit Russland, als Folgeerscheinung das französisch-russische Bündnis, das der fran- 
zösischen Politik eine starke Rückendeckung und dem Revanchegedanken neue 
Nahrimg bot, ferner die Missgunst Englands, die in der Einkreisungspolitik Eduards 
VII. ihren Höhepunkt erreichte. Der augenblickliche Balkankrieg berge erneu 



332 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

ganzen Komplex von Fragen in sich, die unsere grösste Aufmerksamkeit erfordern. 
Der Redner streifte die Aeusserung des Staatssekretärs v. Tirpitz, wonach für den 
Flottenbau zwischen England und Deutschland ein ^'erhältnis von i6 : lo in Frage 
kommen soll, und hob hervor, dass gegen ein wirkliches Rüstungsab- 
kommen ziemlich wichtige Bedenken vorliegen. Die ganze internationale 
Lage nötige uns zu gewaltigen militärischen Anstrengtmgen, wie sie vielleicht 
einzig daständen in der Geschichte. Das deutsche Volk sei reif genug, für sich in 
Anspruch zu nehmen, selbständig zu prüfen, ob die Vorschläge der 
Regierung für die Erhaltung der Schlagfertigkeit 
unserer Wehr ausreichend sind 

In der sich anschliessenden Aussprache wurde, nach der *Nat. -lib. 

Korr. », von allen Seiten mit nachdrücklichem Ernst auf die M i s s t i m- 
m u n g aufmerksam gemacht, die ob des Mangels an jeglicher 
I n i t i a t i v e in der auswärtigen Politik an der ver- 
antwortlichen Stelle draussen im Volke herrscht 

Der Zentralvorstand fordert die Durchführung der allgemeinen WehrpfHcht 
und aller Massregeln, Avelche zur Beschleunigung der Mobilmachung und der 
Sicherung einer kraftvollen Offensive dienen und begrüsst mit Genug- 
tuung den Entschluss der verbündeten Regierungen, dem Reichstag eine diesen 
Gesichtspunkten entsprechende Vorlage zu unterbreiten 

Leitartikel der Frankfurter Zeitung vom ii. Februar 1913. 

Es liegt eine schwere Gefahr darin, auf die einmal ernst hingewiesen werden 

muss, wenn ein Parteiführer vom Range Bassermanns landauf, landab mit krie- 
gerischen Reden hausiert, Vermehrung der Rüstungen 
fordert und die verantwortlichen Instanzen be- 
schuldigt, eine nicht aktive Politik zu treiben. Man hat 
uns hierauf schon vor einiger Zeit aufmerksam gemacht mit dem Bemerken, dass 
Reden dieser Art die Kriegsfurcht einerseits und die 
Kriegslust andrerseits fördern 

Es erscheint mehr als überflüssig, da noch Oel in das 

hellbrennende Feuer zu schütten. Ebenso bedenklich 
aber ist das unausgesetzte Drängen nach einer 
«Aktion». Das deutsche Volk verlangt eine feste und 
ruhige, aber keine aggressive Politik, es will durchaus 
keine kriegerische Verwicklung und es ist gerade 
ungeheuerlich, ihm das Verlangen nach solchen ein- 
reden zu wollen mit dem unüberlegten Schlagwort, 
dass ein Krieg früher oder später unvermeidlich sei 
und es für Deutschland besser wäre, wenn er früher 
käme 



So urteilte damals — vor dem Kriege — die deutsche Denio- 
kratie über den deutschen Chauvinismus. Heute ziehen beide — 
in burgfriedlicher Harmonie — an demselben Strang. Die Chauvi- 
nisten haben sich nicht geändert, nicht ein Jota haben sie von 
ihren Ideen und Zielen aufgegeben. Die Demokraten aber (mit den 
wenigen, oben zitierten Ausnahmen) sind prompt — auf mili- 
tärisches Kommando — in Reih' und Glied eingeschwenkt, haben 
dem Befehl « Augen rechts » gehorsam Folge geleistet und werden 
sich nach dieser durchgreifenden Blut- und Eisenkur in Zukunft 
wohl kaum wieder « vom Linken umgarnen lassen ». 

Die « sittliche Wiedergeburt ». 

Der geduldige Leser hat mit mir das Verbrecheralbum durch- 
blättert, in dem die Fingerabdrücke all jener Missetäter, die den 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 333 

europäischen Völkermord gewollt, vorbereitet und schliesslich 
herbeigeführt haben, authentisch aufgezeichnet sind. Gegen diese 
Beweise gibt's keinen Gegenbeweis. Die Männer des « Alldeutscheu 
Verbandes », des « Wehrvereins », des « Flottenvereins » und alier 
ähnlichen Kriegsbrandherde stehen, in ihrer schamlosen Nackt- 
heit enthüllt, vor uns : ihre eigenen Schriften und Reden treten als 
Anklagezeugen gegen sie auf — als Zeugen dafür, dass sie das 
Trümmerfeld von L^eichen und Ruinen, das heute Europa dar- 
stellt, für den erstrebenswertesten aller Zustände gehalten und 
herbeigesehnt haben, — erstrebenswert zu dem doppelten Zweck 
der moralischen Auffrischung und der materiellen Machtentfaltung 
des deutschen Volkes. 

Wo ist die « sittliche Wiedergeburt » des Volkes, die sie nicht 
von der Betätigung sittlicher Kräfte, von friedlicher Arbeit und 
kulturellem Emporstieg, sondern von Blut und Brand, von ge- 
werbs- und gewohnheitsmässigem Mordhandwerk, von allen Grau- 
samkeiten und Barbareien eines modernen Maschinenkrieges 
erwartet haben, — wo ist diese sittliche Wiedergeburt geblieben ? 
Muss nicht, gerade umgekehrt, die jahrelange Gewöhnung an eine 
kulturwidrige Vernichtungs- und Zerstörungstätigkeit, an Hauen, 
Schlagen, Stossen, Schiessen, Stechen und Brennen, an Abschlach- 
ten unschuldiger Mtmenschen, die nur zufällig eine andere Sprache 
sprech'jn als wir, oder andere Uniform tragen, — muss nicht diese 
beständige Verneinung jedweder Kultursitte und Menschlichkeit 
den Charakter dieser ungezählten Millionen kämpfender Männer 
in einem Masse verrohen, dass jahrelange Erziehung und straf- 
rechtliche Unterdrückung den Schaden nicht wieder ausgleichen 
können ? Was nützt alle Sittenlehre, alle Religion, was nützen 
Polizei und Gesetze, wenn Millionen von Menschen zu ihren Heim- 
stätten zurückkehren, die den hundertfachen Tod, die entsetz- 
lichsten Verstümmelungen, die Blut und Wunden täghch — 
jahrelang — vor sich gesehen, die all dieses I^eid ihren jMitmen- 
schen selbst zugefügt haben ? Kann man im Ernst von all diesen 
psychisch infizierten Individuen verlangen, dass sie, nach Hause 
zurückgekehrt, nun auf einmal nach Moral und Gesetz leben 
sollen ? 

Das Gesetz der Anpassung. 

Wir lesen mit Schaudern und Mitleid, wie die unglücklichen 
Soldaten, die nun seit zweieinhalb Jahren aus Frieden und Heimat 
in Krieg und Fremde hinausgerissen worden sind, allmählich eine 
Art geistiger und seelischer Anpassung an den neuen Zustand 
erfahren : derselbe Mann, der im Frieden vielleicht mit starrem 



334 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Entsetzen die Leiche eines am Strassenrande liegenden Selbst- 
mörders betrachtete, er kann heute kaltblütig Hunderte von feind- 
lichen Leichen vor und in den Brahtzäunen, Hunderte eigener 
Kameraden zerfetzt und verstümmelt im Schützengraben neben 
sich liegen sehen, er kann das jammervolle Geschrei der hülf losen, 
dem unerbittlichen Granatenfeuer weiter ausgesetzten Verwun- 
deten ruhig mitanhören, ohne mit der Wimper zu zucken, — er 
kann den pestilenzialischen Geruch von Hunderten, seit Tagen 
unbeerdigter Menschen- und Tierkadaver ertragen, ohne Erbrechen 
zu bekommen. Das Gesetz der Anpassung ist es, das aus dem 
kulturmässig empfindenden Friedensmenschen den barbarisch 
abgestumpften Kriegsknecht gemacht hat. Die eherne Last des 
Gedankens : ich kann es nicht ändern, ich muss es mitmachen, wie 
alle anderen ; wie jene heute das Los getroffen hat, so kann es mich 
morgen treffen, — die jede Widerstandskraft lähmende Empfindung 
eines ungeheuren Fatums, einer überirdischen Schreckensmacht, 
die sich erbarmungslos auf die Menschheit herabgesenkt hat, — 
das ist es, was alle Beteiligten schliesslich zu willenlosen Werk- 
zeugen in der Hand ihrer Vorgesetzten macht. Eine « Umwertung 
aller Werte » findet statt : aus vernunftbegabten Menschen werden 
automatisch arbeitende Maschinen, ja aus Fürchtlingen und Hasen- 
füssen — und das ist das merkwürdigste von allem ! — werden 
nicht selten heldenmütige Draufgänger und Eiserne- Kreuz-Ritter. 

Helden. 

Die Psychologie des kriegerischen Heldentums ist keineswegs 
so einfach, wie sie manchen einfachen Beurteilern erscheinen mag. 
Neben dem ehrgeizigen Drang, sich vor anderen hervorzutun und 
Auszeichnungen zu erwerben, — neben der patriotischen Begeiste- 
rung, die in leider nur zu vielen gläubigen Seelen durch die Riesen- 
lüge der Vaterlandsverteidigung entflammt worden ist, — neben 
diesen, sozusagen, sanguinischen Gründen kriegerischer Tapfer- 
keit gibt es, wie mir scheint, auch einen phlegmatischen, der aus 
dem Gefühl « absoluter Wurstigkeit » entspringt. Es ist ja doch 
alles gleich, sagt sich der Phlegmatikus : ob ich'in Reih' und Glied 
bleibe oder den anderen vorausstürme, es bleibt ja doch der reine 
Zufall, ob ich eher als die anderen getroffen werde. Die Granaten 
und Maschinengewehre machen keinen Unterschied, im Gegenteil : 
diese Massenmord-Maschinen werden vermutlich eher auf die 
Massen, als auf den Einzelnen gerichtet. Also, wenn schon, denn 
schon ! Immer feste druff ! Das sind die Helden aus « Wurstig- 
keit » und deren gibt es, wie aus manchen Soldatenbriefen 
hervorzugehen scheint, nicht wenige : 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 335 

* Eine Kugel kam geflogen, 
■ gilt's mir oder gilt es dir ? » 

Wer das Todeslos gezogen, muss eben sterben. Wem das Leben 
beschieden ist, wird leben bleiben. Dies die Tapferkeitsphilo- 
sophie der Gleichgültigen, die Philosophie derer, die durch die 
unsagbaren Kriegsschrecken allmählich völlig abgestumpft wor- 
den sind. Auch sie sind Helden, wie alle übrigen, die ihr Leben fürs 
Vaterland zum Opfer bringen — für jenes Vaterland, das von den 
Grossen nur als glänzender Deckmantel für ihre niedrigen egoi- 
stischen Instinkte, für ihren Ehrgeiz, ihre Ruhmessucht, ihre 
Machtgier missbraucht wird. Helden sind sie alle, die armen 
Jungen von achtzehn wie die bärtigen Familienväter von vierzig 
Jahren, die gut- und dummgläubig für die Machtinteressen der 
Gewalthaber sich auf die Schlachtbank legen. 

Nur die sind keine Helden, denen man mit Vorliebe diesen Titel 
zuzuerkennen pflegt. Die « Helden » von Longwy, von Lüttich, von 
der Champagne, von den Masurischen Seen, die Prinzen und Heer- 
führer, die sich die Ruhmeskränze um die Stirne winden, sie sind 
im günstigsten Falle — wenn sie nicht andere für sich denken und 
arbeiten lassen — kluge militärische Schachspieler, die die Reiter, 
Bauern und Türme geschickt verschieben, um den Gegenkönig 
mattzusetzen. Taktiker sind sie, Strategen — dieser Ruhm soll 
ihnen nicht verkümmert werden — , aber Helden sind sie nicht. 
Helden sind die anderen, die die von jenen ausgedachten Schach- 
züge auszuführen haben, die in aufreibenden Märschen, in Frost 
und Hitze, trotz Hunger und Durst und tötlicher Erschöpfung, 
vorwärts zu stürmen, die, an dem vorgezeichneten Punkte ange- 
langt, sich dem verheerenden Feuer, dem barbarischen Nah- 
kampfe auszusetzen haben. Für sie, iür die Kleinen und doch so 
Grossen, für die Millionen Ungenannter und Ungekannter wollen 
wir den Heldentitel reservieren, den die Herrscher und Heer- 
führer — hinter der Front — zu Unrecht für sich in Anspruch 
nehmen. 

In anderen, früheren Zeiten mag dieser Ehrentitel ihnen zu- 
gekommen sein, da die Grossen den Kleinen in persönlichem ]\Iute, 
in persönlicher Tapferkeit vorangingen. Arminius, der Cherusker, 
war ein Held. Die altdeutschen Herzoge, die vor ihren Mannen 
« herzogen », waren Helden. Heute ist es anders geworden. Heute 
äussern die hohen Herren ihren Mut nicht mit Taten, sondern mit 
Worten. In pompösen Aufrufen mahnen sie ihre unglücklichen 
Soldaten zum Kämpfen, zum Durchhalten. Im Anspornen und 
Anfeuern der armen Schlachtopfer sind sie Meister — gleich den 
rohen Fleischerknechten, die mit der Stachelpeitsche das blökende 



336 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Vieh der Schlächterei zutreiben Ihre kugelsicheren Haupt- 
quartiere sind peinlichst bewacht, von Truppen, Fliegerkolonnen 
und Abwehrkanonen, auf dass nur ja kein überraschender Angriff 
aus der Luft — zu Lande ist es unmöglich — auf ihr kostbares 
Leben geschehe. Wenn sie ihre bombastischen Animierreden an 
ihre ohnedies schon durch den patriotischen Phrasenwein dreier 
Jahrgänge trunken gemachten Truppen halten, ist die Luft von 
dem Rattern der schützenden Militärflugzeuge derartig erfüllt — 
die Kriegskorrespondenten berichten dies dumm-getreulich — , 
dass man oft die schnarrenden Worte der hohen Herren kaum ver- 
stehen kann. 

Für die Fürsten, Feldherren und Generalstäbler ist der Krieg 
die endliche Aufführung eines langersehnten Schauspiels, eines 
Paradestückes — nicht einmal eines Trauerspiels, eher eines 
Lustspiels : denn sie jauchzen ja vor Freude, dass es endlich 
losgegangen ; jetzt endlich sind sie in ihrem Element, wie der 
Fisch, den man vom trockenen Sande ins Wasser gesetzt hat. 
Aus der Komödie würde natürlich bald eine Tragödie werden und 
schnell würde der Vorhang heruntergehen, wenn jene genialen 
Schlachtendenker oder Gedankenschlächter, anstatt die uni- 
formierten Schachfiguren hin- und herzuschieben, selbst in höchst- 
eigener Person als Bauern, Reiter oder Könige auf dem blutge- 
düngten Schachbrett agieren und ihre eigene werte Haut zu Markte 
tragen müssten. Jeder arme Bauernjunge, der den weissen Schnee 
mit seinem roten Blute färbt, dem ein zackiger Granatsplitter die 
Gedärme zerreisst oder das Gesicht zerfetzt, ist mehr Held als alle 
Kaiser, alle Kronprinzen, alle Hindenburgs und Mackensens zu- 
sammengenommen. 

Suum cuique ! Einem jeden sein Teil ! Den Kaisern und 
Königen, die das Blutbad herbeigeführt, die Strafe, die solcher 
Missetat zukommt. Ben Feldherren, die ihr Metier ausüben, die 
Anerkennung, die jeder tüchtigen Fachleistung gebührt. Be- 
wunderung aber und Vaterlandsdank jenen Millionen ungenannter 
Helden, deren Opfermut nicht durch Ruhmeskränze und Geld- 
dotationen belohnt wird, die unter der hypnotischen Suggestion, 
ihr Vaterland, ihre Heimat, ihr Haus und Hof seien in Gefahr, den 
Hobel, den Meissel, die Feder weggeworfen, die Drehbank, die 
Studierstube, die Fabrik verlassen haben, die zunächst ihre bür- 
gerliche Existenz, ihre Brotstelle, den Nahrungsquell ihrer Fa- 
milie, und dann im fernen Lande ihr Leben und ihre Gesundheit 
dem Vaterlande zum Opfer bringen. Sie ernten nicht Ruhm im 
Kriege, wie die « Kriegsherren » ; sie üben nicht ihr Metier aus, 
wie die Generale ; sie sind aus allem, was ihr Leben ausmacht, 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHI,AND 337 

aus ihrer Beschäftigung, ihrem Erwerb, ihrem geistigen und mate- 
riellen Streben, aus allen Friedensbanden jäh herausgerissen und 
selbst die Glücklichen, die unversehrt heimkehren sollten, werden 
ungezählter Jahre bedürfen, um das "Verlorene wieder einzuholen, 
um aus kriegerischen Müssiggängern wieder friedlich arbeitende 
und erwerbende Bürger zu werden. 



Landsknecht-Psychologie. 

Nicht bloss der jahrelange tägliche Anblick von Blut und Brand, 
von Tod und Verwüstung, auch die Gewöhnung an eine gewisse 
Freiheit, vor allem an die Arbeitslosigkeit des Soldatenlebens, an 
das Abenteuerliche und Gefahrenreiche des steten Wechsels von 
Ort und L jbensart, von Sicherheit und Todesgefahr, von lustigem 
Kamerad .chaftsleben und blutiger Mordarbeit, — alles dies muss 
allmählich, je länger der Krieg dauert, um so mehr, eine Art 
Landsknecht- Psychologie bei den Soldaten erzeugen, eine Stim- 
mung ausgelassener Lebenslust, so lange es gut geht, und fatalis- 
tischer Todesverachtung, wenn Gefahren drohen. Eine Stimmung 
aber, die, je mehr sie sich festsetzt, um so weniger geeignet ist, 
die Leute auf ihr zukünftiges, friedlich geordnetes, arbeitspflich- 
tiges und familiär gezähmtes Leben vorzubereiten. Der zum 
halben Landsknecht gewordene Krieger wird sich später schlecht 
zum guten Ehemann und Familienvater, zum disziplinierten 
Fabrik- und Bureauarbeiter zurückwandeln : er ^vird schwer die 
Gewohnheiten des freien Soldatenlebens wieder ablegen, er wird 
auch in Arbeitsbluse und Jaquett noch oft in Versuchung geraten, 
den Uniformträger hervorzukehren. Das freie Soldatenleben ist 
die denkbar schlechteste Vorbereitung für das geordnete Bürger- 
leben, das schliesslich doch einmal -wiederkommen muss. Von einem 
« sittlichen Aufschwung » der heil zurückgekommenen Männer 
wird wenig zu spüren sein, viel eher wird man eine sittliche und 
körperliche Verwilderung an ihnen feststellen können, die keinen 
Vorwurf für den einzelnen bedeutet, sondern nur die notwendige 
Konsequenz eines jahrelangen Kriegslebeus ist. Die Kriminal- 
statistik nüt ihrer erheblichen Verbrechens- Zunahme nach jedem 
grossen Kriege, die Medizinalstatistik mit ihrer Konstatierung der 
Seuchen-Einschleppung durch Gefangene und zurückkehrende 
Krieger — sie geben den Beweis für den sittlichen und körperli- 
chen « Aufschwung », den wir angeblich — nach der Theorie 
unserer alldeutschen Generale — den Kriegen zu verdanken 
haben. 



