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Full text of "Der Aufstieg Napoleons; Krieg und Diplomatie vom Brumaire bis Lunéville. Im Auftrage des Hermann Hüffer-Vereins verfasst von Alfred Herrmann"

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Der /,ii 



Aufstieg Napoleons 

Krieg und Diplomatie vom Brumaire bis Luneville 



Im Auftrage des 
Hermann Hüffer-Vereins 



erfaßt von 



Dr. Alfred Herrmann 

Privatdozent an der Universität Bonn 



>\ 




Mit 9 Skizzen im Text und 2 Karten in Steindruck 



irnst Siegfried Mittler und Sohn, Königliche Hofbuchhandlung 
Berlin 1912 



Institlii ^:ir 



jus-lv-ftinisri^us 



^^^/ 



Alle Rechte aus dem Gesetz vom 19. )uni 1901 
sowie das Übersetzungsrecht sind vorbehalten. 



In Erinnerung 

an 

Hermann Hiiffer 

der 
treuen Hüterin seines geistigen Erbes. 




DC 
/s/ 

^9 



Dr. Alfred Herrmann, Der Aufstieg Napoleons. Krieg 
und Diplomatie vom Brumaire bis Luneviile. Mit 
Q Skizzen im Text und 2 Karten in Steindruck. Preis M 14, — . 



E. S. Mittler & Sohn, 

Königliche Hofbuchhandlung, 

Berlin SW68, Kochstraße 68—71. 



Selbst in der uferlos anschwellenden Literatur des Napoleonischen 
Zeitalters gibt es noch Lücken. Das soeben erschienene Werk : D e r A u f - 
s tieg Napoleons. Krieg undDiplomatievomBrumairebisLune- 
ville von Dr. Alfred Herrmann, Privatdozent an der Universität Bonn 
(MitQ Textskizzen und 2 Karten in Steindruck. Verlagvon E.S.Mittler & Sohn. 
Berlin. Preis M 14,—.) füllt eine solche aus. Denn eine eindringende, 
allen Anforderungen an die Quellenbenutzung und wissenschaftliche Kritik 
entsprechende Spezialdarstellung dieses Zeitabschnittes fehlte bisher. Und 
doch handelt es sich um ein hochwichtiges Blatt der gigantischen Ge- 
schichte des Korsen, denn die entscheidenden Wendungen auf dem 
Wege, der aus dem siegreichen General den Herrscher über Frankreich 
und bald den Welteroberer machte, liegen in den Jahren 1799 1801. 
Nach der Seite der inneren Entwicklung hat dieser Zeitraum eine 
glänzende Behandlung erfahren in Albert Vandals L'avenement de Bona- 
parte, dessen militärisch -diplomatische Ergänzung Dr. Herrmann bieten 
will. Seine Darstellung stützt sich in weitesten Abschnitten im wesentlichen 
auf ungedruckte Quellen der Archive zu Wien, Berlin und London. Die 
diplomatischen Abschnitte behandeln höchst interessante Beispiele der 
Bündnispolitik der Zeit, und die Schilderung verschiedener viel verschlun- 
gener Friedensverhandlungen führt uns in die umstrittensten Probleme 
der Geschichte Napoleons ein, namentlich sein Verhältnis zu England 
und die Frage der „Schuld" an der Napoleonischen Kriegsära. Noch näher 
als den diplomatischen Abschnitten steht der Verfasser nach Neigung 
und Studien den kriegerischen Ereignissen. Bei ihrer Darstellung leitete ihn 
der besonders beachtenswerte Grundsatz, die Mitte zu halten zwischen 
den zu militärisch-didaktischen Zwecken verfaßten Werken und der Auf- 
fassung jener, für die Standestabellen, Marschdispositionen und Schlacht- 
ordnungen nicht zu den historischen Quellen gehören, und die es nicht 
für einen der Geschichtschreibung würdigen Gegenstand halten. 
Schlachten, obwohl sie die Geschicke der Völker bestimmten, auch in 
ihrer Anlage und ihrem Verlaufe genauer zu schildern, und Geist 
wie Organismus der Heere kennen zu lernen, die sie geschlagen. Die 
Durchführung dieses Grundsatzes, ebenso wie die Form der Darstellung, 
die sich gleicherweise in derSchilderung von Schlachten und diplomatischen 
Zusammenhängen wie in der Charakteristik der handelnden Persönlich- 
keiten bewährt, macht das im Auftrage des Hermann Hüffer-Vereins 
herausgegebene Werk auch über die historischen und militärischen Fach- 
kreise hinaus zu einer anregenden Lektüre für jeden Gebildeten. 



Vorwort. 

In den Jahren 1868—79 erschienen Hermann Hüffers 
„Diplomatische Verhandlungen aus der Zeit der französischen 
Revolution*' (3 Bände), denen 1904—5 „Der Krieg des Jahres 
1799 und die zweite Koalition'' (2 Bände) folgte. Trotz des 
veränderten Titels, der durch Abweichungen in der Stoff- 
wahl bedingt ist, handelt es sich um ein einheitliches Werk, 
dem, durch die Darstellung der Ereignisse vom Brumaire bis 
zum Frieden von Luneville, den geplanten Abschluß zu geben, 
Hüffer selbst nicht mehr beschieden war. 

Wenn fremde Hände diese Aufgabe lösten, dann ist wohl 
ein kurzes Wort nötig über den äußeren und inneren Zusammen- 
hang der Arbeiten und ihre unvermeidlichen Eigentümlich- 
keiten. 

Es war mir als ganz jungem Doktor vergönnt, fast zwei 
Jahre lang in der geistigen Werkstatt Hüffers tätig zu sein, 
das heroische Ringen eines bis ans Ende überaus regen und 
reichen Geistes mit einem von tückischer Krankheit befallenen 
Körper zu bewundern und, nicht zuletzt mir selbst zum Nutzen, 
zu erfahren, wie umfassend und hochherzig Hüffer für die 
Verwaltung seines literarischen Erbes gesorgt. Noch persön- 
lich hatte er mir die Herausgabe eines Bandes seiner „Quellen 
zur Geschichte des Zeitalters der französischen Revolution" 
übertragen. Da sich meine Aufgabe — es handelte sich um 
die Akten des Rastatter Kongresses — nicht als besonders 
aussichtsreich erwies, gab ich sie nach Hüffers Tode auf und 
nahm, in Übereinstimmung mit der zur Herausgabe seines 
Nachlasses niedergesetzten Kommission, die Fortsetzung und 
den Abschluß von Hüffers darstellendem Werke über die 
Revolutionszeit in Angriff. Obwohl ich dem Stoff durch meine 
Erstlingsarbeit und meine Tätigkeit bei Hüffer nahegekommen 
war, mußte ich es doch als Zeichen ganz besonderen Ver- 
trauens betrachten, daß noch Hüffer selbst zu mir auch von dem 
Abschluß dieser Arbeit gesprochen hatte, die „die Begleitung, 



VI Vorwort. 



vielleicht müßte ich sagen, das Verhängnis, meines Lebens 
war*' (Dipl. Verh. I, IV.), als ihm die Hoffnung immer mehr 
schwand, sie selbst vollenden zu können. 

Es lag keine Zeile des Bandes vor*), den ich hiermit der 
Öffentlichkeit übergebe, und schon darum muß meine Arbeit 
losgelöst von Hüffers Werk betrachtet und beurteilt werden. 
Der Vermerk auf dem Titel ist dahin zu verstehen, daß mir 
nicht nur die materielle Unterstützung des Hermann Hüffer- 
Vereins zuteil wurde, sondern mir auch aus Hüffers Nach- 
laß die durch jahrzehntelangen Sammlerfleiß aufgehäuften 
Exzerpte der Archive zu Wien, Berlin und London zur Ver- 
fügung standen. Auf mehreren, jeweils wochenlangen Reisen 
durfte ich diese auf den genannten Archiven nicht nur ver- 
gleichen, sondern auch noch sehr reich vermehren und auf 
ganze umfänghche Aktengruppen ausdehnen, an die Hüffer 
noch nicht herangetreten war. 

Obwohl von (dem durch Hüffer und mich selbst gesammelten 
Material im Laufe der Jahre manches gedruckt oder ander- 
weitig benutzt wurde, bleibt so meine Darstellung in weitesten 
Abschnitten im wesentlichen auf ungedruckten Quellen auf- 
gebaut. 

Ich nenne nur die wichtigsten der benutzten Aktengruppen, 
wenn ich anführe, daß mir das Wiener Haus-, Hof- und Staats- 
Archiv die Depeschenwechsel Wien— Petersburg, Wien— Berlin, 
Wien— London und Wien— Luneville bot, das Berliner Staats- 
archiv die Depeschenwechsel Berlin— Paris, Berlin— Peters- 
burg, Berlin— Wien, Berlin— London, und endlich das Record- 
Office zu London die Depeschenwechsel London — Wien, 
London— Petersburg, London— Berhn und die entsprechenden 
Bände der Pitt-papers. 

Für die Darstellung der Kriegsereignisse dienten mir außer 
einigen kleineren Abteilungen des Wiener Kriegsarchivs vor 
allem die gesamten Feldakten über die Operationen in Italien 
und Deutschland 1800—01 und die entsprechenden Hofkriegs- 
ratsakten. 



*) Die Bemerkung Hüffers in dem Vorwort seines Werkes „Der 
Krieg des )ahres 1799" I, III bezieht sicli auf einige Exzerpte, die für 
mich bedeutungslos waren. 



Vorwort. VII 



Neben die Akten trat ergänzend eine lange Reihe ge- 
druckter Quellenwerke, von denen z. B. jene, die aus den 
Schätzen der französischen Archive mitteilen, so reich fließen, 
daß ich den Versuch nicht zu machen brauchte, selbst aus 
diesen ergiebigen Fundgruben zur Napoleonischen Geschichte zu 
schöpfen. Auch die zahllosen Memoiren der Zeit waren durch 
die Mitteilung von Briefen und Akten oft willkommen. 

Daß neben den Quellen auch die darstellende Literatur, 
bis herab zu den Erscheinungen der letzten Monate, nicht 
vernachlässigt wurde, ist dem kundigen Leser deutlich, auch 
ohne daß ich ein Literaturverzeichnis beigebe und ein über- 
flüssiges Wort sage über die im wahrsten Sinne uferlos an- 
schwellende Literatur des Napoleonischen Zeitalters. Daß wir 
trotzdessen für das Jahr 1800 keine Darstellungen haben, wie 
die klassischen von Erzherzog Karl und Clausewitz über die 
Feldzüge von 1799, erhöhte für mich nur den Reiz der Arbeit. 

Ich deute hiermit bereits an, worin der wesentlichste 
sachliche Unterschied zwischen meiner Arbeit und dem Werke 
Hüffers besteht. Wenn ich in diesem ein nach Form und 
Inhalt gleich hervorragendes Erzeugnis der Geschichtschreibung 
poUtisch-diplomatischer Richtung erblicke, die in Hermann 
Hüffer einen ihrer verdientesten Vertreter verehrt, so weiß 
ich daran nur den Wunsch zu knüpfen, nicht allzu weit zurück- 
geblieben zu sein hinter Hüffers Kunst, die Fäden ungezählter, 
oft widersprechender Berichte und Aktenstücke in der Hand 
zu halten, zu entwirren und zu einem kunstvollen Gewebe zu 
vereinigen. 

Erst in den beiden letzten Bänden hat Hüffer dagegen 
neben den diplomatischen auch den militärischen Vorgängen 
einen Platz eingeräumt. Er war dabei im Material sehr viel 
weniger begünstigt als ich, da ihm die französischen Quellen 
■weit spärlicher flössen. Obendrein hat er in militärtechnischen 
Fragen das Urteil geflissentlich dem engeren Fachmann über- 
lassen, wenn er auch die großen Wendepunkte des Krieges 
\on 1799 mit verständnisvoller Kritik begleitet hat. Mich wiesen 
dagegen Neigung und Studien gleichermaßen auf eine ein- 
dringendere Schilderung und Kritik gerade der kriegerischen 
Ereignisse 'hin, die im Jahre 1800 auch dort, wo sie von 



VIII Vorwort. 



geringerer politischer Bedeutung sind, doch das miHtärische 
Interesse in hohem Maße verdienen. 

Daß der erste Einbruch des „Zivilstrategen'* in ihr Arbeits- 
gebiet von berufenen Militärkritikern einst überaus liebens- 
würdig aufgenommen wurde, hat mich nicht wenig ermutigt, 
die im Vorwort meines Buches „Marengo" (Münster 1903) 
angekündigte Geschichte des gesamten Krieges von 1800 mit 
einer Darstellung der diplomatischen Verwicklungen zu ver- 
knüpfen, wie sie mir die von Hüffer überkommene Aufgabe 
besonders zuwies. Ich hielt es dabei für vorteilhafter, auch 
auf Kosten der Chronologie, die diplomatischen Verhandlungen 
und die kriegerischen Ereignisse stets in besonderen Kapiteln 
darzustellen. So eng auch die Wechselwirkung von Krieg und 
Diplomatie sein mag, bei weitem nicht in demselben Maße 
wie z. B. 1799 ist das im Jahre 1800 der Fall. 

Ein starker Band für die Ereignisse von wenig mehr als 
Jahresfrist wird mancher erschreckt rufen ! So vergesse man 
nicht, daß es sich um ein wichtiges Blatt der gigantischen 
Geschichte des .Welteroberers handelt. Ob ich freilich in der 
Darstellung überall, wie ich es erstrebt, das richtige Maß ge- 
troffen, wird verschieden beurteilt werden. Für die militärischen 
Abschnitte hat mir durchaus die Absicht vorgeschwebt, die 
Mitte zu halten zwischen den zu miHtärisch-didaktischen Zwecken 
verfaßten und jede Einzelheit der Organisation, der Truppen- 
bewegungen und Schlachten berücksichtigenden Werken und 
der überhebenden Auffassung jener, für die Standestabellen, 
Marschdispositionen und Schlachtordnungen nicht zu den 
historischen Quellen gehören, und die es nicht für einen der 
Geschichtschreibung würdigen Gegenstand halten. Schlachten, 
obwohl sie die Geschicke der Völker bestimmten, auch in 
ihrer Anlage und ihrem Verlauf genauer zu schildern, und 
Geist wie Organismus der Heere kennen zu lernen, die sie 
geschlagen. 

Da neue Quellen von Belang kaum noch hervortreten 
idürften, werden, so hoffe ich, künftighin historische 
Zunftgenossen dem von mir bearbeiteten Material nicht mehr 
anders als zu engsten monographischen Zwecken näherzu- 



Vorwort. IX 



treten brauchen. Ähnliches wenigstens möchte ich auch für 
die diplomatischen Abschnitte meines Buches erhoffen. 

Absolute Vollständigkeit der Quellen- und Literatur- 
•benutzung ist in der napoleonischen Zeit freilich selbst für 
Spezialarbeiten unmöglich, aber ich denke nichts Wesent- 
liches übersehen zu haben, und es ist darum wohl nicht zu 
unbescheiden, wenn ich für meine oft mühselige Kleinarbeit 
in Anspruch nehme, im Detail über meine Vorgänger weit 
hinausgekommen zu sein. Ich glaube das für fast jede Seite 
meines Buches belegen zu können. Daneben war ich bemüht, 
meine Detailstudien auf den gewaltigen Hintergrund der 
Napoleonischen Epopöe aufzutragen, und daß ich, gerade weil 
ich im kleinsten Punkte die größte Kraft sammelte, zu ihrer 
Erkenntnis etwas beigetragen habe, ist meine Hoffnung: 
denn auch das geistreichste Raisonnement darf meines Er- 
achtens nur gelten, wenn es auf dem sicheren Boden exakter 
Forschung sich aufbaut, sei es eigener, sei es fremder. Man 
weiß, wie oft gerade die Geschichtschreiber Napoleons es 
daran fehlen lassen. 

Der Titel meines Buches bedarf noch einer Rechtfertigung. 
Es gibt genug Gründe, den „Aufstieg Napoleons'* in Anfangs- 
und Endpunkt anders zu datieren als durch Brumaire und 
Luneville, oder besser jenes Bündnis gegen England, das im 
Frühjahr 1801 Napoleon seinem letzten Ziel und Ende, der 
Niederkämpfung der Inselmacht, so nahe wie niemals früher 
oder später bringen sollte. Daß aber die entscheidenden Wen- 
dungen auf dem Wege, der aus dem siegreichen General den 
Herrscher über Frankreich und bald den Welteroberer machte, 
in dem von mir behandelten Zeitraum liegen, ist meine Ansicht. 
Da zudem der Untertitel den Inhalt meines Buches deutlich 
umschreibt, brauche ich wohl kaum noch zu erwähnen, daß 
„Der Aufstieg Napoleons'' die Verdeutschung ist von Albert 
Vandals „L'Avenement de Bonaparte'', dessen militärisch- 
diplomatische Ergänzung zu bieten mein Ziel war. 

Über methodische Fragen, die Aktenbenutzung, Zitier- 
weise und Ähnliches mich zu äußern, erübrigt sich wohl. 
Genug, daß ich mir des bedingten Quellenwertes diploma- 
tischer Berichte und militärischer Momentaufnahmen stets be- 



Vorwort. 



wüßt war, und vor allem auch im Auge behielt, ob Entwurf 
oder Original, ein expediertes oder unexpediertes Stück mir 
vorlag, und wie weit in jener Zeit, die im wesentlichen nur 
die Stafettendepesche kannte, die Datierung der Stücke ihre 
Wirksamkeit beeinflußt. 

Die beigegebenen Karten und Skizzen sollen nur für an- 
spruchslosere Leser ein Hilfsmittel sein zum Verständnis der 
militärischen Schilderungen; für tiefer Schürfende ist die Her- 
anziehung von Generalstabskarten und Meßtischblättern un- 
erläßlich. Von Buntdruck und Truppeneinzeichnungen wurde 
aus äußeren Rücksichten abgesehen. 

Mein Buch ist nicht unerheblich über seinen vertraglich 
festgesetzten Umfang hinausgewachsen. Um die äußersten 
Grenzen eines handlichen Bandes nicht zu überschreiten, 
mußte ich schließlich mehrfach Kürzungen und Auslassungen 
unwesentlicherer Episoden vornehmen, und mich zu guter Letzt 
sogar entschließen, ein ganzes Kapitel wegfallen zu lassen, 
das im Laufe des Jahres 1912 als besondere Abhandlung in 
der Historischen Vierteljahrschrift zu lesen sein wird unter 
dem Titel: „Die Nordische Allianz von 1800—01, ein Höhe- 
punkt Napoleonischer Macht'*. Häufigere Verweise auf dieses 
Schlußkapitel im Verlaufe meiner Darstellung bitte ich da- 
mit zu entschuldigen, daß sich erst mit dem Fortgang des 
Druckes die Raumfrage endgültig entschied. 

Der jetzige Schluß, der Friede von Luneville, ist durch- 
aus ein sinngemäßer, aber nur ungern verzichtete ich auf die 
Schilderung der großen Allianz gegen England und der welt- 
umspannenden Hoffnungen und Pläne, die Napoleon auf sie 
gebaut, bis sie durch die Ermordung des Zaren Paul jäh zu- 
sammenbrachen. 

Schreite ich vom Sachlichen zum Persönlichen, so wüßte 
ich wohl manches zur Begründung der Tatsache anzuführen, 
daß ich diesen Band erst sechseinhalb Jahre, nachdem er 
mir anvertraut wurde, vorlege, sähen solche Motivierungen 
nicht einer Bitte um Zubilligung mildernder Umstände oft 
verzweifelt ähnlich. So bleibt mir nur noch die Pflicht des 
Dankes zu erfüllen, den ich aus vollem Herzen und nach vielen 
Seiten abzustatten habe. 



Vorwort. XI 



Ich brauche nicht zu wiederholen, was Hermann Hüffer 
denen zu Danke gesagt, Lebenden wie Verstorbenen, die seine 
archivalischen Arbeiten durch die Jahrzehnte unterstützten 
(„Der Krieg von 1799" I, Xf.). Die Verwaltungen des Wiener 
und Berliner Staatsarchivs sowie des Record-Office in London 
haben auch mich persönlich lebhaft verpflichtet, und vor allem 
an die Wochen, die ich auf dem gastlichen Wiener Kriegs- 
archiv verbrachte, denke ich mit Wärme und Dankbarkeit 
zurück. 

Den Herren Reinhold Koser, Ernst Landsberg 
und Karl Obser danke ich herzlichst für das Wohlwollen, 
das sie mir als Vorstandsmitglieder des Hermann Hüffer- 
Vereins entgegengebracht, Friedrich Luckwaldt dafür, 
daß er einige der diplomatischen Abschnitte mit sachkundiger 
Kritik begleitete. 

Mein letztes, aber nicht geringstes Dankeswort gehört 
endlich der Witwe Hermann Hüffers. Ihr ist dieses Buch 
gewidmet, unabhängig von den oben berührten Beziehungen, 
als ein Ausdruck ganz persönlicher wärmster Verehrung und 
dankbarer Erinnerung. 

Bonn, im November 1911. 

Alfred Herrmann. 



Inhalt. 



Seite 

Vorwort V-Xl 

1. Kapitel: Die diplomatischen Beziehungen Frankreichs 
nach dem Brumaire. 

I. Der 18 und 19. Brumaire 1-5 

Bedeutung des Staatsstreiches S. 1. — Die Lage Frankreichs 
zu Beginn der Konsulatsherrschaft S. 2. — Die Verfassung des 
Jahres VIII. S. 4. — Ihre Aufnahme in Frankreich S. 5. 

II. Bonapartes Friedensangebot in London: Frankreich 

und England 6—26 

Napoleon und der Friede; Brief an Georg III. von England, 
25. Dezember 1799 S. 6. — Herausfordernde Antwort Grenvüles, 

4. Januar S. 8. — Eindruck auf die englische Opposition S. 9. — 
Erneutes Friedensangebot und abermalige Ablehnung S. 10. — 
Die englisch-französischen Beziehungen 1793/96 S. 11. — Die Ver- 
handlungen in Lille 1797 S. 12. — Pitt und Napoleon S. 13. — 
Der Kampf um die Vorherrschaft zwischen Frankreich und Eng- 
land S. 14. — Rolle Pitts S. 15. — Pitts Politik ursprünglich friedlich 

5. 16. — Das Ziel seiner Politik S. 17. -^ Napoleon ist sich des 
Gegensatzes zu England von vornherein voll bewußt S. 18. — 
Napoleons antienglische Politik nicht originell S. 19. — Persönliche 
Gründe bestärken ihn in dem überkommenen System S. 21. — 
Napoleons Friedensangebot nicht ernst; eingehende Begründung S. 22. 

in. Das Friedensangebot in Wien 26-32 

Eine Einigung aussichtslos S. 26. — Napoleons Schreiben an den 
Kaiser, 25. Dezember S. 27. — Verbindliche Antwort Thuguts; 
weiterer akademischer Briefwechsel S. 28. — Die Basis von Campo 
Formio in Wien abgelehnt S. 29. — Österreich wünscht allgemeinen, 
Napoleon Sonder-Frieden S. 30. — Sucht Österreich von England 
zu trennen S. 31. 

IV. Beendigung des Bürgerkrieges in Frankreich, das 

royalistische Programm der Koalition für 1800 . . 32—39 

Bedeutung der Pazifikation des Westens S. 32. — Verhandlungen 

unter dem Eindruck des Brumaire; geschickte Maßregeln Bonapartes 

S. 33. — Friedensschlüsse mit den Royalisten Januar und Februar 

1800 S. 34. — Augenblickliche, aber keine dauernde Ruhe S. 36. — 



XIV Inhalt. 



Seite 

England und die Royalisten; Pläne für Angriffe auf Frankreich S. 37 

— Unzulänglichkeit der englischen Rüstungen und der Insurrek- 
tion S. 39. 

V. Preußen und Frankreich 40—62 

Die preußische Neutralitätspolitik seit Basel, ihre Nachteile S. 40. 

— Schwächliche und schwankende Haltung Preußens während der 
zweiten Koalition 1798/99 S. 41. — Die Frage des linken Rhein- 
ufers S. 44. — Haugwitz S. 45. — Einfluß des Brumaire auf die 
französisch-preußischen Beziehungen; Sendung Durocs nach Berlin 
S. 48. — I>uroc nur Vermittler freundschaftlicher Versicherungen 
S. 48. — Beurnonville Gesandter in Berlin S. 49. — Napoleon regt 
preußische Vermittlung zum Frieden mit Rußland an S. 30. — 
Erwägt engere Beziehungen zu Preußen; Talleyrand S. 51. — Die 
Instruktion Beurnonvilles vom 15. Februar enthält keine bestimmten 
Bündnisanträge S. 52. — Belanglose Unterhandlungen in Berlin S. 53. 

— Affäre Huissen S. 55. — Die Hnksrheinischen Provinzen; Ver- 
handlungen über ihre Rückgabe an Preußen S. 56. — Napoleon 
wünscht bewaffnete Vermittlung gegenüber Österreich und spricht 
von der Rheinlinie von Campo Formro S. 58. — Brüsker Abbruch 
der Verhandlungen durch Napoleon S. 60. — Zar Paul einer Ver- 
einbarung mit Preußen nicht abgeneigt S. 60. — Die Haltung 
Preußens vom Brumaire bis Marengo S. 61. — Schwierige diplo- 
matische Lage Frankreichs bei Ausbruch der Feindseligkeiten S. 62. 

2. Kapitel : Die Beziehungen zwischen den Nächten des 
alten Europa bis zur Entscheidung von Marengo. 

I. England und Österreich 63—86 

Die zweite Koalition bei Beginn des Jahres 1800 S. 63. — 
England und Österreich 1793/7 S. 64. — Nachwirkung der Konstel- 
lation von 1756 S. 66. — England und Österreich während des 
Streites um den Anleihevertrag vom 16. Mai 1797 S. 67. — Starhem- 
berg und Minto S. 68. — Neue Anleiheverhandlungen Dezember 1799; 
österreichische und englische Interessenpolitik; Pitt und Thugut 
S. 69. — Thugut verheimlicht das Friedensangebot Napoleons S. 70. 

— Entgegenkommen Englands in der Instruktion Mintcs vom 8. Fe- 
bruar S. 71. — Englische Gegenforderungen an Österreich S. 72. 

— Kühle Aufnahme der englischen Vorschläge und hinhaltende 
Politik Thuguts S. 74. — Österreichische Gegenforderungen vom 
8. April (Legationen) S. 75. — Divergenz der englischen und 
österreichischen Interessen in Italien S. 76. — Vorläufiger Ver- 
tragsentwurf vom 1. Mai. Die Verhandlungen über die Anleihe, 
kommen solchen über ein umfassendes Bündnis nahe S. 77. — 
Maßlose österreichische Forderungen und weitgehende englische 



Inhalt. XV 



Seite 

Nachgiebigkeit S. 80. — Unmut und Sorge in London über die 
gleichwohl hinhaltende Taktik Thuguts S. 82. — Die Schlacht bei 
Marengo in Wien erst nach dem Abschluß vom 20. Juni bekannt 
S. 83. — Der Vertrag vom 20. Juni samt Separatartikel und Geheim- 
konvention S. 84. 

II. Die Reichsstände in englischem Sold 86—90 

Letztes Aufgebot des Reichsheeres S. 86. — Anschluß Bayerns 
an die Koalition; Subsidienvertrag mit England S. 87. — Zwangs- 
lage Bayerns S. 88. — Fehde zwischen Ständen und Herzog in 
Württemberg; Subsidienvertrag mit England S. 89. — Mainzer und 
Schweizer in englischem Sold S. 90. 

III. Österreich und Rußland 91—98 

Rücktritt des Zaren von der Koalition; tiefere Gründe S. 91. — 
Die Vorgänge vor Ancona im Herbst 1799 S. 92. — Ihr Einfluß auf 
das Verhältnis Pauls zu Österreich S. 93. — Die Hofburg zur 
Genugtuung bereit S. 94. — Maßlosigkeit des Zaren; Verhalten 
gegen Cobenzl; Verweigerung der Pässe für Kurier S. 95. — Paul 
treibt zum Bruch; Cobenzl ausgewiesen S. 97. 

IV. England und Rußland 98—107 

Der Bruch mit England ein .Ausfluß der Leidenschaftlichkeit 
Pauls S. 98. — Veranlassung und Vorwände S. 99. — Paul fordert 
die Abberufung von Whit\vorth und Rückkehr seiner Flotte und 
Truppen aus dem Kanal S. 100. — Mäßigung Englands S. 101. — 
Pauls Plan einer nordischen Allianz gegen Österreich und Frank- 
reich vom Oktober 1799; englische Stellungnahme dazu S. 109. — 
Sendung Pophams nach Petersburg gescheitert S. 103. — Pauls 
Despotismus S. 104. — Die englisch-russischen Beziehungen fast 
abgebrochen S. 105. 

V. Die Stellung Preußens 107—127 

Pauls Annäherung an Preußen nach der Abwendung von Öster- 
reich S. 107. — Bietet nordische Allianz gegen Österreich und Frank- 
reich an S. 109. — Zaudern Friedrich Wilhelms S. 110. — Empfang 
Krüdeners in Beriin ; seine Instruktion vom 17. November 1799 
enthält keinen förmlichen Antrag S. 110. — Gunst der Lage Preus- 
sens, dem aber das Neutralitätssystem ultima ratio bleibt S. 111. 
— Hinhaltende Antwort Preußens vom Dezember 1799 und erneutes 
Drängen Rußlands S. 113. — Sinn der preußischen Antwort: keine 
Konvention gegen Österreich, keine Ausdehnung der Neuh-alität 
S. 114. — Preußen vermittelt Napoleons Wunsch einer Annäherung 
S. 114. — Paul verhält sich ablehnend S. 116. — Regt die Er- 
neuerung der .Allianz von 1792 an und sucht ihr antiösterreichische 



XVI Inhalt. 



Seite 

Tendenz zu geben S. 117. — Preußen stimmt ersterer freundlich 
üu S. 118. — Rußland sucht Preußen für Bayern zu interessieren 
S. 119. — Konferenzen in Berlin über Erneuerung der Allianz von 
1792 S. 120. — Abschluß in Peterhof am 28. Juli 1800 S. 122. - 
Preußen von allen Seiten umworben S. 123. — Verhältnis Preußens 
zu England und Österreich S. 124. 

3, Kapitel: Die Operationspläne für das Jahr 1800. 

I. Der österreichische Operationspian 128—139 

Die strategische Bedeutung der Schweiz S. 128. - Rücksicht 
auf die Emigranten und Rußland bei Aufstellung der Operations- 
pläne S. 130. — Österreichs Plan für die Armee in Deutschland 
vom 4. Februar 1800 S. 131. — Hauptoperation in die Schweiz 
unter Mitwirkung der italienischen Armee S. 133. — Beurteilung 
des Planes S. 135. — Der Plan angenommen, aber von Eroberung 
der Riviera abhängig gemacht S. 136. — Anordnung für die Zwischen- 
zeit S. 137. — Verabredung zwischen Melas und Kray S. 138. 

II. Der franzosisciie Operationsplan und seine Wandlungen 139—151 

Napoleon basiert seine Pläne auf die Schweiz S. 140. — Über- 
ragende Bedeutung des deutschen Kriegsschauplatzes S. 140. - 
Napoleon will die Reservearmee persönlich in Deutschland einsetzen 
S. 141. — Genialer Operationsplan für die Rheinarmee vom 1. März 
S. 142. — Konferenzen zwischen Bonaparte und DessoUe darüber 
S. 143. — Der Plan scheitert am Widerstände Moreaus S. 144. — 
Bonaparte beschließt darauf, die Reservearmee nach Italien zu füh- 
ren S. 146. — Operationsplan vom 25. März für die Armeen Mo- 
reaus, Massenas und die Reservearmee; Stellung Napoleons über 
den drei Armeen S. 147. — Verabredungen Berthiers und Moreaus 
in Basel ; Moreau macht Schwierigkeiten, Napoleon gibt abermals 
nach S. 149. — Abänderung des Kriegsplanes unter Einwirkung 
des Riviera-Feldzuges S. 151. 

4. Kapitel: Der Feldzug in der Riviera. 
I. In den Winterquartieren. Vorbereitung und Aufschub 

der Feindseliglteiten 152-173 

Plan vom Dezember 1799, die Riviera anzugreifen S. 152. — 
Stellungen der Gegner S. 153. — Zustände der österreichischen 
Armee S. 155. — Stärke der Österreicher S. 158. — Zustände der 
französischen Armee S. 160. — Stärke der Franzosen S. 163. — 
Die österreichischen Angriffs-Dispositionen vom Januar S. 165 — 
Die englische Flotte (Keith) und die ligurischen Bauern S. 167. 
— [)ie aussichtsreiche Expedition wird aufgeschoben (13. Februar) 
S. 170. 



Inhalt. XVII 



Seite 

II Der Riviera-Feldzug bis zur endgültigen Trennung 

Massenasund Suchets 173 190 

Das österreichische Angriffskorps S. 173. — Die Armee Masse- 
nas bei Beginn der Feindseligkeiten S. 174. — Der Kriegsschauplatz 
S. 17ö. — Angriffsdisposition der Österreicher vom 28. März S. 177. 

— Der Vorstoß auf Savona, d. h. Durchbrechung der französischen 
Aufstellung, geglückt, 6. Apri! S. 179. — Kritik der französischen 
.Aufstellung, Vorstöße Massenas nach Norden und Osten S. 181. - 
Durchbruchsversuch nach Westen zur Wiedervereinigung mit Suchet 
S. 183. — Gefechte vom 10. bis 12. April; starke Verluste der 
Österreicher S. 185. — Gefechte aml5. ; der Durchbruchsversuch ge- 
scheitert S. 187. — Ungenügende österreichische Verfolgung; Ge- 
fecht bei Voltri, 18. April S. 187. — Gefechte auf dem linken öster- 
reichischen Flügel; Vordringen Otts auf Genua S. 189. — Mas- 
sena in Genua eingeschlossen S. 190. 

III. Die Blockade Genuas 190-215 

Beschreibung der Festung S. 191. — Stärke und Stellungen der 
Blockade-Armee; Streitmacht Massenas S. 195. — Angriff Otts gegen 
die Bisagnolinie, 30. April, zurückgeschlagen S. 196. — Die Offen- 
sive geht an Massena über; Gründe seiner Offensive S. 198. — 
Nachrichten über die Reservearmee; Entsatzhoffnungen Massenas 
S. 199. - Glücklicher Ausfall gegen Osten am 11. Mai; Gottes- 
heim fast aufgerieben S. 203. — Französischer Angriff auf den 
Monte Creto blutig abgeschlagen; Verzicht Massenas auf Offen- 
sive S. 205. — Letzte Kraftanstrengung gegen Osten 28. Mai S. 207. 

— Der Hunger in Genua S. 208. — Verhandlungen wegen Über- 
gabe der Festung S. 210. — Die Konvention vom 4. Juni S. 212. — 
P/ifferenz zwischen Hohenzollern und Keith S. 213. 

IV. Die Operationen am Var 215-232 

Suchet weicht am 7. und 8. April vor Elsnitz auf Finale und 
Borghetto zurück S. 215. — Vorrückung Suchets zur Vereinigung 
mit Massena, 10. bis 20. April, gescheitert S. 216. — Elsnitz mit 
dem Oberbefehl gegen Suchet betraut, sucht dessen linke Flanke 
zu umfassen S. 218. — Rückzug Suchets hinter die Roja S. 219. — 
Besetzung des Col di Tenda durch die Österreicher und Rückzug 
Suchets hinter den Var (11. Mai) S. 220. — Die Lage am Var 
S. 221. — Unsinnige österreichische Angriffe vom 22. und 26. Mai 
S. 223. — Kopfloser Rückzug der Österreicher; Preisgabe des Col 
di Tenda S. 224. — Umsichtige Verfolgung Suchets und starke 
Verluste der Österreicher S. 225. — Vereinigung Massenas und 
Suchets am 7. Juni; Massena lehnt Marsch zur Reservearmee ab 
S. 229. — Rückblick auf den Riviera-Feldzug S. 230. 



XVlll Inhalt. 



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5. Kapitel: Der Feldzug in Deutschland bis zum Waffen- 
stillstand von Parsdorf am 15. Juli. 

I. Here und Führer auf dem deutschen Kriegsschauplatz 

im Frühjahr 1800 233-254 

Ausgang des Feldzuges in Deutschland 1799 S. 233. — Stel- 
lungen und Stärke der Österreicher in den Winterquartieren S. 285. 
— Aufstellung vor Beginn der Feindseligkeiten, Ende April S. 240. 
-- Die französischen Armeen um die Jahreswende S. 241. — Ein- 
teilung der Armee im April S. 246. — Die Österreicher im Un- 
gewissen über die Absichten des , Feindes S. 248. — Kray der 
Nachfolger Erzherzog Karls S. 249. — Die österreichischen Unter- 
führer S. 250. — Moreau und seine Generale S. 251. — Französische 
Angriffsbefehle für den 25. April ; die Österreicher behalten die 
Kordonstellung bei S. 253. 

II. Der Rheinübergang der Franzosen und die Gefechte 

vom 25. April bis 1. Mai 255-271 

Ste. Suzannes Vorstoß von Kehl gegen Kienmayer am 25. April j 
S. 255. — Angriff St. Cyrs von Alt-Breisach tauf Gy,ulay am 25. April 
S. 256. — Kray verkündet die Absicht des Feindes S. 258. — 
Bedrohliche Meldungen vom linken Flügel nicht genügend beachtet 
S. 259. — Konzentration der französischen Armee nach dem rech- 
ten Flügel, Vorrückung Moreaus im Rheintal über die Aib an die 
Wutach S. 261. — Kray verkennt die Lage noch immer; die Öster- 
reicher sind überrumpelt S. 263. — Lecourbes Rheinübergang in 
der linken Flanke der Österreicher, 1. Mai S. 265. — Rückzug der 
gesamten österreichischen Armee auf Engen S. 269. — Beurteilung 
der bisherigen Operationen S. 270. 

JII. Die Gefechte von Engen-Stockach^I^eßkirch, Biberach 

und Memmingen 3. bis 10. Mai 271—295 

Mangelhafte Konzentrierung der Österreicher; Unklarheit Mo- 
reaus S. 272. — Das Gefecht bei Engen, 3. Mai, S. 273. — Gefecht 
bei Stockach, 3. Mai, S. 275. — Rückzug der Österreicher auf 
Meßkirch S. 278. — Sinn- und planloses Begegnungsgefecht dort, 
5. Mai, S. 279. — Die 'Österreicher über die Donau gedrängt, kehren 
schon 7./8. auf das rechte Ufer zurück, um die Verbindung mit 
Tirol wieder zu gewinnen S. 284. — Gefecht bei Biberach, 9. Mai, 
S. 286. — Rückzug an die liier und Gefecht bei Memmingen, 10. Mai; 
Kray lehnt sich an die Festung Ulm S. 290. — Mangelhafte Ini- 
tiative von Reuß S. 292. — Rückblick auf die militärischen 
Leistungen vom 3. bis 11. Mai S. 294. 

IV. Die Manöver und Gefechte um Ulm 296-311 

Die Stellungen der Österreicher S. 296. — Die Gegenmaßnahmen 



Inhalt. XIX 



Seite 

Moreaus im Grunde verfehlt S. 297. — Österreichischer Angriff 
gegen den auf dem Unken Donauufer isolierten Ste Suzannc, 13. Mai, 
S. 29Q. — Moreau wagt keinen Angriff auf die österreichischen 
Positionen; Stellungskrieg S. 300. — Ungenügender österreichischer 
Angriff am 5. Juni gegen den gefährdeten linken französischen 
Flügel S. 302. — Entschluß Moreaus zur Offensive über die Donau 
S. 304. — Neueinteilung der französischen Armee S. 305. — Der 
linke österreichische Flügel unter Sztäray weicht übereilt zurück; 
ungenügende Besetzung des Donauufers unterhalb Ulm S. 306. 

— Übergang der Franzosen bei Blindheim und Qremheim; Gefecht 
bei Höchstädt, 19. Juni, S. 307. — Moreau nutzt seinen Erfolg 
nur mangelhaft aus S. 309. — Gefecht bei Neuburg, 27. Juni; Rück- 
zug der Österreicher hinter Isar und Inn S. 310. 

V. Die Ereignisse in Tirol und am Main ; der Waffenstillstand 

von Parsdorf 312-322 

Untätigkeit von Reuß während der Manöver um Ulm S. 312. 

— Angriff Lecourbes auf die ausgedehnten österreichischen Stel- 
lungen in Vorarlberg und Tirol, Anfang Juli S. 313. — Vorstoß 
Ste. Suzannes gegen den Landsturm Albinis. Versuche einer all- 
gemeinen Organisation der Landesverteidigung in Süddeutschland 
S. 315. — Vordringen der Franzosen über Frankfurt bis .\schaffen- 
burg S. 317. — Der Waffenstillstand von Parsdorf, 15. Juli, S. 318. 
-- Kritik der Operationen um Ulm S. 319. 

6. Kapitel: Die Reservearmee und ihre Operationen 
bis zum Gefecht bei Montebello (9. Juni). 

I. Die Reservearmee von Dijon 323—336 

Die Legende der .\rmee von Dijon; ihr wahrer Zustand S. 323. 

— Berthier S. 327. — Die Reservearmee in der Umgegend von 
Dijon versammelt S. 328. — Widersprechende Befehle zum Aufbruch 
der Reservearmee; Wahl des Alpenpasses S. 330. — Verstärkung 
der Reservearmee durch Moreau S. 333. — Sie ist nur ungenügend S, 
334. — Die Reservearmee überschreitet die Alpen auf mehreren 
Pässen S. 336. 

II. Der Alpenubergang und der Vorstoß gegen Turin . 336—348 

Der Übergang der Hauptkolonnen über den Großen St. Bern- 
hard S. 336. — Der Artillerietransport S. 338. — Die Bergfeste 
Bard ein gefähriiches Hindernis; erst am 2. Juni beseitigt S. 339. 

— Vorstoß Lannes' über Ivrea (22. Mai) an die Chiusella (Gefecht 
vom 26. Mai) und bis Chivasso (28. Mai) S. 342. — Gleichzeitiges 
Vordringen Turreaus im Tal der Dora Riparia; die Österreicher 
halten Turin für das nächste Ziel der Reservearmee S. 343. — 
Linksabmarsch der Reservearmee auf Mailand; Zug Lechis, Bethen- 



XX Inhalt 



Seite 

Courts und Monceys in die Lombardei S. 344. — Der Tessinüber- 
gang der Hauptarmee S. 347. 

III. Der Linksabmarsch der Reservearmee auf die Verbindungen 
der Österreicher 348—364 

Der Streit um dieses strategische Manöver S. 348. — Eigene 
Stellung dazu S. 350. — Der Linksabmarsch und der Entsatz Ge- 
nuas S. 353. — Die Nachrichten von der Reservearmee und die 
österreichische Heeresleitung S. 358. 

IV. Der Po'Übergang und das Gefecht bei Montebello 

am 9. Juni 364—375 

Napoleon sichert seine neue Operationsbasis S. 364. — Der 

Poübergang und der Vorstoß auf Stradella S. 365. — Unsichert? 

Gegenmaßregeln Melas' S. 367. — Soll Genua geräumt werden? 

S. 369. — Vormarsch Otts auf Piacenza; Angriffsbefehle Napoleons 

S. 37L — Das Gefecht bei Montebello am 9. Juni ein Fehler von 

beiden Seiten S. 374. 

7. Kapitel: Die Schlacht bei Marengo am 14. Juni. 

I. Der strategische Vormarsch der Franzosen aus dem Defile 

von Stradella 376—386 

Napoleon verzettelt seine Streitkräfte entgegen seinen Grund- 
sätzen S. 376. — Wer umgeht, ist in Gefahr, umgangen zu werden 
S. 378. — Napoleon will dem Gegner alle seine Verbindungen 
versperren S. 379. — Mangelhafte Aufklärung bei der französischen 
Hauptarmee; Napoleon im Unklaren über die Absicht des Gegners 
S. 380. — Plan der Österreicher, über den Po zu ziehen S. 382. — 
Entscheidung Melas' für die Schlacht; sein Angriffsplan S. 383. 

II. Das Schlachtfeld und die Schlachtordnung der beiden 

Heere , , . 386—399 

Schilderung des Schlachtfeldes S. 386. — Übersicht über die 
französische Armee bei Marengo S. 389. — In Italien verteilte Trup- 
pen S. 391. — Österreichische Schlachtordnung bei Marengo S. 393. 

— In Italien verteilte Österreicher S. 399. 

III. Die Schlacht bei Marengo 400—416 

Die Wegnahme Marengos am Nachmittag des 13. Juni S. 400, 

— Napoleon glaubt an Abzug des Feindes und hält die Entsendung 
Boudets, Desaix' und Lapoypes nach Novi und auf das linke Po-Ufer 
aufrecht S. 401. — Marsch Boudets auf Novi; seine Rückberufung 
S. 401. — Abmarsch Lapoypes über den Po ,und seine Rückberufung 
S. 403. — Die Franzosen am 14. Juni vom österreichischen Angriff 
überrascht S. 404. — Fehler der Österreicher S. 405. — Schil- 



Inhalt. XXI 



Seite 

derung der Schlacht S. 406. — Die Östeireicher am Nachmittag 
siegreich S. 414. — Mangelhafte Verfolgung S. 415. 

8. Kapitel: Das Gefecht bei San Giuliano und die 

Konvention von Alessandria. 

I. Vorbereitung und Gang des Gefechtes ........ 417—430 

Schwierige Entscheidung, ob die Division Boudet (Desaix) an- 
greifen, oder nur Rückzug decken sollte S. 417. — Französische 
Aufstellung bei San Giuliano S. 418. — Zusammenstoß Desaix' 
mit den Österreichern; Desaix t S. 419. — Kellermann macht 
aus eigener Initiative entscheidenden Angriff in die linke Flanke 
der Österreicher S. 421. — Panik der Österreicher; Versagen der 
Kavallerie S. 423. — Heillose Flucht über die Bormida S. 424. — 
Verluste des 14. Juni S. 428. — Geringe Bedeutung der tak- 
tischen Entscheidung S. 430. 

II. Die Konvention von Alessandria 15. Juni 431—434 

Beratung im österreichischen Hauptquartier; Berthier ringt dem 
gebrochenen Melas die Konvention ab S. 431. — Bedingungen der 
Konvention S. 433. 

III Die Konvention von Alessandria keine notwendige 

Folge von Marengo 434—449 

Die Konvention eine Schwäche und Übereilung S. 435. — 
Stärkeverhältnis nach der Schlacht S. 436. — Aussichten der Öster- 
reicher für einen Abzug über Casale und Valenza an den Mincio 
S. 437. — .Aussichtslosigkeit des französischen Widerstandes in der 
Lombardei S. 438. — Unwahrscheinlichkeit, daß Napoleon die Öster- 
reicher einholte S. 441. — Rückblick auf den Feldzug von Ma- 
rengo S. 445. 

9. Kapitel : Der Einfluß der Schlacht von riarengo auf 
die diplomatischen Beziehungen der kriegführenden 

Mächte. 

I. Napoleons Friedensangebot und die Präliminarien 

St. Juliens , 450-467 

Napoleon bietet dem Kaiser Verhandlungen auf der Basis von 
Campo Formio an (16. Juni) S. 450. — Aufnahme in Wien S. 452. 
. — Thugut gegen den Frieden S. 454. — St. Julien mit ablehnender 
Antwort zu Napoleon gesandt S. 455. — St. Julien und andere 
täuschen sich über die Bedeutung seiner Sendung; Gründe dafür 
S. 456. — Verhandlungen St. Juliens mit Talleyrand in Paris 22. 



XXII Inhalt. 



Seite 

bis 28. Juni, S. 459. — Inhalt der Präliminarien vom 28. Juli S. 461. 

— Zweck, den Bonaparte damit verfolgte S. 462. — Entrüstung- 
Thuguts über St. Juliens instruktionsvvidriges Verhalten S. 464. — 

— Bestrafung des Unterhändlers S. 465. — Urteil über St. Juliens 
Verhalten S. 466. — Österreichs Ablehnung der Präliminarien, 
11. August; Friedensverhandlungen gemeinsam mit England vor- 
geschlagen S. 467. 

II. Die englisch'osterreichischen Beziehungen seit dem 

Vertrage vom 20. Juni 467—474 

Eindruck von Marengo in London S. 468. — Aufnahme des 
Vertrages vom 20. Juni im Ministerium und Parlament S. 469. — 
Berechtigtes Mißtrauen gegen Österreich; erst durch Ratifikation 
des Vertrages behoben S. 473. 

III. Die englisch-französischen Verhandlungen von 

August bis Olttober 1800 475-492 

Bonaparte bietet in London durch Otto Verhandlungen über 
allgemeinen Waffenstillstand an; Gründe dafür S. 475. — Oien- 
ville instruiert Capitain George zu Verhandlungen S. 478. — Fran- 
zösische Forderungen von Grenville mit Hinweis auf gemeinsame 
Friedensverhandlungen beantwortet S. 479. — Frankreich macht 
Verlängerung des Waffenstillstandes zu Lande von Bewilligung eines 
solchen zur See abhängig und formuliert ein förmliches Projekt S. 480. 

— Ein englisches Konterprojekt vom 7. September bietet Waffen- 
stillstand unter weit ungünstigeren Bedingungen S. 481. — Unred- 
liches Verhalten Bonapartes S. 482. — Die Verhandlungen gleichwohl 
fortgesetzt S. 484. — Nach dem Falle Maltas bricht Napoleon 
die Verhandlungen ab und bietet England Separatverhandlung an 
S. 485. — Beurteilung der englisch-französischen Anknüpfung S. 
486. — Stellung Pitts und des englischen Parlaments dazu S. 488. ~ 
Absichten Napoleons dabei S. 491. 

IV. Der Waffenstillstand von Hohenlinden und seine 

Folgen: Demission Thuguts 492-506 

Frankreich nimmt Friedensverhandlungen in Luneville an, kün- 
digt aber den Waffenstillstand S. 492. — Der Kaiser erkauft seine 
Verlängerung zu Hohenlinden am 20. September durch Abtretung 
von Philippsburg, Ingolstadt und Ulm S. 495. — Thugut nimmt darauf 
seine Entlassung S. 498. — Lehrbach zu seinem Nachfolger er- 
nannt S. 499. — Protest Mintos gegen Lehrbachs Ministerium S. 500. 

— Der Kaiser läßt Lehrbach fallen; Thugut bleibt faktisch im 
Amte S. 502. — Der Sturz Lehrbachs söhnt in London mit dem 
Waffenstillstand von Hohenlinden aus S, 504. — Ludwig Cobenzl 



Inhalt. XXIil 



Seite 

Nachfolger Thugnts, geht aber als Unterhändler nach Luneville, 
so daß Thugut Leiter der Geschäfte bleibt S. 505. 

10. Kapitel: Die Friedensverhandlungen bis zur 
Eröffnung förmlicher Konferenzen. 

I. Cobenzis erste Instruktion für Luneville 507-516 

Separatverhandlung mit Frankreich oder Festhalten an England? 
S. 508. — Thugut und Cobenzl vorerst gegen Separatverhand- 
lungen S. 510. — Die erste Instruktion Cobenzis für Luneville 
vom 14. Oktober; maßlose Forderungen in Italien; Separatfriede 
ohne England wenigstens vorgesehen S. 511. — Deutlicher geschieht 
das in Ergänzungen dieser Instruktion vom 14. und 17. Oktober 
S. 514. 

H. Cobenzis Reise nach Paris 516—523 

Cobenzl findet in Luneville statt des französischen Unterhändlers 
Einladung nach Paris und folgt ihr S. 516. — Cobenzis Empfang durch 
Bonaparte am 22. Oktober S. 519. ^ Bonaparte sucht vergeblich, 
gegen Konzessionen in Italien Cobenzl zu Separatv^erhandlungen 
zu bewegen; mehrfache erregte Unterhandlungen darüber mit Na- 
poleon und Talleyrand S. 520. — Cobenzl fordert die Räumung 
Toskanas und verläßt Paris, 5. November, S. 523. 

III. Die Verhandlungen in Luneville bis zur Schlacht bei 

Hohenllnden 523-560 

Gelegenheit zu günstigem Frieden von Cobenzl verpaßt S. 524. 
— Der französische Unterhändler Joseph Bonaparte S. 525. — 
Seine Instruktion S. 526. — Machtkampf Österreichs und Frankreichs 
in Italien S. 527. — Unverständliche Instruktionen für Cobenzl vom 
23. Oktober; Verwirrung in Wien S. 529. — Instruktion vom 9. No- 
vember überspannt die österreichischen Forderungen noch mehr; 
Einfluß Thuguts S. 531. — Josephs abenteuerlicher Vorschlag einer 
Aufteilung Oberitaliens, 9. November, S. 532. — Fruchtloser Noten- 
wechsel in Luneville (Toskana) ; Verschleppungstaktik Cobenzis 
S. 534. — Merkwürdige Instruktion für Cobenzl vom 23. November 
über das italienische Teilungsprojekt S. 537. — Besprechungen 
darüber mit Joseph, der ohne Autorisation gehandelt S. 541. — Sehr 
ernüchterndes Friedensprojekt vom 7. Dezember S. 543. — Ab- 
lehnende Haltung des verblendeten Cobenzl S. 546. — Verschär- 
fung der französischen Bedingungen unter dem Eindruck von Höhen- 
linden S. 548. — Fortab zieht Bonaparte die Unterhandlungen hin 
S. 549. — Maßlose österreichische Forderungen trotz Hohenlinden; 
Instruktion vom 18. Dezember; Zustimmung zu Präliminarfrieden 



XXIV Inhalt. 



Seite 

S. 550. — Instruktion vom 23. Dezember mit Zustimmung' zu 
Separatverhandlungen, aber gesteigerten Landforderungen S. 552. 

— Stellung Thuguts dazu S. 555. — Verhandlungen auf Grund 
der neuen Instruktion Cobenzls S. 556. — Verschärfung der franzö- 
zischen Bedingungen, 27. Dezember, S. 557. — Nach dem Waffen- 
stillstand von Steyr stimmt Cobenzl Separatverhandlungen und 
Eröffnung förmlicher Konferenzen zu S. 559. 

11. Kapitel: Der Feldzug von Hohenlinden. 

I. Lage der feindlichen Armeen während des Waffen- 

stillstandes 561-573 

Wechsel in den Kommandostellen der österreichischen Armee; 
Erzherzog Karl S. 561. — Reorganisation und Verstärkung der 
Armee S. 565. — Die französische Armee nach Parsdorf S. 569. — 
Stellung der Gegner im November S. 571. 

II. Die Angriffspläne der Gegner und das Gefecht bei 

Haun am 1. Dezember 573-583 

Schilderung des Geländes bei Hohenlinden S. 573. — Wey- 
rothers Plan vom 14. Oktober zur Umgehung des linken fran- 
zösischen Flügels S. 575. — Aufgabe dieses Planes und Marsch 
nach Ampfing, 30. November, S. 578. — Operationsplan der Fran- 
zosen; ihre ungünstigen Stellungen am 30. November S. 5S0. — 
Angriff auf Grenier bei Haun am 1. Dezember S. 582. 

HI. Stellungen und Absichten der Gegner für den 

3. Dezember 583-592 

Stellung der Franzosen; Schlachtplan Moreaus; das Umgehungs- 
manöver von Richepance und Decaen S. 585. — Stärke der fran- 
zösischen Armee bei Hohenlinden S. 587. — Österreichische Dis- 
positionen für den 2. und 3. Dezember S. 588. — Kritik S. 590. 

— Aufmarsch der österreichischen Kolonnen; ihre Stärke S. 590. 

IV. Die Kämpfe der Kolonnen Kolowrat und Riesch . . 592—605 

Der erste Zusammenstoß bei Kreith und Birkach S. 593. — 
Riesch kommt zu spät, die französische Umgehung zu verhindern 
S. 595. — Kampf Riesch' mit Drouet und Decaen S. 597. — Rück- 
zug von Riesch S. 599. — Vorstoß von Richepance in den Rücken 
Kolowrats; Kampf mit der österreichisch-bayerischen Kavallerie S. 600. 

— Die Kolonne Kolowrat in Front und Rücken angegriffen und auf- 
gerieben S. 602. — Liechtenstein sichert die Straße nach dem Inn 
S. 604. 



Inhalt. XXV 



Seite 

V. Operationen der Kolonnen Baillet und Kienmayer . 605—616 

Baillet zersplittert seine Kolonne und versäumt Angriff auf 
Grouchy S. 606. — Übereilter Rückzug Baillets S. 607. — Kämpfe 
der Kolonne Kienmayer; ihre Erfolge nicht ausgenutzt S. 60S. — 
Geordneter Rückzug Schwarzenbergs S. 610. — Die Verluste der 
Gegner S. 612. — Urteil Napoleons über Moreau und Hohenlinden 
S. 693. — Kritik dieses Urteils S. 614. 

VI. Vom Inn zur Enns. Der Waffenstillstand von Steyr 616—626 

Säumige Verfolgung der Österreicher; die fehlerhafte Stellung 
der Österreicher hinter dem Inn S. 617. — Übergang Lecourbes 
bei Neubeuern am 9. Dezember S. 619. — Die Österreicher räumen 
die Innlinie S. 620. — Die Gefechte bei Salzburg (14. Dezember) 
sichern ihren Rückzug an die Enns S. 621. — Erzherzog Karl 
übernimmt das Kommando der zerrütteten Armee S. 623. — Waffen- 
stillstandsverhandlungen S. 624. — Der Waffenstillstand von Steyr, 
25. Dezember S. 625. 

VII. Die Ereignisse in Tirol und Franken 626—632 

Strategische Bedeutung Tirols; Stellungen von Hiller, Auffen- 
berg und Vukassovich S. 628. — Stellungen Albinis und Simbschens 
in Franken S. 628. — Vormarsch Augereaus mit der gallo-batavischen 
.\rmee an die Regnitz seit Ende November S, 629. — Uneinigkeit 
zwischen Simbschen, Klenau und Herzog Wilhelm von Bayern S. 629. 
— Gemeinsame Zurückdrängung Augereaus hinter die Regnitz, 17. bis 
22. Dezember S. 630. 

12. Kapitel: Der Winterfeldzug in Italien. 

I. Die Lage während des Waffenstillstandes 633—643 

Die Stellung und Stärke der Österneicher hinter dem Mincio 
und in Tirol (Vukassovich) ; das Intermediärkorps Auf fenbergs S. 633. 
— Massena Kommandant der italienischen Armee S. 635. — Ihre 
Stärke und Verteilung S. 636. — Bellegarde der Nachfolger .Welas' 
S. 637. — Verhandlungen über Auslegung und Ergänzung der Kon- 
vention von Alessandria S. 638. — Vertrag von Castiglione, 29. Sep- 
tember; endgültige Waffenstillstandskündigung, 13. November, S. 641. 

II. Toskana und die engl. Streitkräfte im Mittelmeer . 643—654 

Bedeutung Toskanas für den Kaiser S. 643. — Das englische 
Geschwader und Landungskorps im Mittelmeer S. 644. — Plan einer 
Landung in Livorno S. 646. — Das Landungskorps wird nach 
mannigfachem Schwanken nach Ägypten geführt S. 647. — Gründe 



XXVI Inhalt. 



Seite 

für das mangelhafte Zusammenwirken der Engländer und Österreicher 
S. 648. — Besetzung Luccas durch die Franzosen; Stellung der Geg- 
ner südlich des Po S. 649. — Erhebungen gegen die Franzosen 
im September; die Österreicher besetzen Lucca wieder S. 650. — 
Einfall Duponts in Toskana S. 652. — Rückzug der Österreicher; 
Blutbad in Arezzo S. 653. — Toskana fällt an Parma S. 654. 

in. Die Kämpfe am Mincio 25. und 26. Dezember . . . 655—666 

Stärke der Heere; Defensive Bellegardes S. 655. — Kleinkrieg 
südlich des Po S. 656. — Bellegarde entscheidet sich für Defensive 
hinter dem Mincio S. 658. — Offensive Brunes; Stellungen der 
Österreicher S. 659. — Wahl der Übergangspunkte S. 660. — 
Aufschub des Überganges durch Brune; Dupont setzt den Über- 
gang bei Pozzolo fort S. 661. — Kampf bei Pozz,olo am 25. Dezember 
S. 662. — Untätigkeit Brunes am 25. S. 663. — Übergang bei Mon- 
zambano und Gefechte am 26. Dezember S. 664. — Bedeutung 
der Mincio-Schlachten S. 665. 

IV. Der österreichische Rucl<zug und die Operationen 

der Graubündener Armee 666—681 

Rückzug der Österreicher von der Etsch bis zur Brenta S. 666. 
— Stärke, Einteilung und Bestimmung der Graubündener Armee 
unter Macdonald S. 668. — Übergang über den Splügen S. 669. — 
Bestimmung Macdonalds; Verhältnis zur Armee Brunes S. 670. — 
Stellungen der Graubündener Armee Ende Dezember S. 672. — Lage 
Vukassovichs; er wird hinter die Etsch berufen S. 672. — Zug Mac- 
donalds gegen Trient S. 673. — Die Kämpfe im Etschtal; Konven- 
tion zwischen Loudon und Moncey S. 674. — Vukassovich und 
London entkommen durch das Val Sugana S. 676. — Die Leistungen 
der Graubündener Armee S. 677. — Rückzug der Österreicher von 
der Brenta; Waffenstillstand von Treviso, 16. Januar 1801, S. 678. -- 
Rückblick auf den Winterfeldzug in Italien S. 679. 

13. Kapitel: Der Friede von Luneville. 

I. Die 6 ersten Konferenzen vom 2.-26. Januar. — Der 

endgültige Sturz Thuguts 682—701 

Ergebnislose Konferenzen vom 2. und 5. S. 682. — Neue In- 
struktion für Cobenzl und Joseph unter dem Eindruck des Waffen- 
stillstandes von Steyr S. 683. — Die 3. Konferenz vom 11. Januar: 
Frage der Entschädigungen und des Reichsfriedens S. 684. — Die 
merkwürdige 4. Konferenz am 15. Januar: Cobenzl nimmt die Etsch- 
grenze an, Joseph verspricht Entschädigung Toskanas in Italien 
und verzichtet auf Säkularisationen S. 686. — Napoleon zieht die 



Inhalt. XXVir 



Verhandlungen hin S. 68S. — Dementiert Joseph in der Instruk- 
tion vom 20. Januar S. 691. — Stürmische Verhandlungen vom 23. 
bis 25. Januar S. 692. — Cobenzl unterzeichnet demütigenden Waffen- 
stillstand für Kaiser und Reich S. 699. — Rücktritt Thuguts; die 
treibenden Kräfte S. 695. — Das außerpolitische System Thuguts; 
Urteil S. 697. — Cobenzl, Colloredo und Trauttmannsdorff als 
Thuguts Erben S. 699. 

II. Der Kampf um das franzosische Ultimatum 701—727 

Wortlaut des premier Ultimatum vom 29. Januar, des Konter- 
projekts Cobenzls vom 2. Februar und des Ultimatum definitif vom 

4. Februar S. 702. — Preußen und die Frage des Reichsfriedens 

5. 714. — Die 7. Konferenz vom 29. Januar: Einwendungen Cobenzls 
gegen das premier Ultimatum S. 716. — Entgegenkommen Josephs, 
der Salzburg als Entschädigung für Toskana vorschlägt S. 718. — 
Rücksichtslose .Ausbeutung der Lage durch Napoleon; nur Geheim- 
artikel über Toskana angenommen S. 719. — Letzte Anstrengungen 
Cobenzls S. 721. — Schlußkonferenz am 9. Februar; Verkündigung 
des Friedens in Paris, Wien und Regensburg S. 725. 

III. Inhalt und Bedeutung des Friedens von Lunevüle . 727—734 



Verzeichnis der Skizzen im Text: 

Genua (zwischen S. 192 und 193), Kehl (S. 254), Freiburg 
(S. 257), Engen-Stockach (S. 276), Meßkirch (S. 281), Biberach, 
Memmingen, Ulm (S. 287), Marengo (S. 387), Hohenlinden (S. 584), 
die Schlachten am Mincio (S. 661). 



Als Beilagen am Schluß des Buches: 

Übersichtskarte für die Feldzüge in der Riviera und von Marengo. 
Übersichtskarte des Kriegsschauplatzes in Deutschland und den Alpen- 
ländern. 




1. Kapitel: 

Die diplomatischen Beziehungen Frankreichs 
nach dem Brumalre. 

I. 

Der 18. und 19. Brutnaire. 

Auf die Frage nach dem Alter seiner Dynastie soll Napoleon 
einem Vorwitzigen die Antwort gegeben haben, sie datiere 
vom 18. Brumaire. Nicht treffender kann man die Bedeutung 
jener Novembertage umschreiben, deren äußeren Verlauf noch 
Hermann Hüffer im Schlußkapitel seines Werkes über die zweite 
Koalition und den Krieg von 1799 geschildert hat. Zweifellos 
der Höhepunkt in der gesamten Entwicklung dieses denk- 
würdigen Jahres, ist der Staatsstreich, dem der siegreiche General 
die bürgerliche Herrschaft über Frankreich verdankte, auch 
der alles beherrschende Ausgangspunkt für die Abwandlungen 
in den Geschicken Europas, die wir auf den folgenden Blättern 
zu betrachten haben. 

Und wenn dem Leser Zweifel aufsteigen mögen, ob eine 
so eindringende Betrachtung, wie sie die militärischen und 
politischen Ereignisse von wenig mehr als Jahresfrist in vor- 
hegendem Werke in manchmal entsagungsvoller Kleinarbeit 
gefunden haben, berechtigt ist, so möge er sich gegenwärtig 
halten, daß es in dieser kurzen Spanne Zeit, vom Brumaire 
bis zum Frühjahr des Jahres 1801, Napoleon gelang, seiner 
usurpierten Herrschaft feste Stützen unterzuschieben, daß die 
Ereignisse des Jahres 1800 für die Weltgeschichte von ent- 
scheidender Bedeutung sind, da Napoleon in diesem Jahre 
im Inneren wie nach außen die Fundamente für seine Welt- 
herrschaft legte — ein Stück Arbeit, des Titanen wert, der 
sie leistete. 

. Nach manchem Vorgänger hat jüngst Albert VandaU) das 
irinerpolitische Werk Napoleons so glänzend geschildert, daß 

'j A. Van dal, L'Avenement de Bonaparte. 2 Bde. Paris 1902/7. 

Herrmann, Der Aufstieg Napoleons. I 



Die diplomatischen Beziehungen 



dem deutschen Historiker, der ihm nicht den mühsamen Weg 
durch die französischen Quellen nachwandeln will und kann, 
nicht viel mehr als die Reproduktion seines Bildes zu tun 
bleibt. Möchte es für weitere Kreise in treuester Form durch 
eine Übersetzung geschehen. 

Anders steht es um die militärisch-politische Sicherung 
der Konsulatsherrschaft, die Napoleon den Boden bereitet für 
sein grandioses innerpolitisches Wirken. Diese Vorgänge sind 
zwar von Vandal nicht ignoriert, und andere Namen, wie vor 
allem der Albert Sorels,^) wären hier zu nennen, aber wenn 
wir diesem eine grundlegende Beurteilung der ganzen Epoche 
verdanken, für die einzelnen Ausschnitte ist über seinen meist 
zu einseitig französischen Quellenbestand weit hinauszukommen. 
Gilt es doch in jener Zeit stets internationale Beziehungen 
aufzudecken. Und zur Darstellung von kriegerischen Ereig- 
nissen vollends, die nicht nur wegen ihrer politischen Folgen, 
sondern vielfach auch rein militärisch von höchstem Interesse 
sind, lockte ein überaus reiches neues Material. 

Das Erbe, das die verlotterte Direktorialregierung im 
Innern hinterließ, war trostlos, und wohl nur ein Bonaparte 
konnte es antreten, nicht aber läßt sich mit gleicher Selbst- 
verständlichkeit die Frage beantworten, ob allein Bonaparte 
auch nach außen der Retter Frankreichs sein konnte, denn 
der Sieger von Abukir war eben rechtzeitig heimgekehrt, um 
die Erfolge mitzufeiern, durch welche Brune und Massena 
den Boden Frankreichs vor der drohenden Invasion der Ver- 
bündeten bewahrt hatten. Dazu traten bald im Schöße der 
Koalition, vor allem durch den Zwist Österreichs mit dem 
Zaren Paul, Momente ein, die Napoleons außerpolitische An- 
fänge erleichterten. Aber als schwer genug werden wir auch 
diese bald erkennen lernen, und man wird wohl die Tat- 
sache, daß Frankreich damals der schlimmsten Gefahr be- 
reits entronnen war, bei der Beurteilung der Ergebnisse des 
18. und 19. Brumaire ebensowenig entscheidend geltend machen 
dürfen, wie die weitere, daß der Staatsstreich Napoleon schwach 
gesehen hatte. So wenig dieser auch durch seine Tätigkeit 
am Tage der Entscheidung selbst es verdient hat, daß ihm 



) S o r e 1 , L'Europe et la revolution f ran9aise. SBÖe. Paris 1885/1905. 



Frankreichs nach dem Brumaire. 



sein voller Preis zufiel, er war doch verdient als die Folge 
einer lange vorbereiteten Entwicklung. Es war in Erfüllung 
gegangen, was der leidenschaftliche Widersacher der fran- 
zösischen Revolution, Edmund Burke, schon 9 Jahre zuvor 
prophezeit hatte, daß die sogenannte französische Freiheit 
dem ersten großen Degen zum Opfer fallen würde, der die 
Augen der Welt auf sich zu richten verstehen würde. 
Daß obendrein nach einer Reihe blutiger Staatsstreiche, 
die ihm voraufgegangen waren, gerade jener, der die Säbel- 
herrschaft aufrichtete, ohne jedes Blutvergießen sich abwickelte, 
wurde als besonderer Segen in Frankreich empfunden, und 
selten ist denn auch eine Staatsumwälzung bei den Massen — 
die ernste Opposition war nur von sehr kleiner Minderheit 
getragen — mit größerem Jubel aufgenommen worden,') zu- 
mal Napoleon mit Erfolg bemüht war, wie am Brumaire selbst 
so auch später, den Staatsstreich als einen bürgerlichen, 
nicht einen militärischen erscheinen zu lassen. Rasch 
vergaß man über der Freude, von der heillosen Direktorial- 
regierung befreit zu sein, die Mittel, die Bonaparte zur Herr- 
schaft gebracht, denn darauf kam es doch schließlich in der 
Tat sofort hinaus. Schon während des provisorischen Konsulats, 
das am 19. Brumaire in St. Cloud an Stelle des aufgehobenen 
Direktoriums Sieyes, Roger Ducos und Bonaparte zu gleichen 
Rechten übertragen worden, war Bonaparte durchaus — de 
facto-) — der Mittelpunkt der Geschäfte, vor allem für das 
Wichtigste: die Verfassungsberatung, die auf Antrag der Kon- 
suln den zwei Kommissionen von je 25 Mitgliedern zufiel, 
die in der Nachtsitzung des 19. Brumaire aus den beiden 
Räten der Verfassung des Jahres III gewählt worden waren. 

'j Vandal a. a. O., I, 403ff. Vgl. auch Fournier, Napoleon 1, 2t9ff. 

: Die Tatsache, daß der Vorsitz unter den Konsuln täglich wechselte, 
spricht wohl nicht, wieAulard will Histoire politique de la revoiution, 
Paris 1901, p. 703, dagegen. AuchSorel, a.a.O. VI, 1 ff., meint allerdings, 
daß Bonaparte nur allmählich herrschte und mit Roger Ducos der letzte 
Rest direktorialer Unfähigkeit und mit Sieyes die letzte Wolke 
utopischer Obstruktion und spekulativer Ohnmacht verschwanden. Für 
meine Auffassung vgl. u. a. das Zeugnis in den Berichten von Sandoz- 
Rollin nach Berlin. B a i II e u , Preußen und Frankreich von 1795—1807. 
Leipzig 1881, 1, 351, 354. Weitere Äußerungen über die Machtstellung 
Banapartes ebda. S. 356 f., 363 ff. 

!• 



Die diplomatischen Beziehungen 



Wir haben hier die innere Entwicklung Frankreichs nur 
so weit zu behandeln, als sie auf die kriegerischen und poli- 
tischen Ereignisse unmittelbaren Einfluß gewann. 

Das ist kaum der Fall mit der Verfassung des Jahres VIII, 
der Konsularverfassung, die grundlegend geworden ist für das 
Napoleonische Frankreich, da die Verfassungsgesetze von 1802 
und 1804 nur Novellen zu ihr bedeuten, und erst die Acte 
additionel vom 22. März 1815, die in der Form ebenfalls noch 
als Novelle auftritt, wirklich eine neue Verfassung gab. 

Aus der politischen Metaphysik von Sieyes' Verfassungs- 
entwurf, in der ein Tatmensch keine Stelle gefunden hätte, 
war durchaus eine Verfassung ä la Bonaparte geworden; sie 
legte mit ihrer außerordentlich starken Exekutive fast dikta- 
torische Gewalt in die Hände eines Mannes, den die Natur 
selbst zum Herrscher geschaffen hatte. Seine Mitkonsuln, der 
bedeutende Jurist Cambaceres und der bewährte Finanzmann 
Lebrun, waren nur äußerst geschickt gewählte Handlanger. Die 
gleichwohl als Grundsatz der Verfassung verkündigte Volks- 
souveränität und das allgemeine Wahlrecht, das sie verlieh, 
war durch Zusammensetzung und Kompetenzabgrenzung der 
gesetzgebenden Faktoren praktisch fast illusorisch gemacht. Vor 
allem: das Recht der Gesetzesinitiative lag allein bei der Exe- 
kutivgewalt, die selbst das Budget fix und fertig vorlegte, das 
nur en bloc angenommen oder verworfen werden konnte.'^) 

Mehr als doppelt soviel Franzosen, wie einst für die Ver- 
fassung des Jahres III, stimmten gleichwohl für diese ihnen 
förmlich aufoktroyierte Konsulatsverfassung, die jene Freiheit 
ertötete, für die dieselben Franzosen kurz zuvor noch Ströme 
von Blut vergossen hatten. Auch als diese erste große Folge 
des Brumaire bereits deutlich vor Augen lag, war die Oppo- 
sition nur auf kleine Kreise beschränkt; das politische Interesse 
war bei der Nation, die soeben die Trägerin einer weltgeschicht- 
lichen Bewegung ohnegleichen gewesen war, unter den un- 
erhörten Leiden, die damit verbunden gewesen, abgestumpft; 
man opferte gern die politische Freiheit, da man das andere 
große Geschenk der Revolution, die soziale Gleichheit, bewahrt 



') ISäheres über das Verfassungswerk u. v- a. bei Aulard, a.a.O. 
Paris 1901, p. 701 ff.; Va nd a 1 a. a. O. I, 493 ff., wo reiche weitere Literatur. 



Frankreichs nach dem Brumaire. 



sah. Bruder Lucian, der Minister des Inneren, meldete dem 
Ersten Konsul: Die Franzosen haben die Verfassung mit 
Enthusiasmus aufgenommen. Das ist gewiß übertrieben, aber 
angesichts der 3 Millionen Ja, denen nur 1500 Nein gegen- 
überstanden, ist unleugbar, daß diese Verfassung den Fran- 
zosen zum mindesten für ihre augenblicklichen Bedürfnisse 
zweckentsprechend schien. 

Noch ehe dieses Resultat bekannt war, hatte sich — am 
Weihnachtstage des Jahres 1799 — die neue Regierung kon- 
stituiert. So sicher war Napoleon seiner Franzosen.^) Er wußte, 
wie wandelbar und leicht bestimmbar sie sind, wenn eine große 
Idee, eine bedeutende Persönlichkeit sie gefangen nimmt. 

Und niemals hatten sie einem Gewaltigeren gehorcht, als 
jenem, dem sie sich jetzt so überraschend willig zu eigen gaben. 
Alle Parteien hingen ihm an, alle wußte er geschickt zu be- 
arbeiten,-) zu nutzen und sich zu verpflichten. Das wichtigste, 
seiner starken Exekutive zur Seite stehende Organ der neuen 
Verfassung, der Staatsrat, und später die Beamtenhierarchie, 
die sein das Jahrhundert überdauerndes, starr zentralistisches 
Verwaltungssystem vom 17. Februar 1800 nötig machte, sahen 
Royalisten und Jacobiner neben dem Gros der gemäßigten 
Republikaner in ihren Reihen. 

Wie wenige durchschauten damals noch in den Kabinetten 
Europas, wie auch in Frankreich selbst den Emporkömmling. 
Den Sohn der Revolution und damit den Retter der Republik 
sahen die einen in ihm ; daß er die Rolle des Monk spielen 
v/erde, hofften die andern. Alle aber, die weit überwiegende 
Mehrheit der Nation zum mindesten, jubelten ihm deshalb zu, 
weil er nicht minder wie als glänzender Feldherr als Friedens- 
tringer in ihren Herzen lebte. 

') Correspondance de Napoleon I" VI, Nr.4435. Botschaft an die 
Commission der 500 vom 22. Dezember mit dem Vorschlag, den Termin 
für das Inkrafttreten der Verfassung festzusetzen. 

') Bald nach dem Staatsstreich begann Napoleon planmäßig und in 
goßem Umfang die Beeinflussung der öffentlichen Meinung. Ein besonders 
irerkwürdiges Mittel war (Verordnung vom 20, November, Corresp. VI, 
4.J95 , aus jedem Bezirk einer Militärdivision Delegierte zu berufen, um 
Aufklärungen über' die Ereignisse des Brumaire entgegenzunehmen. 
V'enige Monate darauf schon begann dann die Knebelung der Presse, als 
trän bis auf 13 Journale, die streng überwacht wurden, alle Pariser 
Blätter unterdrückte. 



Die diplomatischen Beziehungen 



11. 

Bonapartes Friedensangebot in London: Frankreich und 

England. 

In der Nachtsitzung des Rates der Fünfhundert in St. Cloud 
war den provisorischen Konsuln der Auftrag geworden, für 
einen ehrenhaften Frieden Sorge zu tragen. Aber gerade hierin 
sollte Napoleon enttäuschen und doch die Nation mit sich 
fortreißen — in einen verhängnisvollen Taumel der Gloire. 
Frankreich, das friedebedürftige, hatte sich mit Bonaparte eine 
Ära fast ununterbrochener blutigster Kriege erkauft, an deren 
Ende ihm kein Dorf verblieb von dem Weltreich, das Napoleon 
zu seinen Füßen gesehen, wohl aber ein Schatz gewaltigster 
Erinnerungen an eine Zeit unerhörten äußeren Glanzes und 
Ruhmes, der für die seitherige Geschichte der „grande nation" 
noch wirksam, aber auch verhängnisvoll genug geworden ist. 

Wer trägt die Schuld an dieser Ära der Kriege, die das 
Angesicht Europas umgestalteten? Mit dieser Frage berühren 
wir eines der umstrittensten Probleme der Napoleonischen Ge- 
schichte. Gleich zu Beginn unserer Darstellung tritt es uns 
Antwort heischend nahe, denn an demselben Weihnachtstage, 
an dem die Konsulatsregierung sich konstituierte, ergingen 
Friedensbotschaften Bonapartes nach London und nach Wien,^) 
nicht die ersten und nicht die letzten Beispiele „philosophischer" 
Briefe, wie Napoleon sie in den internationalen diplomatischen 
Verkehr einzuführen beliebte, Briefe überdies, die recht wenig 
zu dem ersten Vertreter eines konstitutionellen Staatswesens 
passen wollen. Die beiden Dezemberschreiben erinnern in ihrem 
Stil lebhaft an den berühmten Brief an Erzherzog Karl vom 
3L März 1797, der den Präliminarfrieden von Leoben herbei- 
führte. 

Wir betrachten die Anknüpfungen mit England und dem 
Kaiser am besten getrennt. 

Der Brief an König Georg IH. spart die schönen Worte 
nicht, es sind aber auch wirklich nur Worte, kein greifbarer 
Vorschlag folgt den rhetorischen Fragen, ob der Krieg, dei 
nun schon seit acht Jahren die Welt verwüstete, ewig währen 



^) Correspondance VI, 4445 und 46. 



Frankreichs nach dem Brumaire. 



solle, ob es kein Mittel gäbe, sich zu verständigen. Es heißt 
dann wörtlich: „Wie können die beiden aufgeklärtesten 
Nationen Europas, die mächtiger und stärker sind, als es ihre 
Sicherheit und Unabhängigkeit erfordert, den Ideen eitler Größe 
die Blüte des Handels, die innere Wohlfahrt, das Glück der 
Familien zum Opfer bringen? Wie können sie nicht empfinden, 
daß der Friede das vornehmste Bedürfnis wie der höchste 
Ruhm ist?^' 

Am 31. Dezember langte dieser phrasenreiche Brief bei 
den nüchternen Lords in Downing Street an.^) Er kam nicht 
ganz überraschend, denn in einem Schreiben an Lord Auckland, 
damals englischer Generalpostmeister, war bereits vorher ver- 
trauhch und privatim die ernste Friedensliebe der neuen 
französischen Regierung betont worden. Dieser Brief ist 
aber weder im Wortlaut bekannt, noch der Schreiber ge- 
nannt! Vermutlich ist es der Pariser Bankier Perregaux, und 
da dieser Mann später häufig und freundlich mit Bonaparte 
verkehrt hat, ist die Vermutung einer Inspiration des Briefes 
durch den Ersten Konsul nicht ganz von der Hand zu weisen.') 
Der Empfänger des Briefes hat schon als Anhänger der Kriegs- 
partei der französischen Eröffnung kein größeres Gewicht bei- 
gelegt, als Pitt, der sein tiefes Mißtrauen deutlich aussprach, 
besonders nach Empfang des offiziellen französischen Friedens- 
angebotes.^) Die inneren Zustände Frankreichs gaben dem 
^) B o w m a n , Preliminary Stages of the Peace of Amiens. Univer- 
sity of Toronto Studies. History. II ^ Series I. Bd. (1899). Ein Teil der 
Arbeit erschien als Leipziger Dissertation 1899: Die engl.-franz. Friedens- 
verhandlungen Dezember 1799 bis Januar 1800. Die folgenden Zitate 
entstammen der engl. Gesamtarbeit. 

- Ebda. p. 25 wird dieser Brief als Stütze für die friedlichen Ab- 
sichten Bonapartes überschätzt. — Für die Correspondenz Perregaux' mit 
Auckland sind Zeugnisse dessen Briefe an Pitt vom 19. Januar und 
24. Dezember 1800. Vgl. The Journal and correspondence of William Lord 
Auckland London 1862 IV, 104 bzw. Historical Manuscripts Commission: 
Report on the Manuscripts of ). B. Fortescue VI, 414f., London 1908 
(fortab zitiert Fortescue Manuscripts VI . — Die Briefe Aucklands an 
Grenville vom Januar und Februar 1801 bei Bowman p. 76 f. 

*) Pitt an Auckland 25. Dezember und Auckland an Pitt 19. Januar 
Journal and corresp. of Auckland IV, 104 f.; Pitt an Dundas 31. Dezember 
Correspondence of Charles, first Marquis of Cornwallis HI, 155, 
London 1859; Pitt an Addington 4. )anuar. Pellew, Life and correspon- 
dence of Addington, first Viscount Sidmouth I, 248. 



Die diplomatischen Beziehungen 



englischen Premier iceine soliden Garantien. Der Staats- 
sekretär des Auswärtigen, Lord William Grenville, teilte 
diese Zweifel vollauf und glaubte nicht an die Aufrichtigkeit 
Bonapartes. Diesen nüchternen Erwägungen entsprach denn 
auch sachlich die Antwort, die — schon die englische Ver- 
fassung verbot einen anderen Weg — Grenville an seinen 
Pariser Amtsgenossen Talleyrand adressierte, in der Form 
ist sie so kalt und schneidend, von so unnötiger Schärfe, daß 
der König, obwohl durchaus dem Frieden abgeneigt, an den 
Rand des Entwurfes schrieb: „Nach meiner Ansicht viel zu 
scharf, aber ich denke, sie muß abgehen.''^) 

Kaum je hat in der Tat ein britischer Minister das Zensor- 
anit, das Albion sich so gern anmaßt, rücksichtsloser geübt 
als Grenville in seiner Depesche vom 4. Januar. "^ ) Sie war 
als ein förmliches Manifest gehalten und auch gedacht. Nach- 
dem er die Friedensliebe des englischen Königs betont und 
daß er keine Hoffnung habe, mit der neuen, durch einen revo- 
lutionären Akt zur Herrschaft gelangten französischen Regierung 
den Weltfrieden zu fördern, hält Grenville Frankreich ein langes 
Sündenregister vor, erfüllt mit den Kriegsgreueln, die es über 
den Erdball gebracht habe. Bedeutsamerweise fehlt es dabei 
nicht an einem Hinweis auf die England besonders unbequeme 
Ausdehnung der französischen Eroberungspolitik über die 
Grenzen Europas hinaus. Man meint an der Themse 
Ägypten, obwohl es nicht genannt wird! Auf allgemeine 



Roseberry, Pitt. London 1891 p. 143. — Dabei hatte Gren- 
ville den Vorsatz, maßvoll zu sein. Er schrieb an Buckingham am 
1. Januar, er sinne darüber nach, wie er die Antwort in einer Weise gebe 
die am wenigsten bei den vielen anstoße, die zwar die Franzosen und 
Jacobiner hassen, aber schon morgen einen Frieden unterzeichnen würden^ 
der uns beiden ausliefert. Memoirs of the Court and Cabinet of Georges III 
by the Duke of Buckingham, London 1855. III, 4. Eine sehr eindring' 
liehe Mahnung zu einer gemäßigten Antwort, besonders mit Rücksicht 
auf die Stimmung in England, die schließlich doch zu Unterhandlungen 
führen werde, erteilte Grenville sein Bruder, der Marquis von Buckingham. 
Fortescue Manuscripts VI, 95. — Fox schrieb bissig an Lord Holland über 
die Ablehnung „Surely they must be quite mad" (Russell, Memorials and 
correspond. of Ch. ). Fox, London 1854 III, 174). 

') Parliamentary History (Herausgeber Cobbett-Hansard) Bd. XXXIV 
Spalte 11 98 ff. 



Frankreichs nach dem Brumaire. 



Versprechungen hin, wie sie schon wiederholt von den wechseln- 
den Machthabern Frankreichs ergangen seien, dürfe England 
die von Frankreichs Ehrgeiz und seinen zerstörenden Tendenzen 
drohenden Gefahren nicht als beseitigt betrachten; nur augen- 
scheinliche Tatsachen könnten darüber beruhigen. Und dann 
folgen jene Worte, die in Bonapartes Ohren darum sicher nicht 
besser klangen, weil sie ihm um jene Zeit auch noch von 
anderer Seite nahegebracht wurden. ^ ) Das beste und natür- 
lichste Unterpfand einer wirklichen und dauernden Verände- 
rung in Frankreich, so hieß es, wäre die Wiedereinsetzung 
des Fürstenhauses, welches so viele Jahrhunderte hindurch der 
französischen Nation Wohlstand im Inneren und Achtung nach 
außen erhalten habe. 

Der Eindruck dieser Philippika wurde nur wenig abge- 
schwächt durch die Versicherung, daß der König von Eng- 
land keinen Anspruch darauf mache, Frankreich seine Regie- 
rungsform vorzuschreiben, und daß er die Möglichkeit eines 
Friedensschlusses nicht ausschließlich in der Restauration der 
Bourbonen sehe. Folgte ihnen doch der Ausdruck des Zweifels 
an den Grundsätzen und der Dauerhaftigkeit der neuen Regie- 
rung, so daß England seinen gerechten Defensivkrieg gegen 
Frankreich nicht aufgeben könne. 

Wir wundern uns nicht, daß die Männer der Opposition 
' — u, a. Fox, Sheridan, Tierney, aber auch solche, wie der sonst 
regierungsfreundliche Lord Romney — für diese hochfahrende, 
zwecklos beleidigende Sprache Grenvilles, die seine mündliche 
Stellungnahme im Parlament, seine heftigen Anklagen gegen 
Bonaparte noch überboten, Worte des Tadels fanden, als das 
französische Friedensangebot am 28. Januar und 3. Februar 
in beiden Häusern zur Verhandlung kam.-) 

') Daudet, Histoire de l'emigration, Paris 1886. II, 370 ff. 

' Die Debatten des Oberhauses vom 28. Januar und die sehr aus- 
gedehnten im Unterhause vom 3. Februar in Parliamentary HistoryXXXlV 
i;.^04ff. bzw. 1242 ff. Vgl. auch ebda. XXXV, 508, Grenville am 11. No- 
vember 1800 im Hause der Lords. — Auch Pitts Nachfolger, Addington, 
dir nicht zur Opposition gehörte, tadelte die Sprache Grenvilles ( P e 1 1 e \v, 
a a. O. I, 249 f. Pitt hatte Addington am 4. )anuar Grenvilles Antwort 
an Talleyrand als ein gleicherweise für Frankreich und England bestimmtes 
Manifest bezeichnet, das vor allem die Sache des Royalismus fördern solle, 



10 Die diplomatischen Beziehungen 

Bei diesen Debatten lag bereits ein erneutes französisches 
Angebot vor. Trotz der schroffen engUschen Ablehnung hatte 
Talleyrand schon am 14. eine Antwort gegeben. In berechnen- 
der Mäßigung wies er die englische Anschuldigung, als trage 
Frankreich an den Kriegsgreueln der letzten Jahre die Schuld, 
zurück; nur bezüglich der Bourbonen ließ sich Talleyrand den 
naheliegenden Einwand nicht entgehen, was England wohl 
sagen würde, wenn man es aufforderte, die Stuarts wieder 
einzusetzen. Im übrigen schlug das Schriftstück, über die erste 
Botschaft Bonapartes hinausgehend, förmliche englisch-franzö- 
sische Separatverhandlungen vor. ^ ) Auch jetzt vermochten aber 
Pitt und Grenville sich nicht von der Aufrichtigkeit der fran- 
zösischen Friedensversicherung zu überzeugen, und so lautete 
ihre Antwort vom 20. Januar abermals ablehnend und war 
in der Form nicht minder brüsk.^) 

Welche Schlüsse sind nun aus dem französischen Friedens- 
vorschlag und seiner Ablehnung in London zu ziehen? War 
es dem Ersten Konsul ernstlich um den Frieden zu tun, und 
ist Pitts und Grenvilles Verhalten eine Stütze für die Ansicht 
jener, die Bonaparte während seiner ganzen Laufbahn mehr 
oder minder in die Rolle des Angegriffenen verweisen, der nur 
notgedrungen von einem Kriege zum anderen schritt, der den 
Kontinent zu erobern gezwungen wurde im Kampfe um die 
Vormachtstellung mit England und um die Seetyrannei Albions 
zu brechen? 

Vor Beantwortung der zweiten Frage ist ein kurzer Rück- 
blick auf die englisch-französischen Beziehungen der letzten 
Jahre am Platze. 



die gerade Pitt, wie auch sein Verhalten im )ahre 1800 zeigt, besonders 
warm am Herzen lag. — Tierney von der Opposition stellte den Antrag, Eng' 
land solle seine Sache von der der Bourbonen trennen; Sheridan nahm sich 
mit beißendem Hohn die unselige holländische Expedition vor. Aber trotz 
dieser u.a. eindrucksvoller Reden bekam Pitt eine Mehrheit für sein Budget 
und alle für die Fortsetzung des Krieges nötigen Forderungen, vor allem 
auch Vollmacht zum Abschluß von Anleihe- und Subsidien-Verträgen mit 
Österreich und den süddeutschen Staaten. 

') Corresp. VI, 4530 mit irriger Datierung. Das Londoner Original 
der Note an Grenville trägt das Datum des 14. 

'} Pari. History XXXIV, 1203f. 



Frankreichs nach dem Brumaire. 11 

Seit England zu Beginn des Jahres 1793 in den Kampf 
des alten Europa mit dem revolutionären Frankreich einge- 
treten war, um fortab bis Waterloo dessen zähester und konse- 
quentester Gegner zu bleiben, hatten bereits mehrmals Ver- 
handlungen mit Frankreich stattgefunden. Schon am 8. März 
1796 hatte der damalige englische Bevollmächtigte in der 
Schweiz, Sir William Wickham, Barthelemy, dem späteren Mit- 
glied des französischen Direktoriums, in Bern eine Note zu- 
stellen lassen, die einen Friedenskongreß anregte. * ) Die 
schroffe Ablehnung durch das französische Direktorium über- 
hob das englische Kabinett der Notwendigkeit, deutlicher, als 
es m. E. schon durch die Note vom 8. März geschehen war, 
zu zeigen, daß es ihm noch nicht recht ernst war mit dem 
Frieden. - ) 

Eine zweite englische Annäherung im Herbst desselben 
Jahres wurde vom französischen Direktorium, als man ihm 
dänische Vermittlung zumutete, zunächst abermals schroff ab- 
gewiesen, führte aber schließlich doch zu den direkten Unter- 
handlungen Lord Malmesburys mit Delacroix, dem Minister 
des Auswärtigen, in Paris vom Oktober bis in den Dezember, 
die sich vor allem an der niederländischen Frage, die bekannt- 
lich der vornehmste Anstoß für Englands Eintritt in die Koa- 
lition gewesen, zerschlugen. Wahrscheinlich waren sie auch 
englischerseits nur unter dem Druck der damaligen Finanz- 
not, und um der Opposition ein Zugeständnis zu machen, 
geführt worden; es ist kaum zu bezweifeln, daß Malmesbury, 
wenn auch versteckt, auf ihren Bruch hinarbeitete. ^ ) Ob das 
von vornherein geschah, bleibe hier dahingestellt/) 

') Annual Register 1796. State Papers p. 125f. 

-; Die englische Nation war schon damals sehr friedebedürftig. Vgl. 
u. a. Bericht Starhembergs an Thugut vom 12. April 1796 bei Luckwaldt^ 
der Friede von Campo Formio. Urkunden und Aktenstücke zur Geschichte 
der Beziehungen zwischen Österreich und Frankreich in den Jahren 
1795/97. Innsbruck 1907 S. XClil. 

') Annual Register 1796. State Papers p. 147 ff.; Diaries and 
correspondence of Lord Malmesbury III, 259ff.; Fortescue Manu- 
«eripts III, 259 ff; Sorel V, 113 ff. 

Sorels Auffassung a. a. O. zurückweisend (vgl. auch schon Guyot 
et Muret in der bedeutsamen Auseinandersetzung mit Sorel in der Revue 
d'histoire moderne et contemporaine XV, )an. 1904), behauptet Ephr. 



12 Die diplomatischen Beziehungen 

Zu erneuten Verhandlungen kam es dann, gleichzeitig mit 
den österreichisch-französischen in Udine, im Jahre 1797 zu 
Lille. Diese neuen Konferenzen waren dadurch veranlaßt und 
erleichtert, daß Belgien bereits im Präliminarfrieden von Leoben 
an Frankreich abgetreten war. In der Tat machte dieses Mal 
auch wohl nur der Staatsstreich des 18. Fruktidor, d. h. der 
Sieg der revolutionären über die dem Frieden geneigten Par- 
teien in Paris, den vorher nicht aussichtslosen und auch mit 
Ernst betriebenen Verhandlungen ein Ende. ^ ) Die fran- 

Douglas Adams (The Influenae of Grenville on Pitts Foreign Policy 
1787/98. Published by the Carnegie Institutions of Washington 1904 
p. 45 ff.), daß es Pitt damals mit dem Frieden ernst war, dem sehr viel 
kriegerischeren Grenville dagegen nicht, daß Malmesbury seine Rolle an- 
fangs dementsprechend ernst nahm und erst, nachdem Grenville sich 
durchgesetzt und er im November neue Instruktionen erhalten hatte, zum 
Krieg trieb. — Daß Pitt damals den Frieden wünschte, nimmt auch 
Luckwaldt a. a. O. S. CXX an, gestützt auf Äußerungen Malmesburys, 
die Sandoz unter dem 18. November berichtet (Bai Heu a. a. O. I, 106}. — 
Auch ich bin der Ansicht, daß Grenville kriegerischer war als Pitt, daß 
dieser überhaupt nicht ein Verfechter des Krieges um jeden Preis war 
(vgl. Text S. 16f.), aber die Pariser Friedensverhandlungen von 1796 ver- 
mag ich nicht für ernst zu halten, und ich glaube nicht, daß Pitt hier 
anders dachte als Grenville und Malmesbury. Näheres gehört nicht hierher, 
aber ich verweise wenigstens auf einige meist nicht beachtete Schreiben, 
die Fortescue Manuscripts III, 255 f. zu finden sind: Georg Ill./Grenville vom 
23. September zeigt den König in höchster Entrüstung über die heraus- 
fordernde französische Antwort; Grenville/Georg vom gleichen Tage, daß die 
Friedensverhandlungen gleichwohl, aus taktischen Gründen, eingeleitet 
werden sollen und endlich läßt Georg/Grenville vom 24. September den 
Schluß zu, daß Pitt und Grenville darüber einig sind: „As Lord Grenville 
and Mr. Pitt think a farther step of humiliation necessary to call 
forth that spirit which used to be characteristic for this Island I will 
not object to the proposed declaration beeing sent by a flag of truce." 
Daraufhin erbat dann Grenville vom Direktorium Pässe für einen Unter- 
händler, als den man jetzt an Stelle Jacksons Nalmesbury ernannte — auch 
das vielleicht ein Zeichen, daß man in London keinen ernsten Frieden 
erstrebte, da an M's Übereinstimmung mit Grenville m. E. nicht zu 
zweifeln ist. 

') Annual Register 1797. State Papers p. 181 ff.; Malmesbury, 
Diaries and corresp. 111,369 ff.; Fortescue III, 333 ff.;Hüffer, Diplomatische 
Verhandlungen 1, 360; Sorel a. a. O. V, 214ff. Bekanntlich waren auch die 
Liller Verhandlungen gegen Grenvilles Stimme auf Pitts Drängen unter- 
nommen worden. Nach Adams a. a. O. p. 55 ff. hat aber Grenville auch 
Pitt so bearbeitet, daß er bereits umgestimmt war, als die Verhand- 
lungen durch Frankreichs Schuld abgebrochen wurden. 



Frankreichs nach dem Brumaire. 13 

zösischen Unterhändler Maret und Letourneur wurden infolge 
des Fruktidor durch Treilhard und Bonnier ersetzt, die am 
15. September ein unannehmbares Ultimatum stellten und am 
folgenden Tage Malmesbury aufforderten, Lille binnen 24 
Stunden zu verlassen. 

Bonaparte, der Sieger über Italien, billigte diese Wen- 
dung, und gerade diese brüske Fortsetzung des Krieges gegen 
England in einem Moment, wo auf dem Kontinent der Friede 
gesichert war, ist charakteristisch für das antienglische System 
des revolutionären Frankreich. 1800 Ol wiederholt sich dieser 
Vorgang genau. 

Nach dem Abbruch der Liller ruhte jede Verhandlung 
länger als zwei Jahre. Es war die Zeit, in der Pitt zweifellos 
stärker als bisher für die Kriegspolitik gewonnen wurde und 
von der, Grenville schon seit langem beherrschenden, Über- 
zeugung sich leiten ließ, daß England in seinen maritimen 
Eroberungen ein dauerndes Äquivalent für Frankreichs konti- 
nentale Ausdehnung suchen müsse; ^) es war ja auch die Zeit, 
in der Bonaparte zum ersten Male dem Gedanken einer Lan- 
dung in England wenigstens theoretisch nahetrat und dann aus- 
zog, die englische Macht in Ägypten zu treffen — die ersten 
Versuche, durchzuführen, was er am Tage nach Campo Formio 
in einem Schreiben an das Direktorium mit den Worten an- 
gedeutet hatte : „Unser wahrer Gegner ist England ! Konzen- 
trieren wir alle unsere Tätigkeit auf die Marine und vernichten 
wir England, dann liegt Europa zu unseren Füßen." -) — 
Das gigantische Programm von Napoleons Zukunft liegt 
vor uns. 

Die Akten über die englisch-französische Politik in der 
Napoleonischen Ära sind noch nicht geschlossen, und auch 
über die Politik von Napoleons bedeutendem Gegenspieler Pitt 
überhaupt, und nicht zuletzt auch in dem Jahre vor seinem 
zeitweiligen Rücktritt vom Ministerium, ist noch nicht das letzte 
Wort gesprochen. ") Ein etwas weiteres Ausholen sei darum 
gestattet. 

') Zu schroff formuliert und Grenvilies Einfluß überschätzt m. E. 
von Adams p. 73. 

■; Correspondance III, 2307. 

') Die folgenden Auslassungen sind bereits 1905 niedergeschrieben. 



14 Die diplomatischen Beziehungen 

Die französische Revolution hat auf die gesamte Kultur- 
welt ihre mächtigen Schatten geworfen. Doch wie tiefgehende 
Veränderungen sie auch, zerstörend und aufbauend, hervor- 
gebracht hat, nichts bietet ein imposanteres Schauspiel, keine 
ihrer Folgen wirkte gewaltiger auf die ganze politische Struktur 
des 19. Jahrhunderts als jener Riesenkampf, den Frankreich 
und England länger als zwei Jahrzehnte ausfochten. 

Soviel Gemeinsames die beiden Völker auch verbinden 
mochte, nicht zuletzt in Ursachen und Wirkungen der soge- 
nannten Ideen von 1789, sobald die französische Revolution 
aufhörte, eine innerpolitische Bewegung zu sein, erstand ihr 
und ihrem Erben Napoleon in England der zielbewußte und 
unversöhnliche Gegner: England kämpfte mit Frankreich um 
die politische und wirtschaftliche Vorherrschaft in Europa. 

Dieser Kampf war nicht neu, nur ins Riesenhafte wurde 
er jetzt gesteigert durch die Kraft des revolutionären Ge- 
dankens und den genialen Haß und die elementare Energie 
eines Bonaparte, die in Englands Zähigkeit, seinen materiellen 
Hilfsquellen und seiner Flotte einen würdigen Partner fanden. 

Schon die Wende des 18. Jahrhunderts, um nicht weiter 
zurückzugreifen, ist erfüllt von dem Gegensatz der beiden 
Mächte. Gerade im Kampfe gegen drohende französische 
Suprematie hatte einst der Oranier Wilhelm III. England die 
Großmachtstellung recht eigentlich erst errungen und Englands 



Auf Grund der viel zu wenig beachteten Parlamentsberichte und des 
reichen in englischen Biographien und Memoiren zerstreuten urkund- 
lichen Materials glaubte ich damals manches klarer oder in anderem 
Lichte zu sehen als die Vorgänger. Die Fortsetzung der in ihrem 1. bis 
1793 reichenden Bande vortrefflichen Pitt-Biographie von Felix Salomon 
Leipzig 1901/6, erwartete ich seitdem leider vergeblich. Die Richtlinien 
seiner Auffassung über Pitts Stellung zur auswärtigen Politik Englands 
gegenüber Napoleon vom Brumaire bis Luneville, zeigt der Aufsatz „Grund- 
züge der auswärtigen Politik Englands" in der Zeitschrift für Politik III ri910) 
S. 460ff. — 1911 erschien der 1 bis 1793 reichende Band einer weiteren 
Pitt-Biographie aus der Feder des bekannten Napoleonforschers John 
Holland Rose unter dem vielsagenden Titel: „William Pitt and National 
Revival". Außer dam 2., die uns hier interessierenden Probleme be- 
handelnden Band „William Pitt and the great war" kündigt Rose noch 
eine besondere Schrift an „Pitt and Napoleon Miscellanies". Vgl. auch 
dessen Beurteilung Pitts in Napoleonic Studies, London 1904 p. 41 ff. 



Frankreichs nach dem Brumaire. 15 

Interesse mit dem Kontinent dauernd verknüpft. Aber indem 
es diese Rolle des Vorkämpfers gegen Frankreich beibehielt, 
diente es seinen eigensten Interessen in so ausgesprochenem 
Maße, daß allmählich eine englische Suprematie heranwuchs — 
die der Meere und der Kolonien. Es genügt, an den Namen 
des älteren Pitt zu erinnern, um Bedeutung und Höhepunkt 
dieses englisch-französischen Ringens zu bezeichnen. Es ge- 
hört nicht hierher, den Sohn, der in einer Zeit schwerer Rück- 
schläge in die Geschicke Englands eingriff, mit dem gewal- 
tigen Vater zu vergleichen, doch England wird sich in unserer 
Zeit denkwürdigster Säkularerinnerungen nicht dankbar genug 
daran erinnern können, daß William Pitt der Jüngere ein Jahr- 
zehnt lang den Angelpunkt gebildet hat von jener Politik, 
die so großen Teil hat an der heutigen Weltmachtstellung 
Englands, denn die Ausdehnung seines Kolonialreiches und 
seiner Seeherrschaft, die Blüte seines Handels und seiner 
Industrie datiert, trotz der furchtbaren Opfer, die es forderte, 
doch zu einem beträchtlichen Teil aus der Zeit dieses zwanzig- 
jährigen Ringens, an dem der Korse schließlich verdarb. Pitt 
schloß die Augen nach vielen Irrtümern und Fehlgriffen, und 
als die Kunde von Austerlitz den Triumph von Trafalgar ver- 
dunkelte, wo Nelson sterbend seiner Nation die endgültige 
Überlegenheit zur See über den Korsen und damit bis auf den 
heutigen Tag errungen hatte. Aber auch bei den vernichten- 
den Schlägen von Leipzig und Waterloo ziemt es sich, des 
Mannes zu gedenken, der mit den englischen Millionen immer 
wieder neue Bündnisse auf dem Kontinent gegen Bonaparte 
geschmiedet hat'), desselben Kontinents, dessen Gesamt- 
kraft umgekehrt gegen Albion zu vereinen, Napoleons Ziel 
war: Der eiserne Gürtel der Kontinentalsperre erdrückte schließ- 
lich den, der ihn geschmiedet. 

'-■ Ich glaube mich hier in Übereinstimmung mit dem Schlußwort 
\ on Felix S a 1 o m o n s eben zitiertem Aufsatz, daß England zweifel- 
los oft gewissenlos und egoistisch gehandelt, „aber dem steht doch 
v/ohl die andere Tatsache gegenüber: Unter den internationalen Fak- 
toren, welche staatliche Selbständigkeit und nationale Unabhängigkeit, 
r.i'e selbstlos, aber manchesmal segensreich, gefördert haben, wird die 
europäische Wirksamkeit der auswärtigen Politik Englands nicht ver- 
gessen werden dürfen." 



16 Die diplomatischen Beziehungen 

Mit höchstem Lob, wie scharfem Tadel ist Pitt für die 
Rolle, die er in diesem Kampfe gespielt, bedacht worden, und 
auch die Frage, ob er überhaupt und nicht vielmehr sein Vetter 
Grenville der Hauptträger dieser Politik gewesen, ist auf- 
getaucht. Die meisten Beurteiler sehen jedenfalls in Pitt noch 
immer eine Verkörperung des Kampfes. Daß diese Auffassung 
nur bedingt richtig, daß Pitt keineswegs von vornherein „die 
Bekriegung Frankreichs zu seinem Berufe, seinem Ruhme, zur 
Grundlage seines politischen Daseins gemacht,"^) ist zwar 
schon oft genug betont worden, verdient jedoch, an seinem 
Verhalten im Jahre 1800 erläutert, erneute Hervorhebung. 

Mit größtem Eifer, wenn auch oft erfolglos, hatte sich Pitt 
den Werken des Friedens gewidmet, und wie nur irgendein 
anderes Land Europas war ja das damalige England im Innern 
reformbedürftig, nach welchem die Reformer aller Länder, die 
den absoluten Staat überwinden wollten, gleichwohl als Muster- 
land ausschauten. Nur schweren Herzens legte Pitt ein un- 
fertiges Werk aus der Hand, um sich, ohne doch darum ins 
Detail der Arbeit des Foreign Office einzugreifen, mit dem 
ganzen Schwergewicht seiner PersönHchkeit den außerpoli- 
tischen Aufgaben zu widmen, als er deren Notwendigkeit und 
beherrschendes Gewicht erkannt hatte,^) als er einsehen mußte, 
wie gründUch er sich mit seiner Annahme getäuscht, die fran- 
zösische Revolution werde dem Frieden dienen, indem sie Eng- 
lands Rivalen, Frankreich, lahm lege. Er umschrieb die Ziele, 
die er stets festgehalten, als er schon in seiner Rede vom 
12. Februar 1793 im Parlament als den Zweck des Krieges 

^) Für viele andere Thiers, Geschichte des Consulats und des 
Kaiserreichs. Deutsch von Bülau. Leipzig 1845 I, 139. 

-) Daß er sich nicht fortlaufend um das Detail der auswärtigen 
Politik gekümmert, worauf A d a m s a. a. O. p. 18 und Luckwaldt, 
Delbrück Festschrift 1908 S.233f. hinweisen (vgl. auch dessen Bemerkung in 
„Friede von Campo Formio" S. XCll: „Pitt kam je länger je mehr in ge- 
wissen Gegensatz zu Grenville") schließt m. E. nicht aus, daß sein Schwer- 
gewicht innerhalb des Ministeriums und vor allem seine Stellung gegenüber 
dem Parlament im letzten Grunde durchaus die Entscheidung gegeben 
hat für die Gestaltung der auswärtigen Politik. Die Durchführung dieser 
Politik im einzelnen konnte er getrost, anders wie einst unter Leeds, den 
starken Händen Grenvilles überlassen, von dessen Unterschätzung ich mich 
frei zu wissen glaube. 



Frankreichs nach dem Brumaire. 



„Sicherheit" bezeichnete^), Sicherheit gegen das „System der 
Ausdehnung", das sich das revolutionäre Frankreich zu eigen 
gemacht. Stets hat er einen ehrenvollen und sicheren Frieden 
dem Kampfe vorgezogen, wenn er, oder solange er diesen und 
die Machtstellung Englands, die er am Beginn des Kampfes 
zum mindesten als eine saturierte ansah, gesichert glaubte. 
Schärfer als Pitt war der König, schärfer auch neben manchem 
anderen seiner Gehilfen vor allem deren bedeutendster Gren- 
ville'). Pitt selbst jedoch hat auch im Jahre 1800 getreu seinen 
Maximen gehandelt und nach meiner Ansicht richtig gehandelt. 
Im Beginn dieses Jahres hätte nach Lage der Dinge ein Waffen- 
stillstand dem englischen Interesse durchaus widersprochen und 
das Mißtrauen gegen die Festigkeit und Zuverlässigkeit von 
Bonapartes illegal erworbener junger Regierung ist durchaus 
verständlich und entschuldbar und nicht vom Standpunkt des 
nachlebenden Historikers aus zu beurteilen, vor dem die ganze 
gewaltige Napoleonische Epopöe ausgebreitet liegt. Als darum 
die Opposition das Kabinett wegen der Ablehnung des fran- 
zösischen Friedensangebots vom Dezember 179Q heftigst an- 
griff, und Tierney Pitt höhnisch aufforderte, das Ziel seiner 
Politik zu formuUeren, da antwortete er aufs neue nur das 
eine: „Sicherheit", Sicherheit gegen die größte Gefahr, die 



' Über die Geschichte der Pitt -Biographie unterrichtet Salomon 
im Vorwort seines genannten Werkes. Ich benutzte außer diesem vor 
allem Mahan, Einfluß der Seemacht auf die Geschichte H, nament- 
lich das Schlußkapitel; Toml i n e (3 Bde., 182r; Stanhope, Life of Pitt 
(4 Eide., 1862 : Roseberry, Pitt, London 1891; Speeches of Pitt, London 
1817. Charles Whibley, William Pitt, 1906 war mir nicht zugänglich. 
Viel Material findet sich — ich denke hier nur an die auswärtige Politik — 
in den Aufzeichnungen seiner Zeitgenossen wie Addington, Mal- 
mesbury, Castlereagh, G.Rose und vor allem in den Fortescue 
Maiiuscripts. Von allgemeinen Darstellungen ist beachtenswert u. a. 
Sorel a. a. O. z. B. VI, lOOff. u. ö.: Hunt, The political History of 
England Bd. X. Reizvolle Essais über Pitt bieten von Älteren M a c a u 1 a y , 
von Jüngeren Fr. Luckwaldt, Preußische Jahrbücher 1902, Erich 
Warcks, Velhagen u Klasings Monatshefte 1906. 

^ Über das Verhältnis Pitts zu Grenville vgl. die schon öfter 
zitierte Schrift von Adams, mit dessen Anschauungen sich diejenigen 
Luokwaldts vielfach decken (s. oben S. 11 Note 4). 

Herrmann, Der Aufstieg Napoleons. 2 



18 Die diplomatischen Beziehungen 

jemals die Welt bedroht^). „Pacem nolo quia infida*' erklärte 
er mit einem jener klassischen Zitate, die zu der damaligen 
englischen Parlamentsrhetorik gehörten. 

Als dann die Verhältnisse sich geändert hatten, und auch 
die kraftvolle innere Regierung des Ersten Konsuls, den er in 
jener berühmten Rede noch als „child and champion of Jaco- 
binisme'' bezeichnet hatte, das englische Mißtrauen erschüttern 
zu können schien, da hat er die später zu schildernden Ver- 
handlungen mit Frankreich mit dem Ernst betrieben, den sie 
verdienten, und wie es dem Interesse Englands entsprach. 

Die Antwort auf die Frage nach der Ehrlichkeit der Napo- 
leonischen Friedenseröffnung, die wir nunmehr wieder auf- 
nehmen, ist zum Teil schon durch die vorstehenden Aus- 
führungen gegeben. Allgemeine Gründe, das System, dessen 
Erbe Napoleon war, und persönliche, in seiner Natur und 
den Bedürfnissen des Augenblicks liegende Gründe, mögen un- 
sere Ansicht erhärten, daß Napoleon sich schon in den Jahren 
seines Aufstiegs, von 179Q bis 1801, der ganzen Bedeutung 
des Gegensatzes zu England bewußt war, daß der Satz, die 
Engländer zwingen mich, den Kontinent zu erobern, schon 
damals für ihn ein Dogma bedeutete. Allenfalls d i e Frage 
ist also diskutabel, ob Napoleon im Dezember 1799 aus Oppor- 
tunitätsrücksichten eine vorübergehende Waffenruhe mit Eng- 
land erstrebt hat, nicht aber die Behauptung, daß es bei einer 
anderen Haltung des englischen Kabinetts damals zu einem 
dauernden Frieden hätte kommen können. Schon hier ver- 
weise ich darauf, daß auch die englisch-französischen Ver- 
handlungen vom Herbst des Jahres 1800 unsere Ansicht deut- 
lichst bestätigen^). 

Seit langem ist als Legende erwiesen, was freilich trotz- 
dessen in der Geschichtschreibung noch weiter fortspuken 
wird, daß einmal Napoleon keine blinde Eroberungsbestie ge- 
wesen, daß er nicht ziel- und planlos aus bloßem Eroberungs- 
drang einen Staat und eine Nation nach der anderen seinem 
Willen unterwarf, und ferner, daß er in dieser seiner Er- 



') Parliamentary History XXXIV, 1442. Über den gewaltigen Ein' 
druck dieser Rede vgl. u. a. Stanhope a. a O. 111, 216f. 
-) Vgl. unten Kapitel IX. 



Frankreichs nach dem Brumaire. 29 

Oberungspolitik nicht Original ist, daß diese nicht Produkt 
seines schrankenlosen Ehrgeizes, sondern vielmehr revolutio- 
nären Ursprungs, ja im letzten Grund französische National- 
eigentümlichkeit ist'). 

Schon Jahre bevor Napoleon das Erbe der Revolution 
antrat, hatte man in Frankreich begonnen, an die Stelle der 
Propaganda der Völker beglückenden und Völker befreienden 
Ideen, die an sich und mit innerer Notwendigkeit ebenfalls 
universal gerichtet und durch politische Grenzpfähle unmöglich 
einzuschränken waren, die Propaganda der Tat, die politische 
Eroberung, zu setzen. Es war eine notwendige Konsequenz 
der neuen Ideen, da das alte Europa nicht wehrlos vor ihnen 
zu kapitulieren gewillt war. Aber in so gigantischem Maß- 
stabe, mit so furchtbarer Folgerichtigkeit, mit so alles über- 
windender Energie nahm Napoleon die bereits vom Konvent 
und Direktorium geplante und begonnene Politik nicht nur 
auf, sondern führte er sie auch wirklich durch und zu welt- 
geschichtlicher Bedeutung, daß diese Abhängigkeit Napoleon 
weder zu „entschuldigen' ' noch zu verkleinern vermag. 

Jene Politik, welche die Mutter Frankreich von einem 
Kranz von Tochterrepubliken umgeben wollte, ist bereits 1795 
proklamiert; die Politik, die wir Napoleon in Deutschland wer- 
den verfolgen sehen, die Säkularisationen namentlich, die 
Deutschlands Antlitz wie in Jahrhunderten nichts umgestal- 
teten und Kaisertum und Reichsverfassung den letzten Stoß 
versetzten, wurde bereits in einem Programm Sieyes' aus dem- 
selben Jahre dargelegt, und in ihm fand sich ferner auch schon 

') Albert Sorel vor allem in seinem Werke, L'Europe et la 
i^evolution fran9aise '8 Bde. Paris 1885/1905, dem eine Aufsatzreihe in 
der Revue historique voraufgegangen war Bde. XVII— XIX 1881/3, hat 
das Verdienst, besonders eindrucksvoll und überzeugend darauf hinge- 
wiesen zu haben. Eine der Sorelschen Hauptthesen, eben der Nachweis 
von der Kontinuität der französischen Ausdehnungspolitik und ihren Zu- 
sammenhang mit dem französischen Volkscharakter, hat ein jüngst er- 
schienenes Werk als schon im Mittelalter zurecht bestehend und unter 
I^ilipp dem Schönen auf einem Höhepunkte gezeigt (Fritz Kern, die 
Anfänge der französischen Ausdehnungspolitik bis zum Jahre 1308. Tü- 
bingen 1911). — Das neueste Werk von E. Driault, Napoleon et 
l'Europe, La politique exterieure (Paris 1910) sei als hierher gehörig er- 
^vähnt, obwohl es nicht allzuviel Neues bringt. 

2* 



20 Die diplomatischen Beziehungen 

angedeutet jene Politik, deren Vorläufer bis in die Tage Ri- 
chelieus und Mazarins zurückreichen : der Zusammenschluß süd- 
und westdeutscher Klein- und Mittelstaaten unter französischem 
Schutz, das System der Pufferstaaten zwischen den möglichst 
nach Osten zu drängenden beiden deutschen Großmächten und 
Frankreich. Jm Jahre 1800/1 wurde auch zum Rheinbund be- 
reits ein breiter Grund gelegt^). 

Und vollends der Angelpunkt aller Napoleonischen Politik, 
sein Verhältnis zu England, ist nicht von Napoleon selbst auf- 
gestellt. Erst 1795 wieder hatten weitschauende Männer die 
letzte Konsequenz des englisch-französischen Gegensatzes klar 
erkannt: die Notwendigkeit einer Landung in England. Nur 
zur See oder im eigenen Lande konnte und kann Albions Vor- 
herrschaft gebrochen werden. Und schon das Dekret des Kon- 
vents vom 1. März 17932) gegen die Einfuhr der enghschen 
Waren ist Grundlage für jene Kontinentalsperre, die Napoleon 
schließlich als einziges aktives Kampfmittel gegen England übrig 
blieb und die ihm so verhängnisvoll werden sollte. Ja, selbst 
mit jenen Anträgen, durch die der siegreiche General 1797 
von Italien aus die Aufmerksamkeit der Pariser Machthaber 
auf Malta und Ägypten zu lenken suchte, konnte er sie nicht 
überraschen. Denn, ganz abgesehen davon, daß man in Paris 
seit langem ein volles Gefühl hatte für das Schwergewicht 
Englands im Mittelmeer (Gibraltar, Minorka!), schon war jetzt 
auch das Projekt aufgetaucht, das fortab im Hintergrund aller 
orientalischen Unternehmungen und Pläne Napoleons stehen 
sollte, das Projekt nämlich, England tödlich zu treffen an der 
Hauptquelle seines Wohlstandes und seiner Macht: in Indien, 
dem noch vor wenigen Jahrzehnten zwischen Frankreich und 
England so heiß umstrittenen Wunderlande. 

Das überkommene System und sein persönlicher Ehrgeiz 
also wiesen Napoleon gleicherweise auf die Fortsetzung des 
Kampfes mit England hin. 

Noch anderes kam hinzu! Ein Usurpator, besonders ein 
militärischer Usurpator, darf keinen Frieden um jeden 
Preis schließen. Das hätte, so groß auch in weitesten Kreisen 



Bitterauf, Geschichte des Rheinbundes. I. Bd. München 1905. 
") Martens, Recueil des principaux traites VI, 444 f. 



Frankreichs nach dem Brumaire. 21 

Frankreichs die Friedeiissehnsucht war, am wenigsten die Na- 
tion geduldet, von der Voltaire das wahre Wort gesprochen : 
„Ces fous sont plein d'honneur". Fast der gesamte französische 
Kolonialbesitz war verloren ; die Aussichten, die Napoleon dem 
französischen Ehrgeiz eröffnet hatte, als er Malta, diesen wich- 
tigen Stützpunkt für die Herrschaft über das Mittelmeer, dem 
siechen Orden entriß und Ägypten eroberte, waren aufs stärkste 
gefährdet, seit die Engländer Malta blockierten und die Ver- 
nichtung der französischen Flotte bei Abukir — ein wahrhaft 
epochemachendes Ereignis in Napoleons Kampf gegen Eng- 
land — das kleine Heer im Pharaonenlande von der Heimat 
abschnitt. Gewaltsamer Entsatz war, bei der Unzulänglichkeit 
der französischen Seerüstung, für beide Positionen ausgeschlos- 
sen. Die Hoffnung, ihnen während eines Waffenstillstandes 
neue Kräfte zuzuführen, mag dagegen immerhin bestanden 
haben, und sie hat vielleicht hingereicht, Napoleon zu veran- 
lassen, England seinen bekannten Friedensantrag zu machen. 
Aber für England standen, wenn Malta und Ägypten in franzö- 
sischen Händen bUeben, zu vitale Interessen auf dem Spiele, 
als daß Napoleon auch nur einen Augenblick ernsthaft daran 
denken konnte, England werde sie preisgeben. Und er selbst 
durfte es um so weniger, als ohnehin der Ruhm des Pyramiden- 
kämpfers zu verblassen begann, seit Berichte aus Syrien und 
Ägypten deutlich machten, wie kritisch die glänzend gefärbten 
Bulletins der Orientarmee in Wirklichkeit zu werten seien. 

So mag es dem subjektiven Ermessen überlassen blei- 
ben, das Friedensangebot des Ersten Konsuls vom 25. Dezember 
1799 zu beurteilen und namentlich die Wiederholung desselben 
durch Talleyrand, trotz der brüsken englischen Ablehnung, als 
Zeichen ehrlichen Friedensstrebens anzusehen. Ein zwingender 
Beweis dafür läßt sich keinesfalls erbringen; dagegen sprechen 
für kriegerische Absichten des Ersten Konsuls, außer den zahl- 
reichen bereits erörterten allgemeinen Momenten, auch noch 
einige schriftliche Zeugnisse. Da ist vor allem Napoleons Bericht 
\on St. Helena'). Mit aller wünschenswerten Deutlichkeit betont 
t:r hier den Gegensatz zwischen England und Frankreich, um 



') Correspondance XXX, 586f (Quartausgabe) in der nur wenig 
teachteten Note „Politique de Pitt". 



22 Die diplomatischen Beziehungen 

dann über die Zeit unmittelbar nach dem Staatsstreich zu ur- 
teilen: Napoleon hatte damals den Krieg nötig; die italienischen 
Feldzüge, der Friede von Campo Formio, die ägyptischen Feld- 
züge, der 18. Briimaire, die übereinstimmende Meinung des 
Volkes, ihn zur höchsten Würde im Staate zu erheben, hatten 
ihn zweifellos sehr hoch gestellt. Aber ein Friedenstraktat, der 
den von Ca,mpo Formio beeinträchtigt und alle seine italienischen 
Schöpfungen vernichtet hätte, hätte die öffentliche Meinung be- 
leidigt, und ihm die nötigen Mittel genommen, die Revolution 
zu beenden und ein endgültiges und dauerndes System aufzu- 
richten. Er fühlte das, er wartete mit Ungeduld auf die Antwort 
des Londoner Kabinetts. Diese Antwort erfüllte ihn mit ge- 
heimer Genugtuung. Je mehr die Grenville und Chatham 
sich darin gefielen, die Revolution zu übertreiben und die 
Verachtung zu zeigen, die die erbliche Apanage der Oligarchie 
ist, um so mehr dienten sie den geheimen Interessen Napoleons, 
der zu seinem Minister sagte: „Diese Antwort konnte nicht 
günstiger für uns sein. Er sah voraus, daß so leidenschaftHche 
Politiker ihm wenig Hindernisse bereiten würden, seine hohe 
Bestimmung zu erfüllen.'* Das ist so einleuchtend wie möglich. 
Die UnZuverlässigkeit der Aufzeichnungen Napoleons ist 
im allgemeinen allerdings so groß, daß wir auch der eben 
zitierten Äußerung gegenüber uns die Frage vorlegen müssen: 
Kann Napoleon auf St. Helena irgendein Interesse daran gehabt 
haben, wie so oft sonst, die Wahrheit auch in diesem Falle zu 
vergewaltigen? Ich vermag keinen Grund zu finden, der für 
diese Annahme spräche'), im Gegenteil, Napoleon hat stets die 

') Die Motivierung B o w m a n s a. a. O. p. 37, Napoleon habe in 
Erinnerung an die ihm durch Pitts und Grenvilies Zurückweisung seines 
Friedensvorschlages zugefügte Beleidigung Rache nehmen und Pitts Politik 
lächerlich machen wollen, ist mir, gelinde gesagt, unverständlich. Auch 
die Äußerung Napoleons zu Lucian (Corresp. VI, 4474) vermag Bowmans 
Ansicht nicht zu stützen. Sie lautet: „Si la guerre ne m'etait pas 
necessaire je commencerais la prosperite de la France par les communes". 
Ganz willkürlich setzt Bowman dieses undatierte Schriftstück — es 
handelt von den Communen — in die Zeit nach Empfang der zweiten 
englischen Note (vom 20. Januar) und übersetzt „necessaire" mit ,, unver- 
meidlich". Lucian ()ung, Lucian Bonaparte et ses Memoires 1,576 ff.) selbst 
sagt, daß Napoleon sich schon damals des großen Gegensatzes zu Eng- 
land vollbewußt und entschlossen gewesen sei, solange er den Degen 



Frankreichs nach dem Brumaire. 23 

Tendenz gehabt, sich als den Angegriffenen hinzustellen und 
vor allem die englische PoHtik sich gegenüber ins Unrecht zu 
setzen. Das Bekenntnis seiner kriegerischen Absichten für 1800 
ist darum ernst zu nehmen. Es wird zudem durch andere 
Äußerungen Bonapartes gestützt. Dahin gehört die Proklama- 
tion, die er gleichzeitig mit der Friedensschalmei nach London 
an seine Soldaten erließt) : „Ihr seid dieselben Männer, die 
Holland, den Rhein und ItaUen eroberten und unter den Mauern 
des erstaunten Wien den Frieden diktierten, . . , Soldaten, 
wenn es an der Zeit ist, werde ich in eurer Mitte sein und 
Europa wird aufs neue gewahr werden, daß ihr zu der Rasse 
der Tapferen gehört.*' 

Solche Worte kamen ihm von Herzen ; sie sind nicht nur 
eine Warnung an Frankreichs Gegner'). Sie verraten kriege- 



führen könne, Englands Seetyrannei nicht zu dulden, aber auch bewußt, 
daß, solange Pitt Minister, an Frieden nicht zu denken sei. „Wir brauchen 
neue Siege auf dem Kontinent, da wir nur hier genügende Kompensationen 
finden können. Wenn wir alle Gestade Europas beherrschen, können wir 
Pitt zu einem ehrenvollen Frieden bringen. Die Friedenseröffnungen, die 
wir heute machen, werden kein ernstes Ergebnis haben." Lucian fügt 
hinzu, daß er diese Ansicht über Pitt damals nicht geteilt, die Größe seines 
Standpunktes nicht durchschaut habe. Später habe er seine Ansicht 
gründlich geändert und den Sohn Chathams bewundert, wenn auch als 
Gegner verflucht. — Auch Miot deMelitto (Mem. I, 269f.', zu dem 
Bonaparte sich im Frühjahr 1800 mehrfach maßvoll über die Ziele seiner 
Politik äußerte, hat an den Ernst der Napoleonischen Friedensangebote nicht 
geglaubt, weil er einen glücklichen Krieg brauchte.— Besonders interessant 
ist endlich das Urteil Talleyrands als des nächst Napoleon Haupt- 
beteiligten. In seinen Memoiren (I, 277} sagt er. Bonapartes Friedensange- 
bote konnten zu keinem Frieden führen, aber sie wirkten günstig auf den 
inneren Frieden, und in einem Brief an den ersten Konsul von Anfang 1800 
{ B a i 1 1 e u a. a. O. I, 522 sagt er: „Wenn man sich zu Anfang eines Feld- 
zuges vom Wunsch nach Frieden beseelt zeigt und sich bestrebt, ihn 
herzustellen, setzt man sich immer in eine gute Position. Ist der Feldzug 
glücklich, hat man das Recht sich streng zu zeigen, nimmt er einen üblen 
Ausgang, hat man nicht den Vorwurf zu ertragen, ihn heraufbeschworen 
zu haben." 

') Correspondance VI, 4449. Vgl. auch 4450 an die italienische 
Armee, 4451 Verordnung, welche die kriegerischen Leidenschaften der 
Franzosen geschickt durch Verheißung von Ehrenflinten, Ehrensäbeln 
u. a. an Tapfere aufstachelt, 4428 an Kleber 28. Dezember. 

") B w m a n a. a. O. 



24 Die diplomatischen Beziehungei 

rische Absichten ebenso wie Napoleons mit rücksichtslosen 
Druck gepaarte Versuche, in Holland, Hamburg und Portugal^' 
einige A-lillionen zusammenzuscharren, um die Ausgaben fü 
die notwendigsten kriegerischen Rüstungen zu decken. Di( 
Kassen in Frankreich waren leer. Auch die noch zu er 
wähnenden eifrigen Bemühungen, den Aufstand in der Vendc( 
raschestens zu beendigen, sind ebenso notwendig eine Vor 
bedingung für weitere kriegerische Absichten, wie für das Werl 
der inneren Reformen. Es kam noch hinzu, daß die Pazifizierun^ 
des Westens zugleich einen empfindlichen Schlag gegen Eng 
land darstellte, das hauptsächlich hier seine Aktionen zur Unter 
Stützung der Royalisten konzentrierte und das gerade für da; 
Jahr 1800 umfassende Pläne zu einer weitgehenden Belebung 
der royalistischen Bewegung vorbereitet hatte. 

Die Anordnung von Kreuzfahrten gegen englische Schiff* 
am 14. Dezember 1799, heftige Ausfälle gegen die „ehrlosen" 
in „englischem Solde stehenden'^ Royalisten in einer Proklama 
tion an die Armee vom 5. Januar und Edikte gegen den eng 
lischen Handel vom 4. und 18. Januar"') sprechen auch nich 
gerade für eine versöhnUche Stimmung des Ersten Konsul« 
gegenüber England. 

Eine einzige Stelle aus einer Anweisung an Brune, der 
Kommandierenden der Westarmee, vom 14. Januar'^), vermag 
allenfalls einer anderen Auffassung Raum zu geben. Diplo 
matische Rücksichten von größter Wichtigkeit, so schreibt dei 
Erste Konsul, erfordern, daß die englischen Kreuzer in der 
ersten fünf Tagen des Pluviose (= 21. bis 25. Januar) erfahren 
daß beträchtliche Truppenmassen hinter Georges (Cadoudal 
her sind, damit sie das nach England melden. Wollte er einer 
Druck auf die Antwort ausüben, die Talleyrands Schreiben ar 
Grenville vom 14. erheischte? Am 18. aber schon war dies« 
zweite Friedenseröffnung in London. Es hieße doch wohl min 
destens eine langsame Entschlußkraft bei den Engländern vor 
aussetzen, hätte Bonaparte wirklich angenommen, daß die Mel 



') Correspondance VI, 4419/21. Auch diese Anleihe -Versuch( 
führt B o w m a n p. 42 seltsamerweise für seine Ansicht an. 
"-) Corresp. VI, 4429, 4498, 4495, 4538. 
') Ebda. VI, 4523. Vgl. Bowman p. 38 f. 



Frankreichs nach dem Brumaire. 25 

düng von Vorgängen, die frühestens in den Tagen vom 23. bis 
27. in London sein konnten, die englische Antwort noch beein- 
flussen sollten. Wenn schließlich Bowman^) als Stütze für seine, 
der unseren so entgegengesetzte Ansicht die Tatsache anführt, 
daß Bonaparte am 25. Januar, d. h. unmittelbar nach dem Ein- 
treffen der zweiten ablehnenden Antwort Grenvilles, die am 
21. in Calais war, den Befehl zur Bildung der Reservearmee 
von Di Jon gab"), so ist dem entgegenzuhalten, daß diese Armee 
mit England nicht das mindeste zu tun hatte, daß sie lediglich 
dem Kriege gegen Österreich gelten sollte und konnte, an 
dessen Unvermeidlichkeit auch Bowman nicht zu zweifeln 
scheint. 

So ist meines Erachtens alles in allem von Napoleons 
Friedensangebot England gegenüber zu sagen : an einen ernsten 
und dauerhaften Frieden hat Napoleon, der sich des eng- 
lisch-französischen Gegensatzes, wie er seine Herrscherlauf- 
bahn erfüllen sollte, schon damals voll bewußt war, nicht ge- 
dacht; es war auch ausgeschlossen, da Napoleon im damaligen 
Augenblicke keinesfalls durch einen Friedensschluß den Ver- 
lust seiner französischen Kolonien bestätigen konnte, selbst 
wenn ihm dafür, was durchaus unwahrscheinlich war, Malta 
und Ägypten überlassen worden wären. Es ist ferner ganz 
unwahrscheinlich, daß Napoleon auch nur mit der Möglichkeit 
gerechnet hat, sein Friedensangebot könne an der Themse 
ernst genommen werden. Dagegen sei nicht bestritten, daß 
es Napoleon bei der traurigen inneren Lage Frankreichs und 
dem Stande seiner Rüstungen an sich erwünscht gewesen 
wäre, durch Verhandlungen einen zeitweiligen Waffen- 
stillstand von England zu erlangen, der überdies für Malta 
und Ägypten hätte nutzbar gemacht werden können. 

Nach Lage der Dinge vermag ich aber die Korrespondenz 
mit London nur als geschickte Komödie zu betrachten, inszeniert, 
um der Friedenssehnsucht der französischen Nation ein Zu- 
geständnis zu machen-^), und die Fortsetzung des Krieges ihr 



') Bowman, p. 38f. — ") Correspondance XXX, 437 ist — sonst 
aber nicht zu belegen — der 7. Januar als Datum genannt. Übrigens kann 
wohl schon der Erlaß an Clarke vom 5. Dezember über die Aufstellung 
von 14 Bataillonen als Keim der Reservearmee betrachtet werden. 

^) Man beachte in diesem Zusammenhange auch das Datum der 



26 Die diplomatischen Beziehungen 

als erzwungen hinzustellen. Dieser Zweck ist auch voll und 
ganz erreicht worden, vor allem durch die brüske Form der 
englischen Ablehnung. Napoleon hatte einen diplomatischen 
Sieg erfochten! 

III. 
Das Friedensangebot in Wien. 

Haben sich für den Ernst des Friedensangebotes an Eng- 
land Verteidiger gefundeni), so ist das nicht geschehen bei dem 
gleichzeitig an Kaiser Franz ergangenen Anerbieten. Hier ist 
auch die Komödie noch offenkundiger, denn unmöglich konnte 
Österreich, das nach dem erfolgreichen Feldzug von 179Q an 
Frankreichs Grenzen stand, die Bedingungen gewähren, die 

Friedensbotschaften Bonapartes. Es war der Tag, an dem die Konsuln 
ihr Amt antraten und man stand vor dem Plebiscit! 

^) Die Ansicht, daß Napoleons Friedensangebot nicht ernst gc 
meint, vertreten, wenn auch zumeist ohne nähere Begründung, u. a. S y b e 1 . 
Geschichte der Revolutionszeit '-^V, 600 f.; Hei gel, Deutsche Geschichte 
vom Tode Friedr. d. Großen bis zur Auflösung des alten Reiches, Stuttgart 
1911 II, 357; Fournier, Napoleon I Band I, 233ff.; Vandal a. a. O. 
II, 359; Sorel a. a. O. VI, 22; D r i a u 1 1 a.a. 0. p. 36ff.; Lavisse et 
Rambaud, Histoire generale IX, 40; Picard, Bonaparte et Moreau 
Paris 1905 p. 56 f.; Klein-Hattingen, Napoleon I, 240ff.; )ohn Holland 
Rose, Life of Napoleon I, 240 ff. Die gegenteilige Ansicht vertraten 
außer dem Amerikaner B o w m a n merkwürdigerweise einige Engländer: 
Furse Marengo and Hohenlinden London 1903 p. 30ff., Miß Roberts 
in ihrer Abhandlung The negotiations preceding the Peace of Luneville in 
Transactions of the Royal Historical Society. New Series Vol. XV (1901) 
p. 49ff. und Fitzpatrick in der Einleitung zu Fortescue-Manuscripts 
VI, p. XLIf. — Nach Levy, Napoleon et la Paix, Paris 1902, ist die 
ganze Regierung Bonapartes ein ehrliches Ringen um einen soliden und 
ehrenvollen Frieden, und Max Lenz in seiner Napoleon-Biographie, die 
das meiner Auffassung widersprechende Motto verdiente „Ich wollte der 
Welt den Frieden geben, aber sie haben mich zu einem Dämon des Krieges 
gemacht" (ebda. S 108) betont demgemäß auch bei Erwähnung des 
Friedensangebotes von 1799 (ebda. S. 92) die Friedfertigkeit von Napoleons 
Politik, macht aber wenigstens das Zugeständnis, Napoleon habe selbst 
nicht geglaubt, daß er den Frieden, wie er ihn haben mußte, damals 
erlangen konnte. Schon deshalb habe er auch in seinen auf die Parteien 
in Frankreich berechneten pomphaften Briefen keine näheren Angaben über 
die Friedensbedingungen gemacht. 



Frankreichs nach dem Brumaire 27 

Napoleon fordern mußte : Die Basis des Friedens von Campo 
Formio, den er Frankreich einst erkämpft, und dessen Verluste 
in Italien die Österreicher eben gerade durch die Erfolge von 
1799 wieder wett gemacht hatten. Der große, durchschlagende 
Erfolg, den Napoleon nach dem Brumaire brauchte, um seine 
usurpierte Macht zu befestigen, konnte nicht auf diplomatischem 
Wege errungen werden. Mit dem Schwerte mußte er jenes 
Italien zurückgewinnen, mit dessen glänzender Eroberung er 
wenige Jahre zuvor seinen meteorgleichen Aufstieg begonnen, 
und in dem anderseits die habsburgische Macht weiter als je 
zuvor auszudehnen, damals Thuguts Ehrgeiz und Hoffnung war. 

Das Schreiben Napoleons an den Kaiser') ist farbloser als 
das an den König von England; es enthält nur einige all- 
gemeine Phrasen über seine Friedensliebe, aber keinen greif- 
baren Vorschlag. Man hat durchaus den Eindruck, diese auf 
Frieden gestimmten Phrasen Napoleons sind nur die Umhüllung 
der Mitteilung von seiner Berufung zur höchsten Würde in 
Frankreich. 

Daß man in Wien das Friedensangebot nicht sehr ernst 
nahm, erhellt genugsam schon aus seiner späten Beantwortung, 
die aber wohl auch noch einen anderen Grund hatte. Übrigens 
erwiderte auch Kaiser Franz ebenso wenig wie der König von 
England direkt, vielmehr schrieb in einem offenbar auf den 25. Ja- 
nuar zurückdatierten Briefe Thugut"') an Talleyrand"^). Auch hier, 

' Correspondance VI, 4446 und Du Casse, Histoire des 
negociations diplomatiques relatives aux traites de Mortfontaine, de 
Luneville et d'Amiens. Paris 1855. II, 2 f. 

-) Zwei Schreiben Thuguts an Colloredo vom 3. und 10. Januar 1800 
( V i V e n o t, Vertrauliche Briefe Thuguts, Wien 1872, II, 204 f. deuten darauf 
hin, daß damals das französische Friedensangebot noch nicht in Wien 
eingetroffen war Der Verdacht liegt nahe, daß Napoleon erst die englische 
Antwort abgewartet, bevor er den Brief an den Kaiser abgeschickt. Aber 
auch die Antwort Thuguts ist nicht vom 25. Januar, sondern zurückdatiert. 
Aus zwei Schreiben Thuguts an Colloredo vom 28. Januar und 6. Februar 
(Vivenot I!,206f, 208f. geht das hervor. Und der Grund dieser Komödie? 
Offenbar hat Thugut gewartet, bis er von Minto die englische Ablehnung 
des Friedensangebotes erfahren hatte (s. unten S. 70). Erst am 19. Fe- 
bruar jedenfalls gelangte Thuguts Brief vom „25. Januar" in Moreaus 
Hände, was, wie Minto nach London berichtet 1 /III Record-Office), nach 
Ihuguts Mitteilung auf ein Versehen zurückzuführen sei. 

'; Dieser Brief und die sich anschließende Correspondenz bei 
\'ivenot 11, 441 ff. und Du. Casse II, 3ff. 



28 Die diplomatischen Beziehungen 

wie in Grenvilles Schreiben, kommt das Mißtrauen des Mi- 
nisters, der die alte Ordnung der Dinge in Europa repräsentiert, 
gegen das revolutionäre Frankreich zum Ausdruck; aber — 
man hatte den unfreundlichen Ton der englischen Antwort 
in Wien keineswegs allgemein gebilligt^) — die Form ist so 
verbindHch, daß sich ein weiterer Briefwechsel zwischen den 
beiden Ministern des Auswärtigen anschließen konnte, der 
selbst dann noch nicht abgebrochen wurde, als die Waffen 
bereits ihre eherne Sprache redeten. Und das war diplomatisch 
klug von der Hofburg, auch wenn man damit nichts anderes 
erreichte, als daß Napoleon seine Ansichten deutlicher ent- 
hüllen mußte. SchließUch mochte man aber vielleicht doch auch 
daran denken, daß Napoleon 1797 eine gewisse Schwäche für 
Österreich bewiesen hatte. In Wirklichkeit war der Briefwechsel 
von vornherein aussichtslos, zum mindesten seitdem die Antwort 
Talleyrands an Thugut vom 28. Februar^) in Wien vorgeschlagen 
hatte, den Frieden von Campo Formio als Basis von Unter- 
handlungen zu nehmen. Aber für die Beurteilung des Verhält- 
nisses zwischen Österreich und Frankreich ist auch der erfolg- 
lose Briefwechsel interessant genug, um bei ihm kurz zu ver- 
weilen, zumal er noch keine genauere Aufmerksamkeit ge- 
funden hat. Vor allem ist die Frage wichtig: Was bot Napo- 
leon der Hofburg vor, während und nach dem Ringen des 
Jahres 1800 auf jenem italienischen Boden, über dem der Gegen- 
satz von Habsburg und Bourbon im Laufe der Jahrhunderte 
schon so oft sich entzündet hatte, und der in noch stärkerem 
Maße der Zankapfel zwischen Österreich und Frankreich ge- 
worden war, seitdem die Revolution die Bourbonen ver- 
schlungen hatte. 

Der Ausdruck friedlicher Gesinnungen am Schlüsse von 
Thuguts Brief bestimmte den Ersten Konsul, wie Talleyrand 
antwortete, seine Ansichten eingehender zu entwickeln. Er 
wies auf seine Mäßigung in Campo Formio hin; von den 
gleichen Gefühlen noch jetzt beseelt, wolle er nur an einem 
ehrenvollen Frieden arbeiten, der das europäische Gleich- 
gewicht nicht störe. Er schlägt dann im Auftrag Bonapartes 



') Bericht Kellers nach Berlin vom I.Februar. Berl. Staats-Archiv. 
') Correspondance VI, 4623 mit dem Datum des 27. 



Frankreichs nach dem Brumaire. 29 



vor: 1. Campo Formio als Basis der Verhandlungen; 2. die 
dort in Deutschland vorgesehenen Entschädigungen des 
Kaisers sollen nach Italien überwiesen werden, ebenso weitere 
in Wien etwa gewünschte Kompensationen, doch so, daß sie 
einem soUden Frieden und dem europäischen Gleichgewicht 
nicht schaden; 3. für die kleinen europäischen Staaten soll ein 
Garantiesystem geschaffen werden, geeignet, jenes Völkerrecht 
in seinem ganzen Gewicht wiederherzustellen, auf dem die 
Sicherheit und das Glück der Nationen im wesentlichen beruhen. 
Vielleicht sei das beste Mittel, jeden Streit zu beendigen, den 
Vertrag von Campo Formio einfach und in vollem Umfang in 
Kraft zu setzen und durch einen Zusatz die nötigen Ver- 
änderungen zu vereinbaren. Vor allem solle Thugut beurteilen, 
ob man nicht zunächst einen \X'^affenstillstand vereinbaren müsse. 
Der letzte Punkt war wohl der wichtigste und einzig ernst 
gemeinte in diesem Schreiben, in dem uns vor allem die Sorge 
Napoleons um das europäische Gleichgewicht merkwürdig be- 
rührt^). Man wird, ganz abgesehen davon, daß Österreich un- 
möglich damit zufrieden sein konnte, nicht glauben, daß Na- 
poleon sein Werk von 1797 in Italien wirklich durchlöchern 
wollte und konnte. Man erinnere sich aber jedenfalls später an 
Punkt 2 der Proposition vom 28. Februar bei den Verhand- 
lungen St. Juliens im Juli des Jahres 1800 und in den Anfängen 
der Verhandlungen Cobenzls in Paris und Luneville. Hätte 
nicht Punkt 3 bedeutet, daß Frankreich auf den Kranz von 
Tochterrepubliken verzichtete, daß es seinen Einfluß in Holland 
und der Schweiz preisgab? Dieser Vorschlag eines Garantie- 
systems war nur eine Phrase. Den Waffenstillstand dagegen 
mochte man ehrlich wünschen, weil die Rüstungen Frankreichs 
damals noch weit im Rückstande waren-). 

Die Antwort Thuguts vom 25. März lehnte die Basis von 
Campo Formio, die so rasch verletzt worden sei, rundweg ab; 
nur der augenblickHche Besitzstand könne, wie stets in ähn- 



') Es wäre zu wünschen, daß die sehr interessanten Studien 
E. Kaebers (Die Idee des europäischen Gleichgewichts in der pubh'- 
zistischen Literatur. Berlin 1907) für die Revolutions- und Napoleonische 
Zeit ihre Fortsetzung fänden. 

1 Vgl. vor allem Kapitel VI. 



30 Die diplomatischen Beziehungen 

liehen Fällen, als Grundlage für Verhandlungen in Frage kom- 
men. Thugut vermißt eine Stellungnahme zu dem von ihm 
ausgesprochenen Wunsche nach einem allgemeinen Frie- 
den; sobald der Kaiser darüber eine klare Äußerung empfangen 
habe, u^erde er alles aufwenden, um diesen Frieden zu fördern. 
Es konnte Napoleon, der damit natürlich gerechnet hatte, 
nur angenehm sein, daß Österreich vor Frankreich und der 
Welt die Basis von Campo Formio so deutlich ablehnte; viel- 
leicht hatte er sie nur zu diesem Zweck vorgeschlagen. Die 
merkwürdige Antwort aus Paris schon vom 7. April ändert 
nichts an dieser Auffassung. Talleyrand bezeichnete das An- 
gebot, Österreich in Italien zu entschädigen, bereits als eine 
Anerkennung des von Thugut gewünschten, beiderseitigen Be- 
sitzstandes als Verhandlungsbasis und nimmt diese auch noch 
ausdrücklich an. Die in London abgelehnten Friedensangebote 
bewiesen, daß Frankreich den allgemeinen Frieden erstrebe. 
Talleyrand bemerkt dann, daß er eine Äußerung über den vor- 
geschlagenen Waffenstillstand vermisse und wiederholt die 
Bitte, der Kaiser möge angeben, in welcher Weise und an 
welchem Orte er die Verhandlungen eingeleitet wissen wolle. 
Als dieser Brief geschrieben wurde, hatten in der Riviera die 
Feindseligkeiten bereits begonnen und das Angebot italienischen 
Landes an Österreich mutete in diesem Augenblick besonders 
merkwürdig an. Thuguts Antwort vom 1. Mai hielt sich denn 
auch überhaupt dabei nicht auf, sondern versteifte sich ganz 
und gar darauf, daß Frankreich seine Bereitwilligkeit zu einem 
allgemeinen Frieden erklärt habe; nur darüber wolle der 
Kaiser mit seinen Verbündeten in Unterhandlung treten. Ort 
und Zeit für eine österreichisch-französische Separatver- 
handlung zu bestimmen, sei unter diesen Umständen über- 
flüssig ; ebensowenig dürfe ein einseitiger Waffenstillstand 
eintreten. 

