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DENKSCHRIFTEN 



KAISERLICHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE CLASSE. 



NEÜNUNDZWANZIGSTER BAND. 



MIT EINEE FIGUR IM TEXTE. 







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WIEN, 1.S79. 



IN COHMISSION BEI KARL GEEOLD'S SOHN 

BUCHHÄNDLER DEK KAIS, AKADEMIE DEK WISSENSUHAETEN. 




A3 



-^0 



Druck von Adolf HLilzhaiisen in Wien 
Ic. k. L'n i vei'äitllts-Biicli dl- ucker ci. 



INHALT. 



Erste Abtheilung. 

Abhandlungen von Mitgliedern der Akademie. 

Seite 

Zimmermann: Lambert, der Vorgänger Kant's. Ein Beitrag zur Vorgeschiclite der 

Kritik der reinen Vernunft 1 

Miklosich: Ueber die langen Vocale in den slavisclien Sprachen 75 

Pfizmaier: Darlegung der chinesischen Aemter 141 

Kvicala: Studien zu Euripides. Mit einem Anhang Sophokleischer Analekta . . 237 

Zweite Abtheilung. 

Abliandlungen von Nicht-Mitgliedern. 
Klein: Euphronios. Eine Studie zur Greschichte der griechischen Malerei ... 1 



Erste Abtheilung. 



Abhandlungen von Mitgliedern der Akademie. 



LAMBERT, DER VORGÄNGER KANTS. 

EIN BEITRAG ZUR VORGESCHICHTE DER KRITIK DER REINEN VERNUNFT. 



VON 



ROBERT ZIMMERMANN, 

WIBKL. MITOLIEDE DER KAIS. AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



VORGELEGT IN DEK SITZUNG AM Ih. .TULl 187S. 



Erstes Capitel. 

Der Eklekticismus in Deutschland. 

In wenigen Jahren werden es hundert Jahre sein, seit das Hauptwerk Kant's, die 
Kritik der reinen Vernunft, ans Tageslicht getreten und damit der entscheidende Wende- 
punkt in der Geschichte der neueren Philosophie eingetreten ist. Dasselbe war, wie 
bekannt, obgleich dessen Niederschrift binnen neun Monaten erfolgte, die Frucht einer 
langen und mühevollen Ueberlegung, deren Keime und Spuren sich weit über ein 
Jahrzehnt hinaus bis zu der epochemachenden Abhandlung vom Jahre 1770 und hinter 
diese zurück, in Kant's Schriften und Briefen verfolgen lassen. Eine lange Reihe von 
älteren und jüngeren Forschern, von denen hier nur neben Kuno Fischer, A. Lange, 
Bona Meyer und Trendelenburg, insbesondere Cohen, Stadler, Paulsen, Montgomery, 
Michelis, B. Erdmann, H. Wolff u. A. genannt sein mögen, hat sich mit dieser Geschichte 
der Kant'schen Kritik in Kant angelegentlich beschäftigt. Als das Ergebniss ihrer For- 
schung kann die jetzt ziemlich allgemein anerkannte Eintheilung der Vorgeschichte der 
Kritik in eine vorkritische, anfänglich dogmatische, unter dem Einflüsse Wolfs, später 
skeptische, unter dem Einflüsse Hume's stehende, und eine kritische Periode angesehen 
werden, in welcher die Kritik bereits dem Princip nnd Keime nach fertig war, und deren 
Beginn mit der Erscheinung obiger Abhandlung im Jahre 1770 zu verzeichnen ist. 

Um so mehr darf es auffallen, dass bei dieser eingehenden Arbeit, die von den 
verschiedensten Seiten auf Kant geübten Einflüsse blosszulegen, welche unter Anderem 
auch zur Aufdeckung von dessen erstem philosophischem Lehrer, dem Wolfianer Knutzen, 
geführt hat, ein Mann bisher so gut wie unberücksichtigt geblieben ist, den seine 
Zeitgenossen inner- und ausserhalb Deutschlands als Denker und Universalgelehrten 
keinen Geringeren als Leibnitz imd Newton an die Seite setzten, und mit dem Kant 
erweislich gerade vor und während der Periode seines inneren regsten Schaffens an der 
Gedankenwelt, aus welcher die Kritik erwuchs, in geistigem Verkehre und lebhaftem 

Denkschriften iler phil.-hist. Cl. XXIX. Bd. 1 



2 Zimmermann. 

wissenscilaftlichem Briefweclisel gestanden liat. Der Berliner Akademiker Joliann Heinrich. 
Lambert gehört als Mathematiker neben Euler und Lagrange zu den Ersten seiner Zeit, 
als Philosoph nimmt er durch sein umfassendes , Neues Organon' und seine , Architektonik 
oder Lehre vom Ersten und Einfachen in der philosophischen und mathematischen 
Erkenntniss' in der Reihe der eklektischen Denker, hauptsächlich der Berliner Akademie, 
welche die Lücke zwischen Wolf und Kant durch eine Vermittlung des Leibnitz' sehen 
idealistischen mit dem Locke'schen realistischen Standpunkt auszufüllen bemüht waren, 
die erste Stelle ein. Wie Kant von ihm dachte, sieht man am klarsten aus dessen Brief 
vom' 31. Mai 1765, in welchem er ihn ohne Umschweif ,das erste Genie in Deutschland' 
nennt und in seinen und den eigenen Untersuchungen die ,glilckliche Uebereinstimmung 
ihrer Methoden' mit ,niclit geringem Vergnügen' hervorhebt. Am 2. September 1770- 
sandte er ihm seine -Dissertation, welche den ,deutlichen Abriss' seiner Ansicht der 
Wissenschaft, auf welche Lambert sein Absehen gerichtet hat, und eine bestimmte Idee 
der Methode enthält, und erbittet sich vor Allem Lambert's, des Mannes von so ent- 
schiedener ,Scharfsiclitigkeit', , einsehendes Urtheil'. Diese Dissertation war die Schrift: 
,De mundi intelligibilis atque sensibilis forma atque priucipiis' und enthielt im Keim die 
ganze transcendentale x\esthetik, die Wurzel der Kritik. Das geforderte Urtheil war 
daher gleichsam ein solches über die ganze bevorstehende Umwälzung auf dem Gebiete 
der Metaphysik. Lambert entsprach dem Ansinnen in einem ausführlichen Schreiben 
vom December 1770, welches somit in nuce eine Kritik der Vernunftkritik schon vor 
ihrer Geburt darstellt. Die von Kant darin aufgestellte Theorie von der Idealität der 
Zeit und des Raumes , auf welcher die transcendentale Aesthetik und durch diese die 
ganze Transcendental-Philosophie fusst, fand in Lambert vor, wie in Herder nach dem 
Erscheinen der Kritik, einen entschiedenen und scharfsinnigen Gegner. Lambert's eigene 
Philosophie ging darauf aus, . Leibnitz und Locke zu vereinen und bildet von diesen zu 
Kant einen natürlichen Uebergang. Wie diesem war ihm das Hauptziel derselben: zu 
wissen, was man wissen könne? Wie Kant die Aufgabe der Vernunftkritik auf die Frage: 
wie sind synthetische Urtheile a priori möglich? reducirt, so fasste Lambert die seines 
Neuen Organon in die Frage zusammen: wie ist streng wissenschaftliche Erkenntniss 
a priori, d. i. durch Ableitung aus dem reinen Begriff, möglich? Kant bezeichnete als 
das Ziel der Transcendental-Philosophie ein Inventarium der reinen Vernunft, Lambert 
als Zweck seines Organon ein möglichst vollständiges Verzeichniss der Formalursachen 
der menschlichen Erkenntnisse d. h. dasjenige aufzustellen, was er das Einfache in der 
Erkenntniss, einfache Begriffe, Kant aber die a priorischen Formen des Erkenntniss- 
vermögens (die reinen Anschauungsformen, Kategorien und Vernunftideen) nannte. In 
allen genannten Punkten, wie in dem kritischen Versuch, die Tragweite der mensch- 
lichen Erkenntniss und deren Grenzen vor der Erkenntniss selbst zu prüfen, ist Lambert 
Kant's von diesem selbst rühmend anerkannter Vorgänger gewesen. 

Das Erscheinen von Kant's Hauptwerk, das er in seinen Anfängen beurtheilt 
hatte, erlebte Lambert nicht; er starb 25. September 1777, einige Jahre vor der 
Niederschrift imd vier vor der VeröÖ'entlichung desselben. Das hundertjährige Ge- 
dächtniss der Vernunftkritik fällt nahe mit der hundertjährigen Wiederkehr des Todes- 
tages ihres frühesten Beurtheilers zusammen. Das Eloge auf Lambert, aus der Feder 
.seines Bewunderers imd akademischen Collegen Formey, enthält der Jahrgang 1780 der 
Denkschriften der Berliner Akademie. Dieser Zeitpunkt erscheint nicht unpassend zur 



Lambert, deii Vougängki: Kant's. 3 

AViederbelebung des Andenkens des von den Zeitgenossen, unter welchen ein Kant war, 
hochgefeierten, von der Nachwelt uubilligerweise über seinem grcisseren Nachfolger ver- 
gessenen Denkers. 

Kant hat sich in seiner Kritik eine doppelte Aufgabe gestellt. Eine negative, der 
menschlichen Erkenntniss ihre Grenzen anzuweisen; eine positive, eine allgemeingiltige 
Erkenntniss herzustellen. Jene setzte er dem Dogmatismus, diese dem Skepticismus 

entgegen. 

In ersterer Hinsicht sind nicht nur die Zweifler, sondern die Leugner, sei es der 
ganzen, sei es eines Theils der angeblichen menschlichen Erkenntniss, in letzterer Hin- 
sicht sind die auf den Ausbau eines universellen AVissens ausgehenden Methodiker Kant's 
Geistesverwandte. Der Skeptiker, welcher jedes, der 8upranaturalist, welcher das natür- 
liche, der Rationalist, welcher das empirische, der Empirist, welcher das rationale 
Erkennen, der Sensualist, welcher die innere und der Mystiker, welcher die äussere 
Erfahrung bestreitet, kommen darin überein, dass sie die menschliche Erkenntniss in 
Schranken bannen. Das novum organon Bacon's, welches das alte des Aristoteles, und die 
scientia generalis des Leibnitz, welche die ars magna des Lullus zu Ahnen hat, stimmen 
darin überein, dass beide eine unfehlbare Methode zur Erlangung allgemeingiltigen 
Wissens darstellen sollten. Das Eigenthümliche der Kritik lag in den Versuch, beide 
Aufgaben zu vereinigen : einerseits der Erkenntniss unüberschreitbare Grenzen zu stecken, 
andererseits innerhalb dieser letzteren dieselbe zu befestigen. 

Vor Kant hatte Locke Aehnliches versucht. Indem er sich dem Supranaturalisten 
gegenüber auf den Standpunkt der natürlichen, dem Rationalisten gegenüber aiif den 
der empirischen, dem Mystiker gegenüber auf den der sensuellen Erkenntniss zurückzog, 
schränkte er das Erkennbare auf das durch die äusseren Sinne Erfahrbare ein. Indem 
er innerhalb des wirklich und vermeintlich Erfahrenen das wirklich Erfahrbare von 
dem nur vermeintlich Erfahrbaren schied, stellte er mit den Grenzen des wirklich Erfahr- 
baren die wirkliche Erfahrung fest und begründete durch sie die (ihm zufolge) einzig giltige 
Erkenntniss. Seine Nachfolger, der Idealist Berkeley wie der Skeptiker Hume Hessen das 
Princip bestehen, dass alles wirkliche Wissen auf Erfahrung beruhe, und begnügten sicli, 
die von ilim gesteckten Grenzen des Erfahrbaren zu verschieben. Durch die Leugnung der 
Realität der Körperwelt von Seite des Ersteren wurde das Erfahrbare überhaupt, durch 
den Nachweis, dass das Causalverhältniss kein Gegenstand wirklicher Erfahrung sei, 
wurde das Band zwischen dem Erfahrbaren aufgehoben; das Ergebniss der negativen 
Aufgabe zog dem Aufbau der positiven den Boden unter den Füssen fort.. 

In Deutschland hatte Locke von seinem Auftreten an Gegner, aber mit Ausnahme 
des einzigen, dem diese Untersuchung gewidmet ist, keinen selbstständigen Fortbildner 
gefunden. Leibnitz, der grösste unter den ersteren, versuchte Locke zu widerlegen; 
aber die Nouveaux essais konnten schon deshalb keinen Erfolg haben, weil beide Strei- 
tende sich auf ganz verschiedenem Boden befanden. Locke fusste auf dem Standpunkt 
des influxus physicus, Leibnitz auf jenem der prästabilirten Harmonie. Die Sensation, 
auf welcher nach Locke alle wirkliche Erfahrung und damit jede mögliche Erkenntniss 
ruht, war eine wirklich von aussen verursachte Vorstellung; die notio confusa, die 
, verworrene Vorstellung', welche im Leibnitz' sehen System die Stelle der sinnlichen 



4 Zimmermann. 

Walirnehmung vertrat, mochte sich zwar auf ein aussen Befindliches beziehen, aber sie 
war weit entfernt davon durch ein solches hervorgebracht zu sein. Die Monaden besassen 
kein Fenster, durch welches sie eintreten konnten. Der Inhalt der sinnlichen Erfahrung 
war, vom Locke'schen Standpunkt aus angesehen, etwas thatsächlich Neues, durch 
welches das ßewusstsein bereichert ward; mit Leibnitz'schen Augen betrachtet, etwas 
längst in demselben Vorhandenes , welches nur aus dem niederen Zustand verworrenen 
zu dem liöheren des klaren und deutlichen Vorstellens erhoben ward. Nach jenem 
bestand der Fortschritt des Wissens in einer wirklichen Wahrnehmung, nach diesem 
dagegen in einer blossen Verdeutlichung. Den Grundsatz des Ersteren: nihil est in 
intellectu, quod non fuerit in sensu, konnte in gewissem Verstände auch der Andere 
sich zueignen. Aber während der Erstere bei demselben sich vorstellte , dass jede 
Verstandeserkenntniss nicht anders als durch Abstraction aus der sinnlichen gewonnen 
werden könne, bedeutete er für den Letzteren, dass jede deutliche Erkenntniss ursprünglich 
und anfänglich eine verworrene gewesen sein müsse. AVeil aber die zur Deutlichkeit 
erhobene Vorstellung an sich keine andere ist, als die vorher im Zustande der Ver- 
worrenheit befindlich gewesene, so konnte Leibnitz einerseits dem Locke'schen Bilde 
von dem unbeschriebenen Blatt sein berühmtes Gleichniss von dem geäderten Marmor 
entgegenstellen, andererseits den beschränkenden Zusatz zur obigen Maxime hinzufügen : 
nisi ipse intellectus. Der geäderte Marmorblock trägt in der That bestimmt schon die 
aus demselben zu hauende Statue in sich und geht durch deren Ausführung nur wie 
die Vorstellung aus einem ,verwoiTenen' in einen , deutlichen' Ausdruck derselben über. 
Der Intellect aber, das , deutlich Vorstellen', kann niemals selbst in sensu gewesen, d. h. 
verworren (sinnlich) vorgestellt worden sein, wenn gleich Alles, was mittelst desselben, 
d. h. deutlich vorgestellt wird (in intellectu est), einmal in sensu gewesen, d. h. sinn- 
lich vorgestellt (also nach Leibnitz's Sprachgebrauch erfahren) worden sein muss. Der 
Sinn des Leibnitz'schen Ausspruchs: Nihil est in intellectu, quod non fuerit in sensu, 
nisi ipse intellectus, ist daher kein anderer als: Alles, was im Intellect enthalten, 
also erkannt wird, ist aus den Sinnen, d. i. aus der äusseren Erfahrung geschöpft; nur 
der Intellect selbst ist nicht aus dieser geschöpft, sondern besteht vor und unabhängig 
von der Erfahrung. Der Intellectus verhält sich zu dem, quod in intellectu est, wie 
etwas, das nicht aus der Ei-fahrung stammt, zu etwas, was aus derselben herkommt, wie 
ein a priori zu einem a posteriori, wie etwas, was niemals in sensu gewesen, also , ver- 
worren' vorgestellt worden ist, zu etwas, das diesen untergeordneten Zustand nothwendig 
einmal durchgemacht haben muss, also jenem gegenüber von verhältnissmässig geringerer 
Dignität erscheint. Nur darf dieser Ausdruck a posteriori nicht so verstanden M-erden, 
als hätten diese a posteriori in den Intellect gelangten Vorstellungen jemals ihre erzeu- 
gende Ursache in etwas ausserhalb der Monas Befindlichem gehabt. Im Gegentheil, 
da nichts in die letztere von aussen hineingelangen kann, so ist Alles, was irgendwie,, 
verworren oder deutlich, in derselben auftritt, immer und jederzeit in derselben gewesen 
und hat nur insofern eine Veränderung erfahren , als es aus dem Zustand des ver- 
worrenen in den des deutlichen Vorgestelltwerdens aufgestiegen ist. 

Aus Vorstehendem ist klar, dass beide. Locke und Leibnitz, unter dem, was sie 
Erfahrung nennen, etwas seinem Wesen nach ganz Verschiedenes verstehen. Nach jenem 
ist die Erfahrung ein Vorstellungsinhalt, welcher durch ein ausserhalb des vorstellenden 
Subjects befindliches und von diesem verschiedenes reales Object in diesem verursacht 



Lambert, dkk Vougängee Kant's. 5 

und lu Folge dessen auf dieses als ihm mehr oder minder entsprechendes bezogen wird. 
Nach diesem ist Erfahrung ein Vorstellungsinlialt. welcher aus dem Zustand verworrenen 
in jenen des deutlich Vorgestelltwerdens erhoben imd zwar vom Vorstellcndjen auf ein 
präsumirtes ausserhalb desselben befindliches Object bezogen, aber keineswegs durch ein 
solches im Vorstellenden verursacht wird. Wälirend daher nach Locke das vorstellende 
Subject durch dessen Erfahrung von aussen befindlichen (realen) Objecten, erfährt dasselbe 
nach Leibnitz durch dieselbe nur von seinen eigenen bisher im latenten (verworrenen) 
Zustand für dasselbe befindlich gewesenen (idealen) Bewusstseinsvorgängen. Mit anderen 
Worten: nach Leibnitz erfährt das Subject durch seine Erfahrung sich, nach Locke Anderes 
als sich. Der Intellect aber, das einzige, was Leibnitz zufolge vor und unabhängig 
von aller Erfahrung ist, kann nach Locke, wenn überliaupt gewusst, nur durch Erfahrung 
gewusst werden. 

Mit Locke's Augen angesehen, war das, was Leibnitz Erfahrung und a posteriori 
nannte , weder das eine noch das andere ; von Leibnitz'ens Standpunkt betracbtet, war 
Locke's Erfahrung psychologisch unmöglich. Sensationen, d. i. von äusseren Objecten im 
Subject (durch ßeize) verursachte Empfindungen, konnte es gar nicht geben, weil die 
Monaden keine Fenster haben. Verworrene Vorstellungen aber, die nicht von aussen 
erzeugt, sondern dem vorstellenden Subject immanent sind, lässt Locke weder als 
Empfindungen, noch als Anscluiuungen , also überhaupt nicht als , Erfahrungen' gelten. 
Es ereignet sich das Seltsame, das jeder die angebliche ,Erfahrung' des Anderen als 
eine blosse Fiction, Leibnitz die Locke's als eine unmögliche. Locke die, Leibnitz'ens 
als eine willkürliche Vorstellung ansehen muss, deren erste schon, weil sie gar nicht 
eintreten kann, deren letzte, weil sie nicht durch das Object, auf das sie bezogen wird, 
einzutreten veranlasst wird, keinerlei Werth für die Erkenntniss, sei es überhaupt oder 
doch des Objects, auf das sie bezogen wird, besitzen kann. 

In diesem, wie es scheint, unversöhnlichen Streit befindet sich Locke insofern im 
Nachtheil, als, wenn das Leibnitz'sche Argument gegen die Möglichkeit der von aussen 
verui-sachten Vorstellung richtig ist, für diesen die Möglichkeit aller Erkenntniss über- 
haupt abgeschnitten erscheint. Leibnitz dagegen befindet sich insofern im Vortheil, als, 
wenn Locke's Tadel, dass eine nicht von aussen verursachte Erfahrung keine sei, richtig 
ist, immer noch eine mögliche Erkenntnissquelle , der Intellect , für ihn übrig ist , die 
durch den obigen Einwand nicht getroffen wird. Wenn die a posteriorische Erkenntniss 
(nach Locke' schem Sprachgebrauch) unmöglich ist, dann ist der Realismus selbst unmög- 
lich, denn er kennt keine andere. Wenn dagegen die angeblich (nach Leibnitz'ens 
Sprachgebrauch) a posteriorische Erkenntniss keine ist, folgt nicht, dass avich die nicht 
a posteriorische, die Intellectualerkenntniss, keine Erkenntniss sei, denn diese wird von 
der ersteren ausdrücklich unterschieden. Wer Leibnitz Recht gibt in seiner Behauptung 
der Unmöglichkeit des influxus physicus, muss Locke's Realismus imbedingt verwerfen: 
wer aber Locke Recht gibt in seiner Behauptung, dass die , verworrene Vorstellung' 
keine wirkliche , Sensation' und also auch keine des Namens werthe Erkenntniss sei, hat 
darum nocli nicht nöthig, auch die , deutliche Vorstellung', die intellectuale (a priorische 
oder reine Vernunfterkenntniss) als solche zu verwerfen. 

Vielmehr liegt es nahe, beide Erkenntnissarten, die wirklieh a posteriorische des 
Realismus und die rein a priorische des Idealismus mit einander zu verbinden, d. h. 
einerseits den influxus physicus, andererseits den vor und unabhängig von aller Erfahrung 



Q Zimmermann. 

bestellenden Intellect in sein (wahres oder vermeintliclies) Recht einzusetzen. Jenes, 
weil eine wii'kliche Physik nur unter Voraussetzung wirklicher (realer) "Wechselwirkung, 
dieses, weil nur unter Voraussetzung einer von aller Erfahrung unabhängigen Erkenntniss 
eine wahre Mathematik und Metaphysik möglich scheint. Wälirend daher diejenigen, die 
von der einen der beiden letztgenannten Wissenschaften herkommen, geneigt sein werden, 
der reinen Vernunfterkenntniss den ausschliesslichen Vorzug der Wissenschaftlichkeit 
zuzusprechen, wird dasselbe von Seite jener, die von der Physik aus zur Philosophie den 
Zugang suchen, rücksichtlich der reinen Erfahrungserkenntniss der Fall sein. Diejenigen 
aber, welche von beiden Seiten zugleich an die Philosophie herantreten, werden am 
liebsten beide Erkenntnissquellen zugleich festhalten. 

Locke war Arzt und Physiker, Leibnitz Mathematiker; andere, wie Lambert, waren 
beides zugleich. Der Eklekticismus lag in der Luft und wurde zum Ueberfluss von der 
einflussreichsten wissenschaftlichen Körperschaft des damaligen Deutschlands ausdrück- 
lich zur Devise erhoben. Eines der angesehensten Mitglieder der Berliner Akademie der 
Wissenschaften, der Philosoph und Uebersetzer der Schriften Lamberts, Merian, sprach 
offen aus, der Eklekticismus sei die einzige Secte, oder vielmehr Nicht-Secte, weiche in 
einer Akademie athmen dürfe. Dieser Maxime getreu genoss in der Leibnitz'schen Schöpfung 
dessen Rival Newton gleiches, zu Zeiten fast grösseres Ansehen als dieser selbst. Die philo- 
sophische Richtung innerhalb der Akademie ging darauf aus, die Gegensätze zu versöhnen, 
Descartes mit Newton, Newton mit Leibnitz, vor allen Leibnitz und Locke in Ueberein- 
stimmung zu bringen. Während die Wolf'sche Schule die philosophischen Katheder be- 
herrschte, wurde ausserhalb der Universitäten, in der Akademie und in der Literatur an 
deren Sturze gearbeitet. Der ganze Zeitraum der sogenannten Aufklärungsphilosophie 
zwischen Leibnitz und Kant ist mit irenischeu Bestrebungen ausgefüllt. Die unter 
Friedrich IL mit Vorliebe an die Akademie gezogenen Schweizer, deren Mehrzahl 
französisch dachte und schrieb, spielen in der Geschichte der Philosophie in Deutschland 
eine ähnliche Rolle, wie ihre dichterischen und kritischen Landsleute in der Geschichte 
der deutschen Literatur. Jene griffen Wolf an, diese Gottsched; beide setzten den Deutschen 
die Engländer entgegen; Bodmer und Breitinger wiesen auf Milton, ßeguelin, Merian, 
Euler und Lambert auf Newton und Locke hin. 

In der Geschichte der Philosophie Kant's hat der Einfluss der Berliner Akademiker 
auf diese bisher nur geringe Berücksichtigung erfahren. Da die officielle Sprache der 
Akademie nicht die deutsche war und ihre Publicationen französisch (bis 1804) erschienen, 
so fallen dieselben aus dem Rahmen der Betrachtung der Literatur und Philosophie in 
Deutschland gewöhnlich hinaus, während sie doch zur Entwicklung beider nicht unwesent- 
lich beigetragen haben. So wenig die Einwirkung des nach der Aufhebung des Edikts von 
Nantes aus Frankreich ausgewanderten und in Deutschland eingebürgerten französischen 
Elements. auf die Entwicklung von Geschmack, Gewerbe iind Industrie in Deutschland 
überhaupt, so wenig darf der Einfluss insbesondere der Berliner französischen Colonie 
auf die Gestaltung der Wissenschaft und Literatur in Deutschland iinterschätzt werden. 

Die Berliner xVkademie unter Friedrich dem Grossen war eine Filiale der Pariser. 
Nicht nur ihre innere Einrichtung, ihre Eintheilung in Classen, damals vier an der Zahl, 
an deren Spitze Directoren standen, war nach dem Muster derselben eingerichtet; auch 
ihre wissenschaftlichen Richtungen, und nicht selten die Personen, mit Ausnahme solcher, 
die wie Lamettrie, in Frankreich geächtet waren, hatte sie mit derselben gemein. Durch 



Lambert, der Vokgänger Kant's. 7 

die französisch gebildeten Mitglieder wurde niclit mir die in Frankreicli lierrscliend 
gewordene Methode der Behandlung der Physik und Mathematik, sondern aucli jene 
der Pliilosophie nach Deutschland verpflanzt. Als Mathematiker und Pliysiker aus Newton's, 
als Philosophen aus Locke's Schule hervorgegangen, bildeten sie nach beiden Seiten hin 
den natürlichen Gegensatz zu Leibnitz'ens Jüngern aus AVolfscher Scliule. 

Der Abstand zwischen dem Boden, auf welchem die Colonie stand, und dieser selbst 
war zu gross, als dass es nicht eines verbindenden Mittelgliedes bedurft hätte. Dieses 
stellten die Schweizer dar, welche vor den Nationalfranzosen zwar nur theilweise den 
Gebrauch, aber durchgehends die Kenntuiss der deutschen Sprache voraus hatten. Der Erste, 
der nach Berlin kam, war Euler, den Friedrich II. unmittelbar nach seiner Thronbestei- 
gung von Petersburg dahin berief, und dieser zog seineu Freund und Schüler Bernoulli 
nach (1763). Die A^erbindung der Hohenzollern mit Neuenburg, dessen Landesherr 
Friedrich IL war, veranlasste auf Empfelilung des A^olkerrechtslehrers Vattel, des ,Grotius 
von Neufchätel', die Berufung des Physikers und Philosophen Beguelin (1747). Diesem folgte 
auf Joh. BernouUis Recommendation schon ein Jahr darauf der Basler Merian; 1750, 
durch den Hofprediger Sack in Berlin dahin gezogen, der Zürcher Sulzer, kurz darauf 
der Genfer A. Achard u. A. Der letzte, aber mit Ausnahme Eulers, bedeutendste unter 
den Schw^eizern der Berliner Akademie, war der durch- seine mathematischen nicht 
w^enio-er als durch seine physikalischen Arbeiten hervorragende, in der Geschichte der 
deutschen Philosophie heute noch durch die hochachtungsvolle Freundschaft, die Kant 
ihm widmete, berühmt gebliebene Johann Heinrich Lambert. 

Derselbe wird hier zu den Schweizern gerechnet, weil seine Vaterstadt Mühlhausen 
im Elsass, die ehemalige deutsche Reichsstadt und seit 1870 Stadt des deutschen Reichs, 
zur Zeit seiner Geburt als zugewandter Ort der Eidgenossenschaft zugezählt wurde. 

A"on den Franzosen ist Lambert um seiner Abkunft von einem der Religion wiegen 
ausgewanderten Landsmann willen, für sich in Anspruch genommen worden. Den Deutscheu 
gehört er durch den grössten Theil seiner schriftstellerischen Thätigkeit und seiner Auf- 
enthaltsorte an. Durch seine Arbeiten ist Lambert nach dem Zeugniss des verdienstvollen 
Geschichtsschreibers der französischen Akademie, de Prome (IL 171), fast auf allen 
Gebieten intellectueller Thätigkeit heimisch. , Mathematiker, Physiker, Gelehrter, Denker, 
Universalgelehrter, imd, wäre er nicht in der Blüte des Lebens unterlegen, von eben 
solcher Tiefe, als Umfang, von gleicher Mannigfaltigkeit und Ausdehnung des AVissens, 
verdient er einen hervorragenden Platz in der Geschichte fast jeder AN'^issenschaft'. So ist 
es begreiflich, dass seine Zeitgenossen ihn mit Leibnitz verglichen haben. Der Geschicht- 
schreiber muss ihn , bemerkt Bartolmöss , unter mancherlei Gestalten betrachten , ilm 
gleichsam, wie Fontenelle sich ausgedrückt hat, in mehrere Gelehrte zerlegen. An dieser 
Stelle imd in Bezug auf Kant beschäftigt uns bloss seine Bedeutung als Philosoph. 



Zimmermann. 



Zweites Capitel. 

Lamberts Leben und Schriften. 

Joliann Heinrich. Lambert ist zu Mühlhausen im Oberelsass am 26. August 1728 als Soha 
eines armen Sclmeiders, der eine zahlreiche Familie besass, geboren. Die Abkunft seiner 
Familie wird von den Einen aus Frankreich, von den Andern aus Deutschland abgeleitet. 
Der französisch gesinnte Historiograph der Berliner Akademie nennt ihn den Enkel eines 
Franzosen, welcher der Religion halber aus Frankreicb vertrieben und seiner Güter beraubt 
worden sei , und dem die Republik Mühlhausen das Bürgerrecht verlieben habe. Sein 
deutscher Lebensbeschreiber, der evangelisch-reformirte Pfarrer Mathias Graf zu Mühl- 
hausen i./E., bezeichnet Lambert's Urgrossvater , Hanns Nikolaus Lambert, als einen 
Bäcker, der ,Anno 1B45 aus der Pfalz' weggezogen sei und in Mühlhausen das Bürger- 
recht erlangt habe. Der Sohn desselben, des Philosophen Grossvater, Jeremias Lambert, 
erlangte nach dem Zeugniss des Mühlhausener Bürgerbuclis am 27. October 1690 da- 
selbst das Bürgerrecht; der Vater Joliann Heinrichs, Lukas, am 13. März 1724. Die 
Ano-abe von Bartolmess, dass Lambert's Grossvater ein Franzose gewesen sei. erweist 
sich als irrig : auch der Urgrossvater desselben scheint nach obiger Stammtafel ein 
Deutscher gewesen zu sein. Doch erwähnt obige Biographie , die zur Säcularfeier 
Lambert's (1829) erschienen ist, der Sage in der Familie, dass bei einer Religions- 
verfolgung schon früher ein Lambert mit seiner Familie aus Lothringen sich nach Mühl- 
hausen gezogen, bei eingetretener Ruhe sich aber wieder entfernt habe. Ob zwischen 
diesem und dem Ahnherrn Johann Heinrich Lambert's ein genealogischer Zusammen- 
hang bestehe, bleibt ungewiss. 

Von Friedrich IL, dem man ihn zum Akademiker vorgeschlagen hatte, gefragt, wer 
sein Lehi-er gewesen sei, antwortete Lambert: Moi-meme. Der kühne Ausspruch enthielt 
die buchstäbliche Wahrheit. Schon im zwölften Lebensjahre wurde der Knabe vom 
Vater aus der Schule genommen und zur Erlernung seines Handwerkes angehalten, 
wobei er, als der älteste, auch noch die jüngeren Geschwister zu warten liatte. Die 
Arbeit mit der Nadel ging ihm schlecht von statten; dafür erwachte in dem Knaben 
ein unauslöschlicher Lehr- und Lerntrieb. AYährend er mit dem Fuss die Wiege seiner 
Geschwister in Bewegung setzte , studirte er eifrig in dem Buche, das er in der Hand 
hielt. Als seine Mutter, Elisabeth Schmerber, ihm, sei es aus Armuth, sei es aus 
Abneigung gegen das Studium , kein Oel für die Nachtlampe gestattete, las er bei 
Mondenschein. Ei- trug willig als Laufbursche die fertigen Kleider aus , um für die 
kleinen abfallenden Geschenke sich Kerzen kaufen zu können. Was seine Eltern aus 
Dürftigkeit ihm versagen mussten, das verweigerte der wohl weise Rath seiner Vater- 
stadt aus Kargheit. Als sein Vater, auf die ausgezeichneten Empfehlungen der Lehrer 
gestützt, bei demselben um eine Beisteuer anhielt, um den Sohn dem geistlichen Stande 
widmen zu können, bewilligte ihm der Rath vierzig Franken mit dem Bedeuten, sich 
künftighin nicht wieder zu melden. Hundert Jahre später errichtete derselbe Rath zum 
Gedächtniss Lambert's in dessen Vaterstadt eine Säule, auf deren Kapital die Himmels- 
kugel, deren Entstehung er enthüllte, und an deren Postament sein Bildniss angebracht war. 



TjAmbert, der Vorc.ängek Kant's. 9 

Auf jene Antwort Lambert's nannte ihn Friedrich II. einen zweiten Pascal. Obwohl 
von dem König ironisch gemeint, traf diese Aensserung- den wirklichen Sachverhalt. 
Ohne Lehrer, nur mit zwei Büchern, deren eines, über Rechen- und Messkunst, er 
zufällig bei einem Posamentier gefunden, und einem anderen über dieselben Gegenstände, 
das er von Bauleuten in seinem väterlichen Hause erhalten hatte, versehen, erlernte er 
aus diesen Arithmetik und Geometrie. Seiner schönen Handschrift wegen dem Professor 
der Rechte zu Basel, Joh. Rud. Iselin, als Abschreiber empfohlen, benützte er dessen 
Bibliothek, um sich durch , eisernen Fleiss' in allen Wissenschaften auszubilden. AVie 
er selbst an seineu Freund, den Pfarrer Rissler, am 6. December 1750 schrieb (Briefw. 
Berl. 1782, Band 2. S. 8), schaffte er sich aus seinen geringen Mitteln ,einige Bücher 
an. um daraus die ersten Gründe der Weltweisheit zu erlernen'. Er las: Wolf, Male- 
branche und vor allen Locke. Die mathematischen Wissenscluiften, besonders Algebra 
und Mechanik, gaben ihm ,deutliche und gründliclie Exempel an die Hand, die erlernten 
Regeln zu bekräftigen', und setzten ihn in den Stand, ,auch andere Wissenschaften desto 
leichter und gründlicher zu erlernen und sie auch Andern besser zu erklären'. Zwar 
den Mangel des mündlichen Unterrichts hat er, wie er gesteht, , genugsam verspürt', 
aber denselben durch desto grösseren eigenen Fleiss ,zu ersetzen gesucht'. 

In diesen Worten Lambert's ist das Programm seiner ganzen wissenschaftlichen 
Thätigkeit enthalten. Er war ein Autodidact, dessen Philosophie einerseits von Leibnitz 
oder Wolf, andererseits von Locke beeinflusst, dessen philosophische Methode aber vor- 
nehmlich durch das Vorbild der mathematischen Wissenschaft bestimmt wurde. Wie er 
selbst ohne Lehrer ein Gelehrter geworden war, so fuhr er fort zu lernen, indem er 
Andere unterwies. Während eines achtjährigen Aufenthalts als Hauslehrer in der Familie 
des ehemaligen kaiserlichen Gesandten auf dem Utrechter Friedenscongresse, des Reichs- 
grafen Peter von Salis, bemächtigte sich Lambert fast aller Wissenschaften, insbesondere 
der Physik, Meteorologie, Mathematik, Astronomie, Mechanik, Metaphysik, Rhetorik und 
traf in den meisten derselben auf eigene Entdeckungen, die entweder wirklich neu waren, 
oder von denen er doch nicht wusste, dass sie schon vor ihm gemacht worden seien. 
Die wissenschaftlichen Werkzeuge, deren er bedurfte, erfand und verfertigte er selbst. 
Er dachte (wie Pascal) eine Rechenmaschine aus, construirte eine Quecksilberuhr, welche 
siebenundzwanzig Minuten ging und mittelst welcher er die Zeit bei seinen physikalischen 
Versuchen bestimmte, und erfand eine Maschine zur Erleichterung des perspectivischen 
Zeichnens. Die Frucht seiner astronomischen Studien war der Entwurf einer neuen Theorie 
der Entstehung des Weltgebäudes, derselben, welche er nachher in seinen ,Kosmolo- 
gischen Briefen' aufstellte und in welcher er, ohne es zu wissen, mit der von Kant in 
dessen ,Naturgeschichte des Himmels' entwickelten zusammentraf. Zu derselben Zeit fasste 
er den Gedanken, auch andere als mathematische Wissenschaften nach mathematischer 
Methode zu behandeln. Er sammelte Materialien zu logischen Berechnungen, aus welchen 
nachher seine berühmt gewordene Syllogistik erwuchs, und legte den Grund zu dem 
Werke, das ihm eine bleibende Stelle in der Geschichte der Philosophie sichert, zu 
seinem nach Aristoteles und Bacons Vorgang entworfenen ,Neuen Organon' aller wissen- 
schaftlichen Erkenntniss. Jene erschienen 1761 zu Augsburg, dieses 1764 zu Leipzig. 
'Beide, sowie die von ihm zum erstenmale in den Kreis der Naturwissenschaften em- 
geführte Photometrie, die gleichfalls zu Augsburg 1759 ans Licht trat, legten den 
Grund zu seiner Berühmtheit. Der Kurfürst von Bayern, Karl Albrecht, machte Lambert 

Denkschriften der phil.-hiBt. Cl. XXIX. Bd. ^ 



10 



Zimmermann. 



zum Mitglied der 1720 gegrüudeten , 1759 reorganisirten Akademie der Wissenschafteu 
zu Münclien, Friedrich II. avif Sulzer' s Empfehlung 1761 zum auswärtigen, 1765 durch 
Cabinetsordre vom 9. Januar zum ordentlichen Mitgliede der physikalischen Classe der 
Berliner Akademie mit einem Gehalte von 500 Reichsthalern , den der sonst so spar- 
same König nachher bis auf 1100 Thaler vermehrte. 

Der ,mehrfache Weise', gelangte zu dieser ehrenvollen Stellung nicht ohne Hinder- 
nisse. Lambert' s naives Selbstgefühl war so stark und seine äussere Erscheinung so 
seltsam, dass seine Berliner Freunde, selbst der von ihm begeisterte Sulzer, einen 
üblen Eindruck befürchteten, wenn er dem König persönlich vorgestellt würde. Die 
Originalität seines Geistes prägte sich in seinem Benehmen und in der Sonderlingschaft 
seines Aeussern ab, das er über Gebühr vernachlässigte. Als ihn der König zu sehen 
verlangte, schützte man vor, Lambert' s Gepäck sei noch nicht angekommen. Friedrich 
erwiederte, dass er den Menschen und nicht seine Kleider sehen wolle. Der grosse 
Gelehrte, wandte Sulzer ein, kündigt sich durch seine Haltung nicht besonders an. Wir 
wollen die Lichter auslöschen, ich will ihn nicht sehen, sondern hören, meinte der 
König. Als die Unterredung stattfand, wurden zwar die Lichter nicht ausgelöscht, aber 
der König hatte das Licht, das in Lambert verborgen war, nicht erkannt. Friedrich 
nannte den Gelehrten, ausser Euler den grössten Kopf, welcher seit Leibnitz an die 
Berliner Akademie herangetreten war, den grössten Dummkopf, den er je gesehen. 
Lambert erwiedej-te denen, die ihn zu trösten suchten, dass der König ihn nichtsdesto- 
weniger zum'^ Akademiker machen würde : wenn er mich nicht ernennt, so würde das 
ein Flecken in seiner Geschichte sein. Endlich siegte die Furcht, Lambert au die 
Akademie von St. Petersburg zu verlieren, über den Widerwillen, welchen der König 
gegen denselben gefasst hatte. Der Gesandte der russischen Kaiserin Katharina, Fürst 
Dolgoruki, trachtete Lambert für ßussland zu gewinnen. Dieser selbst hatte ursprüng- 
lich die Absicht gehegt in russische Dienste zu treten und sich nur auf der Durch- 
reise durch Berlin durch die Versprechungen seiner dortigen Landsleute bewegen 
lassen, die preussische Hauptstadt der nordischen vorzuziehen. Nun wandte Sulzer die 
Eifersucht zwischen beiden gelehrtensüchtigen Souveränen als Hebel an, um den Wider- 
stand Friedrichs aus dem Wege zu räumen. Nun hiess es auf einmal: man müsse bei 
einem Manne wie Lambert auf die Unermesslichkeit seiner Einsichten sehen und nicht 
auf Kleinigkeiten. Und da Katharina die Kunst verstand, ihrem sparsamen Nachbarn 
seine Gelehrten durch brillante Gehaltsanerbietungen abwendig zu machen, was ihr 
wenige Jahre später mit Euler wirklich gelang, so wurde Lambert, um ihn an Berlin 
zu fesseln, eine Stelle in der statt der bisherigen Curatoren der Akademie errichteten 
ökonomischen Commission aufgetragen und dieser zugleich in dem neugestifteten Collegium 
zur Oberaufsicht über das Landbauwesen zum Oberbaurath, letzteres sehr wider seine 
Neigung, ernannt. 

Von der Zeit seines Eintritts in die Berliner Akademie bis an seinen Tod (25. September 
1777) entwickelte Lambert eine so lebhafte Thätigkeit, dass diese zwölf Jahre nach dem 
Ausdruck seines Lobredners Formey ,wie im Traume dahinflössen'. Obwohl zunächst zum 
Mitglied der physikalischen Classe ernannt, dehnte er seine Arbeiten auf das Gebiet fast 
der ganzen Akademie aus. Seiner Eintrittsrede wurde das Zeugniss ertheilt, dass sie den 
Einfluss der Experimentalphysik auf die Mathematik, die Philosophie, die Geschichte, die 
schönen Wissenschafteu, die Beredsamkeit, die Dichtkunst, und wiederum die Verbindung 



Lambert, der Voroänoiik Kant's. 11 

dieser AVissenschaften mit der Physik sehr lehrreich imd angenehm behandelt habe. In der 
Physik hatte er schon als Jüngling den Vorsatz gefasst, sich auszuzeichnen und zu dem 
Zwecke seine Aufmerksamkeit vornehmlich dem Licht, dem, Feuer und dem Wasser 
zuzuwenden beschlossen. Die Kenntniss des ersten ist von ihm durch eine neue Wissen- 
schaft, die Photometrie, jene der andern ebenso durch seine Pyrometrie bereichert 
worden. Jene sollte dazu dienen, die Stärke des Lichtes, des Schattens und der Farben, 
diese die Grade des Feuers und der Wiirme einer exacten Behandlung zu unterwerfen. 
Sein Werk über die freie Perspective enthält eine Anleitung, jeden perspectivischen Auf- 
riss von freien Stücken, ohne Grundriss, durch eine Eintlieilung der Horizontallinie in 
Grade zu verfertigen, eine Methode, die zwar schon La Caille angegeben, Lambert aber 
erweitert hatte. In der Mathematik hat Lambert durch seine Beiträge zur angewandten 
Mathematik den Zweck verfolgt, die mathematische Erkenntniss tlieils an sich zu erweitern, 
theils und vornehmlich, sie sowohl im gemeinen Leben als in der Naturlehre und bei 
Versuchen verwendbar zu machen. Seine zahlreichen Verbesserungen auf den Gebieten 
der praktischen Geometrie, Zahlenlehre, politischen Arithmetik, Baukunst, ja selbst der 
Artillerielehre können liier nicht alle angeführt werden. Ein Verzeichniss derselben, sowie 
seiner sämmtlichen Werke und Abhandlungen findet sich in der Säcularschrift (Heinricli 
Lambert nach seinem Leben und Wirken von Daniel Huber, Basel 1829), S. 67 — 84. 
Charakteristisch für Lambert als Philosophen bleibt die Bevorzugung, die er der Mathematik 
als Wissenschaft um ihrer Methode und ihrer ihr eigenthümlichen Gewissheit willen zu Theil 
werden Hess. Er stellte sie allen anderen Wissenschaften als Muster auf, als den sichersten 
W^eg zn einem allgemeingiltigen Wissen zu gelangen. Wie, schreibt er in der Vorrede zu 
seiner Beschreibung einer neuen elliptischen Tafel zur Darstellung aller Mondesfinsternisse 
(Berlin 1765), dass nicht auch die Weltweisen, Gottesgelelirten, Moralisten und Staatslehrer 
so einmüthig in ihren Gründen und Sätzen werden können! Sie würden ebenso wie die 
Astronomen, auf den einmal richtig gemachten Gründen, mit vereinigten Bemühungen weiter 
forto-ehen und eine allgemeine Gedenkensart und Glauben in der Welt einführen können ! 
Dass Lambert bei dieser Hochschätzung der Mathematik nicht bloss an die geometrische 
Gewissheit, sondern beinahe ebensosehr an die mathematische Wahrscheinlichkeit dachte, 
geht nicht nur aus seiner eigenen Anwendtmg der letzteren in seinen Kosmologischen 
Briefen, sondern auch aus jener Stellung des Probabilitätscalculs hervor, welche er diesem 
letzteren in seinem logischen Organon einräumte. Lambert war weit entfernt, wie Spinoza 
und Wolf, die geometrische Methode als die einzige anzuerkennen; dagegen war er 
nach dem Beispiel der Astronomen und politischen Arithmetiker geneigt, auch das bloss 
Wahrscheinliche der ßeclinung zu unterziehen. In seinen Kosmologischen Briefen liat 
er, wie Kant, auf Grund wahrscheinlicher Vermuthungen Hypothesen aufgestellt, die 
später durch Herschel und Laplace Bestätigung gefunden haben. Dieselben sollten eine 
Fortsetzung oder Nachahmung der Unterhaltungen Fontenelle's über die Vielheit der 
Welten (Entretiens sur la pluralite des mondes) sein und nicht bloss unser Planeten- 
system, sondern das ganze Universum umfassen. Die Absicht des Verfassers geht dahin, 
den Plan des Weltalls zu entdecken und die Mittel, deren sich der Architect der Welt 
bei seinem Gebäude bedient hat. Zu diesem Zwecke betrachtet er zuerst das System, 
von dem wir selbst ein Theil sind und unser Stern das Centrum ist, um sich von da 
aus zu den unzählbaren Sonnen und Welten zu erheben, die durch das Weltall ausgesäet 
sind. Er legt sich die Frage vor, ob menschliche Kräfte zu dieser Aufgabe ausreichen 



12 Zimmermann. 

iiud welclie Principe geeignet seien, uns bei diesem Unternelimen zu leiten? Hiebei steht 
Lambert zunächst ganz auf dem Boden seiner Zeit. Das erste Argument, das sich ihm 
darbietet, ist von den Zweckursachen hergenommen. Das weise und wohlthätige Wesen, 
das bei der Einrichtung dieser Welt den Vorsitz geführt hat (qui a preside nach Merian's 
Uebersetzung) , hat sich darin gefallen , auf dieser brillanten Bühne all seine vmend- 
lichen Vollkommenheiten zu entfalten. Aber schon das nächste Argument zeigt Lambert 
ganz auf dem Boden der Naturforschung. Er stützt sich auf die allgemeinen Gesetze 
aller Bewegung, deren Wirkungen überall die nämlichen sind, und deren Einfluss sich 
bis zu den äussersten Grenzen des körperlichen Stoffs erstreckt. Die Fackel, die seinen 
Weg erleuchtet, ist die Erfahrung ; die Tliatsachen, von denen er sich rathen lässt, sind 
die in den Archiven der Astronomie niedergelegten Beobachtungen. Und wo ihn die 
Thatsachen veidassen, nimmt er zur Ausfüllung der Lücken die Analogie zu Hilfe, die 
ihm , annehmbare Vermuthungen' (conjectures plausibles) liefert. Der Nachwelt bleibt es 
überlassen, dieselben an künftigen Beobachtungen zu erproben, die, wenn wir recht 
gerathen haben, unsere Theorie bestätigen und der Gewissheit immer näher bringen 
werden. Das ist Alles , was schwache und beschränkte Wesen vermögen , welche in 
diesem unermesslichen und ewigen Weltgebäude nicht mehr einnehmen, als einen Punkt 
im Eaum und einen Augenblick in der Zeit ! 

Annehmbare Vermuthungen, die von der naclifolgenden Erfahrung bestätigt und zu 
einem immer höhern Grade von Gewissheit gebracht werden ! Diese Methode der 
Astronomie enthält den Schlüssel auch zu Lambert's philosophischem Verfahren. Die- 
selben müssen nicht eben aus der Erfahrung geschöpft, aber sie müssen , annehmbar', 
d. h. sie düi-fen weder mit den Gesetzen des Denkens noch mit der bisherigen Erfahrung 
im Widerspruch sein und durch die nachfolgende Bestätigung finden. Die Vermuthung 
kann der wirklichen Erfahrung gleichsam vorauseilen und wenn sie nicht bloss , annehm- 
bar', sondern durch die nachfolgende Erfahrung thatsächlich zur Gewissheit erhoben ist, 
dieselbe ersetzen. Dieselbe räth auf das künftige Ergebniss der Erfahrung und, wenn 
sie es erräth, dient sie statt der Erfahrung. Statt den unzweifelhaft sicheren aber endlosen 
Weg der vollständigen Induction durch Erschöpfung aller möglichen Thatsachen einzu- 
schlagen , schlägt die Wissenschaft den unsicheren aber kurzen Weg der , annehmbaren 
Vermuthung' ein und überlässt es der Zukunft , dieselbe entweder zu bestätigen oder 
zu widerlegen. Im ersten Fall ist die Erkenntuiss zwar gewiss, aber sie kommt erst nach 
Kenntniss aller möglichen Thatsachen (ex post) und daher vielleicht niemals zu Stande. 
Im letzteren Fall bleibt es zwar zweifelhaft, ob die , Vermuthung' wirklich Erkenntniss sei, 
weil sie, obgleich nach dem augenblicklichen Stand unserer Kenntnisse , annehmbar', doch 
vor der Erschöpfung aller möglichen Erfahrung (ex ante) entworfen wird ; aber sie kann es 
doch sein, imd sie wird es, wenn sie durch die nachfolgende Erfahrung bestätigt wird. 

Wie verhält es sich nun mit , unannehmbaren' Vermuthungen? Dergleichen dürften 
streng genommen zwar Annahmen, nicht aber ,Vermuthungen' genannt werden, da in 
dem Begriff einer solchen die Annehmbarkeit schon enthalten ist. Denn so lang nicht 
der gesammten Weltbetrachtung die Voraussetzung zu Grunde gelegt wird, dass das in 
der Welt herrschende Gesetz der Widerspruch und die Ungereimtheit sei, wird nicht 
das Unmögliche, sondern das Mögliche, und von dem letzteren nicht das Unwahrschein- 
liche , sondern das Wahrscheinliche ,vermuthet'. Würde aber obige Annahme zur Vor- 
aussetzung gemacht, so wäre seinerseits wieder das Unmögliche möglich imd das Unwahr- 



Lambert, der Voröängek Kant's. 13 

schemliclie wahrscheinlich und als solches ,vermuthet'. Der Gebrauch dieses Ausdrucks 
ist durchaus an die Voraussetzung eines gesetzlichen Zusammenhangs, sei es zwischen 
Ereignissen, sei es zwischen Gedanken, geknüpft, kraft dessen sich dieselben wie Bedin- 
gung zu Bedingtem, jene wie Ursachen zu Wirkungen, diese wie Gründe zu Folgen 
verhalten, und diese wie jene mit mehr oder weniger Recht erschlossen werden dürfen. 
Jede Vermuthung muss vom Standpunkt des vorausgesetzten Zusammenhangs aus annehm- 
bar sein; die vorzugsweise , annehmbar' genannte kann sich von anderen ihres Gleicdien 
uur insofern unterscheiden, als das Vermuthete mit einem hohem Grade von Zuversicht 
erwartet werden darf. Wenn aber der vorausgesetzte Zusammenhang selbst unannehmbar 
ist, so fallen mit ihm auch alle auf denselben gestützte Vermuthungen hinweg. 

Der Zusammenhang, welcher von Lambert in den Kosmologischen Briefen voraus- 
gesetzt wird, ist einerseits der teleologische : dies Weltgebäude ist das Werk eines weisen 
und wohlthätigen Werkmeisters, der sich desselben als einer Schaubühne bediente, um 
seine innerlichen Vollkommenheiten auf derselben zu entfalten. Andererseits der mecha- 
nische : die Herrschaft derselben allgemeinen Gesetze der Bewegung durch das gesammte 
Universum. Was unter beiden Annahmen mit Recht als entweder in einer noch ungekannten 
Region des Weltalls vorhanden, oder in einem künftigen Moment der Weltdauer ein- 
tretend sich erwarten lässt, erscheint ihm als eine annehmbare Vermuthung, deren Bestäti- 
gung durch die kommende Erfahrung mit Grund vorhergesehen und -gesagt werden 
darf. In umgekehrter Reihe wird durch das wirkliche Eintreffen des Vermutheten nicht 
nur die Richtigkeit der A^ermuthung, sondern durch diese selbst wieder die Verlässigkeit 
der Annahmen, aus welchen die letztere geschlossen ist, bestätigt. Denn da ohne die 
Richtigkeit der vorausgesetzten Annahmen das Vermuthete selbst keine Vermuthung wäre, 
so muss, sobald es mehr als eine solche, sobald es Gewissheit ist, das Angenommene mehr 
als blosse Annahme sein. 

Beide Theile, die Annahmen und die daraus abgeleitete Vermuthung, diese selbst 
und das aus ihr abgeleitete Vermuthete, werden hiebei in einem solchen Zusammenhang 
mit einander stehend gedacht, dass der Grad von Gewissheit oder Ungewissheit, welchen 
der eine von beiden besitzt, durch ihn auch dem andern zu theil wird. Im nämlichen 
Grad als die Annahmen, ist die Vermuthung und in demselben wie diese das Vermuthete 
gewiss oder ungewiss und ebenso umgekehrt. Würde daher durch die nachfolgende 
Erfahrung , ' welche das wirkliche Eintreten des Vermutheten aufweist , die Vermuthung 
zur Gewissheit, so wäre durch die letztere auch obige Annahme zur Gewissheit erhoben. 
Besitzen umgekehrt letztere Annahmen Gewissheit, so theilt sich dieselbe auch der bis- 
herigen , Vermuthung' mit, die dadurch aufhört eine solche zu sein, und zur gewissen 
Eolge wird, die ihrerseits das bisher nur ,Vermiithete' in ein Gewisses verwandelt. 

Folge dessen ist, dass dasselbe Verfahren von zwei entgegengesetzten Seiten her ver- 
folgt werden kann und verfolgt werden wird, je nachdem die vorausgesetzten Annahmen 
oder die vermutheten Folgerungen Gewissheit besitzen. Ist das erstere der Fall, so 
entsteht das synthetische oder progressive, auch deductive, ist das letztere der Fall, so 
entsteht das analytische, regressive, auch inductive Verfahren. In jenem theilt die 
Annahme der Folge, in diesem die Folge der Annahme ihre eigene Gewissheit mit. 
Die Voraussetzung aber, dass zwischen dieser und jener ein Verhältniss bestehe, vermöge 
dessen jeder Theil auf den anderen den eigenen Grad von Gewissheit überträgt, ist 
beiden Methoden gemeinsam. 



1^ Zimmermann. 

Die Kosmologischen Briefe schlagen das letztere Verfahren ein. Dieselben begnügen 
sich unter obiger Annahme plausible Vermuthungen aufzustellen, welche durch nach- 
folgende Erfahrung vielleicht zur Gewissheit erhoben werden mögen. Ist dieses geschehen, 
so hören sie auf blosse , Vermuthungen' und hört obige Annahme auf blosse , Annahme' 
zu sein. Diese wie jene verwandeln sich in Gewissheiten. 

Zweifelhaft bleibt nur, ob die Erfahrung im Stande sei, acceptable , Vermuthungen' 
in Gewissheiten' zu verwandeln? Nach Lambert' s eigenen Worten scheint das Gegentheil 
der Fall zu sein. Die künftigen Erfahrungen unserer Nachkommen werden, wenn wir 
,recht gerathen haben' (devine juste) unsere Tlieorie zwar ,bestärken' (confirmeront), aber 
nicht zur Gewissheit erheben, sondern derselben bloss , näher und näher bringen' (de 
plus en plus l'approcheront de la certitude). Besitzen aber unsere Theorien selbst keine 
volle Gewissheit, so können dieselben auch jenen Annahmen, unter welchen sie als 
,plausible Conjecturen' entstanden sind, keine solche verleihen. Sowohl die Annahme 
eines allweisen und gütigen Weltbaumeisters, die teleologische, als die allgemeingiltiger 
Beweo-uno-sgesetze, die mechanische Weltordnung, werden zwar durch dieselben ,bestärkt', 
aber keineswegs zur vollen, sondern höchstens zu einer angenäherten Gewissheit er- 
hoben werden. 

Lambert sieht sich daher vor die Alternative gestellt, entweder, wenn iinser 
gesammtes Wissen auf Erfahrung beruht, auf die Erlangung voller Gewissheit zu ver- 
zichten oder wenn irgend ein Wissen Gewissheit besitzen soll, dasselbe für ein Wissen 
vor oder unabhängig von aller Erfahrung zu erklären. Da nun ein Wissen ohne Gewiss- 
heit kein Wissen ist, das Erfahrungswissen aber höchstens angenäherte Gewissheit besitzt, 
so folgt, dass Erfahrungswissen (a posteriorisches Wissen) kein wahres Wissen, wahres 
Wissen aber vor und unabhängig von aller Erfahrung (a priorisches Wissen) sei. 

Der Mathematiker einer- und Schüler Locke's andererseits will keines von beiden. 

Die Wissenschaft der Mathematik, wenn keine andere, ist ein Beweis, dass wir ein 

wirkliches Wissen, d. h. ein Wissen von absoluter Gewissheit besitzen. Die Thatsache, 

dass ein Blinder sich von der Farbe durchaus keine Vorstellung zu machen im Stande 

ist, beweist andererseits, dass es ein Wissen gibt, welches schlechterdings nicht vor und 

unabhängig von der Erfahrung ist. Leibnitz, welcher (gegen Locke) behauptet, dass es 

ein von der (äusseren) Erfahrung durch die Sinne unabhängiges (wahres) Wissen gibt, 

hat Recht. Locke, welcher (gegen Leibnitz) behauptet, dass es ein von der (äusseren) 

Erfahrung abhängiges (wahres) Wissen gibt, hat ebenfalls Recht. Darin, dass der Erste 

das von der Erfahrung unabhängige, der Zweite das von ihr abhängige Wissen für das 

einzige erklärt, haben beide Unrecht. Leibnitz wurde zu seiner Behauptung durch die 

Annahme verleitet, dass das Einfache des Seins (die Monade) keine Fenster habe, durcli 

welche von Aussen etwas in dieselbe einzutreten vermöchte. Locke wurde zu der seinigen 

durch den Glauben verlockt, dass das Einfache in der Erkenntniss (die Elemente 

des Bewusstseins) ausschliesslich die sinnlichen Empfindungen und sämmtliche abstracte 

Beo-riffe blosse Abstractionen aus sinnlichen Anschauungen seien. Annahmen , aus 

welclien erweislich unstatthafte Folgerungen fliessen, können unmöglich richtig sein. 

Da nun die Annahme Leibnitz'ens jedes Wissen durch Erfahrung, die Annahme 

Locke's jedes wirkliche Wissen ausschliessen würde, so können weder die Elemente 

des Seins für einander unzugänglich, noch die Elemente des Wissens ausschliesslich 

Empfindungen sein. 



Lambert, der Vorgänger Kant's. 15 

Lambert, auf diesem Punkt angelangt, sieht keinen Ausweg, als Leibnitz mit Locke 
zu verbinden. Es gibt ein doppeltes (a priorisebes und a posterioriscbes) Wissen, oder 
was ebensoviel lieisst , das Einfacbe in der Erkenntniss , von dem aus alle Erkenntuiss 
beginnt, sind weder ausscliliesslicb einfaclie (vor und von aller Ertakrung durch die 
Sinne unabliäugig im Subject vorhandene, reine) Begriffe, noch ausschliesslich einfache 
(durch die Sinne) von Aussen dem Subject zugeführte (sinnliche) Empfindungen, sondern zum 
Theil Elemente der ersteren, zum Theil dieser letzteren Art. Das menschliche Erkennen 
hat weder ausschliessend idealistischen, wie Leibnitz, noch ausschliessend realistischen, 
wie Locke, sondern einen halb idealistischen halb realistischen Character, wie Kant später 
lehrte. Durch jenen (a priorischen) Bestandtheil ist eine rein a priorische, durch diesen 
(a posteriorischen) Bestandtheil eine aus a priorischen und a posteriorischen Elementen 
gemischte Gedankenwelt möglich. Beispiele der ersteren liefert das System metaphysischen 
oder mathematischen, das Beispiel des letzteren ein System empirischen oder Erfahrungs- 
wissens. Jenes stellt ein durchweg aus a priorischen, dieses dagegen ein theil weise aus 
a priorischen, theilweise aus a posteriorischen Elementen erbautes Gedankengebäude dar. 

"Während der (Leibnitz' sehe) Idealismus nur ,angeborne', der (Locke'sche) Realismus 
nur von aussen , erworbene' Elemente der Erkenntniss kennt,, lässt Lambert's halb 
idealistische halb realistische Erkenntnisstheorie theilweise angebörne, theilweise erwor- 
bene Elementarbestandtheile des Wissens zu. Von den einfachen Begriffen , die als 
integrirende Bestandtheile in die Lehre vom Seienden (in die Ontologie) eingehen, sind 
einige wie die Begriffe der Solidität, der Existenz, der Dauer, der Ausdehnung, der Kraft, 
des Bewusstseins, des Wollens, der Beweglichkeit, Einheit, Grösse a priorisch, d. i. nicht 
aus der äusseren Sinnenwelt entlehnt; andere dagegen, wie die Begriffe des Lichts, der 
Farbe, des Klangs, der Wärme u. s. w. stammen aus dem sinnlichen Scheine und sind 
a posteriorisch und würden ohne Hilfe der Sinne von uns gar nicht beschaffet werden 
können. Jene gehören dem Bestandtheil unserer Vorstellungswelt an, der vor und 
unabhängig von aller Erfahrung in uns besteht oder doch wenigstens bestehen kann; 
diese dagegen demjenigen, der schlechterdings nur der sinnlichen Erfahrung sein Dasein 
verdankt. Die Begriffe der Grösse, der Ausdehnung würden wir auch ohne Sinne und 
wie der blinde Mathematiker Saunderson beweist , würden wir von beiden sogar eine 
Wissenschaft, sowohl eine Arithmetik als Geometrie besitzen können. Einen Begriff' von 
der Farbe, dem Klange u. s. w. aber können wir schlechterdings nur durch die Sinne 
des Auges und Ohres erlangen. 

Da die einfachen durch die Sinne erworbenen und die einfachen angebornen Vor- 
stelkmgselemente nichts mit einander gemein haben, so können dieselben nicht auf ein 
und dasselbe, sondern sie müssen auf gänzlich verschiedene Vorstellungsvermogen zurück- 
geführt werden. Weder die Leibnitz'sche Auffassung, nach welcher die sinnliche Vor- 
stellung zu der nicht-sinnlichen nur wie die notio coufusa zur notio clara et distincta, 
noch die Locke'sche , nach welcher die Vorstellung des Verstandes sich zu jener des 
Sinnes wie die abstracte zur concreten verhält, drückt das richtige Verhältniss aus. Die 
sinnliche Elementarempfindung des Eothen lässt sich nicht als , angebörne' durch blosse 
Verdeutlichung, und der nicht-sinnliche Elementarbegriff der Einheit, Grösse, Ausdehnung 
u. s. w. nicht durch blosse Abstraction aus sinnlichen Empfindungen gewinnen. Jene 
würde der Mensch nicht haben, wenn er kein Auge, diese dagegen auch dann, wenn er 
keine Erfahrung besässe. 



1 6 Zimmermann. 

Beide durchaus getrennte Gebiete qualitativ verschiedener Elementarvorstellungeii 
lassen sich mit den Vocalen und Consonanten der Sprache vergleichen. So wenig die 
einfachen Vocale sich auf Consonanten und diese auf jene zurückführen lassen, so wenig 
lassen sich die einfachen Elemente des reinen Denkens auf Empfindungen und diese auf 
jene reduciren. Dagegen lassen sich ebensowohl Verbindungen je der Vocale und der 
Consonanten untereinander , als solche von Vocalen und Consonanten miteinander, wie 
Verbindungen je der reinen Denk- und sinnlichen Vorstellungselemente untereinander 
und jener und dieser miteinander denken. Jenes ergibt reines Gedanken-, dieses reines 
I'^mpfindungs-, das dritte aus Denken und Empfinden gemischtes Vorstellen. 

In dem ersten sind rein a priorische , im zweiten rein a posteriorische , in dem 
letzten sind sowohl a priorische als a posteriorische Elementarbestandtheile enthalten. 
Ein Vorstellen der ersten Art ist mit jenem zu vergleichen, als welches Kant sich die 
Mathematik dachte : eine Wissenschaft, welche durchaus aus a priorischen Vorstellungs- 
elementen besteht. Das Vorstellen der zweiten Art lässt sich mit jenem vergleichen, 
welches Kant die Materie der Erfahrung nannte, das ungegliederte Aggregat heterogener 
sinnlicher Empfindungen der Farbe, des Klangs, Geruchs u. s. w. Das dritte Vorstellen 
kommt mit dessen aus a priorischen (der Form) und a posteriorischen Bestandtheilen 
(dem Stoff naeli) zusammengesetzter Erfahrung überein. 

Inwiefern nun in jeder der drei vorerwähnten Vorstellnngsarten Erkenntniss enthalten 
sein kann, lässt diese selbst sich als rein a j)i'iorische, rein a posteriorische und gemischte, 
d. i. aus a priorischen und a posteriorischen Erkenntnissen zusammengesetzte und dem 
gemäss auch ein dreifaches Erkenntnissvermögen unterscheiden. Das erste drückt ein 
Vermögen aus, Erkenntnisse ausschliesslich vor und imabhängig von aller Erfahrung 
(von Aussen) zu besitzen und zu erwerben ; das zweite das Vermögen Erkenntniss aus- 
schliesslich durch die und mittelst der Erfahrung (durch die äusseren Sinne) zu gewinnen ; 
das dritte das Vermögen Erkenntniss sowohl theilweise vor imd unabhängig von 
aller Erfahrung, als auch theilweise erst durch und mittels derselben (durch die äussern 
Sinne) zu besitzen. Das erste und zweite sind reine , das dritte ist ein gemischtes 
Erkenntnissvermögen. 

Das Erkenntnissvermögen, welches Leibnitz seiner Monade, und jenes, welches Locke 
seinem ursprünglich als Tabula rasa anzusehenden erkennenden Subject zuschreibt, ist 
ein reines, dasjenige, A'on welchem Lambert (und nach ihm Kant) ausgeht, ist ein 
gemischtes. Da die Monade keine Fenster hat , so kann durch dieselben in sie auch 
keine Erkenntniss kommen ; und da die Seele Tabula rasa ist, so kann dieselbe, bevor 
und ohne dass durch die Sinne die letztere beschrieben wird, keinerlei Erkenntniss besitzen; 
wenn dieselbe aber einfache Vorstellungen hat, welche sie nicht durch die Sinne erhalten 
haben kann, und andere gleichfalls einfache, welche sie durch diese erhalten haben 
muss, so muss sie eben ein zweifach geartetes, sowohl a jsriorischer wie a posteriorischer 
Erkenntnisse fähiges Erkenntnissvermögen besitzen. 

Nennt man mm das Vermögen, vor und unabhängig von aller Erfahrung (von 
Aussen) zu erkennen, reine Vernunft, so mag das A-^ermögen, Erkenntnisse zu besitzen, 
in welche niclit die geringste Beimischung vor und unabhängig von der Erfahrung- 
besessener oder erworbener Erkenntnisse enthalten ist, reine Sinnlichkeit heissen. Ein 
solches schrieb Locke seinem erfahrenden Subject, das erstere Leibnitz seiner Monade zu. 
Die Eintheilung des Erkenntnissvermögens in ein oberes und unteres bedeutete bei seinem 



Laihsert, der Vorgänger Kant's. 17 

Scliüler Wolf keineswegs zwei heterogene Erkenntnissvermögen, sondern lediglich zwei 
verschiedene Stufen desselben Erkenntnissvermögens, das als niederes nur verworrene, 
als höheres deutliche f>kenntnisse besitzt, als dieses und jenes aber dieselbe Ver- 
nunft ist, die jede Aufnahme von aussen her ausschliesst. Die Unterscheidung Locke's 
zwischen dem Vermögen Erkenntnisse durch Sensation und jenem solche durch Reflection 
zu haben, ist ebensowenig eine wirkliche, da diese beiden Vermögen nicht zwei heterogene, 
sondern eines und dasselbe nur auf zweierlei Stufen ausmachen, die eine Sinnlichkeit 
nämlich in dem einen Fall als (immittelbares) Wahrnehmungs-, im andern als (mittel- 
bares) Abstractionsvermögen (aus Wahrgenommenem) auftritt. Das gemischte Erkenntniss- 
vermögen aber, welches durch die Vereinigung der Leibnitz' sehen und Locke'schen 
Erkenntnisstheorie zu Stande kommt, meint es mit der Heterogeneität seiner beiden 
Bestandtheile (reine Vernunft und reine Sinnlichkeit) ernst ; beide haben durchaus nichts 
mit einander gemein; letztere ist weder eine , dunkle Vernunft', noch der Verstand eine 
,höhere Sinnlichkeit', wie es gröbere und feinere Materien gibt. Beide stellen einen 
qualitativen erkenntnisstheoretischen Dualismus dar, zu welchem sowohl die Leibnitz' sehe 
wie die Locke'sche Erkenntnisstheorie sich wie ein (bei dem ersteren rationalistischer, bei 
dem letzteren sensualistischer) qualitativer Monismus verhält. 

Nach Vorstehendem stellen Wesen mit gemischtem Erkenntnissvermögen in der 
That eine von Wesen mit reinem (ungemischtem) Erkenntnissvermögen, dasselbe sei 
nun durchaus Vernunft oder durchaus Sinnlichkeit, qualitativ durchaus verschiedene 
Gattung dar, zwischen welchen feste unüberschreitbare Grenzen gezogen sind und kein 
Uebergang möglich ist. Nach Leibnitz sind die unterste (schlummernde) und die oberste 
(göttliche) Monade we sens verwandt ; die eine empfängt sowenig Vorstellungen von 
aussen (durch Fenster) wie die andere und erkennt daher sowenig , empirisch' wie die 
andere. Ihr ganzer Unterschied besteht darin, dass bei der einen sämmtliche (nicht- 
empirische, also immanente, vor imd unabhängig von aller Erfahrung vorhandene, 
a priorische) Vorstellungen dunkel, bei der andern sämmtlich deutlich sind. Nach 
Locke sind das unterste vorstellende Wesen (der Wurm, der eine einzige Tastempfin- 
dung besitzt) und das höchstentwickelte, das sich zu der allgemeinsten Abstraction 
erhoben hat, wesensverwandt. Das eine besitzt sowenig wie das andere ,a priorische', 
d. h. nicht ,empirisch' von aussen her empfangene Vorstellungen. Der einzige Unter- 
schied besteht darin, dass das erstere nur Sensationen, d. i. unmittelbare SinnesAvahr- 
nehmungen, das andere durch Reflection entstandene und weiter durch Abstraction aus- 
gebildete Begriffe besitzt. Dagegen stellen Wesen mit gemischtem Erkenntnissvermögen 
eine für sich bestehende Gattung dar, zu welcher reine Vernunftwesen (Leibnitz' sehe 
Monaden) und reine Sinnenwesen (Locke'sche vorstellende Subjecte) grundverschiedene, 
je nachdem entweder höher oder niedriger stehende Gattungen repräsentiren. Während 
nach Leibnitz und Locke das niederste Wesen durch blosse Entwickhmg dem höchsten 
stätig immer näher kommen kann, könnte der Uebergang vom gemischten zum reinen 
Erkenntnissvermögen nur sprungweise, durch ein Wunder bewirkt werden, indem 
entweder der sinnliche oder der rationale Bestandtheil plötzlich vernichtet würde. 

Lambert' s Vereinigung von Leibnitz und Locke nun läuft in der That auf nichts 
Geringeres als auf die Behauptung hinaus, dass das menschliche Erkenntnissvermögen 
ein gemischtes sei. Wird das a priorische Erkennen dabei als das vornehmere 
angesehen, so liegt in obiger Behauptung eine Degradation, ein erkenntnisstheoretischer 

Denkschriften Ger phil.-hist. Cl, XSIX. Bd. 3 



18 ZiMMKHMANN. 

,Stindenfall'; das a priorische Vorstellen wird zu einer unebenbürtigen Ehe mit dem 
a posteriorischeu, die Vernunft zur Allianz mit der Sinnliclikeit genöthigt. Andererseits 
gegen die Locke'sclie Theorie gehalten, liegt darin eine Nobilisation; das a posteriorische 
Vorstellen wäre durch die Ehe mit dem a priorischen, die Sinnlichkeit durch die Allianz 
mit der Vernunft gleichsam geadelt ; dort das , geistige' Vorstellen , verleiblicht', hier das 
, sinnliche' , vergeistigt'. Das gottverwandte Vorstellen der Monas nimmt im Menschen einen 
sinnlichen (leiblichen) Bestandtheil an, ,incarnirt' sich gleichsam durch die Beimischung 
der , Erfahrung'. Das ,thierische' Vorstellen des Wurmes nimmt im Menschen einen ver- 
nünftigen (geistigen) Bestandtheil an, ,vergoldet' sich gleichsam durcli die Beimischung 
der ,ratio'. Das reine Gold des a priori, wird auf ersterein Wege mit unedlem Metall 
legirt; das Blei der Sinnlichkeit auf letzterem Wege mit reinem Golde veredelt. 

Die Vereinigung beider heterogenen Erkenntnissvermögen darf nicht als Ver- 
schmelzung, sondern höchstens als Summe aufgefasst werden. Da keines von beiden 
mit dem anderen etwas gemein hat, so kann auch keines auf das andere irgendwie 
zurückgeführt werden. Jedes bringt daher seine eigenthümlichen Eigenschaften in die 
Verbindung mit, so dass die Eigenschaften des neuen, durch deren Verbindvmg entstandenen, 
die Summe derjenigen der Verbundenen ausmachen. Das so entstandene Erkenntniss- 
vermögen als Ganzes ist gegen die Aussenwelt nicht, wie die i-eine Vernunft, ver- 
schlossen, und ebensowenig, wie die reine Sinnlichkeit, jeder vor und unabhängig von 
aller Erfahrung vorhandenen Erkenntniss bar. Von seinen beiden Bestandtheilen ist aber 
die reine Vernunft nach wie vor durchaus a priorisch, die reine Sinnlichkeit durchaus a poste- 
riorisch. Das reine a priori innerhalb des neuen zweifachen Erkenntnissvei'mögens schliesst 
jeden sinnlichen, das reine a posteriori ebenso jeden nichtsinnlichen Bestandtheil aus; beide 
bestehen als Elemente des neuen Erkenntnissvermögeus neben-, nicht ineinander. 

Insofern für die Monade eine Erkenntnissgrenze in dem Umstand liegt, dass sie 
keine Fenster hat, also von dem, was sich nur durch Fenster wahrnehmen lässt, auch 
nichts wissen kann, besteht eine solche für das dualistisch geartete Erkenntnissvermögen 
nicht mehr. Dasselbe ist, mit der reinen Vernunft verglichen, der Erfahrung fähig, also 
auch fähig dasjenige zu wissen, was nur durch , Erfahrung' gewusst werden kann. Insofern 
für das Locke'sche Subject eine Erkenntnissgrenze darin liegt, dass durch die Sinne 
allein erworbenes Wissen kein strenges, sondern nur inductives Wissen sein, ,comparative' 
aber nicht ausnahmslose (,a priorische') Geltung besitzen soll, besteht diese Grenze für 
das dualistische Erkenntnissvermögen gleichfalls nicht mehr. Dasselbe ist, mit der reinen 
Sinnlichkeit verglichen eines reinen Vernunftwissens (also eines ausnahmslosen Wissens) 
fähig, also auch fähig, solches zu wissen, was vor und unabhängig von aller Erfahrung 
gewusst werden kann. Sowohl im Vergleich mit dem monistischen Erkenntnissvermögen 
des Rationalismus, wie mit jenem des Sensualismus, erscheinen die Grenzen des dualisti- 
schen Erkenntnissvermögens erweitert, die reine Vernunfterkenntniss um die Erfahrungs- 
erkenntniss vermehrt, das bloss empirische Wissen um ein reines Vernunft- (a priorisches) 
Wissen bereichert. Die Verdoppelung der Erkenntnissvermögen führt eine Verdoppelung 
der möglichen Erkenntniss herbei : der Rationalist gewinnt ein empirisches, der Empirist 
profitirt ein a priorisches Wissen. Wie reine Vernunft und reine Sinnlichkeit als ein- 
ander zwar ausschliessende, aber gleichberechtigte Wissensquellen, so treten reine Vernunft- 
und Erfahrungswissenschaften, empirisches und reines Vernunftwissen als einander zwar 
ausschliessende aber gleichberechtigte Wissenschaften und Wissensarten neben einander. 



Lambert, der VoROÄNCiER Kant's. 19 

Idealisten und Realisten gehen von dem Grundsatz aus, eine einzige, Lambert (und 
nach ilini Kant) von der Maxime, zwei Erkenntnissquellen gelten zu lassen. Statt wie die 
ersteren, der einen alles, der anderen nichts zuzuweisen, geht nun die Aufgabe dahin, die 
o-leichzeitige Competenz jeder von beiden auf getrennten Gebieten darzuthun. So lange 
die reine Vernunft keine Erfahrung und diese kein von ihr unabhängiges Wissen an- 
erkennt, braucht die eine gegen die andere auch keine Grenzen abzustecken. Eine Uni- 
versalmonarchie duldet andere Staaten weder neben noch unter sich. Sobald aber zwei 
souveräne Mächte vorhanden sind, wie im vorliegenden Fall zwei souveräne Erkenntniss- 
vermögen (reine Vernunft und reine Sinnlichkeit), so müssen die Grenzen und Rechte 
der einen gegenüber der anderen genau festgestellt werden, wenn nicht beständiger 
Streit herrschen soll. 

Eine Kritik der Anmassungen der reinen Vernunft oder der reinen Sinnlichkeit, so 
lange jede von beiden als das einzige menschliche Erkenntnissvermögen angesehen 
wird, hat so wenig Sinn, als eine Kritik der Anmassungen einer Weltmonarchie, so 
lange eben die Weltmonarchie als einzige vorhandene Staatsgewalt gilt. So lange 
nur ein Einziger berechtigt ist, kann dieser Einzige nie Unrecht thun. Sobald aber 
zwei Erkenntnissvermögen vorhanden sind, tritt die Möglichkeit ein, dass das eine sich 
anmasse, was dem anderen gebühi^t. Jetzt erst hat die Frage, was durch reine Vernunft 
imd was durch reine Sinnlichkeit erkannt werden könne, einen vernünftigen Sinn; denn 
wenn alles, was überhaupt erkannt wii'd, zum Theil durch Vernunft und zum andern 
Theil durch Erfahrung gewusst wird, so gewinnt jede dasjenige, was die andere ver- 
liert, ohne dass eine von beiden alles verlöre und die andere alles gewänne. 

Leibnitz'ens Erkenntnissvermögen ist nur reine Vernunft, Locke's nur Sinnlichkeit; 
Lambert's ist eine Summe, von der jene beiden Summanden sind (Vernunft und Sinn- 
lichkeit). Ob eine solche Addition, die an die Lehre der Alten von den ,Theilen' der 
Seele erinnert, psychologisch empfehlenswerth oder auch nur zulässig sei, mag mit Grunde 
bestritten werden; der Eklekticismus schweisst beide zum Ganzen zusammen. Ein so 
verändertes, aus einem monistischen in ein dualistisches verwandeltes Erkenntnissver- 
mögen macht aber auch eine veränderte Anleitung zur Erkenntniss, ein verändertes 
Organon nöthig ; weder die Erkenntnisslehre des Idealismus, für die es nur reine Vernunft, 
noch jene des Empirismus, nach der es nur Sinnlichkeit als Erkenntnissquelle gibt, reicht 
für die Annahme aus, dass sich die menschliche Erkenntniss auf zwei heterogene Er- 
kenntnissquellen, reine Vernunft u n d Sinnlichkeit, gründet. Den Entwurf einer solchen, 
den veränderten Voraussetzungen angepassten Erkenntnisslehre lieferte Lambert in seinem 
neuen Organon. 

Drittes Capitel. 

Die Dianolologie. 

Das neue Organon erschien zuerst im Jahre 1764 und war nach des Verfassers Aeusserung 
in der Vorrede ,unmittelbar für ihn selbst geschrieben'. Vier durchaus verschiedene, aber 
nothwendig zusammengehörende Theile, aus welchen es besteht, machen zusammenge- 
nommen dasjenige, was Aristoteles und Bacon ein Organon genannt haben. Jeder derselben 



20 Zimmermann. 

beantwortet eiue besondere Frage und begründet eine besondere , instrumentale' Wissen- 
scbaft als Mittel und Werkzeug, dessen der menschliche Verstand sich bedienen muss, 
wenn er mit Bewusstsein das Wahre als wahr erkennen, vortragen und von Irrthum und 
Schein unterscheiden will. 
Diese Fragen sind : 

1. Ob es dem menschlichen Verstände an Kräften fehle, ohne Straucheln auf dem 
Wege der Wahrheit zu gehen? 

2. Ob demselben die Wahrheit selbst nicht kenntlich genug sei, um sie nicht so 
leicht mit dem Irrthum zu verwechseln? 

3. Ob die Sprache, in die er die Wahrheit einkleidet, durch Missverstand, Un- 
bestimmtheit und Vieldeutigkeit sie unkenntlicher und zweifelhafter mache oder andere 
Hindernisse in den Weg lege ? 

4. Ob sich der Verstand durch den Schein blenden lasse, ohne immer zu dem 
Wahren durchdringen zu können? 

Die Antworten enthalten : 

1. die Lehre von den Gesetzen, nach welchen sich der Verstand im Denken richtet, 
und worin die Wege bestimmt werden, die er zu gehen hat, wenn er von Wahrheit zu 
Wahrheit fortschreiten will : Dianoiologie; 

2. die Lehre von der Wahrheit, sofern sie dem Irrthum entgegengesetzt ist : A 1 e- 
thiologie; 

3. die Lehre von der Bezeichnung der Gedanken und Dinge: Semiotik; 

4. die Lehre von dem Schein: Phänomenologie. 

Letztere beiden AYissenschaften werden dadurch nothwendig gemacht , dass der 
menschliche Verstand nicht nur seine Erkenntniss an Wörter und Zeichen binden muss, 
sondern dass sich ilim die Wahrheit öfter unter einem ganz anderen Scheine zeigt, von 
welchem sowie von dem Irrthum er sie zu unterscheiden hat. Während daher die 
Alethiologie die Wahrheit, lehrt die Phänomenologie den Schein kenntlich, und während 
die Dianoiologie das Denken, lehrt die Semiotik dessen Zeichen (die Sprache und andere) 
zur Erkenntniss der Wahrheit dienlich macheu. Kenntniss des Wahren (im Gegensatz zum 
Falschen) ist ebenso nöthig, um von diesem zum Wahren, wie Kenntniss des Scheins (des 
scheinbar Realen) um von diesem zur Erkenntniss des wahrhaft Realen fortzuschreiten. 

Dass unter dem Wahren, welches vom ,Schein' unterschieden werden soll, ,mehr' 
die , metaphysische' AVahrheit als die , sogenannte logische' gemeint sei, sagt Lambert 
selbst, ,weil der Schein mehrenthells dem Realen entgegengesetzt werde'. Aus diesem 
Grunde sei von der Phänomenologie in den bisherigen , Vernunftlehren' noch wenig vor- 
gekommen. Wenn es aber Aufgabe des Organon sei, Mittel und Werkzeuge zu ge- 
währen, Wahrheit und Irrthum zu unterscheiden, so müsse dasselbe auch auf den , Schein' 
ausgedehnt werden. Denn es sei immer auch ein , Irrthum', wenn das, was eine Sache 
zu sein scheint, mit demjenigen verwechselt wird, was sie wirklich ist, und hin- 
wiederum glaube man Irrthümern, insofern sie wahr zu sein scheinen. Und wenn 
die Kenntniss der Kennzeichen der Wahrheit ein Mittel sei, Irrthümer zu vermeiden, 
so kann die Kenntniss der Kennzeichen des Scheins als ein Mittel angesehen werden, 
zur Wahrheit durchzudringen. 

Lambert tadelt seine Vorgänger, insbesondere Wolf, dass sie in der bisherigen Ver- 
riunftlehre fast nur das behandelt hätten, was er zur Dianoiologie rechnet. In dieser. 



Lambert, der Vorgänger Kant's. 21 

WO es jfürnelinilich' um die Methode sich handelt, komme er , Wolfen' am nächsten ; in der 
Alethiologie dagegen treffe er tlieils (im ersten Hauptstück) mit Locke (ohne ihn gekannt 
zu haben) zusammen, theils suche er (im folgenden Hauptstiick) Locke mit AVolf zu 
verbinden. Ueber Semiotik, die er auf die Theorie des Wortstreits anwendet, werde 
mit Ausnahme dessen, was Locke ,über Gebrauch und Miss brauch der AVörter' sage, in 
keiner Yernunftlehre ausführlich (von Wolf nur sehr kurz) gehandelt ; mit der Phäno- 
menologie aber ist er sich bewusst, der bisherigen Logik ein neues aber nothwendiges 
Glied hinzugefügt zu haben. 

Von den Beziehungen der genannten Wissenschaften auf einander ist das Verhältniss 
der Dianoiologie zur Phänomenologie das wichtigste. Indem jene von den Gesetzen 
handelt, nach welchen der Verstand sich zu richten hat, wenn er ,von AVahrheit zu 
Wahrheit' fortschi-eiten will, ist es keineswegs nothwendig, dass er von , wirklichen' 
Wahrheiten ausgehe und zu solchen fortgehe. Er könnte auch von Irrthümern ausgehen 
und zu Irrthümern fortschreiten. ,Die Gesetze des Denkens sind von der Art, dass sie 
uns durch einerlei Wege von Wahrheit zu Wahrheit und von Irrthum zu Irrthum leiten.' 
(S. 453, I.) Sie geben nur die Form an, setzen aber die Materie als Bedingung voraus. 
Sollen daher die Wege immer von Wahrheit zu Wahrheit führen, so muss man sich ver- 
sichern, dass das, wobei man anfängt, wahr sei. Als Mittel dazu dient die Alethiologie, 
welche die Kennzeichen der Wahrheit angibt. 

Der Schein hat das Eigenthümliche , dass man von ihm aus zur Wahrheit ge- 
langt, obgleich er selbst nicht nur das Gegentheil der Wahrheit ist, sondern auch als 
solches erkannt wird. In unserem Fall wird daher nicht von Wahrheit zu Wahrheit, 
sondern vom Schein zur Wahrheit fortgegangen. Als Mittel dazu dient die Phänomeno- 
logie, welche die Kennzeichen des Scheines angibt. 

Die Zeichen tragen zur wissenschaftlichen Erkenntniss bei, wenn sie selbst wissen- 
schaftlich, d. i. von der Art sind, dass sie nicht nur überhaupt die Begriffe oder Dinge 
vorstellen, sondern auch solche Verhältnisse anzeigen, dass die Theorie der Sachen mit 
der Theorie ihrer Zeichen sich verwechseln lässt. (S. 16, II.) In diesem Fall wird daher 
nicht von Wahrheit auf Wahrheit, sondern vom Zeichen auf das Bezeichnete geschlossen. 
Als Mittel dazu dient die Semiotik, welche die Kennzeichen wissenschaftlicher Zeichen 
angibt. 

Während daher die Dianoiologie die Kennzeichen angibt, wodurch ein formell 
richtiges Denken sich von einem formell unrichtigen, gibt die Alethiologie die Kriterien 
an, wodurch ein (materiell) wahrer sich von einem (materiell) falschen Gedanken, die 
Semiotik diejenigen, wodurch ein wissenschaftliches Zeichen von einem unwissenschaft- 
lichen, die Phänomenologie die Merkmale, wodurch blosser Schein von realer Erkenntniss 
sich unterscheide. Um dabei zur Vollständigkeit zu gelangen, werden nicht nur in der 
Dianoiologie und Alethiologie die Arten des Denkens, sondern auch in der Semiotik und 
Phänomenologie die Arten der Zeichen und des Scheins einzeln durcligegangen und bei 
jeder derselben ihre Kennzeichen gesondert aufgesucht. Da nun die Arten des Denkens 
überhaupt Begriffe, Urtheile und Schlüsse, jene des wahren Denkens aber wahre Begriffe, 
Urtheile und Schlüsse sind, so werden in der Dianoiologie nacheinander die Kriterien 
formell richtiger Begrift'e, Urtheile und Schlüsse, in der Alethiologie ebenso nacheinander 
die Kriterien wahrer Begriffe, Urtheile und Schlüsse angegeben. In der Semiotik werden 
die Arten der bereits erfundenen Zeichen nacheinander aufgezählt und jede derselben 



22 Zimmermann. 

auf ihre Wissenscliaftlichkeit hin geprüft. In der Phänomenologie endlich werden die 
thatsächlichen verschiedenen Arten des Scheins nacheinander hervorgehoben und bei 
jeder derselben untersucht, woran sie als Schein erkannt werde. In Bezug auf die 
Begriffe begnügt sicli die Dianoiologie die Regeln anzuführen, von welchen die formelle 
Richtigkeit derselben abhängt. Dazu gehört, dass man sich 1. aller Fälle versichere, 
wobei der Begriff vorkommt; 2. dass man prüfe, ob alle wirklich und wie die un- 
möglichen und widersprechenden wegzuschaffen ; 3. dass man ihre gemeinsamen Merkmale 
auch wirklich zusammennehme und in einen Begriff vereinige, da sie in allen wirklichen 
Fällen beisammen sind, also beisammen sein können; 4. dass man prüfe, ob der gefundene 
Begriff' nicht zu allgemein sei oder ob er allgemeiner sein könne. Dass auf diesem Wege 
zwar formell richtige, aber nicht nothwendig materiell wahre Begriffe zu Stande kommen, 
bemerkt die Dianoiologie selbst, denn es kann sowohl rücksichtlich der Vollständigkeit 
als der Wirklichkeit der Fälle, aus welchen der allgemeine Begriff abstrahirt wird, 
eine Mangelhaftigkeit stattfinden. In ersterer Beziehung bleibt ungewiss, ob die Fälle, 
die man etwa nicht weiss, solche Merkmale, die den übrigen allen gemeinsam sind, 
nicht haben; in letzterer Hinsicht ist die eigene Erfahrung der fremden Erfahrung vor- 
zuziehen, aber nicht überall anwendbar. Diese Mängel sind um so bedeutender, ,da die 
ganze Richtigkeit der allgemeinen Erkenntniss davon abhängt' (S. 32). Die , formelle 
Richtigkeit' des auf dem Wege der Abstraction (Analyse) gebildeten Begriffs besteht in 
dem einzelnen Fall darin, dass alle mögliche Aufmerksamkeit auf die Erschöpfung- 
aller Fälle, axif die Ausscheidung aller immöglichen oder widersprechenden Fälle u. s. w. 
verwandt, die materielle W^ahrheit desselben aber damit noch immer nicht über jeden 
Zweifel erhoben ist, indem trotzdem einerseits einige wirkliche Fälle nicht, andererseits 
einige nicht wirkliche Fälle einbezogen worden sein können. "Werden aber Begriffe 
auf dem entgegengesetzten Wege der Determination (Synthese) gebildet, so besteht die 
formelle Richtigkeit des Begriff's darin, dass die obigen Merkmale, aus welchen er 
zusammengesetzt, mit einander verbunden worden sind ; die materielle Wahrheit des so 
gewonnenen Begriff's aber folgt darum keineswegs, da diese Verbindung auch eine will- 
kürliche sein kann. Dass sie es nicht ist, kann entweder durch die Erfahrung, in welcher 
jene Merkmale als vereinigt dargethan werden, oder durch die Construction der Sache, 
an welcher sie sich vereinigen lassen, erwiesen werden. Dass sie willkürlich sei, lässt 
sich durch die Entwicklung der Merkmale und eines in ihnen enthaltenen Widerspruclis, 
der ihre Vereinigung unmöglich macht, klar machen. Während also die formelle Rich- 
tigkeit dort in der Abstraction, hier in der Synthese gelegen ist, vermag weder die eine 
noch die andere für sich allein die materielle Wahrheit des so gewonnenen Begriff's ausser 
Zweifel zu setzen. 

Wie der Begriff eine Verbindung von Merkmalen, so ist das Urtheil die Verbindung 
oder Trennung zweier Begriffe. Jene ist (abgesehen von der Beschaffenlieit der Merkmale) 
gerechtfertigt, wenn dieselben gemeinsame sind, oder die Verbindung keine willkürliche 
ist. Diese ist gerechtfertigt, wenn der Satz, dass das Prädicat dem Subjecte zukomme oder 
nicht zukomme, entweder unmittelbar oder mittelbar eingesehen wird. Unmittelbar, 
wenn dazu nichts weiter gehört als die Vorstellung der beiden Begrift'e selbst (Grundsatz) ; 
mittelbar, wenn obiges Verhältniss zwischen beiden Begriffen, , durch wahre Aufmerk- 
samkeit auf die Sache empfunden wird' (Erfahrungssatz), oder, ,wenn wir einsehen können, 
dass der Satz desswegen wahr sei, weil andere Sätze wahr sind' (Lehrsatz). Unter den 



Lambert, i>Eit Voroängeu Kant's. 23 

Grimdsätzen selbst werden solche, bei welchen beide Begriffe nur den Worten nach 
verschieden sind (identische Sätze), und solche, bei denen das Prädicat ein Merkmal 
des Subjectsbegriffes ist (analytische Sätze), untei'schieden. 

So wenig aus dem Umstand, dass ein Begriff die gemeinsamen Merkmale mehrerer 
Vorstellungen umfasst, oder aus scheinbar weder der Erfahrung noch unter einander 
widersprechenden Merkmalen zusammengesetzt wird, folgt, dass er ein materiell wahrer 
Begriff sei, so wenig folgt aus dem Umstände, dass ein Urtheil Grundsatz ist, dass es 
materiell wahr sei, da die Begriffe, aus deren Vorstellung es entsprungen ist, falsch sein 
können. Ebenso wenig folgt aus dem Umstände, dass ein Urtheil Lehrsatz ist, dass es 
materiell wahr sein müsse, da die anderen Sätze, um derenwillen es wahr ist, falsch sein 
können. Erfahrungssätze dagegen müssen zwar materielle AVahrheit besitzen, aber es bleibt 
bei jedem angeblich bei der Betrachtung der Sache empfundenen Verhältniss der 
Begriffe ungewiss, ob nicht bei , mehrerer Aufmerksamkeit' etwas anderes empfunden 
worden wäre. 

Analyse und erlaubte oder noth wendige Synthese sind die Wege, welche das Denken 
einschlägt, um zu (formell) richtigen Begriffen, Bildung von Grundsätzen, Erfahrungs- 
sätzen und Lehrsätzen sind die Wege, welche es einschlägt um zu formell richtigen 
Urtheilen zu gelangen; bei den Wegen, welche es einschlägt, um zu formell richtigen 
Schlüssen zu gelangen, kommt einerseits die Zahl, andererseits die Beschaffenheit der 
Vordersätze in Betracht. Werden nur zwei Vordersätze angenommen, so können die 
Begriffe in denselben entweder in beiden dieselben, oder in beiden verschieden, oder es 
kann in beiden nur ein Begriff" als derselbe beibehalten sein. Im ersten Fall sind über- 
liaupt nur zwei, im zweiten vier, im dritten drei Begriffe vorhanden (S. 94, I). Der 
erste Fall ergibt die Umkehrungs- und Entgegensetzungsschlüsse, der dritte Fall die 
sogenannten einfachen Schlüsse. 

Die Theorie der letzteren, die eigentliche Syllogistik, wird von Lambert mit be- 
sonderer Ausführlichkeit entwickelt. Zu diesem Zwecke wird von ihm eine besondere 
Form graphischer Darstellung eingeführt, ähnlich wie sein Berliner College Euler in 
den bekannten , Briefen an eine deutsche Prinzessin' that, mit dem Unterschied, dass dieser 
Kreis-, Lambert dagegen gerade Linien zu dem Ende verwendet. Der Umfang eines Be- 
griffs wird durch eine Gerade, die denselben ausmachenden Individuen werden durch Punkte 
dargestellt ; die Länge der Geraden drückt die ,Ausdehnung' des Begriffs (die Weite des 
Umfangs) aus ; Begriffe von ungleichem Umfang (allgemeinere und weniger allgemeine) 
werden durch Gerade von ungleicher Länge versinnlicht. Weil sich das Mehr von 
Individuen, welches der weitere Begriff vor dem engern voraus hat, aber nur in den 
seltensten Fällen ziffermässig bestimmen lässt, so wird dasselbe durch eine ,blinde' Linie 
symbolisirt und es entsteht nachstehende Figur: 



a, 



wobei die Summe der blinden und der ,vollen' Geraden den Umfang des weiteren, die 
volle allein jenen des engeren Begriffs repräsentirt. 

Unter dieser Annahme werden nun die verschiedenen Formen des Urtheils von Lambert 
geschrieben, wie folgt: 

Das allgemein bejahende Urtheil: Alle A sind B erhält die Formel: 



24 Zimmermann. 

B b . 

A a 

oder kurzweg: B 



■wobei die kürzere Linie den. Umfang des Subjects, die längere jenen des Prädicats aus- 
drückt, da zwar alle Individuen des Umfangs von A aucli unter jenen von 5, aber nicht 
umgekehrt, ausser wenn beide Wechselbegriffe sind, fallen müssen. 

Das allgemein verneinende Urtheil wird ebenso durch die Formel : 

A a B^ 6, 

das particulär bejahende durch die Formel : 

B h 

A , 

das particulär verneinende durch die Formel : 

.... .4 ... . B b 

ausgedrückt, wobei die Ausschliessung des B von den , einigen A^ dadurch augedeutet 
erscheint, dass A seitwärts von 5 gesetzt und auf beiden Seiten punktirt wird. 

Durch die Anwendung obiger Bezeichnungsart auf die einfachen Schlüsse erhält 
man z. B. für Barbara die Formel : 

F p 

M m 

S s, 

aus welcher die Unterordnung von M unter P, von iS' unter M und folglich auch unter 
P von selbst erhellt. Diese Bezeichnung wird von Lambert durch die bekannten Figuren 
und Modi des kategorischen Schlusses durchgeführt, zu den üblichen Schlussarten aber 
im näcbsten (V.) Hauptstück, das ,vom zusammengesetzten Schlüsse und den nächsten 
Umwegen im Schliessen' handelt, noch eine Anzahl (7) neuer mit besonderen Namen 
versehener Schlussarten hinzugefügt. 

Als zusammengesetzte Schlüsse bezeichnet Lambert solche, die aus , zusammenge- 
setzten Sätzen', nämlich entweder aus bedingten, oder aus c o p u 1 a t i v e n, oder aus 
disjunctiven gezogen werden. Diese sind es zugleich, bei welchen der oben an 
zweiter Stelle erwähnte Fall, dass nämlich vier von einander verschiedene Begriffe in 
den Prämissen vorkommen können, enthalten ist. 

Als , nächste Umwege im Schliessen, d. i. als solche, die man nehmen kann, einen 
Satz zu beweisen, wenn derselbe durch ganz einfache Schlussarten nicht so leicht kann 
bewiesen oder gefunden werden', führt er sieben Schlussarten an (§. 284), deren Ober- 
satz entweder copulatiy oder disjunctiv, deren Mittelglied entweder ,collectiv, disjimctiv 
oder remotiv', imd im ersten Fall ,ganz bejahend', im zweiten ,unbestimmt (particulär) 
bejahend', im dritten durchaus verneinend ist. Die Namen derselben werden von ihm 
unter der Annahme gebildet, dass die Copulation durch C, die allgemeine Bejahung durcli 
A, die Disjunction durch Z), die besondere Bejahung durch /, die Eemotion durch /?, 
die allgemeine Verneinung durch E^ Subject und Prädicat aber durch S und P ausgedrückt 
werden. Unter dieser Voraussetzung erhält die erste Schlussart der Form 



Lambert, der Vorgänger Kant's. 25 

I. A ist entweder Ü oder D oder E 

Nun abei" sowolil C als D als E ist B 



folglicli A ist B 
oder: C, D^ E . . . sind /l (Arten von ^) : copulativ 

5 ist e ntweder C oder Z) oder E . . .: disjunctiv 
also ffehürt A selbst unter B. 

den Namen: CAS — FID—A, in welcKeni ,alles bedeutend' ist. Derselbe enthält (wie jeder 
der übrigen sechs) 1. drei Silben und deren zwei erste enthalten je drei Buchstaben; 2. die 
erste Silbe stellt den Obersatz (A), die zweite den Untersatz (I), der Vocal am Schlüsse 
den Schlusssatz (A) vor ; 3, der Buchstabe C in der ersten Silbe zeigt die Beschaffenheit 
des Mittelglieds im Obersatz (wo es collectiv : C+ D + E . . . sind A), der Buchstabe D 
dieselbe im Untersatze an (wo es disjunctiv: ß ist entweder C oder DE... lautet) 4. der 
Buchstabe S in der ersten Silbe zeigt an, dass das Mittelglied im Obersatz Subject, der 
Buchstabe F in der zweiten Silbe, dass es im Untersatz Prädicat ist. 

Die übrigen Namen lauten: Serpide, Saccapa, Dispaca, Diprepe, Ferdipe, Diprest. 

Der Schluss in Casjnda soll (§. 287) mit der Induction, Diprepe und Serpide sollen 
nach §. 281 mit dem lemmatischen Schluss zusammenfallen. Ersteres tritt nur ein, wenn 
die Induction vollständig ist, letzteres, wenn die hypothetische Form in eine kategorische 
verwandelt wird. Kennt man nämlich alle Arten von A (collectiver Obersatz) und weiss, 
dass jede derselben untei- B gehört (disjunctiver Untersatz), so versteht es sich allerdings, 
dass auch A unter B gehört (allgemein bejahender Schlusssatz). Setzt man statt der 
hypothetischen Schlussarten: 1. Wenn .4 B ist, so ist A entweder C oder D. Nun ist 
A weder C noch Z», also ist A nicht B, und 2. wenn A B ist, so sind entweder die 
mA oder die nA B- mm sind weder die mA noch die nA B^ also ist .4 nicht B, die 
(gleichgeltenden) kategorischen: 1. B ist entweder C oder D, A ist weder C noch i>, 
also ist A nicht 5, und 2. weder mA noch nA sind B^ A ist entweder- mA oder nA^ also 
ist A nicht £, so stimmt jene mit der Schlussart Diprepe^ diese mit Serpide überein. 

Hierauf werden die ,Schlussketten', und zwar sowohl der directe als der umgekehrte 
(Goclenianische) Schluss als ,nächster und eigentlich gerader Weg' einen Satz aus einem 
andern durch mehrere Mittelglieder abzuleiten, sodann aber die dabei, wenn einer oder 
mehrere dieser Mittelbegriffe zusammengesetzt (collectiv, disjunctiv oder remotiv) sind, 
vorkommenden ,Umwege' abgehandelt, deren Schlussketten der Beschaffenheit der Mittel- 
glieder entsprechend, aus den obigen ,neuen' Schlussarten, wie Caspida usw. zusammen- 
gesetzt erscheinen. 

Das sechste Hauptstück der Dianoiologie, das von den Beweisen handelt, geht davon 
aus, dass ein Satz durch eine Schlussrede bewiesen wird, wenn die Form richtig ist 
und die Vordersätze wahr sind. Sind die letzteren ,Grundsätze' oder ,Erfahrungen', so wird 
ihre Wahrheit ,für sich zugegeben' und die Sclilussrede ist zum Beweise hinreichend. Sind 
sie es nicht, so müssen sie so lange bewiesen werden, bis man auf Vordersätze kommt, 
deren Wahrheit ,für sich einleuchtend' ist. 

Gegen diese Beweisform, die analytische (regressive), wendet Lambert ein, dass sie 
dasjenige, was durch sie bewiesen werden soll, die Wahrheit des Schlusssatzes, voraus- 
setze. Denn ,wäre er falsch, so würde er sich gar nicht beweisen lassen, da aus richtiger 
Form und wahren Vordersätzen nur ein wahrer Schlusssatz folgen kann' (S. 208, §. 315). 

Dcnischriften der phil.-hiet. Cl. XXIX. Bd. "^ 



Oß Zimmermann. 

Kennt mau aber die Wahrheit des Satzes, den man beweisen will, vorher, sei es aus 
Gründen, sei es aus der Erfahrung, so ist der Beweis überflüssig. 

Lambert findet die synthetische (progressive) Beweisform, die bei den Vordersätzen 
anfängt, , ungleich natürlicher', und wenn man bei den , ersten Grründeu' anfängt und diese 
wirkliche , Grundsätze' sind, die , absoluteste und kürzeste' Methode zu beweisen. Sie habe 
aber den Uebelstand, ,zu keinem bestimmten Ziele zu führen', weil man ,bei den nach 
und nach angenommenen Vordersätzen nicht voraussehen kann, ob die daraus folgenden 
Schlusssätze etwas Erhebliches an sich haben oder von der Art sein werden, wie man 
sie zu gewissen vorgenommenen Absichten zu finden Vorhabens war'. 

Er empfiehlt zwischen der analytischen Methode, die den Schlusssatz kennt, und der 
synthetischen, die ihn nicht kennt, einen Mittelweg, welcher den Schlusssatz .gewisser 
Maassen kenntlich macht, ohne ihn vollends zu bestimmen und es sodann der synthetischen 
Methode überlässt, die dazu dienenden Vordersätze aufzufinden', kurz ,den Leitfaden 
angibt, der zum Ziele führt oder wenigstens die Abwege anzeigt'. 

Der Dianoiolog selbst fühlt, dass das leichter empfolilen als gethan ist. Zwar soll es 
damit allezeit , leicht und ordentlich' gehen, wenn mau den Schlusssatz und die Avesent- 
lichsten Mittelglieder, wenn auch nur ,confus' und so weit sich vorstellt und , gleichsam 
empfindet', als zu dem ,Bewusstsein', dass sich etwas daraus werde finden lassen, genug 
ist. Denn da kommt es nur darauf an, dass man diese Vorstellung, die ,etwan noch 
einem Chaos (Cahos!)' gleicht, entwickele und in ,behüriger' Ordnung auseinander lese!' 
Allerdings wäre dies , genug' • denn diese Vorstelhmg wäre schon der Schlusssatz sammt 
dem zu ihm führenden AVege selbst, nur noch nicht ,klar und deutlich', sondern ,confus', 
nicht mit Bewusstseiu gemacht, auseinandergelegt und entwickelt, sondern bloss , empfun- 
den' ; in jedem Fall aber durcli einen glücklichen Instinkt oder vielmehr durch eine 
dianoiologische Intuition vor aller Avissenschaftlichen Beweisführung , gefunden'. 

Dass ein solcher Fund nicht das AYerk methodischer , Geschicklichkeit', sondern viel- 
mehr bloss , Schicklichkeit', ein Glücksfall sei, der sich , nicht immer' einfindet, räumt 
unser Philosoph selbst ein. Daher hält er es keineswegs für überflüssig, zu selien, 
, inwiefern der Schlusssatz überhaupt schon kenntlich sein kann, ehe man ihn vollends 
bestimmt hat'. Zu dem Ende werden von ihm drei Fälle aufgestellt: 

Der Schlusssatz sei : A ist i?, so lässt sich B als eine Gattung und A als eine Art 
ansehen. Nun ,kann' sowohl A als B unter einem allgemeinen, oder A besonders unter 
einem specialen BegriÖ' bekannt sein. Nun weiss man ,etwan' 1. dass A unter die Gattung 
C gehört und dass C eine höhere Gattung ist; 2. dass unter den Arten der Gattung I) 
eine vorkomme, welche die Eigenschaft B hat ; 3. dass eine Art oder ein Individuum 
oder einige derselben die Eigenschaft B haben. 

So wussten Bernoulli und Newton z. B., dass die Planetenbahnen krumme Linien 
seien, aber noch nicht, dass sie Kegelschnitte seien. Sie kannten also die höliere Gattung, 
unter welche die Planetenbalmen fallen, aber nicht die Art derselben, unter welche sie 
fallen. Mit Hilfe jener Kenntniss und mit Zuziehung einiger Erfahrungen und mecha- 
nischer Gründe haben sie die letzteren herausgebracht. Beispiel des ersten Falls. 

So glaubt Lambert zu wissen, dass es im Schliessen sieben .nächste Umwege' gebe, 
und die Schlussformen der (vollständigen) Induction und des Dilemmas nächste Umwege 
seien. Mit Hilfe letzterer Kenntniss bringt er heraus (§§. 287, 288), dass die Induction 
unter Caspida, das Dilemma unter Diprepe und Serpide gehören. Beispiel des zweiten Falls 



Lambert, der Vorgänger Kant's. 27 

Endlich, wenn man weiss, dass die Induction oder das Dilemma ein , Umweg' ist, 
kann man mittels dieser Kenntnis» sich vornehmen, jede Art von Umwegen oder besonders 
jede Art einfacher Umwege aufzusuchen. Beispiel des dritten Falls. 

In allen genannten Fallen ist der Schlusssatz insofern allerdings , bestimmt', als das 
Prädicat desselben in gewisse Grenzen eingeschlossen, z. B. jede Gerade von der Möglichkeit, 
eine Planetenbahn darzustellen, ausgeschlossen wird. Fraglich bleibt, ob der Schlusssatz 
dadurch schon , kenntlich' gemacht sei? Immerhin liegt in der Verengerung des Umfangs, 
innerhalb dessen das Prädicat des Schlusssatzes enthalten sein muss, eine Annäherung an 
die Lösung der gestellten Aufgabe. 

Vorstehenden directen ßeweisarten, durch welche der Satz selbst als war, stellt 
die Dianoiologie die indirecte (apagogische) Beweisart zur Seite, durch welche die 
Falschheit des Gegentheils erwiesen wird. Da nun letztere dadurch dargethan wird, 
dass aus der Annahme des Gegentheils einleuchtend falsche Folgen sich ergeben, so 
kommen beide Beweisarten darin Uberein, dass ihnen das Verhältniss zwischen Gründen 
und Folgen in der Weise zu Grunde liegt, dass die einen in den anderen implicite ent- 
halten sind. 

Von dieser Beweisart ist nun diejenige verschieden, bei welcher die Gründe in den 
Folgen nicht enthalten sind. 

Wenn die Gründe in den Folgen und diese in jenen enthalten sind, so können 
dieselben nur entweder sich mit einander decken oder die Gründe mehr, die Folgen weniger 
enthalten. Im ersten Fall bewegt sich das (analytische sowohl wie das synthetische) Beweis- 
verfahren durchaus in identischen Sätzen. Im zweiten Fall wird im regressiven Ver- 
faliren von einem minder Allgemeinen zum Allgemeineren zurück-, im progressiven von 
einem Allgemeineren zum minder Allgemeinen weiter geschlossen. 

Wenn aber die Gründe in den Folgen nicht enthalten sind, so sind sie auch nicht 
bekannt, wenn die Folgen bekannt sind; letztere können daher nicht durch erstere be- 
wiesen werden. 

Fälle dieser Art sind in der ,iS[aturlehre' ,sehr häutig', wo uns die , Erfahrungen' 
Schlusssätze angeben, zu welchen die allgemeinen Gründe zu suchen sind, wodurch sie 
bewiesen werden können. Da man nun dergleichen , gemeiniglich nicht vorräthig habe', 
so habe man sie bisher mehrentheils ,willktirlich' als , Hypothesen' angenommen. Will- 
kürliche Annahmen aber beweisen nichts, sondern müssen erst selbst bewiesen werden. 

Der Fehler des , synthetischen' Beweisverfahrens ist somit kein Cirkel, denn die 
Folgen der Annahmen werden nicht durch diese bewiesen; aber ein Sprung, denn die 
Annahmen sind unbewiesen. Es soll nun genauer untersucht werden, wie das Miss- 
liche dieses Verfahrens vermieden vrerden kann. 

§. 404 entwickelt den Fall folgendermassen. Man habe sich von der Wahrheit 
eines Satzes , durch die Erfalirung' versichert; die Gründe woraus man denselben erweisen 
könnte, fehlen. Der Satz muss sich beweisen lassen, da er wahr ist ; da aber die Gründe 
dazu mangeln, so wäre es vergebens die analytische Methode anzuwenden, weil diese 
die Möglichkeit der Auflösung des Schlusssatzes in seine Vordersätze, also die Be- 
kanntschaft mit den Gründen voraussetzt. Man muss demnach den umgekehrten 
Weg gehen: ,die Erfahrung zu Grunde legen und ihre ersten Gründe 
direct daraus herleiten, ohne sie (die Erfahrung) selbst nachgehend» 
aus diesen beweisen zu wollen'. 

4* 



29 Zimmermann. 

Der Unterschied dieses Verfahrens von dem analytischen besteht darin, dass in dem 
letzteren der zu beweisende Satz durch seine Gründe bewiesen wird, in jenem dagegen 
dessen Gründe durch die Wahrheit des Satzes bewiesen werden. 

Der Unterschied desselben vom hypothetischen Verfaliren liegt aber darin, dass bei 
dem letzteren die Wahrheit der Erfahrung aus einer willkürlichen Annahme erwiesen, in 
jenem dagegen die Wahrheit der Annahme aus der (anderswoher , versicherten') Wahr- 
heit der Erfahrung erwiesen wird. 

Dagegen hat das in liode stehende Verfaliren mit dem analytischen gemein, dass 
in beiden der Schlusssatz als wahr vorausgesetzt wird; mit dem hypothetischen, dass zu 
dem als wahr versicherten Schlusssatz eine , Annahme' hinzugefügt wird ; letztere dient 
aber weder den (ohnehin als wahr bekannten) Schlusssatz zu beweisen, noch ist sie , will- 
kürlich', sondern durcli die Wahrheit des Schlusssatzes selbst notli wendig. 

Die Schlussfolgeruug ist diese : Ist ein gewisser Satz wahr, so sind es auch seine 
Gründe; nun ist dieser Satz wahr, also sind es auch seine Gründe. Auf diese Weise 
wird nicht der Satz durch seine Gründe, sondern werden umgekehrt diese durcli ihre 
Folge bewiesen. Die so beschaffene , Hypothese' ist keine , willkürliche', sondern eine 
nothwendige Annahme, wenn jener Satz wahr sein soll. Dass sie aber eine wahre sei, 
wird durch die Wahrheit des Satzes, nicht dieser durch sie erwiesen. 

Die Conditio sine qua non dieses Verfahrens ist, dass man von der Wahrheit des 
Satzes, welcher den Ausgangspunkt bildet, ,versichert' sei. Da die Gründe desselben 
der Annahme zufolge unbekannt sind, so kann jene , Versicherung' nicht von dei- Kenntniss 
seiner wirklichen Gründe herrühren. Dieselbe muss anderswoher dargeboten sein. 

Andererseits kann der als wahr versicherte Satz der durch ihn , unvermeidlich' ge- 
machten Annahme nicht mehr Sicherheit gewähren, als er selbst besitzt. Dieselbe ist 
daher keineswegs willkürlicli, aber nur so weit gewiss, als er selbst gewiss ist. 

Jenes , anderswoher' nun ist nach Lambert nichts anderes als die Erfahrung, und 
daher kommt es, dass die ,sehr häufigen' Fälle, in welchen obiges Verfahren angewendet 
wird, der , Naturlehre' angehören. Steht nämlich ein Satz durch Erfahrung fest, und 
werden, indem man denselben zu Grunde legt, dessen Gründe direct aus ihm hergeleitet, 
so stehen auch diese so fest wie er selbst und werden durch ihn erwiesen. Die Erfahrung 
ist es also, welche die Hypothese stützt und keineswegs jene, welche durch diese ge- 
stützt wird. Aber sie stützt sie nur dann, wenn dieselbe nicht willkürlich, sondern auf 
Grund der Erfahrung als deren Grund direct aus ihr abgeleitet ist. 

Die Wahrheit der Erfahrung macht die Annahme unvermeidlich ; die Annahme 
ihrerseits macht jene Wahrheit begreiflich. Das Bekannte (die Thatsache) führt zur 
Annahme eines (bisher) Unbekannten (der Hypothese). Die Beschaffenheit dieses Unbe- 
kannten aber wird in derjenigen Weise gedacht, wie es durch die Beschaffenheit des 
Bekannten (der Erfahrung) noth wendig gemacht wird. Da das bisher Unbekannte (die 
Hyjiothese) in einer "\\'eisc gedacht werden soll, dass es den Grund des Bekannten (der 
Erfahrung) abzugeben vermag, so muss der Inhalt der Annahme in der Weise gedacht 
werden, dass er den Inhalt der Ei'fahrung zu begründen vermag. 

Der Inhalt der Annahme hängt von der Analyse des Inhalts der Erfahrung, die 
Gewissheit der Annahme hängt von der Gewissheit der Erfahrung ab. Das bisher ge- 
schilderte Verfahren ist analytisch in einer , anderen' Gestalt und in einem , ungleich 
engeren und genaueren Verstände', als die gewöhnlich sogenannte analytische Methode. 



Lambert, dek V^orgängek Kants. 29 

Hätte obiges Verfahren ausschliesslicli den Zweck, den als wahr ohnehin bekannten 
Satz zu beweisen, wie das analytische Verfahren, so wäre es so überflüssig wie dieses ; 
den Zweck aber, die (unbekannten) Gründe desselben zu , wissen', kann das analytische 
Verfahren nicht haben, weil es dieselben aus dem bekannten Schlusssatz ebenfalls schon 
kennt; gerade diesen Zweck aber hat das in Rede stehende Verfahren, welches desshalb 
zu den schwierigsten gehört und von dem auch in der Naturlehre, ,so erwünscht sie 
wären', nur , wenige Beispiele' vorhanden sind. 

Die analytische Methode ist ein Beweisverfahren des Bekannten durch Bekanntes ; 
das obige ein solches eines Unbekannten durch Bekanntes. Von der durch Erfahrung 
,Tersicherten' Wahrheit ist der Inhalt bekannt, aber nicht durch Gründe bekannt, aus 
Avelchen derselbe mit innerer NothAvendigkeit folgt, sondern durch , Erfahrung', welche 
uns seiner Wahrheit , versichert'. Wir möchten nun aber' auch die Gründe Avisseu, aus 
welchen jener Inhalt mit Nothwendigkeit folgen würde, wenn wir desselben nicht durch 
die Erfahrung ohnehin sicher wären, und auf die Entdeckung dieser noch , unbekannten' 
Gründe, richtet sich obiges Verfahren. 

Es leuchtet ein: gelingt es uns diejenigen Gründe zu entdecken, aus welchen die 
durch Erfahrung ohnedies gesicherte Wahrheit folgt, so wird dadurch letztere nicht be- 
wiesen, denn sie steht von vornherein fest • wohl aber wird die ßichtigkeit unserer Ent- 
deckung dadurch erwiesen, weil aus den von uns entdeckten Gründen das Nämliche 
folgt, was die Erfahrung ohnedies als Wahrheit , versichert'. Dadurch also, dass die Hypo- 
these die Thatsache begründet, wird nicht die Thatsache, sondern die Hypothese bestätigt. 

Dass aber der Satz, von dessen Wahrheit uns die , Erfahrung' versichert, sich be- 
weisen lassen muss, wissen wir, weil er wahr ist. Jede Wahrheit als solche kann nur 
eines von beiden sein: entweder eine Grundwahrheit oder eine durch andere Wahrheiten 
begründete Wahrheit. Die gestellte Aufgabe besteht daher einzig darin, aus einer ge- 
gebenen Wahrheit als Folge (Schlusssatz) deren nicht gegebene Gründe (Vordersätze) 
zu finden. 

Nicht mit der Absicht und zum Zweck des Beweises, sondern einzig zur Befriedigung 
unserer Wissbegierde ; nicht aus praktischen, sondern aus rein theoretischen Gründen. 
Für die Praxis genügt es, durch Erfahrung versichert zu sein, dass ein gewisser Satz 
wahr sei; die Wissenschaft erheischt die Kenntniss der Gründe, um deren willen er 
wahr sein muss. Wenn daher jeder Satz, von dessen Walirheit wir nur durch Erfalirung 
versichert sind, eine empirische, dagegen jeder, dessen Wahrheit aus anderen Wahrheiten 
abgeleitet ist, eine rationale Erkenntniss schaffen soll, so geht jene Methode darauf aus, 
alle nur empirischen in rationale Erkenntnisse oder nach Lambert' s Terminologie , Er- 
fahrungssätze' in , Lehrsätze' zu verwandeln. 

Wo daher wie in der , Naturlehre' die Fälle , häufig' eintreten, dass wir von der 
Wahrheit eines Satzes nur durch die Erfahrung ,ve]-sichert' sind, da wird zwar nicht 
das Bedürfniss, durch die Erfahrung Gesichertes zu beweisen, aber das Verlangen die 
, Gründe' des empirisch Gewissen zu , wissen', sich ebenso häufig einstellen. Weil aber 
letzteres erst dann zur ßuhe gelangt, wenn die wirklich ,ersten' Gründe gefunden sind, 
so ist es begreiflich, dass die Tendenz zur bei den ersten Gründen abschliessenden 
Metaphysik eben von der Naturlehre ausgeht. 

Die Erfahrung soll nicht aus den ersten Gründen abgeleitet, bewiesen, vielmehr 
umgekehrt sollen die ersten Gründe durch die Erfahrung erwiesen werden. Weil die 



30 



ZlMMEUMANN. 



Erfahrung gilt, muss auch dasjenige gelten, was sicli zu ihr wie ihre , ersten Gründe' 
verhält. Die Erfahrung ist der Bürge, die ersten Gründe das , Verbürgte', Das Gewicht 
der Beweisführung ruht einzig auf demjenigen, das die Erfahrung als solche besitzt; 
ohne dieselbe luitten die ersten Gründe höclistens den Wertli einer beliebigen Fiction; 
durch dieselbe erhalten sie den Rang einer nothwendigen Voraussetzung. 

Das o-anze Verfahren lässt sich, was Lambert nicht tliut, auf einen hypothetischen 
Schluss zurückfilhren. Wenn ein gewisser Satz A gilt, so müssen auch andere: B^ C^ D . . . 
gelten. Nun gilt J, d. h. wir sind seiner durch Erfahrung versichert oder ^A ist eine 
Erfahrung'. Also müssen auch i?, 6', D . . . gelten. 

Man sieht, dass dieses von Lambert hervorgehobene Verfahren von jenem der Meta- 
physik seiner Zeit z. B. der AVolf'schen, gerade das entgegengesetzte ist. Letzteres geht 
davon aus, von Sätzen, von deren Wahrheit wir nicht , anderswoher', z. B. durch Er- 
fahrunö-, versichert, sondern die durch sich selbst gewiss sind, die Wahrheit 
anderer Sätze als Folgen abzuleiten. Jenes aber geht davon aus, von Sätzen, die nicht 
durch sich selbst gewiss, sondern durch Erfahrung d. h. anderswoher gewiss sind, andere 
Sätze als Gründe abzuleiten. Dort ist es die eigene Evidenz der ersten Gründe, welche 
die Folgen, hier ist es anderswoher (durch Erfahrung) versicherte Evidenz der Folgen, 
welche den Gründen Sicherheit verleiht. Jenes vergleicht Lambert selbst mit jenem 
der Geometer, insbesondere mit dem des Euklides ; dieses dagegen, wie seine Anführung 
der ,Naturlehre' beweist, mit jenem der Physiker. Während jenes die Folgen aus den 
ersten aus sich selbst gewissen Gründen, deducirt dieses die ersten Gründe aus deren 
nicht durch sich, sondern durcli die I-]rfahrung gewissen Folgen. 

Der wichtigste Unterschied beider Deductionsarten liegt in deren verschiedenen x\.us- 
gangspunkten. Der durch sich selbst gewisse und der durch Erfahrung gewisse Satz 
sind beide gewiss, doch in einer ganz verschiedenen Weise gewiss. Jener hat, wie wir 
sagen, unbedingte, dieser dagegen nur bedingte Gewissheit. Da nun der Satz, aus welchem 
ein anderer abgeleitet wird, letzterem nicht mehr Gewissheit verleihen kann als er selbst 
besitzt, so kann der nur durch Erfahrung gewisse Satz auch den daraus abgeleiteten 
ersten Gründen nur bedingte Gewissheit ertheilen, während der durch sich selbst gewisse 
Satz seinen Folgen unbedingte Gewissheit gewährt. 

Lambert macht keinen Unterschied zwischen beiden Arten der , Gewissheit'. In 
seinen Augen ist die Gewissheit des Satzes, dessen wir durch Erfahrung ,versichert' sind, 
nicht verschieden von jener desjenigen, der durch sich selbst gewiss ist. Zwar bezeichnet 
er diesen als , Grund-', jenen als , Erfahrungssatz', aber es tritt nicht hervor, dass er rück- 
sichtlich des Grades der Gewissheit zwischen beiden einen Unterschied macht. Bei jenen 
liegt das Bewusstsein, dass AB sei, in der blossen Vorstellung der Begriffe A und 5 
(§. 146), bei diesen entsteht es durch unsere Aufmerksamkeit auf die Sache (§. 147), 
in Folge welcher, dass A B sei, , empfunden' wird; es wird aber nicht angemerkt, dass 
der Grad der Zuversicht, mit welcher das Prädicat dem Subject A zugesprochen wird, 
in dem Grundsatz ein anderer als in dem Erfahrungssatz sei. Lambert scheint (hiher 
beide als ganz gleichwerthig anzusehen. 

Statt den Grad der Gewissheit zu untersuchen, welche ein durch Erfahrung ,ver- 
sicherter' Satz seinen ersten Gründen zu gewähren vermag, beschäftigt sich Lambert 
angelegentlich mit der Frage, wie aus dem Inhalt des durch Erfahrung gewissen Satzes 
der Inhalt seiner ersten Gründe gewonnen zu werden vermag. Denn da durch Erfahrung 



Lambert, der Vorgänueu Kant's. 31 

iiuuächst mir du einziger Satz feststeht, und die Gründe desselben gefunden werden 
sollen, so besteht die zu lösende Aufgabe eigentlich dai-in, aus dem bekannten Rcliluss- 
satze dessen unbekannte Vordersätze zu finden. 

Dass es damit ,so leicht nicht gehet', gesteht Lambert (§. 405) selbst. Denn da der 
Schlusssatz zwar den Ober- und Unterbegriff, aber uiclit den Mittelbegriff enthält, so 
fehlt gerade dasjenige Mittelglied, durch welches die Verbindung zwischen Subject und 
Prädicat des Schlusssatzes hergestellt, also als innerlich nothwendig begründet werden 
soll. Statt aus der bekannten Verknüpfung zwischen A und M, und B und ü/, die 
unbekannte zwischen A und B, lautet die Aufgabe dahin, aus der bekannten Verbindung 
von A und B, nicht mir die unbekannte Verbindung des A mit M und des B mit M, 
sondern das unbekannte M selbst zu finden. Dieselbe kann nur gelöst werden (§. 406), 
wenn einer der beiden Vordersätze (oder beide) identiscli, also M mit A oder B oder 
mit beiden ein AVechselbegrift' ist. In diesem Falle haben wir uämlicli zwei Vorder- 
sätze, um daraus M zu finden: den bekannten Schlusssatz, der hier zum Vordersatze 
wird, und die Bedingung, dass einer dei- gesuchten Vordersätze (oder beide) identisch, 
also das gesuchte M entweder mit A oder mit B (oder mit beiden) identisch sei. Nehmen 
wir der Einfachheit wegen das letztere an, so dass A ^= B ^ M die Bedingung dar- 
stellt, so sind mit dem Schlusssatz: A ist 7?, der durch Erfahrung feststeht, auch dessen 
Vordersätze : A ist M, M ist 5, gegeben und der Schluss lautet : 

il/ ist B 
A ist 31 
A ist B 

Da jedocli identische Sätze ,noch nicht so häufig' sind, und man die vorher (§. 404) 
erwähnte , analytische Methode' ohne Zusiclierung von solchen nicht gebrauchen kann, 
so ,ist es kein Wunder, warum wir in der Naturlehre, in Absicht auf die Gründe der 
Erfahrungen, noch ziemlich weit zurückbleiben'. 

Aus Vorstehendem sieht man, dass Lambert als methodologisches Ideal eine Methode 
vorschreibt, durch welche es möglich gemacht würde, alles desjenigen, dessen wir jetzt 
durch Erfalirung ,versic]iert' sind, durch , Gründe' versichert zu sein. Niclit um unsere 
Kenntniss zu vermehren, denn wir würden der Sache nach durch dieselbe nichts anderes 
kennen lernen, als was wir jetzt schon durch , Erfahrung' wissen. Auch nicht um dasselbe 
mit Sicherheit zu wissen; denn wir sind durch Erfalirung dessen schon , versichert', und 
Lambert wenigstens verräth mit keinem Wort, dass er die durch Erfahrung erlangte 
Gewissheit für geringer anselie, als diejenige, welche auf der Erkenntuiss der .ersten 
Gründe' des Erfahrenen beruht; sondern einzig zur Befriedigung unserer Wissbegierde, 
um eines und das nämliche Gewisse nicht bloss in der Form eines Erfahrung s- sondern 
auch in der eines Lehrsatzes zu besitzen. 

Würde dieses Ideal jemals erreicht, so besässen Avir zu all demjenigen, was wir gegen- 
wärtig mir durch Erfalirung wissen, nocli eine zweite Form des Wissens, oliue dass 
dadurch jenes im mindern Grad Wissen wäre. Wir vermöchten das Nämliche, welches wir 
jetzt , durch unsere Aufmerksamkeit auf die Sache selbst empfindeji' (als Erfahrungs- 
satz einsehen), durch dessen Verbindung mit anderen Sätzen (als Lehrsatz) einzusehen. 
Oder mit anderen Worten, wir vermöchten, was wir gegenwätig durch Anschauung 
wissen, aus blossen Begriffen abzuleiten. 



32 Zimmermann. 

Dabei liegt die Voraussetzung zu Grunde, dass die Anschauung und der Begriif 
einander decken, oder dass das duroli die erstere Gegebene und das aus dem letzteren 
Abgeleitete mit einander übereinstimme. ])er Inhalt der Erkenntniss bleibt stets der 
nämliche , ob wir denselben , mittels mehrer Aufmerksamkeit auf die Sache' durch 
,Emptin(lung', oder mittels Verbindung mit anderen Sätzen durch , Folgerung' gewinnen. 
Von dem Inhalt des ,Erfalirungssatzes' zu den , ersten Gründen' zurückgehend, müssen 
wii- zu Sätzen gelangen, von Avelchen aus folgernd wir wieder zu dem Inhalt des Er- 
fahrungssatzes als Lehrsatz gelangen müssen. Die regressive Reihe von dem Erfahrungs- 
satz zu dessen Grund, und die progressive ßeibe von diesem Grunde zu dem Erfahrungs- 
satz, bilden dem Inhalt nacli eine Reihe, die nach entgegengesetzten Richtungen im 
Denken durchlaufen wird, je nachdem dieselbe durch Analyse des Inhalts des Erfahrungs- 
satzes dessen Gründe, durch synthetische Folgerung aus den Gründen den Inhalt des 
Erfahrungssatzes wieder gewinnt. 

Letzteres Resultat dient zugleich als Probe, dass wir aus dem zu Grunde gelegten 
Inhalt des Erfahrungssatzes dessen Gründe richtig erschlossen haben. Wäre das nicht 
der Fall, so könnte die richtige Folgerung daraus auch den Inhalt des zu Grunde gelegten 
Erfahruugssatzes nicht ei'geben. Die auf Grund der Analyse der zu Grunde gelegten 
Erfahrung gebildete Hypothese ist nur dann nicht willkürlich, sondern der wirkliche 
Grund, wenn der mit ihrer Zugrundelegung gefolgerte Schluss- wieder der Inhalt des 
lu-sprünglich gegebenen Erfahrungssatzes ist. 

Das Ideal des von Lambert angegebenen Verfahrens geht darauf hinaus, von dem 
durch Erfahrung versicherten Erkenntnissinhalt ausgehend, diejenige Voraussetzung zu 
finden, aus deren Zugrimdelegung umgekehrt der Inhalt der Erfahrung als Folgerung 
entspringt. 

So sind wir z. B. durch Erfahrung versichert, dass ein gewisses Gestirn zu ver- 
schiedenen Zeiten des Jalires an drei verschiedenen Punkten im Weltraum sich befunden 
hat. Legen wir diese Erfahrung zu Grunde, und berechnen daraus die Bahnelemente 
des Weltkörpers, so liegt die Probe dafür, dass wir richtig gerechnet haben, darin, dass, 
wenn wir jene Bahnelemente zu Grunde legen und daraus den Ort des Weltkörpers 
für obige drei Zeitpunkte ableiten, der berechnete Ort mit dem wirklich beobachteten 
(der ursprünglichen Erfahrung) zusammentrifft. 

Um aber jene Berechniuig zu vollziehen, wird folgender Gang eingeschlagen. Es 
ist aus den allgemeinen Bewegungsgesetzen der Himmelskörper bekannt, dass wenn sich 
derselbe zu gewissen Zeitpunkten an gewissen Orten im Weltraum soll befunden haben 
können, jene Bahn eine Kegelschnittsform von gewisser Beschaffenheit (Parameter, 
Axe u. dgl.), eine bestimmte Neigung gegen die Ekliptik, der Körper selbst eine ge- 
wisse Geschwindigkeit, Umlaufszeit usw. besessen haben muss. Nun hat sich der in 
Rede stehende Körper in jenen Zeitpunkten an jenen Orten wirklich befunden, wie 
durch Beobachtung (Erfahrung) sichergestellt ist ; folglich müssen die obigen ßahn- 
elemente wirklich die seinigen sein. 

Oder: Das Vorhandensein des Körpers A zu den Zeiten i, t', t" in den Orten 
A", A', A"" im Weltraum ist nuj- unter Annahme der Voraussetzung möglich, dass seine 
Bahn, Umlaufszeit, Geschwindigkeit usw. die Beschaft'enlieiten a, a', a" . . besitzen. 

Dass dasselbe aber wirklich nur unter dieser Voraussetzung möglich ist, ergibt sich, 
wenn ich die letztere zu Grunde lege und daraus die Oi-te A", A', X" . . . für die Zeiten 



Lambert, der Vorgänger Kant's. 33 

/^ t' t" . . . wieder, dagegen unter Zugrundelegung jeder anderen Art von Bahnelementen 
andere Orte (als die beobachteten) erhalte. 

Indem ich auf diese Weise die Bahnelemente aus den beobachteten Oi-ten und um- 
gekehrt diese aus jenen deducire, wird mir, wenn die berechneten mit den beobachteten 
Orten übereinstimmen, die Bestätigung, dass jene Bahnelemente die richtigen seien. 

Es leuchtet ein, dass dieses A'erfahren auf jeden beliebigen Satz sich anwenden 
lässt, dessen wir durch Erfahrung versichert sind, auf jede beliebige Thatsache, also 
z. B. ancli auf die Thatsache, dass es gewisse Wissenschaften, z. B. Mathematik, gibt. 
Legen wir diese Thatsache zu Grunde und untersuchen wir, unter welchen Bedingungen 
sie möglich, d. h. unter welchen Bedingungen Mathematik als Wissenschaft möglich sei, 
so müssen offenbar auch diese Bedingungen vorhanden sein. Ob wir aber bei der Auf- 
suchung dieser nothwendigen Bedingungen so glücklich gewesen sind, die richtigen zu 
finden, muss sich daraus ergeben, ob sicli unter Zugrundelegung der von uns gefundenen 
Bedingungen die Thatsache, dass es eine Mathematik als AVissenschaft gebe, als Folgerung 
ergibt. Ist es der Fall, so sind die von uns gefundenen Bedingungen die richtigen und 
folglich ebenso gewiss, als jene Thatsache selbst gewiss ist. 

Dieselbe Schlussweise lässt sich noch weiter ausdehnen. Wenn der Skeptiker dem 
Menschen den Besitz einer allgemeingiltigen Erfahrung abspricht, so kann dem gegen- 
über der Besitz einer solchen behauptet werden. Steht die allgemeingiltige Erfahrung 
als Thatsache fest, so stehen die notliweudigen Bedingungen einer solchen so fest wie 
sie selbst. Werden nun die Bedingungen einer solchen untersucht und die Frage er- 
hoben, ob wir die richtigen gefunden liaben, so haben wir als Probe nur nöthig, zu 
prüfen, ob bei Zugrundelegung jener Bedingungen eine Erfahrung, die als allgemein- 
giltig angesehen werden kann, wirklich zu Stande kommt. Ist dies der Fall, so sind 
die von uns gefundenen Bedingungen die richtigen und folglich, da die allgemeingiltige 
Erfahrxing Thatsache ist, so gewiss wie diese selbst. 

Soll es z. B. eine allgemeingiltige Erfahrung geben können, so lassen sich zweierlei 
Voraussetzungen denken, unter welchen jene Annahme ei-fiillt werden kann. Entweder 
das Subject richtet sich nach dem Object (realistisch), oder dieses nach dem Subject 
(idealistisch). Da aber die Erfahrung nicht bloss Objecte, sondern auch eine gesetz- 
mässige Verknüpfung der Objecte unter einander enthält, so muss auch diese erklärt 
werden. Dies kann entweder geschehen dadurch, dass das Object für alle Subjecte das 
gleiche, oder dadurch, dass das Subject für alle Objecte das gleiche ist. Unter jener 
Annahme wird das Object seinen Verlauf allen Subjecten aufnöthigen; unter dieser 
Annahme wird jedes Subject das Object unter den nämlichen Formen auffassen. 

Beide Voraussetzungen verhalten sich wie das Kopernikanische und Ptolemäische 
Weltsystem. Nach diesem erscheinen die Planetenbahnen, von der Erde aus gesehen, 
regellos, nach jenem, von der Sonne aus gesehen, regelmässig. 

Die H^^othese, dass das Subject sich nach dem Object richte und letzteres seine Form 
allen Siibjecten aufnöthige, wird durch den Skepticismus (Hume's) zerstört. Denn die Causal- 
form ist nicht durch das Object aufgenöthigt und folglich blosse subjective Gewöhnung. 
Es ist also unter dieser Voraussetzung eine allgemeingiltige Erfahrung gar nicht möglich. 

Unter der entgegengesetzten Hypothese aber ist sie möglich. Wenn das Object nach 
dem Subject sich richtet, und die Formgebung des Objectes von Seite aller Subjecte 
die nämliche ist, so kommt eine allgemeingiltige Erfahrung d. h. eine für alle gleiche 

Donischriften .Icr phil.-hist. Cl. XXIX. Bd. 5 



34 



Zimmermann. 



Erscheinungswelt zum Vorschein. Ist daher eine solclie Thatsache, so sind die Bedingungen, 
die wir als die richtigen und zu einer allgemeingiltigen Erfahrung unerlässlichen er- 
kennen, so gewiss, als jene selbst gewiss ist. 

So gewiss wir daher überzeugt sind, dass ein geordnetes Sonnensystem existire, so 
gewiss sind wir von der Wahrheit des Kopernikanischen Weltsystems, und so gewiss er 
ist, dass es eine allgemeingiltige Erfahrung gebe, so gewiss ist z. B. der Kantische 
Philosoph von der Wahrheit der ihm nothwendig scheinenden Bedingung einer solchen, 
d. li. von der Realität des a priori überzeugt. 

Kant's sogenannte transcendentale Deduction, d. h. die Deduction des Transcenden- 
talen, oder der Bedingungen einer allgemeingiltigen Erfahrung, ist ganz nach dem 
Muster jenes von Lambert angegebenen Verfahrens gebildet: Eine allgemeingiltige Er- 
fahrung ist Thatsache ; eine solche ist aber nur unter den Bedingungen, dass das Object 
sich nach dem Subject richte und dieses im Besitz eines allen Subjecten gemeinsamen 
a priori sei, möglich; also sind diese Bedingungen wirklich. 

Die Wirklichkeit dieser Bedingungen, der Abhängigkeit der Erscheinungswelt vom 
Subject und des a priori im Subject, ist der , erste Grund' der Thatsache, dass eine all- 
gemeingiltige Erfahrung existirt. (jrleichwohl wird diese Thatsache nicht durch jene Be- 
dingungen erwiesen, sondern umgekehrt die Realität dieser Bedingungen wird durch 
obige Thatsache bewiesen. AVeil die Erfahrung Thatsache ist, müssen jene Bedingungen 
sein, ohne welche sie nicht Thatsache sein könnte. Das Dasein einer allgemeingiltigen 
Erfahrung ist, mit Lambert zureden, ein , Erfahrungssatz'; der Erweis jener Bedingungen 
macht ihn zum ,Le]irsatz'. 

Lambert selbst führt folgendes Beispiel an (§. 415). Der Satz: ,die Erde (S) wirft 
einen runden Schatten' (P). ist ein , Erfahrungssatz' ; jedermann kann sich davon durch 
den Augenscliein ,versichei-n'. Sollen nun aus diesem als , Schlusssatz' dessen Vordei-- 
sätze gefunden werden, so sind ;S' und P bekannt, M aber ist unbekannt. Vv^äre P ein 
Wechselbegriif von il/, so liesse sich folgender Schluss bilden: 

M — P 

8 — M 
S — P 

Da dies in dem vorliegenden Fall wirklich eintrifft, indem alles was einen runden 
Schatten wirft, eine Kugel sein muss, so lässt sicli der Schluss bilden : 

Was einen runden Schatten wirft, ist eine Kugel ; 
die Erde wirft einen runden Scliatten, 



also 



i,st die Erde eine Kuft-cl 



umgekehrt wird aus diesem Schlusssatz aber und dem identischen Obersatz der neue 
Schluss : 

Was eine Kugel ist, wirft einen runden Schatten; 

die Erde ist eine Kugel, 



also wirft sie einen runden Scliatten 



wodurch der ,Erfalirungssatz' als , Lehrsatz' erscheint. 

In diesem Beispiel stellen die Sätze: ,Was eine Kugel ist, wirft einen runden Schatten' 
und ,die Erde ist eine Kugel' die Bedingungen dar, von denen die im Schlusssatz 



Lambert, her Vorgänger Kant's. 35 

enthaltene Tliatsache der Erfahrung, dass die Erde einen runden Schatten wirft, ab- 
hängig ist. Besteht diese Thatsache, so müssen auch jene Bedingungen bestehen; dasa sie 
aber wirklich die unerlässlichen Bedingungen seien, ergibt sich aus der , Probe'. Voraus- 
gesetzt nämlich, dass die Erde eine Kugel ist, so muss sie, da jede Kugel einen runden 
Schatten wirft, einen runden Schatten werfen, wie es Thatsache der Erfahrung ist. 

Insofern in der vorstehenden Methode überhaupt etwas Unbekanntes gesucht wird, 
stellt sie eine Frage, insofern ein bestimmtes Unbekannte (Quaesitum) auf Grund 
eines bestimmten Gegebenen (Datum), einer Thatsache, gesucht wird, eine Aufgabe 
dar. Quaesitum und Datum zusammengenommen bestimmen die Beschaffenheit der Me- 
thode zur Lösung der Aufgabe, welche demnach nicht schlechthin ,aus dem Begriff 
der Methode' folgt, sondern von den , Sachen', auf welche sie angewendet werden soll, 
abhängig ist. Wird dabei von den Datis angefangen und das Quaesitum gesucht, so ist 
die Methode synthetisch, wird dagegen bei dem Quaesitum begonnen, und daraus das- 
jenige abgeleitet, was in den Datis gegeben sein muss, wenn die Aufgabe lösbar sein soll, 
so ist sie analytisch. Beide Methoden lassen sich in der Weise zusammensetzen, dass ent- 
weder (bei der synthetischen) das gefundene Quaesitum abermals zum Datum für ein 
weiteres Quaesitum gemacht, oder (bei der analytischen) das gefundene Datum als neues 
Quaesitum angesehen und von demselben zu neuen Forderungen fortgeschritten wird. 

Werden beide Methoden ihrem Werthe nach verglichen, so zeigt es sich abermals, 
dass der analytische Weg (in dem engeren Sinne des §. 404) den Vorzug verdient. Die 
synthetische Methode führt ,zu keinem bestimmten Ziele, weil dasselbe Datum auf 
mehrere und sehr verschiedene Quaesita führen und dasselbe Quaesitum aus verschiedenen 
Datis erschlossen werden kann, jenachdem man es von dieser oder jener Seite betrachtet'. 
Dieselbe dient daher höchstens ,bei glücklichen Einfällen', so dass ihr Gelingen dem 
Zufall überlassen bleibt. Die analytische Methode im gewöhnlichen Sinne des Wortes 
hat aber die Unbequemlichkeit, dass man der Möglichkeit des Quaesitums (wie bei dem 
Schlussverfahren der Wahrheit des Schlusssatzes), von vornherein versichert sein muss. 

Lambert empfiehlt dabei-, wie zwischen dem analytischen und synthetischen Schluss- 
verfahren, auch hier einen Mittelweg, der der analytischen Methode im engeren Sinne 
(§. 404) ähnlich ist. Steht nämlich einmal das Quaesitum fest, so muss vor allem ausgemacht 
werden, welche Bedingungen (Requisita) dasselbe nothwendig voraussetze, ,ohne welche 
es nämlich nicht gefunden werden kann'. Dadurch ist der Umkreis des zu Bestimmenden 
so genau eingeschränkt, dass sich nun leicht beurtheilen lässt, ob jene Eequisita in den 
vorhandenen Datis enthalten seien oder nicht. ,Auf diese Art lässt sich ein vorgegebenes 
Quaesitum auf ein oder mehrere andere und diese wiederum auf andere reduciren, bis 
man endlich auf solche kommt, die sich in den vorgegebenen Datis finden und folglich 
nicht weiter dürfen gesucht werden' (§. 464). 

Diese Regel ,macht den Schattenriss einer analytischen Auflösung aus'. Der Beweis, 
dass man die Requisita richtig gefunden habe, liegt darin, dass dieselben mit den 
Datis zusammentreffen. Den Beweis, dass man sie alle gefunden habe, aber liefert die 
sogenannte Probe d. h. die Herleitung des Quaesitums aus den gefundenen Requisitis. 
Gelingt diese, so ist dies ein Beweis, dass man nicht nur die richtigen Requisita, sondern 
die zu dem Quaesitum erforderlichen Bedingungen vollständig gefunden hat. 

Die Aufgaben selbst zerfallen in theoretische und praktische, von denen die ersten 
etwas ,zu finden', die zweiten etwas ,zu thun' vorgeben. Beide setzen zu ihrer Lösung 

5* 



36 Zimmermann. 

avissei- den besondei'en Daten gewisse allgemeine Bedingungen voraus, welche bei jenen 
, Grundsätze', bei diesen ,Postulate' genannt werden. Wie jene die subjective und objective 
Mögliclikeit des Findens, so setzen diese dieselbe des Thuns voraus. Wie daher alles, 
wovon die erstgenannte abhängt, als Grundsatz, so darf alles, wovon die letztere ab- 
hängig ist, als Postulat angesehen werden. 

Mit anderen Worten, ohne das Zugestäudniss gewisser Grundsätze würde keine Theorie, 
ohne Erfüllung gewisser Postulate keine Praxis möglich sein. Da die praktische Aufgabe 
etwas zu thun aufgibt, so müssen nicht nur Kräfte (des Verstandes und Leibes) als ge- 
geben und muss alles, was durch solche geleistet werden kann, als möglich, sondern 
es muss auch ein Stoff, an welchem die Wirkung geschehen soll, entweder als vor- 
handen oder es muss die Möglichkeit, denselben hervorzubringen, postulirt werden. Sonst 
würde ,das Praktische der Aufgabe ganz Avegfallen' (§. 529). 

Auch hier lässt sich synthetische und analytische Methode unterscheiden. Da bei 
den praktischen Aufgaben das Quaesitum ein bestimmter Erfolg, die Data aber be- 
stimmte zu dessen Verwirklichung zur Verfügung stehende Kräfte sind, so lässt sich 
aus der Vergleichung der Data mit der Wirkungsweise dieser Kräfte ein Schluss auf 
den zu erwartenden (unbekannten) Erfolg machen. ,Aiif diese Weise ist manche Maschine 
erfunden worden, weil die Gesetze der Meclianik bestimmt, die Kräfte in der Natur 
vorräthig sind, und die Anordnung der Theile der Maschine in die Augen fallend ist.' 
Aber auch hier ,ist mehr glücklichen Einfällen als einer vorbedachten Auswahl zuzu- 
schreiben' (§. 541). 

Auch hier ist die analytische Methode .sicherer', weil sie etwas ,viel nothwendigeres' 
hat. Dieselbe fängt bei dem Quaesitum (dem gewünschten Erfolge) an und macht die 
Data zu ßeqviisitis, d. h. man leitet aus der Natur der Sache, die man zu Stande bringen 
will, dasjenige ab, was dazu nothwendig erfordert wird. Dass diese ßequisitionsmethode 
nicht mit der obigen, die Requisita nicht mit den Postulatis zusammenfallen, geht 
dax-aus hervor, dass die ßequisita dasjenige darstellen, durch welches die Lösung dieser 
bestimmten praktischen Aufgabe möglich w'ird, die Postulata dagegen dasjenige, mit 
dessen Voraussetzung die Aufgabe praktisch ist. Jene stellen daher die Bedingungen 
vor, unter welchen dieses Bestimmte, die Postulate dagegen diejenigen, unter welchen 
überhaupt etwas zu thun möglich ist. Wird daher das Thun selbst zur Aufgabe ge- 
stellt, so muss die Möglichkeit etwas überhaupt zu thun als Postulat, und Avird das sitt- 
liche Thun als praktische Aufgabe gestellt, so muss das sittliche Thunkönnen als Postulat 
angeselien werden. ,Du kannst, denn du sollst', ist in diesem Sinn ein Postulat der 
sittlichen Aufgabe und die Existenz einer Welt als , Material der Pflicht' das Postulat 
der zu erfüllenden praktischen Aufgabe des Menschen, seiner sittlichen Bestimmung. 
In gleichem Sinn aber können alle übi'igen Bedingungen, ohne welche die praktische 
Aufgabe aufhört , praktisch' zu sein, Postulate genannt werden. 

Wie die von Lambert analytisch im engeren Sinne genannte Methode zur Lösung 
theoretischer Aufgaben mit der theoretischen Methode der Deduction des Trauscenden- 
talen, so fällt die von ihui ebenso bezeichnete zur Lösung praktischer Aufgaben mit der 
praktischen Metliode der Deduction der Postulate zusammen. Wie ohne das Transcen- 
dentale, d. h. ohne den a priorischen Factor der Erfahrung keine allgemeingiltige Er- 
fahrung bestehen kann, so hört die sittliche Aufgabe ohne vorausgesetztes Können auf 
, praktisch' zu sein und verwandelt sich in blosse , Theorie der iMöglichkeit der Sache 



Lambert, deu Vorgänger Kant's. 37 

au sich'. Wie durch die Thatsache der allgemeiugiltigeu Erfahrung die Existenz ihrer 
unentbehrlichen Bedingungen, des Transcendentalen, von selbst erwiesen ist, so ist durch 
die Existenz der praktischen Aufgabe als einer unbedingten, die Möglichkeit ihrer Er- 
füllung als nothwendiges Postulat selbstverständlich. 

Wälirend die bisherigen Hauptstücke der Dianoiologie die Methode des Denkens 
überhau j)t, setzt das achte jene der Erfahrung insbesondere auseinander, wobei gemeine 
Erfahrung, Beobachtung und angestellter Versuch unterschieden werden. Alle drei 
Arten machen wir entweder selbst oder bekommen sie von anderen, die sie gemacht 
haben. Erfolg der Erfahrung ist, dass wir lernen, dass etwas sei, dass es so und 
nicht anders sei, und etwan auch w a s es sei. 

Ob alles dies aus der Erfahrung ,gelernt' werde, kann nur die Erforschung der Er- 
fahrung zeigen. Lambert nennt Erfahren = eine Sache mit Bewusstsein empfinden, 
und zwar gehöre zu diesem Bewusstsein nicht nur die Vorstellung der empfundenen 
Sache, sondern auch die Vorstellung, dass es eine Empfindung sei. Dabei werde sowohl 
die Empfindung als die empfundene Sache Erfahrung genannt, und daher müsse, um 
eine Erfahrung vollständig vorzu.tragen, sowohl angezeigt werden, was, als wie man 
empfunden habe. Was daher nicht empfunden wird, ist auch nicht Erfahrung, obwohl 
es aus einer solchen gefolgert sein kann; was sich nicht mit demjenigen Sinn, den das 
Vorgeben angibt, auch wirklich empfinden lässt, ist keine Empfindung. Da aber, sobald 
empfunden wird, nicht bloss überhaupt, sondern etwas Bestimmtes empfunden wird, so 
wird in jeder wirklichen Erfahrung auch etwas wirklich erfahren. 

Man sieht, dass hier alles auf die , Empfindung' ankommt. Der Begriff der Er- 
fahrung hängt von demjenigen der Empfindung in solchem Grade ab, dass alles das- 
jenige, Avas über diese hinaus geht, im strengen Sinne des Wortes nicht mehr Erfahrung 
genannt werden darf. So ist es eine Erfahrung, dass es zuweilen unter Tages und 
bei hellem Wetter einige Minuten lang ganz finster wird; dass aber der Mond vor die 
Sonne trete und dadurch diese Verfinsterung verursache, ist ein Schluss, der aus anderen 
Erfahi-ungen hergeleitet wird. Wenn wir aber sagen, wir hätten unter der Luft- 
pumpe Luftbläschen aus dem Wasser steigen sehen, so ist dies keine ,unmittelbare' 
Erfahrung, sondern, dass jene aufsteigenden rundlichen Formen Luftbläschen seien, ist 
■ nur ein Schluss. Das eigentlich Erfahrene ist, wie aus diesen Beispielen hervorgeht, 
ausschliesslich das (durch das Auge) Empfundene, also das wirklich Gesehene; das 
daraus Erschlossene kann nur durch eine Erschleichung für .empfunden' aus- 
gegeben werden. 

Durch diese Auseinandersetzung wird der Inhalt des im strengen Sinne des Wortes 
Erfahrenen auf den Inhalt der Empfindungen eingeschränkt. Da nun ein Object in der 
Entfernung klein gesehen, eine Sache im Spiegel so gesellen wird, als ob sie hinter dem- 
selben wäre, so wird sowohl das Eine wie das Andere für eine Erfahrung angesehen, und 
zwar ersteres Object für klein, letzteres für hinter dem Spiegel befindlich erklärt. Daraus 
folgt, dass es möglich ist, dass Erfahrungen , statt des Wahren nur den Schein angeben'. 

Unmittelbare Erfahrungen sind daher nur die Empfindungen; alles dasjenige, was 
auf Grund derselben erschlossen wird. Wahres und Falsches, gehört nur mittelbar zur 
Erfahrung. Die Behauptung, dass wir durch die Erfahrung lernen, dass etwas sei, 
kann daher keinen anderen Sinn haben, als den, dass wenn nichts wäre, wir auch 
keine Empfindung, also keinerlei Erfahrung hätten. Die Behauptung, wir lernten durch 



38 Zimmermann. 

die Erfahrung, dass etwas so und nicht anders sei, kann nichts anderes bedeuten, als 
dass, da der Inhalt unserer Empfindungen nicht willkürlich und nach unserem Belieben 
veränderlich sei, auch die Ursache derselben keine von unserem Willen abhängige sein 
könne. Die Bemerkung, dass wir durch Erfahrung lernten ,etwan' auch was es sei, kann 
keinen anderen Sinn haben, als dass wir von der Beschaffenheit unserer Empfindung, dem 
Was der Empfindung, ,etwan' auch einen Eückschluss auf die Beschaffenheit des sie 
Verursachenden (das Was des Seienden) zu machen berechtigt seien. 

Durch das ,etwan' wird bezüglich des dritten Punktes eine Beschränkung hinzugefügt, 
welche zusammengenommen mit der Anmerkimg, dass die Erfahrung nicht selten ,nur 
den Schein statt des Wahren' zeige, als löbliche Vorsicht sich bewährt. Ist es möglich, 
dass die Erfahrung nur Schein statt Wahrheit zeige, so ist zwar nicht der Schluss von 
dem Was der Empfindung auf das Dass des Seins, wohl aber jener von dem Was der 
Empfindung auf das Was des Seins dem Irrthum ausgesetzt. Denn auch der Schein als 
Empfindung setzt ein Sein als Ursache, empfundener Schein aber setzt ein von 
diesem verschiedenes Sein voraus. 

Wenn daher aus der Erfahrung , lernen' so viel heissen soll, als mittels des un- 
mittelbar Erfahrenen erkennen, so beschränkt sich der Ertrag derselben darauf, dass 
uns 1. durch dieselbe die Existenz eines Realen, 2. die Unabhängigkeit desselben seiner 
Beschaffenheit nach von uns, 3. die Beschaffenheit desselben insoweit bekannt gemacht 
wird, als zwischen der Beschaffenheit unserer Empfindungen und jener des Realen irgend 
ein wie immer geartetes Verhältniss als bestehend vorausgesetzt werden darf, vermöge 
dessen zwischen beiden eine bestimmte nähere oder entferntere Uebereinstimmung, be- 
ziehungsweise Abweichung stattfindet, und demzufolge selbst aus dem Schein das Wahre 
(mehr oder weniger) erkannt werden kann. 

Wird dagegen das , lernen' aas der Erfahrung auch auf den Umfang desjenigen aus- 
gedehnt, was durch Schlüsse aus dem unmittelbar Erfahrenen gewonnen werden kann, 
so erweitert sich deren Ertrag dahin, dass wir, sei es durch gemeine Erfahrungen, sei es 
durch Beobachtungen, sei es durch angestellte Versuche, wir mögen sie nun entweder 
selbst machen oder von anderen bekommen, die sie gemacht haben, zur Erkenntniss 
dessen gelangen, was die Natur uns darbietet ; ,wir lei'uen ihre Gewohnheit, die Regeln, 
nach welchen sie handelt, und bereichern uns mit Bildern und Begriffen der Dinge, die 
sie unseren Sinnen darlegt oder die wir durcli Veranstaltung zum Vorschein bringen'. 
Allein all diese Erkenntniss ist , schlechterdings historisch'; die Beschreibung alles dessen, 
was wir auf eine solche Weise erkennen, ist eine , blosse Erzählung' dessen, ,was in der 
Natur ist und was mit den Dingen, so ims die Natur vorlegt, geschieht und vorgeht', 
und von der , wissenschaftlichen Erkenntniss', dem eigentlichen Endzweck des Strebens 
nach Wissen, durchaus verschieden. 

Der Betrachtung der letzteren ist das neunte und letzte Hauptstück der Dianoiologie 
gewidmet. Dasselbe geht von dem Unterschied der historischen und der wissenscliaft- 
lichen Erkenntniss aus, oder was in des Verfassers Augen ebensoviel ist, von dem Untei-- 
schied blosser Erzählung dessen was ist, und der Entwicklung desselben aus den Gründen 
durch welche es ist. Jene wird , durch den Gebrauch der Sinne' erlangt und ist 
insofern ,in Absicht auf uns' a posteriori ; diese dagegen ist a priori zu nennen, insofern 
wir sie, aus den Begriffen der Sachen und ohne Zuziehung einiger Erfahrungssätze 
herleiten' (§. G42). 



Lambert, der Vorgänger Kant's. 39 

Dass die letztere ,vorzügiiclier' sei als die erstere, findet die Dianoiologie ausser 
Zweifel, denn je weniger man avif die Erfahrung dürfe ankommen lassen, desto weiter 
reielie nu\n mit der Erkenntniss, weil dasjenige, woraus etwas anderes hergeleitet wird, 
immer höher und allgemeiner sei oder wenigstens weder niedriger noch eingeschränkter 
sein könne. Ob sie aber möglich sei, d. h. ob sich eine Erkenntniss ,bloss aus dem 
Begriff der Sache machen lasse', bedarf einer besonderen Untersuchung. 

Es fällt in die Augen, dass dies die nämliche Frage ist, welche der Kant' sehen 
Kritik zu Grunde liegt. AYesentlich ist dabei der Begrilf, welchen die Dianoiologie mit 
den Bezeichnungen a priori und a posteriori vei'bindet. Versteht man unter dem ersteren 
nur das, wobei wir der Erfahrung ,Yollends' nichts zu danken haben, so ist die Frage, 
ob dergleichen (im strengsten Verstände) a priori in unserer Erkenntniss sich finde, ,eine 
ganz andere und zum Theil wirklich unnöthige' (§. 639). Versteht man dagegen (im 
weitläufigsten Verstände) unter a priori alles, was wir , voraus wissen' können, ohne 
es erst auf die Erfahrung ankommen zu lassen, so hat es mit diesem Begriff , keine 
Schwierigkeit'. Das , Mittel' zwischen beiden ,Extremen' bilden Begriffe, die wir zwai- 
der Erfahrung zu danken haben, insofern dieselbe den Anlass gibt, sich derselben 
bewusst zu werden, die aber zugleich so beschaft'en sind, dass sich mittels ihrer 
etwas .vorauswissen', d. i. dass sich aus ihnen eine Erkenntniss herleiten lässt ,ohne 
es erst auf die Erfahrung ankommen zu lassen'. Begrifle dieser Art sind das wahre 
a priori. 

Dasselbe ist folglicli niclit so zu verstehen, als ob die Begriffe, welche das a priori 
ausmachen, von Anfang an im Bewusstsein vorhanden wären. Vielmehr bedarf es für 
dieses eines gebotenen , Anlasses', sich derselben bewusst zu werden. Diesen gibt die 
,Erfahrung' und insofern ist daher das a priori von dieser nicht unabhängig. Dagegen 
ist die Möglichkeit von , Grundbegriffen' eine solche, die sich mit deren Vorstellung 
zugleich aufdringt und nicht erst von der Erfahrung hergeholt zu werden braucht. 
Besteht daher das a priori aus ,G]-undbegriflen', so ist es insofern von der Erfahrimg 
ganz unabhängig. Die einfachen Begrifie, in welche sich schliesslich alle Begriffe auf- 
lösen lassen, welche zwar auf , Anlass' der Erfahrung zum Bewusstsein kommen, aber 
.Grundbegrift'e' sind d. h. den Grund ihrer Möglichkeit nicht von der Erfahrung her- 
holen, entsprechen beiden Bedingungen. 

Daher macht der einfache Begriff das wahre a priori aus. Denselben haben wii- 
zwar der Erfahrung zu , danken', insofern sie den Anlass gibt, dass wir uns seiner be- 
wusst werden. Aber sobald wir dies sind, wissen wir auch seine Möglichkeit voraus 
und haben nicht nöthig deren Grund erst aus der Erfahrung herzuholen. Denn da zum 
Widerspruche wenigstens zwei Stücke gehören, ein einfacher Begriff' aber nicht einmal 
,zwei Stücke' hat, so kann er auch nichts Widersprechendes enthalten (§. G54). 

Die Möglichkeit des einfachen Begriff's wird daher a priori d. i. vor und unab- 
hängig von aller Erfahrung ,vorausgewusst'. 

Dass dieses Wissen eine Ei'kenntniss ,bloss aus dem Begriff' der Sache', also a prio- 
risches Wissen sei, geht daraus hervor, weil die , Sache', aus deren Begriff' die Erkenntniss 
abgeleitet wird, der einfache Begriff selbst ist. In dem Begriff" eines einfachen Begriff's 
liegt es, dass er möglich ist, weil wenn er widersprecliend, also unmöglich wäre, er 
nicht einfach sein könnte. Und weil was von dem einfachen Begriff* überhaupt gilt, 
von jedem einzelnen einfachen Begriff' seiner Einfachlieit halber gelten muss, so wird 



AQ Zimmermann. 

jeder einzelne einfache Begriff vor und unabhängig von aller Erfahrung als möglich 
V o r a u s g e w u s s t. 