Das Verbrechea II 



338 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

c. 

Houston Stewart Chamberlain. 

Deutschland — «einziger Friedenshort»! 

Was die Kriegsschwärmer und Kriegshetzer für Deutschland 
bedeuteten, — welche umfangreiche und mächtige Organisation 
in der Presse und im Vereinsleben ihnen zur Verfügung stand, — 
mit welcher Ausdauer und welchem unleugbaren Geschick sie 
diese Hülfsmittel ihren Kriegszwecken dienstbar machten, — wie 
sie, von hohen Protektoren begünstigt, immer kühner ihr Haupt 
erhoben, immer enger, durch ihre Komplicen am Hofe, in der 
Generalität und Admiralität, um den Kaiser und seine Regierung 
ihre Netze zogen, ■ — das wird nun, nach der I^ektüre der oben 
abgedruckten Auszüge, die nur Stichproben aus der überreichen 
Chauvinisten-Iviteratur geben konnten, auch dem ungläubigsten 
Leser einleuchtend geworden sein. Er wird daher den richtigen 
Masstab finden, wenn er folgende Sätze Chamber lains liest : 

Und nun, nach der erlogenen Tatsache des kriegwollenden Deutschland 
die wahre Tatsache : Deutschland als einziger Friedenshort. Hierüber mag 
das Zeugnis eines Ausländers einigen Wert besitzen. Seit 45 Jahren ver- 
kehre ich vorwiegend mit Detitschen, seit 30 Jahren lebe ich ständig in deut- 
schen Landen ; die Liebe zu deutscher Art, deutschem Denken, deutscher 
Wissenschaft, deutscher Kunst schärfte mir das Auge, ohne mich blind zu 

machen ; mein Urteil blieb völlig objektiv Und mein Zeugnis lautet 

dahin : in ganz Deutschland hat in den letzten 43 Jahren nicht ein einziger 
Mann gelebt, der Krieg gewollt hätte, nicht einer. W^er das Gegenteil behauptet, 
lügt — sei es wissentlich, sei es unwissentlich. 

Mir wurde das Glück zuteil, Deutsche aus allen Gauen und aus allen 
Ständen gründlich genau kennen zu lernen, von des Kaisers Majestät an 

bis zu braven Handwerkern, mit denen ich tagtäglich zu tun hatte 

niemals habe ich einen Kriegslustigen oder genauer gesprochen einen Kriegs- 
lüsternen angetroffen. (« Kriegsaufsätze », S. 1 1 ff.) 

Ebenda (S. 76) heisst es : 

Drei grosse Nationen rüsten seit Jahren und bilden eine verbrecherische 
Verschwörung, Deutschland — das friedfertige, arbeitsame. Niemanden be- 
drohende — zu überfallen und zu vernichten ; es sind jetzt, dank einer gütigen 
Vorsehung, so viele geheime Dokumente ans Licht gekommen, dass kein 
ruhig urteilender Mensch mehr in Zweifel ziehen kann : die sogenannte 
« Einkreisimgspolitik » bedeutete einfach ein teuflisches Attentat, einen 
in allen Kinzelheiten ausgearbeiteten Raub- und Mordzug gegen den unbe- 
quemen Konkurrenten. 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 339 

Chamberlain, Neue Kriegsauf Sätze (S. 7) : 

Die in Deutschland herrschende Grundstinunung war unerschütterliche 
Friedensliebe, aufrichtige Freundschaft für England, lebhafter Wunsch, mit 
Frankreich in offenen, guten Beziehvingen zu leben. Es lässt sich unwider- 
leglich nachweisen, dass diese Gefühle alle vSchichten der ganzen Nation 
beseelten, so dass bis zum letzten Augenblick kein Mensch an die Möglich- 
keit des Krieges glauben v/oUte. 

Ebenda (S. i6) : 

Schon seit Jahren ist die Vernichtung des unter Preussens Führung 
stehenden Deutschen Reiches der eingestandene oder uneingestandene Wvmscli 
und die immer fester werdende Absicht aller politisierenden Engländer — 
und jeder gebildete Engländer politisiert von früh bis abend. 

Solche und ähnliche Kraftaussprüche finden sich in den Cham- 
berlainschen Schriften, die — charakteristischer Weise — von 
der ganzen deutschen Kriegsliteratur die bei weitem grösste Ver- 
breitung gefunden haben und in vielen Hunderttausenden von 
Exemplaren abgesetzt worden sind, — solche Kraftaussprüche, 
deren gewagter Inhalt stets im umgekehrten Verhältnis zu der 
Sicherheit der Ausdrucksform steht, finden sich bei diesem deutsch- 
chauvinistischen Engländer auf Schritt und Tritt. Die Beweis- 
führungen sind aber noch erstaunlicher als die Behauptungen 
selbst. Mit Vorliebe wählt der Verfasser der « Grundlagen des 
neunzehnten Jahrhunderts » als Grundlagen seiner Thesen das, 
was er « Belege aus dem alltäglichen Leben » nennt : Gespräche, 
angebliche Briefe von Privatpersonen, persönliche Beobachtungen 
in Frankreich und England etc. — kurz, lauter unkontrollierbare 
Beweismittel, aus denen dieser tiefgründige Geschichtsforscher 
volkspsychologische Grundstimmungen, Rasseneigentümlichkeiten 
und — in kühnem Sprunge — schliesslich Regierungsabsichten 
herleitet. 

Es ist unmöglich im Rahmen dieser Arbeit, alle die ungeheuer- 
lichen Behauptungen Chamberlains über englische und franzö- 
sische Vernichtungsabsichten gegen Deutschland anzuführen und 
die Art seiner Beweisführung so, wie sie es verdient, zu beleuchten. 
Die obige Versicherung, dass jeder gebildete Engländer von früh 
bis abend von der fixen Idee verfolgt werde, « Germaniam esse 
delendam », wird z. B. belegt durch — sage und schreibe, ich 
habe genau gelesen und gezählt — durch die Briefe von vier 
Damen, einem Gastwirt und einem «Kunstmäzen», — alles angeb- 
liche Korrespondenten Chamberlains, die für ihn « die allgemeine 
Seelenstimmung der Engländer verblüffend einfach und haar- 
sträubend zynisch » wiedergeben, — jene Seelenstimnmng, die 



340 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

da lautet : « we must cripple Germany we must throttle Ger- 

many ». Die vier korrespondierenden Damen sowie der Kunst- 
mäzen sind Deutsche, die ihre Beobachtungen in England ge- 
macht haben. Der Gastwirt aber, dessen Zeugnis für den Verfasser 
der Kriegsaufsätze « von besonderem Werte » ist, ist ein Schweizer, 
« dessen Haus europäischen Ruf geniesst » und der in der Halle 
seines Hotels Gespräche von Engländern und Engländerinnen 
belauschen konnte, die er brühwarm, als freiwilliger Spitzel, 
Herrn Chamberlain nach Deutschland berichtet. Er bezeugt, 
« dass er niemals einem einzigen auf Krieg lüsternen Deutschen 
begegnet sei, dass er dagegen seit zehn Jahren und mehr alle 
Engländer und auch alle Engländerinnen Tag für Tag in der 
Halle seines Gasthauses von der Notw^endigkeit und Unabweis- 
barkeit eines Krieges Englands gegen Deutschland reden hörte, 
der zur vollkommenen Vernichtung des Deutschen Reiches führen 
müsse 1. » 

Damit und mit den vier Damen- und dem einen Herrenbrief 
ist nun unwiderleglich bewiesen, dass Deutschland an dem Welt- 
kriege von 1914 unschuldig, dass England in Verbindung mit 
seinen Ententegenossen der Brandstifter ist. Was wollen alle 
diplomatischen Bücher diesen erdrückenden Privatzeugnissen 
gegenüber besagen ? « Ist eine solche Grundstimmung und die aus 
ihr mit mathematischer Notwendigkeit erwachsende Folge nicht 
ungleich interessanter als ein Blaubuch ? » — ruft Herr Chamber- 
lain triumphierend aus, am Schlüsse seiner Beweisführung. Die 
englische Grundstimmung ist für ihn : Anwendung der rohen 
Gewalt, « Zertreten, Vernichten, Verkrüppeln, Erdrosseln ». Ist 
der Engländer allein hierzu nicht stark genug, so ruft er andere 
Völker zu Hilfe : « die Russen, die Franzosen, die Serben, die 
Portugiesen, die Kanadier, Afrikaner und Australier, die Neger, 
die Araber, die Hindus, die Japaner, und hetzt sie alle auf den 
gefürchteten Deutschen", » Beweis : vier Damen, ein Kunst- 
mäzen und ein Gastwirt ! So ist die Kette geschlossen, nüt der 
England an den Schandpfahl der Weltgeschichte von seinem 
eigenen Sohne festgebunden wird. 



Man glaube nicht, dass ich böswillig ein einzelnes Beispiel 
herausgegriffen habe. Man lese die sämtlichen Kriegsauf sätze 
Chamberlains durch und überall wird man derselben Art der 
Beweisführung begegnen. Er übertrifft darin sogar noch den 

' Neue Kriegsauf Sätze, S. 18. 
- Ebenda, S. 20. 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 34I 

scheinbar unübertrefflichen Schiemann. Dieser arbeitet wenig- 
stens mit gedruckten Zetteln, deren Existenz man kontrollieren 
kann, so willkürlich und einseitig sie auch ausgesucht sein mögen. 
Chamberlain aber arbeitet vorzugsweise mit Briefen, Gesprächen 
und eigenen Beobachtungen, die sich jeder Kontrolle entziehen, 
deren Vorhandensein man ihm aufs Wort glauben soll, und die, 
selbst wenn sie existierten, nicht das Geringste zur Sache beweisen 
würden. In den trüben Gewässern dieser unkontrollierbaren 
Anekdoten und Anekdötchen tummelt sich der wortgewandte 
Deutsch- Engländer vergnügt herum, wie ein munteres Fischlein : 
er weiss, dass er bei der Undurchsichtigkeit des Tümpels nie ge- 
fangen und gefasst werden kann. Das klare Wasser der dokumen- 
tarischen Beweise vermeidet er geflissentlich. Da lässt er den 
Helfferich und Helmolt das Wort, jenen unanfechtbaren Quellen- 
forschern, die « mit deutscher Gründlichkeit und Unparteilich- 
keit das schon heute schwer zu übersehende Material » gesichtet 
und gewertet haben. Beim Kombinieren, Imputieren, Konstruie- 
ren, da ist der Allerweltsmann Chamberlain — dem von Christus 
bis Richard Wagner nichts Menschliches fremd geblieben und der 
über Göthe ebenso unsachverständig ^vie über Kant zu schreiben 
weiss — , da ist Herr Chamberlain an seinem Platze, da fühlt er 
sich in seinem Element. Wenn es aber heisst : studieren, eruieren, 
dokumentieren, die tatsächlichen Vorgänge an der Hand authen- 
tischer Schriftstücke feststellen und klarlegen, da « passt » Herr 
Chamberlain, da zieht er sich hinter die von anderen errichteten 
Schutzwehren zurück und überlässt diesen die Verteidigung. 

Wer hat den Krieg verschuldet? 

Die Frage der Schuld an dem Kriege ist auch ihm — wie ich 
schon an früherer Stelle hervorgehoben habe — « eine heiligernste 
Frage ». « Es ist durchaus nötig, dass jeder denkende Mensch hier- 
über ausführliche entscheidende Klarheit besitze ; Phrasen mögen 
anderswo genügen, in Deutschland genügen sie nicht ». Er schreibt 
sogar einen Aufsatz : « Wer hat den Krieg verschuldet ? », aber er 
hütet sich wohlweislich — wie auch Schiemann — auf die Frage 
der unmittelbaren Herbeiführung des Krieges, die er den « innersten 
Kreis » nennt, nüt der gebotenen Gründlichkeit einzugehen. Das 
überlässt er vertrauensvoll anderen. Die wenigen Punkte aus dem 
« innersten Kreis », die er behandelt, habe ich schon an anderer 
Stelle erwähnt und seine Behandlimgsart gebührend gewürdigt. 
Sein bevorzugtes Forschimgsgebiet sind der « äussere » und der 
« mittlere Kreis » der Kriegsursachen, das heisst die Vorgänge 
aus der näheren und entfernteren Vorgeschichte des Krieges, die 



342 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

man, wenn man sich nicht — wie der Ankläger — auf authentische 
Dokumente stützt, ganz nach Belieben gruppieren und zu tenden- 
ziösen Schlussfolgerungen verwenden kann. 

Was in dieser letzteren Beziehung alles möglich ist, dafür nur 
einige Beispiele aus dem <( äusseren Kreis ». Für Chamberlain ist 
bekanntlich — zum Unterschied von Helfferich — nicht Russland, 

sondern Frankreich « der älteste, hartnäckigste Sünder » 

« Frankreich wollte den Krieg und Frankreich bereitete den 
Krieg — seit Jahren. » Frankreich hat die anderen beiden Misse- 
täter angestiftet, sie für seine Revanchezwecke gewonnen : 

Eine Tatsache, so sicher wie dass die Sonne am. Himmel steht, ist es, 
dass die politisch massgebenden Kreise in Frankreich, in Russland und in 
England seit Jahren den Krieg gegen Deutschland planten und vorbereiteten. 
{Neue Kriegsauf Sätze, S. 38.) 

In diesem Ton und in dieser apodiktischen Art, unbewiesene 
Behauptungen zum Ausgangspunkt aller Erörterungen zu machen, 
anstatt sie, wie die IvOgik erfordert, an den Schluss einer Beweis- 
führung zu setzen, — so geht es durch das ganze Chamberlainsche 
Gewäsch über den « äusseren » und « mittleren Kreis » weiter, 
ohne Grazie, aber in infinitum. 

Die englische Politik, diese « Räuberpolitik » wird aus dem 
englischen Volkscharakter erklärt : 

Diese Politik ergibt sich mit Notwendigkeit aus der Einstellung des 
gesamten I^ebens auf brutalen Gelderwerb, unter Preisgabe des Landbaus 
und unter Verzichtleistung auf alle höhere Bildung und alles ideale Streben, 
zugleich imter Verzichtleistung auf alle und jede Sittlichkeit und Mensch- 
lichkeit, sobald die Interessen des Geldbeutels in Frage kommen. (Ebenda 
S. 53-) 

Das sagt ein Engländer vom englischen Volke, das zu allen 
Zeiten — und nicht am wenigsten im letzten Jahrhundert — auf 
allen Gebieten menschlichen Schaffens, in der Literatur, in den 
Naturwissenschaften, in der Technik, in der Philosophie, bahn- 
brechende Geister hervorgebracht hat, das in der Entwicklung 
konstitutioneller Ordnung und Freiheit das Vorbild für alle an- 
deren Länder Europas geworden ist. 

Aehnliche Urteile über das englische Volk finden sich auf 
Schritt und Tritt in den Chamberlainschen Kriegsschriften. Was 
würden die deutschen Patrioten von dem Ankläger gesagt haben, 
wenn er auch nur ein Wort dieser Art über das deutsche Volk 
hätte fallen lassen ? Was haben sie von ihm gesagt ? Wie haben 
sie ihn bescliimpft und verleumdet, nur weil er es gewagt hat, sein 
Volk gegen die Lügner und Verführer aufzurütteln, die die ange- 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 343 

borene Gutgläubigkeit des Deutschen zu diesem unsagbaren Be- 
freiungssch^vindel ausgebeutet haben. Der Ankläger an den 
Schandpfahl ! Herr Chamberlain aber, der nicht nur die Regierung 
seines Geburtslandes, der auch sein eigenes Volk in unflätigster 
Weise, niass- und grenzenlos, beschimpft und verleumdet, — er 
darf sich in Deutschland der besonderen kaiserlichen Gnade 
erfreuen und\\ird, als englischer Retter des deutschen Vaterlandes, 

mit Ehren und Auszeichnungen überschüttet 

England \\ill Deutschlands Untergang, « weil es die unver- 
gleichliche Tüchtigkeit Deutschlands erkennt : Handelsneid, 
Geldneid, Waffenneid, Wissenschaftsneid, Geistesneid, Bruder- 
neid ». Aber der neidische Friedensstörer wird schon seinen Lohn 
erhalten : « Gott gebe demjenigen den Sieg » — betet Chamberlain 
— « der einzig den Frieden gewollt hat. Gott bestätige es, dass, wer 
den Frieden am besten will, den Krieg avi besten kann ! i> Mit diesem 
frommen Augenaufschlag, der nur eine Variante des blasphe- 
mischen Preussensatzes darstellt, dass Gott stets mit den stärk- 
sten Bataülonen sei, ^ damit schliesst pathetisch die Schuldunter- 
suchung Chamberlains. 

Chamberlain als 
Geschichtsforscher. 

Wie dieser Anekdotensammler mit den wenigen historischen 
Tatsachen umspringt, die er überhaupt einer Erwähnung für 
wert hält, kann man sich denken : 

Jules Jaures, den Hess die Regierung durch einen gedungenen Mörder 
gleich zu Beginn des Krieges erschiessen, denn er war der einzige Franzose, 
der den Mut besass, zu sagen, was viele Tausende denken. (Neue Kriegs- 
aufsätze, S. 40.) 

