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Full text of "Der Börsen- und Gründungs-Schwindel in Berlin"

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DER 

BÖRSEN- UND GRÜNDUNGS-SCHWINDEL 

IN DEUTSCHLAND. 



Vebersetzimgert in fremde Sprachen werden ausdrücliich nicht vorbehalten, 
sondern gern frdgeejehen. Dagegen sind längere Aussiige und Mittheilungen 
nur mit Genehmigung der Verla gshandhmg gestattet. Die Liste aus dem 
Capitel „Xolkswirtheund Gründer im Parlament" darf nicht nachgedriickt werden. 



DER BÖRSEN- 



UND 



RÜNDÜNGS-SCHWINDEL 

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IN j)eutschland: 



(ZWEITER THEIL YOX „DER BÖRSEN- UND GRUNDüNGS- SCHWINDEL 
IN BERLIN'.) 



VON 



OTTO GLAGAU. 



„Aufgeklärt muss werden und Jedermann 
muss überzeugt werden, dass mit der Fackel 
bis in den letzten Winkel hineingeleuchtet worden 
ist. Dann wird das Volk beruhigt sein " 

Herr Lasker am 15. Februar 1873 
im Preuss. Abgeordnetenliause. 



LEIPZIG. 

VERLAG VON PAUL FROH BERG. 

1877. 






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(fr miip4' il)u öffiifn öEiin !u Coli uub JJrfire. 

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ttlfr l'.ül)iier ift, bfr möiit Tidi liffdirnnkrii 
Uu roonbclii niif bem nnsnftrftiirii ilfnbe 
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Jllou miilTf bfiii ßfbiirftiiß l!fd)nuuiji tniijru 
Unb iiid)t btti tiiiib niisfdiUttEU mit'btm ßnbf 1 

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Df6 CeüfHB Unum bnrdjninUtn, von bcr U)iiibel 
ßis nu bns önljrtudj — Uicmanb niirb il)ii frijloiuu. 

lüfnn nbfr ©iiirr M) aus btm (riffnibjl 

tifrnusiirfift einen, iljn btm lloll; p jtiatn 

Unb niisuiruffn: ,,*fl!t! 0er mnrijt btn ^rtjiuinbel!'' — 

Dann roirb Coijlcidi, nndibfui bns rrftc 5diuifiiifn 
Des Ädired;s liebrodjeu ift, bis nn bie Sterne ' 
ein Ciirm fidj Ijebcn unb ein fäfterreirten: 

„tjört nur! (?r fudit *cnnbnl unb Ijnt ilin nerne! 
boA) nuiii' er uiriit (Cieljür }n ftnbtu l)offen — " 
Uns Cbien flelju jjerfijnlidjlifiten ferne!" 

3o rufen 3iüe, bie iujieidi oetroffen 

Sid) fiiljlen, nienu bie'fdjiuereu tUorte fdioüen, 

Unb fidj ;u i^iißcu feliu beu ^Vbyrnnb offen. 

Dnnn U)erfeu in bie firuft fidj bie ünfnlleu 
Des J"iirften ffiolb, bie Ijödilt eljrlinreu Ceute; 
Denn Cljrbnrkeit ift eiijen iljuen Allen: 

Uub nns iiebuniineu ölätteru kläfft bie jtleute: 
„Stoiift iljm beu iUunb! üerjnnt ihn uon ber Öiiljne! 
ÜJcrft iljn uns l;in als Inngrt miükouunue ßeute:" 

Dnnu lieft mnu uon (fvrciren ber (iribiine, 
Uou Uebef redil)f it, uon beu böfeu 3ciriien 
Der peit uub uon ernftlidj erljeifdjter Üliline. 

(!) })ljttriräer, t)euri)ler ohne ©leidjen, 

Die il)r nidit keuut $ä)en, {\üikM)t ober (?l)re, 

Ulenu'5 gilt iieuieineu üortl;eil iu erreidjeu — 

JUie jittert in beu ijnuben eud) bie Sdieere! 

(D lent Tie liin, bnfi nidit Tie eure tjrinbe 

Unb, was norii luidjt'uer, bie Coujious uerfelire — 

Unb merlit: Dies ifl btr Slufauij, nidjt bns gube: 

ilfadderadatfift, oin 13. JlpriE 1873, nndi den 
ßilsHCi'fdicu „Sntfiäffungcu". 



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Die UitU ^riiiifdiitit. 



Cnuiift mnr ntftürjt, lufallfu nibliri) 

jirbiurbc fnule (Sriinbfrfi, 

Uiib 3cbcm frijicii es fflüftucrfiniiblidi, 

Dnf, iiuit itidits iiitl)r 511 nriiitbfit fei. 

Da brirtit mit luiitljciibcm Yirfi1)iiaubr, 

Dtm (Eure iiifidj im i^tnirfiiliinl, 

ticr (ö In (in II nus bfr „(rmrtculnnbf ' 

iliib iiriiiibrt — uriiubtt bcn ^cniib 



Ütaildcrailntl'l, nm 20. fcCninr 1876, imrfi rltn 
CJlrtgmrfifitn CiitfiüIIungcn. 



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Inhaltsverzeichniss, 

Seite 

lliipcrföiilid) 1"V 

flic Icljtc ©rüttbiutg "V 

Vorwort VII 

Zur Einleitung XVll 

Das Actiengesetz und das „Milliardengeschäft" .... 

Die „Hebung" der Industrie 2Ii 

Die Blütlie der Industrie G6 

Der Triumph der Industrie 120 

„Starker Tabak" 148 

Es fehlt an Jod! 216 

Textil-Gründungen 25S 

Die Wohlthäter der Gesellschaft 3c 

Die Presse im Dienste der Börse und der Gründer . . 439 

„Volkswirthe" und Gründer im Parlament 493 

Register 557: 



Vorwort. 

Als Anfang 1876 der erste Tbeil dieser Schrift erschien, 
war ich nicht darauf gefasst, dass er solch Aufsehen er- 
regen würde, da ein grosser Theil des Inhalts bereits durch 
die „Gartenlaube" weite Verbreitung gefunden hatte. Das Buch 
gab Veranlassung zu stürmischen Parlamentsdebatten. Am 
5. Februar citirte es im Deutschen Reichstag der Abg. von 
Ludwig gegen Herrn Miquel, aber er wurde von Eugen Richter 
undConsorten förmlich niedergeschrieen, und selbst sein Fractions- 
genosse, Herr Windthorst- Meppen, hielt es für nöthig, ihn 
feierlich zu desavouiren. Herr Lasker versicherte, mein Buch 
enthalte ,, wissentlich oder unwissentlich Unwahrheiten", weil 
es u. A. behaupte: seit dem Tode des Dr. Zabel wären er 
(Lasker) und Bamberger die eigentlichen Redacteure der „Natio- 
nalzeitung". Mit dieser echt talmudistischen Finte suchte 
Lasker die Anklage gegen seinen Freund, den grossen Gründer 
Miquel zu pariren; und der moderne Cato benutzte die Tribüne, 
um ein Buch zu verdächtigen, von dem er nur gehört, das er 
selber gar nicht gelesen haben wollte ! Herr Miquel vertheidigte 
sich jammerliaft, aber fast die gesammte Deutsche Presse, bis 
nach Petersburg und New-York hin, erklärte: Miquel habe sich 
„würdig" und „glänzend" gerechtfertigt. 

Als am 29. März 1876 der seit drittehalb Jahren vergrabene 
Bericht der Special-Untersuchungscommission über das Eisen- 
bahn- Concessionswesen im Prcuss. Abgeordnetenhause endlich 



— VIII — 

zur Berathimg kam, war es der mehrfache Gründer, Herr von 
Kardorif, der sich meines Buches bediente, um für die Kränkungen, 
die er von Lasker erlitten, Revanche zu nehmen. Noch kurz 
vorher hatte er sich gerühmt, dass er nicht den „courage du 
ruisseau" besitze, und nun hiess er mich öffentlich den „Haupt- 
matador unserer Pasquillanten". Das aber hatte ich am wenigsten 
um Herrn von Kardorif verdient. In der Vorrede zu meinem 
Buch habe ich den famosen Brief abgedruckt, woselbst ein 
Parlamentarier sich entschuldigt: er sei unter die Gründer ge- 
gangen, um ,,ohne Vermögensverluste" als Gesetzgeber wirken 
zu können; aber voll grossmüthiger Schonung hatte ich ver- 
schwiegen, dass dieser praktische Volksvertreter Herr von Kar- 
dorff ist. Zum Dank dafür schmähte er mich nun im offenen 
Parlament! Aber noch mehr. Ludolf Parisius, den ich mit 
Ehren genannt, weil er im Landtag einst darauf hingewiesen, 
dass die Polizeipräsidenten von Wm-mb, von Gerhard und von 
Brandt als Aufsichtsräthe von Actienunteruehmungen fungirten 
— Herr Parisius sprang auf und rief: Mein Buch beweise, „mit 
welcher Frechheit und Nichtswürdigkeit eine gewisse Art von 
Schriftstellern verfährt", mein Buch enthalte „Liig-cu und Ter- 
leumdiingeu*' — weil es behaupte: die Stelle, welche Lasker 
als Syndicus des Städtischen Pfandbriefamts bekleidet, ist eine 
Sinecure. „Die Stadt Berlin vergiebt keine Sinecuren !" donnerte 
Parisius; und selbst Lasker sah sich genöthigt zu bemerken: 
Das Pfandbriefamt ist „kein eigentlich städtisches Institut, son- 
dern nur unter Aufsicht der Stadtbehörden eine Gesellschaft, 
die auf Gegenseitigkeit beruht". — Die Stelle des Herrn Lasker 
ist „eine sehr mühevolle und sehr verantwortliche, bei der 
täglich die Arbeit noch wächst", declamirte Herr Parisius; und 
nun frage ich diesen Biedermann: Wie nennt man eine Stelle, 
die es Herrn Lasker erlaubt, 9 Monate in den Parlamenten zu 
sitzen, und im Sommer 3 Monate auf Reisen zu gehen? Wenn 
das keine Sinecure ist, was ist es denn sonst? — Allein es 
sollte noch besser kommen. Noch in derselben Sitzung kehrte 



IX 



sich Herr Parisius gegen von Kardorflf, weil dieser mich einen 
Pasquillanten genannt, und er erklärte nun lolötzlicli: „In dem 
Buche steht aucli sehr viel Wahres". — Ist das nicht, um 
tiell aufzulachen, und kann man einen solchen Mann üherhaupt 
ernsthaft nehmen ? ! Herr Parisius hat seinen völligen Mangel 
in Geschmack und Tact bereits durch seine Schrift bewiesen: 
,Des Herrn Referendarius Heinrich von Mühler Gedichte"; Herr 
Parisius gilt bei seinen eigenen politischen Freunden für einen 
3chwachkopf, und bei den Nachwahlen zum Reichstag hat man 
hn als eine „komische Figur" fallen lassen. Herr Parisius ist. 
Nie ich hinterher gefunden, selber Aufsichtsrath. Unter seinem 
Vorsitz vollzog sich im „Berliner Aquarium" die Palastrevolution, 
yelche den bisherigen Director, Dr. Brehm stürzte, und an 
lessen Stelle den persönlichen Freund des Herrn Parisius setzte. 
lerr Parisius, der 1871 gegen Beamte als Aufsichtsräthe eiferte, 
st inzwischen glücklich dahin gekommen, dass er in einem 
Wahlverein äusserte: Die Gesetzgebung und speciell das Actien- 
gesetz ist an der wirthschaftlichen Nothlage nicht schuld, da 
3S in anderen Ländern, z. B. in Oesterreich, nicht besser aussieht. 
Die Sitzung vom 29. März 1876, in welcher der Bericht 
1er Special -Untersuchungscommission auf der Tagesordnung 
itand, bot ein unsagbar klägliches und geradezu ekelhaftes 
Schauspiel. Herr Lasker, der aus einem Ankläger ein Ange- 
ilagter, ein Anwalt der parlamentarischen Gründer geworden, 
ivusste durch eine seiner unendlichen öden Reden die Sache 
odt, das Haus müde und mürbe zu machen. Erst in später 
J^achmittagsstunde, als der Saal sich schon gelichtet, die ent- 
;äuschten Zuhörer die überfüllten Tribünen bereits verlassen 
latten, gelangte der Abgeordnete Schröder-Lippstadt zum Wort, 
ind er trat nun ritterlich für mein Buch ein, ohne sich durch 
las Geschrei der „liberalen" Gründer irre machen zu lassen. 
Wie sie sich auch sträubten und krümmten, sie mussten Stand 
aalten, und unter seineu Geisselhiebcn schlugen sich, wie die 
jStaatsbürgerzeitung" sagte, „die letzten Gründertödtcr sachte 



- X — 

in die Büsche". Es war in der That, eine grosse schmachvolle 
„Retirade", die Herr Lasker und Genossen ausführten. Herr 
von Bennigsen schien zuerst den Präsidentenstuhl ruhig be- 
haupten zu wollen, und verliess ihn erst, als seine vielberufene 
Gründung: Hannover-Altenbecken in Sicht kam. 

Auch in den Gerichtssälen fand mein Buch ein Echo. Es 
wurde gegen die Gründer geltend gemacht, und dann auch 
wieder von diesen, zu ihrer Vertheidigung angerufen. So in 
einem Prozess vor dem Berliner Criminalgericht, wo die Ange- 
schuldigten an der Hand meines Buches beweisen wollten, die 
von ihnen verübte Gründung sei unter allen sonstigen mit die 
beste und anständigste. So selbst in jenem vielgenannten Cri- 
minalprozess zu Moskau, wo der Angeklagte Landau aus meinem 
Buche lange Stellen zur Charakteristik seines Genossen und 
angeblichen Verführers, ßaruch Hirsch Strausberg, vorlas. 
Nebenbei bemerkt, hat die Presse, einschliesslich der Tele- 
graphen-Bureaux , in Sachen des „Eisenbahnkönigs" so schau- 
derhaft gelogen, dass man noch heute nicht weiss: ist dieser 
Mann verurtheilt, oder wird er noch immer blos als „ Zeuge '^ 
in Russland festgehalten? Jedenfalls beweist die Reclame, die 
in den Zeitungen unaufhörlich für Strausberg gemacht wird, 
dass der angeblich jetzt ganz mittellose Wunderdoctor nach 
wie vor über grosse Mittel verfügt. 

Von der Presse, die ich ja als Mitschuldige des grossen 
Schwindels gekennzeichnet habe, ist es natürlich, dass sie an 
meinem Buch keinen Geschmack finden konnte. Nur wenige 
Zeitungen Hessen ihm Anerkennung widerfahren, aber selbst diese 
brachten keine eingehende Besprechung. Verschiedene Blätter, 
darunter der „Deutsche Reichs- und Preuss. Staatsanzeiger", 
forderten Recensionsexemplare ein, wagten aber trotzdem keine 
Recension. So gefährlich erschien Allen mein Buch! Um ihrer 
Wuth Luft zu machen, begann die Gründer-Presse umher zu 
suchen, ob sie nicht irgend etwas fände, das mich verdächtigen 
oder blosstellen könne. Die Stettiner „Ostseezeitung" „enthüllte" 



XI 



plötzlich, dass ich in einem 1864, also vor 12 Jahren, geschrie- 
benen Artikel über Fritz Reuter, „Olle Kamellen" mit „Alte 
Kamelien" übersetzt hätte. Diese „Enthüllung" soll in der 
Berliner „Volkswirthschaftlichen Gesellschaft" verabredet sein, 
und machte nun die Runde durch die Presse. Ich spreche 
nicht von solch untergeordneten Blättern, wie Berliner „Tribüne", 
„Leipziger Tageblatt", aber selbst Journale ersten Ranges, wie 
die „Weser -Zeitung" und das „Weltblatt", die „Kölnische" 
schämten sich nicht, eine solch alberne Geschichte zu über- 
nehmen. Hätte ich jenen Lapsus wirklich begangen, was läge 
daran, was wäre damit bewiesen? Indess war ich im Stande 
schlagend darzuthun, dass er mir gar nicht einmal zur Last 
fällt, dass ein blosser Druckfehler vorliegt, und ich forderte die 
Berichtigung, aber etliche Blätter verweigerten dieselbe! Eine 
andere „Enthüllung", die von Berliner Zeitungen ausging, be- 
schuldigte mich eines Plagiats, das ich gleichfalls vor langen 
Jahren verbrochen haben sollte. Welchem Schriftsteller könnte 
nicht ein solcher Vorwurf gemacht werden, und gegen wen 
ist er, mit Recht oder Unrecht, nicht erhoben worden! Sogar 
gegen unsere Klassiker! Ich gehöre zu denjenigen Autoren, 
die selber arg geplündert, mehr benutzt als genannt worden 
sind, und ich habe mich darum nie bekümmert. Allerdings 
versuchte man einmal im „Literarischen Centralblatt" und im 
„Magazin für die Literatur des Auslandes" mich als Plagiator 
hinzustellen, weil ich in einer Reiseskizze den Artikel eines 
Andern, ohne Quellenangabe, benutzt haben sollte; worauf ich 
einfach erwiderte, dass ich mich begnügt, diejenige Quelle zu 
nennen, aus welcher wir Beide — ich und der Verfasser jenes 
Artikels — gemeinsam geschöpft haben. 

Einen Hauptstoss unternahm dasjenige Blatt, welches, wie 
kaum ein anderes, den grossen Schwindel genährt und ihm 
mit allen Kräiten gedient hat, die Berliner „Nationalzeitung". 
Nachdem sie verschiedentlich von dem walmsinnigen Denun- 
cianten Titus Gates gesprochen, über den geifernden Thersites 



— XII - 

geklagt, der mit seinen Verleumdungen den Markt beherrsche, 
und über den schleichenden Basilio gezetert, der aller "Welt 
erzähle, was für schändliche Dinge Thersites behaupte — brachte 
sie ein Sonntags -Feuilleton von Karl Frenzel, unter dem 
packenden Titel: „Ein kurzes Capitel von der Verleumdung". 
Herr Frenzel, zu „anständig" und zu tapfer, um die Dinge und 
die Personen bei ihrem vollen Namen zu nennen, weil er 
sonst vor den Strafrichter geladen werden, oder sich eine 
anderweite Ahndung zuziehen könnte — tischt seinen Lesern 
folgendes Geschichtchen auf: „Gustav ist ein kleiner Speculant, 
mühsam hat er sich einige tausend Thaler erworben und 
einige glückliche „Coups" damit gewonnen. Ein neues Un- 
ternehmen taucht auf, eine Lindenbaugesellschaft. Das „Pro- 
ject" leuchtet ein, der „Prospect" verspricht bedeutende Divi- 
denden: Gustav legt sein Capital darin an und verliert Alles. 
Jetzt kommt die Wuth über ihn, eine berechtigte Erbitterung, 
er stützt das Haupt auf den Arm und greift zur Feder Juve- 
nals. Die Gründungen sind hin, werft ihnen die Gründer nach!" 
— Nun, Herr Frenzel, Sie erzählen ganz hübsch, aber Sie 
bleiben nicht bei der Wahrheit. Lassen Sie mich die Geschichte 
berichtigen-, ich kenne jenen Gustav genau, und ich kenne auch 
einigermassen — Sie, Herr Frenzel. — Gustav ist kein Specu- 
lant, sondern er ist Ihresgleichen; er war sogar viele Jahre, 
d. h. vor dem Schwindel, Ihr Wandnachbar, nämlich Mitar- 
beiter an dem Feuilleton der „Nationalzeitung". Gustav hat 
keine glücklichen „Coups" gemacht, sondern Alles, was er 
besass, mit seiner Feder redlich erworben. Er beging nur die 
Thorheit für sein gutes Geld Actien des „Lindenbauverein" 
zu kaufen. Der „Prospect" verlockte ihn nicht, denn die Grün- 
der, darunter eine Excellenz, waren so vorsichtig gewesen, 
gar keinen „Prospect" zu veröffentlichen, und das rettete sie 
vor dem Gefängniss. Sie standen acht Monate in Untersuchung, 
und der Staatsanwalt erklärte schliesslich zu den Acten, dass 
hier ein grosser schändlicher Betrug vorliege, der moralisch 



- XIII — 

unbedingt zu verurtheilen, aber strafgesetzlich leider nicht zu 
fassen sei. Nein, Herr Frenzel, was Gustav bewog, die Actien 
zu kaufen, war der Glaube an Ihre eigene tugendsame Zeitung, 
waren die redactionellen Reclamen in der „Nationalzeitung". 
Ihr College, Herr Julius Schweitzer, für den Sie so begeistert 
eingetreten sind, meldete in Nr. 73, 74, 78, 80, 83, 89, 91 und 
99 der ,, Nationalzeitung", Jahrgang 1872 — lesen Sie gefälligst 
nach, Herr Frenzel — von dem „Lindenbauvereiu" lauter Gutes 
und Glückliches, z. B. dass das aufgelegte Actiencapital weit 
überzeichnet sei, und eine starke Reduction der Anmeldungen 
stattfinden müsse, dass für mehrere Parcellen bereits hohe 
Offerten vorlägen, ja dass ein Eckgrundstück mit 9000 Thaler 
die Quadratruthe und andere Parcellen ähnlich bezahlt worden. 
Daraufhin kaufte Gustav die Actien, und er fand sich schmählich 
betrogen, indem es sich herausstellte, dass von all' jenen Mel- 
dungen kein Wort wahr, Alles miteinander erlogen war. 
Gewiss war der Verlust schmerzlich, aber nicht deshalb 
griff, wie Sie fein insinuiren, Gustav „zur Feder Juvenals". Er 
schrieb seine Artikel gegen den Schwindel und die Schwindler, 
um das Publikum aufzuklären. Hätte er jene Artikel abge- 
brochen, hätte er auch nur einzelne Persönlichkeiten verschont 
— er hätte seinen Verlust zwauzigmal einholen können. Man 
hat ihm, was er beweisen kann, direct und indirect viel Geld 
geboten; aber er nahm es nicht, er schrieb ruhig weiter. Sie, 
Herr Frenzel, und andere kluge Leute werden das für unglaub- 
lich oder doch für sehr einfältig halten. Sie schliessen Ihr 
Feuilleton mit den Worten: „Denn ach! ich schlage an meine 
sündige Brust; wir Alle, ob wir nun Otto oder Anton, Hein- 
rich oder Karl heissen, ob wir die Gründer- Aera segnen oder 
verwünschen: wir schreiben nur, weil wir es brauchen, 
sonst schrieben wir gewisslich nicht!" — Das also ist 
Ihr Glaubensbekeuutniss, Herr Frenzel? — Sie heissen ja wol 
Karl mit Vornamen? — und in der That Sic handeln darnach. 
Sie sind ohne Frage ein Mann von Kenntnissen und Geschmack, 



— XIV - 

Sie stehen als Kritiker in meinen Augen noch höher als selbst 
Herr Paul Lindau, Sie haben in allen ästhetischen Dingen ein 
feines sicheres Urtheil. Warum schreiben Sie nun jahraus 
jahrein jene drei- und vierbändigen Romane, die noch lang- 
weiliger sind als das ödeste Leihbibliothekenfutter, und die für 
Ihre zahlreichen Verleger so schmerzliche Erinnerungen bilden? 
Warum reissenSie den grossen Dichter Paul Lindau, der Sie in 
seinem Stücke „Ein Erfolg" carikirt hat, in der „National- 
zeitung" als blossen Macher herunter, und heben ihn dann wie- 
der in der „Deutschen Rundschau" auf den Schild, indem Sie hier 
sagen: Paul Lindau ist ein Charakterkopf, den man auf der 
modernen Bühne nicht übersehen darf? Warum wenden Sie 
sich zuerst gegen Herrn von Hülsen, der es geduldet hat, dass 
Paul Lindau Sie auf die Bühne brachte, und tragen hinterher 
den Berliner General-Intendanten in die Tafeln der Geschichte 

ein? Sie thun das Alles, weil Sie es leider Gottes! nöthig 

haben; „Sie schreiben nur weil Sie es brauchen, sonst 
schrieben Sie gewisslich nicht". Sie haben auch „Ein 
kurzes Capitel von der Verleumdung" schwerlich aus eigener 
Ueberzeugung, nur im Auftrag Ihrer Kostgeber geschrieben, 
denn wenige Monate nachher eiferten Sie gegen die „Wagnerei" 
in Baireuth und nannten sie in dem jetzt gebräuchlichen omi- 
nösen Sinne eine „Theater gründung". So scharf verur- 
theilen Sie hier; und doch ist die „Wagnerei" eine Gründung 
bloss in der Familie, die nur die Leute angeht, die sich dazu 
verbunden haben, und die, wie es scheint, mit ihrer Stiftung 
ganz zufrieden sind. 

Freilich, Herr Frenzel, Ihr Glaubensbekeuutniss gilt für 
Sie und die ungeheuere Mehrzahl Ihrer Collegen. Aber keine 
Regel ohne Ausnahme, und als solche Ausnahme erlaube ich 
mir Ihnen jenen Gustav oder Otto — wie Sie wollen — vorzu- 
stellen. Alles, was Gustav oder Otto geschrieben — und er 
schreibt allerdings nicht zu viel — hat er aus voller Ueber- 
zeugung, ja aus innerem Drange, sonder Zwang, Furcht oder 



— XV — 

icksicht, und stets mit voller Verantwortlichkeit geschrieben. 

: gehört zu den Schriftstellern, die nicht ihre Feder modeln, 

nachdem sie für dieses oder jenes Blatt schreiben, sondern 

e umgekehrt verlangen, dass das betreffende Blatt ihnen Con- 

ssiouen mache. Ohne Frage ist diese Species schon selten 

worden, aber sie ist, dem Himmel sei Dank! noch immer 

cht ausgestorben. Und damit Gott befohlen, Herr Frenze!! 

Auch die jüdischen Witzblätter,„Kladderadatsch", „Wespen" 

d „Ulk", die ihren Glaubensgenossen Lasker, wegen seiner 

Enthüllungen" gegen die Gründer, unter die Sterne versetzt 

ben, waren eifrig bemüht, mich als blossen „Verleumder" und 

iandalmacher" hinzustellen. Zwar leben wir in einem christ- 

h-germanischen Staat, aber was bei uns dem Juden recht ist, 

dem Christen nimmer billig; dieselbe Sache, für die der 

ie mit Ehren überschüttet wird, trägt dem Christen nur 

hn und Schimpf ein. Um den zweiten Theil meines Buches 

Voraus zu discreditiren, verbreitete die Gründerpresse im 

rbst 1876: ich sei wegen Beleidigung eines Aufsichtsraths 

iter Ausschluss der Geldbusse" zu drei "Wochen Gefängniss 

urtheilt, und publicirte später noch andere, ebenso unmög- 

le Erkenntnisse. „Ueber Land und Meer", die Zeitschrift 

Herrn Eduard von Hallberger, auch eines mehrfachen Auf- 

itsraths, brachte einen langen Artikel zur Verherrlichung 

Baruch Hirsch Strausberg, und liess hier einfliessen: der 

hter habe mich der „Verleumdung" schuldig befunden. 

I leicht kann bei den Tausenden von Namen und Daten, 

mein Buch enthält, eine Unrichtigkeit, ein Irrthum unter- 

fen; aber das wäre noch keine Beleidigung oder gar „Ver- 

mdung"! Allerdings haben wegen des ersten Theils drei 

sonen gegen mich geklagt, drei edle Juden, aber diese 

zesse schweben noch, und zwei der Kläger haben sich in 

ge ihrer Klage ein Einschreiten der Staatsanwaltschaft zuge- 

en, wegen ihrer Betheiligung an den von mir behandelten 

indungen und wegen wissentlich falscher Denun- 



XYI 



ciation. Weiteres werde ich nach Austrag der Prozesse mit- 
theilen. 

Auch dieser Theil, darauf bin ich gefasst, wird in der 
Gründerpresse ein Wuthgeschrei, eine Fluth von Verdäch- 
tigungen hervorrufen, und darum will ich dem Leser einen 
Fingerzeig geben. Diejenigen Blätter, die sich gegen mich am 
ärgsten geberden, sind durch ihre Theilnahme und Mithülfe 
beim Schwindel am schwersten compromittirt. 



In dem vorliegenden Bande behandle ich die gegründeten 
Fabriken und Verwandtes-, dazu „Die Presse im Dienste der 
Börse und der Gründer" und „Volkswirthe und Gründer im 
Parlament". Diese beiden Capitel habe ich mit Rücksicht auf 
den ohnehin schon so grossen Umfang des Buchs nur skizziven 
können. Für diese beiden Themata steht mir noch ein reiches 
Material zu Gebot, das ich späterhin verarbeiten werde. Sollte 
der zweite Theil eine ähnliche Aufnahme finden, wie der erste, 
so ist es meine Absicht noch einen dritten folgen zu lassen, 
hier die Bergwerke, Banken und Eisenbahnen zu besprechen, 
und ausserdem folgende Artikel zu bringen: Die General- 
versammlungen und das Publikum; Die „Entgrün-' 
düngen"; Die „invaliden"Reichsfonds;DieGründer vor 
Gericht; Die Folgen des Schwindels; Der Segen des 
„Krachs"; Die Mängel und Schäden des Actienwesens. 

Zum Schlüsse bemerke ich noch, dass nunmehr auch mein 
Schauspiel „Aktien" im Buchhandel erschienen ist. Obwol 
dieses Stück, das den Börsen- und Gründungsschwindel dra- 
matischvorführt, von hervorragenden Dramaturgen und Theater- 
directoren für höchst bühnenwirksam erklärt worden ist, hat es 
bisher doch noch keine Bühne aufzuführen gewagt — aus blosser 
Furcht vor den Juden und Gründern. So blieb mir nichts übrig, 
als das Schauspiel dem Publikum durch den Druck zugänglich 
zu machen. 

Berlin, Aiml 1877. Otto (xlagan. 



Zur Einleitung. 

Die Geschichte der Gründungen und Emissionen von 1870 
bis 1873 ist die Geschichte eines unerhört grossen und frechen, 
raffinirten und intensiven Schwindels, vrie er sonst noch nicht 
dagewesen. Der Statistiker Enge], selber ein vielfacher Gründer, 
berechnet die Coursverluste, welche das Publikum bei den an 
der Berliner Börse gehandelten Actien erlitten, auf etwa 700 Mil- 
lionen Thaler. Von den Gründungen der Schwindelperiode ist 
jedoch kaum die Hälfte im Berliner Courszettel zur Notirung 
gekommen, so dass man den Gesammtverlust auf gut 1500 Mil- 
lionen Thaler veranschlagen darf — eine Summe, welche die 
riesige Kriegsentschädigung, welche Frankreich leisten müssen, 
weit übertrifft. Was aber bedeuten diese Coursverluste gegen- 
über den Wunden, welche der Schwindel dem allgemeinen 
Wohlstand geschlagen; gegenüber der Krisis in Handel und 
Industrie, die seit Jahren Deutschland verheert, und deren Ende 
noch gar nicht abzusehen ist; gegenüber dem Nothstand, der 
auf dem Volke lastet, dasselbe mit Unzufriedenheit und Er- 
bitterung erfüllt, immer grössere Schaaren der Socialdemokratie 
in die Arme treibt, und an verschiedenen Orten bereits Krawalle 
und Revolten hervorgerufen hat! Wie viel hat das Deutsche 
Volk an seinem Rufe und Ansehn eingebüsst ; wie schnell ist 
der Ruhm, den es eben errungen, wieder verblasst und ver- 
blichen ! Wie viel hat es verloren an P^hrlichkeit und Moralität, 
an Tugend und Religion, an Arbeitslust und Sparsamkeit, an 

Glagau, Der Börseuschwindel. II. b 



— XVIII — 

Zucht und Sitte! Die schwersten und unnatürlichsten Ver- 
brechen sind an der Tagesordnung, Mord und Raub, Einbruch 
und Diebstahl machen Stadt und Land unsicher, Betrug und 
Unterschlagung grassiren wie Seuchen, der Selbstmord ist epi- 
demisch geworden. Bettler und Vagabunden streifen in Schaaren 
umher, die Gefängnisse und Strafanstalten sind überfüllt, die 
Zahl der Civil- und Criminalprozesse, der Concurse, Subhastationen 
und Executionen ist Legion. 

Alles das sind die unmittelbaren Folgen des Börsen- und 
Gründungsschwindels, und dieser ist wieder in der Hauptsache 
das Werk der Juden und Semiten. Bei der ungeheuren Mehr- 
zahl der Gründungen sind die eigentlichen Urheber und Macher 
— Juden, und ihre Helfershelfer recrutiren sich leider aus allen 
Schichten der Gesellschaft bis hinauf zum hohen Adel und bis 
zu den ersten Beamten. Ihre Hauptverbündeten aber, deren 
Hülfe in Rath und That, deren Eiufluss und Macht sie zu ge- 
winnen wussteu, waren „Volkswirthe" und Parlamentarier, Li- 
teraten und Advocaten. 

Wie die Gründung fein einzufädeln, das Gesetz schlau zu 
umgehen, die Gründer vor Gefahr und Schaden, d. h. vor Ver- 
antwortlichkeit zu bewahren seien, das lehrte und zeigte der 
Advocat. Ein und derselbe Advocat entwarf die Statuten, nahm 
die einzelnen Acte auf, insceuirte die verschiedenen Gründungs- 
Komödien, bescheinigte, dass die nöthige Einzahlung auf das 
gezeichnete Actiencapital geleistet sei, stellte die Anträge beim 
Handelsrichter, und entwarf für diesen sogar die Vei- 
fügungen, die meistens acceptirt wurden. Ein und derselbe 
Advocat fungirte als Notar bei der constituirenden und bei den 
späteren Generalversammlungen, wo er, wenn die Actiouäre 
rebellirten, den Gründern tapfer beisprang-, oder aber er Hess 
sich in den Aufsichtsrath wählen, was das famose Actiengesetz 
nicht einmal verbietet, und waltete dann als „Syndicus" der 
Gesellschaft. Gewisse Berliner Rechtsanwälte sassen als Auf- 
sichtsräthe gleichzeitig wol in einem Dutzend von Gesellschaften, 



— XIX — 

die sich zum Theil untereinander Concurrenz machten. Gewisse 
Berliner Rechtsanwälte waren von den Gründern besonders ge- 
sucht; sie haben die meisten und die faulsten Gesellschaften 
ins Werk setzen helfen. Einer von ihnen hatte sich zu den 
Gesellschaftsverträgen, die er so zahlreich aufnahm, sogar ein 
Formular lithographiren lassen; und wenn er bescheinigen sollte, 
dass die nöthige Einzahlung durch die „Ersten Zeichner" erfolgt 
sei, so Hess man ihn einfach in einen halbdunkeln Schrank 
sehen. Viele Advocaten haben in der Schwindelperiode ein 
Vermögen erworben, und möchten diese von ganzem Herzen 
zurückwünschen. Ausser den tarifmässigen Gebühren erhielten 
sie bei jeder Gründung ein Douceur von Hunderten und Tau- 
senden; sie wurden mit Actien bedacht, bezogen als Aufsichts- 
räthe fette Tantiemen, traten direct als Mitgründer und „Erste 
Zeichner" auf, und sind bisweilen auch schon auf die Anklage- 
bank gekommen. Advocaten wie Börsenjournalisten wurden zur 
Unterstützung der Gründer für die Generalversammlungen 
engagirt, wo sie als zufriedene, dankbare Actionäre plaidirten. 
Verschiedentlich, z. B. in dem Prozesse gegen die Gründer der 
Spritbank Wrede und in der Untersuchung wider die Berliner 
Societätsbrauerei , machten die Angeklagten geltend, dass sie 
nur den Rathschlägen des Advocaten gefolgt seien. Mit Rück- 
sicht daraufsprach sie in dem zuletzt genannten Falle der Richter 
frei; und der Staatsanwalt selber meinte: die Sache sei „so 
brillant construirt", dass man ihr nicht beikommeh könne. 
Auch in die Advocatur sind eben zu viele Juden eingedrungen, 
und in Berlin werden die semitischen Rechtsanwälte bald über- 
wiegen. 

Lange dauerte es, bis die Staatsanwaltschaft sich endlich 
(vielleicht erst auf höheren Wink) entschloss, gegen einige Grün- 
dungen vorzugehen. Zunächst that sie es in wenig geschickter 
Weise; vermuthlich war sie, gleich den Richtern, in die Grün- 
dungsmysterien noch zu wenig eingeweiht, und so wurden die 
Angeklagten in erster Instanz fast regelmässig freigesprochen. 

b* 



— XX — 

Erst als die Dinge immer skandalöser sich gestalteten, der 
öffentliche Unwille lauter und lauter ward, begannen in Berlin, 
am Rhein und anderwärts die sogenannten Gründer -Prozesse, 
die sich, wol kaum zufällig, gegen Personen richteten, die als 
vielfache professionelle Gründer bekannt waren, und eine Ver- 
urtheilung derselben herbeiführten. Als Vertheidiger der sehr 
bemittelten Angeklagten traten Advocaten auf, die, zum Theil 
selber Gründer, sich mit wahrer Leidenschaft, mit erstaunlicher 
Dreistigkeit gegen den öffentlichen Ankläger kehrten, Bezeich- 
nungen wie „Gründer" und „Gründerlohn" für „Spitznamen" 
erklärten, und die lügnerischen Prospecte als blosse Zeitungs- 
annoncen und erlaubte Geschäftsreclamen hinstellten. Obgleich 
die Zahl der Verurtheilten überaus gering blieb, erhob die 
Gründerpresse doch ein gewaltiges Geschrei. Sie klagte über 
Denunciantenthum und Verfolgungswuth, und drohte mit einer 
Auswanderung der Gründer; sie begann Staatsanwälte und 
Richter zu verketzern, und die Verurtheilten wie Märtyrer zu 
feiern. Dem, in Sachen der Rheinischen Eflfectenbank mit 
6 Wochen Gefängniss belegten Commerzienrath Victor Wendel- 
stadt aus Köln brachten die Einwohner von Godesberg, der 
Bürgermeister an der Spitze, eine Ovation dar, boten ihm in 
einer Adresse den ,, Kranz der Ehre". Solch freches Ge- 
bahren scheint doch nicht erfolglos gewesen zu sein. Bald nach 
dem Prozess gegen Abel und Genossen verlautete in Berliner 
Kreisen: es werde nicht viel mehr kommen. Und es kam 
auch nicht mehr viel. Obwol fast die halbe Registratur des 
Berliner Handelsgerichts sich bei der Staatsanwaltschaft befindet, 
obwol die Zeitungen meldeten, es wären mit Verfolgung der 
Berliner Gründungen ausschliesslich drei Untersuchungsrichter 
und mehrere Criminalcommissare beschäftigt, und es stünden 
noch an 80 Prozesse in Aussicht — sind seither nur sehr wenige 
und ziemlich unbedeutende Fälle zur öifentlichen Verhandlung 
gekommen. Verschiedene Sachen, wie die gegen die Verfasser 
der Silberwaarenfabrik Mosgau (S. 385) und die gegen den 



- XXI — 

grossen Gründer Julius Alexander, gingen über das Scrutinial- 
verfahren nicht hinaus. Gegen die Gründer der Wöhlert'schen 
Maschinenbauanstalt: Braun-Wiesbaden, Stadtrath Pöble, F. Wöh- 
lert, Gustav Markwald und F. W. Krause (nicht F. W. von 
Krause, wie wir hier zu S. 35 berichtigen) wurde zwar die Vor- 
untersuchung eröifnet, aber die Anklage nicht erhoben, da die 
Genannten bestritten, den durch alle Zeitungen gelaufenen Pro- 
spect, gegen den sie öifentlich nie protestirten, unterschrieben 
zu haben. In den Prozessen gegen die Spritbank Wrede und 
gegen die Gründer der Sudenburger Maschinenfabrik wurde 
die gleiche Entschuldigung verworfen-, hier aber schlug sie 
durch, obwol Zeugen bekundeten, dass sie auf den Prospect hin 
Actien gezeichnet haben. Wie ein Hohn klang das Erkenntniss 
zweiter Instanz in Sachen der Rheinischen Effect enbank, das 
sämmtliche Augeklagte freisprach, und den gegen Caution ent- 
lassenen, aber dann flüchtig gewordenen Gustav Hörn für den 
allein Schuldigen erklärte! Auch in anderen Prozessen wurden 
die Verurtheilten vom Appellrichter wieder freigesprochen, und 
gewisse Fälle scheinen gar nicht zum Abschluss zu kommen, 
insofern das Preuss. Obertribunal die theils freisprechenden, 
theils verurtheilenden Vor -Erkenntnisse vernichtete und die 
Sachen zur nochmaligen Verhandlung in die zweite Instanz ver- 
wies. Von Preussischen Gerichten ergingen auffällig milde Urtel: 
Theodor Miether, Verfasser der berüchtigten „Pinneberger Union", 
wurde wegen „Urkundenfälschung" unter Annahme „mildernder 
Umstände" zu drei Monaten, der General -Gründer Heinrich 
Quistorp sogar nur zu zwei Monaten verurtheilt. Die Sächsischen 
Gerichte dagegen scheinen keinen Spass zu verstehen: Adalbert 
Kräger und Emil Quellmalz, Gründer der Saxon-Austrian-Braun- 
kohlen Gesellschaft — (Quellmalz spielte nach dem Krach eine 
hervorragende Rolle auf vielen Generalversammlungen, wo er 
als Rächer der unglücklichen Actionäre auftrat) — erhielten je 
ein Jahr Gefängniss; Gottlieb Behrend, Director der Maschinen- 
bauaustalt Münnich in Chemnitz, wurde sogar mit 3 Jahren 



— XXII — 

3 Monaten belegt. Ebenso verurtheilte das Mainzer Gericht 
den Director der Rheinischen Actienbrauerei, Dr. J. B. Moritz 
zu 18 Monaten Gefängniss. Bemerkenswerth ist die ausser- 
ordentliche Langsamkeit, mit der in Preussen die Gründer- 
prozesse von Statten gehen. Bis es zur Erhebung der Anklage 
kommt, vergehen mehrere Jahre, und sind dann die betrügerischen 
Manipulationen bei der eigentlichen Gründung, wie z. B. bei 
der vorhin genannten Berliner Societätsbrauerei, wol schon ver- 
jährt. Die Gründungen von 1871 sind bereits im ver- 
gangenen Jahre verjährt, die Gründungen von 1872 
verjähren im laufenden Jahre, Etwas mehr Eile thut 
also hier dringend noth! "Wie ausserordentlich schnell erfolgten 
dagegen die Verurtheilungen in Sachen der „Reichsglocke", und 
wie ausserordentlich scharf lauteten die Strafen! Nach der 
„Kreuzzeitung" soll damals an hoher Stelle das Wort gefallen 
sein: „Sie sehen, was wir können. Wenn wir wollen, haben 
wir auch eine rasche Justiz!" 

Verschiedentlich ist derschneckenförmig schleichenden Justiz 
die Nemesis zuvorgekommen. Manchen Gründer ereilte ein ge- 
waltsamer Tod, oder es umfing ihn Geistesnacht; mancher legte 
selber Hand an sich, griff zum Pistol oder zum Strick, oder er 
ging, wie jener Banquier in Köln, den die Börsenpresse so tief 
betrauerte, ins Wasser. Er hätte es kaum nöthig gehabt, denn 
seine Genossen wurden in erster Instanz glänzend freigesprochen 
(in zweiter freilich verurtheilt), und Benda Wolff's Telegraphen- 
Bureau meldete der Welt : gegen Diejenigen, welche den Ehren- 
mann in den Tod getrieben, stehe die Untersuchung wegen 
„Erpressung" bevor. 

Weit schneller als die Gründer urtelte man deren „Be- 
leidiger" und „Verleumder" ab; diese mussten oft härter 
büssen, als hätten sie selber eine betrügerische Gründung ver- 
übt. Wegen Beleidigung des Aufsichtsraths der Rumänischen 
Eisenbahngesellschaft wurde auf 4 Monate, wegen Beleidigung 
des A. Schaafihausen'schen Bankvereins auf 6 Wochen, wegen 



— XXIII — 

Beleidigung des vorhin genannten Commerzienraths Wendel- 
stadt auf 2 Monate Gefängniss erkannt! Ein Gründer, der 
wegen Etiquettenfälschung bestraft, der dann in Concurs ge- 
rieth und dessen Accordvorschläge das Gericht verwarf, weil 
er aus der ihm anvertrauten Gasse der Gesellschaft eine Summe 
von 3000 Thalern zu Unrecht entnommen — klagte gegen die 
„Deutsche Landeszeitung", welche über den I'all berichtet und 
dabei, statt unrechtmässig entnommen, den Ausdruck 
„entwendet" gebraucht hatte; und der Injurienrichter des 
Berliner Stadtgerichts verurtheilte den verantwortlichen Ke- 
dacteur zu 100 Mark Geldbusse, indem er ausführte: Ver- 
klagter werfe dem Kläger eine ungesetzliche Handlungs- 
weise vor, während das Urtel des Concursrichters ihm bloss 
eine unmoralische Handlungsweise zur Last lege. So pein- 
lich unterscheiden Staatsanwalt und Strafrichter, wenn es sich 
um die Ehre eines Gründers handelt, und man sieht also, dass 
das „Verleumden" weit gefährlicher als das Gründen ist. 

Grobe Gründer wurden in den Adelstand erhoben, grobe 
Gründer werden noch Immer mit Orden, Titeln und Würden 
geehrt. Bei den Jubiläen, die grosse Gründer begingen, be- 
theiligten sich die Spitzen der Behörden, die Notabilitäten der 
Kunst und Wissenschaft. Wäre es nicht geboten, hier etwas 
mehr Rücksicht auf die öffentliche Meinung zu nehmen? 

„Würden alle Schwindler von 1870 bis 1873 vor Gericht 
gestellt, es wäre in den Böhmischen Wäldern nicht Holz genug 
zu den Anklagebänken!" So vertheidigte sich der Bankdirec- 
tor Lederer in Prag gegen den Staatsanwalt, und der Mann hat 
nicht Unrecht. Seine Worte gelten ebenso für Oesterreich- 
Ungarn wie für Preussen und das übrige Deutschland. Aber 
dessenungeachtet dürfen unter tausend Schwindlern nicht blos 
ein halb Dutzend herausgegriffen und für alle übrigen als 
Sühnopfer abgeurtelt werden. Verlaufen die Griinderprozesse, 
wie es jetzt den Anschein hat, im Sande, so muss im Volke 
das Rechtsgefühl, der Glaube an eine prompte unparteiische 



— XXIV — 

Justiz schwinden, so muss die öffentliche Moral ungeheueren 
Schaden erleiden, Diebstahl und Betrug zu Ansehn kommen, 
ehrliche Arbeit und redlicher Erwerb in Missachtung gerathen, 
eine allgemeine Corruption Platz greifen, und das Neue Deutsche 
Reich unaufhaltsam dem Verfall zutreiben!! 



In den letzten Jahren war die Staatsanwaltschaft sehr in 
Anspruch genommen durch den Kulturkampf und die Social- 
demokraten, durch Majestäts - und Bismarcks-Beleidigungen. 
Der Kulturkampf erhält 8 Millionen Katholiken, die sich in 
ihrem Glauben verfolgt, in ihrem Gewissen bedrängt wähnen — 
und man wird diesen Wahn nicht ausrotten können — in 
dumpfer Gährung und steigender Erbitterung. Mag die Re- 
gierung formell noch so sehr im Rechte sein, sie ist in ihrem 
Feldzuge gegen die katholische Kirche nicht glücklich gewesen. 
Der Kulturkampf ist nur den Gründern zu Gute gekommen; 
er ist die spanische Wand, hinter der sie ihre Missethaten be- 
gingen, hinter der sie, nach dem Krach, sich verbargen und 
versteckten. Die Socialdemokratie verdankt ihr Anwachsen einer- 
seits den polizeilichen und gerichtlichen Verfolgungen, haupt- 
sächlich aber der manchesterlichen Gesetzgebung und dem 
Gründungsschwindel. Als der letztere zu Ende ging, kurz vor 
dem „Krach", brach in Frankfurt a. M. die Revolte aus, die sich 
gegen die Vertheuerung des Biers kehrte. Den socialdemo- 
kratischen Siegen bei den letzten Reichstagswahlen, die ganz 
Deutschland in Schrecken versetzten, ging unmittelbar voraus 
— und das ist ein höchst charakteristisches Omen — ein neues 
Jobberstückchen, das gewaltsame Hinauftreiben des Petroleums ! 
Nach den Wahlen stürzte Petroleum ebenso schnell wie es 
gestiegen war. Bei der grossen Mässigung, mit der die Social- 
demokraten ihre Erfolge hinnahmen, bei der bewunderungs- 
würdigen Organisation, mit der sie, allen anderen Parteien un- 
endlich überlegen, die Wahlagitation betreiben, ist es, wenn die 
Regierung bei der Manchesterpolitik beharrt, sicher vorauszu- 



— XXV — 

jagen, dass jene bei den nächsten Wahlen ungleich mehr Can- 
■lidaten durchbringen werden, dass die Zahl ihrer Anhänger 
tetig und reissend wachsen muss. Das grosse Heer der Ar- 
teiter bekennt sich geschlossen zur Socialdemokratie, und schon 
(ähert sich ihr der Handwerker, der kleine Geschäftsmann, ja 
ier kleine Beamte. Videant consules ! 

j Nie, selbst in der Conflictsperiode nicht, war die Zahl der 
Prozesse wegen Majestätsbeleidigung in Preussen so gross wie 
etzt, wo der Monarch sich der vollen, einmüthigen Liebe seines 
^olks erfreut, wo selbst die sogenannten „Reichsfeiude" ihm 
Verehrung und Dankbarkeit zollen. Aber der byzantinische 
jeist, der unsere Zeit durchweht, und der namentlich in der 
üdisch-nationalliberalen Presse herrscht — in denselben Blättern, 
lie sich einst über die Massen frech geberdeten — denuncirt jede 
iritik, welche sich gegen die Staatsregierung oder gegen eine 
Jtaatseinrichtung wendet, sofort als Majestätsbeleidigung und 
lochverrath, und schleppt sogar unmündige Kinder vor Gericht. 
Gewisse Verurtheilungen, wie die des „Berliner Börsen Courier" 
vegen abfälliger Besprechung eines Zapfenstreichs, zu neun 
VIonaten Gefängniss (!) haben unter allen Parteien Kopfschütteln 
irregt. Steht der Monarch nicht hoch über aller Zeitungs- 
)olemik, und kann die Majestät überhaupt so leicht beleidigt und 
rerletzt werden?! 

Noch viel zahlreicher als die Majestätsbeleidigungen sind 
lie Prozesse wegen„Bismarcks-Beleidigung"-, schon ist ein 
jigner Name dafür im Gebrauch ! Kein Minister der Welt, am 
illerwenigsten ein constitutioueller Minister, hat je die Gerichte 
;o in Bewegung gesetzt; die autographirten Strafanträge des 
Fürsten Bismarck sollen bereits nach Tausenden zählen. Neu- 
ich ist der Staatsanwalt sogar wegen Beleidigung des jungen 
jrafen Bismarck eingeschritten, und man darf wol fragen : hat 
luch diese Beleidigung schon ein „öfiFentliches Interesse"? Bis- 
narcks- Beleidigungen pflegen weit härter bestraft zu werden 
ils selbst Majestätsbeleidiguugen ; haben doch Staatsanwälte 



- XXVI — 

und Richter ausdrücklich erklärt: Alles, was den Fürsten an- 
geht, müsse mit einem ausserordentlichen Massstab gemessen 
werden. Neuerdings ist wegen Beleidigung des Fürsten auf 
Strafen erkannt, die das Blut in den Adern stocken lassen; aber 
die feile servile Presse hat es stumm hingenommen, oder dazu 
wol noch Beifall geklatscht, ohne zu bedenken, dass die Reihe 
an Jeden kommen kann. Die Publicationen ä la „Reichsglocke", 
die sich gegen den Fürsten persönlich kehrten, sind freilich 
sehr zu beklagen; schon um deshalb, weil sie der allgemeinen 
Sache schaden und nur den Gründern zu Gute kommen. „Seht", 
rufen die Gründer jetzt, „wir sind ebenso verleumdet wie Bis- 
marck!" — und die „Natioualzeitung" legte sofort eine Rubrik 
an: „Zur Geschichte der Verleumdungsära". 

Dieselbe Presse, welche Herrn von Bismarck einst nich 
tief genug herabsetzen konnte, an ihm kein gutes Haar lies! 
— die jüdisch-natioualliberale Presse treibt mit ihm seit 1860 
schnöde Abgötterei. Voll sklavischer Unterwürfigkeit und niederer 
Speichelleckerei, bewundert und preist sie an ihm jedes Wort, 
jeden Fusstritt, spricht sie von ihm in stets verzückter Weise 
und legt ihm Prädicate bei, die nur dem Monarchen und dei 
Mitgliedern des Regentenhauses gebühren. Und das Alles ist 
wie es sich nun eclatant herausgestellt hat, elende Heuchelei 
und feile Berechnung. Als die seit etlichen Jahren regelmässig 
zum 1. April wiederkehrende Kanzlerkrisis diesmal mehr Glauben 
fand, war die „liberale" Presse ganz zufrieden, den Fürsten 
Bismarck auf den Altentheil zu setzen, und hielt als seinen 
Nachfolger Herrn Delbrück oder Herrn von Bennigsen bereit. 
Das war in der That eine Bismarcks-Beleidigung, und eine 
ärgere, als sie je Graf Harry Arnim verübt hat. 