Bevor der Tag von Marengo für die Anknüpfungen 
zwischen Frankreich und dem Kaiser eine neue Basis schuf, 
beschloß eine Antwort Talleyrands vom 6. Juni den selt- 
samen akademischen Briefwechsel. Napoleon hatte dem Mi- 
nister von Lausanne aus am 16. Mai die nötigen Anweisungen 
für dieses Schriftstück gege'oen, die er mit den Worten ein- 



Frankreichs nach dem Brumaire. 31 

leitete : „Ich glaube, man muß, um den Frieden zu beschleu- 
nigen, Krieg und Verhandlungen zugleich führen'*. Man wird 
diese Äußerung richtig einschätzen, wenn man hört, daß er über 
den Brief Thuguts an Talleyrand vom 2. Mai, der ihm unter- 
wegs zugegangen war, und den er entsiegelt hatte, das bezeich- 
nende Urteil fällte: „Vous la trouverez probablement aussi 
bete, que je la trouve'*'). Bonaparte hatte schließlich auch Talley- 
rands Entwurf gelesen und korrigiert und es vor allem für 
nötig erklärt, daß das Schriftstück ein wenig im „Stil der 
Schlußnote** erscheine; er wußte — am 1. Juni — daß bereits 
die nächsten Tage für etwaige spätere Verhandlungen eine 
neue Situation schaffen würden"'). 

Talleyrand beklagt es, daß der dritte Brief Thuguts noch 
unbestimmter sei als die voraufgehenden, und daß die Been- 
digung des Kriegselends noch weiter hinausgeschoben werde 
dadurch, daß der Kaiser sie von den Dispositionen des durch- 
aus eigennützigen englischen Kabinetts abhängig mache. Für 
den Fall, daß der Kaiser doch noch zum Frieden geneigt sei 
— gemeint ist offenbar nur Separatfrieden ^ soll er einen 
Vertrauensmann nach Dresden schicken zu Besprechungen mit 
dem französischen Geschäftsträger Lavalette. Es ist zu er- 
wähnen, daß dieser Mann schon, als er zu Beginn des Jahres 
1800 — Napoleon besetzte nach dem Brumaire fast alle diplo- 
matischen Posten neu — in der sächsischen Hauptstadt beglau- 
bigt wurde, zugleich den Auftrag erhielt^), sofort nach seine» 
Ankunft in Wien der Hofburg mitzuteilen, daß er Vollmachten 
habe zum Abschluß eines Waffenstillstandes, falls das Wiener 
Kabinett sich an ihn zu wenden wünsche. Die Bedingungen 
dieses Waffenstillstandes hatten die Form von Präliminarien. 



') Correspondance VI, 4805 u. 6. 

■) Ebda 4860. Vgl. über das Schicksal dieser Schlußnote auch Revue 
d'histoire diplomatique 1 892 p. 264 f. B o u I a y d e 1 a M e u r t h e, Correspon- 
dance de Talleyrand avec le I^r Consul pendant la campagne de Marengo. 

') Lavalette, Memoires et Souvenirs, Leipzig 1831,11, 2. Die 
ebda 337 f, abgedruckte Instruktion für L. handelt nur von militärischen 
Nachrichten, die Bonaparte von ihm wünschte. Von einer Instruktion im 
Sinne der Anweisung Napoleons an Talleyrand 's. nächste Note) enthalten 
die Memoiren nichts, doch ist sie ergangen. Vgl. Talleyrand an Bonaparte 
21. April. Revue d'histoire diplomatique 1892 p. 264. 



32 Die diplomatischen Beziehungen 

Am 16. Mai wies der Erste Konsul Talleyrand ani), wie er 
Lavalette zu instruieren habe. Die Rolle, die dem Gesandten 
dadurch zugeteilt war, erschüttert die Ansicht nicht, daß Na- 
poleon zum Kriege entschlossen war. Das beweisen auch seine 
unablässigen Bemühungen für die herabgekommenen Armeen. 
Blieb ihm hier auch noch manches zu wünschen, so waren doch 
in anderer Beziehung die Aussichten für den neuen Waffen- 
gang im Jahre 1800 für Frankreich erhebHch günstiger wie 1799. 
Und zwar einmal wegen der Verhältnisse der europäischen 
Mächte zueinander, wie wir sie im nächsten Kapitel schildern 
werden, sodann wegen der Hoffnung auf Beendigung des 
Bürgerkrieges in der Vendee, die Napoleon schon zu Beginn 
des Jahres hegen durfte. 

IV. 

Beendigung des Bürgerkrieges in Frankreich; das roya- 

listische Programm der Koalition für 1800. 

Es ist zum guten Teil die eigene Leistung des neuen 
Machthabers, und nicht eine seiner geringsten, die wir damit 
vor uns haben. Die Beendigung des Bürgerkrieges bedeutete 
zunächst einen gewaltigen moralischen Erfolg für Bonaparte, 
der das Vertrauen zu der neuen Regierung im In- und Auslande 
erheblich steigern mußte. Ferner war sie gleicherweise die 
Vorbedingung für das Werk der inneren Reformen wie für die 
nachdrückliche Fortführung des Krieges gegen das Ausland. 
Vor allem hat nur die Befriedung des Westens die Aufstellung 
jener Reservearmee möglich gemacht, deren Aktion so ent- 
scheidend werden sollte für den Gang der Ereignisse im Jahre 
1800. Kurz zusammenfassend seien darum auch die Vorgänge 
in der Vendee behandelt. 

Man kennt die bewegenden Kräfte — Thron und Altar — 
des französischen Bürgerkrieges, der, schon 1790 vorgedeutet, 
von 1792/93 an die Schlagkraft Frankreichs nach außen nicht 
wenig gelähmt hatte. Wenn die Bewegung, die nach den Siegen 
von Hoche in den Jahren 1795 bis 1796 erheblich nachgelassen 
hatte, erst gegen Ausgang der Direktorialregierung noch einmal 



') Correspondance VI, 4806. 



Frankreichs nach dem Brumaire. 33 

lebhaft aufflammte, so stand das mit den Siegen der Koalition 
im Jahre 1799 und mit den umfassenden Plänen derselben 
zur Unterstützung der Aufständischen ebenso in Verbindung, 
wie mit den Härten der korrupten Direktorialregierung. Den 
Zusammenbruch des verhaßten Direktoriums erhofften die Auf- 
ständischen als Resultat des gemeinsamen Anstoßes von innen 
und außen. 

Unter diesen Umständen konnten sie den 18. Brumaire 
als einen Erfolg ihrer Sache betrachten, und der Gedanke lag 
nicht fern, in dem Überwinder des Direkioriums zugleich auch 
den Überwinder der Revolution überhaupt zu sehen und ihm 
die Rolle des französischen Monk zuzuweisen. Der Aufstand 
flaute denn auch alsbald ab; ein Waffenstillstand trat ein und 
Unterhandlungen mit Hedouville, dem Kommandanten der fran- 
zösischen Streitkräfte im Westen, wurden angeknüpft, die frei- 
lich unerfüllbare partikularistische Wünsche der Aufständischen 
enthüllten. Immerhin war der Boden einigermaßen bereitet 
für die Aufnahme der Proklamation, die der Erste Konsul 
am 28. Dezember an die Bewohner des Westens erließt). 
Gegen das Versprechen voller Amnestie wurden sie zur 
Niederlegung der Waffen aufgefordert; an die Geistlichkeit, 
deren Einfluß in den Kreisen der Aufständischen vorherrschend 
war, wurde besonders appelliert, dahin zu wirken. Der Prokla- 
mation gingen vorauf oder folgten nach einige Erlasse der 
Regierung, die geeignet und auch ausdrücklich darauf berechnet 
waren, gerade in der Vendee einen günstigen Eindruck zu 
machen. Sie betrafen Milderung der Emigrantengesetze, Auf- 
hebung des Geiselgesetzes und der Zwangsanleihe von 1799, 
Freigabe der Kirchen für den katholischen Kult und die feier- 
liche Bestattung der schon seit sechs Monaten in Valence un- 
beerdigt stehenden Leiche Papst Pius VI"). 

Neben den Tönen der Milde und Nachgiebigkeit wußte 
Napoleon jedoch auch drohende anzuschlagen, denn die Unter- 
werfung sollte so oder so erreicht werden. Wer sich nicht 
fügt, wird mit Vernichtung bedroht. Daß es mit der Unter- 
werfung freilich nicht ganz so rasch ging, wie Napoleons Un- 



') Correspondence VI, 4473. 
-) Ebda. 4457, 73, 77 f., 84, 6 

Herrmann, Der Aufstieg Napoleons. 



34 Die diplomatischen Beziehungen 

geduld es ersehnte, dafür sorgte schon der Umstand, daß die 
Aufständischen von London her auf das kräftigste zum Aus- 
harren im Widerstände ermutigt wurden, und ferner, daß auch 
von Seiten der Royalisten inzwischen eine direkte Anknüpfung 
mit dem neuen Machthaber erfolgt war, die ihnen eine Ent- 
täuschung bereitet hatte. 

Mit Pässen Hedouvilles versehen, war einer der Führer 
des Aufstandes, Fortune d'Andigne, nach Paris gekommen, 
wo sich ein anderer einflußreicher Royalist aus dem Haupt- 
quartier Artois' zum Zwecke der royalistischen Propaganda 
bereits aufhielt. Es war Hyde de Neuville. Bei Talleyrand ein- 
geführt, wußten sie schließlich durch diesen auch mit Napoleon 
selbst in Verbindung zu kommen, nachdem d'Andigne sich 
durch einen Beglaubigungsbrief der Hauptführer, der ihn aller- 
dings nicht zum Abschluß ermächtigte, den vom Ersten Konsul 
gewünschten Charakter eines offiziellen Unterhändlers ver- 
schafft hatte. An demselben Tage, an dem die erwähnte Prokla- 
mation an die Bewohner des Westens erging — am 26.') hatte 
Napoleon schon einmal Hyde kurz empfangen — fand die 
interessante, hochdramatische Unterredung der beiden Roya- 
listen mit Napoleon statt, die ergebnislos endigen mußte, weil 
die Royalisten die Restauration der Bourbonen forderten. Sie 
erkannten und durchschauten den gewaltigen Mann nicht, der 
ihnen gegenüber stand. ^) 

Das war voraufgegangen, als Napoleon, noch immer ent- 
schlossen, wenn möglich, die Verhandlung dem Kampfe vor- 
zuziehen, an die Waffen appellierte. Anfang Januar erging 
der Befehl zum energischen Angriff und zu rücksichtsloser 
Strenge, und auch die Bewohner selbst wurden gegen die 
„Rebellen", die „Söldlinge Englands" zu den Waffen gerufen. 
Auch wurde durch ein besonderes Gesetz die Verfassung für 
die im Aufstand befindlichen Gebiete suspendiert. Eine be- 
deutende Verstärkung der Westarmee durch Teile der Pariser 



OSchuermans, Itineraire general de Napoleon, Paris 1908, 
p. 92, sagt am 27. 

-) Hyde deNeuville, Memoires et Souvenirs 1,267 ff.; Bire, Me- 
moires du general d'An d i g n e p. 416ff.; Correspondance VI, 4488; 
Vandal a. a. O. II, 8ff.; Sorel VI, 8ff. u. ö. Rose a. a. O. I, 236ff. 



Frankreichs nach dem Brumaire. 35 

Garnison^) und durch Herausziehung von Truppen aus Holland, 
die nach der russisch-englischen Niederlage möglich geworden 
war, gab diesen Drohungen Nachdruck. General Hedouville, 
ein eben nicht gerade hervorragender, aber verständiger und 
braver Mann, wurde, da man seinem versöhnlichen Charakter 
die etwa nötige Strenge nicht zutraute, am 14. Januar im 
Oberkommando durch Brune ersetzt, blieb aber neben diesem 
in der Vendee, um seine Lokalkenntnisse und seine bereits 
weit gediehenen Beziehungen zu den Führern des Aufstandes 
nutzbar zu machen ■). 

Napoleon wünschte rasche und gründliche Arbeit! 

Sie brauchte weniger eine militärische als eine diploma- 
tische zu sein ; die Machtentfaltung der Regierung, sowie die 
erwähnten Gesetze, für deren Bekanntwerden man eifrigst 
sorgte, taten ihre Wirkung. Noch ehe am 21. Januar die 
Waffenstillstände abliefen, war ein Teil des Aufstandsgebietes 
unterworfen. 

In der Person eines schon früher bei Verhandlungen be- 
währten Pfarrers, der auch später noch in die Beziehungen von 
Staat und Kirche in Frankreich eingreifen sollte, Abbe Ber- 
nier, fand man den klugen und einflußreichen, wenn auch in 
seinem Charakter nicht ganz einwandfreien Vermittler, der zu- 
nächst Verhandlungen zwischen Hedouville, und einigen Füh- 
rern der Vendee, die die Hauptlast des Aufstandes getragen 
hatte und entsprechend geschwächt war, in xMontfaucon ermög- 
lichte. Am 18. Januar führten sie zur Kapitulation. Die Be- 
zirke auf dem rechten Ufer der unteren Loire traten schon am 
20. Januar bei; nur einige Gegenden blieben noch im Auf- 
stand : Maine unter Bourmont, vor allem aber die Untere 
Normandie, wo der leidenschaftliche, energische und ehrgeizige 
Frotte führte, und Morbihan (Bretagne), wo der unversöhnliche 
Georges Cadoudal gebot — das unselige Opfer von 1804^). 



*) So kurz nach dem Staatsstreich war das ein bedeutsamer, vielleicht 
gewagter Schritt, jedenfalls eine Demonstration, die die Stärke und das 
Sicherheitsgefühl der jungen Regierung dartun sollte. 

-; Correspondance VI, 4498f., 4506, 23, 27, 36. 

*) Vandal 11, 67 ff., 73 ff., 97 ff.; Chassin, Les pacifications de 
rOuest, Paris 1899 111, 430ff. Comte de Martel, La pacification de 

3* 



36 Die diplomatischen Beziehungen 

Die letztgenannten Gegenden waren jene Küstenstriche, die 
dem Einfluß der Engländer ausgesetzt waren und nicht so 
gelitten hatten, wie die eigentliche Vendee. Aber auch sie 
wurden seit Ende Januar und im Monat darauf durch franzö- 
sische Streifkolonnen unterworfen, nicht ohne Blutvergießen 
freilich, und nicht, ohne daß dabei auch Verrat im Spiele war. 
Frotte mit sechs seiner Offiziere wurde sein Opfer; Napoleon 
hatte ausdrücklich bestimmt, an diesem hartnäckigsten Führer 
ein Beispiel zu statuieren, und der nachträgliche Begnadigungs- 
befehl gehört wohl der Legende an.^) 

Der moralische Erfolg des raschen Friedenswerkes war 
ein gewaltiger. Die Vendee unterworfen! Das war ein Zauber- 
wort von legitimierender Wirkung für den Usurpator! Auch 
wohl verdient war der Erfolg, denn die kluge Mischung von 
Nachgiebigkeit und Stärke, mit der Napoleon ihn errungen, hat 
zweifellos etwas Imponierendes. Auch der Vorteil, auf den 
es Bonaparte für den Augenblick vornehmlich ankam, das Frei- 
werden einer Truppenmacht, die als Stamm der Reservearmee 
dienen sollte, trat ein; aber im großen und ganzen darf man 
keineswegs sagen, daß in der Vendee fortab absolute Ruhe 
herrschte. Weniger die Führer — das zeigte sich auch, als sie 
Napoleons Einladung nach Paris folgten — als die Massen 
hatten im Jahre 1800 ihren Frieden gemacht, die Massen, deren 
Haus und Hof verwüstet lag, und in deren Taschen von dem 
englischen Oelde nichts gelangte. „Tout devouement est he- 
roique**, das ist gewiß ein wahres Wort, aber nur Verblendung 
kann die bösen Schatten der Chouannerie verkennen, und vol- 



rOuest (Chassin, entgegengesetzter Auffassung, war mir nicht zugänglich). 
Dazu Correspondance VI, 4544f., 47f., 75ff., 80f., 88ff., 4603f., lOff., 15, 
31, 33, 39. 

L. de la Sicotiere, Louis de Frotte et les insurrections normandes 
1793/1832, Paris 1889, II, 301 ff. bes. 489ff. Man mag, wie mannigfach be- 
zeugt ist, Napoleon bestürmt haben, Frotte zu begnadigen; vielleicht hat 
er sich auch in diesem Sinne geäußert, jedenfalls konnte es keine Wirkung 
mehr haben, denn der Befehl war so verstanden und mit größter Prompt- 
heit ausgeführt worden, wie er gemeint war. — Über die Vendee-Kriege 
allgemein vgl. Cretineau-)oly (N. A. 1895f. 5 Bde.), Chassin iParis 
1893ff. 11 Bde.), Lacroix (Paris 1905), Deniau .Angers 1906ff. noch nicht 
abgeschlossen); letzteres besonders einseitig. 



Frankreichs nach dem Brumaire. 37 

lends den Emigranten Sympathien entgegenzubringen, wird dem 
Kenner der Verhältnisse nicht ganz leicht. 

Wenn die Emigranten und die anderen Gegner Napoleons 
beständig auf gewisse Sympathien in Frankreich rechnen konn- 
ten, wie noch das Jahr 1814 es gezeigt hat, so gilt das auch 
für den weiteren Verlauf des Jahres 1800, in welchem um- 
fassende Pläne der Koalition auf die Mitwirkung der Royalisten 
zählten, in welchem die Verschwörertätigkeit der Unversöhn- 
Hchen, wie Hyde de Neuville, nachdem ihre Hoffnungen auf 
den Monk-Napoleon zerstört waren, bis zum Attentat gegen 
das Staatsoberhaupt sich verdichteten, in dessen Person man 
die Republik zu treffen hoffte. Auch der Plan des Jahres 1804, 
Napoleon zu überfallen und die Restauration des Königtums 
zu proklamieren, wobei Artois in der Nähe sein sollte, lag 
bereits zu Beginn des Jahres 1800 fertig vor^). Es fehlte nur 
der Cadoudal. Artois wäre aber wohl im Jahre 1800 ebenso 
wenig geneigt gewesen, sich unmittelbarer Gefahr auszusetzen, 
wie er es 1804 getan hat; das Blut Heinrichs IV. verleugnete 
sich schmählich in diesen Bourbonen. 

Der Anschlag gegen Bonaparte ist nur ein Akt des großen 
royalistischen Programms für das Jahr 1800. 

Über dieses als Ganzes noch ein kurzes Wort. Im Jahre 
1799 war der Hauptschlag, den die Koalition im unmittelbaren 
Dienste des royalistischen Gedankens unternahm, die Expedition 
der Engländer und Russen nach Holland gewesen. Ihr un- 
glücklicher Ausgang schreckte England, und vor allem Pitt, 
der stets der konsequenteste und eifrigste Förderer der Bour- 
bonen und der Royalisten in Frankreich war, nicht ab, für 
das nächste Jahr umfassende neue Pläne zu schmieden. 

So gedachte man auf Betreiben des dort vertrauten Generals 
Willot, eines Proskribierten des Fructidor, die stets unruhige 
Provence aufzuwiegeln, von der, wie man hoffte, der Auf- 
stand sich rhoneaufwärts verbreiten und auf der anderen 
Seite in Languedoc und den Pyrenäentälern alten Zündstoff 
wieder zum Aufflammen bringen sollte. Von da wäre der 
Kontakt, über die vom Aufstand des Vorjahres noch heißen 
Gegenden an der Garonne hinweg, mit dem Hauptaufstands- 

') Hyde de Neuville II, 284ff.; Vandal II, 80ff. 



38 Die diplomatischen Beziehungen 

gebiete der Royalisten im westlichen Frankreich leicht ge- 
wonnen gewesen. Indem man auch auf eine erfolgreiche Agi- 
tation durch Pichegru in den Ostprovinzen rechnete und eine 
Insurrektion in den Niederlanden ins Auge faßte^), hoffte man 
das innere Frankreich gleichsam von einem förmlichen Kranz 
royalistischer Provinzen einzuengen, die die Koalierten unter- 
stützen sollten, wenn sie in Frankreich einrückten. Darauf rech- 
nete man in England"). 

Außerdem aber plante Pitt noch ein besonderes englisches 
Unternehmen. Auf das Anerbieten Artois' vom Dezember 179Q, 
sich an die Spitze der Insurrektion in der Bretagne zu stellen, 
hatte er diesem Unternehmen für das Frühjahr 1800 englische 
Truppen und Schiffe versprochen. Ein von de Rozieres aus- 
gearbeiteter Plan einer Expedition nach Rhuis (Bretagne) vom 
Januar 1800 wurde indes engHscherseits beanstandet, und ehe 
man sich über einen neuen geeinigt hatte, war die günstige 
Gelegenheit zu einer Landung im Westen Frankreichs durch 
dessen Unterwerfung verpaßt. Das englische Kabinett erbot 
sich darauf, das russische Truppenkorps, welches nach der 
holländischen Expedition auf die Normannischen Inseln ge- 
bracht worden war, unter dem Emigranten Viosmenil zu lan- 
den — die Russen selbst hatten nur ein schwaches und sehr 
wenig seetüchtiges Geschwader in den dortigen Gewässern — 
englische Truppen wollte er dabei aber vorerst nicht aufs Spiel 
setzen. Außer erhebUchen Geldaufwendungen für die roya- 
listische Propaganda beschloß man jetzt vielmehr in London, 
ein Heer von 20 000 Mann ins Mittelmeer zu senden zur Unter- 
stützung der an den dortigen Küsten erwarteten österreichischen 
Operationen und des royalistischen Aufstandes in Südfrank- 
reich^). Die Rüstungen für diese Armee, die schon dann eine 
Bedeutung gehabt hätten, wenn sie eine entsprechende fran- 
zösische Truppenmacht, den gegen Österreich fechtenden Ar- 

*) Grenville an Minto, H.Februar. Public Record Office London, 
Austria 58 (künftig citiert R. O.). 

'} Grenville an Minto, 8. Februar. R. O. 

') Daudet, Les emigres et la seconde coalition p. 216f., 246f.; Der- 
selbe Histoire de l'emigration II, 391 ff. Lebon, L'Angleterre et l'emi- 
gration franfaise 1794/1801 Paris 1882p. 278 ff.; Fortescue Manuscripts 
VI, p.XLIlIf. und zahlreiche Aktenstücke z.B. S. 98ff., 114f., 146ff., 153ff. 



Frankreichs nach dem Brumaire. 



meen entzogen hätten, ihres rechtzeitigen Auftretens in der 
Riviera gar nicht zu gedenken, verHefen doch geradezu kläg- 
lich^). Dieses englische Landungskorps hat nie die vorgesehene 
Stärke erreicht und hat schließlich nacheinander die ver- 
schiedensten Bestimmungen erhalten"'). 

Aber nicht nur die englischen Rüstungen blieben ganz un- 
zureichend, auch die Erfolge der Insurrektion entsprachen durch- 
aus nicht den Erwartungen, die man im englischen Kabinett 
gehegt und die auf den ganz falschen Vorstellungen beruhten, 
die man über die Festigkeit von Bonapartes Stellung in Frank- 
reich hatte. Auch Wickham, sonst ein klarer Beobachter, stand 
vollständig unter dem Bann der von bezahlten Agenten er- 
statteten Berichte über die inneren Zustände Frankreichs, und 
gerade auf seine Berichte aus Süddeutschland, wo er ein 
förmliches royalistisches Kontor eröffnet hatte, in dem zahl- 
reiche royalistische Fäden zusammenliefen, legte man in Lon- 
don großes Gewicht^). 

In Wahrheit hat die royaUstische Propaganda im Frühjahr 
1800 überhaupt kein nennenswertes Ergebnis gehabt. Die Un- 
zulänglichkeit der Organisation, die nur der Unfähigkeit ihrer 
Träger entsprach, die Apathie und Kriegsmüdigkeit der Massen, 
die kümmerliche Haltung der Bourbonen, die ebenso kraftvollen 
wie geschickten innerpolitischen Anfänge Bonapartes, schließ- 
lich auch wohl mangelndes Vertrauen zu den auswärtigen Mäch- 
ten trugen dazu bei. Die Royalisten glichen fortab doch sehr 
einer Armee von Offizieren ohne Soldaten. Für das Frühjahr 
1800 mußten sie jedenfalls auf die Durchführung ihrer Pläne 
verzichten. Erst als Napoleon nach Italien zog, den Wechsel- 
fällen des Waffenganges und persönlichen Gefahren sich aus- 
setzend, belebten ihre Hoffnungen sich aufs neue^). 



') Fortescue flanuscripts VI, 188 f. Übersicht über das britische 
Heer mit Ausnahme der für das Mittelmeer bestimmten Truppen vom 
2. April. Es sind 38000 ,!), davon für den aktiven Dienst verwendbar 
27000 (!). Aber auch diese werden erst im Sommer komplett sein. 

') Vgl. unten Kapitel XII. 

') Zahlreiche Correspondenzen bei Fortescue VI. 

*) Chassin a. a. 0. lil, 612ff. 



40 Die diplomatischen Beziehungen 

V. 
Preußen und Frankreich. 

Wenn das vorliegende Kapitel die diplomatische Konstel- 
lation, in der Napoleon in das Ringen des Jahres 1800 eintrat, 
zu schildern hat, dann darf ein Blick auf die Beziehungen 
Frankreichs zu Preußen nicht fehlen, während die direkten Be- 
ziehungen zu Rußland, deren allererste Anfänge nur in die 
Zeit vor Marengo zurückreichen, besser in anderem Zusammen- 
hange zur Darstellung kommen. 

Überschaut man das Ganze der mehr geschmähten als 
gekannten preußischen Politik vom Baseler Frieden bis zur 
Katastrophe des Jahres 1806, so geht es doch nicht an, diese, 
die preußische Neutralitätspolitik, schlechthin und als System 
absolut zu verdammen. Aber es hat sich auch hier bewahr- 
heitet, daß jede auf die Spitze getriebene Idee den Keim der 
Zersetzung in sich trägt. Man hat in Preußen nicht erkannt, 
oder zu spät erkannt, daß es unmöglich war, inmitten der gewal- 
tigsten politischen Erschütterungen auf die Dauer allein un- 
berührt zu bleiben. Vor allem aber hat man es in unseliger 
Tatenscheu vor wie nach dieser Erkenntnis an der nötigen 
Festigkeit fehlen lassen: einmal in Behauptung und Verteidi- 
gung der Neutralität und schließlich, als man sie aufgegeben, 
auf den neuen Wegen. 

Anderes kam hinzu, um das Neutralitätssystem, dessen 
zweifellose Vorteile für die geistige und materielle Kultur Nord- 
deutschlands ich nicht zu erwähnen brauche, zu vergiften: 
Preußen war in Wahrheit insofern nie eigentlich neutral, als 
es mit kleinen und unwürdigen Mitteln eine Politik trieb, die 
aus der allgemeinen Verwirrung Vorteile zu erlangen hoffte, 
eine Politik, die den Preis begehrte, ohne den Einsatz zu wagen. 

Schließlich ist auch der hauptsächlichste politische Vorteil, 
den man sich von der Neutralität versprach, nicht wirksam 
gefördert worden, der nämlich, die im Schutze der Demarkations- 
linie liegenden und zur Erhaltung der Observationsarmee bei- 
steuernden norddeutschen Territorien auch poHtisch in etwas 
zusammenzufassen, eine preußische Hegemonie in Norddeutsch- 
land aufzurichten, obwohl es nie und auch 1800/1 nicht an 
Stimmen gefehlt hat, die eine Wiederaufnahme und Weiter- 



Frankreichs nach dem Brumaire. 41 

bildung der Fürstenbundpolitik forderten*). Erst unter Napo- 
leons Auspizien wurde ja bekanntlich dieser Plan, dessen kraft- 
volle und erfolgreiche Durchführung die Neutralitätspolitik in 
der Tat in ganz anderem Lichte erscheinen lassen würde, in 
Preußens Schicksalsjahre 1806 wenigstens mit der Beschränkung 
auf Norddeutschland gefördert. 

Gerade die Abwendung Preußens von der Reichspolitik, 
die in der Aufrichtung der Demarkationslinie lag, hat nicht 
wenig dazu beigetragen, sein Prestige in Deutschland zu beein- 
trächtigen und Frankreichs Einfluß, der Rheinbundpolitik, die 
Wege zu ebnen. 

An der Abwandlung, die das Verhältnis Preußens einer- 
seits zu Frankreich, auf der anderen Seite zu den übrigen Groß- 
mächten, namentlich zu Rußland, in dem von uns behandelten 
Zeiträume erfuhr, zeigte sich die ganze Gefährlichkeit des Neu- 
tralitätssystems, ohne daß die preußische Politik dadurch 
wirksam gewarnt und belehrt worden wäre. 

Ein kurzer Rückblick auf die Politik Preußens in den Jah- 
ren 1798/99 ist unerläßlich für eine richtige Bewertung seiner 
Stellungnahme im Jahre 1800 und zwar zunächst gegenüber 
dem Staatsstreich vom 18. Brumaire und dem neuen Macht- 
haber an der Seine. 

Bis 1798 hatte Preußen am Neutralitätssystem streng fest- 
gehalten. 

Die Entwickelung, die Frankreich seit dem 18. Fructidor 
genommen, hatte jedoch die Sorge erweckt, Preußen werde trotz 
seiner Demarkationslinie nicht dauernd von der Expansions- 
politik der Republik unberührt bleiben. So war es möglich 
geworden, daß Preußen, als die ersten Fäden für die zweite 
Koalition sich spannen, nicht nur mit Österreich über Aufrecht- 
erhaltung der Neutralität im Oktober 1798 Verhandlungen pflog, 
sondern auch Rußland eifrigst bemüht war, Preußen gegen 
Frankreich aufzurufen. Vergebens, vor allem weil in Preußen 
mit dem neuen König Friedrich Wilhelm III. jetzt der über- 
zeugteste Vertreter der Neutralität, die er als ein wahres Allheil- 
mittel ansah, die letzte Entscheidung hatte, und dieser König 
in der Tat, wenn auf irgendeinem Gebiete, so in der auswärtigen 

') Schmidt, Preußens deutsche Politik, Jena' 1867, S. 83 ff. 



42 Die diplomatischen Beziehungen 

Politik Selbständigkeit bewiesen hat und die volle Verant- 
wortung trägt. 

Auch England war mit seinem Liebeswerben bei Preußen 
nicht zurückgeblieben, und zu Beginn des Jahres 1799 fand 
durch den eifrigen und ebenso ehrgeizigen wie hochbefähigten 
Grafen Nikita Panin, der seit Sommer 1797 Rußland in Berlin 
vertrat^), durch den Engländer Thomas Grenville, den älteren 
Bruder des oft genannten englischen Staatssekretärs, und schUeß- 
lich durch Graf Franz Dietrichstein im Namen des hierbei 
freilich am wenigsten eifrigen Österreich, ein gemeinsamer An- 
sturm auf die preußische Neutralität statt: Man suchte, nicht 
ungeschickt, Preußen für die Befreiung Hollands zu gewinnen, 
dessen Verfassung es einst 1788 garantiert hatte und mit dem 
die Hohenzollern durch starke dynastische Bande verknüpft 
waren. Es ist bedeutsam, daß damals Graf Haugwitz, der ein- 
flußreichste und fähigste der drei preußischen Kabinettsminister, 
sich zu dem Standpunkt durchgerungen hatte, daß Preußen 
auf die Dauer nicht neutral bleiben könne'^), und daß eine 
Verständigung mit Rußland und England darum notwendig sei. 
Auch andere gewichtige Stimmen sprachen sich dahin aus, doch 
Friedrich Wilhelm hielt an der Neutralität fest und ließ die. 
Verhandlungen nur hinhaltend führen — niemand, Thugut viel- 
leicht ausgenommen, legte im damaligen Europa dem „Tem- 
porisieren" so große Bedeutung bei, wie der preußische König. 
Im übrigen war er naiv genug, seinen Unterhändlern das Ziel 
zu setzen, von Panin und Grenville für den Fall eines fran- 
zösischen Angriffes auf Preußen das Versprechen der 
Unterstützung ihrer Kabinette zu erlangen. Daneben trug er 
sich mit der Hoffnung, Frankreich zur freiwilligen Räumung 
Hollands bewegen zu können, eine Hoffnung, zu der ihn vor 
allen die im Bediner Kabinett stets verhängnisvoll überschätzten 
Bemühungen Frankreichs veranlaßten, Preußen vom Beitritt zur 
Koalition fernzuhalten und auf die Seite der Republik zu ziehen. 

Im April wurden die Verhandlungen zwischen Preußen 
und den Koalierten abgebrochen, und in einem seiner gefähr- 



A. Brückner, Materialien zur Lebensbeschreibung des Grafen 
Wikita Petrowitsch Panin, Petersburg 1890, Band IV. 

^) Bailleu a. a. O. I, 265ff. Denkschrift von Haugwitz vom 15. Januar. 



Frankreichs nach dem Brumaire. 43 

liehen, bald immer häufiger werdenden Zornesausbrüche traf 
Zar Paul sogar Maßnahmen, Preußen anzugreifen. Er beruhigte 
sich jedoch rasch wieder, und schon im Mai erneuerten Eng- 
land und Rußland ihren Holland betreffenden Antrag und 
schlugen außerdem einen gegenseitigen Garantievertrag vor. 
Preußen war damit vor eine Entscheidung von größter Trag- 
weite gestellt, vergleichbar jener schicksalsvollen vom Herbst 
des Jahres 1805. Die Siege der zweiten Koalition, der Preußens 
Beitritt vielleicht endgültige Erfolge verbürgt hätte, bilden die 
Folie für die schwächliche Haltung Friedrich Wilhelms gegen- 
über den englisch-russischen Anträgen. Den über Holland ver- 
warf er, gegen die Ansicht von Haugwitz, den ablehnenden oder 
unentschiedenen Ratschlägen der Köckritz, Lombard und Rüchel 
folgend^); nur über den Garantievertrag gebot er bezeichnender- 
weise zu verhandeln. Es ist nur eines der vielen Beispiele 
dafür, daß die damaUge preußische Politik, feige und begehrlich 
zugleich, in unwürdiger Weise ohne Einsatz den Preis suchte. 
Mehrmals schien es freilich, als würde der König seine Friedens- 
seligkeit doch noch überwinden. Im Juni hatte er mündlich 
bereits die Zustimmung zur Teilnahme Preußens an der Be- 
freiung Hollands ausgesprochen ; alsbald aber scheute er vor der 
Verantwortung des Krieges wieder zurück, um dann Mitte 
Juli — unter welchem Einfluß ist hier nicht zu untersuchen — 
nach peinlichem Hin und Her, gerade als Panin und Grenville 
abermals und nicht ohne Grund ihrem Ziele nahe zu sein 
glaubten, die Übernahme einer bindenden Verpflichtung Eng- 
land und Rußland gegenüber zu verweigern. Diese Mächte 
beendigten darauf, mit Recht über die Unzuverlässigkeit, das 
unwürdige Schwanken und die Schwäche Friedrich Wilhelms 
entrüstet, am 24, Juli die Unterhandlungen und Zar Paul brach, 
seinem Temperament entsprechend, im Monat darauf über- 
haupt die diplomatischen Beziehungen mit Preußen ab'). Auch 
England ließ seine Angelegenheiten in Berlin nur mehr durch 
einen Geschäftsträger, Garlike, besorgen, 

') Bailleu I, 283ff. 

") Als Anfang September der preußische Botschafter von derGroeben 
starb, wurden die russisch-preußischen Beziehungen für Monate hinaus 
lediglich durch den preußischen Geschäftsträger Wegelin in Petersburg 
in sehr losen Formen aufrecht erhalten. 



44 Die diplomatischen Beziehungen 

Durch den Zeitpunkt, in dem sie sich abspielten, gewinnen 
diese Vorgänge besondere Bedeutung. Die Siege der zweiten 
KoaHtion waren jetzt auf ihrem Höhepunkt, Das schien der 
Weisheit des preußischen Kabinetts der geeignete Moment, bei 
Frankreich über die freiwilHge Räumung Hollands und der 
linksrheinischen Lande anzuklopfen; es geschah am 20. Juli, 
also unmittelbar, nachdem Preußen dicht vor der Teilnahme 
am Kriege gegen Frankreich gestanden. 

Schon im Mai hatte das Kabinettsministerium dem Könige 
vorgeschlagen, er solle, gestützt auf § 5 des Baseler Friedens, 
der Frankreich nur die militärische Besetzung des linken 
Rheinufers zusprach, wegen Rückgabe wenigstens der Zivil- 
verwaltung dortselbst mit dem Direktorium eine Unter- 
handlung anknüpfen. Sieyes, und seit Ende Mai der Geschäfts- 
träger Otto, hatten indes der Pariser Regierung über die kurz 
berührten preußischen Verhandlungen mit den Koalierten und 
vor allem über das phäakenhafte Friedensbedürfnis Friedrich 
Wilhelms so getreu Bericht erstattet, daß die französische Ant- 
wort erst Ende August einlief und trotz des Schlages von Novi 
sehr wenig entgegenkommend ausfiel. Über die linksrheinischen 
preußischen Lande schwieg man überhaupt. Holland, so er- 
klärte man, sei ja politisch selbständig; es militärisch zu 
räumen, sei indes — und darin lag eine wohlverdiente mora- 
lische Abfertigung für Preußen — nicht gut verträglich mit 
der Ehre Frankreichs, in demselben AugenbHck, da das russisch- 
englische Expeditionskorps zur Ausschiffung auf holländischen 
Boden bereitstehe. Daß daraufhin die Entsendung von 10 000 
Mann preußischer Truppen unter General Schiaden nach Wesel 
beschlossen wurde, hätte in Paris bei der sattsam erprobten 
FriedensHebe und Zaghaftigkeit des Königs nicht anders denn 
als ungefährliche Demonstration angesehen werden können, 
auch wenn Otto nicht obendrein die förmliche Mitteilung ge- 
macht worden wäre, daß man nicht an eine Offensive denke. 
Das nächste Schicksal Hollands und der linksrheinischen preußi- 
schen Lande beruhte in der Tat auch nur auf den Waffen Eng- 
lands und Rußlands, und wenn Frankreich die Verhandlungen 
mit Preußen schon vor der Entscheidung in Holland nur in 
fast beleidigender Weise schleppend und hinhaltend geführt 



Frankreichs nach dem Brumaire. 45 

hatte, so war auf Nachgiebigkeit gegen die papiernen preußi- 
schen Forderungen natürlich vollends nicht mehr zu rechnen, 
als die Erfolge Massenas bei Zürich und Brunes in Holland, 
Frankreich aus äußerst kritischer Lage befreit hatten. Von 
Holland war jetzt keine Rede mehr; nur von der Rückgabe der 
Verwaltung im linksrheinischen Kleve sprach man noch, und 
Preußen — jetzt auch Haugwitz'), der sich in der holländischen 
Politik im Widerspruch zum Kabinett befunden hatte — zog sich 
wieder ganz auf die strikte Neutralität zurück wie vor dem 
Jahre 1798. 

') Man pflegt Haugwitz — wann wird ihm ein würdiger Biograph 
erstehen? — noch immer zu ausschließlich nach seiner Teilnahme am 
Baseler Frieden und dem Schönbrunner Vertrage zu beurteilen und darum 
zu verurteilen. Und doch hat er nicht nur in der oben geschilderten 
Situation bewiesen, daß er keineswegs blind war gegen die Gefahren der 
Lage Preußens und vor allem für die vom revolutionären und Napoleoni- 
schen Frankreich drohenden Gefahren. Wenn er öfter eine Politik ver- 
tritt, mit der er innerlich nicht übereinstimmt oder die er womöglich 
eben noch bekämpft, wird man das nicht nach moralischen und modern- 
konstitutionellen Maßstäben beurteilen dürfen, sondern die Maximen des 
absolutistischen Staates im allgemeinen und die Eigentümlichkeiten Fried- 
rich Wilhelms 111. im besonderen dabei berücksichtigen müssen. Auch 
im Jahre 1800 bestätigt es sich: Der Einfluß der Kabinettsminister — 
nach Finkensteins Tode im Januar 18C0 waren es nur noch Alvensleben 
und Haugwitz — ist keineswegs beherrschend. Haugwitz hatte zwar 
nach Finkensteins Tode, sehr zum Mißvergnügen des Grafen Alvensleben, 
erlangt, daß ihm die auswärtigenAngelegenheiten allein übertragen wurden, 
aber das Vertrauen des Königs zu ihm war darum kaum gewachsen; er 
sah ihn nur sehr selten. Einflußreicher als die Kabinettsminister sind bereits 
die Kabinettsräte, aber auch diese beherrschen den König nicht eigentlich, 
der vielmehr, wie schon einmal betont, im letzten Grunde für die aus- 
wärtige Politik Preußens durchaus selbst die Verantwortung zu tragen 
hat, nicht nur staatsrechtlich, sondern faktisch. Er liebte es, vor wichtigen 
Entschlüssen möglichst viele Ansichten von seiner Umgebung — Minister, 
Kabinettsräte, Adjutanten usw. — einzuholen, um sich dann, wenn er 
überhaupt zur Entscheidung kam, demjenigen anzuschließen, der seinen 
eigenen Ideen und Sentiments am nächsten gekommen war und es vor 
allem auch verstanden hatte, seinem Votum eine auf den Charakter des 
Königs berechnete Form zu geben. Es ist bekannt, daß der aalglatte 
Lombard, dessen Ansehen 1800 erheblich stieg (Garlike, Krüdener, 
Hudelist bezeugen das übereinstimmend), es in dieser Kunst am weitesten 
gebracht hat. — Über Friedrich Wilhelm HI vgl. auch meine Auslassungen 
iii: Friedrich Wilhelm III. und die Heeresreform. Histor. Vierteljahrsschrift, 
Leipzig 1908, Band XI S. 484ff. 



46 Die diplomatischen Beziehungen 

Gespannte Beziehungen zu England und Rußland und eine 
nur zu begreifliche erhebliche Einbuße an Prestige bei Frank- 
reich, das war das traurige Ergebnis der aktiveren Teilnahme 
Preußens an der europäischen Politik in den Jahren 1798/99^). 

Ist nun aber, wenn wir die Führung der preußischen Politik 
in diesen Jahren ganz gewiß tadeln müssen, damit auch ohne 
weiteres gesagt, daß ein Anschluß Preußens an die zweite 
Koalition eine Selbstverständlichkeit war? Die Antwort ist nicht 
ganz einfach, weil die Lage 1799 doch insofern sich erhebUch 
von jener der Jahre 1803/5 unterschied, als England und vor allem 
Österreich damals Sonderinteressen verfolgten. Aber berührten 
diese nicht indirekt schließlich alle das preußische Interesse 
schon darum, weil Preußen noch eine Entschädigung für seine 
linksrheinischen Lande zu erwarten hatte? Mußte es nicht 
deshalb früher oder später wieder aktiv in den Kampf mit Frank- 
reich eingreifen? So war die Entscheidung gewiß nicht leicht, 
aber maßgebend für unsere Beurteilung der Dinge wird doch 
bleiben müssen, daß Preußen noch etwas zu fordern hatte 
und daß es dies durch andere besorgen Heß, daß es die Diplo- 
matie dem Kriege unter allen Umständen vorzog, daß es aus 
der „Konstellation'* Vorteile zu ziehen suchte, aber jeder Ini- 
tiative, jedem tatkräftigen Handeln entsagte. 

Da gab der 18. Brumaire neue Gelegenheit, die französisch- 
preußischen Beziehungen zu revidieren, und er ist auch be- 
deutungsvoll geworden für sie. Es sollte sich auch 1800/1 zeigen, 
daß Preußen trotz günstiger Gelegenheit es nicht verstand, 
im europäischen Völkerrat die Stellung wiederzugewinnen, die 
es durch seine Neutralitätspolitik bezw. sein kritikloses Fest- 
halten an ihr freiwillig aufgegeben hatte und die ihm die 
Daseinsberechtigung als Großmacht raubte, zu der es nur durch 
die angespannteste Macht politik und moralische Energie 

') Zum Ganzen vgl. Ranke, Hardenberg und die Geschichte des 
preußischen Staates II, 19ff. (Werke Band 47;, dazu Bailleus Aufsatz 
(Deutsche Rundschau Band XX) Haugwitz und Hardenberg; Der- 
selbe, Preußen und Frankreich I, XLVff. und viele Aktenstücke; Der- 
selbe, Königin Luise. Berlin 1908, S. 99 ff., 137 ff.; Hüffer, Die Ka- 
binettsregierung in Preußen und Joh. Wilh Lombard. Leipzig 1890. S. 94ff.; 
Derselbe, Der Krieg des Jahres 1799 und die zweite Koalition. Gotha 1905. 
IL 133 ff. 



Frankreichs nach dem Brumaire. 47 

des großen Friedrich emporgestiegen war, der durch diese 
Eigenschaften ersetzte, was dem preußischen Staate an „force 
intrinseque'' abging (PoHtisches Testament von 1752). 

Die vorübergehenden Spannungen des voraufgegangenen 
Jahres hatten gewisse Sympathien für Frankreich und die Vor- 
stellungen von einer natürlichen Bundesgenossenschaft zwischen 
Frankreich und dem Staate Friedrich des Großen in Berlin nie 
ganz ertöten können. Da man hier zudem, wie auch anderwärts 
zumeist, die Bedeutung und den wahren Charakter des Ersten 
Konsuls noch keineswegs völlig durchschaute, war man zunächst 
nur zu sehr geneigt, den Staatsstreich nur als Rückkehr zur 
inneren Ordnung und zu monarchischen Tendenzen und damit 
als Basis eines neuen, ruhigeren, durch französische Übergriffe 
nicht mehr wie bisher bedrohten internationalen Verkehrs zu 
betrachten. 

Die Stimmung Napoleons Preußen gegenüber war, zweifel- 
los auch unter dem Eindruck seiner widerspruchsvollen und 
energielosen Haltung im letzten Jahre, kritischer, doch genügte 
auch für ihn die Erinnerung an die Beziehungen Preußens 
zu Frankreich im Revolutionszeitalter, vor allem an die Tat- 
sache, daß Preußen die einzige Großmacht war, mit der die 
Republik in diplomatischem Verkehr stand, um ihn zur Ent- 
sendung eines außerordentlichen Boten zu veranlassen, der 
Friedrich Wilhelm den Amtsantritt der Konsuln mitteilen sollte. 
Das war im Grunde nicht mehr wie eine diplomatische Artig- 
keit, die für einen Regierungswechsel in monarchischen Staaten 
eine Selbstverständlichkeit war. Napoleon traf eine sehr ge- 
schickte Wahl, denn sein Adjutant Duroc war ein tapferer Soldat 
und ein gebildeter Mann, der mit einem gewinnenden Äußern 
angenehme Umgangsformen verband. Er war gewandt und 
dabei bescheiden, erfüllt von Bewunderung für seinen General, 
unter dessen Augen er in Italien und Ägypten gefochten hatte. 
Und kriegerischer Ruhm stand in Berlin und Potsdam trotz 
allem noch hoch im Kurse! So sicherten alle diese äußerlichen 
Momente dem Abgesandten Napoleons die denkbar freundUchste 
Aufnahme^), ja sie Heßen sogar die sachliche Bedeutung seiner 

') Vgl. die Äußerung des Königs bei Bai Heu a. a. O. I, 352 und 
Durocs Bericht vom 5. Dezember an Napoleon, ebda. 1, 513f. 



48 Die diplomatischen Beziehungen 

Sendung überschätzen und dies, obwohl doch die Auftraggeber 
Durocs nur provisorische Konsuln waren, die Verfassung 
noch nicht einmal fertig war. 

Das Schriftstück vom 16. November, das Duroc über- 
brachte^), sprach lediglich Freundschaftsversicherungen und die 
Hoffnung aus, daß der König sie erwidere. Irgendwelche greif- 
baren Vorschläge, vor allem bezüglich einer Rolle Preußens als 
Friedensvermittler, enthielt es nicht. Nichts wäre aber natür- 
licher gewesen, als ein Hinweis darauf, hätte Napoleon damals 
den Frieden wirklich ernst betrieben und hätte er hinreichendes 
Vertrauen zu Preußen gehabt. Der Umstand, daß damals Zar 
Paul in demselben Maße, in dem er sich von Österreich und 
England entfernte, sich Preußen zu nähern begann, hätte ihn 
bald darin bestärken können. 

Auch Durocs mündliche Weisungen gingen nicht über Höf- 
lichkeitsbezeugungen hinaus. König Friedrich Wilhelm betont 
ausdrücklich, daß Duroc sich über Geschäfte durchaus in Still- 
schweigen hülle und im Gespräch keinerlei Mitteilungen über 
Friedensvorschläge gemacht habe. Der preußische Gesandte 
in Paris, Sandoz-Rollin, befand sich also im Irrtum mit seiner 
Annahme, es seien ihm solche aufgetragen worden"). 

Das Schreiben Friedrich Wilhelms, das Duroc den Konsuln 
zurückbrachte, enthält denn außer dem Dank für die Freund- 
schaftsversicherungen, die seinen eigenen Gefühlen für Frank- 
reich entsprächen, sachlich ebenfalls lediglich eine sehr höf- 
liche, aber bestimmte Unterstreichung der Beteuerung der 
Konsuln, daß in der Tat nur die gewissenhafteste Beobachtung 
der Verträge ein festes Vertrauen zwischen den beiden Staaten 
begründen könne^). 



') Bailleu a. a. O. 1, 347 f. Duroc traf am 28. abends in Berlin 
ein und wurde am 3. Dezember vom Könige empfangen; ebda. 351. Vgl. 
auch Tatistscheff, Paul et Bonaparte. Nouvelle Revue Bd. 48 p. 52 ff. 

^) Erlaß an Sandoz vom 6. Dezember bei Bailleu I, 351 f. — Am 
17. und 24. Januar hatte Sandoz berichtet, man wünsche in Paris den 
Frieden, er stützt sich hierbei auf Äußerungen Bonapartes in einem Ge- 
spräch vom 23. ebda. I, 348 ff. 

^) Ballleu I, 352 f. Das Schreiben datiert vom 16. Dezember. — 
Tags zuvor hatte Sandoz auf Grund seines Berichtes vom 1. Dezember 
über eine Unterredung mit Talleyrand und Beurnonville, die von Preußens 



Frankreichs nach dem Brumaire. 49 

Bald sollte sich zeigen, wie weit man von einem solchen 
entfernt war. Als Duroc noch in Berlin weilte, befand sich 
General Beurnonville, der Otto als Vertreter Frankreichs in 
Berlin ersetzen sollte, auf der Reise dorthin, versehen mit einer 
Instruktion, die zu den freundschaftlichen Versicherungen, wie 
man sie eben durch Durocs Vermittlung ausgetauscht, und zu 
Äußerungen Sandoz gegenüber so schlecht passen wollte, daß 
die Vermutung nahe liegt, der Geist Sieyes', der im Mai des 
Jahres 1799 so zornerfüllt von Berlin geschieden war, habe sie 
beeinflußt. Beurnon\ille soll sich darauf beschränken, abzu- 
warten, zu beobachten, dem Berliner Hofe die beharrlich libe- 
ralen Anschauungen der republikanischen Regierung zu er- 
kennen zu geben und die Beziehungen Preußens zu den anderen 
Höfen zu überwachen. 

Er wird außerdem noch ermahnt, sich aus der Lektüre der 
Gesandtschaftskorrespondenz in den letzten Jahren darüber zu 
informieren, daß er in Berlin mit zwei Faktoren zu rechnen hat : 
einmal mit der intimeren Umgebung des Königs, sodann mit 
den Ministern. Letztere seien wandelbar wie das Glück der 
Waffen. Nur wenn es Frankreich gut gehe, stimmen ihre Er- 
klärungen mit den Intentionen des Königs und den Interessen 
Preußens überein, in schwierigen Zeiten dagegen muß man die 
Ansichten des Königs durch andere Kanäle zu erfahren suchen^). 

Die in dieser Instruktion enthaltene Kritik der preußischen 
Politik ist im wesentlichen zutreffend, aber es lag nicht im 
damaligen Interesse Frankreichs, Preußen schon jetzt auch dem- 
entsprechend zu behandeln, und die Instruktion bheb denn 
auch nicht lange die Grundlage für Beurnonvilles Auftreten 
in Berhn. 

Am 20. Januar war er dort angelangt und schon am 23. 
vom Könige so huldvoll empfangen worden, daß er ganz be- 
geistert war und — hier in Übereinstimmung mit seiner 
Instruktion — den König, im Gegensatz zu seinem Minister 



Mitwirkung beim Frieden mit Österreich und von Allianz mit Preußen 
sprachen, die Weisung erhalten, der König könne und wolle sich vorerst 
rieht zu Ailianzverhandlungen mit Frankreich verstehen. Bai Heu I, 
3f>3f. und Note. 

'; Ebda. I, 514ff. 

Herrmann, Der Aufstieg Napoleons. 4 



50 Die diplomatischen Beziehungen 

Haugwitz, für einen wahrhaften Freund Frankreichs hielt, was 
durchaus irrig ist^). 

Als diese Audienz stattfand, lag in Berlin bereits der Be- 
richt Sandoz' vom 5. Januar vor über eine Unterredung mit 
Talleyrand, in welcher dieser anfragte, ob Preußen nicht bei 
Rußland wegen eines Friedensschlusses sondieren und eine 
Annäherung Frankreichs an diese Macht vermitteln könne. Die 
Antwort Friedrich Wilhelms an Sandoz vom 19. Januar hatte 
gelautet, die Lage erschiene für einen solchen Schritt viel zu 
ungewiß, doch sei er bereit, bei günstiger Gelegenheit versöhn- 
liche Äußerungen zwischen Berlin und Petersburg zu ver- 
mitteln^). Schon wenige Tage später jedoch kam dem König 
ein anderer Gedanke^). Vielleicht ist das Mißtrauen gegen Frank- 
reich doch übertrieben. Warum sollte man dem russischen 
Gesandten in Berlin die Vorschläge Talleyrands nicht wenigstens 
mitteilen und durch Sandoz davon in Paris Kenntnis geben^)? 
Haugwitz billigte das durchaus. Es waren ihm zwar bei einer 
sehr unbefriedigenden langen Unterredung mit Beurnonville, 
bei welcher der Gesandte nur in allgemeinen Redensarten sich 
ergangen und es sich gezeigt hatte, daß er über die Napoleon 
vorschwebenden Friedensbedingungen^), in keiner Weise unter- 
richtet war, Zweifel an der Ehrlichkeit der französischen Ver- 
mittlungswünsche aufgestiegen; er glaubte, daß Beurnonvilles 
Mission vornehmlich nur eine Demonstration der französisch- 
preußischen Freundschaft vorstellen solle und Bonaparte nichts- 
destoweniger alles versuchen würde, ohne Preußen zu seinem 
Ziele zu gelangen. Haugwitz schlägt darum vor, durch Sandoz 
zugleich auch in Paris nach den Friedensgrundlagen zu 
fragen. Am 31. Januar und 2. Februar ergingen auch ent- 
sprechende Weisungen an den Gesandten: Preußen vermöge 



*) Ebda. I, 519. Beurnonville an Hauterive, Abteilungschef im 
Ministerium des Auswärtigen, 

■) Ebda. I, 357f. und Note. — ^) Vgl. über den Zusammenhang der 
russischen und französischen Beziehungen Preußens unten Kapitel 11. 

*) Ebda. I, 358f. Der König an Haugwitz 25. und 27. Januar. 

^) Auch Garlike berichtet am 30. Januar und 18. Februar auf Grund 
von Haugwitzens Versicherungen, daß Beurnonville über eine engere Ver- 
bindung zwischen Frankreich und Rußland noch keinerlei Eröffnungen ge- 
macht, sondern nur oberflächlich davon gesprochen habe. RO. PrussiaST. 



I 



Frankreichs nach dem Brumaire. 51 

keine Vermittlung zu übernehmen, bis es die französischen 
Bedingungen kenne*). Das war schon ein Schritt weiter, und 
er begegnete sich mit EntschHeßungen des Ersten Konsuls, 
die Beurnonvilles kühle Instruktion vom Dezember außer Kurs 
setzten. 

Am 21. Januar hatte Bonaparte seinem Minister des Aus- 
wärtigen drei Fragen vorgelegt, die für die Gestaltung der 
französisch-preußischen Beziehungen von hoher Bedeutung ge- 
worden sind. Die drei Fragen lauten'): I.Weichen Nutzen 
kann man aus Preußen ziehen, um auf dem Kontinent den 
allgemeinen Frieden oder einen Teilfrieden mit irgendeiner 
Macht zu beschleunigen? 2. Welche Eröffnung kann man ihm 
machen, um es mehr und mehr für unser Interesse zu gewinnen? 
3. um es zu bestimmen, sich an die Spitze einer nordischen 
Liga zu stellen, was dem maßlosen Ehrgeiz Rußlands Zügel 
anlegen würde? Die Antwort des Exbischofs von Autun, der 
Preußen nie geliebt hat, aber seine Rolle in der Politik stets 
richtig einzuschätzen und es dementsprechend sehr geschickt 
zu behandeln wußte, ist von hohem Interesse^). Er empfiehlt 
durchaus die Anknüpfung neuer Unterhandlungen und macht, 
gewissermaßen zur Entschuldigung Preußens, das höchst be- 
merkenswerte Eingeständnis, daß das Scheitern früherer An- 
knüpfungen, vor allem seit dem 18. Fructidor, sehr stark durch 
die ungeschickte und beunruhigende auswärtige Politik des 
Direktoriums verschuldet worden sei, zu der selbst das am 
meisten geschonte Preußen das Zutrauen hätte verlieren können. 
Die später immer stärker werdende Mißbilligung der uferlosen 
Expansionspolitik seines kaiserlichen Herrn deutet sich schon 
an, wenn er die junge Konsulatsregierung in Gegensatz stellt 
zu den Attentaten des Direktoriums auf Sardinien, die Schweiz 
und Batavien. Der schlechte Eindruck dieser Vorgänge müsse 
zerstreut, mit allen Mitteln die Wiederherstellung des aus- 
wärtigen Kredits beschleunigt und vor allem das Berliner Ka- 
binett wieder zum französischen System geführt werden. Beur- 
nonville solle und werde zwar diesem Ziele dienen, doch halte 
er es für angebracht, daß eine freimütige und allgemeine Aus 



') Bailleu l,359f. und Berliner Staatsarchiv Anweisung vom2. Februar, 
") Correspondance VI, 4542. — ' Bailleu [, 520 ff. 

4* 



52 Die diplomatischen Beziehungen 

spräche über die europäischen Angelegenheiten herbeigeführt 
werde. Für sie aber, für so wichtige Aufgaben, wie die all- 
gemeine Pazifizierung Europas, die preußische Vermittlung, die 
preußische Alhanz mit der Republik, halte er Beurnonville nicht 
für ausreichend und darum empfiehlt er die Entsendung eines 
mit den Verhältnissen vertrauten Spezialgesandten, der ohne 
offiziellen Charakter dem König von Preußen einen Brief des 
Ersten Konsuls zu überbringen haben würde, der — das Wort 
Bündnis sollte dabei nicht ausgesprochen werden — doch Dis- 
kussionen ein weites Feld eröffnen sollte. 

Jedenfalls schwebte Talleyrand, der im Gründe stets 
der Staatsmann des 18. Jahrhunderts blieb und in den Gedanken 
einer europäischen Gleichgewichtspolitik lebte, ein Bündnis mit 
Preußen als wirksame Stütze desselben vor. Die Instruktion, 
die daraufhin am 15. Februar an Beurnonville erging, enthält 
die nur zu richtige Bemerkung, daß ein zu langes Festhalten 
an der Neutralität dem politischen wie militärischen Ansehen 
Preußens schädlich sein müsse. Es sei an der Zeit, daß Preußen 
wieder als Hauptfaktor in den europäischen Angelegenheiten 
erscheine und die Rolle des Friedensstifters und Schiedsrichters 
nach vorhergehender Verabredung mit seinem natürlichen 
Bundesgenossen übernähme. 

Solche Ideen — auch die preußische Politik lebte ja damals 
durchaus in den Gedanken des europäischen Gleichgewichts, 
womit man allgemein Wünsche und Streben nach eigener 
Vergrößerung stets zu vereinigen gewußt hat — sind aber dem 
preußischen Kabinett keineswegs in bestimmter, zu einem festen 
Antrag verdichteter Form nahe gebracht worden. Napoleon 
folgte den Anregungen Talleyrands, doch nur teilweise und in- 
soweit, als er Beurnonville am 15. Februar anweisen Heß, 
Preußen zu bewaffneter Vermittlung zu bewegen. Um 
Friedrich Wilhelm persönlich eine Liebenswürdigkeit zu er- 
weisen, sollte Beurnonville überdies von ihm für die Louvre- 
Galerie eine Büste Friedrich des Großen erbitten^). 

Von einer förmHchen Vollmacht für Beurnonville zu Allianz- 



') Bai Heu I, 522. — Sandoz hatte in diesem Moment in Paris 
lediglich seine Instruktion vom 19. Januar. Ebda. 315, Berichte vom 9. und 
13. Februar. 



I 



Frankreichs nach dem Brumaire. 53 

Verhandlungen mit Preußen und von einer festen Basis dafür 
kann, so gewichtig sich auch der aufdringHch-schw atzhafte Beur- 
nonville gebärden mochte, in der Anweisung vom 15. keine 
Rede sein, und Avenn Preußen zu seinem Verhängnis im Jahre 
1800 nicht im geeigneten Moment die richtige Stellung zwischen 
Frankreich und Rußland gefunden hat, die es ersehnte, und 
von der es sich die größten Wirkungen auf seine Stellung in 
Europa und besonders in Deutschland versprach, so ist dabei 
doch auch nicht zu vergessen, daß Bonaparte keineswegs von 
vornherein mit einem festen Programm und einer vertrauen- 
erweckenden Unzweideutigkeit an Preußen herangetreten ist. 
Diese Feststellung ist wichtig gegenüber der Annahme, Napo- 
leon habe damals ernstlich um Preußens Bündnis geworben^)* 
Nicht aus der Welt schaffen kann diese Feststellung freilich, 
daß die preußische Politik auch in ihren damaligen Beziehungen 
zu Frankreich an der seit Jahren beliebten unwürdigen Taktik 
festhielt, sich nie bestimmt zu erklären oder gar zu en- 
gagieren, sondern ihr Verhalten stets von der jeweiligen Lage 
seiner Kontrahenten abhängig zu machen, zu fordern, wenn 
es diesen schlecht ging, sich zurückzuziehen, wenn sie die 
Oberhand hatten, vor allem aber nie zu handeln, stets nur zu 
verhandeln. 

Bald nach Empfang seiner neuen Instruktionen hatte Beur- 
nonville mit Friedrich Wilhelm auf einem Ball eine Unterredung. 
Der Bericht darüber vom 26. Februar-) enthält nicht einmal 
etwas von einer bewaffneten Vermittlung, von der der Ge- 
sandte scheinbar überhaupt nicht gesprochen hat, sondern han- 
delt ledigUch von dem Eindruck, den die Bitte um die Büste 
auf den König gemacht^), und ferner von den linksrheinischen 

^) Ganz zurückzuweisen ist die ebenso anmaßende wie oberfläch- 
liche Beurteilung, die diese preußisch-französischen Beziehungen bei 
Levy, Napoleon et laPaix, p. 21ff., gefunden haben. Auch Driault a.a.O. 
p. 50ff. stellt die Sache irrig so dar, als hätten Preußen förmliche und 
bestimmte Angebote seitens Napoleons vorgelegen. 

') Bai Heu I, 522ff. 

') Beurnon ville irrte, wie er überhaupt den König falsch 
beurteilte, mit der Annahme, dieser fühle sich dadurch geschmeichelt. 
E:s war wohl nicht nur seine bekannte Sparsamkeit, wenn Friedrich Wilhelm 
dem Gesandten, da er über keine Büste verfüge, lediglich versprach, ihm 
bei der Erwerbung einer solchen behilflich zu sein. Wie konnte man 



54 Die diplomatischen Beziehungen 

Besitzungen Preußens, die der König aufs neue lebhaft rekla- 
mierte, und zwar so nachdrücklich, daß Beurnonville in Paris 
Nachgiebigkeit gegen diese empfehlen zu müssen glaubte; eher 
werde man in Berlin keine französischen Vorschläge anhören^); 
erst dann, hätte Friedrich Wilhelm deutlich erklärt, werde er 
mit allen Mitteln die Friedensabsichten des Ersten Konsuls 
unterstützen"^). Als obendrein Sandoz über eine Unterredung, 
die er nach Empfang seiner Instruktion vom 31. Januar mit 
Talleyrand gehabt, unbefriedigt berichtete^) — der Minister hatte 
zwar erklärt, daß man auf Kehl und Ehrenbreitstein verzichte, 
sich aber über das Schicksal des linken Rheinufers und über- 
haupt allgemein nicht klar ausgedrückt — war in Berlin das 
Urteil über die Talleyrandschen Äußerungen fertig. Man er- 
klärte sie für eitle Phrasen und zweifelte an einem ernstlichen 
Bedürfnis der französischen Regierung, einen allgemeinen Frie- 
den in die Wege zu leiten^). Über Beurnonville vollends, 
über seine Geschwätzigkeit, die im umgekehrten Verhältnis 
stand zu dem sachlichen Ertrag der Unterredungen mit ihm, 
beklagte man sich lebhaft. Man zweifelte schon damals auch 
in BerHn, so schwierige Angelegenheiten jemals mit ihm er- 
ledigen zu können^). 

Wenn man in Berlin und Paris eine Vereinbarung; ernstlicher 
betrieben hätte, als es in Wahrheit der Fall war, hätten ihr doch 
auch einige sachliche Differenzen im Wege gestanden : Außer der 
schon öfter berührten Frage der linksrheinischen Provinzen, 
die Affäre Huissen und endhch der Umstand, daß Beurnonville 
schon damals versucht hatte, was später für Preußen ebenso 



auch nach Paris und womöglich in die Gesellschaft der Revolutionshelden 
eine Büste Friedrichs schicken, wo Berlin noch kein Denkmal des großen 
Königs besaß? Am 3. März schrieb der König an Haugwitz, er könne 
die Zustimmung zu dem Plane des 1. Konsuls nicht versagen, aber auch 
nicht mehr tun. Berl. Staatsarchiv. 

•) Bailleu 1,524 und Note. Vgl. auch ebda. 376. Sandoz am 24. April. 

-) Ebda. I, 524. — «^ Ebda. 1, 366 vom 20. Februar. Von der In- 
struktion, die an Beurnonville abgegangen, scheint man Sandoz keine nit- 
teilung gemacht zu haben. - *} Ebda. I, 366 Note. 

"") Ebda. I, 368 Haugwitz an den König 3. März und Erlasse an 
Sandoz vom 3. und 7. März. Berl. Staatsarchiv. — Über Beurnonville 
ähnlich auch Garlike am 30. Januar und 1. März. R. O. Prussia 57 und 
Hudelist 8. Februar, 8. März, 11. März W. St. A. 



Frankreichs nach dem Brumaire. 



kränkend wie nachteilig wurde, hinter dem Rücken des Ber- 
liner Ministeriums direkt mit Krüdener anzuknüpfen. Haug- 
witz hatte, wie erinnerHch, diese Absicht des Franzosen ver- 
mutet und ihn daran erinnert, daß man erst die Antwort aus 
Petersburg auf die Mitteilung Krüdeners von den durch Preußen 
vermittelten französischen Annäherungsabsichten aus dem Ja- 
nuar abwarten müsse, Beurnonville, der, wie Sandoz meldete, 
dabei aus eigenem Antrieb und nicht auf Befehl aus Paris 
gehandelt, hatte sich gleichwohl nicht abhalten lassen und sich 
bei Krüdener zur Genugtuung von Haugwitz eine entschiedene 
Zurückweisung geholt^). 

Mit Huissen hatte es folgende Bewandtnis: Anfang De- 
zember 179Q waren 50 französische Soldaten in diesen seit dem 
Baseler Frieden von Preußen besetzten Grenzort") eingefallen 
und nur mit Mühe hatte seine Plünderung verhindert werden 
können. Napoleon stellte zwar die beteiligten Offiziere im Ja- 
nuar 1800 vor ein Kriegsgericht^), aber bald wurde bekannt, 
daß Frankreich in einem Vertragt) an Holland unter anderen 
Distrikten auch Huissen abgetreten hatte. Sandoz erhielt 
daraufhin Anweisung, gegen dieses Unikum eines Vertrages 
zu protestieren, und der Herzog von Braunschweig die Ordre, 
jeden holländischen Übergriff nötigenfalls mit Waffengewalt 
zurückzuweisen^). 

In kleinen Dingen war man damals in Preußen energisch. 
Als Talleyrand, im Widerspruch mit dem Wortlaut des 
genannten Vertrages, die Abtretung von Huissen nur als eine 
eventuelle erklärte — Frankreich hätte Holland versprochen, 
beim Frieden Preußen zur Abtretung des Distriktes Sevenaar 
zu bewegen — beruhigte man sich in Berlin noch nicht, San- 
doz wurde erneut angewiesen, seinen Protest einzureichen und 
auch bei Beurnonville wurde man vorstellig. Erst nach Wochen 

') Bailleu I, 368, 373 und Erlaß an Sandoz am 3. März. Berlin. 
Staatsarchiv. — Garlike berichtet am 25. Februar über Krüdeners Ab- 
sicht, Beurnonville nicht anzuhören. R. O. Prussia 57. 

■) Huissen und Sevenaar wurden 1815 an die Miederlande abgetreten, 

') Erlaß an Sandoz vom 20. Dezember 1799 und Bericht von Sandoz 
vom 9. Januar 1800. Berliner Staatsarchiv. 

*) Der Vertrag bei Martens Vll, 377 f. 

*) Erlasse vom 21. und 22. März. Berliner Staatsarchiv, 



56 Die diplomatischen Beziehungen 

jedoch, Ende Mai, als wichtigere Ereignisse ihm jegliches Ge- 
wicht nahmen, reichte Sandoz seinen Protest ein^). 

Eine ganz andere Bedeutung hatte dieser Affäre gegenüber 
immerhin die Angelegenheit der Hnksrheinischen Provinzen, 
schon weil sie mit der wichtigen Frage zusammenhängt, ob 
Preußen damals wirklich noch ernstlich bereit gewesen v/äre, 
diese Lande von Frankreich eventuell wieder zurückzunehmen 
und damit auf Entschädigungen, d. h. Säkularisationen, auf dem 
rechten Rheinufer zu verzichten. 

Man tut der preußischen Politik ganz gewiß nicht Unrecht 
mit der Annahme, daß man sich in Berlin mit dem Verluste 
der linksrheinischen Lande leicht abgefunden hatte und diese, 
wenigstens damals, ledigHch nur noch als erwünschtes Kom- 
pensationsobjekt ansah") ; sicherlich kannte man damals kaum 
„nationale" Bedenken gegen eine französische Rheingrenze. 

Am Tage vor dem Staatsstreich war die von Preußen 
zuletzt am 20. Oktober gestellte Forderung der Räumung Hol- 
lands und der Rückgabe der Zivilverwaltung in den links- 
rheinischen Provinzen abgelehnt worden^). Am 6. Dezember 
erhielt Sandoz den Auftrag, die zweite dieser Forderungen auch 
der neuen französischen Regierung vorzulegen^). Es geschah, 
doch behandelte auch die Konsulatsregierung die Sache durchaus 
dilatorisch. Talleyrand erklärte Ende Januar, Napoleon sinne 
über die Mittel nach, Preußen die Zivilverwaltung zurück- 
zugeben, ohne sich zu kompromittieren. Vor allem fürchtete 
man in Paris, sie könne als Verzicht auf die Rheinlinie gedeutet 
werden^). Obwohl auch Beurnonville gegenüber sowohl der 
König persönlich wie Haugwitz auf Rückgabe der Verwaltung 

^) Sandoz' Berichte vom 6. April und 22. Mai und Erlasse an ihn 
vom 18. April und 30. April. Berliner Staatsarchiv. 

^) Es bestätigt wohl meine Auffassung, wenn bei den Verhandlungen 
über die Erneuerung des russisch'preußischen Bündnisses Rußland das 
linke Rheinufer von der Garantie der preußischen Länder ausnehmen 
wollte und Haugwitz das mit der Begründung verwirft, der König sei weit 
davon entfernt zu erwarten, daß der Zar sich mit der Garantie seiner 
transrhenanischen Provinzen unter gegenwärtigen Umständen befasse, 
aber es würde einen üblen Eindruck machen, in einem Artikel des offenen 
Vertrages eine Ausnahme zu statuieren, und aussehen, als ob man ent- 
schlossen sei, sie aufzugeben. 

") Bai Heu I, 349. - *) Ebda. Note. - ') Ebda. 1, 366 f. 



I 



Frankreichs nach dem Brumaire. 



drängten, und dieser, wie schon erwähnt, in Paris dafür eintrat, 
wurde die Sache nicht gefördert. Talleyrand versprach schließ- 
lich Anfang April, einen Bericht darüber an den Ersten Konsul 
zu machen. Trotz wiederholten Drängens Heß dieser Bericht 
aber auf sich warten, bis die französischen Erfolge im Felde 
die Angelegenheit in den Hintergrund drängten. Eine Krank- 
heit Talleyrands in jener Zeit kann nicht allein zur Erklärung 
der Verzögerung dienen'), sondern nur die Tatsache, daß Na- 
poleon trotz gelegentlicher anderer Erklärung (Anfang März 
zu Sandoz), nicht einen Augenblick ernstlich daran gedacht 
hat, der preußischen Forderung nachzugeben, die dem Jahr- 
hunderte alten und von der Revolution endlich mit Erfolg geltend 
gemachten französischen Anspruch auf die natürlichen Grenzen 
zuwiderlief. Aber auch sonst hätte er nicht auf die Nutz- 
nießung der Hilfskräfte eines Landes verzichtet, das er mili- 
tärisch besetzt hielt; er glaubte für die Freundschaft mit Preußen 
genug getan zu haben, wenn er auf die preußischen Beschwer- 
den hin Härten und Bedrückungen seitens der französischen 
Beamten nach Möglichkeit abstellte. Aber auch Preußen hat 
seine Forderung wohl nur darum immer w^ieder vertreten, um 
die Erinnerung an seine Entschädigungsansprüche lebendig zu 
erhalten und auch um die Zeit hinzuziehen, da man von einer 
Einigung mit Frankreich überhaupt weit entfernt war. Es macht 
einen überaus kläglichen und unwürdigen Eindruck, wie Preußen 
diese Angelegenheit der linksrheinischen Provinzen betrieb, und 
wie es sich dabei von Frankreich hinhalten ließ. Auch über 
den Hauptgegenstand der Verhandlung, die Vermittlerrolle 
Preußens, kam man inzwischen zu keinerlei ersprießlichem Re- 
sultat. 

Wie war diese preußische Vermittlerrolle überhaupt ge- 
dacht? Wen trifft die Schuld, daß die Unterhandlungen schei- 
terten? Die Frage einer Annäherung Frankreichs an Rußlands, 
die im Januar Napoleon noch besonders am Herzen gelegen 
und für die er die Dienste Friedrich Wilhelms gewünscht hatte, 
ohne sie doch zum GUed einer festen Vereinbarung mit Preußen 
zu machen, verlor für ihn wenigstens an augenblicklichem 



*) Ebda. I, 366ff., 377 f.; Erlasse an Sandoz vom 13. April, 9. Mai 
und Berichte von ihm vom 30. Januar und 6. April. Berl. Staatsarchiv. 



58 Die diplomatischen Beziehungen 

Interesse, als der Rücktritt Pauls von der Koalition nicht mehr 
zu bezweifeln war. Jetzt kam es dem Ersten Konsul vielmehr 
darauf an, bei seinem unvermeidlichen Waffeng-ange mit Öster- 
reich Preußens, oder wenn mögUch Preußens und Rußlands, 
Beistand als bewaffneter Vermittler zu erlangen. Dieser, 
wie wir bereits wissen, in der Instruktion vom 15. Februar zum 
Ausdruck kommenden Verschiebung^) der ihm zugedachten 
Rolle widerstrebte aber Friedrich Wilhelm durchaus. Weniger 
in BerHn als in Paris wurden die Verhandlungen darüber 
geführt. 

Anfang März hatte Sandoz zwei Unterredungen mit 
Talleyrand und Bonaparte, in denen diese, auf den alten Gegen- 
satz zwischen Preußen und Österreich bauend, sich als Vor- 
kämpfer gegen den Ehrgeiz der Hofburg aufspielten und 
Preußen zur Rettung des bedrohten ItaÜens aufriefen. Wenn 
es Preußen allerdings gleichgültig sei, daß Österreich in Italien 
18 (!) Millionen Untertanen gewinne, könne er ja, führte 
Napoleon gleißnerisch aus, mit Österreich abschließen, denn 
Frankreich brauche vor allem den Frieden. Wenn nicht, könne 
Preußen ihm den Dienst leisten, ihn mit Rußland zu versöhnen 
und den Zaren zur Zurückziehung seiner Truppen von den 
Normannischen Inseln zu veranlassen; ferner solle es Bayern 
von der Koalition abziehen. 

In Deutschland erklärte er, an der Rheinldnie von 
Campo Formio festhalten zu müssen, ebenso an Belgien. 
Preußen bliebe also die Wahl, seine linksrheinischen Besitzungen 
wiederzunehmen oder auszutauschen^). Diese Proben aus den 
Äußerungen des Ersten Konsuls lassen erkennen, daß weder 
Sandoz noch das Berliner Kabinett sich über ihre Zuverlässigkeit 
täuschen konnten. Als inhaltsleer, unbefriedigend, hinterlistig 



') Eine solche Verschiebung lag vor, weil hier von bewaffneter 
Vermittlung die Rede ist. Wenn Talleyrand darauf wieder nur von 
„guten Diensten" Preußens, „keiner Armee", „keiner Allianz" spricht 
(Bailleu I, 369, Sandoz' Bericht vom 2. März), so beweist das nur, wie 
wenig man in Paris Preußen gegenüber ein festes Programm hatte. Man 
beachte hierzu auch im Text, wie Preußen abwechselnd die Rolle des 
friedlichen Vermittlers bei Rußland und des bewaffneten gegenüber 
Oesterreich zugedacht ist, was allerdings an sich einander nicht ausschloß. 

■) Bailleu I, 369ff. Berichte vom 2. und 5. März. 



I 



Frankreichs nach dem Brumaire. 59 

und das preußische Interesse, das doch nicht nur in Italien 
läge, verkennend, werden denn auch Napoleons Vorschläge be- 
zeichnet^). 

Eine Einwirkung auf Bayern, das bei der Nähe des öster- 
reichischen Heeres unmöglich neutral bleiben könnte, wurde 
abgelehnt"), dagegen griff man in Berlin — was man nach dem 
eben Gesagten begreiflich finden und nicht überschätzen wird — 
die Äußerungen über die Rheingrenze auf, zumal als Beurnon- 
ville in einer Unterredung mit Haugwitz^) am 28. März Maas 
und Mosel als mögliche Grenzen zwischen Frankreich und dem 
Reiche bezeichnete. Wenn auch Haugwitz geantwortet hatte, 
daß Preußen sich nicht zum Verfechter eines Vorschlages 
machen könne, der dem Reiche so wichtige Stücke raube — 
welche Heuchelei nach dem Baseler Frieden! — glaubte man 
doch jetzt einen doppelten französischen Verzicht auf die Rhein- 
linie konstatieren zu dürfen und zu sollen, und Sandoz erhielt 
daraufhin am 4. April die Weisung, in Paris zu erklären, daß 
Frankreichs Verzicht auf die Rheingrenze Preußen instand- 
setze, gemeinsam mit Rußland Österreich zum Frieden zu 
zwingen^). Aber etwa die Meinung Rußlands darüber ein- 
zuholen, kam das Berliner Kabinett gar nicht mehr in die 
Lage. Als Sandoz am 24. April Gelegenheit fand. Bonaparte 
den Hauptinhalt seiner Instruktion vom 4. mitzuteilen, erklärte 
dieser, die preußische Vermittlung wäre zu anderem Zeitpunkt 
nützlich gewesen, jetzt werde sie ergebnislos sein, da der Kampf 
unvermeidlich sei. Zugleich erklärte er, daß er an der Rhein- 
linie von Rastatt festhalte, was eine Desavouierung Beurnon- 
villes bedeutete und seiner eigenen Äußerung vom 5. März zu- 
widcrhef. Dem entsprach auch, daß er gleichzeitig bezüglich 

*) Erlasse an Sandoz vom 7. und 21. März. Berl. Staatsa rchiv. 

') In Wirklichkeit hatte man aber bereits eine Einwirkung auf 
Bayern im Sinne der Neutralität versucht. Vgl. unten Seite 88. 

'' Bailleu I, 374f. Was Driault a. a. O p. 50ff. über die 
preußische Initiative, das lebhafte Drängen nach einer Abmachung 
sagt, ist Fantasie. 

') Ebda. 376 Note. Diese Verheißung einer gemeinsamen russisch- 
preußischen Aktion konnte sich stützen auf eine Weisung Talieyrands 
an Beurnonville, daß der Erste Consul Form und Bedingungen der russisch- 
französischen Annäherung durchaus der Entscheidung des weisen und 
loyalen Königs von Preußen überlasse. Sandoz am 20. März, B a i 1 1 e u 1, 373. 



60 Die diplomatischen Beziehungen 

der Verwaltung der linksrheinischen Territorien abermals eine 
dilatorische Antwort gab^). 

Das war ein reichlich brüsker Abbruch, zum mindesten eine 
Suspendierung, der Verhandlungen mit Preußen für die Zeit 
der Feindseligkeiten, und zwar zweifellos von Seiten Napoleons. 
Daran freiHch, daß man zu keiner wirklichen Vereinbarung 
gelangte, waren, im ganzen betrachtet, aber doch wohl beide 
Teile insofern gleich schuld, als sie gleichwenig ernstliches 
Interesse daran gezeigt hatten. 

Während Napoleon dem Waffengange mit größter Sieges- 
zuversicht entgegensah, war man in Berlin offenbar anderer 
Ansicht. Am 1. Mai richtete man die Warnung nach Paris, 
noch sei es Zeit, sich durch Verzicht auf das linke Rheinufer 
und die Räumung Hollands und der Schweiz die Mitwirkung 
Preußens und Rußlands zu sichern, um Österreichs Ehrgeiz 
in Italien zu zügeln. Sei dieser Moment verpaßt und durch 
die österreichischen Waffen Frankreich das linke Rheinufer ent- 
rissen, werde es unendlich schwieriger sein, Österreich in ge- 
bührenden Schranken zu halten^). 

Bald darauf wurde jedoch in Berlin Bonapartes Erkliärung 
vom 24. bekannt, die Preußen weiterer Erörterungen über die 
Rheingrenze enthob und auch den zeitweiligen Abbruch 
der Verhandlungen zwischen Haugwitz und Beurnonville zur 
Folge hatte. 

Jetzt erst auch konnte man in Paris die Antwort des 
Zaren bekannt geben, die zwar keine Zustimmung zu separaten 
Verhandlungen mit Frankreich enthielt, aber doch die Bereit- 
willigkeit aussprach, sich bei günstigen Umständen mit 
Preußen über einen allgemeinen Frieden ins Einvernehmen 
zu setzen. Preußen ließ in Paris, unter Beteuerung seiner 
unveränderten Friedenswünsche, seine Geneigtheit zu weiteren 
Diensten bei Rußland erklären, wenn Frankreich der Moment 
dazu gekommen schiene^). 

') Ebda. 375ff. 

') Ebda. 378. Vgl. auch Revue d'histoire diplomatique 1892 p. 257 f. 
Beurnonvilles Bericht über Unterredung mit Haugwitz am 2. Mai. 

") Erlasse an Sandoz vom 5. und 19. Mai Bailleu I, 378f. und 
Revue d'histoire diplomatique (1892) p. 267, 269f., 272, 275, 277 f. Berichte 
Beurnonvilles. — Vgl. Kapitel II über die preußisch-russischen Beziehungen. 



I 



Frankreichs nach dem Brumaire. 61 

Aus Sorge vor einem Zornesausbruch Pauls unterließ man 
es, ihm von dem Verzicht Napoleons auf die augenblick- 
lichen Dienste Preußens Mitteilung zu machen^). 

Die Überraschungen, die dann die deutschen, namentlich 
aber die italienischen Siege in Berlin bereiteten, legten dem 
preußischen Kabinett den Wunsch nahe, die Anfang Mai ab- 
gebrochenen und nur in unverbindHchen Gesprächen zwischen 
Haugwitz und Beurnonville fortgesetzten Verhandlungen wieder 
aufzunehmen. Schon bevor die Entscheidung von Marengo be- 
kannt war, noch deutlicher und dringender aber nachher, bot 
sich Preußen als Friedensvermittler in Paris an"). 

Die preußisch-französischen Beziehungen traten damit in 
ein neues Stadium, in dem das Verhältnis beider Mächte zu Ruß- 
land, nicht mehr das zu Österreich, im Vordergrunde des Inter- 
esses stehen sollte. 

Wie ist die Haltung Preußens vom Brumaire bis Marengo 
zu beurteilen? Es ist zweifellos, daß seine Stellungnahme in 
der großen Politik gerade damals überaus schwierig war. Ein 
Zusammengehen mit Österreich war mehr denn je ausgeschlos- 
sen, denn kaum jemals früher hatte Österreichs ausschweifendes 
Expansionssystem in schärferem Gegensatz zu Preußen ge- 
standen wie gerade nach den Siegen von 1799. Sich mit Ruß- 
land und Frankreich zugleich zu einigen, wie es Preußen er- 
sehnte, war kaum möglich zu einer Zeit, da die scharfe 
Abneigung des Zaren Paul sich eine Einigung mit Preußen 
lediglich mit antifranzösischer Spitze denken konnte. Einer 
einseitigen Einigung Preußens mit Frankreich endlich entsprach, 
wie wir gesehen haben, von anderem abgesehen, nicht das 



*) Bailleu 1, 525. Bericht Beurnonvilles vom 31. Mai. Nach 
seinem Bericht vom 20. Mai iRevue d'histoire diplomatique 1892 p. 277f.) 
hatte er Haugwitz widersprochen, daß durch Napoleons Äußerungen zu 
Sandoz die Verhandlungen über eine französisch-russische Annäherung 
abgebrochen seien. Mit Recht, da sich die Absage vom 24. auf die Ver- 
mittlung bei Österreich bezieht. Vgl. dazu auch Revue d'histoire diplo- 
matique p. 258. Ende Mai hatte Beurnonville auch lange, aber unfrucht- 
bare Unterredungen mit Haugwitz. Bailleu 1, 524f. Hierher gehört jedoch 
ajch die Weisung Napoleons an Talleyrand Correspondance VI, 4801), 
Beurnonville große Vorsicht anzuempfehlen. Wenn er keine Instruktion 
habe, solle er stets antworten: Ich werde es der Regierung melden. 

-; Baill eu I, 380f., 382 f. Erlasse an Sandoz vom 26. und 30. )uni. 



62 Die diplomatischen Beziehungen Frankreichs nach dem Brumaire. 

Entgegenkommen des Ersten Konsuls. So wird man alles in 
allem nicht sagen dürfen, daß es in der ersten Hälfte des 
Jahres 1800 einen Zeitpunkt und eine Konstellation gegeben 
habe, die Preußen mit zwingender Notwendigkeit dahin dräng- 
ten, mit Rücksicht auf Frankreich und im Bunde mit ihm aus 
seiner Neutralität herauszutreten. Aber dadurch werden die 
kleinlichen Mittel der preußischen Politik noch nicht gerecht- 
fertigt, und das Entscheidende ist, daß man in Berlin keine 
Erkenntnis hatte von ihrer gefährlichen Grundlage, daß man 
die Neutralität für absolut richtig hielt. In späteren Kapiteln, 
namenthch in dem der Nordischen Allianz gewidmeten, werden 
die hier verlassenen Fäden wieder aufgenommen werden. 

Das vorliegende Kapitel hat die Beziehungen Frankreichs 
zu den Großmächten behandelt. Die diplomatische Lage er- 
scheint kaum günstiger für den neuen Herrn in Frankreich, 
wenn wir noch kurz die ihm verbündeten oder unter seinen 
Kanonen liegenden Staaten erwähnen: Die Batavische Re- 
publik, Spanien, die Schweiz. Sie alle litten schwer unter dem 
französischen Joch, und mit allen Mitteln suchten sie sich jeder 
aktiven Leistung für Frankreich zu entziehen^). So sehen wir, 
daß Bonaparte den großen Kampf um die Befestigung seiner 
Stellung in Frankreich ohne nennenswerte Unterstützung aus- 
fechten muß, allein angewiesen auf die Kräfte des erschöpften 
Frankreich und auf sein Genie. 

Das sollte ihm im letzten Grunde den Sieg sichern. Aber 
zu Hilfe kam ihm doch auch sehr der Zerfall der zweiten 
Koalition, und daß die Beziehungen zwischen den Mächten 
des alten Europa damals auch sonst keineswegs besonders 
enge und damit für Frankreich bedrohliche waren. 

Das folgende Kapitel soll sie zunächst bis zu dem Wende- 
punkte von Marengo schildern. 



') Revue d'histoire diplomatique (1892) p. 260, 268, 274, 281, 299ff., 
337 (Cw-sandtschaftsberichte aus den betreffenden Ländern); Driault 
a. a. O. p. 27 ff. 



2. Kapitel: 

Die Beziehungen zwischen den Hüchten des alten 
Europa ms zur Entscheidung uon Naren^o. 

I. 

England und Österreich. 

Die Koalitionen, in denen sich das alte Europa gegen 
das Frankreich der Revolution und Napoleons zusammen- 
schloß, sind von höchstem Interesse für die Psychologie der 
Kabinettspolitik. Geradezu erstaunlich ist der Widerspruch 
zwischen dem gemeinsamen Ausgangspunkte und dem noch 
lange fingierten Endzweck dieser Bündnisse einer- und den 
wirklichen Interessen ihrer einzelnen Glieder anderseits. 

Eines der interessantesten poHtischen Gebilde jener Zeit, 
von geradezu kaleidoskopartiger Wirkung, ist die sogenannte 
zweite KoaHtion in ihren mannigfaltigen Wandlungen. 

Die schlaue Semiramis des Nordens hatte trotz ihrer theo- 
retischen Feindschaft gegen die Revolution jedes reelle Opfer 
für ihr Legitimitätsgefühl zu vermeiden und die stürmischen 
Zeiten für die russische Expansionspolitik nach Süden und 
Südwesten erfolgreich zu nutzen gewußt. Als sie schließlich 
doch noch einer aktiven Teilnahme am Kriege gegen Frank- 
reich zuneigte, starb sie, und ihr heißblütiger Sohn und Nach- 
folger Paul verurteilte anfangs diese Bahnen, weil er damals 
zu Preußen neigte und sich überhaupt beflissen zeigte, in allem 
das Gegenteil zu tun von dem, was seine Mutter beliebt. Erst 
später führten seine Launen, nicht zuletzt seine sattsam be- 
kannte Maltesermarotte, Paul zum Bündnis mit England und 
Österreich gegen Frankreich ^). Schwer genug hatte es immer- 
hin noch gehalten, dieses Bündnis zu erlangen, und Paul war 

') Näheres bei H ü f f e r , Diplomatische Verhandlungen aus der Zeit 
der französischen Revolution Band 111 (Bonn 1879) S. 29ff. und Derselbe, 
Der Krieg von 1799 und die zweite Koalition, l/ll, Gotha 1904/5. 



64 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

ein gefährlicher Bundesgenosse, da die Entschließungen der 
beiden anderen Mächte stark von seiner Zustimmung und damit 
von seinen ganz unberechenbaren Launen abhängig waren. 

Des Zaren absoluter Wille hatte die Söhne der russischen 
Steppe bis an die Ufer des Rheins und an den Fuß der See- 
Alpen geführt, und man muß sagen, daß diese Scharen in 
der Tat eingesetzt worden sind für die Wiederherstellung der 
alten monarchischen Ordnung in Frankreich, ohne daß ihr Ge- 
bieter einen greifbaren Vorteil davon für sich erwartete. Doch 
diese mächtige Waffenhilfe beruhte eben allein auf dem Willen 
dieses despotischsten Monarchen, und als der Zar an der Nieder- 
lage Korsakows bei Zürich und dem opferreichen Zuge Su- 
worows nach der Schweiz seinen österreichischen Bundes- 
genossen alle Schuld aufbürden zu dürfen glaubte, und öster- 
reichisches Ungeschick noch obendrein seine Eitelkeit ver- 
letzte^), rief er seine Truppen in die Heimat zurück. 

Die jähen Wandlungen, die das Verhältnis der verbündeten 
Mächte infolge ihres tiefgehenden gegenseitigen Mißtrauens 
bis zum Beginn des Jahres 1800 erlitt, der verhängnisvolle 
Einfluß dieser Sachlage auf die kriegerischen Operationen ist 
ebenso wie der endliche Rücktritt des Zaren von der Koalition 
in den beiden vorhergehenden Bänden erschöpfend dargestellt 
worden. 

So standen — von dem schwachen Neapel und einigen 
Reichsfürsten abgesehen — bei Beginn des Jahres 1800 nur 
noch England und Österreich gegen Frankreich auf dem Plan. 
Aber auch ihr Verhältnis war kein einwandfreies ! 

Ein kurzer Rückblick auf die Beziehungen zwischen Eng- 
land und Österreich in den vorhergehenden Jahren wird das 
Verständnis der folgenden Ausführungen erleichtern. Es ist 
während der zweiten Koalition bis zu dem Ausgangspunkte 
unserer Darstellung als ein ganz ungewöhnliches zu bezeichnen, 
indem sie einen gemeinsamen Feind nach gemeinsamem Plane 
bekämpfen, ohne doch förmlich verbündet zu sein. Das 1793 
am 30. August mühsam genug geknüpfte Bündnis war durch 
beständige Unstimmigkeiten über die Ziele der Kriegführung, 
namentlich über die belgische Frage, bezeichnet gewesen, auch 
noch, nachdem ihre Verbindung durch den Zutritt Rußlands 

') Vgl. Näheres darüber unten S. 92 f. 



alten Europa bis zur Entscheidung von Marengo. 65 

im Jahre 1795 zur Tripel-Alliance sich erweitert hatte^), die als 
eine Basis Thugutscher PoHtik bezeichnet werden kann. Am 
Ende des ersten Koalitionskrieges — das englisch-österrei- 
chische Bündnis lief 1796 ab — , namentlich aber seit Abschluß 
der Präliminarien von Leoben, waren die Beziehungen zwischen 
dem Kabinett von St. James und der Hofburg sehr gespannte 
geworden. 

Man darf die Schuld dafür nicht lediglich auf einer Seite 
suchen, denn auch Albion verriet nicht immer ein billiges 
Verständnis für die physischen Leistungen des Kaiserstaates 
und hatte sich keineswegs unwandelbar zuverlässig gezeigt, wie 
allein schon seine Friedensanknüpfungen mit Frankreich im 
Frühjahr und Herbst des Jahres 1796 beweisen, auch wenn 
wir diese für nicht recht ernst halten. Vestigia terrent ! Thugut, 
der es allerdings selbst nicht anders machte, kannte die Ge- 
schichte, und Utrecht und Aachen waren ihm Beispiele eng- 
lischer UnZuverlässigkeit. 

Über Geldfragen sollte sich dann bald nach Leoben ein 
Streit erheben, der Jahre lang die vitalsten Interessen beider 
Nationen gefährden konnte — eine um so schwerere Anklage 
gegen die Leiter der Politik, betrachtet man die relative Gering- 
fügigkeit des Streitobjektes. Die große Anleihe vom 4. Mai 
1795, die Österreich in Höhe von 4,6 Mill. Pfd. St. in England 
abgeschlossen hatte, war binnen Jahresfrist erschöpft gewesen, 
und schon 1796 erhielt der Kaiser eine Reihe weiterer Vor- 
schüsse, wofür Graf Ludwig Starhemberg, der österreichische 
Botschafter in London, eine entsprechende Anleihe aufzunehmen 
versprach. Zu Beginn des Jahres 1797 hatte Grenville eine solche 
von 3,5 Mill. Pfd. St. angeboten. Als er nach Leoben dieses Aner- 
bieten zurückzog, wußte erStahremberg am 16. Mai gleichwohl 
zur Unterzeichnung eines Vertrages zu bestimmen'-), der Öster- 



') Die österreichisch-englische Konvention von 1793, der englisch- 
österreichische Allianzvertrag vom 20. Mai 1795, der englisch-russische 
vom 18. Februar 1795 und die Tripleallianz vom 28. September 1795 
bei Martens Recueil des traites V, 170ff., VI, 522ff., 461 ff.; Fr. Martens 
Traites et Conventions conclus par la Russie II, 252. 

") Neumann, Recueil des traites conclus par l'Autriche I, 573; 
der vorher erwähnte Anleihevertrag vom 4. Mai 1795 bei Martens, 
Recueil VI, 509 ff. 

Herrmann, Der Aufstieg Napoleons. 5 



Die Beziehungen zwischen den Mächten des 



reich nicht den geringsten Vorteil bot, indem er ein Anlehen 
von nur 1,62 Mill. Pfd. St. — die Summe der geleisteten Vor- 
schüsse — und zudem noch unter sehr ungünstigen Bedingungen 
festsetzte. Thugut lehnte einen solchen Vertrag ab, obwohl 
er Starhembergs Zusagen entsprach. 

Wie es um die engUsch-österreichischen Beziehungen stand^ 
zeigt das Nebeneinander der Verhandlungen in Udine 
und in Lille, während eine gemeinsame vorteilhafte Ver- 
handlung mit Frankreich damals wohl zu erreichen gewesen 
wäre^). Es ist ein unerfreuliches Bild, das der in der Folge- 
zeit hartnäckig geführte diplomatische Feldzug bietet. Der 
Friede von Campo Formio steigerte den Gegensatz begreif- 
licherweise noch. 

Vergessen wir bei Erklärung dieses Gegensatzes über 
dem finanziellen Streitobjekt aber auch die tieferliegenden 
Gründe nicht: Österreich und England hatten sich einst im 
Kampfe gegen Frankreich gefunden, und besonders eng 
waren die Beziehungen geworden, als ihr gemeinsames In- 
teresse sich auf dem Boden der vor Frankreichs Ansprüchen 
geretteten Niederlande berührte. Da hatte die denkwürdige 
Umwälzung aller europäischen Bündnisverhältnisse vor Ausbruch 
des Siebenjährigen Krieges, die Hinwendung Österreichs zu 
dem bisherigen gemeinsamen Gegner, die Stellung Albions auf 
dem Kontinent völlig verschoben. Obwohl dieser Wandel der 
Weltstellung Englands überaus förderlich gewesen war, und 
obwohl nur englisches Geld, nicht auch englisches Blut den 
Preußenkönig gegen Maria Theresia unterstützt hatte, war ein 
jahrzehntelanger Gegensatz die Folge, der jetzt um so weniger 
leicht weichen wollte, als die persönlichen Empfindungen Gren- 
villes und Thuguts einer Aussöhnung nicht günstig waren^). 

So wurde denn die Ratifikation des unseligen Maivertrages 
von England bei allen Anknüpfungen als unerläßliche Vor- 
bedingung eines neuen Abkommens gefordert und von Thugut 
ebenso entschieden abgelehnt. Als Grund gab er vor allem 
an, der Kaiser fürchte, durch das Eingeständnis, zu so hohen 
Zinsen auf dem englischen Markt Geld aufgenommen zu haben 
seinen Kredit in Deutschland zu untergraben. Wenn die eng- 



') Luckwaldt a. a. 0. S. CLXX Note 2. 
^) Fortescue Manuscripts VI p. V. 






alten Europa bis zur Entscheidung von Marengo. 67 

lische Regierung sich verpflichten wolle, den Vertrag bis zur 
Beendigung des Krieges geheim zu halten, wäre die Ratifi- 
kation zu erlangen^). Anderseits erklärte Thugut aber auch 
stets, ohne englisches Geld den Krieg nicht wieder aufnehmen 
zu können. Es geschah schließlich doch, obwohl Grenville das 
unter Pauls Vermittlung zwischen den Gesandten Englands 
und Österreichs, Whitworth und Cobenzl, am 6. Dezember 

1798 in Petersburg geschlossene Abkommen glatt abgelehnt 
hatte, da der am 29. Dezember zwischen Rußland und Eng- 
land getätigte Vertrag Thugut den erfolgreichen Beginn des 
Feldzuges zu sichern schien. Es war verhängnisvoll, daß Zar 
Paul, infolge seiner bald eintretenden Verstimmung gegen Öster- 
reich, aber auch vorher schon, in dem Streit um die Anleihe 
von 1797 sich, statt zu versöhnen, auf Englands Seite stellte, 
von seinem Botschafter in London, dem Fürsten Simon Woron- 
zow, darin bereitwilligst unterstützt"). 

Neue Streitpunkte, die sich im Laufe des Krieges von 

1799 über den Kriegsplänen, den maßlosen Entschädigungs- 
ansprüchen Thuguts und anderen Fragen erhoben und uns 
allesamt noch in den diplomatischen Verhandlungen des Jahres 

1800 begegnen, führten England und Rußland zunächst gleich- 
falls gegen Österreich zusammen. Es kam so weit, daß Eng- 
land im Sommer 1799 in Wien mit dem Abbruch der diploma- 
tischen Beziehungen drohte. Kurz zuvor war der bisherige 
englische Botschafter in Wien, Sir Morton Eden (Lord Henley), 
nicht zuletzt, weil er Thugut persönlich befreundet war und 
sich dem Einfluß seiner trotz allem zweifellos bedeutenden 
Persönlichkeit vielleicht nicht genugsam zu entziehen vermochte, 
durch Sir Gilbert EUiot, Earl of Minto, ersetzt worden^). Da 
bewirkte endlich, gegen Ende des Jahres, die zunehmende 
Spannung mit Rußland eine größere Nachgiebigkeit Thuguts, 
und nun stieß er auch bei England auf größeres Entgegen- 
kommen, dessen Beziehungen zum Zarenreiche, vornehmlich 
unter dem Einflüsse der verunglückten gemeinsamen Expe- 
dition nach Holland, sich gleichfalls sehr verschlechtert hatten. 

•) Ebda. p. XXVIII. 

■; Manche Klagen über Woronzows österreichfeindliche Gesinnung 
u. a. in den Depeschen Starhembergs Wien. Staatsarchiv. 
') Hüffer, der Krieg von 1799 I, 408. 

5* 



68 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

Nach immerhin noch recht schwierigen Verhandlungen einigten 
sich Thugut und Minto am 10. Dezember 179Q über die Ratifi- 
kation des Maivertrages, die dann am 29, Januar 1800 wirklich 
erfolgte^). Jetzt erst war die Bahn frei für ein neues Ver- 
hältnis der beiden Staaten. 

Man darf die nun anhebenden besseren Beziehungen zwi- 
schen den beiden Mächten nicht nach den optimistischen, mehr 
wort- als inhaltreichen Depeschen des Grafen Starhemberg 
beurteilen, eines ziemlich unbedeutenden Kopfes, der von sei- 
nem Freunde Grenville in einer nicht immer ganz würdigen 
Abhängigkeit gehalten und auch von Wien aus entsprechend 
schlecht behandelt wurde"). Der Schwerpunkt der enghsch- 
österreichischen Verhandlungen liegt im Jahre 1800 durchaus 
in Wien. Doch auch Minto, im übrigen ein fähiger, ruhig- 
verständiger Diplomat, und ebenso feinsinniger, wie charakter- 
voller Mann, der mit einem zweifellosen Vorurteil gegen Thugut 
nach Wien gekommen war, gewann rasch genug ein näheres 
Verhältnis zu diesem merkwürdigen Manne, in dem er in Öster- 
reich den Hauptträger der auf die Fortsetzung des Kampfes 
gegen Frankreich gerichteten Politik erkannte, wie sie der Bot- 
schafter, aus vollster Überzeugung, vertrat. Auch Mintos Be- 
richte lauten, besonders in der zweiten Hälfte des Jahres 1800, 
mitunter zu günstig über österreichische Verhältnisse, durch- 
schauen Thugut und seine wahren Absichten häufig nicht richtig 
und verkennen vor allem die Tragweite der Thugutschen Ex- 
pansionspolitik^). 

In Wahrheit erweisen sich die englisch-österreichischen Be- 
ziehungen als eine recht lose Verbindung, die eigentlich schon, 

') Viel neues Material über die englisch-österreichischen Beziehungen 
brachten nach Hüffers diplomatischen Verhandlungen und Krieg von 
1799 die Manuscripts of Fortescue Bd. Illff. London 1899 ff. 

") Die Weisungen Thuguts an Starhemberg im Wiener Staatsarchiv 
sind fast durchgehends belanglos. 

^) Dasselbe gilt auch von den Depeschen Wickhams nach London 
vgl. Fortescue VI und Record Office London Pitt Papers Band 340). 
Wenn es ihn auch an Kritik im einzelnen nicht fehlt, ist er doch auf- 
fallend glimpflich und entgegenkommend gegenüber Österreich. Der Grund 
ist deutlich; er sieht in Österreich nur den Gegner Frankreichs und er 
gehört, wie Pitt und Grenville, zu jenen Engländern, die die Größe und 
Bedeutung des englisch-französischen Gegensatzes voll erfaßt haben. 






alten Europa bis zur Entscheidung von Marengo. 69 

kurz nachdem sie im Anleihevertrage vom 20. Juni 1800 ihren 
Höhepunkt erreichte, wieder gelöst wurde, und die einer vollen 
und aufrichtigen Ehrlichkeit von österreichischer Seite stets 
entbehrt hatte. 

Bereits am Tage nach der Einigung über die alte Anleihe 
von 1797, am 11. Dezember 1799, hatte das dringende Geld- 
bedürfnis Österreichs Thugut veranlaßt, eine neue in Höhe 
von 1,6 Mill. Pfd. St. zu erbitten, und nur wenige Tage später 
verlangte er schon 2,4 Mill. Pfd. St., sowie sofortige Zahlung 
von 200 000 Pfd. St.'). Die bloße Tatsache, daß bis zur Eini- 
gung über diese Anleihe noch ein volles halbes Jahr verging, 
ist ein Beweis dafür, wie wenig vertrauensvoll und ehrlich die 
Kontrahenten, in diesem Falle ist es allerdings fast ausschließlich 
Thugut, handelten. Zwar verband England und Österreich jetzt 
wieder die gemeinsame Feindschaft gegen Frankreich, aber 
nicht mehr der Kampf für das bedrohte Prinzip der Legitimität 
und gegen die revolutionäre Propaganda stand im Vorder- 
grunde, sondern eine egoistische Interessenpolitik: Österreichs 
unersättliche Gier nach territorialer Vergrößerung, die aber 
mit einer Zurücknahme Belgiens, an dem England so viel ge- 
legen war, schon nicht mehr rechnete, und Englands Kampf 
um Erhaltung und Ausbau seiner Seeherrschaft, der damals 
bereits vollbewußt erfaßt war. Aber Thugut wußte nicht in 
dem Maße wie sein Amtsgenosse an der Themse mit seinem 
rücksichtslosen Egoismus zu versöhnen durch die Verbindung 
mit einem planmäßigen, groß gedachten und folgerichtig durch- 
geführten Kampfe gegen das Europa bedrohende „System der 
Vergrößerung und des Angriffes*', das Frankreich sich zu eigen 
gemacht hatte. Wir sehen Thugut allmählich sich immer stärker 
abkehren von seinen früheren Anschauungen über die Re- 
gierungsform in Frankreich und im Prinzip stets geneigt, 
I auch mit dem revolutionären Frankreich Frieden zu schließen, 
I wenn er ihm Sicherung seiner italienischen Beute verheißen hätte. 
] Die Tage sind heute glücklicherweise vorüber, in denen 

i hinter dem Streit um Thugut und seine Politik ein politisches 
1 Glaubensbekenntnis stand, aber auch der Mann selbst und sein 
I System sowie der Charakter des Werkes, das diese Darstellung 



') Hüffer, Der Krieg von 1799 H, 236. 



70 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

ZU Ende führt, weisen uns darauf hin, die Vorgänge, die zum 
Rücktritt Thuguts von der politischen Bühne und damit zum 
Zusammenbruch eines ganzen Systems führen, eingehender zu 
beleuchten^). 

Ein höchst merkwürdiges Licht auf Thuguts PoHtik gegen- 
über England, deren eingehende Betrachtung wir nunmehr auf- 
nehmen, wirft es schon, daß er Minto das Friedensangebot 
Bonapartes wochenlang verheimlichte. Es geschah auch dann 
noch, als der englische Gesandte, gemäß den Weisungen seines 
Kabinetts, Thugut sofort rückhaltlose Mitteilungen machte über 
die französische Anknüpfung und ihre Ablehnung in London^). 
Erst auf lebhaftes Drängen, und nachdem er in direktem Wider- 
spruch mit der Wahrheit Minto versichert hatte, daß keine 
Friedenseröffnung vorUege, und er eine solche auch nicht an- 
hören werde, und er dann auf direkte Anfrage Mintos eine 
ausweichende Antwort erteilt hatte, gab Thugut am 21. Fe- 
bruar endHch eine genügende Erklärung über den Briefwechsel 
mit dem Ersten Konsul, ohne doch diesen selbst schon mit- 
zuteilen^). 

Unter solchen Umständen wird es nicht wundernehmen, 
daß Minto den Verdacht hegt, es könnten außer den osten- 
siblen auch noch geheime Verbindungen zwischen Paris und 
Wien bestehen*), bis ihm Thugut am 9. März den Wortlaut 
der Korrespondenz mitteilte und ihm auch von jeder weiteren 
Eröffnung der französischen Regierung sofort Kenntnis zu geben 
versprach^). Damals war aber der zweite Brief Talleyrands 
vom 28. Februar bereits in Wien und wurde dennoch nicht 



') Thuguts Persönlichkeit und Politik, vor allem in den Jahren 
1795/97, hat inzwischen, aus dem gleichen Interesse heraus, eingehend 
beleuchtet Friedrich Luckwaldt a.a.O. p. XXVIIIff. u. ö. Ich kann seinen 
zum Teil sehr glücklich formulierten Urteilen meist durchaus zustimmen. 
Vgl. aber auch unten Kapitel X und XIII. 

") Grenville an Minto 6. und 21. Januar Record Office Austria 58. 
Vgl. auch Starhemberg an Thugut 3. und 21. Januar Wien. Staatsarchiv. 

') Minto an Grenville 29. Januar; Noten Mintos an Thugut vom 
1. und 12. Februar R. O ; Fortescue VI, 115f. 

*) Fortescue VI, 139f. Minto an Grenville 23. Februar. 

^) Minto an Grenville 9. März R. O. Diese Depesche zeigt auch, 
daß Minto nicht der Verdacht gekommen ist, die österreichische Antwort 
nach Paris könne auf den 25. Januar zurückdatiert sein. Vgl. oben S. 27. 



I 



alten Europa bis zur Entscheidung von Marengo. 71 

mitgeteilt. Daß nur Beamtenunzuverlässigkeit die Ratifikation 
der Anleihekonvention vom 11. Dezember 1799 noch bis zum 
29. Januar 1800 verzögert habe, wird nach obigem Beispiel 
ebenfalls gelindem Zweifel begegnen^). Bei der Schwierigkeit 
der Nachrichtenübermittlung über den Kanal zur Winterszeit 
— die Botschaften brauchten oft länger als drei Wochen — 
konnten solche Verzögerungen leicht bedeutsam werden. 

So konnte die eingehende Instruktion, die auf Grund der 
österreichischen Zustimmung zur Subsidienkonvention von 1797 
am 8. Februar an Minto erging"), noch keine endgültige sein, 
weil die verzögerte Ratifikation damals noch nicht in London 
bekannt war. Die Insurrektion enthüllt jedoch den engHschen 
Standpunkt bei den bevorstehenden Verhandlungen mit Öster- 
reich so deutlich und ist so weitgehend ihre Grundlage ge- 
worden, daß wir sie näher ins Auge fassen müssen. 

Gemäß Mintos Zusage vom 10. Dezember 1799 versprach 
England, die Zinszahlung des Anlehens von 1797 für die Zeit 
des Krieges, mindestens aber für drei Jahre, zu übernehmen. 
Ferner verhieß es weitere 1,6 Mill. Pfd. St. in monatHchen 
Raten und zinslos während des Krieges. Österreich hatte sich 
zu verpflichten, innerhalb von sechs Monaten nach Ratifizierung; 
des definitiven Friedens diese Summe durch eine Anleihe zu 
tilgen, die es unter der Garantie des Königs von England auf- 
nehmen sollte und zwar unter den in diesem Zeitpunkt für 
die englische Regierung bestehenden Bedingungen. Weitere 
800 000 Pfd. St. wollte England zur Anwerbung von Truppen 
im Reiche verwenden, die unter österreichischem Oberbefehl 
operieren sollten, und seine Aufwendungen für das Schweizer 
Emigrantenkorps fortsetzen. Im Fall einer W^iederherstellung 
des Königreichs Sardinien versprach es 200 000 Pfd. St. für ein 
piemontesisches Truppenkorps, das ebenfalls für Österreich 
kämpfen würde. 

Neben diesen direkten Unterstützungen Österreichs plante 
England aber noch eine Reihe von Unternehmungen mit eigenen 

*) In einem Privatbrief an Minto vom 8. Februar (Fortescue VI, 119) 
nennt Grenville den Aufschub der Ratifikation ein böses Zeichen, bringt ihn 
allerdings mit dem irrigen Gerücht in Verbindung, Napoleon habe in Wien 
die Preisgabe ganz Italiens und die Aufteilung der Schweiz angeboten. 

') Record Office. 



72 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

Kräften, die, wohin immer sie sich richten mochten, den öster- 
reichischen Angriffen mittelbar zugute kommen mußten. Außer 
der Landung der auf den Normannischen Inseln lagernden Rus- 
sen an der französischen Küste war vor allem die Entsendung 
eines englischen Truppenkorps nach dem Mittelmeer geplant. 
(Vgl. oben S. 38 f.) 

Für alle diese verheißenen Leistungen steüte England aber 
auch einige Bedingungen an Österreich. Vor allem sollte es 
keinen Separatfrieden schließen und nicht, wie es 1799 ge- 
schehen war, den Oberkommandierenden durch Geheiminstruk- 
tionen aus politischen Gründen an der Ausbeutung militärischer 
Erfolge verhindern; England wollte dann auch auf jede Ein- 
mischung in die Kriegführung verzichten^). Ferner forderte Eng- 
land, daß der Kaiser keinen Frieden schlösse, der die Nieder- 
lande Frankreich überließ. Wenn Österreich selbst, wie Thugut 
erklärt hatte, die Souveränität dort nicht wieder übernehmen 
wolle, bheben drei Wege, das Schicksal der Niederlande zu 
regeln: Vereinigung mit Holland unter dem Statthalter, dessen 
Stellung zu der eines eingeschränkten Monarchen zu erheben 
sei, erbliches Fürstentum für Erzherzog Karl im Reichsverbande 
oder endlidh drittens Austausch gegen Toskana, was die Regelung 
der itahenischen Verhältnisse zum Vorteil Österreichs erleichtern 
werde. Die auf den Niederlanden lastenden Anleihen sollten mit 
Zustimmung der Gläubiger von den neuen Besitzern übernom- 
men werden, falls die Anleihe von 1797 befriedigende Regelung 
finde. Eine England sehr am Herzen liegende weitere Forderung 
sollte Minto endlich noch stellen, für den Fall, daß Österreich 
außer Venedig auch Genua und vielleicht Livorno erlangte: 
einen Handelsvertrag^), der den englischen Untertanen das Recht 
der Meistbegünstigten einräumte und zugleich jene Grundsätze 
über die Schiffahrt der Neutralen anerkenne, wie sie, entgegen 
denen der bewaffneten Neutralität von 1780, in den englischen 
Verträgen mit Dänemark und Nordamerika aufgestellt seien"^). 
' ') Vgl. unten Kapitel VIII. 

^) Die Erlaubnis zur Getreideausfuhr nach England hatte Minto schon 
vorher für Galizien und das linke Donauufer genehmigt erhalten. Einen 
Export von Triest und überhaupt aus dem Mittelmeer hatte dagegen 
Thugut mit Rücksicht auf die Armeebedürfnisse entschieden abgelehnt. 
Minto an Grenville 4. Februar R. O. 

^) Über diese Grundsätze vgl. das Kapitel über die Nordische Allianz. 



alten Europa bis zur Entscheidung von Marengo. 



Eine weitere Depesche an Minto vom 14. Februar, während 
deren Abfassung die Ratifikation der Konvention von 1797 
in London bekannt wurde ^), gab einigen Punkten der Instruktion 
vom 8. eine Auslegung, erhöhte die Summe für die Werbungen 
im Reiche auf 1 Mill. Pfd. St. und regte an, in dem abzuschließen- 
den Vertrage einzelne Punkte Geheimartikeln anzuver- 
trauen, z. B. die österreichische Verpflichtung, ohne Abtretung 
der Niederlande keinen Frieden mit Frankreich zu schließen, 
sowie jene über den Abschluß eines Handelsvertrages^). Das 
Schicksal der Niederlande legte Grenville auch noch in einem 
Privatbrief ^) Minto ans Herz; für England sei es wohl das 
vorteilhafteste, wenn ein mehr oder minder abhängiger Fürst 
dort herrsche, den England finanziell und durch eine englische 
Garnison in den Barriere-Plätzen, was zugleich für seine Kriegs- 
bereitschaft auf dem Kontinent höchst wertvoll wäre, sich ge- 
fügig halten könne. Dieses heikle Problem sollte Thugut jedoch 
nur allmählich nahe gebracht werden. 

In Wien hatte man sich inzwischen keineswegs ent- 
sprechend auf den Empfang dieser englischen Vorschläge vor- 
bereitet, und vergeblich sucht man nach einer harmlosen Er- 
klärung dafür, daß Thugut trotz seines Versprechens vom 
9. März, das ja schon in diesem Augenblicke selbst unredlich 
gewesen war, Minto die Mitteilung auch des zweiten Briefes, 
den er aus Paris empfangen, noch immer verweigerte^), und 
nur versicherte, es sei noch keine Antwort erfolgt. Am 
25. März erst hatte Minto die beiden wichtigen Instruktionen 
vom 8. und 14. Februar in Händen^). Wenn wir ihren Inhalt 
überschauen, werden wir nach Lage der Dinge sagen müssen, 
sie enthielten durchaus angemessene und Österreich vorteil- 
hafte Vorschläge. Die Forderung über die Niederlande setzte 
allerdings einen völligen Sieg über Frankreich voraus, aber 
die Hoffnungen Thuguts verstiegen sich damals durchaus dahin, 
und wir werden sehen, daß nicht die niederländische Frage 
die Verhandlungen aufhielt. 

*) Thugut an Starhemberg 29. Januar und Starhemberg am 25. März 
bei Rücksendung der Ratifikation. Wiener Staatsarchiv. 

-) Record Office. — ') Fortescue Manuscripts VI, 124f. 

*) Minto an Grenville 24. März R. O. 

*) Minto an Grenville 10. April bestätigt den gemeinsamen Empfang 
der Depeschen 2—8. 



74 Die Beziehungen zwischen den Nächten des 

Mehrere Konferenzen, die Minto nach Eingang seiner De- 
peschen mit Thugut hatte, verhefen recht unbefriedigend, da 
dieser die engUschen Vorschläge mit einer Kälte aufnahm, die 
darauf berechnet war, noch weitergehende Forderungen vor- 
zubereiten. Er bemängelte die Bewilligung von nur 1,6 statt 
der von ihm begehrten 2 Mill. Pfd. St., vor allem aber das 
englische Stillschweigen über die Legationen, die, wie wir immer 
wieder sehen werden, im Jahre 1800 geradezu beherrschend 
im Mittelpunkte von Habsburgs immer italienischer werdender 
Politik stehen'), besonders von dem Zeitpunkte an, als nach 
Marengo Österreich seine Hoffnungen auf die Lombardei und 
Teile von Piemont begraben mußte. 

Allem Drängen und allen Noten Mintos gegenüber blieb 
Thugut seiner Politik des Hinhaltens getreu, und es bedurfte 
einer energischen Sprache des Engländers, um ihn auch nur 



') Die Rucksicht auf die Legationen bestimmte auch Österreichs 
Politik gegenüber Papst Pius VII., der im März 1800 unter dem Schutz 
der österreichischen Waffen in Venedig hatte gewählt werden können. 
Aber nicht Chiaramonti, sondern bezeichnenderweise Kardinal Mattei, 
der einst zu Tolentino die Legationen an Napoleon abgetreten hatte, war 
der österreichische Kandidat gewesen. So drängte man jetzt auch Pius 
lebhaft zum Verzicht auf die Legationen und wollte ihn nicht eher nach 
Rom lassen, wohin Ferdinand von Neapel, gestützt auf seinen Bundes- 
genossen Rußland, ihn rief. Aber die Verhandlungen des Mailänder 
Marquis' Ghislieri, der in Thuguts italienischer Kanzlei tätig war, mit 
dem Papst waren vergebens. Er lehnte das österreichische Angebot, in 
den Erbstaaten bis zum Frieden seinen Wohnsitz zu nehmen, ab, erklärte 
den Frieden von Tolentino für unverbindlich und bestand auf seiner Reise 
nach Rom. Darauf wurde ihm eröffnet, daß er sich nur auf dem Seewege 
dorthin begeben dürfe; man fürchtete in Wien von der Reise des Papstes 
einen Österreich nachteiligen Einfluß auf die Bewohner der Legationen. So 
kehrte Pius „in offenbarem Gegensatz gegen die Herrschaft Österreichs in 
Italien nach seiner Hauptstadt zurück"; unterwegs erfuhr er die Nachricht 
von Marengo. Kein Wunder, daß der Papst unter diesen Umständen in 
dem Sieger von Marengo, der überdies in eben jener Zeit die ersten 
Fäden zum Konkordat spann, einen Bundesgenossen gegen Österreich zu 
erblicken geneigt war. Über die Nission Ghislieris Berichte Kellers vom 
7., 14. und 28. Mai und 14. Juni nach Berlin. Berl. Staatsarchiv; Haugwitz 
an Lusi 4. Juli Beilage: Schreiben Panins an Krüdener vom 18. Juni auf 
Grund der Mitteilungen des Wiener Nuntius nach Petersburg. Vgl. auch 
Hüffer, Quellen II, 283; Ranke, historisch-biographische Studien (=Werke 
40/1) S. 14f. 



alten Europa bis zur Entscheidung von Marengo. 75 

ZU einer ernstlichen Diskussion über die einzelnen Punkte der 
englischen Proposition zu bringen. Minto machte Thugut den 
Vorwurf, daß seine Unzufriedenheit mit dieser nur erheuchelt 
sei, um geheime Unterhandlungen mit Frankreich zu bemän- 
teln und er drohte, Wickham anzuweisen, seine Verhandlungen 
mit den süddeutschen Staaten über die Subsidienverträge ein- 
zustellen. Es ist kaum zu bezweifeln, daß Minto Thugut mit 
seinem Verdacht insoweit nicht Unrecht tat^), als dieser wirk- 
lich zwei Eisen im Feuer hielt, durch Anknüpfung nach zwei 
Seiten beide Kontrahenten zu immer höheren Zusicherungen 
an Österreich zu treiben suchte. Nur so erklärt sich, zumal 
wenn wir bedenken, wie hoffnungslos die österreichischen Be- 
ziehungen zu Rußland damals verfahren waren, Thuguts Ver- 
halten bei den Anleiheverhandlungen mit Minto. 

Erst am 8. April wurden diese in einer Konferenz dadurch 
gefördert, daß Thugut die Wünsche des Kaisers, nennen wir 
sie das österreichische Konterprojekt, für den Abschluß der 
Allianz vorbrachte. Zuvor hatte Minto, freilich nur nach hef- 
tiger Auseinandersetzung und Überreichung einer förmlichen 
Note, von Thugut Aufschluß erlangt über den zweiten Brief- 
wechsel zwischen Paris und Wien. 

Das österreichische Konterprojekt forderte sofortigen Vor- 
schuß von 200 000 Pfd. St., eine Anleihe in Höhe von 2 Mill. 
Pfd. St., was bei dem mutmaßlichen Bedarf für die Armee 
in Höhe von 9 Mill. Pfd. St. und bei dem ausgesogenen Zu- 
stande ItaHens eine mäßige Forderung sei. Ferner und vor 
allem verlangte aber der Kaiser die englische Zustimmung zum 
Besitz der Legationen. 

Allen diesen Forderungen gegenüber zeigte sich Minto 
nachgiebig und erklärte das englische Stillschweigen über die 
Legationen als tatsächliche Zustimmung. Thugut freilich ver- 
langte mehr; in einem förmlichen Artikel des Vertrages sollte 
sich England sogar zur Unterstützung des Kaisers verpflichten, 
wenn er wegen der Arrangements in Italien angegriffen würde. 

') Schon im Februar und März ist bei Minto und in London dieser 
Verdacht rege. Vgl. Minto, Life and letters 111, 105 und Grenville/Minto 
19. Februar i;R. O.', wo die monatlichen Ratenzahlungen der Anleihe, 
und daß die Regierung, nicht Privatpersonen, sie bewilligte, als Mittel 
bezeichnet werden, Österreich vom Separatfrieden abzuhalten. 



76 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

Hierüber konnte Minto, wie frei er sich auch sonst innerhalb 
seiner Instruktionen bewegen mochte, begreifUcherweise ohne 
besondere Anweisung keine bindende Erklärung abgeben; 
ebensowenig über das Schicksal Piemonts, über das Thugut 
ganz neue Ideen vorbrachte, England verlangte, getreu seiner 
nun ein Jahrhundert alten Politik, die in Sardinien-Piemont das 
itahenische Bollwerk gegen Frankreichs Expansionsgelüste ge- 
schützt hatte, die Rückkehr Karl Emanuel IV. nach Turin; 
Österreich dagegen besorgte, sich damit einen Gegner in 
den Nacken zu setzen, der ihm beim ersten Unfall gefährlich 
werden könnte. Dieser Gefahr meinte nun Thugut dadurch 
zu begegnen, daß die Regierung in Turin im Namen des Kö- 
nigs von England wiederhergestellt und von einem englischen, 
durch den sardischen König bevollmächtigten Kommissar ge- 
leitet werde, oder aber, daß Karl Emanuel die Rückgabe aller 
seiner Länder und die Rückkehr nach Turin unter der Be- 
dingung verheißen werde, daß der Kaiser alle piemontesischen 
Festungen gegen die Lombardei schleifen dürfe und Genua 
unter den Schutz des Kaisers trete, der das Recht haben 
sollte, nach Spezzia oder an einen sonstigen Ort eine Garnison 
zu legen. Als Entschädigungen begehrte der Kaiser dann — 
die Lombardei war selbstverständHch — die Legationen, Lucca 
und das Veltlin. J 

Diese kaiserlichen Forderungen eröffneten den Verhand- 
lungen einen weiten Horizont. Minto scheute ihn nicht, war 
vielmehr hocherfreut und vertrauensvoll, als er Thuguts Zu- 
stimmung fand zu seinem Vorschlag, die bisherigen englischen 
Propositionen zur Grundlage einer sofortigen, wenn auch nur 
vorübergehenden Abmachung zu nehmen, unter Vorbehalt des 
endgültigen Vertragsschlusses. Minto hoffte, damit den fran- 
zösisch-österreichischen Unterhandlungen ein Ende gemacht zu 
haben'). 

Das war freiUch zu optimistisch, und bis zum Abschluß 
des Anleihevertrages sollten noch mehr als zehn Wochen ver- 
gehen, einige sogar, ohne daß die Unterhandlung merklich 
weiterrückte, obwohl Minto, der übrigens keine Böswilligkeit 



') Bericht Mintos vom 10. April R. 0. 



alten Europa bis zur Entscheidung von riarengo. 



bei Thugut vermutete, beständig vorwärts trieb^). Als nächstes 
Ergebnis mehrerer Konferenzen konnte er erst am 1. Mai einen 
vorläufig redigierten Vertragsentwurf nach London senden, wie 
er aus einer Punkt für Punkt erfolgten Diskussion der eng- 
lischen Vorschläge vom 8. Februar hervorgegangen war-). Die 
endgültige Skizze oder den Vertrag selbst hoffte Minto spätestens 
am 6. nachsenden zu können. 

Höhe und Form der Zahlung wünschte Österreich ab- 
zuändern, indem es 2 Mill. Pfd. St. begehrte, und zwar statt 
in monatlichen in drei Raten, zahlbar am Anfang der Monate 
Juni, September und Dezember, die zweite Rate in Metall- 
geld. Das Anlehen sollte bis einschließlich sechs Monate nach 
dem Kriege zinslos sein, dann aber zu dem jeweiligen eng- 
lischen Anleihezinsfuß verzinst und mit lo/o getilgt werden. 

Als Entschädigungen beanspruchte der Kaiser jetzt — davon 
war in dem englischen Vorschlag wie erinnerlich überhaupt 
nicht die Rede — von Genua bezw. Piemont das Gebiet östlich 
Finale bezw. östlich des Westarms der Bormida und des Tanaro 
und südhch des Po mit der Festung Alessandria und einem 
kleinen angrenzenden Bezirk, ferner die drei Legationen, Lucca 
und das Veltlin''). Das übrige Piemont samt Genua, Nizza 
und Savoyen, sobald sie zurückerobert, sollten dem Könige 
von Sardinien gehören, für den aber während des Krieges 
ein von England ernannter und vom sardinischen Könige bevoll- 
mächtigter Vizekönig die Regentschaft führen sollte. Die mili- 
tärischen Befugnisse mit Ausnahme der Ernennung der Offi- 
ziere sollten dem Kaiser zustehen ; Piemont sollte nach Möghch- 
keit die Verpflegung der kaiserlichen Armee übernehmen und 
eine möglichst große Truppenmacht, die während des Krieges 

^) Am 10. April erhielt Minto Instruktionen vom 25. und 28. März, 
die ihn zu der Verpflichtung, ohne Zustimmung Österreichs im Laufe des 
Jahres keinen Frieden oder Waffenstillstand abzuschließen und zur Ver- 
sicherung größter Bereitwilligkeit für maritime Unternehmungen zur Unter- 
stützung Österreichs ermächtigten. 

■) Zwei Depeschen Min tos vom 1. Mai, praes. London 14. Mai R. O. 

') Nach Büschings Erdbeschreibung wiesen die erstrebten Neu- 
erwerbungen Österreichs folgende Einwohnerzahlen auf: Legationen = 
750000, Genua östlich Finale 250000, die Teile von Piemont 200000, 
Veltlin mit Chiavenna und Bormio 130000, Lucca 125000 Seelen, zu- 
sammen 1455000. 



78 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

unter österreichischen Befehl zu treten hatte, mit engHscher 
Unterstützung unterhalten^). 

Die Gegengabe des Kaisers sollte in der Bewilligung eines 
Handelsvertrages an England auf dem Fuße der Meistbegünsti- 
gung und unter Anerkennung der englischen Auffassung von 
der neutralen Schiffahrt bestehen; bei den italienischen Staaten 
versprach er seinen Einfluß aufzubieten, um sie zum Beitritt 
zu diesem Handelsvertrage zu bewegen. Die österreichischen 
Truppen sollten aus den päpstlichen Gebieten zurückgezogen 
und auch Neapel dazu bewogen werden. Die Legationen be- 
trachtete Österreich dabei jetzt und später nicht als päpstliches 
Gebiet, da sie durch den Frieden von Tolentino rechtmäßig 
an Frankreich abgetreten und von diesem durch Eroberung 
erworben worden seien. 

Falls England allen diesen Bedingungen zustimmte — und 
schon das Verhalten Mintos heß dies in Wien erhoffen — 
erklärte sich der Kaiser bereit, sofort ein kräftiges Offensiv- 
bündnis gegen Frankreich einzugehen, aber lediglich mit dem 
Endzweck, Frankreich in die Grenzen vor der Revolution zurück- 
zuführen und einen Frieden zu erkämpfen, wie er mit der 
Ruhe und Sicherheit Europas verträglich sei, ohne Eroberungs- 
absichten (!). Diese allgemeine Erklärung ging nicht weit genug 
für die Wünsche Englands, das für den Fall einer Invasion 
in Frankreich, gemäß seiner früheren und späteren Haltung, 
ausdrücklich die Restauration- der Bourbonen verlangte. Minto 
war denn auch am 1. Mai eigentlich nur in der Frage der 
„Deklaration" mit Thugut unzufrieden, der, wie der Gesandte 
klagt, Schritt für Schritt von der strengen Auffassung zurück- 
wich, zu der er sich einst über die Regierungsform in Frank- 
reich bekannt^). Das ist, wie schon oben betont, ganz gewiß 
eine richtige Beobachtung, ohne daß man aber daraus den 
Schluß ziehen darf, Thugut habe sich im Jahre vor seinem 



^) Hierfür lag die englische Zustimmung bereits in Anweisungen 
an Minto vom 8. und 14. Februar und 4. März vor R. O. Am 28. März 
(ebda.) wurde er angewiesen, Jackson, dem englischen Vertreter in Turin, 
und Sir Charles Stuart, der zum Kommandanten der englischen Streitkräfte 
im Mittelmeer bestimmt war, Weisungen zu geben, das englisch-öster- 
reichische Einverständnis in und über Piemont zu fördern. 

") Berichte Mintos vom 10. April und 1. Mai R. O. 



alten Europa bis zur Entscheidung von Marengc. 



Sturz, vor dem Zusammenbruch seines Systems, von dessen 
gefährlichstem Programmpunkt grundsätzHch losgesagt: näm- 
lich der Verbindung Kaunitzscher Expansionspolitik, die im 
Bündnis mit Frankreich betrieben worden war, mit der Be- 
kämpfung des revolutionären Frankreich. Diese doppelte Auf- 
gabe überspannte die Kräfte Österreichs. 

Endlich erklärte sich der Kaiser auch bereit, die wechsel- 
seitige Verpflichtung einzugehen, keinen Separatfrieden abzu- 
schließen, oder, während der Dauer ihres Einvernehmens, ge- 
sondert über einen allgemeinen oder separaten Frieden mit 
Frankreich zu verhandeln, vielmehr sich gegenseitig alle Er- 
öffnungen seitens des Feindes beziehungsweise die Antworten 
an ihn mitzuteilen. Nur mit Erlaubnis des anderen Teiles durften 
die Kontrahenten einen Frieden abschließen, und der Kaiser 
wollte sich obendrein noch besonders verpflichten, ohne Eng- 
lands Erlaubnis keinem Frieden zuzustimmen, der die Nieder- 
lande an Frankreich gab, während England seinerseits keinem 
Frieden zustimmen sollte, der die Integrität des Reiches zer- 
störte. 

Man sieht, die Verhandlungen über die Anleihe näherten 
sich sachlich durchaus solchen über ein wirkliches und weit- 
gehendes Bündnis. Aber noch war man einem Abschlüsse fern, 
denn wenn Minto die Sendung des förmlichen Projektes in 
sechs Tagen in Aussicht gestellt, hatte er wieder einmal nicht 
mit Thuguts hinhaltender Taktik gerechnet. 

Man kann allerdings nicht sagen, daß dadurch die augen- 
blicklichen Interessen des Krieges gefährdet worden wären, 
denn die Anwerbung der deutschen Truppen in englischem 
Solde nahm ihren ungehinderten Fortgang, die erste Rate der 
Anleihe gelangte schließlich zum vorgesehenen Termin und 
vor Abschluß der Konvention zur Auszahlung, und daß die 
englischen Rüstungen durch die Ungewißheit über die Haltung 
Österreichs nachteilig beeinflußt worden seien, ist nur eine 
ungerechtfertigte Bemäntelung^) der großen Mißstände des eng- 
lischen Heerwesens, die auch im Jahre 1800, gerade so wie 
im Vorjahre anläßhch der holländischen Expedition, nur allzu 
deutlich hervortraten. 



^) So Grenville an /linto 13. Mai R. O. 



80 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

Bei dieser Sachlage interessiert also das Detail der Ver- 
handlungen über den englisch-österreichischen Anleihevertrag 
vornehmlich unter dem Gesichtswinkel der großen europäischen 
Politik, und dies, obwohl infolge der kriegerischen Ereignisse, 
seine wichtigsten Festsetzungen unerfüllt blieben. 

Wir sehen in diesen die Machtansprüche Thuguts auf ihrem 
Höhepunkt, und mit größtem Erstaunen nehmen wir wahr, 
wie rückhaltlos England diesen Machtansprüchen entgegen- 
kommt, stets geleitet von seinem Gegensatz zu Frankreich und 
von der Sorge vor einer österreichisch-französischen Verein- 
barung. Noch im Jahre 1799 hatte der österreichische Land- 
hunger in Italien, namentlich die Absichten auf Piemont, Eng- 
land und Österreich zu verfeinden gedroht. Seitdem hatte Eng- 
land Rußlands Freundschaft verloren, seitdem lag seine schroffe 
Absage an Frankreich vor: es muß also wenigstens Österreich 
im Kampf gegen Frankreich festhalten und ist bereit, dafür 
einen erstaunlichen Preis zu zahlen. 

Am 13. und 17. Mai, kurz vor und nach dem Eintreffen 
von Mintos Depeschen vom 1. Mai, ergingen zwei Instruktionen 
an den Gesandten, die diese Sachlage besonders deutlich be- 
leuchteni). Die durch Thuguts Zaudern beständig genährte Sorge, 
Österreich benutze seine Verhandlungen mit England nur, um 
seine Forderungen gegenüber Frankreich zu steigern und 
schließlich von diesem einen Separatfrieden unter möglichst 
günstigen Bedingungen zu erlangen, kommt hier abermals zum 
Ausdruck^). Minto soll ihr ein Ende machen, indem er eine 
baldige, endgültige Entscheidung herbeigeführt. Um sie zu er- 
langen, stimmt man an der Themse ungefähr allen Wünschen 
der Hofburg zu. Schon am 13. heißt es, daß England dem 
Kaiser seine Machterweiterung in Italien nicht nur nicht miß- 
gönne, sondern sie im Gegenteil als Verstärkung gegen Frank- 
reich sogar begrüße und namentlich auch wegen der Lega- 
tionen keine Schwierigkeiten machen werde, wenn auch deren 
Garantie durch England vor dem Frieden nicht verlangt werden 
könne. Am 17., als der Vertragsentwurf vom 1. in London 



') Die Instruktionen an Minto R. O. 

■) Grenville an Minto 3. Juni R. O. und Depeschen Starhembergs 
Wiener Staatsarchiv. 



alten Europa bis zur Entscheidung von iMarengo. 81 

vorlag, erfolgt dann nicht nur die glatte Zustimmung zu den 
darin enthaltenen österreichischen Wünschen über Höhe und 
Zahlungsmodus der Anleihe, sondern auch zu den weitgehenden 
österreichischen L.andforderungen in Italien. Ihre Garantie lehnte 
freilich England nach wie vor ab. Österreich könne, so erklärte 
man, nicht mehr verlangen, als daß England seinen Ver- 
größerungswünschen voll zustimmt, sich jeder aktiven Oppo- 
sition dagegen sowie jeder Äußerung und Handlung enthält, 
die andere in der Opposition bestärken könnte. 

Der erklärliche Unmut der durch Österreichs Expansions- 
politik bedrohten italienischen Staaten, auf den hier angespielt 
wird, hatte besonders schroffe Formen bei Neapel angenommen. 
Trotz der Unterstützung, die gerade diese Macht und ihr an 
Haß gegen das revolutionäre Frankreich unübertroffenes Königs- 
paar sich von seiten Englands bisher erfreut hatte, wird jetzt 
der Ton, den der ohnmächtige Staat gegen Österreich anschlug, 
durchaus mißbiUigt'), und dem Londoner Vertreter Piemonts, 
dessen Wiederherstellung bisher zu den unverrückbaren Pro- 
grammpunkten der englischen Politik gehört, wird jetzt aus- 
drücklich bedeutet, daß sein Monarch bei England keinerlei 
Unterstützung finden werde, falls er sich der Abtretung der 
von Österreich begehrten Gebietsteile mit Alessandria wider- 
setze"). 

Minto entsprach somit nur den Anschauungen des Lon- 
doner Kabinetts, wenn er auf die Gerüchte von einem bevor- 



') Grenville an Minto 3. Juni (R. O. Austria 59) weist Thuguts 
Vorwürfe, England stünde hinter der neapolitanischen Opposition, zurück 
mit Recht, wie die Klagen Maria Carolinas über die Engländer beweisen. 
Vgl. Correspondance inedite de Marie Caroline avec le Marquis de Gallo, 
publice et annotee par M. H. Weil et le Marquis di Somma Circello. 
Paris 1911 Vol. II. 

^ Piemont nach Thuguts Vorschlag unter die Regentschaft eines 
englischen Vizekönigs zu stellen, lehnte man am 17. Mai in London noch 
ab, aber schon am 3. )uni schrieb Grenville an Minto (R. O.), daß man 
die Entsendung einer Persönlichkeit von Rang nach Piemont beabsichtige, 
Wie einigen Einfluß für die Wünsche Österreichs einsetzen, jedoch England 
dadurch nicht kompromittieren und vor allem suchen sollte, Fürst und 
Volk in Piemont für ein der gemeinsamen Sache möglichst günstiges 
Arrangement zu gewinnen. Die Kriegsereignisse überholten bald diese 
geplante Mission. 

Herrmann, Der Aufstieg Napoleons. 5 



82 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

stehenden sardinisch-russischen Garantievertrage^) seinen Ein- 
fluß beim Grafen Vallaise, dem sardinischen Vertreter in Wien, 
gegen eine solche gefährliche Vereinbarung geltend machte. 
Sein Hauptargument ist dabei bezeichnenderweise jenes : Öster- 
reich wird sich im Notfalle keine Skrupel daraus machen, eine 
Teilung Piemonts durch Vertrag mit Frankreich zu erreichen^). 
Nichts fürchtet man mehr in London: Frankreich und immer 
wieder Frankreich spielt die entscheidende Rolle in allen seinen 
Plänen und Handlungen. Auch für die Bestimmung des künf- 
tigen Schicksals der Niederlande, für das nun eine entsprechende 
Zusage des Kaisers vorlag, wird Minto als oberster Grund- 
satz eingeschärft: die Hauptsache ist, sie gegen Frankreich 
zu schützen. 

Das ganz erstaunliche Entgegenkommen Englands gegen 
die österreichischen Wünsche, wie wir es aus den Instruktionen 
vom 13. und 17. Mai ersehen, fand auch greifbaren Ausdruck 
darin, daß Minto, obwohl es mit dem Buchstaben seiner In- 
struktion nicht übereinstimmte, Thugut schon am 8. Mai einen 
dringend begehrten Vorschuß von 200 000 Pfd. St. anwies^), 
und daß die Londoner Regierung auf die Nachrichten Wick- 
hams über die unglücklichen Gefechte bei Engen-Stockach und 
Meßkirch dem Kaiser freiwillig die Summe von 150 000 Pfd. St. 
anbot als Ersatz für die Verluste in den Magazinen von 
Stockach*). 

Bei soviel Liebesmüh mußte es begreifUcherweise in London 
allmählich doch ernstlich verstimmen, als man erfuhr, daß Thugut 
nach dem 1. Mai die Verhandlungen wieder wochenlang ruhen 
ließ, so daß Minto nur militärische Nachrichten zu geben wußte, 
die zudem nicht alle geeignet waren, die Hoffnungen an der 
Themse zu beleben. Vor allem fürchtete man den üblen Ein- 
druck, den das Parlament von der hinhaltenden Taktik Thuguts 
haben würde, und ihm mußte man vor seinem Auseinandergehen, 
das für Ende Juni zu erwarten stand, noch die Abmachungen mit 

') Das Gerücht war begründet. Vgl. Brückner V, 332f. Balbo 
habe Beglaubigung und zugleich Vollmachten zum Abschluß eines Allianz' 
Vertrages empfangen. 

-) Minto an Grenville 18. Mai R. 0. Vgl. auch Grenville an Minto 
20. Mai (ebda.). 

') Minto an Grenville 2. und 8. Mai R. O. 

*) Grenville an Minto 21. Mai R. O. 



alten Europa bis zur Entscheidung von Marengo. 83 

Österreich zur Begutachtung vorlegen^). Als dann gar auch 
auf dem itaUenischen Kriegsschauplatze der Feldzug für die 
Österreicher eine ungünstige Wendung nahm, fürchtete man 
in London das Vertragswerk im letzten Augenblicke doch noch 
scheitern zu sehen und einen völligen Systemwechsel Thuguts 
zu erleben"). 

Diese Sorge war freilich unbegründet und entsprach auch 
durchaus nicht dem Charakter Thuguts. Der Vorwurf indes, daß 
er auch noch im Mai und Juni Minto gegenüber nicht ganz 
ehrlich gewesen, ist wohl nicht von der Hand zu weisen. 
Hatte er doch am 2. Mai Minto offiziell mitgeteilt, daß der 
Wiener Hof sich bis zur Entscheidung aus London mit Frank- 
reich nicht einlassen werde, und den Brief, den er am gleichen 
Tage an Talleyrand richtete, Minto scheinbar gleichwohl erst 
nach Abschluß der Konvention mitgeteilt; die Antwort Talley- 
rands darauf vom 6. Juni verschwieg er auch dann noch. Aber 
gerade die üble Wendung der Dinge in Italien, welche Thugut 
die Hoffnung auf eine Einigung mit Frankreich, die seine 
Expansionsgelüste befriedigte, immer mehr nahm, mußte den 
zähen „Baron de la guerre*' nach seiner ganzen Charakter- 
veranlagung nicht zur Nachgiebigkeit, sondern ungekehrt zur 
Fortsetzung des Kampfes bestimmen, und dazu konnte ihm 
die Abmachung mit England nur angenehm sein. Also, auch 
wenn die Nachricht von Marengo bereits in Wien bekannt ge- 
wesen wäre^), als der Abschluß der Konvention erfolgte, hätte 
sie meines Erachtens Thugut nicht davon zurückgehalten. 

Ebenso irrig ist, wie so oft umgekehrt zu lesen steht, gerade 
die Nachricht von Marengo habe den Abschluß der Konven- 

*) Grenville an .'iinto 3. Juni R. O. Dazu Privatschreiben vom 
gleichen Tage und vom 20. Juni Fortescue iManuscripts VI, 242f., 251. 

") Grenville an Minto 27. Juni R. 0. 

') Schon Fournier, Hist. Studien und Skizzen I (1885) S. 184 wies 
darauf hin, daß dies nicht der Fall war. — Die erste noch unbestimmte 
Kunde von der Niederlage des 14. langte erst am 24. in der Hauptstadt 
an. (Hüffer, Quellen II, 325.) Es war eine Meldung Vukassovichs 
vom Abschluß des Waffenstillstandes. Am 25. brachte dann Major Lang 
vom Regiment Deutschmeister den offiziellen Schlachtbericht Melas' vom 
17. Juni Hüffer, Quellen II, 325 ff. . Das Datum der Ankunft Längs 
nach den Berichten Kellers vom 25. und 26. Juni. Berlin. Staatsarchiv. 

6* 



84 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

tion beeinflußt; schon am 19. Juni ließ Thugut dem Kaiser 
ihren Entwurf überreichen; die Konvention erhielt dann das 
Datum des 20., obwohl sie erst in der Nacht vom 23. zum 24. 
unterzeichnet worden ist^). 

Sie umfaßt drei Stücke : den öffentlichen Vertrag in sieben 
Artikeln, einen Separatartikel über den Einfall in Frankreich 
und die bei dieser Gelegenheit zu erlassende Deklaration 
und endlich eine geheime Konvention von zwölf Artikeln^). 