Zunächst, Herr Chamberlain, mit Verlaub : Jaures hörte nicht 
auf den Namen Jules, sondern nannte sich Jean — ebenso wie der 
bekannte französische Dichter Rostand nicht Camille, wie Sie 
ihn auf Seite 11 benamsen, sondern Edmond heisst. Wenn Sie 
auch sonst alle Tatsachen nach Ihrem Belieben fälschen und um- 
modeln, dass Sie sich wenigstens die Mühe nehmen, die Namen 
europäischer Persönlichkeiten richtig zu schreiben, ist wohl das 
mindeste, was man von Ihnen verlangen kann. Also den « Jules ^^ 
Jaures Hess die französische Regierung ermorden ? Das wissen Sie. 
Woher ? Ich habe an anderer Stelle nachgewiesen, was übrigens 
keinem Kundigen unbekannt war, dass Jaures von Beginn der 
Krise bis zu seinem Tode im Einverständnis mit der französischen 
Regierung an der friedlichen Beilegung des Konflikts gearbeitet 



344 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

und nicht nur den verantwortlichen Ministern, sondern sogar dem 
Präsidenten der Republik die entscheidenden Schritte zur Frie- 
denserhaltung suggeriert hat. Wir wissen, welchen betäubenden 
Schlag Jaures' Tod am 31. Juli abends — an demselben Abend, an 
dem das deutsche Ultimatum in Paris gestellt wurde, — den 
Ministern und dem Präsidenten der Republik versetzt hat, wie sie 
in dem Ermordeten den unersetzlichen Verlust des stärksten 
Friedenshelfers betrauerten, — welchen ergreifenden Nachruf der 
Ministerpräsident Viviani und seine Kollegen dem so jäh dahin- 
gegangenen Volksfreunde widmeten, — wie die Jaures'sche 
Friedensarbeit auch nach seinem Tode von seinen Genossen — in 
voller Harmonie mit der Regierung, aber leider erfolglos — fort- 
gesetzt wurde. Das alles wissen wir. Wir wissen auch — oder 
können wenigstens vermuten — , aus w^elchem Lager der halb- 
verrückte Meuchelmörder stammte, der auf den sozialistischen 
Patrioten — nicht zu verwechseln mit unseren Sozialpatrioten — 
die tötlichen Schüsse abgab. Aus dem Lager jener Royalisten und 
Reaktionäre stammte er, die in Frankreich, wie auch in Deutsch- 
land, wie überall in der Welt, die Kerntruppe der Kriegshetzer 
bilden, weil sie an dem lodernden Völkerbrande ihr eigenes Süpp- 
chen zu kochen hoffen. Die Wahrheit wird der Prozess enthüllen. 
Herr Chamberlain aber kennt sie schon heute, schon praenume- 
rando : die französische Regierung hat « Jules » Jaures ermordet. 
Der Weise von Bayreuth sagt es und — damit basta. 



Reizend ist es, wie dieser gewissenhafte Geschichtsforscher an 
der einen Stelle eine unbewiesene Behauptung aufstellt und an der 
anderen Stelle sich selbst zum Beweise dieser Behauptung zitiert : 

Die Staatsmänner Englands bereiten mit mierbittlicher Folgerichtigkeit 
seit Jahren diesen Krieg vor, und in allen Kreisen, die den leitenden irgend- 
wie nahestehen, war schon lange von dem unausbleiblichen Vernichttings- 
kampf gegen Deutschland die Rede. Siehe meinen Aufsatz « Grundstimmun- 
gen. » {Neue Kriegsauf Sätze, S. 55.) 

Wir schlagen die « Grundstimmungen » nach, in der Hoffnung, 
nun endlich einmal einen Beweis für die Ueberfallsabsichten 
Englands zu finden. Und was tritt uns entgegen ? Vier Damen, 
ein Gastwirt und ein Kimstmäzen — dieselben Kronzeugen, die 
uns schon früher zur Ueberführung des perfiden Albion vor- 
gestellt wurden ! — 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHI.AND 345 



Russlands Nachgiebig- 
keit — "Detailfiage! 

Interessant und sehr bezeichnend ist folgender Satz : 

Ob im Juli 1914 ein Berchtold vielleicht ungeschickt und ein Sazonow 
vielleicht zur Nachgiebigkeit geneigt war, das und alles ähnliche sind Detail- 
fragen, die unseren « inneren Kreis » betreffen, in keiner Weise aber die 
grosse' mittlere Tatsache der Unvenneidlichkeit des Krieges berühren. {Neue 
Kriegsauf Sätze, S. 60.) 

Hier haben wir das ganze System der Verteidigung Deutsch- 
lands gegen die Schuldanklage in nuce vor uns : Alles, was in den 
Tagen vom 23. Juli bis zum i. August von selten Oesterreichs an 
« Ungeschicklichkeiten » (ein mildes Wort für den krassesten 
Verbrecheregoismus, der je in die Völkergeschichte eingegriffen 
hat !), von selten Russlands an « Nachgiebigkeit », das heisst also 
an Betätigung des Friedenswillens geschehen ist, das sind Detail- 
fragen, die uns nicht berühren. Der Krieg war unvermeidlich — die 
bekannte seit Jahren totgerittene Phrase der Alldeutschen ! Es 
kommt daher nicht darauf an, ob Russland bestrebt war, ihn zu 
verhindern, und ob Oesterreich durch seine « Ungeschicklichkei- 
ten » ihn herbeigeführt hat. Auch hier wieder die scheue, schuld- 
bewusste Umgehung der dokumentarischen Beweisführung des 
« inneren Kreises », statt dessen das Herumplanschen in dem 
Schmutzbassin des « mittleren » und « äusseren Kreises », wo man 
ganz nach Belieben alles Passende herausfischen und alles Un- 
bequeme am Boden liegen lassen kann. 

Auch Chamberlain merkt natürlich nicht, dass er mit Sätzen 
wie den obigen die These des Verteidigungskrieges eliminiert und 
sich — wider Willen — zum Präventionskrieg bekennt. Wenn 
Russland wirklich, wie Chamberlain an anderer Stelle noch 
deutlicher hervorhebt, « vom Beginn an und im ganzen Verlauf 
der folgenden Tage einen wirklichen Wunsch nach Frieden, eine 
Hoffnung auf Frieden » kundgegeben hat, — wenn « Sazonow — 
mögen seine Gründe gewesen sein, w^elche sie wollen — auf- 
richtig gern den Krieg vermieden hätte ^ », weshalb hat Deutsch- 
land dann an Russland den Krieg erklärt ? Weshalb hat die Berliner 
Regierung den wiederaufgenommenen Verhandlungen zwischen 
Wien und Petersburg nicht ihren ruhigen I^auf gelassen ? Weshalb 
hat Berlin alle russischen und englischen Einigungsvorschläge 
entweder abgelehnt oder ignoriert ? Weshalb ist das deutsche Volk 

' Siehe Neue Kriegsaufsätze, S. 75. 



346 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

in den Irrglauben versetzt worden, dass die Tataren und Kosaken 
bereits über die Ostgrenze eingebrochen seien, um Deutschland 
slavisch zu machen oder — wie die bekannte Formel lautete — 
durchs Brandenburger Tor nach Konstantinopel zu marschieren ? 

Russlands Nachgiebigkeit im entscheidenden Moment — eine 
Detailfrage ! Nein, Mister Chamberlain, das ist die wichtigste 
Frage von allen, das ist der Angelpunkt, um den sich der Wirbel 
von Anklagen und Gegenanklagen dreht, mit dem alle Schuld- 
bezichtigungen gegen die Ententemächte, alle Helfferichschen 
Brandstiftungs-Theorien stehen oder fallen. Wenn die russische 
Regierung den Frieden zu erhalten wünschte, so hat sie die 
französische nicht zum Komplicen eines kriegerischen Ueberfalls 
herangezogen und die französische Regierung ihrerseits hat sich 
nicht des militärischen Beistandes Englands zur Vernichtung 
Deutschlands versichert. Die ganze Konstruktion Helfferichs und 
seiner Nachbeter, zu deren eifrigsten Chamberlain gehört, fällt damit 
schmählich zusammen. 

Und doch beruft sich der Schüler Chamberlain auf den Meister 
Helfferich für die Beweisführung im <( inneren Kreise ». Wie reimt 
sich das zusammen ? — frage ich auf gut Hochdeutsch den eng- 
lischen Teutonen, der diese selbe Frage — im Praterdialekt ! — 
bei einer anderen Gelegenheit beständig wiederholt, an der Stelle 
nämlich, wo er die Unstimmigkeit der grossartigen Greyschen 
Friedenskundgebung vom 30. Juli mit den angeblichen Kriegs- 
absichten Englands erörtert. Im Schweisse seines Angesichts 
versucht Herr Chamberlain, die ihm höchst unbequeme Nr. loi 
des Blaubuches aus der Welt zu schaffen, — jene berühmte 
Greysche Note, die sich in der Tat mit dem behaupteten Ueber- 
fallskomplott recht schlecht zusammenreimt : die verschieden- 
artigsten Dokumente fischt er aus den diplomatischen Büchern 
heraus, wirft und quirlt sie durcheinander, dass es nur so eine lyust 
ist, zitiert sie teils unvollständig, teils falsch, — und siehe da, am 
Ende, nach seitenlangem Schieben, Drehen und Modeln hat er 
richtig den gewünschten Zusammenklang — reim' dich oder ich 
fress' dich ! — gefunden : Die Friedensnote ist ein Schwindel — 
« das Ganze ist Mystifikation ». 

Auf diesen Geschichts-Mischmasch hier näher einzugehen, 
kann ich mir ersparen. Die streng aktenmässige, bis in alle Einzel- 
heiten fortgesetzte Führung des Schuldbeweises in J'accuse und 
im ersten Bande dieses Werkes enthebt mich der Notwendigkeit, 
die tendenziösen Oberflächlichkeiten eines solchen Geschichts- 
oder vielmehr Geschichtenerzählers noch besonders zu widerlegen. 
Ich begnüge mich, nachstehend eine Stichprobe zu geben, welche 
die Art der Beweisführung dieses meist-gelesenen und höchst- 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 347 

bewerteten Kriegsschriftstellers Deutschlands (dessen Schriften 
in allen Ländern und Sprachen, sogar in den Schützengräben in 
besonderer Aufmachung von der deutschen Propaganda verbreitet 
werden) kennzeichnen solP : 

In keiner Depesche (Englands) wird man ein Wort des Tadels über die 
schauderhafte Mordtat in Serajevo finden — das ist ein allerbezeichnendstes 
Symptom ! Die Serben heissen für die Engländer nur das « wackere Volk >., 
« das Heldenvölklein u. s. w. » {Neue Kriegsauf sätze, S. 69.) 

Das ist gröbste Fälschung. Das englische Blaubuch ist voll von 
Versicherungen Greys und seiner Botschafter, welche die österrei- 
chische Forderung nach Genugtuung für den Fürstenmord und 
nach Sicherung gegen ähnliche Ereignisse für vollberechtigt 
erklären ; diesen Standpunkt vertreten die englischen Diplomaten 
auch sofort der serbischen Regierung gegenüber, sie ermahnen 
diese zur weitgehendsten Nachgiebigkeit und sagen die tat- 
kräftige Unterstützung der österreichischen Forderungen auf der 
von Grey vorgeschlagenen Konferenz in bündigster Weise zu. 
Gleiche Erklärungen wurden von der russischen und französischen 
Regierung wiederholt in bestimmtester Form abgegeben. Selbst 
das österreichische Rotbuch muss diese Tatsache konstatieren -. 
Nirgends habe ich eine englische Depesche gefunden, in der die 
Serben als « wackeres Volk », als « Heldenvölklein » oder ähnlich 
bezeichnet worden wären. Die einzige berechtigte Reserve, die 
Grey — und ebenso Sazonow — den österreichischen Ansprüchen 
gegenüber machten, — war, dass das serbische Territorium 
sowie die Souveränität und Unabhängigkeit dieses Staates 
erhalten bleiben müssten. Gewisse Forderungen des Ultimatums, 
besonders Art. 5 und 6, griffen nach der Meinung der Entente- 
Mächte in die Souveränitätsrechte eines unabhängigen Staates ein. 
Ueber diese Forderungen sollte, wie schon Serbien vorgeschlagen 
hatte, auf einer Konferenz der Mächte oder vor dem Haager 
Schiedshöfe verhandelt werden. Unter allen Umständen sollte 
eine Lösung angebahnt werden, die den Ausbruch eines euro- 
päischen Krieges, um dieser serbisch-österreichischen Bagatell- 
fragen willen, verhinderte. Diesen staatsmännischen, menschen- 
und friedensfreundlichen Standpunkt der Entente- Regierungen 
und ihrer Völker nennt Chamberlain : die « fast stumme Hin- 
nahme des Ungeheuerlichen ». 

Mit solchen und ähnlichen Argumenten gelangt der deutsch- 

1 Andere Proben Chamberlainscher Geschichtschreibung habe ich in Band I, 
S. 221 ff. dieses Werkes gegeben. 

-' Siehe «J'accuse», S. 292, ferner Blaubuch Nr. 5, 12 ; Orangebuch Nr. 4, 
40, 42, 43 ; Rotbuch Nr. 41, 47, 50. 



34^ VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

englische Geschichtsforscher — immer von der These der eng- 
lischen Kriegsabsichten ausgehend — zu dem Schluss : der 
Greysche Friedensvorschlag vom 30. Juli ist entweder « nach- 
trägliche Erfindung » oder « ein machiavellistischer Versuch 
tückischer Lügendiplomatie », in keinem Falle ist er ernst gemeint. 
Viel Mühe und Gehirnschmalz hätte sich Herr Chamberlain er- 
spart, wenn er umgekehrt von der Echtheit und Aufrichtigkeit 
der Greyschen Friedensaktion — im Sommer 19 14 — ausge- 
gangen wäre, die jedem unbefangenen Beurteiler aus allen Worten 
und Handlungen des englischen Ministers entgegenleuchtet, und 
wenn er dann, von diesem Standpunkt aus, das angebliche kriege- 
rische Vorspiel Grossbritanniens aus den vorangegangenen 
Jahren kritisch geprüft hätte : er würde bald dahintergekommen 
sein, dass nicht die Friedensaktion der Gegenwart, sondern die 
Kriegsaktion der Vergangenheit alldeutsche Erfindung und Mys- 
tifikation sei. Denn darin hat Herr Chamberlain ganz recht : 
Vorspiel und Hauptaktion passen nicht zusammen. Das eine 
oder das andere muss erfunden sein. Da nun aber die Haupt- 
aktion vom 23. Juli bis zum 4. August aktenmässig durch alle 
diplomatischen Bücher und durch das eigene Zeugnis der deut- 
schen Regierung (an vielen Stellen des V/eissbuches) bewiesen 
ist, so kann der Trug nur in dem Vorspiel stecken, für das kei- 
nerlei Beweise, nur vage Vermutungen, willkürliche Kombina- 
tionen und Bezichtigungen vorliegen. An dieses angebliche 
Vorspiel müsste jeder ernsthaft die Wahrheit erstrebende For- 
scher die kritische Sonde anlegen : er würde finden, dass England 
niemals Kriegsabsichten gegen Deutschland gehabt, niemals An- 
griffskomplotte geschmiedet oder gefördert hat, dass also die Grey- 
sche Friedensaktion in den kritischen Tagen sich überall mit dem 
früheren Verhalten der englischen Regierung zusammenreimt. 
Nicht zusammenreimen aber lässt sich die Helfferichsche 
These « Russland als Brandstifter » mit der Chamberlainschen 
« Russland als Friedenserhalter. » Die eine schlägt die andere 
tot. Mögen die Chamberlain und Helfferich sich hierüber ausein- 
andersetzen ! 

Chamberlain über das deutsche 
und das englische Volk. 

lieber die Behandlung oder vielmehr Misshandlung des 
österreichisch-serbischen Notenwechsels durch Herrn Chamber- 
lain habe ich schon an anderer Stelle (Band I, S. 207 flgd.) gespro- 
chen. Bücher müsste man schreiben, wenn man alle bewussten 
und unbewussten ♦ Irrtümer * dieses englisch-deutschen « Pa- 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 349 

trioten » festnageln, wenn man sein schrankenloses Geschimpfe 
nicht bloss auf die fremden Regierungen, sondern auch auf die 
fremden Völker, sein widerHches Lobhudeln der deutschen Frei- 
heit, der deutschen Intelligenz, der deutschen Sprache, der 
deutschen Tüchtigkeit u. s. w. gebührend kennzeichnen wollte. 
Ueber das englische und deutsche Volk sagt dieser geborene 
Engländer zum Beispiel : 

Hand in Hand mit diesem Sportidiotismus in England geht eine völlige 
Missachttmg, ja eine verachtende Geringschätzung aller geistigen Güter 

Jeder höher gebildete Mensch ist in England verdächtig ; man achtet 
ihn erst von dem Augenblick ab, wo seine geistige Tätigkeit tüchtig Geld 
einbringt ; sonst gilt er als Narr 

Ich weiss nicht, ob die heutigen Engländer Martin Luther für einen 
freien Mann halten ; die überwiegende Mehrzahl, auch imter den soge- 
nannten Gebildeten, weiss dort, fürchte ich, ebenso wenig von ihm wie ihr 
König von Göthe, wahrscheinlich kaum mehr als den Namen 

Eine undeutsche Freiheit ist keine Freiheit Diese deutsche Freiheit ist 

ein durchaus originales Erzeugnis Zum ersten Male in der Geschichte 

der Welt wird die Freiheit als umfassende, dauernde Erscheinung überhaupt 

möglich Das Weiterfortbestehen mid die Weiterentwicklung der Freiheit 

auf Erden ist an den Sieg der deutschen Waffen geknüpft 

W^elche Freiheit das arme, verratene und verlotterte Frankreich uns ver- 
heissen könnte, das Land der politischen Korruption, der hohlen Phrasen, 
das bedarf ebenso wenig Auseinanderlegungen ; England aber versteht 
imter Freiheit nvir Faustrecht, imd zwar Faustrecht für sich allein ; man 
wird aus seinem imgeheuren Kolonialreich nicht einen einzigen Funken 
geistigen Lebens aufweisen können : Alles nur Viehhalter, Sklavenhalter. 
Warenauf Stapler, Bergwerkausbeuter, und allerorten die Herrschaft jener 
unbedingten Willkür und Brutalität, die überall auftritt, wo nicht Kultur 
des Geistes sie dauernd abwehrt 

Alle diese hahnebüchenen Aussprüche und noch viele ähn- 
liche sind in einem einzigen Aufsatz von neun Seiten «Deutsche 
Freiheit » (im ersten Heft der « Kriegsauf sätze ») enthalten. Man 
kann sich denken, was ein solcher Schriftsteller auf den meh- 
reren hundert Seiten seiner gesammelten Aufsätze zustande bringt. 