Immerhin hat Fürst Bismarck so Grosses gethan und ge- 
schaffen, dass man mit ihm eine Ausnahme machen darf. Aber 
wie mit dem Herrn und Meister, so that die „liberale" Presse 
auch mit den ihr genehmen „Durchschnitts" -Ministern; auch 
für diese wusste sie königliche Ehren in Scene zu setzen. Als 



— XXVII - 

Dr. Falk im Sommer 1875 am Rhein triumphirte, berichteten 
die Zeitungen in zahllosen Artikeln über die Feste, die man 
ihm veranstaltete, über die „Huldigungen", die man ihm erwies. 
Sobald Dr Friedenthal auf Reisen geht, und er scheint gern zu 
reisen, begleiten ihn die Correspondeuten der Presse, laufen von 
jedem Städtchen Festberichte ein. In Papenburg brachte ihm, 
wie die ,, Nationalzeitung" meldete, die Liedertafel „Arion" ein 
Ständchen, „die Stadt prangte im Flaggenschmuck". In 
i Bitburg hielt der ,,hohe Gast" mehrere längere Reden, worin 
er sich als „geborenen praktischen Landwirth" bezeichnete und 
u. A. sagte: er „entstamme einer Familie, die durch rastlose 
strenge Arbeit es sich ermöglicht habe, diejenige Stufe im Staate 
zu erklimmen, die sie augenblicklich inne habe". ,,Mit zahl- 
'reichem Gefolge fuhr der hohe Gast nach dem Bahn- 
hof." „Weissgekleidete Mädchen überreichten Sein er 
Excellenz ein riesiges Bouquet, und eine Deputation 
stattete ehrfurchtsvoll ihre Begrüssung ab." — Ist da 
noch ein Unterschied, ob Friedenthal oder der Kaiser kommt? 
Es wird nun erlaubt sein, die Herren Friedenthal, Falk, 
Delbrück, Camphausen und Achenbach nicht für grosse Männer 
zu halten. Friedenthal hat noch keine nennenswerthen, die an- 
dern Minister ziemlich ungünstige Resultate aufzuweisen. Sie 
verdanken sämmtlich ihre Stellung der "Gunst des Fürsten Bis- 
marck, aber schwerlich haben sie seinen Erwartungen ent- 
sprochen. Delbrück, Camphausen und Achenbach sind Man- 
chesterleute-, die unheilvolle manchesterliche Gesetzgebung ist 
mit ihr Werk, und ihr Regime war ein doctrinär-manchesterliches. 
Delbrück und Camphausen, die beide in intimen Beziehungen 
stehen zu grossen Bank- und Gründerhäuseru, haben dieselben 
durch riesige Darlehen aus dem Staatssäckel unterstützt, haben 
„um Zinsen zu ersparen", die Gelder der grossen Reichsfonds 
in höchst fragwürdigen, einstweilen fast unverkäutlichen Wertheu 
angelegt. Während die Regierung es zulicss, dass die börsen- 
libcrale Majorität des Reichstags landschaftliche Pfandbriefe 



— XXVIII — 

und pupillarisch sichere Hypotheken vom Ankauf ausschloss, 
während zahlreiche Communen mit ihrem Gesuche um Bewilligung 
einer Anleihe abgewiesen wurden, erwarben Delbrück und Camp- 
hausen Hals über Kopf von den nur ad int er im zugelasse- 
nen ungarantirten Eisenbahn -Prior itäten über lOOMil - 
lionen Thaler. Und zwar kauften sie mit Vorliebe die Prio- 
ritäten der Strausberg'schen Bahnen, gegen welche Lasker 
kurz vorher seine „Enthüllungen" gedonnert hatte. Lasker 
war freilich wieder der Vertrauensmann und Rathgeber des 
Herrn Camphausen; Lasker, Friedenthal und Miquel, unter der 
Hand befragt (Wer lacht da?) erklärten sich ausdrücklich 
damit einverstanden, dass jene faulen Prioritäten auch in dem 
Provinzialdotationsfonds Aufnahme fanden, und als dieselben 
nun Neujahr 1876 den einzelnen Provinzial- Verbänden über- 
wiesen werden sollten, fand plötzlich die skandalöse Cours- 
treiberei statt, die zunächst sogar die „Nationalzeitung" für 
höchst bedenklich erklärte, und welche die Regierung so arg 
compromittirt hat. Sobald die Prioritäten, wie sie es ihrer 
Natur nach mussten, im Course fielen, fing Herr Camphausen 
an, sie zu loben , sie als eine unbedingt sichere Capitalsanlage 
zu empfehlen, und er fuhr darin noch fort, als sie bereits jeden 
Cours verloren hatten. Er hielt wiederholt förmliche Hausse- 
Reden für die Börse, ermunterte das Publikum zum Kaufen, 
signalisirte verschiedentlich einen Umschwung zum Bessern, sprach 
sogar von der bereits überstandenenKrisis, und erklärte die Finanz- 
lage Preussens stets für eine äusserst befriedigende, auch dann 
noch, als der Etat thatsächlich bereits ein Deficit auswies. Del- 
brück erkrankte plötzlich. „Die glückliche Hand", so sagte 
die „Nationalzeitung", „fand augenblicklich nur noch Kraft, um 
ein Entlassungsgesuch zu schreiben." Delbrück ging gerade zur 
rechten Zeit-, seine Stellung war durch die parlamentarischen 
Debatten über den Ankauf der faulen Prioritäten erschüttert, 
und er mochte fühlen, dass die Dinge um ihn her zusammen- 
brächen. Vergebens suchte die börsenliberale Presse ihn immer 



I 



— XXIX — 

wieder in Activität zu setzen, vergebens sprach sie von ihm, 
als ob er gar nicht oder doch nur vorübergehend ausgeschieden 
sei, und empfalil ihn bei jeder passenden und unpassenden 
Gelegenheit: er wurde nicht mehr begehrt, und beschränkte 
bich auf den Vorsitz im ,, Verein für Beförderung des Gewerbe- 
fleisses", wo sein Schüler und Bewunderer Achenbach von ihm 
rühmte, dass sein blosser Name schon ein „Programm und 
jPanier" bezeichne. Camphausen drohte häufig mit seinem Ab- 
gange, blieb aber, obwol schliesslich auch liberale Zeitungen 
ihn anzapften, und sogar die undankbaren Börsenblätter über 
fhn herfielen. 

j Camphausen und Achenbach haben für die unaufhaltsam 
{fortschreitende Krisis ein sehr geringes Verständniss bewiesen. 
Gleich der börsenliberalen Presse, leugneten sie lange den Noth- 
stand, und wollten der kranken Industrie durch „Erhöhung der 
Arbeitsleistung" und Beschneidung der Lohnsätze wieder auf 
die Beine helfen. Inmitten der Krisis Hess Herr Achenbach 
die Eisenbahnfrachtsätze um 20 Procent erhöhen, was natur- 
gemäss die ohnehin schon so sehr in die Höhe getriebenen 
Lebensmittel noch mehr vertheuerte, hob er die Ruudreisebillets 
auf, verkürzte er die Gültigkeits -Dauer der Retourbillets. 
Nichts charakterisirt ihn besser, als eine Rede, die er kürzlich 
in dem vorhingenannten Verein, an der Seite Delbrücks hielt, 
und bei der ihm, nach der „Nationalzeitung", folgende tief- 
sinnigen AYorte entfuhren: „Gewiss ist man geneigt, selber 
schwankend zu werden in seinen Ansichten in solch schwerer 
Zeit, wo man das, was früher stark dazustehen schien, plötz- 
lich erschüttert sieht, wo man Diejenigen, die bisher fest waren, 
wankend erblickt. Aber ich glaube, es ist gerade die Pflicht, 
in solcher Zeit festzuhalten an dem Vorsatz ruhiger Prüfung 
der Verhältnisse, damit man nicht aus einem Extrem 

in's andere hineinfällt." — 

Fürst Bismarck hat sehr Unrecht gethau, die wirthschaft- 
liche Gesetzgebung den Manchesterleuteu zu überlassen, die 



— XXX — 

sich aus einseitigen Doctrinärs, unwissenden Schwätzern und 
„liberalen" Börsenverwandten zusammensetzen. In überstürzender 
Hast wurde alles Bestehende eingerissen, Gesetz auf Gesetz 
fabricirt, so dass die Nation gar nicht zur Besinnung gelangte, 
aus dem Zustande des Uebergangs, der Unruhe und der Ver- 
wirrung gar nicht herauskam. 

Was hat dem Volke nicht die neue Mass- und Gewichts- 
Ordnung, die Münz- und Bankreform gekostet! Jede Mass- 
und Gewichtsänderung verursacht dem Publikum Schaden, ganz 
besonderen Schaden aber, wenn Mass und Gewicht kleiner 
•werden. Das Quart wurde zum Liter, die Elle zum Va Meter, 
der Scheffel zum Va Hektoliter, das Loth zum Dekagramm 
während die Preise zunächst die gleichen blieben, sich aber, 
wegen der Schwindelperiode, alsbald noch sehr erheblich steigerten. 
Die alten Masse entsprechen der Natur, den Verhältnissen des 
menschlichen Körpers; wogegen die neuen Masse auf der künst- 
lichsten Berechnung beruhen, und schon wegen der halb latei- 
nischen halb griechischen Wortungeheuer dem Volke nie ge- 
läufig werden können. Thatsächlich sind die neuen Masse bis 
zur Verzweiflung unpraktisch, und selbst die Behörden sehen 
sich genöthigt, auf die alten Masse zurückzugreifen, wie man 
denn in den meisten Steckbriefen, statt (Grösse:) lößVaCentimeter, 
heute wieder 5 Fuss 4 Zoll liest. Nach dem grossen Siege 
über Frankreich musste Deutschland sofort Französisches Mass 
und Gewicht annehmen! 

Nicht minder chicanirte und schädigte die fortlaufende 
Einziehung des Metall- und Papiergeldes, eine wahre Münzen 
und Notenhetze-, und selbst die neuen Werthzeichen wurden 
noch verschiedentlich geändert. Die neuen Münzen sind von so 
mangelhafter Beschaffenheit, dass sie zu den schlimmsten Ver- 
wechselungen Anlass geben, dass selbst Kassenbeamte mit 
Sicherheit nicht zu unterscheiden vermögen, ob sie echt oder 
unecht sind, dass sie schnell Glanz, Ansehen und Farbe ver- 
lieren, dass sie wie Glas springen und brechen, und dass ihre 



— XXXI - 

achbildung nicht die geringsten Schwierigkeiten macht. Nie- 
ais blühte die Falschmünzerei so wie in unseren Tagen. Die 
oldwährung erweist sich factisch nicht durchführbar, die De- 
■onetisirung des Silbers, das Ungeschick und die MissgriiFe 
bi der Goldausmünzung und bei den Silberverkäufen kosten 
iem Reich Summen, die wol nie an die Oeffentlichkeit gelangen 
ierden, die aber riesig sind. Vielleicht noch mehr verliert der 
jiuzelne. Die Theilung des Groschens in 10, statt früher in 
1^ Pfennige, bedeutet für die Bewohner Preussens und an- 
prer Länder eine Einbusse von IG-/3 Prozent-, was im Klein- 
andel 3 alte Pfennige kostete, kostet jetzt 5 neue Pfennige, 
[ h. 100 Procent mehr. Trotz der sogenannten Münz- und 
(ankeinheit, ist von einem einheitlichen Papiergelde nicht die 
tede, blüht die Papiergeldwirthschaft, eine Hauptursache der 
Jlgemeiuen Theuerung, nach wie vor, stösst der Verkehr in 
ieler Hinsicht auf noch zahlreichere Hemmnisse und Unbequem- 
chkeiten als früher. Niemand braucht mehr als 20 Mark in 
ilber und mehr als 1 Mark in Nickel, Niemand braucht Pa- 
iergeld, selbst nicht Noten der Reichsbank in Zahlung zu 
ehmen, und sogar die Reichs- und Landeskassen sind nur zur 
jinahme von Reichskassenscheinen verpflichtet. Von den ein- 
ezogenen Münzen lassen sich einige an gewissen Orten gar nicht 
Qtbehren, z. B. der Dreier in Berlin, das 2Y2-Groscheustück 
i Norddeutschland. Ueberall fehlt es an den passenden Geld- 
eichen, fast Jedem bereitet das Zahlen, Wechseln und Heraus- 
eben Umstände und Verlegenheiten, selbst der Beamte rech- 
et noch immer heimlich nach dem alten Münzfuss, die Um- 
?chnung fällt ihm sichtlich schwer und kostet die doppelte 
nd die dreifache Zeit. Aber das Schönste ist, dass diese Um- 
3chnung zum Theil auf baare Unmöglichkeit stösst, z. B. beim 
V^echselstempel, wo die Abstufung nach Markbeträgen einfach 
escheitert ist. 0, über die weisen Gesetzgeber! 

Im Neuen Deutschen Reich ist Alles theurer und schlechter, 
;eringer an Qualität und Quantität geworden; auch nach Auf- 



— XXXII — 

hebung der Mahl- und Schlachtsteuer , wie die Bäcker und 
Schlächter, sich in's Fäustchen lachend, selber und gleich vor- 
ausgesagt haben — Brod und Fleisch. Der ganze Geschäfts- 
verkehr hat einen schwindelhaften Charakter angenommen; alle 
Artikel werden, trotz der „freien Concurrenz", mit einem mass- 
losen Aufschlag verkauft , allerhand Surrogate und Imitationen 
gelten für erlaubt, die Verkürzung von Mass und Gewicht wird 
gewohnheitsmässig , der Betrug ganz offenbar betrieben. Die 
Verschlechterung und Verfälschung der Heil- und Geuussmittel, 
der Waaren und Fabrikate hat ungeheuere Dimensionen an- 
genommen, eine eigene Industrie erzeugt; und da die man- 
chesterliche „Selbsthülfe" sich völlig ohnmächtig erweist, sehen 
sich neuerdings denn doch die Polizei und die Gerichte zum 
Einschreiten gemässigt. 

Trotz des Nothstandes hält die Theuerung an, wachsen 
die öffentlichen Ausgaben, wird die Steuerschraube schärfer 
angezogen. Immer neue Behörden werden geschaffen und als- 
bald können sie die Arbeit nicht mehr bewältigen; immer 
grösser wird das Heer der Beamten, lawinenartig schwillt das 
Schreibwerk an. Die gerühmte „Selbstverwaltung" zeigt sich 
sehr kostspielig imd complicirter als die alte Einrichtung. Die 
Communen wirthschaften ins Blaue hinein, experimentiren und 
verschwenden ohne Mass, contrahiren Anleihe auf Anleihe, 
und treiben, wie die Staaten, der Verschuldung entgegen. Das 
Volk dagegen verarmt, und sowol die Staats- wie die Commu- 
nalsteuern werden im laufenden Jahre einen grossen Ausfall er- 
geben. Nur zu bald wird man wieder zu den indirecten Steuern 
greifen müssen, aber allerdings wird dann Brod und Fleisch 
wieder noch theurer werden. 

Ununterbrochen arbeitet die Gesetzgebungsmaschine, denn 
sie hat, wie Lasker behauptet, au fünfzig Jahre gestockt, und 
dieser Mann ist bereit, Tag und Nacht Gesetze zu machen. 
Diese Unzahl von Gesetzen ist nicht Bedürfniss des Volks, 
sondern Bedürfniss der börsen-liberalen Partei, um ihrer Eitel- 



J 



— XXXIII — 

keit Genüge zu thun, um sich zu stärken und sich am Ruder 
zu erhalten. Hunderterlei wird gleichzeitig in Angriff genom- 
men, und Alles in der flüchtigsten liederlichsten Weise abge- 
macht-, was schon der barbarische Stil, die nachlässige Re- 
daction der neuen Gesetze beweist. Die ganze Gesetzgebung 
ist so recht Gelegenheitsarbeit, blosses Stück- und Flickwerk, 
Kaum publicirt, erweist sich das neue Gesetz schon wieder ver- 
altet, ganz unbrauchbar oder doch sehr reformbedürftig, ruft 
es die grössten Uebelstände hervor, wird ihm von Hundert- 
tausenden ein Misstrauensvotum ertheilt. Schon beklagt man 
die Aufhebung der Schlacht- und Mahlsteuer, die Einfülirung 
des Impfzwanges, die Freigebung des Heilgewerbes ; schon er- 
heben sich Stimmen selbst gegen die Theaterfreiheit, und immer 
dringender verlangt man eine Beschränkung der Zug- und Ge- 
werbefreiheit. Die Gewerbefreiheit hat zwischen Meister, Ge- 
sell und Lehrling jedes Band zerrissen, und den Handwerker- 
stand, der ehemals den Kern der Bürgerschaft bildete, ruinirt. 
Jeder Pfuscher, ja Frauen und Kinder machen dem gelernten 
Handwerker Concurrenz; der Staat lässt Gefängnisse und Zucht- 
häuser zu vollständigen Fabriken umwandeln, indem die Ar- 
beitskräfte der Gefangenen gewöhnlich ein jüdischer Unter- 
nehmer ersteht. Das famose Actiengesetz ist inzwischen all- 
gemein verurtheilt, selbst von Denjenigen, die es gemacht 
haben. Was bisher zu seiner Reform vorgeschlagen, ist sehr 
ungenügend, da diese Vorschläge meistens von Advocaten und 
Grüudergenossen ausgingen. Fr. Per rot, bekannt durch 
seine verdienstlichen Schriften über das Eisenbahn- und Bank- 
wesen, hat in einem 1876 erschienenen Buche „Das Actien- 
uuwesen" an der Hand der Geschichte dargethan, dass bisher 
noch alle Cautelen gegen den Actienschwindel sich völlig un- 
wirksamerwiesenhätten, und er zieht die allerdings kühneSchluss- 
folgerang, dass die Actiengesellschaft als solche überhaupt un- 
moralisch und daher nicht zu dulden sei. Von der neuen Vor- 
mundschaftsordnung verlautet bereits, dass ihre Handhabung 

Glagan, Der Börsenschwindol. II. q 



— XXXIV — 

grosse Unzuträglichkeiten mit sich führe, indem die Vormünder 
einerseits den sehr hoch gestellten Anforderungen nicht zu 
entsprechen vermögen, andererseits ihre sehr weitgehenden Be- 
fugnisse missbrauchen und die ihnen anvertrauten Mündelgelder 
häufig unterschlagen. Die Reichsjustizgesetze werden in ganz 
Deutschland voraussichtlich einen Ungeheuern Wirrwarr, eine 
viel grössere Kostspieligkeit der Justiz und ein Ueberwuchern 
des Advocateuthums erzeugen, und es fragt sich, ob zu ihrer 
Durchführung überhaupt das nöthige Material an Richtern 
und Schöffen vorhanden ist. Von allen Seiten, selbst in den 
Parlamenten, ertönen Nothschreie, dass die Sündfluth von 
neuen Gesetzen zu gross sei, dass in dem Labyrinth der Ge- 
setzgebung sich nicht einmal mehr der Beamte, geschweige 
denn der Laie zurechtfinden könne. 

Die Gesetzgebungsmanie ist eine Krankheit der Zeit, und 
sie hat ihre Ursache in dem Umstände, dass unsere Parlamente 
mit Beamten und Juristen überfüllt sind. Im Preussischen 
Abgeordnetenhause sitzen über hundert Juristen, im diätenloseu 
Deutschen Reichstag schon M'eniger. Gerade der Preussische 
Jurist mit seiner formalen einseitigen Bildung eignet sich 
schlecht zum Gesetzgeber und Volksvertreter. In der Nord- 
amerikanischen Republik sind öffentliche Beamte vom Parla- 
ment ausgeschlossen; was gewiss sehr weise ist, da der Be- 
amte mehr oder weniger von der Regierung abhängig bleibt, 
und mit seiner Ueberzeugung nur zu leicht in Couüict gerathen 
kann. Es schadet entschieden dem Ansehen wie der Unbefan- 
genheit des Richters, wenn er in Wahlagitationen und Partei- 
kämpfe hineingezogen wird; und die Urtelssprüche der Ge- 
richtshöfe verrathen gar häufig, wie sehr die Richter unter 
dem Einfluss und dem Drucke der Tagesströmung stehen. In 
unscrn Parlamenten sitzen viel zu viel studirte Leute; abge- 
sehen von den nicht zahlreichen Kaufleuten, Fabrikherren und 
professionellen Landwirthen, fehlt es entschieden an Männern 
des praktischen Lebens; der Bauern- und der Handwerkerstand 



— XXXV — 

ist fast gar nicht vertreten. Unsere Parlamente vertreten haupt- 
sächlich die Interessen der Gross-Industrie und des Grosshan- 
dels, des Capitals und der Börse. Die Münz- und Bankreforni, 
die ganze wirth schaftliche Gesetzgebung und der grosse Schwin- 
del sind vornehmlich der Judenschaft zu Gute gekommen, 
diese hat sich dabei über die Massen bereichert, die Nation 
dagegen ist erschrecklich verarmt. Immer heftiger vermehren 
sich im Neuen Deutschen Reich die Juden, immer mächtiger 
erheben sie ihr Haupt; immer grösser wird ihre Anmassung 
und Unduldsamkeit. Vermöge der Presse, die fast gänzlich 
in ihrem Solde steht, beherrschen sie die öffentliche Meinung, 
spielen sie auf allen Gebieten eine hervorragende Rolle, geben 
sie in den höchsten Schichten der Gesellschaft den Ton an. 
"Während sie Zeter schreien, wenn man ihr Ceremonialgesetz 
irgendwie zu kritisiren wagt; während der Staatsanwalt ein- 
schreitet, wenn man ihnen die Lehren des Talmud entgegen- 
hält — schmähen und verhöhnen sie straflos in ihren Blättern 
täglich das Christeuthum , hetzen sie in der widrigsten "Weise 
gegen Papst und katholische Kirche. Schon handelt es sich, 
wie der Director der Luiseuschule in Berlin ausrief, nicht sowol 
um eine Juden- als um eine Christenhatz. Noch ist der alte 
Schwindel nicht im Mindesten verwunden, und schon agitirt die 
börsenliberale Presse für einen neuen, noch viel heilloseren. 
Sie möchte die Reichspost und die Staatseisenbahnen in eine 
Actiengesellschaft verwandeln; sie trachtet darnach das Staats- 
vermögen zu zerstückeln und zu verauctioniren. Noch Januar 
1877 wagte die „Vossische Zeitung" eine Veräusserung der 
Domänen und Hüttenwerke des Preussischen Fiscus zu em- 
pfehlen, wobei sie wörtlich sagte : „In Privatbesitz übergegangen, 
würden diese Immobilien einen weit höhern Ertrag abwerfen, 
der nicht allein den Eigeuthümem, sondern der gesammtcn 
Bevölkerung zu Gute käme." Voll gerechter Entrüstung ruft 
die „Deutsche Landeszeitung" aus: „Man zähle jedem dieser 
Schurken für ihre Frechheit 50 Hiebe auf die Fusssohlen!" 



— XXXVI — 

Trotz der schweren Krisis wollen die Manchesterleute, die 
am Regierungstiscli sitzen, nicht zur Einsicht kommen, halten 
sie krampfhaft fest an ihren durch die Ereignisse zu Schanden 
gewordenen Phrasen, lassen sie officiös schreiben: der Noth- 
stand herrsche in allen Ländern. Allerdings verbreitet sich 
die Krisis in Folge der innigen Wechselwirkung, welche heute 
zwischen den civilisirten Staaten besteht, über ganz Europa 
und Amerika; sie hat neuerdings sogar das noch im vorigen 
Jahre blühende Frankreich beschritten. Aber eben diese all- 
gemeine Verbreitung lässt auf eine einheitliche Ursache schliessen, 
■ und diese ist die börsenliberale V^'^irthschaftspolitik, die aller- 
wegen Ueberspeculatiou und Ueberproduction, Verschwendung 
und Verschuldung, Corruption und Betrug erzeugt hat, und die 
von der Geschichte gerichtet ist. In der Bank von England, 
in der Bank von Frankreich, in der Deutschen Reichsbank 
stauen sich die Millionen, die unbenutzt daliegen, und der 
Discontosatz ist so niedrig, wie er kaum je gewesen. Was be- 
deutet das? fragt Herr Camphausen, und er antwortet sogleich 
selber: Es bedeutet, dass eine Aenderung, eine Besserung be- 
vorsteht, dass es nächstens wieder losgeht, und die wachsende 
Unternehmungslust vielleicht wieder in Schwindel ausarten 
wird. — Ach, Herr Camphausen, Sie belieben stark zu irren! 
Jene Erscheinung ist gerade das schlimmste bedenklichste 
Symptom der allgemeinen Krankheit. Es bedeutet, dass der 
grosse Schwindel jeden Unternehmungsgeist gelähmt, geknickt 
hat, dass Jedermann sein Geld festhält und es lieber feiern 
lässt, als es dem geringsten Wagniss aussetzt, dass kein Mensch 
mehr dem Andern traut, dass die ganze Welt friert und der 
Handel und die Industrie in Sack und Asche Busse thunü 

„Verleumdung!" schreien die Gründer und Gründergenossen. 
Zwar declamiren sie alle selber gegen den Schwindel, aber Nie- 
mand will dal)ei gewesen sein. „Verleumdung!" ruft die börsen- 
liberale Presse, und tritt mit Leidenschaft auch noch für den 
ärgsten Sünder ein. „Verleumdung!" stöhnen die manchester- 



— XXXYII — 

lichea Gesetzcsfabrikanten, wie die manchesterlichen Herren am 
Regierungstisch, und einmütbig betheuern sie, dass im Neuen 
Deutschen Reich Alles wohlbestellt sei, und Jedermann, bis auf 
die „Verleumder", sich sehr zufrieden fühle. Der Begriff „Ver- 
leumdung" ist plötzlich in sein Gegentheil verkehrt. Anklagen 
und Beschuldigungen, die man nicht widerlegen, nicht entkräften 
kann, deren Wahrheit im hellen Sonnenlichte daliegt, und von 
Hunderttausenden schmerzlich empfunden wird, nennt man ein- 
fach — „Lüge nnd Verlenmrtiiug"; und die Männer, welche 
gegen Schwindel und Corruption auftreten, gegen die manchester - 
liehe Misswirthschaft eifern, und auf deren schreckliche Folgen 
hinweisen, werden als „gewerbsmässige" „Denuncianten" und 
„Delatoren", als ,,Reactionäre" und ,,Reichsfeiudc" bezeichnet. 
Vor IG Jahren, im April 1861, schrieb Karl Twesten seine 
Brochüre: „Was uns noch retten kann!" Es war ein treuer 
Patriot, ein braver Mann, ein idealer Mensch, aber er irrte, 
und er hat sich von seinem Irrthum noch überzeugen können. 
Was er für ein tiefes Unglück hielt, sollte alsbald Preussen 
gross und mächtig, Deutschland einig und stark machen. Heute 
ist es umgekehrt. Preussen und Deutschland stehen da als 
die erste Europäische Macht, von der ganzen Welt gefürchtet 
und umschmeichelt und die ganze Welt in Schach haltend. 
Aber im Innern des Staatskörpers frisst ein böser Wurm, und 
wenn er nicht vertrieben, nicht getödtet wird, kann er die Ein- 
geweide zerfressen und die Auflösung herbeiführen. Das Neue 
Deutsche Reich befindet sich in schwerer Noth und Gefahr; 
nicht äussere Gewalt bedroht es, wol aber eigene Krankheit. 
Diesmal heisst es im vollen Ernst: Was uns noch retten 
kann! Uns kann nur noch retten: ein vollständiger Bruch 
mit dem bisherigen Wirthschaftssystem und mit dem börsen- 
liberalen Regiment, die Emancipation von der Judenherrschaft 
und eine gründliche Revision der wirthschaftlichen Gesetzgebung, 
die energische Verfolgung von Betrug und Schwindel und die Ver- 
treibung der Gründer und Gründcrgenosseu von dem öfiFentlichen 



— XXXVIII — 

Markte. Von deu Herren Camphausen, Achenbacli, Michaelis 
ist ebensowenig zu erwarten wie von dem gegenwärtigen Par- 
lament. Die Regierung rauss sich mit neuen Männern um- 
geben, sie muss an die Nation appelliren, und zum Zwecke 
der wirthschaftlichen Reform die Initiative ergreifen. 



Das Actiengesetz und das „Milliarden- 
geschäft". 

Louis Napoleon und die Juden — Unternehmungsgeist und Schwindel — 
Herr J. Prince-Smith , der Vater der Deutschen „Volkswirthe" — Redacteiir 
Otto Michaelis und die Bekehrung Ton Excellenz Delbrück — Die Krönung 
der wirthschaftlichen Gesetzgehung — Herr H. H. Meier aus Bremen geräth 
in Besorgniss, und wird von Dr. Hammacher getröstet — Herr Miquel kämpft 
für „Verschleierung", und wird von Herrn Lasker ermahnt — Wie die Volks- 
vertreter Gesetze machen — Herr Dr. Endemann als Commentator — Die 
Gründungen in Deutschland und die in Oesterreich — Fata Morgana — 
Excellenz Delbrück wird dotirt — Der Französische „Volkswirth" Leon Say 
und der „Volkswirth" der „Vossischen Zeitung" — Das „Milliardeugeschäft" 
wird zu sehr beschleunigt, und die Preussischen Anleihen werden zu rasch 
gekündigt — Der goldene Theelöffel des Herrn Alexander Meyer — Lud- 
wig Bamberger's Dithyramben und seine Börsen-Philosophie — „Nimm Hack' 
und Spaten, grabe selber" — Das Geheimuiss unserer Zeit. 

Bekanntlich Avar das zweite Kaiserreich für Frank- 
reich eine Quelle materieller Wohlfahrt. Unter Louis 
Napoleon, von ihm selber mit Eifer und Nachdruck 
gefördert, nahmen Industrie, Handel und Börse einen 
mächtigen Aufschwung. Daher auch die Sympathien 
der Bourgeoisklassen für den Kaiser, und später für 
die Wiederherstellung des Kaiserreichs. Daher auch 
die leidenschaftliche Begeisterung der Juden für Louis 
Napoleon — so lange er auf dem Throne sass; wo- 

Glagau, Der Börsenschwindel. II. 1 



— 2 — 

gegen sie, seit seinem Sturze, ihn nicht genug schmähen 
können, und sich in ihrer Entzückung über das neue 
Deutsche Reich gar nicht zu lassen wissen. 

Während aber Frankreich's Industrie und Handel 
in üppiger, fast geiler Blüthe stand, lastete auf der 
Geschäftswelt in Deutschland gewissermaassen ein Alp. 
Man traute hier nie recht dem Frieden, man war nie 
sicher, dass der Französische Kaiser nicht einen Krieg 
anzettelte, der sich direct gegen Preussen richtete 
oder dieses doch in Mitleidenschaft zöge. Erst seit 
dem Kriege von 1866 wich jener Alp, indem der 
Nimbus Napoleon's mehr und mehr zu schwinden be- 
gann. Auch in Deutschland hob und entfaltete sich 
der Unternehmungsgeist, ohne aber deshalb schon 
damals in unsolide Bahnen einzulenken. Eine Aus- 
nahme bilden nur das Börsentreiben in Berlin und 
die Strousberg'schen Eisenbahnbauten. 

Von diesen beiden Erscheinungen abgeseheo, ist 
es eine grobe Unwahrheit und verschmitzte Fälschung, 
wenn die Gründer und Gründergenossen, um sich 
rein zu waschen, neuerdings behaupten: Eine Ueber- 
production und Ueberspeculation sei in Deutschland 
schon vor dem Kriege von 1870 vorhanden gewesen; 
nur der grosse Sieg über Frankreich habe die 
wirthschaftliche Krisis nicht schon damals zum Aus- 



- 3 — 

bruch kommen lassen, sondern um ein paar Jahre ver- 
zögert. 

Richtig ist dagegen, dass zu der Ueberproduction 
und Ueberspeculation in der Schwindelperiode von 
1871 bis 1873 der Samen schon weit früher ausgestreut 
war. Und diese Aussaat ist das Werk der Man- 
chesterleute, die sich mit Vorliebe „Volkswirthe" 
nennen. 

Wie man weiss, ist die Nationalökonomie eine 
verhältnissmässig sehr junge und noch sehr unfertige 
Wissenschaft. In der ersten Hälfte dieses Jahrhun- 
derts blieb sie in Deutschland auf die Hochschulen 
beschränkt, ohne die studirende Jugend besonders 
anzuziehen, und ohne die späteren Staatsbeamten 
wesentlich zu beeinflussen. Dem grossen Publikum, 
ja auch der Geschäftswelt war sie ziemlich unbekannt. 

Mitte der vierziger Jahre tauchte in Elbing und 
Königsberg i. Pr. ein Englischer Sprachlehrer auf, 
Namens J. Prince-Smith. Er versuchte das in 
England blühende Manchesterthum auch in Deutsch- 
land anzupflanzen; die Lehre von der „freien Con- 
currenz", das „ewige und alleingültige Gesetz'' von 
„Angebot und Nachfrage^'. Anfangs fand er wenig 
Gehör, bis er nach Berlin übersiedelte und hier eine 
Schule gründete, eine Anzahl von Literaten um sich 



— 4 — 

versammelte. Allmälig begriffen Grossindustrielle, 
Handels- und Börsenleute, namentlich die, welche dem 
auserwählten Volk angehören, dass die neue „Wissen- 
schaft" leicht zu lernen und in der Praxis gar gut 
zu brauchen sei. Das Manchesterthum, welches ein- 
fach die Allmacht des Capitals und die Ohn- 
macht des Staats predigt, wurde das wirthschaft- 
liche Dogma der „liberalen Partei" der herrschenden 
Bourgeoisie. Herr Prince-Smith und seine Jünger 
gewannen als „Volkswirthe" weiten Ruf und grossen 
Einfluss. Sie wurden von der Presse, an der sie 
selber fleissig mitarbeiteten, ununterbrochen gefeiert 
und beweihräuchert; sie paradirten alljährlich auf den 
sogenannten volkswirthschaftlichen Congressen, und 
sie gelangten mit als die „Edelsten und Besten der 
Nation" in die Parlamente. 

Zu den Jüngern des Herrn Prince-Smith, der, 
ursprünglich ganz unbemittelt, bei seinem unlängst er- 
folgten Tode ein erstaunliches Vermögen hinterliess, 
gehört auch Herr Otto Michaelis, lange Jahre 
„Volkswirth" und Mitredacteur der Berliner „National- 
Zeitung", bis ihn 1868 Minister Delbrück zu seinem 
vortragenden Piath machte; als welcher er an der 
wirthschaftlichen Gesetzgebung des Norddeutschen 
Bundes und des neuen Deutschen Pteichs einen sehr 



wesentliclieu Antheil hat. Erzählte doch Herr Otto 
Wolff; „Volkswirth'^ und lledacteur der „Ostseezeitung" 
in Stettin ; als Excellenz Delbrück April 1876 den 
Abschied nahm, dass dieser verdienstvolle Staats- 
mann aus einem Saulus ein Paulus geworden, näm- 
lich zunächst Schutzzöllner gewesen sei, und sich erst 
hinterher zum Freihandel und Manchesterthum be- 
kehrt habe. 

Die Krönung der wirthscliaftlichen Gesetzgebung 
des Norddeutschen Bundes war das zu so trauriger 
Berühmtheit gelangte Actiengesetz vom 11. Juni 1870, 
welches den Gründungsschwindel förmlich organisirte, 
indem es die Actiengesellschaften von jeder Ge- 
nehmigung und Aufsicht des Staats loslöste, und für 
die künftige Errichtung derselben die denkbar unge- 
bundensten Vorschriften, blosse Scheinbestimmungen 
aufstellte. 

Als dieses famose Gesetz am 20. Mai 1870 im 
Norddeutschen Reichstag zur Berathung kam, wollte 
€S ein charakteristischer Zufall, dass nicht, wie ge- 
wöhnlich, Dr. Simson den Vorsitz führte, sondern der 
erste Vicepräsident, Herzog von Ujest, der Genosse 
des Wunderdoctors Strousberg, und nacli ihm der 
zweite Vicepräsident, Herr von Bennigsen, der Gründer 
der vielgenannten Hannover- Altenbecker Bahn. 



— 6 — 

An der Debatte betheiligten sich fast ausschliess- 
lich manchesterliche „Volkswirthe", von denen viele 
bald darauf, während der Schwindelperiode, als Gründer 
und Gründergenossen glänzten. Alle fanden, dass 
der Gesetzentwurf die Freiheit der Bewegung auf 
dem Gebiet des Actienwesens noch viel zu sehr be- 
schränke-, so namentlich: Schulze-Delitzsch; Justiz- 
rath Lesse, Dr. Weigel aus Kassel, Dr. Braun-Wies- 
baden, Hofrath Ackermann aus Dresden, Edgar Ross 
aus Hamburg etc. Besonders missfielen die Strafen^ 
welche fahrlässige und ungetreue Mitglieder des Vor- 
standes und Veiwaltungsraths einer Actiengesell- 
schaft bedrohen; und sie wurden nur sehr wider- 
willig, weil Seitens der Regierung eine conditio sine 
qua non mit in den Kauf genommen. Herr H. H. Meier 
aus Bremen prophezeiete' sogar, dass sich gegen- 
über dieser „rigorosen" Strafandrohung (Gefängniss 
von höchstens drei Monaten!) anständige Leute schwer- 
lich zu^ Aufsichtsräthen hergeben würden. Herr 
Dr. Hammacher entgegnete ihm jedoch sehr richtig: 
es werde sich schon machen. Um jene Strafen ab- 
zuschwächen, brachten Herr von Bernuth, Justiz- 
minister a. D. und Professor von Sybel einen „Ver- 
bcsserurgsantrag'' ein. Derselbe lässt, auch wenn 
Vorstand und Aufsichtsrath den Stand der Verhält- 



nisse einer Gesellschaft wissentlich unwahr dar- 
stellen oder verschleiern, mildernde Umstände 
zu, und setzt für diesen Fall, statt der Gefängniss- 
strafe, eine blosse Geldbusse. Vergebens widersprach 
der Abgeordnete von Luck, später Oberstaatsanwalt 
in Berlin, indem er ausführte, wie hier von „mildern- 
den Umständen" nicht die Rede sein dürfe: — der 
„Verbesserungsantrag" der Herren von Bernuth und 
von Sybel wurde trotzdem beliebt. 

Am weitesten ging Herr Miquel, damals schon 
Mitdirector der Discontogesellschaft. Nicht nur, dass 
er ganz ungenirt pro domo sprach, nämlich für die 
Commanditgesellschaften auf Actien, welche, seiner 
Meinung nach, von der Regierung sehr stiefmütter- 
lich behandelt würden: er wollte auch dem Vorstand 
resp. Aufsichtsrath einer Actiengesellschaft erlauben, 
je nach Ort und Umständen zu täuschen und zu ver- 
schleiern. Vor solcher Moral erschrak selbst Herr 
Lasker, und mit dem sittlichen Eifer, der ihn ziert, 

rief er aus: 

„Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass der Abg. 
Miquel vor der Consequenz seines eigenen Antrages zurück- 
schrecken würde, wenn er diesen auslegte, wie er ausgelegt 
werden niuss, dass es dem Aufsichtsrath in Vereinigung mit 
den Actionären gestattet sein soll, falsche Thatsachen zu ver- 
breiten, die zwar den Actionären günstig sind, aber dem all- 
gemeinen Publikum zum Schaden gereichen". 



— « — 

Herr Miquel beschied sich, und zog seinen „Ver- 
besserungsantrag" zurück. Wer aber denkt liier 
nicht unwillkürlich an Dortmunder Union und an die 
Rumänische Eisenbahngesellschaft ! 

Das Actiengesetz wurde mit solcher Hast berathen, 
so über's Knie gebrochen, dass selbst etliche Man- 
chesterleute im Reichstag dies andeuteten und, wenn 
auch etwas verschämt, davor warnten. Aber sie 
redeten zu tauben Ohren. Am 12. Mai gelangte der 
Entwurf an den Reichstag und wurde einer soge- 
nannten freien Commission überwiesen, welche, ohne 
in das Detail einzugehen, sich schnell schlüssig 
machte. Am 20. Mai fand die erste und wie schon 
Tags vorher verabredet, sofort auch die zweite Be- 
rathung statt. Die dritte Lesung erfolgte am 24. Mai, 
am späten Nachmittage, als die Gesetzgeljer bereits 
müde und hungrig waren. Vergeblich riefen einige 
Stimmen „Vertagen!" Herr Simson ermahnte die un- 
geduldige Versammlung mit der ihm eigenen olym- 
pischen "Würde: 

„Ich glaube, wir tliäten recht deu Gegenstand, der, so viel 
ich beurtheileu kann, nicht eben -weitläufig ist, noch in heutiger 
Sitzung zu erledigen". 

Das Knurren der hungrigen Magen ward für Bei- 
fallsgemurmel genommen. Herr Simson aber schritt 



- 9 — 

feierlich liinauS; um sich in seinen Gemächern etwas 
zu restauriren. Seinen Thron erklomm der Herzog von 
Ujest und beseitigte die Formalität der dritten Lesung 
in wenigen Minuten. So maclit man bei uns Gesetze 1 
Herr Dr. Enderaann, Professor und Oberappell- 
rath zu Jena, der auch Mitglied des Norddeutschen 
Eeichstags war, hat das Actiengesetz „aus den Mate- 
rialien erläutert"; und billig erstaunt man, in diesem 
Comraentar dieselben Anschauungen wiederzufinden, 
die sich in den Reden von Miquel und Genossen 
spiegeln. Auch Herrn Endemann sind die sogenann- 
ten Xormativbestimmungen des Actiengesetzes „ohne 
Noth einengende Beschränkungen" und ihm erscheint 
„die eigene Vorsicht und das selbständige Urtheil 
des Publikums als die einzig haltbare Garantie gegen 
Missbrauch". Auch er ist eigentlich gegen die „A.n- 
drohung directer Polizeistrafen" und hält die Alm- 
dung jeder Verschleierung für sehr bedenklich. Ja, 
Herr Endemann meint, dass gewisse Bestimmungen 
des Gesetzes zu einer Umgehung fast herausfordern; 
und bei Artikel 215, welcher einer Gesellschaft den 
Erwerb eigener Actien verbietet, versichert er tröstend: 
„Wer die Zustände des Verkehrslebens kennt, darf 
sich dabei beruhigen, dass sich die Praxis doch zu 
helfen wissen wird". Den Gründern und Gründerge- 



— 10 - 

iiossen, soweit sie jetzt auf die Anklagebank kommen, 
ist der Endemann'sche Commentar dringend zu 
empfehlen; der Richter wird ihn hoffentlich zu ent- 
behren wissen. 

Aber dieser Commentar beweist, wie miserabel 
und vieldeutig schon die Fassung unserer neueren 
Gesetze ist; wie sie, so zu sagen, mit Dampf fabri- 
cirt werden; wie sie fast immer auf Compromissen 
beruhen und den materiellen Interessen der herrschen- 
den Partei dienen, dem sogenannten „Liberalismus", 
der heute, seinem eigentlichen Kern nach, Handels- 
und Börsenliberalismus ist. Jener Commentar be- 
weist ferner, welch gefährlichen Einfluss das Man- 
chesterthum auf einen Theil unserer Professoren und 
Juristen übt; in welche Gefahr dadurch Wissenschaft 
und Rechtsprechung, Gesetzgebung und Staatsgewalt 
gerathen. 

Die Freigebung der Actiengesellschaften war eine 
langjährige Forderung der Manchesterleute, die sie 
der Regierung endlich abrangen, als Entschädigung 
für sonstige Dienste. In Erwartung, in fester Vor- 
aussicht des Actiengesetzes wurden schon 1869 und 
in der ersten Hälfte 1870 eine Reihe von Gesell- 
schaften gegründet. Ohne das Actiengesetz wäre der 
grosse Schwindel überhaupt nicht möglich gewesen. 



— 11 — 

Das Actiengesetz erweckte sofort die Sucht zu grün- 
den; und zwar in dem Grade, dass schon während 
des Krieges und trotz des Krieges eine grosse Zahl 
neuer Gesellschaften in die Welt gesetzt wurden. 

Wenn die Manchesterleute einzuwenden versuchen, 
dass in Oesterreich, wo die Actiengesellschaften nicht 
freigegeben sind, der Gründungsschwindel ebenso stark 
gewüthet hat, so ist dies eine blanke Unwahrheit 
In Oesterreich wurden von 1867 bis 1873 1005 Ge- 
sellschaften „concessionirt". Die Oesterreichische 
Regierung war selber dem Schwindel verfallen, indem 
sie geradezu begünstigte, was man in Preussen kaum 
noch hindern konnte. In Preussen waren bisher 
Actiengesellschaften sehrsparsam concessionirt worden; 
in Oesterreich konnte man seit den Herren von Beust 
und Giskra durch gewisse Mittel jede Concession er- 
langen, und es ward mit den Concessionen ein offen- 
kundiger Schacher betrieben. Trotzdem entstanden 
von 1867 bis 1873 in Oesterreich-Ungarn thatsäch- 
lich nur 682 Actiengesellschaften — die übrigen 323 
Concessionen blieben unbenutzt; während in Deutsch- 
land von 1870 bis 1873 ca. 1300 Gesellschaften in's 
Leben traten, davon ca. 1100 allein in Preussen. 

Selbstverständlich haben die Französischen Mil- 
liarden die Gründungswuth in Deutschland genährt und 



— 12 — 

gesteigert Ein wahres Danaergeschenk, sind sie uns 
zum Fluche geworden, und vermöge ihrer haben die 
Franzosen an uns wirklich „Revanche" genommen. 
Wol war die Französische Kriegsentschädigung eine 
unerhört riesige Summe, aber die Börse und ihre 
Helfershelfer, die „Volkswirthe", thaten und schrieen, 
als ob sie unendlich und unerschöpflich wäre, ein nie 
versiegender goldener Regen. 

Wie es sich inzwischen herausgestellt hat, waren 
aber die Milliarden eine blosse Fata Morgana. Deutsch- 
land hat sie in Wirklichkeit nie erhalten: sie sind 
ihm eiufach verrechnet worden. Sie wurden in der 
Hauptsache gezahlt durch 120,000 Wechsel, welche 
die Europäischen Geldhändler und Börsenjuden 
unter einander hin- und herschoben und zu artigen 
Spielchen mischten; für welche Mühewaltung sie viele 
Millionen einstrichen. Minister Delbrück bewunderte 
und pries die Promptheit, mit der dieses Kartenkunst- 
stück ausgeführt wurde; aber verschiedene Umstände 
lassen vermuthen, dass die Deutsche Regierung dabei 
mehrfach über's Ohr gehauen ist. 

Herr Delbrück persönlich hatte freilich Ursache 
mit dem „Milliardengeschäft" zufrieden zu sein. Er 
gehörte, gleich unseren berühmten Heerführern, zu 
den „Dotirten". Auch Herr Delbrück erhielt aus der 



— 13 — 

Kriegscontribution baare zweimalhunclerttausend 
Tlialer. Darob jubelten tlie„Volkswirthe"und riefen: 
Unser Delbrück ist in seinem Fache auch ein General- 
Feldmarschall, und er hat auf dem Gebiet der 
Wiithschaftspolitik die glorreichsten Siege erfochten! 
Der Französische „Volkswirth"Leon Say sagt ganz 
offen: Ein grosser Theil der Milliardenwechsel ist 
mittelst fictiver Forderungen beschafft, deren spätere 
Ausgleichung sich dem Auge des Beobachters ent- 
zieht. Das Deutsche Publikum hat die Zahlung 

der Milliarden nur in allerhand Erschütterungen und 
Störungen empfunden; und jetzt will es ihm fast 
scheinen, als habe nicht Frankreich, sondern Deutsch- 
land die fabelhafte Kriegscontribution entrichten 
müssen, denn Frankreich's Wohlstand ist blühender 
als je, und der unsrige ist über Nacht verwelkt. 
Aber der „Volkswirth" der „Vossischen Zeitung" weiss 
in einem Leitartikel vom 7. November 1875 auch 
dafür Trost, indem er ausführt: 

„Wenn der ruhige Bürger aufgerufen wird, Zeuge der 
grössten und seltensten Weltbegebenheiten (nämlich des „Mil- 
liardeugeschäfts") zu sein, trifft ihn an seinem Theil auch eine 
weltgeschichtliche Mission". — „Wenn wir handelnd an der 
politischen Veränderung der Weltlage theilnahmen, so müssen 
wir auch leidend die Folgen davon tragen". 

Wie sein Abgott Delbrück, so findet auch der 



— 14 — 

„Volkswirth" der „Yossischen Zeitung", in der Ab- 
wickelung des „Milliardengeschäfts" den Beweis, „wie 
sehr unsere Finanzkuust allen vergangenen Zeiten 

überlegen ist". 

Die übermässige Beschleunigung des „Milliarden- 
geschäfts" — drei Milliarden wurden in Einem Jahre 
verrechnet — diese Steeplechase von Wechselreiterei 
machte die Gründer und Gründergenossen vollends 
toll, und sie überschwemmten den Börsenmarkt mit 
immer neuen und immer fauleren Werthen. Herr Camp- 
hausen, der Preussische Finanzminister that auch 
das Seinige, indem er der Gründerkönigin, der Dis- 
contogesellschaft, aus den Beständen des Staatsschatzes 
durch die Seehandlung drei Millionen Thaler gegen 
2'^'4 Procent Zinsen und ohne Unterlage vorstrecken 
liess. Ferner kündigte er fortlaufend eine Pteihe von 
Anleihen. Grosse Capitalien wurden frei, und ihre 
Besitzer, die sich, wegen der sichern Anlage, mit 
einem bescheidenen Zinssatze begnügt hatten, mussten 
nun, wohl oder übel, zu den von den Gründern so 
massenhaft fabricirten „neuen Werthen" greifen. Die 
zahllosen Gründungen, der fast ununterbrochene Be- 
sitzwechsel durch Häuser- und Terrain-Speculationen 
bereicherten auch die Staatskasse; die Einnahme aus 
den Gerichtskosten wuchs zusehends, und die Stempel- 



— 15 — 

Steuer schwoll förmlich an. Die Preussische Bank 
und die Seehandlung machten brillante Geschäfte; 
die Eisenbahn-, die Berg-, die Hütten- und die Sali- 
nenverwaltung, sie alle warfen überraschend grosse 
Erträge ab. Herr Camphausen trug seinen Kopf 
hoch, und erntete im Parlament bei den „Liberalen" 
grossen Beifall. Während der Gründungsperiode 
paradirte Herr Camphausen mit alljährlich steigen- 
den „Ueberschüssen", und die „Volkswirthe" nahmen 
ihn als eine Art von Zauberkünstler. Mit dem 
„Krach" freilich hörten auch die „Ueberschüsse" auf; 
und Herr Camphausen hätte sich mit dem Kündigen 
und Zurückzahlen der Anleihen nicht so zu beeilen 
brauchen, denn gar bald musste er zu einer neuen 
greifen. Juli 1876 legte er zu Eisenbahnzwecken 
120 Millionen Mark zur öffentlichen Zeichnung auf, 
und machte damit ein gründliches Fiasco. 

Auch Oesterreich glaubte an den Französischen 
Milliarden mitzugeniessen, und eifrig schuf es gleich- 
falls „neue Werthe", die zum grossen Theil in Deutsch- 
land Aufnahme fanden. Die Oesterreichischen Grün- 
dungen waren eigentlich nur das Echo der Deutschen. 
In den beiden Hauptschwindeljahren 1871 und 1872 
entstanden in Üesterreich-Ungarn zusammen etwa 
400 Actiengesellschaften, in Preussen dagegen ca. 



— 16 — 

780 Gesellschaften. Hier erreichte also, was man 
wohl merken muss, der Schwindel einen doppelt so 
grossen Umfang, und er war auch weit intensiver, 
indem er ebenso sehr Residenz wie Provinz, Stadt 
wie Land, alle Kreise und Schichten der Bevölkerung 
ausplünderte oder doch schädigte. 

Es ist interessant zu sehen, wie das „Milliarden- 
geschäft" die Phantasie des auserwählten Volks er- 
hitzte, und allerdings mit gutem Grunde, denn für 
dieses war es wirklich ein „Geschäft"; ein so grosses 
Geschäft, wie es ihm seit Erschaffung der Welt noch 
nicht zugefallen, und wahrscheinlich in Jahrhunderten 
nicht wieder zufallen wird. 

Herr Alexander Meyer, „Volkswirth" früher des 
Deutschen Handelstages in Berlin, jetzt der „Schle- 
sischen Presse" in Breslau, berechnete in der von Paul 
Lindau gegründeten „Gegenwart" (Nr. 27 de 1872), 
dass von der Französischen Kriegscontribution auf jeden 
Deutschen, vom Säugling bis zum Greise, ein golde- 
ner Theelöffel, 2 Loth schwer, entfallen würde. Während 
das Sprichwort nur von den „zehntausend Oberen" sagt, 
dass sie, mit einem silbernen Löffel im Mund, zur 
Welt kommen, wurde nach Alexander Meyer jetzt 
jeder Deutsche Säugling, auch in der ärmsten Hütte, 
mit einem goldenen Löffel in der Tasche geboren. — 



— 17 — 

Vorsichtig fügt Herr Meyer jedoch hinzu: diese 
40 Millionen goldener Löffel würden schwer verkäuf- 
lich sein und müssten rapide im Course sinken. — 
Solche Verlegenheit hat uns denn auch das Schicksal 
erspart. Man suche heute nur nach den 40 Millionen 
goldener Löffel! Bei 39 Millionen Deutschen wird 
man den 2Loth schweren Goldlöffel vergebens suchen. 
Man wird ihn höchst selten in christlichen Familien 
linden, vielleicht unter 1000 in Einer, wohl aber fast 
in jedem jüdischen Hause. Die 40 Millionen golde- 
ner Löffel haben sich sämmtlich zurückgezogen in 
die Schatzkammern der Gründer und Gründergenossen. 

In solchen Spielereien bewegen sich, nebenbei be- 
merkt, unsere feuilletonistischen „Volkswirthe", die 
Alexander Meyer, Ludwig Bamberger, Braun-Wies- 
baden etc. Hinter solchen Spielereien verbergen sie 
ihren Mangel an positiven Kenntnissen, ernsthaften 
Studien und sittlichen Principien. 

LudwigBambergerhat„DiefünfMilliarden'4873 
im Aprilheft der von seinem Freunde Wehreupfennig 
herausgegebenen „Preussischcn Jahrbücher" besungen. 
Li lauter Dithyramben (d. h. in solchen, wie sie seit 
Melanippides dem Jüngeren Mode wurden), in immer 
neuen hypergeistreicheu Wendungen und Vergleichen 
feiert und deutet er das „Milliardengeschäft", das er 

Glaguu, Der Uörsenscliwindel. II. 2 



— 18 - 

schliesslich selber als eine Art von „Hexeneinmaleins" 
bezeichnet. Ludwig Bamberger hat als politischer 
Flüchtling das Bank- und Wechselgeschäft en gros 
bei seinem Onkel Bischoffsheim in Paris erlernt, und 
er kennt alle Mysterien desselben ebenso genau, wie 
etwa Bleichröder oder Rothschild. Obwol er es nun 
zwar liebt; gleich Graziano im „Kaufmann von Venedig", 
mit unendlich viel Worten so wenig wie möglich 
zu sagen, obwol er gern die Hauptsache für sich 
behält und sich hütet, aus der Schule zu plaudern, 
entschlüpft ihm am Schlüsse seines Triumphgesanges 
doch eine Warnung. Er warnt die Deutsche Regie- 
rung, wozu es freilich schon zu spät ist, das Tempo 
der Zahlungen nicht so sehr zu beschleunigen, um 
der Wechselreiterei nicht so grossen Vorschub zu 
leisten. Er sagt ausdrücklich: die allzurasche Ab- 
wickelung der Kriegscontribution werde sich an Deutsch- 
land rächen, sie wirke „wie ein Treibhaus für Reit- 
wechsel", und das empfangene Geld könne sich 
leicht in Kohle verwandeln! Ludwig Bamberger, 
der, wenn er sich in Abschweifungen aller Art güt- 
lich gethan, schliesslich gern moralisch wird, erinnert 
daran, „dass fünfzig Jahre nach dem Zutritt des Pe- 
ruanischen Goldstroms die Spuren des Verfalls der 
Spanischen Monarchie zu Tage traten." „Möchte das 



- 19 — 

Reich der Hohenzolleru bewahrt bleiben vor dem 
zweideutigen Segen Spanischer Gallionen I" ruft er 
aus, und lässt dann noch, etwas krampfhaft, die Verse 
folgen : 

Nimm Hack' und Spaten, grabe selber, 
Die Bauernarbeit macht Dich gross, 
Und eine Heerde goldner Kälber, 
Sie reissen sich vom Boden los. 