Es gibt daher mindestens ebensoviel a priorisches d. i. Vorauswissen, als es einfache 
Beo-riffe gibt, weil deren Möglichkeit (Prcädicat) sich zugleich mit der Vorstellung (Subject) 
,aufdrängt' und nicht erst ,aus der Erfahrung geholt' zu werden nöthig hat. Ausser 
diesem aber werden noch eine Menge anderer Sätze als wahr ,angesehen', zu deren 
Wahrheit die Existenz einer Welt nicht , nöthig' ist, deren Wahrheit daher vor und un- 
abhängig von der Erfahrung eingesehen werden muss, also nicht anders als aus Begriffen 
selbst eingesehen werden kann. Von dieser Art sind nach §. 657 die Sätze: dass zweimal 
zwei vier sei; dass wer denkt, sei; dass ein Schlusssatz in Barbara nothwendig folge; 
dass ein Cirkel rund sei ; dass vor nicht nach sei ; kurz alle an sich nothwendig wahren 
Sätze, die wir unter die ewigen und unveränderlichen AVahrheiten rechnen, die ,niemals 
anders sein können' und ,zu deren AVahrheit keine Existenz der Welt' nöthig ist. Diese 
alle sind a priori. 

Offenbar wird hier ein Satz Avie der folgende: zweimal zwei ist vier, mit der Er- 
kenntniss: jeder einfache Begriff' ist eo ipso ein möglicher Begriff, auf eine Linie ge- 
stellt. Keiner von beiden hat es nöthig, durch die Erfahrung als wahr bestätigt zu werden; 
die AVahrheit beider wird vor und unabhängig von der Erfahrung ,vorausgewusst'. 
Der Grund aber, warum der eine und der andere unabhängig von der Erfahrung als 
wahr eingesehen wird, kann in beiden Fällen nicht der nämliche sein. Derselbe ist 
bei dem ersten Satze die Einsicht, dass jeder Widerspruch wenigstens zwei Stücke 
voraussetze; da aber ein einfacher Begriff nicht zwei Stücke habe, so könne er auch 
keinen Widerspruch eiaschliessen, müsse folglich möglich sein. Der Grund dagegen der 
Einsicht, dass zweimal zwei vier sei, ist offenbar ein anderer. Wieder ein anderer ist 
derselbe bei dem Satz, dass ein Cirkel rund sei ; denn hier entspringt diese Einsicht aus 
der Wahrnehmung, dass das Prädicat im Subject schon enthalten (der Satz identisch oder 
wenigstens analytisch) sei; und so ist er bei jedem ein anderer. 

So wie der Grund, dass wir den einfaclien Begriff für möglich erklären, nicht in 
der Erfahrung, sondern in dem einfachen Begriff" selber liegt, so liegt der Grund, dass 
wir den Subjecten zweimalzwei, Cirkel usw. die Prädicate vier, rund usw. beilegen, 
nicht in der Erfahrung, sondern in jenen Begriffen selbst. Dass er bei letzteren nicht 
in der Erfahrung gelegen sein kann, ergibt sich schon daraus, dass zu der Wahrheit 
derselben die Existenz einer Welt nicht einmal , nöthig' ist. Insofern sind obige Sätze 
wirklich a priorisch, weil die Erkenntniss der Möglichkeit, des Vier-, des Rundseins usw. in 
der That nur aus der Vorstellung des Begriffs : einfacher Begriff, zweimal zwei, Cirkel- usw. 
entspringt. Das Prädicat fliesst in obigen Sätzen so unwiderstehlich aus der Subjects- 
vorstellung, dass man nur diese zu denken braucht, um auch das aus ihr folgende Prädicat 
denken zu müssen. Man könnte blind sein und würde doch erkennen, dass ein Cirkel 
rund und zweimal zwei vier sei, weil dazu nichts weiter gehört als die Vorstellung dieser 
Begriffe selbst. Hätten wir also die richtigen Begriffe, so müssten unsere Urtheile selbst 
richtig sein, sobald sie ausschliesslich aus der Vorstellung dieser Begriffe (also a priorisch) 
entsprängen. Wir erhalten aber die richtigen Begriffe, wenn wir die Grundbegriffe und 
die richtige Methode der Zusammensetzung der complicirten aus den einfachen Begriffen 
haben. Aus dieser ergeben die richtigen Urtheile (Erkenntnisse) sich mit Nothwendigkeit 
von selbst. 



Lambert, ueu Vorgänger Kant's. ■ 41 

Das ist das Verfahren, Avelches die strengwiss-enscliaftliche Erkenntniss als a prio- 
risches der historisclieu Erkenntniss als a posterioriscliem entgegenstellt. Jenes beginnt 
bei den Grundbegriffen, Avelclie den Grund ihrer Möglichkeit in sich selbst, statt in 
der Erfahrung, diese bei den Erfahrungsbegritfen, welche den Grund ihrer Möglichkeit 
nur in der Erfahrung haben. Jene stellen daher eine innerliche Nothwendigkeit, diese 
dagegen nur eine äusserliche Zufälligkeit dar, vermöge welcher jene sind, weil sie noth- 
wendig, diese dagegen nur notliwendig sind, weil sie sind. Der a priorische .Grundsatz 
drückt ein Urtheil aus, dessen wir uns nicht erwehren können, weil wir gewisse Vor- 
stellungen nun einmal haben; der a posteriorische Erfahrungssatz dagegen ein Urtheil, 
dessen wir uns nicht erwehren können, weil wir nun einmal die Saclie so empfinden. 
Jenes ist ein Vorgang, der ganz zwischen Gedanken, dieses dagegen ein Vorgang, der 
zwischen uns selbst und der Sache spielt ; dort ist der Zwang ein logischer, hier dagegen 
ein psychischer. Dort drängt sich dem Begriff ein anderer Begriff, liier drängt sicli die 
Sache dem Vorstellenden auf. 

Es fällt in die Augen, dass es sich in dem ersten Fall um nothwendige Begriffs- 
verknüpfungen, in diesem dagegen um unabweisliche Wahrnehmungen handelt. Jenachdem 
der sich dem ersten aufdrängende zweite Begriff dessen ganze oder theilweise Wiederholung 
oder ein von ihm gänzlich verschiedener ist, wird der Uebergang von dem einen zum 
andern mehr oder weniger begreiflich, aber auch weniger oder mehr ergiebig sich dar- 
stellen. Die Unwiderstehlichkeit der Wahrnehmung wird immer unbegreiflich, ihr Ge- 
halt gegen den Zustand des Vorstellenden vor derselben immer als eine Bereicherung 
erscheinen. Der ganz oder theilweise identische Satz ist als Urtheil begreiflich, als Er- 
kenntniss wenig erheblich ; die Ausgeburt eines neuen aus dem bekannten Begriff' erscheint 
als Erkenntniss gewinnbringend, ihrer Entstehung nach als Sprung ; das durch den Sinn 
gebotene Neue als unabweisliche Thatsache. 

Die Unterscheidung analytischer und synthetischer Urtheile, a priorischer und a poste- 
riorischer Synthesen, welche schon Locke andeutete und die Kritik hervorhob, scheint 
hier auf dem Wege zu liegen. Die strengwissenscliaftliche Erkenntniss, die hier auf 
dem Wege a priorischer Urtheile gesucht wird, macht die Frage : wie sind a priorische 
Urtheile möglich? beinahe unumgänglich. Es bedarf nur der Einsicht, dass einige 
derselben analytisch, andere synthetisch, dagegen die a posteriorischen Urtheile sämmtlich 
synthetisch seien, um dieselbe in die Frage der Kritik: wie sind synthetische Urtheile 
a priori möglich? zu verwandeln. 

Lambert hat diese nicht gestellt. Ihm genügt, dass die Einfachheit des Begriffs den- 
selben der Nothwendigkeit überhebt, den Erweis seiner Möglichkeit (eigentlich der 
Möglichkeit seines Gegenstandes!) aus der Erfahrung herzuholen. Dass es wirklich die 
Möglichkeit seines Objects und nicht des Begriffs selbst sei, erhellt aus den von ihm 
im §. 658 angeführten Beispielen. Die Begriffe von Eaum und Zeit sind ihm ,ganz ein- 
fache Begriffe'. Denn die Geometrie fordert keine andere Möglichkeit als die von einer 
geraden Linie und ihrer Lage aus einem Punkt heraus. Die Chronometrie nichts als 
den einförmigen Lauf der Zeit. Beide ,construirten' aus diesen Annahmen sofort, die 
Geometrie Winkel, Cirkel und Sphären und mit diesen alle Figuren und Körper; die 
Chronometrie ,Cyclos, periodos' etc. Die Phoronomie nimmt Raum und Zeit zusammen 
und , errichtet' dadurch die Theorie der Bewegung, Geschwindigkeit und Translation be- 
wegter Punkte. Alle genannten drei Wissenschaften, als auf jene Möglichkeiten allein 

Denkscliriften der phiL-hist. Cl. XXIX. Bd. 6 



42 2i 



MMERMANN. 



gegründet, siud ,im strengsten Verstände des Wortes a prioi-i- und von der Erl'alirung 
unabhängig, weil jene Begrift'e einfacli und die Möglichkeit derselben mit ihrer Vor- 
stellung sieh aufdrängend ist. 

Umgekehrt aber liegt für Lambert der Beweis, dass jene Begriffe wirklich ein- 
fach seien, darin, dass jene AVissenschaften durchaus a priori und von aller Erfahrung 
unabhängig sind d. h. nur ewige und unveränderliche Wahrheit umfassen, was nicht 
sein könnte, wenn jene Begriffe nicht einfach wären d. li. den Grund ihrer Möglichkeit 
nicht in sich selbst trügen. 

Dass aber die Wahrheiten der Geometrie, Chronometrie, Phoronomie (sowie noch 
viele andere im §. G57 angeführte) wirklich , ewige und unveränderliche' Wahrheiten, 
wird nicht nur aus dem Umstände, dass sich dieselben factisch ohne Voraussetzung der 
wirklichen AVeit ableiten lassen (indem wir von der wirklichen AA^elt ganz abstrahiren), 
sondern wenigstens ,confuse', öfters ganz , unvermerkt'- eingesehen. Es findet dann in 
Bezue- auf p]wio-keit und Unveräuderlichkeit derselben etwas Aehnliches statt, wie in Bezug 
auf die Möglichkeit bei dem einfachen Begriff. AVer den einfachen Begriff' denkt, dem 
drängt sich seine Möglichkeit, wer eine ewige unveränderliche AVahrheit denkt, dem drängt 
sich von selbst deren Ewigkeit und Unveräuderlichkeit auf, ohne dass diese erst aus der Er- 
fahrung von ihrer Unveräuderlichkeit hergeholt zu werden braucht. AVie es also Be- 
griffe gibt, die von dem Gefühl ihrer Möglichkeit, so gibt es .Sätze, die von dem Gefühl 
ihrer Unveräuderlichkeit (allgemeinen Giltigkeit) von vornherein vor aller Erfahrung 
begleitet sind. Solche aber sind alle diejenigen, die aus einem einfachen Begriff (Raum, 
Zeit etc.) gewonnen werden. Solche gelten vor aller Erfahrung und umgekehrt werden 
solche, die unabhängig von aller Erfahrung gelten (die ewigen und unveränderlichen Wahr- 
heiten) auch als unabhängig von der Erfahrung giltige .wenigstens confuse' gewusst. 

Es ist also einerseits gewiss, dass einfache Begriffe (vor und unabhängig von aller 
Erfahrung) möglich sind und dass folglich dasjenige, was aus solchen a priori gefolgert 
wird, (ebenso unabhängig von der Erfahrung) möglich sein muss. Andererseits ist es 
gewiss, dass dasjenige, dessen Möglichkeit sich vor und unabhängig von aller Erfahrung, 
bei der blossen A'orstellung von selbst aufdrängt, ein einfacher Begriff' und dasjenige, 
dessen von aller Erfahrung unabhängige Geltung von selbst einleuchtet, eine ewige und 
unverändeidiche AVahrheit sein muss. Beides erfolgt mit einem Gefühl der Nothwendigkeit : 
die Vorstellung einer Geraden und ilirer Lage aus einem Punkt, die A^orstelluug eines 
einförmigen Lavifes dei- Zeit führt von selbst (nothwendig) die A^orstellung ihrer Mög- 
lichkeit, die A'orstellung von zweimal zwei = vier usw. von selbst die Vorstellung von 
der Erfahrung unabhängiger Geltung mit sich. AVo das aber der Fall ist, haben wir es 
mit einem a priori d. h. mit einem vor und unabhängig von aller Erfahrung Giltigen 
zu thuu. Das walire Kriterium des a priori liegt dahei- in dem dasselbe bei seinem A'or- 
gestelltwerden begleitenden Z^vange, vermöge dessen das eine nicht ohne das andere 
gedacht wird und werden kann, auch ohne dasselbe erfahren zu haben. 

Dieser ZAvaug ist vom Zwange der Erfahrung dadurch verschieden, dass dej- erstere 
vor aller Erfahrung, der letztere erst durch die Erfahrung vorhanden ist. Jener wird 
durch die blosse A'o r s t e 1 lung, dieser dagegen nur durch die Sache selbst erzeugt. 
Die AValirheit geometrischer, chronometrischer, phoronomischer Sätze kann aus deren 
blosser A'o r Stellung (unabhängig von und vor aller Erfahrung), jene empirischer 
Sätze aber erst durch das Aufzeigen der Sache selbst eingesehen werden. 



Lambert, der Vokoänoer Kant's. 45 

Die wissenschaftliche Erkenntniss nun geht darauf aus, die Zahl derjenigen Begriffe 
und Sätze, welche durch blosse Vorstellung nicht nur als möglich, sondern als giltig 
vor und unabhängig von aller Erfahrung eingesehen werden können, möglichst zu ver- 
mehren, dagegen die Zahl derjenigen, deren AVahrheit nur durch das xVufzeigen der 
Sache selbst eingesehen werden kann, möglichst zu vermindern d. h. es dahin wo möglich 
zu bringen, dass es der letzteren als einer bloss empirischen Gewissheit gar nicht mehr 
bedarf. Jene, die a priorische Gewissheit, ist daher eine solche, die aus der blossen Vor- 
stellung, diese, die a posteriorische, eine solclie, die bloss aus dem Aufzeigen der Sache 
folgt. Bei dieser muss immer die Sache anwesend sein, um empfunden bei jener braucht 
die Sache nicht gegenwärtig zu sein, sondern kann mittels der blossen Vorstellung 
vor au sge wus st werden. 

So ist es keineswegs nothwendig, dass der vorausberechnete Planet wirklich gesehen 
werde. Seine Vorstellung sowie die Vorstellung seiner Umlaufsbediagungen genügt, um 
vorhersahen zu können, dass er an einem bestimmten Ort zu bestimmter Zeit eintreffen 
müsse. Ebensowenig ist es erforderlich, einen wirklichen Würfel, Kreis, Cylinder usw. 
gesehen und betastet zu haben, luu von dessen Möglichkeit überzeugt zu sein. Die 
blosse Möglichkeit des Raumes genügt, um durch Construction die Möglichkeit obiger 
Raimigestalten darzuthun. 

Wie nun einerseits alles, Avas aus einfachen Begriffen abgeleitet wird, diesen Chai-akter 
der Nothwendigkeit trägt, so muss umgekehrt alles, was diesen Charakter trägt, sich 
auf einfache Begriffe zurückführen lassen. Die wissenschaftliche Erkenntniss erkennt 
a priori, ohne Gegenwart der Sache, aus der blossen Vorstellung, die historische Er- 
kenntniss erkennt a posteriori in und durch Gegenwart der Sache. Jene würde dasjenige, 
was nothwendig erfolgen muss d. h. wie die Sache beschaffen sein müsste, wenn sie 
wäre, auch dann erkennen, wenn die Sache niemals wäre, da sie von deren Sein oder 
Nichtsein gänzlich abstrahirt; diese dagegen würde gar nichts erkennen, wenn sie nicht 
dureh die Sache genöthigt würde, dieselbe zu empfinden. Jene, die streng wissenschaft- 
liche Erkenntniss, geht der Sache nicht nur voraus (ex ante ; a priori), sondern sie ignorirt 
überhaupt das Sein oder Nichtsein der Sache, sie bedarf dessen nicht, sie weiss ohne 
Zuthun der Sache; diese dagegen weiss nur, wenn ihr die Sache vorangegangen ist (ex 
post; a posteriori) und nicht ohne Zuthun der Sache. Jene ergibt sich mit (innerer, 
rationaler) Nothwendigkeit aus der Vorstellung der Sache, diese mit (äusserer, empirischer) 
Nothwendigkeit aus der Sache selbst. 

Dasjenige was sich aus der Vorstellung der Sache ergibt (aus dem Begriff'), ist ein 
Nichtanderssein- oder doch Gedachtwerdenkönnen, und als solches von ausnahmsloser apo- 
diktischer Giltigkeit. Dasjenige was sich aus der Anwesenheit der Sache (aus deren 
Empfindung) ergibt, ist ein Nichtanderssein- oder doch Empfundenwerdenkönnen und als 
solches von unabweislicher, aber bloss assertorischer Giltigkeit. Jenes muss von Jedem 
gedacht Averden, der die gleiclie Vorstellung (Begriff) denkt; dieses muss von Jedem 
empfunden werden, der dem nämlichen Object (der empfundenen Sache) als das nämliche 
Subjeot (der nämliche Empfindende) gegenübersteht. Allein letztere Bedingungen können 
niemals erfüllt werden, weil weder das Object noch das Subject in zwei verschiedenen 
Fällen genau das nämliche ist. Daher ist jede Empfindung streng genommen nur einmal 
und niemals wieder vorhanden. Was dahei- empfunden wird, hat strenggenommen nur 
für den Empfindenden und nur als dessen einmalige Empfindung, für jeden Anderen 



44 Zimmermann. 

und für ilin selbst in jedem anderen Zeitmoment keine Walirlieit. Die bloss empfundene 
Wahrheit ist so nicht nur an den Empfindenden, sondern auch an dessen Ort und an 
die Zeit der Empfindung gebunden und daher eine zufällige, bloss individuelle, 
eine für dieses Subject, wie diesen Ort und diese Zeit giltige Wahrheit. Dasjenige 
dagegen, was aus der Vorstellung als solcher folgt und von Jedem gedacht werden 
muss, der dieselbe Vorstellung denkt, hat nicht bloss individuelle, sondern allgemeine, 
für jeden Oi-t und zu jeder Zeit, also noth wendige Wahrheit. 

Da aber nur diejenige Erkenntniss wahrhaft wissenschaftlich ist, welche für alle, 
an jedem Ort und zu jeder Zeit gilt, so ist nur die a priorische d. i. aus Begriffen ab- 
geleitete, nicht aber die a posteriorische, aus blossen Empfindungen der Sachen wie sie 
sind, bestehende (historische) Erkenntniss wissenschaftliche Erkenntniss. 

Auf diese Weise vereinigt sich in der a priorischen Erkenntniss das doppelte Merkmal 
einer zugleich vor aller Erfahrung vorhandenen und über die Grenzen der Erfahrung 
(deren Zufälligkeit und Individualität) hinausreichenden (nothwendigen und allgemeinen) 
Erkenntniss. Dieselbe ist nicht bloss im zeitlichen Sinne (als Prius aller Erfahrung), 
sondern sie ist zugleich im rationellen Sinne zu verstehen als apodiktische (mit dem 
Gefühl der Allgemeinheit und Noth wendigkeit begleitete) im Gegensatz zur assertorischen 
(von dem Gefühl der Zufälligkeit luid Individualität begleiteten) Erkenntniss. Als jene 
geht sie der Erfahrung voraus oder zur Seite, ohne ihrer zu bedürfen, als diese erhebt 
sie sich über die Erfahrung. Jene Eigenschaft macht für denjenigen, der im Besitze 
a priorischer Erkenntniss ist, die Erfahrung überflüssig, diese dieselbe seiner unwürdig. 
A posteriorische Erkenntniss als eine der Zeit nach ihrem Gegenstand nachfolgende, 
dem Werth nach als eine individuelle und zufällige der a priorischen untergeordnete, 
ist nur ein Nothbehelf; die einzige wissenschaftliche Erkenntniss, die dieses Namens 
würdig erscheint, ist die a priorische. 



Viertes Capitel. 

Die Alethiologie. 

Die zweite der oben angeführten Wissenschaften, die Alethiologie oder Lehre von 
der Wahrheit, zerfällt in vier Hauptstücke, welche nacheinander von den einfachen oder 
für sich denkbaren Begriffen, von den durch diese angegebenen Grundsätzen und Forderungen, 
von den zusammengesetzten Begriffen und schliesslich von dem Unterschiede des Wahren 
und Irrigen handeln. Während die Dianoiologie von der Form, handelt die Alethiologie 
von der Materie der Wahrheit d. h. sie gibt die Kennzeichen an, durch welclie man 
sich versichern kann, dass das, womit angefangen wird, wahr sei. Dazu reicht nicht 
aixs, liass ein Begriff nichts Widersprecliendes entlialte ; denn von einem solchen wissen 
wir zwar, dass er , nicht angehe'; welche Begrift'e aber , wirklich angehen' wissen wir 
dadurch niclit. Audi wenn wir dargethan haben, dass er auf eine zulässige Art aus 
einfachen Begriffen zusammengesetzt sei, ist seine Möglichkeit noch nicht erwiesen: denn 
es müsste vorher nachgewiesen sein, dass die Begriffe, aus welchen er zusammengesetzt 
ist, wirklich einfach seien. Um aber dies letztere darzuthun, ist es nothwendig zu zeigen, 
dass nicht nur in dem Begriff'e, sondern auch in dem was er vorstellt, auf keine AYeise 



Lambert, deu Vorgänrek Kant's. - 45 

etwas Manuichfaltiges oder Verschiedeuartiges sich finde d. h. dass sowolil der Begriff, 
als dasjenige was er vorstellt (sein Object), seinem Grunde nacli durcliaus , einförmig', 
homogen, sei ; dass der Inhalt desselben mit dem Inhalt keines anderen ein gemein- 
sames Merkmal habe, sich auch nicht durch eine Mehrheit innerer Merkmale (wie der 
zusammengesetzte Begriff") verdeutlichen, sondern höchstens durch Verhältnisse d. i. durch 
äussere Merkmale bestimmen lasse, also durch sich selbst (wenngleich in verschiedenem 
Grade) klar sei. 

So ist z. B. das Object des Begriffs : Ausdehnung, das Ausgedehnte, durchaus homogen 
d. h. jeder Theil desselben kann für jeden andern Theil von gleicher Figur und Grösse 
gesetzt werden, ohne dass das Ganze dadurch vermindert wird, indem sowohl das Grösste 
wie das Kleinste des Ausgedehnten (der Qualität nach als Ausgedehntes) durchaus einerlei 
Natur und nur der Grösse (dem Quantum der Ausdehnung) nach verschieden ist. So hat 
der Begriff Farbe kein Merkmal mit dem des Tones, jener des Roth keines mit dem 
des Blau gemein, so dass wir zur Bezeichnung desselben zu Verhältnissbegriften : rosenroth 
d. h. Roth der Rose, himmelblau d. h. Blau des Himmels usw. unsere Zuflucht nehmen 
müssen. Die Farbe selbst aber z. B. Roth ist als Object etwas durchaus Homogenes, das zwar 
endlose Stufen der Intensität durchlaufen kann, der Qualität nach (als Rothes) aber immer 
dasselbe bleibt. So lässt sich endlich der Begriff : Farbe, Ton demjenigen der des Auges 
oder des Ohres beraubt ist, schlechterdings nicht geben, da derselbe sich als einfacher 
nicht durch eine Zusammensetzung anderer Begriffe (als Merkmale) , anzeigen' lässt. Aus 
diesen Gründen müssen Begriffe wie : Ausdehnung, Roth, Blau, Ton c, Ton d usw. zu 
den einfachen gezählt werden. 

In den ersten beiden Fällen liegt das Kennzeichen, dass ein gewisser BegriÖ' einfach 
sei, darin, dass sein Object (das durch ihn Vorgestellte) selbst seiner Qualität nach 
einfach (homogen) ist; in dem dritten darin, weil er durch Worte d. i. durch An- 
gabe von Merkmalen, aus denen er zusammengesetzt sei, nicht erworben werden kann. 
Denn ist das Vorgestellte selbst seiner Natur nach durchaus homogen, so kann auch 
der Inhalt der Vorstellung desselben (des Begriffs) nicht heterogen d. h. kann nicht 
zusammengesetzt sein. Von dieser Art ist nach §.12 der Begriff' der Existenz, dessen 
Object, ,die Existenz', eine ,absolute Einheit' ist d. h. alle ,gradus intensitatis' aus- 
schliesst, weil , etwas nicht mehr oder weniger sein', sondern nur eben entweder ,sein' 
oder , nicht sein' kann, so wie die Ausdehnung nicht mehr oder weniger Ausdehnung, 
das Roth nicht mehr oder weniger Roth sein kann, was nicht ausschliesst, dass die Aus- 
dehnung eines Ausgedehnten grösser oder kleiner, die Menge des Existirenden grösser 
oder geringer, die Empfindung des Rothen stärker oder schwächer sei. 

Die Begriffe der Materie, der Zeit und der Zahl rechnet Lambert aus gleichem Grunde 
wie jene der Ausdehnung, des Raumes u. a. unter die einfachen. Denn in allen drei Fällen 
ist das durch jene Begriffe Vorgestellte, wie bei dem Begriff Ausdehnung, ein Homogenes, 
dort ein den Raum solid fest und undurchdringbar Ausfüllendes, hier ein in einem fort 
und mit gleicher Geschwindigkeit Fliessendes, in welchem jeder Theil dem Ganzen 
ähnlich und durch einen der Grösse nach gleichen wieder ersetzlich ist, bei dem Begriffe 
der Zahl dagegen eine sich immer gleichbleibende Wiederholung der Einheit. Dagegen 
bezeichnet er im gleichen Sinne wie die Begriffe der Farben, der Töne usw., welche 
nicht durch Zusammensetzung von Merkmalen , angezeigt', daher auch dem Blinden und 
Tauben nicht beigebracht werden können und die durch sich ,schlechterdings klar' sind. 



46 Zimmermann. 

auch die Begritfe des Druckes, des Widerstandes und der bewegenden Kraft d. li. die 
Grundbegriffe der Dynamik als einfach, denn sie sind, wie jene durch Gesicht iind Gehör, 
so durch das Gefühl ,unmittelbar' gegeben und lassen sich demjenigen, der des , Gefühls' 
unfähig wäre, nicht beibringen. Ebenso .unmittelbar' gegeben aber und daher , einfache' 
Begriffe sind die Begriffe derjenigen Erkenntniss- und Begehrungskräfte, deren wir uns 
bewusst sind und die, wie die , bewegenden', als solche homogen, und, wie jene, in ihren 
verschiedenen Aeussei'ungen nur dem Grade der Intensität nach verschieden sind. Wie 
daher alle bewegende Kraft nur eine stärkere oder schwächere, so ist jede erkennende wie 
begehrende Kraftäusserung von jeder anderen nur dem Grade nach verschieden. Gegeben 
aber sind diese Begriffne, wie jene der Farbe durch den Gesichts-, der Töne durch den Ge- 
hörs-, der (bewegenden) physischen Kraft durch den Gefühlsinn, hier durch das Bewusst- 
sein. Durch dieses kommen wir zu dem Begriff dessen, was Vorstellen, Erkennen, Wollen, 
wie durch das Gefühl zu dem Begriff' dessen, was Druck, Widerstand, bewegende Kraft, 
durch das Gesicht zu dem Begriff' dessen, was Licht und Farbe, durch das Gehör zu dem 
Begriff' dessen, was Schall und Ton ist usw. Einem Bewusstlosen einen Begriff' von Vorstellen 
und Wollen beizubringen wäre so unmöglich, wie einen Blinden über Farben zu belehren. 

Der Begriff der Existenz, der schon um der Homogeneität seines Objects willen 
als einfacli nachgewiesen worden, muss auch dieses seines unmittelbaren Gegebenseins 
halber als solcher angesehen werden. Denselben könnten wir nicht haben, wenn uns 
nicht durch unsere eigene Existenz ein Sein als Object geboten würde, dessen wir uns 
durch das Bewusstsein unmittelbar inne werden. So wenig wir ohne Wahrnehmung von 
Farben zum Begriff der Farbe, so wenig würden wir ohne Bewusstsein einer Existenz 
(unserer eigenen) zum Begi-iff der Existenz kommen. 

Daher erklärt es sicli auch, dass niclit nur solchen, welchen gewisse äussere Sinne 
fehlen, die entsprechenden einfachen Begrift'e mangeln, sondern auch dass diejenigen, 
welche gewisser , feinerer' Sinne entbehren, wie sie z. B. die Dichter für die Schönheit, 
das Rührende in den Gedanken, die Grazie usw. besitzen, auch der entsprechenden ein- 
fachen Begriffe verlustig gehen, und daher bei ihnen in Bezug auf die ästhetische Ge- 
dankenwelt ebensolche Lücken bleiben müssen, wie sie bei Blinden für die Gesichts-, 
bei Tauben für die Gehörswelt stattlinden. Denn wo die einfachen Begriff'e überhaupt, 
da werden dieselben auch in allen denjenigen zusammengesetzten fehlen, in welchen sie 
als notliwendige Bestandtheile enthalten sein müssten. 

Nach der Angabe der Kennzeichen einfacher Begriff'e ist nun eine möglichst voll- 
ständige Aufzählung aller einfachen Begrift'e, als der eigentlichen Elemente unserer ge- 
sammten Erkenntniss, das nächste und dringendste Gescliäft. Es sind ihrer ,sehr viele' 
und wir haben , nicht für alle' besondere Namen. So stellen die Fai'ben, deren Namen 
theils (aber nur für die wenigsten) Eigennamen (Roth, Blau, Gelb usw.), theils von Ge- 
genständen, die diese Farbe tragen (Himmelblau, Blutroth usw.), theils von den Dingen 
hergenommen sind, die zum Malen dieser Farben gebraucht werden (Indigo, Ocker- 
gelb usw.), eine Scala dar, auf welcher das Rothe sich in Gelb, das Gelbe in 
Grün usw. verliert, deren zahllose und deshalb auch nicht mit besonderen Namen zu 
bezeichnende einzelnen Stufen aber jede für sich einfach sind und durch einfache Be- 
griffe ausgedrückt werden. Aehnliche Stufenreihen gibt es bei allen übrigen Sinnen, 
deren Glieder wir nicht mit besonderen Namen belegen, sondern uns mit Worten 
behelfen müssen , die ganze Olassen von solchen (einfachen) ßegriff'en umfassen. So 



Lambert, uek Voucangek Kant's. 47 

drücken die "Worte : bitter, sauer, salzig, scharf, lierb niclit einzelne Gesclimäcke, sundern 
oanze Arten des Geschmackes, die Worte : drücken, reissen, brennen, stechen usw., und 
die Worte: temperirt, warm, schwül, külil, kalt, frostig usw., nicht einzelne Schmerzen 
und Temperaturgefühle, sondern ganze Arten und Gattungen von solchen aus. 

Die Zurückführung der gesammten Begriffswelt auf die ihr zu Grunde liegenden 
einfachen Begriffe wird von Lambert mit dem Bestreben der Anatomie verglichen, sicli 
durch Zerlegung der Körpertheile die Kenntniss der iuneren und einfacheren Theile de.'^ 
Leibes zu verschaffen. Locke habe in seinem Versuche über den menschlichen Verstand 
die Anatomie unserer Begriffe zum Hauptwerke gemacht und darin sowohl die einfachen 
Begriffe wie ihre Modificationen und Zusammensetzungen auseinandergesetzt. 

Der Verfasser der Alethiologie bemerkt, dass er, wenn er die gleiche Absicht hätte. 
Locke's Werk grossentlieils ausschreiben müsste. Er behauptet in der Vorrede, dass er 
Locke's Werk erst nachgesehen habe, als bereits die erste Hälfte des ersten Hauptstückes 
seiner Alethiologie vollendet war, und dass er durch die entdeckte Uebereinstimmung ver- 
anlasst worden sei, dasselbe abzukürzen. Locke baue sein Werk durchaus auf IMahrungs- 
sätze und begnüge sich, die Sachen zu nehmen , schlechthin wie sie sind'. Deshalb habe er 
dessen System eine , Anatomie' der Begriffe und unserer Erkenntniss genannt. Seine 
eigene Absicht sei eine andere. Dieselbe gehe darauf aus, von der Zusammensetzung 
unserer Begriffe nicht bloss eine ,historische', sondern eine , wissenschaftliche' Erkenntniss 
zu gewinnen. Dazu genüge es nicht, aus den zusammengesetzten Begriffen, wie sie nun 
einmal seien, die einfachen ausgelesen zu haben; ,wir müssen auch sehen, woher wir 
in Ansehung ihrer Zusammensetzung allgemeine Möglichkeiten aufbringen können' 
d. h. wir müssen erweisen, dass die Entstehung der zusammengesetzten Begriffe durch 
die Beschaffenheit der sie zusammensetzenden (einfachen) in Voraus und mit Nothwendigkeit 
(a priori) begründet sei. 

Man nehme, sagt Lambert §. 33, den Begriff der Materie, man theile sie (den 
Begriff" ?) in kleine Theile, man setze diese zusammen, um einen Körper daraus zu machen, 
man nehme noch Kräfte und Bewegung dazu. Alles dieses sind Möglichkeiten und es 
lässt sich begreifen, dass ein Körper herauskommen werde, und dass man dabei unzählige 
Abwechslungen zur Auswahl habe. Bis dahin geht alles a priori. Man bestimme nun 
bei einer beliebten Zusammensetzung, ob der Körper roth, grün, schwarz, bitter, ge- 
salzen etc. sein werde, so wird, wenn wir bis dahin gelangen können, dieser 
Körper (sein Begriff?) Subject eines Satzes sein, dessen Prädicate einfache Begriffe sind 
und das wir nicht als einen blossen , Erfahrungsbegriff' anzunehmen brauchen. 

Das hier geschilderte Verfahren ist offenbar eine Construction und zwar eine solche 
a priori, deren Schlussresultat nicht gilt, weil es ist (erfahrungsgemäss), sondern weil es 
sein muss (vernunftgemäss). Insofern der auf die ,beliebte' Art construirte Körper nun 
die Eigenschaften roth, grün, schwarz, bitter usw. besitzt, stellt sein Begriff (nicht er) 
allerdings das Subject von Sätzen vor, deren Prädicate die (einfachen) Begriffe obigei- 
Eigenschaften sind und aus obigem Begriffe (also a priori) folgen. 

,Wenn wir bis dahin gelangen können!' Allein , soweit reicht unsere Erkenntniss 
dermalen noch nicht'. Dieselbe geht a priori nur bis zu den ,unzähligeu' Möglichkeiten, 
wie aus der Zusammensetzung kleinster Theilchen mit Zuhilfenahme von Kräften und 
Bewegung ein Körper ,herauskommen' könne. Die Bestimmung aber, ,ob der so und so 
zusammengesetzte Körper' nun roth, grün, bitter usw. sein werde, ist , dermalen noch 



48 



Zimmermann. 



niclit' a prioriscii müglicli und daher ,müssen wir bei solclieu Sätzen, wo das Prädicat 
ein einfacher Begriff ist, Erfahrungsbegriffe zu Subjecten nehmen'. 

Bei obigem Verfahren sind die einfachen Begriffe zu Prädicaten gemacht. Werden 
sie zu Subjecten gemacht, so sind ihre Prädicate die Folgen entweder des Eindruckes 
ihrer Vorstellung oder ihres Bewusstseins auf uns, oder ihrer Vergleichung unter ein- 
ander. In diesem Sinne bringen sowohl die einfachen Begriffe der einzelnen Farben, 
Töne usw., als die Vergleichung mehrerer einfacher Begriffe von Farben, Tönen usw. 
Eindrücke hervor, die zu Prädicaten werden. So erscheint die eine Farbe widrig, die 
andere angenehm ; die Harmonie zwischen Tönen angenehm, die Dissonanz unangenehm ; 
jenes ist die Folge des Eindruckes, welchen die Vorstellung des einzelnen, dieses des 
Eindruckes, welchen die Vergleichung der vorhandenen einfachen (Farben-, Ton- usw.) 
Begriffe hervorbringt. Alle diese Verhältnisse (mit Ausnahme der harmonischen Ton- 
verhältnisse) bleiben ,merklich unbestimmt', so lange nicht (wie bei den Tonintervallen) 
eine , Ausmessung' hinzukommt. 

Es erübrigt daher, wie Lambert (mit Locke) anerkennt, nur eine kleine Anzahl 
einfacher Begriffe, die , allgemeine Verhältnisse und Modificationen' zulassen imd dadurcli 
die Grundlage im strengen Sinne a priorischer Wissenschaften bilden können. Er zählt 
als solche 1. die Ausdehnung 2. die Solidität 3. die Bewegung 4. die Existenz 5. die 
Dauer und Succession 6. die Einheit 7. das Bewusstsein 8. die Kraft zu tragen 9. das 
Wollen auf und deutet durch ein etc. an, dass er die Reihe dadurch keineswegs für 
beendet halte. Die Modificationen, Verhältnisse und Verbindungen dieser Begriffe selbst 
anzugeben, hält er an diesem Orte für ,unnöthig' und mit ßecht, denn dadurch würde 
die Wissenschaft von der Wahrheit sich in die Wahrheit der Wissenschaft d. h. in eine 
Encyklopädie wenigstens sämmtlicher rein a priorischer Wissenschaften verwandeln, der- 
gleichen , Arithmetik, Geometrie, Chronometrie, Phoronomie, Logik usw., auch die Ale- 
thiologie als Lehre vom Möglichen und Nothwendigen selbst' sind. 

Unter die , einfachen Begi-iffe' werden dabei im Sinne Locke's sowohl reale als 
ideale Begriffe gerechnet. Zu jenen gehören z. B. die Farben-, Ton- usw. Begriffe, zu 
diesen dagegen z. B. Eaum, Zeit, Dauer, Ausdehnung, Ort etc. Die Objecte der ersteren 
sind reale, die der letzteren ideale. Die ganze Geometrie z. B. ist ideal, insofern darin 
Verhältnisse, die ,nicht in den Sachen' sind, d. i. die Figuren für sich betrachtet werden. 
Im selben Sinne sind es auch die sogenannten ewigen Wahrheiten z. B. die geometrischen, 
das sogenannte ewige Wahre der Dinge (essentia rerum) d. h. deren Möglichkeit, 
welche von deren Existenz ganz verschieden ist. Jene bindet sich an keine , diese 
dagegen allerdings an die Zeit, und daher lässt sich alles, was aus idealen Begriffen 
folgt, a priori folgern, während was aus realen folgt, z. B. die Existenz der Dinge 
selbst, ,der engen Schranken unserer Erkenntniss wegen fast immer melir oder 
minder a posteriori erörtert werden muss' (§. 43). 

Das , gemischte' Erkenntnissvermögen, welches Lambert dem rein a priorischen 
Leibnitzens und dem rein a posteriorischen Locke's entgegensetzt, kommt hier wieder 
zum Vorschein. Die , reine Vernunft' kennt nur a priorische, die reine Sinnlichkeit nur 
a posteriorische Erkenntniss; für jene sind alle einfachen Begriffe, auch die realen, 
a priorisch, für diese alle, auch die idealen, a posteriorisch. Für das gemischte Er- 
kenntnissvermögen sind die idealen Begriffe a priorisch, die realen ,fast immer mehr 
oder weniger' a posteriorisch, so dass neben den a priorischen immer auch mehr oder 



Lambert, der Vorgän(jer Kant's. 49 

weniger AVissenschaften vorhanden sind, die auf der , minder vorzüglichen' Stufe der 
Erfahrungswissenschaft stehen bleiben. 

Da alle einfachen Begriffe, welche die Grundlage unserer Erkenntniss ausmachen, 
entweder durch die Sinne oder durch das Bewusstsein erlangt werden, so folgt, dass 
einerseits demjenigen, welchem gewisse Sinne fehlen, auch die aus diesen erreichbaren 
einfachen Begriffe fehlen müssen, und dass andererseits, wenn wir mehrere Sinne besässen, 
das Reich unserer Erkenntniss sich durch die mittels derselben zu erkennenden ein- 
fachen Begriffe erweitern müsste. Nun würde allenfalls dasjenige, was sich von diesen 
Sinneserkenntnissen etwa durch ,Rechnung' herausbringen liesse, ebensowohl wie dem Blind- 
geborenen das Mathematische der Optik (des Lichts und der Farben) zugänglich sein, aber 
so wenig der letztere dadurch desjenigen Specifischen sich bemächtigen könnte, was der 
Sehende durch das Auge auf kürzestem und ausschliesslichem Wege erwirbt, so wenig 
würde sich das durch jene Sinne a posteriori Zugängliche auf a priorischem Wege ohne 
dieselben erreichen lassen. Lambert zieht daraus den Schluss, dass ,wir mehreren Möglich- 
keiten Raum lassen können, als uns unsere Erkenntniss a priori und die a posteriori angeben, 
und dass zwischen beidenArten unsererErkenntniss in rhehreren Absichten ein 
Abstand ist, den wir durch kein bekanntes Maass ausdrücken können oder uns vorstellen 
können, ungeachtet es uns in vielen Fällen möglich bleibt, beide durcli schlüssige Ketten 
von mehr oder minder Gliedern zusammen zu hängen'. 

Das zweite Hauptstück entwickelt die Grundsätze und Forderungen, welche die ein- 
fachen Begriffe angeben, wobei die oben angeführten neun einfachen Begriffe zu Grunde 
gelegt und durch einen zehnten, die Kraft, vermehrt werden. Da ohne Bewusstsein 
keine , klare' Empfindung, Vorstellung, Begriff', ohne Existenz aber kein Bewusstsein 
möglich ist, so ist die erstere ein Postulat, das letztere dessen unmittelbare Folge. Da 
ferner, wenn wir denken, gewiss ist, dass wir denken, so gibt der Satz : was ist, das ist, 
den Grund der Gewissheit (principium certitudinis). Ebenso wird gegeben der Begriff' der 
Einheit durch das Ich (§. 74), der Begriff der Zahl durch Wiederholung der Einheit, 
durch die Brüche der Gewissheit (als Einheit betrachtet) die AVahr scheinlich ke it 
(§. 76), durch die Succession unserer Vorstellungen der Begriff der Z e i t, auf welchem die 
Chronometrie (§. 77), durch das Gefühl unmittelbar, durch das Sehen mittelbar der Begriff' 
der Ausdehnung (§. 82), auf welchem die Geometrie, durch die Aenderung des Orts der 
Begriff der Bewegung (§. 88), durch die Aenderung der Dauer der Bewegung der Be- 
griff der Geschwindigkeit (§. 90), auf deren Vergleichung mit Raum und Zeit die 
Phoronomie beruht. Da die Theile der Ausdehnung aussereinander liegen, so machen sie 
eine (ideale) Bestimmung aus, die von jeden Möglichkeiten nur eine Classe zugleich 
wirklich sein lässt. Es gibt daher Wahrheiten, die an den Ort dergestalt gebunden sind, 
dass was in einem Raum oder Ort ist, nicht zugleich ausser demselben ist, ungeachtet es 
gar wohl ausser demselben oder an einem anderen Orte sein könnte. Die Bestimmungen 
des Orts und der Zeit sind es, welche die Dinge i n d i v i d u a 1 machen, und es ist klar, 
dass sie beisammen sein, folglich die Begriffe der Zeit und des Raumes vmtereinander 
verbunden werden können. Auf ähnliche Art haben die Begriffe der Materie, der be- 
wegenden Kraft ihre eigenen Gesetze, und die Wissenschaft der letzteren (die Dynamik) lässt 
sich als transcendente Wissenschaft sowohl auf die Kräfte der Bewegung überhaupt, wie 
auf jene des Verstandes, der durch Gründe zum Fürwahrhalten, wie des Willens, der durch 
Motive zum Wollen angeregt wird, also , gleichsam' eine vim inertiae besitzt, anwendeü. 

Denkschriften der phil.-hist. Cl. XXIX. Bd. "^ 



50 Zimmermann. 

Das dritte Hauptstück beliandelt die Entstehung der zusammengesetzten Begriffe 
aus den einfachen. Hiebei werden solche, deren einfache Begriffe sich unter einander 
avisscliliessen, als ,Hirngespiunste' von selbst ausgeschlossen. Das gleiche Schicksal er- 
leiden die wlllkürliclien Zusammensetzungen. Geht man bei der Zusammensetzung in 
der Weise vor, dass alle durch Combiuation gewisser einfacher Begriffne möglichen Syn- 
thesen erschöpft werden, so verwickelt man sich einerseits in Weitläufigkeiten, andererseits 
geräth man in Gefahr, unbrauchbare Begriffe zu liefern. Das Bestreben geht daher 
dahin, das Willkürliche in der Combination zu beseitigen • die dazu empfohlenen Mittel 
aber sind höchst unbestimmt. Oft'enbar schwebt dem Verfasser, wie man auch §. 149 
aus der Erwähnung der chinesischen Schrift sieht, das Leibnitz'sche Ideal eines Universal- 
calcüls vor, mittels dessen aus einer bestimmten Anzahl einfacher Elemente alle möglichen 
Begriffe durch Combination gewonnen zu werden vermöchten; sein Versuch scheitert 
aber wie der Leibnitz'sche an der Unmöglichkeit, sämmtliche einfache Begriffe zu er- 
schöpfen und an dem Mangel einer Combinationsmethode, welche nur giltige Begriffne 
zu Stande kommen lässt. 

Das vierte Hauptstück umfasst den Unterschied des Wahren und Irrigen. Der Ver- 
fasser betrachtet die Wahrheit als das System aller Begriffe, Sätze und Verhältnisse, 
die nur immer möglich sind, in deren Verbindung und Zusammenhang, und das, was wir 
davon eben bereits wissen, als Theile und einzelne Stücke dieses Systems. Lambert folgert 
dai'aus nicht nur, dass keine Wahrheit der anderen widersprechen könne, und Avas keiner 
Wahrheit widerspricht, selbst eine Wahrheit sein müsse, sondern auch, dass jedem Irrthum 
entweder unmittelbar oder durch seine Folgerungen mittelbar, eine Wahrheit wider- 
sprechen müsse, und deshalb was weder einen Widerspruch enthält, noch widersprechende 
Folgen aus sich ableiten lasse, selbst eine Wahrheit sein müsse. So lange daher ein 
Satz weder selbst einen Widerspruch enthält, noch sich ein solcher, mit einer bereits 
bekannten Wahrheit, aus demselben herleiten lässt, darf er als möglicherweise, und mit je 
mehr bereits bekannten Wahrheiten er sich in Hai'monie befindet, in desto höherem Grade 
als wahrscheinlicherweise wahr (als Erkenntniss) angesehen, dagegen wenn er entweder 
selbst einen Widerspruch enthält, oder mit bekannten Wahrheiten im Widerspruch stehende 
Folgerungen sich aus denselben ergeben, um desto gewisser muss er als falsch (als 
Irrthum) betrachtet werden. Dass aber wenigstens einige Wahrheiten wirklich ei'kannt 
werden, leitet der Verfasser, wie Andere vor ihm und nach ihm, aus dem Umstand ab, 
dass der Satz, dass wir keine einzige Wahrheit erkennen, sich selbst aufhebt. 

Wir übergehen die Semiotik oder die Lehre von der Bezeichnung der Gedanken 
und Dinge, welche als wesentlich Sprachwissenschaft in den Zusammenhang der Logik 
vmd Erkenntnisstheorie nicht eigentlich herein gehört. Dieselbe handelt in zehn Haupt- 
stücken von der symbolischen Erkenntniss, von der Sprache an sich und als Zeichen, von 
den Zeit-, Nennwörtern luid unveränderlichen Redetheilen, von der Wortforschung und 
Wortfügung, von der Art und dem Hypothetischen der Sprache. 



Lambert, dek Vorgänger Kant's. 51 



Fünftes Capitel. 

Die Phänomenologie. 

Indem Lambert das Werk des Idealism.us und Empirismus von einer neuen Basis aus 
zu reconstruiren vmternimmt, ist er sich seines Verhältnisses zu beiden Vorgängern voll- 
kommen bewusst. Leibnitz, an dessen Stelle er Wolf nennt, und Locke haben beide 
gemein, dass sie auf das Einfache in der Erkenntniss zurück gehen, aus welchem und 
mittels dessen alle weitere Erkenntniss folgt. Aber das Einfache selbst ist, je nach 
dem verschiedenen Standpunkte, ein anderes. Da der Leibnitz'sche Standjjunkt die Auf- 
nahme von etwas ausser der Monas Befindlichem in dieselbe durch , Fenster' ausschliesst 
so ist damit das Einfache der Erkenntniss, wie es der Empirismus Locke's kennt, die 
einfache Sinnesempfindung, von selbst ausgeschlossen. Das Einfache der immanenten 
(vor und unabhängig von aller Erfahrung vorhandenen) Erkenntniss komme selbst aus 
immanenter P^rkenntniss, so wie das Einfache einer durchaus von aussen erwoi-benen Er- 
kenntniss nur von aussen verursachte Erkenntnisselemente (einfache Sinnesempfindungen) 
sein können. Den Unterschied zwischen beiden Arten von Einfachem in der Erkenntniss 
findet nun Lambert darin, dass die Elemente der a priorischen (immanenten) Erkenntniss 
nicht nur selbst a priorisch, sondern ,Principien', die Elemente der a posteriorischen 
(von aussen stammenden) Erkenntniss nicht nur selbst a posteriorisch, sondern blosse 
, Summanden' sind. Jene lassen sich mit lebendigen Kräften vergleichen, die neue Fol- 
gerungen erzeugen, diese dagegen mit , Atomen', die sich zu Aggregaten anhäufen. 
Lambert lobt Leibnitz, dass er die menschliche Erkenntniss ,analysirt', und tadelt Locke, 
dass er dieselbe bloss ,anatomisirt' habe. Während die Analyse des Lehendigen zu dessen 
lebendigen letzten Elementen führt, die nur wieder verknüpft zu werden brauchen, um 
neues Leben zu erzeugen, führt die Anatomie zu zwar letzten, aber leblosen Theilen, 
durch deren Verbindung auch kein Leben hervorgebracht werden kann. Lebendige 
Erkenntnisselemente sind ihm zufolge die einfachen Vernunfterkenntnisse, die sich zu 
dieser verhalten wie die Axiome und "Grundsätze der mathematischen Erkenntniss zu 
dieser selbst. Todte Erkenntnisselemente dagegen sind ihm die einfachen Sinnesempfin- 
dungen, aus welchen sich nichts folgern, nichts ableiten lässt, deren Anhäufung nur 
eine todte, chaotisch durch einander gewürfelte Masse (Avie die Atome) bildet. 

Die immanente (a priorische) Erkenntniss hat daher den Vorzug, dass ihre Elemente 
lebendige Erkenntnisse (Principien) sind, aus welchen weitere Ei'kenntnisse folgen, obgleich 
den Uebelstand, dass da in dieselbe nichts von aussen einzufliessen, also von dem, was n u r 
durch Erfahrung gewusst wird, auch nichts gewusst zu werden vermag, auch ihre Principien 
nichts Aehnliches enthalten (also z. B. wenn das Sein nur durch Erfahrung gewusst 
werden kann, wir vom Seienden nichts wissen können). Die empii'ische (a posteriorische) 
Erkenntniss hat zwar den Vorzug, dass sie aus Erfahrungen besteht, also dasjenige, was 
nur erfahren werden kann (z. B. das Sein an Seiendem) weiss, aber den Naclitheil, dass 
sie ein blosses Aggregat vereinzelter Erfahrungen d. i. vereinzelter Sinnesempfindungen 
ist, die als solche noch keine Erfahrung d. h. weder ein Wissen von Gegenständen noch 
von deren Verhalten zu einander durch Erfahrung ausmachen. Soll daher von dem nur 



52 Z 



IMMERMANN. 



Er fahr baren etwas gewusst, und soll durch Erfahrung wirklich gewusst werden, 
so müssen beide Erkenntnissarten, die a priorische und a posteriorische zu einer einzigen 
vereinigt d. h. es muss aus der reinen Vernunft und der puren Sinnlichkeit ein neues, 
dualistisches ErkenntnissvermOgen als deren Summe zusammengefügt werden. 

Begreiflicherweise wird solches beiderlei einfache Erkenntnisselemente in sich 
schliessen. Lebendige, insofern in ihm reine Vernunft, und todte, insofern in ihm pure 
Sinnlichkeit enthalten ist, aber in letzteren ebensowohl wie in den ersteren wirkliche 
Erkenntnisselemente. Und zwai' wird durch die Elemente der puren Sinnlichkeit, die 
Empfindungen, etwas erkannt, was durch jene der Vernunft eben nicht erkannt werden 
kann, weil es erfahren werden muss, die Realität des empfundenen Objects. 
Dagegen wird durch den Hinzutritt der lebendigen Erkenntnisselemente der reinen Ver- 
nunft die pursinnliche Erkenntniss (das Empfinden) in eine Form gebracht, in der es 
erst wirklich Erfahrung d. h. ein "Wissen durch die Sinne heissen kann. 

Zu dem letztern genügt es nicht, dass durch die Sinnesempfindung dem empfindenden 
Subject als diesem Einzelnen und eben nur unter diesen Umständen etwas gegeben sei; 
um für eine Erfahrung zu gelten, müsste dasselbe jedem Andern unter gleichen Um- 
ständen in gleicher ^Yeise sich aufdrängen. Um das durch die Sinne Gegebene zu einer 
, Erfahrung' im strengen Sinne zu macheu, müsste dasselbe mit Erkenntnisselementen 
durclidrungen werden, die selbst nicht mehr a posteriorischer (rein-sinnlicher), sondern 
a priorischer (rein-vernünftiger) Natur sind. 

Daraus ergibt sich, dass ein Wesen mit gemischtem Erkenntnissvermögen wenigstens 
dreierlei Arten der Erkenntniss in sich vereinigt: a) reine Vernunfterkenntniss, b) pure 
Sinnlichkeitserkenntniss, c) aus Vernunft und Sinnlichkeit gemischte Erkenntniss. Die 
erstere ist zwar Wissen, aber nicht vom Erfahrbaren; die zweite zwar Erfahrung, aber 
kein Wissen; die dritte ist Wissen vom Erfahrbaren, die eigentliche Erfahrung. 

Wenn nun zu dem, was erfahren werden muss, das Sein gehört, so folgt von selbst, 
dass das Wissen durch reine Vernunft kein Wissen vom Sein sein kann. 

Wenn das durchaus individuelle Empfinden des Einzelnen nicht nothwendig all- 
gemeines, also nicht nothwendig AVissen ist, so folgt, dass das individuelle Erfahren- 
haben noch keine Erfahrung ist. 

Wenn aber das, was vereinzelte Empfindung in wirkliche Erfahrung verwandelt, 
keine a posteriorischen, sondern a priorische Erkenntnisselemente sind, so folgt, dass 
alle wirkliche Erfahrung aus a priorischen und a posteriorischen Erkenntnisselementen 
(der reinen A^ernunft und der puren Sinnlichkeit) gemischt sein muss, von welchen jene 
die Form, diese den Stotf der Erfahrung ausmachen. 

Allerdings sind obige Consequenzen in ihrer vollen Schärfe erst von Kant gezogen 
worden. Aber die Scheidung der dreifachen Erkenntnissarten, welche sich aus der Ver- 
einigung der reinen Vernunft und der puren Sinnlichkeit zu einem einzigen Erkenntniss- 
vermögen ergeben, ist von Lambert vorgezeichnet. Seinem methodischen Grundsatze getreu, 
dass die gesammte Erkenntniss aus den einfachen Erkenntnisseiemeuten gewonnen werden 
müsse, muss sich daraus die Aufgabe ergeben, ein Inventar der gesammten ein- 
fachen Elemente der Erkenntniss zu entwerfen. 

Und zwar sowol a. ein solches der einfachen Elemente der reinen A'ernunfterkenntniss 
als b. ein solches der Elemente der Erkenntniss durch pure Sinnlichkeit, als c. ein solches 
der Elemente der aus beiden gemischten Erkenntniss. Von dem ersten ist, da die Monaden 



Lambert, der Vougänger Kant's. 53 

keine Fenster haben, alles ausgescLlossen, was nur durch diese gewusst, also nur durch die 
Sinne erfahren werden kann. Die Elemente der zweiten sind, da individuelles Empfinden 
kein Wissen im wissenschaftlichen Sinne genannt werden kann, streng genommen noch 
keine Erkenntnisselemente, obwohl sie zu solchen erhoben werden können. Die Elemente 
der gemischten Erkenntniss aber müssen selbst gemischt d. h. aus a priorischen und 
a posteriorischen Bestandtheilen zusammengesetzt sein. Es kann daher nichts so Einfaches 
in der gemischten (Erfahrungs-) Erkenntniss geben, das nicht a priorische und nichts so 
Abgeleitetes, das nicht a posteriorische Bestandtheile in sich trüge. 

Da das Primitive in der Erfahrungserkenntniss offenbar der Erkenntniss durch pure 
Sinnlichkeit am nächsten stehfen, das a posteriorische in demselben also das, a priorische 
am meisten überwiegen muss, so muss bei den abgeleiteten Erfahrungserkenntnissen der 
entgegengesetzte Fall eintreten. Je ursprünglicher die Erfahrungserkenntniss, desto 
geringer, je abgeleiteter, desto stärker ist die Beimischung des a priori. Das a priori 
und a posteriori selbst, die Elemente der Mischung, müssen, das erstere durch Analyse 
der reinen Vernunft, das letztere durcli jene der puren Sinnlichkeit, gewonnen werden. 
Zu jenem gehören die Begriffe und Urtheile, welche wir vor und unabhängig von aller 
Erfahrung besitzen; zu diesem die Vorstellungen, welche wir nur in Folge der Sinnesorgane 
und Werkzeuge haben. Aus beiden setzt sich die Erfahrung zusammen und zwar so, 
dass in den primitivsten Erfahrungserkenntnissen der letztere, in den abgeleiteten der 
erstere Bestandtheil die Oberhand hat, in jeder derselben aber beiderlei enthalten ist. 

Deutlich liegt hier der Keim dessen, was Kant später Form und Materie unserer 
Erfahrung genannt hat. Und zwar steigt bei Kant die Beimischung des a priori im 
ähnlichen Grade, indem den primitivsten Erfahrungen (den Anschauungen) nur die 
a priorischen Formen der Sinnlichkeit, dagegen den abgeleiteten (Begriffen) auch die 
Kategorien und schliesslich die Vernunftideen beigemischt erscheinen. Die Beimischung 
a posteriorischer Elemente bezeichnet aufs strengste die Grenze, welche reine Vernunft- 
und Erfahrungswissenschaften scheidet, so wie die Beimischung a priorischer Elemente 
andererseits Erfahrung als Wissenschaft von unwissenschaftlicher Erfahrung trennt. 

Dass nach dieser Scheidung von demjenigen, was ausser der Monade und nur durch 
deren , Fenster' zu sehen war, keine , Vernunftwissenschaft' möglich sei, lag durch das 
Vorstehende jedem Einsichtigen offen. Eben so klar aber auch, dass darunter nur das 
Seiende und Existirende gemeint sein könne, oder mit anderen Worten, dass die Wissen- 
schaft vom Seienden für die Monas eine blosse , Erfahrungswissenschaft' sein könne; 
zugleich aber auch, dass sie (im Gegensatz zu Locke's Empirismus) eine Erfahrung als 
Wissenschaft (eine mit a priorischen Elementen durchsetzte) Erfahrung sein solle. Soll 
daher nur eine reine Vernunftwissenschaft des Namens Metaphysik würdig sein, so ist 
letztere überhaupt unmöglich. Sollte dagegen nur eine von a priorischen Elementen 
durchaus freie Erfahrung wissenschaftliche Erfahrung sein, so ist eine solche gleicli- 
falls unmöglich. Eine Metaphysik in Wolfs (oder Leibnitzens), und eine Empirie in Locke's 
Sinne werden gleichmässig abgewiesen. 

Von ausserhalb der Monas Seiendem ist daher nur durch Erfahrung Kenntniss und 
nur durch Beimischung a priorischer Elemente (wissenschaftliche) Erfahrung möglich. 
In diesem Sinne gilt dasjenige, was Kant später so ausdrückte: dass unsere Erkenntniss 
mit der Erfahrvmg anhebe, aber nicht ganz aus derselben stamme. Ohne Eindrücke 
durch die Sinnesorgane zu empfangen, würde die Monas von dem was ausser ihr ist, 



54 Zimmermann. 

schlechterdings nichts wissen ; ohne Beimischung a priorischer Elemente zu dem 
auf obigem Wege Empfangenen von solchem schlechterdings nichts wissen. Jenes be- 
zeichnet die Grenze zwischen demjenigen, was die Monas a priori und demjenigen, was 
sie nur a posteriori wissen kann; dieses die Grenze zwischen demjenigen, was sie erfahren 
und was sie erfahrungsmässig wissen kann. 

Dass es solche Grenzen gebe, ist so festgestellt; was aber innerhalb und ausserhalb 
derselben vom Erkenntnissinhalt liege, noch nicht klargelegt. Sicher ist nur, dass es 
Dinge gibt, die nicht a priori, und unter dem a posteriori Gewussten Dinge, die zwar 
erfahren, aber nicht erfahrungsmässig gewusst werden. Die nächste Aufgabe müsste 
nun hier die Aufzählung alles desjenigen sein, was a priori nicht, sondern nur a posteriori 
gewusst werden kann. 

Dass daliiii alles gehöre, zu dessen Wissen es der Sinne bedürfe, ist für sich selbst 
klar; was aber nun dasjenige sei, zu dessen Wissen die reine Vernunft nicht ausreiche, 
das eben ist das Problem. Dasselbe wird auf diese Weise gelöst, dass die Dinge, zu 
deren AVissen die Vernunft nicht ausreicht, einzeln angeführt werden. Um aber gewiss 
zu sein, dass dabei keines derselben übergangen werde, müssten zuerst alle Dinge, welche 
zu wissen die reine Vernunft überhaupt Anspruch macht, einzeln durchgemustert und 
bei jedem derselben die Frage, ob die Vernunft aus sich zu dessen Wissen befähigt 
sei, besonders bejaht oder verneint werden. 

Da nun die reine Vernimft hauptsächlich zweierlei zu wissen Ansjjruch erhebt, 
nämlich dasjenige, was ist, und dasjenige, was sein soll, so muss erstens gefragt werden, 
ob dieselbe das Seiende, zweitens, ob sie das Seinsollende zu erkennen im Stande sei? 
Weil aber weiters die Erkenntniss des Seienden überhaupt die Möglichkeit des Erkennens 
des Seins (die des Was wie die des Dass) voraussetzt, so muss zuerst gefragt werden, ob 
die Vernunft aus sich das Sein zu erkennen vermöge? 

Ist einmal erkannt, dass Sein durch reine Vernunft nicht erkannt, oder wie Kant 
es später ausdrückte, dass das Sein aus dem Denken nicht ,herausgeklaubt' werden 
könne, so folgt daraus von selbst, dass nichts durch reine Vernunft könne als seiend 
erkannt, sondern als solches höchstens von ihr könne anerkannt werden. Kann aber 
überhaupt nichts durch reine Vernunft als seiend erkannt werden, so kann weder das 
Unendliche, noch ein endliches Seiendes, weder ein von uns verschiedenes, noch das 
eigene Seiende (Ich) durch reine Vernunft von uns als seiend erkannt werden. 

Von der Erkenntniss durch reine Vernunft als seiend sind daher sowohl Gott als die 
Welt, als die eigene Seele ausgeschlossen. Inwiefern diese drei die eigentlichen Objecto der 
Metaphysik sind und diese reine Vernunftwissenschaft ist, wird Metaphysik als Wissenschaft 
von obigen Gegenständen überhaupt unmöglich. Nicht unmöglich dagegen bleibt eine Er- 
fahrungswissenschaft vom Seienden, von der es nur zweifelhaft scheint, ob sie nach philo- 
sophischem Sprachgebrauch noch Metaphysik heissen dürfe. Die rationalen Wissenschaften 
vom Seienden: rationale Theologie, rationale Kosmologie und rationale Psychologie werden 
durch eben soviele ErfahrungsAvissenschaften : empirische Theologie (Physikoteleologie), 
empirische Kosmologie (Astronomie und Erdkunde), empirische Psychologie (Erfahrungs- 
seelenlehre) ersetzt. 

Kann aber das Seiende a priori als seiend nicht gewusst werden, so folgt daraus 
keineswegs, dass überhaupt nichts a priori gewusst werden kann. Lambert selbst nennt 
neben der Metaphysik die Mathematik als reine Vernunftwissenschaft. Da nun die 



Lambert, der Vorgänger Kant's. 55 

mathematisclien Objecte keine solclien sind, welclien ein Sein beigelegt wird, so kann 
daraus, dass sich aus reiner Vernunft kein Sein , herausklauben' lässt, offenbar nicht 
folgen, dass von mathematischen Objecten kein a priorisches AVissen möglich sei. 
Matliematik bleibt daher als Wissenschaft aus reiner Vernunft immer noch möglich, 
auch wenn Metaphysik als Wissenschaft vom Seienden aus reiner Vernunft sollte als 
unmöglich erkannt worden sein. Ebenso wenig folgt aus der Unmöglichkeit reiner Ver- 
nunftwissenschaft vom Seienden die einer solchen vom Seinsollenden, welches als dieses 
eben noch kein Seiendes ist. Mathematik und Ethik mögen daher immer noch a priorische 
Wissenschaften sein, auch wenn Metaphysik als solche zur Illusion geworden ist. 

Wie aber durch die zwischen a priori und a posteriori Erkennbarem gezogene Grenze 
Metaphysik aus reiner Vernunft- in; eine blosse Erfahrungswissenschaft, so verwandelt 
sich durch die Einmischung a pi-iorischer Elemente in die reine Sinneserkenntniss die 
rohe Empirie in wissenschaftliche Erfahrung. Wie der erste Theil der Betrachtungen 
sich gegen die sich selbst überlassene reine Vernunft, so wendet sich der zweite gegen 
die sich selbst überlassene Sinnlichkeit. Alles was die Vernunft aus sich vermag, würde 
diese nicht zur Empfindung z. B. der Farbe führen, die nicht ohne Auge erfahrbar 
ist. Alles was die pure Sinnlichkeit aus sich vermag, würde nicht über die vereinzelte 
Sinnesempfindung (Sensation) hinaus, würde nicht einmal zu der Vergleichung des 
Inhalts zweier oder mehrerer Empfindungen, rücksichtlich der Gleichheit oder des Gegen- 
satzes ihrer Empfindungsqualität, führen. Roth und Blau werden durch das Auge 
wahrgenommen; die Verschiedenheit beider Farbenqualitäten wird durch dasselbe 
nicht wahrgenommen. Die Vergleichung zwischen den Eindrücken der bekannten fünf 
Sinne Avird keineswegs etwa durch einen sechsten angestellt, ihre Gleichheit oder Un- 
gleichheit nicht durch einen solchen, wie ihre specifische Qualität durch das Auge, 
empfunden. Die erfahrene Empfindimg wird aber erst durch Wiederholung, sei es von Seiten 
verschiedener, sei es von Seite desselben Subjects unter verschiedenen Umständen etwa zu 
einer wirklichen Erfahrung, wenn ihr Inhalt trotzdem als der nämliche empfunden 
wird. Das Urtheil über die Gleichheit der Empfindungen Mehrerer oder Desselben unter 
verschiedenen Umständen setzt aber seitens des letzteren eine Vergleichung voraus, Avelche 
als denkende Operation weit über die Grenze des reinen Empfindens des Einzelneu 
hinausgeht. Dieselbe ist nicht mehr ein sinnliches, sondern ein reines Vernunftelement, 
welches dem a posteriorischen Factor der puren Sinnlichkeit als a priorischer Factor 
beigemengt Avird. Auf diese Weise ist schon in den primitivsten Erfahrungen, wenn sie 
nur einmal mehr als bloss individuell vereinzelte Empfindungen sein sollen, eine Bei- 
mischimg von a priorischen Elementen d. h. von reiner Vernunft enthalten und der 
Charakter der Erkenntniss durch ein gemischtes Erkenntnissvermögen, wie es das der 
Erfahrung ist, wird dadurch selbst ein gemischter. 

Reine Vernunfterkenntniss und reine Sinneserkenntniss haben jede für sich eine Grenze, 
obgleich jede eine andere. Jene hört dort auf, wo das nur durch die Sinne Erfahrbare 
beginnt; diese dort, wo die Beimischung a priorischer Elemente anfängt. Es ist daher 
ebenso unmöglich, durch Analyse der reinen Vernunft (wie Leibnitz), als durch ,Atomi- 
sirung' der Sinnlichkeit (wie Locke) zu den einfachen Elementen aller möglichen Er- 
kenntniss zu gelangen. Vielmehr müssen zu den Elementen der reinen A-^ernunft noch 
jene der Erfahrung hinzugefügt und auf diese Weise ein Inventar der einfachen Er- 
kenntnisselemente des Menschen überhaupt entworfen Averden. Da aber nach Obigem 



56 Zi 



MMEUMANN. 



Erkenntniss in der Erfahrung erst dort beginnt, wo den Elementen der Sinnlichkeit 
A^ernunftelemente sich zugesellen, so folgt, dass die Elemente der Erfahrungserkenntniss 
selbst aus a priorischen und a posteriorischen Bestandtheilen gemischt und daher selbst 
einer weiteren Zerlegung in das, was an ihnen a priori und a posteriori ist, fähig seien. 

Wie daher bei der Begrenzung der reinen Vernunfterkenntniss die Aufgabe entsteht, 
die Gegenstände, welche von der Erkenntniss durch reine Vernunft ausgeschlossen sind, 
besonders Stück für Stück aufzvizählen, so entsteht bei der Zerlegung der Erfahrungs- 
erkenntniss in ihre einfachen Elemente die Aufgabe, dasjenige, was an dieser a priori 
ist, von demjenigen, was a posteriori ist, abzusondern und besonders aufzuzählen. Ersteres 
Verfahren ergibt ein vollständiges Verzeichniss dessen, was durch reine Vernunft nicht 
erkannt werden kann ; letzteres ein Verzeichniss dessen, was i n der Erfahrung nicht 
aus der Erfahrung stammt. 

Jenes drückt eine Beschränkung des Gebiets der Vernunft-, dieses eine solche der 
Sinneserkenntniss aus. Werden durch die erstere gewisse Gegenstände von der Vernunft- 
ei'kenntniss ausgeschlossen, so wird durch das letztere der pure Empirismus selbst von 
der Erkenntniss ausgeschieden. Wenn es Objecte gibt, welche dui'ch reine Vernunft 
nicht erkannt werden, so gibt es dagegen überhaupt nichts, was durch pure Sinnlichkeit 
im strengen Sinne des Wortes erkannt würde. Mit anderen Worten : durch reine 
Vernunft (ohne Sinne) wird Einiges erkannt. Anderes nicht ; durch reine Sinnlichkeit 
(ohne Vernunft) wird absolut nichts erkannt. 

Für dasjenige aber, was durch reine Vernunft wirklich erkannt, sowie für dasjenige, 
was durch Erfahrung erkannt Averden kann, bedarf es einer Anleitung zur Erkenntniss. Die 
reine Vernunft, von welcher gewisse Gegenstände von selbst schon aus-, und die Erfahrung, 
in deren primäre Elemente a priorische Bestandtheile schon eingeschlossen sind, bedürfen 
eines methodischen Gebrauchs, wenn sie zu wirklicher Erkenntniss führen sollen. Die 
Anweisung zu diesem ist die positive Aufgabe des Organons, wie die Ausschliessung des 
durch reine Vernunft oder pure Sinnlichkeit nicht Erreichbaren dessen negative. Während 
Lambert diese nur obenhin und im Allgemeinen behandelt, führt er die positive Seite um- 
ständlich und zwar sowohl nach ihrer rein formalen, als nach ihrer inhaltlichen (materialen) 
Seite aus. Er untej-sucht namentlich ebensowenig, welche Gegenstände durch die Be- 
schränkung der reinen Vernunft auf das vor und unabhängig von aller Erfahrung 
Erkennbare von der Erkenntniss durch dieselbe aiisgeschlossen werden, als er namentlich 
untersucht, welches die a priorischen Bestandtheile seien, welche bereits in den ein- 
fachsten Erfahrungserkenntnissen enthalten sein müssen, wenn diese auf den Namen von Er- 
kenntnissen sollen Anspruch erheben dürfen. Thäte er ersteres, so hätte schon Er auf 
die Entdeckung kommen müssen, auf welche später Kant kam, dass dadurch das Sein alles 
als seiend Gedachten von der Erkenntniss durch reine Vernunft ausgeschlossen werde. 
Hätte er das letztere gethan, so wäre er Kant's Aufzählung der a priorischen Bestand- 
theile der menschlichen Erfahrung zuvorgekommen. Statt dessen begnügte er sich, den 
Satz auszusprechen, dass es Dinge gebe, welche der sich selbst überlassenen reinen 
d. i. immanenten Vernunft der , fensterlosen' Monas unzugänglich seien, ohne zu sagen, 
welche es seien; sowie den anderen, dass jede noch so primitive Erfahrung a priorische 
Bestandtheile enthalten müsse, um für erfahrungsmässiges W^issen gelten zu können, 
abermals ohne anzuführen, welche es seien. Indem er aber nun allgemeine Eegeln 
sowohl für die Vernunft, als für die Erfahrung aufstellt, um zur Erkenntniss zu gelangen, 



Lambert, der Vouuänger Kant's. • 57 

erweckt er den Schein, als vermöchte die Anwendung desselben auch die Erkenntniss 
derjenio-en Gegenstände durch reine Vernunft zu ermöglichen, welche von der Erkenntniss 
durch diese ausgeschlossen bleiben, und als sei die Kenntniss der auch den primitivsten 
Ertahrungserkenntnissen beigemengten a priorischen Elemente für die Gewinnung von 
Erkenntniss auf dem Erfahrungswege gleichgiltig. 

Jener Schein ist besonders deshalb verwerflich, weil dann billigerweise gefragt 
werden kann, warum es bei der von Leibnitz eingeführten immanenten Vernunft nicht 
sein Bewenden haben könne? Die Ergänzung derselben, d. h. die pure Sinnlichkeit, 
ist ja nur dann unumgänglich, wenn es Gegenstände für das Erkennen gibt, deren Er- 
kenntniss auf keine Weise durch reine Vernunft zu erreichen ist. Eine directe Auf- 
zählung derselben macht jenen Schein unmöglich. 

Ebenso bedenklich ist das Verschweigen der a priorischen Elemente der Erfahrung, 
weil daraus geschlossen werden kann, dergleichen seien überhaupt nicht vorhanden und 
die pure Sinnlichkeit ohne allen und jeden a priorischen Bestandtheil sei die wirkliche 
Erfahrung. Eine Anführung der a priorischen Bestandtheile in der factischen Erfahrung 
macht jedem Zweifel an deren Vorhandensein ein Ende. 

Sind dagegen die Gegenstände, welche der reinen Vernunft unzugänglich bleiben, 
mit Namen genannt, dann mag immerhin eine Anleitung für die reine Vernunft zu 
Erkenntnissen zu gelangen, gegeben werden. Es versteht sich von selbst, dass damit 
jene derselben imzugänglichen Objecte von der Erkenntniss durch reine Vernunft aus- 
geschlossen sind. Ebenso : sind die a priorischen Elemente, welche jede, auch die Er- 
fahrungserkenntniss enthalten muss, um für Erkenntniss gelten zu können, bekannt, so 
ist mittels derselben, mathematisch zu reden, wenigstens eine der Grössen als deren 
Function die Erkenntniss erscheint, das a priori, bekannt, und es bedarf nur der 
Kenntniss der anderen, des a posteriori, um die ganze Erkenntniss construiren zu können. 
A priori und a posteriori verhalten sich in dem Fall, wie die allgemeine algebraische 
Formel imd die besonderen "Werthe, welche in derselben substituirt werden können und 
sollen. Jene stellt die Form, diese stellen das Material der wirklichen Erkenntniss dar. 

Man braucht nicht eben sehr scharfsichtig zu sein, um hier allenthalben die Keime 
der späteren Kant'schen Unternehmungen zu finden. Dieselben erscheinen von diesem 
Gesichtspunkte aus fast nur Avie Versuche, die von Lambert gelassenen Lücken auszufüllen. 
Es genügt Kant nicht, auszusprechen, es gebe Objecte, die der Erkenntniss der ,fenster- 
losen' Monas unzugänglich seien, er zählt dieselben auf. Bei dieser Gelegenheit drängt 
sich demselben die Einsicht auf, dass unter diesen Objecten diejenigen, welche den Haupt- 
inhalt der Metaphysik bilden, Gott, die Welt, die Seele, mit einem Wort, alles Seiende, 
sich befinden. Indem er die für die Existenz Gottes üblichen Beweise untersucht, kommt 
er zu dem Resultat, dass die einen vom Standpunkte der ,fensterlosen' Monas aus unmöglich, 
der von jenem aus aber allein mögliche ein Fehlschluss sei. Jene ersteren sind der 
physikoteleologische und der kosmologische, der letztere ist der ontologische. Jene ersten 
beiden setzen eine ,transiente' Wirkung voraus ; der physiko- teleologische die unmittelbare 
Erfahrung der äusseren Zweckmässigkeit, der kosmologische die Verursachung der 
endlichen Monas durch die unendliche. Ersteres wird durch die Fensterlosigkeit der 
Monas, in welche nichts eintreten, letzteres durch die Natur der Urmonas, aus welcher 
nichts austreten (die also ausser sich nichts bewirken kann,) ausgeschlossen. Der onto- 
logische Beweis ist der einzige, welcher der Monas übrig bleibt; denn da in diesem das Sein 

Denkschriften der phil.-hist. Cl. XXIX. Bii. 8 



58 Z 



IMMERMANN. 



aus dem blossen Gr e d a u k e n gefolgert wird, so bedarf es dazu keiner Einwirkung von 
aussen und keines Bewirktseins durch Aeusseres. Zeigt es sich nun, dass dieser Beweis 
einen Fehlschluss enthält, so fällt überhaupt jeder Beweis für die Existenz Gottes hinweg 
und somit dieser wichtigste Gegenstand metaphysischer Erkenntniss selbst. Wenn aber 
selbst bei dem allerrealsten Wesen aus dessen Begriff nicht auf dessen Sein geschlossen 
werden darf, so folgt, dass es bei dem endlichen Realen noch weniger der Fall sein 
werde, dass also Sein überhaupt nicht aus reinem Denken ,herausgeklaubt' werden 
könne. Dasselbe kann also schlechterdings nur durch ,transiente' Einwirkung auf das 
Subject (die Monas) gewusst werden, die aber deshalb nicht mehr , fensterlos' sein kann, 
deren Erkenntnissvermögen dalier entweder (wie Locke und in voller Strenge Brown 
behauptete) reine Sinnlichkeit, oder wie Lambert und Kant behaupten, , gemischt' sein muss. 

Einmal zu der Einsicht gelangt, dass .Sein' nicht ein Gegenstand der Erkenntniss 
durch reines Denken sei, hat für den Denkenden die Möglichkeit einer Metapliysik 
schon aufgehört; denn diese bezeichnet eben: PJrkenntniss dessen was ist, durch reines 
Denken. Es ist daher eigentlich überflüssig, dies von dem einzelnen Seienden noch Stück 
für Stück besonders nachzuweisen d, h. die Welt, den Inbegriff des endlichen Seienden 
im Ganzen, und die Seele, das individuelle Seiende im Einzelnen, von der Erkenntniss 
durch reines Denken auszuschliessen. Wenn die ganze Metaphysik d. h. die Erkenntniss 
des Seins durch reines Denken überhaupt unmöglich ist, so versteht es sich von selbst, 
dass sowohl die allgemeine (Ontologie) als die besondere Metaphysik (rationale Theologie, 
Kosmologie und Psychologie) unmöglich sind. 

Ebenso klar ist aber auch, dass einerseits, wenn reine Vernunft das Seiende nicht 
erkennt, dieses entweder durch Erfahrung erkannt werden muss oder gar nicht erkannt 
werden kann. Andererseits, dass wenn reine Vernunft das Seiende nicht erkennt, sie 
entweder gar nichts erkennt, oder Nicht-Seiendes, obgleich Sein-Könnendes oder Sein- 
Sollendes, erkennt. 

In ersterer Hinsicht entsteht erstens die Frage, ob durch Erfahrung (ohne a priorische 
Elemente) überhaupt erkannt werde? Kant beantwortet dieselbe wie Lambert verneinend. 
Alle Erkenntniss hebt nach ihm zwar mit der Erfahrung an, aber nicht alle stammt 
aus der Erfahrung. Zweitens entsteht die Frage, ob durch Erfahrung ein Seiendes als 
seiend erkannt werde? Und hier musste die Antwort, wenn unter , Erfahrung' eine sinn- 
liche Erkenntniss ohne Beimischung a priorischer Elemente verstanden wurde, abermals 
verneint werden. Drittens entsteht die Frage : ob, wenn gleich die Erfahrung a priorische 
Elemente enthält, durch dieselbe ein Seiendes als seiend erkannt werde, eine Frage, die 
nur dann beantwortet werden kann, wenn die a priorischen Elemente selbst, die der Er- 
fahrung beigemischt sind, offenbar geworden sind. 

Indem Lambert von dem Gedanken ausgeht, dass jede Erkenntniss des Seienden als 
seiend Erfahrung imd als solche mit a priorischen Elementen nothwendig versetzt sei, 
ist er keineswegs gewillt, jedes aus a priorischen und a posteriorischen Elementen 
gemischte Denken deshalb für Erfahrung d. h. für wirkliche Erkenntniss eines Seienden 
zu nehmen. Der vierte Theil seines Hauptwerks, des Novum Organon, die sogenannte 
Phänomenologie, hat vielmehr zu ihrem Zweck, die Entstehung einer bloss scheinbaren 
(im Unterschiede von und im Gegensatz zu der wirklichen) Erfahrung begreiflich zu 
machen. Da nun die scheinbare Erfahrung eigentlich keine ist, so würde, wenn es kein 
Mittel gäbe, dieselbe von der wahren zu unterscheiden, der unvermeidliche Ausgang 



Lambert, der Vorgänger Kant's. 59 

aller Versuche, das Seieude durch den einzig möglichen AVeg der Erfalirung zu erkennen, 
nothwendigerweise Skepticismus sein. 

Die Hauptfrage ist daher, ob es ein Mittel gebe, wirkliche von bloss scheinbarer 
Erfahrung zu unterscheiden. Gibt es eines, so ist jede angebliche Erfahrung, die diesem 
Massstabe nicht entspricht, nur anscheinende Erfahrung; gibt es keines, so ist jede 
angebliche Erfahrung als solche ungewiss. Die Uebereinstimmung des angeblich Er- 
fahrenen mit dem wirklichen Sein kann dieses Mittel nicht sein, denn von diesem Sein 
selbst erhalten wir ja erst durch die angebliche Erfahrung Kenntniss; hätten wir diese niclit, 
so wüssten wir nichts vom Sein ; um aber diese unsere Erfahrung vom Sein mit letzterem 
selbst zu vergleichen, müssten wir von diesem (dem Sein) auf einem anderen Wege schon 
Kenntniss haben. Das ist der Grund, warum der sogenannte Idealismus, der die gesammte 
Körperwelt als eine .zusammenhängende Einbildung' ansielit, gar nicht zu widerlegen 
ist ; denn um ihn zu widerlegen, müssten wir von der Körperwelt noch auf einem andern 
als auf dem Erfahrungswege wissen und daher wissen können, dass unser Wissen von ihr 
mehr als , Traum' sei. Und da es allerdings richtig ist, dass die als real angenommene 
Körperwelt durchaus zusammenhängende AVahrheiten geben muss, weil keine Erfahrung 
der andern weder widerspricht, noch widersprechen kann, so wäre, wenn der sogenannte 
.idealische Schein' auch , zusammenhängend' wäre, in der That kein Grund, die Körperwelt 
als ,real' zu setzen. Denn der Zweck alles Denkens, ein unter sich zusammenhängendes 
Gedankengebäude, würde dann ebenso gut unter der Voraussetzung der Nichtrealität wie 
der Realität der Körperwelt befriedigt werden können. 

Lambert behauptet nun (IL S. 223), dass jeder andere Schein als real angenommen, 
nicht durchaus mit sich selbst bestehe und dadurch verrathe, dass er nicht als real ange- 
nommen werden dürfe, sondern das Eeale oder das was die Sache an sich ist, erst aus 
ihm geschlossen werden müsse. 

Das Kriterium, von dem die Entscheidung, ob eine Erfahrung wirklich oder nur 
scheinbar sei, abhängt, besteht darin, dass dieselbe mit sich selbst bestehen könne d. h. 
dass ihre einzelnen Theile, die angeblichen oder vermeintlichen Erfahrungen sich unter 
einander nicht widersprechen. Eine Erfahrung, deren sämmtliche Theile untereinander 
bestehen, kann keine blosse Einbildung (kein idealischer Schein), sondern muss, wie er 
behauptet, wirkliche Erfahrung, Bild der Realität, sein. Die Frage ist nun, ob es nicht 
möglich sei, eine .Erfahrung' zu denken (oder zu construiren), die mit sich durchaus 
bestehend und doch blosse ,Einbildung' (Bild einer Realität aber nicht Bild der Rea- 
lität) sei? 

Die Argumentation Lambert's geht davon aus, es könne nur eine Wahrheit geben. 
Allein die Schwierigkeit liegt darin, dass diese nicht schlechthin dem Falschen gegen- 
überzusetzen, sondern dass zwischen beiden in unserer Erkenntniss noch ein ,Mittel- 
ding' vorhanden sei, welches wir den Schein nennen. Dieser macht, dass wir uns 
die Dinge sehr leicht unter einer andern Gestalt vorstellen und noch leichter das, was sie 
zu sein scheinen, für dasjenige nehmen, was sie wirklich sind, oder hinwiederum 
dieses mit jenem verwechseln. Er findet die Mittel, dieses , Täuschwerk' zu vermeiden 
und durch den Schein zu dem Wahren durchzudringen, für den ,AVeltweisen', der durchaus 
das , Wahre an sich' zu erkennen sucht, um so unentbehrlicher, je mannichfaltiger die 
Quellen sind, aus denen die Blendungen des Scheins fliessen. Die Theorie des Scheins 
und seines Einflusses auf die Richtigkeit und Unrichtigkeit der menschlichen Erkenntniss 



Q'Q- Zimmermann. 

macht den (vierten) Tlieil der ,Griindwissenscliaft' aus, den Lambert Phänomenologie 
nennt. 

Der Begriff des Scheins ist vom Sehen hergenommen, dermalen auf alle Sinne und 
auch auf die Einbildvmgskraft ausgedehnt worden ; die Tlieorie des Scheins ist aber bisher 
bei dem Auge (optischer Schein, Illusion des Gesichts) stehen geblieben. "Wird der optische 
Begriff des Scheins auf jeden andern Sinn ausgedehnt, so entsteht neben dem optischen 
ein akustischer (Illusion des Gebörs, Gehörstäuschung) Schein usw., d. i. eine Geschmacks-, 
Geruchs-, Getaststäuschung usw. Dem entsprechend kann es nun eine Theorie des 
akustischen usw. Scheins geben, wie es eine solche des optischen (Perspective) gibt. Wie 
die Perspective Anleitung gibt, den Schein der Körperlicbkeit auf der Fläche (wo also 
keine ist) zu erzeugen, so gibt die Theorie des optischen Scheins Anleitung den Schein 
eines Gesehenen zu erzeugen, wo keines gesehen wird, die des akustischen usw. Anleitung 
den Schein eines Gehörten, Getasteten usw. hervorzubringen, wo kein solches vorlianden 
ist. die Theorie des Sinneuscheines überliaupt Anleitung den Scliein eines sinnlicli Wahr- 
genommenen (einer sinnlichen Welt, eines phaenomenon) zu erzeugen, wo kein solches 
(sondern entweder wie der Idealismus [Nihilismus] will, gar nichts, oder wie Kant wollte, 
nur ein Intelligibles, ein noumenon) vorhanden ist. 

Wenn der Schein in dem Eindrucke besteht, den wirklich empfundene Dinge auf 
den Sinn hervorbringen, so muss derselbe nicht nothwendig eine Täuschung sein. Wird 
nämlich die Empfindung durch, eine , wirklich ausser uns sich befindende Sache' verursacht, 
so , steht der Begriff von dem, was diese Sache an sich ist, mit demjenigen, was sie durch 
die Emptindung in uns hervorbringt (dem ,Bild' d. i. mit demjenigen, was uns der Gegen- 
stand der Empfindung nach zu sein scheint), in einem gewissen Verhältniss'. Dieses 
wird , durch die Lage der Sache und des Sinnes, wodurch die Sache empfunden wird, 
dergestalt bestimmt, dass sieb von der Empfindung auf die Beschaffenheit der Sache oder 
hinwiederum von dieser auf jene schliessen lässt'. Wird dagegen die Empfindung nicht 
durch eine Sache , ausser uns', sondern durcb einen Zustand in uns (Ohrenläuten, Schwindel, 
innere Wärme usw.) erzeugt, so findet sich ein Schein äusserer Gegenstände vor, ohne 
durch solche veranlasst zu sein. In solchen Fällen nun ,muss man aus andern Gründen, 
Kennzeichen und Versuchen sich versichern, ob ein Blendwerk vorgehe oder die Sache 
wirklich sei?' 

Welche sind nun diese , andern' ? ! 

Wie man sieht, liegt dem Schein im ersten und demselben im zweiten Fall eine 
ganz entgegengesetzte Voraussetzung zu Grunde : die Theorie des Scheins (Phänomeno- 
logie) muss demnach in beiden Fällen eine entgegengesetzte sein. Im ersten Fall hat 
der empfundene Gegenstand ausser uns (Object) zu der Empfindung (Bild) in uns (Subject) 
ein , Verhältniss', ein nahes oder entferntes , gleichviel' ! Im zweiten Fall kann er schon 
deshalb keines haben, weil er überhaupt gar nicht vorhanden ist. In letzterem Fall 
befinden sich die , Idealisten', welche ,die gesammte Körperwelt als einen blossen Schein 
ansehen'. AVo nun zwischen dem ,Bild' und der .Sache' gar kein Verhältniss besteht, 
nocli bestehen kann, weil die letztere gar nicht existirt, da lässt sich aus dem Bilde 
auch kein Schluss auf die Sache machen. Hier ist das ,Bild' die , Sache' selbst und 
eine vom Bild unterschiedene Sache gibt es nicht. Dieselben begnügen sich mit dem 
,Bilde' und fragen gar nicht nach der Sache. Warum thun aber die Anderen nicht das 
Nämliche ? 



Lambert, der Vorc.Axoer Kant's. 61 

Offenbar deshalb, weil sie sich nicht mit dem Bilde begnügen können. Wenn sie 
es könnten, so thäten sie es. Sie können sich abei* mit dem Bilde nur dann begnügen, 
wenn dasselbe ein in sich zusammenstimmendes und mit sich bestehendes ist. Denn in 
diesem Fall kann es nicht nur als in einem Verhältniss zur , Sache' stehend angenommen 
werden, sondern dieses Verhältniss kann als ein solches angenommen werden, dass Bild 
und Sache einander decken. Denn ,nimmt man die Körperwelt als real an, so gibt sie 
lauter zusammenhängende Wahrheiten, weil keine Erfahrung der andern weder wider- 
spricht noch widerspreclien kann'. Stimmt es aber nicht unter sich zusammen, so kann 
es so wie es ist, nicht als real angenommen werden. Es muss daher etwas Anderes als 
das Bild selbst, real sein, und das ßeale, oder das was die Sache an sich ist, kann erst 
aus ihm geschlossen d. li. es muss auf ein Anderes als das ßeale geschlossen werden. 

Das entscheidende Moment liegt daher in der Uebereinstimmung unter sich und dem 
Bestehen mit sich, ßeales besteht mit sich und unter sich ; was dalier mit sich besteht, 
gilt als real. Besteht daher der Schein, obgleich Schein, mit sich, so kann er für real 
gelten (idealischer Schein) ; besteht er nicht mit sich, so kann er nicht, sondern es muss 
etwas Anderes, das Ding an sich, für real gelten. Wäre nun der , idealische' Schein 
d. h. die Ivörperwelt als , blosser Schein' wirklich in sich zusammenhängend, so wäre er 
,real' und es gäbe keine Mittel ihn von dem Schein, welchen eine reale Körperwelt 
hervorbringt, zu unterscheiden, weil beide ,in sich zusammenhängend' wären. Es ver- 
schwände also auch die Nöthigung eine reale Körperwelt anzunehmen, weil der , Schein' 
derselben dieselben Dienste thäte wie die Realität derselben. 

Gibt es aber keinen anderen in sich und mit sich bestehenden Schein, als den, der 
unter Voraussetzung der Realität der Körperwelt besteht, so muss jeder andere, also 
auch der ,idealische Schein' Stellen aufweisen, wo er nicht , durchaus mit sich besteht', 
und dadurch ,verrathen', dass er nicht als real angenommen werden kann, sondern das 
Reale oder was die Sache an sich ist, erst daraus geschlossen werden muss. 

Was unter solchen Stellen zu verstehen sei, davon finden wir B. II Seite 237 ein aus- 
drückliches Beispiel, Der Idealist kennt nur Empfindungen, deren Gegenstand nicht 
ausser uns ist d. h. die nicht durch ausser uns befindliche Sachen in uns gewirkt werden. 
Die A^orstellung der Seele, dass eine ihrer Empfindungen von aussen bewirkt worden, 
ist also blosse Einbildung und ihre vermeintliche Empfindung ist also selbst eine blosse 
Einbildung. Die Frage daher, ob eine gewisse Empfindung physischer oder a priorischer 
Schein sei, bedeutet in der Sprache der Idealisten so viel : ob die Seele sich einbilde, 
ohne äussere Veranlassung eine Empfindung zu haben, oder ob ihre Einbildung, eine 
Empfindung zu haben, unvollständig wäre, wenn sie sich nicht auch noch eine äussere 
Veranlassung dazu einbildete? Im ersteren Fall heisst die ^Einbildung' a priorischer, 
im letzteren physischer Schein. Für den Realisten aber ist nur der a priorische Sehein 
Einbildung, der physische dagegen wirkliche Erfahrung. 

Allein diese idealistische Auffassung ist nur ein Unterschied der Sprache. Denn in 
der Sprache der Idealisten ist alles, was die Körperwelt angeht, hypothetisch und unter 
der Bedingung, dass dieselbe bloss eingebildet sei, müssen sie alles gelten lassen, 
was von derselben erwiesen wird, wenn man sie als real annimmt und statt von blossen 
Einbildungen, von realen Vorstellungen und Empfindungen (Abbildungen) redet. 

Daraus folgt, dass, wenn die Vorstellung von der Körperwelt in sich zusammen- 
hängend ist, zwischen der idealistischen Ansicht, nacli welcher dieselbe bloss eingebildet. 



62 Zimmermann. 

und der realistischen Ansicht, nach welcher dieselbe real ist, kein Unterschied statt- 
finden und demnach jene von dieser nicht unterschieden werden könnte. Zwischen beiden 
bestünde dann nur eine Verschiedenheit der , Sprache', nicht der , Sache' nach. Lambert 
ist keineswegs dieser Meinung. Unter der Voraussetzung, dass nur das Wahre mit sich 
selbst imd mit jedem andern Wahren besteht, müssen sich, wo ,der Schein anlangt vom 
Wahi-en abzugehen', nothwendig , Anomalien' zeigen. Da diese bei dem Wahren nicht 
sein können, so verrathen sie, wo sie sich einstellen, den Schein. ,Können daher in 
der Tliat keine Anomalien gefunden werden, so lässt sich richtig der Schluss machen, 
dass der Schein von dem Wahren nicht abgehe. Denn sonst wäre es nothwendig möglich, 
Anomalien zu finden.' 

Das Entscheidende für die Entdeckung des Scheins, insofern er vom Wahren 
abweicht, ist daher dies Stattfinden von xVnomalien (später von Herbart einfacli Wider- 
sprüche genannt!). Eine solche wäre nun die Annahme des idealischen Sclieins selbst 
d. h. die Annahme der Idealisten, dass die ganze Körperwelt ein blosser Schein sei. 
Denn dieser Schein müsste , etwas ganz Besonderes' haben. In diesem ,ganz Besonderen' 
liegt die Anomalie. Bei einer realen Körperwelt nämlich lässt es sich begreifen, dass 
sie lauter zusammenhängende Wahrheiten gibt. Denn da sich in ihr als einer realen 
nichts widersprechen kann, weil sie sonst nicht real sein könnte, so kann sich auch in 
einer sie genau wiederspiegelnden , Erfahrung' nichts widersprechen, weil eine wirkliche 
Erfahrung der andern nicht widersprechen kann. Das Normale besteht daher darin, dass 
die Erfahrung keine Widei'sprüche zeigt. Zeigen sich dergleichen, so ist das eine Anomalie 
und sie kann daher kein A b b i 1 d des Realen, sondern dieses muss anders beschaffen sein. 

Warum widerspricht sich nun in dei' wirklichen Erfahrung nichts? Weil sie Abbild 
der Sache selbst, durch diese verursacht ist. Das ist das Normale ! Im , idealischen 
Schein' nun sollte sich auch nichts widersprechen, ungeachtet es kein , Abbild' einer 
Sache und (hircli keine solche verursacht ist? Das wäre eine Anomalie in Lambert's 
Augen ! Und darin liegt nach ihm die einzige mögliche Widerlegung des Idealismus. 

Dass dieses wirklich seine Meinung sei, geht aus der Vergleichung des , idealischen 
Scheins' mit dem , Traume' hervor. Das Kriterium, woran wir den , Traum' als solchen 
erkennen, ist seine , Ungereimtheit', und dass er etwas besitzt, ,was sich in den Zusammen- 
hang der Welt nicht schickt'. xVehnlich wie im Delirium. Wo daher keine Ungereimtheit 
vorhanden ist, da fehlt auch das Mittel den Traum als Traum zu erkennen und eben 
darauf baut der Idealist sein System. Ein in sich zusammenhängender Traum wäre vom 
Wachen nicht zu unterscheiden; daher könnte das vermeintliche Wachen immer noch Traum 
und der seiner Ungereimtheit wegen sogenannte , Traum' ein , Traum im Traume' sein. 

Allein ein in sich zusammenhängender Traum wäre an sich schon eine , Anomalie' ! 
Das ist der Hauptgedanke, der allen ßaisonnements Lambert's zu Grunde liegt. 
Einheit und Zusammenhang ist nicht im Traum, sondern nur im bewussten Zustande 
möglich! Das bewusstlose Vorstellen bringt immer Ungereimtheit h ervor; 
das Ungereimte aber kann niemals real sein! 

Nur die wirkliche Erfahrimg (das getreue Abbild des Realen) kann (als selbst real) 
niemals auf Widersprüche führen. Wo sie dergleichen zu zeigen scheint, kann sie 
nicht wirkliche Erfahrung d. li. Abbild des Realen, sondern sie muss von diesem 
mehr oder weniger abweichendes Bild (Schein) d. h. das Reale muss anders be- 
schaften sein, als die vermeintliche Erfahrung dasselbe zeigt. Dagegen muss jede bloss 



Lambert, nRi: Vorcanoer Kant's. 63 

eingebildete Welt notliwendig näher oder entfernter auf Uugereimtlielten führen, 
also aiich die Einbildung, dass die Körperwelt bloss l^^inbildung sei (der Idealismus), 
z. B. die astronuniische Einbildung, dass sich die Sonne um die Erde bewege. 

Dieser Anschauung gegenüber, nach welcher jede Einbildung notliwendig auf 
Ungereimtheit führen muss und jede Ungereimtheit notliwendig blosse Einbildung 
sei, steht nun diejenige gegenüber, welche in der poetischen Welt eine Einbildung er- 
blickt, die nicht ungereimt, sondern in sich zusammenhängend ist. Zwischen dieser und 
der realen ist daher kein Unterschied. Es kommt auf eins lieraus, ob ich mich ganz 
nach den Dingen richte (Erfahrung), oder die Dinge ganz und in einem Zusammen- 
hang schaffe. In beiden Fällen ist das Product eine in sich zusammenhängende Vor- 
stellungswelt. In beiden Fällen wird das Ungereimte, Unzusammenhängende, Wider- 
sprechende zum , Traume'. Dem Kopernikanischen Astronomen gegenüber erscheint das 
Weltgebäude des Ptolemäus als ein .Traum': dem vernünftig träumenden Idealisten 
gegenüber erscheint der ungereimt faselnde Phantast als , Träumer'. Mit dem Unterschied, 
dass in den Augen des Eationalisten ein .vernünftiges Träumen' eine contradictio in adjecto, 
in den Augen des reinen Empiristen dagegen ein vom Wahren abweichender Schein 
eine Unmöglichkeit ist. Dem Idealisten gegenüber ist aber dem Realisten ein ursprüng- 
liches .Träumen', das nicht die Eeproduction einer gehabten Erfahrung, sondern reine 
Production v o r aller Erfahrung wäre, eine Anomalie. Dem Empiristen gegenüber ist 
die Annahme eines von der Sache mehr oder weniger abweichenden Scheins Thatsache ! 

Wir können daher Lambert's Standpunkt ungefähr folgendermassen bezeichnen. Dem 
Mysticismus gegenüber, welcher an die Möglichkeit glaubt, Vei'nunft und Traum zu 
vereinigen, ist Lambert Rationalist. Vernunft und Traumform schliessen einander aus. 
Jeder Traum hat etwas ,Ungereimtes', , Vernunftwidriges' in sich. Der Idealismus als 
Versuch die Welt als Traum ohne entsprechendes Aussending aufzufassen, leidet an einer 
ursprünglichen Anomalie, die nothwendig andere Anomalien nach sich ziehen muss und 
daher unmöglich Wahrheit sein kann. Dagegen entspricht der Realismus d. h. die 
Verursachung des Weltbildes durcli die wirkliche Welt, infolge deren das erstere Abbild 
der letzteren (Erfahrung) wird, dei- (normalen) Forderung des Denkens, das für jede 
Wirkung eine derselben (mehr oder weniger) ähnliche Ursache verlangt. Dem Idealismus 
gegenüber Realist ist Lambert dem Realismus gegenüber Idealist. Jenes indem er 
verlangt, dass das Weltbild mehr als , Traum', dieses dagegen indem er einräumt, dass 
es weniger als Abbild der wirklichen Welt sei. Während der ,Traimi' als Vernunft' 
nothwendig an sich eine Ungereimtheit ist, das wirkliche Abbild der wirklichen Welt (die 
wirklich e Erfahrung) aber jede Ungereimtheit ausschliesst, enthält das thatsächliche 
Bild der Welt (der Schein der Welt), die angebliche Erfahrung, Anomalien (Widersprüche), 
welche ihre nähere oder entferntere Abweichung von dem Abbild der Welt (der Wahrheit 
der Welt) und dadurch von dieser selbst (der realen Welt) verrathen. Lambert vergleicht 
dieselben, wie schon der Ausdruck , Anomalien' zeigt, mit den Abweichungen der scheinbaren 
von der wirklichen Bewegung der Himmelskörper und sieht die Aufgabe der Philosophie 
darin, aus dem Schein das Sein, ,das Reale oder was die Sache an sich ist' zu erschliessen. 

Dieser Unterschied zwischen der phänomenalen und realen (der Schein- und Seius- 
welt) ist es, den Lambert mit dem Idealismus gemein hat. Er geht darin so weit, dass 
er ausdrücklich erklärt (S. 273, II), dass sich die Körperwelt ,in allenwegen' uns nur 
,nach ihrem Schein' zeige. Nur in ,wenigen' Fällen treffen Wahrheit und Schein zusammen 



g4 Zimmermann. 

und ,auc]i diese' sind der Art, dass wir diese Uebereinstimmung beweisen müssen. Das 
wirklich Erfahrene ist daher etwas ganz anderes, als das durch Schlüsse daraus 
Gezogene; nur dieses gehört der realen, das Beobachtete dagegen (mit Ausnahme jener 
, wenigen' P'älle) nur der Scheinwelt an. Wie man daher in der Astronomie die Sorgfalt 
habe, Beobachtungen und Erfahrungen in der Sprache des Scheins vorzutragen, sollte 
dasselbe, wenn man genau gehen will, bei allen Erfahrungen, Beobachtungen und Ver- 
suchen geschehen. Wie aus dem Schein auf das Sein geschlossen d. h. aus der Sprache 
des Scheins in jene des Seins übersetzt wird, so muss umgekehrt wieder aus dem Sein 
auf den Schein geschlossen und aus der Sprache des ersten in jene des zweiten übertragen 
werden. Wie im ersten Fall aus dem, was der Gegenstand zu sein scheint, auf das, 
was er ist, so wird im zweiten Fall aus dem, was er ist, auf dasjenige geschlossen, was 
er scheinen muss. Wie der Unterschied der sphärischen von der theorischen Astronomie 
darin gelegen ist, dass jene die wirkliche, diese die scheinbare Bewegung der Himmels- 
körper enthält, so ist der Unterschied zwischen der Ontologie und Phänomenologie 
darin bestehend, dass jene das wirklicli, diese das scheinbar Seiende behandelt. Wie 
sich nun aus der scheinbaren Bewegung die wirkliche erschliessen, aus der gegebenen 
wirklichen aber die nothwendig scheinbare construiren lässt, so kann aus dem scheinbar 
Seienden das wirklich Seiende erschlossen, dagegen aus dem wirklich Seienden das 
scheinbar Seiende (die j)hänomenale Welt) construirt werden. Wenn nun die Theorie 
des scheinbar Seienden (des Scheins) eine transcendente Optik heissen kann, da sie die 
Theorie des dem Auge zu sein Scheinenden (des Gesichtsscheins) auf alle Sinne aus- 
dehnt, so kann die Theorie der Construction des scheinbar Seienden aus dem wirklich 
Seienden (die Construction des Scheins) eine transcendente Perspective heissen, da sie 
die Theorie der Perspective d. h. der Erzeugung des Scheins der sichtbaren Dinge 
auf alle Sinne ausdehnt. Aufgabe der ersten (der transcendenten Optik) ist zu zeigen, 
wie viel und welcherlei ßeales dem Schein zu Grunde liegt; Aufgabe der letzteren 
(der transcendenten Perspective) ist zu zeigen , dass und welcherlei Schein aus dem 
Seienden entstehen muss. 

Da nun die Optik als Sehekunst vorzüglich von der Structur des Auges (des Seh- 
organs), die Perspective oder Täuschungskunst vornehmlich von der Wahl des Gesichts- 
punktes (der Lage des Auges im Raum) abhängt, so wird etwas Aehnliches sowohl bei 
der transcendenten Optik als bei der transcendenten Perspective vorkommen müssen. 
Jene bezieht sich auf alle Sinne, wie die Optik auf das Auge allein, diese auf alle von 
der Beschaffenheit des Sinnes selbst verschiedene Umstände, wie die Perspective auf den 
Ort des Auges allein. Jene geht daher wesentlich das Subject des Scheins, das Seh- 
oder überhaupt das Wahrnehmungsorgan , diese dagegen diejenigen Bedingungen der 
Wahrnehmung, die nicht im Wahrnehmenden als solchem gelegen sind (die objectiven), 
an. Der Schein, insofern er durch die Beschaffenheit des Subjects hervorgebracht wird, 
kann daher subjectiver, dagegen insofern er von objectiven Bedingungen abliängt, muss er 
objectiver Schein heissen. Auf jenen bezieht sich die Pliänomenologie als transcendente 
Optik, auf diesen dagegen als transcendente Perspective. Die Aufgabe der ersten kommt mit 
derjenigen überein, welche sich Kant's transcendentaler Idealismus, dieser mit derjenigen, 
welche sich Herbart's metaphysischer Eealismus gestellt hat; jener leitet die Welt der Er- 
scheinungen (wenigstens der Form nach) aus der Natur des erkennenden Subjects, dieser 
(dem Stoff' und der Form nach) aus der Natur des erscheinenden Objects ab. 



Lambekt, der VorüänctER Kant's. G5 

Sechstes Capitel. 

Lambert und Kant' 

Die persönliche Berührung zwischen Lambert und Kant ist von dem Ersteren aus- 
gegangen. Am 13. November des Jahres 1765 richtete Lambert durch den nach Königs- 
berg reisenden Prediger Reccard ein Schreiben an den Letzteren. Zwei Jahre zuvor (1763) 
hatte Kant seine Schrift ,über den einzig möglichen Beweisgrund für das Dasein Gottes' 
herausgegeben. Die siebente Betrachtung der zweiten Abtheilung derselben enthält Be- 
trachtungen, welche Kant aus seiner im Jahre 1755 ohne Nennung seines Namens ver- 
öffentlichten , Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels' gezogen hatte. 
In einer Anmerkung unter dem Text der Vorrede zur erstgenannten Schrift hatte Kant 
die Vermuthung ausgesprochen, dass seine Naturgeschichte des Himmels dem ,berühmten 
Herrn J. H. Lambert' nicht zur Kenntniss gekommen sein müsse, da dieser sechs Jahre 
hernach in seinen Kosmologischen Briefen 1761 , ebendieselben Theorien der systematischen 
Verfassung des Weltbaues im Grossen, der Milchstrasse, der Nebelsterne u. s. f. vor- 
getragen habe, die man im ersten Theile so wie in der Vorrede derselben antreffe'. Die 
Uebereinstimmung der Gedanken dieses ,sinnreichen Mannes' mit jenen, die ich damals 
vortrug, fügte Kant hinzu, ,welche fast bis auf die kleineren Züge unter einander überein- 
kommen', habe seine Vermuthung, dass dieser Entwurf in der Folge werde bestätigt 
werden, vergewissert. 

Diese Aeusserung Kant's war es, welche Lambert's Schreiben veranlasste. Die 
Aehnlichkeit, welche er selbst zwischen seinen und Kant's Ansichten und Ausdi'ücken 
fand, war so gross, dass er fürchtete, bei ihm in den ,Verdacht des Abschreibers' zu 
gerathen. Mit geschärftem Auge habe Kant astronomische Blicke in das Firmament 
gethan. Als ihm vor einem Jahre (1764) der (Aesthetiker) Prof. Sulzer Kant's einzig 
möglichen Beweisgrund für das Dasein Gottes gezeigt, habe es ihn vergnügt, eine der 
seinigen so durchaus ähnliche Gedankenart, Auswahl der Meinungen und Gebrauch der 
Ausdrücke zu finden. Wenn Kant Lambert's ,Organon' (1764) vor Augen kommen 
sollte, so werde er sich in den meisten Stücken darin gleichsam , abgebildet' finden. 
Es werde gut sein, meint er, einander künftig schriftlich zu sagen, was jeder im Sinne 
habe drucken zu lassen, oder die Ausarbeitung der einzelnen Stücke eines , gemein- 
schaftlichen Planes' unter einander zu vertheilen. 

Nach dieser Anerkennung, die aus dem Munde eines von Eitelkeit nicht freien und 
auf seine Originalität stolzen Mannes nicht glänzender lauten konnte, hält Lambert es 
für nöthig, Kant ausdrücklich zu versichern, dass er dessen Gedanken über den VV eltbau, 
als er seine Kosmologischen Briefe entwarf (1749) und niederschrieb (1760), nicht gekannt 
habe und noch nicht kenne. Aber dabei will er sich nicht aufhalten, da er mit Kant 



' Seitdem diese Abhandlung' geschrieben wurde, ist von R. Euckeu iu dessen interessantem Urariss einer Geschichte der 
philosophischen Terminologie (S. 134 u. ff.) der Verdienste Lambert's um dieselbe, so wie seiner Einwirkung auf Kant Er- 
wähnung gethan worden. Der Verfasser erkennt an, dass Lambert nicht nur des Ausdruckes a priori im strengen Sinn 
einer , absolut erfahrungsfreien Erkenntniss' sich bedient, sondern auch die verschiedenen Arten des Scheins sorgfältig 
auseinandergelegt, so wie den Terminus Ding an sich ,augebahnt' habe. Wenn er aber S. 142 es als eine von Kant 
eingeführte Neuerung ansieht, dass dieser (im Gegensatz nu Leibnitz) das Verhältniss von Sinnlichkeit und Verstand als 
,qualitativ unterschiedenes' fassen zu müssen glaubte, so wird übersehen, dass demselben auch in diesem Pimkt, wie oben 
dargethan, Lambert vorangegangen ist. 
Denkschriften der phil.-hist. CI. SXIX. Bd. 9 



66 Zimmermann. 

Anderes zu besprechen habe. Ihm wie Kant ist es um die Metaphysik und vorher um 
die Vollständigkeit der dazu dienlichen Methode zu tliun. ,Man muss erst den Weg 
recht sehen, der dahin führt.' Wolf fehle darin, dass er mit Definitionen anfange, aber 
der richtige Anfang sei dasjenige, ,was man voraus wissen muss, um die Definition zu 
machen'. Von dem Einfachen müsse man beginnen, aber nicht von dem Ei n fa c h en 
in der Metaphysik, sondern von dem Einfachen in der Erkenn tniss. 
Wenige einfache Begriffe, deren jeder dem Grade nach Unterschiede haben kann, seien 
genug, die Anzahl der zusammengetzten ins Unendliclie zu vermehren. Aus Raum, 
Zeit, Materie und Kräften lassen sich unzählige Weltsysteme bilden. Man braucht 
nur gleichsam ein Lexikon durchzugehen, um alle unsere einfachen Begrifi'e aufzusuchen 
und in ein ,E,egister' zu bringen. Die A^ergleichung derselben führt ohne Mühe auf 
Axiomata und Poötulate; denn da diese allen zusammengesetzten vorgehen müssen, so 
können nur einfache Begriffe darin vorkommen, weil nur diese für sich gedenkbar und 
als einfache von allem inneren Widerspruch frei sind. 

Auch Kant nimmt in seiner Antwort (31. December 17G5), worin er Lambert für 
das , erste Genie in Deutschland' erklärt, welches fähig sei, in denjenigen Untersuchungen, 
welche auch ihn vorzugsweise beschäftigen, eine richtige und dauerhafte Verbesserung 
zu leisten, auf die , glückliche Uebereinstimmung' ihrer beiderseitigen Methoden Rücksicht. 
Nach mancherlei ,Umkippungen' hält er sich der zu beobachtenden Methode für ver- 
sichert; jedesmal sieht er aus der Natur einer vor ihm liegenden Untersuchung, was er 
wissen muss, um die Auflösung einer besonderen Frage zu leisten und welcher Grad 
der Erkenntniss aus demjenigen bestimmt ist, was gegeben werde. So werde das Urtheil 
öfter eingeschränkter aber auch bestimmter und sicherer. Seine Bestrebungen laufen, 
wie Lambert'» auf die Methode und zwar auf die der Metaphysik eigen thümliche 
Methode hinaus, aber das schon angekündigte Werk, welches dieselbe enthalten soll, das 
Hauptziel seiner Aussichten und welches schon zur , nächsten Ostermesse' angekündigt 
worden, werde er ,noch ein wenig aussetzen'. 

Bekanntlich hat dies ,noch ein wenig' volle sechzehn Jahre gewährt. Lambert er- 
klärte sich, wie man aus dessen folgendem Schreiben (3. Februar 17G6) sieht, mit der 
von Kant angedeuteten Methode völlig einverstanden. Dieselbe ist ,ohne Widerrede die 
einzige, die man sicher und mit gutem Erfolg gebrauchen kann'. Da die Metaphysik 
durch die Allgemeinheit, die darin herrschen soll, gewissermassen auf die Allwissenheit 
und über die möglichen Schranken menschlicher Erkenntniss hinausführe, so scheine es 
besser, stückweise darin zu arbeiten und bei jedem Stück nur das zu wiissen zu ver- 
langen, was wir finden können, wenn wir Lücken, Sprünge und Cirkel vermeiden. Auf 
der wahren Spur, das Einfache in unserer Erkenntniss zu finden, sei Locke gewesen. 
Die Begriffe Ausdehnung, Existenz, Dauer, Bewegung, Einheit, Solidität, haben etwas 
Einfaches, das denselben eigen und von den vielen dabei mit vorkommenden Verhältniss- 
begriffen ganz verschieden ist. Dieselben geben für sich axiomata und postulata an, ganz 
gleicher Art wie die Euklidischen, die zu wissenschaftlicher Erkenntniss den Grund legen. 

Diese eigentlich objectiven einfachen Begriffe können nicht anders als durch, Anschauen' 
derselben gefunden werden. Der Unterschied der philosophischen von der mathematischen 
Erkenntniss liegt dai'in, dass die letztere auf einem Felde, das bis dahin die Philosophie 
angebaut, alles wieder umkehren und es so aufs Einfache und gleichsam aufs ,p]infältige' 
bringen muss, dass das Philosophische darüber unnütz und gleichsam verächtlich wurde. 



Lambert, djbu Vorganger Kant's. fj7 

Auf diese Bemerkungen hat Kant nichts erwiedert. Dagegen sandte er Lambert 
am 2. September 1770 durch einen , geschickten jüdischen Studenten', der ihm als Respon- 
dent dabei gedient (Marcus Llerz) seine Inauguraldissertation und erbat sich dessen , ein- 
sehendes Urtheil' darüber. Die erste und vierte Section, de notione mundi generatim 
und de principio formae mundi intelligibilis, bezeichnet er als ,unerheblich' 5 aber in der 
zweiten, dritten und fünften, de sensibilium atque intelligibilium discrimine generatim, 
de pi'incipiis formae mundi sensibilis und de methodo circa sensitiva et intellectualia 
in metaphysicis scheint ihm ,eine Materie zu liegen, welche wohl einer sorgfaltigeren 
und würdigeren Ausführung, würdig wäre'. In der That ist ihr dieselbe zehn Jahre 
später in der Kritik der reinen Vernunft zu Theil geworden. 

Kant selbst wusste genau, dass in dieser Gelegenheitsschrift der Keim seiner neuen 
Wissenschaft enthalten sei. ,Aber der Metaphysik', fährt er fort, , scheint eine negative 
AVissenschaft vorhergehen zu müssen, gleichsam eine phaenomenologia generalis, darin 
den Principien der Sinnlichkeit ihre Giltigkeit und Schranken bestimmt werden, 
damit sie nicht die Urtheile über Gegenstände der reinen Vernunft verwirren. Eaum 
und Zeit und die Axiome, alle Dinge unter den Verhältnissen derselben zu beobachten, 
sind in Betracht der empirischen Erkenntnisse und aller Gegenstände der Sinne sehr 
real und enthalten wirklich die Correctionen aller Erscheinungen und empirischen Urtheile. 
Wird aber etwas gar nicht als Gegenstand der Sinne, sondern als ein Ding oder eine 
Substanz überhaupt etc. durch einen allgemeinen und reinen Vernunftbegriff gedacht, 
so kommen, wenn man dieses den gedachten Grundbegriffen der Sinnlichkeit unterwerfen 
will, sehr falsche Positionen heraus. Jene hätte daher als propädeutische Disciplin die 
eigentliche Metaphysik vor aller solcher Beimischung des Sinnlichen zu präserviren.' 

Kant hatte bei Abfassung seiner Inauguraldissertation ebensowenig wie später in 
der Ausarbeitung seines lange hinausgeschobenen Hauptwerks die Absicht, die Meta- 
physik zu untergraben, sondern vielmehr sie zu befestigen. Seine Schuld war es nicht, 
wenn darüber die von ihm selbst anerkannten eigentlichen Gegenstände derselben, Gott, 
Welt und Seele; der menschlichen Erkenntniss verloren gingen und das selbst proble- 
matische Ding an sich als karger ßest des Metaphysischen übrig blieb. Für jene ehrliche 
Absicht glaubte Kant durch diesen , obgleich noch sehr mangelhaften' Versuch auf 
Lambert's Beistimmung zählen zu dürfen. 

Die Antwort des Letzteren trägt kein Datum, dürfte aber nach Kant's brieflicher 

Mittheilung an Joh. Bernoulli (Lambert's Briefwechsel, I. Band, Von-. S. IX) ungefähr 

um den 8. December 1770 in Königsberg eingetroffen sein. Sie ist deshalb interessant, 

weil in dessen Urtheil über die Kant'sche Abhandlung zugleich das wahrscheinliche Urtheil 

enthalten ist, welches Lambert über das ganze Unternehmen der Kritik, wenn er dieselbe 

erlebt hätte, gefällt haben würde. Zwar gereicht ihm die Schrift ,von der sinnlichen und 

Gedankenwelt', wie er den Titel: ,de mundi sensibilis atque intelligibilis forma atque prin- 

cipiis' ziemlich frei übersetzt, ,zu nicht geringem Vergnügen' ; zumal, da er die letztere als 

eine , Probe' anzusehen hat, wie die Metaphysik und sodann auch die Moral ,verbessert' 

werden könnte. Letzterer Zusatz bezieht sich, da von der Moral in der Dissertation keine 

Rede ist, offenbar auf die , metaphysischen Anfangsgründe der praktischen Weltweisheit', 

von welchen Kant in seinem Schreiben vom 31. December 1765 geschrieben hatte, 

dass er neben ,metaphysischen Anfangsgründen zur natürlichen Weltweisheit' mit ihnen 

beschäftigt sei. 

9* 



68 Zimmermann. 

Indem sich Lambert zu Kant's , vortrefflicher' Abhandlung wendet, glaubt er einige 
,Hauptsätze' auszeichnen zu müssen, welche derselben, ,wenn er sie recht verstanden', 
zu Grunde liegen. 

Als ersten Hauptsatz betrachtet er, dass die menschliche Erkenntniss — er unter- 
streicht das Beiwort — sofern sie theils Erkenntniss ist, theils eine ihr eigene 
Form hat, sich in der Alten Phaenomenon et Noumenon zerfalle. Dieselbe entspringe 
dieser Eintheilung nach aus zwei ganz verschiedenen, so zu sagen heterogenen Quellen, 
so dass, was aus der einen kommt, niemals aus der andern hergeleitet werden kann. 
Die von den Sinnen herrührende Erkenntniss ist und bleibt sinnlich, dagegen die vom 
Verstände herrührende diesem eigen. 

Gegen diese Eintheilung hat Lambert, der selbst von einem aus reiner Vernunft und 
Sinnlichkeit gemischten Erkenntnissvermögen des Menschen ausgeht, begreiflicherweise 
nichts zu erinnern. Auch die Unterscheidung einer Schein- und einer wirklichen Welt 
kann er, der in der Phänomenologie darauf dringt, vom scheinbaren zum wirklichen 
Realen durchzudringen, sich gefallen lassen. Dass aber die von den Sinnen herrührende 
Erkenntniss sinnlich, die vom Verstände herrührende diesem eigen bleibe, hat ei' selbst 
in dem Gegensatz der bloss .historischen' (a posteriorischen) und streng wissenschaft- 
lichen (a priorischen) Erkenntniss betont. Lambert findet daher nichts weiter zu bemerken, 
als dass es bei diesem Satze vornehmlich um die Allgemeinheit zu thun sei. Beide 
Erkenntnissarten sind so durchaus separat, dass sie nirgends zusammentreffen können. Das 
kann entweder a priori oder a posteriori bewiesen werden. Soll es a priori geschehen, so 
muss es aus der Natur der Sinne und des Verstandes geschehen — der Weg, den er selbst 
eingeschlagen hat. Soll es dagegen a posteriori geschehen, ,dafern wir jene a posteriori erst 
müssen kennen lernen', so kommt es auf die Classification und , Aufzählung der Objecte' an. 

Letzteres scheint ihm der Weg zu sein, welchen Kant eingeschlagen hat. Die Er- 
kenntnissobjecte werden durchgegangen und entweder der sinnlichen oder der Verstandes- 
erkenntniss zugewiesen. Wenn Kant in dem dritten Abschnitte behauptet, dass dasjenige 
■ was an Zeit und Ort gebunden sei, Wahrheiten ganz anderer Art darbiete, als diejenigen 
sind, welche als ewig und unveränderlich angesehen werden, so scheint das Lambert 
ganz richtig zu sein, da er selbst (Alethiologie §§. 81, 87) Aehnliches angewendet habe. 
Dennoch ist dies der Punkt, wo die Kluft zAvischen Beider Wegen sichtbar wird. 

Der Ausdruck , gebunden an Zeit und Raum' kann auf zweierlei Weise verstanden 
werden. In gewissem Sinn sind nur die als existirend gedachten Dinge an Raum und 
Zeit gebunden, insofern sie als irgendwo und irgendwann existirend gedacht werden 
müssen und nicht als an einem andern Ort und zu einer andern Zeit existirend gedacht 
werden dürfen. In gewissem Sinn sind aber auch nicht existirende Dinge, wie es die 
geometrischen und chronometrischen Wahrheiten sind, an Raum und Zeit gebunden, 
sofern dieselben ohne die Begriffe des Raumes und der Zeit gar nicht gedacht werden 
können und diese in ihnen nothwendig mitgedacht werden. 

Und zwar ist letzteres Gebundensein, welches bei den geo- und chronometrischen 
Wahrheiten statthat , wesentlich , denn ohne dasselbe würden die letzteren gar nicht 
bestehen können, während das Gebundensein, welches bei den existirenden Dingen an 
Raum und Zeit statthat, zufällig heissen darf, da das Ding selbst dadurch, dass es an 
diesem und nicht an einem andern Ort, zu dieser und nicht zu einer andern Zeit existirt, 
seiner inneren Beschaft'enheit nach kein anderes wird. 



Lambeut, per Vorgänger Kant's. 69 

Während daher an Zeit und Raum gebundene Wahrheiten, die sich auf existirende 
Dinge beziehen, zeitliche und veränderliche, sind die geo- und chronometrischen, ob- 
gleich gleichfalls an beide gebunden, , ewige und unveränderliche' W^ahrheiten. Gleichwohl 
stellt Kant die Frage, ob letztere Wahrheiten , sinnlich' seien? Es handelt sich also 
eigentlich darum, ob , ewige und unveränderliche' Wahrheiten, wie die geo- imd chrono- 
metrischen, zugleich .sinnliche' sein können? 

Dass sie im Sinne der Kant'schen Kritik so genannt werden können, ist begreiflich : 
beide Arten von Wahrheiten gehören zur (allerdings transcendentalen) Aes the tik. Lie 
geometrischen sind an die reine Anschauungsform des Eaumes, die chronometrischen an 
die ebensolche der Zeit .gebunden'. Die Sätze der Raum- wie der Zeitlehre sind Synthesen 
a priori, also im Sinn Lambert's , ewige und unveränderliche', zugleich aber, da sie auf 
(wenngleich reinen) Anschauiingsformen der Sinnlichkeit beruhen, allenfalls auch , sinn- 
liehe' Wahrheiten. 

Schwer ist es zu fassen, wie Lambert auf die Frage, ob die geometrischen und 
chronometrischen Wahrheiten sinnlich seien? erwiedei-n kann, er könne dies ,ganz wohl 
zugeben'. Seinem Sprachgebrauch zufolge dürften vielmehr Wahrheiten, die ,ewig und 
unveränderlich' und wie die beiden obengenannten Gattungen nicht nur von der Existenz 
einer realen Welt unabhängig, sondern auch vor und unabhängig von aller Erfahrung 
giltig sind, niemals .sinnlich' genannt werden. Denn mit jeder , sinnlichen' Erkenntniss ist 
zwar die Natur eines Wissens, wie die Dinge sind, aber nicht die eines Wissens, dass sie 
sein können und müssen wie sie sind, d. h. zwar die Beschaffenheit eines ,historischen', aber 
keines , streng wissenschaftlichen' d. h. allgemeinen und nothwendigen Wissens verknüpft. 

Indess mag es .angehen', an Zeit und Raum gebundene Wahrheiten , sinnlich' zu 
nennen, wenn die Zeit (und was von ihr gilt, gilt auch vom Raum) selbst in einer 
Beziehung zur Sinnlichkeit steht. In dieser Hinsicht scheint es ihm, dass die Frage, 
ob die ,geo- und chronometrischen' Wahrheiten sinnlich seien, zur Erörterung der Schwie- 
rigkeit, so in den ,Be griffen von Zeit und Ort' liegt, überflüssig sei. Da die geo- 
und chronometrischen Wahrheiten zwar an Raum und Zeit, aber an die selbst , ewigen' 
Begriffe von Raum und Zeit gebunden sind, so muss jede Erörterung über dieselben 
von diesen Begriffen anheben. Sind dieselben einfach, so ist keine Definition der- 
selben möglich; die geo- und chronometrischen AVahrheiten ergeben sich aus denselben 
von selbst als ewige und unveränderliche. Sind sie es nicht, so müssen sie sich allerdings 
definiren d. h. auf einfache Begriffe, aus denen sie zusammengesetzt seien, zurückführen 
lassen. 

Es scheint also, Kant hätte, statt zu fragen, ob geo- und chronometrische Wahr- 
heiten sinnlich seien, lieber fragen sollen, ob die Begriffe von Raum und Zeit einfach 
seien? Sind sie es, so ist jeder "Versuch, dieselben definiren zu wollen, ungereimt. Nun 
gebe zwar Kant den Satz: Tempus est subiectiva conditio etc. (sect. III. S. 140. III.) nicht 
als eine Definition an. Er solle aber doch , etwas der Zeit Eigenes und Wesentliches 
anzeigen'. Insofern in dieser Anzeige darauf hingewiesen worden, dass die Zeit eine 
conditio sine qua non sei der Vorstellung sinnlicher und überhaupt solcher Dinge, die 
an Zeit und Ort gebunden sind; dass sie besonders dem Menschen zu dieser Vorstellung 
nöthig sei; dass sie ein intuitus purus, keine Substanz, kein blosses Verhältniss sei; dass 
sie von der Dauer, wie der Raum von dem Ort differire; dass sie- eine besondere Bestimmung 
der Dauer sei; dass sie kein Accidens sei, das mit der Substanz wegfalle usw.; insofern 



70 ZlMMEKMANN. 

mögen alle diese Sätze , angehen', aber ,sie führen auf keine Definition'. Insofern aber 
darin die Behauptung enthalten ist, dass die Zeit eine nur ,subjective' Bedingung und 
also ein ,Nicht-Eeale8' sein solle, ,gelit sie auch nicht an'. 

Kant unternimmt, meint Lambert, nicht bloss, was nicht unternommen werden soll, 
Begriffe, wie Zeit und Dauer, zu definiren, die man ,nicht detiniren, sondern nur schlechthin 
denken muss', sondern er zeigt als etwas der Zeit , Eigenes und Wesentliches' an, was 
ihr gar nicht eigen und wesentlich ist. Die , beste' Definition der Zeit ,ist, dass sie Zeit 
ist', d. h. dass sie als ein ,für sich klarer', weil einfacher Begriff anerkannt wird. Der 
Versuch, sie ,auf eine schon wirkliche Art', durch ihre Verhältnisse zu den Dingen, die 
in der Zeit sind, zu definiren, lässt einen , logischen Cirkel unterlaufen'. Die Zeit ist 
ein bestimmterer Begriff als die Dauer, denn, was. in der Zeit, dauert, aber nicht alles 
was dauert (z. B. die Ewigkeit und überhaupt Ewiges, wie die ewigen Wahrheiten) ist 
in der Zeit, sofern man zum in der Zeit Sein Anfancr und Ende fordert. 

, Eigen' aber imd , wesentlich' soll nach Kant's Meinung der Zeit sein, dass sie eine 
subiectiva conditio, also selbst nicht real ist. Wahr ist es, dass sie überhaupt 
eine conditio und zwar eine solche sine qua non sei, wenn Veränderungen gedenkbar 
sein sollen. Alle Veränderungen sind an die Zeit gebunden, und lassen sich ohne die- 
selbe nicht gedenken. Aber diese Bedingung der Veränderungen, welche die Zeit ist, 
ist keine subiectiva, sondern eine ,obiectiva' (das Wort kommt bei Lambert nicht vor). 
Sie steht und fällt mit den Veränderungen. Sind diese real, so ist die Zeit real, was 
sie auch immer sein mag. Ist die Zeit dagegen nicht real, so ist auch keine Veränderung- 
real. Wäre die Zeit bloss eine ,subjective Bedingung' (also nicht real), so wären folglich 
die Veränderungen selbst nicht real d. h. es fände statt wahrer und wirklicher Ver- 
änderung bloss der Schein einer solchen statt. 

Letztere Consequenz möchte nun Kant schwerlich bestritten haben und hat es auch 
wirklich nicht (vgl. unten die Beantwortung des Lambert'schen Einwurfs in der Kritik der 
reinen Vernunft). Wenn Zeit und Raum blosse Anschauungsformen der Sinnlichkeit und 
folglich die zeitlich und räumlich gesonderten veränderlichen Objecto blosse Erscheinungen 
sind, deren unbeweglicher Hintergrund das raimi- und zeitlose unveränderliche Ding an 
sich ausmacht, so ist in der That alle sogenannte Veränderung in der äussern Welt nur 
Schein, welcher allein unter Voraussetzung der subjectiven Anschauungsform der Zeit 
seitens des vorstellenden Subjects besteht. 

Lambert ist sich bewusst, dass ein , Idealist' sich durch seine Argumentation nicht 
geschlagen zu fühlen braucht. Aber selbst ein solcher, wendet er ein, würde, däuclit 
ihm, zugeben müssen, dass , wenigstens in seinen Vorstellungen (als Veränderungen) ein 
Anfangen und Aufhören wirklich vorgeht und existirt'. Vorausgesetzt, dass dasselbe nicht 
abermals unter der , subjectiven' Bedingung der Zeitform vor sich gehe, also die Succession 
seiner Vorstellungen nicht selbst blosser Schein sei, dem nichts Wirkliches entspricht?! 

Dem Schluss von der Realität der Veränderungen auf die Realität der Zeit steht 
daher zwar von der Gegenseite der Schluss von der Nicht-Realität der Zeit auf die Nicht- 
Realität der Veränderungen gegenüber. Aber auch für den Idealisten bleibt der Schein 
der Veränderung und der Schein der Zeit als , beständiger' bestehen. Ein ,beständiger 
Schein' aber ,ist für uns Wahrheit'. Das einem solchen zu Grunde Liegende wird nie 
oder nur künftig entdeckt werden. .Von dem ,beständigen Schein' der Veränderung gilt 
dasselbe wie von dem ,beständigen Schein' der Körperwelt. Wenn letzterer Schein wirklich 



Lambert, »kk VouciÄNOER Kant's. 71 

, beständig' d. i. in sich zusammenhängend und lückenlos beharrt, dann fehlt jedes Mittel, 
ihn als blossen ,Schein' zu erkennen d. h. er ist ,für uns Wahrheit'. Der eonsequente 
und widerspruchsfreie Schein ist von der Realität nicht zu unterscheiden. Dass aber 
ein blosser Schein jemals widerspruchsfrei und in seiner Totalität unter sich harmonisch 
sein sollte ist gegen die in der Alethiologie erwiesene ausschliessliche Harmonie des 
Systems aller Wahrheiten unter sich. 

Damit kann, fährt Lambert fort, die Zeit nicht als etwas Nicht-Reales angesehen 
werden. Sie ist keine Substanz etc., aber eine endliche Bestimmung der Dauer und 
hat mit dieser etwas Reales, worin dieses auch immer bestehen mag. So lange man 
den Veränderungen die Realität nicht absprechen kann, lässt sich auch nicht sagen, 
dass die Zeit und so auch der Raum nur ein Hilfsmittel zum Behuf der menschlichen 
Vorstellungen sei. Beide haben ihre eigene, durch von anderen Dingen hergenommene 
Wörter ohne Gefahr des Missverstandes undefinirbare Realität. Sie ist etwas Einfaches 
und muss gedacht werden. Die ganze Gedankenwelt gehört nicht zum Raum; sie liat 
aber ein ,simulachrum' des Raumes, welches sich vom ^physischen Raum' leicht unter- 
scheidet, aber eine nicht bloss metaphorische Aehnlichkeit mit ihm hat. 

Trotzdem will er es geschehen lassen, dass man Zeit und Raum als , blosse Bilder 
und Erscheinungen' ansieht. Erstens sieht nämlich Kant dieselben, obgleich als Schein, 
doch als , beständigen Schein' an, da er sie als conditio sine qua non der Vorstellung sinn- 
licher Dinge betrachtet. Beständiger Schein aber ,ist für uns Wahrheit', wobei ,das zu 
Grunde Liegende entweder gar nie oder nur künftig entdeckt wird'. Aber auch wenn dies 
nicht wäre, so ist es ,in der Ontologie nützlich, auch die vom Schein erlangten Begriffe 
vorzunehmen, weil ihre Theorie zuletzt doch wieder bei den phaenomenis angewandt 
werden muss'. Kant hatte seine Abhandlung, in Avelcher Zeit und Raum zu , Bildern 
und Erscheinungen' d. h. zu blossem subjectiven Schein herabgesetzt wurden, als eine 
phaenomenologia generalis bezeichnet, die der Metaphysik als propädeutische Wissen- 
schaft vorherzugehen habe. Lambert weist auf das Beispiel des Astronomen hin, der 
beim Phaenomenon anfängt, die Theorie des Weltalls daraus herleitet, und sie in seinen 
Ephemeriden wieder auf die phaenomena und deren Vorherverkündigung verwendet. In 
der Metaphysik, wo die Schwierigkeit vom Schein so viel Wesens mache, werde diese 
Methode des Astronomen wohl die sicherste sein. Der Metaphysik er kann 
alles alsSchein annehmen, den leerenvom reellen absondern, aus dem 
reellen auf das Wahre schliessen. Und fährt er damit gut, so wird er wegen 
der Principien wenige Widersprüche und überhaupt Beifall finden. 

Immerhin also mögen Zeit \mä Raum anfänglich als Schein betrachtet werden-, 
wenn nur der leere vom reellen abgesondert und von dem letzteren auf die Wahrheit 
geschlossen wird. Sollten dieselben, dessen er aber von seinem Gegner belehrt werden 
müsste, wirklich nichts melir sein als Schein, dann wäre ,auch noch nicht viel verloren'. 
Zeit und Raum würden reeller Schein sein, wobei etwas zu Grunde liegt, das sich so 
genau und beständig nach dem Schein richtet, als genau und beständig die geometrischen 
Wahrheiten immer sein mögen. Die Sprache des Scheins wird ebenso genau statt der 
unbekannten wahren Sprache dienen. Dennoch, schliesst er, muss ich sagen, dass ein 
so schlechthin nie trügender Schein wohl mehr als nur Schein sein dürfte. 

Ein Antwortschreiben Kant's auf dies Schreiben ist nicht bekannt, aller Wahrschein- 
lichkeit nach auch niemals verfasst worden. Gleichwohl ist er die Antwort auf den 



72 Zimmermann. 

darin enthaltenen Einwurf wider seine , damaligen' geäusserten Begriffe von Raum und 
Zeit nicht schuldig geblieben.' Allerdings trat dieselbe erst mehrere Jahre nach dem 
Tode Lambert's, mehr als ein Jahrzehnt nach dessen letzter Zuschrift ans Licht. In 
seinem Schreiben an den oben erwähnten Herausgeber von Lambert's gelehrtem Brief- 
wechsel bezeugt Kant ausdrücklich, dass er den ihm damals von Lambert gemachten 
EinAvurf in der Kritik der reinen Vernunft ,S. 36 bis 38' (der ersten Ausgabe) beant- 
wortet habe. Der §. 7 der transcendentalen Aesthetik (S. W. Hart. IL, S. 74), welcher 
die Ueberschrift ,Erläuterung' trägt, darf daher als die fehlende Ergänzung des Brief- 
wechsels zwischen Beiden betrachtet werden. "Wider die Theorie, welche der Zeit 
empirische Realität zugestehe, aber die absolute und transcendentale bestreite, habe 
er, sagt Kant a. a. O., von , einsehenden' Männern einen Einwurf so einstimmig ver- 
nommen, dass er daraus abnehmen könne, derselbe müsse sich natürlicher Weise bei 
jedem Leser, dem diese Betrachtungen ungewohnt sind, vorfinden. Offenbar war unter 
obigen Männern Lambert gemeint, dessen , einsehendes' Urtheil Kant schon in seinem 
ersten Briefe gerühmt hatte. Das geht zur Genüge aus dem Wortlaut des Einwurfs 
hervor, wie ihn Kant formulirt und der allem Wesentlichen nach mit dem von Lambert 
vorgebrachten zusammenstimmt. Nicht nur das Hauptargument: Veränderungen sind 
wirklich, folglich ist die Zeit (in der sie allein möglich sind) etwas Wirkliches, fällt 
mit dem Satze Lambert's : sind die Veränderungen real, so ist die Zeit real, zusammen, 
sondern, was für die Beziehung auf ihn entscheidend ist, Kant führt an derselben Stelle 
auch den von Lambert sich selbst gemachten, vom ,Idealisten' hergenommenen Einwand, 
sammt dessen eigener AViderlegung desselben an. Läge daher auch das ausdrückliche 
Zeugniss an Bernoulli nicht vor, so könnte doch kein Zweifel herrschen, dass Kant's 
Widerlegung auf Lambert gemünzt sei. In seinen Augen hat die Beantwortung keine 
Schwierigkeit. Er gibt das ganze "Argument zu. Die Zeit sei allerdings etwas Wirk- 
liches, nämlich die wirkliche Form der inneren Anschauung. Sie habe subjective Rea- 
lität in Ansehung der reinen Erfahrung d. i. ich habe wirklich die Vorstellung der 
Zeit und meiner Bestimmungen in ihr. Dieselbe ist wirklich nicht als Object, sondern 
als die Vorstellungsart meiner selbst als Object anzusehen. Wenn aber ich selbst oder 
irgend ein anderes Wesen mich ohne diese Bedingung der Sinnlichkeit anschauen 
könnte, so würden eben dieselben Bestimmungen, die wir uns jetzt als 
Ve ränderungen vorstellen, eine Erkenntniss geben, in welcher die 
Vorstellung der Zeit, mithin auch der Veränderung nicht vorkäme. 
Kant gibt also nicht nur den ersten Theil des Lambert'schen Arguments: keine reale 
Veränderung ohne reale Zeit, sondern auch dessen Umkehr ung: wenn keine reale Zeit 
ist, so ist auch keine reale A-'^eränderung, in seinem Sinne bereitwillig zu. Wenn aber 
dieser ihn durch diese letztere Folgerung ad absurdum geführt zu haben glaubt, da 
ja doch selbst der. ,Idealist' in seinen Vorstellungen etwas ,unläugbar Wirkliches' zu 
besitzen glaubte, also die Veränderungen in denselben, ihr Anfangen und Aufhören, 
wirkliche (reale) Veränderungen seien und also auch einer wirklichen (realen) Zeit 
bedürfen, so weicht Kant dieser Beweisführung mit der Erklärung aus, dass der Gegen- 
stand des inneren Sinnes, (ich selbst und mein Zustand) ebenso wie die Gegenstände 
der äusseren Sinne (die Aussenwelt) zur , Erscheinung' gehöre, d. h. ebensowenig , etwas 



' Vgl. Kaut's Brief au Marcus Herz vom Ül. Februar 1772. (Kirchmauu: Kaut's venuisclite Scliriftou uud Briefw. S. 408). 



Lambert, der Vorgänger Kants. 73 

Wirkliches' sei, als diese (in den Augen des Idealismus wenigstens) mehr als , blosser 
Schein' seien. ,Sie (d. h. Lambert) bedachten nicht, dass beide, ohne dass man ihre 
Wirklichkeit als Vorstellungen bestreiten darf, gleichwohl nur zur Erscheinung gehören, 
welche jederzeit zwei Seiten hat, die eine, da das Object an sich selbst betrachtet wird 
(unangesehen die Art dasselbe anzuschauen, dessen Beschaffenheit aber eben darum 
jederzeit problematisch bleibt), die andere, da auf die Form der Anschauung dieses 
Gegenstandes gesehen wird, welche nicht in dem Gegenstande an sich selbst, sondern 
im Subjecte, dem derselbe erscheint, gesucht werden muss, gleichwohl aber der Er- 
scheinung dieses Gegenstandes wirklich und nothwendig zukommt' (a. a. 0. S. 75). 

Auf' Grund der langen Pause, welche zwischen dem Einwurf Lambert's und der 
erst eilf Jahre später erfolgten Antwort Kant's eintrat, könnte man schliessen, derselbe 
habe den Aufschub von des Letzteren dem Abschluss schon so nahen Hauptwerke zu 
keinem geringen Theil mit verschuldet! Kant selbst schreibt denselben in seinem Schreiben 
an Bernoulli (a. a. O. S. X.) einen andern Beweggrund zu. Im Jahre 1770, da er die 
Dissertation de mundi etc. dem ,belobten' Mann überschickte, habe ei- die Sinnlichkeit 
unseres Erkenntnisses ganz wohl vom Intellectuellen zu unterscheiden gewusst und die 
Hoffnung gehegt, mit dem Andern nicht lang im llückstand zu bleiben. Aber nunmehr 
machte ihm der Ursprung des Intellectuellen von unserer Erkenntniss neue und unvor- 
hergesehene Schwierigkeiten und sein Aufschub wurde je länger desto nothwendiger, 
bis er all' seine Hoffnung (auf gemeinsame Mitarbeit an der ,möglichen Verbesserung' 
der Metaphysik, in die er nach seinem Ausdruck an einem andern Ort: Träume eines 
Geistersehers, III. S, 105 nun einmal ,verliebt' war) durch den unerwarteten Tod dieses 
, ausserordentlichen Genies' schwinden sah. Kant fügt hinzu, er bedaure diesen Verlust 
umsomehr, da, nachdem er in den Besitz dessen, was er suchte, gekommen zu sein 
meine, Lambert gerade der Mann war, dessen ,heller und erfindungsreicher Geist' eben 
durch die Unerfahrenheit in metaphysischen Speculationen ihn desto vorurtheilsfreier und 
darum desto geschickter machte, die in seiner Kritik der reinen Vernunft vorgetragenen 
Sätze in ihrem ganzen Zusammenhange zu übersehen und zu würdigen, ihm die etwa 
begangenen Fehler zu entdecken und bei der Neigung, die er besessen habe, hierin 
etwas für die menschliche Vernunft Gewisses auszumachen, seine Bemühung mit jener 
Kant's zu vereinigen, um etwas Vollendetes zu Stande zu bringen, ,welches ich, schliesst 
er, auch jetzt noch nicht für unmöglich, aber da diesem Geschäft ein so grosser Kopf 
entgangen ist, für langwieriger und schwerer halte'. 

Das Schreiben Kant's an Bernoulli, dem diese Worte entnommen sind, ist vom 
16. November 1781 datirt. So rühmend lautete das Urtheil Kant's über Lambert noch 
in demselben Jahre, da die Kritik der reinen Vernunft erschien. In späterer Zeit scheint 
seine Meinung von dem einst als ,unvergleichlich' gepriesenen und , scharfsichtigen' Manne 
sich etwas herabgemindert zu haben. In der Einleitung zu seiner Logik (S. W. Hart. I. 
S. 343) stellt er zwar Lambert's dialectische Arbeiten dicht hinter die Leistungen des 
Aristoteles, Leibnitz und Wolf, aber er fügt hinzu: ,Das neue Organon enthält nichts 
als sehr subtile Distinctionen, welche wie alle Subtilitäten, zwar die Folge haben, den 
Verstand zu schärfen, aber im Uebrigen keinen wahren Nutzen gewähren'. Ueber das 
zweite Hauptwerk, die Architektonik, findet sich in seinen Schriften kein Urtheil. 

Es muss anerkannt werden, dass, wenn Lambert's Einwendungen gegen die Idealität 
des Raumes und der Zeit begründet sind, die transcendentale Aesthetik und mit ihr die 

Deniechriften der phil.-hi6t. Cl. XXIX. Bd. 1" 



74 Zimmermann. 

Kritik der reinen Vernunft unmöglich waren. Mit der Behauptung, dass Zeit und 
Raum eine einfache Realität besässen, die durch das Zugeständniss, dass beide weder 
Substanzen noch Beschaffenheiten, noch Verhältnisse der Dinge seien, nicht aufgehoben 
wird, war der werdende Idealismus, welcher die Welt der Dinge und ihrer Ver- 
änderuno-en in einen blossen Schein aufzulösen drohte, im Keim erstickt. Wie verschieden 
dieselbe von der gemeinen Realität der wirklichen Dinge von ihm gedacht wurde, geht aus 
dem Umstände hervor, dass er auch der ,Gedankenwelt', wenn nicht ,physischen' Raum, 
doch ein ,simülachrum' des Raumes d. h. ein symbolisches Analogen desselben zugestand. 

Wie in der Frage von der Realität oder Idealität der Zeit und des Raumes der 
Gegner, so ist Lambert durch den Versuch ,zu wissen, wie viel man wissen könne', 
Kant's Vorgänger geworden. Beide gehen darauf aus , vor aller Erkenntniss das In- 
strument aller Erkenntniss der Prüfung zu unterziehen imd vor der wirklichen die Be- 
dingungen aller möglichen Erkenntniss festzustellen. Beide stellten der rein rationalen 
(aus der Vernunft ohne Hilfe der Sinne) und der rein empirisclien (aus den Sinnen ohne 
Hilfe der Vernunft) geschöpften, eine gemischte empirisch-rationale (mit Hilfe der Ver- 
nunft und der Sinne geschöpfte) Erkenntniss gegenüber. Beide nahmen an, dass die 
Erkenntniss des Menschen das Product eines rationalen (a priorischen) und eines em- 
pirischen (a posteriorischen) Factors sei, die grössere Hälfte derselben aus den Sinnen, 
die kleinere aus der Vernunft stamme. Beide gingen von der Ueberzeugung aus, dass 
durch eine Analyse des empirischen sowohl wie des rationalen Factors der menschlichen 
Erkenntniss in deren letzte und einfache Elemente eine Construction ihres Productes 
d. i. der aus beiden gemischten empirisch-rationalen Erkenntniss selbst möglich sei, und 
dass in der Auffindung und Aufzählung aller einfachen (sowohl rationalen als empirischen) 
Elemente der Erkenntniss das Fundament aller möglichen Wissenschaft liege. 

Hier trennen sich ihre Wege. Lambert nannte die einfachen Elemente aller sowohl 
rationalen als empirischen Erkenntniss nach Locke's Vorgang Begriffe und verstand 
darunter sowohl die idealen (nicht in den Sachen gelegenen), wie die realen (durch 
die Sachen vermittelten) Elementarbegriffe, welche zusammengenommen das Inventarium 
des gesammten Erkenntnissvermögens ausmachten. Kant nannte die einfachen Elemente 
.der Erkenntniss, so weit sie a priori, d. h. dem erkennenden Subject eigen waren. 
Formen, so weit sie dagegen a posteriori, dem erkennenden Subject von aussen (durch 
das Object) gegeben waren, Empfindungen; das vollständige Register der ersteren 
aber das ,Inventarium der reinen Vei-nunft'. Zu den einfachen Idealbegriffen rechnet 
Lambert (mit Locke) Ausdehnung, Existenz, Dauer, Zeit, Raum, Einheit, Solidität, 
Kraft usw., zu den einfachen Realbegrifl'en (gleichfalls mit Locke) die Begriffe der 
Farben, Töne, Gerüche, Geschmäcke usw. Zu den a priorischen Formen zählt Kant 
die reinen Anschauungsformen der Sinnlichkeit (Raum und Zeit), die Urtheilsformen des 
Verstandes (die Kategorien) und die Schlussformen der A^ernunft (die Vernunftideen) ; 
zu dem a posteriorischen Material, durch das jene Formen erfüllt werden sollen, die 
Sinnesempfindungen des Gesichts, Gehörs, Geschmacks usw. Die einfachen Idealbegriffe 
machen nach Lambert den Gegenstand rein a priorischer Wissenschaften, wie der Geo- 
metrie (Raimi), Chronometrie (Zeit), Phoronomie (Bewegung) usw., die einfachen Real- 
begriffe das Fundament der ohne Zuhilfenahme der Sinne, aus welchen dieselben geschöpft 
sind, unmöglichen a posteriorischen (oder Erfahrungs-) Wissenschaften aus. Dui-ch die 
reinen Anschauungsformen der Sinnlichkeit (Zeit und Raum) werden nach Kant die 



Lambert, der Vorganger Kant's. 74 '^ 

a priorischen Wissenschaften der Mathematik (Arithmetik und Geometrie), durch die 
aus den Sinnen geschöpften Empiindungen als Material und die darauf angewandten 
aus dem Subject stammenden a priorischen Formen der Sinnlichkeit, des Verstandes 
und der Vernunft, als Form aller möglichen Erfahrung wird nach ihm eine allgemein- 
giltige Erfahrung als Wissenschaft von dem durch die Sinne Gegebenen selbst möglich. 
Lambert begnügt sich (wie Aristoteles und Locke) mit einer einfachen Aufzählung der 
durch Analyse des vorliegenden Begriffsmaterials auffindbaren einfachen Begriffe, ohne 
einen Beweis ihrer Vollständigkeit mittels Ableitung, zu versuchen. Kant bemüht sich 
den Nachweis zu liefern, dass mit den zwei reinen Anschauungsformen der Sinnlichkeit, 
den zwölf Kategorien und drei reinen Vernunftideen das Register der einfachen a prio- 
rischen Formen des Erkenntnissvermögens (das ,Inventarium der reinen Vernunft') voll- 
ständig erschöpft sei. Lambert überlässt den Aufbau der Wissenschaft aus den ihr zu 
Grunde liegenden einfachen Ideal- oder Eealbegrifi'en den einzelnen (a priorischen und 
a posteriorischen) Wissenschaften. Kant unternimmt es, gestützt auf das von ihm durch- 
geführte (angeblich erschöpfende) Verzeichniss aller a priorischen Formen der Erfahrung, 
den Aufbau der möglichen Erfahrung aus dem gegebenen Material der sinnlichen 
Empfindungen wenigstens dessen Form nach vorzuzeichnen. 

Auch ihre Grenzen haben Beide der Erkenntniss vorgeschrieben. Lambert bezeichnet 
als solche ausser der Unerschöpflichkeit des durch die gegenwärtigen Sinne erworbenen 
Materials einfacher ßealbegriff'e, insbesondere die durch nichts widerlegte, dagegen durch 
zahlreiche Umstände wahrscheinlich gemachte Möglichkeit einer Vermehrung unserer 
Sinne und die dadurch erfolgende Aufschliessung bisher ganz ungeahnter Gebiete neuer 
einfacher Eealbegriffe. Wie dem Sehenden gegen den Blinden, müsste durch jedes 
neue Sinnesorgan dem damit Begabten ein neues Reich von Erfahrungen sich öffnen. 
Kant bezeichnet als solche die Ueberschreitung der Grenzen möglicher Erfahrung. Die 
Summe seiner Kritik wird von Kant in die Frage zusammengezogen : Wie sind synthe- 
tische Urtheile a priori möglich? Lambert drängt den Kern seiner Uianoiologie, der 
Hauptwissenschaft des Organon, in die Frage zusammen : Wie ist überhaupt wissen- 
schaftliche d. i. a priorische Erkenntniss oder Erkenntniss durch Ableitung aus reinen 
Begriffen möglich? 

Beide, Lambert und Kant, nehmen nicht nur die Evidenz, sondern auch die Methode 
der Mathematiker zum Muster. Lambert's sogenannte analytische Methode im engeren 
Sinne, zu deren Erläuterung derselbe auf Newton verweist, trifft mit Kant's Methode 
der transcendentalen Deduction, seine Anpreisung des von dem Astronomen eingehaltenen 
Verfahrens mit dem von Kant zum Ersätze der scheinbaren durch die wahre Erfahrung 
eingeschlagenen zusammen. Wie der Astronom an der scheinbaren Bewegung, bei 
welcher der Mittelpunkt die Erde, die Peripherie die Sonnenbahn ist, beginnt, um an 
deren Stelle die wahre, deren Centrum die Sonne, deren Umkreis die Erdbahn bildet, 
zu setzen, so beginnt die Kritik mit der scheinbaren Erfahrung, laut welcher das Subject 
sich nach dem Objecte richtet, um an deren Stelle die wahre, laut Avelcher das Object 
sich nach dem Subject richten muss, zu setzen. 

,Die wichtigste Frage', meinte Lambert (Architekt. IL p. 212), ,für die menschliche 
Erkenntniss, ist meiner Ansicht nach eine Theorie ihrer Formalursachen.' Seine ein- 
fachen und ursprünglichen Begriffe, das ,Einfache in der Erkenntniss', womit seiner 
Ansicht nach, anstatt mit dem Einfachen in der Metaphysik (der Monade) der Anfang 

10* 



74 li ZlMMKKMANK. liAMBKRT, flKH Vl)[{(4ÄN(lER KaM'.s. 

ZU machen sei, sind die Formalursaehen der Erkenntniss, deren intellectuelle Elemente. 
Die a priorischen Formen (reine Anschauung, Kategorien und Vernunftideen) der kritischen 
Philosophie, welche dieselbe dem die Erfahrung atomisirenden Skepticismus Hume's ent- 
gegensetzt, sind nach Bartholmess treffendem Ausdruck des simples transformations der 
obigen: die einen und die anderen sind die Formalursachen der menschlichen Erkenntniss. 
Der eben genannte Greschichtschreiber der Berliner Akademie hat darauf aufmerksam 
gemacht, dass wenige Jahre vor Lambert von seinen Akademiecollegen Premontval das 
Problem eines , Alphabets , Syllabars oder Wörterbuchs der menschlichen Gedanken' 
gestellt worden sei, welches alle diejenigen Begriffe enthalten sollte, welche sich schlechter- 
dings nicht dehniren Hessen, also die einfachen. Lambert und Kant fassten die Aufgabe, 
jeder nach seiner Art, in ihrer umfassendsten Gestalt. Jener stellte die Frage : was 
überhaupt. Dieser: was durch synthetische Urtheile a priori gewusst werden könne? Die 
Antwort auf jene gab das Organon, die Antwort auf diese die Kritik der reinen Vernunft. 



ÜBER DIE 



LANGEN VO C ALE 



IN DEN 



SLAVISCHEN SPRACHEN. 



VON 



D" FRANZ MIKLOSICH, 

WIRKT.. WITGLIKDE TIV.R KAIS. AKAIIEUIE DKR VVISSKNSCHAFTKN. 



VOKGELEGT IN DEE SITZUNG AM s. .lANUAK 1879. 



Auf den folgenden Blättern werden die langen Yocale der slavischen Sprachen 
vorgeführt und, soweit möglich, erklärt. 

Der Accent ist die durch Verstäi-kung des Ausathmungsdruckes bewirkte Hervor- 
hebung eines Vocals : mit der Verstärkung dieses Druckes ist eine in verschiedenen Sprachen 
und Dialekten und bei verschiedenen Menschen in verschiedenem Grade hörbare Ton- 
erhöhung verbunden. Die Yocale, die mit dem normalen Ausathmungsdruck hervor- 
gebracht werden, nennt man accentlos. 

Neben accentuierten und accentiosen Vocalen unterscheidet man lange und kurze. 
Wenn die Mundtheile sofort, nachdem der ^'ocal erkennbar gebildet ist, in die Stellung 
für den folgenden Consonanten übergehen, so ist der Vocal kurz-, wenn hingegen die 
Mundtheile während einer schon mit gröberen Hilfsmitteln messbaren Zeit in der Vocal- 
stellung verharren, so ist der so gebildete Yocal lang. Die Dauer gewöhnlicher langer 
Vocale scheint nie doppelt so gross zu sein wie die der kurzen; sie scheint sich im 
Allgemeinen dem Yerhältniss von f) zu 3 zu nähern. E. Brücke, Die physiologischen 
Grundlagen der neuhochdeutschen Verskunst 66. 

Da in allen Sprachen Zeit erfordert wird nicht nur um die Yocale, sondern auch 
um die Consonanten auszusprechen, so existiert die Positionslänge in allen Sprachen: 
allein die Regeln, nach welchen eine Silbe in Rücksicht auf ihren Consonantengehalt 
nicht mehr als Kürze gebraucht werden darf, sind in verschiedenen Sprachen ver- 
schieden 79. In den slavischen Sprachen scheint Positionslänge nicht vorzukommen. 

Aus dem Gesagten ergibt sich, dass Quantität und Accent so verschiedene Elemente 
der Sprache sind, dass sie nichts mit einander gemein haben. Die Quantität ist ein 
sinnlicheres, materielleres Element als der Accent: bei zunehmender Yergeistigung, bei 



76 Franz Miklosich. 

mehr musikalischem oder auch verständigem als plastischem, materiellem Charakter 
der Sprache verlieren daher die Quantitätsverhältnisse an Bedeutung, und der Accent 
gewinnt an Übergewicht Heyse 333 : die Sprache der heutigen Griechen kennt nur 
accentuierte und accentlose, keine langen und kurzen Silben. Dass ursprünglich alle 
slavischen Sprachen lange und kurze Vocale schieden, daran ist nicht zu zweifeln. 

Die lebenden slavischen Sprachen zerfallen jedoch gegenwärtig in zwei Kategorien, 
indem die einen die Quantität bewahrt, die anderen eingebüsst haben. Zu den ersteren 
gehört das neuslovenische, kroatische, serbische und cechische; zu den anderen hingegen 
das bulgarische, das klein- und grossrussische, das polnische, das ober- und das nieder- 
sorbische. Unter den letzteren Sprachen haben das kleinrussische und das polnische 
Spuren von langen Vocalen erhalten, die wahrscheinlich noch in historischer Zeit lang 
gesprochen -wurden. 

Unter den Sprachen der ersten Kategorie kennt das neuslovenische lange Vocale 
nur in betonter Silbe, eine Regel, die auch im neuhochdeutschen in den meisten Fällen 
gilt. "Was das altslovenisehe anlangt, so haben wir von der Quantität der Vocale dieser 
Sprache keine historische Kunde: es werden sich jedoch aus der Erforschung des neu- 
slovenischen so wie des kroatischen und serbischen Anhaltspunkte zu mehr oder minder 
wahrscheinlichen Feststellungen für die Quantitätsverhältnisse des altslovenischen ergeben, 
welche theilweise eine Stütze finden in den aus dem altslovenischen in das magyarische 
eingedrungenen Worten. 

Die Länge wird im cechischen stets bezeichnet und zwar durch den Acut: d. e, 
t, y, dazu kömmt ü aus 6 und ou neben ii; das slovakische hat d, 6, i, ü, y und m, 
ie, 6, f, T. Im neuslovenischen dient der Länge der Acut, der Kürze der Gravis : neben 
beiden Zeichen findet man den Circumflex angewandt: hier werden Accent (Ton) imd 
Quantität verquickt, indem der Acut die betonte Länge ausdrückt. In dieser Abhandlimg 
werden die bekannten Zeichen: " und ~ gebraucht: llpa, gräcl ; das e wird als langer 
Vocal gebraucht, um e in med von e in dete zu unterscheiden. Wie im neuslovenischen 
wird auch im serbischen in der Bezeichnung Ton und Quantität verbunden : ' und 
bezeichnen die kurzen, ' und " die langen Silben. Das kroatische ist in der Quantität 
vom serbischen sehr verschieden : ihm fehlt die dem serbischen Accentzeichen ' ent- 
sprechende Betonung. Diese Bezeichnung verdanken wir dem genialen Vuk Stef. Kara- 
dzic: wie man sich früher zu behelfen pflegte, ersieht man aus der Abhandlung des 
Herrn Gj. Danicic : Prilog za istoriju akcentuacije hrvatske ili srpske ßad 20. 150 — 233. 
Im polnischen sind in vielen Fällen für die einst langen Vocale a, e, o kurze Vocale 
eingetreten, die wie o, /, u lauten und durch d, f. 6 bezeichnet werden und mit Ausnahme 
des rt meist noch gegenwärtig so geschrieben werden. Dem polnischen 6 entspricht 
kleinrussisch ö, das wie /. in einigen Gegenden wie no, u lautet, dem polnischen e hin- 
gegen e, dessen Laut gleichfalls mit dem des i zusammenfällt. 

Hier sollen die langen Vocale der slavischen Sjjrachen angegeben wei'den : aus- 
gegangen wird vom altslovenischen, dessen Vocale in den meisten Fällen als urslavisch. 
d. i. als allen slavischen Sprachen zu Grunde liegend, angenommen werden dürfen. 

Wenn man dem Ursprünge der langen Vocale in den slavischen Sprachen nach- 
forscht, so sieht man leicht ein, dass in einer grossen Anzahl von Fällen die Frage 
nach der Entstehung der Längen unbeantwortet bleibt: man überzeugt sich bei diesen 
Untersuchungen bald, dass, abweichend von den verwandten Sprachen, im slavischen den 



Übek i>ie langen Vocale in den SLAviscriEN Sprachen. 77 

mit einiger Sicherheit erschlossenen Längen der Ursprache nicht nothwendig Längen im 
slav. gegenüberstellen: ursprachlicheni blirätar entspricht aslov. bratri, das nsL brät, s. hrät^ 
c. hratr lautet; urspr, mätar lautet nsl. mati, s. mäti, und wenn das c. a in mäti dehnt, 
so ist diese Dehnung im c. in der Zweisilbigkeit des Wortes begründet, wie mat, matefe, 
slk. viati, darthut. Eben so ist nsl. brätar. mdti res. zu erklären, wenn d wirklich lang 
ist. was niclit feststeht J. B. de Courtenay 7. Vergl. aind. bhrätar. abaktr. brätar. 
griech, cpar/^f/. r-rjr-r^rj. lat. fräter. got. brothar. lit. bröterelis und aind. abaktr. mätar. 
o-rieeh. [rr^rr^r,. lat. mäter. ahd. muoter. lit. möte. Ursprachlichem ä kann demnach 
slavisches a entsprechen. Ein bi^ätrs und viäti kann nicht als aslov., sondern nur als vor- 
slavisch angesetzt werden. Was von bratrs und viati, gilt auch von daii, znati, nsl. däti, 
znüti, s. däti, znäti (nsl. däm, znäm. s. c/«?», znäm sind nach den contrahierten Formen 
V. 1 gebildet); c. däti, zndti erklären sich wie mdti; ddni, zndm wie im nsl. und s. ; 
daneben besteht dal, znal. 

Es muss auch darauf aufmerksam gemacht werden, dass, auch wieder abweichend 
von den verwandten Sprachen, ein Thema nicht in allen Formen dieselbe Quantität liat : 
nsl. wird diite neben deca, decko; ebenso s. dijete, dete neben djeca, c. dite neben 
deti usw. gesprochen ; dagegen lautet aslov. liotn c. pet und 2^piyj — ?. pdty, womit p. pi(ic 
und pioty zu vergleichen ist. 