Hören wir noch einiges aus dem Aufsatz : « Die deutsche 
Sprache » (« Kriegsauf sätze », S. 24) : 

Denn Deutschland allein unter allen Nationen wahrt heute noch ein leben- 
diges, entwickelungsfähiges Heiliges ; unausdenkbar ist es, wie Alles, was 
von Gott kommt Unter lebenden Sprachen steht fraglos die deutsche ein- 
zig da, in einer Majestät und einer Lebensfülle, die jeden Vergleich aus- 
schliessen 

Unter den Sprachen Europas ist die deutsche die einzige lebendige ^ Aus 

1 Anmerkung des Setzers : Ihr verzücktes Lob der deutschen Sprache, mein 
hochverehrter Herr Houston Stewart Chamberlain, erinnert mich an die Geschichte 
von jenem Oesterreicher, der in einer Unterhaltung mit Angehörigen anderer Na- 
tionen über den Wert der verschiedenen Sprachen die Behauptung vertrat : Schön 



350 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

dieser Tatsache folgt alles Andere Und auf diesem reichen Boden hat 

nun « der Geist sich offenbart » in einer solchen seit Jahrhiuiderten ununter- 
brochenen Fülle, dass auch der Inhalt der deutschen Sprache heute einzig 
dasteht 

Ein heute lebender Montaigne müsste stillschweigen oder deutsch 

lernen Die äussere Bastille konnte die französische Revolution vernichten, 

nicht aber die innere ; der Geist dieses Volkes ist auf immer eingekerkert 

Nicht aber ist es möglich, auf englisch tief und zart zu denken 

Die Folge ist aber, dass England von den höchsten Errungenschaften 
der letzten zwei Jahrhxxnderte wie abgeschnitten bleibt, indem es an dem 
bewussten und unbewussten geistigen Leben des führenden Deutschland 
nicht teüzunehmen vermag 

Daher nun die zwingende Notwendigkeit, dass die deutsche Sprache 

— nicht die englische — die Weltsprache werde Der moralische Verfall 

Englands hat sich seit dem Beginn des gegenwärtigen Krieges in erschrek- 
kendem Masse offenbart : Verlogenheit, Roheit, Gewalttätigkeit, Prahlerei, 
dabei Mangel an Haltung, Würde, Gerechtigkeitssinn, Mannhaftigkeit : 

es ist ein trauriger Anblick Man wird mit Entsetzen gewahren, welcher 

Verrohung v/ir entgegengehen — der endgültigen Verrohung des ganzen 
Menschengeschlechts. Deswegen niuss der Deutsche — und mit ihm das Deut- 
sche — siegen ; und hat er erst gesiegt — heute oder in hundert Jahren, das 
Muss bleibt das gleiche — so gibt es keine einzige Aufgabe, die so wichtig 
wäre, wie diese : die deutsche Sprache der Welt auizuzwingen. (Welch 
angenehme Aussicht, noch hundert Jahre Krieg zu führen, um die ganze 
Welt in die deutsche Sprachimiform zu stecken. Wer aber soll diese Sprache 
dann noch sprechen, wemi alle erschlagen sind ? !) 

Die Menschen müssen einsehen lernen, dass, wer nicht Deutsch kann, 
ein Paria ist. 

In dem Aufsatz « England » (ebenda S. 44) gibt der Eng- 
länder Chamberlain den deutschen Lesern erschreckende Schil- 
derungen über die Verrohung des ganzen englischen Volkes. Er 
schildert die Art der englischen Weihnachtsfeier, die natürlich 
grundverschieden von der in Deutschland sei, und schliesst mit 
dem empörten Ausruf : « So \\-ird heute die Geburt unseres 
Heilandes, Jesus Christus, in England gefeiert ! » Nach Anfüh- 
rung weiterer Beispiele konstatiert er : 

Diese Roheit hat nach und nach von vmten bis oben — wie das stets 
der Fall ist — fast die ganze Nation durchtränkt. Noch vor 50 Jahren 
galt es für einen Verstoss gegen die Standeswürde, wenn ein dem Adel 
Angehöriger sich an Industrie, Handel und Finanz beteiligte ; heute ist das 
Haupt des ältesten und grössten Hauses von Schottland, Schwager des 
Königs, Bankier / 

Man denke, v^^ie schrecklich ! Welche Verrohung, welche 
Dekadenz, wenn Adlige sich schon am Erwerbsleben beteiligen ! 

könnten die anderen Sprachen ja auch sein, aber richtig sei doch nur die österrei- 
chische : z. B. « Wasser » : der Franzose nenne es «eau», der Itaüener « aqua », der 
Engländer « water », der Oesterreicher sage : « Dos is a Wasser » — und e Wasser 
is es doch auch I 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 351 

Es bleibt nichts anderes übrig : England muss vernichtet werden ! 
Gott strafe England ! 

Dass ein so heruntergekommenes Land solchen Abschaum 
der Menschheit, wie Sir Edward Grey, hervorbringen konnte 
und musste, ist nicht zu verwundern : 

Seit Jahren führt er bei den Konferenzen zur Erhaltung des Friedens 
stets den Vorsitz — damit nur ja der beabsichtigte Krieg nicht ausbleibe ; 
seit Jahren sucht er (( Annäherung » zu Deutschland — damit die redlichen 
deutschen Staatsmärmer und Diplomaten nur ja die Absicht des festbe- 
schlossenen Vernichtungskrieges nicht merken Die ISIilitärkonvention mit 

Frankreich imd Belgien für den Einfall in Deutschland von Norden her hat 
Grey in der Tasche, alle Einzelheiten der Landimg, der Befördenmg u. s. w. 
stehen schwarz auf weiss — und dennoch weiss er die Dinge so einzurichten, 

dass Deutschland es ist, das, aus höchster Not die « Neutralität bricht » 

(Da haben wir's, jetzt sind wir endlich so weit : Nicht Deutschland ist der 
Urheber des Neutralitätsbruchs, sondern England !) 

Das ist das heutige politische England : Hehler, Heuchler, Lügner, 

Falschspieler Der Staat «England» ist morsch bis auf die Knochen ; 

man fasse nur fest zu Danmi musste ich, Engländer, den Mut haben, 

die Walirheit zu bezeugen. Uns alle kann einzig ein starkes, siegreiches, 
weises Deutschland erretten. 



Chamberlains Kriegsziele. 

In den « Neuen Kriegsaufsätzen » (S. 86 bis 102) gibt Cham- 
berlain auch seine Gedanken über die Kriegsziele zum besten 
und kommt selbstverständlich zu dem Resultat, dass der Frieden 
nur ein « Deutscher Frieden » sein könne. Dieser deutsche Frieden 
muss unter allen LTmständen erreicht werden, gleichviel ob mit 
diesem oder einer Reihe anderer Kriege : 

An eine Entscheidung ist nicht zu denken — schon darum allein nicht, 
weil Deutschland nicht reif wäre, sie in Empfang zu nelmien. Es kann eine 
Reihe von Kriegen erfordern, um Frankreich, England und Russland so 
weit zu bewältigen und um die Konstituierung von Europa, das Aufschliessen 
von Asien, die Besiedelung von Afrika, die Beherrschmig der Gelben und 
der Schwarzen so weit zu fördern, dass von einem « deutschen Frieden » 
in dem von mir gemeinten Sinne die Rede sein kann 

Der Deutsche tritt in ein Ringen ein, das auf Geschlechter hinaus die 
höchste Anspannung aller Kräfte erfordern wird : dazu muss er jetzt sich 

rüsten Was dieser Krieg uns ein für allemal gelehrt, ist, dass es einen 

Kampf gilt, einen Kampf auf Leben und Tod, imd zwar einen Kampf zwi- 
schen zwei Menschheitsidealen, dem deutschen und dem nndeiitschen Der 

Kampf wird geführt zwischen Roheit und Gesittung, zwischen Unbildung 
und Bildung, zwischen gemeinster Goldgier und einer Lebensauffassung, iu 

welcher Goldeswert nur dient und an sich gar kein Ansehen geriiesst 

Also : die eine Partei sät Tod, die andere Leben Denjenigen Staaten, die 

durch Zerstörung gross werden wollen, muss sich derjenige Staat — oder 
Staatenverband — entgegenstellen, der im Aufbauen sein Glück und sein 
Herrscherrecht finden will 



352 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Der leitende Grundsatz lautet : nur wer herrscht, kann Freiheit geben. 
Welche Freiheit hat das deutsche Lebensideal von Angelsachsen, Mosko- 
witern, Franzmännern und Mongolen zu erwarten ? Dahingegen, wenn das 
Deutsche Reich das vorherrschende ist, es im deutschen Wesen liegt, jedem 
seine Art zu lassen, weil der Deutsche begabt genug und gebildet genug ist, 
an jeder Art seine Freude zu finden, aus jeder zu lernen und sich innerlich 
zu bereichern 

Ich deute nur einige der tausend Wege an, die zum weltbeherrschenden 
« deutschen Frieden » führen.... 



«Entartete Söhne» 
des Vaterlandes. 

Mit dieser lieblichen Aussicht auf eine fernere Serie blutiger 
Kriege, bis zur endlichen Erlangung des « weit beherrschenden 
deutschen Friedens », — mit diesem Panegyrikus auf Deutsch- 
land, das « Leben » in die Welt bringt, während seine Gegner 
nur « Tod säen », — mit diesem unübertrefflichen Knalleffekt 
will ich meine Zitatensammlung aus Chamberlain schliessen. 
Ich glaube, dieser erfolgreichste aller deutschen Kriegsschrift- 
steller ist damit genügend gekennzeichnet. 

Nur eine Frage möchte ich am Schlüsse der Uebersicht über 
die trostlos-feldgraue Gedankenreihe, die ich dem Leser vorge- 
führt, noch stellen. Wenn alles das, was dieser Engländer gegen 
England sagt, — wenn das ein Beutscher, wenn das der Ankläger 
geschrieben hätte — ein Beutscher gegen das deutsche Volk ! — , 
was würde man niÄt ihm angefangen haben ? Hat man doch so 
schon den Ankläger moralisch gelyncht — und würde ihn kör- 
perlich gelyncht haben, wenn man ihn hätte fassen können, — 
weil er ein Buch geschrieben, das ihm von der Liebe zum deut- 
schen Volke, gleichzeitig allerdings vom Hasse gegen die Ver- 
führer und Verderber dieses von Hause aus braven, tüchtigen 
und friedliebenden Volkes diktiert war. Ben deutschen Volks- 
freund beschimpft man, den englischen Nestbeschmutzer aber, 
der ein ganzes, auf höchster Kulturstufe stehendes Volk als 
schlimmstes Beispiel moralischer Verrohung und geistiger Ver- 
blödung der Welt denunziert, ihn überhäuft man in Beutschland 
mit Auszeichnungen und Ehrenbezeugungen, wie man sie kaum 
einem anderen Schriftsteller zuteil werden lässt. x\uch in England 
bekämpft man die Kriegsgegner, die Shaw, die Macdonald, die 
Snowden, die Trevelyan, die Morel und wie sie sonst heissen 
mögen, — man bekämpft sie, aber man beschimpft sie nicht, man 
bedroht sie nicht, man verfolgt sie nicht. Sie dürfen reden, schrei- 
ben und agitieren, man macht sie nicht mundtot ; man zwingt 
sie nicht, sich durch Selbst-Exilierung die Freiheit ihrer Mei- 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 353 

nungsäusserung zu erkaufen. In Deutschland dagegen werden die 
sachlichen Gründe der Ankläger totgeschwiegen, statt dessen aber 
ihre Personen durch niederträchtige Verleumdungen diskreditiert. 
Die wenigen — leider nur allzu wenigen — Deutschen, die vom 
Auslande aus dasselbe zu tun wagen, was jene oppositionellen 
Engländer in ihrem Lande ungeschädigt und ungestraft tun dür- 
fen, sie werden als Landes Verräter gebrandmarkt, als schimpflich 
<( entartete Söhne des Vaterlandes » der allgemeinen \^erachtung 
preisgegeben. 

Sie werden sich darüber zu trösten wissen. Es hat auch sonst 
schon in der Geschichte solche entarteten Söhne gegeben, die sich 
später als die bestgearteten, als die Künder und Gründer einer 
neuen Zeit herausgestellt haben. Was war Christus anders in den 
Augen der Priester und Pharisäer als ein entarteter Sohn des 
Judentums ? Was Luther anders als ein entarteter Sohn der allein- 
seligmachenden Kirche ? Was Tolstoi anders als ein Abtrünnling 
und Exkommunizierter des Heiligen Synod ? Ist nicht Zola, der 
mutige Verkünder der Wahrheit im Drej^fuss-Prozess, als ent- 
arteter Sohn Frankreichs dem Wutgeschrei, den Beschimpfungen, 
ja den körperHchen Angriffen der aufgehetzten Pariser Volks- 
menge, den schmählichsten Verleumdungen und Begeiferungen 
der gesamten Patriotardenpresse ausgesetzt gewesen ? Sind nicht 
von jeher, bei allen Völkern und in allen Geschichtsepochen, die 
Verkünder des Neuen von den Vertretern des Alten als Abtrün- 
nige, als Verräter, als Gotteslästerer, als Hexenmeister und 
Ketzer denunziert, gekreuzigt und verbrannt worden ? Die ent- 
arteten Söhne Deutschlands befinden sich also in guter Gesell- 
schaft, sie werden in Ruhe die Stunde abwarten, da das verführte 
Volk denen, die es einst vom tarpejischen Felsen hinabgestürzt, 
Ehrentafeln im Kapitol errichten wird. 



D. 

Präventiv-Imperialisten. 

Hören wir weiter einige offene Bekenner des imperialistischen 
Präventionskrieges , die als solche — zum Unterschied von den 
Präventiv-Defensionisten — zwar nicht an einen beabsichtigten 
U eher fall seitens der Ententemächte glaubten (nur das \'olk 
suchten sie aus taktischen Gründen daran glauben zu machen), 
die aber der Politik der Ententemächte — fälschlicherweise — 
die Absicht einer systematischen Hemmung des welthistorischen 

Das Verbrechen II >J 



354 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Aufstiegs Deutschlands unterschoben und diesen schwarzen 
Einschnürungsplänen durch das Zerhauen des Zwangsnetzes 
mit dem Schwerte ein Ende bereiten wollten. 

Fast alle diese Anhänger und Bekenner des Präventions- 
krieges zu imperialistischen Zwecken sind gleichzeitig von dem 
Segen und der Notwendigkeit einer kriegerischen Aufraffung 
des deutschen Volkes überzeugt : für sie ist das gewerbs- und 
gewohnheitsmässige Morden und Brennen, das massenhafte 
Zerstören materieller und kultureller Güter, das Vernichten von 
ungezählten Millionen von Existenzen, das Anfachen aller bar- 
barisch-tierischen Instinkte, die leider noch immer im Menschen 
schlummern, ein notwendiges Zucht- und Erziehungsmittel der 
Völker, eine gesunde Abkehr von der im Frieden sich allzu 
breit machenden « Humanitätsduselei », von der Ueberschätzung 
des friedlichen Gedanken- und Güter-Austausches zwischen den 
Nationen, von dem schädlichen und entnervenden Einfluss des 
alle nationalen Grenzen überspringenden Kosmopolitismus. 

Das ist ja der merkw^ürdige Widerspruch in den Gedanken- 
gängen und Bestrebungen gerade der lautesten Führer Alldeutsch- 
lands : Auf der einen Seite proklamieren sie den Anspruch 
der Germanen auf die Herrschaft der Welt, auf der anderen 
Seite aber möchten sie ihr Vaterland beileibe nicht zu einer Kos- 
mopolis machen, möchten die deutsche Kultur- — die bei den mei- 
sten dieser Leute mit der preussischen identisch ist — um Gottes- 
willen nicht durch die französische, englische, russische, oder 
durch sonst eine Kultur in der Welt beeinflussen lassen. Der 
Mehrzahl dieser bramarbasierenden Admirale und Generale ist 
natürlich von diesen fremden Kulturen nicht das geringste be- 
kannt, aber — wie jener Parlamentsredner sagte : « Ich kenne 
die Ansichten des Abgeordneten X. nicht, aber ich missbillige 
sie » — so hassen sie die fremden Kulturen, ohne sie zu kennen, 
weil sie das instinktive — auch richtige — Gefühl haben, dass 
jede moderne, demokratisch-weltbürgerliche Kulturanschauung 
ihrem schwarz-weissen Preussentum gefährlich werden muss. 
Dieselben Gewaltmittel, die sie zur Niederwerfung der gegne- 
rischen Heere anwenden, möchten sie auch zur Unterdrückung 
der gegnerischen demokratisch-westeuropäischen Weltanschau- 
ungen in Bewegung setzen, möchten den preussischen Drill nicht 
nur auf militärischem und staatlichem, sondern auch auf gei- 
stigem Gebiete zum Zuchtmeister der Welt machen. Preussentum 
und Weltmacht — das sind die entgegengesetzten Pole, zwischen 
denen die kämpfenden Heere Alldeutschlands die Verbindungs- 
strasse herstellen sollen. Das Ziel wird nie erreicht werden — 
und wenn alle Weltmeere blutigrot gefärbt werden sollten — , 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHI^AND 355 

solange der enggeschnürte preussische Geist — jene schärfste 
Negation weitblickenden Weltgeistes — dem deutschen Denken 
seine Richtung gibt, solange der preussische Parademarsch mit 
seinem lächerlichen Hahnentritt von dem ganzen deutschen 
Volke — von der Nordsee bis zu den Alpen — als Sinnbild deutsch- 
nationaler Kraft und Energie nachgeäfft, solange Weimar in 
Vergessenheit geraten und Potsdam die Parole sein wird. 



Gebsattel. 

Einer jener alldeutschen Generale — zwar ein süddeutscher, 
aber nach Renegaten- Art noch preussischer fast als die Preussen 
selbst — , der den imperialistischen Präventionskrieg und die 
erzieherische Notwendigkeit des Krieges überhaupt rückhaltlos 
bekennt, ist der bereits an anderer Stelle erwähnte General von 
Gebsattel. In einem Artikel in der alldeutschen Revue Der Pan- 
ther (Heft IG, Oktober 1915), gibt der alldeutsche General zu.dass 
man in seinen Kreisen den Krieg « herbeigewünscht » habe : 

weil wir ihn gegenüber der abwegigen Entwicklung, die unser Volk 
zu nelimen drohte, für eine Notwendigkeit hielten, und weil wir uns des wei- 
teren bewnisst waren, dass ein Krieg um so leichter in seinem militärischen 
Verlaufe wie in seinen Opfern ist, je entschlossener und frühzeitiger ein 
ohnehin zum Daseinskämpfe gez-wtmgenes Volk den günstigen Zeitpunkt 
für das Losschlagen wählt. 

Im ferneren Verlaufe seiner Verteidigung des Präventiv- 
krieges spricht Herr von Gebsattel von der « sittlichen Berech- 
tigung der in Aussicht stehenden Blutopfer », von den besonderen 
Eigenschaften, die der zum Präventivkrieg schreitende Staats- 
mann besitzen müsse, imd fährt dann fort : 

Ist aber diese Persönlichkeit vorhanden, fühlt sie sich getragen von dem 
Vertrauen des ganzen Volkes mid glaubt sie mit dem geschärften Ohr des 
grossen Staatsmannes den Schritt Gottes durch die W^eltgeschichte hallen 
zu hören, wie Bismarck es so schön ausgedrückt hat, so wird sie gläubig 
und vertrauend den Zipfel seines ]Mantels fassen und sich von ihm weiter 
tragen lassen, auch wenn der Weg über die Schlachtfelder eines Präventiv- 
krieges geht. 