Eine schöne Mahnung 1 Doch nimmt sie sich selt- 
sam aus im Munde des Banquier Bamberger, der 
die „Deutsche Bank" gegründet, und uns die Reichs- 
bank und die Nickelmünzen bescheert hat. Herr 
Bamberger mahnte so, als der seit zwei Jahren to- 
bende „Tanz um das goldene Kalb" sich bereits er- 
schöpft hatte, und der „Grosse Krach" schon vor der 
Thüre stand. Seine Befürchtung, die Französischen 
Milliarden könnten sich in Kohle verwandeln, begann, 
kaum ausgesprochen, sich flugs zu erfüllen, in stei- 
gender, unaufhaltsamer Hast traurige Wahrheit zu 
werden. Statt des goldenen Theelöffels von Alexan- 
der Meyer, trägt heute Jeder von uns ein Pfund ge- 
münzten Nickels von Ludwig Bamberger in der Tasche, 
und diese Münzen werden, nach kurzem Gebrauch, 
schwarz und brüchig wie Kohle. 

„Der ganze Organismus unserer Verkehrswelt be- 
ruht darauf, dass keine Zinsen verloren gehen", sagt 



— 20 — 

Ludwig Bamberger iu seinem Jubellied auf das „Mil- 
liardeugeschäft". Diese Sentenz des Börsen-Philosophen 
griff Minister Delbrück auf und gab ihr in einer Par- 
lamentsrede die tiefsinnige Fassung: „Es ist das Ge- 
heimniss unserer Zeit, keine Zinsen zu verlieren." 
Um keine Zinsen zu verlieren, um die veranschlagten 
Zinsen noch zu mehren, kaufte Excellenz Delbrück 
aus der Französischen Kriegscontribution für den 
Reichsinvalidenfonds und für den Festungsbaufonds 
über 100 Millionen Thaler ungarantirte Eisenbahn- 
prioritäten, welche heute gewissermaassen unverkäuf- 
lich sind, und bei denen zu befürchten ist, dass Zinsen 
und Capital verloren gehen. 



Die „Heb^iig" der Industrie. 

Was die „Volkswirthe" predisjen, und wie die Gründer zu Werke flehen — 
VorpründuTigen: Norddeutsche Fabrik, Lüders, Hartmann, Lieliermami, 
Schwartzkopflf — Berliner Maschinen-Gründungen: Freund, Eckert, Egells, 
Vulkan, Wöhlert, Union, Cyklop, Oechelhänser, Germania, Phönix, Sentker, 
Tietzsch, Schaaf, Ludewig, Patentfeilen — Nähmaschinen; Ludwig Löwe & Co., 
Frister & Rossraann, Pollack, Schmidt & Co., Franz Boecke — Professionelle 
Vorkäufer — Parlamentarische Gründer — Gründungssünden — Lohn- und 
Preissteigerungen — üeherproduction und Nothstand — Nachträgliche Weis- 
heit der Börsenzeitnngen — Eine Entgründung; Fahrik für Eisenhahnbedarf, 
früher Pflug — Herr von Unruh und Herr H. B. Oppenheim — Die beiden 
„Generaldirectoren" Friedrich "Waltz und Julius Müller — „Dr. Strousberg 
und sein Wirken, von ihm selbst erzählt". 

Deutschland ist ein Ackerbaustaat, und wird es 
wol auch bleiben. Aber unsere „Volkswirthe", die 
stets nach Frankreich und England blicken, wollen 
aus Deutschland durchaus einen Industrie- und Han- 
delsstaat machen. Es kümmert sie nicht, dass das 
Kleingewerbe bald von der Grossindustrie völlig zer- 
rieben sein wird, dass der Bauernstand sich mehr 
und mehr lichtet, dass unsere Getreideproduction 
rasch sinkt, und wir in den letzten Jahren um viele 
Millionen Thaler mehr ein- als ausgeführt haben. 



— 22 — 

Meint doch die Berliner „Nationalzeitung" in einem 
Leitartikel vom 21. Juli 1876: „Der gesteigerte Be- 
darf Deutschlands an ausländischem Getreide ist nur 
eine natürliche Folge des zunehmenden Ueberwiegens 
seiner industriellen Thätigkeit und ein Zeichen für 
die Schnelligkeit ihrer Entwickelung." — — 

Seit einem Vierteljahrhuudert hat sich in Deutsch- 
land die Grossindustrie mächtig entwickelt, ist eine 
Menge von Fabrikstädten emporgewachsen. Diese 
in socialpolitischer Hinsicht schon an und für sich 
bedenkliche Bewegung nahm nun seit dem Freigeben 
der Actieugesellschaften und mit den Französischen 
Milliarden ein stürmisches Tempo, einen masslosen 
Charakter an. Während sonst nach jedem grossen 
Kriege naturgemäss Erschöpfung und Sammlung, Ein- 
schränkungen und verdoppelte Sparsamkeit folgen, 
brach nach dem Friedensschlüsse bei uns eine wahre 
Leidenschaft zu neuen Unternehmungen, ein wildes 
Speculationsfieber aus. Hätten wir die Milliarden 
wirklich erhalten, sie würden nur die Unkosten und 
Verluste des Krieges gedeckt haben; aber die Börse 
nahm sie, trotz der blossen Wechselverrechnung, wie 
ein baares Geschenk, und die Presse und die „Volks- 
wirthe" predigten unaufhörlich: Wir wären aus einem 
verhältnissmässig armen plötzlich ein reiches Volk 



— 23 — 

geworden, unser Nationalwohlstand hätte sich, in Folge 
des Französischen Krieges und der Deutschen Einheit, 
unendlich vermehrt und gesteigert. Dieser Reichthum, 
(lieser Ueberfiuss dürfe nicht brach liegen; er müsse 
in erster Reihe dazu verwandt werden, Industrie und 
Handel, die so lange beschränkt und gehemmt ge- 
wesen, zu heben und zu fördern, zur vollen herrlichen 
Entfaltung zu bringen. Neue Fabriken und Manu- 
facturen, Berg- und Hüttenwerke, Banken und Han- 
delsgesellschaften müssten ins Leben gerufen, die 
schon bestehenden erweitert und vergrössert werden. 
Was die Kraft und die Mittel des Privatmanns nicht 
vermögen, werde die Association des Capitals, die 
Actiengesellschaft vollbringen. 

Darauf begann die Gründungsepidemie. Das Grün- 
den ward verdienstlich, weil gemeinnützig; die Grün- 
der wurden von der Presse und von den „Volks- 
wirthen" gefeiert. Das Gründen wurde ein Geschäft, 
denn es war sehr einträglich. Der professionelle 
Gründer fand in den verschiedensten Kreisen der Ge- 
sellschaft Verbündete und Gehülfen, Kundschafter 
und 7Aitreiber, für die alle mehr oder minder grosse 
Summen abfielen. 

Abgesehen von den zahllosen Banken und Bau- 
vereinen, waren aber wirkliche Neuschöpfungen nur 



— 24 — 

vereinzelt. Eine Fabrik, Spinnerei oder dergleichen 
erst zu errichten, war zu weitläuftig und langwierig. 
Man zog es vor, schon bestehende Etablissements an- 
zukaufen und in Actiengesellschaften umzuwandeln. 
Selbstverständlich richtete man sein Augenmerk zu- 
nächst auf grosse und renommirte Anlagen; später 
und gleichzeitig wurden auch kleinere und ganz un- 
bedeutende angekauft. Die Besitzer wurden zum 
Theil sehr umworben und förmlich belagert; theil- 
weise drängten sie sich zum Verkauf und gehörten 
mit zu den Gründern. 

Es wurden die horrendesten Preise entweder frei- 
willig geboten oder, ohne viel zu feilschen, bewilligt. 
Bei der unsinnigen Steigerung von Grund und Boden 
und von Baulichkeiten, wie sie damals stattfand, kann 
man dreist behaupten, dass schon die Vorkäufer oder 
die Gründer das zu gründende Etablissement um das 
Doppelte des eigentlichen Werths erstanden*). Der 



*) Im September 1872 „gründete" Simon Levy aus Berlin 
den Fabrikbesitzer F. A. Klusemann in Magdeburg. Diesem 
bot er für das Etablissement, welches reell etwa 225,000 Thlr. 
werth war, sofort GOU,000 Thaler, und überwies es der neuen 
Actiengesellschaft „Sudenburger Maschinenfabrik" mit 800,000 
Thaler. Herr Levy hielt es nicht einmal für nöthig, die Fabrik 
ordentlich zu besichtigen, sondern als er dazu aufgefordert 
wurde, lehnte er es mit den klassischen Worten ab : Wer lange 
sieht, hat keine Lust zu kaufen! — Auch die Gräflich Stolberg'- 



— 25 - 

Actiengesellschaft wurde es um das Drei- und Vier- 
fache, oft um das ^ehn- bis Zwanzigfache überwiesen. 
Die Actien endlich gelangten in der Regel mit einem 
Agio von 5 bis 50 Procent an die Börse, und wur- 
den dann noch viel höher hinaufgetrieben. Daher 
nach dem Krach das unendliche Fallen, vornehmlich 
der Industrie-Actien, deren wahrer Werth von Hause 
aus schon sehr gering war, die aber in Folge von 
Misswirthschaft und Veruntreuungen, welche bei einer 
Actiengesellschaft kaum ausblieben, gar oft bis auf 
Null sanken. Der Vorbesitzer empfing einen nam- 
haften Theil der Kaufsumme gewidmlich in solch 
eigenen Actien, die er natürlich so schnell wie 
möglich los zu werden suchte. Den reellen Werth 
des gegründeten Etablissements dürfte in vielen Fällen 
die Hypothek bezeichnen, welche der Ver- oder auch 
Vorkäufer als Rest des Kaufgeldes für sich eintragen 
liess, und die schon nach einigen Jahren zu tilgen war. 
Fabriken und Manufacturen jeder Branche und 
viele Hundert an der Zahl gingen aus Privathänden 
in den Besitz von Actiengesellschaften über, wurden 



sehe Maschinenfabrik, nicht so gross vfie die Klusemann'sche, 
sollte 1872 gegründet werden. Nur um die Agenten los zu 
werden, forderte der Director die fabelhafte isumme von 2 Mil- 
lionen Thaler. Aber die Gründer erschraken nicht und zogen 
sich erst zurück, als man den ganzen Betrag in baar verlangte. 



— 26 — 

mit Vorliebe „gegründet" und fanden auch Vertrauen 
beim Publikum. Das Geschrei der „Volkswirthe", der 
Jubel der Presse über den allgemeinen Wohlstand, 
über die neue Blüthe von Industrie und Verkehr 
wiegte die ganze Nation in süssen Wahn, steigerte 
alle Bedürfnisse und verlockte Jedermann zu einem 
gewissen Comfort und Luxus. Alle Fabriken und 
Manufacturen schienen vollauf beschäftigt und ver- 
sprachen hohe Renten, denn die Preise stiegen merklich. 
Mit besonderen Erwartungen wurden die Maschinen- 
fabriken begrüsst und die Fabriken für Eisenbahn- 
bedarf. Der Verkehr, der Transport schien endlos 
zu wachsen; täglich las man in den Zeitungen von 
Verkehrsstockungen und Güteranhäufungen, von Wa- 
gen- und Kohlennoth. Die Eisenbahnen konnten den 
Andrang nicht immer bewältigen; viele neue Linien 
wurden concessionirt und in Angriff genommen. Die 
Bestellungen auf Personen- und Güterwagen, auf 
Schienen und Locomotiven häuften sich derart, dass 
die betreffenden Etablissements die Auswahl hatten. 
Aber auch diejenigen Fabriken, welche die Einrich- 
tung für andere Fabriken besorgen, Motoren und 
Triebwerke, Spinn- und Webstühle, Werkzeuge und 
Instrumente anfertigen, waren reichlich mit Aufträgen 
versehen. 



— 27 — 

Unter den Vorbesitzern dieser jetzt gegründeten 
Etablissements befanden sich Männer, deren Name 
über ganz Deutschland Ruf und Klang hatte, deren 
Name schon allein eine Garantie bot, zumal sie ge- 
wöhnlich noch die Leitung der neuen Actiengesell- 
schaft behielten. Maschinenfabriken warfen in Privat- 
händen einen Reingewinn von 15 bis 25 Procent ab; 
Maschinenbau- und Eisenbahnbedarfs -Actien fanden 
daher willige Aufnahme und erfuhren in der ersten 
Zeit fast alle beträchtliche Courssteigerungen. 

Eine Anzahl solcher Fabriken wurde schon vor 
Ausbruch des Actiengesetzes gegründet; sie sind ge- 
wissermassen die Vorläufer desselben und unter ihnen 
folgende bemerkenswerth: 

Norddeutsche Fabrik für Eiseubahu-Betriebsmaterial 

in Berlin. Gegründet Mai 1869 von Geh. Commerzienrath 
Paul Mendelssohn-Bartholdy, Commerzieu-Räthe Adalbert Del- 
brück und H. Thomas. Actiencapital 1''2 Millionen Thaler. 
Eine der wenigen Fabriken, die neu errichtet wurden. Als erste 
Aufsiclitsräthe fungirten noch: Bauquier Franz Mendelssohn, 
Consul John Menger, Justizrath Max Wilke, Regierungsrath 
und Eisenbahndirector Jul. Vettin. Der Betrieb begann erst 
1871 und war von vorn herein nicht lohnend. Directiou: Geh, 
Oberbaurath Eduard Koch und Obermaschinenmeister Woehler, 
später Hermann Kremser. Eine Dividende ist nie vertheilt 
worden, weshalb einer der Actionäre, Abgeordneter Schröder- 
Lippstadt — der „ultramontane Rechtsanwalt", wie der 
„Berliner Börsen - Courier" ihn nannte — die Liquidation 



— 28 — 

anstrebte. Dieselbe wurde zum Schaden der Gesellschaft erst 
im April 1876 beschlossen. Cours der Actien einst 120; jetzt 
circa 40. 

Actiengesellscliaft für Fabrikation tou Eisenbahn -Ma- 
terial, früher Stadtrath Lüders in Görlitz. Vorgekauft von 
Isidor Mamroth in Berlin für angeblich 512,000 Thaler. Der 
Handelsminister versagte zunächst die Concession, welche im 
Juni 1869 durch Cabinets-Ordre ertheilt wurde, Actiencapital 
1 Million Thaler. Ausser dem Vorkäufer Isidor INIamroth ge- 
hörten zum Gründuogscomite: Kaufmann L. Ephraim und 
Rechtsanwalt Dr. Dreyer in Görlitz, Eisenbahndirector, Re- 
gierungsrath Carl Vogt in Breslau, Generalconsul Gutike in 
Berlin, Wilhelm Eichler Ritter von Eichkron in Wien, Säch- 
sischer Finanzrath, Freiherr Max Maria von Weber in Dresden. 
Erste Verwaltungsräthe waren u. A.: Commerzienrath L. Wrede 
und Paul Gravenstein in Berlin. Die Leitung behielt zunächst 
der Vorbesitzer, der, wie es im Prospect hiess, in kaum 
15 Jahren ein reicher Mann geworden war-, später übernahm 
sie Director Sammann, welcher 1873 zugleich mit dem Ver- 
waltungsrath abtrat. Die früher so blühende Fabrik war nach 
der Gründung schnell heruntergekommen. 1871 bis 1873 gab 
es keine Dividende; 1874 und 1875 betrug sie je 4%. Cours 
einst 125-, jetzt ca. 40. 

Sächsische Maschinenfabrik, vormals Geh. Commerzien- 
rath Richard Hartmann in Chemnitz. Wurde März 1870 für 
3 Millionen Thaler angekauft! Das Gründungscomite bildeten: 
Commerzienrath L. Wrede, Banquier Paul Gravenstein, Fabrik- 
besitzer G. Schöpplenberg und Justizrath J. Ahlemann in Berlin, 
Wilhelm Eichler Ritter von Eichkron in Wien uud Sächsischer 
Finanzrath, Freiherr Max Maria von Weber in Dresden. Im 
Prospect heisst es: Richard Hartmann, vor 30 Jahren ein mit- 
telloser Arbeiter, beschäftigt jetzt nahezu 3000 Leute. 

Herr Hartmann und Herr Lüders sind beide ein leuchtendes 



— 29 — 

Beispiel für die frommen Proletarier, die sich uiclit von deu 
bösen Socialdemokrateu verlocken lassen, sondern die nach 
wie vor auf Herrn Schulze-Delitzsch hören, welcher ihnen zu- 
ruft: Jeder von Euch trägt in seiner Tasche den Fabrikanten- 
Stab! Aber Herr Hartmann und Herr Lüders haben mit dem 
vierten Stand, aus dem sie hervorgegangen, nichts mehr gemein-, 
sie gehören jetzt beide zur Bourgeoisie, sie haben beide sich 
gründen lassen und dann selber gegründet. 

Das Capital der Gesellschaft beträgt 3 Millionen Thaler 
(1/2 Million wurde nachträglich im Januar 1873 zum Course 
von lü-i ausgegeben) und dazu kommen noch 500,000 Thaler 
Hypotheken! Vorsitzender des Aufsichtsraths, dem auch Geh. 
Commerzienrath Plaut in Berlin, Abgeordneter Geh. Ober- 
regierungsrath Heise in Breslau und Geh. Hofrath Advocat 
Kohl in Chemnitz angehörten, wurde der Vorbesitzer Richard 
Hartmann. Die Direction übernahm Gustav Hartmann, und so 
blieb Alles hübsch in der Familie. Im Prospect wurden 15 
bis 17 Procent Reingewinn herausgerechnet, aber die höchste 
Dividende, welche 1873 erreicht wurde, betrug nur 11, und 
sank 1874 auf 3 Procent. Trotz dieser winzigen Dividende 
bewilligten sich Aufsichtsrath und Direction je 5500 Thaler 
Tantieme-, denn sowol bei Lüders wie bei Hartmann bestimmen 
die zum Theil von denselben Gründern entworfenen Statuten 
sehr weise, dass bei Vertheilung des Reingewinns zunächst Ver- 
waltungsrath und Vorstand prämiirt, und dann erst die Actio- 
näre bedacht werden sollen. Die Actien, einst 125, notirten 
im Sommer 187G etwa 30. 

3Iaschiueul)an und Eisengiesserei Wilhelinsliütte bei 
Sprottau, früher Liebermann & Co. Gegründet April 1870 
von Geh. Commerzienrath Gustav Dietrich, Geh. Hofrath Robert 
Dohme, Hofjustizrath Dr. Girau, Emil Rathenau und Eduard 
Abel in Berlin und dem Abgeordneten Eisenbahndirector Bail 
in Glogau. Actiencapital 750,000 Thaler und 100,000 Thaler 
Hypothek. Der Prospect stellte 14"ö Dividende in Aussicht, 



- 30 — 

die aber nie erreicht wurde, 1875 entfielen 4, 1876 — 4V2^/o 
Dividende. Cours einst 120, jetzt ca. 60. 

Berliner Maschineiibaugesellschaft,vormalsL.S c h w a r t z - 
kopff in Berlin. Gegründet 1. Juni 1870 von Rechtsanwalt 
Salomonsohn (für die Disconto- Gesellschaft), Geh. Commer- 
zienrath W. Conrad (für die Berliner Handelsgesellschaft), 
Abraham Meyer und „Volkswirth" Assessor a. D., Abgeordneter 
Dr. Georg Siemens (für die Deutsche Bank), Geh. Commerzien- 
rath Zwicker (Gebrüder Schickler), Anhalt & Wagener, Com- 
merzienrath Hermann Egells, Freiherr Ed. von der Heydt, 
Julius Ebbinghaus, „Volkswirth" und Abgeordneter Regierungs- 
rath a. D. von Unruh. Actiencapital 2 Millionen Thaler. Di- 
rector wurde der Vorbesitzer, und er erzielte hohe Erträge. 
Von 1871 bis 1876 wurden 8, 11, 15, 14, 12 und resp. 7V2% 
Dividende vertheilt. Die 7 Aufsichtsräthe erhielten 1873 bis 
1876 — 12,800, 15,500, 14,000 und resp. 9000 Thaler Tantieme. 
Ein hübsches Trinkgeld für eine blos nominelle Müliewaltung! 
Die Gründung geschah, als Grund und Boden und derartige 
Etablissements noch nicht so unsinnig in die Höhe getrieben 
waren, und die Gründer haben sich mit einem massigen Profit 
begnügt. Trotzdem ist auch bei diesen Actien der Cours, der 
einst 150 notirte, gesunken bis ca. 100. 



Wenn schon bei den Gesellschaften von 1869 und 
Anfang 1870 gesündigt worden, so geschah dies in 
weit stärkerem Grade und in geradezu systematischer 
Weise nach der Explosion des Actiengesetzes. Die 
Beute, welche die Vorkäufer, Vermittler, Gründer 
und ersten Zeichner jetzt einsteckten, war zu unver- 
schämt. Die neue Gesellschaft wurde mit einem so 



— 81 — 

riesigen Capital belastet, die Verwaltung war so kost- 
spielig, die Wirthschaft so lüderlicli, dass eine Ren- 
tabilität in das Reich dei' Unmöglichkeit gehörte. 
Dennoch wurden in den Schwindeljahren 1871 bis 
1873 hohe Dividenden vertheilt, die man künstlich 
ausrechnete, um die Actien los zu werden, oder um 
neue Actien mit beträchthchem Agio auszugeben. 
Häufig befand sich der grösste Theil der Actien noch 
in den Händen der Gründer, Verkäufer und Vorbe- 
sitzer, und diese steckten dann auch die hohe Divi- 
dende ein. Fast regelmässig behielt der Vorbesitzer 
die Leitung, bezog dafür einen Ministergehalt, und 
mit den Aufsichtsräthen, zu denen stets die Gründer 
gehörten, erkleckliche Tantiemen; und stets trat er 
mit den ersten Aufsichtsräthen zurück, sobald das 
Fahrzeug zu sinken begann. 

In Berlin, wo die Epidemie am ärgsten wüthete, 
wurde jede Fabrik gegründet, die sich irgend grün- 
den Hess; und von den Maschinenfabriken blieben 
wenige verschont. Eine bemerkenswerthe Ausnahme 
bildete der „Locomotiven-König", Geh. Commerzien- 
rath A. Borsig — nicht zu verwechseln mit seinem 
genialen Vaterj der schon 1854 starb. Herr A. Borsig 
junior blieb ungegründet, obwol man für seine Eta- 
blissements ihm 12 bis 15 Millionen Thaler geboten 



- 82 — 

haben soll. Doch ging er selber unter die Gründer. 
Im Uebrigen wurden die grössten wie die kleinsten 
Maschinenfabriken gegründet; von Egells und Wöhlert 
bis Ohm und Schaaf. Wir charakterisiren sie nach- 
stehend: 

Eisengiesserei uudMascliiueufabrik, früher Julius Conrad 
Freund. Gegründet 9. Mai 1871 von H. C. Plaut, Paul Gra- 
venstein, Commerzienrath Victor Ludwig Wrede, Geh. Regie- 
rungsrath Dr. Carl Esse und dem Abgeordneten Geh. Ober- 
Regierungsrath und Director des Köuigl. Preuss. Statistischen 
Bureau, Dr. Ernst Engel. Als erste Zeichner fungiren u. A. : 
J. C. Freund, Dr. Georg Freund, S. Abel jr., Justizrath Ahle- 
mann, G. Schöpplenberg, Rudolf Klemm etc. Directoren: Wilh. 
Oppermann und Dr. Heinrich Adam Ludwig Wrede. Vor- 
sitzender des Aufsichtsraths war zunächst Dr. Esse, später 
Justizrath Riem, welcher das Statut aufgenommen hatte. Das 
Actieucapital, ursprünglich 1,250,000 Thaler, wurde October 1872 
noch um 350,000 Thaler erhöht. Damals fiel der Gesellschaft, indem 
sie das Vorkaufsrecht auf gewisse Grundstücke an die unglück- 
selige Deutsche Eisenbahnbaugesellschaft abtrat, ein Gewinn 
von ca. 240,000 Thaler in den Schooss; und dieser Glücksfall 
wurde benutzt, um junge Actien zu machen, und die alten, 
welche schon unter 90 gesunken, bis über 130 zu treiben. 
Gegenwärtig ist der Coursstand ca. 30, denn die Dividende für 
1874 war — 0. 

Landwirthschaftliclie Mascliiueufabrik, vormals Com- 
missionsrath H. F. Eckert. Vorgekauft Juni 1871 von Ban- 
quier Albert Hackel (M. Borchardt juu.j und Leopold Hadra, 
welche die Gesellschaft gründeten in Gemeinschaft mit Hütten- 
director Hellmuth Förster, Baurath und Eisenbahndirector Carl 
Köuigk, Rittergutsbesitzer und Abgeordneter A. Kiepert auf 
Marienfelde, Landrath a. D. und Abgeordueter Freiherr von 



— 33 — 

dem Knesebeck auf Jühusdorf. Das Actiencapital, zuerst 
600,000 Thaler, ward März 1872 um 200,000 Thaler erhöht. 
Dazu 185,000 Thaler Hypotheken. Erste Aufsichtsräthe waren 
noch Banquier Rudolf Molenaar und Ingenieur Adolf Meyer. 
Der Vorbesitzer übernahm 150,000 Thaler Actien und behielt 
die Leitung bis 1874. Als er kürzlich starb, widmeten ihm 
Aufsichtsrath und Direction einen überschwänglichen Nach- 
ruf. Der Prospect bezeichnete den frühern Reingewinn mit 
15% und verhiess eine Dividende von 10%. 1874 wurde nichts 
gezahlt, 1875 und 1876 — 4 und resp. 3 Procent. Trotzdem 
berechnete sich der Aufsichtsrath auch in diesen Jahren eine 
Tantieme von 1987 und resp. 1444 Thaler. Der Cours, einst 
über 100, ist gefallen bis ca. 30. 

Märkisch-Schlesische Maschinenbau- und Hiitten-Ge- 
sellscliaft, bisher F. A. Egells. Die Besitzer, Commerzienrath 
Hermann Egells und Carl Egells, verkauften zweimal, was zu 
einem Prozesse Veranlassung gab; zum zweiten Mal, Septem- 
ber 1871, an das Consortium Bernhard Friedheim und Leopold 
Hadra. Actiencapital 2,300,000 Thaler! Dazu ca. 700,000 Thaler 
Hypotheken und 500,000 Thaler Prioritäts-Obligationen!! Erste 
Zeichner: Robert Baumann (Berliner Bank), Julius Samelson, 
Jacob Ball, Joseph Leipziger, Meyer Cohn, Mendel Cohn, Anton 
Wolff, Joseph Pincuss, PaulMunk,Generalconsul Ascher Salinger, 
Rittergutsbesitzer Carl Meyer (in Firma Fr. Krupp in Essen), 
Justizrath Drews, Aron Hirsch Heymann etc. Der Prospect ent- 
hält grobe Unrichtigkeiten und falsche Angaben, weshalb die 
Staatsanwaltschaft wiederholentlich angerufen wurde; jedoch kam 
es bisher zu keiner Anklage. Dieser Prospect hat keine Unter- 
schrift, was das famose Actiengesetz auch gar nicht verlangt. Er 
ist von einem Börsen-Literaten abgefasst, der sich bei seiner Ver- 
nehmung nicht mehr erinnern konnte, wer ihm dazu Auftrag ge- 
geben hatte! Zu einer Dividende ist es nie gekommen; pro 
1872 wurden 2V4, pro 1873 — 1V4% ausgeworfen, aber nicht 
bezahlt. Pro 1874 erhielten die Actionäre erst recht nichts-, 

Glagau, Der Börsenscliwindel. II. 3 



— 34 — 

dagegen bewilligte der Aufsichtsrath sich und dem Beamten- 
Personal eine Remuneration von 2500 Thalern!! Der 
Cours ist etwa 10. 

Beiiiuer Vulkan, Eisengiesserei und Maschinenfabrik, 
vormals Otto Hermann von Michalkowsky. Errichtet No- 
vember 1871. Gründer: Leopold Hadra und Max Munk. Erste 
Zeichner: Michael Simonsohn, Isidor Platho (Platho & Wolff),*" 
Emil Heymann, Leopold Pincson, Leopold Friedländer, Hugo 
Fuchs, Paul Munk, Eisenbahndirector Gustav Dittmann, August 
Jacobs, Otto Sanden etc. Grundcapital 450,000 Thaler — Juni 
1876 durch Zusammenlegen, d. i. Meucheln der Actien um die 
Hälfte gemindert, und 285,000 Thaler Hypotheken. Für 1872 
wurden 7% Dividende vertheilt, seitdem nichts mehr. Die 
Bilanz pro 1875 schloss mit einem Verlust von 68,000 Thlrn. 
Cours etwa 5. 

Wölilert'sche Maschineubauaustalt und Eisengiesserei. 
Vorgekauft von Hermann Geber und Consorten, und Febr. 1872 
den unglücklichen Actionären für SV^ Millionen Thaler über- 
wiesen, ohne dass in dieser kolossalen Summe auch 
die Vorräthe eingerechnet waren! Neben dem Actien- 
capital von S'/i Million Thaler stehen noch 1 Million Thaler 
Hypotheken. Gewiss eine erschreckliche Belastung! Trotzdem 
wurden von 1872 bis 1874 — 6 — 5V2 Procent Dividende vertheilt, 
dem Aufsichtsrath hohe Tantiemen und den Beamten Grati- 
ficationen bewilligt. Erst 1876 stand man davon ab. Die Di- 
rectiou übernahmen Julius Müller und Gustav Wöhlert. Vor- 
sitzender des Aufsichtsraths war zuerst der Vorbesitzer, Com- 
merzienrath F. Wöhlert, und nach ihm Fabrikbesitzer G. Schöpp- 
lenberg. 

Diese Gründung war so grob, dass sie gleich Verdacht 
erregte. Von dem Actiencapital waren angeblich iVi Millionen 
Thaler „fest übernommen", und den Rest mit 2 Millionen Thlr. 
legten Richard Schweder (Preuss. Boden-Credit-Actien-Bank), 
F. W. Krause & Co. und Carl Goppel & Co. zur öffentlichen . 



— 35 — 

Zeichnuug auf. Es -wurden jedoch nur Vl^ Millionen Thaler 
genommen, und Richard Schweder bot den „nicht subscribirteu 
Rest" von ^/^ Million Thal er nochmals aus; was in der da- 
maligen Schwindelperiode, wo regelmässig Ueberzeichuungen 
stattfanden und stets „Reductionen" vorgenommen werden 
mussten, sehr auffiel. Der Cours bröckelte fortwährend und 
ist schliesslich gefallen bis 10. 

Der Prospect datirt vom 1. Februar 1872 und ist unter- 
zeichnet: „Der Aufsichtsrath. Commerzienrath F. Wöhlert, 
Justizrath Dr. Braun, Mitglied des Reichstags und des Ab- 
geordnetenhauses. Stadtrath Pohle. Banquier F. W. Krause 
(bald hernach geadelt). Gustav Markwald." — Dieser Prospect 
sagt u. A. : Der im letzten Geschäftsjahr erzielte Gewinn be- 
trug 310,000 Thaler, und wird sich voraussichtlich fortan auf 
545,000 Thaler stellen. — Die Zahl der beschäftigten Arbeiter 
belief sich bisher auf 1500, hat aber schon jetzt, der eingetre- 
tenen Vergrösserungen wegen, auf 1800 erhöht werden müssen. 
— Bisher konnten jährlich 120 Locomotiveu und 5000 Satz 
Achsen geliefert werden, doch wird diese Leistungsfähigkeit 
durch die bereits vorgenommenen Vergrösserungen auf 150 
Stück Locomotiveu und GOOO Satz Achsen gesteigert werden. — 
Diese Angaben sind, wie es sich herausgestellt hat, unwahr, 
und bei der Staatsanwaltschaft liefen verschiedentlich Denun- 
ciationen ein, die lange vergeblich blieben, bis in Folge einer 
Beschwerde der Oberstaatsanwalt beim Kammergericht, Herr 
von Luck, am 19. Juni 1876 verfügte, es solle gegen die fünf 
Unterzeichner des Prospects die gerichtliche Voruntersuchung 
wegen Betruges beantragt werden. 

Schon im Jahre 1874 wandte sich ein Beamter, der im 
Vertrauen auf die Unterschrift des Parlamentsmitgliedes Braun 
seine gesammten Ersparnisse von 1600 Thalern in Wöhlert'schen 
Actien angelegt hatte, an diesen Herrn und bat um Auskunft 
über die Lage der Gesellschaft. Dr. Braun antwortete: Ich 
habe den fraglichen Prospect nicht unterzeichnet, vielmehr un- 

3* 



— 36 - 

mittelbar, nachdem ich solchen in den Zeitungen gelesen, die 
mir angetragene Stelle im Verwaltungsrath abgelehnt. Ich 
habe überhaupt mit der ganzen Gesellschaft nicht das Ge- 
ringste zu thuu. — Der Beamte sah die Beilageacten zum 
Handelsregister ein, die für Jedermann offen liegen, und fand 
hier, dass Herr Braun thatsächlich Mitgründer und erster 
Zeichner der Gesellschaft ist, dass er zum stellvertretenden 
Vorsitzenden erwählt worden, und auch den Vertrag mit den 
Verkäufern unterzeichnet hat. Er interpellirte den grossen 
„Volks wirth" nochmals und erhielt folgende Antwort: Wie ich 
mich soeben aus den Acten überzeuge, war ich allerdings 
drei Wochen formell Aufsichtsrath der Wöhlert'schen Gesell- 
schaft, habe jedoch nicht weiter fungirt und meinen Austritt 
am 22. Februar 1872 angezeigt. 

Als Herr Braun - Wiesbaden sich im Juli 1876 seinen 
Wählern in Waidenburg (Schlesien) vorstellte, nahm er Ver- 
anlassung, eine weitere Erklärung abzugeben, die nach seinem 

Leiborgan, der „National-Zeitung" also lautete: Ich wurde 

in den Aufsichtsrath der Wöhlert'schen Gesellschaft gewählt, 
nachdem ich bei ßerathung der Statuten mitgewirkt 
hatte (!) und zeichnete denjenigen Actienbetrag, welcher er- 
forderlich war. Einige Zeit darnach wurde ich aufmerk- 
sam gemacht (!!) dass mein Name unter dem Prospect stehe. 
Ich schrieb sofort an den Vorstand, protestirte gegen den 
Missbrauch meines Namens und erklärte, dass ich aus dem 
Aufsichtsrath trete und meine Zeichnung widerrufe. Hierauf 

wurde eingegangen. Herr Braun protestirte heimlich, in 

einem Briefe •, nicht, wie es seine Pflicht war, und wie es sein 
eigner Vortheil geboten hätte, öffentlich. — Herr Braun 
sprach vor seinen Wählern nur von der Wöhlert'schen Grün- 
dung, von den übrigen, an denen er betheiligt ist, schwieg er 
weislich. 

Auch die anderen Gründer wollen jetzt, wo ihnen der Staats- 
anwalt zu Leibe geht, den Prospect nicht unterzeichnet haben, 



— 37 — 

und derselbe scheint, gleich wie bei der Egells'schen Fabrik, 
vom Himmel gefallen zu sein. Herr Gustav Markwald, der 
vielerfahreue Gründer und Schwiegervater des blutigen Grün- 
ders Richard Schweder, bezeichnet als Verfasser des Prospects 
— Carl Goppel; und dieser kann nicht widersprechen, denn er 
ist seit mehreren Jahren todt. Er stürzte im Thiergarten 
mit dem Pferde und verstarb daran. 

Berliuer Union, Eisengiesserei und Maschinenfabrik, vor- 
mals Webers. Gegründet August 1872 von Richard Schweder 
(Preussische Creditaustalt), Ludwig Goldberger(J.T. Goldberger), 
Leopold Lehrs, Geh. Hofrath Robert Dohme. Aufsichtsräthe : 
„Generaldirector" Fr. Waltz, Commerzienrath Gustav Jürst, 
Baumeister Hennicke. Directoren: die Vorbesitzer Emil Ra- 
thenau und Julius Valentin. Actiencapital 1 Million Thaler 
und 200,000 Thaler Hypotheken. 1874 wurde 1% Dividende 
vertheilt, 1875 die Auflösung und der Verkauf beschlossen. 
Letzter Cours ca. Va- 

Maschinenfabrik Cyklop. Gegründet März 1872 von 
Ditmar Leipziger, Paul Kuczynskj-, Amand Bloch, Hermann 
Würtz, Gustav Friedläuder, Siegmund Pincuss, Michael Simon- 
sohn, Bernhard Eltze, Hüttendirector Hellmuth Förster, In- 
genieur Ernst Behrens und Georg Mehlis, „Volkswirth" und 
Abgeordneter Dr. Georg Siemens, Fabrikbesitzer und Akade- 
miker Dr. Werner Siemens. Actiencapital 300,000 Thaler. 
Die Fabrik wurde neu errichtet; und betrug die Dividende pro 
1874 — 3V-25 pro 1875 — 3%. An der Börse werden die 
Actien nicht notirt. 

Berlin-Auhaltisclie Maschiuenbafügesellschaft. Gegrün- 
det September 1872 von Banquier Friedrich Gelpcke, Julius 
Ebbinghaus, Wilhelm Nolte, Fabrikbesitzer Otto Oechelhäuser 
und F. W. Heckmann, Commerzienrath Gustav Stobwasser in 
Berlin, Fabrikbesitzer Julius Arndt und Geh. Commerzienrath 
,, Volkswirth" Wilhelm Oechelhäuser in Dessau. Actiencapital 
500,000 Thaler. Die Dividenden bewegen sich in absteigender 



— 38 — 

Linie: 1873 — 10%, 1874 - 6^4%, 1875 — 5%, 1876 - 2V2%. 
An der Börse werden die Actien nicht notirt. 

Germania, Eisenbahnwagen -Leihanstalt. Gegründet Fe- 
bruar 1873 von Heinrich Quistorp, Julius Meyer Lehmann, 
Albert Ludewig und Rentier Heymann Feldheim in Berlin, Caspar 
Diedrich Killing, C. Th. Middendorf und Rechtsanwalt Storp 
in Hagen, Carl Kesseler in Greifswald, Wilh. Köppern in Alten- 
hagen, Consul Alfred Scharffenorth in Memel, Philipp Carl 
Schulte in Gevelsberg. Vorsitzender des Aufsichtsraths: G. L. 
Brückmann in Dortmund. Actiencapital 1 Million Thaler. 
Herr Quistorp war, wie er in seinem blühenden Stil sich aus- 
drückte, „in der angenehmen Lage", auf je 5 Actien seiner 
Vereinsbank, die damals 190 notirten, eine Actie der „Ger- 
mania" ä IO7V2 zu gewähren, was bei 40% Einzahlung einem 
Course von etwa 290 entsprach. Das erste Geschäftsjahr gab 
5% Dividende, seitdem 0. 187G trat man in Liquidation, und 
die Vollactie notirt etwa 40. 

Berliner Phönix, Werkzeugmaschinenfabrik und Eisen- 
giesserei, vormals Ohm & Co. undPerls& Moser. Gegründet 
August 1872 von Joseph Piucuss, Theodor Libbert, Moritz 
Hirsch, Fabrikbesitzer Wilhelm Ohm sen. , Rudolf Ohm und 
Adolf Perls, Ingenieur Robert Moser, Hofrath Moritz Alberts, 
Geh. Kanzleirath Dr. Georg Kurs in Berlin, Rentier Julius 
Dräger in Freienwalde. Actiencapital 475,000 Thaler und 
250,000 Thaler Hypotheken. Die Vorbesitzer Rudolf Ohm 
und Adolf Perls behielten die Leitung; doch wurde letzterer 
später entlassen. Zu einer Dividende kam es nicht, vielmehr 
schloss jedes Geschäftsjahr mit Verlust. Cours ca. 8. 

Werkzeugniaschinenfahrik, früher Louis Sentker. Bil- 
dete sich Novbr. 1871 mit einem Actiencapital von 450,000 Thlr. 
und 90,000 Thaler Hypotheken. Das Etablissement wurde vor- 
gekauft von Hugo Fuchs und gegründet von R. A. Seelig, 
Hermann Gratweil, Hartwig Paetz, Hermann Kirchhoff und 
den Ingenieuren Fritz Kühnemann, August Hasse und Wilh. 



— 39 — 

Hennig. Der Vorbesitzer behielt die Direction. An Dividenden 
wurde 1875 — lOV-'^/o, 1876 aber nur 4^/,, gezahlt. Cours 
noch ca, 30. 

Werkzeiigmaschiueufabrik Tiefzscli. Gegründet August 
1872 von dem Vorbesitzer Jacob Asch, von Leo Wollenberg, 
Freiherr Otto von Schleinitz, Ingenieur Scholl, Fabrikant Aug. 
Gaehrich, Director Carl Specht. Actiencapital 480,000 Thaler, 
durch Beer & Ilerzberg an die Börse gebracht-, und 150,000 Thlr. 
Hypotheken. Die Dividende pro 1874 betrug 2*^/0, pro 1875 
— 0. Cours ca. 10. 

Feilenfabrik Schaaf. Gegründet December 1871 von 
H. Quistorp, Georg Scheibler, Marcus Berliner, Albert Reinicke, 
„Generaldirector" Julius Müller, Baumeister W. Howe, Zim- 
mermeister H. Richter. Revisor: Ferd. Krebs. Von dem Actien- 
capital mit 280,000 Thaler übernahm der Vorbesitzer Carl 
Schaaf sen. 150,000 Thaler und behielt die Leitung. Pro 1871/72 
fabricirte Heinrich Quistorp eine künstliche Dividende von 140/0, 
und trieb so den Cours der Actien bis 125. Die Dividende 
pro 1875 betrug 3V3%, und die Actien notirten in der letzten 

Zeit Ueber das Vermögen von Carl Schaaf, Vater und 

Sohn ward October 187G der Concurs eröffnet. 

Fa^'on-Sclimiede- und Sdiranbenfabrik, vormals Albert 
Lud ewig. Gegründet März 1872 von Heinrich Quistorp, 
Hermann Hundertmark, Hermann Lehmann, C. H. Schäffer, 
Fabrikbesitzer Ludwig Wiganckow, Rentier Carl Riesel. Actien- 
capital 250,000 Thaler und ca. 80,000 Thaler Hypotheken. 
Der Vorbesitzer wurde Director. Auch hier wusste Quistorp 
für das erste Geschäftsjahr eine Dividende von 16% auszu- 
rechnen, und dadurch den Cours der Actien auf 165 zu treiben. 
Inzwischen ist dieser auf ca. 20 gesunken, denn die Dividende 
pro 1875 war 0. 

Berliner Tatent-Feilenfabrik, früher Ilorm. Moritz 
und Jacob Rein ach, welche die Leitung behielten. Die 
Gesellschaft constituirte sich August 1872 und waren die Gründer: 



— 40 — 

Siegfried Geber, Benno Beer, G. B. Weiss, Julius Joseph, Stadt- 
verordneter Ludwig Löwe und die Vorbesitzer. Actiencapital 
300,000 Thaler und 128,000 Thaler Hypotheken. Das Eta- 
blissement liegt in der Gerichtstrasse, wo sich früher der Galgen 
befand; und dies charakterisirt die Gründung, welche auch die 
Staatsanwaltschaft beschäftigte. Nachdem man für das erste 
Betriebsjahr von 4 Monaten (!) eine Dividende von 7% con- 
struirt hatte, ward Februar 1874 die Liquidation beschlossen, 
und später der Concurs beantragt, welchen aber das Gericht 
ablehnte, weil der nöthige Kostenvorschuss nicht vorhanden 
war. Die Grundstücke der Gesellschaft kamen zur Subhastation 
und erzielten zusammen ca. 42,000 Thaler, so dass nicht ent- 
fernt die Hypothekenschuld gedeckt wurde. Selbstverständlich 
ist das Actiencapital völlig verloren. 



Eine Specialität bilden die Nähmaschinenfabri- 
ken, welche seit 15 Jahren auch in Deutschland ge- 
deihen. Die Nähmaschine fand Eingang bei der In- 
dustrie wie in der Familie; sie drang in die Paläste 
wie in die Hütten; sie wird von den kleinen Beamten 
auf monatliche Abzahlung gekauft, und von wohlthä- 
tigen Vereinen an Arme geschenkt. Die Nähmaschine 
ward Mode, ein obligates Hausgeräth, wenn sie auch 
in vielen Haushaltungen ziemlich unbenutzt steht, 
oder, nach kurzer Zeit unbrauchbar geworden, in die 
Rumpelkammer wandert. Obwol sie in Zeitungs- 
und Journal - Artikeln ungemeine Reclame erfuhr, 
lässt sie hinsichtlich ihrer Construction und prak- 



— 41 — 

tischen Brauchbarkeit noch viel zu wünschen übrig, 
und der Gesundheit ist sie etwa eben so zuträg- 
lich, wie das verrückte Velocipede. Aber kaum 
giebt es im Fabrikwesen eine einträglichere Branche. 
Wenngleich der ursprüngliche Preis der Nähmaschi- 
nen um drei Viertel gefallen, rentirt sich die Her- 
stellung derselben noch immer fabelhaft, und die Fa- 
brikanten erwerben binnen wenigen Jahren ein Ver- 
mögen. Daher vergassen die Gründer auch nicht die 
Nähmaschinenfabriken, und allein in Berlin errichte- 
ten sie vier solcher Actiengesellschaften : 

Ludwig' Löwe & Co., Commanditgesellschaft. Gegründet 
December 1869 von Ludwig Löwe, Gustav Schöpplenberg, Jacob 
Ball und Paul Gravenstein. Aufsich tsräthe : Stadrath Albert 
Löwe, Louis M. Bamberger, Louis Gradenwitz. Die Fabrik 
ward neu errichtet und erst 1871 vollendet. Der persönlich 
haftende Gesellschafter, Herr Ludwig Löwe, welcher Dank 
seiner Redegabe, die er in den Bezirksvereinen entwickelte, 
zum Stadtverordneten avancirte, fuhr über den Atlantischen 
Ocean, um die Nähmaschine in ihrer Heimat zu studiren, kehrte 
nach wenigen Wochen zurück und hielt nun lehrreiche Vor- 
träge über die Zustände in den Vereinigten Staaten, die aber 
in Amerika selber ein wenig beifälliges Echo weckten. Zugleich 
erschien in der „Berliner Börsen-Zeitung" ein hochpoetischer 
Artikel „Ein Heinzelweibcheu" , und feierte als Königin der 
Mähmaschinen, liervorgegangen aus der Vermählung Amerika- 
nischer und Deutscher Industrie, die Nähmaschine des Herrn 
Ludwig Löwe, die aber noch gar nicht geboren war, sondern 
erst verschiedene Monate nachher unter grossen Wehen zur 
Welt kam. Der geniale Dichter und Sonntags-Feuilletonist der 



— 42 — 

„Berliner Börsen -Zeitung", erntete angemessenen Lohn, mit 
dem er sich später bei der famosen Gründung „Admirals- 
gartenbad" betheiligte. Die Löwe'sche Fabrik, obwol sie noch 
lange nicht fertig war, verkündigte sich bereits als .,die grösste 
Europa's, die besteingerichtete der Welt", und versprach 
20,000 Maschinen alljährlich. Diese bescheidene Selbstkritik 
verwickelte sie in einen Zeitungskrieg mit ihren Concurrenten 
Frister & Rossmanu und Pollack, Schmidt & Co., die beide 
sich eben hatten gründen lassen; und die drei holden Schwe- 
stern stritten nun, wer von ihnen das Publikum am ärgsten 
geleimt hätte. 

„Heinzelweibchen" und Selbstkritik thaten ihre Schuldig- 
keit. Die Actien stiegen bis 125, und das ursprüngliche Actien- 
capital von 250,000 Thlr. konnte im Febr. 1872 um 150,000 Thlr. 
und im Mai 1872 nochmals um 250,000 Thaler vermehrt werden. 
Der Prospect hatte 25% Nettogewinn, „als ausserordentlich 
solide und gerechtfertigt" verheissen, und dafür Bezug ge- 
nommen auf die mitbetheiligteu J. G, Halske und Stadtrath 
Th. Sarre. Aber von 1870 bis 1873, vier Jahre hindurch, gab es 
keine Dividende. Erst als die „grösste Nähmaschinenfabrik 
Europa's", die „besteingerichtete der Welt", die Nähmaschinen, 
mit denen sie mancherlei Pech hatte, so ziemlich fallen Hess, 
und sich anderen Zweigen, wie Waffen und Munition, Röhren 
und Kesseln, zuwandte, wurden Dividenden vertheilt, pro 1874 
— 6% und pro 1875 sogar 10%. Aber das Actiencapital be- 
trägt 650,000 Thaler, wozu noch 100,000 Thaler Hypotheken 
kommen; und der Cours von ca. 90 ist entschieden zu hoch. 

Nähinaschinenfabrik, vormals Frister & Rossmann. 
Vorgekauft von Hermann Geber, und gegründet Novbr. 1871 
von Alfred Wolf (M. Schie Nachfolger) in Dresden, Leopold 
Friedländer, Aron Aumann, Emil Rathenau, Jul. Valentin und 
Rechnungsrath Rudolf Müller in Berlin. Die Vorbesitzer Rob. 
Frister und Gustav Rossmann behielten die Leitung der Fa- 
brik, die sie seit wenigen Jahren besassen, die ihnen Alles in 



— 43 — 

Allem etwa 70,000 Thaler gekostet hatte, und die jetzt den 
Actionären zu dem kolossalen Preise von 865,000 Thaler auf- 
gehalst wurde! Neben dem Actiencapital von 850,000 Thlrn. 
stehen noch 200,000 Thlr. Hj^potheken ! ! Die Dividenden von 
1872 bis 1875 betrugen 9, 2, 3 und resp. 3 Procent. Der Cours 
ist noch ca. 40. 

Milnnaschineiifabrik, sonst Pollack, Schmidt & Co. 
in Hamburg. Gegründet Novbr. 1871 von Keinhold Alexander 
Seelig, Heinrich Philippson, Charles Jules Frangois Fonrobert 
und Gottfried Stumpf iu Berlin. Der Kaufpreis war, wie der 
Prospect sich ausdrückte, ,,ein sehr niedriger"; er betrug auch 
nur — 850,000 Thaler ! Das Actiencapital von 875,000 Thaler 
wurde aufgelegt von Eichard Schweder (Preuss. Boden-Credit- 
Actien-Bank) und F. W. Krause & Co. Auch sind noch 
190,000 Thaler Hypotheken vorhanden!! Obwol die Fabrik sich 
in Hamburg befindet, nahm die Gesellschaft ihren Sitz in Berlin. 
Die Vorbesitzer Heinrich Pollack und Edwin Schmidt behielten 
die Leitung. Pro 1872, in welchem Jahre die Fabrik total 
niederbrannte, ward eine künstliche Dividende von 6V3% ver- 
theilt, seitdem 0. Der Cours ist ungefähr auch 0. 

J>ähiiiaschinenfal)rik, vormals Franz Boecke. Gegrün- 
det September 1871 von Louis Feig, Hermann Gratweil, Her- 
mann Leubuscher, R. A. Seelig, Ed. Stahlschmidt (Hermann 
Geber) und Leopold Krautheim. Actiencapital 830,000 Thaler. 
Der Vorbesitzer behielt die Leitung. Die Gesellschaft hat li- 
quidirt und der Cours ist ? 



Weifen wir einen Rückblick auf die bisher vor- 
geführten Gesellschaften, so fällt zunächt in die Augen, 
dass, abgesehen von Heinrich Quistorp, der auch 
mehrmals erscheint, die Vorkäufer und leitenden 



— 44 — 

Gründer fast immer Juden, oder doch jüdischer Ab- 
kunft sind. Solch professioneller Vorkäufer ist vor 
Allen Hermann Geber mit seinen Verbündeten und 
Gehülfen: Siegfried Geber, Reinhold Alexander Seelig, 
Hermann Leubuscher, Eduard Stahlschmidt, Julius 
Pickardt, Hermann Gratweil, Julius Müller etc. Geber 
und Consorten sind z. B. betheiligt bei den Fabriken 
von Wöhlert, Sentker, Patentfeilen, Frister & Ross- 
mann, Pollack, Schmidt & Co., Franz Böcke. Eine 
Hauptrolle bei Eckert, Egells und Vulkan spielt Leo- 
pold Hadra, der Mitarbeiter der „Nationalzeitung" 
und der „Breslauer Zeitung". Ebenso treten in den 
Vordergrund: Richard Schweder, Paul Munk, 
Hermann Egells und das Triumvirat: H. C. Plaut, 
V. L. Wrede und Paul Gravenstein. 

Auffällig ist ferner, wie die leitenden Gründer es 
lieben, sich mit Parlamentariern und „Volkswirthen" 
zu umgeben. Von diesen wurden bisher genannt: 
Eisenbahndirector Bail in Glogau, Regierungsrath a. D. 
von Unruh, Bank -Assessor Dr. Georg Siemens und 
Geheimrath Dr. Engel in Berlin, Rittergutsbesitzer 
Kiepert auf Marienfelde, Landrath von dem Knese- 
beck auf Jühnsdorf, Justizrath Dr. Carl Braun in 
Berlin. Selbstverständlich sollten diese Herren mit 
ihren Namen dem Publikum eine besondere Garantie 



— 45 — 

bieten, aber in den überwiegend meisten Fällen sah 
sich das Publikum schmählich getäuscht. 

Während die gegründeten Fabriken in Privathän- 
den blühten, glänzende Erträge abwarfen, sind sie 
als Actienunternehmen schnell verkümmert. Die grosse 
Mehrzahl gewährt entweder gar keine Dividende mehr 
oder nur noch eine sehr ungenügende; viele Gesell- 
schaften sind bereits aufgelöst oder sie gehen der 
Auflösung mit raschen Schritten entgegen. Und die 
Ursache dieser traurigen Erscheinung sind einfach 
die Sünden, welche bei der Gründung oder während 
der Verwaltung begangen. Schon das riesige Capital 
an Actien und Hypotheken schliesst in normalen Zeit- 
läuften eine angemessene Verzinsung aus; und dazu 
kommt die theuere Geschäftsführung, die grobe Miss- 
wirthschaft, wie sie fast durchgängig zu Tage ge- 
treten ist. 

