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Full text of "Delbrück und Wilhelm II: Ein Nachwort zu meinem Kriegsbuch"

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DELBRÜCK 
WILHELM IL 



Ein Nachwort zu meinem Kriegsbuch 

von 

KARL KAUTSKY 



1. bis 3. Tausend 



VERLAG NEUES VATERLAND 

E. BERGER 9l Co. 

Berlin W 62 



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Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung vorbehalten. 
Copyright 1920 by Verlag Neues Vaterland. E. Berger & Co.. Berlin W 62. 



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Inhalt. 

Seite 

1. Kleinigkeiten. 

2. Das russisch-serbische Komplott. 

a) Der Bericht Pascliitschs 9 

b) Das russische ProtokoU 12 

c) Der Thronfolger 15 

3. Die Mobilisierungen. 

. a) Die Reihenfolge der Mobilisierungen IB 

b) Defensive Mobifisierungen 21 

c) Mobilisierung und Krieg . 24 

d) Meine Forschiuogsmethode 31 

•v 4. Die Randnoten des Kaiser^. 

-y a) Das personliche Regiment 34 

b) Die deutsche SchuW 37 

5. Die Rettung des Weltfriedens. 
Y a) Der bedrohte Friede .40 

b) Die deutsche Schwenkung 45 

c) Der Präventivkrieg .48 

O 6. Die auswärtige PoUtik der Zukunft. 






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L Kleinigkeiten. 

Meqie Schrift über de Frage ,,Wie der Weltkrieg eatotwd'* 
(Berlin, Paul Cassiier), hat wegen der darin benwizlen deuladMsa 
Dokumente ziemüch viel. Staub aufgewirbelt, aber in Deulschlaiid nur 
wenige sachliche Erörterungen hervorgerufen. Die Mehrzahl der Kritiker 
kam nicht darüber hinaus, sich über die vorzeitige Veröffentlichung meines 
Buches aufzuregen. Man sah, daß sie dieses, mir si^M hödist un- 
erwünschte und durchaus nicht von mir Veranlafite Votkommms dlk wiB- 
kommene Gelegaiheit amahen, den Autor angreifen zu kSimefi, olme sich 
auf eine sachliche Würdigung seber Ausführungen eUassen 2» müssen. 

Die Zahl der sacUichen Besprechungen, die erschienen, ist germg, 
und von denra, die mir zu Gesicht kamen, ist, soweit sie mir entgegen- 
treten, kone, die mich zu einer Elrwiderung veianlassen würde, ganz' ab- 
gesehen davon, daß es einem Autor natürlich unmös^ch ist, audi nicht 
von 3mi veilangt werden kann, daß er afie Kritiken beMitwoftet. 

An einer kann ich jedoch nicht stillschweigend voibetgelMi. in 
den „Pieufiischen Jahrbüchern** veröffttitlicht im Januar d. J. Herr 
Professor Hans Delbrück unter dem Htdl „CKe KaiAskypapiere'* 
einen dreißig Seiten langen Artikd, in dem er meine Sdnift, einer em-- 
gehenden Kritik unterwirft, oder, wie er sidi ausdriidct, mit mir „ab- 
rechnet". 

Er hat den Artikel jüngst auch als besondere Brosdiüre heraus- 
g^teben. Um den dritten Bogen vott zu machen, hängte er ihm noch 
eine Polemik gegen Harden an, die er im Dezemberheft der „Prei^ischen 
Jahrbücher** veröffentlicht hatte. Die beiden Artikel stehen nicht im 
mindesten Zusammenhang miteinand^, in keinen von^ämen werden 
Harden und ich m irgendwdche Beziehung miteinander gdbracht. 
Wenn Delbrück seiner Broschüre d^ Titel gab „Kautsky und 
H a r d e n**, so wirkte der sdir irreführend. Aber dafür ist er freilich 
von einer Pikanterie, die ich einem Liiiversitätsprofessor nic^it zugetraut 
hatte. 

Um der Person ihres Verfassers will^ muß ich mich mit Ddbrücks 
Kritik auseinandersetzen. Ich schätze ihn hodi wegen seiner h»t<MrBsdien 
Arbeiten, namentlich über die Geschichte des Kriegswesens, die baluv- 
brechend gevrirkt haben, und idi achte ihn auch als aufrechten Qiarakler. 

Ich sehe keine Ursache, mit dem Ausdruck memer Wertschätzung 
hier zurückzuhalten, obw^dJ die Kritik Delbrücks das ausgesproc&ene 
Bestieben zeigt, nicht nur mich zu widevlegen, was bei seber Auf- 



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(atning selbstventandlich, sondern mich herabzusetzen» mir nicht mar die 
Befähigung zum Geschichtsschreiber» sondern sogar die Ehrlichkeit ab- 
zusprechen. 

Ich mufi ihm dabei zugute halten, daß ich ihn schwer geruzt habe. 
Mit drei anderen Herren, dem Grafen Montgdas und den Herrn Pro- 
fessor Max Weber und Menddssohn-Bartholdy, hatte er eine Denkschrift 
über den Ursprung des Krieges verfaßt, die im deutschen Weißbuch vom 
Juni 1919 «rschien. Die dort geaußertien Anschauungen erschienen mir 
angesichts der deutschen Dokumente völlig unhaltbar, und ich gab dem in 
ironischer Form Ausdruck (S; 86). E^e deraitige Behandlung eines 
leibhafttgen Professors durch einen simplen „sozialdemokratisdien Jour- 
nalismen** hat Delbrück offenbar sehr erbost, und er hält es für notig, mir 
zuzurufen: . ' , ' 

,.Idl will einmal <fie Anmaßung haben, zu behaupten, daß idi ein ernsthaft zu 
nehmender iGelehiter bin," (S.14») 

. Angesichts dieser Empfindlichkeit des Herrn ProfesscNrs beeile ich 
mich« M wiederh<deni was ich schon eingangs bemerkt, daß ich Ddbrück 
als Gelehrten nicht nur ernsthaft ndmie, sondom aufierordendich hoch- 
schätze. Aber die Frage der Ursachen des Krieges ist nicht bloß eine 
Frage der Gelehrsamkeit, sie ist eine Frage aktudller, praktischer Politik, 
ah der wir alle teilgenommen, haben. Man kann nun ein.hervcKiragender 
Gelehker und' doch ein sehr naiver Politiker sein. Ddbrück ist wohl auch 
in der Politik keine unbedeutende E^chemung, sondern da ebenfalb ein 
interessanter; Denker, indes doch ein derartiger Sonderling, daß es wohl 
wenige .am ipolitischen Leben B^eiligte gibt, die nicht hin und wieder die 
„AnmaJSfuhg haben'*, über manche seiner politischen Anschauungen den 
Kopf zu schütteln, oder gar zu läch^. Ob. diese Frechh^t in memera 
Falle berechtigt war, werden wir noch sehen. 

Einstweilen sei nur bemerkt, daß ich nicht die Absicht habe, die 
starken personlichen Tone, die Professor Delbrück anschlägt, mit Q^eichem 
Kaliber zu erwidern. Ich will auch, im seine offenbar sehr hochgradige 
Einpfindlicfakeit zu schonen, mich des trockensten Tones befleißigen, 
jedes Lächeb vermeiden und mein Gesicht in die düstersten Falten legen. 
, Das fällt mir um so leichter, als Delbrücks Kritik trotz ihres gesucht 
verletzenden Tones mich angenehm berührt hat. Wenn Delbrück als 
mein direkter Antipode in der Kriegsfrage auftritt, dabei noch eine be- 
solidere persönliche Gereiztheit an den Tag legt und mit aller seiner, sicher 
umfassenden Gdehrsamkeit geg^ mich nicht mehr zu sagen weiß, als er 
in der hier besprochenen Abhandlung sagt, gibt mir das die beruhigende 
Versicherung, daß idi auf dem richtigen Wege bin.^^ 



* Uik zibete nach den Seitenzahlen der BroBdiiire. mcl^t der preußischen Jahr- 
bücher, obwohl yorliegendes Schriltdien schon abgefaßt w^r» als jene ersdbien. Die 
Ungunst der Veihaltnisse verhinderte die sofortige Druddegimg. 

^^ Die vorliegende Sduift war schon niedergeschrieben, als mir die „Glossen 
z tt m K a u 1 8 k y - B u c h** zu Gencht kainea, die der Generat Graf M on t g el a s 
^verötf enkllcbt hat. Sie würden eine Reihe Ton Richdgstettungea eilordem, aber ich 

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Es erscheint mir überflüssige auf all den Kleinkram einzugehen, den 
Delbrück gegen mich vorbringt. Nicht deshalb, weil ich nichts darüber 
zu sagen hätte,, sondern weil ich zu viel sagen müßte, wenn ich mich ein- 
mal darauf einlie$e. Man kann auf zwei Zeilc^n eine Anklage erheben, 
die mehrere Seiten zu ihrer Widerlegung erheischt. Upd ich fürchte 
schon, zu viel Zeit meiner Leser in Anspruch zu nehmen, wenn ich mich 
auf (fie Hauptfragen beschränke, durch die Delbrücks Kritik bereits hin- 
länglich bdeuchtet wird, die Fragen des russisch-serbischen „Komplotts*', 
der Mobilisierungen, der kaiserlichen Randglossen und vor allem die 
Frage der Rettung des Weltfriedens durch die Herbeiführung des öster- 
reichisch-serbischen Krieges. 



2. Das russisch-serbische Komplott. 

a)DerBerichtPaschitschs. 

Mit dem russisch-serbischen Komplott fängt Delbrück an. Elr zieht 
es heran, weil er dabei zeigen will, welcher schäbigen Advokatenkniffe 
ich mich bediene, um dem Leser meine Auffassung plausibel zu machen. 
So sagt er: 

„Was nicht zu seiner (Kautskys) Tendenz stimmt, -wird verschwiegen; 
in erster Linie das russisch-serbische Komplott zum Zwecke der Zertrümmerung 
Österreich-Ungarns, das uns durch den Beridit des Ministers Paschitsch über seine 
Unterredung mit dem Zaren und die russischen MinisterprotokoUe bis ins einzelnste 
.enthüllt ist. Nur so ganz im attgemeinen hören wir Andeutungen, dafi die Seib^i 
fiir die Österreicher unbequeme Nachbarn waren. Die 'Schikanenpolitik, mit der 
die Österreicher und namentlich die Ungarn die Serben niederzuhalten suchten, wird 
uns eindrucksvoll geschiklert. Daß gerade der lErzherzog-Thronfolger diese törichte 
Politik verwarft und bekämpfte und vielleicht gerade deshalb von den nationalisti- 
schen Fanatikern, die keine Aussöhnung wollten, ermoixlet wurde, wird uns eben- 
falls sorglich verschwiegen. (S. 6.) 

Nur 4urch derartige verwerfliche Actvokatenkniffe gdingf es mir, 
nach Ddbrück, den österreichischen Staat, der von Rußland und Serbien 
in seiner Existenz aufs schwerste bedroht war, als „den Träger einer 
Abenteurerpolitik** erscheinen zu, lassen, „die für irgendwelche un- 
klaren Ziele in frivoler Weise Händel sucht." 

An dieser schweren Anklage bewußter Unehrlichkeit, die Professor 
Delbrück gegen mich erhebt, ist eines richtig: ich habe von dem russisch- 
serbischen Komplott in meinem Buche kein Wort gesagt. Was aber 
ermächtigt den Herrn Professor, mit voller Bestimmtheit zu bdiaupten. 



kann nicht jedem Kritiker antworten, und darf es mir im vorliegenden Falle um so 
eher sparen, als ich in meiqer Beantwortung der Delbrückschen Kritik im wesent- 
lichen auch die des Generals Montgelas erwidere. Beide bewegen sich in den 
gleichen Bahnen, nur schlägt der General nicht so wilde, kriegerische Tone an 
wie der Professor. 



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dies lei darauf zurückzuführen, dafi ich mir bekannte Tatsachen ver- 
schweige, weil sie zu „meiner Tendenz nicht stinuntcn?^* 

h WiiUickeit vermag ich leider jenes „Komplott** auch heute 
noch nicht zu entdecken. In dem Bmcht Paschitschs vom 2. Fd>ruar 
1914, auf den sich Delbrück beruft, ist nicht ein Wort darüber zu finden. 
Es heifit dort: 

„Idi legte dem 2Laren die Politik SedineM dar, wddie daiin beitdit, dafi 
der Frieden auf dem Balkan erhalten bleibt und dafi neue Ver- 
nvicldungen vermieden werden, denn Serbien braucht den Frieden, um 
sich zu erholen und sich von neuem zur Verteidigung der «edMKhen Staats- 
Interessen zu rüsteii. Ich legte auch die Sch^erig^ten dar, auf welche Seibien 
bei der Verfolgung seiner fribdKchen PoUtik stoßt. Unzufrieden sind Bulgarien, die 
Türkei und Österreich. Die Türkei, >rei] sie den Krieg mit den Balkanstaaten ver- 
loren hat, Bulgarien, weil es nicht alles das, was es woUte, behalten oder ednken . 
konnte, und &terreich^ weil es die Aussicht auf den Vorstofi nach Saloniki ver- 
loren hat." 

Paschitsch definierte dann die notwendige nächste . Balkanpolitik 
f olgendermafien : 

„1. Gnechenland mufi einen Konflikt mit der Türkei vermeiden. . . ." 

„2. Das zweite Mittel, den Frieden zu ediahen, ist, dafi der Türkei und 
Bulgarien keine Anleihe bewifligt wiid, bevor alle aus dem Kiieg entstandenen 
Fragen gelost sind" 

„8.. Dafi alle Grofimachte mit geringen Truppenkontingenten Al>anien okku- 
lteren, Ordnung schaffen und den Frieden erhalten." 

„4. Das vierte Mittel wäre» Rumänien zu bewegen, entschiedener auf unsere 
Seite zu treten, und der Türkei und Bulgarien zu erlükren, es könne nicht neutral 
bleiben, wenn an dem Frieden gerüttelt wud und die Bukarester Friedensschlüsse in 
Frage gesteUt weiden." 

Dies das Programm Paschitschs. An -der Elriialtung des Bukarester 
Friedens waren in der Tat Serbien und Riunänien aufs stärkste inter- 
essiert. Dagegen waren Bulgarien und Osterrdch mit ihm höchst un- 
zufrieden. 

In wdcher Weise wurde nun damals vom Zaren und von Paschitsch 
über östeneich gesprochen? 

Sie erörterten die Aussicht auf eine Annäherung Rumäniens an Ser- 
bien und dabei bemerkt der 21ar: 

„In Österreich-Ungarn gibt es 3K Millionen Rumänen, und diese wünschen ' 
die Vereinigung mit Rumäni^i; darauf sagte ich ihm, die Siebenbürger Rumänen 
seien bessere Nationalisten als die Rumänen in Rumänien, und König Carl hat 
mir erklärt, dafi sich die öffentliche Mdnung in Rumänien zugunsten einer An- 
näherung Rumäniens an die .Balkanstaaten geändert habe.". 

Nach einigen Darlegtmgen über die Türkei und Albanien kam das 
Gespräch dann auf das Verhältnis Österreichs zu Bulgarien: 

,,Hierauf lenkte ich das Gespräch auf die Warenlieferungen Österreichs au 
Bulgarien, dafi nämlich Osterreich aus seanren Magazinen Gewehre und Munition 
gegd>en hat, und dafi Bulgarien auch Kanonen erhielt. Wieder fugte der Zar 
hinzu, dafi auch Deutschland Bulgarien unterstützt hat. Ich bat ihn, Rufiland 
möge ebenfafls uns damit unterstützen, dafi es uns aus seinen Magazinen 120 000 
Gewehre imd Munition liclert und ^mist wenige Kanonen.** 

Der Zar sagt, er werde sein möglichstes tun. Dann wendet er sidi 

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2a Montenegro vmd Bulganen. Schließlich kommen die beiden wieder 
auf Österreich zu sprechen: 

•Jdi cneäkke dem Zaiezi, weUier Umchwun« sich bei 6ta fiWen in Otter- 
fcidtrLbgam volboM hat, wie zahlreiche Starcewitsck-Anhänger, die irüher das 
Heil yoQ Osteneidb erwarteten, jetzt einsehen, daß ihnen dieses Heil nur von 
Rnäand oder Seibien kommen könne, und dafi sie die Gelegenheit kaiun erwarten 
konnten, 3ire Wünsche erfiiflt zu sdien, wkd dSann sagte ich hm, daß wir ebenso 
viele Soldaten aus jenen Ländern bekommen würden, als wir Gewehre haben 
weiden/* 

Auch der 21ar sefi>st behauptete, dafi Österreich die Slawen schleck be- 
haute, führte den ungarisch-russischen Prozefi an^, und bemitleidete jenen uo^ück- 
lichen Teil des russischen Vdkes, der wegen seines Glaubens Verfolgungen er- 
duldet. Wenn Österreich mit setner antislaiwischen P<Jitik nicht ^ufhört, so werde 
das kein gutes Ende nehmen." 

Der Zar fragte noch, wie viele Soldaten Serbien stellen könne, und 
die Unterredung sciüo& mit dem Vorbringen der Werbung des serbischen 
Kronprinzen um eine Tochter des Zaren. 

Paschitsch gebrauchte dabei folgende Wendung, die Delbrück an 
aniderer Stelle als besonders gravierend bezeichnet: 

^ „Wenn es uns beschieden bt, eine Toditer des Kaisers von Rufiland zur 
Königin zu haben, dann wird sie die Sympathie des ganzen seibischen Volkes ge- 
niefien, und sie kann, wenn Gott und die Verhältnisse es zu- 
lassen, die Zarin des «üd slawischen, serbischen, kroati- 
schen Volkes werden. Ihr Eönflufi und ihr Glanz wiid die ganze Balkan- 
halbinsel umfassen." 

Ich habe alles dias ausführlich wiedlergegeben, da ich mit einem 
so mißtrauischen Kritiker zu tun habe, der gleich mit der Beschuldigung 
bei der Hand: ist, jede Weglassung, die' ihnf nicht pafit, sei eineni infamen 
Motiv zuzuschreiben. Nun frage ich den imbefangenen Leser, wo in dem 
Bericht das »»Komplott zur Zertrümmerung Österreich-Ungarns" zu finden 
ist, das dort angeblich ,,bis ins einzehiste enthüllt ist". 

Ein Komplott ist doch ein Abkommen zu einer gemeinsahien 
Handlung. In der Tat schreibt Delbrück auf S. 9 „von dem schon 
verabredeten Krieg Serbiens, im Bimde mit Rußland imd d^r 
ElntenteT' Von einer solchen Verabredung ist in dem Bericht mit keinem 
Wort die Rede. 

Es ist richtig, die Unterredung bezeugt nicht sehr freundschaf diche - 
Gefühle für Österreich; sie bezeugt Schadenfreude über die Schwierig- 
keiten, die diesem Staat aus seinen nationalen Verhältnissen erwachsen 
und die Absicht, eventuelle Verlegenheiten der österreichischen Mon- 
archie auszunützen; der Zar erwartet kein gutes Ende für Österreich, 
wenn seine antislawische Politik nicht aufhört. Beide rechnen auf Öster- 
reichs Zerfall und die Verwirklichung des nationalen Sehnens der Serben. 
Aber alles das ist noch kein „Komplott". Dagegen hat uns GioUtti 
gezeigt, daß erst kurz vorher Österreich gegen Serbien zu komplottieren 



* Der Zar hatte hier einen Hochverratsprozeß im Auge, der tn Marmaros- 
Szioet (Ungarn) gegen 181 Angeklagte am 29. Dezember 1913 begann und am 
d. Man: 1914 mit der Verurteilung von 32 Angeklagten endete. K. K. 



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suchte und es lag nicht an der österreichischen Regierung, wenn es nicht 
gelang. 

Oder soll das Komplott darin zu finden sem, dafi Paschitsch den 
Zaren um Gewehre und Kanonen ersucht?' Aber dann hätte ja auch 
Österreich sich eines Komplotts mit Bulgarien „zur Zertrümmerung 
Serbiens'* durch Waffenlieferungen schuldig gemacht. 

Als ein Komplott, wie es Delbrück hier im Auge hat, eine „Verab- 
redung zum Krieg" konnte man z. B. das Kriegsbündnis bezeichnen, das 
Bismarck mit Italien im April 1 866 abschloß, und das eine Verabredung 
der beiden zum Krieg gegen Österreich darstellte. 

Eine solche Verabredung und also ein „Komplott" bildete auch das 
Abkommen, das am 3. Juli 1914 zwischen Deutschland und Österreich 
über den Krieg gegen Serbien getroffen wurde. Da handelte es sich 
um eine bestimmte Vereinbarung ziun Zweck eines kriegerischen Angriffs 
auf einen Nachbar. 

Der Bericht Paschitschs enthält nichts Derartiges. Was er „ent- 
hülk*', ist die allbekannte Tatsache, daß Serbien der Schützling Ruß- 
lands war, daß jeder, der Serbien den Krieg erklärte, damit rechnen 
mußte, Rußland herauszufordern, daß die Idee einer „Lokalisierung" 
des Kriegs gegen Serbien eine Absurdität wair. Diese Tatsache habe 
ich nicht nur nicht verschwiegen, ich mache es vielmehr der von Delbriick 
verteidigten Regierung zum stärksten Vorwurf, daß sie blind dafür war. 