Dieses Bekenntnis zum Präventivkrieg lässt in seiner Offen- 
heit nichts zu wünschen übrig. Das ohnehin zum Daseinskampf 
gezwungene Volk sind natürlich wir, die Deutschen ! Den gün- 
stigen Zeitpunkt für das Losschlagen haben wir gewählt, die 
Deutschen ! Wo aber bleibt der Ueberfall, Herr von Gebsattel ? 
Was wird aus den Worten des Kaisers Wilhelm in seinem Aufruf 



356 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

an das deutsche Volk vom 6. August 1914 : « Mitten im Frieden 
überfällt uns der Feind, darum auf zu den Waffen ! Wir wer- 
den uns wehren bis zum letzten Hauch von Mann und Ross ! » 
Was wird aus den Worten, die der oberste Kriegsherr an das 
deutsche Heer und die Flotte an demselben Tage gerichtet hat : 
« Unsere heiligsten Güter, das Vaterland, den eigenen Herd gilt 
es, gegen ruchlosen Ueberfall zu schützen » ? Haben Sie wohl 
bedacht, Herr General, dass Ihr Bekenntnis, das deutsche Volk 
habe den günstigen Zeitpunkt für das Losschlagen seinerseits 
gewählt, Ihren Kaiserlichen Herrn, seinen Kanzler und seine 
Regierung Lügen straft ? ! — 

Die Frage des Präventionskrieges diskutiere ich an dieser 
Stelle nicht mehr : ich verwerfe ihn prinzipiell und glaube nach- 
gewiesen zu haben, dass die tatsächlichen Voraussetzungen, die 
man zu seiner Verteidigung vorbringt, bewusst erlogen sind. 
Ich begnüge mich an dieser Stelle, nochmals die Tatsache fest- 
zunageln, dass, wer Präventionskrieg sagt, damit ausspricht : 
Das deutsche Volk ist schmählich belogen und betrogen worden. 
Man hat ihm einen Angriffskrieg als Verteidigungskrieg vorge- 
gaukelt. 

H a r d e n. 

Auch Maximilian Harden hat zu wiederholten Malen ver- 
steckt und oft'en zugegeben, dass der Krieg bewusst und absicht- 
lich von Deutschland und Oesterreich herbeigeführt worden 
sei, und hat sogar seine Entrüstung kundgegeben, dass man 
nicht den Mut habe, sich offen zu einer Tat zu bekennen, die 
nichts anderes sei, als die Verfolgung eines dem deutschen Volke 
kraft seiner Tüchtigkeit und Ueberlegenheit zustehenden Herr- 
schaftsrechts. Das ist derselbe Gedanke, den ich in meinem 
Buche zum Ausdruck gebracht habe, indem ich auf die grossen 
Eroberer und Massenmörder in vergangenen Geschichtsepochen 
hinwies, deren brutales Bekenntnis zu ihren Taten wenigstens 
den Reiz der starken Persönlichkeit ausstrahle, während unser 
feiges Verkriechen hinter den feindlichen L"^eberfall zu der unge- 
heuren Blutschuld auch noch die Schande des schwächlichen 
Leugnens hinzufügt. 

Am I. August 1914 schreibt Harden in der Zukunft : 

In der Wiener Note au vSerbieu, deren rauhe Härte ohne Vorgang in der 
Geschichte i.st, lehrt jeder Satz, das.s Oesterreich-Ungayn den Krieg wollte, 

weil es überzeugt war, ihn wollen zu müssen Dass Oesterreich uns plötzlich 

gegen die stärkste Koalition der Erdgeschichte zwingen könne : schon die 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 357 

Vorstellung müsste deutsches Selbstgefühl, deutsches Selbstbestimmungs- 
recht in dreimal heiligem Zorn empören. Warum wird der Umlauf so gefähr- 
licher Märchen geduldet, warum nicht gesagt, was ist (weil es sein muss) : 
dass zwischen Wien und Berlin alles vereinbart war ? 

In der Nr. 45 der Zukunjt, vom 7. August 1915, schreibt 
Harden folgendes : 

Niemand hätte ihm (Frankreich) eine Scholle, einen Wiesenrain abver- 
langt. Da es Rache und Rückeroberung besann : dürfte es klagen, wenn der 
von solchem Plan und von übermächtiger Verbündelung Bedrohte die ihm 
noch genehme Stunde für den Austrag des Streites wählte? Ist der Deutsche ein 
verruchter Schelm, weil seine Kraft dem Nachbarsauge nicht einleuchtete? 

In der Nr. 4 der Zukunft, vom 23. Oktober 1915, schreibt 
Harden über die Einkreisungspolitik : 

Auch Eduard, sein kluger, jedes Lebensdranges kundiger Patron, war uns 
nicht Feind und wollte nicht Krieg. Da ich als erster von der Absicht auf 
Einkesselung, Einkreisung des Deutschen Reiches sprach, als erster auf das 
Verhältnis der Westmächte zu uns diese Wörter anwandte, muss ich wissen, 
welcher Sinn aus ihnen warnen wollte. Eduard fürchtete, das Reich des 
Nefien, mit dem er nie in Empfindungseinklang kam, wolle sich in Vorherr- 
schaft über Europa recken, seine Flotte, der eine andere lohnende Aufgabe 
nicht erdenklich schien, und seine Macht über den Islam einst zum Vorstoss 
gegen Englands Seegewalt, gegen Egypten und Indien nützen ; er kannte es 
aus Vickys, Kirschs, Cassels Berichten vmd aus hurtiger Beobachtung gut 
genug, imi zu ahnen, dass es zur Ausführung solchen Planes bald fähig, ^•on 
den Heeren F'rankreichs und Russlands nicht zu henmien sein werde, imd 
erstrebte darum einen Staatenpool, eine kräftige Abwehrgemeinschaft, deren 
Dasein schon Deutschland einschüchtern, zum Verzicht auf ungestümen 
Vordrang zwingen könne. 

Mit diesen Aeusserungen Hardens kann ich mich begnügen ^ : 
sie geben — trotz aller stilistischen Schnörkeleien dieses dun- 
kelsten, aber gerade durch seine Dunkelheit besser als andere 
vor Zensorstrichen geschützten Schriftstellers — ein deutliches 

1 Andere Zitate aus Harden sind in dem — im Februar 1917, während der 
Drucklegung meines Buches, erschienenen — höchst verdienstvollen, als Nachschla- 
gebuch geradezu unentbehrlichen Sammelwerk Grumbachs : « Das annexionistische 
Deutschland » (Payot & C'*, Lausanne) zu finden. Diese Sammlung annexionisti- 
scher Stimmen, die während des Kriegslaufs in Deutschland sich erhoben haben, 
bildet eine wertvolle Ergänzung zu meiner Sammlung chauvinistischer, imperia- 
listischer und pangermanistischer Stimmen aus der Vorkriegszeit. Die Stimm- 
führer sind fast genau dieselben : in der Vorkriegszeit handelte es sich um die 
Proben und Generalproben zum nationalen Schlachtgesang, in der Kriegszeit um 
die endliche, sehnlichst erwartete Aufführung vor dem versammelten Weltpu- 
blikum. Die Ziele, die man vor dem Kriege als leuchtendes Zukunftsbild den be- 
geisterten Zuhörern ausgemalt hat, führt man ihnen nun — nach Ausbruch des 
Krieges — als greifbaren, zum Teil schon gegriffenen Gegenwartsbesitz vor Augen. 
Ueberall sieht man dieselben Dirigenten und Regisseure am Werke. Die Gegen- 
wart ergänzt und bestätigt die Vergangenheit. Die Kette ist geschlossen. 



35^ VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Bild von den Methoden unserer Nationalisten. Das eine Mal ist 
es Frankreich, das auf Rache und Rückeroberung sann und dem 
Deutschland zuvorgekommen ist. Also Präventivkrieg zum Zwecke 
der Verteidigung ! Das andere Mal wollen weder Frankreich noch 
Russland noch England, weder früher noch später, einen Krieg 
gegen Deutschland herbeiführen, sondern bilden nur eine Abwehr- 
gemeiuschaft, um die Hegemonie-Gelüste des kaiserlichen Vetters 
und Neffen im Zaume zu halten. Dieser friedlichen Abwehr- 
gemeinschaft sind wir mit unserer kriegerischen Initiative ent- 
gegengetreten. Also Präventivkrieg zu imperialistischen Zwecken ! 
In beiden Fällen : unbedingte Ivcugnung des gegnerischen Ueber- 
falls und damit des deutschen Verteidigungskrieges ! 

Ich nehme Harden als meinen Bundesgenossen in Anspruch : 
er straft, wie alle Präventionisten, die hohen, höchsten und 
allerhöchsten Verkünder des Befreiungskrieges Lügen. 

Paul Rohrbach. 

Eine unerschöpfliche Quelle von Bekenntnissen zum Prä- 
ventivkrieg — mit den wechselnden Nuancen : Prävention gegen 
zukünftigen Angriff oder gegen Hemmung des imperialistischen 
Aufstiegs — bieten die Schriften von Paul Rohrbach, des aner- 
kannten Führers der deutschen Imperialisten, der als solcher 
besondere Beachtung verdient. Ich muss mich auch hier mit 
einigen charakteristischen iVuszügen aus der Schrift « Zum 
Weltvolk hindurch » (Stuttgart, 1914) begnügen. 

Schon in dem Vorwort heisst es (S. 4) : 

Nach der Rückkehr von einer amerikanischen Reise gründete ich im 
Frühling dieses Jahres mit meinem Freunde Dr. Jaeckh die Zeitschrift : 
« Das Grössere Deutschland » in der Absicht, unsere öffentliche Meinung direkt 

auf den Krieg vorzubereiten. 

Der Entscliluss Rohrbachs, schon im Frühjahr 1913 das 
deutsche Volk auf den Krieg vorzubereiten, wurde dadurch 
gezeitigt, dass Rohrbach angeblich aus den russischen Zeitungen 
und aus persönlichen Nachrichten aus Russland ersah, dass die 
russische Kriegspartei jetzt Oberwasser hatte. Merkwürdig auch 
hier wieder, dass der Verfechter eines « Grösseren Deutschland » 
seine, der notwendigen Aufwärtsentwicklung der deutschen 
Macht dienenden Bestrebungen von dem Oberwasser oder Unter- 
wasser der russischen Kriegspartei abhängig macht. Soll das 
* Grössere Deutschland » kleiner bleiben, wenn Russland fried- 
lich gesinnt ist ? Soll es nur dann seinen selbstgesteckten Zielen 
nachstreben, wenn Russland kriegerische Absichten hat ? Man 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 359 

sieht, wie diese deutsclien Imperialisten mit ihrer Mischung 
verschiedenartiger, sich widersprechender Motive beständig in 
die Brüche geraten. 

In dem Schlussatz des — nach Kriegsausbruch geschrie- 
benen — Vorworts kommt der krasse Widerspruch zwischen 
Befensionismus und Imperialismus recht belustigend zum Aus- 
druck : 

Möge er (der Weltbrand) diejenigen vernichten, die frevelnd seine An- 
stifter geworden sind, — und möge aus der Glut dieser Prüfung das neue, das 
grössere Deutschland strahlend hervorgehen ! 

Auf der einen Seite also werden alle Strafen des Himmels 
auf die freventlichen Anstifter des Krieges herabbeschworen, 
auf der anderen Seite aber das neue, grössere Deutschland als 
künftige Frucht des Blutvergiessens erwartet. Man fragt sich 
nur, weshalb der Verfasser dann nicht den Segen des Himmels 
herabfleht auf diejenigen, die Deutschland zu einem so glän- 
zenden Aufstieg verhelfen ? Etwa nach dem Muster jenes alten 
und frommen Mannes, der, nach dreissig jähriger kinderloser 
Ehe von der Ankunft eines Sprösslings überrascht, folgende 
Geburtsanzeige in die Zeitung setzte : « Nach dreissig jähriger 
kinderloser Ehe beschenkte mich meine liebe Frau Elvira heute 
mit einem gesunden kräftigen Knaben. Ich danke dem Herrn, 
der mir dazu verhelfen hat. » Vv^eshalb dankt Rolirbach nicht den 
Herren Grey, Delcasse und Sazonow, dass sie ihm und uns zu 
dem grösseren Deutschland verholfen haben ? Weshalb preist 
er nicht ihre Güte, anstatt sie eines Frevels anzuklagen ? 

In dem Aufsatz « Deutsche Welt- und Kolonial -Politik » (vom 
25. Juni 1913) spricht Rohrbach von dem <( persönlich friedlie- 
benden, wohlwollenden Charakter des Kaisers Nikolaus II. » Er 
unterscheidet drei Schichten in Russland, von denen zwei : das 
amtliche — zu dem in erster Linie der Zar und seine Minister 
gehören — und das moskowitische « kein Prinzip der Feindschaft 
gegen den Nachbarn im Westen » verfolgten, und nur das dritte, 
das panslavistische, dem Frieden gefährlich sei. Deutscliland 
müsse — nach Rohrbach — « mit der Tatsache rechnen, dass 
die Leidenschaften drüben aufs höchste erhitzt sind, und dass 
der einzige Damm gegen den Losbruch in der Besonnenheit und 
der Nervenstärke des Zaren und der Staatsmänner besteht, die 
augenblicklich an der Spitze der Geschäfte sind. » Die Ereignisse 
vom 23. Juli bis zum i. August 1914 haben bekanntlich er\\iesen, 
dass der Friedenswille des Zaren und seines IMinisters einen stär- 



360 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

keren Damm gegen die angeblichen pansl avistischen Kriegs- 
strömungen gebildet hat, als der — leider schon seit mehreren 
Jahren erschütterte — Friedenswille des deutschen Kaisers 
und seines Kanzlers gegen den verbrecherischen, von dem deut- 
schen Thronerben in höchsteigener Person geförderten Pan- 
Germanismus. 

Bezüglich der Haltung Englands den deutschen Kolonial- 
hestrehungen gegenüber macht Rohrbach (in demselben Auf- 
satz) Zugeständnisse, welche die sonst von den Alldeutschen 
aufgestellten Thesen der englischen Missgunst gegen Deutsch- 
lands Kolonial- und Handelsentwicklung, der Einkreisungs- 
Politik und der kriegerischen Ueberfalls-Absichten Englands 
glatt zu Boden schlagen : 

Es ist eiu Beweis für den praktischen und national-psychologischen 
Scharfblick der Engländer, wenn sie das Bedür/nis Deutschlands nach Kolo- 
nien, das sie früher voller Ironie zu bestreiten pflegten, in den letzten Jahren 
mehr und mehr anerkannt haben. Häufig findet man jetzt in der englischen 
Presse die Notwendigkeit für Deutschland erörtert, sich « outlets » für seinen 
wachsenden Bevölkerungsüberscliu,ss zu suchen Es sind ziemlich weit- 
gehende Voraussetzungen für eine grosse allgemeine Verständigung auf afri- 
kanischem Boden zwischen uns und England vorhanden. 

Diese im Juni 1913 von Rohrbach konstatierten Verständi- 
gungs-Absichten haben bekanntlich im Frühjahr 1914 zu dem 
Abkommen über Kleinasien und die Bagdadbahn geführt und 
ferner zu einer, bei Beginn des Krieges so gut wie perfekten, nur 
noch nicht unterzeichneten Einigung über die englischen und deut- 
schen Interessen-Sphären in Mittelafrika, insbesondere in den 
portugiesischen Besitzungen. Wie so vieles andere, ist das Ab- 
kommen über die Bagdadbahn durch den Krieg in die Brüche 
gegangen : die Engländer sind auf dem INIarsche gegen Bagdad 
und wenn es ihnen, trotz der ersten Rückschläge, schliesslich 
— im Zusammenarbeiten mit der erfolgreichen russischen Kau- 
kasus-Armee — gelingen sollte, diesen Endpunkt des seit Jahr- 
zehnten von deutschem Kapital und deutscher Arbeitskraft in 
Angriff genommenen riesenhaften Eisenbahn-Unternehmens in 
ihre Hände zu bringen, so würden sie damit — neben unserem 
gesamten Kolonialbesitz — ein Kompensations-Objekt sich 
angeeignet haben, das beim Friedensschluss teuer aufgewogen 
werden muss ^. Auch dies ein enormer Schuldposten auf dem 
Verbrecher- Konto unserer Kriegspartei : die friedliche jahr- 

* Inzwischen ist Bagdad bekanntlich von den Engländern eingenommen 
worden. 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 361 

zehntelange Arbeit deutscher Kaufleute, Techniker und Indus- 
triellen, die Aufwendung von vielen Hunderten von Millionen 
Mark nutzlos vertan, weil es die Herren Alldeutschen, die Junker, 
Generale, Admirale, an ihrer Spitze den kronprinzlichen Obersten 
der Danziger Husaren, nach kriegerischen Lorbeeren und Waf- 
fenbetätigung gelüstete, weil jene Uniform- und Mantelträger 
meinten, das deutsche Volk sei schon allzulange dem schnöden 
Gelderwerb, der Erraff ung materieller Güter und deren entner- 
vendem Genuss nachgegangen. Nun haben die Herren ja erreicht, 
was sie wollten. Weit über hunderttausend Millionen — wenn 
man alles in Betracht zieht : direkte und indirekte Kriegskosten, 
Verlust an nationalem Vermögen und Arbeitsgewinn, wirtschaft- 
lichen Wert der Millionen Toten und Verwundeten, Alimenta- 
tionspflicht für Witwen und Waisen u. s. w. — weit über hundert- 
tausend Millionen in 30 Kriegsmonaten dem deutschen Volks- 
körper abgezapft, — das dürfte den Herren wohl genügen, die 
die materiellen Güter verachten, wenn sie anderen zuf Hessen, 
die aber nicht genug davon bekommen können, wenn ihre ei- 
genen Taschen damit gefüllt werden. 

Die Agrar-Patrioten. 

Man sehe nur die riesenhaften Preissteigerungen aller land- 
wirtschaftlichen Produkte, aller notwendigen Ernährungsmittel 
für das Volk — Steigerungen überall um das Doppelte und Drei- 
fache des normalen Preises ■ — , man sehe die Hungersnot des Volkes 
und dann höre man das beständige Geschrei unserer Agrar- 
Patrioten, wie schlecht es ihnen gehe, wie die Produktionskosten 
gestiegen seien und wie wenig die Regierung in der Bekämpfung — 
nicht der Teuerung, sondern der Teuerungski agen ihre Schuldig- 
keit tue ! 

Wie der «Alldeutsche Verband » kürzlich sein fünfundzwanzig- 
jähriges Jubiläum gefeiert hat, so steht die gleiche Feierlichkeit 
dem « Bund der Landwirte » am 18. P'ebruar 1918 bevor. Beide 
Organisationen sind aus den gleichen Anschauungen und Bestre- 
bungen hervorgegangen, beide vertreten in erster Linie junker- 
lich-agrarische Interessen, die man zwecks umfassenderer Wirk- 
samkeit und Wirkung mit militaristisch-imperialistisch-panger- 
manistischen Tendenzen verquickt hat. Beide setzen sich im we- 
sentlichen aus denselben Personen, Gruppen, Berufs- und Gesell- 
schaftsklassen zusammen. Junkertum-, Agraricrtum, AUdcutschtnm 
bilden ein untrennbares Gemisch, das durch noch so sorgfältige 
chemische Untersuchung nicht zersetzt werden kann. 