Nicht nur grössere, auch ziemlich kleine Gesellr 
Schäften besoldeten mehre Directoren, die Gehälter 
und Tantiemen im Betrage von 3000 bis 12,000 Tha- 
lern bezogen, hielten eine Menge von überflüssigen 
oder doch entbehrlichen Bureaubeamten, Aufsehern 
und Bediensteten aller Art. In Gehältern und Löh- 
nen, Einrichtungen und Materialien herrschte gedan- 
kenlose oder gar systematische Verschwendung. Es 



— 46 — 

fehlte die einheitliche Organisation und Autorität, 
denn verschiedene mehr oder weniger gleichberechtigte 
Beamte standen sich gegenüber, und Jeder von ihnen 
ging seinen eigenen Weg. Es fehlte das Auge, weil 
das Interesse des Herrn; Durchstecherei und Unter- 
schlagung, Veruntreuungen und Diebstähle bildeten 
die Regel; mangelhafte Beaufsichtigung, grobe Ver- 
nachlässigung Hessen Vieles verderben. Vieles miss- 
rathen," führten zu fortlaufenden Verlusten und ausser- 
ordentlichen Unglücksfällen. 

Um das übergrosse Anlagecapital nur zu verwen- 
den, wurde vergrössert, gebaut, experimentirt, wur- 
den weit mehr Arbeiter eingestellt, als nöthig waren, 
wurde beim Mangel an Aufträgen auf Vorrath ge- 
arbeitet. Nicht selten gingen dann die Geldmittel 
plötzlich aus, und man suchte um jeden Preis, mit 
ungeheurem Damno, neue zu beschaffen. Indem die 
gegründeten Fabriken sämmtlich ihr Arbeiterpersonal 
so erheblich vermehrten, mussten selbstverständlich 
die Löhne steigen, und sie stiegen theilweise ums 
Doppelte und Dreifache. Sogar die „Nationalzeitung" 
sagt in ihrer Nummer 425 vom 14. September 1875: 

„Die krankhafte Nachfrage nach Arbeitskräften hat nicht 
blos unmittelbar die Löhne gesteigert, sondern auch mittelbar, 
indem sie socialdemokratischen Agitatoren in die Hände arbei- 
tete. Wenn der Arbeiter an sich selbst erfährt, dass das na- 



_ 47 - 

türliche Verhältniss zwischen Leistung und Gegenleistung alte- 
rirt ist, dann lässt er sich leicht einreden, dass jetzt die Reihe 
an ihm sei, die Bedingungen, unter denen er noch ferner arbeiten 
mag, selbst zu bestimmen; und fällt dann noch die Probe auf 
diese Lehre, der Strike, zu seinen Gunsten aus, so kann man 
füglich nicht erwarten, dass er zur rechten Zeit Halt machen 
werde." 

In der That waren die Lohnsteigerungen, die Strikes 
und das Anwachsen der socialdemokratischen Bewe- 
gung die directe Folge der Gründungen. In einer 
grossen Berliner Mascliinenbauanstalt, die auch den 
Staatsanwalt beschäftigte, hatten die Arbeiter früher 
im Accord ungefähr 6 Thaler pro Woche verdient. 
Nach der Gründung aber stiegen die Lohnsätze derart, 
dass der Wochenverdienst sich auf 20 Thaler gestellt 
haben würde. Weil er nun diese Höhe nicht erreichen, 
nicht über 12 Thaler gehen sollte, waren die Leute 
genöthigt, weniger zu arbeiten, statt 12 nur etwa 
8 Stunden, halbe und ganze Tage zu feiern, oder aber 
einen Theil der gefertigten Arbeit bis z«r nächsten 
Woche zurückzustellen. Nebenbei bemerkt, wurden 
in derselben Fakrik die Schornsteine von Zeit zu 
Zeit weiss angestrichen; zum grossen Gaudium des 
Vorbesitzers, der sie alsbald sich immer wieder schwär- 
zen sah, und die neue Anstreicherei mit Scherzen 
und Witzen begleitete. 



— 48 — 

Die Lohnsteigerungen waren nun keineswegs über- 
mässig und ungerechtfertfgt, denn mindestens ebenso 
rapide stiegen, wieder aus Ursachen des Gründungs- 
schwindels, die Lebensmittel und Wohnungsmiethen, 
so dass dem Arbeiter wenig übrig blieb. Leider er- 
kannte er dies erst später, dünkte sich selber reicher, 
wähnte, er könne leichter erwerben, steigerte seine 
Bedürfnisse und liess nach an Fleiss und Sparsam- 
keit. Lohnsteigerungen bewirken sofort grosse und 
verhältnissmässig fast noch grössere Preissteigerungen, 
wie solches Georg Hirth in München nachgewiesen 
hat in einem Aufsatze: „Die Vertheilung der Güter 
und das souveräne Gesetz der Preisbildung". Er sagt 
unter Anderm: 

„Je mehr Geld für unnütze und überflüssige Dinge ausge- 
geben wird, desto mehr muss der Preis für nützliche und noth- 
wendige Bedürfnisse steigen." „Bei unbeschränkter Ver- 
kehrsfreiheit wird dem Arbeitenden die Lebenserhaltung um 
so schwieriger, je ungleichmässiger die Vertheilung des Ge- 
sammteinkommens vor sich geht." 

Umgekehrt fallen, wie man heute sieht, mit den 
Löhnen nicht gleich , nicht entfernt in demselben 
Masse, die anderen Preise. Die Reduction der Löhne, 
welche die Presse neuerdings predigt, und welche auch 
der Finanzminister Herr Camphausen so warm empfahl, 
um der kranken Industrie wieder auf die Beine zu 



— 49 — 

helfen, ist längst eingetreten. Sie begann schon mit 
dem Krach, und schreitet seitdem unausgesetzt fort. 
Die Lebensmittel dagegen behaupten noch immer 
ihre Höhe, was der wucherische Zwischenhandel und 
die „freie Concurrenz", das bedeutet hier, das enge 
Zusammenhalten der Kleinhändler, Krämer, Fleischer 
und Bäcker, bewirken. 

Der Arbeiter lässt sich heute die stärkste Lohn- 
herabsetzung gefallen, die auch bereits in allen Werk- 
stätten, selbst in denen des Staats, eingetreten ist — 
wenn er nur noch Arbeit findet. Aber es fehlt eben 
an Arbeit. Die grossen Fabriken von Krupp, Borsig, 
Wölilert, Egells, Hartmann, Lüders etc. haben Vs bis 
^/i ihrer Arbeiter entlassen,habentheilweise die Arbeits- 
zeit um die Hälfte gekürzt, und von den kleinen 
Werken liegen viele völlig still. Es mangelt fast 
gänzlich an Bestellungen, jede grössere Bestellung 
wird als Glücksfall betrachtet, und bei den öffent- 
lichen Submissionen ist eine Offerte immer niedriger 
als die andere, so niedrig, wie man es noch vor zwei 
Jahren kaum für möglich gehalten*). Die Fabriken 



*) Als im Sommer 1876 die Berlin -Anhaltische Eisenbahn 
drei Stück gekuppelte Güterzug-Maschinen ausschrieb, erbot 
sich Borsig, die Maschine, welche noch 1873/74 mit 22,000 
Thaler bezahlt ward, für 12,500 Thaler zu liefern, und Hart- 
mann in Chemnitz forderte noch 1000 Thaler weniger. Trotz- 

Glagau, Der Börsenschwindel. II. 4 



— 50 — 

bieten sich förmlich zu Spott und Schanden. Wäh- 
rend man 1871 bis 1873 beständig über Mangel an 
Locomotiven, Waggons und Brücken klagte, sind heute 
„Entbehrliche Eisenbahnwagen" in den Zeitungen eine 
stehende Notiz. Was man vor ein paar Jahren so 
dringend begehrte, so theuer bezahlte, ist gegenwärtig 
kaum los zu werden. 

Das sind die Folgen derUeberproduction. Die 
Ueberproduction aber, welche das Darniederliegen der 
Industrie, die grosse Arbeitslosigkeit, den allgemeinen 
Nothstand verschuldet, ist hauptsächlich das Werk 
der Gründungswuth, der zahllosen neuen Actienge- 
sellschaften. „Umfassende und rapide Verschiebungen 
in der Einkommensvertheilung sind der Werthbildung 
und -Erhaltung nachtheilig", sagt Georg Hirth, „weil 
sie die Kaufkräfte unstät auf diese und jeue Pro- 
duetion lenken, und daher einerseits Ueberproduction, 



dem erhielt Borsig den Zuschlag, um der in Berlin herrschen- 
den Arbeitsnoth ein wenig zu steuern. 

Die Maschinenbauanstalt Egestorff, früher Strousberg in 
Hannover, sagt in ihrem Geschäftsbericht vom 31. October 1875: 
„Hand in Hand mit der Verminderung der Nachfragen für Lo- 
comotiven, und namentlich in Folge des auf den Preussischen 
Staatsbahnen -wie auf vielen Privatbahuen üblichen Submissions- 
verfahrens, haben sich auch die Preise immer mehr verschlech- 
tert, und sind gegenwärtig durch die Concurrenz bis unter die 
Herstellungskosten herabgedrückt." 



— 51 — 

andererseits Werthzusammensturz veranlassen". — 
Die Berliner „Neue Börsenzeitung" ruft aus: „Nie 
gab es etwas Widersinnigeres, wie jetzt auch die 
Wissenschaft anerkennt, als die Form der Actieuge- 
sellschaft auf Geschäfte übertragen, die nur durch die 
Initiative einer einzigen Persönlichkeit zur Blüthe ge- 
bracht werden können, wie Fabriken und Handels- 
gesellschaften." — Und selbst die jüdische „Schlesische 
Presse" in Breslau sieht sich- hinterher zu dem Ge- 
ständniss veranlasst: Im Gegensatz zu den auf Actien 
gegründeten Etablissements „hat sich der im Privat- 
besitz befindliche Eisenhüttenbetrieb Ansehen und 
Credit zu wahren gewusst". — — 

Allein an den bisher aufgeführten Gesellschaften 
hat das Publikum einen Coursverlust von ca. 20 Mil- 
lionen Thaler erlitten; und darum meint auch Herr 
Julius Schweitzer, der Börsenredacteur der „National- 
zeitung": Solche Coursverluste liefern den Beweis, 
„dass die Capitalassociation nicht allein nicht überall 
Wunder wirkt, vielmehr in vielen Fällen gar nicht 
anwendbar ist". 

Schade nur, dass diese Weisheit den Börsenzeitungen 
so spät gekommen ist, und sich mit ihrem Thun und 
Treiben während der Schwindelperiode so gar nicht 
vereinen lässtl 



— 52 — 

Inmitten der Hochfluth von Gründungen, die in 
Berlin eine Maschinenfabrik nach der andern ver- 
schlang, bereitete sich hier — gewiss eine wunder- 
same Erscheinung — bereits eine Entgründung 
vor; und zwar die Entgründung eines alten, renom- 
mirten blühenden Etablissements, der Actieiigesell- 
schaft für Fabrikation von Eisenbahnbedarf, 
früher Pflug'sche Waggonfabrik; an deren Spitze der 
Abgeordnete und „Volkswirth", Regierungsbaurath 
a. D. von Unruh stand, und neben ihm als Verwal- 
tungsrath: Commerzienräthe L. F. Schemionek und 
Hermann Egells, Geh. Commerzienrath Robert War- 
schauer, Justizrath John Simson, Generalconsul Ascher 
Salinger, Regierungsbaurath a. D. Carl Hoffmann. 

Die Pflug'sche Fabrik wurde mit einem Actien- 
capital von 1^2 Million Thaler gegründet 1856, welches 
Jahr bekanntlich gleichfalls eine Schwindelperiode 
bezeichnet, und die Nachwehen der Gründung 
äusserten sich in sehr kargen Dividenden, die erst 
1861 leidlich wurden und 1869 und 1870, wo sie je 
14°/o betrugen, den Gipfel erreichten. 1871 gab es 
IOV2, 1872 wieder IVjo^lo Dividende. Da begann 
sich die Speculationslust zu regen. Man speculirte, 
dass man noch besser fahren könne, wenn man die 
Fabrik einfach niederreisse und den Grund und 



— 53 — 

Boden als Bauterrain parcellire. Hier zeigt sich 
der grobmaterielle und gewissermaassen unmoralische 
Charakter einer Actiengesellschaft. Die Fabrik hatte 
Ruf und Ansehen erworben, aber das war der Ge- 
sellschaft gleichgültig, und noch gleichgültiger war 
ihr das Schicksal der 2000 Arbeiter, die sie beschäf- 
tigte; sie plante ihre Auflösung, ihre Selbstentleibung, 
weil ihr das eben profitabler erschien. 

Den Vorwand bot der Strike der Arbeiter, Die- 
selben forderten August 1872 eine Lohnerhöhung von 
20''/o, und ihre Forderung war, Angesichts der reissend 
steigenden Miethen und Lebensmittel, gewiss nicht 
unbillig. Aber Herr von Unruh erklärte, wie einst 
Papst Clemens VH.: Non possumus! Er Hess sich 
herbei, den Arbeitern vorzurechnen, dass die 20% 
Lohnerhöhung den Actionären die Dividende, dem 
Verwaltungsrath die Tantieme (welche für das laufende 
Jahr nur 9200 Thaler betrug) kürzen würde; und 
das war in seinen Augen ärger als Tempelraub. Die 
Arbeiter aber fanden das Rechenexempel falsch und 
legten die Arbeit nieder. 

Herr H. B. Oppenheim, „Volkswirth" und Abge- 
ordneter, hat diesen Vorgang in der von Herrn Paul 
Lindau herausgegebenen „Gegenwart" beleuchtet, und 
selbstverständlich stellt er sich auf die Seite des 



— 54 — 

Herrn von Unruh, wobei ihm das Geständniss ent- 
schlüpft: ;,Es war ungeschickt, mit dieser Fabrik zu 
beginnen, welche bei ihrem grossen Grundbesitz 
durch Auflösung des Geschäfts mehr gewinnen 
kann, als durch dessen Fortführung. Er hält mit 
Herrn von Unruh die Strikes für eine „Kinderkrank- 
heit", und misst ihnen weiter keine Bedeutung bei. 
Er ist „gewöhnt gewesen, die Berliner Maschinen- 
bauer als wohlgestellte und intelligente Leute zu be- 
trachten", und es thut ihm leid, sich geirrt zu haben. 
Er glaubt nicht an Arbeiternoth, und falls sie etwa 
doch existiren sollte, so hofft er auf gewisse Unter- 
nehmungen zur Abhülfe der Wohnungsnoth (Bauver- 
eine ?) und auf Abschaffung der Mahl- und Schlacht- 
steuer. — — 

Der gerade blühende Baustellenwucher reizte die 
Gesellschaft für Eisenbahnbedarf zur Auflösung, und 
der Cours der Actien ging über 200. Noch im Früh- 
jahr 1873 bot ein Consortium von Entgründern pro 
Actie 180 Procent, und Herr von Unruh rieth drin- 
gend zur Annahme, aber die Majorität der Actionäre 
widersprach. Zur Strafe dafür fiel die Dividende, 
die man gleich 18^/o geschätzt hatte, plötzlich auf 
62/4%; und April 1874 stand die Liquidation wieder 
auf der Tagesordnung. Der Versuch scheiterte noch- 



— 55 — 

inals und gelang erst 1875. Die Fabrik ist abge- 
brochen, und auf dem Terrain der entgründeten Ge- 
sellschaft werden zwei neue Strassen angelegt. Aber 
inzwischen ist auch der Werth der Grundstücke er- 
heblich gesunken, und darum notiren die Actien nur 
noch ca. 130*). 

Merkwürdig bleibt es, dass Wcährend seit 1871 
alle Preise, besonders die für Eisenbahnbedarf, stark 
in die Höhe gingen, Herr von Unruh stets behauptete, 
nur die Löhne und Materialien seien gestiegen, die 
Preise für Waggons dagegen wären entsprechend 
nicht zu erhöhen. Merkwürdig bleibt es, dass die 
Dividenden der Schwartzkopff'schen Fabrik in dem- 
selben Verhältniss wuchsen, wie sie bei der Pflug- 
schen Fabrik abnahmen; obwol Herr von Unruh in 
beiden Gesellschaften als Vorsitzender des Aufsichts- 
rath waltete. Nachdem die Liquidation beschlossen 
war, arbeitete die Pflug'sche Fabrik sogar nur noch 



*) Nach einem, Oktober 1876 erstatteten Bericht, gelingt 
es nur langsam die ausgeschlachteten Baustellen zu verkaufen, 
und bei den Verkäufen mussteu zwei Drittel des Kaufpreises 
auf fünf Jahre gestundet werden. So lange mindestens wird sich 
also auch die Liquidation hinziehen, haben die Actionäre auf 
ihre vollständige Befriedigung zu warten. Eine Entgründung 
geht nicht so rasch von Statten wie die Gründung, und darum 
ist sie gewöhnlich auch noch weit kostspieliger! 



— 56 — 

mit Schaden, indem sie, wie der letzte Geschäftsbe- 
richt äussert, alte wie neue Bestellungen zu billig 
ausführte; und die Bilanz 1875/76 schloss mit einem 
Verlust von ca. 27,000 Thalern. 

„Generaldirector" der Gesellschaft war Friedrich 
Waltz, ein grosser Gründer vor dem Herrn. Während 
man die Entgründung der von ihm geleiteten Fabrik 
betrieb, gründete er lustig andere, die aber nachge- 
rade auch schon auf dem Aussterbeetat stehen; und 
September 1876 trat Herr Waltz als drittes Mitglied 
in den Vorstand der vielberufenen Wöhlert'schen 
Maschinenbauanstalt, nachdem man bei derselben das 
Actiencapitel von S^/^ Millionen Thaler um die Hälfte 
gemeuchelt hatte. Seitdem fungiren hier zwei „Gene- 
raldirectoren": Friedrich Waltz und Julius Müller, 
und sie sind einander durchaus ebenbürtig, denn auch 
Herr Müller hat sich durch zahlreiche Gründungen 
einen Namen und, wie man sagt, ein Vermögen ge- 
macht. Bemerkt zu werden verdient, dass das Grün- 
den ansteckend ist, und sich fortsetzt bis in's siebente 
Glied. Pflug und Wöhlert, die gegründeten Fabrik- 
besitzer, gründen wieder selber, und ebenso gründen 
die Directoren und die Aufsichtsräthe der neuen 
Gesellschaften. 



Ol — 



Als eine Art von Curiosum seien noch erwähnt 
zwei Gründungen von Barucli Hirsch Straus])erg, 

genannt Dr. Bethel Henry Strousberg *). Als die 



*) In dem September 1876 erschienenen Buche „Dr. Strous- 
berg und sein Wirken, von ihm selbst geschildert" 
äussert der Verfasser: ,,In den erwähnten Biographien hat man, 
weil man damit etwas Beleidigendes zu sagen glaubte, mich 
Baruch Hirsch genannt, und als den Sohn eines kleinen jüdischen 
Handelsmannes in Preussisch Polen bezeichnet". Strausberg 
behauptet dann, er sei der Sohn eines jüdischen Edelmannes 
von altem Adel, und seine ursprünglichen Vornamen seien 
Bartel Heinrich gewesen. — Dies ist eine der zahllosen Un- 
wahrheiten, von denen jede Seite des Buches starrt. Journal- 
Artikel sind über Strausberg unzählige veröfl'entlicht, und zwar 
stets im lobpreisenden reclamenhaften Sinne, weil stets von 
ihm „glissirt". Eine Art von Biographie dagegen ist nur ein- 
mal erschienen, und sie war unzweifelhaft auf Bestellung an- 
gefertigt, ebenso wie die Biographien, welche ein jüdischer 
Dramatiker der Gegenwart fast alljährlich über sich erscheinen 
lässt. Jene „Biografische Karakteristik", wie sie sich nannte, 
kam kurz vor dem Kriege von 1870 zur Welt. Sie ist mit dem 
Portrait des Wunderdoctors ausgestattet, und mit drei Motti, 
einem Englischen, einem Französischen und einem Deutschen 
versehen. Das Deutsche Motto ist dem Pioman „Das Landhaus 
am Rhein" von Berthold Auerbach entnommen und lautet: „Viel 
Geld erwerben ist eine Art von Tapferkeit, Geld bewahren er- 
fordert eine gewisse Weisheit, und Geld schön ausgeben ist 
eine Kunst". Der Verfasser der Brochüre nennt sich mit einem 
Pseudonym Ernst Korfi; obgleich ein heruntergekommener 
Literat, schämte er sich doch mit seinem wahren Namen her- 
vorzutreten. Diese Brochüre nun ist, wie ein Vergleich mit 
jenem Buche „Dr. Strousberg und sein Wirken" zeigt, unter 



— 58 — 

Schwindelära begann, hatte der Wunderdoctor seine 
Rolle bereits ausgespielt. Nicht, wie er behauptet, 
Lasker's Declamationen haben ihn gestürzt; nicht erst, 
wie er ein ander Mal sagt, der Französische Krieg 
hat ihn ruinirt: — schon die berüchtigten 7V2 pi'o- 
centigen Rumänischen Eisenbahn-Obligationen, ver- 
mittelst deren er das Deutsche Publikum um ca. 
60 Millionen Thaler ausplünderte, gaben ihm den 
Todesstoss. Seine Unternehmungen waren zu wag- 
halsig, zu abenteuerlich, seine Manipulationen so bös- 
artig, seine ganze Art und Weise so plump und un- 
bescheiden, dass das „System Strousberg" mit Noth- 
wendigkeit in sich zusammenbrechen musste. Völlig 
discreditirt und ziemlich rathlos, wollte er die Grün- 
derperiode doch auch benutzen, machte er einen Ver- 
such, um sich neue Geldmittel zu beschaffen. 

der Oberaufsicht, uud wahrscheinlich theilweise sogar nach dem 
Dictat des Heldea entstanden. Das beweist die genaue Ueber- 
einstimmung in den Daten und die ganze Art der Darstellung. 
Es sind, nicht selten wörtlich, dieselben Wendungen, dieselben 
forcirten Bilder und Gleichnisse, es ist derselbe kauderwelsche 
Stil des Halbgebildeten, dasselbe Schwelgen in Citaten, wie es sich 
bei allen jüdischen Schriftstellern findet, die weniger Eigenes 
hervorbringen, als mit den Gedanken und Aussprüchen Anderer 
handeln. Der Leib-Biograph Ernst Korfi aber sagt von seinem 
Helden ausdrücklich: „Dieser gesunde Junge wurde hebräisch 
Baruch Hirsch genannt" ; aber bald hiess er in der Familie „der 
kleine Napoleon". 



- 59 - 

I^ovember 1870 gründete er mit einer Reihe von 
Verbündeten, darunter Herzog Victor von Ratibor, 
Commerzienrath Louis Wrede, Geh. Commerzienrath 
Gustav Dietrich, Ferdinand Jaques, Friedrich Adolf 
Pflug und Baumeister August Orth in Berlin, Fabrik- 
besitzer Carl Kesseler (C. Kesseler & Sohn) in Greifs- 
wald und Caspar Dietrich Killing in Hagen, Ritter- 
gutsbesitzer Ernst Lauterbach in Wilxen, die AHge- 
gemeiiie EisenbahubaugeseHscliaft, welcher er 
einen Theil seiner Besitzungen, dazu gewisse Eisen- 
bahnunternehmungen übertrug. An Actiencapital 
wurden 17 Millionen Thaler (!) ausgeworfen, und da- 
von zeichnete Strausberg allein über 16 Millionen!! 
Diese Actien versuchte er bei der Preussischen See- 
liandlung, welche auch sonst schon mit ihm Geschäfte 
gemacht hatte — während die Preussische Bank sich 
bekanntlich nie mit ihm einliess — zu beleihen. 
Aber diesmal wies ihn die Seehandlung ab, und auch 
der Finanzminister Camphausen, an den er recurrirte, 
und dem er, wie er .in seinen Memoiren sagt, aus 
früheren Anlässen Dankbarkeit schuldet, war nicht 
zu erweichen. So behielt Strausberg die Actien und 
Hess die Gründung liquidiren. 

Von dieser todtgebornen „Allgemeiuen Eisenbahn- 
baugesellschaft", also selbstverständlich von Straus- 



— 60 — 

berg, kaufte Februar 1871 ein bisher noch ziemlich 
unbekannter jüdischer Mann, Namens Paul Munk, 
die Häuser Unter der Linden 17 und 18 für angeb- 
lich 600,000 Thaler, und überwies sie ein Jahr später 
dem „Actienbauverein Unter den Linden" welchen er 
in Gemeinschaft mit Emil Heymann, Georg Beer, 
Gustav Markwald, Edmund Helfft, Commerzienrath 
Wilh. Herz, Consul Friedrich Schillow und Seiner 
Excellenz, dem Staatsminister a. D., Mitglied des 
Preuss. Abgeordnetenhauses und des Deutschen Reichs- 
tags, Georg von Bonin gründete, für 1,750,000 Thaler, 
das heisst, mit einem Aufschlage von 1,150,000 Thalern. 
„Lindenbauverein", als blutige Gründung sprichwört- 
lich geworden, notirt heute etwa 15; aber Paul Munk, 
wie Hermann Geber, ein professioneller Vorkäufer 
und ein Held der Gründerära, ist ein mehrfacher Mil- 
lionär geworden, und der Staatsanwalt hat mit ihm 
vergeblich gerungen. 

Strausberg, einst von der Berliner „Tribüne" be- 
sungen als der „Mann, der Alles kauft", wurde jetzt 
der „Mann, der Alles verkauft". Er verkaufte die 
Dortmunder Werke, die Neustädter Hütte, die Han- 
noverscheMaschinenfabrik,denßerliner Viehmarkt etc., 
aus denen lauter mehr oder weniger faule Gründungen 
entstanden, welche wir später besprechen werden. 



— 61 — 

Nachdem er dies Alles losgeschlagen hatte und bereits 
ein ziemlich stiller Mann geworden war, fiel Herr 
Lasker über ihn her und präparirte ihn anatomisch, 
zur Belehrung der parlamentarischen Gründer. Straus- 
berg gedachte das undankbare Deutschland zu be- 
strafen und wandte sich nach London, fand jedoch 
hier für seine Künste gar keinen Boden und kehrte 
nothgedrungen zurück. Wieder warf er sich auf 
die „General-Entreprise", auf die Art des Eisenbahn- 
baues, wo der Unternehmer statt des haaren Geldes 
zu diesem Zwecke fabricirte Actien erhält, und mit 
diesen Actien auch seine Leute bezahlt. Er baute 
in Sachsen die Strecke Mehltheuer-Weida, er baute 
in Ungarn die Waagthalbahn, und er wollte in Frank- 
reich von Paris nach Narbonne bauen. Weil ihm der 
Credit in Deutschland gänzlich ausgegangen w^ar, suchte- 
er solchen in Russland, und er fand ihn bei der „Com- 
merz-Leihbank" in Moskau, die er mit Hülfe ihres 
jüdischen Directors, Gustav Landau, um nicht weniger 
denn 7 Millionen Rubel beschwindelte. 

Um dieses Stückchen in Scene zu setzen, con- 
struii'te Strausberg eine Gründung, ebenso monströs 
und ebenso hohl wie die vorige. August 1875 er- 
richtete er mit Landau in Moskau, Hermann von 
Goldschmidt in Wien und Ferdinand Jaques in Berlin 



— 62 — 

die Actiengesellscliaft für Deutsche imd Böhmische 
Eisen- uud Stahlfahrikate, und zeichnete wieder 
das ganze Actiencapital von 8^2 Millionen Thaler 
bis auf 6000 Thaler, welche seine Genossen über- 
nahmen. Die „Vossische Zeitung" erklärte, die Sache 
nicht ernsthaft nehmen zu können, die „National- 
zeitung" dagegen beeilte sich zu melden: 

„Neue Gründung. Sämmtliche industrielle Besitzungen 
des Herrn Dr. Strousberg nebst der Herrschatt Zbirow sind, 
wie wir erfahren, seit einigen Tagen in den Besitz einer Actieii- 
gesellscbaft übergegangen. Die Constitutirung der Gesellschaft 
ist bereits erfolgt und ist wesentlich unter Mitwirkung russischer 
Capitalisten, vor Allem der Moskau'schen Commerz- und Leih- 
bank, zu Stande gekommen. Das Grundcapital der Gesellschaft 
ist auf 30 Millionen Thaler (??) festgesetzt, halb aus Stamm- 
actien, halb aus Stamm-Prioritätsactien bestehend. Es gehen 
dafür sämmtliche Hochöfen, Stahlwerke, Kohlenwerke, welche 
sich auf der Herrschaft Zbirow befinden, diese Herrschaft selber, 
die Waggonfabrik zu Bubna, die Neustädter Hütte und ver- 
schiedene andere Objecte in den Besitz der Actiengesellschaft 
über. Herr Dr. Strousberg übernimmt die Verpflichtung, die 
in Zbirow noch erforderlichen Bauten auf seine Kosten fertig 
zu stellen. Der Letztere wird auch für eine bestimmte Zeit 
für die sämmtlichen Werke Generalpächter, während Herr 
Ferdinand Jaques als Vorsitzender an die Spitze des Verwal- 
tungsrathes tritt und Herr Bernhard Maywald Director wird". 

Hiernach war Strausberg sein eigener „General- 
pächter" und „Aufsichtsrath", und thatsächlich war 
er der einzige Actionär der Gesellschaft. Die neu- 
fabricirten Actien, die kaum einen Werth hatten, da 



— 63 — 

sämmtliche Besitzungen mit Hypotheken überlastet 
waren, ferner ebenso werthlose Actien der noch in 
der Luft schwebenden Eisenbahn von Paris nach 
Narbonne, sowie ein contractlichcs Versprechen, 
2000 Waggons liefern zu wollen, gab Strausberg der 
Moskauer Commerz-Leihbank als Unterpfand, und 
der von ihm bestochene Director Landau schoss ihm 
darauf nach und nach die ungeheure Summe von 
7 Millionen Rubel vor. 

October 1875 wurde Strausberg, der nach Moskau 
gekommen, um mehr Geld zu holen, nebst Landau 
verhaftet, und die inzwischen bankerotte Commerz- 
Leihbank geschlossen. Der gleichzeitig in Prag und 
in Berlin eröffnete Concurs über Strausberg's Ver- 
mögen deckte einen Abgrund von Schulden und ein 
Chaos von lüderlicher Unordnung auf; und dieser 
grauenhafte Zusammenbruch führte auch den Fall 
von Ferd. Jaques herbei, der dem „Eisenbahnkönig" 
und „Culturheros" lange Jahre hindurch ein hülfs- 
bereiter Freund gewesen war. 

Im Gefängnisse zu Moskau schrieb Strausberg 
ein umfangreiches Buch „Dr. Strousberg und sein 
Wirken", für welches, bevor es noch erschienen war, 
die Presse, namentlich die jüdische, eine grenzenlose 
Beclame machte. Noch vor Erscheinen brachte die 



— 64 — 

Wiener „Neue freie Presse", der „Börsen-Courier" 
des Herrn Georg Davidsohn in Berlin, die „Posener 
Zeitung" u. a. m. lange Auszüge. Das Buch verräth 
ebenso grosse Unbildung wie Geschmacklosigkeit und 
Prahlsucht; es zeigt, dass Strausberg nicht entfernt 
das gewesen ist, was man einen genialen Kopf nennt, 
als welchen die feile Presse ihn stets gefeiert hat; 
dass er nur ein dreister Abenteurer war. Trotzdem 
könnte das Buch interessant sein, hätte der Verfasser 
erzählt, was er wirklich weiss; weil er aber mehr 
verschweigt als berichtet, ist es fade und langweilig. 
Voll listiger Berechnung und tiefer Verschlagenheit, 
schont Strausberg seine ehemaligen Genossen und 
Verbündeten, schont und entschuldigt er alle mäch- 
tigen einflussreichen Gründer und Gründergenossen, 
schmeichelt er selbst seinen Gegnern, soweit dieselben 
von der öffentlichen Meinung noch getragen werden. 
Zum Dank dafür rechnet er, sobald er ins Leben 
zurückkehrt und sein „System" wieder aufnehmen 
kann, gleichfalls auf Schonung, ja auf thatsächliche 
Unterstützung; und sein Exempel ist wol kaum un- 
richtig. Viele Leute haben noch Ursache ihn zu 
fürchten, und er droht ihnen verschiedentlich mit 
späteren Auseinandersetzungen. Sein Buch ist ebenso 
unwahr, wie sein Leben, er schlägt sich selber fast 



— 65 — 

auf jeder Seite-, und diese tiefe Unwahrhaftigkeit, 
gemischt mit plumper Heuchelei, müssen jeden Un- 
befangenen anwidern. Dessen ungeachtet schämte 
sich die Presse nicht, dieses Buch wie eine Erschei- 
nung ersten Ranges zu behandeln. Während der 
Verfasser vor Gericht stand, angeklagt der Bestechung 
und des gemeinen Betruges, brachten die Blätter, 
gross und klein, jüdisch und christlich, über sein 
Machwerk lange Artikel, die alle mehr Bewunderung 
als Verachtung bezeigen. 

Im Gerichtssaale zu Moskau entfaltete Straus- 
berg wieder seine ganze Dreistigkeit, überhäuften 
sich die beiden Complicen, Strausberg und Landau, 
mit den gröbsten Vorwürfen und schwersten Beschul- 
digungen. Die Geschworenen brachen über Beide 
den Stab, und der Staatsanwalt beantragte. Beide 
zur Ansiedlung in Sibirien zu verurtheilen. Der Ge- 
richtshof erkannte auch so gegen Landau; Straus- 
berg jedoch wurde ganz unbegreiflicher Weise nur 
ins Ausland verwiesen. So hat das Deutsche Reich 
seinen „Culturheros" wieder, und die Presse, die ihn 
während der einjährigen Untersuchungshaft wie einen 
Märtyrer betrauerte, begrüsste seine Rückkehr mit 
Dank und Freude. 



Glagau, Dor Börsenschwindel. II. 



Die Blüthe der Industrie. 

MascliinenTjan- und EisenTjahiibedarfs-Gründungen in den Provinzen — Vul- 
kan in Königsberg i. Pr., Steckel & Wagenlincclit in Danzig, Möller & Holberg 
in Stettin, Eesseler in Greifswald, Spalding in Stralsund, Abendroth und 
Hansa in Eostock, Brockelmann in Güstrow, Lauenstein in Hamburg, Weser 
in Bremen — Hannover ; Egestorff, Salzgitter, Bernstorff & Eichwede, Peiner 
Walzwerk, Osnabrncker Stahlwerk — Westfalen und Rheinland: Killing & Co., 
Westfälischer Eisenbahnbedarf, Deutschland, Annener Gussstahl, Dortmunder 
Brückenbau, Daelen, Schreiber & Co., Union, Kamp & Co., Westphalia, Hagener 
Gussstahl, Grünthaler Eisenwerke, Wittener Waffen, Harkort's Brückenbau, 
Stahlwerke zu Meiderich, Walzwerk zu Mühlheim, Düsseldorfer Röhren, Hohen- 
zoUern, Humboldt, Maschinenbau in Kalk, J. Kyll — Geber-Stahlschmidt- 
Seelig — Rheinische Gründer — Louis Berger — Herrn Camphausens Recept 

— Minerva und Oberschlesischer Eisenbahnbedarf, Oberschlesisches Eiseu- 
walzwerk. Wagenbau Linke, Eisengiesserei Schmidt, Waggonfabrik Hofmann, 
Körner in Görlitz, Conrad Schiedt, Kiederlausitzer Maschinenbau — Halle'sche 
und Zeitzer Maschinenfabrik, Eismaschinen und Harzer Eisenbahnbedarf in 
Nordhausen, Bartels in Halberstadt, Klusemann in Magdeburg, Prange in 
Buckau — Braunschweig: Maschinenbau Seele, Eismaschinen, Nähmaschinen, 
Deicke, Walzwerk, Carlshütte, Harzer Werke — Corruption in Brannschweig 

— Eisengiesserei Hertel und Herzoglich Anhaltische Maschinenfabrik — 
Sachsen: Gussstahl in Dohlen, Saxonia und Schlick in Dresden, Kiesler, 
Brod & Stiehler, Voigtländische Eisenbahnwagen, Gottschald & Nötzli, Petzold 
in Bautzen, Goetjes, Bergmann & Co., Jacobi, Behrisch und Eales in Meissen, 
Rentzsch & Oschatz, Anton Zschille, Kratzenfabrik in Mittweida, Eisenin- 
dustrie in Pirna — Chemnitz; Schönherr, Schellenberg, Concordia, Wiede, 
Germania, Stickmaschinen, Rockstroh, Aff'oltcr, Zimmermann, Sondermann & 
Stier, Vulkan, Saxonia, Phönix, Union, Messingwerk Lugau — Süddeutsch- 
land: R«ifert in Frankfurt a, M., Eisenba bnbedarf in Stuttgart, Kirchheimer 
Maschinenfabrik — Lothringer Eisenwerke — Die Nothlage der Eisen- und 
Stahlindustrie — Freihandel und Schutzzoll — Eisenzölle — Die Börsen- 
blätter als Moralprediger — Falsche Hoffnung. 

Die Gründungsepidemie verbreitete sich von Berlin 
über ganz Deutschland, über das geeinte grosse Vater- 



— 67 — 

land, und verschonte auch das eben wiedergewonnene 
Elsass-Lothringen nicht Sie wüthete stark in Nord- 
und Mitteldeutschland, wogegen sie in Süddeutsch- 
land verhältnissmässig nur schwach auftrat. Wie 
Fürst Bismarck einst bemerkte, stehen die Süddeutschen 
hinter uns Norddeutschen an Liberalismus noch weit 
zurück. Berliner Gründer waren auch vielfach in 
den Provinzen, von Memel bis Metz thätig; indess 
haben Orte, wie Königsberg i. Pr., Danzig, Stettin, 
Hamburg, Bremen, Hannover, Dortmund, Essen, Elber- 
feld, Köln, Frankfurt a. M., Braunschweig, Magde- 
burg, Posen, Breslau, Leipzig, Dresden, Chemnitz etc. 
auch eigene Gründer und Gründer-Cliquen erzeugt, 
die es mit den Berliner Collegen in jeder Hinsicht 
aufnahmen, und diese zum Theil bei sich gar nicht 
aufkommen Hessen. Dasselbe Schauspiel, denselben 
Prozess, wie die Metropole, bieten auch die Provin- 
zen; sie gründen nach demselben Recept und sie 
haben ebenso blutige und schaurige Gründungen auf- 
zuweisen. Ihre Thaten schreien gleichfalls zum Himmel, 
und die meisten ihrer Schöpfungen liegen auch schon 
in Ruinen oder sie drohen doch mit Einsturz. 

Beginnen wir unsere Wanderung Längs der Meeres- 
küste, durch Ost- und Westpreusseu, Pommern, 
Mecklenburg und die Hansetädte, so sind von den hier 



— 68 — 

gegründeten Maschinen-, Eisenbahnbedarfs- und ähn- 
lichen Fabriken, die nachstehenden am bekanntesten 
geworden: 

Yulkan in Königsberg i. Pr., früher Gebrüder Meyer. 
Gegründet Mai 1871 von Carl Jacob, Adolf Samter, Geh. Com- 
merzienrath Moritz Simon (J. Simon Wittwe & Söhne) in Königs- 
berg i. Pr.; Platho & Wolfif, Samelson & Sackur in Berlin. 
Direction: G. Simony und Jul. Marcuse. Das ursprüngliche 
Actiencapital von 300,000 Thaler wurde September 1872, „um 
dem schneller als zu erwarten war, gewachsenen Betriebe ge- 
recht zu werden", auf 600,000 Thaler gebracht (wozu noch 
ca. 55,000 Thaler Hypotheken!), und die jungen Actien bei 
50% Einzahlung ä 107, also zum Course von 114 ausgegeben. 
15% Dividende waren in Aussicht gestellt; für das erste Ge- 
schäftsjahr von sechs Monaten entfielen, um junge Actien fa- 
briciren zu können, 10%; 1872 noch 8%%; später 0. Cours? 
Der Staatsanwalt ist angerufen. 

Maschinenbaugesellscliaft, früher Stecke! & Wagen- 
knecht in Danzig. Actiencapital 300,000 Thaler. Vorstand: 
A. Wagenknecht und G. Baum. Aufsichtsrath: R. Damme. 
1874 schritt der Staatsanwalt ein. Februar 1876 kam das Eta- 
blissement zur Licitation, ohne dass ein einziges Gebot abgegeben 
wurde. „Trauriges Zeichen der Zeit!" bemerkte sehr richtig 
die Presse. 

Maschiueubaiiaustalt und Schiffsbauwerft , vormals 
Emil Möller und Friedrich Holberg in Grabow bei 
Stettin. Gegründet November 1871 von R. A. Seelig, Max 
Geim und Louis Löwenherz (Berliner Wechslerbank), Gustav 
Kerting, H. Leubuscher, Fritz Bast, Stadtrath Pohle, sämmtlich 
in Berlin. Die Vorbesitzer behielten die Leitung. Aufsichts- 
räthe: Ernst Brunckow, Consul Is. Meyer, Hermann Weinreich, 
Comnierzienrath Johannes Quistorp, Rudolf Abel, Wilh. Walther 



— G9 — 

in Stettin , Rechtsanwalt Hecker in Berlin. An Dividenden 
wurden ca. 16<>/o versprochen, und 1872 bis 1875 gezahlt: 6^/4, 
5, 5 und resp. 2V4 Procent. Actiencapital 750,000 Thaler und 
107,000 Thaler Hypotheken. Cours noch ca. 30. 

Baltische Waggon- nnd Maschinenfabrik , vormals 
Carl Kesseler & Sohn und Theodor Labahn in Greifswald. 
Gegründet März 1872 von Richard Schweder (Preuss. Boden- 
Credit-Actien-Bauk), Hugo Fuchs, Gustav Noah, Felix Mam- 
roth, „Generaldirector" Julius Müller, in Berlin etc. Direction 
Carl und Julius Kesseler, welche für das erste Betriebsjahr 
8°/o Dividende garantirteu. Erste Aufsichtsräthe u. A.: Oeko- 
nomierath Professor Rohde in Eldena, Stadtverordneter C. S. 
Boy in Greifswald und Georg Sackur in Berlin. Schon 1873 
fehlte es an Geld, doch protestirte der Vorstand sehr energisch 
gegen „alle ungünstigen Gerüchte". 1874 trat man in Liqui- 
dation und schritt zum Verkauf. Indess ward ein zu niedriges 
Gebot abgegeben, und so übernahm der Mitvorbesitzer und 
seitherige Director Julius Kesseler das Etablissement pacht- 
weise. Das Actiencapital mit 550,000 Thaler ist vollständig 
verloren. 

Pommersche Eisengiesserei nnd Maschinenbauanstalt, 
vormals Commerzienrath C. H. S pal ding in Stralsund. Ge- 
gründet December 1871 von Siegfried Geber, Max Nolda (M. 
Schragow & Co ), Emil Zippert (Zippert & Co.") in Berlin. Auf- 
sichtsrath: Rittergutsbesitzer W. Münchmeyer auf Cummerow. 
Actiencapital 225,000 Thaler und 40,000 Thaler Hypotheken. 
Letzte Dividende 40/0. Cours ca. 30. 

Schiff- und Maschinenbau, früher C. Abendroth in 
Rostock. Gegründet October 1871 von Samelson & Sackur in 
Berlin; Consul A. Crotogiuo, Consul C. Ch. Lesenberg, E. Kühl, 
Senator Dr. Witte, Rheder B. Beselin, Landsyndicus a. D. 
Groth in Rostock. Der Vorbesitzer behielt die Leitung und 
übernahm von dem Actiencapital mit 300,000 Thaier ein Drittel. 
Letzte Dividenden 0. Cours ca. 10. 



— 70 — 

Hansa, Werfte für eiserne Schiffe und Maschinenbau, sonst 
A. Tischbein in Rostock. Gegründet Juni 1872 von der Ro- 
stocker Vereinsbank, der Lübecker Bank, Ed. Frege & Co. in 
Hamburg, Bein & Co. in Berlin. Director wurde der Vorbe- 
sitzer. Aufsichtsräthe u. A.: Acciserath Meyenn, Bankdirector 
Wasserzug, Senator Burchard in Rostock, Cousul August Rehder 
und Bankdirector W. Spiegeler in Lübeck. Actiencapital 
350,000 Thaler und 50,000 Thaler Hypothek. Erste Dividende 
pro 1872/73 — 4V2%; seitdem 0. Als die Actien bis etwa 50 
gesunken waren, illustrirte die „Neue Börsen-Zeitung" in Berlin 
sie als zu den „verstossenen Kindern des Courszettels" gehörig, 
und trieb sie so noch einmal bis gegen 80 hinauf. Heute ist 
der Cours ca. 5, und Herr Albrecht Tischbein hat sich als 
Director empfohlen. 

Mecklenburgische Maschinen- und Wageubaugesell- 
schaft, vormals Ernst Brockelmann in Güstrow. Gegründet 
Juni 1872 von dem Schönheimer'schen Bankverein und von 
Beer & Herzberg in Berlin. Aufsichtsräthe: Fr. Knitschky 
und W. Böckenhagen in Güstrow, C. Ch. Lesenberg, C. Abend- 
roth und Georg Brockelmann in Rostock, „Generaldirector" 
Julius Müller in Berlin. Actiencapital 270,000 Thaler und 
50,000 Thaler Hypotheken. Die Dividende von nominell 10%, 
für das erste Betriebsjahr von 6 Monaten [l) war im Voraus 
construirt, und sie blieb die einzige. Cours etwa 3. 

Eisenbahnwagenbau Lanenstein in Rothenburgsort bei 
Hamburg. Aus dem Concurse vorgekauft und gegründet Som- 
mer 1871 von Julius Alexander in Berlin, Ed. Frege und Leo- 
pold Jacöbi in Hamburg etc. Vorsitzender des Aufsichtsraths : 
F. A, Pflug in Berlin, der Vorbesitzer der 1856 gegründeten 
und 1873 bis 1875 durch Herrn von Unruh und Genossen ent- 
gründeten Fabrik für Eisenbahnbedarf. Actiencapital 850,000 
Thaler und 200,000 Thaler Hypotheken. Wie die „National- 
zeitung" berichtete, waren die Anmeldungen so zahlreich, dass 
eine Reduction stattfinden musste, und der Einführungscours 105, 



— 71 - 

welcher in Folge dieser Reclame rasch bis 120 und darüber 
stieg. Letzte Dividenden 2\'2% und 0. Cours etwa 20. 

Weser, Schiffbau und Maschinenfabrik in Bremen. Ge- 
gründet März 1872. Vorstand und Aufsichtsrath: Reichstags- 
mitglied A. G. Mosle, Rud. Feuerstein, C. Waltjen, L. Knoop, 
R. Fritze, D. H. Wätjen, Friedrich Achelis, G. S. Grüner, 
G. Rohte. Actiencapital IV2 Million Thaler. Dividende pro 
1874/75 — 55/0%, pro 1875/76 — ß'/s^'o. 

Von diesen Gesellschaften kann nur die letzte^ 
Wesei'; lebensfähig genannt werden, und sie verdankt 
ihre Lebensfähigleit wol dem Umstände, dass sie 
hauptsächlich von der Kaiserlichen Marine beschäftigt 
wird, für welche sie gepanzerte Kanonenboote btiut. 
Steckel & Wagenknecht in Danzig und Baltische 
Waggonfabrik in Greifswald sind bereits dahin; Vul- 
kan in Königsberg i. Pr., Maschinenbau und Hansa 
in Rostock und Brockelmann in Güstrow ringen noch 
schwach um ihre Existenz; und die übrigen zeigen 
an dem niedrigen Coursstande und an den kläglichen 
Dividenden, dass auch sie krank und siech sind. 



Im vormaligen Königreich Hannover, wo die 
Gründerei ebenso blühte, wie in dem kleinen Braun- 
schweig, finden wir: 

Egestorff' sehe Maschinenbangresellscliaft in Linden vor 
Hannover, früher Strousberg. Gegründet März 1871. Actien- 
capital 3 Vi Millionen Thaler (!) und ca. 600,000 Thaler H}T)o- 
theken. Gründer resp. Aufsichtsräthe : Consul und früherer 



— 72 — 

Abgeordneter G. Müller in Berlin, J. Gans (M. Blumenthars 
Nachfolger) Hofagent K. Berend (Michael Berend), Commer- 
zieurath Siegmund Meyer (Adolf Meyer), Leffraann & Abr. H. 
Cohen, Commerzienräthe Eichwede & Rohrs, Obergerichts- 
anwalt Dr. H. Müller, Senator Angerstein, Stadtdirector Rasch, 
Mitglied dss Preuss. Herrenhauses, sämmtlich in Hannover. 
Letzte Dividenden 0. Cours einst 140, jetzt ca, 15. 

Eisenwerk zu Salzgitter bei Hannover. Gegründet 1868. 
Actiencapital schliesslich 1,360,000 Thaler und 502,000 Thaler 
Hypotheken. Aufsichtsrath : Commerzienrath von Voigtländer 
in Braunschweig, Obergerichtsanwalt Dr. Müller und Commer- 
zienrath Siegmund Meyer in Hannover, J. C. Godeffroy in Ham- 
burg, Carl Ruetz in Dortmund etc. Schloss am 1. Juli 1875 
mit einer Unterbilanz von ca. 250,000 Thaler. 

Haunoversclies Guss- und Walzwerk, vormals C. Bern- 
storff&Eichwede. Gegründet Decbr. 1872 mit 500,000 Thaler 
Actien, Vorstand: Heinr. und Eduard Eichwede. Aufsichtsrath: 
Commerzienrath Eichwede, Obergerichtsanwalt Dr. Müller und 
Commerzienrath Rohrs in Hannover, Max B. Haniel in Ruhrort. 
Dividende pro 1875 — 6%. 

Peiner Walzwerk in Celle. Gegründet April 1872 mit 
350,000 Thaler Actien. Aufsichtsrath : Generalconsul J. H. Gossler 
in Hamburg, Commerzienrath Louis E. Meyer in Hannover, 
G. L. Meyer, Obergerichtsanwalte C. Haarmann und Meyers- 
burg in Celle. Cours? — Novbr. 1876 wurde der Director Ewers 
wegen Unterschlagung und Wechselfälschung verhaftet. 

Eisen- und Stahlwerk zu Osnabrück. Gegründet 1869. 
Das Grundcapital von 1,000,000 Thaler wurde 1872 um 750,000 
Thaler Prioritätsactien erhöht, und dieselben aufgelegt bei 
N. Blumenfeld in Osnabrück, Carl Goppel & Co. in Berlin und 
der Norddeutschen Bank in Hamburg. Verwaltungsrath: Job. 
Cesar Godeffroy, Job. Wesselhöft, Rob. Kayser, Job. Ed. Mutzen- 
becher, MaxTh. Hayn in Hamburg, ObergerichtsanwaltDr. H.Mül- 
ler in Hannover. Letzte Dividende 0. Cours einst 125, jetzt ca. 30. 



— 73 — 

Nach Berlin grassirte die Gründerei mit am ärgsten 
in dem industriereichen Westfalen und Rheinland, so 
arg, dass selbst ein Berliner Börsenblatt sich März 
1872 von dort schreiben Hess: „Das Gründen nimmt 
hier zu Lande kein Ende!" Schon die Schwindel- 
periode von 1856 hatte am Rhein zahlreiche Actien- 
gesellschaften erzeugt, die zum Theil wieder unter- 
gegangen waren, zum Theil erst sehr allmälig zu 
Dividenden gelangten. Aber die Jahre 1871 bis 1873 
brachten eine wahre Sündfluth von Gründungen aller 
Art, und dieselben haben sich ungleich fauler er- 
wiesen als die Producte von 1856. Weit grössere 
Capitalien wurden in Anspruch genommen, und weit 
grössere Verluste haben die Actionäre erlitten. Von 
den gegründeten Maschinenfabriken sind die nam- 
haftesten : 

Waggon- und LocomotiT-Ban.instalt, vormals Killing 
und Co. in Hamm. Bildete sich Februar 1873. Aufsichts- 
räthe: C. G. Hörn und Rud. Willemsen in Köln, Mathias 
Hinsberg, Alexander Braun, Ewald Caron, F. Harkort junior, 
Otto Jäger, F. G. Köttgen und Walter Schlieper in Barmen. 
Das Etablissement wurde angeblich für 550,000 Thaler er- 
worben, das Actiencapital auf 2'/» Millionen Thaler festgesetzt, 
und die 40procentigen Interimsscheine durch Hinsberg, Lübcke 
und Co. in Berlin (Filiale des Barmer Bankverein Hinsberg, 
Fischer & Co.) ä 110 eingeführt, was einen Cours von 125 be- 
deutet. Später gaben die Gründer 90,000 Thaler als „don 
gratuit" zurück. Trotzdem schloss das erste Geschäftsjahr 



— 74 — 

mit einem Verlust von 486,000 Thalern und man schritt zur 
Liquidation. Die Actionäre haben wenig zu erwarten. 

Westphälischer Eisenl)ahnwa^enl)au und Eisenbahn- 
bedarf zu Münster. Gegründet April 1872 mit 400,000 Thlr. 
Actien, welche aufgelegt wurden u. A. bei Gebr. Metz, und 
Lindenkampf & Olfers in Münster, H. & L. Metz in Köln. 
Als den eigentlichen Verfasser dieser Gesellschaft nannte die 
Berliner „Neue Börsenzeitung" den Commerzienrath Sabey in 
Münster. Cours? 

Maschinenfabrik ,,Dentschland" zu Dortmund. Actien- 
capital 600,000 Thaler. Aufsichtsräthe : Geh. Commerzienrath 
A. Borsig und Stadtrath Th. Sarre in Berlin, J. M. Heimann 
und August Neven-du Mont in Köln, Moritz Eltzbacher und 
Kentier A. von Griesheim in Bonn, Director C. Krauss in 
Hannover. Letzte Dividenden 0. Cours? 

Gnssstahlwerk, früher König & Rennert in Annen bei 
Dortmund. Grundcapital 650,000 Thaler und 100,000 Thaler 
Hypotheken. Gegründet im Februar 1873 und an der Ber- 
liner Börse eingeführt durch Riess & Itzinger und J. T. Gold- 
berger zum Course von 112! Erste, künstlich construirte Di- 
vidende für das Geschäftsjahr von 6 Monaten 8°/o; später 1, 
3 und 0*^/0. Cours ca. 10. Der Staatsanwalt ist angerufen. 