Artikel 1 und 2 der öffentlichen Konvention stipulieren die 
Anleihe unter den Bedingungen, wie sie am 1. Mai festgestellt 
wurden; in Artikel 3 verpflichten sich die Kontrahenten, den 
Krieg gegen Frankreich mit ihrer ganzen Land- und Seemacht 
kräftig fortzuführen ; der Kaiser sollte seine Armeen in Deutsch- 
land und Italien wieder auf den Stand wie bei Beginn der 
Feindseligkeiten bringen. Artikel 4 bestimmte, daß die in eng- 
lischem Sold stehenden bayerischen, württembergischen, main- 
zischen und Schweizerregimenter in Deutschland zur Dispo- 
sition des Kaisers stehen sollten; England verpflichtete sich, 
ihre Zahl nach Möglichkeit zu vermehren. Der wichtige 5. Ar- 
tikel bestimmte, daß die Kontrahenten, während der Dauer 
dieser Konvention (1. März 1800 bis 28. Februar 1801) ohne 
vorherige Benachrichtigung und Zustimmung des andern Tei- 
les keinen Separatfrieden mit Frankreich abschließen, ebenso 
nicht in Unterhandlungen mit dem Feind treten, noch von ihm 
Eröffnungen annehmen dürfen, sei es für eine teilweise oder 
allgemeine Pazifikation. 



*) V i V e n o t , Vertrauliche Briefe II, 227 und Minto an Grenville 
24. Juni R. O. Pitt Papers Vol. 339. — Eine Indisposition Mintos ver- 
schuldete, daß ein genauer Bericht über die letzten Verhandlungen erst 
am 7. September nachgetragen wird. R. O. Austria 60. 

') Der Vertrag ist vollständig noch nirgends gedruckt; der öffentliche 
Vertrag findet sich u. a. bei Nartens VII, 387ff., Annual Register 1800 
p. 234ff., Garden VI, 229, Scholl V, 328, Neumann I, 601. Die Lon- 
doner Originalausfertigungen fand ich Pitt Papers Vol. 339, nicht unter 
der fortlaufenden Korrespondenz London-Wien. Über die in Wien ruhenden 
Originale vgl. Bittner, Verzeichnis der österreichischen Staatsverträge 
II, 59. — Ein Teil der für meine Darstellung im Original benutzten 
Korrespondenz zwischen Grenville und Minto findet sich gedruckt in 
Correspondance, despatches and other papers of Viscount Castlereagh 
London 1851 V Iff. 



alten Europa bis zur Entscheidung von Marengo. 85 

Der Separatartikel, der in diesem Augenblick fast komisch 
wirkte, handelte von dem oben schon erwähnten beruhigenden 
Aufruf, den die Verbündeten beim Einmarsch in französisches 
Gebiet erlassen wollten. 

Die Geheimkonvention betraf vor allem die Entschädi- 
gungen Österreichs in ItaHen. Der Kaiser sollte Teile von 
Piemont*) und Genua, die drei Legationen, Lucca und das 
Veltlin samt Chiavenna und Bormio erhalten. Außerdem ver- 
sprach England seine Intervention zur Zurückführung der nea- 
politanischen Truppen aus Rom und den päpstHchen Gebieten. 

Die Ratifikationen des Vertrages sollten spätestens inner- 
halb sechs Wochen in Wien ausgewechselt werden; es ge- 
schah erst im September^). 

Man erkennt, was dieser Vertrag im Augenblick der schwe- 
ren Niederlage in Italien zu bedeuten hatte, wie die Vorteile, 
die er Österreich zu bieten schien, in jedem Falle teuer erkauft 
waren dadurch, daß er den Kaiser in seiner Entschlußfreiheit 
völlig hemmte und ihm Verpflichtungen auferlegte, deren Er- 
füllung ihm unter den veränderten Verhältnissen leicht lästig 
werden konnte. In der Tat war der Vertrag auch nur geschlossen 
worden, um sofort auf eine harte Probe gestellt zu werden, 
ja, Thugut war auf die Bedingungen von Artikel 5 wohl nur 
mit dem stillen Vorbehalt eingegangen, sie nicht zu erfüllen, 
sobald es ihm vorteilhaft schien. 

Und der große Schauspieler Bonaparte wußte den Moment 
der Erschütterung, den die Unglücksbotschaft von Marengo 
in der Hofburg unbedingt hervorrufen mußte, geschickt genug 
zu benutzen für sein großes Ziel, das einen Angelpunkt seiner 
Politik im Jahre 1800 bildet, bis gegen Ende des Jahres mit 
der Annäherung an Preußen und Rußland und mit der Bil- 
dung der Nordischen Allianz sich ihm ein viel weiterer Horizont 
eröffnete: Dieses Ziel war, Österreich und England zu trennen 
und damit die zweite Koalition völlig zu sprengen. 



'j An Stelle der oben S. 77 bezeichneten Teile Piemonts hatte 
Österreich schließlich die 1703 und 1736 an Piemont abgetretenen Teile 
der Lombardei (Novara) zurückverlangt. 

■) In London erfolgte die Ratifikation am 16. Juli, in Wien am 
4. August; dem englischen Parlament wurde natürlich nur der öffentliche 
Vertrag vorgelegt (Grenville an Minto 17. Juli R. O.). 



86 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

Minto freilich war zunächst noch ohne Sorge vor einer 
Schwäche des Kaisers und einer Verletzung der eben England 
gegenüber eingegangenen VerpfHchtungen. Einen überstürzten 
Frieden hielt er für ausgeschlossen, dagegen einen Waffenstill- 
stand für wahrscheinlich, während dessen Verhandlungen viel- 
leicht zum Frieden führen würden, aber in Übereinstimmung 
mit England^). 

In der Tat werden wir in einem späteren Kapitel sehen, 
daß sich die englisch-österreichischen Beziehungen wenigstens 
eine Zeitlang im Unglück wärmer gestalteten, als es Thuguts 
Verhalten in den voraufgegangenen Monaten hätte erwarten 
lassen sollen. 

II. 

Die Reichsstände in englischem Sold. 

In enger Verbindung mit den Beziehungen Österreichs und 
Englands im Jahre 1800 steht beider Verhältnis zu den Reichs- 
ständen, und ein kurzes Wort wenigstens ist unerläßlich über 
die Stellung jener von ihnen, die durch einen Subsidienvertrag 
mit England sich zur Teilnahme am Kriege auch über den 
Rahmen ihrer ReichsstandpfHcht hinaus bereit fanden. Aber 
auch diese letztere beansprucht deshalb ein gewisses besonderes 
Interesse, weil im Jahre 1800 zum letzten Male das Reichs- 
heer aufgeboten war und Römermonate gezahlt wurden, beides 
•freilich in womöglich noch kläglicherer Form wie meist zuvor in 
den Zeiten des sinkenden Reiches. Zwar hatte das kaiserhche 
Kommissionsdekret vom 12. Juli 1799, den Reichskrieg zu er- 
neuern, überraschend schnell, schon am 16. September zu einem 
Reichsschluß geführt, der ein Quintuplum (200 000 Mann!) und 
100 Römermonate bewilligte, aber nur eine geringe Mehrheit 
hatte er im Fürstenrate erlangt, und dem entsprachen auch 
das Ergebnis von Reichsheer und Operationskasse. Entzogen sich 
doch fast alle Reichsstände ihren Verpflichtungen, die inner- 
halb der preußischen Demarkationslinie lagen; auch Sachsen 
gehörte dazu; und außerhalb dieser Linie hatten Baden und 



') Minto an Grenville 28. Juni R. O. Pitt Papers Vol. 339 und 
Private bei F o r t e s c u e VI, 257f. 



I 



alten Europa bis zur Entscheidung von Marengo. 87 

beide Hessen schon 1799 sich bei Frankreich die NeutraHtät 
zu sichern gewußt, und es gelang ihnen auch jetzt, durch 
geschicktes Lavieren sich der Reichspflicht zu entziehen und 
die NeutraHtät zu bewahren*). So finden wir denn auch, von 
ganz unbedeutenden Kontingenten abgesehen, nur die von 
Bayern, Württemberg, Mainz, Würzburg, Bamberg, Fulda und 
Münster (Max Franz als Oheim des Kaisers!) im Felde. 

Weitaus die bedeutendste Rolle unter den Teilnehmern 
am Kriege aus der Zahl der Reichsstände spielte Bayern. Ent- 
gegen seinen früheren und späteren engen Beziehungen zu 
Frankreich hatte Kurfürst Max Joseph sich durch den Vertrag 
von Gatschina vom 1. Oktober 1799") mit dem ihm vorher 
(wegen Malteserangelegenheiten) so zürnenden Rußland der 
Sache der Koalition verschrieben, just in dem Augenblick, als 
Paul selbst sie zu verlassen im Begriffe war. Nicht zuletzt 
die gegen Rußland übernommene Verpflichtung, in englischem 
Sold ein Subsidienkorps aufzustellen, und die Hoffnungen, die 
man auf die Freundschaft des Zaren setzte — der Vertrag 
garantierte Bayern Integrität und Schutz gegen Tauschprojekte, 
wie einst der Teschener Friede — waren es, die nach langen 
und mühsamen Verhandlungen am 16. März 1800 in München 
den Subsidienvertrag^) zwischen Wickham und Montgelas zu- 
stande kommen ließen. Mitgewirkt hatte freilich bei dem herr- 
schenden Finanzelend auch stark das englische Geld und die 
Aussicht, mit seiner Hilfe eine schlagfertige Truppe zu be- 
kommen, was Bayern aus eigenen Mitteln damals unmöglich 
gewesen wäre. Hatte man einmal eine Armee, hoffte man, 
vor allem. Montgelas, der die Rheinbundpolitik bereits vor Augen 
hatte, in seinen Entschließungen viel freier zu sein. Zunächst 
freihch verpflichtete sich Bayern in dem genannten Vertrage, 
12000 Mann von England besoldeter und unterhaltener Sol- 
daten zur Armee des Kaisers zu stellen; ihre Erhöhung auf 
20000 Mann war vorgesehen. Der Vertrag, der Bayern auch 

') Vgl. K- Obs er, Politische Korrespondenz Karl Friedrichs von 
Baden. Heidelberg 1893 III, XLV. Vgl. auch Heigel II, 346, 404 ff. 

') Vgl.Kleinschmidt in Forschungen zur Geschichte Bayerns VI, 205 ff. 

*) Martens, Supplement au recueil des principaux traites II 
(Göttingen 1802 2ö6ff. Vgl. den Zusatz^'ertrag von Amberg vom 15. Juli 
ebda. S. 264ff. 



88 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

verpflichtete, keinen Separatfrieden abzuschließen, war keines- 
wegs günstig, vor allem, weil er keine Garantie der bayerischen 
Integrität und gegen die österreichischen Tauschpläne enthielt. 

Vergeblich hatte Preußen, das mit seinem Verzicht auf 
die Teilnahme an den großen Welthändeln, mit seinem Zurück- 
weichen hinter die Demarkationslinie, auch seinen vorher so 
mächtigen Einfluß in Bayern erheblich eingebüßt hatte, durch 
seinen Gesandten, General von Heymann, den Versuch gemacht, 
den Abschluß des Subsidienvertrages zu hintertreiben^). Schon 
weil man in BerUn die Garantie für die möglichen Folgen dieses 
Ratschlags nicht übernehmen wollte, konnte sich Bayern nicht 
darauf einlassen. 

Man muß durchaus eine Zwangslage Bayerns anerkennen. 
Es lag gewissermaßen unter den österreichischen Kanonen; 
Neutralität war ihm unmöglich. Die innersten Sympathien des 
Kurfürsten und der Regierung gehörten Frankreich, und die 
Furcht vor den österreichischen Gelüsten auf Bayern war keines- 
wegs begraben. Wer konnte ferner, trotz der Erfolge der ver- 
bündeten Waffen im Vorjahre, den Ausgang des Kampfes vor- 
aussagen, nachdem die Koalition zerfallen war und in Frank- 
reich die Zügel der Regierung in den starken Händen Napoleons 
lagen? Wir wissen zudem, daß dieser sich um Bayern ernstlich 
bemühte, und daß anderseits die Kaiserlichen es sich nicht 
gerade angelegen sein ließen, den unfreiwilligen Bundesgenossen 
bei guter Laune zu erhalten. So begreift man die ganze 
Schwierigkeit der bayrischen Entscheidung und so erklärt es 
sich und so versteht man vollkommen, daß verdächtige Fäden 
zwischen Paris und München nie ganz abgerissen wurden. Man 
entschuldigte sich förmlich durch Preußens Vermittlung in Paris 
wegen des Subsidientraktates, und als die Franzosen sieg- 
reich im Lande standen und die Waffenstillstände von Parsdorf 
und Hohenlinden Bayern zum großen Teil preisgaben, nach- 
dem man eben unter Ablehnung der von Preußen betriebenen 
Separatverhandlungen sich dem Kaiser anvertraut hatte, legte 
Max Joseph, trotz der Vertragsklausel, in natürlich-robuster 
Interessenpolitik, durch den Frankreich besonders freundlichen 



■) Vgl. oben S. 59 und Santelmann, die Beziehungen zwischen 
Bayern und Preußen 1799/1805. Münchener Diss. 1906 S. 32 ff. 



alten Europa bis zur Entscheidung von Marengo. 89 

Freihemi Anton von Getto schon im Oktober 1800 in Paris 
den Grund zu seinem Separatfrieden mit Frankreich, von Ruß- 
land und Preußen in seinem Vorgehen eifrig bestärkt*). 

Die Verhandlungen Wickhams mit Württemberg waren 
nicht minder schwierig gewesen. Hier lag der mit Sultanslaunen 
reichhch behaftete Herzog Friedrich II. (seit 1797) in höchst 
unerquickhcher Fehde mit seinen Ständen. Was diesen Konflikt 
besonders interessant macht, ist die Tatsache, daß er sich um 
Fragen der auswärtigen Politik drehte, indem die Stände den 
Bruch des Separatfriedens mit Frankreich vom 7. August 17Q6 
und den Eintritt ihres Herzogs in den Kampf gegen Frankreich 
im Jahre 1799 mißbilligten und ihm die Mittel zur Kriegführung 
verweigerten. Es ist ein trauriges Bild des zerfallenden Rei- 
ches: Fürst und Stände im Kampf; beide wenden sich an den 
altersschwachen Wiener Hofrat, die Stände, die die im Interesse 
des Landes richtige Politik verfechten, aber auch nach Frank- 
reich. Mit Moreau, bei dessen Herannahen der Herzog aus 
dem Lande floh, und in Paris verhandeln sie; einige Jahre 
später jedoch, nachdem auch der Herzog seinen Weg zu Napo- 
leon gefunden, beseitigt er, von diesem gestützt, die altständi- 
sche, württembergische Verfassung-), Das württembergische 
Subsidienkorps und die Haustruppen waren aber trotz der Ver- 
handlungen der Stände mit Moreau im Felde geblieben, wie es 

') Näheres über die bayrische Politik der Zeit vor allem bei 
Dumoulin- Eckart, Bayern unter dem Ministerium Nontgelas. 
München 1895 I, 203 ff., 219ff.; derselbe, Münch. Allg. Ztg. 1893 Beilage 
170, 71, 73. Vgl. auch Hei gel a. a. O. II, 330 ff., 349, 358, 361, 371, 401 f.; 
Bitte rauf, Geschichte des Rheinbundes. München 19051, 81 ff. und San tel- 
mann a. a. O. p. 28ff. Über Wickhams Verhandlungen und Anschauungen 
vgl. Fortescue Manuscripts VI, 169f., 185f., 271 f. Vgl. auch Bray, Aus 
dem Leben eines Diplomaten alter Schule. Leipzig 1901 S. 108 (Bayern 
und Rußland; und unten S. 119. 

-) Näheres über die württembergischen Verhältnisse bei Haeberlin, 
Staatsarchiv V (1800), 403ff., VI, 55 ff., lllff., 225ff., 385ff.; Vreede, 
La Souabe apres la paix de Bäle. Recueil de documents diplomatiques 
etparlem. 1795/1805. Utrecht 1879 p. 137ff.; K. f^lüpfe 1, Die Friedens- 
verhandlungen Württembergs mit der französischen Republik 1796/1802 
Hist. Zeitschrift Bd. 46 .1881) S. 413ff.; W. Lang, Die auswärtige 
Politik der württembergischen Stände. Preußische Jahrbücher Band 50 
(1882i464ff.; Berichte Kellers aus Wien. Berl. Staatsarchiv Preußen 
war Garant der württembergischen Verfassung, und deshalb besorgte man 
ir Wien eine Einmischung in den württembergischen Streif). 



90 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

der Reichsschluß bezvv. der am 20. April zwischen Wickham 
und Graf Karl ZeppeHn abgeschlossene Vertrag von Ludwigs- 
burg^) bestimmte. Das Subsidienkorps sollte 5000 Mann betra- 
gen, die ebenfalls von England besoldet und unterhalten wurden 
und für deren Rekrutierung und Ausrüstung ansehnliche Sum- 
men gezahlt wurden. Wie Bayern verpflichtete sich auch 
Württemberg, keinen Separatfrieden mit Frankreich einzugehen. 

Mit Einschluß der 3264 Mann, die der mit Kurmainz am 
30. April zu Phora bei Donaueschingen geschlossene Vertragt) 
dem Kaiser zur Verfügung stellte, hatten die Subsidien- 
truppen in englischem Sold die nominelle Stärke von zirka 
20 000 Mann, die in Wirklichkeit jedoch nie erreicht wor- 
den ist^). 

Dazu kamen die Schweizer, deren Stärke sich im Frühjahr 
1800 vor Beginn der Feindseligkeiten, die bald arg zerrüttend 
auf das Korps wirkten, auf zirka 4300 Mann belief. Es waren 
die Regimenter Bachmann zirka 1300, Roverea zirka 1200, Salis 
zirka 1400 Mann und das Freiwilligenkorps Managhetta von 
400 Mann^). 

So war alles in allem ein voller Ersatz für die Russen durch 
die enghschen Soldtruppen nicht geschaffen, zumal die meist 
jung geworbenen Mannschaften auch qualitativ größtenteils nicht 
gerade hervorragten. 

Angesichts dieser Zahlen wird es besonders deutlich, wie 
verhängnisvoll die Trennung des Zaren von der KoaUtion für 
Österreich war. 



') Martens, Supplement II, 269 ff.; vgl. auch Fortescue VI, 195 
Bericht Wickhams. 

-) Martens, Recueil VII, 418ff. 

^) Auch mit Wurzburg verhandelte England während des ganzen 
Jahres über ein Subsidienkorps; zwei Verträge vom 19. Juli und 22. Sep- 
tember kamen indes nie ganz zur Durchführung. Näheres darüber bei 
Günther, Übergang des Fürstbistums VVürzburg an Bayern. (Würzburg. 
Studien zur Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit 2) Leipzig 1910 
S. 37 f. Ebda, auch S. 29 eine Aufstellung, nach welcher Würzburg im 
Jahre 1800 2908 Mann Infanterie und 609 Mann Kavallerie ins Feld stellte, 
z. T. in kaiserlichem Sold. 

*) Burckhardt, Geschichte der Schweizer Emigration. 1909. S.341. 



alten Europa bis zur Entscheidung von Marengo. 91 

III. 
Österreich und Rußland. 

Wir haben die Schilderung der russisch-österreichischen 
Beziehungen hier aufzunehmen, wo Hermann Hüffer sie ab- 
gebrochen hat: der Rückmarsch der Russen war nach häu- 
figem Schwankem), wie es die Launen des Zaren und die nur 
noch zum Teil ernsten Bemühungen, ihn bei der Koalition 
zu erhalten, her\'orbrachten, endgültig geworden. Ursache davon 
war vor allem doch der Gegensatz, der sich über den maßlosen 
österreichischen Expansionsgelüsten in Italien") erhoben hatte, 
und die von Rußland wohl nicht mehr ganz ausschheßlich 
aus platonischer Vorliebe für die Sache der Legitimität be- 
kämpft wurden, seit der Zar im Mittelmeer sich festzusetzen 
Anstalten machte (Malta, Korfu, Korsika) ; Veranlassung waren, 
von kleinen voraufgehenden Reibungen, namentlich bei den 
Heeren, abgesehen, die näheren Umstände von Suworows Zug 
in die Schweiz und der Niederlage Korsakows bei Zürich sowie 
die Affäre Ancona. Aber große wie kleine Dinge gewannen, 
das tritt schon jetzt erschreckend hervor, gewaltig an Bedeu- 
tung, weil sie in Beziehung stehen zu dem Zaren, dessen 
zweifellos krankhafte Veranlagung sich im Jahre 1800 zu offen- 
kundigem Wahnsinn steigerte. 

Diesen zügellosen Mann gegen Österreich noch mehr auf- 
zubringen, ließen sich zudem dessen Gegner am Petersburger 
Hofe ständig und eifrigst angelegen sein, vor allem die Ge- 
sandten der italienischen Höfe, die durch Habsburgs Landhunger 
bedroht waren. Der sardinische Vertreter, Graf Balbo, war bei 
Hofe persona gratissima wegen seines Hasses gegen Öster- 



') Im Winter auf 1800 erschien eine Karikatur auf Paul in Deutsch- 
land, die das geißelt. Sie zeigt den Zaren in der einen Hand ein Papier 
mit der Aufschrift Ordre, in der andern ein solches mit der Aufschrift 
Contreordre,. auf der Stirn war zu lesen: Desordre. Erwähnt in Moreau 
an Napoleon, 1. März. Picard, La campagne de 1800 en Allemagne 
Paris 1907 I, 407. 

•) Ausgang 17Q9 machte Paul seine weitere Teilnahme am Kriege 
direkt von der Wiederherstellung des Zustandes in Italien wie Anfang 
1798 und von der Entlassung Thuguts abhängig, der ihm wegen seines 
gespannten Verhältnisses zuSuworow und als Hauptträger der österreichi- 
schen Expansionspolitik besonders verhaßt war. Mi Hut in V, 371, 373. 



92 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

reich; bald machte ihm dann der NeapoHtaner, Herzog von 
Serra Capriola, den Rang streitig^). 

Die Affäre Ancona beherrscht die österreichisch-russischen 
Beziehungen des Jahres 1800 so sehr, daß wir den Sachverhalt 
kurz skizzieren müssen. Die Festung war seit August 1799 
zu Lande anfangs von italienischem Landsturm und einigen 
hundert Türken und Russen, zu denen dann einige tausend 
Österreicher stießen, zur See von einem russischen Geschwader 
unter Woinowitsch blockiert. Der österreichische Feldmarschall- 
leutnant von Fröhlich übernahm, seinem Range entsprechend, 
nach seinem Eintreffen das Kommando. Schon das erregte 
Eifersüchteleien, und die Österreicher waren gewiß nicht immer 
ganz geschickt oder auch beflissen, die EmpfindHchkeit der sehr 
anmaßenden Russen zu schonen. Die Erregung steigerte sich, 
als am 13. November die Festung sich auf österreichische Auf- 
forderung hin ergab, aber auf Wunsch des französischen Kom- 
mandanten Monnier, der den Russen die Verletzung der Kapi- 
tulation von Fano einige Wochen zuvor zum Vorwurf machte, 
ausdrücklich nur an die Österreicher. Ob diese ungewöhnliche 
Forderung von Fröhlich nicht zu überwinden gewesen wäre, 
muß zum mindesten dahingestellt bleiben. Auch darüber klagte 
man, daß den Franzosen ohne Not zu günstige Bedingungen 
— sie führten zum Ärger der Russen sogar ihre Kriegsbeute 
mit sich — gewährt worden seien. Als nun die Österreicher 
gemäß der Kapitulation die Stadt, die Anlagen am Hafen und 
die in ihm liegenden Schiffe besetzten und überall ihre Flagge 
hißten, den Russen aber den Eintritt verwehrten, erhob Woino- 
witsch lebhaften Widerspruch und am 15. liefen russische 
Schiffe in den Hafen ein, und russische Mannschaften drängten 
sich auf die von den Österreichern bereits besetzten Schiffe, 
dort nun auch ihre Flagge hissend. Zwar gelang es dem öster- 
reichischen Hafenkommandanten, Major Lespine, den Befehlen 
seines Vorgesetzten, Generalmajor Freiherr von Knesevich, fol- 
gend, die Entfernung der russischen Posten und Flaggen zu 

') Häufige Klagen in den Berichten Cobenzls, Wien. Staatsarchiv; 
bestätigt durch Whitworth 13. Dezember 1799 und 21. Januar 1800 (R. O.), 
der auch den bayrischen Gesandten unter den Hetzern nennt; von Posch 
in Berlin bestätigt das Hudelist am 29. März, Wien. Staatsarchiv. 
Vgl. auch Bray a. a. O. S. 111. 



alten Europa bis zur Entscheidung von Marengo. 93 

erreichen, aber es wäre beinahe zu Tätlichkeiten gekommen 
und ohne Zwang ging es dabei nicht ab, was sehr begreifUch 
ist bei einem so heiklen Auftrage, wie sehr auch Lespine sich 
bemühte, ihn taktvoll zu erfüllen^). 

Die Berichte, die Uschakow, der im Mittelmeer komman- 
dierende Admiral, nach Petersburg richtete, entsprachen inso- 
fern nicht den Tatsachen, als sie das Moment der Gewalt weit 
übertrieben und verschwiegen, daß die Österreicher Hafen und 
Schiffe bereits 38 Stunden in Besitz hatten, als die Russen 
erschienen"). 

Die Wirkung dieser Nachricht auf Paul war höchst alar- 
mierend, und wenn man auch stets im Auge behalten muß, 
daß die Folie zu dem Zusammenstoß vor Ancona der tiefe 
Gegensatz in der Beurteilung der in Italien einzuschlagenden 
Politik bildete, und daß die Österreicher Ancona ganz offen- 
kundig als Faustpfand für die erstrebten Legationen allein in 
Händen haben wollten, so machte doch nur der Wahnwitz 
des Zaren es möglich, daß sein Bündnis mit Österreich in 
einem so bitterernsten Satyrspiel auslief, wie wir es nunmehr 
zu betrachten haben, 

Thugut hatte in einem prophylaktisch gedachten Bericht 
an Cobenzl vom 3. Dezember die Vorgänge in Ancona mög- 
lichst harmlos hingestellt, das Verhalten Fröhlichs gerecht- 
fertigt und umgekehrt Woinowitsch eines unschicklichen Be- 
nehmens geziehen. Noch bevor aber dieser Rechtfertigungs- 
versuch durch den Vizekanzler Panin^) an den Zaren gelangen 
konnte, hatte dieser die Tatsache der Kapitulation Anconas 
lediglich an die Österreicher erfahren und hatte schon daraufhin 
zornerfüllt sofort die Bestrafung Fröhlichs gefordert. Als er 
dann am 28. die oben erwähnte Darstellung Uschakows erhielt, 
aus der er nur eine offenkundige Beleidigung der russischen 
Flagge herauslesen konnte, war die erste Antwort des jäh- 
zornigen Mannes die, daß er dem österreichischen Gesandten 
den Zutritt zum Hofe verbot^). 

') Hüffer, Quellen I, Mr. 288 f., 291f., 306, 309ff., 315ff.; derselbe, 
Krieg von 1799 11, 261ff.; Miliutin V, 112ff, 340ff. 

') Miliutin V, 361 f; Hüffer. Quellen I S. 498. 

') Der frühere Berliner Gesandte, der im Oktober 1799 Kotschubey 
ah Vizekanzler gefolgt war; Kanzler war Rostoptschin. 

') Hüffer, Krieg von 1799 II, 268ff. 



94 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

Wie sehr man auch in Wien, in ungerechtfertigter Über- 
schätzung der Erfolge des abgelaufenen Feldzuges und unter 
dem Eindruck der zahlreichen Unzuträglichkeiten der gemein- 
samen Operationen, die Bedeutung der russischen Waffenhilfe 
unterschätzen mochte^), vor einem offenen Bruch mit dem 
Zaren, wie die Maßregel gegen den Gesandten ihn einzuleiten 
schien, schreckte man doch zurück. Vor allem fürchtete man 
als Folge davon eine gefährhche Annäherung zwischen Preußen 
und Rußland. Da man bei Pauls Charakter Schlimmes erwarten 
mußte, hatte man von Wien aus Cobenzl, auch als man von 
dem Petersburger Unwetter noch keine Nachricht hatte, die 
Weisung gegeben, alle auf Ancona bezüglichen Umstände mit- 
zuteilen und eine Untersuchung anzubieten^). Auch als die 
Depeschen Cobenzls vom 27. und 29. Dezember anlangten, hielt 
Thugut seine Auffassung der Vorgänge durchaus aufrecht, bot 
jedoch erneut eine genaue Untersuchung derselben an^). Dem 
russischen Gesandten in Wien, Kalitschew^), hatte man schon 
vorher anheimgegeben, einen russischen Offizier daran teil- 
nehmen zu lassen. 

Wenn es deutlich ist, daß das Verhalten der Österreicher 



^) Für viele Beispiele zwei: Thugut weist Cobenzl 15. Januar an, 
auf Abzug der Russen zu drängen, damit Deutschland von dieser Greuel 
und Plage befreit wird. Sie mögen die Engländer bei Landungen unter- 
stützen, der Kaiser baue auf seine eigenen Kräfte und die Unterstützung 
der Engländer (Wien. Staatsarchiv). Anderseits schreibt Grenville an 
seinen Bruder Thomas: The retreat of Souwarows Army, far from being a 
calamity, was in truth the only thing that left a hope of our doing anything 
this year; for ever since the defeats in Switzerland, both general and army 
had becam more formidable to their friends than to their foes. Memoirs 
of the Cour and Cabinet of George III. III, 37. 

^) Cobenzl an Thugut 17. Januar Wien. Staatsarchiv. 

') Die Depeschen Cobenzls, und Thugut an Cobenzl 15. Januar 
Wien. Staatsarchiv. 

*) Es war ein Symptom der russisch-österreichischen Entfremdung, 
daß der Österreich so freundliche und Thugut nahestehende Gesandte Graf 
Andreas Rasumowski im Herbst 1799 abberufen und durch den bisherigen 
Militärbevollmächtigten Kalitschew ersetzt wurde, dessen Gesinnung ihn 
zu einem geeigneten Werkzeug Pauls nach dem Umschwung seiner Politik 
machte. Vgl. Wassiltschikow, Le Cte. Andre Rasumowski (französische 
Ausgabe von A. Brückner) Halle 1893 il," p. 379ff. Ebda. p. 401 ver- 
teidigt er sich gegen den Vorwurf kritikloser Abhängigkeit von Thugut. 



alten Europa bis zur Entscheidung von Marengc 95 

bei der Kapitulation von Ancona ganz gewiß nicht einwandfrei 
war, daß es die einem Bundesgenossen schuldige Rücksicht 
unbedingt verletzte und es allem Brauch widersprach, daß eine 
von Verbündeten belagerte Festung sich nur einem derselben 
ergab, so wird man anderseits in dem offiziellen österreichischen 
Anerbieten einer unparteiischen Untersuchung dessen, was vor 
Ancona doch durch untergeordnete Organe geschehen war, 
den zunächst allein mögUchen Weg zu einer Sühne erblicken 
müssen. Anfangs schien es, als hätte auch der Zar diese Auf- 
fassung, denn er sandte den Generalmajor Miloradowitsch zur 
Teilnahme an der Untersuchung nach Wien^), wo auch nach 
dessen Eintreffen am 19. Februar eine Untersuchungskommis- 
sion unter dem Vorsitz des Feldzeugmeiste^s Prinzen Ferdinand 
von Württemberg, überdies eines Schwagers des Zaren, ein- 
gesetzt wurde. Vor ihr wurde Fröhlich zur Rechenschaft ge- 
zogen über eine Reihe von Anklagepunkten, die man zuvor 
im Beisein von Miloradowitsch aufgestellt hatte. Obwohl auch 
die Österreicher in der Kommission den Eindruck zu haben 
erklärten, daß die Hauptschuld bei Woinowitsch lag, weil er 
durch List und Überraschung die russische Flagge auf den von 
den Österreichern bereits besetzten Schiffen hatte hissen lassen, 
wurde Fröhlich, da er auf die russische Beschwerde hin nicht 
sofort eine Untersuchung eingeleitet hatte, bis er sich voll- 
kommen gerechtfertigt haben würde, suspendiert, was für den 
tätigen Offizier zweifellos eine empfindliche Strafe darstellte. 
Auch gegen alle übrigen Personen, gegen die sich im Verhör 
etwas Belastendes herausstellte, wurden Strafen in Aussicht 
genommen, vor allem auch die Generale Skal und Knesevich 
zur Verantwortung nach Wien zitiert, und Lespine sowie zwei 
Hauptleute vor ein Kriegsgericht gestellt"). 

Man sollte meinen, Paul hätte sich damit zunächst zufrieden 
geben können. Aber wenig Hoffnung nach dieser Richtung 

*) Miliutin V, 395, Die Depesche Cobenzls an Thugut vom 
3(). Januar (Wien. Staatsarchiv) beweist, daß Miloradowitsch nicht erst 
auf eine russische Beschwerde hin, sondern freiwillig von Österreich 
zugelassen wurde. 

^Thugut an Cobenzl 13. März Wien. Staatsarchiv; Thielen, 
Dar Krieg von 1799 in Italien Band V .Manuscript im Wien. Kriegs- 
archiv); Miliutin V, 154. 



Die Beziehungen zwischen den Mächten des 



hatte es schon erwecken müssen, daß er in der Zwischenzeit, 
ohne erst den Spruch der Kommission abzuwarten, Cobenzl 
weiterhin die denkbar unwürdigste Behandlung zuteil werden 
Heß — allen fremden Gesandten war z. B. verboten, mit ihm 
zu verkehren — und daß auch dem Landgrafen Philipp Karl 
von Fürstenberg, der Anfang März gekommen war, um dem 
Zaren Briefe der kaiserlichen Familie zu überbringen und die 
glückliche Ankunft seiner Tochter Alexandra, die im Oktober 
den Erzherzog-Palatin Josef geheiratet hatte, zu melden, der 
Empfang verweigert wurde. 

Als Cobenzl darüber nach Wien berichten wollte, wurden 
ihm die Pässe für einen Kurier versagt — eine völkerrechts- 
widrige Handlung, die selbst unter dem durch Paul an manches 
Seltsame gewöhnten Petersburger diplomatischen Korps lebhaftes 
Aufsehen erregte^). Am 15. März ließ der Zar Cobenzl durch 
Panin erklären, daß er entschlossen sei, bis zur Genugtuung für 
Ancona nicht mit Wien zu verhandeln, und als der Gesandte wenig 
später dem Vizekanzler einige aus Wien eingelaufene Schrift- 
stücke übersandte, wies dieser sie mit dem Bemerken zurück, 
daß die Korrespondenz zwischen den beiden Höfen suspendiert 
sei^). Seine Abneigung gegen Cobenzl persönlich bekundete 
der Zar noch obendrein dadurch, daß er schon am 11. Februar 
durch KaHtschew^) die Abberufung des Gesandten fordern ließ, 
der übrigens an demselben Tage auch seinerseits in Wien bat, 
seiner ebenso unerträglichen wie unwürdigen Lage durch seine 
Abberufung oder wenigstens einen vorläufigen Urlaub ein Ende 
zu machen'*). Noch lange qualvolle Wochen sollten indes ver- 
gehen, ehe Cobenzl am 6. Mai die Erlaubnis erhielt, sich „zur 
Herstellung seiner Gesundheit" nach Karlsbad zu begeben. 
Thugut hatte, bis er von Kalitschew Pässe erhielt, wochenlang 



*) Depesche Cobenzls vom 30. Januar, 11. Februar nebst Apostille, 
18. Februar, 8. März Wien. Staatsarchiv; Vivenot II, 211 Cobenzl an 
Colloredo 8. März. 

*) Depesche Cobenzls vom 17. März nebst Apostille und 25. März 
Wien. Staatsarchiv. 

') Rescript an Kalitschew vom 11. Februar, Miliutin V, 395. 

') Wien. Staatsarchiv. Schon am 30. Januar (Vivenot II, 207) 
führte Cobenzl lebhafte Klage über seine in den Annalen der Diplomatie 
unerhörte Lage. 



alten Europa bis zur Entscheidung von Marengo. 97 

keinen Kurier abzusenden gewagt, weil er fürchten mußte, daß 
er an der Grenze aufgehalten werden würde ^). 

Paul hatte die geschilderten und in Wien mit erstaunlicher 
Ruhe aufgenommenen Brüskierungen gehäuft, bevor er von 
dem Spruch der Untersuchungskommission Kenntnis hatte. Als 
dies geschehen war"), bezeigte er seine Unzufriedenheit damit 
dadurch, daß er seinen Gesandten anwies, sich auf unbestimmte 
Zeit nach Karlsbad zu begeben, und auch Miloradowitsch ab- 
berieft). Die weitere Untersuchung überAncona wurde darauf 
suspendiert, und vergebHch legte man von Wien aus, unbeirrt 
durch sein Benehmen, Paul nahe, eine Eröffnung zu machen, 
wenn er die Angelegenheit in anderer Form beigelegt wissen 
wolle"). 

Der Zar aber wollte den Bruch. Cobenzl wurde bedeutet, 
daß er ohne Audienz abreisen und auch den Legationssekretär 
Pelser, den man als Geschäftsträger hatte zurücklassen wollen, 
mitnehmen solle. So blieb nur der Konsul Viazzoli in Peters- 
burg zurück, bei dem man, da er keinen völkerrechtlichen 
Schutz genoß, nicht einmal die Gesandtschaftspapiere sicher 
wähnte^). Soweit Cobenzl sie nicht mitnehmen konnte, wurden 
sie daher verbrannt, bevor der Gesandte die Stätte verHeß, 
auf der er einst hohe Triumphe gefeiert hatte. Wenn er später 
zu Frau von Stael äußerte, niemand habe ihm so viel Leid 
angetan als Kaiser Paul, so wird die Berechtigung dieser Klage 
durch Mitteilungen von anderer Seite vollauf bestätigt*^). 

') Thugut an Cobenzl 22. April 2 Stücke und Cobenzl an Thugut 
6. Mai Wien. Staatsarchiv. 

=*) Bericht Kalitschews vom 13. März. Miliutin V, 395. 

*) Auch der Gesandtschaftssekretär, der anfangs in Wien zurück- 
geblieben war, wurde bald samt dem Archiv nach Dresden beordert. 
Miliutin V, 162, — Für weitere Berichterstattung über die Wiener Vor- 
gänge wird der aus der Revolution wohlbekannte Graf d'Antraigues ge- 
sorgt haben, der damals in russischem Solde in Wien lebte. Er war ein 
skrupelloser Intriguant und hatte auch sonst üble Eigenschaften Vgl. über 
ihn L. Pingaud , Un agent secret sous la revolution et l'empire- Le Cte. 
d'Antraigues. Paris 1893, und Wassiltschikow a. a. O. II, 2 p. 7ff. 

*) Die entsprechende Weisung, die Cobenzl bereits unterwegs traf, 
wurde von ihm in Form eines Briefes an Panin erfüllt. Vivenot 11, 224f. 

') Cobenzl an Thugut 12. und 17. Mai Wien. Staatsarchiv. 
Cobenzl am 31. Mai, Vivenot II, 222f. 

°) Bray a. a O. S. 105, 112 u. ö. Die Aufzeichnungen dieses 

Herr mann, Der Aufstieg Napoleons. 7 



98 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

In der eben erwähnten Anweisung, die ihn bereits auf der 
Reise nach Wien traf^), wurde Cobenzl nahe gelegt, Pelser 
zu gutem Einvernehmen mit dem engHschen Gesandten, Sir 
Charles Whitworth, zu ermahnen. Das setzte eine Lage voraus, 
die nicht mehr zutraf, denn inzwischen war auch der Bruch 
Pauls mit dem zweiten Waffengenossen von 1799 bereits weit 
gediehen. 

IV. 
England und Rußland. 

Die näheren Umstände der Abwendung Pauls von England 
stellen die des Bruches mit Österreich noch weit in den Schatten. 

Es war eine charakteristische Äußerung von Pauls Gemüts- 
zustand, daß jede Leidenschaft in gewisser Zeit bei ihm fast 
mit Sicherheit in ihr Gegenteil umschlug: dem engen Einver- 
nehmen mit England, den enthusiastischen Freundschaftsbezeu- 
gungen für Georg III. vom Sommer 1799 folgte jene, allmähHch 
bis zum verbohrtesten Haß sich steigernde Abneigung, welche 
die politische Lage Europas, besonders in der zweiten Hälfte 
des Jahres 1800, noch aufs tiefgreifendste beeinflussen sollte, als 
sie zur Bildung der Nordischen Allianz führte, als Napoleon die 
Verblendung des Zaren seinem Kampfe gegen England nutzbar 
zu machen verstand. 

Schon wegen dieses ihres Ausgangs- und Gipfelpunktes 
ist die Abwandlung der russisch - englischen Beziehungen im 
Jahre 1800 überhaupt von Interesse. 

Bei ihr kennen wir keine Ursachen, nur Veranlassungen. 
Es bestand zwischen Rußland und England damals noch kein 
ernstlicher Interessengegensatz, und die Rolle, in die der Zar 
in der Nordischen Allianz gegen Englands wirtschaftliche Über- 
macht und Seeherrschaft sich hineintobte, widersprach den wirt- 
schaftlichen Interessen des damaligen Rußland durchaus, eine 



Diplomaten bieten viele interessante intime Mitteilungen über das damalige 
russische Hofleben. Auch die Depeschen Wegelins und Whitworths sind 
Zeugen; vgl. ferner Woronzow-Archiv XXIX, 385f , XXX, 110. (C 
wird maltraitiert, wie ein Hund behandelt.) 
^) Wiener Staatsarchiv. 



alten Europa bis zur Entscheidung von iMarengo. 99 

Erfahrung, die sich bei dem Tilsiter Bündnis genau wieder- 
holen sollte. 

Der Veranlassungen gab es freilich mancherlei, und sie 
wurden verhängnisvoll bei einem so jähzornigen Manne wie 
PauP). Da war zunächst der üble Ausgang der gemeinsamen 
holländischen Expedition. Die Bundesgenossen schoben sich 
gegenseitig die Schuld daran zu: die Russen schmähten vor 
allem die übrigens nicht zu bezweifelnde Unfähigkeit des Ober- 
kommandierenden, des Herzogs von York, und verlangten, daß 
dieser LiebUngssohn Georg III. bei künftigen Operationen 
nicht wieder verwendet würde; die Engländer anderseits 
wünschten überhaupt möglichst nur noch getrennte Operationen. 
Dann kamen Auseinandersetzungen über die englischen Sub- 
sidienzahlungen, be denen de Enginder seh wohl allzu sehr 
als Kaufleute erwiesen, wenn sie auch sachlich durchaus im 
Recht waren"), und Klagen über den Transport, die Unter- 
bringung und Verpflegung der Truppen des russischen Expe- 
ditionskorps, die von Holland auf die Normannischen Inseln 
gebracht wurden^). Offenbar waren sie nicht ganz unberech- 
tigt, aber anderseits konnte, nach den üblen Erfahrungen, die 
man mit den zügellosen russischen Truppen in Deutschland 
und Italien gemacht hatte, es den Engländern niemand übel- 
nehmen, daß sie die Russen nicht an ihren Küsten landen ließen. 
Auch darüber glaubte Paul klagen zu dürfen, daß die Eng- 
länder ihm das Korps Conde abgejagt hätten, und seiner krank- 
haften Empfindlichkeit gegenüber war es ganz gewiß eine Un- 
klugheit, wenn Georg III. das Tragen der vom Zaren an das 
holländische Expeditionskorps verliehenen Orden verbot^), und 
wenn er in einem Briefe an Paul sich gegen die Verschleuderung 
von Orden aussprach, die dieser allerdings, je nach Laune, 
geradezu haufenweise auszustreuen beliebte^). 



') Näheres bei Hüffer, Krieg von 1799 II, Kapitel VII. 

^ Grenville an Whitworth 8. Februar und 4. März. Whitworth 
an Grenviile 11. Februar R.O.; Miliutin V, 157f; B rück n er, Materialien 
V, 26ff. 

*) Miliutin V, 155ff.; Fortescue Manuscripts VI passim; Woron- 
zow-Archiv XVI, 323ff. 

F o r t e s c u e VI, XLI und 67. 

') Über den Brief Georgs, der am 10. Februar in Petersburg ankam, 

7» 



100 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

Merkwürdig' lange hatte Paul es vermieden, über alle diese 
Dinge einen offenen Unmut zu bekunden. Solange er seinen 
vollen Haß auf Frankreich gerichtet hatte, spielte eben England 
eine entscheidende Rolle in seinen Kombinationen. Aber schon 
die Art, wie er die Operationspläne für das Jahr 1800 be- 
handelte, die mit seinem Verbleiben in der Koalition rech- 
neten^), ließ nichts Gutes ahnen. Und als bei den neben den 
allgemeinen Kriegsplänen der Koalition einhergehenden Ver- 
handlungen über russisch-englische Landungsunternehmungen 
in Frankreich die englische Admiralität, übrigens durchaus unter- 
stützt von Woronzow, über den kläglichen Zustand der russischen 
Schiffe und Truppen wahrheitsgetreu berichtete, da war ein 
neues Moment der Erregung für den eitlen Zaren gegeben, 
der an eine Unvollkommenheit gerade der von ihm mit be- 
sonderer Vorliebe gepflegten russischen Wehrmacht nie glauben 
wollte. 

Trotz aller Anzeichen des Gegenteils erklärte Whitworth 
in seinen Depeschen nach London bis in den März hinein, an 
einen endgültigen Rücktritt des Zaren von der Koalition nicht 
zu glauben, oder er erweckte wenigstens diesen Anschein. Per- 
sönlich suchte er außerdem alles zu vermeiden, was Paul irgend- 
wie reizen konnte^). Jedoch schon im Februar war seine Stellung 
erschüttert. Am 13. ds. Monats, zwei Tage nachdem er Co- 
benzls Abberufung verlangt, forderte Paul in einem Reskript 
an Woronzow auch die Abberufung von Whitworth, der als 
„zweideutiger*' Gesandter bezeichnet wird, mit „dessen Hand- 
lungsweise unzufrieden zu sein," der Zar „schon seit langem 
Gründe habe"^). Eine nähere Angabe dieser Gründe fehlte 
und war auch nicht zu erlangen. Wenn aber auch Paul die 
Entsendnug eines neuen Gesandten wünschte, also offenbar 
die Beziehungen mit England noch nicht wie mit Österreich 

Whitworth an Grenville II. Februar R. O . Schon am 1. Februar befahl 
Paul Woronzow, die für die englischen Admirale Duncan, Mitchell und 
Mipon bestimmten Orden zurückzusenden, Miliutin V, 157. 

') Hüft er, Krieg von 1799 II, Kapitel VII. 

') Depeschen Whitworth' im R. O. — Die Postkorrespondenz der 
in Rußland beglaubigten Gesandten wurde aufgehalten und perlustriert. 
Nachweislich ist mancher Bericht direkt unter dieser Voraussetzung ge- 
schrieben. — ') Miliutin V, 159f. 



alten Europa bis zur Entscheidung von Marengo. 10 1 

gänzlich abbrechen wollte, so ist doch deutlich, daß die Un- 
gnade Whitworth' nicht nur eine persönliche war, wie er selbst 
nach London meldete^). War doch schon im Januar") an Woron- 
zow der Befehl ergangen, ohne daß man Whitworth etwas 
davon mitteilte^), die Rückkehr der russischen Flotte aus dem 
Kanal und des russischen Korps von den Normannischen Inseln 
zu veranlassen, und dem Gesandten selbst, mit dessen england- 
freundlicher Haltung der Zar unzufrieden war, und der sich 
trotzdessen immer wieder bemühte, das englisch-russische Ein- 
vernehmen zu pflegen, nahe gelegt worden, seine Entlassung 
einzureichen, falls die Ausführung der kaiserlichen Befehle ihm 
zu schwer falle^). 

Bei den Brüskierungen Pauls bestätigt es sich aufs neue, 
daß kein Kabinett eine schlechte Behandlung ruhiger hin- 
nimmt als das englische, solange es noch seinen Vorteil dabei 
findet. Auch als man in London vielleicht das Bemühen, Öster- 
reich und Rußland wieder zu versöhnen, schon als aussichtslos 
erkannte, rechnete man doch noch immer mit der Möglich- 
keit, den Zaren zu irgendeiner aktiven Operation für die „gute 
Sache" zu gewinnen. Der Umstand, daß die überaus klägliche 
russische Flotte erst in Monaten für den Rücktransport der 
russischen Truppen hergerichtet werden konnte und zahlreiche 
weitere Schiffe dafür gechartert werden mußten, nährte diese 
Hoffnung""). Man ließ es sich angelegen sein, den engeren 

') Whitworth an Grenville 18. Februar R. O. 

') Ein genaues Datum konnte ich nicht feststellen, N i 1 i u t i n V, 
158 sagt, der Befehl sei erst Anfang März Woronzow zugekommen, da 
der Verkehr mit London für einige Wochen unterbrochen war. — Haugwitz 
schreibt an Wegelin 7. April ' B er 1. Staatsar chiv), die letzte Depesche 
aus London vom 25. März wußte noch nichts von Rückberufung der 
nissischen Truppen ; damals hatte Woronzow als letzte Nachricht die vom 
24. Februar. Am 28. März meldet Jacobi nach Berlin, daß Woronzow zwei 
Kuriere empfing, die wahrscheinlich die Ordre zur Rückberufung der Truppen 
brachten, die aber, offenbar in der Hoffnung auf einen Umschwung in 
Petersburg, noch eine Zeitlang geheim gehalten werde. (Haugwitz/ Wegelin 
11. April Berlin. Staatsarchiv.) 

*) Whitworth an Grenville 25. März R. O. 

Miliutin V, 159; Woronzow-Archi v XVIII, 342; Brückner 
V, 147ff. Panin an Woronzow 9. (22.; April. 

• ') Miliutin V, 162f. Die 11000 Mann, um die es sich schließlich 
noch handelte, langten erst von Anfang )uli bis Mitte September in Reval an. 



102 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

Anschluß an Österreich und die Verhandlungen über den Sub- 
sidienvertrag, die Paul, bei seinem Haß gegen Österreich und 
Thugut, natürlich ebenfalls verstimmten, dem Zaren plausibel 
zu machen und als ein lediglich aus der Gegnerschaft gegen 
Frankreich geborenes Projekt hinzustellen, das ein enges eng- 
lisch-russisches Einvernehmen nicht berühre^). Noch blieb ja 
auch der Erfolg einer Sendung des Kapitäns Sir Home Popham 
abzuwarten, der einen Brief Georgs an den Zaren überbrachte. 
Es war die Antwort auf ein Schreiben Pauls sehr gewichtigen 
Inhalts vom 26. Oktober 1799'). 

Daß es Paul an politischer Begabung im Grunde nicht gefehlt 
hat, ist bekannt und, mehr instinktartig freiUch als vollbewußt, 
waren ihm auch damals und bis an sein Ende immer wieder 
überraschend scharfsinnige Erkenntnisse und Entschlüsse mög- 
lich. Allerdings waren es meist Ausgeburten einer zügellosen 
Phantasie, sprunghaft entstanden und meist nach kurzem An- 
lauf wieder aufgegeben. So war er in seinem Zorn gegen 
Österreich auf den Plan verfallen, eine nordische Allianz, die 
sich gegen Österreich und Frankreich richten sollte, anzuregen. 
Er hatte auch sofort Schritte zu ihrer Verwirklichung getan, in- 
dem er am 29. Oktober mit Schweden einen Freundschafts- und 
Allianzvertrag schloßt) und im Oktober und November das 
Embargo aufhob, welches er auf die dänischen und hambur- 
gischen Schiffe gelegt hatte^). Georg HI. — man beachte den 
Unterschied in der Behandlung Pauls und Bonapartes bald 
darauf — antwortete am 27. November^) in einem direkten 
persönlichen Schreiben an Paul. Freilich verzögerten Unwohl- 
sein und Unbilden der Witterung Abreise und Reise Pophams 
so sehr, daß er erst im März auf der Reede von Kronstadt 
anlangte. Schon bei seiner endUchen Abreise konnte man in 
London wohl kaum noch ernstlich an den Erfolg der Vor- 
schläge glauben, die er außer dem Briefe des Königs, der Paul 
zwar gegenüber Österreich recht gibt, aber im Interesse der 
guten Sache zur Versöhnung mit ihm mahnt, mitbrachte. 



') Grenville an Whitworth 8. Februar, Whitworth an Grenville 
14. März R. O. — =; Miliutin V, 365ff. 

") Martens, Recueii des traites VII, 365 ff. 

*) Miliutin V, 132ff., 367. — ') Ebda. V, 369f. 



alten Europa bis zur Entscheidung von Marengo. 103 

Wir brauchen auf die Sendung Pophams, deren Einzelheiten 
überdies nicht völlig klar sind, nicht näher einzugehen^). 
Aber einiges aus seinen Vollmachten und den Vorschlägen, 
die er zur Ausgleichung der Differenzen dem Zaren machen 
sollte, ist doch von hohem Interesse. Unter den Projekten für 
russisch-englische Operationen gegen Frankreich, die er vor- 
legen sollte, befindet sich auch eins, das die russischen wie 
englischen Mittelmeerinteressen aufs engste berührte. Man 
erbot sich in London zur Mitwirkung, falls der Zar „pour un 
point necessaire pour soutenir Malta" sich der Insel xMajorca 
bemächtigen, oder auch, wenn er Teneriffa erobern wolle. Nach 
Malta, so erklärte man, seien die englischen Truppen nur ge- 
sendet worden, um diese Insel der Herrschaft des Zaren, als 
des Großmeisters des Malteserordens, zu unterwerfen"). Man 
erinnere sich immerhin später dieser Äußerung. Interessant 
ist auch, daß Grenville von den Entschädigungswünschen Eng- 
lands sagt, sie seien auf diejenigen Kolonien gerichtet, die 
für die Sicherheit seiner ostindischen Besitzungen und Erhaltung 
seiner See- und Handelsmacht in Betracht kämen, insbesondere 
auf das Kap, auf Ceylon und die Eroberungen auf dem ost- 
indischen Festlande^). 

Um dem Zaren zu schmeicheln, bot man ihm ferner in 
wohlfeiler Artigkeit die Geschütze und Trophäen an, die einst 
dem Orden gehört hatten, und die in letzter Zeit den Engländern 
in die Hände gefallen waren. 

Popham kam jedoch gar nicht in die Lage, seine Aufträge 
mündlich vorzubringen, denn Paul weigerte sich, ihm eine 
Audienz zu gewähren*). Das entsprach nur den weiteren 

') Über die Sendung Pophams vgl. Fortescue Nanuscripts VI, 
13f., 36ff., 47 f., 80, 86; Whitw'orth an Grenville 25. März R. O.; 
Miliutin V, 160, 399 und zahlreiche Depeschen Wegelins im Berl- 
Staatsarchiv. 

-; Hier sei auch erwähnt, daß Nelson Paul den Degen des 
Kommandanten des französischen Kriegsschiffes „Genereux", das die 
Blockade Maltas zu durchbrechen versucht hatte, geschickt, eine Artigkeit, 
die einen guten Eindruck auf Paul machte und ihn nur in der Ansicht be- 
stärken konnte, daß auch die Engländer ihn als Herrn von Malta ansahen. 

^) Die betreffende Denkschrift Pophams war der Niederschlag von 
Plänen, die Grenville schon im November hatte. 

') Selbst auf die Erlaubnis zur Einfahrt nach Petersburg hatte er 
14 Tage warten müssen. Popham an Grenville 1. April R. O. 



104 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

Schritten, zu denen seine steigende Abneigung gegen Eng- 
land den Zaren inzwischen getrieben hatte^). Wie kurz zuvor 
Cobenzl, verweigerte er Mitte März auch Whitworth die Pässe 
für einen Kurier nach London^). Bei dem bisherigen Stand 
der Beziehungen zu England war diese Maßnahme noch heraus- 
fordernder als die gleiche gegen Österreich. „Der Kaiser habe 
seine Gründe" war aber die einzige Antwort, die Whitworth 
von den Ministern auf seine erstaunte Frage erhalten konnte. 
Die Hoffnung des Gesandten auf einen raschen Umschwung 
der Stimmung des Zaren war vergebens. Davon mußte er 
sich überzeugen, als er auf einen zweiten Versuch, die Auf- 
hebung des Paßverbotes zu bewirken, durch Panin eine ab- 
lehnende Antwort erhielt und ihm der Zar auf die Frage nach 
den Motiven nur sagen ließ, er sei für seine Handlungen nie- 
mandem Rechenschaft schuldig; bald darauf wurde ihm er- 
klärt, die Pässe würden ihm „wegen seines Benehmens" vor- 
enthalten ; deswegen sei auch seine Abberufung in London 
verlangt worden^). 

Der Gesandte, der sich in den verschiedensten Mut- 
maßungen über den wahren Grund seiner großen Ungnade 
erging, vermochte ihn ebensowenig anzugeben, wie der nach- 
lebende Historiker — Taten eines kranken Despoten. 

Ein Erguß Whitworth' vom 18. März*), in unsichtbarer 

') Um dieselbe Zeit scheiterte auch endgültig die Mission Dumou- 
riez', der schon im Januar nach Petersburg gekommen war, wochenlang, 
vielleicht infolge von Intriguen, auf einen Empfang warten mußte, dann 
aber auch sofort die Gunst des Zaren gewann und ihm seine umfassenden 
Pläne für Landungen in Frankreich und zur Restauration der Bourbonen 
vorlegen durfte. Ebenso plötzlich schlug die Stimmung des Zaren um und 
Dumouriez wurde bedeutet, seine Gegenwart, die anderwärts vielleicht 
nötig sei, sei hierorts überflüssig. Vgl. darüber zahlreiche Berichte von 
Cobenzl, Whitworth und Wegelin im Wiener, Londoner und Berliner 
Archiv. — Auch die Behandlung, die Dumouriez' Auftraggeber, der Graf 
von der Provence, durch Paul erfuhr, war, als er sich von der Koalition 
entfernte, sehr unwürdig. 

") Bericht Whitworth' vom 18., der mit der Post über Berlin nach 
London ging. R. O. 

') Berichte Whitworth' vom 25. März und 21. April R. O. Vgl. 
auch Whitworth an Woronzow 20. April 1800. Woronzow-Archiv XXIX» 
392; Whitworth an Panin 28. März Brückner V, 37 f. 

*) Beilage zur Depesche vom 18. März. Dieses Schriftstück zeigt 



alten Europa bis zur Entscheidung von Marengo, 105 

Tinte geschrieben, spricht denn auch diese Erkenntnis deut- 
Hch aus, und, um nur zwei Beispiele zu nennen, es ist er- 
staunhch, in welch' respektlosen Ausdrücken hochstehende Rus- 
sen, wie S. Woronzow und Panin, dasselbe sagten^). Bei Whit- 
worth heißt es : „Man darf sich über nichts mehr wundern, 
was vorgefallen ist und noch vorfallen wird, denn der Zar 
ist buchstäblich nicht bei Sinnen*). Seine Umgebung weiß das 
schon lange; seit seiner Thronbesteigung ist es beständig schlim- 
mer geworden, und jetzt ist es ernstlich beunruhigend.'* 

Wie häufig die Narren, entbehrte auch Paul nicht des 
Witzes: Dem drängenden Popham, der auf zwei Briefe und 
ein Memoire, die er Panin überreichte, keine Antwort erhielt, 
ließ der Kaiser schließlich sagen: Da er so sehnlich zurück- 
zukehren wünsche, denke er nicht daran, ihn zu halten ; er 
sei auch überzeugt, daß seine Dienste in England jetzt ge- 
braucht würden und wünsche ihm gute Reise. Anfang Mai 
verließ Popham auch wirklich Petersburg'^). 

Whitworth gab sich jedoch scheinbar noch immer nicht 
besiegt; aber alle seine Bemühungen, die Vorurteile des Kai- 
sers zu überwinden, waren vergeblich und brachten ihm nur 
neue Demütigungen ein^). Anfang Juni verließ auch er, nach- 
dem er inzwischen^) die „Erlaubnis nach England zurückzu- 



uns zugleich, wie oft die maßvollen und optimistischen Äußerungen W.'s 
darauf berechnet gewesen sein mögen, der Petersburger Post und Paul 
zu gefallen. 

') Vgl. u. a. Fortescue VI, I08f., 208, 229f., 259, 307; Woronzow- 
Archiv XXX, 110: Brückner V, u. a. 145, 149f., 170. 281f. 

*) Einige wenige Beispiele dafür aus dieser Zeit: Aus Zorn gegen 
Österreich schickte Paul seiner Tochter, der Erzherzogin Palatina, kein 
Geld mehr und ließ er monatelang ihre regelmäßigen Briefe unbeantwortet 
(Kellers Bericht vom 21. )uni 1800 Berl. Staatsarchiv ; ein Ukas vom 
18. April 1800 verbot den Eingang aller fremden Bücher (Woronzow- 
Archiv XXXII, 273), ein solcher aus dem Oktober verbot die blaue Farbe 
(ebda. 281). Dazu kamen zahllose willkürliche Entlassungen, Verhaftungen 
Bnd Verbannungen. Vgl. auch Bray a. a. O. S. 27 ff. über Beispiele von 
Pauls närrischer Despotie. 

') Popham und Whitworth an Grenville 29. April R. 0.; an Panin 
4. Mai (Bitte um Paß) Brückner V, 40f. 

*) Whitworth an Grenville 10. April und 19. Mai. Vgl. auch Depesche 
vom 2. April (sämtlich R. O.). 

^) Grenville an Woronzow 8. April R. O. 



106 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

kehren" erhalten hatte, Petersburg^). Zur Wahrnehmung der 
Geschäfte bUeb der Legationssekretär Casamajor zurück, der 
aber schon nach wenigen Tagen ebenfalls sein Bündel schnüren 
mußte"). 

Auch in London blieb nur ein Geschäftsträger, Lyzakewitz, 
zurück, nachdem Woronzow das Reskript seines kaiserlichen 
Herrn von Ende April erhalten hatte, das also anhebt'^): „Da 
ich wegen der geringen Zahl der Geschäfte Ihre Anwesenheit 
in England nicht für durchaus notwendig halte, so erlaube 
ich Ihnen, diese Zeit zur Wiederherstellung Ihrer Gesundheit 
zu verwenden und in ein Bad zu reisen^)." 

Ist das wieder die Sprache des boshaften Narren, so hören 
wir den Despoten, der an seine Gottähnlichkeit glaubt, wenn 
er auf ein langes englisches Memoire, das gegen die völker- 
rechtswidrige Verweigerung der Pässe Verwahrung einlegt und 
erklärt, daß ein neuer Gesandter, bis Aufklärung erfolgt sei, 
nicht ernannt werden würde, durch Panin antworten läßt: 
Gekrönte Häupter seien einander keine Rechenschaft schuldig; 
er werde darum auch keine Erklärung oder Genugtuung geben. 
Wann England einen neuen Gesandten schicken wolle, stehe 
ganz bei ihm^). 

') Bericht vom 3. Juni R. O.; Br ückner a. a. O. V, 163; ebda- 
p. 1 1 1 sehr herzlicher Abschiedsbrief Whitworth' an Panin vom 22. Mai. 

*) Daran ist, obwohl die Vorstellung Casamajors bei Panin ohne 
Zwischenfall erfolgt war, nicht zu zweifeln nach den übereinstimmenden 
Bemerkungen von Wegelin (Bericht vom 10. und 13. Juni Berl. Staats- 
archiv), Rogerson (Woronzow-Archiv XXX, 126), Brückner a. a. 
O. V, 161, 164, Garlike (an Grenville nach Mitteilung Krüdeners vom 
24. Juni R. O.). Am 6. Juni konferierte Casamajor (laut seiner Depesche 
vom 6. Juni R. O.) noch mit Panin; im September ist er in London. 
Vgl. Fortescue VI, 331. 

') Woronzow-Archiv XXVIII, 213f.,216; Miliutin V,401. Vgl. 
Fortescue VI, 229 f. Woronzow an Grenville 15. Mai. Die Datierung 
ist nicht ganz sicher. 

*) Mit Rücksicht auf seine eigene und seiner Tochter Gesundheit 
erbat und erhielt Woronzow die Erlaubnis, seinen Wohnsitz in England 
nehmen zu dürfen (Fortescue VI, 256); später, auf dem Höhepunkt von 
Pauls Feindschaft gegen England, wurde deswegen Sequester über seine 
Güter verhängt. (Woronzow-Archiv XXX, 128.) — Ober Woronzows 
Verhältnisse vgl seinen Briefwechsel mit Panin bei B r ü c k n e r a. a. O. V. 

') Das Casamajor aus London übersandte Memoire F. 0. 
R u s s i a 47 ; Bericht Casamajors vom 6. Juni ebda. Vgl. auch Brückner 
V, 160 ff. Panin an Woronzow 28. Mai a. St. 



alten Europa bis zur Entscheidung von flarengo. 107 

Vielleicht legte dem Zaren Albion gegenüber einen letzten 
Rest von Zurückhaltung nur noch die Sorge auf, England könne 
die russischen Truppen und Schiffe in seinen Häfen zurück- 
halten. Er selbst würde jedenfalls so gehandelt haben. 

Bald darauf wußte Napoleon einen neuen Zankapfel zwi- 
schen Rußland und England zu werfen, als er dem Zaren die 
Auslieferung der Insel Malta anbot, — in einem Moment, da 
deren Verlust an die Engländer nahe und sicher bevorstand. 

Wir brechen hier die Betrachtung der russisch-englischen 
Beziehungen zunächst ab, um zum Schluß dieses Kapitels zu 
zeigen, welche Einv.irkungen das Zerwürfnis Rußlands mit 
Österreich und England auf die Beziehungen Preußens zu sei- 
nem östlichen Nachbarn hatte. 



Die Stellung Preußens. 

Für den ersten Blick sind die Vorteile der Lage für Preußen 
ganz außerordentlich. Wird Preußen, nachdem es den Weg 
zu Frankreich nicht hatte finden können, wenigstens den zu 
Rußland nicht verfehlen? 

Mit innerer Notwendigkeit, wenn auch nicht in dem gleichen 
Tempo, wie er sich von Österreich abwandte, neigte Paul zu 
Preußen. Der erste Schritt nach dieser Richtung geschah, als 
der Zar, zugleich mit dem oben erwähnten Schreiben an 
Georg III. von England, auch an Friedrich Wilhelm III. einen 
Brief richtete^), mit dessen Überbringung er den Baron Krü- 
dener betraute, der Mitte November in Berlin eintraf. Wenn 
dieser auch anfangs nur inoffiziell auftrat, beauftragt, die Stim- 
mung des Berliner Hofes zu erforschen, erst im Februar zum 
Gesandten ernannt wurde und seine Beglaubigung gar erst 
Ende April erhielt"-), das Interregnum war doch schon jetzt 

') Miliutin V, 368f. 

-; Bericht Wegelins vom 18. Februar. Haugwitz an Wegelin 
28. April Berl. Staatsarchiv. Nach Garlikes und Hudelists Be- 
richten vom 25. bezw. 26. traf es am 24. ein. R. O. bezw. Wien. Staats- 
archiv. Die Ausfertigung der Beglaubigung für Krüdener wurde in 
Petersburg von der Ernennung eines preußischen Gesandten abhängig 
gemacht, dann wurde die Expedition immer wieder verschoben, erst um 



108 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

beendet, das in der russischen Vertretung in Berlin Ende Juli 
1799, durch den Zorn Pauls über Preußens Verhalten während 
der Verhandlungen über seinen Beitritt zur Koalition, ein- 
getreten war. 

Die Verbindung mit Rußland gehörte zu den politischen 
Vermächtnissen Friedrichs des Großen, der seit dem Jahre 
1764 seine Politik auf das Bündnis mit Katharina eingestellt 
hatte. Es war 1769 erneuert worden; die Jahre von 1780 bis 
1792 dagegen waren eine Zeit steigender Entfremdung und 
Kriegsgefahr gewesen, damals, als Joseph II. und Katharina 
sich zu gemeinsamer Orientpolitik zusammenfanden. Im Jahre 
1800 dagegen bestand das Bündnis wieder zu Recht, da es 
am 7. August 1792 auf die Dauer von acht Jahren erneuert 
worden war. 

Nicht nur dieses alte Bündnis von 1792 abermals zu erneuern, 
beabsichtigte jetzt der Zar. Sein Sinn stand damals, wie schon 
kurz berührt, nach einer nordischen Allianz, die sich gegen 
Frankreich und Österreich und beider Expansionspolitik zu- 
gleich richten sollte. 

Die Verhandlungen der folgenden Monate wurden vor- 
nehmlich in Berlin geführt; der preußische Geschäftsträger We- 
geUn in Petersburg wurde — was seiner geringen Begabung 
entsprach — nur in nebensächliche Dinge eingeweiht, zumal 
Panin mit dem ihm befreundeten Haugwitz in Briefwechsel 
stand ^). Erst im Juli langte der bereits um die Jahreswende 
zu V. d. Gröbens Nachfolger ernannte General Graf Spiridion 
Lusi in Petersburg an. Es war nach langem Schwanken keine 
glückliche Wahl, und jedenfalls war auch Lusi nach seinen 
Fähigkeiten nicht der Mann, den Schwerpunkt der russisch- 
preußischen Beziehungen an die Newa zu verlegen^). 



die Regelung der Frage des Großmeistertitels, dann die Aufnahme des 
Vorschlages der Allianz-Erneuerung abzuwarten. Vgl. Brückner V, 233, 
243 f., 272 aus Briefen Panins. 

') Ihr freundschaftliches Verhältnis (vgl. die bei Brückner a.a.O. 
V abgedruckten Briefe) hinderte Panin nicht, an Haugwitz doch auch 
öfter scharfe Kritik zu üben. 

") Lediglich die Jahreszeit hat wohl die Abreise Lusis bis Juni 
nicht aufgeschoben; wahrscheinlich war sie ein Mittel von vielen, Zeit 
zu gewinnen. 



alten Europa bis zur Entscheidung von Marengo. 109 

Deutlicher in dem an König Georg wie in dem an Friedrich 
Wilhelm gerichteten Schreiben über die nordische Allianz hatte 
Paul das vornehmste Interesse der preußischen Politik berührt, 
als er seinen Bruch mit Österreich durch dessen ausschweifen- 
den Ehrgeiz motivierte, „die Gefahr, welcher jetzt Deutschland 
und mehr noch Italien, welche beide Länder ebenso sehr von 
Österreich als von Frankreich bedroht werden, ausgesetzt sind, 
nötigt uns, den ehrgeizigen Absichten dieser Macht alle Auf- 
merksamkeit zuzuwenden und Maßregeln gegen dieselbe zu 
ergreifen^)/' 

Eben zu diesem Zwecke schlägt er Georg die nordische 
Allianz zwischen England, Preußen, Dänemark, Schweden und 
Rußland vor, während er sich Friedrich Wilhelm gegenüber 
nur ganz allgemein für ein Bündnis zum Schutze des deutschen 
Reiches anbietet, dessen Interessen bei dem egoistischen Öster- 
reich, von dem er sich darum lossage, nicht mehr geschützt 
seien-). Als der Hauptgegner erscheint in diesem Schreiben an 
Friedrich Wilhelm jedenfalls Frankreich"^), und es ist deutlich, 
daß dem Zaren nach seiner Abwendung von Österreich eine 
nordische Allianz anfangs wenigstens mit der doppelten Spitze 
gegen Österreich und Frankreich vorschwebte. 

Erst in einer eingehenden Instruktion für Krüdener kommt 
es stärker zum Ausdruck, daß man Preußen doch am ehesten 
noch wegen seiner Rivalität zu Österreich aus seiner passiven 
Haltung herauszulocken hofft^). Aber auch an leisem Tadel 
der Neutralitätspolitik Preußens fehlt es nicht, das sich „ge- 
wissermaßen in eine andere Hemisphäre versetzt geglaubt". 
Heute gestatten das die Umstände nicht mehr, und „besonders 
über die Mittel, dem unersättlichen Ehrgeiz des Hauses Öster- 
reich Grenzen zu setzen", müsse man sich mit Preußen 
I einigen^). 

I Merkwürdig, wie ungefähr gleichzeitig das preußische Ka- 

1 binett von Frankreich wie von Rußland mit denselben anti- 
österreichischen Argumenten bestürmt wird. Aber es war nicht 
zu erwarten, daß Friedrich Wilhelm anders als höchst zögernd 

•) Miliutin V, 132. — ') Ebda. 368f. 

Ähnlich äußert sich Panin gegenüber Wegelin, Bericht vom 
21 November. Berliner S taatsarch iv. 

*) Miliutin V, 135 f. — ') Fr. Martens VI, 264. 



110 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

und hinhaltend dem russischen Vorschlage nahetrat, und, als 
es geschah, blieb sein oberster Grundsatz, sich dadurch nicht 
zu einer aktiven Politik, über die Grenzen seiner starren Neu- 
tralität hinaus, drängen zu lassen. 

Wenn wir einem Briefe Panins an Krüdener folgen^), hat 
er selbst die nordische Konföderation in Vorschlag gebracht 
und zwar, um die beständigen und gefährhchen Wutausbrüche 
Pauls gegen Österreich abzulenken, mit dem es Panin — so- 
wenig er Österreich und vor allem Thugut liebte — nicht 
zum offenen Bruche kommen lassen wollte. An dem Einver- 
nehmen mit Preußen war ihm jedoch darum nicht weniger 
gelegen, und er rät Krüdener allergrößte Vorsicht in seiner 
Berichterstattung nach Petersburg an ; er müsse alles ver- 
meiden, was Paul irgend gegen Preußen einnehmen könne^), 
denn ohne Österreich ist uns Preußen unentbehrlich, ebenso 
wie wir ohne Preußen notwendig zum Wiener Kabinett gedrängt 
werden^). 

Krüdener hatte in Berlin anfangs nicht das Entgegenkommen 
gefunden, das er erwartet, und vollends von Anzeichen, die 
man schon im November in Petersburg dafür entdecken wollte, 
daß Preußen einer Allianz mit Rußland zuneige, kann keine Rede 
sein^). Erst Ende November übergab Krüdener den Brief des 
Zaren, erst am 5. Dezember hatte er eine Audienz beim Kö- 
nige^). Schon unter dem 17. November aber erhielt Krüdener 
eine Instruktion*'), die ihm, in folgerichtiger Ergänzung des 



Ebda. 265 f. 

^) Die krankhafte Empfindlichkeit Pauls auch Preußen gegenüber 
hatte sich kurz zuvor wieder darin offenbart, daß Paul die Annahme von 
Privatbriefen der königlichen Familie verweigerte, weil auf der Adresse 
der Großmeistertitel fehlte. Auf die preußische Vorstellung, daß dessen 
Annahme in Berlin noch nicht offiziell mitgeteilt sei, wurde das nachge- 
holt (20. Dezember a. St.). Berichte Wegelins 12. und 21. November, 
30. Dezember 1799, 7. Februar 1800; Weisungen an Wegelin vom 2. und 
9. Dezember, 25. Januar 1800, Haugwitz an Panin 25. Januar Berl. 
Staatsarchiv. Vgl. auch Brückner V, 69. 

') Martens VI, 267. — ') Ebda. p. 265. 

^) Haugwitz an Wegelin 25. November und 6. Dezember. Berl. 
Staatsarchiv. 

") Nur das Datum nach Martens, dessen Veröffentlichung frei' 
lieh auch hierin sehr häufig unzuverlässig ist. 



alten Europa bis zur Entscheidung von jMarengo. 111 

Zarenbriefes, auftrug, den Wunsch Pauls auszudrücken — ich 
zitiere Haugwitz — : „de connaitre les intentions de S. M. 
le Roi sur ies moyens de preser\er TAUemagne des dangers 
dont eile est menacee par l'invasion des Frangois. II a ojoute, 
que S. M. Ile etait prete ä se concerter sur cet important objet 
avec la Cour de Berlin des qu'elle connaitrait les principes 
qu'Elle adopte dans la crise actuelle des affaires"^). 

Das war kein förmlicher Antrag, und Haugwitz hegte mit 
Recht die Vermutung, des Zaren Eitelkeit erwarte den ersten 
ausgesprochenen Schritt von Preußen. Dazu sahen aber weder 
der Minister noch der König Veranlassung. Sie verkannten 
den Wert der neuen Beziehungen zu Rußland keineswegs, falls 
es möglich war, sie anzuknüpfen, ohne daß Preußen sich von 
seinem System entferne. Haugwitz durchschaute völlig klar 
die Gunst der Lage Preußens, wenn er dem König entwickelt, 
daß nicht nur die Spannung mit England und namentlich Öster- 
reich der Grund von Pauls Annäherungsbedürfnis sei, sondern 
vor allem die Sorge, die Verhältnisse könnten Frankreich und 
Peußen zusammenführen und dies P'-eußen eine entscheidende 
Rolle bei den Friedensverhandlungen geben. 

Aber man zog in Berlin aus dieser völlig richtigen Er- 
kenntnis nicht die nötigen Folgerungen, man tat nichts, um 
in Wahrheit diese Rolle zu erlangen. War sie möglich? Wenn 
ich oben (S. 52 ff.) ausführte, daß es Preußen wegen der zweifel- 
haften Haltung Frankreichs immerhin leicht gemacht wurde, 
den französischen Anträgen gegenüber seine Neutralität zu be- 
wahren, so wird jetzt die weitere Frage doch wenigstens auf- 
geworfen werden dürfen, ob Preußen den Versuch hätte wagen 
sollen und können, den Zaren von der antifranzösischen Ten- 
denz der von ihm erstrebten nordischen Allianz abzubringen. 
Dann hätte Preußen in der Tat die führende Rolle zwischen 
Rußland und Frankreich erlangt. 

Aber nicht einmal der Gedanke daran ist dem Berliner 
Kabinett gekommen. Haugwitz erwog angesichts des russischen 
Projekts lediglich die Chancen einer Defensivallianz mit Ruß- 
land und anderen Mächten und machte dabei sofort den ent- 
scheidenden Vorbehalt: Preußen setzen die Abmachungen mit 

*) Denkschrift von Haugwitz 10 Dezember Berl. Staatsarchiv. 



112 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

Frankreich über die Neutralität Schranken, machen es un- 
möglich, diese auf andere als in die Konvention vom 5. August 
1796 einbegriffene Gebiete auszudehnen; nur die innerhalb der 
DemarkationsUnie liegenden Territorien könne eine Defensiv- 
allianz umfassen. Eine solche hält er allerdings für vorteil- 
haft, sie würde Preußens System konsolidieren und ihm ge- 
steigerte Verteidigungsmittel bieten, ohne doch die Gefahr, 
angegriffen zu werden, zu vermehren. Einen Nachteil sieht 
er jedoch darin, daß die Ausdehnung des preußischen Sy- 
stemes auf eine nordische Allianz die außerhalb liegenden Staa- 
ten, vor allem Frankreich und Österreich, zusammenführen 
werde, wobei dann aus der Defensiv- leicht eine Offensiv- 
allianz werden könne, was durchaus vermieden werden solle. 
Andere Zweifel kamen hinzu. Würden die entfernten rus- 
sischen Streitkräfte Garantien bieten, wird die Leidenschaft Pauls 
es Preußen gestatten, seine bisherige Ruhe, Mäßigung und 
Klugheit zu bewahren? Haugwitz ist verblendet oder liebe- 
dienerisch genug, hier in seiner Denkschrift hinzuzufügen, daß 
Preußen diesen Eigenschaften sein „Schiedsrichteramt" und den 
„Ruhm'' verdanke, den sein Verhalten ihm bisher eingetragen 
habe. So kommt er alles in allem doch zu dem Schluß, daß 
die Nachteile einer Verbindung Rußlands mit dem preußischen 
Neutralitätssystem die Vorteile aufwiegen, und daß man sich 
deshalb vorerst mit freundschaftlichen Mitteilungen genug sein 
lassen müsse, indem man den Anschein erwecke, als durchschaue 
man Pauls Absichten nicht. Gemäß diesem diplomatischen 
Ratschlag wurde denn auch wirklich verfahren. Unter Freund- 
schafts- und Vertrauensversicherungen, unter vagen Phrasen 
über das Interesse, das man an Deutschland nehme und worüber 
man sich mit Paul, auf dessen Freundschaft man überhaupt 
Wert lege, ins Benehmen zu setzen wünsche, ist das einzig 
Greifbare in der Antwort an Krüdener die Erklärung: Was 
auch kommen mag, Preußen wird, wie bisher, den Norden 
Deutschlands schützen; nichts könne es in diesem wohltätigen 
System erschüttern^). 

*) Ebda, und Haugwitz an Wegelin 13. Dezember Berl. Staats- 
archiv; Berichte Krüdeners an Panin 23. und 30. November, 1. und 
7. Dezember bei Brückner V, 199, 202 ff., 207 ff., 21 5 ff. 



alten Europa bis zur Entscheidung von Marengo. 113 

Man vergesse bei Beurteilung dieser Politik freilich nicht, 
daß wir uns in der Zeit befinden, in welcher Paul, nur unter 
beständigem Schwanken und allmählich, seinen definitiven Rück- 
tritt von der Koalition vollzog. Trotz der Versicherung Krüde- 
ners, der ihn über den häufigen Umschwung der Stimmung 
in Petersburg zu beruhigen suchte, vertraute Haugwitz nicht 
auf die Zuverlässigkeit des Zaren, glaubte er vor weiteren Er- 
öffnungen an Krüdener erst den ferneren Ablauf der so unklaren 
Weltlage abwarten zu müssen. Zurückweisen will er das Ent- 
gegenkommen Pauls aber schon deshalb nicht, weil ihm Preußen 
berufen erscheint, bei dem allgemeinen Frieden eine Rolle zu 
spielen, und weil ein sehr wichtiger Grund dafür spreche, diese 
Rolle eher mit Rußland als mit irgendeiner anderen Macht 
zu teilen; der Grund ist freilich merkwürdig: diese Macht 
allein habe mit Preußen ein System der Uninteressiertheit (!) 
gemein^). 

Das Hinhaltende der preußischen Antwort, die Krüdener 
am 13. Dezember nach Petersburg meldete^), richtete dort schon 
deshalb kein Unheil an, weil damals gerade der Zorn Pauls 
gegen Österreich neue Nahrung erhalten hatte durch das ihm 
offiziell bekannt gegebene Programm der österreichischen For- 
derungen in Italien^). Krüdener erhielt darum den Auftrag» 
unter Hinweis auf die österreichische Habsucht, erneut für 
die russischen Vorschläge zu werben*). Es geschah; außer 
auf Österreich kam Krüdener auch auf die von diesem bedrohten 
Staaten Sardinien und Pfalz-Bayern zu sprechen, über das er 
eine Verständigung mit Preußen wünschte. Bestimmte Anträge 
formulierte Krüdener aber auch jetzt nicht. So konnte denn 
Haugwitz den König bitten, ihm Weisung zu geben : 

1. Ob er die Verhandlungen über eine Einschränkung der 
Eroberungssucht Österreichs fortsetzen solle, aber ohne feste 
Stellungnahme. 

2. Ob er, falls Krüdener auf den Wunsch des Zaren zurück- 
komme, die norddeutsche NeutraHtät in eine nordeuropäische um- 



') Haugwitz an den König 31. Dezember Berl. Staatsarchiv. 
^ Datum nach Martens. 
. Hüffer, Krieg von 1799 II, 230f. 
') Haugwitz an den König 20. Januar Berl. Staatsarchiv. 

Herrm an n. Der Aufstieg Napoleons. 3 



H4 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

zuwandeln, jeden diesbezüglichen offiziellen Schritt Krüdeners zu 
vermeiden suchen solle, indem er sich auf die Schwierigkeiten; 
stütze, die der noch andauernde Kriegszustand Rußlands mache, 
und indem er zugleich nachdrücklich versichere, daß Preußen 
fortfahre, den Norden Deutschlands zu schützen. Der König 
stimmte den Ausführungen des Ministers durchaus zu und er- 
mächtigte ihn, die freundschaftlichen und vertraulichen Erklärun- 
gen mit Krüdener fortzusetzen; die Einzelheiten überließ er dem 
Takt von Haug^A^itz^). 

Man sieht, in Berlin will man nicht verstehen, worauf 
es dem Zaren ankommt, der anderseits in seiner Überhebung 
ein Recht zu haben glaubte, von Preußen Entgegenkommen 
zu erwarten, nachdem er den ersten Schritt zur Annäherung 
getan. Der Sinn der erneuten Erklärungen an Krüdener ist 
denn auch, durch viele höfUche Phrasen umkleidet") : keine 
Konvention gegen Österreich, keine Ausdehnung der Neu- 
tralität. 

Um diese ausweichende Antwort weniger fühlbar zu 
machen, regte der König an, Krüdener von dem Wunsch Frank- 
reichs, sich durch Preußen Rußland zu nähern, Kenntnis zu 
geben^). Wenn man sich die Lage vergegenwärtigt, ist deuthch 
erkennbar: Preußen betritt hier den Weg, von dem seine Zu- 
kunft abhängt. Der König selbst sprach das wahre Wort: 
. . . „Se dire toujours que les circonstances ne sont pas 
assez developpees pour agir, c'est quelquefois en eloigner 
le moment de maniere ä le laisser echapper'^)." Es ist der An- 
fang einer richtigen Erfassung der Situation, aber auch nichts 
mehr als das. 

Es wäre nicht möghch gewesen, Paul die bewußte Mit- 
teilung — doch gewissermaßen als Trost für die eigene Zurück- 
haltung — zu machen, hätte man nicht den Eindruck oder die 
Erwartung gehabt, Paul sei nicht mehr der fanatische Gegner 



') Ebda, und König an Haugwitz 25. Januar Berl. Staatsarchiv. 
-) Haugwitz an den König 31. Januar Berl. Staatsarchiv. 
') Bailleu I, 358f., Haugwitz an den König 31. Januar Berl.' 
Staatsarchiv. Vgl. auch oben S. 50. 
*) Bailleu I, 358. 



alten Europa bis zur Entscheidung von Maren 115 

Frankreichs wie bisher; vielleicht rechnete man vor allem auf 
den Eindruck des 18. Brumaire, wie ja in der Tat seine 
Despoteninstinkte dem Zaren Interesse und bald Sympathie 
für den Sieger des 18. Brumaire nahelegten. Aber vielleicht war 
Friedrich Wilhelm auch nur von dem Wunsche geleitet, die 
russischen und französischen Bemühungen um Preußen insoweit 
zu kombinieren, als er die bisherigen Gegner zum mindesten 
gegenseitig über den Grad der preußischen Intimität zu jedem 
von ihnen beruhigte. 

Wie nahm man nun in Petersburg den Bericht Krüdeners 
vom 28. Januar auf^), der zugleich von der Stellungnahme 
Preußens zu den russischen Anregungen und der französischen 
Annäherung handelte? 

Es ist unverkennbar, daß Paul eine prinzipielle Geneigt- 
heit des Berliner Hofes, über die Beschränkung des öster- 
reichischen Ehrgeizes zu unterhandeln, herauslas. Er schrieb 
nämlich auf den Rand des Berichtes: Über die zu ergreifenden 
Maßregeln wünsche ich sehr mich bei jeder auftretenden Ge- 
legenheit mit dem König von Preußen ins Einvernehmen zu 
setzen. Was die Annäherung an Frankreich betrifft, wünsche 
ich sehr, daß es sich an mich wendet, vor allem als Gegen- 
gewicht gegen Österreich^). Das letztere deutet zweifellos einen 
Wandel in den Anschauungen Pauls an, aber er war nur vor- 
übergehend. Es ist wohl dem Drängen Panins, zu dessen Dol- 
metsch sich Rostoptschin machte^), zuzuschreiben, daß Krü- 
dener in der Instruktion vom 11. Februar eröffnet wird, „daß 



') Brückner V, 250 f ; Miliutin V, 201, mit irriger Datierung. 

') Brückner V, 250f.; Miliutin V, 202. 

') Whitworth/Grenville 14. März R. O. Panin erzählte ihm, 
daß er den Zaren nach einiger Überlegung dazu vermocht, abzulehnen. — 
Das Verhältnis von Rostoptschin und Panin war im allgemeinen keines- 
wegs günstig; sie arbeiteten sich oft entgegen, schon weil Rostoptschin 
höchstens zu den lauen Freunden der „guten Sache" zählte, die am Hofe 
Pauls überhaupt nur wenige so überzeugte Anhänger wie Panin halte. 
Wenn sie es auch Paul gegenüber nicht, oder nur, wenn es gefahrlos 
geschehen konnte, zeigten, das Gros der russischen Würdenträger bei 
Hofe und der Generale war altrussisch gesinnt und verurteilte Pauls 
Teilnahme an der 2. Koalition. 

8* 



116 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

der Zar keine Proposition des korsischen Usurpators lan- 
nehmen wolle" ^), 

Diese Ablehnung der französischen Annäherung ist in Ber- 
lin — der Grund ist mir unerfindlich^) — erst um die Wende 
des Mai bekannt geworden. Jedenfalls tat man aber auch nichts, 
die Antwort zu beschleunigen und lehnte sogar ein neues An- 
sinnen Beurnonvilles um die Mitte des März ab, weil man 
noch keine Antwort aus Petersburg habe'^). 

Die geringe Zuverlässigkeit und Entschiedenheit der fran- 
zösischen Vorschläge an Preußen ist oben betont worden. Daß 
Preußen aber gleichwohl und trotz der ablehnenden Antwort 
aus Petersburg vom 11. Februar abermals hätte der Vermittler 
zwischen Preußen und Rußland werden können, wird nicht 
ohne weiteres zurückzuweisen sein. Freilich hätte man dann 
in BerHn aktive Politik treiben müssen, und das hatte man 
gründlich verlernt. Wenn wir ganz absehen von dem mög- 
lichen Einfluß, den Preußen in diesem Falle auf den Kampf 
zwischen Frankreich und Österreich hätte gewinnen können, 
wichtiger ist, daß dann Preußen in der zweiten Hälfte des 
Jahres zwischen Frankreich und Rußland ganz anders dastehen 
und in Wahrheit das Zünglein an der Wage hätte werden 
können. 

Unterdessen hatte man aber in Rußland einen neuen Vor- 
schlag vorbereitet, den Preußen als Ausweg freudig begrüßte. 
Wenn der Gedanke an eine nordische Allianz auch noch nicht 



') Brückner V, 254. Vgl. auch Panin an Woronzow 2. März ebda. 
135f. Abweichend Miliutin V, 202; es mögen, bei Pauls Charakter 
leicht erklärlich, zwei verschiedene Fassungen vorliegen. 

-) Die naheliegende Vermutung, die Antwort sei in Berlin verheimlicht 
worden, um sich vor weiteren Anfragen Frankreichs zu schützen, ist wohl 
erschüttert durch die Meldung von Haugwitz an den König vom 21. März, 
daß die russische Antwort noch nicht eingetroffen sei. Berl. Staats- 
archiv. 

=>) Vgl. Bai Heu I, LVIII und Haugwitz an den König 21. März 
Berl. Staatsarchiv. — Daß Krüdener Haugwitz nicht restlos ver' 
traute, zeigt sein Versuch, den Sekretär des Ministers durch 100 Louisdor 
zur Mitteilung einer ihm angeblich von Beurnonville überreichten offiziellen 
Friedensdeklaration zu veranlassen, obwohl Haugwitz ihm selbst voll- 
kommene Aufklärung darüber gegeben hatte. Haugwitz/ Panin 15. März 
Berl. Staatsarchiv. 



alten Europa bis zur Entscheidung von Jiarengo. 117 

fallen gelassen ist, so trat doch ein anderes Projekt jetzt in 
den Vordergrund. 

Die Ursache ist deutlich: Mit einem der Genossen der 
projektierten nordischen Allianz, mit England, verfeindete sich 
Paul immer mehr, ja, es war, da, wie erinnerlich, Popham 
erst im März in Petersburg eintraf, überhaupt zu keinem Ge- 
dankenaustausch über das Projekt gekommen. Auch das machte 
ihn wohl einer milderen Beurteilung Frankreichs geneigt, gegen 
das sich die eine Spitze der nordischen Allianz hatte richten 
sollen. Aber auch eine allzu deutliche Bedrohung des anderen 
Objektes, Österreich, hielt man nicht für geraten, und zwar 
deshalb, weil man die Donaumacht dadurch Frankreich in die 
Hände zu treiben fürchtete — eine Sorge, die beständig und 
überall in den Akten auftaucht. 

So hatte denn Krüdener schon am 1. Februar^) den Befehl 
empfangen, in Berlin wegen einer Erneuerung der Allianz von 
1792 zu sondieren. Er machte die Sache nicht eben dringend, 
hatte aber doch schon am 5, Februar mit Haugwitz eine Be- 
sprechung"), in der sich die beiden Männer lange über die 
von Österreich und Frankreich drohende Gefahr unterhielten. 
Ganz ungezwungen konnte so Krüdener schließlich fragen, wie 
Preußen inmitten der Weltlage ohne Sorge isoliert bleiben könne 
und nicht vielmehr Anlehnung an Rußland suche. Als Haug- 
witz darauf erwiderte, daß man eine solche sogar lebhaft 
wünsche, wies Krüdener auf den bevorstehenden Ablauf des 
Bündnisses hin, und Haugwitz versprach, mit dem Könige 
darüber zu reden. 

Auch hier wieder also rückte Rußland nicht deutlich mit 
der Sprache heraus, was bei der Schwerfälligkeit und Zauder- 
politik des Berliner Kabinetts besonders übel angebracht war. 
Bevor der Bericht Krüdeners über seine Unterredung mit 
Haugwitz in Petersburg anlangte, erging von dort die uns 
schon bekannte Instruktion vom 11. Februar, die u. a. auch 
die Erneuerung des Bündnisses von 1792 zum Gegenstande 
hatte; aber auch eine Geheimkonvention über die gegen Öster- 
reichs Ehrgeiz zu ergreifenden Maßregeln sollte beigefügt wer- 



') Brückner V, 244f. 

') Ebda. 247 ff. Bericht Krüdeners vom 24. Januar a. St. 



ii 



118 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

den^). Das ist zu betonen: Paul hat die antiösterreichische 
Tendenz seiner Annäherung an Preußen noch nicht aufgegeben, 
nur sucht er jetzt seinem Ziele auf einem anderen Wege, durch 
Vermengung mit dem alten Alhanztraktat, nahezukommen. 

Haugvvitz hatte es nicht allzu ängstlich mit der Förderung 
des neuen Projektes. Am 18. Februar kam er zum erstenmal 
darauf zurück, ohne noch mit dem Könige gesprochen zu haben, 
was er aber bald nachholen zu wollen verhießt). Es geschah auch 
durch eine große Denkschrift^) über die russisch-preußischen 
Beziehungen seit 1764. Der Schluß konnte nicht anders als 
eine Befürwortung der Erneuerung der Allianz von 17Q2 sein. 

Preußen durfte um so eher darauf eingehen, als der Ver- 
trag von 1792, ohne die jetzt projektierte Geheimkonvention, 
völlig harmlos war. Blieb das Bündnis auf eine Defensive 
beschränkt, dann lag der Vorteil fast ausschließlich auf preußi- 
scher Seite, da Preußen wegen seiner geographischen Lage 
einem Angriff viel leichter ausgesetzt war als Rußland, und 
anderseits die geographische Lage Rußlands die Sorge ver- 
minderte, die Pauls unruhiger Charakter in Berlin einflößte. 
So erteilte Friedrich Wilhelm denn Haugvvitz gern schon am 
8. März die Erlaubnis, sofort in Unterhandlungen einzutreten 
und alle Artikel des alten Vertrages unverändert zu über- 
nehmen, soweit sie nicht gegenstandslos geworden waren oder 
einer selbstverständlichen Ergänzung bedurften. Nur wünschte 
man die Garantie eines jährlichen Remontekaufs in der Ukraine 
neu zu erlangen, die 1797 abgebrochenen Handelsvertrags- 
verhandlungen zu beendigen und das ganze Geschäft nach BerHn 
zu ziehen^). 

Der ausdrückhche russische Verzicht in der Instruktion 
vom 11. Februar auf eine bewaffnete Demonstration gegen 
Österreich erleichterte Preußen noch seinen Entschluß ^). 

') Brückner V, 255ff Ebda. p. 261 Empfangsbestätigung der 
Instruktion vom 22. Februar. 

-) Krüdener an Panin 18. Februar ebda. p. 259f. 

^) Denkschrift von Haugwitz 26. Februar und Weisung an Wegelin 
über die Anknüpfung mit Krüdener 24 Februar Berl. Staatsarchiv. 

'') Denkschrift vom 26. Februar und Friedrich Wilhelm an Haug- 
witz 8. März Berl. Staatsarchiv. 

') Krüdener an Panin 25. Februar, Brückner V, 261 f., Panin 
an Krüdener 27. März a. St. ebda. 289, wo behauptet ist, daß Haugwitz 



alten Europa bis zur Entscheidung von Marengo. 119 

An eine geregelte Unterhandlung konnte man zunächst 
nicht denken, weil man in Petersburg erst, nachdem Krüdener 
die preußische Bereitwilligkeit gemeldet hatte ^), an die defini- 
tive Ausarbeitung eines Projektes ging, das dann zirka am 
20. April in BerUn eintraf"), Haugwitz erbat und erhielt hierauf 
sofort die formelle Vollmacht zu Unterhandlungen'^). 

In der Zwischenzeit hatte Krüdener einen Spezialauftrag 
betrieben, der auch früher und später in den russisch-preußischen 
Beziehungen dieses Jahres eine Rolle gespielt hat, jenen näm- 
lich, Preußen für Bayerns Interesse, womöglich für einen Bei- 
tritt zum Vertrage von Gatschina, zu gewinnen. Ein Bericht 
seines Geschäftsträgers Bühler über die Uneinigkeit Max Jo- 
sephs mit seinem Ständekomite und dessen revolutionäre Gesin- 
nungen hatte Paul beunruhigt, und bei einer unglücklichen Wen- 
dung des Krieges sah er Übles für seinen Schützling voraus. 
Obwohl nun Preußen als Garant des Teschener Friedens bereits 
zu dem verpflichtet war, was Paul verlangte, nämlich zu einer 
Garantie der UnverletzHchkeit Bayerns und zur Sicherung gegen 
österreichische Tauschpläne, lehnte es Preußen jetzt abermals 
glatt ab, eine erneute Verpflichtung nach dieser Richtung zu 
übernehmen und über die Schranken der DemarkationsHnie 
hinauszugreifen. Das einzige, was Friedrich Wilhelm tat, war, 
daß er durch Heymann dem Kurfürsten raten ließ, die Stände 
jetzt nicht zu berufen, sich mit ihrem Ausschuß, der „Depu- 
tation", zu vertragen und den Hauptwortführer der revolutionär 
Gesinnten, Utzschneider, zu entfernen. Die Hauptdifferenz 
zwischen Kurfürst und Ständen lag vor allem darin, daß diese 
— es war zugleich die Stimme des Volkes — für Bayern die 
Neutralität wünschten, ein Begehren, in dem sie später von 
Preußen eifrig unterstützt wurden^). 

die bewaffnete Demonstration angeregt und dabei sicher einen Hinterge- 
danken gehabt habe. 

') Berichte vom 25. Februar und 17. (?) März. Brückner V, 261 f. 
und 277 f. 

') Am 2. April schrieb Panin an Krüdener (Brückner V, 279f.), 
die Verzögerung von Beglaubigungsschreiben für Berlin und Dresden) so- 
j»ie Instruktion liege nicht an ihm, sondern an dem beständigen Schwanken 
Fauls. Am 8. April gingen die beiden Schriftstücke ab (ebda. p. 291). 

') An den König 21. April, Antwort an Haugwitz 21, April Berl. 
S aatsarchiv. 

') Bericht Wegelins vom 21. März und Weisung an Wegelin 



120 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

Seit Ende April fanden dann zwischen Haugwitz und Krü- 
dener die Konferenzen über den Petersburger Entwurf statt. 
Der öffentliche Vertrag, der den von 1792 fast wörtlich wieder- 
holte, verursachte keinerlei Schwierigkeiten. Auch über die ar- 
ticles separes et secrets des Entwurfes einigte man sich noch 
leicht, wenn auch Krüdener wenig Hoffnung machen konnte 
auf Erfüllung des von Preußen lebhaft begehrten Artikels über 
die Remonten ; wirkliche Schwierigkeiten bot nur die Ge- 
heimkonvention, die Rußland vorschlug, und deren Inhalt sich 
aus den Berichten konstruieren läßt. Sie handelte von der 
Integrität des Reiches — hierbei spielte Bayern wieder eine 
Rolle — , dem Maß der Österreich zu gewährenden Erwer- 
bungen, sah eine eventuelle Offensivallianz vor, sprach von 
dem Verhältnis zu Sardinien und der Schweiz und endhch 
von dem Beitritt anderer Staaten zu dem öffentlichen Vertrage. 
Nur der letzte und unwichtigste Punkt sollte schließlich seine 
Erledigung finden. 

Erst Ende Mai ging das preußische „Kontreprojekf' nach 
Petersburg^) ab, nicht ohne daß die Verzögerung der Ver- 
handlung bereits den Zorn Pauls lebhaft erregt und Preußen 
den Verdacht einer Verbindung mit Österreich eingetragen 
hätte'). 

Das Kontreprojekt ließ den öffentlichen Vertrag unver- 
ändert, nur wurde die Garantie von Jever und die Ausnahme 
der Garantie der linksrheinischen Provinzen in den zweiten 
der geheimen und Separatartikel verwiesen, der erste und dritte 
handelte, wie 1792, von der Garantie Oldenburgs und Delmen- 
horsts bezw. von der Ablösung der Truppenstellung durch 



7. April und 7. Mai; Krüdener an Haugwitz 1. April Berl. Staats- 
archiv. Vgl. auch ebda. Haugwitz an den König 20. Januar, Friedrich 
Wilhelm an Haugwitz 25. Januar. — Dumoulin-Eckart, Regierungsfeindliche 
Strömungen in Bayern. Münch. Allg. Ztg. 1893 Beilage No. 170, 71, 73. 
Santelmann a. a. O. S. 38 ff. 

*) Über die Verhandlungen Berichte von Haugwitz an den König 
5. und 7. Mai Berl. Staatsarchiv und Berichte Krüdeners an Panin 
28. April, 13., 17., 24., 27., 31. Mai. Brückner V, 296f., 308f., 313ff., 
319f., 324ff. 

^) Panin an Krüdener 14. Mai ebda. 309ff. Vgl. unten S. 126 über 
preußisch-österreichische Beziehungen. 



alten Europa bis zur Entscheidung von Marengo. 121 

Subsidienzahlung; als vierter war der über die Remonten ge- 
sondert beigegeben, da Preußen darüber die Einigung nicht 
scheitern lassen woUte. 

Wo bheb aber, was für Rußland das Wichtigste war, die 
Geheimkonvention und deren vornehmster Punkt, die Verein- 
barung über Österreich? Hier erlebten die Russen eine volle 
Enttäuschung; das preußische Neutralitätssystem behauptete 
sich auf der ganzen Linie, und mit den schönen Redensarten 
von fiaugvvitz' „Projekt*' der Geheimkonvention über die Ge- 
meinsamkeit ihrer Interessen und die Zusicherung einer späteren 
Vereinbarung, wenn Österreich beim Friedensschluß seine Ab- 
sichten enthülle, war den Russen nicht gedient, und Krüdener, 
namentlich aber Panin, ergingen sich in starken Ausdrücken 
über eine Politik, die eine Gefahr erst bekämpfen wolle, wenn 
sie ihren Höhepunkt erreicht^). 

Gleichwohl gab man in Petersburg die Hoffnung noch 
nicht auf. Ein undatiertes Schreiben Panins aus dem Juni kün- 
digte Krüdener neue, weitgehende Instruktionen an; ein wei- 
teres^) nimmt bezug auf das preußische Kontreprojekt und 
geißelt Haugwitzens Projekt der Geheimkonvention als eine ab- 
solute Nullität'^). Wenn der Zar es gestatte, wollte Panin dem 
Gesandten eine völlige Widerlegung der preußischen Vorschläge 
senden, die er ausgearbeitet hatte. 

Als Krüdener daraufhin Haugwitz noch einmal das Un- 
zureichende seines Projektes vor Augen stellte, konnte^ dieser 
mit größerem Rechte als bisher sich mit den Verhältnissen 
entschuldigen. In dem Augenblicke, als man geplant, Österreich 
in Italien Grenzen zu ziehen, habe man erfahren müssen, daß 
es dieses Land verloren. Das Berliner Kabinett habe augen- 
blicklich kein anderes System, als den Ereignissen entsprechend 
zu handeln. Nur in der Pazifizierung gedenke Preußen noch 
Einfluß zu gewinnen, vor allem in Verbindung mit Rußland, 
das freilich darüber noch nichts habe verlauten lassen. Haug- 
witz kam dann auf das Projekt der großen Defensivallianz 
zurück, über deren Ausführung er keine Grundsätze entwickeln 



') Brückner V, 326ff, 353. 

') Die beiden Schreiben Panins bei Brückner V, 352ff. 

') Ebda. p. 354. 



122 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

wollte, um sich nach den russischen Vorschlägen richten zu 
können^). Paninwar über diese Erklärungen sehr befriedigt^), 
aber die „guten Dispositionen des Berliner Hofes", wie er 
hoffte, nunmehr auszunützen, bot sich keine Gelegenheit, da 
ein wichtiges Ereignis dazwischen trat. 

Wenige Tage nach der Unterredung Krüdeners mit Haug- 
witz, am 29. Juni, wurde in Berlin die Nachricht von Marengo 
bekannt^). Österreich lag am Boden; der Zwang, eine Ver- 
einbarung gegen seinen Ehrgeiz zu treffen, fiel weg, und Haug- 
witz hatte es eilig, sich dem Sieger zuzuwenden, um im Ein- 
vernehmen mit ihm womöglich beim Friedensschluß Einfluß 
zu gewinnen. 

In dem Entwurf der Note über die Friedensvermittlung, 
die er Beurnonville überreichen wollte, sprach Haugwitz zu- 
gleich auch in Rußlands Namen, was aber Krüdener, der die Ge- 
sinnungen seines Hofes noch nicht kannte, zurückwies*) — 
eine Vordeutung der bald eintretenden Lage : Rußland brauchte 
Preußens Vermittlung bei Frankreich nicht und konnte sie 
zurückweisen, weil es Preußen nicht gelungen war, recht- 
zeitig in seinen Beziehungen zu Frankreich wie zu Rußland 
die Stellung zu gewinnen, die ihm diese Vermittlerrolle not- 
wendig hätte zufallen lassen. 

Inzwischen hatte das preußische Kontreprojekt in Peters- 
burg Zustimmung gefunden, mit Ausnahme des Artikels über die 
Remonten, der höflich abgelehnt wurde^). Die offenen Artikel 
des am 28. Juli in Peterhof — so wollte es der Zar — von 
Lusi, Rostoptschin und Panin unterzeichneten Bündnisses**) um- 
faßten im wesentlichen eine gegenseitige Ländergarantie, das 
Versprechen, zu ihrer Verteidigung bei feindlichem Angriff 
sich mit 12 000 Mann Infanterie und 2000 Reitern, im Not- 
falle jedoch mit ihrer gesamten Streitmacht, zu Hilfe zu kom- 



*) Bericht Krüdeners vom 26. Juni ebda. 358 f. — ') Ebda. p. 371. 

^) Bericht Hudelists vom 1. )uli Wien. Staatsarchiv. 

*) Bericht Krüdeners vom 1. Juli Brückner V, 349. 

^) Um das gleichzeitig gegebene Versprechen Pauls, den preußischen 
Wünschen über den Pferdeexport nach Möglichkeit entgegenzukommen, 
festzulegen, richtete Haugwitz am 7. Juli darüber eine besondere Note 
an Krüdener. 

^) Märten s, Recueil des traites conclus par la Russie VI, 270ff. 



alten Europa bis zur Entscheidung von Jiarengo. 123 

men. Auch ein Handelsvertrag mit dem Rechte der Meist- 
begünstigung wurde vorgesehen. Die drei geheimen und Se- 
paratartikel lauteten wie oben; ein am 1, September in Gat- 
schina unterzeichneter Separatartikel sah den Beitritt Schwe- 
dens, Dänemarks, der Pforte, Sachsens, Hannovers und Hessen- 
Kassels vor; er sollte geheim gehalten werden, bis die Kon- 
trahenten seine Publizierung in ihrem gegenseitigen Interesse 
fänden. 

Die Erneuerung des Allianzvertrages von 1792 war, als 
die einzige Frucht monatelanger Verhandlungen, sicherHch kein 
befriedigendes Ergebnis, namentlich gegenüber der völlig ver- 
änderten Weltlage. Immerhin mochte man sich in Berlin 
schmeicheln, dem Sieger von Marengo gegenüber durch das 
Bündnis an Gewicht gewonnen zu haben. 



Es kann nicht meine Aufgabe sein, das Bild der diploma- 
tischen Beziehungen der Zeit erschöpfend zu zeichnen und 
der mittleren und kleineren Staaten anders denn gelegentlich 
im Zusammenhange mit den Interessen der Großmächte zu 
gedenken. 

Nur die Beziehungen Preußens zu einigen Mächten seien 
hier noch kurz berührt, weil sie durchaus den Eindruck be- 
stärken, daß seine Lage im Jahre 1800 überaus günstig war. 
Zu den eingehend geschilderten Annäherungsbestrebungen 
Frankreichs und Rußlands geseUten sich die Bemühungen an- 
derer Staaten um Preußens Freundschaft und Vermittlung. Hol- 
land, Sardinien, die Schweiz rufen den Berliner Hof an, ja selbst 
die Kurie verschmäht das nicht. Der ehemalige Wiener Nuntius 
Albani erklärte Keller, daß man längst einen Abgesandten des- 
halb nach Berlin geschickt hätte, fürchtete man nicht, Öster- 
reich herauszufordern^). 

Karl Emanuel von Sardinien Heß durch Graf Vallaise Keller 
•ein Bild entwerfen von dem üblen Zustand seines Königreiches, 
das unter dem Drucke Österreichs seufze, und in der Tat mußte 
wohl ein König um Freundschaft werben, der damals in un- 



Bericht Kellers vom 4. Januar. Berl. Staatsarchiv. 



124 Die Beziehungen zwischen den Mächten des 

würdiger Weise in Toskana von dem Erlös seiner Edelsteine 
lebte. Der Erfolg war freilich nur, daß Keller Weisung erhielt, 
die Bekanntschaft mit Albani wie Vallaise zu pflegen und beide 
Preußens Interesse zu versichern^). 

Etwas aktiver war Preußen, wie früher so auch jetzt, zu- 
gunsten Hollands. Wir erinnern uns, daß man seine Interessen 
Frankreich gegenüber beständig vertrat, aber doch auch nur 
auf dem Wege unfruchtbarer Verhandlungen und zumeist im 
Sinne des Erbstatthalters, dessen Restituierung Preußen für 
die Ruhe und Sicherheit Norddeutschlands, d. h. in seinem 
eigenen Interesse, für unentbehrHch hielt. 

Der alte Vertraute der Oranier, der enghsche General 
Stamford, tauchte im Februar 1800 wieder in Berlin auf und 
spann geschäftig seine Fäden, namentlich nach Petersburg hini, 
dessen Zerwürfnis mit Österreich er sich zu heilen bemühte, 
und mit England, dem treuesten Beschützer seines Herrn, 
Allerlei Gerüchte und Pläne tauchten auf, um ebenso rasch 
wieder zu verschwinden, so das Gerücht eines Austausches der 
linksrheinischen preußischen Lande gegen Groningen und der 
Plan, in Batavien zugunsten der Oranier eine Konsulatsherr- 
schaft aufzurichten, Stamford richtete ebensowenig aus wie 
Baron Span, der sich im Auftrage des batavischen Direktoriums, 
aber auch unterstützt vom Erbstatthalter, an Preußen wandte, 
um durch seine Vermittlung die Neutralität des schwer dar- 
niederliegenden Landes zu erlangen. Sandoz erhielt zwar den 
Auftrag, darüber in Paris zu „sondieren" und er bemühte sich 
auch in der Tat in Gemeinschaft mit dem batavischen Gesandten 
Schimmelpenninck darum, aber natüriich vergebens ■). 

Das gemeinsame Interesse an Holland war ein Bindeglied 
zwischen Preußen und England, Die Beziehungen dieser beiden 
Mächte, die gegen Ende des Jahres und zur Zeit der Nor- 
dischen Allianz erhebUches Interesse erwecken (vergl. Ka- 
pitel XIII), verliefen in dessen erster Hälfte durchaus ruhig. 



') Ebda, und Weisungen an Keller 12, Januar Berl. Staatsarchiv. 

=) Berichte Hudelists vom 18. und 25. Februar, 3. und 20. Mai 
Wien. Staatsarchiv; Weisung an Sandoz 13. Mai Berl. Staats- 
archiv; Garlike an Grenville 14 März R. 0.; Brückner a. a. O, V und 
Fortescue Manuscrip ts VI passim; De Bas, Prins Frederik der 
Nederlanden en zijn Tijd. Schiedam 1891, II, 278 ff. 



alten Europa bis zur Entscheidung von Marengo. 125 

Garlike, der erst im August durch einen Diplomaten höheren 
Ranges, Lord Carysfort, ersetzt wurde, durfte sich darauf be- 
schränlcen, die russisch-preußische Annäherung eifrig zu über- 
wachen. Auch als die englischen Beziehungen zu Rußland 
immer gespanntere wurden, und dies auch durch Krüdeners Ver- 
halten gegen Garlike zum Ausdruck kam, flößte das weder dem 
Geschäftsträger noch dem Londoner Kabinett ernstliche Sorge 
ein. Man wußte, daß das Friedensbedürfnis und die Neufralität 
Preußens unerschüttert bleiben würden. Die Achtung, die man 
in London vor dieser passiven Politik des Berliner Kabinetts 
hatte, war nicht eben groß, was sich auch zeigte, als Haug- 
witz nach Marengo sich auch England als Friedensvermittler 
in Erinnerung brachte'). 

Schließlich bleibt noch kurz zu berichten über das Ver- 
hältnis Preußens und Österreichs. Entsprechend den alten und 
tiefen Gegensätzen der beiden deutschen Großmächte war es im 
allgemeinen ein so loses, und die beiderseitigen Gesandtschafts- 
berichte sind dementsprechend so wenig ergiebig, daß wir in 
unserem Zusammenhange kein Wort darüber zu sagen brauch- 
ten, wäre nicht in der ersten Hälfte des Jahres 1800 ein kleines 
Vorspiel der österreichisch-preußischen Annäherung vom Früh- 
jahr 1801 festzustellen: 

Wie damals war es auch jetzt das künftige Schicksal des 
Reiches, das die Annäherung bewirkte. Aber da gerade hier 
auch die Hauptwurzel ihres Gegensatzes lag, sollte es bekannt- 
lich nicht gelingen, diese Frage durch die deutschen Groß- 
mächte ohne, oder wenigstens möglichst ohne Einmischung 
des Auslandes zu lösen. 

Ich erwähnte oben, daß Zar Paul im Verlaufe seiner Ver- 
handlungen mit Preußen den Verdacht einer österreichisch- 
preußischen Konspiration hegte, den Krüdener gegenüber zu 
nähren Hudelist sich angelegen sein ließ. Der Verdacht war 
aufgetaucht, weil bekannt wurde, daß Preußen, von der schwei- 
zerischen Regierung darum ersucht, im März in Wien den 
Vorschlag machen ließ, die Schweiz neutral zu erklären. Thu- 
giit erteilte eine höfliche, aber ablehnende Antwort, da in die- 
sem Falle die Schweiz wieder ein starkes Bollwerk der 



') Berichte Garlikes R. O. 



126 DJe Beziehungen zwischen den Mächten des 

schwächsten Seite Frankreichs geworden wäre, dann aber auch, 
weil die augenbHckUchen Vorteile lediglich auf Seiten der Schweiz 
gelegen hätten, Keller wurde daraufhin angewiesen, die Sache, 
fallen zu lassen und auf die besorgte Frage Thuguts wahr- 
heitsgemäß zu versichern, daß auch Preußen die nach der 
Rückeroberung der Schweiz durch die Franzosen eingesetzte 
Regierung nicht anerkenne. Auch Hudelist und Haugwitz ver- 
handelten über denselben Gegenstand mit gleichem Resultat^), 

Das Mißtrauen Pauls war aber in Wahrheit noch durch 
einen anderen Grund, den er allerdings nicht kannte, gerecht- 
fertigt. In Wien hielt sich noch immer der preußische Diplo- 
mat Caesar auf, der nach Lucchesinis Abberufung und vor 
Kellers Ankunft als Geschäftsträger funktioniert hatte. Wie 
es damals nichts Seltenes war in der Diplomatie, führte dieser 
auch nach Kellers Ankunft und hinter dessen Rücken noch 
eine Sonderkorrespondenz mit BerHn. An diesen Mann erging 
nun, als französischerseits das Projekt der Maasgrenze angeregt 
worden war (cf. oben S. 5Q), der Immediatauftrag, mit Thugut 
vertraulich darüber zu sprechen. Man teilte ihm nicht mit, 
daß es von Frankreich stamme, was aber Thugut vermutete. 
Nach Caesars Bericht nahm der österreichische Premier die 
Eröffnung sehr dankbar auf und äußerte sich vertraulich über 
die Vorteile der Maas- vor der Rheingrenze. Er beteuerte auch 
seinen Wunsch nach Frieden, den er aber ohne die Engländer, 
die den Krieg beständig hinzuziehen suchten, nicht abschließen 
dürfe"). Beurnonville hatte von dieser Einweihung Österreichs 
erfahren, die Talleyrand sehr übel aufnahm^). Das Gegenstück 
der Unterredung Caesars mit Thugut war eine freundliche Be- 
sprechung Hudelists mit Haugwitz, der dem Gesandten zu- 
sicherte, sobald er wirklich annehmbare Friedensvorschläge von 



') Bericht Kellers vom 19. März, Weisung an ihn vom 28. März 
Berl. Staatsarchiv; Berichte Hudelists vom 19. und 22 April Wien. 
Staatsarchiv; Öchsli, Geschichte der Schweiz im 19. Jahrhundert 
Leipzig 1903. 

-) Weisung an Caesar vom 5., Bericht Caesars vom 16. März Berl. 
Staatsarchiv. Keller hat offenbar von der Verhandlung Caesars nichts 
gewußt. Am 17. Mai meldet er (Berl. Staatsarchiv), es gehe das Gerücht, 
Preußen führe durch Caesar geheime Verhandlungen mit Österreich. 

') Revue d'histoire diplomatique 1892 p. 249. 



alten Europa bis zur Entscheidung von Marengo. 127 

Frankreich empfange, werde er sie dem Wiener Hofe mit- 
teilen'). Die österreichische Gegengabe war, wenn Beurnon- 
ville richtig informiert war, die Mitteilung der Vorschläge, die 
man Österreich vor Marengo gemacht, an Preußen - ). 

Man sieht an allem, die Lage dieses Staates ließ sich im Jahre 
1800 äußerst günstig an. Man sah sich allseits umworben in 
Berlin, was die üble Wirkung hatte, das Berliner Kabinett nur 
in seinem Phäakendasein zu bestärken und die günstige Lage 
als eine wohlverdiente, ja notwendige Frucht seines politischen 
Systems anzusehen. Man wurde erst eines besseren belehrt, 
als der neue Mann an der Seine den Staaten Europas neue 
Aufgaben setzte, indem er zunächst gebieterisch heischte, zu 
ihm Stellung zu nehmen — heischen konnte. Der Verlauf der 
kriegerischen Ereignisse, deren Betrachtung wir uns nunmehr 
zuwenden, gab ihm das Recht dazu. 



') Bericht Hudelists vom 5. April Wien. Staatsarchiv. 
■) Revue d'histoiie diplomatique 1892 p. 296 f. 



3. Kapitel. 

Die Operatlonsplüne für das Jahr 1800. 

I. 

Der österreichische Operationsplan. 

Die Erkenntnis von der hohen strategischen Bedeutung 
der Schweiz für einen Kampf zwischen Frankreich und einem 
zugleich auf Süddeutschland und Italien sich stützenden Geg- 
ner ist das beherrschende Motiv eines österreichischen Ope- 
rationsplanes vom 4. Februar 1800, der unsere Aufmerksam- 
keit verdient, obwohl er nicht zur Ausführung gelangt ist. 

Johann Gabriel Marquis von Chasteler de Courcelles ist 
sein Verfasser!), ein Mann, dessen einseitige Begabung für den 
Festungskrieg und dessen VorUebe für mathematische Klüge- 
leien sich auch in dem vorliegenden Entwurf deutlich ver- 
raten. 

Damit soll jedoch kein absprechendes Urteil gefällt sein 
über das Ganze jenes Operationsplanes, dem vielmehr gute 
Gedanken zugrunde liegen, vor allem der, daß als Ziel die 
Eroberung der Schweiz aufgestellt ist. Auch in den Entv/ürfen 
für 1799 hatte diese eine große Rolle gespielt, war aber nur 
zeitweilig und teilweise verwirklicht worden, weil die Politik 
die mihtärischen Operationen damals auf das unheilvollste 
beeinflußte. 

^) Schon ein Feldzugsplan Chastelers vom 10. Dezember 1798 für 
die italienische Armee sprach von einem Angriff auf die Schweiz. In 
einem späteren, auf Veranlassung Suworows angefertigten Kriegsplan 
vom 1. Mai 1799 sah Chasteler u. a. einen Vorstoß von Italien über 
Lausanne auf Bern vor. Dieser Plan wurde aber in Wien verworfen. Vgl. 
Hüffer, Der Krieg des Jahres 1799 und die zweite Koalition I, 287. 
Gleichwohl sind auf Chasteler vielleicht nicht ohne Einfluß geblieben zwei 
Denkschriften, die ein französischer Emigrant in österreichischen Marine- 
diensten, Kapitain Lespine, Ende Mai 1799 über eine Invasion in Frank- 
reich durch Dauphine bezw. Schweiz verfaßte. Vgl. Hüffer, Quellen I, 
No. 52 und 53. 



I 



Die Operationspläne für das Jahr 1800. 129 

Die Tatsache, daß die seit langem allgemein anerkannte 
und erst in der Revolutionszeit verletzte Neutralität der Schweiz 
eine militärische Vernachlässigung der französischen Juiagrenze 
zur Folge gehabt^), ließ ein Eindringen in Frankreich gerade 
von der Schweiz her mit Recht als aussichtsreich erscheinen, 
während es über die starke Rheingrenze sehr erschwert war, 
und vollends ein Eindringen in Südfrankreich, das seit dem 
Jahre 1792 zu den ständigen Programmpunkten der Koalition 
gehörte, aus Gelände- und Verpflegungschwierigkeiten niemals 
verwirklicht werden konnte und auch schon deshalb nicht die 
gleichen Aussichten bot wie ein Einfall vom Jura oder Ober- 
rhein, weil der Weg von Nizza nach Paris viel weiter und 
mühseliger ist, als von irgendeinem Punkte der Linie Mainz — 
Genf. 

Wenn das Eindringen in die Provence ebenso v.ie das 
Schweizerprojekt gerade von den Engländern besonders leb- 
haft betrieben wurdet, so war dafür der Einfluß der Emi- 

*) In Erkenntnis dieser Sachlage ordnete Napoleon am 25. /anuar 
umfassende Maßnahmen an, um die Festungen der Ostgrenze in Ver- 
teidigungszustand zu setzen. Correspondance VI, 4553. 

*) Im ersten englischen Kriegsplan für 1799 nahm die Eroberung der 
Schweiz die Hauptstelle ein, ebenso in dem abgeänderten Plan, der den 
Russen unter Suworow allein die Eroberung der Schweiz und von dort 
das Eindringen in Frankreich zuwies, während die Österreicher sie durch 
Einfall in die Provence auf der einen und die Belagerung von Hüningen 
auf der anderen Seite unterstützen sollten. (Vgl. Hüffer, der Krieg von 
1799, I, 105, 419 ff. und Quellen I, 20). Es ist der Plan, der, abgeändert 
und falsch in Angriff genommen, für den Ausgang des Jahres 1799 so 
verhängnisvoll wurde. In einem dritten Plane, den Wickham Ende Oktober 
1799 Suworow in Lindau für den Feldzug von 1800 unterbreitete, war die 
Sammlung einer Armee von lOOOOO Mann in englischem Sold, % aus 
Russen, Vs aus Deutschen, Schweizern und Emigranten bestehend, unter 
Suworow zur Eroberung der Schweiz vorgesehen. (Vgl. FortescueManu, 
Scripts VI (1908) p. XXIX). Das Schicksal dieses wie eines weiteren eng- 
lischen Planes vom November, bei dem ebenfalls die Schweiz beherrschende 
Rolle spielte (ebd. XXXI f.), braucht uns nicht näher zu beschäftigen^ 
weil sie aus hier nicht näher zu erörternden Gründen über das Vorstadium 
nicht hinauskamen. Dass auf österreichischer Seite der Erzherzog Karl 
die Bedeutung der Schweiz voll und ganz erkannte, zeigt u. a. ein Brief 
vom 9. Juli 1800 (Mitteilungen des k. k. Kriegsarchivs III. Folge I, 24), 
uo es heißt: „Die Operationen dieses Feldzuges sind ein neuer Beweis, 
nie unentbehrlich der Besitz von der Schweiz sei, um sich in Deutsch- 
Herrmann, Der Aufstieg Napoleons. 9 



130 Die Operationspläne 

granten und der Wunsch des Kabinetts von St. James, in der 
Schweiz das patrizische Regiment und in Frankreich das König- 
tum wiederherzustellen, nicht zuletzt maßgebend. Auch für 
die Juradepartements behaupteten nämHch die Emigranten eine 
starke royalistische Stimmung, wie sie für die Provence ver- 
bürgt war, und im Beginn des Jahres 1800 arbeiteten, von 
englischem Gelde unterstützt, Pichegru in der Franche Comte, 
Precy in Lyon, und Willot im Süden an einer Insurrektion^). 
Aber ihre Erfolge waren nur sehr geringe, nicht zuletzt wegen 
der wachsenden Sympathien, die Napoleon durch sein inner- 
politisches Wirken rasch auch in bisher royalistisch gesinnten 
Gegenden Frankreichs fand. Namentlich in England hatte man 
jedoch von der Bedeutung des 18. Brumaire und den Stim- 
mungen in Frankreich auf grund gefärbter Berichte aus roya- 
listischen Kreisen eine ganz verkehrte Vorstellung^), und ehe 
man an der Themse belehrt war, bedurfte es erst noch an- 
derer Proben von der Bedeutung der Ereignisse des 18. Bru- 
maire. Der folgenreichsten eine war es, als Bonaparte die 
Durchführung des österreichischen Kriegsplanes so gründlich 
vereitelte. 

Es leuchtet ein, daß es für die Gestaltung des Operations- 
planes für 1800 von höchster Bedeutung war, ob dieser Feldzug 
die Russen noch an der Seite der Österreicher im Felde sehen 
würde. Als dies trotz aller Differenzen, die schHeßlich den 
endgültigen Bruch herbeiführten^), noch immer im Bereich der 
Möglichkeit lag, um die Jahreswende, legte Thugut auf Drän- 
gen Mintos einen Kriegsplan vor, der zwar gescheitert ist, 
aber einen vöUigen Wandel in der Haltung des englischen 
Kabinetts gegenüber Österreich hervorgebracht hat, da Thugut 
zugleich mit diesem Operationsplan über die Bekämpfung Frank- 
reichs und über die österreichischen Landwünsche in Italien 



land und Italien behaupten zu können — ein Satz, den man mir in Deutsch- 
land nie zugeben wollte." 

') Daudet, Histoire de l'emigration und Fortescue Manuscripts 
VI, 39, 47. Vgl. oben S . . . 

") Zahlreiche Belege in den diplomatischen Depeschen der Zeit und 
auch in Fortescue VI. 

') Vgl. Hüffer, der Krieg von 1799 u. s. w. II, 211 ff., 268 ff. und 
oben Kapitel II. 



für das Jahr 1800. 131 

Ansichten entwickelte, die in London Zustimmung fanden und 
alten Streitigkeiten ein Ende machten*). Nach diesem Plane 
sollten Russen und Österreicher wegen der üblen Erfahrungen, 
die man mit ihrem Zusammenwirken im Jahre 1799 gemacht 
hatte, im kommenden Feldzug getrennt operieren und zwar 
sollten in Itahen, der Schweiz und Süddeutschland nur kaiser- 
liche Truppen zur Verwendung kommen, während die Russen 
über Mainz, und ein englisch-russisches Landungskorps von 
Belgien oder Holland aus gegen Paris operieren sollte. Schon 
daran, daß Suworow unbedingt eine österreichische Heeres- 
abteilung unter seinem Kommando haben wollte, Thugut das 
aber strikt ablehnte, hätte dieser Plan scheitern müssen-). 

Die Russen zogen seit dem 26. Januar 1800 unwiderruflich 
aus Böhmen ab^). Damit w^ar der Moment gekommen, einen 
neuen Operationsplan zu entwerfen, der nicht mehr mit den 
Russen, sondern nur noch mit den Kaiserlichen und jenen 
Truppen rechnete, die England zur Verstärkung der kaiser- 
lichen Heere von einigen süddeutschen Staaten in Sold zu 
nehmen damals bereits entschlossen war. Es war eben jener 
Plan vom 4. Februar, der auf die strategische Bedeutung der 
Schweiz so hervorragende Rücksicht nahm. 

Wie ein Keil schoben sich zwischen die österreichischen 

Stellungen am Rhein und in Oberitalien die von den Franzosen 

nach der zweiten Schlacht von Zürich eingenommenen Posi- 

! tionen in der Schweiz: „Das beste und wichtigste ist'', heißt 

I es denn auch in dem Kriegsplan vom 4. Februar, „die Fran- 

! zosen von hier zu vertreiben. Dann ist das Kriegstheater nach 

Frankreich zu übersetzen." 

Die Alpen, führt Chasteler weiter aus, teilen das Kriegs- 
theater in zwei Hauptteile. Der Rheinarmee fällt dement- 
sprechend die Aufgabe zu, die Franzosen aus der Schweiz 
zu verdrängen, die Erblande zu decken, Deutschland zu ver- 

'; Vgl. oben S. 67 ff. 
, ") Näheres über das Schicksal des Planes bei Hüffer, der Krieg 

[von 1799 II, 275 ff. und Minto an Suworow 3. Januar, an Wickham 4. 
jjaruar, an Grenville 6. und 16. Januar. P. R. O. Austria 58. Am 6. Februar 
i erst waren Mintos Depeschen in London, am 8. sprach Grenville 
'Minto die Zustimmung des Königs zu diesem Kriegsplane aus. R. O. 

') Hüffer, Quellen I, 526. 

9* 



132 Die Operationspläne 

teidigen und Frankreich an seiner schwächsten Stelle anzu- 
greifen. 

Diese Zwecke machen eine GUederung der Rheinarmee 
in drei Teile nötig, die zwar unter der Oberleitung eines Ge- 
neral en chef operieren, doch so organisiert sein müssen, daß 
sie auch jeder für sich bestehen und allein handeln könnea. 
Die Stärke der kaiserlichen Streitkräfte auf diesem Kriegsschau- 
platz wird auf 120 000 Mann angenommen, davon sollte die 
Hauptarmee, die sich am Ursprung der Donau mit Vorposten 
vom Bodensee bis Alt-Breisach zu versammeln hatte, aus 60 000 
Mann bestehen, der rechte Flügel zwischen Main und Neckar 
sowie der linke Flügel in Graubünden aus je 30 000 Mann. 

Die 60 000 Mann der zum Angriff auf die nördliche Schweiz 
bestimmten Hauptarmee sollten sich — in sechs Divisionen 
— zusammensetzen aus 40 000 Mann der besten K. K. Infanterie 
nebst allen ihren Grenadieren, 10 000 Mann schwäbischer Kon- 
tingentstruppen, ferner aus dem Gros und der Elite der Dragoner- 
regimenter, zahlreichem Kavalleriegeschütz und mehreren, auf 
Maultiere geladenen Gebirgskanonen. Es waren ferner für sie 
vorgesehen: Ein zahlreicher Generalstab, zwei Brückentrains, 
die nötigen Ingenieure und Belagerungsartillerie, hinreichend, 
um zwei Festungen zweiten Ranges gleichzeitig angreifen zu 
können. Der Munitionsvorrat sollte für drei bis vier Bela- 
gerungen hintereinander und so reichlich bemessen sein, daß 
ein möglichst lebhaftes Bombardement erfolgen könnte, denn 
„wenn man die Belagerungen nicht mit gleicher Tätigkeit und 
der größten Strenge betreibt, so führen selbst gewonnene 
Schlachten zu nichts .Wesentlichem und Festem". Die Operations- 
linie der Hauptarmee ist die Donau, ihre Hauptmagazine Ulm 
und Ingolstadt. 

Der rechte, zur Verteidigung des Reiches bestimmte, 
Flügel, als dessen Hauptquartier Heidelberg vorgesehen war, 
sollte aus je 10 000 Mann K. K. Infanterie, Kavallerie und 
Reichstruppen bestehen. Außerdem sollte auch das Mainzer 
Landesaufgebot mit ihm zusammenwirken. Die Operationen 
dieses „Defensivkorps" sollten durch die feindlichen Bewe- 
gungen gegen Mainz und im Unterelsaß bestimmt werden. Falls 
der Feind in diesen Gegenden schwach und defensiv blieb, 
durfte das Korps sich links zur Hauptarmee hinziehen. 



I 



für das Jahr 1800. 133 

Die 30 000 Mann des linken Flügels sollten sich, ent- 
sprechend ihrer ganz anders gearteten Aufgaben, zusammen- 
setzen aus 27 000 Mann Infanterie und 3000 Mann Kavallerie, 
teils kaiserlicher, teils bayrischer Kontingentstruppen. Er sollte 
einen Brückentrain und Gebirgskanonen führen. Tirol ist seine 
OperationsHnie, Dem Generalstabe sollten zweckmäßig jene 
Offiziere angehören, die im Feldzug von 1799 unter Bellegarde 
und Hotze gedient hatten. 

Die Armee in Italien — der Plan Chastelers ist ausdrück- 
lich als solcher für die Rheinarmee bezeichnet — sollte deren 
Hauptoperation in die Schweiz durch ihren rechten Flügel unter- 
stützen. Sie hatte sich dazu der Eingänge des Walliserlandes 
zu bemächtigen und hauptsächlich dem linken Flügel der 
Rheinarmee den nötigen Unterhalt aus dem Mailändischen und 
dem Piemontesischen zu beschaffen. In der Gegend von Genf 
sollte dieser rechte Flügel der italienischen Armee mit der deut- 
schen Fühlung nehmen; er war auf 15 000 Mann berechnet. 

Die Offensive in die Schweiz war im einzelnen folgender- 
maßen gedacht. Um die verschiedenen Flußabschnitte der Thur, 
Töß, Glatt und jene der Limmat und Reuß, die ihre Wässer 
unterhalb Brugg mit der Aar vereinigen, und schließlich diese 
Aar selbst zu umgehen, sollte der Angriff auf die Schweiz vom 
linken Aarufer her unternommen werden. Auf der anderen Seite 
umgeht das Rhonetal gewaltige Gebirgsmassen und die dort 
entspringenden Flüsse. Auf der Straße, die durch das Rhonetal 
über Lausanne nach Freiburg, d. h. hinter alle diese Fluß- 
abschnitte führte, sollte daher der über den Großen St. Bernhard 
ziehende italienische rechte Flügel der deutschen Armee die 
Hand reichen. Ein Detachement des Graubündener Korps von 
5000 Mann sollte sich, über den Gotthard kommend, im Wallis 
mit ihm vereinigen. 

Man versprach sich Großes von diesem Plane: „Eine ein- 
zige gewonnene Schlacht zwischen Aar und Bielersee macht 
uns Meister der gesamten Schweiz, denn sie stellt uns in den 
Rücken aller ihrer DefensionsHnien." Das einzige Hemmnis 
gegen diesen Angriff, den Rhein, hoffte Chasteler darum be- 
zwingen zu können, weil die Zentralposition, welche die Haupt- 
armee auf der Sehne des Halbkreises, den der Rhein vom 



134 Die Operationspläne 

Austritt aus dem Bodensee bis Breisacli bildet, einzunehmen 
gedachte, die Hoffnung gab, auf dem Radius marschierend, 
einen vom Feinde wenig gedeckten Übergangspunkt erreichen 
zu können. Im Falle eines unglücklichen Ausganges boten Rhein 
und Schwarzwald der zurückweichenden Armee eine Schutz- 
wehr. 

Während des Angriffs über den Rhein und auf das Wallis 
sollte das nach Abzug des Gotthard-Detachements noch 25 000 
Mann zählende Graubündener Korps, das Lager von Feldkirch 
für alle Fälle im besten Verteidigungszustand zurücklassend, über 
Sargans, Wallenstadt, Zürich an die Aar vordringen, um diese 
unterhalb der Limmatmündung zu überschreiten, gegen Dele- 
mont vorrücken, um den linken Flügel der Hauptarmee zu 
bilden, bis Nidau am Nordende des Bielersees sich ausdehnend. 
Der Zwischenraum zwischen Neuenburger- und Bielersee sollte 
stark verschanzt werden. Indem die Divisionen von der italie- 
nischen Armee sich zwischen dem südlichen Teil des Neuen- 
burgersees und Lausanne aufstellten, ja vielleicht bis Genf vor- 
dringen sollten^), um sich dort eventuell mit jenen Teilen der 
italienischen Armee, die inzwischen Savoyen erobert, zu ver- 
einigen, würde die Armee die Linie Basel-Illquelle — Genfersee 
erreicht haben. Hüningen und Landskron sollten mit allem 
Nachdruck belagert und genommen, eine starke Avantgarde 
eventuell bis Beifort vorgeschoben werden, die ins Oberelsaß 
und in die Franche Comte Streifkommandos entsenden könnte. 

So groß sollte das Resultat der ersten Operation sein. Der 
zweite Akt sollte dann darin bestehen, daß die Hauptarmee 
sich auf den Vogesen festsetzte und Beifort und Neu-Breisach 
belagerte. Der linke Flügel hatte sich inzwischen längs des 
Doubs auszudehnen und vielleicht bis zur Saone vorzudringen. 
Die italienische Armee sollte nach der Eroberung von Savoyen 
auf Dijon marschieren und sich nach rechts ausdehnen. Ihr 
linker Flügel hatte sich längs der Rhone zu verbreiten und 
sich mit einem englischen Landungskorps in Verbindung zu 
setzen. 

Falls dann die Franzosen, wie man vermutete, ihre Haupt- 
macht in Lothringen, der Franche Comte und Burgund konzen- 

*) Man beachte die Abweichung; oben S. 133 heisst es „gegen Genf". 



für das jähr 1800. 135 

trierten, sollte auch das rechte Flügelkorps der Rheinarmee 
oberhalb Straßburg den Rhein überschreiten und in Ober- 
lothringen eindringen. Zur Deckung Deutschlands gegen feind- 
liche Streifzüge sollten die instandgesetzten Festungen Philipps- 
burg und Würzburg, Kavallerieabteilungen und die Landes- 
aufgebote dienen'). 

Wie ist dieser Entwurf zu beurteilen? Vor allem springt 
in die Augen, daß er viel zu kompliziert, was von den österrei- 
chischen Operationsplänen jener Zeit überhaupt sehr häufig 
gilt. Es ist zuviel Mathematik darin. In der Praxis wird es nicht 
häufig geschehen, daß die Bewegungen verschiedener, in ihrem 
Ausgangspunkt so weit auseinanderliegender Heeresteile unge- 
fährdet in einem Ziele sich treffen'), daß nicht vielmehr an einem 
Punkte ein Mißlingen erfolgt, das leicht dem Ganzen verderb- 
lich wird. Es war wenig wahrscheinlich, daß die Franzosen 
von ihrer Zentralstellung in der Schweiz aus nicht wenigstens 
eine der vier gegen sie angesetzten Heeresteile hätten über- 
wältigen sollen. 

Immerhin, die Österreicher hätten, schon wegen ihrer da- 
maligen numerischen Überlegenheit, Aussichten auf schöne Er- 
folge in der Schweiz gehabt, hätte man rechtzeitig im Frühjahr 
mit der Ausführung des Planes vom 4. Februar beginnen können. 
Doch dazu fehlte die Voraussetzung: reiner Tisch in ItaUen, 

Der Plan Chastelers nimmt an, daß die italienische Armee 
imstande ist, ein Korps zur Unterstützung der deutschen Armee 
nach der Schweiz zu senden und daß ihre Hauptmacht Savoyen 
angreift! Voraussetzung dafür war aber wieder die Eroberung 
der Riviera. 

Wegen des unheilvollen Abmarsches Suworows in die 
Schweiz war im Herbste des Vorjahres nach dem Siege bei Novi 
der aussichtsreiche Zug in die Riviera unterblieben, deren Er- 
oberung, wenn sie noch 1799 erfolgt wäre, dem Feldzug von 
1800 eine ganz andere Gestalt gegeben, die Durchführung des 

*) Der Kriegsplan vom 4. Februar im Wien. Kriegsarchiv, Deutsch- 
land 1800, F. A. II, 12'/,. 

Dass der Moltkesche Satz : „Getrennt marschieren und vereint 
schlagen" und seine geniale und kühne Anwendung 1866 für die hier vor- 
H'agenden Verhältnisse und bei den damaligen österreichischen Führern nicht 
ziim Vergleich herangezogen werden kann, bedarf kaum der Erwähnung. 



136 Die Operationspläne 

Planes vom 4. Februar, soweit die italienische Armee dabei 
in Frage kam, ermöglicht hätte. Nicht nur wegen der ita- 
lienischen Politik der Hofburg, auch aus militärischen Rück- 
sichten durfte die Eroberung der Riviera, wenn man sie zeitig 
genug in Angriff nahm, für das Jahr 1800 die erste Aufgabe der 
Österreicher sein. Das war denn auch in der Tat die Absicht 
der Hofburg. Die Riviera sollte erobert werden, und während 
ein Teil der Armee den zurückweichenden Franzosen nach 
Frankreich hinein folgen sollte, um den Royalisten und den 
englischen Landungstruppen die Hand zu reichen, sollte der 
andere durch die Schweiz und Savoyen vordringen. 

Im nächsten Kapitel wird gezeigt, daß man diese Aufgabe 
zu spät angriff, was geradezu ein Verhängnis geworden ist für 
den Qesamtverlauf der militärischen und politischen Ereignisse 
im Jahre 1800. 

In Deutschland lag, den Krieg des Jahres 1800 als 
Einheit betrachtet, auch für die Österreicher das Hauptinteresse 
und auch, wenn man die Bedeutung der Riviera für die Öster- 
reicher anerkennt, bleibt es zu tadeln, daß sie, was keineswegs 
unvermeidlich war, über der Aktion in die Riviera die Offen- 
sive der deutschen Armee vernachlässigten. 

In den Grundlagen wurde nämlich der Plan Chastelers an- 
genommen^), aber unter den Einwendungen, die der Kaiser 
gegen seine sofortige Durchführbarkeit vorbrachte, ist die 
entscheidende eben die, daß erst die italienische Armee die 
Riviera erobert haben müsse, bevor sie ein Korps nach der 
Schweiz abgeben könne. Ehe aber dies nicht geschähe, soUte 
auch die Eroberung der Schweiz nicht begonnen werden"). 
Der Kaiser normierte das italienische Unterstützungskorps sogar 
auf 25 000 bis 30 000 Mann. 

*) Das beweist indirekt die Korrespondenz Krays mit Melas u. dem H. K. 
R. und ein Brief des Erzherzogs Karl vom 11. April (Mitteilungen des k. k. 
Kriegsarchivs III, I S.8ff., womit dieÄußerung desErzherzogs vom 9.Juli 
(vgl. oben S. 129 Note 2) wohl nicht im Widerspruch steht. Auch die 
Sendung Chastelers ins deutsche Hauptquartier „um daselbst bei dem 
zusammenzusetzenden Comite d'op^rations verwendet zu werden", spricht 
dafür (Kriegsarchiv a. a. 0. III, 155). — Von einer offiziellen An- 
nahme des Kriegsplanes ist mir indes nichts bekannt geworden. 

*) Kaiser Franz an Kray Februar 1800, Kriegsarchiv a. a. O. II, 89- 



für das Jahr 1800. 137 

Wichtig ist nun, daß für die Zwischenzeit ein weiterer 
Operationsplan für die deutsche Armee überhaupt nicht vor- 
liegt. Nur Anregungen sind es, die der Kaiser nach dieser 
Richtung gibt, und wenn die Korrespondenz Krays, des öster- 
reichischen Oberkommandierenden in Deutschland, deutlich be- 
weist, daß er von Wien keine bestimmte Ordre hatte, so auch, 
daß er seinerseits ebensowenig einen neuen oder proviso- 
rischen Plan aufstellte. „Nach den Umständen** handeln zu 
wollen, hat er mehr ials einmal ausgesprochen. 

Der Kaiser hielt es indes nicht für rätlich, den ersten 
Angriff des Feindes diesseits des Rheins ruhig abzuwarten 
und ihm Zeit zu lassen, seine noch unvollkommjenen Rüstungen 
zu vollenden. Aber sehr bescheiden ist es doch, wenn er an- 
heimgibt, „in Überlegung zu ziehen, mittlerweile zu einer oder 
der anderen Operation zu schreiten, die uns das Ansehen der 
Offensive gibt oder eventuell vielleicht für die Vertreibung der 
Franzosen aus Kehl oder anderen rechtsrheinischen Punkten 
von einigem Nutzen sein könnte". 

Von hohem Interesse ist in demselben kaiserlichen Briefe 
eine auch an die anderen kommandierenden Generale ergangene 
geheime Anweisung, die uns verrät, daß der horror, den man 
noch 1814 vor einem Einfall in Frankreich hatte, wohl un- 
unterbrochen seit der verunglückten Invasion des Jahres 1792 
fortgewirkt hat. Der Kaiser erklärt, daß es niemals seine Ab- 
sicht sei, „sich zu allzutiefem Vordringen in die inneren Pro- 
vinzen Frankreichs einzulassen, so daß bei einem Unglück 
meine Armeen in beschwerlichem Rückzug der Gefahr ihrer 
Vernichtung und nachher meine eigenen Staaten feindlichen 
Einfällen und Verheerungen ausgesetzt wären". Daher muß 
bti der Operation gegen die Schweiz das Hauptaugenmerk 
darauf gerichtet sein, im oberen Elsaß und bis Beifort und 
ar den Grenzen der inneren Provinzen Frankreichs festen Fuß 
zu fassen, um zu sehen, ob die Sorge vor weiteren Fortschritten 
nicht vielleicht zu einer inneren Wendung in Frankreich und 
zu allgemeinem ehrenvollen Frieden führt, „wohingegen wirk- 
liche Vertiefung und gewagte Unternehmungen in dem inneren 
Frankreich hauptsächlich den Alliierten, mittels schicklicher Lan- 
dung und Vereinigung mit den französischen Mißvergnügten, 



138 Die Operationspläne 

und zwar um so billiger zu überlassen sein werden, als, wie 
immer der Ausschlag solcher Versuche beschaffen sein mag, 
die Alliierten dennoch wegen ihrer geographischen Lage für 
ihre eigenen Lande nichts zu besorgen haben können". 

Es sollte noch lange dauern, bis die Kriegskünstler des 
alten Europa die Erkenntnis gewannen, daß der Mann, der 
ihre Maximen so gründlich vernichtet, seinerseits nur in den 
Mauern von Paris zu besiegen war. 

Die Offensive in der Schweiz ist also ausdrücklich von 
Melas' Erfolgen abhängig gemacht, aber selbst die bescheidene 
Offensive, die der Kaiser in seinem Schreiben an Kray in der 
Zwischenzeit vorsieht, hält dieser nicht für angängig, fürchtet 
vielmehr eine gegen sich gerichtete Konzentrierung des Fein- 
des, den er überlegen glaubt, und stellt darum Melas am 
am 26, März vor, ob er nicht, um die Offensive in die Schweiz 
beginnen zu können, auch vor oder während der Expedition in 
die Riviera ein Korps bei Bellinzona erwarten dürfe, das gegen 
den Bernhard — muß offenbar Gotthard heißen — vorstoßen 
soll, um den Feind an den kleinen Kantonen zu fixieren. Andern- 
falls würde seine Operation aus Bünden und dem Vorarl- 
bergischen alle Wahrscheinlichkeit des Erfolges verlieren^). 