Wir werden freilich später sehen, daß es Leute gibt, die selbst heute 
noch sich dieser Blindheit befleißigen. Derselbe Delbrück, der überzeugt 
ist, es. habe ein „Komplott" zwischen Rußland und Serbien bestanden, 
meint, der Krieg Österreichs gegen Serbien wenige Monate nach 
Paschitschs Brautwerbung sei das einzig mögliche Mittel gewesen, Ruß^ 
land ruhig zu halten. 

b) Das russische Protokoll. 

Delbrück spricht dann noch von den „russischen Ministerproto- 
kollen", die uns das „russisch-serbische Komplott zum Zwecke der Zer- 
trümmerung Österreichs" bis ins einzebste enthüllen. Er führt das 
nicht weiter aus, sondern verweist uns auf das Juliheft der „Preußischen 
Jahrbücher" von 1919. Dort aber finden \vir auch nur ein paar Zeilen 
über 

»»verschiedene russische Mamsterprotokolle aus dem Februar und März, in denen 
festgestellt wird, dafi es die historische Aufgabe Ru&lands sei, die Herrschaft über die 
Meerengen zu gewinnen, daß diese Aufgabe nur im Zusammenhange mit einem 
groEen europäischen Kriege zu lösen sei, ymd daß Rußland dabei auf d^e 'Hilfe 
Serbiens rechne." 

Diese Wiedergabe ist nicht ganz genau. So handelt es sich hier 
z. B. in Wirklichkeit nicht um „verschiedene MinisterprotoköUe 
aus dem Februar und März", sondern um das Protokoll eines 
Ministerrats, der am 21. Februar (nach dem russischen), das heifit am 

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6. Maiz unseres Kalenders abgehalten wurde. Er ist im deutschen Weifi- 
buch vom Juni 1919, das alle diese Dokumente bringt» falsch als Pro- 
tokoll vom 21. Februar/3. März datiert. Daraus macht Professor 
Delbrück „verschiedene Protokolle aus dem Februar und März.*' 

Das Versehen ist nebensächlich; ich verzeichne es» weil derselbe 
Professor, dem es pariert, mir die Ungenauigkeit meiner Daten vorwirft. 
Mit welchem Recht, werden wir noch sAen.* 

Und mm ziun Inhalt des Protokolls. Ihm wird eine Denkschrift 
vorausgesandt, die mit den Worten beginnt: 

„Die gegenwärtige Lage im nahen Osten, die in näherer oder fernerer Zukunft 
zur Auflösung der Türkei führen kann, macht es uns zur Pflicht, erstens 
schon heute die MögUchkeit ins Auge zu fassen« daß die Frage der Meerengen 
aufgerollt werden wird, und zweitens unser Verhalten zu derselben zu bestimmen/* 

Ober den Standpunkt Sasanoffs heißt es daim im Protokoll: 

„Obgleich der Minister des ÄuEeren im gegenwärtigen Moment erheb- 
liche politische Verwicklungen für wenig wahrscheinlich 
hält, meint er, daE man trqtzdem selbst in der nächsten Zukunft für die Ej- 
hakuns des gegenwärtigen Zustaitdes im nahen Osten keine Gewähr - überndunen 
könne. Dabei ddrückt S. D. Sasanotf die feste Überzeugung aus, daE, falls kraft der 
Ereignisse die Meerengen der Herrschaft der Türkei entzogen werden sollten, 
RuEland nicht zulassen könne, daß sich an ihren Ufern irgendeine andere 
Macht festsetze, und daß es deshalb vielleicht gezwungen werden könnte, die 
Meerengen zu besetzen.** 

Die weiteren Verhandlungen gelten hauptsächlich der Frage, welches 
die militärischen Bedingungen der Besetzung sein würden. Dabei ist nur 
einmal von Serbien die Rede: 

,tAvi die Frage, ob wir nicht auf die Unterstützung Serbiens rechnen dürfen, 
antwortet 5. D. Sasanotf, diaE man nicht voraussetzen kann, daE<i{unsere Aktion 
gegen die Meerengen auEerhalb eines europäischen Krieges unternommen werden 
könnte. Man.muE annehmen, daE unter solchen Umständen Serbien gezwungen 
sein wird, seine gesamte Macht gegen Österreich-Ungarn zu werfen.** 

Das heißt, daß es die Aktion gegen die. Türkei nicht unterstützen 
kann. 

Der Chef des Generabtabs fügt dann hinzu, daß im. Falle eines 
Krieges zwischen Rußland und Österreich Serbien vier bis fünf öster- 
reichische Armeekorps beschäftigen werde. 

Das ist alles, aber auch alles Material, auf das sich Delbrück beruft, 
weil es uns, nach seiner Meinung, das russisch-serbische Komplott zur 
Zertrümmerung Österreichs „bis ins einzebste enthüllt." 

In dem russischen Ministerprotokoll vom 21. Februar 1914 handelt 
es sich um Maßregeb für den Fall der Auflösung der Türkei, nicht 
Österreichs. EU wird angenommen, daß man zur Besetzung der 
Meerengen nur im Verlaufe eines europäischen Krieges kommen werde. 



* Nach dem Bericht Sasanoffs an den Zaren hätte der Ministerrat, wie im 
Weißbuch angegeben, am 8./21. Februar stattgefunden. Danach käme der 21. Fe- 
bruar nicht alten, sondern neuen Stils in Betracht. Das würde eine sehr lieder- 
Hche Redaktion des Weißbychs anzeigen. 

13 

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Mit der Mögtichkeit emes solchen rechneten die Runen damab wie aik 
Welt. 

Delbrücks Deutung dieses Protokc^ erinnert etwas an die Deutung 
der Brüsseler Dokumente wahrend des letzten Krieges. Die Deutscben 
hatten nach der Besetzung Brüssels» 1914, im -Archiv de» bdgischen 
Kriegsministers Aufzeichnungen gefunden von BeHffechungen zwisdKn 
belgischen und englischen Offizieren 'über Mafinahmen, die notwendig 
werden 'konnten für den Fall, daß in einem Kriege, den man befürchtete, 
Deutschland die bdgische Neutralität verletze und in Bdgien ein- 
marschiere. 

Es machte in der ganzen Welt außerhalb Deutschknds sehr böses 
Blut, daß die deutsche Regierung durch die „Norddeutsche AügNneine 
Zeitung" vom 25. November 1914 und dann in emem Weißbuch er- 
klärte, diese Besprechungen lieferten den Beweis dafür, „eine wie ein- 
gehende militärische Vorbereitung der englisch-belgische 
Kriegsplan gegenDeutschland ^erfahren hatte*'. 

Trotz der allgemeinen moralischen Verurteilung, die diese Um- 
deutung einer Befürchtungin einen Kriegsplan erfahren hatte, 
verfährt Professor Delbrück hier in ähnlicher Weise. Aus der Er- 
örterung von Maßnahmen, die für den Fall eines allgemein erwarteten 
europäischen Krieges gegenüber der Türkei notwendig werden 
könnten, macht er einen russisch-serbischen Kriegs- 
plan gegen Osterreich. 

Aber nehmen wir an, die Besprechung jener E v entualitäten 
verriete bestimmte Absichten. Dies^ richteten sich gegen Kon- 
stantinopel. Wenn sie beunruhigend wirkten, mußten sie Italien und 
Ejigland nicht minder beunruhigen wie Deutschland und Österreich, es 
wäre denn, daß Deutschland beabsichtigte, sich in Konstantinopd fest- 
zusetzen. Wohl mußten Italien und England im^ selbst Frankreich dem 
Vormarsch Rußlands zu den Dardanellen widerstreben. Aber sie hätten 
ihn immer noch der Besetzung Konstantinopels durch das gewaltige 
Deutschland vorgezogen. 

Hegte Deutschland nicht solche Pläne, dann war, sobald der Krieg 
zwischen den Mitternächten und Rußland unvermeidlich wurde, deren 
Position am günstigsten dann, wenn er aus den russischen Appetiten 
nach Konstantinopel entsprang. Denn in diesem FaDe durften Deutsch^ 
land und Österreich auf Italiens und Elnglands Sympathien, vielleicht 
sogar Hilfe rechnen. 

Glaubten die wilhelminischen Politiker an die auf die DardaneHen 
gerichteten Gelüste Rußlands und hielten sie darob einen Krieg für 
geboten, dann war es völlig sinnlos, damit nicht zu warten, bis Rußlands 
Absichten sich demaskierten, sondern der SelbstenthiUlimg Rußlands 
durch Unterstützung der Vergewaltigungspolitik Österreichs gegenüber 
Serbien zuvc^rzukommen, und dadurch alle Welt gegen sich aufzubringen, 

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Noch weniger ak Paschitachs Bericht bezeugt das nnsisdie Minister- 
Protokoll die „Verbiadimg'' mit Serbien zu einem Krieg gegen Oiter- 
leick Noch mehr als jenar lä&t es eine Situation erkennen, in der man 
schon vom bloßen habsburgisch-hohenzoHemsehen InteressoistandpinJct 
aus nichts Einfältigeres tun konnte, als sich durch den Zufall der Schüsse 
von Seraiewo zu einer Strafexpedition gegen Serbien fortreißen zu lassen. 

Man sieht, wenn ich den Bericht Paschitschs und das russische 
Ministerprotdcoll »»verschwieg**, so geschah es nicht deshalb, weil sie 
nicht zu „meiner Tendenz stimmen**, sondern einfach blofi deshalb, weil 
ihre Earorterung den Gang meiner Darstdlung zu sehr aufhalten mufite, 
ohne dafi sie an deren Charakter auch nur das geringste geändert hatte. 

Ich sehe die Dinge einfach ganz anders ak DdbrücL Die Leser 
mögen entscheiden, wer richtiger sieht. Auf jeden Fall bin ich nicht 
so schnell wie er bei der Hand, überall Komplotte und Unterschlagungen 
zu wittern und jeden Verdacht mit der professoralen Bestimmtheit der 
93 als feststehemle Tatsache in die Welt hinauszuposaunen. 



c)DerThronfolger. 

Mit dieser einen lUustrierung meines „advokatischen Kimstgriffs", 
unbequeme Tatsachen zu verschweigen, ist Professor Delbrück nicht 
zufrieden. Er klagt mich an, ich hätte „ebenfalls sor^ch verhehlt'*, daß 
der Elrzherzog-Thronfolger die „Schikanenpolitik** gegenüber den Serben 
bekämpfte. Und doch sei dieser „vielleicht** gerade deshalb von 
den nationalistischen Fanatikern ermordet wwden, die keine Aus- 
söhnung wolltien. 

Auch hier mufi ich die bedauernswerte Tatsache konstatieren, da£ 
ich nicht zu sehen vermag, was Delbrück sieht. 

Eis ist richtig, daß das Verhältnis des Thronfolgers zu den größten 
Unterdrückern der Sücklawen, den Ungarn, ein schlechtes wair. Der 
fanatische Katholik und eifersüchtige Wahrer der Machtstellung des 
Monarchen kam schlecht aus mit dem zu einem großen Teil protestanti- 
schen Adel Ungarns, der es verstanden hatte, dem Absolutismus sehr 
unbequeme Schranken aufzuerlegen. Anderseits mußte Franz Ferdinand 
Sjonpathien empfinden für die gut katholischen Kroaten, die sich im 
Laufe des 19. Jahrhunderts stets als die getreueste Leibgarde der habs- 
burgischen D3aiastie bewährt und ihr 1848 die Krone gerettet hatten. 

Sie erwarteten auch von deni wachsenden Einfluß, den Franz 
Ferdinand in den letzten zwei Jahrzehnten Franz Josefs auf die Staats- 
geschäfte gewann, eine Verbesserung ihrer Lage, eine Milderung der 
Unterdrückung, die sie von den Ungarn erfuhren. Darin sahen sie sich 
jedoch betrogen. Ihre Lage wurde nicht besser, sondern schlechter. In 
ihren Hofinungen auf den Thronfolger sahen sie sich grausam enttäuscht. 
Das, was Professor Delbrück so milde eine „Schikanenpolitik'* nennt, 
nahm in Kroatien kurz vor dem Attentat von Serajewo die schliminsten 



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Formen $chrankenloser WiQkuriiemchaft an. Am 3. ^ril 1912 wurde 
die kroatische Verfassung suspendiert, der Landtag nach Hause geschickt, 
alle politischen Rechte . aufgehoben, der Banus Cuvaj zum Diktator 
ernannt. Die Konsequenz war eine Serie von Attentaten in Agram auf 
ihn imd dann auf seinen Nachfolger, Baron Skerlecz. Eis folgten einander 
am 8. Jimi 1912 Jukitsch, am 18. August 1913 iDojtschitsch, am 
20. Mai 1914 Jakob Schäfer. Entsprangen diese Attentate auch der 
Furcht, die Herren Diktatoren konnteh zu versöhnlich wirken? 

Wurde so schon mit den loyalen katholischen Kroaten umgesprungen, 
wie dann ent mit den wideriiaarigen Serben, die, abgesehen von den 
katholischen Dalmatinern, griechisch-orthodoxe „Ketzer** sind! Und 
schon gar erst mit den Serboi außerhalb der Monarchie! 

Die österreichischen Agrarier haßten die serbische Konkurrenz, die 
österreichischen Imperialisten, die nach Saloniki schielten, sahen in einem 
selbständigen Serbien ein Hindernis, das um jeden Preis zu beseitigen 
war.f Die Agrarier wie die Imperialisten aber fanden einen tatkräftigen 
Führer im Thronfolger. 

Ährenthal wurde 1906 Minister des Äußeren als Vertrauensmann 
des Thronfolgers. Mit ihm setzte eme aktive äußere Politik der Monarchie 
ein, die sich in erster Linie gegen Serbien richtete. Durch sie wurde das 
serbische Volk in einer Weise mißhandelt — . „schikaniert** würde 
Delbrück sagen — , daß der großserbische Gedanke, der zunächst nur 
einen kleinen Kreis von Intellektuellen beherrschte, als Rettung vor dem 
verhaßten Österreich selbst die Ißauemschaft ergriff. 

Auf die Gefahr, die für den Wdtfrieden aus dieser Politik Öster- 
reichs erwuchs, wies ich schon im März 1909, zur Zeit der durch die 
Annexion Bosniens erzeugten Krise, in einem Artikel der „Neuen Zeit** 
über „Österreich und Serbien** hin (XXVII, LS. 8o0 ff.), in dem 
ich gegen jene Politiker polemisierte, „die ihr Wissen von den Balkan- 
Völkern bei den Gelehrten des ,Simplizissimus* holen**. Ich sagte dort 
unter anderem: 

„Die agrarische Politik Österreich-Uxigams hat daher das Streben, die geo- - 
> graphische Position gegenüber Serbien dahin zu benutzen, diesem Ländchen nicht 
nur die Ausfuhr nach Osterreich, sondern auch die Durchfuhr durch Öster- 
reich möglichst zu erschweren, die seibische Konkurrenz nicht bloß auf dem inneren 
Markte Österreichs, sondern auch auf dem Weltmarkt möglichst auszuschaJten. 
Gerade in den letzten Jahren führte das zu 21olIkri€gen, die Serbien an den Rand 
des Bankerotts brachten und ihm den Mut der Verzweiflung des Bankrottierers ein- 
flößten, der alles auf eine Karte setzt, weil er nur noch zu gewinnen, nichts • zu 
verheren hat. .• . . . 

In der Tat ist für Serbien jeder ökonomische Aufschwung ausgeschlossen, 
wenn es auf seine eigenen Grenzen beschränkt bleibt und die Herrschaft der 
Agrarier in Österreich nicht gebrochen wird.** 

Doch nicht nur ökonomisch mißhandelte die von Franz Ferdinand 
geförderte Politik die Serben aufs furchtbarste. Sie mißhandelte diese 
auch moralisch — in Österreich und außerhalb Österreichs. Nur ein 
Beispiel dafür: 

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Gleichzeitig mit dem eben zitierten Artikel» den ich in BerKn ver- 
ötfentlichte, erschien in der Wiener „Neuen Freien Presse** ein Artikel 
des sicher auch von Professor Delbrück als Historiker anerkannten 
Heinrich Friedjimg, in dem er Abgeordnete des kroatischen Landtags 
wegen land^verräterischer Beziehungen zur serbischen Regierung denun- 
zierte. In dem Prozeß, den« die Beschuldigten anstrengten, erwiesen sich 
die belastenden Dokumente als gefä^lscht. 

Aber nicht genug damit. Masaryk, wieder ein Professor, den 
Delbrück wohl anerkennen wird, erbrachte den Beweis, daß die Doku- 
mente in der Belgrader österreichischen Gesandtschaft unter der Ägide 
des Gesandten Graf Forgach gefälscht wurden*. Dabei war vor 
Gericht festgestellt worden, daß diese Dokumente dem Thronfolger vor- 
gelegt wurden, ehe das Ministerium de^ Äußeren sie Friedjimg zur 
Benutzung auslieferte. 

Nachdem die Beziehung Forgachs zur Fälschung nachgewiesen war, 
soQte man annehmen, daß er für den Thronfolger ebenso unmögUch 
wurde, wie in Serbien. Statt dessen wurde er belohnt, als er Belgrad 
verlassen mußte. Zur Zeit des Attentats auf den Thronfolger finden 
wir ihn in Wien im Ministerium des Äußern als Sektionschef, als rechte 
Hand des Ministers, der ihn in seiner Abwesenheit vertritt, und als 
seinen Ratgeber speziell in serbischoi Dingen. 

Durch die Züchtung solcher Elemente und Methoden bezeigte 
Franz Ferdinand die versöhnlichen Absichten, die er den Serben gegen- 
über hegte. Und Delbrück erscheinen diese Absichten so offenkundig 
und selbstverständlich, daß er es als eine gemeine Fälschung erklärt, 
wenn ich von dem serbisch-österreichischen Konflikt' rede, ohne auf sie 
hmzuweisen. 

Gerad^ezu köstlich ist es, wenn der Herr Professor hinzufügt: 
„V i e 1 1 e i c h t** sei der Thronfolger gerade wegen seiner versöhnlichen 
Absichten ermordet worden. 

Dieses „Vielleicht** könnte einen an dem Historiker Delbrück irre 
machen, denn es beweist, daß er keine einzige Tatsache kennt, die jene 
Auffassung auch nur wahrscheinlich machen würde. Es zeigt uns, daß 
wir es hier nicht mit dem Historiker, sondern dem Politiker zu tim 
haben, den sein kritisches Vermögen gegenüber den Vertretern der 
eigenen Partei leicht in Stich läßt, und der ohne langes Besinnen und 
ohne jede tatsächliche Unterlage geneigt ist, von seinem Gegner das 
Schlimmste zu glauben und zu behaupten, seien es nun serbische „Fürsten- 
mörder** od^ ein „sozialdemokratischer Journalist**. 



* Vgl. z. B. Masaryk, Vasic-Forgach-Aehrenthal, Einiges 
Material zur Kennzeichn'ung unserer Diplomatie. Prag 1911. 

2 K a u t s k 7, Delbrück und Withehn II. 1 7 

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3. Die Mobilisierungen. 

a) Die Reihenfolge der Mobilisierungen. 

Delbrück begnügt sich nicht damit, mir durch die Beschuldigung 
bewußter Fälschung die Elhre abzuschneiden, zur größeren Elhre Franz 
Ferdinands und Berchtolds. Er muß mich auch als denden Stümper 
«und Ignoranten entlarven: 

.Jst nun etwa dieser strenge Sittenrichter wenigstens sorgsam und zuver- 
lässig in seinen tatsächlichen Angsixn? Ist der sefiMtbewußte EMal^tiker Kautsky 
auch der strenge Logiker, für den er sich hält? Hat der Historiker Kautsky sich 
die Mühe «fegeben, auch nur die gedruckt vorliegende Literatur so zu studieren 
und sich zu ei^en zu machen, wie man c$ von einem Quellenlorscher veHangt? 

Eine der wichtigsten Fragen ist der Zeitpunkt der russischen Gesamtmobil- 
machung und ihr Verhältnis zu der österreichischen. Seit Monaten ist bekannt, 
\ daß die russische Gesamtmobihnachui^ am 29. JuH beschlossen^ am Abend des 
30. JuU befohlen worden ist, am Morgen des Sl. JuK an allen Straßenecken 
Petersburgs angeschlagen war. Die österreichische GesamtindNfanachung aber ist, 
wie wir jetzt aus der amtlichen österreichischen Publikation mit aller wünschens- 
werten Gienauigkeit wissen, am 31. Juli, mittags 12 Uhr 2S Minuten, aus der 
Militärkanzlei des Monarchen kus IGiegsministenuffl und beim Chef der General- 
stabs eingelaufen und dann ausgegeben worden. Kautsky aber (S. 135) läßt die 
beiden Mobilmachungen »gleichzeitig** erfotgen; Daß es die Pflicht des 
Historikers ist, in solchen Aussagen exakt zu sein und die urkundlichen Beweis- 
stücke heranzuzaehen, scheint ihm noch nicht aufgegangen zu sein, und auch bei 
den voraiufgehenden Teilmobofisienmgen fiegt es ihm fem, zu erwähnenr daß es die 
Seiben waren, die zuerst mot>iJ!isiertefi :^o. Juli, nachmittags 3 Uhr." (S. 16.) 

Eis folgt noch einiges über die Anzahl der hüben und drüben 
mobilisierten Divisionen, was nicht mehr in Betracht kommt» wenn das 
eben Zitierte erledigt ist. 