Brückenbau, vormals Carl Backhaus in Dortmund. 
Vorgekauft an Ed. Stahlschmidt (Hermann Geber) in Berlin, 
und gegründet November 1872. Actiencapital 550,000 Thaler, 
eingeführt an der Berliner Börse durch Hirschfeld & Wolff 
zum Course von 105. Dazu 150,000 Thaler Hypotheken. Auf- 
sichtsräthe: Rechtsanwalt Nestor Kindermann in Dortmund, 
Baumeister Louis König und Banquier Alfred Molenaar (Gebr. 
Molenaar) in Crefeld, Commerzienrath Schlittgen in Berlin. 
Der Vorbesitzer behielt die Leitung, starb indess schon 1873. 
Eine Dividende ist nie vertheilt worden. Das Geschäftsjahr 
1873/74 schloss mit einem Verlust von 203,000 Thaler, worauf 
die Gründer 170,000 Thaler in Actien und 30,000 Thaler haar 



— 75 - 

zurückgaben. Trotzdem ward November 1875 die Liquidation 
beschlossen, und Februar 1876 der Concurs eröffnet. 

Gesellseliaft für Stahlindustrie, vormals Daelen, 
Schreiber & Co. in Bochum. Actiencapital 1 Million Thaler. 
Vorstand: Vital Daehlen und Hermann Herz in Bochum und 
Bürgermeister a. D. Lindemann in Essen. Gleich das erste 
Geschäftsjahr 1873/74 schloss mit einem Verlust von 185,000 
Thaleru. Die Vorbesitzer sollen falsche Angaben gemacht 
haben, wofür sie der Aufsichtsrath zur Verantwortung ziehen 
wollte. Cours? 

Maschiuenbau „Union", früher Ewald Hilg er in Essen. 
Gegründet Juni 1871. Actiencapital 000,000 Thaler. Auf- 
sichtsräthe: Friedrich Grillo, Gustav Adolf Waldthausen und 
Kreisrichter a. D. W. Heyland in Essen, J. L. Eltzbacher, 
J. B. Heimann und Victor Wendelstadt, Commerzienrath und 
Director des Schaaffhausen'schen Bankvereins in Köln. P'ür 
1871/72 wui'den 10 Procent Dividende ausgeworfen, und hierauf 
Januar 1873 — 400,000 Thaler neue Actien ä 110 emittirt. Letzte 
Dividenden 0. Cours etwa 30 Brief. 

Märkische Masehinenbauaustalt, vormals Kamp & Co. 
in Wetter an der Ruhr. Actiencapital 1,200,000 Thaler. Die 
Mitvorbesitzer Heinrich Blank und Alfred Trappen behielten 
die Leitung. Aufsichtsrath: Wilhelm von Born in Dortmund, 
Advocat- Anwalt W. Klein in Düsseldorf, Moritz Eltzbacher 
(J. L. Eltzbacher & Co.) in Köln, Hugo Blank in Wetter, 
Ewald Aders (J. H. Brink & Co.) in Elberfeld. Dividenden: 
7%, 4% und? Cours ca. 40. 

Waggonfabrik Westphalia, früher Killiug & Sohn in 
Hagen. Actiencapital 700,000 Thaler und 100,000 Thaler Hy- 
potheken. Gegründet Januar 1873 von H. Quistorp in Berlin, 
welcher iu seiner pompösen Schreibweise sich also vernehmen 
liess: Es ist uns gelungen, unseren Actionären auf je 6 Actien 
der Vereinsbank 1 Actio der Westphalia oiferiren zu können. 
Auf je 6 Actien seiner Vereiusbank, die damals 190 notirten, 



— 76 — 

gewährte Herr Quistorp 1 Actie der Waggonfabrik ä 112, so 
dass sie thatsächlich 179 kostete! Dazu musste der glückliche 
Käufer noch 4 Procent Zinsen seit dem 1. Mai 1872, also für 
9 Monate rückwärts erlegen!! Vorsitzender des Aufsichtsraths: 
Rechtsanwalt Storp in Hagen. Direction: Fr. Killing, C. Th. 
Middendorf und P. Wegmann. 

Drei Monate nach der Gründung vollzog Quistorp bereits 
eine grossartige Gewinnvertheilung. Er construirte eine zwei- 
jährige Geschäftsperiode, indem er dieselbe um zwei Jahre 
zurückdatirte, sie schon mit dem 1, Mai 1871 beginnen Hess, 
und für diese Zeit einen Reinertrag von 211,000 Thalern aus- 
rechnete. Davon erhielten die Vorbesitzer Killing & Sohn vorweg 
als sogenannte Abfindung pro rata 57,000 Thaler, die Direction, 
an deren Spitze wieder Killing & Sohn standen, ca. 20,000 Thlr., 
der Aufsichtsrath endlich 8555 Thaler — Alles für eine Mühe- 
waltung von etwa 12 Wochen. Der Rest entfiel als IGpro- 
centige Dividende an die Actionäre, welche 1874 noch 5 Procent 
und dann überhaupt nichts mehr, weder Zinsen noch Capital 
bekamen. Juni 1876 ward der Concurs eröffnet, und die Actien 
sind völlig werthlos. 

(xussstahlwerk, sonst F. Huth & Co. in Hagen. Vor- 
gekauft von R. A. Seelig in Berlin und gegründet Aug. 1872. 
Actiencapital 750,000 Thaler und 130,000 Thaler Hypotheken. 
Emissionshäuser: Centralbank für Genossenschaften und Schön- 
heimer'scher Bankverein. Aufsichtsräthe : Bürgermeister Dödter 
und Emil Hiltrop in Hagen, Ferd. Strahl in Berlin etc. Letzte 
Dividenden 0. Cours einst 110, jetzt ca. 5. 

Eisenwerke und Eisenl)ahnbedarf, früher Carl As- 
beck & Co. in Grünthal bei Hagen. Vorgekauft von R. A. 
Seelig und Genossen in Berlin und gegründet April 1873. 
Actiencapital 600,000 Thaler und 200,000 Thaler Hypotheken. 
Vorsitzender des Aufsichtsraths: Rechtsanwalt Robert von 
Briesen in Hagen. Dividenden nie. Die mit 110 eingeführten 
Actien haben schon lange keinen Cours mehr, und es war des- 



— 77 — 

halb gerade kein „Opfer", wenn November 187G „zwei Actio- 
näre" eine Portion dieses cdeln Papiers im Nennwerthe von 
26,000 Thaler der Gesellschaft „zur Vernichtung" überwiesen. 
Selbstverständlich gehörten diese edlen „Actionäre" zu den 
Gründern resp. Vorkäufern, was aber die Zeitungen getreulich 
verschweigen. 

Gussstahl- und Waflfenfabrik, vormals Berg er & Co. 
in Witten an der Ruhr. Actiencapital 1,500,000 Thaler und 
300,000 Thaler Hypotheken!! Gegründet im März 1873 durch 
den Schaaffhausen'schen Bankverein in Köln und die Deutsche 
Unionbank in Berlin, welche die 60procentigen Interimsscheine 
mit 120 einführte, was einen Cours von ISSVs bedeutet. Die 
Börse, welche den Braten roch, nannte die neuen Actien sehr 
bezeichnend „Pistolen-Actien". Trotzdem trieben die „starken 
Hände" der Gründer die Pistolen-Interimsscheine bis ca. 140, 
was einem Course von 166 entspricht. Heute stehen die Actien 
etwa 50. Aufsichtsräthe : von Kaufmann -Asser und Advocat- 
Anwalt Robert Esser II. in Köln, Koppel in Solingen, von Mar- 
tini, Carl Berger etc. 

Vorbesitzer des Etablissements ist der bekannte fortschritt- 
liche Abgeordnete Louis Berger in Witten, ein Freund des 
Preussischen Handelsministers Herrn Achenbach, welcher Früh- 
jahr 1876 im Abgeordnetenhause, bei Gelegenheit der Debatte, 
betreifend die Uebernahme einer Zinsgarautie des Staats für 
die Prioritäts-Anleihen der übel beleumdeten Eisenbahn Halle- 
Sorau-Guben, es tief bedauerte, Herrn Berger unter seinen 
Gegnern zu sehen; und dieser wieder musste den Schmerz er- 
fahren, wegen zu theuerer Gründung seiner Fabrik von Herrn 
Wilh. Funcke in Hagen öffentlich augegriffen zu werden. Herr 
Berger erwiderte darauf mit dem strengen Unschuldsbewusst- 
sein eines öffentlichen Charakters: „Wer, wie ich, im Laufe 
von zehn Jahren, innerhalb und ausserhalb seines Heimatki'eises, 
vor und nach den Kriegen, vor und nach dem Krach, sieben- 
mal aus dem Fegefeuer einer Land- und Reichstagswahl rein 



— 78 — 

hervorging, der kann Verdächtigangen solcher Art einfach ver- 
achten. Er erklärt, dass diese „Verdächtigung" gegen einen 
Mann gerichtet sei, der „seit Jahren im öffentlichen Dienste, 
mit gänzlicher Hintenansetzung jedes persönlichen Interesses, 
nach besten Kräften seine Schuldigkeit gethan", und bemerkt 
dann zur Sache selber: „Damals sind in Witten verschie- 
dene Wetten verloren worden, weil man es nicht für 
möglich hielt, dass das Werk zu einem so sehr bil- 
ligen Preise verkauft werden würde." Also Herr Berger 
verkaufte zu einem Preise, den man so niedrig gar nicht für 
möglich hielt — für eine lumpige Million Thaler; und er lässt 
durchblicken, dass solche Gründung ein Verdienst um das 
öffentliche Wohl sei. Leider haben sich dieser Einsicht die 
Actionäre bisher stierköpfig verschlossen, denn sie erhielten 
als Dividende für das erste Geschäftsjahr — 0, und ein Be- 
richt in der „National -Zeitung" sagte: „Die Hauptschuld an 
diesem ungünstigen Resultat tragen die übermässig hohen 
Kosten der von den vorherigen Besitzern übernom- 
menen Vorräthe." Dieser Bericht, erstattet vom Vorstand 
und Aufsichtsrath der Gesellschaft, dem wahrscheinlich auch 
noch die Gründer angehörten, meint also im Gegensatz zu 
Herrn Berger und seinen Wettbrüdern: die lumpige Million 
Thaler sei ein ganz horrender Preis gewesen — und der Cours- 
stand der Actien scheint dies zu bestätigen. 

Eisen-Industrie uudBrückenbau, vorm. Johann Caspar 
Harkort in Hochdahl bei Duisburg, Gegründet August 1872. 
Actüncapital 1,500,000 Thaler ; an der Berliner Börse einge- 
führt durch R. A. Seelig und H. Kretzschmar (Carl Goppel & Co.) 
zu 103 Vi ! Ausserdem 400,000 Thaler Hypotheken ! ! Aufsichts- 
räthe: Oberbürgermeister Keller in Duisburg, Consul Wilhelm 
Dulheuer, Richard Harkort, Justizrath Gerstein und Rechts- 
anwalt von Briesen in Hagen, Carl Goppel und Generalconsul 
Ascher Salinger in Berlin, Robert Kayser in Hamburg, Dr. Schnitz- 
ler, Carl Daeves und Director Peter Leister in Köln. „General- 



— 79 — 

director": Otto Oifergeld. Eine dunkele Gründung, die sofort 
Verdacht erregte. Ueber die erste Generalversammlung der 
■wirklichen Actionäre brachte die „Berliner Börsen -Zeitung" 
folgenden Bericht in der Form eines bezahlten Inserats: 
„Es constatirte der Präsident des Aufsichtsraths (nämlich der 
Vorbesitzer Joh. Casp. Harkort!) entgegenstehend den vielseitig 
ausgestreuten nachtheiligen Gerüchten, die zufriedenstellende 
Lage des Werkes, und garantirte aus seinen Privatmitteln für 
5 Jahre eine 6procentige Dividende. Sodann verzichtete er 
auf die Verzinsung von 200,000 Thaler Actien, die er selber 
besitzt, während besagter fünf Jahre. Diese periiönlichen Opfer (!), 
welche Herr Harkort sich auferlegte, wurden von der General- 
versammlung dankbar acceptirt u. s. w." — Die erste Geschäfts- 
periode vom 1. August 1872 bis Ende 1873 schloss mit einem 
Verlust von 142,000 Thaler, und es standen zu Buch: Grund 
und Boden mit 396,000 Thaler, Gebäude mit 336,000 Tbaler, 
Maschinen und Walzwerk mit 217,000 Thaler, Werkzeuge und 
Geräthschaften mit 179,000 Thaler, und endlich die Firma (! !) 
mit 533,000 Thaler. Zusammen etwa 1,660,000 Thaler. Herr 
J. C. Harkort Hess sich nun von dem Vertrage, in Betreff der 
garantirten Dividende von 6 % auf 5 Jahre, entbinden und 
überwies der Gesellschaft dafür 196,000 Thaler (wahrscheinlich 
in eigenen Actien), während die anderen Gründer gleichfalls 
80.000 Thaler zurückvergüteten. Aus diesen „persönlichen 
Opfern" wurde das Deficit gedeckt, und den Actionären für 
17 Monate zusammen 3 % Dividende gezahlt. Zugleich meuchelte 
man die Hälfte der Actien und reducirte das Grundcapital auf 
750,000 Thaler. Trotz dieser merkwürdigen Operationen, die, wie 
es scheint, die Staatsanwaltschaft zu einer Recherche nicht ver- 
anlassten, betrug die Dividende pro 1875 — 0, und die Actien 
haben seit geraumer Zeit gar keinen Cours mehr. 

Rheinische Stahlwerke zu Meiderich bei Fiuhrort. Ge- 
gründet Januar 1872. Verwaltungsrath: Rentner B. Suer- 
moudt in Aachen, Ingenieur Leon Donnat und Fürst Augusti 



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Galitzin in Paris, Ingenieur Max Haniel in Ruhrort elc. Actien- 
capital 1,500,000 Thaler, von welchem die erste Emission mit 
1,000,000 Thaler pro 1873/74 — 20 % Dividende erhielt. Zu- 
gleich emittirte man, „um die Production des Werkes zu ver- 
grössern", 600,000 Thaler Obligationen. Cours ? 

Rheinisches Walzwerk zu Mühlheim am Rhein. Ge- 
gründet Februar 1872. Actiencapital 200,000 Thaler. Vor- 
stand: Heinrich Haines zu Vensberg und Ingenieur Hugo Schöller 
in Mühlheim. 1874 wurde die Liquidation beantragt. 

Röhren- und Eisenwalzwerk in Düsseldorf. Actiencapital 
SVo Millionen Thaler. Aufsichtsrath: Advocat- Anwalt Robert 
Esser IL, Rentner Ph. Kaiser, Bankdirector Ernst Königs und 
A. Rautenstrauch in Köln, Alphons Haniel in Ruhrort, Laurenz 
Fischer in Euskirchen, Friedrich Kesten, Adolf Poensgen und 
Gustav Poensgen in Düsseldorf. Vertheilte pro 1873 — 9 °lo 
Dividende, später? 

Hohenzollern , Gesellschaft für Locomotivbau in Düssel- 
dorf. Gegründet August 1872 von Jacobi, Haniel und Huyssen 
und der Provinzial-Disconto-Gesellschaft Hannover (M. J. Frens- 
dorff). Actiencapital 1,600,000 Thaler. Aufsichtsrath: Louis 
Haniel, Franz Haniel, Max Haniel, Louis Liebrecht und W. Suer- 
mondt in Ruhrort, Th. Böninger jr. in Duisburg, Bernhard 
Caspar in Hannover und Chr. Timmermanu in Hamburg. 1874/75 
schloss mit 159,000 Thaler Verlust. Cours ? 

Maschinenbau Humboldt, vormals Sievers & Co. in 
Kalk bei Deutz a. Rh. Gegründet October 1871. Aufsichts- 
rath: Rentner Ph. Kayser, Advocatanwalt Robert Esser H., 
Jacob von Kauffmann-Asser, A. Rautenstrauch und Bankdirector 
Ernst Königs in Köln, Rentner Heinrich Sievers in Bonn, Hütten- 
besitzer Carl von Beulwitz in Trier, Bergrath Max Braun in 
Moresnet bei Aachen, Commerzienrath Albert Poensgen in 
Düsseldorf. „Generaldirector" : Martin Neuerburg in Kalk. 
Actiencapital 800,000 Thaler I. Emission und 500,000 Thaler IL 
Emission. Ausserdem 300,000 Thaler Hypotheken. (Mit dieser Ge- 



— 81 — 

Seilschaft verschmolz auch das März 1872 gegründete Walz- 
werk Zeus, dessen Grundcapital 500,000 Thaler betrug.) Pro 
1. Juli 1872/73 wurden 12Ve % Dividende vertheilt, und dar- 
aufhin 500,000 Thaler junge Actien fabricirt. 1874 entfielen 
8 resp. 4%. Cours ? 

Rheinisclie Mascliiueubau-Gcsellschaft inKalk beiDeutz 
Grundcapital 100,000 Thaler. Aufsichtsrath : „Generaldirector" 
Martin Neuerburg in Kalk, F. A. Herbertz und Director M. 
Schuaas in Köln, Fabrikbesitzer H. Aders in Magdeburg. Divi- 
denden für 1874 und 1875 — 0. 

Holzbearbeituugsmascliiueu, vormals .1, Kyll zu Kalk 
bei Deutz. Gegründet Anfang 1873. Aufsichtsrath: Landrath 
a. D. Schubarth, Jacob von Kauffmann-Asser, A. Rautenstrauch, 
Director Martin Schnaas und Bankdirector Ernst Königs in 
Köln, Director Carl Sachs und „Generaldirector" Martin Neuer- 
burg in Kalk. Actiencapital 800,000 Thaler. Dividende für 
das erste Geschäftsjahr 0. 

Auch in Westfalen-Rheinland sind Berliner Grün- 
der thätig gewesen. Heinrich Quistorp gründete 
die Waggonfabrik Westphalia, und ausserdem die 
Fabrik für Eisenbahnmaterial in HageU; welche 
letztere für 1873 — 57o Dividende vertheilte. A. Borsig 
und Th. Sarre waren bei der Maschinenfabrik „Deutsch- 
land" in Dortmund; Biess & Itziuger und J. T. Gold- 
berger bei dem Annener Gussstahlwerk; Commerzien- 
rath Schlittgen bei dem Dortmunder Brückenbau, 
Carl Goppel & Co. und Ascher Salinger beiHarkort's 
Brückenbau behülflich. Das Vorkäufer- Consortium 
Geber-Stahlschmidt-Seelig entrirte: Hagener 

Glagaa, Der Börsonschwiadel. II. 6 



— 82 — 

Gussstahl; Hagen-Grünthaler Eisenwerke, Dortmunder 
Brückenbau und Harkort's Brückenbau. Wo 'aber 
dieses Kleeblatt aufti'at, da wuchs hinfort kein Gras 
mehr, was die eben genannten vier Gesellschaften be- 
weisen. Hermann Geber, der Pfiffigste von den Dreien 
und der eigentliche Chef, der aber gern hinter den 
Coulissen blieb, pflegte, wenn die Sünden der betref- 
fenden Gründung offen zu Tage traten, eine Portion 
Actien, die er hatte übernehmen müssen, zurückzu- 
schenken, was aber wenig zu bedeuten hatte, da die- 
selben inzwischen bereits so ziemlich Maculatur ge- 
worden. 

Unter den einheimischen Gründern ragen hervor: 
Jacob von Kauffmann- Asser, Jacob Lob Eltzbacher, 
J. B. Heimann, Salomon Moses Heymann, Victor Wen- 
delstadt, Ernst Königs, A. Piautenstrauch, Ph. Kaiser, 
Martin Schnaas und Advocat- Anwalt Piobert Esser H. 
in Köln, Friedrich Grillo in Essen, Wilhelm von Born 
in Dortmund, Familie Haniel in Ruhrort, Familie 
Poensgen in Düsseldorf, Martin Neuerburg in Kalk. 
Wie eine Vergleichung der Namen zeigt, bildet Rhein- 
land-Westfalen von der Regel eine Ausnahme, inso- 
fern hier nicht die jüdisch-semitischen, sondern die 
christlich-germanischen Gründer überwiegen, und von 
diesen stehen wieder die Katholiken hinter den Pro- 



— 83 ■ — 

testanten zurück. Politischer wie religiöser „Fort- 
schritt" kennzeichnet den christlichen Gründer, wäh- 
rend der jüdische Gründer alle politischen und cou- 
fessionellen Schattirungen zeigt. 

Gross ist der Courssturz, welchen die Actien der 
Westfälisch-rheinischen Maschinenfabriken durchweg 
erfahren haben. Diese rapide Entwerthung trat bei 
einigen noch vor dem Krach ein. Beispielsweise kaufte 
Jemand im März 1873 auf Empfehlung 2000 Thaler 
Dortmunder Brückenbau ä 109, und da es ihm als- 
bald leid that, wollte er sie wieder los werden. In 
den nächsten Tagen notirte das Papier 105, 103, 101, 
98, 95 — aber zu diesem Course waren immer nur 
Abgeber, nicht Nehmer vorhanden. Endlich fand der 
Inhaber einen Makler, der ihm die Actien mit 80 ab- 
nahm, so dass Jener binnen ein paar Wochen 29% 
am Course verloren hatte. Aber der Makler nahm 
auch nur für 1000 Thaler; mit dem andern Tausend 
blieb der unglückliche Besitzer überhaupt sitzen. 

Wittener Waffen oder die „Pistolen-Actien", vor- 
mals Berger et Co., stürzten noch im Jahre 1873, 
binnen 9 Monaten, von etwa 166 bis 701 — Vielleicht 
als Ersatz dafür hat der Vorbesitzer, Abgeordneter 
Louis Berger, in Verbindung mit seinem Bruder 
ein Stipendium für arme Studenten gestiftet und zu 



— 84 — 

dem Zwecke ein Capital von 6666% Thaler einge- 
zahlt. Diese edle That meldeten sämmtliche Zeitun- 
gen, aber einige Blätter wollten auch wissen, die 
Staatsanwaltschaft in Bochum recherchire wegen der 
Vorgänge bei Gründung der Berger'schen Gussstahl- 
fabrik. 

Das ßecept des Herrn Finanzministers Camphausen, 
die kranke Industrie durch Herabsetzung der Arbeits- 
löhne zu curiren, haben die Actiengesellschaften bestens 
befolgt. Von den Rheinischen Stahlwerken in Mei- 
derich verlautete kürzlich eine neue Lohnbeschnei- 
dung um ro Procent. Hohenzollern, früher Jacobi, 
Haniel und Huyssen in Düsseldorf, Hess durch Mauer- 
anschlag verkünden: wegen der schlechten Geschäfte 
müssten die Löhne wiederum gekürzt werden; zu- 
gleich erwarte man, dass die Arbeiter ihre Kräfte 

und ihre Leistungen verdoppeln würden. Ueber 

die „wohlthätigen Folgen der Lohnreduction" liess 
sich die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" aus Witten 
an der Ruhr schreiben: es sei in erster Linie zu 
constatiren „das Zunehmen der Arbeitslust und das 
damit verbundene Erstarken der Arbeitskraft." Aber 
den eigentlichen Zweck scheint Herrn Camphausen's 
Palliativ, das auch in den Werkstätten des Staats 
fleissig zur Anwendung kam, doch nicht zu erreichen. 



— 85 - 

Im Gegentheil steigert sich mit der Lohnherabsetzung 
der Mangel an Arbeit, der Uebertiuss an Arbeitern. 
Die Maschinenfabrik Humboldt in Kalk beschäftigt 
von ehemals 2000 Leuten nur noch ein Drittel; und 
die „Vossische Zeitung" äusserte unterm 23. Aug. 1876: 
„Ueber das Darniederliegen der Industrie laufen täg- 
lich neue Berichte ein. Der Handelsminister Dr. Achen- 
bach hat bei längerer Anwesenheit in seinem heimat- 
lichen Kreise Siegen sich von der Noth zu überzeugen 
genug Gelegenheit gehabt." 



Auch Schlesien ist von zahlreichen Gründungen 
heimgesucht worden. In dem stark verjüdelten 
Breslau sitzt ein ganzes Nest von Gründern, und 
diese haben, zum Theil auf eigene Hand, zum Theil 
in Verbindung mit Berliner Berufsgenossen ihr Wesen 
getrieben. Ebenso lieferten Görlitz und Grünberg 
namhafte Gründer. Von ihren Werken verzeichnen 
wir hier: 

Oberschlesisclier Eisenbahubedarf in Breslau. Bildete 
sich Februar 1871 aus der Hütten-, Forst- und Bergbau- Ge- 
sellschaft Minerva in Oberschlesien, welche ihrerseits 1855 
durch den späteren Abgeordneten, Grafen Johannes Renard 
auf Gross -Strehlitz und Genossen entstand, und auch schon 
eine böse Gründung war. Das Grundcapital der Minerva be- 
trug 5 Millionen Thaler, und da sie nur 1856, 1857, 1858 und 
1865 Dividenden von 8, C, 2 und resp. 1 % auswarf, die Divi- 



— 86 — 

dende für 1858 liiiiterher aber nicht einmal auszahlte, sondern 
als irrthümlich anfechten Hess, war der Cours bis unter 20 ge- 
sunken. Hierauf begann ein Consortiuni die billigen Actien 
aufzukaufen, und schliesslich befanden sich '/s derselben in 
seinen Händen. „Generaldirector" der Minerva war 1871 August 
Frey, und den Verwaltungsrath bildeten: Graf Johannes Re- 
nard, Abgeordneter Prinz Carl zu Hohenlohe, Bankassessor 
Dr. Paul Gaspard Friedenthal, Max Alexander und Albert 
Schmieder in Breslau, Oekonomierath Bieler in Salesche , Julius 
Alexander, Wilh. Itzinger und Hugo Pringsheim in Berlin. 

Die Minerva liquidirte, trat den grössten Theil ihres Be- 
sitzes dem von ihr gegründeten Oberschlesischen Eisenbahnbe- 
darf ab, und empfing dafür Actien der neuen Gesellschaft, deren 
Direction Albert Schmieder übernahm, und deren Aufsichtsrath 
folgende Herren bildeten: ,. Generaldirector" August Schmieder, 
Max Alexander, Bankdirector Fromberg und Justizrath v. Wil- 
mowski in Breslau, Oekonomierath Bieler in Salesche, Director 
Neimke in Lipine, Graf Solms-Roesa in Slupcko, Gustav Scha- 
dow und Ferd. Gumprecht in Berlin. Das Actiencapital , ur- 
sprünglich 2 'Zu Millionen Thaler, wurde 1872 um ^2 Million 
Thaler junger Actien vermehrt, und diese mit einem Agio von 
250,000 Thaler (!) begeben. Die Actien wurden, namentlich an der 
Breslauer Börse, zu einem Spielpapier. Für 1871 gab es 6, 
für 1872 sogar 14% Dividende, was für die Herren Aufsichts- 
räthe eine fette Tantieme abwarf. Noch 1873 erhielten sie bei 
5% Dividende — 7895 Thaler, und 1874 bei nur 2% Divi- 
dende — 3467 Thaler Tantieme. Pro 1875 betrug die Divi- 
dende 0, und die einst bis 175 hinaufgetriebenen Actien stehen 
jetzt ca. 25. An den beiden Gesellschaften der Minerva und 
des Oberschlesischen Eisenbahnbedarf haben die Actionäre zu- 
sammen etwa 8 Millionen Thaler verloren. 

Indess ist noch ein anderer Verlust zu beklagen, nicht so 
riesig, aber dafür weit schmerzlicher. Bevor Graf Renard sein 
Etablissement verkaufte, hatte er durch die Meister und Arbeiter 



— 87 — 

der Werke eine Hilfs- und Knappschaftskasse bilden lassen, die 
beiläufig 75,000 Tlialer besass und an die Actiengesellschaft 
Minerva überging. Als diese nun 1871 den Oberschlesischen 
Eiseubahnbedarf gründete, war, wie die Berliner „Staatsbürger- 
zeituug" uuterra 16. April 1876 mittheilte, die ganze Kasse 
spurlos verschwunden, obwol sie unter Aufsicht der Staatsbe- 
hörden stand. Die armen Arbeiter haben ihi"e an 20 Jahre 
geleisteten Beiträge eingebüsst, und eine Beschwerde beim 
Handelsrainister soll ohue Erfolg geblieben sein. 

01)erschlesisches EiseuwalzTverk in Paruschowitz bei 
Rybnik, früher fiscalisch! Vorgekauft von Isidor Maniroth in 
Berlin, und gegründet 31. August 1872 von dem Abgeordneten 
und Geh. Admiralitätsrath Theodor Jacobs, Literaten Dr. Hein- 
rich Beuecke, Fabrikbesitzer Th. Seydel, Gustav Mamroth und 
Paul Nalepa in Berlin. Actiencapital 700,000 Thaler und 150,000 
Thaler Hjpothekeu. Im Prospect wurden 20 ''/o Dividende 
vorgerechnet, und für das erste Geschäftsjahr von 4 Monaten (!) 
ir^o vertheilt. 1873 schloss mit einem Verlust von 38,938 
Thaler. 1874 ergab l^o, 1875 — iVs'^/o Divitlende. Cours ca. 8. 

Eiseubaimivag^eulban, vormals G. Linke's Söhne in 
Breslau. Vorgekauft von Gebr. Guttentag und Moritz Sachs 
in Breslau, und gegründet Febr. 1871. Actiencapital 1,600,000 
Thaler (!) und ca. 820,000 Thaler Hypotheken. Aufsichtsrath: 
Abgeordneter und Geh. Ober-Regieruugsrath Ludwig Heise, 
Robert Caro (M. J. Caro & Sohn), Moritz Cohn (Gebr. Gutten- 
tag), Joseph Friedländer (Gebr. Friedläuder), Siegmund Sachs 
(jNIoritz Sachs), Moritz Pringsheim, Commerzienrath C. F. Gierth 
und Adolf Linke in Breslau, Rittergutsbesitzer Ernst Lauter- 
bach iu Wilxen. Dividende pro 1875 — 6-/! ^/o, und gegen 
8000 Thalcr Tantiemen. Cours einst 115, jetzt etwa noch 50. 

Sehlesische Eiseiigiesserei , Maschinen- und Wagenbau, 
vormals C. Schmidt & Co. in Breslau. Vorgekauft durch die 
Provinzial- Wechslerbank in Breslau, und gegründet November 



— 88 — 

1871 durch Salo Sackur (Gebr. Sackur) in Breslau, Potocky- 
Nelken (Marcus Nelken & Sohn) und Samelson & Sackur in 
Berlin etc. Actiencapital 750,000 Thaler, nebst 250,000 Thaler 
Prioritäten und 275,000 Thaler Hy^^otheken. Aufsichtsräthe 
u. A.: Jacob Berthold (Meyer H. Berliner), Wilh. Epstein, 
„Volkswirth" Dr. W. H. Eras. Directoren: Fritz Francke und 
Rudolf Reder. Die ex&te Dividende pro 1872 mit 9 o/o beruhte 
auf einem blossen Rechenkunststück. 1873 schloss mit G8,000 
Thaler, 1874 mit 79,000 Thaler, 1875 mit 132,000 Thaler Ver- 
lust. Dann trat man in Liquidation, aber für die Actionäre 
ist nichts mehr zu hoffen. In der Generalversammlung vom 
12. October 1875 wurde der Versuch gemacht, die Directoren 
und Aufsichtsräthe für die grosse Misswirthschaft zur Rechen- 
schaft zu ziehen-, doch die Partei der Gründer stimmte die 
Opposition nieder. Der Staatsanwalt ist bisher nicht einge- 
schritten. 

Waggonfabrik, Gebr. Hofmann &Co. in Breslau. Vor- 
gekauft und gegründet Januar 1872 von Isidor Mamroth, Com- 
merzienrath Wrede und Paul Gravenstein in Berlin. Actien- 
capital 750,000 Thaler und 173,000 Thaler Hypotheken. Auf- 
sichtsräthe u. A.: Ernst Hofmann, Paul Bülow und Joseph Lip- 
mann in Breslau und Fi\ Kindermann in Berlin. 1874 und 
1875 schlössen mit Verlust. Cours ca. 8. 

Mascliiiienbau und Eisengiesserei, sonst Carl Körner 
in Görlitz. Gegründet August 1872. Actiencapital 295,000 
Thaler, 200,000 Thaler Prioritäten und 59,000 Thaler Hypo- 
theken. Aufsichtsrath : Abgeordneter Stadtrath Erwin Lüders, 
Fabrikbesitzer Franz Conti, Emil Felix und R. Eisner in Gör- 
litz, Eugen Dzondi (Rob. Thode & Co.) in Berlin. Letzte Divi- 
denden 0. Cours ? 

Niedersclilesisclie Maschinenbauanstalt, früher Conrad 
Schiedt in Görlitz und Grünberg. Gegründet März 1872 von 
Fr. Förster jun. in Grünberg. 500,000 Thaler Actien und 
262,000 Thaler Hypotheken. Die Bilanz vom 31. Juli 1874 



— 89 - 

schloss mit einem angeblichen Gewinn von 18,500 Thaler, aber 
1875 wurde der Concurs eröffnet und es zeigte sich, dass das 
ganze Actiencapital verloren war. April 18'S'G kam das Eta- 
blissement in Görlitz zum öffentlichen Verkauf, fand jedoch 
keinen Käufer und man beschloss, das Grundstück zu parcelli- 
ren und als Baustellen auszubieten. 

An diese Sclilesischen Gesellschaften schliesse sich 

noch die 

Niederljiusitzer M.ascMuenb.anaiistalt, vormals Nommel 
& Jäger in Cottbus. Gegründet Anfang 1873 durch die Wechsel- 
stuben-Actiengesellschaft in Berlin. Grundcapital 200,000 Thlr. 
und 40,000 Thaler Hypotheken, Vorsitzender des Aufsichts- 
raths: Otto Sommerfeld iu Cottbus. Vorstand: G. Knackstedt 
und M. Persicaner. Revisoren: Adolf Gradenwitz und H. Wit- 
ting. Eine Dividende von 7 % ist privatim garantirt und aus 
Zuschüssen der Gründer bisher auch bezahlt worden. Trotzdem 
haben die Actieu keinen Cours. 



In der Preussischen Provinz Sachsen recrutirten 
sich die Gründer auf dem Gebiet der Maschinen- 
fabriken vornehmlich aus Berlin, Magdeburg, Halle 
und Nordhausen, und die wichtigsten Gesellschaften 
sind: 

Mascbiuenfabrik und Eisengiesserei, vormals R. Riedel 
und J. Selwig in Halle a'S. Gegründet October 1872 von 
der Deutschen Genossenschaftsbank Sörgel, Parrisius & Co. in 
Berlin und dem Halle'schen Bankverein von Kulisch, Kämpf & Co. 
Aufsichtsrath: Rechtsanwalt Herzfeld, Director Walter sen. und 
Regierungsrath a. D. Gncist in Halle a/S. Actiencapital 
300,000 Thaler. Die Vorbesitzer behielten die Leitung und 



— 90 — 

garantirten einen Eeingewinn von 30,000 Thaler jährlich, also 
10% Dividende. Pro 1872 wurden 9^/4, pro 1873 dagegen nur 
11/4% gezahlt. 1$74 und 1875 ergaben wieder 9 und resp. 10% 
Dividende. Trotzdem ist der Cours ca. 60. 

Eiseugiesserei und Maschinenbau, früher H. Schade 
in Zeitz. Gegründet December 1871 von Robert Baumann 
(Berliner Bank). Aufsichtsräthe : Bernhai'd Friedheim, Leopold 
Hadra und Eduard Thiele in Berlin, Jacob Löwendahl (Gebr. 
Löwendahl & Co.) und Franz Pfaffe (Weise & Pfaffe) in Halle a/S., 
Rudolf Tillmanns in Zeitz. Erste Revisoren: Kaufmann Rothe 
und Rechtsanwalt Neebe in Zeitz. Actiencapital 400,000 Thaler. 
Der Vorbesitzer übernahm die Leitung und 50,000 Thaler 
Actien. Pro 1875 entfielen 4% Dividende und für die Herren 
Aufsichtsräthe 3040 Thaler Tantieme! Cours einst 105, jetzt 
ca. 30. 

Eismascliinengesellschaftj sonst Oscar Kropff & Co. in 
Nordhausen. Gegründet November 1872 mit 200,000 Thaler 
Grundcapital. Der Vorbesitzer behielt die Leitung und der 
Prospect versicherte, dass dies „aus bescheidenen Anfängen" 
hervorgegangene Etablissement bisher 20% Reingewicn abge- 
worfen. Aufsichtsrath: Justizrath Berndt, Commerzienrath 
R. H. Bach und Stadtrath Schulze in Nordhausen, Kaufmann 
G. A. Mittler und Baumeister David Schnitze in Berlin. Das 
erste Geschäftsjahr ergab 12V2% Dividende, 1874 und 1875 
schlössen mit Verlust. Die Actien, durch M. Gottschalk & Co. 
an der Berliner Börse ä 113V2 eingeführt, notiren etwa 10. 

Harzer Eiseubalinbedarf, vormals Bernhard Thelen 
und OttoWeydemeyer in Nordhausen. Unbescheiden theuere 
Gründung der Herren Grelling & Schönfeld in Nordhauseu, Ge- 
brüder Grelling und Volkmar & Bendix („Volkswirth" Michael 
Julius Levinstein) in Berlin. Entstand im August 1872. Actien- 
capital 500,000 Thaler und 75,000 Thaler Hypotheken. Die 
Vorbesitzer behielten die Leitung und übernahmen 120,000 
Thaler Actien. Für das erste Geschäftsjahr, welches mau um 



— 91 — 

10 Monate zurückdatirte, wurde eine künstliche Dividende von 
90/0 vertheilt. 1873 ergab 30/0, 1874 — und 1875 — l^/^o/^. 
Cours einst 120, jetzt ca. 25. 

Eisenwerk nnd Maschinenbau, vormals Wilhelm Bar- 
tels & Co. in Halberstadt. Gegründet November 1872 von dem 
Vorbesitzer, sowie von dem Rentier C. F. Hoppe in Uelzen, dem 
Banquier August Pohl, und von Georg Heibig und Hugo Scharlfe, 
den beiden Directoren des berüchtigten Norddeutscheu Land- 
wirthschaftlichen Bankverein in Berlin. Actiencapital 240,000 
Thaler. Director: der Mitvorbesitzer Emil Bartels. Für das 
erste und einzige Geschäftsjahr von wenigen Monaten beschlossen 
die Strohmänner jenes Bankvereins eine Dividende von 10%, 
welche später gerichtlich angefochten M'urde. Mit dem famosen 
Bankverein brach auch diese Gründung zusammen, und die 
Actien, zunächst mit 105 bis 130 notirt, verloren jeden Cours. 
Man liquidirte und nach einer Mittheilung der „Neuen Börsen- 
Zeitung" wurde das Etablissement gründlich ausgeschlachtet, 
so dass nicht viel mehr als die Mauern stehen blieben. Eine 
Menge tüchtiger Arbeiter wurden brotlos und geriethen in 
bittre Noth. 

Sudenburger Maschinenfabrik, früher F. A. Kluse- 
mann in Magdeburg. Bildete sich September 1872 und waren 
die Gründer, ausser dem Vorbesitzer: Simon Levy in Berlin, 
Julius Levy, Meyer Samuel Meyer, Gustav Sommergut und Otto 
Henniges in Magdeburg, Gustav Plaut (H. C. Plaut) in Leipzig. 
Actiencapital 650,000 Thaler und 200,000 Thaler Hypotheken. 
Emissionshäuser : Friedländer & Co. in Berlin und Magdeburger 
Wechsler- und Discontobank. Der Prospect verhiess 10 bis 
lö^/o Reingewinn. 1872 ergab eine Dividende von 4" j'^'o- l^'^S 
schloss mit 505,000 Thaler Verlust-, worauf die Gründer, ein- 
geschüchtert durch die Drohungen der Actionäre, 300,000 Thaler 
Actien zurückgaben, der ziemlich gewaltsam gegründete Vor- 
besitzer allein an 200,000 Thaler. Dessenimgeachtet schloss 
1874 auch noch mit 198,000 Thaler Verlust. Nun wurden die 



— 92 — 

Actien zusammengelegt und das Grundcapital auf 175,000 Thaler 

reducirt; worauf 1875 endlich einen Reingewinn von 212 

Thaler erbrachte. 

Klusemann und die beiden Levy versprachen noch weitere 
50,000 Thaler Actien zurückzuliefern, falls man sie in Ruhe 
lasse. Doch inzwischen packte sie der Staatsanwalt. In erster 
Instanz wurden die Gründer nur wegen „Verschleierung" zu 
einer Geldbusse verurtheilt; in zweiter Instanz dagegen des 
Betruges schuldig gefunden und Klusemann zu drei, die Uebrigen 
zu je sechs Monaten Gefängniss verurtheilt. 

Brückenbauanstalt, sonst Otto Prange in Buckau bei 
Magdeburg. Gegründet November 1872 durch die Bankhäuser 
Teetzmann, Roch und Alenfeld in Magdeburg, A. Paderstein 
und Oscar Hainauer in Berlin. Grundcapital 600,000 Thaler 
und 90,000 Thaler Hypotheken. Der Vorbesitzer übernahm 
die Leitung und 50,000 Thaler Actien. Aufsichtsräthe u. A.: 
Julius Nelke, Bernhard Schäffer, Fr. Bock, Max Sombart. Für 
1873 entfiel eine Dividende von 3%, 1874 schloss mit 175,000 
Thaler Verlust, 1875 schritt man zur Liquidation und zum Ver- 
kauf. Auf Anweisung des Justizmiuisters recherchirte der 
Staatsanwalt, doch kam es bisher noch nicht zur Anklage. Die 
Actien, mit 102 Vi eingeführt, sind werthlos. 



Eine erstaunliche Fülle von Gründungen bietet 
das kleine Herzogthum Braunschweig. Sie sind 
meistens höchst fragwürdiger^ zum Theil sehr bös- 
artiger Natur, und ihre Verfasser vorwiegend Einge- 
borene. Wir nennen hier: 

Masclünenbauanstalt, vormals Fr. Seele & Co. in Braun- 
schweig. Gegründet Juli 1870. Verwaltungsrath : Dr. A. Aron- 
heim, Commerzienrath Albert Oppenheimer und Oberbaurath 



— 93 — 

Scheffler in Braunschweig, Gustav Seeliger in Wolfenbüttel, 
J. L. Eltzhacher in Köln. Director: Reichstagsmitglied, Com- 
merzienrath F. W. Schüttler in Braunschweig. Actiencapital 
400,000 Thaler, von denen 50,000 Thaler im Jahre 1871 zum 
Course von 125, und 100,000 Thaler 1S74 zum Course von 120 
durch N. S. Nathalion Nachfolger und Carl ühl & Co. in Braun- 
schweig emittirt wurden. Es gab in den letzten Jahren auf- 
fallend hohe Dividenden, von 1874 bis 1S7G — 21, 25 und 
resp. 22V//o. 

Eismascliineu-Gesellschaft in ßraunschweig. Gegründet 
März 1870 mit 200,000 Thaler Capital. Auf sichtsrath : Dr. A. 
Aronheim, Commerzienräthe Albert Oppenheimer und 0. Löb- 
becke, Buchhändler Heinrich Vieweg, Advocat Th. ßreithaupt, 
Directoren Dr. Aug. Seyferth und Franz Wiudhausen, Theodor 
Becker, Gustav Runde und Chr. Schrader in Braunschweig, 
J. L. Eltzbacher und Werner Kreuser in Cöln. 1876 wurde 
die Auflösung beschlossen. 

MhinascWnenfabrik Grimme, Natalis&Co. inBrauu- 
schweig. Gegründet November 1871 mit 400,000 Thaler Capi- 
tal. Verwaltungsrath: R. Löhnefinke (N. S. Nathalion Nach- 
folger), M. Solmitz, Bankdirectoren 0. Haussier, A. Benndorf 
und V. Seckendorf, 1874 ergab eine Dividende von 4%. 

Eisenbahinvageu-BaiiaustaltjfrüherFriedrichDeicke 
in Braunschweig. Vorgekaiift im Auftrage der zu bildenden 
Gesellschaft von Beruhard Caspar (M. J. Frensdorff) und Louis 
Ephraim Meyer in Hannover für augeblich 300,000 Thaler, und 
gegründet am 3. September 1871 auf 350,000 Thaler Actien. Als 
Gründer, resp, erste Zeichner sind, ausser dem Vorbesitzer und 
den Vorkäufern, noch genannt: August Urbich und Alexander 
Benndorft' (für die Braunschweigische Creditanstalt), Friedrich 
Pillmann (Ühl & Pillmann), Gustav Runde, H. Mielziner (Leh- 
mann Oppenheimer & Sohn), Commcrzienrath Ritter Friedrich 
von Voigtländer, Lotterieinspector Hermann Wolff und Eber- 
hard Mencke in Braunschweig, Commerzienrath Gustav Seeliger 



— 94 — 

in Wolfenbüttel, Commerzienrath Louis Meyer und A. H. Gern- 
lein in Hannover, Christian Timmermann in Hamburg. 1874 
schloss mit 46,000 Thaler Verlust, worauf der Vorbesitzer, 
welcher die Leitung behalten hatte, 40,000 Thaler Actien 
zurückgab. Das Grundcapital wurde durch Meucheln der 
Actien auf 150,000 Thaler reducirt, ohne dass dies die Gesell- 
schaft lebensfähig machte. Man verlangte von den übrigen 
Gründern resp. ersten Zeichnern 75,000 Thaler erstattet-, die- 
selben erboten sich auch zu einer Rücklieferung von Actien, 
leisteten indess schliesslich nichts. Am 1. März 1876 wurde 
der Betrieb der Fabrik völlig eingestellt. 

Walzwerk in Braunschweig. Gegründet 1873 durch die 
Braunschweigische Creditanstalt mit 300,000 Thaler Actien. 
Director: Carl Wahn. Aufsichtsrath: Commerzienrath F. Ritter 
von Voigtländer, Hauptagent Th. Heinrich Meyer, Banquier 
Carl Salomon, Ingenieur Ludwig Mitgau in Braunschweig, 
Reichstagsmitglied Hüttendirector Ferdinand Koch in Carls- 
hütte bei Delligsen. 1874 schloss mit einer Unterbilanz von 
250,000 Thaler, und beantragte der Staatsanwalt Koch in Braun- 
schweig die Untersuchung wegen strafbaren Bankerotts. Selbst- 
redend haben die Actionäre Alles verloren, und den Gläubigern 
wurden 8, später 12V2% ihrer Forderungen geboten. 

Eiseuwerk Carlshütte, früher Gebrüder Koch bei 
Delligsen im Braunschweigischen. Gegründet Juli 1872. Actien- 
capital 250,000 Thaler; an der Berliner Börse eingeführt durch 
Frege, Simon & Co. zum Course von 115 bis 120, und Anfang 
1873 hinaufgetrieben bis 160. Vorsitzender des Aufsichtsraths: 
Obergerichtsanwalt Haussier in Braunschweig. Die Leitung 
behielt der Vorbesitzer: Reichstagsmitglied Ferdinand Koch. 
1875 wurde durch die Bankhäusern. Oppenheimer und Alexander 
Simon in Hannover eine Anleihe von 133,000 Thaler aufge- 
nommen. An Dividenden sind bisher 18, 12, 7V-2 und 8% ver- 
theilt worden. Die Actien uotiren noch 80. 

Harzer Werke zu Rübeland und Zorge in Blankenburg a/H. 



— 95 — 

Gegründet October 1870 von Jacob Lob Eltzbacher iu Köln, 
der die Werke 1868 von der Braunschweigischen Regierung 
für 500,000 Thaler gekauft hatte, und dem SchaaüTiausen'schen 
Bankverein in Köln. Aufsichtsrath : Dr. A. Arouheim und Dr. Aug. 
Seyferth in Braunschweig, Salomon Moses Heymann, Werner 
Kreuser, Th. Movius, Max Arndts, Moritz Eltzbacher, Job. 
Heinr. Haan und Jean Baptiste Heimann in Köln, Obergerichts- 
advocat Otto iuBIankeuburg. DasActiencapital betrug iu"sprüng- 
lich 1,200,000 Thaler, wurde aber Anfang 1873 auf 1,800,000 
Thaler erhöht und gleichzeitig eine Prioritätenschuld von 
800,000 Thaler aufgenommen. Zu welchem Zwecke dies ge- 
schah, und wo die neu emittirten 1,400,000 Thaler überhaupt 
geblieben, ist noch dunkel. Das Jahr 1871 hatte ohne, Rein- 
gewinn geschlossen; um aber die Ca|)italsvermehrung vornehmen 
zu können, warf man pro 1872 eine Dividende von 8% aus, 
die wahrscheinlich aus dem Erlös der jungen Actien bezahlt 
wurde. Für 1873 entfielen noch 5% Dividende, für 1874 — 0, 
und zugleich enthüllte die Bilanz eine neue ungedeckte Schuld 
von 600,000 Thalern-, angeblich entstanden durch den Ankauf 
eines Kohlenwerks. Koch im Jahre 1774, wo die Eisenindustrie 
bereits völlig darniederlag, hatte man diesen Ankauf bewirkt, 
und zwar ganz unnützerweise , indem die Werke nicht mit 
Kohlen, sondern mit Holz feuern, das sie auf Grund gewisser 
Contracte sehr billig beziehen. In Folge dieser wundersamen 
Manipulation ist der Cours der Actien bis etwa gesunken. 

Von der grossen offenkundigen CoiTiiption; welche 
in ßraunschweig waltet und gewissermaassen das Länd- 
chen beherrscht, giebt die Geschichte der Eisenbahn- 
wagen-Bauanstalt, früher Friedrich Deicke, ein schla- 
gendes Beispiel. Die Taxe der Fabrik, welche die 
Gründer aufochmen Hessen, ergab 185,000 Thaler 



— 96 — 

(in Wahrheit war sie kaum 120,000 Thaler werth); 
als Kaufpreis aber wurden 300,000 Thaler angegeben, 
so dass der Aufschlag 115,000 Thaler betrug. Von 
dieser Summe sollten 40,000 Thaler dem Verkäufer 
Deicke, und 75,000 Thaler den Gründern zufallen. 
Deicke verpflichtete sich durch Revers „auf Ehren- 
wort", über diese Theilung „ein unbedingtes Schweigen 
zu bewahren". Trotz des unverschämten Gründer - 
gewinnes wurde das Actiencapital von 350,000 Thaler 
zum Course von 105 aufgelegt! Eine Dividende ent- 
fiel nur für das zweite Geschäftsjahr; sie betrug 8%, 
wird aber jetzt, als zur Ungebühr vertheilt, ange- 
fochten, da thatsächlich eine Unterbilanz von 40,000 
Thalern vorhanden gewesen sein soll. Die Gesell- 
schaft begann ihre Thätigkeit ohne die nothwendig- 
sten Baarmittel, mit einer erdrückenden Schuldenlast, 
musste sofort neuen Credit in Anspruch nehmen, den 
ihr die Gründer gewährten, und flog schliesslich in 
die Luft, wobei sich der Schwindel enthüllte. Wie 
überall, so legte sich auch in Brauuschweig die „libe- 
rale" Presse aufs Todtschweigen, denn sie ist von den 
Gründern, lauter reichen mächtigen Herren, abhängig. 
Nur der socialdemokratische „Braunschweiger Volks- 
freund" schlug Lärm; doch die Attentäter fühlten 
sich so sicher, dass sie das Blatt wegen Beleidigung 



— 97 — 

(lenuncirten. Einstweilen ruht diese Denunciation, 
denn die Actionäre haben sich ermannt und sind 
gegen die Gründer im Wege des Civil- und zugleich 
des Criminalprocesses vorgegangen. Deicke, der 
hauptsächlich in Actien bezahlt wurde und von den- 
selben hinterher 40,000 Thaler zurücklieferte, hat durch 
den Zusammenbruch wieder verloren, was er bei der 
Gründung gewonnen. Vorher ein arbeitsamer schlichter 
Mann, der sich vom Handwerker zum Fabrikherrn 
aufgeschwungen, begann er als Actien-Director auf 
grossem Fusse zu leben, hielt Equipage etc., und 
liess auch in der Fabrik einen kostspieligen, ver- 
schwenderischen Betrieb einreissen. Die Aufsichts- 
räthe, welches eben die Gründer waren, durften nicht 
dreinreden, ihn nicht reizen, weil sie fürchten mussten, 
dass er sonst aus der Schule plauderte. So ging die 
Sache ihren Lauf und nahm ein Ende mit Schrecken. 
An die Braunschweigischen Gesellschaften reihen 
wir zwei Anhaltinische: 

Eiseugiesscrei und Mascliineufabrik, vormals Hertel 
& Co. in Nienburg an der Saale. Gegründet August 1872 von 
der Magdeburger Wechsler- und Discontobank. Acticncapital 
200,000 Thaler, aufgelegt bei H. C. Plaut in Berlin und Leijjzig, 
M. S. Meyer in Magdeburg und Levy Calm Söhne in Bern- 
burg. Pro 1875 — 4% Dividende und 1G12 Thalcr Tantieme! 
Cours noch ca. 40. 

Vormals Herzoglich Auhaltlsche Maschineiihauanstalt 

Glagan, Der Börsenschwindel. II. 7 



— 98 — 

und Eisengiesserei zu Bernburg. Gegründet Juni 1872 von 
Volkmar & Bendix („Volkswirth" M. J. Levinstein) in Berlin. 
Actiencapital 500,000 Thaler und 135,000 Thaler Hypotheken. 
Aufsichtsrath : Julius Brumme (A. F. Brumme) in Bernburg, 
Commerzienräthe Hermann Egells in Berlin und Herrn. Kühn 
in Dessau, Moritz Fliess in Magdeburg, L. W. Ziervogel und 
Dr. Th. Tuchen in Leopoldshall. Wie der Prospect selber 
hervorhob, hatte das Etablissement unter fiscalischer Verwal- 
tung hohe Erträge geliefert, und der Landtag den Verkauf 
mit nur 20 gegen 12 Stimmen genehmigt-, daher glaubten die 
Gründer, den Actionären die besten Aussichten eröffnen zu 
können. In der That fabricirten sie auch für das erste Ge- 
schäftsjahr, das sie um 6 Monate zurückschroben , 8 Procent 
Dividende. Für 1874 gab es 2 Procent, pro 1875 — 0. Cours 
einst 105, jetzt ca. 25. 