Die Gesetze, wornach im slavischen Vocale gedehnt werden, sind demnach im sla- 
vischen selbst aufzusuchen. 

Wenn man die Längen der slav. Sprachen prüft, so findet man, dass einige der- 
selben, unabhängig von der Function des Wortes, in der Mechanik der slavischen Eede ihren 
Grund haben, während andere Längen mit der Function des Wortes zusammenhangen. Wir 
unterscheiden demnach phonetische und functionelle Dehnungen. Wenn aslov. bo(jr, nsl 
bog, s. bog, C. hüh [p. bog und klr. boli (hih)] lautet, so nennen wir die Dehnung des o in 
diesem Worte eine phonetische, da sie in dem Auslaut des Wortes, dem tönenden Conso- 
nanten g, begründet ist. Wenn dagegen dem aslov. napajafi nsl. napäjati, s. napdjati, ?. 7ia- 
p)djeti (p. naixljac) entspricht, so geht meine Ansicht dahin, dass das ä in diesem Worte 
eine functionelle Aufgabe hat und in der iterativen Bedeutung des Wortes begründet ist. 

Im schnellen Sprechen findet auch beim langen Yocal eine merkliche Änderung in 
der Stärke des Ausathmungsdruckes während seiner Dauer nicht statt: bei langsamem 
Sprechen hingegen tritt eine solche Änderung oft ein. Da nun mit einer Verstärkung 
des Ausathmungsdruckes eine Erhöhung des Tones verbunden ist, so sind bei der Aus- 
sprache langer Vocale drei Fälle möglich: 1. die Stärke des Ausathmungsdruckes und 
daher die Höhe des Tones bleibt unverändert; 2. die Stärke des Ausathmungsdruckes 
und daher die Höhe des Tones nimmt zu, so dass ein Aufsteigen von einer niederen 
Tonlage zu einer höheren stattfindet; 3. die Stärke des Ausathnnmgsdruckes und daher 
die Höhe des Tones nimmt ab, so dass ein Herabsteigen von einer höheren Tonlage zu 
einer niederen eintritt. In Ermangelung passenderer Bezeichnungen nenne ich die erste 
Länge die gerade, die zweite die steigende, die dritte die sinkende. Was nun die sla- 
vischen Sprachen anlangt, so scheint das cechische nur gerade Längen zu kennen. Das- 
selbe möchte vom neuslovenischen gelten: wenigstens kann ich in der Mundart meiner 
Heimat weder eine steigende noch eine sinkende Länge entdecken. Auf diese Mundart 
wird Rücksicht genommen, wo nicht ausdrücklich eine andere genannt wird, was am 
häufigsten bei der von Herrn J. B. de Courtenay geschilderten des Thaies Resia eintritt. 



78 Franz Miklosich. 

Mit der Mundart der südöstlichen Steiermark stimmt meist die der benachbarten Slo- 
venen Ungerns überein. Dagegen entbehrt das serbische der geraden Länge ganz und 
kennt nur die steigende und die sinkende : jener dient ', dieser " . Steigende Länge 
findet sich in der ersten Silbe von letatl volare, iterativuni von lefeti; dem östlichen letati 
entspricht mittleres lijetati^ westliches l'dati : daher die ganz annehmbaren Ausdrücke 
ekavci, ijekavci, ikavci. Sinkende Länge tritt ein in svfit mundus, das sonst sv'ijei und 
svit lautet, zäva besteht neben zäova. Wenn man im aslov. letati e als e auffasst und ee 
gleichstellt, so wird das zweite e von einer Verstärkung des Ausathmungsdruckes getroffen, 
der Ton erhöht sich vom ersten zum zweiten e; dagegen ist in svet von einem sveet aus- 
zugehen, worin das erste e mit grösserem Ausathmungsdrucke und daher mit höherem 
Tone gesprochen wird. Vergl. L. Masing 63. 73. diiga ist nach Verschiedenheit der 
Bedeutung einer vierfachen Bezeichnung der Länge und des Tones fähig : düga tabula. 
dügä longa, diiga iris, düga debiti. 

Dass das litauische steigende und sinkende Länge kennt, ergibt sich aus der Dar- 
stellung Fr. Kurschat's, Grammatik 59, indem im litauischen in der sogenannten geschlif- 
fenen Aussprache eines langen Vocals der Ton anfangs auf einer niederen Tonstufe 
ruht und sich dann wie mit einem Sprunge avif eine höhere erhebt; indem ferners in 
der sogenannten gestossenen Aussprache eines langen Vocals der Ton von oben herab- 
schiesst. Der geschliffene Ton des litauischen ist wesentlich der steigende des serbischen, 
wie der gcstossene der sinkende, lit. büdas und driütas, jenes mit steigender, dieses 
mit sinkender Länge, können demnach serb. büdas, driütas bezeichnet werden, lit. sudyti 
und serb. suditi richten haben beide die steigende Länge des u: süditi, d. i. nach serb. 
Bezeichnung südyti, süditi. Der gestossene Ton des lettischen fällt vorwiegend stark auf 
das erste Element des langen Vocals, während das zweite in Folge dessen vom ersten 
wie losgelöst und viel kürzer und leichter nachklingt, woraus sich ergibt, dass der 
gestossene Ton des lettischen dem serb. sinkenden Tone wesentlich gleich ist. Dagegen 
scheint der gedehnte Ton des lettischen der oben , gerade Länge' genannten Erscheinung 
nahe zu treten, da in ihm die beiden Elemente möglichst ununtei'brochen zu einer 
Einheit zusammen tönen und keines durcli Betonung vor dem anderen hervorgelioben 
wird Bielenstein, Grammatik 8. 

Herr V. Jagic hat im Rad 13. G. den steigenden und den sinkenden Ton des 
serbischen und kroatischen, wie mir scheint, mit Recht mit gewissen Betonungsweisen 
des griechischen und des lateinischen zusammengestellt. Die Erklärung, die Arkadios 
von der ävtavax,AaCo|j.cVY^ gibt — '/} av(o rstvooaa xal c'jö-sta x,ai zIq o£6 aTzriX'qyrjOGa, 
iowjia zrjic ßäXsai toi; £'^t£(j,svot.c — passt auf die steigende Länge des serb., die durch 
bezeichnet wird, i] aus sdv ist demnach zu vergleichen mit kroatischem dvör. Es ist 
daher en mit der Verstärkung des Ausathmungsdruckes auf der zweiten Mora. Eben 
so bezeichnet die iTcptxXaaic £V z-q TrsptaTTCojj.svTj den sinkenden Ton des serbischen, da 
der Scholiast dieselbe erklärt als 'q £V rw a'j~(p ä.viyac.iQ tsjx xatsvcäc, \p] £Tct[JL£Vo6ar^? 
r?]c JpJov?)? £V z\ dvatdact dXXd [Jisza tö ävaraiJ-r^vat xai xaza'f £po|XcVYjC. serb. pas aus pbjäs 
cingulum ist demnach dem griechischen Tiäc gleichzustellen. So wie aus TtXöoc ttXoüc, 
so entsteht im serb. aus präha i^räa, schliesslich prä. 

Das p. und das klr. besitzen gegenwärtig und wohl seit Jahrhunderten keine langen 
Vocale: dem ersteren sind jedoch gewisse Vocale eigen, hinsichtlich welcher nach- 
gewiesen werden kann, dass sie die Nachfolger langer Vocale siiul: diese Vocale sind 



Über die langen Vocale in den slavischen Sprachen. 79 

d, e, 6; derselbe Beweis kann in Betreff der klr. Vocale i, und ö geführt werden. Dass 
dergleichen Laute auch im r. vorkommen, scheint aus dem, was Herr A. Semeno- 
vitsch 65. anführt, nicht hervorzugehen. Was das os. und ns, anlangt, so besitzen diese 
Sprachen den dem p. 6 entsprechenden Laut, und die Gesetze seiner Anwendung im p. 
und os, fallen in sehr vielen Fällen zusammen : dvör^ v6i, v6z, d, i. dvuor usw. os. poslac 
hat ein Analogon im klr. poslaty. Vergl. Casopis towafstwa madicy serbskeje. 1862. 
III. zwjask. 10. Seite 113. 

Derselben Modification wie a, e, o kann im p. auch ^ unterliegen: es geschieht 
dies im dialektischen (g; ciizki, pi^ücioro op. 20. und, was unten erklärt wird, in dem für 
f eintretenden q: rqk von reka usw., denn, wie c. ruka zeigt, muss von r?Ä;a ausgegangen 
werden; dqb verhält sich zu df^bzc wie bog zu boga usw. 

Die p. Grammatiker nennen die Laute ä, e, 6 ,^cie^nione' (im Gegensatz zu ,otwarte') 
oder ,pochylone' d. i, ,gepresste' oder , geneigte' Vocale; für klr. ö ist der Ausdruck 
jStysnene' angewandt worden osad. 16. Andere haben diese Vocale , geschlossene' 
Vocale genannt; es ist auch der Ausdruck ,Vertreter der langen Vocale' und ^verengte 
Vocale' in Vorschlag gebracht worden J. B. de Courtenay, Beiträge 8. 207. Ich werde 
diesen letzten mit der Sache zusammenhangenden Ausdruck gebrauchen : , verengt, ^cie^- 
niony', da sich die betreffenden Vocale von den anderen, die , offen, otwarty' genannt 
werden, physiologisch nur dadurch unterscheiden, dass bei deren Aussprache der Mund- 
canal verengt wird. Nach Fr. Malinowski gibt es im p, ein dreifaches e: e jasne (e), 
e ^cie^nione (e) und e ciemne (e) Beiträge 8, 225, 

Die Aussprache des ä neigt sich dem o zu; hie und da wird dafür cm, anderwärts 
OK. gesprochen : mausz, niot(sz^ mosz habes, während e wie i, 6 wie u lauten, e und 6 
haben sich in der Schriftsprache erhalten, d wird jetzt von a nur in den Dialekten 
unterschieden. Ich bemerke hier, dass im nsl. meiner Heimat langes a wie magy. a 
lautet, d. i, zwischen a und o liegt, mäm, mas, md; pl. g. bdb von bäba, das in anderen 
Gegenden bäba und baiiba gesprochen wird. 

Was die Bezeichnung dieser verengten Vocale anlangt, so dient derselben heut- 
zutage und seit langem der Acut über dem Vocale; ehedem schrieb man: aa, ee, oo: 
dumaa cogitat, smeem audeo, chood gressus; oder q, e: mqm habeo, swemu suo für dumä, 
smiem usw. Semenovitsch 12. In alten Drucken ist a verengt, d offen vergl. mal". 11. 
Die Schreibung aa, ee stammt wahrscheinlich aus dem cech. 

Die Einbeziehung der p. Vocale d, e, 6 in dieser den langen Vocalen gewidmeten 
Schrift beruht darauf, dass dieselben Nachfolger, Vertreter langer Vocale sind. Der 
Beweis dieser Ansicht liegt nicht etwa darin, dass ein Theil der verengten Vocale auf 
Contraction beruht, da im slav, contrahierte Vocale nicht noth wendig lang sind; sie 
beruht auch nicht darauf, dass Parkosz im XV. Jahrhunderte lehrt: ,omnes vocales apud 
Polonos modo longantur modo breviantur', dass Zaborowski im XVI. Jahrhundert (1518) 
sagt: ,antiqui Poloni longas vocales geminabant, breves simplicibus pingebant figuris', 
da die Grammatiker in Polen wie in anderen Ijändern unter dem Einflüsse der latei- 
nischen Grammatik standen: der Satz, dass d, e, 6 Reflexe langer Vocale sind, ergibt 
sich einzig und allein aus der Vergleichung des p. mit den andern slav. Sprachen. 
Wer das p. tcoldm mit dem c. voldm, dessen a zweifellos lang ist, wie p. bog mit 
dem 8. büh mit unzweifelhaft langem it zusammenstellt, wird wohl zugeben, dass auch 
im p. woidm - a, in bog - 6 ehedem lang gewesen ist; wer ferners erwägt, dass das klr. 

10" 



80 Fkanz Miklosich, 

neben böh (bih) in manchen Gegenden buoh kennt, wird dasselbe auch hinsichtlich des 
klr. einräumen. 

Die Frage jedoch, wann die langen Vocale a, e, o in die verengten ä, e, 6 über- 
gegangen sind, lässt sich nicht beantworten. Dass nicht alle verengten Vocale aus 
langen entstanden sind, dass viele der Analogie ihr Dasein verdanken, ist wohl selbst- 
verständlich. 

Wir bemerken im. p. und klr. eine Ausnahme von der allgemeinen Eegel, nach 
welcher lange Vocale bei ihrer Verkürzung eine Veränderung ihrer Qualität nicht erleiden, 
denn die verengten Vocale des p. haben ihre Qualität geändert: ä ist a, ein Mittelding 
zwischen a und o geworden usw. Dergleichen wird jedoch nicht überraschen, wenn man 
auch sonst ähnliche Erscheinungen beobachtet hat : ähnliches gewahren wir im Dialekt von 
Doudleby in Böhmen, wo i und ü sich vom i und u nicht nur durch die Quantität, sondern 
auch durcli die Qualität unterscheiden : cärkovane i (y) a koleckovane u nelisl se od u, 
i kvantitou, jsouce skoro talc knitke jak tyto (tak: mihj, chüvu vysl. " '^), nybrz kvalitou: 
■(( zni CO velmi hluboke ale krätke u, i (y) co velmi vysoke ale krätke i. ü se mä k u 
as tak jako v k o; a dale i: i ir: i: e. NSco podobneho pozorovati na Morave, jen ze 
tarn i a ü kromg kvantity trati take kvalitu, znice as jen jako i a ?t; povidat, kun doud. 6. 

Nach langer Überlegung erschien mir folgende Anordnung des Stoffes als die zweck- 
mässigste, die in der Ausführung dadurch einigermassen gestört wurde , dass einige 
Fragen deswegen an je zwei Stellen vorkommen, dass ich dieselben von anderen nicht 
trennen wollte, um die Übersicht nicht zu erschweren. Auch hier habe ich die Fragen 
nach Sprachen behandelt, um das Bild jeder einzelnen Sprache klar hervortreten zu 
lassen : die Zusammenstellung nach Lautgesetzen wird nicht schwierig sein. 

Es gibt in den sla vischen Sprachen eine grosse Anzahl von Längen, die nicht erklärt, 
d. h. nicht auf die ihnen entsprechenden Kürzen zurückgeführt werden können, während 
bei anderen dies theils mit Sicherheit, theils auf eine wahi'scheinliche Weise geschehen 
kann. Jene scheinen mir aus einer sehr frühen Periode des Sprachlebens zu stammen, 
diese erst auf dem Boden theils des Urslavischon, theils der einzelnen slavischen Sprachen 
entstanden zu sein: die ersteren bezeichne ich als die alten, die letzteren als die jungen 
Längen. 

Als alte Längen gelten mir unter anderen einige von den nasalen Vocalen : dem 
aslov. mqka, nsl. möka, s. mi'ika, p. maka, 2. müka^ mouka liegt ein älteres mönka zu 
Grunde, während das aslov. mqka, nsl. r/iiiku für möka, s. milka, p. mqka, ö. muka auf 
einem älteren mönka beruht ; derselbe Unterschied besteht zwischen dem aslov. me.secb^ 
nsl. mesec aus mesec, s. mj'esec, "p. miesiqc, ^. mesic und dem ■dälo'v.jqzyks, nsl. jezik, s. jezik, 
IJ.jezyk, c.jazyk: jenes entspricht einem älteren mtsench, dessen e kurz ist, dieses einem 
älteren jenzykd. Diese Längen sind als gegeben anzunehmen. 

Die jungen Längen beruhen entweder auf der Contraction oder auf der Dehnung. 

I. In der hier behandelten Contraction schmelzen zwei Vocale zu einem langen 
zusammen : s. zütö aus züto-Je, vielleicht züib-je. cüvam aus cuvajemh, vielleicht cüvajemb neben 
ciivajü aus cüvajöntts. c. 7n4 aus moje. clobre aus dobroje. voldm aus volajemh neben volaji 
aus volajönid. 

IL Die Dehnung ist zweifach: die eine nenne ich die ältere, die andere die jün- 
gere, weil ich erkannt zu haben glaube, dass sich beide nicht nur durch die Resultate, 
sondern auch durch die Zeit ihrer Entstehung unterscheiden : die ältere Dehnung wandelt 



Über die langen Vocale in den slavisciien Sprachen. 81 

e ZU e, zu a, h zu i, 3 zu y, während durch die jüngere Dehnung e in e, das n^l. kroat. 
serb. von ß zu unterscheiden ist, o in ö, ?. in n, p. und klr. in die verengten Vocale 6 
und 6 übergeht: nsl. med, bog, c. hlh, p. burj, klr. 6c)A usw. 

A. Die ältere Dehnung tritt in drei Fällen ein: a) bei der Bildung der verba ite- 
rativa durch das Suffix a: nsl. letati, s. Z/yV^^a;^/, (letati, litati), c. ^etof«, /??7a//, p. '''Idtac, 
kas. /atoc; <'jj in der Metathese, wodurch fort, tolt und tert, telt in tlaf, trat und in frei, 
fir-t übergeht: nsl. gräd, s. gräd aus ^ron/a; nsl. ^r/ärf, s. gläd aus ^roMs; nsl. breg, s. ^re^f 
aus 6er^5; nsl. mleko, s. mZe/co aus melko: viele hieher gehörige Formen bieten kurzes 
a und g; c) zum Ersätze ausgefallener Consonanten: s. -wjeh: Iznijeh (Iznfih, \znih), aslov. 
v^hs, tuli aus H,e*7iö usw. 

B. Die jüngere Dehnung vollzieht sich in zwei Fällen : a) vor den tönenden Con- 
sonanten in einsilbigen Worten und in Endsilben, so wie im Inneren mehrsilbiger Worte 
vor tönend anlautenden Consonantengruppen : p. rdd neben rada. grob, grobu. dqb, dobu ; 
lüybdioca usw.; b) in Vertretung desAccentes: dies geschieht 1. in Compositionen, deren 
erster Theil eine Praeposition ist; in Nomina, deren Thema ein praefixiertes Verbum ist; 
in praefixierten Verben, die gegen die sonst geltende Eegel imperfectiv bleiben: gedehnt 
wird der Vocal der Praeposition oder des Praefixes. a) nsl. zägorje, s. närucje. c. zähofi. 
p. zdmorze. b) nsl. nävada. s. ndvada. c. nddeje. p. zdmek. c) s. zdvidjeti. c. ndleSeti. 
p. ndlezec. Vergl. Gramm. 4. 313. In allen diesen Fällen ist die Dehnung die Nach- 
folgerinn des Accentes, da ursprünglich der Accent, nicht die Länge bestimmt ist das 
aus mehreren Themen bestehende Wort als eine Einheit zu kennzeichnen ; 2. im Thema 
vor bestimmten Suffixen : c. doubt: dub, Suffix ye, aslov. dqbije. nsl. dete, s. dißte (dete, 
dttc), c. düe, Suffix ent. p. dzieciqtko: dzieciet, Suffix dko, aslov. *detet5ko. Auch hier 
vertritt die Dehnung den ehemaligen Accent ; 3. in der ersten Silbe zweisilbiger Worte: 
g. UjJa. nsl. lijya. s. lipo. Hier ist die Dehnung durch den Accent hervorgerufen. 

Aus dem Gesagten ergibt sich, wie oben bemerkt wurde, dass die Dehnungen ent- 
weder rein phonetisch oder functionell sind: das erstere tritt ein bei c. me aus moje, 
nsl. mleko aus melko, s. -räjeh aus 7iesh5, p. bog aus bog; grob aus grob; c. doubi, Upa ; 
functionell sind die Dehnungen im nsl. letati; zägorje, nävada, c. ndlezeti. 

Von den hier dargestellten Gesetzen gelten einige nicht für alle slavische Sprachen ; 
keines ist in allen mit gleicher Consequenz durchgeführt. 

Die grosse Anzahl der angeführten Fälle soll nicht nur den Leser überzeugen, dass 
das aufgestellte Gesetz in der That ein solches ist, sondern ihm auch die Nachprüfung 
und Berichtigung des von mir Gebotenen möglich machen. 

Die Abhandlung beginnt mit den jungen Längen. 



Denkschriften der phil.-hist. Cl. XXIX. Bd. H 



g2 Franz Miklosich. 

I Junge Läng-en. 

A. Aus Contraction. 
a) Neusloveuisch. 

1. 1. oje wird zu e, i contrahiert. 

vuha, tüiha aus mojega, tvojega; mlmu aus mojermi; rinn aus mojem; danach imha aus 
vsega und svetimu, wdsimu; in hüaha usw. steht a an der Stelle des aus vje, e entstan- 
denen tonlosen s res. 80. Daher im Westen lepnga, Upömu, lepmi und tdga, tsmu, tdin neben 
tega usw. Im Osten hört man lepoga usw. nach serb. Art. 

2. oja wird zu ä. 

gospä aus goqjoja. häti se aus hojäti se; bat aus boät, hogdt res. In dvä ist ä nicht 
ursprünglich, sondern analog dem duhra aus dohroja entstanden. 

II. aje wird ä. 

jedjäm. rezljäm schnitzle, skakljäm hüpfe, znäm, znäs, znä usw. aus znajem, znajes^ 
znaje usw. : so ist auch dam, das, da usw. zu beurtheilen. 

III. 1. ije, hje scheint im Osten in je überzugehen. 

Es mag bemerkt werden, dass manche ungi'ische Quellen den Auslaut der Nomina 
auf ije, hje mit einem Acut bezeichnen: korenje. zlezenje progenies. zganje; daher sg. gen. 
razlocenjä. p)restoplenjd usw. Ob hier e, ä lang sind, ist jedoch nicht sicher. 

2. ije wird l. 

l)ies tritt ein in den Verben III. 2. und IV : drzim aus drzijenih, holi aus holije usw. 
In rib. wird im impt. lezi gesprochen: die Quantität von i ist jedoch zweifelhaft; eben 
so in nesi, tepi, zeiiL 

IV. yi, yjb wird i, d. i. y. 

strina, stric, s. strina, stric: stryiiia, stryjha. 

V. nesem, nesi, ne usw. ist aus nejsem, nejsi, iieje usw. entstanden : das Verbum ist tonlos. 
zec res., sonst zajec, zajc, zävec, ist wohl aus zajc hervorgegangen: zajech. 

ov, ou kann zu ü contrahiert werden. 

zuhü res. aus zuhov, zuhou. 

ij wird zu 7 zusammengezogen. 

Die pl. g. huM, daskt, hori, kuzi, sonst holli, dask, gö7\ köz, entstehen wie judi, viel 
und hci7'~i, aslov. Ijudij, recij und ddstcrij. Eben so ist zuhi dentium habd. zu beurtheilen. 
ieyäli für zenl, sonst zen, verdankt sein h der pronominalen oder der zusammengesetzten 
Declination res. 17. 79. impt. blte aus bljte. 

Hier ist noch anzumerken grem aus gredem usw. 

Wenn aus dejail - djafi, res. ])ät, hervoi'gclit, so ist nur e ausgefallen. 

b) Serbisch. 

1. 1. eje geht in c über. 

vrüce sg. nom. n., aslov. virrsteje, neben svP. vrücega. vrücemu. vrüdem: aslov. vrastaago, 
wofür das s. vr<istejega usw. voraussetzt. 

2. ej(i wird zu e contrahiert. 

vrüdS sg. gen. f. aus vru6e-je, wobei jedoch zu bedenken ist, dass im sg. gen, nicht 
nui- die nominale Form des adj., sondern auch das subst. auf e auslautet: vrüce, zhie. 



Über dir langen Vocalio in den slavisciien Sprachen. 83 

3. ea wird ä. 

mäcä, miicao, aus mci(-eha^ mficaha. eje wird nicht contrahiert : umijes ist aslov. umejesi. 

II. 1. oje wii'd zu zusammengezogen. 

ziitö sg. nom. n. aus zuto-je neben sdmo; dasselbe liegt in kö aus koje (knjr) vor: 
kü Crncic. inöga, mömu, inöm aus mbjega, mbjemu, mbjem; kömu aus kojemu; dasselbe tritt 
ein in zätöga, zäiömu, zütöm aus züto-jega, zuto-jemu, züto-jem neben sdmoga, sämomu, sämnm. 
tndj alienus hat hidjega, titdjhim, nicht -ega, -emu, was wie das aslov. tvzdego, tuzdemu 
begründet ist vergl. 3. 46. dvöga ist durch o auffallend : die Accentuation der seltenen 
Grundform dcojega ist nirgends angegeben Daniele, Oblici 50. Die zusammengesetzte 
Form Mtöj kann man geneigt sein auf zutn-jej zurückzuführen, wie kdj aus kojöj entsteht, 
obgleich auch die nominale Form auf öj auslautet und dasselbe bei njöj neben dem 
enklitischen jnj eintritt. Wer zütöj aus zuto-jej erklärt, wird njöj, sämöj usw. für analoge 
Bildungen ansehen, ö in njüj beruht vielleicht auf j. 

2. oje wird e. 

züte sg. gen. f. und pl. acc. nom. m. f. aus ziito-je; ke aus koje: dabei ist zu be- 
achten, dass die nominale Form des adj. im sg. gen. auf e, sonst auf e auslautet, und 
dass dieselbe Differenz bei dem subst. und pron. eintritt: zene, zene; sdm<', säme; svt^, sve. 
kr. sg, gen. f. same. steci aus siojeci. 

3. 00 geht in 6 über. 

gröt aus gröof, gruhof. Vergl. stö, vö (stula, vola) aus stoo, vöo. 

4. oja wird zu ä contrahiert. 

kä aus koja (kbjä) : der sg. gen. m. n. kujega deutet auf kuj: vergl. mujega und möj. 
zütä sg. nom. f. pl. nom. n. aus zuto-ja neben sdma, svi'i. Der du. dvä ist wie zütä zu 
erklären. j?fts aus pöjäs. gospa ist ein hypoc. für güspodja^ also verschieden vom nsl. gospä. 

5. oji wird i, aslov. yj. 

kl sg. nom. m. aus koj (kuj}). k?h^ krm aus kojih, kojirn. zütl sg. pl. nom. m. aus 
zuto-j, Suto-ji; der pl. nom. m. züti würde nach dieser Deutung mit dem aslov. zlütii 
nicht übereinstimmen, ii hi folgt der zusammengesetzten Declination; .w? ist aslov. vhsi. 
Wie Z'äü, ist vrüa zu erklären. Auch im r. findet sich die Conti-action des oi, oji zu 
'!/•' fy PyO'^^^.h PyP^'y (po^9^C'.i)> '^^ohryj molodecT, kir. 2. 9. 

6. oju wird zu ü contrahiert. 

kü aus koju; züt'ü, aus zuto-jtt,; dagegen svn, aslov. vbsq. ü in nögü, 7%kü, slugü 
scheint auf oju im aslov. toju zu beruhen ; analog sind trijü, cetirijü und dvijü, dvdjü 
zu erklären. 

7. oa wird ä. 

zäva aus zäova. ämo aus bvamo. 

III. 1. aje wird ä. 

cüväm, cüväs, cüvä; cüvämo, cüvCde aus cuvajemh, cuvajesi usw. mit langem a aus aje; 
dagegen c'ävajii mit kurzem, weil eine Zusammenziehung nicht stattgefunden hat ; eben 
so in citvajäci. cüvati. cwvah. cüvao. Der impt. hat ä wie im p. ä: cüväj. Der Analogie 
von cüväm folgen däm, znäm. Abweichend ist pbznäjem, pozndvati. 

2. aa wird ä. 

Das imperft. cüväh neben dem aor. cüvah verdankt sein ä dem aa aus aje, denn cfwäh 

beruht auf der Praesensform cuvajeh: da nun das impft, meist von verba iterativa durch 

a, V. 1, gebildet wird, so kann es nicht befremden, wenn ä als Charakter des imperft. 

11" 



OA Franz JIiklo.sich. 

aufgefasst ward: ^j/e^/A, aslov. p/e/rÄö, pretijäh, pletäh: es bildete sich eine Differenz aus 
zwisclien hrOlt und bräh, ptsah und pisäh, kupbvah und küpoväh vergi. 3. 92. jüti, prä, sät, 
strä, vlä aus jähati, präa, pträha, sethat, sträa, sträha (sträha), vläa, vläha. 

IV. ije wird ?. 

v'klim, nösim ; vlclis, nös/s usw . uns vidijemh, nosijemh usw. züttm, zütlm usw. beruht auf 
Mtijem, zütijem; zägoril auf zägorijel: unabhängig davon ist zägorel, indem aus älterem 
langen e sich hier e, dort ije entwickelte, welches letztere im Westen zu langem i contra- 
hiert wurde- dagegen ward kurzes e im Osten e, im Westen je, welches in i übergieng. 
Das für alle genera geltende tri ist wohl aslov. trije m. 

V. gji, yjh wird zu / (y) contrahiert. 
strrna, str'/c aus stryjina, stryjhCb. 

VI. (/ wird ?. 

In den pl. gen. stvärl. kustt. cfvt. gosti. Ijüdt. nokt'i. pütl usw. ; äsim. lädji. vfsfi von 
a- Stämmen. 

nijesam, nijesi (msam, n€sam) usw. wohl aus ne jsam usw. grem aus gredcm ; gläti aus 

gU'dati usw. 

c) Cechiscli. 

1. 1. eye geht in e, t über. 

dnesm sg. nom. n. aus dnesnje-je, dnesnje; dnemiho aus dnemje-jeho, dnesnjeho: slk. 
dnesnieho ; analog dnesnimu und im sg. loc. m. n. dneSmm: ac. dnesnie, dnesnieho, dnes- 
7iiemv, dnesniem. ni in nent aus neje, slk. nenie; slk. niet, nicto ist ne jestr. to (tu). 

2. eje wird gleichfalls e, i. 

dnesm sg. g. f. und pl. acc. m. f. so wie nom. f.: ac. dnesnie, dnesniej aus -nje-je. 

3. Auch eyV wird e, f. 

dnesni du. nom. f. n. aus dnesnje-ji. dnesnim sg. instr. m. n. und pl. dat. ; dnesntch 
pl. g. und loc; dncsntini pl. instr. aus dnesnje-jim, -jim, -jic/i, -jimi; eben so dnesnima. 

4. eja wird «, «'. 

dnesni sg. nom. f. aus dnesnje-ja. 

5. c/^f, ey» Avird ??, ?. 

dnesni sg. acc. f. aus dnesnje-ju; dnesni sg. instr. f. und du. gen. loc. aus dnesnje-jü: 
ac. dnesniv. Das slk. bewahrt «<■.• hoziu; der sg. instr. f. lautet hozou. 

6. ey' wird e, i. 

dnesni sg. dat. f. aus dnesnje-j: ac. diiesniej, dnesnie. Den sg. nom. m. dnesni fasse 
ich als aus dnesnje-j entstanden auf; den pl. nom. m. dnesni aus dnesnje-ji. 

II. 1. eje wird e, /. 

umiin, ac., slk. wniem, aus umejemh; dagegen 3. pl. tomeji, inf. umetl. 

2. ey'a wird a. 

/rrtftjj dial. jV-y^, slk. hriat: grejati. '''^däti, *ddl, dal: di^jati; diti, dtl neben dil, ist 
deti. vdti, slk. viat, p. wia6. näkej aus nejakej, c. nejaky, doud. 17. Äfv'//, ^;^<^ sind aus /^rc?^«', 
yc^^i entstanden, wie die Formen hrieli, vieli zeigen. 

III. 1. oje geht diH'cli ee in e über. 

vie aus moje, meho aus mojcho dialekt. 35 : slk. ke, c. obe aus koje, oboje. dialekt. ce aus 
CO je, te aus to je, püdeme aus pojedeme doud. 16. Eben so mSum, mem aus mojemu, 
mojem; dohr6 aus dohroje: aucli dobreho beruht auf dobro-jeho, nicht auf dubra-jeho, das 



ÜbEK die langen VoCALB in den KLAVISCIIEN SPRACHEN. 85 

nicht dohreho ergeben kann; eben so sind dobremu, dnhn'm zu erklären. ,slk. kyho, kymu 
für kSho, keiim. ^ lautet slk. hier und sonst ie: dobrieho usw.; tez, slk. tiez, ist tojeze. 
e aus oje erweicht slk. den vorhergehenden Consonanten nicht: pekneho, nicht pekneho. 
svehlavy aus svojehlavy. tre aus troje^ daher trenohy neben slk. tronoln. vevoda, minder gut 
vyvoda, aus vojevoda. naseho zlin. 42. und ähnliche Formen folgen der zusammengesetzten 
Declination. slk. geht oje in e und in ö über: hladne; hladnö (brucho), vlhkö. ze je vsetko 
prisirojeno wie ze je uz sobrany ; für 6 tritt auch zco ein : panskuo dialekt. 71. Allgemein 
ist jiravoiu (mit kurzem o) aus pravojem ; ebenso bozom, wenn nicht pravom usw. pronominal 
ist. slk. ist svöjho, svujnm aus svojeho, svojemu. Langes o aus oje findet im nsl., kroat. 
und serb. statt. 

2. ojej geht in ej über. 

dobrej sg. dat. loc. f. aus dobro-jej neben dem aus dem gen. stammenden dobre; 
nach dobrej, slk. dobrej, kej, auch tej, jej und dafür te, ji aus je; dial. ist i für ji. 

3. oje (oje) geht in ee, c über. 

dobre aus dobro-j^^ aslov. dobryjr. dubre, slk. dobrej, kej, ist sg. gen. f. und pl. acc. m. f. 
te, sg. gen. von ia, beruht auf einer dem aslov. toje entsprechenden Form. Das j von 
dobrej zlin. 36, tej (kat. 690) stammt aus dem dat.; daher ursprünglich gen. dobre, te 
aus dobroje, toje:,, dat. dobrej, aus dobro-jej und analog tej: ein to-jej ist wohl nicht anzu- 
nehmen. Andere lassen tej aus toj entstehen. Auch im p. fallen die gen.- und dat.- 
Formen zusammen: abweichend verfährt das os. und das ns. teje, tej; dobreje, dobrej. 
Dialektisch hat sich noch im gen. e, nicht ej, im dat. ej, nicht e, erhalten : z velky (velke) 
vody. ze zeleny (zehne) louky und ptruti velkej vode, na zelenej louce doud. 24. 

4. oji geht in y über. 

mym aus mojfm und majim, mych, myrni aus mojich, mojimi. So ist auch der sg. instr. 
m. n. dobrf/m, der pl. gen. loc. dobrych so wie der pl. instr. dobrymi zu erklären, daraus 
dobrejm usw. Der sg. instr. m. n. tym zlin. 38. folgt der zusammengesetzten Declina- 
tion. Dasselbe gilt von nasich zlin. 42. und von mojich, mojim, mojima; der sg. gen. f. 
moji erinnert an ac. jejie, während der sg. acc. f. moji wie sou (po sou dobu) zu erklären 
ist doud. 16. Wie mym aus mojim, scheint der sg. nom. m. gebildet zu sein: dobry aus 
dobro-i, al.so abweichend vom aslov.; ty in tyz (tdz, tez) und in tyden. oby bei Jung- 
mann scheint unnachweisbar, slk. ky, kym usw. aus ko-i usw. Im pl. nom. m. wird oji 
zu ^ contrahiert, worin ich eine Angleichung an die pl. nom. auf i sehe : dial. mi (nicht 
my) sy7ii; das gleiche erblicke ich im pl. acc. m. : my (nicht me aus moje) s^yny doud. 16. 
Formen, wie velki, mnoM, tichi sind der Lehre, ^ sei aus /-// entstanden, nicht günstig : dass 
im ac. die Ä: -Laute verändert worden sind, wird wohl kaum zu bestreiten sein. ac. findet 
man im sg. loc. m. n., im sg. dat. loc. f. und im du. nom. f. n. die aslov. Bildung : svetiem, 
svetiej, aslov. sv^t^enn,, svQtej vergl. 3. 368. Wenn sveiiej, dessen ie lang ist, richtig ist, 
so wird ein älteres -te-jej anzunehmen sein, während sich der du. nom. f. nuidrej aus 
-dre-j erklären lässt. slk. synovho ist synovoho, also pronominal ; synovym, synovych usw. 
bieten den Vocal der zusammengesetzten Declination ohne die Dehnung: die Kürze des 
y hindert die Vermengung des ursprünglich nominal flectierten Wortes mit den Worten 
wie dobry j, dem slk. ten, ts, folgt: tym, tych. tymi; eben so jednym usw. 

5. oja geht in d über. 

md aus hioja, wofür jetzt tnoje. tvä, svä. slk. kä aus koja. bäti se, stäti aus bojati se, 
stojati; daher auch bäl se, stäl; stäni: ve stanz, bäzefi. dobrd sg. nom. f. und pl. nom. 



gß Franz Miklosich. 

acc. neutr. entstellt aus clobro-ja. slk. krdhvnd (c. krälovna). Das dial. (gemer.) im slk. 
vorkommende peknaja ist klr, dialekt. 71. tretia. smutnejsia: ia ist d. bojazlivy slk. zlin. 50. 
für hdzlivy: vei-gl. c. bojdcny, das auf dem partic. hojeßh beruht, pds aus j)ojas. päsit 
zlin. 33. slk., sonst unregelmässig jxtsu. 

6. oju, ojü geht in zt, o?/ über. 

mit, moti sg. acc. instr. f. aus moju, mojii; slk. kit, kou. mn in 7ia mit, vSru zlin. 38. hat 
die Dehnung aufgegeben, aö. slk. dohru, dobroii aus dobro-ju, dobro-jq sg. instr. f., 
slk. kü; auch oju, aslov. qjq, wird li, ou: ac. dobril, nc. slk. dobroii aus dobru-ju: dobrq-jq. 
slk. A:üz6 sg. instr. f. : die Differenz im slk. zwischen dobrd, kü und dobrou, kou ist nicht 
ursprünglich. 

Der du. gen. loc. til ist aus toju entstanden: aslov. toju; eben so JA aus jeju, älter 
y'qy'^f. Jvm, dvou; ubu, oboii aus dvoju, oboju: darauf beruhen die Formen dvüm, dviima 
zlin. 35. 36. "Wenn diese Deutung richtig ist, dann sind nohou, ruk'ou; nohi, rukü zlin. 35. 
desatu, dcdtu analog gebildet. Das zusammengesetzte svatü ist svatuju; das nominale ist 
nach toju gebildet, daher auch svatü. 

7. ovi wird ou, 6. 

zednikouc aus zednikovic. blazkoc aus blazkovic dialekt. 13. 

IV. 1. aje wird zu d contrahiert. 

volds, volä; voldve, voldta; voldme, voldte aus volajesi, volajetu usw. Die 3. pl. volajii^t 
*volajontd. krdjis, krdji usw. sind, krdjajes, krdjds, krdjes usw. krdjejf. ist krajajqtd. slk. vi^acat 
lautet in der 1. sg. vraciavi für c. vraceti, vracim. Dem impt. ist die Dehnung abhanden 
gekommen-, dem partic. praes. ist sie fremd: volej aus volqj; volaje aus volaja, pdsaja, 
poslüchaja, vdzaja zlin. 39. 47. ist aslov. -aj ; -aj^. AVie voldm ist hinsichtlich des d auch 
ddm usw. zu beurtheilen : ddm ist aus dadnih unerklärbar, daji entspriciit dem volajt. 

2. ao wird d. 

dno aus a ono. zdUi aus zaolsi, Listy 4. 312, das jedoch richtig zdoUi lautet. Vergl. 
s. ämo und bvamo. 

3- >y^'' Mh wird ju, ji. 

slidiif aus shdnejt, schdzt aus schdzeji dialekt. 15. 41 : Svijanjajq, Sdhazdqjq. 

4. aja geht in d über. 

kdii se, kdzen: kajati se, slk. kajat sa; /ta_;'ane Reugeld. Idti: lajati. vldti, vidi: vlajati. 
bdseii hat wegen seiner Zweisilbigkeit langes a: bdti, bal. DIal. wird im nom. dvd, 
vobd, im acc. dva, voba gesprochen dialekt. 23. 43. Das slk. hat dvajd, trajd (chlapi) 
73, richtig dvaja, traja. Vergl. zlin. 36. und slk. tria, styria neben tri, styrl. Nsl. ist im 
Osten a in dva, oba stets lang. c. bdno aus ba ano. bdrci aus ba arci. 

5. au wird ou, u. 

zoiifdm, alt züfdm, zweisilbig aus zavfdm: p. zvfal, ziichxcat, klr. zufahjj, zudiovatyj. 
DIal. sind p6k aus pauk, p6z aus pauz, staüvat aus stavovat zlin. 25. 

V. 1. ije, hje geht in e, i über. 

obile. zdpole. vesele. zele. tre, styfe neben obili, zeit. roMi. mrkniäi zlin. 25. 35. 57. 
holube. kolmte. kovafe 33. ci: cije. bozi: bozije. ciho usw. : cijeho. kfi, krovi, p. krzewie. 
kapradi. kvüi. milosrdi. hroudi, chloiidi. Diese Erscheinung findet sich schon in den präg, 
fragm. : milosrsdi, aslov. milosrödije. Dem aslov. ije, hje steht slk. das lange ie gegenüber : 
pitie: pitije. umenie. listie collect.: listijc. lüüie. zbozie. podhorie: podögorije. povazie Wag- 
gegend. Im pl. nom. auf ije, hje tritt das lange ia, ie ein : anglicania. hostia, liostovia. 



Über die langen Vocai.e in den slavischen Sprachen. 87 

chlapovia. Tudia. manzelia. muzovia. priatelia. sdsedia. zatia, zatovia. Man beachte hiebei 
dvaja. traja neben stoja aus dojia. Den Worten wie slk. pitie steht ß. pitt, den Worten 
wie slk. fudia, ludie e. lide gegenüber. Das aslov. lautet trije, cetyrije, dial. tri, styH, 
slk. tria, Uyria dialekt. 23. 73. Auch bei den Worten der ersten lleilie findet man den 
Ausgang ia: i'ozcestia. stestia; zähumiria gemer. Auch sonst tritt ia für ie ein: nesiam 
fero gemer. : ia ist wie ie lang. Dem ia in kviefa i-it. 1. 208. tfüa pov. steht das vorher- 
gehende lange ie, f' im Wege. 

2. ije wird f. 

cinim, cinis, cini; cinime, cinite sind aus cinijemh, cinijesi, cinijetn usw. entstanden, cini 
laciunt und das partic. cinic lauten aslov. cinejs, cineste und ihr i ist aus gedehntem 'a 
zu erklären. Auf patfi beruht paifiho in nidm jak patfihu pachoika zlin. 54. Selten sind 
Formen wie pobim aus pobijem (pobiji). Aus bozijeho (bozijo-jeho) wird c. boziho, slk. bo- 
zieho usw. ndrodni n., slk. ndrodnie, aus varodnje-je. Alt sind (;^s, pjes aus ^yes", i^yes. 

3. ijo wird f. 

vihlav neben vijohlav Wendehals. 

4. ija geht in i über. 

ci aus cija (cije). bozi, slk. bozia, aus bozijo-ja, boz/jd, bozije, boz/'ji. lodi, daraus lud. 
pradli. pfddlt, pfedli. roU, rule. sudi. svadli, nsl. svelja. dabei, ddblik, dtblik. pnzen: aslov. 
prijaznb. stavem: aslov. -nija. do zele zlin. 35. deld^ c. vz-deli. sifd, c. sif, sife. vysd, 8. vys, 
vyse, z vysi zlin. 40. j)h i^- rola. stavena. zela 35. zdk, slk. li'ßÄ;, aus dijak, s. c/ya^. ndrodni, 
slk. ndrodnia, ist *narodhnja-ja. Aus ?[y'a wird z auch in ^'''^if^ prieli neben pfdti, pfdl: jjri- 
jati. slk. priaf, daher pfitel, slk. priateT, c. auch pfdtele. slk. hriat. Hat. smiti se, dial. 
smafi se, sm«^ se, smieli se: smijati se. slk. smiat sa. Der sg. gen. und der pl. nom. der 
Substantiva auf ije, ye bieten slk. als Ausgang das lange a: umenia. 7ihlia. povazia, 
während die Substantiva auf je (polje, poVe) im sg. gen. 'a, im pl. nom. hingegen ia 
haben: pol'a, pleca neben polia, plecia: vergl. c. liade, gen. -te, pl. -ta, slk. hada, gen. -ta, 
pl. -td. Es sei hier bemerkt, dass die Neutra überhaupt im pl. nom. langes a haben : 
deld neben dem sg. gen. dela. Man beachte sg. gen. dela. poTa und umenia und pl. delä. 
polia. umenia; deldm. poliam, umeniam; deldch. poliach. umeniach und delami. p>oTami. ume- 
niami. gemer. tritt ae ftir ia ein: stestae: ae lautet wie langes ä. 

5. iju wird ü, i. 

znameniju: c. znamem, slk. -niu. k zelü zlin. 35. 

VI. ij geht in i über. 

PI. gen. kosti, aslov. kostij. Analog sind die Formen groM, lokfl, vlasi so wie kozi, 
klobdsi. modlübi zlin. 33. 34. slk. kosii und dvsi. tmi. väzi. zemi. disl. grosi. o/mf dialekt. 51. 
zäH aus zdfij, zdfuj. zitra, zejtra: za zitra. bozi, tfeti, vlci lauten aslov. bozij, tretij, vhcij; 
die Comparative auf -si: cistejsi, alt auch mem, aslov. mimij. bi, pi, si aus bij, pnj, sij 
doud. 20. 

VII. HO wird zu u contrahiert. 

Nach Praepositionen wird das anlautende o des davon abhängigen Wortes gedehnt. 
Der Grund dieser Dehnung ist darin zu suchen, dass ehedem anlautendem o regelmässig 
u voi'geschlagen wurde und dass sich dieser Vorschlag nur nach Praepositionen und 
dialekt. auch nach Praefixen erhalten hat : uo ist zu ?'( contrahiert worden, c. alt : s uobd 
stranü. k uobedu. v uoci usw.; jetzt noch väbec. vfici. vfikol geb. 72. 73. slk. vobec. zokol. 
vokol cit. züstati ist iz5-oU(uot)-stati. Vergl. p. z oosmiq cum octo sem. 19. Zu beachten ist, 



oo Franz Miklosich. 

dass im Dialekte der polnischen Bewohner der Beskiden anlautendes o in üo übergeht : 
fiobraz. üociec. üoczy. fioddaö. üokoi usw. Gör. biesk. 350. 373 : durch ü scheint die Flüchtig- 
keit des u angedeutet werden zu wollen. Auch im op. Dialekt wird anlautendem o fast 
immer ein kui-zes u vorgeschlagen 5(i. Dasselbe findet in den anderen schlesischen 
Dialekten statt: uojca zar. 58. uokyia 59. tv uodzi 66. u6n ille 61. tiodajan trade 82. kas. 
tritt w ein : icuhrnk. ivön, ivim. wösj^ac beschlafen, loostac. icostrow. tcözeg. Man beachte 
klr. i-6J>Jn Walze, vukno Fenster. Verschieden ist c. dial. zoiUikat, zoutrhat und zoutvirat. 
sousto d. i. .s nsto doud. 8. 32. 

Man merke noch de aus dej dialekt. 43. ne aus nej 47, pocky aus pockej 48. nejsu 
non sum zlin. 24. prdl aus pravil, p)rdla aus pravila dialekt. 29. 45, uddl aus udelal, 
ndk aus nejak 29, j^otf-ä aus poinha, fräs aus tfebas 33, phjcifi aus poziciti, slk. pozicit, 
p. pozyczyc, pjrijdu zlin. 40. 63. aus prüdu, vydu exibo aus vyjdu, -dcdtii aus desdtu; 
podd, podä dicit, narrat, pödaly pl. gemer. ö aus ou, ov: orechö. domo domum. iniso 
venit gemer. c. dial. wird ji durch i ersetzt: ist. it. iva. iska doud. 10. 30. 

Die Längen r und l sind in den in diesem Theile der Abhandlung angeführten 
Fällen den jungen anzureihen : in anderen wird jedoch eine alte Länge anzunehmen 
sein, die vielleicht auf Contraction beruht, wie dies vom dial. kl'c aus klic, knze aus 
knize gilt: zu den alten Längen würden gehören r, l in tfn slk. dl'hy zlin. 22. dl'hy slk. 
Allerdings wären hier unnachweisbare Mittelglieder zwischen ternü und tfn, delgö und 
dl'hy anzusetzen. 

(1) Polnisch. 

1. 1. eje wird zu c contrahiert. 

sniiem, smiesz usw. aus smiejemh, smiejesz usw.: aslov. smejq usw. Dagegen smiejq: 
aslov. snvi-jo-ntü ; minder gut smiq. Wie Snimn, geht uniiem, umiesz usw. und umieja : 
aslov. ume-jo-ntd. kas. rozmiejcxe. 

2. ^ja geht in d über. 

dzidc fieri op. 13: dejati. szaal qui sevit. poszaaw sem. 13. 14: aslov. sejah. podjavö. 
ka.s. 2J'dc. 

IL 1. oje geht in e über. 

aj Im sg. nom. acc. n. der Pronomina möj, tivöj, swöj: twee, swee sem. 22. und der 
Adjectiva in der zusammengesetzten Declination : iveselee, tcessolee. idasnee. zlee. danee 
sem. 21. piekne 29. maüe gospodarstivo. icielkie wesele. upiecone mieso op. 17. kt6re. zaclio- 
ivane. c steht für e: moje op. 17. gee id. yeesz quod sem. 22. und czyiq 29. wszystkie usw. 
neben dem pronominalen wszytko usw. Für stvotcohry erwartet man sicewolny. Dial. p>eda 
für piowiada, alt auch pozvieda, aus pojeda zbior 15. p)edzidl aus powiedziai, pojedzidi gör. 
biesk. 351. 355: e deutet wohl nur die Contraction an. hj Im sg, gen. m. n. der Pro- 
nomina möjj iwöj, stvoj : meego. tweego. sweego sem. 22. ktörego neben oncgo ; der Adjec- 
tiva in der zusammengesetzten Declination : czisteego. pojjyszmieego scripti. takeego sem. 
21. 22. giqyego stulti. nowego. icielkiego op. 18. Neben sicego hört man sicego, neben tego 
tego ; na niego neben cego wessen 19. c) Im sg. dat. m. n. der Pronomina moj. twöj. sicoj: 
sw^mu sem. 29. und der Adjectiva in der zusammengesetzten Declination : icynneemu 
vineo. pozwaneemu citato. naznamyonaneemii: przysirmn sem. 21. 29. kazdemn. ktöremu 
op. 18. Unhistorisch sind naszecmu. tlienm sem. 22. 29; nasemu, sicojemu neben sicenW; 
tSmii, cemiiz cur op. 18. dj Im sg. loc, m. n. der Pronomina inöj. tioöj. swöj: meem sem. 23. 



Über die langen Vocale in den slavischen Sprachen. 89 

und der Adjectiva in der zusammengesetzten Declination : podniesleem clato. wyelkyeem. 
zawiteem peremptorio sem. 21. falszyicpm. idzikoicem aegidii sem. 30. wtoreem 23. thako- 
wqm 30, darnach yaneem uno 23. czeni quo. samem. te^m. naszem. oicszem 29. 30. Für eni 
findet man häutig ym, für iem-im: dobrym, tanim, alt v trzecim rozdzale, darnach w nini 
ka§. Unhistorisch sind naszeem. oneem. tvszeem usw. sem. 23. e) Im sg. loc. f. der 
Pronomina möj. ticoj. stcuj: ttcee sem. 23. für tweej; darnach naszeey ; waszee ibid. für 
loaszeej, jetzt mej, Ucej, swej ; im sg. loc. f. der zusammengesetzten Declination: dubrej 
aus dohro-jej. jaki aus jako-jcj für jakej, jakiej : na jaki fqczce. po ivnzki deseczce ka§. 
moji für moje, mojej: po smierci moji kas. 

2. oje wird e aus f. 

Im sg. g. f. der Pronomina möj. tw6j. sicöj: swee sem. 22 : aslov. svojr, jünger svo- 
jeje. od nyeey ab ea. loszeey omnis ibid. So auch beim zusammengesetzten Adjectiv : 
dohre aus dobro-je: bozee. roskosnyee sem. 21; daraus dobrej nach dem dat. Aus jejp, wird 
jeje kas. und daraus je, jej, welches letztere nach anderen auf dem dial. jeji beruht. 
Im pl. acc. nom. m. f. der Pronomina möj. twoj, sivöj : mee. swee sem. 24. aus moje, 
svoj^; und im pl. acc. nom. f. acc. m. der zusammengesetzten Declination: woznee prae- 
cones sem. 21. blandnee. dobree. usmerzo7iee humiliatae. pUnpczee fluentes. iveligee, tuyel- 
kee 22. ktoree. kaszdee 24. Dial. takerzecy. wielkie bagniska, xvielkie skarby op. 17. Unhistorisch 
sind gee eos, eas. yeesz quos sem. 24. j6 eos, eas op. 17. Der sg. acc. f. dobrq beruht 
auf dobro-j^, der sg. instr, f. dobrq hingegen auf dobro-jq: das letztere wird wohl keinem 
Widerspruche begegnen, während gegen das erstere mit dem Hinweis auf dobre sg. g. f. 
und pl. acc. m. f. ein Zweifel rege gemacht werden kann. Der Grund dieser Differenz 
mag darin liegen, dass die sg. gen. f. eben so wie die pl. acc. m. f. auf e beim 
Substantiv früh geschwunden und denen auf e gewichen sind. Dass der sg. acc. f. auf q, 
nicht auf ? auslautet, ist nicht begründet in den zahlreichen sg. acc. f. auf q sondern 
darin, dass oje durch q ersetzt worden ist. 

3. oa, oja wird ö. 

jaan, jqn neben iwqn sem. 17. 28: jän, Jana. Das d des sg. nom. f. der adj. wird 
gemeiniglich auf aja zurückgeführt: es kann eben so gut auf oa, oja beruhen: ktoraa. 
prauaa. zawolanaa evocata sem. 15: aslov. koioraja. ^^?'a??a;a usw. niektorq. gynszq 26. ktorä, 
ktöra", stard. chytrzejsd op. 15, daher auch krölewnd 14, sonst -na. dobrä. jakd. gorqcä, 
ptdtniejszd usw. boM ist bozyjo-ja : neben ta., ona, icasza, jedna usw., eben so ivszytka in 
icszytka mySl byla napi<itd (für yuipicta). wszystka judskd ziemia' bibl. ozdoba toszytka 
koch. 134. pelna jest ivszytka ziemia usw. koch. 156. ona byla matkq. ona zicyhld iaska. 
Für d erwartet man a in dem praedicativischen partic, man findet jedoch ustrojond byia 
sie wurde geschmückt usw. op. 15. peicnd, zddnd trotz pewien, zdden; doch rada, sama; 
erklärbar ndjasniejsa princeso im voc. op. 15. Für d bietet das ka§. o: sivok aus swojak. 
dobro rada wjici ivort jak zhto. duobro iona. desza ledzko die menschliche Seele, pirszo 
prosba die erste Bitte, lüöstro plenqco wöda. vielgo reba. Für o wird d, q geschrieben : 
dobrd. chtord. wielgd ; wöda z siotce bözkim pötqczonq; ona, 'nä ist unhistorisch hill. 54. 
Oft steht die Form mit d an unrechter Stelle : yaasz quae sem. 15 : aslov. jaze. kas. naszd. 
biüa iczi^id op. 15. descczka, co beia przez rzeke, poMono. mdze ivdzeczno erit grata kas. 
Auch das d des pl. nom. n. kann aus oa, oja entstehen: dobraa. zlaa. uczynionq sem. 
15. 26. In dieser Form wie im sg. nom. f. hat die Entstehung des d aus oja vor der 
aus aja den Vorzug höherer Wahrscheinlichkeit, md, tivd, mrl aus moja, twoja, sivoja. 

Denkschriften der phil.-hisf. Cl. XXIX. Bd. ^"■' 



()Q Franz Miklosich. 

twd koch, maa sem. 15. sicdwold koch. 81. neben siooiv-, sivyu--; daher kas. swowölne. bdd 
sie, stdc op. 13. aus *bojac, *stojac (kas. stojac), bojec, stojec; hat, std^f, bdfa, stdla aus 
hoja^, stojai usw. staal, staaly sem. 13. Dial. soll stojic und stajac vorkommen zbior. 23. 
Verschieden ist sstac sie, sstane. siq: aslov. -stati, -stanq. Für jjas, j^ct^^ciy ^- i^««, p^'^'^' 
erwartet man ^joä, wofür pas op. 13. Dial. ist imdac für powiadac aus 2^'^j'^dac g6r. 
bieskid. 355. 

4. o// wird zu y contrahiert. 

mym, mych, mymi aus moimh, moimn, moihd, moimi; eben so entstehen dobrym, do- 
brych, dobrymi. e für y findet sich im sg. instr. m. n. sicem. poczcziwem. spramedliwem 
sem. 30; ehenso falszytvemi, darnach swojemi op. 19. 

III. 1. aje wird zu d zusammengezogen. 

przydaaicaa szq contingit. dmuchaa. dumaa cogitat. ymaa, maa habet, maascit. jookaa 
balbutit. kvikaa grunnit. sczyrpaa obstupescit. pozzywaa citat. odsqndzaami abiudicamus 
sem. 13. mqm habeo. mq habet, mqmy. przekonqm. poleczqm. smarsczq corrugat 24. 
smarszczd zof. XLV. mdm. stqpdm. woläm. ddwdsz. mdsz. uweseläsz. zgrzytd. zakwitd 
koch, pozwdld. mdmy, 2^ozyicdiny. Dial. zndma. zndta zbiör 15. usw. Analog: ddm. ddsz. 
dd usw. neben dadza für aslov. dadejn: verschieden ist daje, dajesz, daje usw. dajq: 
dial. mnm habeo für mdm. mds habes. md. mumy für mdmy. mdcie. stäkd. desc padd. bydiio 
zdyclid. cas pomijd. mie sie zdd milii videtur : zdaje op. 14. Auch sonst findet sich mom 
zbiör 1(). kas. hat o: godo loquitur. zaczino se incipit. dufo fidit. viosz habes. mo habet. 
mome. moce. mjevo habere solet. godom, p. gadamy, c. hdddme. se przekiodo. pömogo ad- 
iuvat. vep)odo decet. wodpuszczome. rovno se^. siecJio exaudit. tru-o durat. poviodo : dagegen 
daje dat. Für o wird auch ä geschrieben: vohim. zndm. shchd. Die polab. Denkmähler 
schwanken zwischen o und a: joz mom neben vias, bördza er eggt. Neben d findet sich 
dial. das ursprüngliche aje: znaje, zndm. znaje, znd., kein znajesz usw. graJQ, grajesz, 
graje, gro, kein grajemy usw. gnaje, gnd für zeiiie zbiör. 15. 18, wo zndja^, grdjq wahr- 
scheinlich eben so unrichtig ist wie gna. inf. Z7iac. graö. gnaö; zdd, zdaje op. 14. ka§. 
znosz, zno neben znajesz usw. hilf. 55. znaje. da, inf. dac, folgt der Analogie der Yerba 
V. 1: d,aa dabit sem. 13. do kas. da: dd li bog malin. 158. Dasselbe geschieht im nsl. 
in der östlichen Mundart, wo neben dati das praes. däm, das usw. dän und sogar däjo 
besteht, dessen ä wie langes ä lautet, md wird ma in subjectlosen Sätzen vergl. gram. 
4. Seite 359: moj ojciec nie vid p>ieniqdzi neben mego ojca nie ma w doviu; dasselbe gilt 
von der 2. sg. v>dsz in der analogen Anwendung : nie masz boga. präwdy nie masz. nie 
masz sprawiedlitoosci koch, nie ma. nie masz op. 14: ma, masz sind hier enklitisch. Da d 
auf aje beruht, so kann die 3. pl. kein d haben, denn es ist mdsz - imajesi, md - imojets, 
mdcie - imajete; maja^ dagegen ima-jo-nts; daher ivoiajq, tvracajq nehoTii U'ofdm, u^acdm usw. 
zhierajq. dajn. majq. sprzyjajq koch. kas. nasbierajq_. majq. köchajq. siecliajq. ünhistorisch 
ist das nm- einmahl nachweisbare roszleicqgijq effundunt sem. 25. Was von der 3. pl. 
praes., gilt vom partic. praes. act. : latajqcy. mieszkajqcy usw. kas. rozgoniajqci ; znajqc 
hilf. 55. Unhistorisch ist rozpomijnqgijancz sem. 25. Der Imperativ beruht auf dem 
Praesensthema auf o/'e, bietet demnach d: delaj geht aus delaji, delajes, delaja-is hervor. 
'iichowqij serva. opusczqjmy omittamus sem. 25. nie zahijoj. gadoj. pTzek^ladoj appone. pa- 
mietoj. pozedoj. vzevoj invoca ka.s. spomdgdj op. 7. odddivdj koch, shichdj. i^ytdjmy bibl. 
napeinidjcie bibl. kochdj. woidj malin. Das (5. volej aus volaj weicht ab. Vergl. serb. 



Über die langen Vocale in den slavischen Sprachen. 91 

2. ao wird d. 

Man merke ano, wohl äno, aus a ono alex. 360. 

IV. 1. /je wird zu e. 

veselee laetitia, pogorzee montana. przystrzeszee atrium; mgnyeni/ee momentum. domny- 
inanyee coniectura. plinyenyee deflusus. nyestanyee non comparitio. stäkanee gemitus. po- 
znanyee. ■ trzosenyee quassatio. irzeczee tertium. szczyee meatus, jioszcyee progressus : aslov. 
shstije sem. 20. 23. neben skonanije finis 26. Daher miloserdzy. uclekani sem. 36. dial. hicie 
schlaffen, zdumienie erstaunen, kuzanie. sniddanie. za-iluhieide. icesele Hochzeit, ziele Kraut. 
zycie leben usw. op. 6. 7. 17. wiesiele zar. 84. Daher im sg. instr. ii, i aus ie: veszelüm 
sem. 36 : -Mm. kas. z vesschnjenjim. zaiütcfunjint. zecim vita. Der dialekt. pl. nom. m. irzo 
(my sq trzo) zar. 52. ist mit dem slk. tria, dessen ia lang ist, zu vergleichen. 

2. ija wird d. 

a) In Nomina, hraczaa fratres. hurzaa proeella. rankoymyaa fideiussor. sqndzaa 
iudex, icolyq. zemyq; dzewyczq. duszq. panoszaa sem. 5. 26; zaaczi clerici sem. 16. beruht 
auf dijaci: kas. zdk, zek. Man merke dyjdwoia, djdhel, djdbia. Dial. bracid. kumracid. ivold. 
iviezd. msd missa. 2J»5<^«^e pl. acc. op. 6. 14. 17. muzykancid zar. 85. bracid. burzd. dold. 
gkbid. kdrmjd. kuchnid. ia£nid. nedzd. pieczd. pracd. j^usfynid. puszczd. przercbld. t'ekojmjd. 
rold. sedzld. suszd. twierdzd. sadzd: sadzdch koch. 97. suknid bibl. szaranczd koch. bibl. 
widdzd koch. 89. icold. siodivold. loonid. zqdzd: zqdzq koch. 77. Eben so bozd koch.: 
aslov. bozija. Daneben bania, dusza. chwila. rdza. stcieca. ziemia. zorza, nicht zorzd, wie 
koch. 79. 156. zeigt. Aus rdza neben tvlddzd scheint hervorzugehen, dass jenem unmit- 
telbar rödja, diesem vladija zu Grunde lag: auf dieselbe Hypothese leitet morza neben 
zdmorzä: aslov. morja neben zamorija. Daneben kas. dredzd Kost, zorzd; luold. wyzd Höhe. 
ta puszczo, roh. tcolo. Die entlehnten auf ija haben d im Auslaute : lilijd. porcijd usw. 
malin. 150. 151. dial. bestijd. emilijd. marijd op. 8. 31. maryjd zar. 71. 73: c. dial. niarijd 
^"^ doud. 8. Man beachte kas. marija neben friyijo. provincio. dovno samarijo das alte 
Samarien. Was im sg. nom. der «-Themen, tritt auch im sg. gen. der ye -Themen ein: 
zbauenaa salutis. drzeicyaa arborum. pokolenyaa tribus. przyszczyaa adventus sem. 15. 
poczypczyq conceptionis 26. Vergl. lozaa tori 15. poczecid zof. XLV. dial. bicid des Schiagens. 
zycid. scejsdd des Glückes, picid des Trinkens, stdwanid des Aufstehens, iveseld der Hoch- 
zeit, skdld des Gesteins, zdlesid usw. op. 14. 15. scesciä. tdrczywid (tarki). cirnid. zdrowid zar. 
56. 59. 73. kas. dlo zbawjenjo. do nabeco ad acquirendum. do pokolenjo. io6d spieranjo do 
grozenjo a lite ad minas. do pico ad bibendum. miloserdzo. z poujetrzo. zeco, aslov. zitija. 
szczesco neben picd. zdrowid usw. obaczenid. kochanid. kwiecid. rumnienid. poczecid. liscid. 
milosierdzid. szczescia. ciernid. trucid. iceseid, zbozd. zdrowid. nadworzd. obliczd. ndrzedzid. 
pomorzd. zdmorzd. przymierzd usw. malin. 151. Dagegen dzdza. kaniienia: kamenh, nicht 
kamenije. korzenia: korem,, nicht korenije. morza. ol'tdrza. poiudnia. pola. stmimienia. ciernia: 
eiern, z wiela. Hieher gehört gijmieniaa nominis sem. 15. imienid koch 80. 157 ; wolil 
auch sem. dhi 27. kas. dlo propter. jujv (pol jajö dimidium ovi) neben jujo ovum. 
Vergl. dlaacz propter sem. 16. dld op. 13. Man findet d auch im pl. nom. acc. : usta- 
ivyenyaa constitutiones sem. 15. kas. moje przekozanjo zachovujq. przeshwjo: dasselbe gilt 
im slk. Die sg. gen. xqnzqnczyq principis. myeszyocza^. boga^. hipiestivq und die sg. instr. 
obyczayeem, noszeem cultro. brateem sem. 20. 26. 29. finden weder in den p. Dialekten 
noch in den übrigen slav. Sprachen eine Bestätigung, ß) In Verba. zachicidla koch. 
Idc fundere. zaldc koch. 44. Idiy koch, 159. rozldnid sg, gen. koch. Neben Idc soll 

12* 



92 Fkan7, Miklosich. 

dial. lejaii vorkommen zbior 30. ulaal, wylaal^ przelql sem. 13. 14. 25. dial. 2:)rzdc favere. 
przdciel amicus. smidö sie ridere: aslov. lijati. prijati. sini.jati se op. 13. 30. kas. Idny 
fusus. M-^ fudit; in- zelqno, przelono G&.us,um.. Hieher gehört auch z«'(?c, zieje: zijati. Dagegen 
beruhen dzidc, dzieje. grzdc, grzeje^: ka«. oegrzoc. chwiäc, c/nvieji^. (faal movit sem. 14. ist 
ckwidl). sidc^ sieje und widc, wieje auf dejati. grejati, greti. *hvejati. sejati und vejati. 

3. ijf} wird ja. 

Sg. acc. bracifi koch, pustynjq koch, sukniq: diese Formen können auch auf a beruhen. 

V. ij geht in t über. 

Kas, dzect pl. g. : dzeci pl. nom. ledzi pl. g. : Udzi, ledze hilf. 53. z tech roze zbiör 16: 
rozyj. pi aus pij. urwt aus urwij. kie aus kiej, kiedy. pöde aus p>6jdfi gör. bieskid. 355. 
357. 358. 

VI. ala wird zu ä. 

Kas. kazä, znd für kazaia., znata hilf. 55. dial. idokä sie neben ulfikaüa sie. padä neben 
padaüa, p>owiadala. daa neben daiia op. 30. padä für padala gor. bieskid. 355. ä behält 
den Accent gegen die p. Regel, trzä aus trzeha gor. bieskid. 355. Ob przyjai alex. 361. 
für przyjechaL przyjaioszy für przyjechmoszy .^ lüyjeli für wyjechali usw. zof. steht, ist sehi- 
zweifelhaft: vergl. gramm. 3. 99. kas. nidsta aus niewiasta. divdscia für dwadziescia gör. 
biesk. 369: vergl. slk. dvaja. nee non est sem. 19. ka§. nie. dial. niema, nima op. 18. 
nima sem. 37. dial. 7de mogä op. 18. kaS. viö aus moze. möce aus mozece. j)n: aslov. 
poidctn. ^9r2« aus przidze. przuz venies. kräc aus kregac hilf. 55. Im kas. wird a und 
d manchmahl durch e ersetzt: testamente sg. g. on gade loquitur. del dedit. on gadel 
locutus est neben oni geddli hilf. 51. tcstei surrexit. zawolef exclamavit. 

e) Kleiurussiseh. 

I. uje geht in ö, a, 6 (i) über. 

V cystöm (aus cisto-jermj jioTi. v cuzöm kraju. u dubovum Tisi. v pavTanom vinojku. na 
tychom dunaju volksl. wr. ciazkim (krechu), analog, tum. nasöm (u nasom kraju). vsöm (na 
vsöm svitlj. na nom in eo. Daneben um: v cetvertum obozy nd. 28. u cystinn poTi 168. na 
Jnjelum in albo zyt. 303. Eben so na jum, na num in eo 297. tum 204. nasum 304. 
svojum 120. hetmn. dnum (odmim) sem. 66. Alter als um ist ibom: cistüovi zyt. 302. 
Tutüom 302. tuom. po tuom. hetuom. juom sem. 66. v hystruj (aus hystro-jej) riet, pry Tivöj 
ruci. V zehnoj Uscyfii volksl. synöj, aslov. siiiij. Analog toj. jednoj (onucy). soj, aslov. sej. 
Die aslov. Formen sind nach einem anderen Principe gebildet. Der Auslaut 6j kömmt 
auch im sg. gen. vor: voicöj skory. Aus mojeje wird meji: hez meji druzyny volksl. Der 
gen. töjeji beruht wohl auf tojeje; der instr. töjeju auf tojejq. nd. und hg. findet man 
aucli >ij : na hytuj (oBiTyifi) dorozi nd. 28. po cuzuj storoni 25. o hynsuj divcyni de alia 
puella 122. na jednuj iu6i ecl. 15. u mojuj storoni nd. ^jo vsjuj ukrainy nd. 28. po zele- 
vHJ duhrovy 149. Darnach mj : p)o suj storoni. na svojuj votöyni zyt. 121. hiJuj, darnach 
tuj. odnuj sem. 66. Alter als u ist uo: cuzüoj; darnach juoj zyt. 301. 302. novuoj, 
pustuoj^ darnach tuoj. svojuoj sem. 66. 

II. Auch im klr. findet Contraction von nje in a statt, ohne dass eine Länge des so 
entstandenen a nachweisbar wäre: nazhiram colligo hg. padat cadit. zahadame volksl. 

III. Bei den durcli ije, ije gebildeten Worten steht klr. oft hja, ja für ije, ije: haiuzbja 
volksl. hohja, höTa zyt. 344. rami. kamemja. vesehja, veseTa. odiwja. stvor^nya. iythja volksl. 
teriM. Daneben holje. sytje 2yt. 312. und veseUja. zellja. zakochannja 2yt. 342. iahozennja 



Über die langen Vocale in ukn slavischen Sprachen. 93 

pisk. vittja rami zyt. 349. hezvöddja 351. zelle. nafnme. kohsse. vohsse. obölljem m: aslov. 
oblejemz zyt. 347. 348. 349. pobereze. Man beachte hcde zyt. 335. wr. scaScia neben 
szczascie kat. Mit veJeUja vergleiche man noccu: nocijq. wr. liest man rhje: bojai'hje 
pl. nom. Ife : bylTe: bylije; daneben vnTl'e: r. sklads idhevn. nne: borenüe pugna : vergl. 
(iksinna Xenia. cce: bycce: bytije, ddze: vroddze: *urodije; daneben öce: vycce: vytije. vhje, 
'iiihje: bezhotovbje , bezveremhje. sse: briisse. sce: bezscasöe neben vodochresce. sse: vusSe: 
*usije aures. 



Die Lehre, dass nsl. am (rezljäm), s. dm (cüväm), C. dm (voldm), p. dm (voldm) und 
klr. am f-biram), (das indessen liier nicht behandelt wird, weil a nicht lang ist), aus 
ajem hervorgegangen ist, wird bestritten und als ein allgemeiner Irrthum aller sla- 
vischen Sprachforscher bezeichnet. Es wird behauptet, dass dies der einzige Fall einer 
Zusammenziehung von aje in d im Inlaute eines einlachen Wortes wäre : dies muss zu- 
gestanden werden, denn dobrago, das auf dobra-jego beruht, ist kein einfaches Wort; 
was aber nicht eingeräumt werden kann, ist die Ansicht, ein Schluss von dobrago auf 
imam aus imajemi sei unerlaubt. Es wird ferner gesagt, die Wiederherstellung von m 
in der I. sg. praes. dm aus aje im p. und demnach die Entstehung von am aus ajq usw. 
sei entschieden unmöglich: dagegen ist zu bemerken, dass von Wiederherstellung aller- 
dings nicht gesprochen werden kann, dass vielmehr die zwar wenig zahlreichen, aber 
um so öfter gebraucliten Verba auf mi Veranlassung waren, dass die I. sg. praes. m 
aufgenommen. Das m der I. sg. praes. ist überhaupt jüngeren Ursprungs, was schon 
aus dem Umstände hervorgeht, dass hinsichtlich desselben die slavischen Sprachen weit 
entfernt sind übereinzustimmen. Ich meine demnach, an den Stamm aje ist mr. getreten 
und dm aus ajemr, hervorgegangen. Noch jünger als ajem sind die dialektischen Formen 
des p. siedzom für siedzq, ivolom für wolq^ laskem für laske usw. Wenn sogenannte binde- 
vocallose, eigentlich primitive, Conjugation nicht nur für jes usw., sondern aucli für 
mehrere vocalisch auslautende Stämme wie zna usw. angenommen wird, so kann dies 
nicht gebilligt werden, da aus zna-mi. unmöglich znäm mit langem a erklärt werden 
kann. Für die Theorie der Contraction spricht der Umstand, dass langes a überall dort 
zu finden ist, wo Contraction angenommen wird; nirgend, wo eine solche nicht ange- 
nommen werden kann, daher znds aus znajesi; dagegen znaje aus znajq, znajq aus 
znajajs ; s. znajiici aus znajqste, znala usw. Dass die Verlängerung des a nicht Folge einer 
Ersatzdehnung sein kann, zeigt zndcie, wo nichts zu ersetzendes zu finden ist, wenn man 
nicht zndcie aus znajecie, d. i. d durch Contraction von aje, entstehen lässt. Auch smiem soll 
nicht aus smiejem entstanden sein : man vergleiche jedoch smiem mit zndm und smiejq mit 
znajq. Auch die Bildung des dam nach zndm wird in Abrede gestellt, trotz dam und dadzq. 
Für majenih gegen majamh spricht die Jugend der Contraction Beiträge 8. 207, 224. 232. 
Die deutschen Sprachen kennen nur die contrahierten Formen: got. salbos entspricht 
dem s. cüväs aus cuvajesi. znash findet sich dial. auch im r. 

Die zusammengesetzte Declination der Adjectiva bietet noch immer einige Schwierig- 
keiten dar. So viel glaube ich indess behaupten zu dürfen, dass es kaum gelingen 
wird, alle Casus dieser Declination durch die Annahme einer Verbindung der nominalen 
Form des Adjectivs mit dem entsprechenden Casus des Pronomens J3 zu erklären ; dass 
vielmehr entweder diese Deutung mit jener combiniert werden muss, welche auf der 



94 ■ FkANZ MlKLOSItH. 

Annahme einer Verbindung des auf o auslautenden Themas mit dem Casus von jn und 
auf der Contraction beruht, wie dies bei moj zu Tage tritt, wenn nicht in mehreren 
Sprachen diese allein zur Erklärung hinreicht. Denn der Satz, die in Rede stehenden 
Formen beruhen in allen Sprachen auf den gleichen Urformen, lässt sich nicht aufrecht 
erhalten : man beachte nur zktaago und zütöga, zlutelio. Selbst in einer und derselben 
Sprache sind verschiedene Casus verschieden zu erklären: klr. dohraja neben dobroho. 
r. dohraja neben dohrogo. sg. gen. f. dohryja und dohrgj neben dobroe und dobroj, jenes 
aus dobryje, dieses aus dobrojq. Man merke den sg. dat. f. bgstro-ej: ko bystro-ej ko 
ricenhke bars. 1. 14; den sg. instr. f. zeleznoej: i^aUcej zeltznoej; den sg. loc. m. f. ■■^groems: 
vo sgroems vo boru: zelenyimn ist wohl aus zelenojimn entstanden. Der sg. nom. m. okro- 
mesmej: vs okrom^shnej adü var. 74. erkläre ich aus okromesimjo-j . Auch im c. kann 
derselbe Casus auf verschiedene Weise gebildet werden : der ältere sg. dat. loc. f. 
druzej beruht auf druze-j, der jüngere druhej auf druhu-jej. Die Nominativformen werden 
in zweifelhaften Fällen auf die erste Art zu erklären sein. 

Die Silben, in denen i die erste Stelle einnimmt, sind mir nicht vollkommen klar. 
Es scheint angenommen werden zu sollen, dass ije, ija zu p. ie, k'i contrahiert wird: 
hicie^ bicid (zweisilbig) aus bitije, bitija (dreisilbig) ; slk. hitiu (zweisilbig) aus bitiju (drei- 
silbig), bitiami (dreisilbig) aus bitijami (viersilbig) ; im pl. nom. hat das slk. stets langes 
a: deld, daher auch bltia; auch a im pl. dat. loc. ist lang: deldm, deldch, daher auch 
bitiam, bltiach. Auch in Substantiven wie p. ivold scheint Contraction eingetreten zu 
sein: wolgd zof. XLV: vergleiche aslov. kupija, sadija (saßij), strelija neben kuplja usw. 
gramni. 2. 43. Eben so voija aus voli-ja. Dass pani auf pania und dieses auf panija 
beruht, zeigt klr. panyja dial. 

Aus dem über das nsl. s. kr. Gesagten kann mit einiger Wahrscheinlichkeit ge- 
folgert werden, dass im aslov. die durch Contraction entstandenen Vocale lang waren, 
daher dobremh , bnehd mit langem e. dobrägo. imänih. posledhillmh. pogrehenl sg. loc. 
dobrümu. ryhä sg. instr., wenn es wirklicli aus rybojq entstanden, im Gegensätze zu 7'ybq 
sg. acc. dobrymh. sadl usw. Vergl. gramm. 1. 196. 

Die Prüfung der Contraction zeigt, dass verschiedene Vocale vor allem einander 
assimiliert und dann contrahiert wurden : aje wird zuerst aa und dieses ä : cüväm aus 
cüvaatii, cuvajem. oje wird entweder oo und dieses ö oder ee und dieses e: dobröga, do- 
breho usw. Ein allgemeines Gesetz für Contractionen ist nicht gefunden. 

Auf das Resultat der Contraction, d. i. auf den daraus hervoi-gehenden Vocal, scheint 
auch der Accent einen Einfluss auszuüben; daraus ist vielleicht erklärbar, dass ö. do- 
breho, p. dobrego neben s. dobröga besteht: jenes wäre auf dobro-jeJio, dobro-jego, dieses 
auf dobro-jego zurückzuführen. Dass die jetzige Accentuation nicht alt ist, geht hinsicht- 
lich des p. aus dem kas. imd polab. hervor. 

Übersicht der lano-en Vocale aus Contraction. 



1) eje : s. e. 2. e, i. 
eje.: s. c. e. e, i. 
ea: s. ä. 
eja: 8. d, i. 
eji: c. e, i. 



ejtb: c. u, 1. 
ej: c. e, i. 

2) eje: c. e, p. e. 
eja: p. d. 



ÜnEIi DIE l.AKOEN VoCALK IN DEN SLAVISCHB^f SpRACHEN. 



95 



3) oje: nsl. e, ?. s. C>. c. e. p. r. klr. ö, ?f, o f/J. 
oje: s. e. p. e. 

00 : s. 6. 

oa.- s. a. p. a. 

q/rt ; nsl, ä. s. rc. c. a. p. rf. 

q;7: s. ^ f//;. 

o/it; s. '«. 0. ^f, o?/. 

4) a/e; nsl. ä. s. «. c. d, p. o. 
ao; c. d. p. o. 

oa.- s. ä. 



aja: c. d. 

5) (;'e; nsl. je zweifelhaft; i. s. ?:, c. e, f; 

f. p. e. 

ijo: c. f. 

ya; c. 2'. p. «. 

2}'.- nsl. 7. s. ?. f. /. p. (ka§.) i. 

6) .¥«, ,y>- "sl. i (y). s. ^ f;v/;. 

7) uo: c. ?°6. 



B. Aus älterer Dehnung. 

I. In den V e r b a i t e r a t i v a. 

Die ältere Dehnung vollzieht sich an dem Vocal der Yerba, wenn von denselben 
Iterativa durch a abgeleitet werden. 

a) Nenslovenisch. 

I. e geht in e, das stets lang ist, und in 7 aus e über. 

pobirati: her in berq. ocvirati: cver in cvreti aus cverti. razdlrati: der in dera. jjogre- 
bati: greb in grehq. zaklepati. legali. letati, res. lltat. ometati, omecem ipf. neben dem pft. 
ometäti, omecem. pometati verrere. pomlljati: mel in meljq. umirati: mer, woraus mira. ope- 
kati. ojMraii: p&r. woraus p)hrq. zapirati claudere. prepirati se altercari. opUtati. *rf-kati, 
daher rec. p>ostilati: stel in steljq. rasprostirati : ster in streti aus sterti. tekati, daher tek 
cursus. pjotc'pati se vagari. zaürati: ter in tr^ti aus terti. izvlrati, daher vir fons. zavtrati 
claudere. ozirati se. prizigati neben p)rizägati: leg, woraus zhg : nsl. zgati. pozlrati. 

IL h aus e wird zu ^, l gedehnt. 

zacinjati neben zacSnjati: chn aus cen. prekUnjati : khn aus klen. ojJommati, opominjati 
neben p)om^njati se: mhn aus men. zapinjati neben zapenjati: j^^-n aus pe?i. objemati com- 
plecti: jhvi aus jem. oz&mati coniprimere: zim^ zima, nsl. zmem. 

III. wird zu ä gedehnt. 

nabädati: bod in bodq. pogäjati se: godi in gozdq. izgänjati: goni in gonjq. odgovärjati. 
dohäjati: hodi in hozdq. kälatl: kol in koljq. poklänjati se. lämati: lomi in lomljq. pjomägati. 
namäkati. moci in mocq. umarjati occidere hung. prinäsati. napäjati. präsati. nasäljati. 
sknkati: skoci in skocq. täkati: toci in iocq. stvärjati creare : sdtvori in sötvorja; daher stvär. 
Daneben kapati stillare : kap in kanqti. polägati ponere : loli in lozq. nsl. piärati, s. pdrati, 
woher pdrnuti, verhält sich zu prati^ ^orja wie kalati zu klati, koljq. 

IV. 5 aus wird i (y)- 
posiljati : szl in ssljq. 

V. Die Dehnung des a ist ä. 

dävati: däti. nasäjati : saditi. postävljati: staviti. vstäjati, postävati: vstäti. poznävati: 
znäti. Eben so zadelävati : zadelati. zdihävati. ogledävati. podkopävati und p)ospävati: sp)äti. 

VI. h wird zu i gedehnt. 
ocvitati: cvit; dagegen migati: mhg. 



96 FkANZ MlKLOSICH. 

VII. i wird zu i gedehnt. 

pocivati: ci (cb). pobljati: hi. popivaii: pi. posljati, solnce poslja: si. 

VIII. s aus ü wird zu l Q) gedehnt. 

dlhati, disem ; res. djjhat: dzlt. glbati, glbljem: gzb. vtikati: tsk. Abweichend ist 
mikati: mak. 

IX. y wird l (y). 
skrlvati: kry. pomwati: my. 

Man merke razgrmjati : razgrnoti ausbreiten statt -grtatl. stnnjati: strnoti vereinigen 
ist dunkel. Vergl. slk. vyschynat von vyschnout, worüber unten. 

Die Verba mit langem thematischen Vocal erleiden natürlich keine Veränderung : 
vprezati: preg, aslov. preg. segati: seg, aslov. seg. stezati: teg, aslov. teg; eben so pojedati: 
jed in jem, aslov. jad aus jed. spr^mljati: pr^mi, aslov. premi. ocSjati: csdiii. streljati, von 
5^?'/*^« aus strtili von strUa: daneben zadevati: zadeti. omedleoati : omedleti. prestevati: pre- 
steti nach der Aussprache im Osten. Ungeändert stöpati: stöpl, aslov. stqpi, poräcati^ das im 
Osten wie als poräcat im res. vorkömmt, lautet sonst historisch richtig porocati. Auch 
silbenbildendes r bleibt nsl. unverändert: trkati, tfciti. Man merke poküsati: poküsiti. 

b) Serbisch. 

I. e geht in e, i über. 

btrati. dirati. legati. letati. premeljati secundo molere. Daneben müati. zopiraü eluere. 
zasirati concacare. obncati: rec (r'ijec) beruht auf einem Stamme aslov. reka; zigati, daher 
zigniiti. 

IL h aus e wird /. 

izimati. nizati. saMmati. 

III. r wird zu f gedehnt. 

pokfpljaii: krpiti. zakf-scati: zakrstiti. Vergl. dopünjati: pmiiti. Abweichend ist mücati 
balbutire. 

IV. e (e) wird e. 

dijevati (devati) : vergl. djesti. mnivati oj)inari : mme-ti. 

V. Die Dehnung des o ist ä. 

bddatileniter -pungei-e] nabädati. cmdkati nehen cvöknuti schmatzen, zaddjati: zadbjiti. 
odgdjati: odgojiti. odväjati: odvujiti. gddjati. progdnjati: gänjati neben gänjati se. odgovdrati. 
kdlati: köljem. potkdpati: potkopati. potkdsati: potkositi, zaklapati: zaklopiti. poldgati. zald- 
mati: zalbmiti. pomdgati. umdkati. izmdlati promere: izmbliti. odmdrati recreare : odmbriti. 
dondsati. poddstrati: podbstriti. tiapdjati. ndcati: nbölti. prdstati: prbstiti. rddjati: rbditi. 
odrdnjati devolvere : odrbniti. pordsati : porbsiti. obrdvljati circumfodere : obrbviti. skdkati. 
zasmükati. presdljati: presbliti. osvdjati: osvbjiti. dotdkati. zatdpafi. pretvdratl : pretvbriti. 
Unhistorisch : pridnjati von pribnuti (prihnqU) statt aslov. priUpnti. Ausgenommen ist 
klänjati se. Kr, poivaratl, wohl potvärati, calumniari neben potvorati jac. 55. s. pbtvo- 
rati. tvär, stvär beruht auf tvdrati. 

VI. n aus wird / (y). 
nadimati se inflari. s'djati. 

VII. a wird d. 

mdhati. ddvati, ddvdm, ddjem. zndvati, spdvati. prostdvati. vecerdvati. vjencdvati. Zu ht- 
achten ist »»«jdva^e opinari. Abweichend: käpati: käimti. pädati: pädnuti. vrätati: vrdtiti. 



Über kie langen Vocale in den slavischen Sprachen. 97 

VIII. i aus h (i) scheint unnachweisbar. 

Mzati und pisati sind nicht iterativ. Kurzes i hat svltati: svanuti, w. svht. 

IX. i wird l. 

vkljati: v'ldjeti. pocivati. vijatl se. Ausnahmen: dizati. nicati. stizati. 

X. Hinsichtlich des e (e) beachte man folgende Formen: 

• isijhvati excribrare: .se. zißvati: zijati: ze. Abweichend ist vjesati. 

XI. 5 (ü) wird zu ^ (y) gedehnt. 

dihati, daher dihnuti, dlsati: diüiati ist denominativ. (jihaü. Mhafi, daher Mhnuti. 
ticati, dotkati. zazivati, daher z'lvnuti. Abweichend sind gmlzati neben gämizati. mlcati: 
maknnti, mädi. sipati, daher ndsip, wofür auch näsap. slsatL Unhistorisch ist preginjati 
für "^ pregyhati : i^regnuti. 

XII. i (y) wird zu i (y) gedehnt. 

MvatL zagrizati. domisljati se. Hier mögen angemerkt werden dohacivati. darivati. 
djeverivati. potkivati. zaligivati blandiri. potpisivati usw. 

XIII. it wird ü. 

ponüdjati: nüditi, das aucli nqdi- sein kann, püstati ipf. neben pllstati pf. : pustiti. 

Die Praefixe wirken unter bestimmten Verhältnissen störend auf die Erhaltung der 
Lcänge: prhdirati. umirati. punirati bpirati. zapirati. prepirati. bpletati. prbstirati. prhtirati. 
utjecati. zavirati. \zvirati. zäzirati. prbzdirati usw. Vergl. Gj. Danicic, Akcenti u glagola 
Rad 6. 159-180. 

c) Cechisch. 

I. e geht in e, i, ac. und slk. in ie über. 

-birati, slk. -hiei^at, neben zhef; odberacka zlin. 59. -cirati, slk. -cierat: cer in cfiti. 
-dirati, slk. -dierat, daher dira, diera neben di'ife zlin. 48. nadirat se clamare doud. 29. 
slk. pokliepat (na koshu), c. poklepati. Uhati, lihati: slk. liehat. Utati, litati, slk. /«etof. 
-milati, slk. -mielat: meljq molo. -mirati, slk. -mierat. -mitati. -pekati: dial. napekat 
zlin. 23, slk. opekaf. -pletati. -pirati: spirati se altercari. -pirati: opirati, slk, opierat. 
roipirati se neben rozpcrak doud. 32. Ä;c/o se rozpirä der sich breit macht, /v'ä;«!;/, slk. 
?'ie/taf. slk, ose?-af. -stelati, slk. -stielat. -stirati neben prosteradlo. stirati: vystlrati (oci), 
slk. vyskierat sa. -tikati neben ;e^"af^.• ?ife/cai zlin. 23, slk. ?6^eÄ:af. -^iVa«2, slk. -<^■erö!f, daneben 
Uteradio und sMr (tahdkuj 2as. mor. 1873. 71. niera^ doud. 33. -virati: zavirati, slk. za- 
vierat: zavirdk, zaveraci mlz doud. 33. *-virati, daher üi?-. -zirati, slk. pozerat sa. -zihati, 
-zehati neben zr/Äofz, slk. -ziehat. -zirati neben pozeradlo, pozeräk: auf z/ra^i beruht 2/?'. 
slk. -2zer«f. Vergl. sj^ilat infundere. slk, -ser-, -zer- stehen für -sier-, -zier-. In vielen 
Fällen tritt eine Verkürzung des langen e (ij zu kurzem e ein. 

II. 7. aus e wird wie e zu i gedehnt. 

pocinati. najimati. zaklinati. zapominati. napinati. stinati. zdimati. vyzinati. 

III. e, aslov. e. geht ac, und slk. in ie, nc. in e, i über, das e mag im In- oder im 
Auslaute des Thema stehen; der Dehnung unterliegt auch das suffixale e. 

a) uhihati, ac. ubiehati. zcipati, daher scipnouti, erstarren: zcepeneti, aslov. cepeneti. 
iidileti: udeliti. jldati. vyjizdeti ; odjizdati zlin. 44: *-jezditi. vylezati. pfimifeti ver- 
gleichen, odsikat zlin. 44. p)Ospichati neben spechati. vystfihati, ac. vystfieliati, slk. ostriehat. 
stfileti: stfeliti. zapovidati. oblekati, slk. navliekat, zvliekat. h) nadivati, slk. nadievat. 

Denkschriften der pbil.-hist. C). XXIS. Bd. ^^ 



98 Franz Miklosich. 

shfivati, slk. shrievat. zpivati, slk. sjnevat usw, c) bdivati, slk. bdievat. hoUvati, slk. hoUe- 
vaf. pochiwati: p)ocMevat zlin. 25. klecivati, dial. klecevat usw. 

IV. e, jo, aslov. t» geht in r?, f', /, slk. in ?a über. 

hUdati, ohUdatl, ac. hlddati, slk. ohliadat: unhistorisch -hlizeti, -hlizeti, das dial. 
besteht, p. ogladac. leceti, Itceti Fallstricke legen : vgl. naUknouti : aslov. l(;k. zapfddati, 
.slk. priadat. spfähati, slk. -priahnt. prisdhati, slk. siahat. natdhati, slk. tiahat. trdsati, 
slk. natriasaf. ozäbati. Daneben zlekati se perterreri, 

V. Silbenbildendes r, l geht in /•, l' über. 

bfkaf, vfkaf: bfkaj/i, vfkaju holubi slk. : die Verba sind jedoch nicht mit Sicherheit 
als Iterativa aufzufassen, cabfnat, d. i. rozlevati vodu, zlin. 51. zdfzat neben zdrzievat 
hatt. 1. 31. zdfzat zlin. 23. zadfhat zlin. 23. 32. pfidfzat ist iterat. im Gegensatze zu 
pfidrzat zlin. 32. ffkat: ffkajit kone slk. vodou p)offkat cit. ohfiiat, prohfnat, zhfnat 
zlin. 32. 59. 62. hogf-üat 53. prehfnat slk. shfna sa cit. 1. 188. für shfnia sa wegen des 
langen r. kl'zat cit. skfcat sa, ukfcat sa zlin. 23. 32. skf-nat sa zlin. 23. premfvat cit. 
2. 488. omfzat neben iwzievat hatt. 1. 39. domfzat; domfzat zlin. 48. mf-skat (blatom) 
neben mrsknuf slk. popfcliat. sfkat zlin. 22. vf-hat liatt. 1. 136. stl'kat, odtl'kat slk. neben 
c. stbtkat zlin. 57. pabi'cat sa 60. w/^^«f, zvftaf eit. 1. 130. 291. / in Ä/^a/' ist wohl auch 
lang : jedld ne hitaj. 

VI. geht in d über. 

-bddati. -drdbiat: pfedrdbiat zlin. 23. hdzeti, slk. hddzat. hcidati: ne uhodne, aby hdddi 
zlin. 49. -hdneti. -hdrati. hovdrati: shovdrat sus. 195. chdjyati. -chdzeti, slk. -chddzat. chld- 
pati: chldpat. chloj^it zlin. chrdmati: chromnouti. -kdjeti: ukdjeti, ukojiti; pfikdjet doud. 32. 
kdceti. kdlati. skldneti. -krdcati, daher vykracovati mit verkürztem a. krdjeti. -krdpeti, -krd- 
pati. Idmati. -mdliati : pomahati. maceti. -makati: slk. zamäkat. -näseti. -päjeti. -parati: 
vergl. kalati und aslov, porjq. -prnseti. -rabeti. rdneti: rdnat, ronit zlin. 23. -rästati, slk. 
vyrästat: aslov. rastq. -rdzeti. -räzeti. sdceti: sotiti. -sldnetl, -cläneti. -spdfeti. tdceti, daher 
fach/, -täpeti. stvafeti^ slk. stvdraf: von '^tväfeti stammt tväf, von diesem tvdfiti. -vdzeti 
neben dem unhistorischen -vadeü: vodi. -vdzeti. Man beachte oharek, nedohofel^ kus dfeva 
doud. 31. Dial. namahat usw. doud. 9. Kurzes a bietet klaneti: vergl. s. Abweichend 
sind a) chlopat - chlopit. röcJiat - rochnilt zlin. 23. b) chrhpati: chropeti. vyrüstati, vyrostati. 
c) boufati wird zu boriti gestellt, pocliroumati : pochromiti. zarousati se: zarositi se. 

VII. 7, aus geht in y über. 

dymati: dsm in dnmq. j^osylati, wofür posilati. 

VIII. 11 (a.) geht wie u (aslov. v,) in ou, it über. 

hoiodati, slk. Mdat. kri'icat (prddlo) auswinden zlin. 55. ponoukati: ponuknouti: p. nqkac. 
popouzeti, slk. popudzat. p)orouceti, slk. porMat. pidbüdat accrescere gemer. : bqd. 

IX. a geht in n über, dasselbe mag thematisch oder suffixal sein, im ersten Falle 
im In- oder im Anlaute stehen. 

a.) -häseti. -hrdzeti. -käzeti. -klddaii. -krudati. -pl/iceti. päsati. pdtrati. präskati. -pruveti: 
rozprüv&i : pravi. sdzeti, slk. sddzat, daher sdzka : saditi. -ttYiceti, slk. utrdcat. vdleti. vdfeti. 
Abweichend: ^JacZo^^■. staveti. vraceti; mlaceti (bei Jungmann mldceti) neben vymldceti; 
auch dial. 2)adat. siaviat. obracat zlin. 23. 59. 60. slk. padat. navracat. b) ddvati. hrd- 
vati. mdvaf. stdvati. -zndvati. zdpasiti impf, von zdpas hat zdpaseti, dial. zapdsefi doud. 33. 
c) jiddvati: slk. jeddvat. rozsypävati. dohänivati aus dohdnjdvati. voldvati. slk. voldvdvat. 
Eben so kupovävati usw. 



Über die lanue.n Vocale ix den slavischen Sprachen. 99 

X. h aus i geht in i über. 

citati: Cht, ctu. vykvitati, daraus -kvitnouti : cvbt. pnltpati, daraus pf-iUpnouü: li,p, pfi- 
Inouti. svitati, daher svü und mit Verkürzung des i svitnoiUi, aslov. svbt, svhnqü. 

XI. i geht in i über. 

a) Slk. mtnat: minouti. strihati, stfihati. vklati. slk. rozvinat sa. uzivaü. b) b{jef.i, 
bivati, Mßvati, slk. bijävat. hnivaü, slk. hnijat mijeti. pijeti, pivati, pijivati. zdvihati. 
Suffixales i wird ac. und ^Wa.ie: chodivati, chodivävati. mlativati. nosivati. aiS. pomscievati. 
slk. cinievat. hovorievat. chodievat. modlievat sa. nosievat. vozievat. nsl. hodevati mit langem 
e. Vergl. gramm. 4. 300. 307. 

Xn. e bewahrt die Form, die es im Thema hat. 

pobizeti: Thema pobidüi. miseti, michati: misiti. veseti: vesiti. poUvati, polivati, daher 
polevka, polivka: poleji. 

Xni. s geht in y über. 

dychati: ddh, dchnouti, daher dychnouti. hybati: hnoiiti aus hbnouti, daher hybnouti: 
gdnaji aus gsbnqti. kychati, daher kychnoiiti: kdh. slychati: slechnouti: shh, daher siech neben 
sluch. smykati, daher smyknouti. usypati impf, neben usypati, usypdm, usp)u pf. : snp. prity- 
kati: pfitknouti. vyzyvati: zm-. Hieher gehört slk. lylmt, aslov. lygati: Ihaf, luhat: vergl. 
rvat, ruvat. lykat: hk, p. lykac, iknqc. Abweichend sind zamykati: zamknoräi. Dial. na- 
hybat, potykat doud. 9. 

XIV. y geht in y über. 

a) hnjzati. pfemysleti, slk. premysTat. poskytati : poskytnouti. ryptati wühlen hängt mit 
ry, ostychati mit styd zusammen, sykati besteht neben syceti: richtig sik. b) byvati. pokry- 
vati. kyvati. umyvati. uryvati. 

Zu beachten sind folgende Formen: cahynat - cahat, eig. wohl von *cahynut: vergl. 
vyhynat, zahynat und -hynnt. fehynat sa- fehtat sa. skfehynat - skfehnit iynat: krava lyüä, 
d. i. pousti cMupy. zgiynat, zbiynat. zvof-iynat - zvAfat zlin. 29. 32. 56: zhasinat ßlt. 
zhasnüt, richtig zhasynal. pohynat - pohniit. polkyüat. zamkynat. dotkynat - dotknüt. vyschytiat. 
Die Formen beruhen vielleicht auf Bildungen durch s-nq, die mit wr. auf a-nq, o-nq, e-nq 
zu vergleichen sind : drapanuc neben drapnuc. dzerhannc. dzhamtc neben dzhnuc. hvozdanuc. 
stnorhanuc neben smorhrnid. homzonuc neben homzac. dzerenuc von derq, drati. smalenuc neben 
smaTnuc brennen: blukunjac sa setzt ein -kitnuc sa voraus. Vergl. nsl. razgrinjati - razgrnoti. 
Man kann diese Formen auch auf der Analogie von Formen wie pohynat von '■^pogdbnqti 
beruhen lassen; andere werden sich vielleicht an das r. stolypath sja, d. i. tolpami bro- 
ditb, bars. I. XVIII, erinnern. 

XV. u geht in ou, ac., dial., slk. in ü über, das u mag thematisch oder suffixal sein. 
a) obotizeti, slk. obildzat. douchati. vyküsat zlin. 69. ponouceti. pousteti, dial. püscat 

zlin. 55. s\h. pnstat. porouchati - msiti. ostouzeti - ostuditi. vysouseti. slk. pritoid'at; doücat, 
poucat, pfiücat zlin. 32. Hieher gehört auch fihati. pfisivati. slk. vymMvaf. b) pocüvat 
zlin. 51, slk. poc'üvat. nadouvati, slk. nadiivat obouvati, slk. obfivat. c) cariivat. kupüvat. 
p>amatüvat. pracüvat usw. sind Iterativa der entsprechenden Verba VI: carovati usw. 
zlin. 23. Dasselbe gilt von den slk. Formen darnvaf. jMshTadüvat. nocTahüvat. odska- 
küvat usw. 



13* 



JQQ Fkanz Miklosich. 

(1) Poluisch. 

I. e geht in ia, ie (ie) über. 

zhierac colligere. bUrac op. 54. naczyrac zof. : cer in naczarli. dolegac: c. doUhati, do- 
lihati. latac volare, kas. Idtac. imiierac mori. odmiatac: odmiaiaj koch. 77. ivi/miatali bibl., 
nicht -midi-, opielac. wspierac fulcire. kaS. pierac in jpz'e?'«'^^"« lotrix streml. 66. narzeka6, 
'k2&. rikac. ka§. .sÄrwrac flere. *przescierac in przescieradh. ciekac ciirrere. docieraö conterere. 
wywierac excludere, emittere. 2^ozierac spectare gör. bieskid. 374. < wird hier für absolut 
älter gehalten, was mir unrichtig scheint: Vergl. gramm. 1. 52. zäglew; zogieiv zbi6r 
4. 36, durch das klr. huhka erklärt, berulit wie r. zagra auf dem iterat. zagati, ieg. 

II. j^, aslov. p, wird zu ja gedehnt. 

oglqdac neben ogl^dy : dial. oglqdaö oj). 24. -2)rzqdac. zaprzqgad, minder gut zaprzqgac. 
dial. przysiqgac op. 24, sonst j^rzysiqgac. wyciqgac, minder gut ivyci^gac. trzqsac: ivytrzqsd 
koch. Man merke poswiqcdmy von posiciecic bibl. Dem ja entspricht c, ja. Abweichend 
sind ivylegaö, zlejkac. 

III. wird zu d gedehnt. 

przigaadza sza accidit sem. 16. zgddzac sie bibl.: godi-, przehddac transfigere: zhddd 
koch. rozhrdja6, zhroje odhierac. kas. zahräniac. przygdniac adigere: goni-. op. 7. wygd- 
nidsz koch, zgdrszac bibl. : zgorszyc. cliddzac koch., daher schddzka koch. Idmac: Mmie koch, 
kas. hmjeL loymdczac koch, kas. mdczac. p)omdgac. keis,. p>6mogo. pomdgac streml. 10. roz- 
mndzac bibl. odnqivijal sem. 28. odndiüid koch, napdjac, najmvjad: poji-. sp)äjac: spoji-. 
urdbiac: robi-. kas. zardbiac. odrddzac regenerare: rodi-. skäkaö: skdczcie koch.: skoki-, 
odsläniac: sloni-, taczac koch. : pjrzetak, wohl -tdk, Sieb lud 319. setzt tdkac voraus, twdrz 
beruht auf twdrzac. p)0zwälac. wyzwdld bibl. : woli-, otivdrzac koch. : ottüorzyc. 2)0ivtdrzac : 
vntori-. pozdrdwiac h\h\. obdwiac sie hängt mit boje sie zusammen: obdtoidl si^ bibl. ivymä- 
wiac, roznidiviaU bibl. beruht auf mowic, aslov. -mhviti; zbrdniac bibl. tvyrdstac koch, 
uwMczac koch, beruhen auch Themen, die im aslov. a bieten : brani usw. wracac hat 
in den alten Drucken bald a, bald d: obracä koch, icracali bibl. odwräcdj bibl. obra- 
cajq koch. kas. wrocac. ndvrdcac streml. 27: «in nd ist wohl falsch. Maniac h&i regelmässig a: 
bibl. koch. Verschieden von przebndac, przygdniac, odrddzac sind przebadaö perscrutari pf., 
przyganiac vituperare impf., odradzac dissuadere impf, von badac, gani-, radi-. Man 
merke zgoraja^ koch, neben ogarek lud 315, Dem potwarzac steht potwarzyc zur Seite. 

IV. ^, aslov. fl, geht in r/ über. 

zasmqcac maJk. 61 : zasm(^ci6, smecic skarga. smetek koch, jyrzypqdzac : peßzic. 

V. a wird zu d gedehnt. 

nabdwiac koch. kas. vehovjo libei'at neben zbavjon. loybdwiac : -baivic. ddivac bibl. : 
(iac bibl. oddälac koch. 66. Iva'^. zdrodzale : zdradzaö. \.a^. zgromodzo accumulat: zgromddzac 
koch. kaS, chvdtac, chvatac. kas. pirzekiodome : przykiada6. iikrddac: ukradnqc. ka§. vpodo 
incidit. iqjodajqcq: tvpadad. sddzac koch.: kas. sodzovka beruht auf *sodzac: sadzaicka, 
sadzac. zostnwac koch, sprowädzac koch. : 2^^'oivadziö koch. 62. neben proivdd^ koch. 8. 
wyzndwac koch. 143. kas. wöznoczo bedeutet: oznaczac. Abweichend sind -kladac Voch.. bibl. 
padac, das öfter a als ü liat bibl, koch, iqyatrzac koch, wyprawia^ bibl. obrazac siq 
koch. 51. stawia6 koch, zatracac koch. Bei -kladac und padac spricht das kas, für d. 
Die Dialekte allein können über diese Verhältnisse Licht verbreiten. So auch ocze- 
kdivac. przemieszkäivac koch. Ferners grdivac: grauicac zbiör 4. kas. vegrova für vegrovo 
gewinnt, zddvanie Trauung streml. 71. 



Über die langen Vocalk in den slavischen Sprachen. 



101 



VI, ie, aslov. e, geht in iä über. 

jädni koch. 61. dial. sniAdanie op. 7. siada6 koch. 49. 61 usw. neben siadac 28. 69. 
poiciadac neben ]}owiada6 koch. bibl. : selten ist powiedac, oswicidczac bibl. ka§. powiodo 
dicit. spoviodaJQ sq confiteor. 

e) Kleinnissiscli. 

e in ere für aslov. re wird e. 

podperezuvaty. sposterehaty. 



Übersicht der aus älterer Dehnung entstandenen Yocale. 



I. 1. e: nsl. e, l. s. e, L c. e, ^. p. ia, ie (ie). 
2. e in ere: klr. ^. 
II. h aus e.* nsl. e, ^. s. ?. c. i. 

III. r; s. f-. 

IV. r, l: slk. :?^, /'. 
V. e (ej; c. e, ?'. 

VI. e, a (ej: c. r?, e, ?, slk. ia. 
VII. .;> Ccj : p. ja. 
VIII. o: nsl. ä. s. d. c. ä. p. a. 



IX. 3 aus o: nsl. 7 (V(j. c. (i) y. 

X. H (a^) : c. ?/, 0?^ 

XI. e (aj : p. o. 

XII. a: nsl. ä. s. n. c. r/. p. a. 

XIII. h aus f; nsl. l. s. f. c. f. 

XIV. i: nsl. Z. s. i. c. ?'. 

XV. aus ü: nsl. I ('j/j. s. f ^_j. 



XVII. 24.- s. ü. c. ^<, 0?<. 



c. y. 



XVI. i C?/;.- nsl. ^ f?/;. s. f (ij). c. ?/. 



IL In den Formen tert und tort. 

Aus tert geht neben trt (trst) - tret, aus tort - trat hervor, und zwar durch Dehnung 
des e und o. e und a sind in einer grossen Anzahl von Fällen lang, und die Länge 
darf wohl als Regel festgehalten werden : die Ausnahmen von dieser Regel sind im nsl. 
und s. zahlreich, noch zahlreicher im ß. 
A. e und a sind nsl. s. lang. 

I. nsl. breg. s. breg. c. bfeh. nsl. creda. s. creda series (in den Klöstern), c, tfida. 
nsl. c?'ep. s. C7'ep. <S. stfep. nsl. crevo. s. crevo. slk. crevo. nsl. dleto. s. (dUto) dli- 
jeto. c. didto. nsl. (Zre/^i. s. dreti. nsl. drevo. s. drevo. c. dfevo. nsl. mieden, s. mledan. 
nsl. raleko. s. mUko. c. nileko. nsl. ??^r^<^. s. mreti. nsl. ^^e«. s. pZ(?n. ö. ^?^en. nsl. ^jr^Ä;. 
s. preko. c. ^^'^^'^ adv. nsl. redek. s. redak. c. Hdky. nsl. srtda. s. sreda. g. stfeda. 
nsl. -streti. s. -streti. nsl. trebiti. s. trebiti. c. tribiti. nsl. trezen. s. trezan. slk. str^zvi 
bern. nsl. vreden. s. vredan. nsl. ot^cZ. s. (vred) vfijed. nsl. vrime. s. vreme. nsl. po- 
vrislo. s. povreslo. nsl. ?;?'e.s. s. (vresj vr'ijes. nsl. z/e6. s. zc?/e6. c. z/a6. nsl. i/ezo, 
zUzda. s. zlezda. c. 2/«2ß. nsl. zre/o. s. zdrelo. nsl. z?"^<e. s. prozdreti. 

IL nsl. ft/a^ro adv. s. 6/ö_(/. 6Zß(/o pecunia. ^/ät/o adv. nsl. bräda. s. brdda. kr. brädä, 
acc, brddu. c. brada. nsl. bräna occa. s. brdna. kr. bränä. c. bräna. nsl. bräniti. 
s. bräniti. c. bräniti. nsl. bräzda. s. bräzda. kr. bräzdä. c. bräzda. nsl. Jj-ä^c/. 
cZrf2^. nsl. ^r^rTc?. s. ^tecZ. nsl. _5f/«s. s. ^fte^. nsl. gläva. s. gldva. kr. glävä, acc. glävu. 
hlava. nsl. ^r-äc?. s. ^?'a(:/. ß. ÄracZ. nsl. 7^/«f/. s. Atöii. c. chlad. nsl. hräna. 
hräna. kr. hränä. nsl. hräst. s. hräst. c. chvrast. nsl. Ä'tes. s. ^-^5. c. Has. nsl. Ä:rä(;'. 
^TöZj. c. Ä;r(f^. nsl. krätek. s. krdtak. c. krätky. nsl. /äcZja. s. /^^r/ja. nsl. «z^ät?. 
mted c. 77?7arf, mlady. nsl. mlätiti. s. mlätiti, mlättm. nsl. 7?i?'äÄ:. s. w?.?'aA:. nsl. idätno. 
pldtno. kr. plätnö. c. plätno. nsl. j^j/äw. s. jjtöy. <5. i^lav^. nsl. 2^'"«^- s. ^rä/«. 



s. 
c. 

s. 
s. 
s. 
s. 



102 Franz Miklosich. 

nsl. präse. s. präse. ß. prase. nsl. präzen. s. prdzan. ß. präzden. nsl. rävno. s. j'aüno. 
nsl. slän. s. s/fm. ß, slany. nsl. smräd. s. smräd. nsl. smm. s. srcto«. nsl. s^rä/i f. 
3. sfrfiMa. kr. stränä. c. strana. nsl. sträta. s. sträza. 8. strdze. nsl. srä6. s. svräb. 
c. svrah. nsl. vläciti. s. vldciti. c. vldciti. nsl. lädati. s. vlddati. nsl. v/äs^ (obläst). 
s. t'Z<?s^. nsl. vläkno (zweifelhaft), s. vldkno. ß. vldkno. nsl. vZäÄ; (obläk). s. öbldk. c. oblak. 
nsl. /«s. s. v^röA'. ß. i'^a«. nsl. vräbelj. s. vrdbac. (■. vrabec. nsl. wrrt_5r. s. «»yZ^*/. c. waÄ. 
nsl. yrön res. s. wr«?«. nsl. vräta. s. vi^dta. c. yjTtia zlin. 23. vrata. nsl. vrätiti. 
s. vrdtiti. c. vrdtit zlin. 69. vratiti. nsl. y?'ä^. s. vrc?^. nsl. s/ä<o. s. stoo. ö. ^;^ato. 
nsl. sräA; Luft. s. 2J'(?/<:. c. 2r«Ä;. 
Ä e und ö sind nsl. s. kurz. 

I. nsl. breskva, anderwärts breskva. s. breskva. nsl. breza. s. br'eza. c. 6?'e2a zlin. 23. 
neben 6?''7Zo. nsl. 5reja. s. 6rerf/. nsl. ?n/e</. s. mljeti. nsl. mreza. s. mr'itza. nsl. pleva. 
s. pljeva. nsl. vreca. s. vreca. nsl. zelezo. s. zeljezo. 

II. nsl. 6?aio. s. 6te^o. c. ft/a/o, 6^(^<o. nsl. bräsno. s. bräsno, c. braSna. nsl. cZ/a«. 
s. fZZ««. c. J/a?T. nsl. zdrdv. s. zdräv. nsl. ^roA. s. ^röÄ. c. /wacA zlin. 23. hrdch. nsl. kläda. 
s. kläda. ß. /t/acZa zlin. 23. kldda. nsl. ^/aif?'. s. Ä;to^?. nsl. krästa. s. krästa. nsl. kräva. 
s. kräva. c. krava, krdva. nsl. mrämor. s. mrämör. c. mramor. nsl. mrävlja. c. mravenec. 
nsl. 7/MY62. s. mrci2. c. wraz. nsl. pldmen. s. plämen, 2. planien. nsl. ^ra^/. s. ^r^^. c. ^j)?-«/« 
zlin. 23. ^9?'cf/«. nsl. slädek. s. slädak. ß. sladky. nsl. släma. s. släma. ß. sldma. nsl. sZa- 
^ma. s. slätina. e. slatina. nsl. sräka. s. si^räka. c. straka. nsl. w^ä/i neben ^äsÄ;«. s. wZäÄ, 
c. vlach. nsl. vräna. s. vräna. i5. vrana zlin. 23. vrdna. 

Ursprüngliches /orif geht p. regelmässig in <rof über, daraus entsteht durch Dehnung 
des auch p. die Form ^rc?<; brdma koch. 213, alt auch brona: op. 7. besteht brdma 
neben brona, c. brdna. strdz custodia koch. 105. 136. 194: strazny, straznik, straznica, 
wohl durchgängig mit «, neben sirdz custos, stroza, strozne, strozyc. luMdna/: koch. 70. 
tolddac, luiddanie, iclddzä koch, jednowldjca koch. 144. ivldsny koch. wMsnosc koch, wldsciwy 
koch. 119. kas. wtosnq, cenjq suam umbram. tvi'osnie: ein wldsc kann ich nicht nach- 
weisen, zii-ldszcza bibl. przyivMszczac koch. 178: adj. *widszcz. c. zvldstni. lüiddysMiv. 
Daneben besteht p. ivl'odac. whddrz. wl'osc koch. 53. whstny, wiosny. ivhdzisldw. iviody- 
sidw malin. 154. ß. w^a^f. vlastni, slk. vlastny. Man füge hinzu poblazac, d. i. pobhge 
dac komu, dial. zbiör 1. 48. biagajq koch. 74. okrak. okraczyc lud VIII. 315. prdzny: 
prdznd khpota zywie cnota kocli. 112. trdpic koch. 8. 141. utrdpa Qual op. 7. pldzac sie: 
CO siQ pldzd bibl. piazic sie neben plozi6 sie, plaz neben /J'^ös. Ahnlich ist sarza neben 
zor2(^ koch. 19. 20. 84. Man glaubt ividdac durch die Annahme erklären zu können, 
dass es ein iterat. von zchd (*ivhsc, aslov. vlasti) sei: das iterat. iclddac sei dann auch 
in andere Formen eingedrungen Beiträge 8. 235. Wer die hier angeführten Worte über- 
blickt, wird dieser für ividdac recht ansprechenden Deutung schwerlich zustimmen. 

Ich füge hier die dem wtddac analogen klr. Formen an : biahaty. blahyj. hlaholaty. 
rozvratnyj. tdasf. prasca neben sproca funda : p. proca, proka und ödrast, zrast neben 
udrust, röst; ferners c. -krdt und r. -krats. slk. razga, razdie. 



Aus urslavischem kerda, cerda entwickelt sich aslov. creda, s. creda series, und 
r. ceredd ; eben so aus urslavischem borda aslov. brada, s. brdda und r. borodd. Aus 
der Quantitäts- und Tonbezeichnung des s. kann die Tonbezeichnung des r. erschlossen 



Über die langen Vocale in den slavi.suhen Sprachen. 103 

werden, und zwar nach folgenden Gesetzen : I. Aus einer s. Form treta, aslov. t7'eta, oder 
trdta ergibt sich r. feretd oder torotd, und darnach aus s. tretiti oder trdtüi r. teretiH 
oder torotUi. 

A. s. crt'da, r. ceredd. s. (dleto) dlijeto, r. dolotu. s. mUko, r. molokö. s. mreti, r. me- 
rtth. s. sreda, r. seredd. s. tr^biti, r. terebith. s. trezan, r. tverezyj, tverhs. s. vreme, r. vremjd 
dial. aus veremjd: allg. vremja. s. zlezda, r. leZeza für Selezd. 

B. s. brdda, r. borodd. s. brdna, r. borond. s. brdniti, r. boroniti, alt. s. brdzda, 
r. borozdd. s. gldva, r. golovd. s. gldvnja, r, golovnjd. s. hrdniti, r. clioronüh. s. krdtak, 
r. korotokd. s. mldtiti, r. molotüh. s. pldkati, r. j^oloskdü. s. pJdtno, r. polotnö. s. strdna, 
r. storond. s. tldciti, r. tolociti. s. vläciti, r. volocüi. s. vlddati, r. vladdtb dial. alt w'//o- 
fZeft. s. vldkno, r. voloknö. s. vrdhac, r. vorobej. s. vrdta, r, vorotd und vorota. s. vrdtiti, 
r. vorotith. Ausnahme : s. crevo^ r. cSrevo. 

II. Aus einer s. Form ^«'^ oder ^röf ergibt sich r. bereif oder fo?'o^ aus s. ^?'e^o, r. tereto. 

A. s. öre_r/, r. beregö. s. 6?'eÄ^, r. beresU. s. cZe?;, r. cerens manubrium. s. c?y^;, r. ce- 
?'e^3ö. s. c/j'f'«, r. derend. s. «wy^ä^ f., r. nörosti, f. s. M^«z, trljem, r. teremö. s. (vredj vrijed, 
V. veredd, s. (vres) vfijes, r. veress. s. M^ei, r. zelobs. s, zdreb, r. SerebeJ. s. drevo, r. dtrevo. 
s. viUvo^ r. melivo für melevo. 

B. s. 6r«r, r. borovs. s. c/r«^, r. dörogz neben dorogöj. s. ^teii, r. gölodo. s. ^?a5, 
r. göloss. s. gräd, r. görodd. s. ä^gc/, r. chölods. s. hrdsf, r. chvörostn. s. ä;/«s, r, kölos5. 
s. W2/(2f/, r. viölodö. s. mrdk, r. möroks. s. ^j/as, r. iMozd. s. präh, r. pörochd. s. p;"«0, 
r. p(5roZü. s. sto«, r. solonyj. s. smrädn, r. smörods. s. svräb, r. svörobs. s. w/r/Ä;, r. völoks. 
s. vZos^ f., r, völosh, s. w/os, r. voloss. s. y/«< m., r. y(5/o^j f. dial. s. w?'äy/, r. vorogn. 
s. vrän, r. v(5i'on3. s. vränj^ r. vorönka. s. ^'rrt^, r. vorofs. s. 2?'öÄ;, r. zorokn dial. s. s/«?fo, 
r. zöloto. Ausnahmen: s. ^:>/e«, r. poloiid. s. klrebe, r. zerebjd. s. Aräni ?< saljivoj p>ri- 
povijeci: nsl. liräm, das s. wohl Ar^m lauten würde, r. chorömy. s. ^•?Y?//, r. koröh. s. rdstelj 
(hrästelj), r. kor^ösfeh. s. tec/ji'a, r. lodhjd. s. präse, r. porosjd cerk. s. sldvje, r. solovej. 
s. sträza, r. storöia. 

Da srec?a gleich ist einem sreida, im mittleren Dialekte srijeda; da ferner hrdda 
gleich ist einem brdäda, da folglich in diesen Worten steigende Länge eintritt, so ist 
die Übereinstimmung der angeführten s. Worte mit den r. seredd und borodd insoferne 
anzuerkennen, als im s. wie im r. von normalem Ausathmungsdrucke zu verstärktem 
fortgeschritten wird: der Unterschied besteht darin, dass im r, der Fortschritt noth- 
wendig zwei Silben umfasst, • was im s. nur in Worten wie srijMa eintritt. An diese 
Übereinstimmung des s. und r. sind weitreichende Folgen für die Völkergeschichte geknüpft 
worden , denen man wohl kaum beistimmen wird. Was zu untersuchen ist , ist der 
Zusammenhang der s. und r. Worte, der kein Werk des Zufalls sein kann. Die Frage, 
wie die dem s. s?-ec?a und dem r. seredd, so wie dem s, 6re^ und dem r. beregd zu Grunde 
liegende Form betont war, ist noch nicht beantwortet worden. Unzweifelhaft ist nur so 
viel, dass beide auf serda, bergs beruhen. 

Es gibt jedoch s. Formen <?'eto, frö/ und frö^a, die r. Form tereta, torot und torota 
entsprechen. Es hat demnach das " für das r. dieselbe Bedeutung, wie das ' : beide 
bewirken im r. das Fortschreiten vom normalen Ausathmungsdrucke zum verschärften, 

^. s. breme, r. beremja. s. breza, r. bereza. s. bredja, r. berezaja. s, tresnja, r. cere- 
s"?z;"a. s. mljeti, r. molöti. s. mreza, r. mereza. s. pljeti, r. p)ol6th. s. pljeva, r, poJöva und 
plevd aus pel-va (vergl. pelä). s, ^re^/ se, r. |je?'t% drücken. 



1Q4 Franz Miklosich. 

B. s. dJän, r. dolönh. s. zdräv, r. zdorövs. s. ^rä/i, r. goröchd. s. wiräz, r. word^s. 
s. pläh, r. polöchs. s. j??'«^, r. purogd. s. präm, r. poröim. s. v/^iÄ, r. volöchs. 

C. s. 6/rtfo, 1-. boloto. s. dräga, r. doruga. s. klada, r. kolöda. s. A'/äiz, r, kolötb. 
s. krästa, v. korösta. s, kräva, r. koröva. s. släma, r, solöma. s. svräka, r. soröka. s. vläga, 
T. vologa. s. vräna, r. voröna. Ausnahmen: s.hlägo adv., r. hölogo. s. hräsno, r. hörosno. 

Aus s. hrdbar folgt ein r. chorobörd (choröbrgj) ; aus pZdv ein pölovs (polövyj) ; aus 
pi'äzan - porozöns (poröznij) ; aus slädak - solödokn : dial. solödko, sölodko: dafür r. slddkij^ 
sladfthj sladkovatyj neben solodkovdtyj, klr. soiodkyj. Aus träk-törok: torokd pl. n.; aus 
^reöa - terebd : trebovath. 

Aus r. cholöps darf ein s. ÄZ('?p vermutliet werden. Ist «ordys die richtige Accen- 
tuation, dann ergibt sich s. ?i?'äv für ndrav f. r. pelend deutet auf s. plena für pel^na, 
c. plena, plina. r. pereds erlaubt s. pred-preda kömmt vor — zu erschliessen. stereth 
(prostereth), tereth deuten auf s. ^re<«.- nsl. ^ref/; ^o^dct auf s. ^/eci, kr. ^/^c bei Marulid, 
nsl. ^/ecj neben toitcv. s, päprät, r. iJÖporoth. s. p'övräz, r. pdvorozd. s. tetreb, tetrijeb, 
r. teterevd. 

In manchen Fällen ist ein Vergleich ausgeschlossen : s. kravälj, r. korovdj. s. mräv. 
V. muravej aus morovej. s. plämen, r. p)'^lomja. s. slänina, slanlna, r. solonina. s. slätina, 
r. solötina, solotina dial. s. slezina, r. selezmka. s. vreteno, r. veretenö. s. zeljezo, r. ze- 
^620, richtig zelezo. Nicht hieher gehört s. si'ebro, r. serebro. s. Idkat, r. lokoh. s. rö^o, 
r. ?T</o cerk. s. iraii, r. ^05^2, unrichtig »'«si?'. s. rdvno, r. rdyno. s. redak, r. redkij. 
s. r'özga^ r. rozga, rozgd. 

III. Zum Ersätze ausgefallener Consonanten. 

Ersatzdehnung tritt ein im s. ?M}"eA, r(y'eÄ, aslov. JzeÄs, r^/is, aus nes-liz, rek-hs ; kein 
donije^ sondern stets donese. kr. oc^rieZ partic. hg. s. doneti, doneti, dbnijeti aus -nehs: 
Iznijeh (tzneh, \znili) Rad 6. 53. donio, donijela. 'k\x.p)OvM (povev) duxit: aus poveh ergibt 
sich die Urform -vedh, nicht -vefo. p)onis, aslov. poiiesh. Vergl. gramm. 3. Seite 272. 273. 
274, Ersatzdehnung findet sich auch im ?. rouznotit, i^oiizihat aus rozzehnouti, rozzehati 
doud. 2: vergl. tfindct: tri na des^te. 



C. Aus jüngerer Dehnung. 

I. Durch folgende Consonanten bedingte Längen. 

A. Im. AllgemeinerL. 

a) Polnisdi. 

I. Die mit einem tönenden Consonanten schliessende Endsilbe und das so schliessende 
Wort wandelt a, e, 0, § in die verengten Vocale d, e, 6, q, es mögen diese Vocale was immer 
für aslov. Vocalen gegenüberstehen: hiebei scheint die Reihe med, miöd, miöd, aslov. 
medö, angenommen werden zu müssen. Wenn meine Erklärung von 6 in miöd richtig ist, 
dann stammt die Verengung der Vocale, insofern sie auf die tönende Eigenschaft der 
folgenden Consonanten gegründet wird, aus jener Zeit, wo noch med, miöd, dqb, nicht, wie 
jetzt, miöt, dqp gesprochen wurde, oder es ist die Verengung nach dem Übergänge des 



ÜbEU 111 1-; I>ANGEN VoL'ALE IN DEN SLAVISCHKN SPRACHEN. 105 

med, mjöd, dab in miöt, dqp eingetreten, hervorgerufen durch den Einfluss des in der 
Mehrzahl der Formen gewahrten tönenden Consonanten. 

Was ursprünglich nur von mit tönenden Consonanten schliessenden Endsilben uml 
Worten galt, übertrug die Analogie auf einen grossen Theil von Endsilben, ohne Kück- 
sicht auf den Consonanten. 

Hier wird mit dem p. begonnen, weil dieses das Gesetz mit Consequenz durch- 
geführt hat: bei den anderen Sprachen, welche theils hinter dem p. zurückbleiben, theils 
die Grenzen desselben überschreiten, wird auf die Erscheinungen des p. verwiesen. 

A. (jnad sem. 16. gdd op. 12. anguis. grdd, gradem koch, jdd, jadu koch. 61. 112. 
czelddt (kas. czelodz), czeladzi koch. kddz. snddz, sndc leop. crac. koch, und snadnie koch. 
zaklaad sem. 16. przykMd koch. kas. przeklod. updd, upadem koch, rdd koch. rada. 
kas. rod (nsl. räd. s. räd). saad sem. 16. szcmxzaaih vicinus sem. 16. nazdd koch. op. 22 : 
kas. nazod, dagegen zadu. gäj, gajiczek op. 7. krdj koch. crac. kraje koch. kas. kroj, kraju. 
rdj, raju: kas. roj, raju. rodzdj: rodzaje koch, kowal op. 30. sowizdrzdi Eulenspiegel op. 34. 
maal parvus sem. 17. niemdl koch. 169. stliaal chalybs sem 16. ludl, waiy koch, na powdl 
koch. 119. zdl crac. neben zaüovac op. 7. kas. zol. saam, sqm sem. 17: ka§. som, sqm. 
ilial. sdm, sorn. op. 12. sdm, sama und sdmi w sohle leop. adäm, adama crac. kas. jadom^ 
jadama. harnn, barana op. 12. ka§. zhon. paan sem. 17. pqn 28. pdn leop. crac. pov, p6n 
op. 6. pana 12. p6n. pana zar. 61. kas. ^on. pqn. poan Juk. 24. 31. g. pana leo^J. crac. 
paüski leop. ddr, darem. pozdr koch, twdrz crac. twdurz zar. 74. tyrdn, tyrannom koch. 
lodsn koch, qsz iisqiie sem. 28. wüznaaw confessus sem. 13. pozhdib koch, zjdib koch. 
taskdiü neben iaskauy koch, prdtv neben prawy koch, bhgostdiv neben hlogoslawi koch. 
zastdib neben wystatvi koch, postdw, nastdw neben postainl leop. rdz Schlag, razy koch. 
rdz crac. terdz leop. crac. za rdz, za razem leop. zaraa sem. 16. d. i. zard, zardz. ka§. 
roz^ razy; teroz. zaroz. trzeceho raze. raz neben teraz op. 12. obrqsz sem. 28. kas. obroz, 
obr azach, bojdm, bojazni koch, nieprzyjdzii, nieprzyjazni koch. Damit vergleiche man jaz 
mafg., wohl jdz, jq sem. 26. jd crac. op. 13. kas. jo, ja. hg. jo. polab. joz. 

Hieher gehört aj das partic. praet. act. II, dessen Suffix Is ist : 

bijaal percutiebat. zaczynaal. daal dedit. odeymaal adimebat. kaazaal. lamaal fran- 
gebat. mazaal ungebat. possilaal mittebat. pozwaal vocavit. iveczerzql caenavit. tvstql sur- 
rexit und unhistorisch dokonajo, poznqlo sem. 14. 25. zbudoivdi. ddl. midi, kdzdl. zaniechdl. 
punoiüdi. usluclidl. powstdi. zawoMi. zndi. nazwdl; dagegen dala. sstato si^. otrzyinal'am. 
dotykali. poznali und regelrecht iislyszdiem, ivezwdlem leop. crac. ans uslyszdl jesm usw. 
czytdi. ddi. dopuszczdi. uzywdi' malin. 144. 151. 154. 158. Dial. ddii. roztargdü op. 12. 30. 
paddü dixit. üodddü zar. 82. chcidü 73. mysldü 76. latdi, siedzidi gör. beskid. 351. 
Damit stimmt ciqgnaj neben cia,gnpj'a überein. kas. ddl. chcdl. pytdl. stojdl. dostdi, nazy- 
icdi. zndi; joi, aslov. *jak aus ßls, vectus est; daneben dei. pytei. nazywei und pajmipj,yi, 
worin d zu a und dieses zu e, y herabsinkt. 

b) Das partic. auf an : 

daan datus. skaraan punitus. icyzivalyaany liberati. znaan. poztvaan citatus, daher nye- 
staanye non comparitio. dqn. zdqn condemnatus. zagnqn, poslqn, uznqn sem. 14. 15. 25. 
kdrdn. siyszän. nazicdn. Steht a nicht in der Endsilbe, so bleibt es meistens unverengt : 
zebrany. przybrany. przydane. wgruntowany. siyszane. widziane. 7^az^üa?^?/; daneben ddno. 
pisdno, pisdne. wysi'uchäni. widzidni. powiedzidno ; unverengt in wygnancem. przesladowanie. 
kdzanid neben przykdzdnid leop. crac. narzekdnie koch. 17. Die Regel für ä und a ist 

Denkschriften der phil.-hist. Cl. XXIX. Bd. 14 



lAg Franz Miklosich. 

nicht gefunden. Nach malin. 158. ist d in vorletzter Silbe nur dann zulässig, wenn das 
partic. in activischer Bedeutung angewandt wird: ddno^ worüber vergl. Grammatik 4. 
3G4. nachgesehen werden kann. Im ostnsl. besteht dän, däna^ däno. kas. doni. jiod- 
döni. votesloni: das 6 dieser Formen ist stark gedehnt hilf. 50. 52, zhjerqne. dqne. p6- 
chowani. u-ukrzyzowani. pisqyie. siechqne. przelqno neben przelono effusum. 

B. e: brzeg. pogrzeb sepultura neben pogrzel) sepeli. jedc^n sem. 29. jeden, jeden op. 18. 
kameen sem. 23. kamien op. 18. pacierz. powinim sem. 29. seen somnus sem. 23. strumyeen 
sem. 23. ^C'« sem. 29. ten. op. 18. ij für j6j. zaden sem. 29. -sledz, slidz usw. zbi6r 5. Jeden, 
domem usw. verengen nun das e der Schlusssilbe nicht mal. 38. 39. e aus s, h ist offen: 
wicher, tvichru, usw. 38, doch seen usw. hllzej. dalej. nizej crac. gorzSj. lepiej: aslov. hlize usw. 
Kas. w ti (aus tej) modletwje. w jedni (aus jednej) wsi. herodowej crac. usw. verdanken ihr 
Ä, e der Contraction. 

Wie aslov. e, wird auch e behandelt, gniew verdankt daher sein e dem folgenden 
Consonanten; eben so deute ich chl^b, chlew, klej, mied:, olej, snieg, Spiew; die impt. 
dzieh wierz; analog grzech: chmiel, trzmiel gehören vielleicht nicht hieher. e in kqdziel 
schwindet allmählich. 

C. o: hob. drob und dröbka zbiör 33. grob, grobu. chood gressus sem. 18. sposöb: 
spösob op. 16. lod. mood mel sem. 18. miod. p)7'z6d. pi'öd. plood sem. 13. powood actor. 
woodz sem. 18. wödz crac. lodz. pjöjdz zar. 74. rod, rodu. spod, spodu. boog sem. 18. kas. 
buog hilf. 51. bog. glog, glogu. roog sem. 18. rög, rogu. nie böj sie zar. 87. zhuj sem. 35. 
böj, boju. dicöj. tröj. poköj. iöj. möj. twöj. swoj. pöj, poJQ malin. 154. roj, roju. stöj. spöj, 
spoj<i. stöj impt. ströj, strojii. aniöt crac. aniöu op. 16. bol. dul fovea sem. 36. doi, dotu. 
kosciöL krool sem. 18. okool circuitus sem. 18. mol. pooltora sem. 18. pul 35. p6l neben 
poü op. 16. popiöi. przyjaciöl. s6l, soll, stool mensa sem. 18. stöi. wool sem. 18. wol, woiu. 
dooin sem. 18. dorn crac. op. 15. kas. dum. bychoom sem. 18. kas. dzwuon Juk. 29. zvoön 
zbiör 25. gon. kas. dluntuk. 27. koon sem. 19. kun lud 296. kon. dial. auch Ä;(5m'e op. 16. 
oon sem. 19. 6n. bör, boru. sboor coetus sem. 19. ohor, obiör zbiör 34. czicor. dwor. gasiör, 
ehedem gqsior maJ. 38. moor pestis sem. 19. wyeczoor sem. 19. wieczor, wieczora. w6r, wora. 
möw. 6w. gotöw. röw, rotcu. 7nr6z. ivooz sem. 19. w6z, woza. p)odr6z, dMch podr6S,y . thoosz sem. 19. 
otöL ktöz: chtozo-p.16. cöz: coz op. 16. yakoosz sem. 19. jaköz: jakoz op. 16. yegooszto sem. 19. 
noosz culter sem. 19. Keine Verengung tritt ein in dziecioL mozoL pacJioi. sokof. kaczor^ 
in den Fremdworten aktor. faivor. rektor usw. Die Partikeln ob, od, päd, roz usw. ver- 
engen das nicht, maJ. 38, im Gegensatze zum klr., das die Verengung des o auch in 
diesen Worten oft eintreten lässt: man beachte auch kas. w6d gdqnska von Danzig. p6- 
znale. Analog sind moocz posse sem. 17. möc. oprocz: klr. opröc. kas. muost Juk. 23. 
kaS. 7moc luk. 23. 31. prooch sem. 18. potook sem. 18. zlotkooszcz sem. 19. Hier mögen 
auch piec und biec, so wie nies6 und mrzeö, mied erwähnt werden. 

Hier .sind noch anzuführen hdrszcz, barszczu malin. 159. kdrb, karbu. pokdrm, pokarmu; 
doch kdrmisz koch. 22. skdrb, skarby leop. crac, lauter Worte, die wie bog, boga behandelt 
werden. Daneben umar op. 12. neben vmaar sem. 14. start koch. 

6 tritt ein im pl. gen. auf oiv: 

sqduto sem. 35. woglooiv angulorum. poztvoow citationum 18. pozwow 31. anioiöw, 
koniöw usw. izböw op. 47. 

6 findet sich im partic. praet. pass. auf ns: 



Über die i,AN(iEN Vocai.e in den slavischen Sprachen. 107 

posbaicyoon privatus. przelozoon translatiis. pozoaoon citatus (aslov. -* zovem) sem. 17. 
Zu beachten ist: je zapüacöno es ist bezahlt op. 39. 

Die verengten Vocale treten ein im partic. praet. aet. II, in welchena nacli Con- 
sonanten k verstummt : 

jddt, Jädiem neben jad/a. naldzl crac. znaldüz zar. 73, znaldzhm 79. spddt^ spadla 
crac. kUdl neben pasi koch. 118. Dial. vjindd d. i. vjj-na-jid-l iuvenit op. 13: vergl. nsl. 
mi smo najdli für najsli. kas. vpod incidit. przeklool sem. 17. möcj-i, mogl'a und, was Be- 
achtung verdient, viokl kas. nmk. gnioti, gniotla. niSsf, niusla. plötl, plotla. podrös zar. 73. 
wioodl sem. 17: tciödl, loiodia. iviözi, iviozia. rzeki bibl. und idökt; daneben AväX. przynies. 
przyivied zar. 74, Man füge hinzu das partic. npädszy koch. 

Bei manchen Worten haben sich d, 6 fixiert: 

stdn, stdnv malin. 155. jaköb: iacub, iaciibovi sem. 35. kröl. szczegöl. wrög, ivroga, doch 
meist ivroga. konie. da dömu. doma op. 15. 1(3. tchorz. sluz ist genauer als sl6z. dorn lautet 
ka§. dorn, duom, dorn; duma, na dnmie usw. do dömu gör.-bieskid. 353. duma, d. i. iv domu 
zbiör 6. Dasselbe scheint beim partic. praet. pass. auf m eingetreten zu sein : ivybawinny. 
uostawiöny. upiecöne. zapäacöno. zjedzöny op. 15. 16. 6 wird in diesen Fällen für das op. 
auf das darauffolgende n, m zurückgeführt, kas. Jidzoni hilf. 55. 

D. ?; ce<^■.• poczqc, poczcä, poczeja. dati, slk. diit: dac, dety. prrstl: przqsc, przqdt, 
przqdla. goiahh, c. holiib: golqb, go-fqbia. mqzh, c. muz: mqz, meza. zqbs, c. zub: zqb^ zeba. 
Eben so rqk, pl. g. von r<ika: aslov. rqka; bqdz impt. von bedq usw. 

Auch eine mit z, r, l, l, n, u\ j schliessende Silbe im Innern des Wortes hat d, 6: 

a) bdjka. cygönka zar. 58. zdrdjca koch, wybdwca o-p. 13. cdiki. czdjka. ddwno op. 13: 
ka§. z downa. downieszech. dzierzqwcz^ sem. 28. gaalki globi sem. 17. gorzdika: gorolka hg. 
gorzolka zbiör 35. gorzdüka zar. 87. grzdnka. gicdüt Gewalt op. 8. gtvidzda crac. kas. 
jddüo op. 7. kacmdrka op. 13. korönka maJ. 39. koicdlka. mMpa. mdizenstwo. pdlka. prdwda 
leop, koch, op. 13: kas. proivda. protvdzetvo. prdicdziwy neben sprawiedliicy koch, sprdivca 
koch, rdjski. kas. sodzowka. stdwka. zbdwca koch, prawoddwca koch, szkldnka. tvdlkn. 
wdrka Brauen op. 8. kas. biofy. gwiozda. miorka. miozga. prowda und p/osA;. Hieher gehören 
die partic. praet. act. I: zebrdwszy. nazbierdwszy . poidmdwszy. wstdwszy. ddwszy, womit 
wziqiüszy übereinstimmt. 

b) böbr. zböjca. boröwka. brozdu. cörka, doch auch cöra. czwörka. dwöjka. glöivka. 
gloiony. gwözdz. kölko. maköwka. moivic aus möhoic, möwmy. pöjde. ka.s. pildze, aslov. po- 
ideU, hilf. 51. poleivka. pölka. spoika. prooznee sem. 19. przepiorka und przepiöreczka . 
röiony. rözga. rözny: c. nlzny. kas. skörznje. siöivko. slöumy neben sloicny. stöjmy, stöjcie. 
tröjca. hvörca. weßroifka. icdjt, tcöjta. ziölko. zlotöwka. zoh'v. zydowka usw. ö erhält sich in 
Formen wie sioioek, zydoicek usw. In vielen Fällen kann die Verengung des Vocals auch 
im Suffix begründet sein. 

ta7't für aslov. trst aus tert hat in vielen Fällen ä: 

czdrny koch, cdrny op. 7 : slk. cierny. klr, cö^myj volksl. czwdrty quartus crac. stivdrty 
op. 39 : OS. stvörty. mdrhvy koch. op. 7. sdrkam. Diese Worte entwickeln sich, wie bemerkt, 
aus Formen wie tert, woraus tiert, tidrt, tdrt: mertvd: miertvö, midrivs, mdrtvö. cwierö, 
cwUrtka, öioartka und czwartka, wohl mit d. Das d solcher Worte beruht vielleicht auf den- 
selben Urformen, aus denen slk. W' orte mit langem r entstanden sind : leider ist das slk. 
in dieser Hinsicht nur sehr unvollkommen erforscht. Indessen erleidet a vor r, Consonant, 
Vocal in den meisten Fällen keine Verengung: barzo koch. leop. crac. neben bdrzo 

14* 



108 



Franz Miklosicii. 



zar. 66. (/ardlo koch, hardy und hard koch, wzgardzi leop. z karku koch, podparty koch. 
surna koch, starüa tersit zar. 7 2. iargali koch. leop. twardy koch. usw. 

ce'eW für aslov. irs/ aus tert hat e; 

czyrpacz haurire. czyrpyecz pati. c^M;2e>c, alt czfyrcz, quarta. pyrwey. smyrczy mortis, sirp 
falx. scUrwo cadaver. czirw vermis. czyrw, czyrzw. pirwy, pirzwiej. cwierdza, cwirdza zof. 
wirzch sein. 36. 37. 42. d. i. czyerpac. cmpiec usw. In diesen Worten soll if oder ivz 
der älteste polnische Vertreter des abulg. (aslov.) ri (ir), ir (yr) absolut älter und er 
nur eine secundäre, spätere Verwandlung des ir sein; eben so sei in kviscz florere, 
czyscz legere, shiracz colligere usw. i absolut älter als das secundär aus ihm entwickelte 
e oder e. Dagegen ist zu bemerken, dass kviscz, czyscz, sbiracz mit den oben angeführten 
Worten nichts gemein haben. Was die Worte wie cwierc anlangt, so ist von der Form 
tert auszugehen, woraus sich eiert, cirt entwickelt hat: -merti,: -mierth, -mierc, -mirc. 

Anders als die bisher untersuchten Formen sind zu deuten kas. bierze, bierzece: aslov. 
bereis, berete neben bierze, bierzece: aslov. beri aus bere , berete hilf. 53. cora. piöro. 
ktorij. sköra. roza usw. c. dcera , dcira dial. 11. oO. dzwierze op. 19. dzwirze zof. do- 
piero usw. 

b) Kleinrussisch. 

Vergl. X5- ^• 

pohreb. hreben. iver Splitter. jacmH und jacmennyj. kamen, kamena; kamejmyj. korin 
und korennyj. korost&T. kradez. krenieri. kuz&l. iebed. Ted^ hd/u. mater. med, medii. vedmed, 
vedmeda. meUl (mete) volksl. m^J, mezy inter. moi'odez. osen, osemiyj, polomen. persten. remen. 
mez quam, sein, semy septem : siem 2yt. 301. postef nd. studen. tep)ef. vecer. Vergl. den pl. 
gen. konej; den sg. gen. f. niojej (moch) volksl. jej (ne vydaju) eam non video ; den sg. 
loc. f. V iiej in ea. Analog sind pec, pecy Ofen, sest sechs usw. 

Vergl. p. C: ö lautet i: 

barloh. böb, boba. böh, boha. boj sa. rozböj, zaböj. böf. bor Wald, perebor, prybör, sobor, 
zbör, vijbor. bröd. oborok. d64: dorn volksl. domöj (vandruj) hg. rozdör. dvör. dzvon, zvön 
und dzvonyt. tchör, chör. fedor huc. Theodorus. hnöj. zazdaiehod icpö xatpoü. zahön. hospod. 
hröb. hrum. chöd, schöd, zachöd. chutör. jablöii. javör. pokiön. poköj. köi. kön. kr6£, skroi. 
kroT, auch kröJ'a, krohstvo. kuköf. obWi, pereiöh Brachacker, löj. zaiom. Tvöv. möj. namoi 
Schlamm. viöT. pomör. nevöd Sackgarn, nöz. von ille. ostroh. 2>löd. pöd: az pod Varnu. pöd 
hlavu klaly hg. roste s pöd kamena. pöd Tvöv. napöj. pöi, p>dinocy, pöltora. tarmypöT. lipon, 
pör porrum. prapör. q)ör. röd. rölt. röj. röv. soköl. soT. stöj impt. stöt, prestöl volksl. pro- 
stör, siruj. oströv. svöj. zdoröv volksl. tvöj. povöd, povön diluvium. zavoj. vol. vöz, povöz, 
uvöz, vyvöz: p. rvojwoz. pozör. ostrozör Luchs, zajvor alauda; daneben vdod, udod upupa usw. 
Daher auch panöv. jmpöv. snopöv usw. stryjuv zyt. 120. Hie und da chiopöm, konöni, psöm 

2yt. 340. 

Neben o der mittleren Mundart findet man in der nördlichen (nd.) und der ungri- 
schen Mundart (hg.) verschiedene andere Laute. Zwischen ö und d (i) liegt oo: koon. 
vooi nd. zyt. IH. no: kuön. snuöp. strttöp. bti,o}i. konkuoT. mitoj. obrjüok. ue: knen. rüek. 
ui: Mihn, vüin. ü: stiU (cTiiiji) zyt. 110. 111. 2G7. 298. 301. 303. 304. 306. 308. pot. 
ist. 224. Man beachte- für den Übergang von u in i bijnyji für bujnyji nd., dibrova für 
dubrova, zamiz und ciduj osculare volksl., pavutyöa neben pavyty6a vergl. os. 16. kuonu 
muoj. vvou und rvojta nd. 95. 96. 99. 106. 



Über die langen Vocale in den si.avischen iSpkachen. 109 

huh neben buh. Imj sa. dvur nd. 185. pokuj 127. kruT: kruievyc. kruz. muj und moj. 
vun und von ille. napei'ud vorwärts 201. pud chvust 213. pii^d lioroju., verbojic neben 
pod Tlsu nd. pud horu, verboju zyt. pttd nym vujna stoit hg. napuj kona nd. 135. sa/da- 
tijkuv. stut. 200. tvuj. vecur hg-. 

Der Regel, wonach altes böh in boh übergeht, folgen viele Worte auf tonlose 
Consonanten : doch scheint dies vorzüglich in der mittleren Region stattzufinden : vergl. 
p. unter C. 

bök und 6?/^ nd. 18. 2G. cobut neben cobut. hosf. chut stavy Ruhmsucht, hrös. chvost. 
pokös. kost^ kosty. kos. roskös. kot. okrop. pomöc. most. noc. nös. cw Achse, piot ; phit nd. 195. 
pöst. pot sudor. pi'ÖG, oproc. rök, da roku; obrok. röst Taille; ödrost. paröst Keim. skop. 
snop ; snup nd. 195. tök Tenne, Bratenfett, potök. vyvorot. vosk. v kostuch nd. Hieher 
gehört das Suffix sth (o-stb) : myiost. p>rykr6st. zlöst nd. ; das Suffix ots : klopot. rachkot 
Gekrach. skrehöt. Syvöt usw. 

Im partic. praet. act. II. der Verba der I. Classe stehen verengte Vocale nach 
dem Abfall des lö. Vergl. p. unter C. 

zachröp, mok, prypoh^ ros, vyros, zasöp, vtuk aufugit nd. 195: aslov. *'hrop>h, moy/ö.i 
-p)l<izh, -tekh usw. Verengte Vocale treten auch ein in nös: nesh. voz: vezh. pek: pjeklö. 
rek: rekls. berih aus berehi: bregh. stereh aus stereM: streyh. Dem nd. vtuk steht id§.k, 
wohl idök, gegenüber, iiusl zyt. 121. livs 111. 335. -Htnyoc 111: r. ncs5. zavjüoi 301. 
Keine Verengung findet statt in der: '*drüh (drah). vmer. per. ter usw.; eben so wenig 
in verh: vrsgh. zeh: zegh. 

Vergl. p. nach D, 

a) pecenka Leber, perce, p^rko und zoitopSrka : vergl. p. j^ioro. i^ostelka. 

b) borodka. böjka. rozbojnyk, doch bojkyj. rozbujca latro nd. 150. böjmo -ki. bujte sa hg. 
boTse; huTs nd. pcöika. bednarovka, bednarovna. bozba. bozderev, buzderevo neben boze derevo 
datura stramonium. bozja, bozaja (maty). btidövTa. cernovci. cörnyj volksl. cervoncyky volksl. 
try cervunci nd. döhtu von dohot. dröbnyj, di'öbnenkyj, daher droben neben droben volksl. 
drubny (ptasky) nd. drozdzi neben drosci. druzböjko und -bojko. dubrövnyj. na dvnr- 
cie zyt. 298. vhodnyj amoenus huc. hoduvTa hg. holle rami: *golije. homolka. horkyj. horko 
(plakala). hurko (places) nd. zahörskyj. horsyj \o\k.s\. fedorca sg. gen. hg. jJÖd/wrdje : -gorije. 
hrözba. livözd. chudöbka volksl. ivanovka, ivanovna. jadlövca volksl. jatrovka. köTko. komnata. 
na könci^ sköncyty. kunca sg. gen. 2yt. 302. közTatko. krCrvca. lastovka xmd lastövyca. lökta 
von iokot. iöiko Bett, daher iuzecko nd. maiunka zyt. 307. nd. 199. mosna Hode. nöhtu 
von nohot Nagel, nüocka zyt. 304. nözka. oluvka hg. voTcha Erle, vorla, orel; vorfata. 
vörmjanyn Armenier, vötca patris. vovca, vovcar. poik. pojdu. poty aus pojty ire. p>'^du 160. 
p)udu nd. püojdes zyt. 303. vovsa, oves. pysarovna. pöjmii. pödkdvka und p)ödk6vocka. o^mjca 
Säufer nd. puTskyj. piLöTsa, püoTsca 2yt. 299. 304. popCyvna. poznyj. rodnyj, i^odnenkyj. per- 
vorodnja sg. gen. fuidnyj 2yt. 111. bez rodu rudnyj nd. r6v7iyj, zrovnaty. ruvna hg. 
rözdvo , rözdvjannyj. rözga, rozdzje, röscja. rözna von rozen. siüovko zyt. 304. soTju 
neben solyju. posterehsy. stojka. stojte. stoTcyk. zaströjte (striiy) volksl. sködka. toTko neben 
tfiATko zyt. 30S. topörci volksl. udovca sg. gen. utaskovci. po bezvöddjach: -vodije. vöjna, 
vöjnocka. vujna hg. vojsko neben vujsko nd. vilojsko zyt. 298. vuißko 305. dobrovuTno 120. 
vojt; vujt, vtijtom nd. votövskyj. svovoTnyj huc. (cyhanka) voruzka nd. (parobky) nazoröi 
volksl. zazdrosnyj. zörka. zörnyca. zadobnyj. zaiobnenko, zunka nd. Minka 2yt. 305. zydovka. 
zydovskyj. 



JJQ Franz Miklosich. 

6 stellt sich manchmahl auch in offenen, d. h. nicht durch Consonanten geschlossenen 
Silben ein. Vergl. p. cöra: chstera. piöro : pero usw, 

cornohroviij. doruzenka nd. dröva, dryva. drvzaty, drozaty tremere neben dri/hl'i pl. horror. 
drözyfüst Bachstelze, fedöre voc. htiryj peior nd. 186. nozejky. nocejka. ohorok cucumis. 
vösim octo. puTa apud, auch buJ'a. ruTa. skura. syrutonka. vyvolikaty ist wohl vyvolo- 
katy, einem aslov. -vlakati aus vlaciti entsprechend : vergl. polagati aus ijoloztti. dzvö- 
nyca usw. 

steht analog in durch tonlose Consonanten geschlossenen Silben : 

nöcka; nocju neben nocyju. vöcka oculi. vökno. votca patris. posiuv nd. 69. pösly 
volksl. rob6tny6a. vospa usw. 

Das zwischen einer Praeposition oder einem Praefix und einem mit zwei Conso- 
nanten anlautenden Substantiv oder Verbum eingeschaltete o wird u; dasselbe geschieht 
in Fällen wie in dt myhji. In diesem Punkte weicht das klr. vom p. dadurch ab, dass 
es der Analogie einen viel weiteren Spielraum verstattet. 

zö Lvuva aus Lemberg. z6 schodu. zu stola de mensa. zö strachu. vö Lvovi. v6 vtorok. oho- 
braty. obvhriju. obözvaty sa. rozöbraty. (satu drahu) rozödraia. rozöhnaty. rozosmije. rozojdemo 
sa: roz-jd-. zöjde d. i. rz-jd-: aslov. vszidets. rozuTaty aus roz-ljaty. dö Evova. dozdaty. pered 
dödnem. dt serdenka. 6t slabosty. othanaty. utjizdzaty. öti'ecu avolabo. otopchmäy. vtsyfaty. 
vodujsoi: ot-js-. (Hieher rechne ich auch pomreme moriemur volksl. lemk. pöznaty. pözfu 
videbo.) pödkdvka. podmova. podpora. podtyvaty. podnaty. pvdojmyj impt. zdöjmaty. podpe- 
rezaty sa. pödözdy impt. exspecta. zubraty. zorvaty. zostaty. zövjanuty. vzösio, zojsla: vz-s-, 
vy-js- : slk. vajsöl gemer. ingressus. wr. vojsci ingredi. vzyjci: r. vzojti. Abweichend sind 
otohnaty. ötoslaty. pudosva. 

c) Cechisch. 

Vergl. p. unter A. 

mräz, mrazu, dial. mrdzu. pdn, voc. pane, sonst p)dna usw. pr(f/*, pralm, slk. prall. 
slk. räd, rada, ß. räda. rdj, rdje, slk. r'aj. sdm, sama. cbdn, zbdn, cbänu. jdz und daraus 
ja geb. 115. Die Dehnung tritt hier nicht so regelmässig ein wie im p. die Vei'engung, 
und d fixiert sich meist, wie die Beispiele zeigen. Man merke konar. kraj. stav usw. 
und daneben hräch, hrachu^ slk. hrach; nidk, mdku, slk. mak; slk. ddzd ist aslov. dzuh. 

Dialektisch wird der dem h im partic. praet. act. II. vorhergehende Vocal oft gedehnt: 
im p. ist diese Dehnung auf ai für aslov. ah. Ms beschränkt. 

zavdzdl. poviddl und kleknoid. kleknäl; j)loid, sloid für plid, slul Blazek I. 186. slysÜ, 
und hie und da sogar fixiert: drzüa. prsilo. vidüi geh. 137. hndl. spdl. vostdl. poviddl. 
oznamovdl usw. dial. 15. 53. ohoul se. olmoid. liumfil. mü (mel). cJitü und drztla. 7)idüi. 
ßdli usw. 16. 18. ddl. proddi. miatwäi. vesdi und bii. chodii. mlfivU. diU. kül. smyshü. sedel. 
vÜ. hyl neben dala, chndila, sedela, vela, veli usw. zlin. 24. 38. 39. usw. ploul, sloid billigt 
auch der Schriftdialekt. 

Das a der Verba III. V. ist vor dem hö des partic. praet. pass. lang. Vergl. p. 
unter A. 

drzdn. voldn. mazdn. brdn. vnlovdn. ddn; dagegen tfen, minder gut trin. Dial. ist 
in den durch hje abgeleiteten Nomina der Vocal vor dem n lang, wenn die vorher- 
gehende Silbe kurz ist, und so umgekehrt: drzeni. milovdni. staveni neben kdzani. pdlani 
zlin. 24. 52: doch kuzdni dial. 11. 



Über inio langen Vocale in den slavischbn Sprachen. 111 

Vergl. p. unter B. 

vec€r\ dial. veclr neben k vecerii, vcera zlin. 24. Vergl. kolej, tolej für kolik, tolik 38. 
Ich füge hinzu chleb, slk. chlieb, chleba. snih, snehu, slk. sneh. olej zlln. 24. vttr, v&ru, 
slk. vietor. krev, rez (krsvb, vdzb) lauten dial. krev, rez zlin. 

Vergl. p. unter C. 

Slk. hob, c. hob. biih, boha. slk. böl, r. 6o/. dum, donm: dial. o?ö??< zlin. 24. 43. 
slk. dorn, hnhj, hnoje. hui, holi. kul. küü, slk. koii, gemer. kuan. Inj. dial. loj. müj, tvüj, 
svüj, slk. inöj, tvöj, svöj und tvoj, svoj. nid, slk. noz. püjdu. pfd. stfd. sül. viü. vfiz, slk. 
vöz; dial. auch siüj und stujte. büj se. krüj. pfentrfij se geb. 137. ov geht in 6v, fiv, ü 
über: bratrüv adj. fratris ; tesafü syn doud. IG. bratrh, bratrüv fratrum. Eben so domovi, 
domöv und domü; dolovi, dolöv und dolü. slk. erhält sich ov: c/dajwv. So auch ^zis^ 
ae. post, postu: dial. p°ts<e zlin. 33. dial. Ratibur. jjokuj. un. muzk aus muzh. pomuh (po- 
mohl) dialekt. 56. muzg. struj 60. Dagegen bod. boj. bol. dchof. piskof. roh. roj. voj. zdroj. 
Fixiert erscheint ü in den Fremdworten kür, kftru; trnn, irünu. slk. chör. tron. 

Vergl. p. nach D. 

zahälka von zahäleti. odhdnka zlin. 59. stammt vom Verbum iterativum. hnojhvka, 
hnojovka, hnojovd voda. jalüvka, jalovka. slk. kulna. medüvka, medovka. podborüvka, podbarka 
zlin. 61. raküvka, raci oci zlin. 63. 

D"ie Participia praet. act. II, in denen aslov. oder ursprünglich dem h ein Conso- 
nant vorhergeht, dehnen den thematischen Vocal. 

Im Schriftdialekt folgen dieser Eegel: jms, tras; mat, vlad; zeb: zähl, aslov. zqb. 
tluk: tloukl. aslov. tlnkh. Dial. nesl. peki. vedl. vezla. porüsth. voda tekia. upekla chleba 
zlin. 24. 42. 44. 48. slk. vybfdol pov. 143. klädol (c. kladl). uml'kol. mohol und muahol. 
niesol (c. nesl) und niasol. piekol. plietol und pUatol. ryiyraedol gemer.: preß: ae ist lang. 
rästol. riekul. siel und isol: Shh aus shdh. tiekol. ztichol. tl'kul. triasol: trpsh. tfhol. stfpol (od 
sirachu). viezol usw. c. trhl. nesl. 

d) Serbisch. 

Vergl. p. unter A. 

ä tritt ein im partic. praet. act. 1. und im partic. pass. vor lu. 

pUtäv, pletävsi; brän. cüvän. dem. pisein. kupovän und bäjänje. 

Vergl. p. unter B. 

greben. 

Vergl. p. unter C. 

avdltör. boj, böja. gnöj. poköj. röj. Daneben glbgov, g'rmov, krstov. 

Vergl. p. nach D. 

babürski. Mrka. zirka; stärca von stärac. kceiju, stveirju. bedta. balca. dulca, pälca von 
diüac, pälac. sdljio. kUenka. vlmta. ukucänka. könca von konac. äkövce. grwna. smederevka. 
ovca. cävla von cävao. krvlju. pämtiti. äbadSfjsk't. bhbeljko. eljevöjka. döjka. oböjka von 
bbojak. Doch blizänka, mudärca usw. 

e) Neuslovenisch. 

Man vergleiche mit den entsprechenden Erscheinungen der anderen Sprachen nsl. 
brän. dän. znän usw., so wie bog: bogä. gospöd: gospöela. gnöj: gnöja. löj: löja. möj. tvöj. 
svöj: möja usw. Weitere Untersuchungen werden zeigen, ob in der That ö in bog, gospöd 



112 



Franz Miklosich. 



usw. auf demselben Grunde beruht, wie 6, ü in p. bog, C. buh usw. Dass sich nsl. s. 
von p. c. entfernen, ist sicher: vergl nsl. rat/, s. rcUl mit p. räd, rada. 

B. In bestimraten Formen. 

a) Plur. gen. 

Der pl. g. auf dehnt den thematischen Vocal. Die Dehnung ist von solchen Sub- 
stantiven ausgegangen, die auf einen tönenden Consonanten auslauten. Sie mag in jenem 
Dialekte des c., welcher die Grundlage der Schriftsprache bildet, früh geschwunden sein : 
in den übrigen Sprachen, die lange Vocale kennen, hat sie sich erhalten. 

a) NeiisloTenisdi. 

könj: könj (konj). oirök, utrük res.: utrök (otrök). gör: göra (gi>ra). köz: köza (knza). 
vöd: vöda (vhda). zen: zena. bäb: bäba (so im Osten), drv: drva. Ut: leto. darll: darilo. 
reset: reseto usw. Dieselbe Regel gilt für das kroat., ich habe jedoch nur dami dierum 
pist. und nag. slov Örnßic angemerkt. Bei Danißi6, Ead. 20. 168, finde ich Bnetdk. 
dukaatb. kriniäk (krmäk). otaac. uzrhk 170. caar. duus. igdr. knjüg. muuk. zeen 173. beddr. 
dobaar, dobdr. mijst. godiist. ust usw. 

b) Cechisch. 

Der pl. g. auf 3 dehnt den thematischen Vocal im slk. , regelmässig nicht im 
c. Schriftdialekt. 

Slk. brdd barbarum. bryndz. ceresien. -desiat. diel: delo. dosk. flint. hör. jücht. hfc. 
iskier. izieb. jabl'k. jazier. kacic serpentium. klbds. knih. kolien. kolies. kuchyfi. Idmp. 
Kp. lobt, matiek. mias. mien nominum. mydiel. nadier. noh. oviec. pdlm. piat: päta. pier. 
piv. plies lacuum. pust. prdvd. pf's. rdzg. ryb. rük. sl'z. sfdc. sfn. stien. tatier. vlh. vrät. 
zfn. zien; eben so cias, rdz von cas, raz. sestra hat sester, sestier, sestdr hatt. 1. 34. 79. 
zlin. 49. sukno - sukien und s?jkdn (vergl. chrbiet und chrbdt) für c. suken. Doch semen. 
nebes kurat. Gedehnt wird nicht nur ursprüngliches, sondern auch das eingeschaltete e 
(5): sestier, iskier. Die e. Schriftsprache kennt -desdf., slk. desiat, p. dziesiqt, polab. 
desot: dial. sind vrdt zlin. 49. u vrdt. ze vsech strän. u hldv. da tech cds und, was auch 
hieher gehört, kofdn in da koiYm. doudl. 8. neben let. kurat. rot zlin. 35. 65. Im 
Schriftdialekt findet man sogar jader, jater, let, luk, kamen von jddro, jdtra, leto, louka. 
kamen und das abweichende kneh usw. 

c) Polnisch. 

Im p. findet Verengung statt: 

raan, ran. ziemiqn sem. 15. 27. lyaath, aslov. lets. myaasth, aslov. niests sem. Idt 
koch. op. 13: doch kas. lat, nicht bd. Idp. strdt. miäst koch., aslov. mhts. zamidst malin. 156. 
niewidst. ufidr neben ofiara koch, .s/jrcwr koch. p)tdi<tw bibl. stdd neben stado koch, do tych 
czäs. nyedzeel, niedzil sem. : aslov. nedeh. lorooth portarum, aslov. vraU. pczool apium, aslov. 
bncelö. przyaczool, aslov. prijateh. koos caprarum. opoon velaminum. skoor pellium sem. 
choröb. ozdob. bröd. trzöd. szköd. tcod. drög. oströg. nög. zbröj, besser zbroji. ubör. pol. röl. 
stodül. Jezior. pör. morz. krow. s6w. köz neben kos. zböz. So auch döbr^ biodr; dagegen 
dob von doba. Analog sind cnöt, roböt, siöstr. Vergl. malin. 171. 