Als Melas ihm am 3. April aus Alessandria antwortete, 
daß er bis zum Erfolg seiner Unternehmung in die Riviera 
an keine weitere Operation außerhalb Italiens denke, ihn aber 
bat, ihm seine Meinung über ihr künftiges Zusammenwirken 
bestimmt zu äußern, hat Kray ihm am 12. den Offensivplan 
gegen die Schweiz, allerdings nicht ganz übereinstimmend mit 
dem Entwurf Chastelers, entwickelt: Ein starkes Korps der 
itahenischen Armee — kleine über Gotthard, Simplon und Klei- 
nen St. Bernhard operierende Abteilungen wären nur der Ge- 
fahr ausgesetzt, aufgerieben zu werden — sollte über den 
Kleinen St. Bernhard und das Unterwallis in den Rücken der 

') Kray an Melas 26. März. Ebda. III, 130. — Eine Anweisung aus 
Wien an Melas über ein Zusammenwirken mit Kray im Sinne des oben 
entwickelten Kriegsplanes liegt uns nicht vor. Auch über eine Mitteilung 
des Kriegsplanes an das englische Kabinett fand sich nichrs ; sie war 
auch nicht nötig, da auf Wickhams Rat das englische Kabinett schon 
Mitte Februar auf jeden Einspruch und jede Kritik der österreichischen 
Kriegführung verzichtete. Fortescue VI, XXXXIV. Vgl. oben S. 72. 



für das lahr 1800. 139 

Franzosen vorstoßen. Er selbst würde dann den Rhein über- 
schreiten, gegen Zürich vordringen — also keine Umgehung 
der Flußabschnitte! — und seine Vereinigung mit dem ita- 
lienischen Korps bei Bern anstreben. Der gleichzeitige Angriff 
von Front und Rücken sollte die Franzosen zur Räumung der 
Schweiz nötigen. Auf diese Weise werde zugleich auch der 
bei Dijon sich bildenden Reser\-earmee die Stirn geboten. 
Deutschland sollte durch die mit der Einschließung von Hü- 
ningen und Beifort betrauten Truppen gedeckt werden^). Melas' 
Antwort vom 22. April, mit der Versicherung, nach Gelingen 

1 des Angriffes auf die Riviera nichts versäumen zu wollen, bis 
dahin aber keine Entscheidung treffen zu können, kam infolge 

I der kriegerischen Ereignisse erst in Krays Hände, als er bereits 
bis an den Inn zurückgewichen war"). 

Obwohl kein Geringerer als der Erzherzog Karl die An- 
sicht vertritt^), Melas habe das zur Eroberung der Schweiz 
für notwendig erachtete Hilfskorps erst nach Eroberung der 
Riviera abgeben können, wird uns die weitere Betrachtung 
zeigen, daß Melas ohne Not ein Korps gegen die Schweiz hätte 
vorstoßen lassen oder wenigstens an den Ausgängen der Alpen- 
täler hätte aufstellen können, und daß dies die Operationen 
der Reservearmee geradezu unmögHch gemacht haben würde. 
Da Kray selbst zu keinem Entschluß gekommen war, wurde 
ihm vom Gegner das Gesetz des Handelns aufgezwungen, und 
wenn er schließlich nach den Umständen zu handeln sich ent- 
schloß, so lehrt uns Kapitel V, wie wenig er diesen Umständen 
gewachsen war. 

II. 
DerfranzösischeOperationsplan und seine Wandlungen^). 

Wenn der österreichische Operationsplan vom 4. Februar 
zeigte, daß man den Vorteil erkannte, den der Besitz der 
Schweiz den Franzosen gab, so waren diese durchaus ent- 
schlossen, diesen Vorteil gehörig auszunützen. Napoleon, der 

') Suppl. 1800 IV, 19; F. A. IV, 55; H. K. R. IV, 26.- 
') Kriegs archiv F. A. IV, 88. — '; Mitteilungen a. a. O. S. 8. 
*> Für den folgenden Abschnitt vgl. Herrmann, Marengo S. 83 ff . 
„Der französische Kriegsplan". 



140 Die Operationspläne 

einmal den Ausspruch getan, er werde in der Schweiz nie 
einen anderen Einfluß dulden als den seinigen, und sollte es 
ihn 100 000 Mann kosten, hat im Jahre 1800 alle seine Ope- 
rationspläne auf die Schweiz basiert, d. h. die auf ein Zu- 
sammenwirken der französischen Streitkräfte berechneten. Diese 
Pläne sind schon darum besonders bemerkenswert, weil wir im 
Jahre 1800 Napoleon zum erstenmal über die Anlage eines auf 
verschiedenen Schauplätzen ausgefochtenen Krieges entscheiden 
sehen, während er vorher nur einzelne Feldzüge entworfen oder 
geleitet hatte. Im Jahre 1800 schwebte ihm ein inniges In- 
einandergreifen der Armeen in der Riviera, an der deutschen 
Grenze sowie der neu zu bildenden Reservearmee vor. 

Eine Konferenz, die Bonaparte am 4. Dezember 1799 an- 
ordnete^), und in der Berthier, Moreau unc^^ Clarke einen 
Operationsplan für die Rheinarmee beraten sollten, hat keine 
erkennbaren Spuren hinterlassen. Wir dürfen aber annehmen, 
daß sie der Absicht des Ersten Konsuls entsprang, wenn mög- 
lich schon um die Jahreswende, sowohl durch Massena wie 
Moreau, die Offensive beginnen zu lassen^), und wir wissen, 
daß schon damals dem Ersten Konsul wie auch Moreau über- 
einstimmend die überragende Bedeutung des deutschen Kriegs- 
schauplatzes über den in OberitaUen voll bewußt war^). An 
der Donau entlang führt der kürzeste Weg in das Herz der 
österreichischen Monarchie, und die Theorie ebenso wie die 
Praxis, u. a. die Feldzüge von 1796/7, 1800, 1805, 1809, lehren 
uns, daß zwar die Ereignisse in Deutschland eine unmittelbare 
Wirkung auf die Operationen in Oberitalien ausüben, nicht 
aber auch das Umgekehrte der Fall ist*). Auf die Verstärkung 
und Ausrüstung der Armee Moreaus wurde denn auch dem- 
entsprechend weit mehr Sorgfalt verwendet als auf die Mas- 



') Correspondance VI, 4413. - ') Vgl. unten Kapitel IV und V. 

") Vgl. Correspondance VI, 4432; Memoires de Ste. Helene (Mon- 
tholon, Paris 1823) I, 43f.; Picard, LaCampagnedelSOOen Allemagne. 
Paris 1907 I, 371 f. 

Denkbar deutlich entwickelt Napoleon für die Situation von 1800 
dies als seine Ansicht in Correspondance XXX, 485. Vgl. auch ebda, 
p. 592: La frontiere d'Allemagne etait dans cette campagne la predomi- 
nante etc. 



für das )ahr 1800. 141 

Diese Sachlage läßt uns auch bereits ahnen, welche Ab- 
sichten Napoleon mit der sogenannten Reservearmee von Dijon 
verfolgte, obwohl er, als er am 25. Januar 1800 zum erstenmal 
von der Bildung einer Reservearmee sprach^), noch nichts über 
ihre Verwendung sagt, sondern nur ihre Konzentrierung in der 
Linie Lyon, Dijon, Chälons sur Marne verfüjgt, was später'^) 
die Einschränkung auf den Umkreis von Dijon erfuhr. Auch 
das läßt noch keinen Schluß zu auf seine Absichten, denn 
Dijon liegt gleich weit (ca. 200 km) von Basel und Genf, 
Straßburg, Schaffhausen, Zürich einer-, St. Gotthard und 
Mont Cenis anderseits (ca. 280 km), gleichweit endlich auch 
(ca. 440 km) von Frankfurt am Main und Genua entfernt^). 
Zweifellos hat auch Napoleon, der sich niemals starr auf eine 
Schablone festlegte, bei der Wahl des Versammlungspunktes 
der Reservearmee mit der Möglichkeit, sie auf verschie- 
denen Schauplätzen einzusetzen, gerechnet. Aber da er die 
größere Wichtigkeit des deutschen Kriegsschauplatzes erkannte, 
und da er ferner von vornherein sich das Kommando der 
Reservearmee ausdrücklich vorbehielt^), ist eigentlich schon 
daraus zu schließen, daß Napoleon die Reservearmee in 
Deutschland einzusetzen und dort das Kommando zu über- 
nehmen zunächst beabsichtigte. 

Das ist jedoch lebhaft umstritten, und die Haltung des 
Ersten Konsuls selbst sowie zahlreiche sich widersprechende 
Äußerungen von ihm haben dieser Kontroverse Nahrung ge- 
geben. Wir werden also genauer zu zeigen haben, daß die 
scheinbare Unentschlossenheit Napoleons nur eine aus poli- 
tischer Klugheit geschickt vorgenommene Maske war, und daß 
der schließlich zur Durchführung gelangende französische 
Kriegsplan' den ursprünglichen und eigentlichen Absichten des 
Ersten Konsuls nur mehr sehr wenig entsprach, weil Verhält- 
nisse und Personen ihn nötigten, diese mehr wie einmal zu 
verändern. 

Da es sich wegen der Rückständigkeit der Rüstungen als 
unmöglich herausstellte, die Feindseligkeiten schon zu Anfang 
des Jahres zu beginnen'^ ), eilte es nicht mit der Aufstellung 

') Correspondance VI, 4552. — ") Ebda. Nr. 4651. 

') Cugnac, Campagne de l'armee de reserve en 1800. I, 87. 

*) Correspondance VI, 4552, 4651. — ") Picard a. a. O. I, 383 ff. 



142 Die Operationspläne 

eines Kriegsplanes. Schon am 21. Dezember hatte Napoleon 
angeordnet, daß Moreau einen Feldzugsplan einreichen sollte, 
aber erst am 31. Januar forderte er durch Duroc erneut eine 
Äußerung Moreaus über den Feldzugsbeginn^), worauf dieser 
abermals nur ganz allgemein erklärte, daß an einen Angriff 
noch nicht zu denken sei^). Als er auch nach wiederholter 
Aufforderung noch zu keinem festen Plan gelangt war und 
nur dilatorische Äußerungen vernehmen ließ'^), obwohl er in- 
zwischen über den definitiven Abzug der Russen unterrichtet 
war, sandte ihm der Erste Konsul unter dem 1. März zwei 
Schriftstücke^), die eine Neueinteilung der Rheinarmee ver- 
fügen und außerdem für sie den genialen, die Hauptlehren 
der Napoleonischen Strategie kennzeichnenden, Plan aufstellen, 
sich bis zum 22. März zwischen Basel und Konstanz zu sam- 
meln ^), zwischen Schaffhausen und Konstanz diese gesammelte 
Kraft auf drei Brücken über den Rhein zu führen und die 
österreichische Armee vom linken Flügel her aufzurollen und 
zwischen Schwarzwald und Rhein zu drängen, kurz, den Öster- 
reichern das Schicksal zu bereiten, das Mack im Jahre 1805 
wirklich ereilt hat, und dem nahe kommen die Situation, die 
Napoleon 1800 Melas, 1806 den Preußen in Thüringen bereitete. 

War Moreau schon durch diesen kühnen Plan verblüfft, 
so noch mehr dadurch, daß Bonaparte in Aussicht stellte, er 
werde, falls die Dinge in der Hauptstadt weiterhin gut verliefen, 
— die Pazifizierung des Westens vor allem war gesichert — 
selbst für „einige Tage" zur Rheinarmee kommen®). Das war 

') Correspondance VI, 4433 bezw. 4557. 

^) Picard a. a. 0. I, 390 ff. — ') Ebda. I, 400, 406, 447. 

Correspondance VI, 4626 u. 27; Gourgaud, Memoires de Ste. 
Helene I, 129 f. 

^) Die Strecke Mainz— Basel sollte, was vielleicht übertrieben war, 
bis auf einige Depotbataillone in den Festungen ganz entblößt werden. 

'') Auch an Brune, damals Kommandant der Ostarmee, schrieb 
Bonaparte am 5. März (Correspondance VI, 4639), dass er sich gegen 
den 1. April zur Rheinarmee begeben werde. Und sogar schon vom 25. 
Februar ist eine entsprechende Äußerung überliefert (ebda. 4619). Damit 
stimmt überein, wenn Hudelist schon am 3. und 11. März nach Wien melden 
kann, Beurnonville erkläre beständig, der Erste Konsul werde sich im Falle 
^es Kriegsausbruches an die Spitze der Rheinarmee stellen. (Wien. Staats- 
archiv). Noch frühere Datierung dieser Absicht, Ende 1799, bei Brück- 



für das )ahr 1800. 143 

deutlich I Wohin Bonaparte kommt, will und muß er herr- 
schen. Das wußte Moreau und er war nicht gewillt, den 
scheinbar so harmlos sich Ankündigenden aufzunehmen, d. h. 
sich ihm im Kommando unterzuordneni). 

Daß nun Bonaparte nicht die Absicht hatte, und nach 
Lage der Dinge mit Recht, gewaltsam durchzusetzen, was er 
I nicht auf gütlichem Wege erreichen konnte, hat jene merk- 
I würdigen, nur im damaligen Frankreich möglichen Verhand- 
lungen zwischen der Pariser Regierung und dem Komman- 
' danten der Rheinarmee zur Folge gehabt, die mit der weiteren 
* Ausgestaltung des Operationsplanes aufs engste zusammen- 
hängen. 

Am 1. März hatte Bonaparte seine Absichten nur ange- 
deutet. Um Genaueres über „den Plan der ersten Operationen, 
der mit dem der anderen Armeen kombiniert ist", zu er- 
fahren, sollte Moreau seinen Generalstabschef Dessolle oder 
den General Lecourbe nach Paris senden. Letzterer war offen- 
bar deshalb vorgeschlagen, weil ihm nach Bonapartes Absicht 
die besonders wichtige Aufgabe zufallen sollte, mit einem 
Reservekorps die Schweiz zu bewachen und seine Operationen 
mit denen der italienischen Armeen zu kombinieren. Moreau 
wählte aber Dessolle zum Interpreten seiner von denen Napo- 
leons so erheblich abweichenden Ansichten, die er diesem zu- 
gleich auch brieflich entwickelte.^) Die Entscheidung brachten 
I jedoch die Konferenzen zwischen Napoleon und Dessolle, der 
am 13. März in Paris eintraft). 

Moreau, das tritt ganz unzvreideutig her\'or, war nicht 
imstande, Napoleons Plan zu erfassen, und weigerte sich dem- 
entsprechend entschieden, ihn auszuführen. Zunächst beeilte 
er sich zwar, seine Armee den Anordnungen Bonapartes ge- 
^mäß zu konzentrieren, und Heß, obwohl er die Ankunft Napo- 
|leons für gewiß annahm^), zunächst noch keine Unzufriedenheit 
damit durchblicken, doch kündigte er Napoleon die Ankunft Des- 
solles an, der ihm seine Absichten für die Feldzugseröffnung 

jner, Materialien zur Biographie des Grafen Panin V, 223. Die Dar- 
stellung Gourgauds a. a. 0. I, 130 f., ist unrichtig. 

') Gouvion St. Cyr, Memoires II, 103; Thiebault, Memoires III, 
334;.Picard I, 409 f. — -"; Picard I, 409 ff. 

') Cugnac I, 93f. und Note; Picard I, 165ff. — *) Picard I, 409f. 



144 Die Operationspläne 

mitteilen werde. Schon in einem Briefe vom 15.^) entwickelte 
er jedoch seine abweichenden strategischen Ansichten über 
den deutschen Kriegsschauplatz, wie sie auch DessoUe Napoleon 
gegenüber mündlich vertrat'^). Und am 21. März endlich 
erklärte er unumwunden, er habe die neue Organisation und 
Aufstellung der Armee nur deshalb vorgenommen, weil er sich 
nicht mehr als deren Befehlshaber ansehe^). Er würde nur 
eine Armee gegen den Feind führen, die er selbst organisiert 
habe und nur nach seiner Methode der Kriegführung würde 
er ihre Bewegungen einrichten, da er glaube, man könne nur 
seine eigenen Ideen gut ausführen. 

Welches waren nun diese Ideen? Sie basierten durchaus 
auf den Rezepten der Jahre 1796 und 1797 und damit auf 
der alten Vorstellung, daß es gefährlich sei, bei einem fran- 
zösischen Angriff auf Deutschland den Stützpunkt, den die 
Brückenköpfe von Mainz, Kehl, Breisach und Basel boten, 
nicht zu benutzen. Man müsse den Feind dadurch zu De- 
tachierungen nach allen diesen Richtungen zwingen, so zwar, 
daß man ihn über den Hauptangriffspunkt täusche und mit 
seinem Hauptkorps die Überlegenheit über ihn besitze. Statt, 
wie Napoleon lehrt, in Masse auf einer Operations- 
linie vorzudringen, will Moreau deren mehrere haben. Gegen 
Bonapartes Plan machte dieser auch noch den Einwand geltend, 
daß der zur Verfügung stehende Raum zur Entwickelung seiner 
Heeresmacht nicht ausreichen werde; begründeter vielleicht 
waren seine Bedenken wegen der Verpflegung, die ihn sogar 
veranlaßten, die Vollendung der bereits begonnenen Konzen- 
trierung zu suspendieren. Es braucht hier nicht theoretisch 
erörtert zu werden, da es praktisch aus den Operationen Mo- 
reaus deutUch werden wird, daß und warum Bonapartes Plan 
der überlegene war, daß derjenige Moreaus weitgehend mit 
Torheiten, zum mindesten einem passiven Verhalten des Geg- 
ners rechnete, der keineswegs notwendig allen Bewegungen Mo- 
reaus zu folgen brauchte, vielmehr die Offensive ergreifen und 
die einzelnen französischen Kolonnen — man denke allein an 

^rEbTa, 411 ff. — ') Ebda. 41 6 ff. 

"j Noch am 2. April, als die Gefahr bereits vorüber war, hat MO' 
reau erklärt, dass er sein Kommando niedergelegt hätte, wäre Napoleon 
zur Rheinarmee gekommen. Picard I, 430. 



für das Jahr 1800. 145 

die Entfernung der Mainzer von den anderen Kolonnen — 
schlagen konnte, wenn es nicht mehr gelang, sie rechtzeitig 
wieder zu vereinigen. 

Wenn uns Kapitel V die Mängel von Moreaus Plan zeigen 
Avird, werden wir freilich nicht vergessen dürfen, daß ein auf- 
merksamer Gegner den Franzosen auch bei einem Rheinüber- 
gang zwischen Schaffhausen und Konstanz genug Schwierig- 
keiten machen konnte, und daß Napoleon vielleicht allzu zu- 
versichtlich auf eine Überraschung des Gegners, auf eine Ver- 
schleierung der Konzentration der Rheinarmee durch den Strom 
rechnete. In der Tat hat ein lebhafter Spionendienst zahlreiche 
Nachrichten über die Operationen der Gegner auf beide Seiten 
des Rheines getragen. 

Vergeblich bemühte sich Bonaparte in mehrtägigen Kon- 
ferenzen (13. bis 17. März), DessoUe für seinen Plan zu ge- 
winnen. Der Generalstabschef Moreaus, ein überaus feiner Kopf, 
erkannte zwar persönlich dessen Überlegenheit über den Plan 
Moreaus an, machte aber schließHch nicht mit Unrecht gel- 
tend, man müsse Moreau, dessen Anlagen und Charakter die 
Grundsätze Napoleons nicht entsprächen, solle er sein Kom- 
mando ersprießhch führen, auch nach seiner Weise Krieg führen 
lassen; er bat schließlich im Namen Moreaus um Ernennung 
eines Nachfolgers, falls Napoleon auf seinem Plane bestände^). 
Dieser gab, wenn auch wohl nur schweren Herzens, nach und 
er konnte kaum anders handeln, zum mindesten lag es nicht 
in seinem Interesse. Noch war seine usurpierte Stellung nicht 
befestigt genug, um es auf einen offenen Bruch mit einem 
•Manne ankommen zu lassen, der eine zum Teil doch wohl 
unverdiente Bewunderung genoß und damals neben anderen 
als nicht ungefährUcher Rivale des Ersten Konsuls galt-), wenn 



*) Über DessoUes Verhandlungen mit Bonaparte vgl. Memorial du 
d?pöt de la guerre V, 158. (Brief Dessolles an C arrion- Nisas von 
1S25); Thiers, Histoire du consulat et de l'ernpire I, 262, der sich 
ebenfalls auf Dessolles persönliches Zeugnis beruft, und Picard I, 165, 
— Napoleons Gründe für seinen Plan in den Aufzeichnungen Gourgauds 
und Montholons, bei denen jedoch, wie stets, Vorsicht geboten ist. 

^ Z.B.Bericht eines englischen Agenten aus Paris vom 13. August. 
Beilage eines Berichtes von Hudelist nach Wien vom 13. September. Wien. 
Staatsarchiv. — Über Noreau vgl. auch unten Kap. 5. 

Herrmann, Der Aufstieg Napoleons. \Q 



146 Die Operationspläne 

auch Aloreaus Ehrgeiz um jene Zeit noch kaum ernsthch auf 
poHtisdliem Gebiete lag. So hat sich denn Napoleon eifrig 
benjüht, bei Moreau keine Mißstimmung über den berührten 
Zwischenfall aufkommen zu lassen^). 

Dieser Zwischenfall war nach der Unterredung mit Des- 
soUe für Bonaparte erledigt; er hatte damit darauf verzichtet^), 
das Kommando in Deutschland zu übernehmen, und fortab stand 
für ihn der Entschluß fest, das Schwergewicht seiner PersönHch- 
keit in Italien einzusetzen^), diesem Kriegsschauplatz durch sein 
persönliches Eingreifen die Bedeutung zu geben, die er, wie 
wir wissen, an und für sich nicht besaß. 

Wenn Napoleon, wie eine allerdings ungezeichnete Nieder- 
schrift vom 18. Februar und mehrfache Verordnungen über 
Erkundung der Alpenstraßen und Proviantansammlungen aus 
dieser Zeit zeigen^), schon damals mit der Möglichkeit eines 
Zuges über die Alpen gerechnet hat, so ist das kein Beweis 
dafür, daß er nicht ernstlich an die Übernahme des Kom- 
mandos in Deutschland gedacht. Auch hier sind die Voraus- 
setzung für den Einbruch in Italien Erfolge in Deutschland, 
und er sagt nicht, daß er diese Voraussetzung nicht selbst 
schaffen wollte. War übrigens die Sorge für die Alpenpässe 
in jedem Falle schon zum Schutze der in Deutschland kämpfen- 
den Armee ratsam, so w^ar sie notwendig für den Fall, daß 
der Sieg in Deutschland nicht die erwarteten Folgen hatte, und 
Bonaparte sich dann gegen die zweite große Feldarmee des 
Feindes wenden mußte. 

Natürlich war mit der Aufgabe des deutschen Planes auch 
die Verwendung der Reservearmee eine andere geworden, ihre 
Rolle gewaltig gesteigert. Zunächst war sie zwar, wie wir sehen 
werden, dazu bestimmt, die Operationen der Rheinarmee zu 

') Picard I, 179. 

*) Anders hat Napoleon es fälschlich auf St. Helena behauptet. 

') Schon am 20. März meldete Sandoz, der sich später merk- 
würdig schlecht unterrichtet zeigt (vgl. seine Berichte vom 4., 9. und 
18. Mai), daß die Reservearmee für Italien bestimmt sei. Bailleu a. a. 
O. I, 373. — Ganz irrig ist die Auffassung Van dal s, a. a. 0. II, 361, 
Bonaparte wollte zuerst Diversion nach Deutschland machen, die Haupt' 
entscheidung aber sollte, so war von vornherein seine Absicht, in 
Italien fallen. 

Correspondance VI, 4605 und 4626. 



für das Jahr 1800. 147 

unterstützen; in Wirklichkeit muß aber diese, wie auch die ita- 
lienische Armee Massenas, handeln, um die Aufgabe der Reser\'e- 
armee vorzubereiten und zu ermöglichen, und als sie hinter 
seinen Erwartungen erheblich zurückblieb, verstärkte sie Napo- 
leon auf Kosten Moreaus. Wenn ferner die Führung der Reserve- 
armee bei ihm beschlossene Sache gewesen war, so hatte er dabei 
gehofft, zugleich die Verfügung über die Rheinarmee in die Hand 
zu bekommen. Als dies gescheitert, war für einen Bonaparte nichts 
natürlicher, als auf andere Weise sich eine Stellung zu sichern, 
die über den Rahmen des Kommandanten lediglich der Reserve- 
armee hinausging. Wohl deshalb, kaum weil er verfassungs- 
mäßige Bedenken gegen die Übernahme eines unmittelbaren 
Heereskommandos hatte^). bekam die Reservearmee in der 
Person des bisherigen Kriegsministers Berthier am 2, April 
einen besonderen Kommandeur, und sicherte sich Bonaparte eine 
Stellung über den drei Armeen. Vielleicht rechnete er aber 
auch mit der Möglichkeit einer Niederlage, für die so die 
Verantwortung Berthier zufallen sollte. 

In dem neuen Kriegsplan, den Bonaparte auf Grund seiner 
I Unterredungen mit Dessolle diktierte"'), und über den Moreau 
j durch Depesche vom 25. März Kenntnis erhielt, heißt es, unter 
ausdrücklicher Betonung des Zusammenhanges der Operationen 
I der drei französischen Armeen : Moreau solle zwischen dem 
, 10. und 20. April den Angriff auf Deutschland eröffnen. Der 
i Zweck seiner Bewegung sei, den Feind nach Bayern hinein- 
zutreiben, um ihm die direkte Verbindung mit Mailand ab- 



V Die Verfassung des Jahres VIII übertrug allerdings dem Ersten f^onsul 
nicht den Heeresbefehl, ob aber Artikel 41 und 47, die von den militäri- 
scher Funktionen der Konsuln handeln, die Übernahme eines unmittel- 
baren militärischen Kommandos durch Napoleon ausschlössen, ist 
zum mindesten zweifelhaft. - - Wenn der Moniteur vom 5. Mai die Abreise 
des Ersten Konsuls nach Dijon und Genf mit der Absicht motivierte, er wolle 
übar die Reservearmee eine Revue abnehmen, so ist das wohl zweifellos 
aus naheliegenden Gründen mit Rücksicht auf seine politischen Gegner 
geschehen, ebenso die Mitteilung an das diplomatische Korps, seine Ab- 
wesenheit werde nur 14 Tage dauern. 

-) Correspondance VI, 4694, datiert vom 22. März, aber viel' 
leicht noch eher liegend; C u g n a c I, 94 ff ; P i c a r d I, 174 ff. ; C o r r e , 
spondance VI, 4695, Bonaparte an Moreau vom 22. März, ist wahr- 
scheinlich vom 25. Vgl. Cugnac I, 110 ff. 

10* 



148 ^iß Operationspläne 

zuschneiden. Genaue Vorschriften über den Rheinübergang 
werden ihm jetzt nicht mehr gemacht, doch wird er angewiesen, 
die Vorteile wahrzunehmen, die ihm der Besitz der Schweiz 
biete, um den Schwarzwald zu umgehen und die Vorbereitungen 
unwirksam zu machen, die der Feind zur Verteidigung seiner 
Pässe etwa getroffen habe. Ein Reservekorps unter Lecourbe, 
der vierte Teil von Moreaus Infanterie und Artillerie, der 
fünfte seiner Kavallerie, sollte währenddessen die Schweiz be- 
wachen und die Verbindung mit den Operationen der Reserve- 
armee aufrecht erhalten. Sobald Moreau 10 bis 12 Tagemärsche 
siegreich vorgedrungen, sollte sich Lecourbe mit dem Gros 
und der EHte der Reservearmee zu gemeinsamem Vorstoß über 
Gotthard und Simplon verbinden und beide in der Lombardei 
ihre Vereinigung mit Massena vollziehen^). In der Deckung 
der Schweiz sollte Lecourbe dann durch die weniger guten 
Truppenteile der Reservearmee abgelöst werden. Man sieht, 
wie die Aufgabe der Reservearmee sich gesteigert hat, wie im 
Interesse der Reservearmee der Rheinarmee Opfer zugemutet 
werden. Hätte Bonaparte seinen Plan in Deutschland durch- 
führen können, wäre Italien erst in zweiter Linie an die Reihe 
gekommen, falls der Sieg in Deutschland nicht auch das 
Schicksal von Italien entschieden hätte. Wollte er früher Italien 
in Deutschland erobern, so will er das jetzt in der Lombardei 
tun. Was vorher auf einem Schauplatz spielen sollte, wird 
jetzt von zwei Heeren, die einander in die Hände arbeiten 
müssen, auf zwei Kriegsschauplätzen ausgeführt werden. 

Moreau, der erst nach Empfang dieses Planes und durch 
die Rückkunft Dessolles am 29. völlig wegen des Erscheinens 
Bonapartes beruhigt war, traf sofort die Vorbereitungen für 
den Angriff, den er aber — man sieht, daß er dabei im wesent- 
Hchen auf seiner Anschauung beharrt und die Winke vom 25. 
nicht alle beherzigt, — mit dem Gros über Basel, Breisach und 
Kehl beginnen wollte, während Lecourbe bei Schaffhausen 
stehen und bei einem etwaigen Angriff der Österreicher bis 
zur Limmat zurückweichen sollte'). Dagegen ging er auf die 

^) Vgl. dazu auch Bonaparte an Massena 9. April Correspon' 
dan ce VI, 4711. 

') Am 2. April entwickelt Moreau das Bonaparte. Pi c ar d I, 427ff. 



für das )ahr 1800. 149 

Ideen des Ersten Konsuls bezüglich der Reservearmee um so 
eher ein, als er — man beachte später sein wirkliches 
Verhalten — bereits früher die Absicht gehabt habe, nach 
durchschlagenden Erfolgen in Deutschland St. Cyr mit einem 
Teil seiner Armee die Verteidigung Bayerns zu überlassen und 
mit dem Rest selbst einen Vorstoß nach Italien zu machen, 
den nunmehr die Reservearmee viel leichter und sicherer unter- 
nehmen könne. Aber bald — in der Zwischenzeit hatte Bona- 
parte erneut auf raschen Angriff gedrängt und Moreau ihn 
vor dem 20. April als wahrscheinlich erklärt*) — erhoben sich 
abermals Spannungen zwischen Bonaparte und Moreau, wegen 
der Bestimmungen über die Deckung der Schweiz, die Mo- 
reau sofort unangenehm gewesen waren, als der Erste Konsul 
dem Kriegsplan vom 25. März am 9. April eine nähere Aus- 
legung folgen ließ in drei Schreiben, die Carnot an die komman- 
dierenden Generale Berthier, Massena und Moreau richtete""). 
Sie verstärken durchaus den Eindruck, den man schon von 
dem genannten Kriegsplan hat, daß Bonaparte die Hauptauf- 
gabe der Rheinarmee in der Vorbereitung des Feldzuges der 
Reservearmee erblickt. Die Schweiz unversehrt zu erhalten, 
besonders sobald Berthier die Alpen überschritten haben wird, 
wird Moreau ausdrücklich als seine vornehmste Aufgabe bezeich- 
net Wenn Berthier seinerseits vorerst angewiesen wird, den 
Vorstoß Moreaus nach Schwaben im Notfalle zu unterstützen, 
so lag das natürlich nur im Interesse der Reservearmee selbst. 
Falls Berthier nicht imstande ist, die nötige Truppenzahl zur 
Deckung der Schweiz zurückzulassen, sollte Moreau auch diese 
jstellen. 

il Um die Einzelheiten der Ausführung des Operationsplanes 
zu beraten und eine wünschenswerte Einheitlichkeit in ihre 
Bewegungen bringen zu können, trafen Berthier und Moreau 
ml : ihren Generalstabschefs Dupont und Dessolle auf Napoleons 
Anweisung"^ I in Basel zusammen. Das Resultat der dort ge- 

jDie Anweisung für Lecourbe ist bereits älter (ebda. 426). Dessolle setzt 
jCarnot am 10. April ebda. 437 ff.) Moreaus Angriffsprojekt auseinander. 
' ') Picard I, 434 ff. 

') Correspondance VI. 4710 und 11; Picard I, 436 f.: Cug- 
la : I. 112 ff. 

^^ Correspondance VI, 4710. 



150 Die Operationspläne 

pflogenen Verhandlungen^), das wir in einem Operationsplan 
vom 16. April") zu erblicken haben, entsprach den Wünschen 
des Ersten Konsuls mit nichten'^). Moreau weigerte sich näm- 
lich, das Korps unter Lecourbe in der Schweiz zurückzulassen; 
ledigUch elf Bataillonen unter Moncey wollte er zunächst die 
Deckung dieses Landes anvertrauen*) und Lecourbe in der 
gewünschten Stärke erst dann zur Vereinigung mit der Reserve- 
armee und zum Zuge nach Italien abgeben, wenn er mit seiner 
Hilfe einen namhaften Erfolg über den Feind davongetragen 
hätte'^). Es wird schwer zu entscheiden sein, ob Moreaus Ver- 
halten objektiv berechtigt ist, ob durch Zurücklassung Lecour- 
bes seine Aufgabe in Deutschland gefährdet worden wäre; 
verständlich ist es in jedem Falle. Und Napoleon fügte sich 
abermals, nahm die Beschlüsse von Basel glatt an"), nahm 
sogar, offenbar in absichtlicher Ignorierung des wahren Zu- 
standes der Reservearmee, seinen Ärger geschickt verbergend, 
und nicht zuletzt wohl, um Berthier zu beruhigen, dem er die 
dringend verlangten 15 000 Mann unter Lecourbe abschlägt'), 
die Miene an, die Zwecke der Reservearmee ließen sich even- 
tuell auch ohne eine so starke Mitwirkung Moreaus, wie sie 
bisher vorgesehen, erreichen**}. Auch noch am 26. April rechnet 
er Berthier gegenüber für die Reservearmee eine Stärke von 
60 000 Mann heraus, die ihn instand setze, auch ohne fremde 
Hilfe zu agieren, nachdem die Österreicher die Dummheit ge- 
macht, sich in die Riviera hineinzuwagen"). Das konnte damals 
nach Lage der Dinge die wahre Ansicht Bonapartes allerdings 
nicht sein. Man hatte vielmehr in Paris geglaubt, der Offen- 

') Die Verhandlungen zu Basel, wie jene mit Dessolle zu Paris, sind 
höchst merkwürdig. Man paktiert mit Moreau, hält eine besondere Kon- 
vention, bei der dieser seinen Willen erheblich zur Geltung bringt, für 
nötig, um ihn zu binden, statt einfach zu befehlen. Die Stellung Moreaus 
zu Napoleon ist jedenfalls sehr charakteristisch für die kritischen 
Anfänge der Konsulatsherrschaft. 

') Picard, I, 440f.; Cugnac I, 116 ff. 

') Picard I, 202 dagegen meint, die Herabsetzung des Kontingents 
für die Schweiz sei in vollkommener Harmonie mit Napoleon erfolgt. 

Instruktion für Moncey vom 24. April. Picard I, 459 f. 

') Über die Verhandlungen zu Basel, vgl. Cugnac I, 116 ff.; Picard 
1, 201 ff., 440ff. — ") Correspondance VI, 4724. 

') C u g n a c I, 165 ff. ; Pi c a r d I, 20t ff. 

') Correspondance VI, 4724. - ') Ebda. 4732. 



,9 



für das )ahr 1800. 151 

sive von Melas zuvorkommen zu können. Die Nachricht von 
dessen Angriff auf die Riviera, die am 23. in Paris bekannt 
wurde, hatte sofort eine Änderung des Kriegsplanes vom 
25. März zur Folge gehabt. Die Anweisung an Berthier vom 
24. Aprili) enthält den entscheidenden Satz: „Sie erkennen, wie 
wichtig es unter gegenwärtigen Umständen ist, daß die Reserve- 
armee sich so rasch wie möglich nach Italien begibt, unab- 
hängig von den Operationen der Rheinarmee.'' Moreau gegen- 
über, der davon benachrichtigt wird"), gibt Bonaparte der Hoff- 
nung Ausdruck, er werde zur Stunde bereits den Rhein über- 
schritten haben und möglichst rasch einen Vorteil erringen, der 
ihm gestatte, die Operationen in Italien durch eine Diver- 
sion zu unterstützen. 

Bei Empfang dieser Botschaft hatte Moreau in der Tat 
seinen Angriff über den Rhein schon begonnen, aber Massena 
war bereits in Genua eingeschlossen und dem Aufbruch der 
Reservearmee über die Alpen standen noch große Hindernisse 
im Wege. 

Wir dürfen die Erörterung der Operationspläne hier ab- 
brechen und für ihre Durchführung auf die einzelnen Kapitel 
verweisen, in denen die Operationen Massenas, Moreaus und 
der Reservearmee getrennt behandelt werden. 

Nicht so glatt und nicht so einheitlich, wie Napoleon es 
sich gedacht, verliefen diese Operationen, doch springt klar 
in die Augen, welche Bedeutung für ihren Gesamtverlauf die 
Schweiz als strategische Basis gehabt, obwohl Moreau diese 
nicht entfernt hinreichend ausnützte. Und ferner wird deutlich, 
v/ie die Einheitlichkeit in den Operationen der drei Armeen 
doch insofern durchaus gewahrt war, als ohne die Siege Mo- 
reaus in Deutschland und ohne das heldenmütige Ausharren 
A\asstnas in Genua die Welt das Schauspiel des Siegeszuges 
Fonapartes über die Alpen und durch die Lombardei nach 
.Warengo nicht gesehen hätte^). 

•) E b d a. 4729. -) E b d a. 4730 vom 24. April. 

*) Thiebault, Journal des sieges et blocus de Genes Band II druckt 
«inen Feldzugspian ab, den er nach dem 18. Brumaire Napoleon über- 
reicht haben will. Er hat viel Ähnlichkeit mit dem von Napoleon in 
Itilien einige Monate darauf wirklich durchgeführten Plan. Eine Entlehnung 
nimmt aber Thiebault selbst nicht an. Vgl. auch dessen Memoires III, 71 ff. 



4. Kanitel. 

Der Feldzug In der Rluiern. 

I. 

In den Winterquartieren. Vorbereitung und Aufschub 
der Feindseligkeiten. 

Die Schlacht bei Genola und die Einnahme der wichtigen, 
den Col di Tenda deckenden Festung Coni im Monat darauf 
hatten besiegelt, was bereits der blutige Tag von Novi ent- 
schieden : Itahen war bis auf die Riviera für die Franzosen 
verloren. Der 4. November und 3. Dezember^), zwei Ruhmes- 
tage für die kaiserlichen Waffen, raubten Championnet die 
letzte Hoffnung, seinen arg mitgenommenen Truppen we- 
nigstens einigermaßen bessere Winterquartiere zu verschaffen, 
als die Abhänge des Apennin sie nach der Seite der Ver- 
pflegung bieten konnten. Aber würden die Franzosen selbst 
dort in Ruhe verweilen können? Würden die Österreicher 
den im Herbst nach dem Siege von Novi erst wegen 
ihrer Uneinigkeit mit den Russen und nach deren Abzug in 
die Schweiz abermals versäumten Vorstoß in die Riviera und 
nach Genua nicht doch noch nachholen, um das glorreiche 
Werk des Jahres 1799 zu krönen? 

Es muß erwähnt werden, daß man im österreichischen 
Hauptquartier doch wenigstens daran gedacht hat, wie uns 
u. a. eine Denkschrift Zachs, des Generalquartiermeisters der 
italienischen Armee, vom 5. Dezember beweist. Zahlreiche 
Zeugnisse über den Zustand der Truppen am Ende eines 
ereignisreichen Feldzuges, vor allem aber die Nachrichten über 
die Verpflegungsschwierigkeiten auf dem arg ausgesaugten 
Kriegsschauplatze zwingen uns indes zu der Anerkennung, daß 
Zach, ein bei all seiner doktrinären Befangenheit sehr fähiger 
Offizier, gute Gründe hatte, den Aufschub des Unternehmen 
gegen die Riviera, das er an und für sich als sehr aussichtsreic 
ansah, bis zum nächsten Frühjahr anzuraten. 

') Dieses Datum, nicht den 4. Dezember, nach Hüff er, Quellen I.SlOff* 



\ 



Der Feldzug in der Riviera. 153 

Die österreichische Armee war damals, was freiHch an- 
gesichts des bereits Monate währenden Aufenthalts vor den 
Apenninenpässen eine nicht zu verstehende Nachlässigkeit be- 
deutet, auf einen Gebirgskrieg in keiner Weise eingerichtet, 
der bei der winterlichen Jahreszeit und bei der erprobten 
Zähigkeit des französischen Gegners gar manche Überraschun- 
gen bringen konnte und schwerlich ein ununterbrochener Sieges- 
zug bis Nizza geworden wäre^). 

Der Entschluß des österreichischen Oberkommandierenden, 
Baron Melas, im Dezem.ber zunächst die Winterquartiere zu 
beziehen, ist also durch die Umstände gerechtfertigt. Dafür 
sprach auch die Tatsache, daß die Österreicher unter General 
Klenau sich blutige Köpfe holten, als sie Mitte Dezember ver- 
suchten, Genua von der Levante her zu überrumpeln. Klenau 
zog sich unter einem Verluste von 2127 Mann hinter die im 
XX'inter leicht zu verteidigende Magra zurück, die unter allen 
Umständen zu halten Melas ihn beauftragte'). Fortab wurde 
die Winterruhe, von Vorpostenbewegungen abgesehen, durch 
größere Aktionen für längere Zeit nicht mehr gestört, zumal 
die Franzosen um die Jahreswende auch das Scriviatal räumten. 
Erst auf die Meldung hiervon fühlte sich Melas wohl ganz 
beruhigt; er bestellte die Lieferung von 6000 Mauleseln, als 
jetzt überflüssig, ab'^l. 

Die Franzosen nahmen hrerauf etwa folgende Stellungen 
ein: der rechte Flügel hatte seinen Stützpunkt in Genua und 
dehnte sich in der Levante bis Recco, in der Ponente bis 
Savona aus; das Zentrum stand von dort bis Albenga; der 
linke Flügel zog sich im Gebirge hinauf bis jenseits des Col di 
Tenda, wo er mit der Division Turreau^) Fühlung nahm, der 
vornehmlich der Schutz der Alpenpässe vom Mont Cenis bis 

') Die Denkschrift Zachs bei H ü f f e r, Quellen I, 506 ff. Zach hatte 
auch bereits im Sommer 1799 im Auftrage Suworows einen vortrefflichen 
Feldzugsplan gegen die Riviera ausgearbeitet, H ü f f e r, der Krieg von 
17^9 II, 1 f. 

') Kriegsarchiv, Italien 1800, F. A. I, 10 und 24. 

*) Ebda. I. 13 und 34. 

*) Die Division Turreau bildete eigentlich den linken Flügel der ita- 
lienischen Armee. Sie wurde aber später , April der Reservearmee unterstellt 
und ihre Operationen darum auch von uns getrennt von jenen der italie- 
nijchen Armee behandelt. Vgl. Kapitel VI. 



154 Der Feldzug 

Tenda anvertraut war. Außerdem stand eine Division bei Nizza 
in Reserve!). 

Der hohe Schnee war vorerst der beste Schutzwall gegen 
die Österreicher; darum waren auch die Gebirgshöhen und 
Pässe nur schwach besetzt, mit Ausnahme der beiden wich- 
tigsten : der Bocchetta (772 m), über welche die Straßen von 
Mailand — Pavia — Tortona sowie jene von Alessandria — Novi 
nach Genua führen, und des Col di Tenda (1873 m), der Ver- 
bindung von Turin und Coni mit Nizza. 

Die weitausgedehnten Stellungen der Franzosen waren be- 
dingt durch den Zug des Gebirges und den Wunsch, überall 
dem möglichen Vorstoß des Feindes begegnen zu können, der 
den Vorteil einer zentralen Stellung vor dem Gegner voraus 
hatte. Die empfindlichen Schwierigkeiten, auf die nach so 
langen Kriegsläuften die Verpflegung selbst in so gesegneten 
Gegenden wie Piemont und Lombardei stieß, nötigten indes 
auch die Österreicher, ihre Winterquartiere beträchtlich aus- 
einanderzuziehen. Immerhin verblieben sie bei ihrer nume- 
rischen Überlegenheit allein in Piemont in einer Stärke, mit 
der sie dem Gegner in der Riviera in jedem Falle gewachsen 
waren. 

Es genüge hier, die Hauptquartiere der Divisionen anzu- 
geben: Ott stand in Parma, Fröhlich^) (im Februar durch 
Knesevich ersetzt) in Florenz, Hohenzollern in Alessandria, 
Elsnitz in Cherasco, Karaiczay in Coni, Vükassovich in Pinerolo, 
Kaim und Mittrowsky in Turin"^), Hadik in Mailand. Von den 
Anführern kleinerer Kontingente lag Debry in Ivrea (Ford Bard 
und St. Bernhard), London in Arona (gegen den Simplon), 
Dedovich in Bellinzona (gegen den Gotthard). Dazu kamen 
die Besatzungen der piemontesischen und lombardischen 
Festungen*). 

Man sieht, daß diese österreichische Aufstellung trotz aller 

') Gachot, Le siege de Genes (1800) Paris 1908 p. 33. Stand vom 
20. Januar. Genauere Übersichten siehe unten S. 163f, 174 f. 

■) Fröhlich, bald auch Knesevich, wurden abberufen. Vgl. oben S. 95. 

*) Mitte Januar aus Verpflegungsrücksichten ins Mailändische ver- 
legt. Kri egsarch iv, Italien 1800, F. A. I, 79. — Auch sonst kommen 
Verschiebungen vor; auch Vükassovich kam ins Mailändische. 

OKriegsarchiv ebda. I, 35 von Radetzky unterzeichnete Dis- 
lokationstabelle vom 5. Januar. 



in der Riviera. 155 

Zersplitterung durchaus der Möglichkeit Rechnung trägt, im 
Frühjahr 1800 von Apennin und Alpen her gleichzeitig an- 
gegriffen zu werden, eine Vorsicht, der das spätere Verhalten 
Melas* zu seinem Verderben nicht genügend entsprechen sollte. 

Der eben angedeutete Gesichtspunkt war auch maßgebend 
bei der Anlegung der österreichischen Magazine, deren haupt- 
sächlichste nach Turin und Valenza kamen und Vorräte für 
je 21 Tage aufnehmen sollten. Sie wurden ständig gespeist durch 
die Reservemagazine zu Vercelli und Pavia, die ihrerseits wieder 
aus Mailand, Lodi, Pizzighettone und Piacenza aufgefüllt wur- 
den, die alle ebenfalls für drei Wochen Vorräte bereit halten 
sollten, damit die Verpflegung im ganzen für neun Wochen 
gesichert wäre, bevor die Feindseligkeiten begannen. Für Vu- 
kassovich wurden besondere Magazine in Mailand angelegt, 
Ott sollte seine Hauptmagazine in Florenz und Livorno haben, 
und Fröhlich (Knesevich) sich in den Marken verpflegen. Auch 
für den Fall einer Offensive sollten die angeführten Magazine 
als Fundament bestehen bleiben; über die Anlegung der so- 
genannten Operationsmagazine mußte dann das augenblickliche 
Bedürfnis entscheiden^). So war z. B., da die verbündeten 
Engländer das Meer beherrschten, für einen Einfall in die Ri- 
viera, sobald diese erreicht war, Livorno ganz von selbst die 
Hauptzufuhrquelle der Österreicher. 

Die Wirklichkeit sah freilich etwas anders aus als dieses 
Schema. Denn wenn wir wenigstens einen kurzen Blick werfen 
wollen auf den Zustand der beiden Heere"^), deren Kämpfe wir 
zu betrachten haben, so müssen wir sehen, wie im österrei- 
chischen Heere, das im allgemeinen wohlgeschulte und be- 
währte Regimenter umfaßte, laute Klagen über die Verpflegung 
im Vordergrunde stehen. Melas gibt schließlich, nachdem man- 
cher Hilferuf an den Hofkriegsrat vergeblich verhallt war, Thu- 
gut zu erwägen, ob nicht, wenigstens für Italien, der vom 

*) Kriegsarchiv ebda. 1, 3. 

') Ich verzichte hier auf eine eingehende Behandlung der Zustände 
in den kämpfenden Armeen aus Gründen der Ökonomie und weil ich in 
meinem Buche „Marengo", Kapitel I— III, S. 6—83}, mich darüber einiger- 
maßen verbreitet und versucht habe, die Gegensätze im Geiste der 
damaligen französischen Armee und der Heere des alten Europa her- 
vorzuheben. 



156 Der Feldzug 

Feinde angebotene Waffenstillstand anzunehmen sei, da die 
Armee wegen mangelnder Verpflegung ohnedies würde zurück- 
gezogen werden müssen^). Und wenig später, am 14. Januar, 
schreibt Melas an den Hofkriegsrat, er habe zuverlässige Nach- 
richten über die traurige Verfassung der französischen Armee; 
nur die Verpflegungssehwierigkeiten hinderten ihn, die günstige 
Gelegenheit zur leichten Eroberung der Riviera zu benutzen' •• 
Und die Gründe dieser Not? Es lagen zweifellos erhebliche 
Schwierigkeiten in dem damaligen Stand der Transportmittel). 
und in dem schweren Druck, den in dem furchtbaren Kriegs- 
jahre 17Q9 Franzosen und Österreicher, namentlich aber die 
Russen, auf die italienische Bevölkerung ausgeübt hatten. Dazu 
kamen ferner mangelhafte Geschäftsführung und Unredlich- 
keiten von selten^ der Intendantur und der Armeelieferanten^), 
so daß sich der Kaiser veranlaßt sah, in dem Generalmajor 
Grafen Joseph St. Julien, der uns später noch lebhaft beschäf- 
tigen wird^), Ende Januar einen besonderen Kommissar an 
die Spitze des Verpflegungswesens zu setzen. Ihm wurden auch 
die Organisation der in österreichischen Sold zu nehmenden 
piemontesischen Truppen und alle Verhandlungen mit den Ver- 
bündeten, mit benachbarten Mächten und die Korrespondenz 
der Armee mit auswärtigen Ministern anvertraut*'). St. Julien 
hat offenbar von seinen weitgehenden Vollmachten ausgiebigen 
Gebrauch gemacht, denn schon am 10. März beschwert sich 
Melas in Wien über ihn, da er völlig über seinen Kopf hinweg 
entscheide'). Daß er aber die alten Klagen, namentlich infolge 

') Kriegsarchiv, Italien 1800, F. A. I, 52, ähnlich 44, 48. 

=^) Ebda. I, 105. 

^) Eine in Venedig erbaute Transportflotte, die durch Pferde Po auf- 
wärts bugsiert wurde, leistete den Österreichern bei der Verproviantierung 
im Jahre 1800 erhebliche Dienste. 

*) Vgl. z. B. Denkschrift Lehrbachs darüber vom 10. Januar. Kriegs- 
archiv a. a. 0. I, 77 '/j. 

') Seine Personalien bei H uff er, Quellen II, 35 ff. 

') Kriegsarchiv ebda. I, 227, 228 (Instruktion), 234. 

') Ebda. III, 114. Es war das leider nicht das einzige Beispiel von 
Unstimmigkeit im österreichischen Hauptquartier. Besonders verhängnis- 
voll war es, daß der Generaladjutant Radetzky und der Chef des General- 
quartiermeisterstabes Zach auf sehr gespanntem Fuße standen, wozu auch 
das Offizierkorps Stellung nahm. Zachs nächster Untergebener, der Oberst 
de Best, war z. B. dessen geschworener Feind. 



in der Riviera. 157 

des Getreidemangels, nicht völlig abzustellen vermochte, zeigte 
sich, als Melas im März wegen der bevorstehenden Operation 
in die Riviera die Truppen enger zusammenziehen wollte und 
dies aus Verpflegungsrücksichten längere Zeit verschoben wer- 
den mußte ^). 

Als dann die Operationen wirklich begannen, war es 
St. JuHen aber doch wohl gelungen, recht im Gegensatz zu 
dem Zustand auf selten des Feindes, im allgemeinen eine regel- 
mäßige und ausreichende Verpflegung der kämpfenden Truppen 
zu sichern, wenn es auch weiterhin an Klagen darüber nicht 
gefehlt hat'). 

In sehr üblem Zustand befanden sich die Krankenhäuser, 
deren Frequenz eine erhebhche war. Die Krankenrapporfe^) 
zeigen in den Monaten Januar bis März, in denen Zugänge 
infolge Verwundungen nicht erfolgten, Zahlen, die zwischen 
15 581 (15. Februar) und 13102 (15. März) schwanken; dies bei 
einem dienstbaren Stand der Armee von zirka 100 000 Mann. 
Der Zugang betrug z. B. in den zwei Wochen vom 31. Januar 
bis 15. Februar 7320 Mann. Eine der Ursachen dieser Er- 
scheinung darf man in der Beschaffenheit der Quartiere er- 
blicken, über die lebhafte Klagen laut wurden. So schreibt 
Hohenzollern in seinen „Beiträgen zur Kriegsgeschichte in Ita- 
lien"^): „Die K. K. Armee hatte zwar im Dezember 1799 
die Winterquartiere bezogen, allein diese waren mehr zum 
Schaden als zur Erholung geeignet. Die Infanterie befand sich 
größtenteils in Städten gehäuft, in feuchten Gebäuden oder 
Kirchen ohne Feuer, und in mehreren Orten wurde im Freien 
gekocht. Überdies war öfters Mangel an Verpflegung und 
Lagerstroh, welches viele Krankheiten verursachte. Die Kaval- 
lerie und Vorposten hatten es noch am besten, da diese Truppen 
mehr ausgebreitet waren, und bei der Kavallerie der gemeine 
Mann teils in den Stallungen schlafen konnte.** 



') Kriegsarchiv a. a. O. II, 213, 218, 282. 

"; Vgl. Neipperg in seinen Aufzeichnungen bei H ü f f e r, Quellen II, 1 03. 

*) Je 2 an jedem Monat in den Feldakten des Wien. Kriegs- 
archivs. 

*) Hü ff er, Quellen H, 147 ff. Ebda. S. 145 f. Bemerkungen des 
Herausgebers über Hohenzollern und seine schon von Mras und Koch 
(Memoiren Massenas. zum Teil wörtlich benutzten Aufzeichnungen. 



158 Der Feldzug 

Auffallend ist auch die Tatsache, daß die Standesausweise 
über die Armee in den Monaten Januar bis April nur geringe 
Verstärkungen der Armee zeigen, obwohl das vergangene 
Kriegsjahr gewaltige Lücken in die Regimenter gerissen hatte, 
die teilweise auf Bataillonsstärke und darunter herabgesunken 
waren. Melas klagt in einem Schreiben an den Erzherzog Karl 
vom 19. Januar'), daß sich die Armee in einem sehr inkompletten 
Zustande befinde, und daß die beantragten Ergänzungen nicht 
in angemessener Zahl einträfen^). Die notorische Langsamkeit 
und Lässigkeit des Hofkriegsrates — Stutterheim in seinem 
wertvollen Bericht über den Feldzug von 1800 macht Thugut 
und den Staatsrat Türckheim namentlich verantwortlich^) — 
mögen dazu beigetragen haben ; die Hauptschuld an den ge- 
ringen Ergebnissen des Ersatzgeschäftes trifft aber doch wohl 
den großen Geldmangel der Hofburg und die erhebliche Ent- 
fernung der Operationsarmee von den österreichischen Erb- 
landen. Zahlreiche der zur Armee gesandten Rekruten blieben 
unterwegs krank liegen wegen unzureichender Verpflegung 
sowie der mangelhaften Transportmittel und Quartiere. Dazu 
kamen die besonderen Strapazen des Winters, der die Nacht- 
quartiere in den kalten Gemäuern von oft zerstörten Klöstern 
und Kirchen, auf faulem Stroh, fast unerträglich machte. Von 
100 Mann, sagt der genannte Stutterheim^), die aus dem Lande 
der Väter zum Heere gesandt wurden, langten kaum 15 an; 
beim Regiment Fröhlich kamen statt 560 nur 70, beim Regiment 
Lattermann von 600 nur 27 Rekruten an, und so sei es fast 
überall gegangen. Stutterheim macht hierbei mit Recht die 
Bemerkung, welch' andere Gestalt die Dinge genommen hätten, 
wenn man die im Jahre 1799 am übelsten zugerichteten Re- 
gimenter den Winter über an die Grenzen der Erblande ge- 
schickt hätte, von wo aus sie dann, erholt und ergänzt, als 
wirksames Gegengewicht gleichzeitig mit der Reservearmee in 
der Lombardei hätten auftreten können. 

Ähnlich wie Stutterheim äußert sich Hohenzollern : „Zur 



') Kriegsarchiv, Italien 1800, F. A. I, 267. 
-) Im einzelnen zu ersehen aus der Übersicht S. 159. 
'j Hü ff er, Quellen II, 40. Über den von H. im Wortlaut mitge- 
teilten Bericht (2 Fassungen) und seinen Verfasser vgl. ebda. S. 20 ff. 
^) E b d a . p. 40 f. 



in der Riviera. 159 

Ergänzung der Regimenter waren den ganzen Winter hindurch 
namhafte Verstärkungen nach Italien gesendet, aber besonders 
im Venetianischen weder an Unterkunft noch an Verpflegung 
gedacht worden. Kaum der sechste Teil erreichte die Armee, 
meistens barfüßig, elend, kraftlos, und häufte alsdann erst noch 
mehr die schlechten Spitäler an')". 

Trotz dieser berechtigten Klagen, die sich leicht vermehren 
ließen, war der Zustand der österreichischen Armee ein idealer 
gegenüber jenem der französischen Armee in der Riviera, ganz 
abgesehen davon, daß sie jener numerisch gewaltig überlegen 
war, wie folgende Übersicht zeigt: 

Die Stärke der österreichischen Armee in Italien betrug-) : 
Im Monat Januar: 104 084 (93 033) [14 818] 
Im Monat Februar : 1 14 032 (101 145) [14 827] 
Im Monat März: 112 995 (101479) [18 346] 
Im Monat April: 105132 (93 632) [18 622]^) 

Dazu kamen noch piemontesische Truppen in österreichi- 
schen Diensten, deren Stärke beim Ausbruch der Feindselig- 
keiten zirka 14 000 Mann betrugt), und ein auf englische Kosten 
von Oberstleutnant Graf Courten in Novara ausgerüstetes 
schwaches Schweizer (Walliser) Bataillon^). 

Man wird sagen dürfen, daß die französischen Heere um 
die Jahrhundertwende innerhalb der Heeresentwicklung der 

') Hüffer, Quellen H, 147. 

-; Die Zahlen entstammen den monatlichen, sehr detaillierten Haupt- 
rapporten im Wien. Kriegsarchiv. Ich gebe daraus stets nur drei 
Zahlen: 1. Die in loco Stärke (Gegensatz Sollstärke). 2. Die wirklich 
Dienstbaren aus dieser Zahl. Diese in ( } gesetzten Ziffern 
sind die eigentlich maßgebenden für die Beurteilung der 
Operationen. 3. In [ ] die dienstbare Stärke der sogenannten Extra- 
Corps, wie Genietruppen, Artillerie, Tiroler Landesschützen u. a. 

') Kriegsarchiv, Italien 1800, F. A. I, 255; II, 284; III, 333; IV^ 
543. — Die Abweichungen in diesen und anderen Aufstellungen begründen 
zu wollen, ist natürlich unmöglich. 

*) Wie schwierig es war, überhaupt die Mitwirkung piemontesischer 
Truppen zu erlangen, zeigt Hüffer, Krieg von 1799 und die 2. Koalition 
U, 253 ff. Über die Aufstellungen vgl. Kriegsarchiv a. a. O. I, 155; II, 
10() (10183 Mann im Februar als presents bezeichnet) und Ö. M. Z. 1822, 
III, S. 28. 

') Burckhardt, Geschichte der Schweizer Emigration 1909. 375ff.; 
danx Koch, Memoires de Massena IV, 41, 



,160 Der Feldzug 

Jahre 1789/1815 einen Typus für sich darstellen. Sie sind etwas 
anderes als die Revolutionsheere der ersten Jahre, sie sind 
aber auch noch nicht voll ebenbürtig der grande armee des 
gewaltigen Kaisers. Der starke Niedergang Frankreichs in den 
letzten Zeiten der korrupten Direktorialregierung hatte auch 
das Heerwesen tief genug berührt. Die Heeresverfassung blieb 
zwar unangetastet, und erst Napoleon hat nach dem 18. Bru- 
maire auch auf diesem Gebiete mit seinen Reformen eingesetzt, 
aber in der Verwaltung wurde ganz unglaublich gesündigt. 
Namentlich das Ersatzgeschäft war ganz ungenügend, so daß 
die Heereszahlen beim Beginn der Konsularregierung .vielleicht 
die markanteste Illustration bilden zu der noch immer ver- 
breiteten irrigen Legende von den französischen Massenheeren 
der Zeit. So wenig kriegsfreudig war die französische Jugend 
damals, daß es selbst einem Napoleon zuerst recht schwer 
wurde, die schlimmsten Lücken der Feldarmee auszufüllen und 
erst gar, wie wir noch sehen werden, ein neues Heer zu 
bilden. Der Name Napoleon war 1800 keineswegs eine Parole, 
auf die die französische Jugend begeistert zu den Fahnen 
strömte, wie er die Nachwelt glauben machen wollte^). 

Die Nachrichten über die Ausrüstung, Verpflegung, Besol- 
dung und infolge davon den Gesundheitszustand und die Diszi- 
pHn der Truppen in der Riviera erinnern lebhaft an die Sanscu- 
lottenheere der wildesten Revolutionszeit und fordern unwill- 
kürlich einen Vergleich heraus mit jener Armee, die Napoleon 
zerlumpt und hungerleidend im März 1796 ebenfalls in der Ri- 
viera übernahm, um sie in wenigen Wochen von Sieg zu Sieg zu 
führen. Auch Massena, der im Dezember den Schauplatz seiner 
Triumphe in der Schv/eiz nur ungern verließ und, von einigen 
seiner besten Unterführer (Soult, Suchet, Gazan, Oudinot, Me- 
nard) begleitet, Mitte Januar das Kommando in Italien über- 
nahm^), mußte sich sein Heer in mühsamer Arbeit buchstäblich 

*) Vgl. darüber ausführlich Herrmann, Marengo Kapitel I und II. 

") Das Kommando war freigeworden durch die Demission Cham- 
pionnets, der es nach Jouberts Tode übernommen hatte. (Faure, Sou- 
venirs du gen. Ch. Paris 1904 p. 340). In die trostlose Lage der Riviera- 
armee gewährt einen erschreckenden Einblick sein Bericht an den Kriegs- 
minister vom 20. IMovember, (ebda. p. 343 ff), den er zugleich bittet, sein 
nun zum viertenmal eingereichtes Abschiedsgesuch zu befürworten. Er fühlte 



in der Riviera. 161 

erst zu einer wirklich kriegsbrauchbaren Truppe wieder heran- 
bilden. Er wurde dabei von Paris aus, trotz der Zusicherungen, 
die er sich — bereits einigermaßen mißtrauisch — auf der 
Durchreise hatte geben lassen, und trotz zahlreicher beredtester 
Hilferufe von der Riviera'), so schlecht unterstützt, daß er 
später klagen konnte, man habe seine Armee monatelang ver- 
gessen. Alle Kräfte des ausgesaugten Frankreich wurden eben 
damals auf die Reservearmee verwendet, und der Erste Konsul 
war zudem Massena, der dem Staatsstreich nur sehr passiv 
zugestimmt hatte, nicht sonderlich zugetan. Diese Stellung- 
nahme Massenas dürfte auch seine Abberufung von der zu- 
gleich wichtigeren und republikanischer Gesinnungen ver- 
dächtigen Donauarmee mit veranlaßt haben. 

Schon auf der Reise durch Südfrankreich, wo an der Rhone 
entlang die Kavallerie der italienischen Armee kantoniert war, 
Avurde Massena das große Elend und die ganze Zuchtlosigkeit 
der Armee, die er kommandieren sollte, klar, begann aber 
auch seine Reorganisationsarbeit. 

Er kam gerade in schhmmster Zeit. Noch der letzte Bericht 
Championnets an den Kriegsminister vom 17.- Dezember hatte 
von der Meuterei der Division Lemoine gehandelt; jetzt, Mitte 
Januar, desertierten zwei ganze Regimenter in vollem Verbände. 
Zwar ohne Offiziere, aber doch in guter Ordnung verließen sie 
ihre Quartiere in der Gegend von Savona. Wenn man sie 
bezahle, bekleide und ernähre, so erklärten sie, würden sie 
umkehren. Es war nicht das einzige derartige Beispiel; in 
Frejus traf der Oberkommandierende selbst auf ein meuterndes 
Bataillon-). 

Geradezu erschreckend war unter solchen Umständen auch 
die Höhe der Desertionen unter den für die italienische Armee 



sich der Aufgabe, eine solche Armee zu befehligen, nicht gewachsen. 
Dar Staatsstreich vom Brumaire brachte Championnet die Erfüllung seiner 
Bitte; am 24. November übertrug der Erste Konsul iMassena das Kommando 
in Italien, (Koch IV, 1; das richtige Datum ist der 24., vgl. Aulard, 
Rfgistre des deliberations du Consulat provisoire. p, 37}. Championnet 
erlebte die Ankunft seines Nachfolgers nicht mehr. 

^) Thiebault, Journal des siege et blocus de Genes. 1847 II, 63 ff. 
Diese wichtige Quelle ist Massena außerordentlich günstig. 

") Faure a. a. O. p. 348 ff; Koch IV, 22 ff. 

Herrmann, Der Aufstieg Napoleons. tl 



162 Der Feldzug 

bestimmten Konskribierten. Haufenweise rissen sie, namentlich 
die Rekruten der südlichen Departements, unterwegs aus. Von 
einem Kontingente von 1500 Mann langten nur 22 bei der 
Armee an; acht Bataillone zählten, als sie den Var überschritten, 
statt 10 250 nur 310 Mann; der auf 20 bis 25 000 Mann veran- 
schlagte Ersatz soll insgesamt rficht den zehnten Teil ergeben 
haben; Thiebault behauptet gar, es seien keine 1000 Mann 
gewesen^). 

So wundern wir uns nicht, wenn Massena damals schreiben 
konnte: „Die Armee ist buchstäbhch nackt und ohne Schuh- 
werk; der Sold 6 bis 7 Monate rückständig. Wir haben nicht 
einen Halm und keinerlei Vorräte, keinerlei Transportmittel"; 
und 18 Tage später, am 23. Februar: „In Ligurien gibt es 
nichts mehr zu essen, alles ist erschöpft. Ich habe alle Truppen 
auf halbe Ration gesetzt, ich selbst ging mit gutem Beispiel 
voran; die Einwohner (von Genua) empfangen pro Tag nur 
drei Unzen (d. h. 90 Gramm) Brot''. Und bei diesem Mangel 
an Nahrungsmitteln — die Untätigkeit und Unredhchkeit der 
Verpflegungsbehörden waren daran nicht unschuldig — wütete 
seit Ende 1799 jenes fürchterliche epidemische Fieber fort, das 
zirka 4000 Opfer gefordert haben soll^). Der Zustand der Hospi- 
täler spottete jeder Beschreibung; vor allem waren sie für 
einen solchen Massenbedarf nicht eingerichtet; eine Nachricht 
überHefert, daß bei der kleinen italienischen Armee gleichzeitig 
14 000 Verwundete und Kranke von den Spitälern, 1000 weitere 
von der Privatpflege zu versorgen waren. 

Statt bei so viel Elend einmütig Hand in Hand zu arbeiten,^ 
lebten Zivil- und Militärbehörden in beständigem Zwist, und 
auch Feindsehgkeiten der Bevölkerung war zu begegnen. 
Schließhch war auch der 18. Brumaire nicht ohne nachteilige 
Folgen auf die Disziplin geblieben. Da und dort revoltierten 
repubUkanisch gesinnte Offiziere gegen den Staatsstreich, mit 
dem, wie wir wissen, innerlich wenigstens, ja auch der neue 
Oberbefehlshaber nicht sympathisierte, wenn er sich auch den 
Tatsachen fügte ^). 

') Thiebault a. a. O. 1, 62, 352f ; II, 75 f. u. ö. 
-) Massena am 2. April: Die Armee verliert täglich 3 — 400 Mann 
durch Desertion und Krankheit. Thiebault II, 98. 
') Koch IV, 33 f. u. ö., Thiebault II, 69. 



I 



in der Riviera. 163 

Nach alledem begreifen wir es jedenfalls, wenn Massena 
in Paris die weitgehende Vollmacht erhalten hatte^), Generale, 
denen er nicht traute, aus eigener Vollmacht zu suspendieren 
und von der Armee zu entfernen, Offiziere abzusetzen und 
ganze Truppenteile aufzulösen, die Insubordination zeigten. Wir 
! bewundern die zähe Energie, mit der Massena es verstand, 
in kurzer Frist eine solche Armee in seine Hand zu bekommen, 
sofort wenigstens einige Geldmittel für ihre Besoldung flüssig 
zu machen, Brot zu schaffen, an Schuhen, Kleidung, Bewaff- 
nung, Transportmitteln usw., wo überall es kläglichst aussah, 
wenigstens das Nötigste aufzutreiben. 

Wir müssen uns das ganze Elend dieser Armee, über das 
sich aus den Memoiren Massenas, Soults, Thiebaults, Marbots, 
Oudinots u. a. noch zahlreiche Einzelheiten beibringen ließen, 
und das zwar bei Beginn der Feindseligkeiten durch Massenas 
Energie erheblich, aber keineswegs gänzlich gebessert war, 
gegenwärtig halten, um ihren heldenmütigen Kampf wenige 
Wochen später voll zu würdigen^), der vor allem auch ein 
Kampf einer erhebUchen Minderheit war, wie folgende Zahlen 
beweisen. 

Am 26. November 179Q zählte die italienische Armee, deren 
Effektivstärke 150 000 Mann betrug, noch 56 253 Mann mit 
Einschluß Turreaus. Am 11. März betrug sie infolge des ent- 
behrungsreichen Winters, der Krankheiten, Desertionen und 
bei der mangelhaften Rekrutierung nur noch 39156 Kombat- 
tanten, wovon 7885 Mann unter Turreau in den Tälern der 
Durance und Isere standen, so daß für Massena nur 31 271 
Mann disponibel blieben^). 

') Correspondance VI, 4437 vom 22. Dezember. 

") Über die Zustände der Rivieraarmee vgl. vor allem: Thiebault 
I, 45 ff., 339 ff., 11, 63 ff., die genannten Memoiren, vor allem Massenas, 
Cugnac, La camp, de l'armee de Reserve !, 8, 13, 17 und Gachot, Le 
sidge de Genes (1800). Les guerres dans l'Apennin- Journal du blocus 
les Operations de Suchet. Paris 1908, p. 5 ff., 15 ff., 362 ff. — Mach Napo- 
leons Darstellung auf St. Helena (Correspondance XXX, 414 dagegen 
ar Massenas Armee gut imstande oder wenigstens ihre Mißstände weit 
übertrieben, (ebda. p. 435). 

') Genauere Aufstellung für den April cf. unten S. 175. Die obigen 
Zahlen nach Cugnac I, 4 und 34 und Revue d'histoire red. ä l'Etat 
Maior XV, p. 383, 391. — Correspondance XXX, 415 nennt Napo- 

11* 



164 Der Feldzuj 

Wir verstehen jedenfalls, daß Massena es ablehnen mußte, 
als Napoleon ihn im Januar und Februar beauftragte, gegen 
die Spezzia deckenden Österreicher eine Offensivbewegung 
zu machen!) ; ^^ ^^r damals vollauf von der Reorganisatior 
seiner Armee in Anspruch genommen und darauf angewiesen 
das Gesetz des Handelns von dem Gegner zu empfangen 
Als dieser im Februar zum erstenmal Anstalten traf zu einei 
Offensive in die Riviera, verlegte Massena am 10. sein Haupt 
quartier von Antibes nach der bedrohten ligurischen Haupt 
Stadt'), die der Schauplatz von Taten werden sollte, die selbs 
in der glänzenden Kriegerlaufbahn des vielgewandten Massem 
einen leuchtenden Mittelpunkt bilden. 

Zunächst, im Februar, bheb in der Riviera aber noch allei 
ruhig, weil die Österreicher die geplante Operation wiede 
verschoben, was von wahrhaft entscheidender Bedeutung fü 
den Verlauf nicht nur des Rivierafeldzuges, sondern auch jene: 
der Reservearmee geworden ist. 

Welche Rolle der Zug in die Riviera im Ganzen der Feld 
zugspläne des Jahres 1800 einnimmt, wurde oben (Kap. III) ent 
wickelt. Es ging daraus vor allem hervor, daß er möglichs 
zeitig im Jahre unternommen werden mußte, auch wenn nich 
der kläghche Zustand der französischen Armee dazu noch be 
sonders eingeladen hätte. Wir fanden denn auch unter dei 
psterreidhischen Akten schon unter dem 26. Januar eim 

leon 34-36000 Mann. Koch IV, 29 beziffert die Truppen, die Massen 
übernahm, auf zirka 36000 Mann Infanterie, 2400 Mann Kavallerie, 150 
Mann Artillerie, 800 Mann Genietruppen; S. 32 berechnet er von 15000 
Mann Effektivstärke: 28000 Kombattanten, 15000 Kranke und Verwundet( 
22000 in den Festungen und Depots, 85000 in österreichischer Gefanger 
Schaft. Am 19. Februar hatte Massena die Armee noch mit 41000 Man 
angegeben, am 15. März schreibt er, sie zähle nur noch 32000 Mann, dl 
Krankheiten räumten auf. 

') Correspondance VI, 4543 und 4565. Napoleon an Berthier 2 
Januar bezw. an Massena 5. Februar. Napoleon knüpft mit dieser Weisun 
an frühere Mahnungen an, namentlich an die Denkschrift vom 19. Janut 
1 796. (Correspondance I, 83): Nur im Winter kann man in Italie 
große militärische Erfolge erreichen. „Wenn die italienische Armee de 
Monat Februar vorübergehen läßt, ohne etwas zu tun, wie sie den Janu; 
verstreichen ließ, so ist der italienische Feldzug völlig verfehlt". — Vg 
auch Koch IV, 46 f. 

') Koch IV, 47. 



in der Riviera. 165 

Angriffsdisposition und einen detaillierten Marschplan; der 
15. Februar sollte der erste Marschtag sein; am 25. die ver- 
schiedenen Angriffspunkte erreicht werden. Am 1. Februar 
erging eine von Zach verfaßte „Belehrung für den Gebirgs- 
krieg" an die einzelnen Truppenführer, ein Schriftstück, das 
man noch heute mit Nutzen und Interesse, wenn auch nicht 
überall mit Zustimmung, liesti). 

Die Angriffsdisposition vom Januar darf uns schon deshalb 
kurz beschäftigen, weil die im April dann wirklich durch- 
geführte in den wesentlichen Punkten mit ihr übereinstimmt. 

Die Hauptabsicht, die ihr zugrunde lag, war: Es wird der 
Schein erweckt, als gelte Genua der erste und Hauptstoß, 
während er in Wirklichkeit auf Savona gerichtet ist. Man er- 
wartet natürlich, daß der Feind sich täuschen läßt und das 
Gros seiner Streitkräfte infolgedessen um Genua konzentriert. 
Österreichischerseits werden sechs Angriffskolonnen gebildet; 
fünf Marschkolonnen (die Hauptkolonne aus zwei Kolonnen 
zusammengesetzt) und eine Ersatzkolonne; die Gesamtstärke 
sollte 33 384 Mann Infanterie (61 Bataillone und sieben Pionier- 
kompagnien), 900 Reiter (9 Schwadronen), 20 Kanonen und 
2 Haubitzen betragen. 

Die angedeutete strategische Absicht der Österreicher wird 

ohne weiteres klar schon durch die Wahl der Sammelpunkte, 

die von den einzelnen Kolonnen nach zum Teil achttägigen 

Märschen bis zum 23. Februar erreicht werden sollten: 1. Von 

dem Zentrum, der Hauptkolonne (1. und 2. Kolonne), Cairo 

und Millesimo, d. h. die beiden Straßen, die von Acqui und Ceva 

auf Savona führen, nachdem sie sich bei Carcare vereinigt; 

2. von den Kolonnen 4 und 6, die zusammen den rechten Flügel 

bilden, Mallare und Bardinetto, d. h. die Quellen der beiden 

Bcrmidas; 3. von den Kolonnen 3 und 5, die den linken Flügel 

bilden, Sta Giustina di Stella und Campofreddo, d. h. die Straßen 

|Sa;>sello— Küste bezw. Ovada— Voltri. Der 24. sollte ein all- 

11 einer Rasttag sein, am 25. der Angriff beginnen, und zwar, 

sprechend diesem Autmarsch, gegen folgende Punkte: Über 

i Cadibona auf Savona für das Zentrum, auf Finale und Loano 



') Gedruckt O. iM. Z. 1820, III. S. 293 ff. 



166 Der Feldzuj 

für die Kolonnen des rechten, auf Varazze und Voltri für die 
des linken Flügels. Gleichzeitig sollte Ott aus seiner Stellung 
hinter der Magra an der Küste entlang und die Ersatzkolonne 
unter Hohenzollern, die am 23. in Novi versammelt sein sollte 
von der Bocchetta her auf Genua rücken. Ott und Hohenzollern 
sollten ihre Bewegungen einen Tag später beginnen als die 
übrigen Kolonnen, von denen die auf Voltri marschierende 
ihr Ziel zuerst erreichen sollte. Der Feind wäre damit bereits 
in Genua eingeschlossen gewesen, oder aber, wenn er diese 
Stadt rechtzeitig räumte, im schmalen Küstensaum zwischer 
Genua und Savona von fünf österreichischen Kolonnen um- 
faßt; der rechte österreichische Flügel hatte inzwischen die 
jenseits Vado stehenden Franzosen in Schach zu halten und. 
wenn möglich, nach Nizza zurückzudrängen^). 

Es läßt sich nicht absehen, wie Massena bei dem Zustand 
seiner Armee Ende Februar einem Unglück hätte entgehen 
sollen, wäre dieser Plan durchgeführt worden. Für dieser 
zeitigen Angriffstermin fallen, angesichts der Schwäche des Geg- 
ners, auch die Bedenken in etwas weg, die man gegen diesen 
österreichischen Angriffsplan machen muß, als er im April fasi 
unverändert wieder aufgenommen wurde, die Bedenken nämlich, 
ob es nicht ein Fehler war, die schwachen französischen Streit- 
kräfte, denen die Österreicher in jedem Falle überlegen waren, 
durch den Vorstoß auf Savona auseinanderzusprengen und nichj 
vielmehr den Versuch zu machen, ihnen entweder insgesaml 
durch einen Vormarsch über den Col di Tenda"^) den Weg 
nach Frankreich abzuschneiden und sie, wenn nicht in offener 
Schlacht aufzureiben, doch nach Genua hineinzuwerfen, oder 

^) Die Marschdisposition nebst Marschtabelle bei H ü f f er, II, 193 ff 
Im Wien. K r i eg s arc h i v, Italien 180 0, F. A. I, 137 fand ich An- 
griffsdisposition schon vom 20. Januar, die von Hüffer abgedruckte auch 
noch ebda. II, 70 mit dem Datum des 6. Februar, an welchem Ausmarsch 
und Angriff endgültig fixiert wurden. Vgl. dazu Hüffer II, 205 No. 12 
Eine weitere Ausfertigung der Marschdiposition (Kriegsarchiv a. a. 
II, ad 70) enthält eine besondere Rubrik über die den einzelnen Kolonnei 
zugeteilten Maulesel. Es sind insgesamt 2500, von denen )eder 45 Lail 
Brot, 2 Sack Hafer und 2 Pfund Reis oder Heu tragen sollte. Bei Hüffe 
II, 209, sind 2600 Muli genannt. i 

-) Zachs Angriffsplan vom 30. Juli 1799 leitete den Hauptangril! 
über Col di Tenda gegen Nizza. Hüffer, Krieg von 179911, 2 ; Quellen 1, 23' 



i 



in der Riviera. 167 

aber, wenn man nicht so weit ausholen zu dürfen glaubte, 
die Franzosen wenigstens mit möglichster Vollständigkeit nach 
Genua hineinzuwerfen. Die Zersplitterung in sieben Kolonnen 
war überdies für die Österreicher, zum mindesten im Februar, 
auch deshalb überflüssig, als der Gegner in seinem damaligen 
Zustand, der kein Geheimnis war, gar nicht daran hätte denken 
können, sich etwa durch einen Marsch nach Piemont oder 
ins Trebbiatal oder nach Toskana den Österreichern zu ent- 
ziehen. 

Der Angriff der Österreicher auf die Riviera war dämm 
noch besonders aussichtsreich, weil sie zwei Bundesgenossen 
hatten: die englische Flotte und die ligurischen Bauern. 

Die Mitwirkung der Engländer war schon bei Aufstellung 
des Kriegsplanes vorgesehen worden. Ihnen fiel vor allem 
die doppelte Aufgabe zu, einmal die Verproviantierung der 
Franzosen zu erschweren und anderseits die der Österreicher 
von Livorno her zu sichern. 

Da das Gros der englischen iVlittelmeerflotte, deren Ober- 
kommando im Dezember 17Q9 Lord Keith erhielt, unter Nelson 
bei der Blockade von Malta beschäftigt war, blieben für die 
ligurischen Gewässer nur wenige Schiffe verfügbar. Anfang 
Januar versprachen Nelson und Keith dem General Ott zu 
Livorno, den Hafen von Genua mit fünf Schiffen zu blockieren 
lind bei allen Unternehmungen der Landtruppen nach Möglich- 
keit mitzuwirken. Auch die Unterstützung durch einige in den 
dortigen Gewässern befindliche russische Schiffe wurde damals 
noch, in der Hoffnung auf den Wiedereintritt des Zaren in die 
Koalition, in Aussicht genommen. Für die Verproviantierung 
der Österreicher sollte ferner eine unter Major Lespine im 
Hafen von Spezzia gesammelte Flottille dienen. Als Keith Ende 
Januar von Livorno für einige Zeit nach Malta ging, ließ er 
Zvvar nur ein Linienschiff und zwei Fregatten unter dem Ka- 
pitän Louis zurück, aber in Gemeinschaft mit Lespine wären 
ajch diese für die nächsten Zwecke der Verproviantierung 
und deren Schutz ausreichend gewesen. Doch schon am 6. Fe- 
bruar war Keith vorübergehend wieder in Livorno und ver- 
s cherte aufs neue, alles zum Besten der koalierten Waffen 



168 Der Feldzug 

tun zu wollen und selbst in einigen Tagen nach Spezzia zu 
gehen, um Genua näher zu sein. Die Vorbereitungen zur Mit- 
wirkung der Flotte waren denn auch vollständig getroffen, und 
eben (am 24.) eine Konvention zwischen Kapitän Louis und 
dem österreichischen Obersten de Best abgeschlossen, als die 
Nachricht vom Aufschub der Expedition in die Riviera eintraft). 

Für die Beurteilung der späteren Beziehungen der Bundes- 
genossen ist festzuhalten, daß die Engländer es mit Recht 
für ihre Hilfeleistung zur Bedingung machten, daß die Opera- 
tionen mit ihnen verabredet, daß keine Kapitulation oder Kon- 
vention ohne ihre Unterschrift abgeschlossen werden sollte, und 
daß Melas auf diese Bedingungen auch einging, mit dem Vor- 
behalt freilich, daß zum Abschluß einer förmlichen Konvention 
die ausdrückliche Genehmigung des Armeeoberkommandos er- 
forderlich sei"^). 

Die Mitwirkung des zweiten Bundesgenossen, der ligu- 
rischen Bauern, bei der Eroberung der Riviera steht in Ver- 
bindung mit den verräterischen Umtrieben mehrerer Offiziere 
in französischen Diensten, vor allem des Generals Assaretto. 
Von seinem Adjutanten St. Croix begleitet, kam dieser geborene 
Genuese, der von seiner früheren VorUebe für die Revolution 
gründlich geheilt war, um die Jahreswende verkleidet ins öster- 
reichische Hauptquartier nach Turin und erbot sich, den Öster- 
reichern Genua durch Inszenierung eines Volksaufstandes in 
die Hände zu spielen. Melas war anfangs mißtrauisch, was 
in jener Zeit, da Verräter und Spione (Doppelspione) eine 
erhebliche Rolle spielten, nicht ungerechtfertigt war. Allmählich 
wußte jedoch Assaretto durch seine fortlaufende wichtige Bericht- 
erstattung für sich einzunehmen und sein eben genannter Plan, 
sowie der weitere, an dem auch ein Bruder Assarettos aus 
Savona beteihgt war, den Österreichern zur Einnahme dieser 
Stadt und Vados zu verhelfen, fand ernste Beachtung. 



') Über die Mitwirkung der Engländer in der Riviera: Kriegs- 
archiv a. a. O. I, 7'/2, 28 und 96 (Russen), 78 und 103 (Lespine), 97, 
106, 127, 150, 173, 205, 212. 241; II, 40, 75, 151, 212, 250 Beilage. Vgl. 
auch Hüffer, II, S. 200 ff., No. 6, 7, 8 ; Allardyce, Memoir of the ho- 
nourable George Keith Elphinstone. Edinburg und London 1882 p. 183 ff., 
vor allem 193 ff. 

-) Kriegsarchiv a. a. 0. I, 127, 173. 






in der Riviera. 169 

Wenn die Österreicher ihren Hauptangriff auf Savona rich- 
teten, ist vielleicht auch die Erwägung mit leitend gewesen, 
daß gerade dieser Ort an der sonst so schwierigen Riviera- 
küste besonders günstige Hafen- und Landungsverhältnisse 
bietet. Jetzt hatte man einen Teil der Garnison, vor allem 
Mascaril, dieses wichtigen, aber nur schwach besetzten Postens 
ins Einvernehmen gezogen und alles für den Überfall in der 
Nacht vom 24. zum 25. Februar vorbereitet. Unter englischem 
Schutz sollten einige hundert Österreicher bei Spotorno ans 
Land gesetzt und von St. Croix vor Savona geleitet werden, wo 
Assaretto das Kommando übernehmen sollte; am 25. sollten 
dann, gemäß der oben entwickelten Disposition für den all- 
gemeinen Angriff, auch die ersten Österreicher von Norden 
her vor der Stadt erscheinen, in deren Nähe sich bereits ver- 
kleidete österreichische Soldaten befanden. Da ließ der ver- 
hängnisvolle Aufschub des Rivieraunternehmens auch diesen 
aussichtsreichen Handstreich unausgeführt^). 

Bald darauf wurde Massena durch Zufall die Verräterei 
seiner Offiziere bekannt. Mascaril und St. Croix retteten sich 
rechtzeitig, aber auch Assaretto, der verhaftet worden war, 
wußte auf dem Transport nach Antibes seinen Wächtern zu 
entschlüpfen und zu den Österreichern zu gelangen, die ihm, 
unter dem Oberkommando von üraf Hohenzollern, die genue- 
sische Landmiliz unterstellten. Er hat mit ihr im Rivierafeldzuge 
gute Dienste geleistet und bekam dafür später eine öster- 
reichische Pension. 

Mit dem genannten Kommando befand er sich auf einem 
ihm vertrauten Boden, denn schon im Februar, als sich die 
Bauern in verschiedenen Gebirgstälern erhoben, hatte er mit- 
gewirkt"). 

Namentlich die Bewohner des Lavagnatales (Fontanabuona) 
und von Rapallo waren damals aufgestanden. Sie wurden von 
den Österreichern ermutigt, mit Waffen und Lebensmitteln ver- 
sehen, und schließlich Hauptmann Dönhoff mit einem Streif- 

') Vgl. Hüffer H, 200 ff. No. 7, 8, 11 (genaue Vereinbarung vom 
6. Februar), 15. 

;! Über Assaretto: Kriegsarchiv a. a. O. I, 183; II, 237'/, ; IV, 95 
und, zum Teil abweichend, Hüffer II, 46, 147 ff., 154 f., 157, 161, 213, 
240, 244, 307, 378 ff. Vgl. auch Thiebault II, 352; Koch IV, 63 ff. 



170 Der Feldzug 

kommando zu ihnen geschickt, um sie zu organisieren, was 
auch mit so gutem Erfolge geschah, daß die Bauern, im Verein 
mit den leichten österreichischen Truppen (Mariassy-Jäger), auf 
Vorposten bald erhebliche Dienste leisteten^). Später nahm die 
Insurrektion einen bedeutenden Umfang an. Die Erhebung 
der Bauern im Februar war möglich geworden, weil die Fran- 
zosen am Anfang dieses Monats ihre äußersten Vorposten von 
Sestri zurückzogen und sich, wie oben erwähnt, möglichst bei 
Genua konzentrierten^). Daraufhin, und in Verfolg der ge- 
planten Riviera-Expedition hatte sich Ott schon am 5. Februar 
von Lucca aus in Bewegung gesetzt^). 

Da ergingen am 13.^) die ersten Befehle, diese Expedition 
einzustellen. Welches waren die Ursachen? Wir kennen die 
von Melas vorgeschützten Gründe genau: Der heftige Schnee- 
fall vom 12. und 13., der alle Wege ungangbar gemacht habe, 
spielt überall eine entscheidende Rolle, ferner die Bedenken 
des Intendanten von Bienenfeld, der vor Ablauf von sechs 
Wochen nicht für eine Sicherstellung der Verpflegung garan- 
tieren zu können erklärte, und die Tatsache, daß der Feind 
bereits aufmerksam geworden sei und darum nicht mehr voll- 
kommen zu überraschen gewesen wäre"). Daß diese Gründe 
nicht stichhaltig, daß auch das Wetter nicht als solcher gelten 
kann, beweisen die einmütig verurteilenden Stimmen von Hohen- 
zollern. Zach, de Best, Stutterheim"), Auch von Wien aus 
wurde Melas das Allerhöchste Mißfallen über den Aufschub 
der Expedition ausgedrückt'). 

Es bedeutet auch in der Tat die letzte Ursache der Kata- 
strophe von Marengo und Alessandria! Es mag etwas zu scharf 
sein, entspricht aber im allgemeinen doch den Verhältnissen 
im österreichischen Hauptquartier und der Schwäche des Gene- 

^) Kriegs archiv a.a.O. II, 59, 167, 178, 237, 247, 268; III, 26,28, 
61, 139; Hüffer II, 212 f., No. 24 f. 

=) Kriegsarchiv a. a. O. II, 72, 145. 

«) Hüffer II, 202 No. 9; vgl. auch No. 16 S. 207. 

^) Kriegsarchiv II, 205, 333 lassen an diesem frühen Datum keinen 
Zweifel. Auch das Datum des Schneefalls paßt dazu. 

') Kriegsarchiv II, 237'/3, 223. Vgl. auch Hüffer II, 208 f. 

') Hüffer II, 47 f., 210, 211; Kriegsarchiv a. a. O. II, ad 223,212. 

') Kriegsarchiv a. a. O. III, 188 Melas' Antwort an Tige vom 17. 
auf den Tadel vom 4. 



I 



in der Riviera. 171 

rals Melas, wenn Stutterheim urteilt, der unselige Befehl sei 
dem alten Manne mit leichter Mühe von den Widersachern 
des Generals Zach abgerungen worden, die die Freuden der 
Hauptstadt Turin nicht schon jetzt missen wollten und die an der 
um die Gesundheit des Gatten besorgten Gemahlin des Ober- 
kommandanten eine warme Fürsprecherin gefunden hätten^). 
Bezeichnend ist jedenfalls auch, daß der Generalquartiermeister 
Zach über eine so folgenschwere Entscheidung gar nicht befragt 
worden war, und daß er am 19. an de Best schreiben konnte: 
„Nachderhand sagte mir Herr Obrist Radetzky dreierlei Ur- 
sachen, die er vermute: der gefallene Schnee, meine (Zachs) 
Augenkrankheit, und daß der Kommandierende nie ins Gebirge 
gehen wollen." Das letzte ist Anklage genug! Zach sollte auch 
Recht behalten, wenn er in demselben Briefe urteilt: „die Ex- 
pedition selbst läßt sich im Grunde nicht verschieben, sondern 
sie ist ganz aufgehoben"')." 

Es war in der Tat ein ganz anderes Unternehmen, das im 
April wirklich gegen die Riviera begonnen wurde. Die Ver- 
hältnisse hatten sich durchaus verändert in den sieben vollen 
Wochen, die bis dahin noch vergingen, obwohl es nicht an 
Stimmen fehlte, die in der Zwischenzeit darauf hindrängten, 
zumal als das Wetter rasch wieder günstig geworden war. 

Die Franzosen wußten es zu benutzen und dadurch Ott 
und den aufständischen Bauern unangenehm genug zu werden. 

Auf die bedrohlichen Anzeichen der österreichischen Offen- 
sive hin verstärkte Massena überall seine Außenposten. Die 
dadurch bedingte Schwächung des Feindes in Genua selbst, 
und die Nachrichten über die täglich wachsende Not in dieser 
Stadt und dementsprechend das Mißvergnügen der Bewohner 
veranlaßten Ott, von Sarzana aus einen Teil seines Korps auf 
Sestri und darüber hinaus vorzuschieben'^). Am 5. März unter- 
nahmen daraufhin die Franzosen bei schlechtem Wetter einen 
allgemeinen Angriff auf die österreichischen Stellungen, nament- 
lich in der Richtung auf Acqui, wo große österreichische Vor- 

') HQffer II, 48. — Vgl. hierzu Thuguts lebhafte Klage 'an Collo- 
rodo 13. Januar. Vivenot II, 205 T, daß so viele Offiziere und Generale 
vargnügungshalber die Winterquartiere verlassen. 
. "-) Hüffer II. 211 No. 24. 

'j Kriegsarchiv a. a. 0. H, 313. 



172 Der Feldzug 

rate lagerten, und dann gegen die Levanteküste, um die auf- 
ständischen Bauern zu züchtigen. Zu irgendeiner ernsteren 
Aktion kam es nicht. Der erfolgreiche Angriff auf seine Posten 
bei Cairo und Ovado veranlaßte Melas, diese zu verstärken, 
namentlich Acqui besser zu decken. Die Zurückdrängung der 
Vorposten Otts (Oberst d'Aspre) am 5. und 6. bis hinter Sestri 
hatte die Folge, daß Soult an den Bauern des Lavagnatales, 
die sich auf die französischen Proklamationen hin nicht unter- 
warfen, empfindhche Rache nahm. Als die Österreicher hierauf 
wieder umkehrten und die Franzosen hinter die Sturla zurück- 
warfen, regten sich die Bauern indes schon Ende März wieder 
kräftigt). 

Die bessere Jahreszeit, aber auch der Angriff vom 5., den 
die Franzosen um die Mitte des Monats wiederholten^), ver- 
anlaßte eine engere Konzentrierung der Österreicher, die mit 
einer Neueinteilung der Armee mit Rücksicht auf die bevor- 
stehenden Operationen Hand in Hand ging: das Hauptquartier 
bewegte sich seit dem 21. von Turin nach Alessandria und die 
Armee wurde in zwei Flügel geteilt. Der rechte unter Elsnitz 
sammelte sich, 34 Bataillone und 20 Schwadronen stark, bei 
Bra; seine Vorposten dehnten sich vom Po bis Millesimo aus. 
Der linke Flügel unter Hohenzollern, 41 Bataillone und 46 
Schwadronen, sammelte sich zwischen Alessandria und Tortona 
an der auf die Bocchetta führenden Straße; seine Vorposten 
standen von Millesimo bis San Stephano, wo sich diejenigen 
Otts anschlössen. Es war eine Stellung, die, zumal der linke 
Flügel bald noch um drei Bataillone verstärkt wurde, den Feind 
vornehmHch um Genua besorgt machen sollte. Aus „Ver- 
pflegungsrücksichten" (cf. oben S. 157) wurde die Konzentrierung 



') Kriegsarchiv III, 55, 82; O. M. Z. 1822, III, 38 ff. ; Thiebault, 

I, 65 ff.; Soult III, 18 ff.; Koch IV, 63 ff.; Hüff er II, 149; Gachot a. a. 0. 
43 f., 46. — Hierher gehört vielleicht die Notiz Stutterheims (bei Hüffer 

II, 49), daß Ott mit großem Verlust habe nach Sarzana zurückweichen 
müssen. — Am 5. März hatte Napoleon noch einmal, ähnlich wie am 21. 
Januar (cf. S. 164), Massena die Weisung gegeben: Wenn der Feind so 
tölpelhaft ist, 12000 Mann zwischen Spezzia und Genua zu vereinigen, 
fallt über ihn her mit aller Eurer Macht und vernichtet ihn. (CorrC' 
spondance VI, 4642). 

-) Kriegsarchiv a. a. 0. III, 177, 212. 



I 



in der Riviera. 173 

indes zum Teil Avenigstens noch einmal aufgeschoben, erst 
am 23. aufs neue anbefohlen und jetzt auch wirklich vollzogen^). 
Vom 28. datiert dann die neue, von Zach bearbeitete Dis- 
position zum Angriff auf die Riviera, der auf den 5. April fest- 
gesetzt wurde-). 

II. 

Der Riviera-Feldzug bis zur endgültigen Trennung 
Nassenas und Suchets. 

Von den technischen Anordnungen der österreichischen 
Angriffsdisposition dürfen wir absehen ; einen Überblick über 
Gliederung und Stärke der für die Expedition bestimmten 
Armee aber können wir nicht entbehren. 

I. Hauptkolonne (Sammelpunkt Acqui im Bormidatal), 
bestehend aus der Division Pälffv mit den Brigaden Latter- 
mann, Bussy, Sticker, St. Julien, zusammen 32 Bataillone und 
4 Schwadronen. 

II. Kolonne Hohenzollern (Sammelplatz Novi), be- 
stehend aus den Brigaden Rousseau und DöUer, zusammen 
12 Bataillone, 8 Kompagnien (Jäger), 4 Schwadronen^). 

Ili. Kolonne Elsnitz (Sammelplatz Ceva), bestehend 
aus den Brigaden Weidenfeld, Auersperg, Friedr. Bellegarde, 
Ulm, Brentano, zusammen 28 Bataillone, 4 Schwadronen. 

IV. KolonneOtt (Sammelplatz an der Sturla), bestehend 
aus den Brigaden Eder, Stojanich, Gottesheim (Nachfolger Kle- 
naus) und Fenzel, zusammen 19 Bataillone, 16 Kompagnien 
(Jäger), 4 Schwadronen. 

Die gesamte für die Riviera bestimmte Streitmacht betrug 
demnach: 91 Bataillone, 24 Kompagnien Jäger, 16 Schwadronen. 

Der Rest der österreichischen Armee war zu diesem Zeit- 
punkt folgendermaßen in Italien verteilt: 

') Ebda. III, 82 (7. März), 190 (18. März}, 213, 218, 251/3 (23. März). 

') Hüffer II, 214 ff., No. 31 und mehrere Ausfertigungen im Wien. 
Kriegsarchiv. Vgl. auch Hüffer II, 222 No. 32 mit unbedeutenden 
Abweichungen. 

') Die Stärke dieser Kolonne hat zwischen 9 und 12 Bataillonen ge- 
wechselt. Anfangs war ihr auch die Kavalleriedivision Hadik bei Acqu' 
(30 Schwadronen' unterstellt. 



174 Der Feldzug 

1. Die Division Hadik, 30 Schwadronen stark, stand bei 
Acqui; 

2. Die Divisionen Vukassovich und Kaim, mit den Brigaden 
Nimptsch, Gorup, Knesevich, Lamarseille, de Briey, Loudon, 
Dedovich, zusammen 35 Bataillone, 12 Kompagnien Jäger, dazu 
32 Schwadronen waren in Piemont verteilt (vgl. Kapitel VI) ; 

3. Die Division in der Romagna und im Florentinischen 
war 8 Bataillone, 2 Kompagnien und 10 Schwadronen stark; 

4. 16 Bataillone waren von Istrien bis Piemont in den 
Garnisonen verteilt. 

Die gesamte, nicht an der Expedition beteiligte Streitmacht 
betrug demnach:. 59 Bataillone, 14 Kompagnien Jäger, 42 
(mit Einschluß Hadiks 72) Schwadronen, und die österreichi- 
sche Gesamtstärke in Italien: 150 Bataillone, 38 Kompagnien 
Jäger, 88 Schwadronen. 

Über die zahlenmäßige Stärke gehen die Angaben aus- 
einander; wir dürfen sie auf rund 100 000 Mann Dienstbare 
ansetzen, von denen etwa 90 000 für die Feldoperationen zur 
Verfügung standen. Die Zahl der davon wieder für die Ri- 
vieraexpedition verwendeten Truppen betrug zirka 60 000^). 

Ihnen stand auf französischer Seite kaum die Hälfte 
gegenüber. 

Die Armee Massenas war bei Beginn der Feindseligkeiten 
in drei Korps, unter je einem Träger der neuen Charge des 
Generalleutnants^), eingeteilt : Auf dem rechten Flügel stand 
das Korps Soult von Recco bis Altare an der Straße Carcare- 
Savona, die Straßen von Livorno und Novi versperrend. Im 
Zentrum stand das Korps Suchet von San Giacomo bis Oneglia, 
vor allem die obere Bormida und den Weg von Ceva nach 
der Küste bewachend. An Suchet schloß sich der Hnke Flügel 
unter Turreau an, der die Alpentäler und Pässe bis jenseits 

*) An Angaben für den März finde ich im Kriegsarchiv: 
111, 6 (s. d.): Ausrückender Stand 95902 Mann mit 14404 Pferden, 
. 111, 19 (1. März): in den Festungen 10400 

106302 Mann. 
111, 129 (11. März): 105893 Mann mit 14408 Pferden. 111, 327 (Ende März): 
einschließlich Festungen 104681 Mann, einschließlich Artillerie-, Stabs- 
und Extra- Korps 110903 Mann. 111, 333, (cf. oben S. 159): 101479 Mann^ 
■) Vgl. darüber Herrmann, Marengo S. 18 f. 






in der Riviera, 175 

des Mont Cenis bewachte. Nur Zentrum und rechter Flügel 
kommen als Gegner der Österreicher im Rivierafeldzug {in 
Betracht. 

Der rechte Flügel unter Soult bestand aus drei Divisionen : 
MioUis : 4200 Mann, 
Gazan : 4920 Mann, 
Marbot: 4200 Mann, 
zus. 13 320 Mann. 
Dazu kam eine Reserve von 2200 Mann und 2300 Mann, die 
als Garnisonen in Genua (1100), Gavi (500) und Savona (700) 
verteilt standen, zusammen auf dem rechten Flügel: 
17 820 Mann. 

Das Zentrum bestand gleichfalls aus drei Divisionen : 

Clauzel: 3956 Mann, 

Ponget: 5624 Mann, 

Lesuire: 2136 Mann 

zus. 11 716 Mann. 

Der Unke Flügel bestand nur aus zwei Divisionen : 

Liebaut: 2610 Mann, 

Valette: 3366 Mann, 

5976 Mann, 

dazu 400 Mann Artillerie, so daß die Gesamtstärke der Armee 
Mjissenas beim Ausbruch der Feindsehgkeiten 35 912 Mann 
betrug, von denen 29 536 Mann für den Rivierafeldzug in 
Betracht kamen^). Nicht eingerechnet sind die genuesische 
Nationalgarde und einige polnische und piemontesische Ba- 
taillone. 

Es ist wohl am Platze, wenigstens einige Bemerkungen zu 
machen über die Natur des Kriegsschauplatzes, weil sie die 
Kämpfe und Truppenbewegungen, die wir nunmehr zu schildern 
haben, ganz besonders merkwürdig macht. 

Wer heutigen Tages an den sonnigen Gestaden der Riviera 



*) Die Zahlenangabennach Koch IV, 79 f. und 351 f. (Situation vom 
yVpril). Vgl. auch Thiebault I, 415 ff. Die Zahlen bei Gachot p. 59 
ö. sind ihnen nicht vorzuziehen. — Die Zahlen für die Korps Suchets 
und Turreaus ändern sich rasch und mehrfach infolge Verschiebungen 
Verstärkungen. 



176 Der Feldzuj 

wandelt, wird kaum glauben wollen, daß die Küstenstraße vor 
Nizza nach Genua sich im Jahre 1800 in einem so verwahrloster 
Zustande befand, daß die Artillerie sie überhaupt nicht passierer 
konnte, sondern auf Gebirgslafetten oder, was in der Rege 
geschah, zur See transportiert werden mußte. Von den Straßen 
die den Apennin durchqueren, waren fahrbar, wie bereits ober 
erwähnt, nur die über Tenda und die Bocchetta; außerdem 
war (notdürftig) fahrbar gemacht die über den tiefsten, nui 
500 Meter hohen, Gebirgssattel von Cadibona führende Straße 
die in Savona ausmündet. Für Infanterie durchaus passierbai 
waren ferner die Straßen Oneglia — Pieve — Ormea — Ceva 
Albenga — Garessio; Loano — Bardinetto — Calizzano (auch füi 
leichte Artillerie verwendbar) ; einige von Noli und Finale übei 
Melogno, Mallare und San Giacomo nach Millesimo und Carcar( 
führende Wege, sowie die über Sassello, Fajalo und Masone 

Auch die meist gepflasterten zahlreichen Saumpfade konn 
ten, wenn auch nur langsamen, Truppenbewegungen dienen 
Alle diese Wege steigen von der Riviera in der Regel stei 
zu den Höhen und dem Hauptkamm des Gebirges, die eben 
falls meist gangbar sind, an und fallen meist langsam zu der 
viel längeren nördlichen Tälern des Apennin ab. Nur bis zi 
der Linie Ceva— Carcare— Pontinvrea haben auch die nörd 
liehen Täler den schluchtenreichen Charakter, der in den süd 
liehen die Truppenbewegungen so sehr erschwert. Die Zer 
Störungsarbeit des Wassers hat das in dem sehr waldarmer 
Gebirge zuwege gebracht und auch bewirkt, daß sich schor 
in den mittleren Gebirgslagen zahlreiche Geröllhalden befindet 
und die Berge meist kahle Flächen sind. 

Die Höhen, zu denen sich das Gebirge in diesem Tel 
des Apennin erhebt, sind ziemlich beträchtlich. Südwestlich vor 
der österreichischen HauptanmarschHnie, dem Paß von Cadi 
bona, sind die höchsten Gipfel der Monte Spinarda (1358 m) 
Monte Carmo (1389 m) und die Settepani (1391 m) ; im Monte 
Ariolo und Monte Gale, wo die alpine und die Mittelgebirgs- 
landschaft sich scheiden, bei gleicher geologischer Beschaffenheil 
übrigens, steigt das Gebirge gar bis zur Höhe von er. 1700 Metei 
an. Östlich der Straße von Cadibona erreicht die Hauptgebirgs 



in der Riviera 177 

kette nur eine Höhe von 1000 bis 1100 Meter; einzelne Gipfel 
erheben sich noch 1 bis 200 Meter darüber^). 

Es leuchtet ein, daß das geschilderte Gelände Truppen- 
bewegungen erhebliche Schwierigkeiten bietet, wenn diese auch 
fast überall möglich sind, so daß die Rivierakämpfe nicht in 
dem Sinne den Charakter eines eigentlichen Gebirgskrieges 
tragen, wie z. B. ein Krieg in den Tiroler Bergen. Dazu kommen 
dann die durch die Beschaffenheit des Geländes bedingten Ver- 
pflegungsschwierigkeiten, wenigstens oder hauptsächlich für den 
im Küstenland stehenden Gegner. Es ist eben nur ein überaus 
schmaler Streifen Land; Die Hauptkette des Gebirges ist vom 
Meeresufer nur ^/^ bis 2 deutsche Meilen entfernt, die süd- 
lichen Ausläufer treten fast überall bis unmittelbar an die Küste 
heran. So kann die Fruchtbarkeit der Riviera fast nur in einem 
reichen Blumen- und Früchtesegen in die Erscheinung treten; 
für Gemüse- und Getreidebau dagegen ist wenig Raum. Das 
Weideland der mittleren Gebirgslagen dient in größeren Men- 
gen nur Ziegen und Schafen. 

So kam für die Franzosen alles auf die Zufuhr vom Meere 
an, die ihnen aber durch die Engländer unendlich erschwert 
wurde. 

Man sieht nach allem, die leichtere Aufgabe hatten 
die Österreicher, besonders, wenn es ihnen gelang, den höchsten 
Bergrücken im ersten Anlauf zu gewinnen, was volle Aussicht 
auf Erfolg hatte. 

Der Angriff war in folgender Weise geplant: Von der 
Hauptkolonne marschiert die Brigade St. Julien (12 Bataillone, 
1 Schwadron) gesondert am 4. von Acqui durch das Errotal 
nach Mioglia. Von hier, w^o ein Bataillon zurückbleibt, geht 
.St. Julien am 6. über Pontinvrea und Montenotte nach dem 
gleichnamigen, von den Franzosen besetzten Bergrücken, den 
das Regiment Vukassovich in der linken Flanke umgehen sollte. 
St. Julien sollte die Franzosen zurückdrängen und sich auf dem 
Monte Legino festsetzen, um die von der Riviera heraufführenden 
Wege zu bewachen. Die übrigen Brigaden der Hauptkolonne 



') Die Geländebeschreibung hauptsächlich nach dem trefflichen Werke 
von Kühl, Bonapartes erster Feldzug, Berlin 1902 S. 8 ff., der auch S. 9 ff . 
Napoleons Beschreibung des Kriegsschauplatzes wiedergibt. 

Herrmann, Der Aufstieg Napoleons. 1 2 



178 Der Feldzug 

sollten am 5, Carcare erreichen und von diesem Knotenpunkt 
vorgehend am 6. Altare angreifen. Fünf Grenadierbataillone 
unter Lattermann marschierten vom Wege der Hauptkolonne 
(Cairo— Carcare) links ab über Abbazzia Ferania auf dem 
höchsten Bergrücken, um am 6. auf die rechte Flanke der ober- 
halb Altare stehenden Feinde zu treffen. Zum Flankenschutz 
nach rechts entsendet die Hauptkolonne drei Bataillone. Mit 
St. JuHen, der ja gewissermaßen die linke Flanke der Haupt- 
armee bildete, hielt eines der Bataillone Lattermanns die Ver- 
bindung aufrecht. In Carcare sollte am 5., von Ceva kommend, 
auch Elsnitz eintreffen; unterwegs hatte er die Brigade Ulm 
(7 Bataillone, 1 Schwadron) in und um Millesimo zurückzulassen 
mit dem Auftrage, gleichzeitig das Bormidatal wie die Berg- 
gruppe Settepani zu beobachten. 

Von Carcare sollte Elsnitz jedoch nicht mit der Haupt- 
kolonne weiter marschieren, sondern sich am 6. gegen Mallare 
wenden und am 7. die Höhen von San Giacomo (Deckung von 
Noli und Finale) angreifen, wobei die drei Flankenbataillone 
der Hauptkolonne mitwirken sollten. Diese selbst hatte am 
gleichen Tage den Monte Ajuto zu nehmen. Wenn alle diese 
Vorstöße glückten, hatte Ulm von Millesimo gegen die Sette- 
pani vorzugehen, falls nötig, durch Elsnitz von links her unter- 
stützt. Mit der Einnahme der genannten Punkte stand den 
Österreichern der Herabstieg in das Küstenland offen, war 
Savona bedroht, den zwischen Savona und Genua stehenden 
Franzosen die Verbindung mit Nizza durchschnitten, Zentrum 
und rechter Flügel der Franzosen getrennt und damit der 
Hauptpunkt des österreichischen Angriffsplanes erfüllt. 

Damit dies um so leichter gelinge, sollten die Kolonnen 
Ott und Hohenzollern, während des Vormarsches der Haupt- 
kolonne auf der Straße nach Savona, durch Demonstrationen 
den Anschein erwecken, als wäre der österreichische Haupt- 
angriff auf Genua gerichtet. Ott sollte am 6. durch die Bri- 
gade Gottesheim Recco angreifen lassen und gleichzeitig selbst^ 
gegen Torriglia am Eingang des Trebbiatales vorgehen, ai 
7. gemeinsam mit Hohenzollern die Bocchetta und Genua anl 
greifen. Sollte der Feind ihnen gegenüber an diesem Tag( 
noch zu stark sein, weil die Hauptkolonne und Elsnitz ihr^ 



in der Riviera 179 

[oben bezeichneten Stellungen noch nicht erreicht und dadurch 
IMassena von Genua abgezogen hatten, sollten Ott und Hohen- 
! zollern warten, bis dies geschehen. Letzterer bekam außerdem 
inoch den Auftrag, Acqui und Terzo zu decken, um der Haupt- 
•kolonnc in jedem Falle die Rückzugslinie an der Bormida ent- 
lang nach Alessandria zu sichern, falls ihr etwas zustieße^). 
j Entsprach nun die Ausführung diesem Plane? 
i Bis zum 6. verlief alles programmäßig. 

j Elsnitz, die Hauptkolonne, und St. Julien erreichten am 

. Carcare bezw. Miogla; St. Julien nach glücklichem Gefecht 

ei Montenotte, wobei besonders das Regiment Vukassovich 

ich auszeichnete, am 6. den Monte Legino. Die Hauptkolonne 

legte an diesem Tage bei Altare und besetzte es noch an 

emselben Abend, statt erst am 7.; diese Position überließ der 

ehr viel schwächere Soult, der zu der hier stehenden Division 

pardanne (Nachfolger Marbots) geeilt war, den Österreichern 

jedoch erst nach blutigem, wechselvollem Ringen"^). Er zog 

sich erst auf Savona, das er rasch verproviantierte, dann auf 

iie Höhen von Albissola zurück, wo er sich noch gegen eine 

Dsterreichische Umgehungskolonne zu verteidigen hatte. 

Elsnitz gelangte am 6. nach Mallare, nahm am folgenden 
Tage den nur sehr schwach besetzten San Giacomo und ver- 
'olgte den Feind in der Richtung auf Finale und besonders auf 
Yado. Auch aus ihren Stellungen bei Madonna della Neve 
md Melogno mußten die Franzosen an diesem Tage weichen, 
jnci die Settepani fielen Ulm in die Hände ■^). 

So war den Österreichern im wesentlichen schon am 6. 
ibends der Vorstoß auf Savona, die Trennung Soults und 
; juchets, geglückt, nicht zuletzt, weil Massena, über die Ab- 



') Hüffer II, 214 ff., Mo. 31. 

■) Gachotp.6Sbeziffertdenfranz5sischenVerIustauf315Tote,869 Ver- 

/undete, 520 Vermißte ! ; der österreichische betrug am 6., einschließlich der 

; 'erljsteOtts und Hohenzolierns an diesem Tage (cf. S. 182), nur 450 Mann 

I Hüffer II, 222 No. 33), nicht 2400 -Mann wie Gachot S. 68 will, der 

jtets^ die Zahlen zu Gunsten seines Helden Massena und der Franzosen 

berhaupt vergewaltigt. 

') Kriegsarchiv a. a. O- IV, 72, 83, 110 und Hüffer 11, 235, ff., 
\o. 49. 



12* 



180 Der Feldzu 

sichten des Feindes offenbar im Irrtum^), seine Hauptmach 
bei Genua konzentriert hatte, auf der Straße nach Savona da 
gegen nur schwach war. Ein BHck auf die Karte bestätig 
unsere Ansicht; er zeigt, daß rechter Flügel und Zentrum de 
Franzosen gerade an der Haupteinbruchsstelle der Österreiche; 
an der Straße nach Savona, aufeinanderstießen (cf. oben S. 174' 
also hier der schwächste Punkt ihrer Aufstellung war. Ic 
stehe nicht an, diese Aufstellung Massenas mit Napoleon z 
tadeln, wenn auch die Einzelheiten seiner Kritik und ihre Voi 
aussetzungen vielfach irrig sind^). Daß er einen Fehler be 
gangen, als er den Feind seine Stellungen durchbrechen Hei 
hat Massena indirekt selbst eingestanden, indem er mit größte 
Kraftanstrengung bemüht war, seine Wiedervereinigung m 
Suchet herbeizuführen. Massena hätte, wie Napoleon ihm b( 
sonders nachdrücklich in der Anweisung vom 5. und wiederho 
am 12. März vorgestellt hatte'^), das Gros seiner Truppen ui 
Genua vereinigen sollen, dessen Besitz über das Schicksal de 
Riviera entschied. Die Rivieraküste in ihrer ganzen Ausdehnun 
zu verteidigen, alle Apenninstraßen und -passe zu decken, w£ 
die französische Armee viel zu schwach. Entweder Genua o d e 
den Var verteidigen ergab sich damit von selbst; das erster 
war für die Feldzugspläne des Ersten Konsuls das Passender 
Die Rechtfertigungsversuche gegen Napoleons Kritik, die Koc 
und Thiebault unternehmen^), bringen im einzelnen zweifellc 
manches richtige Argument bei, und namentlich die Schwierig 
keit, die konzentrierten Truppen auf engem Raum zu ernährei 
verdient ernsteste Beachtung. Aber Napoleons Ansicht w« 
auch nicht, daß Massena sich in den Mauern der ligurische 
Hauptstadt einschließen sollte; er hätte ein möglichst au< 
gedehntes verschanztes Lager auf den Höhen um Genua, m: 
Einschluß der Festungen Gavi und Serravalle, einnehmen, vc 
allem aber den Satz beherzigen müssen, daß er bei seine 
numerischen Schwäche auf durchschlagende Erfolge nur recl 
nen konnte, wenn er die österreichischen Kolonnen einzel 



*) Gachot S. 61 behauptet, der österreichische Angriffsplan sei dt 
Franzosen durch Spione verraten worden. 
-) Correspondance XXX, 431 ff. 
') Correspondance VI, 4642 und 4662. 
*) Koch IV, 343f.; Thiebault II, 263 ff. 



in der Riviera. 181 

schlug, d. h. eine Teilkraft des Gegners, einen einzelnen 
Flügel, mit gesammelter eigener Kraft angriff, alle anderen Po- 
sitionen vor dem feindlichen Angriff räumend. 

Wie ist der österreichische Erfolg vom 5. und 7. April 
zu bewerten? Die Antwort ergibt sich zum Teil schon aus der 
Kritik der französischen Aufstellung. Es war keine sonder- 
jliche Leistung, was die weit überlegene österreichische Haupt- 
jkolonne gegen eine französische Division von nur zirka 4000 
.Mann vollbracht hatte; man wundert sich vielmehr, daß die 
Österreicher sie nicht von Genua abschnitten und vernichteten. 
pas wäre wohl geschehen, wenn, wie im Angriffsplan vom 
Januar vorgesehen, eine Kolonne auf Voltri dirigiert worden 
wäre. Ich möchte in dieser Abweichung einen Nachteil des 
Märzplanes erblicken. Und war dieser überhaupt zu loben, 
war der Durchbruch auf Savona, den Melas für einen großen 
Erfolg hielt, wirklich ein solcher? Man wird darüber zum 
nindesten geteilter Ansicht sein können, bedenkt man, wie- 
viel größer der österreichische Erfolg gewesen w'äre, hätte 
inan den rechten oder hnken Flügel der französischen Auf- 
stellung umfassend angegriffen, statt sie zu durchstoßen. 

Daß der Fortgang der Operationen den günstigen Anfängen 
f )ei der Hauptkolonne nicht immer entsprechen, sondern daß 
I iie zähe Tapferkeit der Franzosen und das Talent ihrer Führer 
ihnen noch viel zu schaffen machen würde, das ließ die Öster- 
I [eicher bereits die Eröffnung der Feindseligkeiten bei den Ko- 
;|onnen Ott und Hohenzollern vorausahnen. 
! Wir wollen, schon um die Übersicht über die sehr ver- 
%jvickelten Rivierakämpfe nicht zu verlieren, fortab die Opera- 
~ ionen gegen den rechten Flügel und gegen das Zentrum der 
'pranzosen getrennt betrachten; die durch den österreichischen 
"/orstoß auf Savona geschaffene strategische Lage rechtfertigt 
lliese Einteilung durchaus. 

I Zunächst die Kämpfe des rechten Flügels, bei dem sich 
lAassena in Person befand! Wie wird er sich der Umklam- 
iherung seiner Gegner zu entziehen suchen? Es geschieht 
'lerkwürdigerweise zuerst durch Angriffe nach Nord und Ost 
regen Hohenzollern und Ott. Sie standen Genua am nächsten. 
)b er sich hier nur Luft verschaffen wollte, um sich dann be- 
uhigter gegen die feindliche Hauptmacht im Westen wenden 



182 Der Feldzu 

zu können, öder ob er auch am 7. noch glaubte, der östei 
reichische Hauptstoß sei gegen Genua gerichtet? Ich neig 
durchaus zu der letzteren Ansicht, denn nur dann ist es ei 
klärhch, daß Massena sich nicht sofort mit allen verfügbare 
Kräften gegen Savona wandte, um Soult zu entlasten, den nu 
die österreichische Lässigkeit rettete. 

Schon am 5. stieß Qottesheim auf der Straße Rapallo- 
Recco mit den Franzosen zusammen und drängte sie bis hinte 
Recco zurück. Am Tage darauf, also ganz programmäßig 
nahm Ott mit leichter Mühe Torriglia und besetzte auch Scoi 
fera und den Monte Capernardo, während Gottesheim de: 
Feind aus seinem Lager von Cornua verdrängte und den Mont 
Fasce besetzte. Hohenzollern schloß an diesem Tage Gav 
ein und besetzte u. a. Voltaggio, Rossiglione, Borgo di Fornai 
und Ronco, wobei es nur zu leichten Gefechten kam^). Mai 
sieht, die Österreicher waren Genua schon bedenklich nahi 
und begannen selbst, durch die Verbindung mit Sassello, di 
Rückzugslinie Soults nach Genua zu gefährden. Doch schoi 
am 7. machte sich Massena Luft, indem er gegen Gotteshein 
zum Schlage ausholte. In drei Kolonnen unter Miollis, Dar 
naud und dem Generaladjutanten Hector ließ er den Moni 
Fasce vormittags 11 Uhr angreifen; beim fünften Sturm bliel 
er in französischen Händen, und Gottesheim mußte nacl 
schweren Verlusten'-) bis hinter den Monte Cornua zurück 
worauf auch Ott seinen begonnenen Vormarsch gegen dei 
Monte Creto, der ihn der Bocchetta und damit der Kolonn* 
Hohenzollern näher bringen sollte, aufgeben und auf Torrigli; 
zurückweichen mußte. Hohenzollern wurde am gleichen Tag* 
aus seinen Stellungen im oberen Scriviatal, so aus Borgo-Fornari 
Savignone, Gazella, Rossiglione und Cabane di Marcarok 
zurückgedrängt^). 

') K r i e g s a r ch i v a. a. O. IV. 59, 73, 95 ; H ü f f e r II, 236 f., (vgl 
auch Abweichung ebda. S. 150 f.). Die Darstellung bei Koch IV, 86 
und Thiebault I, 102 ff. in Einzelheiten abweichend. 

") Der Gesamtverlust der Österreicher am 7., 40 Offiziere und 161 
Mann, (Hüffer No. 33) kommt, da die Kämpfe von Hohenzollern unl 
Elsnitz an diesem Tage unbedeutend sind, zum weitaus größten Teil ai 
Gottesheim. Bei Thiebault I, 113 eine übertriebene Angabe. 

^) Kriegsarchiv a. a.O. IV, 97, 103; Hüffer II, 237; KochT 
94 f.; Gachot 69 f. Hohenzollerns Darstellung bei Hüffer II, 150 
ist hier nicht zuverlässig. 



in der Riviera. 183 

Die Kämpfe am 7. zeigten bereits, was bald noch deut- 
licher werden sollte, daß der linke österreichische Flügel zu 
schwach war. Es ist das ein fundamentaler Fehler des öster- 
reichischen Planes. Wenn gegen Suchet nur ein schwaches 
Beobachtungskorps gestanden hätte, hätte man den linken 
Flügel so verstärken können, daß ihm entweder Genua im 
ersten Anlauf in die Hände gefallen, oder aber wenigstens 
Massena verhindert worden wäre, die österreichische Haupt- 
kolonne durch seinen gleich zu schildernden Durchbruchsversuch 
einige kostbare Tage lang aufzuhalten. 

Ein weiterer Fehler war es, daß die Kolonnen Ott und 
Hohenzollern zu weit auseinanderstanden, um sich erfolgreich 
in die Hände arbeiten zu können ; aber auch das war im 
letzten Grunde nur eine Folge der Schwäche dieser Kolonnen. 

Am 8. faßte Massena, der jetzt die drei Divisionen und die 
Reserve des rechten Flügels zu zwei Korps unter Gazan und 
Miollis zusammenzog, den Entschluß, die Verbindung mit Suchet 
durch einen kühnen Vorstoß in der Richtung auf Savona, dem 
Suchet von Finale entgegenarbeiten sollte, zu erstreben. 

In Massenas Memoiren wird es so dargestellt'), als ob 
schon der Vorstoß gegen Ott vom 7. der Befreiung Savonas 
und der Vereinigung mit Suchet gegolten habe, und daß er, 
weil als ungenügend erkannt, jetzt durch einen direkten und ent- 
schiedeneren Vorstoß am 8. abgelöst werden sollte. Irgendeine 
direkte Äußerung darüber findet sich indes nicht, und ich halte 
es für wahrscheinlicher, daß der französische Oberfeldherr 
seinen Entschluß faßte, als er die Tragweite der Vorgänge 
vom 6. nördlich Savona überschaute. 

In Genua ließ Massena nur 4000 Mann unter Miollis zurück. 
Soult sollte mit der Division Gazan von Voltri auf den Höhen 
nach Sassello vorstoßen, Massena selbst die Division Gar- 
danne, die seit dem 7. auf den Höhen von Varazze stand und 
sich rechts bis Ciampani ausdehnte, an der Küste entlang gegen 
Savona führen. Montenotte sollte der Treffpunkt für Soult, 
Massena und auch Suchet sein. 

Als Soult aufbrechen wollte, ei-fuhr er, daß Hohenzollern 
am 9. die Bocchetta eingenommen und ein Detachement 

') Koch IV. 97. 



184 Der Feldzug 

nach rechts vorgeschoben hatte, um die Verbindung mit der 
Hauptarmee zu suchen. Für seine RückzugsHnie fürchtend, ent- 
schloß sich Soult, dieses Detachement angreifen zu lassen, 

Gazan drängte es auch von den Höhen bei Marcarolo und 
bei Campofreddo an der Orbaquelle zurück, aber kostbare Zeit 
war damit verloren. Am 9. hatte Soult schon bei Sassello 
stehen sollen; jetzt konnte Gazan erst am 10. morgens von 
Campofreddo aufbrechen. Schnelligkeit und Überraschung 
waren bei einem Unternehmen wie Massenas Durchbruchs- 
versuch gewiß die ersten Vorbedingungen des Erfolges, aber 
man wird nicht behaupten können, daß Soult durch das Gefecht 
vom 9. sein Scheitern veranlaßt habe. Ebensowenig durfte er 
freilich hoffen, dadurch die Österreicher dauernd von der fran- 
zösischen Rückzugslinie fernzuhalten. Daher ist der Tadel, den 
Soult gefunden hat^), nicht ganz unberechtigt. Der Vormarsch 
zum Durchbruchsversuch wurde jetzt abgeändert, weil in- 
zwischen St. JuHen von Montenotte in die Flanke der Division 
Gardanne marschiert war, und zwar wurde Soult nach Ver- 
reria und Sta Giustina di Stella beordert, wohin jetzt auch 
Massena vom Littorale streben wollte. Nur eine Abteilung 
unter Poinsot sollte, die ursprüngliche Bestimmung festhaltend, 
weiter rechts vorrücken und Sassello besetzen. 

Die Lage der österreichischen Hauptkolonne hatte sich 
seit dem 6. wenig geändert. Es ist daher unbegreiflich, wie 
man die Tage vom 7. bis 9. fast in völliger Untätigkeit ver- 
gehen lassen konnte, obwohl den österreichischen Stellungen 
am Montenotte und Monte Legino kaum 4000 Mann, und 
noch dazu in ausgedehnter Stellung, gegenüberstanden. 

In der Nacht vom 9. auf den 10. sollten endHch die Bri- 
gaden Sticker, Lattermann, Bussy auf verschiedenen Wegen 
nach Genua vorrücken; es geschah erst am 10. Gardannes 
Kolonne — nach dessen Verwundung von Fressinet geführt — 
'wurde dabei von der österreichischen Übermacht, hauptsächlich 
aber von Lattermann, bei Brasi und Sta Croce gewaltig zer- 

') Th i e b au 1 1 I, 125 f. Soult hat hiergegen und gegen andere Punkte 
der Thiebaultschen Darstellung, durch die er sich gekränkt fühlte, nac 
Erscheinen der ersten Ausgabe Napoleon 32 kritische Anmerkungen ein 
gereicht, von deren Widerlegung Thiebault II, 167 ff. das Wichtigsti 
abdruckte. 



3 



in der Riviera- 185 

zaust und auf Cogoleto zurückgeworfen; Massena selbst gibt 
einen Verlust von 400 Toten und Verwundeten zu. 

Glücklicher war Soult gegenüber St. Julien, der nach einem 
Nachtmarsch am Nachmittag des 10, Verreria erreichte. Soult 
begann sofort den Angriff so nachdrücklich, daß St. JuHen 
alle seine Reserven aus Sassello an sich zog, das infolgedessen 
am Abend Poinsot leicht in die Hände fiel. Poinsots Erscheinen 
in St. Juliens linker Flanke, als am folgenden Tage der unent- 
schiedene Kampf fortgesetzt wurde, trug viel zu dessen völliger 
Niederlage bei. Gegen Mittag des 11. führte St. Julien die 
Trümmer seiner Brigade fluchtähnlich über La Galera auf Sta 
Giustina di Stella und wurde am 12. auf den Monte Legino 
zurückgenommen. 

In Stella trafen am 11., um einen Tag zu spät, auch die 
Brigaden Bellegarde und Brentano ein, die Elsnitz am 8. zur 
Verstärkung der Hauptkolonne abgegeben hatte und die über 
den Montenotte die Vereinigung mit St. Julien anstrebten. 
Sie zogen jetzt von Stella sofort auf das Plateau des Monte 
Ermetta zur Deckung der Straße nach Acqui weiter, wo sie 
mit Soult, der die Verfolgung St. Juliens nur bis zum Gros 
Pasto ausgedehnt und diesen besetzt hatte, bald handgemein 
wurden. Das Gefecht stand gegen Abend, als Poinsot auf 
idem rechten Flügel vor den Österreichern weichen mußte, recht 
kritisch für die Franzosen. Durch eine letzte Kraftanstrengung 
des linken Flügels jedoch, dem der von Massena am 11. mit- 
tags detachierte Fressinet sehr wirksam und entscheidungsvoll 
zu Hilfe kam^), wurden die Österreicher schließlich doch noch 
vom Monte Ermetta herabgedrängt, den die Franzosen indes 
nur ganz leicht besetzten, indem sie sich im übrigen auf dem 
Gros Pasto sammelten. 

Die überlegene österreichische Hauptkolonne war auch am 
11 gegen die schwachen Iruppen, die Massena nach Ent- 
sendung Fressinets noch zur Verfügung hatte (97. Halbbrigade), 
: glücklich gewesen und drang bis Cogoleto, Deserto und Aren- 
jzano, d. h. bis zur Küstenstraße, vor, auf der Massena nach 
'Voltri zurückwich, dessen Magazine er bereits zu räumen be- 

') Soult, Memoires III, 48, polemisiert hier gegen die Darstellung 
Thiebaults I, 151ff., die Fressinets Anteil am Erfolge überschätze. 
Thiebaults Widerlesung II. 180ff. 



186 Der Feldzuj 

fahl. Alles in allem war aber der 11. ein schwerer Unglückstaj 
für die Österreicher gewesen. Die Verluste des 12. mit ein 
gerechnet, an dem die Brigaden Bellegarde und Brentano, die 
von der Brigade Sticker unterstützt, schon in der Nacht aber 
mals auf dem Monte Ermetta Posto gefaßt hatten und vor 
Soult in drei Kolonnen mit dem Bajonett — die Munition wa; 
ausgegangen — vertrieben wurden, kosteten die Gefechte von 
10. bis 12. der Hauptkolonne nicht weniger als 117 Offizien 
und 3577 Mann. 

Wären die Angriffe Soults und Massenas gleichzeitig 
erfolgt, und hätte ihnen Suchet die Hand gereicht, wären viel 
leicht die Erfolge der Franzosen durchschlagender gewesen 
Irgend jemandem die Schuld beizumessen an dem mangel 
haften Zusammenwirken, ist sehr gewagt. Massena wußte um 
Soults Marschverzögerung; diesem wegen ungenügender Nach- 
richtenübermittlung die Schuld an Massenas Niederlage vom 
10. zu gebeni), ist gewiß nicht berechtigt; die Verbindungen 
waren zu schwierig. Es ist auch sonst in diesen Kämpfen öftei 
vorgekommen, daß von zwei in der LuftHnie nur wenig ge- 
trennten Kolonnen die eine siegte, die andere geschlagen wurde, 
ohne Hilfe von der siegreichen, durch eine Schlucht getrennter 
Nachbarkolonne erlangen zu können. 

So war es auch am 11., und Soult, der von dem Rückzug 
Massenas nicht rechtzeitig Kunde erhielt, sich fast verschossen 
hatte und nur höchst kümmerlich verpflegt war, wäre sicher 
auch seinerseits in sehr schwierige Lage gekommen, wenn Melas 
am 12. energisch am Littorale vorgestoßen wäre. Daß dies 
nicht geschah, ist vielleicht mit den genannten starken Ver- 
lusten der Österreicher zu erklären. 

Der 13. April blieb ungenutzt von beiden Seiten; dichter 
Nebel hätte auch Operationen in so schwierigem Gelände 
verboten. 

Von der österreichischen Hauptkolonne, die etwas zurück- 
genommen worden war, standen an diesem Tage die Brigaden 
St. Julien, Sticker und die von Elsnitz detachierten Brigaden 
Bellegarde und Brentano auf dem Monte Legino, Bussy und 
Lattermann an der Küste zwischen Savona und Albissola. 



Thiebault II, 129 ff. 



I 



in der Riviera. 187 

Gegen sie schob Massena am gleichen Tage eine neu ge- 
bildete Angriffskolonne unter Thiebault von Voltri aus bis Cogo- 
leto vor, der er selbst am 14. folgte. Ermutigt durch Soults 
günstige Nachrichten vom 11. und 12. beorderte er diesen 
von Varazze aus zum Rendez-vous nach Stella. Soult folgte 
auch dieser Weisung, focht noch an demselben Abend hart- 
näckig, aber unentschieden bei diesem Orte und wagte es sogar 
am 15., in der Hoffnung auf Massenas und Suchets Eingreifen, 
mit seinen geringfügigen und erschöpften Streitkräften gegen 
die österreichischen Stellungen bei La Moglia, La Galera und 
Pontinvrea vorzugehen. Er errang auch, namentlich bei letzt- 
genanntem Ort, einige Teilerfolge, aber vor dem in drei Ko- 
lonnen unternommenen österreichischen Gegenstoß auf Sta Giu- 
stina di Stella und Costa Lodrina, oberhalb Sassello, mußte 
er trotz größter Bravdur unter schweren Verlusten zurück- 
weichen. Über Monte Ermetta, Sassello — Verreria und Monte 
Fajalo, von wo Soult nach Arenzano an der Küste herabstieg, 
verfolgten österreichische Abteilungen die Franzosen, die der 
Gefahr der Kapitulation nahe genug kamen; am 16. und 17. 
zwischen Lerca und Arenzano stieß Soult auf die Kolonne 
Thiebault-Massenas, die am 15. nach anfänglichem Erfolge bei 
Albissola nach Varazze hatte zurückweichen müssen, um nicht 
abgeschnitten zu werden, und die am 16. auf der Straße nach 
Voltri zurückging. Erst am 17. — wieder sieht man keinen 
ausreichenden Grund für die Verzögerung — folgte ihr Latter- 
raann auf der Küstenstraße und stiegen auch die Brigaden 
Bellegarde, Brentano und Sticker von den Höhen auf sie herab, 
als von Osten her Abteilungen Otts bereits bis zum Fajalo ge- 
langt waren. 

Wäre der österreichische Vormarsch energischer gewesen, 
hätten wohl am Morgen des 18. die Franzosen nicht mehr 
unbelästigt auf den Höhen von Voltri Stellung nehmen können, 
wo das Geschick des Durchbruchsversuches Massenas sich 
gänzlich erfüllen sollte. 

Die noch nicht vollendete Räumung der Magazine von 
Voltri und die Bedeutung der dortigen Mühlen, in denen gerade 
erhebUche Kornmengen für Genua gemahlen wurden, mag es 
rechtfertigen, daß die Franzosen sich hier in ungünstiger Stel- 



188 Der Feldzug 

lung dem österreichisch-englischen Angriff aussetzten. Wäh- 
rend nämhch die Österreicher auf der Küstenstraße und von 
den Bergen her in mehreren Kolonnen gegen die Franzosen 
vorgingen, trat hier zugleich auch die englische Flotte in Tätig- 
keit und beschoß die der Küste zunächst aufgestellten fran- 
zösischen Bataillone des linken Flügels. Als diese daraufhin 
zurückwichen, war auch das Zentrum in Gefahr, von der Küsten- 
straße her umgangen zu werden, wie dies bereits mit dem 
rechten Flügel der Franzosen geschehen war. Diese Bewegung 
war freiUch zu spät und nicht nachdrücklich genug unter- 
nommen worden. Melas hätte nämhch bei Voltri die Franzosen 
in der Front nur beschäftigen, im übrigen aber ihren rechten 
Flügel mit allem Nachdruck umgehen und ihnen den Weg 
nach Genua abschneiden sollen. Gelang es doch auch jetzt 
schon Gazan, der an Stelle des nach Genua berufenen Soult 
kommandierte, nur mit großen Anstrengungen und unter 
schweren Verlusteni), Ott mit seinen Mariassy-Jägern von der 
Straße nach Sestri zu vertreiben und den Geschlagenen den 
Rückzug nach Genua zu erkämpfen. 

Der kühne Plan Massenas, zur Vereinigung mit Suchet 
nach Savona durchzubrechen, war also völlig gescheitert. Es 
war bei dem Kräfteverhältnis der Gegner nicht anders zu er- 
warten gewesen, wenn man auch sagen muß, bei besserem 
Zusammenwirken Massenas, Soults und Suchets, das trotz der 
Schwierigkeit der Verbindungen vielleicht doch in höherem 
Maße möglich gewesen wäre, hätten die Franzosen den Öster- 
reichern, deren Führung recht wenig energisch und umsichtig 
erscheint, noch erheblich mehr zu schaffen machen können. 

Noch einmal leuchtete Massena die Hoffnung, den Durch- 
bruchsversuch wieder aufnehmen zu können, flüchtig auf, als 
ein Spion ihm meldete, Melas wolle den größten Teil der 
Truppen, die bei Voltri gefochten hatten, sofort Elsnitz gegen 
Suchet zur Unterstützung senden. 

Massena rechnete mit der Möglichkeit eines erfolgreichen 
Angriffs Suchets, der diesen Abzug der Österreicher veran- 
lasse, und machte für den 21. bereits eine starke Kolonne 
unter Soult marschbereit, die Suchet die Hand reichen sollte. 



') Koch IV, 129 beziffert ihn auf 540 Mann. 



in der Riviera. 189 

Massena gab seinen Angriffsplan indes auf, als er erfuhr, daß 
Suchet in Wahrheit den Rückzug angetreten hatte (cf. unten 
S. 217 ff.). Der Kampf, der am 23. April bei S. Pier d' Arena und 
Fort Lanterna von Qazan und Ott ausgefochten wurde, war 
nicht von den Franzosen, sondern von den Österreichern er- 
öffnet worden, die die Hoffnung hegten, mit den aus S. Pier 
d'Arena herausgeworfenen Bataillonen zugleich in die Stadt 
eindringen zu können. Er endete, nachdem dies fast geglückt 
war, mit einem erheblichen Gefangenenverlust der Öster- 
reicher, namentlich des Regiments Nadasdy^). 

Der Ring um Genua war jetzt geschlossen, denn auch 
die Kolonnen Ott und Hohenzollern waren während des Durch- 
bruchsversuches Massenas nicht untätig geblieben. 

Nach dem Schlage vom 7. konnte Ott den rechten Flügel 
seiner Kolonne erst am 10. wieder zu glücklichem Angriff 
auf Scot*era vorführen und dadurch auch Gottesheim das er- 
neute Vorgehen gegen den Cornuaberg erleichtern. Es erfolgte 
am 11., und unter unbedeutenden Kämpfen glückte es, sowie 
auch die Besetzung des Monte Creto, Monte Ratti und Monte 
Fasce, Stellungen, die auch unter vvechesvoUen Gefechten in 
den folgenden Tagen behauptet wurden. Vom Monte Creto 
bis Quinto am. Meere dehnten sich jetzt Otts Vorposten aus. 
Zwischen ihm und Hohenzollern war jedoch noch immer eine 
erhebliche Lücke, die durch ein Vorrücken Hohenzollerns aus- 
füllen zu lassen., Ott den Oberkommandierenden gerade er- 
sucht hatte, als ihn dessen Befehl vom 13. traf, er solle ent- 

') Die Schilderung der verwickelten Kämpfe vom 8. April bis zur 
Einschließung Genuas nach: Wien. Kriegsarchiv, Italien 1800, 
F. A. ly, 140, ad 143, 161, 168, 195, 201, 227, 267, 268/70, 283, 302, 322, 
325 f., 345, 357ff.; Hüffer, Quellen II, 235ff., ;sehr umfängliche Haupt- 
relation über die Unternehmung in die Riviera bis 19. April*; Thie- 
bault I, 93-190; II, 127 ff., 167 ff.; G a c h o t a. a. O. p 72/111, Von 
älteren Darstellungen kommt außerdem, weil auf die Akten des 
Wien. Kriegsarchivs gestützt, vor allem die wertvolle von Mras in Be- 
tracht. (Ö. M.Z. 1822, III, 173ff.i Desgleichen Jomini, Histoire critique 
et militaire des guerres de la revolution XIII., und Dumas, Precis des 
evenements militaires ou essais historiques sur les campagnes de 1799 
ä 1815 IV, Die I^emoiren wurden als Kontrollmaterial stets herange- 
gezogen, was nicht immer besonders vermerkt ist. Hier sind von Bedeu- 
tung hauptsächlich So ult III, 35ff.; Koch Massena IV, 97 ff.; Crossard, 
iMemoires militaires et historiques. Paris 1829 II, 209 ff. 



190 Der Feldzug 

weder Oenua ernstlich angreifen, oder aber, ohne sich um 
diese Stadt zu kümmern, falls die Umstände dazu günstig, 
direkt in den Rücken der ihm am Monte Legino gegenüber- 
stehenden Franzosen operieren. 

Es erleichterte alle österreichischen Bewegungen um Genua, 
daß die Insurrektion sich inzwischen weiter ausgebreitet hatte; 
das ganze Polceveratal stand bereits unter Waffen. 

Es ist mir zweifelhaft, ob Ott die Anweisung Melas' schon 
gehabt hat, als er am 14., unter Zurücklassung Qottesheims in 
den oben beschriebenen Stellungen, die er an diesem Tage 
lebhaft gegen Darnauds Angriff verteidigen mußte, mit sechs 
Bataillonen und ebensovielen Kompagnien nach Ponte Decimo 
aufbrach, also schon in den Rücken der Franzosen. Am 16. 
ging er dann, nachdem er am Tage zuvor einen französischen 
Angriff gegen Assarettos Landmiliz hatte zurückschlagen helfen, 
von Ponte Decimo gegen den Monte Fajalo vor, wo er sich 
am 17. mit einem Detachement (3 Bataillonen) unter Oberst- 
leutnant Richter vereinigte, das Hohenzollern, der seit dem 
9. ruhig bei der Bocchetta stehen geblieben war, auf Melas' 
Anweisung vom 17. ebendahin beordert hatte. Auf diese Weise 
gelangte Ott dazu, an der Schlacht bei Voltri mitzuwirken, 
was, wie schon oben angedeutet, viel wirkungsvoller hätte ge- 
schehen können. Und welche Perspektive hätte sich gar den 
Österreichern eröffnet, wenn Ott vor den von der Hauptkolonne 
verfolgten Franzosen Voltri erreicht hätte^) ! 

Immerhin, Massena war in Genua eingeschlossen, und, nach- 
dem er mehrere österreichische und englische Aufforderungen 
zur Übergabe der ligurischen Hauptstadt stolz abgelehnt hatte, 
begann eine der denkwürdigsten und ruhmreichsten Festungs- 
verteidigungen der Geschichte. 

III. 
Die Blockade Genuas. 

Ein BHck auf die Lage und den Zustand von Stadt und 
Festung Genua möge das Verständnis der folgenden Kämpfe 
erleichtern. 

') Wien. Kriegsarchiv a. a. O. IV, 132, 201, 205, 209, 243 f., 301; 
Hüffer II, 153f., 235 ff. Über Mras und Gachot vgl. vorige Note; 
Thiebault I, 190 ff. 



,n der Riviera. 191 

Wer sich der ligurischen Hauptstadt — La Superba nennt 
;ie der berechtigte Stolz des ItaHeners — zu Schiffe nähert 
jnd ihren amphitheatrahsch zum Gebirge emporsteigenden Auf- 
bau mit aufmerksamem Blick umfängt, dem muß ein Verständnis 
iafür aufgehen, daß er eine militärisch höchst interessante Po- 
►ition vor sich hat, die der Befestigungs- wie der Belagerungs- 
mnst bedeutsame Aufgaben bietet. Die Stadt gehört denn auch 
loch heute wie vor 100 Jahren zu den stärksten Festungen 
taliens; durch ihre Lage ist sie zugleich Land- und Seefestung, 
vie ja auch im Jahre 1800 das weitgehend geplante Zusammen- 
virken der österreichischen Land- und der englischen Seemacht 
venigstens bei der Blockade von Genua einigermaßen wirksam 
reworden ist. Genua war im Jahre 1800, obwohl sehr volk- 
eichi), räumlich sehr viel weniger ausgedehnt als heute, wenn 
luch die damaligen Festungswerke noch heute bestehen. 

Die in der ersten Hälfte des 17, Jahrhunderts gebauten, sehr 
)reiten äußeren Mauern, die sich zu beiden Seiten der Stadt 
rom Meere terrassenförmig den Berg hinaufziehen und in dem 
)16 Meter hohen, sehr starken Fort Sperone in einem spitzen 
3^inkel zusammenstoßen, umschließen die schon damals kaum 
loch brauchbare ältere innere Befestigung, die nur einen Teil 
ler Stadt von der Porta San Tomasso im Westen bis zur 
iisagnomündung umgibt. 

Die (48) Bastionen oder Halbbastionen der äußeren Um- 
vallung sind so geschickt angelegt, daß sie an der jeweils 
len nächsten Umkreis beherrschenden höchsten Stelle des Ge- 
orges stehen, so daß ihre Beschießung durch einen Belagerer 
lußerordentlich schwierig ist. Dazu kommt der Schutz, den 
ler Stadt eine Reihe von Außenforts gab, die Genua schon 
lamals mehr einem verschanzten Lager, einem modernen Waffen- 
)Iatz, als der typischen italienischen Festung des 18. Jahr- 
hunderts ähnlich machten, die im allgemeinen damals über 
lie einst vorbildliche und von Vauban genial fortentwickelte 
talienische Bastionärbefestigung noch nicht hinausgekommen 
\ nr. Nördlich des Forts Sperone liegt ein Plateau mit zwei durch 

) Die Angaben schwanken sehr. Corvetto nennt in einer Aufzeichnung 
luö den letzten Tagen der Belagerung 120000 ^Thiebault I, 398); Koch 
iV, 48 spricht von 70000; Thiebault I, 287 und 331 Note von 75000 
;ins:hließlich 25000 Refugies, aber ohne die Truppen und die Gefangenen. 



192 Der Feldzug 

Feldschanzen befestigten Bergkuppen, den sog. Due Fratelli, die 
wieder von dem 667 iMeter hoch gelegenen Fort Diamante 
beherrscht werden, das vor allem die Verbindung zwischen 
Bisagno- und Polceveratal zu hindern bezw. zu decken hat. 
An der von einem feindlichen Angriff besonders bedrohten 
Ostseite befanden sich Befestigungen bei der Kirche Madonna 
del Monte, der Kapelle Sta Tecla, zum Schutz von Martiuo 
d' Albaro und der rechten Flanke von Madonna del Monte; 
auf dem Monte Momero liegt das Fort Richelieu, zirka i^/, km 
von der äußeren Umwallung entfernt; das befestigte Schloß 
Quezzi ist 1800 Meter von ihr entfernt und hauptsächlich 
dazu bestimmt, den nach dem Monte Ratti führenden Kamm 
zu schützen. Auf dem Monte Ratti, wie auch sonst verschiedent- 
lich, waren von den Franzosen Feldschanzen angelegt, wie 
auch die Österreicher ihre Stellungen stets befestigten. Heute 
neben manchen anderen Bergkuppen der Umgegend Träger 
moderner Forts und damit die eigentliche Verteidigung Ge- 
nuas, waren die genannten Befestigungen damals vornehmUch 
nur dazu bestimmt, den Angreifer eine Zeit lang aufzuhalten 
und Ausfällen als Stützpunkt zu dienen. 