„Der Staat soll nicht Industrie noch Handel treiben, 
weil es seiner nicht würdig ist, weil er dem Privaten 
nicht Concurrenz machen darf". So lautet die man- 
chesterliche Weisheit, und jetzt kann man ihre Folgen 
sehen. Mit tiefem Unwillen muss es erfüllen zu sehen, 
wie die „Volkswirthe" die Staatsverwaltung in Preussen, 
Braunschweig, Anhalt und anderwärts genöthigt haben, 
gut rentirende Etablissements entweder aufzulösen 
oder den Gründern zu überlassen, zu welchen Grün- 
dern auch wieder die predigenden „Volkswirthe" selber 
gehören, und was unter ihren Händen binnen ein 
paar Jahren aus jenen ehemals fiscalischen Werken 
geworden ist. Ehemals blühend, sind sie durch die 
„Gründung" in Siechthum verfallen, vegetiren sie nur 



— 99 — 

noch. Durch solche „Vergründungen" haben Tausende 
von Arbeitern ihr Brod und Tausende von Actionären 
ihr Geld verloren. Auch die 1844 von dem dama- 
ligen Minister von Schätzell errichtete Eisengiesserei 
zu Bernburg ist der Schwindelperiode zum Opfer 
gefallen. Wie lockte im |Prospect schon der Name 
der neuen Gründung: „Herzoglich Anhaltische Maschi- 
nenbauanstalt" wie biss auf diesen Köder das Publi- 
kum, besonders der Umgegend an, und wie schmäh- 
lich ist es nun enttäuscht I Nicht nur hat die Ge- 
sellschaft für 1875 keine Dividende mehr gezahlt, sie 
war auch nicht einmal im Stande den Kaufgelder- 
rest mit 135,000 Thaler zu tilgen. Aber Regierung 
und Landtag bewiesen Nachsicht. Auf Vortrag des 
Abgeordneten, Zuckerfabrikanten Dr. Baldamus, be- 
willigte der Anhaltische Landtag die weitere Stundung 
der Hypothek, von welcher 125,000 Thaler dem Land- 
armenfonds gehören. Hypotheken auf industriellen 
Etablissements gewähren aber für öffentliche Gelder 
nicht die gesetzlich erforderliche Sicherheit, und es 
ist nur zu wünschen, dass die Gesellschaft nicht um- 
fällt, und die Landarmen dann nicht etwa ausfallen! 



Gross, sehr gross war die edle Gründerei im 
Königreich Sachsen. Rheinland- Westfalen und Sachsen 



— 100 — 

halten sich so ziemlich die Wage. Die zahlreichsten 
Gründungen haben Leipzig, Chemnitz und hauptsäch- 
lich Dresden aufzuweisen. Dresden, wo in der Schwin- 
delperiode plötzlich mehre Börsenblätter entstanden, 
wetteiferte fast mit Berlin, und umschliesst eine lange 
Reihe von Gründerfirmen, wie M. Schie Nachfolger, 
Robert Thode & Co., Eduard Rocksch Nachfolger, 
Philipp Elimeyer, A. L. Mende, Otto Seebe, Georg 
Mensel & Co., Heinrich Wilh. Bassenge & Co., Herzog 
& Philippi, Günther & Rudolph etc. Ein Matador 
unter den einheimischen Gründern ist auch der Com- 
merzienrath Fedor Zschille in Grossenhain, der sich 
auf den verschiedensten Gebieten versucht hat, z. B. 
bei der Berlin -Dresdener Eisenbahn betheiligt ist. 
Von Berliner Gründern waren in Sachsen thätig: 
H. C. Plaut, Paul Gravenstein, Anhalt & Wagener, 
R. A. Seelig, Adolf Martini, Heinrich Quistorp, Adolf 
Russ, Eduard Mamroth, Carl Miether, Robert Bau- 
mann, Ferdinand Plessner, Geheimrath Dr. Carl Esse 
u. A. 

Gross, sehr gross ist die Zahl der in Sachsen 
gegründeten Maschinen- und ähnlichen Fabriken. Wir 
beschränken uns folgende zu charakterisiren: 

Sächsische Gussstahlfahrik in Dohlen bei Dresden. Be- 
steht seit 1856 und wurde schon 1862 in ein ActieDunternehmen 



— 101 — 

verwandelt. Vertheilte vou 18G5 bis 1872 hohe Dividenden: 
15, 9, 13, 15, is, 22, 20 und resp. 25 Procent. Kaufte 1872 
die Gräflich Einsiedeischen Werke lin Berggiesshübel an, und 
erhöhte das Actiencapital von 250,000 auf 500,000 Thaler. 
Diese Erhöhung war ziemlich überflüssig und schmälerte fortan 
sehr empfindlich den lieingewiun. Auch die früher ausbeduu- 
genen Gründerrechte wurden im Mai 1873 den ersten Zeich- 
nern mit 60,000 Thaler abgekauft, welche die Actiouäre jetzt 
im Wege des Prozesses zurückverlangen wollen. " Den damaligen 
Aufsichtsrath bildeten: Otto Seebe, Oberlieutenant a. D. Gust. 
Klette, Advccat Lengnick, Moritz Schubert und J. Wash. Beyer 
in Dresden. 1873 fiel die Dividende auf 10%, 1874 betrug sie 
nur 4%, und 1875 — 1%. Cours einst 350, jetzt? 

Saxouia, Eisenwerke und Eisenbahubedarf zu Radeberg 
bei Dresden. Gegründet Januar 1870 auf 500,000 Thaler 
Actien von Otto Seebe in Dresden, Landrath a. D. Wilh. von 
Graevenitz auf Thamm, H. Alberti in Radeberg, „Baudirector" 
Ferd. Plessner und Robert Baumann du Berlin. Dividende 
pro 1874'75 — 3Vü*'/o, l^ro 1875/76 — 0. Cours einst 120, 
jetzt ca. 20. 

' Sächsische Dampfschiffs- und Maschiueubauausfalt, 
früher 0. Schlick in Dresden. Gegründet Api-il 1872. Grund- 
capital 310,000 Thaler. Aufsichtsrath: Commerzienrath Fedor 
Zschille in Grossenhain, Banquier Schlick (Schirmer & Schlick) 
in Leipzig, Consul Georg Mensel, Advocat Oswald Matthaei, 
Rentner Isordmaun und Herrenburg, Felix Meyer und Julius 
Haeckel in Dresden. Dividenden: 1872 — 20%, 1873 —5%, 
dann 0. Cours ca. 25. 

Mascliiuenfabrili und Eisenariesserei, früher Albert 
Kiesler & Co. in Zittau. Gegründet December 1872 von der 
Oberlausitzer Bank in Zittau. Actiencapital 100,000 Thaler, 
aufgelegt zum Course von 105. Die Vorbesitzer behielten die 
Leitung und übernahmen 20,000 Thaler Actien. Aufsichtsrath: 
Advocat Ford. Stremel, Fabrikbesitzer Ludwig Schmitt (Brüder 



— 102 — 

Schmitt), Stadtratli Hermann Ströhmer, Bankdirector Otto Seitz 
und Kaufmann August Wehle. Dem Anschein nach, ein weisser 
Eabe unter den Gründungen, denn die Dividenden bewegten 
sich bisher in aufsteigender Linie: 5'/^, 6V2 und resp. 9%. 

Maschinenfabrili, vormals Brod& Stiehler in Zwickau. 
Bildete sich November 1872 mit 250,000 Thaler Actien und 
50,000 Thaler Hypotheken. Die Vorbesitzer erhielten die Di- 
rection. Aufsichtsrath: Commerzieurath Fedor Zschille in 
Grossenhain, Advocat Urban und Banquier August Hentschel 
in Zwickau, Richard Hartmanu jun. in Chemnitz. 1875 und 
1876 je 5% Dividende. Cours? 

Voigtländisclie Eisenbahnwageu- und Maschiueuf abrik, 
ehemals Wilhelm Braun zu Reichenbach i. V. Gegründet 
Juli 1871 von Carl von Metzsch, Kammerherr und Mitglied 
der I. Sächsischen Kammer auf Reichenbach, Kaufmann Aug. 
Walter, Mitglied der H. Sächsischen Kammer, Adalbert Kräger, 
Director Ewald Bellingrath, A. L. Mende und Philipp Elimej^er 
in Dresden, Geheimrath Dr. Esse in Berlin. Actiencapital 
500,000 Thaler, wovon der Vorbesitzer 100,000 Thaler über- 
nahm, und dieselben als Caution für eine von ihm auf fünf 
Jahre garantirte Dividende ä 8 Procent hinterlegte. 

Maschiueubauaustalt, vormals Gottschald & Nötzli 
in Golzern bei Grimma. Gegründet Februar 1873. Aufsichts- 
rath: Commerzieurath Koch in Lausigk, Director R. Grahl in 
Dohlen, Advocat Carl Speck in Döbeln, Julius Kauffmann in 
Melsungen, Adolf Mankiewicz (Philipp Elimeyer) in Dresden, 
Director Pernitzsch von der Leipziger Wechsler- und Depo- 
sitenbank. Actiencapital 300,000 Thaler und 50,000 Thaler 
Hypotheken. Der Vorbesitzer Jean Nötzli behielt die Leitung. 
Dividende pro 1874/75 — 11%, pro 1875/76 - 10%. Cours 
circa 90. 

Laxisitzer Maschinenfabrik, vormals J. F. Petzold in 
Bautzen. Gegründet Januar 1872 von Georg Mensel & Co. 
und M. Schie Nachfolger in Dresden. Aufsichtsrath: Advocat 



— 103 — 

G. Schubart, Ernst Sulzberger, Eduard Meyer, A. Kosencrantz 
und Herrn. Burnewitz in Dresden. Actiencapital 300,000 Thir. 
Der Mitvorbesitzer Reinhold Zimmermann wurde Director. 
1875 schloss mit Verlust. Cours? 

Landwii'thschaftliche Ma6oIiiiien))aiianstalt , vormals 
Hermann Goetjes, Carl Wilh. Bergmann & Co. in Reud- 
nitz bei Leipzig. Gegründet Ende 1871. Actiencapital 900,000 
Thaler und 200,000 Thaler Hypotheken. Vorstand: Commer- 
zienrath C. W. Bergmann. Aufsichtsrath: Carl Aug. Eisen- 
reich, Alexander Crayen, Alfred Becker, Stadtrath Julius Heb- 
binghaus, Aug. Herrn. Wappler, Advocat Hofrath Dr. Lohse 
und Bankdirector Fr. Louis Hoö'mann in Leipzig. Dividende 
pro 187475 — 0. Cours etwa noch 20. 

Eisengiesserei und Mascliiiienbauaiistalt, vormals F. 
L. und E. Jacobi in Meisseu. Gegründet September 1872 
von Heinrich Wilh. Bassenge & Co. in Dresden. Angeblicher 
Kaufpreis 360,000 Thaler! Actiencapital 290,000 Thaler, auf- 
gelegt ä 105! Dividende pro 1875/76 — 6%. Cours ca. 60. 

Mascliinenfabrlk und Eisengiesserei, vormals Julius 
B ehrisch in Meissen. Gegründet September 1872. Aufsichts- 
rath: William Eales, Friedrich P'inke, Heinrich Roch und 
Louis Schulz in Meissen, Carl Philippi (Herzog & Philippi) in 
Dresden. Die Direction übei'nahmen Alfred Hausding und der 
Vorbesitzer, welcher für 3 Jahre eine Dividende von 10% ga- 
rantirte. Für das erste Geschäftsjahr wurde ein Reingewinn 
herausgerechnet, der die garantirte Dividende reichlich deckte, 
aber auffälligerweise war die Gasse gänzlich leer, und es 
musste, um die Actionäre zu befriedigen, erst eine Hypothek 
aufgenommen werden. Man zahlte die Dividende, und be- 
lastete mit der gleichen Summe das Etablissement! Auch im 
Üebrigen zeigte die Bilanz grobe Unrichtigkeiten, falsche An- 
gaben und übertriebene Werthschätzungen. Nicht minder war 
die Bilanz des zweiten Jahres gefälscht-, dasselbe ergab in 
Wirklichkeit einen Verlust von über 100,000 Thalern. Daraufhin 



— 104 — 

wurde die Auflösung beschlossen, und die im März 1876 zu- 
sammentretende Generalversammlung verweigerte selbstver- 
ständlich dem Herrn Julius Behrisch die Decharge. Ueber 
diesen Scandal berichtete die „Berliner Börsen -Zeitung" mit 
den klassischen Worten: „Es entspann sich eine lange uner- 
quickliche Debatte." Herr Julius Behrisch erbot sich, das 
Etablissement zurückzunehmen und den Actionären ganze 18% 
herauszuzahlen. Die armen Betrogenen dachten: Lieber etwas 
als gar nichts, und gingen darauf ein. Doch Herr Jul. Behrisch 
zahlte nicht. Er mochte finden, dass er sich übereilt habe, 
dass er zu grossmüthig gewesen sei. Genug, er brach auch 
diesen Vertrag, und als man gerichtlich gegen ihn vorging, 
zeigte es sich, dass er plötzlich ,,ganz mittellos" geworden. 
Da empfand Herr Gottlieb Behrisch ein menschliches Rühren. 
Er trat für den Bruder ein und übernahm die Fabrik, die den 
Actionären 150,000 Thaler kostete, für 24,000 Thaler. In 
Folge dieser edlen That erging eine Bekanntmachung, dass 
bei Louis Markus in Dresden zur Auszahlung kämen pro Actie 
20 Mark. Das sind G^/,, Thaler für 100 Thaler! Die Staats- 
anwaltschaft aber scheint von diesen Vorgängen keine jS'otiz 
genommen zu haben. 

Eng'lische Siclierheitsziiudcrfabrik, vormals William 
Eales in Meissen. Gegründet 1. April 1872 mit 160,000 Thlr. 
Actieu, die später auf 300,000 Thaler gebracht wurden. Der 
Vorbesitzer blieb Dircctor. Aufsichtsrath: George Mensel & Co. 
in Dresden, C. F, Förster in Riesa, Advocat Franke, Fr. Finke, 
Georg Burckhardt und Georg Voeckler in Meissen. Letzte 
Dividenden 5^/3 und öVs^. Cours ca. 25. 

Daiiii)fmaschiiieiifal)rik, vormals Rentsch & Oschatz 
in Krimmitzschau. Gegründet Anfang 1873 mit 350,000 Thaler 
Actien. Wie die Berliner „Neue Börsenzeitung" meldete, 
war der reelle Werth der beiden vorgekauften Etablissements 
etwa 100,000 Thaler. Aufsichtsrath u. A.: Luc. Müller. 1874 
und 1875 wurden je 5*^/o Dividende vertheilt, 1876 — 0. Die 



— 105 — 

Actien, welche etwa 15 uotireu, sollen sich uoch in den Hän- 
den der ersten Zeichner befinden, und nunmehr von dem Yor- 
besitzer und Director Louis Rentzsch, der die Fabrik wieder 
übernehmen will, zurückgekauft werden. 

Webstuhl- und Masclimenfabrik , vormals Anton 
Z schule in Grossenhain. Actiencapital 150,000 Thaler und 
50,000 Thaler Hypotheken. Dividenden von 1873 — 1875: 
0, 4 und resp. 1%. Cours ca. 20. 

Mechanische Kratzenfabrik, sonst LossiusNachfolger 
zu' Mittweida. Gegründet Juni 1872 mit 150,000 Thaler Actien. 
Aufsichtsrath : William Eales in Meissen, G. A. Müller und 
Spinnereidirector Steinegger in Mittweida, Carl Philii)pi (Herzog 
und Philippi) in Dresden. Der Vorbesitzer Wilh. Decker be- 
hielt die Leitung und garantirte für die ersten drei Jahre 
8% Dividende. Für 1874 und 1875 erhielten die Actionäre je 
6%. Cours ca. 50. 

Sächsische Eisenindustrie in Pirna, sonst Commerzien- 
rath Hermann Gruson in Buckau bei Magdeburg. Gegi'ündet 
Kovemher 1871. Actiencapital 1,600,000 Thaler. Aufgelegt 
bei Paul Gravenstein in Berlin und bei H. C. Plaut in Leipzig 
und Berlin. Als Aufsichtsräthe wurden im Prospect, ausser 
dem Yorbesitzer, genannt: Abgeordneter Advocat Hermann 
Schreck in Pirna, Baron Gustav Robert von Beust in Wien, 
Director Gustav Hartmann in Chemnitz, Joseiih .John Rustou 
in Prag. Während der Prospect höchst gewissenhaft 26,2*>,o 
Dividende ausrechnete, schloss das Jahr 1873 mit 17,000 Thlr., 
1874 mit 143,000 Thaler Yerlust, weshalb mau 1875 zur Li- 
quidation schritt. 

Wie seiner Zeit die „Magdeburgische Zeitung" mittheilte, 
beabsichtigte Herr Gruson Februar 1872 auch seine Maschinen- 
fabrik und Eisengiesserei in Buckau zu ,, gründen". Ein Cou- 
sortium hatte das Etablissement bereits für 1,300,000 Thaler 
erstanden, das Grundcapital war auf die Kleinigkeit von 2 Mil- 
lionen Thaler festgesetzt, und die neuen Actien sollten zu dem 



— 106 — 

bescheidenen Course von 120 aufgelegt werden — da zerschlug 
sich plötzlich die Sache. Herr Gruson trat, wie es scheint, 
nicht ganz freiwillig, zurück, und musste an die Mitglieder des 
Consortium je 15,000 bis 30,000 Thaler Reugeld zahlen. 



Chemnitz verdient einen besondern Abschnitt. 
Voll stolzen Selbstgefühls, aber gerade nicht mit 
Unrecht, nennt es sich das „Deutsche Manchester"; 
es ist die erste Fabrikstadt Sachsens und mit die 
bedeutendste in Deutschland. Deshalb fand auch die 
Gründungswuth hier ein ausserordentliches Feld ; 
Etablissement auf Etablissement fiel ihr anheim, und 
ein Fabrikbesitzer gründete immer wieder den andern. 
Unter den Eingeborenen selber bildete sich eine 
Clique von Gründern. Obenan steht die Familie 
Hartmann: der Geheime Commerzienrath Richard 
Hartmann, der seine eigene Maschinenbauanstalt schon 
im März 1870 für die kolossale Summe von angeb- 
lich drei Millionen Thaler gründen liess; Gustav 
Hartmann und Richard Hartmann jun. Zu ihren Ver- 
bündeten gehören: Geheimer Hofrath Kohl, Advocat 
Weber L, Louis Eenndorf, Julius Stärker, Gottlieb 
Behrend u. A. 

Unter den gegründeten Etablissements befinden 
sich, neben vorzüglich renommirten, auch ganz unbe- 
deutende. Wir verzeichnen hier: 



— 107 — 

Sächsische Wel)stulilfabrik, vormals Louis Schönherr. 
Gegründet Anfang 1872 von M. Schie Nachfolger in Dresden 
und dem Chemnitzer Bankverein. Actiencapital 1 JMillion Thlr., 
wovon der Vorbesitzer die Hälfte übernahm. Derselbe wurde 
auch Präsident des Aufsichtsraths, und neben ihm fungirten: 
Louis Benndorf, Geheimer Hofrath Kohl, Stadtrath Advocat 
Ullrich L, Julius Staerker. Direction: Franz Mittenzwey und 
Max Schönherr. An Hypotheken sind 200,000 Thaler vor- 
handen. Die Dividenden betrugen 1872—1876: 10, 10, IV2, 1"/» 
und resp. lVa%- Cours einst 130, jetzt ca. 30. 

Maschiuenhauverein , vormals C. F. Schellenberg. 
Gegründet März 1872 von M. Schie Nachfolger in Dresden. 
Vorsitzender des Aufsichtsraths: Advocat Weber L Februar 
1874 fand ein Rückkauf der Actien ä 30 statt. Dividende pro 
1875/76 — 0. Cours etwa 10. 

Eisengiesserei Coucordia. Trat November 1873 in Li- 
quidation. 

Dampf- und Spinuerei-Maschiiieufabrik, früher Theodor 
Wiede. Gegründet October 1872 von M. Schie Nachfolger in 
Dresden. Actiencapital 1,100,000 Thaler, emittirt mit 102! 
Ausserdem 180,000 Thaler Hypotheken. Die Vorbesitzer H. F. 
Loose und C. E. Bergmann behielten die Leitung. Vorsitzender 
des Aufsichtsraths: Emil Schotte. Für 1872 entfielen 10, für 
1873 — 4% Dividende; 1874 und 1875 — 0. Novbr. 1875 wurde 
das Grundcapital um 300,000 Thaler gekürzt. Cours etwa 
noch 15. 

Maschinenfabrik Germania, vormals J, S. Schwalbe 
und Sohn. Actiencapital 800,000 Thaler und 250,000 Thaler 
Hypotheken. Pro 1873 wurden I0"/o Dividende vertheilt und 
an 11,000 Thaler Tantiemen bewilligt. 1875 war die Dividende 0. 

SächsischeStickmaschinenfabrik, vormals Alb ertVoigt 
in Kappel bei Chemnitz. Gegründet März 1872. Das Actien- 
capital mit 450,000 Thaler, aufgelegt bei Anhalt & Wageuer in 
Berlin und dem Chemnitzer Bankverein, war nach Versicherung 



— 108 — 

der Börseuzeituugen nur „klein", und die Branche „sehr ren- 
tabel". Der Yorbesitzer übernahm den dritten Theil der 
Actien, gewährte angeblich 200,000 Thaler Betriebscapital und 
behielt die Leitung. Aufsichtsrath: Julius Stärker, Advocat 
Wilh. Harnisch, Louis Benudorf, Ernst N. Roth (J. F. Pflug- 
beil) und Franz Mittenzwey. Für das erste Geschäftsjahr 
von 6 Monaten (!) wurden 25% Dividende fabricirt, und so 
die Actien bis 180 hinaufgetrieben. 1873 ergab nur 5*^/0, denn 
die Stickmaschiuen waren bereits ausser Mode gekommen. 

1874 schloss mit 45,500 Thalcr Verlust. Der Cours ist etwa 15. 
Eisen giesser ei, vormals Eockstroh. Gegründet August 

1872 von Eduard Mamroth, Hugo Mamroth, Carl Miether, Jul. 
Sternfeld, Otto Bergmann und Julius Rothenstein in Berlin, 
Richard Lehmann in Chemnitz. Actiencapital 250,000 Thaler 
und 50,000 Thaler Hypotheken. Director: Moritz Rockstroh. 
Die erste Dividende für ein Geschäftsjahr von 4 Monaten (!) 
mit 9% war künstlich gemacht; seitdem betrug sie 0. 1873 
schloss mit 47,000 Thaler, 1874 mit 80,000 Thaler Verlust. 

1875 wurden -/n der Actien gemeuchelt. Trotzdem ist der 
Cours, der Februar 1873 über 120 ging, uuumehr etwa 1; 
denn das Etablissement ist reell nicht mehr werth als die ein- 
getragenen Hypotheken. 

Schloss Cheuinitzer Dampf kesselfabrik, früher Jean 
Affolter. Bildete sich April 1873 mit 230,000 Thaler Actien. 
Ausser dem Vorbesitzer waren die Gründer: Adolf Grunwald 
und Hermann Münchenberg in Berlin, Hermann Schwabe in 
Chemnitz. Im Februar 1874 recherchirte der Staatsanwalt. 

Werkzeug -Mascliiiieufiibrik, vormals Commerzienrath 
Job. Zimmermann. Gegründet November 1871 vonM. Schie 
Nachfolger in Dresden, welche in Verbindung mit Anhalt und 
Wagener in Berlin 2 Millionen Thaler Actien (!) ä 105 (!) auf- 
legten. Später wurden noch 400,000 Thaler Actien ausgegeben! ! 
Dazu 70,000 Thaler Hypotheken und 178,000 Thaler Rest- 
kaufgelder!!! Der Vorbesitzer übernahm 1 Million Actien und 



\ 



— 109 — 

wurde ,,Generaldirector" der Gesellschaft. Den Aufsichtsrath 
bildeten; Julius Stärker, Advocat Hermann Weber I, Heinrich 
Gulden und Emil Schotte in Chemnitz. Das erste Geschäfts- 
jahr ergab für die Actionäre 14"^^' o Dividende, für den Aufsichts- 
rath 6400 Thaler, und für den „Generaldirector" 15,000 Thlr. 
Tantieme. Ausserdem erhielt der Letztere Vs des ganzen 
Eeingewinns mit 105,000 Thalern! 1873 empfingen die Actio- 
näre J5° 05 der Aufsichtsrath 10,000 Thaler und der „General- 
director" 27,000 Thaler. 1874 entfielen 8*^ o Dividende, für den 
Aufsichtsrath 4000 Thaler und für den „Generaldirector" 
17,000 Thaler. 1875 betrug die Dividende 6*>'o, 1876 — 0; 
und der Cours, einst 150, ist noch ca. 30. 

Deutsche Werlizeug-Masclnnen-F.il)rik , vormals Son- 
dermann & Stier. Gegründet von M. Schie Nachfolger in 
Dresden, welche in Gemeinschaft mit Ed. Rocksch Nachfolger 
in Dresden, Kunath & Nieritz in Chemnitz und dem Chem- 
nitzer Bankverein 700,000 Thaler Actien auflegten. Der Katuf- 
preis betrug angeblich 800,000 Thaler, und der Vorbesitzer 
Carl Sondormann behielt die Leitung. Dividende pro 1874/75 

— 1%, pro 1875,76 — 0. In Folge einer Denunciation, dass 
der Prospect falsche Angaben enthalten, recherchirte der 
Staatsanwalt; doch ist es zu einer Anklage bisher noch nicht 
gekommen. Cours etwa 10. 

Werkzenarniaschineufabrik Vulcaii, früher Wilhelm 
Benndorf. Wurde gegründet December 1S72. Actiencapi- 
tal 240,000 Thaler, nebst Zinsen seit dem 1. April 1872 [D 

— weil nämlich das erste Geschäftsjahr um 9 Monate zurück- 
geschroben wurde. Der Vorbesitzer behielt die Leitung. Auf- 
sichtsrath: Gottlieb Behrend, Director der famosen Maschinen- 
baugesellschaft A. Münnich & Co., Advocat Wilhelm Harnisch 
und Robert Büttner (C. J. Tittel & Co.) in Chemnitz. 1875 
ergab als Dividende '/c-'^'o, 1576 — 0. Cours ca 8. 

Wcrkzeiiginaschinenfabrik Saxonia , vormals Con- 
s tantin Pf äff. Gegründet 1873 von H. Quistorp in Berlin. 



— 110 — 

Actiencapital 425,000 Thaler und 175,000 Thaler Hypothek. 
Der Vorbesitzer behielt die Leitung. Präsident des Aufsichts- 
raths: Adolf Russ in Berlin. Revisor: Albert Ludewig in 
Berlin. Für das erste Geschäftsjahr wurden 10% Dividende 
gegeben. 1874 folgte dann Reduction des Actiencapitals u. s. w. 

Werkzeugmascliinenfabrik Phönix. Grundcapital 300,000 
Thaler. Die Actien sind meist in Westphalen und namentlich 
in Dortmund untergebracht. 1875 wurde die Liquidation be- 
antragt. 

>VerkzeTigmaschiiieufal)rik Union, vormalsD. G. Diehl. 
Actiencapital 350,000 Thaler und 60,000 Thaler Hypothek. 
Der Vorbesitzer wurde Director. Aufsichtsräthe u. A.: Gottlieb 
Behrend und Richard Hartmann jun. in Chemnitz. Dividende 
pro 1872/73 — 10%, pro 1874/75 - 1%. Cours etwa 10. 

Sächsisches Messingwerk Lngau bei Chemnitz. Ge- 
gründet Mai 1872 mit 150,000 Thaler Actien. Trat 1876 in 
Liquidation. 

Wie man sieht, befinden sich unter den Chem- 
nitzer Actiengesellschaften schon viele Leichen und 
Todeskranke. Die unbescheidenste Gründung war 
wol die Werkzeugmaschinenfabrik von Joh. Zimmer- 
mann. Selbst die Börsenzeitungen nannten den an- 
geblichen Erwerbspreis „ungeheuer". Wenn aber 
der Geheime Commerzienrath Hartmann drei Millionen 
Thaler berechnete, warum sollte dann Herr Commer- 
zienrath Zimmermann sein Etablissement nicht den 
Actionären mit zwei Millionen Thaler überweisen? 
Inzwischen hat man das riesige Grundcapital von 
2,400,000 Thaler durch Rückkauf von 600,000 Thaler 



— 111 — 

Actien etwas kleiner gemacht, was freilich den Cours 
nicht zu bessern scheint. Für 1875/76 wurde ein 
Reingewinn von nur 13,000 Thaler erzielt, der selbst- 
verständlich die Vertheilung einer Dividende nicht 
gestattete, und so begnügte man sich mit „Abschrei- 
bungen". • 

Süddeutschland hat, wie schon zu Eingang dieses 
Capitels erwähnt, weit weniger als Xord- und Mittel- 
deutschland gegründet; obgleich München, Stuttgart 
und vor Allem Frankfurt a. M. sich auch durchaus 
nicht blöde erwiesen. Hier sind jedoch nur folgende 
Gesellschaften zu nennen: 

Waggonfabrik, vormals J. C. Reif er t & Co. in Bocken- 
heim bei Frankfurt a. M. Gegründet September 1871 von der 
Oesterreichisch-Deutschen Bank in Frankfurt a. M. mit 650,000 
Ttialer Actien. Der Vorbesitzer Clemens Reifert wurde „General- 
director". Verwaltungsrath: J. B. Pfaff, J. Koch, Friedrich 
Mumm, Franz Brentano und Chr. Grote in Frankfurt a. M., 
Notar Dr. Becker in Bockenheim. Das erste Geschäftsjahr 
(1872) schloss mit 6'-V;'o Reingewinn. Für 1874 gab es keine 
Dividende mehr, und 1875 wurde die Liquidation beantragt. 

Süddeutsche Gesellschaft fiii* Eiscuhahubau und Eisen- 
hahnbedarf in Stuttgart. Gegründet Juni 1871 mit 700,000 Gulden 
Actien, die schon im November desselben Jahres um das Drei- 
fache vermehrt, auf 2,100,000 Gulden gebracht wurden. 1874 
und 1875 schlössen mit Verlust. 

Maschiueufahrik zu Kirchheim bei Stuttgart. Gegründet 
December 1869 von der Würtembergischen Depositenbank, 



— 112 — 

Eisenhändler Nopper und Baurath Bok in Stuttgart, Banquier 
C. A. Jacob und Regierungsrath Idler in Kirchheim. Die 
Fabrik wurde neu errichtet, und erhielten die Actionäre pro 
1870 und 1871 — 5% „Bauzinsen", also aus ihrem eigenen 
Scäckel, Director wurde Joh. Fr. Wilh. Dehlinger, und seine 
Geschäftsführung war eine fast wahnwitzige. Wiewol bereits 
eine Unterbilanz vorhanden war, rechnete er pro 1872 eine 
Dividende von 10% heraus, und bezahlte dieselbe, indem er das 
Ürundcapital von 400,000 auf 800,000 Gulden erhöhte. Die 
bis 118 getriebenen Actien sind heute werthlos. Juni 1876 
kam die Missethat in Ulm zur strafgerichtlichen Verhandlung. 
Dehlinger wurde zu vier Wochen Gefängniss, die Aufsichts- 
räthe Bok , Nopper und G. Simon in Aalen zu je 200 Thaler 
Geldbusse verurtheilt. Ein erstaunlich milder Rechtsspruch, 
eine sehr ungenügende Sühne. 



Deutsche Gründer mcachten endlich auch Elsass- 
Lothringen unsicher. Die Gründerei war mit die 
erste Gabe, welche das Mutterland den wiedergewon- 
nenen Provinzen darbrachte. Elsass-Lothringen ist 
reich an Eisenhütten und Maschinenfabriken, und 
das dortige Eisen bereitet jetzt dem Deutschen eine 
empfindliche Concurrenz. Die Gründer warfen sich 
daher mit Vorliebe auf solche Etablissements, von 
denen wir hier nur eins anführen: 

Lotliringei' EisenTrerke, früher Dupont & Dreyfuss 
in Ars an der Mosel und in Saarbrücken. Angekauft für an- 
geblich 17V4 Millionen Francs (!) und gegründet April 1873 
von der Oesterreichischen Creditanstalt, dem Berliner Bank- 
verein und dem Frankfurter Bankverein. Actiencapital 



— 113 — 

6 Millionen Tlialer. Aufsichtsräthe: Graf Henckel von Don- 
nersmark, Alfred von Haber, Ingenieur Paulus etc. „General- 
director": Anton Birrenbach. Für das erste Geschäftsjahr von 
4 Monaten (!) wurden 5% Dividende vertheilt. 1874 schloss 
mit 147,000 Thaler, 1875 mit 128,000 Thaler, 1876 mit fast 
500,000 Thaler Verlust. Die Actio n sollen sich noch in der 
ersten Hand befinden. 



Vor wenig Jahren noch stand in Deutschland die 
Eisen- und Stahlindustrie in hohem Flor; heute liegt 
sie, vom Hochofenbetrieb bis zum Mascliinenbau, am 
Boden. Gar viele Oefen sind ausgeblasen, viele Pud- 
del- und Walzwerke feiern, die Eisengiessereien und 
Maschinenfabriken haben ihren Betrieb fortgesetzt 
einschränken müssen. Ueberall erschallen laute Klagen , 
und die nächste Zukunft erweckt grosse Besorgnisse. 
Mancherlei Momente haben dieses traurige Darnieder- 
liegen herbeigeführt, so auch die manchesterliche 
Wirthschafts- und Handelspolitik der Kegierung, unser 
mehr doctrinäres und unbilliges als praktisches und 
rationelles Zollsystem, das höchst unzeitgemässe Er- 
höhen der Eisenbahnfrachtsätze nach dem |„Krach", 
die widersinnigen Differential-Tarife, welche das Aus- 
land auf Kosten des Inlands begünstigen, insofern 
fremde Erzeugnisse auf Deutschen Bahnen zum Theil 
billiger befördert werden als einheimische Producte 
u. a. m. Aber die eigentliche Schuld an der Cala- 

GlagaB, Der Börsenschwindel. II. 8 



— 114 — 

mität trägt doch die Schwindelära. Weil Eisenwerke 
und Maschinenfabriken eine gute Eente abwarfen, 
wurden solche Etablissements mit Vorliebe „gegrün- 
det", und gerade hier die gröbsten Ausschweifungen 
und Betrügereien verübt. Mit einem kolossalen Capi- 
tale überlastet, dazu dem Raube und der Plünderung 
der eigenen Beamten preisgegeben, konnte die Actien- 
gesellschaft nimmer gedeihen. L>ie Preise der Fabri- 
kate gingen hoch und wurden systematisch höher 
geschroben, der Bedarf des Publikums schien gross 
und wurde noch künstlich gesteigert; schon um das 
Capital zu verwenden und die Arbeiter zu beschäf- 
tigen, wurde ohne Rücksicht auf die Unkosten flott 
producirt, und man producirte ohne Ende. Sobald 
der Schwindel in sein Nichts zerfiel, niusste auch 
die Reaction eintreten. Die Nachfrage stockte, das 
Angebot wurde dringend, überall zeigten sich grosse 
Vorräthe. In demselben Grade wie die Preise für 
Maschinen, Locomotiven, Waggons, Schienen, Schwel- 
len etc. gestiegen, mussten sie auch wieder fallen, 
und sie fallen noch immer, da sie noch lange nicht 
das natürliche Niveau erreicht haben. 

Das Darniederliegen unserer Industrie ist also die 
unmittelbare und nothwendige Folge, einerseits der 
Ueberspeculation und Ueberproduction, andererseits 



— 115 — 

der Ausbeutelung des Publikums, dessen Kauffähig- 
keit ziemlich erschöpft ist. Die Heilmittel, welche 
die verschiedenen Parteien vorgeschlagen, sind blosse 
Quacksalbereien und beruhen auf einem Verkennen 
der Krankheit und ihrer Ursachen, welches Verkennen 
zum Theil wol absichtlich ist. Mit gerechtem Un- 
willen haben sogar Fabrikbesitzer das Eecept des 
Herrn Finanzministers Camphausen zurückgewiesen, 
indem sie erklären, die Lohnsätze ihrer Arbeiter 
nicht weiter beschneiden zu wollen. Selbst die man- 
chesterliche „Vossische Zeitung" äusserte: Man solle 
verhindern, „dass, ebenso wie vor Jahren die auf- 
steigende Bewegung, jetzt die sinkende Bewegung 
des Arbeitslohnes über das Mass fortschreite; denn 
ebenso wenig wie die Industrie bei allzu hohen Lohn- 
sätzen bestehen kann, ebenso wenig kann der Arbei- 
ter existiren, wenn der Lohn zu niedrig ist; und auch 
der Industrie ist durch allzu niedrige Arbeitslöhne 
nicht gedient, ein ungenügend ernährter Arbeiter 
wird stets eine schlechte oder mittelniässige Arbeit 
liefern*^ 

Die Eisen-Industriellen sehen dagegen nur Rettung, 
wenn die Eisenzölle fort erhoben werden, und es 
ist dieserhalb ein erbitterter Kampf zwischen Frei- 
händlern und Schutzzöllnern ausgebrochen. Dieser 



— 116 — 

Kampf, welcher sich in allen Tagesblättern ungebühr- 
lich breit machte, hat jedoch für das Publikum keine 
besondere Bedeutung. Die Frage, ob Schutzzoll ob 
Freihandel, ist auch nur eine doctrinäre, und muss 
stets nach Ort und Zeitumständen entschieden werden. 
Der radicale Freihandel, wenngleich Ideal, ist heute 
noch in keinem Lande durchführbar, und wenn er 
trotzdem, wie bisher in Preussen, 'einseitig verfolgt 
wird, so führt er zu den gröbsten Inconsequenzen, 
schädigt er zugleich den Staatssäckel und die Inter- 
essen der eigenen Bürger. Nicht mit Unrecht for- 
dern die sogenannten Schutzzöllner, dass Deutschland 
nicht Zölle aufhebe, die das Ausland noch bestehen 
lässt, dass Zollermässigungen nur da und insoweit 
eintreten, als solche auch der betreffende Fremdstaat 
bewilligt; gewiss nicht mit Unrecht weisen die Schutz- 
zöllner darauf hin, dass Schlachtvieh und [verschie- 
dene Lebensmittel noch einen Schutzzoll geniessen. 
Für den unbedingten Freihandel schwärmt eben nur 
der Handel, wogegen Gewerbe und Industrie, die 
doch mindestens ebenso schwer in's Gewicht fallen, 
einen gewissen Schutz ihrer Producte und Fabrikate 
gegen die Coneurrenz des Auslandes anstreben. Das 
consumirende Publikum endlich wird von Zöllen und 
indirecten Steuern im Grossen und Ganzen nur weniff. 



— 117 — 

kaum fühlbar betroffen. Beispielsweise hat ihm der 
Wegfall der Salzsteuer gar nichts genützt, denn Salz 
ist im Detailhandel um keinen Pfennig billiger ge- 
worden. Die Aufliebung der Schlacht- und Mahl- 
steuer in Preussen hat die Preise von Fleisch und 
Brod nicht sinken, eher noch steigen lassen. Daher 
haben diejenigen Städte sehr weise gethan, welche die 
Schlachtsteuer beibehielten, und bereits bemühen 
sich verschiedene Orte wieder um Einführung der- 
selben. Ein scharfes Misstrauensvotum gegen die 
manchesterlichen „Volkswirthe" und Gesetzgeber! 

Die Eisenzölle, welche schon 1873 fallen sollten, 
aber durch einen Compromiss der Herren Dr. Kam- 
macher und Genossen noch bis Neujahr 1877 be- 
stehen blieben, tragen etwa 1 Million Thaler ein, 
bilden also einen sehr massigen Einnahmeposten, den 
der Etat des Deutschen Reichs leicht verschmerzen 
kann. Das Publikum, der Haushalt des Privatmannes 
wird die Aufhebung kaum empfinden. Aber ebenso 
unerheblich ist sie auch für die Industrie selber; 
obgleich Herr Hammacher, der sich seinen Wählern 
zu Liebe neuerdings zum Schutzzoll bekehrt hat, so 
feierlich das Gegen theil versichert. Mit dem gegen- 
wärtigen Nothstand unserer Eisenindustrie hat der 
Eisenzoll nichts zu thun, und es könnte ihr wenig 



— 118 — 

helfen, selbst wenn die Einfuhr überhaupt verboten 
würde. Sie blutet an den Wunden, die ihr die 
Gründer geschlagen, und zum Theil büsst sie auch 
für eigene Sünden. 

Es kennzeichnet die tiefe Corruption, die in Deutsch- 
land eingerissen, dass die Blätter, die dem Schwindel 
mit Wollust gedient und sich von ihm ernährt haben, 
jetzt als Moralprediger und Rathgeber auftreten. 
„Ungenügende Finanziirung heisst das Uebel, an dem 
die grossen Actienwerke der Eisenbranche leiden", 
schreibt die „Schlesische Presse". Nach ihrer Mei- 
nung haben es die nothleidenden Actiengesellschaften 
versäumt, rechtzeitig ihr Stammcapital zu vermehren 
oder neue Anleihen aufzunehmen. Dem biedern Blatt 
ist also die ungeheuerliche Belastung der gegründe- 
ten Fabriken etc. noch nicht gross genug, und dieses 
Urtheil ist den Gründern sicherlich aus der Seele 
gesprochen. Die „Berliner Börsen -Zeitung" wieder 
empfahl, um den Actionären zu Dividenden zu ver- 
helfen, und die Course auf die Beine zu bringen, die 
Reduction des Grundcapitals; und diesen Rath 
befolgen die Gesellschaften nachdrücklichst. Sie legen 
2, 3, 4, 6, 10 Actien in Eine zusammen, und meucheln 
so das Stammcapital nach der Möglichkeit; aber zu 
Dividenden ist es trotzdem nicht gekommen, und die 



— 119 — 

Coiirse wollen dessungeaclitet nicht in die Höhe, oder 
wenn auch um ein paar Procent steigend, fallen sie 
schnell wieder auf den vorigen Stand zurück. Die 
meisten Gesellschaften sind so tief zerrüttet und so 
überschuldet, dass es gleichgültig bleibt, ob ihr Capi- 
tal nach wie vor 1 Million Thaler beträgt oder auf 
100,000 Thal er herabgesetzt wird: eine Dividende ist 
in diesem ^Leben nicht mehr zu erzielen, und eine 
neue Actio ist nicht mehr werth wie zehn alte, da 
nach Adam Riese 10x0 auch nur wieder macht. 
Wenn [die Börsenblätter, die sonst dem Man- 
chesterthum, also dem unbedingten Freihandel mit 
Leib und Seele ergeben sind, plötzlich für Aufrecht- 
erhaltung der Eisenzölle plaidiren, so thun sie es 
nur, weil sie von solcher Massregel eine neue Cours- 
treiberei aller Maschinenbau-, Bergwerks- und Eisen- 
hüttenactien verhoften. Indess dürfte diese Hoffnung 
doch fromme Täuschung sein. Wenn das Publikum, 
durch die schrecklichen Verluste wirklich nicht klüger 
geworden, auch wollte — es kann nicht mehr-, seine 
Taschen sind leer, und die Börse und ihre Organe 
müssen schon abwarten, bis es wieder etwas zu Kräften 
gekommen ist. 



Der Triumph der Industrie. 

Skandalöse Gründniig-en; Elsenspalterei N. Eberswalde, Eisenbahiibedarf und 
Westprenssische Eisenhütte in Elbiug, Arthursberg in Stettin, Pinneherger 
Union, Heilenbetker Gussstahl, Remscheider Stahlwerke, Halle-Leipziger 
Eisengiesserei, Münnich in Chemnitz, Thüringer Eisenbahnhedarf — Die 
Vei-luste des Publikums — Die ,, Betheiligung" der Parlamentarier — Ueber- 
production — Freunde und Gegner der SchntzzöUner — Schlecht und theuer 

— Beschneidung der Lohnsätze und Verlängerung der Arbeitszeit — Der 
jüdische „Volkswirth" H. B. Oppenheim — Arbeitslosigkeit und Nothstand 

— Zwei Geschichten vom Geheimen Commerzienrath Borsig — Was die Grün- 
der zuwege gebracht — Ausländische Industrieobligationen: Russischer 
Maschinenbau und Moskauer Eisenbahnbedarf — Die Zehn-Milliouen-Thaler 

Anleihe des Kanonenköuigs Krupp. 

Unter den industriellen Gründlingen nehmen, neben 
den Berg- und Hüttenwerken, die Fabriken für Maschi- 
nen- und Eisenbahnbedarf mit den ersten Rang ein-, 
sowol der Anzahl als dem Gewicht nach, mit Bezug 
auf das grosse Capital, welches in ihnen angelegt 
ist.- Bei der Unzahl dieser Gesellschaften, konnte 
nicht jede aufgeführt werden, aber es sind die meisten, 
die wichtigsten und die bekanntesten genannt; und 
zwar ohne Unterschied des Charakters. Es sind nicht 
nur die faulen, sondern auch die besseren Gesell- 
schaften behandelt, was um so leichter war, als deren 



— 121 — 

Bur wenige existiren. Durchaus zweifellose, streng 
solide Gründungen giebt es aus der Periode von 
1870 bis 1873 wol überhaupt nicht. Nur ein ver- 
schwindend kleiner Bruchtheil ist erträglich, verdient 
Entschuldigung; die übergrosse Mehrzahl hat sich als 
schwindelhaft erwiesen und muss verurtheilt werden, 
wobei nur selten „mildernde Umstände'' zuzugeben sind. 
Schon die früheren Capitel enthielten eine Menge 
von Gesellschaften, die zusammengebrochen oder dem 
Zusammenbruch nahe sind, bei deren Gründung und 
Verwaltung in erschrecklicher Weise gesündigt ist. 
Sie waren schlimm genug, und kaum kann es schlim- 
mere geben, aber es existiren doch verschiedene, 
die ganz besonders verrufen und berüchtigt sind, die 
so arg wirthschafteten und so schmachvoll endeten, 
dass sie zum Theil sogar die Aufmerksamkeit des 
Staatsanwalts erregten und denselben zum Einschrei- 
ten veranlassten. Bei einigen war die Gründung ein- 
fach ein kolossaler Betrug, indem das Object zu einem 
Preise eingebracht wurde, der den wirklichen Werth 
um das Zehn- bis Zwanzigfache überstieg, worauf 
die Gründer ihr Kind seinem Schicksale überliessen. 
Andere Gesellschaften wurden von ihren Leitern und 
Beamten ununterbrochen bestohlen, systematisch aus- 
geplündert und dazu noch mit Schulden überlastet. 



- 122 — 

Gewisse Directoren betrieben die Fabrik nur dem 
Namen nach, producirten nicht sowol, sondern spe- 
culirten hauptsächlich, benutzten alle Baarmittel und 
spannten den ganzen Credit an, um damit an der 
Börse zu spielen. So lange sie im Glück waren, 
strichen sie den Gewinnst ein, wogegen sie später 
ihre riesigen Verluste auf das Conto der Actionäre 
übertrugen , diesen faule Papiere aufhalsten oder 
ihnen andere ziemlich werthlose und sehr überflüssige 
Dinge zu den ungeheuerlichsten Preisen berechneten. 
Nur in wenigen Fällen sind die Missethäter gericht- 
lich zur Rechenschaft gezogen, und merkwürdiger 
Weise sind sie dann stets mit einer ausserordentlich 
milden Strafe belegt worden. 

Zu den Gründungen, die mehr oder weniger Scan- 
dal erregten, gehören: 

Eiseuspalterei in Neiistadt-Eberswalde , dem Magnus 
Levy gehörig, und diesem angeblich mit 370,000 Thaler, 
die Vorräthe nicht eingerechnet (!) bezahlt. Gegründet 1872 
mit 500,000 Thaler Actien und 155,000 Thaler Hypotheken. 
1873/74 schloss mit 134,000 Thaler Verlust. Da lieferten die 
Gründer 100,000 Thaler Actien zurück; der Vorsitzende des 
Aufsichtsraths, Julius Schiff in Berlin, verzichtete grossmüthig 
auf Forderungen von zusammen 65,000 Thalern, und im Uebrigen 
wurde die Hälfte der Actien gemeuchelt. So galt das Unter- 
nehmen für „reconstruirt" , und der mit 4000 Thaler Gehalt 
fungirende Director ßormann versicherte, dass es „vollständig 
consolidirt" sei. Aber kaum zwei Monate nachher (Ende 1874) 



— 123 — 

ergab die Semestralbilanz bereits einen neuen Verlust von 
36,000 Thaler. 1875 schritt man zur Liquidation und 1876 
zum Verkauf, der ein lächerlich winziges Resultat lieferte. Wie 
es scheint, erstand das Etablissement einer der „Aufsichtsräthe", 
Hüttendirector Förster in Berlin, für seinen Sohn. Die Actio- 
näre haben so gut wie Nichts zu erwarten. Exdirector Bor- 
mann beanspruchte seinen Gehalt von 4000 Thalern jährlich 
bis zum Jahre 1882 und strengte dieserhalb einen Process an. 
Fabrik für Eisenbalinmateria], früher G. Hambruch und 
J. Vollbaum in Elbiug. Gegründet Februar 1871 von H. C. 
Plaut und Paul Gravenstein & Co. in Berlin, von dem Abge- 
ordneten , Oberbürgermeister a. D. Phillips in Elbing etc. 
Actiencapital zunächst 1 Mill. Thaler. Die Vorbesitzer behiel- 
ten die Leitung, und der von Hen'n Phillips unterzeichnete 
Prospect versprach nicht nur eine „bedeutende", sondern eine 
„ausserordentliche" Pientabilität. Aufsichtsräthe u. A.: 
Justizrath Ahlemann, Ferd. Meyer, Ed. Mamroth und Gerichts- 
assessor a. D. Löwenfeld in Berlin, Commerzienrath Damme 
in Danzig, Assessor Sauerhäring und Kaufmann Litten in El- 
bing. April 1872 wurde das Grundcapital auf 2 Millionen Thlr. 
erhöht, und die neuen Actien den alten Actionäreu zum Course 
von 105 überlassen. Man vertheilte für das erste Geschäfts- 
jahr eine Dividende von 9^'^, und für 1872 sogar lO^V Da- 
gegen schloss 1873 plötzlich mit 548,000 Thaler Verlust. Fe- 
bruar 1874 beantragte Herr Phillips wiederum eine Emission 
von 500,000 Thaler Actien oder Prioritäten, drang damit aber 
nicht mehr durch. August 1874 beschloss man die Liquidation, 
war jedoch in Wirklichkeit schon bankerott, denn als am 
3. Januar 1875 der Concurs angemeldet wurde, datirte das Ge- 
richt denselben um 6 Monate zurück, also um die längste Frist, 
welche gesetzlich zulässig ist. Das Etablissement kam unter 
den Hammer, die Gläubiger hatten sich mit einander verständigt, 
und der bekannte Gründer, Geh. Commerzienrath Moritz Simon 
aus Königsberg i. Pr., erhielt den Zuschlag um 320,000 Thaler. 



— 124 — 

Assessor Löweufeld, der ehemalige Aufsiclitsrath und nach- 
herige Liquidator, hatte ein noch weit geringeres Gebot 
abgegeben. Herr Simon verkaufte die Fabrik an Strousberg, 
der sie wieder an Frau Strousberg abtrat. Als man aber in 
Moskau den Wunderdoctor dingfest machte, wurde die Fabrik 
resubbastirt, und diesmal war Herr Simon der einzige Bieter. 
Er bot Spasses halber für das mit drei Millionen Thaler be- 
lastete Etablissement — 100,000 Thaler, und es fiel ihm dafür 
anheim. Die Gläubiger erhielten ungefähr 20% ihrer Forde- 
rungen, während die einst mit 120 notirten Actien selbstver- 
ständlich Maculatur waren. Herr Phillips, der auch noch bei 
anderen Gründungen betheiligt ist, erhielt October 1875 von 
der Stadt Elbing das Ehrenbürgerrecht. 

Walzwerk Westpreussische Eisenliütte, vormals Kutten- 
keuler, Dehring und Lorenz in Elbing. Gegründet Sep- 
tember 1872 von Geh. Commerzienrath Stephan und Eduard 
Schmidt (Stephan & Schmidt) in Königsberg i. Pr., Jacob Litten 
in Elbing, Simon Lipmaun in Berlin etc. Die Vorbesitzer be- 
hielten die Leitung und übernahmen 110,000 Thaler Actien. 
Als erste Aufsichtsräthe fungirten noch und haben den Pro- 
spect mitunterzeichnet: Carl Bittrich (J. C. Bittrich & Söhne), 
F. Oltersdorf (Sanio & Oltersdorf) in Königsberg i. Pr., Rechts- 
anwalt Heinrich und Rentier Jebeus in Elbing, Director Adolf 
Rosenstein (Norddeutsche Grundcreditbank) und Alexander von 
Loeben (Rob. Thode & Co.) in Berlin. Im Auftrage des Herrn 
Stephan erstand Litten das Etablissement für 220,000 Thaler 
und liess sich persönlich von den Verkäufern eine Provision 
von 2200 Thaler zahlen. Der Prospect hingegen gab den Er- 
werbspreis auf 330,000 Thaler an und warf als Grundcapital 
450,000 Thaler aus. Am 9. November 1872 fand die Zeichnung 
der Actien statt, und schon am 31. December schloss das erste 
Geschäftsjahr von drei Monaten (!) mit einer Dividende von 
14% !! Diese glänzende Dividende war das Resultat einer 
gefälschten Bilanz, kam aber wahrscheinlich nur den Gründern 



— 125 — 

und Aufsichtsräthen zugute, denn die Actieu waren meistens 
noch unbegebcn, und gelangten erst sj^ter, ohne den ersten 
Di vi den den seh ein, in die Hände des Publikums. Die Actien 
vertrieb in wahrhaft genialer Weise Herr Simon Lipmann, früher 
Commis bei Herrn Stephan, in Gemeinschaft mit Herrn Michaelis, 
der wieder Commis bei Lipmann gewesen war, und jetzt als 
Director der Plalle'schen Creditanstalt fungirte, welche letztere 
kurz zuvor von Stephan, Lipmann und der Norddeutschen 
Grundcreditbank gegründet worden. Wir haben also hier eine 
förmliche Kette von Gründern, und das Gründen geht unter 
ihnen lustig im Kreise herum. Indem sie auf die eben ver- 
theilte Dividende von 14^/o hinwiesen, und eine neue von 20''/o 
in Aussicht stellten, indem sie ein Expose, unterzeichnet 
„Direction der Westpreussischen Eisenhütte" ausstreuten, das 
die Lage der Gesellschaft in den x-osigsten Farben schilderte, 
aber, wie es sich später herausgestellt hat, mancherlei falsche 
Angaben enthält, wussten die Herren Lipmann und Michaelis 
die Actien zum Course von 125 bis 130 unterzubringen. Allein 
in Halle a. d. Saale und Umgegend sollen von diesem famosen 
Papier für ca. 70,000 Thaler abgesetzt sein. März 1873 wur- 
den 300,000 Thaler neue Actien fabricirt, aber Mai 1874 durch 
Zusammenlegen der Actien ca. 300,000 Thaler gemeuchelt, und 
bald darauf wieder 200,000 Thaler Prioritäten ausgegeben. Ein 
schlagendes Beispiel, was sich die Gründer und Aufsichtsräthe 
nicht Alles erlauben! Trotz dieser sinnreichen Operationen 
schloss die Bilanz vom 31. März 1875 mit einem Verlust von 
192,000 Thaler, und drei Monate nachher wurde das Actien- 
capital nochmals um weitere 200,000 Thaler gemeuchelt. Selbst- 
verständlich half dies Alles nichts; es kam Januar 1876 auch 
hier zum Concurs, den das Gericht gleichfalls um sechs Monate 
zurückdatirte; und die Westpreussische Eisenhütte, die an Actien 
und Prioritäten 950,000 Thaler ausgegeben hatte, und ausser- 
dem noch 100,000 Thaler schuldig war, wurde schliesslich den 
Gebr. Michelly in Königsberg i. Pr. für ganze — 48,000 Thaler 



— 126 — ' 

überantwortet. Die Prioritätenbesitzer erhielten ca. 23^/o, alle 
übrigen Gläubiger und die Actiooäre nichts. 