Über die langen Vocale in den sla vischen Spkachen. 113 

e geht in q über: 

dag, dega. gqb, geha. grzad, grzejJa. ksing, ksirga. mqk: zmqk umari Linde, meka. rniqs, 
mip.so. rak, reka. otrqh, otrcjjy. lostqg, wstega. przysiqg koch., przgsiega. kurczqt^ kurczeta. 
cielqt, cieieta. Vergl. ohurqcz. e erhält sich in vielen weniger gebräuchlichen Formen : 
cieö^ ciecie. ciqg, ciegi. jqdz, jeßza. klqsk, khska. n^dz, nedza. pon^t, pomta. pawez, paw^za. 
pet, peta. pi(it, pieta. tecz, tecza. potqg, pot^ga. weß^ weßa. 

d) Kleiiirussisch. 

do hur. nuh. pöT camporum. pcoi apum. do slöv usw. berez von bereza. sTez von sleza. 
So auch koTes: aslov. koless. veret von vereta. 6c neben ocyj oculorum. kup. kos. syröt. 
voröt usw. 

ß) Flur. dat. loc. instr. 

a) Cechisch. 

Der pl. dat. hat vor mö langes oder verengtes o, o. Auch diese Delmung scheint 
in dem folgenden Consonanten begründet zu sein. 

c. hadiwi, slovüm, rybdm; zemfm aus zemiem, zemidm. Dial. dubom. konom. telatom 
doud. 8. Vergl. zlin. 35. Die Regel gilt im slk. nicht für die 3 (aj-Themen: hadom, 
dagegen rybdm, slovdm. Eben so c. ndm, vdm; nsl. näm, väm im Westen, näm, väm im 
Osten. 

b) Polnisch. 

Der j)l. dat. hat 6 vor nu: panoom. sandoom. synoom und latoom, lyaathoom so wie 
dzyeczoom sem. 17. 18. grzechum. panum sem. 35. jMan beachte ojcöm, sercom usw. 
maf. 39. Der pl. dat. der Nomina subst. auf a, ja hat d : siostram. przqm litibus 
sem. 18. panyaam. sqndzaam. dzevyczaam 16. sqdziqm, sqdziom 38. Dasselbe tritt ein bei 
den fem. auf h: rzeczaam 16. rzeczqm, rzeczom 38. dzieciqm. cißskoscziqm 18; bei den 
neutr. auf ije, ije: uczqzzanyaam gravaminibus 16. und bei den masc. auf Jö.- dzeyaam 
negotiis IG. przyaczelqm amicis 27; zemijqm alex. 342. zondm bibl. zhscidm koch. 142. 
Dial. scheint am zu gelten: krowam g(jr. bieskid. 365. In Wilnaer Drucken liest man 
kobietöm. matkom maJ. 39. rybom beruht vielleicht auf rybdm. naam. icaam sem. 15. 16. 
nqm, wqm 27. nom. vom kas. ndm, nom, nb. warn op. 13. ndm. wdm. 

Der pl. loc. hat vor hd langes ä : im nsl. schreibt Metelko 184. voda/i, d. i. voddh, 
während Herr J. Baudouin de Courtenay 80 für das res. langes a statuiert: nogäh. rokäh. 
aodäh. c. rybdch; slk. auch deldch. p. ist öfters das a des pl. loc. der Nomina subst. 
auf a, ja lang: kostkaack taxillis. przytczaach casibus. sandzaach; eben so rzeczaach und 
danyaach donationibus sem. 16. kas. ve dumäch hilf. 53. In den alten Drucken steht 
a: arfach. rqkack. wodach; eben so drztüiadi. piersiach. prdcacli: d darf als das ältere 
angesehen werden, nsl. nds, väs bei Metelko, im Osten näs, väs. s. näs, väs. c. nds, 
vds. p. nds, icds; naas, waas sem. 15. Dagegen nsl. näS, väs. s. tiäs, väs. ?. 7ids (nase), 
vds (vase) und p. nasz, ivasz und mit dem c. übereinstimmend naasz sem. 17. 

Der pl. instr. der Nomina subst. auf a, ja bietet p. selten d: 

dzedzynaami haereditatibus. tlusczaamy turmis sem. 16. nami. loami. nsl. nämi, vdmi. 
c. ndmi, vdmi. s. näma, vämo. 

Denkschriften der phil.-liist. Cl. XXIX. Bd. li* 



114 



Franz Miklosich. 



Übersicht der aus jüngerer Dehnung entstandenen A^oeale. 



<e.- nsl. e, das mit e nicht zu verwechseln 
ist: jenes ist blos gedehntes e, dieses ist 
ein dem i sich näherndes gedehntes e: 
fz. ete, magy. szep. s. e. c. e, i. slk. ie. 
p. e. klr. e. 

r: nsl. r (drv). slk. /=. 

/.• slk. l' . Langes r, 1 kennt dial. auch das 
c. zlin. 22. 

e: c. d. slk. ia ; daneben ae, kurz ä. p. 'qj. 



Zf. 



e; nsl. e: /eM ^e/. 

o; nsl. ö. s. ö; d (kunca. ovca). c. d, ^< 

slk. 6, d. i. ?<o; daneben ua. p. d. klr. oo, 

uo, u, o. 
a: nsl. ä. s. a. c. d. slk. (?, 2a. p. d. 
i : nsl. L s. 't. r. ?'. 

n: s. «. c. ou, v. 



In den vorstehenden Ausführungen wird die Verengung der Vocale in Worten wie 
hüg, prdwda dem Einflüsse der folgenden Consonanten und der Stellung der Vocale im 
Auslaute imd in einsilbigen Worten zugeschrieben. Dem entgegen meinen Andere die 
Sache so erklären zu können: die Verengung sei Folge der Dehnung, die Dehnung sei 
eine Ersatzdehnung, denn p. v:öz sei eigentlich vozr,, aus wöz sei woz entstanden. Ursprüng- 
lich habe man auch wiek, wiek aevum gesprochen; im Laufe der Zeit habe jedoch auf 
den sg. nom. die Analogie der übrigen Casus eingewirkt: diese Wirkung habe sich 
leichter geäussert bei jenen Substantiven, deren Consonant einer Veränderung nicht 
unterliegt, als bei jenen, deren Consonant im sg. nom. tonlos, in den übrigen Casus, wo 
er im Inlaute steht, tönend ist; so sei durch wieku die Form wiek statt w'iek hervor- 
gerufen worden, während das als ursprünglich zu betrachtende bog trotz hoga sich er- 
halten habe. J. Baudouin de Courtenay, O drevne-polbskom^B jazyke do XIV. stolgtija 78. 
Ich kann mich dieser Erklärung nicht anschliessen, indem ich mich von dem Eintritte 
der Ersatzdehnung für geschwundenes 3 nicht überzeugen und die Ansicht nicht billigen 
kann, durch wieku sei loiek statt iciek hervorgerufen worden, während hoga auf den sg. nom. 
keine Wirkung geübt habe: ich ziehe demnach die ältere Erklärung vor trotz aller 
Schwierigkeiten, die auch ihr entgegenstehen. Ich halte daher für verfehlt die Erklä- 
i-ung von präwda aus pravida; ddvno aus davhno ; wybdtvca aus *vi/bavbca; wdrka aus 
*vanka usw. op. lo. ciqc aus cie^ci usw. beitr. 8. 187. siqsc aus siesci 8. 191. mqk, pl. gen. 
von mej^:a, aus meks usw. Nach sem. 50. soll dorn aus damas zu deuten sein. Für 
unrichtig halte ich auch die Erklärung von moze aus mozet, von jd aus jaz, von ktöi^g 
aus kotoryj usw. Vergl. sem. 49. 50. Ob a im p. hoga wirklich je lang war, ist proble- 
matisch trotz des nsl. hogä, hoga; anders verhält es sich mit dem ä des sg. gen. der 
Worte auf ije, y'e. Es sei hier bemerkt, dass e in wierzch weder auf Contraction, noch 
auf Ersatzdehnung, noch endlich auf Steigerung berulit, und nur aus der Natur der 
folgenden Consonanten erklärt werden kann. 

II. Durch den Accent bedingte Längen. 
1. In Compositionen und Praefixierungen. 

A. Der Vocal des Praefixes wird gedehnt, wenn aus dem praefixierten Verbum ein 
Nomen wird, daher c. vyho7' neben vyheno, vyhvati. Die durch ije, hje von Verben abge- 
leiteten Substantiva folgen dieser Regel niclit : c. vybrdni. 



Über die langen Vocale in den slavischen »Sprachen. 115- 

B. Der Vocal der Prueposition wird in der Composition einer Praeposition mit 
einem Nomen gedehnt, daher ß. vysluni locus aprious aus vy und slimo, slimce, aslov. 
*shno, skiihce. Hinsichtlich des vy vergleiche man vystaviti na vyshmf. 

C. Das Praeüx wird gedehnt, wenn dem Verbum eine übertragene Bedeutung inne- 
wohnt. Dies tritt bei den Praefixen ?m und za und den Verben videti und lezati ein,, 
daher c. ndvidtti, zdlezeti. 

a) Neusloveuiscli. 

A. na: nädeha inspiratio, Schnupfen, nävada, im Westen naväda. 
o: ögled: v ögledi zur Brautschau. 

po: pösoda: na pösodo vzeti. 

pri: prlsega, c. pHsaha, im Westen prisega. 

B. za: zägorje. na: nägornjak von *nägorje. Man beachte pöleg pone aus ^o dhg-. 
pv-me. zä-me und ödati tradere, vendere im Osten, ödprli hg. 

b) Serbisch. 

..4. na: ndhoj: nahiti. ndbur : nahrati. ndvada: navaditi. ndval, ndvola und nfivala: 
navdliti. nnvlaka und nävlaka: navldciti. ndvrt: nävrtati. ndgon: nazenem. nddam: naduti 
se: dmn. ndjam conductio. näkovanj incus. ndlet : naletjeti. ndljezba Findelgeld: *nalezhba: 
w. iSg neben lez: näljeöi, naljesti. ndlog. nämet. ndniz: nanizati. ndpast. ndpoj. ndpon: pin 
(penj. ndredba. ndrok : nareci destinare : rumun. norok, it. destino. ndsad. ndsap, ndsip. 
ndslon, ndstavak. nästup. nuuk. ndhod. ndcin. Abweichend sind: nävika: nuviknuti. ndgovör: 
nagovoriti. näslada: nasldditi se. 

pre: prifiboj Scheidewand: prhbiti. prijevara dolus: pirevariti. priji-vjes velum : prh- 
rjesiti. prijevoz naulum : prev^sti, prevbziti. prijevurnica Querbalken, prljegon pugna : pre- 
gnati, prezenem. prijedjevak cognomen : predjeti. jmjeklad Seitenstein am Heerde. prijekor 
o]i-pTohvhim: prekuriti. prijelaz 'Steige,: preljeati, prelazüi. prijelog, njiva neugarena: vergl. 
prelezati. prijhnet, vino koje se otoci isp>od leda: Yergl. premetmoti. pirijenos circumlatio : 
preneti: nes. prijepek, prepecenica : prepeci. prijepis conscriptio: p>7'episati. pfijerov fossa 
vinea: preriti. p>rijesad, presada: presdditi. prij'hsjed fetus apum: vergl. presßdiü. prijesjek 
loculus : pr^sjeci. prißstup annus intercalaris : prestilpiti. prijetop adeps C[ui defluit a carne 
quae assatur : pretbpiti. prijehod navigium vectorium : prehuditi. 

pri: priböj: pnbiti. prid quod superadditur : pri-deti. prikaz neben pflkaza. prinos. 
pripöj. pritvor. prttka: tök. Abweichend: pflpeka. pristup. prlcek. 

u: ilboj, uböj: ubiti. ägon Verrenkung: w. gsb; s. ugnuti se, uginjati se neben dem 
histoi-ischen ?;^/6a<^' .se. Abweichend: üglava: ugldviti. ügled: ugledati. üdär: udariti. Vergl. 
ügär die zum künftigen Anbau aufgerissene und dem ,Durchwärmen' ausgesetzte Erde. 

za: zdbava: zabaviti. zdh'an und z'ahrana: zabrdniti. zdbun, zdbuna : zabuniti. zdvada: 
zdvaditi. zdvjes: zuvjesiti. zdvoj: zaviti. zdvrat. zdgazvja. zdgon impetus : zugnati, zäzenem, 
zazdenem. zdgrad neben zdgrada. zddjeva : w. de. zdzanj: w. zbn (zen). zdzor : w. zer. zdjam. 
zdklad neben zäklada. zdkletva. zuklon, zdklop. zdkolj: w. kol in klati. zdkop. zdkos. zälaz: 
w. lez (lez). zdlet. zdliv. zdlog, zdloga. zdmjera. zärnka: w. mdk. zdmlaz: w. mhz (melz). 
zdmnka hierum: zamuciti. zdnos. zdpis. zdpjevka neben zapijevka. zdpoj. zdpost. zdpret: pr<i- 
tati. zdrez. zdrok. zdslon. zdivor. zätka: w. tük. zdtop. zätrka. zdhod: w. .%d (sed). Abwei- 
chend: zäbordv oblivio: zabbraviti. zäddh, zäduh: w. dsh. zäkric i. zälagäj: zaldgati. zäljeva. 



llß Franz Miklosicii. 

zämjena. zäpäd occidens neben zöpad. zäsjeda. zäsjeka. zdslada. zästava neben zästava in 
verschiedener Bedeutung. 

von do wird nicht gedehnt: döhit f. lucrum ; dhhiii. dornet: dhmetmdi. dbnos: dones 
(dbnijeti). dösada: dosäditi. döhvät: dohvatiti. 

B. a) na: ndvecje Vorabend eines Festes: vecers. näglavak. ndzime porcus anniculus : 
na zimq. näzuhan infensus. ndmjesnik. ndrucje. b) ndgluh subsurdus. ndgrk subamarus. 
??«2M^ subflavus. ^ia/os" nicht ganz gut. n(?/r?(o subputridus. Abweichend: naramak: na rame. 

X>re: a) jjrijcglavica. 2^'>'ip'>'(^nak^ izvoda ist dunkel. ^J?'(yeÄ/oZ thronus. j)r^ scheint liier 
die Bedeutung von jjn'ko und i^rerfs zu haben. ^»yI in Verbindung mit Adjectiven bewahrt 
kurzes e: prevec. 

za : zäbrezje. zdvjetrina. zdglavak. zddniga. zäplece. zdprudje. zdselak. zdcelje. Abwei- 
chend : zährdje. zägörje. zägradje. zadvärje. zäduzbina. zhdusnice. zählädje. nad dehnt sein 
a nicht : nadbärje ON. nadimak. 

Ijri bcAvahrt kurzes i: a) pridvorica. pnkrajak. pi^'^tkinnak. prlmörje. pr\soje. h) pfilud. 
Eine Ausnahme bildet pridriiga, kolac, gdje se Ijese sastavljaju. 

C. nästojati. zdvidjeti. Vergl. gramm. 4. Seite 313. 

c) C'echisch. 

A. do: dukaz, slk. dukaz: dokdzati. didezity, slk. dölezity : dolezeti in anderer Bedeu- 
tung, dnvera neben dovera, slk. dovera: dovefiti neben düvefiti, dovefovati neben di'ivero- 
vati. Hier ist wechselseitiger Einfluss des Nomens auf das Verbum und des Verbums 
auf das Nomen im Spiel. 

na: iindeje, minder gut ?iac/e/e, sYk. mkJej, nddeja: naditi se, naddti se. ndhrada. ndmet. 
ndmluva. nddor : nadru, nadnti. ndpoj: napojiti. ndsp)a, ndsyp agger : nasyjpati aggerere, 
aslov. 53po, suti. ndvyk : navyknouti, näzor intuitio : zer in zHti. slk. ndzyv, c. ndzev : nazy- 
vati, nazvati. 

po: puhoj: pobiti. pühon citatio in ius : p)ohnati, po^enu. püsob Art und Weise, daher 
püsobiti: vergl. sobiti. 

pfi : jyi'ibeh Eveigniss: pribehnouti accurrere. p)f'ibyt Zuwachs: pribyti. jificina Bemühung, 
Mittel : pficiniti addere. pfichoz advena : pfichoditi. 

pra: pHhrada interstitium : pfehraditL pfikop fossa: pfekopati. p>Hlaz, pfeUzka: prelezti. 
pfüoh, oulehU Brachfeld: verb. leg: vergl. slk. preloh, r, perelogs. ^jfisafia Setzling: pre- 
saditi. pfisaha: pfisahnouti. slk. p)riestor. Hieher gehört auch pnmysl. 

2)7-0 : präJion Durchtrieb: prohnati, proienu. prüjezd transitus : projezditi. prütah pro- 
tractio : protdhnoiiti. Dagegen prostor ßaum : ster, prostfiti, slk. p>riestor. Vergl. prümysl 
neben promysl und slk. priemysel. Das c. kennt pre nur in Verbindung mit Anerben, 
das slk. pro nur in p)rorok, prospecli. 

Eigenthümlich ist slk. raz für c. roz: jenes verhält sich zu diesem wie nä zu na usw. 
Dem slk. rdzporok, rdztok, rdsvit, rdstep setzt das c. entgegen rozporek, roztok, (rozsvititi), 
Tozstep. 

n: oubeh fuga, -p. tibieg : tibehnouti. oubyt phthysis : id>yti. oucinek: uciniti. ouhon Vieh- 
trieb : uhnati, uzenu. oidior Brachacker, p. ugor, eig. Bi-and in der Bedeutung novale 
/i, g zeigen die ünzulässigkeit der Zusammenstellung mit orati. ouklad Ordnung, p. uMad 
ukladu, ukldsti. oukol Tagewerk, p. ukoi Art Frolmarbeit : vergl. ukläti, ukoli. oidirad 
ukrdsti. oukrup, p. ukroj): vergl. ukropiti. ouloh, oulehl f. Brachfeld: ulehu, uleci, ouloha 



Über die langen Vocale in den slavischen Sprachen. 117 

p. wloga: uloziti. onlomek, p. uhmek: ulomiti. oumor, oumrt, p. umor: umru, umfiti. ounos: 
7mesu, unesti. uiq)lav defluxus : *iipln: uplaviti. ovpor, p. ?;por; u^ru, upHti. ouroda, p. uroda: 
uroditi. ourok, ovrek fascinatio, p. u7'ok: urku, und. oufud, p. urzaß: ufiditi. oustup, p. ustqp: 
ustoupiti. out(?k fuga, p. uciecz f.: rdekatl, utikati. outok impetus, p. utok: uteku, nfeci. 
üw^rz^a contumelia : utrhnouti, -p. zdargnqö. ouvrat L F&ug-wende^ p. iiwroc i. uwrot : uvrdtiti. 

vy: vybor, vybef: vyhern, *vyherdm mit langem e, vyhirdm. vyhranck, vyhrane j^emze 
zlin. 69. v^sev: vystti, vyseji. vysmech das Verlachen ist wohl auch verbal, vystupek, was 
prhtenck. ryscefdk, posmevdcek zlin. 11: vergl. p. icyszczerzac die Zähne fletschen, vystraha 
Warnung: vystHci, vystfehu. vyton Schwemme: vytonouti, w. top. 

za: zdhava: zahaviti. zdbel L der weissliche Hefenfaum : zabeliti. zdboi' : zaberu, zabrati. 
zälmba: zcdmbiti. zdjem: zajmu, zajiti usw. zdklop Fallthür. zdkon. zdrmutek: zarvioutiti, za- 
moiditi. slk. zdodev f. zdvora: zavru, zavfiti, w. ver. 

B. na: a) nddenni adj. diurnus, daher nädennik Tagelöhner, ndhubek Maske, ndledi 
Glatteis, ndrucnice. ndsled, ndsledek sequela, daher ndsledovati. nalet flugs ist keine Com- 
position. b) ndcerny. vidhluchly. ndkysly. ndzelenaly usw. 

jpfi: a) pHbfeh, pribfezi. pfibuzny, pHvvczny: 2'^'''i-qz-(vezati). b) pHbelavy. pHcely sub- 
integer, pncerny. pnsedivy. 

roz: slk. steht rdz dem c. roz gegenüber: für rdzcestie^ rdsol, rdsocha bietet das ßech. 
rozcesti, rosol (vergl. rosoUti), rosocha. 

sq: souboj Zweikampf, soiibor synthesis. soudruh Kamerad, soukromi secessus. sou- 
mrak crepusculum. soused vicinus. souvrat f. Pflugwende usw. Diese Ausdrücke sind nicht 
von praefixierten Verben abzuleiten, sie sind vielmehr Compositionen der Praeposition 
sou mit Nomina. 

?<; die Bedeutung des lo in vielen dieser Fälle ist schwierig festzustellen. Häufig 
wird es wolil ruir zur Perfectivierung verwendet sein : uciniti, woher oucinek, während es 
in anderen Fällen in der Bedeutung ,ab' auftritt: idjehnouti aufugere, woher oubeh; hieher 
o-ehört auch oidek in der Bedeutung , einweben', weniger an Gewebe erhalten als ange- 
zettelt worden, verschieden von outek subtegmen, p. imtek. ouboc Abwege p. ubocz. oucasten 
particeps, p. uczfistny. oudol, p. icqdol, loedol. outor Kimme, p. ivqtor. ouvoz Hohlweg, 
p. wqwoz. Fremd ist oidjor Korb, p. toeborek, icqioor für tvqbor. 

za: a) zäbfeh, zdbfezi. zädusi quod pro anima datur. zdldavi occiput. zdhorf. slk. .:«- 
humnia gemer. znusnice, zldza za uchem usw. b) zähnedly. 

do, nadö, o und 065, po, pods, prt, mit Nomina dehnen ihren Vocal nicht: do: do- 
casmj. nads: naddvefi. 0, ubü: oboci. ohiav. ozim; obcerny. po : poboci. pobfezi. pohofi usw. 
pobelavy. pods: podbradi. podhradi. podhofl usw.; p)odp)ily. pre: pfebohaiy, doch pfüi.<. 
preds: predbon, pfedhofi, predhradi usw. P]ben so mezirici: mezdurecije. 

na hat p. in vielen Fällen d aus ä, im c. nur in Verbindung mit desQte: jedenndct. 
aslov. jedins na des(^te usw. slk. jedendsf. Das dem Ausdrucke des Superlativs dienende, 
na, p. nd, lautet slk. naj^ c. nej : najlepsi, nejlepsi. Man beachte dial. nejlepsi zlin. 24, 
dessen 6 jedoch auf dem folgenden j beruht : oUj, nejsu non sum. 

C. ndlezeti angehören: coz krdli nälezi was dem Könige angehört. Dagegen: nale- 
zeti se genug lange liegen: to pivo dosti se nalezelo. pfindlezeti. pfilezeü: co k nemu pfüezi. 
zdlezeti worauf beruhen : to na tobe zdlezi dies hängt von dir ab. Dagegen : zalezeti liegend, 
faullenzend verlieren : nechfel toho casu zalezeti er wollte diese Zeit nicht verlieren, pr/- 
sedeti: k tem dedindm ptfisedi. pHsluseti: to mne pfislusi. ndvideti gerne sehen, lieb haben. 



2jg Franz Miklosich. 

nenävkUü hassen, zdvideti invidere: zena zdvidici zenö muller mulieri invidens-, daher 
zdvist: abweichend ist zä in zävicUti erblicken, zdviseti: zdviseU sme od krdle. Diese Verba 
sind alle imperfectiv und haben meist eine übertragene Bedeutung. Vergl. gramm. 4. 

Seite 311—314. 

Einige Verba werden wohl mit Unrecht hieher gerechnet: ndpodobiti findet sich in 
Jungmann nicht, ndsledovati, pr^ondsledovati beruhen auf ndsled, ndsledek. dovfati, zoufati: 
doufdm Pdnu Bohu ; kdo pfüis doufd, casto zoufd : diese zwei Verba gehören nicht hieher, 
da das Praefix den Vocal nicht dehnt. 

(1) Polnisch. 

A. na: kas. nodzeje sg. gen.: doch p. nadzieja. ndgroda koch.: nagrodzic koch, ndkiad 
bibl. kas. nohg Gewohnheit, ndmiot. ndprawa op. 10. ndröd. ndtrcit. 7idsienie bibl. kas. no- 
iüztÄ;j pl. acc. : äoch. ^. naioka: nauczyc. naioet, na zbyt koch, sind syntaktische Verbindungen. 

po: kas. pomazka. ponor Würmchen. l 

za: zdbaica koch.: zabatviö. kas. zobotvka Unterhaltung, kas. zddzerzga. zagon Acker- 
beet koch, zdchud koch, zdjem: w zdjem koch. 26: c. zdjem. zdkdl koch. 96. zdkon. zdh'pj. 
zdleig zar. 66. 83. zdmek, zomek op. 10: c. zdmek: zamkr,<ic. kaS. zdmk. zqmk, zqmkoch 
sem. 28. zomek hg. zdmet. kas. zoins Verschreibung. zdpiata koch, zdjjuata Lohn op. 22. 
zdprzqg. zdrobek. zdröd. zdslona koch, zdstempca zar. 71. zdtoka. Nicht hieher gehört 
zdrza koch. 84. neben zorza von der w. zer durch zors, zori; das ä von zdrza ist aller- 
dings auch durch Dehnung des o in zorza entstanden, zdioöd. zdwdanek zar. 84. 

B. na: kas. nohozenstico. ndczynie koch. nddii:orze: z nddworzd bibl. ndicsie op. 10. 
kas. ndzemnicM. ndzimk. 

za: zdkamien op. 10. zdkrzöw. zdmorze: z zdmorzd bibl. Daneben zajorddnski bibl. 
Schwierig ist die Erklärung von zdcny. zdcnoSc. c. vzdcny, aslov. '■^vs-za-cbstMiö. 

na wird in vielen Fällen /ui, vor allem, wenn es dem Ausdrucke des Superlativs 
dient: naamnyey minime sem. 16. kas. nodali. nodrogszq rzecz. przenomnji saltem. nostar- 
szemu. ndlepsi am besten op. 16. nddalej. iiäpeiüniejszq. nämniejszego. ndivi^cej. ndwysszy 
bibl. przyndmniy zar. 83. ndswietsza 71. Die AnAvendung des nd in so vielen Fällen 
macht es unwalirscheinlich, nd in nddalej sei aus naj entstanden, dessen a allerdings 
aucli verengt ist. kas. ndwici für najwiqcej. Hieher gehört auch naaprzod, naaprzood 
sem. 16. 18. ndprzod koch. bibl. kas. noprzod^ ndprzod. 

Dasselbe tritt bei der Praeposition na ein: nq sem. 27. kaS. no to samo mjesce. 
naa n sem. 16. nq n 27. nd n koch. bibl. neben na nie koch. 137. In der Verbindung 
mit desete: piqcinqscie sem. 28. dwandscie. pietndscie. siedmndsty bibl. So auch dtoandscie, 
piqtndscie g6r. hieskid. 352. kas. jednosce. dwanosce. jedendscie. Im polab. steht in betonter 
Silbe 0, in tonloser a: dvmöcte, dvenacte; pätnocte, pätnadist; sedmnöcte, sedmnadist usw. 
desdtnocte zwanzig. Es ist jedoch zwischen dem poln. d und dem polab. o aus den 
kümmerlichen Denkmählern des polab. kein Zusammenhang nachweisbar. 

Auch za geht in zd über: zq ni pro eo sem. 27: c. za n. kas. zo to. cu zd jeden 
mal in. 156. nl zd cz kocli. 164. kas. zos neben za.^ malin. 144. kocli. bibl. Vergl. na zod 
zurück kaS. 

Man beachte folgende Einzelheiten : dö nög. da nlej. da nick ot^. 16. dö nas, du nieba 
zar. 75. 81. poo n sem. 19. wee, aslov. vö, sem. 23. w(^ dnie 30. loe Siciat. itode mnie. se 
mnom. se mnie op. 18. se imui. zar. 73. przezen per eum sem. 30. 



ÜbEU die LANtlEN VoCAl.E IN DEN SLAVISCUEN SpUACHEN. 1 1 'J 

C. kas. nolezy oportet, ndlezy koch, ndlezana zar. 73. 7iiendtvidzfi. niendwise koch. ndiviSc, 
ndioiscic op. 10. zdlezy. zäzdrosö. zdzdroscmy koch.: zazrzec wohin blicken neben zdzrzeö 
beneiden, nd^ zd tritt nur in Verben der dritten Classe ein, die praefixiert imperfectiv 
bleiben. Vergl. gramm. 4. Seite oll. Dasselbe findet im cech. statt 313. Anders zu 
deuten ist ndjdzie, ndjdziecie bibl. ndjdzi koch. 21. 

Unhistorisch sind folgende Formen : nin^yschczye. zojjomnyal sem. 27. Man beachte 
noch iirzeedzesz transibis sem. 23. kas. ^J0fZa?{'S2e. pooge comedet sem. 19. und po)??oc op. IG. 
przeehita sg. gen. sem. 23. 

Dass die hier behandelte Dehnung und Verengung des Vocals des Praefixes oder 
der Praeposition auf dem Accente beruht, wird durch die Erwägung wenn nicht bewiesen, 
so doch wahrscheinlich gemacht, dass das Mittel, eine Composition als eine Worteinheit 
erscheinen zu lassen, in den arischen Sprachen nicht die Dehnung, sondern die Accen- 
tuation des ersten Gliedes ist. So geht in vielen Fällen auch das r. vor : zdheregs, zd- 
holoih, zdmokö und zamokö mit verschiedener Bedeutung; ndkish, ndkovahnja. ndsypi; nbyh, 
üvoloka, uzasn; vygouü, vynosd, vypads; dvanddesjah; zdvisii; man füge liinzu klr. ndtolp. 
cetyrnddcaf. nendvydyt usw. Vergl. op. 9. beitr. 8. 201. puchm. 19. Es tritt indessen diese 
Aecentuation im r. nicht so regelmässig ein wie die Dehnung im c. Der Einwendung, 
die Dehnung könne das Ursprüngliche, die Aecentuation das daraus Hervoi-gegangene 
sein, ist die Bemerkung entgegenzusetzen, dass sich wohl die Länge aus dem Accente, 
nicht umgekelu't der Accent aus der Länge zu entwickeln pflegt. Diese Dehnung hat 
functionelle Bedeutung wie der Accent im griech. otdXiO'OC, ^jj-ixsTpoc usw. A^gl. nhd. 
Missfallen und missfallen ; Ungeheuer imd ungeheuer. 

2. Vor bestimmten Suffixen. 

Mit bestimmten Suffixen ist jüngere Dehnung des thematischen Vocals verbunden. 
In manchen Fällen ist es zweifelhaft, ob die Dehnung im Suffix oder in den dem 
gedehnten Vocale folgenden Consonanten begründet ist: manche Worte sind daher an 
beiden Stellen angeführt. 

a) Neusloveiiisch. 

hje: brezje: hreza. smrecje: smräka res. 197, sonst smrika. 
bks, ökr>: mäcek, mäcka. 

b) Serbisch. 

ije: drvlje: drvo. 

qt: bltzne. celjdde. dijete. jjräse. zdrljebe usw. neben jägnje. järe. p'lle usw. 

Das fremde at hat langes a: advbkät. banat usw. 

hhs, dks: mdcak usw. 

c) Cecbisch. 

ije: dHvi: dfevo. doubi: dub. kldsi: klas. kviti: kvet. prouti: j^f'i'f- slk. fMa sg. nom. 
pov. 1. 159. Daneben dtihoin. hloM und neben pefi. 

ja: hrdze: *grazda aus gradi-ja. dmze. nüse. nouze. pece. pice. pldce. prdce. prize: 
*prqzda aus pred-ja. sdze, dial. saze. souse, vüle^ slk. voTa, p. wöld. vünS, slk. vöria. Das- 
selbe tritt ein bei hloub: p. giqb, giebi für glabi. houst^, houst. stf. 



]^20 Franz Miklosicii. 

m : pisen. plisen. Anders sind die Längen zu erklären in baseii. kdzen. pHzen. 

et: eilte, deti, slk. dieta, eleu, lukle, slk. hüda. knize. küU dial. 25. house. hfibe, hfehec. 
slk. zriehä, zrebec. küzle neben kozle, slk. kozla. Uste^ liska. tmouce. zvtfe, slk. zviera^ zvef. 
slk. dievca, holoube, slk. liolüb'd. slk. sfna. slk. strdca. slk. vlca. 

tlo, dlo: pfddlo. rddlo. cislo. mäslo. povfislo: a,&\o\ . povreslo aus -verz-tlo. Dagegen veslo; 
obeislo beruht auf väz (vdzati). 

men: bfime. pisme. pUmS. reime. simS. sleme. vyme neben teme. 

hkd, akü: hnzck. pocutek, slk. pociatek. dodeitek. doubek: dub. hfbek zun. 23. jarousek: 
jaros. klüsek: klas. kolovrntek. slk. krciazek. slk. küsek. podlistek zlin. 61. ofisek. zpdtky : 
zpSt, aslov. -peth. pl'sek zlin. 23. slk. potvcek. slk. rocek: od röcka Sit. rtizek. sklepek. 
skfitek: skfet Kulda 1. 69. 80. soucek. sveitky. vl'cek zlin. 23. vnoucek. vfsek zlin. 23. slk. 
vfsok. zaloudek neben zaludek zlin. 43, slk. zaludok. Daneben smutek. zbytek. dobytek usw. 
bleibt meist ungedelint: stromek. trosek: bei domek, stolek ist selbstverständlich von 
dorn, stol, nicht von dum, stid auszugehen. 

bko, dko: denko. l&zko. ousko. vicku. slk. jablcko. detcttko. housätko. holoubdtko: slk. 
holubiatko. knizätko. Dial. hfibitko pras. 26. 

hka, dka: cdstka, slk. ciastka. slk. celiadka. devitka. desitka. divka: eleva. halouzka, 
slk. habizka. slk. A^M« Tiefe, hretdka. pamdtka, slk. pamiatka. pokroutka: pokruta. pfdelka. 
ficka. slk. pfska. slk. p)otfcka. slk. pUka: nei pl'tkach. slk. sirötka. sklenka zlin. 52. 
strdnka 65. vecerka 44. 

ezh: drubez. krdelez. loupez. mlddez; fremd ist papez. Man füge hinzu sl'nce. sfnec dial. 71. 



(1) Poliiiscb. 

ije: peipie Nabel. 

jei: präca neben ^^/-acowrtc malin. wuola sem. 35. wohl zar. 71. 78. kas. proca 
neben nedza. 

m: boj/dn. przyjüzn. 

hkö. dkö: kwiätek op. 7. gor. bieskid. 351. eloddtek. upädek. przypcidek: kas. pr'zypodke, 
sg. instr. pierwiästek: th. "'prdvistd. kröwek. nagioivek. ogrödek. oiötvek. podbrödek. ijod- 
nözek. przysiöwek. wözek usw. kas. losk deniin. von las silva. pioczeUek. eleibek. golqbek. 
wzicdek. kcisek neben ke{dek zbiör 113. kas. kansk, kosk. krcizek. ksiqzek. majeijek neben 
majqtny. mosiqzek. pajqczek neben pajeczy von pajqk. rzeidek, obrze^elek, porzetdek. sqczek : 
Sek. sqdek vasculum: sei,el, g. sud, soudek. strcf,czki: streki zbior 36. tysiqczek neben tysi<^cy 
von tysieic. iczieiiek, kas. ivze^tk Gewinn. zajcf,czek. zcthek. zoiqdek neben snietek, jetzt aus 
dem klr. entlehnt smutek; pqpek. iviosek. ar in naparstek neben iei' in pierscieü hat viel- 
leicht den gleichen Grund. 

hko, dko: dziecicäko. kurczatko. zrzehiedko. kölko. mieisko. slöwko: suowko zar. 75. ziulko- 

hka.1 dka: gärlka op. 22. kas. ogrödka. zeiküddka Einschlag op. 22. klAtka 13. klodka. 
7i6zka. rohotka neben robotka malin. 173. sobötka. wödka. dzic{zka: dziqga, r. deraga. yaiqzka. 
geiska. grzeidka. ksiqzka: ksiqga. pamiqtka: pamiec. picistka: pießc. pieczqtka: pieczeö. po- 
krcitki. przcylka. rqczka. sprzeidzka. obreiczka. urißka, iceßka. powctzka lud 318. wstedka. 
hg. kurcontka. Daneben chetka: chqc. mietka. 



Über die langen Vocale in den sla vischen Sprachen. 121 

e) Kleinrussisfh. 

ije: hole, hohja rami. kameme. köTa, köi. koreribe. pene. zihe. veselja, veSehe und spa- 
seme. stvoremja sg. nom. und in Composita: nadöhie vasa. pazdene: pazdero Splitter. 
poddhje, podölja. pödhunje. pddvönje, pödvöre. 

hks, ökd: batözok. cohotky. hölka Ästchen, jabiocko. parohok Knecht, dzvvnok. 

hka, öka: ceredka. köstka. krychötka Krümchen, scetka. tetka. 

Die durch die Suffixe ts und 3 gebildeten Ordinalia von vier bis zehn haben 
gedehnten thematischen Vocal: 

nsl. cetrti , stft't. pefi (pet). sesti (sest). sedmi (sedem). ösmi (ösem). deveti (devet, 
der et), deseti (deset, desetj. 

s. chtvHi. 2)ett (pet). sesfi (sest) sedrni (sedam). usrni (ösamj. deveti. deseti. 

(5. ctvrty, slk. wohl ctvf-tjj. pet: pdty. slk. piaty. sest: sesty. slk. siesty. sesty zlin. 24. 
Msiy dial. 28. sedm: sedniy. sidmy dial. 28. slk. siedmy ; sedmy zlin. 24. osm: ösmy. vdsmy 
dial. 21. 25. 28. slk. usmy ; 6smy zlin. 24. devet: devdty. slk. deviafy. deset: desdty. 
slk. desiaty. 

p. czivdrty. fpiecj : piaty. (szesö): szosty. (siedm) : siödmy. (osm): osmy. (dziewiec): dzie- 
wiqty. (dziesiQÖ): dziesiqty. 

Wir sehen demnach in den Ordinalia von vier bis zehn die Dehnung des thema- 
tischen Vocals eintreten, und sind berechtigt in dem aus idr entstandenen är von czwurty 
eine Dehnung des ier aus er zu erblicken. Dass in czwdrty nicht ier eintritt, ist durch 
ein Assimilationsgesetz des p. bedingt. Auszugehen ist von ketvärta, ketverta, urslav. 
cetvertö, woraus nsl. cetrti, s. cetvrti usw. und p. cztwärty, czwdrty: das ursprüngliche er 
stellt sich ein, wenn an die Stelle des auslautenden ö ein h tritt : cetverth, p. öwierö aus 
czwierc. kas. ciciorty, das ein p. czwiärty voraussetzt, polab. cetjärty, r. cetverty). AVie 
czicärty und civierc sind twardy und cwierdzic, jetzt tivierdzic^ kas. cwiardy, vielleicht 
öwiardy, zu erklären; mdrtwy op. 7. und smierö; naparstek und das in pierscien erhaltene 
piers6: aslov. prösts; das in tarnawa (slk. trnava.^ tfnovd), tarnöw, tarnowiec erhaltene 
tarn für das unhistorische tarfi, tarn malin. 159. und cierii (slk. thi) ; czärny, kas. czorny, 
und czern, czernic: czärt, kas. czort, lautet c. dial. cert (cert) zlin. 24 ; statt czarcik erwartet 
man czercik. 

Auch diese Dehnung glaube ich als Nachfolgerinn des Accentes auffassen zu sollen, 
so dass die ursprüngliche Regel so mag gelautet haben : bestimmte Suffixe erheischen die 
Betonung der dem Suffixe unmittelbar vorangehenden Silbe. Man kann sich dabei, 
obgleich nur mit geringer Zuversicht, auf das r. berufen: doddioks. borödka: borodä. 
golövka: yolovd. iyulka: igld. lözka: lozd. nörka: nord. p)ol6ska: polosd. rucka: rukd. zenka: 
zend usw. 

Während in den angeführten Bildungen der thematische Vocal gedehnt wird, tritt 
im Comparativ häufig an die Stelle eines langen ein kurzer Vocal ein, eine Erscheinung, 
die mich befremdet: 

nsl. drajsi: dray. hüjsi: hüd. kräjsi, kräci: kräiek. mläjsi: mläd. lepsi : lep. stursi: 
stär. Man füge hinzu blize. brze usw. Vergl. 2. Seite 322. 

s. bjelp : b'ijel. crnji: crn. dräzi: dräg. kräci: krdtak. krüdz: krüt. mlädji: mläd. Ißpsi: 
tezi: tezak. sküpljt: sküp. vrüci: vrüö. zivlß: iiv, Vergl, Danici6, Oblici 44. 45. 

DeniBchriften der phil.-hist, Cl. XXIX. Bd. ' 16 



122 Franz Miklosioh. 

c. helejsi: büy (bei), blizsi: blizky (blize). kratsi: krdtky. uzsi: üzhj. Daneben sind die 
Comparative mit gedehntem A^ocal zu beachten: daleko: ddle. hluboko: hloube. hustS: 
houst(e). liosledne: posleze. j^'-etZne; ac. pnze. snadno: snäze. siroko: sif(e). üzko: iiz(e). vice, 
vysoko: vyse. 

p. gor^tszy : gorncy. niedrszy : mqdry. rrtszy : raczy. skepszy : skqpy. tv(^zszy : wqzki. 

3. In der ersten Silbe zweisilbiger Worte. 

Im c. wird die erste »Silbe eines zweisilbigen Wortes häufig gedehnt: 

bfiza neben breza, nsl. breza. hüra neben hora, nsl. göra. kämen, slk. kamen, nsl. 
kämen, kura neben kora. küsa neben kosa, nsl. kosa. krdva, slk. krava^ nsl. kräva. Upa, 
slk. lip>a. nsl. I'ipa. mäti, matefe. slk. mati, ')ua{, nsl. mäti. rüsa neben rosa, nsl. rosa, süa, 
slk. süa, nsl. sila. sldma, slk. slama, nsl. släma. smüla neben smola, nsl. smöla. snva neben 
sova, nsl. söva. zdba, dial. zaba dial. 10: nsl. zäba usw. 

Hiehergehören die Infinitive : biti. bditi: bndeti. bliti. blisti (blodu). bfisti. ctiti: chstiti. 
cisti. hfmiti. chtiti: hstiti. jisti. jfti: jeti. Ihdti. miesti alt: mdsti: mesti. müi : imeti. mntti: 
mhneti. myti. pect, piti: p)':^'- T>sdtl: sup. ptsat. pruti : p)re^sti. pnci: presti. rdüi se: rsdeti 
se. rüsti. sküsti. spdti: sup. spat vergl. gramm. 3. 373. zndti. Ob auf diesem Grunde 
auch die inf. mliti. mfiti. tftti usw. beruhen, ist zweifelhaft: vergl. nsl. mUti und mreti. 
dial. ist met habere, dat dare dialekt. 36. 44. Dial. findet sich auch biju, pijn, siju; kryju, 
myju zlin. 24. 39. Ausgenommen sind: jeti vehi. moci posse. p>Pti canere; vielleicht auch 
vrcÄ iacere. Dialektisch sind mlet, tjat, zat für raleti, ralUi^ titi, ziti zlin. 3!). 71; eben so 
Mast, krast, prast 24. Dass in diesen Fällen die Dehnung durch den Ton hervorgerufen 
ist, zeigt sich aus den praefixierten Verben wie zabiti, vybrati, dobyti, pfikryti, vypiti., 
poznali usw. ; so ist auch nechteti zu deuten. Dass in naditi, ohfdti, popfdti usw. die aus 
der Contraction entstandene Länge bewahrt wird, ist natürlich; daneben findet man 
jedoch auch vynesti, upeci usw. 

Die durch Abwerfung des i einsilbig gewordenen inf. haben im slk. langen Vocal, 
woraus sieb ergibt, dass das i ziemlich spät abgefallen ist: bfst waten, hrlebst. hryzt. 
liezt. möct. niest, npieci. piaf. pUest. p)i'^(^^f- ''^^•''^ crescere: c. rästi. riect. skvbst. 
sfrict. tiect. tief, triast. viest. viezt. vliecf. Dagegen im doud. Dialekt : vect (vedu). vest 
(vezu). liest, pect. pAect (p>letu). tect. med (metu). rast 7. und slk. tat usw.; slk. jesf, nsl. 
jesti, s. jesti. 

Auch im p. scheint die Accentuation in zweisilbigen Worten Dehnung hervorgerufen 
zu haben : 

druga via sem. 36. droga op. Iß: droga. göra: gora op. 16. ktöry: ktory op. 16. 
kas. kruoira i'uk. 23. vioocy sem. 19. kas. muorze Juk. 23. piöro. shiry pelles sem. 36. 
kas. wuoda i'uk. 23. ivtoore sem. 19. Man beachte auch die inf. biec. mh'c. piec. siec. 
smi<i6. cicc. trzec. iclec. 

Die gleiche Erscheinung beobachtet man im Westen des nsl. Sprachgebietes, wo 
man kräva usw. für kräva usw. im Osten spricht: es ist dem nhd. leben aus leben ver- 
gleichbar. Für das res. wird kräva, skäla accentuiert, und bemerkt, d sei nicht ent- 
schieden lang. Die inf. haben im nsl. und s. kurzen Vocal: btti, bräti, znäti, späti usw. 
Die nsl. Supina dehnen den dem tö vorhergehenden Vocal : brät, gnät, spät usw., während 
ihn das C. kurz lässt: inf. späti, sup. sp)at vergl. gramm. 4. Seite 875. 876. 



Über die langen Vücale in den slavischen Sprachen. 123 



IL Alte Läng-en. 

Wenn hier unter der Überschrift ,Alte Längen' nur von den nasalen Vocalcn ge- 
liandelt wird, so ist daraus nicht zu folgern, als ob alte Längen nur In (;. und q zu 
Tage träten: ich habe mich auf die Untersuchung von e und q beschränkt, die Erfor- 
schung der alten Längen in den übrigen Vocalen andern überlassend. 

Dass sich t und q aus mit den nasalen Consonanten n oder m schliessenden Silben 
entwickelt haben, ist ein unbestreitbarer Satz: U^ti aus Identi. jetl &\xs, jemti, breniQ aus 
hremen; berqtö aus bero7it5; daß aus dointi ; da aus dorn 2. und 3. sg. aor. Dieser Umstand 
kann den Forscher geneigt machen e und q für ursprünglich lange Vocale zu halten, 
d. i. für die slavische Ursprache Meti, dqti usw. anzunehmen. Die uns in den slavischen 
Sprachen entgegen tretenden Erscheinungen sind jedoch diesem Satze in geringem Grade 
günstig; sie nöthigen uns vielmehr zu der Annahme, dass den jetzigen nasalen Vocalen 
und ihren Eeflexen theils kurze, theils lange Silben zu Grunde liegen. Wer der Ansicht 
huldigt, alle slavischen Sprachen hätten ehedem nasale Vocale besessen, wird (^ und e, 
q und q ansetzen; wer jedoch glaubt in der slavischen Ursprache mit den nasalen Con- 
sonanten 71, m schliessende Silben annehmen zu sollen, wer demnach überzeugt ist, aus 
urslavischen en, em und 07i om (wobei e die helleren, o die dunkleren Vocale darstellen 
soll), seien aslov. e und q und jene Laute hervorgegangen, die diesen in den anderen 
slavischen Sprachen gegenüber stehen, wird en, em und en, em, so wie ön, Öm und an, 
öm voraussetzen. Die Vergleichung lehrt, dass in diesem Punkte neuslovenisch, kroatisch 
und serbisch mit einander eben so übereinstimmen, wie andererseits cechisch und polnisch, 
dass jedoch auch beide Reihen von Sprachen hinsichtlich der Länge und Kürze der den 
nasalen Vocalen zu Grunde liegenden Laute mit einander nicht selten harmonieren : so 
entspricht aslov. jezyk nsl. jezik, kr. jezik, s. jezik: es haben demnach alle drei Sprachen 
kurzes e für aslov. e, en; das c. bietet in jazi/k kurzes a, und im -p. jp^zyk ist, wie später 
gezeigt werden wird, e der Eeflex eines kurzen Vocals. aslov. maka kiutet nsl. möka, 
kr. und s, miika, 2. mouka und p. mqka: das ^^'ort hat daher im nsl., kr., s. und c. lange 
Vocale an der Stelle des aslov, q, ön, und das p. q in maka ist der Nachfolger eines langen 
Vocals. Keine Übereinstimmung findet statt in den dem aslov. JQcati entsprechenden 
Worten: nsl. jecati, kr, s. jecati und c, jeceti, p, je^czec; eben so in den Worten für 
aslov, rqka: nsl, 7'öka, kr, s. rüka und S. 7'iika, p. reka. 

Es folgt nun die Betrachtung der nasalen Vocale und ihrer Reflexe und zwar I. in 
der ersten Reihe von Sprachen d. i. im nsl,, kr. und s. und II. in der zweiten Reihe 
d. i. im c. und p. 

I. Erste Reihe: nsl. k r. s. 

A. nsl. s. kr. e für aslov. e setzt urslavisches en voraus. Difierenzen zwischen nsl. 
und s. sind nicht selten. 

bled: nsl. biedern (e ist nicht vollkommen sicher), brtjc: s. brecati. c. breceti. cests: 
nsl. desto, s. cest. c. casty. cesth: s. cest: od cesti ex parte, c. cest. cett: nsl. zaceti. 
s. zäceti. (5. zaclti, zacal desetb: nsl. deset. s. deset. ö, deset. deveih: nsl. devet. s. di'vet. 
g. devet. ghdetl: nsl. gledati. s. gledati. c. hledeti. grexla: nsl. greda. s. greda. c. hfada. 
gr^znqti: nsl. greznoti. s. greznuti. e. hfeznouti. jeti : nsl. jeti. s. bteti, uzeti. (5, jiti, jal. 

16* 



124 Franz M 



RANZ iVllKLOSICH. 



jarebh: nsl. jereh. s. järeb. c. jerdb. jastj'^hi: nsl. jästreb. s. jästr'eb, jästrijeb, wie von 
einem Nomen auf -ebh, c. jestmb. jek: nsl. jecati. s. jecati, jeknutl neben ßcati. c. jeceti. 
jedro: nsl. jedro. s. jezgra aus jezdra. c. jadro. jetro: nsl. jeira pl. s. jr/?-« f. c.jätra pl. 
j^try : s. jetrva. c. jatrev. jpza : nsl. _yeza. klecati: nsl. klecati, s. klecati neben kleknuti, 
kledi, klecati. kl^ti: nsl. .t/ef«. s. ^^eif«, partic. Ä;fö^. /t?'§^; nsl. krenoti. s. krenuti. kretati. 
ksn^zb: nsl. Ä;nez. s. Ä;nt'3. /(ji-; s. ^ecafz se minus bene valere, eig. sich strecken, lo/lvh: 
nsl. Zcf/ye. s. ^V/y'o pl. /^_^fl." nsl. lezem. s. iHem, legnSm. l^sta: nsl. ^eca. s. /eca. mpkdks : 
nsl. mehek. res. mihko. s. mcÄ;; mecati emoUire. pomenqti: nsl. spomenem se. s. spbmenem. 
spornen, m^so: nsl. VHe^o, «lesö. res. 7)««^. s. ???eso. nif^ta: nsl. 'meta. res. «wto. s. m'etva. 
m^ta: nsl. metem rühre Butter, s. mesti, meiern (maslo u stapul): dagegen inesti, metem ver- 
rere, aslov. ?«es^2, metq. meti comprimere : nsl. me^z, niänem. pamqU: nsl. pämet. s. pämet. 
mSsqch: nsl. mesec. res. mlsac. s. mjesec. podh: nsl. pec/. s. pec?. penezh : nsl. penez, penezi. 
s. penezi. p^sti: nsl. pest. s. pest. peta: nsl. pe/a. s. jJeta. peti: nsl. napeti. s. peti, penjSm. 
p^tb: nsl. pe<, petek. s. pet, petak. vdsp)e.U : sp)et. res. .s^je^ s. ö/)<5^. p/f.sa<^.• nsl. p/e.sa^?', 
plesem. piresti: nsl. presti, predem. res. spräst, prede, predi. s. ])resti, piredem, predi. prqg: 
nsl. 7iapreci, naprezem. s. zapreci, zapregnem. prqg : nsl. prezati: socivje p7^eza, lan se preza 
die Samenkaj)seln des Leins springen auf. prqtati: nsl. spreten, wohl mit e in erster Silbe, 
s. spretan, spretan exiguum spatium requirens. reds : nsl. red. narediti. res. redit nutrire. 
s. red. rediti. ridjati. reg: nsl. rezati se. s. rezati ringi. *rpph: nsl. rep. s. rep. r^sa: 
nsl. resa. s. ?'^5a. *s5r^stati: nsl. srecati. srecam. res. sa sracata. s. sretati, das nicht un- 
mittelbar verglichen werden kann, se^dq: nsl. sedem. s. sjedeni. se^gnati: nsl. segnoti. pri- 
seci. s. doseöi neben segnuti, s'ezati. st^knqti: nsl. useknoti. s. useknuti. c. vysdknouii. sezhm: 
nsl. sezenj. res. sezen. s. sezanj. svejs: nsl. sre^ s. swe^. s^tati : nsl. Äe^afü' se. s. seiföii se. 
?6^; nsl. 2^ofegnoti. res. natehnut. s. potegnnti. zatezati. tqti: nsl. ?e^i, fne??i beissen, bei 
Jarnik: e ist Yermuthung. tehkd : nsl. ^eieÄ;, ^el^7". res. ^ela^ neben tezäk. s. tezak; da- 
gegen fezaÄ; agricola. tresti: nsl. tresti, tresem. s. ?re5^i, tresem. veß: nsl. venoti. res. wädlo. 
s. venuti. v^ste : nsl. ?;ec. recz, reÄ;«. res. t-ac. s. wec; ^'e«. v^zati: nsl. vezati, vezem. s. ve- 
za^/, velem : vergl. veÄ<<, vezem. vitezr, : nsl. vl^ez. s. ^/'^7e^. Z(?6 ; nsl. zebsti, zebe. s. zebsti, 
zebe. zvt^k: s. zweA"; zvecati neben zvecnuti, zveckati. zezda: nsl. ieja. s. iedja, zedj, zedan 
neben zedjan. zelo aculeus : nsl. zälec. s. zälac. zeti: nsl. le^/, zmem. s. zeti, zmem, bei 
Danici6, Oblici 76. zeti, zäleti usw. z^ti: nsl. 26^2. res. io^ s. zeti, zänjem. 

B. Nsl. s. kr. 6 für aslov. ig setzt urslavisches e?i voraus. 

*d<itelja: nsl. detelja, im Westen dentev. s. djetelina. c. detelina. dqtlö: nsl. c^eYe^. 
s. djetao, als ob das Wort aslov. rf^^/s lautete, c. (i^?e^, j'efe^. gredq: nsl. ^?'em aus gredem. 
s. gredem, gresti, gredom. j^zyks: nsl. jezik. res. jazik. s. jezik. <S. jazyk. jqchmy : nsl. jecmen. 
s. jecam. c. jecmen. pr^d: s. predati, pr^enuti trepidare. prezda: nsl. preja. s. predja. 
striata: nsl. sreca. s. sr'eca. z^th: nsl. seC. res. zaf. s. z'et. Nicht zu vergleichen sind 
j^dro cito: nsl. jedrno. l^dina: nsl. ledma. s. ledina. zaj^ch: nsl. zec aus rey'c, zajV, zajec. 
s. z^c neben zajac, wie aus zajr.cb. 

e für aslov. (j kömmt vor 

1. vor dem Suffix nt der Participia praes. act. : nsl. gorcci. kr. govoreki. videhi hg.: 
^ bezeichnet hier die Länge überhaupt, s. nösehl. v'idehi; 

2. in Worten aj im sg. gen. der a-Stämme: dus(;, urslavisch auch rybe neben ryby. 
Das für dieses «j eintretende e hat seine Länge bewahrt: nsl. oce. vode; z göre, vode hg. 
res, cirkve. höre. koze. ohe patris. sestre. vode 78. kr. one diese zvelicenje. miüce. urS. 



Über die [.axgen Vocale in den slavischen Sprachen. 1 25 

vojske. zi vode ex aqua hg., Worte, in denen e wohl nur langes e bezeichnen kann. s. zen?. 
sve omnis, totius : hieher gehört auch mäterP, so wie der pl. gen. mäterä; b) im pl. 
acc. nom. der a-Stämme: das e für q scheint im nsl. im fernsten Westen die Länge bewahrt 
zuhaben: res. koze. sestre. zane 79. Sonst ist die Länge im nsL, so wie allgemein im 
s., wohl auch kr., geschwunden: zhie. Doch kann im nsl. die Dehnung eine Folge der 
Betonung der auslautenden Silbe sein, da neben koze auch koze geschrieben wird res. 92; 
c) im pl. acc. der sfaj-Stämme: von dem e des pl. acc. der 3('aj-Stämme gilt das gerade 
bemerkte: res. kotlt. stole. icole boves. pce canes 79. s. jelene cervos. oräce. Auch hier ist 
das e im nsl. nicht unzweifelhaft, da neben kotle auch kotle vorkömmt 92; d) in der 
3. pl. praes. der Yerba IIL 2. und IV : nsl. göre neben gorijo. störe neben storljo. s. vidS. 
nöse. Neben dade hat das nsl. vedö, jedö, das s. dddü. 

e für aslov. e findet sich 

1) in Stämmen und zwar a) im Suffix qi der Nomina n. : kvc. catulus leonis. Das 
dafür eintretende e ist nsl. und s. meist tonlos: nsl. tele. res. tale, dessen e wohl kurz 
ist. s. tUe, teleta; h) im Suffix men (me) der nom. n. Auch das e von me ist kurz: 
nsl. pleme; doch itne; inte hg. s. pleme; 

2. in Worten und zwar a) in den sg. acc. mq, tq, sq, die, weil enklitisch, accentlos 
sind und daher kein e haben können: nsl. me, te se, res. auch ma, ta, sa 54; b) in der 
3. pl. des Aorists, der jetzt nur im kr. und s. besteht: s. pletose. 

C. Nsl. ö, s. kr. ü für aslov. q setzen urslavisches ön voraus. Difi^erenzen zwischen 
nsl. und s. sind hier häufig. 

qgh: nsl. vögel. s. ügal. c. ouhel. qgh carbo : nsl. ögel, vögel, öglje neben voglen. 
s. ügalj. c. uhel. qgrinz: nsl. vöger. s. ilgrin. c. ulier. qhati: nsl. vöhati: vergl. s. njü- 
s'tti. qs5: nsl. vös. c. vous. qth: nsl. vötel. res. wotli. 2. ütly. atri: nsl. nöter, noiri. 
res. nütar. s. unutar, unvira. c. vnitr. qtzkö: nsl. vötek. c. outek. qza: nsl. vöza. q.zdks: 
nsl. vözek. s. üzak. c. äzky. qze: nsl. vöie, vergl. göza. s. uze, vergl. güzoa. qzh anguis : 
nsl. vöz. bqhhm: nsl. höhen, s. hühanj. hqdq: nsl. hödem, hörn. s. hudem. hlqds: nsl. blö- 
diti. s. blüditl. dabo: nsl. döb. s. düh. dqga: nsl. döga. s. düga iris. düga tabula, Daube. 
dqgd in nedqgs: nsl. nedözje. drqgz: nsl. drög; vergl. s. drüga Zwirnspindel, gqb-: nsl. göhec 
Schnauze, s. gühac extrema pars prorae, vergl. p. geba: davon verschieden gqba spon- 
gia: nsl. göba, vergl. s. gtiha lepra. gada: nsl. gösti. s. güdjeti. gqstd: nsl. göst. s. gast. 
gqsh: nsl. gös, göska. s. güska. golqbh: nsl. golöb. res. holup. s. gölüb. grqdb: s. grädl. 
grqziti: nsl. pogrözüi. Idodö: nsl. Idöd. homqts: nsl. homöt. s. hömüt manipulus. hrqstb: 
nsl. hrösc. *jqka- aus jqk- , w. jqk : nsl. jökati. res. jökat, vergl. s. jeknuti. kqdeh: 
nsl. ködelja. s. kudjelja. kqdrh: nsl. Ä:öcZe?-. s. küdrav. kqkoh: nsl. kökolj. s. kükolj. kq- 
pati: nsl. köpati. s. kupati. kqsö: nsl. Ä-ö.s. s. ä;ms, knsati essen mit vollem Löffel: 
nsl. ä;ms/^«, Ä^fisa^j schmecken, s. ä;z<5 Geschmack hängt mit aslov. Ä;ws?i;« zusammen, katn: 
nsl. A-ö!?. s. küt. klqph: nsl. Ä:Zöp. s. klüpa. krqgr, : nsl. Äirö^r. s. krüg. krqtn: nsl. Aro^o 
valde Krell, wohl kröto. s. Ar-wi crassus. labqdh : nsl. feioc/ dalm. : Ton und Quantität 
unbekannt, s. läbüd. Iqciti: nsl. löciti. s. lüciti. Iqg5: nsl. log. res. ^ö/i. s. Z«,^. Iqka: 
nsl. ZüÄ:a. s. Z2(Ä;a. Iqks: nsl. M-. s. Z«A. mqdo : nsl. res. i^McZa penis cum testiculis. 
s. mi'ido. madrs: nsl. rnöder. s. mvdar. maka farina : nsl. möka. res. möÄ;«. s. müka. 
r. mziÄ:d. *mqch7iik3 : nsl. möcnik. res. mücnik Mehlmus. s. mücnjäk arca farinaria. mqtlti : 
nsl. mötiti. res. sa zmütit. s. mütiti. mqzh: nsl. möz. res. raws neben ömözena. s. ??);tz. 
■orqdije: nsl. orödje. otrqbi: nsl. otröbi. res. otrohe. 2)<^<i^^- '^sl. pävok. s. ^jä^lÄ;. pqditi: 



J26 Fkanz Miklosich. 

nsl. podlti. res. spödit. s. püditi. pqpd: nsl. pupek. s. püpak umbilicus. piipak calyx. 
pqto: nsl. pöto. &. pTtto. pah: nsl. pöt. s. |J«^ prqdn: nsl. prö(^. s. J9r;4(^ syrtis. prqga in 
pop)rqga: nsl. pröga. s. prvga. prqts: nsl. p)'ö^. s. ^jr«^. rc{63.- nsl. rö6, röhiti. res, ?'öp 
collis. rö6/c. nd rbe verkehrt, sonst na rohe. s. räb. rqgn: s. rüg. rqka: nsl. röÄ;a. 
s. rvka. ohrqch: nsl. obröc. res. ubarc. s. öbtHlc. rqzije: nsl. orözje. s, brüzje. sqd- : 
nsl. posöditi. s. posüditi. sqds iudicium : nsl. äöc/. s. swcZ. äoc/s vas : nsl. söcZ. s. .s«c?, 
ÄrtÄü surculus : nsl. sök. sqsedd: nsl. sösed. s. süsjed. skqps: nsl. sÄ;öp. s. s/«<p. stqpiti: 
nsl. stöpiti. s. stüpiti. strqkö : nsl. s<?'ö^■ (cesna). res. i^röÄ; allium. s. struk. svqds : 
nsl. ÄJHöd Senge, s. smnditi. tqca: nsl. ^öca. res. ^öca grando. s. ^«ca. /q^a.- nsl. ^ö^«?, 
/öi/;;/. res. ?öAa, tözen. s. <?;.(/«, tuzan. tqpn: nsl. Zop. s. /^tp. tral^a: nsl. tröha. s. trüha. 
trqdd: nsl. ?röfZ Kolik, trqdr,: nsl. ^rö^; P'euerschwamm, s. ^rrttf. trqsö: nsl. trösiti. trqts 
fucLis : nsl. frö^. s. i?v7^. vqditi: nsl. vOditi. zqbö : nsl. ;ö6. s. 2«6. zelqdi: nsl. ce«!o(:/. 
s. zeliid. 

D. Nsl. ö, s. kr. M für aslov. o setzen urslavisclies 6n voraus. Die Übereinstimmung 
zwischen nsl. einerseits und s. kr. andererseits ist hier gering. 

qboi'skü: s. uborak. qda: s. tidica. c. udice. qgorh : s. ngor. C. ühof. '"'qtorn: s. Tdor. 
ß. 2^^or. p. icqtor. qtj/ : s. ütva. dqti: s. düti. halqga: s. häluga. kqsta: res. kiica. 
s. Ä'ftca. klqbo: s. klTwko. mqka cruciatus : nsl. müka; hg. moka, wohl mökä. s. mnka. 
r. müka. pajc: s. pilci, pllknem, pücati. stqpa mortarium : nsl. stöpa. s. st'äpa: fremd. 
stra^ga: s. strilga ist rumun. strungt. 

ü, ft für aslov. « findet sich 

1. in Stämmen und zwar oj vor dem Suffix nde, nda: nsl. ködi. po vsödl. todi; 
res. otköt. psöde. powsöt: ka/M. vhsqde usw. aus konde. visondi usw. s. kuda. svudä. tudä 
mit verkürztem u; b) im Suffix ad: peröt ala dain. •, c) vor dem Suffix 7?^ der partic. 
praes. act.: nsl. vpijdc. delajüc. res. lazöh cubando 81. s. pVetühi. cuoajuhi. khpujiih.i; 
imnh. luogüh. wuh; 

2. in Worten und zwar a) im sg. instr. der a- und ^-Stämme : nsl. nha - ribo. 
vöda - vodö, klopjo mit langem o. res. ziz ivodö cum aqua, s pakö cum rupe, aslov. pestiZ/q. 
ziz mlü mecum. s tabö tecum 78. s. zenom. Eben so s. mnöm. toböm. soböm. jelenom verhält 
sich zu zenuni ■ wie p. iviatrem (op. iviatre) zu zona^. kr. hat ü: podrekü, patriarlm für 
s, patrijarhom. gospodü rad 16. 1. Die fem. auf '> haben im sg. instr. den Auslaut 
_/'« für aslov. /V/, daneben jom Vergl. gramm. 3. Seite 213: stvärjii, krvlju, kcerju: das 
daneben bestehende stväri, kfvi, kceri findet ein Analogon im c. bolesti (s bolestl lio 
cekäm zlin. 34). Für die Deutung des i aus im scheint das i selbst zu zeugen, das 
aus im begreiflich, durch den Abfall des jq unbegreiflich ist, da in diesem Falle wohl 
nur /. stehen könnte; bj in der III. pl. praes.: nsl. gredö, aslov, gredqtö. jede neben 
jedö, aslov. jadetö. so sunt. res. posjö mittent 92. s. pletu. kana (klhuatn). cüvajü. berd: 
daneben j'^su. 

ö, ü für aslov. q finden sich 

1. in Stämmen und zwar im Verbalsuffix )iq: dem q in »(V, entspricht weder nsl., 
noch kr. s. ein langer Vocal : ginvti im Osten, giniti im Westen, res. pvhnbt^ p)o]inoL 
poteknut. s. tbnuti ; 

2. in Worten und zwar a) im sg. acc. der a- Stämme: nsl. rlba hat ribo ; vöda-vodü 
mit langem o. s. zewi; b) in der I. sg. praes.: nsl. res. hö, aslov. Imtq. s. libcu: h?i in 
re\\i hio ist enklitisch; c) in der III. pl. impf.: pletijähu usw. 



Über die langen Vocalb in den slavischen Si-rachkn. 127 

II. Zweite Ileilie: c. p. 

A. en. c. ja, je (d, e), p. ja steht altem en gegenüber : 

ddsen aus ddsen, slk. däsno, jäsno; däsne zlin. 'dQ - dziqsia, \dv. jwiua, jashj, aslov. 
desna für drjna. hnzek, wofür flzek, in Mähren hronzek, ponevadz se s udici rijchle pohru- 
zuje. pohnziti für pohrouziti ist unhistorisch: ein p. p)ogrzazic gibt es nicht: aslov. groz-, 
jddro-jadro; polab. jorZr//. jntra - jajrznica ; polab. j'cifra. jefdb - jarzqb, jarzqba. jestfdb- 
jastrzah, jastrz<ihia. jltriti ehern machen- jajrzyc. kldtba, slk. kliatba-klaiioa: vergi. c. klela. 
kfdtati, vymykati - krzajac siq sich tummeln ; s. kretati. krdz slk. : vv. kr<ig, woher kra/ja. 
Idhev - Iqgietü. mesic - miesiqc, miesiqca, daneben miesicjcy, miesiqczny ; kas. miesanc. mdzdra, 
slk. miazdra, viiazgra - mipzdra, hhnkä membrana zof. 322. tob. 11. 14, jetzt miazdra, 
m%ezdrzy6, onieso xvyrzynac. peniz, ac. pendz^ slk. peniaz; penizüv , pemztim usw. neben 
penez, penezüm usw. in verschiedener Bedeutung - pieniadz, pienmdza, pieniadze (slk. pe- 
niaze), pieniqdzach neben pieniedzy (slk. penazi), pieniqdzmy ; pieniezny. pid-p)iaßz^ minder 
gut pi^dz. piddlit sa, vypmati se zlin. GO : aslov. p^//, |96?iö. fdd neben rad-rzad, rzqdu 
und rzedu mit verschiedener Bedeutung •, rzqdny, rz^dny. obfäd - obrzqd, obrzedu. fiditl- 
rzqdzic. sah neben sdha, siha-siqg neben sia^ga zbior 49. lud 320; sazeii für siqzen. 
sähnouti, sdhnu neben siehni - siqgnqc neben sirgnqc; kas. signanc: vergl. c. sahn, sdknoutl- 
siqknqc neben si^knqc. slezsko - slqsk, daneben c. slezäk und p. slt^zak, Mazak. tähnouti; 
tik Gelenk -ciqgnqö; ciqg. ciqgle, ciqgle zbi6r 17; pociungac zar. 58; kas. c'tgnanc; vergi. 
c. tah und tahu. tdzati - ciqdzac, minder gut ciqzac; aslov. tqzati: w. tQg. tisic aus tysic- 
tysiqc, das nicht als pl. gen. aufzufassen ist, tysiqczny ; tysiecy : tysic entspricht einem 
aslov. tysesth-, kas. tesuncz, tesancz, tesinc. väzati, viezi, slk. vlazat - wiqzac; kas. wianzac; 
polab. ■üöca/.- xergl. c. vezen, vezeti und reziti. obdslo aus obväslo - obiciajio ; vergl. powiaßo : 
-ztlo. vdznouti, viznouti - wiqznqc neben tdqznqc. z&bnoiiti, zibnouti - ziqbnqc neben zie,bnqc: 
vergl. zebe, slk. zabe. zajic, slk. zajdc-zajqc, zajqca neben zajeczy. zddati - zqdaö ; iadliwie zof.; 
ka§. zqdac, zodac, zadac. Das 2. zoudat doud. 7. wird als sesileny tvar von zddati ange- 
sehen. Für das en einer grossen Anzahl von Worten lassen sich Regeln aufstellen: so 
ist das en von 6. pocdtek, desitka, devitka, knize, pamdtka, slk. pamiatka, pmstva (pred) 
Kunkel, sicdtky, p. poczqtek, dziesiqtka, dzieiviqtka, ksiqz<i, pamiatka, swiqtki im Suffix 
begründet. Dieselbe Erklärung des en gilt für c. desdty, devcity, 2^äty, p. dzlesiajy, dziewiajy, 
piqty. ß. leceti, aslov. lecati, ist ein iterat. von le^k: auf Iterativen beruhen vielleicht 
auch andere en enthaltende Formen : zeb-^zqba-, und daher znbnouti, ziqbnqc. e/i für en im 
]). erldärt sich in vielen Fällen aus der Stellung des Lautes in der vorletzten Silbe, denn 
wie die Endsilbe dem q, so ist die vorletzte Silbe dem e, günstig: jarzab, jarzeba. 
c. jefdb, jefdba: älter als in jarzffia ist e in jarz<ibi. c. jafaby. Man beachte dial. ja- 
Mrzdmba. 

Abweichend ist jati-ev - jqtreiv ; jatrewka lud 299. Vergl. c. bcracka, bolacka, jez ,od- 
birä^ hnisa zlin. 59. mit p. bolqczka, r. boljacka. 

en ist in der oppelnschen Mundart jo : 

jastrzomb, jastrzbmba. scioc abhauen, wziön aus ivzioi. oglodac. p)rzysiügac, p. ^>rr^ 
.sip^ga6 op. 18. 24. 

Auch kas. scheint dem en-o zu entsprechen: 

donswa, dosle luk. 2^-dziqsla. tesunc 32. Meist wird jedoch jq nach polnischer Art 
geschrieben: dzevjqte. dzesqte. pjqte. Fehlerhaft ist w^ohl pomjetka, pozedoj, p. pozqdaj. 



128 Franz Miklosich. 

Auch jjolabisch entspricht jo dem en: 

pat deföt. desuty. devijty. poty. jodrü. j'ötra. sjot sanctus : ein p. swiqt lässt sich nur 
vermuthen. vözat. 

c. ja, je (/t, e), p. ja findet sich 

1. in Stämmen und zwar im partic. praes. act. in den aus dem erweiterten Thema 
entstandenen Formen: c. chvälic, aslov. hvaleste. slk. ciniac. p. chivaliqc. Falsch sind 
die Formen: lezqcy Linde, widzec malg. 72. 3. morzi^cy im Reim auf bydlecy koch. 117. 
siedz^cych zar. 75 ; kas. bietet czinüic hilf. 55. goranci. sedzanci streml. 43. Abweichend 
steht dem p. q polab. ä gegenüber: hüläca Geschwür, eig. die schmerzende; codäc, 
codaci räuchernd: vergl. aslov. ccuh; d/ijacl melkend; merdci messend; 

2) in Worten und zwar in der 3. pl. praes. der Verba III. 2. und IV: c. hofi. 
chvdli; cliti, aslov. hstetd; eben so vedi; alt dndiä (klr. dadütj; jedi. slk. horia. dHi.a. 
cinia; stoja und stojä aus stojia. vedia. dadia. jedia. In der 3. pl. praes. der Verba III. 
und IV. findet man c. dial. den Ausgang ija, d. i. ije mit en: umija. hof'ija, scija. mJätija; 
eben so ija edunt, vija sciunt zlin. 39. 53 ; man merke vychäzijö sus. 364. p. kipiq. 
chioalq. wiedzq. dadzq. jedzq; dafiir dial. sedzom sedent hg. p)c<^^ icöjtowom miedzom ohraz- 
nicy siedzom, obrazki malujom, dziewczeta calujom gör. bieskid. 373. kas.: nawidzq. loiedzq. 
jedzq hilf. 54. 55. pudq ibunt. cziniq. majq streml. 32. dadzom 45. 
B. en. c. ja, je (a, e), p. je steht altem en gegenüber : 

brenkati - brzekac neben brzqkac. casty - czesty. cast, cäsf, slk. cast neben ß. cdstka, slk. 
ciastka - cz^sc neben czqstka. cala in zacala - czqia in zaczqi'a; dagegen -cza^c, -czqi: c. citi und 
p. czq6 beruhen auf verschiedenen Gründen, datel^i detel, slk. jatel - dzi^cioi. dehyl - dziegiel. 
dekovaii - dzi^koivac ; kas. dzekovac: ahd. danchön. devet - dziewiqö. deset - dziesiqc. hledeti, 
vyhled, slk. vyhTad- oglejly, ogledziny zbiör 88: glqdac scheint ursprünglich ein iterat. zu 
sein: icyghindac t^sly. 58. pfehled - przeglaß, przegladu neben ogledy ; c. shlednouti, slk. shliad- 
nut beruht auf shledati. hovado: asloY. govcjlo - fehlt -p. hrada, na hrede - grzeda. (gredire)- 
grzpßa. Pferdegetrapp. hfeznouti - grzqznqö neben grzqznqö; im partic. ugrzqzi ; c. bietet 
hfazl, hfezl neben hfizl. ehrest - chrzpjt. ja.la. - joJ:a, j^ctwo, dagegen Joe, wziqc, unhistorisch 
loziqsc; jqt, tvziql; kas. ivzion, pojonem: pojaJem. jafaby für kropenaty zlin. bb - jarzebi. 
jazyk - jezyk. jeceti -j^czec: c. jancl opav. 26. ist nicht ein ö. Archaismus, sondern eine 
Entlehnung aus dem nahen p. : \evgl. c. jeklivy. jecmen-jqczmien. (jqza) -jedza. jeklivy-j^- 
kliivy : vergl. jeceti. rukojet, rukovet - rt^kojesc £ür rekoje^c. klec - kleczalnik : vergl. klr. kiec. 
klec Pflugkrümme - A"^<j/i: ; ka§. klejci, r. polozija u sanej. kleknoiUi, kleceti - klejcnaö, klf^czeö. 
klela, proklela - klq,ia, przekl^ia; dagegen klac, klaj. (*knega, kniga, c. kniha aus kninha)- 
ksiqga aus kn^ga. knez - ksi^dza, dagegen ksiqdz; kas. ksäc; polab. knäz. koleda - kol(^da. 
lad: ladem lezeti-lqd, ziemia tf^ga: vergl. aslov, l^dina. ledvi -leßzwie. (leg in den Praesens- 
ioYm.Qn) - Iqgne, hge; logo zof. 104. /oi, laßmy impt. ; dagegen Uic, la^gi nehen lec, legi, 
slk. Idhnn, Idhl, aslov. lesti., legis: hieher gehört lag neben leg Brüten und dznvolqg neben 
dziwolezny imd zimolqg. Vergl. gramm. 3. Seite 453. (l<ik) leknu - hkne. ; zlenkli sie ]ig. ; 
daees'en Iqc, zlakl sie. rnaso - mieso neben mias, miasko. mafa - mieta. matu, mStes - fehlt 
p.: aslov. metq. me, tS, se, slk. mä, fa, sa, dial. mia, ta, sa, opav. m?(^, ciq, si^. mekky- 
mi(ikki. manu: zapomanu, slk. -manu, p. pomiorjr aus pomienq, pomiqnf^. pamet^ pamatovati, 
slk. parnät -pamiQÖ, pami(itac, pamiepywac. (mqla) - mieja, dagegen mia/, miai. mosaz, 
slk. mosadz - mosiqdz, mosirdz?i, mosi(^zny. pata-pieja. patro - j^ietro, piqtro; ka§. przctro 
Stockwerk; przantrz Gaumen, peeet - pieczej: neben pieczqtka: aslov. pecatb. ^je.sf - ^«(j.sc. 



Über die i,angbn Vocale in den slavisciien Sprachen. 129 

pSt-pi(>^. p4t in opet, zpSt, nazpet, slk. nazpät, daneben zpxltek, slk. zpiatkij - opkc ; opi0ö zof. 
(*petmo) -pictno, piqtno. pjala - picia, dagegen ^iV(^, pnql plesaü neben plesatl, slk. plesa 
cit. bb.-pksac neben plasac : pJqszcie koch, predic - przf^dq neben przqsc ; k&ü. przansc, 
priese, przandze. pfedivo -przpßzkco. pfehu neben pfdhnouti, pf-ähl - przc^ge^, pi^zf^fjia, dagegen 
jjrzqc, przqgl pfez: zäpfez- zaprzqz, zaprzqzy. preslice - przeßica neben przqsnica. pra- 
tatl slk. -prz<it Geräth, przqtac. pfaza dial. prddza slk., pfize - przedza. (pred) - kas. przondki, 
przodki Heuschrecken streml. 67. darf vielleicht mit aslov. pr<idati salire zusammen- 
gestellt werden : vergl. aslov. prqgs mit einer w. pr(^g salire. rasa, rasa - rzeja, rzqsa. 
rap Löffelstiel - ?-2rtp. fetez, slk. retaz - wrzeciqdz ; rzeciqdz zof. rzeczadz, rzeczqdzy; wrzeciqz 
lud 22G ; kas. rzecuz. sadra, sddra ist dunkel, sahu, dosahu neben dosihu, dosdhl, dosdhnu . 
dosiqgia, dagegen dosiqc, dosiqgl saha in pfisalia - przysif-ga. (sf^d in den Praesensformen) - 
sied(i neben siqdo, siqdziesz neben siqdziesz, siesc neben siaßc: 2. sesti, sisti hat mit p. siqSc 
nichts gemein; ixq.. sadu, sed. svahj - swirty. s'tediti - szcz^dzi^. stesti - szczpjcie. (^ steds) - szczqd, 
szczqdu neben szczeju aus i'krd, woher auch skqds, skqda Vergl. gramm. 1. Seite 99. 
(sthkgs) - szelqg, klr. seruh. tah-ciega; ciqg, ckgu, ciqgu. potah, slk. potah - pociqg, pociqgu. 
tahu, ieies- fehlt p. tala - cii^ia, dagegen ciqc, ciql tetiva - cit^ciwa. tezky - cif^zki. tres?i, 
tram, treses - trz<ise, trzrsla, did^gegen trzqsö, trzqst. vadnouti, vednouti: zav iadniit zlin. 70, 
slk. vädndt, svädly welk, vadl- wiqdnqc, loiedta, dagegen wiqdi : hieher gehört auch 
przyswiQgnqö, przyicrzec zbiör 50. vaz - tdqz, wi(iza, nach anderen tviqza. vec zlin. 25. 
vetsl neben vic, vice, slk. vätsl neben viac, viacej - wiec, iv^cszy, ivip^tszy, iciqlcszy : waciaio ist 
aus dem c. entlehnt : vdclav. vezeii - ivi^zien. vezeti, slk. väzet (väzenie) ; aslov. vc^zeti; veziti 
festhalten - it7V2/c geschlungene Arbeit machen: vergl. s. vezem sticke. (*v<cterb) - ivie^cierz, wq- 
cior Fischreuse lud 325 ; vergl. kas. uiancel Art Netz Stremler. vitez, viteziti neben vitiziti, 
slk. vitaz - wycipzca zof. zwyciezyc. zabu, zebe, zäblo; hieher gehört z'iqha Fink: fringilla 
dicta, quod frigore cantet et vigeat. zajeci, zajecina - zajqczy, zaje,czyna. zet-ziec. (zveköj- 
dzwi^k, zwif^k. Mala - zc-ia, dagegen zqc, id^aß, zaj: zbm. zala, slk. zat inf. - zda, dagegen 
zqc, zaJ: hn. (zplo)-zqdh, zqdh ; k&l. zanglo Stremler 34. 72. In czestotvac bewirthen und 
miedzy inter, ap. miedzy, kas. miedze, ist e unhistorisch: vergl. aslov. cbsU, p. czesc und mezdu. 
kas. lab, lamb für snop ist dunkel; dasselbe gilt vom kas. sprzantka, r. polevoj tmins. 

Pet, deset, devet haben desüi, deviti neben deseti, deveti, dial. nur desiti, deviti doud. 9. 
dvacüi, tficiti zlin. 36. slk. piati, piatich, piatim, piatimi ; desiati, deviatl usw. p. dial. 
piqci, dziesiqci gor. 354. piqci, dziesiqci, dziesiatit lud 294. 298, ehedem, wie es scheint, 
allgemein: piqci, piciciq; dziewiqci, dziewiqciq usw. z onych piqci p)anien görn. 

Aus dem Vorstehenden ergibt sich, dass im p. ein en- Thema in bestimmten Fällen 
(i in q wandelt und dass dasselbe häufig im c. eintritt: p. trzqsl von trzes: trzese.; c. tfäsl 
von tfas: tresu. Die Gründe der Dehnung sind verschieden, während tMsl sein d dem 
Suffix verdankt, beruht q von trzqsi &ui Verengung, daher c. träsla und p. trz^sia: eben so 
verschieden sind die Gründe der Dehnung beim c. jüi und p. jqö: jiti hat z, weil dieses 
in der ersten Silbe eines zweisilbigen Wortes steht, während in jqc, wie in trzqsi und 
in ksiqdz (ksi^dza, ß. knez), eine Verengung eingetreten ist, wie in pd7i (panaj, hrzeg 
(brzeguj, bog (bogaj, worüber oben ausführlich gehandelt ist. Dass e im p. pamjqtka, 
g. pamätka, von pamiec, c. pamet, vom Suffix abhängt, ist oben gesagt. 

Mit der p. Schriftsprache stimmt die oppeln'sche Mundart überein : pießcioro, ci^zki. 
Nur auslautendes ^ für ent bildet eine Ausnahme : ciela Kalb ; das gleiche gilt von 
przecä d. i. przed sa: älteres e ist in ä übergegangen, um nicht zu e herabzusinken. 

Denkscliriften der phil.-hist. Cl. SXIX. Bd. ^^ 



■jgQ Franz Miklosich. 

Im kas. wird meist e geschrieben; bei liilf. liest man sä, sp„ sa, se für sie; bei Juk. 
remie d, i. rami^; bei Stremler szcz^slewi, szczestliwi. ä ist nasaliertes a, d. i. a mit nasalem 
Nachklang: czansc pars, czansto. dzecan Stremler: detq. zdrehian: zdr&hq. janzyk, janzek. 
ksandz, ksadz, ksodz. j^a^ic neben pint quinque. san se. piansc. stvanty, poswanco?ii, swianty; 
daneben dzevinc. dzesinc und kleki, phzy sänne, dzecoi. kleczec. viec Stremler. 

Das polab. bietet ä: desät. devat. jä'cmen. lä'gne legt sich, mäc Ball, r. mjacb. masu. 
pas^ pugnus. ixlt quinque. plasä saltant. pra'de net. säd, sädl: aslov. si^Ä svaty. trase con- 
cutit. väc plus, zat gener. Daneben findet man 0.- gfö'da. jö'zyk, sjo'ty, stenota für p. grzQda, 
j^zyk, swiqiy, szczenit^ta. Ob das polab. dem Gesetze, wornach czac aus czqc hervorgeht, 
Theil nimmt, lässt sich bei dem Schwanken der Überlieferung zwischen a und ö nicht 
feststellen : man liest knäz, p. ksiqdz. preist, p. przajc. nopücöty, p. -czt^ty. 

c. ja, je (a, e), p. e findet sich 

1. in Stämmen: a) im partic. praes. act.. das aslov. auf r oder auf y auslautet: jenes 
ist in goro und hval(i ursprünglich ; in allen anderen Fällen hingegen ist es wie y durch 
Schwächung des q entstanden. Vergl. gramm. 1. 300. y ist den lebenden Sprachen 
fremd. <2, es mag ursprünglich oder aus q entstanden sein, war ursprünglich lang: 
dafür sprechen die Längen in den aus den erweiterten Themen entstandenen Formen. 
Im Auslaute ist die Länge geschwunden: c. nesa, p)eka, hera, vina (vinouti), dada, jeda, 
vMa, jsa für aslov. oiesy, peky, hery, dady, jady, vedy, sy, eig. aus nese, pekq, ber<i usw. 
umeje, hlede, eine. Vergl. gramm. 3. 95. dial. huda: bqdq. ida: ide. veda: vede. sedna: 
"^sMnq. hora. chca neben nechta. oi-a. kusaja. jeza edens aus jeda. veda sciens usw. zlin. 
39. 40. p. rzek^, arzh'). klad<). tvstanp. badaj0. cziny(), aslov. ciw;. mszcz^), aslov. mistf^. 
mal. 142. Vergl. gramm. 3. 449. fala^. proszq. mogq alex. 104. 105. aslov. hvak. pros^. mogci, 
mogy. Dass (>, q wie e oder ä lauten müssen und kurzem ^ entsprechen, zeigt das c. •, 

b) im Suffix <it: 2. dtte. vice. slk. dieta, vlca. p. dziecie. ciele. sicirzq animal sem. 37. 
op. ksiöza, ksiözqcia für ksiöze aus ksiöze 23. kurcze neben kurczqt, kurczqfko. zrzebie. neben 
zrzebiaj, zrzebiqtko. kas. parsä porcus hilf. 52. krosnianta Zwerge, polab. büza Bild, 
eig. demin. von bogn: *bozq. detä: aslov. dete. jogna, agnus. pailä: aslov. piJq. stenä: aslov. 
stenQ. svaina: aslov. svin^. tüä vitulus. tilöci vituli : p. ciekcy. zriba: aslov. zrebq. büza 
hat im pl. büzö'ta. pailä -pail'ö'ta. stenä -stenota neben blaizäta Zwillinge, keurätäi Hühner; 

c) im Suffix men: c. bnvie. rdme. p. siemie. znamie.. polab. jäimä: aslov. ime. räraä: 
aslov. ramq; 

2. in Worten und zwar im sg. g. und im pl. acc. nom. der Stämme auf a mit 
vorhergehendem _/, daher auch vor T, r, n usw.: C. sg. gen. pl. acc. nom. vfde. p. pl. acc. 
nom. ivole. Alt: sg. g. braczee, braceey fratrum. pusczee deserti. rolee agri, jetzt ivoU usw. 
pl. acc. nom. p>rzythczee casus, sandzee iudices. czyeszee vasa. ificzee vinctos : aslov. *j^tbce. 
rolee agros sem. 20. Dial.: pustynie op. 17. Älter als e ist e: dusz0 moiey usw. ze 
wszystkiej dusze koch. 23. Vergl. gramm. 3. 421. Hieher gehören die pl. acc. c. hräce, 
dial. auch lese, voze zlin. 33. p. meze, deren e gleichfalls der Reflex eines alten e, ist. 

C. an. C. it, ou, p. (7 steht altem ön gegenüber: 

buk slk. neben bukati - bqk, bqkac neben b<ikac; kas. bak asilus. duha slk. - dqga 
Brett, doubrava - dqbroica. dambrawa za,r. 8Q. droidi-dra.g, drqga; drung, drunzek z&,v. 7. 19. 
hloub-gk(b Strunk. Idouh - glaß, glffii Tiefe: vergl. hluboky. houba Schwamm- vergl. 
gqbka, gebka; guinbka zar. 67. housenka - gqsienica, gqsionka. wqsionka; kas. waiiseivnica 
iuk. ; polab. wösandica. houst i\ - gqszcz m. : vergl. hiisty. houzev, houz - gqiwy. *chloud: 



Über dib i.angex Vocale in den si.avisciien Sprachen. 131 

cMoiidt - -polah. chlöd. chomout - cliomato. chronst, slk. chrnst scarabaeus - kas. chronst, 
chrost : p. chrzqszcz entspräche einem aslov. hrejtb. koroultev - chorqgietv. koudel - kqdziel. 
koukol - kqkol. *kqplh-kqp, komp , kump Schinken. koupati - kqpac. kousati - kqsa6. 
kout - kqf. okrouMy - okrqgly. Iqcije aslov., nsl. löcje-iqcz Binsen, louciti - iqczyc. louka- 
Iqka, in den ON. meist ieka. loutka - i'ajka. 7)iondry - mqdry ; \as. mandrij. riioudy - mqda. 
mouka - mqka ; ka§. munka, maka. moutev -mqteic. moutiti - mqcic ; kaS. mqcic: vergl. mut. 
pavouk - pajqk ; kas. pajik, p)qjk. poidiy merus. - fehlt p. 2)outo - abweichend j?§<o und 
sogar petko. potd - pqtoivac ; pqtnik; pqtnictwo zof.; petka, putka zbiör 35. proud, kde voda 
proudi zlin. Q>2-prqd, prqdu, pr^du. prouh, priüi- kas. prong, prqg. rouhati - rqbac ; po- 
mmba^ zur. 7. rouce-rqcze, iriczo. rouhati, slk. rühavy - urqgac. (sqciti asloY.) - sqczyr: 
* snk - aus .s(4' -. skoud - in skoud7'nik Filz: vergl. aslov. skqds: w. skend in szczqdzic, skqpic 
zbiur 24. sloidca mähr., sonst sluka - siqka, unrichtig si'omka. soud iudicium - sqd, sqdu, 
daher e. souditi, p. sqdzic; kas. sodny, sqdzic; p. sqd darf nicht von sed in sießq abge- 
leitet werden, soupef - sqpierz, dial. sanipierz für somp)-. soused - sqsiad; dial. sömsiad 
zar. 60. somsiad 75; kas. sosiad; polab. sösod. sourzice silitriticum - sol^/ca aus sq-rzyca. 
sousek - sqsiek ; dii&\. samsiek inv soms-. stoupiti - stqpic, dial. .s<om^2c zar. 72. stoudev, stoudle 
Stellfass - s/«^/ett' ; w stqgtviech zbiör 16; klr. stuhva Wasserständer: ahd. standä; mhd. 
Stande: aus stqdici- ist stqgivi entstanden; auszugehen ist von stqdy. touha, touziti-tega 
nehen tq£yd, t^zyc. trouha - trqba ; kas. tramba; trambic, trqbic, trobic. troud, iro«< Hummel - 
trqd, trqt, trqdu, trqüi. troud Zunder - fehlt p. trousiti fehlt p. übor - wqwor imd wqbor, 
weborek, wamborek; polab. tvöbördk. üdol, slk. po ü.doUach - ivadoi ; wqdoiek lud 325. neben 
wqdol. Vergl. ka§. wqgarda, r. ograda. idid angulus - abweichend toqgiel. ühor novale : 
vergl. nhd. Brand - fehlt p. rihof anguilla - wq^fO)'^ zbiör 7. neben ivegorz; kas, tvangorz; 
polab. vögör. ütek - tcqtek ; kas. tvqtk, r. kryska; polab. vötdk. tltly - ivqtiy. outor - ivqtor 
lud 325. üvala ceho zlin. 68 - fehlt p. üvoz-wqwoz. uzky-wqzki; k&s.iouzki: vergl. vqz. 
velbloud - wielblqd. vous, fous, s\k. ftls - was, vxisa, dial. wös op. 24; polab. vös. 

Das q einer bedeutenden Anzahl von Formen entsteht nach bestimmten Gesetzen 
aus §.• hieher mag ■iqtka gehören, das wohl ein Deminutivum ist. Weniger bekannt ist 
das Gesetz, nach welchem ? für q eintritt, was namentlich dann oft vorkömmt, wann q 
nicht in der Endsilbe steht: jKto, Q.pouio. Die Annahme, dass die Schlusssilbe q liebt, 
während die anderen Silben § bevorzugen, erklärt manche Abweichung: pa/fl^' neben pajoczy, 
pajqczyna. Zweifelhaft sind jene Fälle, in denen die entsprechende Form dem c. fehlt. 

In der oppelnschen Mundart wird q durch ö reflectiert : mödry - mqdry . uochüodnon 
(ochlonöi) er kam zur Besinnung, poröcic empfehlen tritt für p. poruczyd ein: dieses ist 
eig, klr. 16. 24. 

Dem q entspricht ka§. ö, das auf verschiedene W^eise bezeichnet wird: munka 
luk. 31: 7nqka. proyig : jasny prong Milchstrasse tuk. 29: vergl. iS. prouh neben pruh. 
Hilf. 52. schreibt stampic, stopic, stupic, stoupic: eig. lautet die Form wohl stopic. wutroba 
Juk, 33. 

Polabisch wird q durch ö vertreten : gOsär: -p. gqsior. kopat baden, kösajqci beissend. 
möka Mehl, pöt via, sösod: sqsiad. stop Tritt, stöpiin Fusstritt: vergl. p. stqinc. vös: p. iva^s. 
vösandida: p. wqsienica. vötdk: p. ivqtek. vö'ze Strick ist aslov. oie, nsl. vöze. 

c, u, p. q steht 

1, in Stämmen und zwar a) im partic. praes. act. in den aus den erweiterten 
Themen entstandenen Formen: c. nesouc^ pekouc, berouc, jsouc, bijic, nülujtc; alt und slk. 

17* 



232 Franz BIiki.osich. 

nesüc usw. ; liielier gehört vielleicht auch mohütny, slovütny. p. sqc: c. jsoiic; aslov. sqste. i^lotnc 
piekqc, pasqc, bijqc, kochajqc, kupujqc; wszcchmoguncemu zar. 72. Falsch sind Formen wie 
jadency, mihijocy für jadacy, mihijqcy Vergl. gramm. 3. 449. In der oppelnschen Mundart: 
cytajöc 42. Kasubisch steht ü: hädnc. jidüc^ jidüc. cignüc. znajüc hilf. 54. 55. Abweichend 
sind die polabischen Formen : kosajäci beissend. Tot6jäci fliegend, vijäca, vjäca worfelnd, 
p. inogqc soll eine Analogiebildung und zwar durch eine Ersatzdehnung (und vielleicht 
Anlehnung an das entsprechende Adjectivum) aus dem älteren mogf^cy entstanden sein, 
das q in Adjectiven wie mogqcy aber mit den verkürzten Endungen der zusammen- 
gesetzten Declination zusammenhangen, eine Ansicht, die ich für unrichtig halte beitr. 
8. 188*, h) im Verbalsuffix nq: c. rninouti neben minul, minuv; alt minüti, slk. minfd. 
p. minqc, minql neben min^ia und minqwszy. odpoczinficzi zof. op. sciögnon, öwinon für 
sciqgnqi, owinqi neben wciqngneli; minena für min^ta 16. 19. ka§. nö: poanonc: plynqc. 
toeknonc: u-yknqc Juk. 31. Vergl. agnunl hilf. 55. uzdechnanc. ginanc neben zadzinanc. 
kvitnanc. klckrianr. Inanc. voteviknanc. resnanc crescere. zasenanc: zasunqc. usnanc. cesnanc. 
veknanc; daneben zasnuc und zginut, minoi Stremler. polab. nö: dvaignut. c. ^'t (ou) steht 
demnach p. r{, c. u hingegen p. c gegenüber: rninouti, minqc. minoid, mim'd dial. für 
mimd, minqi; dagegen minula, miwiia. trJmut, targniety. Dass p. gasnq6 aus einem un- 
nachweisbaren älteren gasm^cy entstanden sei, ist unrichtig , wie aus dem ■ 8. hasnouti 
hervorgeht beitr. 8. 188. 

2. in Worten a) in der 3. pl. praes. : c. budou, alt und slk. Imdu, miluji ; clicü volunt 
neben chcu volo zlin. 40. deuten auf aslov. ''hostojs und hostq. Analog sind sü sunt, su sum 
ibid. ; für sil findet sich slk. sa. p. bp^dq^ miiujq. In der oppelnschen Mundart ist ö, 
d. i. mit nasaler Resonanz, der Reflex des q: band, aslov. bqdqtn. majö. dajö. obie- 
cajö 23. Für tritt dial. auch om, un ein: jidoin, jidqm zar. 67. grajöm 63. majöm 57. 
majom, majqm 72. kwitnom zar. 73. odprawjajöm zar. 63. icypuscöm zar. 57. skakajöm 
zar. 57. u-andrujom zar. 32. ivoniajom zar. 73. som sunt zar. 32. 67. sun 61. siejim 61. 
siedziin Q2. caiujom. mahijom. sfe^^zo?» g<jr. bieskid. 373. dadzö 354. przidoin. tlucomhg. ö tritt 
auch im kas. ein, denn durch ü wird wohl derselbe oder nahezu derselbe Laut bezeichnet 
wie durch n: badü. jidü eunt. jädü vehuntur. znajü noscunt. cignü traliunt. czinin. faciunt. 
Jesu, sa sunt ; daneben gädaja, gada : meist wird iiach dem p. q_ geschrieben : zachowujq. 
Zu beachten sind piszom neben vidzo, chco und nadzo^ p. najdn ; dajq, vidzo Stremler. Das 
polab. weicht ab: bija. sä: bijatn s<;. jaigroja ludunt: igrajrän. l'otojä volant. püjä canunt 
wie 7'üja. sa : rojttn sp. r; wird durch den Schwund des ts erklärt : badaj aus bqdqfs : diese 
Ansicht ist ebenso falsch wie diejenige, nach welcher die modificierten Vocale auf den 
Schwund von Lauten zurückgeführt werden; b) im sg. instr. der a- und der /-Stämme: 
c. ryboit; slk. rybn und j'ybou. kosti aus kosfu und kosfou zlin. 34. Man merke bolesti: 
s bolesfi ho cekäm ibid. Hieher gehört mnou, tebou (tobou geb. 78). sebou. se inn{i na 
Valasich zlin. 41. Hieher ziehe ich inüc. jednuc zlin. 27. Dial. tum dluhum cestum opav. 
26. 27. ist wohl poln. p. ryba^. In der oppelnschen Mundart ö : zonö. diiso. radosciö. se 
TO?20 mecum. ze sobö secum. .s mö"' cum ea 24. Sonst dial. ö und om: gtowom zar. 73. za 
gwiazdom 71. päd tvojtoivom miedzom gör. bieskid. 354. s ta^ze pannom zar. 72. z procesyjöm 56. 
z uolom 71. sf. mniUn op. 18. ze sobom zar. 72. samqm 7iaszq wolq zar. 71. Man vei-gleiche 
damit szuka. quaero zar. 74. neben szukom 1\. für szuJcdm. ka§.: rdka, räko, räkü hilf. 53. 
sohan: soboja^. drogan via. glowq. ranka. sicoja,^ sivq. niq: jejq. dobrom: dobrojq rTj äya^Tj. 
deszo. nogo. ranko. sobum: sobojq. rzckt'.. sich zonu. cai'u: cMoju zusammengesetzt Stremler. 



ÜbEK die langen VoCALE in den SLAVISCIIEN Sl'KAClIEN. 133 

Die Unrichtigkeit der Lehre, p. i'yhq sei aus einem älteren ryhojp, durch Contraction 
entstanden, erhellt daraus, dass sich aus rijhoje kaum etwas anderes ergeben könnte als 
rt/hq malin. 1. 179. polab. hat u: sä memo, sä tdbö; daneben pasta pugno. 

D. ön. ß. ti, p. <i steht altem ön gegenüber: 

hlud-hlqd, hlqdv,; bi^dvy ; obledlkcy; bießzid, biqdzid; ka§. blöd, blodzec nnd obhida 
visio Stremler. budu-bejk: daneben c. bud und p. badz; kaS. bandq. buben- beben, bemben. 
cub)', cibr satureia ; subra zlin. 14 - czqbr, cqhr. (draciti aslov.) - drqczyd. dub - dqb, dqbu ; 
deboivy; c. dubec und p. d<^biec; c. doubek und p. dqbek; kas. damb, dqb, dub; polab. döb. 
duh-neduh morbus, aslov. nedqgn. duha ar cus - dfi,ga Schramme, dut slk. - drja neben 
dqc, dqt. hahiz - gaiqz, gaiezi neben ß. halouzka, p. gaiqzka; gaiunzka zbiör 7. hluboky- 
gieboki. holiob - golafi , gol(ihia; goiebnik. (* grqzi) - greßzldlo Gesenke am Grrundgarne; c. hat 
ön neben ön: hrouziti, hruziti. hrud-grödzl pectusculum zof. 110. hruz cyprinus gobio, 
Gründling, eig. qui se immergit: daneben hrouz, hflz-grqz, greßu für grqz limus, eig. in 
quo immergimur; ^. pohruziti neben pohrouziti, p. gre.zi6, grqzic; pogr(izon koch.: *grqz- 
von grez. Imba ]\Iund: gamba zlin. 75. ist entlehnt - ^<^6a; kas. gamba; ozgamba (chleba) 
Stück; klr. huby. hudba - gqd£ba. hudec - gqdziec. '*hudl: houdl, houdll - geßta neben gase, 
gqdi. hudu - gf'sh neben gase, gqd-i. Jmhnati - gqgnqc neben gqgnqc; kas. gangotac. hus- 
gps; guns zbiör 7; daneben c. houska, Iwme, housätko, houser - p. gqska, gqsie, gqsiqtko, 
gqsior. husle slk ; housle - grjle. histy - gpsfy. (hqdogs) - chcdogi. chrust cartilago, klr. chru- 
stavka--^. chrzqstka, chrzqstka beruht auf hrest-. clnd-clicj'. klub neben kloub - kiqb, klqhu; 
U(ibek. (* kravqdb) - krawqdz neben kraicqdz, kraivqdzi. kruh-krqg, kregu; okrqg, okregu; 
kraz krpju. kriqvj - krqpy . kruta: p)okruta - pokreja-^ daneben c. pokroittka, p. pokrqtki. 
kruty-krqty; daneben ß. kroutiti; kas. krqcel; slk. okräcat; p. krqcic neben krqcic; dial. 
zakröcic, zakräcic op. 24 : verwandt ist p. okrutny, r. kriitn. kudrna - kedry zbiör 84 ; 
kedzior. kuplna - keptina. kus-kes, daneben kqsek, kas. kansk, kqsk, kosk. kusy - kqsy : 
NQYsl.kus. labud, slk. labut - labedz, iabec. luh-tqg, tqg, kgu. liik-^k; daneben c. o6Zomä;, 
p. obtak imd c. lucistS, p. iqczysko; kas. iqczk. lut Bast - -^'e^// ^\. für nac zbiör 20. motouz 
aus moto-uz ' motowqz, motouxza; nsl. motvöz. mudrc - moßrzec ; daneben c. moudry, p. mqdry. 
muka-meka; kas. manka; s. müka; klr. mukä. mut - mH neben mqty, m(:ty lud 312. 
odmqt, kas. odmant ; kal'amutny für kaiamejny; balamutny , batamucic neben batamqcic, bata- 
mioüciö zbiör 17. 33. 69-, baüamötny op. 24: hieher gehört c. smutek, p. smetek. smetny. 
smqciS koch, smqcic. zamqcac, zcwiqiek zof. smutek. zasmucac; kas. smiitk.; c. zamoutiti tur- 
bare. zarmoutiti; slk. smiUok. zdrmutok. kormittUvy : hier ist manches aufzuklären, muz- 
mqz, mqza; kas. mai, muz. nuditi in nouze, slk. nüdza, dessen ou, ü wohl vom Suffix ab- 
liängt - Jißf^sa ; kas. nanza, nqza, noza; aslov. nqzda, neben dem wohl etymologisch ver- 
schiedenen nuzda: der Zusammenhang dieser Formen ist unklar, nuknouti: ponuknouti 
nehen ponoukati, slk. niikat - nekac rmhen nukac; kas. nankae, nekac, nekac agere. nnüti 
antreiben - ?^?c^c,• poueja Lockung; kas. nancic, nanecee. okrut slk.- okret. orudi - oredzie : 
orqdz iüv prosba zbiör 27. orudovati ac. - or^dowac. otruhy - otrohy . paviocina - pajp^czyna, 
jjajqczy; ksis. pajczyna ; polab. pojäcäina. (pqgy, pqgva) - pqguica; k&s. p^gvica; v. pugvica. 
pirudky - prqdky. pruh: popruh- poprqg, popregu. pruha, p^ouha - prqga, prqga. pruldo- 
^&v^. prqglo: prqnguo, zoraib u studni bib loiadro zar. 58. prut-prqt, preju; daneben 
c. prouti, p. prqcie. pruziti - prezyc neben pruzyc. pstriüi- pstrqg, bzdrqg, bzdrqga: vergl. 
kas. vostr-ang Stachel, Dorn an Gewächsen. |J2irf, puditi - pqd, pqd, poped, ppßzic. puk 
Knospe -2??.cz neben pr^cz, pqk; k&l. pp^czk. puknouti - peknqc neben pidcnqc. inip - pqp- 



134 



Franz Miklosich. 



rub neben rcmh; na rabi/ doud. 32; obrub; pornb - reb, rqh, -pl. rp.by, obrqb, obrqb; porqb; 
re.by, strona odwrotna zbiör 22. lirzereMa. (rudina s.) - rpßzina , ziemia tiusta, iiowata. 
ruka-r^ka; rqczny; porrka; <S. obruc, poruc; p. obrecz, j^recz; ka«. ranka, räka. ruzi : 
oruzi - or^z, oreze. skup slk. ; c. skoupy neben skiqyy, skoupd, skoupo - skqpy ; polab. sbjpy. 
smud slk.; c. smoud - smqd, swqd, smedit, sioedu; smuditi slk.; ß. smouditi, p. swedzic. stu- 
kati-stekac. stopa - vergl. stQpia bei Jungmann; c. postup, p. post^p; c. stupovati, p. po- 
stepowac. c. stoupa; nsl. stöpa Stampfe - Ä^epa sind entlehnt: ahd. stampf, struk neben 
strouk- str(tki, stre^czyny, sirqczki zbiör 24. 36. S2«Z \as - sqd, ssqd. siidt iudex - s^dzia : 
abweichend kas. sondza luk. 32. statt sädza. suk-sp^k; osqk Lanze zof. ; osf:ka lud 315. 
sup-s^p. trud, troud-trqd, trqdu; tr^dowaty. trus neben trousiti: aslov. trqss. trutiti 
neben troutiti - wstr^t, irqcid. tuca ac. - tqcza ; kas. toncza, t^cza : dieselbe Bedeutung hat 
kas. tatiga, tega Stremler 69. tuha: vergl. tuhy - potega, klr. potuznyj; podidia vIwq. tnha: 
vstuha neben stouha - wstega, aslov. vsstqga: vergl. aslov. iego, g. tezese lorum; klr. stazka 
wäre aslov. vsstezhka. tuhy-tegi: w. teg. tuchnouti - przyte.chnqc exstingui zbiör 50. tupa: 
potupa - potf^a. tup)y, tupiti-tqpi, iqpiö. (* tuten: tqthud &&\on.) -tpten. *uda, udice - wpßa, 
w^dzica. uditi - wpßzic ; nsl. povöditi. uhel c&rho -w^giel neben wqgl; kas. wangiel. uhry- 
w^gry. uch: iiuch, Tiuchati - wpch neben wqchac. utf: vnutr a,c. - loewnqtrz neben «rti?'z zof . ; 
ivnqtrz: hieher gehört 2. utroba, p. loqtroba, kas. vutroba. 7i\x beachten ist slk; do nutra ; 
zutorny, vutorny. nzel - w^zei; kas. icanzel. vnuk - ivnuk, älter wnpjc, wnpka ; wn()kom zof. 
35. 52 ; 'WupIc, icnp^cka lud 325 ; wnek, lonpczka gör. bieskid. 350; ivmtnk, gnimk zbior 7, 
vuz: pavuz y^ ieshanm. - pawqz ixir pawqz nehen pawqzka. *ihz, nsl. vöz - wqz, wem; wezyk; 
kas. woz Stremler. *qzb ist qzjs. zuh-zqb, z^ba; kas. zamb, zäb. zubr - zambroic, zambrzöiv ON. 
zalud - ioiqdz, zo-hdzi; damit hängt wahrscheinlich zusammen c. zaloudek, zakulek, slk. za- 
lüdek, p. zolqdek. 

Wie J? in j({, so geht auch g in q über: es verhält sich dqb zu defi wie ksiqdz zu 
ksiqdz: an dieser ,Verengung' genannten, dem p. und klr. eigenthümlichen Veränderung 
nimmt das c. nicht theil : dub, knez. Der Übergang des ön in ön, d. i. des p in q in Worten 
wie gqsiq, gqska von g(iS geht jedoch, weil vom Suffix abhängig, auch im e. vor sich : 
house, houska von Jms. 

In der oppelnschen Mundart bildet ä, an d, i. a mit nasalem Nachklang, den Reflex 
von ön; bädä, band ero: bpße. gämba: gpba. gas: gq§. güamboki: gipc^joki. chanö: ch^d. kandy : 
kqdy, käs: k^s. kräcic: kr^ciö. lamäntowac: lamqtowac. mäcy6 sie: niPczyd si^. prändko: 
pr^dko. ranka: r^ka. stänkac: stpkac. postämpoioac : postepoivac. wändruje: w^druje 21. 
22. 24. ön wird durch ö, d. i. durch o mit nasalem Nachklang reflectiert in Formen, wo 
die Schriftsprache e in q wandelt: dö7nb, damba, pod dämbi; smö"d, smä"du 21. 23. 

Ka§. entspricht dem ön meist ä, das durch an, am bezeichnet wird : ganba, eig. gamba. 
odnand: '''odjqd. odmant: nu^na woda. ranka. swianty. tanga und tancza: tqcza. wangiel. 
zanb Juk. 27. 32. zamb, zimib, zob, zub hilf. 52; bqbniotcy, rqbiarz sind p. ; eben so Preben- 
doivo ON. hilf. 46. Abweichend ist sondza (södza) iudex. 

Im polab. steht o dem On gegenüber, was wohl mit der mangelhaften Überlieferung 
des Materials zusammenhängt: böbdn-bqben. bö'de - b(idzie. gös-gqs. glöbuKij - giqboki. kös - 
k^s. pup-pQp. pröt-pjrat. röka-reka. töco - tqcza. vöburäk: ic^borek. 'ir<ygil - tcpgiel. vö§ur- 
lüQgorz. vözäl - ic<izei. Einige Worte können wie die entsprechenden p. beurtheilt werden : 
döb - daj). giilö'h f. - gahifi. röb - rab. zub - zqb. zelö'd - zeiqdz. 



ÜUKK DIE LANGEN VoCÄLE IN DEN SLAVISCIIEN Sl'UACIIES. 135 

c. M, p. c steht 

1. in Stämmen und zwar a) im Suffix 7ich/ : c. kudy. dosud, posud und posavad. 
dotud, potud und dotavad. odtud. tudy : daneben dotüd. otnjadz und kady qua. dokad. 
odsdd, odtäd. tady. odtad. vsudy. vsady doud. 10. zlin. 40. 55. 67. slk. vsade. aslov. vhsjqdu. 
Mit c. tady, slk. tadial, ist zu vergleichen klr. tadyl lemk. p. steht a in der Endsilbe, 
^ ausser derselben : z inqd, inqdy neben inaßy zof. dojqd zo£. alex. z kqd, z kqdy. ktorpßy. 
oioqd, oi€<idy. z tqd, z tedy. ivszqd, wszpdy. ka§. dokud nehen odnand, wohl od onqdu; h) im 
Suffix qga: 2. vlacuha, vlaciha. p. wloczp^ga. nsl. vlacuga. wr. voiocuha; c) im Suffix 
qt-hns: <S. slovutnij^ slk. mohutny neben c. slavoutny, mohoutny, moroutny. p. neben sia- 
wetny ; zlaiu0tny, slaw^tnosc zof. 7. 205 •, 

2) in Worten und zwar a) im sg. acc. der a-Stämme: c. rybu. p. rybe : dunkel go- 
rolke hg. Die auf ä, Reflex von ä, auslautenden Nomina haben q, nicht q: rolq, präcq, 
J'ormen, die vielleicht auf der Contraction von rolijp usw. beruhen: dem pan?« läge 
demnach panijp zu Grunde: klr. panyja: vergl. beitr. 8. 189. Anders ist lilija., nom. 
lilijn, zu erklären : hier kann keine Contraction eingetreten sein : für maryjq bieten die 
Dialekte marijoiu und maryjo zar. 72. Von ja lautet der sg. acc. in der Schriftsprache 
stets jq Vergl. gramm. 3. 440 ; ehedem auch j? Skarga, dialekt. noch jetzt ja op. 22 ; 
ja7i: nian zar. 60: //, dialekt. joiß zar. 71. 72, beruht auf Contraction: vergl. klr. 
jeju eam wes. 110. 8. ni, dialekt. i: ja som i videl doud. 25. Die zusammengesetzte 
Declination hat q: dohrq. Für r/ kömmt dialekt. auch hier om vor: niemäm pola, nie- 
mäm, ino skibe siadnom gör. bieskid. 376 : die Bedeutung von siadnom ist mir dunkel. Dem 
^' entspricht in der oppelnschen Mundart a: g6rci: göre, gämbä: g(ibfi. ckwilä: chivilfi. 
nogä: noge. rariä: rane. stronä: strone. wodä : wodQ. zonä: zon<i 21. 22. Eben so ja, tä, 
jednä: jednu gehört der zusammengesetzten Declination an; eben so jö eam; tu 22. 24. 
ä wird auch durch an bezeichnet: dziewican zar. 74. na guoivan twojan 74. chustkan 74. 
chtvilan 58. koronan cierniowan 72. na ovan koronkaii 12. marzaneckan 5d. owan pannan 12. 
tan hanc 74; hieher gehört auch jan in o nian 60. Daneben guoiva 72. ta choroba 56. 
jedna kivarta 70. trocha 57 und sicoje guotve 78. Dem p. q in roJq entspricht op. ö.- kuzniö. 
uiezö. wolö von kiiznid, wiezd, icold 23. 24. Kas. liest man rakä, rako, räke hilf, rolq: 
roh nom. ; ivoki ; daneben stawe^ sg. acc. für slawä neben slawq instr. für siatvö. jan eam. 
izban. kreszkan pirum. miotian. skorepan: p. skorupq, aslov. creps. wodan neben ivode^ und szu- 
fladu Stremler. Das polab. bietet 1. detisä: deusa. nedelä: nidel'a. skdiba: skäiba. zm« Erde : 
zivia; 2. abweichend: devö: d'eva. görö: gora. glävö: gldva. rö'kö: rö'ka; 3. nach rulq: 
daiskö: daiskö. glainö': glainö. lodö: lodö; b) in der 1. sg. praes. : c. peku. triinu. p)iji, 
alt und slk. piju bibo, im Gegensatze zu pekou, pekü; trhnou, trhml; pijui 2)ijou bibunt; 
alt prosu, prosi, aslov. prosq. Analog ist su sum zlin. 37, aslov. jesmi. p. piek^. targnq. 
pije im Gegensatze zu pieka^. targnq. pnja. Für zgine spricht man zginem hg. In der 
oppelnschen Mundart ist ä der Reflex des ön: mogä, idä, bijä, ividzä, chwdulä 22. im 
Gegensatze zu band, aslov. bqdqtd, majö, dajö 23. Derselbe Laut wird durch a?i be- 
zeichnet: oddajan trado zar. 73. dziekujan 83. chcan volo 74. idan eo 71. znalezan 
inveniam 71. sie napijan 58. przystanan 74. oboioip^zujan 73; daneben em: zginem peribo 
hg.: vergl. laskem für laski^ baculum zar. 72. Auch im kas. tritt a ein: bädä ero. jidä eo. 
jadä vehor. dgnä traho. cziniä facio im Gegensatze zu jidü eunt. jddü vehuntur. znäjü. 
cignü trahunt. cziniü faciunt hilf. 52. 54. 55. Daneben liest man gadaje und gada, dieses 
aus gadam, znaj^ im Gegensatze zu gädajä, gada ibid. Sonst findet man geschrieben 



13G Franz Miklosich. 

jo gadajp. dzekujq. pövjadaje narro. pölecaje und zezvolajq, was wohl alles -ja lautet, hdn 
ero. kaz<i. tnq Stremler. Aucli im polab. ist ä der Nachfolger des ön: cäijä: cujq. cä 
volo. aidä eo. menä: menjq. plöcä: j^f'^cq. smijä sä; d) in der 3. pl. aor. und imperf. : 
c. fecechu^ fcedm. chvdlichu: auch bulg. hat -hq, -hn für -se: navykohq Vergl. gramm. 3. 
71. 189. udarisa präg. -frag, ist aslov. ; ti,fdchu. p. chwaUch<) ; blogoslawiach^). pTzeklinach). 
przysi^gach(>, d. i, chwalichq usw. Vergl. gramm. 3. 449. 



ZUSÄTZE. 

A. Über die Dehnung des silbebildeudeu r, 1 und n. 

I. Dass silbebildendes r, l im slk. und in c. Dialekten gedehnt werden, ist an 
verschiedenen Stellen dieser Abhandlung ausgeführt : zdfzat, stfkat Verba iterat. ; sf-n, 
sh pl. gen.-, vrsek, vlca mit den Suffixen hk5, ent; 6/'sf waten, tief inf. r, l folgen in diesen 
Fällen den für die Vocale geltenden Regeln : in anderen Worten scheint ein solches 
Gesetz unnachweisbar: c. di'liy zlin. 22. slk. dJ'hy dialekt. 66. pj'ecZ/'^?'?. zdl' hnvy Zit. 1. 37. 
pozdlz 84. dlzost 31. 196. dl'zka 171. dhl (je pazit). Mb Strunk zlin. 22. Mhy sbor. 75. 
cMkat. kl'zat 2it. 1. 29f). kl'zacka 67, neben kl'znut sa sbor. 32. ß. kfc zlin. 22. slk. ßit. 
1. 296. kfcovity krampfhaft, ö. kf-dei' Menge zlin. 55. slk. krdel': kfdele cit. 1. 129. 
130. kf'deTom sbor. 76. kfdlu, kfdli Sit. 1. 38. 40. c. M's, (zakrsaly stromek) zlin. 55. slk. 
uml'kla. mlcky schweigend cit. 1. 67. c. ijTnit zlin. 22. slk. pl'zov pl. gen. ß. pflit zlin. 
15. 22. si'necko 22. beruht auf sl'nce. slk. stlp; c. stlp zlin. 22. slk. stlpkom cit. 1. 188. 
vystfcat pov. 1. 136. cit. 2. 477. ävfcela zlin. 29. skvfk, vlasy oskvfklo. skvfi'a, svfTa. 
c. tfn und tf-m zlin. 8. 22. slk. tfn cit. 1. 47. tfä und tffia pov. 1. 159. thiovy cit. 1. 93. 
tf'pnu (zid)y). tfply (mu zuhy) rit. 2. 478. tipka (tfpky a trnhj m trpM). stfpla (od Iaht) 
cit. c. tdfzit zlin. 47. slk. vfba; c. vf'ba zlin. 22. vf'ch 7. 43. vfchtity 22. slk. vyvfsüi 
(len) sbor. 74. c. vfs für vers zlin. 22. vf-zgat 32. slk. vfzgaf. (skovrdnok) vHikd, vfzikd, 
skovflikd; (lastovicka) vfdikä, vfMikd. Wenn man dlvhy, dlouhy mit dl'hy, hloub mit hl'h, 
klouznouti mit kl'znut, shtj), sloup mit stlp und andererseits dluk mit dlh^ cJdup mit chij), 
tlusty mit ^/ä^?/ f^/s/?/ dialekt. 71. ist wohl unrichtig), zluna mit zlna, zluc mit zlc, zlitty 
mit z% vergleicht, so sieht man ein, dass aus älterem i jüngeres M, aus älterem l 
hingegen jüngeres iu entstanden ist. c. r scheint p. ar gegenüberzustehen : krc, karcz. 
trn, tarn neben cierfi usw. 

II. Im Dialekte von Zlin in Mähren tritt n nicht nur silbebildend auf, sondern kann 
auch gedehnt werden. Kurz ist n in sedn septem, osn oeto zweisilbig ; sednndsty, usn- 
ndsty viersilbig. Lang ist das aus nt entstandene n: kiize für knize. knzky für knizky. 
sndatii für sniddnt. chamk für chasnik. Eben so entsteht klc aus klic zlin. 22. Vergl. 
slk, jablcko, wohl jabl'cku, neben c. jablicko, jablecko und aind. dirghä (dfghä,) : dräghijas ; 
prthü : präthijas F. de Saussure, Memoire sur le Systeme primitif des voyelles usw. 259. 

li. Lilugeu in Suffixen, 

Gewisse Suffixe enthalten lange Vocale und die entsprechenden Reflexe im p. Das 
hier Gebotene beschränkt sich auf eine kleine Anzahl von Suffixen. 



Übeu die langen Vocale in den slavisciien Sprachkx. 137 

arjs: nsl. izvelicär. pisär. zidär; eben so govedär. ovcär. sedlär neben mlinar usw.: 
analog ist das fremde oltä7\ C. koväf. Ihdr. zhdf und sedlär neben ryhaf; die fremden 
malif, maUf. talif. p. tritt a für ä ein : mocdrz. pisdrz, darnach lichtdrz. oitärz. szufürz. 
zegldrz. Das kaS. bietet dafür orz: lekorz, doch leka7^za, lekarzki^ lekarztwo. tgorzovi homini 
mendaci. looltorza; dasselbe tritt in den fremden Worten cetnur. taldr. zegdr ein op. 8. 
Fardrz, fararzem zar. Go. und kas. lekorz, lekarza folgen der Analogie von bog, hoga. 

alö: (5. hrivndl zlin. 11. 

and: nsl. okän. velikän. zobän neben pljan. ö. tc/idn. velikdn; das fremde cigdii': 
daneben pijan. zoban. 

iud : ß. mestmtn. zemmin. 

akd: nsl. divjäk. junäk. leväk neben kürjak. s. bädnjdk. junäk. tezäk agricola : iezak 
gravis ist aslov. iezhks. c. chrobdk, skrobdk. jundk. krchndk. kvetndk neben kvetnik. t-edldk. 
zebrdk. p. dwojdk. chrobdk. krzäk. niebordk. i^täk : ptdük zar. 62. pidoki 20. wojdcg 92. 
rubdk, robäczek. szöstdk. zebrdk; eben so das fremde or^znk koch, kas. prozniok, prozuioka 
Faulenzer; eben ao ftdch, ptöch Stremler 4U.^ Anders p. ptdszek. gazdäszek zar. 66. znak 
koch. 155. d. i. zna-k. 

ikz: nsl. ncemk. vojwk neben päsnik. popötnik. prdznik. trdvnik. c. c.ervik. muzik. 
dhiznik. prchlik. 

acjö: nsl. bradäc. koldc. rogdc. c. braddc. rohdc. vousdc. p. koMce zar. 71. czubaacz 
cristatus. przebywaacza incolae. paliqcze incendiarios. odeymqcza sem. 16. 27. bugdez koch. 
rogdcz. kas. 6' köi'oczq. Nach malin. 155. ist äcz secundär, acz px'imär, daher rebacz. 
siekacz. tkac usw., demnach wäre przebgivdcz, paldcz, odejmdcz unrichtig. Die ßegel findet 
jedoch eine Bestätigung durch das c. rohdc. koldc neben zaklinac. pomahac. obgleich 
auch ordc usw. vorkömmt. Vergl. gramm. 2. Seite 331. 333. In den älteren Drucken liest 
man bogdcz koch, ordcz bibl. pnJidcz koch, imd trebacz koch, tidacz bibl. 

ej: nsl. lisäj. vrsäj Getreidehaufen, s. llsdj. p. zwgczdj koch. 

Das thematische e des Praesens wird gedehnt: nsl. findet man hg. berejo. spobere. 
vlije. prineses. piß. splevemo. odpre. raste, rastejo. povrne. povrnem se. zove. zeige: die Ver- 
gleichung mit dem s. spricht für berejo, spobere usw. s. pletcm. vezem. grebem. mrem. 
tönern; dagegen /j/?^e aor., dessen Schluss-e ein Bindevocal ist: idete aus p)let-e-s. c. slk. 
hyniem. metie cit. verrit. miniem, nesiem: nesiam gemer. peciem. tecie lluit. veziem. zovievi, 
zvem. beriem neben berem. zeniem neben zenerii; ferners pnem. bijem. trem. trhnem. tesem. 
hrejem. kupitjcvi. p. b(}dzyee erit sem. 19. mozee. zisczee acquiret. prissyanzee iurabit. ban- 
dzeera erimus. daruje donat. najdzi inveniet. niozym possumus. chczeemy volumus. ska- 
zuyeemy sem. 19. 29. 36. 38. kas. ist przindzece asloY. prüdete, przindzece hingegen priidete 
hilf. 53. Daneben findet man jedoch auch yszee qui sem. 23. jesce adhuc op. 19. 



Dcnischriften der rhil.-hiet. Cl. XXIX. Ed. 18 



138 



FkANZ MlKLOSICH. 



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ÜBElt DIE LANGEN VoCAI.E IN DEN SLAVISCHBN SpKAClIEN. 



139 



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IS* 



140 



Fkasz MiKLot^icu. Über die lanuen Vocale in den slavisciien Sphachen. 



ÜBERSICHT. 



Eiiileituuc 



Gontraetion. 



Seite 
82 
82 
84 



I. Juno-e Längen. 

A. Au 

a} Kcusloveuisch . 

b) Serbisch . . . 

c) Ceohisoh . 

d) Toluisch ^^ 

c) Kleinxussisch. ''-^ 

B. Aus älterer Dehnung. 
I. In deu Verba iterativa. 

a) Neuslovenisch 95 

b) Serbisch 96 

c) Cechisch 97 

d) Polnisch 

e) Kleinrussisch 

II. In den Formen tert und tort . . . 

III. Zum Ersätze ausgefallener Cousc 



100 
101 
101 

104 



C Aus jüngei-er Dehnung. 
I. Durch folgende Consonanten bedingte 
Liin^'en. 

A. Im Allgemeiueu. 

a) Polnisch 104 

b) Kleiiirussisch 108 

c) Cechisch HO 

d) Serbisch Hl 

c) Kcusloveuisch 



111 



B. In bestiinmteu Fornicii. 

a) Plur. gen. 

a) Neuslovenisch 112 

b) Cechisch 112 



c) Polnisch . 

d) Kleiurussisch 



Seite 

75 

112 
113 



ß) PUir. dat. lue. iustr. 

a) Cechisch H3 

b) Polnisch HS 

IL Durch den Aeeent bedingte Längen. 

1. In Compositionen nnil Praefi.xieruugen. 

a) Neuslovenisch 115 

b) Serbisch 115 

c) Cechisch 1 1 *"' 

d) Polnisch HS 

2. Vor bestinnnteu Suffixen. 

a) Neuslovenisch H-' 

b) Serbisch 119 

c) Cechisch 119 

d) Polnisch 120 

e) Kleinrussisch 121 

3. In der ersten Silbe zweisilbiger Worte 122 



IL Alte Längen. 



I. Erste Iteihe : nsl. kr. 
II. Zweite Reihe: (: p. . 



123 
127 



Zusätze. 

A. Über die Dehnung des silbcbildendcn r, 1 und n 13ü 

B. Längen in Suffi.xen IS^^ 

Littcratur 1^^ 



DARLEGUNG DER CHINESISCHEN ÄMTEH. 

VON 

D^ AUG. PFIZMAIER, 

WIKKLICUEM MITÜLIEDE DElt KAISEllLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



VUKGELEGT IN DEK SITZUNG AM f.. MÄRZ 187». 



I /in sehr zahlreichen in chinesischen Büchern, insbesondere bei Geschichtschreibern, 
oft in gedrängten Folgen von Schrit'tzeichen vorkommenden Namen von Aemtern sind 
eines der bedeutenderen Hindernisse des Verständnisses dieser Werke, womit auch die 
Schwierigkeit, dergleichen Namen auf entsprechende Weise wiederzugeben, verbunden ist. 

In der vorliegenden Arbeit bringt der Verfasser vermittelst einer Aneinanderreihung 
der zu den Zeiten der Thang tiblichen Aemter die im Allgemeinen auch in späteren 
Zeiten bestehende, überaus verwickelte Gliederung der chinesischen Verwaltung vor 
Augen. Indem er alles über den Gegenstand Voi-gefundene gründlich erforschte und 
erläuterte, glaubt er zur Beseitigung des angedeuteten Hindernisses wesentlich bei- 
getragen zu haben. 

Die zu den Aemtern gehörenden Verrichtungen werden zum Theile aus den 
betreffenden Namen ersichtlich. Sonst wurden die, über sie vorhandenen Aufklärungen, 
wenn sie von Belang und genügend waren, hinzugefügt. 

Da durch diese Aufstellungen hauptsächlich sprachliche Zwecke eiiullt werden 
sollen, konnte nicht untersucht werden, welche Namen europäischer Aemter den chine- 
sischen entsprechen, was auch aus dem Grunde unstatthaft schien, weil die europäischen 
Namen der Aemter nach Ländern und Zeiten wechseln und nach ihrem Sinne nicht 
selten verschieden sind. Zudem ist die Zahl der chinesischen Benennungen eine unend- 
lich überwiegende, und dürfte die möglichst wörtliche Uebersetzung der chinesischen 
Namen jedenfalls das Angemessenste sein. 

Zu der vorliegenden Abhandlung gedenkt der Verfasser seiner Zeit einen Scliluss 
zu liefern und in denselben dasjenige, was hier in Rücksicht auf den vorgeschriebenen 
Umfang weggelassen werden musste, aufzunehmen. 



■\A.2 Pl'lZ.MAlEli. 



Die drei L e li rm eis t er. Die drei Fürsten. 

^ 0l]j Tlud-sse ,der grosse Lehrmeister'. 

-)^ ^ Thai-f>i, ,der grosse Hinzugegebene'. 

-j^ ^ Thai-pao ,der grosse Beschützer'. 

Diese Würdenträger sind je Einer und lieissen die drei Lehrmeister (^ 0ijj san-sse). 

^fc Wi Thai-tvei ,der grosse Beruhiger'. 

^ fJt >ise'thn. ,der Vorsteher der Scharen'. 

•^ ^ tSse-kuni/ ,der Vorsteher der Eäume'. 

Diese Würdenträger sind je Einer und heissen die drei Fürsten ( zn ^ san-kiuKj). 
Sowohl die drei Lehrmeister als die drei Fürsten gehören zu der richtigen ersten Classe. 

Die drei Lehrmeister werden von dem Himmelssohne zu Lehrmeistern und zu Mustern 
genommen, sie haben keine Leitung und Verrichtung. Wenn die rechten Menschen nicht 
vorhanden sind, so bleiben ihre Stellen leer. 

Die drei Fürsten helfen dem Himmelssohne das Yin und Yang in Ordnung bringen, 
in Land und Reich den Frieden erhalten. Alles ohne Ausnahme wird von ihnen geleitet. 

Sui schaffte die drei Lehrmeister ab. Im eilften Jahre des Zeitrcxumes Tsching-kuan 
(637 n. Chr.) wui'den deren Stellen wieder errichtet und denjenigen der drei Fürsten 
angeschlossen. Weder bei den drei Lehrmeistern noch bei den drei Fürsten wurden 
Zugetheilte des Amtes eingesetzt. 

'^ ^ ^ Schang-schu-sing. 
,Die verschlossene Abtheilung der obersten Buchführer'. 



"jp^ ^ -^ Schaiig-sc/m-ling ,der Gebietende der obersten Buchführer'. 

Dieser Würdenträger ist ein Einziger. Er gehört zu der richtigen zweiton Classe 
und befasst sich mit der Leitung der hundert Obrigkeiten. Ihm sind sechs oberste 
Buchführer zugetheilt. Dieselben heissen: 

1. ^ ^ Li-pu schmig-scliu ,der oberste Buchführer von der Abtheilung der An- 
gestellten'. 

2. ^ ^ Ha-pu schang-scJiu ,der oberste Buchführer von der Abtheilung der Thüren 
des Volkes'. 

3. ;]ig ^ Ll-pu schang-schu ,der oberste Buchführer von der Abtheilung der Ge- 
bräuche'. 

4- ^ ^ Flng-pu sclw.ng-.schu ,der oberste Buchführer von der Abtheilung der Waffen'. 
^- Wi ^ Hing-pu schang-sdai, ,der oberste Buchführer von der Abtheilung der Strafe'. 
6. m ^ Kung-pu ,der oberste Buchführer von der Abtheilung der Handwerker'. 
xVlle dringenden Geschäfte gelangen zu ihnen und werden von ihnen entschieden. 
AVenn höhere Dinge sich nach unten erstrecken, so gibt es sechserlei Einrichtungen 
(^Ij). Dieselben sind : 



Darlegung uee ciiinesisoiiex Amtku. 143 

1. ^ilj Tschi , Einrichtung, Anordnung'. 

2. ^C Tsch) , Ermahnung'. 

3. flDJ" 2'Iisi , Befehl durc]i das Abschnittsrohr'. 
Von diesen maclit der Himmelssohn Gebrauch. 

4. ^ Limi ,Gebot'. 

Hiervon macht der kaiserliche grosse Sohn Gebrauch. 

5. ^ Kiao , Belehrung'. 

Hiervon machen die Kaisersöhne und Kaisertöchter Gebrauclj. 

6. ^tJ Fa ,das Abschnittsrohr'. 

Die verschlossenen Abtheilungen (-ig) haben unter sicli die Landstriche ( ^|'| )• 
Die Landstriche haben unter sich die Kreise (^). 
Die Kreise haben unter sich die Bezirke (|p}5). 

Wenn niedere Dinge in Verkehr nach oben treten, so gibt es sechserlei Einrichtungen. 
Dieselben sind : 

1. ^ Piao , Denkschrift'. 

2. )}jc T>-dmang , Darlegung'. 

3. (>r + ^) Tsim ,Meldung'. 

4. %^ KM ,Erö£fnung'. 

5. ^ Thse ,Rede'. 

6. jji Tide ,Schrifttafer. 

Wenn die Vorsteher ( W) ) gegenseitig etwas bestimmen (:^g ^ ), gibt es dreierlei 
Einrichtungen. Dieselben sind : 

1. H Kuan ,Verschliessung'. 

2. ^J Th^e , Stechen, Unterschrift des Namens'. 

3. ^ 7 ,Ueberschickung'. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-sö (G62 n. Chr.) veränderte man den Namen 
schang-sclm-sing , verschlossene Abtheilung der obersten Buchführer' zu f|1 ^ tschung-fhai 
,mittlere Erdstufe' und schaffte das Amt des ■■^chang-scht-ling ,Gebietenden der obersten 
Buchfahrer' ab. Die obersten Buchführer (schang-schv) nannte man 3^ "^ 'fÖ thai-tschaiig-pp. 
.Aelteste des grossen Beständigen'. Die aufwartenden Leibwäcliter (sno-lang) nannte man 
"J^ '^ 'fÖ , Aelteste des kleinen Beständigen'. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Kuang-tsch'i (684 n. Chr.) veränderte man den 
Namen sdiang-schu-sing , verschlossene Abtheilung der obersten Buchführer' zu ^ 1^ ^ 
icev-tscliavg-lliai , Erdstufe des Glanzes des Schriftschmuckes'. Plötzlicli sagte man wieder 
wen-tsrhang- ^ ^ tu-sing ,verschlossene Abtheilung der Hauptstadt des Glanzes des 
Schriftsclimuckes'. Im ersten Jahre des Zeitraumes Tschui-kung (685 n. Chr.) sagte man 
w^ ^ f'f-fhai ,Erd stufe der Hauptstadt'. Im dritten Jahre des Zeiti-aumes Tschang-ngan 
(703 n. Clir.) sagte man FJl ^ tsclnmg-tltai , mittlere Erdstufe'. 



144 



Pfizmaieu. 



:^ J^ -^ ^^ Tso-pö-sche yeu-pu-sche ,der Vorgesetzte des Pfeilschiessens zur Linken, 
der Vorgesetzte des Pfeilschiessens zur Rechten'. 

Diese Würdenträger sind je Einer und gehören zu der nachfolgenden zweiten Classe. 
Sie befassten sich mit den sechs Obrigkeiten und sind bei den Erlässen (^ ) die Zweiten. 
Wenn es keine Erlässe gibt, leiten sie die Sachen der verschlossenen Abtlieilung und 
verklagen die kaiserlichen Vermerker (f^P ^ ). welche etwas Unangemessenes tliun. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-sö (662 n. Chr.) veränderte man den Namen 
tso-pö-sche ypAb-pö-sche ,der Vorgesetzte des Pfeilschiessens zur Linken, der Vorgesetzte 
des Pfeilschiessens zur Rechten' zu. ^ ^ ^ jl^ tso-khuang-tsrhing iieu-khianfj-tscJiing 
,der die Lenkung Stützende zur Linken, dei- die Lenkung Stützende zur Rechten'. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Kviang-tsch'i (684 n. Chr.) sagte man ^ j^ ^ 
^ ;jig wen-tschang tso-siang wen-tschang yeu-siang ,Reichsgehilfe zur Linken des Glanzes 
des Schriftschmuckes, Reichsgehilfe zur Rechten des Glanzes des Schriftschmiickes'. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Khai-yuen (713 n. Chr.) sagte man tso-geu ^ ;j>0 
sching-siang , Reichsgehilfe zur Linken, Reichsgehilfe zur Rechten'. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Thien-pao (742 n. Chr.) kehrte man wieder zu der 
ursprünglichen P>enennung zurück. 

^ ^ Tm-sching ,der Gehilfe zur Linken' in dem obigen Amte. Derselbe ist ein 
Einziger und gehört zu dem oberen Theile der richtigen vierten Classe. 

i^ ^ Yeit-sching ,der Gehilfe zur Rechten' in dem obigen Amte. Derselbe ist ein 
Einziger und gehört zu dem unteren Theile der richtigen vierten Classe. 

Beide Würdenträger befassen sich mit der Beurtheilung der Weise der sechs Obrig- 
keiten. Sie untersuchen und berichtigen das Innere der verschlossenen Abtheilung und 
verklagen die kaiserlichen Vermerker, welche etwas Unangemessenes thun. 

Li-ptu /m-jjH' li-jj/c tso-sching ,die Gehilfen ziu- Linlcen von der Abtheilung der An- 
gestellten, von der Abtheilung der Thüren des Volkes, von der Abtheilung der Gebräuche' 
fassen die <Teschäfte zusammen. 

Fing-piu hing-pu kung-pu yeu-sching ,die Gehilfen zur Rechten von dei- Abtheilung der 
Waffen, von der Abtheilung der Strafe, von der xVbtheilung der Handwerker' fassen die 
Geschäfte zusammen. 

^|5 Pf Lang-tschuiig ,der Mittlere der Leibwächter'. Derselbe ist je Einer und 
gehört zu dem oberen Theile der nachfolgenden fünften Classe. 

M ^1* ^P Yiin-ivai-lang ,der überzählige Leibwächter'. Derselbe ist je Einer und 
gehört zu dem oberen Theile der nachfolgenden sechsten Classe. 

Beide sind bei den Verrichtungen der Gehilfen die Zweiten. 

Zu den Zeiten der Sui. gab es in der verschlossenen Abtheilung der obersten Buch- 
führer (schang-schu-sing) einen ^ ^ ^P fschü-sse-lang ,Leibwäc]iter der Vorstelier' und 
-^ ^ ^P •iching-wiL-lang ,bei den Bestrebungen helfender Leibwächter'. Dieselben waren 
je l']iner. Man seluiffte jedoch die zui- Linken und Rechten befindlichen Vorsteher ab. 

Im dritten Jahre des Zeiti-aumes Wu-te (620 n. Oir.) veränderte man den Namen 
tschü-sse-lang , Leibwächter der Voi-steher' zu ^jj P|=I lang-tschung , Mittlerer der Leibwächter'. 
Den Namen schmg-tcit-layig ,bei den Bestrebungen lielfender Leibwächter' veränderte man 
zu ^ ^\ ^|5 yün-icai-lang ,übei-zähliger Leibwächter'. 



Darlegun« dkk chinesischen Amter. 145 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Tscliing-kuan (ß27 n. Chr.) errichtete man wieder 
das Amt fxo-i/eu sse-lang-tscliunc) , Mittlerer der Leibwächter der Vorsteher zur Linken, 
Mittlerer der Leibwächter der Vorstehei- zur Rechten'. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Lung-sii (ßfil n. Chr.) veränderte man den Namen 
tso-i/en-sching , Gehilfe zur Linken, Gehilfe zur Rechten' zu tso-ycn. ^ \^ so-ld. ,(Um- die 
Triebwerke Elirende zur Linken, der die Triebwerke Ehrende zur Rechten'. Für lancj- 
tschunq , Mittlerer der Leibwächter' sagte man (so-yeii-arhiug-wii ,der bei den Bestrebungen 
Helfende zur Linken, der bei den Bestrebinigen Helfende zur Recliten'. Für tschä-.fse 
lang-tschung ,Mittlerer der Leibwächter der Vorsteher' sagt man ^ ^ f<i-fii ,dei- grosse 
Mann'. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Yung-tschang (689 n. Chr.) errichtete man wieder 
das Amt ynn-u-ai-Iang ,überzähliger Leibwächter'. Im ersten Jahre des Zeitraumes Scliin- 
lung (705 n. Chr.) wurde dasselbe beschränkt. Im nächsten Jahre wurde es wieder 
errichtet. 

Anfänglich gab es hundert Postbeamte ( ,^ ^ J\). Dieselben befassten sich mit 
den Postwagen und brachten die Abschnittsröhre. Später wurden sie abgeschafft. 

^ ^ Tii-sse ,die Geschäfte Zusammenfassende' sind sechs. Sie gehören zu dem 
oberen Theile der nachfolgenden siebenten Classe. 

3^ ^ T.fch/i-sse ,den Geschäften Vorgesetzte' sind sechs. 8ie geliöi-en zu dem 
unteren Theile der nachfolgenden achten Classe. 

Li-pn ^ ^ khao-kimg ,der die Verdienste Untersuchende von der Abtheilung Acv 
Angestellten'. 

Li-jyu ^ § t.'ichV-scIm ,der den Büchei'n Vorgesetzte von der Abtheilung der (Ge- 
bräuche'. 

Diese zwei letzten Namen sind dasselbe wie die zwei früheren. 

^ ^ 3^ ^ Tschü-sse tschü-sse ,Vorgesetzte der Geschäfte der Vorsteher'. Die- 
selben gehören zu dem oberen Theile der nachfolgenden neunten Classe. Zu diesem 
Amte werden gezählt : 

^ ^ Ling-sse , gebietende Vermerker'. Dieselben sind achtzehn. 

^ ^ ^ Schv-Ung-sse , gebietende Vermerker der Bücher'. Dieselben sind sechs 
und dreissig. 

Tlvg-tschang ,Ael teste des Einkehrhauses'. Dieselben sind sechs. 

Sckang-ku ,die mit Befestigung sich Befassenden'. Dieselben sind vierzehn. 






^ ^ IpT ^ Li-jm schang-schu ,der oberste Buchführer von der Abtheilung der 
Angestellten' ist ein Einziger. Derselbe gehört zu der i-ichtigen dritten Classe. 

f^ M|5 Sse-lang ,aufwartende Leibwächter' sind zwei. Sie gehören zu dem oberen 
Theile der richtigen vierten Classe. 

^|5 f|? Lang-tsching , Mittlere der Leibwächter' sind zwei. Sie gehören zu dem 
oberen Theile der richtigen fünften Classe. 

Denkschriften Jer phil.-hist. Cl. XXIX. Bd. 



19 



J46 Pfizmaier. 

M ^h ^P Y'dn-wai-lang , überzählige Leibwächter' sind zwei. 8ie gehören zu dem 
oberen Theile der nachfolgenden sechsten Classe. 

Die vier Zugetheilten (JQ sdiö) des Amtes sind: 

1. TA-^nL ,der Zugetheilte von der Abtheilung der Angestellten'. 

'^- ^ ^ Sse-fung ,der Vorsteher der Lehen'. 

3. Wj ^ Sse-hiün ,der Vorsteher der glänzenden Verdienste'. 

4. ^ ^ Khao-kung ,der die A^erdienste Untersuchende'. 

i3ei den neun Classen ( (Jp ^j'm) der Obrigkeiten der Schrift unterscheidet man eine 
richtige (jE tsching) und eine nachfolgende (^ tsung) Classe. Von der vierten Classe 
angefangen unterscheidet man noch einen oberen (_t. scliang) und einen unteren ( "f* hia) 
Theil. Dieses würde im Ganzen dreissig Abstufungen ergeben. Die Stufen, welche den 
Cbrigkeiten der Schrift ausgetheilt werden, sind jedoch neunundzwanzig. Ihre Namen sind: 

1. Die nachfolgende erste Classe: p^ jf^" Khai-fu ,der das Sammelhaus Eröffnende'. 
Derselbe ist von derselben Art wie die drei Vorsteher (^ "^ san-sse). 

2. Die richtige zweite Classe : 4^ ^ Tlü-tsin ,der vorzüglich Beförderte'. 

ü. Die nachfolgende zweite Classe : 7^ w lA! ^ Kuang-lo-ta-fu ,der grosse Mann 
des glänzenden Gehaltes'. 

4. Die richtige dritte Classe : -^ ^ -^ ^ y^ ^ Kin-thse kuang-lu-ta-fu ,der 
grosse Mann des glänzenden Gehaltes von dem Goldpurpur'. 

5. Die nachfolgende dritte Classe : ^ pg Yin-thsing kuang-lu-ta-fu ,der grosse Mann 
des glänzenden Gehaltes von dem Silbergrün'. 

6. Der obere Theil der richtigen vierten Classe: JE ^ Tscldng-i ta-fu ,der grosse 
Mann der richtigen Berathung". 

7. Der untere Theil der richtigen vierten Classe: j^ ^ Thung-i ta-fu ,der grosse 
Mann der durchdringenden Berathung'. 

8. Der obere Theil der nachfolgenden vierten Classe : ^ CJ^ Thai-tschung ta-fa 
,der grosse Mann der grossen Mitte'. 

i). Der untere Theil der nachfolgenden vierten Classe: ^ ')k. ^ Tsc/mng-ta-fu 
,der grosse Mann der Mitte'. 

10. Der obere Theil der richtigen fünften Classe: Pfl ^ Tsung-san-ta-fu ,der von 
der Mitte ausgetheilte grosse Mann'. 

11. Der untere Tlieil der richtigen fünften Classe: ^ ^ Tsch'au-i ta-fu ,der 
grosse Mann der Beratliung des Hofes'. 

12. Der obere Theil der nachfolgenden fünften Classe; ^ |^ Tsc/iao-thsing ta-fu 
,der gi-osse Mann des Bittens an dem Hofe'. 

13. l)cr untere Theil der nachfolgenden fünften Classe: ^ ^ Tsdiao-san ta-fu 
,der von dem Hofe ausgetheilte grosse Mann'. 

14. Der obere Theil der richtigen sechsten Classe: ^ ^ ^|5 TsclC ao-i-lang ,der 
Leibwäcliter der Berathung des Hofes'. 

15. Der untere Theil der richtigen sechsten Classe: -^ ^ ^P Sching-i-lang ,der 
bei der Beratluing zui- Seite stellende Leibwächter'. 

16. Der obere TJieil dcv nachfolgenden sechsten Classe : ^ ^ Fung-i-lang ^dev die 
Berathung in h^mpfang nehmende Leibwäcliter'. 

17. Dei- untere Theil der nachfolgenden sechsten Classe: J^ ]j^ Tlmng tsdii-lang 
,(lcr mit dem Geraden verkehrende Leibwächter'. 



Darlegung der (jihnesisciien Ämter. 147 

18. Der obere Theil der richtigen siebenten Classe: ^ |^ Ti^cli ao-thsing-lang ,der 
Leibwächter des Bittens an dem Hofe*. 

19. Der untere Theil der richtigen siebenten Classe: ^ ^ iSiimn-te-lang ,der die 
Tugend ausbreitende Leibwächter'. 

20. Der obere Theil der nachfolgenden siebenten Classe : ^ ^ Tsch'' ao-san-lang 
,der von dem Hofe ausgetheilte Leibwächter'. 

21. Der untere Thoil der nachfolgenden siebenten Classe: ^ ^ SiuPM-i-lang ,der 
die Gerechtigkeit ausbreitende Leibwächter'. 

22. Der obere Theil der richtigen achten Classe : ^p" ^ Kk/sse-lang ,der die 
Geschäfte darbietende Leibwächtei*'. 

23. Der untere Theil der richtigen achten Classe: ^^ ^ Tsching -sse-lang ,der die 
Geschäfte darlegende Leibwächter'. 

24. Der obere Theil der nachfolgenden achten Classe : ^ ^ ScJäng-fung-lang ,der 
zur Seite stehende und in Empfang nehmende Leibwächter'. 

25. Der untere Theil der nachfolgenden achten Classe: ^ ^ 8cldng-iüH-lang ,der 
bei den Bestrebungen zur Seite stehende Leibwächter'. 

26. Der obere Theil der richtigen neunten Classe : ^ i^ Jn-lin-lanq ,der Leib- 
wächter des Gelehrtenwaldes'. 

27. Der untere Theil der richtigen neunten Classe: ^ j^ Teng-sse-lang ,der Leib- 
wächter der aufsteigenden Diener'. 

28. Der obere Theil der nachfolgenden neunten Classe : ^ ^ Wen-Un-lang ,der 
Leibwächter des Schriftwaldes'. 

29. Dei- untere Theil der nachfolgenden neunten Classe : ^ ft Tslang-sse-lang ,der 
Leibwächter der anführenden Diener'. 

Im fünften Jahre des Zeitraumes Wu-te (G22 n. Chr.) veränderte man den früher 
üblichen Namen j§ ■^ .'ihi,en-])?(, , Abtheilung der Wahlen' zu li-ptc , Abtheilung der Ange- 
stellten'. 

Im siebenten Jahre des Zeitraumes Wu-te (624 n. Chr.) wurde das Amt sse-lang 
,aufwartender Leibwächter' weggelassen. Im zweiten Jahre des Zeitraumes Tsching- 
kiian (629 n. Chr.) führte man es wieder ein. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Lung-so (661 n. Chr.) veränderte man den Namen 
U-pu , Abtheilung der Angestellten' zu ^ ^ij sse-lie , Vorstehung der Reihen'. 

Verändert wurden ferner: 

3^ '^ Tschä-tsin , Vorgesetzter der Würden' zu u\ ^ sse-fung ,Voi-stehei- der Lelien'. 

^ ^ Khao-kung , Untersuchender der Verdienste' zu ^ ^ sse-tsi ,Vorsteher der 
Verdienste'. 

Zu den Zeiten der Kaiserin von dem Geschlechte Wu, im ersten Jahre des Zeit- 
raumes Kuang-tsch'i (684 n. Chr.) veränderte man den Namen U-jju ,Abtheilung der 
Angestellten zu ^ '^ fhien-knan , Obrigkeiten des Himmels'. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Tschui-kung (68.5 n. Chr.) veränderte man ebenfalls 
den Namen tschü-tsih ,Vorgesetzter der Würden' zu sse-fung ,Vo]-steher der Lehen'. 

Im eilften Jahre des Zeitraumes Thien-pao (7.52 n. Chr.) veränderte man den Namen 

U-pib , Abtheilung der Angestellten zu ^ ^ wen-pv. , Abtheilung der Schrift'. Im zweiten 

Jalire des Zeitraimaes Tschi-te (657 n. Chr.) kehrte man zu der alten Benennimg zurück. 

1'.)'' 



J^g 1 FIZMAIER. 

Man hatte : 

Li-pu -^ ^ Ung-sse , gebietende Vermerker von der Abtlieilung der Angestellten' 
dreissig. 

^ iScJm Ung-sse , gebietende Vermerker der Bücher' sechzig. 

^Ij ^ Tscki-sc/m Ung-sse , gebietende Vermerker der eingerichteten Bücher' vierzehn. 

Ep i^ Kiä-khu Ung-sse , gebietende Vermerker der llüstkammer der Panzer' dreizehn. 

Ting-tschang ,Aelteste des Einkehrliauses' acht. 

^ [W| Schang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' zw^ölf. 

Sse-fmig Ung-sse ,den Lehen vorstehende gebietende Vermerker' vier. 

ScJm Ung-sse ,gebietende Vermerker der Bücher' wieder neun. 

Schang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' wieder vier. 

^ W) Sse-Jdiin Ung-sse ,den glänzenden Verdiensten vorstehende gebietende Ver- 
merker' dreiunddreissig. 

Schi Ung-sse , gebietende Vermerlcer der Büclier' wieder siebenundsechzig. 

Schang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' wieder vier. 

^ '^ Khao-kung Ung-sse ,dic Verdienste untersuchende gebietende Vermerker' 
fünfzehn. 

Schu Ung-sse .gebietende Vermerker der Bücher' wieder dreissig. 

Schang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' wieder vier. 



^ ^ ßP t' Sse-fung kmg-tscliung ,der Mittlere der Leibwächter von der Vor- 
stehung der Lehen'. Derselbe ist ein Einziger und gehört zu dem oberen Theile der 
nachfolgenden fünften Classe. 

Yün-ivai-lang .der überzählige Leibwächter'. Derselbe ist ein Einziger und gehört 
zu dem oberen Theile der nachfolgenden sechsten Classe. 

Die Classen sämmtlicher Mittleren der Leibwächter (lang-tsclmng) und überzähligen 
Leibwächter (ynn-wai-lang) sind die nämlichen. 

Dieses Amt befasst sich mit dem Befehlen hinsiclitlich der Lehen, mit den Versamm- 
lungen an dem Hofe und der Verleihung der Rangstufen ( j^ klti). 

Bei den Würden ('^ tsii.>) unterscheidet man neun Stufen. Dieselben sind: 

\. ^ Wang ,Ivönig'. Die für die Einkünfte desselben bestimmte Lehensstadt 
(^ ^ ) sind zehntausend Thüren des Volkes. Er gehört zu der richtigen ersten Classe. 

2- ffl^ 3E Sse-wang ,König durcli das Recht der Nachfolge'. 

^ 3E Kiän-wang , König einer Landschaft'. 

Die für die Einkünfte dieser Könige bestimmte Lehenstadt sind fünftausend Thüren 
des Volkes. Sie gehören zu der nachfolgenden ersten Classe. 

^- IS ^ I^ue-knng ,Füi-st eines Reiches'. Die für die Einkünfte desselben bestimmte 
Lehenstadt sind dreitausend Thüren des Volkes. Er gehört ebenfalls zu der nachfol- 
genden ersten Classe. 

4- P§ H liI5 4V khai-kue kiün-kimg , Fürst der Landschaft eines eröffneten Reiches'. 
Die für die Einküut'te desselben bestimmte Lehenstadt sind zweitausend Thüren des 
Volkes. Er gehört zu der richtigen zweiten Classe. 



DaRLEGUNU UEU CIIINESISCIIKN AmTEU. 149 

5. Khai-kue ^ ^ hlen-kwig , Fürst des Kreises eines eröffneten Reiches'. Die für 
die Einkünfte desselben bestimmte Lehensstadt sind eintausend fünfhundert Thüren des 
Volkes. Er gehört zu der nachfolgenden zweiten Classe. 

6. Khai-kue ^ ^ hien-heu ,der zu der zweiten Classe gezählte Lehensfürst des 
Kreises eines eröffneten ßeiches'. Die für die Einkünfte desselben bestimmte Lehensstadt 
sind eintausend Thüren des Volkes. Er gehört zu der nachfolgenden dritten (Masse. 

7. Khai-kue hien- 'fQ pe ,der zu der dritten Classe gezählte Lehensfürst des Kreises 
eines ei"öffneten Reiches'. Die für die Einkünfte desselben bestimmte Lehensstadt sind 
siebenhundert Thüren des Volkes. Er gehört zu dem oberen Theile der richtigen vierten 
Classe. 

8. Khai-kue hien- -f" tse ,der zu der viei-ten Classe gezählte Lehensfürst des Kreises 
eines eröff'neten Reiches'. Die für die Einkünfte desselben bestimmte Lehensstadt sind 
fünfhundert Thüren des Volkes. Er gehört zu dem oberen Theile der richtigen fünften 
Classe. 

9. Khai-kue hien- ^ nan ,der zu der fünften Classe gezählte Lehensfürst des Kreises 
eines eröffneten Reiches'. Die für die Einkünfte desselben bestimmte Lehensstadt sind 
dreihundert Thüren des Volkes. Er gehört zu dem oberen Theile der nachfolgenden 
fünften Classe. 

Die kaiserlichen Brüder und Söhne werden mit einem Reiche belehnt und heissen 
^ ^ ihsin-wang ,nahestehende Könige'. 

Die Söhne des kaiserlichen grossen Sohnes (Nachfolgers) sind Könige einer Land- 
schaft (kiün-wang) . 

Die Söhne der nahestehenden Könige (thsin-tcamj). welche als rechtmässige ^ (t'i) 
anerkannt werden, sind Könige durch das Recht der Nachfolge (sse-ivang). Die gewölm- 
lichen Söhne sind Fürsten einer Landschaft (kiün-kung). Findet eine Beförderung aus 
Gnade statt, so werden sie in das Lehen von Königen einer Landschaft (kiün-ivang) ein- 
gesetzt. Die Söhne derjenigen, welche die Würde des Königs einer Landschaft (kiün- 
wang) oder eines Königs durch das Recht der Nachfolge (sse-wang) erhalten, w^erden in 
das Lehen von Fürsten eines Reiches (kue-knng) eingesetzt. 

Die kaiserlichen Muhmen heissen j^. ^ ^^ "Bc. ta-tschang-kung-tschü , grosse älteste 
Kaisertöchter'. Sie gehören zu der richtigen ersten Classe. 

Die kaiserlichen älteren Schwestern heissen :^ -^ 3E tschang -kung-tscJdl , älteste 
Kaisertöchtei''. 

Die kaiserlichen Töchter heissen ^ 3£ kung-tschü. Sie gehören gleich den kaiser- 
lichen älteren Schwestern zu der richtigen ersten Classe. 

Die Töchter des kaiserlichen grossen Sohnes (hoang-thai-tse) heissen ^ 3£ kiün-tschi'i 
,Vorgesetzte der Ijandscliaft'. Sie gehören zu der nachfolgenden ersten Classe. 

Die Töciiter der nahestehenden Könige (thsin-ivong) heissen ^ ^ hien-tschü ,\'ur- 
gesetzte des Kreises'. Sie gehören zu der nachfolgenden zweiten Classe. 

Die Könige und Füi'sten, welche fünfzehn oder mehr Jahre zählen, versammeln sicli 
an dem Hofe. Die Töchter und Frauen der Verwandten des Stammliauses und die 
ältesten Töchter der Könige besuchen einander monatlich. 

ft ^ ^ Nei-ming-fu ,die inneren Frauen des Befehles' sind die P'rauen von der 
fünften Rangstufe aufwärts. 



J^JjQ PfIZMAIER. 

Die Mutter des zu der ersten Classe geliörenden Würdenträgers heisst ^ ^ Idün- 
kiün , Gebieterin der Landschaft' und gehört als solche zu der richtigen vierten Classe. 

Die Mutter des zu der zweiten Classe gehörenden Würdenträgers heisst ebenfalls 
^ "^ kiün-kiiin ,Gebiet6rin der Landschaft' und gehört als solclie zu der nachfolgenden 
vierten Classe. 

Die Mutter der zu der dritten und vierten Classe gehörenden Würdenträger heisst 
^ ^ hien-kiün , Gebieterin des Kreises' und gehört als solche zu der richtigen fünften 
Classe. 

Die Könige, Kaisertöcliter und Verwandten von mütterlicher Seite treten bei Gebet 
und W^ahrsagung bei einander nicht in das Thor. Wenn die Gemalinnen der Könige, 
die vorgesetzten Frauen der Landschaften und Kreise (kiün-tschü hien-tscküj Witwen sind 
und Söhne haben, vermalen sie sich nicht wieder. 

^^ 'mJ ^ Wai-iuing-fu. ,die äusseren Frauen des Befehles' sind sechs. 

Die Mütter und Gattinnen der Könige (tcangj, der Könige durch das Recht der 
Nachfolger (sse-ivanc/) und der Könige der Landschaften (kiiin-wang) heissen ^ß fei 
, Königin'. 

Die Mütter und Gattinnen der zu der ersten Classe gehörenden W^ürdenträger und 
der Fürsten eines Reiches heissen [@ ^ A kite-fu-jin ,vornehme Frau des Reiches'. 

Die Mütter und Gattinnen der Würdenträger von der dritten Classe aufwärts heissen 
^ kinn-fu-jin ,voniehme Frau der Landschaft'. 

Die Mütter und Gattinnen der zu der vierten Classe gehörenden Würdenträger heissen 
^ ^ kiiin-kinn , Gebieterin der Landschaft'. 

Die Miltter und Gattinnen der zu der fünften Classe gehörenden Würdenträger heissen 
3^ ^ hien-kiün , Gebieterin des Kreises'. 

Die Mütter und Gattinnen der zu der vierten Classe gehörenden Würdenträger, 
welche glänzende Verdienste haben und in Lehen eingesetzt wurden, heissen |p|5 ^ hianr/- 
kiün , Gebieterin des Bezirkes'. 

Die äusseren Frauen des Befehles (ivai-miug-fu)^ welche an dem Hofe erscheinen 
und einander besuchen, gehören zu der ('lasse ihrer Männer und Söhne. 

Den Müttern und Gattinnen der Würdenträger der Gehäge (^ fanY von der dritten 
Classe avifwärts überträgt man Lehen zur Einrichtung des Lebenslaufes. Die Mütter 
und Gattinnen der auswärtigen Würdenträger der Künste ( ^j» :f$ ^ 1^ ) setzt man In 
keine Lehen ein. 

Zwei Nebenfrauen ( |^ \) der nahestehenden Könige (fhsin-ivang) gehören zu der 
richtigen fünften Classe. Zehn Brautführerinnen (^ ,'ji^^fi) gehören zu der nachfolgenden 
sechsten Classe. 

Acht Brautfühi-orinnen der Würdenträger der zweiten (Jlasse gehören zu der richtigen 
siebenten Classe. 

Sechs Brautführerinnen der Fürsten eines Reiches (hte-kiing) und dci- Würdenträger 
der dritten Classe gehören zu der nachfolgenden siebenten Classe. 

VIci- Jh'autführerinnen der Würdenträgei' der vierten Classe gehören zu der richtigen 
achten Classe. 



' Die Gelläffe sind die fremden Gränzen. 



Darlegung dek ciiini;si.sciikn Amteu. 151 

Drei Brautführerinnen der Würdenträger der dritten Classe gehören zu der naeli- 
folgenden achten Classe. 

Die für die Einkünfte dei' Kaiserinnen, der Könige und der Kaisertüelitej' bestimmten 
Leiiensstädte haben bestätigte Thüren des Volkes. Berühmte Berge, grosse Flüsse und 
die Gebiete innerhalb der Königsgränze werden niclit als Lehen gegeben. 



^ W) >^se-hiün lany-tsdiaiui ,der Mittlere der Leibwächter von der Vorstehung der 
glänzenden Verdienste'. Derselbe ist Einziger. 

Yün-wai-lang ,überzählige Leibwächter' sind zwei. 

Dieses Amt befasst sich mit den Abstufungen der glänzenden Verdienste (Iiiün) der 
Würdenträger und Angestellten. 

Ein Würdenträger von zwölf Umwendungen (^ tschutn) heisst _L ^ H scliang- 
tschil-kue ,der obere das Reich als Pfeiler Stützende'. Derselbe gehört zu der richtigen 
zweiten Classe. 

Ein Würdenträger von eilf Umwendungen heisst ^ g tschü-kue ,der das Reich als 
Pfeiler Stüzende'. Derselbe gehört zu der nachfolgenden zweiten Classe. 