Für die Verteidigung waren schheßlich auch nicht ohne 
Bedeutung die beiden Bergflüsse, die sich, die Polcevera west- 
lich, der Bisagno östlich von Genua, ins Meer ergießen. In 
ihren Tälern führen die Straßen von Genua nach der Bocchetta 
bezw. die Trebbia entlang nach Piacenza. 

Wir werden sehen, daß es — bei der geschilderten Situation 
und der Schwäche der Österreicher sehr erklärlich — , nur 
zu einer Blockade, nicht zu einer förmlichen Belagerung Genuas 
kommen konnte. Zu einer solchen wären 40 bis 50 000 Mann 
erforderlich gewesen und ihre Voraussetzung war ferner der 
Besitz des Monte Rati und der Position von Madonna del 
Monte, denn für die damalige Artillerie war eine wirksame 
Beschießung Genuas nur von der Ostseite mögUch. So hal 
denn auch, da diese Positionen bis zuletzt in den Händen 
der Franzosen blieben, die Artillerie während der Einschließung 
Genuas, mit Ausnahme der englischen und der Hafenbatterien, 
keine Rolle gespielt. Im ersten Teil bestand diese „Belage- 
rung" aus einer Reihe von Offensivstößen der Franzosen aus 



in der Riviera 193 

.einem verschanzten Lager; seit dem 13. Mai ist sie im wesent- 
! liehen (mit einer Ausnahme) eine wirkUche Defensive seitens 
i der Franzosen, eine Aushungerungstaktik seitens der Öster- 
: reicher. 

Bei dieser Sachlage vor Genua mußte die Bedeutung der 
engHschen Flotte, die der Stadt die Zufuhr abzuschneiden hatte, 
naturgemäß wachsen. Wenn sie durch ihre verschiedenen Ver- 
suche, sie auch zu beschießen, nur geringen Erfolg hatte, so lag 
das nicht nur an dem schwierigen Seegang, sondern auch an 
dem Widerstand der französischen Hafenbatterien und einer klei- 
nen Flottille von Kanonenbooten. Es bestand von den heutigen 
Hafenanlagen damals nur der Binnenhafen, der durch zwei 
Molen, deren Spitzen nur eine Fahrrinne von 350 Klaftern 
freilassen, nach Süden gedeckt ist'). 

Mit Beginn der Belagerung von Genua traf Melas eine 
Wueinteilung seines Heeres. Nachdem er die Brigade St. Ju- 
lien mit der Belagerung des Kastells von Savona betraut hatte, 
faßte er die Divisionen Pälffy, Ott und Hohenzollern zur 
Blockadearmee zusammen, deren Kommando er am 26. April Ott 
ianvertraute; sie betrug nach einem Ausweis vom 19. April 
47 Bataillone, 16 Kompagnien und 8 Schwadronen in einer 
Stärke von 26 000 Mann. Der Rest der Rivieraarmee wurde als 
sog. „Observationsarmee", deren Operationen gegen Suchet 
wir später betrachten werden, dem General Elsnitz unterstellt. 
Sie betrug nach demselben Ausweis 31 Bataillone und 4 Schwa- 
dronen in Stärke von 14 500 Mann^). 

Schon wenige Tage später traten Verschiebungen ein, in- 
dem nicht nur die Brigaden Brentano und Bellegarde zu Els- 
nitz zurückkehrten, sondern diesem auch noch die Brigade 
Lattermann als Verstärkung überwiesen wurde. Da aber bei 
der Blockadearmee einige Verstärkungen eintrafen, betrug diese 



\ Die Beschreibung Genuas nach Baedecker, Oberitalien 1906 
S. o81; Ö. M. Z. 1822, III, 286 ff.; Thiebault I, 363 ff.; Soult III, 89 ff. ; 
jKoch IV, 99ff.; Correspondance XXX, 416 f.; jomini XIII, 88 ff.; 
jGachot a. a. 0. 

I '; Kriegsarchiv IV, 305, 310, 445. Die im Text stehenden Zahlen 
fassen sich mit der Stärke von zirka 60000 Mann beim Ausmarsch nicht 
*n Einklang bringen, da die Verluste bis 23. April nur 9771 Mann betrugen, 
uMe as' Bericht vom 14. Mai aus Nizza) bis 13. April 9294 (Hüffer II, 222 f.). 

errmann, Der Aufstieg Napoleons. ]3 



H( 



194 Der Feldzug 

auch nach dem Abmarsch der genannten drei Brigaden noch 
zirka 2-iOOO Mann^), Die bewaffneten Bauern Assarettos waren 
in diese Zahl nicht einbegriffen"). 

Melas verheß mit dem Hauptquartier am 27. Sestri, um 
sich mit Elsnitz zu vereinigen^), unterbrach aber sehr bald 
seine Reise und sandte Zach voraus, da ein Fußübel ihn quälte^). 

Die Blockadearmee nahm folgende Aufstellung: die Divi- 
sion Schellenberg (vormals Pälffy), 6600 Mann stark, stand vom 
Fort S. Andrea bis zum Monte Fegino, links schloß sich die 
Division Vogelsang (7800 Mann) an, von Murta über Biaggio, 
dann über die Polcevera bis zur Secca. Über beide hatte Ott 
den besonderen Befehl sich vorbehalten. 

Bei Manassena schloß sich HohenzoUern an, dessen Stel- 
lungen bis Mollassana im Bisagnotale reichten; er hielt auch 
den Monte Creto besetzt; seine Stärke betrug 7800 Mann. 
Nur lose mit HohenzoUern verbunden, aber seinem Ober- 
kommando unterstellt, dehnte sich die Brigade Gottesheim (4500 
Mann), bis ans Meer aus, die Berge Ratti, Fasce, Parisone be- 
setzt haltend. 

Assaretto mit der Miliz war bemüht, die Verbindung der 
Außenforts mit Genua zu stören, namentlich bei Fort Diamante. 
Seine Stellung hier war zugleich geeignet, die nur lose Ver- 
bindung zwischen Ott und HohenzoUern zu sichern''). 

Man sieht, der Schwerpunkt der österreichischen Aufstel- 
lung lag auf der Westseite, längs der Polcevera, wo die Öster- 
reicher auch, von Cornigliano bis Monte Fegino, eine Reihe 
von Verschanzungen aufgeworfen hatten. Heute liegen auch 
auf dieser Seite verschiedene Forts, damals war aber, wie wir 
wissen, Genua nur von Osten angreifbar, und doch waren hier 
die Stellungen der Österreicher schwächer, was lediglich der 
Furcht vor einem neuen Durchbruchsversuch zu Suchet oder 



') O. M. Z. 1822, III, 293. 

"j Ihre Zahl wird sehr geschwankt haben; sicher übertrieben ist die 
Angabe Gachotsp. 55, die Zahl der Insurgenten habe 18000 Mann betragen. 

') Kriegsarchiv IV, 445. 

*) Hüff er II, 223, vgl. auch ebda. No. 51 und 54 (Entlassungsgesuch) 
und Herrmann, Marengo S. 71 f. 

') Ö. M. Z. 1822, III, 285 f., 293; Hüff er 11,155. Die Stärkeangaben 
nach dem Stande vom 19. April. 



in der Riviera. 195 

einem Entsätze durch denselben entsprang. Da beides ganz 
unwahrscheinlich war, wird man Bedenken gegen die Zweck- 
mäßigkeit der österreichischen Aufstellung um Genua nicht 
unterdrücken können. 

Massena hatte der österreichischen Blockadearmee kaum 
10 000 Mann wirklich kampffähiger Truppen entgegenzustellen. 
Die Gefechte bis zu seiner Einschließung in Genua hatten den 
rechten Flügel um ein reichliches Drittel geschwächt^). Mas- 
sena zog die Truppen darum jetzt in zwei Divisionen und eine 
Reserve zusammen. Die Division MiolHs, in Stärke von 4500 
Mann, übernahm die Verteidigung von den Due Fratelli in süd- 
östlicher Richtung, Gazan (3500) von dort in südwestlicher 
Richtung bis zum Meere. Poinsot kommandierte die Reser\e 
von 1600 Mann. Zu diesen 9600 Mann kamen noch die Be- 
satzungen der Forts, die genuesischen Milizen und die italienisch- 
polnische Legion'^). Erschreckend groß war die Zahl der 
Kranken in Genua; ein Bericht spricht von 18 000 bei Beginn 
der Belagerung. 

Es erschwerte den Franzosen die Verteidigung, daß sie in 
Genua nur geringe Sympathien besaßen — eine erklärliche 
Folge aller der Leiden, die die Tochterrepublik von der Mutter 
Frankreich, ihrer Soldateska und ihren Kommissaren, seit dem 
Jahre 1795 zu erdulden gehabt. Namentlich durch den noto- 
rischen Rückgang ihres Wohlstandes, vor allem durch Unter- 
bindung des Handels, erklären sich die Widerstände der genue- 
sischen Bevölkerung, die zudem durch Vermittlung Assarettos 
beständig von den Österreichern bearbeitet wurde. 

Mit der Energie, die ein wesentlicher Zug seines Charakters, 
ging Massena diesen Schwierigkeiten zu Leibe, suchte er die 
Zivilverwaltung der Stadt zu organisieren und den militärischen 
Zwecken dienstbar zu machen, wußte er manche Hoffnung der 
Österreicher auf die Stimmung der Stadtbewohner zu ent- 
täuschen. 

Vor allem sorgte er auch für die Verstärkung der Befesti- 
gungen'). 



') Koch IV, 141. 

Koch IV, 141; wenig abweichend Thiebault I, 200 f. 
'j Thiebault a a. O. und Gachot 145 ff. u ö. 

13* 



196 Der Feldzug 

Aber weniger bei den Waffen sollte die Entscheidung 
liegen; sie war vielmehr vornehmlich eine Magenfrage, denn 
den Hunger vermochte Massena trotz aller Bemühungen um 
die Verproviantierung der Stadt nicht zu bannen, so oft auch 
kühne Männer es wagten, sobald stürmische See die englischen 
Schiffe vom Hafen fernhielt, oder unter dem Schutze der Nacht 
Proviantschiffe einzuschmuggeln, und so sorgsam auch die 
Franzosen der letzten Krume in und um Genua nachspürten. 

Massena erfuhr sehr bald, daß die Polceveralinie vom Geg- 
ner zu stark besetzt war, als daß er hier hätte durchbrechen 
können, und außerdem auch, daß die ausgedehnten Stellungen 
Hohenzollerns und Gottesheims sehr viel schwächer waren. 
Darum sehen wir auch die Angriffe der Franzosen vornehmUch 
nach Nord und Ost gerichtet. 

Am 27. April, offenbar im Zusammenhang mit Melas' Abzug 
und mit Nachrichten von der Reservearmee^), ließ jedoch Mas- 
sena, indem gleichzeitig ein Scheinangriff auf Hohenzollerns 
Stellung bei Torrazza erfolgte, einen lebhaften Vorstoß über die 
untere Polcevera machen, der sich aber an den starken Stel- 
lungen der Österreicher brach ^). 

Diese Aktion war unbedeutend neben dem umfassenden 
Angriff, den Ott, Massenas Angriffsabsichten zuvorkommend, 
am 30. machte, um die Bisagnolinie in seine Hand zu bekommen; 
vor allem San Martino d' Albaro war sein Ziel, d. h. die Ort- 
schaft, deren Besitz für die Beschießung Genuas nötig war. 

Am 29. und 30. selbst suchte Ott durch Plänkeleien und 
Scheinangriffe die Aufmerksamkeit des Gegners auf die Strecke 
zwischen den Forts Tenaglia und Sperone, also den Nordwesten, 
zu lenken; außerdem griff Assaretto die Due Fratelli und das 
Fort Diamante an. Der eigentliche Angriff jedoch fiel Hohen- 
zollern zu, der vergeblich seine verständigen Einwürfe gegen 
den Angriff geltend machte, von dem er gewaltige Blutopfer, 
aber keinen dauernden Erfolg voraussah. Er sollte Recht be- 
halten. 

Die Anfänge des in den ersten Morgenstunden des 30. 

') Der Brief Carnots vom 9. April, der Massena den Feldzugs- 
plan des Ersten Konsuls entwickelt (Correspondance VI, 4711), traf an 
diesem Tage in Genua ein. 

') Ö. M. Z. 1822, III, 88 f. 



in der Riviera 197 

begonnenen Kampfes waren freilich für die Österreicher viel- 
verheißend, indem gegen Mittag Gottesheim bis San Martino 
und Carmandola vorgedrungen war, wo Hohenzoilern mit der 
Brigade Frimont, die den Monte Ratti vom Feinde gesäubert 
hatte, mit Gottesheims rechtem Flügel zusammentraf. Die Bri- 
gade Rousseau nahm nach dreistündigem Kampfe Fort Quezzi 
und wandte sich dann teils ins Bisagnotal, teils gegen die Due 
Fratelli, die bereits von der Brigade Pälffy mit Unterstützung 
Assarettos genommen worden waren. Assaretto hatte darauf, 
mit Hilfe einiger Abteilungen von Vogelsangs Division, das Fort 
Diamante umstellt. 

Auch im Polceveratal war der Feind gleichzeitig überall 
alarmiert worden, und die englische Flotte hatte mit ihrem 
Feuer den Kreis der Angreifer Massenas an diesem Tage ge- 
schlossen. 

Das Fort Richelieu war umzingelt; es fehlte den Öster- 
reichern nur noch die Stellung von Madonna del Monte, um 
Genua in wirksamer Kanonenschußweite nahe zu sein. Aber 
hier und an den ersten Häusern von San Martino brach sich 
ihr Angriff, und schon am frühen Nachmittag ging Massena 
zum Gegenstoß vor. Während er Soult gegen die Due Fratelli 
beorderte, führte er selbst die Division Miollis gegen Gottes- 
heim und Frimont. General Darnaud richtete seinen Marsch 
gegen Gottesheims linke Flanke, um Massena bei diesem An- 
griff die rechte Flanke zu decken. Um sich der französischen 
Umklammerung zu entziehen, wich Gottesheim über die Sturla 
und den Monte Parisone in seine alten Stellungen auf dem Monte 
Fasce zurück, von Massena und Darnaud in Front und Flanke 
beständig angegriffen. Die Lage Frimonts in Schloß Quezzi 
war damit bereits bedenklich geworden, noch bevor jetzt Mas- 
sena drei Kolonnen zum Angriff gegen diese Stellung einsetzte. 
Mouton (nach dessen Verwundung Poinsot) griff von vorn an, 
Miollis suchte die rechte, Thiebault die linke Flanke Frimonts 
zu umgehen. Die österreichische Verteidigung war, der Be- 
deutung des Postens entsprechend, glänzend, und Thiebaults 
Kolonne war nach viermaligem Sturm fast aufgelöst. Erst das 
Einsetzen des letzten halben Bataillons durch Massena per- 
sönlich brachte Frimont zum Weichen, und da sein Rückzug 



198 Der Feldzug 

durch eine inzwischen gegen den Monte Ratti dirigierte fran- 
zösische Abteilung unter Hector bedroht war, mußte er sich 
ebenfalls bis in seine alten Stellungen auf dem Monte Creto 
zurückziehen. 

So war der österreichische Angriff an den Hauptpunkten 
zurückgeschlagen, und auch im Norden fiel wenig später 
die Entscheidung. Hier hatte Hohenzollern am Nachmittag die 
Stellungen auf den Due Fratelli verstärkt und das Fort Dia- 
mante der Kapitulation nahe gebracht. Da entriß Soult, der 
erst vorging, als Massenas Erfolge seine rechte Flanke sicher 
gestellt, den Österreichern beim Anbruch der Dunkelheit durch 
einen kühnen Bajonettangriff in 3 Kolonnen nach hartnäckigem 
Ringen die am Morgen erkämpften Vorteile. 208 Tote, 734 Ver- 
wundete und 134Q Gefangene hatten die Kaiserlichen, die Fran- 
zosen 1526 Mann an diesem Tage eingebüßt^). 

General Ott hatte die blutige Lehre empfangen, daß er zur 
Offensive zu schwach war, da der Gegner die Möglichkeit hatte, 
sich mit gesammelter Kraft nacheinander auf die einzelnen von 
den Oesterreichern besetzten Punkte zu werfen. Ott befahl 
jetzt Gottesheim, künftigen ernsteren Angriffen sogar auszu- 
weichen. Er hoffte auf die Wirkungen des Hungers, der auch 
bereits bedenklich Einkehr gehalten hatte in Genua; die Zer- 
störung einer Wasserleitung durch die Österreicher, die zahl- 
reiche Mühlen trieb, trug dazu bei, und wie die Oester- 
reicher zu Lande, sperrten die Engländer zur See den Fran- 
zosen die Zufuhr ab. 

Die Offensive ging fortab an Massena über, der noch 
in der Nacht auf den 1. Mai seinen Erfolg vom 30. April 
zu vollenden wünschte, was seine Generale jedoch mit Hin- 
weis auf die große Erschöpfung der Truppen widerrieten. 
Auch am 1. Mai mußte er ihnen noch Ruhe gönnen, und 
erst am 2. richtete er einen Vorstoß über die Polcevera gegen 
die Befestigungen von La Coronata. Massena war der irrigen 

') Kriegsarchiv IV, 536, ad 536, 527; V, 20, 81; Ö. M. Z. 1822, 
HI, 88ff.; Hüffer II, 157f. Hohenzollern, um dessen Bericht es sich hier 
handelt, legt die Kämpfe irrig auf 30. April und 1. Mai; Thiebault I, 
211 ff.; Koch IV, 147 tf.; Gachot 117ff. — Die französischen Verlust- 
angaben, vor allem die Thiebaults 1,232, sind, wie in der Regel, ganz 
zu verwerfen. 



in der Riviera. 199 

Ansicht; die Österreicher bereits in der Konzentrierung für 
den Abmarsch oder gar schon auf dem Marsch gegen die 
Reservearmee zu treffen. Nach anfängUchen Erfolgen schei- 
terte das Unternehmen mit dem schweren Verlust von 439 
Mann; unter den Verwundeten befand sich auch Gazan^). 
Es war die letzte Offensive ins Polceveratal. 

Zu Lande brachten die nächsten Tage nur leichte Ge- 
fechte, und auch verschiedene Bombardements seitens der 
englischen, durch einige neapolitanische Fahrzeuge verstärkten 
Flotte hatten nur geringen Erfolg. Erst am 11. Mai wandte 
sich Massena in einem großen Ausfall abermals gegen den- 
jenigen Teil der Blockadearmee, den er als den schwächsten 
erprobt hatte, gegen Gottesheim auf dem Monte Fasce. 

Wir fragen uns: Warum setzte Massena seine schwachen 
Kräfte durch erneute Offensiven immer wieder schweren 
Verlusten aus, obwohl er kaum hoffen konnte, die Blockade 
wirklich zu durchbrechen? Warum beschränkte er sich nicht 
auf die Verteidigung? 

Zwei Momente haben wir zu beachten, wenn wir uns 
eine Antwort auf diese Fragen geben wollen. 

Zunächst war ein bedeutsamer Grund für die immer er- 
neuten Ausfälle die mitunter in der Tat auch erfüllte Hoff- 
nung, Vorräte des Feindes zu erbeuten und dadurch der immer 
dringender werdenden Not zu steuern. 

Das zweite und wichtigere Motiv war die irrige Hoff- 
nung auf baldigen Ersatz durch die Reservearmee, über die 
Massena freilich nur spärliche Nachrichten erhielt. Ich stelle 
sie hier kurz zusammen. 

Massena hatte seit Übernahme seines Kommandos bis 
Ausbruch der Feindseligkeiten allein an Bonaparte 24 Briefe 
gerichtet"), die meistenteils Organisationsfragen betrafen und 
Abstellung der großen Mißstände erbaten; er selbst war spar- 
samer mit Nachrichten versorgt worden; ich zähle nur neun 
Stücke in der Korrespondenz bis zur Entscheidung von Ma- 



'} O. n. Z. 1822, Hi, 96 f.; Koch IV. 134 ff.; Thiebault I, 216. 
235 ff.; II. 136; Kriegsarchiv a. a. O. V, 191. 
', Abgedruckt bei Thiebault 11, 63 ff. 



200 Der Feldzug 



reiJgo^). Einige davon wurden bereits erwähnt oder sind für 
unseren Zusammenhang bedeutungslos. 

Zum erstenmal spricht Bonaparte Massena gegenüber von 
der Bildung der Reservearmee zu Dijon in einem Schreiben 
vom 5. März, das Massena 10 Tage später in Händen hat^). 
Über ihre beabsichtigte Verwendung ist jedoch nichts ge- 
sagt, und wenn seine Freunde Massena aus Paris berichten, 
daß sie teils zur Verstärkung Moreaus, teils zu der der 
Rivieraarmee bestimmt sei, so glaubt er daran nicht. Er 
erwartete von Bonaparte etwas Größeres und Entscheidenderes 
und vertraute im übrigen seinem Versprechen, ihm wirk- 
same Hilfe zu schicken^). In dem Brief vom 5. war das 
erneut geschehen, freilich nur in der sehr vagen Versiche- 
rung, er werde in Genua entsetzt werden „füt-ce meme par 
Trente'^^). 

Am 12. ist Massena gegenüber erneut von der Reserve- 
armee die Rede, aber wieder ohne nähere Angaben^). Es 
dauert dann bis zum 9. April, ehe eine neue Anweisung an Mas- 
sena ergeht, mit der am 11. Reille nach Genua aufbricht und 
am 27. dort eintrifft. Sie entwickelt Massena den lange (schon 
am 5. März) versprochenen Kriegsplan") und die Rolle, die er 
dabei zu spielen hat. Es heißt dort'), Massena habe, sobald Ber- 
thier seine Truppen nach Italien hineingeführt, seine Bewe- 
gungen mit jenen Berthiers zu kombinieren, „um die Aufmerk- 
samkeit des Feindes auf sich zu ziehen, ihn zur Teilung seiner 



') Correspondance VI, 4543, 4565, 4642, 4662, 4711 und 12, 4746, 
4760, 4795. 

-) Correspondance VI. 4642 und Thiebault II, 89. 

') Koch IV, 62. — Am 4. hatte Berthier an Massena geschrieben: 
Die Absicht des Ersten Konsuls ist, der italienischen Armee eine impo- 
sante Stärke zu geben. (Thiebault II, 113.) 

') Correspondance VI, 4642. 

^) Correspondance VI, 4662. 

'0 Auffälligerweise wird der Kriegsplan vom 25. März für die Rhein- 
und die Reservearmee, in dem die Vereinigung der in Italien einbrechenden 
Armee mit der Massenas in den Ebenen der Lombardei vorgesehen ist, (cf. 
S. 147 f. und Correspondance VI, 4695) Massena nicht mitgeteilt, 
wenigstens finde ich nirgends ein entsprechendes Schreiben. 

') Correspondance VI, 4711. Über die Ankunft der Ordre vgl. 
Koch IV, 179 f.; Soult Memoires III, 110; Cugnac I, 115. Note. 



in der Riviera. 201 

Streitkräfte zu zwingen und die Vereinigung mit den Korps, die 
in Italien eingedrungen sein werden, zu bewerksteliigen". Mas- 
sena soll sich defensiv halten und seinen Austritt in die Ebene 
erst dann vollziehen, wenn die Vereinigung mit Berthier, der 
mit Lecourbe 65 000 Mann stark sein wird, möglich ist. Hätte 
Massena nicht schon auf Grund dieser Ordre Veranlassung 
gehabt, auf Entsatz zu hoffen und darin einen Ansporn zu er- 
blicken, sich durch kräftige Ausfälle Luft zu machen, so hätte 
das Begleitschreiben des Ersten Konsuls dies bewirkt mit der 
Versicherung: „Ich habe allen Grund, sehr glänzende Erfolge 
(von der Rhein- und Reservearmee) zu erhoffen, die Sie 
der unglücklichen Lage, in der Sie sich befinden, entreißen 
werden^)''. 

So wußte Massena beim Kampfe vom 30. April, daß die 
Reservearmee in Italien einbrechen werde, und sicherlich hat 
er geglaubt, daß sein Entsatz ihre erste Aufgabe sein würde, 
aber ein genaues Datum war ihm nicht bekannt. „Seit dieser 
Nachricht (vom 9.) bekamen wir aus Frankreich nur indirekte 
Nachrichten'', klagte Massena-) nicht mit Unrecht, und es ist 
besonders merkwürdig, daß ihm nicht einmal Mitteilung ge- 
macht wurde von der Veränderung des Kriegsplanes vom 9., die 
gerade auf Grund der Nachrichten aus der Riviera erfolgte. (Vgl. 
S. 151), Dagegen existiert ein Brief Berthiers an Massena aus 
Dijon vom 25. April'^), der ihm sehr deutlich ausdrückt, er dürfe 
wegen des Zustandes der Reservearmee fürs erste nicht auf 
Entsatz rechnen ; Mitte Mai hoffe er indes in Italien zu sein. 
Falls dieser Brief in Genua angekommen, hat er Massena doch 
wenigstens gezeigt, daß der Befehlshaber der Reservearmee 
eine sofortige Diversion zu seinen Gunsten ins Auge faßte, so- 
bald ihm die schlimme Lage in der Riviera bekannt war. So war 
also auch dieser Brief dazu angetan, Massena, wenn auch später 
als erwünscht, auf Entsatz hoffen zu lassen. Ganz deutlich 
leuchtete diese Hoffnung wieder vor Massena auf, als am 
14. Mai der Kapitän Couchard mit Nachrichten vom 1. 



') Correspondance VI, 4712. — ') Koch IV, 144. 

') Cugnac I, 181 f. Daß, wie Berthier, auch sein Generalstabschef 
Dupont dachte, zeigen dessen Briefe an Carnot und Clarke vom 26. und 
27. April ebda. I, 184 f. und 199. 



202 Der Feldzug 

anlangte*). Er meldete, daß die Reservearmee in vollem Marsch 
sei, um die Alpen zu überschreiten, und daß sie am 11. in 
Piemont stehen werde^). War das eine bewußte Täuschung 
Massenas? Mußte dieser nicht daraus entnehmen, daß Piemont 
und der Entsatz Genuas das erste Ziel der Reservearmee sein 
werde? Ich finde allerdings nirgends ausgesprochen, daß Mas- 
sena erwartete, die Reservearmee werde schnurstracks aus den 
Alpen über Turin nach Qenua vorstoßen, doch ist kaum zu 
bezweifeln, daß er seinen Entsatz mehr oder weniger direkt 
erwartet hat und darum seine Kräfte aufs äußerste anspannte. 
Er wird, wie die Mehrzahl der Zeitgenossen, verblüfft gewesen 
sein über die Kühnheit von Bonapartes Zug auf Mailand, der 
ihm ja zweifellos den versprochenen Entsatz auch gebracht 
hätte, wäre die physische Möglichkeit vorhanden gewesen, die 
Stadt nur noch einige Tage, fast kann man sagen wenige Stun- 
den, zu halten. 

Noch deutlicher macht Napoleon Massena Entsatzhoffnun- 
gen in einem Schreiben vom 5. Mai, das Massenas Adjutant 
Ortigoni am 20. nach Genua bringt, als Antwort auf einen 
Brief vom 27.'^) : „Die Reservearmee ist in vollem Marsche'' , 
hieß es hier^), „ich reise heute Nacht und rechne darauf, daß 
Sie sich möglichst lange halten, wenigstens bis zum 10. prairial 
(=: 30. Mai).'' Am gleichen Tage beauftragte Bonaparte Suchet, 
Massena mitzuteilen, daß er am 14. Mai in den Ebenen Pie- 
monts (!) sein werde''). 

Daß das Ende des Mai sie erlösen werde, haben die Fran- 
zosen in Genua nach diesen Botschaften glauben müssen, zumal 
als am 26. ein weiterer Bote in die Stadt gelangte. Es war der 
Adjutant Franceschi, der Ende April mit Nachrichten aus Genua 
an Napoleon abgegangen war'') ; auch am 3. Mai waren solche 

') Soult III. 218 und Koch IV, 198 sagen, daß Couchard unmittel- 
bar nach der Affaire vom Monte Creto (13.) ankam; Thiebault I, 280 
nennt den 14. 

'iCorrespondance VI, 4746. No. 4745 ebda, zeigt, daß 
Napoleon authentische Nachrichten über die Lage in der Riviera von 
Suchet erhalten hatte. 

") Koch IV,202undThiebau1t I, 283; S o u 1 1 III, 218 sagtam 19- 

') Correspondance VI, 4760. - ') E b d a. 4761. 

") Thiebault I, 295; Correspondance XXX, 425; Koch 
IV, 204 nennt den 27., C u g n a c I, 350 Note den 29. ; abweichend T h i e- 
bault I, 213 und 295, Soult III, 219. 



in der Riviera. 203 

an diesen gelangt^), als er am 14. von Lausanne aus die tröst- 
liche Kunde gibt: „Die Armee ist in voller Bewegung-)". Fran- 
ceschi verließ sie im Aoster Tal und mag mündlich dem Schrei- 
ben Napoleons hinzugefügt haben, daß die Reservearmee auf Ge- 
nua marschieren werde'). Franceschi war der letzte Bote, der vor 
der Übergabe Genuas in die Stadt gelangte; die Korrespondenz 
Napoleons bringt — ein seltsames Schweigen — erst am 24. Juni 
wieder ein Schreiben an Massena. Daß dieser in der Zwischen- 
zeit täglich und stündlich auf eine erlösende Botschaft gewartet, 
ist uns verbürgt. 

Die Ausfallsgefechte, zu deren Betrachtung wir jetzt zurück- 
kehren, sollten also dazu dienen, die österreichische Blockade- 
armee festzuhalten, um der Reservearmee den Vormarsch zum 
Entsätze Genuas zu erleichtern. 

Der Ausfall vom 11. war abermals gegen die schwächste 
Abteilung der Österreicher unter Gottesheim, dessen große 
Verluste freilich zum Teil wenigstens wieder ersetzt waren, 
gerichtet. In früher Morgenstunde begann Miollis seinen An- 
griff in drei Kolonnen, die er gegen den Monte Parisone, Monte 
Fasce und Monte Bavari, die alle drei verschanzt waren, vor- 
schob, während Soult eine Kolonne längs des Bisagno über 
Olmo, Prato, Cavassolo, Vignone auf den Monte Becco, der das 
Gelände vom Monte Fasce bis Monte Cornua beherrschte, 
in Flanke und Rücken Gottesheims führte und gleichzeitig durch 
eine Abteilung HohenzoUerns Stellungen auf dem Monte Creto 
beschäftigen ließ. 

Zu weitausholende Umgehungen im Gebirge sind immer 
gefährlich, und wir werden den Marsch Soults ein reichlich 
kühnes Unternehmen nennen dürfen. Aber es herrschte starker 
Nebel, und Hohenzollern, der das Gewehrfeuer dieses Tages 
nur schwach vernommen haben will, blieb ruhig in seinen 
Stellungen und ließ Soult zu seinem Glück unbelästigt. Gottes- 
heim hatte Miollis, dem vorübergehend die Besetzung von Ba- 
vari und Parisone geglückt war, sehr rasch wieder zurück- 
geworfen und ihn verfolgt, bis er sich bei Fort Richelieu fest- 
setzte. Als er die von der Umgehungskolonne ihm drohende 



') Correspondance Vi, 4797. — ") E b d a. 4795. 
') Th i e b a u 1 1, Memoires 111, 103. 



204 Der Feldzug 

große Gefahr erkannte, hatte er sofort seinen rechten Flügel 
dem an der Spitze marschierenden General Darnaud auf dem 
Monte Becco entgegengeworfen, aber es war bereits zu spät. 
Nach hartnäckigem Gefecht auf einem überaus schwierigen, 
zerklüfteten Gelände wurden die Österreicher, als Soult ein- 
getroffen war, auf die Höhen oberhalb Nervi und Sori, fast 
bis an die Küste, zurückgeworfen. Jetzt drang auch Miollis 
über Monte Parisone und Bavari wieder vor und vereinigte 
sich mit Soult. Nur durch den Rückzug auf Sori und Recco 
konnte sich Gottesheim vor der Gefangennahme retten. 

Aber seine schwache Division war jetzt fast aufgerieben 
durch den gewaltigen Verlust dieses Tages von 1827 Mann, 
von denen 1362 in Gefangenschaft fielen. Die Franzosen hatten 
blutig quittiert auf die Meldung, die Ott ihnen am Tage zuvor 
gemacht hatte, er würde zur Feier des Sieges über Suchet, 
der hinter die Roja hatte zurückweichen müssen, auf der ganzen 
Linie Viktoria schießen lassen. 

Der französische Erfolg vom 11. bedeutete jedenfalls die 
zeitweilige Trennung Gottesheims und Hohenzollerns. Der Ein- 
druck dieses Tages in Genua, für den die Freunde der Öster- 
reicher ihr Einrücken in die Stadt erwartet hatten, war, wie 
einst der des 30. April, ein starker; die Stadt wurde festlich' be- 
leuchtet, und das wandelbare, heißblütige Volk brachte Mas- 
sena, dem es noch kurz zuvor geflucht, spontane Huldi- 
gungen dar^). 

Die Lücke, die durch Gottesheims Niederlage in der öster- 
reichischen Blockade entstand, war nicht ungefährlich, wenn 
die Franzosen ihren Erfolg rasch ausnutzten. Und das war auch 
ihre Absicht, trotz ihrer Schwäche. Ein doppelter Weg war 
möglich. Einmal konnte Massena durch einen Vorstoß auf 



') Kriegsarchiv V, 266, 298, 322, 355 ; H ü f f e r (Hohenzollerns 
Bericht) II, 158 und No. 47 ; Ö. M. Z. 1822, III, 98 ff. ; T h i e b a u 1 1 I, 
245 ff. ; II, 203 ff. ; Soult III, 1 12 ff. ; Koch IV, 185 ff. ; G a c h o t 195 ff., 
201 ff. — Soults Darstellung ist hier, wie bei den Vorgängen des 13. Mai, 
nur mit Vorsicht zu benutzen. Thiebault ist vorzuziehen, der zwar 
für Massena außerordentlich eingenommen ist und durch seinen bomba- 
stischen Ton oft abstößt, dem ebenso fähigen wie eitlen Soult im all- 
gemeinen aber doch gerecht wird. Soult hat Thiebault seine Darstellung 
nie verziehen. Vgl. Thiebault, Memoires III, 522. 



in der Riviera. 205 

die eben frisch aufgefüllten österreichischen Magazine bei Porto- 
fino, dem Gottesheim kaum hätte ernstlich widerstehen können, 
sich die Mittel zur Fortsetzung der Verteidigung verschaffen. 
Sodann lag der Gedanke nahe, durch einen umfassenden An- 
griff gegen Hohenzollerns Stellungen sich im Osten gänzlich 
zu deblockieren und dadurch die Straße nach Piacenza freizu- 
machen. Ich halte es für wenig wahrscheinlich, daß dieses 
Ziel, auch wenn Hohenzollem die Stellungen am Monte Creto 
und bei Torrazza hätte räumen müssen, wirklich zu erreichen 
war, die Österreicher dann wirklich die Blockade hätten auf- 
geben müssen. Darum hatte Massena wohl recht, wenn er das 
Unternehmen gegen Portofino vorzog, obwohl auch dieses nicht 
ungefährlich war, denn es war ein weiter Weg bis dahin, und 
Hohenzollern konnte inzwischen auf die Straße nach Genua 
vorstoßen und die Franzosen von der Festung abschneiden. 
Jedenfalls nahm Massena in einem Kriegsrat am 12. (Massena, 
Soult, Miollis, Gazan) die Meinung Soults an, der mit allem 
Nachdruck für einen Angriff auf den Monte Creto und dann erst 
die Unternehmung gegen Portofino eintrat, und dem sich die 
beiden Divisionäre anschlössen^). 

Dieser Angriff wurde denn auch am folgenden Tage unter- 
nommen und endete mit einer völligen Niederlage für die 
Franzosen. 

Gottesheim brauchte nur beobachtet und mit Schein- 
angriffen beschäftigt zu werden, eine Aufgabe, die Miollis zu- 
fiel. Gegen Hohenzollern wurden zwei Kolonnen eingesetzt: 
Gazan zog mit drei Halbbrigaden von Fort Eperon und den Due 
Fratelli über Quatre As gegen die Verschanzungen von Tor- 
razza, Soult mit fünf Halbbrigaden gegen den Monte Creto, 
dem der Hauptangriff galt, was Hohenzollern, der hier per- 
sönlich kommandierte, nicht unvorbereitet traf. 

Soult verließ Genua zu spät, erst um 8 Uhr vormittags"), 

^) S o u 1 1 in, 120 ff. behauptet irrig, Massena habe sich völlig 
von der Richtigkeit seiner Ansicht überzeugt und ihm darum zugestimmt 
Anders Thiebault I, 267 f. und K o c h IV, 191 ff. Vgl. auch T h i e - 
b a u 1 1 II, 230 ff. 

-y T h i e b a u 1 1 I, 271 ; Soult behauptet, er sei um 6 Uhr auf- 
gebrochen, was ganz unwahrscheinlich, da dann die Zeitangaben nicht 
zusammenpassen. 



206 Der Feldzug 

SO daß die Vortruppen erst gegen 11 Uhr aneinandergerieten. 
Nach zwei Stunden waren die Österreicher zurückgeworfen und 
das Plateau des Monte Creto von den Franzosen erklommen, als 
ein überaus heftiges Unwetter mit dichtem Nebel, Hagel und 
Sturm die Kämpfenden treiinte. Soult hätte das Gefecht nicht 
wieder aufnehmen sollen. Die an und für sich schon erheblichen 
Schwierigkeiten des Geländes waren durch das voraufgegangene 
Unwetter noch gesteigert, der Boden gefährlich glatt, die Mann- 
schaften völlig durchnäßt. So kämpfte man noch lange auf 
dem Plateau um die östereichischen Schanzen aus nächster 
Entfernung mit wechselndem Erfolge. 

Das Eingreifen der Brigade Frimont, die von links her 
der Brigade Rousseau zu Hilfe geeilt war, hatte die Lage für 
die Franzosen bereits sehr kritisch gestaltet, als Soult an der 
Spitze einer Sturmkolonne das rechte Bein zerschmettert wurde. 
Die Franzosen verloren jetzt den Halt und wichen über den 
Bergabhang zurück, von den Österreichern nachdrücklich ver- 
folgt, bis ein von Massena ins Bisagnotal detachiertes Regi- 
ment die Geschlagenen aufnahm. Es war höchste Zeit. Gazan, 
der ungefähr gleichzeitig einen umfassenden Angriff auf die 
Stellungen von Quartre As und Torrazza begonnen und mit 
wechselndem Erfolge gekämpft hatte, hatte schon vorher sein 
Unternehmen als aussichtslos aufgegeben. 

Dieser Tag kostete den Franzosen 1146 Mann^) und raubte 
ihnen die Früchte des 11. wieder, denn die Österreicher schlös- 
sen jetzt den Ring der Blockade erneut und rückten sogar 
enger an die Festung heran. Massena gab seitdem die Hoff- 
nung auf einen siegreichen Durchbruch, gab die Offensive 
überhaupt auf. Am 19. räumte Miollis auch die Gottesheim 
am 11. abgenommenen Stellungen und zog sich hinter die 
Sturla zurück^). 



Der Verlust der Österreicher betrug nur 625 Mann; abweichend 
Hüft er II, 159. 

•-') Kriegsarchiv V, 285-96, 298; H uff er II, 158 f, 554 ff.; 
Ö. M. Z. a. a. O. 100 ff. ; Th i e b a u 1 1 I, 266 ff. ; II, 230 ff. ; Koch IV, 
194 ff.; Gachot 206 ff. — Soult (Memoires III, 123 ff.), der infolge seiner 
Verwundung gefangen wurde, überschätzt die Bedeutung seines Falles, 
wenn er ihm allein den üblen Ausgang des Tages zuschreibt. Seine Dar- 
Stellung ist auch sonst zu rosig gefärbt. 



in der Riviera. 207 

Nur noch einmal kämpften die Franzosen am Ende des 
Monats vergeblich im Bisagnotal, aber schon seit dem 13. Mai 
interessiert eigentlich nur noch der Todeskampf der Festung 
Genua, das grausenerregende Ringen der Franzosen und Ge- 
nuesen mit dem Hunger und seinen Trabanten. 

Der unglückliche 13. Mai hatte die Stimmung in Ge- 
nua gewaltig niedergedrückt, und von kleinen Plänkeleien 
abgesehen, hielten auch die Franzosen sich ruhig, bis die 
Ankunft Franceschis ihren Mtit neu belebte. Als obendrein 
gleichzeitig Gerüchte auftauchten über österreichische Truppen- 
bewegungen, die die baldige Aufhebung der Blockade er- 
warten ließen, beschloß Massena für den 28. eine große Re- 
kognoszierung, die sich ins Bisagnotal und gegen Gottesheim 
richtete. Eine Kolonne unter Damaud zog direkt von San 
Martino über die Sturla und den Parisone auf den so oft schon 
umstrittenen Monte Fasce; eine andere unter Miollis wandte 
sich über Bavari gegen den Monte Ratti, Heß hier eine 
Abteilung zur Beobachtung des Bisagnotales zurück und wandte 
sich ebenfalls gegen den Monte Fasce, wo sie sich mit Damaud 
vereinigte. Gottesheim hatte diesen nach kurzem Widerstände 
geräumt und sich auf den befestigten Monte Becco zurück- 
gezogen, wo Oberst Kottulinsky sich aufs tapferste vertei- 
digte, so daß Miollis schließlich den Rückzug auf den Monte 
Fasce antrat, noch ungeschlagen. Aber bald wendete sich 
das Blatt. Hohenzollern hatte, Rousseau die Beschäftigung 
der auf dem Monte Ratti zurückgebliebenen Franzosen über- 
lassend, den Obersten Frimont mit drei Bataillonen zur Unter- 
stützung von Gottesheim entsandt. Frimont teilte seine Streit- 
macht, zog selbst gegen Vignone, d. h. in die Flanke der 
Franzosen, und sandte drei Kompagnien unter Hauptmann 
Bitter auf den Monte Fasce in ihren Rücken. 

So wurde Miollis, als ihm nach Frimonts Eintreffen Gottes- 
heim energisch nachrückte, von zwei Seiten zugleich ange- 
griffen und, wollte er nicht eingeschlossen werden, mußte er 
seinen Rückzug schleunigst fortsetzen; bis zur Sturla ging 
die österreichische Verfolgung, worauf die Franzosen gegen 
Abend auch den Monte Ratti räumteni). 

\ K r i e g s a r c h i V V, 593/603 ; H ü f f e r II, 160 ; Ö. M. Z. 1822, 
IV, 277 ff ; Thiebault I, 296 ff sucht den österreichischen Erfolg zu 



208 Der Feldzug 

Nach dieser letzten, vergeblichen Kraftanstrengung mußte 
Massena ernstlich an eine Kapitulation denken. 

Man hat weite Umschau zu halten in der Geschichte der 
Belagerungen, um Parallelen zu finden für die entsetzlichen 
Leiden Genuas im Jahre 1800 und für die rücksichtslose Energie 
eines Festungskommandanten wie Massena. Syrakus und Kar- 
thago, Tyrus und Jerusalem, La Rochelle, Saragossa und Ham- 
burg tauchen mit ihren Schrecken vor unserem geistigen Auge 
auf. 

Weit über die eigene ursprüngliche Berechnung hinaus 
hatte sich Massena gehalten, indem er den letzten Winkel 
Genuas nach eßbaren Gegenständen durchstöbern ließ, und 
da es immer wieder einem oder dem anderen Proviantschiff 
gelang, unbemerkt von den Engländern in Genua einzulaufen. 

Seit der zweiten Hälfte des Mai indes stiegen die Leiden 
der Bevölkerung ins Ungemessene, und selbst den kämpfenden 
Truppen konnte nur mehr das Notdürftigste geliefert werden. 
Oft mußte der zum Glück reichlich vorhandene Wein allein 
dazu dienen, sie auf Posten aufrecht zu erhalten. 

Das Proletariat in der Stadt hatte sich in den letzten 
Jahren erschreckend vermehrt; die Reichen hatten durch eine 
Progressivsteuer regelmäßige Geldzahlungen an die Armen zu 
leisten. Das nutzte aber nicht viel, da die Preise unendlich 
hoch waren, und es schließlich eben kaum noch etwas Eß- 
bares zu kaufen gab. Außer den Pferden wurden Hunde, 
Katzen, Ratten, Eidechsen, Würmer verspeist, nicht minder alles 
Pflanzliche, außer unreifem Obst selbst Blätter und Gras, und 
sämtliche Apotheken und Kaufmannsläden plünderte man nach 
Material für die Herstellung von Kräutersuppen. Lokale Über- 
lieferungen wollen sogar, daß Mütter ihre toten Kinder ver- 
zehrt haben. Besonders widerlich und kaum genießbar muß 
der Brotersatz gewesen sein, den Massena schließlich aus 
Kakao, Stärke, Mais, Kleie, Gummi arabicum, allerhand Samen 
und Körnern herzustellen befahl. Das greuliche Gemisch er- 
regte Fieber und Magenverstimmungen; selbst die Hunde 
sollen es ausgespien haben. 

verkleinern; Koch IV, 205 ff.; G a c h o t p.210ff — Die österreichischen 
Verluste des Tages betrugen 148, die der Franzosen 700 Mann. (Ö. M. Z. 
S. 200) Koch IV, 207 spricht nur von 487 Mann. 



in der Riviera. 209 

Das Pfund Kleie kostete schließlich 30 Franken; am 
2. Juni das Pfund Pferdefleisch 22, am folgenden Tage ein Pfund 
braunes Schafleder (zum Essen!?) 18 Franken; eine weiße 
Katze etwa 50. 

Notwendig mußten infolge dieser Nahrungsnot die Krank- 
heiten in erschreckendem Maße überhandnehmen; Tausende 
starben vor Entkräftung; die Spitäler waren in trostlosem Zu- 
stand — große Sterbehäuser. Nach einer lokalen Aufzeichnung 
erlagen allein von der Einwohnerschaft 22 000 der Belagerung 
und ihren Folgeni). 

Und das alles in einer Stadt, die für fremde Interessen 
litt. Nur dadurch, daß er die Verwaltungsbehörden, natürlich 
entsprechend neu besetzt und organisiert, ganz unter seinen 
Einfluß brachte, schließlich als außerordentliches und allmäch- 
tiges Organ eine Art Wohlfahrtsausschuß einsetzte, gelang es 
Massena, die Ruhe in der Stadt aufrecht zu erhalten. 

Immerhin steigerte sich die Erregung der Bevölkerung 
begreiflicherweise von Tag zu Tage, und von außen wurde sie 
genährt durch Assarettos ständige Wühlarbeit und die im 
Mai häufiger wiederholten englischen Bombardements, die 
allerdings weniger schadeten als erschreckten"). Anfangs hatte 
Ott flüchtige Genuesen durch die Vorposten hindurchgelassen ; 
als diese Auswanderung aber großen Umfang annahm, verbot 
sich diese Milde aus militärischen Rücksichten; auch das Schick- 
sal der zahlreichen österreichischen Gefangenen in Genua •^), 
die noch besonders schwer litten^), durfte an der strengsten 



') Thiebault I, 316 spricht von 20000, II, 287 von über 30000 
einschließlich der nach Genua geflüchteten Landleute. 

-1 Nach Thiebault I, 418 ff. 8 Bombardements. Vgl. auch 
Gachot und Aliardyce a. a. O. 193 ff. 

^) Sie zählten nach vielen Tausenden, zum Teil noch aus dem 
Feldzug des Vorjahres ; Auswechslung fand statt, aber nur in mäßigem Um- 
fang. Nach Ö.M.Z. 1822, ill, 296 hat Massena 127 Offiziere und 2927 i'iann 
c er Kriegsgefangenschaft entlassen. Vgl. Correspondance VI, 475! 
indKoch IV, 183. In den Akten der Ran9onnierungskommission H. K. R-- 
Akten} findet sich die Notiz, daß im Jahre 1800 von Anfang der Feindselig- 
keiten bis 7. Juni die Franzosen 1 1 300 Gefangene zurückstellten, davon 
2969 von der italienischen Armee. Die Österreicher lieferten bis 7. Juni 
6273, bis 31. Juli weitere 3267 Mann zurück. 

*) Vgl. z. B. die Schilderung Stutterheims bei Hüffer II, 61 ff. 

Herrmann, Der Aufstieg Napoleons. ]4 



210 Der Feldzug 

Absperrung Genuas nichts ändern. Wir wundern uns nicht, 
daß der Pöbel sich häufig zusammenrottete und drohend die 
Übergabe der Stadt von Massena forderte, der nur durch größte 
Umsicht die Gärung in Schranken hielt, nur durch eine außer- 
ordentlich starke persönliche Bewachung sich vor den Dolchen 
und dem Gift schützen konnte, die ihm zugedacht waren. Schon 
diese innere Unsicherheit hätte in der zweiten Hälfte des Mai 
die Aktionskraft Massenas nach außen hemmen müssen. Schließ- 
lich wurde aber sogar die Haltung der Truppen unsicher; 
sie murrten laut und viele desertierten, nachdem die National- 
garde schon längst den Dienst verweigert. 

Aber der eiserne Mann, dessen Haar die Schrecken dieser 
Belagerung gebleicht haben sollen, blieb fest, bis buchstäb- 
lich die letzten Mittel erschöpft waren ; die Übersicht über die 
Proviantverteilungen in Genua verzeichnen für die letzten Tage 
5 bezw. 3 Unzen Brot, 12 Unzen Pferdefleisch, eine Pinte 
iWein^). 

Nachdem er noch am 30. die ihm angebotene ehrenvolle 
Kapitulation abgelehnt^), entschloß sich Massena am 1. Juni 
zu Unterhandlungen und sandte seinen Generalstabschef An- 
drieux am folgenden Tage mit Vollmachten zu Konferenzen 
mit dem österreichischen Oberst de Best und dem englischen, 
Kapitän Beaver nach Rivarolo. Die ersten Forderungen der 
Verbündeten lauteten auf: Kapitulation Genuas, Rückmarsch 
der entwaffneten französischen Armee nach Frankreich und 
Kriegsgefangenschaft Massenas. 

Das Wort „Kapitulation" wurde von den Franzosen als 
entehrend glatt abgelehnt, und am folgenden Tage brachte 
Andrieux eine Anzahl Propositionen mit in die Konferenz, 



und 161; Thiebault I, 390 f., So ul t 111, 105. (spricht von 8 - 9000 
österreichischen Gefangenen in Genua.). 

^) Über die Zustände in Genua vor allem die Memoiren von Mas' 
sena, Thiebault (auch dessen Journal I, 286 ff.), u d i n o t etc., die 
Aufzeichnungen Hohenzollerns und Stutterhehns bei Hüffer; Darstel- 
lungen u. a. in Ö. M. Z. 1822, IV, 273 ff. und neuerdings namentlich 
Gachot a. a. , der zu den obengenannten auch lokale Quellen und 
Darstellungen benutzte, aber freilich nicht sehr kritisch ist. 

') Huffer II, No. 61; die französische Antwort Mo. 62. 



I 



in der Riviera. 211 

die zur Grundlage der Verhandlungen genommen wurden, ob- 
wohl sie von denen der Verbündeten gewaltig abwichen. 

Österreichischerseits nahm jetzt auch St. Julien an den 
Verhandlungen teil, während Massena am Nachmittag noch 
seinen Sekretär Morris und als Vertreter der genuesischen 
Regierung Corvetto hinzuzog. Morris hatte er ähnlich wie An- 
drieux die kurze, aber charakteristische Instruktion mitgegeben : 
„Die Armee räumt Genua mit Waffen und Gepäck, oder sie 
wird sich morgen mit dem Bajonett Bahn brechen''^). 

Man begreift, daß sich die Verhandlungen unter solchen 
Umständen bis tief nach Mittemacht hinzogen, vor allem auch, 
weil die Engländer die Auslieferung der französisch-genue- 
sischen Flottille forderten. Massena ließ schließlich eine per- 
sönliche Zusammenkunft mit Ott und Keith anbieten, die denn 
auch am Morgen des 4. im Beisein der bisherigen Unterhändler 
in einer Kapelle auf der Brücke, die San Pier d' Arena und 
Cornigliano verbindet, stattfand. Sie nahm bald einen sehr 
lebhaften Charakter an, als Massena, ermutigt durch die 
österreichische Nachgiebigkeit vom Tage zuvor, jetzt noch 
weitergehende Forderungen formulierte und die Einwendungen 
der Gegner brüsk mit Verlassen der Sitzung beantwortete. 
Ott hielt ihn zurück und gab schließlich soweit nach, daß die 
Abmachungen über die Räumung Genuas durchaus den Ein- 
druck erwecken, der auch bereits in den Verhandlungen hervor- 
getreten war, daß nämUch Massena, obwohl er die bedrängte 
Lage der Österreicher und deren Ursache nicht klar erkannte, 
sondern höchstens ahnte, der eigentliche Herr der Situation 
war. Die förmliche Unterzeichnung schob er — immer noch 
in der Hoffnung, es könnte eine Nachricht von der Reserve- 
armee sein Schicksal wenden — bis zum Spätnachmittag 
hinaus und holte dafür dann auch noch die Zustimmung der 
ligurischen Regierung ein, deren Selbständigkeit der franzö- 
sische Oberfeldherr nunmehr auf einmal wieder entdeckte^). 



') Thiebault I, 314. 

-) Über die Verhandlungen vgl. K r i e g s a r c h i v VI, 96, 97, 120 ; 
H üffer II, 57 ff. und Aktenstücke; Ö. M. Z. 1822, IV, 281 ff. ; Thie- 
b a u 1 1 I, 310 ff., 393 ff.; Koch IV, 227 ff. ; G a c h o t 240 (in Einzelheiten 
abweichend.) 

14» 



212 Der Feldzug 

Mit stolzen Worten meldete Massena dem Ersten Konsul die 
Übergabe Genuas^), 

Die Konvention, auf Grund deren sie erfolgte, trifft fol- 
gende wichtigste Bestimmungen: Der rechte Flügel der fran- 
zösischen Armee zieht in Stärke von 8100 Mann zu Lande 
von Genua mit .Waffen und Gepäck über Nizza nach Frank- 
reich zur Vereinigung mit Suchet; Keith versorgt sie mit 
Zwieback. Alle übrigen, noch in Genua befindlichen Fran- 
zosen, die Kranken und Rekonvaleszenten sowie die Artillerie 
und Munition der Franzosen werden von den Engländern zu 
Schiff nach Antibes gebracht. Dafür wurden die österreichischen 
Kriegsgefangenen freigegeben ; die in Hospitälern zurückbleiben- 
den Franzosen werden wie die österreichischen Kranken ge- 
halten; die von den Franzosen geforderte Neutralität von 
Stadt und Hafen von Genua lehnten die Verbündeten, ebenso 
wie die Respektierung der Unabhängigkeit des ligurischen 
Volkes, ab, versicherten aber Genua des kaiserlichen Wohl- 
wollens und versprachen Straflosigkeit wegen politischer Ge- 
sinnungen und Handlungen unter dem vorigen Regiment; 
die Emigration sollte jedermann freistehen und für diesen 
Zweck Pässe mit sechsmonatUcher Gültigkeit erteilt werden; 
der Handel der Genuesen nach den beiden Rivieren wurde 
freigegeben; bewaffneten Bauern der Eintritt in die Stadt 
untersagt; Genua soll möglichst rasch von den Verbündeten 
verproviantiert werden; alle seit Beginn des Jahres kriegs- 
gefangenen Offiziere Massenas dürfen auf Ehrenwort, Ibis 
zur Auswechslung nicht zu dienen, nach Frankreich zurück- 
kehren; alle der Republik Genua gehörigen militärischen 
Effekten werden von den Franzosen den Verbündeten aus- 
geliefert^). 

Wir stellen ein Schlußwort über die Bedeutung der Kämpfe 
um Genua bis an das Ende dieses Kapitels zurück und haben. 



') K o c h IV, 236 f. ; C u g n a c II, 291, wo der Brief wohl irrig „Genua 
7. )uni" datiert ist. (Oder war das Absicht Massenas ?) 

') Der Wortlaut bei H ü f f e r II, 271 ff. und mit einzelnen Ab- 
weichungen bei T h i e b a u 1 1 I, 393 ff. ; S o u 1 1 III, 233 ff. ; Koch IV, 
227 ff. ; Hüffer bringt unter No. 81 die Propositionen Andrieux' und 
die Antworten der Verbündeten, deren Vergleich mit der schließlichen 
Konvention von Interesse ist. 



in der Riviera. 213 

bevor wir in die Schilderung der Kämpfe am Var eintreten, 
nur noch einige Worte über die Verhältnisse in dem eroberten 
Genua zu sagen. 

Die Besetzung erfolgte gemeinsam durch die Verbündeten ; 
die Engländer nahmen vom Hafen Besitz. Wie schon bei 
Beginn der Feindseligkeiten vorgesehen^), wurde Graf Hohen- 
zollern das Generalkommando über Stadt und Territorium 
Genua übertragen, nachdem Ott am 6. nach Alessandria abge- 
zogen war. 

Etwa 12 000 Mann-) standen zu Hohenzollerns Verfügung, 
von denen 2000 die Besatzung von Savona bildeten, weitere 
2000 die kleinen Küstenforts besetzten und 8000 für Genua 
selbst disponibel blieben. Für die Zivilverwaltung setzte St. 
Julien eine siebenköpfige kaiserliche Junta ein. Eine erste 
dringende Aufgabe w^ar es, die Stadt zu verproviantieren, nicht 
nur ihren ersten Hunger zu stillen — Hunderte starben in- 
folge übermäßigen Genusses -j-, sondern sie auch zu einer 
Aufnahme der ganzen österreichischen Armee auszurüsten. 

Doch schon w^enige Tage, nachdem die letzten Fran- 
zosen Genua verlassen hatten, erfuhr man in Genua, was die 
Konvention von Alessandria über das Schicksal der Stadt be- 
stimmte. HohenzoUern hat sich, wie die meisten österreichi- 
schen Festungskommandanten, anfangs geweigert, die Festung 
zu übergeben, und Suchet fand, als er heranrückte, ver- 
schlossene Tore, aber die üblen Folgen, die seine längere 
Weigerung für die bereits auf dem Marsche befindliche ge- 
schlagene Armee von Marengo hätte haben können, bestimmte 
HohenzoUern schließlich, sich zu fügen, obwohl seine braven 
Truppen sich erboten, die so mühsam errungene Festung bis 
aufs äußerste zu verteidigen. Aber erst am letzten zulässigen 
Termin räumte er, auf Grund einer besonderen Konvention^), 
die Stadt. 

Eine schwere Differenz zwischen Keith und Hohen- 
zoUern war voraufgegangen. Man wird nicht behaupten können, 
daß die Engländer als Verbündete sich einer Konvention wie 



') Kr i egsarchi V IV, 14, Geheiminstruktion für HohenzoUern. 
-) Niedrigere Zahlen u. a. bei Hüffer II, No 142. 
') Hüff er II, No. 171. 



214 Der Feldzug 

jener von Alessandria, in der von den Engländern überhaupt 
nicht die Rede war, einfach hätten fügen müssen, und Keith, 
der sich gemäß der Konvention vom 4. Juni mit vollem 
Recht als Mitbesitzer von Genua fühlte, nicht befugt sein 
sollte, diese Stadt fortab wieder als feindlich anzusehen, den 
Hafen zu sperren und alle einlaufenden Schiffe mit Beschlag 
zu belegen, was freilich lebhafte Erbitterung hervorrief. Auf 
HohenzoUerns Drängen begnügte sich der Admiral schließ- 
lich mit einer Geldzahlung, schuf aber alsbald einen noch be- 
denklicheren Zwischenfall, als er sich anschickte, die Genue- 
sischen Arsenale zu besetzen und einen Teil der Artillerie 
wegzunehmen, wovon er nur abstand, als Hohenzollern, der 
nicht zuletzt auch mit der Erregung der Genuesen über Keiths 
Vorgehen zu rechnen hatte, einige Bataillone nach dem Hafen 
marschieren ließ und Gewalt mit Gewalt zu erwidern drohte, 
da er vertragsmäßig Stadt und Hafen von Genua den Fran- 
zosen auszuliefern habe^). 

Es scheint doch, daß der latente Gegensatz zwischen den 
Verbündeten des Jahres 1800, dem wir im Verlaufe unserer 
Darstellung des öfteren begegnen, auch bei dieser Gelegen- 
heit in Erscheinung getreten ist; die Österreicher gönnten 
den Engländern den Besitz der wichtigen Festung nicht, und 
obwohl Melas den klugen Rat gab, die Stadt zu räumen und 
sich auf die Besetzung der Forts zu beschränken, da ja die 
Österreicher nur das an die Franzosen übergeben könnten, 
was sie wirklich besetzt hielten, blieb Hohenzollern bei seinem 
.Widerstand gegen die Maßnahmen des Engländers. Und doch 
wäre es die beste Lösung gewesen, wäre am 4. Juni ein 
englisches Landungskorps zur Stelle gewesen (cf. Kap. XII), 



') Über die Vorgänge in Genua vom 4. bis 24. Juni vor allem Hohen- 
zoUerns Bericht bei Hüffer 11,161, dazu ebda, die No. 99, 102 f., Ulf., 
116 f., 138, 142, 145, 156, 163, 166 f., 171. Für HohenzoUerns Darstellung 
seiner Differenzen mit Miollis, bei denen das größere Recht zweifellos auf 
Seiten des Grafen, spricht, entgegen derjenigen Massenas, Koch IV, 239 f., 
247 ff., der neuerdings auch G a c h o t wieder folgt (a. a. O. S. 251 ff.), 
das Zeugnis Napoleons und Suchets. Vgl. Correspondance VI, 4952 
und XXX, 430 bezw. Cugnac II, 515, Suchet an Massena 24. Juni, 
ebda., und Koch IV, 238; Thiebault I, 320, 323, 332 f.; derselbe, 
Memoires III, 107, auch über die Streitigkeiten HohenzoUerns mit Miollis. 



I 



in der Rivier;*. 215 

um Genua zu besetzen. Mit 10 000 Mann hätte HohenzoUern 
dann bei Marengo den Ausschlag zugunsten der Österreicher 
geben müssen. 

IV. 
Die Operationen am Var. 

Wir haben die Operationen von Elsnitz und Suchet oben 
bis zum 7. April begleitet, dem Tage, an welchem es den 
Österreichern gelang, sich bei Savona zwischen das Zentrum 
und den rechten Flügel der französischen Armee einzuschieben. 
Die darauf folgenden Kämpfe des Zentrums haben ihre selb- 
ständige Bedeutung. Bei ihnen wird uns besonders klar, daß 
die Österreicher ihren Zug in die Riviera um sechs Wochen 
zu spät unternommen haben; nicht minder auch, daß die 
Trennung Suchets von Massena im Interesse des Ganzen 
ihrer Operationen für die Österreicher nicht vorteilhaft war. 
Das Blut, das bei den Kämpfen in der Ponente, an Roja 
und Var vergossen wurde, floß vom Standpunkte der Öster- 
reicher völlig umsonst. 

Daß in Elsnitz ein Unfähiger mit einer selbständigen Auf- 
gabe betraut war gegenüber dem französischen General Suchet, 
der sich bereits in den Jahren 1793—1797 auf dem Schau- 
platz seiner jetzigen Kämpfe bewährt hatte, und der über- 
haupt in die erste Reihe der französischen Generale jener 
Zeit gehört, machte aus diesem nutzlosen Unternehmen oben- 
drein eine empfindliche Niederlage der Österreicher. 

Suchet hatte seine Streitmacht in drei Gruppen geteilt. 
Der linke Flügel unter Jablonowsky stand im oberen Ta- 
narotal, das Zentrum hielt die Linie Settepani-Monte San 
Giacomo besetzt, der rechte Flügel stand bei Vado. 

Nach den ersten, wie wir bereits wissen, für die Öster- 
reicher glücklichen Gefechten, namentlich dem dreifachen An- 
griff vom 7. auf Giacomo, Madonna della Neve und Sette- 
pani, mußte sich Suchet auf der Straße nach Albenga gegen 
Finale rückwärts konzentrieren: am 8. ging er sogar bis 
Borghetto zurück, ohne daß Elsnitz ihm folgte, der wohl 
schon deshalb vom 8. bis 10. in seinen Stellungen ver- 
harrte, weil er sich durch die Entsendung zweier Brigaden 
geschwächt hatte. 



216 Der Feldzug 

In Borghetto traf Suchet am 9. der Befehl Massenas^), die 
Vereinigung mit ihm möghchst rasch auf dem Monte Notte 
zu bewirken. Wir kennen bereits die heldenmütigen, aber 
schließlich doch gescheiterten Kämpfe Soults, die dem gleichen 
Zwecke dienten. 

Nicht besser ging es Suchet trotz anfänglicher Erfolge. 

Am 10, marschierte Clauzel mit seiner Division, vom 
Nebel begünstigt, über Bardinetto gegen Ulms Stellungen bei 
Settepani und Torre di Melogno, die unter erheblichem Ge- 
fangenenverlust für die Österreicher^) am Abend auch glück- 
lich erstürmt waren. Damit war Elsnitz, der selbst vor Suchet 
von San Pantaleone auf San Giacomo zurückgewichen war, 
von Ulm getrennt. 

Der 11. verging mit kleinen Streifereien und einem An- 
griff Suchets auf Elsnitz' feste Stellung bei San Giacomo 
und Madonna della Neve, der ihm den Weg nach Mallare 
öffnen sollte. Er hatte erst am Abend einen ungenügenden 
Erfolg, und als Suchet am folgenden Tage seinen Angriff 
wieder aufnahm, wurde er geworfen und zog sich auf die 
Settepani und Capra Zoppa zurück. Elsnitz fand jetzt Ge- 
legenheit, die Trümmer der arg zerzausten Brigade Ulm wieder 
zu sammeln und bei Ronchi di Maglia aufzustellen. Die 
Durchbruchsbewegung Suchets hatte damit fürs erste einen 
Stillstand erfahren^). Auch Suchet hatte, obwohl die Ver- 
pflegungsmöglichkeiten für ihn besser als für Massena 
waren, von vornherein im Hunger einen fast ebenso schlim- 
men Feind als die Österreicher zu bekämpfen, und seine 
Truppen waren arg ermüdet; gleichwohl scheint es, daß 
Suchet tätiger hätte sein können. Vor allem hätte er nach 
dem 12. nicht tagelang stehen bleiben brauchen"*). Da auch 

') Thiebault I, 361. 

^) Nach Hü ff er No. 33 kosteten die Gefechte von Settepani und 
Ronchi di Maglia am 10., 11. u. 19. zusammen 1351 Mann; nach Ö. M. Z. 
allein der 11. 45 Offiziere und 1357 Mann. — Nach Gachot p. 268 be- 
trugen die französischen Verluste vom 10. Dezember nur 478 Mann. 

=*) Hüffer II, No. 49; Ö. M. Z. 1822, III, 189 f. (ungenau); Gachot 
p. 263 ff. 

') Vielleicht hat Koch IV, 121 f. nicht ganz unrecht, wenn er Suchets 
vorzeitigen Rückzug seiner Eifersucht auf Soult zuschreibt, von dem er, 
in Abwesenheit Massenas, keine Befehle annehmen wollte. 



in der Riviera. 217 

die Österreicher abwartend in ihren Stellungen verharrten, 
kam hier erst wieder Bewegung in die Gegner, als der aus 
Varazze am 15. von Massena abgesandte Generalstabschef 
Oudinot in der Frühe des 17. in Calizzano Suchet den er- 
neuten Befehl Massenas zum Angriff überbrachte; zu einer 
Zeit, in der, wie wir wissen, das erhoffte Rendezvous mit 
dem Zentrum wegen des Zurückweichens des rechten Flügels 
auf Voltri bereits wieder illusorisch geworden war. 

Suchet, der inzwischen Verstärkungen aus Nizza und 
Lebensmittel erhalten hatte, ging sofort an die Ausführung 
des Befehls, obwohl ihm das Zurückweichen Soults kaum 
verborgen geblieben sein kann. Daß auch Massena trotz- 
dessen den Befehl an Suchet aufrecht erhielt, zeigen seine 
erneuten Weisungen an ihn vom 18. und 21., den Durch- 
bruch zu versuchen^). 

Die feindlichen Stellungen verboten es Suchet, seinen Vor- 
stoß direkt auf Savona zu richten. Er selbst wendete sich 
gegen die Höhen von San Giacomo, um nach ihrer Forcierung 
auf Altare vorzubrechen ; eine Kolonne unter Seras wandte 
sich gegen Ulm, der in seiner Stellung von Ronchi di Maglia 
das rechte Bormidaufer, d. h. den Weg auf Millesimo, deckte, 
wohin Suchet gern seinen Hauptstoß gerichtet hätte, um sich 
dann bei Cairo mit dem über Sassello vordringenden Soult 
zu vereinigen, ein Plan, den auch dieser für aussichtsreich 
hielt, für den es aber jetzt bereits zu spät war. Suchet hätte 
diesen Plan eher in Angriff nehmen müssen und können"). 

Am 19. morgens wurde Ulm von Seras angegriffen und 
mit einem Verlust von mindestens 300 Mann auf Biestro 
zurückgeworfen. Der Sieger blieb darauf untätig stehen, um 
zu warten, bis Suchet (Clauzel) bei seinem Vorrücken in 
gleiche Höhe mit ihm gelangte. Soweit kam es jedoch über- 
haupt nicht, denn bei dem Sturm, den Suchet mit vier 
Kolonnen auf die Stellungen von San Giacomo am 20. wagte, 
wurden die Franzosen trotz größter Tapferkeit mit einem Ver- 
lust von 1300 Mann glänzend zurückgeworfen; die Öster- 
reicher verloren nur 265 Mann. Es wäre, da an diesem Tage 
Massena bereits in Genua eingetroffen war, doch wohl ver- 

') Koch IV, 132. — -'; Soult, Memoires IIF, 142 Kritik Suchets. 



218 Der Feldzug 

geblich gewesen, den Durchbruch fortzusetzen, und Suchet 
nahm darum eine Stellung von Borghetto bis zur Bormida- 
quelle (Murialto) ; die Settepani blieben von den Franzosen 
besetzt^). 

Auch der Vorstoß des Zentrums zur Wiedervereinigung 
mit dem rechten Flügel war also völlig gescheitert. 

Eine neue Phase des Riviera - Feldzuges beginnt mit 
diesem Moment. War bisher noch ein gewisser Zusammen- 
hang zwischen den Operationen östlich und westlich der 
Linie Carcare — Savona vorhanden gewesen, so handelt es sich 
fortab um zwei vollständig getrennte Aktionen, die nur in 
ihren Folgen sich gegenseitig beeinflussen konnten. 

Melas wollte, wie wir wissen, jetzt selbst die Oberleitung 
der dem Feldmarschalleutnant Elsnitz anvertrauten Operationen 
gegen Suchet übernehmen. Als sein Fußübel ihn in Borgo 
di Leggine zu verweilen nötigte, sandte er seinen Stabschef 
Zach nach San Oiacomo zu Elsnitz, um dessen Angriff in 
Gang zu bringen, denn nach seinem Erfolg vom 20. hatte 
Elsnitz wohl einige Rekognoszierungen gegen Madonna della 
Neve vorgenommen, im übrigen aber seine Stellungen bei San 
Oiacomo beibehalten. Zum Angriff auf die Settepani be- 
stimmt, stand bei Biestro die verstärkte Brigade Ulm, jetzt 
von Brentano kommandiert; im oberen Tanarotal bei Murialto 
stand Gorup, dessen früherer Aufgabe, die Verbindung zwi- 
schen Kaim und Elsnitz zu erhalten, wir uns erinnern. Jetzt 
sollte er die linke Flanke Suchets beunruhigen. 

Bis zum 29. hielten heftige Regengüsse die Gegner im 
wesentlichen in den angegebenen Stellungen fest. An diesem 
Tage jedoch räumte Suchet, dem die Anzeichen des bevor- 
stehenden österreichischen Angriffs nicht verborgen geblieben 
waren, seine Stellungen bei Settepani und Torre di Me- 
logno und bezog neue bei Capo di San Spirito^) ; die Öster- 
reicher rückten schon am 30. nach. Die Hauptaufgabe fiel 
dabei Gorup und Brentano zu, von denen ersterer angewiesen 



') Kriegsarchiv IV, 344, 421; Hüffer 111, Mo 49 ; O. M. Z. 1822. 
III, 194 f., 296 ff ; G a c h 1 270 ff. Abweichungen bei Koch IV, 130 ff. ; 
bei Soult III, 140 ff. machen die zeitlichen Angaben Schwierigkeiten. 

==) Koch IV, 133 f. 



in der Riviera. 219 

wurde, von Calizzano aus nach dem Monte San Bernardo 
zu marschieren, von dort nach der Rocca Barbena zu streifen 
und, falls er diese Höhe von den Franzosen nicht besetzt 
fand, nach dem Monte Gale (1709 m) weiterzuziehen. 

Brentano hatte von Settepani über den Brie dell' Agnellino 
ebenfalls nach Rocca Barbena zu ziehen und diese Stellung 
gemeinsam mit Gorup zu erobern, eventuell diesen auf dem 
Monte Gale zu unterstützen. Die Hauptmacht marschierte in- 
dessen von San Giacomo ebenfalls auf Rocca Barbena, Latter- 
mann an der Küste gegen Loano. 

Man sollte annehmen, daß es den Österreichern ge- 
lungen wäre, Suchet in den Rücken zu kommen; stattdessen 
erreichten die einzelnen Kolonnen am 30. ihre Ziele nicht ein- 
mal. Immerhin war durch ihre Bewegungen die linke Flanke 
Suchets bereits bedroht, und da er nicht gewillt war, für die 
Behauptung einer Stellung, die doch keine dauernde sein 
konnte, seine Truppen nutzlos zu opfern, beschloß er den 
weiteren Rückzug. 

Am 1. Mai überließ er Lattermann, den die Engländer 
von der See her unterstützten, nach geringem Widerstände 
Loano, am folgenden Tage dem General Morzin Rocca Bar- 
bena, wenn auch erst nach langem Kampfe, und zog sich 
am 3., als inzwischen Gorup und Elsnitz seine linke Flanke 
durch Vorstöße vom Monte Gale auf den Monte Saccarello 
und den Monte Ariolo stark gefährdeten, eiligst an die Küste 
nach Alassio zurück. Auf den Höhen marschierend, deckte 
Seras diesen Rückzug des Gros. Vom Monte Gale zog er 
über Pieve di Teco und Triora an die Roja, den nächsten ver- 
teidigungsfähigen Flußabschnitt, den er bei Breglio erreichte. 
Der Roja strebte, in breiter Front und in langsamen iMärschen, 
auch Suchet zu, entschlossen, den Vormarsch des Feindes dahin 
möglichst lange aufzuhalten. Die Verfolgung der Österreicher 
war nicht sehr energisch. Am 5. kämpfte die französische 
Nachhut an der Küste Lattermann gegenüber glücklich, und 
auch die stark besetzten Höhen von Mucchio Pietre räumte 
Suchet nicht sofort vor Elsnitz und Morzin. Erst als diese 
am 7. eine umfassende Bewegung gegen diese Stellungen 
machten, gingen die Franzosen fluchtartig zurück. Von Latter- 



220 Der Feldzug 

mann wurden sie gleichzeitig aus ihren Stellungen bei Diano 
Castello an der Küste so gründlich herausgeworfen, daß Su- 
chet nun nicht mehr zaudern durfte, schleunigst hinter die 
Roja zu gehen. Die Sorge vor einer englischen Landung in 
Bordighera und vor allem die Nachricht von der Einnahme 
des Col di Tenda durch die Östereicher wirkten bei diesem 
Entsdhlusse mit. 

Schon von Sestri aus hatte Melas Kaim Befehl gegeben, den 
Col di Tenda zu besetzen, um Suchets Rückzug dadurch zu 
beschleunigen. Durch Regengüsse mehrere Tage aufgehal- 
ten, unternahm General Knesevich erst am 6. Mai von Ver- 
nante aus den Angriff, der, mit drei Kolonnen geschickt in 
Front, westliche Flanke und Rücken des Feindes ausgeführt, 
diesen wichtigen Paß den Österreichern öffnete. 

Es ist unbegreiflich, daß Elsnitz nicht längst und mit seiner 
Hauptmacht diesen einfachsten Weg eingeschlagen hatte, um 
Suchet in den Rücken zu kommen und ihn zu vernichten oder 
wenigstens zum schleunigsten Rückzug hinter den Var zu ver- 
anlassen. Dieses Ergebnis wäre dann sicher unblutiger er- 
reicht worden, als es jetzt auf dem Wege beständiger Angriffe 
auf die festen Stellungen Suchets geschehen war. Diese An- 
griffstaktik der Österreicher in den 14 Tagen von San Gia- 
como bis zum Var erinnert uns im Prinzip an die Schule 
Suworows vom Jahre 1799; nur fehlte Elsnitz der Elan des 
Russen. Man hätte sicherlich glänzendere Erfolge erlangt, hätte 
man mehr umgangen, worauf die Natur des Gebirges gebie- 
terisch hinwies. 

Der Verlust des Col di Tenda ließ Suchet nicht im Ernst 
daran denken, die Roja zu verteidigen. Gorup, der mit Knese- 
vich Fühlung gewonnen hatte, streifte bereits jenseits dieses 
Flusses. Dazu kam, daß die Bauern sich auch hier gegen 
die Franzosen erhoben. So ließ Suchet nur in den Schlössern 
von Ventimiglia, Villefranche (bei Nizza) und Montalban*), zwi- 
schen Villefranche und Nizza, kleine Besatzungen zurück und 
führte das Gros seiner Truppen schon am 10. und 11. über 



In Montalban errichtete Suchet einen optischen Telegraphen, der 
ihm durch Signalisierung der österreichischen Bewegungen wichtige 
Dienste leistete. 



in der Riviera 221 

den Var, den alten Grenzfluß zwischen Frankreich und der 
1792 von den Franzosen eroberten Grafschaft Nizza. 

Am 9. und 10. langten Lattermann und Elsnitz an der 
Roja an, wo Melas den durch die beschwerlichen Gebirgs- 
märsche arg erschöpften Truppen eine kurze Rast gönnte. Am 
11. ergab sich die Besatzung von Ventimiglia an Lattermann; 
Major Volkmann, von Gorup und Knesevich entsendet, traf 
am Abend dieses Tages in Nizza ein, wohin Melas am 13. 
das Hauptquartier verlegte. Die Armee breitete sich seit diesem 
Tage längs Vesubia und Var von San Agostino bis Rocchetta 
aus; eine Aufstellung auf den Höhen oberhalb Roccabigliera 
sollte eine französische Umgehung dieser Stellung und der 
Roja, deren linkes Ufer übrigens sofort befestigt wurde, 
verhindern. Auch der vor Sospello gelegene Col de Braus 
(999 m) war zu diesem Zwecke besetzt. 

Am Var standen von links nach rechts Lattermann, Weiden- 
feld, Ulm (Brentano), Bellegarde, Gorupi). 

So waren denn die Österreicher an dem Grenzfluß ange- 
langt, den zu überschreiten seit acht Jahren ihr Ziel war. Sie 
standen an den Toren Frankreichs, aber sie durften nicht ein- 
treten, wollten sie nicht Gefahr laufen, daß ein anderer sie 
hinter ihnen schloß. Und dieser andere war kein Geringerer 
als Bonaparte an der Spitze der Reservearmee, von deren Ein- 
bruch in Italien, wie in Kapitel VI gezeigt wird, eben in diesen 
Tagen immer deutlichere Kunde an Melas gelangte. Schon von 
Bordighera aus und vom 10. datiert ein Schreiben von Melas, 
in welchem er Elsnitz das Kommando über die an der Roja 
zurückbleibenden Truppen überträgt, da er selbst nach Pie- 
mont ziehen müsse. 

Als er dann am 19. endlich wirklich aufbrach, gab er 
Elsnitz die Weisung: „daß in der gegenwärtigen Stellung keine 
Hauptschlacht vom Feinde anzunehmen sei, und derselbe soviel 
wie möglich getäuscht werden müsse, als ob unsererseits eine 
Offensive über den- Var unternommen werden wolle-)*^ Im 

' Kriegsarchiv IV, 498; V, 20, 52, 81, 92, 132, 152, 201, 215 Bei- 
lage, 219, 233, 235, 274; Hüffer II, Mo- 45 und 48; Ö. M. Z. 1822 111. 
29Sff., IV, 80ff.; Soult III, 147ff; Koch IV, 121 f.. 129 ff., 158ff.; 
Gachot, 278 ff,, 291 ff. 

') Kriegsarchiv V, 219 und Hüffer II, No. 59. 



222 Der Feldzug 

Falle er vom Var weggedrängt würde, sollte er die feste Stellung 
hinter der Roja verteidigen, deren Schlüssel auf dem rechten 
Flügel ja verschanzt war. Dieser, der Col de Raus, war auch 
wichtig für die Straße nach dem Col di Tenda, der aber 
schließlich auch von Saorgio aus auf dem linken Rojaufer zu 
erreichen war. 

Diese Anweisung entsprach durchaus der Situation. Es 
genügte vollkommen. Suchet an irgendeiner Aktion zugunsten 
Massenas oder in der Richtung auf die Reservearmee zu ver- 
hindern; ein offensiver Vorstoß nach Frankreich hinein mit 
einer Teilmacht war, so lange in Oberitalien die Entscheidung 
gegen Massena und die Reservearmee noch ausstand, völlig 
absurd. Aber Elsnitz sollte die verständige Weisung des Ober- 
kommandierenden verhängnisvollerweise vergessen. 

Einschließlich einiger piemontesischer Truppen, verfügte 
Elsnitz über zirka 15 000, schließlich über zirka 17 000 Mann, 
denn für die Truppenteile, die er zur Verstärkung Kaims gegen 
die Reservearmee nach Piemont hatte senden müssen (die Bri- 
gaden Knesevich und Auersperg und das Regiment Toskana), 
war ihm Ersatz geworden durch die nach der Übergabe Sa- 
vonasi) am 16. Mai freigewordenen Blockadetruppen unter 
St. Julien. Auch die per Schiff aus Livorno kommenden Regi- 
menter Strassoldo und Jellachich waren anfangs für Elsnitz 
bestimmt, gingen aber schließUch nach Piemont^). 

Suchet war jedenfalls schwächer als Elsnitz, obv/ohl das 
Departement Var „in Gefahr*' erklärt wurde, worauf die Na- 
tionalgarde unter die Waffen trat, und aus den nächsten Gar- 
nisonen alle nur erreichbaren Verstärkungen (Division Rocham- 
beau) herangezogen wurden^). 

Bis Utelle an der Vesubia richteten die Franzosen die 
Varlinie zur Verteidigung ein, und auf dem Unken Ufer wurde 
an der zirka 600 Meter langen Holzbrücke nahe der Mündung 
dieses sehr breiten aber flachen Flusses ein Brückenkopf aus- 
gebaut. Suchet konnte hier und anderwärts zahlreiche bereits 

*) Gachot 316 ff,, 437 ff., Wortlaut der Kapitulation zwischen St. 
Julien und Buget, laut welcher 49 Offiziere und 998 Mann kriegsgefangen 
wurden, bei A 1 1 a r d y c e a. a. O. p. 208 f, 

^) Hüffer II, No. 45, 52; Ö. M. Z- 1822, IV, 85, 88. 105, 197, 202 

') Correspondanco VI, 4761, 4808. 



in der Riviera 223 



vorhandene, seit 1792 von den Franzosen angelegte Befesti- 
gungen benutzen. Bei Malaussena befand sich eine zweite 
Brücke. 

Elsnitz hätte alles daran setzen sollen, diese Befestigungs- 
arbeiten der Franzosen zu stören; das Fehlen der Artillerie, 
die erst am 20. von den Engländern in Nizza gelandet und 
in die österreichischen Verschanzungen, namentlich gegenüber 
dem Brückenkopf, eingeführt wurde, reicht zur Entschuldigung 
für die passive Haltung der Österreicher nicht hin. 

Um so verhängnisvoller war der Eifer, mit dem Elsnitz 
nach der Abreise von Melas einen Angriff auf den Brückenkopf 
betrieb, der denn auch nach einer heftigen, aber ziemlich un- 
schädlichen Kanonade am 22. stattfand. Die französischen Vor- 
truppen wurden zwar in den Brückenkopf zurückgedrängt, die- 
sen selbst aber und damit die Brücke behaupteten die Fran- 
zosen. Es war ein ganz nutzloses Blutvergießen. Leider war 
Elsnitz durch diesen ersten Mißerfolg noch nicht belehrt, denn 
schon wenige Tage später, nachdem noch weitere Batterien 
gebaut und St. Julien eingetroffen war, unternahm er einen 
neuen Angriff. 

Nach einer Beschießung von der Land- und Seeseite, die 
diesmal größeren Schaden anrichtete, wurden am Abend des 
26. gegen 10 Uhr die Grenadierbataillone Paar und Neni vor- 
geschickt, um den Brückenkopf zu überrumpeln und die Holz- 
brücke zu zerstören. Das Bataillon Neni verfehlte jedoch seinen 
Weg, so daß Paar allein anstürmte, aber auch sonst hätte 
an der Festigkeit der Verschanzungen und dem Feuer einer 
starken auf dem rechten Varufer postierten Batterie dieser ganz 
unsinnige Angriff scheitern müssen^). 

Nach diesem erneuten Schlage verlor Elsnitz den Kopf, 
und als Suchet, der inzwischen auch Verstärkungen erhalten 
hatte, nun gar seinerseits die Offensive ergriff, beschloß er den 
Rückmarsch hinter die Roja, der nun in völliger Überstürzung 
seit dem 28. angetreten wurde. Die infolge der unglücklichen 
Kämpfe und schlechten Verpflegung schon arg gelockerte Diszi- 
plin der Österreicher wurde jetzt rettungslos vernichtet, noch 



') Kriegsarchiv V, 461, 489, 516, 523, 45, 52, 78; O. M. Z. 1822, 
IV, 196 ff.; Koch IV. 170; Gachot 301 ff. 



224 Der Feldzug 

bevor Elsnitz für seine ganz verfehlten Marschdispositionen 
die verdiente Strafe empfing, da Suchet sich die Kopf- und 
Energielosigkeit des Gegners sofort in umsichtigster Weise zu- 
nutze machte. 

Er war sich dabei voll bewußt, welche Bedeutung seine 
Operationen für jene der Reservearmee haben mußten, über 
deren Fortschritte er begreiflicherweise weit besser unterrichtet 
war, als der in Genua eingeschlossene Massena. 

Gerade als er hinter den Var ging, muß er die Mitteilung 
vom 5. Mai über den bevorstehenden Einbruch der Reserve- 
armee in Piemont und die Aufforderung erhalten haben, alles 
zu tun, was zur Verbindung mit Massena dienen und die Ver- 
bindung mit der Reservearmee erleichtern könnte'). 

Am 11. meldete darauf Suchet, daß er hinter den Var 
zurückmüsse, versicherte aber, daß er sofort wieder offensiv 
vorgehen werde, wenn sich die Wirkung der Reservearmee 
geltend mache^). Diesen Moment erwartete er mit Spannung 
und bereitete alles darauf vor. Wenn er auch mit offiziellen 
Nachrichten knapp bedacht wird — am 19. Mai z. B. nur 
mit der vagen Andeutung: bei Empfang dieses Schreibens 
müsse die Diversion vollendet sein und die Ungewißheit des 
Feindes sich in Nizza fühlbar gemacht haben^) — er merkte 
die Wirkung von den Fortschritten der Reservearmee in der 
Tat am Verhalten des Feindes*), und als dieser sich gar zum 
Rückzug entschloß, erachtete Suchet den Moment für die an- 
gekündigte Offensive gekommen. 

Statt seine gesamte Macht für den Rückzug zusammen- 
zufassen und, wie ihm befohlen, an der oberen Roja und dem 
Col di Tenda dem nachdrückenden Feinde entgegenzustellen 
und in dieser Flankenstellung zugleich seinen etwaigen Vor- 
marsch auf Genua zu bedrohen, zersplitterte Elsnitz seine Trup- 
pen aufs unheilvollste, so daß sie voneinander getrennt und 
einzeln geschlagen wurden. Vor allem aber: Elsnitz ließ sich 
in ganz unverantwortlicher Weise vom Col di Tenda abdrängen. 

Klug begann Suchet, um dies zu erreichen, seinen Angriff 
am 27. gegen den äußersten rechten Flügel der Österreicher 



') Correspondance VI, 4761. — =) E b d a. 4807. 

') Ebda. 4827. — ') Vgl. ebda. 4817, 4824, 4833, 4862, 4886. 



in der Riviera. 225 

unter Gorup, den er durch Vorstoß gegen Ponte San Gio- 
vanni von dem ihm zunächst stehenden Bellegarde trennte. Go- 
rup suchte jetzt auf beschwerlichen Wegen den Col de Raus 
(Weg nach Tenda) zu erreichen, was ihm am folgenden Tage 
auch gelang. Als an diesem 28. Suchet über Vesubia auf Le- 
venzo gegen Bellegarde vorging und gleichzeitig bei Aspremont 
St. JuHen und Ulm angriff, befahl Elsnitz den allgemeinen 
Rückzug, um den Col de Raus eher als der Feind zu erreichen. 
Auf drei verschiedenen Wegen strebten Bellegarde, St. Julien, 
Ulm und Weidenfeld nach diesem wichtigen Punkte, auf dem 
sie am 30. auch glücklich versammelt waren. 

Lattermann, der die Nachhut führte, war am 29. längs 
der Küste nach Turbia marschiert. Am 31. waren die Stellungen 
der Österreicher folgende: Gorup stand auf dem Col de Raus, 
Bellegarde auf Col de Braus, St. JuHen, Ulm, Weidenfeld auf 
Col de Brouis, hinter Sospello, Lattermann an der Küste. 

An diesem Tage griff Suchet, der den Abziehenden in 
breiter Front gefolgt war, erneut an und zwang Bellegarde, 
den Col de Braus zu räumen. Bellegarde vereinigte sich jetzt mit 
Ulm auf dem Col de Brouis, von wo Elsnitz, der selbst in Breglio 
(Breil) sein Hauptquartier aufschlug, die Brigaden Weidenfeld 
und St. Julien törichterweise hinter die Roja zog; auch Latter- 
mann erhielt diese Bestimmung. Diese Truppen nahmen da- 
mit eine weite Aufstellung von Ventimiglia bis Monte Arpetta 
ein, die den Weg nach Col de Raus, Col de Brouis und Col 
di Tenda fast freigab. 

Suchet machte sich das sofort zunutze, indem er am L Juni 
mit 6000 Mann von Sospello Roja aufwärts zog und auf die 
nur schwach besetzten Stellungen zwischen Col de Raus und 
Col de Brouis — Monte Thion und Gli Mille Furchi — vorstieß, 
die von den Österreichern fluchtartig geräumt wurden. Da- 
durch war Gorup gänzlich von Elsnitz getrennt. Er schlug 
sich nach San Dalmazzo durch und nahm eine Aufstellung 
zum Schutze des Tenda. Bald überließ er jedoch die Deckung 
dieses wichtigen Passes nur einem schwachen Bataillon 
(Szluiner) und zog nach Coni, in der Annahme, daß er ihn 
doch nicht würde halten und Elsnitz sich doch nicht nach dem 
Tenda würde durchschlagen können. Bereits am 3. räumte 

Herr mann. Der Aufstieg Napoleons. 15 



226 Der Feldzug 

ihn das Szluiner Bataillon vor dem überlegenen Angriff zweier 
feindlicher Kolonnen unter Mengaud und Garnier. 

Diese Preisgabe des Tenda ist schwer zu tadeln, obwohl 
sie keine schlimmen Folgen mehr gehabt, da Elsnitz in der 
Tat nicht mehr auf den Tenda als Rückmarschstraße reflektierte. 
Daß er das nicht tat, ist aber ein schwerer Fehler gewesen. 
Suchet hatte sich nach der Absprengung Gorups, den Col de 
Brouis zu seiner Rechten liegen lassend, sofort gegen Saorgio 
gewandt, d. h. dem Stützpunkt der Rojalinie und der Sicherung 
der Tendastraße. 

Statt nun alle seine Brigaden vom linken Rojaufer und 
Ulm und Bellegarde vom Col de Brouis zu konzentrischem An- 
griff gegen Suchet bei Saorgio zusammenzufassen und dadurch 
die Verbindung mit Gorup und dem Tenda sich wieder zu 
öffnen, nahm Elsnitz den französischen Durchbruch durch 
seine auf der entscheidenden rechten Flanke viel zu schwache 
Aufstellung als unabänderlich hin und zog sich, jetzt auch 
Ulm und Bellegarde auf das linke Ufer rufend, flußabwärts nach 
Dolce Acqua der Küste zu. 

Hier erreichte ihn am 2. der Befehl Melas' vom 31., schleu- 
nigst die Riviera zu räumen und über den Col di Tenda zur 
Vereinigung mit Kaim und Hadik nach Turin zu marschieren^). 
Da er sich diesen kürzesten und bequemsten Weg in unverant- 
wortlicher Weise hatte rauben lassen, beschloß Elsnitz, nach 
dem oberen Tanarotal zu ziehen und über Ormea und Ceva 
Piemont zu erreichen. Er teilte zu diesem Zwecke seine Streit- 
macht in zwei Kolonnen : die eine, die Brigaden Ulm, St. Ju- 
lien, Bellegarde, sollte über Bajardo, Triora nach Ponte di 
Nava oberhalb Ormea ziehen und hier das Eintreffen der zwei- 
ten Kolonne, bestehend aus den Brigaden Weidenfeld und 
Lattermann, abwarten, die von Bordighera aus nach Oneglia 
und von da nordwärts über Pieve di Teco an den Tanaro 
zu marschieren hatte. Bei dieser zweiten Kolonne befand sich 
Elsnitz selbst. 

Wozu die Trennung und der Marsch auf zwei so ungleich 
langen Wegen, die eine Verbindung und gegenseitige Unter- 
stützung der Kolonnen nicht ermöglichten? Sind die Verpfle- 



Hüff er IL No. 63. 



in der Riviera. 227 

gungsrücksichten eine genügende Erklärung, und warum befand 
sich Elsnitz bei der Kolonne, die den zwar längeren, aber we- 
niger beschwerlichen Weg zurückzulegen hatte? 

Am 4. Juni trat diese bei Tagesanbruch von San Remo 
aus ihren Marsch an und traf am 5. um Mitternacht auf dem 
Monte Neve ein; der Marsch wurde vom Feinde nur wenig 
belästigt, brachte aber infolge der starken Ermattung der Trup- 
pen erhebliche Abgänge. 

Von der anderen Kolonne vereinigte sich die an der 
Spitze marschierende Brigade St, Julien am 6. mit Latter- 
mann und Weidenfeld. Während Elsnitz, St. Julien und 
Weidenfeld noch an demselben Tage nach Ormea zogen, blieb 
Lattermann bei Ponte di Nava stehen, um die Brigaden Ulm 
und Bellegarde zu erwarten. Einen ausreichenden Grund für 
ihr Zurückbleiben vermag ich nicht anzugeben. Die Ermüdung 
der Truppen reicht, weil sie allgemein war, nicht wohl hin. 
Ihre Langsamkeit führte zu einer überaus empfindlichen Dezi- 
mierung dieser beiden Brigaden. 

Suchet war sich über die Rückzugslinie des Gegners nicht 
sofort im Klaren gewesen, und ließ daher, um allen Möglich- 
keiten zu begegnen, einen Teil seiner Truppen längs der 
Küste nach Genua vorgehen, während er das Gros am 4, 
von Saorgio über Briga nach dem Col Ardente, am nächsten 
Tage über den Monte Grande und Rezzo nach Pieve vor- 
rücken ließ, also auf Wegen, die ihn weder vom höchsten 
Gebirgskamme noch von der Küste allzu weit entfernten. Am 
Monte Grande stießen die Franzosen auf die Marschlinie der 
österreichischen Kolonnen, in einem Augenblick, als ihn die 
Brigade St. Julien bereits passiert hatte, Ulm und Bellegarde 
dagegen noch zurück waren. Das nutzte Suchet in geschickter 
Weise aus. 

Er ließ den Monte Grande in seinem Rücken besetzt, 
ließ auch in Pieve eine Abteilung zurück und zog selbst 
gegen Ponte di Nava weiter, wo er Lattermann vergeblich 
zurückzudrängen suchte. 

Ein um so glänzenderer Erfolg war den Franzosen gegen 
Ulm und Bellegarde beschieden. Zunächst wurde ihre Vorhut 
am 6., als sie sich dem Monte Grande näherte, von der Be- 

15* 



228 Der Feldzug 

Satzung dieses Berges abgeschnitten und gefangen. Als dar- 
auf das Gros der Kolonne ins Tal von Pieve hinabstieg, wurde 
es zugleich von vorn und hinten angegriffen, was eine ge- 
waltige Panik und fast völlige Auflösung der Österreicher zur 
Folge hatte. Da die Franzosen nachdrängten, sah sich auch 
Lattermann gezwungen, seine Stellung bei Ponte di Nava auf- 
zugeben und den Tanaro abwärts zu ziehen. Als Elsnitz am 
7. seine Truppen in der Linie Ceva-Priero-Monte Zemolo ver- 
sammelte, waren von seinem schönen Korps nur noch 6206 
Mann übrig. Mit Einschluß der 1670 Mann, die Gorup nach 
Coni geführt, waren es von 17 438 Mann, die Elsnitz nach 
St. Juliens Eintreffen schließlich befehligt hatte, noch 7876 
Mann völlig abgehetzter und abgerissener Truppen, die sich, 
abzüglich der Besatzung von Coni, erst drei Tage vor der 
Entscheidung in Alessandria, wohin sie schheßlich beordert 
worden waren, mit der Hauptarmee vereinigten^). 

Der rechte, längs der Küste vormarschierende Flügel von 
Suchets Korps erfuhr am 6. in Alassio, daß es zum Entsatz 
Genuas zu spät sei und stellte darauf seinen Vormarsch ein. 
An demselben Tage war Massena in Antibes gelandet; aber 
schon nach zwei Tagen kehrte er wieder um, so daß er am 
9. in Loano inmitten seiner Truppen stand, denn Gazan hatte 
sich am 7. mit Suchet vereinigt. 

Was würde Massena jetzt unternehmen? Von seinen Er- 
folgen fortgerissen, schlug Suchet, als er am 10. mit Massena 
in Finale zusammentraf, einen sofortigen Handstreich gegen 



') Krtegsarchiv V, 661, ad 661, 677, 693, ad 698, 755, 760; VI, 
3—5, 34, 67, 76, 106, 156, 187, 199; XIII, 61; Hüffer II, 55f., No. 63 f., 
71, 83, 92, 97, 104, 113; Ö. M. Z. 1822 IV, 260 ff . ; Koch IV, 216 ff.; 
Soult III, 205 ff , (nicht so zuverlässig und ergiebig wie für die Schil- 
derung der Vorgänge beim rechten Flügel); Auriol, La Defense du Var 
et le Passage des Alpes. Paris 1889; Rose, Life of Napoleon I, 253 Be- 
richt Bentincks über den Zustand des E'schen Korps. Vgl. auch Journal 
des Operations du centre de I'armee d'Italie. Alessandria an 
XIII. (1805). — Von älteren Darstellungen des gesamten Riviera-Feidzugs 
seien genannt: Dumas Ili, 32 ff., 193 ff. ; Jomini XIII, 44 ff., 222ff.; 
Thiers, Konsulat und Kaisertum (Deutsch.) I, 177 ff; Lanfrey, Histoire 
de Napoleon I, Paris 1867; Günther, Geschichte des Feldzuges von 1800 
in Oberdeutschland, der Schweiz und Italien. Frauenfeld 1893 S. 38 ff. 



in der Riviera. 229 

Genua und einen Marsch nach Piemont zur Vereinigung mit 
der Reservearmee vori). 

Es wird sich mit voller Sicherheit nicht entscheiden lassen, 
ob lediglich sachliche oder nicht auch, was menschlich durch- 
aus verständlich wäre"), persönliche Rücksichten ihn leiteten, 
als Massena jede Aktion aufs Geratewohl ablehnte. Der Zu- 
stand zum mindesten der eben erst aus Genua herausge- 
führten Truppen erforderte zweifellos die allergrößte Schonung, 
und es war nach den bisherigen Nachrichten von der Reserve- 
armee immerhin ungewiß, ob die Österreicher nicht über 
Massena-Suchet herfallen würden, bevor Bonaparte herankam. 
So befahl Massena denn Suchet, sich vorerst mit einer Blockade 
Savonas, wo das Regiment Deutschmeister als Besatzung zurück- 
geblieben war, zu begnügen. 

Da langte am 12. eine wichtige Botschaft des Ersten Kon- 
suls bei Suchet an^). Sie spricht die Erwartung aus, daß 
Suchet mit Massena vereinigt ist, und da er positive In- 
struktionen wegen der Unkenntnis seiner Lage ihm nicht zu 
erteilen wagt, gab ihm Napoleon zur Richtschnur die Mahnung : 
„Euer einziges Ziel muß das sein, ein dem Eurigen gleiches 
feindliches Korps in Schach zu halten.*' Stände er einmal in 
Ceva, würde er genügend Nachrichten über die Reservearmee 
empfangen, um von selbst zu wissen, wie er sich mit ihr 
vereinigen könne. 

Ob Bonaparte mit einiger Wahrscheinlichkeit darauf ge- 
rechnet hat? Im Armee-Bulletin vom 9. Juni heißt es nur, 
Suchet werde nach seiner Vereinigung mit den Truppen aus 
Genua ein sehr beträchtliches Korps um sich haben, und im 
Bulletin vom 10: Massena müsse sich mit Suchet vereinigt haben, 
am 15. Juni in Oneglia angekommen sein und werde bald nach 
Piemont debouchieren^) ; ein entsprechender Befehl an Massena 
findet sich indes nicht^). 

') Koch IV, 240 ff. 

-) Thiebault, Memoires III, 116 überliefert die Äußerung Massenas, 
er habe genug getan „für diesen kleinen Schuft". 

') Correspondance VI, 4899, das Ankunftdatum nach Koch IV, 
244 f. (am 12. in Cairo bei Suchet, der die Depesche nach Finale an iMas- 
sena schickt.) — *) Correspondance VI, 4903 und 4905. 

^) Die Correspondance setzt vom 10. — 15. )uni überhaupt aus; ein 
einziges Stück vom 13. findet sich. 



230 Der Feldzug 

Massena ließ nach Empfang dieser Botschaft zwar gegen 
Cairo und Acqui Streifungen unternehmen^), im übrigen ant- 
wortete er am 13, Napoleon, unmöglich könne er, da es ihm 
an allem, namentlich aber an Artillerie und Munition fehle, 
vor Ablauf von sieben bis acht Tagen marschieren^). Die 
Entscheidung des folgenden Tages machte diesen Marsch un- 
wesentlich. 

Als Massena persönlich am 18. Juni in Torre di Garofoli 
mit Berthier, drei Tage später in Mailand mit Bonaparte zu- 
sammentraf, hören wir nichts von Vorwürfen gegenüber dem 
Helden von Genua wegen seines Nichterscheinens auf dem 
Schlachtfelde von Marengo, er wird im Gegenteil so freund- 
schaftlich von Napoleon empfangen, daß er die Beschwerden, 
die er wegen seiner Behandlung hatte aussprechen wollen, 
unterdrückte^). 

Der Vorwurf, den Napoleon in seiner Darstellung auf 
St. Helena Massena wegen seines Verhaltens vor Marengo 
nachträghch macht^), ist jedenfalls, wie diese Aufzeichnungen in 
ihrer Gesamtheit überhaupt, mit größter Vorsicht aufzu- 
nehmen. 

Der Riviera-Feldzug, rein militärisch betrachtet zweifellos 
von erheblichem Interesse, gewinnt an allgemeiner Bedeutung 
durch die nachhaltigen Folgen, die er auf den Verlauf des 
welthistorischen Feldzuges der Reservearmee gehabt. Die 
Franzosen in Genua hatten nicht umsonst geblutet und ge- 
hungert, denn ohne ihre Standhaftigkeit hätte Napoleon seinen 
glänzenden Marsch auf Mailand nicht vollziehen und damit 
die strategische Niederlage der Österreicher in Piemont be- 
siegeln können^). Mit Massena teilt sich Suchet in dieses Ver- 



') Cf. unten Kapitel VlI. — ') Koch IV, 244 f. 

") Ebda. IV, 261. 

Correspondance XXX, 434. Koch IV, 347 ff. und Thiebault 
I, 303 ff., weisen N's Vorwurf entschieden zurück. Mit der Darstellung 
von St Helena läßt sich schlecht vereinigen, was Napoleon (nach 
Thiebault II, 325) zu Massena gesagt habensoll, nachdem er die erste 
Ausgabe des Journal gelesen: „)'ai lu le Journal du Blocus de Genes: 
C'est un bon ouvrage, j'en ai ete content, et tout le monde doit l'etre." 

^) Napoleon hat Massena (Correspondance XXX, 433) auch den 
Vorwurf gemacht, er habe Genua übergeben, als es gerettet war, die 



in der Riviera. 231 

dienst um den Erfolg der Reservearmee durch sein tapferes 
Aushalten am Var und dann seine umsichtige Offensive, durch 
die er im besonderen noch den Ruhm hat, die Vereinigung 
von Elsnitz und Melas, von der dieser anfangs die Absicht, 
in den Rücken der Reservearmee zu ziehen und schließlich 
seinen Vormarsch nach Piacenza abhängig machte, um mehrere 
Tage hinausgeschoben und damit Napoleon einen hochbedeut- 
samen Zeitgewinn verschafft zu habend- 

Freilich mußten die Fehler der Österreicher hinzukommen, 
Massena und Suchet ihre Erfolge zu ermöglichen. 

Die Kaiserlichen hatten in der Riviera und am Var buch- 
stäblich für nichts gekämpft, weil sie zu spät damit begonnen. 
Sie hätten ihre Operationen in der Riviera wenigstens abbrechen 
sollen, um mit vereinigter Kraft der Reservearmee entgegen- 
zutreten, als über deren Einbruch in Piemont kein Zweifel 
mehr war-). Als Melas am letzten Maitage endlich die 
entsprechenden Befehle gab, war es bereits zu spät. Ott 
tat recht daran, die in diesem Augenblick bereits begonnenen 
Unterhandlungen mit Massena zu Ende zu führen, um damit 
doch noch die wichtige Festung Genua als Preis dieses Feld- 
zuges in die Hände der Österreicher zu bringen, denn daß 
ihr rascher Verlust keineswegs eine notwendige Folge der 
Schlacht von Marengo, ist an anderer Stelle zu zeigen. Wenn 
aber die Bedingungen der Konvention vom 4. Juni den Fran- 
zosen so überaus günstige waren, so ist diese große Nach- 
giebigkeit Otts verständlich durch den gewaltigen Druck, den 
die bedrohlichen Nachrichten über die Reservearmee und die 
direkten Befehle Melas', die Blockade abzubrechen und sich 
mit ihm zu vereinigen, auf ihn ausübten'^). 

Hilfsarmee am Po stand; 12 Stunden später wäre erdeblockiert gewesen. 
Die Verteidigung Massenas bei Soult III, 325f., Koch IV, 345 f. dagegen 
ist durchaus gerechtfertigt. Es war buchstäblich die höchste Zeit; sonst 
wären die Soldaten massenweise hingestorben. Der Abzug der Öster- 
reicher wäre für Massena sogar verhängnisvoll geworden; sie allein und 
die Engländer konnten den Ausgehungerten Brot geben. 

Der Dank Napoleons an Suchet Correspondance VI, 5016) 
fiel gleichwohl ziemlich frostig aus! 

'"') Vgl. darüber unten Kapitel VI 

' Vgl. darüber die Aktenstücke bei Hüffer II, No. 63 ff. 



232 Der Feldzug in der Riviera, 

Zu vermeiden gewesen wäre aber vor allem österreichi- 
scherseits der gewaltige Menschenverlust des Korps von Els- 
nitz, hätte dieser sich defensiv verhalten und, als er den Rück- 
zug antrat, nicht versäumt, sich den Col di Tenda zu sichern. 
Hätte Elsnitz am 31. auf dem Tenda gestanden oder we- 
nigstens in einer Stellung an der Roja, die diesen Paß ihm 
sicherte, er hätte, als ihn Melas' Rückmarschbefehl traf, in 
vier bis fünf Tagemärschen mit einer wesentlich frischeren 
Truppe in Turin, oder besser auf der Straße Turin-Alessandria, 
bzw. in dieser Festung selbst sich mit Melas vereinigen 
könneni). 



*) Es ist gewiß kein Zufall, daß Elsnitz im September 1800 in den 
zeitweiligen Ruhestand versetzt wurde. — In seinen Berichten an Melas 
hatte er seine Unterführer, namentlich Gorup, belastet, gegen den Melas 
auch schon am 30. Mai eine Untersuchung anordnete. (Kriegsarchiv 
V, 680.) 



5. Kapitel. 

Der Feldzug In Deutschland bis zum Waffen- 
stillstand uon Parsdorf am 15. Juli. 

I. 

Heere und Führer auf dem deutschen Kriegsschauplatz 
im Frühjahr 1800. 

Das Jahr 1799 hatte auf den Kriegsschau{3lätzen dies- 
seits der Alpen: in der Schweiz, in Deutschland und in 
Holland, nach anfänglichen Erfolgen den Verbündeten erheb- 
liche Rückschläge gebracht, und die Gefahr, die Frankreich 
durch einen Einmarsch der Verbündeten zu drohen schien, 
hatten die Tage von Castricum und Zürich gebannt. Das völlige 
Scheitern der russisch-englischen Expedition in Holland, die 
schwere Niederlage, die Massena den Russen Korsakows und 
Hotze in der zweiten Schlacht von Zürich beibrachte, die zu 
verhindern Suworow nach seinem vielbewunderten Zug über 
die Alpen zu spät kam, die schweren Streitigkeiten, die nament- 
lich seit diesen Vorgängen zwischen Russen und Österreichern 
ausbrachen, und mit dem Austritt des Zaren Paul aus der 
Koalition endeten, dies alles ist von Hüffer eingehend dar- 
gestellt worden^). Die Räumung der Schweiz durch die Russen 
Ende Oktober stellt das letzte folgenschwere Ereignis des 
Feldzuges von 1799 auf diesem Kriegsschauplatze dar. 

Die Franzosen hatten zwar, nachdem sie eben erst von 
Philippsburg, das sie vom 28. Oktober bis 8. November ein- 
geschlossen gehalten hatten, infolge der Gefechte bei Bietig- 
heim und Obrigheim (3. und 4. November) verdrängt worden 
waren, schon am 16. November die Offensive über den Rhein 
abermals begonnen und Philippsburg erneut eingeschlossen, 
Sztäray sie am 2. Dezember bei Sinzheim geschlagen, da- 
durch die Festung entsetzt und sie wieder über den Fluß 

') Hüffer, Der Krieg des Jahres 1799 und die zweite Koalition 
II. Band. Gotha 1905. 



234 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

zurückgedrängt, aber bei der Schwäche Lecourbes waren das 
keine hervorstechenden mihtärischen Leistungen gewesen^). 
Immerhin war es bedeutsam genug für die Frage der Winter- 
quartiere, daß die Österreicher nunmehr die RheinUnie — 
auch Mannheim besetzten sie am 8. Dezember — im wesent- 
lichen in Händen hatten. In seinem ganzen Verlauf bildete 
der Strom die Scheidelinie der feindhchen Heere; einige Stütz- 
punkte am rechten Ufer blieben indes, was für den Feld- 
zug des kommenden Jahres wichtig genug werden mußte, 
in den Händen der Franzosen, nämlich die Brückenköpfe von 
Kehl und Alt-Breisach sowie die wichtige Linie Rheinfelden — 
Lörrach— Kaltherberg (Straße Freiburg— Basel), die das Rhein- 
knie bei Basel, wo sich ebenfalls ein Brückenkopf befand, 
deckt. Demgegenüber besaßen die Österreicher, da Mannheim 
als Festung kaum in Frage kommen konnte, nur ein einziges 
Ausfallstor am Rhein in Philippsburg. 

Alles in allem war für den ersten Blick der Vorteil der 
Stellungen auf Seiten der Franzosen, denn für die dama- 
lige Kriegführung war der Rhein die Grenze deutscher Er- 
folge gegenüber Frankreich. Kein Geringerer als Erzherzog 
Karl hat geäußert^) : „Die westliche Operationsbasis ist durch 
den Rhein und durch eine doppelte Reihe der stärksten Fe- 

*) Erzherzog Karl, Ausgewählte Schriften III, 397ff.; Angeli, 
Erzherzog Karl als Feldherr und Heeresorganisator Wien 1896 II, 493 ff.; 
Picard, La campagne de 1800 en Allemagne I, 34 Paris 1907. Mit un- 
bedeutenden Zusätzen und Abweichungen in der Gruppierung ist dieses 
Werk ein Wiederabdruck der in Band XV (1904) der Revue d'histoire 
redige ä l'Etat Major de l'armee begonnenen und 1910 in Band 37 abge- 
schlossenen Darstellung. Band II der Buchform (Du Rhin ä Ulm; er- 
schien 1909, herausgegeben von Azan, Band III 1910 (Campagne de 
Hohenlinden) ist wieder von Picard. Im Unterschiede von der Publikation 
Cugnacs über den Feldzug der Reservearmee bietet das Werk Picard — 
Azan s nicht nur Aktenstücke, sondern auch Darstellung. Das Werk, das mir 
die willkommenste Ergänzung meiner Sammlungen auf dem Wiener Kriegs, 
archiv bot, darf für die französische Seite, wenigstens was die erschöpfende 
Beibringung der Quellen betrifft, als abschließend gelten. Die entsprechend 
detaillierte österreichtsche Darstellung dürfte einst die 1905 begonnene, 
vom k. k. Kriegsarchiv herausgegebene Geschichte der Revoiutions- 
kriege bringen. 

^) Erzherzog Karl, Ausgewählte Schriften 1, 285. Vgl. auch 111, 
27 ff. über die Lage bei Beginn des Feldzuges von 1799. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 235 



stungen dergestalt gesichert, daß sich nur bei außerordent- 
hchen, in keiner Berechnung liegenden Ereignissen die Mög- 
lichkeit denken läßt, etwas gegen dieselben zu unternehmen. 
Alles was man sich versprechen kann, ist: bis an diese Basis 
vorzurücken und dort eine solche Stellung zu wählen und zu 
behaupten, aus welcher jede Operation des Feindes vereitelt, 
jede seiner Vorrückungen zurückgeworfen und dadurch der 
eigene Besitz des rückwärtigen Landes gesichert werde/' Aber 
freilich, eine solche Stellung, von den Österreichern richtig 
gewählt und verteidigt, war auch für die Franzosen ein schwie- 
riges Angriffsobjekt. . Die Österreicher befanden sich dann 
auf der Sehne eines Bogens. Erst wenn die Franzosen das 
schwierige Schwarzwald-Defile glücklich passiert hatten und 
sich an den Donauquellen befanden, waren die Aussichten für 
sie günstiger! Unter diesem Gesichtswinkel ist auch Napoleons 
uns bekannter Angriffsplan von der Schweiz her zu würdigen. 
Überschauen wir zunächst die Winterquartiere der Gegner 
und ihre Zurüstungen zu dem neuen Waffengang. Das Heer 
des Erzherzogs zählte um die Jahreswende in 96 Bataillonen, 
114 Kompagnien und 176 Schwadronen 101494 Mann; dar- 
unter 26 604 zu Pferde^). Sie standen über einen großen 
Raum verteilt. Vor allem sind, wie auch während des ganzen 
Verlaufes des kommenden Feldzuges, zwei getrennte Heeres- 
körper zu unterscheiden : neben der Hauptmasse steht das 
zum Schutze von Tirol und Vorarlberg bestimmte Korps, das, 
nicht zum Vorteil einheithcher Operationen, nur lose mit dem 
Gros verbunden war, von Wien direkte Befehle empfing und 
dorthin selbständig berichtete. Im März übernahm Feldmar- 
schalleutnant Heinrich XV. Fürst Reuß von Feldmarschall- 
leutnant Petrasch das Kommando über dieses Korps. Es zählte 
im Januar 25 304 Dienstbare, wovon 3038 zu Pferde. Von 
diesen Truppen standen 20 Bataillone, 18 918 (2406) Mann, in 
Vorarlberg an der RheinUnie, 6386 (632) Mann an und hinter 
dem nördhchen Ufer des Bodensees bis Buchhorn, d. h. die 

') Wien. Kriegsarchiv, Deutschland 1800, F. A. I, 1. Standes- 
und Diensttabelle pro Januario. Die Ziffer im Text gibt den dienst- 
baren Stand; die Effektivstärke betrug damals 139749 (31280) Mann, 
die sich nach Einrechnung der Zu- und Abgänge des Januar auf 145161 
(31836) Mann erhöhte. 



236 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

Vorposten hatten diese Linie besetzt; das Gros der Truppen 
dehnte sich weit im Hinteriande aus, und als Sammelpunkte 
für den Fall eines feindlichen Angriffs waren einige Stellungen 
vorbereitet: bei Chur, Feldkirch, Goetzis, an der Dornbirner 
und Bregenzer Aach, an der Leiblach und bei Lindau^). Man 
wird immerhin zweifelhaft sein können, ob es nötig war, Tirol 
und Vorarlberg so stark zu decken, da, besonders nach den 
Erfahrungen von 1799, kaum zu erwarten stand, daß die Fran- 
zosen in dieses schwierige Gelände einen Hauptstoß richten 
würden. 

Dem Wachtdienst auf dem Bodensee diente in erfolg- 
reicher Weise schon seit 1799 eine von Oberstleutnant XX^illiams, 
einem ehemaligen englischen Marineoffizier, befehligte, auf An- 
regung des Erzherzogs Karl geschaffene kleine Flottille. Um 
die Jahreswende bestand sie aus 9 Kanonenschaluppen und 
7 Patrouillenschiffen, die mit 16 Kanonen armiert waren; die 
Besatzung bestand aus dem Kommandanten, 7 Marineoffizieren, 
darunter 6 französischen Emigranten, 137 Schiffsleuten, 207 
Füsilieren und 24 Artilleristen. Zu Baumle bei Bregenz stand 
außerdem ein Bataillon freiwilliger Schweizer Truppen in 
Stärke von 398 Köpfen''). Es sei gleich erwähnt, daß auch 
die Franzosen eine Flottille auf dem See ausgerüstet hatten; 
noch am 19. März gab Napoleon Moreau Anweisung zum Bau 
von Kanonenschaluppen^). Nach den unglücklichen Mai- 
gefechten wurde die österreichische Flottille abgetakelt; die 
leeren Schiffskörper fielen den Franzosen in die Hände. 

Bei Lindau schloß sich der linke Flügel der Hauptarmee 
an das Tiroler Korps an^); ihr Hauptquartier lag in Donau- 
eschingen. Die weite Strecke vom Bodensee bis zum Main 
war in mehrere Abschnitte geteilt: Die Strecke Buchhorn — 
Schaffhausen deckte die Division Graf Vincenz Kolowrats 
(18 Bataillone, 12 Schwadronen = 17 345 [2234 Reiter] Mann); 

) Ö. M. Z. 1836, I, 248. 

^) Kriegsarchiv I, 85% und Bartsch, Ein Seekrieg in Schwaben, 
iiittetlungen des k. k Kriegsarchivs III. Folge IV, 356 ff. (1906). 

') Correspondance VI, 4672 und 4681. 

*) Die im folgenden aufgeführten Stellungen bezeichnen wiederum 
stets die Vorpostenlinien; die Truppen dehnten sich weit ins württem- 
bergische und badische Hinterland aus. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 237 

ihre Vorposten standen von Haid über Petershausen, Reiche- 
nau, Radolfszell bis Schaffhausen. Wurden sie zurückgedrängt, 
sollte die Stellung von Stockach, Kolowrats Hauptquartier, 
unter allen Umständen gehalten werden. An die Division Ko- 
lowrats schloß sich die des Feldmarschalleutnants Graf Nauen- 
dorf (9 Bataillone, 4 Kompagnien, 14 Schwadronen = 11202 
[2388] Mann; Hauptquartier war Stühlingen. Wurden ihre Vor- 
posten von der Linie Schaffhausen, Säckingen, Wehr, Zell und 
Schönau im Wiesetal zurückgedrängt, sollte Nauendorf das 
linke Ufer der Alb bis St. Blasien und Seebrugg verteidigen. 
Die Behauptung dieser Stellung deckte die linke Flanke Gyulays, 
der mit seinen schwachen Truppen (2 Bataillonen und 8 Schwa- 
dronen := 3398 [1517] Mann) den Rhein von Müllheim abwärts 
leicht bewachte, in der Hauptsache aber den Brückenkopf von 
Altbreisach einzuschließen und den Eingang in das Höllental 
zu verteidigen hatte. Von hier verdrängt, sollte er sich nach 
Neustadt zurückziehen. Rechts an Gyulay schloß sich die Divi- 
sion Merveldts (später Kienmayer) an (5 Bataillone, 12 Kom- 
pagnien, 22 Schwadronen = 9747 [3820] Mann). Sie hatte vor 
allem die Aufgabe, das Kinzigtal zu decken und sich im Not- 
falle durch dieses und über den Kniebispaß zurückzuziehen. 
Die Strecke von der Murg bis zum Neckar deckte der rechte 
Flügel der Armee unter Graf Sztäray (10 Bataillone, 8 Kom- 
pagnien und 64 Schwadronen = 18 713 [8942] Mann. Er wurde 
im Vorpostendienst in der Gegend um Phihppsburg durch die 
Garnison dieser Festung (4269 Mann) entlastet, was um so 
nötiger war, als er auch die Strecke vom Neckar bis zum Main 
abstreifen lassen und mit Albini Fühlung halten mußte, 
dem aus den Rastatter Verhandlungen wohlbekannten Kur- 
mainzischen Minister, der den Landsturm der dortigen Gegend 
organisiert hatte und befehligte. Die Aufgabe des rechten 
Flügelkorps ging dahin, für den — nicht erwarteten — Fall 
eines Angriffs von Mainz her sich nach Gutdünken zu ver- 
teidigen, bis ihm der größte Teil des Hauptheeres Unterstützung 
brächte. Bei einer Offensive des Feindes über Breisach und 
Kehl dagegen sollte Sztäray die feindliche linke Flanke bedrohen. 
Rückte der Feind dennoch vor, sollte er mit dem größeren Teil 
seines Korps über Rottenburg und Hechingen die Vereinigung 
mit der übrigen (zurückweichenden) Armee suchen und nur 



238 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

einen Teil unter Hohenlohe zurücklassen, der sich möglichst 
lange halten und schließlich über Cannstadt— Eßlingen das Gros 
der Armee bei Ulm zu erreichen suchen sollte^). 

Hinter den angeführten Stellungen standen noch 24 Schwa- 
dronen schwere Kavallerie (3444 Mann) und 9418 Mann Infan- 
terie unter Baillet als Reserve im Schwäbischen. Diese Ziffern zu- 
sammen ergeben, einige kleine Kontingente und die Festungs- 
besatzungen von Ingolstadt (1621 Mann), Würzburg (1764) 
und Ulm (2059) hinzugerechnet, die obige Summe von 101 494 
Mann. Die Artillerie-, Stabs- und Extrakorps, die in 61 Kom- 
pagnien und 4 Schwadronen 7629 (198) Mann stark waren, 
und die 86 Divisionen „Fuhrw esensbespannung'' mit 15 871 Mann 
und 27 400 Pferden sind nicht einbegriffen'). Als sogenannter 
ausrückender Stand dieser Armee wurden für den 18. Ja- 
nuar angegeben: 

77 Bataillone, 32 Kompagnien Infanterie = 61 526 Mann, 
164 Schwadronen ' = 22 409 

Philippsburg =: 3332 

Ulm = 1064 

Ingolstadt =z 1580 

Würzburg =1188 



91 099 Mann'5). 
In dieser Zahl befanden sich nur 1868 Mann Reichstruppen. 
Die meisten Kontingente waren noch nicht versammelt. Ebenso 
sind in die obigen Zahlen nicht einbegriffen die erst später ein- 
treffenden Subsidientruppen in englischem Sold: Bayern, Würt- 
temberger, Mainzer, Würzburg-Bamberger, ferner die Schweizer, 
das Korps Conde und einige kleinere Kontingente. Über sie 
finden sich im Verlaufe unserer Darstellung gelegentliche 
Notizen. Zu den regulären Truppen trat noch die Landmiliz 
hinzu, die hier und da aufgeboten wurde, zeitweise eine erheb- 
liche Stärke erreichte und auch einige unbedeutende Dienste 
leistete^). 

') Kriegsarchiv IV, 56. Kray an Sztäray 12. April. 

=) Kriegsarchiv I, 1 u. 131; Ö. M. Z. 1836, I, 247 ff. mit einigen 
Abweichungen für den März; die Übersicht der Ö. M. Z. übernimmt auch 
Picard I, 213 ff. — ') Kriegsarchiv I, 85%. 

*) Ebda. I, 59, 60, 100% und ad 100%, 104 u. ö Genaue Zahlen 
lassen sich natürlich nicht geben. In einem Briefe vom 8. April spricht 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 239 

Die Magazine der österreichischen Armee für den rechten 
Flügel befanden sich in Cannstadt, Ellwangen, Heilbronn, 
Mergentheim, Neckargemünd, Heidelberg, Eberstadt, Offen- 
bach, Mannheim, Bruchsal, Gernsbach, Appenweier, Offenburg 
und Freiburg; für das Zentrum in Augsburg, Ulm, Memmingen, 
Biberach, Stockach, Donaueschingen, Villingen, Neustadt, He- 
chingen ; für den linken Flügel in Feldkirch, Chur, Lindau. Diese 
Verteilung war nicht immer glücklich; zum Teil waren sie 
feindlichen Angriffen zu sehr ausgesetzt und hätten weiter hin- 
ter der Front liegen müssen^). 

Die Standdiensttabellen für Februar und März beziffern 
den dienstbaren Stand auf 105 711 (25 682) bzw. 109 429 
(26 442~-) ; den ausrückenden Stand gibt eine Liste vom 17, März 
auf 62 061 Mann Infanterie, 22 260 Mann Kavallerie und 8659 
Mann als Garnisonen der vier Festungen an'^). Den Verstär- 
kungen, welche die allmählich eintreffenden Subsidien-Kontin- 
gente brachten, ist es zuzuschreiben, daß die Stand- und Dienst- 
tabelle für A\ai, trotz der erheblichen Verluste, die die Armee 
damals bereits zu verzeichnen hatte, noch immer einen dienst- 
baren Stand von 108 828 (23 445) Mann aufweist^). 

Die Steigerungen in den Monaten Februar bis April gegen- 
über dem Januar sind zurückzuführen auf die Einreihung aus- 
gelöster Kriegsgefangener^) und auf das Rekrutierungsgeschäft, 
das jedoch nur sehr ungenügende Ergebnisse hatte. Die starken 
Abgänge durch Tod, Invalidität und Desertion wurden dadurch 
kaum gedeckt, wie die Zahlen aus einem Vortrage des Hof- 
kriegsratspräsidenten Tige beim Kaiser vom 31. März 1800 be- 
weisen; insgesamt rechnet er nur auf einen Nettozuwachs von 



Kray vom Landesaufgebot von 30000 Mann. Vgl. Just in Mitteilungen des 
k. k. Kriegsarchivs 111. Folge Band VI S. 269. — Vgl. für das Problem: 
Wen dl and, Versuche einer allgemeinen Volksbewaffnung in Süddeutsch- 
land, 1791/94. Berlin 1901. 

^] Picard I, 216. — Die Verteilung der Magazine rügt schon Hein- 
rich von Bülow, der Feldzug von 1800 Berlin 1801. S. 51 f. 

'; Kriegsarchiv III, 31 und IV, 38 vom 8. März bzw. 8. April. 

') Ebda. III, 70' 3. — *' Ebda. V, 262 d. d. 14. Juni. 

°/ In Frankfurt a M. war eine besondere Kommission für dieses Ge- 
schäft eingesetzt. Bis 13. Juli wurden der Armee in Deutschland 12153 
Kriegsgefangene zurückgegeben. H. K. R. D. 5872. 



240 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

35 552 Köpfen für die deutsche und italienische Armee aus Re- 
krutierung und Rangonnierung^). 

Eine wesentHche Änderung in der Aufstellung der kaiser- 
lichen Armee hat vor Beginn der Feindseligkeiten nicht statt- 
gefunden^) ; kleine Verschiebungen von Truppenkörpern waren 
indes an der Tagesordnung auf Grund der beständigen Alarm- 
nachrichten über feindliche Bewegungen von jenseits des 
Rheines. 

Erst im April erfolgte eine stärkere Zusammenziehung, so 
daß sich am 21. April folgendes Bild der österreichischen Auf- 
stellung ergibt''). 

Von Reuß' Korps stand Feldmarschalleutnant Hiller (6 Ba- 
taillone, 2 Schwadronen) in Chur, Jellachich (7 Bataillone, 
5 Schwadronen, 14 Geschütze) in und um Feldkirch; Feld- 
marschalleutnant Linken (8 Bataillone, 6 Schwadronen, 17 Ge- 
schütze) in Bregenz; Generalmajor Grünne (3 Bataillone, 
1 Schwadron) bei Goetzis; 6 Bataillone lagen als Reserve in 
Tettnang und Markdorf nördlich des Bodensees; Kolowrat 
stand unverändert zwischen Überlingen und Schaffhausen ver- 
teilt, ohne irgend eine Zentralstellung, Nauendorf hatte seine 
Quartiere zwischen Schaffhausen und Säckingen so gewählt, 
daß er eine Versammlung hinter der Alb rasch durchführen 
konnte. Gyulay stand in und um Freiburg; zur Deckung seines 
etwaigen Rückzuges wurden später drei Bataillone Walles teils 
ins Höllental, teils nach St. Georgen beordert. Feldmarschall- 
leutnant Kienmayer stand wie bisher zwischen der Rench und 
Lahr. Sztäray zog zwischen dem 21. und 25. April das Gros 
seiner Truppen zwischen der Rench und Durlach zusammen; 
Feldmarschalleutnant Hohenlohe ließ er mit 1 Bataillon und 
12 Schwadronen in Heidelberg zurück; an ihn war auch das 
an der Nidda stehende Szekler Husarenregiment gewiesen. Die 
Reservekavallerie unter Feldmarschalleutnant Kospoth stand am 
linken Neckarufer von Rottweil bis Tübingen; die Infanterie- 
reserve unter Baillet bei Villingen, beide also auf dem Unken 
Donauufer. Die Hauptartilleriereserve stand auf dem rechten 



') Kriegsarchiv F. A. III, US'/a- 

-) Ebda, in, 105 V4. Einteilung der k. k. Truppen in Deutschland 
vom 21. März. — ') Ö. M. Z. 1836, I, 257 f. 



3473 „ 


1528 „ 


1323 „ 


2608 „ 


18522 „ 


2036 „ 


9418 „ 


— 




3420 „ 


24343 „ 


3560 „ 


10185 „ 


427 „ 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. )ull. 241 

Ufer zwischen Stockach und Meßkirch; der Brückenpark war 
von Riedlingen nach Ravensburg dirigiert. An Baillet und Kos- 
poth erging am 25. April der Befehl, ihre Truppen an der 
Straße Kehl, Offenburg, Donau (bei Villingen) zusammenzu- 
ziehen^). 

Nach dem Bericht Tiges an den Kaiser vom 22. April") 
betrug die Effektivstärke dieser Armee 132411 Mann, darun- 
ter 26 402 Reiter. Sie verteilen sich folgendermaßen: 
F.'Z.-M. Sztäray (Heidelberg) 19010 Inf. 9126 Kav. 

F.-M.-L. Kienmayer (Gengenbach) 9735 „ 3697 „ 
G -M. Gyulay (Freiburg) 
F.-M.-L. Nauendorf (Stühlingen) 
„ Kolowrat (Singen) 
„ Baillet (Villingen) 
„ Kospoth (Aldingen) 
„ Reuss 
In den 4 Festungen 

Summa: 106009 Inf. 26402 Kav. 
Bevor wir auf die Operationen eingehen, wollen wir kurz 
auch das äußere Bild der französischen Armee betrachten^), die 
der eben beschriebenen österreichischen gegenübertrat. Sie 
wuchs aus der Donauarmee Massenas und der Rheinarmee 
Lecourbes zusammen. Ende November 1799 war diese 62 299, 
jene 83 590 Mann stark ^). In der Person Moreaus erhielten beide 
nach Berufung Massenas zur italienischen Armee einen gemein- 
samen Oberkommandanten; zugleich erhielt die vereinigte Ar- 
mee den Namen Rheinarmee^). Ziffernmäßig war sie der Armee 
des Erzherzogs Karl scheinbar überlegen, aber es ist zu berück- 
sichtigen, daß die angegebenen Zahlen nicht den wirklich 
dienstbaren Stand darstellen und in ihnen auch stationäre 
Truppen inbegriffen sind. Dazu kam, daß sämtliche franzö- 
sische Armeen im Jahre 1800, im Gegensatz zu den trotz mancher 
A\ängel wohlausgerüsteten kaiserlichen Armeen, in einem Zu- 
stand größter Abgerissenheit, und die Finanznot Frankreichs 
eine so erschreckende war, daß die Energie eines Napoleon 

•) und - Kriegsarchiv F. A. IV, 103 bzw. QO'/j. 

») Über sie gibt vortrefflichenAufschluß das Werk von Picard—Azan« 

*) und ') Picard I, 28 f., 34. 

Herrmann, Der Aufstieg Napoleons. 15 



242 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

dazu gehörte, Geld in die leeren Kassen zu bringen und wenig- 
stens die schlimmsten Lücken im Bestände und in der Aus- 
rüstung der Armee zu füllen^). 

Nach einer Aufstellung im Kriegsministerium aus dem 
November 1799 fehlten der Donauarmee nicht weniger als 68 
Geschütze verschiedenen Kalibers, 570 Karren und Wagen 
aller Art sowie 5140 Pferde; die Mängel der Munitionsaus- 
rüstung sind nur in Miilionenziffern ausdrückbar. Auch der 
Rheinarmee fehlten nicht weniger als 300 A^unitions- und 
andere Karren und 2824 Pferde^). Wie mangelhaft die Ergeb- 
nisse der Rekrutierung trotz des Appells des Ersten Konsuls 
an die Vaterlandsliebe und den Ehrgeiz der Franzosen waren, 
ist bekannt^). In welchem Zustand Moreau seine Armee 
fand, der nach seiner Ernennung noch einige Wochen in 
Paris geblieben war, in der Hoffnung, für ihre Bedürfnisse an 
diesem Zentralpunkt besser sorgen zu können, davon geben 
uns zahlreiche Schriftstücke Kunde, die auch, wenn man sie 
für weit übertrieben ansehen wollte , noch immer ein er- 
schreckendes Bild darbieten^). Am 28. Dezember kam Moreau 
über Basel nach Zürich. Briefe, die er von hier — das Haupt- 
quartier wurde bald nach Basel verlegt — am 2. Januar an 
den Ersten Konsul, den Kriegs- und den Finanzminister richtete, 
schildern die Armee in einem Zustand, der seine schlimm- 
sten Erwartungen fast noch übertroffen habe. Ihre Auflösung 
schien bevorzustehen^) und an einen Beginn der Feindselig- 
keiten, einen Vormarsch der Rheinarmee nach Bayern, wie 
Napoleon ihn für Ende Dezember gewünscht^), war nicht zu 
denken. Hiervon hätte außer der völligen Unfertigkeit der 
Armee auch der Umstand abhalten müssen, daß Massena die 
besten seiner Generale mit sich nach Italien genommen hatte 
und ihre Stellen entweder noch gar nicht besetzt waren, oder 



') Vgl. die Schilderung des Zustandes der italienischen Armee und 
die Bemerkungen über die Reservearmee S. 160 ff. und Kapitel VI. 

=j Ricard 1, 30 f. — ') Vgl auch Kapitel VI. 

Ricard 1, 38 ff., 372 ff. Vgl. auch desselben Verfassers Werk : 
Bonaparte et Moreau. Raris 1905, p. 60ff. — Im folgenden bedeutet Ricard, 
I die umfänglichere, jüngere Rublikation. 

^) Ricard I, 47, 374 ff. — ') Correspondance VI, 4413 an 
Berthier 4 Dezember. Vgl. oben S. 164. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 243 

aber die neuen Inhaber ihre Truppen noch nicht genügend 
kannten. 

Es war im großen und ganzen um die Jahreswende äußer- 
lich fast dasselbe Bild, wie wir es von der italienischen Armee 
zu entwerfen hatten: Soldrückstände, Mangel an Lebens- 
mitteln — die Schweiz z. B. war aufs äußerste erschöpft^) — 



') Picard I, 372 f., 399 f., 393 i Klage Noreaus am 16. Februar über 
Übelwollen der neuen Schweizer Regierung, die dementsprechend auch 
von ihm schlecht behandelt wurde). Über die Aussaugung der Schweiz 
1799 1800 auch zahlreiche lokalhistorische Schriften, zuletzt Burkart. 
Geschichte der Stadt Rheinfelden. Aarau 1909 S. 577 ff. — Hüffer hat 
in seinem Werke den inneren Zuständen der Schweiz, wie sie sich seit 
dem Jahre 1798, der Aufrichtung der Helvetik, entwickelt, große Auf- 
merksamkeit geschenkt. Nicht zuletzt die enge Wechselwirkung, die 
zwischen diesen Ereignissen und dem Ablauf der kriegerischen Opera- 
tionen im Jahre 1799 besteht, hatte dazu geführt. Für das Jahr 1800 ist 
dieser Zusammenhang nur in sehr viel geringerem Maße vorhanden. Da- 
mit mag es seine Rechtfertigung finden, wenn die einschlägigen Dinge, 
die übrigens für 1800 sehr viel weniger Interesse bieten, nicht beachtet 
werden. Der Friede von Lun.'ville, den wir zu behandeln haben, hat zwar 
der militärisch-politischen Geschichte der Schweizer Emigration ein Ende 
gemacht vgl. fetzt das Werk von Burckhardt, Geschichte der Schwei- 
zer Emigration 1909) und die Unabhängigkeit der Schweiz wenigstens 
formell garantiert, aber die inneren Partei- und Verfassungskämpfe und 
das Schwergewicht des französischen Nachbarn hörten damit nicht auf. 
Er würde den Rahmen dieses Werkes sprengen, wollte ich, anknüpfend 
an das von Hüffer über das Jahr 1799 Gesagte, hier schildern, wie die 
Schweiz, nach schweren Wirren in den Jahren 1800 02, durch Napoleon zur 
Mediationsakte von 1803 gelangte, welche das ihm unentbehrliche Land 
zwar völlig unter seinen, namentlich militärischen, Einfluß gab, aber 
doch auch für seine innere Entwicklung von Segen wurde. Hatte 
bisher die Politik des divide et impera das Land rücksichtslos ausgenutzt, 
versöhnte jetzt die .'iediationsakte in genialer Weise die Gegensätze, die 
seit Jahren die Schweiz erschüttert und bis zum Bürgerkriege getrieben 
hatten. Aus den Kämpfen der demokratischen Unitaristen und aristokra- 
tischen Partikularisten bzw Föderalisten ging ein gemäßigter Födera- 
lismus hervor, denn, so formulierte es Napoleons organisatorisches und 
staatsmännisches Genie gegenüber den Schweizer Abgeordneten in Paris: 
„Die Eidgenossenschaft muß ein Verein verbündeter Kleinstaaten sein, 
deren Verfassung so verschieden ist wie ihr Boden, aneinander geknüpft 
durch ein einfaches Bundesband, das weder drückend noch kostspielig 
sein darf." Die Demokraten und Vertreter der Einheitspartei wurden ge- 
\*'onnen durch die Garantie völliger staatsbürgerlicher Gleichheit; die 
Einheit der äußeren Politik wurde gewahrt durch die von allen Kantonen 

16* 



244 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

und Kleidungsstücken und als Folge davon erhöhte Krank- 
heiten, Disziplinlosigkeiten und Desertionen. Moreau zeigte 
sich möglichst wenig, um nicht insultiert zu werden und seine 
Autorität nicht zu untergraben^). Es fehlte noch immer an 
Pferden, Munition, Wagen, Waffen und Geschützen^); auf 
allen Gebieten wurde nur ungenügende Abhilfe geschaffen — 
an Versprechungen gegenüber Moreau fehlte es freilich 
nicht^) — , weil keine Mittel vorhanden waren und weil die 
letzten Kräfte hauptsächlich in Anspruch genommen oder auf- 
gespart wurden für die Ausrüstung der Reservearmee. Auch 
als die Feindseligkeiten begannen, ist bei der Rheinarmee, 
freilidh steht sie jetzt erheblich besser da als die Armee 
Massenas^), noch vieles im Argen. 

Als Moreau am 24. November das Kommando über die 
Rheinarmee erhielt, hatte man ihre Ausdehnung mit den 
Punkten Chur und Oppenheim umschrieben; in Wirklichkeit 
war sie noch größer, indem der linke Flügel unter Baraguay 
d'Hilliers seine Posten bis nach Düsseldorf ausdehnte. Er um- 
faßte 5 Infanterie-Divisionen (Leval, Tharreau, CoUaud, Ney, 
Hardy), eine Kavallerie-Division (d'Hautpoul), einen Artillerie- 
park (Lacombe St. Michel) und die Militär-Divisionen Nr. 3, 
4, 5, 26 (Chäteauneuf - Randon, Gillöt, Freytag, Laroche) = 
52 476 Mann Infanterie, 10 240 Kavallerie, 6966 Artillerie. Der 
rechte Flügel unter Lecourbe (vom Gotthard bis Breisach) 
zählte 7 Divisionen Infanterie (Turreau^), Loison, Lorge, Mor- 
tier, Bastoul, Müller), zwei Divisionen Kavallerie (Nansouty, 
Boyer), einen Artilleriepark (Lemaire) und die 6. Militär- 
division (Mingot) = 66110 Mann Infanterie, 10 542 Mann Ka- 
vallerie, 4809 Mann Artillerie. Die Gesamt-(Effektiv-)stärke der 
Armee betrug demnach 151 143 Mann, von denen jedoch 43 018 
Mann auf die Militärdivisionen entfielen, so daß an aktiven 



beschickte Tagsatzung mit dem Landammann an der Spitze. — Näheres 
u. a. bei Oechsli, Geschichte der Schweiz im 19. Jahrhundert Band I. 
Leipzig 1903. 

Picard I, 384. 

') Picard I, 385 ff., 388 ff., 404 ff. u. ö., Aufstellungen für den Kriegs - 
minister über die Armeebedürfnisse vom 24. Januar, 6, Februar, 1. März. 

^) Zahlreiche Nummern der Correspondance VI. 

Picard I, 65. — ') Vgl. oben S. 153. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15 )uli. 245 

Feldtruppen nur 108125 Mann in Betracht kameni), also eine 
Zahl, kaum größer als die österreichische zur gleichen Zeit. 
Dazu kam, daß die Franzosen damals und bis in den Februar 
hinein noch mit der Rückkehr der Russen rechneten-). 

Die kurz skizzierte Einteilung der französischen Armee 
hat sich bis zum Ausbruch der Feindseligkeiten noch mannig- 
fach verschoben, und diese Veränderungen hatten zum Teil 
prinzipielle Bedeutung, entsprangen den Grundsätzen über die 
Bildung strategischer Einheiten, wie Napoleon sie, sobald er 
zur Macht gekommen war, vorbildlich für alle Zukunft auszu- 
bilden begann'^). Der Erste Konsul schuf im Jahre 1800, 
wenigstens auf dem Papier, die ersten Armeekorps im modernen 
Sinne, und der Chef der Rheinarmee war darin nicht ganz 
seiner Meinung^). 

Am 25. Februar, nachdem Gouvion St. Cyr, den sich 
Moreau für seine Armee besonders dringend erbeten, seine 
bevorstehende Ankunft gemeldet, hatte Moreau folgende Ein- 
teilung der Armee verfügt: Das rechte Flügelkorps unter dem 
im Gebirgsfeldzug von 1799 vorzüglich bewährten Lecourbe 
sollte 28 000 Mann Infanterie und ca. 2000 Mann Kavallerie 
zählen ; das Zentrum, dessen Kommando sich Moreau selbst 
vorbehielt, sollte 23 000 Mann, bzw. 7000 Mann betragen, 
worin die 3000 Mann der Reservekavallerie einbegriffen. Das 
linke Flügelkorps sollte St. Cyr befehligen und 20 000 Mann 
Infanterie und ca. 2000 Mann Kavallerie stark sein; das nieder- 
rheinische Korps Ste. Suzannes sollte 14 000 Mann Infanterie 
und ca. 2000 Pferde zählen; die Artillerie sollte bei den drei 
ersten Korps je 40, bei dem niederrheinischen 20 Stücke um- 
fassen^). 

Diese Organisation entsprach nun nicht den Anweisungen, 
die der Erste Konsul unter dem 15. Februar für die Zu- 
sammensetzung seiner Divisionen Moreau hatte zugehen 
lassen''); aber Napoleon ließ auch hier den selbstbewußten 
und empfindlichen Mann gewähren. Am 12. März gab er 
ihm die Anweisung, in Mainz und den anderen festen Plätzen 
nur Depots stehen zu lassen und die Armee im übrigen 

') und Picard I, 68 f., bzw. 393. 

') Herrmann, Marengo S. 18 f., 23. — *) und ') Picard I, 427 
bzw. 396 f. — =; Correspondance VI, 4596. 



246 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

zwischen Konstanz und Straßburg zu vereinigen^); am 22. bei 
Aufstellung des Feldzugsplanes für die Rheinarmee wurde deren 
Einteilung in vier Korps (drei Corps d'armee und ein Reserve- 
korps) verfügt. Zwei von ihnen sollten aus je drei, zwei 
aus je vier Divisionen zusammengesetzt sein, die Divisionen 
je 5- bzw. 10 000 Mann stark; die Kavallerie sollte in Divi- 
sionen zu je 2- bis 3000 Mann zusammengezogen werden ; 
die kleinen Divisionen je 6, die großen je 12 Geschütze 
führen, die Kavallerie-Divisionen je 3"). 

Diese Einteilung in vier Armeekorps hat denn auch Mo- 
reau schließlich vorgenommen^). Es ist zeitlich das erste Bei- 
spiel einer französischen Armee in der Gliederung, wie sie 
unter Napoleon sich bewährt hat und in der Grundidee schließ- 
lich überall nachgeahmt worden ist. 

Bei der Reservearmee ist Napoleon, wie wir noch sehen 
werden, das nicht in gleichem Maße geglückt, weil sie hinter 
der Sollstärke zu sehr zurückblieb*). Auch bei der Rhein- 
armee ist noch nicht durchgeführt der Befehl über die Ein- 
teilung der Kavallerie-Divisionen^); nur eine einzige, die Di- 
vision d'Hautpoul, erscheint. Aber auch die „Armeekorps" 
von 1800 gleichen doch noch mehr einem „Aggregat von 
Divisionen**, als den organischen Körpern der späteren Zeit''). 

Bei Beginn der Feindseligkeiten wies die Rheinarmee fol- 
gendes Bild auf*) : 

Rechter Flügel unter Lecourbe (Stabschef Gudin, 
Hauptquartier Zürich). 

1. Div. (riontchoisy, Haupt- 

quartier Bern) 5055 M. Inf. 

2. „ (Vandamme,St Gallen) 12758 

3. „ (Lorge, Winterthur) 8703 

4. „ (Montrichard.VVettingen) 7965 
Res.-Div. (Nansouty) 2200 

Artill - Park — 

36681 M. Inf. 3146 Kav. 1873 Art. 

') und ') Correspondance VI, 4661 bzw. 4694 f. 
") Picard I, 434, Note vom 6. April. 
*) Herrmann a. a. O. S. 18 f. und unten Kapitel VI. 
') Correspondance VI, 4694. — ') Picard 1, 174 Note. 
Nach den Listen bei Picard I, 487 ff.; im Text P's 208 ff. finden 
sich zum Teil abweichende Zahlen. 



nf. 519 Kav. 


255 Art. 


„ 540 „ 


327 „ 


„ 601 „ 


110 „ 


„ 467 „ 


123 „ 


„ 1019 „ 


136 „ 


»» »t 


922 „ 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 247 



Zentrum unter St. Cyr (Stabschef Marchand). 


1. Div. (Baraguay d'Hüliers, 






Neu-Breisachl 11080 Inf 


542 Kav. 


168 Art. 


2. „ (Tharreau. Straßburg) 8326 „ 


611 „ 


162 „ 


3. „ (Ney, Markolsheim) 7270 „ 


830 „ 


152 „ 


Res.- Div. (Desbrulys, Neu- 






Breisach) 4998 „ 


1616 „ 


71 ,. 