In einem hat Delbrück recht. Die genaue Angabe von Stunde und 
Minute der einzeben MobiUsierungen ist eine unverzeihliche Nach- 

keit, wenn es richtig ist» was er sagt: 



„Eine der wichtigsten Fragen ist <ler Zeitpimkt der russischen Mobilisierung 
und ihr Verhältnis zu der österreichischen." 

Er vergißt nur die Kleinigkeit, daß man auch in dieser Frage 
anderer Meinung sein kann als er. Delbrück und seine Gesinnungs- 
genossen in der Frage der Entstehung des Krieges behaupten» nicht die 
Abmachungen vom 3. JuU in Potsdam, nicht das österreichische Ulti- 
matum vom 23. Juli, sondern die Mobilisierungen der Serben und 
Russen hätten den Krieg herbeigeführt, denn diese seien den andern 
Mächten damit vorangegangen. 

Was will man aber damit sagen, wenn man solches Gewicht auf 
die Reihenfolge der Mobilisierungen legt? Offenbar, daß die Mobili- 
sierung der einen die der andern hervorgerufen hat, daß das post hoc ^ 
auch ein propter hoc ist. Sonst wäre es doch höchst gleichgültig, ob \ 
die eine ein paar Stunden früher oder später vedcündigt wurde als die \^ 

* Von Delbrück unterstrichen. 
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andere. Professorale Akribie ist sehr schön, aber doch nur am richtigen 
Ort. Wo es am Platz ist, habe auch ich in meinem Buch über den 
Krieg die Stunden und sogar Minuten der emzelnen Ereignisse genau 
angegeboi, wie meine Darstellung der Vorgänge beweist, die mit der 
Kriegserklärung an Rußland zusammenhängen. Denselben Vorwurf, den 
Delbrück jetzt gegen mich erhebt in bezug auf die Vernachlässigung 
genauer Zeitangaben, den erhebe ich dort gegen die offizielle Denkschrift 
vom 3. August 1914, allerdings in schärferer Form, denn ich weise 
dieser, dem Reichstag an jenem verhängnisvollen Tag vorgelegten Dar- 
stellung der Regierung nach, daß sie nicht bloß unterläßt, für die Vor- 
gänge vom 1 . August genaue Daten zu ^geben, sondern daß sie diese 
Unteriassung absichtlich begeht, mn die Aufeinanderfolge der 
Vorkommnisse durcheinanderzubringen und den falschen Eindruck 
hervorzurufen, Rußland habe- die kriegerische Aktion begonnen. 

In bezug auf die vor dem 1. August vollzogenen Mobilisierungen 
liegt der lungekehrte Fall vor. Man bekommt einen falschen Eindruck, 
wenn man bei ihrer Darstellung nur ihre Aufeinanderfolge nach Stimden 
in Betracht zieht. 

Das zeigt sich sofort, wenn man die Genauigkeit, die Professor 
Delbrück verlangt, über die bloße Reihenfolge der Verkündigung der 
Mobilisierungen hinaus erstreckt. 

Am 24. Juli, nachts 1 2 Uhr, meldet der Chef des österreichischen 
'Generalstabs dem Grafen Berchtold: 

„Ich erhielt soeben die tekgraphkche Meld^unig, daß in Schal>atz heut 4 Uhr 
nadnnittags Sae Mdbifisierung proklamiert wurde. . . . Serbien scheint also das Ulti- 
matum mit der Mobüuierun«; zu beantworten. 

Dies erfordert unserseits soforti^^es Handeln, und eradite ich dafür, daß 
audi imserseits die Mobitisierung sofort, also nicht am 26., sondern schon am 
25. befohlen werde.'' 

Was zeigt uns das Telegramm? Daß die Österreicher, ^e sie 
noch wußten, wie die Serben antworten würden, die Absicht gehegt 
hatten, am Tage nach Ablauf des Ultimatums, am 26. zu mobilisieren. 
Als sie aber die Nachricht erhielten, daß die Serben bereits am 24. die 
Mobilmachung verkündet hätten, begannen sie mit der Mobilmachung 
schon am 23. „abends", wie Groß sagt (Das Wiener Kabinett usw., 
S. 217), ohne die Stunde zu nennen, so daß er sich hier einer sträf- 
lichen Unterlassimg schuldig macht. 

Die Nachricht aus Schabatz war jedoch eine der vielen Tataren- 
nachrichten gewesen, die damals den Krieg einleiteten und von den 
regierenden und kommandierenden Herrschaften ohne jede Nachprüfung 
für bare Münze genommen wurden. 

Nach einer telephonischen Mitteilung des österreichischen Gesandten, 
Freiherm von Giesl, der am 25. Juli um 6 Uhr Belgrad verlassen 
und sich nach Semlin begeben hatte, war die Mobilisation in Serbien 
erst am gleichen Tage, am 25. Juli um 3 Uhr nachmittags angeordnet 
worden. Diese Mitteilung wurde nach Wien um 7 Uhr 45 Minuten 

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\ 



aboids abgegeben, also ungefähr um die Zeit, in der die östeneichische 
Mobilisierung gegen Serbien angeordnet wurde. 

Diese Mobilisierung ist also nicht durch die 
serbische veranlaßt worden. Wie kommt da Herr' Professor 
Delbrück dazu, mir Pflichtvergessenheit, Schlamperei, Unwissenheit und 
was sonst noch vorzuwerfen, weil ich nicht darauf hinweise, daß „die 
Serben es waren, die zuerst mobilisierten".? Der Zeitpunkt der serbischen 
Mobilisierung hat damals nicht den geringsten Einfluß auf den Gang der 
Ereignisse geübt. 

Und nicht besser wie n^t der serbischen steht ^ mit der russischen 
Mobilisierung in ihrem Verhältnis zur österreichischen. 

Ich sage in meinem Buche, daß die Mobilisierung „in Rußland und 
Österreich fast gleichzeitig erfolgte, am 31. Juli". 

Der auf meine „Akribie" so erpichte Professor Delbrück gestattet 
sich in seinem Zitat das „f a s t" wegzulassen und mich von völliger 
Gleichzeitigkeit sprechen zu lassen, die er noch dazu im Druck 
besonders hervorhebt. Aber ich will darüber nicht in tugendhafte Ent- 
rüstung geraten. 

Delbrück weist nun darauf hin, daß die russische Gesamtmobili- . 
sierung am Morgen des 3 1 . Juli in Petersburg an allen Straßenecken 
angeschlagen, indes die österreichische in Wien erst mittags um 
12 Uhr 23 Minuten „ausgegeben" wurde. 

Will Professor Delbrück, indem er auf diese Zeitangaben hinweist, . 
behaupten, die österreichische Gesamtmobilmachung sei durch die 
russische hervorgerufen worden? 

Am 30. Juli, 7 Uhr 40 Minuten abends, telegraphierte der öster- 
reichische Botschafter in Berlin an den Grafen Berchtold: 

,,K. u. L Militärattache hat soeben über eine sehr wichtige Unterredting mit 
deutschem Generalstabschef an Baron Conrad Telegramm abgesandt, laut welchem 
Graft Moltke ims dringend die sofortige allgemeine Mobilmachung 
anrät." 

Am nächsten Tag, morgens um acht Uhr. antwortet der 
österreichische Minister dem Grafen Szögyeny: 

„Freiherr v. Conrad telegraphiert gleichzeitig — in Beantwortung einer An- 
frage — an, den Chef des deutschen Generalstabes: 

»Auf Grund allerhöchster Elntscheidung ist EntschkiE: Kiaeg gegen Serbien 
durchführen. Rest der Armee mobilisieren und in Galizien versammeln. Erster 
Mobilisierungstag 4. August. MobiHsierungsbef eh 1 ergeht heute 
31. Juli. Erbitte Bekanntgabe dortseitigen ersten Mobili- 
sier ungstage s."* 

Man sieht, die Österreicher warteten nicht, auf die Nachricht vc« 
der russischen Gesamtmobilisierung, um ihrerseits vorzugehn. Sie 
ordneten ihre Mobilisierung an, ehe sie noch von der russischen etwas 
wußten. Und am Tage, bevor die russische Gesamtmobilisi^rung an- 
geordnet wurde, drängt schon der deutsche Generalstab den öster- 
reichischen, allgemein zu mobilisieren I 

' Diese beiden Telegramme zeigen uns übrigens auch noch, wie sehr 



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Google 



bereits die beiderseitigen Generaktabschefs Politik trieben. Die Fest- 
setsmng des Tages der Mobilisierung ist doch ein höchst poUtischer Akt, 
über den nicht die Generalstäbe, sondern die Minister sidi untereinander 
zu verständigen «hatten. Aber denen entgUtten bereits die Zügel der 
Politik. 

Wir sehen aus den Telegrammen auch, daß die Akten des Aus- 
wärtigen Amtes noch nicht die volle Wahrheit enthalten. Sie sind un- 
vollständig ohne die des Generalstabs. Schon der Schlußsatz des Tele- 
gramms Conrads an Moltke gibt Raum zu sehr ernstlichen Vermutungen : 

»JElibitte Bekanntgabe ilortseitigen ersten MobiMskrungstages.** 

Diese Antwort auf das Telegramm Moltkes vom 30. Juli kann doch 
nur dahin verstanden werden, daß der deutsche Generalstab schon an 
diesem Tage beschlossen hatte, zu mobilisieren. 

, Um aber auf die russische GesamtmobiUsierung zurückzukommen, 
so frage ich angesichts der vorgeführten Tatsachen wiqdenmi, wie bei 
der serbischen Mobilisierung, welchen Zweck es g^abt hätte, wenn ich 
die genaue zeitliche Aufeinanderfolge der verschiedenen Mobilisierungen 
angegeben hätte? Sie hätte direkt irregeführt, wenn sie nicht begleitet 
war von einfer DarsteHung der Vorgeschichte jeder einzeben Mobilisie- 
rung. Gab ich aber eine solche Darstellung, dann zeigte es sich, daß jede 
der beiden in Rede stehenden österreichischen MobiUsierungen völlig un- 
abhängig einmal von der serbischen, dann von der russischen angeordnet 
wurde, daß sie nicht das Ergebnis dieser Mobilisie- 
rungen, sondern der allgemeinenSituation wären, die nicht 
der Initiative Serbiens und nicht der Rußlands, sondern der Österreichs, 
das von Deutschland gestützt wurde, entsprang. 

Das ostentative Hervorheben der Zeitfolge der MobiUsierungen 
kann nur dem Zweck dienen, die Aufmerksamkeit von dieser imleugbaren 
und für das Verständnis der Schuld am Kriege entscheidenden Tatsache 
abzulenken. 

Mich zu bewegen, daß ich dabei mitwirke, wird Delbrück auf keinen 
Fall gelingen, auch wenn er ganze Kübel professoraler Beschimpfimgen 
über mich ergießt. 

b)DefensiveMobilisierung. 

Delbrücks wissenschaftUche Großtat in seiner „Geschichte der 
Kriegskunst'* besteht darin, das er das Kriegswesen nicht als isolierte Tat- 
sache behandelt, sondern es in Zusammenhang mit der ganzen poUtischen 
Elntwicklung, wenn auch noch nicht der ganzen ökonomischen, bringt. 
In seiner Polemik gegen mich aber, ak Politiker, macht er wieder einen 
Schritt rückwärts und hantiert mit der zeitlichen Reihenfolge der MobiU- 
sierungen als isolierter Erscheiniuig, ohne ihren Zusammenhang mit der 
Gesamtheit der Vorgänge zu beachten. 

Nur so konnte er Gewicht darauf legen, daß die Serben es waren, 
die zuerst mobilisierten. 

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Wie, hatten Deutschland und Osterreich sich nicht vorher dahin ver- 
ständigt, daß den Serben der Krieg um jeden Preis zu erklären 8ei> War 
nicht das Ultimatum in einer Weise gefaßt, die deutlich die Absicht 
Österreichs erkennen ließ, gegen Serbien sofort kriegerisdi vorzugehen? 

Telegraphierte nicht Graf Szögyeny an den Grafen Berchtold am 
25. Juli, 2 Uhr 12 Min. von Berün: 

„Man sieht hier in jeckr Verzögerung des Beginns der kriegerischen Opera- 
tionen groEe Gefahr betreffs Einnuschung anderer Mädite. Man rät tmi dringend, 
sofort vorzugehen un^d die Weh vor ein fait accompli zu steQen/* 

Was soll angesichts dieser Tatsachen der Hinweis darauf, dafi 
Serbien zuerst mobiUsiert habe? 

Sah man damals nicht schon deutlich, dafi die Österreicher Serbien 
mit Krieg überziehen wollten? Und w^nn es zu dieser Erkenntnis kam, 
mußte es sich nicht rechtzeitig darauf vorbereiten? Eme Mobilisierung 
braucht doch nicht aggressiven Zwecken zu entsprechen, sie kann auch 
defensiver Natur sein. Und die serbische war sicher dieser Art. 

Am 25. Juli um 1 Uhr mittags telegraphierte Giesl aus Belgrad 
nach Wien: 

„Garnison hat in Fekiaufrüstung Stadt verlassen. Munitionsdepofes der Festung 
wurden evakuiert. . . Die Sanitätskolonnen haben Belgrad in der Richtung nach 
Süden verlassen." 

Man sieht, die Serben fürchteten einen Überfall durch Österreich, 
sie zogen ihre Truppen und ihr Kriegsmaterial ins Innere des Landes 
zurück, noch ehe sie die Mobilisierung verkündeten. Sie hatte also einen 
ausgesprochen defensiven Charakter. 

Diese Tatsache wird in ihr Gegenteil verkehrt, wenn man mit Nach- 
druck darauf hinweist, daß die Serben es waren, die zuerst mobilisierten. 

Und was ging der russischen Mobilisierung voraus? 

Zuerst das Ultimatum vom 23. Juli, das schon deutUch Österreichs 
kriegerische Absichten verriet, Absichten, die es nicht hegen konnte, wenn 
es nicht der Unterstützung Deutschlands sicher war. Dazu kam die 
kurze Frist, die für die Antwort gegeben war und die jedes Ver- 
handeln ausschloß. Österreich lehnte jede Verlängerung der Frist ab und 
wurde auch dabei von Deutschland uhterstützt. Ebenso weigerte sich 
Deutschland, die ersten Vermittkmgsvorschläge Greys zu befürworten. 

In dem Elaborat der vier „unabhängigen Deutschen*', das Professor 
Delbrück mitverfaßt, wird zugestanden: 

„Die Berliner Regierung hat in dem Bestreben, dtn Streit zwischen Serbien 
und Österreich auch diplomatisch zu lokalisieren, anfänglich zu den insbesondere von 
englischer Seite gemachten Venmttlungsvorschlägen sich ablehnend verhalten.** 

Die Berliner Regierung tat auch keine erkennbaren Schritte, um den 
Bundesgenossen, mit dem sie sich solidarisch erklärte, daran zu hindern, 
Serbien am 28. Juli den Krieg zu erklären und am 29. und 30. Jiili 
Belgrad zu bombardieren. 

Daß man in Rußland in alledem Provokationen sah, 'die den Willen 

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nicht nur Österreichs, sondern auch Deutschlands zum Kriege verrieten 
und dafi man daraufhin es für ein Gebot der Vorsicht hielt, zu mobili- 
sieren, ist sicher sehr begreiflich. 

Die vier unabhängigen Deutschen erklaren im Weißbuch vom Juni 
1919 (S. 31), die österreichische Gesamtmobilisierung war ,4iicht eine 
aggressive Bedrohung, sondern eine rein defensive Sicherheitsmaßnahme/* 

In dem gleichen Sinne kann man aber auch die russische Mobil- 
machung auffassen. Rußland konnte sich nach dem ganzen Vorg^^i 
nicht nur Österreichs, sondern auch Deutschlands mit Fug von beiden 
Seiten bedroht fühlen. Von dem, übrigens sehr schwächlichen Druck, 
den Deutschlanfl auf Österreich übte, erfuhr niemand etwas, dagegen war 
die Unterstützung der österreichischen Provokationen durch Deutschland 
offenkundig. Wenn dieses in WirkKchkeit nicht so kriegslustig war, wie 
es nach außen erschien, so wird damit nicht die defensive Absicht der 
russischen Regierung in jenem Moment widerlegt, sondern nur die Un- 
fähigkeit der deutschen Staatskunst bekundet. 

Die Nachrichten aus Rußland selbst wiesen darauf hin, daß die 
dortige Mobilisierung nicht aggressiver Natur sei. 

Schon über die Teilmobilisierung telegraphierte der deutsche 
Militärbevollmächtigte Chelius aus Petersburg am 30. Juli: 

„Beziüg^ch der Mobilmachung sagten mir höhere Offiziere . . ., in Rußland 
sei zwischen dem Be^nn der Mobilisierung und dem Anfang des Krieges ein großer 
Schritt, dier noch zur friedlichen Auseinandersetzung benutzt werden könnte. 

Ich habe den Eindruck, daß man hier aus Angst vor kommenden Ereig- 
nissen mobilisiert hat, ohne aggressive Absichten, und erschreckt ist diarüber, was 
man angerichtet hat." 

Der österreichische Botschafter in Petersburg, Graf Szapary, be- 
richtet am 30. Juli über Sasanoffs Taktik: 

„Minister scheut den Krieg dbenso wie sein kaiserlicher Herr xmd sucht, ohne 
aus imserem serbisdien* Feldizug sofortige Kon^quenz zu ziehen, uns die Früchte 
desselben, wenn möglich, ohlie Krieg streitig zu machen; sollte es aber 
zum Kriege kommen, in denselben besser als jetzt gerüstet einzutreten. . . Wollte 
aber Österreich-Ungarn und Deutschland aus der russischen Mobiürierung schon 
jetzt die Konsequenzen ableiten imd einen militärischen Vorsprung Rußlandis nicht 
aufkommen lassen, stände das friedferige Rußland als angegriffen da und hätte mehr 
Aussicht, auf diese Weise Frankreich und viell^cht sogar England imtzureißen, und 
unsere günstige moralische und militärische Situation in Europa würde geschädigt, 
Rußland umgeht die Klemme, die sich aus der Berecht^iung unseres Vorgehens gegen 
Serben ergibt, und wäre doch in der Lage, vielleicht so>gar ohne Krieg 
zu fühlen, seine Balkaninteressen zu wahren.'* 

Also auch diese Auffasssung sieht in der russischen Mobilmachung 
nicht, wie Delbrück, die Absicht, „den Krieg zu entfesseln," sondern 
vielmehr die, wenn möglich, sich ohne Krieg zu behaupten. Allerdings 
schreibt Delbrück diese Absicht der Entfesselung erst der Gesamt-* 
mobilisierung zu. Aber auch nach dieser telegraphierte noch der deutsche 
Botschafter Pourtales aus Petersburg, am 31. Juli, 7 Uhr abends: 

„Aus Andeutungen de» Hausministere und des Ministers des Innern entnehme 
ich, daß es der KriegsBunister und' der Minister des Innern gewesen sind, wekhe 

n ^^ 

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den Mobdlmachungsbelehl durchgesetzt haben. Ersterer ist von der Angst 
der Überraschungen beherrscht, letzterer hat den Kaiser davon über- 
zeugt, dafi die innere Lage auf Entscheidung, dränge." 

Also Angst war nach der Ansicht d^tscher Beobachter am 
russischen Hofe die Ursache der russischen Mobilisierungen. 

Die vier unabhängigen Deutschen aber erklären einfach im Weiß- 
buch vom Juni 1919: 

„Ohne jede Spur einer Bereditigung führte die allgemeine russische Mobil- 
machung die Katastrophe herbei.** 

Ohne jede Spur emer Beweisführung wird dieser fundamentale Satz 
mit apodiktischer Sicherheit ausgesprochen. 

c) Mobilisierung ist Krieg. 

Das Absehen von jeder Beweisführung für die -katastrophale Wir- 
kung der, russischen Mobilisierung wird nur dann erklärUch, wenn wir 
annehmen, dafi die vier Autoren oder die unter ihnen für den obigen Satz 
Verantwortlichen es für eine selbstverständliche Maxime halten, dafi 
Mobilisierung gleichbedeutend sei mit Krieg; freiUch erstünde dann die 
Frage, warum gerade die russische und nicht die österreichische MobiU- 
sierung gleichbedeutend sein mufite mit Krieg. Aber diese war in den 
Augen der vier eben „berechtigt*' und die russische nicht. 

Doch sehen wir davon ab. Betrachten wir blofi die Maxime selbst. 
Was sollen jene Unerleuchteten mit ihr anfangen, denen sie nicht eine 
Sdbstverständlichkeit ist? Wo finden wir ihre Erläuterung und Be^ 
gründung in dem Weifibuch? 

Es macht einen Versuch der Begründimg auf S. 40, 41. Eis weist 
dort auf einen Satz in der russisch-französischen Militärkonvention vom 
1 7. August 1 892 und auf einen Ausspruch des Generals Boisdeffre 
hin, der einen Tag später dem Zaren eddärte, „die Mobilmachimg sei so- 
viel wie Kriegserklärung." 

Sehen wir diese Sätze in ihrem Zusammenhange an. Rufiland und 
Frankreich setzten in dfer Konvention von 1 892 folgende Punkte fest, die 
wörtlich zitiert seien: 

1. Wenn Frankreich durch Deutschland oder Italien mit Unterstützung 
Deutschlands an g ergriffen wird; so -wird Rußland alle seine verRig^aren 
Kräfte zum AnignS auf Deutschlanct verwenden.' 