Ein Würdenträgei- von zehn Umwendungen heisst Jl ^ H! Schang-liu-knlu ,der 
obere das Kriegsheer Beschützende'. Derselbe gehört zu der richtigen dritten Classe. 

Ein Würdenträger von neun Umwendungen heisst ^ ^ hu-kiün ,der das Kriegsheer 
Beschützende'. Derselbe gehört zu der nachfolgenden dritten Classe. 

Ein Würdenträger von acht Umwendungen heisst _t ü |^ ^ ^t sdiang-kinq-kiün 
tu-icei ,der obere allgemeine Beruhiger des leichten Kriegsheeres'. Derselbe gehört zu 
der richtigen vierten Classe. 

Ein Würdenträger von sieben Umwendungen heisst lH 5 ^ ^'t king-kiün fn-ivei 
,der allgemeine Beruhiger des leichten Kriegsheeres'. Derselbe gehört zu der nach- 
folgenden vierten Classe. 

Ein Würdenträger von sechs Umwendungen heisst _t '^ ^ B^ scliang-khi tu-ioei 
,der obei-e allgemeine Beruhiger der Reiter'. Derselbe gehört zu der richtigen fünften 
Classe. 

Ein Würdenträger von fünf Umwendungen heisst ,|^ ^ ^,<f khi-tu-ioei ,der allgemeine 
Beruhiger der Reiter'. Derselbe gehört zu der nachfolgenden fünften Class«. 

Ein Würdenträger von vier Umwendungen Iieisst .^ ,^ ^>f kiao-khi-icei ,der Beruhiger 
der kühnen Reiter'. Derselbe gehört zu der richtigen sechsten Classe. 

Ein Würdenträger von drei Umwendungen heisst ^ ,^ ^>f ß-l-klü-wei ,der Beruhiger 
der fliegenden Reiter'. Derselbe gehört zu der nachfolgenden sechsten Classe. 

Ein Würdenträger von zwei Umwendungen heisst ^ ,^ ^>f n'dn-khi-ivei ,der Beriddger 
der ^^ olkenreiter'. Derselbe gehört zu der^richtigen siebenten Classe. 

Ein Wüi-denträger einer einzigen Umwendung heisst "^ ^ ^^ a-a-kld-tcei ,der Be- 
ruhiger der kriegerischen Reiter". Derselbe gehört zu der nachfolgenden siebenten Classe. 

Wenn etwas auf Grund der Verdienste übergeben wird, untersucht man, was an 
ihnen Wirkliches ist und meldet es dann erst an dem Hofe. 

Bei Bemessung der in Kämpfen erworbenen Verdienste rechnet man die Zahl der 
Tödtungen und Gefangennehmungen. 



152 Pfizmaieu. 

Die ersten Verdienste durch hartnäckige Vertheidigung von Festen und mühevolle 
Kämpfe haben drei Umwendungen (^ tsrhn.en). 

Wenige aussenden und Viele angreifen, nennt man _t. 15$ srhang-tschin .die obere 
Schlachtordnung'. 

(Gegenseitiges Entsprechen der Zahl der Krieger nennt man PfJ [5$ tschuhg-tschin 
,die mittlere Schlachtordnung'. 

Viele aussenden und Wenige angreifen, nennt man ~p [5$ Ida-tsclän ,die untere 
Schlachtordnung'. 

Ehe Pfeile und Steine sich nocli vermengen, das Feste zum Falle bringen, die 
Menge anfallen, so dass der Feind dadurch geschlagen wird, nennt man |^^ ^ tiao- 
thang , springend vertreiben'. 

Vier Zehntheile tödten oder gefangen nelimen, nennt man _t, ^ srhang-hoe ,die 
obere Gefangennehmung'. 

Zwei Zehntlieile tödten oder gefangen nehmen, nennt man \^ ^ tschung-lwe ,die 
mittlere Gefangennehmung'. 

Einen Zehntheil tödten oder gefangen nehmen, nennt man ~\^ |§ hia-hoc .die untere 
Gefangennehmung'. 

Bei der Belohnung der Verdienste gibt es Stufen ( ^ ). Wird man betraut, vorher 
verwendet, beständig gewählt, so sagt man Jt. ^ schang-tse ,die obere Verwendung'. 

Bei den ausgetheilten Aemtern der Schrift und des Krieges, bei den Obrigkeiten 
der Leibwache und den hochverdienten Würdenträgern von der fünften Classe aufwärts 
sagt man ^ ^ tliRe-Ue ,die nächstfolgende Verwendung'. 

Bei den Söhnen und Enkeln der Würdenträger von der fünften Classe aufwärts, 
bei den Söhnen der oberen das Reich als Pfeiler Stützenden (scltang-tschü-kue)^ der das 
Reich als Pfeiler Stützenden (f-'^chü-kuej und den hochverdienten Wtirdenträgorn von der 
sechsten Classe aufwärts sagt man ~f^ ^ hia-tse ,die untere Verwendung'. 

Bei Neulingen im Amte (h ~y pe-ting) und Kriegsmännern der Leibwache sagt 
man ^ ^ irn,-tse .keine A erwendung'. 

Die Menschen des springend Vertreibens (^^ ^ tiao-thai)g) haben die obere Ver- 
wendung (.■<chang-txe). Man gibt ihnen zwei Stufen hinzu. 

Bei der nächstfolgenden Verwendung (tkse-tsej, unteren Verwendung (hia-tse) und 
keiner Verwendung (tm-tsej geht man nach der Reihenfolge abwärts. 

Die obere Schlachtordnung (scliang-tschin) und die obere Gefangennehmung (schang- 
hod) haben fünf Umwendungen (tschnen). 

Die mittlere Gefangennehmuug (Uclumg-hot) hat vier Umwendungen. 1 

Die untere Gefangennehmiuig (hla-lioe) hat drei Umwendungen. 

Bei der zweiten und dritten Stufe geht man wechselnd abwärts. 

Die obere Gefangennehmung der mittleren Schlachtordnung (tschung-tschin) gehört 
zu der mittleren Gefangennehmung der oberen Schlachtordnung. 

Die mittlere (Tcfangennehmung gehört zu der unteren Gefangennehmung der oberen 
SchlacJitordnung. 

Die untere Gefangennehmung hat zwei Umwendungen. 



Darlegung der chinesiscubn Ämter. 153 

Die obere Gefangennehmung der unteren Sclilaclitordnung gehört zu der mittleren 
(Tefangennehmung der mittleren Schlachtordnung. 

Die mittlei-e Gefangennehmung gehört zu der unteren Gefangennehmung der mittleren 
Schlachtordnung. 

Diese untere Gefangennehmung liat eine ümwendung. 



^ ^ Khao-kung lang-tsckung ,der Mittlere der Leibwächter von der Untersuchung 
der Verdienste'. 

Yün-wai-lang ,der überzählige Leibwächter'. Diese Würdenträger sind je Einer. 

Das Amt befasst sich mit der Untersuchung der Verdienste und Mängel, der guten 
und schlechten Eigenschaften der Obrigkeiten der Schrift und des Krieges, ebenso mit 
deren LebensAvandel. Man beachtet vier gute Eigenschaften (^ )• Dieselben sind: 

1. Bekannte Tugend und Gerechtigkeit. 

2. Olfenkundige Klarheit und Aufmerksamkeit. 

3. Gepriesener öffentlicher Sinn und Billigkeit. 

4. Ehi-erbietigkeit und keine Nachlässigkeit. 

Ausserdem beachtet man siebenundzwanzig Vorzüge {^ tsui). Dieselben sind : 

1. Bei Darbietungen mit dem Richtigen wechseln können, das Hintei'lassene auf- 
lesen, den Mangel ergänzen. Dieses ist ein Vorzug der nahestehenden Aufwartenden. 

2. Menschliche Dinge abwägen, die Begabung und das Treffliche gänzlich hervor- 
heben. Dieses ist ein Vorzug der wählenden Vorsteher. 

3. Das Klare ausbreiten, das Trübe zurückdrängen, bei Lobpreisung und Herab- 
setzung das Gebührende thun. Dieses ist ein Vorzug der Untersuchenden und Verglei- 
chenden. 

4. Bei den Gebräuchen die Muster des Verfahrens einrichten, in den Handlungen 
mit den Vorbildern der mustergiltigen Bücher übereinstimmen. Dieses ist ein Vorzug 
der Obrigkeiten der Gebräuche. 

5. Des Einklangs der Tonweisen mächtig sein, das Aufspielen der Abschnitte nicht 
verfehlen. Dieses ist ein Vorzug der Obrigkeiten der Musik. 

6. Mit der Entscheidung nicht zögern, bei Geben und Entreissen mit der Ordnung 
übereinstimmen. Dieses ist ein Vorzug der in den Sachen Urtheilenden. 

7. In der Leitung der Abtheilungen eine Gegend haben, aufmerksam bewachen, 
ohne etwas ausser Acht zu lassen. Dieses ist ein Vorzug der Leibwachen des Nachtlagers. 

8. Die bewaffneten Kriegsmänner einüben, die Kriegsanzüge bereit halten. Dieses 
ist ein Vorzug der Beaufsichtigenden und Leitenden. 

9. Bei Verhören die Beschaffenheit des Gemüthes entdecken, bei Billigkeit und 
Wahrheit des Urtheils verharren. Dieses ist ein Vorzug der Obrigkeiten der Gesetze. 

10. Im Vergleichen rein erforschen, ira Einschneiden und Bestimmen hellsehend 
sein. Dieses ist ein Vorzug der das Richtige Vergleichenden. 

11. Den hohen Willen in Empfang nehmen, das an dem Hofe Gemeldete ausbreiten, 
erleuchtet und aufgeweckt vorbringen. Dieses ist ein Vorzug der Verbreitenden und 
Vorbringenden. 

Deuischriften der phil-hist. Cl. XXIX. Bd. 20 



254 Pl'IZMAIER. 

12. Bei Belehren und Führen eine Gegend haben, bei Schülern und Genossen die 
Beschäftigung üben. Dieses ist ein Vorzug der Obrigkeiten des Lernens. 

13. Bei Belohnen und Strafen streng und erleuchtet, bei Angriffen und in Kämpfen 
gewiss siegen. Dieses ist ein Vorzug der Anführer des Kriegsheeres. 

14. Die Weise der Gebräuche erhebt sich und kommt in Gang, das Strenge und 
Reine wird eingetheilt. Dieses ist ein Vorzug der Lenkung und Belehrung. 

15. Die Verzeichnisse, das Richtige der Vorbilder erforschen, die Rede geordnet 
und zugleich erhoben. Dieses ist ein VorzuQ- der Vermerker der Schrift. 

16. Nachfragen, untersuchen, geistig erforschen, anregend das Gebührende erheben. 
Dieses ist ein Vorzug der das Richtige Untersuchenden. 

17. Hellsehend in angemessenem Erforschen, das Verfehlte berechnen, ohne zu ver- 
bergen. Dieses ist ein Vorzug der vorläufig Umschränkenden. 

18. Den Sachen vorstehen, die Ordnung einrichten, Hilfe leisten, mit Kraft durch- 
setzen. Dieses ist ein Vorzug der Beaufsichtigenden und Handhabenden. 

19. Die Verdienste geprüft, alles erfüllt, die Leute des Volkes und die Handwerker 
ohne Groll. Dieses ist ein Vorzug der Abgesandten für die Dienstleistungen. 

20. Pflügen und Jäten zu seiner Zeit, Sammeln, Aernten, das Prüfen zu Stande 
bringen. Dieses ist ein Vorzug der lagernden Obrigkeiten. 

21. Sorgfältig im Verdecken und Aufbewahren, hellblicken im Herausgeben und 
Hereingeben. Dieses ist ein Vorzug bei den Scheunen und Rüstkammern. 

22. Weiter setzend schreiten, das Leere anfüllen, das Geistige und Verborgene der 
Ordnung erforschen. Dieses ist ein Vorzug der Obrigkeiten des Kalenders. 

23. Wahrsagen, die Heilung erspähen, die Schildkrötenschale brennen, vergleichend 
das Viele bestätigen. Dieses ist ein Vorzug der Kunst der Arzneimittel. 

24. Bei ümschränken, Untersuchen eine Gegend haben, die wandernden Scharen 
ohne A'erschliessung. Dieses ist ein Vorzug bei Engpässen und Ueberfahrten. 

25. In den Markthütten keine Störung, Schmuggel und Uebergriffe kommen nicht 
in Gang. Dieses ist ein Vorzug der Vorsteher des Marktes. 

26. Das Ernährte der Weideplätze ist fett und gross, in den Gehägen vieles Leben. 
Dieses ist ein Vorzug der Obrigkeiten der Hirten. 

27. An den Gränzen Klarheit und Strenge, die Festen und Gräben in Oj'dnung 
bringen. Dieses ist ein Vorzug der die Bollwerke Niederhaltenden. 

Einen A'orzug {^ tt;iii) und vier gute Eigenschaften (^ sehen) nennt man Jl Y. 
schang-schang ,das obere Obere'. 

Einen Vorzug und drei gute Eigenschaften nennt man _t. ^ schang-tschung ,das 
obere Mittlere'. 

Einen Vorzug und zwei gute Eigenschaften nennt man _t. ~\^ schaiuj-liia ,das obere 
Untere'. 

Keinen A orzug, aber zwei gute Eigenschaften haben, nennt man Fp _t. tscJmng- 
schang ,das mittlere Obere'. 

Keinen Vorzug, aber eine gute Eigenschaft haben, nennt man \^ \^ txclmng-tsclmng 
,das mittlere Mittlere'. 

Den Geschäften vorstehen, obei-flächlich ordnen, indess gute Eigenschaft und Vorzug 
unbekannt sind, nennt man F^I ~p tschung-liia ,das mittlere Untei'e'. 



Darlegung der chinesischen Ämter. 155 

Lieben und Hassen entsprechen dvv Leidenschaft, bei der Entscheidung verbleiben, 
die Ordnung verkehren, nennt man ~f^ J^. hia-schang ,das untere Obere'. 

Dem Oeffentlichen den Rücken kehren, dem Besonderen sich zuwenden, in dem 
Amte sich bemülien, das Mangelhafte niederreissen, nennt man ~fC pfl liia-tschung ,das 
untere Mittlere'. 

Li dem Amte schmeicheln und lügen, das Trübe sichtlich begehren, nennt man 
~f» ~f> Ida-hia ,das untere Untere'. 



^ ^ IpQ" ^ Hu-pu schang-schu ,der oberste ßuchführer von der Abtheilung der 
Thüren des Volkes'. Derselbe ist ein Einziger und gehört zu der richtigen dritten 
Classe. 

■j^ ^|5 Sse-lang , aufwartende Leibwächter' sind zwei. Dieselben gehören zu dem 
unteren Theile der richtigen vierten Classe. 

Dieses Amt befasst sich mit der Lenkung in Bezug auf Land und Boden, auf die 
Menschen des Volkes, auf das Geld und das Getreide, ferner mit dem Unterschiede des 
Tributes und der Abgaben. Die vier zugetheilten Aemter sind : 

\. ]ß ^ Hu-pu ,die Abtheilung der Thüren des Volkes'. 

2- ^ ^ Tu-tsdii ,die Bemessung. 

3. ^ üP Kin-pu ,die Abtheilimg der Metalle'. 

^- 'M ^ Thsang-pu ,die Abtheilung der Scheunen'. 
Zu dem ersten zugetheilten Amte gehören: 

1. Hu-pu lang-tschung ,der Mittlere der Leibwächter von der Abtheilung der Thüren 
des Volkes'. 

2. Yün-tvai-Iang ,der überzählige Leibwächter'. 

Als Kaiser Kao-tsung von Thang zu seiner Rangstufe gelangte, veränderte er den 
Namen ^ ^ min-pu , Abtheilung des Volkes' zu hu-pu , Abtheilung der Thüren des 
Volkes'. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-sö (662 n. Chr.) veränderte man den Namen 
hu-pu , Abtheilung der Thüren des Volkes' zu W) jc sse-yuen ,Vorstehung des Ursprüng- 
lichen'. 

Den Namen tu-tsdil , Bemessung' veränderte man zu ^ |^ sse-tu ,Vorstehung der 
Bemessung'. 

Den Namen kin-pu , Abtheilung der Metalle' veränderte man zu a\ 3^ sse-fschin 
,Vorstehung der Kleinode'. 

Den Namen thsang-pu ,Abtheilung der Scheunen' veränderte man zu ^ )^ sse-yü 
,Vorstehung der ungedeckten Scheunen'. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Kuang-tsch'i (684 n. Chr.) veränderte man den 
Namen hu-pu , Abtheilung der Thüren des Volkes' zu :mj 1^ ti-kuan , Obrigkeit der Erde'. 

Im eilften Jahre des Zeitraumes Thien-pao (752 n. Chr.) veränderte man den Namen 
kin-pu ,xVbtheilung der Metalle' zu ^ ^ sse-kin ,Vorstehung der Metalle'. 

Den Namen thsang-pu ,Abtheilung der Scheunen' veränderte man zu ^ ^ sse-tsch'ü 
, Vorstehung des Gewinnes'. 

20* 



-1 vn PfizmAier. 

Es gab ferner folgende Angestellte : 

nu-2}u Ung-sse , gebietende Vermerker von der Abtheilung der Thüren des Volkes' 

siebzehn. 

Ilti-jm schu-ling-sse , gebietende Vermerker der Bücher von der Abtheilung der Thüren 

des Volkes' vierunddreissig. 

Hu-pu tt ^ Idsse ,der berechnende Vermerker von der Abtheilung der Thüren 
des Volkes'. Derselbe war ein Einziger. 

Eu-pu ting-tschang ,Aelteste des Einkehrhauses von der Abtheilung der Thüren des 

Volkes' sechs. 

IIu-2m schang-ku ^ O ,mit Befestigung sich Befassende von der Abtheilung der 
Thüren des Volkes' zehn. 

Tu-tsch'i Ung-sse ,gebietende Vermerker von der Bemessung' sechzehn. 

Tu-tscKi schu-Ung-sse .gebietende Vermerker der Bücher von der Bemessung' drei- 
unddreissig. 

Tu-tsch'i ki-sse ,der berechnende Bemerker von der Bemessung'. Derselbe war ein 

Einziger. 

Tu-fsch'i schang-ku- ,mit Befestigung sich Befassende von der Bemessung' vier. 
Kin-pu i ^ tschü-sse ,den Geschäften Vorgesetzte von der Abtheilung der 

Metalle' drei. 

Kin-pu Ung-sse ,gebietende Vermerker von der Abtheilung der Metalle' zehn. 

Kin-pu schu-Ung-sse , gebietende Vermerker der Bücher von der Abtheilung der 
Metalle' einundzwanzig. 

Kin-pu ki-sse ,der berechnende Vermerker von der Abtheilung der Metalle'. Derselbe 
war ein Einziger. 

Kin-pu schang-ku ,mit Befestigung sich Befassende von der Abtheilung der Metalle' vier. 

Thsang-pu Ung-sse .gebietende Vermerker von der Abtheilung der Scheunen' zwölf. 

Thsang-pv. schu-Ung-sse ,gebietende Vermerker der Bücher von der Abtheilung der 
Scheunen' dreiundzwanzig. 

Tlisang-pu ki-sse ,der berechnende Vermerker von der Abtheilung der Scheunen'. 
Derselbe war ein Einziger. 

Thsang-pu schang-ku ,mit Befestigung sich Befassende von der Abtheilung der 
Scheunen' vier. 



M ^ Tu-tscKi lang-tschung ,der Mittlere der Leibwächter von der Bemessung'. 

Yün-vjai-Iang ,der überzählige Leibwächter'. 

Diese Würdenträger sind je Einer. Sie befassen sich mit den Abgaben, den Erzeug- 
nissen und den Erträgnissen des Wassers und des Landes. Sie berechnen jährlich das 
Hervorgebrachte und bemessen es je nach der Nähe und Ferne. Nachdem sie es in 
Gemeinschaft mit der verschlossenen Abtheilung der Bücher der Mitte (tschung-schu) und 
der unter dem Thore befindlichen (men-hia) verschlossenen Abtheilung berathen und 
bestimmt, melden sie es an dem Hofe. 



Darlegiso der chinesischen Ämter. 157 

-^ ^ Kin-pii lang-tschivg ,der Mittlere der Leibwächter von der Abtheilung der 
Metalle'. 

Yün-tvai-lang ,der überzählige Leibwächter'. 

Diese Würdenträger sind je Einer. Sie befassen sich mit dem. was aus den Rüst- 
kammern und Yorrathshäusern herauskommt und in dieselben hineinkommt, mit der Zahl 
der Abwägungen und Messungen, mit den Sachen des Handels auf den Märkten der 
beiden iMutterstädte, auf den gegenseitigen Märkten, den Märkten des Uebereinkommens 
und den Märkten des Palastes, mit den Geschenken für die Obrigkeiten, für die von der 
Kriegsmacht niedergehaltenen Gehäge und die Gäste, so wie mit den Kleidern, welche 
den Menschen des Palastes, den Königinnen und den obrigkeitlichen Sclaven und Scla- 
vinnen verliehen werden. 



■^ ^ Thsang-pic lang-tschimg ,der Mittlere der Leibwächter für die Abtheilung der 
Scheunen'. 

Yün-icai-Iang .der überzählige Leibwächter'. 

Diese ^\'ürdenträger sind je Einer. Sie befassen sich mit dem, was an Gewinn aus 
den Rüstkammern herauskommt oder in dieselben hereingebracht wird, mit der Sache 
der Auflagen, Einkünfte, der jMundvorräthe und Scheunen, bestimmen die Zahl der Ver- 
leihungen für die Vorsteher, treffen durch angemessene Scheunen und gewöhnliche 
Scheunen Vorkehrungen gegen Missjahre und gleichen die Preise des Getreides aus. 



^ ^ Li-piL schang-sclm ,der oberste Buchführer von der Abtheilung der Gebräuche'. 
Derselbe ist ein Einziger und gehört zu der richtigen dritten Classe. 

"f^ M|5 Sse-kmg ,der aufwartende Leibwächter'. Derselbe ist ein Einziger und gehört 
zu dem unteren Theile der richtigen vierten Classe. 

Diese Würdenträger befassen sich mit der Lenkung in Bezug auf das Verfahren 
bei den Gebräuchen, auf die Opfer und die Darreichung des Tributs. 

Die zugetheilten Aemter sind vier. Sie heissen : 

1. flg ^ Li-pu ,die Abtheilung der Gebräuche'. 

2. Jn^J ^ Sse-pu ,die Abtheilung der Tempel'. 

3- ßS ^ Schen-pu ,die Abtheilung der Speisen'. 

4. ^ ^ Tschü-khe ,das den Gästen vorgesetzte Amt'. 

Zu diesen vier zugetheilten Aemtern gehören ferner: 

Li-pu ^ ^ tschü-sse ,den Geschäften Vorgesetzte von der Abtheilung der Gebräuche'. 
Dieselben sind zwei. 

Sse-pu tschü-sse ,den Geschäften Vorgesetzte von der Abtheilung der Tempel'. Die- 
selben sind zwei. 

Schen-pu tschü-sse ,den Geschäften Vorgesetzte von der Abtheilung der Speisen'. 
Dieselben sind zwei. 



-ICQ Pfizmaier. 

Tschü-khe tschü-sse ,deii Geschäften Vorgesetzte von dem den Gästen vorgesetzten 
Amte'. Dieselben sind zwei. 

Im dritten Jahre des Zeitraumes Wu-te (620 n. Chr.) veränderte man den früher 
o-ebräuchlichen Namen ^ ^ MP I-thsao-lang , Leibwächter des Richters des Verfahrens' 
zu li-pu lang-tschung ,Mittlerer der Leibwächter von der Abtheilung der Gebräuche'. 

Den früher gebräuchlichen Namen ^ ^ MP sse-fan-lang ,der den Gehägen vor- 
stehende Leibwächter' veränderte man zu tschü-khe lang-tschung ,der Mittlere der Leib- 
wächter von dem den Gästen vorgesetzten Amte'. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-sö (622 n. Chr.) veränderte man den Namen 
li-pit ,Abtheilung der Gebräuche' zu % j^ sse-li ,Vorstehung der Gebräuche'. 

Den Namen sse-pu ,Abtheilung der Tempel' veränderte man zu a^ 1^ sse-yin ,Vor- 
stehung des reinen Opfers'. 

Den Namen schen-pu , Abtheilung der Speisen' veränderte man zu a\ ^ sse-schen 
, Vorstehung der Speisen'. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Kuang-tsch'i (684 n. Chr.) veränderte man den 
Namen li-2)u ,Abtheilung der Gebräuche' zu ^ '^ tsch'ün-kuan ,Amt des Frühlings'. 

Es gab ferner folgende Angestellte. 

Li.-pfi, ling-sse , gebietende Vermerker von der Abtheilung der Gebräuche'- fünf. 

Li-pu schu-ling-sse , gebietende Vermerker der Bücher von der Abtheilung der Ge- 
bräuche' eilf. 

Li-ptt, ting-tschang ,Aelteste des Einkehrhauses von der Abtheilung der Gebräuche' 
sechs. 

Li-pu schang-ku ,mit Befestigung sich Befassende von der Abtheilung der Ge- 
bräuche' acht. 

Sse-pu ling-sse ,gebietende Vermerker von der Abtheilung der Tempel' sechs. 

Sse-pu scJm-Ung-sse , gebietende Vermerker der Bücher von der Abtheilung der 
Tempel' dreizehn. 

Sse-pu schang-ku ,mit Befestigung sich Befassende von der Abtheilung der Tempel' vier. 

Tschü-khe ling-sse , gebietende Vermerker von dem den Gästen vorgesetzten Amte' vier. 

Tschü-khe schu-ling-sse , gebietende Vermerker der Bücher von dem den Gästen vor- 
gesetzten Amte' neun. 

Tschü-khe schang-ku ,mit Befestigung sich Befassende von dem den Gästen vorgesetzen 
Amte' vier. 



fpj "nP Sse-2m lang-tschung ,der Mittlere der Leibwächter von der Abtheilung der 
Tempel". 

Yün-wai-lang ,der überzählige Leibwächter'. 

Diese Würdenträger sind je Einer. Sie befassen sich mit den Sachen der Opfer, 
der Sternkunde, der Wasseruhren, der Vermeidungen des Reiches, der vermiedenen 
Namen der Ahnentempel, den Sachen des Wahrsagens, der Aerzte, der Arzneien, der 
Bonzen und Nonnen. 

Die Perlen, Edelsteine, Kleinode und Kostbarkeiten, welche bei dem Opfer dar- 
gebracht werden, begehrt man nicht auf den Märkten. Jährlich findet eine Zusammen- 



Darlegung der chinesischen Ämter. 159 

kunft mit der Abtlieilung des Falirens (^ ^ kia-pii) und der Abtbeilung der Yer- 
gleicliung ( J;(j ^ pi-jm) statt. Die Häute der verendeten Opferthiere schafft man in 
das grosse Sanimelhaus (Üiai-fu). 



^ ^ Schen-pu lang-tschung ,der Mittlere der Leibwächter von der Abtlieilung der 
Speisen'. 

Yün-icai-lanii ,der überzählige Leibwächter'. 

Diese Würdenträger sind je Einer. Sie befassen sich mit den Opferthieren der 
Anhöhen, mit den Gefässen, dem Weine und den Speisen. Wenn nicht grosse Feierlich- 
keiten oder grosse Beglückwünschungen stattfinden, reichen sie keine Speisen dai-. Die 
Schafe, welche in die Küche kommen und noch saugen, lassen sie los. Sie tödten auch 
keine Kälber. 



^ ^ Tschü'khe lang-tschung ,der Mittlere der Leibwächter von dem den Gästen 
vorgesetzten Amte'. 

Yün-ivai-Jang ,der überzählige Leibwächter'. 

Diese Würdenträger sind je Einer. Sie befassen sich mit den Sachen der Nach- 
kommen der zwei Könige und des Erscheinens der Könige und Häuptlinge der Gehäge 
an dem Hofe. 

Die Nachkommen der zwei Könige, Söhne und Enkel gehören zu der richtigen 
dritten Classe. Der Fürst von (|5 + "^j Hi erhält jährlich ein Geschenk von drei- 
hundert Stücken Seidenstoff'es, ingleichen dreihundert Scheffel Reis und Hirse. Der 
Fürst von -f^ Kiai erhält ein Drittel weniger. 



^ ^ Fing-pit schang-schu ,der oberste Buchführer von der Abtheilung der Waffen'. 
Derselbe ist ein Einziger und gehört zu der richtigen dritten Classe. 

i^ ^P Sse-lang ,aufwartende Leibwächter'. Dieselben sind zwei und gehören zu 
dem unteren Theile der richtigen vierten Classe. 

Dieses Amt befasst sich mit der Lenkung in Bezug auf die Erwählungen des Krieges, 
die Abbildungen des Landes, Wagen und Pferde, Panzer und Waffen. 

Die zugetheilten Aemter sind vier. Sie heissen: 

1. Ping-pu ,die Abtheilung der Waffen'. 

2- ^ ^ Tsciü-fang ,die Vorstellung der Gegenden'. 

3. ^ ioP Kia-pu ,die Abtheilung des Fahrens'. 

4. i^ ^ Khu-pu ,die Abtheilung der Rüstkammern'. 
Zu der Abtheilung der Waffen gehören : 

Ping-pu lang-tschung ,der Mittlere der Leibwächter von der Abtheilung der Waff'en'. 
Derselbe ist ein Einziger. 



200 Pfizmaier. 

Ping-pu yün-wai-lang ,der überzählige Leibwächter von der Abtlieilung der Waffen'. 
Dei'selbe ist ein Einziger, 

Die zuerkannten kriegerischen Stufen sind lunfundvierzig. Sie begreifen in sich 
die folgenden Namen : 

1- !^ '^ 3^ ^ ? Piao-khi ta-tdang-kiün ,der grosse Heerführer der raschen 
Reiter'. Derselbe gehört zu der nachfolgenden ersten Classe. 

2. $f H Fu-kue ta-tsiang-kinn ,der das Reich stützende grosse Heerführer'. Der- 
selbe gehurt zu der richtigen zweiten Classe. 

3. s^ ^ Tschin-kiün ta-tsiang-kiün ,der das Kriegsheer niederhaltende grosse Heer- 
führer'. Derselbe gehört zu der nachfolgenden zweiten Classe, 

4. ^ ^ Kuan-kiün ta-tdang-kiün ,der an der Spitze des Kriegsheeres stehende 
grosse Heerführer'. 

5. 'I^ ^ Eoai-hoa ta-tsiang-kiün ,der die Umgestaltungen in dem Busen tragende 
grosse Heerführer'. Dieser und der vorher genannte Heerführer gehören zu dem oberen 
Theile der richtigen dritten Classe. 

6- Im "ffc Hoai-hoa tsiang-kiün ,der die Umgestaltungen in dem Busen tragende 
Heerführer'. Derselbe gehört zu dem unteren Theile der richtigen dritten Classe. 

^- S J§ Yün-hoei tsiang-kiün ,der Heerführer der Wolkenfahne'. 

8- ^ ^ Ktiei-te ta-tsiang-kiün ,der grosse Heerführer des Hinwendens zu der Tugend'. 
Dieser und der vorher genannte Heerführer gehören zu dem oberen Theile der nach- 
folgenden dritten Classe. 

9. ^ f^ Kuci-te tsiang-kiün ,der Heerführer des Hinwendens zu der Tugend'. Der- 
selbe gehört zu dem unteren Theile der nachfolgenden dritten Classe. 

10. ^ "^ Tschung-tvu tsiang-kiün ,der Heerführer des redlichen Kriegsmuthes'. Der- 
selbe gehört zu dem oberen Theile der richtigen vierten Classe. 

11. ^t "^ Tschuang-wu tsiang-kiün ,der Heerführer des starken Kriegsmuthes'. 

12. '1^ ^ 4^ ^P /l^ Hoai-hoa tschimg-lang tsiang ,der die Umgestaltungen in dem 
Busen tragende Anführer der Leibwächter der Mitte'. Dieser und der vorher genannte 
Heerführer gehören zu dem unteren Theile der richtigen vierten Classe. 

13. ^ ^ Siuen-wei tsiang-kiün ,der die Macht ausbreitende Heerführer'. Derselbe 
gehört zu der nachfolgenden vierten Classe. 

14- 'l^ Mi Min-icei tsia7ig-kiün ,der die Macht ins Licht stellende Heerführer'. 

l^ö- ^ f^. 4^ ^1^ H^ Kuei-te tscliung-lang tsiang ,der zu der Tugend sich hinwen- 
dende Anführer der Leibwächter der Mitte'. Dieser und der vorlier genannte Heerführer 
gehören zu dem unteren Theile der nachfolgenden vierten Classe. 

!''• ^ jM Ting-yuen tsiang-kiün ,der die Ferne bestimmende Heerführer'. Derselbe 
gehört zu dem oberen Theile der richtigen fünften Classe'. 

17. ^ J^ Ning-yutn tsiang-kiün .der die Ferne beruhigende Heerführer'. 

IB. '1^ ^ ^|5 5j^ Iloui-hoa lang-tsiang ,der die Umgestaltungen in dem Busen tra- 
gende Anführer der Leibwächter'. Dieser und der vorher genannte Heerführer gehören 
zu dem unteren Theile der richtigen fünften Classe. 

19. '^ ,^ Yeu-khi tsiang-kiün ,der Heerführer der umherschweifenden Reiter'. 
Derselbe gcliört zu dem oberen Theile der nachfolgenden fünften Classe. 

20, '^ ^ Yeu-khe tsiang-kiün ,der im Umherschweifen angreifende Heerführer'. 



Darlegung der chinesischen Ämter. 161 

21- ^ ^ Kuei-te Inng-tslang ,der zu der Tugend sich hinwendende Anführer der 
Leibwäcliter. Dieser und der vorher genannte Heerfülirer gehören zu dem unteren 
T heile der nachfolgenden fünften Classe. 

22. i}S J^ ^ M Tschao-icit hiao-icei ,der den Kriegsmuth erleuchtende Beruhiger 
von dem Orte der Befehle'. Derselbe gehört zu dem oberen Theile der richtigen sechsten 
Classe. 

23. ij^ ^ ^ij ^>t Tschao-icu feu-ivei ,der den Kriegsmuth eideuchtende zugetheilte 
iieruhiger'. 

24. '^ "^ ^ R^ Hoai-hoa sse-kiai ,der die Umgestaltungen in dem Busen tragende 
Vorsteher der Stufen'. Dieser und der vorher genannte Anführer gehören zu dem unteren 
Theile der richtigen sechsten Classe. 

25. ^ j^ ^ ^i" Tschin-icei hiao-wei ,der die Macht stützende Beruhiger von dem 
Orte derBefelile'. Derselbe gehört zu dem oberen Theile der nachfolgenden sechsten Classe. 

26. Wi M ^iJ Mt Tschin-ioei feu-wei ,der die Macht stützende zugetheilte Beruhiger'. 
2i'. i^ ^> ^ 1^ Kuei-te sse-kiai ,der zu der Tugend sich hinwendende Vorsteher 

der Stufen'. Dieser und der vorher genannte Anführer gehören zu dem unteren Theile 
der nachfolgenden sechsten Classe. 

28. ^ ^ Tschi-ko hiao-ivei ,der das Wirkliche vollbringende Beruhiger von dem 
Orte der Befehle'. Derselbe gehört zvi dem oberen Theile der richtigen siebenten Classe. 

29. ^ ^ Tschi-ko feu-wei ,der das Wirkliche vollbringende zugetheilte Beruhiger'. 

30. '^ 'ffc pf '^ Hoai-hoa tschung-heu ,der die Umgestaltungen in dem Busen tra- 
gende Späher der Mitte'. Dieser und der vorher genannte Anführer gehören zu dem 
unteren Theile der richtigen siebenten Classe. 

31. y|^ J^ Yi-hoei hiao-wei ,der zu dem Orte der Befehle gehörende Beruhiger der 
fliegenden Fahne'. Derselbe gehört zu dem oberen Theile der nachfolgenden siebenten 
Classe. 

32. ^11 J^ Yi-hoei feu-icei ,der zugesellte Beruhiger der fliegenden Fahne'. 

33. ^ f^ fp '^ Kuei-te tschung-heu ,der zu der Tugend sich hinwendende Späher 
der Mitte'. Dieser und der vorher genannte Anführer gehören zu dem unteren Theile 
der nachfolgenden siebenten Classe. 

34. ^ fp Siuen-tsie hiao-icei ,der das strenge Mass ausbreitende Beruhiger von dem 
Orte der Befehle'. Derselbe gehört zu dem oberen Theile der richtigen achten Classe. 

35. *W. fp Siuen-tsie feu-wei ,der das strenge Mass ausbreitende zugetheilte Beruhiger'. 

36. '^ 'ffc '^ ife Hoai-hoa sse-ko ,der die Umgestaltungen in dem Busen ti'agende 
Vorsteher der Lanzen'. Dieser und der vorher genannte Anführer gehören zu den^ 
unteren Theile der richtigen achten Classe. 

37. ^ f^ Yü-iou hiao-wei ,der bahnbrechende Beruhiger von dem Orte der Befehle'. 
Derselbe gehört zu dem oberen Theile der nachfolgenden achten Classe. 

38. ^ m. Yü-im feu-wei ,der bahnbrechende zugetheilte Beruhiger'. 

39. ^ ^, ^ ife Kuei-te sse-ko ,der zu der Tugend sich hinwendende Vorsteher 
der Lanzen'. Dieser und der vorher genannte Anführer gehören zu dem unteren Theile 
der nachfolgenden achten Classe. 

40. ^ ^ Jin-yung hiao-wei ,der menschliche und muthige Beruhiger von dem 
Orte der Befehle'. Derselbe gehört zu dem oberen Theile der richtigen neunten Classe. 

Denkschriften iler phil.-hist. Cl. XXIX. Ed. 'Jl 



\ß2 Pfizmaier. 

41. 'fH % Jin-yung feu-ivei ,der menscliliche und muthige zugethellte Beruliiger'. 

42. lloai-hoa ^t "^ ^ _t. tscWi-khie tschang-schang ,der die Umgestaltungen in 
dem Busen tragende Aelteste und Obere der die Hakenlanzen Erfassenden'. Dieser und 
der vorher genannte Anführer gehören zu dem unteren Theile der richtigen neunten Classe. 

43- Po ^ Pei-jung Idao-icei ,der zu den vermehrten Waffen gehörende Bei'uhiger 
von dem Orte der Befehle'. Derselbe gehört zu dem oberen Theile der nachfolgenden 
neunten Classe. 

44. pn ^ Pei-jxng feu-wei ,der zugetheilte Beruhiger der vermehrten Waffen'. 

45. Kuei-te $JL ^ :S Jl tsch'i-khie tschang-schang ,der zu der Tugend sich hin- 
wendende Aelteste und Obere der die Hakenlanzen Erfassenden'. Dieser und der vorher 
genannte Anführer gehören zu dem unteren Theile der nachfolgenden neunten Classe. 

Im zAveiten Jalire des Zeitraumes Lung-sö (G62 n. Chr.) veränderte man den Namen 
lying-pu ,Abtheilung der Waffen' zu ^ ^ ssc-jung ,Yorstehung der Waffen'. 

Den Kamen tsclu-fang , Seite des Amtes- veränderte man zu ^ ^ sse-tsch'ing , Vor- 
stehung der Stadtmauern'. 

Den Namen kia-pu , Abtheilung des Fahrens' veränderte man zu B] pl sse-y'd ,Yor- 
stehung der Sänften'. 

Den Namen khii-pu , Abtheilung der Rüstkammern' veränderte man zu '^ i|l sse-khu 
, Vorstehung der Ilüstkammern". 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Kuang-tsciri (684 n. Chr.) veränderte man den 
Namen ping-pu , Abtheilung der Waffen' zu ^ 1^ hia-kuan ,Amt des Sommers'. 

Im eilften Jahre des Zeitraumes Thien-pao (752 n. Chr.) veränderte man ihn zu 
^ ^ uii-pu , Abtheilung des Krieges'. 

Den Namen kia-pu , Abtheilung des Fahrens' veränderte man zu W) ^ sse-kia ,Vor- 
stehung des Fahrens'. 

Es gab ferner folgende Angestellte : 

Plng-pu ling-sse , gebietende Vermerkei- von der Abtheilung der Waffen' dreissig. 

Ping-pu schu-Iing-sse , gebietende Vermerkei- der Büclier von der Abtheilung der 
Waffen' sechzig. 

Pirig-pu %\\ ^ Tschi-schu ling-sse ,die Bücher einrichtende gebietende Vermerker 
von der Abtheilung der Waffen' dreizehn. 

Ping-pu ^ j^ Kiä-khu ling-sse , gebietende Vermerker der Rüstkammern der 
Panzer von der Abtlieilung der Waff'en' zwölf. 

Ping-jJu ting-tschang , Aelteste des Einkehrhauses von der Abtheilung der Waffen' acht. 

Ping-pu schang-ku ,mit Befestigung sich Befassende von der Abtheilung der 
Waffen' zwölf. 

^ '^ TscM-fang ling-sse , gebietende Vermerker von der Vorstehung der Gegen- 
den' vier. 

Tsclii-fang schu-ling-sse , gebietende Vermerker der Bücher von der Vorstellung der 
Gegenden' neun. 

Tschi-fang schang-hi ,mit Befestigung sich Befassende von der Vorstellung der 
Gegenden' vier. 

^ ■rIJ Kia-pu ling-sse .gebietende Vermerker von der Abtheilung des Fahrens' zehn. 

Kia-pu schu-ling-sse , gebietende Vermerker der Bücher von der Abtheilung des 
Fahrens' vierundzwanzig. 



Darleiiukg der chinesischen Amter. 163 

Kia-pn sckang-ku .mit Befestigung sich Befassende von der Abtbeilung des Fiilirens' vier. 

f^. ■^ Klm-pu ling-sse .gebietende Vermerker von der Abtlieilung der Rüstkammern' 
sieben. 

Khu-pu schu-ling-sse , gebietende Vermerker der Bücher von der Abtheilung der 
Rüstkammern' fünfzehn. 

Khu-pu schang-ku ,mit Befestigimg- sich Befassende von der Abtheilung der Rüst- 
kammern' vier. 



^ ~)j Tsclä-fang lang-tschung ,der Mittlere der Leibwächter von der Vorstellung 
der Gegenden'. 

Yiin-wai-lang ,der überzählige Leibwächter'. 

Diese Würdenträger sind je Einer. Sie befassen sich mit den Abbildungen des 
Bodens, der Festen und Gräben, den Niederhaltungen, Besatzungen, Leuchtfeuern, Er- 
spähungen, den Menschen der Verschliessungen, mit der Nähe und Ferne der Wege und 
mit den Fremdländern, welche sich den Umgestaltungen zuwenden. 

Wenn Gäste aus den Gehauen ankommen, erkundigt sich der Voro-esetzte der Gäste 
(hung-lu) um die Berge und Flüsse, die Sitten und Gewohnheiten des bezüglichen 
Reiches, verfertigt eine Abbildung und meldet es an dem Hofe. Zugleich berichtet er 
es der Vorstehung der Gegenden (tschi-fang). Dieses Amt zeichnet, wenn die an dem 
Hofe Eintretenden besondere Sitten haben, die Gestalten, die Kleidung und bringt es 
zu Ohren. 



^ ^ Kia-pu lang-tschung ,der Mittlere der Leibwächter von der Vorstehung des 
Fahrens'. 

Yün-iv cd-lang ,der überzählige Leibwächter'. 

Diese Würdenträger sind je Einer. Sie befassen sicli mit den Verzeichnungen der 
Sänften, Handwagen, Wagen, Gespanne, Posten, Ställe, Weideplätze, Pferde, Rinder und 
verschiedenartiger Hausthiere. 

Was die Verleihung von Pferden betrifft, so erhalten die Würdenträger der ersten 
Classe deren acht. Die Würdenträger der zweiten Classe ei'halten deren sechs. Die 
Würdenträo-er der dritten Classe erhalten deren fünf. Die Würdenträger der vierten und 
fünften Classe erhalten deren vier. Die Würdenträo-er der sechsten Classe erhalten deren 
drei. Die Würdenträger der siebenten und der niedrigeren Classen erhalten deren zwei. 

Was die Vei'leihung von Postgespannen betrifft, so erhalten die Würdenträger der 
ersten Classe zehn Pferde. Die Würdenträger der zweiten Classe erhalten neun Pferde. 
Die Würdenträger der dritten Classe erhalten acht Pferde. Die Würdenträger der vierten 
und fünften Classe erhalten vier Pferde. Die Würdenträger der sechsten und siebenten 
Classe erhalten zwei Pferde. Die Würdenträger der achten und neunten Classe erhalten 
ein Pferd. 

Wo Postpferde sind, verleiht man vier Hundertmorgen (^ khing) Landes, welche 
man mit der Futterpflanze ( '^ ^ mö-sö) bepflanzt. 



1 oA Pfizmaier. 

Auf einer Strecke von je dreissig Li befindet sich eine Post. Die Posten haben einen 
Aeltesten (-^ tschang). In dem ganzen Reiche bis zu den vier Gränzen befinden sich 
eintausend sechshundert neununddreissig Posten. 

An verschlossenen Orten, in Gegenden, welche ohne Gras und Wasser sind und 
wohin man Besatzungen legt, stellt man auf den AVegen je nach Erforderniss und Gelegen- 
heit obrigkeitliche Pferde auf. Für die Wasserposten hat man Schifle. 

Was die Pferde und Esel der Posten betrifi't, so überreicht man alljährlich einen 
Bericht über die Zahl derjenigen, Avelche verendet, zu Schaden gekommen, beleibt oder 
abgemagert sind. 



^ -^ KIni-2)u lanfj-tsclamrj ,der Mittlere der Leibwächter von der Abtheilung der 
Rüstkammern'. 

Yiin-iiai-lan<j ,der überzählige Leibwächter'. 

Diese Würdenträger sind je Einer. Sie befassen sich mit den Krlegsgeräthen, den 
Wagenreihen und den eigenartigen Handwaffen. An dem ersten Tage und bei der 
Ankunft des Winters legen sie das Opfer hin. Bei der Trauer und bei Bestattungen 
unterscheiden sie die Zahl' der Namen und theilen es mit. 

Die Kriegsgeräthe unterscheiden sich durch die Farbe und befinden sich an ver- 
schiedenen Orten. Man lässt sie durch die Kriegsmänner der Zelte der Leibwache 
öffentlich überwachen. Auf die Fahnen der Leibwache der Mutterstadt malt man kauernde 
vierfüssige Thiere und aufrecht stehende Vögel. Bei Auszügen und Reisen des Kaisers 
verleiht man fliegende und laufende Fahnen. 

Bei den eigenartigen Handwaffen lässt man durch den kaiserlichen Vermerker den 
Söller überwachen. Befasst man sich mit den Geräthen und Handwaffen der Rüst- 
kammern des Krieges, so lässt man durch die ältesten Obrigkeiten der Abtheilung der 
Waffen die Einrichtung und Bereitschaft überwachen. 

Den Würdenträgern der Mutterstadt von der fünften Classe aufwärts, wenn sie auf 
Eroberung ausziehen, verleiht man Panzer, FlUgelfahnen, Zeichenfahnen und Lanzen. 
Den Leibwachen verleiht man Bogen. 



^J ^> Hiiig-ivi. schang-schu ,der oberste Buchführer von der Abtheilung der Strafe'. 
Derselbe ist ein Einziger und gehört zu der richtigen dritten Classe. 

•f# M5 Ssc-Iang ,der aufwartende Leibwächter'. Derselbe ist ein Einziger und ge- 
hört zu dem untcj-en Theile der richtigen vierten Classe. 

Dieses Amt befasst sich mit der Lenkung in Bezug auf die Gesetzabschnitte, die 
Gebote, die Strafgesetze, auf die Untersuchungen, die kleinen Augestellten, die Be- 
urtheilung der Verbrechen und die Verbote. 

Die zugetheilten Aemter sind vier. Sie heissen : 

1. Hing-im ,das zugetheilte Amt der Abtheilung der Strafe'. 

2- ^ W Tu-kuan ,das Amt der Hauptstadt'. 



Darlegung der chinesischen Amter. 165 

3. J^d 'oP Pi-pu ,die Abtheilung der Vergleicliung'. 

4. ^ P^ Sse-men ,die Vorstellung des Thores'. 

Zu dem zugetbeilten Amte der Abtheilung der Strafe (liing-im) gehören: 

Hing-jiu lang-tachung ,der Mittlere der Leibwächter von der Abtheilung der Strafe'. 

Ynn-icai-lang ,der überzählige Leibwächter'. 

Diese Würdenträger befassen sich mit den Gesetzabschnitten, mit den Untersuchungen, 
mit der grossen Ordnung, mit sämmtlichen Meldungen an dem Hofe und mit der Be- 
urtheilung der Verbrechen. Sie sind dem aufwartenden Leibwächter des obersten Buch- 
führers (schang-schu sse-lang) zugesellt. 

In Bezug auf Strafen und Gesetze gibt es vier Bücher. Dieselben sind : 

1. ^ Liö , Gesetzabschnitte'. 

2. ^ Ling , Gebote'. 

3. t# K'i ,Muster'. 

4. j^ Seilt , Vorschriften'. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-stt (662 n. Chr.) veränderte man den Namen 
hing-pu , Abtheilung der Strafe' zu ^ ^J sse-hing , Vorstehung der Strafe'. 

Den Namen tu-kuan ,Amt der Hauptstadt' veränderte mau zu 1^ "^ sse-pö , Vor- 
stehung der Diener'. 

Den Namen pi-pu , Abtheilung der Vergleichung' veränderte man zu ^ gf ssa-ki 
,Vorstehung der Berechnung'. 

Den Namen sse-men , Vorstehung des Thores' veränderte man zu ^ ^ sse-kuan 
,Vorstehung des Gränzpasses'. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Kuang-tsch'i (684 n. Chr.) veränderte man den 
Namen hing-pu , Abtheilung der Strafe' zu ^ 'j^ thsieu-kuan ,Amt des Herbstes'. 

Im eilften Jahre des Zeitraumes Thien-pao (752 n. Chr.) veränderte man den Namen 
Jüng-pu , Abtheilung der Strafe' zu ^ ^ sse-hien ,Vorstehung der Gesetzvorschriften'. 

Den Namen p)i-pu , Abtheilung der Vergleichung' veränderte man wieder zu ^ gf 
sse-ki , Vorsteh ung der Berechnung'. 

Es gab ferner folgende Angestellte : 

Hing-pm Ung-sse .gebietende Vermerker von der Abtheilung der Strafe' neunzehn. 

Hing-p)u scliu-ling-sse , gebietende Vermerker der Bücher von der Abtheilung der 
Strafe' achtunddreissig. 

Hing-pu ting-tschang ,Aelteste des Einkehi-hauses von der Abtheilung der Strafe' sechs. 

Hing-im schang-ku ,mit Befestigung sich Befassende von der Abtheilung der Strafe' zelin. 

Tu-kuan Ung-sse , gebietende Vermerker von dem Amte der Hauptstadt' neun. 

Tu-kuan schu-ling-sse , gebietende Vermerker der Bücher von dem Amte der Haupt- 
stadt' zwölf. 

Tu-kuan schang-ku ,mit Befestigung sich Befassende von dem Amte der Hauptstadt' vier. 

Pi-pu Ung-sse .gebietende Vermerker von der Abtheilung der Vergleichung' vierzehn. 

Pi-pu schu-Ung-sse , gebietende Vermerker der Bücher von der Abtheilung der Ver- 
gleichung' siebenundzwanzig. 

Pi-pu gf ^ ki-sse ,der berechnende Vermerker von der Abtheilung der Ver- 
gleichung'. Derselbe war ein Einziger. 



166 



Pfizm 



Pi-pio schang-ku ,mit Befestigung sich Befassende von der Abtheilung der Ver- 



gleichung' vier. 



Sse-men Ung-sse .gebietende Vermerker von der Vorstehung des Thores' sechs. 
Sse-men schu-Ung-sse , gebietende Vermerker der Bücher von der Abtheilung der 
Vorstehung des Thores' dreizehn. 

Sse-men schang-ku ,mit Befestigung sich Befassende von der Vorstehung des Thores' vier. 



^ 1^ Tu-kiian lang-tschung der ]\Iittlere der Leibwächter von dem Amte der Haupt- 



stadt'. 



Yün-ivai-lang ,der überzählige Leibwächter'. 

Diese Würdenträger sind je Einer. Sie befassen sich mit den Verzeichnissen der 
Kriegsgefangenen und Verbrecher. Sie verleihen ihnen Kleider, Mundvorrath, Arzneien 
und ordnen deren Anklage und Lossprecliung. 

Wenn Empörer angeklagt werden, ziehen sie deren Häuser ein und bestimmen diese 
zu Dienstleistungen für die Richter und Aeltesten der Obrigkeiten. 

Die Verbrecher, welche Sclaven und Sclavinnen der Obrigkeiten geworden sind und 
einmal losgesprochen werden, leisten in einem Jahre dreimal Dienste. Diejenigen, welche 
zweimal losgesprochen werden, nennt man ^ ^ im-liu ,vermischte Thüren des Volkes'. 
Man nennt sie auch '^ ]ß kuan-hu ,Volkstharen der Obrigkeiten'. Sie leisten in einem 
Jahre fünfmal Dienste. Diese Dienstleistung dauert jedesmal einen Monat. 

Diejenigen, welche dreimal losgesprochen werden, nennt man ^ \ liang-jin ,gute 
Menschen'. Diejenigen, welche sechzig Jahre alt oder älter sind und diejenigen, welche 
wegen Krankheit abgeschafft werden, nennt man kuan-hu ,Volksthüren der Obrigkeiten'. 
Die siebzigjährigen heissen wieder liang-jin ,gute Menschen'. 

Jedes Jahr, im ersten ^Monate des Frühlings, reicht man Verzeichnisse über diese 
jMenschen empor. Auf die Arme derjenigen, welche das Kindesalter überschritten 
haben, drückt man ein Sieo-el. In dem mittleren Monate des Winters schickt Inan sie 
zu dem Amte der Hauptstadt (tu-kuan)^ verschafft sich Gewissheit über ihr Leben, 
untersucht und vergleicht sie. Die vorzüglichsten Tonkünstler, Thierärzte, Reiter und 
Pferdekenner sowie diejenigen, welche mit Anpflanzung vertraut sind, nimmt man weg. 
Diejenigen, welche den Landstrichen und Kreisen zugetheilt Averden, untersucht und 
vergleicht man wie gewöhnliche Menschen des Volkes. Sie leisten niemals Dienste. 

Die Kosten für einen solchen Menschen betragen im Jahre durchschnittlich eintausend- 
fünfhundert Kupferstücke. Für die höher im Alter stehenden Sclavinnen ("T ^^ iing-pi) 
und die Jünglinge ( f|? J^ tschuvg-nan) überschickt man ein Fünftel. Für die auf- 
wartenden Männer ( ^^ Hf sse-ting) und die Kranken überschickt man die Hälfte. 

Bei denjenigen, welche eine Arbeit verrichten, unterscheidet man vier Stufen. Die 
Menschen, welche vier Jahre alt oder älter sind, heissen /'J^ siao , kleine'. Diejenigen, 
welche eilf Jahre alt oder älter sind, heissen fJ? tschung , mittlere'. Diejenigen, Avelche 
zwanzig Jahre alt oder älter sind, heissen ~y ting , erwachsene Menschen des Volkes'. 



Darlegung der ciiinesiischen Amtek. X67 

Auf drei erwachsene Sclaven ("T i(Z iing-nii) kommen drei Dienstleistungen. Auf 
einen mittleren Sclaven (\^ jiX tschunri-nu) und zwei erwachsene Sclavinnen ( "J^ t% 
tiiic/-]}i) kommt eine Dienstleistung. Auf drei mittlere Sclavinnen {Tp $^ tsclmng-pi) 
kommt eine Dienstleistung. 



y\i ^> P/-7:)« lang-tschung .der Mittlere der Leibwächter von der Abtheilung der 
Vergleichung'. 

Yün-icai-lang ,der überzählige Leibwächter'. 

Diese Würdenträger sind je Einer. Sie befassen sich mit den Abgaben, den Ge- 
halten, den Geschenken, den Prüfungen der Dienstleistungen und den Ausgaben für 



das Kriegsheer. 



P^ Sse-men lang-tsclumg .der Mittlere der LeibAvächter von der A'orstehung des 
Thores'. 

Yün-ii-ai-lang ,der überzählige LeibAvächter'. 

Diese AVürdenträger sind je Einer. Sie befassen sich mit den an dem Thore und 
dem Gränzpasse ein- und ausgehenden Schrifttafeln, sowie mit den Gegenständen der 
Sendungen. 



m ofi Kung-pu schang-schu ,der oberste Buchführer von der Abtheilung der Hand- 
werker'. Derselbe ist ein Einziger und gehört zu der richtigen dritten Classe. 

i^ ^P Sse-lang ,der aufwartende Leibwächter'. Derselbe ist ein Einziger und ge- 
hurt zu dem untei-en Theile der richtigen vierten Classe. 

Dieses Amt befasst sich mit den Bergen und Sümpfen, den Feldern der Kriegsleute, 
mit den Handwerkern, mit den öffentlichen Feldern der Vorsteher und den Sachen des 
Papiers, der Pinsel und der Tinte. 

Die zugetheilten Aemter sind vier. Sie heissen: 

L Kung-jm ,das zugetheilte Amt der Abtheilung der Handwerker'. 

2. iß m Tiin-tlden ,die Lagerfeldei-', die Abtheilung der Felder der Kriegsleute. 

3. J^ ■^ Yü-2ni ,die Abtheilung der Bemessung'. 

4. ;^ ^ Schui-2^H ,die Abtheilung der Gewässer'. 

Der Mittlere der Leibwächter und der überzählige Leibwächter der Abtheilung der 
Handwerker sind je Einer. Dieselben befassen sich mit den Stadtmauern und Festungs- 
gräben und den Dienstleistungen bei Erdwerken und Holzwerken. Sie stehen dem auf- 
wartenden Leibwächter des obersten Buchführers von der Abtheilung der Handwerker 
zur Seite. 

Die Handwerker bilden je nach den Landstrichen und Kreisen eine Rundung { U| tucm). 
Fünf Menschen bilden ein Feuer (j/C f>o). Ueber fünf Feuer ist ein Aeltester gesetzt. 

Zu einem jeden dieser vier zugetheilten Aemter gehören ^ ^ tschü-sse ,den Ge- 
schäften Vorgesetzte'. Bei der Abtheilung der Handwerker sind deren drei. Bei den 



i(>o Pfizmaier. 

Lagerfeldern, bei der Abtlaeilung der Bemessung und bei der Abtheilung der Gewässer 

sind deren je zwei. 

Im dritten Jahre des Zeitraumes Wu-te (620 n. Chr.) veränderte man den früher 
üblichen Namen -^ M Mii-im ,AbtheiIung der Begründung' zu Kimg-pu ,Abtheilung 
der Handwerker'. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-sö (662 n. Chr.) sagte man ^ 2p sse-ping 
, Vorstehung des Gleichmässigen'. 

Den Namen tün-thien ,Lagerfelder' veränderte man zu ^ |B sse-ihien ,Vorstehung 

der Felder'. ^ 

Den Namen yü-pu ,xVbtheilung der Bemessung' veränderte man zu ^ ^ sse-ijä 

, Vorstehung der Bemessung'. 

Den Namen schui-pu , Abtheilung der Gewässer' veränderte man zu WJ }\\ sse-tschuen 
.Vorstehung der Rinnsale'. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Kuang-tsch'i (684 n. Chr.) veränderte man den 
Namen kumj-pu ,Abtheilung der Handwerker' zu ^ '^ tnng-kuan ,Amt des Winters'. 

Im eilften Jahre des Zeitraumes Thien-pao (752 n. Chr.) veränderte man den Namen 
yü-pu , Abtheilung der Bemessung' zu u\ J^ sse-yü , Vorstehung der Bemessung'. 

Den Namen schui-jm , Abtheilung der Gewässer' veränderte man zu ^ :^ sse-schui 
, Vorstehung der Gewässer'. 

Es gab ferner folgende Angestellte : 

Kimg-pu Ung-sse ,gebietende Vermerker von der Abtheilung der Handwerker' zwölf. 

Kung-pu scJm-Ung-sse »gebietende Vermerker der Bücher von der Abtheilung der 
Handwerker' einundzwanzig. 

Kung-jm ff" ^ ki-sse ,der berechnende Vermerker von der Abtheilung der Hand- 
werker'. Derselbe war ein Einziger. 

Kimg-p>u ting-tschang ,Aelteste des Einkehrhauses von der Abtheilung der Hand- 
werker' sechs. 

Kung-pu schang-kti ,mit Befestigung sich Befassende von der Abtheilung der Hand- 
werker' aclit. 

Tün-thien Ung-sse , gebietende Vermerker der Lagerfelder' sieben. 

Tün-thien schu-ling-sse , gebietende Vermerker der Bücher von den Lagerfeldern' zwölf. 

Tün-thien ki-sse ,der berechnende Vermerker von den Lagerfeldern'. Derselbe war 
ein Einziger. 

Tün-thien schang-ku ,mit Befestigung sich Befassende von den Lagerfeldern' vier. 

Yü-pu Ung-sse , gebietende Vermerker von dei" Abtheilung der Bemessung' vier. 

Yü-pu schu-Ung-sse , gebietende Vermerker der Bücher von der Abtheilung der Be- 
messung' neun. 

Yü-pu schang-ku ,mit Befestigung sich Befassende von der Abtheilung der Be- 
messung' vier. 

Schui-pu Ung-sse , gebietende Vermerker von der Abtheilung der Gewässer' vier. 

Schui-pu schu-Ung-sse .gebietende Vermerker der Bücher von der Abtheilung der 
Gewässer' neun. 

Schui-pu schang-ku .mit Befestigung sich Befassende von der Abtheilung der Ge- 



DaRI-EGUNG DEl! ClllNKSlSCHKN AmTKK. \{)\) 

T£ BB Tün-thien lang-tschmg ,der ^littlere der Leibwächter von den Lagerfeldern'. 

Yün-icai-lang ,der überzählige Leibwächter'. 

Diese "Würdenträger sind je Einer. Sie befassen sich mit den von den Kriegsleiiteii 
bearbeiteten Feldern aller Länder, ferner mit den amtlichen Feldern (Um- in der Muttej- 
stadt befindlichen Obrigkeiten der Schrift und des Krieges, endlich mit den öftentiichen 
Feldern { -^ J^ kftnr/-kiai) der Vorsteher. Die Vertheilungen der Felder geschehen nach 
Classen. 



J^ ■^ Yü-pu lang-tschunfi ,der Mittlere der Leibwächter von der Abtheilung der 
Bemessung'. 

Yün-ii-ai-lang ,der überzählige Leibwächter'. 

Diese Würdenträger sind je Einer. Sie befassen sich mit den Durchwegen der 
Mutterstadt und der LIauptstädte, mit den Gärten, den Bergen und Sümpfen, Pflanzen 
und Bäumen, ferner mit den fremdländischen Gästen der Obrigkeiten, mit den Gemüsen 
der Jahreszeiten, dem Brennholz und den Kohlen. Sie bieten nach der Oi'dnung die 
Sache des Fanges und der Jagd. 

Alljährlich im Frühlinge lassen sie durch die Kinder und Mägde der Thüren des 
Volkes im Inneren säen, pflanzen und begiessen. Im Winter verbieten sie, dass dieses 
über den Haufen geworfen wird. 

Bei dem Opfer in den Vorwerken, auf den fünf Berghohen und auf den beridimten 
Bergen haben sie Plätze, auf welchen sie das Holzschneiden, Abpflücken, Futtersammeln 
und das Weiden des Viehes verbieten. Dreissig Schritte weiter kann man jedoch ackern 
und pflanzen. 

Im Frühling und Sommer fällt man keine Bäume. Innerhalb einer Fläch(3 von drei- 
hundert Weglängen in dem Kreise der Mutterstadt und dem Sammelhause von Ho-nan 
ist im ersten, fünften und neunten Monate des Jahres das Werfen von Wurfpfeilen und 
das Jagen verboten. Wenn es auf den Bergen und in den Sümpfen Kostbarkeiten gibt, 
welche dargereicht und verwendet werden können, so bringen sie es zu Ohren. 



iHi ^ Schd-pn lang-Uchnng ,der Mittlere der Leibwächter von der Abtheilung der 
Gewässer'. 

Yün-ivai-lang ,der fiberzählige Leibwächter'. 

Diese Würdenträger sind je Einer. Sie befassen sich mit den Sachen der Ueber- 
fahrten, der Schiffe, der Kanäle, der Brücken, der Dämme, der Wassergräben, des Fisch- 
fangs, der Wasserräder und Treträder. 



Denkschriften der pliil.-hist. Cl. XXIX. Bd. 22 



170 



iTIZMAIER. 



pE| ^ J^' j^ fp Men-hia-sing sse-tscJnmg ,die aufwartenden Mittleren der verschlos- 
senen Abtheilung unter dem Thore'. Dieselben sind zwei und gehören zu der richtigen 
zweiten Olasse. Sie befassen sich mit dem Hervorschicken und Hereinbringen der 
Befehle des Kaisers und sind Gehilfen des Verfahrens bei den Gebräuchen. Bei Bestre- 
buno-en des Reiches und Hauses leiten sie in Gemeinschaft mit dem Gebietenden der 
Bücher der Mitte (tschung-schu-ling) und entscheiden einzig die Sachen der verschlossenen 
Abtheilung. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Wu-te (Gl 8 n. Chr.) veränderte man den bisher 
llblichen Namen ■j^ ^ sse-nei ,das aufwartende Innei-e' zu ^^ ^ nä-yen ,Worte herein- 
bringend'. 

Im dritten Jahre desselben Zeitraumes (620 n. Chr.) sagte mau sse-tschung , aufwar- 
tender Mittlerer'. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-sö (662 n. Chr.) veränderte man den Namen 
men-]tia-sing ,die verschlossene Abtheilung unter dem Thore' zu ^ ^ tung-thai , östliche 
Erdstufe'. 

Den Namen sse-tschimg , aufwartender Mittlerer' veränderte man zu ^ ^^ tso-siang 
, Gehilfe zur Linken'. 

Zu den Zeiten der Kaiserin Wu , im ersten Jahre des Zeitraumes Kuang-tsch'i 
(684 n. Chr.) sagte man nä-yen , Worte hereinbringend'. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Tschui-kung (685 n. Chr.) veränderte man den 
Namen men-hia-sing , verschlossene Abtheilung unter dem Thore' zu ^ ^ luan-iliai 
, Erdstufe des Göttervogels'. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Khai-yuen (713 n. Chr.) sagte man ^ f^ -^g* 
/tociiig-men-sing ,die verschlossene Abtheilu)ig des gelben Thores'. 

Für sse-tschung , aufwartende]- Mittlerer' sagte man ^ kie)i , Beaufsichtiger'. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Thien-pao (742 n. Chr.) sagte man ^ :^g tso-siang 
.Gehilfe zui- Linken'. 



P^ ~F i^ ^P Men-h/a sse-Iang ,die aufwartenden Leibwächter unter dem Thore'. 
Dieselben sind zwei und gehören zu der richtigen dritten Classe. Sie befassen sich als 
die Zweiten mit den Verrichtungen der aufwartenden Mittleren' (sse-tschnng). Wenn ein 
grosses Opfer stattfindet, schliessen sie sich an und reichen bei dem Händewaschen 
ein Tuch'. 

Im zweiten Jahi-e des Zeitraumes Lung-sö (662 n. Chr.) veränderte man den bisher 
üblichen Namen hoang-men sse-lang , aufwartender Leibwächter des gelben Thores' zu 
tung-thxil sse-lang , aufwartender Leibwächter der östlichen Erdstufe'. 

Zu den Zeiten der Kaiserin \Vu , im ersten Jahre des Zeitraumes Tschui-kung 
(()8ö n. Chr.) sagte man laan-thai sse-lang ,aufwartendei' Leibwächter der Erdstufe des 
Göttervogels'. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Thien-pao (742 n. Chi'.) sagte man men-hia sse-lang 
-aufwartender Leibwächter unter dem Thore'. 



DaKLEÖUNG PEll CIIlNKSISCmEN AmTKR. 171 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Khien-yuen (758 n. Clir.) sagte man wieder hoang- 
men sse-lanq , aufwartender Leibwächter des gelben Thores'. 

Im zweiten Jahre des Zeltraumes Ta-ll (7G7 n, Chr.) kehrte man wieder zu der 
alten Benennung zurück. 



i "^ '^ "^ 'f^ Tso-san-khi tschang-sse ,die beständigen Aufwartenden von den 
zerstreuten Reitern zur Linken'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem unteren Theile 
der richtigen dritten Classe. Sie befassen sich mit der Bemessung und Belehrung bei 
Irrthümern und nehmen beim Aufwarten und bei dem Anschlüsse auf die Fragen Rücksicht. 

Sui schaffte das Amt tso-san-khi tsclcang-sse ,beständige Aufwartende von den zer- 
streuten Reitern' ab. Im ersten Jahre des Zeitraumes Tsching-kuan (627 n. Chr.) wurde 
es wieder errichtet. 

Im siebzehnten Jahre desselben Zeitraumes (G43 n. Chr.) war es ein Amt der Ver- 
zeichnung der Sachen (^ ^ tscht-sse). 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Hien-khing (6') 7 n. Chr.) theilte man dieses Amt 
in die zwei Theile ^ P^ "f* li-men-hia , unter dem Thore der kleinen Angestellten' 
und ^ ^ ^ tschimg-schu-sing ,verschlossene Abtheilung der Bücher der Mitte', wobei 
je ein Amt zur Linken und zur Rechten unterschieden wurde. Die Inhaber trugen Ohr- 
gehänge von goldenen Grillen und Wiesel (Wieselschweife). Die Angestellten der zer- 
streuten Reiter zur Linken (tso-san-ki) und die aufwartenden Mittleren (sse-tschung) hiessen 
^ ^2 tso-tiao ,Wiesel zur Linken', Die Angestellten der zerstreuten Reiter zur Rechten 
(geu-san-khi) und der Gebietende der Bücher der Mitte (tscJumg-schu-ling) hiessen J^ ^^ 
yeu-tiao ,Wiesel zur Rechten'. Man nannte sie /V ^^ pä-tiao ,die acht Wiesel'. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-sö (662 n. Chr.) sagte man ^^ ^ sse-kl 
, aufwartende Gipfelung'. 



2fe 1^ ^ >^ ^ Tso-kien-i ta-fu , Vorstellungen machende und berathende grosse 
Männer zur Linken'. Dieselben sind vier vmd gehören zu dem unteren Theile der rich- 
tigen vierten Classe. Sie befassen sich mit Vorstellungen und Darlegung des Gelungenen 
und Verfehlten. Sie folgen aufwartend, treten vor und beobachten. 

Zu den Zeiten der Kaiserin W^u, im zweiten Jahre des Zeitraumes Tschui-kung 
(G86 n. Chr.) reichte ein gewisser '^ '^ tjV Yü-pao-tsung ein Schreiben empor, in 
welchem er bat, dass man Kisten aufstelle, um darin die Schreiben der vier Gegenden 
aufzunehmen. Man goss jetzt vier kupferne Kisten, bestrich sie mit den Farben der 
Gegenden und stellte sie in der Halle des Hofes in eine Reihe. 

Die grüne Kiste hiess ^ ,^ yen-ngen ,Gnade ausdehnend' und befand sich im 
Osten. Diejenigen, welche von der Ernährung der Menschen und Dingen der Aneiferung 
zum Ackerbau Meldung machten, warfen hinein. 

Die mennigrothe Kiste hiess f§ ^ tschao-kien , Vorstellungen herbeirufend' und 
befand sich im Süden. Diejenigen, welche das Gelingen und Fehlschlagen der Lenkung 
jener Zeit erörterten, warfen hinein. 



] 72 Pfizmaibk. 

Die weisse Kiste hiess ^ ^ schin-yuen ,die Ueberführung meldend' uikI befand 
sich im Westen. Diejenigen, welche Niedei'drücken und Ueberführung darlegten, warfen 
hinein. 

Die schwarze Kiste hiess jj ^ thiiug-hiuen ,mit dem Himmelfarbenen verkehrend' 
und befand sich im Norden. Diejenigen , welche von llimmelskunde und geheimen 
Anschlägen Meldung machten, warfen hinein. 

Man Hess durch einen Vorstellungen machenden und berathenden grossen Mann, 
einen Angestellten der Ergänzung des Mangelhaften (p'u-kiue) und einen Angestellten 
des Auflesens des liinterlassenen (scht-i) ' die Stellen von Abgesandten ausfüllen und 
von der Sache der Kiste Kenntniss nehmen. Ein mittlerer Gehilfe des kaiserlichen Ver- 
)nerkers (yü-sse tschuny-sch.mg) und ein aufwartender kaiserlicher Vermerker Messen 
^ K '^ li-kiiei-sse , ordnende Abgesandte für die Kiste'. Später war es auf dieselbe 
Weise eine einzige Kiste. 

Weil m kuei , Kiste' nahezu den Laut von J^ kitel , Dämon' hatte, veränderte im 
neunten Jahre des Zeitraumes Thien-pao (750 n. Chr.) Kaiser Hiuen-tsung den Namen 
U-kuei-sse , ordnender Abgesandter für die Kiste' zu jDi; ^(^ "^ hien-nä-sse ,darreichender 
und hereinbringender Abgesandter'. Im ersten Jahre des Zeitraumes Tschi-te (756 n. Chr.) 
kam man wieder zu der alten Benennung zurück. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Pao-ying (762 n. Chr.) erging ein höchster Befehl 
an die verschlossene Abtheilung der Bücher der Mitte (tschung-schu) und die verschlossene 
Abtheilung unter dem Thore (men-hia), einen rechtlichen, geraden, reinen und lauteren 
Würdenträger zu wählen, damit er die Kiste zur Kenntniss nehme. Man machte einen 
die Sachen darbietenden Mittleren (kt-sse-t schling) und einen Hausgenossen der Bücher 
der Mitte zu ordnenden Abgesandten für die Kiste (li-kuei-sse) . 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Kien-tschung (781 n. Chi-.) machte man den mitt- 
leren Gehilfen des kaiserlichen Vermerkers zum ordnenden Abgesandten für die Kiste. 
Ein Vorstellungen machender und berathender grosser Mann (kien-i ta-fu) wurde 
^ E 'K isdü-kuei-sse ,der die Kiste zur Kenntniss nehmende Abgesandte'. Was in 
die Kiste geworfen Avurde, Hess man früher bestätigen und dessen Ursprung unter- 
suchen. 

Im dritten Jahre des Zeitraumes Khai-tscli'ung (838 n. Chr.) hielt ^ Pfj ^ Li- 
tschung-min ,der die Kiste zur Kenntniss nehmende Abgesandte', dafür, dass man dadurch 
keineswegs den Scharfblick erweitere und dass die Erwägung dunkel und verkehrt sei. 
Er meldete es an dem Hofe, und man schaffte die Bestätigung imd die Untersuchung 
des Ursprungs ab. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Wu-te (618 n. Chr.) wurden Vorstellungen machende 
iiiid berathende grosse Männer (kien-i ta-fu) eingesetzt. Im zweiten Jahre des Zeit- 
rau)nes Lung-sö (662 n. Chr.) nannte man sie JE W^ tsching-kien ta-fu ,richtig Vor- 
stellungen machende grosse Männer'. Im vierten Jahre des Zeitraumes Tsching-yuen 
(788 n. Chr.) machte man Theilungen je zur Linken und Rechten. 



' Diese zwei zuletzt genaniitou Aiigeslellleii nerdeii unten verzeicliuot. 



ÜaulegUiNG dek chinesischen Amteu. 173 

• ^^ ^ f|:| Ki-sse-tschunc) , Sachen darbietende Mittlere'. Dieselben sind vier und 
gehören zu dem oberen Theile der richtigen fünften Classe. Sie befassen sich mit den 
aufwartenden Menschen der Umgebung und mit der Theilung und ßeurtlieilung der 
Sachen der verschlossenen Abtheilung. Sie untersuchen das Gebäude des grossen Schrift- 
schmucks und verbessern die Abschriften der vergleichenden Prüfungen. 

"Wenn die hundert Vorsteher an dem Hofe kurze Meldungen machen und die auf- 
wartenden Mittlei-en (sse-tschungj es untersucht haben, so berichtigen es die ,die Sachen 
darbietenden Mittleren' und verhüten die Irrthümer. Sie überstreichen und verbergen 
("^ M i^iu-thsuan) die nicht angemessenen höchsten Verkündungen so wie die kaiser- 
lichen Befehle und melden es an dem Hofe. \Yenn diese höchsten Verkündungen und 
Befehle dann zurückkommen, so nennt man dieses : '^ ^ tlm-kuei ,das Ueberstrichene 
kehrt zurück^ Am Ende jedes dritten Monats melden sie den Inhalt des Berichtigten 
an dem Hofe. 

In der verschlossenen Abtheilung unter dem Thore (men-hia-siug) gibt es noch: 

^ ^ Lasse , Sachen Verzeichnende". Dieselben sind vier und gehören zu dem 
oberen Theile der nachfolgenden siebenten Classe. 

=p: ^ Tschü-sse ,den Sachen Vorgesetzte'. Dieselben sind vier und gehören zu dem 
unteren Theile der nachfolgenden achten Classe. 

Bei demselben Amte gibt es ferner folgende Angestellte : 

Ling-sse , gebietende Vermerker' zw^eiundzwanzig. 

Scliu-ling-sse , gebietende Vermerker der Bücher' dreiundvierzig. 

Bp j^ Kiä-khu ling-sse , gebietende Vermerker der ßüstkammern der Panzer' 
di'cizehn. 

Hb § Neng-schu ,ein geschickter Schreiber'. Derselbe ist ein Einziger. 

Yl| ■^Ij Tschuen-tschi ,die Anordnungen Ueberliefernde' zwei. 

Ting-tschang ,Aelteste des Einkehrhauses' sechs. 

Schang-kii ,mit Befestigung sich Befassende' vierzehn. 

f^ f'S '^'J W^ E Sieti-p'u tschi-tsdä tsiang , ordnende und ergänzende Künstler der 
Einriehtuno' und Prüfung' fünf. 

§55 ^^ Tschuang-hoong ,der Angestellte des gefärbten Papiers'. Derselbe ist ein 
Einziger. 

^ /^ M|3 'H ^ ^ Khi-khiü-lang Ung-ling-sse ,leitend« gebietende Vermerker des 
Leibwächters der Thätigkeit' drei. 

^ ^ Tsan-tsche , Vortretende, Helfende' sechs. 

Im dritten Jahre des Zeitraumes AVu-te (620 n. Chr.) veränderte man den bisher 
üblichen Namen ^p" ^ ^[5 kl-sse-lang ,der die Sachen darbietende Leibwächter' zu ki- 
sse-tschung .der die Sachen darbietende Mittlere'. 



i l'Ü iS Tso-p'u-kiue ,die das Mangelhafte Ergänzenden zur Linken'. Dieselben 
sind sechs und gehören zu dem oberen Tlieile der nachfolgenden siebenten Classe. 

^ "fp M. Tso-scM-i ,die das Hinterlassene Auflesenden zur Linken'. Dieselben 
sind sechs und gehören zu dem oberen Theile der nachfolgenden achten Classe. 



IIA Pfizmaiek. 



Diese Würdenträger befassen sich mit dem Darreichen der Belehrungen und Vor- 
stellungen. Bei grossen Sachen berathen sie sich in der Mitte des Hofes. Bei Kleinig- 
keiten reichen sie die Sachen versiegelt empor. 

Zu den Zeiten der Kaiserin Wu, im ersten Jahre des Zeitraumes Tschui-kung 
(685 n, Chr.) setzte man Angestellte der Ergänzung des Mangelhaften (p'u-kiue) und 
Angestellte des Auflesens des unterlassenen (scM-i) zur Linken und Rechten ein. Die- 
selben waren je zwei an der Zahl. 



^ M M Khi-khiü-lang ,Leibwächter der Thätigkeit'. Dieselben sind zwei und 
gehören zu dem oberen Theile der nachfolgenden sechsten Classe. Sie befassen sich 
mit dem Eintragen der Thätigkeit und der Vorschriften des Himmelssohnes in die Ver- 
zeichnisse. Wenn der Himmelssohn sich in die richtige Vorhalle begibt, so bleiben diese 
Leibwächter (lang) zur Linken. Die Hausgenossen (sche-jin) desselben Amtes bleiben 
zur Rechten. Wenn ein höchster Befehl ergeht, bücken sie sich vor den Stufen und 
hören es an. Wenn sie sich zurückziehen, schreiben sie es nieder. Am Ende des letzten 
dritten Monats übergeben sie es den vermerkenden Obrigkeiten (xse-kuan). 

Bei diesem Amte gibt es ferner folgende Angestellte : 

Ling-sse , gebietende Vermerker' drei. 

^ ^ Tsan-tsche , Vortretende' sechs. 

Im dritten Jahre des Zeitraumes Tsching-kuan (629 n. Chr.) setzte man Leibwächter 
der Thätigkeit (khi-khiü-lang) ein und schaffte die Hausgenossen (sche-jin) ab. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-sö (662 n. Chr.) sagte man ;^ ^ tso-sse 
, Vermerk er zur Linken'. Ingleichen im ersten Jahre des Zeitraumes Thien- scheu 
(690 n. Chr.). 



-ÖÖ- -Ü Tien-i .Angestellte der Weise der Vorbilder'. Dieselben sind zwei und 
gehören zu dem unteren Theile der nachfolgenden neunten Classe. Sie befassen sich 
mit dem Voi'schreiten, dem Leiten und der Ordnung der Rangstufe der Tafeln in der 
Vorhalle. 

Zu den Zeiten der Sui gab es bei der Erdstufe der zum Besuche sich Meldenden 
Angestellte der Weise der Vorbilder (tien-i). 

Im fünften Jahre des Zeitraumes Wu-te (622 n. Chr.) schuf man wieder das Amt 
^ P^ "F* -^^ li-rnen-Ma sing ,die verschlossene Abtheilung unter dem Thore der kleinen 
Angestellten". 



^ PI ß|3 TscWing-men-lang ,Leibwächter des Thores der Feste'. Dieselben sind 
vier und oehüren zu dem oberen Theile der nachfolo-enden sechsten Classe. Sie befassen 
sich mit dem Zeitpunkte des Oeffnens und Verschliessens der Thore der Feste der 
Mutterstadt, der kaiserlichen Feste, der Paläste und Vorhallen. Sie empfangen die 



Dakleuunu deu chinesischen Amtek. 175 

Sclilüssel und geben sie heraus. Wenn man öffnet, thut man dieses zuerst auswendig, 
hiei-auf inwendig. Wenn man verschliesst, thut man dieses zuerst inwendig, hierauf 
auswendig. Ueft'nen und Verschliessen hat seine Zeit. AVenn es nicht zur rechten Zeit 
geschieht, begeben sie sich zu der Thorwarte, untersuchen und melden es an dem Hofe. 

Bei diesem Amte gibt es folgende Angestellte : 

Ling-sse , gebietende Vermerker' zwei. 

Schn-ling-sse , gebietende Vermerker der Bücher' zwei. 

Im fünften Jahre des Zeitraumes Wu-te (622 n. Chr.) setzte man achthundert Knechte 
des Thores (P^ ^ men-pö) ein. Von der Wache schickte man ihnen die Schlüssel. 



^ Ä ^1^ Fu-pao-lang , Leibwächter der Beglaubigungsmarken und Kostbarkeiten'. 
Dieselben sind vier und gehören zu dem oberen Theile der nachfolgenden sechsten 
Classe. Sie befassen sich mit den acht Kostbarkeiten des Himmelssohnes und den Be- 
glaubigungsmarken und Abschnittsröhren des Eeiches. Gibt es Verrichtungen, so er- 
bitten sie diese Gegenstände von dem Inneren. Nach den Verrichtungen bieten sie die 
Gegenstände dar und verwahren sie. Bei grossen Zusammenkünften an dem Hofe bieten 
sie die Kostbarkeiten dar und treten zu dem kaiserlichen Sitze vor. Bei Reisen und 
Besuchen bieten sie diese Kostbarkeiten ebenfalls dar und schliessen sich an. 

Bei diesem Amte gibt es folgende Angestellte : 

Ling-sse , gebietende Vermerker' drei. 

T ^ Tscliü-pao ,den Kostbarkeiten Vorgesetzte' drei. 

4^ ^ Tschü-fu ,den Beglaubigungsmarken Vorgesetzte' vier. 

3E fp Tschü-tsie ,den Abschnittsröh]-en Vorgesetzte' vier. 

Zu den Zeiten der Kaiserin Wu, im ersten Jahre des Zeitraumes Yen-tsai (694 n. Chr.) 
veränderte man den bisher üblichen Namen ^ S ^|5 fu-d-lang ,Leibwächter der Be- 
glaubigungsmarken und Siegel' zu ^ ^ ß|5 tsie-pao-lang , Leibwächter der Schrifttafeln 
und Kostbarkeiten'. Denselben Namen gebrauchte man im ersten Jahre des Zeitraumes 
Khai-yuen (713 n. Chr.). 



^i ^ fif ^ it Hung-iven-kuan hiö-sse ,die vorzüglichen Männer von dem Gebäude 
des grossen Schriftschmuckes'. Dieselben befassen sicli mit der Erklärung der richtigen 
Zeichnungen und Schrifttafeln, mit der Belehrung und dem Unterriclite der Schüler. 
Die Einrichtungen und Vorschriften der Mitte des Hofes werden von ihnen umgeändert. 
Das Leichte und Schwere des Verfahrens bei den Gebräuchen berathen sie in den Ver- 
sammlungen. 

Im vierten Jahre des Zeitraumes Wu-te (621 n. Chr.) errichtete man das Gebäude 
1i^ ^ fif sieu-tven-kvan ,das Gebäude des Uebens des Schriftschmuckes' in der ver- 
schlossenen Abtheilung unter dem Thore (raen-hia-sing) . Im neunten Jahre desselben 
Zeitraumes (626 n. Chr.) veränderte man den Namen zu hung-wen-kuan , Gebäude des 
grossen Schriftschmuckes'. 



1 7 Q Pfizmaibr. 

Im erstell Jalire des Zeitraumes Tsching-kuan {i)21 ii. Chr.) berief man aus den 
Häusern der Obrigkeiten der Mutterstadt von der fünften Classe aufwärts vierundzwanzig 
Söhne, welche an dem Schreiben Freude hatten, in das Gebäude der kleinen Angesteilen 
(^ fif li-knan) und übte sie im Schreiben. Man schaffte die Schriftmuster der ver- 
schlossenen Abtheilung des Palastes heraus und übergab sie ihnen. Später setzte man 
noch vielseitige Gelehrte für die Auslegung der mustergiltigen Bücher (kiang-king- 
pö-sse) ein . 

In dem Zeiträume I-fung (676 bis 678 n. Chr.) setzte man vorzügliche Männer des 
Lernens für die Erklärung des nichtigen (f^ IE '^ i tsiang-tschhig hiö-sse) ein. Die- 
selben verglichen und ordneten die Abbildungen und Schrifttafeln. 

In den Zeiten nach dem Zeiträume Wu-te gebrauchte man von der fünften Classe 
aufwärts den Namen ^ i hiö-sse ,vorzüglicher ]Mann des Lernens'. Von der sechsten 
Classe aufwärts gebrauchte man den Namen iJ ^ it tsclil-Jilu-fise ,vorzügliche Männer 
des geraden Lernens'. Es gab auch ein Gebäude ^ ^ it |§' wen-kiö tsch't-kuan ,das 
gerade Gebäude des Lernens des Schriftschmuckes'. Dasselbe wurde von anderen Obrig- 
keiten geleitet. 

In den Zeiten nach dem Zeiträume Tschui-kung (685 bis 688 n. Chr.) leiteten die 
Vorgesetzten und Gehilfen ( ^ ;j>3 tsai-siang) zugleich die Bestrebungen des Gebäudes, 
und man nannte sie f§' ^ kuan-ischü , Vorgesetzte des Gebäudes'. Ein die Sachen 
darbietender Mittlerer (kl-sse-tschung) entschied über die Sachen des Gebäudes. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Schin-lung (705 n. Chr.) veränderte man den Namen 
loing-icm-kuan .Gebäude des grossen Schriftschmuckes' zu i}3 ^ ft^ tschao-wen-kuan 
.Gebäude des leuchtenden Schriftschmuckes'. Man vermied dabei das Wort ^h hung^ 
welches der Name des Kaisers Hiau-king gewesen.' Im zweiten Jahre desselben Zeit- 
raumes sagte man wieder sleu-icen-kuan ,Gebäude des Lebens der Schrift'. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes King-lung (708 n. Chr.) setzte man vier vorzüg- 
liche Männer des grossen Lernens {'f\, ^ i ta-hiö-sse) ein. Man betrachtete sie als 
ein Bild der vier Jahreszeiten. Ferner setzte man ein: 

Hiö-sse ,vorzügliche i\Iänner des Lernens' acht. Man betracktete sie als das Bild 
der acht Abschnitte des Jahres (/V fp pä-tsie). 

Tsdi'i-hiö-sse ,vorzügliche Männer des geraden Lernens' zwölf. Man betrachtete sie 
als das Bild der zwölf Stunden. 

In dem Zeiträume King-yün (710 bis 711 n. Chr.) verminderte man die Zahl und 
gab wieder den Namen tscliao-iven-kvan , Gebäude des leuchtenden Schriftschmuckes'. 

Im siebenten Jahre des Zeitraumes Khai-yuen (719 n. Chr.) sagte man Avieder huiq- 
loen-kuan ,Gebäude des grossen Schriftschmuckes' und schuf das Amt eines ^, ^ ^|5 
kiao-sclm-lang .Leibwächters der Vergleiclumg der Bücher'. Man hatte ferner die Aemter: 

^ 3^ fUfi Kino-li-t scheu. , Gegenüberstehende der Vergleichung der Bücher'. 

l5^ *H 1^ KiciO-thsu-zt, , Vergleichende für die Irrthüraer' und andere. 

Im dritten Jahre des Zeitraumes Tschang-khing (823 n. Chr.) wurden die Männer 
des Lernens für die Erklärung des Richtigen (tsiang-tsching hiö-sse) und die vielseitigen 
Gelehrten füi- die Auslegung der mustergiltigen F)fieher (kiang-king pö-sse) abgeschafft. 



' Hung, der zur Nachfolge bestimnitp 8iilm des Kaisers Ka<i-tsung, erhielt naeli seinem Tode den Namen Kaiser Hiao-king. 



Darleguni; keu chinesischen A.mtek. 177 

Ausschliesslicli von der fünften Stufe aufwärts sagte man hiö-sse ,vorzüglicher Mann des 
Lernens'. Von der sechsten Stufe abwärts sagte man tscli l-hiö-sse ,vorzuglIchoi- JNIann 
des gei'aden Lernens'. Wenn man nocli nicht zu dem Hofe emporstieg, sagte man 
[5^ Hf tscK'i-kuan , gerades Gebäude'. 



'^ ® ßP Kiao-schu-lang ,der die Bücher vergleichende Leibwächter'. Dieselben 
sind zwei und gehören zu dem oberen Theile der nachfolgenden neunten Classe. Sie 
befassen sich mit dem Vergleichen und Ordnen der Vorbilder und Schrifttafeln. Sie 
berichtigen die Irrthümer. Wenn man den Lernenden Unterricht ertheilt, prüfen sie. 
Es ist wie bei den Einrichtungen für die Söhne des Reiches, 

Bei diesem Amte gibt es folgende Angestellte: 

^ ^ HiÖ-seng , Beflissene des Lernens' achtunddreissig. 

Ling-sse , gebietende Vermerker' zwei. 

t^ ^ Kiai-schu ,Angestellte der Musterschrift' zwölf. 

fÄ *M ^ Kung-tsin-pi ,die den Pinsel Darreichenden' zwei. 

Ä ^ Tien-schu ,Angestellte der Schrift der Vorbilder' zwei. 

^ W •^ ^ E. Thä-schu scheu-pi tsiang ,Kunstler des Handpinsels der ßett- 
schrift' drei. 

^ IK ^ y^ E Schu-schi tschuang-hoang tsiang ,Künstler des reifen Papiers, des 
gefärbten Papiers" acht. 

Ting-tschang ,Aelteste des Einkehrhauses' zwei. 

Schang-hi ,mit Befestigung sich Befassende' vier. 



•-p W la t' W ^ Tschung-schu-slng tscJnmg-sclm-Ung ,die Gebietenden der Bücher 
der Mitte von der verschlossenen Abtheilung der Bücher der Mitte'. Dieselben sind 
zwei und gehören zu der richtigen zweiten Classe. Sie stehen dem Himmelssohne zur 
Seite bei dem Erfassen der grossen Lenkung und entscheiden als Leiter in Sachen der 
verschlossenen Abtheilung-. 

Im dritten Jahre des Zeitraumes Wu-te (620 n. Chr.) veränderte man den bisher 
üblichen Namen ^ ^ ^ nei-schu-sing , verschlossene Abtheilung der Bücher des 
Inneren' zu tschung-schu-sing ,verschlossene Abtheilung der Bücher der Mitte'. Den bisher 
üblichen Namen Pj ^ ^ nei-schu-ling , Gebietender der Bücher des Inneren' veränderte 
man zu tschung-schu-ling ,Gebietender der Bücher der Mitte'. 

Im ersten Jahi-e des Zeitraumes Lung-sö (661 n. Chr.) veränderte man den Namen 
tschung-schu-sing , verschlossene Abtheilung der Bücher der Mitte' zu ^ ^ si-thai ,Erd- 
stufe des "Westens'. Den Namen tschung-schu-ling , Gebietender der Bücher der Mitte' 
veränderte man zu '^ }j>g yeu-siang , Gehilfe zur Rechten'. 

Denkschiiften der phil.-hist. Cl. SXIX. UJ. 23 



178 Pfizmaikk. 

Im ersten Jalii'e des Zeitraumes Kuang-tscli'i (684 n. Chr.) veränderte man den 
Namen tschung-schu-sing ,versclilossene Abtheilung der Bücher der Mitte' zu ^ ^ 
fimg-kö ,Söller des Paradiesvogels-. Den Namen tsdumg-srJiu-ling , Gebietender der Büchei' 
der Mitte' veränderte man zu ^ ^ nei-sse , Vermerker des Inneren'. 

Im ersten Jahre des Zeitraiunes Khai-yuen (713 n. Chr.) veränderte man den Namen 
tschung-schu-sing ,verschlossene Abtheilung der Bücher der Mitte' zu ^ '\%ji ^ thse-wei- 
sing ,die verschlossene Abtheilung des purpurnen Unscheinbaren'. Den Namen tschung- 
schu-Jmg , Gebietender der Büchei' der Mitte' veränderte man zu ^ '\%ji ^ thse-ioei-ling 
Gebietender des purpurnen Unscheinbaren'. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Thien-pao (742 n. Chr.) sagte man wieder i^ ;t'B 
yeu-siang .Gehilfe zur Rechten'. 

Im fünften Jahre des Zeitraumes Ta-li (770 n. Chr.) sagte man ^ 1$,^ ^^ ^ 
thse-wei-sse-lang .aufwartender Leibwächter des purpurnen Unscheinbaren'. Hierauf sagte 
man wieder PJ^ § "f^ ^|5 tsc/mng-t^cku sse-lang , aufwartender Leibwächter der Bücher 
der Mitte'. 



f^ ^P Sse-lang , aufwartende Leibwächter'. Dieselben sind zwei und gehören zu 
der richtigen dritten Classe. Sie befassen sich als die Zweiten mit den Verrichtungen 
der Erlässe. Bei der grossen Lenkung der Mitte des Hofes berathen sie in der \ ev- 



sammlung. 



^ \ Sc/ie-jin ,Hausgenossen'. Dieselben sind sechs und gehören zu dem oberen 
Theile der richtigen fünften Classe. Sie befassen sich mit dem Aufwarten, dem Vortreten, 
den Meldungen an dem Hofe, den Berathungen in der Versammlung und mit den 
Abschnitten der Denkschriften. Zu diesem Amte gehören : 

4^ ^ Tschü-schu ,den Büchern Vorgesetzte'. Dieselben sind vier und gehören zu 
dem oberen Theile der nachfolgenden siebenten Classe. 

^ ^ Tschü-sse ,den Sachen Vorgesetzte'. Dieselben sind vier und gehören zu 
dem unteren Theile der nachfolgenden achten Classe. 

Ferner gibt es folgende Angestellte: 

Ling-sse , gebietende Vermerker' zwanzig. 

Schu-Ung-sse , gebietende Vei'merker der Bücher' vier. 

Hb ^ Neny-schu , geschickte Schreiber' vier. 

^ ^ ^ ^ Fan-schu sclu-yü ,Uebersetzer für die Schrift der Fremdländer' zehn. 

^ ^ Sching-yl ,Iieitboten' zwanzig. 

"^- ^Ij Tschuen-tschi ,Weiterbefürderer der Verfügungen' zehn. 

Ting-tschang ,Aelteste des Einkehrhauses' achtzehn. 

Schang-ku .mit Befestigung sich Befassende' vierundzwanzig. 

^ ■^Ij ^ [£ Tschuang-tschi-tsclii-tsiaiig ,der aufschmückende Künstler der Ein- 
richtung und Prüfung'. Derselbe ist ein Einziger, 

iß f^ ■^IJ ^ E Sieji-iyu fschi-fscJn-tsiang ,ordncnde und ei'gänzende Künstler der 
Einrichtunii' und l'i'üfuno' fünfzig'. 



ÜARLEaUNa DER CHI.NE.SISCIIEN Ä.MIEU. 179 

ij Tschang-han .mit Briefen sich Befassende' zwanzig. 

^ Tsc/mng-nfian ,mlt Yergloiehung sich Befassende' zwanzig. 



Die folgenden AVürdenträger zur Rechten befassen sich mit denselben Dingen wie 
die bei der verschlossenen Abtheilung unter dem Thore (men-hia-sing) mit denselben 
Namen angeführten Würdenträger zur Linken. 

Yen san-khi tschang-sse ,der beständige Aufwartende von den zerstreuten Reitern zur 
Rechten'. Dieselben sind zwei. 

Yeu kien-i ta-fu ,der A'orstellungen machende und berathende grosse Mann zur 
Rechten'. Dieselben sind vier. 

Yeu pho-kiue ,der das Mangelhafte Ergänzende zur Rechten'. Dieselben sind sechs. 

Yeu schi-i ,der das Hinterlassene Auflesende zur Rechten'. Dieselben sind sechs. 



^ M ^ \ J'i^fii-kMü sche-jin ,der Hausgenosse der Thätigkeit'. Dieselben sind 
zwei und gehören zu dem oberen Theile der nachfolgenden sechsten Classe. Sie befassen 
sich mit dem Ordnen der verzeichnenden Worte der Verzeichnisse der Vermerker und 
mit dem Gehalte der Einrichtungen und Meldungen wie bei der Einrichtung der Ver- 
zeichnung der Sachen. Am Ende jedes dritten Monats übergeben sie es dem Vermerker 
des Reiches. 

Zu diesem Amte gehören die folgenden Angestellten: 

t^ S ^ Kiai'Schu-srheu ,Handhabende der Musterschrift' vier. 

^ Tien , Angestellte der Vorbilder' zwei. 



M ^ "^ A Thimg-sae sche-jin ,mit den Sachen verkehrende Hausgenossen'. Die- 
selben sind sechzehn und gehören zu dem oberen Theile der nachfolgenden sechsten 
Classe. Sie befassen sich mit dem Einführen bei den Besuchen an dem Hofe, mit dem 
Verkehre der Vorhalle, des Vorhofes und den Meldungen an dem Hofe. Wenn die nahe- 
stehenden Diener eintreten und aufwarten, die Angestellten der Schrift und des Ki-ieges 
Reihen bilden, sind die mit den Sachen verkehrenden Hausgenossen die Führer bei dem 
Vortreten und Zurücktreten und setzen den Zeitpunkt des Verbeugens, des Aufstehens, 
des Eintrittes und Austrittes ins Licht. 

Wenn die Eremdländer Tribut bringen, nehmen sie diesen in Empfang und reichen 
ihn dar. 

Wenn das Kriegsheer ausrückt, empfangen sie den höchsten Befehl, bewillkommnen 
es und senden es fort. AVenn es bereits ausgerückt ist, fragen sie jeden Monat hinsichtlich 






\ü() Pfizmaier. 

des Vorhandenseins in den Häusern der Anführer und Kriegsmänner und sorgen daselbst 
bei Krankheit und Leiden. Wenn das Kriegsheer siegreich zurückkehrt, so gehen sie ihm 
entgegen. 

Bei diesem Amte gibt es folgende Angestellte: 

Ling-sse , gebietende Vermerk er' zehn. 

Ä sg Tien-ngö ,der Anmeldung zum Besuche Vorgesetzte' zehn. 

Tlng-tschang ,Aelteste des Einkehrhauses' achtzehn. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' vierundzwanzig. 

Im vierten Jahre des Zeitraumes Wu-te (621 n. Chr.) schaffte man den bisher 
üblichen Namen f^ ^ ft ngö-tsche-thai ,Erdstufe des den Besuch Anmeldenden' ab. 
Den bisher üblichen Namen M ^ l§ ^ ihung-sse ngö-tsche ,der mit den Sachen ver- 
kehrende Anmeldende zum Besuche' veränderte man zu thimg-sse sche-jin ,der mit den 
Sachen verkehrende Hausgenosse'. 



"ö^ 



In dem Büchergebäude der Vorhalle der versammelten weisen Männer (^ W ^ S 1^ 
isi-hien-thien sclm-yuen) gibt es vorzügliche Männer des Lernens (^ ih hio-sse)^ vor- 
zügliche Männer des geraden Lernens (^ ^ dt tsclu-hiö-sse) i^ ^ ^ ' it (sse-tö 
hiö-sse) ,bei dem Lesen aufwartende vorzügliche Männer des Lernens' und ordnende und 
zusammenstellende Obrigkeiten (f|^ ^ 'g^ sieAi-siuen-kuaii). Dieselben befassen sich 
mit dem Berichtigen und Fortsetzen der mustergiltigen Bücher und der Schrifttafeln. 
Wenn Abbikbmgen und Bücher müssig hinterlassen worden, die Begabung der 
Weisheit verborgen ist und nicht in Gang kommt, so empfangen jene Männer den 
höchsten Willen, um die Werke aufzusuchen. Sie berathen über das, was um die Zeit 
angewendet werden kann, veröffentlichen, was in dem Zeitalter ausgeübt werden kann, 
untersuchen die Kunst des Lernens und bringen es zu Ohren. Wenn sie den höchsten 
Willen empfangen, wählen und sammeln sie die Abschnitte der Schriften, vergleichen 
und ordnen die mustergiltigen Bücher und die Schrifttafeln. An dem Ende eines Monats 
legen sie es zur Prüfung in dem Inneren vor. An dem_ Ende eines Jahres vergleichen 
tmd vereinigen sie es für das Aeussere. 

Im fünften Jalire des Zeitraumes Khai-yuen (717 n. Chr.) schrieb man in der Vor- 
halle %ti JC ^k Khien-guen-thien ,ursprün gliche Vorhalle des Himmels' die Bücher der 
vier Abtheilungen ab und setzte einen Abgesandten der ursprünglichen Vorhalle des 
Himmels (klden-yuen-thien-sse) ein. Dabei hatte man : 

5^y jE 1^ Thsien-tsching-kuan ,berichtigende Würdenträger'. Dieselben waren vier. 
Einer von ihnen beurtheilte die Gegenstände. 

tf 1^ 4^ "^ Kiä-yuen-tsckmig-sse ,der untersuchende Abgesandte der Mitte des 
Gebäudes'. Derselbe ist ein Einziger. Er befasst sich mit den heraus- und herein- 
kommenden Veidcündungen, den Meldungen an dem Hofe, leitet die Obrigkeiten der 
Mitte und beaufsichtigt und bewaclit das Thor des Gebäudes. 

^ ^ 1^ Tschi-schu-kuan ,Würdenträger, welche Bücherkenner sind'. Dieselben 
sind acht. Sie befassen sich getlieilt mit den Büchern der vier Rüstkammern. 

Im sechsten Jahre des Zeitraumes Khai-yuen (718 n. Chr.) veränderte man den 
Namen khien-guen-yuen ,ursprüngliches Gebäude des Himmels' zu ^ JE W W ß'C 
li-tsching sieu-schu yuen ,das zierliche und richtige Gebäude des Ordnens der Büclier'. 



Dauleguno dek chinesischen Amter. 281 

Man setzte Abgesandte und Obrigkeiten der Prüfung und Vergleichung ein. Den bisher 
üblichen Namen "fl^ ^ '^ .^ieu-schu-kuan , Übrigkeiten des Ordnens der Bücher' ver- 
änderte man zu ^ IE 1^ ^ it U-tsching-thien hiö-nae , vorzügliche Männer des Lernens 
von dem zierlichen und richtigen Gebäude'. 

Im achten Jahre des Zeitraumes Khai-yuen (720 n. Chr.) gab man Gerade 
des Lernens des Schriftschmucks ( ^ ^ iS men-hiö-tsch'i) hinzu. Ferner gab man 
ordnende und zusammenstellende (/fif" ^ sicv-smeii), vergleichende und ordnende (^ ^ 
kiao-li), urtheilende und berichtigende (^ij ]£ puan-tsching), vergleichende und bestim- 
mende (^ ^ kiao-kan) Obrigkeiten hinzu. 

Im eilften Jahre des Zeitraumes Khai-yuen (723 n. Chi-.) setzte man bücherordnende 
vorzügliche Männer des Lernens von dem zierlichen und richtigen Gebäude (li-fsc/nng- 
yiien sieit-scim hiö-sse) ein. Vor dem Thore 7^ |||^ Kuang-acliün eri-ichtete man ebenfalls 
ein Büchergebäude (schu-yuen). 

Im zwölften Jahre des Zeitraumes Khai-yuen (724 n. Chr.) errichtete man in der 
östlichen Hauptstadt, vor dem Thore B^ fjg M'mc]-fö ebenfalls ein zierliches und richtiges 
Büchergebäude (li-tscking-schu-yuen). 

Im dreizehnten Jahre des Zeitraumes Khai-yuen (725 n. Chr.) veränderte man den 
Namen li-tsching sieu-schi yiien ,das zierliche und richtige Gebäude des Ordnens der 
Bücher' zu tsi-hien-thien schu-yuen , Büchergebäude der Vorhalle der vei-sammelten weisen 
Männer'. ^ on der fünften Classe aufwärts waren es vorzügliche Männer des Lernens 
(hiö-sse). Von der sechsten Classe abwärts waren es vorzügliche Männer des geraden 
Lernens (tsdir-hiö-sse). Ein Vorgesetzter und Gehilfe {-^ i^ tsai-siang) war ein vor- 
züglicher Mann des Lernens und Kenner der Sache des Gebäudes (hio-sse tschi-yuen sse). 
Ein beständiger Aufwartender (tschang-sse) war ein zugetheilter Kenner der Sache des 
Gebäudes ( glj ^ |5^ ^ feu-tschi yuen-sse). Ferner wurden eingesetzt : 

^'J 1^ Puan-yuen ,ein über das Gebäude Entscheidender'. Derselbe war ein Einziger. 

Kiä-yuen tschung-sse ,der untersuchende Abgesandte der Mitte des Gebäudes'. Der- 
selbe war ein Einziger. 

Kaiser Hiuen-tsung wählte täglich einen alten Gelehrten, welchen er beim Lesen 
aufwarten und die zweifelhaften Bedeutungen der Geschichtschreiber und Schrifttafeln 
richtig stellen Hess. Er setzte jetzt aufwartende und auslegende vorzügliche Männer 
des Lernens von dem Gebäude der versammelten weisen Männer (tsl-hien-yuen sse-kiang 
hiö-sse) und beim Lesen aufwartende ( ^ ^ sse-tö) vorzügliche Männer des geraden 
Lernens (tsch'i-hiö-sse) ein. Später vermehrte er noch die Zahl der Aemter um folgende : 

"fl^ ^ '^ Sieu-siuen kumi ,das Amt des Ordnens und Zusammenstellens'. 

^ 3^1 1^ Kiao-li kuan ,das Amt des Vergleichens und Ordnens'. 

-f^ ■^Ij 1^ Tai-tschi kuan ,das Amt des Wartens auf die Einrichtungen'. 

M 1^ W Lieu-yuen kuan ,das Amt des Zurückbleibens in dem Gebäude'. 

^ t^ o>)" 1^ Tsc/u'-Mi'en-^Äao Ä;tm?i, das Amt, welches zu prüfen und zu erforschen weiss'. 

^ ^ iJ Wen-hiö-tsdii , Gerade des Lernens des Schriftschmucks'. Letztere in 
einer gewissen Anzahl. 

Indem man die geschickten Schreiber aufforderte, machte man sie zu Geraden der 
Schrift (^ [^ schu-tscJit) und zu Abschreibern der kaiserlichen Bücher (sie y/i-schu jin). 
Man setzte auch Gerade des Zeichnens (^ ^ hoä-tscKi) ein. 



jg2 Pfizmaier. 

Im neunzehnten. Jahre des Zeitraumes Khai-yuen (731 n. Chr.) bildete man aus den 
Geraden der Schrift (schu-tscJi't), aus den Geraden des Zeichnens (hoä-tscKi), aus den 
Kundigen der Bettschrift (^ ^ fhä-schn), welche ein Amt besassen, das gerade Ge- 
bäude (iJ 1^ tschi-yuen). 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Tschi-te (757 n. Clir.) setzte man vorzügliche 
Männer des grossen Lernens (-j^ ^ ± ta-hiö-sse) ein. 

Im Anfange des Zeitraumes Tsching-yuen (78.5 n. Chr.) errichtete man das Amt 
der gehefteten Verzeichnisse (H #|i ^ pien-lö-kuaii) . Im vierten Jahre desselben Zeit- 
raumes (788 n. Chr.) schaffte man die vorzüglichen Männer des grossen Lernens (ta- 
Mö-sse) ab. 

Im achten Jahre des Zeitraumes Tsching-yuen (792 n. Chr.) schaffte man die ver- 
gleichenden und ordnenden (:^ ^ kiao-li) Obrigkeiten ab. Dafür wurden eingesetzt: 

^ Ä Kixio-schit, , Angestellte der Vergleichung der Bücher'. Dieselben waren vier. 

"TF ^ Tsching-tse ,Angestellte der richtigen Schriftzeichen'. Dieselben waren zwei. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Yuen-ho (807 n. Chr.) setzte man wieder ver- 
sammelte weise Männer (tsi-Men) und Vergleichende und Ordnende (kiao-li) ein. Dabei 
schaffte man die Angestellten der Vergleichung der Bficher (kiao-scliu) und die Angestellten 
der richtigen Schriftzeichen (tsing-tse) ab. 

Im vierten Jahre des Zeitraumes Yuen-ho (809 n. Chr.) hatte man vorzügliche 
Männer des Lernens (hiö-sse) und vorzügliche Männer des geraden Lernens (tsch'i-hiö-sse) 
des Gebäudes der kaiserlichen Bücher der versammelten weisen Männer (tsl-kien yü-schu 
yuen). Man verwendete zu diesen Aemtern die Söhne der Würdenträger von der fünften 
Classe aufwärts wie ehemals in dem Zeiträume Khai-yuen. Ein in Jahren vorgerückter 
vorzügliclier Mann des Lernens (hiö-sse) entschied in Sachen des Gebäudes. Die An- 
gestellten, welche nicht zu dem Hofe emporstiegen, waren vergleichende und ordnende 
Angestellte (kiao-li). Die übrigen Aemter wurden abgeschafft. 

Als Kaiser Thai-tsung zu seiner Rangstufe gelangte, befahl er den Obrigkeiten der 
Mutterstadt von der fünften Classe aufwärts, abwechselnd in den beiden verschlossenen 
Abtheilungen unter dem Thore der Bücher der Mitte (tscimng-schu men-hiaj einzukehren 
und Fragen vorzubereiten. 

In dem Zeiträume Yung-hoei (650 bis 655 n. Chr.) wurde befohlen, dass ein vor- 
züglicher Mann des Lernens von dem Gebäude des grossen Schriftschmucks (hung-wen- 
kuan hiö-sse) täglich auf die Ausfertigung ( "^Ij tschi^ bei dem westlichen Thore der Vor- 
halle 5(; ^, 1^ Wu-te-thien warte. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes VVen-ming (684 n. Chr) befahl eine höchste Ver- 
kündung, dass von den Würdenträgern der Mutterstadt von der fünften Classe aufwärts 
ein lauterer Würdenträger täglich auf die Ausfertigung an dem Thore ^ ^ f!^ US 
Tschang-schen-ming-fö warte. 



^ ^ Kiao-sdiu .vergleichende Angestellte der Bücher'. Dieselben sind vier und 
gehören zu dem unteren Theile der richtigen neunten Classe. 



Darlegunu deu chinesischen Ämter. 183 

jE ^ Tschivg-tse .Angestellte der richtigen Scliriftzeichen'. Dieselben sind zwei 
und gehören zu dem oberen Theile der nachfolgenden neunten Classe. 

Zu diesem Amte gehören die folgenden Angestellten : 

fjj "^ Tschimg-sse ,der mittlere Abgesandte'. Derselbe ist ein Einziger. 

■fL ^ 1^ Khung-mö-kuan ,der Amtsführer des durchdringenden Auges'. Derselbe 
ist ein Einziger. 

^ fäp § t^ a'J' Tschi-yü-schu khien-thao , Angestellte , welche die kaiserlichen 
Bücher zu prtlfen und zu erforschen wissen' acht. 

T^tfl 1^ ^ Tschi-scJm-kuan ,Amtsführor, welche die Bücher kennen' acht. 

^ ]S ^ f^P 1^ "^ Schu-tscJit. sie yü-schu scheu ,im Schreiben gerade, die kaiser- 
lichen Bücher absclireibende Hände' neunzig. 

^ [^ Hoä-tscKi .im Zeichnen Gerade' sechs. 

^ U [J Tsclmang-schu-tscKi ,im aufschmückenden Schreiben Gerade' vierzehn. 

3*^ ^ lÄ Thsao-pi-tsclit , Gerade der Verfertigung des Pinsels' vier. 

Wi S T/to-schu , Angestellte der Bettschrift' sechs. 

^ Tien , Angestellte der Vorbilder' vier. 



^ i§ "(l^ ■^ ^se-kuan sieu-tsiuen , Ordnende und Zusammenstellende des Gebäudes 
der Gescliichtschreiber'. Dieselben sind vier und befassen sich mit dem Ordnen der 
Geschichtschreiber des Reiches. 

Zu diesem Amte gehören die folgenden Angestellten : 

Ling-sse , gebietende Vermerker' zwei. 

|-^ § Kiai-schu , Angestellte der Musterschrift' zwölf. 

"M ^ ^ t^ ^ Sie-kue-sse kiai-sclm , Angestellte der Musterschrift, welche die 
Geschichtschreiber des Reiches abschreiben' achtzehn. 

t'^ S "^ Kiai-schi-scheu ,Hände der Musterschrift' fünfundzwanzig. 

Ä § Ticn-sc/m , Angestellte der Schrift der Vorbilder' zwei. 

Ting-tschang ,Aelteste des Einkehrhauses' zwei. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' vier. 

^ '^K (ä. Schö-schi tsiang , Künstler des reifen Papiers' sechs. 



liÜ* S "^ ^ Pi-schu sing-kien ,der Beaufsichtiger der verschlossenen Abtheilung 
der geheimen Bücher'. Derselbe ist ein Einziger und gehört zu der nachfolgenden 
dritten Classe. 

'^ M Schao-kien ,kleine Beaufsichtiger'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem 
oberen Theile der nachfolgenden vierten Classe. 

3^ Sching ,der Gehilfe'. Derselbe ist ein Einziger und gehört zu dem oberen 
Theile der nachfolgenden fünften Classe. 



2g4 Pfizmaier. 

Der Beaufsichtiger (kien) dieses Amtes befasst sich mit der Sache der mustergiltigen 
Bücher und der Schrifttafeln, der Abbildungen und Bücher. Er leitet und gibt die Er- 
richtung der Gemächer (^ khio) bekannt. Der kleine Beaufsichtiger (schao-kien) steht 
ihm dabei als Zweiter zur Seite. 

Im vierten Jahre des Zeitraumes Wu-te (621 n. Chr.) veränderte man den bisher 
üblichen Namen ^ ^ schao-ling ,der kleine Gebietende' zu »chao-kien ,der kleine Be- 
aufsichtiger'. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-sö (662 n. Chr.) veränderte man den Namen 
pl-sclm-sing ,verschlossene Abtheilung der geheimen Bücher' zu ]||i ^ lan-tliai , Erdstufe 
der Luftblume'. 

Für kien ,Beaufsichtiger' sagte man ^)^ ^ thai-sse .grosser Vermerker'. 

Für schao-kien ,kleiner Beaufsichtiger' sagte man ^^ ^|5 sse-lang , aufwartend er Leib- 
wächter'. 

Für sching , Gehilfe' sagte man '^ ^ ta-fa , grosser Mann', 

Für pi-scliu-lang , Leibwächter der geheimen Bücher' sagte man lan-thai-lang ,Leib- 
wächter der Erdstufe der Luftblume'. 

Zu den Zeiten der Kaiserin Wu, im ersten Jahre des Zeitraumes Tschui-kung 
(685 n. Chr.) gebrauchte man für pi-schu-sing ,verschlossene Abtheilung der geheimen 
Bücher' den Namen ^ ^ lin-thai , Erdstufe des Einhorns'. Im ersten Jahre des Zeit- 
raumes Thai-ki (712 n. Chi-.) sagte man wieder pi-schu-sing , verschlossene Abtheilung 
der geheimen Bücher'. 

Zu diesem Amte gehören ferner folgende Angestellte: 

Ä ^ Tien-schu , Angestellte der Schrift der Vorbilder' vier. 

Kiai-scltu , Angestellte der Musterschrift' zehn. 

Ling-sse , gebietende Vermerker' vier. 

Schu-ling-sse , gebietende Vermerker der Bücher' neun. 

Ting-tschang ,Aelteste des Einkehrhauses' sechs. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' acht. 

^ ^K E Schu-schi-tsiang ,Künstler des reifen Papiers' zehn. 

^ i^ IS, Tschuang-hung-tsiang ,Künstler des aufgeschmückten gelben Papiers' zehn. 

^ [S Pi-tsiang , Künstler des Pinsels' sechs. 



%^jb w ßP Pi-schu-lang , Leibwächter der geheimen Bücher'. Dieselben sind drei 
und gehören zu dem oberen Theile der nachfolgenden sechsten Classe. Sie befassen 
sich mit den Abbildungen und Schrifttafeln der vier Abtheilungen. Sie machen dabei 
die vier ersten Zeichen der zehn Stiele: kiä (1), yi (2), ping (3) und fing (4) zu Ab- 
theilungen. Diese haben die folgenden drei Stämme ( ;^ pen) : 

1. iE Tsrhing ,das Richtige'. 

2. @|J Feil ,das Zugetheilte'. 
o. %x Tscliü ,die Aufhäufung'. 

Wenn man das Verdienst den- Abschriften prüft, unterscheiden und beurtheilen diese 
AVürdenträger nach Classen. 



Daui.egüng der chinesischen Ämteu. 185 

^ 1^ ^P Kino-xclw-lang , Leibwächter der Vergleicliung der Bücher'. Dieselben 
sind zehn und gehören zu dem oberen Theile der richtigen neunten Classe. 

"iF ^ Tschinff-fse , Angestellte der richtigen Schriftzeichen'. Dieselben sind vier 
und gehören zu dem unteren Theile der richtigen neunten Classe. 

Diese WilJ-denträger befassen sich mit Vergleichung der Vorbilder und Schrifttafeln. 
Sie berichtigen die Aufsätze der Schrift. 

^ '(^ /^ ^|5 Tschü-tsu khiö-lanci ,veröffentlichende und verfassende Leibwächter 
des Gemaches'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem oberen Theile der nach- 
folgenden fünften Classe. 

^'(^^^15 TscMl-tsö tso-lang ,veröffentlichende und verfassende zur Seite stehende 
Leibwächter'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem oberen Theile der nachfolgenden 
sechsten Classe. 

^ S ßP KiLW-sclm-lang , Leibwächter der Vergleichung der Bücher'. Dieselben 
sind zwei und gehören zu dem oberen Theile der richtigen neunten Classe'. 

If-, ^ Tsching-tse , Angestellte der richtigen Schriftzeichen'. Dieselben sind zwei 
und gehören zu dem unteren Theile der richtigen neunten Classe. 

Die veröffentlichenden und verfassenden Leibwächter befassen sich mit der Zu- 
sammenstellung der Denkwürdigkeiten der Steintafeln, dem Texte der Anrufungen und 
dem Texte der Opfergebete. Sie unterscheiden und beurtheilen mit dem zur Seite 
stehenden Leibwächter in Sachen der Gemächer. 

Im vierten Jahre des Zeitraumes Wu-te (621 n. Chr.) veränderte man den bisher 
üblichen Namen ^ f^ W fschü-tsö-thsao ,der veröffentlichende und verfassende Richter' 
zu ^ khiu , Gemach'. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-sö (672 n. Chr.) sagte man a\ ^ sse-icen 
,Vorsteher des Schriftschmuckes'. 

Statt khiö-lang , Leibwächter des Gemachs' sagte man ^|3 Pf? lang-tschung , Mittlerer 
der Leibwächter'. 

Statt tso-lang ,zur Seite stehender Leibwächter' sagte man ^ ^ ß|5 sse-iven-lang 
,der dem Schriftschmucke vorstehende Leibwächter'. 

Bei diesem Amte gab es ferner die folgenden Angestellten : 

Kiai-schu , Angestellte der Musterschrift' fünf. 

Scht-Ung-sse ,der gebietende Vermerker der Büchei''. Derselbe war ein Einziger. 

^ ^ t^chu-U , Angestellte der Bücher' zwei. 

Schang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' vier. 



^ ^ Ä ^ Sse-t/iien-thai kien ,der Beaufsichtiger der dem Himmel vorstehenden 
Erdstufe'. Derselbe ist ein Einziger und gehört zu der richtigen dritten Classe. 

^■* ^ Schao-kien ,kleine Beaufsichtiger'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem 
oberen Theile der richtigen vierten Classe. 

7^ Sching ,der Gehilfe'. Derselbe ist ein Einziger imd gehört zu dem oberen 
Theile der richtigen sechsten Classe. 

Denkschriften der pliil.-hist. Cl. XXIX. Bd. 24 



1)^6 Pfizmaieii. 

3^ ^. Tschü-pö ,deii Eegistern Vorgesetzte'. Dieselben sind zwei und gehören zu 
dem oberen Tlieile der richtigen siebenten Classe. 

^ ^ Tschü-sse ,der den Sachen Vorgesetzte'. Derselbe ist ein p]inziger und gehört 
zu dem unteren Theile der richtigen achten Classe. 

Der Beaufsichtiger (kien) dieses Amtes untersucht die Himmelskunde und vereinigt 
die Zahlen der Zeitrechnung. \\'enn Seltsamkeiten der Sonne und des Mondes, der 
Sterne, des Windes, der Wolken und der Farbe der Luft sich ereignen, stellt er sich an 
die Spitze seiner Zugetheilten und wahrsagt. 

Im vierten Jahre des Zeitraumes Wu-te (621 n. Chr.) veränderte man den bisher 
üblichen Namen ^ ^ ^ thal-ssa-kien , grosser Vermerker imd Beaufsichtiger' zu 
3^ ^ ^ thai-sse-khiö .Gemach des grossen Vei'merkers' imd ^ i{\i]l} § ^ li-pi-schu- 
sing , verschlossene Abtheilung der geheimen Bücher der kleinen Angestellten'. 

Im siebenten Jahre desselben Zeitraumes (624 n. Chr.) schaffte man den bisher 
üblichen Namen ^ \\^ klen-heu , beaufsichtigender Erspäher' ab. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-sö (672 n. Chr.) veränderte man den Namen 
thai-sse-khiö ,Gemach des grossen Vermerkers' zu ijjj|/> ^ |^ pi-schu-kö , Söller der 
geheimen Bücher'. 

Den bisher üblichen Namen ^ ^ kldö-ling , Gebietender des Gemaches' veränderte 
man zu pi-schv-ko lang-tschimg .der Mittlere der Leibwächter von dem Söller der geheimen 
Bücher'. 

Zu den Zeiten der Kaiserin AVu, im ersten Jahre des Zeitraumes Kuang - tsch'i 
(684 n. Chr.) veränderte man den Namen thai-sse-khiö .Gemach des grossen Vermerkers' 
zu ^ ^ ^ lioen-tliien-kien , Beaufsichtiger des ganzen Himmels'. Man verschmähte 
den Namen ^ ^ ^ li-lin-thai .Erdstufe des Einhorns von den kleinen Angestellten'. 
Plötzlich veränderte man den Namen zu t|| "f^ ^ hoen-i-kien , Beaufsichtiger des ganzen 
Verfahrens'. Hierauf wurden eingesetzt : 

SlJ ^ Feu-kien .zugetheilte Beaufsichtiger'. 

9^ Sching , Gehilfen'. 

4^ ^ Tschü-pö .den ßegistern Vorgesetzte'. 

Man veränderte den früher üblichen Namen ^ J^ ^JÜ sse-schin-sse ,der den Stern- 
bildern vorstehende Lehrmeister' zu ^ j^ sse-schin , Vorsteher der Sternbilder'. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Tschang-ngan (702 n. Chr.) sagte man für hoen- 
i-kien , Beaufsichtiger des ganzen Verfahrens' wieder thai-sse-khiö , Gemach des grossen 
A ermerkers'. Man schaffte die Namen fen-kien .zug'etheilter Beaufsichtiger', ferner sching 
,Gehilfe' und U-lin-tliai , Erdstufe des Einhorns von den kleinen Angestellten' ab und 
liess es wie früher. 

Man veränderte den bisher üblichen Namen ^ ^ -tH it thien-iuen-pu-sse ,viel- 
seitiger Gelehrter der Himmelskunde' zu ^ ^ ^P .Leibwächter der reingeistigen 
Erdstufe'. 

Für den bisher üblichen Namen ^ i^ it It-pö-sse ,vielseitiger Gelehrter der 
Zeitrechnvmg' sagte man '^ ^ jE ^:)rto-/scÄa?/_r/-/,sc/(2??(7 ,der die Abschnitte bewahrende 
nichtige'. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes King-lung (708 n. Chr.) veränderte man den 
Namen thai-sse-khiö , Gemach des grossen Vermerkers' zu ^ ^ ^ thai-sse-kien ,der 



Darleiiln'O der chinesischen Ämter. 187 

grosse Yermerker und Beaufsiclitiger'. Man verschmähte den Namen ^ jf\ijl\ ^ -^ 
li-pi-schu-sing , verschlossene Abtheihing der geheimen Bücher der kleinen Angesteliten' 
und setzte wieder Gehilfen (^ sching) ein. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes King-yiin (710 n. Chr.) hiess es noch khlö , Gemach' 
und U-pi-schu-sing , verschlossene Abtheilung der geheimen Bücher der kleinen Angestellten'. 
Ueber einen Monat hiess es kicn ,Beaufsichtiger'. In einem Jahre hiess es wieder khiö 
, Gemach'. 

Im zweiten Jahre desselben Zeitraumes (711 n. Clu-.) veränderte man den Namen 
zu hoen-i-kien ,Beaufsichtiger des ganzen Verfahrens'. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Khai-yuen (714n. Chr.) sagte man wieder thai-sse-kien 
,der grosse Vermerker und Beaufsichtiger'. Den Namen -^ liiig , Gebietender' veränderte 
man zu kien , Beaufsichtiger'. Zugleich setzte man einen kleinen Beaufsichtiger ( -^ ^ 
schao-kien) ein. 

Im viei'zehnten Jahre desselben Zeitraumes (726 n. Chr.) hiess der grosse Vermerker 
und Beaufsichtiger (thai-sse-kien) wieder khiö ,das Gemach'. Der Beaufsichtiger (kien) 
hiess ling , Gebietender'. Der kleine Beaufsichtiger (schao-kien) wurde abgeschafft. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Thien-pao (742 n. Chr.) hiess das Gemach des 
grossen \ ermerkers (thai-sse-khiö) wieder kien ,Beaufsichtiger'. Seit dieser Zeit verschmähte 
man den Namen li-pi-schu-sing ,verschlossene Abtheilung der geheimen Bücher der kleinen 
Angestellten'. 

Im ei'sten Jahre des Zeitraumes Khien-yuen (758 n. Chr.) sagte man ^ ^ ^ 
se-thien-thai ,die dem Himmel vorstehende Erdstufe'. 



^ ^ Tschtln-kiian ^ 'j^ hia-kuan ^ '^ fhsieii-kuan ^ 'g^ timg-kuan P{^ '^ TF. 
tschung-kuan-tsching ,die Richtigen des Frtlhlingsamtes, des Sommeramtes, des Herbst- 
amtes, des Winteramtes, des mittleren Amtes'. Diese Würdenträger sind je Einer und 
gehören zu dem oberen Theile der richtigen fünften Classe. 

M\\ jE Feu-tsching ,zugetheilte Richtige'. Dieselben sind je Einer und gehören zu 
dem oberen Theile der richtigen sechsten Classe. 

Diese Würdenträger befassen sich mit der Vorstehung der vier Jahreszeiten. Ein 
jeder ist der Vorsteher der Veränderungen und Merkwürdigkeiten seiner Gegend. Ihren 
Mützen wird eine Sternperle hinzugegeben, was den fünf Einschlägen (^ ,|^ u-icei), 
d. i. den fünf Planeten entspricht. Ihre Kleider richten sich nach der Farbe ihrer 
Gegend. Bei den am ersten Tage des Jahres, bei Ankunft des Winters, mit dem Eintritte 
des Neumondes und Vollmondes an dem Hofe stattfindenden Versammlungen sowie bei 
den gi-ossen Gebräuchen meldet ein Jeder die Sache seiner Gegend an dem Hofe und 
trägt dann seine Kleidung, um an dem Hofe zu erscheinen. 

Im dritten Jahre des Zeitraumes Khien-yuen (760 n. Chr.) wurden, diesem Amte 
entsprechend, eingesetzt : 

i 1^ jE U-kuan-tschivg ,Richtige der fünf Aemter'. 

S- ^ ^ U-tai-sse , Vermerker der fünf Zeitalter'. 



24* 



188 



Pfizmaier. 



S^ W '^ ^ JE U-kuan jicio-tschang tsching ,die Abschnitte bewahrende Richtige 
von den fünf Aemtern'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem oberen Theile der 
nachfolgenden siebenten Classe. 

i W ^ 'l^ U-kuan-kien-heii ,die Beaufsichtigenden und Erspähenden der fünf 
Aemter'. Dieselben sind drei und gehören zu dem unteren Theile der richtigen achten 

Classe. 

3l W ^ ^ ^-^uan sse-li ,die der Zeitrechnung Vorstehenden von den fünf 
Aemtern'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem oberen Theile der nachfolgenden 
achten Classe. 

Dieses Amt befasst sich mit den Vorschriften für die Zeitrechnung und der Er- 
gründung der Schatten. Es vertheilt das äusserst Verschiedene und Gleichförmige. 



^ 1^ ^ ^ ^|5 U-kuan Img-tkai-Iang ,die Leibwächter der reingeistigen Erdstufe 
von den fünf Aemtern'. Dieselben sind für jedes Amt Einer und gehören zu dem 
unteren Theile der richtigen siebenten Classe. Sie befassen sich mit der Erspähung 
der Veränderungen in Bezug auf Himmelskunde. 

^ 'j^ ^ ^ jE U-kuan khe-hu tsching ,den Topf erhebende Richtige von den 
fünf Aemtern'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem oberen Theile der richtigen 
achten Classe. 

i ^ "RI M U-kuan sse-schi7i ,den Sternbildern Vorstehende von den fünf Aemtern'. 
Dieselben sind acht und gehören zu dem oberen Theile der richtigen neunten Classe. 

*^ ^ij \% i Leu-khi pö-sse ,vielseitige Gelehrte der Wasseruhren'. Dieselben sind 
sechs und gehören zu dem unteren Theile der nachfolgenden neunten Classe. 

Diese drei Aemter befassen sich mit der Kenntniss der Wasseruhren. 

Zu den Zeiten der Kaiserin Wu, im zweiten Jahre des Zeitraumes Tscliang-ngan 
(702 n. Chr.) wurden die den Topf erhebenden Richtigen (khe-hu tsching) eingesetzt. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Khien-yuen (758 n. Chr.) erhielten dieselben mit 
den Leibwächtern der reingeistigen Erdstufe (ling-thai-lang)^ den die Abschnitte bewah- 
renden Richtigen (i^ao-tschang-tsching), den Vorstehern der Zeitrechnung (sse-ll) und den 
Vorstehern der Sternbilder (sse-schin) den Namen der fünften Classe. 

Es gab ferner folgende Angestellte : 

i^ ^J ^ Leu-klii-seng , Schüler der Wasseruhren' vierzig. 

Ä Ä Tien-tscliung ,den Glocken Vorgesetzte', Ä g^ tien-khu ,den Trommeln Vor- 
gesetzte' dreihundert fünfzig. 

Ursprünglich gab es eine die Wasseruhren beobachtende Classe (leu-khi schi-pin) 
und ,für die Wasseruhren den Sachen Vorgesetzte' (leu-khi tien-sse). Dieselben befassten 
sich mit der Kenntniss der Wasseruhren. Sie prüften die Wasseruhren und verglichen 
sie. Später wurden die Aemter verringert. 



Der Topf ist das durchlücherte Gefäs.i der Wasseruljr. 



DaULEGUNG DER CHINESISCHEN AmTER. 189 

Mx 4* "^^ ^ Tliien-tschung sing-kien ,der Beaufsichtiger der verschlossenen Ab- 
theilung in der Mitte der Vorhalle'. Derselbe ist ein Einziger und gehört zu der nach- 
folgenden dritten Classe. 

d'' ^ Schao-kien ,die kleinen Beaufsichtiger'. Dieselben sind zwei und gehören 
zu dem oberen Tlieile der nachfolgenden vierten Classe. 

^ Sching ,Gehilfen'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem oberen Theile der 
nachfolgenden flinften Classe. 

Der Beaufsichtiger (kienj befasst sich mit der Sache der Kleidung imd der Fahrten 
des Himmelssohnes. Die Zugetheilten dieses Amtes sind sechs Gemächer (^ khiö). 
Sie heissen: 

1. ■fjp^ ^ Schang-schl ,der den Speisen Vorgesetzte'. 

2. "(p^ ^ Schang-yÖ ,der den Arzneien Vorgesetzte'. 

3- 1p]" ^ Schang-i ,der den Kleidern Vorgesetzte'. 

4- tpJ ^ Schang-sching ,der den Gespannen Vorgesetzte'. 

5- fpÖ" '^ Schang-sclie ,der den Behausungen Vorgesetzte'. 
6. fp^ ^ Schang-ti ,der den Handwagen Vorgesetzte'. 

Der kleine Beaufsichtiger (schao-kien) ist bei den Verrichtungen der Zweite. 

Wenn an dem Hofe Gehör gegeben wird, stellen sie sich an die Spitze der Zu- 
p-etheilten. Diese halten in den Händen Hüte und Fächer und stehen links und rechts 
in Eeihen. 

Bei grossen Zusammenkünften an dem Hofe und bei Opfern reichen diese Würden- 
träger den Becher. Bei Reisen und Besuchen des Himmelssohnes warten sie auf und 
bieten inmitten der bewafineten Leibwache {^ tsch'ang} das Dreigespann an. Die 
hundert Vorsteher bringen die Siegel herein und lassen sie verwahren. In der grossen 
Sache wird hierauf Gehör gegeben. Die Reise richtet sich nach den Siegeln der 
hundert A^orsteher. 

Unter den zur Linken und Rechten befindlichen Ställen der bewaffneten Leibwache 
heissen diejenigen zur Linken ^ ^ pen-sing , laufende Sterne'. Diejenigen zur Rechten 
heissen ^ ^ nei-kiü ,die inneren Füllen'. 

Innerhalb der beiden bewaffneten Leibwachen gibt es ferner sechs Ställe. Sie 
heissen : 

L yfe ^ Tso-fei ,der Flug zur Linken'. 

2- ^ ^ Yeu-fei ,der Flug zur Rechten'. 

3- ^ Ü^ Tso-wan , Zehntausend zur Linken'. 
4. !^ ^ Yeu-iuan , Zehntausend zur Rechten'. 
5- ^ ^ Tung-nan ,der Südosten'. 

6. 1§ ^ Si-nan ,der Südwesten'. 

In den Gärten des Inneren gibt es Strassen (J^ f(^>K9) der obrigkeitlichen Pferde. 
Alljährlich reichen die Hirten von Ho-tscheu und Lung-tscheu die besten Pferde dar 
und versehen damit die kaiserlichen sechs Hürden. Man lässt den Pferden den Be- 
aufsichtiger in der Mitte der Vorhalle (thien-tschung-kienj und die den Gespannen Vor- 
gesetzten (schavg-sching) vorgesetzt sein. 



190 Pfizmaieu. 

Zu den Zeiten der Kaiserin von dem Geschlechte Wu, im ersten Jahre des Zeit- 
raumes Wan-sui-thung-thien (6'JG n. Chr.) errichtete man innerhalb der bewaffneten Leib- 
wache sechs Plürden ( |^ lilen). Dieselben Messen: 

1- ^ bI Fei-lung ,der fliegende Drache'. 

2. jji^ 1^ Tsiang-Un ,das glücliverkündende Einhorn-. 

'^- M> ^ Fnufi-ynen ,der Garten des Paradiesvogels'. 

4. (^Ü + %) f^ Yuen-hian ,der Paradies- und Göttervogel'. • 

5. ^ ^ Ke-liang .glücklich und vortrefflich'. 
(J. -;^ f^ Lö-kiÜH ,die sechs Herden'. 

Statt lö-hien , sechs Hürden' sagte man auch -^ |^ lö-khieu , sechs Ställe'. 

Man liess durch den Gehilfen in der Vorhalle (thien-tschung sching) die Hürden und 
Ställe des Inneren der bewaffneten Leibwache prüfen und vergleichen und ernannte 
einen Würdenträger der Mitte zum Abgesandten des fliegenden Drachen (fei-lung-sse). 

In dem Zeiträume Sching-li (698 bis G99 n. Chr.) setzte man einen Abgesandten 
der Hürden und Ställe (hien-khieu-sse) ein und ernannte dazu in Gnaden stehende Be- 
aufsichtiger der Mitte der Vorhalle (thien-tsclmng-kien) und Gehilfen (sching). Man theilte 
die Sache des die Mitte der Vorhalle (thien-tschvng) leitenden grossen Dieners (thai-pö) 
und liess ihn ausschliesslich mit Sänften, Handwagen, Hindern und Pferden sich be- 
fassen. Seit dieser Zeit waren bei Festen und Umzügen die darreichenden Beaufsich- 
tiger der Mitte der Vorhalle (thien-tschung-kien) nicht in Bereitschaft. 

Im Anfange des Zeitraumes Khai-yuen (713 n. Chr.) waren die Pferde der Hürden 
und Ställe bis zehntausend und darüber. Man ernährte Kameele und grosse Elephanten. 
Man gab Kameele zugleich mit Pferden in die Hürden und Ställe, jedoch der Name 
schang-scMng-khiö ,das Gemach der den Gespannen Vorgesetzten' ward beibehalten. 

Der Abgesandte der Hürden und Ställe (hien-khieu-sse) errichtete fünf Strassen 
(^ /an^' ) und sorgte dadurch für die Jagden der Jahreszeiten. Diese Strassen hiessen : 

1. lilS ^ Tiao-fang , Strasse der Adler'. 

2. fl| ^ Kuö-fang ,Strasse der Hühnergeier'. 

3. §l| ^ Yao-fang , Strasse der Raubvögel'. 
4- 1^ ^ ^i^^g-f(^'''>-0 , Strasse der Fallcen'. 

5. ^^ ^ Keu-fang , Strasse der Hunde'. 

In dem Amte des Beaufsichtigers der verschlossenen Abtheilung der Mitte der Vor- 
halle (tlüen-tschuiig-sing kicn) werden nocli verzeichnet: 

"f^ f^P ^ ^ Sse-yü schang-i , aufwartende kaiserliche Vorgesetzte der Aerzte'. 
Dieselben sind zwei und gehören zu dem oberen Theile der richtigen sechsten Classe. 

^ ^ Tschä-sse ,den Sachen Vorgesetzte'. Dieselben sind zwei und gehören zu 
dem oberen Theile der nachfolgenden neunten Classe. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Wu-te (618 n. Chr.) veränderte man den bisher 
üblichen Namen Mx P5 ^ tJüen-nei-kien , Beaufsichtiger des Inneren der Vorhalle' zu 
^ f|? -^^ fhien-tschung-smg ,verschlossene Abtheilung in der Mitte der Vorhalle'. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-sö (662 n. Chr.) sagte man PJI f^P j^ 
tschung-yv-fn ^kaiserliches Sammelhaus der Mitte'. 

Für kien , Beaufsichtiger' sagte man 'f^ ^ ta-kien ,der grosse Beaufsichtiger'. 



Darleguno der cniNESiscuEN Amter. 191 

Für schlug , Gehilfe' sagte man ;;Ar ^ fa-fu ,der grosse Mann'. 

Es gab ferner folgende Angestellte : 

Ling-sse .gebietende Vermerker' vier. 

Schu-ling-sse .gebietende Vermerker der Bücher' zwölf. 

i. ^ iJC ^ ^ Tso-yeu-tscK' ang thsien-nieu , Angestellte für tausend Rinder der 
bewaffneten Leibwache zur Linken und Rechten' je zehn. 

Schang-ku ting-tschang ,mit Befestigung sich Befassende', .Aelteste des Einkehrlu\uses' 
je acht. 

Ehemals gab es ein Amt Namens ^ |^ /f^ iJiien-thsang-fu ,Sammelhaus der Hinunels- 
kammern'. Im dreiundzwanzigsten Jahre des Zeitraumes Khai-yuen (735 n. Chr.) wurde 
es abgeschafft. 



^ ^ Tsin-ma .Angestellte der fortschreitenden Pferde'. Dieselben sind fünf und 
gehören zu dem oberen Theile der richtigen siebenten Classe. Sie befassen sich mit 
dem Ausbreiten und Hinlegen der Kriegskleider im Grossen. Sie erfassen die Peitsche, 
stehen zur linken Seite der Pferde der bewaffneten Leibwache und beobachten das Foi-t- 
schreiten und Zurückschreiten der Pferde. 

Im achten Jahre des Zeitraumes Thien-pao (749 n. Chr.) schaffte man die südlichen 
Sammelhcäuser (^ ^ nan-ya)^ und das Aufstellen der Pferde der bewaffneten Leib- 
wache ab. Desswegen wurde das Amt der fortschreitenden Pferde (tsin-ma) abgeschafft. 
Im zwölften Jahre desselben Zeitraumes ('T'öS n. Chr.) wurde es wieder errichtet. Nach 
dem Zeiträume Khien-yuen (758 bis 759 n. Chr.) schaÖ'te man es nochmals ab. Im vier- 
zehnten Jahre des Zeitraumes Ta-li (779 n. Chr.) wurde es wieder errichtet. 



fp^ Ä /^ ^ t^P Schang-schi-khiö fung-yü ,die dem Kaiser Darreichenden des den 
Speisen vorgesetzten Gemaches'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem unteren 
Theile der richtigen fünften Classe. 

iJ ^ Tsch'i-tschang ,die geraden Aeltesten', Dieselben sind fünf und gehören zu 
dem oberen Theile der richtigen siebenten Classe. 

Die sonstigen dem Kaiser Darreichenden (fung-yü) und geraden Aeltesten (tsch'l- 
tschangj gehören zu den gleichen Classen. ^ 

^ § Schl-i .Aerzte der Speisen'. Dieselben sind acht und gehören zu dem unteren 
Theile der richtigen neunten Classe. 

Wenn der dem Kaiser Darreichende (fung-yü) die Speisen hinstellt, steht ihm der 
gerade Aelteste (tsclt't-tschang) als Zweiter zur Seite. "Wenn sie dem Kaiser darreichen, 
müssen sie das um die Zeit Verbotene unterscheiden und es f]-üher kosten. 



' So hiessen auf einem Kriegszuge die Haltstellen, wo die Vorneliraen sieh befanden. 
- Sie werden in melireren folgenden Abschnitten verzeichnet. 



202 Pfizmaier. 

Wenn man die liundert Obrigkeiten als Gäste bewirthet, beobachten sie mit dem 
Grossen des glänzenden Gehaltes (kuang-lö) die Classen sammt Rangordnungen und bieten 
dann dar. 

Bei den monatlichen Darbietungen auf den Erdhöhen besichtigen sie die Speisen, 
und diese werden hierauf als ein Geschenk geboten. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-sö (662 n. Chr.) veränderte man den Namen 
schang-schi-khiö ,das den Speisen vorgesetzte Gemach' zu ^ ^ ^ fung-schen-khiö , Gemach 
der Darreichung der Speisen'. Die dem Kaiser Darreichenden (fung-yü) der Gemächer 
hiessen -^ ^ ta-fu , grosse Männer'. 

Es gab ferner die folgenden Angestellten : 

Schu-ling-sse , gebietende Vermerker der Bücher' zwei. 

^ ^ Schu-lt , Angestellte der Bücher' fünf. 

ly: ^ Tschil-sdü ,den Speisen Vorgesetzte' sechzehn. 

4^ ^ Tschü-schen ,den Tafeln Vorgesetzte' achthundert vierzig. 

Schang-kib ,mit Befestigung sich Befassende' acht. 



JTai]' ^ ^ ^ filp Schang-yö-khiö fung-yü ,die dem Kaiser Darreichenden des den 
Arzneien vorgesetzten Gemaches'. Dieselben sind zwei. 

]J ^ Tsdi i-tschang , gerade Aelteste'. Dieselben sind zwei. 

Diese Würdenträger befassen sich mit der Mischung der kaiserlichen Arzneien, 
welche von ihnen besichtigt werden. Wenn Arzneien dem Kaiser dargereicht werden, 
untersucht sie ein ältester Würdenträger des Amtes unter dem Thore von den Büchern 
der Mitte (tschung-schu men-hia) und je ein oberster Heerführer der Leibwachen mit dem 
Beaufsichtiger (kien) und den dem Kaiser Darreichenden (fiing-yü). Wenn die Arznei 
fertig ist, kostet man es früher von den Gehilfen des Arztes aufwärts. Für das rohe 
ursprüngliche Arzneimittel wird das Jahr, der Monat und der Tag angegeben. Die 
Untersuchenden stellen es hin und melden es an dem Hofe. An dem Tage, wo es 
gebraucht wird, kostet es zuerst der dem Kaiser Darreichende (fung-yü). Der Beaufsichtiger 
der Mitte der Vorhalle (thieii-tschung-kien) thut dieses zunächst. In nächster Reihe thut 
es auch der zur Nachfolge bestimmte Sohn. Dann erst wird es dem Kaiser dargereicht. 

Der grosse Beständige (thai-tschang) sieht jede letzte Decade des Monats nach, über- 
schickt dem Kaiser die Arznei und gibt dasjenige, was verdorben ist, zurück. Die 
Leibwache des Flügelwaldes zur Linken und Rechten, so wie das Kriegsheer werden 
mit der Arznei beschenkt. Die fliegenden Reiter und die zehntausend Reiter, wenn sie 
erkranken, theilen sich in sie. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-sö (662 n. Chr.) veränderte man den Namen 
schang-yö-khiö ,das den Arzneien vorgesetzte Gemach' zu ^ ^ ^ fung-i-khiö , Gemach 
der darreichenden Aerzte'. 

Ausserdem gab es folgende Angestellte : 

^ ^ ßj|j Ngan-mo-sse , Meister des Knetens' vier. 

5ti M ßifi Tschö-kin-sse ,Meister der Abwehrung des Fluches' vier. 

Schu-Ung-sse ,gebietende Vermerker der Bücher' zwei. 



Darlegung der chinesischen Amter. 193 

S ^ Schu-li ,Angestellte der Bücher' vier. 

^ ^ Tsrh'i-hian .gerade Obrigkeiten' zehn. 

^ ^ Tschü-yÖ ,den Arzneien Vorgesetzte'. 

^ M Yn-thung ,'Arzneiknaben' dreissig. 

'n' P 5b E Hö-keu-tschi-tsiang , Künstler der Mundsalbe' zwei. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' vier. 



^^ fif] ^ Sse-yü-i ,aufwartende kaiserliche Aerzte'. Dieselben sind vier und gehören 
zu dem oberen Theile der nachfolgenden sechsten Classe. 

Sie befassen sich mit der Daz'reichung von Arzneien und mit der Beobachtung des 
Pulses. 



^ ^ Sse-i ,Vorsteher der Aerzte'. Dieselben sind fünf und gehören zu dem 
unteren Theile der richtigen achten Classe. 

W i^ I'^^o , Gehilfen der Aerzte'. Dieselben sind zehn und gehören zu dem 
unteren Theile der richtigen neunten Classe. 

Die Angestellten dieser zwei Classen befassen sich getheilt mit der Heilung sämmt- 
licher Krankheiten. 

Dieses Amt wurde in dem Zeiträume Tsching-kuan (627 bis 649 n. Chr.) errichtet. 



M ^ /^ ^ fäP Schang-i-khiö funy-yü ,die dem Kaiser Darreichenden des den 
Kleidern vorgesetzten Gemaches'. Dieselben sind zwei. 

|if ^ Tsch'i-tscltang ,die geraden Aeltesten'. Dieselben sind vier. 

Diese Angestellten befassen sich mit dem Darreichen der Edelsteinmütze und der 
Kleidung. Wenn ein Opfer veranstaltet wird, reichen sie die niederhaltende ßundtafel 
dem Beaufsichtiger der verschlossenen Abtheilung der Mitte der Vorhalle [thien-tsdmng- 
sing-kien) und treten vor den Himmelssohn. Bei grossen Versammlungen an dem Hofe 
stellen sie die Bänke auf. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Ijung-so (662 n. Chr.) veränderte man den Namen 
schang-i-khiö ,das den Kleidern vorgesetzte Gemach' zu ^ ^ ^ fimg-mien-khiö , Gemach 
der Darreichung der Edelsteinmütze. 

Es gibt folgende Angestellte : 

Schu-ling-sse , gebietende Vermerker der Bücher' zwei. 

Hchi-U ,AngestelIte der Bücher' vier. 

T ^ Tschü-i ,den Kleidern Vorgesetzte' sechzehn. 

Tscliang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' vier. 



Dcnischriften der phil.-hist. Cl. XXIX. Bd. . 25 



1. 


* 


2. 


A 


3. 


^ 


4. 


>J> 


5. 


>J^ 



194 PnZMAIBR. 

fp^ •^ >^ ^ f^P Schang-sche-khiö fung-yü ,die dem Kaiser Darreichenden des den 
Beliausuiigcn vorgesetzten Gemaclies'. Dieselben sind zwei. 

lä! :M Tfidii-tschang ,die geraden Aeltesten'. Dieselben sind sechs. 

Diese Angestellten befassen sich mit dem Opfer in der Vorhalle und in dem Vorhofe, 
mit Aufstellen von heissem Wasser, Lampen und Kerzen, ferner mit Sprengen und Fegen. 

Wenn der Kaiser reist oder Besuche macht, stellen sie Zelte von drei Abtheilungen 
auf. Diese Zelte sind von fünferlei Art, nämlich : 
l|j^ Ku-tsch'üng ,alterthümliclie Zelte'. 

ij}^ Ta-tscliang ,grosse Zelte'. 

t)l^ Tsc-tscliang , zunächstfolgende Zelte. 

3^ IJJ^ Sia-tse-tscli ang , kleine zunächstfolgende Zelte'. 

l|j^ Siao-tscli ang , kleine Zelte'. 

Ein jedes dieser fünferlei Zelte hat drei Abtheilungen. Was ausserhalb derselben 
sich befindet, lässt man von den Stadtmauern überschatten. 

Bei grossen Versammlungen an dem Hofe stellt man gestickte Fensterschirme auf 
und gebraucht Gehteppiche und Rauchfässer. An den ersten Tagen des Neumonds und 
des Vollmonds stellt man bloss runde Vorhänge auf. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-sö (662 n. Chr.) veränderte man den Namen 
schang-sche-khiö ,das den Behausungen vorgesetzte Gemach' zu ^ { p -{- '^) ' ^ Z««^- 
i-khiö ,das den Fensterschirm dari-eichende Gemach'. 

Es gibt ferner die folgenden Angestellten : 

Schu-ling-sse , gebietende Vermerker der Bücher' drei. 

Schu-li , Angestellte der Bücher' sieben. 

Tschanq-kii ,mit Befestigung sich Befassende' zehn. 

^ i Müsse ,Männer der Zelte' achttausend. 

Ehemals gab es einhundert zwanzig darreichende Abgesandte (|n' ^ ki-sse). Die- 
selben befassten sich mit dem Darreichen des kaiserlichen heissen Wassers, der Lampen 
und Kerzen. Diese vermischten Abgesandten wurden in dem Zeiträume Tsching-küan 
((j27 bis 649 n. Chr.) abgeschafft. 



1^^ f^ -^ ^ fi^P fSchang-sching-khiö fung-yü ,die dem Kaiser Darreichenden des 
den Gespannen vorgesetzten Gemaches'. Dieselben sind zwei. 

iS^ ^ Tsch'i-tschang , gerade Aelteste'. Dieselben sind zehn. 

Diese Angestellten befassen sich mit den Pferden der inneren und äusseren Hürden 
und Ställe. Die sechs Hürden zur Linken und Rechten heissen: 

1- Hl; ^ Fei-hoang ,das fliegende Gelb'. 

2. ^ ^ Ke-liang , glücklich und vortrefflich'. 

3- si ^ Lung-meu ,die Vermittler des Drachen'. 

4. [^ - (M + ^) Thau-thu ,die vortrefflichen Pferde'. 



' In dem hier dargelegteu Zeichen ist >J? unter p zu setzen. Mau findet auch -^k i geschrieben. 
- In dem Zeichen [jffl iat statt 1) das Classenzeicheu ^^ zu setzen. 



Darlegung der iiiiNESiscnEN Ämter. 195 

5. ^ (I + 5^) Khte-ti ,die schnellen Pferde'. 

6- ^ ^ Thieu-yuen ,der Himmelsgarten'. 

Die von den auswärtigen Weideplatzen alljährlich dargereichten vortretf liehen 
Pferde werden mit den Zeichen ^ ^ ^ /^ san-hua fei-fung ,fiiegender Paradies- 
vogel der drei Bluziien' gesiegelt. 

Der Stall des fliegenden Drachen (fel-lung-khieu)^ stellt täglich acht Pferde vor das Thor 
des Palastes in Reihen. Man nannte dieses ^ ^ nan-ya ,das südliche Sammelhaus' 
und stellte Pferde der bewaffneten Leibwache auf. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-sö (662 n. Chr.) veränderte man den Namen 
sckang-sching-khiö ,das den Gespannen vorgesetzte Gemach' zu ^ ^ ^ fung-kia-khiö 
,das die Fahrt anbietende Gemach'. 

Zu diesem Amte gehören noch folgende Angestellte; 

Schu-ling-sse , gebietende Vermerker der Bücher' sechs. 

Schu-li ,Angestellte der Bücher' vierzehn. 

]^ 'j^ Tsclil-kuan , gerade Obrigkeiten' zwanzig. 

^ l|Z Si-yü ,an das Wagenführen Gewöhnte' fünfhundert. 

^ Pl| Tschang-hien ,mit den Hürden sich Befassende' fünftausend. 

Ä ^ Tien-sse ,den Sachen Vorstehende' fünf. 

^ ^ Sckeu-i ,Thierärzte' siebzig. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' vier. 

Unter den hier genannten Angestellten befassen sich die an das Wagenführen 
Gewöhnten (si-yü) mit dem Abrichten der Pferde der sechs Hürden. 

Die mit den Hürden sich Befassenden (schang-hien) befassen sich mit der Ernährung 
der Pferde der sechs Hürden. Sie halten deren Geschirre, Sättel und Zügel in Ordnung. 

Die den Sachen Vorstehenden (tien-sse) befassen sich mit dem Futtergras und der 
Hirse der sechs Hürden. 

Kaiser Thai-tsung setzte Vorsteher der Speicher { /S] ^ sse-lin) und Vorsteher der 
Rüstkammer (^ i^ sse-khii) ein. 

Kaiser Kao-tsung setzte die an das Wagenführen Gewöhnten (si-yü) und die Thier- 
ärzte (scheu-i) ein. 



a\ ^ Sse-lin ,Vorsteher der Speicher'. 

W) j^ Sse~khu , Vorsteher der Rüstkammer'. 

Dieselben sind je Einer und gehören zu dem unteren Theile der richtigen neunten 
Classe. 

Sie befassen sich mit den Ausgaben und Einnahmen für das Stroh der sechs Hürden. 

$ ^ Fung-sching ,das Gespann Darreichende'. 

Dieselben sind achtzehn und gehören zu dem unteren Theile der richtigen neunten 
Classe. Sie befassen sich mit dem Ernähren und Abrichten der kaiserlichen Pferde. 



1 Die fliegenden Drachen (fei-hmg) .sind eine der sechs Hürden (lö-hienj. Statt .sechs Hürden' sagt mau auch ,sechs 
Ställe' (lö-khieuj. 



25* 



jgp Ffizmaier. 

i^ W^ ^ ^ ^^ Schang-ti-khiö fung-yü ,die dem Kaiser Darreichenden des den 
Handwagen vorgesetzten Gemaches'. Dieselben sind zwei. 

[J -^ TscKt-tschang ,die geraden Aeltesten'. Dieselben sind drei. 

liä^ ^ 8chang-ti ,den Handwagen Vorgesetzte'. Dieselben sind zwei und gehören 
zu dem unteren Theile der richtigen neunten CJasse. 

Diese Angestellten befassen sich mit den Sänften und Handwagen, Hüten und 
Fächern. Bei einer grossen Versammlung an dem Hofe stellen sie in dem Vorhofe auf. 
Bei einem grossen Opfer stellen sie in dem Ahnentempel auf. Es sind überall zwei 
Hüte, ein Pinsel und einhundert sechsundfünfzig Fächer. Nach der Verrichtung verwahrt 
man die Gegenstände. Bei einer gewöhnlichen Versammlung an dem Hofe entfernt 
man die Fächer und lässt zur Linken und Rechten drei zurück. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-sö (662 n. Chr.) veränderte man den Namen 
schang-ti-khiö ,das den Handwagen vorgesetzte Gemach' zu ^ ^ ^ fung-yü-khiö ,das 
die Sänfte darbietende Gemach'. 

Zu diesem Amte gehören noch die folgenden Angestellten : 

Schu-ling-sse , gebietende Vermerker der Bücher' zwei. 

Schu-li .Angestellte der Bücher' vier. 

■\^ ^ Thsi-ti , Angestellte der sieben Handwagen' sechs. 

i ^ Tschü-ti .den Handwagen Vorgesetzte' sechs. 

^ JH Tschang-schen ,mit Fächern sich Befassende' sechzig'. 

^ ^ Tschang-han ,mit Pinseln sich Befassende' dreissig. 

^ ^ Tschang-ti ,mit Handwagen sich Befassende' zweiundvierzig. 

^ ^ Fung-ti ,den Handwagen Darbietende' fünfzehn. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' sechs. 

Die mit Fächern sich Befassenden (tschang-scheu) und die mit Pinseln sich Befassenden 
(tschang-han) befassen sich mit dem Halten des Hutes, des Fächers, des Papieres, des 
Pinsels, des Tintertsteines und der vermischten Gegenstände der Darreichung. 

Die mit dem Handwagen sich Befassenden (tschang-ti) stellen sich an die Spitze der 
den Handwagen Vorgesetzten (tschü-ti) und bieten dadurch ihren Gegenstand dar. 

Kaiser Kao-tsung setzte die mit Pinseln sich Befassenden (tschau g-han) ein. 



ft '(^ "la ^ Nei-sse-sing kien ,die Beaufsichtiger der verschlossenen Abtheilung 
der Aufwartenden des Innej'en'. Dieselben sind zwei und gehören zu der nachfolgenden 
dritten Classe. 

'^ M Schao-kien ,die kleinen Beaufsichtiger'. Dieselben sind zwei. 

^ j^ Nei-sse , Aufwartende des Inneren'. Dieselben sind vier und gehören gleich 
den zwei Obigen zu dem oberen Theile der nachfolgenden vierten Classe. 

Der Beaufsichtiger (kien) befasst sich mit dem Empfange und der Verbreitung der 
Anordnungen und Befehle durch die Aufwartenden des Inneren (nei-sse). 

Diesem Amte sind sechs Gemächer (khiö) zugetheilt. Sie heissen : 



Darlegung der chinesischen Ämter. 297 

1- tS J^ Yi-ting ,der stützende Vorhof'. 

^. "^ (S Kung-icei ,das innere Thor des Palastes'. 

o. ^ 1^ Hi-kuan ,das Amt der Bediensteten'. 

4- ^ '^ Nei-pö ,die inneren Diener'. 

5. ft If^ ' Nei-fu ,das innere Sammelhaus'. 

Ö- ft ^ Nei-fang ,die innere Strasse'. 

Dem Beaufsichtiger (kien) stehen die kleinen Beaufsichtiger (schao-kien) und die 
Aufwartenden des Inneren (nei-sse) als die Zweiten zur Seite. 

Wenn die Kaiserin eigenhändig Seidenbau treibt, so besteigen diese Würdenträger 
einen Erdaltar und erfassen das Verfahren. Wenn der grosse Wagen ausfährt oder 
hereinfährt, umschliessen sie ihn und geleiten ihn. 

Im vierten Jahre des Zeitraumes Wu-te (621 n. Chr.) veränderte man den bisher 
üblichen Namen :^ ^ ^ tschang-thsieu-kien ,Beaufsichtiger des langen Herbstes' zu 
nei-sse-kien ,Beaufsichtiger der Aufwartenden des Innern'. 

Den bisher üblichen Namen ^ ^ ^ nei-sching-Jung ,der Darreichende des Inneren' 
veränderte man zu P^ "^ i^ nei-tschcrny-sse ,der beständige Aufwartende des Inneren'. 

Den bisher üblichen Namen ^ -^ it nei-scMng-tscliH ,der das Richtige Darbietende 
des Inneren' veränderte man zu ^ In" ^ nei-ki-sse ,der die Sachen Darreichende des 
Inneren'. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-sÖ (662 n. Chr.) veränderte man den Namen 
kien .Beaufsichtiger' zu sing ,verschlossene Abtheilung'. 

Zu den Zeiten der Kaiserin von dem Geschlechte Wu, im ersten Jahre des Zeit- 
raumes Tschui-kung (685 n. Chr.) sagte man ^ '^ ^ sse-kung-thai ,die dem Palaste 
vorstehende Erdstufe'. 

Im dreizehnten Jahre des Zeitraumes Thien-pao (754 n. Chr.) setzte man Beaufsich- 
tigende der Aufwartenden des Inneren (nei-sse-kien) ein und veränderte den Namen nei- 
sse ,Aufwartender des Inneren zu' '^ ^ schao-kien .kleiner Beaufsichtiger', ünvermuthet 
setzte man wieder Aufwartende des Inneren (nei-sse) ein. 

Zu diesem Amte gehören noch die folgenden Angestellten : 

1^ tip Kao-pin ,hohe Classen' eintausend sechshundert und neunzig. 

Cip W Ö :§' Pin-kuan pe-schin ,einfache Männer der Amtführer der Classen' zwei- 
tausend neunhundert zweiunddreissig. 

Ling-sse .gebietende Vermerker' acht. 

Schu-ling-sse , gebietende Vermerker der Bücher' sechzehn. 



ft '^ 1^ Nei-tschang-sse , Beständige Aufwartende des Inneren'. Dieselben sind 
sechs und gehören zu dem unteren Theile der richtigen fünften Classe. Sie verkehren 
in Sachen der Entscheidungen der verschlossenen Abtheilung. 

R ^ * Nei-ki-sse ,der die Sachen Darreichende des Inneren'. Dieselben sind 
zehn und gehören zu dem unteren Theile der nachfolgenden fünften Classe. Sie befassen 



' ^"■' /fj /" , Sammelhaus' wird weiter unten ^^ fu ,BegIaubigungsmarlse' geschrieben. 



J98 Pfizmaier. 

sich mit dem Empfange des hohen Willens, mit ßewillkommnung, Anfragen und mit 
Entscheidungen in Sachen der verschlossenen Abtheilung. 

Wenn an dem ersten Tage des Jahres und zur Ankunft des Winters die hundert 
Obrigkeiten Glück wünschen, tritt die Kaiserin aus und ein und verabreicht ringsumher 
den Menschen des Palastes Kleider. Bei den Ausgaben untei'scheidet man die Classen 
und Stufen und berechnet die grössere oder geringere Menge. Im Frühling und Herbst 
schickt man Antheile zu den Büchern der Mitte (tschung-schu). 

4^ ^ Tschü-sse ,den Sachen Vorgesetzte'. Dieselben sind zwei und gehören zu 
dem unteren Theile dei- nachfolgenden neunten Classe. 