Artill.-Park 203 „ 


— 


167 „ 


31877 Inf. 


3599 Kav. 


720 Art. 


Linker Flügel unter Sainte Suzanne: 




1. Div. (Collaud, Straßburg) 1851 Inf. 


1231 Kav 


65 Art. 


2. „ iSouham, Straßburgj 2836 „ 


1394 „ 


70 „ 


3. „ (Legrand, Robertsau) 5518 „ 


844 „ 


452 „ 


4. „ (Delaborde, Landau) 2573 „ 


286 „ 


595 „ 


Artill.- Park — ,. 


— 


401 „ 


12778 Inf. 


3755 Kav. 


1583 Art. 


Corps de Reserve unter Moreau ^) 


(Stabschef 


Lahorie). 


1. Div. (Delmas, Basel) 9961 M. Inf. 


1031 Kav. 


138 Art. 


2. „ (Ledere, Colman 6690 „ „ 


963 „ 


157 „ 


3. „ iLapoype^'), Sulz) 2091 „ „ 


1187 „ 


129 „ 


Kav.-Div.(d'Hautpoul,Epinal) — „ „ 


1504 ,. 


54 „ 


Art -Park (Colmar) - „ „ 


— 


173 „ 


18742 M. Inf. 


4685 Kav. 


651 Art. 


Große Artill.-Park (116 Geschütze) 




629 „ 


Divisions stationnaires:^ ) 




3. Div. (Chäteauneuf- Randon, 






Metz) 3511 Ini 


. 133 Kav. 


327 Art. 


4. „ (Gillot, Nancy) — „ 


1102 „ 


— „ 


5. „ (Freytag, Straßburg) 1132 „ 


— „ 


1006 „ 


6. „ (Laroche, Coblenz bis Bonn 






und Düsseldorf) 3280 „ 


426 „ 


719 „ 


Kommando in Mainz (Leval) 6948 „ 


91 „ 


535 „ 



14871 Inf. 1752 Kav 2587Art. 

*) Es läßt sich bezweifeln, ob diese Kommando -Übernahme Moreaus 
zu billigen ist. — Begriff und Bedeutung der Reservekorps sind strittig, 
und besonders damals gab es keine festen Grundsätze darüber. Wie 
unsere Schilderung zeigt, ist jedenfalls das „Reservekorps" der Rheinarmee 
nicht als Reserve im heutigen Sinne verwendet worden. 

-) Vgl. unten Kapitel Vi. — ') Picard I, 208 erwähnt außerdem 
noch die 6. division stationnaire in Besancon. 



248 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

Die Gesamtstärke der Armee betrug demnach 139 929 
Mann; davon entfallen 19 210 auf die Divisions stationnaires, 
120 7191) auf die Feldarmee: 100 078 Mann Infanterie, 15 185 
Mann Kavallerie, 5446 Mann Artillerie. 

Man sieht, die französische Armee ist an Infanterie der 
österreichischen überlegen; an Kavallerie und Artillerie steht 
sie ihr nach. 

Die Hauptstellungen der vier französischen Korps sind 
durch die Angaben der Divisions-Hauptquartiere umschrieben: 
Es ist die Linie Chur-Mannheim. Einige Detachements be- 
wachten die Täler von Oberrhein, Rhone und Reuß. 

Die Wintermonate wurden nur selten durch kleine Schar- 
mützel der Vorposten unterbrochen, doch beobachteten sich 
die Gegner auf das genaueste, und verbürgte und unver- 
bürgte Nachrichten von Kundschaftern, die überaus zahlreich 
hin- und hergingen'^), sorgten für die nötige Spannung und 
manche Alarmierung der Vorposten. Eine gute Gelegenheit, 
einen glücklichen Handstreich zu wagen, ließen sich die Öster- 
reicher entgehen, als das Hochwasser Anfang Januar für 
einige Tage die Schiffsbrücke bei Kehl zerstörte und die Be- 
satzung des Brückenkopfes bei Kehl — 9 Bataillone — iso- 
lierte. 

Von Interesse ist, festzustellen, ob die Österreicher über 
die Richtung des vom Feinde beabsichtigten Angriffs recht- 
zeitig und sicher unterrichtet waren, oder ob Moreau ihre 



') Vgl. die etwas abweichenden Zahlen bei Picard I, 212. 

^) Vgl. das auf Grund der Spionennachrichten im französischen Haupt- 
quartier geführte. „Registre de renseignements secrets", aus welchem 
Memorial du depot de la guerre V, 134 ff. und 365 ff. Auszüge gedruckt 
sind. — Ein Mittelpunkt dieser Spionage war der seit )ahren in Süd- 
deutschland vertraute elsässische Diplomat in französischen Diensten, 
Theobald Bacher, der im März 1799 wegen seiner Umtriebe aus Regens- 
burg ausgewiesen worden war, es aber auch als Kommissar für die Ge- 
fangenenauswechslung von Frankfurt und Hanau aus verstand, den franzö- 
sischen Heeren zahlreiche militärische Nachrichten zukommen zu lassen. 
Mit dem Wandel des Kriegsglücks wurden auch seine politischen An- 
knüpfungen mit den deutschen Reichsständen wieder ergiebig. In seiner 
Studie über Bacher (Straßburger Beiträge zur neueren Geschichte IH, 1 
Straßburg 1910) gibt Friedrich Otto leider keine Proben aus Bachers 
wertvollen militärischen Berichten. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 249 

Überraschung gelang. Es scheint, daß die beständigen Truppen- 
bewegungen, wie sie die oben geschilderten Veränderungen 
des französischen Angriffsplanes mit sich brachten, und wie 
sie schließlich Moreau, der persönlich mehrmals seinen Auf- 
enthalt wechselte, auch geflissentlich vornahm, um die Gegner 
zu beunruhigen und irre zu leiten, diese Wirkung in der 
Tat gehabt haben. Die zahlreichen Nachrichten darüber aus 
März und April kommen der Wahrheit oft nahe, aber sie 
widersprechen sich auch oft, und zur Klarheit kommt K r a y 
jedenfalls nicht darüber, wo der Feind angreifen und wo 
sein Hauptstoß erfolgen wird^). 

Als am 13. April Moreau im Auftrage Talleyrands einen 
Waffenstillstandsantrag ins österreichische Hauptquartier sandte, 
und dieser am 17. abschlägig beschieden wurde, weil Kray 
zu Verhandlungen nicht autorisiert war"), war der Zusammen- 
stoß jeden Augenblick zu erwarten. 

Er fand den Erzherzog Karl nicht mehr im Felde. Sein 
schon Ende Oktober 1799 eingereichtes und mehrmals wieder- 
holtes Entlassungsgesuch ■'^) war schließlich vom Kaiser ge- 
nehmigt und Feldmarschalleutnant Baron Kray zu seinem 
interimistischen Nachfolger ernannt worden. Am 18. März 
übernahm dieser das Kommando und verabschiedete sich der 
Erzherzog von den Truppen^), die ihren siegreichen und über- 
aus beliebten Führer nur ungern scheiden sahen, und denen 
es nach Ablauf des intriguenreichen Feldzuges von 1799 kein 
Geheimnis war, daß der Thugut so wenig genehme Erzherzog 
nicht nur aus „Gesundheitsrücksichten*' von ihnen schied — 
in schwerer, nur zu begründeter Sorge über das Schicksal der 
Armee^). 

Kray war bei weitem kein ebenbürtiger Ersatz für den 
Erzherzog. Ein Veteran aus dem Siebenjährigen und dem 

') Zahlreiche Berichte im Wien. Kriegsarchiv F. A. 1800 Deutsch- 
land 111 und IV. — ^) Picard I, 448 f. 

' Hüffer, Quellen I, 468. Entlassungsgesuch vom 29. Oktober) ; 
Wertheimer, Archiv für österreichische Geschichte Band 67, S. 238 f.; 
Angeli 11, 507 nennt die Daten: 29. November !), 7. und 23. Dezember, 
25. Januar 

\ Kriegsarchiv 111, 156, 172, 77 'o, 78, 79 Vj. 

', Brief an Herzog Albert von Sachsen-Teschen Angeli 11, 509. 



250 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

Türkenkriege, hatte er als Vierundsechzigjähriger im Jahre 
1799 nur vorübergehend, vor Eintreffen des eigentUchen Ober- 
befehlshabers Melas, Gelegenheit gehabt, sich als selbstän- 
diger Armeekommandant zu bewähren. Der Sieg, den er 
dabei, nach zwei voraufgegangenen glücklichen Gefechten, am 
5. April bei Magnano über Scherer errang, und die zweifel- 
los über Gebühr gepriesene Einnahme Mantuas am 28. Juli 
empfahlen diesen doch kaum über das Mittelmaß begabten Mann 
zu einem Posten, auf dem er sich recht wenig bewähren sollte ; 
er war eben Thugut genehm, wenn er auch wohl nicht wie 
Lauer und Bellegarde zu dessen intimsten Günstlingen ge- 
hörte. Es paßt durchaus zu unserem Bilde Krays, wenn jüngst 
hervorgetretene Briefe uns zeigen, daß er selbst an den Grenzen 
seines Könnens sich angelangt fühlte, daß er, frei von drän- 
gendem Ehrgeiz, nur aus soldatischem Pflichtgefühl und nicht 
ohne gemischte Empfindungen dem Rufe seines Kaisers folgte. 
Ähnlich, wie wir es bei Melas sehen werden, atmen seine 
Briefe öfter Sorge als Siegeszuversicht^). 

In Krays Stabe befanden sich, wie 1799 in Italien, Ge- 
neral Chasteler, der Vater des Feldzugsplanes für 1800, Oberst 
Weyrother und als Stabschef Generalmajor Schmidt. Chasteler 
hatte es verstanden, Suworows Zufriedenheit zu erwerben^), 
und auch sonst wurde er sehr hoch eingeschätzt. Doch war 
auch er im ganzen nur mäßig begabt, und zwar einseitig für 
den Festungskrieg. Weyrother, der als Stabschef Suworows 
sein Nachfolger gewesen, gehörte zu den in der damaligen 
kaiserlichen Armee nur allzu zahlreichen Theoretikern, die 
in künstlich ausgeklügelten Manövern und Projekten den Geist 
der Kriegskunst auszuschöpfen meinten. Generalmajor Schmidt 
dagegen war schon durch das große Vertrauen, das ihm Erz- 
herzog Karl 1796 und 98/99 als Stabschef entgegengebracht 
hatte, bestens empfohlen. Aber wenn wir auch über Einzel- 



')Allg. Deutsche Biogr. XVII, 93 ; H i r t e n f e 1 d , Der 
Militär-Maria-Theresienorden und seine Mitglieder 470 ff. Jetzt auch 
Just, Briefe des F. Z. M. P. Frhr Kray de Krajova et Topolya an seinen 
Bruder Alex von Kray. Mitteilungen des k. k Kriegsarchivs III. Folge VI 
(1909). Die Briefe geben ein sehr ansprechendes Bild des Menschen 
Kray; den Soldaten beurteilt m E. der Herausgeber zu günstig. 

') Vgl. u. a.Hüffer, Krieg von 1799 II, 279. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. )u!i. 251 

heiten seiner Wirksamkeit nicht genauer unterrichtet sind, un- 
mögHch konnte es den Operationen förderhch sein, daß das 
Einvernehmen Krays mit Schmidt kein gutes war. Und ob 
die Spannung, die 17Q9 zwischen Kray und Chasteler be- 
standen hatte'), nunmehr beseitigt war, ist zum mindesten 
ungewiß. 

Von den österreichischen Unterführern ragte kaum einer 
besonders her\or. Viel tüchtige Mittelmäßigkeit und treffliche 
Soldateneigenschaften waren vorhanden, aber keine, oder doch 
wenigstens nur für kleinere Aufgaben ausreichende Führer- 
begabung. Und neben Männern wie Gyulay, Erzherzog Fer- 
dinand, Hiller, Merveldt und Kienmayer gab es auch direkt 
Unfähige wie Sztäray. Das Tote und Schematische, das der 
alten österreichischen Armee vor ihrer Reorganisation nach 
1801 so vielfach anhaftete, zeigte sich nicht zuletzt und be- 
sonders verhängnisvoll in der Unselbständigkeit der österreichi- 
schen Generale. Die Truppen der deutschen Armee waren 
zweifellos vortreffliche im Sinne der alten Schule, und sehr 
wacker haben sie sich auch, so weit ich sehen kann, fast 
überall geschlagen. 

An anderem Orte habe ich den Wesensunterschied der 
Heere des alten Europa gegenüber denen der Revolution und 
Napoleons betont"'). Die Überlegenheit, die ihre Fechtweise, 
ihre Zusammensetzung und ihr Geist den damaligen franzö- 
sischen Armeen verlieh, fand sich nicht zuletzt verkörpert in 
der Armee Moreaus vom Jahre 1800, in der noch ein starker 
Einschlag des Republikanergeistes der Troupiers von 1793/94 
zu bemerken war. Zudem bestarid sie fast ausnahmslos aus 
altgedienten Truppen; nur ca. 17 000 Konskribierte zählte sie 
in ihren Reihen. 

Mit dem Oberbefehlshaber dieser Armee, dem siebenund- 
dreißigjährigen Moreau, haben wir uns im Verlaufe dieses 
Buches vielfach zu beschäftigen. 

Seine spätere politische Stellungnahme hat es mit sich 
gebracht, daß er in der Reihe der Marschälle des Schlachten- 
kaisers keinen Platz hat. Aber er würde dann kaum unter 



*;Hüffer, Quellen I, 201 f., 227, 29, 33 f.; derselbe, Krieg von 
1799 1, 290 ff. — Herrmann, Marengo Kapitel I-llI. 



252 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

den wenigen zu nennen sein, die wirkliche Feldherrn- 
begabung bewiesen haben, wie Massena, Soult, Davoust. 
Er hatte zweifellos eine hohe taktische Begabung, aber zum 
wirklichen Feldherrn fehlte ihm nicht zuletzt Selbständigkeit 
des Urteils und rasche Entschlußfähigkeit, die er in oft pein- 
licher Weise vor der Entscheidung vermissen läßt. In der 
Stunde der Gefahr dagegen wuchs seine geistige Spann- 
kraft, und persönlich tapfer und kaltblütig war er wie nur 
einer in jener Heldenzeit. Als Führer und Vorgesetzter war 
er sehr beliebt, obwohl er strenge Zucht hielt und redlich 
bemüht war, dem Kriege unnötige Härten zu nehmen, was 
die Bewohner Süddeutschlands wie schon 1796 so auch 1800/01 
dankbar empfanden^). 

Eine glänzende Reihe von Generalen scharte sich um Mo- 
reau, allesamt im besten Mannesalter; nur vier von sämtlichen 
Korpskommandanten und Divisionären zählten über 40 Jahre. 
In vortrefflicher Weise ergänzte Moreau sein Stabschef Dessolle, 
ein klarer und bestimmter Mann von selbständigem Urteil. Eng 
verbunden war Moreau auch der Stabschef des Reservekorps 
Lahorie, ein großer Schweiger, streng sachlich und gewandt — 
der Armeediplomat Moreaus. Der bedeutendste unter den 
Korpsführern war zweifellos Gouvion St. Cyr, der tüchtige Tak- 
tiker, ein Soldat des königlichen Frankreich und ein hochgebil- 
deter Mann. Im Feldzug von 1800 ist er freilich wenig und 
nicht immer ganz vorteilhaft hervorgetreten; sein Verhältnis 
zu Moreau, der ihn sich ausdrücklich als Korpsführer erbeten 
hatte, war kein ungetrübtes und vertrauensvolles. Wenn er un- 
beliebt war, so erklärt sich das zur Genüge aus seinem un- 
wirrschen Charakter und seiner nicht immer wohlwollenden 
Kritik, wie sie uns auch sein Memoirenwerk widerspiegelt"). 

') PI Card, Bonaparte et Moreau, Paris 1905, jetzt für viele andere. 
Über Moreaus Verhalten in Feindesland vgl. auch R. C h e I a r d , Les armees 
frangaises jugees par les habitants de l'Autriche 1797—1800 1809. Paris 
1893, p. 52 ff. Die Leiden Süddeutschlands waren aber trotzdessen groß 
genug, und das Verhalten der Franzosen war ja nach den politischen 
Rücksichten auf den einzelnen Landesherrn sehr verschieden. 

") Gouvion ist. C!yr, Memoires pour servir ä l'histoire militaire 
Band 11, Paris 1831, der für die ganze Darstellung dieses Kapitels zu be- 
achten ist; Gay de Vernon, Vie du marechal G. St. Cyr. Paris 1857! 
Picard L 99. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 253 

Trefflich bewährt hat sich General Lecourbe, der im Gebirgs- 
kriege des Jahres 1799 so rühmlich herxorgetreten war, als 
überaus energischer und tapferer Soldat^. Der bekannteste 
unter den Divisionären war der heroisch tapfere und populäre 
Ney-). Aber auch noch viele andere wären zu nennen. 

Am 21. April ergingen an Ste. Suzanne und St. Cyr die 
Instruktionen Dessolles^), am 25. von Kehl bzw. von Alt-Breisach 
aus ins Kinzig- bzw. Höllental vorzustoßen^). St. Cyr sollte über 
Freiburg und Todtnau St. Blasien erreichen und einer Division 
des Reservekorps die Hand reichen, die während St. Cyrs 
Vorstoß über Schliengen vorgehen und ein Detachement ins 
Wiesetal bis Schönau senden soUte. 

Ste. Suzannes erste Aufgabe bestand darin, Sztäray zu 
beobachten und zu einer Diversion ins Kinzigtal zu veranlassen. 
Dann sollte er sich am 29. mit der Armee vereinigen. Die 
Brückenköpfe blieben natürlich besetzt; Alt-Breisach von einer, 
der Kehler von zwei Halbbrigaden und einem Reiterregiment. 

Unsere obigen Angaben (S. 240 f.) über die Verteilung der 
österreichischen Streitkräfte lassen bereits ahnen, daß ihre 
Kordonstellung — sie war ein nur langsam überwundenes Erb- 
übel der österreichischen Kriegführung — ihnen gefährhch 
werden mußte, wenn sie nicht, wie es das Richtige gewesen 
wäre, ihre Stellungen vor dem feindlichen Angriff räumten 
und die Franzosen am Ausgang der Schwarzwaldtäler konzen- 
triert empfingen, denn sowohl Ste. Suzanne wie St. Cyr waren 
den ihnen gegenüberstehenden österreichischen Abteilungen 
unter Kienmayer und Gyulay überlegen. Die österreichische 
Reiterei hätte den Abmarsch der Infanterie verschleiern müssen. 
Daß Kray dies unterließ, ist ein deuthcher Beweis dafür, daß 
er den Hauptangriff des Feindes frontal erwartete, für seine 
linke Flanke nicht besorgt war, und wohl auch dafür, daß er 
den feindlichen Angriff erst später erwartet hatte. Mit dem 



^) Philebert, Le general Lecourbe, Paris 1895. 

-) Der jüngste Biograph Neys ist kein geringerer als Bonnal 
(Le marechal Ney I. Paris 1910). Das Buch ist wegen des darin ent- 
haltenen Aktenmaterials und wegen des Räsonnements zwar nicht wert- 
los, ist aber sonst auffällig oberflächlich gearbeitet. 

") Picard I, 449ff , 240f. 

*) Vgl. oben S. 144 ff. über die Operationspläne. 



254 



Der Feldzug in Deutschland bis zum 



ersten Irrtum befand er sich freilich in guter Gesellschaft: Der 
Erzherzog Karl erwartete ebenfalls den feindlichen Angriff 
hauptsächlich von Breisach, aber auch durch das Kinzigtal. Von 
Basel habe der Feind nur sehr schlechte Wege und ein Rhein- 
übergang zwischen Waldshut und Konstanz wäre für ihn nicht 
nur sehr beschwerUch, sondern auch äußerst gefährlich. Trotz- 
dessen konnte es der Erzherzog später tadeln, daß Kray durch 
den Rheinübergang in seiner linken Flanke sich hatte überraschen 
lassen^). Einem umsichtigeren Feldherrn hätte das in der Tat 
auch nicht passieren dürfen und können. Viel wäre schon ge- 
wonnen gewesen, wenn Kray seine Truppen hinter den Schwarz- 
waldpässen konzentriert hätte, was auch dann das Richtige ge- 
wesen wäre, wenn der feindliche Angriff frontal erfolgte. Mo- 
reau hatte Glück! 



cKckt. 




') Mitteilungen des Kriegsarchivs III. Folge 1, S. 9, Uf., 14. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. )uli. 



II 

Der Rheinübergang der Franzosen und die Gefechte 

vom 25. April bis 1. Nai. 

Am 25. vor Morgengrauen brach Suzanne aus dem Kehler 
Brückenkopf hervor und entwickelte zwei Divisionen, zuerst 
Souham und dann Legrand, in je zwei Kolonnen gegen die 
Stellungen Kienmayers. Die österreichischen Vorposten, die 
bis an den Rhein, bei Auenheim, Neumühl und Marien, vor- 
geschoben waren, wichen rasch auf die Hauptstellung Kien- 
mayers zurück, die sich von Eckartsweier und Willstätt über 
Bodersweier an den Rhein hinzog und bei solcher Ausdehnung 
notgedrungen große Lücken aufwies. Die stärkeren Kolonnen 
der Franzosen (Legrand) wendeten sich gegen den rechten 
österreichischen Flügel (Klenau und Löwenberg). Die eine, 
linke, unter Drouet, marschierte auf der Rastatter Straße gegen 
Linx, die andere (Rouyer) über Kork und Adelshofen und zwan- 
gen die Österreicher nach zweistündigem Widerstand, Legels- 
hurst zu räumen. Von dort drangen sie auf Sand, dadurch 
die Österreicher zur Räumung Willstätts zwingend, das sie 
bisher vier Stunden lang gegen die am rechten Kinzigufer 
vordringende Kolonne (Decaen von der Division Souham) ge- 
halten hatten; dadurch fiel auch Eckartsweier in ihre Hände, 
das Merveldt gegen die schwache Kolonne Puthods, der er 
auch Marien wieder abgenommen, gehalten hatte. 

Das Zurückweichen der Österreicher auf dem linken Flügel 
gestattete den Franzosen, den rechten, gegen den sie ihren 
Hauptangriff gerichtet hatten, noch weiter zurückzudrängen. 
Über Bodersweier und Leutesheim war die linke französische 
Kolonne gegen Linx und Diersheim gerückt, und da Rouyer 
auch Appenweier nach energischem Widerstände besetzte, sahen 
sich Klenau und Löwenberg schließlich gezwungen, eine Stel- 
lung zwischen Nußbach — Renchen — Bischofsheim einzunehmen. 
Jetzt verstärkten sich die Franzosen von ihrem linken Flügel 
her und drängten am Abend Merveldt über Windschläg und 
Griesheim zurück, bis ihr Angriff an dem von Artillerie ge- 
krönten Höhenzug zwischen Bühl und Bohlsbach zum Stillstand 
kam. In ihrer hnken Flanke hielten die Österreicher Weier 



256 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

und Waltersvveier besetzt. Erst am späten Abend endigte das 
für die Österreicher nicht unrühmHche Gefecht, das ihnen 300 
Tote und Verwundete gekostet hatte^). Das Kinzigtal war durch 
dieses Gefecht den Franzosen noch nicht geöffnet; nur mühsam 
hatten sie einiges Gelände erkämpft. Aber das war auch nicht 
der Zweck der Franzosen. 

Wo aber bUeb Sztäray? Er hatte zwar das Gros seiner 
Truppen nach Hnks in der Gegend von Rastatt zusammen- 
gezogen, war aber doch noch zu weit entfernt, um Kienmayer 
unterstützen zu können. Jetzt nahm er vorläufig am rechten 
Murgufer Stellung. Auch ihm gegenüber war also die Aufgabe 
erfüllt, die Ste. Suzanne zugefallen war, den rechten öster- 
reichischen Flügel glauben zu machen, daß ein ernstlicher fran- 
zösischer Angriff durch das Kinzigtal geplant sei, und da- 
durch seinen Abmarsch zur Vereinigung mit dem in Wahrheit 
bedrohten linken österreichischen Flügel zu verhindern. 

Dieselbe Wirkung hatte auch der Angriff, den St. Cyr, 
ebenfalls am Morgen des 25., von Alt-Breisach aus mit großer 
Überlegenheit auf die schwachen, nur durch einige Milizen 
verstärkten Streitkräfte Gyulays machte. Um die Täuschung 
des Feindes um so sicherer zu erreichen, befand sich Moreau 
bis zum Gefecht von St. Georgen bei den Truppen. 

Auch St. Cyr griff in mehreren Kolonnen an. Links löste 
sich die Division Ney in mehrere Kolonnen auf und operierte 
in der Richtung auf den Kaiserstuhl und Eichstetten, von wo 
das Freikorps Branowatzky erst gegen Abend auf Waldkirch 
zurückwich bzw. über Gottenheim gegen Umkirch— Lehen. 
Eine mittlere Kolonne ging auf die Munzinger Höhen vor, 
eine Umgehungskolonne, die stärkste, stieß gegen Mengen und 
Wolfenweier vor. Die österreichischen Vorposten, die halb- 
kreisförmig um Alt-Breisach aufgestellt waren, hatten Befehl, 
bei ernstlichem Angriff sich langsam in eine Verteidigungs- 
stellung zum Schutze von Freiburg und des Höllentaleinganges 
zurückzuziehen. Von St. Georgen zur Linken dehnte sie sich 
über Bezenhausen bis Zähringen aus, links und rechts an die 

') Kriegsarchiv IV, 100, ad 100 Kienmayer an Kray; Picard I, 
252 ff. — Ältere Literatur wird, da sich meine Darstellung vornehmlich 
auf den Quellen aufbaut, nur gelegentlich zitiert, wenn sie Specialia oder 
beachtenswerte Urteile bietet. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 



257 




Herrmann, Der Aufstieg Napoleons 



258 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

Ausläufer des Schwarzvvaldes angelehnt. Durch die drohende 
Umgehung seines linken Flügels nach der Einnahme von St. 
Georgen sah sich Gyulay genötigt, diese Stellung gegen 4 Uhr 
nachmittags aufzugeben und sich in guter Ordnung fechtend 
nördlich und südlich der Stadt Freiburg ins Höllental hinein- 
zuziehen, wohin die Franzosen ihm bis hinter Ebnet folgten. 
Auf der Steig nahm Gyulay Stellung, seine Vorposten in der 
Linie Kirchzarten— Abtei St. Peter — Waldkirch im Elztal, um 
die Verbindung mit Kienmayer zu sichern. Das Gefecht hatte 
ihn über 300 Mann gekostet, doch machte er 76 Gefangene und 
die Franzosen bezifferten ihren Gesamtverlust auf 320 Mann'). 

Daß St. Cyr seinen Angriff nicht erneuerte — am 26. 
machte er lediglich einen Vorstoß auf Waldkirch, um den An- 
schein zu erwecken, als beabsichtige er ein Zusammenwirken 
mit Ste. Suzanne — ermutigte Gyulay zu dem Plane, am 28. 
Freiburg zurückzuerobern; Erzherzog Ferdinand sollte dazu mit- 
wirken^). Kray erklärte sich damit einverstanden, doch sollte 
Gyulay seinem Angriff eine Rekognoszierung voraufgehen 
lassen^). Zugleich erhielt Kienmayer, der auf die Nachricht 
von der Einnahme Freiburgs im Kinzigtal aufwärts bereits über 
Hornberg bis auf die Benzebene zurückgegangen war, Befehl, 
wieder vorzurücken, unter sehr berechtigter Mißbilligung seines 
übereilten Rückzuges^). Kienmayer ging auch sofort über Has- 
lach auf Biberach vor^). 

Schon aus diesen Dispositionen ersieht man, die öster- 
reichische Oberleitung hatte noch keine Ahnung von der aus 
der Schweiz drohenden Gefahr, obwohl die fast völlige Un- 
tätigkeit Ste. Suzannes und St. Cyrs am 26. hätte stutzig machen 
sollen. Man nahm noch immer an, daß der französische Haupt- 
angriff frontal erfolge; dieser Annahme entsprachen alle An- 
ordnungen Krays. Am 25., bevor er den Ausgang der Gefechte 
dieses Tages erfahren, hatte er gar eine große Reihe von Be- 

') Kriegsarchiv IV, 98 u. ad 98 (Berichte Gyulays); Picard I, 
467 ff. (Berichte Moreaus), 480f. (Dessolle an den Kriegsminister 1. Mai)j| 
256ff. — Ö. M. Z. 1836, I, 260; St. Cyr, Memoires II, 123. 

^) Kriegsarchiv IV, 143 Gyulay an Ferdinand 27. April. 

") Ebda. IV, 149'/2. 

') Ebda. IV. 134, ad 134, 135V2, 136, I36V4, 137, 141. 

') Ebda. IV, 139, 147, 155. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. )uli. 259 

fehlen erlassen, die von einem Angriff auf eine, seinen rechten 
Flügel bedrohende feindliche Kolonne handelten^). Als er die 
Ereignisse des 25. erfahren, befahl er unübereilten Rückzug, 
Fühlung mit den Nachbarkolonnen und beorderte er 2 Batail- 
lone und ein Regiment Kürassiere nach Rötenbach zur even- 
tuellen Unterstützung Nauendorfs und Gyulays'). Da kamen 
die weiteren Nachrichten von Gyulay, und Kray billigte dessen 
Angriffsabsichten. Aber noch am Abend desselben Tages mel- 
dete Kray nach Wien, daß er am 27. seine Streitkräfte bei 
Villingen und Donaueschingen gesammelt zu haben hoffe und 
entschlossen sei, die Ereignisse zu erwarten, den Umständen 
entsprechend zu handeln'^). Diese defensiven Maßnahmen be- 
weisen aber keineswegs, daß Kray die Absichten des Feindes 
schon erfaßt hat. 

Noch deutlicher wird uns das aus seiner Weisung an den 
Prinzen Josef von Lothringen, der nach Kolowrats Abberufung 
an der Rheinstrecke bis Schaffhausen kommandierte, bei Peters- 
hausen und Stein sei alles ruhig, das Ufer von Petershausen 
bis Schaffhausen benötige nur eine schwache Beobachtung, er 
solle seine Truppen zwischen Schaffhausen und Singen zu- 
sammenhalten, Nauendorf bei eventuellem Rückzug unterstützen 
und sich diesem zuletzt anschließen^). Als Kray aber Nauendorf 
anwies, Gyulay bei seiner Unternehmung gegen Freiburg zu 
unterstützen und dazu den Erzherzog Ferdinand mit den Trup- 
pen seines äußersten rechten Flügels bei Bonndorf abzugeben, 
erhob Nauendorf dagegen Einspruch^). Er scheint die Sorg- 
losigkeit Krays nicht geteilt zu haben; hatte er doch schon 
am 26. nachmittags die von Kray offenbar nicht genügend be- 
achtete Meldung gemacht, daß die starke Bewegung des Fein- 
des von der Schweizer Seite her einen Angriff voraussehen 
lasse, und machte er doch Lothringen am 27. ausdrücklich 
auf den Posten von Petershausen aufmerksam"). 

') Kriegsarchiv IV, 101, 102ff., 106, 109; H. K. R, IV, 30. 
') Ebda. IV, ad 99, ad 100, 114, 116. 
'' Ebda. IV, 120' 2-, 135', meldet, daß es geschehen. 
•) Ebda. IV, 126 (Kray an Lothringen 26. April}. 
1 Ebda. IV, 142, 144. 

') Ebda. IV, 121, 142 'a. Auch eine Depesche Erzherzog Ferdinands 
schon vom 26. morgens (IV, 118'/,) bestätigt diese Vermutung. 

17* 



260 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

Warum unterblieb aber schließlich der Angriff Gyulays? 
Hatte wenigstens er sich inzwischen überzeugt, daß die fran- 
zösischen Vorstöße von Breisach und Kehl nur Scheinangriffe 
waren, um die Aufmerksamkeit von der Haupteinbruchsstelle 
abzulenken? Die Korrespondenzen des 27. berechtigen nicht 
zu dieser Annahme. Als Grund erscheint da lediglich das Zurück- 
weichen der Österreicher links und rechts von Gyulay. So 
schreibt auch Kray an diesen : Da der Feind bereits bis über 
Zell (Seitentälchen des Kinzigtales) und über Todtnau vor- 
gedrungen sei, halte er die befohlene Rekognoszierung für 
gefährlich und empfahl er ihm, vornehmlich auf seine Ver- 
bindungen mit Erzherzog Ferdinand und Kienmayer bedacht 
zu sein. Kray glaubte noch immer nur an Frontalangriff von 
Basel bis zum Kinzigtal, bezw. von Basel her. Gyulay zog sich 
jetzt nach Rötenbach und auf die Höhen hinter Neustadt, 
Ferdinand, der bereits vorgerückt war, wieder nach Bonndorf 
zurück^). 

Erst am 28. begannen die Österreicher größere Klarheit 
über die Absichten der Gegner zu gewinnen. Der französische 
Angriff auf die Alblinie bewirkte das, und ferner die Erkenntnis, 
daß das Gros der Franzosen, die am 25. gekämpft hatten, 
rheinaufwärts sich nach Basel zog. Auch von St. Cyr konnte 
man das annehmen, als er das Höllental und Freiburg in süd- 
westlicher Richtung verließ. Aber es war doch erst der Anfang 
der Erkenntnis, denn fast scheint es, als habe man ernstlich 
für möglich gehalten, die Franzosen hätten die Absicht, durch 
die Schweiz nach Italien zu marschieren"). 

Von einem Angriff aus der Schweiz mutmaßte Kray jeden- 
falls noch immer nichts, was seine Befehle an diesem Tage 
beweisen. Als Kienmayer gemeldet, daß Suzanne sich über die 
Kehler Schanzen zurückgezogen, erhielt er von Kray den Auf- 
trag, einige Bataillone durch das obere Elztal nach Donau- 
eschingen zu senden, im übrigen aber Ste. Suzanne mit Nach- 
druck zu verfolgen und Kehl gemeinsam mit Sztäray zu be- 
obachten^). Sztäray wurde durch diesen Befehl sogar zur Um- 

•) Kriegsarchiv IV, 143, 1437 , 143V2, 149, ad 151, 158. 
^) Chasteler sprach am 26 April Kray gegenüber diese Vermutung 
aus; wahrscheinlich geht sie auf eine Spionsnachricht zurück. 
') Kriegsarchiv IV, 167, 172. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 261 

kehr an den Rhein beordert, von dem er sich schon weit 
entfernt. Er hatte den Befehl erhalten, Kienmayers rechte 
Flanke zu decken und sich, sollte er gegen Oberkirch und 
Offenburg nichts Wirkungsvolles unternehmen können, nach 
dem Kniebispaß zurückzuziehen, um Kienmayer aufzunehmen. 
Käme er dazu bereits zu spät, sollte er über Horb die Ver- 
einigung mit der Armee suchen. Er hatte nach Kienmayers 
Zurückweichen den Weg über Pforzheim gewählt^), ein Rück- 
marsch, der ebensowenig motiviert ist, wie der Kienmayers 
vom 27., da er ja keineswegs auf klarer Erkenntnis der Sach- 
lage beruhte. Am 30. mußte er zu dem oben angedeuteten 
Zwecke wieder an die Murg zurückmarschieren. 

Was war seit dem 25. auf französischer Seite vorgegangen? 
Am 21. und wiederholt am 26. erhielt Suzanne Befehl'), sich 
je nach den Umständen auf dem linken oder rechten Ufer 
des Rheines nach Freiburg zu ziehen, wo er spätestens am 
30. eintreffen sollte. Suzanne, einen österreichischen Angriff auf 
seine A^arschkolonne befürchtend, zog es vor, bei Kehl über 
den Rhein zu gehen (27./28.), bei Breisach auf das rechte 
Ufer zurückzukehren und von dort nach Freiburg und ins 
Höllental vorzurücken^). Hier fand er nur noch die Nachhut 
St. Cyrs vor, der mit dem Gros seiner Truppen bereits seit 
dem 28. von Freiburg über Merzhausen, Staufen ins Münstertal, 
Neuhof, Wieden, eine Division über Günterstal, Horben 
nach Todtnau, Todtmoos und St. Blasien gezogen war, auf 
fast unbekannten, höchst beschwerlichen Wegen^), die sein Ein- 
treffen an der Alb unliebsam verzögerten und ihm die Mit- 
führung von Artillerie und Fuhrpark verboten^); sie wurden 
über Basel und die Waldstädte") geleitet. In St. Blasien an- 
gekommen, wurde Suzanne mit Artillerie von der Division 



') Kriegsarchiv IV, 146 (Sztäray an Kray 27. April). 

-) Picard I, 450, 467, 266, 298f. — ') Ebda. I, 469, 71, 310, 319f. 

') Der Abmarsch erfolgte, wie man sieht, in einer Richtung, daß die 
Österreicher wohl glauben konnten, Basel sei das Ziel St. Cyrs. — St. Cyr 
hätte die bequeme Straße nach Löffingen ziehen und dort die Fühlung 
ni:t dem Reservekorps suchen sollen. 

') Picard 1, 469f., 473f, 75ff., 267 f., 300f., 311, 320f. 
• ') Es sind die vier bis 1803 österreichischen Städte: Rheinfelden, 
Säckingen, Laufenburg und Waldshut. 



Der Feldzug in Deutschland bis zum 



Richepance^) des Reservekorps versehen, dessen Vorrückung 
wir nunmehr zu betrachten haben. 

Wir wissen bereits, daß die Division Richepance die Be- 
stimmung hatte, St. Cyrs rechte Flanke zu decken. Am 2Q. 
und 30. trafen sie sich an der Alb. Das tiefeingeschnittene 
Tal dieses Bergflusses war bereits am 28. von dem Reserve- 
korps forciert worden. Am 27. war dieses teils auf Schopf- 
heim und Wehr, teils auf der Straße im Rheintal, jwobei 
die Brücke bei Rheinfelden hergestellt wurde, gegen die Stel- 
lungen Nauendorfs vorgegangen") und hatte seine Vorposten 
bei Wehr, Säckingen und Laufenburg zurückgedrängt und linker 
Hand Schönau erreicht. Die Österreicher besetzten darauf das 
rechte Albufer, das zum Teil, namentlich bei Albbrück, auch 
noch durch künstliche Verschanzungen gedeckt war. Nauen- 
dorf hielt den Vorstoß vom 27. für eine bloße Rekognoszierung'^). 
Er wurde eines besseren belehrt, als die Stellungen an der 
Alb am 28. erneut angegriffen wurden und es vor allem 
bei Hauenstein zu einem lebhaften Gefecht kam; die Öster- 
reicher mußten weichen und die Franzosen drängten so heftig 
nach, daß sie zugleich mit den Österreichern und Schweizern 
vom Regiment Roverea^) in die Schanze an der Albbrücke und 
auf diese selbst eindrangen. Damit waren auch die übrigen 
Positionen der Österreicher auf dem rechten Albufer verloren; 
bis nach St. Blasien hin kamen sie in französische Hände, bei 
Waldkirch und an der Straße Waldshut — Thiengen — Neukirch — 
Schaffhausen sammelten sich die Österreicher^); die Franzosen 
drängten unter leichten Gefechten nach, ihren linken Flügel 
bis gegen Bonndorf vorschiebend, wohin, bezw. nach Stühlingen, 



*) R, ist der Nachfolger Lapoypes, der zu Monceys Korps in der 
Schweiz und mit diesem nach Italien ging. 

^) Picard I, 243, 263 f., 285 ff. 

") Kriegsarchiv IV, 156; Picard I, 268. 

*) Roverea, Memoires III, 9ff. und F. Burckhardt a. a. 0. 
S. 355ff. Ebda. S. 331 ff. auch Näheres über die Schicksale der Schweizer 
Truppen in den Winterquartieren 1799/1800 und ihre Zurüstungen unc 
Veränderungen zur Kampagne von 1800. 

'j Kriegsarchiv IV, 161 '/2, 167^^, 175 (24 Stücke vom 28. und 29 
über die Affäre an der Alb) ; Picard I, 301 ff. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 263 

d, h. an die Wutach, auch St. Cyr von St. Blasien, wo er am 
29. eintraf und Richepance ablöste, dirigiert wurde'). 

Das steile Tal der Wutach war hinter der Alb die nächste 
verteidigungsfähige Position, und Kray hatte auch die Absicht, 
hier energischen Widerstand zu leisten"") ; Reuß sollte ihn dabei 
durch eine Vorrückung in die Schweiz unterstützen. Gyulay, 
dessen Streifkommandos wieder bis über Freiburg hinaus 
vorgegangen waren, war schon am 28. angewiesen worden, 
da seine linke Flanke und sein Rücken durch die Forcierung 
der Alb bedroht seien, zurückzuweichen und mit einem Teil 
seiner Truppen bei Bonndorf und Lenzkirch den Erzherzog 
Ferdinand zu unterstützen und dem Feind in die linke Flanke 
zu fallen^). Zu dem gleichen Zwecke war auch Lindenau mit 
je zwei Regimentern Kavallerie und Infanterie am 28. zum 
Zollhaus geschickt worden^). Am 29. abends war die Ver- 
bindung zwischen Gyulay, der in Neustadt stand, und sich 
bis Lenzkirch ausdehnte, und Ferdinand über Rieselfingen, 
Kappel und Lenzkirch hergestellt. 

Um die Standhaftigkeit und Stärke des Feindes in Erfahrung 
zu bringen und dann einen Hauptangriff entwerfen zu können, 
befahl Kray Nauendorf für den L Mai eine große Rekognoszie- 
rung. Hatte der österreichische Oberbefehlshaber in diesem 
Moment seine wahre Lage durchschaut? 

Am Nachmittag des 26. und am Morgen des 27.^) hatte 
Nauendorf, wie erinnerlich, Kray die Konzentrierung feindlicher 
Truppen in die Schweiz, und daß er einen Angriff bei Peters- 
hausen vermute, gemeldet. Kray hatte darauf am 28. abends 
Nauendorf die nachdrückliche Anweisung gegeben, durch Loth- 
ringen Petershausen sicher zu stellen*^). Lothringen hatte, in 
Erwartung eines Angriffes, die von ihm zu bewachende Strecke 
in drei schwach besetzte Abschnitte: Staad— Aliensbach, Hörn 
—Stein, Stein— Schaffhausen geteilt und die Reserve zwischen 
Singen und Schaffhausen aufgestellt, um nach dort bezw. nach 
Petershausen sich wenden zu können'). Er merkte wohl die 

•) Picard 1, 476, 78, 311 ff, 320ff. — -) Kriegsarchiv IV, 201. 
') Ebda. IV, 171, 180f., 190, 197^4, 205. 

') Ebda. IV, 170,1921/4- — ') Ebda. IV, 121, 135. — «j Ebda IV, 170. 
'./ Ebda. IV, 160 Josef Lothringen an Kray 28. April. 



264 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

starke Bewegung des Feindes, auch den Transport seiner Ar- 
tillerie und Pontons, wußte aber nichts damit anzufangen und 
blieb bei seinen Disi)ositionen. 

Noch bevor er die Forcierung der Alb erfuhr, hatte Nauen- 
dorf ferner Kray am 28. nachmittags gemeldet^): falls am 
heutigen Tage weder Gyulay noch Kienmayer angegriffen wer- 
den, scheint der wahre Angriff gegen die österreichische linke 
Flanke längs des Rheines und durch die Schweiz zu gehen. 
Noch deutlicher sprach er sich am nächsten Morgen gegen Erz- 
herzog Ferdinand aus^) : „Es will mir gar nicht einleuchten, 
weshalb man noch immer auf Bonndorf, Neustadt usw. so 
aufmerksam ist und auf unseren linken Flügel so wenig Be- 
dacht nimmt." Am gleichen Tage meldet Lothringen an Kray^), 
daß der Feind entweder gegen ihn oder gegen Reuß eine 
Unternehmung plane. 

Wie stellte sich Kray zu diesen verschiedenen Meldungen? 
Am 29. wies er Nauendorf und Lindenau an^), nach Möglich- 
keit an der Wutach standzuhalten, während er mit „der Armee'' 
und Ferdinand dem Feind in die Unke Flanke fallen will. Zu- 
gleich wies er aber auch Kienmayer an'^), gegen Freiburg halt- 
bare Posten aufzustellen, sein Gros aber in Offenburg zu 
halten, um Kehl zu beobachten und mit Sztäray etwas gegen 
die entblößten Punkte zu unternehmen bezw. des Feindes linke 
Flanke zu bedrohen. 

Und am 30. schrieb der Oberfeldherr an Sztäray, indem 
er ihn anwies, seine Infanterie zwischen Offenburg und Gengen- 
bach aufzustellen, der Feind sammele zwar seine Kräfte in 
der Schweiz, aber sein Angriff gegen die Wutach scheine keine 
Fortsetzung zu haben. 

Stärker noch als in den angeführten Schriftstücken zeigt 
sich Krays fortdauernde Verkennung der wahren Sachlage, wenn 
er auf Grund einer Rekognoszierung des Erzherzogs Ferdinand 
gegen Seebrugg Baillet mit vier Bataillonen zur Unterstützung 
Ferdinands und Gyulays bei Löffingen aufstellt und mit Genug- 
tuung darauf hinweist, daß nach Rückgang der französischen 
Kolonnen von Alt-Breisach und Kehl durch Sztärays und Kien- 



') Kriegsarchiv IV, 175. - ') Ebda. IV, 189V4. - ') Ebda IV, 184. 
*) Ebda. IV, 192 bezw. 200. — ') Ebda. 238. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. )uli. 265 

mayers Vorrücken die Bergstraße von Freiburg bis zum Main 
in österreichischen Händen, Kehl und Breisach wie vorher 
zerniert seien und der Feind durch Streifpartien bis hinter 
Müllheim und gegen das Wiesetal beunruhigt sei^). Am. 30. 
wiederholte Kray noch einmal seinen Befehl an den zaudernden 
Nauendorf, am folgenden Tage einen allgemeinen Angriff vor- 
zunehmen; Gyulay und Kienmayer, Lindenau und Baillet sollten 
mitwirken, auch mit der „Armee" werde er ihn nötigenfalls 
unterstützen "V Da liefen in der Nacht zum 1. Mai Nachrichten 
von Ferdinand und Gyulay über starke feindliche Truppen- 
ansammlungen vor ihrer Front ein, daß die österreichischen 
Vorposten am Abend vorher bereits über die Wutach gedrängt 
seien und vor allem — daß eine Forcierung des Rheines in 
der linken Flanke der Österreicher zu besorgen stehe'^). 

Die Überrumpelung der Österreicher war glänzend ge- 
lungen. 

Auch Lecourbe hatte am 21. April seine Instruktion er- 
halten für die bevorstehenden Operationen^). Er sollte alles 
vermeiden, was den Verdacht des Feindes irgend auf seine 
wahren Absichten lenken könnte, dagegen sich zwischen Chur 
und Rheineck geschäftig zeigen, um die Österreicher wegen 
Vorarlberg besorgt zu machen. Vor allem hatte er zwischen 
Stein und Schaffhausen den nötigen Brückentrain zu sammeln 
und am Unterlauf der Aar Boote und anderes Material zu 
beschaffen, um in der Nähe von Waldshut eine Brücke über 
den Rhein zu schlagen, sobald die Spitzen des Reservekorps 
entsprechend weit vorgedrungen sein würden. Ferner hatte er 
den linken österreichischen Flügel von Mayenfeld bis Konstanz 
zu beschäftigen. Die Ankunft des Reserv^ekorps in Waldshut 
sollte der Augenblick von Lecourbes Rheinübergang sein. Stehe 



') Kriegsarchiv IV, 209 Vi; 218, 226 zeigen, daß sich Kray von Zu- 
rückdrängung des feindlichen linken Flügels besonders viel versprach. Am 
29. schrieb er an den H. K. R. (IV, 184',2; H. K. R. iV, 33), dank seiner 
Maßnahmen könne er ruhig abwarten, daß die Baseler Kolonne klar ihre 
Absichten enthülle und sich energisch jedem Anschlag des Feindes ent- 
gegensetze. Vgl dazu Bericht an den H. K- R- vom 30. April (IV, 209'/»). 

"■j Ebda. IV, ad 239. 

' Ebda. IV, 231, 35, 37, 39; Ö. M. Z. 1836 I, 267; Picard I, 313ff. 

*; Picard I, 449. 



266 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

der Feind dann noch an der Wutach, sollte er auf seiner Rück- 
zugslinie über Neunkirch vordringen, andernfalls den rechten 
Flügel der vorrückenden Armee bilden, sobald diese in seine 
Höhe gekommen sei. 

In größter Heimlichkeit wurden die Truppen seit dem 28. 
in der Nähe der Übergangsstelle, Stein gegenüber, konzentriert. 

Der Übergang war anfangs für den 30. vorgesehen. Als 
aber St. Cyr an der Alb sich verspätete, wurde der 1. Mai 
dafür bestimmt, der Tag, an dem das Reservekorps die 
Wutach angreifen wollte^). 

Alles vollzog sich so glatt, wie die Franzosen es nur wünschen 
konnten. Als besonders günstigen Übergangspunkt hatte Molitor 
eine schmale Stelle des Rheins oberhalb Reichlingen zwischen 
Reichlingen links- und Emmishofen rechtsrheinisch ausgekund- 
schaftet, an der die Hügel des rechten Ufers zurücktraten, die 
des linken aber — das Unke Ufer ist hier durchschnittlich zirka 
20 bis 40 Meter überhöht — die Aufstellung einer Batterie 
gestatteten; durch diese Stelle führt die Straße Stein— Stockach. 
Der Übergang war seitens der Franzosen — Lecourbe und 
seinem trefflichen Geniekommandanten Dedon standen die 
Erfahrungen des glänzenden Limmatüberganges bei Dietikon 
vom 26. September 1799 zur Verfügung — sehr umsichtig vor- 
bereitet. Um so zu glücken, wie es geschah, gehörten aber 
auch die mangelhaften Vorkehrungen der Österreicher dazu. 

Prinz Josef von Lothringen hatte anfangs einen Übergang 
auf die schmale Landzunge zwischen Überlingen und Untersee 
bei Konstanz befürchtet"). Im ganzen standen ihm am 1. Mai, 
nachdem Kolowrat eine andere Bestimmung erhalten hatte, zirka 
8000 Mann zur Verfügung, die obendrein nur zur knappen 
Hälfte unmittelbar auf die lange Flußstrecke zwischen Staad 
und Schaffhausen verteilt waren; es konnte sich also fast nur 
um einen schwachen Kordon handeln, dessen Durchstoßung 
leicht war, sobald es den Franzosen nur einmal gelungen, ein 
paar hundert Mann auf das rechte Ufer zu bringen. Dies 
geschah unter völliger Überraschung der Österreicher beim 
Morgengrauen des 1. Maitages zunächst in Booten unter dem 

') P i c a r d 1, 464, 72, 75, 77, 330 ff.; P li i 1 e b e rt a. a. 0. enthält nicht 
mehr wie Picard. 

') Ebda. I, 453 f., 458 f.; Ö. M. Z. 1836 I, 266 f. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. )uli. 267 

Schutze geschickt postierter französischer Kanonen mit leichter 
Mühe bei Reichlingen und weiter unterhalb unter größeren 
Schwierigkeiten (Abteilung GouUus) bei Kloster Paradies; 
die österreichischen Vorposten zogen sich an beiden Stellen 
auf ihre Unterstützungen zurück, weniger rasch bei Bü- 
singen und Buchthaien, Paradies gegenüber, wo sie stärker 
waren als die Franzosen, die hier nur angriffen, um die Öster- 
reicher für Schaffhausen besorgt zu machen und von der eigent- 
lichen Übergangsstelle abzulenken, was ihnen auch gelang. In- 
zwischen wurden die Pontons, die in der Nacht zuvor bis dicht 
ans Flußufer bei Reichlingen gebracht worden waren, zur 
Brücke über den hier 107 Meter breiten Fluß zusammen- 
gefügt. Um 7 Uhr morgens waren bereits 8000 Franzosen 
auf dem rechten Ufer, und gegen 9 Uhr morgens schon 
war der Übergang sämtlicher vier Divisionen vollendet. Daß 
unter Benutzung noch vorhandener Böcke bei Stein jetzt eine 
zweite Brücke hergestellt werden konnte, war für die weiteren 
Operationen des Korps Lecourbe von Vorteil, 

Vandamme wandte sich von Bibern und Emmishofen über 
Ramsen nach Singen, das er um 2 Uhr erreichte. Gavassini 
war damit nach Stockach abgedrängt; vergebens hatte Hadik 
versucht, durch einige Attacken bei Ramsen Vandamme auf- 
zuhalten. Von Singen verbreitete dieser sich an der Aach 
bis Moos. Lorge, der nach Vandamme über den Fluß ge- 
gangen war, zog sich sofort gegen Schaffhausen. Über Gai- 
lingen, Dörflingen und Büsingen gelangte er, Goullus Luft 
machend, gegen 2 Uhr nach Schaffhausen. Er fand nur un- 
bedeutenden Widerstand. Der Versuch, Schaffhausen wieder 
zu nehmen, den Nauendorf durch ein Bataillon machen ließ, 
wurde zurückgeschlagen, und Lorge hatte um 5 Uhr zwi- 
schen Neunkirch und Guntmadingen die Fühlung mit dem 
Reservekorps erreicht. Hadik hatte Mühe genug, fechtend 
über Thaingen und Blumenfeld am Abend Engen und damit 
die Straße nach Tuttlingen zu erreichen^). Mit Lothringen 
bei Stockach nahm er durch eine Schwadron bei Nenzingen 
Fühlung. 

Die weite Verzettelung der Österreicher hatte ebenso 

*) Kriegsarchiv V, 78' 2 Bericht Hadiks vom 3. Mai. 



268 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

verhindert, daß sie gemeinsam operierten, wie daß sie an 
einen gemeinsamen Punkt sich zurückziehen konnten, und 
ihre Verluste, namentHch an Gefangenen, waren darun/ so 
beträchtlich, weil es einzelnen der zerstreut stehenden Ab- 
teilungen nicht gelang, der rückwärtigen Konzentrierung rasch 
genug zu folgen. Als am 2. Mai auch Hadik sich in Stockach 
einfand, hatte Prinz Lothringen seine Division wieder beiein- 
ander, aber geschwächt um 1105 Mann, worunter 718 Ge- 
fangene^). Die Franzosen wollen nur ca. 100 Mann verloren 
haben. 

Auf der Verfolgung fiel Vandamme, der die Straße nach 
Stockach sicherte, die wohlverproviantierte Feste Hohentwiel 
in die Hände durch die kaum erklärliche Haltung ihres Vize- 
kommandeurs, des württembergischen Oberstleutnants von 
Wolff, der auf Vandammes Aufforderung sofort und ohne 
jede Not — ein Angriff hätte den Franzosen nicht in den 
Sinn kommen können — gegen freien Abzug kapitulierte'). 

Weiter vorzurücken verwehrte Lecourbe ein ausdrücklicher 
Befehl Dessolles^) ; er sollte warten, bis der rechte Flügel des 
Reservekorps mit ihm Fühlung gewann. 

Das geschah am nächsten Tage in Verfolg der Vorgänge, 
die sich während Lecourbes Rheinübergang an der Wutach 
abgespielt hatten. Als dieser bereits bekannt war, man aber 
seine Tragweite noch nicht überschaute, hielten die Öster- 
reicher an der geplanten Vorrückung zunächst noch fest. Nauen- 
dorf, der sie leiten sollte, war erheblich verstärkt worden, 
sonderbarerweise aber nur auf seiner rechten Flanke bei Blum- 
berg und Thengen. Die aus den Lagern bei Villingen und 
Donaueschingen herangezogenen Truppen standen, 26 Ba- 
taillone und 30 Schwadronen stark, bei Döggingen und Löffingen, 
wohin sich auch Kray am Morgen des 1. begab. 

') Picard I, 481 L; Ö. M. Z. 1836 I, 268ff.; Günther, Der Über- 
gang des Korps Lecourbe über den Rhein bei Stein am 1. Nai 1800. 
Düsseldorf 1893. 

"-) Ö. M. Z. 1836, 1,271; Picard I, 348f.; Stadl ing er, Geschichte 
des württembergischen Kriegswesens von der frühesten bis zur neuesten 
Zeit. Stuttgart 1856. S. 477. — Wolff wieder eigentliche Kommandant, 
der 72jährige Generalmajor Bilfinger, wurden vor ein Kriegsgericht gestellt 
und zum Tode verurteilt, aber begnadigt. 

') Picard I, 482. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 2o9 

Hätte diese Macht drei Tage früher dem Reservekorps an 
der Alb gegenübergestanden, wäre es ihr gewiß gelungen, 
Moreau nach Basel zurückzuwerfen, wodurch auch die Lage 
St. Cyrs gefährdet worden und Lecourbe gewiß auf dem 
linken Rheinufer geblieben wäre. Jetzt stand Nauendorf, ganz 
abgesehen von dem Einfluß, den Lecourbes Rheinübergang 
auf seine Stellung haben mußte, das Reservekorps und das 
St. Cyrs gegenüber, und noch am Abend des 30. erfolgte 
auf der ganzen Linie ein Vorstoß, der die Österreicher von 
Lecourbe ablenken sollte. Von Neustadt bis Thiengen gerieten 
die Vorposten aneinander. Am nächsten Morgen wiederholten 
sich die französischen Angriffe; bei Neustadt (Gyulay), Bonn- 
dorf (Erzherzog Ferdinand) und an der unteren Wutach wurde 
gekämpft. Noch ehe aber das Gros der Österreicher ins Ge- 
fecht gekommen war, nötigten die Erfolge Lecourbes die ge- 
samte österreichische Armee zum Rückzug; Hauptzielpunkt war 
die Gegend von Engen'), von wo Kray sich auf Stockach 
zu ziehen gedachte. Auch Kienmayer und Sztäray wurden 
jetzt endlich angewiesen, sich nach Hornberg, bezw. Freuden- 
stadt zurückzuziehen und, falls die Armee von Engen noch 
weiter zurückweichen müsse, schleunigst die Vereinigung mit 
ihr über Tuttlingen, bezw. Sigmaringen zu suchen"). Sie schie- 
den jedenfalls noch aus für die Gefechte am 3. bei Engen 
und Stockach, für die darum die Franzosen auch eine er- 
hebliche Überlegenheit hätten ins Feld stellen können, wenn 
nicht St. Cyr noch zu weit zurück gewesen wäre. 

Immerhin waren die Franzosen schon jetzt enger kon- 
zentriert als die Österreicher, wenn auch noch nicht eng genug, 
denn auch die vordersten Posten von Ste. Suzanne, der in- 
zwischen durch das Höllental vorgedrungen war, standen erst 
bei Neustadt im oberen Wutachtal und Löffingen-^). 

Bevor wir die Gefechte vom 3. bis 10. Mai schildern, die 
mit der Anlehnung Krays an die Festung Ulm enden, emp- 

'' Kriegsarchiv V, 8, lOf., 13, 18ff., 251^, 33, 35; Ö. M. Z. 1836, 
I, 272ff.; Picard I, 355 ff. — Es ist unbegreiflich, wie Kray, auf Grund 
der Eindrücke des 1. Mai, noch am 2. von Engen schreiben konnte (H. 
K. R. V, 34), es sei klar, daß der Feind die Absicht habe, sich auf den 
flöhen zwischen Neustadt und Döggingen zu konzentrieren. 

') Kriegsarchiv I, 38. - ') Picard 1, 479f., 358. 



270 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

fiehlt es sich, auf die bisherigen Operationen noch einmal 
kurze Rückschau zu halten. 

Oberflächlich betrachtet, spricht der Erfolg für Moreau, 
aber es war doch ein Erfolg, den er zum großen Teil der 
Unfähigkeit der österreichischen Führung zu verdanken hatte, 
die es nicht nötig gehabt hätte, in dieser passiven Weise sich 
das Gesetz des Handelns vom Gegner vorschreiben zu lassen. 
.Wir haben an anderer Stelle die Überlegenheit von Napoleons 
Angriffsplan über den Moreaus bereits gekennzeichnet. Inter- 
essant ist nun, zu sehen, daß Moreau selbst in der Ausführung 
seines eigenen Planes ein Verständnis für dessen Mängel auf- 
ging, und daß seine Siegeszuversicht gering genug ist. Ein 
Brief an seinen Freund Carnot vom 27. April tut es uns 
u. a. kund^), wo es heißt: „An dem Tage, an welchem die 
französische Armee am Ausgang der Berge versammelt sein 
wird, ohne daß ein einziges ihrer Korps geschlagen worden 
ist, werde ich mich sehr glücklich schätzen. Die Lage ist 
durchaus zugunsten des Feindes, da er drei Märsche we- 
niger braucht, als wir, um seinen rechten und linken Flügel 
zu vereinigen. Sie entnehmen daraus, wie leicht er es haben 
würde, die Spitzen unserer Kolonnen bei ihrem Austritt aus 
den Bergen zu schlagen, wenn wir nicht mit großer Präzision 
manövrieren.'' Dies vermieden zu haben, daß er nicht alles 
daran gesetzt, eine oder die andere feindliche Kolonne gründ- 
lich zurückzuschlagen, statt seine Armee verzettelt zu lassen, 
und nirgends mit einer entscheidenden Majorität aufzutreten 
und nur schwache Reserven zu unmittelbarer Verfügung in 
der Hand zu behalten, das ist der erste Grundfehler Krays 
gewesen^). An den Ausgängen der Schwarzwaldpässe kon- 
zentriert, nicht vor und in diesen verzettelt, hätte er dazu 
stehen müssen, was schon deshalb geboten gewesen wäre, 
weil die feindliche Aufstellung in der Schweiz die österrei- 
chische Aufstellung in der Flanke bedrohte. Eine Ungewißheit 
über die feindlichen Absichten im einzelnen wäre dann nicht 
so verhängnisvoll geworden, vor allem hätte ihm eine gründ- 

Picard I, 468 f. — Die scharfe Kritik Mapoleons an den ersten 
Operationen Moreaus (Montholon 1,7, IV, 317; Gourgauü I, 187) nennt 
auch Picard I, 194, so gerechtfertigt wie nur möglich. 

'-') Vgl. auch die Kritik )ominis a. a. O. Xlll, 124 f. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 271 

liehe Schlappe eines französischen Korps — er hätte sich am 
besten das von Waldshut debouchierende als Angriffsobjekt 
nehmen sollen — die Überraschung durch Lecourbes Rhein- 
übergang überhaupt erspart. 

Mit seiner geringen Sorge speziell um seinen linken Flügel 
befand sich Kray, wie wir wissen, freilich in guter Gesellschaft. 
Aber mit der oben (S. 254) angeführten Äußerung des Erzherzogs 
Karl verträgt es sich sehr wohl, daß dieser an den tatsäch- 
lichen, den Bewegungen des Feindes so passiv und ohnmächtig 
gegenüberstehenden Manövern Krays eine Kritik übt, die zu- 
gleich auch als Kritik von Moreaus Angriffsplan gelten kann. 
Der Erzherzog sagt: „Der Feind konnte doch nicht ganz un- 
erwartet über den Rhein setzen und so geschwind eine Armee 
beisammen haben, daß wir nicht die unserige hätten bei Stockach 
ganz konzentrieren können, ehe er dahin gekommen wäre^)." 
Die Verzettelung der Armee und noch mehr ein mangel- 
hafter Nachrichtendienst, vielleicht auch eine Verblendung des 
Oberfeldherrn, der Lecourbes Manöver überhaupt für außer 
dem Bereiche der Möglichkeit ansah, tragen die Schuld daran, 
daß dies dennoch der Fall war. Eine Konzentrierung des Gros' 
der Armee bei Stockach hätte wahrscheinlich auch die Folge 
gehabt, daß Lecourbe seinen kühnen Übergang nicht unge- 
straft hätte wagen können. Aber wie oben dargelegt, war 
ja sein Übergang von dem siegreichen Vordringen des Re- 
servekorps abhängig gemacht, und auch dessen Zurückwerfung 
hätte also Lecourbe seinen Übergang aufgeben oder ihn höchst 
wahrscheinlich scheitern lassen. 

III. 

Die Gefechte von Engeii'Stockach, Neßkirch, Biberach 

und Memmingen 3. bis 10. Mai. 

Die Fortsetzung der österreichischen Operationen entsprach 
ihrem fehlerhaften Beginnen. Kray hätte nach Möglichkeit 
die Herankunft von Verstärkungen abwarten und, wenn dies 
bei Engen und Stockach nicht möglich war, als Versamm- 
lungsort einen weiter zurückliegenden Punkt bestimmen müssen. 
Wenn wenigstens die verfügbaren Truppen konzentriert ge- 

') Mitteilungen des k. k. Kt iegsarchivs 111, 1 S. 9. 



272 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

vvesen wären, aber die Truppenteile, die am 3. fochten, standen 
auf ca. 50 Kilometer ausgedehnt, von Donaueschingen bis süd- 
östlich Stockach! In solcher Lage ordnete Kray für den 3. eine 
starke Rekognoszierung an. Nauendorf sollte sie abermals 
leiten; Klenau, Lindenau und Karl Lothringen sollten mit- 
wirken, letzterer durch Beunruhigung des feindlichen rechten 
Flügels^). Den Rest der Armee hielt Kray zwischen Engen, 
Anseifingen und Hohenhöwen versammelt; Feldmarschalleut- 
nant Klinglin war mit vier Kürassierregimentern bei Fried- 
lingen und Steißlingen aufgestellt, um die Verbindung mit 
Josef Lothringen aufrecht zu erhalten. 

Aber auch Moreaus Anordnungen für den 2. und 3. waren 
nicht einwandfrei. Zwar erfolgte eine weitere Konzentrierung 
der Armee nach ihrem rechten Flügel hin, aber sie hätte ener- 
gischer durchgeführt werden können. Am Abend des 1. hatte 
die Ausdehnung der Franzosen, das Korps Ste. Suzanne aus- 
genommen, ca. 40 bis 50 Kilometer betragen ; am 2. abends 
ist sie nicht allzu sehr verringert, denn die Franzosen hatten 
zu diesem Zeitpunkt ungefähr folgende Stellungen^) : Vandamme 
rechts bis Radolfzell, Montrichard zwischen Barzheim und 
Thaingen, in der Nacht noch den Vormarsch auf Singen be- 
ginnend. Nördlich davon stand die Division Lorge, rechts an 
den Hohentwiel gelehnt. Nansouty stand in Reichiingen. Vom 
Reservekorps stand die Division Delmas rechts von Ebringen, 
Leclerc bei Thaingen, Richepance links bei Blumenfeld und 
Thengen, d'Hautpoul nördlich Schaffhausen, wo Moreau sein 
Quartier hatte. St. Cyr blieb in Stühlingen und auch Ste Su- 
zannes Korps veränderte seine Stellungen nur wenig. Die 
Division CoUaud stand zwischen Freiburg und St. Georgen, 
Souham bei Ebnet, Legrand vor Neustadt. Daß St. Cyr und 
Suzanne am 2. nicht näher herangezogen wurden, ist zweifellos 
eine Unterlassungssünde Moreaus, der am 2, überhaupt eine 
gewisse Unsicherheit verrät. 

Erst in der Nacht zum 3. gab er St. Cyr den Befehl, auf Engen 
vorzugehen, zu spät, als daß er am 3. noch rechtzeitig dort hätte 
eingreifen können. Moreau hat eben bei Engen am 3. die Schlacht 

') Kriegsarchiv V, 64; H. K. R V, 35; Ö. M. Z. 1836, II, 5. 
-; Picard — Azan II, 6 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. )uli. 273 

nicht gewollt und vermutet. Er hatte allerdings Lecourbe, wahr- 
scheinlich zum Teil auf dessen Drängen, den BefehP) gegeben, 
am 3. morgens 7 Uhr gegen Stockach vorzugehen und eine 
Kolonne zur Unterstützung von Delmas, der um 8 Uhr gegen 
Engen vorgehen sollte, über die Aach zu detachieren, Moreau 
hoffte nun anscheinend, Kray durch den Angriff auf Stockach 
zu einem Flankenmarsch an seiner Front vorbei nach Stockach 
zu verleiten, wobei er ihn, er dachte am 4. und nach der 
Ankunft St. Cyrs, angreifen wollte. Ein höchst merkwürdiger 
Plan ! Denn blieben die Österreicher bei Stockach Sieger, was 
möglich war, wenn Kray in der Nacht vom 2. auf den 3. die 
Stellung bei Stockach verstärkt hätte, hätten sie den noch nicht 
versammelten Franzosen sehr unangenehm werden können, 
blieb dagegen, was wahrscheinlicher, Lecourbe am 3. Sieger, 
dann war ein Rückzug Krays nicht nach Stockach, sondern 
nach Nordosten das Selbstverständliche. Die Erwartungen Mo- 
reaus erfüllten sich jedenfalls nicht, da sich aus der Re- 
kognoszierung Nauendorfs eine Begegnungsschlacht entspann. 

Das Gelände bei Engen ist sehr schwierig, da von sumpfigen 
Niederungen, Bergen, Schluchten, Wäldern und Gräben vielfach 
durchschnitten; eine Reihe von bewaldeten Bergkuppen, wie der 
Hohentwiel, Hohenstoffeln, Hohenkrähen und Hohenhöwen, 
ragen steil und pyramidenförmig über den Höhenzug des schwä- 
bischen Jura hinaus, der sich zu Donau, Rhein und Bodensee 
herabsenkt. Die Stellungen waren den Österreichern günstig. 

Die Bewegungen Nauendorfs, der um die Mittagstunde 
des 3. zwischen Weiterdingen und Welschingen-) hervorbrach, 
traf die Franzosen in Bereitschaft, ihrerseits zum Angriff zu 
schreiten und zwar mit erheblicher Überlegenheit, so daß die 
österreichischen Vortruppen rasch zurückwichen und Nauen- 
dorf auf der Höhe nördlich von Weiterdingen und in dem 
Wald, der sich nach Binningen hinzieht, Stellung nahm, den 
Hohenstoffeln vor der rechten Front. Als dieser von Delmas 
mit dem Bajonett gestürmt war und eine von Lecourbe deta- 
chierte Abteilung unter Lorge, mit der Nauendorf zuerst zu- 
sammengestoßen war, aus einer vorteilhaften Stellung zwischen 

': Picard— Azan II, lOf. 

-) Beachte, daß zwei Ortschatten diesen Namen führen. 

Herr mann, Der Aufstieg Napoleons. jg 



274 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

dem Mägdeberg und Duchtlingen seinen linken Flügel beschoß, 
gab Nauendorf die Höhe auf und führte seine Truppen hinter 
Welschingen zurück auf die zwischen Hohenhöwen— Neuhausen 
— Ehingen aufgestellte Armee. Damit begann erst die eigent- 
liche Schlacht. 

Um den Besitz von Welschingen und Ehingen wurde lange 
erbittert gekämpft, ohne daß eine Entscheidung erfolgte. Um 
eine solche herbeizuführen, ließ Moreau, zugleich in dem Be- 
streben, die der Entfaltung der österreichischen Kavallerie gün- 
stige Ebene zu vermeiden, einen Hauptangriff durch die Wal- 
dungen nach dem rechten Flügel der Österreicher richten, in- 
dem er eine Kolonne (Divis. Richepance) auf Watterdingen vor- 
schickte. Um die österreichische Aufmerksamkeit abzulenken, 
wurde gleichzeitig auf dem linken Flügel Ehingen durch Lorge 
mit aller Kraft angegriffen. Es wurde genommen, von den 
österreichischen Grenadierbataillonen Flemming und Fitzgibbon 
zurückerobert und blieb schließlich erst nach mehrmaligem 
Wechsel am Abend zum größten Teil in österreichischen Hän- 
den, nur die Zugänge des Dorfes den französischen Vorposten. 
Die auf Watterdingen entsandte Kolonne fand, als sie sich 
dem Hohenhöwen näherte und ihn angriff, einen schwierigen 
Stand. Da St. Cyr, der von seinen Quartieren bis zum Schlacht- 
feld zirka 25 Kilometer in schwierigem Gelände zurückzulegen 
hatte ^), noch nicht in gleicher Höhe angekommen, war die 
linke Flanke von Richepance bedroht. 

Er sandte darum General Durutte mit einer Halbbrigade 
und zwei Kavallerieregimentern zu ihrem Schutze gegen 
Leipferdingen. Schließlich fand er aber doch Unterstützung 
durch eine Brigade (Roussel) vom Korps St. Cyrs, der den 
Erzherzog Ferdinand nach tapferer Gegenwehr aus seinen Stel- 
lungen beim Zollhause (bei Blumberg) und von Riedöschingen 
nach Leipferdingen zurückgedrängt hatte, von wo der Erz- 
herzog nach einigem Widerstand schließhch auf Stetten zurück- 
weichen mußte. Mit Unterstützung Roussels, der gegen 5 Uhr 
eintraf, stürmte und behauptete Richepance den Hohenhöwen. 
Kray, der es versäumt hatte, diesen Berg zu besetzen — nur 



') Bonnal, Le marechal Ney I, 283. — Klage über die schlechten 
Wege bei St. Cyr, Memoires II, 141. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. )uli. 275 

an seinen Fuß lehnten sich die Österreicher an — hatte damit 
den Stützpunkt für seinen rechten Flügel verloren. Er zog 
seine Truppen nunmehr ins Tal hinab. Wenn die Franzosen 
auch einiges Terrain gewonnen hatten, Engen war für sie 
ein eigenthcher Sieg nicht zu nennen. Die Gegner standen 
entschlossen, am folgenden Tage das Schlachtenglück erneut 
zu erproben. Es wäre aber wohl für die Österreicher ein aus- 
sichtsloses Beginnen gewesen, denn Kray konnte — am 3. war 
das Stärkeverhältnis alles in allem wohl gleich gewesen^) — 
sofort nur wenige Verstärkungen heranziehen. Kienmayer 
und Sztäray waren noch zu fern ; nur Gyulay, der sich am 3. 
mit den Vortruppen Suzannes bei Döggingen ohne Ergebnis 
herumgeschlagen und sich dann auf Geisingen an der Donau 
in die rechte Flanke der Armee zurückgezogen hatte, konnte 
allenfalls herangezogen werden, während Moreau für den näch- 
sten Tag das ganze Korps St. Cyr zur Verfügung hatte"). 
Aber die Absicht, den Kampf am 4. wieder aufzunehmen, 
mußte Kray schon deshalb aufgeben, weil sein linker Flügel 
ernstlich von Lecourbe bedroht war, seit dieser am Abend 
des 3. Lothringen aus seiner Stellung bei Stockach verdrängt 
hatte. 

Daß dieser überhaupt noch bei Stockach hielt, war dem 
günstigen Zufall zu danken, daß Vandamme, der ihm zunächst 
gegenüberstand, nicht energischer nachdrückte, und daß ein 
Befehl Krays vom Morgen des 2., der die Behauptung Stockachs 



') P i c a r d II, 60 u ö. sagt unmotiviert, das Verhältnis sei 45 : 
4C00O gewesen. 

') St. Cyr hatte Befehl gehabt (Picard -Azan II, 318; zwischen 

5 und 6 Uhr von Stühlingen über Thengen nach Engen aufzubrechen. Die 

! Division Baraguay war sogar schon um 4 Uhr abmarschiert und mit dem 

! Erzherzog handgemein geworden (cf. oben Textj. Baraguay erwartete 

dann die Ankunft der durch eine Brotverteilung zwei Stunden lang auf- 

1 gehaltenen Division Ney ab, ehe er mit ihr zusammen den Erzherzog bei 

I Statten angriff (cf oben Text); erst dann entsandte Baraguay Roussel 

I gegen Hohenhöwen < cf oben'. Dis 3. Division von St. Cyrs Korps hatte am 

3. die Aufgabe gehabt, die linke Flanke und die Verbindungen St. Cyrs zu 

sc nützen und mit Ste. Suzanne Fühlung zu halten. Tharreau rückte zu 

diesem Zweck aus seinen Stellungen zwischen Seebrugg und Birkendorf 

bis Blumberg vor und trug dazu bei, Gyulays Rückzug zu veranlassen. 

Ich sehe nicht, daß St, Cyr bei Engen ein Vorwurf zu machen wäre. 

18* 



276 



Der Feldzug in Deutschland bis zun 



nach Möglichkeit anbefahl, noch rechtzeitig eintraf. Lothringei 
hatte bereits beschlossen, seine Stellung nicht zu verteidigen 
falls er angegriffen würde^). 

Der Prinz beurteilte also die strategische Lage ganz falsch 
und dasselbe gilt auch von Kray, wenn er ihm für den Fall 
daß er sich nicht halten könne, die Donau als Rückzugslinii 
angibt. Hier deutet sich der fundamentale Fehler Krays an 
seine direkte Kommunikationslinie und seine Verbindung mi 
Reuß leichtsinnig zu gefährden, seinen Rückzug nach der Donau 
statt nach Pfullendorf und Ostrach zu nehmen. 



6/njm - c^JicLck ( 3Mai ) 




Lecourbe hatte schon am Vormittag des 3. den Angrii 
eröffnet, wohl gerade, weil die Wegnahme von Stockach dl 
österreichische Gesamtmacht nach der Donau und v^on de 
Verbindung mit Reuß abdrängte^). In drei Kolonnen ging er vor 



Kriegsarchiv V, 39 und O. n. Z. 1836, I, 270. 

") Vgl. die Äußerung des Erzherzogs Karl (Ausgew. Schriften 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 277 

Vandamme gegen 9 Uhr von Radolfzell über Wahhvies und 
Bodmann auf Sernadingen— Stockach ; Montrichard 8V2 Uhr 
von Singen über Steißlingen auf Stockach ; Lorge, um den Feind 
zu hindern, sich zwischen Lecourbe und Delmas einzuschieben, 
sandte einen Teil seiner Division unter GouUus über Orsingen 
gegen Eigeltingen; der andere Teil aber wandte sich, wie wir 
bereits wissen, unter seinem eigenen Kommando nach hnks 
zur direkten Unterstützung des Reser\ekorps. Das Gelände 
war für den Angreifer auch hier schwierig. Nach mehrstündigem 
Widerstand erst gegen die Kolonnen 1 und 2 wichen denn auch 
die Vortruppen Lothringens auf Stockach zurück; auf den be- 
waldeten Höhen im Süden und Südosten der Stadt behaupteten 
sie sich aber noch lange, bis es Molitor gelang, ihren linken 
Flügel zu erschüttern und die Straße von Bondorf und Serna- 
dingen nach Stockach zu gewinnen. Gavässini wurde dadurch 
von Stockach getrennt und zog sich nach Überlingen und am 
4. nach PfuUendorf. Als auch der rechte Flügel der Öster- 
reicher, begünstigt durch die Erschütterung des linken, durch 
Montrichard in der Front und seitlich erfolgreich angegriffen und 
obendrein durch GouUus überflügelt war, der von Eigeltingen, 
wohin er ohne Belästigung durch die am Engpaß von Aach 
an der Straße Stockach — Engen aufgestellten zwei Bataillone 
gelangt war, auf Hindelwangen einen Vorstoß machte, hielt 
auch das Zentrum einem letzten ungestümen Angriff bei Stock- 
ach nicht mehr Stand. Ein Kavallerieangriff brachte die letzte 
Entscheidung, wie denn die Reiterei unter Nansouty an diesem 
Tage überhaupt eine erhebliche Rolle gespielt hatte. 

Lothringen führte seine arg zerzausten Truppen, mit denen 
er einer dreifachen Überlegenheit des Feindes immerhin genug 
zu schaffen gemacht hatte, über Meßkirch nach Sigmaringen 
auf das linke Donauufer. Die Reiterei Klinglins schloß sich 
dem Rückzug an. 

Die Besetzung von Eigeltingen und Stockach durch die Fran- 
zosen gefährdete die Stellung Krays aufs äußerste. Er ordnete 
darum auch, sobald er die ganze Tragweite des Gefechtes von 
Stockach überschaute, noch in der Nacht den Rückzug der 



11-1 über die strategische Bedeutung von Stockach für Operationen, bei 
denen es sich um Erhaltang der Verbindung mit der Schweiz handelt 



278 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

ganzen Armee auf Meßkirch an^), geschwächt um mehrere 
tausend Mann — 1147 Tote, 1884 Verwundete und 3862 Ge- 
fangene zählten die Österreicher an diesem Tage"). 

Lecourbe hatte bei Stockach einen wirkHchen Sieg errungen 
und damit die Entscheidung des 3. gebracht. 

Die braven österreichischen Truppen hatten sich vortreff- 
hch geschlagen und wären einer besseren Führung würdig 
gewesen. Qanz abgesehen davon, daß Engen überhaupt über- 
flüssig war, es ist vor allem nicht genügend für die Sicherung 
des Unken österreichischen Flügels und die Verbindung mit 
Lothringen gesorgt worden. Um die Donau brauchte Kray 
nicht besorgt zu sein, da Kienmayer und Sztäray gegen diese 
im Anmarsch waren ^). 

In drei Kolonnen, unter Kolowrat, Lindenau und Karl Loth- 
ringen wurde die Armee jetzt auf verschiedenen Straßen nach 
Liptingen geführt; bis 1 Uhr morgens am 4. hoffte Kray, nur 
bis dahin zurückweichen zu brauchen und er hatte Lothringen 
sogar angewiesen, alles aufzubieten, um wieder vorzurücken und 
sich bei Stockach mit ihm zu vereinigen*). Bald aber erkannte 
er die Unvermeidlichkeit des weiteren Rückzugs. Nauendorf 
bildete auf dem linken, Erzherzog Ferdinand auf dem rechten 
Flügel die Nachhut. Mit ihm sollten sich Gyulay und eine bay- 

') Kriegsarchiv V, 86-124; H. K- R. V, 35; Ö. M. Z. II, Iff.; 
Picard'Azan II, 20 ff. (Stockach), 32 ff. (Engen), 377 (Berichte über beide 
Gefechte); Spectateur militaire Bd. IX, 242ff.; Carrion- Nisas (= Me- 
morial du Depot de la guerre V (1829)) p. 87ff.; Jomini a. a. O. XIII, 
130 ff. (ebda. 107 ff. die Operationen vom Rheinübergang bis Engen); 
Günther 107ff., an Jomini angelehnt; Mathieu Dumas Precis des 
evenements militaires. Paris 1816. III, 82 ff.. IV, 10 ff. Die sehr fleißige 
Darstellung Dumas' steht doch nicht auf der Höhe Jominis, dessen Dar- 
stellung, ganz abgesehen vom militärischen Urteil, für den damaligen 
Quellenstand (sein Werk erschien 1819—24) eine hervorragende Leistung 
ist. Für die wichtigsten älteren Quellen und Darstellungen zur Geschichte 
des Feldzugs in Deutschland 1800 verweise ich ein für allemal auf die 
Bemerkungen Hü f fers in Quellen II, 394 ff. — Napoleons Kritik an Engen 
(Correspondance XXX, 487 und Gourgaud I, 187f ) ist zu scharf. 

=) Picard — Azan 11,61 hält diese Zahlen für zu niedrig; die 
französischen Angaben über die österreichischen Verluste sind jedenfalls 
weit übertrieben (ebda. S. 27, 333 f.). 

^) Kriegsarchiv V, 38, 55, 72, 143, 145. — *) Ebda. V, 135V2. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. )uli. 279 

rische Abteilung von 3- bis 4000 Mann unter Wrede^) ver- 
einigen. Beide blieben aber auf dem linken Donauufer, da 
der Weg von Geisingen nach Engen nicht mehr frei war. 
Von Liptingen an wurde die Armee in zwei Kolonnen ver- 
einigt und über Schwandorf — Krumbach bezw. über Neu- 
hausen— Worndorf nach Meßkirch geführt, wohin auch Josef 
Lothringen von Sigmaringen beordert wurde. Es war ein über- 
aus anstrengender, z. B. zehnstündiger Marsch, den die Öster- 
reicher, ohne nach der Schlacht recht gerastet zu haben, von 
Engen bis Meßkirch zurücklegten, wo sie erst spät am 4. 
anlangten. Sie waren unverfolgt geblieben"'), aber als am 5. 
morgens das Korps Lecourbe, dem sich Lorge wieder bei- 
gesellt, das am längsten geruht und den kürzesten Weg 
hatte, den Österreichern nahe rückte, entspann sich aus dem 
Geplänkel der Vorposten allmählich eine neue sinn- und plan- 
lose Begegnungsschlacht, oder besser eine Reihe von Einzel- 
gefechten. 

Moreau hat allem Anschein nach auch für den 5. keine 
Schlacht erwartet und beabsichtigt''), doch regte Lecourbe einen 
Vormarsch auf Meßkirch zur Abdrängung der Österreicher an 
die Donau an, und Moreau wie Dessolle gingen darauf ein*). 
Wenn aber Moreau am 4. anscheinend abermals einige Un- 
entschlossenheit zeigt, so verdient er doch kaum den Tadel 
Napoleons^) dafür, daß eine Verfolgung unterblieben war, und 
daß er Lecourbe nicht vor den Österreichern liach Meßkirch 



') Näheres über die Schicksale der bayrischen Truppen im Feldzuge 
von 1800 zu finden bei ). Heilmann, Der Feldzug von 1800 in Deutsch- 
land mit besonderer Bezugnahme auf den Anteil der bayrischen Truppen. 
Berlin 1886. Dasselbe in „Jahrbücher für die deutsche Armee und Marine" 
Bd. 54 S. U5ff., 273ff. und 55,1 ff., 117ff., 237ff.; letzteres von mir 
zitiert. Vgl. auch H eil mann, Feldmarschall Fürst Wrede. Leipzig 1881 
und über die sonstigen bayrischen Verhältnisse außer Hei gel, Deutsche 
Geschichte von 1786/1806 Bd. 11, vor allem Dumoulin — Eckart, Bayern 
unter dem .flinisterium Montgelas, München 1895, I. Band ^ 1799' 1800), der 
auch die kriegerischen Ereignisse berücksichtigt. 

') Nach Philebert p. 373 war Lecourbe erkrankt. 

') Picard-Azan 11, 87. — Nach )omini, der die mßnahmen 
Moreaus XIII, 144 f. verteidigt, wollte Jioreau wohl eine Schlacht, bevor 
die österreichischen Verstärkungen herankamen. 

*i Ebd.i. II, 88 f., 139, 329 f. - r Gourgaud I, 188. 



280 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

entsandt. Es hätte allerdings einen glänzenden Erfolg geben 
können, aber da St. Cyr und Ste. Suzanne nocn zu weit zurück 
waren, wäre das Wagnis für einen Moreau wohl zu groß ge- 
wesen^). 

Die nicht ungünstige Aufstellung Krays dehnte sich, Meß- 
kirch vor der Front, von Thalheim (rechts) über Rohrdorf nach 
Menningen (links) aus. Die Vorposten unter Nauendorf standen 
an der Straße Stockach-Meßkirch und Liptingen-Meßkirch ; 
auch der bewaldete Bergabhang bei Schnerkingen an der 
Straße nach Pfullendorf war besetzt. Etwa 10 bis 15 Kilo- 
meter von der Armee entfernt stand bei Neuhausen ob Egg 
der auf 21 Bataillone und 46 Schwadronen verstärkte Erz- 
herzog Ferdinand; die Gefahr lag vor, daß ihm der Weg zur 
Armee von den Franzosen abgeschnitten wurde. 

Schon um 2 Uhr morgens, aber doch nach über 24 stün- 
diger Ruhepause, war Lecourbe in drei Kolonnen aufgebrochen. 
Die rechte unter Vandamme wandte sich, eine Abteilung gegen 
Pfullendorf sendend, gegen Klosterwald, die mittlere (Mont- 
richard und die Reserve) auf der Straße nach Krumbach, die 
linke (Lorge) gegen Heudorf. Moreau mit dem Reservekorps, 
das am 4. eine Bewegung nach Osten gemacht, sich von 
Engen über Aach nach der Stockacher Straße gezogen hatte, 
folgte dem rechten Flügel in erheblichem Abstand; voran die 
Division Delmas, die links von Lecourbe ins Gefecht eingriff, 
dann Bastoul, links von Delmas; als Reserve hinter beiden 
Richepance. 

St. Cyr, der am 4. ebenfalls nach Osten zwischen Engen 
und Aach beordert war, führte diese Befehle nur zögernd 
und teilweise aus, weil er seine linke Flanke für bedroht hielt 
und seine Verbindung mit Suzanne nicht gefährden wollte. 
Dieses eigenmächtige Verfahren St. Cyrs ist hier ganz gewiß 
nicht zu billigen, und Moreau bestand auch sehr energisch 
auf seinem Befehl, doch war mit Ausnahme der Division Ney 



*) Die Hier vor den Österreichern zu erreichen, bezeichnet Dessol 1 e 
in einem Briefe an Berthier vom 5. Mai als Ziel Moreaus (Picard — 
Azan II, 99). Übrigens hatte, wie ein anderer Brief Dessolles zeigt (ebda. 
II, 328), Moreau daran gedacht, Lecourbe schon am 4. nach Meßkirch 
zu senden. 



I 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. )uli. 



281 



das Korps St. Cvrs am Abend des 4. erst in der Gegend 
von Engen. Von hier rückte St. Cyr am 5. zwischen der 
Donau und der Straße Engen-Liptingen vor. Ste. Suzanne, 
der am 4. seine Stellungen im wesentlichen beibehalten hatte, 
war noch zu weit zurück, um in den Kampf bei Meßkirch 
einzugreifen; er war für den 5. nach Geisingen, d. h. in die 
linke Flanke St. Cyrs beordert^). 



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Qt(xnßcba&,^:5ÖOOOO. 



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Bei dem Vorpostengefecht in dem offenen Raum zwischen 
Meßkirch und dem südlich gelegenen Wald blieben die Öster- 
r eicher, na mentlich dank ihrer überlegenen Artillerie, Mont- 

') Picard — Azan II, 73ff. bezw, 89 ff. über die französischen Be- 
ziehungen am 4. und 5. 



282 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

richard gegenüber im Vorteil und drängten die Franzosen 
unter starken Verlusten immer wieder in den Wald zurück. 
Gegen den österreichischen rechten Flügel richtete inzwischen 
Lorge, der hinter Montrichard eintraf, den Hauptangriff, und 
um den Besitz von Heudorf wurde lange und mühsam — 
von Heudorf bis Meßkirch dehnte sich vor der Stellung der 
Österreicher eine Schlucht aus — gekämpft, bis es schließ- 
Hch in den Händen der Franzosen blieb. 

Auf ihrem rechten Flügel fiel der Erfolg den Franzosen 
leichter zu. Vandamme, der von Klosterwald über Schner- 
kingen vor Meßkirch anlangte, schickte einige Bataillone zur 
Umgehung des schwachen linken österreichischen Flügels gegen 
Menningen, während er mit dem Rest seiner Truppen (Bri- 
gade Molitor), unterstützt von der Mittelkolonne, die durch 
Vandammes und Lorges Vorrücken Luft bekam, und der Re- 
serve Nansoutys, den Österreichern gegen 1 Uhr mittags Meß- 
kirch entriß. Seine Aufstellung auf den Höhen jenseits der 
Stadt veranlaßte den linken österreichischen Flügel und die 
Abteilung bei Schnerkingen zum Rückzug auf Engelswies. Der 
linke österreichische Flügel schied so für den weiteren Ver- 
lauf der Schlacht fast aus^). Daß er so schwach, war für 
die Österreicher verhängnisvoll, denn hätte er gesiegt, wäre 
ihnen wohl die Straße nach Ostrach erhalten geblieben. Daß 
Kray seinen rechten Flügel so verstärkte, geschah wohl mit 
Rücksicht auf Erzherzog Ferdinand. Oder hatte Kray die Ab- 
sicht, die französische Aufstellung zu durchstoßen, Moreau 
auf die Verbindungslinie zu kommen und von Lecourbe zu 
trennen? Das ist vermutet und gepriesen worden"), doch 
möchte ich Kray einen so kühnen Entschluß nicht zutrauen. 

Auch in der Mitte brannte allmählich das Gefecht ab. 
Nur auf dem rechten österreichischen Flügel wurde noch heftig 



^) Es fällt auf, daß Lecourbes Erfolg den Gang des Gefechtes auf dem 
rechten österreichischen Flügel so wenig beeinflußte und daß er nicht den 
Versuch machte, den Österreichern auch die Straße nach Sigmaringen 
streitig zu machen, was um so verhängnisvoller geworden wäre, da die 
Tuttlinger bereits in französischen (Neys) Händen war. Man möchte 
fast von zwei getrennten Gefechten am 5. sprechen; eine einheitliche 
Leitung durch Moreau hat jedenfalls nicht stattgefunden. 

"■) Z. B. jomini XIII, 156f. und Picard — Azan 11, 123. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. )uli. 283 

gekämpft. Kray hatte gegen Heudorf und Thalheim so viele 
Verstärkungen geworfen, daß es gelang, Lorge Heudorf wieder 
zu entreißen. Für den weiteren Verlauf des Gefechtes wurde 
dann von Bedeutung, daß Erzherzog Ferdinand, der gegen 
2 Uhr mittags von Neuhaus kommend im rechten Flügel der 
Armee bei Buchheim anlangte, aus eigenem Entschluß den 
französischen Hnken Flügel bei Altheim anfiel und auch Krum- 
bach wegnahm, da er die Gefahr erkannte, die in einem sieg- 
reichen Vorstoß des Feindes für seine Verbindungen mit Kray 
lag. Als daraufhin auch Riesch vom rechten Flügel Krays er- 
neut vorrückte, wurde die Lage der Franzosen recht bedroh- 
lich. Mangelhafte Ortskenntnis hatte die unglaubliche Dispo- 
sition veranlaßt, daß auf einer Straße hintereinander fünf Divi- 
sionen aufmarschierten. Es war ein Glücksfall, daß die nach 
und nach eintreffenden Divisionen des Reservekorps, die 
hinter Lecourbe einherzogen, immer gerade zur rechten Zeit 
eintrafen, um kritische Momente zu überwinden. Aber auch 
Delmas, dem Bastoul (Nachfolger Leclercs) und schließlich 
Richepance folgten, traf erst nach dem Eingreifen Erzherzog 
Ferdinands ein^). 

So waren die Österreicher alles in allem auf dem rechten 
Flügel schließhch im Vorteil, bis gegen Abend Richepance 
die Schlacht zugunsten der Franzosen entschied. Aber die 
Österreicher hatten, vom linken Flügel abgesehen, ihre Haupt- 
stellungen im wesentlichen bewahrt und blieben bis zum Morgen 
des 6. auf dem Schlachtfelde, freilich mit einem Verlust von 
477 Toten, 1919 Verwundeten und 1571 Gefangenen"). 

*) Das Ausbleiben St. Cyrs am 5. — nur die Division Ney von seinem 
Korps geriet an diesem Tage unwesentlich an den Feind (vgl. Bonnal 
a. a. O. I, 284 ff.) — harmlos zu erklären, vermag ich mich nach dem 
Quellenstand nicht zu entschließen. St. Cyr selbst entschuldigt seine 
Untätigkeit (Memoires II, 186ff.) mit mangelnden Befehlen Moreaus. Volle 
Klarheit ist darüber nicht zu gewinnen (vgl. Picard II, 139 f., 144 f., 331). 
— )omini hat (XIII, 146, 155) St. Cyr schwer getadelt, Bonnal I, 286 
macht den seltsamen Entschuldigungsgrund geltend, eigene Initiative sei 
damals nicht iMaxime gewesen, sei erst Neuerung Napoleons. — Auch 
Ste. Suzanne beeilte sich am 5. wenig, St. Cyr und Moreau näher zu 
kommen, gelangte nur in die Stellungen zwischen Donaueschingen und 
Geisingen. Wen daran die Schuld trifft, vermag ich nicht festzustellen. 

^ Die französischen Verluste an Toten und Verwundeten waren, nach 
dem Gang des Gefechtes zu urteilen, gewiß nicht geringer als die 



284 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

Die Straße nach Sigmaringen hätte Kray auch ohne Schlacht 
ziehen können. Wenn es Kray nicht erneut wagte, sich die 
Straße nach Mengen, d. h. die Verbindung mit Reuß, zu er- 
kämpfen, so war das nach der Schlacht am 5. wohl gerecht- 
fertigt. Der Erfolg wäre bei der Ermattung der Truppen 
und dem numerischen Verhältnis höchst ungewiß gewesen. 
In der Lage nach Meßkirch rächten sich frühere Fehler, Von 
den drei Wegen, die den Österreichern offen standen, nach- 
dem sie sich von den Franzosen hatten überrumpeln lassen, 
nämlich: sich an die Donau zu lehnen, sich nach Tirol zu 
schlagen, oder an der Hier Stellung zu nehmen und Sztäray 
und Reuß dorthin zu ziehen, war letzterer der beste. .Den 
Vorsprung, den Kray am 4. gewonnen hatte, hätte er be- 
nutzen sollen, um ohne Schlacht nach Mengen zu ziehen. 
Wenn nicht das, sondern, was zu tadeln wäre, Rückzug hinter 
die Donau von vornherein seine Absicht war, hätte er erst 
recht die Schlacht des 5, vermeiden müssen. Nach Meß- 
kirch zwang ihn wohl die Lage, sich zunächst mit seinem 
bisher isolierten rechten Flügel zu vereinigen, da der direkte 
Weg zum linken aufs höchste gefährdet war. 

Unter den Augen des Feindes ging die österreichische 
Armee im Laufe des 6. bei Sigmaringen auf das linke Donau- 
ufer; die Nachhut hatte Mühe genug, die ungestüm nach- 
drängenden Franzosen — namenthch die Division Ney — , 
denen noch zahlreiche Gefangene in die Hände fielen, zurück- 
zuhalten^). 

Die französische Verfolgung hätte gleichwohl noch nach- 
drücklicher sein können. Bereits in der Nacht begann die 
österreichische Armee den Abmarsch von Sigmaringen nach 
Langenenslingen, wo auch Kienmayer sich mit dem Gros 



österreichischen. — Bei Meßkirch und den folgenden Gefechten dieses 
Feldzuges waren die von dem Arzte Percy eingerichteten mobilen Sanitäts- 
kolonnen in Tätigkeit. Percy regte auch an, durch Vertrag mit Kray die 
Hospitäler unverletzlich zu machen. Percy, Journal des campagnes, 
Paris 1904, p. 52 ff. 

1) Kriegsarchiv V, 146-159; H. K. R. V, 36; Ö. M. Z. 1836 II, 
13ff.; Picard 11, 71 ff., 330 ff., 376 ff.; Car r i on - Ni sas a. a. 0. 
p. 92ff.; Gouvion St. Cyr, Memoires II, 173 ff.; Jomini XIII, 145 ff.; 
Spectateur militaire IX, 244 ff.; Günther 111 ff. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. )uli. 285 

vereinigte, während Sztäray, der am 7. gegen Hechingen mar- 
schierte, an diesem Tage die allgemeine Anweisung erhielt, 
das linke Donauufer von feindlichen Streifereien frei zu halten 
und Ulm stets näher zu sein als der Feind. Außerdem sollte 
er Streifpartien bis an den Rhein senden und die Verbindung 
mit Philippsburg und Mannheim möglichst aufrecht erhalten^). 

Diese Anweisung entspricht bereits dem Entschluß Krays, 
auf das rechte Donauufer zurückzukehren. Es war ihm 
gemeldet worden, daß der Feind sich den österreichischen 
Magazinen in Biberach nähere, und damit zugleich sich zwi- 
fechen ihn und Reuß einschiebe. Aber war das nicht zu 
erwarten gewesen? Was war dadurch erreicht worden, daß 
Kray die Armee auf das linke Donauufer führte, um ohne 
Rasttag wieder auf das rechte zurückzukehren? Läßt sich, 
lediglich um die Biberacher Magazine zu retten, Krays gefähr- 
licher Marsch dorthin und das Blutvergießen dort rechtfer- 
tigen? Das ist gewiß zu verneinen. Da aber Kray jetzt 
und auch später noch an der Vereinigung mit Reuß fest- 
hielt, ist durchaus anzunehmen"-), daß das Hauptmotiv seines 
gefährlichen Marsches über Biberach an die Hier die Hoff- 
nung gewesen ist, dabei die Vereinigung mit Reuß zu er- 
reichen. Für die Wahl des Weges wird vor allem berück- 
sichtigt werden müssen, daß den Österreichern auf dem rechten 
Ufer der Donau nach dem Tage von Meßkirch kein Weg zur 
Verfügung stand, um Mengen, d. h. die Straße nach Bibe- 
rach, kampflos zu erreichen, da die Franzosen am Abend dei 
Schlacht das Ablachtal besetzt hielten. 

Zwischen diesem und der Donau war das Korps St. Cyr 
verteilt, Ste. Suzanne stand einen Tagemarsch zurück auf dem 
linken Donauufer bis Geisingen, das Reservekorps zwischen 
Meßkirch und Klosterwald, Lecourbe zwischen Pfullendorf und 
Großstadelhofen, eine Brigade unter Laval zur Beobachtung 
von Reuß gegen Vorarlberg bei Wintersulgen. Aus diesen 
Stellungen heraus bewegte sich die französische Armee nach 
Osten gegen Buchau und die Schüssen. Noch am Abend des 



') Kriegsarchiv V, 160, 187. 

■) Jomini XIII, 161 f., meint, die Magazine waren das Motiv für 
den österreichischen Entschluß. 



286 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

5. ergingen Moreaus Befehle^) an St. Cyr und Ste. Suzanne 
unverzüglich nach Osten aufzubrechen, um in starken Märschen 
in die Höhe der übrigen Armee zu kommen, die während- 
dessen nur langsam vorrückte. Die ganze Bewegung gravi- 
tierte nach der rechten Flanke und zeigt die stets von Mo- 
reau festgehaltene Tendenz, Kray und Reuß zu trennen und 
die Straße nach München zu gewinnen. Am 7. hat die fran- 
zösische Linie fast eine nordsüdliche Richtung erlangt; am 
8. steht sie, Front nach Osten, konzentriert^). Diese Ope- 
rationen sind an sich zweifellos nicht zu tadeln, aber viel- 
leicht hätten sie noch rascher erfolgen können, denn über 
diesen französischen Bewegungen haben die Österreicher ihren 
doppelten Donauübergang ermöglichen und einen Vorsprung 
erringen können, dessen richtige Ausnutzung sie freilich wieder 
versäumen sollten. _ ^ 

An der Front der französischen Aufstellung vorbei, seine 
rechte Flanke gefährlich preisgebend, lediglich schwache Ab- 
teilungen unter Merveldt und Kienmayer zwischen Herber- 
tingen - Saulgau, bezw. Ertingen - Kanzach als Flankendeckung, 
führte Kray seine Armee in der Nacht vom 7./8. Mai bei 
Riedlingen und Daugendorf in zwei Kolonnen über den Strom 
und nach einigen Stunden Rast am Fuße des Bussenberges 
über Uttenweiler, bezw. Offingen-Dieterskirch-Singen-Aßmajins- 
hard und Warthausen am 8. nachmittags nach Biberach. Es 
waren zusammen 57 Bataillone und 6Q Schwadronen. Nauen- 
dorf nahm mit 52/3 Bataillonen und 30 Schwadronen als Nach- 
hut bei Uttenweiler Aufstellung; auf dem linken Ufer, wo 
alsbald Ste. Suzanne in die verlassenen österreichischen 
Stellungen einrückte, blieben nur kleine Streifkommandos zu- 
rück. 

Die breite, von steilen Rändern eingesäumte sumpfige Tal- 
schlucht des Rißbaches, in der auch Biberach liegt, vor der 
Front, stellte Kray seine Armee zwischen Mettenberg (rechter) 
und Ummendorf (linker Flügel) auf; die Höhen des Kigl- 
berges und des Lindenberges, die sich westlich von Biberach 
erheben, nach der Stadt steil abfallen, vom Federsee her da- 
gegen langsam ansteigen, hielt Kienmayer mit 10 Bataillonen 



') Picard II, 178 f. — "■) Ebenda II, 180ff. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. )ul 



287 



und 24 Schwadronen besetzt; die Vorposten standen bei Ober- 
dorf, Groth, Steinhausen und Ingoldingen. 

Die Aufstellung Kienmayers in schwierigem Gelände, mit 
nur einer Passage bei Biberach im Rücken, ist wohl durch die 
Rücksicht auf die Vorräte in Biberach zu erklären. 



St(Y:acfu91knuTiuuytuQECin. f 9.91i-at '15.9unL ) 




jf*- 



Moreau hatte offenbar für den 9. keine Schlacht erwartet, 
überhaupt nicht vermutet, daß Kray auf dem Wege nach der 
Hier sich ihm entgegenstellen würde. Dafür spricht die Ent- 
fernung Moreaus auf den linken Flügel, dafür seine Be- 
fehle für den 9/). Das rechte Korps sollte demnach in der 
Richtung auf Memmingen vorrücken, rechts gegen Bodensee- 

') Picard II, 206 ff. 



288 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

Vorarlberg Deckung nehmend; das Reservekorps auf Bibe- 
rach-Ochsenhausen auf den Straßen Saulgau-Biberach, Saul- 
gau, bezw. Reichenbach-Ochsenhausen, Schussenried-Biberach, 
bezw. Ochsenhausen; St. Cyr sollte in eine Stellung östlich 
von Biberach einrücken, links an den Rißbach, rechts an das 
linke Dirnachufer bei Schnaitbach gelehnt. Die Befehle für 
Suzanne liegen nicht vor; er ist am 9. in nordöstHcher Richtung 
in die Stellung Harthausen-Andelfingen-Riedhngen vorgerückt. 

Am 8. abends hatten die Franzosen einige österreichische 
Vorposten geworfen. Am 9. morgens 10 Uhr, drang St. Cyr, 
dem wie Moreau das Gelände von einem glücklichen Gefecht 
während des Rückzuges von 1796 vertraut war, von Buchau 
über Oggeltshausen und Oberdorf gegen die Stellungen Kien- 
mayers vor und bedrängte ihn hart. Zeitiger noch war Riche- 
pance, von Reichenbach kommend, vorgerückt, hatte die weit 
vorgeschobenen österreichischen Vorposten bei Steinhausen 
und Groth auf Ingoldingen zurückgeworfen, vermochte aber 
dann das Gefecht stundenlang nur hinhaltend zu führen, bis 
die hinter ihm marschierende Division Baraguay sich links 
von ihm entwickelte. Jetzt erst konnte er auf der großen 
Straße gegen Biberach vordringen, wo er gerade eintraf, als 
St. Cyr mit den Divisionen Tharreau und Baraguay Kienmayer 
aus seinen Stellungen geworfen hatte und, ihn hinter den Riß- 
bach verfolgend, zugleich mit den Österreichern in die Stadt 
eindrang und die Rißbrücke wegnahm. 

Noch stand aber die österreichische Hauptmacht auf den 
Höhen rechts des Baches unerschüttert. St. Cyr zauderte nicht, 
obwohl er in der Minderzahl war, in überaus schneidigem 
Angriff auch diese Höhen jenseits der Talschlucht zu stürmen 
und dadurch das Zentrum der österreichischen Hauptstellung 
zurückzudrängen. Inzwischen hatte Richepance den linken 
Flügel des Gegners erfolgreich angegriffen, und hatte Delmas, 
der von Schussenried kam, Schweinhausen und Appendorf 
nach längerer Kanonade eingenommen. Aber auch damit war 
die österreichische Stellung noch nicht erschüttert; eine große, 
das Rißtal bestreichende Batterie, die bei Jordansbad auf- 
gestellt war, gewährte ihr Halt; Richepance stürmte sie schließ- 
lich unter großen Verlusten mit dem Bajonett, während gleich- 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 289 

zeitig zwei Kavallerieregimenter von der Straße Biberach-Mem- 
mingen her einen Flankenangriff machten. Indem auch Delmas 
vorrückte, war der linke österreichische Flügel zum Rückzug 
genötigt. Den rechten österreichischen Flügel hatte St. Cyr 
anfangs nur durch Teile der Division Ney ohne Kampf in 
Schach halten lassen. Gegen Abend wich auch er zurück 
nach einem Gefecht mit den von Berghausen andrängenden 
Truppenteilen St. Cyrs. 

Der Rückzug der Österreicher erfolgte im allgemeinen 
in guter Ordnung über Ochsenhausen. Die Nachhut Nauen- 
dorfs, die beständig von der Division Legrand umschwärmt 
worden war, langte von Uttenweiler, gerade als Biberach ver- 
loren ging, bei Warthausen an, kämpfte hier eine Zeit lang 
und suchte dann über Galmutshöfen die Verbindung mit Krays 
rechtem Flügel; GNTilay, der hinter ihm herzog, beorderte 
Nauendorf, damit er nicht abgefangen würde, nach Laupheim, 
wohin auch er sich schließlich wandte, als er zwischen sich 
und dem rechten Flügel Krays bei Mettenberg bereits Fran- 
zosen antraf, die zu durchbrechen er sich zu schwach 
fühlte'). 

Der Tag hatte den Österreichern fast 4000 Mann ge- 
kostet, darunter 2752 Gefangene; in Biberach fielen große Vor- 
räte in die Hände der Franzosen"). 

Wie Engen und Meßkirch ist auch Biberach ein durch- 
aus unzusammenhängendes Gefecht. Im Vormarsch entwickelten 
sich aus den Bewegungen der Divisionen Richepance, Tharreau 
und Baraguay mit den Österreichern Gefechte, deren Durch- 
führung im einzelnen durchaus der Initiative der Divisionäre 
überlassen bleibt. Denn Moreau war ja unterwegs zum linken 
Flügel, war erst durch den Kanonendonner und Adjutanten 

^) Kray wunderte sich über Nauendorfs Rückzug nach Laupheim „um- 
somehr als ich während der dortigen Affaire den Augenblick gesehen, 
wo Ihre nahe Stellung an der Armee und ein Angriff mit Ihren Truppen 
einen wesentlichen Unterschied hätte hervorbringen können". Gleich- 
wohl übertrug er N. das Kommando des verwundeten Kienmayer. 
Kriegsarchiv V, 209. 

') Kriegsarchiv V, 204—11, 596; O. M. Z. 1836, II, 15 ff.; 
Picard II, 215 ff., 354 ff.; Gouvion St Cyr, Memoires II, 210ff.; 
Jcmini XIII, 161 ff.; Carri on-N i sas p. 96 ff. 

Herrmann, Der Aufstieg Napoleons. 19 



290 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

auf das Schlachtfeld gerufen worden und bei Biberach ein- 
getroffen, als die Höhen jenseits des Rißbaches bereits ge- 
stürmt waren. 

Hat er so an dem Schicksal des 9. keinen Anteil ge- 
habt, so sind seine Anordnungen für den folgenden Tag^) 
von hohem Interesse. 

Das Korps Lecourbe wurde nach Memmingen dirigiert, 
vom Reservekorps die Division Delmas in die Gegend von 
Ochsenhausen, um eventuell Lecourbe zu unterstützen. Die 
Reservekavallerie d'Hautpouls sollte zu gleichem Zwecke 
Delmas folgen. Im übrigen veränderte das Reservekorps und 
ebenso das Korps St. Cyr seine Stellungen am 10. nur un- 
bedeutend; nur die Straße über Laupheim-Ulm wurde auf- 
geklärt. Noch deutUcher als diese Anordnungen zeigen die 
Befehle für Suzanne, daß es die Generalidee Moreaus ist, 
den Österreichern, die er auf Ulm zurückweichend annimmt, 
durch eine Frontveränderung seiner ganzen Aufstellung nach 
dort zu folgen; Suzanne ist der Angelpunkt, Lecourbe der 
marschierende Flügel. Suzanne sollte seine Stellung nach den 
Umständen erwählen; er nahm sie am 10. auf beiden Ufern 
der Lauter, d. h. in einer Linie mit der übrigen gegen Ulm 
Front machenden Armee. 

Das Ganze diente abermals Moreaus Ziel, Kray von Tirol 
fernzuhalten und an die Donau zu drängen. Darüber versäumte 
er aber eine energische Verfolgung der Österreicher und setzte 
er Lecourbe^) am 10. in ziemlicher Isolierung einem Teilstoß 
aus, der ihm leicht hätte gefährlich werden können. Bezeichnend 
für die Auffassung Moreaus ist, daß er am 10. sein Haupt- 
quartier in Saulgau nahm, also erheblich rückwärts von 
Biberach. 

Am Morgen des 10. bereits brachen die Österreicher aus 
ihrem Nachtlager bei Ochsenhausen-Erlemoos nach Menimingen 
auf, wo sie in ihren Stellungen auf dem erhöhten rechten Iller- 
ufer noch nicht fertig eingerichtet waren und die Brücke über 
die Aitrach noch nicht abgeworfen hatten, als sie um die 



1 



') Picard'Azan II, 233 ff. 

") Lecourbe übernahm am 10. das Kommando seines Korps wieder 
von Vandamme, der ihn während seiner Krankheit vertreten hatte. 



{ 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 291 

Mittagsstunde von Teilen^) des Korps Lecourbe angegriffen 
wurden. Es waren die Divisionen Lorge und Montrichard, die 
am Morgen von Wurzach her über Aitrach, am Zusammen- 
fluß von Aitrach und Hier, vorgedrungen waren. Die Öster- 
reicher wurden zurückgedrängt, behaupteten aber die Stellungen 
unmittelbar um Memmingen, in denen sie freilich von den 
nur allmählich eintreffenden Franzosen auch nicht ernstlich 
angegriffen wurden. Die Tapferkeit der Bayern Wredes, die 
als erste Staffel des bayrischen Kontingents am 4. angelangt 
und bei Meßkirch zum ersten Male ins Gefecht gekommen 
waren, wurde hier besonders gelobt^). Als gegen Abend ein 
Teil der Division Lorge seine rechte Flanke bedrohte, ent- 
schloß sich Kray zum Rückzug auf Ulm, der noch in der 
Nacht auf der Straße über lUertissen angetreten wurde. Am 
11. war die schützende Festung erreicht, ohne daß die Fran- 
zosen den vierzehnstündigen (!) Marsch, bei dem einige be- 
greifliche Unordnung geherrscht zu haben scheint, ernstlich 
bedroht hätten^). 

Moreau wußte am Abend des 10. — hier rächte es sich, 
daß er den Österreichern nicht mit dem Gros seines Heeres 
auf den Fersen geblieben war — nichts über die Lage bei 
Memmingen und gab darum dem Reservekorps und dem Korps 
St. Cyr Befehle^), aus ihren Stellungen östlich und nordöstlich 
nach der Hier vorzustoßen, um eventuell die Österreicher an- 



') Vandammes Division war geteilt. Laval stand an der Straße 
Wangen— Kempten, Molitor rückte infolge Mißverständnisses (?) nicht ent- 
sprechend vor und kam darum bei Memmingen nicht zum Schlagen. 
Picard-Azan 11, 245 ff. 

') H. K. R. 45. Beilage: Bayrische Verlustliste. Am 5. Mai = 6 Tote, 
52 Verw., 202 Cef., am 10. = 8, 87, 649 (!). Vgl. Jahrbücher usw. 
54, 162 f. 

') Kriegsarchiv V, 219—23, 232'/4, ad 234, 278, H. K. R V, 37; Ö. 
M. Z. 11, 25 ff.; Ricard 11, 240 ff., 362, 373, 375 f.; Carrion-Nisas p. 100 ff. 
Seine Grundlagen sind die meisterhaft geschriebenen Berichte Dessolles 
är den Kriegsminister. Dieses „Bulletin de l'armee du Rhin" wurde, da 
es schon vom Januar 1801 an im Moniteur und in der Allgemeinen Zeitung 
zum Abdruck gelangte, überhaupt die Grundlage für alle Darstellungen 
der Vorgänge auf französischer Seite. Obwohl stark auf französische 
Leser berechnet, ist das Bulletin im großen und ganzen ziemlich zuverlässig. 

*) Picard-Azan II, 262ff. 

19» 



292 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

greifen oder ihrer Offensive begegnen zu können. Sie kamen 
natürlich zu spät. Am 11. besetzte Lecourbe Memmingen, 
wo abermals große Vorräte in die Hände der Franzosen fielen; 
am 12. stand das Reservekorps auf dem rechten lUerufer, 
St. Cyr in dem Winkel zwischen Hier und Donau, links der 
Hier, Ste. Suzanne in seinen alten Stellungeni). 

Es ist unbestreitbar, daß die Österreicher dringend der 
Ruhe bedurften-). Aber war diese notwendige Ruhe nur durch 
einen Rückzug nach Ulm zu erreichen, der Kray auf die fast 
gelungene Verbindung mit Reuß verzichten ließ ? Kray gab den 
Gedanken an diese nicht etwa auf, sondern ließ auf der Straße 
von Memmingen nach Mindelheim 1000 Reiter stehen, um 
die Verbindung mit Reuß, die auch alsbald bei Kempten er- 
reicht wurde^), zu sichern. 

Was aber hat Reuß getan, um die Hauptarmee zu ent- 
lasten und Krays Bemühungen, sich mit ihm zu vereinigen, 
entgegenzukommen? Daß er den Befehl Krays, einen Vor- 
stoß vom Oberrhein in die Schweiz zu machen, in der Nacht 
des 2. nicht ausführte, weil er den Rheinübergang Lecourbes 
erfahren hatte, wird kaum zu billigen sein, da er nicht schaden, 
wohl aber möglicherweise von großem Nutzen sein konnte. 
Anders lagen dagegen die Dinge, als Kray von Engen aus 
Reuß erneut eine Diversion befahl. Das Vordringen Lecourbes 
nach seinem Siege bei Stockach hatte inzwischen Reuß' rechte 
Flanke bedroht, und sie zu sichern, war sein Hauptstreben. 
Er ließ zu diesem Zwecke zunächst durch 7 Bataillone und 
3 Schwadronen die Linie Lochau-Leitenhofen-Heimenkirchen 
besetzen, die ihm nötigenfalls den Zugang zu den nördlichen 
Tiroler Pässen erleichtern sollte. Am 8. sandte er dann auf 
Krays Aufforderung, um Merveldt, der als Flankendeckung 
der nach Biberach ziehenden Armee auf Waldsee komman- 
diert war, entgegenzukommen, den Grafen Grünne mit 6 Ba- 
taillonen und 9 Schwadronen in der Richtung auf Wangen ab. 
Da aber der Vormarsch Lecourbes Merveldt hinderte, Wald- 



') Picard — Azan II, 298 ff. 

") „Über den Feldzug der deutschen und französischen Armee ir 
Deutschland im Sommer und Winter 1800". Von einem Mitkämpfer o. 0| 
1801 S. 34. 

=) Wien. Kriegsarchiv, H. K. R. V, 38. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. luli. 293 

See zu erreichen, und der oben (S. 285) erwähnte Laval, von 
Ravensburg nach Leutkirch marschierend, die Straße nach 
Waldsee kreuzte, bog Grünne rechts ab, um über Isny die Hier 
und Kempten vor den Franzosen zu erreichen. Er langte auch 
gerade noch rechtzeitig in Kempten an, um durch einen kühnen 
Vorstoß auf der Leutkirchener Straße, die schon von Altesried 
heranrückenden Franzosen zurückzuscheuchen. 

Reuß entschloß sich jetzt, was auch durch die Stellungen 
der französischen Armee gerechtfertigt war, den vorderen Teil 
Vorarlbergs mit Bregenz gänzlich preiszugeben. Mit 12 Ba- 
taillonen und 8 Schwadronen besetzte er die Pässe bei Immen- 
stadt, Füssen und Reutte. Hiller deckte mit seinen 5 Bataillonen, 
dem Schweizerregiment Salis und 2 Schwadronen nach wie vor 
Graubünden, Jellachich mit 6 Bataillonen, dem Schweizerregi- 
ment Bachmann und 4 Schwadronen stand längs des bei Hohen- 
ems in den Rhein mündenden Baches und unterstützte die Vor- 
arlberger Miliz im Bregenzer Wald. Lindau und Bregenz waren 
bald nach Reuß' Abzug von Laval, bezw. Lapoype besetzt 
und erhebliche Vorräte, die man hätte retten können, erbeutet 
worden^). Weitere Gefahren erwuchsen aber Reuß von dieser 
Seite vorerst kaum, da die Franzosen in der Schweiz nach Ab- 
zug des nach Italien bestimmten Korps nur schwach waren. 

Hätte also Reuß auch ohne Befehle Krays mehr tun sollen 
und können, um die Fühlung mit diesem zu bewahren? Es 
wäre allerdings wohl einer Preisgabe der ihm zugewiesenen 
Aufgabe, Tirol zu decken, gleichgekommen. Aber daß man an 
dieser Aufgabe so starr und mechanisch festhielt, war eben 
nicht zu billigen. Reuß hat keinerlei Initiative bewiesen, aber 
die größere Schuld daran, daß Reuß nur ganz ungenügend in 
Aktion trat, trifft Kray, der sich von dem Tiroler Korps und 
seiner direkten Kommunikationslinie mit den Erbstaaten so 
entfernt hatte, daß Moreau auf ihr vorstoßen konnte. Die 
verlustreichen Gefechte von Engen und Meßkirch wären ver- 
mieden worden, ohne den Grundfehler, daß Kray seine linke 

') Kriegsarchiv V, ad 234, 311 V^; Ö. M. Z. 1836, II, 19, 27 ff.; 

Günther S. 116; Burckhardt a. a. O. S. 360 ff. über das Regiment 

Bichmann und die Legion Managhetta in Voralberg (bei Jeliachichs 
KcTps). 



294 Der Feldzug in Deutschland bis zum 



Flanke vernachlässigte, Lecourbe so leichten Kaufes über den 
Rhein ließ und sich nicht von vornherein möglichst nach 
seinem linken Flügel, etwa auf Ostrach, rückwärts konzen- 
trierte. Daß es ihm noch nach Meßkirch möglich gewesen 
wäre, die Straße über Mengen nach Ostrach zu erzwingen, 
also nicht über die Donau zu gehen, um einige Meilen weiter 
abwärts wieder auf das rechte Ufer zurückzukehren, ist schon 
oben verneint worden. Zweck der einen wie der anderen 
Maßnahme war jedenfalls, und das ist durchaus zu billigen, die 
verlorene Verbindung mit Reuß wieder zu gewinnen. Noch 
am 9., nachts 12 Uhr, schrieb Kray nach Wien^), daß er 
in Memmingen „das Äußerste zu versuchen entschlossen und 
in der Lage sei, die Verbindung nach Vorarlberg zu erstellen 
und Ulm zu decken''. 

Also nicht nur der Räumung der Magazine waren die 
Tausende von Biberach und Memmingen geopfert. Kray hatte 
sein Ziel fast erreicht, als er vor den Franzosen die Hier be- 
setzt hatte. Ein zwingender Grund, die unerschütterte Stellung 
bei Memmingen zu verlassen, lag nicht vor, und will man 
den Zustand der österreichischen Truppen dafür anführen, wird 
man sofort den Einwand machen müssen, daß dieser Zu- 
stand weniger übel gewesen wäre ohne den Kampf bei Bibe- 
rach, was zudem die Österreicher noch rascher an die Hier 
gebracht hätte. Ulm war genügend besetzt durch Sztäray, 
der nach manchen Kreuz- und Querzügen schließlich dahin 
beordert und am 11. dort angekommen^) war. Auch die zweite 
Staffel der bayrischen Subsidientruppen unter dem Herzog von 
Zweibrücken, die von Donauwörth kommend bei Obenhausen 
umgekehrt und nach Günzburg marschiert war, weil sie den 
Weg zur Armee nach Memmingen nicht mehr sicher wußte^), 
hätte nach Ulm gezogen werden können. War also der Zug 
Krays von Memmingen nach dieser Festung ein Fehler? 

Bevor wir diese Frage im Zusammenhange mit den Be- 
wegungen um Ulm beantworten, sei der Blick noch einmal, 
kurz zurückgewendet. 

Die Kriegsgeschichtschreibung erliegt wohl am eheste 



^) Kriegsarchiv V, 596. - -) Ebda. V, 231. 
') Ebda. H. K. R. V, 37. 






Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 295 

der Gefahr, nach dem Erfolge zu urteilen. Zum mindesten 
geraten leicht in Vergessenheit oder finden nicht die ge- 
bührende Beachtung solche kriegerischen Aktionen, denen es 
nicht beschieden war, wichtige politische Wendungen herbei- 
zuführen. Nicht nur im Lager der Besiegten, vergleichsweise 
auch auf französischer Seite ist darum der Frühjahrsfeldzug 
von 1800, sowohl der in Italien, wie jener in Deutschland, 
weniger beachtet worden. Die Ursache liegt nahe : der Glanz 
des Feldzuges von Marengo und die Gestalt Bonapartes zog 
alles Licht auf sich. Die Menge vergaß, wie sehr die Leistungen 
Moreaus und Massenas eine unerläßliche Vorbedingung für 
die Erfolge des Ersten Konsuls waren. 

Auf österreichischer Seite wandte sich begreiflicherweise 
das größere Interesse den Ereignissen zu, die unmittelbar zum 
Verlust der Eroberungen des Jahres 1799 in Italien geführt, 
und über dem Tadel, den man der österreichischen Heerführung 
in Italien und namentlich der in Deutschland auszusprechen 
nur zu berechtigt war, vergaß man auch, wenigstens der braven 
österreichischen Armee einen Kranz zu flechten für die geradezu 
erstaunlichen Leistungen, die ihr — z. T. durch die unfähige 
Führung — in den wenigen Tagen vom 3. bis 11. Mai in 
Märschen und Schlachten zugemutet wurden, und die sie voll- 
bracht hat. Von Engen über Meßkirch— Sigmaringen— Bibe- 
rach — Memmingen nach Ulm, oberflächlich gerechnet, dreißig 
deutsche Meilen in neun Tagen! Und in diesen neun Tagen 
vier, zum Teil höchst erbitterte Gefechte bis zur Dauer von 
zehn und fünfzehn Stunden und nicht ein ruhiges Nacht- 
quartier! Was hätte mit solchen Truppen ein Bonaparte ge- 
leistet. Und wie war die Verpflegung bei solcher Eile gewesen ! 
Die wichtigsten Magazine waren ganz oder zum Teil den Fran- 
zosen in die Hände gefallen! Es kann nicht wunder nehmen, 
daß die österreichische Armee sich in einem Zustand befand, 
wie er sonst nur das Resultat eines langen Feldzuges ist. War 
doch selbst die Armee des Siegers in ziemhch übler Ver- 
fassung, wozu nicht zuletzt auch der Mangel an Munition 
und Equipierung beitrugt). 

') Bericht Wickhams in Manuscripts of Fortescue VI, L; Vivenot, 
II, 220; Picard II, 265ff. 



296 . Der Feldzug in Deutschland bis zum 

IV. 
Die Nanöver und Gefechte um Ulm. 

In einem Bericht an den Kaiser aus Ulm vom 12. Mai 
schreibt Kray^): „Teilt der Feind seine Kräfte gegen mich 
und gegen Vorarlberg, so bin ich zur Schlacht entschlossen 
und hoffe, die Verbindung mit Reuß zu erzwingen und die 
Deckung der Erbstaaten zu bewirken, sollte der Feind da- 
gegen mir mit Übermacht gegenüber bleiben, wird mir nichts 
anderes übrig bleiben, als Ulm mit der erforderHchen Mann- 
schaft zu dotieren und mit dem übrigen Teil längs der Donau 
zu longieren, bis sich mir günstige Gelegenheit darbietet." 

Eine treffendere Kritik seines Verhaltens hätte der 
österreichische Oberfeldherr nicht geben können. Die zu- 
letzt erwogene Operation ist schUeßhch eingetreten, nach 
wochenlanger, matter Kriegführung, die seltsam absticht von 
dem lebhaften Tempo, in dem die Ereignisse sich im ersten 
Drittel des Monats Mai vollzogen hatten. Das Verhalten Mo- 
reaus hauptsächlich ist es, das die darauffolgenden Wochen, 
das die Kämpfe und Märsche bis Mitte Juni, bis zu dem end- 
lichen energischen Vorstoß der Franzosen auf das linke Donau- 
ufer, militärisch gleichwohl sehr interessant macht. Man glaubt 
sich mitunter in die überlebte Kriegskunst des 18. Jahrhunderts 
zurückversetzt. 

Am 12. Mai lagerten die Österreicher noch größtenteils auf 
dem rechten Donauufer, und zwar zumeist rechts der Hier. 
Erst am 13. zog Kray die Armee bis auf die Brigaden Gyulay 
und Merveldt hinter den Strom und nahm eine Aufstellung, die 
sich links an Elchingen, rechts an den Lauterbach anlehnte, 
das Zentrum hinter der Festung Ulm. 

Auf Anregung des Erzherzogs Karl aus dem Jahre 1796 
w^aren die Werke von Ulm 1797/99 so weit ausgebaut worden, 
daß es im Jahre ISOO zwar noch nicht eine vollwertige, für 
eine ausdauernde Verteidigung geeignete Festung war, aber 
sehr gut als verschanztes Lager dienen konnte und einen vor- 
trefflichen Stützpunkt für kriegerische Operationen bot. Und 
an der Verstärkung der Befestigungen, namentlich auf dem 
Michaels- und Ziegelhüttenberge, wurde auch in den nächsten 



') Kriegsarchiv V, ad 234. 



I 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. )uli. 297 

Wochen noch eifrig gearbeitet^). Die Stärke der Österreicher 
um Ulm betrug, von der Festungsbesatzung abgesehen, zirka 
62 000 Mann, darunter 20 000 Mann Kavallerie'); 10 713 Mann 
(59Q5 Kavallerie) standen davon als Vorposten unter Nauen- 
dorfs Oberkommando auf dem rechten Ufer von Rieden über 
Burlafingen, Offenhausen, Obenhausen, Pfaffenhofen, Holzheim, 
Tinningen bis Wiblingen an der Illermündung; hier schlössen 
sich am linken Donauufer die Vorposten des Erzherzogs Fer- 
dinand an, die sich bis Erbach und von dort nordwestlich nach 
Schelklingen hinzogen, von wo ab Sztäray die weitere Vor- 
postenlinie bis Blaubeuren besetzte. Auch Hohenlohe wurde 
nach seinem Eintreffen vom Mittelrhein am 16. nordwestlich 
der Armee längs des Lauterbaches und bis ins Filstal hin auf 
Vorposten gestellt^). Man sieht, Kray konnte, so lange er im 
Besitze der Ulmer und anderer Brücken war, auf dem linken 
wie auf dem rechten Donauufer operieren. 

Welche Maßnahmen traf nun demgegenüber Moreau? Nach 
Abgabe des Detachements für die Reservearmee (S. 332 ff.), für 
das von den Truppen der vordersten Linie indes nur wenige 
tausend Mann verwendet wurden, und nach Abrechnung der 
Verluste verfügte Moreau am 20. Mai über 92 784 Mann, nach 
einer anderen Angabe 84 856 Mann. In jedem Falle war er also 
Kray ohne Reuß überlegen^), nachteilig war ihm jedoch der 
Geschützmangel, und daß der Brückentrain noch nicht ein- 
getroffen war, zwei Nachteile, die gerade für einen Angriff 
auf die Stellungen des Gegners um Ulm ins Gewicht fielen. 
Moreau wagte denn auch einen solchen nicht, suchte vielmehr 
die Österreicher aus ihren Stellungen heraus zu manövrieren, 
was uns noch eingehender beschäftigen wird. 

') Löffler, Geschichte der Festung Ulm, 1881, p. 396ff. (L spricht 
von Initiative Macks beim Festungsbau ; Mitteilungen des k. k. Kriegs- 
archivs I. Folge II, 462; Ö. iM. Z. 1836, II, 300; H. K. R. V, 39 Kray 
an Tige 15. Mai; Memorial V, 210ff. 

') Ö. M. Z. 1836, II, 295, 97. — H. K. R. V, 41 Kray an Tige 17. Mai 
gibt abweichende Zahlen: Von den Garnisonen und Reuß abgesehen, nur 
37135 Infanterie und 17 652 Mann Kavallerie. Unter der Infanterie sind 
im englischen Sold stehende 9000 Bayern und 3000 Württemberger, die 
am 14. bei der Armee eintrafen (H. K. R. V, 39), eingerechnet, dagegen 
nicht die Reichstruppen. 

') Kriegs-Archiv V, 318%; Ö. M. Z. 1836, II, 295. 

*) Ricard, Bonaparte et Moreau p. 253 Note 4. 



Der Feldzug in Deutschland bis zum 



Auch nachdem er Memmingen erreicht, oder besser gerade 
jetzt, als die Reservearmee ihren Marsch über die Alpen begann, 
galt für Moreau allerdings die Instruktion vom 22.(25.) März^), 
die ihm auftrug, den Feind nach Bayern zu drängen, um 
ihm die direkte Verbindung mit Mailand über den Boden- 
see und Oraubünden abzuschneiden. Noch im Juni wurde 
dieser (Befehl Moreau mehrfach vom Kriegsminister eingeprägt^). 
Lassen sich aber mit dieser Anw^eisung die Manöver Mo- 
reaus vor Ulm rechtfertigen, oder waren sie gar dadurch not- 
wendig, andere Aktionen ihm abgeschnitten, wie er selbst und 
sein Stabschef Dessolle, und ihnen folgend manche spätere 
Autoren, es hinzustellen versuchten?^) Ich glaube, nein! Und 
wenn man auch mit der Kritik der Gesamtheit der Manöver 
um Ulm aus den angeführten Gründen vorsichtig sein muß, 
werden wir, zunächst im einzelnen, doch gar manches an ihnen 
zu tadeln haben. 

Bis zum 13. blieben die französischen Stellungen im wesent- 
lichen unverändert, am 14, dagegen zog Moreau die ganze 
Armee auf das rechte Illerufer zu dem Zwecke, Kray durch 
diesen Vorstoß gegen den Lech womöglich zum Verlassen von 
Ulm zu bewegen. Lecourbe stand zwischen den Straßen, die 
von Memmingen nach Mindelheim und Krumbach führen und 
von den österreichischen Kavalleriedetachements Prohaska (1000 
Mann) und Lovacz (6 Schwadronen) besetzt waren; seine 
Vorposten standen gegen die Mindel. Vom Reservekorps gingen 
zwei Divisionen bei Deissenhausen über die Günz, die dritte 
blieb auf dem linken Ufer an der Straße Weißenhorn— Krum- 
bach; St. Cyr rückte teils gegen Weißenhorn, teils ließ er seine 
Truppen zwischen dem Zusammenfluß von Hier und Donau^). 
Die österreichischen Vorposten und die Kavalleriedetachements 
in Mindelheim und Krumbach wichen vor den Franzosen 
zurück. Gleichwohl blieben diese am 15. unverändert stehen. 
Es lag sehr nahe, daß Kray diese Situation ausnutzte, und zwar 
zu einem Schlage gegen Ste. Suzanne, der, wie ein Blick auf 
die Karte belehrt, jetzt auf dem linken Donauufer isoliert war. 



') Correspondance VI, 4695. 

") Picard, Bonaparte et Moreau p. 254. 

=>) Ebda. p. 254. — *) Ö. M. Z. 1836, II, 301. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 299 

Am Morgen des 16. setzte Kray denn auch drei Kolonnen 
unter Sztäray, Erzherzog Ferdinand und Lindenau zum Angriff 
auf Ste. Suzanne an. Bei größerer Energie der Österreicher 
hätte er ihm sehr verhängnisvoll werden können. Aber 
einmal erfolgte der Angriff Sztärays, der den feindlichen 
linken Flügel bei Blaubeuren umgehen sollte, anscheinend 
wegen mangelhafter Befehlsübermittlung, zu spät, erst 9 Uhr 
morgens, und vor allem nicht umfassend genug. Dagegen 
drängten Sztäray und Ferdinand das feindliche Zentrum bei 
Pappelau weit zurück. Das Nächstliegende und Wichtigste 
unterblieb dann aber, nämlich den rechten Flügel des Feindes 
aufzureiben. Sztäray und der Erzherzog unterließen es, von 
Ringingen bezw. Dischingen, wo sie Halt machten, weil ihre 
Instruktion sie nur bis dahin beordert hatte, links einzu- 
schwenken, und Lindenau war überhaupt fast untätig geblieben, 
statt im Donautal energisch über Erbach vorzugehen. So ge- 
lang es Suzanne, seine zersprengten Truppen wieder zu sammeln 
und bei Pappelau das Gefecht lebhaft wieder aufzunehmen. 
Als schließlich gar die Division Ney von Weißenhorn über die 
Hier herbeieilte und mit ihrer Artillerie vom rechten Donauufer 
aus die Österreicher beschoß, zogen sich diese zurück. Sztäray 
hatte sich unfähig gezeigt, aber auch die österreichische Ober- 
leitung trifft der Vorwurf, nicht von vornherein eine stärkere 
Macht gegen Suzanne angesetzt zu haben. Statt diesem mit 
überlegener Kraft einen vernichtenden Schlag beizubringen, 
konnten die Österreicher so nur eine glückliche Rekognoszierung 
buchen, die Suzanne einige Kilometer auf Ehingen zurück- 
drängte und die die Gefahr für die österreichischen Magazine 
in Günzburg verminderte. Moreau zog nämlich jetzt seine 
Armee größtenteils wieder hinter die Hier und auf das linke 
Donauufer zurück^). 

\X''as hatte Moreau, dem aus der Isolierung ßuzannes 
zweifellos ein Vorwurf zu machen ist, mit seiner Bewegung vom 
14. bezweckt bezw. erreicht? Konnte er annehmen, Kray werde 



•) Kriegsarchiv V, 327, 334; H. K. R. V, 40; O. M. Z. 1836, II, 
301 ff.; Jomini XIII, 315 ff. — H. K. R. V, 41 vom 17. Mai spricht aus, 
daß Kray mit seinem Angriff auf Ste. Suzanne nicht mehr bezweckte, als 
Günzburg zu degagieren. 



300 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

sich dadurch zur Aufgabe seiner Stellung um Ulm verlocken 
lassen? Ganz gewiß nicht. So kann man aus dieser und den 
unmittelbar darauf folgenden Bewegungen erst auf das linke 
Donauufer, dann abermals gegen den Lech nur das ziemlich 
kümmerliche Bestreben Moreaus folgern, Kray um jeden Preis 
von einem Vorstoß nach Süden zur Vereinigung mit Reuß 
und dadurch zur Gefährdung Italiens (!) abzuhalten, ein Ziel, 
das er durch eine energische Offensive, durch einen Sieg, der 
die Österreicher am linken Donauufer abwärts trieb, viel voll- 
kommener hätte erreichen können. Dazu aber fehlte Moreau 
der nötige Elan. 

Als am 19. Mai seine Armee zu gleichen Teilen auf dem 
linken Donauufer längs des Blaubaches und auf dem rechten 
von Gögglingen über Wiblingen — Kirchberg bis Weißenhorn 
verteilt stand ^), wurde das aufs neue deutlich. Kray hatte seine 
Armee eine Schwenkung, Front nach Westen, machen lassen. 
Der linke Flügel lehnte sich an Ulm und den Michaelsberg, 
der rechte an Jungingen; er war bereit, die Schlacht anzu- 
nehmen2). Diese Stellung war, zumal bei ihrer Überlegenheit 
an Artillerie, für die Österreicher allerdings sehr vorteilhaft. 
Aber war ein französischer Angriff darum aussichtslos? Er 
hätte sich umfassend gegen den rechten Flügel richten müssen, 
also zudem eine erhebliche Ausdehnung der französischen 
Schlachtlinie, die die Fühlung mit der Donau natürlich nicht 
verlieren durfte, erfordert. Die fünf Divisionen auf dem hnken 
Ufer waren für eine solche Aufgabe zu schwach. Aber, warum 
zog Moreau nicht acht oder zehn heran? Seine Berichte geben 
uns deutliche Antwort^). Er traut Kray die nach allem Vorauf- 
gegangenen doch gewiß nicht gerechtfertigte Entschlußkraft 
zu, er werde die vorübergehende Entblößung des rechten 
Donauufers sofort benutzen, um nach Tirol durchzubrechen^). 
Deshalb unterblieb der Angriff und folgte der Versuch Moreaus, 
durch einen erneuten Vorstoß gegen den Lech Kray aus seiner 



Picard, Bonaparte et Moreau p. 255 f, 
"■) Kriegsarchiv, H. K. R. V, 42 bezw. F. A. V, 400 Vz. 
^) Picard, Bonaparte et Moreau p. 256, 58. 

*) )omini XIII, 318 gibt an, ohne daß ich die Quelle gefunden hätte, 
Kray habe für den 19. Rückzug hinter den Lech geplant gehabt. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 301 

günstigen Position herauszulocken und eventuell zur Schlacht 
zu bringen^). 

Infolgedessen gingen St. Cyr und Ste. Suzanne schon am 
20. und 21. Mai auf das rechte Donauufer, während das Reserve- 
korps und Lecourbe sich nach Osten ausdehnten. Diese Be- 
wegungen wurden durch schlechtes Wetter aufgehalten; am 
28. stand aber die französische Armee Front nach der Donau, 
zwischen Augsburg und Biberach, d. h. bis dahin hatten Le- 
courbe bezw. Ste. Suzanne ihre äußersten Posten vorgeschoben ; 
das Gros stand zu beiden Seiten der Hier, halbwegs Alem- 
mingen-Ulm^). Diese Aufstellung zeigt von allen seinen vor- 
aufgehenden und nachfolgenden Maßnahmen am deutlichsten 
Moreaus Bestreben, sich zwischen Kray und Tirol einzuschieben. 
Sie war so ausgedehnt — in der Luftlinie zirka 90 Kilometer — 
daß ihr ein österreichischer Angriff leicht gefährlich werden 
konnte. Das veranlaßte Moreau denn auch, seine Truppen 
schon seit dem 29. wieder näher zusammenzuziehen, da ein 
solcher wirklich zu erwarten stand. Kray hatte nach dem Abzug 
der Franzosen vom linken Donauufer, der seinen rechten Flügel 
entlastete, zum Schutze von Günzburg, das durch den fran- 
zösischen Vormarsch nach Osten abermals gefährdet war, die 
dort stehenden Truppen — es waren vor allem die 3500 
Württemberger'^) — verstärkt und Sztäray (!) das Kommando 
über sie übertragen^). Er stand vorwärts Günzburg zwischen 
Hier und Günz. Mit der Hauptarmee plante Kray bei passender 

') Am 27. Mai schrieb Moreau sehr bezeichnend an den 1. Konsul: 
„Monsieur Kray et moi nous tätonnons ici, lui, pour tenir autour d'UIm, 
moi, pourqu'il quitte le poste." (Memorial du depöt de la guerre V, 178f.) 

-) Picard, Bonaparte et Moreau p. 257 ff. 

') Nach Kriegsarchiv H. K. R. V, 39 vom 15. Mai trafen am 14. 
3500 Württemberger bei Günzburg ein. Sie standen unter Generalleutnant 
von Hügel, dessen Standesausweis vom 18. Mai (Kriegsarchiv V, 377) die 
Stärke des Subsidienkorps auf 4008 (296) Mann komplett, 3989(188) Effektiv-, 
3424 (176) Mann ausrückenden Stand angibt; er führte 2 Haubitzen und 
6 sechspfündige Kanonen. — Das württembergische Reichskontingent unter 
Generalmajor von Seeger betrug einschließlich aller Chargen etc. 2700 Mann 
(3 Bataillone und 3 Geschütze). Es schloß sich an Sztäray an, mit dem es 
schließlich ebenfalls nach Günzburg kam. Vgl. Stadlinger, Geschichte des 
württembergischen Kriegswesens 474 ff. 

') Ö. M. Z. 1836, II, 306. — Nach Kriegsarchiv V, 439 »A waren 
es 11 Bataillone, 8 Kompagnien, 34 Schwadronen. 



302 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

Gelegenheit um so eher einen Angriff, als er inzwischen die 
Entsendung des Detachements zur Reservearmee erfahren 
hatte'). 

Am 22. nachmittags schon hatte Erzherzog Ferdinand, der 
auf dem rechten Flügel die Vorhut kommandierte, und das 
Donauufer bis Ehingen besetzt hielt, bei Erbach, Donaurieden 
und Dischingen einen Vorstoß auf das rechte Ufer unternommen, 
büßte aber sein zu hitziges Vorgehen mit empfindlichen Ver- 
lusten, namentlich bei Dellmensingen. Auch sonst kam es, in- 
dem die österreichischen Vorposten den Franzosen nachdräng- 
ten, zu einer Reihe kleinerer Gefechte, die ihnen einige Vor- 
teile einbrachten"^) und geeignet waren, die Stimmung vor- 
zubereiten für Krays Entschluß, so lange Moreau in seinen 
ausgedehnten Stellungen verharrte, den linken französischen 
Flügel anzugreifen. Am 3. Juni war dieser Entschluß endgültig 
gefaßt. Am 4. abends wurden drei Angriffskolonnen für den 
folgenden Tag formiert und ihren Angriffspunkten genähert: 
die rechte Kolonne unter Riesch (11 Bataillone, 25 Schwa- 
dronen, 2 Batterien) nahm zwischen Laupheim und Aschstetten 
Stellung; die mittlere unter Karl Lothringen (23 Bataillone, 
26 Schwadronen, 4 Batterien) zwischen Aschstetten — Holz- 
heim — Roth, die linke unter Baillet (9 Bataillone, 11 Schwa- 
dronen, 1 Kavalleriebatterie) blieb in der Nacht noch zwischen 
lUerberg und Vöhringen auf dem rechten Illerufer und ging 
erst am 5. morgens bei Brandenburg über den Fluß. Erzherzog 
Ferdinand bildete die Vorhut; zwei Seitenkolonnen rückten 
gegen Biberach, bezw. am rechten Illerufer aufwärts vor^). 
Diese Stärkeverteilung war gänzlich verkehrt; die linke Kolonne 
hätte die stärkste sein und die Brücke von Kellmünz wegnehmen 
müssen. 

Der österreichischen Übermacht stand zunächst nur die 
Division Richepance gegenüber, in weiter Verteilung obendrein 
zwischen Biberach und der Hier, vornehmlich bei Ochsenhausen, 
Guttenzell und Kirchberg. Auf dem rechten Illerufer stand am 

') Kriegsarchiv H. K. R. V, 42 und 43, 47. 

') Ebda. F. A. V, 452 Va, 453, 53%, 54, 54'/,, 73 Va, 483 V2, 
500 Vs, VI, 14; H. K. R. V. 49. 

=") Ebda. VI, 66 V4, 73, 74, 80 V2, 86 74 (Instruktion für die Generäle 
und Stabsoffiziere); Ö. M. Z. 1836, II, 309 f. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 303 

nächsten das Korps Grenier (Nachfolger St. Cyrs) ; Lecourbe 
stand noch im Lechtal; die Resene Hier aufwärts. Die Öster- 
reicher waren also an der Angriffsstelle stark überlegen. Ziel- 
punkt des österreichischen Angriffs waren die Höhen zwischen 
Ochsenhausen und Erolzheim, von wo gegen Memmingen vor- 
gegangen werden sollte. 

Am späten Abend endete der schon am Morgen begon- 
nene Vorstoß mit dem Rückzuge der Österreicher in die Stel- 
lungen von Ulm. 

Die Kolonnen Riesch und Baillet hatten zwar erhebliche 
Vorteile errungen, aber die mittlere blieb unerklärhcherweise 
zurück. Immerhin bestand für den isolierten Richepance die 
Gefahr, auf dem linken Illerufer aufgerieben zu werden. Da 
kam ihm, weil die Österreicher die lUerbrücke nicht besetzt 
hatten, Ney zu Hilfe, worauf Baillet, der sich zu weit vor- 
gewagt hatte, in Flanke und Rücken angegriffen und besonders 
im Kampfe um Kirchberg, das den Österreichern den Weg 
nach Kellmünz versperrte, tüchtig zerzaust wurde. Die Bayern 
Wredes deckten den Rückzug. Der österreichische Verlust be- 
trug 1879 Mann, darunter 1092 Gefangene, der bayrische 55 
Manni). 

Kray will mit dem Kampf vom 5. lediglich bezweckt haben, 
Moreau für seine Verbindungslinie ernstliche Besorgnisse ein- 
zuflößen und dadurch von weiterer Vorrückung gegen Bayern 
abzuhalten. Er nannte seinen Angriff nachträglich eine „Re- 
kognoszierung*' und war befriedigt, als Moreau in der Tat 
am 6. Augsburg räumen ließ-), das sofort von Merveldt besetzt 
wurde, den Kray schon Ende Mai mit zwei Kavallerieregimentern 
an den Lech und zur Deckung der bayrischen Grenze ent- 
sandt und der schließlich zwischen München und Augsburg 
Stellung genommen hatte^). Auch die vorher zeitweilig unter- 



') Kriegsarchiv H. K. R. Vi, 16, 18, Beilage ad 20; F. A. VI, 100 
(28 Stücke), 103; Ö. M. Z. 1836, III, 172ff. ausführlich; Picard, Bona- 
parte et Moreau p. 159 f.; Jahrbücher für die deutsche Armee und Marine 
54, 166 f.; Jomini, XIII, 323 ff.; Günther 123 ff.; Bonnal I, 296 ff. 