So ist auch der Aufruf, den der « Bund der Landwirte » schon 



362 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

jetzt für sein zukünftiges fünfun dz wanzig jähriges Jubiläum 
verbreitet, ein genaues Gegenstück zu der — früher erwähnten — 
Proklamation, die der « Alldeutsche Verband » bei Gelegenheit 
seines verflosseneu Vierteljahrhundert-Jubiläums in die Welt 
gesandt hat. Hören wir einige charakteristische Phrasen aus dem 
Agrarier- Aufruf : 

Wieder ist die Zeit bitter ernst. Was wir gelehrt in fünfundzwanzig Jahren, 
hat sich als wahr erwiesen. 

Dass es uns gelungen ist, die deutsche Landwirtschaft leistungsfähig zu 
erhalten, setzt uns allein in den Stand, wirtschaftlich diesen Krieg zu bestehen. 

Das weiss unser Volk. 

Und dennoch verunglimpft Uebelwollen die deutschen Landwirte, und 
Feigheit duldet das frevle Spiel. 

Das lehrt uns erkennen, was unser nach dem Kriege harrt : 

Kampf stärker als je um den Bestand der deutschen Landwirtschaft. 

Kampf für unser geordnetes Staatswesen und imseren Thron gegen die 
frech angedrohte Revolution. 

Kampf für unseres Volkes Zukunft und Grösse... 

Die bekannte Kanzone ! Die Landwirtschaft hat das Verdienst, 
dass Deutschland in diesem Kriege nicht verhungert ist. Dieses 
Verdienst verlangt nach dem Kriege seinen Lohn, das heisst noch 
höheren Schutz als bisher durch die Zoll-, Steuer- und Finanz- 
gesetzgebung, noch stärkere Belastung der notwendigen Lebens- 
mittel der arbeitenden Klassen zu Gunsten des landwirtschaft- 
lichen Grundbesitzes, noch stärkere Verschonung mit Steuern und 
Abgaben als bisher zu Lasten aller übrigen erwerbenden Stände. 

Alle diese egoistischen Profitinteressen aber verquickt mit dem 
angeblichen Schutze des Thrones vor der « frech angedrohten 
Revolution », mit dem Kampfe für Deutsclilands Grösse und 
Zukunft ! Rücksichtslose Beutegier, wirkungsvoll bemäntelt mit 
idealen Bestrebungen ! Das ganze Agrariertum ist in jenen 
wenigen Sätzen des Jubiläumsaufrufs in nuce dargestellt. 

Wann wird über diese unersättlichen, hnital-egoistischen, Staat 
und Volk rücksichtslos ausbeutenden Junker und Agrarier endlich 
die Strafe hereinbrechen, die diese V er derber Preussens und Deutsch- 
lands, diese Friedensstörer der Welt schon so lange verdient 
haben ? Wann wird das deutsche Volk sich aufraffen, um diese 
Blutegel und Brunnenvergifter von ihren warmen und ge- 
sättigten Posten davonzujagen, sie ein für allemal unschädlich 
zu machen ? Dass die Bourgeoisie sich je zu diesem Befreiungs- 
akt aufraffen könnte, halte ich nach den Erfahrungen seit dem 
I. August 1914 für ausgeschlossen. Nie hat das Alldeutschtum, 
das Junkertum, das Agrariertum eine grössere Macht in Deutsch- 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 363 

land besessen, als gerade jetzt, da es diesen fürchterlichen Krieg 
entfesseln konnte. Nie hätten Kenner und unparteiische Beur- 
teiler des deutschen Volkes es für möglich gehalten, dass dieses 
aufgeklärte, strebsame und friedliebende Volk den mittelalter- 
lichen Ideen dieser Raubritter- Kaste so rettungslos hätte ver- 
fallen können, wie es ihnen tatsächlich verfallen ist ; dass diese 
wenigen tausend Kriegsschwärmer und Kriegsschreier von einem 
Tage zum andern dem deutschen Volke das berauschende und 
benebelnde Gift ihres kriegerischen Grössenwahnsinns hätten 
einflössen können. Nie war Deutschland so weit von Vernunft und 
Freiheit entfernt wie heute, nie so unter der geistigen und mate- 
riellen Knechtschaft einer verbrecherischen Oberschicht, deren 
Gedankengänge und Bestrebungen mitten im Zeitalter der Elek- 
trizität, der Luftschiffahrt, der Radio-Telegraphie noch auf dem 
blutgedüngten Boden des mittelalterlichen Faust- und Fehde- 
rechts stehen geblieben sind. 

Preussischeund 
russische Reaktion. 

Bei einer Unterhaltung, die ich im Sommer 1916 mit einem 
russischen Intellektuellen hatte, äusserte dieser sein Erstaunen 
und seine Entrüstung über die Kritiklosigkeit des deutschen Vol- 
kes seinen Führern gegenüber, die ihm als Zeichen geistigen Ver- 
falls erschien. Auf meinen Einwand, dass es in Russland doch 
nicht besser stehe, belehrte er mich, dass dies ein Irrtum sei : in 
Russland wisse das Volk in allen seinen Schichten, dass es von 
einer kleinen Oligarchie von Machthabern unterdrückt und ge- 
knechtet werde ; den Krieg allerdings — das wisse das Volk eben- 
falls — habe es nicht seinen, sondern fremden Machthabern zu 
verdanken. Das russische Volk fühle sich im Inneren geknechtet 
und missleitet ; in dem äusseren Kampfe aber gehe es mit der 
Regierung zusammen, weil es die Wahrheit über den Ursprung 
des Krieges, weil es die Schuldlosigkeit des Zaren und seiner Re- 
gierung kenne, weil es vor allem nicht den Zarismus mit dem 
« Kaiserismus » vertauschen möchte. Das deutsche Volk dagegen 
— und das sei der Unterschied zum Nachteil Deutschlands — 
folge begeistert den Fahnen der HohenzoUern-Dynastie in einem 
Kriege, den diese bewusst und vorbedacht herbeigeführt habe ; 
es habe sich durch die Vorspiegelung eines Befreiungskrieges 
täuschen und verblenden lassen, sei den Alldeutschen, Junkern 
und Militaristen auf den Leim gegangen und nie so regierungs- 
fromm gewesen wie heute. In Russland sei von einem Tage zum an- 



364 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

dein ein radikaler Umscliwiing zur Demokratie möglich, sogar 
wahrscheinlich. In Deutschland sei ein solcher Umschwung ferner 
denn je, da die Demokratie der Reaktion ins Netz gegangen sei. 

Diesen überzeugenden Darlegungen des Russen konnte ich 
damals keinen Widerspruch entgegensetzen, sie haben sich in- 
zwischen schneller, als ich denken konnte, bewahrheitet. Die 
Ideen des März 1917 haben im Sturmwind den russischen Cäsa- 
rismus hinweggefegt, haben an die Stelle des schlimmsten Despo- 
tismus, der je ein Volk terrorisierte, eine Demokratie gesetzt, die 
mit einem Schlage alle anderen Demokratien und Republiken in 
der Herstellung bürgerlicher und staatsbürgerlicher Freiheit und 
Gleichheit überflügelt hat. Noch niemals in der Völkergeschichte 
hat sich so wie hier der Satz bewahrheitet : les extremes se touchent. 

Und wie sieht es im Gegensatz dazu in Deutschland aus ? 
Nach wie vor Nacht und Dunkel ! Kein Hoffnungsstrahl auf 
bessere Zeiten ! Im Gegenteil : was inzwischen geschehen, ist eine 
Verschlimmerung des bestehenden Zustandes. Die Marinisten 
von Tirpitz' Gnaden haben den Zivilisten Bethmann besiegt. 
Deutschlands Kriegführung zu Wasser und zu Lande ist rücksichts- 
loser als je rein militärischen Gesichtspimkten untergeordnet 
worden. Immer mehr häufen sich die Feinde auf der Gegenseite, 
immer vernichtender wird das Verdammungsurteil, in dem sich 
die ganze zivilisierte Welt gegen Deutschlands Herrscher und 
Regierungen eint. Und im Innein ? Versprechungen, ja! Aber 
weiter auch nichts. Ob sie gehalten werden, das wird die Zukunft 
lehren. Aber selbst wenn sie gehalten werden sollten — was nach 
den Erfahrungen der Vergangenheit mehr wie zweifelhaft — , so 
sind das Brosamen vom Tische des Reichen, die man dem Hun- 
gernden hinwirft, nicht aber die sättigende Nahrung, auf die ein 
hochentwickeltes Volk nach so ungeheuren Opfern vollgültigen 
Anspruch hat. 

Noch heute — heute mehr denn je — gilt es, den Herrschern 
Deutschlands die mahnend-warnenden Worte Ludwig Uhlands 
ins Gedächtnis zu rufen : 

« Noch ist kein Fürst so hochgefürstet, 
So auserwählt kein ird' scher Mann, 
Dass, wenn die Welt nach Freiheit dürstet, 
Er sie mit Freiheit tränken kann, 

Dass er allein in seinen Händen 
Den Reichtum alles Rechtes hält, 
Um an die Völker auszuspenden 
So viel, so wenig ihm gefällt. » 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 365 

Wann werden diese männlichen Worte des grossen Volks- 
dichters Widerhall in den Herzen und in den Handlungen des 
deutschen Volkes finden ? V/ird je dieser Moment eintreten ? 
Wird nicht auch jetzt wieder, wo im Osten die grosse Flamme 
ausgebrochen, die beste Gelegenheit verpasst werden und auf 
deutschem Herde nur der Funken unter der Asche glimmen ? 
Wird auch jetzt wieder alles beim alten bleiben, wird man sich 
begnügen, das verstaubte und verdunkelte Bild der preussisch- 
deutschen Verfassungszustände vielleicht durch neuen Rahmen 
und einige kleine Retouchen notdürftig aufzufrischen, anstatt es 
auf dem brennenden Scheiterhaufen der Volksempörung ein für 
allemal der Vernichtung preiszugeben ? Die Aussichten für sol- 
chen radikalen Umschwung sind leider recht trübe. Zwar gärt es 
hier und da unter der Oberfläche, aber nirgends bisher ist ein 
Anzeichen hervorgetreten, dass das Volk seine wahren Feinde, die 
im eigenen Lande sitzen, erkannt hat oder erkennen wird, dass es 
— dem russischen Nachbarvolke gleich — einen Trennungsstrich 
zwischen Fürst und Volk ziehen und sein Schicksal in die eigene 
Hand nehmen wird 



Rohrbach auf dem Kriegspfade. 

Dass Rohrbach die russisch-französischen Rüstungen als 
Vorbereitung der Aggression hinstellt, dabei aber ihre Veran- 
lassung durch vorhergegangene deutsche Rüstungen verschweigt, 
versteht sich bei einem deutschen Nationalisten von selbst. In 
seinem Aufsatz « Ei7i hartes Muss » vom 18. Juni 1914 — also 
vor der Ermordung des Erzherzogs — malt er den russisch- 
französischen Ueberf all mit grellen Farben an die Wand. Weshalb ? 
Weil Russland und Frankreich mit Wirtschafts- und Finanz- 
Krisen zu kämpfen haben und ihre «kritische Lage sie immer dring- 
licher zur Entscheidung treibt, die Kraftprobe entweder bald zu 
machen oder ins unbestiinmte auf sie zu verzichten.^» Für Rohrbach 
ist der russische Heeresetat pro 1914 mit rund z^'-i Milliarden 
« geradezu alarmierend » und lässt deutlich erkennen, « dass 
die Entscheidung in Kürze herbeigeführt werden soll. * Die 
gleiche Schlussfolgerung zieht der imperialistische Schriftsteller 
aus der Einführung der dreijährigen Dienstzeit in Frankreich. 
Er verschweigt aber wohlweislich, dass alle diese Gegenmass- 
regeln durch die Erhöhung der deutschen Friedenspräsenzstärke 
um 140000 Mann und durch den 1000 Millionen- Wehrbeitrag 
veranlasst worden sind. 



366 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Nach der Mordtat von Serajevo hat der Heimkrieger Rohr- 
bach nichts besseres zu tun, als die Habsburgische Monarchie 
zum Einrücken in Serbien, zur Stellung des benachbarten Kö- 
nigreichs unter österreichische Verwaltung aufzustacheln. « Wer 
hätte ein Recht dagegen zu protestieren ? » — schliesst der be- 
treffende Artikel vom 8. Juli 1914. Für diese lyeute ist also die 
Berchtoldsche Politik, die wenigstens den Schein der serbischen 
Unabhängigkeit zu -wahren versprach, eine unverzeihliche Schlapp- 
heit gewesen ! 

Einen Artikel vom 27. Juli 1914 überschreibt Rohrbach mit 
den charakteristischen Worten « Keinen Schritt rückwärts ! » 
Oesterreich solle sich entschlossen zeigen, « wenn es sein muss, 
auch den Krieg mit Russland aufzunehmen. » Die Volksmenge, 
die am Abend des 25. Juli vor dem Schloss und vor der öster- 
reichischen Botschaft « Die W^acht am Rhein » sang, erfüllt den 
deutschen Imperialisten mit den freudigsten Hoffnungen für 
die Zukunft. Wir wissen, wie solche Kundgebungen weniger 
tausend Personen gemacht und von den Drahtziehern hinter 
den Kulissen geleitet werden : passt den Herren oben die Kund- 
gebung, so lässt die Polizei ihr freien Lauf ; passt sie oben nicht, 
so wird sie mit gezogenem Säbel auseinandergesprengt. Das 
nennt man dann : Volkswille, Volksbewegung ! Herr Rohrbach 
aber schöpft aus solchen Kundgebungen teils betörter, teils 
bezahlter, in jedem Falle beeinflusster Leute die Zuversicht : 
« Wir sind politisch reifer, als wir selbst gedacht haben ! Es scheint, 
wir fühlen, dass es heute wahrhaftig ums « grössere Deutsch- 
land » geht ! » 

Im weiteren Verlauf des Aufsatzes fährt Herr Rohrbach in 
naivster Weise fort, die Karte des Präventivkrieges aufzudecken, 
die Kriegslust Russlands und Frankreichs in A brede zu stellen 
und Deutscliland und Oesterreich aufs eindringlichste vor jeder 
Nachgiebigkeit, jeder Hinausschiebung des ihnen so günstigen 
Kriegsmoments, am ernstesten aber vor der Vermeidung des 
Krieges überhaupt zu warnen : 

Russland und Frankreich haben viel eher Grund, vor dem Oeffnen des 
J anustempels zu erzittern, als wir. Seit mehr als einem halbeu Jahrhundert ist 
Russland noch nie zu einer grossen kriegerischen Probe militärisch und 
finanziell vorbereitet gewesen. Der russische Soldat ist tapfer, aber der Geist 
der russischen Armee ist den ungeheuren Anforderungen, die ei:i moderner 
Krieg an die nationale Organisationskraft, an die Selbständigkeit von Mann 
imd Führer, an die Ehrlichkeit und Hingabe stellt, die jeder einzehie leisten 
muss, nicht gewachsen. Im Innern lauert die Gefahr der Revolution, droht 
eine Missernte für 40 oder 50 Millionen Menschen. Ein oder zwei grosse Nie- 
derlagen, und die Bande der staatlichen Ordnung im limern kömien sich von 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 367 

neuem lösen, wie 1905. Dass Frankreich nichts weniger als erzbereit ist, um 
zum Kampfe anzutreten, sehen wir deutlicher als jemand erwartet hätte. Ktwas 
Unerhörtes geschah in Paris, als die Kriegsgefahr akut wurde : der Kurs der 
französischen Rente fing an zu stürzen ! So wenig sicher ist man also dort 
seiner Kraft ! Uns hat man finanziell totrüsteu wollen — mid siehe da : man 
fängt selber an zu schwanken. Wir aber haben schon seit Jahren gezeigt, dass 
wir ims vor einem Kriege finanziell ebensowenig zu fürchten brauchen, wie 
militärisch. 

Darum keinen Zoll breit Nachgiebigkeit und keinen Schritt von der Seite des 
Bundesgenossen. Die grösste Gefahr ist jetzt die, dass wir und die Oesterreicher 
uns durch russisch-französische Winkelzüge hinhalten lassen, bis die Gegner 

sich gerüstet haben Die beiden Bundesgenossen an der Newa und an der 

Seine haben Oesterreicli die F.ntschlossenheit nicht zugetraut ; sie schätzten 
sein Zögern ein wie früher, ntm hat sie der Schreck gepackt, sie wollen Zeit 
gewinnen. Toren wären wir, wollten wir sie dies durchsichtige Spiel gewinnen 
lassen. 

Deutlicher als in diesen Sätzen kann auch der Ankläger es 
nicht aussprechen, dass nicht Russland und Frankreich es waren, 
die diesen Krieg gewollt, sondern dass Deutschland und Oester- 
reich ihn absichtlich herbeigeführt haben, weil ihnen der Moment 
zum Losschlagen günstiger als je erschien. — 



Unschätzbar ist das Zugeständnis Rohrbachs — in seinem 
Aufsatz vom 2. August 1914, — dass « zu Oesterreich und zu 
Ungarn einige zwanzig Millionen Slaven gehören; ungefähr die 
Hälfte der Gesamtbevölkerung der Monarchie. » Wo bleibt da der 
Kampf des Germanentums gegen das Slaventum, der von un- 
seren Alldeutschen als der eigentliche Kernpunkt des jetzigen 
Völkerstreites hingestellt wird ? Wo bleibt der Schutz « der ger- 
manischen Rasse in Mitteleuropa », den die deutsche Regierung 
in ihrem Weissbuch (S. 6) als den eigentlichen Zweck dieses 
Krieges bezeichnet, als den Grund, weshalb man « Oesterreich 
völlig freie Hand in seiner Aktion gegen Serbien » Hess ? Sind 
die zwanzig Millionen österreichischer Slaven von Gott zu dem 
Zwecke geschaffen worden, um ihre slavischen Stammesbrüder 
zu massakrieren oder sich von ihnen massakrieren zu lassen ? 
Haben diese zwanzig Millionen österreichischer Slaven ein Inte- 
resse daran, die Stellung « der germanischen Rasse in Mittel- 
europa » zu befestigen ? Man sieht an diesem Beispiel wieder 
einmal, wie alle diese Rassen- und Stammesgegensätze nur 
künstlich, aller Logik und historischen Ent\\icklung zu^^ider, 
im Interesse der Herrschenden und ihrer Gefolgschaft in die 
unglücklichen, betörten Völker liineingetragen werden. Böh- 
mische, kroatische und slavonische Regimenter werden ^\ie 



368 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

wilde Tiere auf ihre serbischen Stammesbrüder gehetzt — • der 
germanischen Rasse zuliebe ! Wenn sie desertieren oder sich 
weigern, zu schiessen — wie es wiederholt in der österreichischen 
Armee vorgekommen ist — , so werden sie selber erschossen, 
haufenweise, — dezimiert ! Der schwarz-gelbe Patriotismus 
wird ihnen blutigrot zu Gemüte geführt 



In dem Aufsatz « Hie Schuld — Hie Schickung ! » vom 4. Au- 
gust 1914 finden wir wiederum an mehreren Stellen das Bekenntnis 
zum Präventivkrieg : 

Auf ein oder zwei Jahre Vorbereitungszeit habe ich den Plan des russi- 
schen Ueberfalles gegen uns immerhin geschätzt — und den Russen wie den 
Franzosen ist es leid genug, dass sie nicht etwas mehr Zeit zur Rüstung 
behalten haben. 