^ f§ ^ ^ Nei-ngo-tsche kien ,die Beaufsichtiger der zum Besuche Anmeldenden 
des Inneren'. Dieselben sind zehn und gehören zu dem unteren Theile der richtigen 
sechsten Classe. Sie befassen sich mit dem Verfahren, den Vorschriften, den Meldungen 
an dem Hofe, dem Empfange der kaiserlichen Gebote und den mit Namen bezeichneten 
Zelten der äusseren Frauen des höchsten Befehles. * 

Wenn die nahestehenden Frauen des höchsten Befehles sich an dem Hofe versammeln, 
schreibt man ihre Zahl auf eine Tafel und überreicht diese der verschlossenen Abtheilung 
der Aufwartenden des Inneren (nei-sse-sing). Wenn die Frauen des höchsten Befehles 
aus dem Wagen steigen, geleitet man sie bis zu der Halle des Hofes und bringt es an 
dem Hofe zu (Jhren. 

Thang schaffte den bisher üblichen Namen nei-ngö-tsche ^ kliiö , Gemach der zum 
Besuche Anmeldenden des Inneren' ab und setzte achtzehn Führende der Vorbilder des 
Inneren ( ^ :ft ^1 nei-tien-yin) ein. Dieselben befassten sich mit dem Besuche der 
nahestehenden Frauen des höchsten Befehles an dem Hofe, mit deren Austreten, Ein- 
treten und Führen. 

Es gab ferner folgende Angestellte : 

^ ;^ -^ Nei-ting-tschang ,Aelteste des Einkehrhauses des Inneren' sechs. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' acht. 



P9 i^ ^ N'ei-7igö-tsche ,die zum Besuche Anmeldenden'. Dieselben sind zwölf 
und gehören zu dem unteren Theile der nachfolgenden achten Classe. Sie befassen sich 
mit der Versammlung der nahestehenden Frauen des höchsten Befehles an dem Hofe. 
Sie unterscheiden die Rangstufe und überwachen getrennt die Thore. 

ft ^ 'fÖ Nei-sse-pe ,die Aeltesten des Vorhofes des Inneren'. Dieselben sind 
sechs und gehören zu dem unteren Theile der richtigen siebenten Classe. Sie befassen 
sich mit der Untersuchung dessen, was in dem Inneren des Palastes nicht nach der Vor- 
schrift ist. Bei dem Unglück des Jahres treten sie überwachend aus und ein. 



•^ -^k Mimj-fu ,Frauen des höclisten Befeliles' sind die Töchter der Würdeuträger von der fünften Rangstufe aufwärts. 



Darlegung der chinesischen Ämter. 199 

^ J^ Sse-jhi ,Meiisc]aen des Vorhüfes'. Dieselben sind sechs und gehören zu dem 
unteren Thcile der nachfolgenden siebenten Classe. Sie befassen sich mit dem Auszuge 
und dem Einzüge der Kaiserin. Sie halten in den Händen das kaiserliche Schwert 
und folgen. 



•ffö -^ /^ ^ Yt-ting khiö-ling ,die Gebietenden des Gemaches des unterstützenden 
Vorhofes'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem unteren Theile der nachfolgenden 
siebenten Classe. 

^ Sching , Gehilfen'. Dieselben sind drei und gehören zu dem unteren Theile der 
nachfolgenden achten Classe. 

Dieses Amt befasst sich mit den Schrifttafeln und Zelten der Menschen des Palastes 
und mit den Arbeiterinnen. Bei den Namenstafeln der Menschen des Palastes stehen 
sie der Entfernung und der Hinzufügung vor. Bei den öffentlichen Maulbeerbäumen 
und dem Seidenbau kommen sie zu der Beschäftigung der Prüfungen und nehmen die 
dargereichten Gegenstände. 

Wenn AVeiber wegen eines Verbrechens in Gemeinschaft den Obrigkeiten verfallen, 
so übergibt man diejenigen, welche im Nähen geschickt sind, dem Amte. Diejenigen, 
welche keine Fähigkeit besitzen, übergibt man dem Vorsteher des Ackerbaues. AVenn 
Vorsteher zu Bauwerken Arbeiterinnen brauchen, so nimmt man diese aus der Zahl der 
Sclavinnen der ThUren des Volkes. 

Bei diesem Amte gibt es noch folgende Angestellle : 

Schu-ling-sse , gebietende Vermerker der Bücher' vier. 

Schu-li ,Angestellte der Bücher' acht. 

gf ^ Ki-sse ,berechnende Vermerker' zwei. 

-ffi ^ Tien-sse ,den Sachen Vorgesetzte' zehn. 

Tschang-ku .mit Befestigung sich Befassende' vier. 

Die berechnenden Vermerker (ki-sse) befassen sich mit dem Bemessen und Prüfen 
der Arbeit. 



'§' ^ i® i Kung-kiao pö-sse , Vielseitige Gelehrte der Belehrung des Palastes'. 
Dieselben sind zwei und gehören zu dem unteren Theile der nachfolgenden neunten 
Classe. Sie befassen sich mit dem Unterrichte der Menschen des Palastes im Schreiben, 
Rechnen und in sämmtlichen schönen Künsten. 

Anfänglich gehörte das innere Gebäude des Lernens des Schriftschmucks ( ^ ^ ^ fH 
nei-wen-Mö kuan) zu der verschlossenen Abtheilung der Bücher der Mitte (tschung-schu- 
sing). Man machte einen gelehrten Lernenden zu einem vorzüglichen Manne des Lernens 
(hiö-sse) und Hess ihn mit dem Unterrichte der Menschen des Palastes sicli befassen. 

Zu den Zeiten der Kaiserin von dem Geschlechte Wu, im ersten Jahre des 
Zeitraumes Jü-i (692 n. Chr.) veränderte man den Namen zu ^ ^ Hf st-i-kuan 
, Gebäude der Uebung in den schönen Künsten'. Man veränderte ihn ferner zu 



200 Ppizmaibr. 

^ ¥^ P^ ^ W wan-lin nei-kiao fang , Strasse der inneren Belehrung von den zehn- 
tausend Wäldern'. Unvermuthet kehrte man wieder zu der alten Benennung zurück. 

Man hatte ferner die folgenden Angestellten : 

ft ^ iH i Nei-kiao pö-sse , vielseitige Gelehrte der inneren Belehrung' achtzehn. 

1^ ^ King-hiö , Angestellte des Lernens der mustergiltigen Bücher' fünf. 



^ \^ Kien-tso , Beaufsichtiger der Werke'. Dieselben sind vier und gehören zu 
dem unteren Theile der nachfolgenden neunten Classe. Sie befassen sich mit dem 
Beaufsichtigen und Ueberblicken der vermischten Werke und der vorgeschriebenen 



Dienstleistungen der Arbeiter. 



"^ M ^ ^ Kimg-ioei-khiö ling ,Gebietende des Gemaches des inneren Thores 
des Palastes\ Dieselben sind zwei und gehören zu dem unteren Theile ■ der nach- 
folgenden siebenten Classe. 

^ Sching ,Gehilfen'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem unteren Theile 
der nachfolgenden achten Classe'. 

Diese Angestellten befassen sich mit den Schlüsseln für den Ein- und Austritt der 
Aufwartenden bei dem inneren Thore des Palastes. Wenn man in dem grossen Ahnen- 
tempel Gaben bietet und die Kaiserin als Vorgesetzte des Geistes aus- und eintritt, 
stellen sie sich au die Spitze der ihnen angehörigen Sänften. Auf den Tafeln der 
Beflissenen des Lernens, welche Abgesandte der kleinen Darreichung sind (siao-ki-sse 
liiö-seng)^ reicht man Getreide dar. 

Bei diesem Amte gibt es ferner folgende Angestellte : 

Schu-ling-ssp , gebietende Vermerker der Bücher' drei. 

Schu-li , Angestellte der Bücher' sechs. 

ft ^ Ä Nei-lioen-.<se , Vermerker der Pförtner des Inneren' zwanzig. 

^ ^ Jl^ Nei-tschang-schen ,mit den Fächern sich Befassende des Inneren' sechzehn. 

^ ^a W. Nei-kl-sse , darreichende Abgesandte des Inneren'. Dieselben haben 
keine bestandige Zahl. 

'^J'* ^n' '^ ^ :^ Siao-lä-sse Idö-seng , Beflissene des Lernens, welche Abgesandte 
der kleinen Darreichung sind' fünfzig. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' vier. 

Diejenigen, welche keine Classe des Amtes besitzen, heissen nei-ke-sse , darreichende 
Abgesandte des Inneren'. Sie befassen sich mit der Zeitrechnung für die Darbietungen 
der Thore. 

Die Abgesandten ' der Pförtner des Inneren (nei-hoen-sse) befassen sich mit dem 
Empfange und der Weiterbeförderung der Schlüssel, welche bei den Thoren heraus- 
kommen oder hereinkommen. 



' Für TBH s^e jAbgesandtei-' stand oben Bp .im: , Vermerker'. 



Darlegung der chinesischen Amter. 201 

Die mit den Fächern sich Befassenden des Inneren (nei-tschang-schen) befassen sich 
mit den Hüten und Fächern des mittleren Palastes. 



^ '^ y^ "^ Hi-kuan-khiö ling ,die Gebietenden des Gemaches des Amtes der 
Bediensteten'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem unteren Theile der richtigen 
achten Classe. 

9f<. Sching , Gehilfen'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem unteren Theile 
der richtigen neunten Classe. 

Diese Angestellten befassen sich mit den kleinen Bediensteten, den Dienstleistungen 
der Handwerker und mit den Classen der Obrigkeiten des Palastes. Wenn die Menschen 
des Palastes erkranken, so versieht man sie mit Aerzten und Arzneien. Wenn sie sterben, 
so verleiht man ihnen Kleidung. 

In jedem Falle beachtet man die Classen. Wenn diejenigen, denen eine Erdhöhe 
bewilligt wird, bestattet werden, so verleiht der mit den inneren Häusern des Palastes 
sich Befassende (jj^ \^ tsia.ng-tsu) ihnen Künstler, Thüren des A^olkes, Männer der Leib- 
wache und lässt einen Erdhügel errichten. Bei der dritten Classe verleiht man für die 
Bestattung hundert Menschen. Bei der vierten Classe sind es achtzig Menschen, bei der 
fünften Classe sechzig. Bei der sechsten und siebenten Classe sind es zehn Menschen. 
Bei der achten und neunten Classe sind es sieben Menschen. Diejenigen, welche keine 
Classe besitzen, hüllt man in einen fichteneii Sarg mit fünf Nägeln, führt sie zur Be- 
stattung in einem mit Kälbern bespannten Wagen und verleiht ihnen drei Menschen. 
In allen Fällen überwachen es der untersuchende Beruhiger des beaufsichtigten Thores 
(kien-men hiao-ioei) und der gerade Aelteste (tscK'i-tschang) . 

Wenn eine innere Frau des höchsten Befehles (nei-ming-fu) von der fünften Classe 
aufwärts keine Verwandten hat, so lässt man einen Mann der Mitte, der den nämlichen 
Geschlechtsnamen wie der in dem nächsten Grabhügel Bestattete hat, dem Opfer an 
dem Grabe vorgesetzt sein. Findet sich Niemand mit demselben Geschlechtsnamen, so 
opfert man im Frühling und Herbst eine kleine Opfergabe. 

Zu diesem Amte gehören noch die folgenden Angestellten : 

Schu-ling-sse , gebietende Vermerker der Bücher' drei. 

Schu-li ,Angestellte der Bücher' sechs. 

^ ^ Tien-sse ,den Sachen Vorgesetzte' vier. 

^ M Yo-huig , Arzneiknaben' vier. 

Schang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' vier. 



V^ 'W: ^ ^ ^ci-pö-khio ling ,die Gebietenden des Gemaches der inneren Diener'. 
Dieselben sind zwei und gehören zu dem unteren Theile der richtigen achten Classe. 

^< Sching , Gehilfen'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem unteren Theile der 
richtigen neunten Classe. 

Denkscliriftcn cer phil,-hi.-t. Cl. XXIX. Ed. il) 



202 1 FIZMAIEU. 

Diese Angestellten befassen sich mit den Wagen und Gespannen des mittleren 
Palastes. Wenn die Kaiserin ausfährt, weilt der Gebietende (Ung) zu ihrer Linken. 
Der Gehilfe (scldncj) weilt zu ihrer Rechten. Sie umschliessen und geleiten sie. 

Zu diesem Amte gehören nachfolgende Angestellte : 

Schu-Ung-sse , gebietende Yermerker der Bücher' zwei. 

Sdm-li , Angestellte der Bücher' vier. 

^ ^ Kia-sse ,vorzügliche Männer des Fahrens' einhundert vierzig. 

-Ö^ ^ Tien-sse ,den Sachen Vorgesetzte' acht. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' acht. 

Die vorzüglichen Männer des Fahrens (kia-sse) befassen sich mit der Uebung im 
Leiten der Wagen und Sänften so wie mit vermischten Aufspeicherungen. 



^ ^ >^ "^ Nei -fu-khiö Ung .die Gebietenden des Gemaches der inneren 
Beglaubigungsmarke'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem unteren Theile der 
richtigen achten Classe. 

9$i. Sching ,die Gehilfen'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem unteren Theile 
der richtigen neunten Classe. 

Diese Angestellten befassen sich mit der Zahl der Verleihungen und Herein- 
bringungen der aufbewahrten Kostbarkeiten und Güter der Mitte. Ferner reichen sie 
Lampen, Kerzen, heisses Wasser und stellen alles auf. Bei Versammlungen an dem 
Hofe werden die Würdenträger von der fünften Classe aufwärts, die verdienstvollen 
Anführer und Kriegsmänner, dann die Häuptlinge der Fremdländer, wenn sie Abschied 
nehmen und zurückkehren, in dem Vorhofe beschenkt. 

Zu diesem Amte gehören noch: 

Schu-Ung-sse , gebietende Vermerker der Bücher' zwei. 

Sdm-U , Angestellte der Bücher' vier. 

Ä ^ Tien-sse ,vorstehende Vermerker' vier. 

Tschang-ku mit Befestigung sich Befassende' vier. 

Ä ^ Tien-sse ,den Sachen Vorgesetzte' sechs. 



jZ ~f' P^ ^ Mi "^ 'Ihal-tse nei-fang-khln Ung .die Gebietenden des Gemaches 
der inneren Strasse des grossen Sohnes'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem 
unteren Tlieile der nachfolgenden fünften Classe. 

^< Sching , Gehilfen'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem unteren Theile der 
nachfolgenden siebenten Classe. 

Diese Angestellten befassen sich mit dem kleinen Thore des östlichen Palastes, 
ferner mit den Mundvorräthen und dem Getreide der Menschen des Palastes. 

^ ^ Fong-sse , Angestellte der Sache der Strasse'. Dieselben sind fünf und 
gehören zu dem unteren Theile der nachfolgenden achten Classe. 



Darlegung der chinesischen Ämter. 20.3 

Anfänglich gehörte die innere Strasse ( ^ ^ nei-fanfj) zu dem östlichen Palaste 
(tung-kung). Im sieben imd zwanzigsten Jahre des Zeitraumes Khai-yuen (739 n. Chr.) 
gehörte sie zu der verschlossenen Abtheilung der Aufwartenden des Inneren (nei-sse- 
■•'öuij. Man gab den Namen ^ khiu , Gemach". 

Man veränderte den Namen Ä ^ tlen-nei ,dem Inneren Vorgesetzte' zu ^ ling 
(icbietender' und setzte Gehilfen (schingj und Angestellte der Sache der Strasse (fang- 
ssej ein. 

Ferner wurden eingesetzt : 

^ ^ ^ J^ Tau-khe sche-jin , Hausgenossen für die Führung der Gäste' sechs. 
Dieselben befassen sich mit der nach der Ordnung eingerichteten Führung der Gäste. 

(P^ + '^J' ^rfl Kö-sö , Vorangehende des Ideinen Thores' sechs. Dieselben gehen 
den Pförtnern (hoen-jin) und darreichenden Abgesandten des Inneren fnei-ki-ssej voran 
luid übergeben ihnen die Sache. 

ft i§ A. Nei-hoen-jin , Pförtner des Inneren" acht. Dieselben befassen sich mit 
den Austretenden und Eintretenden an den Thoren, mit den Schlüsseln, dann mit den 
Hüten, Fächern, Lampen und Kerzen des Inneren. 

ft )^ W Nei-khieu-ivei .die Beruhiger der Ställe des Inneren' zwei. Dieselben 
befassen sich mit den Wagen und Gespannen. 

Ferner gibt es in diesena Amte folgende Angestellte : 

^ ^ Lö-sse ,der die Sachen Verzeichnende'. Derselbe ist ein Einziger. 

Ling-sse , gebietende Vermerker' drei. 

Schu-ling-sse , gebietende Vermerker der Bücher' fünf. 

Tien-sse ,den Sachen Vorgesetzte' zwei. 

lii ifc Kia-sse ,vorzügliche Männer des Fahrens' dreissig. 

Timg-tscliang ,der Aelteste des Einkehrhauses'. Derselbe ist ein Einziger. 

Tschang-ku ,der mit Befestigung sich Befassende'. Derselbe ist ein Einziger. 



^ m- Tkn-tschl ,die dem Geraden Vorgesetzten". Dieselben sind vier und gehören 
zu dem unteren Theile der richtigen neunten Classe. Sie befassen sich mit dem Ver- 
fahren und den Mustern des Inneren des Palastes, mit dem Führen, Verkehren, Ueber- 
liefern, Bewillkommnen und Fragen, Beanständung des Unrechten und üntersuclumg 



der Ausgaben und Einnahmen. 



Zu den inneren übrigkeiten Averden gezählt : 



.ttL 



^ß Kuei'fei ,die theuere Königin'. 
^. ^ß Hoei-fei ,die gütige Königin'. 
W> ^ß Li-fei ,die zierliche Königin'. 



In dem hier dargelegten Zeichen wird -^^ von PH umachlossen. 



204 Pfizmaier. 

^ ^E Hoa-fei .die blumige Königin'. 

Diese Königinnen sind je eine Einzige und gehören zu der riciitigen ersten Classe. 
Sie befassen sich damit, der Kaiserin in dem Inneren die Gebräuche des ^^ eibes erörtern 
zu helfen. Es wird nichts durch sie geleitet. 

Thang hatte, der Einrichtung der Sui gemäss, die folgenden vier Königinnen : 

'S" ^ Kuei-fei .die theuere Königin". 

^ ^ Tschö-fei .die gute Königin". 

^ ^E Te-fei .die tugendhafte Königin". 

^ Hien-fei .die weise Königin". 

Dieselben waren je eine Einzige. Sie waren die vornehmen Frauen 1^ J\ ju-jin) 
und ffehörten zu der richnsren ersten Classe. 

Die neun Frauen (;/l ^ kieu-pin) waren : 

]|g -^ Tschao-i .die leuchtende Weise". 

^ ^ Tschoo-yung .das leuchtende Aussehen'. 

Bp ^ Tschao-yuen .das leuchtende Schöne*. 

^(|- -^ Sieu-i .die ordnende Weise". 

-^ ^ Sieu-yung .das ordnende Aussehen". 

fl^ ^ Sieu-yuen .das ordnende Schöne". 

]^ -^ Tsckung-i .die ei"füllende Weise". 

^ ^ Tschung-yiing .das erfüllende Aussehen". 

^ i@ Tsckung-yuen .das erfüllende Schöne". 

Sie gehörten zu der richrigen zweiten Classe. Femer hatte man : 

^ ^ Tsie-yü .verkehrende Frauen" neun. Dieselben gehörten zu der richtigen 
dritten Classe. 

^ J\^ Mei-jin .schone Menschen" vier. Dieselben gehörten zu der richtigen vierten 
Cla..~t.. 

"^ J\ Thsai-yin .begabte Menschen" fünf. Dieselben gehörten zu der richtigen 
fünften Classe. 

^ ;|^ Pao-Un .Wälder der Kostbarkeiten" siebenundzwanzig. Dieselben gehörten 
zu der richtigen sechsten Classe. 

^ ^ Yll-niü .kaiserliche Mädchen' ^iebenundzwauzig. Dieselben gehörten zu der 
richtigen siebenten Classe. 

^ "^ Thsai-niü .ausgewählte Mädchen' siebenimdzwanzig. Dieselben gehörten zu 
der richtigen achten Classe. 

y>j ]c^ L<j-sckang .die sechs Vorgesetzten". Dieselben hiessen auch ^ 1p^ ^ i'-^Äy! 
schang-scha .die obersten Buchführerinnen'. Sie gehörten zu der richtigen dritten Classe. 

•Zl i" [H] ^ Si-sch'i-sse sse .die vierundzwanzig Vorsteherinnen". Dieselben hiessen 
auch ^ ^ ^ ::chii-sse-sse .die den Sachen Vorstehenden'. Sie gehörten zu der rich- 
tigen vierten Classe. 

m ~p [El Ä ^i-scki-sse tien .die vierimdzwanzig Vorbilder. Dieselben hiessen 
auch ^ 0: ^ tschü-tien-sse .die den Sachen zu Vorbildern Dienenden-. Sie gehörten 
zu der ricutio^eu sechsten Classe. 



Daklegunr der chinesischen Amter. 205 

Zl -f- [5J ^ Ni-scht-sse tschancj ,die vierundzwanzig Handhabenden'. Dieselben 
hiessen auch ^ ^ ^ tschü-tschang-sse ,die Handhabenden der Sachen'. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-su (662 n. Chr.) wurden eingesetzt: 

Ä M Sien-te ,die Tugend Befördernde'. Dieselben waren zwei und gehöi'teu zu 
der richtigen ersten Classe. 

M. JÄ Siuen-i .die Weise Ausbreitende'. Dieselben waren vier und gehörten zu 
der richtigen zweiten Classe. 

^ ^ Sching-kvei ,die innere Thüre Unterstützende'. Dieselben waren fünf und 
gehörten zu der richtigen vierten Classe. 

-^ 's" Scking-tschi ,den hohen Willen Unterstützende'. Dieselben waren fünf und 
gehörten zu der richtigen fünften Classe. 

t^ fllj Wei-sien ,beschützende Unsterbliche'. Dieselben waren sechs und gehörten 
zu der richtigen sechsten Classe. 

-jÄ ^ Kuvg-fung , Darreichende und Darbietende'. Dieselben waren acht und ge- 
hörten zu der richtigen siebenten Classe. 

-f^ ttÖ Sse-tsie , Aufwartende für den Kamm'. Dieselben waren zwanzig und ge- 
hörten zu der richtigen achten Classe. 

•j# ]\i Sse-kin .Aufwartende für das Tuch'. Dieselben waren dreissig und gehörten 
zu der richtigen neunten Classe. 

In dem Zeiträume Hien-hiang (670 bis 673 n. Chr.) kehrte man wieder zu den alten 
Benennungen zurück. 

In dem Zeiträume Khai-yuen (713 bis 741 n. Chr.) machte Kaiser Hiuen-tsung 
einen der vier Sterne der Kaiserinnen und Königinnen zur Kaiserin. Es war eine 
Kaiserin und er setzte wieder vier Königinnen ein. Dieses war gegen die Vorschriften, 
und er setzte drei Königinnen ein. Dieselben waren : 

Wi ^ß Hoei-fei ,die gütige Königin'. 

^ ^ Li-fei ,die zierliche Königin'. 

^ ^ß Hoa-fei ,die blumige Königin'. 

Dieselben traten an die Stelle der drei vornehmen Frauen ( H ^ A '^an-fa-jiv). 

Ferner setzte er ein : 

-^ 'f^ Lo-i ,die sechs Weisen'. 

^ A ^^ci-Ji'i , schöne Menschen'. 

tJ" A Tltsai-jin .begabte Menschen'. 

Er vermehrte noch die Stellen um folgende : 

"fp^ 's* Schang-kiuig ,dem Palaste Vorgesetzte'. 

■JpO" im f^chang-i ,der Weise Vorgesetzte'. 

ITpO" fH^ Schang-fö ,den Kleidern Vorgesetzte'. Diese drei Stellen hiessen Gemächei- 
(khiö). 

^ ^ Tschü-sse ,Vorstehende", 

^ Ä Tschü-tien , Vorgesetzte". 

Für diese Stellen begann man hinsichtlich des Ranges bei der sechsten Classe und 
blieb bei der neunten Classe stehen. 

Später wurde wieder eine theuere Königin (kuei-fei) eingesetzt. 



qriC Pfizmaier. 

M^ %. Tsciw-i .die gute Weise'. 

M tÄ Te-l ,die tugendhafte Weise'. 

^ j^ liien-i ,die weise Weise'. 

)|p ^ Sckün-i ,die gehoi-same Weise'. 

^91 JÄ y^ten-i ,die gefällige Weise'. 

^ j^ Fang-i ,die treffliche Weise'. 

Diese Frauen sind je eine Einzige und gehören zu der richtigen zweiten Classe. 
Sie befassen sich damit, den neun Frauen (kieu-yü) die vier Tugenden zu lehren. Sie 
stellen sich an die Spitze ihrer Zugetheilten und erleuchten die Gebräuche der Kaiserin. 



^ \ Mei-jin .schöne Menschen'. Diese Frauen sind vier und gehören zu der rich- 
tigen dritten Classe. Sie befassen sich damit, an der Spitze der Amtführerinnen das 
Opfer und die Sache der Gäste zu ordnen. 

tJ^ \ Thsni-jin ,begabte Menschen-. Dieselben sind sieben und gehören zu der 
richtigen vierten Classe. Sie befassen sich mit dem Saale der grossen Feste, ordnen 
Seide und Hanf und machen die Werke des Jahres den Obrigkeiten des Palastes zum 
Geschenke. 

IfO" "^ y^ 1p]" "^ Schang-kuiiij-khiö schang-kuug ,die Vorgesetzten des Palastes von 
dem Gemache der Vorgesetzten des Palastes'. Dieselben sind zwei imd gehören zu der 
richtigen fünften Classe. Die sechs Vorgesetzten (lö-schang) sind ihnen gleich. Sie 
befassen sich mit der Führung in dem mittleren Palaste. Sie leiten die den Verzeich- 
nungen Vorstehenden (sse-ki), die den Worten Vorstehenden (sse-yen), die den Registern 
Vorstehenden (sse-p'u) und die dem inneren Thore Vorstehenden (sse-wei). Die Schrift- 
tafeln über die Ausgaben und Einnahmen für die Sachen der sechs Vorgesetzten (lö- 
schang) werden von ihnen überwacht und ihr Siegel beigesetzt. 

Zu diesem Amte gehören als Angestellte : 

^ ^ A^m-.sse, Vermerkerinnen- sechs. Sie befassen sich mit dem Festhalten der 

Schriftstücke. 



^ Iß Sse-ki ,den Verzeichnungen Vorstehende'. Dieselben sind zwei und gehören 
zu der richtigen sechsten Classe. Die vierundzwanzig Vorstehenden (^ sse) sind ihnen 
gleich. Sie befassen sich mit den Schriften innerhalb des Palastes. Die Verzeichnisse 
werden untersucht und ihnen zugestellt. Erst wenn in den Schrifttafeln nichts Regel- 
widriges ist, setzen sie das Siegel bei. Die den Verzeichnungen Vorgesetzten (tien-ki) 
stehen ihnen zur Seite. 

Ä iE Tien-ki ,die den Verzeichnungen Vorgesetzten' sind zwei und gehören zu der 
richtigen siebenten Classe. Die vierundzwanzig Vorgesetzten ( Ä tien] sind ihnen gleicl). 

^ iE Tschang-ki ,die mit den Verzeichnissen sich Befassenden' sind zwei und gehören 
zu der richtigen achten Classe. Sie sind mit den vierundzwanzig sich Befassenden 
(^ tschang) gleich. 



Darlegiso dek chinesischen Amter. 207 

■gj ^ Sse-yen .die den Woi-ten Vorstehenden'. 

-^ ^ Tien-ycn .die den AVorten Vorgesetzten'. 

Dieselben sind je zwei. Sie befassen sich mit dem Empfange der kaiserlichen Be- 
fehle, fügen besondere Aufzeichnungen hinzu, übergeben es den Vorstehenden der 
Pförtner (sse-hoen) und lassen es weiter nach aussen befördern.. 

^ ^ Tschang-yen ,mit Worten sich Befassende'. Dieselben sind zwei und befassen 
sich mit der Weiterverbreitung der Verkündungen nach aussen. Wenn die Vorsteher 
etwas an dem Hofe melden, nehmen sie die Sachen in Empfang. 

Zu diesem Amte gehören vier Vermerkerinnen (niü-sse). 



4!^ 



^ ^ ^^se-pu .den Schrifttafeln Vorstehende'. 
Tien-pn ,den Schrifttafeln Vorgesetzte'. 
^ Tschany-pu ,mit Schrifttafeln sich Befassende'. Diese Angestellten sind je 
zwei. Sie befassen sich mit ausgezeichneten Schrifttafeln von den Vermerkerinnen aufwärts. 
Zu diesem Amte gehören sechs Vermerkerinnen (niü-sse). 

S) [^ Sse-icei .dem inneren Thore Vorstehende'. Dieselben sind sechs. Sie befassen 
sich mit den Schlüsseln des kleinen Thores. 

f^ Tien-ivei ,dem inneren Thore Vorgesetzte'. 

(^ TscJtang-ioei ,mit dem inneren Thore sich Befassende'. Dieselben sind je sechs. 
Sie befassen sich getheilt mit der Ueberwachung des Oeffnens und Verschliessens. 
Zu diesem Amte gehören vier Vermerkerinnen (niü-sse). 






^ '%. ^ ^ i^ Schang-i-khiÖ schang-i ,die der Weise Vorgesetzten des der Weise 
vorgesetzten Gemaches'. Dieselben sind zwei. Sie befassen sich mit dem Verfahren bei 
den Gebräuchen, mit der Thätigkeit und leiten die den Schrifttafeln Vorstehenden (sse- 
tsie). die der Musik Vorstehenden (sse-yö), die den Gästen A'oi-stehenden (sse-pin) und die 
dem "\'ortreten Vorstehenden (sse-tsan). 

^ ^ Sse-tsie ,die den Schrifttafeln Vorstehenden'. 

Ä ^ Tien-tsie ,die den Schrifttafeln Vorgesetzten'. 



^ ^ Tschang-tsie ,die mit den Schrifttafeln sich Befassenden'. 

Diese Angestellten sind je zwei. Sie befassen sich mit der Darreichung der kaiser- 
lichen mustergiltigen Bücher und Schrifttafeln. Sie bieten zugleich eine Bank. Papier 
und Pinsel. 

Zu diesem Amte gehören zehn Vermerkerinnen (niü-sse). 
^ ^ Sse-yö , Vorstehende der Musik'. 
Tien-yn , Vorgesetzte der Musik". 
Tschang-yö ,mit der Musik sich Befassende'. 
Diese Angestellten sind je vier. Zu dem Amte gehören zwei Vermerkerinnen (niü-sse). 






208 Pfizmaiek. 

W) ^ Sse-pin .den Gästen Vorstehende'. 

äa. ^ Tien-pin ,den Gästen Vorgesetzte'. 

^ ^ Tschang-pin ,mit den Gästen sich Befassende'. 

Diese Angestellten sind je zwei. Zu dem Amte gehören zwei Vermerkerinnen (niü-sse). 

^ W Sse-tsan Äem Vortritte Vorstehende'. 

-fti ^ Tien-isan ,deni Vortritte Vorgesetzte'. 

^ ^ Tschang-tsan ,mit dem Vortritte sieh Befassende'. 

Diese Angestellten sind je zwei. Sie befassen sich mit dem Erseheinen der Gäste 
an dem Hofe, den Festen, den Speisen und der gegenseitigen Führung. Wenn der 
Tag der Versammlung gekommen ist, führt man die Gäste und lässt sie in dem Vor- 
liofe der Vorhalle stehen. Wenn die den Worten Vorstehenden (sse-yen) das kaiser- 
liche Wort verkünden, setzt man sich. Dann erst führt man sie auf den Teppich der 
Leibwächter. Wenn der Wein ankommt, erheben sie sich und verbeugen sich zweimal. 
W^enn die Speisen ankommen, erhebt man sich wieder. Diese Angestellten beobachten 
überall das Verfahren. 

fj^ ^ Tan-sse , Vermerkerinnen des rothen Pinselrohres". Dieselben sind zwei und 
gehören zu der richtigen sechsten Classe. 

Zu diesem Amte gehören noch zwei Vermerkerinnen (niü-sse). 



fp^ ^E /^ fiuj" W- Sckang-fö-khiö sckaag-fö ,die der Kleidung Vorgesetzten des der 
Kleidung vorgesetzten Gemaches'. Dieselben sind zwei und befassen sich mit der Dar- 
j-eichung der Kleidung und der Verzierungen. Sie leiten die den Kostbarkeiten Vor- 
stehenden (sse-pao), die den Kleidern Voi'stehenden (sse-i), die den Verzierungen Vor- 
stehenden (sse-sc/n) und die der beAvaffneten Leibwache Vorstehenden (sse-tscliang). 

S) ^ Sse-pao ,die den Kostbarkeiten Vorstehenden' sind zwei und befassen sich 
mit den göttlichen Kostbarkeiten. Sie empfangen die Kostbarkeiten des höchsten Be- 
fehles, die sechs Kostbarkeiten und die Beglaubigungsmarken. Sie kennen deren Gebrauch 
und verzeichnen es auf Schrifttafeln. 

Ä ^ Tien-pao ,den Kostbarkeiten Vorgesetzte'. 

^ ^ Tschang-pao ,mit Kostbarkeiten sich Befassende". Dieselben sind je zwei. 
Alles, was man herausgibt und zutheilt, wird untersucht und verzeichnet. Wenn es 
zurückkommt, wird es mit rother Schrift erklärt und der Gegenstand liereinge bracht. 

Zu diesem Amte gehören vier Vermerkerinnen (niv-sse). 

SJ "^ Sse-i ,den Kleidern Vorstehende'. 

Ä ^ Tien-i ,den Kleidern Vorgesetzte'. 

^ ^ Tsrhang-i .mit Kleidern sich Befassende'. 

Dieselben sind je zwei und befassen sich innerhalb des Palastes mit der kaiserlirheu 
Kleidung, mit dem Kopfputz, den Zierrathen und i-eichen dieses gemäss der Zeit. 

Zu diesem Amte gehören vier Vermerkerinnen (niü-sse). 

a\ |i^ Sse-scia ,der Verzierung Vorstehende'. 






Darleguno der chinesischen Amter. 209 

Tlen-sclä ,der Verzierung Vorgesetzte'. 
Tschamj-schi ,mit der Verzierung sich Befassende'. 

Diese sind je zwei und befassen sicli mit heissem Wasser, Tüchern und Kilmnien. 
l>ei allem, was sie darbieten, verstehen sie das Mass der Kälte und Wärme. 

Zu diesem Amte gehören zwei Vermerkerinnen (niü-sse). 

R| fjt Sse-tsch'ang ,der bewaffneten Leibwache Vorstehende'. 

Ä j^ Tien-tsch' ang ,der bewaffneten Leibwache Vorgesetzte'. 

^ 'ör Tscliang-tscJi' any ,mit der bewaffneten Leibwache sich Befassende'. 

Dieselben sind je zwei und befassen sich mit den Geräthschaften der bewaffneten 
Leibwache. Wenn man die angemessen gebildete Leibwache aufstellt, gehen die der 
Kleidung Vorgesetzten (schancj-fö) den der bewaffneten Leibwache Vorstehenden {sse- 
tacK'ang) und den Anderen dieses Amtes voran und reichen jene Gegenstände. 

Zu diesem Amte gehören zwei Vermerkerinnen (niü-sse). 



-j^ ;^ ^ |p^ ^ Schang-schl-khiö scliang-sclä ,die den Speisen Vorgesetzten des den 
Speisen vorgesetzten Gemaches'. 

Diese Angestellten sind zwei. Sie befassen sich mit der Darreichung der Speisen 
nach der Ordnung der Classen. Sie leiten die den Tafeln Vorstehenden (sse-schen)^ die 
dem Weine Vorstehenden (sse-iven), die den Arzneien Vorstehenden (sse-göj und die dem 
Weine und den Speisen Vorstehenden (sse-tschi). Wenn sie Speise anbieten, kosten sie 
es früher. 

■^ ^ Sse-schen ,der Tafel Vorstehende'. Dieselben sind zwei. Sie befassen sich 
mit dem Kochen, Sieden, ferner mit dem Darreichen der Tafel, mit Reis, Mehl, Brenn- 
holz und Kohlen. Wenn sie Speisen anbieten, sind diese von Art verschieden und mit 
einem Siegel verschlossen. 

^ ^ Tien-schen ,der Tafel Vorgesetzte'. 

^ ^ Tschcmg-schen ,mit der Tafel sich Befassende'. 

Diese Angestellten sind je vier. Sie befassen sich mit der Hex'stellung der kaiser- 
lichen Speisen, welche je nach der Zeit Avarm, kühl, kalt oder heiss sind. Wenn sie die 
Speisen darreichen, kosten sie dieselben früher. 

Zu diesem Amte gehören vier Vermerkerinnen (niü-sse). 

's] Bm Sse-wen ,dem Weine Vorstehende'. 

Ä Bm. Tien-tven ,dem Weine Vorgesetzte'. 

^ Bm. Tschang-wen ,mit dem Weine sich Befassende'. 

Diese Angestellten sind je zwei. Sie befassen sich mit dem Weine, dem süssen 
Weine und dem Eeissweine. Sie geben ihn zu trinken und reichen ihn zui- rechten Zeit 
dem Kaiser. 

Bei diesem Amte sind zwei Vermerkerinnen (niü-sse). 

W| ^ Sse-yö ,die den Arzneien Vorstehenden'. 

Ä ^ Tien-gö .die den Arzneien Vorgesetzten'. 

^ ^ Tschang-yö ,die mit den Arzneien sich Befassenden'. 

Denkschriften <ler phil.-hist. Cl. XXIX. BJ. 2" 



210 Pfizmaier. 

Diese Angestellten sind je zwei. Sie befassen sieb mit den Arzneimitteln. Wenn 
eine Arznei in dem Aeusseren dargereicht wird, verzeichnen sie auf einer Schrifttafel 
ille Art und die Verschiedenheit. 

Zu diesem Amte gehören vier Vermerkeriiinen (niü-sse). 

a\ ^ Sse-tschi ,dem Weine und den Speisen Vorstehende'. 
Tien-tschi .dem Weine und den Speisen Vorgesetzte'. 



*^* 6Ä Tschang-tschi .mit dem Weine und den Speisen sich Befassende'. 



Diese Angestellten sind je zwei. Sie befassen sich mit den Verleihungen an die 
Menschen des Palastes. Die dargereichten Speisen, das Brennholz und die Kohlen haben 
ihre Abstufungen. Wo man die Zutheilung erhält, wird es in zehn Tagen besonders 
verzeichnet. 

Zu diesem Amte gehören vier Vermerkerinnen (viü-sse). 



^ Ix >^ ^ tIk ^'*c/;a?!_(/-^//.5?n-A:/»o ^.^c/^a?!^'-//^«;/« .die dem inneren Hause Vorgesetzten 
des dem inneren Hause vorgesetzten Gemaches'. 

Dieselben sind zwei und befassen sich mit dem Erscheinen bei Festen und der 
Reihenfolge des Vortretens zu dem Kaiser. Sie leiten die dem Aufstellen A'orstehenden 
(sse-sche), die den Sänften Vorstehenden (sse-yii). die den Gärten Vorstehenden (sse-yuen) 
und die den Lampen Vorstehenden (sse-teng). 

^ %jt i'^sß-sche .die dem Aufstellen Vorstehenden'. 

^ ix' Tien-schü ,die dem Aufstellen Vorgesetzten'. 

^ Wt Tschang-sche ,die mit dem Aufstellen sich Befassenden'. 

Diese Angestellten sind je zwei. Sie befassen sich mit dem Bereiten und xVufstellen 
der Betten, Vorhänge und Wagenteppiche. Wenn etwas alt ist, so bringen sie dieses zu 
Ohren. Auf das Sprengen und Fegen sehen die Angestellten von den dem Aufstellen 
Vorgesetzten (schang-sch'e) angefangen getheilt. 

Zu diesem Amte gehören vier Vermerkerinnen (niü-sse). 

'S] ^ Sse-yll ,die den Sänften Vorstehenden'. 

Ä ^ Tien-y'd .die den Sänften Vorgesetzten'. 

^ ^ Tschang-yü ,die mit den Sänften sich Befassenden'. 

Diese Angestellten sind je zwei. Sie befassen sich mit Sänften, Handwagen, Hüten, 
Fächern, mit Sachen des Schmuckes, Federn imd Federnfahnen, je nachdem es um die 
Zeit heiss oder kühl ist. Die Angestellten von den Vorgesetzten der Sänften (tien-yü) 
abwärts untersuchen dieses getheilt. 

Zu diesem Amte gehören zwei Vermerkerinnen (niü-sse). 

W) ^ Sse-yuen .die den Gärten A^orstehenden'. 

Ä '^ Tien-yuen ,die den Gärten Vorgesetzten'. 

^ ^ Tschang-yuen ,die mit den Gärten sich Befassenden-. 

Diese Angestellten sind je zwei. Sie befassen sieh mit den Gärten, mit dem Säen 
und Pflanzen, mit den Gemüsen und Früchten. Die Angestellten von den Vorgesetzten 



Darleguno der chinesischen Ämter. 211 

der Gärten (tien-yuen) abwärts untersuchen es getheilt. Wenn die Fniclito reif sind, 
werden sie dem Kaiser dargereicht. 

Zu diesem Amte gehören zwei Vermerkerinnen (nin-sse). 

^ 'J^ Sse-teng ,die den Lampen Vorstehenden'. 

-ffl; 'J!^ Tien-teng ,die den Lampen Vorgesetzten'. 

^ '^ Tschang-teng ,die mit den Lampen sich Befassenden'. 

Diese Angestellten sind je zwei. Sie befassen sich mit den Lampen und Kei'zeii 
der Thore und kleinen Thore. Die Angestellten von den Vorgesetzten der Lampen 
(tien-teng) abwärts untersuchen es getheilt. 

Zu diesem Amte gehören zwei Vermerkerinnen (niü-sse). 



M ^ ^ 1^ ^ Schang-kung-khiö schang-kung ,die den Verdiensten Vorgesetzten 
des den \ erdiensten vorgesetzten Gemaches'. 

Diese Angestellten sind zwei und befassen sich mit dem Abwägen der weiblichen 
Arbeiten. Sie leiten die dem Zuschneiden Vorstehenden (sse-tschi), die den Kleinoden 
Vorstehenden (sse-tschin) , die den bunten Stoffen Vorstehenden (sse-thmi) und die den 
Berechnungen Vorstehenden (sse-ki). 

^ M Sse-tschi ,die dem Zuschneiden Vorstehenden'. 

Ä ^ Tien-tscki ,die dem Zuschneiden Vorgesetzten'. 

^ M Tschang-tschi ,die mit dem Zuschneiden sich Befassenden'. 

Diese Angestellten sind je zwei. Sie befassen sich mit dem Darreichen der kaiser- 
lichen Kleider, dem Zuschneiden und Nähen. 

Zu diesem Amte gehören zwei Vermerkerinnen (nin-sse). 

^ i^ Sse-tschin .den Kleinoden Vorstehende'. 

Ä 3^ Tien-tschin ,den Kleinoden Vorgesetzte'. 

^ i^ Tschang-tschin ,mit Kleinoden sich Befassende'. 

Diese Angestellten sind je zwei. Sie befassen sich mit Perlen, Kleinoden, Kupfc]'- 
stücken und Waaren. 

Zu diesem Amte gehören sechs Vermerkerinnen (ni'd-sse). 

^ li^ Sse-thsai ,den bunten Stoffen Vorstehende'. 

Ä i|^ Tien-thsai ,den bunten Stoffen Vorgesetzte'. 

^ ^ Tschang-fhsai ,mit den bunten Stoff'en sich Befassende'. 

Diese Angestellten sind je zwei. Sie befassen sich mit Brocat, bunten Stoffen, 
Taff'et, Seide und Hanf. AVenn Geschenke gegeben werden, so werden diese in zehn 
Tagen besonders verzeichnet. 

Zu diesem Amte gehören zwei Vei-merkerinnen (ni'd-se). 

a\ gj" Sse-ki ,den Berechnungen Vorstehende'. 
gf Tien-ki ,den Berechnungen Vorgesetzte'. 
^ Tschang-ki .mit Berechnungen sich Befassende'. 






27* 



212 Pfizmaier. 

Diese Angestellten sind je zwei. Sie befassen sich mit der Verleihung von Kleidern, 
Trank, Speise, Brennholz und Kohlen. 

Zu diesem Amte gehören zwei Vermerkerinnen (niü-ssej. 



"g* jiE Kung-tsching ,die Richtige des Palastes'. Dieselbe ist eine Einzige und gehört 
zu der richtigen fünften Classe. 

^ jE Sse-tsching ,die dem Richtigen Vorstehenden'. Dieselben sind zwei und 
gehören zu der lichtigen sechsten Classe. 

Ä j£ Tien-tschmg .die dem Richtigen Vorgesetzten'. Dieselben sind zwei und 
gehören zu der richtigen siebenten Classe. 

Die Richtige des Palastes (hmg-tschmg) befasst sich mit den Warnungen und Geboten, 
mit den verbotenen und strafbaren Dingen. Wenn ein Mensch des Palastes seine Pflicht 
nicht erfüllt, machen die dem Richtigen A^orstehenden (sse-tsching) in einer Schrifttafel 
eine Bemerkung. Bei kleinen Dingen entscheiden sie über eine kleine Strafe. Bei 
grossen Dingen bringen sie es an dem Hofe zu Ohren. 

Zu diesem Amte gehören noch folgende Angestellte : 

lÄ" ^ Niü-sse , Vermerkerinnen' vier. 

pPf ^ 0-kien ,eine Beaufsichtigerin'. 

3lJ ^ Feu-kien ,eine zugetheilte Beaufsichtigerin'. 

Die Letzteren gehören zu der siebenten Classe. 



3^^ ■?* ft W K ^ Thai-tse nai-kiian liang-ti ,die vortrefflichen jüngeren Schwestern 
des inneren Amtes des grossen Sohnes'. Dieselben sind zwei und gehören zu der rich- 
tigen dritten Classe. 

^ ^ Lian-yuen ,die vortrefflichen Herbeigezogenen'. Dieselben sind sechs und 
gehören zu der richtigeii vierten Classe. 

^ ^i Sching-hoei ,die das Gute in Empfang Nehmenden'. Dieselben sind zehn 
und gehöien zu der richtigen fünften Classe. 

flS SJll Tschao-hiün ,die Belehrung Erleuchtende'. Dieselben sind sechzehn und 
gehören zu der richtigen siebenten Classe. 

^ 'f^ Fiing-i ,das Verfahren Darbietende'. Dieselben sind vierundzwanzig und 
gehören zu der richtigen neunten Classe. 

^ f^ Sse-kuei ,den inneren Thüren Vorstehende'. Dieselben sind zwei und gehören 
zu der nachfolgenden sechsten Classe. Die drei Vorstehenden ( ^ ^ san-sse) sind 
ihnen gleich. 

Dieselben befassen sich mit der Führung der Königinnen und den Namenstafeln 
der Menschen des Palastes. Sie leiten die mit dem Richtigen sich Befassenden (tschang- 
isching), die mit den Büchern sich Befassenden (tscliang-sclm) und die mit den Bambus- 
matten sich Befassenden (tschang-yen). 



Darlegung der cuinesiscuen Amter. 213 

^ jE Tschang-tsching ,die mit dem Richtigen sich Befassenden' sind drei vmd 
gehören zu der nachfolgenden achten Chisse. Die neun sich Befassenden (^ tschang) 
sind ihnen gleich. 

Dieselben befassen sich mit den Schriften, dem Austritte und Eintritte, mit den 
Schlüsseln, mit Untersuchung und Verhängung von kleinen Strafen. 

Zu diesem Amte gehören drei Vermerkerinnen (nüi-sse). 

^ ^ Tschang-schu ,die mit den Büchern sich Befassenden' sind drei. Sie befassen 
sich mit den Beglaubigungsmarken, den Büchern, den Schrifttafeln und dem Beschenken 
mit Papier und Pinseln. 

^ ^ Tschang-yen ,die mit Thürmatten sich Befassenden'. Dieselben befassen sich 
mit Vorhängen, Betten, Bänken, Sänften, Hüten, mit Besprengen, Fegen und Aufstellen. 

a\ ^Ij Sse-tsl ,die den Mustern Vorstehenden'. Dieselben sind zwei und befassen 
sich mit dem Verfahren bei den Gebräuchen und mit Besuchen. Sie leiten die mit der 
Ehrerbietung sich Befassenden (tschang-yen), die mit Nähwerk sich Befassenden (tschang- 
fung) und die mit Aufbewahrung sich Befassenden (tschang-tsang) . 

Die mit Ehrerbietung sich Befassenden ( ^ J^ tschang -yeji) befassen sich mit dem 
Kopfschmuck, mit der Kleidung, mit Tüchern, Kämmen. Salben, Badekleidern, Kleinoden 
und mit der bewaifneten Leibwache. 

Zu diesem Amte gehören drei Vermei'kerinnen (niü-sse). 

^ )|§ Tschang-fmig ,mit Nähwerk sich Befassende'. Dieselben sind drei und befassen 
sich mit Zuschneiden, Flechten, Spinnen und Weben. 

Zu diesem Amte gehören drei Vermerkerinnen (niü-sse). 

^ 1^ Tschang-tsang ,mit Aufbewahrung sich Befassende'. Dieselben sind drei und 
Ijefassen sich mit Gütern, Perlen. Kostbarkeiten, bunten Stoffen und Atlas. 

^ ^ Sse-tsuan ,die den Speisen Vorstehenden'. Dieselben sind zwei und befassen 
sieh mit der Darreichung der Speisen, welche sie früher kosten. Sie leiten die mit der 
Speise sich Befassenden (tschang-tsclü), die mit Aerzten sich Befassenden (tschang-i) und 
die mit Gärten sich Befassenden (tschang-yuen) . 

Zu diesem Amte gehören vier Vermerkerinnen (niü-sse). 

^ ^ Tschang-schi ,die mit der Speise sich Befassenden' sind drei. Sie befassen 
sich mit den Tellern, mit der Darreichung des Weines, mit Lampen, Kerzen, Brennholz 
und Schüsseln. 

Zu diesem Amte gehören vier Vermerkerinnen (niä-sse). 

^ ^ Tschang-i ,mit Aerzten sich Befassende'. Dieselben befassen sich mit Arznei- 
mitteln, Gauklern und mit Musik. 

Zu diesem Amte gehören zwei Vermerkerinnen (niü-sse). 

^ SI Tscliang-yiim ,mit Gärten sich Befassende'. Dieselben sind drei und befassen 
sich mit Säen, Anpflanzen, mit Gemüse und Früchten. 

Zu diesem Amte gehören zwei Vermerkerinnen (niü-sse). 



fö^P ^ Ä 3^ ^ Yu-sse-tliai ta-fu ,der grosse Mann der Erdstufe des kaiserlichen 
Vermerkers'. Dieser Wfirdenträger ist ein Einziger und gehört zu der richtigen dritten 
Classe. 



214 



Pfizmaier. 



Pfl ^ Tschung-schuuj ,die mittleren Gehilfen'. Dieselben sind zwei und gehören 
zu dem .unteren Theile der richtigen vierten Classe. 

Der grosse Mann (ta-fu) dieses Amtes befasst sich mit der Untersuchung und Zurecht- 
bringung der Verbrechen und des Bösen der Obrigkeiten nach den vorgestellten Ab- 
schnitten des Strafgesetzes. Der mittlere Gehilfe (tschuncj-schincj) steht ihm dabei als 
Zweiter zur Seite. 

Diesem Amte sind die folgenden drei Gebäude (|^ iiueii) zugesellt: 

1- ft [^ Thai-yuen ,das Gebäude der Erdstufe'. Die aufwartenden kaiserlichen 
Vermerker (sse-y'd-sse) gehören zu ihm. 

2. ^ 1^ Thien-yuen ,das Gebäude der Vorhalle'. Die aufwartenden kaiserlichen 
Vermerker der Mitte der Vorhalle {thien-tschung sse-yü-sse) gehören zu ihm. 

3. ^ 1^ Tsch'ä-yuen ,das Gebäude der Untersuchung'. Die beaufsichtigenden und 
untersuchenden kaiserlichen Vermerker (kien-tsch'ä yii-sse) gehören zu ihm. 

Kaiser Kao-tsung veränderte den bisher üblichen Namen Vp |^ tscM-schu sse-yü-sse 
,der aufwartende kaiserliche Vermerker des Ordnens der Bücher zu Pf äS tsckuny-schiny 
,mittlerer Gehilfe". Es sollte dabei '/p Tschi, der Name des Kaisers, vermieden werden. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-sö (662 n. Chr.) veränderte man den Namen 
■yü-sse-thai ,Erd.stufe des kaiserlichen Vermerkers' zu ^ ^ hien-thai ,Erdstufe des 
Musters'. 

Für ta-fu , grosser Mann' sagte man % ^ sse-hien , Vorsteher des Clusters'. 

Für tschiuuj-tschinii , mittlerer Gehilfe' sagte man '% ^, ix. ^ sse-hien ta-fu ,der 
dem Muster vorstehende grosse Mann'. 

Zu den Zeiten der Kaiserin von dem Geschlechte Wu, im ersten Jahre des Zeit- 
raumes Wen-ming (684 n. Chr.) veränderte man den Namen yü-sse-thai .Erdstufe des 
kaiserlichen Vermerkers' zu ^ i^ ^ sö-tsching-thai ,Erdstufe der strengen Lenkung'. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Kuang-tsch'i (684 n. Chr.) theilte man die Erdstufe 
in zwei Theile, eine zur Linken (tso-thai) und eine zur Rechten (yeu-thai). Die Erdstufe 
zur Linken lenkte die hundert Vorsteher (^ sse) und beaufsichtigte die wandernden 
Schaaren des Kriegsheeres. Die Erdstufe zur Rechten untersuchte die Landstriche und 
Kreise, überwachte die Sitten und Gewohnheiten. 

Plötzlich wurde befohlen, dass die Erdstufe zur Linken zugleich die Landstriche 
und Kreise untersuche. Die beiden Erdstufen entsandten jährlich zu wiederholten JMalen 
acht Abgesandte. Im Frühlinge sagte man: Sitten und Gewohnheiten (fung-sö), im 
Herbste sagte man: Untersuchung. Diese achtundvierzig Abzweigungen untersuchten 
die Landstriche und Kreise. 

Unter den kaiserlichen Vermerkern (yü-sse) der beiden Erdstufen gab es : 

1. (Ix Kia , Vorläufige'. 

-■ Iw ^ Kieit-kian , Vergleichende'. 

;^. ^ :^|» Yün-u-ai .Ueberzählige'. 

4. |j^ Schi .prüfende'. 

Im Anfange des Zeitraumes Schin-lung (705 n. Chr.) schaffte man diese Stellen ab. 
Im zweiten Jahre des Zeitraumes King-yün (711 n. Chr.) hatten die beiden Erd- 
stufen gleiche Ansichten, sie hoben die Fehler hervor und untersuchten (|uälerisch. 



Darlegung deu i;iiine.si.schen Amter. 215 

Die hundert Amtsgenossen waren des Ungemaches müde. Man schaffte jetzt die ]Crdstufe 
zur Rechten ab. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Yen-ho (712 n. Chr.) errichtete man sie wieder. 
Man liess durch ein Jahr die verschlossene Abtheilung des obersten Buchführers (schang- 
schu-sing) zu der Erdstufe zur Linken gehören. Nach einem Monate wurde die Erdstufe 
zur Eechten wieder abgeschafft. 

Nach dem Zeiträume Tsehi-te (757 n. Chr.) wurden die Abgesandten des Weges 
(tuu-sse) und die als Dritte Zugesellten des Sammelhauses (fu-san-to) aus der Zahl der 
Icaiserlichen Vermerker genommen. Man nannte sie ;^[« ^ wai-tai ,die äussere Erdstufe'. 

i^ filP ^ Sse-yü-sse , aufwartende kaiserliche Vermerker'. Dieselben sind sechs und 
gehören zu dem unteren Theile der nachfolgenden sechsten Classe. Sie befassen sich 
mit der Hervorhebung der Schuld der hundert Amtsgenossen und mit dem Eintreten in 
die Seitenthore. Sie nehmen die höchsten Vei'kündungen in Empfang imd verstehen es, 
vermischte Sachen darzulegen und zu untersuchen. 

Gegen das Ende der Sui wurde das Amt des ^ ^ thien-nei sse-yü-sse ,aufwartenden 
kaiserlichen Vermerkers in dem Inneren der Vorhalle' abgeschaft't. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes I-ning (ßlG n. Chr.) wurden in dem Sammelhause 
des Eeichsgehilfen (^ :t>g /frp sching-siang-fu) zwei der Untersuchung des Unreclits Bei- 
gesellte (^ ^^ :}" -f ^ tscliä-fei-yuen) eingesetzt. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Wu-te (618 n. Chr.) veränderte man den Namen 
zu thirm-tschung sse-yü-sse ,der aufwartende kaiserliche Vermerker in der Mitte dei- 
Vorhalle'. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Lung-so (GHI n. Chr.) setzte man beaufsichtigejide 
und untersuchende (^ ^ kien-fsch'ä) kaiserliche Vermerker (yü-sse) und Angestellte 
des inneren Wandels ( J^ fx Ji-hang^ ein. 

Zu den Zeiten der Kaiserin von dem Geschleehte Wu, im ersten Jahre des Zeit- 
raumes Wen-ming (684 n. Chr.) setzte man Angestellte des inneren Wandels in der 
Mitte der Vorhalle (thien-tschung li-hang) ein. Später gab man den Namen li-hang , An- 
gestellte des inneren Wandels' ausschliesslich den ältesten Obrigkeiten. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Tschang-ngan (702 n. Chr.) setzte man Dar- 
bietende des Inneren ( ^ f^ ^ nei-kung-ßing) ein. 



T ^ Tschü-jni .der den Rechnungstafeln Vorgesetzte'. Derselbe ist ein Einziger 
und gehört zu dem unteren Theile der nachfolgenden siebenten Classe. 

^ ^ Lö-sse , Sachen Verzeichnende'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem 
unteren Theile der nachfolgenden neunten Classe. 

Zu diesem Amte gehören : 

3E ^ Tschü-sse ,den Sachen Vorgesetzte' zwei. 

Zu dem Gebäude der Erdstufe (thai-ynen) gehören : 

Ling-sse , gebietende Vei'merker' achtundsiebzig. 

Schu-ling-sse , gebietende Vermerker der Bücher' fünfundzwanzig. 

Ting-tschang ,Aelteste des Einkehrhauses' sechs. 



2 1 G Pfizmaier. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' zwölf. 

Zu dem Gebäude der Vorhalle (thien-yiien) gehören: 

Ling-sse , gebietende Vermerker' acht. 

Sclm-ling-sse , gebietende Vermerker der Bücher' achtzehn. 

Zu dem Gebäude der Untersuchung (tsch'ä-yuen) gehören : 

gf ^ Ki-sse , berechnende A^ermerker' vierunddreissig. 

Ling-sse , gebietende Vermerker' zehn. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' zwölf. 



■^ 4^ "(^ f^P ^ Thien-tschung sse-yü-sse ,die aufwartenden kaiserlichen Vermerker 
in der Mitte der Vorhalle'. Dieselben sind neun und g-ehören zu dem unteren Theile 



der nachfolgenden siebenten Classe. 



Sie befassen* sich mit dem Verfahren bei der Darreichung in der Vorlialle und in 
dem Vorhofe. Die Krieger der Mutterstadt, des Kreises der Mutterstadt und diejenigen 
der Landstriche gehören zu ihnen. 

^ ^ f^P ^ Kien-tscliä yü-sse ,die beaufsichtigenden und imtersuchenden kaiser- 
lichen Vermerker'. Dieselben sind fünfzehn und gehören zu dem unteren Theile der 
richtigen achten Classe. 

Sie befassen sicli getrennt mit der Untersuchung der hundert Amtsgenossen und 
ziehen durch die Landstriche und Kreise. Die Streitigkeiten, die Opfer in dem Kriegs- 
heere, das Aufbauen der Lager, die Ausgaben und Einnahmen der Sammelhäuser werden 
von ihnen überwacht. 



^ '^ -v(- ^|[) Thai-tschang-sse khiiig ,der Keichsminister des Gebäudes des grossen 
Beständigen'. Dieser Würdenträger ist ein Einziger und gehört zu der richtigen dritten 
Classe. 

"j/' ^pP Sdiao-khing ,die kleinen Reichsminister'. Dieselben sind zwei und gehören 
zu dem oberen Theile der richtigen vierten Classe. 

Dieses Amt befasst sich mit der Sache der Gebräuche und Musik, der Vorwerke, 
der Ahnentempel und der Landesgötter. Es leitet die Abtheilungen der Altäre in den 
Vorwerken, der grossen Musik, der Trommeln und Blasewerkzeuge, des grossen Arztes^ 
der grossen Wahrsagung, der Scheunen, der Opferthiere, der Tempel und Ahnentempel. 
Die kleinen Reichsminister (schao-khing) stehen als die Zweiten zur Seite. 

Für die Aufbewahrung der Geräthe und Kleider der Darbietungen hat man die 
folgenden vier Gebäude ( |^ yibeii) : 

1- ^ if^ ßni Thicn-fu-ynen ,das Gebäude des Sammelhauses des Himmels'. Man 
verwalirt in diesem die glücklichen Wahrzeichen und die bei den Angriffen auf Reiche 
erbeuteten Kostbarkeiten. 

2. pP ^ [Jtc Yü-i-yucn ,das Gebäude der kaiserlichen Kleider'. Man verwahrt in 
diesem die Opferkleider des Himmelssohnes. 



Darlegung der chinesischen Ämter. 217 

3- ^ /p> 1?^ Yu-hiuen-yuen ,clas Gebäude der Aufhängung der Musik'. Man 
verwahrt In diesem die Werkzeuge der sechs Arten der Musik. 

4. jjiljl ^ ^ Schin-tsch' ü-ijuen ,das Gebäude der göttlichen Küche'. Man verwahrt 
darin die kaiserlichen Getreide vorräthe und die Geräthe für die Sclaven und Sciaviniien 
der Obrigkeiten. 

Anfänglich gab es Angestellte Nanaens "^ ^ ^ ^ l-kuan sckü-ling , Gebietende 
der Abtheilung der Kleider und Mützen'. Dieselben gehörten zu dem oberen Theile 
der richtigen achten Classe. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Tsching-kuan (G27 n. Chr.) wurde der Name ^ schü 
abgeschafft. 

Als Kaiser Kao-tsung zu seiner Rangstufe gelangte, veränderte man den Namen 
Vo ;|a ^|5 tschi-U-lang ,Leibwächter des Ordnens der Gebräuche' zu ^ |§ ^|5 fung-li- 
lang ,der die Gebräuche darbietende Leibwäcliter". Man vermied dabei '/p tschi, den 
Namen des Kaisers Kao-tsung. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-sö (662 n. Chr.) veränderte man den Namen 
tltai-tschang-sse , Gebäude des grossen Beständigen' zu ^ '^ ^ fiuu/-t.schang-sse , Gebäude 
des das Beständige Darbietenden'. 

Der Reichsminister (khing) hiess jE ^ tsching-khing ,der richtige Reichsgehilfe'. 

Der kleine Reichsminister (schao-khing) hiess ~)x. ^ ta-fu ,der grosse Mann'. 

Zu den" Zeiten der Kaiserin von dem Geschlechte Wu, im ersten Jahre des Zeit- 
raumes Kuang-tsch'i (684 n. Chr.) veränderte man den Namen thai-tschang-sse ,Gebäude 
des grossen Beständigen' wieder zu ^ ijig ^ sse-U-sse , Gebäude der A'orstehung der 
Gebräuche'. 

Zu diesem Amte gehören noch : 

^ Sching , Gehilfen'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem unteren Theile der 
nachfolgenden fünften Classe. 

^ ^ Tsch'd-pu ,den Kechnungstafeln Vorgesetzte'. Dieselben sind zwei und gehören 
zu dem oberen Theile der nachfolgenden siebenten Classe. 

f§ ^ Posse , vielseitige Gelehrte'. Dieselben sind vier und gehören zu dem oberen 
Theile der nachfolgenden siebenten Classe. Sie befassen sich mit der Unterscheidung 
der fünferlei. Gebräuche, beurtheilen die Verdienste und die Fehler, das Gute und das 
Böse von den Königen, Fürsten und den Würdenträgern der drei Stufen aufwärts. Sie 
bilden für sie die nach dem Tode zu führenden Namen. Sind es gTOsse Gebräuche, so 
stehen sie den Reichsministern bei der Führung zur Seite. 

^fc JPi£ Thai-tsch'ö ,die grossen Betenden'. Dieselben sind sechs und gehören zu 
dem oberen Theile der richtigen neunten Classe. Sie befassen sich mit dem Heraus- 
bringen und Hereinbringen des dem Geiste Vorgesetzten. Bei dem Opfer lesen sie kniend 
den Text des Gebetes. Ist es ein Opferthier der verschlossenen Abtheilung des Reichs- 
ministers, so gehen sie um das Opferthier herum und melden die Erfüllung. Sie ziehen 
es dann fort und übergeben es dem grossen Amte. 

^ 'IM ^P Fung-U-lang ,der die Gebräuche darbietende Leibwächter'. Dieselben 
sind zwei und gehören zu dem oberen Theile der nachfolgenden neunten Classe. 

■j^ ^ ^|5 Hiä-liö-lang ,die Leibwächter der übereinstimmenden Musiktöne'. Die- 
selben sind zwei und gehören zu dem oberen Theile der richtigen achten Classe. 

Denkschriften der phil.-hist. Cl. XXIX. Bd. 28 



218 Pfizmäier. 

^ ^ Lasse ,die Sachen Verzeichnende'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem 
oberen Theile der richtigen neunten Classe. 

PI^ M 5d^ ^1fi ^ ^"^ Liang-king kiao-sche schü-ling , Gebietende der Abtheilungen 
der Altäre der Vorwerke der beiden Mutterstädte'. Dieselben sind in jeder Mutterstadt 
ein Einziger und gehören zu dem unteren Theile der nachfolgenden siebenten Classe. 

^ Sching , Gehilfen'. Dieselben sind je Einer und gehören zu dem oberen Theile 
der nachfolgenden achten Classe. 

Zu diesem Amte gehören : 

/f^ Fu , Angestellte des Sammelhauses' zwei. 

^ Hi.^e , Vermerker' vier. 

Ä ^ Tien-sse ,den Sachen Vorgesetzte' fünf. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' fünf. 

PI ^ Men-pö ,Knechte des Thores' acht. 

^ ^|5 Tsai-lang ,Leibwächter des Betens' einhundert zelin. 

Die Leibwächter des Betens (tsai-lang) befassen sich mit dem Dienste der Dar- 
bietung in dem Ahnentempel der Vorwerke. 

In den inneren Häusern des grossen Alinentempels hat ein jedes innere Haus 
( ^ schl) drei Aelteste {^ tsc?inng). Dieselben sind den Weinfässern, Krügen, Zelten, 
Schlössern und Schlüsseln vorgesetzt. 



'^K ^x ^ ^ Ta-yö schü-ling , Gebietende der Abtheilung der grossen Musik'. Die- 
selben sind zwei und gehören zu dem unteren Theile der nachfolgenden siebenten Classe. 

9fi._ Sching , Gehilfe'. Derselbe ist ein Einziger und gehört zu dem unteren Theile 
der nachfolgenden achten Classe. 

^ jE Yö-tsching ,Richtige der Musik'. Dieselben sind acht und gehören zu dem 
unteren Theile der nachfolgenden neunten Classe. 

Bei diesem Amte waren angestellt : 

jfrp Fu , Angestellte des Sammelhauses' drei. 

^ Hse , Vermerker' sechs. 

Tien-sse ,den Sachen Vorgesetzte' acht. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' sechs. 

Leibwächter des Tanzes sowohl der Angestellten der Schrift als des Krieges (loen- 
wu ni-ivu lang) einhundert vierzig. 

wL ^ San-yii ,die Musik Ausstreuende' dreihundert zweiundachtzig. 

Ix ft ^ ^ Tsch'ang-nei san-gö ,die Musik innerhalb der bewaffneten Leibwache 
Ausstreuende' eintausend. 

^ ^ A Tin-sching-jin , Menschen der Töne' zehntausend siebenundzwanzig. 



DaRLEGUNO der CIIINESISCUEN ÄmTER. 210 

^ ^ ^ ^ Ku-tschhä-schü-ling ,der Gebietende der Abtheilung der Trommeln 
lind Blasewerkzeiige'. Dieselben sind zwei und geliüren zu dem unteren Tlieile dar 
richtigen siebenten Classe. 

9i< Sching ,Gehilfen'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem unteren Theilc der 
uachfolgenden achten Classe. 

1^ jE Yu-tsching , Richtige der Musik'. Dieselben sind vier und gehören zu dem 
unteren Theile der nachfolgenden neunten Classe. 



'JZ ^ ^ ^ Thal-i-schü ling ,die Gebietenden der xibtheilung der grossen Aerzte'. 
Dieselben sind zwei und gehören zu dem unteren Theile der nachfolgenden siebenten 
Classe. 

^ Sching , Gehilfen'. Dieselben sind zwei. 

W ^ I-kien , Beaufsichtiger der Aerzte'. Dieselben sind vier und gehören gleich 
den A^origen zu dem unteren Theile der nachfolgenden achten Classe. 

^ jE l-fscliing ,die Richtigen der Aerzte'. Dieselben sind acht und gehören zu 
dem unteren Theile der nachfolgenden neunten Classe. 

Der Gebietende (lingj befasst sich mit der Weise der Heilung durcli die Aerzte. 

Dieses Amt hat vier Zugetheilte. Dieselben sind : 

1. ^ 0iP I-sse ,der Meister der Aerzte'. 

2. "^f 0r|j Tschin-sse ,der Meister der Nadel'. 

3. ^ ^ ^iP Ngan-ino-sse ,der Meister des Knetens'. 

4. ^ M^ ^H) TscK ö-kin-sse ,Meister der Verwünschung und Verwehrung'. 
Zu diesem Amte gehören: 

Fih , Angestellte des Sammelhauses' zwei. 

Äse .Vermerker' vier. 

T 1^ Tschü-yö ,den Arzneien Vorgesetzte' acht. 

1^ ^ Yö-tung , Arzneiknaben' vierundzwanzig. 

1^ IS &iß Yö-yuen-sse , Meister der Arzneigärten' zwei. 

Yö-y 11671- ^ seng , Schüler der Arzneigärten' acht. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' vier. 

^ ßÜJ I-se ,Meister der Aerzte' achtundzwanzig. 

^ IC I-kung ,Künstler der Aerzte' einhundert. 

§ ^ I-seng , Schüler der Aerzte' vierzig. 

Ä ^ Tien-yÖ .der den Arzneien Vorgesetzte'. Derselbe ist ein Einziger. 

^\ IC. Tschin-ktmg ,Künstler der Nadel' zwanzig. 

'^f ^ Tschin-seng , Schüler der Nadel' zwanzig. 

^ J^ m Ngan-mo-kung ,Künstler des Knetens' sechsundfünfzig. 

Ngan-mo- ^ seng , Schüler des Knetens' fünfzehn. 

TscK ö-kin-sse ,Meister der Verwünschung und Verwehrung' zwei. 

28* 



220 Pfizmaier. 

Tsch'o-kin-kimg , Künstler der Verwünschung und Verwelirung' acht. 
Tsclnj-kin-seng , Schüler der Verwünschung und Verwehrung' zehn. 



^ t$ i I-po-sse ,der ärztliche vielseitige Gelehrte'. Derselbe ist ein Einziger 
und gehört zu dem oberen Theile der i-ichtigen achten Classe. 

^ ^ Tsu-kiao ,der Helfende bei Belehrung'. Derselbe ist ein Einziger und gehört 
zu dem oberen Theile der nachfolgenden neunten Classe. 

Dieses Amt befasst sich mit dem Unterrichte der Schüler in dem Pflanzenbuche 
und dem mustergiltigen Buche der Pulse. 

"^f i^ i Tschin-pö-sse ,der vielseitige Gelehrte der Nadel'. Derselbe ist ein Ein- 
ziger und gehört zu dem oberen Theile der nachfolgenden achten Classe. 

^ ^ Tsu-kiao ,der Helfende bei Belehrung'. Derselbe ist ein Einziger. 

^\ Blfi Tschin-sse ,die Meister der Nadel'. Dieselben sind zehn und gehören gleich 
dem Vorigen zu dem unteren Theile der nachfolgenden neunten Classe. 

Diese Angestellten unterrichten die Schüler der Nadel in den Pulsen und Höhlungen 
gleichwie die Schüler der Aerzte. 

j^ ^ Ngan-ma ixt-sse ,der vielseitige Gelehrte des Knetens'. Derselbe ist ein 
Einziger. 

Ngan-ma-sse , Meister des Knetens'. Dieselben sind vier und alle gehören zu dem 
unteren Theile der nachfolgenden neunten Classe. 

Diese Angestellten befassen sich mit dem Unterrichte in der "Weise des Ziehens, 
um Krankheiten und Schäden zu entfernen. Verrenkungen beim Straucheln richten sie ein. 

5t( ^ Tsch'u-kin po-sse ,der vielseitige Gelehrte der Verwünschung und Verwehrung. 
Derselbe ist ein Einziger und gehört zu dem unteren Theile der nachfolgenden neunten 
Classe. Er befasst sich mit dem Unterrichte in der Verwünsclumg und Verwehrung, in 
dem Bannen und Entfernen. Die Ausübenden fasten und beten, indem sie diese Kunst 
erlernen. 



^)^ V' ^ ^ T]iai-2)ö-scMl ling ,der Gebietende der Abtheilung der grossen Wahr- 
sagung'. Derselbe ist ein Einziger und gehört zu dem unteren Theile der nachfolgenden 
siebenten Classe. 

^ Sching , Gehilfen'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem unteren Theile der 
nachfolgenden achten Classe. 

|> iE Pö-tsching , Richtige der Wahrsagung'. 

ff' i Tschung-sse ,voi-zügliclie Männer der Mitte'. 

Diese zwei Angestellten sind je zwei und gehören zu dem unteren Theile der nach- 
folgenden neunten Classe. Sie befassen sich mit der Weise der Wahrsagung. 

Zu diesem Amte gehören : 
h ^ ^ Pö-tsu-kiau ,bei der Belehrung durch die Wahrsagung Helfende' zwei. 



Darlegung der chinesischen Ämter. 221 

b ^iß Pö-sse , Meister der Wahrsagung' zwanzig. 
M 0fll ^Vi'-sse , Meister der Beschwörer' fünfzehn. 

h M ^ Pö-schi-seng , Schüler der Wahrsagung' fünfundvierzig. 
/f^- Fu ,der Angestellte des Sammelhauses'. Derselbe ist ein Einziger. 
^ Äse , Vermerker' zwei. 
Schang-liu ,mit Befestigung sich Befassende' zwei. 



W^ W^ M ^ Lin-hi-schü ling ,der Gebietende der die Opfei'thiere versorgenden 
Abtheilung'. Derselbe ist ein Einziger und gehört zu dem unteren Theile der nach- 
folgenden achten Classe. 

^ Sching , Gehilfen'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem unteren Theile der 
richtigen neunten Classe. 

Diese Angestellten befassen sich mit der Sache der Getreidefülle für die Opferthiere. 

Zu dem Amte gehören : 

IfJ Fn ,der Angestellte des Sammelhauses'. Derselbe ist ein Einziger. 

Sse ,Vermerker' zwei. 

Ä ^ Tkn-sse ,der Sache Vorgesetzte' zwei. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' zwei. 

W' ^ ^ '^ Fen-sse-schü ling ,der Gebietende des umflossenen Tempels'. Derselbe 
ist ein Einziger und gehört zu dem unteren Theile dei- nachfolgenden siebenten Classe. 

^< Sching ,der Gehilfe'. Derselbe ist ein Einziger und gehört zu dem unteren 
Theile der nachfolgenden achten Classe. 

Diese Angestellten befassen sich mit der Anordnung des Besprengens und des Fegens 
bei der Darreichung und dem Opfer. 

Zu dem Amte gehören : 

Fu ,Angestellte des Sammelhauses' zwei. 

Sse , Vermerker' vier. 

^ ^ Miao-kan , Fähige des Ahnentempels' zwei. 

Die umschlossenen Abtheilungen (^ schü) wurden im einundzwanzigsten Jahre 
des Zeitraumes Khai-yuen (733 n. Chr.) errichtet. 



Für die den drei erhabenen Kaisern (san-ltoang), den fünf Kaisern (u-ti) vorangegan- 
genen Kaiser und Könige (ti-wang), die drei erhabenen Kaiser, die fünf Kaiser (san- 
hoang u-ti), ferner Wen, König von Tscheu, Wu, König von Tscheu, Kao-tsu von Han, 
dann die in den Ahnentempeln der beiden Mutterstädte befindlichen Könige Wu und 
Tsching gibt es folgende Angestellte : 

-^ Ling ,der Gebietende'. Derselbe gehört zu dem unteren Theile der nachfolgenden 
sechsten Classe. 



222 



Pfizmaier. 



^ Sching ,dei- Gehilfe'. Derselbe ist ein Einziger und gehört zu dem unteren 
Theile der richtigen achten Classe. 

Diese Angestellten befassen sich mit dem Oeffnen der Thorflügel, mit Besprengen, 
Fegen und den Gebräuchen der Darbringung. 

Zu diesem Amte gehören: 

^ ^ Lö-sse ,der die Sachen Verzeichnende'. Derselbe ist ein Einziger. 

jfrf Fa , Angestellte des Sammelhauses' zwei. 

Sse , Vermerker' vier. 

Miao-kan , Fähige des Ahnentempels' zwei. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' vier. 

Men-pö ,Knechte des Thores' acht. 

Im zweiten .Jahre des Zeitraumes Schin-lung (70G n. Chr.) errichtete man in den 
beiden Mutterstädten eine umschlossene Abtheilung des Ahnentempels des grossen Fürsten 
von Thsi (^ 3^ 4^ MI ^ thsi-fhai-kung miao-schü). Später schaffte man sie ab. Im 
neunzehnten .Jahre des Zeitraumes Khai-yuen (731 n. Chr.) errichtete man sie von Neuem. 

Im dritten Jahre des Zeitraumes Thien-pao (744 n. Chr.) hatte man die umschlossene 
Abtheilung des Ahnentempels des Königs Wen von Tscheu (tscheu-wen-ivang miao-scMl) 
errichtet. Im sechsten Jahre desselben Zeitraumes (749 n. Chr.) errichtete man die um- 
schlossene Abtheilung des Ahnentempels der drei erhabenen Kaiser und der fünf Kaiser 
(san-hoang u-ti miao-schü). 

Im siebenten Jahre des Zeitraumes Thien-pao (7.50 n. Chr.) errichtete man eine 
umschlossene Abtheilung des Ahnentempels der den drei erhabenen Kaisern (san-hoang) 
und fünf Kaisern (tt-ti) vorhergegangenen Kaiser und Könige (ti-wang). Im neunten 
Jahre desselben Zeitraumes' (752 n. Chr.) errichtete man eine umschlossene Abtheilung 
des Ahnentempels des Königs Wu von Tscheu und des Kaisers Kao-tsu von Han. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Schang-yuen (760 n. Chr.) veränderte man den 
Namen thsi-thai-kung schü ,umschlossene Abtheilung des grossen Fürsten von Thsi' zu 
wu-tsching-wang miao-schn ,umschlossene Abtheilung des Ahnentempels der Könige Wu 
und Tsching'. 



7t f^ ^ M Kuang-lö-sse khing ,der Reichsminister des Gebäudes des glänzenden 
Gehaltes'. Derselbe ist ein Einziger und gehört zu der nachfolgenden dritten Classe. 

4""* ^iP Schao-khing ,die kleinen Reichsminister'. Dieselben sind zwei und gehören 
zu dem oberen Theile der nachfolgenden vierten Classe. 

^ Sching ,Gehilfen'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem oberen Theile der 
nachfolgenden sechsten Classe. 

^ ^ Tschü-pn ,die den Rechentafeln Vorgesetzten'. Dieselben sind zwei und 
gehören zu dem oberen Theile der nachfolgenden siebenten Classe. 

Diese Würdenträger befassen sich mit den Einrichtungen der Darreichung des 
Weines und dei- Speisen. Sie leiten folgende vier umschlossene Abtlieilungen (^ schil): 

1. 3^ 1^ Thai-knan ,das grosse Amt'. 

2. ^ ^ Tschin-sieu ,die Darreiclumg der Kleinode'. 



DaRLEGUNO der CHINläSISClIEN AmTER. 223 

3. ^ 5m. Liang-wen ,das Kochen des vortrefflichen Weines'. 

4. ^ @m Tschang-hai ',das Befassen mit dem Eingelegten'. 
Zu diesem Amte gehören noch: 

^ ^ Lu-sse ,die Sachen Verzeichnende' zwei. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-sö (662 n. Chr.) veränderte man den Namen 
Kuang-lö-sse ,Gebäude des glänzenden Gehaltes' zu '^ ^ ^ sse-tse-sse ,das den \'or- 
gesetzten vorstehende umschlossene Gebäude'. 

Zu den Zeiten der Kaiserin von dem Geschlechte Wu, im ersten Jahre des Zeit- 
raumes Kuang-tsch'i (684 n, Chr.) sagte man ^ ^ ^ sse-schen-sse ,die den Speisetafeln 
vorstehende umschlossene Abtheilung'. 

Die Angestellten sind noch folgende : 

jjy- Fic , Angestellte des Sammelhauses' eilf. 

Sse , Vermerker' einundzwanzig. 

Ting-tschang ,Aelteste des Einkehrhauses' sechs. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' sechs. 



^fc W ^ "^ Tltai-kiian-schü ling ,die Gebietenden der umschlossenen Abtheilung 
des grossen Amtes'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem unteren Theile der nach- 
folgenden siebenten Classe. 

9f<. Schlug , Gehilfen'. Dieselben sind vier und gehören zu dem unteren Theile der 
nachfolgenden achten Classe. 

Diese Angestellten befassen sich mit der Darreichung von Speisetafeln uiid Speisen 
bei Opfern, Festen und Zusammenkünften an dem Hofe. An dem Tage eines Opfers meldet 
es der Gebietende (l>ng) dem Eeichsminister des Gebäudes des glänzenden Gehaltes (kuang- 
In-sse khing), begibt sich in die Küche und untersucht die Opferthiere und Kessel. Er nimmt 
helles "Wasser, helles Feuer. Nachdem er mit den Köchen die Opferthiere zerschnitten, 
Haare und Blut weggenommen, füllt er die Kessel an und kocht. Er füllt auch Bambus- 
gefässe an und stellt diese in die Speisezelte. 

Zu diesem Amte gehören als Angestellte: 

Fu , Angestellte des Sammelhauses' vier. 

Sse ,^ ermerker' acht. 

^ ^ Kien-schen , Beaufsichtiger der Speisetafeln' zehn. 

Kien-schen-sse ,die Speisetafeln beaufsichtigende Vermerker' fünfzehn. 

■^ ^ Kung-schen , Speisetafeln Darbietende' zweitausend vierhundert. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' vier. 



^ ^ M ^ Tschin-sieu-schü ling ,der Gebietende der umschlossenen Abtheilung 
der Darreichung der Kleinode'. Derselbe ist ein Einziger und gehört zu dem unteren 
Theile der richtigen achten Classe. 



224 Pfizmaier. 

^ Schhicj , Gehilfen'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem unteren Theile der 
richtigen neunten Classe. 

Diese Angestellten befassen sich damit, bei Opfern und Versammlungen an dem 
Hofe den Gästen Haselnüsse, Kastanien, Rauchfleisch, zubereitete Fische und Salz in 
namhaften Mengen anzubieten. 

Zu den Zeiten der Kaiserin von dem Geschlechte Wu, im ersten Jahre des Zeit- 
raumes Tschui-lamg (685 n. Chr.), veränderte man den bisher üblichen Namen ^ |^ ^ 
hiao-tsang-schü , umschlossene Abtheilung der Aufbewahrung der Speisen' zu tschin-sieu- 
schü ,umschlossene Abtheilung der Darreichung der Kleinode'. , Im ersten Jahi-e des 
Zeitraumes Schin-lung (705 n. Chr.) behielt man wieder den alten Namen. Im ersten 
Jahre des Zeitraumes Khai-yuen (713 n. Chr.) veränderte man ihn nochmals. 

Zu diesem Amte gehören die folgenden Angestellten : 

Fu ,Angestellte des Sammelhauses' drei. 

Sse , Vermerker' sechs. 

Ä § Tien-schu ,den Büchern Vorgesetzte' acht. 

^ [2 Si-tsiang , Zinnarbeiter' fünf. 

l'schang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' vier. 



Pi. im. ^ 'v' L/ang-wen-schü ling ,die Gebietenden der umschlossenen Abtheilung 
des Kochens des vortrefflichen Weines'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem 
unteren Theile der richtigen achten Classe. 

^ Sching , Gehilfen'. Dieselben sind zwei und gehöi-en zu dem unteren Theile der 
richtigen achten Classe'. 

Diese Angestellten befassen sich mit der Darreichung der fünfmal gemischten drei 
Weine. Bei einem Opfer in dem grossen Ahnentempel reichen sie die duftenden Pflanzen 
und füllen damit die sechs gewöhnlichen Gefässe. Wenn sie es dem Kaiser darreichen, 
so reichen sie im Frühling süss, im Herbst klar den mit Bodensatz gemengten Wein 
des Fallens der Maulbeerblätter. 

Zu diesem Amte gehören die Angestellten : 

Fu ^Angestellte des Sammelhauses' drei. 

i^ m. Kien-sse ,die Sachen Beaufsichtigende' zwei. 



Jnt 

jpj" Sm Schang-wen ,mit dem Weine sich Befassende' zwanzig. 
V@ [£ TJisiev-tsiang , Wein verfertiger' dreizehn. 

^ (/^ + ^) fimg-tsclü ,den Weinbecher Darreichende' einhundert zwölf. 
Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' vier. 



^ Sm ^ "^ Tschang -hai-schü ling ,der Gebietende der mit dem Eingelegten sich 
befassenden umschlossenen Abtheilung'. Derselbe ist ein Einziger und gehört zu dem 
unteren Theile der riclitigen achten Classe. 



Daulkgung der chinesischen Ämter. 225 

^ Sching , Gehilfen'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem unteren Theile 
der richtigen neunten Classe. 

Diese Angestellten befassen sich mit der Darreichung eingelegter und saurer (Jegen- 
stände. Diese Gegenstände sind vier und heissen : 

^- j^ Sm Lö-hai , Eingelegtes von Hirschen'. 

2- ^ Sm Tu-hai ,Eingelegtes von Hasen'. 

i^- ^ Sm Yang-hai , Eingelegtes von Schafen'. 

4. "^ @m Yü-hai , Eingelegtes von Fischen'. 

Für die Stammhäuser imd Ahnentempel gebraucht man Lauch und fiült damit die 
Kessel. Für die Gäste und Obrigkeiten gebraucht man sauren Trank und mengt damit 
das Eingemachte. 

Zu diesem Amte gehören die Angestellten : 

Fu , Angestellte des Sammelhauses' zwei. 

Äse , Vermerker' zwei. 

i Sm Tschü-hai ,dem Eingelegten Vorgesetzte' zehn. 

^ E Tsiang-tsiang ,Verfertiger sauren Trankes' dreiundzwanzig. 

@^ [2 Tscha-tsiang , Verfertiger von Essig' zwölf. 

gj [5 Schi-tsiang , Bereiter gesalzener Bohnen' zwölf. 

3f§ Sm [£ Tsiü-hai-tsiang , Bereiter von Eingelegtem mit Lauch' acht. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' vier. 



^ ^t ^ ^^P Wei-tvei-sse khivg ,der Reichsminister des Gebäudes des Beruhigers 
der Leibwache". Derselbe ist ein Einziger und gehört zu der nachfolgenden dritten 
Classe. 

:jP* ^ Schao-khmg ,die kleinen ßeichsminister'. Dieselben sind zwei und gehören 
zu dem obei'en Theile der nachfolgenden vierten Classe. 

^ Sching , Gehilfen'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem oberen Theile der 
nachfolgenden sechsten Classe. 

Diese Würdenti-äger befassen sich mit Werkzeugen und mit Gegenständen der Schrift. 
Sie leiten die folgenden drei umschlossenen Abtheilungen (^ schilp: 

1. ^ ^ Wn-khu ,die Rüstkammer des Krieges'. 

2. ^ ^ Wu-khi ,die Kriegswerkzeuge'. 

3. -rf' ^ Scheu-kimg ,die Bewachung des Palastes'. 

Wenn Kriegsgeräthe hei-einkommen, schreibt man von allen die Namen und die Zahl 
auf Tafeln. Bei Opfern und Versammlungen an dem Hofe reicht man das gebräuchliche 
Mass der Flügelfedern, Aexte, goldene Trommeln, Zelte, Vorhänge und Wagenteppiche. 
Wenn sie etwas der Leibwache des Palastes reichen, sehen sie es jährlich von Neuem 
durch. Wird etwas verdorben, so stellen sie es in dem kleinen Sammelhause (schao-fu) her. 

Zu diesem Amte gehören noch : 

4^ ^ Tschü-pu ,den Schrifttafeln Vorgesetzte'. Dieselben sind zwei und gehören 
zu dem oberen Theile der nachfolgenden siebenten Classe. 

Deukschrifteu der pLil.-hist. Cl. XXIX. Bd. "^'-1 



99(3 Ppizmaibr. 

^ ^ Lö-sse ,der die Sachen Verzeichnende'. Derselbe ist ein Einziger. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-sö (662 n. Chr.) veränderte man den Namen 
Wei-wei-sse ,das (Tebäude des Beruhigers der Leibwache' zu ^ ^ ^ sse-wei-sse ,das 
der Leibwache vorstehende Gebäude'. 

Zu den Zeiten der Kaiserin von dem Geschlechte Wu, im ersten Jahre des Zeit- 
raumes Kuang-tsch'i (684 n. Chr.) veränderte man den Namen nochmals. 

Es gab ferner die folgenden Angestellten: 

Fu , Angestellte des Sammelhauses' sechs. 

Sse , Vermerk er' eilf. 

Ting-tschang ,Aelteste des Einkehi-hauses' vier. 

Tscliang-kn .mit Befestigung sich Befassende' sechs. 

Die Gehilfen (sching) befassen sich mit der Beurtheilung der Sachen der umschlossenen 
Abtlieilung (schü) und unterscheiden die Zahl des Herauskommens und Hereinkommens 
der .Werkzeuge. In grossen Sachen emj^fangen sie die Einrichtungen und Ermahnungen. 
Sind es kleine Sachen, so bringen sie es in der verschlossenen Abtheilung des obersten 
Bucliführers (scliang-sdiü-ling) zu Ohren. 



PH M Ä ■¥ ^ ^ L«a?j^ - hing wu - khu - schü ling , die Gebietenden der um- 
schlossenen Abtheilung der kriegerischen Rüstkammer der beiden Mutterstädte'. Die- 
selben sind je zwei und gehören zu dem unteren Theile der nachfolgenden sechsten 

Classe. 

^ Sching , Gehilfen'. Dieselben sind je zwei und gehören zu dem unteren Theile 
der nachfolgenden achten Classe. 

Diese Angestellten befassen sich mit den aufbewahrten Kriegswerkzeugen. Wenn 
eine Verzeihung stattfindet, erheben sie ein goldenes Huhn und stellen eine Trommel 
zur rechten Seite des Thores der Palastfeste. Bei der Ankunft der in das Gefängniss 
gesetzten Menschen schlagen sie die Trommel. 

Angestellte sind ferner: 

1^ ^ Kien-sse , Beaufsichtiger der Sachen'. Dieselben sind in jeder Mutterstadt 
ein Einziger und gehören zu dem oberen Theile der richtigen neunten Classe. 

Die Beaufsichtiger der Sachen (kien-sse) bei den übrigen umschlossenen Abtheilungen 
(schü) gehören zu derselben Classe. 

Ueberdiess gibt es bei diesem Amte: 

F'/(, , Angestellte des Sammelhauses' sechs. 

Sse , Vermerker' sechs. 

Tien-sse ,den Sachen Vorgesetzte' zwei. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' fünf. 

Im fünfundzwanzigsten Jahre des Zeitraumes Khai-yucn (735 n. Chr.) errichtete 
man in der östlichen Hauptstadt (Lö-yang) ebenfalls eine umschlossene Abtheilung (schü) 
dieses Amtes. 



I 



DAKLEfliraCl DER CHINESISCHEN AmtEU. 227 

^ ^ ^ ^ Wu-khi-schil ling ,der Gebietende der umschlossenen Abtheilung der 
Kriegswerkzeuge'. Derselbe ist ein Einziger und gehört zu dem vmteren Theile der 
richtigen achten Classe. 

^ Sching ,Gehilfen'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem unteren Theile der 
richtigen neunten Classe. 

Diese Angestellten befassen sich mit den äusseren Kriegswerkzeugen. Bei Opfern, 
bei Umzügen und Besuchen des Kaisers schaffen sie die Kriegswerkzeuge in die Rüst- 
kammer des Krieges. Man verleiht für die Bestattung den Würdenträgern von der 
sechsten Classe ^aufwärts Wagenreihen und Hakenlanzen. Die Hakenlanzen sind vor dem 
Thore der Ahnentempel, der Altäre, der Paläste und Vorhallen vierundzwanzig. Vor 
dem Thore des östlichen Palastes sind es achtzehn. Vor dem Thore der zu der ersten 
Classe gehörenden Würdenträger sind es sechzehn, ^^or dem Thore der zu der zweiten 
Classe gehörenden Würdenträger, so wie der Vorgesetzten des Kreises der Mutterstadt, 
von Ho-nan und Thai-yuen, der Beaufsichtiger der grossen Hauptstadt, der Beschützer 
der grossen Hauptstadt sind es vierzehn. Vor dem Thore der zu der dritten Classe 
gehörenden Würdenträger, so wie der Beaufsichtiger der oberen Hauptstadt, der Be- 
aufsichtiger der mittleren Hauptstadt, der Beschützer der oberen Hauptstadt, den Thoren 
der oberen Landstriche, sind es zwölf. Vor dem Thore der Beaufsichtiger der unteren 
Hauptstadt, der Beschützer der unteren Hauptstadt, den Thoren des mittleren Land- 
strichs, des unteren Landstrichs, sind es je zehn. 

Die Kleider und Fahnen, welche verderben, wechselt man in fünf Jahren einmal. 
Den verstorbenen Kriegsmännern, wenn sie bereits begraben sind, schickt man sie nach- 
träglich zurück. 

Zu diesem Amte gehören als Angestellte: 

^ ^ Kien-sse ,die Sachen Beaufsichtigende'. 

Fu , Angestellte des Sammelhauses' zwei. 

Sse , Vermerker' sechs. 

Tien-sse ,den Sachen Vorgesetzte' zwei. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' vier. 

In dem Zeiträume Tsching-kuan (627 bis 649 n. Chr.) errichtete man in der öst- 
lichen Hauptstadt (Lö-yang) ebenfalls eine umschlossene Abtheilung (sch'd) dieses Amtes. 



^ "^ ^ ^ Scheu-kung-schü ling ,der Gebietende der umschlossenen Abtheilung 
der Bewachung des Palastes'. Derselbe ist ein Einziger und gehört zu dem unteren 
Theile der richtigen achten Classe. 

^ Sching ,die Gehilfen'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem unteren Theile 
der richtigen neunten Classe. 

Diese Angestellten befassen sich mit dem Darreichen von Vorhängen und kleinen 
Zelten. Bei Opfern, bei Umzügen und Besuchen des Kaisers stellen sie die Sitze der 
Könige, der Fürsten und der hundert Obrigkeiten hin. Wenn die Abtheilung der An- 
gestellten (li-pu), die Abtheilung der Waffen (ping-pu) und die Abtheilung der Gebräuche 
(li-pu) die Verdienste prüfen und Menschen erheben, so bieten diese Angesteliten Zelte. 



29* 



22S Pfizmmefi. 

Bei den Feierlichkeiten der Vermälung der Könige und Fürsten bieten sie eben- 
falls Zelte. 

Den Vorstehern, Aeltesten und höchsten Obrigkeiten der Mutterstadt verleihen sie 
je nach den Classen Netzgeflechte der Betten. Wenn sie fremdländischen Gästen Vor- 
hänge reichen, so betrachten sie dieses für die Monate eines Jahres. Für die Dauer der 
Teppiche rechnen sie drei Jahre. Für die Dauei" der Filzdecken rechnen sie fünf Jahre. 
Für die Dauer der Matrazen rechnen sie sieben Jahre. Wenn die Gegenstände nicht 
bis zu der bestimmten Zeit dauern und früher verderben, so wird eine leichte Strafe 
verhängt. 

Angestellte dieses Amtes sind ferner : 

^ ^ Kien-sse ,die Sachen Beaufsichtigende' zwei. 

Fu , Angestellte des Sammelhauses' zwei. 

Sse , Vermerker' vier. 

^ ^ Tschang-sche ,mit dem Hinstellen sich Befassende' sechs. 

^ dt Müsse , vorzügliche Männer der Zelte' achtzig. 

T.sc/iatig-kit ,mit Befestigung sich Befassende' vier. 



^ jH ^ ^^P Tsung-tsching-sse khing ,der ßeichsminister des richtigen Gebäudes 
des Stammhauses'. Derselbe ist ein Einziger und gehört zu der nachfolgenden dritten Classe. 

^ ^ Schao-khing , kleine Reichsminister'. Dieselben sind zwei und gehören zu 
dem oberen Theile der nachfolgenden vierten Classe. 

^ ScJiing ,Gehilfen'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem oberen Theile der 
nachfolgenden sechsten Classe. 

Diese Würdenträger befassen sich mit den zugehörigen Schrifttafeln der Seiten- 
geschlechter und Verwandten des Himmelssohnes, wobei sie die in dem Ahnentempel 
üblichen Nachfolgen fl3 Tschao und ^ Mö unterscheiden, 

Sie leiten die folgenden umschlossenen Abtheilungen (^ scliü): 

1- 1^ ft Ling-thai ,die Erdstufe der Grabhöhen'. 

'^^ ^ ^ Thsi(ng-hiuen ,das hochragende Himmelfarbene'. 

Die Verwandten des Kaisers haben fünf Abstufungen, welche früher von dem Vor- 
steher der Lehen {^ ^ sse-fimg) bestimmt werden. Dieselben sind: 

1. Die nächsten Verwandten des Kaisers, der Vater und die Mutter der Kaiserin. 
Sie gehören zu der dritten Classe. 

2. Die Verwandten des Kaisers mit grossen Verdiensten, die Geehrten mit kleinen 
Verdiensten, die nächsten Verwandten, welche zu der Grossmutter, der Mutter und der 
Gemalin des Himmelssohnes gehören. Sie gehören zu der vierten Classe. 

3. Die Verwandten des Kaisers mit kleinen Verdiensten, die Geehrten in fortlaufender 
Linie, die zu der Grossmutter, der Mutter, der Gemalin des Himmelssohnes^ gehörenden 
Verwandten mit grossen Verdiensten. Sie gehören zu der fünften Classe. 

4. Die Verwandten des Kaisers in fortlaufender Reihe, die Geehrten, welche das 
Kleid zur Linken abgelegt, die zu der Grossmutter, der Mutter und der Gemalin des 
Himmelssolines gehörenden Verwandten mit kleinen Verdiensten. 



Dauleoung der chinesischen Ämter. 229 

5. Die Verwandten des Kaisers, welche das Kleid zur Linken abgelegt, welche um 
die Grossmutter des Himmelssohnes kleine Verdienste haben und niedrig sind, die zu 
der Grossmutter des Himmelssohnes in forthxufender Reihe gehörenden Verwandten. Sie 
gehören zu der sechsten Classe. 

Die Söhne und Töchter der mit dem Kaiser verwandten Männer und Frauen steigen 
um zwei Stufen niedriger als die ursprüngliche Verwandtschaft herab. Die übrigen 
Verwandten steigen um drei Stufen niedriger herab. Die Geehrten steigen um eine 
Stufe vorwärts. Diejenigen, welche um mehr als fünf Stufen herabsteigen, sind keine 
Verwandten. 

Die Könige, die grossen ältesten Kaisertöchter, die ältesten Kaisertöchter sind Ver- 
Avandte von der ursprünglichen Classe. Die in der Nachfolge herrschenden Könige, die 
Könio-e der Landschaften, wenn sie nicht Verwandte der dritten Abstufung sind, gehören 
zu der fünften Classe. Die Gemale der Kaisertöchter gehören zu den Verwandten. 

Bei Opfern, bei Befehlen vermittelst der Beglaubigungsmarken und bei Versamm- 
lungen an dem Hofe, reichen diejenigen, welche mit einer Rangstufe betheilt werden 
oder ein Lehen erhalten, die Schrifttafel dem Vorsteher der Lehen (sse-fung) empor. 

Zu diesem Amte gehören ferner: 

^ ^ Tschü-pu , Vorgesetzte der Schrifttafeln'. Dieselben sind zwei und gehören 
zu dem oberen Theile der richtigen siebenten Classe. 

Ein Amtführer, welcher die Abbildungen und Register versteht. 

Ein Amtführer, welcher die Edelsteintafeln ordnet. 

Ein Amtführer, welcher die weiteren Erklärungen der Denkschriften der Söhne des 
Stammhauses versteht. 

^ ^ Lö-sse ,die Sachen Verzeichnende' zAvei. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Wu-te (619 n. Chr.) wurde das Amt eines ^ 0jß 
tsung-sse ,Meister des Stammhauses' geschaffen. Dieser Würdenträger war ein Einziger. 
Später schaffte man das Amt ab. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Lung-sö (662 n. Chr.) veränderte man den Namen 
tsung-tsching-sse ,das richtige Gebäude des Stammhauses' zu ^ ^ -jj- sse-tsimg-sse ,das 
dem Stammhause vorstehende Gebäude'. 

Zu den Zeiten der Kaiserin von dem Geschlechte Wu, im ersten Jahre des Zeit- 
raumes Kuang-tsch'i (684 n. Chr.) sagte man ^ Ä # sse-schö-sse ,das hinzugegebene 
Gebäude der Vorsteher'. 

Ausserdem gehörten zu diesem Amte : 

Fu , Angestellte des Sammelhauses' fünf. 

Sse , Vermerker' fünf. 

Ting-tschang ,Aelteste des Einkehrhauses' vier. 
Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' vier. 

M ^ 3^ JÜ ^ ^P /iirm^-/?f thai-miao tschai-lang , Leibwächter des Betens für die 
grossen Ahnentempel der Mutterstadt'. Dieselben waren je einhundert dreissig. 
f1 ^ Men-pö' ,Knechte des Thores' je dreiunddreissig. 
Tschü-pu ,den Schrifttafeln Vorgesetzte' zwei. 
Lö-sse ,die Sachen Verzeichnende' zwei. 



230 



Pfizmaier. 



^ H^ Ä ^ Tschü4ing-ihai ling ^derGehietende devErdstute der Grahhöhen'. Derselbe 
ist je ein Einziger und gehört zu dem oberen Theile der nachfolgenden fünften Classe. 

^ Sching ,der Gehilfe'. Derselbe ist je ein P]inziger und gehört zu dem unteren 
Theile der nachfolgenden siebenten Classe. 

J^ ^ ^ J^ [^ -^ Hing-Jiing yung-khang-Ung ling ' ,die Gebietenden der Grab- 
höhen Hing-ning und Yung-khang. Dieselben sind je ein Einziger und gehören zu dem 
unteren Theile der nachfolgenden siebenten Classe. 

^< Sching ,Gehilfen'. Dieselben sind je ein Einziger und gehören zu dem unteren 
Theile der nachfolgenden achten Classe. 

Diese Angestellten befassen sich mit der Bewachung der Grabhöhen der Berge. 
Wenn die Bestattung daselbst gewährt wird, vertheilt man die Angestellten der Schrift 
und des Krieges zur Rechten und Linken. Bei den Söhnen, Enkeln, Oheimen und Gross- 
vätern ist es ebenso. 

Wenn den Menschen des Palastes die Bestattung daselbst gewährt wird, bauen die 
Thüren der Grabhöhe (die zu der Grabhöhe gehörenden Thüren des Volkes) einen Grab- 
hügel. An allen vier Zugängen zu den Grabhöhen befindet sich aufgeworfene Erde, 
wodurch den Menschen des Volkes die Bestattung verwehrt wird. Die alten Grabhügel 
werden jedoch nicht zerstört. 

Zu der Erdstufe der beiden Grabhöhen gehören die folgenden Angestellten: 

Lö-sse ,der die Sachen Verzeichnende'. Dieselben sind je ein Einziger. 

Fu .Angestellte des Sammelhauses'. Dieselben sind je zwei. 

Sse , Vermerker'. Dieselben sind je vier. 

■^ Z^ Tschü-i ,den Kleidern Vorgesetzte' je vier. 

4^ ^ Tschü-ti ,den Handwagen Vorgesetzte' je vier. 

■^p ^ Tschü-yö ,den Arzneien Vorgesetzte' je vier. 

Tien-sse ,den Sachen Vorgesetzte' drei. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' je zwei. 

[^ p Ling-hu ,Thüren der Grabhöhen' (zu den Grabhöhen gehörende Menschen 
der Thüren des Volkes) je dreihundert. Die Grabhöhen Tschao-ling, Khien-ling und 
Khiao-ling erhalten lumdert Menschen mehr. 

Die Grabhöhen hatten dann die folgenden Angestellten: 

Lö-sse ,der die Sachen Verzeichnende'. Derselbe war je Einer. 

Fu ,die Angestellten des Sammelhauses' je Einer. 

Sse , Vermerker' je zwei. 

Tien-sse ,den Sachen Vorgesetzte' je zwei. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' je drei. 

Ling-hu ,Thüren der Grabhöhen' je hundert. 

^ ^ "?■ JÜ ^ Tschü-thai-tse miao-ling ,der Gebietende der Ahnentempel der 
grossen Söhne'. Derselbe ist je ein Einziger und gehört zu dem oberen Theile der 
nachfolgenden achten Classe. 

^ Sching ,GehiIfcn'. Dieselben sind je Einer und gehören zu dem unteren Theile 
der richtigen neunten Classe. 



' Diesen Worten ist ^ ;t<J] }A i|| khinn-lhsH khi-ymi vorgesetzt, was den Sinn ,in dem Zeiträume Kien-thsu (76 bis 
83 n. Chr.) zum Gebrauclie eröfl'nct' haben kann. Jedoch ist die Richtigkeit dieses Sinnes durch nichts nachzuweisen. 



Darleguku dku chinesischen Amter. 231 

^ ^ Lasse ,die Sachen Verzeichnende'. Dieselben sind je Einer. 

Der Gebietende (Hnr/) befasst sich mit dem zeitgemässen Besprengen, Fegen und 
mit dem Oeft'nen der Tliortlügel. Zu den vier Zeiten bringt er das Opfer. 

Zu diesem Amte gehören die Angestellten : 

Fu , Angestellte des Sammelhauses' je Einer. 

Sse , Vermerker' je zwei. 

Tien-sse ,den Sachen Vorgesetzte' je zwei. 

Tschang-kx ,mit Befestigung sich Befassende' je zwei. 

^ ^ -y- [^ ^ Tschil-thai-tse ling-ling ,die Gebietenden der Grabliöhen der grossen 
Söhne'. Dieselben sind je Einer und gehören zu dem unteren Theile der nachfolgenden 
achten Classe. 

^ Sching .Gehilfen'. Dieselben sind je Einer und gehören zu dem unteren Theile 
der nachfolgenden neunten Classe. 

Lö-sse ,die Sachen Verzeichnende'. Dieselben sind je Einer. 

Zu diesem Amte gehören noch die folgenden Angestellten : 

Fu , Angestellte des Sammelhauses' je Einer. 

Sse , Vermerker' je zwei. 

Tien-sse ,den Sachen Vorgesetzte' je zwei. 

Tscliang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' je Einer. 

f^ ^ Ling-hu ,zu der Grabhöhe gehörende Menschen der Thüren des Volkes' je 
dreissig. 

Zu dem Amte des grossen Beständigen (^~)^ ^ fhai-tschang^ gehörten ehemals: 

3^ JÜ ^ "^ Thai-fiäau-schü ling ,der Gebietende der umschlossenen Abtheilung 
des grossen Ahnentempels'. Derselbe war ein Einziger und gehörte zu dem unteren 
Theile der nachfolgenden siebenten Classe. 

^ Sching ,Gehilfen'. Dieselben waren zwei und gehörten zu dem unteren Theile 
der nachfolgenden achten Classe. 

^ ß|5 Tscliai-lang , Leibwächter des Betens' vierundzwanzig. 

^ ;^ ^ ^ Thsung-hiuen-schü ling ,der Gebietende der umschlossenen Abtheilung 
des hochragenden Himmelfarben en' ist ein Einziger und gehört zu dem unteren Theile 
der richtigen achten Classe. 

9$i. Sching ,Gehilfen' sind zwei und gehören zu dem unteren Theile der i-ichtigen 
neunten Classe. 

Diese Angestellten befassen sich mit der Zahl der Namen der Verwandten der 
Mutterstadt und treten mit den aufgespannten Schrifttafeln der Männer des Weges, mit 
der Sache des Betens und Opferns in Verbindung. Die Bonzen von Sin-lo und Japan, 
welche, um zu lernen, an den Hof kommen und in neun Jahren nicht zurückkehren, 
werden in die Schrifttafeln eingereiht. Wenn Männer des AVeges, Aufseherinnen, ' Bonzen 
und Nonnen vor dem Himmelssohne erscheinen, müssen sie sich verbeugen. 

Diejenigen, welche nicht länger als drei Nächte in einem Hause des Volkes verweilen 
und aus ihrem Nachtlager heraussteigen, werden sofort in die anstossende umschlossene 
Abtheilung aufgenommen. Sind es mehr als sieben Tage und ist der Weg weit, so 
sorgen die Landstriche und Kreise für die Reise. 



-tr '^ Niii-Iciian , weibliche Obrigkeiten', aucli -^T ^^ niu-kuan ,\veililiche Oberhäuiiter' genannt, sind Tao-Nonnen. 



232 rFIZMAIER. 

In dem ganzen ßeiche gibt es eintausend sechshundert siebenundachtzig Warten 
(^ kuan), siebenhundert sechsundsiebzig Männer des Weges, neunhundert achtundachtzig 
Aufseherinnen, fünftausend dreihundert achtundfünfzig Gebäude ( ^ .s.se), fünfundsiebzig- 
tausend fünfhundert vierundzwanzig Bonzen, fünfzigtausend fünfliundert sechsundsiebzig 
Nonnen. Die regelmässigen Bonzen, Nonnen, Männer des Weges und Aufseherinnen der 
beiden Mutterstädte überwacht ein einziger kaiserlicher Vermerker (yü-ssej. 

Jedes dritte Jahr verfertigen die Landstriche und Kreise Schrifttafeln. Eine solche 
Schrifttafel wird in dem Kreise zurückbehalten, eine wird in dem Landstriche zurück- 
behalten. Die Bonzen und Nonnen reichen eine zu der Abtheilung der Tempel (jjfß) i^jj 
sse-pu) empor. Die Männer des Weges und die Aufseherinnen reichen eine zu dem 
Richtigen des Stammhauses (^ jE tsung-tsing) , eine zu dem Vorsteher der Lehen 
( ^ ^ sse-fung) empor. 

Zu diesem Amte gehören : 

Fu ,Angestellte des Sammelhauses' zwei. 

Sse , Vermerker' drei. 

Tien-sse ,den Sachen Vorgesetzte' sechs. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' zwei. 

^ ^ ^ f$ it Thsung-hmen-hiÖ pö-sse ,der vielseitige Gelehrte des Lernens der 
Verehrung des Himmelfarbenen'. Derselbe war ein Einziger. 

^ ^ Hiö-seng , Schüler des Lernens' hundert. 

Sui gesellte sie zu dem den Gästen Vorgesetzten (y5|| |J§ hwng-lu)^ ferner zu dem 
himmelfarbenen Erdaltare der Bücher des Weges (^ ^ ^ i^ tao-tschang hiuen-tan). 

Thang setzte Beaufsichtiger der Warten der Klöster (^ -vT §1, ^ tschü-sse-kuan 
kien) ein und gesellte sie zu dem Kloster des Vorgesetzten der Gäste (Ibung-lu-sse). Jede 
Warte eines Klosters hatte einen Beaufsichtiger (kien). 

In dem Zeiträume Tsching-kuan (627 bis 642 n. Chr.) schaifte man das Amt des 
Beaufsichtigers der Warte des Klosters (sse-hian-kien) ab. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Schang-yuen (675 n. Chr.) setzte man einen Be- 
aufsichtiger des Pechgartens ( '^ §1 ^ tlisi-yuen kien) ein. Unvermuthet schaifte man 
die Stelle ab. 

Im fünfundzwanzigsten Jahre des Zeitraumes Khai-yuen (736 n. Chr.) setzte man 
das Lernen der Verehrung des Himmelfarbenen (thsung-hiuen-hiö) in dem Ahnentempel 
des Kaisers Hiuen-yuen ein. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Tliien-pao (742 n. Chr.) setzte man in den beiden 
Mutterstädten je einen vielseitigen Gelehrten, der bei dem Unterrichte zu helfen hatte 
und hundert Schüler des Lei'nens (hiö-seng) ein. Jeder Tempel empfing Schüler des 
Lernens an der Stelle der Leibwächter des Gebetes (^ ^(5 tschai-lang). 

Im zweiten Jahre desselben Zeitraumes (743 n. Chr.) veränderte man den Namen 
thsung-hiuen-hiö ,Lernen der Verehrung des Himmelfarbenen' zu ;^ ^ ff' .Gebäude der 
Verehrung der Weisheif. Für pö-sse ,vielseitiger Gelehrter' sagte man ^ Jt hiö-sse 
.vorzüglicher Mann des Lernens'. 

Für ^ ^ tsu-kiao ,beim Unterrichte helfend' sagte man [§! ^ dt tsch'l-hiö-sse 
, vorzüglicher Mann des geraden Lernens'. Man setzte zwei vorzügliche Männer des 
grossen Lernens (ta-hiö-sse) ein und machte zu solchen Vorgesetzte und ßeichsgehilfen 



Darlkgun« der ciiinesisciikn Ämter. 233 

(tsai-siang). Dieselben leiteten die liimmelfarbenen ursprüngliclien Paläste (hiuen-yuen- 
kung) der beiden Mutterstädte. 

Als das Gebäude des Weges (^ |^ tao-yin) die Welt veränderte, wurde thsung- 
hiuen-hiö ,das Lernen der Verehrung des liimmelfarbenen' zu j^ ^ ^ thung-tao-Mö 
,das Lernen des Verkehres mit dem Wege'. Ein vielseitiger Gelehrter (pö-sse) hiess tao-te 
■pö-sse ,ein vielseitiger Gelehrter des Weges und der Tugend'. Nach nicht langer Zeit 
Hess man davon ab. 

Um die Zeiträume Pao-ying und Yung-thai (762 bis 7Ü4 n. Chr.) waren die Schüler 
des Lernens (hio-seng), welche noch lebten, ziemlich verschwunden. Im dritten Jahre 
des Zeitraumes Ta-li (7(>8 n. Chr.) vermehrte man sie wieder bis zu hundert Menschen. 

Anfänglich gesellte man die Bonzen und Nonnen, die Männer des Weges und die 
weiblichen Obrigkeiten zu den Klöstern des Vorgesetzten der Gäste (huvg-lu sse). 7m 
den Zeiten der Kaiserin von dem Geschlechte Wu, im ersten Jahre des Zeitraumes 
Yen-tsai (694 n. Chr.), gesellte man die Bonzen und Nonnen zu der Abtheilung der 
Tempel {^ "nP sse-pu). 

Im vierundzwanzigsten Jahre des Zeitraumes Khai-yuen (735 n. Chr.) gesellte 
man die Männer des Weges und die weiblichen Obrigkeiten zu dem Kloster ^ IE 
Tsung-tsching. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Thien-pao (743 n. Chr.) gesellte man die Männer 
des Weges zu dem Vorsteher der Lehen ( W) ^ sse-fmig). 

Im vierten Jahre des Zeitraumes Tsching-yuen (788 n, Chr.) wurden in dem Ge- 
bäude der Verehrung des Himmelfarbenen (thsung-hmen-kitan) die vorzüglichen ^länner 
des grossen Lernens (tao-hiu-sse) abgeschafft. 

Später setzte man in der Strasse zur Rechten und Linken Abgesandte der grossen 
Verdienste und Tugenden, in der östlichen Hauptstadt Abgesandte der Verdienste und 
Tugenden, ferner Verdienste und Tugenden ordnende Abgesandte ein. Man sammelte 
die Schrifttafeln und die verdienstvollen Werke der Bonzen und Nonnen. 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Yuen-ho (808 n. Chr.) gesellte man die Männer 
des Weges und die weiblichen Obrigkeiten zu den Abgesandten der Verdienste und 
Tugenden in der Strasse zur Rechten und Linken (tso-yeu-kiai kung-te sse). 

Im zweiten Jahre des Zeitraumes Hoei-tsch'ang (842 n. Chr.) gesellte man die 
Bonzen und Nonnen zu dem den Gästen vorgesetzten Palaste ^fc fra Tliai-thsing. Man 
errichtete das Gebäude des himmelfarbenen Ursprünglichen (lüuen-yuen-kuan) und hatte 
ebenfalls vorzügliche Männer des Lernens (hiö-sse). 

Im sechsten Jahre desselben Zeitraumes (846 n. Chr.) wurde es abgeschafft und man 
gesellte die Bonzen und Nonnen wieder zu den Abgesandten der Verdienste und Tugenden 
von den beide» Strassen. 



■j^ ^ ^ ^'^ Thai-pö-sse khing ,der Reichsminister des Gebäudes des grossen 
Dieners'. Derselbe ist ein Einziger und gehört zu der nachfolgenden dritten Classe. 

'^j^ ^ Schao-king ,die kleinen Reichsminister', Dieselben sind zwei und gehören zu 
dem oberen Theile der nachfolgenden vierten Classe. 

3< ,Gehilfen'. Dieselben sind vier und gehören zu dem oberen Theile der nach- 
folgenden sechsten Classe. 

Denkschriften der phil.-hist. CI. XXIX. Bd. '^^ 



234 Pfizmaier. 

4^ ^. Tschü-pö ,den Registern Vorgesetzte'. Dieselben sind zwei und gehören zu 
dem oberen Theile der nachfolgenden siebenten Classe. 

^ ^ Lö-sse ,die Sachen Verzeichnende'. Dieselben sind zwei. 

Der Reichsminister (khing) befasst sich mit der Lenkung der Ställe, Hirten, Hand- 
wagen und Sänften. Er leitet die vier verschlossenen Abtheilungen: das Besteigen 
des Gelben, die Vorstehung der Ställe, die Vorstehung der Hirten, das Sammelhaus der 
Wagen, ebenso die Beaufsichtiger der Hirten. 

Bei Auszügen imd Besuchen des Kaisers besorgt er dessen fünf Wagen und die 
zugehörenden Wagen. Bei der Beaufsichtigung der Hirten schreibt man die Zelte auf. 
Er empfängt diese jährlich und bringt sie in Gemeinschaft zvi der obersten Abtheilung 
des Fahrens, damit man über sie berathe, sie vergleiche und prüfe. 

In dem Zeiträume Yung-hoei (650 bis 655 n. Chr.) gebrauchte man für tkai-pö-sse 
,Gebäude des grossen Dieners' den Namen ^ ^ ^ sse-yü-sse ,das dem Wagenführen 
vorstehende Gebäude'. 

Zu den Zeiten der Kaiserin von dem Geschlechte Wu, im ersten Jahre des Zeit- 
raumes Kuang-tsch'i (684 n. Chr.) veränderte man den Namen zu r) '^ ^ sse-po-sse 
,das den Dienern vorstehende Gebäude'. 

Zu diesem Amte gehören : 

jjfrf- Fu , Angestellte des Sammelhauses' siebzehn. 

^ Sse ,Yermerker' vierunddreissig. 

Scheu-i ,Thierärzte' sechshundert. 

Scheu-i pö-sse ,vielseitige Gelehrte als Thierärzte' vier. 

Hiö-seng , Schüler des Lernens' hundert. 

Ting-tschang ,Aelteste des Einlcehrhauses' vier. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' sechs. 



^ "^ ^ ^ Sching-hoang-sdiü ling ,der Gebietende der verschlossenen Abtheilung 
der Besteigung des Gelben'. ' Derselbe ist ein Einziger und gehört zu dem unteren 
Theile der nachfolgenden siebenten Classe. 

^ Sching ,der Gehilfe'. Derselbe ist ein Einziger und gehört zu dem unteren 
Theile der nachfolgenden achten Classe. 

Dieses Amt befasst sich mit der Darreichung der Wagen und der Weise des ge- 
fügigen Wagenlenkens. Wenn eine Sache vierzig Tage früher bestimmt wird, so stellt 
man sich an die »Spitze der fahrenden Männer und übt sie im Besteigen des Wagens. 
.Je nach der Farbe des Weges ^ bietet man die Pferde. Wenn eine Sache zwanzig Tage 
früher bestimmt wird, so veranstaltet man die Uebung in der verschlossenen Abtheilung 
des Aufwartenden im Inneren (nei-sse-sing) . 

Zu diesem Amte gehören : 

If^ Fii ,der Angestellte des Sammelhauses'. Derselbe ist ein Einziger. 



1 Das Gelbe ist der soffenannte Wagen der goldeuen Wurzeln (kln-lcen-tscICe). 
• Die Farbe der Himmelsgegenden, nach welchen der Weg führt. 



Darlegung der chinesischen Ämter. 235 

^ Sse ,Vermerker' zwei. 

^ i Kia-sse ,vorziigliche Männer des Falirens', einhundert vierzig. 

^ ^ A^ ^ Yang-tsch'e siao-sse ,kleine Vermerker des Schafwagens' vierzehn. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' sechs. 



Ä 1^ ^ ^ Tien-khicu-schü ling , Gebietende der den Ställen vorgesetzten ver- 
schlossenen Abtheilung'. Dieselben sind zwei und gehören zu dem unteren Theile der 
nachfolgenden siebenten Classe. 

^ Sching ,Gehilfen'. Dieselben sind vier und gehören zu dem unteren Theile der 
nachfolgenden achten Classe. 

Dieses Amt befasst sich mit dem Ernähren der Pferde und Rinder. Es gewährt 
für das Aufziehen der vermischten Hausthiere. Für ein vortreffliches Pferd ist es 'ein 
Mann. Für ein mittleres Pferd sind es zwei Männer. Für einen Klepper sind es drei 
Männer. Für zehn säugende Füllen und säugende Kälber gewährt es einen Mann 
(T fing). 

Zu diesem Amte gehören : 

/jf5* Fu , Angestellte des Sammelhauses' vier. 

^ >Sse , Vermerker' acht. 

^ ^ TscMi -sching ,den Gespannen Vorgesetzte' sechs. 

Ä ^ Tien-sse ,den Sachen Vorgesetzte' acht. 

^ l|J Tsdii-yv ,das Wagenlenken Erfassende' hundert. 

^ it Kia-sse ,vorzügliche Männer des Fahrens' achthundert. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' sechs. 



Ä ^ ^ ^ Tien-mö-schü ling , Gebietende der den Hirten vorgesetzten vei'- 
schlossenen Abtheilung'. Dieselben sind drei und gehören zu dem oberen Theile der 
richtigen achten Classe. 

^ Sching , Gehilfen'. Dieselben sind sechs und gehören zu dem oberen Theile der 
richtigen neunten Classe. 

Dieses Amt befasst sich mit den vermischten Hausthieren der Hirten, mit den Ver- 
leihungen und der Sache der Milch und des gedörrten Fleisches. Die von den Hirten 
gebrachten Schafe und Kälber werden als Opferthiere überreicht. 

Am Schlüsse dieser Angaben wird verzeichnet : 

Ip^ ^ ^ ^ Schang-schi kien-sse ,den Speisen Vorgesetzte, die Sachen Beaufsich- 
tigende'. Dieselben sind acht. 

Zu diesem Amte gehören noch : 

Fu , Angestellte des Sammelhauses' vier. 



Sse , Vermerker' acht. 



:iO* 



236 Pfizmaier. Darlbouno der chinesischen Amter. 

Tien-sse ,den Sachen Vorgesetzte' sechzehn. 

i ( M + ^) Tschü-lö ,der Milch Vorgesetzte' vierundsiebzig. 
Kia-sse ,vorzügiiche Männer des Fahrens' einhundert sechzig. 
Tschang-kn ,mit Befestigung sich Befassende' vier. 



^ j^ ^ "^ Tscli e-fu-schü ling ,der Gebietende der verschlossenen Abtheilung 
des Sammelhauses der Wagen'. Derselbe ist ein Einziger und gehört zu dem unteren 
Theile der richtigen achten Classe. 

Schijig ,der Gehilfe'. Derselbe ist ein Einziger und gehört zu dem unteren Theile 
der richtigen neunten Classe. 

Dieses Amt befasst sich mit den Wagen der Würdenträger von den Königen und 
Fürsten abwärts und mit der gefügigen Weise des Wagenlenkens. Es schliesst sich an 
die Obrigkeiten von der dritten Classe aufwärts und verleiht ihnen bei Heiraten und 
Begräbnissen vorzügliche Männer des Fahrens (kia-sse). Bei den Pferden und Rindern 
der Wagen stellt es an die Spitze vorzügliche Männer des Wagenlenkens fyü-sse) und 
übt sie ein. 

Zu diesem Amte gehören die Angestellten: 

Fu ,der Angestellte des Sammelhauses'. Derselbe ist ein Einziger. 

Sse , Vermerker' zwei. 

Ä ^ Tien-schu ,den Büchern Vorgesetzte' vier. 

i^ it Yil-sse ,vorzügliche Männer des Wagenlenkens' einhundert fünfundsiebzig. 

Tschang-ku ,mit Befestigung sich Befassende' sechs. 

(Schluss folgt.) 



STUDIEN ZU EURIPIDES. 

MIT EINEM ANHANG SOrHOKLEISCIIER ANALEKTA. 

VON 

JOHANN KVlCALA, 

CORRESPONDIRKNDEM WITGLIF.DE DKR KAISEKLICHKN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



VORGELEGT IN DER SITZUNG AM 2. APRIL 1x711. 



Ein-. Med. 9 ff. 



ou8' dv %xav£iv irsiaaaoi UcXtd^ac >i6pac 

^6v dvi5pi 7,ai tsxvotciv, dvSc/.vo-jaa jxiv 

aüxYj T£ -irdvia ^'jfxtpspoua 'Idarjvr 
f^TTsp [XoYtOTYj Y^T^=t^<^^ awTYjptry., 
ötav YOVYj Tcpoc dv3pa [J-Yj ot/oarar^. 

In den Versen 11 ff. sind mehrfache Emendationsversuche aufgestellt worden. So 
hat Nauck isxvotai XavQdvrj'joa |X£V conjiciert, Steup dvodvo-joa Tipiv, welche Conjectur 
Prinz bereits in den Text zu setzen sich entschloss, Wyttenbach (p6a£i, Jacobs tpuast 
TToXitaic u. s. w. (vgl. Prinz's krit. Bern.) 

Ich bin der Ansicht, dass an dieser Stelle lediglich nur von dem gegenseitigen 
guten Einvernehmen, das früher zwischen lason und Medea herrschte, die Rede sein 
kann und dass Vers 12 als hier ungehörig und sinnstörend zu tilgen ist. Ausserdem 
ist zu schreiben 

^üv dvopi %ai ~i%yjiaiy dvodvo'jat |X£V, 
ciüiY; c»£ -Jtdvra 'Q'j\i.(fB[jrjüa [daovi 

As ist bei Stobaios statt r£. Das gegenseitige gute Einvernehmen zwischen Mann 
und Weib wird dadurch ausgedrückt, dass lason und die Kinder als der Medeia dvod- 
voVTEi; bezeichnet werden und dass andererseits wieder von der Medeia gesagt wird, 
dass auch sie selbst in allem mit lason harmonierte, wovon natürlich die Folge war, 
dass sie wiederum dem lason dvSdvo'joa war; also dvY^p |X£V a-jv tezvoic MY^osicf. YjvSavs, 
aoxYj 5= 'Idaovi Y^vSavs. — AvSdvouct gieng irrthümlich und wol wegen des folgenden 



238 



Johann KviCala. 



'iO\i.(pB^j00oa. in ävoc/.vo'j3a über/ und erst naclidem diese Aenderung eingetreten wai-, 
wurde V. 12 interpoliert, weil dvodvouaa [xäv keinen genügenden Sinn darbot, sondern 
eine Ergänzung zu verlangen schien. Der Interpolatur wollte den Gedanken einschieben, 
dass Medeia den Bürgern, in deren Land sie flüchtete, genehm war; aber die Form 
der Intei-polation 'foyQ TuoXttwv (ov dfft%c-o y/iova zeigt deutlich die Ungeschicklichkeit 
des Urhebers, und ausserdem entgieng es dem Interpolator, dass nach dem ganzen Context, 
in welchem nuj- von der zwischen Gatten herrschenden Eintracht und Harmonie die Rede 
sein kann, der von ihm eingeschobene Gedanke ungehörig ist. Den deutlichsten Beweis, 
dass hier nur von dein gegenseitigen guten Einvernehmen zwischen Medeia und lason 
die Rede sein kann, linde ich in dem Pronomen aÖTYj, das sonst hier beziehungslos 
und ungerechtfertigt wäre, weshalb Nauck dafür TzdvTQ gesetzt wissen wollte. Nach 
unserer Aenderung und Auffassung ist aoxVj os durchaus passend , andererseits vertrug 
auch sie selbst sieh in allem mit lason'. 

Eur. Med. 56 ff. 

Xscat. |xoXo'jT(j Scöpo SsaicoLVTjC -öyp.Z- 
II AI. O'JTCO) Y'"^p 'h 'd).atva xausxai '{öia^; 

TP. C'^i^^W G ■ EV äp/Yj TTYjlXa ■KOO^cTTO) [XcOOt. 
(Ö; O'JOSV 0'!o£ T(T)V V£(0-£pCOV 7,r/.y.0)V . 

TP. rc sariv, (o ysp^^^^! F'/ 'f'^'^Vc!, (ppdaai. 
ILAI. oüoEV [xsT£YVO)v 7.at rd rpöoG" £tp7][i.EVa. 
TP. (XT;, irpöc YSVcio'j, xpÜTTrc a'jvoo'j).ov asösv 
arf/jv ydp, et ypTj. twvSe OYy-ojj.a'. Trspt. 

Man fühlt wol an dieser Stelle lebhaft, dass manches nicht in Ordnung ist. Die 
wichtigsten Bedenken, die sich aufdrängen, sind: 

a) Die Worte (o [a.tbpoc, si ypv; Scairötai: ciirsiv töos %tX. lassen nach der jetzt vor- 
liegenden Fassung der Stelle keine befriedigende Erklärung zu. Wecklein bemerkt (in 
der Ausgabe) zu A\ (.)2:^ ,(t)C gibt den Grund an, warum der Pädagog seine Herrin eine 
Thürin nennt'. Es mag nun sein, dass hier [J.{bp0(; für das Femininum gebraucht ist. 
Man kann nämlich immerhin unter Hinweis darauf, dass z. B. ÖTjXoc Eur. Med. 1197, 
a-ctpoc Andr. 711, atcppöc Hek. 296, cpaöXoc Hipp. 435 als Femininum vorkommt, dasselbe 
auch für |j,cbpOi; an dieser einen Stelle gelten lassen. Aber ein schweres Bedenken ruft 



' So ist auch Sopli. El. (iöO Ö'. d;is meiner Ansicht nach echte ;jr;|i£poÜ!j'.v (Dativ) in iOriaspoü^av verändert und — ver- 

sclileclitert worden: 

iW wai IX cxEi Jüiaav äßXaßt'' ßloi 

3ö[j.ou; 'Arpsioojv axrj^iTpct t^ «[icpej^eiv täoe, 

cpiXoLdi TS ^uvouaav oU cuvct|xi vüv 

sOrj^spouaiv /.al t^xvojv odojv £[jlo\ 

5ügvo'.a u.rj TZpQiifS'iv ?j ).ürr] 7:'.zpa. 

Die Meldung über die l'''ljerlieferuug des Laur. lautet: ,£Ür,|j.£poüaav (i a manu ant. superscripto)' Vgl. darüber meine Beitr. 
zur Krit. u. Erkl. d. Sopli. I, IS. Das Beispiel kann iuh hier um so eher anführen, als es auch sonst wenigstens eine gewisse 
Aelinlichkeit mit der euripideischen Stelle hat. 



Studien zu Eukividks. 239 

der Umstand hervoi-, dass der Ausruf (o [JKbpoc. wenn er auf Medeia bezogen werden 
soll, nicht genugsam motivirt ist. Es genügt nämlicli nicht die folgende Begründung 
(OS ri'j^cV oßs -(öv vswrspcov xaxwv. sondern es müsste auch etwas vorausgehen, wodurch 
oben das Urtheil des Pädagogen o) [iöjpoi; veranlasst wäre. 

b) Dazu kommt, dass ja auch, was den Satz (oc otiSsv oi5s twv V£(o-spo)V •M.'/.Orj betrifft, 
nichts vorausgeht, wodurch derselbe veranlasst sein könnte. Von der Amme hat der 
I'ädagog über die Medeia bisher nichts gehört als die Hindeutung auf das Unglück der 
Medeia, nämlich, dass lason sie verrathen hat (54, 58) und dann die Behauptung ev ^J[j'J% 
Tzfi\s.ri xo'josTTCo [Xcool. Wo soll nuu hier eine genügende Veranlassung liegen für die 
Worte des Pädagogen (o |JL(öpoc ätX.? 

c) Aber auch die Worte des Pädagogen V. 64 [xaTäyvcov -/tai rd %[jrjoH cCpY^jjisva scheinen 
durch das Vorausgehende nicht hinlänglich motiviert. Nach der Ueberlieferung muss man 
Tä TTpöcjv)-' stf/}|X£va auf die Worte oOöcV oi5c tcbv vscotsptov 7-av.o)V beziehen; aber der 
Ausdruck TrpöaOc (es heisst ja nicht vöv) lässt sich nicht gut darauf, was der Pädagog 
gerade jetzt und in diesem selben Augenblicke gesagt hat und was eben die Frage 
der Amme xi 5' sattv veranlasste, beziehen. Es scheint vielmehr, dass id xpöaÖ' £ipYj[JL£va 
von Euripides mit Bezug auf etwas, was in unserer Ueberlieferung nicht mehr vorliegt, 
gesetzt wurde. 

Ich glaube, dass man hier zu der Annahme gedrängt wird, dass der Text lücken- 
haft ist; und zwar meine ich, dass vor V. 61 eine Lücke von ungewisser Ausdehnung 
anzunehmen ist. Jedenfalls kam hier eine Aeusserung der Amme vor, welche die Be- 
merkung des Pädagogen co [Jitbpo?, st )(pYj Sscirötac siiröiv zrJQ^ • 6iz rjdr^iv of^j tcöv Vccotsptov 
■/.a-A.ö)y veranlasste. Vielleicht sagte die Amme: , Medeia klagt fortwährend darüber, dass 
der treulose lason Ivreon's Tochter heiratete.' Darauf kann der Päda^oo- V. 61 und 62 
erwidert haben. 

Für die Annahme der Lücke kann man auch den Umstand geltend machen, dass in 
den Schollen eine merkwürdige Personenverschiebung sich zeigt. Die Schollen legen 
nämlich in seltsamer Weise V. 63 dem Pädagogen (o) yspats: dvtt. zvj (o yspacd, (ö^ yXotIc. 
Xix'fizpizr^) und V. 67 ff. der Amme bei (otco'j, tpr^atv, £t6t.G|X£Voc slai 7C£aa£6£tv, TtpO£Ä0(ov 
Y;XO'jaa, dvtt zw -jrpocJ^öoöoa, xat, xo orj 5ox{öv dvri zoO o-j w/.W'za). Zu V. 61 und 62 findet 
sich kein Scholion, ebenso auch keines zu V. 64, 65, ()6. Man kann aber natürlicli an- 
nehmen, dass in der Quelle, aus der die Schollen geflossen sind, consequenter Weise 
V. 61 und 62 der Amme beigelegt wurde, V. 63 dem Pädagogen, V. 64 der Amme, 
V. 65 und 66 dem Pädagogen, und darauf V. 67 ff', der Amme. Die Entstehung nun 
dieser natürlich unmögliclien Personenvertheilung erkläre ich mir so, dass nach dem 
Ausfall einiger A'erse nach V. 60 eine Verschiebung der Personenbezeichnung eintrat. 

Eur. Med. 82 E. 

TP. (0 Zit.v\ fjy.rjrjz^' WjC ZIC J\xO.Z TTaTY^p: 

oXotio jXEV iiTj- ^jsoTzözrjC ydp iaz' k\i6c- 
dtdp %a.Y.6c y' o)V ec cpcÄcioc aXloY-szai. 

HAI. Tti; i5 rj'jyi OvYjTWV: dpTl YLYVWGXEC; töSe, 
(ÖC TZrlZ ZIQ aözrjV Zrjü Tzi'KrXQ [Jld/J/jV rflKBU 

oi |i£V 5i%aicoc, rA Se %ai xEpoouc "/dpiv, 
£1 zoöohz y' s'J^'']? oövsx oü at£pY£t iratY^p. 



240 Johann Kviöala. 

V. 87 wird in den St-liolien als überflüssig bezeichnet: ,Trspcaaöc ö 3rr/oc xpöa- 
■xst-at, 6 TYjv sirsiispyaaiav Ttsptsy/ov, xal ort '7:f)0%£i[j.£Vou £Vt.%oö toö zic, £xfjV£Y%£ xö ot {aev'. 
Brunck erklärte diesen Vers für unecht; dagegen hält W. Dindorf (Annotat. Tom. III, 1, 
nag. 197 sq.) den V. 88 für .ineptum additamentum grammatici, qui non videtur sensisse 
vsac sÖYqQ saltem dicendum fuisse'. Beide Verse wollte Härtung als unecht getilgt 
wissen. Wenn man einen von diesen beiden Versen tilgt, so erhält man von V. hd 
an bis 95 in dem Zwiegespräch des Pädagogen und der Amme eine symmetrische An- 
ordnung, die wol beachtenswerth ist und von der ich annehme, dass der Dichter sie 
beabsichtigt hat, nämlich: 

ir 2 11272222337 



Gegen V. 88 nun lässt sich kein triftiger Grund geltend machen; denn die Behauptung 
Dindorfs, dieser Vers sei ineptum additamentuni und es müsste wenigstens viac B'JTqq 
heissen, ist unerwiesen; es ist ja an und für sieh hinlänglich klar, dass diese £üViq, der 
zu liebe lason seine Kinder zurücksetzt, die neue Vermählung ist. Es ist dies eben so 
wenig auffallend, wie wenn man im Deutschen sagen würde: ,Um eines Weibes willen 
gibt er seine Kinder preis'. Natürlich ist BÖYqc zu betonen. 

Dagegen ist V. 87 allerdings sehr anstössig. Zwar sind die im Scholion geltend 
p-emachten Gründe nicht ausreichend zur Athetese: aber der Vers ist nicht etwa bloss 
überflüssig, sondern er ist auch geradezu abgeschmackt. Das Motiv der Selbstliebe ist 
ja doch immer y.£pooc: von jedem, der aütöv toO izikac [j.ä)vXov ffiXc.'., kann man sagen, 
dass er dies in irgend einer Weise xsfioooc "/äptv thut. Es lässt sich übrigens leicht 
annehmen, dass der allgemeine Satz xäc v.c, a'j-cov toO iziXaQ |xäXXov ^ft^vEt einen morali- 
sierenden Leser zu einer Interpolation reizte. Der Interpolator wollte vielleicht mit den 
Worten ot [jlsv otv-aüo; den Gedanken ausdrücken, dass beztlglich derjenigen, die besser 
sind als der Nächste und die dies auch wissen, gesagt werden kann, dass sie a'jTO'jc 

Eur. Med. 89. 
IV, 0.6 yxrj sozo.'., o(i)[j.äT(ov £j(o, ziv.vj. 

Das Scholion zu dieser Stelle lautet: lz\ £'j yäfi eozax: zh kq;ffi, Ite ^(ojxdrtov eBio, 
ziv.vaL. z6 i5£ e'j ydp Eotat EÖ/opLEV/) }.i'fzi, zriozioziv ettL '/.aX(T) oe d-oßa'//; E'.aE/.OEtv 'jjj,ä?. 
Dieser Erklärung muss eine andere Leseart zu Grunde liegen, da E'j y^-p ^ozai niemals 
als Ausdruck des Wunsches hätte aufgefasst werden können. IcJi glaube, dass diese 
Erklärung (wenn auch in dem Scholion uns jetzt S3zai überliefert ist) auf ein älteres 
EOTco hinweist. Es scheint mir auch S'j Y''^-f ^^^"^ aller Beachtung werth zu sein. Ich 
glaube wenigstens nicht, dass die Amme, welche V. 37 ff. bange Befürchtungen aus- 
sprach und die jetzt wiederum V. 92 ff. ihrer bangen Besorgniss Ausdruck gibt, so ohne 
weiteres mit solcher Bestimmtheit und Zuversichtlichkeit hätte sagen können £U Y^p iazai. 
Die Worte S'J ydp zozrj-i werden ja auch durch die Wirklichkeit in entsetzlicher Weise 
Lügen gestraft. In e6 ydp äazoi. was einem Wunsche so ydp Ei'/j gleich kommt, macht 
nur ydp einige Schwierigkeit, da man eher e6 o" zazo) erwartet. Aber ich glaube, dass 



' Hierauf nehme icli (vgl. die Bemerkung zu .56 ff.) eiue Lücke der Ueherlieferuug an, in welcher vielleicht die einzeilige 
Stichomythie ihre Fortsetzung fand. 



Studien zu Euripides. 241 

YÖtp hier elien so wie in Wunsclisätzen steht. Neben dem gewöhnlichen si '(a^ findet 
sich auch der blosse Optativ mit '(drj, wie Hei. 1200 f. 

WEOK. Y^xci Y^P oattc ^oti rdo' fx-^yzWti oa'f?); 
EA. YJxsi-|xoXot Ydf- Ol c/ sy'" Zpf('=<'^ [xo^siv. 

An unserer Stelle nun steht dem Optativ äquivalent der Imperativ. 

Eur. Med. 93 f. 

0!j5s 'KrxOGEZrxi 

•/^oXoo, odrp' oioa. irf/tv •/cataa7,Y/|a{ t'.va. 

Statt des durch kein anderes Beispiel bezeugten Accusativs bei '/.a-aa-Ar/j/ai' con- 
jicierte Blomfield (zu Aisch, Pers. 520) xtvt. Man könnte auch schreiben — und die 
Entstehung der Corruptel wäre da leichter ersichtlich — 'Aataarr/Iiat 'c (sc) tcva. Be- 
züglich der Aphairesis des £ vgl. Soph. Oid. Kol. 1608 'JisaoOaat sxXaiov Eur. Hiket. 521 
ci s7CCTa£ö[JL£a6a El. 72 |xö"/Qo'j iiri'/.o'j'fiC^'j^av. — Denkbar wäre übrigens auch die Aen- 
derung irpiv xa-aa'XY/j'a!. Ttotv. Tiai? viataa/.YjTrzst wie 'Ü/y^ xa-aoxYyZTci. Die von der Rache 
betroffene Person musste nicht bezeichnet werden, wie es auch bei Aisch. Hik. 326 absolut 
Jieisst zic v.rJ.zzGv.r^'^z■v "Z'^yjW 

Eur. Med. 119 ff. 

ÖXiy' MpXÖjJLcVOt, TZrjKKa. 'f.rjrj.-vyiZZC 

yaXsTTtöc ^pY^C |J.£xaßd)JvO'jatv. 

y,fi£taaov • £[Jio^ Y^'^"^ ^iri jjly^ iXcY^^-^jtc 
ö/'j[j(oc cI'y; ■/.azrj.'^r^rAz'/.c.vi. 

Der Scholiast bemerkt über y^-'-P i™ V. 122: ,ö Y^p '^J''~^ ''^''■^ ^^'- Es scheint, dass 
dies '(äp keine befriedigende Eiddärung zulässt. Wecklein bemüht sich, diese Partikel 
in folgender Weise zu erklären: ,y^-P begründet den im vorausgehenden enthaltenen 
Gedanken verkehrter Ordnung und untauglicher Zustände' und er verweist auf V. 573, 
ferner Phoin. 1602 und Hipp. 252. Diese Erklärung ist aber sehr gezwungen und 
unwahrscheinlich. Ich glaube, dass man hier ohne Bedenken schreiben kann zb rt dp' 
zlV.zHru ^Y^v £x" iz'j'.oc/ %p£laaov. Hiebei ist dpa in der bekannten Weise gebraucht, der 
zufolge es das Gelangen zu einer richtigen Erkenntniss der eigentlichen Sachlage be- 
zeichnet. Ich fasse den Zusammenhang so auf, dass die Amme sagen will: , Gemeiniglich 
beneidet man die Fürsten und ihre Angehörigen um ihr Loos. Es stellt sich nun aber 
(5 dpa) heraus, dass ein glänzendes Los nicht das beste ist, sondern dass das Los der 
Gleichheit und Mittelmässigkeit besser ist'. Ueber die Verbindung 0£ dpa in diesem 
Falle vgl. z. B. Hom. o 408 tw o dp £[X£/J,£V aOtc]) xyjO£" izzoHrjx. 



' Man weist zur Rechtfertigung der Constructiou ■ao.zo.q'/J^t.xzi^i nva auf das Vorkommen von iii.-i'züi Tiva hin. Trot/.deni ist 
ein Zweifel gewiss gestattet. 
Dentschriften der phil.-hist. Cl. XXIX. Bei. 3t 



242 Johann KviOala. 

Her. VII 35 aoi. oi xatd otxY^v apa ouösl«; ävSpcoirojv Oust Eur. Androm. 418 ff. 

Tcäat 5' dv9p(i)irotc cüp' -^v 
»|iu-/'/j r£x,v' • iazic, o aoz' a.%sipoQ (ov '^eyei, 
'qaarjy [j.£v dXyci, ooaroywv o cOoai|j.oV£c. 

' Eur. Fragm. 347 (Nauck) 

tö ^" r;v ap' oüx d%ouatöv otj5' dvaa/STÖv, 

Ebenso ist nach meiner Meinung Med. 573, auf welcte »Stelle sich Wecldein beruft, 
S" dp' statt ydp zu schreiben: ypvjv o' dp' dXXoösv iroOsv ßpoto'jc Tiatoa? xexvoOaÖat, Q-TjXu 
5' oux civat ysvrJC- Hier hat bereits Porson dp' für ydp vermuthet. 

Eur. Med. 125 ff. 

xö)V ydp [jLSTpüov irpcöra |xev ciirsiv 
TOfjvo[i,a va»:^, yp-^jaOai ts |xa%p([) 
A(|)ara |3poro'.atv • xd o 'jTTcpßdXXoVT 
vy'iivrj. xaipov 56vatat ßvrjrol?- 
jXciC^'JC dra?, ^tcv öpytoO'?] 
3at[X(ov, ol'xoi? d.TTSoco'ÄSV. 

Wecklein erklärt die AVorte wrji^rj. xair/by o'jvazai, deren Echtheit er nicht bezweifelt,' 
.bedeutet keinen Segen', Schwerlich dürfte aber diese Erklärung Zustimmung finden, 
zumal da die hiebei für xatpö^ angenommene Bedeutung nicht statthaft ist. Auch an den 
von Wecklein angeführten Stellen Hei. 479 Androm. 131, 484 Tro. 744 hat xaipöc nicht 
die Bedeutung ,Heil, Segen', sondern es bezeichnet die opportune Zeit oder die Oppor- 
tunität der Verhältnisse. 

Nicht bloss ist aber die XJeberlieferung seltsam, sondern es kommt auch der Um- 
stand in Betracht, dass die Schollen auf einen anderen — vollständigeren — Text 
hinzuweisen scheinen: sä o 'jTTSpßdXy.ovi" : ai o" 'J7:£pßo).at, (^Yjatv, daGevsc? xal od ßsßairji 
zri'.Q dvl>po')Troti:, vq dpyatcf, [xstaßoX-?;, orjo" si ■[ayrjva.ji f/jv ä.r^y^'qv vo|xcCö|X3va:. 6 -^ärj z'fp o'j\i.- 
[j.srptav £y(ov, st «al Tisaoi 'a'j-TjC tpÖTCov t'.vd, o'JosiA'lav 5oicci TCcitovGsvai li'j.prj.KXa.'friV. 
siretta -o) [xsv 'JTTSpßo/.'/jv e/rtvzi '^Hivoz xapaxoXouOst, roi? o oü/t. oto STrtTroX'j Trapajxsvsi 
Yj au|Xjxsxpia. In dem Scholion tritt also in sehr bemerkenswerther Weise der Gedanke 
hervor, dass das Hervorragende keinen Bestand zu haben pflegt, wol aber dasjenige, 
Avas über ein gewisses mittleres Maass nicht hinausgeht. Dieser Gedanke kann in den 
Worten oo^sva xaipöv 56varac nicht liegen; es scheint aber auch, dass dieser Gedanke 
innerhalb des Rahmens der corrupten Worte o'Josva y.aipöv ^ovatat nicht enthalten sein 
konnte. So gelange ich zu der Annahme einer Lücke nach -i>vrjXOlc- 

Was nun die überlieferten Worte selbst betrifft, so lassen sich unter Voraussetzung 
der erwähnten Lücke mehrfache Aenderunofen denken. Eine den Schriftzüo-en nach nicht 
weit abliegende Vermuthung wäre 



Im kritischen Anhang: bemerkt er gegen N.inek: ,Die Aenderung von N.auck Kur. St. I S. 111 oüotv ir.ay/.i'i ouvarat i.st uunötliig 
nrid giljt einen ra.atteren Ausdruck ,al.s das überlieferte'. Die Conjectur Naucks ist allerdings niclit aunehmliar. 



Studien zu Euripides. 243 

id 5" 'jTtcpßdXXovt 

:i: * * * :i: * * * 

,Das hervorragende und nicht das passende Maass bewahrende kann nicht den Sterb- 
lichen von Anfang bis zu Ende verbleiben.' Vgl. die Worte des Scholiasten o'J5" si '{^'(0- 

Für s-j-xaipo; nehme ich hiebei nicht die gewöhnliche Bedeutung an, ,was zu gun- 
stiger, gelegener Zeit statttindef, sondern ,was innerhalb des gehörigen (mittleren) Maasses 
sich hält'. In dieser Bedeutung kommt eyxaipta in Platon's Politikos 305 D vor: ,x-/)V yrif, 
ovTtoc ooarjy ßaat/.WTiv o-jx aOrr^v ost TzrAzztiv, alX dpystv täv oyvajjiivtov luparrstv, yi-p''*""^" 
■Aouaav -C7;v äp-/VjV ts Ttr/i öpjr/jv tö^v jj.cYiat(ov sv tat? irö/.sacv i-f'''^-'^^^^''-? '^^ ''^^f'^ ''■''-'•■ ^J'f'''J'-[''^'^Z- 
zaz 8' dW.ac tä -pr/OtayOsvca 3päv. Es scheint mir nämlich, dass die Worte s-j-xatpia und 
rixatpia hier füglich nicht bedeuten können ,opportunum, inopportunum tempus'. Bei 
Isokrates XII, 8G bedeutet jedenfalls dxatpta ,Unangemessenheit', Avie aus dem Context 
hervorgeht: cpirr^v li -mx izar/j. toic -/aptsaidto'.; -cöv ä%poaxcöv £tjoo'Ät[j,-/]a£tv. -J^v 'f7ivo)[j.7.'. 
-sp'. dpsr?;? [Asv zvjc Ki-fjoc -icoioüii-svoc, o^tojc öi za'jrqc, d^tcoc spö) [xdXXov OTCCi'jodCov r^ 
-TCcpt -T^v TOö XÖY^-''J a-j\x\XzzrÄrjy, %al zaözrj. oacccb? siScb; -y^v |j,iv Tispc töv /.oyov r}:/,nxrjuj:) 
doo^ötcpov EtJL£ izotYjO'jfjaav, tY^v o£ iicpi td? Tcpd^cic s'jßou/iav aözoo^ -06; £za'.v&'j[X£vo'j? 
(b(psX-/]aryjaav. Vgl. aucli die Bedeutung von v.rj.i(j6c, , Maass', Aisch. Prom. 507, Agam. 787, 
Hik. 1061, Xen. Symp. II, 19 ri zöoe ysKrj.ze, sl [xsiCo) zm -/.atporj W^v yiozirM i/wv [ictpco)- 
xepav ßouXofAat TzrArpai aürr^v: 

Eur. Med. 151 ff. 

zic aoi 7:o"c zO.c c/.T:\a.z'JO 
v.rAzrj.c £pOs, w [xatata; 
oirsuaEi Hrxiäzvj rsAcOzd- 

So schreiben nach Weils Vorgang Wecklein und Prinz. Die Mittheilung des letz- 
teren über die handschriftliche Ueberlieferung lautet: ,151. ziz Lb'] zi r. | zäz Ea corr. 
E'a:. I d-jrXdro'j Elmsleius] ditXda-ryj BEa dirXY^aro'j Sa'. 152 spoc /] sp(t)C Lr. j mter- 
rogationis signum post \xrxza.w. posuit Weilius, om. libri. 153. aTTS'JCSc B (j sup. oc, scr. 
ß' vel h. I tsÄc'Jtd- Weilius] T£>.£Utdv. B zzIbozölv; r (certe nihil de interpunctione cete- 
rorum librorum enotatum habeo).' — Ich glaube, dass man von der handschriftlichen 
Ueberlieferung nicht abzuweichen braucht und dass folgende Fassung der Stelle keinen 
begründeten Anlass zu Bedenken bietet: zic aot Tzoze zaQ äizldzoo | v.rÄzac, £poc, (ö iiazala, 
OTCEO^Ei fjavdtoo t£X£UTdv; 

So liest z. B. Nauck nur mit dem Unterschiede, dass er aTC£6a£t annimmt. Das 
Präsens OT:£65£t ist auch in den Schollen bezeugt. — Vielleicht ist es auch nicht nöthig, 
das überlieferte aTÜdflzvj aufzugeben. Dies Wort erklären die Scholien und Medeia 

selbst sagt 26-2 ff. 

Y'jVY; Y^'-P 'C'äXXa (AEV (pößoü Tzkia 
v.ox'fi z ic, rjXx'fi-i xai awY^pov Eiaopdv 

OXaV 3" EC EÜVYyV Y;5tX,Y;[J.£VYj f-'J^jT^, 

rjöv. BGZiy akl■r^ rppY^v iJ.ta'/fovcoTEpa. 



244 Johann KvICala. 

Schwei'licli könnte man zdz (XTrXdro'j (wenn man auch diese Conjectur annähme) 
w.zaz £po? von der Sehnsucht nach dem Bette des Todes verstehen, da dann eine Tau- 
tologie stattfindet. 

Eur. Med. 1.55 ft'. 

xdxo'j 5'jpo[j.Eva aöv sövdiav. 

Den Vers 157 bezeichnet Prinz mit Kecht als ,versus vix sanus'. Wie kann der 
Chor den absonderlichen Gedanken aussprechen: ,Wenn dein Gatte treulos ist, zvirne 
ihm darob nicht'. Der Chor ist ja selbst mit liecht über lason's Treulosigkeit entrüstet, 
wie dies überall ersichtlicli ist ; vgl. z. B. 267 opdato tdo • sv^tv.toc '(ärj iv.zias.1 iroatv. 

Man könnte die Mahnung xslvw rö^s \rq yapdaao'j nur dann einigermaassen be- 
greiflich finden, wenn der Chor in Gegenwart der Medeia dies spräche, um auf sie 
mässigend einzuwirken. So aber ist Medeia noch im Hause und hört die Worte des 
Cliors, wenn auch diese formell an sie gerichtet sind, nicht. 

Soll man nun etwa v.EtVf] schreiben mit einer y-ard j'jvcG'.v stattfindenden Bezie- 
hung auf xacvd /^i'/'fj, also auf Kreon's Tochter? Man könnte hiefür anführen, dass der 
Chor auch V. 1233 ff. für die unglückliche Glauke Sympathie hegt (während er 1232 
die Strafe, soweit sie lason getroffen hat, als eine gerechte bezeichnet): 

(0 7),Y;(j,ov, OK jO'j a'jjxrpopdc o'.y.xE{pojX£V, 

'>:/£'. 'fd[ui)v s'y.an z(bv ' Idaovo?. 

Freilich ist aber zu bemerken, dass der Chor bisher keine A erwünschung der Glauke 
von Seiten der Medeia gehört hat. Eine solche kommt erst vor 163 ö\ fiv icof sycb vö\i.- 
'fav z £atoo'.[j." | aörolc [J.£).dOpot; oo7.xv7.co|jl£VO'jc, | ot y' e|X£ zprioOcV zoXjxöja" äo'.xzlv. 

Es scheint, dass hier eine tiefer gehende Corruptel angenommen werden muss; 
denn auch eine Aenderung z. B. tä/.vocc röo£ jj/r) yapdaao'j genügt nicht. 

Schliesslich kann nicht unerwähnt gelassen werden, dass schon in den Schollen ein 
Versuch vorliegt, die auffallenden Worte %£{v([) töo£ (X'/j yapdaao'j durch eine andere 
Ii^terpunction so zu gestalten, damit sie einen befriedigenden Sinn darböten. Das Scholion 
lautet: ,|xyjO£V zöriz )iaaou: |xyj >.{aaciu, fpr^atv, (o M'ffieia, zb 9av£lv. £l i5£ ö abc dv^p r/js-cr^ac 
zvjc, op/,o'JC, £%£tv(p )i33oo z'j'jz'j fzviibrxi, ^7]Xovöt'. zb /.Epa'jvoi^yjvai v.r/.i dTCo6av£lv'. Dies 
Scholion setzt offenbar folgende Fassung der Stelle voraus: [xtjSsv zbria Äcaao'j. | £'t Zä :ibz 
TTÖai; I xa'.vd A£/Yj a£ßiC£t, | Xcivci) rri^E (näml. Xtaao'j)- [xirj yapdaao'j. 

Eur. Med. 207 ff". 

öeoäXutei docy.a saöoöaa 
tdv Zy^vö: öpx{av Bäjxtv, 

d VIV £ßa3£V 

'EXXdo £? dvilTTOpOV 

St' d)va vüytov Eff" dÄ|X'jpdv 

TTÖvro'j y.).-(j5" duEpavtov. 



Studien zu Euripides. 245 

L>as Epitlieton vjytov lässt keine genügende Erkläruiig zu. Ob aber Lenting's Aen- 
derung [Jt'jyiov (welche neuere Herausgeber annehmen) richtig ist, lässt sich doch auch 
bezweifeln. Freilich, wenn es von vornherein feststünde, dass der Dichter hier wiiklich 
die Propontis bezeichnen wollte (vgl. Wecklein's Bemerkung), dann wäre (Jlü/iov sehr 
plausibel, da auch Aisch. Pers. 875 [J-'y/yj. llpoirov-t? sagt. Aber um von Kolchis nach 
Hellas zu gelangen, musste Medeia erst den ganzen Pontos Euxeinos der Länge nach 
durchfahren und kam dann erst durch den Bosporos in die Propontis. Ist es nun wahr- 
scheinlich, dass der Dichter bloss die Propontis und den Hellespont erwähnt haben würde 
und dass er, wenn er schon so specielle Angaben machen wollte, die überaus lange 
Strecke über den Pontos Euxeinos unberücksichtigt gelassen hätte? 

Ich glaube vielmehr, dass das Epitheton von a),a ein Wort Avar, durch welches das 
Meer im allgemeinen bezeichnet wurde, vielleicht ^i aXa ßp6ytov, wie Aisch. Pers. 397 
äizrixor/y ri.'K\vr^v ßp6/cov. — Das seltene, nicht verstandene ßpoytov wurde dui-ch das ähnlich 
klingende v6y'.ov verdrängt. 

Eur. Med. 259. 

Toaoütov o'jv ao'j -'j-f/dvstv ßou).7]ao|j.at, 
7]v [jLoi Tcöpo; r'.; [XY^/avY; T iqe'jrjzHri 
Tiöaiv ^txTTjV zibv5' dvzizlaaaHai xazcöv, 
TÖv 56vTa t aÖTci) Boyatsp' yjV t syr^ixato, 
aiyötv. 

Prinz: ,o6v S] hs, r.' Wecklein schreibt toaöv^s 5'ouv und erklärt: ,5' ^^v d. i. obwohl 
du mein Unglück nicht ganz zu fassen vermagst. Vgl. Krüger I, §. 69, 52, 2'. Auch 
ich glaube, dass nach den Indicien der Handschriften wol 5' ouv zu lesen ist (wobei 
eine Rückbeziehung auf 252 stattfindet); aber es genügt die Aenderung 

rojoöto 5' o'jv ao'j T'jyyävstv ßri'jX7^:;o|j.a[.. 

Den V. 262 erklärt Nauck für unecht. Es hat schon Lenting diesen Vers verworfen. 
— Mit diesem Verse ist zu vergleichen 287 ff. 

xXöio 5' ixTzzO.zlv o\ OK dTcayysXXooat [J-o!,, 
xöv 56vca icai, Yf^\j.rjy-rj. y.ai Ya{j.r>ü|x£VT^v 

5pa3ctv ■:'.. 



ferner 366 f. 
ebenso 373 ff. 

und endlich 1354 ft\ 



[ASlvat [jl\ £V '(] zpziz zOiV s[j.(bv sy9p(bv V£y.pous 

atj 5' vjY. s\).z/Xbc, Ta[x ätqxdaa? )>£Xyj 
xspirvöv otd^stv ßtoxov syYcXtöv £|jloi, 
o'JS' -/^ x'jpavvo;, o'J5' ö aot Trpci36='.c ydixou; 
Kpsojv dvazi. ZYpos |x sv.ßa/.clv y^ovöc. 



246 Johann KviCala. 

Besonders wichtig ist die Vergleicliung von Vers 287 &. Da nämlich Kreon hier 
sao-t er höre von Drohungen der Medeia, die ihm hinterbracht werden, so liegt darin 
ein zu Gunsten der Echtheit des Verses 262 sprechendes Moment. Denn wenn auch 
nicht angenommen werden kann, dass V. 287 %X6(o und dTrayYsXXoüat eine directe und 
unmittelbare Beziehung auf 2(J2 enthält, so liegt doch anderseits die Annahme nahe, 
dass Euripides absichtlich V. 262 hinzugefügt hat, um im Drama selbst ein Beispiel 
der Drohungen der Medeia anzuführen. So wie Medeia im vorliegenden Falle Drohungen 
nicht bloss gegen lason, sondern auch gegen Kreon und seine Tochter ausgestossen hat, 
so hat sie dies (so muss das Publikum urtheilen) gewiss auch sonst gethan und es ist 
dem König hinterbracht worden. 

Bezüglich der Anwendung des Relativsatzes ''qy t SYT^ixato (dagegen 288 Ya[JLrj'jpLSVY|V) 
vgl. 514 f. '/.rjX6v y" ovct^oc t(p vscoatt v'j[j/ft(o, TTicoyotjc ä).r/.a6at Tiatoac f^ z Eotoaa as. 

Eur. Med. 269. 

Für o£ xaL das keine genügende Erklärung zulässt (man kann sich nämlich hier 
nicht berufen auf die das Auftreten einer neuen Person ankündigende Partikelverbindung 
v.al [J.rjv), vermuthet Herwerden oe aot, Prinz o' £%£L Es ist wol zu schreiben opcö os tot 
KpsovTa. Bezüglich der Verbindung os tot vgl. Aisch. Ag. 974, Ch. 542, Soph. Ant. 327, 
Trach. 327, besonders aber Aias 1157: opo) os rot v.v, itdattv, mq £[J.0!. ooxci, o'jOct^ zo-:' 
aXXoQ Yj aö. 

Eur. Med. 279. 

v.riöif. sattv rlzr^z sö-irpocotaro; ixßaatc. 

Die Schollen erklären cü-irpÖGotaTO?: c'jcTtt-ßo'jXs'Jtoc y-ol (jrj.oirj. irpö? zb rjirj.rf>T(elv a'jr/jV. 
Aber es ist offenbar die Annahme, dass dies Wort unrichtig überliefert ist, begründet. 
Die Heilung freilich ist unsicher. Nauck vermuthete (Eur. Stud. I, 117) c'JTrpoawicoc, 
Herwerden (Soph. 0. T. p. 202) süicöptoroc. Zu sv.ßaai: würde besser passen c'JTCOpsuTO?, 
für welches Wort ich hier die Bedeutung ,gut zu gehen, gangbar' annehme, so wie bei 
^uaTCÖpcUioc Avirklich die Bedeutung , unwegsam' vorkommt. 

Eur. Med. 290 f. 

%p£iaaov 0£ [xot vüv zpoc o äTrs/Oso^ai, '{•'nau 
Yy jjLaXGax'.aGävB' fioTcpov \i.i'(rj. ozivziv. 

Berechtigt ist die Einwendung, die Prinz gegen Nauck's Aenderung [jLsraoTSVStv 
geltend macht: ,qua mutatione propter üorspov non opus'. Diese Conjectur ist aber 
nicht nui- nicht nöthig, sondern auch überhaupt misslich. Durch dieselbe wird nämlich 
ein nicht unerhebliches Moment (Kreon will sagen ,wenn ich mich weich zeige, so 
könnte ich es einst sehr zu bereuen haben') beseitigt zu Gunsten einer — Tautologie. 
Vgl. übrigens Aisch. Ag. 711 [i.i'^a -^rrj ozi^z^.. 