Wenn Rußland' durch Deutschland oder durch östemeich mit Unterstatzung 
Deutschlands an(gegriffen wird, so wird Frankreich alle seine verfügbaren 
Kräfte zum Kampf gegen Deutschland verwenden. 

2. Falls Sit Streitkräfte des Dreänmdes oder einer 'der Mächte d^ Drei- 
bundes mobiliseit werden «oJlen, werden Frankreich und Rufiland auf die erste 
Nachricht von diesem Vorgang und ohne dafi es eines voihergehenden Einvernehmens 
bedürfte, imveizüg^ch und gldchzeitig die Gesamtheit ihrer Stiieitkräfte mobil' 
machen und sie so nahe als möglich an ihren Grenzen versammeln.*' 

B. Die gegen Deutschland zu verwendenden verfügbaren Streitkräfte werden 
auf Seiten Frankreichs 1300000 Mann, auf Seiten Rußlands 700 000 bis 800 000 
^^btml betragen. / 

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Diese Streitkräfte werden mit voller Kraft und 
größter Schnelligkeit den Kampf beginnen*, so <kE Deutsch- 
land' gleid)zeitig im Osten und Westen zu kän^ifen hat. 

Auf diesen letzten Satz beruft sich die Denkschrift im Weifibuch, 
doch spricht er nirgends von einer Kriegserklärung. Der erste Paragraph 
der Konvention setzt voraus, daß Frankreich oder Rußland die A n g e- 
griffenen sind, der zweite geht von der Voraussetzung aus, dafi eine 
der Mächte des Dreibunds mit der Mobilisierung vorausgeht. 
Im dritten wird von der Zahl der Streitkräfte und der Art ihrer Verwen- 
dung gesprochen: sobald der^Krieg begonnen hat, sollen sie sofort 
die energischste Offensive ergreifen. 

Das und nichts anderes steht in dem dritten Ab- 
satz. Wann der Krieg zu erklären ist, darüber wird kein Woh 
geäußert. 

Aber vielleicht sagt uns General BoisdelSre etwas darüber? Er be- 
merkte doch zum Zaren, daß „die Mobilmachung die Kriegserklärung 
ist"? Das ist richtig, doch fuhr er fort: 

»JMobilmachen hei&, den Nachbar zwingen, das gleiche zu tun; die Mobil- 
machung zidit die Konzentration der Streitkräfte nach sich. 

Würde man das nicht tun, 8<Hidem es zulassen, daß eine Million Mann an 
der Grenze mobilisiert wird, ohne daß man gleichzeitig dasselbe vollzieht, so hiefie 
das sich selbst jeder späteren Bewegungsfreiheit berauben <und sich in die Lage 
eines Menschen versetzen, der, obwohl er ein Schie&eisen in der Tasche hat, seinem 
Nachbar gestattet, ihm eine Pistole imt gespanntem Hahn an die Stirn zu 
setzen, ohne daß er selbst seine Waffe zieht.** 

In diesen Ausführungen versucht man vergebens nach einer Begrün- 
dung der Notv^endigkeit, gleichzeitig mit der Verkündung der Mobilisie- 
rung den Krieg zu erklären, wie es Deutschland am 1. August tat. 
Gezeigt wird nur die Notwendigkeit, selbst mit der Mobilisierung nicht. 
z;u zögern, wenn der Nachbar angefangen hat, zu taiobilisieren. 

Der Satz ßoisdeffres, daß die Mobilmachung gleichbedeutend sei 
mit dtr Kriegserklärung, steht also als eine nicht begründete Äußerung 
da, wenn er wirklich besagen wollte, daß man mit d^er MobiUsierung auch 
gleichzeitig de» Krieg zu erklären habe. Man kann sie aber auch in dem 
Sinne deuten, daß die Mobilmachung die Gefahr des Kriegsausbruchs 
erhöht. 

Entscheidend ist jedenfalls die Fassung der Konvention und nicht die 
gesprächsweisen Äußerungen des Generals. 

Die angezogenen Sätze der französisch-russischen MiUtärkonvention 
und Boisdeffres aus d^n Jahre 1892 bringen für sich allein gar keinen 
Aufschluß über die Beziehungen zwischen Mobilisierung uijd Kriegs- 
erklärung. 



^ Französisch: Ces forces s'engageroot a fond en toute diligence. Das Weiß- 
buch übersetzt das mit „schleuniger Einsatz dieser Streitkräfte zu entscheiden- 
dem Kampfe.** Das Wort a fond« das „vollständig** oder „gründlich** heifit, ist 
mit ««entscheidend** übertrieben stark übersetzt. 

25 

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Und das ist alles, was uns als Beweis dafür geboten wird, dafi die 
Maxime, Mobilisierung bedeute Krieg, allgemein anerkannt war. 

Aber selbst wenn Boisdeffres Satz so unzweideutig spräche, wie die 
Verfasser der Denkschrift im Weißbuch annehmen, wäre er nicht ent- 
scheidend. 

Nicht Äußerungen aus dem Jahre 1 892 kommen hier in Betracht, 
sondern die sehr bestimmte Praxis des Jahres 1914, und da finden wir, 
daß damals alle Mächte, außer Deutschland, den Satz ablehnten, daß 
Mobilisierung gleichbedeutend sei mit Krieg. 

Sowohl Rußland wie Frankreich erklärten bei Verkündigimg der 
Mobilisierung übereinstimmend, Mobilisierung sei für sie nicht gleich- 
bedeutend mit Krieg. Sie wünschten die Verhandlungen fortzusetzen und 
zu einem friedlichen Ende zu führen. 

Auch Wien gab eine ähnliche Erklärung ab, als es zur Gesamt- 
mobilisierung schritt. 

Also Deutschland stand mit seinem Satz, daß die Mobilisierung den 
Krieg bedeutet, im Juli 1914 ganz allein da. 

Ehe man über die Berechtigung dieses Satzes urteih, muß man sich 
klar sein darüber, was er bedeutet. 

Man kann ihn als bloße Warnung auffassen. Als Hinweis dar- 
auf, daß jede Mobilisierung das gegenseitige Mißtrauen und die Kriegs- 
geJahr enorm steigert. In diesem Sinne ist der Satz sehr richtig. Eben 
d^rum ist aber jede Politik eine Gefahr für den Frieden, die bei den Re- 
gierungen und Völkern das Gefühl allgemeiner UnsicheAeit herbeiführt 
und daher Mobilisierungen Veranlaßt. Ebensogut wie man sagen konnte, 
die Mobilisierung ist der Weltkrieg, konnte man sagen, das österreichische 
Ultimatum ist der Weltkrieg. 

Aber so war der Satz 1914 auch nicht gemeint. Er sollte sagen, 
daß die MobUisierung gleichbedeutend sei mit der Kriegserklä- 
rung, das heißt, daß ein Staat, der sich veranlaßt sehe, zu mobiUsieren, 
damit auch schon den Krieg erkläre und erklären müsse. 

Diese Maxime ist eine ausschließlich deutsche gewesen. Sie war es 
schließlich, die die Kriegserklärung an Rußland herbeiführte und so den 
Weltkrieg entzündete. 

Sie ist keineswegs aus bloßem Übermut oder aus Rauflust geboren, 
sondern sie hat einen sehr realen Kern. Sie entsprang der Tatsache, daß 
kein Heer so wohl gerüstet war, so rasch zu mobilisieren vermochte, als 
das deutsche. Zahlenmäßig der vereinten Kraft seiner Nachbarn im Osten 
und Westen unterlegen, konnte es diesen Nachteil außer durch die 
Tüchtigkeit seines Heeres wenigstens im Anfang durch den Vorsprung 
wettmachen, den es in der Schnelligkeit der Versammlung seiner Kräfte 
vor ihnen voraus hatte. 

Wenn der Krieg von zwei Fronten drohte, dürfte daher die deutsche 
Armee nicht zögern, sie mußte unverzüglich losschlagen, sobald sie kriegs- 
bereit war. 

26 

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Ein furchtbairer Grundsatz, aber ein wohl veirsfKndlicher vom militä- 
rischen Standpunkt, und der wird der entscheidende, sobald es zum 
Mobilisieren kommt. 

Professor Delbrück benutzt auch diesen Punkt, um mir meine boden- 
lose Unwissenheit vorzuwerfen. Ejr meint: 

„Die ungeheure Schwieiigkeit der Situation, in der sich die Zentralxnächte be- 
fanden, bestand darin, daß, wenn ihr Plan, das serbische Problem . durch Isolierung 
zu lösen, miEiang und Rußland zum Angriff schritt, sie deimoch diesen Angriff nicht 
abwarten durften, sondern, wenn sie sich nicht von vornherein verloren geben wollten, 
äim entgegengehen mußten. Kautsky freilich kennt die Literatur so wenig, daß 
se&st dieser so viel behandelte Punkt ihm nicht kkr geworden ist/* (S. 22.) 

Worauf ich mit der tröstlichen Versicherung antworten kann, mir sei 
wenigstens so viel klar geworden, daß in der Literatiur über diesen Punkt, 
soweit ich sie kenne, große Unklarheit herrscht, deswegen, weil man bei 
der Behandlung der MobiUsierung imterschiedlos ihre verschiedenen 
Stadien durcheinanderwirft. Und bei Professor Delbrück finde ich auch 
diese — mit Respekt zu sagen — Konfusion. 

Ich will hier ganz absehen davon, daß, wenn der Plan mißlang, „das 
serbische Problem durch Isolierung zu lösen", das heißt, Serbien nieder- 
zuschlagen, ohne daß sich jemand darin mischte, doch nicht damit schon 
jede MögUchkeit seiner friedlichen Lösung ausgeschaltet war. Österreich 
und Deutschland brauchten bloß auf den Vorschlag des Zaren zur 
Lösung des Problems durch das Haager Schiedsgericht einzugehen, und 
die Gefahr seines Angriffs war sofort beseitigt. 

Aber sehen wir davon ab. Betrachten wir einmal bloß die Ge- 
fährdung Deutschlands, die dadurch eintrat, daß Rußland und gleich 
darauf Frankreich gleichzeitig mobilisierten. Delbrück sagt, in diesem 
Fall durfte Deutschland den Angriff nicht abwarten, sondern mußte ihm 
zuvorkommen, sonst war es von vornherein verloren. Das gilt freilich nur 
für den Fall, daß Rußland wirklich zum Angriff schreiten wollte. Aber 
auch die Möglichkeit des Angriffs war schon bedenkUch. Deutschland 
hatte sich durch seine verkehrte Politik in die furchtbare Situation hin- 
eingeritten, daß jedes Warten es miUtärisch gefährdete. Jeder Schritt 
aber, durch den es dem, doch nicht feststehenden, sondern vermuteten 
Angriff zuvorkam, bürdete ihm die Schuld auf, den Weltkrieg durch 
seine Kriegserklärung entfesselt zu haben. 

Diese verzweifelte Lage habe ich keineswegs übersehen, wie Delbrück 
meint, ich wundere mich bloß über die Kurzsichtigkeit Wilhelms imd 
Bethmanns, die am 5. JuU dfese Konsequenzen der Potsdamer Be- 
schlüsse nicht klar erkannten, und über die Verbohrtheit ihrer Apolo- 
geten, die auch heute noch den notwendigen Zusammenhang der Mobili- 
sierungen mit jenen Beschlüssen nicht zugeben wollen. 

Indes so furchtbar die Situation am 1 . August war, sie war noch 
nicht ganz hoffnungslos, wenn man noch klar zu unterscheiden vermocht 
hätte zwischen dem Beginn der Mobilisierung und ihrer V o 1 1 - 
endung, 

27 

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Zwischen beiden liegt ein Zwischenraum von mehreren Tagen. In 
.Osterreich z. B. erwartete man» dafi die Mobilisierung 1 2 bis 16 Tage 
beanspruchen werde. Die deutsche Mobilisierung vollzog sich viel rascher, 
erforderte indes auch einige Tage. W^nn man diese zu weiteren Ver- 
handlimgen benutzte, wäre vielleicht der Friede noch zu retten gewesen. 
Rußland zeigte sich am 1 . August immer noch bereit zu verhandeln, und 
bei entsprechendem Druck auf Österreich, der allerdings energischer hatte 
sein müssen als die schwächlichen Versuche Berlins vom 29. Juli an, 
wäre vielleicht in letzter Minute noch ein Ausgleich ermöglicht worden. 

Aber selbst wenn dies nicht gelang, so hätte durch das Fortsetzen 
der Verhandlungen bei offenkundigem Elntgegenkommen Deutschlands 
gegen die Vermittlungsvorschläge bis nach vollendeter Mobilisierung eine 
bessere Atmosphäre für Deutschland in der Welt geschaffen werden 
können. Es hätte dann eher als der wirklich Bedrohte dagestanden, der 
bis zum letzten Moment an der Rettung des Friedens arbeitete. 

Verhängnisvoll wurde es, dafi die deutsche Regierung in einem Zeit- 
punkt, in dem Rufiland noch mit Osterreich verhandelte, den Krieg 
blofi deshalb erklärte, weil sie gleichzeitig — genau genommen sogar 
erst einige Stunden nachher — die Mobilisierung verkündete. Dies brachte 
im Zusammenhang mit der vorhergehenden Haltung Deutschlands und 
Österreichs aller Welt den Glauben bei, Deutschland habe den Weltkrieg 
geplant imd gewollt. Das ist nach dem heute bekannten Material ebenso 
irrig wie die entgegengesetzte Behauptung des Professor Delbrück, der 
sich nicht vorstellen kann, dafi die russische Mobilmachung einem andern 
Zweck dienen konnte als dem, „den Krieg zu entfesseb", was er damit 
erklärt, dafi Rufiland dem „bevorstehenden Kompromiß (Österreichs) 
mit Serbien*' zuvorkommen wollte. Diese seine Behauptung steht auf 
gleicher Höhe mit seiner vorhergehenden, Franz Ferdinand sei wegen 
seiner versöhnlichen Absichten von den „Fürstenmördem** aus dem 
Wege geräumt worden. 

Vom militärischen Standpunkt aus war es völlig überflüssig, am 
1, August die Verhandlungen durch die brüske Kriegserklärung abzu- 
schneiden, da man ja doch nicht sofort Truppen über die Grenze schicken 
und die Feindseligkeiten eröffnen wollte. 

Das sagt mir mein simpler Laienverstand, das sagten aber auch an- 
gesehene Fachleute. So berichtet Tirpitz, dafi nicht nur er selbst die 
Kriegserklärung gegen Rufiland am 1 . August für imnötig hielt, sondern 
dafi Moltke s^st der gleichen Meinung war (A. v. Tirpitz, Erinnerun- 
gen, S. 241, vgl. auch 242 und 243*). 

* In seiner gegen mich gelichteten Streitschrift muß General Montgelas ebenfalls 
bezüglich der Kriegserklärung an Rußland zugeben: 

. ,3el>st nach militärischen Gesichtspunkten lag ein zwingencler Grund 
nicht vor . . . Da man die ursprüngliche Absicht der gleichz^igen Kriegserklärung 
an. Frankreich nicht ausführte, scheint mir, soweit die bisherigen Veröffentlichungen 
m Urteil zulassen, in der Kxiegserklärung an Rußland auch in rein nulitäiücher 
Beziehung ein Denkf^ler vorzuliegen." (Glossen zum Kautskybuch, S. 32.) 

28 

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Delbrück sucht die Tatsache, dafi die Kriegserklärung an Rußland 
schon am 1 . August erfoljgte, auch tatsächlich nicht mit dessen Mobil- 
machung zu erklären, sondern mit den belgischen Absichten. 

„Der GeneraUtab war der lÜberzeugung. dafi einzig und allein der Weg 
(iurch Beteln uns zum Siege führen könnte . . . Wir konnten aber den Eiimiarsch 
in Belgien nicht fordern und nicht beginnen, ehe nicht der Krieg niit Rufiland da 
war. Die Russen erklärten ihn uns natürlich nicht, die sie nidit ihre Mobil- 
machung gehörig gefördert hatten; also mufiten wir in aller Eile den Russen d'en 
Krieg erklären." (S. 23.) 

Hier taucht plötzlich ein ganz neues Motiv der Kriegserklänmg auf: 
die weitere Verhandlungsmö^ichkeit mit Rußland wurde also am 
1 . August durch die Kriegserklänmg nicht deshalb brüsk vernichtet, weil 
der Stand der russischen Mobilisierung dazu zwang, 
sondern deshalb, weil man ohne die vorherige Kriegserklärung an Ruß- 
land den Durchmarsch durch Belgien nicht fordern konnte. 
Aber die Notwendigkeit dieses Durchmarsches nach dem deutschen Plan 
setzte den Krieg doch schon voraus! 

Es war danach nicht die russische Mobilmachung, 
sondern der Glaube des deutschen Generalstabs an die 
UnvermeidlichkeitdesKrieges, was den Krieg unvermeid- 
lich machte imd am 1. August jede Weiterführung der Verhandlimgen 
durch die Kriegserklärung abschnitt. 

Qeich nachdem Delbrück die Kriegserklärung an Rußland am 
1. August mit der Notwendigkeit des sofortigen Durchbruchs durch 
Belgien überraschend motiviert hat, macht er eine neue überraschende 
Wendung: Er weist auf den Wortlaut der deutschen Kriegserklärung an 
Rußland hin und sagt, ihre Form lasse, wie ihm ein Völkerrechtskundiger 
versicherte, „dem Gegner einen Schimmer von Möglichkeit, noch ein 
Wort zu sagen", also die Möglichkeit, die Verhandlungen weiterzuführen. 
Natürlich macht er mir auch da wieder Vorwürfe darüber, daß ich das 
nicht wisse. Er muß indessen selbst zugeben, jene Form sei eine 
„juristische Finesse", die ihm „wenig einleuchte" (S. 88-89). Warum 
soll sie nun gerade mir einleuchten? 

Sie leuchtete dem deutschen Botschafter in Petersburg ebenso wie 
den russischen Diplomaten dort auch nicht ein. Keiner von ihnen wußte 
sich's zu deuten, was das Telegramm besagen sollte, das Wilhelm zehn 
Stunden nach der Kriegserklärung an den Zaren richtet und in dem er 
dessen sofortige Antwort zur Rettimg des Friedens verlangte 

Meine Unwissenheit über die diplomatische Feinheit der deutschen 
Regierung teile ich also mit dem deutschen Botschafter in Rußland. 

Was sollte jedoch diese Feinheit? 

Nur zweierlei war möglicL Entweder erheischte die Sicherheit 
Deutschlands am 1. August sein sofortiges kriegerisches Vorgehai oder 
man .wollte ^yeiter verhandeln. Eine Formpl, die beides gleichzeitig er- 
möglicht, gibt es trotz aller juristischen Feinheiten der Völkerrechtslehrer 
nicht, und es ist ganz übcarflüssig, sie deshalb zu befragen. 

29 

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Wenn Delbrück trotzdem Wert darauf legt, dafi die gewählte 
Formel der Kriegserklärung weitere Verhandlungen nicht ausscfalofi, 
beweist er damit nur, dafi er selbst meint, Verhandlungen seien damals 
noch möglich und wünschenswert gewesen trotz der russischen Mobili- 
sierung, dafi also diese am 1 . August die deutsche Kriegserklärung noch 
keineswegs erzwang. 

Das hat damals auch alle Welt aufieriialb Deutschlands empfunden 
und deshalb hat die deutsche Kriegserklänmg, die man 3 bis 4 Tage 
später vielleicht begreiflich gefunden hätte, am 1 . August den allgemeinen 
Eindruck erweckt, Deutschland wolle keine Verhandlungen, wolle den 
Krieg. 

Und nun glaubt Delbrück dieses Verfahren dadurch zu recht- 
fertigen, dafi er bemerkt, die deutsche Regierung, die sich dadurch aUent" 
halben ins Unrecht gesetzt hatte, habe so nur gehandelt, um Gelegenheit 
zu bekommen, durch die Vergewaltigung Belgiens rasch das Gebäude 
der Mißgriffe zu krönen, die sie zum Gegenstand des Absehens der 
ganzen Welt machten I 

Man vergegenwärtige sich noch einmal die Reihenfolge der Er- 
eignisse, wie sie bei Kriegsausbruch bekannt waren: 

Am 23. stellt Österreich den Serben ein Ultimatum, das jedermann 
den (richtigen) Glauben beibringt, Österreich wolle den Krieg mit 
Serbien. 

Das Ultimatum gibt nur eine Frist von 48 Stimden zur Beant- 
wortung. Österreich verweigert jede Fristverlängerung und wird dabei 
von Deutschland unterstützt. 

Serbien zeigt in seiner Antwort am 25. Juli ein überraschendes 
Entgegenkommen. 

Die Antwort ist der Abbruch der diplomatischen Beziehungen 
durch Österreich. * « 

Österreich weist die verschiedensten Vermittlungsvorschläge ab, 
auch dabei imterstützt durch Deutschland; dessen spätere Schwenkung 
vom 29. Juli bleibt sorgfältig verborgen. Was sinnenfällig zutage tritt, 
ist die Kriegseddärung Österreichs an Serbieq am 28. Juli, das Bom- 
bardement Belgrads am 29. und 30. Juli. 