In dem Artikel ist viel von der « Hinterhältigkeit » des Zaren 
die Rede, der Deutschland über die Vorbereitungen zu dem Ueber- 
fall getäuscht und wie ein Bösewicht oder Schwächling gehandelt 
habe. Dass diese « Täuschung » seitens des russischen Kaisers 
und seiner Regierung eine alldeutsche Erfindung ist, dass der 
Zar sowohl wie Sazonow während der ganzen Krisis ehrlich und 
offen die Verständigung gesucht, dass sie auch die russische 
Mobilmachung — den Gegenzug gegen Oesterreichs und Deutsch- 
lands militärisches und diplomatisches Verhalten — kei- 
neswegs verschwiegen haben, — alles das habe ich in meinem 
ersten und in diesem zweiten Buche unwiderleglich nachge- 
wiesen. 

Herr Rohrbach natürlich geht — oder lässt vielmehr die 
anderen gehen — « in den Krieg mit dem Bewusstsein : es ist 
nicht unsere Schuld, sondern eine uns aufgezivungene Schicksals- 
Entscheidung ». Er preist « ein unermesslich gütiges Geschick », 
dass es den Kampf herbeigeführt, uns aber den « furchtbaren 
Druck der Entscheidung » erspart habe. Emphatisch ruft er aus : 

Jetzt kommt die grösste Prüfung : ob wir fähig sind, unsere Zukunft als 
Wellvolk zu verteidigen. 

Da haben wir wieder den imperialistischen Pferdefuss, der 
unter der feldgrauen Uniform des Vaterlandsverteidigers verrä- 
terisch hervorlugt : die Verteidigung unserer Zukunft « als Welt- 
volk » wird verbränit und bemäntelt — für die Dummen im 
Volke ! — mit der Verteidigung gegen einen gegenwärtigen 
U eher fall ! 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHI.AND 369 



Eine Fülle interessantester Zugeständnisse, die das ganze 
alldeutsche Thesengebäude über den Haufen werfen, bietet ein 
« Unsere Gegner » betitelter Artikel vom 11. August 1914. Zu- 
nächst stellt Rohrbach fest, dass seit Beendigung der beiden 
Balkankrisen eine deutliche « Entspannung » zwischen Deutsch- 
land und England eingetreten sei, dass : 

die Verträge mit England über die Abgrenzung unserer Interessengebiete 
im Orient und in Afrika fertig und unterschrieben waren, und dass nur noch 
um ihre VeröffentHchung verhandelt wurde. In Afrika war uns die englische 
Politik überraschend weit entgegengekommen. In der Türkei war nicht nur in 
der Bagdadbahnfrage dem deutschen Standpxmkt weitgehend Rechnung ge- 
tragen, sondern auch die damit zusammenhängenden Angelegenheiten, die 
Ausbeutung der mesopotamischen Petroleumfelder und die Tigrisschiflfahrt, 
die England schon ganz allein in Besitz gehabt hatte, waren unter deutscher 
Beteiligung geregelt. Frankreich, das aus seinen mit Russland zusammen 
erlangten Eisenbahnkonzessionen in Syrien und Nordkleinasien soviel Wesens 
machte, war in Wirklichkeit an beiden Stellen im Nachteil, denn es hatte sich, 
seinen dringlichsten Bemühungen entgegen, eine Leerzone zwischen seinen 
syrischen Bahnen und dem Bagdadbahnsystem gefallen lassen müssen, imd 
die armenischen Linien bildeten für die Wissenden zum grösseren Teile nur 

Schaugerichte 

Nicht freudig und von Herzen, aber doch mit einem gewissen erleichterten 
Gefühl, mit einer Mischung von Sichschicken und von inneren Vorbehalten, 
ging daher die englische Politik auf den Ausgleich mit Deutschland ein. 

Mit diesen Sätzen Rohrbachs ist die ganze alldeutsche The- 
orie von der Missgunst Englands, von dem Handelsneide, von 
der Einkreisung, die uns I^uft und Licht zum Lieben und Atmen 
nehmen wollte, über den Haufen geworfen. Die deutsch-eng- 
lische « Entspannung » war unmittelbar vor dem Kriege an die 
Stelle der früheren Spannung getreten. Ja, vnr waren sogar bei 
den Abmachungen über Syrien und Nord- Kleinasien von England 
besser behandelt worden als Frankreich. Wo bleibt also, diesen 
Feststellungen Rohrbachs gegenüber, die englische Missgunst, 
der englische Handelsneid, der englische Widerstand gegen jede 
Erweiterung deutscher Interessen ausserhalb Europas, — wo 
die perfide Unterdrückungs- imd Einengungspolitik, die sich 
bereits im Jahre 1908 — nach Sclüemann — zu einem formellen 
Ueberfallskomplott Englands, Russlands imd Frankreichs gegen 
Deutschland verdichtet haben soll ? Wie will sich Herr Rohr- 
bach mit Herrn Schiemann auseinandersetzen ? — 

An einer anderen Stelle des genannten Artikels kommt Rohr- 
bach auf seine schon früher erwähnte Unterscheidung der in 

Das Verbrechen II 24 



370 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Russland vorhandenen Strömungen zurück : er betont von neuem 
die Friedensliebe des Zaren und seiner Regierung und ihren schar- 
fen Gegensatz gegen den kriegstreibenden Panslavismus : 

Der Zar persönlich fürchtete sich vor der Kriegspartei und vor den An- 
schlägen eines ehrgeizigen Grossfürsten, des nächsten Anwärters auf den 
Thron im Falle des Todes oder der Beseitigung des hoffnungslos kranken 
Kindes, das jetzt Thronfolger ist ; die besotmenen Staatsmänner in der Re- 
gierung fürchteten steh vor dem fanatisierten Panslavismus, und die ganze 
regierende Gesellschaft vor der Revolution. 

Dieser letztere, von Rohrbach mit Recht hervorgehobene 
Gesichtspunkt der Furcht vor der Revolution wird bei der Erör- 
terung der angeblichen Kriegsabsichten Russlands viel zu wenig 
in Betracht gezogen. Der russisch- japanische Krieg hatte die 
Revolution im Gefolge gehabt. Die russischen Machthaber, 
überhaupt die ganze herrschende Gesellschaftsschicht, fürch- 
teten nichts so sehr, als einen neuen Revolutionsausbruch in- 
folge eines neuen, selbst siegreichen Krieges. Ueberdies war die 
russische Reaktion — auch dieser Punkt wird auf deutscher 
Seite viel zu wenig beachtet — mit der preussischen von jeher, 
seit den Tagen der « Heiligen Allianz », durch so enge Bande 
der Sympathie und Interessengemeinschaft verbunden, dass 
ein Krieg gegen Deutschland das letzte war, was die russischen 
Reaktionäre erstrebten. Auch im Laufe dieses Krieges, als die 
Russengefahr noch besonders drohend erschien, vor dem sieg- 
reichen Vordringen der verbündeten Armeen in Polen und 
Galizien, waren unsere preussischen Reaktionäre wohlgeneigt 
zu einem Separatfrieden mit dem « deutschfeindlichen Pan- 
slavismus », um unsere ganze militärische Kraft den weit gefähr- 
licheren Demokratien im Westen entgegenwerfen zu können, 
Dass der Separatfrieden zwischen den drei Kaisermächten — 
ein Vorspiel zu einer neuen « Heiligen Allianz » ! — nicht zu- 
stande gekommen, ist sicher weder ein Verdienst der preussi- 
schen noch der russischen Reaktion gewesen. Die letztere war 
bekanntlich dem Liebeswerben der ersteren keineswegs abge- 
neigt ; nur die liberalen und revolutionären Parteien Russlands 
waren es, die die Separatfriedens-Bestrebungen gewisser Hof- 
und Beamtenkliquen zu Falle brachten, die die deutschen « Da- 
naer » fürchteten, auch wenn sie ihnen das Geschenk des Frie- 
dens brachten. 

Die Zukunft würde — wenn nicht die « unvorhergesehenen 
Ereignisse » im Zarenreiche einen Strich durch die Rechnung 
der Reaktionäre hüben und drüben gemacht hätten — von neuem 
den Beweis erbracht haben, dass nichts so gut zusammengehört 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHI^AND 37I 

als das hoheuzollernsche Preussen und das zaristische Russland, 
dass die von dem alten Kaiser und seinem Kanzler befolgte 
Politik der Russenfreundschaft nicht nur dem Sicherungsbedürfnis 
Deutschlands, sondern auch der inneren Harmonie der beider- 
seitigen Regierungssysteme entsprach. Schon im zweiten Kriegs- 
jahre wurden — höchst charakteristisch ! — von einer offiziösen 
Zentralstelle in Berlin aus die zukünftigen kommerziellen und 
industriellen Beziehungen zu Russland erörtert, wurde (in einer 
in deutscher und russischer Sprache abgefassten Schrift über 
den Warenaustausch zwischen Russland und Deutschland, wie 
er vor dem Kriege war und in Zukunft zu sein verspricht) die 
Nützlichkeit, ja Notwendigkeit des Zusammengehens der beiden, 
sich in so hohem Masse ergänzenden, Staaten betont und die 
noch engere Gestaltung « des lediglich durch den Krieg unterbro- 
chenen freundschaftlichen Verkehrs zwischen den Russen und den 
Deutschen » befürwortet. 

Darum also Räuber und Mörder ! Darum die Tötung und 
Verstümmelung von Millionen von Menschen, die Verwüstung 
ganzer Provinzen, — damit der unterbrochene Freundschafts- 
verkehr später noch enger sich gestalte, ja vielleicht zu einem 
politischen Bündnis sich verdichte, wie es zwischen Japan und 
Russland nach 1904, zwischen Bulgarien und der Türkei nach 
1912 /1913, zustande gekommen ist ! Alle Phrasen und Dekla- 
mationen von dem << panslavistischen Deutschenhass », der 
diesen Krieg hervorgerufen habe, würden noch während des 
Krieges wie Butter in der Sonne zerronnen sein, wenn es den 
preussischen und den russischen Reaktionären gelungen wäre, 
sich wieder separat-friedlich die Bruderhand zu schütteln, sich 
wieder gerührt in die Arme zu sinken. Die Millionen von Toten 
allerdings wären nicht auferstanden, den Abermillionen von Ver- 
stümmelten wären keine neuen Glieder nachgewachsen. Aber was 
tut's ? Die Preussen und die Reussen hätten beiderseitig gut 
abgeschnitten. Die Preussen hätten ihren Sieg gehabt, die Reussen 
wären von einer Niederlage verschont geblieben und beide Völker 
gleichmässig hätten sich noch lange Jahre des angenehmen Re- 
giments ihrer wieder friedlich und freundschaftlich geeinten 
Dynastien erfreuen dürfen. 

All diesen wohldurchdachten Plänen hat nun die russische 
Demokratie — die zum Unterschied von der deutschen sich als 
ein Machtfaktor im Zarenreiche erwiesen hat — einen Strich durch 
die Rechnung gemacht. 

Die Revolution von 1 917 ist die Fortsetzung und Krönung der 
nach dem japanischen Kriege ausgebrochenen Probe- Revolution 
gewesen, sie hat gezeigt, dass die Befürchtungen der russischen 



372 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

Machthaber vor einem neuen Revolutionsausbruch infolge eines 
neuen Krieges wohlbegründete waren. So ist auch dieser neue 
Umstand, der Umsturz des Zarenregiments noch während des 
Krieges, ein neues Indizium für die Schuldlosigkeit dieses selben 
Regiments am Kriege : schon die Sorge um die eigene Existenz 
musste die russischen Machthaber abhalten und hat sie tatsäch- 
lich abgehalten, ihr Land und Europa in einen blutigen Krieg 
zu stürzen. — Die Hoffnungen der preussischen Reaktionäre 
auf einen Separatfrieden mit dem Zarenreiche, auf die Auf- 
richtung einer Zukunftsallianz aller reaktionären Mächte in Europa 
sind nun allerdings zerstoben und verflogen. Die russische Re- 
publik wird der preussischen Autokratie nicht den Steigbügel 
halten, um als Sieger und Eroberer durchs Brandenburger Tor 
in die Hauptstadt des « Grösseren Deutschlands » einzuziehen. 
Bass der Krieg von 1914 von Russland und Frankreich nicht 
gewollt, sondern von Deutschland als Präventivkrieg herbeige- 
führt wurde, spricht Rohrbach in folgenden Sätzen des oben 
genannten Artikels deutlich aus : 

Bei dieser Sachlage musste der Zusammenstoss vorausgesehen werden, 
und zwar, wenn es nach den russisch-französischen Plänen gegangen wäre, 
für 19 16, frühestens 191 5. Für Russland wie für Frankreich, namentlich aber 
für das erstere, war es eine unangenehme Nötigung, den Entschluss zum 

Kriege schon jetzt zu fassen Die Weiterentwicklung der Dnige nach der 

österreichischen tmd russischen Seite hin ist bekannt ; ebenso, dass die 
Hinterlist des amtlichen Russland, des Kaisers an der Spitze, Deutschland 
zwang, die Fäden des Netzes, das über uns geworfen werden sollte, zu zerschnei- 
den, ehe es zu spät war. 

Deutlicher, als es in diesem Artikel geschieht, kann man sich 
nicht zum präventiven Krieg bekennen : der Zar und seine Mi- 
nister wollten den Krieg vermeiden, aus Furcht vor dem Pan- 
slavismus und der Revolution ; erst 19 16 sollten die angeblichen 
russisch-französischen Kriegspläne zur Verwirklichung gelangen ; 
der Zwang, schon jetzt losschlagen zu müssen, war für Frankreich 
und Russland eine unangenehme Nötigung ; Deutschland aber 
war es, das das Netz zerschnitt, ehe es zu spät war. Zur Ver- 
schleierung der liier offen zugestandenen Tatsache, dass Deutsch- 
land diesen Krieg von 1914 gewollt, Russland und Frankreich ihn 
aber nicht gewollt haben, wird natürlich wieder « die Hinterlist 
des amtlichen Russland, des Kaisers an der Spitze » ins Feld 
geführt, — wobei Rohrbach vergisst, dass er in einem früheren 
Artikel gerade das amtliche Russland und den « persönlich fried- 
liebenden, wohlwollenden Kaiser Nikolaus II. » von jeder Kriegs- 
lust freigesprochen hatte. 

Auch Frankreich entschloss sich — nach Rohrbach — « ohne 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 373 

Schwung und ohne Kriegsbe geisterung » zu dem Waffenkampfe. 
Wie reimt sich das zusammen mit der unbezähmbaren, in den 
letzten Jahren immer gefährlicher angewachsenen Revanchelust, 
welche die Franzosen angeblich — nach der alldeutschen Ge- 
schichtsklitterung — zu den Haupturhebern des Krieges gemacht 
haben soll ? ! 

Auch bezüglich der Stellungnahme Englands macht Rohrbach 
unschätzbare Zugeständnisse, die alle Deklamationen der All- 
deutschen über den Haufen werfen. Er präzisiert — genau über- 
einstimmend mit den Ausführungen meines Buches — die Be- 
dingungen, unter denen England neutral geblieben wäre : Scho- 
nung der Küsten imd der Schiffahrt Frankreichs und Verzicht 
auf den Durchmarsch durch Belgien. Rohrbach hält — abweichend 
von Bethmann und Helfferich und der deutschen Chauvinisten- 
Presse — diese englischen Bedingungen nicht für Vorwände, 
sondern für ernstgemeinte Forderungen eines « militärischen 
Handicap », durch welches Deutschland belastet und entweder 
von dem Kriege abgehalten oder wenigstens an der Zertrüm- 
merung Frankreichs und Belgiens verhindert werden sollte : 

Wir dürfen uns nicht darüber täuschen, dass es sich für England keines- 
wegs einfach um die Frage : neutral oder nicht neutral gehandelt hat, sondern 
um die viel weitergehende : in Zukunft möglicher-, ja wahrscheinlicher- 
weise einem neuen Deutschland gegenüberzustehen, das imstande sein 
würde, sclilechthin die Ueberlegenheit über England zu erwerben. 

In diesem Satze Rohrbachs ist die Bestätigung der englischen 
Befürchtung enthalten, dass die Zerschmetterung Belgiens und 
Frankreichs, selbst ohne territoriale Annexionen in Europa, 
Deutschland eine Machtstellung auf dem Kontinent und beson- 
ders an der Nordseeküste bis zum Kanal hin verschaffen würde, 
die der englischen Meeres-Suprematie gefährlich werden müsste. 
Alles dies ist vollkommen zutreffend und stellt die wahren Motive 
der Haltung Englands dar, die — wie ich auch in meinem Buche 
auseinandergesetzt habe — nicht bloss von dem moralischen 
Interesse des Schutzes garantierter Neutralität, sondern auch 
von dem materiellen Interesse der eigenen Machtstellung diktiert 
war. Interessant an den Ausführungen Rohrbachs — und deshalb 
hebe ich sie hier hervor — ist nur, dass sie die alldeutschen Thesen 
der englischen Ueberfallsabsichten, der Benutzung der Neutra- 
litäts-Verletzung als Kriegs v o r w a n d über den Haufen werfen. 
England hat nie daran gedacht, Deutschland zii vernichten. Es 
wünschte nur nicht, seinerseits eines Tages durch ein auf dem 
Kontinent allmächtig gewordenes Deutschland vernichtet zu 



374 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

werden. Dies erkennt Rolirbach in obigen Sätzen ausdrücklich an 
und deshalb habe ich das Recht, ihn — in gewissem Sinne — als 
Bundesgenossen gegen die Alldeutschen in Anspruch zu nehmen : 
er ist der ausgesprochenste Typus des Präventiv-Imperialisten, 
der nur gelegentlich, um seinen wahren Charakter zu verbergen, 
die Maske des Defensionisten vors Gesicht nimmt. 