Studien zu Etuipides. 247 



Eur. Med. 303 tf. 



aorpYj Y<^-P O'jaa, rol? [j.£v si|j.' sTri^pOovoc, 
zolz 5' 'qQ'x/'jlrj., rote 0£ ^Jatipo'j tpö-iiou, 
TOI? 5" ao TTpoadvrrjc • c"t|i.'. 5' o'Jv. c/.y'v.v a^'f/^. 
au 8' o'jv ^oßii [J.S [XT^ Tt '7rXYj[x[i£Xc<: zdO-^c- 
oü/ (oS' syst [xoc, \i:'q zpiaric Y/[A'Xw, Kfjsov, 
<oat £? -üpdvvo'j; avopa? £^a|j.af/Tdv£tv. 

Seit Pierson den Vers 304 als unecht und aus V. 808 liielier übertragen erkannt 
hat, wird derselbe ziemlich allgemein athetiert. Vielleicht hat der Interpolator hiebei 
■rp'jyaia in der Bedeutung ,unthätig, nichts unternehmend' genommen mit Bezug auf 6.[j-^iac, 
im V. 29G. Man muss aber wol auch annehmen, dass die Interpolation hier weiter geht 
luid dass auch noch V. 305 fälschlich eingeschoben ist, wie schon Hirzel (de Eur. in 
comp. div. arte p. 43) diesen Vers getilgt hat. Die Worte £qji fj O'Jv. dy/v aotpYj, mögen 
sie eine Reminiscenz aus V. 583 sein' oder nicht, sind jedenfalls ungehörig, da Medeia 
von sich überhaupt nicht sagen kann £i|xi o o'Jx dyav orj^pyj, am allerwenigsten aber hier, 
wo sie die Nachtheile der ^orpia, die auch sie treffen, darlegt und wo sie so eben aorpy] 
'(ärj o'jaa gesagt hat. Aber auch der erste Tiieil des Verses ist ungehörig, da TzpoadyvfjC, 
weder dem STii'fOovrjC entgegengesetzt noch auch von demselben wesentlich verschieden 
ist und da somit die Worte toic o a-j TrpriadvrrjS schief sind. 

Euripides schrieb hier 

aorp-/j Y'^-p ^'Joa zrj'ic \).iv sqj.' zTii'fHovjc, 

Der Interpolator aber wurde durch zolc |j.£V verleitet, einen mit xotc 0£ eingeleiteten 
Gegensatz hinzuzufügen. Es war dann nur natürlich, dass nach der Interpolation des 
mit TOlc 5" ci'j beginnenden Verses das echte o rj/j im V. 306 nicht unangetastet blieb. 
Prinz: .orjv ES, r/fj r'-. Grewiss ist aber hier o O'jv unangemessen. 

Eur. Med. 316 ff. 

\i^(zic, rj,%o\iorjx ix'jXHrj.fl , arX saw (pp£V(i)V 
öpp(o5ta |j.o'. jr/j ZI ßo'j).£ÖrjS ■x.av.öv, 

t03Cl)0£ V^aaOV Y^ Ttdp'j: TTcTUOtOd OV.' 

pcftov (f'jAdj^i'.v Yj ■jii.nTZ-f^'iJjt aoccör. 

roa(])3£ 5' im V. 318 halte ich nicht für richtig. Toa(po£ o" r^aaov wäre angemessen, 
Avenn nicht darauf 7^ rArjrjc folgen würde, sondern wenn es bloss hiesse loacpos o r^ajov 
itETCOiöd aot (sc. als wenn du dich anders benehmen würdest, als wenn du nicht zum 
XsY^^''' [xaX^a^d greifen würdest). Schwerlich ist es aber zulässig, den Comparativ in 
doppelte Beziehung zu setzen, einmal zu q irdpoc und das anderemal wegen des -oacpÖE 
zu dem eben zu ergänzenden Gedanken ,als wenn das Gegentheil stattfände'. Dazu kommt 



Prinz: ,milii prior versus pars genuiua, posterior verliis e v. ü8o invectis periisse videtur'. 



248 



Johann KviVala. 



nun auch noch das Anzeichen, dass in einigen Handschriften 'f statt 5' steht. — Viel- 
leicht ist zu schreiben: 

T(p 0(7) ^j eff rporjv Yj xdpoc HEXotGa vOv. 

Sobald fälschlich abgetheilt und gelesen wurde toatpös b' , wurde das unzulässige b" 
theils durch 8\ theils durch y ersetzt; und da bei der Schreibung toaq)5E zugleich auch 
der von irETUotOa abhängige ])ativ verloren gegangen war, so wurde aot an der Stelle 
von vüv untergebracht. 

Was das Adverbium wQ o aozwQ betrifft, so sind bekanntlich die Ansichten alter 
und neuer Grammatiker über Ableitung, Aspiration und Bedeutung des Wortes ver- 
schieden. Vgl. jetzt Kühner's Gr. Gramm. IP, 563 f. Nach meiner Ansicht ist das 
wesentlichste in folgenden Sätzen zusammenzufassen: 

1. Das dem Pronomen aozöc, entsprechende Adverbium ist a'Jttoc. Auf die Betonung 
ist vielleicht ooko? nicht ohne Einfluss gewesen. Uebrigens ist o[A(oc zu vergleichen, 
das mit 6[jl(Ö(; ein und dasselbe Wort ist; die Verschiedenheit der Betonung hängt bei 
diesem Worte mit der Verschiedenheit der Bedeutung zusammen. — A'jttoc ist stets bei 
Homer zu schreiben, mag das Wort in welcher Bedeutung immer vorkommen. 

2. In der Verbindung mit (o^ ist (oaaötw^ =1 voc. aötto?, und es entspricht die Ver- 
bindung der zwei Adverbia (vgl. (oc ixspfoc) genau der Verbindung der zwei Pronomina 
ö a'JTOc. Demnach ist stets und überall nur (öc 5" a'jxco? zu sclireiben^ 

3. Aber auch die Existenz der Form aozwc ist anzuerkennen. Jedoch ist dies a'JKoc 
zu beschränken auf die Bedeutung ,eodem modo'. Diesem Adverb liegt zu Grunde die 
Pronominalform rx'jz6c [i aözöc,), so dass auzMC. eben z^ (oc auKoc ist. Also z. B. Soph. 
xVnt. 85 xpufftj ^E xböHb. a6v 0' rjjjzoiz k'iw. 

Eur. Med. 384 f. 

arjrfai ^r/Xiaza. fpaf>|X7.xr;t? aOroöc sXsiv. 

Ich sehe nicht ein, wie Prinz dazu gelangte, die Worte rr^v S'JOsiav mit Entschieden- 
lieit als ,corruj)ta' zu bezeichnen , da doch die Construction keine Schwierigkeiten 
vei'ursacht, und da dieser Ausdruck derselben Sphäre entlehnt ist, wie die früheren AVorte 
der Medeia 376 f. 

Tzo'kXa.c. h' s)(ouaa Öavaaijxouc '^özoic, irjryj^, 

Ofjx rjvj iizrAq, Kpcotov sy/ctpcö, 'fiXat. 

Wenn Prinz etwa meint, dass der Ausdruck ty^v cüÖstav deslialb niclit angemessen ist, 
weil tpapixäxoLC eXsiv kein offenes feindseliges Auftreten, sondern List und Tücke be- 
zeichnet, so ist eben anzuerkennen, dass Euripides hier diesen Ausdruck nicht in dem 
gewöhnlichen Sinne nahm, sondern von jenem Wege verstand, auf dem ]\Iedeia am 
sichersten und schnellsten ihr Ziel erreichen konnte; dieser Weg war also auch für sie 
der nächstliegende, der gerade im Gegensatze zu einem anderen zv/y0.aBai (V. 382). 



' Ebenso ist wol in der VcibimUuig mit (oos zu si-lireilien i'io' a'JTtoc, Soph. Tr.icli. 1040 Tiv wo' £7:!Soi(j.i Jisoojaav ajTwc. (ü5* 



Studien zu Eukipides. 249 

Eur. Med. 499 ff. 
ay" • (i)c rpi/ao ~(rj,rj ovtt 30t y.otvtoaofxai, 
ooxofjGOt [JLSV ti zpöc Y- ^'^'^ Trpdcsiv 7,aXcöc; 
ojxcoc fj ■ irjwrffliic '[ärj abyüov 'f avsi. 

Prinz ,|J.£V ti jB£' |Jlsv -i r. | a-* in marg. yp- ooxoOaa [xy^ n TZf/OC-' Nach Elmsley's 
Vorgang nehmen die Herausgeber SoxoOaa jj.sv zi lupöc auf. Aber die Frage hat hier 
etwas unnatürliches und gescliraubtes. Medeia will sagen: ,Ich will den Fall setzen, 
als ob du mein Freund wärest und unter dieser Voraussetzung xotvcoao[xa{ aoi o'j öoxoOsa 
Tzoic Y- C'^ö TzrAisiv %a},(bc, ä)X Iva spcorr/jcic ala/uov 'fav'?)c'- Diesem Gedanken entspricht 
die Variante, welche grosse Wahrscheinlichkeit für sich hat: 

Eur. Med. 547 ff. 

fj. £c •(d\i.rjDQ [j.ot ßaodaouc (ovsi^taa?, 
ev -ö)5£ Sst^co -pcöza (jlev oocpoc Y^T*"^' 
ezctra ooVfpcov, sixa aoi. \).e'(ac cptXoc 
xai. zatj'- roic £[Aol3tv 

Die Echtheit von [jl£Y"?5 welches Wort Nauck für ,suspectum' hält\ ist nicht zu 
bezweifeln. Vgl. den ähnlichen Gebrauch von \i.i^(ac, bei Soph. Oid. Kol. 459 f. 

zrfiz. z% zö/.sc [xsY^v 
Ofo-fjp" dpsij^s 

besonders aber folgende Stellen, an denen [xi'(az mit cfäoc verbunden ist, Soph. Ant. 182 f. 

Y.rj.i [XctC^v oaziz dv-i z-qz a.6zoö Tcdtpac 
rptXov vo|j.iCsL toü-ov o'Joa[j.r;0 Xsy(o. 



Phil. 585 f. 
El. 45 f. 
Aias 1330 



ryjZ^jC ÖS [XOt 

'^tXoc ixsY^GT^^?: o'JV£%" Axpstoac atoyct 

Trap' dvopoc Oavotscoc f^xcov ö Y^^p 

tJ.£Y-3'^^? ay-colc zo-(y6yzi oop'jSsvcov. 

cfe' • Y; Y^^-P ='■'■';''' ^^'J'^ '■-'•'^ ='-* 9P^^Ö>V, ETTct 

(ftXov a' £Y"^ [J.cY^'^'^^''' ApYStwv v£[jl(o. 

Eur. Med. 559 ff'. 
äkK (oc, "CO jj-EV [i.EYta-r>v, oaoljJisv ■/.aXcbc 
xa-l [XY^ aTCC/.vtC<>^[J-£36a, y^T'^^*'^"'^^"''' ^^"^^ 
TtzTfjZrj. 'fZ'j'(Zi Tzrlc zic sxToocov 'ftXoc, 
TcaiSac 0£ b^i'\ai\i clquik oÖ[j.{ov £[xcbv 
OTzeipac z 䧣Xtpo6? zotatv £x a£6£V xe'ävoic 
£lc xa'JTÖ ÖEiYjV %o.i ^uvapxf^aac Y^'^^? 

£Ü?at[XOVOtY/A 



' Auch Prinz stimmt Nauck bei und sclilägt (freilich zweifelnd) |j.£!v»c vor. 
DcDischriften der phil.-hist. Cl. XXIX. Bil. 



32 



250 Johann KviV.ala. 

Den V. 564 hält Nauck für unecht, und gewiss gibt dieser Vers zu gewichtigen 
Bedenken Anlass. Man müsste zu zic zaSjzh Osiy^v ergänzen rä ix asOsv zewa. rxozrjic,; 
aber wie lästig und unbeholfen eine solche Ausdrucksweise ist, leuchtet ein. Aber neben 
Nauck's Vermuthung lässt sich folgende, wenn ich nicht irre, wahrscheinlichere aufstellen 

mit Tilgung der Worte rolaiv £% asÖsv rswot.^' sie zaijzrj Östr^v. 

Ausserdem wäre, wenn man £fj5a[,(xovoirjv beibehält oder auch wenn man mit Elmsley 
E65at[JLOVoijJi£v schreibt, die Partikel z nach aizzipac, in 5' zu verwandeln. Diese Aen- 
derung ist aber ebenso auch vom Standpunkte der Athetese Nauck's erforderlich. 

Es scheint jedoch, dass der Ausdruck caoaifxovoiYjv corrupt ist. Es ist wenigstens 
in hohem Grade anstössig und der Dichter würde deshalb einen schweren Tadel ver- 
dienen. Würde lason, der doch nachweisen will, dass seine Handlung auch der Medeia 
und den Kindern zu Gute komme (vgl. Wecklein's Bemerkung im Anhang), würde er, sage 
ich, nicht gegen seinen eigenen Zweck handeln, wenn er des exclusiven £tJoat[j.ovoiT^v sich 
bediente? Schoene versuchte zwar die Ueberlieferung zu rechtfertigen durch die Annahme, 
dass ^ovj.^jzrflrj.z den Hauptbegriif enthalte imd cfj^c/.cjj.ovotrjV dazu nur eine Nebenbestimmung 
bilde ,und ich so glücklich wäre, den Stamm zu vereinigen'. Dies ist aber (vgl.- Wecklein) 
schlechterdings unzulässig, da cfjoatjxovsiv so nicht gebraucht werden kann. 

Durch Elmsley's Aenderung £'Joat|xovotjX£V wird nun freilich dies Bedenken behoben. 
Aber ich habe zu diesem Emendationsversuch kein rechtes Zutrauen ungeachtet der 
Parallelstellen, die man für diesen Wechsel des Numerus anführt (Aisch. Eum. 141 Soph. 
Phil. 645 Arist. Vögel 203), weil an unserer Stelle nach dem Uebergang vom Plural 
ci:y.oijX£v, GTzrjyi^rj^xsaHa zum Singular 6p£'|'ac(j.i (Osrr^v), der Uebergang wieder zum Plural 
£u5at(JL0V0ijX£V hart und ungefällig ist. — Wenn an unserer Stelle nicht die oben erwähnte 
Interpolation anzunehmen Aväre, könnte man vermuthen zai qovapzrflä^ yi-^ric. cö^acixciVotV^. 
So aber glaube ich, dass zu schreiben ist: 

Tzaloac, Se BpE'l^aqx' diüos 5ö|X(ov e[X(öv 
GTcsifia? z äZzK'fVJC y.rj.i iovapr/joac Y£Voc 
£63ai[xovofjat (Dativ des Particips) 

,verknüpfend das Geschlecht mit einer glücklichen Familie'. Die Verbindung mit dem 
reichen und glücklichen Königsgeschlecht soll dem lason die Mittel bieten, um auch 
seine Kinder aus der ersten Ehe 6p£'|at ä^uo^ 5ö|xcov. — Bei dieser Fassung der Stelle 
bleibt die Partikel z£ nach ^jizzipaz (die mit dem folgenden %at correspondiert) unan- 
getastet, und es ist dies wol ein nicht zu verachtender Grund für die vorgeschlagene 
Emendation. Wie leicht aber EÖoaqxovoOai missverstanden und corrumpiert werden konnte, 
ist einleuchtend. Wollte man gegen diese Conjectur einwenden, dass dann C57C£tpac '' 
ä^cXcpooc ein schiefer Ausdruck wäre (man könnte nämlich fragen, inwiefern das aTC£:pai 
dSöXrpoyc ein Mittel sein soll für die Erreichung des Zweckes Tzai?irxQ Op£'|at ä;;woc) : so 
ist darauf zu erwidern, dass ja lason ähnlich im Folgenden sagt zrjic [xiWo'JOiy ziv.Vji^ 
za. CwvT (welches Wort wol corrupt ist) ovfjaai. 



' Diese Worte wurden lünz.vigefiigt, um zu bezeichnen, wem die zu erwartenden Kinder aus lason's zweiter Ehe Brüder 
sein sollten. Der Interpolator übersah dabei, dass zu ai:£{pa; aSA5pou; aus dem Context und zwar aus dem vorausgehenden 
TiatSa; mit grösster Leichtigkeit auToi; ergänzt wird. Nach dieser Interpolation war es dann nöthig zur Ausführung des 
nächsten Verses noch einen Zusatz zu machen, und so entstand das ungi-schiokte st; -aürb Oslrjv. 



Studien y.v Euripides. 251 

Eur. Med. 5G5 ff. 

xd Cwvz öv?jaat. 

Ich stimme Nauck bei, der za. Cö>v-' für unriclitig überliefert hält. Seine Conjectur 
xd Y ovx" ist aber, da die Partikel ys hier schwerlich angemessen wäre, nicht wahr- 
scheinlich. Ich vermuthe xd o' ovx' d. i. xd ad övxa. — In Betreff der Elision vgl. Soph. 

Phil. 339 f. . , , , , , , . „ 

oqjLat [JLSV apxstv aot ys xat. za. a , (u zrj.kaz, 

dAYYj[j.aO', (oGXc (J.Y) xd xtbv TziXaz gxsvsiv, 

wo auch ad ungeachtet des Gegensatzes zwischen xd ad rj}q-(^\i.n.zrj. und xd xcbv Tzi'Kac ducli 
elidiert erscheint. Ferner Cid. Tyr. 328 f. 

xd[x\ coc dv ciTTco jr/i xd a', sx'fY^vto xa%d. 
ebend. 404 f. (wo auch ein Gegensatz zwischen xd xoö5' iizr^ und xd ad stattfindet) 

T^|j.:v [J.SV ctxd-C^'Jai xai xd xr>Oo' I-jctj 

öfY'(i 'KBXi/ßrxi %rjX td a', OI^ctto'j?, ooäsI 

El. 1499 , ' , . , 

xa Y^'^"^ "J ■ ^T^*^ ^^^^ [xavxtc sijxt. xcbvo a%poc. 

Uebrigens scheint auch das Scholion für xd a ovx' zu sprechen: '/.at £{xoi, «pYjal, XuatxsXci 
x6 5id xcöv jjLcXXövxcov £% xa6xYj? sasaöat [xot zatocov (ocpsXtjaai xo6c sv. aoü. Soviel wenigstens 
ist ersichtlich, dass der Scholiast nicht vorfand xd Cö>'''~ • 

Eur. Med. 591 f. 
oö xrjfjxo a ei/sv, dXXd ßdf/ßapov Xs/o? 

Der Scholiast erklärt oü xoüxö a si/sv: dvxi xoO O'j xaoxY^v sycov xy;V Sidvoiav e'yy^ixcic, wo- 
gegen Wecklein mit Recht bemerkt, dass xoOx'j sich auf die unmittelbar vorhergehende Ein- 
wendung lason's bezieht 

v.akihQ Y ctv of[j,at xcp^' üiTY^pexctc XÖYtp, 

sl' GCii ydjxriv xaxciiü'jv, y^xc? o'jos vOv 
xoXiJLCfC jjisöslvat xaf/Otac \iS'(ay y/jk^jv. 

Man erwartet natürlich den Gedanken ,nicht dies (die Besorgniss vor meiner Hart- 
näckigkeit) hielt dich zurück, mir Mittheilung zu machen' (vgl. 586 f.). In diesem Sinne 
fällt aber sf/cV auf; denn wenn auch das einfache ^X^tv zuweilen , abhalten' bedeutet, 
so ist doch nicht abzusehen, warum der Dichter dies vieldeutige Wort hier hätte an- 
wenden sollen, da ihm andere Ausdrücke leicht zu Gebote standen. Und dann hätte 
doch wenigstens zu s/civ ein Genetiv ausdrücklich gesetzt werden müssen. Nauck ver- 
muthet a' £ipY£V. Man könnte auch schreiben oü xö5c Q £iCcl)(£V oder auch mit leichterer 
Aenderung oü x&üx' iTzzlyz^r 

Das Object a£ ist nicht unumgänglich nothwendig (vgl. die Bemerkung zu Eur. El. 
383 ff.), und gerade der Umstand, dass jemand das Object vermisste, konnte zur Aen- 
derung Anlass geben. 

32* 



252 Johann KviCala. 

Eur. Med. G08 

rjßptC', siTstOY; orii [xiv äoz' diroarpotp-/], 
syco o" Ip-/)|JL0C TYjVos rp£o^o6|JLat yßövix. 

Man erklärt äTioatporp**] , Zufluchtsort'. Das Wort kommt bei Euripides noch dreimal 
vor, nämlich Med. 799 



dann ebend. 1223 
und Hippol. 1036 



dp%0'j3av £1717.? atütac diroatpocpT^v, 
op^o'jc irapaaywv. icianv oö ajJiapdv, 6£ci)V. 



An allen diesen Stellen ist die dem Worte eigentlich zukommende Bedeutung 

(^ TÖ äTTöaxpEtpctv) , Abwendung, Abwehr' klar. 

In derselben Bedeutung findet sich diroa-prj'^Tj bei Aischylos (bei dem es nur einmal 

sich findet) Prom. 769 

'j'Jo aartv aörA -r^zo rmrjozpryfri ~'J'/'qz; 

was denselben Sinn hat wie o65" iaziv aO-cp tY;v5' diroaipd'fEiv z'jyqv; vgl. Agam. 850 

'3C£ipa3Ö[Ji£jOa -Tir^jj." dT:oa-:p£']/a'. vojO'j 

wie hier Porson das überlieferte TTY^ixaro; tp£'|a!. voaov verbessert hat. 

Auch bei Sophokles kommt das Wort nur an Einer Stelle vor, nämlich Oid. Kol. 1473 

ßtO'J tiXs'jr/j, yjj'jxiz ZZZ rj,%rj^zrjryz-r^. 

Der Scholiast erklärt zwar dies Wort hier dTro'fJYYj, und darnach gibt auch Ellendt 

(und Dindorf) die Bedeutung ,effugium'. Aber es ist klar, dass üidipus, dem der Tod 

durchaus nicht schrecklich erschien, diroaTpO'fYj in diesem Sinne nicht gebrauchen konnte; 

vgl. seinen Wunsch 101 fi". 

d).).d jxri!,, Osai. 

ßtO'J XV-Z ö|J.'fd? Zrj.Z AxÖAAWVO?, OÖTS 

TTspaatv YjO-rj xat, v,azaozprt(p'f^y ttva 

mit Bezug auf das Orakel des Phoibos V. 87 — 95. — Oidipus will vielmehr mit diro- 
arpocpT] sagen, dass sich das ihm verkündete Lebensende nicht weiter abwenden, auf- 
halten, verzögern lässt. 

Die Bedeutung , Zuflucht, Zufluchtsort, Ausweg' findet sich allerdings auch bei dico- 
OüporpYj. Diese Bedeutung beruht darauf, dass auch ditoaTps'^cW in intransitiver Be- 
deutung vorkommt, z. B. Xen. Hell. III, 4, 12 xoüvaviiov dicoaxps'lry.? sie (^p'jyiny -^XOs. 
Darnach ist auch dTCoaxpo'f»^ ,das Sich abwenden, das Sich wohin wenden =-^ Ausweg, 
Zuflucht'. Vgl. Xen. Kyr. V, 2, 23 £[xoi \xiv ydp, s'fQ. r(bv§£ a.TzoofaXz'^zi lauv l'acoi; ^ai 
dXÄYj diroarpo'fY;. 

Aber es ist misslich, diese für den tragischen Sprachgebrauch unbezeugte Bedeutung 
an unserer Stelle anzunehmen. Dazu kommt, dass ja Medeia nicht einmal passend zu 
lason sagen würde: ,Du hast eine Zuf ] uch ts tätte'. Vielmehr erwartet man, dass sie 



Studien zu Euripides. 253 

sao-t: , Höhne nur, da du ein Heim hast, während ich verlassen aus diesem Lande in 
die weite Welt hinaus fliehen muss'. Diesen Gedanken nun erhält man, wenn man 
schreibt 'jßp!-C\ STZzi/j-q sot |X£V sar äTctaüporp-r^. 

'E7Ciaioo(pYj kommt bei den Tragikern einigemale vor zur Bezeichnung der Einkehr 
und auch des Ortes, wo man einkehrt; so Eur. Hei. 43;) f. 

"EXXy;V x£cp'JX(oc, obtv o'jy. STrta-poffat. 
Aisch. Sept. 647 f. %a-d£to o avopa tövos r.ai iröuv 

i^st -jcatpcpcov 3(o|xa.T:(ov r sTrta-cjorpdi;. 
Eum. 547 mi ^£VOTt[jLoy; STriazpo'fäc o(o[j.ä-(ov 

Fragm. 243 XtlcP/cIS ':rrj-:c/.|xs ßo6vr>[xoi z äirictpoiyat. 

Fragm. 264 KiXu oz /(opa y.al X'jpojv £Trta-po(pai. 

Auf STTtOTpocpfj weist vielleicht auch das zweite Scholion in Dindorf's Sammlung hin. 
Während nämlich das eine Scholion lautet aTCoatporp-zJ o£ dvri xoO dico'foy-*], dvd'jra'jac:, 
erklärt ein zweites Scholion ofxoc, d-vd-iiaoai?. 

Was die Verwechslung von STT'.aTp'j'frj und diroarporpYj betrifft, so vergleiche man 
z. B. Kykl. 299, wo die Ueberlieferung zl^ äöyo'jc; dTUoarpsrp-rj gewiss richtig verändert 
wird in ei ^oyoi»; STCiaxpscp-o. Ausserdem aber scheint es, dass nicht ohne Einfluss auf 
unsere Stelle die Eeminiscenz aus Y. 799 war, wo ditoatporp-^ if.ax(bv vorkommt. Es 
bietet ja vielleicht kein Drama des Euripides so zahlreiche Beispiele für die Erscheinung 
dar, dass Verse und Ausdrücke aus Stellen, an denen sie berechtigt sind, in ungehörige 
Stellen der Tragödie eindrangen. 

Eur. Med. 625 f. 

vö\i.'-fzo'' l'aco? ydp, o'jv 6c(}) o' clpT^asTat, 
Yajj.£l? tocoö-ov ('6c3X£ a' dpv£la6a'. Yd[j.ov. 

Für das unhaltbare coote o dpv£i36at' hat Prinz früher üzz ^Traypäj^at vermuthet; 
jetzt erklärt er in der Ausgabe, dass er vorziehen würde Aoz ävjlvzjHr/.'.. wie schon 
Camper mq a' dvaiV£aOai vorschlug. Es bieten sich aber noch andere Möglichkeiten dar, 
wie z. B. (öOTS a' a/HzoHw.. Am wahrscheinlichsten dürfte aber vielleicht sein 

Ya|X£c? roioOzov (öor dvatp£la6at '(rj.]i.vK 

Nachdem dva!.p£l36at durch eine Verschiebung der ersten Consonanten in dpvclaOat 
übergegangen war, wurde die metrische Lücke durch Einfügung des a' (wa-£ a") aus- 
gefüllt. Bezüglich des euripideischen Gebrauches von dvacpötv in der Bedeutung ,zu 
Grunde richten' vgl. Androm. 517 a£ |X£V Y^|X£X£pa '];Y)'fO;; dvaipsl und El. 608 

£% ßdSpojv ydp izrlc dvTJpY^aac (ptXotc. 

Eur. Med. 723 ff. 

ouuo "fj £y£i {xoi • ao'j |X£V £/.6o'J3YjC '/Hivj., 723 
TTctpdjOjxat ao'j ':Lpo££V£lv ot7.a'.os tov 724 



1 Wecklein erklärt äovE?a6ai .verleugnen, dich gereuen'. Und .so hat freilich .schon der Scholiast bemerkt »")0T£ u' i.ftiX'j^ixi: tüaTS 
[j.cT«[i£Xri'Jj^va( at Itz\ tw t%o>. Wenn man nur sähe, wie man von der Bedeutung ,verleugnen' zu .bereuen' gelangen kann! 



254 Johann Kviöala. 

ToaövBc [XEVtot Goc iTfoarjixacvto, y^var 725 

£x z'qgoz [iiv Y'/j<; 00 a' dystv ßouXrjao[j.at, 726 

a'jTY; 5' sdvrtcp ci^ ijjLO'j? £XO'(ji: Sojjloui;, 727 

[i-cVci? do'jXoc %0'j 3i [XTi |xs6ö) ttvt. 728 

£% zfpoB o' aör/j Y"'"^? äicaXXdao'jo icö3a 729 

dvaiTto? ydp xaL 'iivAc sivai Os/vco. 730 

Diese Stelle entliält ein unläugbares Beispiel einer parallelen Interpolation, da 
oÖTto 8' ^yßi \xrA = roaövös [Jisvtoi aoc Ttpoa'/jfjiacvco, 'fovai, ferner icstpdaoixai aou irpo^cvsiv 
Swaioc cov ^= [JLSVclc dauXo? xo'j os jxy; [XcGä xcvt, endlich a6r/j 8" idvirsp sie s(xou<; sX6-/]^ 
Z6\j.ijOC = EX rTjoSs 8' aÖTYj y-rjc diraXÄdaaou Tröoa. Was aber als Interpolation auszu- 
scheiden wäre, darüber gehen die Ansichten auseinander. Entweder sieht man 723, 
724,^ 729^ für interpoliert an und setzt V. 730 nach 726 (so Nauck und auch Prinz 
früher) oder man scheidet die Verse 725, 726, 727, 728 aus (so Wecklein und Prinz 
jetzt in der Ausgabe). 

Ich schliesse mich der ersteren xVnsicht an, ziehe jedoch noch eine weitere Con- 
sequenz aus dieser Annahme, nämlich dass ich ausser 723, 724, 729 auch noch 730, 
welchen Vers man durch eine Transposition retten will, für interpoliert halte. .So stehen 
dann meiner Ansicht nach den vier echten Versen 725 — 728 gegenüber ebenso viel 
interpolierte, von denen zwei vor die echte Versgruppe, zwei nach derselben gesetzt 
wurden. 

Für die Beibehaltung der Verse 725 — 728 und für die Tilgung der Verse 723, 
724, 729 entscheide ich mich deshalb, weil jene Verse ganz tadellos sind, diese dagegen 
manches Bedenkliche enthalten, was auf einen Interpolator schliessen lässt. Ungefällig 
ist nach aoü [xev äXÖouoTjC yfiöva die Wiederholung aou im V. 724 ; sonderbar ist der 
Ausdruck hiv.ai'jC (ov (der auch bedeuten könnte ,da ich Scxatoc bin', während der Inter- 
polator wol sagen wollte ,wobei ich oi%7.coc werde bleiben können', für welchen Gedanken 
aber der Ausdruck unzulänglich erscheint) ; die Construction dicaXXdaaoo Trö5a (die man 
mit ßacvscv Tuöoa El. 94. 1173. Arist. Ekkles. 161 zu rechtfertigen sucht) ist sonst nicht 
nachweisbar. Endlich, wenn man zwischen dem energischen Versprechen [Xcvetc äaoXoz 
wj as \i'q |Xc6(b itvi und dem matteren TStp dao [xai aoo xpoi;£Vclv zu wählen hat, muss 
man sich wol für das erstere entscheiden. 

Den Vers 730 zähle ich aber auch noch zu den interpolierten Versen, weil er an 
V. 728 sich nicht anschliessen kann und weil die behufs der Rettung dieses Verses vor- 
genommene Transposition immer ein gewagtes Mittel bleibt. Es scheint auch, dass das 
Scholion zu V. 726 gegen die Echtheit dieses Verses spricht. Da nämlich dies Scholion 
lautet i'aojc tva |xy; X'jTrTja"(j xov 'Idaova, y; eitsi d-jr-z^st -jrpoc DixOsa, so liegt die Vermuthung 
nahe, dass derjenige, von dem diese Erklärung und Annahme herrührt, den V. 730 noch 
nicht kannte, weil in diesem Verse eine ganz bestimmte, aber andere Ursache für 
die Scheu des Pittheus, Medeia mitzunehmen, angeführt wird. — Diese Ursache aber 
enthält wol ohnehin auch eine Unwahrscheinlichkeit. Wie sollen wir es denn glauben, 
dass zwischen Aigeus und Kreon Gastfreundschaft bestand, wenn davon gar keine weitere 
Erwähnung geschieht? Aigeus ist auf dem Wege zu Pittheus in Korinth angekommen, 



' Diese beiden Verse bat zuerst Hirzel getilgt. 
2 Diesen Vers tilgte Nauck zuerst. 



Studien zu Euripides. 255 

aber er besucht seinen angeblichen Ssvoc Kreon nicht. ' Auch würde wol Medeia da, 
wo sie von den S'7rc%'/jp^J/,c'J(AaTa (durch einen Herold vermittelte Verhandlungen wegen 
ihrer Auslieferung) spricht (V. 738), als einen ganz besonders schwerwiegenden Grund 
ihrer Besorgniss die Gastfreundschaft zwischen Aigeus und Kreon erwähnt haben, wenn 
eben eine solche bestanden hätte. Ich glaube annehmen zu können, dass der V. 730 
der Versuch eines Interpolators ist, die von Aigeus ohne Begründung ausgesprochenen 
Worte er. -Yjaös (j.sv y-?;? o5 o aysiv ^oo\'qao[i.ai zu motiviren. Der Dichter selbst glaubte 
diese Worte nicht weiter begründen zu müssen , weil der Grund , dass Aigeus jede 
unnöthige Verwicklung mit dem korinthischen König nach Möglichkeit vermeiden wollte, 
leicht vorausgesetzt werden kann. 

Eur. Med. 734 ff. 

KpscüV z£ • Toy-otc o' öpx'Vjioc [j.ev Or(Zic 
ayouatv w |j.£Öct' av sx -(airj.z s]j.£ ■ 
Xoyot? o£ a'j[xßd(; %ai 6scbv dvcö[JioToc 
'ft).oc yävot.' dv %ä'iraYjp'jy.£'j|j.7.t7. 
oux dv TutÖoto • zrj.\sA |xsv ydp äaHzrq, 
zrjiz '6).ßoc iaxi w. oöiioc t'jpavvtxoc. 

Es versteht sich von selbst, dass der Ausdruck opcocat [jlev Cot^^'^ ^" *ich möglich 
und tadellos ist. Zsuyvivat erscheint in derselben tropischen Bedeutung mit dem blossen 
Dativ verbunden, z. B. Eur. Hik. 220 Osatpdtotc Ooißo'j C'^T^^'^- Plioin. 337 yd^xotac C'-'T^"''''^- 
Iph. Aul. 907 £1 Y<^P t*-''^ Y'^H'^^"^'-^ eC^Y'^?- Es ist aber nicht ausser Acht zu lassen, dass 
die Schollen deutlich auf das Compositum £vC'JY«^? hinweisen; es findet sich nämlich in 
denselben die Erklärung B'(y.azaOcrj\).\).iv'jC, iimeTz^z-xiiivoi:. Und da ist es bemerkenswerth, 
dass gerade bei opitoc Euripides die mit EvCs'-'Y'^'JvaL opxto übereinstimmende Construction 
£V opÄOtc Zeo'c^o^ai gebraucht hat, nämlich Hik. 1229 

■/.r/1 -ov5' £V o,ov.o!,c Cz'jcrjixai 
Vergl. ferner Hei. 1654 ev -rAoiv rj.dz-ffi Sei vtv £C£'jy^at ydixoic 
und El. 98 f. cpaal ^^rj.rj viv £V '(ä]}.oiz 

Das Compositum EvCsfJy'^'^''"^-^ findet sich in derselben tropischen Bedeutung bei 
Aischylos Prom. 107 f. 

ÖV'/;rOlC '(rj.rj '(äpfj. 

■jropcbv dvdYy.aic tataS' iväCs^-'Y!^'^-^ rdXac 

und ebend. 578 zi Tzoze zrj.iao eveCeoSolc £'jp(ov djj.ry.pro!jaav £V 'rtYjfjioauvat.c- 

Zu vergleichen ist mit diesem Gebrauch von £vC£'JYv6vai die Anwendung des Verbs 
£v5£lV: so schon bei Homer B 111 

Zc.öc. |X£ \xi';rj. Kpovto'/;? äzQ eveoyjOc ßc/.p£t-(j 

Soph. Oid. Kol. 526 vta^cf \x £üvq. iröXtc ofJoEV loptv 

Yd|J.(ov EVE^TjOEV a-q.. 



' Oder sollte der Interpolator etwa ^s'vo; nicht in der liedeutung ,Gastfieund', sondern .Fremder' genommen haben? 



rtrß Johann KviCala. 

Namentlicli aber ist wichtig, dass Euripides dies Verbum mit opxoc? verbindet. Med. IGl ft'. 

svSTjaajJiiva -öv xaxdpaTov 

Tcöaiv. 

Nach dem Gesagten halte ich es für begründet, die Aenderung vorzuschlagen: 



Schwierig ist die Eniendierung des Textes der folgenden Verse. Die handschrift- 
liche Ueberlieferung ist nach Prinz's Angabe: ,737. dv(ö|xoroc f// £V(o[j.otoc; a ävco (vel äva) 
sup. £V(o scr. a' £Vo')[j.o-o? r. 738 /.äTraYjp'JXE'Jixaxa cum Didymo schol.] y.äiraT^p'JXS'Jjj.raatv 
£■«!> xdTii xY^pDicsyjxaat ?". Ausserdem ist zu constatiren, dass die Scholien theils auf 
dvcouLO-oc, theils auf svwjjloxoc hinweisen. Das Scholion |i ■/] ö (j. ö a a ; cik tpiXoc ylvoto dv 
5td toö ETcaTjp'JXSÜjJLaxo? geht auf die Leseart dv(o[j,oxoc zurück, ebenso die Bemerkung sl 
5s 5td }.6^(0iv [xövov aövOoio, l'sox: dv £v.£tv(ov ysvolo 'ftXo?, xai 5id td £'Jcirf;p'j-A£'j[j.ara, 
£0X1 xdc irpsaßEiac, =tatxo'j[j.£votc [xs s-aooiy^? dv ocJxoi;. Dagegen beruht ein anderes 
Scholion auf der Leseart £V(ö[j,oxoc, nämlich: ,£i 5£. 'frjoiv, £X6otc £lc a6|xßaaiv x(bv £[J.(bv 
/.ÖYwv %at o'JvfjY^v.ac £V(o [jlo xo -j c irorr^aato irpo? £[X£. s-j oioa oxt |i.oi c^tÄoc Y£voto y.ai £Tit- 
xryjorjc docpaXr^c xai oüx dv xy^v irpö? £/,£ivo'JC cpiXiav irpr;%ptvai;\ 

Nauck gestaltete den Text in folgender Weise : 

XÖYotc 3£ a'-)[ißdc (xy^ 6£(i)V £V(Ö[xoxoc 
'ftXoc Y£Vot' dv 7.'■J.^zur^rJU'/.c.6\).r^.-a 

xdy" dv itiOot 0£ 

wobei er [xy^ statt v.ai nach Hermann's A^ermuthung schrieb, ferner xd/' dv für oOx dv 
nach Wyttenbach und TzibrA a£ für T:t6oio nach Lenting. Im Wesentlichen stimmt mit 
dieser Textgestaltung Wecklein überein, der nur darin abweicht, dass er xoü Öscbv ivto- 
[xoxo;; (an 7,0'j hatte schon Reiske gedacht) schreibt. Dieser Textfassung steht aber als 
Avesentlichstes Hinderniss der Umstand im Wege, dass die Beziehung von tpiXo? auf die 
Feinde der Medeia (eicsivcov cpO.oc) unwahrscheinlich und — man darf wol sagen — un- 
zulässig ist. Zwar dachte auch der Scholiast an diese Auffassung (indem er sagt: iC(o? 
dv £7t£iV(ov '(ivrjio (ptXoc) und Wecklein bemerkt: ,Diese Beziehung ergibt sich leicht (?), 
da xouxoic in Folge seiner Stellung den beiden Gliedern des Gegensatzes angehört.' 
Aber diese Beziehung ist nicht so leicht, sondern es spricht vielmehr alles dafür, dass 
Medeia, da sie keinen näheren Zusatz machte, tptXoc nur mit Bezug auf ihre eigene 
Person nahm (cpiXoc k\i6z). Eine Spur dieser richtigen Auffassung findet sich in dem 
anderen Scholion s'j oiSa oxt (xot cpiXoc yivrji'j. 

Wol aus diesem Grunde, dass die Auffassung ^lÄoc ixcivcov unw-ahrscheinlich ist, 
bezweifelte Nauck die Echtheit des Wortes cptXoc und schlug in der kritischen Anmerkung 
'fffkrjc vor. Dies Wort aber ist seiner Bedeutung nach (vgl. auch frikrirf^c, Betrüger, 
Dieb, Räuber) ein viel zu starker, jedenfalls ein unfeiner und deshalb unangemessener 
Ausdruck. Medeia darf auch für den Fall, dass Aigeus sein A^'ort nicht hielte, ein 
solclies Prädikat ihm nicht beilegen. — Badham's Vorschlag 'swA^jC (Philol. X, 338) 
ist auch nicht annehmbar; dies Wort würde wenigstens einen Zusatz noch erfordern, 



Studien zu Euripides. 2ü7 

z. 13. «paöXoc (Cikoc Y^voi' av (oder (faOXo- cxixo-jpo; oder dgl.). Heimsoeth's Vorschlag 
ccpa).spö; wäre wenigstens dem Sinne nach angemessen. 

Ich o-ehe bei dem Emendationsversuch, den ich aufstellen werde, von folgenden 

Praemissen aus : 

1. Sicher ist, dass Medeia mit den Woi'ten /.öyotc Zi o-J\).^jdc eine gewöhnliche Zusage 
ohne eidliche Bekräftigung meint, eine Zusage, die ihr nicht genügt ; es findet ein 
Gegensatz zwischen Xöyoic und öpxioiaiv statt. Der Versuch des Scholiasten, den V. 737 
ohne Annahme dieses Gegensatzes und unter Voraussetzung der Leseart xal 
ÖS(öv £V(ü[jLO-:oc zu erklären (si M, «pr^aiv, s/Soic zlc aüfißaatv icbv k\).wv Xöyojv xa'! auvÖr/Aa? 
svcojxöto'jc TiO'.r^aafj irpöc £[J.£) ist als entschieden misslungen zu betrachten. 

2. Wie die Handschriften, so weisen auch die Scholien auf ävwjxoxoc und £V(öjj.o-oc hin. 

3. OiXor '[ivoi' av kann Medeia nur im Sinne von 'sO.rjZ £|Jiöc gesagt haben. 

4. KäTj.'Kr,^'jY.zö[irx-.a ist die echte Leseart. Schol. : ,iio'j{j.oc 5s cc-r^ctv eXXsittsiv ty// 
5id, iv" -^ od za £T:w/jp'JX£'j[Aa-ca'. KäTrt/,-/)p'JX£6tJ.aaiv ist eine Correctur, die erst aufkam, 
als Tzibrjirj in den Text eingedrungen Avar. 

5. Li den Scholien findet sich ein Passus, der auf den Gedanken hinweist ,du 
würdest die von meinen Feinden wegen meiner Auslieferung angeknüpften Unterhand- 
lungen nicht höher stellen als den Eid, den du mir leisten sollst", nämlich xal oüx 
av zr,y ~pöc s^sivoui 'ftXiav Ttpoxp^vatc. sirfA'/jp'jxsöfjLaia ydp za 3td tcov %T^p6%cov •(iv6\).B-^a. 
Tipöc fftÄtav. -/.iiTat o'jv ri Xsitc szl itjc <pikio.c. Dies weist, wie ich vermuthe, auf die 
Leseart %a7:ixr^^o-AZ'j\i.rj,za oöv. av irpoöslo hin. 

6. Endlich ist in der Ueberlieferung eine Lücke anzunehmen. Schon KirchhofI: hat 
nach %äT:'.-/(,rjp'j%£'j|xa':a den Ausfall eines Verses angenommen. Ich nehme an, dass nach 
Vers 737 mindestens ein Vers ausgefallen ist. Auf eine Lücke weisen die Worte des 
Scholiasten 3'j oCoa 'izi [xot 'fi/.oc yivo'.' dv xai sTCtxotjpo? äo'saKTfi hin. Die Varianten der 
Ueberlieferung dvcöixoi&c und evcöjxoioc verbinde ich in der W^eise, dass ich annehme, 
ursprünglich habe dvcöjxoTor im V. 737, £V(ö[xo-oc aber in dem ausgefallenen \ erse 
gestanden. 

Sonach gelange ich dazu, folgende Textfassung als ursprünglich anzunehmen: 

Xö^otc §E aujxßdc xat 6scbv dv(ö[j.oroc 



(fikoQ '{zvrji av ■ÄaicixTjpDXcUfJ.axa 

otjic dv -TT&oBcio. 



Die Lücke (deren Umfang ich nicht genauer bestimmen kann) möchte ich dem Sinne 
nach, und indem ich einen Versuch der Versbildnerei mache, etwa so ausfüllen: 

a^aXspöc dv sirjc, dXX' svcöjxotoc aacpTjc 
Doch will ich natürlich diesen Vers durchaus nicht als wirkliche Conjectur betrachtet 
wissen, sondern ich beabsichtige damit nur anzudeuten, in welcher Sphäre beiläufig sich 
die Ergänzungsversuche bewegen könnten. Vielleicht stand in der Lücke das Wort 
dacpaXfjC, das in den Scholien vorkommt, vielleicht auch =5 oC5" ort. das sich ebenfalls 
in den Scholien findet. 

Auch könnte man vermuthen, dass die Lücke anderswo anzunehmen ist, nämlich: 

>v6yoi<; 5= ao(j.ßdc /.at Öswv dvcöfioroc 
(DiKoz Yevot' dv 

Denkschriften der phil.-hist. Cl. XXIX . Bit. "^ 



258 Johann Kviöala. 

%iy.'K(.v.-qpov.s'j\i.aza. 

rj'jy. av irpoGsto, 

wobei dann etwa folgender Zusammenhang angenommen werden könnte : ,Wenn du mir 
bloss eine gewöhnliche Zusage machen und nicht die Götter als Zeugen anrufen würdest, 
so könntest du immerhin vielleicht mir freundlich gesinnt sein, aber du wärst mir doch 
kein vollivommeu sicherer Freund; dagegen £VO)[j.otoc dürftest du ein verlässlicher Bundes- 
genosse sein v.d.TzurirjOv.s6\i.a'zrx 0'j% av Tcpo^sto (nämlich toö opzoo). 

Eur. Med. 819 ff. 
ixco • ireptaaol Trdvts? o'jv [xiotr» \6'(oi. 
dXX' sia yibpei v.ai /.ojxiC loiaova • 
ic Tzrjyza -{äp ^'q aoi. -d iziozä yp(ö[jL£9a. 

Xs^Y]? §£ |J.7]5sV rcbV S[i.Ot. ^£^C)YtJLSV(OV, 

SlTTcp (ppOVclC £0 ÖEaTTÖtaiC Y'JVYj -' £'fO?. 

Die Worte äX).' sia /(opsi — y'JV^ r z^oc sind natürlich zu einer treuen Dienerin 
gesprochen zu denken. Nach den Soholien spriclit Medeia zur Dienerin nur die Verse 
819, 820 (xpö? T-^v B£pdTtacvdv 'fifjai). Die Aufforderung 822 und 823 ist nach den Schollen 
an den Chor gerichtet. Das Scholion lautet nämlich : ÖEOTCOtvav iaurr^v Xejei o'jy^ (oc 
OEoaicaivcbv oüawv täv dTCÖ toO yopo'j, ötto'j y.aT '^•p"/"^''' "^^^'^ Xöyo'j rciXa? a-jrdc ovojidCst, 
dXXd xö OEOTtorati: dvü xoü rol;; dp/o'jai zai toic xpatoöacv. tö 0£ Tz}.rfiovziv.by dvtt. toö 
£Vty.ofj ■ 0£Ä£t, ydp sizEiv, £[J.ot. r?j y,paro'ja-(;. %al ydp ßaatXscoc Boyd-CYjp ead xal yovvj ßaat,).£(o? 
tofj 'Idaovoc xat acbCsc tö EÜysvEi; cpp6vYj|xa. Natürlich kann aber an eine solche Theilung 
der Verse 820 — 823 nicht gedacht werden. Dass dieselben sammt und sonders zu einer 
und derselben Person (also zu einer Dienerin) gesprochen werden, muss von vornherein 
angenommen werden, da sonst, wenn die Worte Ki^r^c. Cti [JLYji^EV v.zh an den Chor' gerichtet 
sein sollten, die Verschiedenheit der Person durch ein ausdrücklich gesetztes a'J 
markirt sein müsste. Ausserdem ist die Auffassung, die der Scholiast von seinem 
Standpunkte aus bezüglich des Ausdruckes Seaiuotaic gibt, natürlieli unannehmbar. 

Es ist aber wolil der Mühe werth, dem Ursprung dieser in den Schollen sich findenden 
Auffassung nachzugehen. Meiner Meinimg nach stammt diese Auffassung von einem 
alten Erklärer, der die Worte der Medeia V. 7 74 f. 

7r£(j.']/aa' £ [j. (b v ziv rj[-/.az <b v ' Idaova 
£C o'j-iv k}Jizly xYjv sjjlyjv air/^aoiJLat 

im Sinne hatte und der zwischen diesen auf einen Diener bezüglichen Worten uiul 
zwischen V. 823 yoYfi x' z'^oq einen Widerspruch fand, wenn die Verse 822, 823 zu 
einer Dienerin gesprochen gedacht würden. Dieser Erklärer nahm gewiss an, um eine 
Uebereinstimmung nach seinem Sinne zu erzielen, dass V. 820, 821 einem treuen Diener, 
nicht einer Dienerin, galten-, V. 822 und 823 aber trennte er davon und wies sie dem 
(Jhor zu. 

Die scheinbare Incongruenz zwischen 820 ff. ['(ovrj z S'^oc) und 774 f. (E[J.(bv ziv 
ot/.c"ä)v) ist aber vielmehr durch die Annahme zu beheben, dass im V. 774 das Masculinum 
als allgemein persönliches Genus erscheint; ot oiy-srat ist ein die ganze Dienerschaft 

' Vom Chor hat Medeia bereiU im V. 259 fF. .Still.'fchweigen und Goheiiiili.altiuig ihres Plan.s verlangt, und der Chor hat ihr 
in diesem Sinne anch eine Zu.'sage gemacht 207 f. 



Studien zu Euripides. 259 

(auch die weibliche Dienerschaft) umfassender Ausdruck. Man braucht gar nicht anzu- 
nehmen, dass Medeia ihren Willen änderte, dass sie V. 774 einen Diener schicken wollte 
und dann 820 eine Dienerin schickte. 

Eur. Med. 846 ff. 
1CCÖC ouv tspcbv 'jroxa[JL{«)v 

xöjjnrtixö? ac -/löpa 
xdv TiatöriXs'CEtfiav sSst, 
tdv rjo/ 6a:av [Xct" dXX(ov ; 
a%£'|at tcÄECov TrXayäv. 
axitl^ai (fövov otov aipsi. 

Dass diese Verse in der hier gegebenen Ueberlieferung keinen Sinn gewähren, ist 
unzweifelhaft, und zwar sind es namentlich die Worte c5t).03V ';rri|JL'3rc(j.oc y/öpa, die eine 
befriedigende Erklärung nicht zulassen. Zwar versuchte man zu erklären ,cunctis hospita 
tellus' (Buchanan) oder ,videtar esse terra in quam quis tuto decedere possit' (Pflugk). 
Aber weder das eine noch das andere können die überlieferten W'orte bedeuten. lIö]j.irt[xoc 
kann entweder activ = iräjjnrtov oder passiv ^^ ttsjjl'TÖjjicVoc, TiZ\i'^lizic. sein. Keine von 
beiden Bedeutungen passt für Tz6\xm\xoc, /(öpa und wenn man annimmt, dass dieser Aus- 
druck bedeute y^topa, scc '/jv zic Tziinzzzau so ist dies eine unerwiesene und unerweisbare 
Behauptung. 

Neuerdings schlägt Weeklein vor r^ cp'j-(bv Tz6\).TZi\).rjz und nimmt diese Aenderung 
auch gleich in seinen Text auf. Es ist aber diese Aenderung nicht zulässig. Es ist 
ganz unwahrscheinlich, dass 'f uxtöv tcoiattiixo? ycöpa (nach Analogie des einmal bei Soph. 
Phil. 11(32 vorkommenden oaa TräjXTCS!. ßioScopc;^ aia) bedeuten könnte , die (iegend, welche 
ipuxd aufsprossen lässt". Gewiss hätten die Athener diesen Ausdruck nicht anders ver- 
standen als in dem Sinne ,ein Land, welches cpyxd sendet' (etwa exportiert!). 

Es muss aber meiner Meinung nach zunächst der Fehler (nicht der einzige!) in 
dem ersten Yj gesucht werden. Die disjunctive Nebeneinanderstellung (mittelst f] — f^) 
der zwei Subjecte iröXtc t£p(i)V Troiapicöv und iptXcov irojji.injj.c«; ywpa bei demselben Prädicate 
B'qei GE ist geradezu unerträglich, da ja die beiden Subjecte im Grunde einen und 
denselben Ort bezeichnen. Dass das einemal TCoXt? und das zweitemal yoi^o. steht, 
dadurch wird die Unerträglichkeit nicht beseitigt. Wie kann der Chor sagen: ,Wie 
wird dich entweder Athen (tspcöv Tto-a[i.ö)V iröXic) oder die attische Landschaft (/(opa) 
aufnehmen?' Ausserdem zeigt ja aber auch die nicht etwa bloss ungewöhnlich kühne, 
sondern unrichtige Stellung des ersten f;, dass hier eine Corruptel ist. Nach der 
Wortstellung müsste ispcbv Trotajxcbv als gemeinsame Bestimmung zu den beiden mittelst 
fj — Yj eingeleiteten Subjecten tzöXic und /(bpct gehören. 

Ich glaube, dass statt -/^ TCÖXic zu schreiben ist d iröXtv, ferner aber auch statt 
TTÖfi-zqxoc das in einigen Handschriften (nach Prinz bla'^) überlieferte T:rj\xTzi\).r,y und statt 
iptkov das Adverbium 'f tXojC- Die Worte [iet dXXtov (für die Jacobs (XEt datfov, Elmsley 
[JiEÖ' dyvwv vermuthete, während Prinz an [xsToaov denkt) müssen nicht unbedingt für 
corrupt gehalten werden; doch empfiehlt es sich, dieselben mit dem folgenden ay.z'\iai zu 
verbinden, wie schon der Scholiast las, welcher erklärt : tyjV ttXyjyjV. tpY^ai, ty^v tcöv texvwv 

33* 



260 Johann KvICala. 

7,at -6v cpövov [JLY; irpoTcexö)? ^pdo-QQ, äWa xpötspov [jlsÖ' 7i|j.(bv 15 öiX).a)V xiv(bv aitä^at, si xoöto 
5(p7^ ae ^pdaac. 

Ich möchte demnach die ganze Stelle schreiben : 

Tzöic, ouv t£p(bv i:oxatJ.(t>v 

Trr>[JLX'.ji.öv jE "/(öpa 
xdv irat^oXs'csipav si;st., 
idv ooy öaiav : |X£- dXXcov 
av.i']^a.'. TcX£<ov TcXaydv, 
o'x.s'l'at '^övov otov al'pst. 

Bei dieser Fassung ist die Anwendung des einmal gesetzten 7] (tz6)z ouv si TCÖXtv isptov 
■jTorajJitöv '/^ TTOJC "/(öpa lyO.to;; ■irö|ji.7cqx'jv as e.;cc) durchaus statthaft. nö(JL7ri|j.rjv erscheint 
hiebei in passiver Bedeutung wie Hippol. 576 aot [jlsXsi TC(j[i.ir:[j.a rpdus otü|xdr(ov und 
Soph. Tracli. 871 f. 

(t') -aioc^, (i)Z ärj 'q[X'.v oö aji-aptöv /,ay,(öv 
'^pi;£V tö 0(bp(jV 'Ilpa%)v£l xo iröfj.iitfj.ov. 

Mit 'fÜMQ (wie wird, wie soll dich freundlich aufnehmen das Land) vgl. Soph. Trach. 627 f. 

d)./.' olaBa [Jisv SvJ xaL td rY]c lisvr^c öpcöv 
TCprjaosYfxa-:", a/j-zr^v (oc soscdjXTjV rpt).(oc 

El. 1471 rö -aüO' öpdv zz v.ai irpooTjyopslv 'ftXcoc 

Bezüglich der Worte [Xcx' dXXcov axs^j^ai (es ist nicht nöthig %ai [auch] jXct' dXXcov ax£(|jat) 
vgl. Iph. Aul. 1377 

o£rjpo OYj a/,£'|o(.!, jXcO' Y^jx(bv, [XY^zsp, (oc xriidhc Xeyo). 

Eur. Med. 870 f. 

zäc £[j.dc öpydc 'f£p£cv 
zIy.6c o, £Tr£i vcpv TCÖXX' ÜTCctpyaaxac yO.a. 

In Betreff des Sinnes von 'Jizzi^yaoza.'. bemerkt Wecklein : ,l)er Begriff von öxö 
(,heimlich' vgl. Plut. Galb. c. 9 xai rd [X£V arjrö; £V P(ö[x-(j Std ubv cpikov 6ir£ipYdC£T^) 
bezieht sich auf den Gedanken £x xoO a^öro-j -£ rcbv is v'jxxipwv (X£yorjc) cpiXtpcov ixEytarY] 
YlYVctat ßporol^ X'^P'-'^ (Hec. 831)'. Der Scholiast bemerkt nur: £Ttc'. Yj[xlv rolc o'jaiv 'JTr£ip- 
Yaarat,, eotc TrsTcpaxTat, icoXXd 'irpoa'fiXY] : und so erklären denn auch manche das Verbum 
im Sinne von uiroopYS^v, 'JiuYjpEtEiv. Ich glaube dass dies seltene Compositum hier be- 
zeichnen soll, dass die der Vergangenheit angehörigen iroXXd cpO.a gewissermassen die 
Grundlage bilden sollen auch für das fernere Verhältniss. Darnach Avürde 'Jirö hier 
dasselbe Moment bezeichnen, wie in ü':tdp)(£t.v, 'JTC'j'x,£ia6at, tJTÖQeoK;. 

Eur. Med. 878 f. 

rt'jx dTuaX/vayOY^aojxat 
6fj|xoü ; ti irdayo) Oscbv icoptC^vrojv xaKtbc ; 

Ti TzäT/M kann an und für sich hier in doppeltem Sinne genommen werden, entweder 
,was leide ich denn, was geschieht mir arges?' (als rhetorische Frage = ouSev lüdayw) 



Studien zu P^uripides. 261 

oder nach Analogie von zi 7ca6<6v ,was wandelt mich an, was überkommt mich, was 
fällt mir ein?' (Wecklein). 

Im ersteren Sinne vgl. z. B. Orest. 395 

-i yy'fi\i.^J. Tzrxayßic. ; tii; a' dxoXX'jaw \'6aoc ; 
in letzterem Hek. 1127 oütoc, xl TzdayßiQ ; = was licht dich an? An unserer Stelle ist 
die zweite Auffassung vorzuziehen; vgl. Med. 1049 

eyßpobc, [XoOsiaa zwc e\iwz a.C'^|xtouc; 

Eur. Med. 922 if. 
aozf], xt y'Kioprjic oa7,p6ot.c Tsyyctc %öpac, 922 
axps'Waa XsfJicTjV sixTcaX'.v irap'rjtoa, 923 

XOÖ^ äojJLSVTj x6v5' E^. SpiOÖ OE/ct Krj'(rjV, 924 

MH. O'JÖEV ■ TEXVCOV XCbV^' EVVCiO'jJXEVT] TTEpC. 925 

lA. ÖdpüEi vav • Eo ydp xwvSe 6Yjao|xac TCSpi. 926 

MH. opdao) xd5' ■ o'jxot ortic diccaxY;a{o Xöyot^ • 927 
yovig §£ 8yj)^ü xdici oaxp6oi? scpo. 92h! 

lA. xC St^, xdXatva, xoiaS' EirtaxsvEcc xexvolc; 929 
MH. Extxxov aoxoäc • C^/V 8' ox' e^yju/ou xsxva, 930 
satj/.GE |x' oaxo(; El yEV/^aExat, xdos. 931 

afX covTüEp o'JVE%" sie EjJLOfJC fjXEtc Xöyouc, 932 
xd |X£V Xs^E^xai, xö)V o' Eyw [xv7ja67]ao[xaL 933 
Zuerst hat Burges, wie ich aus Prinz's Bemerkung ersehe, an der überlieferten 
V^ersfolge Anstoss genommen und die Umstellung des Verses 928 nach 931 vorgeschlagen 
(Class. Journ. 1810, III. p. 611; vgl. Aesch. Suppl. ed. Burges p. 97). Später hat Hirzel 
(de Eur. in comp, diverb. arte Bonn 1862 p. 41) die Umstellung der Verse 926, 927 
nach 931 empfohlen. Endlich hat (1869) Ladewig (N. Jahrb. f. Phil. 99, 192) behauptet, 
dass die drei Verse 926, 927, 928 nach 931 gestellt werden müssten, welcher Ansicht 
Wecklein (in seiner Ausgabe vom J. 1874) und Prinz folgen, ersterer ohne Ladewig zu 
erwähnen, woraus ersichtlich ist, dass er selbstständig zu demselben Resultate gelangte, 
ein Zusammentreffen, das allerdings ein günstiges Präjudiz für diese Transposition 
erwecken könnte. 

Trotzdem glaube ich, dass man zu dem principiell immer für gewagt zu haltenden 
Mittel einer solchen Transposition ' seine Zuflucht nicht nehmen darf, wenn keine 
absolute Nöthigung vorliegt; und das Vorhandensein einer solchen Nöthigung an dieser 
Stelle kann icli nicht anerkennen.^ 

Das Hauptbedenken gegen die überlieferte Versfolge ist, ,dass V. 929 hinterher 
kommt, nachdem die Sache abgethan ist'. Aber wenn dies Bedenken wirklich durch 



' Man müsste, wenn mau z. B. Ladewig's Traaspositiou billigen sollte, auneliinen, dass iu einer Urhaudselirift x, auf welche 
alle zufällig erhaltenen Handschriften zurückgehen, die Verse 929 — 931, welche schon in der Vorlage dieser Urhandschrift 
vom Schreiber übersehen wurden und sodann, als der Fehler bemerkt wurde, am Rande nachgetragen wurden, au die 
unrechte Stelle geriethen; man müsste annehmen, dass der Schreiber von x, der in seiner Vorlage die Verse 929 — 931 am 
Rande fand, dieselben irrthüuilich nach V. 928 setzte, statt nach V. 925. Es ist dies unwahrscheinlich; und andere Hypo- 
thesen wären noch unwahrscheinlicher. 

- Auch Nauck scheint die handschriftliche Versfolge für richtig zu halten, da er keinen Zweifel äussert, sondern nur oline 
billigenden Zusatz Hirzel's Umstelluug erwähnt. 



262 Johann KvIOala. 

Exegese sich nicht beheben Hesse, so wäre doch wul die Aenderung des Präsens 
ZTZioxivzic in sireaTSVcC ein leichteres Emendationsmittel als jene Transpositionen. Aber 
auch diese Aenderung ist nicht nöthig. Das Präsens steht hier freilich zur Bezeichnung 
eines früheren ZuStandes;' aber ein solcher Gebrauch des Präsens statt eines vom 
logischen Standpunkt aus erwarteten Präteritum ist (auch abgesehen davon, dass das 
historische Präsens auf dieser Vertauschung der Zeitsphären beruht) keine unerhörte Con- 
struction. Hier k o m m t I a s o n n a c h e i n e r k u r z e n (die Verse 925 — 928 ausfüllenden) 
Zwischenrede wieder auf seine ursprüngliche im V. 922 gestellte Frage 
tt )rX(opoic rja%püoic zi'(^eiQ xöpac zurück. Seine erste Frage im V. 922 hat 
in den Worten der Medeia oüosv • -sy.viov Tibvo' £Vvoo'j[j.£VYj itsf/t keine bestimmte 
Beantwortung gefunden, und so kommt er denn nach der natürlichen Unterbrechung 
(V. 92(j — 9'2y) auf seine Frage zurück, wobei er aber, da er mittlerweile doch wenigstens 
im allgemeinen erfahren hat, dass die Kinder Ursache der Betrübniss sind, jetzt Totaos 
rsxvoic hinzufügt. — Diese zweite Frage ist gerade an der Stelle, an der sie in den 
Handschriften steht, um so natürlicher, als Medeia eben unmittelbar vorher gesagt hat 
'('JTQ Hb ÖTjÄ'j xdiri oaxp'joic scp'j. Bezüglich dieser Worte bemerkt Wecklein gut: , Medeia 
will mit dieser Bemerkung sagen: du darfst in meinem Weinen nicht Mangel an Vertrauen 
finden'. Falls sie aber auch jetzt nicht im Stande sein sollte, die Thränen zurückzuhalten, 
soll lason sich darüber nicht wundern und nicht Mangel an Vertrauen darin finden. 
Was ist da natürlicher, als dass lason im Anschluss daran fragt: ,Ja warum bejammerst 
(bejammertest) du diese Kinder'? 

Billiger Weise soll man, weil man die Ueberlieferung streng zu prüfen gewohnt 
ist, dieselbe Prüfung auch den Conjecturen gegenüber anwenden. Und da dürfte es 
sich wol herausstellen, dass nach Ladewig's Umstellung V. 928 vor 932 keine gute 
Stelle hat, und zweitens, was viel mehr in die Augen fällt, dass (wenn auf V. 925 
gleich V. 929 folgt) die unmittelbare Wiederholung xolaSc tsxvoi? nach t£%V(ov T(bv5' 
ungefällig und unwahrscheinlicJi ist. Nach tswcov Tcbv5c würde man, wenn 929 an 925 
sich unmittelbar anschliesst, erwarten bloss tt oq. zaKav/. a'jzrjic imaziveK;; 

Bezüglich der Anwendung des Präsens ZTZiazi-^tic. beim Zurückkommen auf etwas 
früheres nach einer Unterbrechung vergleiche man z. B. Hek. 758, wo Agamemnon 
%akElz (nicht kv.riXc.iQ oder sxrlXzaac) sagt, welches Wort nicht in unmittelbarem Zusammen- 
hange mit den vorausgehenden Versen ist, sondern auf V. 752 f. zurückgellt. Die Stelle 
lautet : 

KK. 0Ü7, av 5uvat[iY;v toöos TtjjKopsiv atsp 

zixvoiai zrj'ic E[xolat • irot atpsrpo) tdös; 
toX[JLäv ävd-f/.Y;, '-^dv t'J/co xdv [iq z'x/oi. 
'A.'(rx\ie\)yrjy^ ixoZBÖM OS twv^c yoovdziov 

Ar. zi. Xp^üJ-a |xajT£6ouaa; jxwv iXsrJOsprjv 
aubva BcoOat; pcf^cov ydp iazi ou. 



' Wollte man Ijikjt^ecc als echtes Präsens in strengten! Sinne nehmen, so niüsste man sag-en, dass Medeia auch bei den 
Worten yuvri 8s OfiXj zani Saxpuoi; eou wieder seufzte. Ks ist dies — wenn auch nicht absolut unmöglich — doch unwahr- 
scheinlich. 



Studien zu Euripides. - 263 



Ar. %at 07] ztv' '/iiJLät; sie STiäpXcOcv xaXci?; 



Was V. 924 betriÖ't, so stimme ich ganz Schoene und Prinz darin bei, dass dieser 
Vers hier ungehörig und aus V. 1007 herübergenommen ist, sowie umgekehrt V. 1006 
nach V. 923 gebildet ist. Die Worte äa[JLSVr^ tovo' sc £|ioO Ss/sc Xöyov weisen offenbar 
auf das Empfangen einer guten Nachricht hin, sind also 1007 angemessen, nicht aber 
hier, wo sie auf 914 ff. sich beziehen müssten. 

Ueber o63sv bemerkt Wecklein: .oö^sv entspricht dem vi, wie bei svvoo'J[j.£VYj zu 
ergänzen ist ^axpuot.;; xsyYOj xöpac'. Medeia lehnt mit oo^sv vorläufig ein näheres Ein- 
gehen auf eine schmerzliche Sache ab, wie man auch im Deutschen ,nichts!' gebraucht 
oder z. B. ,A) Was hast du nur, dass du weinst? B) Es ist niclits.' Vgl. besonders 
Ion. 255 ft'. 

IßN. zi yp'?ijj. ävcpirrjVc'jra o'jaO'j[XcL, yövat; 
KP. ofjosv ■ [XiOtyxa toia • zam tcjjOc rji 
syo) "£ acyö) xai 36 jx"/j ^pövrtC stt. 

Wenigstens der Form nach ähnlich ist Iph. Taur. 780 f. 

OP. (0 OsoL • T<I>. zi zrj'jQ 9co6? rjyav.rj.Xsic £V rote £[J.ofc; 
OP. o'jösv ■ irspottvs 0' • Ec£ß-/]V y^p 7./-).oa£. 



Ziemlich matt und nicht gefällig scheint im V. 927 Spdao) xd3' zu sein mit Bezug 
auf die Zurede lason's Odpast vjv. Vielleicht ist zu schreiben Oapao) täS'. Bezüglich 
der Wiederholung vgl. z. B. Alk. 1117 f. 

HP. TÖX [xa irpoTcivat X^'-P'^ '^•'"-'•^ ^tysiv :;svyjc. 

AA. Xrjl OYj TT p T £ t V (0 7,t).. 

Iph. Aul. 1 ff. AP. '12 -iipiaß'-), 5öjX(ov kovoe irdpotOsv 

a-£l/s. IIP. arsi/oj. -t os vtawoupYSi?, 
AYd[i.£tJ.vov rj.vrxq,; AV . airErjaEU; IIP. otzböoh). 

Aehnlich El. 226 f. 

OP. [jLctvaa' 7.%r>uaov, ■xal tdy' 06% dXX(o? Epstc. 
HA. 'iozr^y.rj. ■ -dvroic 0" sijj.'. t/^ • xpEtaacov ydp £i. 

Ebend. 563 ff. IIP. (o zorvi', £'j-/oo. ^öyarEp H^Extpa, OeoIc 



HA. i3o6, xa). (b Oeo'jc. 

Eur. Med. 956 ff\ 
XdC'->aO£ 'f£pvdc "daos, iralclEc, ic '/ßp^c 



vMi zfi Tfjpavvq) |j.ay.aptcf v^j[j,'fT, oot£ 

cpspovTEC ■ o'jzoi 0(i)pa [j,£|j.Trrd 0£i;£xat. 

F. W. Schmidt (Anal. Soph. et Eur. p. 58) fand hier oi'izzrji nicht recht passend. 
,Quae mandans minus apte, nisi fallor, extrema addit, de Creontis filia tantum cogitans: 



^ßA Johann KviOala. 

oüx&c Scbpa [ASiXTCid Ss^cxai, quamquam probe scio id potissimum agere Medeam, ut 
suis manibus donum illa comprehendat, cf. v. 972 sq. Sed hoc ipso demum loco Medea 
liberis illud praecipit, neque est, cur bis significetur. Multo magis accommodatum est, 
cum praesertim peroret Medea, universe dictum de vestis praestantia, quo perstringat 
etiam lasonem. Quare pro AEEETAl scribendum arbitror AEEETAI h. e. oütoi ocbpa 
ULSiiXtd Xi'qeza.i.'- Diese Aenderung ist zwar meines Wissens von Niemandem bisher auf- 
genommen worden, sie scheint aber doch einer gewissen Beachtung sich zu erfreuen, 
da sie auch von solchen Herausgebern, die bei der Erwähnung von Conjecturen eine 
sorgfältige Auswahl zu treffen suchen, erwähnt (wenn auch nicht ausdrücklich gebilligt) 
wird. Meiner Meinung nach ist diese Conjectur unnöthig und ausserdem auch an und 
für sich unwahrscheinlich. Unnöthig, weil der Umstand, dass auch 973 oitEoHai vor- 
kommt,' gar keinen Verdacht erwecken kann, zumal da der Nachdruck hier nicht auf 
Se^sxai liegt, sondern vielmeln- auf o'Jtoi \xa\XTZzrj., welche Erscheinung häufig ist, = ouTOi 
(ASfiTctd eazai 5ö)pa. d Ss^srai. 

Unwahrscheinlich aber ist die Aenderung Schmidt's, weil die vorausgehenden Worte 
xai r?j tupdvvw \xo.xarAq. vö[j.'f(] Söts cpspovxcC eine Bürgschaft für die Richtigkeit von 
rii'izzai bieten; es ist nämlich nicht zu verkennen, dass Mtzzai eine absichtliche 
Rückbeziehung auf Söxs cp£povt£C ist, ,überbringet, Kinder, der Griauke diese Gaben ; 
wahrlich die Geschenke, die sie da empfangen wird, werden nicht zu verachten sein'. 

Eur. Med. 9{i4 ff. 

[XYj (JLO!, aö ■ iCctöstv 5(bpa %rjl Hzvjc 'k6'(rjc ■ 
/puaö? 3s Ttpstaacov jjiupuov Xöywv ßpoxoi^. 
7,iivTjc 3aqi,{ov, x=iva vOv a'jisi Oeös, 
vsa xapavvsi • t(i)V o' s\nhv Tcai^ojv cpoyd? 
'}oyjic dv 6XKaE,rjl\xzH\ oö /rjoarjö [xovriv. 

Die Worte Y.ziTt]c — x'jpavVcC hält Prinz für corrupt; nach seiner Ansicht wird hier 
der Sinn erfordert ,ac profecto dona splendida reginam decoi-ant' oder ,gloriam reginae 
augent'. Ich glaube, dass Wecklein den Zweck und die Berechtigung dieser Worte gut 
angibt mit der Bemerkung ,ihr gehört also der Schmuck und für sie hat er einen Zweck'. 
An einen solchen Sinn dachte schon der Scholiast, wenn er sagt: sxciVT; xatpoc c63aijj.ov£tv, 
'^|xiv 3 s xaöxa 06% (jpxsüoxat mc, 3 'j ax'jy ü c tv. Man könnte allerdings die etwas 
lästige Breite kürzen durch Ausscheiden der Worte xslva — xupawsL Genügen würde 
ja, wie Nauck vorschlägt: 

•xEWYjC ö oat[xo)V ■ x(bv 3' £[X(bv 'jrat3{ov (foydc, xxX. 

Aber die Durchführung eines solchen Princips würde gerade und besonders bei 
Euripides zu bedenklichen Consequenzen führen. 

Bei den Worten xsivr^c 3aqj.(ov, xsiva vöv a'J^st Ösö;;' hatte übrigens Medeia wol 
im Sinne, dass eine Aenderung des Loses eintreten kann. 



' Ich fü^e binzu, dass aucli V. t003 f. dasselbe Verbum wiederkehrt 

xal otopa via^rj ßaaiXi; (i<5|ji^V7) '^tpotv 

2 Bezüglich des Sinnes vgl. Soph. El. 99!) f. 

äa([i.iüv OS tor^ |JLEV £ÜxuT(ri? xaO' r)jj.^pav, 



Studien zu EuRiriDES. 2G5 

Vgl. Hik. 550 f. BÖxoyoöGi U 

Ol jASv zd/'. rji 5' saa69tc, ot 5' yj^ ßpottöv 

Soph. El. 794. 'jßpcCs • vöv -j-dp süxux^üoa xoYxdv£t(;. 

ebend. 916 f. T:otc aütoiot -cot 

o'jy aö'bc, dct 57.t[xövcov irapaatarci 

Eur. Med. 969 ff. 

dX).\ (0 teitv', EiaeXOövtE nXouawo? 56[j.r;y^ 
iraxpöc vsav -('jvaiv.rx, 5caTCÖrtv 5" sjatjv. 
äsTc'Jci:', s£an:cta6s (jiy; cpsüyciv yHrjyrj,. 

Prinz: .täTjOiouc »Sy iw^.o'jatoo«; r^'. Wol mit Unrecht hat Prinz TuXr^aio'j; in den Text 
aufgenommen. D/vT^atou; ist matt und nichtssagend, TrAooGtou? dagegen ist mit einem 
Anflug von schmerzlicher Bitterkeit gesagt, indem Medeia dabei den Gegensatz ihres 
Loses im Sinne hat. Vgl. 957 z-q xupdvvo) [ji a v. 7. p i cf. v6[jL'f(], El. 1006 

(jLTjTcp, )Aß(o\xai [j.a%ap{ac zrfi af^c yspoc; 

Eur. Med. 1015 f. 

DAL Gdpocc • '/.ä.zBi zoi v-ai ao lipbc xsxvtov stc. 
MH. riXkrioc v.rj.zdcia irpöaOcV Tj zdXaiy' sy«). 

Prinz: ,'>ipax ''' * 5 xpaTslc i?'?". Die treffliche Emendation Porson's 'mz^u deren Richtigkeit 
durch xazd^o) bewiesen wird, hat jetzt allgemeine Aufnahme gefunden. Wecklein bemerkt, 
dass auch jener Scholiast, der ozi (pyydc [atiiöc] SjXcXXc ytvsaÖat erklärt, noch xdt=t las. 
Eben darauf weist auch ein anderes Scholion hin: su Öapastv b'-pzikeic,. xat ydp zl rpoyBlv 
[jL£)Acic t'fl Tcöv irai^cov uiroaxdast, xat, C^^^'Q, S[j,toc ia/uv syst "d x,atd os, /.at cüsaiücc si toütot? 
Tupöc '6 [jisXaov au[J.ßuövat. zb 5s ett xal iiui toö jjleXXovxoc xcttai. Die Worte si rp'jyctv 
(jLsXXcic setzen xdtct voraus. Freilich ist in diesem Conglomerat verschiedener Bemerkimgen 
damit auch das falsche o(X(oc tayöv eyei za. v.rj.zd ae vermischt, welche Worte wiederum 
auf xpaxEi? hinweisen. 

Das eben angeführte Scholion ist aber auch in einer anderen Hinsicht noch nützlich. 
Die Worte %dzsi Tzfoc tExvcov erklärt man «.axa/ÖigaEt OTzb tExvwv, weil xarisvai den Sinn 
von xaxdyEaÖac habe. Nun findet sich allerdings neben der in der Prosa gewöhnlichen 
Verbindung eines Intransitivs, das passiven Sinn hat, mit ÖTZÖ bei Dichtern auch -irpöc 
Tivoc, z. B. GaVElv Tcpöc uvoc (z. B. Orest. 539. Tro. 741 u. s.), aber die Verbindung 
xatCEvat TzpÖQ zacic ist nicht nachweisbar und wol auch bedenklich. In den Schollen 
nun findet sich keine Spur des Gedankens %atay9'/]aEt Tzpbc. tezvcov, sondern vielmehr eine 
Erklärung, welche auf xdzzi irp&c t£%va ,du wirst noch zu deinen Kindern zurückkehren' 
hinweist; dies sind nämlich die Worte v-oi Z'jzKtiq ei zrjözrjic Tzpbc, zb [aeXXov a'j|i~ 
ßi(i)vat. Mit Rücksicht auf das Metrum sind nun freilich verschiedene Aenderungen 
möglich, z. B. 

■xdxEt zoi -mi Go Tzrjbc, zd lexv ezi 

Es lässt sich aber auch denken lipo; ad zi'/.y' eu und anderes. 

Denkschriften der phil.-hibt. Ol. XXIX. Bd. 34 



266 



Johann KvIi'^ala. 



Eur. Med. 1032 ff. 



•mi 7.rLz^fjyr/j(zra yspccv ctJ TUeplOTcXstV, 
CyjX(o-öv dv^pcöico'.oi • vOv 5' olxnKz ^yj 
Y)yjxEla tppovtcc ■ acp(|)V y'ip £aT£p7j|j.sVTj 
X'jTTpöv oidsto ßtorov äÄysivov x' £[i.ot. 

Für £[J.ot im Y. 1037, welches Wort in der That unerträglich ist, vermuthete F. W. Schmidt 
(Anal. Soph. et Eur. p. 85) äsi oder syw. Es ist aber die Frage, ob man berechtigt ist 
diesen Vers durch Aenderung zu verbessern. Ich glaube, dass man vielmehr diesen Vers 
so wie er ist nehmen und dann aber auch tilgen muss. Derselbe sieht wegen seiner 
ungeschickten Fassung einer Interpolation ganz ähnlich. Nicht bloss ist siJLOt hier anstössig, 
sondern auch — und dies in noch höherem Grade — die zwecklose Häufung der Aus- 
drücke Xoirpöv und dÄyscvöv, welche einen Yersificator verräth, der mit Mühe einen Vers 
zu Stande bringen wollte. 

Darnach müsste nun freilich im V. 1036 der Satz abgeschlossen sein. Vielleicht 

ist zu schreiben 

V'jv oXcoXc §irj 

yX^xcla ^povti^ a'f(pv äTC£arcpY^[xsv(] (näml. £[j.ot). 

Man könnte auch annehmen, dass das im V. 1037 zwecklose sjxoc ursprünglich am Schlüsse 

des Verses 1035 stand 

vOv 5' oXco)." iiJLOc (oder oX(o),£ [xot) 

yX'jxsia lypovrU arpcTw äTrcarspYjjjLSVYj. 

Eur. Med. 1042 f. 
aiat • u §pda(o; xarMa yd-p ol/srat,, 

Statt cprxtSpöv hat Cod. a rcpicvöv. Die Herausgeber schreiben cpat^pöv; aber rspirvöv 
dürfte vielleicht grössere Beachtung verdienen, als dies Wort bisher gefunden hat, da 
die Schollen auf tspTCVÖv hinweisen: HiXei M elxstv öxi töv cpövov otixEU jj.o'j -q '\io-/ri -oXjxq., 
dXXd Xüoixa'. zat;; zcöv öff6a).[X{öv ydpiacv, drsvtC'iv-cov sie £|j.£ t;(öv 'fiXtdrcov. Vgl. auch o|x[j.a3tv 
cpO.otc; V. 1038 und die Epitheta 1074 f. 

(0 y/.rjxs'. a irpoaßoX'*], 
(0 |xa).6ay>j4 Xpw? T:v£0(xd 6" 7]5tatov rsxvwv, 

Eur. Med. 1044 ff. 

rt'jx dv 3uvai[JL7jV • yatpeto) ßouXsoixa-ca 
xd TipoaOcV • d^to icaiSa;; sie yacac £[i,o6<;. 

Vi Sei |X£ TcatEpa -(ovSe roic xo6x(i)V ^axolc 
X'jTcriOaav aOrVjv Sic xöaa xtdaOat xaxd; 
O'j SYjt" iy(oy£ • yatp£T(o ßoüX£6|xaia. 



Studien zu Euripides. 2G7 

V. 1045 ist eine spätere Interpolation, durch welche ßoL»Xs6|j.aTa genauer bestimmt 
werden sollte. Der Interpolator hielt ßo'jXs'jfxaTa für unzulänglich, während doch aus 
dem Zusammenhange zur Genüge hervorgeht, dass damit die auf die Ermordung der 
Kinder bezüglichen ß&uXc6|xa-a gemeint sind. 

Für interpoliert halte ich V. 1045 erstlich auf Grund der Schollen. Offenbar lag 
nämlich dieser Vers noch nicht vor jenem Erklärer, von welchem die Bemerkung zu 
yatpsTOj ßo'jXc'jfxaTa: XstTTcL tö a'fdtai -Jj. -cs'Kva zat ippätw, 'fr^aiy, i sirt -co cfdiai [xs 
td "Exva xpar/^ja? ).rj'(ia\i6c. herrührt. — Dazu kommt der Umstand, dass die Worte 
d£(o xat^ac £% '[aiac £|xo'Jc unhaltbar sind, Medeia schwankt nur zwischen zwei Dingen, 
ob sie die Kinder tödten oder schonen und in Korinth zurücklassen soll. Ein di'ittes 
gibt es nicht für die euripideische Medeia, sondern diese dritte Möglichkeit hat 
ein Interpolator ganz gegen die Intention des Dichtei's eingeführt, und zwar sowol an 
dieser Stelle als auch V. 1058; denn dass auch V. 1058 interpolirt ist, lässt sich meiner 
Meinung nach evident darthun (vgl. die Bemerkung zu 1058). 



Sehr ungefällig ist im V. 1046 zrj'ic tourwv. Das Pronomen roütcov nach rcövos ist 
ein förmlich verschwenderischer Gebrauch von demonstrativen Pronominen und jedenfalls 
geeignet Verdacht zu erwecken. Es gereicht mir zur Befriedigung zu sehen, dass auch 
Prinz hier an der Ueberlieferung Anstoss nahm. Indessen ist sein Vorschlag xsxvtov für 
zoözMV doch nicht recht wahrscheinlich, da auch t£XV(ov nach t(ov5c (wenn es auch nicht 
so auffällt wie TO'Jtcov) nicht gefällig ist. Ich glaube, dass nach den Schollen statt 
TOic to^Tcov zu lesen ist cptXidTwv. Das erste Scholion bei Dindorf d'jbta[j.at, 'frpi, toO 
(fövo'j twv TCatocov. o'j y^^p Iva lov irazspa Toöaov X'JTTYjaco reo 6avdtcp aütcöv, ö'fsiko kixr/:jz-Q 
ZnzKaoiO'jy zä xaxd weist zwar auch nur auf xoütwv hin; aber das folgende Scholion 
T; ofitwc, oa'fO)C s.'jrfli.Q £3tiv ip y c. C^^ (Ji-s v y^ v [xs. töv 6dvatov zoic 'fiKzdzoic, ettI itp 
TÖv -Tcazspa hj-r^oat. aüzr^v onr/.asiav Ä'jtty^v -/ctY^oaoÖac otd tyjc 'co6-ücov zBKZ'jz'qc gehen, wie 
es scheint, auf die Leseart cpi/,td-(ov zurück, so dass die Worte irJ'(aCo\).iYf^v |j.£ xov Bdvatov 
Toic ffiKzdzciic. eine Paraphrase der Worte (piKzö.zoiy %a%otc sind. Zwar folgt dann noch 
im Scholion 5id zrfi toöxcov xsXcUtTji;, was wiederum auf z^Äc, Toötcov xaxoi? hinzuweisen 
scheint; aber diese Worte können entweder aus einer anderen Bemerkung herüber- 
genommen sein, oder sie sind ein Zusatz, den der Scholiast selbst machte, ohne dabei 
bestimmte Worte im Texte vor sich zu haben. Für diese Annahme spricht ja auch der 
Umstand, dass im Scholion die Worte otd z-qz to'jtcov ZBkeoz'qc zu a'JtYyV hizKaoia^ XuTTYyV 
xtYjOaaOat gehören, während im Texte des Dichters xa^olQ zu XuTCOöaav gehört, woran sich 
der Scholiast auch bei seiner Erklärung £pYaCo[JL£VY// |X£ -ov Bdvatov tele tpiKzdzoiQ gehalten 
hat, da er hinzufügt £Trt -ctp rov iraxäpa X^iTTYjaai. 



Auch V. 1048 ist für interpolirt zu halten. Die Wiederholung von yatpärco ßocjÄEU- 
[Aata nach V. 1044 ist nicht zu ertragen ; sie verräth einen Interpolator, der sich die 
Sache ziemlich leicht machte. Er wollte, da ihm die Frage zi Zsi v.zX. nicht genügte, 
noch eine negative Wendung (oü S'Tjt' lycoYs) anbringen, die sich aber nicht einmal ganz 



34* 



268 



Johann KviCala. 



passend an das frühere anschliesst; den Rest des Verses füllte er sodann mit yaipexco 
ßo^Xsutiara aus. — Das Scholion im Cod. a yp. Ik xat, %a.(iO]i.rxi ßoüX£U|xrxto)V zeigt uns 
einen Versuch, durch eine Conjectur die Worte xacpsTOo ßoüXs6[xata erträglich zu gestalten. 

Eur. Med. 1051 f. 

xö xal TzprjiaHai |i.aX0axo6c Wyoüc ^psvöc- 

Prinz: .rppsvt S (cum schol. in BEJ] (ppEVÖc W. Scharfsinnig ist Badham's Conjectur 
(Philol. X, 338) TzpoGicBai [x. X. fpsvi, zumal da auch das Scholion lautet to sv^fjOvai iy] 
(ppcvi jxaXOaxo'k XöyofJC- Dass aber der Scholiast nicht icpoasaQat, sondern irposaBat. las, 
ist klar; er wollte 7rpoEa6ac im Sinne von svSoövat aufgefasst wissen. Die Entstehung 
der Leseart rppsvt neben 'fpsvö? erklärt sich aber gut und leicht, wenn man Weil's Con- 
jectur (Jahrb. f. Phil. 1867, S. 381) |xaX6ax7j<; l6'(rjoz cppsvöc annimmt. AÖYOt [xaXÖa^v]; 
(ppsvö? sind Worte, wie sie einem weichlichen Sinne zukommen. 

Eur. Med. 10.56 ff. 

[XTj S-rjxa, 6u(X£, |X7j a6 -f kp'(da^Q tdös • 
Eaaov aözwc,, (o tdXav, 'f scaat texvwv . 
E'x.et [Xc6' Yj[X(bv C<»vre? socppavn'jat as. 
|xä to'J? irap 'Airiri Vcpxspouc dXdatopac, 
o5tot Tcrjx" Eotai roöB" 5ir(oc s/6poi(; syco 
Tzai^ac, Tzarj-fpo) xoüc eixcio? xaÖoßpbat 

V. 1058 ist ebenso wie 1045 (vgl. die Bemerkung zu 1045) als Interpolation aus- 
zuscheiden. Es steht dieser Vers in entschiedenem Widerspruche zu den Worten 1060 f. 
oöxot, tcot" sa-at zo'W o-reto; i/ßprilc, Eyo) iratSa? itapYjaco zwc, £|xo6c xaÖußptaat; denn wenn 
Medeia ihre Kinder mit sich nach Attika nähme, worauf V. 1058 anspielt, so würde sie 
ja in diesem Falle eben ihre Kinder nicht den Feinden zu übermüthiger Behandlung 
preisgeben, sondern dadurch würden sie ja am besten dem xaÖußptaai entzogen werden. 
Es kann also V. 1058 nicht von Euripides herrühren, sondern die Worte (xd zrjoc xtX. 
müssen sich unmittelbar anschliessen an Vers 1056 und 1057. Unannehmbar ist 
die Entscbuldigung des Widerspruches, die Wecklein zu V. 1060 versucht : , Absichtlich 
lässt der Dichter Medea diesen, nach V. 1058 überraschenden Gedanken aussprechen, 
um die Sophistik der Leidenschaft zu kennzeichnen'. Es muss vielmehr hier aus diesem 
,überraschenden' Verhältnisse die nothwendige Consequenz gezogen werden, dass V. 1058 
zu beseitigen ist. 

Man hat zwar auch den Vers durch Transposition oder durch Emendierung zu retten 
versucht. Das erstere versuchte Härtung, der diesen Vers nach 1045 stellte. Dadurch 
wird aber nur das eine Bedenken (Widerspruch zwischen 1058 und 1059 ff'.) beseitigt, 
nicht auch das andere oben zu 1045 hervorgehobene, dass Euripides die Medeia an die 
Möglichkeit die Kinder mit sich nach Attika zu nehmen nicht denken Hess. Uebrigens 
ist gewiss principiell und a priori gerade in dieser mit Interpolationen in ungewöhnlichem 
Maasse versetzten Tragödie die grössere Wahrscheinlichkeit für die Athetese, als für die 
Transposition. — G. Hermann conjicierte %£i ixyj [xeÖ' Vjtxtöv, C<«vt£? Eucppavoüai jXE ,eo quod 



Studien zu Euripides. 269 

vivent, etiamsi non mecum, me oblectabunt', was nicht bloss der Form nach gezwungen, 
sondern auch hinsichtlich des Gedankens für Medeia ganz unpassend ist. 

Eur. Med. 1064. 

Prinz : ,Tr£irp(o':ai Li"'. Wecklein versucht irsicpanrat zu rechtfertigen mit der Be- 
merkung: ,TC£iipa%zac ist gethan, d. h. ist so gut wie gethan, weil der Entschluss 
feststeht, also s. v. a. constitutum est, dvxt toö ,%zv.pizai, si[J.aprat, irsirpcoxat' Schol. vgl. 
Aesch. Eum. 125 "c ar>t TzsTzpa.y.zai irpäYjxa xXVjv isfj/scv tsi.t.6.' \ Aber begreiflich wird 
auch dadurch die Möglichkeit von irsirpaitrai nicht. An der aischyleischen Stelle ist 
-jTSirpaxtai ohne Zweifel auch corrupt wie sich leicht nachweisen lässt. Die Form 
xexpaxrai findet sich bei Euripides einigemal, so Med. 364, Hipp. 680, 778, Hek. 1038, 
aber für den an dieser Stelle geforderten Sinn findet sich weder bei Euripides, noch 
auch bei irgend einem anderen Schriftsteller eine Parallele ; und da nun auch an sich 
die hier geforderte Bedeutung von icsirpaxxat. nicht glaublich ist, so wird man dazu 
gedrängt, iräxpcotac anzunehmen. Dies Yerbum müsste man freilich in der Bedeutung 
,es ist mir beschieden' nehmen und in Uebereinstimmung damit wäre dann auch wol kf.- 
(p£'j;;o[JLac (nämlich tö iCETcpoj|X£Vr>v) zu schreiben statt ktM^zd^ZT.rjx. Vgl. Aisch. Prom. 518 

ferner Fiat. Gorg. 512 E. 

Retten lässt sich TrsTcpay.-at, (und iv.rpBÖ^ezai) nur auf eine Weise, nämlich wenn man 
diesen Vers nach 1066 setzen würde. Dann würde sich icdvTcoc TTSirpa/.rat ra'Jia auf 
das der Glauke von Medeia bereitete Schicksal beziehen und zu i%'fa6c,szrj.i wäre als 
Subject aus 1066 vö[i^r^ xupavvo? zu ergänzen. Doch sobald man an diese Möglichkeit 
denkt, dann stellt sich auch eine andere Möglichkeit heraus, nämlich die Annahme, dass 
V. 1064 von einem Interpolator an den Rand geschrieben wurde mit der Bestimmung 
nach 1066 eingeschoben zu werden, und dass er sodann in den Abschriften hinter 
1063 gerieth. 

Eur. Med. 1076 f. 

Prinz und Wecklein schreiben diese Verse : 

)^(Dp£lTS -/OipSiZ • OÖY.i.Z el\)l TUpOaßXEXctV 

Die Mittheilung über die handschriftliche Ueberlieferung lautet zu 1077 : ,oid Ba 
corr. 6a- | Tc * * * * * * B xe xpöc 6jj.dc B'Ed' te irpoojid? a i sc 6[idi; S icpö.; 6[xd(; Chr. 
pat. 875, 1611'. Was die Conjectur xaioac betrifft, so ist doch wol 6[JLdc hier viel 
passender als die Bezeichnung der Kinder in der dritten Person; es ist wahrscheinlich, 
dass auch diese Worte noch zu der den Kindern geltenden Anrede gehören. — Den 
beiden Bedenken, welche Hartung's und Kirchhoff's Schreibung oia icpoc üjxdc veranlasst, 
weicht Nauck dadurch aus, dass er schreibt ota i eÖ' 6[j.d? und im vorausgehenden 
Verse m ydp statt oüxet'. Die Heilung der Stelle ist unsicher. Man könnte auch schreiben: 

niitkz £i[JLi ydp ß).£Tr£tv 



270 Johann KviCala. 

Eur. Med. 1085 ff. 

rjXKrx yap sortv [xoOaa xai Yj|xlv, 

Yj upoaojJLdcl orj'fiac svsxcv ■ 

■/.rjüx diröpLOoaov xö Y'jvv.i'Äcbv. 
Prinz: ,1087 §e 5yj 5£'r// oi zi Sb' (otj ?) verba corrupta'. Wecklein schreibt nach 
Elmsley's Vei'besserung 

udaatat (XcV o'j ■ iraöpov 5e yevoi; 

— (xiotv Ev TCoXXatc EOpotc av CaioQ — 

ou% dxöiJLOoaov to yuvawwv. 

HaüoCiV OS YEVOC und oüx hatte schon Reiske vorgeschlagen. Diese Emendation Elmsley's 
ist in der That auch wol die am meisten ansprechende Aenderung. Was die Einfügung 
von |JLtav betrifft, so hat Elmsley auf das Scholion %at XoytaaixEVYj srjpov oTi [istsan [xsv 
taic Y'jvat^i ov^iac xal zffi xtbv dvOpcoirivcov TrpayiJidTfov xaTaz-Y/j/swc o6 irdaaii: os. d/X 
oXtyatc, (ov o6aa [Jita •x.ai aöz'q zo^yßyio hingewiesen. Man kann auch auf ein anderes 
Scholion sich berufen. Bei Dindorf zu 1090 v.ai 'ff^\xi: to6xcov [xta o'joa xat auxY]. Diese 
Erklärung scheint an eine unrechte Stelle gerathen zu sein ; immerhin aber kann man 
in \i.ia ociaa xat. aöz-q eine Beziehung auf das von Elmsley in den Text gesetzte (xcav finden. 

Eur. Med. 1081—1115. 

Die Ansicht, dass dies Lied in vier Theile zerfällt, ist gewiss richtig, da die Ein- 
schnitte nach V. 1089, 1097, 1104 unverkennbar sind. Sobald man aber diese Vier- 
theilung zugibt, scheint weiter die Ansicht derjenigen, welche hier eine gewisse Symmetrie 
voraussetzen, a priori wahrscheinlich zu sein ; denn warum hätte sich auch der Dichter 
die Grelegenheit, die einzelnen Theile des Liedes symmetrisch zu gestalten, entgehen 
lassen sollen? Ich halte nun für sehr wahrscheinlich Wecklein's Vermuthung, dass die 
Symmetrie dieser vier Theile ist: 8%, 77^, 7%, 8%. Zu diesem Behufe vermuthet Weck- 
lein, dass der Scholiast, welcher die Paraphrase gibt tzCoc szi XooizeXei Tcpöc toii; al^oic, 
ZMV dvGpcÖTCcov xax&tc to6c ^aioac Bo^aoHai zrjlc. Ösoic 7:apaa/Elv Xüttyjv dvTfÄporjovTSC nur 
folgendes im Texte hatte : 

TZ&Z ouv XuEt Ttpöc xotc d/vXoic 

T7]VS' Stt X'JTCYjV 

ÖVYjTOtOl OeO'JC EITlßdXXEW : 

Ich würde statt dessen vorschlagen, in dem vierten Theile ausser dem Verse 1111, 
welchen Wecklein für interpoliert hält, auch noch den Vers 1106 zu tilgen. Die Worte 
zdatv xatEp(b 6vY^T0tat %a%öv sind nicht bloss überflüssig, sondern auch dadurch auffällig, 
dass irdatv nach TtdvKov unangenehm ist und dass das hohle Pathos, welches in irdoiv 
xaTspö) Hvqzoloi liegt, unangemessen ist. Was nämlich nach dieser Ankündigung 
folgt, ist eine sehr und allgemein bekannte Erfahrung. Zieht sich der 
Dichter nicht den Vorwurf der Lächerlichkeit zu, wenn der Chor solche gar zu bekannte 
Dinge mit solchem Pathos und mit einer solchen pomphaften Ankündigung einleitet? 



StUUIKN zu EuRlPlDBS. 271 



Eur. Med. 1121 ff. 
(0 Sewöv epYOv TtapavöiJitoi; etpYaa[j.£VYj, 

Den ersten Vers mit Lenting zu tilgen, liegt gar kein irgendwie ausreichender 
Grund vor. Die Wendung (o mit einem Particip bei der Anrede ist keine seltene Er- 
scheinung ; und die in dem Verse sich kundgebende Entrüstung ist bei einem Diener 
lason's (1118 f.) natürlich. 

Im V. 1123 ist X'.iToOa ohne Zweifel corrupt. Der Versuch Pflugk's, X'.TioOaa im 
Sinne von ä'^slaa zu erklären ,neq[ue navem tu neque currumi sperne, sed quavis effugiendi 
occasione utere', ist vollkommen misslungen, da gewiss kein Grieche XtTTOöaa in dieser 
nicht bloss nicht nachweisbaren, sondern geradezu unzulässigen Bedeutung nehmen 
konnte.' Aciro'jaa hätten die Griechen nur in dem Sinne verlassen nehmen können 
,fliehe weder das Scliiff noch den Wagen verlassend' (d. h. fliehe unaufhörlich, ohne 
auch nur auf einen Augenblick aus dem Schift'e oder Wagen auszusteigen). Diese Er- 
klärung aber ist unmöglich ; so konnte der Bote nicht reden, wenn er eben nicht wusste, 
welches Beförderungsmittels sich Medeia bedienen würde. 

Der Gedanke, den man liier erwartet, ist : , Fliehe sofort, ohne dich erst nach einem 
Scliiffe oder einem Wagen umzusehen (oder auf ein Schiff oder einen Wagen zu warten), 
fliehe augenblicklich, wie du da bist und stehst, mit eiligen Schritten von dannen'. In 
diesem Sinne hat lortinus (bei Musgrave) alzoöa' für knzoöa conjicirt. Aber airs:v ist 
dem Sinne nach nicht entsprechend. Msvooa' wäre dem Sinne nach angemessen, ist 
aber äusserlich nicht wahrscheinlich. Wenn man auf äussere Aehnlichkeit sieht, wäre 
XiiCToua ansprechend. Hesychios erklärt dies Wort mit sirtGyjxsiv. Freilich erwartet 
man bei diesem Worte den Genetiv, vgl. Aiscli. Sept. 380 \).'iy'riQ Xs/.cjXjxsvo?, Apoll. 
Rhod. IV, 813 TSoO Xiitrovra yä'Lr/.Y.z'jZ- Doch ist auch der Accusativ zulässig, wie Aisch. 
Sept. 335 o'jzs [jlsiov o-jt' i30V ).£).t[jLjx=vo'. zeigt. Hier erklären die alten Scholien Xc/.ttx- 
jjLSVOi mit Xaßclv ßo'j).ö|j,£VO'.. In dem jüngeren Scholion findet sich aus Anlass des 
Accusativs folgende Bemerkung: (OfpstXs os izpbc, ToOto (X£tovr>c %ai laoo y^jdfpeaHai, 
6X}A Xafißdvo'Jatv s^coOsv zb ),aßciv %a'. Xsyo'jocv, obzz [xbiov o6zz wov eictö'jfJLO'JvccC Xaßctv. 
Es finden sich ausserdem noch einige andere Beispiele für die Construction der Verba 
des Verlangens mit dem Accusativ: Soph. Oid. T. 58 f. 

(0 Tialosc oixrpot, yviorä %o'J% ayvoitd (xot 
7rpoar;/'.6c0' qxsipoVTcC 

Chilon (Stob., flor. 3, 79 y) jxVj sx'.B6[j.£t d56vara, Menandros Frg. 15, 3 i9tov £TctO'j|xo)V. 
Diese Beispiele führt Wolft' zu O. T. 58 an, der auch darauf verweist, dass auch 6iYYdv£t.v 
und 'j-aösiv mit dem Accusativ verbunden sich findet. Ausserdem ist zu erwähnen, dass 
auch bei £).^£a07.t, neben dem Genetiv der Accusativ sich findet, wie Hom. E 481 
•xzT^ixara -cd r" £>,o£-a'. a 409 £Öv arixoü XP^^''^^ ££Xo6[X£vrj? '| G zd z zX^eai. 



' Freilich hat auch Dindorf eine ähnliche Erklärung aufgestellt: ,),i7coücja hoc sensu dicit, nuUa qua potiri pote* effu- 
giendi opportunitate omissa', so dass Xdr.^'.v in dem Sinne , etwas unbenutzt lassen' stehen soll. 



272 Johann KviCala. 



Eur. Med. 113G ff. 



fjaÖTjiJLcV oiTcsp aoic £%d|xvo[J.ev 7,axrjl(; 

Stadtmueller (Heidelberger Gymnasialprogr. p. 34) hat erkannt, dass Tza^AjlM nach 
dem vorausgehenden rfhHz lästig ist und dass die Schollen auf einen anderen Text hin- 
weisen und zwar zweimal : OK £ßo[jL£v, rpr^ai, zoöc gwc, TtalSac zä o<bpa -jrpoacpspovxac, 
eydrj'Qixzy Tj(i.=ic oi ÖEpaicovisc und später (oc ociv, «p'/jacv, £L5ci[i.£V xä Swpa 7,0 ja t C ^^ [J-s va 
irapä Goö, £6iypdv6Yj[XcV. Darnach conjicierte Stadtmueller Swp' ijpyzs für %ai Tcapt^XÖE. 
Dass die 5(opa wirklich erwähnt wurden, unterliegt nach dem Scholion keinem Zweifel ; 
die Heilung jedoch ist nicht sicher. Neben ocbp" £yovT£ lassen sich auch andere Möglich- 
keiten denken, z. B. 7.at ocbpoioc oder xaL ffspvaiat u. A. 

Eur. Med. 1156 ff. 

Y) ry (i)C £a£C'5£ x,öa[J.ov, ow v^vEa/sro, 
äXX' rjvEG" dvBpl irdvia, -/.ai irptv £x 3ö[j.(ov 
[xaxpdv dicEtvat irarspa xai TtaiSac oeQev, 
Xaßoüaa tceicXo'js ';roixiXofJC '/jixTctaxcXO 

Elmsley: ,Mirari subit Euripidem non potius xaispa g'jv teiivoic osOsv, tsiiva xat 
inoatv osOsv vel tale quid dedisse quam Tcatspa %at Tzat^ac, oeBev. Auch Nauck hat tsxva 
xai -TTÖatv GEÖEV vorgeschlagen. Die Wendung iraxEpa xai iraßac geOev ist in der That 
so ungeschickt, dass man sie dem Dichter nicht zutrauen kann. Dazu kommen nun auch 
äussere Anzeichen, welche den Verdacht, dass hier nicht "alles in Ordnung ist, bestärken. 
Prinz : ,T£xva BE \ geöev om. L add. /'. Den Vermuthungen ist nun hier ein weiter 
Spielraum geboten. Zu den schon von Elmsley aufgestellten Möglichkeiten kommt die 
Vermuthung Stadtmueller's (Heidelberger Gymnasialprogr. 1876 p. 36) •^rarEpa %ai te^v , 
dajJLEVYj, welche sich einerseits auf das in einigen Handschriften vorkommende TEXva, 
andererseits auf die Schollen stützt: oötco 5e TTEpr/apY;? ysyovE zbv %ög|xov lootjaa, xai 
Ep[j.at,ov 'ffiiprj.zrj zh Scbpov, (oc |XYj dva|X£ivat z'fp dTcoociav zm 'IdGovoc, 6XX s'-t Tzkrplo^ 
ovzoQ zw xatpoc xal ttöv TiatSwv eoÖü? XaßoOGa irEptsGEto tov xöa[JL0V und weiter a-jxY^ ouv, 
'f-qobi, OTZsp-qoBslaa xq) S(öp(p 06 irapYjXY^aaxo xat irapovxoc xoO "IdGOVOc -rrEptÖSGÖai 
xov xöcjxov. Ich versuche auch auf Grund der Schollen einen anderen Vorschlag zu 
empfehlen. Für ziemlich sicher halte ich die Annahme, dass geÖev (das in L fehlt und 
das auch in den Schollen keine Erwähnung findet) hinzugefügt wurde zur Ergänzung 
des Verses, nachdem der echte Schluss verloren gegangen war. Dem Interpolator schien 
ceOev das nächstliegende Wort zu sein, und es mochte nicht ohne Einfluss auf diese 
Ergänzung auch der Umstand sein, dass der Interpolator geQsv als ein sehr häufiges 
Schlusswort des Trimeters kannte. So kommt geOev als Schlusswort in der Medeia vor 
V. 65, 541, 888, 1153, 1209, 1248, 130it, 1374, in anderen Dramen noch häufiger. — 
Weiter glaube ich, dass der Scholiast in seinem Texte entweder e-jOöc oder einen 
diesem Worte entsprechenden Ausdruck las, da er e 'j 6 ü c Xaßo'JGa 7CEpt£6£XO xöv x6a|j.ov 
sagt. Auf dieser Grundlage kann man vermuthen 



StUDLEN ZV liuRIPlDKS. 273 

IJiaitpdv ducivat iraripa y.ai zaio" (d. i. xai5s), s-JOsok 
oder [jLoixpdv diTcivai irarspa Tcal^s t, ö'jOscoc ' 

Zu Gunsten dieser Vermuthung spricht der Umstand, dass im Scholion zofp'jc mit 
Xaßoöaa verbunden erscheint, während die Worte TUSpr/af/Tj? und 'jTrcf/T^afistaa (auf denen 
Stadtmueller's Conjectur äa[Ji,sVY; beruht) im Scholion in einem solchen Context erscheinen, 
dass daraus ersichtlicli ist, dass der Scholiast vor XaßoOaa das Wort dajJisvA) nicht vor- 
fand ; ich glaube, dass der Scholiast die Worte oütoj 0£ Tzzpiyrxry'qz '(i'(v/^ %z\. und 'Jircp- 
YjGÖctaa aus eigenem hinzugefügt hat. 

Was die Wahl zwischen den Aenderungen -mi xaio S'JOscoc und icai^s z' sOOscoc 
betrifft, so wäre die Entstehung der Ueberlieferung im ersten Falle begreiflicher. 
[lalo, wenn es irrthiimlich für ':taioa gehalten wurde, konnte zu der Ergänzung iraioac 
und andererseits zu der Leseart Tsxva Anlass geben. Freilich ist es fraglich, ob der 
Dichter die Elision sich hier gestattet hätte, wo TzrjX^j dem Missverständniss iraiöa aus- 
gesetzt war. Indessen findet sich doch ähnliches zuweilen bei den Dichtern. 

Eur. Med. 1171 ff. 

y.7.{ TIC yspatd irpooTroÄtov oo^aad tzvj 
r^ llavoc öpydc r^ tivöc Bsibv [xoXciv 
dvcoXöXu^c, irptv y' op"-^. 5td arö[JLa 
"/(opo'jvra Xc'jy-öv dcppöv, o|x[J.dT(ov r d-ico 
%6pac arpsrpo'jaav, aijxd ~' o'jx svov ypot. 

Im V. 1174 wird statt des unmöglichen dTTO nach Heath d-ö geschrieben, wobei 
man die Tmesis annimmt =; öjj.[xd":(ov v.öpac d'jrcia'rps'f'j'jaav. Dagegen macht Wecklein 
(im Anhang) geltend, dass eine solche Tmesis sonst kaum sich finde und dass dicoatps- 
fpooaay wegen der Bedeutung, die diesem Worte zukommt (vgl. Soph. Ai. 69) nicht 
passe. Ich schliesse mich dieser Ansicht vollkommen an, ohne jedoch den Vorschlag 
Wecklein's ö[jL[j.dt(ov o 'jtco v.opa«; OTpsrpo'Joav (,unter den Augen hervor') billigen zu 
können. Ich verstehe nicht, welchen Sinn dann %6pac ctps'fo'joav in der Verbindung 
mit ,unter den Augen hervor' haben soll und wie sich übei^haupt Wecklein den Sinn des 
Ganzen gedacht hat. Mir scheint es unzweifelhaft, dass iiiiiÄzor/ ein von /.opac ab- 
hängiger Genetiv ist; vgl. Or. 389 ö[J.[JLdt{ov ^Tjpaic %öpatc ebend. 469 yspovroc ö|j.[xdT(ov 
(ps'jycov -MrjrxQ ebend. 1261 5öyjj.id vov xopa? Stdrpsp' ö[X[xd-:(ov ixciBcV svOdo' ebend. 1319 
xdyfo ax'JÜpcoTCO'JC c-ixp-drcov Suco xöpac und ähnlich Phoin. (KiO Ocpyixdzcov %öpatat TCoX'JxXd- 
votc. — Sonst ist aber die Heilung der Stelle unsicher. \'ermuthen Hesse sich ö[X[xd-:(ov 
r dvo3 xöpac arps'fO'joav oder ö|X[xdT{ov 6' d[xa xöp. aip., oder ö[X[xd-cov t' dcpap (welches 
Wort auch einigemal bei den Tragikern sich findet), auch o(X[xd-ccov t' drpvco '/.op. arp. 
Der letzte Vorschlag hat vielleicht eine grössere äussere Wahrscheinlichkeit. Prinz ver- 
muthet dsc. — Mit öjX[xdt(ov 7,öpa; a-cps'fsiv vgl. den entsprechenden substantivischen 
Ausdruck an der ähnlichen Stelle Herc. für. 932 £V axpo'falaiv ö[xtxd-:(ov. 



' Man könnte auch verranthen mit Rücksicht auf die Worte a'Jtr; oüv, »rj^'v, ■j-Ep7,30ET'7a 

[Aazpiv ir.u-ix'. -xiipx /.%: -iX'S' (oder Trafos t'), eOO-j? oüv 
Doch ist ouv sjjrachlich minder wahrscheinlich. Den selteneren Ausdruck eOOuoc hat der Scholiast in der Erklärung 
durch das gewöhnliche sOOü^ ersetzt. 
DenkbCliriften der phil.-ljist. Cl. XXIX. I)d. 35 



274 Johann KvIcala. 

Eur. Med. 1181 ff. 

Totyüc ßa^totr^c T£f<jx6v(ov dv^fj-jirsto • 
T; 8' kc dva65o'j v.ai [j.öaav'coc '6|X|Jiaxo;; 
8swov a-zvdta.d' r^ rdXatv' -/jYsipc-co • 

Prinz zu 1181: .axTiÄsOpov L S7.7tXc6pov ?•'. Icli stimme bezüglich der Auffassung 
der Verse 1181 und 1182, sowol was die Feststellung des Gedankens im Ganzen als 
auch was die einzelnen Ausdrücke betrifft, mit Wecklein überein, jedoch mit der Aus- 
nahme, dass ich rXyfjrjizxszo beibehalte, Avährend Wecklein dv TjTiTcto schreibt. Ich halte 
nämlich in diesem zeitbestimmenden Satze die Partikel dv nicht für nothwendig, vgl. 

El. 824 f. 

6daaov oi ß'jpaav Sscoscpsv r; opo[Ji3'JC 

Btaaouc 8t7.'jXo'Jc iincco'jc (iTnrto^ Musgrave) oit^vjoc 

Der von W. Dindorf vermutheten Athetese der Verse 1181 f. kann ich keinesfalls 
zustimmen. Nach meinem Gefühl müsste man, wenn in den Handschriften auf V. 1180 
unmittelbar 1183 folgen würde, eine Lücke annehmen oder man müsste annelxmen, dass 
im V. 1183 durch eine Corruptel ein eine Zeitbestimmung enthaltender Ausdruck be- 
seitigt wurde. Wenigstens müsste im V. 1183 ein Ausdruck, wie ,nach einer Zeit 
aber' oder ,un t er d es s en' oder etwas ähnliches gefordert werden; ohne eine solche Zeit- 
bestimmimg wäre der Anschluss des Verses 1183 an 1180 mangelhaft. Unter solchen 
Umständen ist es nun gewiss gerathen, die Echtheit der Verse 1181 f., in welchen eben 
eine Zeitbestimmung enthalten ist, nicht zu bezweifeln. Auch ist diese Zeitbestimmung 
an und für sich wegen ihrer U n ge wohnlich k ei t derart, dass sie nicht den Ein- 
druck einer Interpolation macht; soweit verstieg sich gewöhnlich die Invention der 
Interpolatoren nicht. Andererseits ist aber diese Art und Weise der Zeitbezeichnung 
wenigstens durch ein Beispiel, nämlich die oben angeführte Stelle El. 824 f. geschützt. 

Einigermassen kann man auch die bekannten epischen Wendungen vergleichen, 
wenn auch dieselben nicht bezeichnen, wie lange etAvas dauerte, sondern nur wann 
etwas stattfand; vgl. Hom. A 86 ff". 

Yj[jLOS o£ 5py:6[j.oc nsp dvr^p (ö'jt)a3aa-:o osIttvov 
oapäoc £V ^Tpo'Qoiv, zTzzi z' äv-opSGöaro xstpac 
tdptov Ssvopsa [j.ay.pd, doo? z£ [Jicv asro 6o[xöv, 

aizrjO ZB '().OXc.rjrjrrj iz^rj, (frjivrj.C, 'i|X£poc aip£l, 

TTjiAOC a'^'(i äpzz-Q iiavaot {jr^iavzrj '^d^ay-,"^: 



Im V. 1183 bezeichnet Prinz i\x[xa.zrjQ als verdächtig. Wecklein erklärt: ,dvau8ov 
o|JLtxa wie Hek. 1050 xu^Xov tutpXcp ozzb/yKa irapatpöpcp tuooi, Phoen. 834 z'J'^Xm ttoSi vf- 
07.)-[x6c £1 a6. Die Verbindung £^ dva'jooy y.al |JL6aav-oc ojxtJLaxoc ist dadurch gerecht- 
fertigt, dass der sprachlose Zustand sich in dem geschlossenen Auge ausspricht'. Ich 
halte diese Auffassung nicht für möglich. T'j'fXöc tmc ist deshalb möglich, weil der 
Begriff , eines Blinden Fuss' vorschwebte. Einen ähnlichen Erklärungsversuch kann man 
hier nicht aufstellen. 



Studien zu Kuripidks. 275 

Wenn man die Ueberlieferung vollständig aufrecht erhalten wollte, so könnte man, 
glaube ich, nicht umhin ic, dvaüSou (,nach der Sprachlosigkeit' ; tö oyrjjjrirjy Sprachlosig- 
keit, sprachloser Zustand) zu trennen von sr. [JL6aavxr>c 5[X[J,a-oc ( nachdem das Auge 
einige Zeit geschlossen geblieben war). "Ex muss in jedem Falle temporal aufgefasst 

werden. 

Da nun aber eben diese Trennung den Ausdruck als einen gezAvungenen erscheinen 

lässt, so vermuthe ich, es sei zu schreiben 

welche Worte natürlich mit Y^Yötpsro zu verbinden sind ,sie erwachte allmählig, nachdem 
ihr Auge eine Zeit lang nicht sehend und geschlossen gewesen war'. — Das temporale 
ix wird von den griechisclien Dichtern manchmal mit eigenthümlicher Kürze in einer 
uns kühn erscheinenden Weise gebraucht. Vgl. El. 305 f. 

ÖTzb atSYtttat zt 
oiaiat vawo ßaatXwwv ex fjio[xa.~(ov 

d. i. EX -rj'j vatctv iv ßaatXixoi^ 5(o|Jtr7.at. (nachdem ich im Königspalaste gewohnt habe). 

Aehnlich Tro. 494 f. 

xdv 7cs5(o xoitac e/st-V 

pucoia: VMZfJic ßaaäixcöv sx oc[j,vtcov 

^~ £V -jrsScp xr/izac, £)(£W £x toO a/clv TzpözBpov xotxac £V ßaadcxoic o£(j.vic/i?. — Soph. Ant. 

1092 ff. 

Eirtaidfxscjöa 3', =£ oxou Xs'jx'/jv syco 

tVyVo £x [j.sXa{v^c d[j.'ftßdXXo!J,at xpr/a, 

Cid. Tyr. 45 i ft'. zotp'ktc ydp £x ^eSo^xötoc 

xat. Tzzor/bc dv-i TrXrj'Jcco'j ^ev/jv etei 
GXTjZTptp 7i[ioo£t,xv'j:: yalav EfATUopsuaEtat. 

(Vgl. meine Beiträge zur Kritik und Exegese der taur. Iph. 1859, S. 83 f., wo ich Iph. 
Taur. V. 1404 £x /Epcbv in ähnlicher Weise zu erklären versucht babe.) 

Was das von mir conjicierte dva-jy^'j oder dva'jyoOc in dem Sinne von , nicht sehend' 
betrifft, so verweise ich darauf, dass gerade bei Euripides rj/rcq öfter steht vom sehenden 
Auge, wie Phoin. 1564 o[Jijxatoc aö-^aic, oalc, Androm. 1179 f. sie. zi^rx 3tj cftXov wr[äc 
ßaX(ov -£p'];o[JLac; Ion. 1071 ö[j.[JLdr(ov ev «paswatc aöyaiQ Herc. für. 132 ''j\x[).dzioy a-j-j-ai. 
Geradezu in der Bedeutung ,Auge' ohne ein anderes das Auge bezeichnende Worr 
erscheint a/rir^ (wie Androm. 1179) auch Rhes. 737 

zic, £1 irox' dvopwv a'Jjj,[JLd/{ov ; X7.r E'>f povT;V 
d[j,ßX(öTC£C rj/rfii, xo'j oe Yiyvwcxfo top«)?. 

Ferner bedeutet aö-id^^ziy und aö'^dC^oHrji .sehen', wie Soph. Phil. 217 vaö? d;;£vov a'jyd- 
C(ov öp[j.ov Eur. Bakch. 59fi f. irOp oO >.£'jaa£t? oü5' a^YdCEi lEp-EXac lEpov djx'ft zd'fov. 



Das Wort findet sich sonst nicht, ist aber regeh-echt gebildet. Sollte diese Foi-m doeh bedenklich sein, so kann man mtxjfo\ic 
schreiben; vgl. ■cr^'/.x-jyf,^, 3;x'j-;r;;, ävTau-j-/];, irEpa-JY/j;. 'jr.xjyr]:;, i;ajyric, ijxj-[rfi. Doch findet sich auch 'j-xj^oc. 

35* 



27r> Johann KviöALA. 

und so schon bei Homer W 458 tTCTrofJ? a'jjrX^^oii.ai und Hes. E 477 oötk irpoc öXXvjq 
arjydasac. Vgl. auch irpoaauYdCsiv , anblicken', ferner lat. lustro (bei Üichtern ,be- 
ti'a eilten') und illiistro, collustro. Ebenso wie die Begriffe leuchten und sehen, 
vereinigen sich andererseits die Begriffe dunkel und blind; vgl. a.^irxorjrjQ, axoToc, axo- 
TÖw (auch vom Dunkel der Blindheit) u. s. w. Im Hinblick auf diesen Zusammenhang 
braucht man, wie ich glaube, auch nicht Bedenken zu tragen, kzöazo) unmittelbar 
mit }.Z'JY.6c (weiss glänzend) und luceo zu verbinden. 

Eur. Med. 1186 f. 

Öa'j[j.aaT6v iei vä|xa 'jraixffäyo'j Tcupoc 

Elmsley: ,ira|x<ydY^jO vox non valde tragica. «payslv enim apud eos non exstat nisi in 
satyrica fabula'. Aber ^ayslv kommt doch vor bei Aisch. Hik. 22G 

öf/V'.fioc Of/Vt; ir(ö: dv ayvEÖC/i «payo^v: 

(hinn in einem Fragment (31) des Glaukos Pontios (also auch einer Tragödie) 

i r/yV dstCcJV d/fQ'.rov Tcöav caycov 

Es klang den Griechen Traixrpdyoo -rcupöc gewiss nicht unpoetisch \ ebenso wie das 
deutsche ,fressendes Feuer, die Flamme frisst um sich' auch in pathetischer Darstellung 
gebraucht werden kann. Dass nun gerade an unserer Stelle Ttaix'fdyo'j sehr passend 
ist, zeigt Y. 1200 f. 

yva6[xotc doYjXoi^ rp7.f/jxd%03V dirspipsov 
Vgl. übrigens Hom. W 177 

Aisch. Cho. 52ö iz'jrjbc [xaXsfd yvd6o;. Prom. 367 (welche Stelle Wecklein citirt). 

Zu den Worten Iti ^)fi.\w. iraix'fdyo'j TT'jpö; bemei-kt Wecklein, dass dies ,von einem 
Vulkan gesagt sein könnte wie Aisch. Prom. 367'. Gewiss wollte aber damit Wecklein 
den Ausdruck nicht tadeln, denn dieser muss als ganz besonders passend bezeichnet 
werden. Der unglückselige Kopfschniuck strömte immerwährend Feuer aus, das den 
Körper der Glauke verzehrte, während der Schmuck selbst durch das Feuer, das von 
ihm ausgieng, nicht verzehrt wurde. 

Eur. Med. 1190 ff. 

^coysi o' dvaatäa' k% Öf/6vcov 7copou|X£VYj, 
Octo'jaa yrnzr^-'i y.rjrjx6. z aKk^jz d).Xo3£. 
pi'|7.t. Hikrjoarj. arsfpavov ■ d/vX" doapordjr 
a'jvocOjxa ypyooöv siys, irüp o', ir^ai y.ö|XYyV 
ioctac, jxdXXov 51? röofoc sXdjXTc^ro. 



Leiclit wäre es allenliiigs zu conjiciereu :;ajj.-^«oü; oder !:«[ioX£/.rou, welclies Wort l)i'i Sophokles zweimal mIs Epitheton von 
r.üp vorkommt. Doch solche Conjectiireu hätten keine' Berechtigung. 



.Studien zu Eiiripiues. 277 

So schreiben Wecklein und Prinz den letzten Ycrs, letzterer jedoch mit der Be- 
merkung, dass er statt jxäXXov vorzöge \)SjXri%i^^ oder rmr/X'ijV. Wecklein erklärt liäXXov 
, statt zu erlöschen oder abzufallen, vielmehr noch einmal so stark'. W. Dindorf ineinte 
dagegen, wenn man Sic zöofo? (ohne z) schriebe, müsste man [j.7.)JvOV zu äoz-ioi ziehen. 
^\'eder das eine noch das andere kann abei- für Avahrscheinlich gelten, sondern |X7.X).ov 
ist für corrupt zu halten. Nun könnte man vermuthen TZ'jrj o , susi %6[xri^ loctas, [X7.Xsf/ov 
oi? zrjGHK i)M[).izz->-j. Als Epitheton von xOp ei'scheint jxaXspö? schon bei Homer 1 242, 
r 3 IG, <i) 375 und so auch Aisch. Cho. 325 TZ'jrjbc, jxa/.spd '(väfjoz. Doch ist die Ent- 
stehung der Corruptel noch begreiflicher, wenn man schreibt 

sasiae [xakKÖv, oU zöawQ sAdiXTrsTo. 

Ich nehme hiebei an, dass jxa),Xöc nicht bloss die Zotte (villus), sondern auch die 
herabhängenden fliegenden Haarlocken* bezeichnen konnte, wie denn wenigstens das 
verwandte jxdXtov bei einem Dichter der Anthologie (XI, 157), Ammianos, wirklich in 
der Bedeutung ,Haarlocke' vorkommt. Auch findet sich [i.a}X6c (wie ich hier die Ver- 
bindung [xaXXrjC ■äO[XYjC annehme) bei Euripides Avirklich mit -irÄ'jxdjxcov verbunden, nämlicli 

Bakch. 111 ft". 

axwcöjv - ivo'jzrj. vsßpcocov 

[xa^Xc-l; • 

und wenngleich hier mit Xs-J^o-pt/cov Tr).ri%d!J.(ov [xriÜM Flocken von weisser Wolle 
bezeichnet werden, die man auf Rehfelle anheftete, so kann doch diese Stelle wegen 
der factisch vorkommenden Verbindung -üXo^dixcov [J-'V-A^oi hier angeführt werden und 
zwar um so eher, als bekanntlich manche Wörter zugleich sowohl das menschliche als 
auch das thierische Haar bezeichnen. So 'Kk6%a\)M an der eben angeführten Stelle von der 
Wolle-, vgl. Eur. El. 705 ypüasav dpva ■z,aXXnrXö%a{xov (wie wenigstens die Ueberlieferung 
lautet)-, 7.0[xäv von Pferden Hom. 42 eMrj'QGiv nc-ixötovis ; Öpcc zrÄ/zc von Menschenhaaren 
und Thierhaaren ; cpoßr^ auch von der Pferdemähne Alk. 431, ebenso /fd-ri, yrxlzai. — Mit 
der Verbindung %Ö[xyjC jxaXXöv vgl. ausser Bakch. 112 noch Eur. El. 882 ■z.öfXYjC OTjc 
ßoatp6y(ov, ebend. 1071 ir/.öy.aixov xöjxy^c, Hei. 1224 ßoatp'J/o'JC £ry.v6-?]C v/j^irfi, Phoin. 308 
ßooTO'jyoiV zs xoavoypooTa yrjlzaz luXöxajxov, Ion. 12G6 ttXoxo'jc ■äojxYjC. 

Die Entstehung der Corruptel ist bei der Annahme von [xolUy leicht begreiflich. 
Sobald man irrthümlich jxäXXov annahm, musste %Ö|XY^c in xöjxy^v übergehen. Ausserdem 
wuirde, da [xä)./«ov oU zoaioc, keinen Sinn zu bieten schien, z nach TÖawc hinzugefügt. 
Prinz : ,z6awc, S (L röacov P Toaov p) zöomc z E xoacbc z Ba ziarj-^ z h'd^'-. 

Ymv. Med. 1211 ff. 

Exei ^s 6pY^V(ov 7,7.1 yöcov sira'jaato, 
yp-(;C<ov yspatov iiavxazrprn o£[X7.; 

xpoGsr/c^" (oaic ziaooc £pVi3iv od'fVY^c 
/.cirioicjt. TTSxXotc, Sstvd o" y;V TLaXrjxz\xrj.z'-j.- 



1 Auf einem römischen Sarkophagrelief (Annali d. Inst, di corr. arch. 1SÜ9. tav. d'agg. AB, 2) ist dargestellt, wie von den 
fliegenden Haaren der Glauke eine Flamme emporlodert. 



278 Johann KviCala. 

6 [X£V '(a^j rßc.)! £i;avaar?jaat yovu, 

Y; 5' dvxsXdCoT. St ^£ -üpÖC ßtOtV ayr-c, 

adpxai; yspaidc iaTzrj.rjaod äiz oazicov. 

)(p(iV(() 3' dTcsatTj Y.rj.i [XcGyj-/ 6 ^öojxopCK; 

'|U)(YjV ■ V.rj.V.rjrj yrip oö^SX YjV ÖHSpTSpOC. 

Ich sehe nicht ein, wesshalb man im V. 1218 das überlieferte d^sarrj zu Gunsten 
der Conjectur Scaliger's aufgeben sollte. An der ganzen Stelle, die ich absichtlich hier 
im Zusammenhange citirt habe, tritt die Darlegung der vergeblichen Versuche Kreon's, 
sich von der Leiche der Tochter loszumachen, bedeutsam hervor; vgl, 1212 )(p-/]C(ov, 
1214 TraXaia[i.axa, 1215 rflt\\ 1216 si U Tcpöc ßcav dyoi. Was kann da nun natürlicher, 
was angemessener sein als /povco o aTziozy^ , endlich stand er von diesen Versuchen ab 
und gab seine Seele auf? Der Dichter wollte offenbar bezeichnen, dass Kreon, so lange 
noch ein Lebensfunken in ihm war, fortwährend Versuche machte sich loszureissen, 
Versuche, die gewiss immer schwächer und schwächer wurden; endlich sahen die An- 
wesenden, wie er keinen Versuch mehr machte und da war er eben auch schon todt. 
Bei a.Tziazri brauchte hier gar keine nähere Bezeichnung (etwa ein Genetiv oder ein 
Infinitiv) zu stehen, weil aus dem ganzen Context mit grösster Leichtigkeit ergänzt 
werden kann, wovon Kreon abstand. — Und was tauscht man bei der Conjectur d-TrsaßY^ 
für den so bezeichnenden Ausdruck dirsa-Yj ein? Eine — Tautologie, da dTcsaßYj -^ \xzH'qv.s 
'\i'r/rqv\ Ich sehe hiebei ganz davon ab, dass dirsaß'^ hier ein unnatürlich gezierter Aus- 
druck ist. Wenn Elmsley auf das euripideische Fragm. ine. 127 hinweist 

i o' dpTi OdXXcov adpxa otoTCsr?]? oikoc 
äaz-fjp dirsaß'/j, tcvsöjx' d'fstc et? aiOspa 

so. ist hier d-icsaßYj eben mit Rücksicht auf das Bild otoxsxYjc 07C(oc doTY^p gesetzt. 

Eur. Med. 1220 f. 

XECvtat o£ v£xpoi irai«; zz 'wx yspJov iratY^p 
TziXac,, 'rtoQctVY; Saxpuotat ayi-ffopd. 

Am Schlüsse einer längeren Bemerkung zu dieser Stelle sagt Matthiae: ,Quod maximc 
accommodatum est ad lacrimas excitandas, hoc ^axpuoiat (JisXcCV et xoöctvöv esse ^axpuoic 
dici potuit'! Genaugenommen bedeuten die AVorte iroÖsiVYj 5a7,p6ritaL auiüt^opd, da xoOctvöc 
doch passiv genommen werden muss, ,ein unglückliches Ereigniss, das den Thränen 
(für die Thränen) erwünscht, ersehnt ist' d. i. ,ein Unglück, wie es sich diejenigen, 
welche sich einmal recht ausweinen wollen (welche Grund zum Weinen haben wollen), 
herbeiwünschen würden'. Diese Ausdrucksweise aber setzt eine gar zu kühne Personi- 
fication und eine gewisse sentimentale Künstelei voraus, so dass allerdings der Verdacht 
auftauchen kann, dass die Ueberlieferung nicht in Ordnung ist, wie Prinz bemerkt ,verba 
TCoÖcCVYj 5i7ap6r>ta!. vix sana'. Eine angemessene Wendung wäre hier iv Saxp'jotat a'J[J,'fopd 
,das Unglück ist ein solches, dass hier Thränen am Platze sind'; vgl. über diesen Gebrauch 
von iv Eur. l'hoin. 127(J 

AN. at5o'j[j.£6' oyXov. 10. o'Jx iv aia-/jJYQ td ::d. 

Ion. 131)() f. Ii>i\. atya a6 ■ tto/./.y^ '/ai irdpotOsv ipHd [j,ot. 

KP. o'Jv. iv auDXY^ Td[j.d • [XYj jis vouOsici. 



Studien zu Euripides. 27!) 

Wenn man diese Phrase hier voraussetzen wollte, wäre freilich das vorausgehende 
■TCOÖcWT] für corrupt zu lialten und man hätte anzunehmen, dass durch dies Wort zwei, 
resjD. drei Silben verdrängt worden sind, 

entweder TziXac * * iv ^ay.j^fjoiat a'j|X'fopd 
oder -TTsXac * * * v ^av-fjotai a'J[i.'fop7.. 

Im ersten Falle Hesse sich z. ß. ergänzen 

TziXac, Tcsaovt' ■ sv oay.p6oiai a'j[A(fopd. 
Auf Grund des Scholion oiov au[J,cfopä ov-sc TtoöcWi^ lipo;; odxpua mt ÖpYjVOV T.SW'cac, 
dvu -:oä d^wSdviputoc au|J/fopd, oöz dv ttc iSwv itoGT^asts oaxpöaai, sXsstvoüc ovtac ro) fjcdjxati 
könnte man vermuthen, dass der Dichter vielleicht schrieb: 

TceXac, TZKibsirri 'z odiiptj' o'jaa a'J[Ji(fopd 

d. i. atj|j.'fopd TirMirq oyaa sc odap^a, wobei £? ,in Rücksicht, in Beziehung auf bedeuten 
würde. Hpoc odxpoc/. im Scholion würde den Worten sc, orjxpoa. entsprechen, während 
O'jaa vom Scholiasten durch Ivzac auf Grund einer anderen Beziehung ersetzt wurde. 

Eur. Med. 125.5 ff. 

ade ydp ärJj yrjoziac 'CjvO-c 

IßXaatcV, Öooa 3' rxi\)sj. izizvtiv 

rpößoc ü'jc'' dvspcov. 
Prinz: JßXaarsv jE"« sßXaats r Ocoö ^ÄtP^ 6cö)V a' 6*** L \ aiixa ,S6 (vel B') 
ai[xa ZI i? al'|J.ati r'. Sehr richtig sagt Prinz weiter: ,medela prorsus incerta'. Ohne auf 
die verschiedenen Emendationsversuche einzugehen, bemerke ich nur, dass auch m den 
Worten (pößoc rjiz dv£p(ov eine Corruptel vorhanden sein muss, obzwar die meisten Erklärer 
diese Worte nicht bemängeln. Man erklärt üii' dvspcov im Sinne von ütüö dvOpwTicov, wie 
schon der Scholiast bemerkt etccI ouv cpößoc saxl zb Oslov aqj.7. OTzh dvOpcöiKov Tizoeiv, mi 
ay aözriv. "likiB. ziixioprpai. Aber da hier nach dem ganzen Context von der Ermordung 
der Kinder durch Medeia die Rede sein muss und da Medeia nicht zu den dvÖpwiroc 
gehört, sondern vom Helios abstammte, so kann wenigstens oiz dvspcov nicht richtig sein. 
Wie könnte der Dichter so zu sagen in Einem Athem die Kinder der Medeia als 
Abkömmlinge des Gottes Helios und als Hzw ry.[[jta bezeichnen und zugleich die Mutter 
der Kinder mit oTt rjyi[A<)V bezeichnen? 

Eur. Med. 1293 ff. 

yovaixsc, ai zfjo'ri' iy('JC. sazrj.zs ozzyqQ, 
dp" £v 5ö|j,otaiv y; zä rjsiv clpYaa|J.EV'rj 
M-rjosca toiato r^ [).Bbiozrff.sy <po-(ri; 
§£1 ydp viv fjiot YY^c 3'f£ xp'j'feYjvai -/.dzoi, 
■q TU-üYjVÖv dpat G(b[x £<; alöspoc ßdOoc, 
et |XYy züpdvvoiv o(öjxaatv ooVjSI oixyjV ■ 
xeirot.^' ä.TzoT.zzb/aorj. ■/.rjirAwjz yH'jybc 
d6(üOC aör/j xcövSs cpsötsaOai oö[X(ov; 
Prinz zu V. 1295: ,rotao£ y 5 (ac sup. ao scr. 6) Ea totaiv .S'. Prinz nimmt hier 
Wecklein's Conjectur rola^" £t auf. AVecklein bemerkt im Anhang gegen Canter's 



280 Johann KvICala. 

Emendation zoiai^j': , Allein lason kann nicht fragen, ob Medeia in diesem Hause wohne 
— so würde ein Fremder fragen — , sondern ob sie noch im Hause sei'. Natürlich ist 
dieser Sinn hier erforderlich, aber trotzdem ist ext nicht unumgänglich nothwendig; es 
kann ebenso fehlen, wie bei (i.cösaxY^'XcV '^'->YT/ ^^i^ht erforderlich ist y^o'/j. ,Ist Medeia in 
diesem Hause oder hat sie sich geflüchtet' ist vollkommen genügend und fällt nicht auf. 
So heisst es auch Iph. taur. 1302 f. 

cit Ivoov (ohne Itt) sir oOx svoov ärj/r^'i'^jc /Oovoc 
und ebend. 1294 sagt der Chor 

7.vaxta ywpac, cppoüooc (ohne 'fio-q) i'A var^O GobBiQ. 

Füi- Canter's xotato spricht die Ueberlieferung von b und die Corruptel xoiatv. Sobald 
rocGio in toico' übergieng (was auch sonst geschah), wurde zur Ausfüllung des Metrums 
die in diesem Falle beliebte Partikel '(B eingeschoben. 



Auffallend ist es, dass auf lason's Frage 1293 — 1295, ob Medeia im Hause ist oder 
ob sie sich gefliichtet hat, keine Antwort des Chors erfolgt. Diese Antwort würde man 
etwa nach V. 1295 erwarten. Doch ist desshalb wol keine Lücke in der Ueberlieferung 
"anzunehmen. Es scheint, dass wir nach der Intention des Dichters eine indirecte 
Bejahung der Frage, ob Medeia im Hause ist, in den Worten des Chors 1306 f. 

lötaov • o'j ydp zo6ao" dv i'ffii^^qio Äöyouc 

suchen müssen. Aus diesen neues Unheil kündenden Worten des Chors entnimmt lason, 
wenn er auch den Sinn derselben nicht versteht, wenigstens so viel, dass Medeia noch 
hier ist. Er vermuthet ja -q TiOü %ä\C dTcoxtcivai ÖsXst; also fand er in den Worten des 
Chors die Andeutung, dass Medeia hier ist. Freilich Lob verdient die Unterlassung 
einer directen Antwort nicht, aber erklärlich ist sie immerhin ; es wurde nämlich diese 
Unterlassung dadurch veranlasst, dass lason nach V. 1295 eine Antwort nicht abwartet, 
sondern gleich fortfahrend sagt osi ylp x-X. 



Die Verse 129<) — 1299 bieten grosse Schwierigkeiten dar. Was zunächst V. 1296 
betrifft, so lässt sich die Wiederholung des Pronomens v.v— a'fs in demselben und noch 
dazu so kurzen Satze nicht rechtfertigen durch Beispiele wie Phoin. 497, Soph. Trach. 
28", Oid. Kol. 1278. Die Behebung dieser Corruptel ist ganz unsicher. In Elmsley's 
Conjectur Yqc, ys hat ys keine Berechtigung. 

Die handschriftliche Ueberlieferung im V. 1 298 ist nach Prinz : ,st [IYjV B ' in y^ (?) 
et [lY^v in \xri corr.. '?)v |ay;V supersci-. h. * * [r/; E =1 [X'q, (sie) E' * * jay^ a si [r/; a' comma 
post [Ji'/j add. a- | t'jpdvv(o B \ ooSjJiaatv S (P '5(i)[j.aat L v snp. t scr. L') i5(i)[j.7.jt ?■'. Und 
im V. 1299: .'/.rjirjrjyryj^]^ t'jpdvvo'jc BE-. 

Die Elmendationsvorschläge, die diese Stelle betreffen, sind zahlreicli, aber nicht 
befriedigend; auch Dindorf's Athetesc der Verse 1299, 1300 kann ich niclit für richtig 



SrriuKX 7,y Euüipiuks. 281 

halten, da der Anschluss des Satzes si {ay^ T'jpdvvcDV 0(i')|j,aatv odSast. oay^v an das voi-aus- 
geliende auffallend und wol unrichtig ist. 

Nacli meiner Ansicht bieten sich besonders zwei Möglichkeiten, die Stelle zu eiuen- 
dieren. als ansprechend dar. Das Scholion lautet Oci yäf; aüx'^v •?; 'na~atap'cap(o9t;vac yj 
ävairf?jva!., st |xy; apa ttstcoiÖo [jly^ 5(oastv SwyjV xcöv toÄ[jly/J£VX(ov. Der Scholiast liat also 
ein von -iis-irotOs abhängiges Scoastv gelesen und er scheint auch noch ein zweites, zu 
5(t)3Siv gehöriges [jiYj vor sich gehabt zu haben, da niclit anzunehmen ist, dass er ein 
einfaches vorgefundenes [xy^ zugleich auf tus-oiGs und auf Stoasiv bezogen haben würde. 
Wenn aber 5(03£t.v gelesen wird, so muss im folgenden eine Verbindung des zweiten 
Infinitivs 'f£6i;£a9ai mit ^(öastv angenommen werden. Darnach kihinte man schreiben: 

ci |i.Yj XUpdVVfOV [J.Y^ OÖjJLOtC OdJOctV ^IXY^V 

'iiETcocÖ" dTTOxtcCvaad x£ rjpdvvo'ji; -/Govoc 
dOcpoc 7.6tY^ x(T)v5£ ffS'JtcaOat ooi^ov. 

Man könnte aber auch nach ßdfioc A'. 1297 den Schluss des Satzes annehmen und dann 
weiter schreiben : 

Y) |XY; x'jpdvvojv 0(ö|jLaj'.v ocöostv oixy^v 

■zszotO" d-o^recvaad xs xupdvvo'jc "/'/ovöc 
dG({)oc aüxYj x(i)VO£ cp£6i;£aÖat, 3ö[j,{ov ; 

d. i. oder vertraut sie darauf, dass sie dem Herrscherhause nicht Busse leisten und dass 
sie nach Tödtung der Landesherrscher selbst straflos entkommen wird ? 

Der erste Vorschlag scheint mir viel annehmbarer zu sein; si (xy^ TC^irotOc ist in 
dem Sinne ,es müsste denn sein, dass sie vertraut' zu nehmen, wie dies der Scholiast 
auch aufgefasst hat, wenn er sagt =1 [xy^ dp7. '7r£7i:ot,0£. 

Eur. Med. 132;) ff. 

WA * £','(0 5s VÖV cppOVW, XÖx" OÖ '^pOVÄV. 

hi iv, oö[x(ov GS ßapßdpo'j x" d-Tuö yOovöc 
"E)Ckrfi ic oiy.ov Y^yojXY^v, y.azöv \).i-{a, 

TZazrjrjC X£ y.7.t YY;C TTpOOOXLV Y^ G iBpc'j/axo. 

xov aöv o" dÄdaxop" stc £[x" soxYj'Lav Osoc • 
xxavoOaa y^-p '^''i cöv %dacv irapiaxcov, 
x6 ^aX/.tTTpcüpov siaißY^? "Ap^oOc axdrpoc. 

Im V. 1333 : ,xö « v add. a'. \ obv o ;S' aov r\ Verschiedene Aenderungsvorschläge 
sind hier aufgestellt worden; Kirchhoff xolov a dXdaxop, Nauck xoiövo dX. Weil xwv 
Gcbv a dÄ. Wecklein x(i)V cwv rjX. Die überlieferte Leseart xov oov (wobei man das in 
den meisten Handschriften fehlende o aufnehmen müsste) wäre so zu erklären als 
wollte Jason sagen: ,D einen Rachegeist, d. i. den Rachegeist, der dich wegen deiner 
Frevel strafen sollte, haben die Götter auf mich einstürmen lassen, weil ich so unver- 
nünftig war (xöx o'j 'fpovcov), dich zu meiner Gattin zu machen; so muss ich meine 
damalige Verblendung büssen'. Aber dieser Auffassung steht von Seiten des Gedanken- 
zusammenhanges ein gewichtiges Bedenken entgegen. Dazu stimmt närnlic]) nicht der 
folgende b e grün den d e Satz -/.xavoOGa '(drj %z\. Auch ist es, da Medeia selbst es war, 

Denkschriften der phil.-hist. Cl. XXIX. Bd. 36 



282 Johann KviCala. 

welche die Kinder lason's ermordete, natürlich, dass sie als dXdarcop bezeichnet wird, 
gerade so wie lason sie später V. 1342 f. Xsaivav, xtjc T'jpT/)vcooc X/,6)./.Y;C syoycjav 
dy^uoräpav (f'jaiv nennt. 

Ganz passend sind dem Sinno nach die Conjecturen tolöv a' dXdarop' und z''ji6vo 
äXdazrjp . Nach diesen Aenderungen steht V. Ioo3 , einen solchen ßachegeist haben die 
Götter auf mich einstürmen lassen' zu dem vorausgehenden Gedanken in dem Verhältniss 
eines begründenden Epiphonema und der Causalnexus ist ,dass ich früher verblendet 
war, als ich dich mit mir nach Hellas nahm, stellt sich jetzt heraus, da die Götter 
einen solchen äXdaTcop in deiner Person mir gegeben haben'. Andererseits steht auch 
wieder die mit ydf/ eingeleitete Begründung V. 1334 ff. im besten Zusammenhang mit 
V. 1338, wenn man eben zolöv o oder rotovo' liest; denn y.zavoüaa und d7Cco).£aac ent- 
halten den Grund, der lason dazu berechtigt, Medeia als seinen dXdattop zu betrachten. 

Mit dem epij)honematischen begründenden Gebrauch von roioaos und ähnlichen 
Wörtern vei'gl. z. \i. den an dieser Stelle einige Verse später folgenden Satz (V. 1344 f.) 

Soph. Ai. r)(iO tf. o'jto'. 3 'A/aubv, oCoa, [ay^ zic 'J|3[jici'o 

1 1 V 7coX<o[jöv 'süisjy.a TsOv-pov djjL'f i •zv, 

Eur. Alk. ü4 f. Yj jAYyV o'j Tua'Jait xatTcsp ö)jj,öc ("ov dyav • 

Ebenso im Latein, z. B. Sali. Cat. 7, 3 scd civitas incredibile memuratu est adepta 
libertate quantum bi'evi creverit : t a n t a cupitlo gloriae ince.?serat (emphatisch statt nam 
maxima cupido gloriae incesserat). 

Wenn man aber diesen Zusammenhang anerkennt, so kann man wol auch mit nocli 
leichterer Aenderung schreiben toaovo dXdarop", da auch x^joia^Os. -^^ tantus hier ange- 
messen ist. Und für diese Aenderung scheint die Ueberlieferung von a zu sprechen, 
da hier ursprünglicii to aov geschrieben und erst später v zu zh hinzugefügt erscheint. 

Eur. Med. 1374 fl'. 

Mll. aröyci • TTWpdv 03 ßdi'.v iy'lai^An ai')-y. 

lA. xal [x'qv i'(w oy^v ■ pcfotoi dTia/J^ayat. 

MII. ~ihc o6v ; zi opda(o : v.dpra y'ip '/«.dYÖt Oi),o). 

I.\. 'id'Wxi vsv.poöc \)/ji z'j'jooz vj). xXaOaat. Ttdpsc- 

Zu den Worten ~(nz o'jv; ti opdaco bemerkt Wecklein : , Medeia besinnt sich auf das, 
was noch vorher zu thun ist (V. 137!' tt'.)'. Und zu DsÄ(o wird ergänzt ä.7za)Jsj.yfiya.i ovj. 
Die Auffassung, dass Medeia bei den Worten tzCdc, ouv; zi Spdao) sich erst besinnt auf 
das, was sie vor ihrer Entfernung noch zu thun habe, ist gezwungen und unnatüi'lich. 
Kntweder ist nach V. 1375 eine Lücke anzunehmen, oder es ist die Ueberlieferung in 
d(>n Worten tz6)C vjv: zi oodoo) nicht richtie'. 



Studien zu Kuiufidks. 28o 

V. I38ß ff. 
o'j o', oiOTZzrj cwöc, xatöavsl ■f.av.bz v.7.'A(bc, 

TCwpdc icXcOtdc r(ov i|xo)V y^^-1J-<"'^ '-^<''>'''- 
Y. 1387 bezeichnete Bothe als unecht-, Nauck hält alle drei Verse für interpoliert. 
Ich pflichte der Vertheidigung Wecklein's bei und verweise ausserdem namentlich auf 
die Schlusspartie der Hekabe, wo Polymestor der Hekabe, Kasandra und dem Agamemnon 
das zukünftige Schicksal prophezeit. 

Eur. El. 43 f. 

Y^v o'jxo6' dv?jp oha, aüvows |jloi Köirpic. 

Zu V. 44 ist im Codex Laur. angemerkt yp. '/jO/'j'/ iv B'jy'q (so nach Wilamowitz, 
nicht S'Jv/j). Es erscheint aber ebenso y^v -/ja/'JVcV Etiv/j wie t^v 'Qaiov ev süv^ unzulässig. 
Das richtige dürfte sein -qz oöttoQ' dvY;p o^£ — W/'r/zv suvr^v. Vgl. Hippol. 408 r/by/J- 
V£iv Uy-r^, ebend. 885 'linröX'jroc sörTjC rTjC sjay^c s'/^'^ ^Jq^^^'' ß'^''^^ ebend. 944 rpy'r/z zr/.^w. 
lixzrja, ebend. 1044 swcsp '('rtrj.i'f.hc yßvK i\i.%z Hr(ziv. ebend. 1266 rov ia[x ar,rj.rjrffiiy-.rj. 
[xy; xpävat ).£-/Y(. El. 255 oöiccÖTior £r>/Yy(; -cr^c s^?)? sxXyj Otyctv, Hek. 365 It/r^ 03 T7.[j.ä 
ooöXoG (bvY^TÖ? TTOÖsv /paVEL, Bakch. 353 Xs/yj hj\xaivBzai, Aisch. Agam. 1626 cov/jv ävopöc 
rxlo/'jvrjoa , Soph. O. T. 821 f. Xs/'') ^s ^^^'J Oavovxoc £V /spolv atxatv ypatvco. Wichtig ist 
ausser jenen Stellen, an welchen alayovstv mit Xs/Yj, XsxTpa, sövy^v -verbunden ist, besonders 
El. 255, da wir aus diesem Verse einen Rückschluss auf die Fassung der vorliegenden 

Stelle ziehen dürfen. 

Eur. El. 82 ff. 

IlfjXdoYj, ai ydp vq irpcötov dv6p{t>'jr(ov k'(w 
TZiozbv vo[J.cCoj %rxi f^iXov l;£VOV z ijJior 
[J.ÖVOC "OpsGTY^v tövo s^a^tJ-aCsc 'f{X(ov, 
-oda3ov6' d Ttpdaao) ^stv' 'jTt AlybOr/o ira^cöv 

Mit Recht wird kftaö\xrj.Czc von mehreren Kritikern als verdächtig bezeichnet, so 
von Nauck, von Wecklein, der äOdpa'JVcC vermuthet. Ich halte für wahrscheinlicher 
[J.ÖV0; 'OpsatY^v o'jz daixdCstC tptXcov. Dafür spricht das folgende Präsens irpdaaco, 
womit ri'XK dTtjJLdCstC gut übereinstimmt. ' 

Es scheint aber auch, dass in der Ueberlieferung die Hinzufügung des Pronomen 
-ovo zu dem statt i[ii gebrauchten Eigennamen 'OpsazY;/ sich nicht genügend recht- 
fertigen lässt. Statt des Pronomen der ersten Person wird in pathetischer Weise ent- 
weder der Eigenname oder öos. dvY^p öos. öos 6 dvYjp gesetzt, nicht aber beides 
zugleich. Ich habe die Stellen des Euripides, an denen die sprechende Person ihren 



Man kann auch darauf hinweisen, dass au der entsprechenden Stelle in der Sophokleisclien Elektra ebenfalls Pniesentia 

stehen. Euripides h;it nämlieli dem Pylades eine in manchen Punkten ähnliche .Stellung angewiesen, die der sophokleische 

Faidagogos hat, und so ist es insbesondere unverkennbar, dass die an Pylades gericlitete Rede des Orestes 82—111 parallel 

ist nii"t der an den Pädagogen gerichteten Rede des Ore.stes 23—76. So entsprechen hei Euripides die Verse 82-85 den 

sophokleischen Versen 23--28, die Worte bei Euripides i^tyiiai 5' h. OeoÜ xp»10t7)piuv -«X. (87-89) den Versen 32 ff. bei 

Sophokles; V. 90-93 ist parallel den sophokleischen Versen 51 ff., obzwar hier bezüglich der zeitliclien Folge Euripides 

von seinem Vorgänger abweicht. Es ist nun wol bemerkenswerth, dass, wie oben gesagt wurde, bei Suphokles f,ij.i; t' 

ÖTp'J'/Eic /.«'j-ö; i'i r.aioio'.i 'inn Praesentia stehen. 

36* 



234 Johann KviCala. 

eigenen Namen uns ij-gend einem (ii-unde ausspricht, gesammelt und hiebei folgendes 
Resultat gefunden. ' 

a) Besonders zalilreicli sind die Stellen, an denen sich eine auftretende Person auf 

diese Weise vorstellt. Hier liegt aber in dem Gebrauch des Eigennamens gar kein 
Pathos. Es findet sich dies 

a) im Prolog Bakch. 2, 27, Hck. 3, Hei. 22, li^h. Taur. 5, Ion. 4, Orest. 23, Tro. 2, 
PhoiiJ. 12, llik. (), Androm. 5, Herc. für. 2, Hipp. 2 

ß) Im Epilog beim Auftreten des deus ex machina : Bakch. 1341, Iph. Taur. 1436, 
Ion. 1Ö5G, El. 1240, Hlk. 1183, Hipp. 1285, Androm. 1232, Or. 1G2G 

Y) Im Verlauf des Stückes, wenn die auftretende Person sich selbst vorstellt: llek. 
503, Hei. 3^2, 1644, Ur. 380, Tro. 238, 863, El. 850, Herc. f. 824. 

b) Verhältnissmässig selten sind dagegen die Stellen, an denen die Setzung des 
Eigennamens mit Pathos geschieht ; es sind dies ausser unserer Stelle folgende : 

Hipp. 860 f. ÖdfOct xdXatva • /vsx-pa -(arj za. ^fpiioQ 

00/, SOZI 3(Ü[JL7. ff yflC, ZIOZIOIV YÜVT]. 

Or. 1225 f. (I) ocb[j.a vauov \tj%zbc öpcpvaiac Tratsf/, 

zaXsl a 'i)[Aazrfi TzrjXc, o'oq imv-rjopov \xrAslv 

Kykl. 603 f. v.7.i [ir^ 'tt'. xaXXiaToiot. Tp03t%ol? irövoti; 

r/:jz6v ZI vrj/jza;; r diroXcOT^T' 'O^ooasa 

ebend. 689 f. ty^/.oO ai6sv 

(poXa%aiat tppoopcö aC(i\x "OSoaaswc x65e 

Hei. 504 MsvsXaoc oOv. r/j^ycoairjc, £v Tcä^T; yhovi 

ebend. 'J26 ' FAirr^v y'^-f' '^'^'5«k oauc o'j a-'jy:^ ßpo-wv 

Bakch. 1313 f. vjv o £% o6[j.(ov äzip-oc; £%ߣßXYjjO[j,ac 

Androm. 312 f. äXX S'fc'Jpsf^Yj^ 

Hei. 1167 f. äci 3e a £i;c(ov rs xciatcov 56|xoo? 

0so%X6|j,cVO(: -iraic oos irpcacwsicsi, irdxcp. 

Plioln. 1758 (0 Tcdrpa? «Xctv/j^ iroXcxat, Xs'jaasx', Oi^iirouc öSc 



vöv d-:'.[j.r,- a-jtöc owTpöw ic£),a'Jvo|X7.'. //Jovöc. 



' Auszuscheiden sind natürlitli liiebei 

aj jeue Stellen, an denen die sprechende Terson ihren Namen in Folge einer Frage einer anderen Person nennt, wie 
z. 15. Iph. Aul. 827, Iph. Taur. 1361, Phoiu. 2!I0, Andr. 885, 

b) solche Stellen, an denen die sprechende Person von sich wie von einer dritten Person spricht, weil sie unerkannt 
bleiben will, wie z. B. Hei. 99, 109, 135, Bakch. 517, 

cj solche Stellen, au deueu der der redenden Person zukommende Eigenname zwar in der von dieser Person gesprochenen 
Rede vorkommt, aber so, dass die betreffende Stelle nicht vom Standpunkt der Person selbst, sondern vom Staudpunkt einer 
audereu Person aus vorgetragen erscheint (vgl. meine Vergilstudieu, Prag, 1878, 8. 21): Med. 452, Iph. Aul. 803, Iph. Taur. 
771, Hek. 892, Bakch. 173, Hik. 385, Horakl. 30, Herc. für. 581, 

(Ij Stellen, die eine Scll)Stanredc enthalten; Ilck. 737, Med. 102. 



Studien zu Ei;kii'idk.s. 285 

Von allen diesen 39 Stellen haben die Verbindung des Eigennamens mit o5£ ausser 
unserer Stelle nur Hei. 1168, Or. 162fi {i^oi^j^z a i XrfWQ izaiQ o5" k'ccjc 0)V 7.7./.(ö), 
I'hoin. 1758, El. 1240 (pltzziy/oi 5s as xrjXvjoi \i:f{zr^hz a'>fcovoi AtÖ3y,opoc, \\rj.<zzMr, y.rj.(j['^Tf{zic 
t2 WjX'jTjZ'M-qc ooe), Androm. 313 und Ipli. Taur. 1431) avcryjaov rTjaS' 'A6r;V7.C7.c )Jjyj<JC,- 
Von diesen Stellen sind aber auszuscheiden jene Stellen, an denen ö5c in prädicativem 
Sinne statt des erwarteten Adverbs steht, nämlich Or. lG2r., Hei. 1168,' Phoin. 1758; 
diese Stellen sind gerade so zu beurtheilen, wie wenn Soph. El. 1228 Elektra von Orestes 
sagt irj'J.z "OpsarrjV tövos. Ferner entfällt El. 1240, wenn man bedenkt, dass diese Worte 
Kastor im Namen der Dioskuren spricht; Kastor sagt also ganz richtig /.aaLyvr^xoc ts 
lloXuSsuy.YjC 03s. Somit bleibt nur Iph. Taur. 14 3t; und Androm. 313. An ersterer 
Stelle wird aber r»]aos dadurch entschuldigt, dass ±\thene eben mit diesen Worten sich 
zu erkennen gibt ,höre die "Worte der Athene, die ich hier bin',^ und die Stelle Androm. 313 
halte ich für corrupt eben wegen des auffallenden toüSs; man kann hier vermuthen 
-/joaov cppovoöaa xoüSs tdvopöc, (o yjvat (die Glosse MsvsXsto kann in den Text eingedrungen 
.^ein) oder fjaaov cppovoüa sv twSs MsvsXsco, yövai (vgl. Med. 547 f. ä o ziq y7.jj.0'jc [j/jI 
ßaaäcxo'j; covstSiaac, sv twos osu(o irpoita [j.sv ov^hc ysytoc v.zK.). 

In meinen ,Vergilstudien' habe ich die homerischen (S. 22 f.) und die sophokleischen 
(S. 25 f.) Stellen, an welchen der Eigenname statt des Pronomen syo) steht, gesammelt; 
keine einzige von diesen Stellen enthält die Verbindung des Eigennamens mit o5s. 

So dürfte es denn vielleicht bei der Eur. El. 84 oben aufgestellten Conjectur als 
ein empfehlendes Moment erscheinen, dass dui-ch diese Conjectur das überlieferte zovo 
beseitigt wird. Was den Ursprung desselben betrifft, so glaube ich, dass, nachdem 
rjxi\).ri.C,zic irrthümlich in eG7.'j[j,7.Csw übergegangen war, statt des dadurch unhaltbar 
gewordenen oör- auf gut Glück ein dem Metrum genügendes Wort eingeschoben wurde. 
Wenn Seidler bemerkte ,recte Musgravius demonstrativum -cövSs poetam putat addidisse, 
ne auditores forte nomen loquentis ignorarent', so ist dagegen zu erinnern, dass ja hier 
'üpsarr^v zumal wegen des folgenden TrpdaaovO' 7. irpa aato xzX. absolut nur auf die 
sprechende Person bezogen werden konnte und dass ein Zweifel vollkommen unmöglich war. 
Diejenigen, die an dem überlieferten 'Opsarr^v xövo' s97.6jj.aCsc festhalten, nehmen 
hrj.'j]xrj.^ziv in der Bedeutung colere, amare, wozu Seidler bemerkte ,ut saepe'. Nun 
so gar häufig ist dies nicht, wenn ich auch diesen Gebrauch nicht geradezu läugnen 
will. Man beruft sich auf Eur. El. V. 519, welcher Vers aber ganz anders zu erklären 
ist (vgl. die Bemerkung zu dieser Stelle). Die von Musgrave zu El. 519 angeführte Stelle 
aus Aristeides II, p. 270 passt nicht; einerseits wäre es bedenklich aus dem Gebrauche 
eines späten Autors einen Schluss auf Euripides' Sprachgebrauch zu machen, andererseits 
bezeichnet sfJ7.U[j.7.a6'/ja7.v an dieser Stelle die mit Verehrung verbundene Bewunderung. 
Besser Avürde passen Aisch. Sept. 771 ff. rtv ävopcbv ydp -oaovo sOa 6[j.aaav Oso: v.7.'. 



1 Gegen die Verse 1167 imd 1168 lassen sich übrigens gewichtige Bedenken erheben. V. 1168 ist rliythmisch schwerfallig; 
dann fällt hier oSe r.^riQi^^ii-i'. in der Verbindung mit «ei l^iciv tö /.Eiaiüv od[j.oj5 auf; man sollte nämlich glauben, dass 
TtpoGZ'rii-ii wegen der Verbindung mit ooa gerade speciell die jetzige Anrede w /atpe bezeichnet, womit aber ad ztX. im 
Widerspruche steht. Endlich ist zu beachten, dass diese zwei Verse eine ungefällige Tautologie nach den Worten 1165 f. 
an' i^däoiai sOailia o' ev:/.' e[i% rpoapr-asw; enthalten. Vielleicht sind diese Verse darum interpoliert wurden, um anzugehen, 
dass die auftretende Person Theoklymenos ist. Dies Hilfsmittel war aber hier, wo in dieser Hinsiclit gar kein Zweifel auf- 
tauchen konnte (vgl. -atpö; |J-vtJ[j.'') unnöthig. 

2 Ich glaube übrigens, dass statt r^ao' 'A9r;va(a? ),dyou; zu lesen ist louaS' 'AO. ^oyou;, wie Hik. 11S3 ä/.o'j-, Btj'jVj, TOJsä 
'AOri'/aia; Xdyo'jc. Durch die folgenden Verse 1437 — 1441 wird der Inhalt von touaSs Xö^oj; angegeben. 



28 G Johann KviOala. 

^uvsauot zöXcOC 6 iroXoßoröc: r auov ß^ooxwv, oaov tot Oioraoov rtov, dann Isokr. I, 10 
jjiäXXov £67.'J[AaC£ TO'j;; Hcp'. a'Jtov axo'j^dCovTac -/^ xooq tw ysvst TTf-OGr^xoVLai; und ebend. §. 36 
moTizp färj tov £v OY^[i.oxf/atLc/. TioÄtTc'JÖt-'.svov To tc/vy/Joc 531 Ospa-sösiv, o'jTco /,al röv £V [xovap-^tcj: 
xaToaoüVTa töv ßaadsa -irpoor^xsi 67.u|j.dC£tv. Docli ist leicht ersichtlich, dass der Jiegriff 
der Bewunderung hier nicht ganz erlischt, sondern sich zu demselben das Moment 
der Werthschätzung beigesellt. Dazu ist aber erforderlich, dass von der betreffenden 
Person, welche Object des 67.'j[JLdCctv ist, etwas ausgesagt wird, was wirklich geeignet ist 
Bewunderung und Verehrung zu erwecken. An unserer Stelle dagegen wird 
diese Erklärung durch den Zusammenhang und durch die Situation des Orestes nicht 
begünstigt, sondern die folgenden Worte 'jrpdaaovö' a TzrAaaoi v-zK. stehen vielmehr damit 
nicht im Einklänge. Ich glaube, dass vielmehr die Griechen in Versuchung gewesen 
wären, die Worte [jlövoc o "OpsGTYjV tövo s8a'jjj,aC£C cptXcov xpdaaovO' & Tcpdaaco in dem 
zunächst liegenden (aber hier natürlich unmöglichen) Sinne zu nehmen ,du wundertest 
dich darüber (d. i. du fandest es sonderbar und hieltest es für eine ungerechte Fügung 
der Götter), dass ich in dieser Lage mich befinde', und in diesem Sinne könnte es 
vielleicht der Umbildner dieser Stelle genommen haben. 