Allgemeine Nervosität tritt ein. Am 31. Juli verkünden Österreich 
und Rußland „fast gleichzeitig'* ihre Gesamtmobilisierung, und in 
Deutschland wird am gleichen Tage „drohender Kriegszustand^' erklärt, 
der Vorläufer der Mobilisierung. Gleichzeitig verlangt Deutschland von 
Rufiland die sofortige völlige Demobilisierung nicht nur an der deutschen, 
sondern auch an der österreichischen Front. 

Bei alledem gehen immer noch die Vermittlungsversuche der ver- 
schiedenen Mächte weiter. 

Sie werden am 1 . August definitiv abgeschnitten durch die deutsche 
Kriegserklärung an Rufiland, der am 2. August die Forderung aa 
Belgien folgt,, den Durchmarsch durch Belgien zu gestatten. 

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Wenn man alle diese Tatsachen zusaimmenfa&t, kann man sich da 
wundem, wenn sich in allen Kreisen, die nicht vom deutschen Kriegs- 
rausch erfaßt waren, die Überzeugung festsetzte, Deutschland habe den 
Weltkrieg gewollt imd geplant? 

Und nun glaubt man, diesen Eindruck zerstören und die wilhelmi- 
nische Politik nicht nur vor ihren Anhängern, scHidem vor der Welt 
rechtfertigen zu können durch das eine Faktum, daß die russische 
Gesamtmobilisierung der österreichischen um einige Stunden vorausging! 

Delbrücks Glaube an die sieghafte Kraft seines Hinweises auf die 
russische Mobilisierung ist ebenso unverständlich, wie Bethmann 
Hollwegs Verhalten in jenen Tagen. Dieser Wußte sehr wohl die Be- 
deutung der öffentlichen Meinung einzuschätzen; unausgesetzt ging sein 
Streben dahin; den Gegner ins Unrecht zu setzen, imd dabei konntet er 
keinen Schritt tun, durch den er sich nicht selbst ins Unrecht setzte. 

d) Meine Forschun gsmethode. 

Herr Professor Delbrück erklärt einmal frischweg, daß ich mich mit 
meiner Kritik der Haltung der Herren Bethmann und Berchtold einer 
methodischen Fälschung schuldig mache, indem ich an die Politik der 
Zentralmächte der Maßstab meines „pazifistischen Glaubens'* anlege imd 
nicht den der Logik der Herren Berchtold und Bethmann. In der Ge- 
schichte sei jeder an der Logik seiner eigenen Politik zu messen, und nicht 
an der der Politik des Geschichtsschreibers. 

Und an anderer Stelle sagt er: 

»»Man kann Kautsky «agen, daß er die Politik Bedimann Hollwegs und 
BerchtoMs »absolut nicht begrifien* hat. Kein Wunder, daE er sie so ungünstig be- 
urteilt. Niemand aber hat das Recht, sich einen Historiker zu nennen, der sich 
nicht die Mühe geben ynJÜ, das, was er zu beurteilen unternimmt, erst einmal zu , 
begreifen." (S. 16.) . 

Ich sehe ab von dem, was in diesen Ausfällen an professoralem 
Hochmut steckt, der sich über die nichtzünftige Konkurrenz erhaben 
dünkt. 

Ich weiß nicht, ob der ordentliche Uriiversitätsprofessor es von 
seinem erhabenen Standpunkt aus einmal der Mühe wert gehalten hat, 
eine meiner historischen Arbeiten anzusehn. Elr würde finden, daß gerade 
vom Standpunkt meiner Forschungsmethode, die die des historischen 
Materialismus eines Karl Marx ist, jeder absolute Maßstab in der Ge- 
schichte falsch ist. 

Es ist richtig, daß ich in meiner Schrift über den Weltkrieg die 
einzelnen Personen nicht nach der Logik ihrer PoUtik messe. Jedoch 
ebensowenig nach der Logik der m e i n i g e n. , 

Für mich ist entscheidend die eherne Logik der Tatsacken, 
die Logik der notwendigen kausalen Zusanmienhänge. Der Standpunkt 
eines jeden Politikers ist gegeben durch die gesellschafdichen Interessen, 
zu deren Träger er sich macht. Seine historische Bedeutung hängt sehr 

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wesentlich davon ab, inwieweit er die Logik der Tatsachen seiner Zeit 
begreift und ihr in seinem Tun gerecht wird. Wie weit er die Kon- 
sequenzen seiner eigenen Handlungen vorauszusehen weifi. Auf dieser 
Auffassung beruht meine historische Forschungsmethode, soweit sie 
einzelne Personen behandelt. 

Ich habe die Herren Berchtold imd Bethmann nicht deshalb zu 
leicht befunden, weil sie imperialistische statt pazifistische Politik trieben. 
Ich war auch nicht so naiv, von ihnen die Vertretung eines proletarischen 
Standpunktes zu verlangen. Wohl aber habe ich sie als unheilvolle 
Politiker gekennzeichnet, weil sie nicht verstanden, welche verheerenden 
Konsequenzen ihre Politik für die von ihnen vertretenen Interessen des 
Deutschen Reichs nach sich ziehen mußte. Als mildernden Umstand 
können sie heute freilich die Tatsache vorbringen, daß die Blüte der 
deutschen Universitätswissenschaft das nicht einmal heute begreift, wo 
diese Konsequenzen für jedermann deutlich Erkennbar zutage Uegen. 

Ich sage einmal in meiner Schrift ausdrücklich von der auswärtigen 
PoUtik der deutschen Militärmonarchie: 

„Sie mufite verurteilt werden nidit bk>ß vom Standpunkt des internationalen 
Sozialismus, sondern selbst vom Standpunkt eines Imperialismus, der mit den ge^ 
gebenen Machtverhältnissen rechnet. Eine vernünftige d'eutsche imperialistische 
Politik durfte auf keinen Fall derart sein, daB sie die Feindschaft der beiden, neben 
Deutschland in Europa entscheidenden Mächte, England uod RußlantJ, gleich- 
zeitig hervorrief." (S. 20.) 

Ich komme zu dem Ergebnis, daß die Politik der Berchtold und 
Bethmann Hollweg sinnlos war nicht blofi vom Standpunkte des inter- 
nationalen Sozialismus, sondern sogar vom Standpunkt des Interesses der 
Militärmonarchien der Habsburger imd Hohenzollem. 

Delbrück faßt die Frage viel zu eng, wenn er sagt: 

„Die BerchtoU imd Bethmann hatten für nötig befimden und beschlossen, einen 
schweren Schlag gegen Serbien zu führen. Ob sie das im ^nzelnen mit Kkigjieit 
oder mit (Dummheit oder gar mit verbrecherischer Dumn^eit ausführtfHi, läßt sich 
nachprüfen. Eüne methodische Fälschung aber ist es, wexm man cüe Klugheit oder 
Dummheit feststellen will, nicht nach >der Logik ihres eigenen Planes, sondern nach 
der Logik einer Politik, die sie gar nicht wollten. So aber verfährt Herr Kai^y 
und zeigt damit, <iaB ihm auch noch nicht einmal daa ABC der historischen 
Forschungsmethode aufgegangen ist.** (S. 18.) 

Nach meiner analphabetischen Forschungsmethode setze ich mit 
meiner Beurteilung früher ein als Herr Delbrück, kh frage zuerst, ob 
es vom Standpunkt der Interessen, die Berchtold und Bethmann vertraten, 
klug oder dumm war, wenn sie beschlossen, „einen schweren Schlag 
gegen Serbien zu führen**. 

Es ist klar, daß, wenn dieser Plan sich als eine „verbrecherische 
Dummheit'* auch vom Standpunkt jener Interessen herausstellte, dann 
jeder einzelne Schritt in dieser Richtung ebenfalls eine Dummheit sein 
konnte, selbst wenn er in die Logik des Plans hineinpaßte, also von 
diesem Standpunkt aus klug war. Oder hört eme Dummheit auf, eine 
zu sein, wenn man sie planmäßig verfolgt? 

32 

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Nach der sonderbaren historischen Forschiingsmethode, die hier 
Delbrück empfiehlt, dürfte ein Historiker nur die Einzelheiten der Politik, 
die ein Politiker betrieb, beurteilen, nicht die Gesamtheit dieser Politik. 
Er vergifit zu bemerken, ob das blofi für die Politik von Ministem 
gelten soll, oder auch für die gewöhnlicher Sterblicher. 

Wenn aber Delbrück mir vorwirft, ich sei nicht imstande, die 
Klugheit der Pplitik Bethmanns und Berchtolds in der serbischen Frage 
zu begreifen, so ist für das deutsche Volk und für die Völker Öster- 
reichs viel mehr der Mangel an Begriiffsvermögen der genannten Herren 
höchst verhängnisvoll geworden: die Tatsache, daß sie absolut nicht 
begriffen, wie ihr Vorgehen auf die öffentliche Meinung im Ausland 
wirken, und wie es auch die unbeteiUgten Neutralen erbittern, den all- 
gemeinen hla& gegen Deutschland aufs höchste steigern mußte. 

Dieser Hafi hat Deutschland schon damals aufs tiefste geschädigt, 
als es noch unbesiegt war. Er wird doppelt verderblich für das besiegte. 
Ihm entgegenzuwirken ist unerläßlich. 

Nicht minder wichtig, ja meines Erachtens weit wichtiger, als die 
Herren Berchtold und Bethmann zu begreifen, ist es daher, die Völker 
der Welt zu begreifen und zu erforschen, warum die Politik der beiden 
Minister solchen Haß gegen Deutschland gesät hat. Wenn Professor 
Delbrück seine historische Forschimgsmethode diesem Gegenstand zu- 
wendet, dann wird er finden, daß dieser Haß immer wieder von neuem 
angestachelt wird durch jeden verunglückten Versuch, eine Apologie 
Bethmiann-Berchtolds zu liefern und angesichts ihres Vorgehens der Welt 
einreden zu wollen, sie seien schuldlos, die russische Mobilisierung sei 
an allem schuld. ^ 

Ich hoffe, daß nach diesen Ausführungen der Leser nicht nur meine 
Forschungsmethode und meine Auffassung, sondern auch die Art der 
Darstellung in meinem Buche begreifen wird. 

Ich war bestrebt, sie so anschaulich und durchsichtig als möglich zu 
machen. Daher glitt ich rasch über die Reihenfolge der Mobilisierungen 
hinweg. Sie war meines Erachtens für den Ausbruch des Weltkrieges 
nicht entscheidend. Ein bloßes Aufzählen der Aufeinanderfolge hätte 
nur falsche Schlußfolgerungen erleichtert. Wollte ich solche verhindern, 
dann mußte ich so ausführliche Erläuterungen geben wie hier in meiner 
Polemik gegen Delbrück. Dabei wäre die ganze Übersichtlichkeit und 
Klarheit der Darstellung verloren gegangen. 

Daher sprach ich von allen den hier behandelten Faktoren im 
Buche selbst nichts. Dennoch hatte ich sie wohl erwogen. Drum geben 
mir alle die kritischen Ausfälle des Herrn Professors Delbrück kernen 
Anlaß, auch nur ein Wort von d^m zu ändern, was ich geschrieben. 



d Kav1«ky, Delbrück und WilEeltn II. 33 

I ligitizedby VjOOQIC 



4« Die Randnoten des Kaisers. 

a) Das persönliche Regiment. 

Nachdem Professor Ddbrück meine Unehrlichkeit an dem Advo- 
katentrick des Verschweigens des russisch-serbischen Komplotts dargetan 
und mich wegen meiner Behandlung der MobiHsierungen und der PoUtik 
Bethmanns im historischen Elxamen als vollständig ungenügend hat 
durchfallen lassen, erklärt, er mich auch noch für einen ordinären Kerl, 
weil ich die Randglossen Wilhelnis veröffentlichte: 

, JDie Ausrufe und Betrachtuitgea, die Kaiaer Wilhelm II. sich gewohnt hatte, 
an den Rand der Beridite zu schre3>en, die ihm vorgelegt wurden, sind nichts 
anderes als eine Art Selbstgespräche, die überaus wertvoll sind, um die 
Denkweise des Kaisers kennen zu lernen, und deshalb sehr wichtige historische 
Dokumente, die aber bei seinen Lebzeiten vor aller Welt auszubreiten jedem 
feiner empfindenden Mensdien als eine gemeine Handlungs- 
weise erscheinen mußte." (S. 30.) 

Zu dieser fein empfundenen Schmähimg konnte der Herr Professor 
nur dadurch gelangen, dafi er die Randglossen zu „Selbstgesprächen*'' 
umwandelte, allerdings vorsichtigerweise zu einer „Art von Selbst- 
gesprächen'*, denn diese „Selbstgespräche** waren Anreden und 
Weisungen für den Reichskanzler und das Auswärtige Amt. Dieses 
hielt die Bleistiftnotizen des Kaisers in den Akten so hoch imd heilig, 
daß es Vorsorge traf, jede von ihnen nach dem Einlangen chemisch 
fixieren zu lassen, damit sie sich ja nicht verwischten. Das Ergebnis dieser 
Ehrung muß nach dem 9. November 1918 Wilhelm und seinen Freunden 
sehr fatal gewesen sein. 

Ähnlich wie Delbrück haben manche seiner Gesinnungsgenossen 
sich über meine Indezenz entrüstet, weil ich in der Vorrede zu meinem 
Buche bemerkte, Wilhelms Randglossen gewährten „das seltene Ver- 
gnügen, daß das Volk einmal einen Kaiser* in Unterhosen zu sehen 
bekommt'*. Sie haben bei ihrer schamhaften Entrüstung über diese Ent- 
kleidungsszene vergessen, daß ich hier auf ein Wort aus Fuldas 
„Talisman** anspielte, wo ein naives Mädchen ihren Monarchen in 
Unterkleidern zu sehen bekommt imd ihm begütigend zuruft: 
„Du bleibst ein König auch in Unterhosen.** 

Das heißt, wer ein tüchtiger Kerl ist, bleibt es auch ohne äußer- 
lichen Prunk und zeigt sich überall als solcher. 

Wilhelm freilich besteht die Feuerprobe nicht. 

Nun meint Delbrück, für die deutsche Politik sei das gleichgültig 
gewesen. Wilhelms Randbemerkungen hätten „zur deutschen Politik in 
dieser Epoche nichts hinzugetan und nichts davon weggenommen, 
wirklich nicht das allergeringste**. 

Er findet, diese Politik sei „logisch nach einem ganz klaren und 
wohlüberlegten Programm'* vor sich gegangen. Der Kaiser „lurteilte 

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durchaus im JElinvemebmen mit seinen Ratgebern, und seine Ratgeber 
im Einvernehmen mit ihm'*. (S. 30.) 

Wenn ich nicht zu begreifen vermag, dafi der weltbekannte Zick- 
zackkurs „logisch nach einem ganz klar und wohlüberlegten Programm*' 
vor sich ging, so liegt das offenbar an meiner grenzenlosen historischen 
UnjFähigkeit. Ich wieder bekäme Angst vor emer historischen Forschungs- 
methode, die mich solche Erkenntnisse lehrte, wie die eben zitierten. 
Doch nehme ich an, daß jene Auffassung des gradlinigen Zickzack- 
kurses nicht dem Historiker, sondern dem Politiker Delbrück zur. Last 
iällt. , 

Wie unüberlegt und wankelmütig gerade in den paar Wochen des 
Juli 1914 die deutsche auswärtige Politik war, sollte nach allem, was 
man weiß, doch keiner weiteren Beweise mehr bedürfen. Und das 
ständige Einvernehmen des Kaisers mit seinen Ratgebern bat eben eine 
merkwürdige Beleuchtung erfahren durch die Veröffentlichimg des Brief- 
wechsels zwischen Willi und Nicky. Offenbar bedeutet auch diese 
Publikation eine gemeine Handlung. Man kann eben keine intime 
Äußerung Wilhelms veröffentlichen, die ihn nicht kompromittiert. 

Alle seine Äußerungen sind aber sehr wichtig, angesichts des 
preußisch-deutschen Regierungssystems, das dem Monarchen seinen 
Ministem gegenüber eine allmächtige Stellimg verlieh, eine Stellung, die 
Wilhelm II. nach Kräften ausgenutzt hat. Er fühlte sich als sein eigener 
Kanzler, betrachtete seine Minister als seine Handlanger. Das schließt 
nicht aus, daß, ähnlich manchen Sklaven derZäsaren, so auch manche 
Höflingsnaturen unter seinen Ministem den Kaiser gelegentlich zu ver- 
anlassen wußten, nach ihrem Willen zu agieren. 

Delbrück muß zugeben, daß die Rahd^ossen „überaus wichtig 
sind, um die Denkweise des Kaisers kennen zu lernen**. Damit sind sie 
aber auch überaus wichtig, die von ihm gelenkte deutsche Politik kennen 
zu lemen. Sie bedeuten „sehr wichtige historische Dokumente'*, 
wie Delbrück selbst anerkennt. Das sind sie jedoch nur als sehr wich- 
tige politische Dokumente. 

Sie beleuchten kraß nicht bloß die Person des Kaisers, 
sondem auch das deutsche Regierungssystem, das in den Krieg 
„hineinschlitterte**, um mit Tirpitz zu reden. Und Klarheit darüber 
erscheint mir heute im Interesse des deutschen Volkes wichtiger als 
Rücksichtnahme auf das Behagen des Mannes, der von seinem Posten in 
der Stunde der Gefahr desertierte. 

Das mag ja eine sehr „gemeine Handlungsweise** sein — nämlich 
die meine, nicht die Wilhelms II. — , aber mir fehlt eben das „feinere 
Elmpfinden**, das einzusehen. 

Das Einvemehmen Wilhelms mit seinen Ratgebem wird bereits 
.ausreichend illustriert durch die Art, wie am 5. Juli der Krieg gegen 
Serbien angezettelt wurde. 

3* ^35 

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Man weist von deutscher nationaler Seite triuny;>Iiieren(} darauf hin, 
dafi sich alles Gerede von einem Kronrat am 5. Juli als nichtig erwiesen 
habe, und meint, damit sei das wilhelminische Regime Ranzend gerecht- 
fertigt. In meinen Augen wird es dadurch erst recht verurteilt. 

Ein Kronrat, dem alle Minister und auch noch die Führer der 
paiiamentarischen Parteien beiw<^ten, hätte doch aller Wahrschein- 
lichkeit nach dazu geführt, dafi die verschiedensten Seiten des Problems 
erörtert, dafi auch seine Schwierigkeiten in Betracht gezogen wurden, 
und dafi man, wenn schließlich dem österreichischen Begehren trotz aller 
Bedenken zugestimmt wurde, man dies erst tat, nachdem man sich über 
die Hilfsmittel und Absichten des Bundesgenossen genau unterrichtet 
hatte. 

Statt dessen wiurde die entscheidende Beratung von Wilhelm allein 
mit dem österreichischen Gesandten nach einem Frühstück in Potsdam 
abgehalten. Später besprach sich der Kaiser mit Bethmann. Was dabei 
erörtert wxirde, davon fehlt uns jede Kunde. Aber eine Abänderung 
dessen, was Wilhehn bereits dem Grafen Szögyeny gegenüber eddärt 
hatte, kam dabei nicht heraus. Durch diese eine Unterredung allein 
wurde Österreich völlig freie Hand Serbien gegenüber gewährt und ihm 
die. deutsche Bundeshilfe zugesichert für den FaU, dafi dabei Österreich 
mit Rußland in Konflikt geriet. 

Erst hinterdrein fing man an über verschiedene Punkte nach- 
zudenken, über die man hätte Klarheit haben müssen, ehe man sich auf 
das Abenteuer einliefi. 

Ersi am 1 7. Juli fragte Jagow in Wien an, um zu erfahren, welche 
Ziele Österreich in Serbien verfolge. Eine Antwort hat er nie bekommen, 
und doch hätte eine präzise, klare Auskunft Österreichs über diesen Punkt 
vorliegen müssen, ehe man des Bundesgenossen Anliegen überhaupt in 
Betracht zog. 

Ebenso wichtig, wie Klarheit über die Ziele in Serbien, war 
Klarheit über das Verhältnis Österreichs zu Italien. Bei eventuellen 
Komplikationen war es dringend notwendig, dafi es im Dreibund blieb; 
das war nicht zu erreichen, wenn Österreich nicht Italien entsprechende 
Kompensationen anbot. Zu solchen hätte man Österreich vielleicht ver- 
anlassen können, ehe man ihm die Zusicherung der Bimdeshilfe gab, 
wenn man diese davon abhängig machte. Aber auch daran dachte man 
am 5. JuU nicht. Vielmehr fiel es dem Staatssduretär erst am 15. Juli 
ein, daß es nötig sei, Österreich zu Konzessionen zu veranlassen. Nim 
besafi dieses aber bereits das Versprechen des Kaisers vom 5. JuU, imd so 
fanden alle Andeutungen Beriins, die überdies sehr schüchtern ausfielen, 
in Wien nur taube Ohren. 

Diese Politik ist es, von der Delbrück behauptet, sie „geht logisch 
nach einem ganz klaren imd wohlüberlegten Programm** vor, „nirgends 
nach blofien Launen oder plötzlichen Allerhöchsten Eingebungen und 
Vorurteilen*. (S. 30.) 



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Auch da wieder kann ich nur sagen: Wenn es seine Forschungs^ 
methode ist» die Delbrück zu solchen Ergebnissen führt, dann bin ich 
froh» daß ich nicht einmal das ABC davon aufgenonunen habe. 