Am Schlüsse seines Aufsatzes « Unsere Gegner » gibt Rohrbach 
eine lange lehrreiche Auseinandersetzung zur Begründung des 
Satzes : {< Am wenigsten Sorge brauchen wir vor Russland zu haben. 
Nur wer Russland nicht kennt, ist imstande, es zu fürchten. » 
Alle Momente werden gewissenhaft ins Feld geführt, die Russland 
— nach Rohrbachs Ansicht — zu einem ungefährlichen Gegner 
machen, trotz oder gerade wegen der Grösse des Zarenreiches und 
seiner riesenhaften Bevölkerungsziffer. Die Unordnung, die man- 
gelnde Disziplin, die Beamtenkorruption, die unendlichen Ent- 
fernungen von einem Ende des Reiches zum andern, die mangel- 
haften Eisenbahn- Verbindungen — alle diese Momente werden 
sorgfältig aufgezählt, um die Furcht vor dem russischen Gegner 
in nichts aufzulösen : 

Auf dem laugen Wege, der von der Einberufung der Reservisten und 
Landwehrleute aus ihren Dörfern an der Wolga, im Ural, im Moskauer 
Industriebezirk, in der südrussischen Steppe, in den Wäldern des Nordens 
bis zur Aufstellung der Regimenter und Armeekorps zur Entscheidungs- 
schlacht fern im Westen führt, sind, so wie die Dinge in Russland liegen, 
eme solche Unzahl von physischen, technischen und moralischen Hinder- 
nissen zu überwinden : Stumpfsinn und Widerstand der Eingezogenen, Ge- 
wissenlosigkeit, Brutalität, Korruption der ordnenden und leitenden Stellen, 
mangelnde Fähigkeit zum Disponieren, geringe Leistungsfähigkeit der 
Eisenbahnen, Aufstandsgelüste in Polen u. s. w., dass die am Ende ver- 
wirklichte Kraftleistung kehie furchtbare mehr sein kann. 

Wenn alles das richtig ist — woran ich nicht zweifle — , so 
erscheint das Verhalten Deutschlands am 31 .Juli und i. August 
1914 um so deutlicher als Beweis einer vorgefassten Angriffsabsicht, 
nicht aber einer aufgedrungenen Verteidigung. Eine Demobili- 
sierung innerhalb 12 Stunden — wie sie das deutsche Ultimatum 
forderte — war bei den von Rohrbach mit Recht hervorgehobenen 
innerrussischen Verhältnissen ein Ding der Unmöglichkeit. Die 
Mobilisierung aber, die am 31. Juli angeordnet worden war, konnte 
wegen dieser selben innerrussischen Verhältnisse, wegen dieser sel- 
ben « Unzahl ph3'sischer, technischer und moralischer Hindernisse » 
keinerlei dringende Gefahr für Deutschlands Sicherheit bedeuten. 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHI^AND 375 

jedenfalls keine so dringende Gefahr, dass Kaiser Wilhelm gezwun- 
gen gewesen wäre, — anstatt sich mit der « Sicherstellung seiner 
östlichen Grenzen » zu begnügen, « wo schon starke russische 
Truppen Aufstellung genommen haben ^ », — nun sofort am 
I . August nachmittags Russland und die Welt mit der Kriegser- 
klärung zu überraschen. Weshalb dieses übereilte und verhäng- 
nisvolle Losschlagen, wenn — wie jedermann und sicher besser 
wie irgend jemand anders der deutsche Generalstab wusste — die 
russische Mobilisierung Wochen und Monate zu ihrer Durch- 
führung erforderte ? ! Es gibt nur eine Antwort : Weil man den 
Krieg in Berlin unter allen Umständen wollte. 



Ich werde nachstehend noch eine Reihe von Aussprüchen aus 
der Rohrbachschen Broschüre « Zum Weltvolk hindurch » zum 
Abdruck bringen, glaube mich aber längerer Kommentare ent- 
halten zu können, da die abgedruckten Sätze genügend für sich 
selber sprechen. 

Aus dem Aufsatz : « Drei Grundsätze vom Kriege » (Seite 57 ff.) : 

Man soll den Krieg nicht führen, bevor er sich von selber als nationale 
Notwendigkeit offenbart.... 

Der Krieg um Agadir, Tarudant und den Süs hätte, ebenso wie heute, 
Frankreich, England und Russland vereint gegen uns in Waffen gebracht. 
Mit welchem Gewissen hätten wir den Entschluss fassen sollen ? Wo wäre 
ein Gedanke an den überwältigenden Durchbruch des nationalen Ein- 
heitsgefühls von heute gewesen ? Wo hätten die Sozialdemokraten 
gestanden, und nicht nur die Sozialdemokraten, sondern auch ein grosser 
Teil der Liberalen, vielleicht auch des Zentrums, die Polen usw. ?.... 

Damit ist es schon entschieden, dass wir nicht nur Kraft, sondern auch 
Zeit genug übrig behalten, um mit den Franzosen abzvirechnen. Bis die 
Russen zwm Schlage)! fertig sind, wird es, wenn sie überhaiipt so weit kommen, 
nicht Wochen, sondern vermutlich Monate dauern. 

Aus dem Aufsatz : « Hoch Mittag » (Seite 63'flgd.) :. 

Den Krieg, den wir führen, muss man einen (( reifen » Krieg nennen. 
Der Friedensfreixnd im pazifistischen Sinne wird argwöhnen, wir hätten 
das Heranreifen der Krisis zum Kriege gewäinscht. Darauf kann man mit 
Ja und mit Nein antworten. Der Krieg, ethisch und religiös genommen, ist 
eine Folge der menschlichen Unvollkommenheiten und Fehler, mid von 
dieser Seite her betrachtet, kann er niemals erwünscht sein. Gibt man aber 
zu, dass kein grosses Volk imstande ist, sich zu erhalten, wenn es grund- 
sätzlich beschliesst, kernen Krieg zu füliren, so folgt daraus auch, dass 
Umstände eintreten können, imter denen jeder wissende Patriot den Krieg 
herbeiwünschen muss. Natürlich nicht den Krieg an sich, sondern den Krieg 

' Telegramm des Kaisers Wilhelm an den König Georg vom 31. Juli. 



376 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

als Rettung aus der Gefahr des nationalen Untergangs. Ich bekenne offen, 
dass ich in den Tagen, wo die Entscheidung — Krieg oder Frieden — wie 
auf der Schneide des Messers schwankte, nicht vor dem Sinken der Kriegs-, 
sondern der Fricdensschale gezittert habe. Der Friede, jetzt erhalten, hätte 
uns menschlicher Voraussicht nach nur dazu für den Augenblick vor den 
Opfern bewahrt, die wir jetzt brmgen müssen, um ims wenige Jahre später 
unter schwereren Verhältnissen im Stiche zu lassen. Es wäre kein guter, 
sondern ein fauler Friede gewesen 

Der Krieg, dem wir gestern durch die Preisgabe Oesterreichs hätten 
entgehen können, war uns für morgen von Russland und Frankreich doch 
zugedacht mid England hätte dann ebensowenig neutral beiseite gestanden, 
wie es das jetzt tut. Darum durften der Kaiser und der Reichskanzler den 
Frieden aus der Hand Englands, Frankreichs und Russlands nur nehmen, 
wenn es wirklich ein Friede war, nicht nur ein Auf schuh des Ueberfalls bis 
zur vollkommenen Rüstxmg der Gegner 

Die eigentlich bewegende Frage für das Verständnis der Jahre von 19 12 
bis 19 14 ist die, ob England auch wälirend dieser Zeit keiii anderes Endziel 
vor Augen gehabt hat, als uns klein zu machen, oder ob die englische Politik 
vorübergehend den Gedanken einer wirklichen Verständigung mit Deutsch- 
land aufgenommen hatte. Es ist nicht möglich, darauf heute schon eine 
bestimmte Antwort zu geben 

Diese Antwort w^ird bekanntlich von Schiemann und Genossen 
dahin gegeben, dass England nie an eine ernsthafte Verständigung 
mit Deutschland gedacht, sondern die Verhandlungen nur zur 
Täuschung des deutschen Michels und zur besseren Vorbereitung 
auf den bereits 1908 zu Reval beschlossenen Ueberfallskrieg ge- 
führt hat. — 

Ein Zeugnis Rohrbachs für die Friedensliebe Frankreichs : 

Zuletzt aber drehte sich das Verhältnis um : in Frankreich verlor ein 
immer grösserer Teil der Nation den Mut und die Lust für den Gang auf 
Tod und Leben mit dem gewaltigen Nachbar, aber der wütende russische 
Panslavismus schleppte die Franzosen an der goldenen Kette, mit der sie 
sich selbst gebunden und ihm ausgeliefert hatten, zur Schlachtbank. Russ- 
land zwang Frankreich die dreijährige Dienstzeit auf, und Russland 
erpresste von Frankreich die neuen Milliarden, um seine Mobilmachungs- 
verhältnisse gegenüber Deutschland auf die Höhe zu bringen. 

Während hier wieder einmal der « wütende Panslavismus » 
als der grosse Schuldige vorgeführt wird, sind bekanntlich andere, 
wie z. B. Chamberlain, der Ansicht, dass die französischen Re- 
vanche-Politiker die eigentlichen Kriegstreiber gewesen seien 
und das friedliebende Russland nur im Schlepptau hinter sich 
hergezogen hätten. Auch die bekannte, von Schiemann aufge- 
brachte Lüge wird von Rohrbach wiederholt, dass die dreijährige 
Dienstzeit schon im Sommer 191 2 der französischen Regierung 
von der russischen aufgedrängt worden sei, während sie tat- 
sächlich — historisch und chronologisch nachgewiesen — nur die 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHI^AND 377 

Folge der deutschen Wehrvorlage gewesen ist. Auch der frühere bel- 
gische Gesandte in Berlin, Baron Beyens, den die Berliner Re- 
gierung ja sonst ■ — in ihren Publikationen aus den belgischen 
Archiven — als klassischen Zeugen anerkennt, nagelt diese 
Schiemannsche Lüge fest, wie er überhaupt an mehreren Stellen 
seines Buches gerade diesen edlen Wahrheitsforscher sozusagen 
als offiziösen Hausknecht schildert, als Mädchen für alles, das 
allen Lügen-Unrat zusammenkehren musste, den man auf die 
Köpfe der Gegner ausschütten wollte. 

Ein anderes, noch kräftigeres Zeugnis Rohrbachs für Frank- 
reichs Friedensliebe : 

Den Franzosen lag alles daran, nicht jetzt kämpfen zu müssen, aber die 
russische Kriegspartei belog und verschüchterte den armen Teufel von 
Zaren rundum und schleppte ihren französischen Sklaven mit Drohungen 
hinter sich her. Als der Botschafter Cambon Berlin verliess, da sagte er : 
Wenn wir wären, was die Italiener sind, so würden v*'ir Russland allein in 
diesen Krieg ziehen lassen ! Dies Wort zeigt den wahren Grad der 
französischen Kriegsstimmung beim Ausbruch der Katastrophe. 

Was sagen die Alldeutschen zu dieser Bescheinigung der Frie- 
densliebe Frankreichs von Seiten des Führers des imperialisti- 
schen Deutschlands, was sagt die ganze deutsche Hetzpresse dazu, 
die sogar die unerheblichen Zwischenfälle von Luneville und 
Nancy zu niederträchtigsten Anklagen und Verhetzungen gegen 
das französische Volk ausgeschlachtet hat und am liebsten schon 
damals den Krieg herbeigeführt, ihn aber gleichzeitig den Franzo- 
sen in die Schuhe geschoben hätte ? 

Unschätzbar sind die nachfolgenden Bekenntnisse Rohrbachs 

zum Präventivkriege : 

Nun riss die Verblendimg die serbischen ]\Iörder dazu fort, den Erzherzog 
Franz Ferdinand niederzustrecken tmd damit Oesterreich-Ungarn vor die 
Daseinsfrage zu stellen, bevor Russland seinen beschleunigten Aufmarsch 
vorbereitet tmd bevor Frankreich sein veraltetes Gewehr durch ein neues er- 
setzt, eine schwere Feldartillerie geschaffen, die nördlichen Festimgen 
modernisiert imd die Mängel in der Bekleidung der Truppen ausgefüllt 
hatte 

Nun stellen wir uns vor, was es für ims bedeutet hätte, um den Preis, 
dass wir Oesterreich zur verhängnisvollsten Nachgiebigkeit zwangen, 10/5 
vielleicht noch zwei Jahre sogenannten Frieden zu kaufen. Dann hätten wir 
19 16 ein so weit ausgebautes Eisenbahnsystem in Polen und Westrussland 
gehabt, dass die Russen an unserer Grenze von Ostpreussen bis Schlesien 
aufmarschieren und uns mit aller Macht anfallen köimten. bevor wir mit 
den Franzosen fertig wären. Dann hätten wir eine neubewaflfnete und gut 
ausgerüstete französische Armee und umgebaute französisclie Festmigen 



378 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

zu bekämpfen gehabt. Dann hätten wir endhch kein einiges, sondern ein 
zerrüttetes, moralisch schon geschlagenes Oesterreich als Bundesgenossen 
gehabt. War es da zu verantworten, war es möglich, unter solchen Umständen 
vor dem Entschluss zum Kriege zurückzuweichen ?.... 

Da endlich, als es schon hoch Mittag war und die höchste Zeit zum 
Werk der Rettung an unserer nationalen Zukunft, da fuhr der Schlag 
nieder, der uns von der Gefahr der Versäunmis erlöste. Nun sind wir an der 
Arbeit und erleben es, dass der Baumeister der Welt sie fördert und lohnt. 

Ein Kommentar zu diesen Sätzen ist überflüssig. Wir haben 
den Entschluss zum Kriege gefasst im Sommer 1914, weil unsere 
militärische Situation den Russen und Franzosen gegenüber in 
späterer Zeit eine ungünstigere gewesen wäre. Von uns hing es ab, 
den Krieg zu vermeiden, wenn wir ihn hätten vermeiden wollen. 
Wir sind nicht überfallen worden, sondern wir haben überfallen, 
um einem späteren Ueberfall von der Gegenseite zuvorzukommen. 
Der deutsche Kaiser, die deutschen Könige und ihre Minister 
mögen sich nun mit Rohrbach auseinandersetzen und Rechen- 
schaft von ihm verlangen, wie er dazu kommt, sie alle, die Ver- 
künder des deutschen Verteidigungskrieges, als Lügner hinzu- 
stellen 

Der Krieg — der Vater aller Dinge. 

Eine trostreiche Episode in den Schrecken des Krieges möchte 
ich dem lycser nicht vorenthalten. In einem Aufsatz « Der Vater 
der Dinge » (vom i. September 1914) stimmt Rohrbach — auf 
Heraklit gestützt — einen begeisterten Loheshymnus auf den 
Krieg als solchen an. Jeder grosse Aufschwung menschlichen 
Wesens ist auf irgend welche Art auf den Krieg als Ursprung 
zurückzuführen : 

Ohne Salamis kein perikleisches Zeitalter, kein Sokrates, kein Erbe 
Piatos. Was wüssten, was hätten wir von allem, das die Antike erarbeitet 
hat, ohne den Militärstaat der Römer ? 

Weshalb setzen Sie die Parabel nicht fort, Herr Rohrbach ? 
Ohne den dreissig jährigen Krieg kein Johann Sebastian Bach ; 
ohne den siebenjährigen Krieg kein Göthe, Schiller und Lessing ; 
ohne die Freiheitskriege kein Theodor Körner ; ohne den Krieg 
von 1870 kein Oscar von Redwitz, kein Lauff, kein Anton von 
Werner ; ohne den Krieg von 1914 kein Lissauer ! 

Aber auch furchtbar ist der Krieg ; Herr Rohrbach gibt es zu. 
Nur tröstet ihn auch hierbei der Gedanke, dass ja noch so viele 
andere Furchtbarkeiten in der Welt existieren : Selbstmorde, 
Pocken-Epidemien etc., die zwar weniger auffallen, aber darum 
nicht weniger schrecklich sind : 



DAS KRIEGERISCHE DEUTSCHLAND 379 

Wir Menschen sind nun einmal so, dass Massenwirkungen ims mehr 
als alles andere erschüttern. Aber bei den Tropfen, die einzeln fallen, denken 
wdr nicht an den Strom, der aus ihnen entsteht. Und wie nutzlos zerstörend 
sind jene Einzelfälle, wie grosser Dinge Vater aber ist der Krieg ! 

Als wenn der Krieg an die Stelle des Selbstmordes träte ! 
Werden die Selbstmorde nicht gerade durch die Schrecken und 
Leiden des Krieges, durch Verlust teurer Angehöriger und Er- 
nährer, durch Schmerz, Hunger und Elend ausserordentlich ge- 
steigert ? Durch die französischen Kriegsgefangenen, so berichtet 
Rohrbach, wurde eine Pocken-Epidemie 1870/71 nach Deutsch- 
land eingeschleppt, die fast doppelt so viele Opfer als der Krieg 
(80,000) gekostet hat. Weshalb also, fragt dieser Gemütsmensch, 
sich über die Kriegsopfer so sehr aufregen, wenn Krankheiten 
noch mehr Menschen dahinraffen ? Auch diese Beweisführung 
empfehle ich zur weiteren Ausbildung. Weshalb sich über ein 
Erdbeben entsetzen, das zehntausend Menschen das Leben ge- 
kostet hat ? Haben wir nicht in demselben Jahre die Cholera 
gehabt, an der die doppelte Anzahl zugrunde gegangen ist ? 
Weshalb die zweitausend Menschenleben beklagen, die mit der 
lyusitania versenkt worden sind ? Finden nicht täglich an allen 
Ecken und Enden Europas Gemetzel statt, die der doppelten und 
dreifachen Anzahl von Menschen das Leben oder ihre gesunden 
Gliedmassen kosten ? 

Ueber die Schrecken des Krieges tröstet sich Rohrbach mit den 
Fortschritten der Operationskunst, der durch die tausendfach ver- 
schiedenen Verwundungen die schwierigsten Aufgaben gestellt 
würden. Die Einschleppung der Pocken-Epidemie habe den Anlass 
zur gesetzlichen Schutz-Pockenimpfung gegeben und auf diese 
Weise Hunderttausenden von Menschen in der Folge das Leben 
erhalten. Man sieht, welche Fülle von Segen aus dem Kriege 
fliesst! Der Krieg ist als Vater aller Dinge auch der Vater der Pok- 
ken-Epidemie in Deutschland geworden, diese Epidemie wiederum 
die Mutter der Schutz-Impfung, so dass ein direktes Verwandt- 
schaftsverhältnis, von Grossvater zu Enkel, zwischen dem Krieg 
von 1870 und dem Impfzwang in Deutschland besteht. Typhus, 
Lungenschwindsucht, Cholera, Diphteritis, Syphilis werden von 
oberflächlichen Leuten immer noch als schlimmste Heimsu- 
chungen des Menschengeschlechts betrachtet. Weit gefehlt ! 
Sie sind ein Segen der Menschheit. Wenn sie nicht wären, hätte 
die Bakteriologie nicht die enormen Fortschritte gemacht, die 
wir im letzten Menschenalter zu verzeichnen haben. Hip, Hip, 
Hurrah ! Es lebe der Krieg ! Es leben die Volkskrankheiten ! Es 
lebe der Tod ! 

Wenn die Rohrbachsche Beglückungstheorie noch wenig- 



380 VORGESCHICHTE DES VERBRECHENS 

stens auf die Krankheit des Krieges und deren Verhüter, den 
Pazifismus, an