Eur. El. 90 ff. 

V'jxroi 0^ r?-po3 -pöc "dfov [jloXcov Tua-poc 
odXjO'jd z loojxa xac y-öjrr;? dTüY^pSdixT^v 

TZOprJi, z iizäa'-pa'q rjX\W. [iYjXcCO'J f^ö'^'jU, 

AaOojv t'jjidvvo'jc o? y.paTO'joi tr^aSs yr^c. 

Den letzten dieser Verse halte ich für eine Interpolation. Es ist diese Erwähnung 
Xa6cov T'jpdvvo'j;; hier, avo Orestes von der Darbringung der Todtenspende spricht, sonderbar, 
da es darnach den Anschein hätte, als hätten die Herrscher des Landes Wächter oder 
Späher bestellt, um die Darbringung einer Todtenspende auf dem Grabe Agamemnons 
zu verhindern; daran kann aber natüidicli nicht gedacht werden. Die Worte )/y.6(ov 
Tupdvvouc — y?]c hätten eine Berechtigung nach den Worten ä(ftY|xat o' sx 6£0'j /pYj- 
jiYjpüov V. 87, sie können aber auch dort nicht stehen, da im \'. 88 derselbe Gedanke 
schon mit den Worten o'josvöc i;ovct3ÖT0C bezeichnet wird; und man kann nicht daran 
denken, den V. 88 zu Gunsten des erst zu transponierenden Verses 93 zu tilgen. — 
Im folgenden wird V. 97 von cxo^rot des Aigisthos gesprochen, aber in einem anderen 
Context. 

Man könnte nun zwar den V. 93 zu vertheidigen versuchen mit dem Hinweis auf 
V. 545 f., aber diese zwei Verse sind gewiss auch für ein unechtes Einschiebsel zu 
halten (vgl. die Bemerkung zu d. St.). 

Eur. El. 184 ff. 

a%sc|;ai [JLO'J TTtvapdv -AOfjiav 
xoct Tp6)rYj Tdo £[X(bv tts-jtXwv, 

xotjpq. Tc/. ßaaiXsicf 

TCf, TpOtC/. H\ d "jAOO TZf-j-i^i^jQ 

[j.c[iV7.T7.'[ TCoO" dXo'joa. 



StUDIKN Zli EuillPIUES. 287 

sl xpsxovT ist von Reiske trefflich hergestellt worden für das handschriftliehe sl' Trsp iror . 
Was den Ausdruck zöi. Tpotcf betriffst, durch welchen auf den vor Troia gewonnenen 
Ruhm Agamemnons hingewiesen wird, vergleiche man Hei, 807 Menelaos' Worte 

avavcipd y ziTcac, [Xwj z vrt. c/.^ca 

ferner desselben Worte ebd. 1)47 ft'. 

o'jt" c/.v oaxpöaai ßXstpapa • tyjv Tpocav -(-äf/ av 
SctXoi Y£VÖ|i,£Voi icXsla-cov aiay/jvoqxcv av. 

Andr. 329 '>'J'>t ö'.cto) 

ebend. 703 f. (öc xat ao aöc i aSsXi^öc £c(OY%to[JL£Voi 

Kykl. 198 ff. 00 Stjt" • STzei zav [jLcYaXa y ''i Tpota azivoi, 

ei (pEoi;6[X£aO" £V avJjpa, p-opiov o' o/Xov 

OpOYöiv 'Jitsatr// TroXXdxtc o'jv äairtoL 
ebend. 351 f. vöv vüv apYjtov • wpstcaovac y'"^P " fXto'j 

Tcövoac äcplY!^*^^ •/.am xivci'jvo'j ßdOpa. 
Audi kann man bezüglich des Gedankens wenigstens vergleichen Kykl. G94 f. 

Y.rj.Y.Oic, '(rx^j av Tpotav Y^ oLcir'jpcoaaixsv, 

cl [J.T; a' £raip(OV CpÖVJV £-t[Jl(0pTjC3d[iYjV. 

Die oben angeführten Stellen zeigen eine eigenthümliche Kürze des Ausdrucks, indem 
der Name der Stadt Tpota, "Daov den vor Troia und durch die Eroberung Troias 
gewonnenen Ruhm bezeichnet. Kykl. 351 ist zpsiaaovac "IXtou irövouc als eine Brachy- 
logie für ■Kpstaaovac ttövo'jc t:o)V £V "IXui) (x(bv IXta^wv) irovcov aufzufassen, wie Hom. <!> 191 

xpctaaoiv auTc Aibc yzvzrj 7üOTa|xcilo -stoxtat 

^- %p£faa(ov Aiöw y^vsvj Y^'''^"^i? -iroTaixoio. 

An den übrigen Stellen kann man den brachylogischen Gebrauch von Tpoca, 'IXcov 
zugleich unter dem Begriffe der Metonymie subsumieren, indem der Name der Stadt 
gesetzt wird statt dessen, was bei dieser Stadt und mit derselben vorgieng, statt der 
Ereignisse, die sich an den Namen dieser Stadt anknüpfen. — Vollständiger sagt 
Eur. Androm. 368 f. , .. „ ,. „ , , „ 

zrj'jz lob' £%daT(p \xz.lC,rjv Y^ Tpotav iXzlv 
oder Hei. 503 itXEtvov xö Tpoiac luöp £yw H öc Y/|;d vtv. 

Eine eigenthümliche Kürze anderer Art ist Orest. 432 

(H'a4, to Tpotac [aigoc ävarf£p(ov Tratpi, 
wo zh Tpo'lac |J.iCJo; - odium conceptum propter ea, quae ad Troiam gesta sunt. 
So steht auch MapaÖtöv für die Schlacht bei Marathon; vgl. z. B. Aisch. Pers. 475 

oöc TTpoaÖE Mapa6(ov ßapßdpcov d'jKoXsaEV 
ferner Dem. 19, 311. Anth. IX, 288. Plut. Philop. 5. Kim. 5 



2j^g Johann KvIcala. 

Den in Rede stehenden Gebrauch der Namen Tpoi'a und "[/.fiv hat übi'igens wol erst 
Euripides aufgebracht: weder bei Aischylos, noch bei Sophokles findet sich lilefiii- 
ein Beispiel. 

Eur. El. 216 f. 

^£Vot TiVoi; -rrap' oi%ov o'io ä'fsaTco'JC 

Statt der Conjecturen scatato'jc (Weil) und rj.vzzzivjz (Rauchenstein) dürfte wol näher 
liegen s'fsartov. Die Nähe von süvdc hat die Aenderung der Form veranlasst. Bezüglich 
der Verbindung owov scpscTtov kann man vergleichen Aisch. Sept. 73 oÖ[jlo'jc S'fsatio'jc 
und ebenso Agam. 80 1 iz [xsXaQpa 7.ai o6[j.o'j? s'fcoirio'jc sXOow. Die Conjectur s'fsatiot. 
kann nicht wol aufgestellt werden, da dies nur bedeuten könnte, dass die Fremdlinge 
sich am Heerde des Hauses befinden und daselbst Aufnahme gefunden haben: vgl. Eur. 
Ion. «54, Kykl. 369, Med. 713, Soph. Trach. 262, Aisch. Eum. .577, 669, Hik. 365, 503. 

Eur. El. 247 tf. 
IIA. SY'/ijj.d|j.£aO", (0 cstvs, Qavdacjjiov ydixov. 

HA. o'jy 0) TratYjp \il Tj/.tc'.Csv £%5(03£tv tto-s. 

OP. siy, (oc rj.wj'z^j.c ao) xaatyv'/^KO Xsyto. 

IIA. SV -C/IjO Ev.iivo'j -r^Xopoc va{o3 56[jLOtc. 

üP. Q'Arj.'^z'JZ -iz -7^ ßoy^opßöc däoc oöjj.cov. 

Im V. 251 conjicierte Seidler zr^X opoc statt "Y^Xopöc und bemerkte, man solle zu 
Trp,£ hinzudenken a.azs.wc: die Verbindung opo? vauo sei ähnlich den Worten 208 oö&sta^ 
vrjxryjQ spfevac. Aber wenn zu rr^Xs die Ergänzung djüscoc vorgenommen werden soll, 
so könnte auch xr^Äopoc mit derselben Ergänzung erklärt werden (vgl. Orest. 1325 ttjAouc-öc 
oooa. ocoiAdirtov). Abei- freilicli ist hiebei vorauszusetzen, dass Euripides neben TTyXoupo? 
auch die Form f/jXopöc gebrauchen konnte. Diese Annahme ist aber wol möglich im 
Hinblick darauf, dass z. B. neben ojjio'jpo? (Her.) auch o|J.O[jrj^ (Thuk. Xen. Isokr. Dem.) 
vorkommt, neben 7ipÖ30Upoc (Soph. Her.) auch Trpoaopo^, neben i'jvo'jpoc (Aiscli.) auch 
a-jvopo;, neben G'JvoypiCw auvopiC», neben dy/rj'jpoc (Antli.) dyyopoc (Hesych.). Jedenfalls ist 
es gerathener, die Möglichkeit von r/}Xopöc zuzugeben, als Seidler's Conjectur anzunehmen, 
die wegen der sonderbaren Ausdrucksweise (sonderbar ist namentlich die Verbindung 
VC/.ÜI) opoc £V -oiao£ oötiotc, statt welcher man vielmehr erwartet va«o zo'jaos 5öjj.0'jc sv 
6p£i) auffällig ist. Auch ist das an und für sich stehende zr7^L^ (statt zr[Kz datc(o?) 
auffallend. Derselbe Grund lässt sich freilich ebenso gegen rA;Xop6i: geltend machen. 
Und ich glaube wirklich, dass dafür Tr;Xopolc zu schreiben ist. Trp.opoi ^6|xo'. d. i. entlegenes 
Haus, vom Verkehr der Eeute abgelegenes Haus, bedarf keiner weiteren Bestimmung; 
vgl. Aisch. Prom. 1 yOovöc |Ji£V £ic xr^Xoupöv •/;/,oji,£v -jrsoriv. 

Niclit ohne Bedenken ist jedoch e%£ivo'j, da die Beziehung dieses Pronomens auf 
den Mann der Elektra hart ist. Gewiss fühlt man sich durch den sprachlichen Ausdruck 
versucht, £%e{vo'j auf aco vc7.3iYVY;tcp im vorausgehenden Verse zu beziehen, was natürlich 
sarlilicli unmöglich ist. Vielleicht ist statt säsivo'j zu schreiben eXöivy;. 



ÖTUDIKN ZU EuHU'UJES. 28!) 

Eur. E\. 255 ff. 

HA. OUTTWTtOT cÜVTjC TY]C StATJC S'cX'f] ötyStV. 

OP. rr[VZ'J\x £7(0 V Tt 6siov -fi a äva^im; 
HA. yj^iric 'jßf-ti^£iv toac £[jlo'j^ ow r^;;{oo. 
Die Herausgeber nehmen .statt des ungriechischen Wortes dva^ubv Schaei'er's Conjectur 
dirr4uöv auf. Aber öncaSubv müsste nach älterem S^srachgebrauch bedeuten ,dich nicht 
würdigend' d. i. ,dich verachtend, verschmähend'. Wie kann aber dem Orestes der 
Gedanke kommen, dass der Mann der Elektra, von dem er V. 252 vermuthet axatpsu? 
uc 'fl ßoucpopßöc, die Königstochter äiia^ioOv sollte! Dem rrp/zo\w. Gsiov kann nur gegenüber 
stehen ein Ausdruck, der die Rücksichtnahme auf die Elektra selbst bezeichnete, also z. B. 

d. i. oder dich achtend? A^toüv kommt bei den Tragikern ohne den Genetiv in der 
Bedeutung ,achten, ehren' öfter vor; z. B. Eur. Hek. 319 f. xotißov Ik fjvArÄ]i:q-/ dy 
d^io6[jL£Vov -cöv Eji-öv 6pda6at, Orest. 1210 xaXoiatv 6|JLSVair;taiv d£wutx£V/j, Soph. Ai. 1114 vj 
Ydp rßrjo xrjOQ [JLTjOSVac (vgl. Buttmann, ind. orat. Mid. p. 165j. — Dass ys bei der hier 
stattfindenden Gegenüberstellung passend ist, bedarf keiner Bemerkung. 

Eur. El. 280. 
Xeyco zdo aaxcp %al ßsßaia xdiro arj6; 
Die Ueberlieferung bietet eine Störung der Symmetrie in der Construction, welche 
behoben wird, wenn man schreibt %at. ßEßauö xrj.'K.h aoO; 

Eur. El. 307 ff. 

rj.öz''q [X£V i'/.[).'jyß^j'jarj. xsp-Atatv ttstcXo'Ji;, 307 

Yj yujxvov £^(0 a(i)[xa %7i aTcpYjao[j.ai • 308 

arJiYj 03 TzrfCJ.c Tto-cajxio'jc 'f opo'J[J.£VY^ • 309 

dvsoptoc icpcbv, xai yopcbv ty^-:o)|X£VYj 310 

dvaivci(A7.t '('jvrj.'.7MC. c/'joa TzapOsvo? ■ 311 

dvaiv(>[j.7.'. 0£ KdjTOp , ö-, Trpcv sie ÖcCi'jc 312 

iXGctv, £!J.' ipYjGtEaov, ooaav EyyEVYj. 313 

So schrieb und interpungierte Seidler diese Stelle. Hiebei ist aber, um von anderem 
abzusehen, das Asyndeton nach 309 auffallend. Kirchhof!:" versuchte die Stelle zu 
emendieren, indem er V. 311 und 310 umstellte und schrieb dv7.ivo[i.at U -pl-tvac ouaa 
TMrMvryjQ. Betreffs der Ueberlieferung sagt Wilamowitz: ,dva{vo[xai U '(üvanac wocl 
TiapÖr/oc C Vict. ^£ Y'jpds CF'. Bei Kirchhoff's Aenderung ist 0£ im V. 312 nicht 
passend und man würde vielmehr einen anderen Anschluss erwarten. Ich glaube, dass 
die Worte dvEopxoc ispwv wl ypcMV z-qzoi[xeYri noch zu dem vorausgehenden Satze zu 
ziehen sind; V. 311 aber ist eine ungeschickte Interpolation. Der neue Satz beginnt 
mit den Worten dvaivo[xai hi Kdaxop\ deren Sinn Seidler gut angegeben hat. 

Eur. El. 332 ff. 
rA'K (o iiv , i/.iXE'JCo a, dTrdyYScXov xdo£. 

TZrAX^ii Z' £Xtat£>J.O'Jj'.V, £p[J.Y^V£'j; £Y'"' 
Denkschriften der phil.-hist. Cl. XXIX. Bd. ^^ 



290 Johann KvIoala. 

-/dpa -' 3JJ.ÖV ^'jpY;%cC 5 -" sxscvov Zc%(ov. 
ala/pöv Y^p' 2^ Trar/jp |jlsv s^slXsv Opayac, 
6 S' avop" SV ziQ (i)V oO 5'JV7^acTat %xavclv 
V£oc iTöcpu^toc %di; d[j.£CVovoc -Trarpöi;. 

Die Vei'se 334, 335 halte ich für unpassend. Nun findet sich zwar in der euripideischen 
Elektra sowol in der Composition des Ganzen als auch im Detail des Ausdruckes manches, 
ja sogar vieles, was durchaus niclit Lob verdient, sondern als ungehörig bezeichnet 
werden muss, ohne dass man doch berechtigt wäre, hiebei an eine spätere Interpolation 
zu denken;^ aber die Unangemessenheit der beiden Verse ist derart, dass sich nach 
meiner Ansiclit die Annahme der Unechtheit derselben unabweislich aufdrängt. Wie 
kann nänilicli das Masculinum iroXXot, wobei nur an viele Menschen gedacht werden 
kann, epexegetisch bestimmt werden durch die Wörter at ysips?, r; yXcöCja, r^ -aXaiirwpoc 
9p'<^v, xdpa £|xöv t'JpY;%£u, 6 £y,civov -£y,cöv?- Der Dichter hat bei den Worten iroXXoi 3" 
kTZiGzi.)X'joavK spjrr^vs'jc o" sytö im Sinne gehabt, dass viele der Argeier im Herzen mit 
ihr übereinstimmen und dass sie im Namen vieler dem Orestes dies melden lässt und 
sich zum Dolmetscher anderer macht. Der Dichter gieng nämlich von der Voraussetzung 
aus, dass die Argeier zwar die factischen Machthaber fürcliteten, aber dieselben im 
Herzen verabscheuten. So steht der Chor mit seiner Gesinnung auf Seiten der Elektra; 
die Volksgemeinde hasst die Klytaimnestra (V. 644, 645); die Diener des Aigisthos 
wissen sich, nachdem sie Orestes erkannten, vor Freude kaum zu fassen (V. 854 f.). 
Der Interpolator hat dies alles verkannt und interpretierte tzoK'k'jI im V. 334, 335 in 
unzulässiger Weise; man würde da doch wenigstens erwarten TroXXd 3' sirta'CsXXci. Die 
Interpolation ist wol eine Nachbildung der Verse 836 ff. in der Hekabe 

Bi [xoi •[ivjiz'j '^Ööyyoc sv ßpa/ioat 
%ai /cpac %ai %6[).aiai ital irciotöv ßdasi 
Yj AaiodXo'j zi'/yrjxoiv Y; Öswv tt-voc, 
(oc TtdvO" i[).rj.[jZ'Q awv £)(fJivi:o yrj'jvdtcov 
^Xaiovr" sirtaxYjTrTovxa -iiavioifju? ^öyoüc 

Der Interpolator verräth seine Üngeschickliclikeit auch darin, dass er unter den ver- 
schiedenen Subjecten, als deren £p[r/)V£fj; Elektra sich bezeichnet, die y/abaaa nennt, 
die eines £p[XYjV£6c nicht bedarf. 

Eur. El. 383 ff. 
Orestes klagt darüber, dass es kein sicheres Kennzeichen gebe, nach welchem man 
von vorüber ein den guten Mann erkennen könnte; die Erfahrung lehre, dass zuweilen 



' So ist V. 32 f. bc [icv Y'i; — *"' XTa'/rj iu dcui Zus;uumeiih;iiige der Stelle überflüssig und mi[)asseiid. — V. 57 f. gibt 
Elektra als Grund für ilir Wassertragen au oü or] ti /psf«; £15 tosÖvo' itfiy^hrj, öXX' tö; üßpiv S£i?tü(ji£v AiyloDou Otot;, aber von 
ihrem Scheingemahl befragt V. 64 xi yip too', cö Süotjjv'', E|j.f|V jw/Osi; yapiv y.-cX. gibt sie eine Erwiderung V. 67 — 76, die an 
und für sich wol ganz gut ist, wobei sie aber von V. 57 f. ganz abstrahiert, so dass der Dichter das früher gesagte vergessen 
zu haben scheint. — V. 318 f. a![j.a 0' eti r.Cfi-poc /.aii aii'ya; [xD.m asarj-sv ist eine arge Uclicrtreibung und Un Wahrschein- 
lichkeit u. s. w. Ich beabsichtige übrigens bald die Mängel, sowol der Couception als auch der Detailarbeit des Euripides 
(mit welchem ich mich aber ungeachtet seiner zahlreichen Mängel doch immer gern beschäftige) in einer besonderen Schrift 
darzulegen. Hiebei wird gelegentlich auch Kinkel's Protest (Eurii)ides und die bildende Kunst 1872, S. 88, Anni. 138) die 
gebührende Würdigung und Correctur finden. 

' Man liest t' Ixeivou tezcuv, in welcher Ausdrucksweise auch ein Grund gegen die Echtheit der Verse läge. Aber nach 
Wilamowitz (Anal. Eur, p. 64) hat Cod. Laur. nicht Ixshöu, sondern sxeTvÖv. 



Studien zu Ei uiimdhi^. 21' 1 

der Sohn eines edlen Vaters schlecht ist und umgekehrt-, Reichthum, Arinutli und alles, 
was man etwa als Massstab annehmen konnte, sei hiebei unverlässlich. Jetzt habe er 
einen Mann kennen gelernt, der, obzwar er unter den Argeiern nicht mächtig und nicht 
aus berühmtem Geschlechte sei, als ti-efflich sich erwiesen habe. Darauf nun folgen 
die Verse 383 ff.: 

-XY^pstc icXavdaGc, tq Z^ ojxtXtcj: ßpotrj'ji: 

xf/tVcitc xai rote YjOsaiv toöc Z'r[2Vtic, : 

Der Sinn der ganzen Rede des Orestes ist, um dies in moderner Weise zu bezeichnen, 
der, dass man theoretisch kein verlässliches JNLerkmal für die Rechtschaffenheit imd 
Tüchtigkeit der Menschen auffinden kann, sondern dass man sich hiebei nur auf die 
praktische Erfahrung verlassen darf, dass man dies nur dui'ch Verkehr mit den Menschen 
in jedem einzelnen Falle bestimmen kann ; den Xcvä oo^da(J.aTa (nichtige Theoreme) 
wird die praktische ö\iikia entgegengesetzt. 

Nun geben aber die Worte ou [i'/j cppoVTjGcO' keinen befriedigenden Sinn. Dass bei 
Stobaios 'fyjYfp-ffi sich findet und im V. 385 %p{v/]X£ oder xfiCVOtTc, bietet natürlich keinen 
Anhaltspunkt zur Emendation. Ansprechend wäre dem Sinne nach Kirchhoff's Conjectur 
o'j acofff 0VTja£6' ; hingegen ist Badham's Vermuthung w \i:q är^rjo-^-fio^ff , durch welche die 
Ausdrucksweise zu einer gezwungenen wird (da zu den beiden Negationen orj \ir^ noch 
eine dritte, in dem d^ppovslv liegende, hinzukommt) abzulehnen. 

Mir scheint es, dass zu schreiben ist : 

W \X'q ^pcVCOGcO', CiL %SV0)V rjrj^r/,o\xäzrjy 

■Kpivstxs %o.i zrilc rfizoiv wjc c'jysvslc : 

Darnach Avürde Orestes sagen : ,Weiset mich nicht zurecht, ihr, die ihr voll von leerem 
Wahne hin und her irret, sondern beurtheilt vielmehr die Menschen auf Grund des 
praktischen Verkehrs mit ihnen !' Dass dieser Gedanke hier ganz ausnehmend passt, 
bedarf wol nicht des Beweises. 

Was die Construction anlangt, so finden wir eine ganz entsprechende Parallele in 
der Medeia V. 1151 ff. 

oö \x'q 5ua[J.=VYjC säst 'fcXotc, 
Tzrx'jaE.1 o£ O'jjxoO y.ai zäkv orrA'heiz v.dpa, 
(fiXooc V'J\xiCwo ofjGXsp av xöatc oiHey, 
oi'iai 03 5(bpa -aoI icapattYjast. Tuatpoc 
tpuyd? är^stvai iraiai toiao" i\xr^y '/SM^^^^'' 

Auch an dieser Stelle folgen auf das einen negativen Sinn involvierende erste Glied 
oü \xri o'JS[X£VYjC SOZI 'fiXrjiQ (du sollst nicht deinen Freunden feindlich gesinnt sein) 
Glieder, welche eine positive Aufforderung enthalten (vgl. meine Abhandlung über o'j 
\X'q in der Zeitschr. für die öst. Gymn. 1856 S. 755 ff. und Kühner Gramm. II- 774 ff.). 
Aehnlich Arist. Wolken 505 oo \x-(] Xakrpsiz, akX dxoXo'jGYj-cic; kixrji; 

Aehnlich ist auch (nur mit dem Unterschiede, dass im zweiten Gliede äXXd statt 
M steht) Eur. Bakch. 792 f., zumal da an dieser Stelle auch (ppsvoöv vorkommt: 

37* 



292 Johann Kviöala. 

a(oa£C töS" ; (wo vielleicht mit Dilthey icoS' zu lesen) 

Was endlich die Auslassung (oder vielleicht richtiger gesagt: Nichtsetzung) des 
Objects £(J.£ bei lypsvojasTS betrifft, so fällt dieselbe nicht auf. Man kann hiefür zahl- 
reiche Analogien anführen, von denen ich als besonders zutreffend hervorhebe Soph. 
Ant. 753 f. 

AI. zic 5' eoz äTC£d"/j izpbc %zvä.z ^^(i')]xa.Q \i'(aiv; 
Kl'. y.Xd(ov 'fpsvctVas'.:, (i>v 'fpsvtov aOroc ■x.svoc. 

Vgl. auch Eur. Kykloj)s 104 f. 

XEl. 010 av5pa xpo-caXov i5pqxü, -ta6(po'j yävoc. 

()A. £%£tVOC O'JtOt; £'v[J.l • Xoc5öp£t 0£ jXY]. 

Eur. El. 413 f. 

%i).z'je 5" a'Jzöv tovS" £lc oofxo'ji; (j.'^i'(\iiyov 
eXBzlv i;£V(ov r sie oaira TtopaOvat tiva. 

Wecklein (Studien zu Eiu'. 8. 374) bemerkt, dass diese Stelle , gewöhnlieh falsch 
behandelt werde', indem man seit Victorius gewöhnlich bloss r6v5" weglasse, um das 
Metrum herzustellen. Wecklein gelangt nach längerer Auseinandersetzung zu dem 
Resultate, dass zu sclireiben sei 

%£X£fj£ 3'autöv eIc o6[j.orjc a/fi'dxivorj 
X(i)v5£ :;£V(ov siQ oalzr/. Tcopaövac ziva. 

Das Wesentliche (und wol auch Richtige) an dieser Aenderung ist die Erkenntniss, 
dass statt dcpq'[i£Vov zu schreiben ist dcprc|X£V(ov und dass dieser so gewoimene Genetiv 
in dem Satze die Rolle eines absoluten "Genetivs spielt. Und dies Hauptmoment hat 
schon Kirchhoff erkannt, der in der adnotatio critica bemerkt : ,videtur autem hie versus 
cum sequente sie in ordinem redigendus : 

v.i}.e'JB aötov zihvo' a'fc(\).evmv oöjxo'jc 
eXÖcov t£V(ov .£tc oalza iropaOvat tcva. 

Und nach Nauck's Mittheilung in dei' annotatio critica conjicierte Czwalina : 

x£X£'j£ a'JTÖv öaira xopaövai -cva 

sXÖclV ;;£V{OV ZCOVO £tC OOjXO'JC ä'ft-j'[X£V(OV, 

wobei Nauck lieber schreiben möchte oaizi icopa^vavid zi. 

Die Heilung dieser Stelle ist, da sich hier gar viele Möglichkeiten der Aenderung 
darbieten, absolut unsicher, und nur an dem einen oben hervorgehobenen, schon von 
Kirchhofl' erkannten Punkte muss man meiner Ansicht nach festhalten. Sonst lassen 
sich aber gar verschiedene Aenderungen denken. Zur Noth würde vielleicht schon aus- 
reichen mit Tilgung von x6v5' zu schreiben 

x£).£U£ afjtöv sie oö[xo'j? ä''fty[X£V(ov, 
e)s6£Iv i;£VO)V, sie riaizrj. TCOpaCtvac ziva. 

wobei TTOpGövat ein von £//j£lv abhängiger Infinitiv des Zweckes wäre ,um einiges zum 
Mahle zu gewähren'. 



Studien zu Euripides. 293 

Oder man könnte schreiben : 

xsXs'JS 5" aü-öv sie ^ojxo'jc ä'^tYiJisvtov 

Oder : xsXs'JS 5 (öc rwvo sie oo[j.o'JC ä'f tyi^^'^'*''^ 

Oder: xsXsuc os a(fB tcöv^s oöijlov ä'^tyfxsvcov 

sXöclv ^svcov z c'.c oalra xopcjvat zvrx.'- 
Oder mit Beibehaltung von aÖTÖv : 

xsXs'JS arjzby zwvoc oo[j,ov ärpty^'-^^^'»'^ 

Und die Zahl solcher Versuche lässt sich ohne sonderliche Mühe sofort vermehren. 
Ich bemerke hie bei ausdrücklich, dass ich meinerseits keinen von diesen Versuchen als 
Conjectur aufstelle; es kam mir vielmehr nur darauf an zu zeigen, wie unsicher hier 
alles ist, wie man überhaupt immer da, wo sich mehrere Möglichkeiten aufstellen lassen, 
in einer unerquicklichen Lage sich befindet. Ich wollte hiemit zugleich darthun, was 
man davon zu halten hat, wenn manche Ivi-itiker mit grosser Bestimmtheit behaupten, 
die echte Leseart gefunden zu haben. An solchen Stellen, wie die vorliegende ist, 
lässt sich ohne neue handschriftliche Hilfsmittel gar nichts mit einiger Sicherheit sagen. 

Eur. El. 435 S. 

"W 6 cO.y/j/.o- iTzakka os)/fk xpoSpatc y.aav£|j.ßö).oic £{X!,aoö|j.£Voc, 'iro[;£fj(ov töv Täc ©£- 
zOjrjc y.oOrpov rjXi).rj. TTO^töv Ayt),t;. Das handschriftliche zäc ist unannehmbar und schon 
Hermann hat dies Wort getilgt. Wecklein vermuthete xopsuouaat tov 9£-:i5oc. Dies wäre 
allerdings die Ausdrucksweise, die man zunächst erwarten sollte, vä£? — •:rop£6o'jao!.t (vgl. 
Tro. 1085 f. £[j,£ 5£ -iTÖvxtov a%rlfpoz rjiaaov xzEpoia: xop£6a£t,) ; aber nothwendig ist diese 
Aenderung nicht, und es geht durch dieselbe ein poetisches Moment verloren. Die Del- 
phine, welche sich vor den Schiffen tummeln (xpqipaic x'jav£|j.ß. £tX.), werden durch 
xopsfjwv gewissermassen als Führer, die die Schiffe gegen Troia geleiten, bezeichnet. — 
Ich glaube dass zu schreiben ist iropsucov fvw PUz'JJ'JZ %->.. Das seltene ivcv wurde durch 
die ungefälligen Einschiebsel rov zrlc, verdrängt, 'h'.c kommt bei Eurij)ides viermal in 
der Bedeutung ,Sohn' vor (Androm. 797, Herc. für. 354, 1182. Tro. 571), einmal (Iph. 
Aul. 119) in der Bedeutung ,Tochter', bei Aischylos viermal ; bei Sophokles ist das Wort 
nicht nachweisbar. 

Eur. El. 442 ff. 

}sriprp=.c. Efjßfjioac äv-zac XOToOaat 'Hfpataioo ypoa=(ov ä/,(j,ov(ov |j.ö/Oo'Ju daxtarä^ 
£'^£pov -:£'jy£(ov, dvd zz nY^aov ävd za. irp6[jLvac "Osaa? t£pd? vdxac, N'j[JLcpatac ay.oxidc, v.öoa; 



' Hiebei könnte man auch statt w; schreiben ojv, ferner im zweiten \'erse eXösiv csvojv ;:; oxX-x -opujvov-ct -'., woraus sich 

wieder durch verschiedene Combinierung verschiedene Restitutionsvers uclie ergeben. Hiebei wäre anzunehmen, dass «ütÖm 

als ein zu /.Asus hinzugefügte» Glossem später in den Text eindrang. 
- Auch hiebei wäre wieder die Combinierung mit dem anderen Versuche iXOeJv ?^vo)V ai; oaT-a -opaivovTct -: möglich. Hiebei 

wäre anzunehmen, dass ocOtov als Glosse von cos in den Text pindrang, ferner dass twvoc wegen oo;j.ov in -i'ioi übergieng 

und später wieder 5d[j.ov in 6ö|j.o'j; verwandelt wurde. 
■" Odi^r mit derselben Variante wie früher: 



x.^sus 5' auTOV Twvos odjJLOv äytyp.^j 
IXÖeTv ^iiiai £!; Baaa jtopsüvovtä xt 



VtüV 



294 Johann KvICala. 

[AdcTS'ja, ävBa Tzazrip OTC-irötai; tps^sv 'EXXd5t rpw^ 0£u3o? clvd)aov y'^^vriv, ra-zoTropov itoS' 'A-pst- 
?c(tc. — Es wird schwerlich je gelingen, wenn nicht eine neue gute Handschrift gefunden 
wird, die an dieser Stelle vorhandenen Corruptelen mit einer gewissen Probabilität zu 
heilen. Man muss sich damit begnügen, im Allgemeinen Vermuthungen aufzustellen über 
den Inhalt dieser Antistrophe, und in dieser Hinsicht kann man wol zu einem verlässlichen 
Resultate gelangen. Was die Textgestaltung betrifft, so kann man vielleicht dies oder 
jenes Wort mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit emendieren; die Heilung des Ganzen 
wird nicht gelingen. 

Nach der Ueberlieferung könnte es scheinen, der Dichter sage, dass die Nereiden 
dem Achilleus, als er gegen Troia fuhr, die goldene von Hephaistos verfertigte Rüstung 
brachten (icpspov V. 444). Diese Vorstellung muss aber schlechterdings abgelehnt 
werden, und es hat schon Dobree von diesem Standpunkte aus scpspov als ,ineptissimum' 
bezeichnet, wobei er die unsichere Conjectur s(j,oXov aufstellte und über den Sinn 
bemerkte : ,Sensus enim est, Nereidas et Nymphas ad naves Graecorum et arma Achillis 
spectanda ex consuetis sedibus venisse'. 

Es lassen sich bezüglich des Inhaltes zwei Vermuthungen aufstellen : 
a) Entweder ist in der Antistrophe jener Zeitpunkt bezeichnet, als Achilleus mit 
den übrigen Achaiern gegen Troia fuhr. Dann wäre der im V. 443 f. erwähnte von 
Hephaistos verfertigte Schild nicht der homerische, den Achilleus erst im zehnten Jahre 
der Belagerung Troias erhielt, sondern der Schild, den er schon bei der Fahrt nach 
Troia hatte, den er dem Patroklos lieh (Hom. Jl) und der nach Patroklos' Tode dem 
Hektor in die Hände fiel. 

hj Oder es ist im V. 443 f. der homerische Schild gemeint; dann müsste in der 
Antistrophe der Zeitpunkt bezeichnet sein, als Achilleus statt des verlorenen Schildes 
einen neuen von Hephaistos erhielt. 

Für die erstere Ansicht scheint die Einheit der Zeit zu sprechen, welche dann in 
der Strophe und Antistrophe wäre. Auch könnte man darauf liinweisen, dass auch die 
erste Rüstung des Achilleus eine wunderbare war und ein Geschenk der Götter nach 
Hom. X 82 ff. 

TS'j/sa o' 'E%x(op 
5r;(oaac dxsS'Jcs -rtcXiopia, 6aö[j.a iosaGai, 
%7.Xd • zä [j.£v llrjXf/!,' 6cOi 5öaav, dyXad §(bpa, 
'filiaxi Tö), ot£ Oc ßpoToO dvspoc sjxßaXov b'jyq. 

Ferner könnte man darauf hinweisen, dass bei dieser Annahme die Verschiedenheit 
in der Beschreibung des euripideischen Schildes von dem homerischen natürlich und 
erklärlich wäre. — In diesem Falle wäre scp spov gewiss absolut unmöglich ; denn der 
Schild und die ganze Rüstung konnte doch nicht von den Nereiden dem Achilleus nach- 
träglich gebracht werden, sondern Achilleus hatte natürlich diese Rüstung schon als er 
von Hause fortzog. Dann könnte man für l'^spov etwa Erpopojv (unaugmentierte homerische 
Form von s'fopdoj) schreiben. 

Wahrscheinlicher aber ist es, dass der Dichter von der in der Strophe erwähnten 
Zeit der Ausfahrt des Achilleus in der Antistrophe auf jene Zeit übersprang, als Achilleus 
nach dem Tode des Patroklos eine neue Rüstung von Hephaistos erhielt. In diesem 
Falle könnte wol auch das überlieferte stpspov beibehalten werden. Bei Homer bringt 



JTUDIEN ZU JiiUUIPIDES, 



EUUIPIDES. 295 



Thetis ihrem Sohne die neue Rüstung (T 3 ff.), und so könnte man annehm(;n, dass 

Euripides hiebei Thetis von den anderen Nereiden begleitet sein liess, sowie wirklich bei 

Homer bei einem anderen Anlasse alle Nereiden mit der Thetis zu Achilleus' Schiffen 

gehen (E 65 ff.). „ „ , ,, , , _ , . 

(oc apct cf(ovYpa3a knie ottcO? ■ a: os a^jv aoz'/j 

oaxp'jösaaat i'aav • irspt 8s G'fiat xö[xa GaXdaaYjC 

pTjvüTo. Tal S' ots 3t^ TpotTjV eptßcoXov wovro, 

d%r/jv staavsßacvov sirta/spco, oVÖa 6a[j,£tat 

M'jpjxt^övtov cipuvTo V££i; xa/üv d|j/f' AytX'^a. ' 

Dies konnte Euripides auf den etwas späteren Zeitpunkt übertragen, als Thetis 
schon die Rüstung dem Achilleus brachte. 

Für die Ansicht, dass der im V. 443 f. gemeinte Schild trotz der Verschiedenheit 
der Beschreibung der homerische sei, sprechen folgende Gründe : 

a) Es finden sich trotz der Verschiedenheit doch auch wieder bedeutsame Aehnlich- 
keiten; vgl. V. 464 ff". £V 8s [xsacp xatsXajXTrs ad%ei «pasöcov xoxXo? dsXtoto Ixitok; dv irrspo- 
saaatc da~pcov t' aiösptoi yopot, IRsidos? Td8s? und Hom. i^ 483 ff. 

£v [X£V yaiav zzs'j'c\ £V o oüpavöv, sv o£ OdXaaaav, 
'|{£}aöv t' dy,d[xavca, XeXyjVy^v x£ %'krfl'j'jaay, 
£V 0£ -cd t£tp£a irdvrc/., tax orjpavoc £a-£'fdv(orat, 
nXYjldoai; ff Tdoac !£ xtX. 

ß) Bei der Berühmtheit des homerischen Hephaistosschildes ist es auch schon 
a priori wahrscheinlich, dass der euripideische Schild, der auch ausdrücklich als ein 
Werk des Hephaistos bezeichnet wird und bei dessen Beschreibung der Dichter das 
\ orbild Homers vor Augen hatte, nach der Intention des Dichters identisch sein sollte 
mit dem homerischen. 

Y) Die Worte V. 468 f. "Ev.zoprjQ o|j,|j.aai tpoicatot (so nach Barnesius' Emendation 
statt Tpoiratot?) mussten jeden Griechen sofort an Hektors Zurückweichen bei Homer 
erinnern (X 131 ff".) 

coc top[j.aiV£ [j,£V(ov • 6 OS oi a/s^ov yj).6£V AyOXB'JC .... 

a£tcov IlY^ad^a [xsXiy^v xazd. o£4:öv co|j.ov 

8£iV7^v ■ d|X'ft OS ia\v.bc i}A\).'Kzzrj eIxsXo? ci'jy/] 

Y^ itupoc aiGo[ji.svou, y; y^sXco'j rjyiivzrjc. 

"Ev.xopa 0, OK kv6rps.v, sXs xprifj-oc • oü8' dp' £t äzhr^ 

arjÖt [xsv£tv, ÖTCtaco os 'jiöXac Xtits, ß-Tj 8s «poßY^Qscc 

8) Auch die Worte 452 f. 'DaöOsv o" sv^X'jov -ivo? sv Xt[JL£a!,v Na'JTuXtotac ßsßwroc 
xrX., welche auf die Rückkehr von Troia sich beziehen, weisen darauf hin, dass den in 
Hellas Zurückgebliebenen die nähere Kunde von dem Wunderschilde des Achilleus erst 
durch die von Troia zurückgekehrten Achaier zukam. Wäre der hier gemeinte Schild 
aber der frühere Schild des Achilleus gewesen, so hätte der Chor eine Beschreibung 
desselben schon früher (vor der Rückkehr der Achaier von Troia) hören können und 
zwar von irgend welchen Hellenen, welche die versammelten Achaier z. B. in Aulis 
sahen. 



29(i Johann KvIOala. 

Im V. 443 erklärte Reiske: ,Nereides ferebant labores aurearum Vulcani incudum, 
h. e. instrumenta parata super incude Vulcani'. Aber ypooccov als Epitheton von ä/,- 
jxövcov ist doch wahrlich ungehörig ; auch ist überhaupt die Ausdrucksweise im V. 443 
und 444 sehr schwei'fällig. 

Im V. 450 ist stvdXiov als Epitheton des Achilleus auffallend und es ist wol Qizio'jz 
siyaXiaz yovov zu schreiben (slvdXtov wurde durch ycivov veranlasst) •, vgl. Androm. 253 
svaXtac OsriO ebenfalls von der Thetis, ebenso Iph. Aul. 976 z-ffi evaliac, 07.t|xovoc, asixvvjc 
OcoO, Androm. 17 y; ÖaXaaata . . . Öctti; und ebenso Rhes. 974 zr^z OaXaaaia? OsoO. 

Eur. El. 472 ff. 

IlspiitXcüpcp 3s v.'jzBi TT'jpTTVooc saTTc'jos o[jö[j.cp Ä£7.tV7. /rjXrj.lc IIctpY^valov 6op(öaa x<öX.ov. 
Das corrupte Ooptbaa oder vielmehr H irjwza. (wie im Laur. nach Wilamowitz's Angabe 
geschrieben ist) hat verschiedene Emendationsversuche hervorgerufen, von denen Bothe's 
öpcbaa am meisten Anklang findet. Wahrscheinlicher dürfte vielleicht die Entstehung 
der Corruptel sein, wenn man IlstjJYjVatov äOpoOca xcbXov annimmt. 

Eur. El. 494 ff. 

-/;x(o 'jspcov zoi Tcbv £[j.{bv ßocxY^ixä-cov 

-jcoiiJLVY^? vsoyvöv 6[j£[j.]x' 'JTroaxäaac töos 
axcffdvrjuc ts ts'j^/scov f eEs/abv "coffSÖjxa-a, 
TcaÄaiöv TS ^-/jaa'jp'.jjxa A'.'jvöao'j toos 
öajx'?] xatYjpsc, [J^ty-pöv, dX/J sitciGijaXclv 
Y;oO ax'jrcov tcoo" äaScVsatspco Tioup. 

Um das im V. 49G überlieferte azstpdvo'jc zu rechtfertigen, bemerkte Heath : ,Serta, 
Coronas, quibus in more apud veteres erat, quando hospites excipiebant, ut hi convivantes 
capita redimirent. Ita Hercules hospitio ab Admeto acceptus Alcest. 759 atscpct 3s xpäxa 
[x(jp3iVY^c v-käMic . Aber die Berufung darauf, was im Palast des Admetes geschah, ist 
hier, avo von der Bewirthung in einer ärmlichen Hütte die Rede ist, ganz unzulässig. 
Elektra war froh, dass der Greis Speisen und Wein brachte ; die Erwähnung des Luxus 
von arscpavot gehört nicht liieher. Wenn nun schon azs'frjyrjoc an und für sich ungehörig 
ist, so verräth sich ausserdem die Unmöglichkeit dieses Wortes auch durch die absonder- 
liche Stellung zwischen -iroqxVYjC vsoyvov Op£[X[X7. und T'jpsojxara. Jacobs' Conjectur xsXdvo'JC 
(für GTsrpdvj'Jc) sagt mir nicht zu, und zwar theils wegen der Bedeutung dieses Wortes, 
theils auch darum, weil XcXdvo'j^ hier zu kalil dastehen und die Symmetrie des Ausdruckes 
stören würde. Ich glaube, dass im V. 49(j auch nur Eine Speise erwähnt war und 
dass azstpdvou? die Corruptel eines zu zaoyäoiV gehörigen Adjectivs, nämlich azz^iayCö"^ 
ist und ich vermuthe also mit nothwendiger xiuslassung des z' nach zz'jyioiv 

aza'(ayOiV ts rso/scov sccXwv tupsafxata. 

Sxsyavo? hat hier die Bedeutung ,dicht', wie dies Wort wol diese Bedeutung schon 
bei Aischylos Ag. 358 hat ird Tpoiac x'jpyoi? sßaXsc otSY^vov Uv.z'Joy; ich halte hier die 
Erklärung spissum rete für richtig. Xen. Kyneg. 5, 10 tpr/a azcYCVY^v dichtes, das 
Wasser nicht durchlassendes Haar. Die azayrjyä tsuyYj sind identisch mit den geflochtenen 
Käsekörben des Kyklopen Polyphemos in Homer's Odyssee i 246 f. 



Studien zu Euripiues. 297 

Tzkzf.z'jlz £V xaXdp'Jiaiv ä[XY^(;d[j.svo; %<-jjziH'(p/.zy. 
Vgl. auch Arist. Frösche 559 f. 

6v o6xr>c aüxoli; toI? xotXdpncc xaxTjoOtcV 

Was die Verse 498 f. betrifft, so lallt in der Ueberlieferung manches auf, namentlich 
der Ausdruck ^wpöv mit Beziehung auf den Wein (6Y;aa6pta!Jia Atovüaoy). Ich glaube, 
dass [it%pov vielmehr zu a-AÖtfo-^ gehören muss und dass der Greis sagte, es sei angenehm, 
auch nur einen kleinen Becher von diesem kö&i;lichen Getränke dem schwächeren Weine 
beizumischen. Ich wage es nun nicht, mit Entschiedenheit eine Emendation hier vor- 
zuschlagen, aber dem Sinne würde z. B. genügen 

yfiö ax'j'fov x([)o äjfJsVsaxspco itoxtü. 

Ich glaube hiebei, dass man an dem überlieferten xwo festhalten kann, wobei 
freilich anzunehmen wäre, dass der Greis auch noch einen anderen, geringeren Wein 
mitbrachte, auf welchen er mit xcoos hinweist. 

Eur. El. 538 fl'. 

00% saxtv, sl '/.rd Y'qy v.aai'(Yr^zrjc [xoXcbv, 
■Äcpxtooc ox(o •(yrjir^c dv üztjt{>aa\).rj. orjc, 
£v (i) itox' a'jxöv i^ivXz<^a [xyj 6av£iv; 

AJusgrave's Aenderung [j.6aoc im ersten Verse wird von den meisten Herausgebern 
angenommen. Doch fragt es sich, ob nicht der Sitz der Corruptel anderswo zu suchen ist. 
Verdächtig ist ja in diesem Verse %a{, das sich wol nicht rechtfertigen lässt. Von diesem 
Gesichtspunkte aus vermuthete Canter st irapvjV v.rj.ar(rQzoc, jjioXcov, welche Aenderung 
nach meiner xVnsicht besser ist als die von Musgrave aufgestellte. Ei Tiapr^v mit Beziehung 
auf Orestes gesagt, der leibhaft vor der Elektra steht, ist effectvoll und ganz nach des 
Euripides Art. 

Zu Anfang dieses Verses ist aber oü^' Eoxiv zu lesen, wovon man auch in der 

Ueberlieferung eine Spur finden kann. Nach Wilamowitz : ,o'Jx C. Victorius nahm 
daraus oöv., in T aber ist £t 3'. In dieser fortgesetzten Frage ist oöo einzig angemessen 
,und gibt es nichts, woran du, wenn der Bruder dawäre, das von dir gewebte Gewand 
erkennen würdest?' Für diesen Gebrauch des r>6o£ bei einer solchen Fortsetzung von 
Fragen lassen sich zahlreiche Beispiele anführen, von denen namentlich passend Soph. 
Phil. 32 ist: 

o'jS" cV^r^v oixoiroioc ssxi xi? xpocpr^ ; 

Eur. Ion. 328 ou3' ■QE.rj.Q sie, sps'jvav s^sopstv -(o^dQ; 

Vgl. ausserdem Ion. 305, Iph. T. 505. 

Eur. El. 516 ff. 

xäba'j[X'j.z . (0 Trat, ziQ tiox dvftpwiKov £x/.Y) 

TTpoc x6[j,|3ov i\Heiy ■ oü ydp Apysüov ys xtc ' 

Denkschriften der phil.-hist. Cl. XXIX. Bd. 38 



298 Johann KviCala. 

aXK f;X6' laoiz t^'j'-) ^oq xaaiyvrjtoc XdÖpcf, 

jxoX(ov 5' sOaöjjLaa aOXtov -c'j|JLßriV -rraTp^ic- 
Gxs'l'a!, ^£ yat'TjV Ttpoax'.Octaa o'?; %ö|j,'(] %-).. 

£9a6[J,aa wird erklärt ,coliiit'. Wenn ich nun auch nicht läugne (vgl. die Bemerkung 
zu El. 82 ff.), dass drj.o[i.ä.(^zi\ neben seiner eigentlichen Bedeutung zugleich auch das 
Moment der Verehrung involvieren kann, so behaupte ich doch entschieden, dass die 
Bedeutung der Bewunderung in diesem Falle nicht ganz erlöschen kann. Hier nun 
halte ich es für ganz undenkbar, dass £f)a'J[j.aa£ r'j[j.ßov von der dargebrachten Todten- 
spende gesagt werden könnte. Vielmehr ist man versucht, die. Worte in dem Sinne zu 
nehmen ,und angekommen verwunderte er sich über das unglückliche Grab des 
Vaters' d. h. ,er fand es sonderbar und unrecht, dass das Grab des Vaters ungeschmückt 
und verwahrlost wai''. Vgl. 288 ff. 

OP. ö /.axGavojv os aoc Traxyjp x'jjxßoo /,fjp£i; 
ll\. £x,upa£v (t)C £%'jpacV, i'/.^'Krfiaic oö[j.(i)V. 
OP. 011X01, röo o:ov aiTzac v.zK. 

ferner 323 ff'. "AyoctJ-spovo^ 0£ -6[J.ßoc Y^ti[j.aa[J.£Voc 

sXaßc, Ttupd 0£ '/iporjc. äYXata[j.är(ov. 

und 545 f. ä/J. Yj zic a-J-oO rdcpov sTCOwcstpac i;£Voc 

sxsipar y.rX. 

Wollte man V. 519 nicht in diesem Sinne erklären, dann müsste man diesen Vers 
für interpoliert halten, welche Annahme allerdings nicht unmöglich ist. Man könnte 
hiebei annehmen, dass der Interpolator iba.'j[irj.o — £67.'j[j.7.37. nahm und dass der Vers 
auf den Greis zu beziehen ist und dass es die Absicht des Interpolators war, denselben 
nach V. 512 zu setzen, wobei dann freilich im V. 513 statt §£ die Partikel ydp erwartet 
würde. — Doch dürfte die Annahme der Interpolation nicht nothwendig sein. Nach 
den Worten [XoXwv 3' £6aü[j,7.c (d. i. £6a6[xaa£) dOuov r6[j.ßov itaxpöc in dem Sinne ,er 
verwunderte sich (mit Unwillen) über das unglückliche Grab des Vaters' ergänzt man 
leicht ,und brachte seinerseits Todtenspenden dar, um den Vater zu ehren'. 

'ÄÖXcov darf, wie aus dieser Auseinandersetzung ersichtlich ist, durchaus nicht mit 
Lenting in dÖXto'j verwandelt werden. Der z'jjxßo? '?jxt[xaajX£VOC (El. 323) konnte füglich 
dOXioc genannt werden; es werden ja die Adjectiva dÖACOi;, 5'jaToyTjC, Süottjvo^ auch von 
Sachen gebraucht, wie El. 1005 vjaz'j/ßlc oly.o) oöjxo'jc. Iph. Taur. 694 iyd) ok 5fJaa£ß7j 
xai. rjoovr/'}] (sc. [xiXaÖpct iyo)). 

Eur. El. 5ü3 ff". 
III*. (0 ~örvi, £'j/o'j, %'(aza[j H/.äxxpa, bsv.c. 

HA. Zi ZCOV dTTÖV-fOV Yj 11 t(i)V 0Vt(OV Tzirjl; 

IIP. Xaßilv (piXov OYjaaupöv, öv <patV£t bsÖQ. 
HA. 'c3o6, v.a\0) beoöc. -q zi vq \eyz.ic, yepov: 

Der Greis glaubt den Orestes vor sich zu sehen, er denkt an die Möglichkeit, dass 
es vielleicht nur ein täuschendes Bild ist. Darum fordert er die Elektra auf, zu den 
Göttern zu beten, damit sie den Orestes, dessen Bild er erblickt, nicht plötzlich entrücken. 
Elektra soll die Götter bitten, sie mögen ihr gewähren den Schatz, den ein Gott zeigt, 



Studien zu Euripidks. 299 

aucli wirklich zu heben. So ist denn Xaßscv, welches bezweifelt wurde, vollkommen 
richtig und angemessen. — In Betreft' des Gedankens kann man einigei'massen vergleichen 
Alk. 1135 zjziQ ■ «pOövoc 3= [XY; y^voitö zic. 6E(bv. Ipli. T. 843 f. os^owa 3' sx /ß^Co^' \^- l^'Q 
TzpoQ atösfa a.[i.Tzzd\iB^oc '^'Jyq. 

Im V. 566 gibt die Frage r^ zi oYj Xi-(Zic. yspov keinen hier passenden Sinn. Elektra 
verstand die Aufforderung zoyoo 6sotc ganz wol und sagt darum t.3o6, xakih 6£o6(;. Den 
Sinn der Worte des Pädagogen verstand sie freilich nicht und kannte nicht den Grrund, 
weshalb sie zu den Göttern beten sollte. Aber mit Rücksicht darauf erwartet man nicht 
ij zi ^-^ KiyziQ sondern etwa eine Frage der Verwunderung akXa zi ^jij Xz'(BIQ- 

Dagegen resultiert ein angemessener Gedanke, wenn man schreibt xaXih OcO'j?, cl' ti 
ÖTj KiyeiQ, (zi ;= etwas richtiges und wichtiges) ,ich rufe die Götter an, wenn du wirklich 
etwas, was Beachtung verdient, sagst'. 

Eur. El. 509 f. 

HA. TcdXat ^sSotxa, [j.y^ cj ■;' oöxst zo '^[jrjrqz. 
\W. o'jx s'j 'fpovöj Y'" ^^■'' ^'JtacYVY^TOv ßXs-^tcov; 

Aehnlich ist Ion 521 o'j rpf/ovco, tä 'fikzab' süpcov cl 'fdstv ifiz\iai: Hier hat Jacobs 

das überlieferte aco'fpovtb trefflich emendiert. Einigermassen kann man auch vergleichen 

Soph. Ant. 743 f. 

AI. o'j '(arj owatä 3 iiajjiapTdvovÖ' 6po). 

KP. d[xocpTdv(o Y^p "^^^-^ ^F^C apyd? asß(ov; 

Eur. El. 578 ff. 

to XP'^'^'P 'fcaziQ, 
£"/(o 3 dsXzrcoi; P. xd^ £[j,orJ y ^/-^ /P'^''"{^- 
HA. oüScTCOTc oöi;aa . OP. oü5' syco Y^^p fjXiriaa. 
HA. sxsivo? £1 o'j; (1P. aö[i.[xrr/rjc. yi aot |xövoc 
YjV djirdjto|xo(.t y ^'^ jJ.£~£pyo[j.ai jSoXov. 
'ir£'7toi6a ■ 'i^ yp'/j [rr^xs^' r^'(BiGf)rj.i 6co6c, 
cl Tdoa £3-:ai r?]^ otxY^? ü-rcEp-cpa. 

In Betreff der Freudenausbrüche der Geschwister vergleiche man die ähnliche Stelle 
Iph. T. 827 ff. (0 rptXtat, o63cV dXXo, '^{Xtatoc Ydp £1, £/(o a, "OpEcta, xyjXuyexov .... 
OP. xdYw j3 r7)v Oavoöaav, ferner Ion 1440 f. £v /Epolv a £"/(o, dEXictov cöp'/jjx , 
dann 1453 [jl(öv oüx E/ctv (x" E/O'jaa: Hei. G27 ff'. £>.aßov da[X£va Tcostv ijJiöv, tpiXai .... 
ME. -/. dYw a£ und 650 ff. ttögcv £[j.ov £XO|J.cV £"/o[j.£V . . . ME. e/^^C jx' sy'" "^^ <^'j sowie 
657 f. doöxY^rov £/co a£ npoc aräpvotc. ME. xd-Yw 0£ xxX. 

Im V. 581 ist statt EXctvoc ei ao wol zu lesen Y) x£ivo? £t a6 wie an der ähnlichen 
Stelle Soph. El. 1222 y^ y^P ^^ xeIvoc; und ebend. 1351 yj xeivo? outoc ov xof xtX. 

Bezüglich des Verses 582 nehme ich Victorius' Leseart YjV 5' Exaitdaiojxac y ^^''^ 
richtig an und glaube, dass die zu dieser Protasis gehörige Apodosis nach V, 584 
ausgefallen ist. V. 583 und 584 aber nehme ich hiebei in Parenthese. 

Eur. El. 599 f. 
ÄEtov, zi 5p(öv dv (fjyia ttjai[XYjV iraipöc 
|jLY;t£pa x£ r/;v xoivcovov dvoactov -^(rx^iny. 

38* 



300 Johann KvIOala. 

Man schreibt im V. 600 r/]V xotvcovov nach Canter's Vermuthung. In der Ueber- 
lieferung fehlt xigv. Kii-chhoÖ" bemerkte, man könne auch [Ar^rspa T£ %rjtvo)vo0aav emen- 
dieren. Auch anderes ist noch denkbar, z. B. [XY^rspa z' s[xyjv, xotvcovov. Wilamowitz 
will diesen Vers getilgt wissen : ,hic quoque versus ex Byzantinorum numero est qui 
iniurla corriguntur . nam Orestam per totam fabulam matris caedem horrentem inducit 
Euripides, ut profecto tam nudam parricidii mentionem facere non potuerit . at consue- 
verunt plerique Electrae fabulam tamquam absurdam despicere, Euripidi maledicere : 
rectius facturi, si poetae verba intellegere et emendare foedissima vitia voluerint'. xVber 
dass der von Wilamowitz angegebene Grund nicht richtig ist, zeigen die Stellen, welche 
Wilamowitz hiebei unberücksichtigt Hess, nämlich 

G46 Ol*. TTCbC o6v SXStVTjV -öv3s Z SV ZaÖzU) XTclVÄ; 

960 f. WC ozrxv [AÖX'(] 

[xfjrTjfi, atpay^? irdpot.Bs [jlyJ £tat3'(] vexpöv 
965 xaXoK dp" dpx'jv sie [jL^ar^v Tcapsüszat 

613 f. HP. xiavöjv B'jsolO'j zaioa oy^v rs [XY^tspa. 

OP. Y^xco Tri ~öv5£ axs'favov • dXÄd izcb? Ädßco: 

A'^gl. auch 89 rpövov 'fovc'jai Tcatpöc äXXd>;ojv £[jloö. 

Eur. El. 605 tf. 

to TEXvov, oöosic §oaTuyor3v-{ sot 'ffz-o?. 
£'jpYj|j.a ydp zb "/pr;[j.a YtyvsTai zoSs, 
%otV'(i [xeraa/clv zä^^aHoö f.rjX zvj 7,rx'/.rjö. 
ab 8', £% ßdGpfov ydp Tzdz dv/^pY^aat ffQ.occ 
ouS' £)J,£).otTac sXirio , l'aOt jjlo'j xX'jojv %zk. 

Bezüglich der Ueb erlief erung im V. 607 bemerkt Wilamowitz : ,"ö xoivt] C quod 
non intellego, omisit F'. Ich glaube, dass durch dies to V. 607 als eine Interpolation 
sich verräth. Es fand sich Jemand veranlasst den Ausdruck to XP''il^^- '^^^=i der 
undeutlich erschien, zu interpretieren, und so wurde mit dem einleitenden zb V. 607 
hinzugefügt. Es ist aber dieser Vers eine unpassende und unlogische Epexegese des 
Ausdruckes zb XP''Jl^'^ töo£: denn nicht das xoiv/; [lezia/aiw zrj.'^rjfyrjö f.rjX zoö /.axoö ist ein 
£'jp-rj|JLa, sondern als £OpY^[j.a müsste vielmehr bezeichnet werden e/siv (piXvjQ, ot ßouXovxat 
%otv/^ [X£xaa-/£t;v TdyaGoü /.at zoö ■xa/.oy. Der Ausdruck zb yjjfi\xrj. z6ob ist für sich aus 
V. 605 vollkommen verständlich ,ein seltener Fund ist diese Sache, nämlich ein Freund 
im Unglücke'. 

Im V. 608 ist der Ausdruck ähnlich wie Herc. für. 1306 dv5p' 'EXXd^oc tov Tipoj-ov 
rj.'jzv.aiy ßdOpoic dv(o xdrco arpE'jiaory.. «tO.occ aber bezeichnet Nauck mit Recht als ver- 
dächtig. Auch die folgenden Worte o65" k\Xe\rjnzac eXtcio sind wol nicht richtig über- 
liefert. 

Eur. El. 612 ff. 

OP. zl ririza opcövcEi; roöS" dv £i;t%ot|X£6a: 
HP. iczavcov W'j£a-orj Tcoäoa gy^v t£ |iYjr£pa. 
OP. '/)%(o "iri rövoE a-£cpav&v. dXXd irwc Xdßoo ; 



Studiek zu Euru'ides. 3QX 

ni*. rstyifov \).iy i}fiwv kvzoz o65' av st biKoiQ. 
UP. rppoapalc if.i'/.'-j.zzrjx Scctalc ts 5op'j'föpo)V: 
nP. SYVcoc • ^oßctzat ydp as t.o'jy s-josc aa'fcö;. 

Den Sinn des Verses G15 gab Seidler mit Barnesius an roOTOV töv azz'frxyrj-j ^ zsi/iioy 
ivzbz sX^tov, oü§" av zl biXoic, Xdßot^. Die Worte oöS" dv ci 6s).ot? müssten durch Er- 
gänzung von Xaßstv erklärt werden (sXOsiv lässt sich nicht zu OsXo'.^ ergänzen) •, dass 
aber Orestes OsXct. Xaßsiv a-s<pavov, ist ja selbstverständlich und kann gar nicht anders 
sein ; wie kann also hypothetisch gesagt werden st bihoic Xaßsiv ? Dass hier eine 
Corruptel vorhanden ist, haben F. W. Schmidt und Nauck erkannt, von denen ersterer 
sXOslv svtöc o6oa|r^ aOsv=ic, letzterer oü5sv dv aftsvotc conjicierte. Ich glaube, dass in 
GsXocc ein dem Xdß(o des vorhergehenden Verses entsprechender Ausdruck enthalten ist, 
nämlich sXotc imd vermuthe 

-styscov [J.SV iXOcov ivzbi^ oä5d|j." dv cf s/.o'.c. 

Ueber oü5a[j.d und [j.rj3a|J.d vgl. besonders das Lex. Soph. von Ellendt - Genthe ; atps mit 
Bezug auf eine Sache (atscpavov) wie Soph. Oid. Kol. 40. 

Dass im folgenden Verse (iz^iaic. unrichtig ist, nimmt Nauck mit Recht an. Ebenso 
ist aber auch im folgenden Verse 3acpö)C (oder vielleicht auch 355cc) corrupt. Man 
erwartet etwa ,und er ist nicht sorglos'. 

Eur. El. 640 ff. 

OF. v.auhc sAciiac. y^ x£/,oöaa ci zozi tzoö; 
DP. 'Apyst • Tiapsaxat o jv iröasc 6otvTjv s-ict. 
()P. zi ^' rj'jy d[x s^fopfAdt" £[j.Yy F'!"']? "J^^ast; 

Im V. 641 sind verschiedene Emendationen aufgestellt worden, so izapiozcn. o vü icöast 
(Canter und Barnesius), irapsa-coci 3' zzi xoast (Seidler), Tcapsarat §£ ys Tuöasi (Schaefer), 
■Tiapsa-cai 3 sv xd/ct oder ßpa/ct (Reiske). Ich vermuthe irapEarat o" ouv icoast. Die 
Partikelverbindung o ouv ist hier ganz angemessen. Der Greis meint, dass Klytaimnestra, 
wenn sie auch augenblicklich noch in der Stadt sei, doch jedenfalls ihrem Gatten zum 
Opferschmause folgen werde. Vgl. über diesen Gebrauch von 3" orjv z. B. Soph. Ant. 769, 
890, Xen. Anab. I, 2, 12. ■ — Zur Sache vgl. V. 1133 f. aoi 3' orav -pdcto /dpiv zt^vo, 
£i[j.' iiz dypov, fj'j TToaic O'jy^-koXsi "S'JixrpaiGV^ und 1138 3c'. ydp -/.ai Tcörst oo-jvat /dptv. 

Eur. El. 656 ff. 

HA. 7;c£t xXüoDoa Äöyi' sp^^o voaY^|j.ata. 656 

nP. TtoOsv ; tc 3' afjr?i ao6 [J-s^ctv 3oy.clc, täwov ; 657 

HA. vac • %al 3a%p6a£t y' dSuojji" äjAtov -öxcov. 658 

nP. l'aojc • TidÄiv tot [jLöOov stc ■z.a|X'jn^v dys. 659 

HA. kXbrjijoa [JtsvTot 3-?)/vOV (öc dxöXX'j-at. 660 

HP. %at [xYyV stt" a'jzdc y' cbtzco oöjxcov TzoXac. 661 

Hi\. oüxoöv rpairssfjat a[JLtxpöv stc 'At3ou -cö3£; 662 

HP. et ydp Odvot[jLt Tuy-:' totbv sy« xotc. 663 

HA. irpcöuaTa jxsv vov toä' 'j'^r^yY^aat, yspov. 664 



302 Johann Kviöala. 

IIP. Al'ytcÖoc ävOa vjv GuyjItoXeI 6£ol<;; 665 

HA. eTTcix äiiavrwv [j-Y^zpi rdx i\xvj (ppdaov. 666 

IIP. coat' aözä y sx aoö aTOjxaTOi; cipT^aOat ooxsiv. 667 

HA. aöv spyov fjSr^ • irpoaGsv £DvT//a<; cpovoo. 668 

()P. aTctyot[j-" av, sl' xtc y;Yc[ji,iov yrcvoiO" öooö 669 

HP. itai (JLi^v £Y{b 'iü£[j.'irot|i, dv o'>a äxooaüoc;. 670 

In dieser Weise wird diese Stelle jetzt gewöhnlich geschrieben. Im V. 65(i ist 
Xo/t' Ejjio'j vooYjjxara eine Emendation Musgrave's statt des überlieferten Xo-/£t EjiriO voar^- 
[j,atoc;^ ebenso hat Musgrave im V. 661 das überlieferte slauo trefflich in eiaino ver- 
wandelt." 

Aber auch im V. 657 kann die Ueberlieferung nicht bestehen. Liest man nach 
der oben gegebenen Fassung, so fällt die Tautologie auf (mit zi 3" wird nichts von dem 
fragenden xöÖ£V Verschiedenes bezeichnet) und noch mehr der Umstand, dass die Antwort 
der Elektra zu der Frage nicht stimmt. Unmöglich ist es nun natürlich mit Seidler 
iroOcV; u (indefinit) 5 7.'Jr?j '/.tX. zu lesen. Ich halte hier eine Aenderung für nothwendig 
und zwar vermuthe ich iröGsv; szi 5" aar^ aoö [j-eXeiv 'bov.eiQ, zi'^rj-^; Mit dieser Frage 
stimmt die Antwort der Elektra gut überein. 

Sehr mit Recht bezeichnet ferner Nauck den V. 658 als corrupt. Die Erklärung 
Seidler's fiax^ÖGZi, ot: tcxva ä Ixsitov o6% E/oostv da(o|jia. Deflebit dignitatem liberorum 
meorum, quae scilicet nulla est, i. e. deflebit indignam et humilem liberorum meorum 
conditionem' kann wegen ihrer inneren Unhaltbarkeit keinen Anspruch auf Glaubwürdigkeit 
machen, sondern sie ist eben nur ein Versuch, mit dem Vorhandenen auszukommen. 
Es ist zu schreiben %rjX oa%p6acC y' ö(.^«oC k\i}j'^ xö%ov oder noch wahrscheinlicher xai 
oa%p6a£t y" rx^xnc, £[j,(ov -öxcov (und sie wii-d sogar Thränen vergiessen, wie es i\xrA zwa 
verdienen). 

V. 662 erklärte Seidler: ,Mea sententia ludit in verbis dicitque hoc: ooxoOv OjJit'Apöv 
(satc) tpaTusaSat TÖ5c (Sy^Xovötc 6 Xsy^'C Ef^ AOMßN iru^ac, wats stvat) EI}:^ AIAOT. Facile 
igitur est, si quod dicis zic o6|jl(ov icaXac, mutamus, ut sonet sie (foo'j seil. iroXac- Similis 
lusus est in Soph. Ant. 567 d>X f^z |X£VTOt |j.yj \i'{Z'-. Dies ist eine der gezwungensten 
und unnatürliclisten Erklärungen des sonst um die Erklärung des Euripides hochverdienten 
Mannes. Der Sinn des Verses muss vielmelir sein: ,Dann, wenn sie in dies Haus eintritt 
(wenn wir sie nur erst hier in diesem Hause haben), ist es ein Leichtes (eig. ajAtvipöv sc. 
kzzi —^ ist es eine Kleinigkeit = bedarf es niclit mehr viel) dass sie in den Hades 
eingehe. Die Worte Tpa-irEaGat Etc 'At5oo sind auch nach meiner Meinung mit Beziehung 
auf die Worte £x' Wizri.t y" s'^ctrco 3ö[X(t)V -JT'jXac gesagt; aber diese Bezieliung ist eine 
ganz andere als die von Seidler angenommene. Wenn Klytaimnestra so weit gebracht 
wird, dass sie dies Haus betritt, so ist es fast schon so als ob sie in den Hades gienge. 



' Die Erklärung, mit welcher Seidler die Ueberlieferung zu retten stichte, ist heutzutage als ein überwundener Standpunkt 
zu betrachten. Die Annahme der Hyiiallage oder Antiptosis ist seinerzeit eben nur ein bequemes Schlagwort, ein mecha- 
nisches Auskunftsmittel gewesen. Die Beispiele, die hiet'ür augeführt werden, sind anders zu erklären. So ist bekanntlich 
Sojdi. El. 10 [j.;'Xaiva äorpuv EÜtppovr) ,die schwarze Stei'nennacht' und nicht = [lEXafvr;; suypdvr); aaipa u. s. w. 

2 Dieser Imperativ bezeichnet die Annahme: ,Gut, sie trete also in dies Haus ein = lassen wir sie also in dies Haus ein- 
treten = gut, nehmen wir also an, sie trete in dies Haus ein'. Selbstverständlich muss hiezu ergänzt werden: ,Wa3 danu? 
Was folgt daraus?' Häufiger als dies ist der Gebrauch von zai orj mit dem Indicativ in ähnlichem Sinne, wie /.. B. Hei. 
1059 f. zai 3r) -apet/.ev • etxa tmc, mzu VEf'o; a(uOr)ad[j.£aOa. So könnte man auch liier sagen za'i Sr, EiorjXfjE = fac intrasse 
eani domum. 



Studien zu Eckitides. 303 

— Mit dieser Erklärung aber verträgt sich das überlieferte ro^s nicht; statt dessen ist 
zu schreiben tozc, nämlich otav zloir^. — ^(jl'.%,oöv bezeichnet hier das Leichte, wozu es 
keiner grösseren Bemühung bedarf, wie vungekehrt [).i'[a nicht bloss das Grosse, sondern 
auch zuweilen das Schwierige bedeutet. 

Die Verse 659, 660 können nicht zugleich neben 661, 662 im Texte bestehen. Es 
kann Elektra nicht zweimal (V. 660 und 662) ziemlich dasselbe sagen, nämlich ,wenn 
Klytaimnestra kommt, wird sie hier sterben'. Der ganze Unterschied zwischen 660 
und 661 könnte höchstens der sein, dass im V. 660 sXOoOaa bloss die Ankunft der 
Klytaimnestra, dagegen siattw das Eintreten in das Haus bezeichnen würde. Aber dies 
reicht nicht zur Rechtfertigung aus. Es kann auf V. 658 nur entweder 659, 660 folgen 
oder 6(;i, 662, und ich halte 659 f. für die Dittographie eines Interpolators. 

Bezüglich der Verse 664 — 667 lässt sich die Fi-age aufwerfen, ob dieselben nicht 
im Zusammenhange der Elektra beigelegt werden könnten. Wenigstens ist bemerkens- 
werth, dass diese Verse im Zusammenhange gelesen einen guten Sinn bieten: Türjcözt.a'ca 
|j.£v vov ttpS' u'fYjYT;aai, yspov, Al'YtaÖoc svOa vöv Out/tcoXsI ösotc, stcsit d-iravTcbv [XTj-cfjt täir" 
£|iO'j cfpdaov, MOZ aöxd y ^^ ^'^'^ jrojxaxcic zlprpHy.i 5o/,stv. Daran würde dann freilich 
der folgende Vers der Elektra mit os anzuschliessen sein: aov 5' spyov YjOYj • zfiö^j^sv 
zD^Tf/az cpövo'j. In diesem Falle wäre anzunehmen, dass die stichomythische Unterredung 
zwischen dem Greis und der Elektra mit V. 663 schliesst, worauf dann Elektra im 
Zusammenhange bezeichnet, was jetzt zu thun ist. Darauf würden dann V. 669 und 670 
als kurzes Gespräch zwischen Orestes und dem Greis folgen, und dann würde mit 671 
eine neue Stichomythie anheben. 

Für diese Zusammenziehung der Verse 664 ff. spricht der Umstand, dass die Trennung 
des Verses 665 von 664 und die Zuweisung desselben an den Greis unnatürlich erscheint. 
Dagegen scheinen die Worte (oat aozä y' ex aoü aröjJiaToc £tpYja6at ooy.siv gegen jene 
Zusammenziehung zu sprechen ; wenn man aber die Sache genauer erwägt, so dürften 
vielleicht gerade diese Worte als Argument für die Abweichung von der gewöhnlichen 
Versvertheilung betrachtet werden. Nach der Ueberlieferung würde der Greis auf die 
Worte der Elektra sitsi-:" — '^[jrmrj^i erwidern ,ich werde es deiner Mutter so melden, 
dass es scheinen soll, als sei es von dir selbst gesagt', d. i. ,ich werde es deiner Mutter 
so gut wie du selbst sagen'. Aber dies wäre ziemlich nichtssagend; denn es ist selbst- 
verständlich, dass der Greis, was er zu melden hat, so melden soll, wie es Elektra 
angegeben hat. Ein anderer Sinn — und wol ein passenderer — resultiert, wenn diese 
Worte der Elektra beigelegt werden: ,bringe der Mutter meine Meldung so, dass es 
scheinen soll, als sei es iv. aoO aTÖ[J.azoc gesagt', d. h. ,als seist du selbst Zeuge dessen 
gewesen und als könntest du für die Eichtigkeit dessen einstehen'-, es soll der Schein 
vermieden werden, als sei der Greis nur vorgeschoben, um eine fremde täuschende 
Angabe wiederzugeben. 

Eur. El. 671 ft\ 

OP. 10 ZsO iraTpfpc %ai -poirai" s/Optbv £[j.(i)V 671 

HA. olzrEips h' r^\w.c ■ o'.7.Tpd yrip ircitövÖa|j.£v. 672 

nP. olxtcips OY^ra aoüc ys 'f'jvta: sv-yövo'j:;. 673 

OP. "Ilpa T£, ß(o[xd)V Yj M'JXY^vrxicov %pax£t(; 674 

HA. vtxYjV thQ Yj[jLlv. et fjiysj.1 a'.ro6|Xc6a 675 



304 Johann KviCala. 

T\V. ^jbz ^Tjra Tzrxzpbz roiaSc Tt[j,fopov 5i%r^v 676 

()P. aö f (0 %dzcii Y'fic, ävoauoc otxcöv irdtcp 677 

IIA. v.rj.i Tal avaaaa, "/ctpac -^ ot5(o[i' £[j.dc 678 

IIP. d[jLUv' d[j.uvs rotaoc cptX-cc/.xo!.i; t£7,voi^ 679 

OP. vüv irdvra V£%pov s/JJs a6[x[j.ayov Xaßtov 680 

IIA. o'iitcp Yc a'jv aoi Opayac dvdXm^av oofi 681 

IIP. )^to30t aruYoüat.v dvoatoos [xcdaxof/ac 683 

OP. 7]%ouaa<;, (5 osw si; £[Jir)C [i.'/j'cp'i? tzo-Hmv 682 

HA. irdvx' 010 d%o6ct xdSs iraxrjp • aisr/stv o" dx[jL'rj. 684 
%ai Goi Tcpocptovcö irpöc xd5' AtyiaSov xTavolv xr).. 685 

Ich gebe liier diese Partie mit derjenigen Personen vertheilung , die ich für die 
richtige halte. Die handschriftliche Vertheilung (OP. 671, 672. HA. 673. OP. 674, 675. 
HA. 676. OP. 677 — 683. HA. 684 Ö'.) ist hier natürlich ohne jede Bedeutung und muss 
ja ohnehin unbedingt aufgegeben werden. 

Nach meiner Annahme betheiligt sich auch der Grreis an dem Gebete der Geschwister 
und es sind vier Partien von je drei Versen zu unterscheiden, nämlich 671, 672, 673 
(OP., HA., HP.), dann 674, 675, 676 (OP., HA., IIP.), dann 677, 678, 679 (OP., HA., HP.) 
endlich 680, 681, 683 (OP., HA., IIP.). Nach diesem vierfachen Anrufe folgt als Schluss- 
vers die von Orestes an den Vater gerichtete Frage 682, worauf dann 684 ff. Elektra 
in zusammenhängender Rede spricht. 

Die Verwirrung in der handschriftlichen Personenbezeichnung entstand durch die 
Auslassung des Zeichens IIP. und durch die Annahme, dass bloss Orestes und Elektra 
an dem Gebete sich betheiligen. So wurde dann fälschlich 672 mit 671 verbunden, 
675 mit 674, und die Verse 673 und 676, die dem Greise gehören, wurden durch eine 
Verschiebung der Elektra zugetheilt. 

Für die von mir angenommene Dreitheilung sprechen folgende Gründe: 

1. Nur auf diese Weise wird es möglich den von den Kritikern angenommenen 
kühnen Transpositionen auszuweichen. So stellt Nauck die Verse in folgender Weise 
um: 671, 674, 675, 676, 672, 673, 677, 678, 679, 680, 681, 683, 682, 684. — Nur 
Eine Umstellung ist nothwendig, nämlich die der Verse 682 und 683; aber diese wird 
ja ohnehin fast von allen Kritikern als unausweichlich angenommen. 

Wie naturgemäss die Verse auf einander folgen, liegt klar zu Tage. Orestes als 
Hauptperson hebt an cö Zaö izaspöiz %tX., Elektra ergänzt ootTStps v.zk. und der Greis 
wiederholt die Bitte der Elektra; seine Worte sind ein Nachhall der von der Elektra 
gesprochenen Bitte. Genau dasselbe wiederholt sich in der zweiten Versgruppe 674 — 676. 
In der dritten und vierten Versgruppe findet zwar nicht dasselbe Verhältniss, aber doch 
ein ähnliches statt. 

2. Es gibt ferner gewisse Anzeichen, dass die von mir dem Greis zugewiesenen 
Verse wirklich nicht von Orestes und nicht von der Elektra, sondern von einer dritten 
Person gesprochen wurden. Entschieden tritt dies bei Vers 679 hervor. Man weist 
diesen Vers dem Orestes zu; aber die Bitte dfiuvc roiaSs rptXxdrot? -sxvotc zeigt doch 
wol, dass eine dritte Person dies sprach. Auch im V. 676 (der übrigens nicht ganz 
richtig überliefert ist) weist Toia^s darauf hin, dass der Greis dies sprach. 



, StUIUF.X zu EURIPIDES. 305 

3. Bei Aischylos betheiligt sich in den Choephoren an der entsprechenden Partie 
V. 479 ff. freilich nur Orestes und Elektra, aber in der vorausgehenden Partie 306 ff. 
oreift ausser den beiden Geschwistern auch der Chor mit ein. 

In einigen Versen sind nun freilich Corruptelen des Textes anzunehmen. So ist 
im V. 1)72 oatcips H' r^XifJA nicht richtig. Es ist vielleicht mit geringer Aenderung 
oncT£:o£ Y "^(iä«; zu lesen; vgl. die Verbindung von ys mit dem Imperativ Soph. Ai. 483, 
Phil. 1003. El. 345, 411, 1035. Dobree's oaxctpov ist nicht wahrscheinlich; denn wegen 
des folgenden oiittcCps 5-?i~a muss angenommen werden, dass auch im V. G72 dieselbe 
Form ol'x'TSips stand. 

Auch im V. 676 ist nicht alles in Ordnung; doch ist wol die Aenderung Tijxcopoic 
xpdioc nicht wahrscheinlich. 

Eur. El. 745 f. 

%'CStVct.C, X/vcCVCbV a'JYY£V£T£tp' d5£Xcp(i)V. 

Man bezieht d5£A'f (ov auf Orestes und Elektra. Musgrave bemerkte zu afJYY=V£t£tp" : 
,Vox rarissima et vix alibi, credo, occurrens. Vis eius cognoscitur ex voce jcVExetpa, 
matrem significante, unde sequitur, a'JYY£VEX£tpav esse, quae simul procreavit i. e. 
simul cum marito'. Diese Erklärung ist gewiss unhaltbar. Ich glaube, dass unter den 
x^ctvoi docX^ot luir die Dioskuren verstanden werden können und dass Klytaimnestra hier 
als Schwester der Dioskuren angeredet werde; vgl. V. 990 Trai TuvodpEW %at xolv dya- 
Öolv $6yyoV£ 'KO'jpo'vV iAcöc. Daraus folgt, dass atJYY£V£-£tp" , das auf keinen Fall in der 
Bedeutung , Schwester' genommen werden kann, fehlerhaft ist. 

Eur. El. 773 ft". 

£7C£i |X£XdOp(ov twvci' d7r-/]pa[j.£v TTÖSa. 
EijßdvTEC '^|X£V otxpotov clc d[xa£i-öv, 
hiH YjV i %Xziyrjc twv MfJotTjVaüov dvac. 

RXctvöc kann hier nicht in ironischem Sinne stehen (wie V. 327 oder Soph. El. 300 
oüV 5' STTOTpüVcC TiiXac, rj xXs.ivhc. rj.tjz'Q zaözd. vujxcpto? Trap(ov.), denn eine Ironie, die so 
versteckt wäre, dass man sie nicht herausfindet, ist eben gar keine. Wenn man nun 
aber 'aKsivöc ohne Ironie nähme, so wären zwei Fälle denkbar. Entweder ist x\ziv6c 
ein constantes Epitheton oder der Bote gebraucht das Wort, um damit seiner Bewunderung 
des Aigisthos einen Ausdruck zu geben. Beides ist unzulässig. Gegen die erstere 
Erklärung muss man einwenden, dass Aigisthos keines solchen ßuhmes sich erfreute, 
dass er allgemein 6 -KKziybQ xcöv M. dvaS hätte genannt werden können. Und was das zweite 
betrifft, so macht der Bote aus seiner Antipathie gegen Aigisthos kein Hehl; vgl. 763 f. 
857 f. Ohne Zweifel ist auch hier ^Xstvöc aus xatvöc verschrieben, wie Hei'c. für. 38 
6 vXziybz (Elmsley vtatvoc) ootoc zrp^jc. '('fi^ apymv Aüxoc, ebend. 541 Aoxoc O'f 6 xXcCVoc 
(Pierson xaivöc) y'']? dva^ SuoXcSEV, ebend. 767 ßsßa^ dval; 6 ■äXecvoc (Elmsley xatvöc). — 
Allerdings herrschte zur Zeit Aigisthos schon das achte Jahr,' aber im Gegensatze zu 



' Nacli Honi. y 304 ff. 

■/.T£(v«; 'AtpEtor]-/ 

T(ij Ö£ ot OYOoaTo) za/.bv tJXuOe oTo; 'Ops'axrji;. 
Denischriftcn der phil.-liist. Cl. XXIX. Bd. 39 



306 Johann Kviöala. 

dem früheren, angestammten Herrscher der Mykenaier konnte er xacvoc genannt werden. 
A^gl. 876 f. vöv oc Tcdfioc äjxszspot yafa^ -cypavvsoaouai rpi).oi ßaai^Tjc. 

Eur. El. 784 ff. 

VÖV [J.SV TZarS Yj[llV -/jiTj G'JVcaTtOfJC £[J,0i 

OoiV'o YcViGOat • Toy/dvo) Ss ßouOuTcöv 

sie zaözbv 'f}S,zz . dX)« uoixsv sl? ori|JLO'JC — 
7.7.1 "caöf/ a{j.' Y^yöpsus v.ai yepbc ).aß(ov 
'TtapTjysv Yjjjiäc — o'j5 dirapVciaGa'. ypscov. 

So schreibt Nauck diese Stelle, um äusserlich zu bezeichnen, dass die Worte ou5' 
dTrapVElaOat. ypscov als eine Fortsetzung der Einladung des Aigisthos aufgefasst werden 
sollen. Aber es ist durchaus unwahrscheinlich, dass die Einladung des Aigisthos durch 
die Einschiebung der Worte xal taüö' — i^ap'TjYcV 'q\).O.c in zwei Theile getrennt sein 
sollte; es ist unwahi'scheinlich, dass Aigisthos gerade nach den Worten ä)j." rco[j.cV t'ic 
SojJLO'JC und bevor er noch den kurzen Schluss oü3' dxapvslaOat ypscov aussprach, die Fremd- 
linge "/spöc Xaßcov TrapTjys. — Man kann vielleicht schreiben oüS" dirapvsiaQat icapVjV. 
Freilich konnte es dem Orestes nicht in den Sinn kommen abzulehnen, sondern er 
wartete begici'ig auf die Einladung •, aber immerhin konnte Orestes zum Scheine die Ein- 
ladung ablehnen, wenn er voraussah, dass Aigisthos die Ablehnung nicht zulassen würde. 

Eur. El. 868. 

Die Versuche, 6.[XTZT:oyai zu erklären, sind derart, dass daraus die Unhaltbarkeit des 
überlieferten W'ortes vollkommen ersichtlich ist. Nach Heath sollte das Wort bedeuten 
,explicationes vel reclusiones, quasi dixisset Electra, nunc mihi liberum est, 
oculos attollere et aperire'. Matthiae aber meinte, es sei 6.\).TZzoyrj.i aiOspoc zu verstehen 
(wie Ion. 1444) ,oculus meus liber est et quem ille nunc intuetur, aer et coelum, e quo 
spiritum duco'. Vauvillier's Emendation d[JL']/'jyai ist nach meiner Meinung ohne Bedenken 
aufzimehmen. 

Eur. El. 902. 

vs7.pri'j? ößpcC^tv, [Vfi \xi zic fbivco ß'^^-'d- 

Die leiclite Aenderung Tyrwhitt's '^Oövoc wird durch die von Tyi'whitt und Seidler 
angeführten Parallelstellen empfohlen: Pind. Isthm. 7, 55, Eur. Herc. für. 1219. Natürlich 
würde die Conjectur <^öyoi auch einen passenden Sinn bieten; aber auch '^Hiv^jC ist 
angemessen-, vgl. V. 30 Tzaiotov 5' sos'.as |j.tj 'f^ovvjOsr/j (p6v(p. Soph. El. 641. 

Eur. El. 952 f. 

Ich glaube, dass cov nicht beibehalten werden kann, sondern dass statt dessen (ov 

zu lesen ist: „ , „ . 

epp oooäv c'.0(oc (OV • s'fcUpsricic yp^vc» 

^cVvYjV o£oci)y.ac 

,Fahre hin wissend, dass du nichts bist!' OJösv (ov ,ein reines nichts seiend' geht auf 
die unmittelbar vorhergehenden Aeusserungen der Elektra V. 945 ff., welche auf das 



Studien zu Euiupiues. 307 

unmännliche Wesen des Aigisthos sich bezogen. "E'fSfjpcftctc XP*'^''''!^ nehme ich in dem 
Sinne, dass Aigisthos mit der Zeit doch endlich von der strafenden Gerechtigkeit 
gefunden und ereilt wurde. Vgl. mit diesem Ausdrucke Soph. Oid, Tyr. 1213 ecpsOps 
a axovö' 6 xdvÖ" opcbv yoövoc ^wd^st z dyaixov Yä[j.ov •ntX. 

Eur. El. 1022 f. 

X£'j-/C'/;v or/jjJLY^a "IcfiYÖVY^c Tzaryrßa. 

Statt des von Nauck als corrupt bezeichneten Tca^oYjt^a ist irott^ö? Ssoy^v zu lesen. 
Was Tzarj-rßrx betrifft, so braucht man wol nur an die Unstatthaftigkeit dieses Wortes 
erinnert zu Averden, um sofort die Ueberzeugung zu gewinnen, dass es hier un- 



möglich ist. 



Eur. El. 1055 ff. 



|X8[xvYjao, (J.'73t£p, o'jc IXc^ac uatdroo? 
'ko'fooc, 5c5oOaa Tzpbc ai [jm xappY^aiav. 

KA. XaC VÜV 0£ ^Yj[J.t XOfJ'A rj.TzapyoÖ[Xrxl, X£%VOV 

HA. dpa %X6o'J3a, |x-?j-£p, £iV Ep^£tc y,a%(öi;; 

KA. OÖ'A SOZI ■ Zr^ OY; 5' Y)56 'rt,00a6Yj3(O '^p£Vl. 

Im V. 1058 ist die Dehnung der zweiten Sylbe von dpa vor xXoouaa bedenklich. 
Dobree vermuthete dp' ouv. Seidler dpd y£ oder dpd jX£. Vielleicht ist wahrscheinlicher 
o6x dpa fXöworx r.z'K. Aus den Worten der Klytaimnestra 1057 konnte Elektra ent- 
nehmen, dass sie ohne Furcht reden könne, und so konnte sie sagen: ,Also wirst du, 
Mutter, wenn du mich angehört hast, mich nicht schlimm behandeln'. 

Eur. El. 1060. 

\iyji\x dv • dp-/;/j o y^^s jxot irpooiiAtoo 

Nauck bezeichnet zpootjxco'j als absurd, und in der That ist die Verbindung dp-/Y; 
xpoot[icou unzulässig. Der Fehler kann in wahrscheinlicher Weise behoben werden durch 
die Aenderung dp/Yj 5' Yj5£ \iSA irpooqxiov. 

Eur. El. 1088 ff. 

TzCvic, o6 Ttöacv xzaiyaorj. iratpcuofji; oöjxo'j; 
i^[i,lv xpoaY/|a?, dXX' dirYjväyxoj ^s/^i 
TdXXötpta, [J.C3O0O -otjc Yd|JLO'JC wvo'jjxevyj ; 

Man erklärt diese W^orte nach Heath : ,Sed mercedem reportasti alienum torum, 
nuptiis pretio emtis', wozu Seidler hinzufügt: ,Pretio intellige regno'. Aber dies ist 
ein gar sonderbarer Gedankenzusammenhang. Wie kann auf die Frage: ,warum hast 
du nach der Ermordung deines Gatten das väterliche Haus nicht uns übergeben?' als 
Gegensatz folgen dXX' aTTY^vrcwo X£-/Yj xdXXotpta? Man erwartet nach der ersten Frage 
den Gedanken , sondern hast es für dich behalten ?' oder , sondern hast es dem neuen 
Gatten zugebracht?' 

39* 



308 Johann Kviöala. 

Yielleiclit kann man schreiben d)X äxTjvsY'xo) (nämlich Tratpcpoo? 8ö[j.0Ui; opp. 7:00- 
ayla::''), Xiyq tdXXÖTpca, [uaGcorou^ Ydjxoo;, ö)vofJ|X£V7]. Indessen ist freilich dTro'^£osa67.c 
^ö[xo'j; in der Bedeutung ,das Haus für sich nehmen, für sich behalten' etwas auffallend, 
und es verdient Beachtung Campers Conjectur siCYjvsyÄW. ^ Eizf-firjEabai ,als Mitgift mit- 
bringen' passt hier ganz ausnehmend. Doch lässt sich wol nicht mit Camper sxyjveyi«« 
Xsysi tdXXorpia (was bedeuten soll ,pro dote in matrimonium adtulisti rem alienam) 
schreiben, sondern auch in diesem Falle möchte ich vorschlagen dXX" STCYjVsyico), \iyri 
xdXXötpca, [j.'.abiüz'joc '(6.[x^joc, (ovo'jjjlcVY;.' 

Eur. El. 1105 ff. 

a'jyYVcoao|j.ai 301 • %rj.i ydp oö)r oot«)? dyav 1105 

yaipoi ZI, texvov, zolc ^sSpaiJ-svotc £|j.'jt • 1106 

ab 5' to5' dXofj-coc %ac oua£t[xar(ic ypoa 1107 

Xsyw Vöoyvwv iv. zöxfov :r=xafj[X£VTj ; 1108 

oqjiot tdXatva ubv stxwv ßouX£ü|j.7.T;(ov 1109 

(oc ji-äXXov ■/; /pr^v YjXaa" si:: opyy^v ttög'.v. 1110 

TIA. hi'hä GtSvdCstc, y^vw o'Jx £/ct? dxY^. 1111 

TiarYjp |j,£V ofjv r£6vYjX£ • röv 3' £t(o yßv/ric, 1112 

xÄc orj x'j[j.{^£t irato' rüafz.örj-^-fj. aov ; 1113 

KA. Sä^oaa • To'j|j.C/V 0. o'jyt z^xbivoo axoTtcö • 1114 

xaTpöc ydp, (OC /.£yo'J3t, 6yjj,0L>Tai cpovco. 1115 

HzV. tc §at xoatv göv dyptov £ic Yjfxäc sy^^^i m^' 

KA. Tpöxot TocoOroc • xai 06 5' aöBä.'^riz Ecpuc. 1117 

V. 1108 hat Nauck als Interpolation bezeichnet. Ich glaube aber, dass man hier 
noch weiter gehen und auch V. 1107 und 1110 als interpoliert ausscheiden muss, und 
zwar mit Rücksicht auf den Zusammenhang und auf die Erwiderung der Elektra 
A . 1111 S. Nach der Ueberlieferung mtisste man die Klage der Klytaimnestra 1109 
oi.'[j.ot rdXatva x(bv £|j.ii)V ßo'jX£U[Jidt(i)V auf die Lage der Elektra und auf ihre unglückliche 
Vermählung mit einem niedrig stehenden armen Manne beziehen. Dann müssten sich 
aber auch die Worte der Elektra ö'];£ ar£vdC£t?, '/^vw 06% £y£tc dx,Yj auf denselben Gregen- 
stand beziehen, d. h. Elektra würde sagen ,zu spät bejammerst du mein Schicksal, wo 
es keine Hilfe mehr gibt'. Dies ist nun aber offenbar unmöglich. Denn abgesehen 
davon, dass die Lage der Elektra eine Besserung zuliess, wenn nur Klytaimnestra und 
Aigisthos gewollt hätten, abgesehen also davon ist es klai-, dass die Worte der Elektra 
ci'|£ ax£vdC£tc y.z}.. sich auf die Ermordung Agamemnons beziehen müssen, wie dies aus 
den unmittelbar sich anschliessenden Worten xaz"/}p [X£V otjv t£6vyjX£ hervorgeht; in 
Betreff des Gattenmordes gilt der Ausspruch der Elektra oüx £y£ic a.Y.q. 

Gegen die Echtheit der Verse 1107 und 1108 spricht auch V. 1124. Wenn Kly- 
taimnestra selbst schon zur Elektra sagte 1107 f. Go co5' ölryjzoi xai oyG£i[iaroc ypöa 
X£yco x-cX., wie kann Elektra 1124 sagen 7]y.ooaa?, ol\).ai, T(bv £[xd)V Xoy£U|xä-cov 'r' Dieser 
\ers zeigt vielmehr klar, dass diese Sache bisher zwischen der Klytaimnestra und 
Elektra noch nicht zur Spraclie gekommen war. 



' Oder vielleicht «XV It^^vI^/m Xoiyr) xa/.ÄoTp'.a, [jiiaOoÜ tou; ydixo-Ji (üvoufiEvr, (Xoi/o; von dem Erbgut, das den Kindern Agamemnons 
zufallen sollte)? 



Studien zu Eluipiues. c509 

Endlich erweckt ein begründetes Bedenken V. 1110. Nach diesen Worten miisste 
man schliessen, dass Klytaimnestra den Aigisthos gegen Elektra zum Zorn aufgestachelt 
habe, während aus dem Prolog V. 27 f. hervoi-geht, dass Klytaimnestra im Gegentheil 
der o-rausamen Absicht des Aigisthos in Bezug auf Elektra entgegentrat und dass sie 
ihre Tochter rettete: x-cavstv acps ßouXsoaavtoc (so ist wol zu lesen) (oiJ-ö'ffxov 6\iok [i-'r^zQ^ 
vtv iiiaioazv Ah(iaH'jO X^P^?- Dass auch der Ausdruck r^Xaarx sie öpy/jv tcöoiv auffällt, ist 
schon von Anderen bemerkt worden. 

Y. 1109 schliesst sich passend unmittelbar an 1106 an und hierauf folgt die 
Erwiderung der Elektra 1111 ff. in vollkommen angemessener Weise. 

V. 1116 ist die Ueberlieferung nach Wilamowitz: ,zi (j C u §ai G'^ F'. Wilamowitz 

glaubt, dass darnach zu schreiben sei zl o'; o6 Tiöaiv aov ayfiov eic. y^|j.7.c s/stc; Aber 

man kann auch -et 8al Tcöaiv aov aypwv si? Tjixdc s/s^C; lesen, wobei natürlich rj\i.rj.c zu 

betonen ist; ziz TJfJiäc (vgl. 1117 %at o6 S') ist im Gegensatz zu dem Verhalten der 

Klytaimnestra gegen Orestes, so dass sie Yj|X7.? =^ cic E[i.£ ist. Die Partikel 5ai, welche 

dem Aischylos und Sophokles fremd zu sein scheint, ist dem Euripides nicht abzusprechen; 

vo-1. Ion. 275. Man könnte freilich auch hier zi Zri schreiben, was man auch sonst an 

die Stelle von 3aL setzt. 

Eur. El. 1124 tf. 

'J^xouaac, oifJtott, tcöv e[X(I)V Xoy£0[j,drcov. 

Ssiidro acXYjV'(] xat^oc (oc vo[JLcC£T^a^ ' 

Tpißojv Y^^-p ^^'J'>^ ^^\^ ■, cttov-o^ oua sv reo Tzä^nc,. 
Nauck tilgt nach O. Jahn die Worte ou ydp ol5' syto — iratoot;; Camper bekämpfte 
mit guten Gründen die Echtheit des Verses 1127. Ich glaube, dass die Verse 1126 
und 1127 zu tilgen sind. Die Worte oö y'^p ^^'-3' ^T''^ halte ich für echt; gerade diese 
Worte boten Anlass zu der erklärenden Interpolation V. 1126. Es sind diese AVorte 
natürlich zu erklären mit Ergänzung von otccoc Öuxsov. 

Eur. El. 1130. 
oozoiQ dystTov' ofnov Ihpooai (ptXcov; 
So wird diese Stelle gewöhnlich gelesen nach Musgrave's Conjectur. Es ist aber viel- 
mehr mit Victorius zu lesen oozok äystTtov oaoc Rryjzai cptXo)V, was auch Kirchhofl' auf- 
genommen hat. Wilamowitz: ,dy£izov oh . . l'opy-ai rpt/.cov C. oixov C^ F. iure igitur correxit 
Victorius dyst-fov oCxoc, quod etiam Walbergius intellexit'. Ayatrov oixov iSpuaat ist nicht 
angemessen, da das Haus nicht erst durch Elektra gegründet wurde, sondern schon vorher 
bestand. Mit oläoc i^ozai vgl. Aisch. Pers. 231 tcoö tdc AÖTjVa? ^aalv {opOaGai y^ovö;; 

Eur. El. 1155 ff. 
'ira)v{ppooc 3s TdvS' u-^raystai 8wa 
o:aopö|xr;'j )A/yjc. [xsXaOV d TCÖatv 

K'jxXto'irctd z" o'jpdvta "st/^ ^' 
^oÖT^'x.'cq) ßsXet y.rj.ziy,rn' a'J'öyEtp 
Wilamowitz: ,[j.eX£OV C Seidler, [xsXsav c'. Ohne Zweifel ist [xsXsov zu lesen und 
auf xoatv zu beziehen. Die Nachsetzung des relativen Pronomen ist gerade bei Euripides 



310 Johann KvIOala. 

recht häufig anzutreffen; vgl. z. B. Alk. 978 %ai ydp Zsu? 6 xt Vcua'f], auv aoi toOro 
zzXeozq, Hei. 375 f. (o jjLdxap 'ApxaStcj: -iroTS irapGsvs KryAXLOTol, Awc d Xsysojv szsßac, 
ebend. 1117 f. irsota ßapßdf/co irXdtcf o c s^paiJic poOta, ebend. 1497 ff. irai^s? T'Jv5apioat, 
XaixTtptöv datpcov ötz dsXXatatv o i vatct rj'jpdv.oc. 

Statt ota5pö[xriu Xs^^^c, welche Worte Nauck mit Recht als corrupt bezeichnet, schlage 
ich vor ocdopojxov Xt/ooQ, was für Klytaimnestra ein passender Ausdruck ist. Atdopoixoc 
hat hiernach dieselbe Bedeutung und dieselbe Construction, wie das lateinische desultor; 
vgl. besonders Ov. Amor. I, 3, 15 non mihi mille placent, non sum desultor amoris 
und die Bezeichnung des Q. Dellius als desultor belle r u m civilium. — Die 
Aenderung ot,7.opo[j.o'J ist durch Xeyo'jQ veranlasst worden. 

Eur. El. 1244 ff. 

^(■xata [J.SV vöv •?)5' s/st • oö o o'jyi 5pcfc. 
Oo'.ßöc TS «Dolßo? — äXH dval; ydp kaz £[Jlöc, 
aiycb • ao'^oc rj' äv oux s/p'rjGE aoi ao^d. 

So schreibt Nauck diese Stelle, ohne jedoch, wie es scheint, von der Richtigkeit der 
Ueb erlief erung überzeugt zu sein, da er O. Jahn's Conjectur Ootßoc o stpotßaa' .erwähnt. 
Vielleicht ist Ooißoc 5' Amotßo,; zu schreiben, wobei auch nach 'Ätpotßo? eine Pause 
anzunehmen wäre. Mit Ooißo? Arpotßoc kann man das homerische '^Ipoc Acpo^ a 73 ver- 
gleichen, ferner die Verbindungen, in welchen zwar kein Eigenname erscheint, die aber 
doch analog sind: Eur. Hei. 690 Yd[j,ov dyajjiov (Phoin. 1047 -(d^rjOQ Zoa-^d\xctOz)^ Hek. 612 
v6[jLrfT^v X dvujxcpov TcapGsvov z äTzdrJiByov, Hei. 363 5i" spy' dvspy' oXXuoat, Herc. für. 1133 
d^cöÄsiJLOv, CO irai, ttöXcjj.ov eoTZBoaaz ts^votc, Hipp. 1144 zoriiov rj.Tzoz\iriv, Iph. Taur. 566 
■z,a%Yj? Yüvawöc y/i.piv d/apcv dircoXsxo (vgl. Aisch. Ch. 42, Prom. 545 d/'irjic ydrjic) Sojjh. 
Ai. 665 £/Opo)V docopa ocopa xotj'/, öv-<^ai[xa, zu welcher Stelle Wolff anführt El. 1154 [JiT^r/;p 
d[rr^xcop, 0. T. 1214 tov dyaiJ-ov y^^-!J^^^'^- Phil. 534 dofitov £botr/;aiv. 848 uttvoc dor^voz. 
Ferner Od. '| 97 !J.'?)"Sp äjJ.'^ SuaiiY^tsp, Aisch. Ch. 315 o) ■iidrcp aivöxatcp. Abgesehen 
von dieser Verbindung kann man mit 'Acpotßoc; vergleichen Bildungen wie iluoxapt 
(Hom. r 39, N 769), KaxotXiov oü7, övo[j.aatTjV (Hom. x 260), Eur. Hek. 944 'loalöv xs 
ßoüxav ryivoTcaptv (vgl. Lobeck Paral. p. 229 sqc[.). A'foißoc ist entweder ,Unglücks- 
Phoibos' oder vielleicht noch besser ,Phoibos, der sich in diesem Falle nicht als Phoibos 
bewährte, Phoibos Nicht-Phoibos'. 

Eur. El. 1272. 

as|xvov ßpoxcitatv sOocßsc ypYjaxr^pt,ov. 

Das Epitheton sOacßs? ist hier von Vielen bezweifelt worden. Musgrave vermuthete 
c'JCcßdai, Reiske daxcßsc. jXpYjjtY^pciV quomodo cüasßsc vocari potest?' fragte auch 
Matthiae. Aber ähnlich erscheint p i u s gebraucht : Hör. carm. III, 4, 6 pios per lucos. 
Wie man hier pii luci erklärt , Haine, die mit frommen Gefühlen erfüllen', so ist /p'/j- 
GX'/^piov cOOcßsc ,welches das Gefühl frommer Scheu im Herzen der Menschen weckt'. 

Eur. El. 1290 f. 

■?:sT:p(o|X£VYjV y'^-P [Ji-oipav sxTcXYjcac cpovo'j 
sü5ai[j(.ovYjacis tcbvS' d%aXkayßBiz ttovcov. 



StUDIEX zu EuKIl'lWES. 311 

Statt tpövoo ist irovofj zu schreiben, was schon Camper vorsclilug und am Schlüsse 
des nächsten Verses ist mit Nauck rpövwv statt zovwv zu schreiben. Aus den Endwürtern 
irövo'j, ipövcov ist durch Verwechslung «pövou, xovtov geworden. 

Eur. El. 1303 f. 

ziz 5' e[JL' ÄTToXXwv, irolot ypT^ofioL 
^rMrjy z^jrji30.-i {jLTjrpl ysvsaQai; 

"Eöociav kann nicht richtig sein. Man verweist auf Orest. 192, wo aber aqxa wjz 
gewiss auch corrupt ist (vgl. die Bemerkung zu d. St.). — Dem Sinne und Metrum 
würde genügen ff^ov (vgl. 1301 (xotpav ävdY%Y]C i^z-i t6 "/pstov) ; aber die Wahrschein- 
lichkeit spricht für cOsaav, welches Verbum nicht bloss mit einem doppelten Accusativ 
(= lat. ]-eddere), sondern zuweilen auch mit dem Infinitiv verbunden wird. Vgl. Eur. 
Herakl. 990 "Hpa [j.s xdtxvsiv -y^vo' lb'f^/.z zip voaov, Find. Nem. 10, 48 Hr[t,z varpat, 
Aisch. Ag. 1036 sirst a' sÖtjäs Zc6s rj.\):fpizmc o6[j.occ xoivcovöv civai /spvtßcov ; ebend. 178 
und 1174. 

Eur. El. 1311 fi". 

xöXtv "ApYcUov ■ 

ÜP. 7,7.1 "iVsC dXXai axovayai [asiC^jU? 

'/; Y'Tjc ira-pq)7.c opov sxXs'licstv ; 

dXX' syco ol'/,a)V £^£t[i.t, icatpöc 

Die Worte iiX'/jV ort Xci'JTct TioXiv Apysüov halte ich für unstatthaft. Allerdings hat 
es seine Richtigkeit damit, dass Elektra ihre Vaterstadt verlassen soll ; aber sie verlässt 
Argos, weil sie dem Pylades als Gattin folgen soll. Kann unter solchen Umständen 
das Xciirstv 'JiöXtv Apy. als olxtpd -TCSTrovÖEVai bezeichnet werden? Es ist ja die natürliche 
und nothwendige Folge der Vermählung mit Pylades. — Ich glaube, dass die erwähnten 
Worte eine spätere Ergänzung einer vorhandenen Lücke sind. Vielleicht spricht für 
diese Annahme auch der Umstand, dass nicht tustuovÖcV sondern TrsTTOvOs überliefert ist. 
Hält man tüsitovÖs fest, so müsste im Folgenden wegen des Metrums etwas Anderes stehen 
als itXyjV 7,tX. 

Aber auch die Verse 1314, 1315 sind natürlich auszuscheiden. Sie sind eben als 
Ausführung des in den interpolierten Worten %'ki]V ozi XstXct tzöX. it. enthaltenen Gedankens 
verdächtig.^ Sie sind aber auch an und für sich schon deshalb verdächtig, weil in 
der Ueberlieferung die Worte dXX' eyco oao)v ei;si[xi iraxpoc keinen angemessenen Anschluss 
an die AVorte 7.7.1 ziv^z — e^ksiTzeiv darbieten. Dagegen kommt alles in Ordnung, wenn 
die Worte irXrjv ort — opov sy-XsiTTctv ausgeschieden werden. Dann stellt Orestes mit 



' Nach der Ueberlieferung müsste man annehmen, dass Orestes, indem er das Verlassen des Vaterlandes als grösstes Unglück 
bezeichnet, damit nach dem vorliegenden Zusammenhange zugleich auch das Schicksal der Elektra als ein überaus 
bejammernswerthes hinstellt, weil sie auch ihr Vaterland als Gattin des Pylades verlassen niuss. Kann man diese Seltsamkeit 
dem Dichter zumutheu? 



312 Johann KvifJALA. 

aW i'(M sein Schicksal passend entgegen dem Los der Elektra, das die Dioskuren 
mit den Worten xöoic £at' — xettovÖc bezeichnet haben. 

Eur. El. 1325 ff. 

()F. ßdXc. 'jrpÖGTLt'j^ov a(ö[jL7. • Oavövtoc 5' 

(bc eilt t6(jLß(p %a-a6pTjVYj3ov. 
AI. ^cö ipcö • Ocivöv x63' 5Y''iP^^'^'^ 

xai 6£otat xXustv. 

svi -(ä^j xdjxot, xoic t' o'jpaviSaic 

OP. oü%£ti o' 0'{;o[i.at. 

So schreibt man diese Stelle. Es ist aber in hohem Grade unnatürlich, dass nach 
den verzweiflungsvollen Worten des Orestes OavöVTOC 3' (bc iizi xujxßq) %aTaGpT^ v Yj aov 
Elektra schweigt und dass vielmehr an ihrer Stelle die Dioskuren sagen cpsö «psö 
%tX., während sie doch sonst in dieser ganzen Scene dem Orestes gegenüber einen 
merklich kühlen und zurechtweisenden Ton anschlagen. Die Worte (psö cps'j • 8s:vov toS' 
EYY;p6a(o passen vortrefflich für Elektra, und wirklich gehören ja nach der Ue her- 
lief erung diese Worte der Elektra; denn vor cpsö cpcO steht in C das Zeichen HA. 
So gelange ich auch hier zu dem Schlüsse, dass die Verse 1328 — 1330, die ja auch 
sonst Befremdliches enthalten/ eine spätere Interpolation sind. V. 1327 aber ist nach 
der Ueberlieferung der Elektra zuzutheilen, so dass in der ganzen Abschiedsscene 
1321 — 1341 bloss Elektra und Orestes sprechen, wie dies von vornherein als angemessen 
betrachtet werden muss. 

Eur. Or. 191 ff'. 

Ttairpocpövciü jjiatpo?. 

Aoüc ist zwar auch dui'ch die Schollen bezeugt, aber nichtsdestoweniger wol cor- 
rupt. Man sieht aus den Schollen deutlich, welche Schwierigkeit die Deutung dieses 
Wortes den alten Erklärern verursachte. Es ist wol zu schreiben af[ji,' ^^(ov, wofiir auch 
der Umstand spricht, dass dann eine genaue Uebereinstimmung des Verses 192 mit dem 
strophischen Verse 171 irdXiv dpa 7:63a aöv si'kiqc.iQ stattfindet; es ist nicht nöthig mit 
Porson und G. Hermann die Worte zu transponieren izäuv dpa [XöOsjxsva xziiizoo \\ iiöSa 
aov sOiijsi?. — Was den Gebrauch von cfSsiV betrifft mit Bezug auf den Spruch Apollon's, 
durch welchen die Ermordung der Klytaimnesti-a anbefohlen wurde, so vergleiche man 
z. B. Iph. Taur. 1283 Osa'fdxow dot^alc;. Herc. für. 403 ypYjOjJKöv o dotoo'jc und lat. 
canere, z. B. Verg. Aen. VI, 99 talibus ex adyto dictis Cumaea Sibylla horrendas 
canit ambages; Hör. Carm. I, 15,4; Epod. 13, 11; Tibull. I, 7, 1; II, 5, 16; Cic. Cat. 
Hl, 8, 18. 



' So ist ea auffallend, dass die Dioskuren zwisclien ihrer eigenen Person und den oüpaviSai einen Unterseliied machen, 
■während sie mit den Worten y.a.\ f)to\a: /.Xusiv sich so eben zu den Göttern zu rechnen schienen. Und V. IS.OG sagen sie 
bestimmt Otci; lov OvriTot; äyopEuoi. Ich halte jene Unterscheidung für ein gewichtiges, die Ungeschicklichkeit des Inter- 
polators verrathendes Moment. 



StUDIKN zu EURIPIUES. 313 



Eur. Or. 392 ff. 



ME. ■i^'x.ouaa • cpst^ou V öXi-j-axt? Xs-j-siv y-axd. 

OP, cpci5ö[jL£6' • 6 5aqx(ov 5' sc £[J.£ irXo6atOi; xaitcbv. 

Dass im Vers 393 Menelaos sagen miiss ,sei sparsam im Erwähnen des Schlimmen, 
sprich selten von dem Schlimmen' ist klar. Aber die Ueb erlief er ung <p£c5o'J ö/vtyd^i? 
Xsystv würde gerade das Gegentheil bedeuten, da ja cpstoojxat, mit dem Infinitiv 
bedeutet ,sich etwas ersparen und es nicht thun -^-- etwas unterlassen' (Fiat. ßep. IX, 
574 B; Xen, Kyr. I, 6, 35). Man ersieht auch aus den Schollen, wie sich die alten 
Erklärer abmühten, eine Erklärung der unmöglichen Construction zu finden. Ein Scholiast 
wollte bei dem Infinitiv (octs ergänzen (Xstirst to (oazc) ; ein anderer erklärte -r^yo^jv y^ 
rp£iO(b |r/j dX^ xiz £ax(o aoi '/j xö Xsyctv td xa%d öXt-j-avitc. Wiederum ein anderer Erklärer 
wollte den Infinitiv in imperativischem Sinne auffassen (ki^(ziv. Hi'kz }.i-[Z'.v, dvci toü 
XsY^)- Unter den neueren Erklärern meinte z. B. Klotz, der Infinitiv bei 'fziozoHrxi könne 
entweder affirmativ oder negativ aufgefasst werden ; hier sei der Infinitiv affirmativ : 
,hic per adfirmationem adiungitur id, quod ex illo 'f£c5o(j evenire debebat, ut sen- 
tentia haec sit: ita parce verbis, ut paucies — utor enim docendi causa hoc 
verbo ■ — mala tua commemores'. Aber den Beweis dafür zu liefern, dass 
jemals 'fct^ojJLai irotsiv die hier geforderte Bedeutung gehabt habe, ist schlechterdings 
unmöo-licli; 'fsioeabai ist seiner Bedeutung nach ein fj-Tzi-fZoHai und somit könnte cpstöri'j 
rjXiyh^ic XsYStv niemals bedeuten ,t rächte selten zu erwähnen'. Man vergleiche den 
ähnlichen Gebrauch von parce re im Latein, z. B. Verg. Aen. III, 42 parce pias scele- 
rare manus, Bucol. III, 94 parcite oves nimium procedere, Hör. Sat. II, 2, 58 parcit 
defundere vinum. 

Der Fehler der Ueberlieferung ist durch Aenderung von Xsysiv in ^sycov zu besei- 
tigen. Liest man cpstoo'j 5' öXtYd%tc Xs-j-cov xaxd. so besteht eben die Handlung des cpsc- 
5ca6a'. in dem öXri-d^t? Xs^scv %a%d. 

Eur. Ion. 912 ff. 
itb xaxöc cuvdxtof*, 

hc, XCt) |X£V £[JLO) V'J|XCp£6tCf 

)(dpiv o'j 'jTjJoXaßcov 

%WJi £IC OWO'JC V.y.iC,ziC • 

oiwvoic £pp£t a'jXa6£ic, ol%£ta 
andpyava [xax£poc £^aXXdi;ac. 

Die letzten drei Verse bieten erhebliche Schwierigkeiten dar. Sowohl im V. 916 
als auch 917 ist ein metrischer Fehler. Den ersteren hat man frühzeitig durch Ein- 
schiebung eines y' nach aöc zu beheben gesucht. Wilamowitz : ,aöc dfxaÖY)? PC. y 
inserit c'. Im V. 917 will man dem Metrum durch Tilgung von &lx£la aufhelfen. Zu 
diesen zwei metrischen Fehlern der Ueberlieferung kommt das sprachliche Bedenken, 
welches in '(evizac, liegt. 

Es erscheint überhaupt unglaublich, dass -(B^izac jemals in guter Gräcität neben der 
Bedeutung , Erzeuger, Vater' auch die Bedeutung ,Sohn' hätte haben sollen. Vollends 

Denischriften der phil.-hist. Cl. XXIX. B.l. -i*^ 



314 Johann KviCALA. 

aber muss man mit Entscliiedenheit behaupten, dass ein und derselbe Autor dasselbe 
Wort in zwei so völlig entgegengesetzten Bedeutungen nicht gebrauchen konnte und 
dass dies Wort bei Euripides nur den Vater bezeichnet: Troad. 1288. 

Kfjövcc, xpütavt (DpäyiE, yevsTa 
TzrXzzp 

Orest. 1010 S. za izrjyölszaza 5' 

Auch Ion. 1130 stimmt damit überein; denn mit y^vstat? OcOiatv sind ,die zeugenden 
Götter' (qui proli creandae favent) gemeint. 

Nun beruft man sich freilich darauf, dass auch Sophokles einmal das Wort ysvsxTj? 
in der Bedeutung ,Sohn' gebraucht habe, nämlich Oid. Tyr. 470 

z'jpi 7.7.'. STcpoTral; i A'.ör -(zvizrj.z 

Aber auch hier ist wol nicht '(Bvizaz echt, sondern es ist '[Bvezrlc, oder jcvsäc zu 
lesen; vgl. die Bemerkung zu dieser Stelle. 

Nimmt man nun an, dass auch an unserer Stelle in dem überlieferten yayizo.z das 
echte YSVctäc oder -^BV^rlQ enthalten ist, so ist natürlich auch sofort k\).6c und aoc in i\i.äQ 
und aä? zu ändern, und es ist kein zu verachtender Beweis für die Angemessenheit 
dieser Conjectur, dass durch, dieselbe sofort das Metrum des Verses geheilt wird; 

6 5' sjjLäc YSVcöti; (oder Ysvsrä?) v.al aäc ä|xa6YjC. 

Was den Genetiv betrifft, so vergleiche man bezüglich dieser Construction die Be- 
merkung zu Sopli. Oid. Tyr. 470. Die Entstehung der Corruptel ist bei dieser Conjectur 
leicht erklärlich. Die Construction wurde niclit verstanden und durch i fühlte man sich 
versucht in ysvstäc (ycVcäc) ein masculines Substantiv zu suchen, und so kam man auf 
ys^izac, und die dadurch nothwendig gewordenen Aenderungen £[jiöc und jo;. Später 
suchte man den metrischen Fehler durch Einschiebung von y' nach aoc zu beheben. 

Ich nehme hiebei an, dass das einige Schwierigkeiten verursachende d[JLa67]<; echt ist. 
Dies Wort wurde erklärt entweder ,matrem ignorans' oder in j)assivem Sinne ,ignotus'. 
Dass die erstere Erklärung absolut unstatthaft ist, kann nicht bezweifelt werden, da das 
blosse a^afj'qc doch nicht ausreicht, um ,matrem ignorans' zu bedeuten. Man muss 
d.\j.rj.H'qz in passivem Sinne nehmen von dem Kinde, das spurlos verschwunden ist; 
vgl. 345 ff. 

IßN. i ?y kv.zs(iaic Tzaic xoö 'ativ; claop'^ «fdoc; 

KP. oox oiosv oü^si;;. zaözr/. %at [jLavts6o|i,at.. 

lliN. El 8' oöxiz äjzu zivi rpöircp o'.syfJdpY^; 

KP. Ötjpdc GCfc zbv ouarr^vov iXizlC^i xTavstv. 

IQN. TTOttj) ZÖO SyVOi /p(OjJ.£VY^ t£%|JLY;ptCp; 

Kl*. sXOoOa' i'v' aozby ic,iHr^%, o'j/ £up' ezi. 

IßN. -^v rji Qza\a-(\i.bc. sv arc|3q) ziq ai^xazoQ; 

KP. 00 (pTjat. • v.rj.iz'ji TcöX). STzz jzrjd'ffj -jräoov. 



Htuuikn zu KijiuiuDi:;-. 'dlb 

Bezüglich der Bedeutung kann man darauf hinweisen, dass auch sonst die active 
und passive Bedeutung bei einigen Adjectiven vereint sich findet. So bedeutet är^ywQ 
ungekannt und unkundig; ebenso hat aYVwatri? passive und active Bedeutung. 
"Aloroi ist activ Eur. Troad. 1314 

äzrxQ i\mQ äiazoc sf 

vgl. ebend. 1321 •, daneben gewöhnlich passiv , ungesehen, verschwunden'; ebenso airuaxoc 
activ Hom. Od. 5 675, s 127, passiv Od. a 242 Soph. Oid. Kol. 490; äizzoWfi activ 
Od. Y 184, passiv y 88. — Auch im Latein findet sich ignotus in passivem und 
activem Sinne, letzteres freilich selten. Namentlich aber kann man ignarus und 
nescius vergleichen, welche Wörter neben der gewöhnlichen activen Bedeutung auch 
die seltenere passive haben,' während bei äyvoK, ayv^aioc und den anderen erwähnten 
Wörtern das umgekehrte Verhältniss sich findet. 

Im V. 917 hält man oixsla für interpoliert. Diese Ansicht halte ich nicht für walir- 
scheinlich, da sich eine Ursache für die Interpolierung dieses "Wortes nicht ausfindig 
machen lässt. Höchstens könnte man annehmen, dass irgend ein echtes, ähnlich klingendes 
Wort durch oi%=la verdrängt wurde, und man könnte vielleicht an saata oTZÖs/crrj. denken 
in dem Sinne, dass Kreusa bei ihrer heimlichen Niederkunft das erste beste, was sie 
gerade zur Hand hatte, als aTrdpyava verwandte; vgl. 955 

Indessen ist es, glaube ich, nicht einmal nothwendig or/.sla zu verdächtigen. Es 
findet seine Erklärung darin, was Kreusa V. 1417 ff. mittheilt: 

KP. a%s4'aa6' o xaic iroT oua' ö^aajx '3(pYjv' syfo. 

IQN. Ttotöv Tt; TzotCka. 'jrapösvcov 6(pda[xa-:a. 

KP. o'j xsXsov, otov 5' s%ot57.Y[j.a xsfxiSoc. 

[QN. [J-opcf/iv iyov xiv'; (oc |xs [xy; zwjz-f^ Xdßr^?. 

KP. FopYÖJV [J.SV £v [jLsa&iatv r^Tpioi? irsitXwv. 

IßN. to ZcO, -iz Y/|J.'i? kY.y.'JYfj'(ezs.i TrötiJLOc; 

KP. vtcXfaairsoojta'w 5 orpsacv aiYtooc -^oottov. 

liiN. loo'j. 

z6?y £a6' ij'fo.'Z\xa Oz.a\xd h\ (öc £'J[j{3%o[jl£V. 

Es waren also die OTcapY^-^va, in welche Kreusa das Kind einhüllte, ihrer eigenen Hände 
Werk, und demnach ist oixc'.a nicht nur nicht unpassend, sondern sogar hier bezeichnend. 
Damit stimmt auch der Umstand überein, dass Kreusa auch ihr eigenes Halsband dem 
Kinde mitgab ; vgl. 26 f. 

dXX' f^v siys irapBävoc yXcoY^v 
Tsxvcp irpoad'laa' sXtiraV mc 6avou[j.svcp 
und 1426 ff. 



Vgl. Gellius N. A. IX, 1-2, 18 ff.: ,Xescius quoque dicitur tarn is, qui uescitur, quam qui nescit, Sed super eo, qui nescit, 
frequens huius voeabuli usus est, iufrequens autem est de eo, quod nescitur. Ignarus aeque utroqueversum dicitur, non 
tantum qui ignorat, sed et qui iguoratur. Plautus iu Rudente: Quae in locis nesciis nescia spe sumus. Sallustius: More 
humanae cupidinis ignara visendi. Vergilius: Ignarum Laurens habet ora Miraanta. 

40* 



3]^(j Johann KvICai.a. 

Da nun aber doch im V. 917 des Metrums halber eine Athetese vorgenommen 
werden muss, so scheint kein anderes Wort als oicuvoic getilgt werden zu können. Dies 
Wort ist nicht nöthig, da nach dem Context aoXaBziQ vollkommen verständlich ist; denn 
schon im V. 902 tt". sagte Kreusa : 

rjl'[j,oc [xrii ■ v,rj.i v6v £ppct 

TzaiQ [xr/i ysjx obQ x^dji-cov. 

Ich nehme an, dass jemand, sowie im V. 902 f. mit sppe: dpirr/aOstw das Wort 
Tzzayrji- verbunden ist, auch im Y. 917 zu den Worten sppsi afjXaOstc als Erklärung 
ouovoic hinzufügte, was dann in den Text gerieth. 

Es ist also nach meiner Ansicht zu schreiben: 

6 8' i[x0.c ysvcxäi: (oder •(zvzO.z) y-ai aäc ä|xa67j? 

airdpyava [xarepo? iq,a\)AcrxQ. 

Dass das Nichtvorhandensein der Diaerese in Klaganapästen keine seltene Erscheinung 
ist, ist bekannt (vgl. Christ, Metrik »S. 275 f.). 

Eur. Androm. 163 ff. 

Tjv S' ouv ßpo-töiv zlc, a' -i^ 6£cbv acbaat bik-Q, 
Set a' dv't. -cöv xplv oXßüov cppovr^jj-dTtov 
Turrj^at, zaTcstVYjv irpooTCcOsiv x' sjxov y^'i'f^, 
aatpciv IS ooj[j.a toüij-ov ex )(p'ja7jXdt(ov 
tsuyscov yspi OTCctpooaav AycXciiou Spoaov, 
yvcövai 0' i'v' si y/;;. oö ydp sa6' "Ex-top Tdoö, 
oO llptaiJ-or o'j^s yrj'jziz. afX FJXäc tJjLiz. 

Unrichtig ist Wecklein's Behauptung, dass im V. 169 oöSs ypoaöc , sinnlos' ist. 
Freilich haben auch bereits vor Wecklein manche Kritiker an ypcjaö»; Anstoss genommen. 
So conjicierte schon Valckenaer o6o£ Tptpdr luid Härtung o653 Mfjoti, um einen Gegen- 
satz zu EXXd; TzrjXic zu gewinnen; und von derselben Anschauung geht auch VVecklein 
aus bei seinen Conjecturen q'j Op'jycbv i'.c und jetzt (Studien zu Eur. S. 365) o'jos (l)p'JYt.oc, 
denen gegenüber man sich ablehnend verhalten muss. Von einem anderen Gesichts- 
punkte giengen Markland und Herwerdeu aus, von denen der erstere 6 Cdxp'JSO;;, letzterer 
iroXäyptjaoc vermuthete. Es ist zu bedauern, dass die eigenthümliche Kraft, die in 
dem kurzen Ausdruck oüSs xpuao? liegt, nicht von allen lebhaft gefühlt wird. Plermione 
will sagen ,hier ist nicht der Ort, wo du in Gold schwelgen könntest, wie es in Troia 
der Fall war', und es schliesst sich der Ausdruck O'jos yyjoöc, als eine genauere Bezeichnung 
des früheren Wohlstandes und Glückes an die Worte oö yo^p £"3^" "Exrcop -cdSc, oü llpia[xo? 
an. Dies ist viel kräftiger als die scheinbare Verständigkeit der Conjecturen Tp(od;, 
M'jatc und ähnlicher Vermuthungen, durch die dei- Gegensatz zu 'EXXdc ttöXic hergestellt 
werden soll. — Wie beliebt ,Gold' ist als besonders charakteristisches Merkmal des 
üebcrflusses, ist bekannt, ^■gl. Androm. 2 o'jv TToX'jyp'jaco X^-'^'(l- El. 175 ff. oü% £7c" 
a:(\rjxrjxz, (ftXai, Ou(xöv oöo sici -/pucjäot? öp[JLOia:v irc-6ta[JLaL td/.acv" (Worte der Elektra) 
und ebend. 191 f. 



Studien zu Euripides. 317 

Uebrlgens hat Musgrave gerade auf den Goldreiclithum Troias hingewiesen und ver- 
glichen Troad. 994 f. «Pp'jywv tcöXiv Xp'Jaco pso-j^r/v, wozu ich hinzufüge Hek. 492 f. 

oOy 'f/i ^j:/rj.ozrj. -d>v '::o/.'j/p'ja(ov '1)(j'jywv, 

0'>/ TjOS lIpid[JLO!J TOO |X3y' Ö/.ßtO'J 3d[X7.fi •, 

Troad. 48 f. -itoÄ'j? §s XP'-*^^--^ «Pp'JYta xs a%'j).s6|j.ara 

■üpö? vaü; 'Ayauöv TrijXTCs-ca'. 

Von der grössten Bedeutung aber scheint mir bei der Vertheidigung der hand- 
schriftlichen Ueberlieferung der Umstand zu sein, dass auch an zwei Parallelstellen bei 
Euripides in derselben Phrase neben dem Eigennamen der Person ein dem i9^QrjC, unserer 
Stelle entsprechender Ausdruck sich findet, nämlich Kyklops 03 ff. 

o6 zd^s BpöjjL'.oc, o'j Tdos /opol 
Bd-A/at -z O'jpao'föpoi, 
o'j z'j\}.rA-t(nv ä'/sjXrj.'di.rt!.^ 

■Krj-r^vai^ xap" 'jopo/ÜTOtc, 
o'J 5tvs6[j.axa N'j[X'^dv 

und ebend. 204 f. zi ßa^/'-dCs-:" : oO/i Atövuaoc xd^s, 

oü xpötaXa yaX/,or3 x^ix-jcdvojv t' dpdYjj-ara. 

Eur. Hippol. 101t; ff. 
£Yw 5 dYÄvac |JL3V xpatciv 'E>.AT/,'t'ÄOUC 

TtpO)tOC 6s/.0'.|x' dv. £V TTO/.S'. ^S ^S'JXcpO^ 

O'JV TOic dptaiotc E'JX'j/öiv dst riOvOt,?. 

TCpdaastv xs y^^-P ''^dpsa-i, xivo'jvo^ x' d^tov 

^pstaaco ^j'jjoyoi xr;c xopavvt^oc X^^P'-''- 
Kirchhofl': ,Trpdaasiv xs y^A*^ Tidpsaxi [AJ b c Tcpdaasiv y''^'^ £'J irdpsaxt, B cum ceteris'. 
Ich glaube, dass an dieser Stelle gar nichts zu ändern ist, wenn man nur im Y. 1019 
die ebenfalls handschriftlich überlieferte Leseart Tcpdaascv Y^^-p ='J rArjZzzi annimmt. 
Die Aenderungen, die man für icdpsaxt vorgeschlagen hat (F. W. Schmidt entweder 
Tidvx' £C3Xi oder xdpsaxd) beruhen auf der Verkennung des vom Dichter offenbar beab- 
sichtigten Gegensatzes zwischen irdpsaxt, welches Verbum hier ja nicht ,licet' 
bedeutet, sondern ,adest', und dirtbv. Sobald man aber diesen Gegensatz annimmt, so 
muss man nothwendig auch Tipdaastv '(arj z-j lesen. Diese Leseart empfiehlt sich aber 
auch bei genauerer Erwägung des Zusammenhanges mit den vorausgehenden Versen. 
Hippolytos wünscht für sich in der Stadt nicht den ersten Platz, aber er will auch nicht 
unter den letzten sein. Er will Ssöxspoc sein und sich so eines ungetrübten, keiner 
Gefahr ausgesetzten Glückes erfreuen. Derjenige, der o£6x=po; ev itoXcL ist (wie es Hippo- 
lytos als Königssohn gegenüber dem -jrpwxoc, dem König ist), erfreut sich des Glückes 
(irpdaasiv e'j a-jx« TrdpE3X'.) und andererseits kennt er nicht die Gefahr, der die x'jpavv.; 
ausgesetzt ist (xivouvoc drE^xiv), und so ist sein Loos behaglicher als das des Königs. 

IlpdcoEiv e6 weist zurück auf Z'jz'x/slv im vorausgehenden Verse, und dieser Zusammen- 
hang ist eine sichere Gewähr für die Eichtigkeit dieser Leseart. Die andere Leseart 
zpdosE'.v XE Y'^p ist wol dadurch entstanden, dass man durch die Partikel xs m den 



31 y Johann KviC;ALA. 

Worten xtvSuvoc t' diccov sich verleiten liess, ein correspondierendes xs auch in den voraus- 
gehenden Satz einzuführen, wobei dann su weichen musste. Diese Annahme wird auch 
dadurch unterstützt, dass in der Aldina und Florentina ein anderer Versuch gemacht 
Avurde, um das alleinstehende t£ zu beseitigen, nämlich 'Ktv^'jvoc 5' ä-retov. 
Einigermassen kann man mit unserer Stelle vergleichen Ion. 621 ff. 

zb JJ.SV TzpöotoTzo^/ rfi'j, xdv h6\).oiat M 
/.'jxr^pd • ~ic. ydp [laxdjjioc. zlc eö-'r/riQ, 
'iozic osootxwc '/tat irapaß/.s-JTcov ßt'oo 
aubva t£CV£i; oy^jjloxtjC dv a'jzoy'qc 
Cr^v dv OsXoqjLt jxdXXov y^ rupavvo? (ov, 

tj) roäc TCOVYjpO'JC -qrirjYfl (p'ikoOQ e)r£iv, 

eaÖXooc 5i [xtasl xarÖavstv (poßoujxsvoi;. 

Eur. Hei. 127 tf. 

EA. o'j iräat. TropBiAÖc aöro? Apyctrjtaiv y;V ; 
TEr. Y;V, dXXd -/EtiAcbv dXXoa" dXXov (opiasv. 

EA. Tuotocatv SV vcöxoiat, Tuovtcac dAoc; 
TET. [jLsaov Ttspcbai ics^ayoc Alyato'j xöpoc». 

Wenn man auf die Bedeutung von öSptcisv genauer eingeht, so wird man wol gegen 
die Richtigkeit dieses Ausdrucks Verdacht — und wie ich glaube, einen begründeten 
Verdacht — schöpfen. Von den zwei Bedeutungen des Wortes, die hier überhaupt in 
Betracht kommen könnten, nämlich 1. durch eine Grenze absondern, 2. bestimmen, 
will hier keine passen. Wenn man nämlich auch sagen wollte, dass aus der Bedeutung 
,durch eine Grenze absondern' sich die allgemeine Bedeutung ,trennen' entwickelt habe, 
so würden wir doch in diesem Falle etwa eine solche Construction erwarten, wie dXXov 
d-ic' dXXou cbpiasv wie Eur. Hek. 939 f. etcsi vöaxqxov yaöc, i-dTqaey Tiöoa xai [x' dirö ydc 
öiptasv 'Ykidorjc. oder optCstv xtvd xtvoc (separativer Genetiv) wie Soph.. Phil. 63,5 f. 

icsXayoc öpcC'/j xy^<; 'O^oaasfOi; vstöc. 

Wollten wir aber bei der Erklärung die Bedeutung ,bestimmen' zu Grunde legen, 
so ist wol die Construction ,jeden anderswohin bestimmen und demzufolge jeden anders- 
wohin bringen' (wenn man auch von der kühnen Personification des )(£t[JL(ov absehen 
wollte) eine nach unserer modernen Ausdrucksweise mögliche ; im Griechischen war wol 
in diesem Sinne dXXov dJAoac optCstv unzulässig. — Ich vermuthe, dass zu schreiben ist 

YjV, d/Jvd ysijxcbv dÄ/,03' dXXov (bp[]x]'.acV. 

Vgl. z. B. Soph. Phil. 546 

xüy'o 5s 'nrtoc xpoc xotoxov öp[jLta6sic xsSov. 

Bekanntlich ist es eine häufige Erscheinimg, dass in den Handschriften ein Buch- 
stabe ausfiel. Vgl. Eur. Or. 1256 axaOstc iizi <yo[{]vtrjv atixa. Med. 1253 'fo[t]v{av, Alk. 
119 [xöpo? ydp d':röx[o][xo? zXdOst, Ion. 920 cpowi[%]a Tiap' dßpoxö|xov (Emendation von Bro- 
daeus), Iph. Taur. 950 sv xaöxcp [ajxsys!., Hiket. 131 



Studien zu Euripidbs. 319 

ebend. GGO xpr^VT^v xap' a'jTYjV 5' "Apsoc tirTCÖTr^v oy[X]ov. 

Ipli. Taur. 1018 tü(ö? orjv y=vou' av (öa-ce [xr^fi' 'fi\mc 6avstv, 

Xaßciv 0' 7. ßo'jXoiJLSsOa : r?jOi ydii vo[a]£i 
vöoToc Tcr/ciZ oiVj'Ju • Y^ o£ ßo6).Tjatc irdpa 

wo Markland vöst in voast verbessert hat. 

Herakl. 107 f. ^ a^-^^v asaiav 

[j.c6ctvat TTÖXs: qsvcov ';Lpoax[[j]o7udv, 

wie Canter das überlieferte xpo? lo TzOy emendiert bat. 

Besonders aber vergleiche man Ion. 406 

iratScov ÖTüfo; vwv aT£p[j.a aü'(v.aMpz.-a.i 

wo Wakefield o'r(v.rjr/.fjr^azz'j.i verbessert hat, und das Vorkommen von atsysiv für aTäpycW, 
wie Soph. Oid. Tyr. 11 azi^rjyzac in mehreren Handschriften statt des erforderlichen 
oTsp^avTsc steht. 

Für Tcsptbat schlägt Wecklein (Studien zu Eur. S. 371) irspöivzac vor, was wol auch 
eine nothwendige Emendation ist. Indessen ist zu bemerken, dass es Wecklein's Auf- 
merksamkeit entgangen ist, dass diese Aenderung bereits in Nauck's Ausgabe in den 
Test aufgenommen erscheint. 

Eur. Hei. 459 tf. 

ME. zic, r^j=. yM^^J.- zoö os ßaaiXixoL ?j6[).oi-^ 459 

rP. llpwTc'JC zdo otxsi rm^xaz, xViYUXtoc 5s y^;- 460 

ME. BGZ rjuv £V oiVjtc ovtiv' ovriptdCstc dvat; 465 

rP. xöo' sGzlv rj.özriö \xTq[xrj.. Tzaic 3' dp/st yßowÖQ. 466 

Olxsl im V. 460 ist unmöglich, da Proteus todt ist. Die Conjectur aber, die zunächst 
zu liegen scheint, nämlich tjjxs!, (Kirchhof'), ist nicht zulässig. Denn wenn die Alte 
q')%st gesagt hätte, so wäre in dem Tempus ja eine offenbare Hinweisung darauf, dass 
Proteus jetzt nicht mehr dies Haus bewohnt, und Menelaos könnte nicht fragen 
V. 465 £ax' o6v sv ol^otc ovxw' övo[j.dC£tc dvae, Es muss vielmehr im V. 460 Euripides 
etwas geschrieben haben, wobei die Frage des Menelaos 465 möglich war, und dies war 
ohne Zweifel ein ähnlicher Ausdruck, wie in der Parodie des Aristophanes Thesm. 874 
Ilpco-:3(oc zdo iozi [JLSÄa6pa. Darnach stellte Kirchhoff die Vermuthung auf Ilp(D-i£coc Td5' 
zazi oo)[j.a''. Diese Vermuthung gibt den richtigen und erforderlichen Sinn, aber sie ist 
äusserlich nicht wahrscheinlich. Wie soll daraus die corrupte Ueberlieferung entstanden 
sein? Ich vermuthe 

Hpforscoc zdo oiWov OM^iaz, Ai-^otzzoc o£ yf;. 

Für die Synizese in llp(o-£OK bietet eben die Stelle des Aristophanes und Hei. (!4. 542 
ein Beispiel; bezüglich der Häufung der Ausdrücke oi%(ov höi\i.aza aber vgl. Eur. Alk. 248 
{jLcXdepwv a-sya?, Kykl. 118 oziyj.c, oö[j.oiV, Aisch. Ag. 957 £i[j.' zc 5ö[x(ov pXaepa (etwas 
anders Aisch. Ag. 851 ic [XE^aOpa xaL 56[xo(Jc kwzaziooz). 



320 Johann Kvif'ALA. 

Die Alte konnte, obzwar Proteus nicht mehr am Leben war, den Königspalast doch 
als Haus des Proteus bezeichnen, da nach der offenbaren Voraussetzung des Dichters 
Proteus vor nicht langer Zeit gestorben zu denken ist, da das von Theoklymenos pietätsvoll 
vei'ehrte [XVY^|xa (1165 if.) an den früheren König erinnerte und da Proteus ein berühmter 
König war, Uebrigens sagt Euripides auch El. 1280 Ilpcoxsfoc -(ärj z% !5ö|X(ov rjv.si (nämlich 
'EXevtj) XiTzctöa Ai'yuxtov. 

Wenn nun aber die Alte Ilpcotscoc tüZ' oI'äcov 3(0|xat" sagte, so konnte Menelaos diese 
Worte so verstehen, als wäre Proteus wirklich noch am Leben. Darum seine Frage 465, 
darum fand aber auch Aristophanes in diesen Worten einen Anlass, diesen Vers zu 
verspotten Thesm. 874 ff.; denn wenn man den strengen Wortlaut berücksichtigt, so 
enthalten allerdings die Worte llpojtscoc tdo' oi'xcov 0(6|xar' mit Rücksicht darauf, dass 
Proteus nicht mehr am Leben ist, eine Ungenauigkeit. 

Eur. Bakch. 821 ff. 
iAL ozzikai vov dfx'ft. XpoKc ß'jaatvo-jc ttsttXo'jc. 

DE. ZI 07^ töo ; sie '(OVj,i%rj,Q sc rjyrj^jrjQ töXtÖ ; 
AI. [JLTJ Oc %xdVÜ)aCV, -fjV dVTJp h'fb'QQ SXcl. 

IIE. £u y" £?itc.c aüTo v.ai xiQ el xdXai av-fÖQ. 
AI. Atöv'jooc rj\xrj.Q £2£(j,o6a(oacV tdoc. 

Im V. 824 fällt irdXac auf und man begreift nicht, wie Pentheus von dem Fremdling, 
den er doch an diesem Tage zum ersten Male gesehen hat, sagen kann %at zic ei TrdXai 
arj^6Q. Vielleicht xac Tokaiaz-qz si aotpöc, wie es Soph. Phil. 431 von Odysseus heisst 
aotfbQ TiaXaiüzr^c xstvo?. Ich nehme an, dass aus icaXat.axYj? sf zunächst durch Itacismus 
wurde xaXataxtc bI, dann, um doch einen Sinn zu bekommen, TudXat ziQ zl und durch 
Transposition zic. =.1 TcdXai. 

Eur. Bakch. 982 ff". 

|xdtYjp TTpÄrd vtv Xc'jpdc dxö itstpac r^ 

^oxsacivxa, Matvdatv 5' diruast. 

Zu dieser Stelle bemerkt Wecklein (Studien zu Eur. VII. Suppl. der Jahrb. f. Phil. 
S. 369): ,Was soll hier axöXoxoc bedeuten? Wie soll Agaue auf einem Pfahle stehen? 
Könnte axöXot]; ,der Baumstumpf heissen, dann würde es noch einen Sinn haben'. 
Wecklein schlägt sodann vor entweder yj o^ottsXou oder als näher liegend 

jxdtY^p TTpÄxd vtv Xc'jpdw ä.Tzb nETpac, -q 
av.i7zt\<-jc. rj'hezr/x 

was bedeuten soll ,von einem weiti-agenden Felsen, wo man eine weite Umsicht hat'. 
Sehr auffällig ist hiebei die Voraussetzung Wecklein's, dass dicö Tcstpac i^ ay,öXoiroi; 
zu l'i^ezai gehört, während diese Worte vielmelir mit ooitc'jovra verbunden werden müssen, 
wie sich aus der Vergleichung von 1061 f. ergibt. Es lässt sich nämlich der Paralle- 
lismus zwischen 982 ff. und zwischen den Worten des Pentheus (im Berichte des Boten) 

o-/6ov 3' EX£|xßd? Yj sXdxYjV o^a'r/zva. 

löottJi' dv öp6{ö? Ma'.vd^diV aia)(poupY{av 
nicht verkennen. 



Studien zu Euripidbs. 321 

Auch geht ja aus der Erzählung des Boten hervor, dass die Bakchen mit der Agaue 
in einem Thale waren und von dort aus den Pentheus erblickten, nicht aber von einer 
Höhe; vgl. 1051 ff. 

iccüxaiat ausxidCov. £v67. Matvd5=c 
und I0i»3 ff. ^td 5s ycCixäpprvj väirr^r 

Was die Conjecturen Wecklein's betrifft, so wären dieselben nicht annehmbar, auch 
wenn die Stelle corrupt wäre. Bestechender könnte Nauck's Vermuthung s'jO'/toTCOC 0']/ctai 
erscheinen. Aber bei dieser Conjectur scheint Nauck wol auch unrichtig Xsopdc a%b 
izi-rjaz mit 'i'hzzai zu verbinden. Wollte aber Nauck diesen Ausdruck mit '^ozs'jovta 
verbinden, so würde seiner Conjectur dann das Bedenken entgegenstehen, dass vom 
Chor gerade etwas, was nicht in Erfüllung gieng, vorausgesagt würde (nämlich dirci 
Tzizoac 5oy.3UcW). Pentheus sah von einem hohen Baume spähend herab (1061 ff.) und 
gerade dies richtige Moment in der Voraussagung des Chors wird durch Nauck's Con- 
jectur beseitigt. 

Allerdings kann der Ausdruck aitöXoTCOC auffallend erscheinen und ich würde auch 
der hier anzunehmenden Bedeutung ,Baum' gegenüber mich misstrauisch verhalten, 
wenn nicht das lateinische stipes eine Analogie darböte. Audi stipes findet sich, 
wenngleich selten, in der Bedeutung ,Baum', wie Ovid Fasti III, 37 f. 

Martia picus avis gemino pro stipite pugnant 

et lupa. Tuta per hos utraque palma fuit. 

Ovid Ibis 235 f. lamque recessurae viridi de stipite factas 

admorunt oculis usque sub ora faces. 

Fragt man aber, warum der Dichter diesen immerhin seltsamen Ausdruck für ,Baum' 
gebraucht habe, so könnte man darauf vielleicht antworten, dass er den schlanken, 
hohen' Baum damit in absichtlich geheimnissvoller Weise bezeichnen wollte, wie 
denn überhaupt das dem Pentheus bevoi-stehende Schicksal in diesem Chorliede in 
unbestimmter und geheimnissvoller Weise angedeutet wird. — üebrigens ist zu bemerken, 
dass z. B. auch irröpQoc V. 1107 in einer ungewöhnlichen Bedeutung vorkommt 

sXsi "AyauT; • 'fspe, -ircf/ia-daat %'>aX(|) 
TiTÖpÖou XdßeaQc, Matvdosc, xov d'(j.ßdrrjV 
6f;p MC, £X(o[X£V, |JL'/]5' d-iiaYYStXY; Bsoö 

yrjprjÖQ xp0(frj.irjoc. ol 0£ jJLOptaV "/SpC. 

■Tcpoasösaav kXdz-Q ^rj.^avioizr/.o'jy yOc-voc. 

Eur. Herakl. 691 ff'. 

10. [XY( xoi jj.' £p^J%£ 5pdv irap£ax£'jaa[JL£Vov. 
0E. Spdv [J.£V oö 'i' o'jy oiöc t£, ßo6X£aOai o l'atoc. 
[(). WC jj-Yy [XEVoövra tdXXa aoi ki-(z.iy irdpa. 



1 V. 1061 iXa-cnv üAxüvEva. — 1064 EXotTri; oupav.ov azpov zAaoov. 

4.1 
Denkschriften der phil.-hist. CT. XXIX. Bd. 



322 Johann Kviöala. 

,|JLSVoöVTa [B] |j.£Voövt:a C sec. Victorium et ap. Par. alterum . scribendum 6')^ [x' 
Ofj jxsvoOvra'. Kirclihoff. ,jJLSVoövta PC. |X£VoOvxoc C^' Wilamowitz (Anal. Eur. p. 18.) 
Nach Kirchhoff's Conjectur wird das manchen bedenklich erscheinende [xYj durch ou 
ersetzt vind zugleich zu jJLcVoüvca der Subjectsaccusativ [ic gewonnen. Jedenfalls wäre 
diese Conjectur weit vorzuziehen der von Badham aufgestellten zd^id aoi, welche Aen- 
derung übrigens schon von Reisig vorgeschlagen wurde. Wenn nämlich auch zuweilen 
zo £[xov, za. £[xd statt syd) zu stehen scheint, so kann man doch nicht beliebig diese 
Ausdrücke für Z'(m gebrauchen, sondern nur in einem passenden Contexte, der diese 
Anwendung zulässt; es erlischt ja nie die eigentliche Bedeutung von zb £[x6v, za. £|xd 
ganz. Vgl. Kühner Gramm. IP, 228. Aber einen Ausdruck za £[xä [X£V£'. anzunehmen 
in dem Sinne von iyd) |X3V0) ist absolut unzulässig. 

Man erwartet an dieser Stelle eigentlich 

Bei dem Genetiv des Particips mit mc ist die Auslassung des dazu zu ergänzenden 
Personalpronomens ganz gewohnlich, während bei dem Accusativ des Particips avoI der 
Accusativ des Pronomens nicht fehlen könnte. Vgl. Xen. Kyr. III, 1, 9 dXX' epcöxa, 
s^Y], (0 Köpc, ZI ßouXst, coc zakrfi'Q spoüvro? (sc. £(-1.00), VIII, 4, 27 (öc dva[X£Vo'öVTOC v-ol 
oov. diro6avo'j[X£Vou (nämlich [xou) o'jto) 'jrapa.a%£'jdCo'j, ebenso IV, 5, 29; VI, 1,40. Plat. 
Charm. 176 B (öc dxoXooÖ'/^aovroc, £'fT^. '»c/i \xr^ d'7r''jX£!.'];ci[X£vr>'j und ebend. C (ö? ßca30|X£V0'j. 
ßep. 327 C (öc roivuv [xr^ d%ouao[X£V(ov (nämlich Tj[X(öv) oütco o'.avo£ia6c. 

Aber [xy^ (statt des gewöhnlichen oü) braucht wol nicht beseitigt zu werden. Vgl. 

Kühner Gramm. IF, 755 (§. 515, o). Und so scheint es am gerathensten nach C^ zu 

schreiben 

(öc [XY; [X£VoöVTOc zrjXKa 301 ki^Biv Tcapa. 

Mit der ablehnenden Phrase z^KM. aoi ).£Y£IV -irdpa (mit welcher man zu verstehen 
gibt, dass man die betreffende von dem anderen gemachte Vorstellung nicht wieder 
hören wolle, dass man dagegen bereit sei anderes, was der Mitunterredner etwa noch 
vorzubringen hätte, anzuhören) vergleiche man Hei. 119 f. 

EA. axoxEltc [XY^ 5ö%Y]acv z(/zz ix Hewy. 

TET. rjX'l.rj'J Xrjyrj'j [X£|XVYjar>, jXY^ 7,£tVY^C £TC. 

Anders, aber doch einigermassen vergleichbar sind die Stellen 

El, 959 ff. OP. cicv ■ xofxtCstv xr>öo£ acö[x' £^0(0 )(p£(ov 

a^otcp -:£ SoOvai, 3[X{b£c, (öc ozav |xöX'(j 
jXY;~rjp, acpayt^c iidpotO£ jxtj clato'o Vcxpöv. 
HA. £Tc{a/£c ■ £|xßdÄ(o[X£v £ic dÄXov /.oy^v. 

Ion. 543 f. IQN, TcCoQ dv oov £iy^v cjoc ; EOV. o'j/, oio", rjyar^irAo o £lc röv ^öov. 

li2N. cp£p£ Krj-( o)V d'];(ö[X£0' d).},(i)V. 

Soph. Aias. 1019 f. 

teXoc 5 dmoa-öc Y'?)c dTroppt'fGYjaojxai 
ooüXo^ XoYotaiv dv:" £Ä£'j6£potj 'favcic- 



SoPHOKLKISCHK AnALEKTA. 323 

Der Sclioliast erklärt dem Sinne nadi richtig XoYoiatv, zalc roQ Tuatpöc AoiSooiati;. 
Wenn aber F. W. Schmidt (Anal. Soph. et Eur. p. 16) aus diesem Scbolion schloss, der 
Scholiast habe nicht Xo^otatv, sondern 'j^oYOiacv gelesen, so ist dies gewiss nicht annehmbar. 
Gerade aus diesem Scholion ist zu schliessen, dass der Scholiast ein allgemeines 
Wort vorfand, welches er durch den speciellen Ausdruck XotSoptatc erklären zu sollen 
glaubte. Hätte er '];6Y0t3tv vorgefunden, so würde er gar keine Veranlassung zu einer 
Bemerkung gehabt haben; denn dass Schmähungen von Seiten Telambn's gemeint sind, 
ist zu evident, als dass der Scholiast sich hätte veranlasst sehen sollen, deshalb eine 
Bemerkung mit dem Zusatz xoO irarpöc zu machen. Es würde durch diese Conjectur 
(sowie durch andere Conjecturen, wie Morstadt's YoVc'JOtv) etwas beseitigt werden, was 
ich wenigstens nicht gern missen möchte; und dies ist der Gegensatz zwischen den 
lo-^rji des erzürnten Vaters und dem e[j'('jV Telamon's, nämlich der schliesslich (tsXoc) 
erfolgenden Verjagung aus dem Vaterlandc (6.Tzw3zbc, Y^fi ä'n;rippt'p6r^ao[j.7.t). Ich glaube, 
dass V. 1020 eine ßückbeziehung auf roiaOt' dvYjp o'jaopY^jC . . . spsi (1017 f.) enthält, 
um eben durch diese Wiederholung den bei den Tragikern so beliebten Gegensatz von 
Wort und That etwas schärfer hervortreten zu lassen. Diesen Gegensatz muss man 
nämlich auch an mehreren Stellen annehmen, an denen nicht ausdrücklich spYrjv 
den XoYOi entgegengesetzt wird. So könnte z. B. Aias 1381 f. 

apcat '()3'jaa£'j, Tidvr' iyin a ETiaivsaac 
Ä 6 Y t j t 

der Zusatz /.ÖYOtai überflüssig erscheinen, da er zu STcaivsaat kein Moment hinzufügt, 
das nicht schon in s^ratvsaat enthalten wäre. Und doch kann man hier XoYOtat nicht 
bezweifeln, da später, freilich verhältnissmässig ziemlich spät, nämlich erst V. 1393 f. 
der Gegensatz folgt, den der Dichter schon im V. 1382 bei der Setzung von XoYoiai im 
Sinne hatte: 

oi 5', (0 '(^rjriirjrj airipijia AaspTO'j Tcatpoc, 

tdfpo'j [jL=v öxvo) -coOS' £7tt'];a'jstv iäv. 

Soph. Aias 1126 ff. 

MEN. oir.rj.irj. Y^.p tövo" cötoysiv, xtstvavtd |ji.£; 

TET. xTcivav-a; ostvöv y srirac. si %at C'(]? öavcöv. 

MEN. fis.bc Y^p £%3(oC£'. [-1.C, Twoc ^' ol/ojxai. 

TEr. jXT; V'jv dttjjia 6£0'jc, Bsoic 3c3coa[j.£voc. 

Der eigenthümliche Gebrauch des Aorists KTStvavra ist schon in alter Zeit sehr 
beachtet worden. Der Scholiast sagt zu ■ÄtsivavTa \xz: ,oaov f^^sv srp' iaoro) %-Ccivavtd |jl£'. 
Und zu 5£tvöv: ,6 jx£v £i'ü£v, ooov s'f' iaoto) ■ ö 0£ z-'qc, 'foivrfi dvttXa[j.ßdv£tat • tö 5s totoOxo 
7.(o|xcüota; [xäXXov, o'j rpaY^p^taf;'. Diese letzte Bemerkung* bezieht sich natürlich nicht 
auf den eigenthümlichen Gebrauch des Aorists, sondern auf das dv-tXa[j.ßdVcaOa:; sie 
bezieht sich darauf, dass Teukros den Ausdruck xtscvavTa begierig aufgriff, um darüber 
den Witz zu machen C'(i? ^avcöv. Nur indirect bezieht sich die Bemerkung des Scholiasten 

' Ich fasse übrigens diese Bemerkung nicht als Tadel auf und glaube nicht, dass der Scholiast sagen wollte, derartiges passe 
mehr für die Komödie als für die Tragödie. Ich meine, dass der Scholiast nur bemerkt, dass derartige Beispiele sich 
häufiger in der Komödie finden. Uebrigens bietet diese eristische Scene mehreres, was an den Stil der Komödie erinnert. 

41* 



324 Johann Kviöala. 

zb 5s rocorjro v.w\xciirjiaz [JLä)J,ov auf ■KTScvaV'ca, indem gerade und lediglich dieser Ausdruck 
Gelegenheit zu jenem Witze bot; ein anderer Ausdruck wie z. B. '6z [i £y.tstv£ (als 
Imperfect) würde natürlich eine solche ironische Entgegnung des Teukros unmöglich 
gemacht haben. 

Ueber den Unterschied zwischen y.-£{vav~o(, und dem Imperfectum sind manche 
Ansichten ausgesprochen worden. Namentlich bestimmte G. Hermann den Unterschied in 
folgender Weise : ,Imperfectum significat, voluisse aliquem aliquid facere , sed non 
perfecisse ; uoristum autem, fecisse, sed sine successu'. Die Fassung dieses Unter- 
schiedes ist natürlicli etwas auffällig, da facere aliquid sine successu eben nichts 
anderes als non perficere ist, somit nach dieser Definition beide Ausdrücke, deren Unter- 
schied angegeben werden soll, zusammenfallen. Dies gab denn auch Ellendt Anlass zu 
der Bemerkung: ,quod aoristi et praesentis discrimen Hermannus posuit .... vereor ut 
intelligat quisquam'-, aber Ellendt's" eigene Unterscheidung ist eben auch nicht glücklich: 
,Aoristus potius in ter f e ctur um fuisse s. ii-ritum conatum interficiendi orsum esse, 
praesens in eo, ut interficeret, fuisse significat, quae etsi sensu proxime distant, 
aliis tarnen locis aliud magis convenit'. 

Man sollte sich vielmehr bei dieser Unterscheidung damit begnügen, was der Dichter 
selbst an die Hand gibt: Gsoc ydf- ExawCst [jlc, zCoob o" ot./o[J/y.t. Durch den Aorist wird 
die That, die in der Wirklichkeit selbst nicht vollbracht wurde, als eine von Aias so 
gut Avie vollbrachte dargestellt. Dieser Gegensatz zwischen der Wirklichkeit und 
der sprachlichen Darstellung zeigt, dass der Ausdruck selbst eine Hyperbel ist, und 
zwar eine Hyperbel, deren Zweck die Erhöhung der Gehässigkeit der That ist. Die 
Anwendung des hyperbolischen Ausdrucks wird durch die Hervorkehrung dej- s u b- 
jectiven Schuld des Aias motiviert. W^enn auch die That objectiv nicht zur Aus- 
führung gelangte, so wird dadurch nach Menelaos' Ansicht doch diese subjective Schuld 
des Aias nicht gemildert, weil er alles gethan hat, um die TJiat auszuführen. — Das 
Impei'fectum dagegen und das Präsens bezeichnet formell und äusserlich die Handlung 
als eine im Stadium der Ausfülirung befindliche oder als eine beabsiclitigte. Natürlich 
wäre wol an den meisten Stellen, an denen diese den conatus bezeichnenden Tempora 
stehen, auch der Aorist möglicli, wenn eben der Schriftsteller eine Erhöhung des 
Eindrucks (z. B. eine Hervorhebung des Gehässigen und Entsetzlichen) beabsichtigt 
hätte. So wäre z. B. Oid. Tyr. 14.'i2 o'i [x dirwXXÖTTjV auch der Aoj-ist möglich, wenn 
der Dichter äusserlich absichtlich hätte hervorheben wollen, dass es durchaus nicht Ver- 
dienst der Eltern wai", wenn Oidipus nicht umkam, dass vielmehr die Eltern alles thaten, 
um den Oidipus umkommen zu lassen und dass somit ihre subjective Schuld eben so 
gross sei, als wenn die beabsichtigte That audi objectiv gelungen wäre. — Ebenso ist 
es aber begreiflich, dass die Schriftsteller von diesem starken Mittel einen seltenen 
Gebrauch machten. Es ist ja eigentlich schon das Imperfectum de conatu in vielen 
Fällen ein ziemlich starker Ausdruck, wenn eine nur beabsichtigte Handlung als eine 
schon in der Ausführung begriffene hingestellt wird. Die Stufenleiter ist nach dem 
Grade der Stärke des Ausdrucks 1. sßouXöjXY^v xTavstv, 2. £7.-ctvov. ,'5. zv.zaiva. Mitunter 
Avird sich auch niclit verkennen lassen, dass zur A\'ahl des Aorists ein äusserer Anlass 
vorlag, nämlich der, dass durch das Präsens ein Missverständniss liervorgerufen würde. 
Dies gilt wol von unserer Stelle; denn Siv-aca ydp tov^' Z'j-'y/ßiv, v.-c.iwKd jas gibt ja 
zunächst den Sinn o<; xrEiV£t [xs und nicht oc £%r£CV£ [j.£ (Impei-fect). 



iSoriioKLEiscHE Analekta. 325 

Ho ist aiu'li Androm. 810 

(Hermione) xaxOavctv hikii, 
-öaiv zrAi^irj'jza, \x'q ävTi -(bv o£i5[ja[J.sv(ov 

ein äusserer Anlass für den Dichter gewesen, v-zeb/aoa und nicht -/.TStvouaa zu setzen, 
weil durch y.zaivj'jaa (in dem zunächst liegenden Sinne ou %t£W£t) bezeichnet würde, 
dass Hermione noch gegenwärtig die Absicht hat x-istvstv tou? oti )rfY;. Da der Dichter 
aber dies nicht beabsichtigte, sondern da er den bereits der Vergangenheit angehörigen 
Mordplan bezeichnen wollte und da xtstvo'jaa im Sinne eines Imperfects hier mindestens 
undeutlich, vielleicht sogar sprachlich unzulässig wäre, so wählte er 7,-ctvaaa. 

Im Ion des Euripides scheint mir V. 12;)1 wiederum das metrische I^edürfniss auf 
die AVahl des Aorists Einfluss gehabt zu haben : 

£%t:c!.V7. a ovza ttoXsjjl'wOv o6[j.otc £[j,oi(; 

Dass hier der Dichter keinen besonderen Nachdruck auf den Aorist gelegt wissen 
wollte, schliesse ich daraus, dass im V. 1300 das Imperfectum vorkommt 

Und doch, sollte man denken, wäre es passender gewesen, wenn gerade Ion zur 
Bezeichnung der Schuld der Kreusa den stärkeren Ausdruck (den Aorist) gebraucht 
hätte, hingegen Kreusa bei der Erwähnung ilirer Schuld das mildere, den blossen Versuch 
bezeichnende Imperfectum. 

Ebendaselbst ist im V. 128(5 überliefert 

■/cdx£t-' ixz^j.vzQ 'fj.rjixdv.'jiz töv 700 OeoO : 

Den metrischen Fehler suchte man auf verschiedene AVeise zu beheben; ich glaube 
nicht, dass der Aorist hier die wahrscheinliche Leseart ist, sondern dass vielmehr Heath's 
Conjectur vätzziz sxaiVcC die richtige Emendation ist. - 

Im Ion sagt Kreusa V. 1498 ff. 

£v 'foßcp v.r/.za.rjebz.ioa adv 
'S^'jyrjy dirsßaÄov, ts^vjv • 

Natürlich spricht hier Kreusa, wie der Zusammenhang der Stelle zeigt, von der 
Aussetzung ihres Kindes, nicht von dem Versuch, den Jüngling Ion, ihren unerkannten 
Sohn, zu vergiften (wie Kühner, der diesen Gebraucli des Aorists ausführlich bespricht 
Griech. Gr. IT' S. 143, irrthümlich annahm). Wie natürlich hier die Aoriste sind, leuchtet 
ein. Es war wahrlich nicht das Verdienst der Kreusa, dass Ion gerettet wurde, und 



1 Ich betrachte es nämlich als sicher, dass von den beiden Lesearten, die hier handschriftlich überliefert sind, natürlich 
zTefvaaa die echte Leseart ist und nicht /-Eivo-jai. KTsfvouact sieht ganz ähnlich einer Conjectur, die dadurch veranlasst 
wurde, dass /.TE'Naaa alten Lesern auffiel, weil Hermione die That nicht vollbrachte. 

- Die seltene Nebenform zafvM ist öfter durch spätere Aenderungen verdrängt worden. So ist gewiss auch Med. 1308 das 
überlieferte zänsiT' extäve; (o