') Kriegsarchiv VI, 111 Vj. Ich finde bei Philebert keine Bestäti- 
gung der Angabe Jominis XIII, 324, Moreau habe die Räumung Augsburgs 
5chon am 3. befohlen. 

') Kriegsarchiv V, ad 514, 522; H. K. R. V, 47, 49, 50, VI, 13. 






304 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

brochene Fühlung mit Reuß wurde jetzt noch einmal für kurze 
Zeit gesichert^). Waren aber solche Ergebnisse die Opfer des 
5. Juni wert? Die Frage dürfte zu verneinen sein, da die 
Hauptaufgabe Krays doch darin bestand, die wirkliche Ver- 
einigung mit Reuß zu suchen, wofür bei den Stellungen, die 
dieser damals einnahm (s. S. 293), der Weg auf dem rechten 
Ufer der Hier der richtige gewesen wäre^), wodurch zugleich 
die andere Aufgabe Krays, Bayern, die Erbstaaten und seine 
natürliche Verbindungslinie zu sichern, am besten erfüllt wor- 
den wäre. Kray scheute aber alles, was ihn von „Ulm, an 
dessen Erhaltung mir alles gelegen sein muß, zu weit entfernt" 
hätte'). 

Taktisch beging Kray am 5. Juni den Fehler, seine rechte 
Flanke zu sehr auszudehnen, die linke, wo die Entscheidung 
lag, nicht genügend zu unterstützen. Um Richepance in seiner 
Isolierung zu schlagen, mußte er ihn an jenem Flügel packen, 
auf dem er Verstärkungen zu erwarten hatte und er mußte 
diese Verstärkungen durch Wegnahme der Kellmünzer Brücke 
fernhalten. 

Moreau anderseits ist zu tadeln, weil er durch seine aus- 
gedehnte Aufstellung seinen linken Flügel einer ernstlichen Ge- 
fahr aussetzte und es ganz unwahrscheinlich war, Kray, wie 
er es wünschte, durch diese bis an den Lech ausgedehnte 
Aufstellung von Ulm anders als zu einem Teilstoß hinweg- 
zulocken. Das hätte nur durch völlige Umgehung der öster- 
reichischen Stellung geschehen können. Endlich entschloß sich 
auch Moreau dazu, nachdem er am 9. Juni das siegreiche Vor- 
dringen der Reservearmee bis Mailand erfahren hatte**). Er 
betrachtete seine Aufgabe, Kray von Melas zu trennen, jetzt 

') Kriegsarchiv VI, 111 Va; H. K R. V, 50, VI, 17f.; )ahrbücher 
Band 55 S. 8 ff. über die ungenügende Unterstützung Merveldts durch das 
bayrische Auxiliarkorps. 

") Damit soll nicht gesagt werden, daß dieser Weg gerade am 
5. gangbar war; bei den damaligen Stellungen Moreaus war er es gewiß 
nicht, wohl aber vorher. 

=') Kriegsarchiv H. K. R. VI, 16. 

*) Ricard, Bonaparte et Moreau p. 260. — Bemerkenswert ist 
vielleicht einschreiben Lahories an Lecourbe vom 7. Juni (Philebert a. 
a. O. p. 377), Moreau wolle ihn am 8. sprechen, er beabsichtige, die 
Armee eine Bewegung nach rechts machen zu lassen. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 305 

im wesentlichen als gelöst. Aber ist es zu erweisen, ob nicht 
sein bisheriges Zaudern und seine Unentschlossenheit ebenso- 
sehr von der Sorge diktiert waren, ein Fiasko der Reser\^e- 
armee in Italien könne ihm, wenn er inzwischen zu weit nach 
Bayern vorgestoßen, gefährlich werden? 

Kurz zuvor war bei der österreichischen Armee eine Neu- 
einteilung erfolgt. Moreau hatte mehrere Generale, darunter 
Ste. Suzanne, zur Bildung eines niederrheinischen Korps ab- 
geben müssen (s. S. 315). Mehrere andere waren strafweise 
versetzt worden, wie Vandamme und Tharreau, wegen Erpres- 
sung. Delmas ging, weil er zu Moreau in schlechtem Ver- 
hältnis stand; dasselbe gilt von St. Cyr. 

Es gab fortab nur noch drei Armeekorps. Das rechte unter 
Lecourbe, aus den Divisionen Gudin, Montrichard und Nan- 
souty, das Zentrum unter Moreau und den Divisionen Grand- 
jean, Leclerc, Decaen, d'Hautpoul (Reser\ekavallerie), das linke 
Korps unter Grenier, bestehend aus den Divisionen Bara- 
guay (bald ersetzt durch Hardy), Ney, Legrand und der 
Reservebrigade Faugonnet. Außerdem wurde Molitor eine 
rechte Flügelbrigade, bestehend aus 8 Bataillonen und 4 Schwa- 
dronen, und Richepance eine linke Flankendivision (12 Batail- 
lone, 25 Schwadronen) anvertraut. Letztere beobachtete Ulm 
im Südwesten, wo wir sie bereits am 5. angetroffen haben. 
Man beachte, daß jetzt das sogenannte Reserxekorps verschwin- 
det, daß aber Moreau nach wie vor das Kommando über ein 
Korps führte. Eine Übersicht vom 10. Juni beziffert die Stärke 
der französischen Armee nach dieser Neueinteilung und zu- 
gleich auch nach der Abgabe des italienischen Hilfskorps auf 
111 Bataillone und 135 Schwadronen in Stärke von 98 686 
Mann, einschließlich der Artillerie^). 

Man war nach dem Gefecht vom 5. nicht untätig geblieben, 
und in verschiedenen Aktionen hatten, wie so oft bei Streifzug 
und Überfall, die Österreicher manche Vorteile errungen. Als 
aber Moreau seit dem 10. seine Truppen — auch jetzt noch 
langsam und zögernd — wieder gegen Osten zu dirigieren 



*) Memorial du depot de la guerre V, 243 ff. Ebda. S. 248 werden 
197 Kanonen und 73 Haubitzen, also zusammen 270 Geschütze, aufge- 
führt, von denen aber ein Teil am Rhein zurückgeblieben war. 

Herrmann, Der Aufsti^ Napoleons. 20 



306 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

begann und am 12. die österreichischen Vorposten auf der 
ganzen Linie angreifen ließ, zog sich Sztäray in seine Stellung 
bei Qünzburg und in der Nacht zum 16. auf das linke Donau- 
ufer hinter die Brenz bei Qundelfingen zurück, obwohl Kray, 
ihn erheblich verstärkt und ihm einen Angriff befohlen hatte. 
Sztäray, der schon bei seinem Rückzug vom Rhein zur Haupt- 
armee und dann wieder am 16. Mai sich sehr wenig umsichtig 
und ganz ohne Initiative erwiesen hatte, zeigte auch jetzt wieder 
eine bedauerliche Tatenscheu. Zum mindesten hätte er die 
Stärke der Franzosen feststellen müssen^); aber freilich, auch 
Kray versagte im großen und ganzen gegenüber der ver- 
änderten Situation doch wieder durchaus. 

Am 14. schon rückte Lecourbe vom Lech an die Zusam 
und in den folgenden Tagen über Zusmarshausen nach Wer- 
tingen, Donauwörth bedrohend. Orenier rückte, verstärkt durch 
einen Teil von Moreaus Korps, dessen Rest zwischen Kam- 
lach und Mindel als Reserve stehen blieb, auf Burgau, d. h. 
Günzburg, das er schon am 16. besetzte und wo er alsbald 
Anstalten traf, die durch die Österreicher abgeworfenen Brücken 
von Laupheim bis Donauwörth wiederherzustellen. Riche- 
pance blieb zur Beobachtung Ulms vorerst im Südwesten der 
Festung stehen, dadurch abermals einem Stoß der österreichi- 
schen Übermacht ausgesetzt, der aber nicht erfolgte. Die 
Rückendeckung der Armee gegen Reuß war Molitor und 
Nansouty anvertraut. 

Die erwähnten Dispositionen zeigen deutlich, daß Moreau 
jetzt endlich den verheißungsvollen Plan gefaßt hatte, die Donau 
unterhalb Ulms zu überschreiten. Blindheim und Gremheim 
wählte er schließlich als die bequemsten Übergangspunkte"). 

Es war angesichts dieser Sachlage ein grober Fehler Krays, 
daß er sich auch jetzt noch an Ulm klammerte, wahrscheinlich 



') Just a. a. O. S. 272 f. Brief Krays vom 25. luli mit lebhaften 
Klagen über Sztäray, der auch von der Armee abberufen wurde. — Eine 
Kritik dieses Mannes liegt auch darin, daß Erzherzog Karl, als er am 
14. Dezember zur Armee reiste, Sztäray, wie er mehrfach erwähnt (Hüffer, 
Quellen II, 484, 86, 564), das Kommando über die böhmische Legion nur 
deshalb übertrug, weil er keinen anderen General zur Verfügung hatte. 

') Kriegsarchiv, H. K. R. VI, 19, 20, 22, 23, ad 23, 24, 26ff.; Ö. 
M. Z. 1836, III, 180 ff.; Picard, Bonaparte et Moreau p. 260 f.; 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. |uli. 307 

in dem Glauben, es sei Moreau auch jetzt noch ledigHch um 
ein Manöver zu tun, das ihn von der schützenden Festung 
weglocken sollte, nicht um einen ernstlichen Fluß Übergang. 
Auch mochte es ihn in Sicherheit wiegen, daß die Donau- 
brücken von Ulm abwärts bis Donauwörth abgebrochen waren, 
und der Feind noch immer keinen Brückentrain hatte. Aber 
die mangelhafte Bewachung der Donau war auch dadurch nicht 
gerechtfertigt. Es standen zwar von Günzburg bis Donauwörth 
einige Bataillone — Sztarays Abteilung — , aber gerade die 
gefährdetste Stelle war nur ganz schwach besetzt. Kray hätte 
mit ganzer Macht bei Höchstädt oder weiter abwärts stehen 
müssen, um Moreau zu empfangen, wenn er es nicht vorzog, 
sofort nach Donauwörth zu ziehen, oder aber, Richepance über- 
rennend, die Vereinigung mit Reuß anzustreben^). 

Am 18. hatten französische Angriffe die Aufmerksamkeit 
der Österreicher auf die Übergänge bei Günzburg, Lauingen 
und Dillingen gelenkt. So konnte am frühen Morgen des 19. 
den Divisionen Gudin und Montrichard mit leichter Mühe der 
Übergang bei Blindheim und Gremheim gelingen, obwohl die 
dortigen Brücken halb zerstört waren. Am linken Ufer zeigten 
sich nur schwache österreichische Abteilungen. Schwimmend 
hatten es zuerst 70 Freiwillige erreicht, worauf die Brücke 
bei Gremheim, bald auch die bei Blindheim notdürftig repariert 
wurde. Einmal auf dem linken Ufer, wehrten die Franzosen 
in einer Reihe, zum Teil sehr hitziger Kämpfe, die bis zum 
späten Abend dauerten, auf dem Boden, der die schwere fran- 
zösische Niederlage von 1704 gesehen hatte, alle Angriffe der 
jetzt von Donauwörth, namentlich aber von Dillingen heran- 
eilenden Österreicher — vor allem starke Kavallerie wurde 
aufgeboten — ab und warfen sie hinter die Brenz bezw, Donau- 
wörth zurück. Diese Stadt verließ Deveaux noch in der Nacht 
und zog sich nach Ingolstadt zurück. Die Österreicher ver- 

' loren am 19, 2185 Mann, darunter 1978 Gefangene und 5 Ge- 

1 schütze'). 

I ') Diese Chance, die für einen Kray zu kühn, gibt ihm J o m i n i XIII, 334 f. 

1 ') Kriegsarchiv, H. K. R. VI, 29, 30, 39a; Ö. M. Z. 1836, III, 189ff.; 

jPicard, Bonaparte et Moreau 262f.; jomini XIII, 337 ff.; Bonnal I, 

306 ff.; Philebert a. a. O. p. 379 ff., sehr enthusiastisch und namentlich 

in Jen Zahlen übertrieben, 

20* 



308 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

Während des Gefechtes waren auch die Brücken bei Dil- 
lingen und Lauingen hergestellt und von den Divisionen De- 
caen und Ledere zum Übergang benutzt worden. 

Höchstädt ist ein Ehrentag Lecourbes, aber auch Moreau 
hatte sich als geschickter Taktiker erwiesen. 

Der Gewinn eines weiten Geländes am linken Donau- 
ufer war ein entscheidender Erfolg, denn der weitere Übergang 
der französischen Armee konnte sich jetzt ungestört vollziehen. 
Kray sah jetzt endlich seinen Fehler ein, ließ in Ulm, das als- 
bald von Richepance eingeschlossen wurde, Feldzeugmeister 
Petrasch mit 10 000 Mann zurück und führte die Amee, die 
er am 20. zwischen Albeck, Elchingen und Langenau gesam- 
melt hatte, am 22. über Neresheim nach Nördlingen, das ein 
Teil der Armee wegen der aufgeweichten Wege und des 
ungeheuren Trosses, der die Straßen häufig sperrte, erst am 
23. mühsam erreichte. Erst an diesem Tage auch wurden die 
Österreicher endlich mehrfach durch heftige französische Ka- 
vallerieangriffe belästigt, doch verschaffte Kray ein Antrag auf 
Waffenruhe am 24.^) zwölf Stunden Luft, die er benutzte, um, 
da der Weg nach Donauwörth ihm nicht mehr sicher genug 
dünkte, die Armee über Monheim, wo er abermals angegriffen 
wurde, nach Neuburg auf dem rechten Ufer zu führen. Nach 
einem Gewaltmarsch langte sie am 26. morgens dort an. Kray 
nahm hier Stellung, den rechten Flügel an die Donau gelehnt; 
auf dem linken Ufer zwischen Altmühl und Donau hatte er 
eine starke Arrieregarde zurückgelassen, die sich eventuell nach 
Ingolstadt zurückziehen sollte. 

Hätte Moreau nicht zu Krays Empfang bei Neuburg stehen 
können ? Statt dessen erlitten die Franzosen am 27. hier fast 
eine Niederlage. 

Die schhmmste Gefahr war für Kray überstanden, und 
zwar ohne allzu große Opfer, wenn auch durch eine gewaltige 
physische Leistung der österreichischen Armee. Freilich aber- 
mals doch auch dank der in diesem Falle besonders unver- 
ständigen Langsamkeit Moreaus, der aus seiner Stellung bei 
Höchstädt vom 20. den kürzeren Weg nach Nördlingen hatte, 

') Der Antrag und seine Ablehnung durch Moreau ist fraglos. Ob 
aber Kray davon Vorteil gehabt? Dumas a. a. O. IV, 60 und Memorial 
V, 32 nehmen das an. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 309 

dies aber nur ganz ungenügend ausnutzte^). Die Sorge vor 
einem österreichischen Angriff mit verkehrter Front und vor 
einer Preisgabe seiner KommunikationsHnie auf dem rechten 
Donauufer, die selbst Jomini gelten läßt, durfte ihn nach Lage 
der Dinge doch wohl kaum abhalten, den Österreichern recht- 
zeitig die Straße von Ulm nach Nördlingen oder von dort 
nach der Donau zu sperren; Zeit genug stand ihm zur Ver- 
fügung. Noch am Morgen des 24. glaubte Kray an eine Schlacht 
bei Nördlingen und war gesonnen, den Feind in dieser Position 
zu erwarten"). 

Nachdem Kray ihm entschlüpft war, beschloß auch Mo- 
reau die Rückkehr auf das rechte Ufer. Die Besetzung Augs- 
burgs, Münchens und der Isarbrücken sollte Kray zum Rück- 
zug hinter den Inn zwingen und ihm für den Fall eines 
Waffenstillstandes ein Faustpfand sichern. Aber auch Verpfle- 
gungsrücksichten sprachen bei diesem Entschluß mit^). 

Es liegt nahe für den Darsteller des Feldzuges von 1800, 
die nur fünf Tage auseinanderliegenden Kämpfe bei Marengo 
und Höchstädt zu vergleichen, denn die Situation bei beiden 
ist nicht unähnlich. Beide Schlachten werden nach einer Fluß- 
passage mit verkehrter Front geschlagen. Wie verschieden 
aber sind die Folgen ! Daß Kray unter ungünstigeren Um- 
ständen entkommen konnte, zeigte uns, was Melas hätte tun 
sollen. Aber freilich, Moreau war auch kein Bonaparte! 
Gerade die Tage nach der Schlacht bei Höchstädt zeigen so 
deutlich wie möglich, wie weit Moreau von der Höhe Napoleo- 
nischer Feldherrnkunst entfernt ist. Namentlich von der Be- 
deutung der Verfolgung hat er, wie überhaupt der ganze Ver- 
lauf des Feldzuges beweist, keine rechte Vorstellung. Er hätte 
Kray aller Wahrscheinlichkeit nach vernichtend schlagen 
können und blieb doch drei Tage lang müßig. Als dann am 

*) Kriegsarchiv, H. K. R. VI, 31—34; F. A. 351, 441 %, ad 461; 
Ö. M. Z. 1836, in, 227 ff.; Philebert p. 389 (Befehl an Lecourbe erst am 
22. (!) nach Neresheim, bzw., wenn der Feind dieses schon passiert habe, 
nach der Nürnberger Straße aufzubrechen. Vgl. dazu Lecourbe an Moreau 
25. und 26. Juni ebda. p. 390 f.); Bonnal I, 311 ff. )omini (XIII, 342 ff.) 
lind Dumas (IV, 58 ff.) urteilen viel zu günstig über Moreau. 

") Kriegsarchiv VI, 441 'U. 

') Picard, Bonaparte et Moreau p. 263. 



310 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

23. die Verfolgung der Österreicher aufgenommen wurde, ge- 
schah es so unvollkommen, daß diese auf das rechte Donau- 
ufer entkommen konnten, und Moreau sich beeilen mußte, 
durch den Kampf vom 27. Kray zu hindern, sich gegen München 
zu wenden und Decaen zu gefährden, den er bereits da- 
hin gesandt hatte. 

Ob freilich Kray diese Absicht wirklich gehabt hat? 
Wrede berichtet'): „Der Zweck dieses schrecklichen Marsches 
von Monheim nach Neuburg war, den Franzosen die feste 
Position von Rain, acht Stunden von Neuburg, zu nehmen 
und darauf Bayern zu decken. Die Franzosen kamen uns 
aber wie gewöhnlich zuvor.'' Es ist jedoch zweifelhaft, ob 
Kray von dem Marsche Decaens überhaupt unterrichtet war. 
Zudem wäre es, wenn Kray München erreichen wollte, richtiger 
gewesen, ohne Kampf den Weg dahin über Reichertshausen 
zu nehmen^). Wie dem auch sei, der Ausgang des Gefechtes 
vom 27. machte das unmöglich und zwang Kray zum Rück- 
zug hinter die Isar. Bis zum späten Abend hatte sich der 
für die Österreicher nicht unrühmhche, verlustreiche Kampf 
bei Hausen, Röhrenhof und Ehekirchen hingezogen. Lecourbe, 
der von Rain herkam, war der Gegner. Er hatte anfangs zurück- 
weichen müssen, erst das Eintreffen der Division Grandjean 
sicherte den Franzosen den Sieg'^). Die österreichischen Ver- 
luste betrugen nicht weniger als 1255 Mann, darunter 555 
Gefangene; die Bayern, die sich hier besonders auszeichneten, 
verloren weitere 502 Mann^). 

Kray nahm darauf seinen Rückzug auf Ingolstadt, wo 
am 29. gerastet wurde. Nach Zurücklassung einer aus Öster- 
reichern, Bayern, Württembergern und Schweizern bestehen- 

Heilmann, Feldmarschall Fürst Wrede S. 55 f. 

") Jomini XIII, 354 sieht in dem Kampfe vom 27. mit Recht etwas 
Überflüssiges; ein hinhaltendes Rückzugsgefecht hätte seinen Zweck 
erfüllt. 

') Philebert a. a. O. p. 393 ff. zeigt, daß. die Division Montrichard. 
bis Verstärkungen eintrafen, einen sehr schweren Stand hatte. An diesem 
Tage fiel auch der berühmte La Tour d'Auvergne, dem der 1. Konsul kurz 
zuvor den Titel „Premier Grenadier des armees de la Republique" ver- 
liehen hatte. (Correspondance VI, 4734.) 

*) Kriegsarchiv, H. K. R. VI, ad 39c. und Jahrbücher Band 
54, 170 ff. 



I 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 311 

den Garnison von 6500 Mann zog er am 30. weiter. In 
einem sehr respektablen Marsch gelangte die Armee, nach- 
dem sie die Donau bei Vohburg, bezw. Neustadt überschritten 
hatte, bei Siegenburg und Abensberg an. Noch in derselben 
Nacht erfolgte der Weitermarsch nach Landshut. Die nächsten 
Etappen des Hauptquartiers: Freising (3. Juli), Erding (4.), 
Hohenlinden (5.), Haag (6.), könnten darauf hinweisen, daß 
Kray die Hoffnung, München zu erreichen, doch noch nicht 
ganz aufgegeben hatte. Nachdem Erzherzog Ferdinand, der 
auf dem rechten Flügel der zurückweichenden Armee ganz 
isoliert und gefährdet bei Landshut stehen geblieben war, von 
dort durch Ledere auf Vilsbiburg zurückgedrängt worden, ging 
Kray nach Ampfing zum Schutze des wichtigen Innüberganges 
bei Mühldorf. Auch der Übergang von Wasserburg wurde 
stark besetzt; hierhin war auch das Korps Conde dirigiert 
worden^). Die Reser\'e unter Sztäray stand bei Haag. Von 
seinem Hauptquartier Mühldorf aus bot Kray Moreau, der 
am 14. nach München kam, erneut Waffenstillstandsverhand- 
lungen ?n, die am 15. Erfolg hatten^). 

') Auf dem Marsche nach Rußland hatte Conde Anfang März die 
Machricht erhalten, daß sein Korps aus russischem in englischen Sold 
übergegangen sei. In Linz übernahm es der englische Commissar 
Ramsay. Am 22. April erhielt das Korps Befehl nach Livorno zu 
marschieren, wo es zu einer Unternehmung nach Südfrankreich ein- 
geschifft werden sollte, aber am 9. Mai erreichte es in Friaul der Befehl 
Mintos, zur Vereinigung mit Kray aufzubrechen. In sehr langsamen 
Märschen und unter starker Auflösung vollzog sich der Marsch über 
Klagenfurt nach Salzburg, Am 6. Juli erhielt Conde den Befehl Krays, sich 
auf das linke Inn-Ufer, Rosenheim gegenüber, zu begeben, wo das Korps 
sehr abgerissen anlangte. Eine nicht einwandfreie Übersicht vom 1. lun- 
beziffert seine Stärke auf 3487 Mann, darunter 767 Offiziere! An wirki 
liehen Kombattanten zählte es nicht entfernt 3000 Mann. Vgl. Daudet, 
Histoire de Temigration; Welschinger, Le duc d'Enghien Paris 1888; 
Boulay de la Meurthe, Correspondance du duc d'Enghien I, Paris 1904 
und Bittard des Portes, Histoire de l'armee de Conde, Paris 
1896, p. 352ff.; Miliutin V, 169 ff., 413 ff. Verschiedene Stücke in 
Fortescue Manuscripts VI und im Wien. Kriegsarch iv, namentlich 
H. K. R. VII, ad 14 Schilderung Ramsays über den üblen Zustand des 
K^rps (d. d. Salzburg 4. Juli), vor allem seinen gewaltigen Troß an Weibern, 
K ndern und Invaliden. 

') Kriegs-Archiv F. A. VI, 522 ff., 539, 547V2, 553, 556V2, VII, 48'/2; 
H. K. R. VI, 35, VII, 8, 10, 12 ff.; Ö. M. Z. 1836, III, 234 ff. 



312 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

V. 
Die Ereignisse in Tirol und am Main; der Waffenstill- 
stand von Parsdorf. 

Wenn die Franzosen den an den Inn zurückweichenden 
Österreichern nach dem 27. Juni abermals nur langsam folgten, 
so findet das seine Erklärung zum Teil wenigstens in dem 
Bestreben Moreaus, jetzt zunächst Reuß von den Zugängen 
nach Tirol und aus der Flanke seiner an den Inn vorrücken- 
den Armee zu entfernen und dieser dadurch die Verbindung 
mit Italien zu sichern. 

.Während des Vordringens nach den Gefechten von Engen 
und Stockach und während der Operationen um Ulm hatte 
sich Moreau lediglich durch die Brigade Laval und später 
die Molitors^) gegen etwaige Angriffe von Reuß gedeckt. Solche 
waren aber, in ernstlicher Form wenigstens, unterblieben. 
Reuß, dem doch, von den Landmilizen^) abgesehen, Ende 
Mai 22 126 Mann (2407 Mann Kavallerie) zur Verfügung stan- 
den^), allerdings für einen weiten Raum, hat so gut wie 
nichts getan, um Kray bei Ulm zu entlasten, oder gar die 
Vereinigung mit ihm herbeizuführen, die doch die auch von 
Kray so sehr verkannte Hauptaufgabe der Österreicher dar- 
stellte, nachdem sie das Defilee zwischen Donauquelle unid' 
Rhein verloren hatten. Nach dem Abzüge der Österreicher 
von Memmingen nach Ulm wurde die Verbindung zwischen 
Reuß und Kray, wie erinnerlich, noch eine Zeit lang auf- 
recht erhalten. Man erfährt aber nicht, daß der Oberfeld- 
herr Reuß den Befehl zu einer Vorrückung gegeben hat. An 
der Besetzung von Augsburg und Landsberg zum mindesten 
hätte er doch wohl die Franzosen hindern können, trotz 
seiner geringen Kavallerie, die er neben dem zu späten 
Eintreffen von Merveldt als Grund dafür angibt, daß es unter- 



Genaueres über die Operationen Molitors bis Anfang )uli in 
Memorial V, 224 ff. und Spectateur militaire IX, 246 ff. 

^) Nach einem Bericht Staaders an den H. K. R. vom 7. Juli (H. K. 
R. 1800, 10136, Wien. Kriegs-Archiv) betrugen die Landmilizen in Vor- 
arlberg 30 Kompagnien in Stärke von 4310 Mann, im nördlichen und 
südlichen Tirol 9553 Mann in 67 Kompagnien. 

=•) KriegS'Archiv H. K. R. V, 47. Beilage. 

I; 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 313 

blieben^). Am 7. Juni behielt sich Kray in einem Schreiben 
an Reuß vor, etwas Gemeinsames mit ihm zu verabreden, so- 
bald er von des Feindes Vorhaben unterrichtet wäre^). 

Bald darauf wurde aber durch den Vormarsch Moreaus 
nach Osten, bei dem auch die bis Kaufbeuren, Buchloe und 
Schongau vorgeschobenen Posten von Reuß am 10. und 11. 
zurückgedrängt wurden'^), die Verbindung mit Kray end- 
gültig unterbrochen^). 

Reuß hatte, als Moreau nach der Affäre vom 5. Juni 
seine Truppen konzentrierte, einen Angriff auf Vorarlberg 
oder Immenstadt erwartet^). Als dieser am Ende des Monats 
dann wirklich bevorstand, Lecourbe, dem der Auftrag ge- 
worden war, die rechte Flanke der Armee durch Vertreibung 
von Reuß zu sichern, bei Landsberg am Lech sein Korps ver- 
sammelte, erkannte Reuß mit Recht die ausgedehnte Stellung 
seines Korps als unvorteilhaft, plante Konzentrierung seiner 
Truppen und erbat sich entsprechende Befehle aus Wien^). 
Sie kamen begreiflicherweise zu spät. Schon am 4. JuH brachen 
die Truppen Lecourbes von Landsberg nach Mindelheim auf. 
Hier wurden sie in drei Kolonnen unter Gudin (6000 Mann), 
Laval (3 Bataillone) ujid Molitor (8000 Mann)') geteilt, die 
den Auftrag hatten, Füssen und Reutte, bezw. Immenstadt 
und Bregenzer Wald, bezw. Feldkirch und Chur von den 
Österreichern zu säubern. Der letzteren Kolonne folgte Le- 
courbe selbst am 11. von Landsberg mit der Reserve und der 
Reiterei Nansoutys. 

„Jamais general n'avait mieux entendu que lui le Systeme 
de tout couvrir," urteilt Jomini^) über Reuß. Und in der 
Tat: mit 13 Bataillonen und 18 Schwadronen „deckte" Reuß 
selbst — unter ihm Mercandin und Linken — Anfang Juli die 
weite Linie Immenstadt— Reutte— Benediktbeuern; Jellachich 
stand mit 7 Bataillonen vornehmlich bei Feldkirch; Hiller mit 
4 Bataillonen und IV2 Schwadronen im Münster-, Oberengadin- 

') Kriegsarchiv F. A. VI, ad 70. Vgl. oben S. 292. 

') Ebda. VI, 128. — ') Ebda. VI, 571 a. — ') Ebda.H.K. R. VI, 21, 25. 

°) Ebda. F. A. VI, 569a. 

') Ebda. H. K. R. VI, 36 Reuß an H. K. R. 30. Juni. 

') Nach Spectateur militaire IX, 259 nur 5685 Mann. 

') Jomini XIII, 224. 



314 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

und Albulatal verteilt^; Auffenberg, der Hiller unterstellt war, 
bewachte mit 12 Kompagnien und einer halben Schwadron 
den Rhein von Thusis über Reichenau und Chur bis Balzers^). 

Nach leichten Vorpostengefechten erfolgte am 11. Juli 
Oudins Angriff auf die Stellungen von Reuß namentlich bei 
Füssen, Er zog sich auf die hinter ihm liegenden Pässe zu- 
rück und beorderte auch die Posten von Immenstadt hinter 
den Gachtpaß im oberen Lechtal (13. Juli). Dadurch hatte 
die Kolonne Laval freie Bahn, Jellachich bei Feldkirch in 
den Rücken zu kommen, der aber, ebenso wie Auffenberg, 
schon an demselben Tage an mehreren Stellen von MoHtor 
angegriffen wurde. Während Auffenberg von Chur und dem 
Luziensteig auf Martinsbruck und Nauders im Oberinntal zu- 
rückwich, behauptete Jellachich seine Stellung, räumte sie 
aber noch in der Nacht auf einen Befehl von Reuß, der ihn 
nach dem Arlberg und, wenn er sich da nicht halten könnte, 
zur Vereinigung mit ihm nach Nassereith am Fernpaß be- 
rief. Hiller, der nicht angegriffen worden war, hielt seine 
Stellungen für unhaltbar, zumal Franzosen, entgegen einem 
zwischen ihm und Moncey am 24. Juni abgeschlossenen Waffen- 
stillstand, Anfang Juli von Italien her in das Veltlin ein- 
gedrungen waren. Auch hatte er in Erinnerung an die März- 
tage von 179Q Befehl erhalten, unnütze Verluste zu vermeiden. 
Er zog sich nach Nauders und Glurns zurück. So waren die 
einzelnen Abteilungen des Reußschen Korps mit leichter Mühe 
zurückgeworfen, als der Waffenstillstand von Parsdorf es durch 
eine sehr unvorteilhafte Demarkationslinie aus diesen Stellungen 
noch weiter zurückdrängte. 

Wenn, wie der Oberfeldherr Kray, so auch Reuß bald 
darauf seines Kommandos enthoben wurde, dürfen wir darin 
eine berechtigte Kritik seiner wenig lobenswerten Leistungen 
erblicken"). Aber sind die letzten französischen Operationen 



') O. M. Z. 1836, III, 237 ff. 

') Kriegs-Archiv F. A. VII, 9, ad 11 a— h; H. K R., ad 17a, ad 18a 
und b, 19, ad 19, ad 21, 22f., ad 23b, 24, ad 25b, 27, ad 27; Ö. M. Z. 1836, 
III, 240 ff., Spectateur militaire, IX, 258 ff.; Jomini XIII, 359 ff.; Archives 
de la Societe d'histoire du Canton de Fribourg IV (1888) 485 ff.; Burck- 
hardt a. a. O. S. 361 ff., 438f.; Bitschnau a. a. O. II, 108 ff., Philebert 
a. a. O. 401 ff. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 315 

vor dem Waffenstillstand über allen Zweifel erhaben? War 
die Rückwärtsbewegung Lecourbes zur Vertreibung von Reuß 
notwendig; hätte man Vorarlberg jetzt nicht völlig ignorieren 
dürfen ? 

Es war wohl selbstverständlich, daß Reuß, besonders nach 
Krays Abzug von Ulm, seine Stellungen sofort geräumt und 
sich durch das Vintschgau zurückgezogen hätte, um die Ver- 
bindungen mit den Erblanden nicht zu verlieren, wäre Le- 
courbe in das Inntal auf Innsbruck vorgestoßen'). 

Die Ereignisse in Tirol und Vorarlberg, so geringfügig 
sie an sich militärisch sind, erregen deshalb unser Interesse, 
weil der Schauplatz und das Korps Reuß in den strategischen 
Kombinationen der Gegner eine erhebliche Rolle spielten und 
ihrem Charakter nach spielen mußten, auch wenn Ungeschick 
und Unfähigkeit der Handelnden ihr Gewicht herabdrückten. 

Von weit geringerer Bedeutung sind jedenfalls die Opera- 
tionen in den Maingegenden, auf die wir darum auch nur 
kurz unsere Aufmerksamkeit zu lenken brauchen. 

Nach dem Abzug Sztärays zur Hauptarmee und nachdem 
ihm auch die Abteilungen Hohenlohes und Fresnels, die er 
anfangs am Rhein zurückgelassen hatte, gefolgt waren, lag den 
von Kehl abwärts stehenden oder neu sich sammelnden fran- 
zösischen Truppen der Weg nach Hessen und Franken offen. 
Zunächst besetzten sie Mannheim, und in der zweiten Hälfte 
Juni begann Delaborde die Belagerung von Philippsburg. 

Damals übernahm Ste. Suzanne das Kommando über das 
sogenannte „Korps des Niederrheins*', das nach einem Ausweis 
vom 25. Juli-) in vier schwachen Divisionen (Collaud, Souham, 
Delaborde und Klein) nur 18 Bataillone und 22 Schwadronen 
zählte. 6 Bataillone standen vor Philippsburg, 3 Bataillone und 
12 Schwadronen unter Klein im Schwarzwald und im Breis- 
gau; mit dem Rest ging Suzanne Anfang Juni gegen die nur 
von wenigen Schwadronen Szekler unter Szentkereszti unter- 
stützten Mainzisch-Fuldaischen Kontingente im englischen Sold 
und den Kurmainzischen Landsturm Albinis vor. Seine Auf- 



') Gourgaud I, 193. Auch Jomini tadelt den Angriff auf die linke 
statt auf die rechte Flanke von Reuß. 
=) )omini XIII, 355, Beilage. 



316 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

Stellung zwischen Groß-Gerau und Schwanheim auf dem linken 
und längs der Nidda auf dem rechten Mainufer bezweckte die 
Sicherung Frankfurts. 

Wie sich schon im Jahre 17Q9 gezeigt hatte, waren die 
Landstürmer Albinis kein ganz verächtlicher Gegner für die 
Franzosen. Aber schließlich war das numerische Ergebnis des 
Landesaufgebotes doch ziemlich gering gewesen. Der Gedanke 
Albinis — er war nicht der erste und einzige Vertreter des- 
selben in den Revolutionskriegen ^) — den Landsturm in ganz 
Süddeutschland nach einem bestimmten System einheitHch zu 
organisieren und militärisch brauchbar zu machen, wurde nicht 
realisiert") trotz der lebhaften Unterstützung, die er u. a. bei 
Erzherzog Karl fand. Der Mergentheimer Kongreß von Ver- 
tretern des fränkischen und oberrheinischen Kreises, den dieser 
für den 24. Januar 1800 zusammenberufen hatte, um die Or- 
ganisation der Landesverteidigung zu beraten, verlief vielmehr 
resultatlos und seine Verhandlungen, die bis zum 3. Februar 
währten, bilden ein klägliches Schlußkapitel aus der Geschichte 
des Niederganges des Reiches und seiner verrosteten Wehr- 
verfassung^). Es kam zu keiner einheitlichen Organisation; nur 
einzelne Staaten, wie Pfalz-Bayern, Würzburg, vor allem aber 
Mainz, unternahmen eine Milizbildung oder setzten die begon- 

') Außer Gagern ist auch der junge Metternich 1794 mit einem solchen 
Plane hervorgetreten, der später der „Volks"-Bewaffnung so abhold werden 
sollte. Vgl. Aus Metternichs nachgelassenen Papieren I, 340 ff. 

°) K. Rothenbücher, der Kurmainzische Landsturm in den jähren 
1799 und 1800. Augsburg 1878, S. 55 ff. 

') Das Protokoll ist gedruckt in Reuß, Teutsche Staatskanzlei 1800 I, 
85ff. — Daß damals wieder manche der durch den Krieg in Mitleidenschaft 
gezogenen Reichsstände mit den Franzosen in Verhandlungen standen, be- 
weisen die Korrespondenzen Th. Bachers. Vgl.Picard I, 221 ff. und Kriegs- 
Archiv I, 36V2, ad 36 ''2, H, 3V2 Korrespondenz zwischen Erzherzog Karl 
und Hügel, dem kaiserl. Kommissarius in Regensburg über Bachers 
Tätigkeit und die Mittel der Abhilfe. Hügel sandte schließlich einen 
Major Marschall nach Frankfurt, um Bacher zu überwachen. Selbst 
Albini ertappen wir um die Jahreswende bei Verhandlungen mit den 
Franzosen, für Mainz eine Neutralität zu erlangen. Erst als die Franzosen, 
die zwischen Frankfurt und Mainz standen, auf das linke Rheinufer zurück- 
gingen, pressierte es Albini nicht mehr, und seine spätere Stellung kennen 
wir. Vgl. dazu Revue d'histoire diplomatique 1892 p. 250f. (Bericht Bachers); 
dazu Picard I, 401 Brief Moreaus an Bonaparte 26. Februar. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 317 

nene fort. So war der Mainzer Landsturm von 1799 schon 
durch kurfürstliche Verordnung vom 25. Dezember 1799 in 
die festeren Formen einer Landmiliz gebracht worden, von der 
im Februar darauf bereits sechs Bataillone formiert waren. 
Dazu trat dann im April noch das leichte Jägerkorps des Majors 
Scheitherr. Auch Zuzug von Freiwilligen hatte Albini'). 

Anfang JuH ging Ste. Suzanne von Castel gegen die Nidda 
vor, und der Erfolg einer Reihe von Gefechten war die Be- 
setzung Frankfurts durch die Franzosen (6. Juli) und nach 
dem Mainübergang bei Offenbach und Niederrad und dem 
Gefecht bei Neu-Isenburg (12. Juli) ihr Vordringen gegen 
Aschaffenburg, dem der Parsdorfer Waffenstillstand ein Ziel 
setzte. Nach dessen Bestimmungen zogen sich die Österreicher 
und Mainzer auf das rechte Mainufer in die Gegend von 
Aschaffenburg zurück"). 

Schon vorher hatte der Parteigängerkrieg im Rücken 
der Hauptheere sein Ende gefunden, der sich an die Na- 
men des Oberstleutnants Walmoden und des Rittmeisters 
Graf Mier knüpft. Namentlich letzterer ist ein prächtiger 
Typus des' Parteigängers. Seine kecken Stückchen machten 
den Franzosen genug zu schaffen, wenn sie auch auf 
das Ganze der Ereignisse keinen nennenswerten Einfluß 
hatten. Nach der Festsetzung der Armee bei Ulm hatten die 
genannten Offiziere den Auftrag erhalten, die Franzosen durch 
Abfangen von Proviant- und Munitionskolonnen, durch Über- 
fall auf kleine Abteilungen und Garnisonen zu belästigen, die 
dem Gegner entlaufenen Gefangenen zu sammeln und wo- 
möglich die Landbewohner zu insurgieren. Was namentlich 
Mier in Erfüllung dieses Auftrages bis zum Juli geleistet hat 
auf Streifzügen, die ihn bis ins Rheintal führten, ist in einer 
aktenmäßigen Schilderung jetzt genauer nachzulesen^). 

Der Kaiser hatte, nicht zuletzt weil die großen Opfer in 
Italien ihm die Ausdehnung des Waffenstillstandes erwünscht 
erscheinen ließen^), Kray autorisiert, einen militärisch vorteil- 

') Rothenbücher S. 64 ff. 

") Ebda. S. 80 ff.; Kriegs-Archiv H. K. R. VII, 29, ad 40. 

') Nach den Akten des Wien. Kriegs-Archivs in Revue d'histoire 
redigee ä TEtat-Major de l'armee Bd. 35 (1909) p. 353 ff. 

*) Kaiser an Meias 4. und 6. Juli Vivenot II, 237, bzw. Hüffer, 
Quellen II, 359f. 



318 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

haften Waffenstillstand durch Vermittlung des Grafen Franz 
Dietrichstein ^) abschließen zu lassen und dabei vor allem die 
Grenzen Österreichs als des Herzens der Monarchie zu sichern, 
für welche die Innhnie die beste Schutzwehr sei"). Da anderseits 
Moreau durchaus die Ansichten des französischen Kriegs- 
ministers teilte, der ihn unter dem 25. Juni auf das Gefährliche 
eines weiteren Vorrückens aufmerksam gemacht hatte^), nahm 
er das Angebot Krays freudig auf, und Lahorie verabredete 
mit Dietrichstein am 15. den Waffenstillstand von Parsdorf. 
Er galt auf unbestimmte Zeit bei zwölftägiger Kündigung für 
Deutschland, die Schweiz, Tirol und Graubünden^). Die De- 
markationslinie, die durch ihn festgesetzt wurde, führte von 
Balzers am rechten Rheinufer längs der Grenze von Grau- 
bünden zur Inn- und Lechquelle; von dort ging sie über 
Breitenwang, Ammerquelle, Kochel-, Walchen- und Tegernsee, 
Ebersberg, Isen, Vilsbiburg, die Vils entlang bis zu ihrer Mün- 
dung in die Donau. Der Altmühl folgte sie bis Pappenheim, 
erreichte über Weißenburg die Rednitz und führte an dieser 
entlang bis zum Main. Wichtig war vor allem die Bestimmung, 
daß die drei Festungen Philippsburg, Ulm und Ingolstadt von 
zehn zu zehn Tagen verproviantiert werden sollten^). 

Die Demarkationslinie war mihtärisch für Österreich so 
nachteilig, daß nicht nur Thugut den Abschluß der Parsdorfer 
Konvention lebhaft beklagte. „Doch nicht erst seit heute," 
schrieb resigniert der Minister, „verschwägern wir uns mit 
der Schande"''). 

Die vorteilhafte Innlinie blieb zwar, weil den österreichi- 



^) Österreichischer Gesandter am bayerischen Hofe. 

°) Kriegs-Archiv F. A. VII, 314, undatierte Kopie eines Kaiser- 
liehen Handschreibens. Über die Stellung Thuguts vgl, Vivenot II, 234, 
43, 45 ff. 

'') Picard, Bonaparte et Moreau p. i264f.; Memorial V, 182. 

*) Schon vorher war durch F. M. L. Hiller ein provisorischer Waffen- 
stillstand für Graubünden abgeschlossen und auch in Wien genehmigt 
worden (Vivenot II, 241). Gleichwohl besetzten die Franzosen Anfang 
Juli das militärisch überaus wichtige Veltlin (ebda. II, 245 ff.). 

') Die Konvention bei Martens VII, 401 ff.. Scholl V, 331, Garden 
VI, 231, Neumann I, 611; das Original Kriegsarchiv F. A. VII, 226- 

') Vivenot II, 251 an Colloredo 17. Juli. 



I 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 319 

sehen Stellungen bei Abschluß des Waffenstillstandes ent- 
spre'chend, selbstverständlich den Österreichern, aber die wich- 
tigsten Pässe nach Tirol kamen, wie Reuß dem Hofkriegsrat 
klagte*), in französische Hände: Gacht, Roßläg, Lechschanze, 
Kniepaß und die Pässe von Ehrenberg, Ehrwald und Leutasch 
wurden in Flanke und Rücken so bedroht, daß diese Positionen 
nur mit erheblichem Truppenaufwand zu behaupten waren. 
Auch eine Stellung zwischen Glurns und Nassereith sei infolge 
der Demarkationslinie nicht zu halten, und auch Hillers Stellung 
im Engadin sehr gefährdet. Bei Wiederausbruch der Feindselig- 
keiten könnten die Franzosen auf der Stelle in das Herz von 
Tirol vorrücken. Und gerade die Deckung Tirols war sowohl 
Melas wie Kray auf die Vorschläge hin, die sie selbst nach 
dieser Richtung in Wien gemacht hatten, unter dem 14. Juli 
noch einmal nachdrücklichst ans Herz gelegt worden"). 

Aber freilich, eine Waffenruhe war den Gegnern aufs 
dringendste nötig, namentlich den Österreichern, die vom 
24. Februar bis 14. JuU 3126 Tote, 10 206 Verwundete und 
17 854 Gefangene, zusammen 31186 Mann, verloren hatten^). 

Die Operationen um Ulm haben durch die schneidende 
Kritik, die Napoleon auf St. Helena an ihnen geübt hat, ein 
besonderes Interesse. 

Ich deutete in den einzelnen Phasen bereits an, daß mir 
Moreaus Heerführung keineswegs immer zu dem Bilde zu passen 
scheint, das seine Lobredner von dem Feldherrn Moreau 
entworfen haben. So oft auch im einzelnen der Kritik Napo- 
leons*) eine Verkennung der tatsächlichen Verhältnisse zu- 
grunde liegt und sie da und dort über das Ziel hinausschießt: 
ganz abgesehen von einzelnen Maßnahmen oder Unter- 
lassungen, die Teile seines Heeres der Gefahr eines vernich- 
tenden Schlages aussetzten, vermag ich die Operationen Mo- 
reaus nur als die Leistungen eines Feldherrn von guter Mittel- 

') Kriegsarchiv H. K. R. VII, 27. 

") Ebda. VII, 20, ad 20c und d; F. A. VII, 273 7». 

') Die Verluste der Österreicher vom 14. Februar bis 14. Juli be- 
trugen 3126 Tote, 10206 Verwundete, 17854 Gefangene = 31186 Mann. 
Kriegsarchiv F. A. VIII, 53, Vortrag Tiges beim Kaiser vom 1. August. 
. *)Correspondance XXX, 478 und Memoires de Gourgaud I, 136 ff., 
IM ff. (Ausgabe von 1823). 



320 Der Feldzug in Deutschland bis zum 

mäßigkeit zu bewerten. Von seiner hohen Warte aus und im 
ganzen betrachtet, ist Napoleons Kritik doch nicht unberechtigt, 
erscheint Moreau mehr als Feldherr der alten Schule, denn als 
Jünger des Napoleonischen Geistes. 

Höchstes Gebot für Moreau war, wie erinnerlich (S. 147 f.), 
die Bewegungen der Rheinarmee denen der Reservearmee so 
weit unterzuordnen, daß er ihr den Rücken freihielt*) und 
selbst nur so weit vorging, als es ohne Gefährdung seiner Ver- 
bindungen geschehen konnte. Wo war dafür die Grenze, die 
zugleich die Durchführung der ersten Aufgabe beeinflussen 
mußte? Ein Blick auf die Karte belehrt uns, daß, sobald Reuß 
bis Innsbruck zurückgedrängt war, ein Vorrücken Moreaus bis 
zur Isar- und Innlinie der Reservearmee nur vorteilhaft und 
Moreau selbst nicht gefährhch sein konnte. Wenn wir das 
Kräfteverhältnis berücksichtigen, und den Zustand der gegne- 
Tischen Heere nach den anstrengenden Märschen und Kämpfen 
um die Wende von April und Mai noch so hoch in Rech- 
nung setzen, dann ist nicht einzusehen, warum Moreau nicht 
sofort nach dem Gefecht von Memmingen oder auch noch 
an einem späteren Termin den Grundfehler Krays, daß er 
sich von Reuß hatte trennen lassen, ausnutzend, mit Über- 
macht gegen die weiten Stellungen von Reuß sich hätte wenden 
sollen. Der Ausgang konnte kaum zweifelhaft sein, und die 
Einwirkung von Reuß' Rückzug auf Kray, zu dessen Beob- 
achtung in der Zwischenzeit Moreau genügend Kräfte zur 
Verfügung standen, wäre nicht ausgeblieben, seine Abdrän- 
gung von Ulm dadurch sehr erleichtert worden. 

Bei Gegnern, wie Reuß und der geschlagene Kray es 
waren, und bei ihrer räumlichen Entfernung von einander 
hätte ein wirklich bedeutender Stratege diese Operation auf 
der inneren Linie den aufreibenden und nichts entscheiden- 
den Hin- und Hermärschen um die österreichischen Stellungen 
von Ulm vorgezogen. 

Der andere Weg, Kray von dieser Festung wegzulocken, 
der in einer Umgehung seiner Stellungen bei Ulm bestand, 
ist aus der obigen Darstellung deutlich geworden. Der 



^) Noch am 31, Mai legte Carnot dies Moreau dringend ans Herz. 
Memorial V, 180. 



Waffenstillstand von Parsdorf am 15. Juli. 321 

Mangel an Entschlußkraft, die methodische Bedächtigkeit und 
die Langsamkeit, die Moreau überhaupt eigentümlich sind, offen- 
barten sich in seiner im ganzen gewiß nicht ruhmlosen Feld- 
herrnlautT)ahn nirgends deutlicher, als in den Manövern um 
Ulm^). Und auch als er es schließlich unternommen hatte, 
die Stellungen Krays donauabwärts zu umgehen, hat er eine 
sehr günstige Lage nicht nachdrücklich genug ausgenützt. 
Gerade mit Bezug auf diese Situation hat der doch gewiß 
nicht leichtfertige und überkühne Erzherzog Karl sein Ur- 
teil über Moreau dahin zusammengefaßt") : „Moreau, dem man 
Talent nicht ganz absprechen kann, ist nicht dezidiert genug, 
um die Fehler seiner Feinde zu benutzen; er ist kein Bonaparte, 
die Entschlossenheit geht ihm zu sehr ab, als daß man ihn 
in die Klasse eines großen Generals rechnen könne.** 

Unmittelbar nach den Ereignissen hat Napoleon von einer 
Kritik Moreaus nichts vernehmen lassen, hat er ihn im Gegen- 
teil höchst gelobt, seines vollsten Vertrauens versichert und 
alles getan, um die gereizte Stimmung Moreaus vom Früh- 
jahr nicht wieder aufkommen zu lassen. Das Verhältnis war 
denn auch im Sommer und Herbst, wenn auch m. E. mehr 
äußerlich als wahrhaftig, ein gutes. Die Gründe liegen auf 
der Hand. Napoleon schonte in Moreau den Rivalen, in dem 
mancher seinen Nachfolger gesehen, falls er von Italien nicht 
oder nicht siegreich heimkehrte, und dessen Reputation durch 
die Erfolge in Deutschland womöglich noch gewachsen war. 
Moreau anderseits hat offenbar nicht sofort durchschaut, daß 
Napoleons Konsulat nur die Vorstufe der Monarchie war; 
überdies ist er hauptsächlich erst durch seine Heirat im Herbst 
des Jahres 1800 in jene verhängnisvolle politische Strömung 
hineingetrieben worden, die zur Katastrophe von 1804 führte-^). 



') Nach Napoleons Ansicht (Gourgaud I, 151 f.) hätte Moreau nach 
Memmingen seinen Marsch auf Augsburg fortsetzen sollen, was, wie er 
meint, sofort Krays Rückzug von Ulm auf dem linken Ufer zur Deckung 
Bayerns und der Erblande zur Folge gehabt hätte. Eine so rücksichtslose 
Preisgabe seiner Verbindungslinie war doch wohl zu sehr ä la Bonaparte 
und einem Moreau nicht zuzumuten. 

. ') Mitteilungen des k. k. Kriegsarchivs III, 1 S. 22 f. 

') Picard, Bonaparte et Moreau p. 274 ff. 

Herrmann, Der Aufstieg .Napoleons. 21 



322 Der Feldzug in Deutschland b. Z.Waffenstillstand v. Parsdorf a. 15.)uli. 

Auch vom österreichischen Standpunkte aus müssen wir 
die Kämpfe um Ulm noch einmal kurz ins Auge fassen. 

Wenn wir annahmen, Kray hätte die Vereinigung mit 
Reuß unter allen Umständen der Festsetzung in Ulm vor- 
ziehen sollen, könnte das leicht ein Mißverständnis über die 
absolute Bedeutung der Position von Ulm überhaupt hervor- 
rufen, dem ich begegnen möchte Das Defile der Donau ist 
in den Römerkriegen ebenso wie im 19. Jahrhundert der 
Schlüssel Süddeutschlands gewesen. Moreaus Siege im Jahre 
1800 wurden erst dann wirklich bedeutsam, als er seinen 
Gegner von der Donau verdrängt hatte. Ulm im besonderen ist 
als Straßenkreuzungspunkt von Wichtigkeit, und eine Stellung 
dort dann besonders wirksam, wenn, wie es 1800 der Fall 
war, die Donauübergänge bis Regensburg sich in derselben 
Hand befinden^). Die Stellung Krays in der linken Flanke 
der Franzosen, ihre Rückzugslinie bedrohend, hat denn auch 
in der Tat Moreau erhebliche Verlegenheit bereitet"^), die 
bei größerer Geschicklichkeit Krays noch größer gewesen 
wäre, zu deren rascherer Überwindung aber es eines Feld- 
herrn bedurft hätte, bedeutender, als wir Moreau einzuschätzen 
vermögen. 



') Erzherzog Karl, Ausgewählte Schriften I, 280 f., 304 ff., 343. 
') Jomini XIII, 311 ff. 



6. Kapitel. 

Die Reseroearmee und ihre Operationen bis zum 

Gefecht hei Nontehello o. junD. 
I. 

Die Reservearmee von Dijon. 

Wenn Bonaparte auf eine Frage der Frau von Montholon 
nach seinen besten Truppen neben denen von Austerlitz die 
von Marengo genannt haben solP), so müssen wir diese 
Äußerung als im Rahmen der „Legende von Marengo*' getan 
ansehen und können dies Urteil nicht unterschreiben. Erst 
von 1805 an datieren Bonapartes moderne Armeen; erst seit 
den Tagen des Boulogner Lagers treten die Massenheere 
in moderner Gliederung auf, die voll und ganz den geistigen 
Stempel des Mannes tragen, der hier zum ersten Male un- 
umschränkt über die Mittel und die Muße verfügte, seine 
Truppen in längerer Friedensarbeit nach seinen vorbildlichen 
Grundsätzen zu formen und zu organisieren, Ansätze dazu 
finden sich freilich bereits früher angedeutet, schon bei den 
ersten Heeren, die er als Inhaber auch der bürgerlichen Ge- 
walt ins Feld gestellt. Aber diese Macht war im Anfange des 
Jahres 1800 doch noch keine gesicherte, und vor allem setzte 
die damalige starke physische Erschöpfung Frankreichs seinem 
Wirken Grenzen. 

An der Hand eines erdrückenden Materials") habe ich 
an anderer Stelle^) die Bildung der Reservearmee Schritt für 
Schritt verfolgt, um einen Einblick zu bieten in das inter- 
essante Gewebe der gesamten französischen Heeresorganisation. 
Für die Zwecke dieses Buches darf ich mich auf wenige Be- 
merkungen beschränken, die zugleich für die Beurteilung der 

') Memoires de Ste. Helene VI, 16. 

"') De Cugnac, Campagne de rarmee de Reserve en 1800. Public 
scus la direction de la section historique de l'etat-major de rarmee. 
Paris 1900/1. 2 Bände. 

') Herrmann, Marengo. Münster 1903, S. 27 u. ö. 

21* 



324 Die Reservearmee und ihre Operationen 

Operationen der Reservearmee bedeutsam sind oder tiefvvur- 
zelnde Legendenbildungen richtig stellen. 

Zu diesen Legenden gehört z. B. auch jene von den un- 
begrenzten Machtmitteln Napoleons und der Kriegsfreudigkeit 
und dem Opfermut der damaligen Franzosen. In Wahrheit 
ervi^ies sich das Projekt der Reservearmee überhaupt nur als 
durchführbar, als durch Beendigung des Bürgerkrieges in der 
Vendee ein Stamm altgedienter Regimenter verfügbar wurde. 
Das geschah zum Glück rechtzeitig, und Anfang März wurde 
ein Teil der bisher in der Vendee gebundenen Truppen für 
die Reservearmee bestimmt, die nach der ihre allgemeine Orga- 
nisation verfügenden Verordnung vom 8. März 60 000 Mann 
in sechs Divisionen umfassen sollte'). Gleichzeitig beschloß 
der gesetzgebende Körper zur Vervollständigung der Land- 
armee die Aushebung einer Jahresklasse, von deren Ergebnis 
30 000 Mann für die Reservearmee bestimmt wurden, und 
appellierte die Regierung an den Patriotismus der Franzosen, 
indem sie die Veteranen zu den Fahnen rief und zur Bildung 
von Freiwilligen-Bataillonen-) aufforderte. Das Ergebnis war 
kläglich ! 

Die Überlieferung, daß Frankreich sich auf das Wort des 
Ersten Konsuls in ein Heerlager zu verwandeln schien, daß 
viele alte Krieger und Gebildete zu den Fahnen strömten, ist 
völlig unhaltbar. So hatten sich z. B. ca. sieben Wochen nach 
Erlaß des Aufrufs erst 353 Veteranen und 120 freiwillige 
Husaren eingefunden'^). Auch die Ergebnisse der Rekrutie- 
rung blieben weit hinter den Erwartungen zurück; nur äußerst 
langsam sammelten sich die Rekruten und die alten Truppen; 
in der ganzen Reservearmee hat schließlich nicht eine ein- 
zige Halbbrigade jemals die vorschriftsmäßige Stärke (3201 
Mann bei 3 Bataillonen zu 1067 Mann) erreicht^). Am 

') Correspondance de MapoleonVI, 4651; Cugnac I, 37 ff. 

') Correspondance VI, 4648ff., Cugnac I, 41 ff. — No. 4682 und 
4722 enthalten zwei weitere Aufrufe vom 20. März und 21. April. 

') Cugnac I, 44, 160. — Von einer besonders krassen Übertreibung 
der Wirkung seines Aufrufes zur Bildung der Reservearmee seitens 
Napoleons berichtet Sandoz am 23. März (Bai Heu, Preußen und Frank- 
reich I, 374): leicht könne er sie bei dem Enthusiasmus der Franzosen 
auf 150 000 Mann bringen. 

') Näheres bei Herrmann a. a. 0. S. 29 ff., 31 ff. 






bis zum Gefecht bei Montebello (9. Iiini). 325 

25. April, als, wie erinnerlich, die Offensive von Melas und 
damit die Notwendigkeit eines beschleunigten Zuges über die 
Alpen eben bekannt geworden war, klagt Berthier, daß er 
höchstens 30 000 Mann dazu zur Verfügung habe und nennt 
dieses Ergebnis bezeichnend „calcul de general en chef et 
noii celui de bureaux". Trotz aller Ungewißheit über viele 
Details aus einem reichen Zahlenmaterial) ist es zweifellos, 
daß die Reservearmee die vorgesehene Stärke von 60 000 Mann 
überhaupt niemals erreichte, selbst nicht mit Einschluß des 
zirka 14 000 Mann starken Korps, das die Rheinarmee an sie 
abgab; auf 56 737 Mann allerhöchstens darf man die Gesamt- 
stärke der Dijoner Reservearmee am Tage von Marengo be- 
ziffern^). 

Schon diese Zahlen widerlegen zugleich auch die oft 
wiederholte und gewiß nicht belanglose Behauptung, bei Ma- 
rengo habe eine Rekrutenarmee gekämpft. Genaue Belege über 
die Rekruteneinstellungen bei den Truppenteilen der Reserve- 
armee gibt es zwar nicht, doch gestatten Vergleiche der über- 
lieferten Zahlen den Schluß, daß die der Reservearmee fehlenden 
18 000 Mann — sie zählte schließlich mit Ausschluß Monceys 
und der Garde nur zirka 42 000 Mann — fast ausschließlich 
dem mangelhaften Ergebnis der Konskription zur Last fallen. 
Wenn also die Truppen von Marengo, wie oben gesagt, nicht 
zu den besten Truppen Napoleons gehörten, so sind sie doch 
ebensowenig als eine Rekrutenarmee anzusehen'^). 

Noch schwerer als die Beschaffung des Menschenmaterials 
M ar aber die Sorge für die Ausrüstung der versammelten Trup- 
pen. Fast auf jeder Seite der Aktensammlung von Cugnac 
finden sich die beweglichsten Klagen über Mangel an Geld, 
Gewehren und Geschützen, Kleidung und Munition, Fuhrwerk 
und Pferden, und nicht zuletzt an Proviant, was erst besser 
wurde, als die Reservearmee in der oberitalienischen Tief- 
ebene reiche Vorräte fand. Selbst wenn man annimmt, daß 
j d;e einzelnen Berichte aus naheliegenden Gründen möglichst 
I schwarz malen, es haben tatsächlich so üble Zustände in der 
Reser\earmee geherrscht, daß ihre Leistungen um so aner- 

') und ") Herrmann a. a. O. S. 31 ff. bzw. 52 ff. 

') Vgl. die Ordre de bataille vom 14. Juni, Kapitel VII. 



326 Die Reservearmee und ihre Operationen 

kennenswerter sind*). Aber diesen Mängeln entsprachen natur- 
gemäß auch mancherlei Ausschreitungen, Disziplinlosigkeiten 
und zum Teil sehr erhebliche Desertionen, die jener nicht 
zu vertuschen braucht und nicht nur auf das Konto der Or- 
ganisation, sondern auch auf das des französischen National- 
charakters setzen darf, der auch den glänzenden Soldateneigen- 
schaften der Franzosen und namentlich der Napoleonischen 
Troupiers, wie sie auch in der Reservearmee sich bewährten, 
volle Anerkennung zollt"^). 

Von den großen Mängeln der Reservearmee hätte ihr am 
verhängnisvollsten ihre ganz unzureichende artilleristische Aus- 
rüstung werden können. Nach den Grundsätzen, die Bona- 
parte damals aufstellte, — nur 6 bzw. 12 Geschütze für eine 
Infanterie - Division von 5- bzw. 10 000 Mann — sollten mit 
der Reservearmee bei Dijon, einschließlich derjenigen der Garde, 
54 Geschütze gesammelt werden. Nicht ein einziges derselben 
kam indes an seinen Bestimmungsort; vielmehr mußte sich die 
Reservearmee aus verschiedenen Arsenalen einen kleinen Ge- 
schützpark allmählich mühsam zusammenstoppeln. 

Von meinen eingehenden Darlegungen über diese bedeut- 
same Tatsache^) gebe ich hier nur die Resultate. Wieviel 
Geschütze die Reservearmee über den Großen St. Bernhard 
brachte, ist nicht sicher anzugeben. Wichtiger ist, daß man 
durch die Enge bei Bard, von deren Bedeutung noch zu 

') Näheres bei Herrmann S. 33 ff. 

-) Angesichts der lebhaften Ablehnung, welche die Äußerungen 
Freytag-Loringhovens über den Geist der Napoleonischen Heere („Die 
Heerführung Napoleons in ihrer Bedeutung für unsere Zeit", Berlin 1910) 
in Frankreich gefunden haben, namentlich in der zum mindesten offiziösen 
Revue d'histoire redige ä l'Etat-Major de l'armee Bd. 37, betone ich nach- 
drücklichst, daß ich Freytags Behauptungen zahlreiche Stützen geben 
könnte und „Marengo" S. 22 ff., 43 ff., z. T. auch schon früher ge- 
geben habe. 

^) Herrmann S. 46 ff. Seitdem traten noch hervor und sind er- 
wähnenswert: Titeux, Le general Dupont. Tome I" De Marengo ä 
Friedland. Puteaux sur Seine 1903 und de Cugnac, Campagne de Marengo 
Paris 1904, der naturgemäß auf Grund seiner Aktenpublikation hier zu 
denselben Resultaten kommt wie ich. Vgl. über dieses nach des Ver- 
fassers Edition einigermaßen enttäuschende Wjerk meine Ausführungen in 
den „Jahrbüchern für die Deutsche Armee und Marine" No. 415 (1905] 
S. 419—34. 






bis zum Gefecht bei Montebelio (9. )uni). 327 

sprechen sein wird, im ganzen höchstens sechs Geschütze hin- 
durchzubringen vermochte; noch beim Einzug in Mailand 
sind nicht mehr als diese sechs in der französischen Armee 
nachweisbar. Bei Montebelio standen französischerseits wohl 
nur vier Kanonen im Gefecht, und wenn man inzwischen auch 
einiges erbeutete Geschütz einstellte und nach der Übergabe 
von Bard am 2. Juni die dort aufgehaltenen Geschütze zur 
Armee dirigiert wurden, der Transport ging so langsam, daß 
Napoleon auch bei der Hauptentscheidung des bis dahin fast 
ohne Artillerie durchgeführten Feldzuges höchstens über 25 Ge- 
schütze verfügte und für den größten Teil des Tages, d. h. 
bis zum Eintreffen Desaix', gar nur über 17. Und in dieser 
geringen Zahl waren nicht weniger als vier verschiedene KaUber 
vertreten: Vier-, Acht- und Zwölfpfünder und sechszöUige 
Haubitzen. — Die französische Artillerie befand sich um 1800 
im Stadium der Umformung^). 

Für die jammervollen Zustände, die sich bei der Bildung 
der Reservearmee offenbarten, eine einzelne Persönlichkeit, und 
nicht vornehmlich die Verhältnisse, wie die verlotterte Direk- 
torialregierung sie allgemein in der Verwaltung herbeigeführt, 
verantwortUch zu machen, ist durchaus verfehlt. Ein dahin- 
gehender Vorwurf ist aber in seiner Eigenschaft als Kriegs- 
minister dem Manne gemacht worden-), der uns in seiner eigen- 
tümlichen Stellung an der Spitze der Reservearmee näher 
interessiert. Der spätere Marschall Berthier, der treue und 
entsagungsvolle Mitarbeiter Napoleons, wird doch wohl unter- 
schätzt, wenn man seine Dienste, wie es meist geschieht, als 
bloße Handlangerleistung hinstellt. Das ist doch nicht ganz 
richtig, wenn auch das vereinzelte Beispiel eines selbständigen, 
wichtigen strategischen Entschlusses aus dem Jahre 1800, von 
dem weiter unten die Rede sein wird, die Auffassung nicht 
zu erschüttern vermag, daß Berthier nach seiner Veranlagung 
einem selbständigen militärischen Kommando wenig gewachsen 
war3). Und Führerqualitäten in seinen Generalen zu entwickeln, 
hat ja Napoleon zu seinem schließlichen Verhängnis nie sich 
bemüht. 



') Herrmann S. 17ff. 

') Memoires sur Carnot I, 205, 208; Bourrienne, Memoires IV, 87 f. 

') Vgl. unten S. 330 f. 



328 Die Reservearmee und ihre Operationen 

Es ist ganz zweifellos, daß Berthier in der Tat in der 
Reservearmee nur der nominelle Führer war, und seine Korre- 
spondenz beweist, daß Napoleon, selbst schon vor seinem Ein- 
treffen bei der Armee, in wichtigen Dingen fast ausnahmslos 
die letzte Entscheidung fällte, wie übrigens Berthier, mochte 
er auch das Zweideutige und Unselbständige seiner Stellung 
mitunter peinlich empfinden, selbst es wünschte. Nicht nur 
durch die Grenzen seiner Befähigung, sondern auch durch psy- 
chologische Momente, seine nervöse Überreiztheit und Unsicher- 
heit, ist das erklärt. Er bedarf der Anlehnung an den starken, 
genialen Freund^), in dessen Nähe und unter dessen Leitung 
er ganz Hervorragendes als Organisator und Generalstabschef 
geleistet hat. So hat er sich denn auch um die schwierige 
Organisation der Reservearmee die allergrößten Verdienste er- 
worben, und schon die räumliche Entfernung von Bonaparte hat 
ihn hierbei mitunter wenigstens zu selbstständigen Entschlüssen 
gezwungen, so daß er doch auch als general en chef im Jahre 
1800 nicht ganz als Puppenfigur anzusehen ist. Schon wie er die 
noch durchaus unfertige Reservearmee von ihren ersten Sammel- 
plätzen an den Genfer See und von da an den Fuß der Bernhards- 
berge geführt, war keine verächtliche Leistung, selbst wenn 
er dabei nur Befehle ausgeführt und nicht selbst entschieden hat. 

Bevor wir diese Bewegungen betrachten, müssen wir noch 
kurz bei einem besonders hartnäckigen Glied der „Legende 
von Marengo'' verweilen, das, wie das meiste dieser Legenden- 
bildung, auf Napoleon selbst zurückgeht, der in seinen Me- 
moiren behauptet hat^), die „Armee von Dijon*' sei eine bloße 
Fiktion gewesen, von ihm erfunden, um die englischen und 
österreichischen Spione in die Irre zu führen. Man hat Na- 
poleon diese wie so viele andere Fabeln lange getreulich nach- 
erzählt und die Bildung der Reservearmee so dargestellt, als 



') In Ergänzung des vornehmlich der militärischen Laufbahn Berthiers 
gewidmeten Werkes von Derrecagaix (Paris 1904 f. 2 Bände) hat M. 
Strich (Marschall A. Berthier und sein Ende, München 1908) zur mensch- 
lichen und psychologischen Beurteilung des Marschalls einen wertvollen 
Beitrag geliefert. — Über Berthier als Kommandanten der Reservearmee 
vgl. auch Herr mann S. 39 ff. 

')Correspondance XXX, 438. — Die folgenden Ausführungen 
im Text im wesentlichen wiederholt nach Herrmann a. a. O. S. 54 f. 



bis zum Gefecht bei Montebello (9. Juni). 329 

hätten ihre einzelnen Teile sich an verschiedenen Punkten Frank- 
reichs versammelt und seien von dort in tiefstem Geheimnis 
an den Genfer See gezogen ; in Dijon hätten sich zum Schein 
nur einige Invaliden- und Veteranentruppen versammelt. Man 
hat Napoleon sogar große Bewunderung gezollt für dieses ge- 
schickte Täuschungsmanöver und glaubte sich berechtigt, eine 
Täuschung der Gegner anzunehmen, da man aus dem Verhalten 
von Melas fälschlich schloß, er habe sich über die Reserve- 
armee in völliger Unkenntnis befunden. 

Es ist unbestreitbar, daß Napoleon, wie stets, so auch 
1800 den Grundsatz möglichst beherzigt hat, daß es ein Ge- 
heimnis des Erfolges im Kriege ist, den Versammlungsort der 
Armee, und damit zugleich auch die mutmaßliche Angriffsfront, 
möghchst zu verschleiern, und ein gleichzeitiger Brief des Ersten 
Konsuls an Berthier^) läßt vielleicht den Schluß zu, daß er 
wirklich geglaubt, Melas befinde sich über Stärke und Ab- 
sichten der Reservearmee völlig im Irrtum, aber erwiesen ist 
nicht nur, daß die Reser\earmee sich tatsächlich bei Dijon 
versammelte, sondern auch, daß eine Täuschung des Geg- 
nerstatsächlich nicht, oder doch nur unvollkommen 
gelang. 

Der Erlaß über die Bildung der Reservearmee verfügte 
die Kantonierung der für sie bestimmten Truppen in einem 
Umkreis von zwanzig französischen Meilen um Dijon. So ge- 
schah es auch, und es ist überliefert, daß sich diese Truppen- 
ansammlung für die Bewohner der kleinen Stadt, die damals 
zirka 20 000 Einwohner zählte, recht drückend fühlbar machte. 
Neun Halbbrigaden, zehn Kavallerieregimenter und die gesamte 
vorhandene Artillerie lagen z. B. fast den ganzen April hindurch 
in und um Dijon in einem Umkreis von zwei Tagemärschen in 
dem Polygon Chaumont— Semur— Macon— Dole, und die Zei- 
tungen machten schließlich, obwohl am 15. Februar ein Ver- 
bot ergangen war, Nachrichten über die Heeresbewegungen 
zu bringen"-), aus diesen Truppenanhäufungen kein Geheimnis 
mehr. Wenn sich schließlich bei der durch den „Moniteur" 
pomphaft angekündigten Truppenschau durch den Ersten 
Konsul in der Tat nur mehr eine einzige Halbbrigade, einige 

') Correspondance VI, 4747 vom 2. Mai. — ') Ebda. 4595. 



330 Die Reservearmee und ihre Operationen 

Rekruten und die Veteranen bei Dijon befanden, so war es 
den Spionen doch nicht verborgen gebUeben, daß ebenso viele 
Tausende, wie sie jetzt Hunderte sahen, vorher Dijon passiert 
und in diesem Ort und seiner Umgebung gelagert hatten. 

Damals hatte bereits der Abmarsch der Truppen an den 
Genfer See begonnen infolge der Verabredung von Basel und 
bald auch der dringenden Nachrichten aus Italien. Daß die 
Stärke der disponiblen Truppen der Reservearmee da- 
mals erst ca. 30 000 Mann betrug, ist aber immerhin für die 
Ansichten der Österreicher über sie bemerkenswert. 

Noch in Dijon traf Berthier am Morgen des 27. April 
die bereits bei Besprechung des allgemeinen Operationsplanes 
erwähnte, erst am 25. abends expedierte Anweisung^) Bonapartes 
vom 24., die ihm schleunigsten Aufbruch nach Italien an- 
befiehlt. Schon vorher, am 25. abends, hatten aber Berthier 
und sein Stabschef Dupont Briefe vom 24. empfangen, die 
zwar beide bereits nach Veränderung des Kriegsplanes ver- 
faßt waren, aber seltsamerweise entgegengesetzten Inhalt hatten. 
Der an Dupont") enthält die ganz im Sinne von Bonapartes 
.Brief an Berthier gefaßte Notiz, er solle eiligst in Italien ein- 
dringen, während Berthier selbst, ganz im Sinne des alten 
Kriegsplanes, angewiesen wird^), sofort die Reservearmee in 
die Schweiz zu führen, und nach Italien erst dann zu mar- 
schieren, wenn er Moreaus erste Operationen unterstützt und 
das Land gegen Graubünden gesichert habe, entsprechend 
den Verabredungenvon Basel. Und der Befehl Bona- 
partes an Carnot vom 24. hatte gelautet*), er solle Berthier 
anweisen, die Reservearmee nach Genf zu führen und mög- 
lichst schnell über den Großen St. Bernhard oder den Simplon 
in Piemont und Lombardei vordringen. 

Daß die beiden Befehle Carnots, deren Widerspruch ich 
nicht aufzuklären vermag, nicht großes Unheil anrichteten, 
ist das Verdienst Berthiers, der hier selbständig eine folgen- 
schwere Entscheidung richtig traf. Anfangs schwankte er zwar 
und hatte sich auch bereits dafür entschieden, was dem Befehle 
des Ministers entsprochen hätte, drei Divisionen gegen Luzern 



') Cugnac I, 192 ff. — =) Ebda. 180 f. — ") Ebda. 179 f. 
*) Correspondance VI, 4728. 



bis zum Gefecht bei Montebello (9. Juni . 331 

und den Gotthard zu dirigieren^), doch schickte er die be- 
treffenden Befehle nicht ab und entschloß sich, dem Befehle 
des Kriegsministers entgegen zu handeln. Da ihm unter den 
gegenwärtigen Umständen der Große St. Bernhard als die 
kürzeste Verbindung, mit Recht der geeignetste Übergangs- 
punkt dünkte, die Gefahr für Massena und damit auch für 
das Gelingen der Aufgabe der Reservearmee bedenklich ge- 
worden war, und die Operationen Moreaus noch zu weit im 
Rückstande waren, als daß man mit Sicherheit den Gott- 
hard hätte benutzen können, so dirigierte Berthier das Gros 
der Reservearmee — die Division Watrin war bereits dort- 
hin unterwegs — an den Genfer See und nur eine einzige 
Division nach der Zentralschweiz. Die Auswahl des Bern- 
hard als Übergangsstelle ist also der eigenen Initiative Ber- 
thiers entsprungen, und es leitete ihn dabei ausdrücklich die 
Absicht, Massena zu entlasten'-). Erst als Berthier bereits die 
Marschbefehle nach dem Genfer See erteilt hatte^), traf Bona- 
partes Befehl vom 27. ein, der ausdrücklich den Übergang 
über den Bernhard anordnete^). Drei etwa gleichzeitig aus 
Italien eingelaufene Briefe hatten auch Bonaparte in dem Ent- 
schluß befestigt, den kürzesten Weg nach Italien zu wählen. 
Noch am 24. hatte er zwischen Simplon und Bernhard ge- 
schwankt, unter dem Einfluß der Kriegsereignisse erfolgte dann 
eine allmähliche Verschiebung der Übergangsstelle von Osten 
nach Westen. Splügen, Gotthard^), Simplon und Bernhard, 
vorübergehend sogar der Mont Cenis, waren nacheinander 
einzeln, oder mehrere gleichzeitig, in Betracht gezogen wor- 
den, bis endlich am 27. der Große St. Bernhard endgültig für 
das Gros der Reser\earmee als Übergang bestimmt wird. 

*) Vgl. Berthier an den 1. Konsul am 25., 11 Uhr abends. Cugnac 
I, 182 ff. 

') Cugnac I, 189 u. ö. Wie Berthier dachte auch Dupont (ebda. 
191 u. ö.). Zur Beurteilung von Berthiers Handlungsweise ist auch das 
entschiedene und verständige Schreiben an den 1. Konsul vom 25. 
(Cugnac I, 165 ff.) von Interesse. 

') Ebda. I, 186 ff. Befehle vom 26. April. 

*) Ebda. 216 und Correspondance VI, 4738. 

*) Vor dem Gotthard war Mapoleon durch Moreau und Dessolle, 
die sich auf die Autorität Lecourbes stützen konnten, ausdrücklich ge- 
A-amt worden. 



332 Die Reservearmee und ihre Operaticnan 

In den letzten Tagen des April bewegte sie sich an 
den Genfer See'); am 5. Mai langte das Hauptquartier in 
Genf an^). Am 6. morgens trat auch Napoleon seine häufig 
angekündigte und immer wieder verschobene"^) Abreise zur 
Armee an. Die Entscheidung rückt näher und so ist seine Stunde 
gekommen^). Als er knapp drei Tage später in Genf anlangte, 
fand er jedoch keineswegs alles nach Wunsch. Als Berthier 
die Reservearmee von Dijon führte, war sie, wie bereits öfters 
betont, noch arg im Rückstande. Es war jetzt klar, daß sie 
die beabsichtigte Stärke von 60 000 Mann unmöglich erreicht 
haben konnte, wenn ihre Aktion notwendig war. Nur von 
Moreau konnte Hilfe kommen. Doch dieser hatte erst am 
30, Berthier erklärt'^), daß er nicht nur keine Unterstützung 
schicken könne, sondern sogar die Ablösung Monceys, den 
er gemäß der Baseler Konvention zur Deckung der Schweiz 
zurückgelassen hatte, durch Truppen der Reservearmee er- 
warte. Da zwangen erneute schlimme Nachrichten aus Italien") 
Bonaparte, der dem Drängen Berthiers und Duponts, von 
Moreau sofortige Verstärkung der Reservearmee zu fordern, 
bisher widerstanden hatte, zu energischem Durchgreifen. Er 



') Näheres über die Marschroute bei Cugnac u. a. I, 642 f. und 
dessen Darstellung p. 59 ff. 

"') Cugnac I, 254. 

') Es ist eine bei Bonaparte stets wiederl^ehrende Beobachtung, daß 
er möglichst lange von einem Zentralpunkt im Rücken des Heeres aus 
seine Anordnungen trifft. Im Augenblick der Entscheidung begibt er 
sich dann mit seiner bekannten Schnelligkeit an den wichtigsten Punkt, 
um dasselbe Schauspiel zu wiederholen, wenn der erste Zweck erreicht 
ist. Sein Aufenthalt in Mailand vom 2. bis 9. )uni ist ein weiteres Beispiel 
für diese Maxime. — Von Paris bis Genf über Sens, Dijon, Auxonne, 
Dole hatte Napoleon nur die Zeit von 4 Uhr morgens des 6. bis 11 Va Uhr 
abends des 8. gebraucht. Vgl. Schuermans, Itineraire general de 
Napoleon. Paris 1908 p. 99. 

Im Protokoll der Konsular-Sitzung am 4. Mai heißt es über die 
bevorstehende Abreise Bonapartes: „Les diverses circonstances (d. h. 
bedrohliche Lage im Felde) fönt penser qu'il est essentiel que le Premier 
Consul aille ä Dijon et ä Geneve passer la revue de l'armee de reserve, 
activer ses mouvements et mettre de l'accord dans les Operations des 
differentes armees." Van dal, L'avenement de Bonaparte. Paris 1907 II, 374. 

') Cugnac I, 237. 

") Correspondance VI, 4747 und 51. 



bis zum Gefecht bei Montebeilo (9. Juni). 333 

wollte am Widerstände Moreaus seine Pläne nicht länger 
scheitern lassen, denn, so schrieb er sehr richtig an Berthier 
am 4.*), wenn Melas nach Aosta kommt, bevor Sie mit 
wenigstens 20 000 Mann das Aostertal verlassen haben, würde 
ihm das gewaltig erleichtern, Ihnen das Eindringen nach 
Italien streitig zu machen. Um das zu verhindern, verfügte 
ein feierlicher Erlaß der drei Konsuln vom 5. Mai — man 
beachte wiederum die weitgehende Rücksichtnahme Napoleons 
auf die Selbständigkeit und Empfindlichkeit Moreaus — das 
Detachement, das er auf Grund des Baseler Vertrags erst 
dann für Italien abgeben sollte, wenn er den Gegner zehn 
Tagemärsche zurückgedrängt haben würde, sollte sofort fällig 
sein. Moreau sollte demgemäß ein Korps von 25 000 Mann 
über Gotthard und Simplon entsenden"), das unter Berthiers 
Oberbefehl und auf Grund der besonderen Instruktionen des 
Kriegsministers operieren sollte'^). 

Um dieser Forderung Nachdruck zu geben, hielt man es 
für notwendig, keinen Geringeren als den Kriegsminister, der 
in Paris wahrlich der Geschäfte genug hatte, persönlich ins 
Hauptquartier seines Freundes Moreau zu senden^). Da er 
noch vor seiner Abreise von Paris die Siegesbotschaft von 
Engen und Stockach erfahren, und Moreau, bevor Carnot am 
10. in Biberach bei ihm eintraf, zwei weitere Erfolge bei 
Meßkirch und Biberach errungen hatte, glaubte der Minister 
um so nachdrücklicher auf seinen Forderungen bestehen zu 
können. Doch bei Moreau war begreiflicherweise die Neigung, 
sich so erheblich geschwächt zu sehen, gerade infolge seines 
Siegeslaufes, den er dann unterbrechen zu müssen fürchtete, 
besonders gering. Er ließ es denn auch an Vorstellungen 
Carnot gegenüber und in einem Briefe an Bonaparte nicht 



') Correspondance VI, 4751. 

^ In einem Schreiben vom 2. Mai erklärte Bonaparte 7000 — 4000. 
Mann, die über Gotthard und Simplon zu senden wären, für ausreichend. 
Correspondance VI, 4747. 

') Correspondance VI, 4754; Cugnac I, 279; Vandal a. a 
0. II, 374. 

*) Schon den Zeitgenossen fiel die ungewöhnliche Form des Verkehrs, 
zwischen Moreau und der Regierung auf. Vgl. z. B. Gouvion St. Cyr, 
Memoires II. 235. 



334 Die Reservearmee und ihre Operationen 

fehlen, bestimmte aber schließlich doch 20 Bataillone und 20 
Schwadronen, die er meist den Besatzungs- und Etappentruppen 
entnahm und unter Monceys Kommando stellte, als Detache- 
ment für Italien. Nach einer Übersicht, die er Carnot mit» 
gab, sollte es 18 719 Mann Infanterie und 2803 Mann Ka- 
vallerie und 18 Geschütze stark sein, doch Napoleon hatte 
recht, sofort an diesen Zahlen zu zweifeln und vor allem 
geltend zu machen, Monceys Korps, dessen Kontingente zum 
Teil noch in Landau, Metz und Mainz lagen, würde viel zu 
spät versammelt sein. Er verlangte erst 18 bis 20 000, schließ- 
lich, wie es ursprünglich vorgesehen war, die vollen 25 000 
Mann, und zwar so rasch versammelt, daß sie Ende Mai 
den Gotthard passieren könnten^). Aber alle Befehle und 
Klagen halfen nicht viel; das Korps unter Moncey war schließ- 
lich nur 13 943 Mann stark ^), so daß Moreau für seine Ope- 
rationen in der ersten Linie nur unbedeutend sich geschwächt 
hat (7 bis 8000 Mann). 

Bei dieser Sachlage kann das Verhalten des Ersten Kon- 
suls weder moralisch noch sachlich verurteilt werden, und 
abermals möchte ich eine Nachgiebigkeit Bonapartes gegen- 
über Moreau konstatieren. Nach einem Briefe Carnots vom 
10. Mai^) war Moreau bei seiner Ankunft gegen die Regie- 
rung eingenommen, zum Teil gewiß^) aus militärischen und 
noch mehr aus politischen Gründen, aus Opposition gegen 
die Verfassung. 

Das Stärkeverhältnis auf dem deutschen Kriegsschauplatze 
wäre auch nach Abgabe von 25 000 Mann ein solches ge- 
blieben, daß eine Niederlage Moreaus ganz unwahrscheinlich. 
Anderseits war es aber Bonaparte nur mit Unterstützung 
Moreaus möglich, seinen Feldzugsplan nach Italien zur Aus- 
führung zu bringen, und die 11000 Mann, die Monceys Korps 
an der Sollstärke fehlten, hätten für die Reservearmee unend- 



') Cugnac I, 352ff.; Correspondance VI, 4797, 4809; Picard, 
Bonaparte et Moreau, Paris 1 905, p. 226 ff. 

^) Cugnac II, 545; Picard, Bonaparte et Moreau, p. 242. Diese 
Ziffer stammt aus einer undatierten Übersicht. Ein Ausweis vom 24. Mai 
verzeichnet nur 11510 Mann; eine dritte Zahl bietet Cugnac I, 680. 
Am 11. Juni waren es keine 10 000 Mann mehr. Cugnac II, 309 f. 

') Cugnac I, 353. — *j P i c a r d. Bonaparte et Moreau p. 244 ff. 



bis zum Gefecht bei Montebello (9. Juni . 385 

lieh viel bedeutet. Moreau Böswilligkeit vorzuwerfen, weil 
er die Befehle aus Paris nur so unvollständig erfüllte, geht 
aber wohl ebenso zu weit, wie ihn wegen seiner Uneigen- 
nützigkeit zu loben^) und sein Verhalten durch den Buch- 
staben einer in der Kriegsgeschichte so seltsamen Konvention 
wie der von Basel zu rechtfertigen. Der ängstliche Moreau 
mag es nach seiner ganzen Veranlagung in der Tat für un- 
möglich gehalten haben, weitere Truppen abzugeben, ohne die 
ihm gestellten Aufgaben zu gefährden. 

Die Sorge um die nötigen Verstärkungen durch Moreau 
war nicht die einzige gewesen, die den weiteren Vormarsch 
der Reservearmee verzögerte, nachdem seit dem 8. Mai ihr 
Gros am Nordufer des Genfer Sees und rhoneaufwärts bis 
Martigny hin versammelt war; die Division Watrin stand am 
meisten vorgeschoben zwischen Villeneuve und St. Maurice, 
bald Martigny'). Einige Tage lang erfolgten dann nur un- 
bedeutende Truppenbewegungen, und die Ursache war vor- 
nehmlich das Ausbleiben der Artillerie und der für die Alpen- 
passage eigens gefertigten Schlittenlafetten'^). Endlich konnte 
der 15. Mai als Beginn des Überganges über den Großen St. 
Bernhard für die Hauptkolonne festgelegt werden. Gleich- 
zeitig oder wenig später sollten Abteilungen unter Turreau, 
Chabran, Bethencourt und Moncey den Mont Cenis, Kleinen 
St. Bernhard, Simplon und Gotthard passieren. Diese Maß- 
nahme war außerordentlich geschickt, da sie nicht nur den 
Hauptpaß vorteilhaft entlastete, sondern vor allem die Folge 
hatte, die Aufmerksamkeit des Gegners vom gefährdetsten 
Punkte abzulenken und einen Teil seiner Kräfte durch die 
Seitenkorps zu binden. 

Von den genannten Seitenkorps war jenes von Turreau, 
am 9. Mai 5890 Mann stark^), aus dem Verbände der italieni- 



') Das eine und das andere tun Cugnac bezw. Picard, der die 
drängenden und anklagenden Briefe Bonapartes an Moreau (Correspon- 
dance VI, 4797, 4809; Cugnac II, 272) unberechtigt nennt und fälschlich 
annimmt (p. 242), Bonaparte sei von seinen ursprünglichen Forderungen 
infolge besserer Erkenntnis der Sachlage selbst abgekommen, weil er 
18. Mai an Moncey schreibt (Correspondance VI, 4825): „Wenn Sie am 28. 
mit 12' oder 15000 Mann am Gotthard stehen, geht alles gut." 

') bis Cugnac I, 654 ff. bezw. 267 f., 659 f. 



336 Die Reservearmee und ihre Operationen 

sehen Armee gelöst und zum Zusammenwirken mit der Re- 
servearmee bestimmt worden. Ihm fiel die wichtige Aufgabe 
zu^), im Tale der Dora Riparia über Susa auf Turin vor- 
zudringen und die Österreicher in der Annahme zu bestärken, 
Turin-Genua sei das Ziel der Reservearmee. In Wirklichkeit 
war seine Vereinigung mit der Hauptarmee bei Ivrea vor- 
gesehen, was jedoch später nicht erfüllt wurde. 

Chabran, 3200 Mann stark, sollte gleichzeitig mit der 
Hauptkolonne seinen Alpenübergang bewerkstelligen, damit 
eine etwa bei Aosta stehende österreichische Abteilung von 
zwei Seiten zugleich angegriffen und der Übergang der Haupt- 
kolonne hierdurch erleichtert werden könnte. Bethencourt, der 
lediglich ein Bataillon von dem Korps Moncey unter sich 
hatte, und Moncey selbst hatten nicht nur die ihnen gegenüber- 
stehenden österreichischen Abteilungen zurückzudrängen, son- 
dern vor allem mit Gotthard und Simplon der Reservearmee 
zwei weitere wichtige Eingänge in die Schweiz für den Fall 
eines etwa notwendig werdenden Rückzuges zu sichern und 
außerdem den Gegner um Mailand besorgt zu machen. 

I'. 
Der Alpenübergang und der Vorstoß gegen Turin. 

Wir werden die Operationen der genannten vier Seiten- 
kolonnen später noch kurz betrachten und wenden uns zu- 
nächst dem vielbewunderten Alpenübergang der Hauptarmee 
zu, einem Ereignis, das die phantastischsten Ausschmückungen er- 
fahren hat. Bei dem Temperament unserer leicht begeisterten 
westlichen Nachbarn, und vor allem im Rahmen der „Legende 
von Marengo*' nimmt es nicht wunder, daß man in kritik- 
loser Verherrlichung den Alpenübergang Hannibals als die 
einzige, allenfalls ebenbürtige Tat zum Vergleich heranziehen 
zu können glaubte, und doch lagen erst vom Jahre zuvor 
im Gotthardzug Suworows und im Winter darauf in der 
Splügenpassage Macdonalds Operationen vor, mit denen sich 
der Übergang über den Bernhardsberg an Schwierigkeit nicht 
entfernt vergleichen läßt, denn unter den denkbar günstigsten 

') Correspondance VI, 4793 vom 14, Mai. 



bis zum Gefecht bei Montebello 9. Iuni\ 337 

Witterungsverhältnissen und wohl vorbereitet^) ging er vor sich, 
nicht übermäßig schnell-) und vor allem fast ohne jede 
Störung. Nur der Artillerietransport machte erhebliche tech- 
nische Schwierigkeiten. Aber wenn es in einen Roman und 
nicht in ernste historische Darstellungen gehört, die zahl- 
reichen Anekdoten zu übernehmen, die sich an den Alpen- 
zug Napoleons knüpfen, und wenn durch dessen pomphafte 
Äußerungen leicht falsche Vorstellungen erweckt werden-^), so 
soll der Alpenübergang der Reser\earmee als Ganzes doch 
nicht unterschätzt werden. Es war noch früh im Jahre, und der 
2500 Meter hohe Paß konnte und kann in seinem letzten Teile 
nur als Saumpfad gelten, der in der Tat nicht ganz unge- 
fährlich ist, zumal für eine Truppe, deren Ausrüstung so er- 
hebliche Mängel aufwies. 

Der Weg von Martigny im Val Entremont aufwärts bis 
Liddes und St. Pierre bietet keine Schwierigkeiten. Von hier 
wurden die Truppen etappenweise, um Stockungen zu ver- 
meiden, zum Hospiz hinaufgeführt. Unter normalen Um- 
ständen beträgt der Weg hinauf und vom Hospiz bis Etroubles 
am Südfuße des Berges je vier Stunden. Nacheinander passierten 
so die Divisionen Watrin, Boudet, Loison, Chambarlhac, Mon- 
nier, die Kavallerie in den Zwischenräumen, den Berg, am 
Hospiz, in dem übrigens seit dem Mai des Vorjahres drei 
französische Kompagnien lagerten, von den AAönchen ge- 
stärkt^). Bei ihnen weilte am 20., wie eine Inschrifttafel der 
Nachwelt verkündet, der Erste Konsul, der nicht, wie der 
gefällige Pinsel des phrasenhaften Hofmalers auf dem be- 
kannten Bilde im V^ersailler xWuseum es darstellt, auf stolzem 
Rosse den Paß überschritt, sondern hübsch bescheiden von 
•St. Pierre an, bis wohin ihn der Wagen gebracht, ein biederes 



'. Cugnac I, 104, 289, 301 ff. 

"-, Nach Cugnac I, 432 brauchten die knapp 40000 iMann 10 Tage 
■OJacht vom 14./ 15. bis 23. einschließlich^ Vgl. die Angaben bei Kühl 
Ilonapartes erster Feldzug. Berlin 1902, S. 19 f. über den Aufmarsch 
€iner gemischten Brigade auf Saumpfaden. 

') Correspondance VI, 4S11 und 4819. 

\' Cugnac I. 377 ff. und Darstellung p. 88. 

Herrmann,. Der Aufstieg Napoleons. 22 



338 Die Reservearmee und ihre Operationen 

Maultier benutzte, das von einem besonders kundigen Führer 
namens Dorsaz geleitet wurde'). 

Die größte Schwierigkeit bot, wie gesagt, der Artillerie- 
transport. Die so sorgsam hergestellten und so lange ver- 
geblich erwarteten Schlitten erwiesen sich als unbrauchbar. 
Ausgehöhlte Tannenstämme brachten schließlich die Rohre 
der in St. Pierre abmontierten und in Etroubles wieder zu- 
sammengesetzten Geschütze über den Berg. Aber das war 
ein höchst mühsames Geschäft, und da man nicht genug hilf- 
reiche Hände in den benachbarten Dörfern fand, wurden 
schließlich Soldaten vor die seltsamen Lafetten gespannt und 
brachten sie auch allmählich alle bis auf ein von einer Lawine 
fortgerissenes Stück hinüber"-). Warum Napoleon nicht die 
gesamte Artillerie über den sehr viel bequemeren Kleinen 
St. Bernhard bringen ließ, dessen Straße nicht einmal die Zer- 
legung der Geschütze nötig gemacht hätte, ist nicht ersicht- 
Hch. Der Weg von Genf nach Aosta ist über den Kleinen wie 
Großen St. Bernhard ungefähr gleich weit. Trotz aller vor- 
herigen Informationen zeigte sich Napoleon über die Bern- 
hardstraße, wie wir gleich noch besonders drastisch an der 
Episode vor Bard sehen werden, so wenig informiert^), daß 
vielleicht darin der Grund des Artillerietransportes über den 
Großen St. Bernhard zu suchen ist. 

Die französische Vorhut unter Lannes ist jedenfalls bei 
ihren übrigens ganz harmlosen Gefechten mit den schwachen 
österreichischen Detachements bei Etroubles und Aosta ^) am 
15. und 16. ganz ohne Artillerie; aber auch noch am 18. 
war das der Fall, als Lannes nach der Vereinigung mit Chabran 
die Österreicher bei Chätillon angriff, zu raschem Vormarsch 

Näheres über den Alpenübergang Napoleons u. a. bei Cugnac 
I, 446f.; Rolando, II passagio dell' esercito di Napoleon I. per il gran 
S. Bernardo. (Estratto di Bolletino di Club alpino Italiano) Torino 1898 
Gachot, La deuxieme campagne d' Italie (1800) Paris 1899, p. 162ff. und 
Cagliani, Passagio di Bonaparte per il grande S. Bernardo. 

^) Über den Artillerietransport Bericht Marmonts bei Cugnac 
I, 421 ff. Vgl. auch dessen Memoiren Band II. 

^) Am 2. Mai äußert er, der Übergang von fünf Divisionen über 
den Bernhard würde wenigstens 2 Tage dauern. Correspondance 
VI, 4747. 

Cugnac I, 387 ff.; Ö. M. Z. 1822, Band IV, 175. 



bis zum Gefecht bei Montebello i9. Junil 339 

vom Oberkommando angetrieben, nachdem es die üblen Nach- 
richten Suchets vom 11. Mai empfangen^). Lannes nahm die 
Stellung der Österreicher — es waren sechs Kompagnien unter 
Oberst Rakithevich — am 7. mit dem Bajonett-), fand aber 
seinen weiteren Weg bald verlegt durch das Fort Bard, das 
Napoleon leicht hätte verhängnisvoll werden können, wäre 
ihm nicht die Unfähigkeit seiner Gegner zu Hilfe gekommen. 

Die Existenz der kleinen Bergfeste, die auf einem vor- 
springenden Felsen in einer Verengung des Doratales liegt, 
das an dieser Stelle neben dem Fluß nur noch der Land- 
straße Raum gibt, war Napoleon nicht unbekannt. Noch 
1799 im August war sie von französischen Truppen belagert 
worden, und in den Auskünften, die Bonaparte durch eigens 
dazu entsandte Offiziere eingeholt hatte, war auch von Bard 
mehrfach die Rede-^) ; in einem Bericht wird das Fort so- 
gar als schwer zu nehmende Position bezeichnet. Sicherlich 
hatte man aber nach den Nachrichten insgesamt einen so 
hartnäckigen Widerstand, wie ihn der tapfere Hauptmann 
Bernkopf mit seiner kleinen Besatzung von 584 Mann leistete, 
nicht erwartet; und auch von der Widerstandsfähigkeit der 
Werke selbst hatte man trotz aller Berichte eine falsche Vor- 
stellung. Zahlreiche Äußerungen^) beweisen das schlagend, am 
deutlichsten vielleicht jene des Ingenieur -Generals Marescot, 
der mit der Erkundung der Bernhardstraße betraut gewesen 
war. Er schrieb am 23. an Berthier'>) : „Es ist ärgerlich, daß 
man die Stärke von Fort Bard nicht gekannt hat, eine Stärke, 
die es aus seiner natürlichen Lage zieht, denn an sich ist 
es belanglos.'' 

Jedenfalls kamen die Franzosen hier in die ärgste Ver- 
legenheit, von der freilich die Zeitgenossen nichts oder we- 
nigstens nicht die volle Wahrheit erfuhren. Napoleon wollte an- 
fangs trotz aller besorgten Berichte Berthiers, der auch erst 
\or Bard selbst seinen Irrtum erkannte, an die Bedeutung 

•) Cugnac I, 402 f. 

=) Ö. M. Z. 1822, IV, 175 f.; Cugnac I, 415ff.; Titeux a, a. O. p. 74f. 
') Cugnac, Darstellung p. 98 ff. 

*) U. a. Correspondance VI, 4803, 10; Cugnac I, 346 Berthier an 
Dupont. — ^ Cugnac I, 491. 

22* 



340 Die Reservearmee und ihre Operationen 

des Hindernisses nicht glauben ^), oder wollte wenigstens 
nicht zugeben, daß er sich geirrt. Die im „Moniteur*' abge- 
druckten Bulletins der Reservearmee, deren erstes vom 24. Mai 
datiert ist, waren derartig gefärbt, und die 1803 und 1805 
angefertigten Tendenzberichte und Fälschungen über die 
Schlacht bei Marengo") bilden nur so sehr den Gipfelpunkt 
einer schon während des ganzen Feldzuges geübten Praxis, 
daß damals das Bonmot: „Er lügt wie ein Bulletin** auf- 
gekommen sein soll. 

Die Einzelheiten der Episode von Bard, über die wir 
ausnehmend gut (unterrichtet sind"*), kann ich nur knapp 
geben. In der NaCht zum 22. wurde die Ortschaft Bard be- 
setzt. Damit war aber wenig erreicht, da die Geschütze des 
Forts die durch die Ortschaft führende Straße nach Ivrea 
bestrichen. Alle Aufforderungen zur Übergabe wurden von 
Bernkopf abgelehnt, und auch die Beschießung des Forts, 
namentlich von den Flöhen bei Albaredo aus, blieb anfäng- 
lich resultatlos. Man mußte sich zu einer regelrechten Blockade 
entschließen, deren Leitung erst Loison, schließHch Chabran 
erhielt. Ein ziemlich aussichtsloser Sturm, den Loison in drei 
Kolonnen am 26. unter den Augen Bonapartes unternehmen 
ließ, scheiterte, was Napoleon gänzlich vertuschte, unter so 
erheblichen Verlusten, daß man von einer Wiederholung des- 
selben absah. Man durfte sich auch, nachdem es geglückt 
war, einige Geschütze mühsam in geeignete Stellung zu bringen, 
da die Werke von Bard sehr schwach waren, mit der Be- 
schießung begnügen, die am Abend des 1. Juni zur Kapi- 
tulation führte. 

Der tapfere Kommandant von Bard hatte eine überaus 
wichtige Aufgabe glänzend gelöst, was freilich nicht das nötige 
Gegenstück fand in dem Verhalten der österreichischen Feld- 



') Correspondance VI, 4829, 44. 

") Abgedruckt in Memorial du depot de la Guerre imprime par 
ordre du ministre de la guerre. Band IV, Paris 1828 p. 268 ff. — Vgl. 
dazu die Bemerkungen von Hüffer, Quellen H, 4 ff. 

=) Quellen: Hüffer II, 525ff.; Cugnac I, 433 ff., 479ff.; Titeux 
p. 77 ff.; Lumbroso, Melanges Marengo, p. 89 ff., 153 ff. Darstellungen 
u. V. a.; O. M. Z. 1882, IV, 176 ff.; Gachot a. a. O. p. 199 ff.; Cugnac 
p. 97 ff. 



bis zum Gefecht bei Montebelio \9. Juni\ 341 

armee. Ich erwähnte schon, daß der Widerstand von Bard 
die französische Artillerie bis auf sechs Geschütze, die nächt- 
licherweile unter den Kanonen des Forts hatten vorbeigebracht 
werden können^), bis zum 2. Juni festhielt. Aber auch die 
Infanterie, soweit sie nicht zur Blockade von Bard zurück- 
blieb, und namentlich die Kavallerie, konnte nur höchst müh- 
sam auf rasch hergerichteten Saumpfaden über die Höhen 
auf dem linken Flußufer diese Stellung umgehen und nach 
St. Martin hinabsteigen, was vom 20. bis 27. währte! Nur 
ungenügend konnte Proviant und Munition auf den sehr 
üblen Wegen nachgeführt werden. Was hätte atis der Re- 
servearmee werden sollen, wenn die Berge, welche diese Um- 
gehung Bards ermöglichten, und das Seitental von Gressoney 
(Lystal) vom Feinde besetzt, wenn insbesondere am Aus- 
gang des Aoster Tales Ivrea, das sträflich vernachlässigt war, 
in verteidigungsfähigem Zustande gewesen wäre und Melas 
die nur in kleinen Abteilungen und dazu fast ohne Artillerie 
eintreffende feindliche Armee bei ihrem Austritt aus dem 
Gebirge mit überlegener Macht angegriffen und auf Bard 
zurückgeworfen hätte"'). Die Verteidiger von Bard hatten aus 
dem verachteten „Nebending'* eine Hauptsache gemacht. 

Gewiß wird man sagen dürfen, daß es das Zeichen des 
genialen Feldherrn ist, nur die Hauptsache im Auge zu be- 
halten, auch auf die Gefahr hin, darüber gelegentlich Neben- 
dinge zu vernachlässigen, und die außerordentlich energische 
Überwindung der Schwierigkeiten vor Bard, nachdem sie ein- 
mal erkannt, verdient unsere größte Bewunderung, aber die 
Episode von Bard hätte die verhängnisvollsten Folgen für 
den ganzen Feldzug nach sich ziehen können, und das wäre 
nicht unverdient gewesen. In auffallender Weise sehen wir 



'j Herrmann a. a. O. S. 98ff. ; Cugnac, Darstellung p. 105 ff. 

-) Napoleons beweglicher Geist hatte zwar sofort, als Bards Bedeutung 
klar wurde, auf eine neue Operationslinie gesonnen, hatte die Linie 
Verres, Chailant, Brusson, Col de Fenestre, Gressoney,. Trutana, Mora 
und S. Martin dafür in Aussicht genommen und die italienische Legion 
unter Lechi zur Sicherung dieser Straßen vorgeschickt, aber zum Rück- 
zjg für eine geschlagene Armee wären diese beschwerlichen Pfade ohne 
s:hlimmste Erschütterung der Truppe sicher nicht geeignet gewesen. 
VgL Cugnac I, 502 ff. 



342 Die Reservearmee und ihre Operationen 

schon hier, wie auch später noch in diesem Feldzuge, das Glück 
auf Seiten des Mannes, der mit seinem Alpenübergang den Weg 
betreten hat, der ihn zum Throne führen sollte. 

Aber freilich, das Glück fand hier auch Männer, die seiner 
wert waren. Der unermüdliche Lannes, der bei St. Martin 
zwei von de Briey vorgeschickte Kompagnien und am 21. 
de Briey selbst aus seiner Stellung bei Montestrutto zurück- 
gedrängt hatte, nahm schon am 22. Ivrea, die wichtige Aus- 
fallspforte nach Piemont, aus freiem Entschluß, denn er war 
angewiesen worden, sich zwischen Bard und Ivrea aufzu- 
stellen. Die Österreicher hatten in offenbarer Unterschätzung 
des feindlichen Einfalls den Franzosen das Vordringen leicht 
gemacht. Ivrea war, wie gesagt, in so schlechtem Zustande, 
daß an seine Behauptung nicht zu denken war und de Briey 
sich sofort hinter die Stadt zurückzog, sie und das Kastell nur 
mit 400 Mann besetzt lassend, die dann beide dem franzö- 
sischen Angriff noch am 22. erlagen^). Mit dem Besitz Ivreas 
erst war der nachrückenden Reservearmee der Ausgang aus 
dem Doratal, das bis hierhin nahe von den Bergen begleitet 
wird, gesichert'-). Hier verweilte Lannes, ohne angegriffen zu 
werden, bis zum 25. An diesem Tage befahl Napoleon für 
den 26. den Angriff auf die Stellungen Hadiks an der Chiu- 
sella, auf die sich auch de Briey zurückgezogen hatte^). 

Die Reservearmee hatte hier ihr erstes ernsteres Ge- 
fecht zu bestehen. Zum Schutze der Straße Ivrea-Turin, das 
Städtchen Romano als Hauptstellung im Rücken, hatte Feld- 
marschalleutnant Hadik auf dem rechten Ufer der Chiusella, 
die sich südlich Ivreas in die Dora ergießt. Verschanzungen 
anlegen lassen; die steinerne Brücke über den Fluß war mit 
einer Batterie besetzt. Gegen sie machte die 6. leichte Halb- 
brigade von der Division Watrin, hinter der die Division Boudet 
marschierte, am frühen Morgen des 26. den ersten Angriff, 
wurde vom Regiment Kinsky abgewiesen, durchwatete aber 
darauf links der Brücke unter heftigem Feuer den seichten 
Fluß, während die 22 er die Brücke nahmen. Die weit über- 



') Die Angaben in O. M. Z. 1822, IV, 184 sind irrig. Vgl. Kriegs- 
archiv, Italien 1800, F. A. V, ad 498; Cugnac I. 470 ff. 

^) Cugnac, Darstellung p. 117 übertreibt die Bedeutung von Lannes' 
Initiative. — ^) Cugnac II, 6. 



bis zum Gefecht bei Montebello (9. )uni). 343 

Icgene österreichische Kavallerie deckte den Rückzug ihrer 
Infanterie und die Räumung der Artillerie aus den Schanzen, 
und als die verfolgenden Franzosen die Höhen bei Romano 
erreichten, wurden sie von der österreichischen Kavallerie, 
die im übrigen wegen des durchschnittenen Geländes ihre 
Überlegenheit nicht voll entfalten konnte, so heftig angegriffen, 
daß sie einen äußerst schweren Stand hatten, sie wehrten 
sich indes mit dem Bajonett, bis zwei französische Reiterregi- 
menter (21. Chasseurs und 12. Husaren) von rechts herbei- 
eilten und die Österreicher nach Romano hineinwarfen, von 
wo sie hinter den Orco zurückwichen. Bei Foglizzo bewerk- 
stelligten sie den Übergang, der von den Franzosen, denen 
die österreichische Kavallerie die Lust zu weiterer Verfolgung 
genommen hatte, ungestört blieb^). Watrin folgte am 28. 
an den Orco und vertrieb die Lobkowitz-Dragoner, die jen- 
seits des Flusses geblieben waren, von Chivasso, halbwegs 
Turin-Ivrea. 

Das Gefecht an der Chiusella hatte den doppelten Zweck, 
den Napoleon damit im Auge gehabt, erfüllt : Einmal den 
Gegner für Turin besorgt zu machen und ferner von Turreau 
Nachricht zu erlangen, dem, wie bekannt, die gleiche Auf- 
gabe besonders zugewiesen war. 

Turreau hatte Fenestrelles, Exilles und den Mont Cenis 
in Besitz; ihm gegenüber standen im oberen Tal der Dora 
Riparia Lamarseille mit 3919 Mann, im Nachbartal von Pinerolo 
(Fenestrelles) Nimptsch mit 3629 Mann ; 4 Reiterregimenter vor- 
wärts Turin dienten beiden als Rückhalt. Am 22. unternahm 
Turreau in zwei Kolonnen von Chaumont und vom Mont 
Cenis her einen Vorstoß gegen Susa. Gegen die Kolonne von 
Chaumont vorteilhaft kämpfend, mußte Lamarseille nach Susa 
zurück, als die Mont Cenis-Kolonne es angriff. Die Stadt wurde 
von der Österreichern geräumt; sie zogen sich unter Verlust 
von 1400 Mann, darunter 1275 Gefangene, auf Avigliana zurück. 
Unter unbedeutenden Gefechten rückte Turreau langsam nach, 

'i Kriegsarchiv V, 541, 550 ad 698; Ö. M. Z. 1822, IV, 187 ff.; 
CugnacII, 9 ff. — Die Verlustangaben sind sehr abweichend. Französische 
Berichte geben ihre eigenen zwischen 250 und 400 Mann, die Österreicher 
dagegen auf 348 Tote und Verwundete an, darunter den Reitergeneral 
üicol. Josef Pälffy von Erdöd. 



344 Die Reservearmee und ihre Operationen 

eine Kolonne auf dem linken Ufer. Als am 26. sein Angriff 
auf Avigliana ungünstig einsetzte, zog er sich — ohne Not — 
auf Susa zurück^). Um die Fühlung mit Hadik nicht zu ver- 
lieren, folgte ihm Kaim, der in Avigliana zu Lamarseille ge- 
stoßen war, nicht ernsthaft nach ; Turreaus Verhalten war ihm 
nicht klar. 

Warum erstrebte Turreau nicht das Rendezvous mit Lannes 
bei Ivrea, wie ihm vorgeschrieben war? 

Am 27. konnten Watrin und Lannes den Kanonendonner 
von Avigliana herübertönen hören; eine weitere Vorwärts- 
bewegung Lannes' zur Vereinigung mit Turreau lag aber nicht 
mehr im Interesse Napoleons. Es genügte ihm, daß Watrin und 
Turreau österreichische Streitkräfte festhielten und den Links- 
abmarsch der Hauptarmee nach Mailand verschleierten, der 
bereits am 26. einsetzte. Am Abend dieses Tages war der 
Erste Konsul in Ivrea mit Berthier zusammengetroffen, nach- 
dem er noch von Aosta aus Murat Rekognoszierungen gegen 
Biella und Santhia anbefohlen hatte; es waren die Vorboten 
des berühmten und vielumstrittenen Abmarsches der Reserve- 
armee auf die Verbindungen der Österreicher. Um die Feinde 
in ihrem Irrtum, Turin sei das nächste Ziel der Reservearmee, 
zu bestärken, begab sich Napoleon am 29. persönlich nach 
Chivasso und nahm eine Revue über die Truppen Lannes' ab, 
der dann auch noch den ganzen folgenden Tag dort stehen 
bleiben mußte und erst in der Nacht zum 3L, die Dora Baltea 
überschreitend, nach Osten abzog. Die österreichischen Ab- 
teilungen Hadiks sowohl wie Kaims verhielten sich in diesen 
Tagen abwartend, in steter Fühlung miteinander und ent- 
schlossen, nur langsam auf Turin bezw. das rechte Poufer 
zurückzuweichen, wenn der vermutete Vorstoß des Feindes 
gegen Turin erfolgte. 

So konnte sich währenddessen der Marsch der Reserve- 
armee auf Mailand rasch vollziehen. Zwischen Dora und Sesia 
stand, an Hadik angelehnt, aber durch die Dora von ihm ge- 
trennt, während des Kampfes an der Chiusella nur die 1900 
Mann starke Reiterbrigade Festenberg. Ihren Vortrab warf 



') Kriegsarchiv V, ad 498, 676; Hüffer, Quellen H, No. 57; 
Ö. M. Z. 1822, IV, 191 ff.; Cugnac I, 357 ff., 545 ff. 



bis zum Gefecht bei Montebelio '9. Juni). 345 



Murat noch an diesem Tage auf Santhia zurück und schon 
am folgenden erreichte er bei Vercelli die Sesia, über die 
Festenberg sich nur eben noch in Sicherheit bringen konnte. 
Die Verbindung der Österreicher in Piemont und Lombardei 
war damit bereits unterbrochen. Am 29. wurde die Sesia von 
den Divisionen Boudet, Loison und Monnier zwischen Ver- 
celH und Palestro fast ungehindert überschritten^). 

Der nächste verteidigungsfähige Flußabschnitt, den die fran- 
zösischen Verfolger kurz hinter Festenberg erreichten, war der 
1 essin, an dem die schwachen österreichischen Kräfte, die jetzt 
Vukassovich hier sammelte — Festenberg, die von Simplon 
und Ootthard vertriebenen Abteilungen und die schwache von 
der Umzingelung Gavis kommende Brigade Döller, im ganzen, 
zirka 10 000 Mann — sich den Franzosen entgegenstellten, und 
über den vorzudringen, diese wohl nicht so leicht gewagt haben 
würden, hätten nicht in der Zwischenzeit die Operationen 
Lechis, Bethencourts und Monceys der Hauptarmee die linke 
Flanke und für den Bedarfsfall einen Rückzug über Simplon 
und Ootthard in die Schweiz gesichert. 

Es wurde schon erwähnt, warum Napoleon die italienische 
Legion unter Lechi nach Gressoney beorderte. Über den Col 
di Valdobbia zog Lechi nach Riva an der Sesiaquelle (27. Mai) 
und von dort über Varallo, wo er ein glückliches Oefecht 
bestand mit dem von Loudon zum Schutz seines Rückens gegen 
Domodossola aufgestellten Obersten Prinzen Victor Rohan 
(leichtes Bataillon Louis Rohan), an den Lago Maggiore. 

Der weitere Weg der Legion sei gleich hier erwähnt: 
von Sesto (1. Juni) am Fuße des Gebirges entlang über Varese, 
Como (6. Juni), Lecco (7. Juni), Bergamo richtete er sich nach 
Brescia, wo sie, ohne unterwegs erheblichen Widerstand ge- 
funden zu haben, am 10. eintraf. Ihre Aufgabe war, die 
äußerste linke Flanke der Reser\earmee zu bilden, Vukasso- 
vich in seiner rechten Flanke zu bedrohen und hauptsächlich 
unter den Landleuten in der Lombardei für die französische 
Sache Stimmung zu machen^). 

Am Lago Maggiore war Lechi mit Bethencourt zusammen- 



■) Ö. M. Z. ebda. S. 242 f.; Cugnac H, 19, 25, 33 ff. 
') Cugnac II, 43, 120 ff. 



346 Die Reservearmee und ihre Operationen 

getroffen, der am 26. Mai mit einem Bataillon der 44. Halb- 
brigade von Brieg aufgebrochen war, den Simplon höchst 
mühsam überschritten hatte und die Truppen Loudons, die, 
obwohl stärker an Zahl (mit Rohan 3837 Mann), nirgends 
ernstlichen Widerstand leisteten, vor sich hertreibend, über 
Domodossola (28. Mai) nach Arona marschierte, wo das von 
Loudon mit 300 Mann besetzte Schloß ihn aufhielt, das er 
ohne Belagerungsgeschütz nur blockieren konnte und das erst 
infolge der Konvention von Alessandria übergeben wurde^). 
Bethencourt war dadurch den Feldoperationen entzogen; nur 
ein Teil der 44. Halbbrigade marschierte nach Mailand und 
trat in den Verband der Division Gardanne. Loudon führte 
den Rest seiner Truppen zwischen Arona und Angera über 
den See und vereinigte sich bei Sesto wieder mit Rohan 
(30. Mai). 

Man sieht, Lechi und Bethencourt sicherten wohl be- 
reits am 30. Mai den am Tessin stehenden französischen 
Truppen den Simplon, über den sofort auch der Verkehr 
der Reservearmee mit Paris geleitet wurde. Zwei Tage später, 
als der inzwischen erfolgte Übergang über den Tessin es not- 
wendig machte, war auch der Weg über den Gotthard als 
Rückzugslinie gesichert, dank der Operationen Monceys. Die 
französischen Seitenkolonnen hatten sich also trefflich be- 
währt. 

Das Monceysche Korps hatte sich, da von vornherein 
dazu bestimmt, den Gotthard zu überschreiten, im ürseren- 
tal gesammelt. Am 28. begann die Division Lapoype — Lorge 
und Silly führten eine 2. und 3. — den Übergang; die 
Vortruppen der Brigade Dedovich (3810 Mann) wichen als- 
bald auf Bellinzona zurück, die Brücke über Moesa und Ticino 
vorwärts Bellinzona besetzt haltend. Da aber Dedovich von 
Vukassovich nach dem Monte Cenere beordert wurde, fan- 
den die Franzosen am 30. die Brücke nur noch von der 
österreichischen Nachhut besetzt. Um zur Verteidigung des 
Tessin mitzuwirken, stand Dedovich zu entfernt; er wurdeM 
daher von dem zurückweichenden Vukassovich über Comc^ 
und Lecco hinter die Adda gezogen, wo er mit diesem Fühlung 



') Cugnac II, 132ff., 173, 191. 



bis zum Gefecht bei Montebello [9. Junil 347 

nahm. Moncey war jetzt der Weg nach Süden unbestritten. 
Über Lugano (I.Juni), Varese (2. Juni), Como kam am 5. der 
erste Teil des Korps von Moncey, der sich übrigens nicht 
sonderHch beeilte, '^n Mailand an, sehnsüchtig erwartet vom 
Ersten Konsul, der bereits drei Tage in der lombardischen 
Hauptstadt weilte^). 

Wir wenden uns damit wieder zurück zur Hauptarmee, 
die wir am 30. am Tessin verließen. Turbigo und Buffa- 
lora waren von Murat bezw. Duhesme, dem die Divisionen 
Boudet und Loison unterstanden, zu Überganspunkten erwählt. 
Die Brücken waren von den Österreichern sämtlich abgebrochen, 
alle Kähne auf das linke Ufer gebracht worden; Brückentrain 
und Pontonniere fehlten auf französischer Seite. Doch Murat 
hatte auf Wagen von der Sesia einige Kähne herbeischaffen 
lassen. Unter dem Feuer der österreichischen Artillerie, das 
Murat zunächst nur aus zwei Geschützen erwidern konnte, 
setzte eine Kompagnie mit einem Geschütz von Galliate aus 
auf Kähnen nach einer Insel im Fluß und ermöglichte durch 
ihr Flankenfeuer die Übersetzung einiger hundert Mann auf 
das linke Ufer des Tessin, welche die österreichische Nach- 
hut an den Naviglio grande auf London zurückdrängten. Um 
die Brücke und das Dorf Turbigo entspann sich jetzt der 
wechselvolle Hauptkampf. Erst am späten Abend ließen die 
Österreicher das Dorf mit einem Verlust von 285 Mann in 
französischen Händen. Es ist unsicher, ob die Franzosen 
am 3L den Österreichern an Zahl wirklich überlegen waren, 
jedenfalls ist der Flußübergang Murats fast ohne Artillerie 
erzwungen worden. 

Während dieser vonstatten ging, traf weiter südlich auch 
Duhesme bei Porto di Buffalora die Vorbereitungen dazu; 
am gleichen Abend gelangte aber nur noch eine kleine Ab- 
teilung hinüber. Am L konnte sich dann der weitere Über- 
gang der Franzosen und der Vormarsch auf Mailand in Ruhe 
vollziehen^). Am 2. hielt der Erste Konsul, wenige Stunden 
nach der Vorhut Murats, an der Spitze der Divisionen Monnier 
und Boudet seinen Einzug in die Hauptstadt der Lombardei, 



') Cugnac I, 148 ff. 

1 Kriegsarchiv V, 724; Ö. M. Z, 1822, IV, 248 ff.; Cugnac I, 56 ff. 



348 Die Reservearmee und ihre Operationen 

die Vukassovich geräumt, nachdem er die Besatzung des Ka- 
stells unter Nicoletti auf 2800 Mann verstärkt hatte. 

Am gleichen Tage war auch Bard gefallen, und Chabran 
übernahm jetzt die Beobachtung Hadiks, da Lannes bereits 
in der Nacht zum 31. mit der Division Watrin über Crescentino, 
Trino, Vercelli Mortara auf Pavia abgerückt war, das er mit 
der Kavallerie schon am 2. Juni erreichte^). Die Richtung 
dieses Marsches zeigt, daß Lannes die rechte Flanke der 
Armee zu schützen hat, und daß Napoleon dem Po, der schon 
vorher auf der Strecke Chivasso-Valenza eifrig rekognosziert 
worden war, beständige Aufmerksamkeit schenkt. Er will eine 
größere Streitmacht dort bereit stehen haben, um diesen Fluß, 
falls nötig, sofort überschreiten zu können. Aber auch die 
großen österreichischen Vorräte in Pavia, die nur ganz un- 
genügend geschützt waren, reizten zum Marsch auf Pavia-). 

III. 

Der Linksabmarsch der Reservearmee auf die Ver^ 

bindungen der Österreicher. 

Bevor wir die militärische Lage, wie sie mit dem 2. Juni 
sich darstellt, betrachten, haben wir uns noch etwas ein- 
gehender mit jenem strategischen Manöver zu beschäftigen, 
das der Meister der Theorie vom Kriege, Karl von Clause- 
witz, als Beispiel einer folgenschweren Überraschung aus dem 
Gebiete der höheren und höchsten Strategie nennt"^). Dieses 
strategische Manöver, der Linksabmarsch der Reservearmee 

') Die Marschleistung der Kavallerie Lannes' am 2. Juni ist sehr 
beträchtlich. Die Entfernung von Vercelli bis Pavia beträgt 61 km. — 
Die Marschleistungen der Reservearmee von Ivrea nach Mailand sind im 
übrigen durchaus mäßig. Das schlechte Wetter mag daran hauptsächlich 
schuld gewesen sein. Vgl. Cugnac, Darstellung S. 135 f. Daß die 
Marschleistungen in den Napoleonischen Kriegen im allgemeinen größer 
waren als z. B. 1866 und 1870/71 weist neuerdings auch Giehrl, Der 
Feldherr Napoleon als Organisator (Berlin 1911) Anlage 11 nach. — Bei 
Vergleich von Marschleistungen wird man nie vergessen dürfen, daß im 
letzten Grunde auch die Ausmaße des Kriegsschauplatzes dabei eine 
entscheidende Rolle spielen; der Feldzug in Böhmen, wo sich die Ereig' 
nisse auf kleinem Raum zusammendrängten, ist darum mit den meisten 
Feldzügen des Welteroberers schlecht zu vergleichen. 

-) Cugnac II, 81 f., 87 ff. — ") Clausewitz, Vom Kriege I, 241. 



bis zum Gefecht bei Montebello 9. )uni . 349 

nach Mailand, statt nach Turin zu ziehen, ist jedoch keineswegs 
einmütig beurteilt worden. Um von Zeitgenossen neben Clause- 
witz nur noch zwei zu nennen : Prinz Louis Ferdinand von 
Preußen hat sich abfällig, der Erzherzog Karl zustimmend ge- 
äußert. Der preußische Prinz nannte Bonapartes Einfall in 
Italien ein Wagestück, dessen glücklicher Erfolg ihn nie gegen 
den sehr begründeten Vorwurf sichern werde, daß er da- 
bei alles aufs Spiel und sich und Frankreich der Gefahr aus- 
gesetzt habe, hundert Mal mehr zu verlieren, als wirklich 
gewonnen worden ist^). 

Der Sieger von Aspern dagegen urteilte seinem Vetter 
Ferdinand gegenüber am 9. Juli") : „Bonapartes Manöver sind 
kühn und doch sehr wohl berechnet; er wußte, wie lange 
Melas brauchte, um seine Armee zu vereinigen und die 
Truppen von Nizza an sich zu ziehen, und benutzte diese Zeit, 
um aus dem Gebirge zu debouchieren und zugleich den Gott- 
hardberg zu reinigen, dann überschwemmte er das ganze 
Mailändische, drückte Vukassovich zurück und verschaffte sich 
dadurch nicht nur den Besitz unserer Magazine, sondern [auch] 
eines reichen Landes, folghch die Mittel zu leben, da er sich diese 
aus der Schweiz nicht konnte nachführen lassen. Kaum war 
dieses geschehen, so zog er auf das schleunigste seine Armee 
zusammen, hatte sie einige Tage vor der Vereinigung der 
unsrigen beisammen und rückte gegen uns auf eine Art 
vor, daß eine verlorene Schlacht für uns ein irreparables Un- 
glück war, da er auf unserer Kommunikationslinie stand, für 
ihn nicht, weil er von Marengo auf dem Simplon und Gott- 
hard-Berg viel näher stand als wir, und Turreaus Division, die 
bei Turin war, sich in das Ivrea-Tal werfen und uns, wenn wir 
nach einer gewonnenen Schlacht hätten da vordringen wollen, 
noch einige Zeit aufhalten konnte."^) 



') Die Äußerung des Prinzen aufgezeichnet im Bericht Hudehsts 
vi)m 9. August. Wien. Staatsarchiv. 

' Mitteilungen des k. k. Kriegsarchivs III. Folge Band I, 23 f. 

^) Sachliche Irrtümer in diesem Urteil korrigiere ich nicht. — Sehr 
viel zurückhaltender sind übrigens die nachträglichen Urteile des Erzherzogs 
(Ausgewählte Schriften III, 429 und I. 67.\ Wir gehen wohl nicht fehl 
mif der Annahme, daß der absolute Feldherr in Karl in dem gleich- 
zeitigen Briefe reiner zu Worte kommt, als in den Aufzeichnungen 



350 Die Reservearmee und ihre Operationen 

Von berufenen Beurteilern unter den Nachlebenden seien 
aus einer langen Reihe nur York von Wartenburg" und Bonnal 
genannt, von denen der erstere Napoleons Strategie höchste 
Bewunderung zollt, während der bekannte französische Ge- 
neral, das Hauptargument aller Tadler des Linksabmarsches 
übernehmend, die Ansicht vertritt. Bonaparte hätte mit seiner 
kleinen Armee nach dem Austritt aus den Alpen die ein- 
zelnen Abteilungen der Österreicher vernichten sollen, statt 
ihnen zur Vereinigung Zeit zu lassen. Gegen alle Wahr- 
scheinlichkeit habe er bei Marengo gesiegt. Den von Napoleon 
selbst beUebten Vergleich der Manöver von Ulm und Ma- 
rengo weist er zurück, da bei Ulm Napoleon eine Überlegen- 
heit zu Gebote stand, der bei Marengo von seinen Verbindungen 
abgeschnittene Gegner nach einem Siege dagegen Hoffnung 
hatte zu gehen, wohin er wollte. Das grandiose Manöver von 
Ulmi) überließ nichts dem Zufall und sicherte den Erfolg; 
anders das Manöver von Marengo, das freilich blendend und 
unvergleichlich sei, „au point de vue passionel"'^). 

Wer hat nun Recht?') 

Bekannt ist Napoleons Ausspruch : „Das Geheimnis des 
Krieges liegt in dem Geheimnis der Verbindungen''. Was tat 
er 1800 anders als diesen Grundsatz anzuwenden, den er auch 
sonst so oft mit größter Virtuosität gehandhabt? Nicht siegen 



späterer Jahre, die uns deutlich machen, wie sein starkes monarchisches 
Verantwortlichkeitsgefühl Karls Feldherrntum stets Schranken geset;;t hat. 

') Vgl. die Arbeit meines Schülers L. Schaeben (Der Feldzug um 
Ulm, Bonn, Disserf. 1910), welcher erneut zeigt, daß der klägliche Ausgang 
Macks bei Ulm keineswegs eine unvermeidliche Notwendigkeit war. 

^ York von Wartenburg, Napoleon als Feldherr 1885. I, 166 ff. 
und Bonnal, L' Esprit de la guerre moderne 1. Band De Roßbach ä Ulm. 
Paris 1903. p. 291 ff. 

') Ich halte in den nachstehenden Ausführungen an meiner grund- 
sätzlichen Auffassung durchaus fest. Vgl. Herrmann, Marengo S. 98 ff . 
und Jahrbücher für die deutsche Armee und Marine, Heft 415 S. 428 ff. 
Nachher haben den Feldzug von Marengo behandelt: Camon, La guerre 
Napoleonienne Paris 1903 Vol. I, p. 100 ff. Vgl. auch Vol. 11 und III, 
1907 und 1910; Creuzinger. Die Probleme des Krieges III, 1. Die 
Kriegführung Napoleons I., Leipzig 1910; Freytag-Loringhoven. Di« 
Heerführung Napoleons in ihrer Bedeutung für unsere Zeit. Berlin 191( 
und besonders eindringend Lalubin in Spectateur militaire 1910. 



bis zum Gefecht bei Montebello 9. Juni). 351 

wie ein gewöhnlicher Feldherr konnte und wollte gerade im 
Jahre 1800 der um die Befestigung seiner usurpierten Herrschaft 
kämpfende Erste Konsul. Das Prinzip der Schlachtentscheidung, 
und zwar der Schlacht, die den Gegner vernichtet, hatte er wie 
kein Feldherr vor ihm proklamiert. Und als wirksamstes Mittel 
dazu galt ihm, dem Gegner seine Verbindungen abzugewinnen, 
ohne die eigenen zu gefährden und den Gegner dann mit ver- 
kehrter Front zur entscheidenden Schlacht zu zwingen. Rein stra- 
tegisch betrachtet, ist also der Abmarsch auf Mailand durchaus 
die Tat des genialen Mannes, der diese Grundsätze in die Feld- 
herrnkunst eingeführt. Gewiß hätte er zu Schlacht und Sieg 
gelangen können, wenn er, von Ivrea direkt nach Süden rückend, 
den noch nicht gesammelten Feind zum Stehen gezwungen 
hätte. Aber was wäre im besten Falle der Erfolg eines oder 
mehrere Teilsiege in Piemont gewesen? Der Entsatz Genuas, 
und, wenn der Sieg entscheidend genug, d. h. über das Gros 
der gegnerischen Armee errungen worden wäre, vielleicht die 
Hinausdrängung der österreichischen Armee aus Piemont. In 
eine strategisch so ungünstige Lage wie bei Marengo hätte 
sie dabei jedoch kaum geraten können. Die Österreicher hätten 
auf ihrer natürlichen Rückzugslinie gestanden, die Feld- 
operationen ihren Fortgang genommen und gleichzeitig hätten 
die zahlreichen, mit österreichischer Besatzung \ ersehenen 
Festungen in Piemont nicht ganz vernachlässigt werden können. 

An Genua und der ligurischen Küste war aber, wie an 
anderer Stelle gezeigt'). Bonaparte damals wenig gelegen. Mit 
Recht, da er Größeres erreichen, durch die Eroberung der 
Lombardei und durch eine Schlacht mit verkehrter Front zu- 
gleich, wenn auch etwas später, auch diese gewinnen konnte! 
Wo bleibt das Genie, wenn man Bonaparte für seine Unter- 
nehmung gegen Mailand mit dem Durchschnittsmaß mißt? 

Selbst eine Niederlage hätte ihn militärisch, wie 
weiter unten ausgeführt"), nicht ernstlich gefährdet. Aber mit 
einer Niederlage zu rechnen, war nicht Napoleons Art, und 
daß sein stolzes Selbstvertrauen berechtigt, wird niemand be- 
zweifeln wollen, der nicht, rückwärts schließend, seine kühne 
strategische Operation deswegen verurteilen will, weil er gerade 

', Vgl. oben S. 199 ff. und unten S. 354 ff. — ') Vgl. unten Kapitel 8. 



352 Die Reservearmee und ihre Operationen 

in diesem Feldzuge im einzelnen sein Feldherrntum und s^einc 
eigenen Grundsätze mehrfach verleugnet hat und er dieserhalb 
eine taktische Niederlage bei Marengo beinahe erlitten und 
auch verdient hätte. 

Die Operation auf Mailand und die Verbindungen der 
Österreicher wäre meines Erachtens strategisch nur dann zu 
verurteilen, wenn die Bonaparte zur Verfügung stehenden Mittel 
zur Erlangung des gesteckten Zieles selbst in seiner Meisterhand 
als unzureichende zu bezeichnen wären. Aber hierüber ist ein 
objektives Urteil nicht wohl möglich, und man wird dem ein- 
zelnen Beurteiler, wenn er nur an der absoluten Genialität 
von Bonapartes Umgehungsmanöver nicht zweifelt, zugestehen 
dürfen, es in diesem besonderen Falle für ein mehr oder minder 
großes Wagnis zu halten — was in der Kriegskunst allzeit 
ein Geheimnis des Erfolges gewesen ist und bleiben wird. 

Über die Stärke des Gegners scheint Napoleon allerdings 
nicht hinreichend unterrichtet gewesen zu sein, wie denn der 
bei Napoleon sonst meist gut wirkende Nachrichtendienst in 
der Reservearmee überhaupt recht mangelhaft war. Wir wissen 
ferner, daß die Reservearmee hinter dem ursprünglichen An- 
schlag weit zurückgeblieben war, und daß auch ihre Ausrüstung 
usw. bis zuletzt manches zu wünschen ließ. Mit Einschluß 
Turreaus und der Verstärkungen von der Rheinarmee erreichte 
sie aber doch annähernd den Stand von 60 000 Mann, der für 
ihre Aufgabe von vornherein als notwendig angesehen worden 
war, und mit denen ein Napoleon sie auch erfüllen konnte. Daß 
seine späteren Operationen sich der Grundanlage des Feld- 
zuges von Marengo nicht immer kongenial erweisen werden, 
darf bei Beurteilung der letzteren nicht in Rechnung gesetzt 
werden. Und wenn der Erfolg in vieler Augen auch einem 
kühnen Manöver nachträglich den Stempel der Korrektheit auf- 
drückte, so wird man diesen Schluß gewiß für berechtigt halten 
bei einem Manne, der den Erfolg zu meistern verstand wie 
Bonaparte. Wir werden Bonaparte bei Marengo siegen sehen 
trotz erheblicher Fehler, aber es war sein Verdienst, daß 
die Folgen dieses Sieges wegen seiner genialen Feldzugsanlage 
unendlich viel größer sein mußten, als sie es gewesen wären, 
wenn Bonaparte die Österreicher beim Austritt aus den Alpen 
etwa bei Turin aufgesucht hätte. 



bis zum Gefecht bei Montebello (9. |uni;. 353 

Doch auch die Folgen einer etwaigen Niederlage Bona- 
partes bei Marengo wären keineswegs, wie vielfach behauptet 
worden ist, mit seiner Vernichtung gleichbedeutend gewesen^) 
— trotz der Schwäche und des Zustandes der Reservearmee. 
Der Fall war ja fast eingetreten ; es wäre einfach zu einer 
zweiten, vielleicht noch zu einer dritten Schlacht gekommen. 
Seine Rückzugslinie nach der Schweiz war Napoleon gesichert, 
teils durch seine eigenen Bewegungen, hauptsächlich aber durch 
die Erfolge Moreaus in Deutschland. 

Alles in allem muß demnach meines Erachtens Bonapartes 
Marsch auf Mailand zwar zu seinen kühnsten, aber auch zu 
seinen glänzendsten strategischen Manövern gerechnet werden. 

Aber noch von einem anderen als dem rein militä- 
rischen Gesichtspunkte aus hat man dieses Manöver getadelt 
und, den moralischen Standpunkt dabei berücksichtigend. Bo- 
naparte einen Vorwurf daraus gemacht, daß er es nach seinem 
Eintritt in Italien nicht seine unverzügliche Sorge sein ließ, 
möglichst schnell und auf direktem Wege Massena in Genua 
zu entsetzen. 

Aus einer überaus umfangreichen Korrespondenz darf man 
den sicheren Schluß ziehen, daß Napoleon nie ernstlich an 
€inen direkten Entsatz Massenas gedacht hat. Genua und die 
Riviera hatten für ihn, und nach Lage der Umstände mit 
vollem Recht, nur sekundäre Bedeutung. Ihm schwebte Größeres 
vor als die einfache Befreiung eines ziemlich unbedeutenden 
französischen Heeres gewesen wäre. Trotz alier Versprechungen 
auf die fortwährenden und dringenden Hilferufe") aus Italien, 
und obwohl man sich über den unbeschreiblichen Zustand seiner 
Truppen und die bedeutende Überlegenheit der Österreicher 
nicht täuschen konnte, geschah nur wenig oder gar nichts für 



'; Ich spreche hier natürlich nur von den militärischen Folgen 
«iner etwaigen Niederlage. Politisch wäre, nach Lage der Dinge in 
Paris, allerdings wohl schon eine einzige Niederlage für Napoleon 
kritisch genug geworden. Von diesem Gesichtspunkt aus darf man 
auch sagen, daß Napoleon beim Feldzug von Marengo alles auf eine 
Karte setzte. 

-) Koch, Memoires de Massena IV; Thiebault, Journal des 
Siege et blocus de Genes; Correspondance VI, 4728 ff., 47 15, 51, 
58, 84 u. a. sprechen von Nachrichten Massenas. 

Herr mann, Der Aufstieg Napoleons. 23 



354 Die Reservearmee und ihre Operationen 

Massena, und als die Reservearmee gebildet war, wurde, was 
naheliegend gewesen wäre, ein direkter Entsatz Genuas oder 
eine Verstärkung Massenas durch Teile der Reservearmee nie 
in Betracht gezogen, obwohl man, wie zahlreiche Äußerungen 
beweisen, annahm, daß die erste Aktion der Österreicher im 
Jahre 1800 sich gegen Massena richten würde. Aber schon 
am 12. März verriet Bonaparte Moreau gegenüber seine An- 
sicht: „Au reste, quand nous nous trouverions obliges d'evacuer 
Genes, ce n'est plus cela aujourd'hui qui decidera la paix 
et donnera le succes de la campagne"^). 

Entsatz aus seiner bedrängten Lage wurde Massena freilich 
gleichwohl immer aufs neue versprochen. Aber angefangen 
von jener Äußerung vom 5. März, in der Bonaparte Massena 
gegenüber von der Bildung der Reservearmee spricht, die 
ihm Hilfe bringen würde, „und wäre es selbst über Trient'*'), 
bis zu den Äußerungen aus der zweiten Hälfte des Mai hat 
man fast stets den Eindruck, daß Napoleon nur an einen 
indirekten Entsatz Genuas denkt; Massena freilich faßte sie 
anders auf. 

Der Plan, nach Mailand zu marschieren, ist in Bona- 
parte sicherlich nicht erst nach dem Alpenübergange ge- 
reift^). Seine Ausführung wäre aber gehindert worden, wenn 
Massena nicht vermocht hätte, bis dahin den Feind zu be- 

') Correspondance VI,4661. — "-) Ebda. 4642. Vgl. oben S. 199 ff. 

^) Bourrienne, Memoires IV, 86, berichtet, Napoleon habe am 
17. März in den Tuilerien die Hauptstationen des Feldzuges von Marengo 
mit Stecknadeln auf einer Karte bezeichnet. Das Datum ist wichtig; 
die Konferenzen mit DessoMe waren gerade am 17. erfolglos geendet und 
Napoleon hatte darauf verzichtet, nach Deutschland zu gehen (Vgl. oben 
S. 146.) So spiegelt jene Angabe Bourriennes den Grundgedanken 
Napoleons sicher richtig wieder, doch geht es m. E. zu weit, in ihr 
eine Stütze für die Ansicht zu sehen, daß Napoleon den italienischen 
Kriegsplan schon im Februar und März 1800 in seinem Kabinett fertig 
ausgearbeitet und nie vorher oder nachher einen Feldzugsplan genauer 
im voraus berechnet habe als den von Marengo. Napoleon hat einmal 
den Ausspruch getan: „Ich habe nie einen Kriegsplan gehabt." Das is 
allerdings zu kühn, aber wie kein zweiter war Napoleon davon überzeug 
daß im Kriege niemals alles und jedes nach den angestellten Berech' 
nungen, nach einem Kriegsplan eintreffen wird. Meisterhaft hat gerade 
Napoleon gehandhabt, was Moltke als das Wssen der Strategie definiert- 
daß sie ein „System von Aushilfen" sei. 



I 



i 



bis zum Gefecht bei Montebello 9. |uni . 355 

schäftigen, worin seine eigentliche Aufgabe bestand. Insofern 
hat eine endgültige Entscheidung über die weitere Verwendung 
der Reservearmee natürlich erst nach dem Austritt aus dem 
Gebirge erfolgen können und diese Abhängigkeit vom Ver- 
laufe der Kriegsereignisse sowie auch die gewaltige Versa- 
tilität Bonapartes, der stets mehr als ein Eisen im Feuer 
hatte, erklären es genugsam, wenn sich unter den zahlreichen 
Äußerungen über die bevorstehende Operation der Reser\e- 
armee auch solche finden, die auf einen direkten Entsatz 
Genuas durch die Reser\earmee hinzudeuten scheinen, oder 
die ihn, faute de mieux, sogar ins Auge fassen. Als z. B. 
infolge der Kriegsereignisse die Übergangsstelle allmählich 
immer weiter nach Westen verschoben wird, der Übergang 
des Gros' über Splügen, Gotthard oder Simplon, wobei dann 
Mailand selbstverständlich das erste Ziel gewesen wäre, auf- 
gegeben und auf den Bernhard verlegt wird, da heißt es 
allerdings, „II est possible, que ce ne soit plus ä Milan oü 
il faille aller, mais que nous soyons obliges de nous porter 
en toute diligence sur Tortone, pour degager Massena.** Aber 
auch diese Stelle beweist doch nur die eigentliche Absicht, 
nach Mailand zu ziehen, und noch in demselben Schreiben 
ist denn auch von dem Zuge dorthin die Rede^). Noch deut- 
licher beleuchtet die Absichten des Ersten Konsuls ein Brief 
Berthiers an Dupont vom 14. Mai'), der an einer Stelle aus- 
spricht, daß der Marsch der Reservearmee von Ivrea auf dem 
kürzesten Wege nach Mailand gerichtet sei, während es we- 
nige Zeilen später heißt: „Es wäre möglich, dai3, in Ivrea 
angekommen, die Nachrichten von Massena mich zwingen, 
direkt nach Genua zu ziehen.*' 

Ich brauche die Belegstellen'') für meine Ansicht nicht 
zu vermehren. Auch die Entsendung Bethencourts und Mon- 
ceys über Simplon und Gotthard beweist die Absicht, nicht 
nach Genua, sondern nach Mailand zu ziehen. Ohne Zusammen- 

') Correspondance VI, 4738. — =') Ebda. 4792. 

") Von dem Zuge nach Mailand, dem Entsatz Massenas oder beidem 
ZI gleich ist die Rede: Correpondance VI, 4695, 4738, 4760, 92, 95 
98, 4808, 17, 25, 31, 36, 42, 44 und, z. T. gleichbedeutend, Cugnac I. 
114 f., 200, 314, 335 f., 350 ff., 363 f., 403 f., 424 f., 429 f., 445 ff, 467 ff. 
5C3ff., 518. 

23* 



356 Die Reservearmee und ihre Operationen 

wirken mit der Hauptarmee hätten weder diese noch jene 
etwas erreichen können. Nicht unwesenthch ist schließUch 
auch, daß in den entscheidenden Tagen des Linksabmarsches 
dieser nirgends Verwunderung erregt, oder als etwas Be- 
sonderes, Unerwartetes genannt wird. 

Davon, daß Napoleon Massena absichtlich in seiner be- 
drängten Lage gelassen habe, um seinen eigenen Ruhm um 
so höher strahlen zu lassen, kann keine Rede sein. Es ist 
sehr wahrscheinlich, daß er geglaubt hat, sein bloßes Er- 
scheinen in Oberitalien werde genügen, die Aufhebung der 
Blockade Genuas zu bewirken^); der Ausdruck „degager" 
kehrt öfter in der Korrespondenz wieder. 

Kaum hätte Napoleon, ohne Schädigung seines Haupt- 
planes, eine weitergehende Diversion nach Süden machen 
können, um das zu bewirken, da Melas dann wahrscheinlich 
die Aufhebung der Blockade Genuas eher befohlen und dies 
das Gelingen des Umgehungsmanövers in Frage gestellt hätte. 

Aber als ganz sicher darf man wohl aussprechen, daß 
Bonaparte nicht davon überzeugt war^), er werde auch 
auf dem Umwege über Mailand noch rechtzeitig zur Rettung 
Genuas herankommen, falls der Feind die Blockade nicht von 
selbst aufgab; die Berichte von der Riviera hatten zu deut- 
lich von dem in Genua herrschenden Mangel gesprochen; 
bis Ende Mai günstigenfalls konnte er danach die Behauptung 
der Festung erwarten'"). 

Trotzdessen müssen wir dem Feldherrn Bonaparte 
durchaus Recht geben. Wenn wir freilich an den doppelten 
Heldenkampf, mit dem Feinde und dem gräßlichen Hunger, 
denken, den Massena in Genua zugleich zu führen hatte, wenn 
wir berücksichtigen, wie sehr Massenas und Suchets Kämpfe in 
Genua und am Var dazu beigetragen, Napoleon den kühnen 

') Z. B. Cugnac I, 357 Note 1. 

-) Interessant, aber für Napoleons Gedanken nichts erweisend, ist 
die von Neipperg (Hüffer, Quellen 11, 122) überlieferte Äußerung 
Berthiers, die ganze Operation der Reservearmee habe die Deblockierung 
Genuas zum Ziele gehabt und der Abmarsch nach Mailand und über den 
Po sei erfolgt, weil der 1. Konsul überzeugt war, Genua könne noch 
nicht übergeben sein. 

') Correspondance VI, 4759. 



I 



bis zum Gefecht bei Montebello (9. Juni,\ 357 

Zug nach Mailand zu ermöglichen^), und die Früchte ihrer 
Siege in Mailand und Marengo mitzuernten, dann begreifen 
wir den Unmut Massenas gegen Bonaparte. Doch, hätte dieser 
anders gehandelt, wären seine Erfolge geringer und Massena 
im Grunde eigentlich nichts geholfen gewesen, wenn ihm 
wohl auch die Konvention, die ihm peinlich genug war, in 
diesem Falle erspart geblieben wäre"). 