Vielleicht noch nie ist ein Krieg auf die blofie „Allerhöchste 
Eingebung" eines Tages mit solcher Leichtfertigkeit und Unüberlegtheit 
beschlossen worden» wie am 5. Juli 1914 der Krieg gegen Serbien. 
Kein Wunder» dafi man einige Wochen spater völlig den Kopf verlor» 
als die Konsequenzen zutage traten» auf die jeder einigermaßen klar 
denkende Mensch von vornherein hätte gefaßt sein müssen, wenn er sich 
auf diese Bahn überhaupt begab. 



b) Die deutsche Schuld. 

Ich kann hier das Geständnis machen» daß es eine Zeit gab» in der 
ich der deutschen Regierung unrecht tat. Wohl besaß ich nicht das 
felsenfeste Vertrauen Delbrücks in die Klarheit und Wohlüberlegtheit 
ihres Progranuns, immerhin nahm ich an» daß sie sich der sinnenfälligsten 
Konsequenzen ihres Vorgehens klar bewußt war» als sie sich zur Unter- 
stützung Österreichs entschloß. Dann aber konnte man auf Grund der 
bekannten Tatsachen nur zu dem Ergebnis kommen» da& Deutschland 
den Weltkrieg 1914 gewollt hatte» ihn pla^mäßig herbeiführte. Zu 
eddären war dieser Krieg nur als Präventivkrieg. 

Ich war sehr überrascht, als ich Einsicht in die Akten bekam. 
Meine ursprüngliche Auffassung erwies sich mir als unhaltbar. Deutsch- 
land hat auf den V^^eltkrieg nicht planmäßig hingearbeitet. Es hat ihn 
schließlich zu vermeiden gesucht. Delbrück findet denn auch» daß „für 
den aufmerksamen Leser Kautsky nicht der Ankläger, sondern der Ver- 
teidiger der deutschen Regierung ist*'. 

Aber für seine Bedürfnisse bin ich das nicht absolut genug. Ich 
bin es nämlich nur nach der, man kann sagen, kriminalistischen Seite 
der Sache. Um so weniger bin ich es nach der intellektuellen Seite. Ich 
werde zum^ Verteidiger der deutschen Regierung der Entente gegen- 
über, die sie als großen Verbrecher behandeln will. Ich werde um so 
mehr zu ihrem Ankläger dem deutschen Volke gegenüber. Die 
Elntstehung des Weltkrieges zeigt uns in Deutschland ein Regierungs- 
system, das im Lande der Dichter imd Denker» der höchsten wissenschaft- 
lichen Leistungen» zur politischen Führung Elemente berief, die von solcher 
Unfähigkeit oder Streberhaftigkeit oder Leichtfertigkeit waren, daß sie 
sinnlos das Volk in ein Abenteuer hineinritten» aus dem sie schließlich 
keinen anderen Ausweg mehr fanden als die Kriegserklärung an Rußland 
und Frankreich» imd durch das sie und die ganze Nation in den Ab- 
grund gerissen wurden. 

Wäre es richtig» wie Delbrück behauptet» daß diese Politik »»logisch 
nach einem ganz klaren und wohlüberlegten Programm** vor sich ging» 



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80 würcfe die Schuld des wilbehninischen Regimes dadurch nicht ver- 
mindert, sondern ins Riesenhafte vergrofiert. 

Würde damit auch die SchuM des deutschen Volkes anwachsen? 
Delbrück behauptet es. 

Ich erkläre in meiner Schrift, daß die Anerkennung der Wahriieit 
über den Ursprung des Krieger das beste Mittel sei, das Vertrauen der 
Völker für Deutschland wiederzugewinnen. (S. 180.) Darauf ent- 
gegnet Delbrück: 

„Kautsky ist ein ebenso sdilechter Menschenkenner vrie mang^after Logiker 
und unmcthodischer Historiker. £s ist, als ob er nie den Satz geholt hätte, d^ 
diie Völker imuner die Regierung haben, die sie verddenen. Die Schuld einer 
Regierung ist von der Schuld des Volkes nicht zu trennen. 
Wenn es wahr wäre, daß die ake deutsche Regierung so sdiuMig wäre, wie 
Kautsky sie darstdlt, und wir heute anders gesinnt sind, so würden sich <£e west- 
£chen Völker darum in ihrer Gesinnung gegen uns — mit Recht — nicht im 
geringsten beirren lassen, sondern uns die Sünden Kaiser Wilhelms voll entgelten 
Ussen." (S. 84.) / 

Diese ganze Argumentation ist auf den Satz begründet, der vor 
mehr als hundert Jahren zur Rechtfertigung des zaristischen Absolutismus 
geprägt wurde, der besagt, dafi die Völker immer die Regierung haben, 
die sie verdienen. Sollte der Satz dadurch zu einer Wahriieit geworden 
sein, daß er so oft zitiert wird? Auch die Zitierung durch einen 
preußischen Professor macht ihn noch nicht dazu. 

Meine analphabetische Forschungsmethode zeigt mir in der Ge- 
schichte vielmehr das gerade Gegenteil: Fast kein Volk hat die Regierung, 
«die es verdient. 

Meine Forschungsmethode sieht eben nicht nur die Völker, sondern 
auch die KTassen innerhalb der Völker. Sie unterscheidet' zwischen 
herrschenden und beherrschten Klassen; sie sieht innerhalb der herr- 
schenden auch noch den Unterschied zwischen den ökonomisch mächtigen 
und den poUtisch regierenden. Wir wollen von diesem letzteren Unter- 
schied hier absehen, um die Darlegung nicht zu komplizieren. Aber 
auch wenn man bloß die herrschenden und beherrschten Klassen unter- 
scheidet, ist es klar, daß die jeweilige Regierung nur das Produkt jener, 
nicht dieser ist, die fast überall die große Masse, das eigentUche Volk 
darstellen. 

Will mm Delbrück etwa behaupten, daß die Proletarier, Klein- 
bauern, Kleinbürger eines kapitalistischen Landes die Junker, die Schwer- 
industriellen, die Bankmagnaten haben, die sie verdienend 

Auf der andern Seite ist zu beachten, daß die Regierung eines 
bestimmten Zeitpunktes nicht nur durch die herrschenden Klassen dieser 
Epoche bestimmt wird; sie wird bestimmt auch durch das Re- 
gierungssystenl, das, außer in revolutionären Zeiten, überwiegend 
ein Produkt der Vergangenheit ist. Jede Nation, jedes Staats- 
wesen ist ein Ergebnis geschichtlicher Elntwicklung. Sie werden ge- 
fördert durch die Errungenschaften ihrer Vorgänger, aber auch gehemmt 

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durch überlieferte Denkweisen und Einrichtungen, die sich festgewurzelt 
haben und der Gegenwart zähen Widerstand leisten, trotzdem sie in 
starkem Widerspruch zu ihren Bedürfnissen stehen. Daher rief Goethe: 
Weh dir, dafi du ein Elnkel bisti Will Delbrück behaupten, dafi jeder 
Elnkel den Großvater hat, den er verdient? 

Ist der Ausspruch, auf den er sich beruft, unter allen Umstanden 
nur ein geistreichebdes Bonmot ohne ernsthaften Kern, so wird noch 
sonderbarer seine Anwendimg auf die deutsche Gegenwart. Verdient 
ein Volk auch eine Regierung, die es gestürzt hat? Ist es verantwortlich 
für eine Regierung, von der es nichts wissen will? 

Und endlich noch eine dritte Erwägung: Selbst wenn, der Aus- 
spruch für die Regierungen wirklich zuträfe, so wäre daraus noch nichts 
zu schließen für die Person des Monarchen in einer Elrb- 
monarchie. Die hängt ja ausschließlich vom Zufall der Geburt ab. 

Damit wird die materialistische Geschichtsauffassung nicht wider* 
legt, die annimmt, daß der Gang der Geschichte sich nach ehernen 
Gesetzen vollzieht. Ihre Richtung kann von keiner Persönlichkeit 
abgeändert werden, wie mächtig sie sei. Aber die G r ö ß e der Opfer, 
die von der natumotwendigen Entwicklimg erheischt werden, hängt sehr 
davx>n ab, welcher Art diejenigen Personen sind, die über die furcht- 
bare Gewalt der Staatsmaschinerie verfügen. 

Auf die Auswahl der obersten entscheidenden Person haben in der 
Erbmonarchie nicht einmal die herrschenden Klassen einen Einfluß. 

Will Delbrück sagen, jedes Volk habe jedesmal den Monarchen, 
den es verdient? Das österreir^hische Volk habe etwa von 1 780 — 1 790 
den hochbegabten, ungeduldig vorwärtsdrängenden, aufgeklärten 
Despoten Josef verdieüt, von 1792 — 1835 den bornierten, harten, 
tückisch<]ummen Geizhak Franz, von 1835 — 1848 den Idioten 
Ferdinand, der, persönlich gutmütig, in vollster Hilflosigkeit seine Um- 
gebimg die Völker der Monarchie, nach Belieben mißhandeln ließ, 
wofür 'ihm die Schmeichler den Beinamen Ferdinand der Gütige ver- 
liehen, den bösartige Zungen seiner Untertanen in Gütinand der Fertige 
verdrehten. 

Und war es Friedrich IL, den das Volk Preußens verdiente, oder 
sein so ganz anders gearteter Nachfolger Friedrich Wilhelm IL? Nach 
1888 verdiente es offenbar Wilhelm IL Aber wäre Friedrich III. am 
Leben geblieben und hätte eine ganz andere Politik getrieben, hätte ihn 
das deutsche Volk ebenso verdient. 

Man sieht, man kann den Satz, daß ein jedes Volk die Regienmg 
hat, die es verdient, nicht näher betrachten und schon gar nicht auf die 
deutsche Gegenwart anwenden, ohne auf einen Wust von Abgeschmackt- 
heiten zu stpßen. Diese Abgeschmacktheiten werden aber zu einer ernst- 
lichen Gefahr, wenn sie zu einer Maxime praktischer Politik führen, zu > 
dem Grundsatz, dafi „die Schuld einer Regierung von der Schuld des ' 
Volkes nicht zu trennen ist'*, ' 

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Wir können vielmehr nicht streng genug zwischen Volk imd Re- 
gierung imterscheiden. Gewiß begeht man vidfach im Ausland noch 
den gleichen Fehler wie Delbrück, wenn auch nicht so allgemein» wie 
es ihn dünkt» aber das ist doch kein Grund» diesen das deutsche Volk 
so schädigenden Fehler noch zu fördern dadurch» daß man sdbst ihn als 
richtig anerkennt und die Solidarität der deutschen Nation mit Wilhelm 
proklamiert. 

Das ist selbstverständUch nicht, wie Delbrück es tut» zu bezeichnen 
als „das flagellantische Bemühen» uns selber anzuklagen"» es ist nur die 
Forderung» der Wahrheit zu ihrem Rechte zu verhelfen. 

Man soll nicht etwa Wilhelm als Sündenbock betrachten, dem auf 
Wimsch der Elntente alle Sünden aufzuhalsen sind, deren sie ihn anklagt, 
auch solche» die er nicht begangen hat» um ihn am großen Ver- 
sohnungstag in die Wüste zu schicken. Durch ein solches Verfahren 
würde die deutsche Nation sich vor den übrigen Nationen nicht rehabili- 
tieren, sondern, verächtlich machen. 

Aber sie soll auch nicht Sünden auf sich nehmen, die nicht sie 
begangen hat» sondern Wilhelm. Sie soll sich nicht zum Sündenbock 
des Kaisers machen und von niemand dazu gemacht werden. 

War Wilhelms Politik die richtige» dann muß das selbstverständlich 
anerkannt und den Nationen des Auslandes nachgewiesen werden. Aber 
auch wer auf diesem Standpunkt steht» wird eher auf unparteiisches 
Gehör rechnen können» wenn er die .Schuld des deutschen Kaisers von 
der des deutschen Volkes genau trennt und erkennen läßt» daß die Sache 
des Kaisers nicht seine eigene ist, daß er das Urteil über D^tschland 
nicht abhängig macht von dem Urteil, das über den deutschen Kaiser 
gefällt wird. 



5. Die Rettung des Weltfriedens. 

a) Der bedrohte Friede. 

Delbrück kann natürlich nicht dabei stehen bleiben» meine Dar- 
stellung und Kritik der wilhelminischen Politik des Juli 1914 mit über- 
schäumender Entrüstung als ein erbärmliches Machwerk zu brand- 
marken. Er fühlt sich gedrängt» auch nachzuweisen, daß jene Politik 
wenigstens in ihrem Grundplane nicht nur vernünftig» scmdem die einzig 
vernünftige war. 

Ejt wagt die erstaunHche Behauptimg» der Krieg gegen Serbien 
sei nicht etwa nur^durch das Interesse Österreichs» sondern durch das 
Interesse des Weltfriedens geboten gewesen. 

Dazu kommt er durch folgende Erwägung. Er nimmt es als fest- 
stehend an» daß Rußland mit Serbien eben Krieg gegen Österreich 

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plante. Auf dieser Basis baut er folgenden Gedankengang auf: Gelang 
es vorher Serbien niedenuschlagen und gleichzeitig Rußland ruhig zu 
erhalten, so war ein serbisch-russisches Vorgehen gegen Osterreich be- 
seitigt und damit jede Gefahr einer weiteren kriegerischen Aktion aus- 
geschaltet. Deshalb, im Interesse des Weltfriedens, mufite Österreich an 
Serbien den Krieg erklären, und zwar so überraschend als möglich. 

„Glückte tüese PoHtik, so war die igepknte russisdi-serbisdie Otfensive ge- 
brodien. ehe sie begonnen hatte, und! der Welt friede auf lange Zeit hin- 
aus gesichert." (S. 75.) 

Zwei Seiten später wirft mir Delbrück vor, ich vermeide es „sorg- 
fältig, auf die Frage einzugehen, ob die Behauptung richtig ist, dafi das 
(das „gewaltsame Vorgehen gegen Serbien*') alles geschah, zu dem 
Zwecke und in der Hoffnung, den drohenden Weltkrieg zu verhin- 
dern oder mit der Absicht, ihn zu entzünden'*. (S. 77.) 

Ich muß in der Tat bdcennen, daß ich die Frage, ob die Kriegs- 
erklärung an Serbien den Zweck hatte, den Weltfrieden zu sichern, bis- 
her nicht ernstlicher Erwägung für wert gehalten habe. Daß ein ernst- 
hafter Gelehrter sie stellt, zwingt mich, sie zu erörtern. 

Delbrück fährt fort: 

„Daß der Weltkneg da war in dem Augenblick, wo RuEland in die Lage 
kam, seine uns jetzt urkundlidi bekannten Piäne auszuführen und dler W<Jtfriede 
nur eihalten werden konnte, wenn es, nach einem Ausdruck Kaiser WiJhelms, 
gelang, die Präponderanz Rußlands auf dem Balkan durch diejenige Österreichs 
zu ersetzen, das ist Kautsky noch nicht aufgegangen.** (S. 20.) 

Auch jetzt ist mir diese Weisheit noch nicht aufgegangen, wo sie 
mir von Professor Delbrück feierlich enthüllt wird. Zunächst die Er- 
haltung des Weltfriedens. War er im Jahre 1914 überhaupt bedroht, 
so daß es galt, ihn zu retten? 

Delbrück spricht von der „geplanten russisch-serbischen Offensive" 
(S. 75), von dem Weltkrieg, den Rußland „plante und vorbereitete'* 
(S. 93), von einem „russisch-serbischen Komplott*' (S. 72). Wir 
haben schon eingangs gesehen, was davon zu halten ist. Aber selbst 
wenn die Annahme Delbrücks richtig wäre, so besagt auch sie nicht, 
dafi ein festes Übereinkommen bestand, gegen Österreich in 
einem bestimmten Zeitpunkt den Krieg zu eröffnen. Das 
wagt auch Delbrück nicht zu behaupten. 

Seit dem Beginn des imperialistischen Zeitalters hatte es wenige 
Jahre gegeben, in denen die Weltlage so friedlich war wie 1914. Der 
Sudan, der Kongo, Marokko ebenso wie China hatten aufgehört, Streit- 
punkte zu sein. Der Balkankrieg von 1912 war eben durch den Buka- 
rester Frieden beendet worden. Alle Balkanstaaten waren erschöpft und 
bedurften der Ruhe. Über die Differenzen zwischen Deutschland imd 
England wegen der Bagdadbahn und der portugiesischen Kolonien in 
Südafrika hatten sich beide Mächte verständigt, und England war 
Deutschland dabei „überraschend weit entgegengekommen" (Rohrbach, 

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Der Krieg und die deutsche Politik, 1914, S. 85). Rußland erschien 
so wenig zum Kriege gerüstet, daß Wilhelm und seine Leute erwarteten, 
es würde, selbst wenn Osterreich es auf dem Balkan provozierte, nicht 
zum Schwert greifen: in diesem Zeitpunkt, meint Delbrück, hätten 
Deutschland und Osterreich es aufs dringendste nötig gehabt, den ge^ 
f ährdeten Weltfrieden zu retten durch die Kriegserklärung 
an Serbien! 

In Frankreich hatten die Kammerwahlen im Mai 1914 die So- 
zialisten sehr verstärkt und ein Ministerium nach sich gezogen, für dessen 
Friedfertigkeit Jaures sich uns verbürgte. Diese Friedlichkeit darf man 
freilich nicht überschätzen, es fehlte im Idyll nicht die giftige Schlange im 
Grase. Allerdings wollte keine der Regierungen damals den Krieg. Jede 
fürchtete ihn, weil jede wußte, er drohe mit dem furchtbarsten Unheil. 
Man macht sich eine ganz falsche Vorstellung, wenn man meint, der 
Imperialismus habe in den Regierungen den Drang nach einem Welt- 
krieg erzeugt. So direkt brachte er ihn nicht hervor. Die Wirkung des 
Imperialismus vollzog sich auf einem. Umweg. Was er zunächst produ- 
zierte, war die Gier nach auswärtigem Besitz oder Einflußsphären, waren 
Diflerenzen zwischen den Großmächten und damit stetes, progressiv sich 
steigerndes Wettrüsten, daher wachsende Nervosität, wachsendes Miß- 
trauen, zunehmende Furcht, vom Nachbarn überfallen zu werden. Keiner 
wollte den Krieg, jeder fürchtete ihn, aber mehr noch als den Krieg 
fürchtete man natürlich die Niederlage, und so war jeder bereit, bei 
der ersten verdächtigen Bewegimg des Nachbarn diesem an die Gurgel 
zu fahren. 

So sagt auch Lord Haidane in seinem jüngsten Buch („Before 
the war**, ich zitiere nach einer Besprechung im Manchester Guardian) : 
„Die letzte und wirkliche Ursache dtes Krieges, des größten, den die Mensch- 
heit gesehen, war der furchtbare Acgwohn, den dae betreffenden Nationen « gegen- 
einander hegten.** " "^-"^ — ^ 

Er nimmt an, daß auch Wilhelm den Frieden wollte: 

„Ich glaube, der Kaiser und Bethmann Höllweg haben die 'ELrhakung des 
Frieden« au« vollem Herzen gewünscht. Aber zu diesem Zwecke wendeten sie 
unzweckmäßige Mittel an und' das Ergebnis war ein unheilvoller Mißerfolg.** 

Delbrück freilich meint, gerade in dieser von Argwohn erfüllten 
Atmosphäre könnte es nichts Zweckmäßigeres geben, um ohne aktuelle 
Bedrohung von irgendeiner Seite mitten im Frieden den Frieden zu 
retten, als eine Kriegserklärung. 

Wie sollte diese nun den Frieden erhalten? Sie sollte Serbien 
niederwerfen imd in dieser Weise „die Präponderanz Rußlands auf dem 
Balkan durch diejenige Österreichs ersetzen". 

Aber war dies Streben nicht vielmehr das Mittel, Rußland zum 
Kriege zu reizen, selbst wenn es ihn nicht suchte? 

Delbrück sagt über diese entscheidende Frage leider kein Wort, 
wohl aber zeigt er hier, wie auch sonst, eine sonderbare Betrachtungs^- 

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weise. Wo ich davon spreche, wie mancher deutsche oder öster- 
reichische Schritt auf Rußland provozierend' wirken mußte, wo ich 
Konsequenzen untersuche, da sieht er ein Plädoyer, eine Parteinahme für 
Rußland: . 

„Rußland nimmt als sein natürliches Recht das Protektorat über den Balkan 
in Anspruch, und' Kautsky, dem kein Wort streng genug ist, um den österreichischen 
Ehrgeiz zu verurtcdlen, findet den Anspruch Rußlands ganz legitim." (S. 19. 20.) 

Das ist eine der poetischen Lizenzen, die sich Delbrück nicht selten 
mit meinen Ausführungen erlaubt, um sie leichter kritisieren zu können. 
Ich habe natürlich nie den russischen Anspruch auf den Balkan für 
legitim erklärt, ihn vielmehr stets bekämpft, ebenso wie den österreichi- 
schen. Aber hier handelt es sich nicht um die Frage, ob uns die russische 
Präponderanz auf dem Balkan lieb war oder nicht, sondern ob der 
Versuch, sie durch die österreichische vermittek gewaltsamer Nieder- 
werfung Serbiens zu verdrängen, eine Methode darstellte, den Weltkrieg 
zu entzünden oder den Weltfrieden zu erhalten. 