Erst als Frühjahr 1876 die „Ostpreussische Zeitung" in 
Königsberg i. Pr. die scandalöse Geschichte dieser Gesellschaft 
in einer Reihe von Artikeln beleuchtete, schritt der Staatsan- 
walt ein, und Jacob Litten wurde verhaftet, krankheitshalber 
aber wieder entlassen. Da es sich hier um einen Gründer und 
Juden handelte, war die „liberale" Presse so discret, ihn nur 
mit seinem Anfangsbuchstaben L. zu bezeichnen. Dagegen be- 
warf sie den Redacteur der „Ostpreussischen Zeitung", Otto 
de Grahl, mit Koth, und die „Elbinger Post" beschuldigte ihn 
der unwürdigsten Motive. Die Börsianer aber nahmen noch 
eine andere Rache, und fixten den Cours der Actien der „Ost- 
preussischen Zeitung" von 85 auf ca. 60 herunter. 

Eisenbahnbedarf und Maschinenbau Arthurslierg, vormals 
H. Kolesch in Stettin. Gegründet October 1871 von der 
Stettiner Vereinsbank, S. Abel jun. und A. Paderstein in Berlin. 
Actiencapital 300,000 Thaler; dazu noch ca. 300,000 Thaler 
Hypotheken und Prioritäten. Erste Aufsichtsräthe : Otto Kühne- 
mann, Rudolf Abel, Julius Hildebrandt und Amandus Strömer 
in Stettin, Julius Nelke (A. Paderstein) in Berlin. Der Prospect 
verhiess 20%, der Vorbesitzer garantirte 15%, und das erste 
Geschäftsjahr ergab 10% Dividende. 1873 schloss mit 177,000 
Thaler Verlust; 1874 trat man in Liquidation, die sich an zwei 
Jahre hinzog und mit dem Concurs endigte. Cours einst 110, 
jetzt 0. Amandus Strömer und „Oberingenieur" Louis Meyer 
wurden nachträglich (1876) wegen Verschleierung der Lage ihrer 
Gesellschaft angeklagt, in erster Instanz freigesprochen, in 
zweiter zu einer blossen Geldbusse verurtheilt. 

Union Eisenwerk, früher Gebrüder Miether in Pinne- 
berg bei Hamburg. Gegründet April 1872 von Theodor Miether 
in Pinneberg, Carl Miather, Gustav Bath, Gabriel Hermann 
Michaelis, Leo Wollenberg und Eduard Mamroth in Berlin. 
Michaelis war der Vorkäufer oder Vermittler, und soll dafür 



— 127 — 

die Kleinigkeit von 60,000 Thalcr empfangen haben. Der Kauf- 
preis von angeblich 400,000 Thalern war mindestens doppelt 
zu hoch. Actiencapital 500,000 Thaler und 100,000 Thaler 
Hypotheken. Gebrüder Miether garantirten für 5 Jahre eine 
Dividende von 8%, und hinterlegten dafür 100,000 Thaler Caution. 
Der Vorbesitzer Theodor Miether behielt die Leitung. Für 
das erste Geschäftsjahr von etlichen Monaten wurden 16% Divi- 
dende gegeben, die aber wol nicht verdient waren-, und darauf- 
hin das Actiencapital um neue 500,000 Thaler, also auf eine 
Million Thaler erhöht, worauf man, ganz unnützer Weise, ein 
Eisenwerk in Schweden (!) ankaufte und eine Niederlage für 
Kochgeschirre in Wien etablirte! Für 1873 gab es die garan- 
tirte Dividende von 8%, seitdem 0. Schliesslich wurden noch 
100,000 Thaler Prioritäten ausgegeben. 

Februar 1875 schieden die Gründer Gustav Bath und Carl 
Miether aus dem Aufsichtsrath, aber nicht freiwillig. In der 
Generalversammlung am 6. März 1875 constatirte einer der 
neugewählten Aufsichtsräthe , dass aus der Gesellschaftscasse 
verschwunden seien: 1) Actien im Gesammtwerthe von 180,000 
Thaler, 2) die Caution des Directors Th. Miether mit 5000 
Thaler, 3) der Reservefond mit 5673 Thaler, 4) die Caution der 
Vorbesitzer Gebrüder Miether in Betreff der Dividendengarantie 
von 100,000 Thaler. Trotzdem behauptete der Gründer, Herr 
Eduard Mamroth, mit edler Entrüstung: ihm, als dem früheren 
Aufsichtsrath, gebühre der Dank der Versammlung. Dieser 
Dank wurde ihm denn auch in gebülirender Weise votirt — 
„die Debatte nahm mehr und mehr einen von den heftigsten 
Angriffen ausgestatteten persönlichen Charakter an", berichtete 
die „National-Zeitung". Ebenso biess mau den Director Theo- 
dor Miether von der Tribüne heruntersteigen, und entsetzte 
ihn auf der Stelle des Amtes. 

Doch nun geschah das Unglaubliche. Herr Th. Miether, 
der Exdirector, erhob noch verschiedene Ansprüche an die 
Gesellschaft, und unterm 12. October 1875 stellte ihm die Mehr- 



— 128 — 

zahl des neuen Aufsichtsraths ein öffentliches Ehrenzeugniss 
aus, worin alle Beschuldigungen, als auf „bedauerlichen Irr- 
thümern" beruhend, ausdrücklich widerrufen wurden. — Am 20. 
Mai 1876 erfolgte endlich die Verhaftung des Herrn Th. Miether, 
und im October stand er vor dem Schwurgericht zu Altona, 
welches ihn der Urkundenfälschung schuldig fand, aber unter 
Annahme „mildernder Umstände'' nur zu drei Monaten Gefäng- 
niss verurtheilte. 

Die „Allgemeine Börsen -Zeitung" in Berlin theilte in ihrer 
Nummer vom 7. October 1876 noch Folgendes mit: 

Hugo Mamroth, Sohn von Eduard Mamroth, kaufte ia 
Schweden einen alten Eisenhammer „Olafström", wie. es heisst, 
zu 80,000 Thaler an — der wirkliche Werth betrug nicht 
20,000 Thaler. Die Gesellschaft musste diese Ruine für 200,000 
Thaler übernehmen, und mit den Neubauten, die man ausführte, 
kostete sie ihr schliesslich über 300,000 Thaler. 1875 aber ver- 
kaufte der zeitige Vorsitzende des Aufsichtsraths, L. Pauly, 
das Ganze an eine Schwedische Bank für etwa 33,000 Thaler, 

worauf er selber „Olafström" als Pächter übernahm. Die 

Actieu, die einst 190 standen, notiren jetzt ca. 5. 

Gussstahlwerk, früher Moritz Heilenbeck & Co. bei 
Milspe in Westphaleu. Gegründet September 1872 von Max 
Nolda, Hermann Leubuscher, Emil Isaacsohn und Heinrich 
Philippson in Berlin, Albert Sternenberg und August Schmidt 
in Heilenbecke, Friedrich Schmidt in Haspe. Actiencapital 
350,000 Thaler, an der Berliner Börse eingeführt mit 103 und 
getrieben bis HO. Zu einer Dividende kam es nie. Der An- 
trag auf Einsetzung einer Untersuchungscommission ward von 
der Gründerpartei niedergestimmt. 1875 brach der Concurs 
aus, der jedoch wieder aufgehoben und statt dessen die Liqui- 
dation eingeleitet wurde. Cours 0. 

Stahlwerke, vormals Carl Otto Arntz in Remscheid. 
Gegründet April 1872 von Siegfried Geber, Otto Ramdohr und 
„Generaldirector" Julius Müller in Berlin. Der Vorbesitzer 



— 129 — 

behielt die Leitimg und stellte 30^/o Dividende in Aussicht! 
1874 fand die Eröffnung des Concurses statt. Ausser 240,000 
Thaler Actiencapital waren 94,000 Thaler Ilj-pothekeu und 
160,000 Thaler andere Schulden vorhanden, doch brachte das 
Etablissement im Verkaufstermin nur — 30,000 Thaler!! 

Halle-Leipziger Eisengiesserei und Maschinenbau zu 
Schkeuditz. Gegründet März 1872. Verwaltungsrath: Robert 
Baumann in Berlin, Siegfried Schiff und S. Elkan in Hamburg, 
Jakob Löwendahl, Paul Kühl und Wilh. Bode in Halle, Sani- 
tätsrath Dr. Eltze in Schkeuditz. 1873 wurde das Actien- 
capital von 250,000 auf 400,000 Thaler erhöht. 1874 liquidirie 
man, und 1875 folgte der Coneurs. Der Liquidator Robert Bau- 
mann war so gescheit, das Etablissement für sich und Samuel 
Löwendahl in Halle zu erwerben — natürlich um ein Billiges. 
Nicht einmal die Hypothekengläubiger wurden befriedigt, von 
den Actionären gar nicht zu reden. 

Mascliiueubaug'esellscliaft, vormals A. Münnich & Co. 
in Chemnitz. Gegründet März 1872 von R. A. Seelig und 
Adolf Martini in Berlin und Carl Mankiewicz (Philipp Eli- 
meyer) in Dresden. Diese drei Personen waren die Vorkäufer, 
die ersten Zeichner und die ersten Aufsichtsräthe, und sie 
wurden auch die Gläubiger der Gesellschaft, welche sie später 
hart bedrängten. Neben ihnen fungirten im Verwaltungsrathe 
noch: Bierdirector Hermann Gratweil in Berlin, Rob. Büttner 
und Advocat H. A. Wide mann in Chemnitz; während die 
Leitung des Unternehmens der Mitvorbesitzer Gottlieb Behrend 
behielt. Dieser stellte am 1. April 1873 eine Bilanz auf, welche 
für das erste Geschäftsjahr 20"'o Dividende und riesige Tan- 
tiemen auswarf. Dem Aufsichtsrath berechnete Herr Behrend 
22,663 Thaler, dem Director, also sich selber, gleichfalls 22,663 
Thaler, und dem übrigen Beamtenpersonal 9320 Thaler. In- 
dess war es auffällig, dass dieselbe Bilanz an 930,000 Thaler 
Buch- und Wechselschulden vermerkte! Juni 1873 beschloss man, 
das Actiencapital zu verdoppeln, von 700,000 auf 1,400,000 Thaler 

G lagau, Der Börsenschwindel. II. 9 



— 130 — 

zu erhöhen; was auch, trotzdem inzwischen der „Krach" ein- 
getreten war, merkwürdiger Weise gelang. Doch schon im 
September fehlte es wieder dringend an Geld, und es begann 
nun eine Wechselreiterei, die au's Fabelhafte grenzt. 1874 
wurde eine Prioritäten- Anleihe von 1,000,000 Thaler versucht, 
aber nur 100,000 Thaler untergebracht. Eine damals erwählte 
Untersuchungscommission kam zu dem Resultat, dass die Krank- 
heit der Gesellschaft sich auf „vier Thorheiten" zurückfuhren 
lasse. Abgesehen von der grossen Beute der Gründer, bestand 
aber die eigentliche Hauptthorheit in der Wirthschaftsführung 
des Directors. Herr Behrend beschäftigte sich viel mit Grün- 
dungen und Börsenspeculationen, und Hess darüber in der 
Fabrik Fünf gerade gehen. Hingerissen von dem Beispiel des 
Chefs, speculirte auch der Procurist und entwendete der Gasse 
6000 Thaler, welche Herr Behrend „grossmüthig" auf sein 
eigenes Conto nahm. Hinterher stellte es sich heraus, dass 
jener langfingerige Procurist seinem Amte überhaupt nicht 
gewachsen war und daher entlassen werden musste. Herr 
Behrend, in ewiger Geldverlegenheit, suchte Hülfe bei den ur- 
sprünglichen Gründern, und diese gewährten sie ihm, indem 
sie der Gesellschaft das Blut abzapften. 

Der Bericht der Untersuchungscommission, welcher in der 
Generalversammlung vom 25. August 1874 verlesen wurde, be- 
lastet die Gründer, die Aufsichtsräthe und den Director mit 
den schwersten Anklagen, kommt aber nichtsdestoweniger zu 
dem Schluss, dass der Vermögensstand der Gesellschaft an sich 
kein schlechter sei und das Unternehmen noch immer rentiren 
könne. Doch haben sich diese Behauptung und diese Hoff- 
nung als sehr irrig erwiesen. Die Gründung war von vorn 
herein faul, und die Geschäftsführung des Directors ihr durchaus 
ebenbürtig , so dass alle Rettungsversuche fruchtlos blieben. 
, Die Bilanz von ult. 1874 rechnete noch 42% des Actiencapitals 
als vorhanden nach, war jedoch eben so gefälscht, wie die 
früheren. Ein neuer Revisionsbericht stellte fest, dass von 



— 131 — 

jeher eine „verschleierte" Schuld des Directors Bohrend exi- 
stirte, die schliesslich fast 200,000 Thaler erreichte; dass die 
Preise der Materialien und Waaren theilweise um das Dop- 
pelte zu hoch angesetzt; dass ult. 1874 thatsächlich ein Ver- 
lust von 800,000 Thalern bestand und die Gesammtschuld nicht 
weniger denn 1,450,000 Thaler betrug!! 

Am 3. April 1875 wurde der Concurs erklärt, im Juni 
Director Behrend gefänglich eingezogen, und im December 
krankheitshalber ,, gegen hohe Caution" vorläufig entlassen. 
1876 erstand die Leipziger Credit- Anstalt, welche eine erste 
Hypothek von 400,000 Thaler auf dem Etablissement inne hatte, 
dasselbe für 210,000 Thaler. Die einst mit 190 bezahlten Actien 
sind natürlich werthlos. 

Tliüringer Eisenbahn-Material in Erfurt und Gotha. 
Gegründet October 1871 von Heinrich Moos, Eochs und Blach- 
stein in Erfurt, A. E. Blachstein in Mühlhausen in Thür., 
S. Frenkel und Raufl" & Knorr in Berlin. Actiencapital 400,000 
Thaler, von welchem die Yorhesitzer, Julius Unger in Erfurt 
und Rotheuberg in Gotha, 150,000 Thaler übernahmen. Julius 
Unger, eine , .technische Autorität", wurde als Director „ge- 
wonnen". Für das erste Geschäftsjahr entfiel eine Dividende 
von 5''/o; doch schon im September 1873 brach der Concurs 
aus, und die Actionüre verloren Alles. 

Der Concursverwalter berichtete, dass die beiden Eta- 
blissements, welche den Actionären mit 268,000 Thaler be- 
rechnetwaren, einen reellen Werth von ungefähr 80,000 Thalern 
haben; und für diesen Preis sind sie auch später an die Thü- 
ringer Eisenbahngesellschaft übergegangen. Ferner sagt der 
Bericht: die „technische Autorität", Herr Unger habe erbärm- 
lich gewaltet, Conventionalstrafen und beanstandete Fabrikate 
hätten den Verdienst absorbirt, und mit dem Material sei un- 
verantwortlich gewirthschaftet. Trotzdem scheint der Staats- 
anwalt die Attentäter nicht behelligt zu haben. 



— 132 — 

Das Gebiet der bisher entwickelten Gründungen 
gleicht einem Schlachtfelde, bedeckt mit Leichen und 
Verwundeten. Gar viele Gesellschaften sind vom 
Courszettel völlig verschwunden; gar viele, die noch 
verzeichnet stehen, haben schon lange keinen Cours 
mehr, ihr Schicksal ist in Schweigen und Dunkel 
gehüllt. Allein an den Maschinenbau-, Eisenbahn- 
bedarfs- und ähnlichen Actien hat das Publikum eine 
Einbusse erlitten, die man auf 100 — 120 Millionen 
Thaler schätzen darf. 

Eine ganze Reihe von Parlamentsmitgliedern ist 
bei jenen Gesellschaften als Gründer oder Aufsichts- 
räthe betheiligt; so: A. G. Mosle in Bremen, Consul 
G. Müller in Berlin, Stadtdirector Rasch in Hannover, 
Louis Berger in Witten, Graf Johannes Renard auf 
Gross-Strehlitz, Prinz Carl zu Hohenlohe, Geheimer 
Admiralitätsrath Theodor Jacobs und Geheimer Ober- 
Regieruugsrath Ludwig Heise in Berlin, Stadtrath 
Lüders in Görhtz, Hüttendirector Ferdinand Koch 
bei Delligsen in Braunschweig, Kammerherr Carl von 
Metzsch auf Reichenbach in Sachsen, August Walter 
in Dresden, Advocat Hermann Schreck in Pirna, 
Oberbürgermeister a, D. Phillips in Elbing. Keiner 
von ihnen hat Ursache, sich der betreifenden Ge- 
sellschaft zu rühmen, jeder möchte seine Bethei- 



— 133 — 

ligung jetzt vergessen machen, und lässt sich höchst 
ungern daran erinnern. Das Volk aber soll diese 
Namen wohl im Gedächtnisse behalten! 

Ebenso schwer wie das Publikum ist, aus Ursache 
der Gründungen, die Eisen- und Maschinenindustrie 
selber geschädigt. Sie seufzt unter einer Krisis, von 
der sogar Älinister Delbrück, der Manchestermann, 
im Reichstag zugestehen musste, dass sie noch lange 
nicht abgeschlossen ist, noch nicht einmal den Höhe- 
punkt erreicht hat. Sie krankt an dem Ueberflusse, 
den sie selber geschaffen hat, an der eigenen üeber- 
production. Sie producirte in der Schwindelperiode 
ohne Mass und Ziel, als ob der Bedarf unendlich 
wäre. Wie F. Perrot in der Dresdner „Neuen Reichs- 
zeitung" mittheilte, betrug die Eisenproduction in 
Deutschland von 1861 bis 1864 jährlich etwa 50 Pfund, 
von 1866 bis 1869 jährlicli etwa 66 Pfund pro Kopf 
der Bevölkerung; in Folge der Wiederausrüstung der 
Eisenbahnen und des Baus vieler neuer Linien stieg 
die Production 1871 auf 94 Pfund, 1872 auf 118, 
und noch 1873 auf 144 Pfund, worauf sie 1874 plötz- 
lich auf fast 100 Pfund zurücksank. Nach einer 
andern Zusammenstellung haben die Preussischen 
Eisen- und Stahlwerke noch 1874 an Ganzfabrikatcn 
(Schienen, Achsen, Räder, Platten, Bleche, Draht etc.) 



— 134 — 

25V2 Millionen Centner, 1875 — 231/2 Millionen Cent- 
ner producirt, welche Production noch immer den 
Bedarf des Inlandes weit übersteigt, und demnach 
die Preise noch weiter herabdrücken muss. Am 
meisten fürchten' unsere Eisen-Industriellen die mäch- 
tige Concurrenz Englands, und namentlich mit Bezug 
auf England, wo gleichfalls eine Ueberproduction sich 
geltend macht, verlangen sie die Beibehaltung der 
Eisenzölle. An ihrer Spitze stehen Männer, die an 
höchster Stelle Eiufluss haben, wie Krupp in Essen, 
dessen Vertreter und Compagnon, Commerzienrath 
Carl Meyer in BerUn, Vicepräsident des Vereins 
Deutscher Eisen- und Stahl-Industriellen ist. Ver- 
schiedene Abgeordnete, wie von Kardorff, Löwe- 
Calbe und neuerdings auch Herr Kammacher, wirken 
für sie im Parlament, und auch etliche Finanz- 
könige,' wie besonders Herr Gerson von Bleichröder, 
ziehen aus Ursache gewisser Gründungen (Laurahütte, 
Hibernia und Schamrock etc.) mit ihnen an einem 
Strick. Die Schutzzöllner haben aber einen prin- 
cipiellen Gegner an dem echtmanchesterlichen Finanz- 
minister Herrn Camphausen, der nach Aeusserungen der 
Zeitungen mit seinem Abgang gedroht (?) und einst- 
weilen im Ministerrathe die Oberhand behalten, auch 
den Kaiser und den Fürsten Bismarck umgestimmt 



— 135 — 

haben soll. Schon zu Gunsten des Ackerbaus, der 
mindestens die gleiche Berücksichtigung verdiene — 
so hiess es — müsse die Picgierung sich für Auf- 
hebung der Eisenzölle entscheiden. ^Yie indess schon 
erwähnt, kann diese Aufhebung weder für die lu- 
dustriellen noch für die Landwirthe eine besondere 
Bedeutung haben. 

Die Schutzzöllner behaupten jetzt, die Deutsche 
Eisenindustrie werde mit England, schon aus Grün- 
den des Bodenreichthuras, der geographischen Lage 
und der Verkehrsmittel, nie erfolgreich concurriren 
können; und dies mag mehr oder weniger zutreffen. 
Sie beklagen sich auch bitter, dass der Staat wie 
Comraunen und Private ihren Bedarf vom Auslande 
beziehen, z. B. Locomotiven aus Oesterreich, Stahl 
und Eisen, Canalisationsröhren und Strassenschilder 
aus England, landwirthschaftliche Maschinen, Strassen- 
locomobilen und Pferdebahnwaggons aus Amerika etc. 
Dagegen wenden nun aber die Consumenten mit Recht 
ein: sie thäten so nothgedrungen, weil das Deutsche 
Fabrikat ungleich theurer und schlechter sei. Die 
Landwirthe nennen z. B. die Amerikanischen Mäh- 
maschinen „abscheulich", und die Grosse Pferdeeisen- 
bahn-Gesellschaft in Berlin hat öffentlich auseinander- 
gesetzt, weshalb sie ihre Waggons aus Amerika be- 



— 136 — 

ziehe. Dieselben kommen ihr, so behauptet sie, trotz 
des Transportziischlages um 20% billiger; sie sind 
weit eleganter, bequemer und in jeder Hinsicht prak- 
tischer. Sie gewähren eine vorzügliche Ventilation, 
jedes Kind kann sie ohne Gefahr besteigen, die Brems- 
einrichtung ist musterhaft, und das verhältnissmässig 
geringe Gewicht erspart ein Bedeutendes an Pferden. 
— Jedenfalls hat die Deutsche Industrie seit der 
Schwindelperiode in der Technik keine Fortschritte, 
eher Rückschritte gemacht, an Solidität sehr empfind- 
lich verloren, und die Preise unnatürlich in die Höhe 
geschraubt. Sie büsst also in mehrfacher Hinsicht 
jetzt für ihre eigenen Sünden. 

Am härtesten aber haben unter den Folgen des 
Schwindels die Arbeiter zu leiden, und sie verdienen 
ebensoviel Mitleid wie das durch die Gründer und 
Börsianer ausgeplünderte Publikum. Wenn sie in 
der Schwindelära, während Wohnung, Lebensmittel 
und alle Waaren rasend stiegen, auch ihre Ansprüche 
steigerten, so war das nicht nur berechtigt, sondern 
nothwendig. Selbst wo sie übertriebenen Lohn for- 
derten und denselben durch Strikes durchzusetzen 
wussten, war dies keineswegs schlechthin verwerflich, 
sondern sehr entschuldbar; was sogar manchester- 
liche Blätter hinterher eingeräumt haben, z. B. die 



— 137 — 

„Vossische Zeitung" in dem schon herangezogenen 
Leitartikel vom 22. Juli 187G. Strikes sind stets nur 
ein Produkt der Zeitverhältnisse, und wenn sie gelingen, 
so sind sie auch berechtigt. Gleich nach dem „Krach" 
begannen die Führer der Socialdemokraten vom Striken 
abzumahnen; und der Strike, den die Berliner Schrift- 
setzer noch im Sommer 1876 versuchten, missglückte, 
weil er eben unzeitgemäss war. Mit der Krisis be- 
gannen auch die Lohnherabsetzungen, und die Arbei- 
ter haben im Grossen und Ganzen dieselben sich ruhig 
gefallen lassen. Frühjahr 1875 erliess Herr Achen- 
bach, der Preussische Handelsminister, dem Herr 
Camphausen der leitende Stern ist, ein Rundschreiben 
an die Oberbergämter, in welchem er die Verkür- 
zung der Lohnsätze und zugleich eine Verlängerung 
der Arbeitszeit verlangte. Ganz unnöthig war es, 
dass die „Nationalzeitung" diesen Vorgang den In- 
dustriellen zur Nachahmung empfahl; dieselben thaten 
ohnehin, was sie konnten. Höchst überflüssig war 
es, dass der jüdische „Volkswirth" H. B. Oppenheim 
noch im Februar 1876 sich in öffentlicher Versamm- 
lung also vernehmen Hess: Die Fabrikanten haben 
ihren Arbeitern zu viel bewilligt, und nun fehle ihnen 
der Muth, die Löhne auf den gebührenden Stand- 
punkt herunterzudrücken. Die Herreu sollen sicli 



— 138 — 

(loch ein Beispiel an Krupp in Essen nehpien. — 
Ihm antwortete ein Mann, der sich selber vom Arbei- 
ter zum Fabrikherrn emporgeschwungen, mit gezie- 
mender Entrüstung: Was den Arbeitern 1871 bis 
1873 gewälirt ist, hat der Fabrikant ihnen längst 
wieder kürzen müssen. Und damit dürfte es genug 
sein. Ein schlecht bezahlter Arbeiter ist der theuerste, 
weil er leistungsunfähig wird und dazu aufhört Con- 
sument zu sein. 

Hand in Hand mit der Lohnbeschneidung ging die 
Arbeitslosigkeit, und sie wächst bedrohlich. Viele 
Eisen- und Maschinenwerke sind völlig eingegangen 
oder feiern doch einstweilen; alle übrigen arbeiten 
nur mit einem Bruchtheil ihrer Leistungsfähigkeit. 
Auch bei Krupp in Essen ist das Heer der Arbeiter 
gelichtet. Jn den fünf grössten Maschinenfabriken 
Berlins ist die Zahl der beschäftigten Leute von zu- 
sammen 10,000 auf ca. 3000 zusammengeschmolzen. 
Ueberall lahmt der Betrieb, die Arbeiter werden zu 
Hunderten und Tausenden entlassen, Sorgen und 
Elend stehen auf der Tagesordnung, und bereits zeigt 
sich ein schreckliches Gespenst, der Hungertyphus! 
Da thut es doppelt noth, dass der reiche Mann 
des armen Nächsten gedenke, dass der Fabrikherr 
sich seiner Arbeiter annehme. Und einen solchen 



— 139 — 

Fall wusste die Presse neulich zu berichten. Im 

vollen Chor meldeten die Berliner Blätter: 

„Der Geheimrath Borsig hat mit Rücksicht auf die 
andauernden schlechten Zeiten Anweisung gegeben, 8000 Tonn an 
Coaks anzuliaufen und dieselben seinen Arbeitern für den 
kommenden "Winter zum Selbstkostenpreise abzugeben. Ein 
derartiges Vorgehen ist anderen Fabrikbesitzern ebenfalls zu 
empfehlen." 

Die edle That des Herrn Borsig, die ihm freilich 
keinen Heller kostete, stand in allen „liberalen" Zei- 
tungen zu lesen; aber auffälliger Weise erzählte von 
demselben Manne nur die ultramontane „Germania" 
das folgende Stückchen: 

„Ein hartes Loos ist dem 61 Jahre alten, von Taubheit 
und anderen Leiden befallenen Arbeiter H. dadurch zu Theil 
geworden, dass er vom geraden Pfade nur um ein Haar breit 
abgeAvichen. Derselbe ist bereits seit beinahe einem Viertel- 
jahrhundert in der Maschinenbauanstalt des Geheimen 
Commerzienrath Borsig beschäftigt, und will sich seine 
Leiden im Dienste desselben zugezogen haben. Am 12 Mai c. 
steckte H. eine kleine Quantität Kupfer- und Eisenfeilspähne 
zu sich, um sie zu Hause durchzusieben und zu Streusand zu 
verwenden. Bei Borsigs ist bekanntlich dem Portier das Recht 
vindicirt, jeden Arbeiter beim Verlassen der Fabrik zu visi- 
tiren, und so sind diese Eisenfeilspähne an jenem Abend bei 
H. gefunden worden. Auf den von dem Geheimen Rath Borsig 
gestellten Strafantrag wurde H., der wegen dieses Falsums s o - 
fort entlassen und seines Invalidenanspruchs verlustig 
erklärt worden ist, unter Anklage des einfachen Diebstahls 
gestellt und am Freitag von der vierten Criminaldeputatiou zu 
zwei Tagen Gefäugniss verurtheilt". 



— 140 — 

Der arme Teufel hatte sicli widerrechtlich eine 
Sache angeeignet, die vielleicht ein paar Pfennige 
werth sein mochte. Herr Albert Borsig dagegen 
gründete u. A. in Verbindung mit Jabob Lob Eltz- 
bacher, Paul Mendelssohn-Bartholdy, Adalbert Del- 
brück, Ferdinand Güterbock, Julius Alexander, Theodor 
Hertel etc., die Eisenbahnbaugesellschaft F. Plessner 
& Co., die ihr Grundcapital schliesslich auf 4^2 
Millionen Thalern brachte, deren Actien einst 180 stan- 
den und jetzt stehen, die 1875 bankerott wurde, 
bei der die Gläubiger ca. 5 Millionen Thal er und 
die Actionäre, in Folge der Courstreiberei, zusammen 
8 Millionen Thaler verloren. Herr Borsig hat als 
Gründer und Aufsichtsrath dieser Gesellschaft grosse 
Summen als Agio und Tantieme eingesteckt; er hat 
pro 1872 eine Dividende von 14^Vo vertheilt, die jetzt, 
als auf einer gefälschten Bilanz beruhend, im Wege 
des Civilprocesses angefochten wird, während der 
Staatsanwalt sein Einschreiten abgelehnt haben soll. 
Herr Borsig hat Frühjahr 1873 in offener General- 
versammlung für das laufende Jahr noch eine höhere 
Dividende verheissen, und dadurch viele Personen, 
zum Ankauf der Actien verlockt, um ihr ganzes Ver- 
mögen gebracht. 

Die Deutsche Industrie ist krank und siech. Sie 



— 141 — 

hat auf der Weltausstellung in Philadelphia ein trau- 
riges Fiasco gemacht, sie blickt mit Sorge und Angst 
in die Zukunft. Unternehmungsgeist und Vertrauen 
sind geschwunden, eine Actiengesellschaft, ein Etablisse- 
ment nach dem andern liquidirt oder fallirt, die Zei- 
tungen sind voll von Zahlungsstockungen und Banke- 
rotten. Eine Armee von Arbeitern feiert und blickt 
nach Brot umher. In erschrecklicher Weise mehren 
sich die Processe und die Executionen, mehren sich 
die Verbrechen gegen das Eigenthum und die Sitt- 
lichkeit, mehren sich die Obdachlosen, die Vagabun- 
den und die — Selbstmorde. Das ist der Triumph der 
Industrie, das Werk der Gründer und Gründergenossen ! 



Nicht genug an den zahllosen Maschinenbaugrün- 
dungen Deutschlands, mit deren Actien man den 
Markt überschwemmte, die Berliner Börse, so „inter- 
national", d. h. so vaterlandslos wie kaum eine andere, 
führte auch mit Geschick und Glück die Papiere aus- 
ländischer Gesellschaften ein, die in ihrer Heimat 
kein Unterkommen fanden und nun dem Deutschen 
Publikum angeschmiert wurden. Sobald eine Gesell- 
schaft das Actiencapital verspeist hat, und neue Actien 
zu fabriciren nicht mehr wagt, pflegt sie zur Ausgabe 
von Prioritätsobligationen oder Hypothekenschuld- 



— 142 — 

briefen zu schreiten, welche die Actien vollends ent- 
werthen, und selber eine mehr oder weniger frag- 
würdige Sicherheit bieten. Mit dem Cours der Actien 
sinkt naturgemäss auch der Cours der Prioritäten, 
weil eben jene den Werth des betreffenden Etablisse- 
ments repräsentiren, und der sinkende Cours bedeutet, 
dass das Unternehmen stockt oder krankt, Noth lei- 
det oder in Gefahr schwebt. Prioritäten von Fabriken, 
Bergwerken oder dergleichen gewähren daher nicht 
entfernt die Sicherheit wie Hypotheken städtischer oder 
ländlicher Grundstücke-, sie sind gleichfalls blosse 
Börsen- und Speculationspapiere, was aber dem Publi- 
kum wohlweislich verschwiegen wird, worüber man 
es geradezu täuscht. Solche Prioritäten ausländischer 
Gesellschaften wurden von Berliner Häusern zu Markt 
gebracht, selbstverständlich unter Versicherung der 
unbedingtesten Sicherheit, welche Versicherung die 
Zeitungen auch im redactionellen Theil wiederholten. 

Februar 1872 legt die Preussische B öden- Credit- Actien- 
Bank des Herrn Riebard Scbweder IV2 Milionen Thaler sechs- 
procentige Prioritäts-Obligationen der Enssischen Gesellschaft 
für Maschinenbau- und Hüttenwesen bei Petersburg (Ad- 
ministrationsrath : E. M. Meyer & Co.) zum Course von 94 V2 
auf. Diese Gesellschaft hat seitdem in jedem Jahre grosse 
Verluste erlitten; 1874 schloss sie mit einer Unterbilanz von 
fast 3 Millionen Piubel, und sah sich genöthigt, vriederholt die 
Hülfe der Russischen Regierung anzurufen. Sie erhielt von 



— 143 — 

derselben auch die Erlaubniss, eine neue Anleihe zu contrahiren, 
und eine Reihe grösserer Aufträge; doch wurde das Etablissement 
im Juni lfe76 ein Raub der Flammen, und damit der Betrieb 
einstweilen eingestellt. Das Grundcapital beträgt 5 Millionen 
Thaler, und notirten die Actien vor dem Brande etwa 5. Ob- 
wol die Zinsen der in Deutschland eingeführten Prioritäten 
bisher noch immer bezahlt wurden, war der Cours derselben 
doch schon von 94V-2 bis 40 Brief gesunken, d. h. sie wurden 
mit 40 ausgeboten. 

Februar 1873 emittirten die Berliner Handelsgesellschaft 
und das Bankhaus F. W. Krause & Co. 1,088,000 Thaler sechs- 
procentige Prioritäts-Obligationen der Moskauer Actiengesell- 
schaft für Liefernug von Eisciibahnbedarf zum Course 
von 80. Dem Prospect war in Betrefl' der Sicherstellung ein 
besonderes Attest des „Rechts - Consulenten der Kaiserlich 
Deutschen Botschaft in St. Petersburg" beigefügt. Januar 1876 
wurden die Zinsen dieser Prioritäten nicht mehr bezahlt. Der 
Vorbesitzer Meyer ist gestorben, das Unternehmen befindet sich 
in Concurs. Die Berliner Handelsgesellschaft schickte einen 
Rechtsanwalt nach Moskau, der die Interessen der Prioritäts- 
Gläubiger vertreten sollte, doch ist über das Resultat dieser 
Mission nichts bekannt geworden. Selbstverständlich haben 
die Prioritäten jeden Cours verloren, iudess dürfte eine Ent- 
schädigungs-Klage gegen die beiden Berliner Emissionshäuser 
nicht ohne Aussicht sein. 

Sind diese ausländischen Prioritäten faul, so giebt 
es eine inländische, die auch grosse Bedenken erregt. 
Es ist dies die „füufproeentige hypothekarische 
Anleihe der Gussstahlfahrik vou Friedrieh Krupp 
zu Esseu" im Betrage von 10 Millionen Thaler. 

Nach iMittheilungen der Börsenblätter trat im 



— 144 — 

Herbst 1871 die Versuchung, sich „gründen" zu lassen, 
gleichzeitig an den „Locomotivenkönig" Borsig, wie 
an den „Kanonenkönig" Krupp heran. Aber beide 
Herren sollen abgelehnt haben. Ob sie es aus Ehr- 
gefühl oder aus Vorsicht und Klugheit thaten, steht 
dahin. Die „Gründung" solch grossartiger Etablisse- 
ments ist für den Verkäufer, wenn er den Preis nicht 
baar und auf Einem Brett, sondern etwa zum Theil in 
Actien und in längeren Terminen erhält, nicht ohne 
Gefahr; er kann ebenso stark betrogen werden wie die 
Actionäre. Genug, der Geheime Commerzienrath Alfred 
Krupp soll die Gründungsanträge zurückgewiesen haben. 
Aber der „Grosse Krach" verfehlte auch nicht auf 
die berühmte Geschützfabrik Eindruck zu machen. 
Seine Wirkungen zeigten sich in einer Eeihe von 
Ukasen, mit welchen Herr Krupp den Lohnanforde- 
ruugen und sonstigen Reclamationen seiner Arbeiter 
entgegentrat. Dieselben lauten in der Regel etwa 
so: Ich bin aus Euern Reihen hervorgegangen, ich 
habe vor 25 Jahren gearbeitet wie Ihr; ich weiss, 
was Euch noth und gut thut, besser wie Ihr, und ich 
gewähre Euch, was Ihr braucht und was Ihr ver- 
langen dürft, in reichlichem Maasse. Darum rathe ich 
Euch freundschaftlich: raisonuirt nicht und seid hübsch 
zufrieden. Ich dulde keinen Widerspruch; wem's 



I 



— 145 — 

nicht behagt, der packe sich ! — Herr Krupp regiert 
unumschränkt, und er erlässt alle Gesetze allein. 

Aber nicht nur einem constitutionellen, auch einem 
absoluten Monarchen kann das Geld ausgehen, und 
auch Alfred Krupp gerieth Anfang 1874 in Verlegen- 
heit. Er ^Yandte sich nach Berlin, und wie ein 
Wiener officiöses Börsenorgan erzählte, hatte er eine 
Audienz beim Kaiser, dem- er ein Bild seiner bedräng- 
ten Lage entwarf. Der Kaiser soll erwiedert haben: 
er anerkenne die Verdienste Krupp's und sein Genie; 
um so mehr aber bedauere er auch, wenn ein Mann 
von solchen Fähigkeiten nicht die Grenze für die 
Ausdehnung seiner geschäftlichen Engagements zu 
finden gewusst habe. 

Am 4/5. Mai 1874 legte die „General-Direction 
der Seehandlungsso cietät", unterstützt von ihren ge- 
wöhnlichen Trabanten: Disconto-Gesellschaft, S.Bleich- 
röder undBerlinerHandelsgesellschaft,Bank für Handel 
und Industrie in Darmstadt, A. Schaafihausen'scher 
Bankverein, Sal. Oppenheim jr. & Co. und Deichmann 
& Co. in Cöln, eine Anleihe von zehn Millionen Thaler 
zum Course von 96 auf, die von 1876 bis 1883 suc- 
cessive mit 110 zurückgezahlt werden soll, und für 
welche Herr Krupp seine Etablissements, Berg- und 
Hüttenwerke verpfänd et. 

ülagau., Der BOrsenscliwiudel. II. 10 



— 146 — 

Dieser Vorgang war in Preussen nicht erhört. 
Zwar in esterreich haben Rothschild und andere 
Finanzhäuser Partial- Obligationen und Loose von 
hochadligen Grossgrundbesitzern emittirt; aber dass 
der Staat — denn die Seehandlung ist ein Staats- 
institut — die Anleihe eines Privatmannes besorgt, 
ist wol überhaupt noch in keinem Lande vorgekom- 
men. Selbstverständlich wäre die Anleihe ohne die 
Seehandlung auch nie geglückt, denn wo der Privat- 
credit versagt, pflegt das allgemeine Publikum noch 
weit zurückhaltender zu sein. 

Welchen Werth die verpfändeten Objecte eigent- 
lich haben, ist weder in dem Prospecte noch in den 
Obligationen gesagt. Unzweifelhaft werden dieselben 
durch Sachverständige vorher abgeschätzt sein, und 
die Taxe wird den Betrag der Anleihe weit über- 
ragen. Aber Pfandobjecte dieser Art sind den grössten 
Preisschwankungen unterworfen, sie sind ganz und 
gar von der Conjunctur abhängig, und die Conjunctur 
ist ihnen seit dem „Krach" höchst ungünstig. Eine 
neue Erfindung, ja eine neue Mode, und die Krupp'schen 
Gussstahlgeschütze können leicht verdrängt werden. 
Die fortschreitende Krisis, die immer grösser wer- 
dende Arbeitslosigkeit macht sich auch in den Krupp- 
schen Werkstätten geltend, und wie die Zeitungen 



— 147 — 

meldeten, sind auf den Krupp'schen Hütten bereits 
mehre Oefen ausgeblasen. Berg- und Hüttenwerke 
sind überdies allen möglichen Gefahren, Verlusten 
und Unglücksfällen ausgesetzt, und Naturereignisse 
können sie völlig zerstören. 

Mit Einem Worte, die verpfändeten Objecte bieten 
für die kolossale Anleihe von zehn Millionen Thaler 
keine besondere Sicherheit. Die Seehandlung aber 
ist, wie unter den Anleihe-Bedingungen ausdrücklich 
bemerkt, den Obligations-Inhabern „nicht verhaftet", 
diese müssen ihre Rechte gegen die Firma Friedrich 
Krupp selber geltend machen. Wenn die Prioritäten 
trotz alledem über 100 notiren, so ist dieser Cours 
wol nur der Seehandlung und den engagirten Börsen- 
mächten zu danken, und einem grösseren Angebot 
würde er schwerhch Stand halten. 



10^ 



„starker Tabak". 

Eduard Ton Hartmanu, der Actien-Philosopli, und „Volkswirtt" H. B. Oppen- 
heim , der „Wissende" — Geheimrath Oechelhänser und Minister Achenhacli 
— (4asgründungen : Dessauer Gas, Wiener Gas und Holte & Co.; Gothaer 
Wasserversorgung, Central-Heizung, Mattison & Brandt, Wasserwei'ke in 
Frankfurt a. 0., Neptun, Schäfer & Hauschner, Granger & Hyau , Globus, 
Saturn, Internationale — Papiergründungen: Berliner Papier, Berliner 
Pappen, Norddeutsche, Wolfswinkel, Kiauten, Hohenkrug, Gehr. Eubens, 
Alfeld-Gronau, Sinslehen, Rheinische, Hessische, Cröllwitzer, Muldenthal 
AVeissenhorn, Königstein, Köttewitz, Sehnitzer, Bautzener, Einsiedel, Penig, 
Lösnig, Schlema, Berliner Patent — Zuckergrnndungen : Trachenherg, Alt 
Jauer, ßostocker, Wildunger, Glauzig, Bredow, Körbisdorf, Nienburger, Schwe 
dische, Braunschweiger, Berliner, Altenburger, Seeler & Moiske, Dutalis.Köhl 
mann — Glasgründungen ; Deutsche Spiegelglas, Albertinenhütte, Charlotten 
hütte. Nieder lausitzer, Eadeberger, Westphälische, ßheinische, Penziger, Stoll' 
berger — Die Gründer in Gefahr — Leder und Gummi: Beck, Bierling, 
Thiele, Dohna, BoUe, Fonrobert & Reimann, Volpi & Schlüter, Toigt & Winde, 
Schwanitz, Kölner Gummifäden, Continental-Caoutchouc, Harburg- Wien — Die 
Berliner „Tribüne" in sittlicher Entrüstung — Der Humor der Deutschen 
Industrie — Tabaks-Gründungen: Prätorius, Brnnzlow, Union, Collenbusch, 
G. Müller, Dressler, Ritter, Ansbacher — Mangelhafte Beilage — „Höre 
Israel!" 

November 1871, als der Börsen- und Gründungs- 
schwindel in vollem Gange war, brachte die „National- 
Zeitung" die sich um denselben so grosse Verdienste 
erworben hat, ein bedeutsames Feuilleton von Eduard 
von Hartmann. Herr Hartmaiin ist der „berühmte" 
Berliner Philosoph, ein Philosoph ersten Pianges, 
denn er spricht von Kant, Hegel und sogar von 



- 149 - 

Schopenhauer, dessen Nachtreter er ist, mit souve- 
räner Geringschätzung. Sein Hauptwerk, die „Philo- 
sophie des Unbewussten" ist, wie schon der Titel 
zeigt, ein „geistreicher" Nonsens; es erklärt die Welt 
für eine faule Gründung, das Leben für ein Elend, 
dem man nicht schnell genug entfliehen könne, und 
preist als höchstes Glück die Vernichtung, die Rück- 
kehr in das „Unbewusste". Herr von Hartmann ver- 
dankt seinen Pailim einer ungemein geschickten Reclame, 
mit der sein Buch in Scene gesetzt wurde, und haupt- 
sächlich den Backfischen. Die gebildeten Töchter 
gebildeter Stände citiren die „Philosophie des Unbe- 
wussten" mit Begeisterung, und neuerdings fangen auch 
ehrsame Handwerker an, sie mit Nutzen zu studiren *), 
Herr von Hartmann ist ein verwegener Autodi- 



*) Ein Steindrucker überfiel in der Frühstückspause plötz- 
lich seinen Kameraden und erschlug ihn. Er habe dem Freunde 
nur einen Gefallen thun, ihn von der Qual des Daseins befreien 
wollen, erklärte der Unglückliche, und berief sich auf die „Philo- 
sophie des Unbewussten", die ja lehre, dass Kichtsein unend- 
lich besser sei als Sein. Dies veranlasste den „Berliner Börsen- 
Courier", dem die Börseuflaue jetzt viel Müsse lässt, zu einem 
Ausfall gegen das „Sj-stem" des Herrn von Hartmaun, und der 
grosse Philosoph rief den Staatsanwalt an, der auch merkwür- 
digerweise die Anklage erhob. Aber das Resultat war ein sehr 
dürftiges. Der Bruder des „Börsen-Courier" hielt dem Gerichts- 
hof eine grosse Pauke, und das Urtel lautete: wegen Belei- 
digung in der Form auf zehn Thaler Geldbussc! 



— 150 — 

dact; ein Ritter von der heute den Markt beherrschen- 
den Halbbildung. Er dilettirt in allen möglichen 
Künsten und Wissenschaften: er malt und componirt, 
er schreibt Tragödien und philosophische Werke, 
und er macht auch in Feuilletons. Ein solches er- 
schien von ihm damals in der „Nationalzeitung" unter 
dem Titel „Die moderne Actien-Industrie" und feierte 
die Gründungsära als den hereinbrechenden Morgen 
des goldenen Zeitalters. Herr von Hartmann Hess 
sich u. A. so vernehmen: 

„Wie in einer warmen Sommernacht nach dem Regen die 
Pilze, so schiessen die industriellen Actienunternehmungen in 
der fruchtbaren Atmosphäre des neuen Deutschen Reichs her- 
vor, theils Neugründungen, noch mehr aber Umwandlungen be- 
stehender Fabriken. — „Für den Actionär ist der reelle 
Capitalwerth eines Unternehmens absolut gleich- 
gültig; was er mit seiner Actie kaufen will, ist eine Rente. 
— „Die Rente ist nun zwar theilweise bedingt durch den Capi- 
talwerth eines Unternehmens, aber sie hängt noch von ganz 
anderen Factoren ab, welche unter Umständen den Capitalwerth 
vollständig überwiegen können. — „Es wird nicht nur der 
Werth der Mobilien und Immobilien, sondern auch der Werth 
der Firma, der gesicherten Kundschaft, der Lage des Etablisse- 
ments, mit einem Wort der erfahrungsmässig von demselben 
abgeworfene Reinertrag bezahlt. — „Ob die Nominalcapitalien 
nicht doch noch im Durchschnitt zu hoch gegriffen sind, das 
wird erst aus der Durchschnittsdividende sämmtlicher jetzt ent- 
stehender Unternehmungen nach etwa fünf Jahren mit Sicher- 
heit beurtheilt werden können. Der Ausfall dieser Ent- 
scheidung wird übrigens nur für die Privatwirth- 



— 151 — 

Schaft der Actionäre, nicht für die Yolkswirthschaft 
des Deutschen Reiches von Bedeutung sein." 

Wie man sieht, rechtfertigt Herr von Hartmann 
das Treiben der Gründer vollständig; er hält selbst 
schwindelhafte Gründungen für erlaubt, ja für berech- 
tigt, weil er meint, dass auch bei diesen der Actionär 
noch sehr gut fahren könne, und meistens gut fahren 
müsse. Die Actiengesellschaften sind ihm ein Fort- 
schritt in der Culturentwickelung und in der allge- 
meinen Wohlfahrt. Sie werden der Industrie die ihr 
bisher entzogenen Capitalien zuführen, und die Con- 
currenz in ungeahnter Weise steigern. Selbst die 
allergrössten Privatfabriken werden, um concurrenz- 
fähig zu bleiben, gegründet werden müssen, da die 
Actiengesellschaften weit sparsamer wirthschaften, 
weit wohlfeiler produciren können. Die Actienin- 
dustrie werde die Producte billiger machen, die Löhne 
steigern, die materielle Lage der arbeitenden Klassen 
"VNTsentlich verbessern. Ja, Herr von Hartmann ver- 
hofft von der Actienindustrie die Beilegung der 
socialen Kämpfe, die Befriedigung der Socialdemo- 
kraten und sagt wörtlich: 

„Auf diesem Wege liegt meines Erachtens die 
Lösung der socialen Frage: es giebt keine andere als die 
Productivassociation , es giebt keine Productivassociation ohne 
eigenes Capital, es giebt keine vernünftige Form der Productiv- 



— 152 — 

association mit Capital ausser der Form der Actiengesellschaft, 
es giebt keine andere Möglichkeit für die Arbeiter, Mitglieder 
von Productivassociatiönen zu werden, als indem sie Actionäre 
der grossen industriellen Actienunternehmungen werden." 

Dieser Artikel war denn doch selbst einem Theil 
der Leser der ^.Nationalzeitung" zu stark, und die 
Redaction sah sich genöthigt, den Actien-Philosophen 
etwas zur Ordnung rufen zu lassen. Solches geschah 
acht Tage später in dem Feuilleton „Ueber die neuen 
Formen der Arbeit und des — Müssiggangs", welches 
einen „Volkswirth" vom Fach, Herrn H. B. Oppen- 
heim, zum Verfasser hatte. 

Zunächst bricht Herr Oppenheim, wahrscheinlich 
aus Rücksicht für die von den Herren Hansemann 
und Miquel geleitete Discontogesellschaft, eine Lanze 
für die Commanditgesellschaft auf Actien, welche 
Herr von Hartmann als ein cäsarisches Institut des 
letzten Französischen Kaiserthums hingestellt hatte, 
während er die reine Actiengesellschaft eine „demo- 
kratische Gesellschaftsform" nannte. Herr Oppenheim 
bemerkt dagegen: 

Das Commanditgeschäft ist viel älteren Ursprungs und war 
namentlich in England einheimisch, „wo die Form der Actien- 
gesellschaft bis auf die neueste Zeit mit Misstrauen aufge- 
nommen wurde und möglichst eingeschränkt war. Und zwar hängt 
dies gerade mit dem constitutionellen Geist Englands zusammen, 
denn in dem Commanditgeschäft ist die persönliche Verant- 
wortlichkeit des Leiters und der activen Theilnehmer viel stärker 



153 



ausgeprägt als in der Actiengesellschaft, Diese letztere trägt 
allerdings einen gewissen modernen Charakter falscher Demo- 
kratie au sich, indem sie auf einem allgemeinen Stimmrecht 
beruht, welches im Grunde doch nur täuschender Schein ist, 
und weder von persönlicher Verantwortlichkeit getragen, noch 
durch genaue Sachkenntniss unterstützt, noch durch ein starkes 
persönliches Interesse controlirt wird." 