Die Vermutung liegt nahe, daß Napoleon, gerade um 
seinem Verhalten gegen Massena die Spitze zu nehmen, auf 
St. Helena'^) nachträglich seinem Abmarsch nach Mailand 
eine Motivierung gegeben hat, die man unmöglich für seine 
wahre Meinung ansehen kann. Diese Äußerung Napoleons 
spricht denn auch m. E. durchaus nicht gegen die Ansicht, 
daß Bonaparte von vornherein zum Linksabmarsch auf Mai- 
land entschlossen war, falls sich Genua bis zu seinem Ein- 
tritt in Italien hielt. „Wie konnte ich mich," führt er aus, 
„abenteuerlich mütten in eine so mächtige Armee, wie die 
österreichische, hineinstürzen, zwischen Po und Genua, ohne 
eine sichere Rückzugslinie zu haben?'' An die „mächtige 
Armee*' bat Napoleon natürlich selbst nicht geglaubt. Er 
wußte vielmehr genau, daß der Gegner in keinem späteren 
Augenblick weniger schwach sein würde, als gerade beim 
Austritt der Reservearmee aus den Alpen. Und auch die 
Rücksicht auf seine Verbindungslinie ist nicht als begründet 
zu betrachten. Was hinderte ihn, für den Fall einer Nieder- 
lage, die er sicher nicht in Betracht zog, und die auch durch- 
aus unwahrscheinlich war, einen etwaigen Rückzug über 
Simplon oder Gotthard zu nehmen, die sich doch bereits in 
französischen Händen befanden, und zu denen zu gelangen 
die schwachen österreichischen Posten ihn sicher nicht hin- 
dern konnten, wenn diese dann nicht längst von Bethencourt 
und Moncey vertrieben waren. So liegt wirklich der Ver- 
dacht nahe, daß Napoleon seinen Abmarsch nach Mailand, 
statt Genua zu entsetzen, später deshalb so sehr als durch 

') In einem Schreiben an Berthier vom 2. Mai (Correspondance 
VI, 4747) bringt das Napoleon am Schluß selbst zum Ausdruck. 

*) Zum Ganzen vgl. auch Herrmann a. a. O, S. 85 ff. und Thie' 
ba-ult, Journal II, 53 ff. 

*) U. a. Correspondance XXX, 446. 



358 Die Reservearmee und ihre Operationen 

die Verhältnisse veranlaßt hat hinstellen wollen, um sich 
gegen die Vorwürfe Massenas zu sichern. Für den ersten 
Augenblick mochten die glänzenden Erfolge von Mailand und 
Marengo dazu hinreichen^). 

Eine wichtige Voraussetzung für diese Erfolge war neben 
der Genialität des Feldzugsplanes, der Energie seiner Durch- 
führung, der Einwirkung der Taten Moreaus in Deutschland 
und Massenas und Suchets in der Riviera nicht zuletzt doch 
auch das Verhalten der Österreicher. Sein gütiges Geschick 
hatte Bonaparte neben anderen Glücksfällen auf dem Wege 
nach Marengo auch in dem 70jährigen Melas einen möglichst 
ungefährlichen Gegner beschert"). In anderem Zusammen- 
hange wurde bereits darauf hingewiesen, daß der verspätete 
Beginn der Operationen in der Riviera im letzten Grunde das 
österreichische Unglück in Italien im Jahre 1800 verschuldete. 
Aber schwere Vorwürfe müssen die österreichische Heeres- 
leitung auch treffen für die überaus mangelhafte Art und Weise, 
wie sie der ihr von der Reservearmee drohenden Gefahr be- 
gegnete. 

Anknüpfend an das über die Legende von Marengo Gesagte, 
sei auf den folgenden Zeilen an der Hand der österreichischen 
Akten gezeigt, daß weder Melas die Armee von Dijon für ein 
Phantom hielt, wie noch bis in die jüngste Zeit immer wieder 
angenommen wurde^), noch auch den Hofkriegsrat zu Wien, 
der für alle Mängel und Fehler der österreichischen Armee in 
damaliger Zeit verantwortlich gemacht zu werden pflegt, in 
diesem Falle eine Schuld trifft. Überhaupt ist festzustellen, 
daß der Hofkriegsrat nicht in der Weise, wie man gemeinhin 
glaubt, auf die Operationen des Jahres 1800 eingewirkt hat, 
was wohl mit der Tatsache zusammenhängt, daß die Politik 
bei weitem nicht mehr so innig, wie im Jahre 1799 mit der 
Kriegführung verquickt ist, und vor allem Thugut allmählich 
den allmächtigen Einfluß verlor, den er bisher geübt^). 

') Massena war in der Tat sehr unzufrieden und zieh Napoleon der 
Eifersucht. Vgl. auch oben S. 229 f. 

■■) Über Melas vgl. Herrmann a. a O. 71 f. 

^) Noch Cugnac tut das, weil er das österreichische Aktenmaterial 
nicht kennt, nicht einmal das von Hü ff er gedruckte. 

*) Die einzige mir bekannte bedeutsame Äußerung Thuguts über die 



bis zum Gefecht bei Montebello (9. Juni . 359 

Ein Anhalt dafür, daß der Hofkriegsrat Melas über das 
„Phantom der Reservearmee" getäuscht habe, ist nicht zu fin- 
den, wohl aber zeigt eine lange Reihe von Korrespondenzen, 
daß Melas rechtzeitig in ausgiebiger Weise über die Reserve- 
armee unterrichtet war, um deren Einbruch begegnen zu 
können, und daß nur Leichtsinn und Unfähigkeit das verhindert 
haben. Schon die Tatsache, daß die Armee Moreaus größten- 
teils in der Schweiz überwinterte, und daß Gotthard, Simplen, 
die Bernhardberge und Mont Cenis vom Feinde besetzt waren, 
erforderte österreichischerseits die größte Aufmerksamkeit auf 
die Alpenpässe, Man muß-te mit der Möglichkeit rechnen, daß 
die größte französische Feldarmee im Frühjahr 1800 von ihrer 
Zentraisteilung aus ebenso gut in Italien wie in Süddeutsch- 
land einbrechen konnte, und hat auch in der Tat seine Auf- 
merksamkeit auf diese Möglichkeit gerichtet. 

Ich brauche die zahlreichen, oft höchst abenteuerlichen 
Nachrichten über beabsichtigte feindliche Unternehmungen 
gegen Itahen aus den Monaten Januar und Februar nicht ein- 
zeln zu registrieren^), sie liefen sämtlich ein, bevor man von 
der am 25. Januar erstmals verfügten Bildung einer Reserve- 
armee etwas wußte, oder wenigstens bevor der Konsular- 
befehl die geringste Wirkung getan. Aber so unbegründet 
diese Gerüchte auch sein mochten — ein richtiger Kern lag 
ihnen mitunter doch zu Grunde — , sie hätten der öster- 
reichischen Heeresleitung zum mindesten V^o r s i c h t nahe legen 
sollen, die auch dann nicht überflüssig war, als im Laufe 
des März bekannt wurde, daß die Armee Moreaus sich nach 
dem Rhein hin konzentrierte, von ihrer Seite also weder ein 
Einfall nach Italien noch nach Graubünden wahrscheinlich 
war. Die Nachrichten aus der Schweiz wurden damals sehr 



Reservearmee ist durchaus verständig Er schreibt schon am 7. Mai an 
Melas (Vivenot, Vertrauliche Briefe II, 217); „Wenn wirklich ein be- 
trächtlicher Secours für Massena von der Reservearmee von 
Di Jon (beachte das Datum!) detachiert würde und irgendwo in Italien 
eindringen könnte, [würden] unsere Sachen eine um Vieles weniger günstige 
Wendung nehmen". Minto berichtet an Grenville 23 )uni (Pitt Papers 
Vol. 339 im Record Office), Thugut schätze die französische Stärke in 
Italien auf ca. 40 bis 450C0 Mann. 

'j Wien. Kriegsarchiv F. A. Italien 1830, I und II. 



360 Die Reservearmee und ihre Operationer» 

viel spärlicher, weil nach dem Abmarsch Moreaus das un- 
mittelbare Interesse daran wegfiel, und weil die Reserve- 
armee vorerst nur auf dem Papier existierte. Auch noch im 
April nahm man weder in Wien noch im italienischen Haupt- 
quartier ernstlich von ihr Notiz, wenn auch bekannt wurde, 
daß ihre Bildung in Dijon und ihre Stärke auf 60 000 Mann 
festgesetzt war^). 

Erst die Berichte aus dem Mai zeigen uns, aber auch sie 
doch noch zeitig genug, daß die Reservearmee festere Ge- 
stalt für Melas annimmt, so bunt und wirr die Nachrichten 
über sie auch jetzt noch oft lauten mögen. 

Noch am 1. Mai spricht Melas die Ansicht aus, daß 
ein feindlicher Einfall nach allen Nlachrichten nicht zu er- 
warten sei, bevor die Operation in der Riviera beendigt; 
aber schon am 4, — etwas verfrüht — meldet ihm Kaim 
zurück, Berthier und Marmont seien in Genf eingetroffen, 
wo sie 15 000 Mann von Dijon her erwarteten, die durch die 
Schweiz über Simplon oder Gotthard nach Italien ziehen und 
den Österreichern in den Rücken kommen sollten^). Eine 
andere gleichzeitige Meldung spricht von einem Einfall Ber- 
thiers in Savoyen mit 10 000 Mann, derentwegen Melas keinen 
Mann aus der Riviera zurücksenden zu wollen erklärt. „Rechts 
von Turin ins Novaresische oder gar ins Mayländische geht 
seine Operation gewiß nicht,'' meinte der österreichische 
Oberkommandierende, und am 6. erklärte er Kaim nicht nur 
zur Defensive, sondern auch zur Offensive stark genug. Am 
8. tritt dann die Nachricht bestimmt auf, Berthier werde über 
den Mont Cenis in Italien einbrechen^). 

Man sieht, weder über die Einbruchsstelle noch über die 
Stärke des Feindes*) ist Melas sich in diesem Augenblick im 
Klaren, aber er sowohl wie sein Generalstabschef Zach haben 
doch bereits die richtige Erkenntnis, daß gegen Berthier der 
Hauptschlag zu führen sein werde, und schon am 10. faßt 

') Aus Deutschland wird das schon 21. und 25. März nach Wien 
gemeldet. Kriegsarchiv F. A. Deutschland 1800, III, 99 '/2 und 122^ 

') Kriegsarchiv V, 25 und 74. 

") Ebda. V, 107, 135; Hüffer Quellen II, No. 38 und 39. 

*) Am 10. Mai gaben Kundschafternachrichten die Stärke des Feindes 
auf 40000 Mann an. Kriegsarchiv V, 228. 



bis zum Gefecht bei Montebelio (9. Juni). 361 

Melas denn auch in Bordighera den Entschluß, nach Piemont zu 
gehen^), dessen Ausführung er dann so verhängnisvoll lange 
hinausgeschoben hat. Am 12. meldet er diese Absicht dem 
Hofkriegsrat und an Ott schreibt er gleichzeitig, daß dies am 
folgenden Tage geschehen solle. Warum unterblieb dieser 
Schritt, der den Dingen vielleicht eine ganz andere Wendung 
gegeben hätte? Nachrichten von Kaim scheinen Schuld daran, 
der am 12. aus Turin meldete, Melas solle sich vollkommen 
über das Schicksal Piemonts beruhigen und seine Armee nicht 
schwächen. „Berthier hat schon den glücklichen Zeitpunkt 
verfehlt, um unsere Fortschritte zu hemmen,** schrieb, sehr 
wenig motiviert, dieser General. „Mit der Infanterie, welche 
ich bereits habe, und meiner Kavallerie bin ich gar nicht in 
Verlegenheit, demselben die Spitze zu bieten.** Melas spricht 
denn auch daraufhin von den „beruhigendsten Nachrichten**, 
die er aus Piemont erhalten habe"). Noch am 16. glaubt 
Kaim an keinen „ernstlichen Angriff** und meldet am 17.: 
Der Feind steigt mit 1000 (!) Mann von den beiden Bernhards- 
bergen herab ; ob dies wirklicher Angriff oder Demonstration, 
wird sich erst zeigen!^) Doch Melas spricht am 18., viel- 
leicht auf Grund einer Nachricht aus Arona^), wieder mehrfach 
den Entschluß aus, nach Piemont zu gehen und die Brigade 
Auersperg und das Regiment Toscana als Verstärkungen dort- 
hin zu senden; „da der Einbruch des Generals Berthier nach 
Piemont seine ganze Sicherheit erlangt habe, so verfüge ich 
(mich) morgen nach Turin**^). 

Aber Abreise und Reise erfolgen so gemächlich''), daß er 
erst am 25. in der piemontesischen Hauptstadt eintraf"). Über 
die wirkliche Größe der ihm drohenden Gefahr ist er also 
doch wohl noch im Unklaren**). Wie er ihr zu begegnen 
gedenkt, zeigen uns seine Weisungen an Kaim noch von Nizza 

') Kriegsarchiv V, 219. — "■) Ebda. V, 268, 334f. 

'j Ebda. V, 372, 82. - *) Ebda. V, 367. 

') Ebda. V, 398 und Hüffer II, No. 52. 

") Auf der Reise berichtet Melas von seiner zunehmenden Ent- 
kraftung, Huffer II. No. 53. 

') Kriegsarchiv V, 414 und Hüffer II, No. 52. 

*) Das zeigt auch das beruhigende Schreiben an den Hofkriegsrat 
vom 19. Mai Hüffer II, No. 53 



362 Die Reseivearmee und ihre Operationen 

aus. Nach dem in der österreichischen Armee damals noch so 
sehr bevorzugten unseHgen Kordonsystem standen die 30 000 
Mann, die Melas zum Schutze von Piemont und Lombardei 
im April zurückgelassen hatte, an den Eingängen der Alpen- 
täler und in diesen selbst weit verzettelt. Nirgends war eine 
Macht konzentriert, stark genug, erfolgreichen Widerstand 
leisten zu können. Jetzt endlich befahl Melas Kaim, seine 
Truppen dort zusammenzuziehen, wo der Feind am stärksten 
einbrechen wolle, aber nicht zu zeitig, damit er die Absicht 
nicht merke. Möglichst lange soll er zerstreut stehen ! 

Dann enthüllt er seine Auffassung der strategischen Läge, 
die er allerdings nicht konsequent festgehalten hat, mit den 
Worten: „Unsere Absicht muß sein, entweder die Kolonne, 
so über den Bernhard kommt, oder jene über den Simplon 
zu schlagen, und wenn ich auch darüber Mailand verlieren 
sollte, ich werde eher am rechten Ufer bleiben und die ganze 
Lombardei aufgeben, ehe die Riviera verlasse. Kann ich 
meinen Defensivkrieg bis zum Falle von Genua und der 
Gefangenschaft Massenas in die Länge ziehen, so kann ich 
alles um so leichter wieder erobern, als ich alsdann dem 
General Berthier überall in den Rücken kommen kann.'* Bald 
befestigte sich sein Entschluß, lediglich defensiv sich zu ver- 
halten. 

„Ich kann Piemont nur verteidigen, keine Schlacht wagen,'* 
schreibt er am 21, und am 24. an General Ott vor Genua: 
„Der Feind steht noch im Susa- und Aostertal, sichere Nach- 
richten sagen, daß eine Armee durch die Schweiz aus Pie- 
mont im Anmarsch sei, es bleibt uns demnach nichts anderes 
übrig, als Zeit zu gewinnen, mich auf die Defensive zu halten, 
den Po zu defendieren'* ! Im äußersten Falle wollte er sich 
bei Alessandria mit Ott vereinigen^). 

Man berücksichtige die Daten ! Am 22. hatten die Fran- 
zosen bereits Ivrea und Susa in Händen. Während der näch- 
sten Tage bestärkte sich Melas in dem Glauben, Turin gelte 
der Angriff der Reservearmee, doch wird er schon am 27. 
einigermaßen stutzig"), als Turreau sich von Avigliana wieder 

') Kriegsarchiv V, 463, 507. 

^) Ebda. V, 574, Anweisung an Kaim, die wahren Absichten und 
die Stellungen des Feindes zu erkunden. 



i 



bis zum Gefecht bei Montebello 9. )uni . 363 

auf Susa zurückzog, offenbar um die Österreicher hinter sich 
her und ihre Aufmerksamkeit von der Reservearmee und ihrem 
Linksabmarsch abzuziehen. Aber mit nichten durchschaute er 
den Abmarsch des Gegners schon an diesem Tage; im Gegen- 
teil, in einer Instruktion für Vukassovich, der bei Vercelli die 
Straßen nach Pavia und Mailand deckte, heißt es^), er habe 
nach allen Nachrichten keinen Angriff zu gewärtigen. Der 
Feind strebe offenbar nach Turin und verfehle seinen Zweck, 
wenn er sich gegen Vukassovich wende. 24 Stunden später 
hat er untrüghche Nachrichten über den Abmarsch auf Ver- 
celli'), und wenn er zunächst noch immer zweifelt, am 29. 
darf man wohl von einer Gewißheit Melas' sprechen, wenn 
er an diesem Tage Hadik schreibt: Da zu sehen, daß der 
Feind nach Vercelli vorrücke, wolle er ihm alle nur möglichen 
Verstärkungen von Kaim senden, damit er den Orco passieren 
und auf Vercelli vorgehen könne^). Erst am 30. und 31. aber 
schwinden die letzten Zweifel^). 

Man kann angesichts dieser zahlreichen Zeugnisse nicht 
umhin, einen großen Leichtsinn oder eine weitgehende Ver- 
blendung von Melas anzunehmen, so wenig entsprechen seine 
Erkenntnis und seine Maßnahmen den trotz aller Abweichungen 
im einzelnen doch durchaus hinreichenden Nachrichten über 
die Reservearmee^) ; und wenn er so spät erst an den Abmarsch 
nach Mailand glaubt, offenbart sich darin auch die Mittelmäßig- 
keit, die die Tat des Genies nicht zu vermuten wagt, und zu 
erkennen vermag. 



') Kriegsarchiv V, 584 ist vielleicht geschrieben, bevor Melas den 
Rückzug Turreaus erfuhr. 

') Ebda. V, 604, 619. 

') Ebda. V, 632, 650, 652 - Ebda. V, 698, 756. 

'") Als besonders schwerwiegend sei noch das Zeugnis Stutterheims 
uni die Einleitung des Briefes an Tige (Hüffer II, 45 f. bzw. No. 71) ange- 
führt, die als Se'bstanklage von Melas gelten kann. — Auch ein Blick in die 
außerordentlich gut bedienten Zeitungen, z. B. „Nouvelles politiques de 
Leyde" und „Moniteur" ist für die österreichische Heeresleitung, die diese 
sie igewißhätte verschaffen können, belastend. Wahrscheinlich sind Zeitungen 
die Quelle Grenvilles, der Minto gegenüber die Hoffnung ausdrückt 
(Fortescue Manuscripts VI, 242 f., .Melas werde dem Ersten Konsul und 
der .Reservearmee die gehörige Beachtung schenken; but its force wilj 
evidently be very different from the 10 or 15000 men they talk of atVienna"! 



364 Die Reservearmee und ihre Operationen 

Aber statt die früheren Fehler nach MögHchkeit wieder 
gut zu machen, nachdem ihm die strategische Lage deuthch 
geworden, zeigte sich die Unfähigkeit des österreichischen 
Oberkommandos in ihrer ganzen Größe erst in den schwanken- 
den Maßnahmen, die nach dem 31. Mai sich überstürzen. An 
diesem Tage faßte Melas den Beschluß, auf die Deckung der 
Riviera zu verzichten und die Armee bei Alessandria zu ver- 
sammelni), eine Maßregel, die, zur richtigen Zeit durchgeführt, 
den Österreichern das Schlimmste erspart haben würde. 

IV. 

Der Po'Übergang und das Gefecht bei Montebello 

am 9. Juni. 

Wir müssen jetzt die Franzosen in der Lombardei wieder 
aufsuchen. Des Feindes Verbindungslinie war mit Napoleons 
Einzug in Mailand erst bedroht, aber auch die weitere Auf- 
gabe, sich derselben tatsächlich zu bemächtigen, löste die 
Reservearmee in kurzer Zeit mit großer Präzision. 

Mit der Lombardei hatte sich Napoleon gewissermaßen 
eine neue, äußerst günstige Operationsbasis geschaffen. Die 
sofortige Wiederherstellung der cisalpinischen Republik, die 
das Vordringen der Verbündeten im Jahre 1799 gestürzt hatte, 
trug dazu bei, die Bevölkerung gefügig zu machen, und 
ihm die reichen Hilfsmittel dieses Landes um so zuverlässiger 
auszuliefern. Die bisher so mangelhaften Verpflegungsverhält- 
nisse der Reservearmee besserten sich fortab erheblich. 

Auch die militärische Sicherung der neuen Operations- 
basis, als Vorbereitung für den zweiten Akt des Feldzuges, 
erfolgte rasch. Zu schwach, um den in seiner Front und seiner 
rechten Flanke in die Lombardei eindringenden Franzosen 
widerstehen zu können, zog sich Dedovich am Gebirge ent- 
lang bei Lecco hinter die Adda, von da über Bergamo und 
Brescia (5. Juni) nach Mantua, nachdem er ein Bataillon unter 
Oberstleutnant Siegenfeld zur Deckung der österreichischen 
Flottille auf dem Corner See in Bocca d'Adda, ein weiteres 
in Peschiera zurückgelassen hatte. Vukassovich dagegen wich 
nur Schritt für Schritt, um Spitäler und Magazine nach Möglich- 



') Hüffer II, Nr 63, 65, 67, 68. 



I 



bis zum Gefecht bei Montebello 9. )uni). 



keit leeren zu können und den Vormarsch des Gegners zu 
verzögern, dabei stets bedacht, für eine spätere Offensive seine 
Kraft zu schonen. So machte er Duhesme den Lambroübergang 
bei Melegnano nur wenig streitig, und schon am 4. konnte 
dieser bei Lodi den Addaübergang erzwingen. Von hier wurde 
die Division Boudet abberufen, und ledigHch mit der Division 
Loison marschierte Duhesme über Crema auf Orzinovi, teilte 
sie am 6. und rückte mit einem Teil nach Cremona, wo 
ihm am 7. nach einem Gefecht mit der Nachhut Vukassovichs, 
der jetzt auf das linke Oglioufer zurückwich, um sich 
schlimmstenfalls auch auf Mantua und Peschiera zu stützen, 
noch reiche Vorräte in die Hände fielen, während Loison nach 
Brescia marschierte, aber schon am 6. wieder umkehrte und 
ebenfalls nach Cremona ziehen konnte, um hier den Po zu 
überschreiten'), da Loudon rasch vor ihm zurückwich und die 
befürchtete Erhebung des Landvolkes zugunsten der Öster- 
reicher unterblieb. 

Inzwischen konnten, sobald sie durch die seit dem 5. 
in Mailand eintreffenden Teile des Monceyschen Korps, von 
dem nur tine kleine Abteilung zur Operationsarmee übertrat 
(Gardanne), in der Besetzung der Lombardei und namentlich 
der Blockade der Zitadelle von Mailand sowie an der Tessinlinie 
abgelöst wurden, und da Vukassovich weit genug nach Osten 
gedrängt war, die übrigen Divisionen der Reser\earmee bereits 
seit dem 6. den Poübergang beginnen. Es geschah in der 
Linie Pavia — Piacenza. Um letztere Stadt auf dem rechten Fluß- 
ufer zu besetzen, mußte zunächst schon am 5. durch Murat, 
dem die Division Boudet unterstellt worden war, der Brücken- 
I köpf auf dem linken Ufer genommen werden, was erst nach 
j hartnäckigem und verlustreichem Kampfe mit der zwar nur 
I schwachen, aber durch eine österreichische Batterie vom rechten 
Flußufer aus wirksam unterstützten österreichischen Besatzung 
geschah. Die Österreicher brachen die Schiffsbrücke hinter 
isich ab"). Der Kampf um Piacenza war der einzige ernste 
i Widerstand, den die Franzosen bei ihrem Poübergang von 

') Ö. M. Z. 1822, IV, 253 ff., 1823, III, Uff.; Cugnac 11, 107, 111 ff., 
'170 ff. 212 ff. 

') Ö. M. Z. 1823, III, 19 ff.; Cugnac II, 166 ff. 



366 Die Reservearmee und ihre Operationer 

Seiten des Feindes erfuhren, dagegen machte ihnen ein starkes 
Anschwellen des Po nicht weniger Schwierigkeiten, die um 
so schwerer zu überwinden waren, als es an Pontonnieren 
und Sappeuren fehlte^). 

Zwischen Belgiojoso und San Cipriano, unweit Pavia, ver- 
suchte zunächst Lannes, gemäß einem Befehl vom 4., seit dem 
0. den Übergang, um dann auf den Sammelpunkt der Armee 
südlich des Po, das wichtige Defile von Stradella, vorzustoßen, 
Aber nur langsam kam er voran, namentlich Kavallerie und 
Artillerie waren schwer über den reißenden Strom zu bringen, 
der Brückenschlag und Fähren gleichermaßen Widerstand ent- 
gegensetzte; die zwei fliegenden Brücken, die man schließlich 
errichtete, waren wegen des hohen Wasserstandes nur vor- 
übergehend passierbar. Noch am 6. hatte Lannes bei San 
Cipriano mit einer nach Piacenza ziehenden österreichischen 
Abteilung ein leichtes Gefecht. Am Tage darauf gelang Murat 
bei Nocetto der Flußübergang und im Kampfe mit Oreilly 
die Einnahme des wichtigen Piacenza, allerdings ohne das 
Schloß. Durch sein tapferes Aushalten deckte Oreilly, der 
während des verlustreichen Kampfes von Bobbio her durch 
das Regiment Klebeck und von Parma her durch ein Bataillon 
Thurn unterstützt worden war, den Abzug der österreichischen 
Artilleriereserve, die Watrin wenige Kilometer von seiner Stel- 
lung bei Cipriano in der Nacht vorbeiziehen ließ. 

Erst am 8. wagte Lannes nach Stradella zu gehen. An 
diesem Tage gelangte auch Loison bei Cremona mit einem 
Teil seiner Division über den Strom und vereinigte sich ain 
Q. mit Murat, während der Rest Pizzighettone beobachtete 
und Cremona deckte. Die Divisionen Oardanne, Chambarlhac, 
Monnier und Lapoype waren angewiesen, hinter Lannes bei 
Belgiojoso überzugehen^). So trafen die Franzosen nur sehr 
allmählich auf dem rechten Poufer ein, und ihre Lage hätte 
höchst kritisch werden können, hätten die Österreicher bereit 
gestanden, die Reservearmee zu empfangen^). Doch daran 
fehlte es so sehr wie nur möglich. 

') Cugnac II, 109 ff., 193, 201, 224, 235 f, 278. 

■') Ebda. II, 190 ff. 

') Ebda p. 112 f. 178 ff., 196 ff., 225 ff.; Ö. M. Z 1823. Ilf, 23 ff. 



bis zum Gefecht bei Montebello 9. )uni). 367 

Wenn Bonaparte spätestens für den 9. Juni einen Angriff 
von 20 000 Österreichern bei Stradella vermutete^), der ihm 
unangenehm genug geworden wäre, so hat er damit bezeichnet, 
was österreichischerseits hätte geschehen sollen und können, 
denn die französischen Truppenbewegungen zeigen deutlich, 
daß eine energische Oberleitung dem österreichischen Heere 
die Verbindungen über Piacenza sehr wohl hätte retten können. 

Daß der oben erwähnte Plan, Hadik den auf Vercelli 
marschierenden Franzosen in den Rücken zu senden, auf- 
gegeben wurde, als man erfahren mußte, wie weit ihr Links- 
abmarsch bereits gediehen war, und da man eine zu erfolg- 
reicher Durchführung dieser Operation hinreichende Streit- 
macht nicht versammelt hatte, ist zu billigen. Diese möglichst 
rasch zusammenzufassen, mußte in der Tat das erste Bestreben 
Melas' sein, und die Befehle an Ott und Elsnitz zur Auf- 
hebung der Blockade von Genua und zum Abzug vom Var 
über den Gel di Tenda nach Alessandria sind darum durchaus 
verständig. Wie oben dargestellt, hat Elsnitz seinen Befehl 
höchst mangelhaft ausgeführt, was die verhängnisvollsten 
Folgen hatte; der Befehl an Ott kam überhaupt nicht zur Aus- 
führung, ein Ungehorsam, der näherer Betrachtung bedart. 

Man war, wie erinnerlich, dem Falle Genuas ganz nahe, 
als der Befehl, die Blockade abzubrechen, bei Ott eintraf. 
In der ersten Fassung war seiner Ausführung noch Spielraum 
gelassen. Melas schrieb, da er noch einige Tage in Turin 
bleiben zu können hoffe, sei der Rückzug nicht auf der 
Stelle notwendig, und er gab der Erwartung Ausdruck, Genua 
werde inzwischen noch kapitulieren. Aber noch an demselben 
Tage erging die strikte Weisung an Ott, unverzüglich 
aufzubrechen, teils über die Bocchetta, die ebenso w^ie 
die Scrivia besetzt bleiben sollte, nach Alessandria, teils über 
Bebbio im Trebbiatal nach Piacenza, dessen Wichtigkeit Melas 
also doch bereits erkannte^). Diesem zweiten Befehl nun 
kam Ott nicht nach, aber er fand dafür auch bald die Billi- 
gung des Oberkommandierenden. Auf die Meldungen Otts 
vom 1., daß Verhandlungen mit Massena angeknüpft seien. 



') Correspondance VI, 4895. 

"-) Die beiden Befehle vom 31 Mai bei Hüffer 11, No. 67 und 68. 



368 Die Reservearmee und ihre Operationen 

und daß er bei Mitnahme von Artillerie, Spitälern und Maga- 
zinen doch erst in der Nacht vom 3./4, werde aufbrechen 
können, antwortete Melas am 2. Juni, er solle die Kapitu- 
lation mit allen Mitteln betreiben, dann jedoch unverzüglich 
nach Alessandria marschieren, ohne Genua besetzt zu halten^). 
Spricht schon letztere Anweisung gerade nicht für 
die Einsicht Melas', so zeigen uns andere Verordnungen 
vollends eine unheilvolle, oft unbegreifliche Unsicherheit, Un- 
entschlossenheit und Unkenntnis des österreichischen Ober- 
kommandierenden. „In gegenwärtiger Lage der Armee kommt 
es nur darauf an, ** schreibt er z. B. am 2., „die Armee zu- 
sammenzubringen, und dem gegen unsere Staaten vorrücken- 
den Feind und seinen weiteren Fortschritten Grenzen zu 
setzen/'^) Wie gedachte er dieses Ziel zu erreichen? Es 
bleibe ihm nichts anderes übrig, sagte er am 3., als sich des 
Po-Überganges bei P i a c e n z a zu versichern, um dort die 
Armee nach ihrer Versammlung über den Po und 
dem Feinde entgegenzuführen. Der Grundgedanke ist 
richtig, aber die Ausführung vergiftete diesen Plan völlig. 
Welche Machtmittel bot er auf, um die Voraussetzung 
dazu zu erfüllen, nämlich die Behauptung Piacenzas und da- 
mit des wichtigen Defiles von Stradella einer- und der Straße 
nach Mantua anderseits? Ein ganzes Bataillon, 10 Schwa- 
dronen „nebst allen in Pavia angelangten Rekonvaleszenten- 
Transporten*', desgleichen die Brigade Gottesheim vom 
Blockadekorps von Genua, die jedoch zu spät kommt !^) Und 
das nennt Melas „sorgsamste Beobachtung*' des Poflusses, 
„um jedem Versuch des Feindes für dessen Übergang zu- 
vorzukommen"^). Nichts hätte doch Melas daran gehindert, 
allein schon einen beträchtlichen Teil der bei Turin stehen- 
den Truppen rechtzeitig an den wichtigsten Punkten der 



') Hüffer II, ^^o. 75 f., 80. Eine in der Zwischenzeit am 1. von 
Melas an Ott ergangene Weisung (Hüffer II, No. 70), er solle zunächst 
bei Novi stehen bleiben und nur ein Regiment zur Besetzung des Brücken- 
kopfes von Casatisma entsenden, konnte Ott nur in seiner Ansicht be- 
stärken, daß er richtig gehandelt. Vgl. auch den aufgefangenen Brief 
Melas' an Tige vom 5. Juni bei Cugnac II, 229 Note. 

-) Hüffer II, No. 80. — ") Ebda. No. 83. 

*) Kriegsarchiv VI, 44 und 46. 






bis zum Gefecht bei Montebello (9. luni). 369 

Linie Pavia— Piacenza zu verteilen. Stattdessen wollte er das 
Gros seiner Truppen bei Alessandria sammeln und dann in 
Masse nach Piacenza führen; Oreilly hatte am 6. in Piacenza 
kaum 400 Mann zur Verfügung.^) 

Lediglich eine völlige Kopflosigkeit oder verblendete Unter- 
schätzung der Gefahr und seines gewaltigen Gegners kann 
das erklären. Man sieht auch nicht, aus welchem anderen 
Grunde er am 5. für die „Sicherung des Poflusses etwas ruhiger 
wurde**. Daß er schon am 3. von Elsnitz schlechte Nach- 
richten hatte, ist keine Entschuldigung dafür, daß er die Truppen 
Kaims und Hadiks so krampfhaft zusammenhielt; zur Auf- 
nahme von Elsnitz hätten Truppen von Genua bestimmt werden 
können, das am 4. endlich kapitulierte. 

Melas hatte den Befehl vom 2., diese Festung völlig zu 
räumen, am 4. noch einmal wiederholt"), freilich in der Vor- 
aussetzung, daß die Garnison kriegsgefangen wurde. 
Aber auch als er erfahren hatte, daß diese Bedingung nicht er- 
füllt war, bestand er darauf und wollte die Verteidigung der 
Festung lediglich den 2800 in Genua ausgelösten österreichi- 
schen Gefangenen im Verein mit den Engländern anvertrauen^). 
„Wir können kein anderes Ziel haben, als Bonaparte zu 
schlagen,'* schrieb Zach; „da Elsnitz nicht vor dem 14. Juni 
herankommen kann, die Entscheidung aber eher fallen muß, 
muß Genua geräumt werden und nur von den Gefangenen 
besetzt bleiben*).** 

In der festen Überzeugung nun, dieser Befehl sei nach- 
teilig, und in Verkennung der wahren Verhältnisse in Ge- 
nua erteilt — die ausgewechselten Gefangenen waren näm- 
Uch völlig abgezehrt, ohne Kleidung, Schuhe und Gewehre, 
und Suchet zog bereits drohend auf Genua heran — blieb 
Graf Hohenzollern mit seiner ganzen Division in Genua"), 
[während Ott nur die Divisionen Vogelsang und Schellenberg 
iim 5. und 6. nach Novi führte, und die Brigade Gottesheim 
hren Marsch über Bobbio nach Piacenza antrat, das nur ein 
Feit von ihr und zu spät erreichte. 

') Ebda. VI, 160. — ■',; Hüffer II, No. 87. 
") Ebda. No. 91 und 93; Kriegsarchiv VI, 126. 
*) Kriegsarchiv VI, 172. - '') Ebda. VI, 178. 

Herrmann, Der Aufstieg Napoleons. 24 



370 Die Reservearmee und ihre Operationer 

Ist dieses eigenmächtige Verhalten Hohenzollerns zu 
billigen? Und wie hat Melas sich dazu gestellt? 

Noch am 7. drängte Melas Hohenzollern, seine Truppen 
auf dem kürzesten Wege nach Piacenza zu führen, und seht 
entschieden schrieb er an Schellenberg: „Ich muß darauf be- 
harren, daß sämtliche Truppen sich bei Piacenza versammeln, 
Eine gewonnene Schlacht gibt uns alles Verlorene wieder"^) 
Hätte Melas von vornherein diese Maxime gehabt und dem- 
entsprechend energisch gehandelt, wäre alles anders geworden 
In Wirklichkeit war aber das Schicksal Piacenzas und dei 
österreichischen Kommunikationslinie bereits entschieden, be^ 
vor Hohenzollern hätte herankommen können, weil Melas 
eben nicht das Mögliche und Naheliegende getan hatte, sie 
zu halten und eine fast unglaublich naive Auffassung von dei 
Schnelligkeit der Strategie Bonapartes verriet. Als er dann 
erfahren hatte, daß „die geringe Macht, die er am Po auf- 
stellen konnte*' (!), ihm nicht erlaubte, „selbst bei der größt- 
möglichsten Anstrengung'' (!), den Feind am Po-Übergang 
zu hindern, hat er sich entschlossen, Hohenzollern in Ge- 
nua zu lassen, „weil die Absicht, dem Feind bei dem Über 
gang des Po zuvorzukommen und ihn einzeln aufzureiben 
durch sein äußerst schnelles zahlreiches Vordringen am Pc 
unmöglich gemacht war, und ich bei dieser geänderten Oe 
stalt der Dinge durch Besitz dieses wichtigen Punktes einen^ 
teils für die Sicherheit des mittägigen Italiens beruhigt seir 
kann, anderenteils aber den Vorteil behielt, den aus der nun- 
melir geräumten Riviera gegen meinen Rücken mit Ungestüir 
vorrückenden Feind zu beschäftigen"^). Ganz anders freilicl 
als diese Rechtfertigung gegenüber dem Hofkriegsrat, die wii 
indessen nach Lage der Dinge als seine wahre Ansich 

'j Kriegsarchiv VI, 191 bzw. 179. — Erwähnung verdient auci 
ein Schreiben vom 7., das vielleicht erst am 8. expediert ist (ebda. VI 
180 und 186), und uns zeigt, wie Melas unmittelbar nach Empfang de 
Nachricht über den Verlust des Brückenkopfes bei Piacenza geurteii 
hat: „Des Feindes Absicht ist lediglich, uns den Po-Übergang zu verwehren 
er selbst scheint ihn nicht erzwingen zu wollen, sondern will woh 
auf die Erbstaaten losgehen und uns unbezwungen stehen lassen. . . Ici 
werde mich zwar bei Piacenza vereinigt finden, aber des leichten Über 
ganges über den Po verlustig sein." 

-) Kriegsarchiv VI, 220, vom 8. Juni. 



bis zum Gefecht bei Montebello (9. )uni). 371 

ansprechen müssen, klingt das Schreiben, durch das er, am 
gleichen Tage (8. Juni), Hohenzollern nachträglich die Er- 
laubnis gibt, in Genua zu bleiben, „weil seine Ankunft doch 
zu spät erfolgen würde'*'). Das war nun durchaus unwahr- 
scheinlich, und am 10. erfährt auch Hohenzollern den wahren 
Grund, der auch für sein eigenes Verhalten maßgebend gewesen 
war, als Melas ausdrücklich die Weisung erneuerte, Genua 
zu halten und nach Möglichkeit zu verproviantieren — wor- 
um übrigens auch Keith ersucht wurde — , weil er im Falle 
des unglücklichen Ausganges der Entscheidungsschlacht sich 
vielleicht nach Genua zurückziehen werde"). 

Man wird sagen müssen, daß, nachdem man es einmal 
unterlassen hatte, die Riviera so zeitig zu räumen, um die 
Reservearmee beim Austritt aus den Alpen mit gesammelter 
Kraft empfangen zu können, und auch die Entscheidungsschlacht 
nicht mehr bei Piacenza oder nördlich des Po stattfinden 
konnte, der Besitz der wichtigen Festung allerdings von er- 
heblicher Bedeutung war, und daß dieser Vorteil wohl den 
Nachteil aufwog, daß Hohenzollern am Tage der Entschei- 
dung fehlte. Vielleicht hätte er bei Montebello wie bei Ma- 
rengo den Ausschlag gegeben, aber diese wenigen tausend 
Mann hätten sich für die Feldarmee auch gewinnen lassen, 
hätte Melas die Besatzungen einiger anderer unwichtigerer 
Plätze an sich gezogen und seine Armee am 14. Juni nicht 
so unnötig zersplittert gehabt, wie es uns eine spätere Über- 
sicht (S. 393 ff.) zeigen wird. 

Am 8. war Otts Korps (Divisionen Schellenberg und 
Vogelsang) in Alessandria versammelt und von hier sofort 
wieder über Tortona und Voghera nach Casteggio, das er 
von Novi aus doch viel rascher direkt hätte erreichen können, 
beordert worden, mit dem Auftrage, in dieser günstigen Stellung 
„den mit Ungestüm gegen Stradella immer mehr und mehr 
) vordringenden Feind insolange zu beschränken, bis die sämt- 
i liehen rückwärtigen Divisionen sich dem Sammelplatz ge- 
nähert, und die vereinigten Armeekräfte zum entscheidenden 



') Ebda. VI, 205 und Xiil, 139; Hüffer 11, No. 103. 
\ Hüffer II, No. 111. 112, 117. 



24' 



372 Die Reservearmee und ihre Operationen 

Schlage bereitgestellt sein würden*'^). Von einer auch hier oft 
behaupteten Eigenmächtigkeit Otts"), der ohne Befehl nach 
Tortona marschiert sein soll, kann also keine Rede sein, da- 
gegen wird man ihm einen Vorwurf deshalb nicht ersparen 
können, daß er sich am 9. mit einem unbekannt starken Gegner 
in einen ernsten Kampf einließ, den seine Instruktion nicht 
vorsah, und den obendrein der Oeneralstabschef Zach, der 
sich an diesem Tage bei ihm befand, widerraten haben solP). 

Wir verließen oben die französischen Truppen, als Lannes 
am 8. nach Stradella vorrückte, nachdem der von Piacenza 
kommende Artilleriepark und Oreilly, der unterwegs bei San 
Giovanni einen Teil der Brigade Gottesheim an sich zog, 
diesen Ort glücklich passiert hatten. Nur mit Oreillys Nach- 
hut kam es noch bei Broni, bis wohin Lannes vorstieß, zu 
einem Gefecht^). 

Melas war jetzt von seiner direkten Verbindungslinie (ab- 
geschnitten. Der dritte Akt des Feldzuges konnte beginnen. 

Das zweifellose Zaudern der Franzosen in den Tagen 
zuvor war begründet durch ihre eigene langsame Versamm- 
lung südlich des Po und durch die Besorgnis, die Österreicher 
seien ihnen in der Versammlung voraus und ihr überlegener 
Angriff stände bevor. Noch am 8. fragte Berthier bei Na- 
poleon an, ob infolgedessen eine Aufstellung bei Piacenza nicht 
vorteilhafter wäre als die bei Stradella^). Da verrieten einige 
von Murat in Piacenza aufgefangene österreichische Depeschen 
den wahren Sachverhalt und veranlaßten die Befehle an Lannes 
und Viktor zum Vormarsch auf Voghera, aus dem sich der 
Kampf des 9. Juni entwickelte. 

Die aufgefangenen österreichischen Depeschen vom 4. und 
5. Juni^) gaben Napoleon, es war in der Nacht vom 7,/8., 

') Ebda. II, No. 104, 113; Kriegsarchiv VI, 179. — Der Umweg von 
riovi über Alessandria nach Voghera ist sehr auffällig, doch lassen die 
Aktenstücke wohl keinen Zweifel, daß Ott von Alessandria, nicht von 
Novi nach Tortona usw. marschierte. Anders Stutterheim (Hüffer II,S. 65.) 

') Nach der ganz irrigen Darstellung der Ö. n. Z. 1823, III, 119 f. 
tut das noch Cugnac, Darstellung S. 172 f. 

") Crossard, Memoires II, 282; Stutterheim bei Hüffer II, 68. 

*) Ö. M. Z. 1823, III, 25 ff. mit falscher Datierung; Cugnac II, 221 ff. 

') Cugnac II, 226. — ') Ebda. 227 ff. Noten. Vgl. auch Hüffer II, 
No. 89 und 92. Es sind im ganzen fünf Briefe. 



bis zum Gefecht bei Montebello (9. luni). 373 

die erste Kunde vom Falle Genuas, aber auch die er- 
wünschte Nachricht, daß die Vereinigung des Gegners noch 
weit im Rückstande sei und auf der Straße nach Stradella nur 
eine österreichische Teilmacht stehe. Da er sich zudem über 
die Stärke seiner eigenen, bereits auf dem Südufer des Po 
versammelten Truppen im Irrtum befand, erteilte er Berthier für 
Lannes den genannten Angriffsbefehl^), dem Berthier, der eben 
noch so vorsichtig sich geäußert hatte und der besser unter- 
richtet war, die Auslegung gab, zwar anzugreifen, aber nur 
bis Casteggio vorzugehen'-). Da der Erste Konsul für den 
Fall, daß der Po-Übergang Verzögerungen erlitten, vorgesehen 
hatte, daß nur die Avantgarde bis Casteggio geschickt werde, 
stellt Berthiers Befehl an Lannes ein Surrogat aus den beiden 
Anweisungen Napoleons dar. 

Der Vormarsch der Franzosen erfolgte am Morgen des 
9. und stieß auf einen auch seinerseits zum Angriff bereiten 
Gegner. 

Bei Santa Giulietta traf Watrin gegen 11 Uhr mit den 
ersten österreichischen Posten von der Abteilung Oreillys, 
der sich mit Ott vereinigt hatte, zusammen, und als er diese 
zurückdrängte, stieß er bei Rivetta auf Oreilly selbst, der nach 
kurzem Kampfe auf die Hauptstellung zurückging, die Ott 
inzwischen bei Casteggio und auf den Höhen rechts davon 
eingenommen hatte. Er war entschlossen, zu fechten, sei es, 
um den Weg nach Piacenza doch noch zu erkämpfen, sei es, 
um den Gegner aufzuhalten. Jedenfalls unterschätzte er die 
Stärke des Gegners, die sich auf 12—13 000 Mann belief, 
worunter allerdings nur vier Schwadronen waren und nur vier, 
höchstens sechs Geschütze. Er selbst hatte zirka 17 000 Mann 
zur Verfügung und war vor allem an Reiterei und Geschütz 
erheblich überlegen. Die fünf Bataillone, die in Reserve bei 
Montebello standen, scheinen allerdings am eigentlichen Kampfe 
nicht teilgenommen zu haben. 

') Correspondance VI, 4898. Auf St. Helena (Correspondance 
XXX, 452 wollte Napoleon vom Angriffsbefehl für Lannes nichts wissen. 
In einem weiteren, wohl späteren Briefe an Berthier vom 8. Juni 
(Correspondance VI, 4897) spricht er allerdings von Defensive; es 
sei angegriffen werden, wenn sich die Österreicher bei Stradella zeigen 

l Cugnac II, 237 f., 260. 



374 Die Reservearmee und ihre Operationen 

Als der Angriff begann, hatte Lannes nur vier Halbbrigaden 
(6. leichte, 22., 28., 40. Linienhalbbrigade) zur Verfügung. Er 
erkannte, daß neben dem Angriff auf die Stellung Schellenbergs 
vor Casteggio ein solcher auf die von Vogelsang und weiter 
vorwärts von Gottesheim^) besetzten Höhen südlich der Straße 
Tortona-Piacenza einhergehen mußte. Ein solcher doppelter 
Angriff erfolgte denn auch. Watrin führte den Front-, Malher 
den Umgehungsangriff. Bei der Überlegenheit der Österreicher 
waren die Aussichten nach mehrstündigem Kampfe nicht eben 
günstig für die Franzosen, und auch eine Attacke des einzigen 
französischen Kavallerie-Regimentes auf der Straße war von 
Oberst Schusteck sehr empfindlich abgewiesen worden, als 
die Division Chambarlhac, die 24. leichte und 43. und 96. 
Linienhalbbrigade, zur rechten Zeit eintraf. Die beiden Angriffe 
konnten nunmehr mit frischen Kräften erneuert werden, und 
zugleich machten drei Bataillone unter Gency eine Umgehungs- 
bewegung auch noch gegen den linken österreichischen Flügel. 

Namentlich um die Brücken über die Coppa bei Casteggio 
wurde lebhaft gestritten. Schließlich wirkten auch die Um- 
gehungsbewegungen, die beide erfolgreich waren, dahin, die 
Stellung bei Casteggio am Abend unhaltbar zu machen; die 
linke Kolonne freilich konnte die Österreicher nur mühsam 
von Hügel zu Hügel verdrängen. Bis Voghera wurden die 
an die Scrivia zurückweichenden Österreicher — Oreilly führte 
die Nachhut — verfolgt. Sie hatten den empfindlichen Verlust 
von 4273 Mann zu beklagen, darunter 2171 Gefangene; die 
Franzosen gaben den ihrigen zwischen 460 und 600 Mann 
an, was allein schon wegen der überlegenen österreichischen 
Artillerie sicherlich viel zu niedrig ist^). 

Das Gefecht vom 9. Juni ist sowohl vom österreichischen 
wie vom französischen Standpunkte aus zu verurteilen. Auf 
beiden Seiten wurden vereinzelte Heeresabteilungen ohne Not 



') Die Truppen Gottesheims standen zum größeren Teil noch auf 
der Straße Bobbio-Piacenza. 

=) Hüffer 11, No. 106 ff., 113 und S. 65 ff. (Bericht Stutterheims); 
Cugnac, II, 247 ff.; Ö. M. Z. 1823, III, 124ff. Die Überlieferung über 
Montebello ist auf österreichischer Seite, wohl infolge der bald darauf 
sich drängenden wichtigeren Ereignisse, sehr knapp; die französischen 
Berichte weichen vielfach von einander ab. 



»is zum Gefecht bei Montebello (9. Juni). 375 

;inem Teilstoße ausgesetzt, der für die bevorstehende Haupt- 
iktion leicht unheilvoll werden konnte. Für die Österreicher 
Ovaren denn auch die Verluste und die moralische Einwirkung 
der Niederlage von Montebello am Tage von Marengo üußerst 
ülilbar, und im Falle eines Sieges wäre es Ott nicht möglich 
gewesen, den Gegner wirksam zu verfolgen, weil er sich dann 
/on seinen eigenen Unterstützungen entfernt, die Franzosen 
iagegen alsbald eine Überlegenheit gegen ihn versammelt 
gehabt hätten. 

Für die am 9. isoliert stehenden beiden französischen Di- 
visionen andererseits war die Gefahr einer Niederlage groß 
yenug; Napoleon hatte, als er seinen Angriffsbefehl für Lannes 
jab, irrig angenommen, es ständen bereits vier Divisionen 
mm Angriff auf die Österreicher bereit. 

Der Angriff Otts war Napoleon so unbegreiflich, daß er 
ihn nur als Vorspiel einer allgemeinen Schlacht für erklärUch 
hielt, die er schHeßlich spätestens am 12. bei Stradella erwar- 
tete. Auf die große Entscheidung des 14. hat denn auch der 
Kampf des Q. keinen direkten Einfluß gehabt; diese ergab 
sich allein aus der strategischen Lage, wie sie Napoleon durch 
seinen Poübergang und die Besetzung der österreichischen 
Verbindungslinie geschaffen hatte. 



I Kapitel. 

Die SchlocM bei norenso am 14. Juni. 



Der strategische Vormarsch der Franzosen aus dem 
Defile von Stradella. 

Arn Abend der Schlacht von Montebello erst kam Na- 
poleon, der am Morgen des 9. von Mailand aufgebrochen 
war, in Stradella an^), nachdem er zuvor noch eine Anweisung 
für Berthier aufgesetzt hatte, die von Wichtigkeit ist^) für die 
Beurteilung der stark umstrittenen Operationen der Reserve- 
armee nach der Einnahme der Lombardei und vor der Schlacht 
von Marengo, jener Operationen, die m. E. den Feldzug der 
Reservearmee zu demjenigen machen, in welchem sich Na- 
poleon „am meisten von seinen Grundsätzen entfernte, we- 
nigstens in der Ausführung''^). 

Bonaparte gehört jetzt zu denjenigen Generalen, die, wie 
er so oft an seinen Gegnern mit Recht zu tadeln hatte, „zu 
viel auf einmal sehen''. Auf St. Helena faßte Napoleon einen 
der Hauptgrundsätze seiner Kriegführung in die Worte zu- 
sammen: „In den Revolutionskriegen hatte man das falsche 
System, seine Kräfte zu zersplittern, Kolonnen nach rechts 
und Kolonnen nach links zu entsenden, was ganz verkehrt 
ist. Was mir in Wahrheit soviel Siege verschafft hat, das ist 
das entgegengesetzte System; denn am Tage vor der Schlacht 
zog ich meine Divisionen, statt sie auseinandergehen zu lassen, 
alle auf dem Punkte zusammen, den ich überwältigen wollte. 
Dort war meine Armee in Masse aufgestellt und warf mit 
Leichtigkeit das, was ihr gegenüberstand und notwendiger- 
weise stets schwächer war, über den Haufen." Diesen Ge- 



^) Cugnac II, 259 Note; das Armeebulletin vom 10. (Corre- 
spondance VI, 4905) erweckt den Anschein, als habe Napoleon der 
Schlacht am 9. beigewohnt. 

') Correspondance VI, 4902. — ') Jomini a. a. O. XIII, 192; zu- 
stimmend Yorlt von Wartenburg a. a. O. I, 173. 



I 



Die Schlacht bei Marengo am 14. Juni, 377 

danken, den er in der Praxis so oft in glänzendster Weise 
ausgeführt, hat er zu wiederholten Malen und zu verschiedenen 
Zeiten auch theoretisch variiert. 

Was er nun selbst vor Marengo tat, läuft aber diesem 
Grundsatz direkt zuwider. Er hatte nur etwa die Hälfte der 
Reservearmee am Tage der Schlacht vereint, und das auch 
erst gegen Ende derselben. Die andere Hälfte stand verzettelt 
von Susa und Bard bis zum Ogho, und überall wären die 
einzelnen Abteilungen zu schwach gewesen, ihre Aufgaben zu 
lösen, wären sie ernstlich auf die Probe gestellt worden. Die 
Alpenpässe, die sich in französischen Händen befanden, mußten 
natürlich besetzt bleiben; über die Notwendigkeit der Ein- 
schließung der Festungen in der Lombardei läßt sich zum 
mindesten streiten, schon weil Napoleon der Lombardei ziem- 
lich sicher war, und weil die geringfügigen Festungsbesatzungen 
sicher nicht imstande gewesen wären. Bonaparte im Rücken 
nachhaltig und ernstlich zu gefährden, sobald er den Po 
glückUch erreicht hatte. Und wenn, wie wir später noch 
näher sehen werden, ein Abmarsch der Österreicher über 
den Po nach der Lombardei alle Aussicht auf Erfolg hatte 
und auch ein Marsch auf Genua möglich war, so ist zu sagen, 
die französischen Abteilungen an Po, Sesia, Tessin, bezw. 
die Entsendung Desaix' auf Novi kurz vor der Entscheidung, 
die diesen Möglichkeiten vorbeugen sollten, waren sicher- 
llich unzureichend, den Anprall der kaiserlichen Heeresmacht 
iaufzuhalten, bis Bonaparte mit der Hauptmacht hätte heran- 
jkommen können, falls die österreichischen Bewegungen gut 
[vorbereitet waren und mit der nötigen Vorsicht und Energie 
jzur Ausführung gekommen wären. Doch selbst wenn dieser 
|Fall nicht eingetreten wäre, müßten wir fragen : Wo bleibt 
jder Bonaparte, dessen Grundsatz es war, mit souveräner Über- 
|legenheit Einzelheiten und Nebendinge zu verachten und alle 
iKräfte auf das Hauptziel, die vernichtende Schlacht, wirken 
zu lassen, deren entscheidende Wirkungen dann alle Einzel- 
erfolge reichlich aufwogen? 

, Napoleons strategische Umgehungen würden an Groß- 
artigkeit und genialer Kühnheit verHeren, wäre ihre notwendige 
^Voraussetzung und Folge ein System von Sicherheitsventilen, 



378 Die Schlacht bei 

geeignet, der Hauptaktion den Atem zu nehmen; sie ver- 
lieren dagegen nicht an Großartigkeit, weil die Möglichkeit 
eines Gegenstoßes seitens des Feindes besteht. Wer um- 
geht, das ist ein alter Satz, ist stets in Gefahr, auch seiner- 
seits umgangen zu werden. Das zeigte sich, um nur von Bei- 
spielen aus der Napoleonischen Kriegsgeschichte zu sprechen, 
wie 1800, so selbst bei der glänzendsten und erfolgreichsten 
strategischen Umgehung, die Napoleon durchgeführt hat, jener, 
die zur Kapitulation bei Ulm führte^). 

Eine Schlacht in der Lombardei hätte ja freilich im Falle 
eines französischen Sieges wohl kaum eine Konvention, wie 
die von Alessandria, gebracht, doch wir werden später sehen, 
daß diese auch keineswegs eine notwendige Folge der Schlacht 
von Marengo war, daß Bonaparte hier überhaupt nur, durch 
eine Reihe von Glücksumständen begünstigt, schließUch den 
Sieg noch an sich zu fesseln wußte, nachdem seine Fehler 
ihm bereits eine taktische Niederlage eingetragen hatten. Wäre 
es zu der bewußten Gegenoperation der Österreicher in den 
Rücken der Franzosen gekommen, so hätten sie gewiß nicht 
auf ihrer Rückzugslinie stehen bleiben können, sondern, wor- 
auf besonders auch die Lage auf dem deutschen Kriegsschau- 
platze hinwies, eine Schlacht mit der natürUchen Front nach 
Kräften anstreben müssen. Aber auch den Gegner nötigen- 
falls durch eine siegreiche Schlacht von seinen Verbindungen 
zu verdrängen, durfte Bonaparte durchaus hoffen, wenn er 
seine Kräfte zusammenhielt. Der schlimmste Fall hätte schon 
eintreten müssen, wenn Bonaparte sich gezwungen gesehen 
hätte, über den Po zu gehen und in Piemont die Vereinigung 
mit Massena und Suchet anzustreben. Trotz der noch von 
den Österreichern besetzten piemontesischen Festungen hätte 
dann ein, ich möchte sagen, regulärer Krieg seinen Anfang 
nehmen können, dessen Aussichten für Bonaparte gewiß nicht 
ungünstig waren. In allen genannten Fällen aber hätte Na- 
poleons Umgehungsmanöver einen gewaltigen Erfolg behalten: 
Die Verdrängung der Österreicher aus Piemont, bezw. sogar 
aus Piemont und der Lombardei, die Eroberung dieser Land- 
schaften womöglich ohne eine Schlacht. Diese allgemeinei 



Schaeben a. a. O. 



»larengo am 14. Juni. 379 

irörterungen werden die Beurteilung von Napoleons Maß- 
lahmen seit dem 9. im einzelnen erleichtern. 

Zuvor sei noch der auffälligen Erscheinung gedacht, daß 
Napoleon nach dem siegreichen Gefecht von Montebello seinen 
/ormarsch drei Tage lang bis zum 12. sistierte und seine 
\.rmee bei Stradella sammelte. Der eigentliche Grund für 
iieses Zaudern ist wohl in der Sorge um die Artillerie zu 
lehen, die nur langsam von Bard her eintraft). In Stradella 
itieß auch am 11. Desaix, der eben, von Ägypten kommend, 
n Toulon gelandet war, zur Armee, was ihre Neueinteilung 
:ur Folge hatte, indem u. a. Desaix die Divisionen Boudet 
md Monnier unterstellt wurden^). 

Dem vielumstrittenen, strategischen Vormarsch der Fran- 
zosen von Stradella liegt die Idee zugrunde, dem Gegner wie 
iurch eine lebendige Barriere den Weg nach seinen Verbin- 
lungen zu versperren^). 

Die Hauptmacht wurde auf der alten Römerstraße über 
Fortona nach Alessandria dirigiert, in erster Staffel vier Divi- 
sionen (Watrin, Chambarlhac, Gardanne und Monnier) mit der 
Gesamten disponiblen Kavallerie, in zweiter die Divisionen 
3oudet und Loison, damals noch unter Duhesme, der am 
10., von Cremona kommend, mit einem Teil dieser Division 
Vlurat in der Besetzung Piacenzas ablöste, während der Rest 
inter Broussier Pizzighettone blockierte und Cremona deckte^). 
3iese Anordnung erfuhr eine Abänderung dadurch, daß 
Duhesme mit einem Teil der Division Loison, weil Vukasso- 
iich einen Vorstoß gemacht hatte, am 12. wieder nach Cre- 
nona zurückmarschierte, das er nach ziemUch heftigem Kampfe 
im Adda-Übergange von Spinadesco und vor Cremona am 13. 
vieder besetzte^}. Bei den auf der Hauptstraße verbleibenden 
jind für Marengo in Frage kommenden fünf Divisionen über- 
liahm jetzt die Division Gardanne und Murat mit seinen 
i^eilern^) am 11. die Vorhut"). 

I ') Vgl. oben S. 326 f. - ') Cugnac 11, 306 ff. 

! ') Interessant ist der Tadel dieses Vormarsches durch den Mit- 
jämpfer Marmont in seinen Memoiren (deutsche Ausgabe von Gold- 
jeck I, 272) und der Zusatz: „aber in jener Zeit sollte uns alles gelingen." 

Cugnac II, 280 ff-, 233. — ') Ebda. 330 ff. 

*j Sie zählten am 11. zwischen Stradella und Voghera nur 2428 Mann. 
ugnac H, 310. — ') Ebda. 298 f. 



380 Die Schlacht be 

Um nun der Gefahr des Abzuges der Österreicher ,übei 
den Po zu begegnen, mit der er nachweisHch beständig rech 
netei), befahl Napoleon der Division Lapoype, in der Höhe 
der Hauptarmee auf dem linken Po-Ufer vorwärts zu mar 
schieren, was gegebenenfalls zugleich den Übergang der Haupt 
armee auf das linke Flußufer, dem er in allen diesen Tager 
erhöhte Beachtung schenkte^), erleichtern sollte. Bis zu 
Sesiamündung hin sollte Lapoype seine Aufklärung ausdehnen^) 
Als Napoleon die Division Lapoype am 12. auf das recht( 
Poufer berief, übernahm Chabran, der nach der Einnahmi 
Bards Ivrea besetzte und am 9. Juni in Vercelli eintraf, di( 
Aufgabe Lapoypes, hauptsächlich die Beobachtung der Po 
Übergänge von Valenza und Casale"^). Die Tatsache, dal 
dieses fruchtlose Hin- und Herziehen Lapoypes, von den 
noch zu reden sein wird, ihn schheßlich von der Entscheidung 
des 14. fernhielt, sowie der Hinweis darauf, daß Chabrai 
für seine ausgedehnten Stellungen und Aufgaben nur 1500 Mani 
zur Verfügung standen, ist Verurteilung genug für die voi 
Bonaparte vor Marengo betätigte Sucht, „alles decken*' zi 
wollen, die mit der Entsendung Lapoypes noch nicht erschöpf 
ist. 

Am 12. begann auch der Vormarsch der Hauptarme^ 
nach der Scrivia, die am 13. morgens von den Divisionei 
Gardanne und Chambarlhac bei Ova, von Watrin bei Castel 
nuovo überschritten wurde. Die Division Monnier und da: 
Hauptquartier folgten erst am 13. abends und kampierten ii 
Torre di Garofoh. 

Vergeblich suchen wir Notizen über eine ausgiebige Ver 
Wendung der Reiterei zu Aufklärungszwecken. Die Brigadei 
Cliampeaux und Duvignau trafen erst um drei Uhr, di( 
Kellermanns gar noch später, alle drei jedenfalls nach de 

') U. a. Correspondance VI, 4901 vom 9. )uni; Cugnac 11, 28 
vom 10. Juni. 

') Cugnac 11, 285 und 287. Napoleon verfügte am 10. die Hei 
Stellung einer Fähre zwischen Casatisma und Mezzana Corti und Wiedei 
herstellung derjenigen zwischen Somno und Bastida. Bei Mezzana Corl 
(Straße Casteggio - Pavia) wurden auch Befestigungen angelegt. Cugna 
II, 3l5f. 

') Ebda. II, 233, 277.f., 293, 304 f. - *) Ebda. 296, 314. 



larengo am 14. )uni. 381 

irsten Infanterie, die gegen ein Uhr bei Oiuliano das Schlacht- 
eld des folgenden Tages betreten hatte, dort ein^). 

Es ist hier zweifellos eine schwere Unterlassungssünde 
;u konstatieren, die bereits auf die Tatsache hinweist, daß 
ionaparte sich über die Pläne des Feindes durchaus im un- 
:laren befand und am 14. durch die Schlacht bei Marengo 
'öUig überrascht worden ist. 

Die Absicht des Feindes, sich bei Alessandria zu ver- 
lammeln, war ihm allerdings bereits aus den oben erwähnten, 
lufgefangenen Briefen verraten worden"), daß sie aber wirk- 
ich vollzogen sei, erfuhr er erst am 13. morgens^). Über die 
veiteren Absichten des Feindes blieb er jedoch völlig in Un- 
gewißheit, und diese wuchs noch, als er bei San Giuliano 
ceine feindlichen Posten traf und seiner Vorhut die Besitz- 
lahme Marengos am Nachmittag des 13. so leicht gemacht 
vurde. Dazu kamen dann noch die irreführenden Aussagen 
nnes Kundschafters. So war Napoleon durchaus im un- 
daren, ob Melas zur Schlacht entschlossen sei, oder ob er 
iber den Po, bezw. nach Genua ausweichen wolle. Das letztere, 
vas er ebenfalls schon des öfteren in Erwägung gezogen hatte^), 
ichien ihm schließlich am wahrscheinlichsten, aber auch der 
mdere Ausweg nicht ausgeschlossen. Um nun beiden Mög- 
ichkeiten vorzubeugen, sandte er Lapoype, der am 13. abends 
)ei Pontecurone eingetroffen war, auf demselben Wege aber- 
Inals auf das linke Po-Ufer, um seine alte Aufgabe wieder 
r.u übernehmen und eventuell den Tessin zu verteidigen, 
jind entsandte er ferner die Division Boudet unter Desaix' Be- 
|ehl in der Richtung auf Novi. 

i Von diesen beiden, für den Verlauf der Schlacht am 14. 
jiochwichtigen Detachierungen unmittelbar vor der Entschei- 
jlung wird noch zu sprechen sein. 
1 Zunächst müssen wir uns zurückwenden zur Betrachtung 

er Vorgänge im österreichischen Lager seit dem unglück- 
ichen Kampfe von Montebello, durch den es den Österreichern 

weifellos geworden war, daß sie zur Rettung Piacenzas 

) Cugnac II, 323 ff., 341 f. -- "-) Vgl. S. 372. 
; Cugnac 11, 327 ff., 338 f. 
*) Correspondance VI, 4894, 99, 49C0. 



382 Die Schlacht b( 

gründlich zu spät gekommen waren. Den Mut zur Schlacht 
entscheidung hatte dieser Mißerfolg dem österreichischei 
Oberkommandierenden jedoch zuerst nicht genommen ; ii 
zwei Schreiben vom 10. zeigt er sich vielmehr dazu ent 
schlössen^). Doch schon am nächsten Tage beschäftigte ihi 
ein anderes Projekt, dessen Schicksal uns besonders deutlici 
zeigt, wie viel Unfähigkeit und Unentschlossenheit im öster 
reichischen Hauptquartiere herrschten. 

Gleich nachdem Bonapartes Abmarsch auf Mailand be 
kannt wurde, hatte Melas, wie erinnerlich, jenen Plan erwogen 
den er seitdem nie ganz aus dem Auge verloren und den er jetz 
am 11. Juni noch einmal ganz ernstlich aufnahm, nämlich dei 
Plan, den Po bei Casale und Valenza zu überschreiten und 
durch die Lombardei ziehend, die Verbindung mit den Erb 
landen wieder zu gewinnen. 

Am 5. Juni, als seine Aufmerksamkeit vorwiegend nocl 
auf Piacenza gerichtet war, erließ Melas die Aufforderung nacl 
Casale, das linke Poufer zu bewachen und ihm zu melden 
ob der dortige Brückenkopf besetzt sei, und am 7. machte ei 
den Umstand, daß ihm durch das Vordringen der Feinde di( 
Verpflegung aus den Erblanden abgeschnitten sei, dafür ver 
antwortlich, daß er die beabsichtigte Bewegung in Bonaparte; 
Rücken aufgegeben habe''^). Am 11. Juni erließ er gleichwoh 
eine eingehende Disposition für diese Operation und viele ein 
zelne entsprechende Anweisungen^). Warum wurde nun dieses 
nach dem Stande der Dinge sehr aussichtsreiche Projekt i) 
mit dem, wie wir wissen, der Gegner selbst stark rechnete 
so rasch wieder fallen gelassen? Aus den Akten ist kein anderei 
Grund ersichtlich als die lächerliche Furcht vor den weniger 
hundert Franzosen, die sich bei Valenza gezeigt hatten^). 

') Hüffer n. No. 112, 113, 109. — =) Kriegsarchiv VI, 180. 

') Hüffer No. 118 ff. und S. 105 ff. (Bericht Neippergs). 

*) Daß Melas der Schlacht hätte ausweichen und über den Po geher 
sollen, betont auch einer der fähigsten Generäle Napoleons, Soul 
(Nemoires I. 225 ff.), der sich damals als Kriegsgefangener in Alessandri^ 
befand. Vgl. auch unten Kapitel 8. 

') Hüffer II, No. 127 und 129, Ober die Stärke der „Division' 
Chabran, von der die bei Valenza sich zeigenden Truppen ein Tel 
waren, vgl. Cugnac II, 314 Note und 319. Es sind 1500 bis 2000 Mann 
fast lauter Rekruten, nur 100 Reiter darunter, und 4 Kanonen. 



Marengo am 14. Juni. 383 

Erst jetzt, am 12. Juni, kam Melas ganz definitiv zu dem 
Entschluß, die Schlachtentscheidung zu suchen. Am 13. sollte 
die ganze Armee — der Ausdruck „ganz'* ist sehr euphe- 
mistisch^) — in einem Lager an der Bormida im Weichbild 
Alessandrias zusammengezogen, die Schlacht in der Ebene von 
Marengo geschlagen werden. Sämtliche Generäle hatten sich 
in dem entscheidenden Kriegsrat vom 12. für die Schlacht 
ausgesprochen"). 

Der österreichische Angriffsplan gründete sich auf die Mel- 
dungen eines Doppelspions namens Toli, der im ganzen Feld- 
zug von Marengo eine erhebliche Rolle spielte'^). Der wichtigste 
Dienst, den er den Österreichern leistete, ist folgender: Bona- 
parte wünschte von ihm über einige Punkte Gewißheit zu er- 
langen, nämlich: 1. passiert die kaiserliche Armee den Po; 2. wo 
ist HohenzoUern ; 3. ist Elsnitz schon bei der Armee eingetroffen? 
Zach, der das unbedingteste Vertrauen zu Toli hatte, instruierte 
ihn nun dahin, zu melden, die kaiserliche Armee, bei der Elsnitz 
bereits eingetroffen sei, werde, durch die Niederlage vom 9. er- 
schreckt, den Po passieren^). Um die Bedenken des Kundschaf- 
ters zu zerstreuen, befahl er in seinem Beisein die Absendung 
zweier Brückentrains nach Casale und Valenza. Ferner wurde Toli 
eine Marschroute für das Hohenzollernsche Korps mitgegeben, 
laut der sich HohenzoUern am 14. Juni mit der Hauptarmee 
an der Bormida vereinigen sollte. Schließlich wurde Toli noch 
; beauftragt, es den Franzosen nahe zu legen, schnell über Säle 
' herbeizueilen, da es ihnen auf diese Weise möglich sein werde, 
I die Kaiserlichen aufzureiben, bevor sie noch hinter die Bor- 
1 mida gegangen wären. Es ist schon oben betont, daß Bona- 
j parte noch am Morgen des 14. Juni nicht an eine ernste 
Schlacht, sondern an ein Ausweichen des Gegners glaubte, 
I und es ist zum mindesten wahrscheinlich, daß die so bestimmt 
lautenden Aussagen des genannten Spions nicht wenig dazu 
beigetragen haben, ihn in seiner Ansicht zu befestigen. 

Doch auch Zach und die Österreicher wurden getäuscht. 



') Vgl. die Übersicht auf S. 393 ff — -) Hoff er No. 130. 

') Über Toli vgl. Bourrienne, Memoires IV, 86.; Gachot a. a. O.; 
Hiiffer II, 71 ff. 

■ *) Diese Instruktion ist offenbar erteilt, als die Österreicher den 
Plan des Po-Überganges bereits wieder aufgegeben hatten. 



384 Die Schlacht bei 

Der Spion, der ihnen die Nachricht brachte, die französische 
Hauptmacht rücke tatsächlich über Säle heran, wird kein 
anderer gewesen sein als Toli, und der ganze unselige Angriffs- 
plan der Österreicher basierte auf folgenden Voraussetzungen: 

1. Die Hauptmacht des Feindes rückt über Säle an den Tanaro; 

2. auf der großen Straße Alessandria— Tortona hat der Feind 
nicht mehr als 1000 Mann stehen, um die Bewegung der 
Hauptmacht zu verschleiern; 3. am 12. Juni ist eine feindliche 
Kolonne von Garofoli über Cassano nach Novi dirigiert worden, 
wo sie nach Ansicht des Kundschafters am Morgen des 13. 
eintreffen konnte. 

Dementsprechend sollten drei, nur in loser Verbindung 
stehende Kolonnen folgende Aufgabe löseni) : Die Hauptkolonne 
geht auf der großen Straße Alessandria — Tortona vor und 
erweckt den Anschein, als ob ihr Hauptstoß auf Torre ge- 
richtet sei. Bei GiuHano jedoch etwa gedenkt man sie links ein- 
schwenken lassen zu können, um so auf die Straße Säle— 
Ceriolo— Alessandria, und damit in die linke Flanke der aus 
dieser Richtung erwarteten feindlichen Hauptmacht zu stoßen. 
Diese soll durchbrochen und im besten Falle an den Po oder 
Tanaro gedrückt werden. 

Aufgabe der links von der Hauptmacht marschierenden 
Kolonne Ott ist es nun, dem Feind auf der genannten Straße 
nach Säle entgegen zu gehen und ihn zu beschäftigen; wird 
sie dagegen selbst angegriffen, so soll sie sich langsam längs 
des Tanaro auf den Brückenkopf der Bormida zurück- und 
den Feind nach sich ziehen. Die dritte, schwächste Kolonne 
unter Oreilly rückt rechts der Hauptmacht auf Novi vor, be- 
schäftigt den dort vermuteten Feind und zieht ihn möglichst 
langsam nach dem Brückenkopf an der Bormida. Das Feuer 
der beiden Seitenkolonnen sollte der Hauptkolonne angeben, 
wohin sie sich zu wenden hätte. 

Auch der gleich zu schildernde Angriff auf Marengo am 
Nachmittag des 13. Juni öffnete dem österreichischen Ober- 
kommandierenden noch nicht die Augen über den verhängnis- 
vollen Irrtum, der diesem Plane zugrunde lag. Die geschilderte 
Angriffsdisposition für den 14. Juni blieb vielmehr unverändert, 
und aus dem erwarteten Flankenangriff auf die französische 

Hüffer a. a. O. Nc. 140. 



Marengo am 14. )uni. 385 

Hauptmacht wurde ein blutiger Frontangriff auf eine günstige 
Stellung des Feindes. Radetzky berichtet^), er habe, da er die 
Voraussetzung Melas' über die Stellung des Feindes für irrig 
hielt, eine Umgehung des feindlichen rechten (nicht linken!) 
Hügels angeraten, wozu allerdings der Bau einer Brücke über 
die Bormida weiter unterhalb der vorhandenen Erfordernis ge- 
wesen wäre. Die maßgebenden Persönlichkeiten hätten diesem 
Plan auch zugestimmt, doch sei es zu seiner Ausführung bereits 
zu spät gewesen. Wahrscheinlich wäre das Fehlen des Brücken- 
trains, der von Valenza und Casale noch nicht zurück war, 
das stärkste Hindernis gewesen. 

Nach der ursprünglichen Angriffsdisposition sollten die 
Österreicher um Mitternacht aus dem Lager aufbrechen und die 
Bormida überschreiten. Nach einstündigem Marsch sollten die 
Spitzen Halt machen, die Truppen aufschließen, sich in Zügen 
formieren und mit Tagesgrauen zum Angriff vorgehen. Die 
einzige Änderung, welche nun unter Einwirkung des Gefechts 
von Marengo am Nachmittag des 13. Juni vorgenommen wurde, 
war die, daß man die Zeit des Angriffs verschob, und zwar 
ganz unverständlicherweise auf 8 Uhr morgens. Man hatte 
durch das unglückliche Gefecht vom 13. Juni den zur Ent- 
wicklung der Truppen nötigen Raum, namentlich die Ortschaft 
Marengo, den Schlüssel der gleichnamigen Ebene, verloren. 

„Entschlossenheit und Geschwindigkeit muß uns einen 
glänzenden Sieg verschaffen,** hatte Melas in seiner Angriffs- 
disposition gesagt, und nun verschob man, in merkwürdiger 
Ironie zu diesen Worten, den Angriff auf eine so späte Stunde, 
anstatt gerade durch schnelles Handeln möglichst wieder gut 
zu machen, was man auf andere Weise verloren. 

Es ist überliefert, daß die Truppen mit Vertrauen in den 
Kampf gegangen seien. Von dem Oberbefehlshaber Melas 
jedoch läßt sich dasselbe jetzt sicher nicht mehr uneingeschränkt 
behaupten. Schon am 13. Juni bittet er im voraus, ihn für 
nn etwaiges Unglück nicht verantwortlich machen zu wollen. 
Z.T spricht von einer großen Überlegenheit des Gegners, betont 
o stark, wie niemals zuvor, daß seine Armee durch die Ex- 
pedition in die Kiviera herabgekommen sei, und spricht davon, 



'; Radetzky, eine biographische Skizze. Stattgart 1858 S. 124. 

herrmann, Der Aufstieg Napoleons. 25 



386 Die Schlacht be 

daß ihm im Falle einer Niederlage das Verderben um so 
sicherer, da nur ein sechstägiger Proviantvorrat vorhanden sei') 
Der Mann, der noch am 10., trotz Montebello, von sicherei 
Hoffnung auf Sieg gesprochen, schien zu ahnen, daß die 
kommenden Tage ihm den Ruhm seiner langen Kriegerlauf- 
bahn rauben würden. 

II. 

Das Schlachtfeld und die Schlachtordnungen der beider 
Heere. 

Die Ebene, in der Marengo liegt, erstreckt sich zwischen der 
Bormida und der Scrivia etwa 16 Kilometer in die Breite. Die 
nordsüdliche Ausdehnung des Schlachtfeldes beträgt durch- 
schnittHch zirka 7000 Schritt^). 

Seine wichtigste Position liegt im Scheitel eines fast rechten 
Winkels, den der der Bormida ziemlich parallel laufende Fon- 
tanonebach hier bildet, zirka 4 Kilometer südöstlich der Festung 
Alessandria. Bei Marengo überschreitet die große Straße 
Alessandria — Tortona den Fontanone auf einer alten Römer- 
bogenbrücke. Die Wichtigkeit der Lage von Marengo leuchtet 
daraus ohne weiteres ein. Castel-Ceriolo, die nächst Marengo 
wichtigste, zirka 3 Kilometer nordöstlich davon entfernt lie- 
gende Position, ist mit Marengo durch eine Straße längs des 
Fontanone verbunden. Durch Ceriolo, das mit Hecken und 
Gräben umgeben ist, führt die Straße Alessandria — Säle, auf 
der Melas bekanntlich den Anmarsch der französischen Haupt- 
macht erwartete. 

Von Marengo aus läuft die große Tortoneser Straße in öst- 
Hoher Richtung fort, jedoch zunächst mit einer kleinen Nei- 
gung nach Süden bis in die Höhe des Weilers Casina grossa 
und dann einer solchen nach Norden. Hier liegt das Dorf 
Giuliano vecchio, 8 — 9 Kilometer von Marengo entfernt. Die 
genannten und zahlreiche andere Ortschaften und Gehöfte des 
Schlachtfeldes — meistens handelt es sich um einzelne größere 

') Hüffer 11 No. 137. 

-) Diese Ebene war während des zweiten Koalitionskrieges bereits 
zweimal, am 16 Mai und 20. Juni 1799, der Schauplatz von Gefechten 
gewesen, in denen zum Teil dieselben handelnden Personen auftraten 
wie am 14. )uni 1800. 



Marengo am 14. )uni. 



387 




25* 



388 Die Schlacht bei 

oder kleinere Casinen — bilden naturgemäß wichtige Stütz- 
punkte der Verteidigung, zumal wir sie uns der oberitalienischen 
Sitte gemäß massiv und von zwei bis drei Meter hohen Stein- 
mauern umgeben denken müssen. Marengo, ein alter, von Theo- 
derich gegründeter Königshof, der 805 zum erstenmal urkundlich 
als Residenz erwähnt wird^), hat damals wohl nur drei Häuser 
gezählt, eine große Seidenzüchterei, zu der ein zehn Meter 
hoher Turm gehörte und zwei Arbeiterwohnungen. 

Ganz eben dürfen wir uns das Schlachtfeld, auch ab- 
gesehen von der schon erwähnten Erhebung, nicht vorstellen. 
Zwischen Bormida und Fontanone, dem Schauplatz der ersten 
Kämpfe, steigt das Gelände mäßig an, um sich dann zum 
Fontanone wieder herabzusenken. Sodann zieht sich eine wellen- 
förmige Erhebung zwischen Ceriolo und Casina grossa hin, 
zu der man auf der Tortonaer Straße langsam, aber stetig 
aufsteigt. In der Nähe von Casina grossa etwa erreicht sie 
ihre höchste Erhebung. Das Gelände zwischen Bormida und 
Fontanone ist stark mit Bäumen und Gebüsch bestanden, und 
bei Pietrabuona befindet sich auch eine Maulbeerbaumpflan- 
zung. In diesem Gelände ist auch das Vorhandensein von 
Gräben bezeugt, ebenso längs der Fontanonelinie, z. B. in 
nächster Nähe von Marengo. Zwischen Castel-Ceriolo und Li 
Poggi, ja bis zur Straße von Tortona hin, ist Brachland bzw. 
sumpfiges Wiesenland, das jedoch Truppenbewegungen nichi 
unmögUch macht. Die nächste Umgebung von Marengo ist 
frei von größeren Anpflanzungen, südöstlich davon jedoch, in 
der Nähe von Spinetta, befinden sich Maulbeerbaumpflanzungen, 
und dort beginnen auch bereits vereinzelt Weinkulturen. Zu- 
sammenhängend und dichter ziehen sich solche dann in einem 
breiten Streifen aus der Gegend östlich von Ceriolo bis Casina 
grossa und La Buschetta hin. Bei diesem Dorfe befindet sich 
auch ein zirka drei Hektar großer Eichwald. In der Ebene 
von Marengo sind Flächen, die die bekannte, der ober- 
italienischen Tiefebene eigentümliche Form des Anbaus zeigen, 

') Über die mannigfachen Schicksale Marengos, das im Mittelalte: 
ein ansehnliches Reichsgut war, vgl. Oliva, Marengo antico e moderno 
Graef, die Gründung Alessandrias (1887) und Darmstaedter, das 
Reichsgut in der Lombardei und Piemont 568/1250 (1896). 



Marengo am U. )uni. 389 

zufällig ziemlich selten, was sie zum Schlachtfeld und nament- 
lich zur Entfaltung der überlegenen österreichischen Kaval- 
lerie relativ geeignet machte'). 

Ein schöner, sonnenklarer Tag leuchtete herauf mit jenem 
14. Juni des Jahres 1800, der das Schicksal von Oberitalien 
auf Jahre hinaus entscheiden und Bonaparte in der Zukunft 
eine Krone bringen sollte. 

Die nachstehend mitgeteilten Übersichten über das fran- 
zösische und österreichische Heer am 14. Juni sollen nicht nur 
der Schlachtschilderung dienen, sondern zugleich auch zeigen, 
inwieweit Bonaparte und Melas dem Grundsatz, zur Schlacht- 
entscheidung möglichst alle Kräfte heranzuziehen, gerecht ge- 
worden sind. 

Übersicht über die französische Armee^). 

Bonaparte, premier Consul, „commandant en personne". 
Berthier, general en chef. 

Marescot, general de division, commandant le genie. 
Marmont, general de brigade, commandant l'artillerie. 
Dupont, general de division, chef de l'etat-major general. 

I. En ligne ä Marengo, le 25 prairial an VIII. (14. VI. 1800). 

A. Infanterie: 



Lieut.-general Victor 



Gardanne \ generaux 

I Ar. 



( 44 e de ligne — 1748 ] 

Gardanne 101 e „ = 1890 3691^) 

( 102 e „ = 53 j 

( 24 e legere = 1801 j 

Chamharlhac | 43 e de ligne == 1901 } 5288 

96 e „ = 1586 



*) Quellen : Einzelne Bemerkungen in Berichten der Augenzeugen 
bei Hüffer, Cugnac u. a. Ausführlichere Beschreibungen bieten Gachot, 
Günther, Oliva, u. a. Als geographisches Hilfsmittel dienten u. a. 
die Karten des Istituto geografico militare. 

"■) Nach Cugnac II, 372 ff. und 548 ff. (Relation von 1805). 

'j Gardaune gibt die Stärke seiner Division für den 13. )uni auf 
nur 2000 Mann an. 



390 



Die Schlacht bei 



5083 



Lieut.-general Lannes [ Watrin, general de division. 

i6 e legere =1114 
40 e de ligne = 1716 
22 e „ = 1255 
Mainoni 28 e „ = 998 

, . , ' ' , r^ • ( Monnier \ generaux 
Lieut.-general Desaix { ^ . , > f .... 

\ Boudet j de division 

il9 e legere = 914 ] 
70 e de ligne = 1460 [3614 
72 e „ = 1240 ) 
i9 e legere = 2014 ^ 
30 e de ligne = 1430 l 5316 
58 e „ = 1872 ) 
Grenadiers et chasseurs de la garde 800 



Total de l'infanterie 23792. 

B. Cavalerie: 
Murat, lieutenant-general, commandant la cavalerie 



Kellermann 



2 e de cavalerie 

,...., 20 e 
gen. de brigade j „ 

f 1 e de dragons 



Champeaux 



Rivaud 



Nicht in Brigaden 
eingeteilt 



8 e 

9 e 

12 e de huss. 
21 e de chass. 
6 e de dragons 



120 
300 
50 
450 
328 
220 
400 
359 
300 



12 e de chass. = 300 

1 e de huss. 151 

11 e „ 200 

3 e de cavalerie = 150 

Grenadiers de la garde et chasseurs consulaires 

Total de la cavalerie 



470 

998 
759 

1101 

360 

3688^) 



') Über die Reiterei ist eine völlige Klarheit nicht zu erlangen. In 
den beiden Stärkenachweisen vom 14. Juni stimmen die Gesamtzahlen 
der bei M. kämpfenden Kavallerietruppen wohl überein, im einzelnen 
bestehen aber zum Teil sehr erhebliche Abweichungen. Auch die Zu' 
sammenfassung der Regimenter in Brigaden ist durchaus abweichend. 



Marengo am 14. )uni. 391 

C. Artillerie^) et Genie: 
Artillerie ä pied et ä cheval 618 

Artillerie legere de la garde cons ulaire 72 

Summa 690. 
Recapitulation: 

A. Infanterie: 23792 

B. Cavalerie: 3688 

C. Artillerie et Genie 690 

Total (en ligne ä Marengo) 28170 hommes-) 

II. Devant les places et en position sur les deux rives du Pö^), 

A. Infanterie: 
Lieutenant-general Duhesme ! Loison, general de division. 
^ 13 e legere =1127 ) 
Loison { 58 e de ligne = 2079 [ 5304 
( 60 e „ = 2098 J 
[ Lapoype ] generaux 
Moncey, lieut.-general { Lorge [ de 

(^ Gilly j division 

Noch während der Schlacht kamen V^erschiebungen vor, namentlich wohl, 
weil General Duvignau infolge eines Sturzes vom Pferde in der Nacht 
zum 14. Juni sein Kommando verlassen hatte- Nach den Regiments- 
geschichten fochten von hier nicht genannten Regimentern noch bei 
Marengo mit die 14. und 15. Chasseure und 5. Dragoner. 

' Über die Anzahl der Geschütze cf. oben S. 326 f. 

■) Aus den bei Marengo fechtenden Linien-Halbbrigaden gingen Infan- 
terieregimenter hervor, die heute dieselben Nummern tragen, wie damals 
als Halbbrigaden. Aus der 6. bzw. 9., 19., 24. leichten Halbbrigade wurden 
die heutigen Infanterie-Regimenter 81 bzw. 84, 94, 99. Die Dragoner-, 
Chasseur- und Husarenregimenter von .Marengo entsprechen den heutigen 
Regimentern derselben Waffengattung mit gleicher Nummer. Aus dem 
2e und 3e de cavalerie gingen das heutige 2. und 3. Kürassierregiment 
hervor, aus den chasseurs ä cheval de !a garde cons- das heutige 13. 
IChass.-Reg. Außerdem waren bei M. beteiligt Teile der heutigen Feld- 
jArt.-Reg. 1, 2, 3 und 6. Alle Truppenteile, die bei Marengo gefochten, 
bekamen den Namen dieser Schlacht auf ihre Fahnen bzw. Standarten, 
mit Ausnahme des 30. und 58. Inf «Reg., der 12. Chasseure und 1. Husaren. 
jVon der 102. Halbbrigade focht nur eine ganz unbedeutende Abteilung 
imit sie bekam den Namen auch nicht. Von den Artill.-Regimentern 
jerhielt ihn nur das 2. Das ehemalige 20 e de caval., das so großen 
lAnte.il an M., ging ein 

'; Über die Dislokation der folg. Truppenteile gibt die Darstellung 
gelegentlich Aufschluß. 



892 




Dl 


e Schlacht be 




1 re legere 


= 850 1 




Lapoype . 


29 e de ligne 


=3 1632 


3462 




91 e 


--=. 980 




Lorge 


[ 67 de ligne 
Legion italique^) 


= ^^°° \ 4400 
= 2600 / ^^^^ 


„.„ i 1 re de ligne 
«"'y { I2e.egere 


= 1800 1 
= 450 


. 2250 




1 re, 2 e, 3 e 






Chabran, 


demi-brigad. compl 


. 2864 


3314 


gen. de division 


de l'armee d'Orient 


J 




12 e legere 


= 450 






15 e legere 


= 400 






28 e de ligne 


= 1400 




Turreau, 


21 e 


= 380 


. 4430 


gen. de division 


26 e „ 


= 1400 




107 e „ 


= 400 






180 e (!) (108) 


^ 450 




Bethencourt, 
gen. de division ' 


102e de ligne 
Total de 1' 


= 695 j 


695 




infanterie: 


23855. 




B. Cavalerie 






1 e de cavalerie = 


=: 182 Übertrag 


1362 


5e 


= 200 2 e de chasseurs = 400 


14e 


= 150 7e 


>i 


= 120 


15 e 


= 300 9e 


j, 


= 400 


21 e 


= 502) 1 4 e 


„ 


=. 250 


22 e 


= 200 15 e 


„ 


= 240 


25 e „ __^ 


= 280 1 1 e ( 


de hussards 


= 300 


Übertrag: 


1362 5e 


de dragons 


= 240 




Total de la caval 


. = 3312. 



*) Unter dem Kommando des Grafen Giuseppe Lechi aus Brescia 
Vgl. über ihn Alberto Lumbroso in den Miscellanea storica intornc 
alla battaglia di Marengo. Roma 1910. 

-) Cf. die Angaben bei Kellermanns Truppen 21 e de cavalerie = 50 (!) 



Marengo am 14. Juni. 393 

C. Artillerie et Genie: 
Artillerie ä pied et ä cheval : 1131 
Pontonniers, sapeurs etc.: 229 

1360. 
Recapitulation: 

A. Infanterie = 23855 

B. Cavalerie = 3312 

C. Artillerie et Genie = 1400 



Total (devant les places) :=: 28567. 

Recapitulationgenerale: 
En ligne ä Marengo = 28170 
Devant les places et c. = 28567 
Total de l'armee de Reserve = 56737 hommes. 

Österreichische Schlachtordnung bei Marengo i^) 

A. Vortrab : Kommandant Oberst Frimont von den 

Bussy- Jägern zu Pferde""). 

4 Komp. Mariassy-jäger"*) = 164 M. 

Leichtes Bataillon^) „Am Ende" = 291 „ 

Leichtes Bataillon Bach = 277 „ 

1 Komp. Pioniere ^= 100 „ 

2 Schwadronen Kaiserdragoner ^ 272 „ 
2 Schwadronen Bussy-jäger = 186 ,, 

A Summa = 1290 M. 



') Diese Ordre de bataille ist unter leichten Kürzungen aus zwei 
Quellen zusammengestellt, die im wesentlichen übereinstimmen, nämlich 
Melas' Disposition für den 14. Juni (Kriegsarchiv Italien Vl,321 Original und 
Duplikat;, sowie der Übersicht, die iMras bietet, der gleichzeitig Stärke- 
angaben macht, deren Quelle ich im Kriegsarchiv allerdings nicht ge- 
funden. Die Abweichungen unserer beiden Quellen werden an den 
einzelnen Stellen vermerkt. 

') Dieses einzige damals bestehende „Jägerregiment zu Pferde" war 
aus aufgelösten Freikorps formiert worden. 

'; Die 4 Komp. Mariassy-Jäger sind im Original, das Hüffer ab- 
iruckt, nicht aufgeführt; da sie jedoch in den Verlustlisten (Kriegsarchiv 
i;tali2n 1800 F. A. VI No. 328) erscheinen, haben wir diesen Truppenteil 
Init .Mras in die ordre de bataille aufgenommen. Die Mariassy-Jäger 
r>ind das einzige bei M. kämpfende Freikorps. 

* Die österreichischen „leichten Bataillone", 15 an der Zahl, waren 



394 



Die Schlacht b( 



Gen -Major 
Pilati^) 



Gen.-Major 
Bellegarde 



Gen -Major 
St. Julien 



309 M. 



Davon: Infanterie 832 M., Reiterei 458 M. Dazu ein 
Batterie Kavallerie-Geschütz^). 

B. Hauptkolonne: 

1. Treffen: Kommandant F. M. L. Hadik. 

33) Schwadronen Kaiser-Dragoner 

(heute: 6. Galiz, Ulanen-Regiment 

Kaiser Joseph U.) 

6 Schwadronen Karaczay-Dragoner 

Theute: 7. Galiz. Ulanen-Regiment 

Franz Ferd. Erzh. v. Österreich-Este.) 

1 Bataillon Jellachich Inf. 4) 

(heute: 53. Ung (kroat.) Inf.-Regiment 

Erzh. Leopold ) 

2 Bataillone Erzh. Anton 

(heute: 52. Ungar. Infanterie-Regiment 

Erzh. Friedrich F. Z. M.). 

3 Bataillone Michael Wallis 

(heute: 11. Böhm. Infanterie-Regiment — 2209 „ 

Prinz Georg v. Sachsen) 

1 Treffen: 5039 M. 
Davon: Infanterie 3677 M., Kavallerie 1362 M. 



= 1053 



== 613 



855 



Gen.-Major 
De Brieys) 
Gen -Major 
Knesevich 



2. Treffen: Kommandant F. M. L. Kaim. 

1640 M. 



I (heute; 



Bataillone „Franz Kinsky 
47.Steyr. Inf -Reg. Frh. v. Beck.) 



3 Bataillone „Großherzog Toscana" 
(wurde 1809 aufgelöst). 

2 Bataillone Erzh. Joseph-Infanterie 
(heute: 55. Galiz. Infanterie-Regiment 

Rudolf Frh. v. Merkl, F. Z. MO 

2. Treffen 

1798 aus verschiedenen im Laufe der Koalitionskriege 
Freikorps formiert worden. 1801 



Gen.-Major 
Lamarseille 



^ 2188 



= 1111 



4939 M. 

aufgestellte; 

wurden sie wieder aufgelöst. 

') Das Kavalleriegeschütz bestand aus sechspfündigen Kanonen un 

siebenpfündigen Haubitzen, die im Verhältnis von 4 : 4 oder 4 : 2 dei 

Reiterreg, als Liniengeschütz zugewiesen wurden. 

■) Dieser General, eigentlich Giovanni Francesco Conte Pellati dell 
Torre di Mombisaggio, stammte aus Castellazzo Bormida in der Näh 
des Schlachtfeldes. 

") Die Übersicht des Kriegsarchivs sagt „4 Schwadronen", 
archiv VI, 321.) - *) Kriegsarchiv VI, 321 sagt: 2 Bataillone. 
*) Kriegsarchiv VI, 321 zieht „de Briey" zum 1. Treffen. 



(Kriegs 



Marengo am 14. )uni 



395 



3. Treffen: Kommandant F. M. L. M orzin. 

= 2116 M. 



, , ■' l 5 Bataillone Grenadiere^) 

Lattermann j 

iw -l' r.j l ^ Bataillone Grenadiere 
Weidenfeld ^ 

4 Kompagnien Pioniere 



2240 
400 



3. Treffen : 4756 M. 

Kavallerie-Reserve: Kommandant F. M. L. E 1 s n i t z. 
6 Schwadronen Erzh. Joh.-Dragoner 
(heute:9.Galiz-bukowinisch.Drag.-Reg. = 859 M. 

Erzh. Albrecht). 
6 Schwadronen Liechtenstein-Dragoner = 1014 „ 
^Frühjahr 1801 aufgelöst;. 



Gen. -Major 
Nobili 



Übertrag 1873 M. 



' Für die Kriegsdauer waren 1799 die Grenadierdivisionen (je 
eine = 2 Kompagnien per Inf.-Reg., zu Bataillonen, diese wieder in Brigaden 
und Divisionen zusammengezogen worden. Die beiden Brigaden Latter- 
mann und Weidenfeld, die bei Marengo fochten, umfaßten die Grenadier- 
Divisionen von folgenden heutigen Infanterie-Regimentern: 4. nieder- 
österr. Inf.-Reg. Hoch- und Deutschmeister, 8. mährisches Inf.-Reg. Erzh. 
Carl Stephan, 10. galiz. Inf.-Reg. Oskar II. König v. Schweden und 
Norwegen, 11. böhm. Inf.-Reg. Prinz Georg v. Sachsen, 14. oberösterr. 
Inf.-Reg. Ernst Ludwig, Großh. v. Hessen, 15. galiz. Inf.-Reg. Adolph, 
Großh. V. Luxemburg, 16. ungar. (kroat.) Inf.-Reg. Frh. Giesl v. Gieslingen 
F. M L, 17. krainsches Inf.-Reg. F. M. L. Milde v. Helfenstein, 18. böhm. 
Inf.-Reg. Erzh. Leop. Salvator, 19. ungar. Inf..-Reg. F. M L. Franz Ferd. 
Erzh. V. Österreich-Este, 24. galiz.-buckow. Inf.-Reg. F. M. L. Frh. v. Rein- 
länder, 26. ungar. Inf.-Reg. Michael Großfürst v. Rußland, 27. steyrisches 
Inf.-Reg. Leopold IL, König der Belgier, 28. böhm. Inf.-Reg Humbert I., 
iKönig V. Italien, 32. ungar. Inf.-Reg. Kaiserin und Königin Maria Theresia, 
33. ungar. Inf.-Reg. Kaiser Leopold IL, 34. ungar. Inf.-Reg. Wilhelm I. 
Deutscher Kaiser, König von Preußen, 36. böhm. Inf.-Reg. F. M. Browne, 
39. ungar. Inf.-Reg. Alexis, Großfürst v. Rußland, 40. galiz. Inf.-Reg. 
f. Z. M. Frh. V. Handel-Mazzetti, 44. ungar. Inf.-Reg. F. M. Erz. Albrecht, 
|47. steyr. Inf.-Reg. F. Z, M. Frhr. v. Beck, 48. ungar. Inf.-Reg. G. d. K. 
Erzh. Ernst, 51. ungar. Inf.-Reg. F. M. L, Probszt Edler v. Christorff, 
j32. ungar. Inf.-Reg. F. Z. M. Erzh. Friedrich, 53. ungar. (kroat.) Inf.-Reg. 
;p- d. K. Erzh. Leopold, 57. galiz. Inf.-Reg. F. M. Fr. josias Prinz zu 
Sachsen-Koburg, 59. Salzburg.-oberösterr. Inf.-Reg. F. Z. M. Erzh. Rainer, 
13. galiz. Inf.-Reg. F. M. Graf Guidobald v. Starhemberg, 23. ungar. Inf.-Reg. 
udwig Wilhelm I., Markgraf v. Baden-Baden, 43. ungar. Inf.-Reg. F. Z. M- 
jraf Philipp Grünne, 45. galiz. Inf.-Reg Prinz Friedrich August, Herzog zu 



396 



Die Schlacht be 



Gen.-Major 
Nimptsch 



Übertrag 1873 M. 
8 Schwadronen 7. Husaren 
(heute: 7. Hus.'Reg. Wilhelm II., dtsch. — 1353 „ 
Kaiser, König v. Preußen). 
6 Schwadronen Erdödy-Husaren 
(heute: 9. Husaren- Reg. Nadasdy auf = 988 „ 
Fogaras F. M). 



Kavallerie-Reserve = 4214 M. 

Hauptkolonne zusammen : 
Infanterie 13372 M. 
Reiterei 5576 „ 

Summa = 18948 M. 

C. II. oder linke Kolonne: 
Kommandant F. M. L. Ott: 

Vortrab: Kommandant Gen.-Major Gottesheim: 

1 Komp. Mariassy-jäger = 40 M. 

2 Schwadronen Lobkowitz-Dragoner ~ 248 „ 
1 Bataillon Fröhlich-Infanterie == 523 „ 



Davon : 



Vortrab = 811 
Infanterie 563, Reiter 248. 



Gen.-Major 
Retz 



F. M. L. f Gen.-Major Retz 
Schellenberg \ Gen.-Major Sticker 

1 Komp. Pioniere M ~ 

2 Bataillone Fröhlich-Infanterie 
(heute: 28. Böhmisch. Infant.-Regiment = 
Humbert I., König v. Italien). 
3 Bataillone Mitrowsky-Infanterie 
(heute: 40. Galiz. Infant.-Regiment F. Z. = 
M. Frhr. v. Handel-Mazzetti). 



M. 



100 M. 
1046 „ 



853 



Summa 



1999 M. 



Sachsen, 46. ungar. Inf.-Reg. F. Z. M. Frhr. Fej'erväry de Kaulös-Keresztes 
Mach Wrede, Geschichte der k. k. Wehrmacht, der Regimenter, Corp; 
Branchen und Anstalten von 1618 bis Ende des 19. Jahrhunderts. 
Wien 1898 ff. 

*) Die Pioniere bildeten damals noch kein selbständiges Truppen 
korps, sondern gehörten zum kleinen Generalstab. An Genietruppen gat 
es damals außerdem in der österr. Armee noch: Pontonniere (3 Komp.) 
Sappeure (3 Komp.), Mineure (4 Komp.). 



II 



Marengo am 14. )uni. 



397 



Gen -iMajor 
Sticker 



4 Schwadronen Lobkowitz-Dragoner 
(heute: 8 Galiz. Ulanen-Regiment Frhr. =z 492 M. 
V Ramberg). 
2 Bataillone Spleny-lnfanterie 
{heute: 51. Ung Infant.-Regiment F. M. ^- 737 
L. Probszt Edl. v. Christorff). 
3 Bataillone )os. Colloredo 
heute: 57. Galiz. Infant.-Regiment F. M. -— ^369 
Fr Josias Prinz zu Sachsen-Coburg . 



Gen -Major 
Ulm 



Schellenberg Summa = 4597 M. 
Davon: Infanterie 4105, Kavallerie 492. 

,/ ,' l Gen. -Major Ulm 

Vogelsang j 

3 Bataillone Stuart-Infanterie 

(heute: 18. Böhmisch. Infant.-Regiment = 1282 M. 

Erzh. Leopold Salvator . 

2 Bataillone Hohenlohe-Infanterie 

(heute: IT.Krainisches Infant.-Regiment =: 912 „ 

Milde V Helfenstein . 



Gen -Major 
Rousseau 



Vogelsang Summa = 

II. Kolonne zusammen: 7602 M. 

Davon: Infanterie: 6862, Kavallerie: 740 M. 

D, III. oder rechte Kolonne: 

Kommandant: F. M. L. O'Reilly. 

1 Komp. Mariassy-jäger ^= 

3'/j Schwadronen Nauendorf-Husaren 
(heute : 8. Husaren-Regiment Graf Pälffy = 
ab Erdödy. 
2 Schwadronen 5. Husaren 
(heute: 5. Husaren-Regiment Graf Ra- = 

detzky v. Radetz . 
1 Bataillon 4 ßanater Grenzbataillon)i ). ^ 
1 Bataillon 1 Warasdiner („) ^ 

1 Bataillon Oguliner („) ^ 

1 Bataillon Ottochaner {„) = 

1 Schwadron Württemberg-Dragoner 
heute: 11. Mährisch. Dragoner-Regiment = 

Kaiser Franz Joseph'. 

III 



2194 M. 



40 M. 
426 ., 



230 

533 
755 
602 
298 

113 



Kolonne O'Reilly -= 2997 M. 
I 'j Solche „Grenzbataillone", die aus den Divisionen mehrerer, einem 
pnd demselben Generalate angehörender Regimenter kombiniert waren, 
versahen den Dienst der leichten Truppen. In früheren Feldzügen waren 
lucli ganze Feldbataillore von den Grenztruppen an die kämpfenden 
ieere abgegeben worden. 



398 Die Schlacht be 

Davon: Infanterie 2228 M., Reiterei 769 M., dazu eine Batterii 
Kavalleriegeschütz. 

Gesamtstärke der bei Marengo fechtenden Österreiche 
demnach : 

Infanterie: 23 29* M.'}. 
Reiterei: 7543 „ 

Summa: 30837 M. 

Artillerie-Mannschaften sind nirgends aufgefiihrt, und auci 
die Zahl der bei Marengo im Gefecht stehenden Kanonen ist ii 
der offiziellen Übersicht im Kriegsarchiv nicht angegeben, Mra 
sagt, außer dem Liniengeschütz seien 92 Reserve-Geschütze^ 
vorhanden gewesen. Da nun etwa seit 1793^) jedem Infanterie 
bataillon drei Kanonen (6 Pfder.) zugeteilt wurden, und bei Ma 
rengo mit Ausschluß der Grenadiere und leichten Truppei 
301/ ;^ Bataillone im Feuer gestanden, so werden zirka 10( 
Bataillonskanonen dort versammelt gewesen sein, so daß dii 
gesamte Artillerie auf österreichischer Seite einschließlich Re 
serve und Kavalleriegeschütz auf mindestens 200 Stücke ein 
geschätzt werden darf*). 

') Mit dieser Zahl stimmt fast genau überein die Angabe Stuttei 
heims mit 31074 Mann (23395 Mann Infanterie, 7779 Mann Kavallerie; 
Ein Aktenstück im Wiener Kriegsarchiv dagegen (Italien 1800 F. A. V 
Nr. 326) gibt, ohne Detaillierung, die Zahl der bei M. kämpfenden Truppei 
(inkl. Offiziere und Spielleute) auf 35517 Mann an, darunter 8876 Pferde 
Diese höhere Zahl, die sich auch F. A. Xlll, 143 unter dem 12. Juni findei 
erklärt sich wohl dadurch, daß die nach Valenza und Casale sowie in 
Bormida-Tal detachierten Truppen mit eingerechnet sind, oder vielleich 
die Besatzung von Alessandria. An Erzherzog Karl berichtete Melas an 
19. Juni (Hüffer a. a. O. S. 335), daß er 27 000 Mann Infanterie um 
8000 Reiter mühsam bei Alessandria zusammengebracht gehabt hätte. Di 
Zahl von 30837 Mann, die Mras berechnet, verringert sich, wie wir späte 
sehen werden, für die eigentliche Schlacht noch durch Entsendung eine 
ganzen Kavallerie-Brigade. 

-') Zum Reservegeschütz gehörten 6- und 12pfündige Kanonen uni 
7pfündige Haubitzen, von 1793 an auch 18 pfundige Kanonen und lOpfün 
dige Haubitzen. 

') Noch bei Ausbruch des 1. Koalitionskrisges führte jedes Bataillor 
vier 3-Pfünder und einen 6-Pfünder. Wir sehen also auch in de 
österr. Armee eine Verminderung des Liniengeschützes, womit die franzö 
sische vorangegangen war. 

*) Diese Zahl müßte noch weit höher gegriffen werden, wollten wi 



ii 



Marengo am 14. |uni. 



399 





Außer der Armee von Marengo standen vor 


i kaiserlichen 


Ti 


ruppen am 14. Juni 1800 in 


Italien noch 49 887 Mann in 


fo 


Igender Verteilung 








In- 


1 Parmesanischen 


4702 M. 


Übertrag 


31580 M. 


Ai 


n Ogliofluß 


8188 „ 


In Mailand 


2834 „ 


Bl 


ockade von Gavi 


i893 „ 


„ Alessandria 


4056 „ 


In 


Coni 


4185 „ 


„ Tortona 


1296 „ 


)* 


Turin 


2948 „ 


„ Serravalle 


156 „ 


»» 


Genua 


7306 „ 


„ Mantua 


2029 „ 


„ Savona 


1328 „ 


„ Ancona 


2627 „ 


„ Ceva 


727 „ 


„ Venedig 


1900 „ 


" 


Bard (!) ') 


303 „ 


„ Istrien 

Summa 


3409 „ 


Übertrag 31580 M. 


49887 M/) 



den etatsmäßigen Geschützbestand bei sämtlichen Truppenteilen voraus- 
setzen und berechnen, jedes Grenadierbataillon führte z. B. je zwei 
6- und 12pfündige Kanonen und zwei 7pfündige Haubitzen, was für die 
11 Bataillone bei iMarengo 66 weitere Geschütze ausmachen würde. In 
der Tat betrug auch die Zahl der Geschütze, die Melas auf Grund der 
Konvention mit sich fortführte, 266. vgl. De Cugnac a. a. O. II, 510. 

'^ Schon am 2. VI. von den Franzosen genommen. 

-■) Diese Zahl nach H. K R. 62,927 Beilage. Die in F. A. VI, 325 
sich findenden Zahlen stimmen fast ganz damit überein. Diesen 49 887 M. 
stehen bei Mras nur 43917 M. gegenüber, welche Zahl sich nach Abzug 
der bei Casale und im Bormidatal stehenden 2657 -p 1082 M. auf 
40178 jM. vermindert. Die Gesamtstärke der K- K. Armee in Italien am 
14. VI. beträgt nach Mras 74 754 M, nach der ordre de bataille vom 
13. VI. 85404 .M. Für die zweite Zahl spricht schon der Umstand, daß 
|wir für sie die Original-Unterlage besitzen, und sie mit der in Kr. A. 
Jtalien 1800 F. A. VI, 325 überlieferten Zahl von 78634 M. für die Stärke 
ides Heeres nach der Konvention von Alessandria weit eher in Einklang 
jzu bringen ist als die 74 754 M. von Mras. Unzweifelhaft ist dessen 
Verzeichnis lückenhaft; so fehlt bei ihm jede Angabe über die Feld- 
Itruppen von Vukassovich (identisch mit den Truppen am Ogliofluß). 
Die Besatzung von Genua gibt Mras mit 5800 M. sicher zu niedrig an. 
Hohenzollern schreibt am 14. VI. an Melas (Hüffer a. a. O. S. 315, 
er habe augenblicklich nicht viel über 6000 M., ungerechnet 2585 
Ranjonnierte, die nicht mitzählen könnten, und Suchet will am 24. VI, 
pein Auszug der Besatzung von Genua ca. 8500 M. gezählt haben 
[{Cugnac II, p. 515i. Cf. auch Hüffer a. a. O. S. 161. 



400 Die Schlacht bei 

III. 
Die Schlacht bei Marengo. 

Die Wegnahme Marengos am Spätnachmittag des 13. voll- 
zog sich nach den z. T. recht abweichenden Berichten etwa 
folgendermaßen : Gegen 6 Uhr abends griff Gardanne Oreilly 
an, der als Nachtrab der bei Montebello geschlagenen und 
am 11, von der Scrivia zurückgezogenen Truppen Marengo 
und die Fontanonelinie besetzt hielt, wohl annähernd in der 
Stärke von 3000 iVlann, wie die Ordre de bataille für den 
14. angibt. Der Angriff der wahrscheinlich nur 2000 Mann 
zählenden Franzosen erfolgte in zwei Kolonnen. Die größere 
führte Gardanne selbst auf der Straße nach Alessandria frontal 
gegen das Dorf vor, während der Adjutant-general Dampierre 
es mit etwa 500 Mann von Spinetta her zu umfassen suchte. 
Schon nach kurzem Kampfe zog sich Oreilly auf den Brücken- 
kopf an der Bormida zurück, von Gardanne verfolgt, der dann 
bei Pietrabuona nächtigte^). 

Das an sich geringfügige Gefecht war für die Österreicher 
doch äußerst verhängnisvoll, denn mit Marengo und der Fon- 
tanonelinie hatten sie ihren natürhchen Stützpunkt für die Ent- 
wicklung in die Ebene hinaus verloren. Es ist namentlich in 
Anbetracht ihrer zahlreichen und trefflichen Reiterei geradezu 
unbegreiflich, wie der französische Angriff die Österreicher 
völlig überraschen konnte. Aber auch Bonapartes Verhalten 
gibt uns Rätsel auf. In der Nacht auf den 14. wurde ihm 
gemeldet, es gäbe über die Bormida keine Brücken mehr 
und bei Alessandria sei von größeren Truppenansammlungen 
nichts zu sehen. Es ist kaum zu bezweifeln^), daß der sonst 
so Mißtrauische und Vorsichtige diesen Meldungen Glauben 
schenkte, die so ganz und gar zu seiner Überzeugung paßten, 
der Feind wolle sich der Schlacht entziehen. Daß er sich 
nicht durch einen Angriff auf den Brückenkopf noch am Abend 
des 13. oder wenigstens in aller Frühe am 14. Gewißheit ver- 
schaffte, ist eine schwere Unterlassungssünde^). 

') Hüffer H, S. 74 f; Cugnac II, 342 ff. 

") Die Tatsache berichten von Augenzeugen u. a. Marmont, 
Savary, Bourrienne, Eugen Beauharnais in ihren Memoiren. 

^) Wenn Napoleon in den Tendenzberichten von 1803 und 5 be- 



Marengo am 14. Juni. 401 

Der sicherste Beweis, wie sehr sich Bonaparte über den 
Gegner im Irrtum befand, ist wohl die Tatsache, daß er am 
Abend des 13. durchaus keine Veranlassung nahm, seine Be- 
fehle an die Divisionen Boudet und Lapoype zu ändern, und 
daß er zu seinem Glück nur durch das plötzhche Anschwellen 
der Scrivia genötigt wurde, persönlich in Torre zu nächtigen, 
während er nach Voghera hatte zurückkehren wollen. 

Dasselbe Naturereignis sollte auch noch bedeutsam 
werden für die Marschbewegung Desaix'. Diese hängt so eng 
mit der Streitfrage über seinen Anteil an der Schlacht 
zusammen, daß sie schon deshalb kurz geschildert wer- 
den muß^). Am 13. gegen 11 Uhr erhielt er in Ponte- 
curone den Befehl zum Abmarsch gegen Serravalle und Novi; 
bei Rivaita sollte er die Scrivia überschreiten. Um dorthin 
zu gelangen, mußte Desaix, da die von den Österreichern be- 
setzte Festung Tortona ihm den direkten Weg versperrte, einen 
Umweg über die südöstlich gelegenen Tortoneser Hügel machen, 
der so beschwerlich war, daß die Truppen am Abend nur 
zum Teil Rivaita erreichten und über den stark angeschwol- 
lenen Fluß nur einige Infanteristen gelangen konnten; das Gros 
der Division nächtigte bei Sarezzano. Die Entfernung von da 
bis zur Scrivia beträgt zwar nur wenige Kilometer, aber wegen 
der schlechten Wege langte die Artillerie am nächsten Morgen 
doch erst um neun Uhr am Flußufer an, und da die Furt 
bei Rivaita für sie erst gegen zehn Uhr passierbar wurde und 
beim Übersetzen der Infanterie mittels einer in der Nacht er- 
bauten Barke größte Vorsicht nötig war, kann die Division 

hauptet, er hätte die Verbrennung der Brücke befohlen, so ist das durch- 
aus unwahrscheinlich. Keiner der in Frage kommenden Offiziere erwähnt, 
etwas davon in seinem Berichte. — Ein Kenner des Geländes, 
Pittaluga (La battaglia di Marengo im Centenario della battaglia di 
Marengo. Alessandria 1900. 2 Bde.), sagt, daß die Beschaffenheit der 
Bormida-Ufer, die künstlichen Befestigungen, der Rauch, die Vorposten- 
Plänkeleien und die späte Stunde den Franzosen am 13. die Übersicht 
wohl sehr erschwert haben. Letzteres betont in seinen ungedruckten 
Memoiren (Titeux a. a. 0. p. 98) auch Dupont, der im übrigen 
durchaus bestätigt, daß Napoleon durch den feindlichen Angriff am 
14. überrascht wurde. 

') Eingehender bei Herrmann a. a. 0. S. 131 ff. — Cugnacs 
Darstellung S. 209 ff. stimmt mit der meinigen im wesentlichen überein. 

Herrmann, Der Aufstieg Napoleons. 26 



402 Die Schlacht bei 

erst zwischen elf und zwölf Uhr am linken Ufer bei Ri- 
vaita versammelt gewesen sein. 

Während des Überganges hatte nun Desaix, um weitere 
Befehle zu erlangen, einen Boten an Bonaparte geschickt, als 
gerade der verhängnisvolle Befehl, nach Süden weiter zu mar- 
schieren, an ihn unterwegs war. Zum Olück kam dieser Be- 
fehl wohl erst zwischen elf und zwölf Uhr in Rivaita an. De- 
saix war infolgedessen auch erst etwa eine Meile in der Richtung 
auf Pozzolo-Formigaro weiter marschiert, als ein Adjutant ihn 
gegen ein Uhr aufs Schlachtfeld beorderte. Den ersten Be- 
fehl hatte Bonaparte gegeben, als er dem Angriff auf Ma- 
rengo noch keine Bedeutung beimaß, vielleicht noch bevor 
er überhaupt von ihm erfuhr; unzweifelhaft hat er dann, so- 
bald er den Ernst der Situation überschaute, diesen Befehl 
rückgängig gemacht, wenn auch der überlieferte Wortlaut^) 
des zweiten Befehls, der Desaix auf das Schlachtfeld berief, 
als durchaus unnapoleonisch verdächtig erscheint. 

Wichtiger als das ist aber jedenfalls die viel umstrittene 
Frage, ob es eines solchen Befehls überhaupt bedurft hat, 
Desaix aufs Schlachtfeld zu rufen, oder ob dieser, weil er 
Kanonendonner von Marengo her vernahm, bereits aus eigener 
Initiative dorthin unterwegs war, als er ihn erhielt, wie noch 
in jüngster Zeit behauptet worden ist'-). Durch die Tatsache, 
daß die von Cugnac mitgeteilten Berichte der Nächstbetei- 
ligten, Boudets und des Adjutant-general Dalton, nichts dar- 
über enthalten, obwohl sie das größte Interesse daran hätten, 
ist die Legende von dem Kanonendonner, auf den Desaix aus 
eigener Initiative losmarschiert sein soll, wohl endgültig er- 
schüttert. Desaix hatte auch keinen Grund, dem Befehl Na- 
poleons zum Weitermarsch von Rivaita aus nicht Folge zu 
leisten. 

Wem ist es also schließlich zu verdanken, daß die Di- 
vision Boudet noch rechtzeitig auf dem Schlachtfelde eintraf, 



*) üuc de Valmy, Histoire de la campagne de 1800, Paris 1854 p. 176. 

-) Außer von den speziellen Biographen Desaix' wie Martha- 
Becker (Etudes historiques sur le general Desaix. Clermont-Ferrand 1852) 
u E. Bonnal (Histoire de Desaix. Paris 1881) u. a, von Gachot und 
Pittaluga. — Savarys unzuverlässige Memoiren sind aller Quelle. 



Marengo am 14. Juni. 403 

um das Schicksal des Tages zu wenden und Bonaparte aus 
einer taktischen Niederlage zu retten? 

Desaix hat zweifellos das Verdienst, eine ihm gestellte 
Aufgabe energisch durchgeführt zu haben ^). Daß Bonaparte 
sie stellte, wird man für selbstverständlich halten. Daß sie 
noch rechtzeitig durchführbar war, ist aber doch wohl nur 
einem Zufall zu danken, dem Anschwellen der Scrivia und 
den aufgeweichten Wegen. Ohne die Mißgunst des Wetter- 
gottes hätte die Division Boudet schon am Abend des 13. 
in Rivaita gestanden und dann am 14. ihren Weitermarsch auf 
Novi doch wohl so zeitig angetreten, daß sie nicht mehr recht- 
zeitig nach San Giuliano zu führen gewesen wäre"'). 

Die Entsendung der Division Lapoype wird am besten 
gleich im Anschluß hieran besprochen. Am 13. nachmittags 
war sie als Reserve in Pontecurone zurückgeblieben. Hier 
traf sie am 14. morgens zehn Uhr ein von Bonaparte zwischen 
acht und neun Uhr in Torre erlassener BefehP), der sie nach 
dem linken Po-Ufer zurückbeorderte und zwar in der Richtung 
auf iValenza, was uns zeigt, daß Napoleon auch noch in 
diesem Augenblick ein Ausweichen der Österreicher über den 
Po in Erwägung zog. Als Bonaparte seinen verhängnisvollen 
Irrtum erkannte, rief er auch Lapoype zurück, doch vermochte 
dieser nicht mehr rechtzeitig auf dem Schlachtfelde einzu- 
treffen. Erst nach sechs Uhr abends, während des Überganges 
über den Po, erreichte ihn der Kurier. Das ist reichlich spät, 
obwohl der Übergang von Bastida, um den es sich allem 
Anschein nach handelte, 36 Kilometer von Torre entfernt liegt. 
Um nach Valenza zu gelangen, mußte Lapoype bis zur fhegen- 
den Brücke von Bastida zurückmarschieren, ein Beweis, wie 
übel es mit einem raschen Übergang der Franzosen auf das 



' Vgl. unten S, 417 ff. 

') Die Anweisung für die Division Boudet lautete allgemein auf 
die Richtung von Novi u. Serravalle. Es wäre also möglich, daß Desaix, 
nachdem er von Rivaita schon am 13. abends Patrouillen in diesen 
Richtungen entsandt hatte, seine Aufgabe damit zunächst für erledigt an- 
sah und darum, bevor er mit dem Gros weiter nach Süden zog, auf 
jeden Fall erst einen weiteren Befehl Bonapartes abwartete. 

') Die Entfernung beträgt ca. 14 km. Vgl. Cugnac II, 364. 

26* 



404 Die Schlacht bei 

linke Po-Ufer') bestellt gewesen wäre, hätte Melas den Fluß 
überschritten. Wenn die offiziellen Berichte über Marengo 
von Lapoype überhaupt nicht sprechen, nicht einmal erwähnen, 
daß er auf das rechte Po-Ufer beordert worden war, so ver- 
mag ich darin nur eine Stütze zu sehen für meine Ver- 
urteilung der Detachierung dieser Division^). 

Wie die eben beschriebenen Truppenentsendungen be- 
weisen, daß Bonaparte für den 14. Juni keine Schlacht er- 
wartete, so auch die Verteilung der übrigen Armee in der 
Nacht vom 13. zum 14. Nur die schwache Division Gardanne 
stand unmittelbar am Feind; drei bis vier Kilometer weiter 
rückwärts bei Spinetta nächtigte die Division Chambarlhac 
und die Kavallerie Duvignaus und Kellermanns. In dritter 
Staffel, weitere sechs bis sieben Kilometer rückwärts, bei San 
Giüliano vecchio, stand das Korps Lannes und die Brigade 
Champeaux. Die Division Monnier, die Konsulargarde samt 
dem Rest der Kavallerie und dem Hauptquartier endlich standen 
bei Torre di Garofoli^), d. h. über zehn Kilometer von iVla- 
rengo. Am weitesten zurück stand bei Säle die Kavallerie- 
Brigade Rivaud. Diese v^'eite Verzettelung einer ohnehin so 
geringfügigen Streitmacht war für den kommenden Schlacht- 
tag so ungünstig wie möglich und mit Napoleons eigenen 
Grundsätzen über die Truppenversammlung in der Nähe des 
Feindes und vor einer Schlacht unvereinbar. 

Unter solchen Umständen kann natürlich auch von einem 
eigentlichen Schlachtplan auf französischer Seite am 14. Juni 
keine Rede sein. 

Betrachten wir nun, wie erst die französischen Unterführer 
und schließlich Bonaparte selbst dem unerwarteten österreichi- 
schen Angriff begegneten^). 



') Cugnac 364 ff. 

-) Cugnac (Darstellung p. 216) vergleicht dagegen Lapoype mit 
Grouchy bei Waterloo. Weil Marengo ein Sieg, blieb ihm Grouchys 
Schicksal erspart. 

") Ebda. II, 350, 391. 

*) Die folgenden Ausführungen beruhen auf meiner eingehenderen 
Darstellung in „Marengo" S. 138 ff. Namentlich wurden die dortigen 
kritischen Erörterungen, die bestimmt waren, die „Legende von Marengo" 
zu zerstören, gekürzt, meist nur das Resultat übernommen. Ich durfte 



Marengo am 14. )uni. 405 

Eine Abschrift der oben besprochenen österreichischen 
Angriffsdisposition trägt die Bemerkung: „Auf mündhchen 
Befehl wurde um 11 Uhr nachts der Marsch kontremandiert, 
und solcher auf morgen früh 8 Uhr befohlen, bis wannen die 
Regimenter abzukochen haben. Es wird vom rechten Flügel 
rechts, unter klingendem Spiel und fliegenden Fahnen, zur 
Attacke abmarschiert. Sowie eine Brigade über die Bormida- 
brücke defiliert ist, deployiert selbe links und setzet sogleich 
ihren Marsch mit ganzer Front fort*'^). 

Nach dieser verhängnisvollen Abänderung wurde auch 
tatsächlich verfahren, besonders was den Zeitpunkt des An- 
griffs betrifft. Die Folgen dieses Aufschubs sollten dann noch 
verschlimmert werden durch das langsame Tempo, in dem 
der Aufmarsch erfolgte. Es gab zwei Brücken über die Bor- 
mida, die wohl als ausreichend angesehen werden dürfen, ob- 
wohl man leicht eine dritte hätte bauen können. Aber sie 
lagen zu nahe beieinander und, was noch schlimmer, ja 
geradezu unverantwortlich war, der Brückenkopf, in den sie 
beide mündeten, hatte nur einen einzigen Ausgang, so daß 
der österreichische Aufmarsch fast doppelt soviel Zeit, als 
nötig gewesen wäre, in Anspruch nahm und es dadurch dem 
Gegner ermöglicht wurde, seine zurückliegenden Divisionen 
heranzuziehen. 

Mit wahrer Virtuosität gaben die Österreicher überhaupt 
die Vorteile aus der Hand, welche die Lage am Morgen des 
14. ihnen bot. 

Ein böser Mißgriff war es z. B. auch, daß man das Kom- 
mando über die ausgezeichnete kaiserliche Reiterei statt an 
den schneidigen Hadik, der ursprünglich dazu ausersehen war, 
an Elsnitz gab, der sich eben erst in seinem Kommando am \'ar 
so wenig bewährt hatte, und ferner, daß man die Brigade 
Nimptsch, zwei treffliche Regimenter, in unverantwortlicher 
Weise der Verwendung auf dem Schlachtfeld entzog. Sie wurde 
gegen Cantalupo im Bormidatal detachiert — weil einige feind- 
meine damaligen Urteile fast ausnahmslos aufrecht erhalten, wie denn 
ja auch belangreiche neue Quellen seitdem nicht hervorgetreten 
sind. Von späteren Darstellungen sei Titeux a. a. 0. p. 88 ff. (gestützt 
auf Cugnac) erwähnt. 

', Hüff er 11, 312 f. Note. 



406 Die Schlacht bei 

liehe Reiterpatrouillen die Furcht erweckten, Massena und Su- 
chet rückten heran, die doch nach den eingelaufenen Mel- 
dungen ebensowohl, wie nach Lage der Dinge Melas unmöglich 
schon am 14. gefährlich werden konnten. Zwei Schwadronen 
genügten denn schließlich auch, die feindlichen Reiter bis hinter 
Acqui zurückzujagen; den Rest des Tages standen dann die 
stolzen Regimenter untätig. Weder dachte Nimptsch daran, 
auf eigene Verantwortung aufs Schlachtfeld zu eilen, noch auch 
Melas oder Elsnitz, ihn zurückzurufen'). 

Um Q Uhr morgens erfolgte der Angriff der Österreicher 
auf Gardanne, der, seinen linken Flügel an die Bormida ge- 
lehnt, noch bei Pietrabuona stand. Die Wucht des Angriffs 
ließ den offenbar überraschten Oardanne erkennen, daß der 
Feind eine ernste Schlacht beabsichtigte, und durch möglichst 
hartnäckigen Widerstand suchte er die furchtbare Gefahr zu 
mindern, in der das weit verzettelte französische Heer sich 
damit befand. Aber schon nach halbstündigem Kampfe mußte 
er Schritt für Schritt und schließlich in Unordnung vor der 
österreichischen Überlegenheit^) hinter den Fontanone zurück- 
weichen^). 

Eine kleine Abteilung von Gardannes linkem Flügel, 200 
bis 300 Mann unter Dampierre, war dieser Bewegung nicht 
gefolgt, sondern hatte die Kolonne Oreilly, die anfangs auf 
gleicher Höhe mit der österreichischen Hauptkolonne vor- 
gerückt war, in der Richtung auf Frugarolo hinter sich her- 
gezogen, bis sie sich schließlich bei Casina bianca festsetzte, 
wo sie von Oreilly gefangen genommen wurde, der auch eine 
von Victor zum Schutz seiner linken Flanke entsandte Ab- 

*) Hüffe r II, 116 f. 

-) Bei dem nun folgenden Kampfe um den Fontanone machte sich 
die österr. Überlegenheit nur in geringem Maße und nach und nach 
geltend. Als Oreilly ausschied (vgl. oben Text), kamen vor Lannes' Eintreffen 
9448 Mann österr. Infanterie (1 +2. Treffen) allmählich gegen 8926 Franzosen 
(Gardanne u. Chambarlhac) ins Gefecht. Nach Eintreffen Lannes' erhöhte 
sich diese Zahl auf 14009 Mann, und erst als Ott vonCeriolo her und Latter- 
mann mit dem 3. Treffen eingriffen, war die Überlegenheit wieder auf 
Seiten der Österreicher. Dabei hatten die Franzosen am Fontanone 
eine sehr gunstige Verteidigungsstellung. Die Bravour der Österreicher 
im ersten Teile der Schlacht ist über allen Zweifel erhaben. 

') Cugnac II, 379. 



Marengo am 14. Juni. 407 

teilung des 11. Husaren-Regiments zum Rückzug nach Giu- 
liano nötigte'). Oreilly hatte nun — der Zeitpuni<t steht nicht 
fest — keinen Feind mehr vor sich und zog ungehindert auf 
der Straße nach Frugarolo weiter, anstatt sich in die linke 
Flanke der inzwischen von Marengo zurückweichenden Fran- 
zosen zu werfen. Es entsprach das zwar, wie erinnerlich, nicht 
seinem ursprünglichen Auftrag, aber dieser war erfüllt, und 
so ist man geneigt, nicht nur der Oberleitung, die ihn ohne 
Befehl ließ, sondern auch Oreilly selbst einen Vorwurf daraus 
zu machen, daß er nicht aus eigener Initiative die Verbindung 
mit der Hauptkolonne anstrebte. Ein Angriff auf ihre linke 
Flanke wäre, auch als die Division Victor bereits erschüttert 
war, noch wichtig genug gewesen. Aber viel eher und wirk- 
samer hätte Oreilly in den Kampf eingreifen können, hätte er 
sich durch die unbedeutende Streitmacht Dampierres überhaupt 
nicht so weit nach rechts abziehen lassen. Dadurch schied 
diese rechte Seitenkolonne für den weiteren Verlauf des Tages 
aus. 

Nach dieser Abschweifung, mit der wir zeitlich bereits 
bedeutend voraufgeeilt sind, schreiten wir zur Schilderung der 
Ereignisse am Fontanone, wo die Österreicher die Division 
Chambarlhac bereits im Aufmarsch fanden. General Rivaud 
hatte, die Gefahr erkennend, die Gardanne und Marengo drohte, 
ein Bataillon der 43er aufmarschieren lassen, das die er- 
schütterten Truppen Gardannes aufnahm und das Eindringen 
der offenbar zu lässig verfolgenden Österreicher in das Dorf 
verhinderte. Die Gemächlichkeit der Österreicher gestattete es 
Gardanne auch, sich wieder zu sammeln und sich rechts von 
Marengo längs des Fontanone auszudehnen, während links, 
auf dem anderen Schenkel des rechten Winkels, den der Fon- 
tanone bei diesem Dorfe bildet, die Division Chambarlhac 
Stellung nahm. Hinter ihrem linken Flügel stand die Kavallerie 
Kellermanns. 

Die französischen Tirailleure hatten sich geschickt in den 
buschigen Ufern des Fontanone eingenistet. So empfing ein 
verheerendes Kreuzfeuer die Brigade Bellegarde, an deren 
Spitze Hadik gegen 10 Uhr oder wenig später den ersten 
Ansturm a uf Marengo unternahm, den das Feuer von fünf 

') Näheres bei H e r r m a n n a. a. O. S. 143 ff. 



408 Die Schlacht bei 

Batterien vorbereitet hatte. Unter klingendem Spiel und mit 
wehenden Fahnen ging es bis an den Graben heran ; dann ein 
mörderisches Kleingevvehrfeuer und in den Graben hinein! 
Doch auf der anderen Seite wurden die Wackeren wieder herab- 
geworfen, und ihren Führer traf die tödliche Kugel, als er 
gerade den Befehl zum Rückzug gegeben. 

Der erste Angriff war blutig gescheitert, und man hätte 
bessere Lehren daraus ziehen sollen. Ihre günstige Stellung 
freiwillig zu verlassen, bevor ihre rückwärtigen Streitkräfte 
gesammelt, konnte den Franzosen natürlich nicht in den Sinn 
kommen. Sollten aber die Österreicher noch weiter ihre Kraft 
durch Frontalangriffe gegen diese Stellung erschöpfen? Zu- 
nächst geschah das. 

Kaim, der das zweite österreichische Treffen führte, nahm 
die erschütterten Bataillone Hadiks auf und ging, wohl etwa 
gegen 11 Uhr, seinerseits zum Angriff vor, der ebenso erfolglös 
blieb wie der erste. Trotzdessen muß man fast zweifeln, daß 
man sich im österreichischen Hauptquartier jetzt schon vöHig 
klar war, welch' schweren Fehler man mit der Preisgabe Ma- 
rengos begangen hatte, und daß der Schlachtplan unter gänzlich 
falschen Voraussetzungen aufgestellt war. 

Zwar erkannte man, von wie großem Vorteil ein Flanken- 
angriff auf die Stellung von Marengo sein müßte, doch war, 
was man in dieser Beziehung jetzt anordnete, so unglückHch 
wie nur möglich. Von den Seitenkolonnen Otts und Oreillys 
hätte ein solcher Flankenangriff wirksamst ausgeführt werden 
können. Muß man nicht annehmen, daß Melas noch immer 
nicht wußte, daß er es bei Marengo mit der Hauptmacht des 
Gegners zu tun hatte, weil er die dadurch gegenstandslos ge- 
wordenen Instruktionen der Seitenkolonnen unverändert Heß? 
Oder war nur Kopflosigkeit daran schuld? Ott hat schließlich 
die persönliche Initiative gezeigt, die Oreilly vermissen ließ, 
aber auch er nicht nachdrücklich genug, und den Verhältnissen 
entsprechend konnte er erst ziemlich spät in den Kampf ein- 
greifen. Welche Wendung hätte die Schlacht genommen, wenn 
ein gleichzeitiger Angriff der drei österreichischen Kolonnen 
in Front und Flanke die Franzosen am Fontanone getroffen 
hätte ! 



Marengo am 14. luni. 409 

Was statt dessen wirklich angeordnet wurde, war ein höchst 
tadelnswerter Angriff der Kavalleriebrigade Pellati in Victors 
linke Flanke in einem Gelände, das die österreichische Ober- 
leitung als höchst beschwerlich, ja für einen Reiterangriff ohne 
Unterstützung von Artillerie und Infanterie sogar als unbrauch- 
bar hätte kennen müssen^). Viele der Reiter blieben denn auch 
im Schlamm des Fontanone stecken, das Gros arbeitete sich nur 
einzeln durch. Kaum waren die Schwadronen am jenseitigen 
Ufer einigermaßen geordnet und verließen, vielleicht zu rasch, 
die schützende Uferböschung, da sprengte Kellermann auf die 
überraschten, noch mangelhaft geordneten österreichischen Dra- 
goner los und warf sie über den Haufen. Eine Panik bezeichnete 
ihren Rückweg; die beiden Regimenter, eines verlor laut Re- 
gimentsgeschichte-) zwanzig Prozent seines Bestandes, waren 
für den weiteren Verlauf des Tages fast unbrauchbar. 

Ungefähr um die Zeit dieses mißglückten Reiterangriffes, 
d. h. er. IIV2 Uhr'), nach dem Angriff Kaims, muß Lannes 
in den Kampf eingetreten sein. Es ist ungewiß, ob er aus 
eigener Entschließung Victor den ihm bei Montebello ge- 
leisteten Dienst vergalt, oder ob für ihn bereits ein Befehl des 
Hauptquartiers anzunehmen ist. 

Berthier, oder gar Bonaparte bereits im ersten Teile 
der Schlacht eine bestimmte Rolle in der Befehlsgebung 
zuzuweisen, ist auf Grund der Quellen überhaupt unzulässig. 

Lannes entwickelte seine Truppen rechts von der Division 
Gardannes längs des Fontanone bis über das Gehöft La Bar- 
botta hinaus. 

Diese Ausdehnung der französischen Feuerlinie bedrohte 
den linken Flügel der österreichischen Hauptkolonne und ver- 
anlaßte deren Gegenmaßregeln. Das Treffen Hadiks war hinter 
dem Kaims inzwischen wieder so weit geordnet worden, um 
von Friedrich Bellegarde dem neuen Feind entgegengeführt 



') Nach Neippergs Bericht iHüffer II, 109) hatten verschiedene 
Offiziere den Angriff für unausführbar erklärt, Zach (Stutterheim sagt 
Melas aber doch darauf bestanden. 

') Theimer, Geschichte des k. k. 7. Ulanenregiments. Wien 1869. 

') Für die Zeitbestimmungen sei allgemein auf „Marengo" ver- 
wiesen, wo den oft sehr abweichenden Zeitangaben besondere Auf- 
merksamkeit geschenkt ist. 



410 Die Schlacht bei 

werden zu können. Indem Kaim gleichzeitig seinen Angriff 
wiederholte, erfolgte jetzt ein solcher auf der ganzen Linie. 
Während dieses Angriffes gelang es auch den ersten verein- 
zelten österreichischen Mannschaften unterhalb Barbotta jen- 
seits des Fontanone sich festzusetzen. Eine Batterie, die La- 
marseille dieser Stelle gegenüber auffahren ließ, schützte diesen 
vorgeschobenen Posten durch ein mörderisches Kartätschenfeuer. 
Hier zuerst gelang es auch den Pionieren, deren sehr verspätete 
Ankunft — sie befanden sich im dritten Treffen — die öster- 
reichische Heeresleitung ebenfalls belastet, einige Laufbrücken 
über den an dieser Stelle zirka 7 bis 8 Meter breiten Graben^) 
zu schlagen. 

In diesem Zeitpunkt wurde Lannes bereits nicht mehr 
allein in der Front bedrängt, auch das Eingreifen Otts machte 
sich fühlbar'-). 

Die Kolonne Ott hatte warten müssen, bis die zirka 
18 000 Mann der Hauptkolonne den Brückenkopf passiert hatten. 
Aus diesem und anderen Umständen läßt sich schließen, daß 
Ott seine Truppen zwischen 11 1/2 und I21/2 — der Weg beträgt 
sechs Kilometer — bei Ceriolo vereint gehabt haben mag. 
Dieses Dorf war bereits vom Gegner besetzt, und die diese 
französische Abteilung zurückdrängenden und auf der Straße 
nach Säle verfolgenden Dragoner brachten die wichtige Mel- 
dung zurück, daß die Straße frei sei. Daraufhin faßte Ott, 
das Irrige seiner Instruktion erkennend, den Entschluß, durch 
eine Rechtsschwenkung dem Gegner in die rechte Flanke zu 
fallen. 

Frühestens gegen 12 Uhr kann diese Bewegung, die den 
Wendepunkt im ersten Teile der Schlacht von Marengo ein- 
leitet, eingesetzt haben, offenbar in dem für Lannes äußerst 
kritischen Moment, als die Österreicher am rechten Ufer des 
Fontanone bereits Fuß zu fassen begannen und auch Marengo 
schon stark bedroht war. Um der neuen Gefahr zu begegnen, 
ließ Lannes durch die 28. Halbbrigade eine hakenförmige Stel- 
lung mit der Front gegen Ceriolo einnehmen. Watrin hatte Ott 
schon vorher ein Bataillon 22er entgegengeworfen. Nicht viel 



') Nach Stutterheim (Hüffer 11, 81) 4 Klafter == 7,6 m. 
') Herrmann a. a. O. S. 152 ff. 



Marengo am 14. Juni. 411 

vor 1 Uhr \vird hier der erste Zusammenstoß erfolgt sein, 
der bald, trotz zweier glänzender Attacken der Brigade Cham- 
peaux, den Österreichern erhebliche Vorteile brachte. Jedenfalls 
hatte Lannes, für den die Lage auch in Front und linker Flanke 
kritisch geworden war, bereits den Befehl zum Rückzug ge- 
geben, als der Erste Konsul auf dem Schlachtfelde eintraf und 
sofort die Division Monnier, die kurz vor ihm auf dem 
Schlachtfeld angelangt war, auf dem bedrohten rechten Flügel 
einsetzte, die 19. Halbbrigade unter Carra St. Cyr an Otts 
linker Flanke vorbei gegen Ceriolo, die 70. unter Schilt gegen 
Ott direkt. In richtiger Erkenntnis dei Lage schickte Ott darauf- 
hin sofort aus seinem zweiten Treffen den General Gottesheim 
zurück, der mit dem Regiment Stuart Ceriolo wiedernahm, 
St. Cyr nach Osten abdrängend^). Monnier hatte inzwischen 
gegen Ott selbst zwar einen Augenblickserfolg errungen, doch 
wurde er bald umfassend angegriffen, so daß er sich nach 
einstündigem Widerstand unter Preisgabe seines Geschützes auf 
San Giuliano zurückziehen mußte"'). 

Um diese Zeit war der Kampf um die Fontanonelinie be- 
reits entschieden; freilich war den Österreichern deren Er- 
oberung und Behauptung noch schwer genug gemacht worden, 
denn Viktor hatte in anerkennenswerter Ökonomie der Kräfte 
auch dann noch nicht alle seine Reserven verbraucht, als 
Lattermanns Grenadiere die oben genannten Laufbrücken über- 
schritten und in Marengo eindrangen. Der tapfere Rivaud, 
der gegen 1 Uhr mit Lattermann zusammenstieß, hat den Öster- 
reichern den Besitz Marengos noch lange bestritten, und als 
endlich das Gros sich zurückzog, blieb in dem Gehöft Ma- 
rengo noch eine Abteilung von 400 bis 500 Mann zurück, 
die schließlich vor den Österreichern kapitulierte. 

') Die Rückzugsbewegung Monniers ist unbestreitbar. Später wurde 
bekanntlich der ganze Rückzug der Franzosen zu einer beabsichtigten 
Frontveränderung gestempelt, die aus einer im wesentlichen nord- 
südlichen Schlachtlinie eine von Nordwest nach Südost gerichtete 
zwischen Ceriolo und San Giuliano, mit Ceriolo als Drehpunkt, gemacht 
habe. Danach hätte Monnier dieses Dorf überhaupt nicht verlassen. 
Es gehört das zu den gröbsten Entstellungen in den schon öfter er- 
wähnten Tendenzberichten. Vgl. auch Cugnac, Darstellung S. 239 ff. 
über das „theoretische Marengo", die Legende von San Ceriolo. 

') Cugnac II, 387 ff. i^Berichte Watrins, Lannes', Monniers.) 



412 Die Schlacht bei 

Mit Marengo fiel diesen auch die feste Brücke über den 
Fontanone in die Hände, so daß sie sich jetzt rasch in die 
Ebene hinaus entwickeln konnten. 

Der Rückzug der Franzosen vom Fontanone artete nicht 
überall gleich in wilde Flucht aus. Auf dem linken Flügel 
naTim er seinen Anfang, Lannes schloß sich ihm an. Der 
Angriff Otts hatte es ihm unmöglich gemacht, den Kampf in 
der Front so nachdrücklich wie bisher fortzuführen. Das be- 
schleunigte den Fall Marengos, der hinwiederum Lannes zum 
Rückzuge zwang, wollte er nicht, wie bereits seine rechte, so 
auch seine linke Flanke vom Feinde angegriffen sehen. Die 
zurückweichenden Franzosen haben hier und da noch Wider- 
stand zu leisten versucht, und namentlich die Kavallerie hat 
immer wieder zum Schutze der Infanterie angegriffen. 

Gleichwohl artete der Rückzug, wenigstens auf dem linken 
Flügel, schließUch teilweise in Flucht aus. Selbst die Fassung 
des offiziellen Armeebulletins vom 15. Juni läßt daran keinen 
Zweifel^). 

Nur eine Episode dieses ersten Teiles der Schlacht bei 
Marengo bildet der Kampf der Konsulargarde, der an dem 
Schicksal der Schlacht nichts zu ändern vermochte. Die Einzel- 
heiten sind hier sehr unsicher, namentlich, da auf französischer 
Seite entweder nur kurze, nichtssagende Notizen, oder aber ganz 
tendenziös gefärbte Berichte vorliegen, die niedriger gehängt 
werden müssen, ohne daß man deshalb der Tapferkeit der 
kleinen Truppe, die der späteren Kaisergarde schon hier alle 
Ehre machte, die lebhafteste Anerkennung zu versagen braucht. 
Noch mit Monnier zusammen wird die Garde gefochten haben, 
jedenfalls war sie aber die letzte Truppe, die geordneten 
Widerstand leistete, dadurch den arg bedrängten rechten Flügel, 
als er bereits weit zurückgedrängt war, entlastete und vor 
allen Dingen Zeit gewann, worauf es in diesem Augenblick 
vornehmlich ankam. 

Von La Buzana und Li Poggi aus erfolgte der Aufmarsch 
der Garde in nordwestlicher Richtung durch die zurückweichen- 
den Bataillone Lannes' hindurch Ott entgegen. Der erste Zu- 



*) Cugnac 11, 419; Titeux a. a, O. p. 90 (Bericht eines Augen- 
zeugen) u. V. a. 



Marengo am 14. Juni. 413 



sammenstoß, der Angriff der Lobkowitz-Dragoner auf die Garde, 
war ein wenig rühmliches Vorspiel der Vorgänge von San 
Giuliano (s. unten). Nach kurzem Feuer der französischen Ti- 
railleure machten die Dragoner Kehrt, und eine unverzüglich 
ihnen nachsetzende Kavallerieabteilung brachte Otts Infanterie in 
nicht geringe Verlegenheit. Das selbständige schneidige Ein- 
greifen eines Bataillons vom Regiment Spleny, das mitten aus 
der im Aufmarsch begriffenen Infanterie heraus vorrückte und 
die Kavallerie durch ihr Feuer zurücktrieb, befreite sie hieraus. 
Oottesheim führte nunmehr einige Bataillone zum Angriff auf 
die Garde, und ein lebhaftes Feuergefecht entspann sich. Nur 
ein Angriff mit blanker Waffe konnte eine rasche Entscheidung 
bringen, und sie erfolgte auch, als plötzHch Oberst Frimont 
mit einigen Schwadronen von Marengo her der Garde in den 
Rücken fiel und damit ihr Schicksal besiegelte. Nach erheblichen 
Verlusten^) flüchteten die Trümmer der Garde. 

Es mag zwischen 31/2 und 4 Uhr gewesen sein, als da- 
mit die Schlacht auf dem rechten Flügel abbrannte, nachdem 
— die verschiedenen Zeitangaben lassen durchaus diese Fest- 
stellung ZU") — gegen 2 Uhr die rückgängige Bewegung der 
Franzosen vom linken Flügel her ihren Anfang genommen hatte. 

„Comandee par le Premier consul lui meme" stand auf 
dem Ehrensäbel, den die dankbare Republik dem General 
Victor für