Daß diese Methode im letzteren Sinne wirken konnte, das hat 
Delbrück zu beweisen. Darüber verliert er aber kein Wort. Er bekennt 
vielmehr gleich selbst, daß das österreichische Vorgehen eine große Ge- 
fahr bedeutete, denn er fährt fort: 

«»Daß die Russen sich das (3ie Verdrängung ihrer Präponderanz auf dem 
Balkan durch die österreichische) sehr ungern gefallen ließen, ist klar, und Kautsky 
ist wieder in Widerspruch mit seinen eigenen Akten, wenn er glaubt, daß man sich 
darüber in Berlin getäuscht habe. Es ist richtig, daß man die Gefahr 
unterschätzte, aber daß sie vorhandien war, wußte man sehr gut, und wandte 
alle Mittel und Mittelchen an, um ihr zu entgehen." (S. 20.) 

Also ich habe wieder einmal falsch gesehen, wenn ich annahm, 
man habe sich in Berlin getäuscht. Man hat nur die Gefahr unter- 
schätzt, und eine Unterschätzung ist natürlich keine Selbsttäuschung. 
Aber ganz abgesehen davon erscheint jetzt plötzlich das Mittel, den 
Frieden zu retten, als eine Gefahr — für den Frieden. Also Delbrück 
selbst gesteht zu, daß die deutsche Politik, um den Frieden zu retten, 
ihn in Gefahr gebracht hat. Mit andern Worten sag* ich das auch. 

„Daß die Russen sich ihre Verdrängung nur ungern gefallen ließen", 
ist selbst für Delbrück klar, damit aber auch klar, sollte man meinen, 
daß man nur dann erwarten durfte, sie würden sich*s, wenn auch un- 
gern, so doch friedlich, gefallen lassen, wenn sie völlig unfähig waren, 
sich zu wehren, also absolut unfähig, den Frieden zu bedrohen, das heißt, 
wenn das „russisch-serbische Komplott*' eine Lächerlichkeit war. Nur 
in diesem Falle durfte man eine Rettung des Weltfriedens durch die 
serbische Kriegserklärung erwarten — nur dann, wenn den Welt- 
frieden niemand bedrohte, außer Osterreich. 

Delbrück und seine Gesinnungsgenossen berufen sich darauf, daß 
die Bethmannsche Regierung aufs eifrigste bemüht war, den öster- 
reichisch-serbischen Krieg zu lokalisieren. Das bezeuge doch, 
daß sie den Weltkrieg nicht wollten. 

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Leider bezeugt es keineswegs, daß ihr Streben« den serbischen 
Krieg zu lokalisieren, auch das geeignete Mittel war, den Weltkrieg 
zu verhindern, und nicht vielmehr das, den Weltkrieg zu entflammoi. 
Und darauf kommt es an. 

Eis ist zu unterscheid«! zwischen Lokalisierung des Krieges und 
Lokalisierung des Konflikts. Das sind zwei ganz verschiedene 
Dinge, die Delbrück ebenso wie Bethmann HoDweg und Jagow nicht 
auseinanderzuhalten weiß. 

Auf der einen Seite beteuerten die Österreicher, daß sie gegen 
keinen andern Krieg führen wollten, als gegen Serbien. Daß sie also 
den Krieg zu lokalisieren suchten. Auf der andern erklärten die 
Österreicher im Verein mit Deutschland, der österreichisch-serbische Krieg 
sei eine Angelegenheit, die niemand anginge, als die Österreicher. So 
suchten sie den Konflikt zu lokalisieren, das heißt, Europa bei 
seiner Beilegung auszuschalten. Jagow brachte es fertig (in einem Tele- 
gramm an den Botschafter in Rom vom 24. Juli), zu erklären: „Wir be- 
trachten die Angelegenheit als eine interne österreichisch-ungarische'* 
(Dokumente ziun Kriegsausbruch, Nr. 145). Ebenso in einem Tele- 
gramm an den Gesandten in Stockholm vom 23. Juli (Dokumente, 
Nr. 123), sowie am 24. an den Botschafter in London (Nr. 140). 

Danach wäre der österreichisch-serbische Krieg nicht einmal die 
Serben etwas angegangen, sondern nur die Österreicher. Diese pro- 
funde Staatsweisheit, die einen Krieg für eine interne Angelegen- 
heit eines Staates erklärt und damit alle internationalen Komplikationen, 
die jeder Krieg mit sich bringt, aus der Welt geschafft zu liaben meint, 
hat uns glücklich in den Weltkrieg hineingeführt. 

Während des ganzen 19. Jahrhunderts hatte sich's gezeigt, daß 
jede Machtverschiebung auf dem Balkan fast alle Großmächte in Be- 
, wegung setzte, nicht nur die Nachbarn der Türkei, Rußland und öster- 
f reich, sondern auch die Mittelmeermächtei Italien und Frankreich sowie 
' England. Die Position auf dem Balkan konnte eben zu einer beherr- 
' sehenden für das östliche Mittelmeer und den Weg nach Indien werden. 
Die Türkei aber ebenso wie die ihr folgenden Kleinstaaten waren nicht 
imstande, mit eigener Kraft sich einer der benachbarten Großmächte 
zu erwehren: jeder Großstaat, der auf dem Balkan das Übergewicht 
zu erlangen suchte, stieß dabei auf den Widerstand anderer Groß- 
mächte, hatte mit der Gegnerschaft einer Koalition zu rechnen. 

Das mußte Rußland erfahren, als es im Anfang der fünfziger Jahre 
des vorigen Jahrhunderts seinen Konflikt mit dem Sidtan zu „lokali- 
sieren" suchte und ihn als eine, um mit JagoW zu reden, „interne" An- 
gelegenheit Rußlands betrachtet wissen wollte, m die kein anderer 
sich dreinzumischen habe. Diesen Versuch, den Krieg mit der Türkei 
zu „lokalisieren", hat damals niemand als Beweis ^oßer Friedensliebe 
des Zaren angesehen. England, Frankreich, Sardinien erklärten ihm 

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den Krieg, Österreich war nahe daran, das gleiche zu tun. Nur Preußen 
bewahrte eine für FLufiland wohlwollende Neutralität. 

Und dann 1878, ak Rußland abermak im Kriege mit der Türkei 
stand und ihn wiederum lokalisieren wollte, stand es wie 1 854 vor einem 
Kriege mit Elngland, vielleicht auch Österreich, und es entging ihm nur 
dadurch, dafi es die Intervention der Großmächte akzeptierte und die 
Verständigung mit Europa auf dem Berliner Kongreß siechte. Dort 
wurde auch Österreich zur Okkupation Bosniens ermächtigt. Es er- 
langte sie nicht durch eine „lokalisierte" Operation, sondern durch das 
Mandat Europas. 

Im 20. Jahrhundert nun war es nicht mehr Rußland, sondern Öster- 
reich, das durch „lokaUsiertes*' Vorgehen auf dem Balkan Fortschritte 
zu machen suchte. Im Jahre 1908 proklamierte es, ohne die Signatar- 
mächte des Londoner Kongresses zu fragen, die Annexion Bosniens. 
Und von da an verfolgte es systematisch die Politik des „lokalisierten** 
Konflikts mit Serbien, das heißt, des Strebens nach Ausschluß jeder 
europäischen Intervention oder Vermittlung bei seinen Bestrebungen, 
auf dem Balkan vermehrte Macht zu gewinnen. 

Jeder Kenner der Balkangeschichte seit hundert Jahren mußte sich 
darüber klar sein, daß diese Politik zum Weltkrieg führte. Schlimm 
genug, daß Deutschlands leitende Staatsmänner 1914 dafür blind waren. 
Geradezu unbegreiflich aber ist es, wie ein Historiker vom Range Del- 
brücks das auch 1920 noch nicht einzusehen vermag. 



b) DiedeutscheSchwenkung. 

Indes 3ind wir mit dem Ddbrückschen Plan der Friedensrettung 
noch nicht zu Elnde. Ejt berichtet uns: 

„Man wollte, daß Österreich möglichst schnell und ener^sch vorgehe, seine 
Aktion aber, sobald das Gewünschte erreicht war, so weit wieder einschränkte, 
daE Rußland sich damit abfinden konnte." (S. 13.) 

Im ganzen Vorgehen Wiens und Berlins im Juli 1914 findet er 
nur einen Fehler: 

„Der wesentliche Fehler, den die Staatsmänner in Berlin und namentlich in 
Wien gemacht haben, ist, daß sie die von vornherein beabsichtigte 
Schwenkung zum Kompromiß nüt Seibien nicht schnell .genug voll^ 
zogen haben." (S. 28.) 

Danach wurde der Krieg gegen Serbien nur erklärt mit der Absicht, 
schleunigst nach seinem Ausbruch zu einem „Kompromiß** zu kommen. 

Woher kommt Professor Delbrück zur Kenntnis dieses Plans? 
Wenn er bestand» wurde er bisher auf das sorgfältigste geheim gehalten. 
Weder in den deutschen Akten noch im österreichischen Rotbuch ist 
irgend etwas darüber zu finden. Die Österreicher bezeigten nie die 
ernstliche Absicht zum Einlenken, und die von deutscher Seite in den 



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letzten Tagdi des Juli nach Wien gesandten Ermahnungen in dieser 
Hinsicht sind ganz oflensichtlich Produkte plötzlicher Angst und durch- 
aus nicht eines vorher gefaßten Planes. 

Elr wäre auch zi^ sinnreich gewesen! Man steuerte auf einen Kom- 
promiß hin und verrammelte vorher alle Wege zu ihm durch Ablehnung 
jeder Fristverlängerung für die Beantwortung des Ultimatums und durch 
das Ablehnen aller Vermittlungsvorschläge bis zur Erklärung des Krieges 
an Serbien. 

Noch am 29. JuH verweigerte die Wiener Regierung die von Ejig"- 
land gewünschten Verhandlungen mit Serbien, mit dem Hinweis dar- 
auf, dafi „der Kriegszustand zwischen der Monarchie und Serbien bereits 
eingetreten" sei. 

So mangelhaft meine historischen Kenntnisse auch sein mögen, sie 
lehren mich doch, daß eine Kriegserklärung der ungeeignetste Weg ist, 
zu einem Kompromiß zu kommen, den man vorher schon plant. Man 
erklärt nicht den Krieg, wenn man einen Kompromiß will und der Gegner 
zu Verhandlungen bereit ist, und Serbien kam so weit entgegen, daß 
jeder Kriegsgrund wegfiel, wie Wilhelm sdbst am 28. Juli anerkannte. 
Wer den Krieg erklärt, obwohl der Gegner verhandeln will, der beweist, 
daß er nicht den Kompromiß will, sondern die Niederschlagung des 
andern. 

Hat ein Krieg einmal begonnen, dann weiß niemana, welche 
Situationen er heraufbeschwört, wohin er durch Siege und Niederlagen 
steuert. 

Es hätte nichts Sinnloseres gegeben, als den geheimen Plan, zum 
Krieg zu drängen, um zum Kompromiß zu schreiten. Diese Politik ist 
ungefähr ebenso geistreich, wie wenn sich jemand daran machte, eine 
Pistole abzufeuern mit der Absicht, die Kugel, sobald sie aus dem Lauf 
ist, mit einem Schmetterlingsnetz aufzufangen und unschädUch zu 
machen. 

Die Politik der Herren in Wien imd Berlin war sicher höchst ver- 
kehrt, aber doch nicht so sehr, daß sie nach diesem „ganz klaren und 
wohlüberlegten Programm logisch" vorgegangen wären. 

Wie kann aber Delbrück auf S. 28 es für einen Fehler halten, daß 
man die „von vornherein beabsichtigte Schwenkung zum Kompromiß 
mit Serbien nicht rasch genug vollzogen hat", das heißt, nicht unmittelbar 
nach der Kriegserklärung vom 28. Juli, wo er doch auf S. 9 schreibt: 

,Jhlat sich ein Volk einmal mit einem nationalen Ideal erfüllt, wie damals 
das seibische, so ist eine solche Gesinmin-g durch diplomatische Mittel 
nicht mehr zu imterdrücken, noch zu bändigen. . . . Wollten idie Österreicher 
in der lEjnsicht, daß nicht sowohl ein Groß-Sei^ien als ein Chaos das Ergebnis dieser 
Politik (Seibiens) sein werde, sie unterbinden, so mußten sie suchen, dien seibischen 
Größenwahn nicht bloß zu <d ä m p f e in, sondern zu brechen." 

Ich sehe ab von der historischen Einsicht des Professors Delbrück, 
der sich einbildet, ein nationales Ideal eines Volkes — natürlich nicht 

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des deutschen — liefie sich mit Gewaltmittehi unterdrücken und sein 
nationales Sehnen töten.. Derartiges ist natürlich ganz unmöglich, na- 
mentlich unter modernen Verhältnissen. Je stärker eine Nation ver- 
gewaltigt wird, um so kraftvoller wächst ihr nationales Empfinden. Was 
immer die Österreicher 1914 hätten tun können, um den „serbischen 
Größenwahn*' zu brechen, Krieg, Zerstücklung, Annexion, es konnte 
nur dazu dienen, den serbischen Nationalismus bei allen Serbokroaten 
innerhalb und außerhalb Österreichs hoch aufflammen zu lassen und ihren 
Haß gegen das Joch der Doppelmonarchie zum Siedepunkt zu steigern. 
Mit andern Worten, auch wenn der österreichische Krieg gegen Serbien 
nicht den Weltkrieg entzündet, sondern Rußland ihn ruhig hinge- 
nommen hätte, wäre die Gefährdung Österreichs durch die serbische 
nationale Ic^ee dadurch auf keinen Fall vermindert worden. 

Eis ist schlimm genug, daß österreichische und deutsche Diplomaten, 
Bureaukraten und Soldaten dem demokratischen Bedürfnis der Natio- 
natitäten nach Selbstbestimmung 1914 so verständnislos gegenüberstanden 
und dadurch zu einer so verhängnisvoll fakchen Rechnung kamen. 

Wahrhaft erschreckend jedoch ist es, bei einem Delbrück die gleiche 
Verständnislosigkeit zu finden — heute noch zu finden. Es bUdet eine 
geringe Entschuldigung für ihn, daß augenblicklich nach dem Krieg 
französische Machtpolitiker ebenso blind Deutschland gegenüber sind und 
auf dessen Zerstückelung spekulieren. 

Man findet auch bei ihm ebensowenig wie bei Bethmann eine 
Ahnung davon, daß Österreich von innen durch seine eigene Zerklüftung 
bedroht war, nicht von außen. Nur deshalb konnte das kleine Serbien 
mit nicht ganz fünf Millionen dem Kaiserstaat mit über fünfzig Millionen 
ak eine Gefahr erscheinen. Eine jede Kraftprobe, wie ein großer Krieg, 
konnte das morsche Gefüge dieses verfaulenden Staates nur bis zum 
völligen Zusammenbrechen erschüttern, niemals es befestigen. 

Aber wenn man schon für alles das blind ist und auf dem rein 
polizeüich-militaristischen Standpimkt steht, wie kann man dann aus- 
sprechen, der Krieg hätte bloß ein Scheinkrieg sein sollen, der durch 
einen Kompromiß zu beenden war, ehe er recht begonnen hatte? Und 
wanmi sollte ein Kompromiß nach einer Kriegserklärung, von der sich*s 
sofort herausstellte, daß sie nicht ernsthaft gemeint war, den serbischen 
„Größenwahn** brechen, wenn ein Kompromiß durch bloße diplomatische 
Verhandlungen absolut ungenügend erschien? 

Je mehr man sich in das Labyrinth der auswärtigen PoUtik Del- 
brücks vertieft, desto weniger zeigt es einen Ausweg. 

Diese Wirrnis erklärt sich wohl zum Teü daraus, daß bei Delbrück 
zwei verschiedene Gedankengänge durcheinanderlaufen, ohne gesondert 
verfolgt zu werden: der Gedanke der Erhaltung des Welt- 
friedens und der des Präventivkrieges. Letzterer geht von 
dem geraden Gegenteil des ersteren aus: wer den Präventivkrieg will, der 
hält den Frieden für unrettbar verloren, den Krieg für unvermeidlich, so 

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daß es nur darauf ankommt, den günstigsten Moment für den Krieg zu 
finden. 

Durch Verbindung beider Gedanken gelingt es Delbrück, den 
Bastard des Präventivkrieges zur Ejrhaltung des Friedens zu produzieren: 

„Di« Ermordung des Thronfolgers war nidit etwa ein Vorwand, den Öster^ 
reich benutzte, um Seibien niederzusdilagea, sondern sie gab «ine Gelegenheit, die 
kein Staat ud>enutzt lassen konnte, Serbien außer Spiel zu setzen, unter Veihäh- 
nissen, wo man hoffen durfte, daE Rußland nodi ruhig ble3>en würde. Will 
man sagen, daß es also ein Präventivkrieg war, so war es ein solcher nur in bezug 
auf Seibien, nicht aber in bezug auf Rußland; m bezug auf Rußland war es das 
gerade Gegenteil: man wollte dem Krieg mit Rußland aul diese 
Weise entgehen." 

So wordich zu lesen auf S. 10! Das häitte schon unendlich naiv 
geklungen im Juli 1914» wo noch nicht die Erfahrung zeigte, wie man 
dem Krieg mit Rußland »»auf diese Weise entging**. Schon damals 
war sich fast alle Welt darüber einig, da£ der Krieg gegen Serbien die 
Gefahr des Weltkrieges entfessele. So äußerte sich schon am 25. Juli 
der Vorstand der deutschen Sozialdemokratie, und der Historiker Del- 
brück schreibt auch da Phantasiehistorie, wenn er meine heutige Haltung 
zu der damaligen meiner sämtlichen Freunde und Gesinnungsgenossen 
in Gegensatz bringen will (S. 21). 

c) Der Präventivkrieg. , 

Der Präventivkrieg gegen Serbien zur Ejrhaltung des Friedens ist 
die denkbar lächerlichste Vorstellung. In Wirklichkeit guckt hinter ihr 
auch bei Delbrück die einzig rationelle Vorstellung des großen Präventiv- 
krieges gegen Rußland und seine Verbündeten durch. 

So sagt er auf S. 12: 

„Unbenommen bleibt es natürlich jedermann, zu glauben, daß das russisdi- 
seibische Komplott zwecks der Eroberung von Konstantinopel und Zertrümmerung 
von Österreich-Ungarn niemals zur Ausführung gekommen, sondern durch eine 
überwältigende Zunahme der pazifistischen Bewegung im Keime erstickt worden 
wäre. Das Prinzip, daß in der Welt das Recht herrschen müsse und nicht die 
Gewalt, hätte dann Österreich für alle Zeit seine Grenzen und dem Sultan den 
Besitz von Konstantinopel verbürgt. Stand ein soldier Zustand in Aussicht, stand 
er schon vor der Tür, so war dÜe Politik der Zentralmächte mit ihrem Risiko 
des Weltkrieges überflüssig und verkehrt, und man darf sie verdammen.*' 

Hier erscheint plötzlich die Politik zur Rettung des Weltfriedens 
als »»Risiko des Weltkrieges**; das heißt, Bethmann uiid Berchtold be- 
schworen den Präventivkrieg herauf, nicht mehr zur Rettung des Welt- 
friedens, sondern zur Rettung des Sultans und der Monarchie der Habs- 
burger, deren Bestand imser Historiker „für alle Zeiten** mit der Herr- 
schaft des „Rechts** identifiziert. 

Da nicht zu erwarten war, daß die Pazifisten in absehbarer 2[eit 
stark genug würden, den Weltlurieg zu verhindern, mußte man ihn also 
nach Delbrück 1914 „riskieren**, weil damals die Situation für die 
2^tralmächte günstiger erschien, als je wieder erwartet werden durfte. 

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Dieser Gedankengang ähnelt schon mehr den wirklichen Anschau- 
ungen Wilhelms» Bethmanns, Jagows, clie zur Elntzündung des Weltkriegs 
fi3irten. Derel^ Politik war auch nach Delbrück übelflüssig, veriL^irt. 
zu verdammen, wenn eine Möglichkeit bestand, das „russisdi-seribische 
Komplott im Keime zu ersticken". Doch sieht et nur einen Faktor, 
der dafür in Betracht hätte kommen können, die pazifistische Bewegung, 
und die war für absehbare Zeit 'machtlos. 

Hier liegt der Grundfehler aller Argumentationen, die zugunsten 
der wilhelminischen Politik von 1914 vorgebracht wurden. Sie können 
sich kein anderes politisches Moi^ent vorstellen, das den kommenden 
Weltkrieg hätte verhindern können, als den bürgerlichen Pazifismus, zu 
dessen Kraft sie kein Zutrauen haben. 

Nun brauche ich doch Delbrück nicht auf die bekannten Aufienm^ 
gen Bismarcks hinzuweisen, der sich, in seinen „Gedanken und Er" 
innerungen** wiederholt entschieden gegen Präventivkriege ausspricht. 
So schrieb er am 13. August 1875 an Wilhelm L: 

„Ich würdfe noch heute, wie 1867 in der Luxemburger Fra^, Euerer Majestät 
niemals zufaden, einen Krieg um «ksfwillen sofort zu führen, weil wahrscheinüdi ist, 
(kfi <kr Gegner ihn bald beginnen werde. Man kann die Weg& dbr göttlichen 
Vorsdiung dazu niemals sicher genug im voraus erkennen.** 

Das heißt, in moderne Sprache übersetzt, es können immer uner- 
wartete Wendungen eintreten, die den Gegner von dem geplanten Krieg 
ablenken. Ein Krieg ist etwas so Unheilvolles, dafi man sich auf ihn 
nur einlassen darf, wenn er, wie Bismarck an einer andern Stelle sagt, 
direkt aufgezwungen ist. 

Im Jahre 1914 aber stand die Sache so, da£ für das „Ersticken" 
dessen, was von dem „russisch-serbischen Komplott" wirklich vorhanden 
war, keineswegs blo£ die pazifistische Bewegimg oder die unerforschÜchen 
Wege der Vorsehung in Betracht kamen, sondern bereits ein dritter 
Faktor aufstieg: die Revolution in Rußland. Sie stand „in 
Aussicht und schon vor der Tür**, durch ^ie hätte aber die Weltpolitik 
ein ganz neues Gesicht bdcommen. Da mußte für Wilhelm und seine 
Leute die Rettung des Zarenthrones noch wichtige werden als die 
Rettung Österreichs tmd Konstantinopek, Andererseits wäre es für die 
deutsche Sozialdemokratie eine Lebensfrage geworden, die Verwendung 
der deutschen Armee ak Hilfstruppe des russischen Absolutismus zu 
verhindern. Wer hätte da noch an den Präventivkrieg um Serbiens 
Willen gedacht? 

Freilich, auch das rechtzeitige Eintreten der russischen Revolution 
konnte niemand verbürgen. Indes war die deutsche Regierung nicht 
darauf angewiesen, ruhig abzuwarten, ob sich im Ausland Elemente 
entwickelten, die der russisch-serbischen Gefahr entgegenwiikten. Sie 
kontite aus eigener Initiative sehr viel zur Beschwörung dieser Gefahr 
leisten, die wohl bestand, wenn sie auch entfernt davon war, die Form 
deines festen Plan^ oder eines Abkommens anzunehmen. 

4 K a u t s k y, DelJjrflck und ^Wilhelm H. ^-^49 

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Vor »llem mufite Deutschland d&i Buiidesgenossen drängen, sich 
lebensfähiger zu gestalten. Es konnte einen sterbenden Staat als Ver- 
bündeten nicht brauchen. Die serbische nationale Belegung bedrohte 
Österreichs Bestand nicht deshalb, weil 'Serbien im Komplott mit Ruß- 
land War, sondern nur deshalb, weil die duaUstische Monarchie in ihrem 
Innern vor dem Zusammenbruch stand. Schon 1915 sagte ich in einer 
iSchrift, die wegep der Schikanen der Militärzensur dem deutschen 
^ Publikum schwer zugänglich wurde: 

„Für Österreich bedeutete dies Aufkommen selbstäiKÜger NatiojiaUtaaten an 
iemer Grenze unter russischer Führung eine Notwendigkeit mär, auch seiner eigenen 
inneren Politik und Organisation Formen zu geben, die seine innere Anzidiungs- 
kraft erhöhten. Das konnten niur Formen sein, «die es einem Bund autonomer nationaler 
Staaten oder doch Territorien, näher braditen. ^Parin lag die einzige Mö^chkeit, 
den Gefahren zu begegnen, die ihm aus der^ssischen PoHtik auf <iem Balkan 
erwuchsen. Aber diese Möglichkeit begegnete starken Widerständen.** (National- 
staat, «Imperialistischer Staat und Staatenbund. Nürnberg 1915, S. 61.) 

Den stärksten unter diesen Widerständen bildete der ungarische 
Ad^ eine Klasse, deren Kraft und Brutalität, ja Grausamkeit ebenso 
groß war wie ihre Gier nach Plünderung des Staates und ihre nationale 
Beschränktheit. Die Elemente, die jetzt in Budapest ein wahres Ban- 
ditenregiment führen, es sind dieselben, die wir vor 1914 als Träger 
des Schreckensregiments gegen die Südslawen finden, das jene in der 
Tötung des Thronfolgers gipfekide Serie von Attentaten erzeugte. Un- 
garische Adlige waren auch die stärkste Triebkraft bei der Herbeiführung 
jenes unseligen serbischen Abenteuers, das uns Delbrück heut noch als 
den Inbegriff politischer Weisheit preist: der ungarische Magnat Graf 
Berchtold, unter ihm der Kabinettschef Graf Hoyos, der Sektionschef 
Graf Forgach, der österreichische Gesandte Graf Szögyeny in Berbn, 
Graf S^apäry in Petersburg, Graf Szecsen in Paris, Herr v. Merey in 
Rom, der Markgraf PaUavicini, Botschafter in Konstantinopel, Herr 
V. Mussulin, der Verfasser des Ultimatums — alles un^risjQhe 
Aristokraten! 

Von ihnen war der stärkste Widerstand gegen die Demokratisie- 
rung Österreichs, gegen die Autonomie seiner Nationalitäten zu er- 
warten. Elr konnte jedoch gebrochen werden, wenn Deutschland aufs 
energischste die Modernisierung Österreichs forderte. Aber wie durfte 
man Derartiges von der deutschen Regierung erwarten! Statt zu 
merken, daß Österreich nur noch von ihren Gnaden abhing, nur durch 
ihre Unterstützung noch am Leben erhalten wurde, lebte sie in steter 
Angst, man könne die Wiener Staatsmänner verschnupfen, , und geriet 
um so mehr in völlige Abhängigkeit von ihnen, je mehr man in der 
übrigei;! Welt alle Freunde verlor. Und wie konnte man preußischen 
Jankern, die dem eigenen Volke das gleiche WaMrecht verweigerten, 
zutrauen, sie würden hdfen, daß den geistesverwandten Standesgenossen 
in Ungarn das allg^neine, gleiche Wahlrecht aufgezwungen werde! 

Aber wäre die Präventivaktion der Modernisierung Österreichs zur 
Beschwörung der serbischen Gefahr n^cht weit heilsamer gewesen, als 

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der Präventivkrieg, mochte dieser auch, als blofier Krieg gegen Serbien, 
wie das Kind jener Jungfrau, noch so klein sein? 

Mit der Modernisierung Österreichs wäre die Gegenaktion gegen 
das russisch'Serbische Komplott indes nicht erledigt gewesen. Deutsch- 
land mußte mit aller Kraft trachten, aus der unhaltbaren Situation heraus- 
zukommen, daß man gleichzeitig das Mißtrauen Rußlands und Elnglands 
genoß. Die bald dem einen, bald dem andern dieser Staaten entgegen-* 
kommenden Halbheiten der Bethmannschen Politik waren eher geeignet, 
das Mißtrauen beider zu schüren, als es auch nur bei einem zu über- 
winden. 

Elntweder war Deutschland entschlossen, den Kampf mit En^^d 
um die Seeherrschaft aufzundimen, dann mußte es darauf verzichten, 
Rußland den Weg nach Konstantinopel zu versperren. Oder es hielt es 
für dringend notwendig, daß Rußland keine weiteren Fortschritte mehr 
auf dem Balkan und in der Türkei mache, dann mußte es mit Elngland 
zu einer Verständigung, zu einem Bündnis kommen, was vor allem den 
Verzicht auf das Wettrüsten zur See bedeutete. 

Sich gleichzeitig Elngland imd Rußland in den Weg zu stellen, 
war ein Wahnsinn. Dagegen wurde Deutschland, mit Rußland oder mit 
Elngland verbündet, stark genug, jeden Weltkrieg unmöglich zu machen, 
den es nicht selbst wollte. 

Das wäre die Präventivaktion gewesen, die Bethmsum HoHweg 
hätte betreiben müssen an Stelle des Präventivkrieges gegen Serbien mit 
dem Risiko des Weltkrieges. 

Das wäre noch lange keine sozialistische oder pazifistische Politik 
gewesen, sondern eine, die den Interessen entsprach, zu deren Vertretung 
die leitenden Staatsmänner Deutschlands auserkoren waren. Aber 
freilich, sie hätte „ein ganz klares und wohlüberlegtes Programm" vor- 
ausgesetzt, und an dem mangelte es der deutschen Reichsregierung voU- 
ständig, trotz des felsenfesten Vertrauens, das heute noch preußische 
Historiker zu ihr hegen. 

Haltlos schwankte sie hin und her zwischen den verschiedenen und 
wechselnden Strömungen, Sonderinteressen, Einfällen und Stimmungen, 
die auf sie einwirkten. 

Mit dieser Konstatierung darf ich mich wohl von meinem gestrengen 
Kritiker verabschieden. Ich will ihm gern das Zeugnis aufstellen, daß 
er redlich bemüht war, das wilhelminische Regiment im besten Lichte 
erscheinen zu lassen. Die Entscheidung darüber, ob ihm das gelungen, 
muß ich natürlich dem Leser feiner Ausführungen überlassen. 

Ich selbst fühle mich in meiner Airffassung vom Ursprung des Welt- 
krieges, der ich in meiner Sclurift darüber Ausdruck gab, durch die EÜn- 
wände DeU>rikks nicht nur nicht erschüttert, sondern bestärkt, so hoU 
erscheinen sie mir. 



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6. Die auswärtige Politik der Zukunft« 

Ich hatte hier bisher nur kritisch yorzugehen, die Bemange^ 
hmgen und Einwände Delbrücks einer Prüfung zu unterziehen, was zu 
einer Kritik der auswärtigen Politik der ynlhefaninischen Regierung 
wurde. 

Doch mochte ich es nicht bei diesem negativen und niederdrückenden 
Elrgebnis bewenden lassen, sondern mit einem Ausblick auf eine bessere 
ZiÜLunft schließen, die herbeizuführen unsere Aufgabe ist. 

Der Weltkrieg hat die mternationalen Veihahnisse völUg um- 
gewalzt und ganz neue Bedingungen namendich für die aufiere Politik 
Deutschlands geschaffen. 

Dmrch eine Bündnispolitik könnte es heute nur noch geschadigt 
iverden. 

Von mancher Seite wird ein Bündnis mit Sowjetrufiland empfohlen, 
das sich eben für die Elntente als unbesiegbar erwiesen hat. Sicher dürfen 
vnt die feindselige Politik der Elntente gegen das heutige Rußland nicht 
mitmachen. Wohl bekämpfen auch wir den Bolschewismus, aber nicht 
deshalb, weil er eine Gefahr für den Kapitalismus bildet, sondern weU er 
nicht imstande ist, einen modernen, auf der Selbstverwaltung der 
Arbeitierklasse und auf allseitiger Demokratie in der Gesellschaft auf- 
gebauten Sozialismus durchzuführen. 

Die Überlegenheit der Waffen i^t jedoch nicht das Mittel, die 
politische, ökonomische, soziale Unzulänglichkeit des Bolschewismus für 
die Lösung modemer Probleme an den Tag zu bringen. Der Krieg ist 
eher ein Mittel, diese Unzulänglichkeit zu verdecken, da er unter allen 
Umständen die Diktatur und staatliche Zwangsmaßregeln für Eigentum 
und Produktion begünstigt. 

So war auch das französische Schreckensregiment wohl außerstande, 
jene Gesellschaft der Gleichheit und Brüderlichkeit zu schaffen, die es 
anstrebte, dagegen erwies es sich als ein probates Mittel, den Krieg gegen 
die Feinde der Revolution zu führen. Darin, nicht in seinen sozialen 
Neugestaltungen, liegt seine große historische Leistung. Die Herrschaft 
der Jakobiner nahm ein Ende, als der auswärtige Feind besiegt und 
Frankreich von der Invasion gesäubert war. 

Die. Intervention von außen war also das schlechteste Mittel, den 
Einfluß des Bolschewismus auf die Gemüter des russischen Volkes sowie 
erheblicher Teile des europäischen Proletariats zu brechen. Sie ist wohl 
in erster Linie dem Drängen Frankreichs zuzuschreiben, das seit dem 
Zusammenbruch Deutschlands eine Politik betreibt« die, wenn sie 
mit jener Logik fortgeführt wird, die Delbrück fordert, oder vielmehr 
dann erst recht, geeignet sein könnte, die französische Republik an Stelle 
der früheren deutschen Militärmonarchie zum unbeliebtesten Staat in 
Europa zu machen. 

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' Vifd tjAßli d^zu bei, da& die Frainzosen, als ein Volk, in ^ dem Inuner 
i^ocli di^ Bauernschaft iiberwiegt, in ihrem Denken sehr konservativ smd. 
Seligst der revolutionäre Elan des französischen Proletariats ist vielfach 
l^öcht konservativer Natur, beruht auf der Pflege der Traditionen der 
spr(|^if H^volytion, die das 18. Jahrhundert al^hloß. Und die Mili- 
taristen ui^d Intellektuellen des heutigen Frankreich bewegen sich ganz 
in den Überlieferungen des ersten Napoleon und Talleyrands, die ebenso 
wie die Herren der heiligen Allianz Staatengrenzen nach ihrem Belieben 
formten. 

Darunter leidet am meisten Deutschland, es hat insofern das gleiche 
Interesse wie Sowjetrußland. Aber wollte es sich mit diesem verbinden 
zin: Abwehr des gemeinsamen Feindes, iso hieße das nur eine Situation 
schaffen, ähnlich der der napoleonischen Kriege, durch die Rußland wie 
Frankreich relativ wenig verwüstet wurden, imgeheuer dagegen Deutsch- 
land, das den Kriegsschauplatz bildete. Das fehke noch für das zer- 
tretene und aus tausend Wunden blutende Deutschland, daß auf seinem 
Boden die Schlachten zwischen Bokchewisten und Elntentisten ge- 
schlagen würden! 

Das wäre aber das einzige sichere Ergebnis eines deutsch-russischen 
Bündnisses. ' 

. Ein anderes Bündnis ist indes für das heutige PeutscUand kaum 
möglich. Will es nicht ganz isoliert in der Welt dastehen, bleibt ihm nur 
e i n e Zuflucht übrig: d e r V öl k e r b u n d. 

Freilich, die äußerste Rechte wie die äußerste Linke, und viele 
dazwischen haben für dieses Gebilde nur ein verächtUches Lächeln übrig. 
Und der Bund verdiente es auch, wenn seine bis jetzt' vorgesehene 
Gestialt seine definitive wäre. So wenig sich jedoch über die Zukunft 
des^ Völkerbimdes noch sagen läßt, eines steht fest: seine jetzige Geistalf f 
wird nicht dauern. Entweder erweist er sich als keiner Verbesserung / /^ /„ 
fähig, und dann wehe d er MenschheiU Dann kommt er zu keinem jl'' ' 
wirUichen Leben, zerfällt ralcK undTiinterläßt ein balkanisiertes Europa, , » ^ 
das,, wie die Schöpfungen des Wiener Kongresses, nurSGrchneuelGiege I i 
dcfn Bedürhnssen der Völker anzupassen ist. 

Oder aber man trachtet, den Völkerbimd lebensfähig zu gestalten, 
und dann muß er gründlich umgewandelt werden. 

Und alles spricht dafür, daß dies geschieht. Denh sobald lassen 
sich' die Völker Westeuropas nicht auf einen neuen Krieg ein. Sie sind 
zq erschöpft imd haben die Furchtbarkeit modemer Kriegführung zu 
sehr erfahren. Die, Verhältnisse, die der Friedensschluß geschaffen hat, 
^ind aber unhaltbar für alle Beteiligten, und will man sie nicht durch 
kriegerische Elntscheidung ändern, dann bleibt nichts übrig, als der 
Appell an den Völkerbund. Dieser hat aufgehört, der Traum einiger 
pazifistischer Schwärmer zu sein, er ist zu einer dringenden Notwendige 
keit praktischer; Politik geworden; Darum wird er bestehn, darum wird 
man traphten i^üssen, ihm Formen zu- geben, die ihn lebensfähig machen. 

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Das tyird ^m so mehr geUngen, je mehr das Proletariat an Madit 
gewimit bei den Siegern, die ja zunächst über ihn zu entscheiden haben. 
In Frankreich ging das bisher noch nicht so, wie wir es wiinschten. 
Aber in aOen anderen Staaten der Gegner ist es in raschem Vordringen 
begriffen, namentlich in dem wichtigsten unter ihnen, in England. 

Das britische Reich ist mdur ak jedes andere ein Wdtreich ge- 
worden. Doch in demselben Mafie, in dem es wuchs, wurde es immer 
mehr ein Völkerbund. Je mehr die WeltherrschaJFt Großbritanniens sich 
in der Welt ausdehnte, desto mehr verior sie den Giarakter der Herr- 
schaJFt. Seine K<Jonialpolitik hat ihm zwei grofie Warnungen erteilt, 
die es beherzigte: den Abfall der nordamerikanischen Kolonien 1776, 
der es seinen wertvollsten Besitz in Amerika kostete, und den ostindischen 
Aufstand von 1857, der ihm fast die damalige Hauptquelle seines aus 
den Kolonien stammenden Reichtums entrissen hätte. 

Seit dem Verlust der • Vereinigten Staaten wurde Großbritannien 
sehr liberal gegen seine -Siedterkolonien; seit dem indisdien Aufstand 
begann es auch Indien nicht mehr als bloßes Hünderungsobjekt, sondern 
auch als einen Gegenstand fortschreitender Kultivierung zii behandeln, 
was aber nichts anderes bedeutete, als daß in Ostindien die Elemente 
erstarkten, die nach Selbständigkeit verlangten, die zur Selbständigkeit 
reif waren. 

Der Weltkrieg hat das englische Mutterland gezwungen, an seine 
Kolonien die größten Anforderungen zu stellen; er hat ihr Kraftgefuhl 
gewaltig gehoben, damit aber auch bei den schon selbständigen Do- 
minions ihren Einfluß auf die Reichspolitik gestäikt, im britischen Indien 
den Drang nach Selbständigkeit ungeheuer vermehrt. Bereits hat Eng- 
land Konzessionen gemacht, es wird weitere madien müssen, will es; 
offener Rebellion vorbeugen. Das Wachstum der englischen Arbeiter- 
partei wird diesen Prozeß beschleunigen. So wird das britische Reich 
immer mehr das Vorbild eines richtigen Völkerbundes werden. 

Dieser britische Völkerbund wird im internationalen Völkerbund die 
entscheidende Macht bilden, er wird aber auch die besten Erfahrungen 
bieten, die wirksamsten Triebkräfte entwickeb, um den allgemeinen 
Völkerbund zu einem vollkommeneren zu gestalten. 

Aufgabe der auswärtigen Politik Deutschlands ist es, auf alle jene 
Elemente in der Welt und namentlich im britischen Reiche zu wirken, 
die imstande und gewillt sind, den Völkerbund zu emem kraftvollen 
Wericzeug wahrhaft internationaler Gerechtigkeit zu machen. Eis scdl 
wirken nicht durch diplomatische Künste, sondern durch die moralische 
Wirkung seiner Haltung, die frei sein muß von allen Gelüsten nach 
Revanche oder bewaffneter Widersetzlichkeit. E$ muß aufhören, Grofi- 
machtspolitik zu ^treiben, es muß eine Politik treiboi gleich jenerl die 
die Schweiz oder Gdgien wohlhabend und frei gemacht hat. Eis soll 
diese Politik treiben, nicht um sich willenlos den Großmächten auszu-* 

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liefern oder vor ihnen zu beugen, sondern um ihnen führend voranzugehen 
zu einer höheren Stufe internationaler Politik. 

Das erheischt steten Kampf gegen die Geistesverfassung, die in den 
herrschenden Klassen Deutschlands überwog und an der sich der Welt- 
krieg entzündete, wie nicht minder den Kampf gegen die Geistes- 
verfassung, die der Krieg und der Sieg in den herrschenden Klassen der 
Eiitente zum Überwiegen gebracht und sie verleitet hat, einen Frieden 
zu diktieren, der nicht nur allen den Grundsätzen Hohn, spricht, zu deren 
Wahrung sie in den Krieg gezogen sein wollten, sondern der sogar die 
Sieger selbst mit Leiden und Gefahren bedroht und die ganze ge- 
quälte Welt nicht zur Ruhe und zum Aufatmen kommen läßt. 

Den Kampf gegen die bedrückende Geistesverfassung der Sieger 
kann man als Deutscher wirksam nur führen, wenn man sich frei macht 
von jedem apologetischen Bedürfnis gegoiüber der Geistesverfassung der 
deutschen regierenden Ellemente vor dem Krieg. Die deutschen Männer 
der Wissenschaft müßten dabei vorausgehen. 

Statt dessen gestalten sich in Deutschland die Universitäten zu 
Brutstätten einer Gesinnung, die stolz darauf ist, trotz der so furchtbaren 
Lehren des Krieges nichts gelernt und nichts vergessen zu haben. Wie 
Figura zeigt, kann selbst em so bedeutender Mann wie Delbrück nicht 
über jene Gesinnung hinaus, die in den preußischen Universitäten das 
geistige Leibregiment der HohenzpUem erbUckte» wie sie im August 1 870 
vor dem Berliner Professor du Bois-Reymond rühmend bezeichnet 
wurden. Heute marschiert diesem Regiment Herr Professor E^luard 
Meyer stolz als Tambourmajor voraus. 

Zum Glikk wird in preußischen Hörsälen und preußischen Jahr- 
büchern Geschichte nur doziert. Gemacht wird sie anderswo. 



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Drodk: A. Seydd at Cie. Q. m.b.H.. B^rlftt SW«. 



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