Sodann zeichnet Herr 'Oppenheim das Börsen- 
und Gründertreiben jener Tage in so knappen, schar- 
fen Umrissen, dass man über die Treue und Wahr- 
heit des Bildes heute geradezu erstaunen muss: 

„Es würde sich auch an der Industrie rächen, wenn ihr mit 
Einem Schlage Capitalien zugeführt, welche bis dahin zur 
Hebung der Landwiithschaft oder zur Mobilisirung des Grund- 
besitzes dienen mussten. — „Im Gegensatz zur Kreuzzeitung 
fürchten wir von dem schwindelhaften und uncontrolirbaren 
Ueberwuchern des Actiengeschäfts mehr eine Minderung und 
Bedrängung des soliden Bürgerstandes. — „Da werden zunächst 
immer neue Banken gegründet, Banken für Orte, an welchen 
naturgemäss gar kein Bankgeschäft blühen kann-, dann Wechsler- 
und Maklerbanken; dann „Emissions-" und „Repräsentations- 
banken". Von denselben Unternehmern werden jetzt neue 
Banken gegründet, welche ihren eigenen früheren Schöpfungen 
an denselben Orten Concurrenz zu machen bestimmt sind. — 
,,Jene zahlreichen Banken tragen ihren Namen nur noch zum 
Schein-, sie sind vielmehr Mittel- und Brennpunkte der ver- 
schiedenartigsten Speculationen, der Ankäufe von Grund und 
Boden, von Häusern, Strassen, Zeitungen, Fabriken, Berg- 
werken und Eisenbahnen. Aber auch diese Gegenstände werden 
von ihnen nicht fach- und berufsgemäss verwaltet, sondern wieder 
in Actienunternehmungcn verwandelt. Das ist das ganze Ge- 
heimniss der Sache. Manche Bank entsteht nur, um an der 



— 154 — 

allgemeinen Beute Theil zu nehmen; dieselben Leute gründen 
drei bis vier Banken, um drei- bis viermal bei den neuen 
Emissionen betbeiligt zu sein. An dem eigentlichen Geschäft 
haben die Potentaten der Börsenmacht weiter kein Interesse; 
ie behalten die Actien nicht länger, als bis ihr „Consortium" 
das erste bedeutende Agio aus den Taschen des leichtgläubigen 
Publikums gezogen hat. Ja, ihnenbleibtnoch die Chance, 
später gegen das Unternehmen, dessen Schwächen sie am 
besten kennen und in jedem Augenblick aufdecken können, mit 
Erfolg ä la baisse zu speculiren. Wir kennen hoch- 
geachtete Börsenmänner, welche vor Ueberschätzung 
ihrer eigenen Unternehmungen vertraulich warnen. 
— „Wir sehen heute, dass die Besitzer von Fabriken sich 
massenhaft dazu drängen, ihre Geschäfte in die Actienform um- 
zumodeln. Ihr Hauptbestreben geht dahin, eiu Consortium 
zu finden, welches das ganze Anwesen zu einer höhern Taxe 
übernimmt. Dem Consortium liegt wenig daran, den wahren 
Werth festzustellen; es hängt nur am goldenen Schein, denn 
je mehr Actien es unterbringen kann, desto grösser ist sein 
Agiogewinnst. Ist der Coup gelungen, so empfängt der Fabri- 
kant eine Summe weit über sein bisheriges Vermögen hinaus 
und behält überdies noch einen beträchtlichen Antheil in 
Actien. Während er bisher mit seinem ganzen Vermögen in 
seiner Industrie wurzelte, hat er jetzt nur noch für Ve oder Y, 
seines Vermögens Interesse daran. Mit den übrigen V? ist er 
vielleicht bei vielen anderen Unternehmungen betheiligt, welche 
ebenso entstanden sind. Es ist klar, dass bei diesem Ent- 
wickelungsprocess eine allgemeine Ueberschätzung und indi- 
recte Verschleuderung des Volksvermögens stattfindet. — „Schon 
nehmen die neuen Actien-Unternehmungen offen das 
Gepräge von Spielgesellschaften an. Sosehen wir z.B. all- 
gemeine Eisenbahnbaugesellschaften gründen (Vgl. die „Deutsche 
Eisenbahnbaugesellschaft" der Herren Hammacher-Hagen, und 
die „Deutsche Reichs- und Continental -Eisenbahnbaugesell- 



— 155 — 

Schaft" der Herren Bleichröder- v. Kardorff), deren Actionäre 
nicht einmal erfahren, für welche Linien ihre Theilnahme und 
ihr Geld verlangt werden. — „Wollten wir gar von den 
Einwirkungen einer feilen Zeitungspresse ein Bild 
entwerfen, wir würden für gallsüchtige Splitterrichter gelten, 
ohne doch im Geringsten übertrieben zu haben. Denn so 
stumpf ist schon das Gefühl der Meisten geworden, 
dass die handwerksmässige Verfälschung der öffent- 
lichen Meinung in diesen Dingen kein Aufsehen mehr 
erregt. — „Wir sind gleichfalls in Gefahr, der sittenfälschenden 
Herrschaft einer wüsten Genusssucht und eines geschmacklosen 
Luxus zu verfallen. Nachdem unsere bürgerliche Gesellschaft 
sich kaum von den herrschenden Sitten und Traditionen der 
Geburtsaristokratie befreit hat, drohen ihre Sitten von einer 
frechen Plutokratie verdorben zu werden. Hier liegt theilweise 
auch die Ursache des Mangels an Idealität auf unserer Schau- 
bühne („Maria und Magdalena" von Paul Lindau war noch nicht 
aufgeführt!) und in unserer täglichen Unterhaltungsliteratur 
(Vgl. Gregor Samarow und Sacher-Masoch)." 

In der Tliat, es ist erstaunlich, mit welcher Klar- 
heit und Schärfe der jüdische „Volkswirth'' den haupt- 
sächlich von seinen Glaubensgenossen betriebenen 
Schwindel sofort durclischaut und aufdeckt; wie er 
gleich einem Propheten des Alten Testaments alle 
Phasen und Stadien des grossen Schwindels schon 
im Voraus schildert; mit welcher Offenheit er im 
Hause des Gehängten (in der „National-Zeitung") vom 
Strick (von der Feilheit der Presse) zu reden wagt! 
Es ist dies aber derselbe Herr H. B. Oppenheim, 
welcher um dieselbe Zeit in derselben „National-Zei- 



— 156 — 

tiing" und später in der von Herrn Paul Lindau ge- 
gründeten „Gegenwart", die Professoren Adolf Wag- 
ner, Gustav Schmoller, Gustav Schönberg etc. als 
„Katheder-Socialisten" denuncirte, weil diese auf die 
Gefahren der manchesterlichen Gesetzgebung hin- 
wiesen, und für die arbeitenden Klassen, für das 
untergehende Deutsche Handwerk gegen die Bour- 
geois- und Capitalherrschaft eintraten; derselbe H. B. 
Oppenheim, welcher Herrn Adolf Wagner des „Com- 
munismus" verdächtigte, weil dieser erklärte, dass 
der Shylock'sche Wucher in Häusern und Baustellen, 
die unerträgliche Miethsprellerei in den Grossstädten 
leicht zu einer Beschränkung des Grundeigenthums, 
Seitens des Staats oder der Gemeinde, führen könne, 
also der Socialdemokratie so recht in die Hände 
arbeite; derselbe H. B. Oppenheim, der für die „Ent- 
gründung" der Pflug'schen Waggonfabrik*), für die 
Niederreissung der Werkstätten und die Ausschlach- 
tung der Terrains in Baustellen plaidirte, weil die 
Actiengesellschaft dabei mehr profitiren müsse; der- 
selbe H. B. Oppenheim, welcher nach dem „Krach" 
in der Nationalzeitung" die „Volkswirthschaftlichen 
Schriften" des Herrn Geheimrath Otto Michaelis oe- 
sprach, und mit diesem genialen Manne den „Specu- 

*) Vgl. S. 53 ff. 



— 157 — 

lationshandel" die Differenzgeschäfte und das Börsen- 
spiel vertheidigt, alle Verbote dagegen „unverstän- 
dig und zwecklos^' nennt und sein dermaliges Be- 
kenntniss dahin abgiebt: „Die Schädlichkeit schwin- 
delhafter Strömungen soll nicht geleugnet werden, 
aber wer wird ein leidendes Glied gleich amputiren 
wollen! — „Die allgemeine Verbreitung jvolkswirth- 
schaftlicher Bilduog muss dazu beitragen, dass jeder 
sich selber schütze; den nackten Betrug mögen Ge- 
setz und Gericht unnachsichtlich verfolgen. Aber 

nicht hierüber hinaus!" 

Wie man sieht, ist also doch kein besonderer 
Unterschied zwischen dem manchesterlichen „Volks- 
wirth" und dem neuesten „Philosophen". Beide wissen 
ihre Ansichten und Lehren den Zeitumständen anzu- 
passen, und beide reichen sich in ihrer Verehrung 
und Vertheidigung der Gründer- und Börsenwirth- 
schaft schliesslich die Hände. In jenem Artikel gegen 
Eduard von Hartmann eifert Herr H. B. Oppenheim 
auch nur im Allgemeinen gegen den Schwindel; er 
hütet sich wohl Beispiele anzuführen und Namen zu 
nennen, und er verabschiedet sich von dem Leser 
mit der ausdrücklichen Versicherung, dass seine Pole- 
mik nicht etwa der „für viele Fälle berechtigten Form 
des Actienunternehmens" gelte, dass er Abhülfe keines- 



— 158 — 

wegs von der Gesetzgebung oder Staatsgewalt ver- 
lange, dass hier allein „das aufgeklärte Verständniss 
und der gesunde Sinn der Bürger'^ helfen könne. 

Ohne Frage gehört Herr H. B. Oppenheim zu 
den „Wissenden"; das Wissen liegt im Blut, in der 
Race, vererbt sich auf alle Kinder des auserwählten 
Volks, auch auf diejenigen, welch« statt des Handels 
und des Wechselgeschäfts, heute die Wissenschaft 
oder die Kunst, die Poesie oder die Schriftstellerei, 
die Gesetzgebung oder den Journalismus betreiben. 
Herr Eduard von Hartmann dagegen ist wol nur der 
Menge der „Gläubigen" beizuzählen; er glaubte selber 
an den Schwindel und war von ihm geblendet, was 
ihn freilich nicht entschuldigt, dass er über Dinge 
schrieb, von denen er nichts verstand. Sein Artikel 
war für die Gründer und Börsianer unbezahlbar, 
nicht mit Gold aufzuwiegen. Ihr Treiben vertheidigte 
und pries nun auch der Philosoph, und er forderte 
seine Mitbürger, reich und arm, auf, sie möchten um 
ihres Heiles willen Alle die neuen Industrie-Actien 
kaufen, Alle, Alle Actionäre werden! 

Was Wunder, wenn die Gründer, so gefeiert als 
die Wohlthäter der Menschheit, als die Ritter von 
der Lösung der socialen Frage, noch viel toller in's 
Zeug gingen! Unterstützt von den Volkswirthen und 



— 159 — 

Parlamentariern, mit deren Namen sie ihre Piospecte 
schmückten, schufen sie tagtäglich neue „Actienunter- 
nehmungen", warfen sie sich bald auf diese, bald auf jene 
Branche, gründeten sie in systematisclier Weise: Gas-, 
Wasser- und Heizungsanlagen, Papier-, Zucker- und 
Glas-, Leder-, Gummi-, Tabaks- und chemische Fabri- 
ken, Webereien, Spinnereien und Färbereien, Bau- 
vereine und Brauereien, Berg- und Hüttenwerke und 
sehr mannigfaltige „Diverse". Auf allen diesen Ge- 
bieten war, wie die Prospecte versicherten, und wie 
die Zeitungen im redactionellen Theil bestätigten, ein 
dringendes Bedürfniss vorhanden, eine hohe Picnta- 
bilität zweifellos; und thatsächlich gestaltete sich der 
Begehr und der Verbrauch plötzlich stärker, begannen 
die Preise aller Fabrikate und Producte rapide zu 
steigen. Immer weiter schien die Nachfrage das Au- 
gebot hinter sich zurückzulassen, aber das schwin- 
dende Angebot und die wachsende Nachfrage waren 
zum Theil auch künstlicher Natur; jenes wurde in 
schlauer Speculation unterdrückt, diese mit allen Mitteln 
genährt, das Publikum zum Luxus und zur Verschwen- 
dung verführt; in welchen Punkten wieder die Grün- 
der und Gründergenossen das Aeusserste leisteten.* 
Und ebenso systematisch ging die Börse vor. In 
der einen Woche Hess sie sprungNveise die Gasactien 



— 160 — 

steigen, in der nächsten die Papieraetien, in der 
dritten die Zuckeractien, so dass jede Branche an 
die Reihe kam und für jede die Menge präparirt und 
geködert wurde. Das Publikum kauft, wie die Börse 
sehr wohl weiss, nur bei steigenden Coursen, und 
verkauft bei fallenden, während es eigentlich umge- 
kehrt thun müsste. Das Steigen des Courses, in den 
meisten Fällen blosse Börsenmache, dünkt ihm ein 
untrügliches Zeichen, dass auch der innere Werth 
der Actie sich gehoben, dass diese eine gute Dividende 
verspricht, und ein besonders solides Anlagepapier 
ist. Von den Kniffen und Piänken der Speculanten 
hat selbstverständlich das draussen stehende Publi- 
kum keine Ahnung. Wie sollte es aber jetzt nicht 
kaufen, wo es, wie man ihm täglich erzählte, an Geld- 
überfluss litt, wo das Kaufen von Industrieactien 
nicht nur ein sicheres Geschäft, sondern auch ein 
gemeinnütziges Werk war, wo es seine Einnahmen 
und sein Vermögen verbessern, und damit zugleich 
dem socialen Elend steuern konnte! Fürwahr, das 
Publikum hätte aus lauter „Wissenden'' bestehen 
müssen, hätte es den Netzen, die Gründer und Bör- 
^aner nach ihm auswarfen, den Sprenkeln, die 
Presse, „Volkswirthe" und „Philosophen" ihm stellten, 
entgehen sollen!! 



— 161 — 

Auf dem Gebiete der Gasgründungeu ist eine her- 
vorragende Persönlichkeit der „Königlich Preussische 
Geheime Commerzienrath" Herr Wilhelm Oechel- 
häuser, „Generaldirector" der Deutschen Coutiueu- 
tal-Gas-Gesellscliaft zu Dessau, welche seit 1855 
besteht, 16 Orte mit Gas versorgt und hohe Divi- 
denden abwirft. Zu dem Verwaltungsrath, hier Directo- 
rium genannt, für das alljälirlich ein Tantiemen- 
Trinkgeld von ca. 25,000 Thalern abzufallen pflegt, 
gehören u. A.: Abgeordneter Regierungsrath von Un- 
ruh, Geheime Commerzienrätlie Wilh. Conrad und 
L. Schwartzkopff, Julius Ebbinghaus, Gustav Coqui 
und Wilh. Nolte in Berlin. 1872 erhöhte die Ge- 
sellschaft ihr Capital von 3 auf 4, und 1875 auf 
5 Millionen Thaler; die jungen Actien wurden den alten 
Actionären 1872 mit 10, 1875 mit20''/o Aufschlag über- 
lassen. Neuerdings, wo sich wiederum ein Geldbedürf- 
niss herausgestellt haben soll, scheint man jedoch diese 
Agiotage nicht mehr zu wagen, sondern unterhandelt, 
wie die Zeitungen meldeten, wegen einer Anleihe. 

Herr Oechelhäuser, dessen Devise die des ster- 
benden Göthe ist: „Mehr Licht!" fungirte als Auf- 
sichtsrath der Oesterreichischen Gasbeleuchtungsge- 
sellschaft, half 1872 die Wiener Gasindustrie-Ge- 
sellscliaft (Capital 6% Millionen Thaler) gründen-, 

Glagau, Der Börsenscliwindel. II, 11 



— 162 — 

und in Gemeinschaft mit Julius Ebbinghaus, Fr. Willi. 
Heckmann, Th. Sarre, Albert Pfaff und C. E. F. Gelpcke 
in Berlin, sowie mit Julius Harck zu Leipzig — die 
Commandit-Gesellscliaft Neue Gasgesellschaft Wil- 
lieliu Nolte & Co. in ein reines Actienunternehmen 
mit l'/a Millionen Tlialer Capital verwandeln. Auch 
bei der letzteren, wiewol sie durchschnittlich nur 
5^2^,0 Dividende vertheilte, und die Actien von 110 
bis 80 gefallen sind, bezog der Aufsichtsrath ein 
Trinkgeld von ca. 5000 Thalern pro Jahr. Zum Theil 
mit denselben Herren gründete Wilhelm Oechelhäuser 
ferner die Berlin- Anhaltische Maschinenbaugesellschaft 
(S. 37), und ausserdem ist er Aufsichtsrath von 
Banken, Bergwerken, Spinnereien etc. 

Aber daran niclit genug. Der vielseitige geniale 
Mann ist in seinen Mussestunden auch noch Dichter 
und „Volkswirth". Als Dichter hat er den Shake- 
speare bearbeitet und verbessert. William Shake- 
speare geht jetzt in der Bearbeitung und Verbesse- 
rung von Wilhelm Oechelhäuser über die Bühnen, 
und namentlich Herr von Hülsen lässt ihn solcher 
Gestalt im Berliner Schauspielhause executiren. Als 
„Volkswirth" verfasste Herr Oechelhäuser eine Schrift 
„Die wirthschaftliche Krisis", in welcher er, der an 
dem Gründerthum doch auch sein bescheiden Theil 



- 163 — 

hat, dasselbe scharf verurtheilt imd für „Reformen 
der >YirthschaftlicheD Gesetzgebung" sowie „im Unter- 
richtswesen" pktidirt. Er verlangt; dass die Man- 
chesterweisheit in allen Schulen gelehrt werde und 
führt aus: „Die Volkswirthschaftslehre hat die Psy- 
chologie zur Voraussetzung. Ihre Gesetze basiren 
auf dem psychologischen Verhalten des Menschen zu 
den Fragen der Arbeit und des Genusses, und ihre 
Aufgabe ist es, dies Verhalten so von innen auszu- 
bilden und von aussen zu regeln, dass die wirthschaft- 
lichen Ziele mit den allgemeinen staatlichen und 
menschlichen Culturaufgaben harmonisch zusammen- 
fallen." — — Diese, durch solchen Phrasenschwulst 
sowie durch falsche Zahlengruppirungen sich aus- 
zeichnende Brochüre, citirte der Handelsminister Herr 
Achenbach im Preussischen Abgeordnetenhause am 
29. März 1876, als der Bericht der Specialcommission 
zur Untersuchung des Eisenbahn- Concessionswesens, 
nachdem er an drei Jahre eingesargt gewesen, wieder 
für ein paar Stunden an's Tageslicht gezogen wurde, 
und nun eine Komödie in Scene setzte, in welcher 
der grimme Gründertödter Herr Lasker eine so kläg- 
liche Rolle spielte. Herr Achenbach nannte die Schrift 
des Herrn Oechelhäuser mit lioher Anerkennung und 
verlas daraus folgende Stelle: 



— 164 — 

„Die Hauptschuld liegt nicht an den Regierungen oder 
Börsen oder an Betrügerkategorien, sondern an dem allgemeinen 
Reichthumsfieber , welches die Nation ergriffen hatte und den 
Einzelnen, die feineren moralischen Regungen ertödtend, mit 
fortriss. Es ist jetzt Mode geworden, sich als Opfer geheimen 
Betrugs hinzustellen, wo doch das Gründungswesen mit der 
Offenheit des erlaubten Geschäfts betrieben wurde, und gerade 
hierdurch so viele in seinen Strudel mit fortriss. Scienti non 
fit injuria. Mochten die Programme die ursprünglichen Kauf- 
summen verschweigen, mochte es unbekannt bleiben, ob Diese 
oder Jene sich in den Gewinn getheilt — die entscheidenden 
Thatsachen, dass imd wieviel über die früheren Normal- 
preise, über die wirklichen Werthe aufgeschlagen worden war, 
kannte Jedermann. Wusste man nicht bei allen Berliner Bau- 
geselischaften, dass ihre Objecte noch vor Monaten, noch vor 
Wochen, zu einem Drittheil, zu einem Viertheil des eingesetzten 
Preises von den früheren Besitzern erworben wurden? Wenn 
dies nicht von der Betheiligung abhielt, so war der höchste Grad 
der Verblendung vorhanden, oder der Actionär trat nur in die 
Fusstapfen der Gründer, indem er das Geschäft des Aufschla- 
gens auf den ursprünglichen Preis an der Börse fortzusetzen 
dachte. DerAgioteur ist nur der fortgesetzte und vervielfältigte 
Gründer; beide haben kein Recht sich gegenseitig anzuklagen." 

Selbstverständlich erfüllte die Verlesung dieses 
famosen Citats die Gründer und Gründergenossen im 
Parlament mit inniger Befriedigung. „Sehr wahrl" 
riefen sie gerührt, und dankten dem Handelsminister 
mit lautem „Bravo!" Herr Oechelhäuser verurtheilt, 
wie Herr H. B. Oppenheim, das Gründerthum und 
den Börsenschwindel im Allgemeinen, aber wie man 
sieht, entschuldigt er die Gründer und Börsianer im 



— 165 — 

Besonderen, entlastet er diese auf Kosten des Publi- 
kums, dem er einfach die „Hauptschuld" zuweist. Er 
hält eine Rede pro domo, wie er denn u. A. sagt: 

„Und dennoch müssen die Sünden der Einzelnen, in Zeiten 
gewaltiger Strömungen, mit milderem Maassstab gemessen werden, 
als in normalen Zeiten oder im Lichte des Rückschlags. — 
„Dass Betrug, Leichtsinn und Verführung in allen Graden und 
Nuancen thätig gewesen sind, wer wollte es leugnen? Allein 
selbst unter den Gründern, wieviel mehr noch unter den Män- 
nern, die sich, oft ganz unbetheiligt, mit ihren Namen an die 
Spitze stellten, oder stellen Hessen, ist die Zahl derjenigen, 
welche sich, bei vollständigem Mangel volkswirthschaftlicher 
und häufig auch geschäftlicher Kenntnisse, von der allgemeinen 
Signatur der Periode blenden und täuschen Hessen, welche in 
gutem Glauben an den Milliardenreichthum und an die Fort- 
dauer der gestiegenen Preise und Consumtionen handelten, und 
nichts Unehrenhaftes und Leichtsinniges zu thun glaubten, 
unendlich grösser als die Zahl der wissentlich Täuschenden. 
Das allgemeine Beispiel ist der mächtigste Verführer auf Erden, 
und nichts blendet stärker als der Erfolg." 

Herr Oechelhäuser, der selbstverständlich auch zu 
den „Wissenden" gehört, wiederholt und variirt nur 
das alte Lied der Gründer und Gründeradvocaten, 
das in dem Refrain gipfelt: Wir sind eigentlich die 
Verführten, und das Publikum ist unser Verführer! 
— Jene Phrasen und Sophismen sind so fadenschei- 
nig, dass sie keinen Unbetheiligten berücken und sich 
mit zwei Worten in ihr jämmerliches Nichts zurück- 
weisen lassen: Die Gründer machten alles Wesent- 



— 166 — 

liehe hinter den Coulissen ab und wussten ihre Ma- 
chinationen gar wohl zu verbergen. Das Publikum 
erfuhr nur, was die Prospecte und die Zeitungen ihm 
vorprahlten und vorlogen, und der Schwindel, der 
Betrug kam stets erst hinterher, im Laufe der Jahre 
an's Licht. Nicht das Publikum, sondern die Börse 
nahm zuerst die Actien auf, trieb sie in die Höhe 
und wusste sie dann durch ihre Agenten, die Ban- 
quiers, über da^ ganze Land absetzen zu lassen. Der 
„Agioteur", der „in die Fusstapfen des Gründers 
trat", der „fortgesetzte und vervielfältigte Gründer" 
war eben der „Börsianer", nicht der eingefangene 
Privatactionär, der in der Regel das Papier, das man 
ihm angeschmiert hat, noch heute besitzt. Endlich 
sind die angeblich unschuldigen Männer, die nicht 
selber Gründer waren, sondern sich von den Gründern 
nur an die Spitze stellen Hessen, die durch ihre 
Namen das Publikum heranlockten, dafür auch stets 
reichlich jbezahlt worden, indem sie eine Portion 
Actien weit unter dem eigentlichen Course erhielten, 
und als „Aufsichtsräthe" glänzende Trinkgelder be- 
zogen. (Die Genossen und Gehülfen der Gründer 
sind ebenso schuldig wie diese selber, ja noch schärfer 
zu verurtheilen, da sie mit ihrem Rufe, Ansehn und 
Einfluss für die Gründung eintraten, und erst durch 



— 167 — 

sie das Unheil möglich wurde. Uebrigens verrathen 
auch die mehrfach wiederkehrenden Namen, dass es 
nicht minder professionelle „Aufsichtsrätlie" wie pro- 
fessionelle Gründer gab; dass jene ebenso wie diese, 
um der Beute willen, die ,Sache als „Geschäft" be- 
trieben. 

Herr Oechelhäuser tadelt zwar im Allgemeinen 
aucheinwenigdieGesetzgebung und dieRegierung, aber 
im Besonderen lobt er den Finanzminister, den Prä- 
sidenten des Reichskanzleramts, den Präsidenten der 
Seehandlung, den Präsidenten der Bank etc. Er lobt 
und rühmt Alles, was in hoher einflussreicher Stellung, 
was reich und mächtig ist; er vertheidigt auch wieder 
die Börse und die Banquiers, und weiss deren „volks- 
wirthschaftliche Bedeutung" in das hellste Licht zu 
stellen-, dagegen lässt er seiner Entrüstung vollen 
Lauf gegen Diejenigen, welche es gewagt haben den 
Gründern und Gründergenossen persönlich zu Leibe 
zu gehen, und er sucht sie als verunglückte Specu- 
lanten hinzustellen. Auch der angeklagten Presse 
nimmt er sich warm an und versichert: sie trage „in 
der That einen kleineren Theil der Schuld, als man 
ihr vielfach aufzubürden pflegt"; „der positive oder 
negative Einfluss der eigentlichen Börsenblätter" sei 
nur gering, bei vielen der grossen politischen Zei- 



— 168 — 

tungen sei zwar „eine Rücksicht der ßedaction auf 
den Inseratentheil unverkennbar", „es hätte, so lange 
es Zeit war, eindringlicher und specieller gewarnt 
werden müssen", allein von einer Corruption, wie in 
Oesterreich, „sei kaum noch die Spur zu uns gedrungen", 
und „als Gegengewicht gegen manche Versäumniss 
und Schuld" habe die Presse „mehr Nüchternheit 
und Voraussicht bewahrt, als das in den Strudel hin- 
eingerissene Publikum". — Herr Oechelhäuser hütet 
sich wohl, es mit der Presse zu verderben, denn er 
bedarf ihrer als Schriftsteller und als Geschäftsmann, 
und er feiert speciell dasjenige Blatt, das gleich 
grossen Einfluss in literarischen Dingen wie in Bör- 
senangelegenheiten übt, indem er in einer Fussnote 
bemerkt: 

„So haben wir z. B. die Wochenberichte der „National- 
Zeitung" über die Börsenbewegungen und die wirthschaft- 
lichen Zustände Deutschlands, als Muster der Unparteilichkeit, 
klarer Auffassung und vollständiger, wissenschaftlicher und 
technischer Beherrschnng des Gegenstandes, durch die ganze 
Krise verfolgt." 

Selbstverständlicli nahm der Börsenredacteur der 
„Nationalzeitung" Herr Julius Schweitzer, nun Ver- 
anlassung, in einem jener famosen Wochenberichte 
die Schrift desHerrn Oechelhäuser bestens zu empfehlen; 
denn eine Liebe ist der andern werth, und eine Hand 



— 169 — 

wäscht die andere. Herr Wilhelm Oechelhäuser und 
Herr Julius Schweitzer sind übrigens alte Bekannte 
und gute Nachbarn: sie sitzen (oder sassen doch) 
neben einander im Aufsichtsrathe der Anhalt-Dessaui- 
schen Landeskank, und haben für ihre Mühewaltung 
hier hübsche Trinkgelder bezogen. 

Wenn die Gründer und Gründergenossen heute 
Alles aufbieten, um sich weiss zu brennen, so ist das 
zu begreifen; aber fast unbegreiflich ist es, dass diese 
Leute, anstatt sich etwas in Vergessenheit zu bringen, 
sich immer wieder an die Oeffentlichkeit und in den 
Vordergrund drängen, dass sie, nachdem sie so un- 
geheueren Frevel verübt, und so namenloses Elend 
angerichtet, es dessenungeachtet wagen sich als Kri- 
tiker und Moralisten aufzuwerfen, das von ihnen aus- 
geplünderte Publikum als Sündenbock zu bezeichnen 
und es noch zu schmähen und zu höhnen. Dergleichen 
dürfte auch nur in Deutschland möglich sein! 

Am 29. März 1876 hatte der Handelsminister 
Herr Achenbach seinen guten Tag. Neben der Schrift 
des Herrn Oechelhäuser citirte er auch noch den 
Bericht des volkswirthschaftliches Ausschusses des 
Oesterreichischen Abgeordnetenhauses, um auf Grund 
desselben mit Herrn Oechelhäuser zu behaupten: das 
Gründungsunwesen sei in Oesterreicli weit ärger ge- 



— 170 — 

wesen; die Vorgänge, welche sich dort ereignet, seien 
„geradezu pyramidal gegenüber demjenigen, was bei 
uns versucht worden ist". Wie bereits früher nach- 
gewiesen*), ist dies total unrichtig. Der Herr Han- 
delsminister zeigte sich in einem doppelten Irrthum 
befangen. Er übersah, dass in Oesterreich-Ungarn 
von 1867 bis 1873 zwar 1005 Actiengesellschaften 
Seitens der Staatsregierung concessionirt wurden, 
von denselben aber nur 682 wirklich in's Leben traten; 
und er wusste nicht, dass dagegen in Deutschland 
von 1870 bis 1873, also während eines nur halb so 
grossen Zeitraums, thatsächlich an 1 300 Gesellschaften 
entstanden sind. Der Herr Handelsminister hatte 
sich offenbar durch die systematisch falschen Angaben 
der „Volkswirthe" täuschen lassen, und er schloss 
seine Rede mit den Worten: „Ich wünsche auf dem 
Gebiete der wirthschaftlichen Gesetzgebung keine 
Reaction" — was ihm wieder den herzlichen Beifall 
der im Parlament so zahlreich vertretenen „Volks- 
wirthe" eintrug, denn diese verstehen unter „Reaction" 
schon die leiseste Zügelung der Actienfreiheit. 

An die oben erwähnten Gründungen des Herrn 
Oechelhäuser schliessen sich folgende Gesellschaften 

*) Vgl. S. 11. 



— 171 — 

für Gas-; Wasser- und Heizungsanlagen, welche sich, mit 
Ausnahme der ersten, sämmtlich in Berlin befinden: 

Wasserversor^ungr in Gotha. Gegründet Juli 1871 von 
Isidor Richter (Richter & Co.) in Berlin und Geh. Comraer- 
zienrath Moritz Simon (J. Simon Wittwe & Söhne) in Königs- 
berg i. Pr. Grundcapial 300,000 Thaler. Der Prospect stellte 
10" /o Dividende in Aussicht, doch waren die Actien nur schwer 
unterzubringen, und thatsächlich M^urden von 1873 bis 1875 — 
2, 3 und resp. 3\/.2*^/o vertheilt. Aufsichtsräthe u. A.: Finanz- 
räthe Hopf und Kühn in Gotha. Cours ca. 80. 

Central-Heizuiigs- , Wasser- und Gasaulagen, vormals 
Seh äff er & Walcker. Gegründet Juni 1871 von Isidor 
Mamroth, Hermann Bein, Ferd. Meyer und dem Abgeordneten, 
Geheimen Admiralitätsrath Jacobs. Die Leitung behielt zunächst 
der Vorbesitzer, Berthold Schäffer. Actiencapital 750,000 Thlr. 
April 1873 wurden noch 250,000 Thaler junge Actien zum 
Course von 120 ausgegeben, aber nur 175,400 Thaler genommen, 
so dass das Grundcapital zusammen 925,400 Thaler beträgt. 
Aufsichtsräthe: Benno Beer, Otto Oechelhäuser, Geh. Regie- 
rungsrath Dr. Esse, Wilh. Nolte etc. Dividenden von 1871 
bis 1875: 19V4, 19, 12V2, 12V2 und resp. 90/0. Cours einst 
160, jetzt ca, 90. 

Contiuental-Gesellschaft für Wasser- und Gasanlagen, 
früher Mattison & Brandt. Gegründet 29. November 1871 
von Wilhelm Koch, Adolf Steiu, Franz Honckel, Ingenieur 
Johannes Büsing, „VolksAvirth" Dr. Ed. Wiss, Oberi^tlieuteDant 
Wilh. von der Horst und Stadtverordneten Ferd. Krebs in 
Berlin, Baron Peter von Gerschau in Meiningen. Aufsichts- 
räthe u. A. : Oberbaurath Moore, Moritz Goldsteiu, Regieruugs- 
rath a. D. Wilh. Jungermann. Als Director fungirte zuerst 
der Vorbesitzer, Carl Adolf Brandt. Der Prospect betonte, 
dass die Gründung auf alleinige Kosten des Herrn Brandt ge- 
schehe, durch die Vercinsbank Quistorp & Co. „agenturweise" 



— 172 — 

besorgt werde, und dass die ständigen Taxatoren dieser Bank : 
Bauinspector Vogler, „Generaldirector" Julius Müller und Bau- 
meister F. Uterwedde das Geschäft reinlich und zweifelsohne 
befunden hätten. Auf je 4 Actien der Vereinsbank, welche 
damals etwa 130 notirte, entfiel Ein SOprocentiger Interimsschein 
der Brandt'schen Gründung, so dass die neuen Actien that- 
sächlich 148% kosteten. Iii solch raffinirter Weise betrieb 
Heinrich Quistorp die Agiotage, wusste er bei jeder neuen 
Gründung auch zugleich die Actien seiner Vereinsbank zu 
treiben. 146,000 Thaler, fast die Hälfte des Actiencapitals 
hatte sich Herr Brandt vorbehalten, der also von vornherein 
einen guten Schnitt machte. Vier Wochen nach der Gründung 
wurde bereits eine Dividende ausgeworfen, und für das erste 
Geschäftsjahr von drei Monaten (!) 16%, d. h. in Wirklichkeit 
4% gezahlt, wovon aber wieder die Zinsen abzurechneu, welche 
die Actiouäre für etwa zwei Monate rückwärts entrichten 
mussten. 1872 ergab 25% Dividende; daraufhin stiegen die 
Actien bis etwa 210, und der Aufsichtsrath beschloss auf eigene 
Hand, wozu ihn das Statut ermächtigte, das Grundcapital von 
300,000 auf 600,000 Thaler zu erhöhen. Diesmal gewährte 
Herr Quistorp auf je zwei Actien seiner Vereinsbank, welche 
nun gleichfalls über 200 stand. Eine junge Actio Brandt 
ä 140%, was thatsächlich einem Course von 180 entsprach. 
Die eine Hälfte der jungen Actien erhielten die Actionäre, die 
andere Hälfte übernahm Quistorp selber zum Course von 176'/3, 
bezahlte sie aber nicht baar, sondern schrieb sie der Gesell- 
schaft in seinen Büchern nur gut. Mit den Dividenden war 
es seitdem vorbei, was zum Theil der Sturz der Vereinsbank, 
zum grossen Theil aber die eigene grobe Misswirthschaft ver- 
schuldete. Frühjahr 1874 schied der Vorbesitzer als Director 
aus, und blieb der Gesellschaft über 100,000 Thaler schuldig, 
weswegen der Aufsichtsrath ihn der Staatsanwaltschaft denun- 
cirte. Nach Art der Gründer erklärte Herr Brandt öffentlich 
diese Beschuldigung für „infame Verleumdung" und drohte 



— 173 — 

mit gerichtlichen Strafanträgen. ludess scheint er diese unter- 
lassen zu haben, wol aber schwebt gegen ihn seit längerer 
Zeit die Untersuchung. Der zweite Director, Carl Rüster, 
verschiedener Wechselfälschungen angeklagt, die er im Inter- 
esse der Gesellschaft begangen haben soll, vergiftete sich im 
Polizeibureau, und fand sich in der Tasche seines Rocks noch 
ein geladener sechsläufiger Revolver, 1875 schloss mit einer 
Unterbilanz von fast 400,000 Thaler, und es drohte der Con- 
curs. Doch hat man diesen einstweilen noch abgewandt, das 
Grundcapital durch Meucheln der Actien von 600,000 auf 
125,000 Thaler gekürzt und die Aufnahme einer Anleihe von 
150,000 Thaler beschlossen! — Die Actien, welche einst 210 
standen, haben fast jeden Cours verloren. 

Zu den Trümmern dieser Gesellschaft gehören u. A. die 
Wasserwerke in Fraukfurt au der Oder, welche mit 350,000 
Thaler, die Bauzinsen ungerechnet, zu Buch standen, der Stadt 
Frankfurt angeblich für 250,000 Thaler angeboten wurden, und 
schliesslich an ein Consortium noch billiger übergingen. Aus 
diesem Trümmerstück wurde nun Januar 1876 eine neue Grün- 
dung construirt, und hatten den Prospect unterzeichnet: Com- 
merzienrath J. M. Mende in Frankfurt a. 0., Regierungsrath 
a. D. W. Jungermann, Stadverordneter Ferd. Krebs, Banquier 
Reinhold Rudlofl'-Grübs etc. Die Katze lässt nun einmal das 
Mausen nicht! Doch scheint der kühne Versuch im Publikum 
wenig Anklang gefunden zu haben, und selbst die Börsenzei- 
tungen befürworteten ihn nur kühl. 

Continental-Wasserwcrk Neptun, früher Eisner und 
Stumpf Gegründet November 1871 von Joseph Jaques, Her- 
mann Leubuscher, Eduard Mamroth, Magnus Hermann, Di- 
rector E. Kaselowsky und dem Abgeordneten und „Volkswirth", 
Justizrath Dr. Carl Braun. Als erste Aufsichtsräthe sind ausser- 
dem im Prospect genannt: Wilh. Borchert jun., Abgeordneter, 
Geh. Oberregierungsrath und Director dos statistischen Bureaus 
Dr. Engel. Der Yorbcsitzer Gottfried Stumpf wurde Director. 



— 174 — 

Grundcapital schliesslich 1,100,000 Thaler-, dazu 180,000 Thlr. 
Hypotheken und 187,000 Thaler Prioritäten. Die I. Emission 
betrug 550,000 Thaler, und Kovember 1872 wurden von Lam- 
brecht & Lange, Beer & Herzberg, Hugo Mamroth, Julius 
Pickardt, Siegheim & Simon 550,000 Thlr. junge Actien gezeichnet, 
welche man in der Weise emittirte, dass auf 2 alte, die etwa 
120 notirten. Eine junge zum Course von 105 bezogen werden 
konnte. Schon im Mai 1873 war das ganze Actiencapital ver- 
braucht, und seitdem ringt die Gesellschaft mit dem Tode. 
Eine 1874 erwählte Pievisionscommission beschuldigte den Di- 
rector Stumpf wilder Unternehmungslust und grober Leicht- 
fertigkeit; sie stellte fest, dass die Bücher höchst liederlich 
geführt und dass namentlich die Bilanz pro 1872 gefälscht; 
dass die für das erste Geschäftsjahr gezahlte Dividende von 
13V2% nicht verdient, sondern künstlich gemacht sei, und dass 
daher auch die Herreu Aufsichtsräthe die Tantieme von 10,000 
Thalern mit Unrecht eingesteckt hätten. Stumpf trat zurück 
und an seine Stelle Robert Herbig, der Gründer der traurigen 
„Residenz-Baubank'', 1873 schloss mit 302,000, 1874 mit 
478,000, 1875 mit 900,000 Thaler Verlust; und es bleibt frag- 
lich, ob die einst mit 120 notirten Actien noch den geringsten 
Werth haben. Der Staatsanwalt scheint nicht eingeschritten 
zu sein. 

Gas- und WasseraiiLagen, Gaskroneu und Zinkindu- 
strie, vormals Schäfer & Hauschner. Gegründet August 
1872 von Ferd. Meyer (Oppenheim & Co.), Carl Kiesel (Bein 
und Co.), Buchhändler Dr. Julius Friedländer und Adolf Salomon. 
Vorstand: Benno Hauschner und Ludwig Goldstücker. Actien- 
capital 500,000 Thaler und 125,000 Thaler Hypotheken. Die 
Gründung war von vornherein, als unbescheiden Iheuer, ver- 
dächtig. Das erste Geschäftsjahr von 5 Monaten ergab eine 
künstliche Dividende von 8*^/0, später 0. 1875 liquidirte man. 
Der Director und Vorbesitzer, Benno Hauschner, erhob plötz- 
lich Ansprüche gegen die Gesellschaft, und man überliess ihm 



— 175 — 

das entgründete Object für etwa 140/0 des Actiencapitais, die 
aber erst nach Jahr und Tag fällig werden. 

Wasserheizuug- und Wasserleitung", sonst Thomas 
Granger und Paul Hyau. Gegründet September 1872 von 
der Wechselstuben -Actieugesell?chaft, die inzwischen auch li- 
quidirt hat, von Hermann Baschwitz, Eduard Abel, Julius 
Grelling, Adolf Sobernheim, Paul Kahle, Fritz Kind ermann und 
Dr. juris Gustav Girau. Die Vorbesitzer behielten die Leitung 
und übernahmen von dem Actiencapital mit 500,000 Thaler 
ein Fünftel. Zu einer Dividende kam es nicht; 1874 schloss 
mit 342,000 Thaler Verlust, worauf man zwei Drittel der Actien 
meuchelte, und der Abschluss von 1875 erwies eine Hypo- 
thekenlast von 240,000 Thaler. Da der Cours jetzt etwa 9 
ist, haben die ui-sprünglichen Actien einen Werth von S^/o. 
Der Staatsanwalt hat recherchirt, und scheint die Untersuchung 
zu schweben. 

(ias- uud Wasserleitung' uud Ceutralheizuug Globus, 
vormals J. J. Ho 11 erb ach und F. "W. Toeppe. Vorgekauft 
von Abraham Henoch, und gegründet September 1872 von 
Jacques Goppel, Isidor Itzig und Nachmanu Hirsch Neumauu. 
Actiencapital 300.000 Thaler uud 100,000 Thaler Hypotheken. 
Der Vorbesitzer Toeppe wurde Director, uud Kechtsanwalt 
Ludwig Meyn, vor dem das Statut verlautbart, Vorsitzender 
des Aufsichtsraths. Im Prospect ist der Erwerbspreis auf 
300,000 Thaler angegeben, doch machte der Vorbesitzer Holler- 
bach öffentlich bekannt, dass Abraham Henoch im Ganzen nur 
152,500 Thaler, also etwa die Hälfte gezahlt. Die Gründer ver- 
mochten diese Behauptung nicht zu widerlegen, sie antworteten 
nur, Hollerbach habe sein Schweigen von der Zahliuig mehrerer 
tausend Thaler abhängig gemacht. Trotzdem legte die Allgemeine 
Depositenbank die Actien zum Course von 102 auf, uud sie wurden 
getrieben bis 133. — „Für das laufende Jahr sind 10" o Dividende 
gesichert", verkündete der Prospect, und 'dies bewahrheitete sich 
ziemlich, insofern für das erste Geschäftsjahr von 4 Monaten (I) 



— 176 — 

g'^/o, also thatsächlich S^/o entfielen. 1873 gab es 2%, 1874 
— 2V2% und für den Aufsichtsrath 1000 Thaler Tantieme (!), 
1875 — 0. Cours etwa noch 10. Von einer strafgericht- 
lichen Untersuchung ist nichts zu hören gewesen. 

Wasser- und Grasleituugsbedarf Saturn, früher L. Rode r 
und Co. Gegründet 15. März 1873 von Jacques Goppel, Isidor 
Itzig, Nachmann Hirsch Neumann, Abraham Henoch, Carl 
Mohr, Buchhändler Franz Grunert und Dr. Heinrich Ebeling, 
Börsen -Redacteur der „Vossischen Zeitung". Als Aufsichts- 
räthe hatten den Prospect unterzeichnet: Fabrikant Friese, 
Director Leopold Günther und Rechtsanwalt Ludwig Meyn, der 
auch hier das Statut aufgenommen. Actiencapital 350,000 Thir. 
und 63,000 Thaler Hypotheken. Das erste Geschäftsjahr warf 
5<'/o Dividende und für den Aufsichtsrath über 3000 Thaler 
Tantieme aus. 1874 erhielten die Actionäre IVo^, und 1876 
wurde die Liquidation beschlossen. Ohne Cours. 

Internationale Gasgesellschaft. Schon nach dem „Krach", 
im Juli 1873 gegründet, von Commerzienrath Anton Schlittgen, 
Emil Barschall in Liegnitz, Ingenieur Dr. Hugo Sackur und 
Ingenieur Rudolf Adam Otto Schulz. Actiencapital 200,000 Thlr. 
1875 geriethen Schulz und Sackur in Concurs, die Gesellschaft 
selber scheint noch zu existiren. 

Von diesen 9 Gesellschaften sind nur die ersten 
beiden: Gothaer Wasserversorgung und Central-llei- 
zung, erträglich und lebensfähig; alle übrigen erwecken 
Verdacht und Grauen, befinden sich bereits in der 
Auflösung oder vegetiren nur noch. Besonders be- 
rüchtigt ist Neptun, die Schöpfung der parlamenta- 
rischen „Volkswirthe" Dr. Braun und Dr. Engel, welche 
den unglücklichen Actionären gegen 1,300,000 Thaler 
kostet. Mattison & Brandt, Schäfer & Hauschner, 



— 177 - 

Granger & Hyan, sowie Globus , wenngleich nicht 
minder bösartig, haben sich mit einem Actiencapital 
von 600,000 bis 300,000 Thal er begnügt. Saturn und 
Internationale Gasgesellschaft sind verspätete Grün- 
dungen und ihre Geschichte dunkel; was namentlich 
von der letzteren gilt, über die nur selten etwas ver- 
lautete. Die ganze Branche ist, wiegen der grossen 
Verluste, die das Publikum erlitten, anrüchig. 



Im December 1871 traten in Dresden eine An- 
zahl von Papierfabrikanten zusammen und Hessen 
durch die Zeitungen folgenden Beschluss verbreiten : 

„la Folge der fortwährenden Steigerung aller Materialien 
ist es als eine Nothwendigkeit zu bezeichnen, bis auf Weiteres 
einen Preiszuschlag gegen die Papierpreise im Frühjahr nach 
Höhe von mindestens 12 Procent eintreten zu lassen. Die durch- 
schnittliche Berechnung ergiebt zwar einen Mehraufwand von 
I6-/3 Procent bei der Fabrikation, dennoch begnügte man sich 
mit der Erhöhung von 12 Procent, weil mau eine baldige Er- 
mässigung mancher Materialpreise und namentlich der Kohlen 
erwarten zu können glaubte". 

Mit den Gründungen begann auch die Erhöhung der 
Papierpreise. Papier und Lumpen stiegen sehr im 
Preise, weil der Consum sich plötzlich verdoppelte 
und verdreifachte. Die zahllosen Gründungen ver- 
schlangen viele tausend Ballen schönes Papier, welches 
mit lauter faulen Actien bedruckt wurde. Die Zei- 

Glagau, Der Börsonschwindel. II. 12 



- 178 — 

tungen vergrösserten ihr Format und ihren Umfang, 
brachten täglich etliche Bogen, ausschliesslich bedeckt 
mit redaction eilen Börsennotizen, ellenlangen Cours- 
zetteln, grossmächtigen Prospecten und Reclamen und 
sonstigen Inseraten über lauter Gründungen und 
Emissionen. Es entstand eine Menge neuer Zeitungen, 
vornehmlich Börsenblätter, von denen die meisten 
inzwischen wieder eingegangen sind. Dazu Brochüren 
und Denkschriften über neue Unternehmungen, die 
Geschäftsberichte der neuen Gesellschaften, von jeder 
in vielen tausend Exemplaren ausgestreut, eine Un- 
masse von neuen Geschäfts- und Handlungsbüchern, 
und eine lawinenartig anwachsende Correspondenz 
zwischen Börse, Banquiers und Publikum! Genug, 
der Papierverbrauch war augenscheinlich ein unge- 
heuerer, und darum geschahen auch so viele Papier- 
gründungen, die sich allerdings wieder meist auf die 
Umwandlung schon bestehender Fabriken beschränk- 
ten. Wir verzeichnen folgende: 

Berliner Papierfabrik. Gegründet Juli 1S71 von Emil 
Heymann, Meyer Cohn, Abraham Hamburger, Hermann Lask, 
Emil Holländer und Albert Hofmann, Eigenthümer des „Klad- 
deradatsch" in Berlin, Moritz Cohn und Gebrüder Guttentag 
in Breslau, Meyer Samuel Meyer in Magdeburg. Die Gründer 
Jiauften an die Papierfabrik von Fr. Hendler in Alt-Friedland 
{Waidenburg i. Schi.) und die Papierhandlung von Leopold 
Ullstein in Berlin, der sich als Stadtverordneter wie als Gründer 



- 179 — 

hervorgethan hat. Herr Ullstein lieferte, wie der Prospect 
hervorhob, das Papier u. A. für den „Kladderadatsch" und 
für die Berliner „Yolkszeitimg", und wurde deswegen das 
„Geschäft", d. h. die Firma, den Actionären mit 50,000 Thaler 
berechnet! Actiencapital 550,000 Thaler und 50,000 Thaler 
Hypotheken. Die Leitung übernahmen Lask und Ullstein, und 
als Aufsichtsrath fungirte u. A. : Justizrath Primker, von dem 
das Statut verlautbart war. Für das erste Geschäftsjahr von 
6 Monaten wurden 9%/% Dividende vertheilt. Die Gesellschaft 
machte bekannt, dass sie „Actienpapier in reinstem Hanf- 
stoff" anfertige, welches einen so enormen Absatz finde, dass 
sogar Bestellungen aus Amerika einliefen. 1872 erhielten die 
Actionäre TV.,, 1873 — G^'o, und später 0. Es wurde eben 
kein „Actienpapier" mehr verlangt, und damit sank auch der 

Cours der eigenen Actien, die einst über 100 notirten, bis ? 

Die Bilanz von ult. 1875 erwies ausser den Hypotheken noch ca. 
360,000 Thlr. andere Schulden, zusammen über 400,000 Thaler 
Passiva, und soviel dürfte der ganze Krempel überhaupt nicht 
werth sein. Arme Actionäre! 

Berliner Pappenfabrik, früher Ferd. Biermann und 
L. Wiganckow. Gegründet März 1872 von Moritz Eduard 
Meyer, Gustav Thölde, August Aders, Hugo Scbalhorn und 
Franz Wiganckow jun. Die beiden Letzteren übernahmen die 
Direction. Actiencapital 900,000 Thaler und 250,000 Thaler 
Hypotheken. Vorsitzender des Aufsichtsraths : Rechtsanwalt 
Hecker, welcher das Statut aufgenommen hatte. An Dividende 
hat die Centralbauk für Genossenschaften auf 5 Jahre min- 
destens 6% garantirt, und wurden bisher gezahlt: 13, II-/3, 
G',;; und resp. G%; während Aufsichtsrath und Direction sich 
an Tantiemen 13,000, 10,000, 6000 und resp. 4800 Thaler be- 
rechneten. Die letzte Dividende war schon nicht mehr ver- 
dient, sondern erforderte. Seitens der Vorbesitzer, einen Zuschuss 
von ca. 7,500 Thalern, weshalb man jetzt an das Meucheln der 
Actien denkt. Der Cours, einst 120, ist etwa noch 60. 

12* 



180 



^Norddeutsche Papierfabrik. Gegründet Juni 1871 von 
Adolf Abel (S. Abel jr.) und Eugen Dzondi (Robert Thode & Co.) 
in Berlin, welche die Fabrik von Bernhard Behrend und dessen 
Söhnen, Moritz und Georg Behrend in Cöslin ankauften. Als 
„erste Aufsichtsräthe" traten in der constituirenden Generalver- 
sammlung noch auf: Alexander von Loeben, K. A. Seelig und 
Hermann Leubuscher in Berlin, Wilhelm Wolff in Cöslin. 
Von dem Actiencapital mit 500,000 Thaler übernahmen die 
Vorbesitzer 200,000 Thaler, und Moritz und Georg Behrend 
behielten die Leitung. In dem Prospect heisst es: „Was den 
Holzstoff anbelangt, so besitzen die bisherigen Geschäftsinhaber 
in dem nahe gelegenen, dem Fürsten Bismarck gehörigen Varzin 
eine Fabrik, und sie haben sich verj^flichtet, der Actiengesell- 
schaft den nöthigen Bedarf bis 4000 Centner zu 3 Thaler auf 
10 Jahre zu liefern, -während der Ceutner sonst 4'/;: Thaler 
kostet. Auch dies kommt der Gesellschaft zu gute." — Nicht 
ohne eine gewisse Berechtigung nannte sich diese Gründung 
„Norddeutsche Papierfabrik", denn sie liefert, wie der Pro- 
spect ebenfalls betonte, das Telegraphenpapier für Norddeutsch- 
land. Sie lieferte auch für die Deutsche Reichspost die Post- 
karten, und man wird sich entsinnen, wie diese 1872 so rauh 
und so holzig wurden, dass man nur mit Mühe darauf schreiben 
konnte. Die Varziner Holzstoff- Fabrik hatte es eben zu gut 
gemeint. Vorsitzender des Aufsichtsraths: Commerzienrath Jo- 
hannes Quistorp in Stettin. An Dividenden wurden für 1871 
bis 1874 vertheilt: 8Vio, 8, und resp. 4%. Für 1875 verhiess 
man ein weit günstigeres Resultat, indess schloss die Bilanz 
mit ca. 50,000 Thaler Verlust, und Juli 1876 brach der Con- 
curs herein. Weil das Preussische Abgeordnetenhaus die Ge- 
nehmigung zum Ankauf der Berlin-Dresdener Bahn versagte, 
fiel S. Abel jr., welcher von den Actien dieser Bahn einen zu 
grossen Vorrath besass, und weil S. Abel jr. stürzte, niusste 
angeblich auch die Norddeutsche Papierfabrik umfallen. That- 
sächlich siechte diese aber von jeher an den Folgen der bös- 



- 181 - 

artigen Gründung, und sie war schon lange tief verschuldet. 
Die Hauptgläubiger der Gesellschaft sind, was man nicht über- 
sehen darf, die Vorbesitzer und die Gründer, welche, indem 
sie nun auch noch das Letzte nehmen, selbstverständlich für 
die Actionäre nichts übrig lassen. Mit der Concursanmeldung 
hörte der Betrieb auf; wie es aber heisst, wird jetzt Fürst 
Bismarck auf seinen Besitzungen in Varzin eine eigene Papier- 
fabrik anlegen. 

Papierfabrik, früher Carl Marggraf in Wolfswinkel 
bei Neustadt-Eberswalde. März 1872 von Heinrich Quistorp 
„commissionsweise" gegründet. Actiencapital 350,000 Thaler. 
Auf je 5 Actien der Vereinsbank, welche damals 180 standen, 
gewährte Quistorp grossmüthig Eine Actie Wolfswiukel, die 
also thatsächlich 150 kostete. Die Leitung behielt der Vor- 
besitzer, und als erste Aufsichtsräthe wurden im Prospect ge- 
nannt: Stadtrath Holtz in Charlottenburg, Apothekenbesitzer 
H. Augustin, Commerzienrath E. Schering, Banquier Adolf 
Euss und Stadtverordneter Arnold Marggraf in Berlin, Carl 
Wrede in Stettin. 

Die erste und einzige Dividende war 8%; 1875 brach die 
Gesellschaft unter einer Schuldenlast von ca. 800,000 Thaler 
zusammen. Herr Carl Marggraf, der Vorbesitzer, nachherige 
Director und spätere Liquidator, welcher für das Etablisse- 
ment ."75,000 Thaler erhalten hatte, kaufte es zurück für 
137,000 Thaler, womit er noch nicht einmal die für ihn ein- 
getragene Hypothek deckte. 

Holzstoff- imd Papier-Fabrik Kiautcii in üstpreussen. 
Gegründet 1872 mit 200,000 Thlr. Grundcapital und 80,000 Thlr. 
H3-potheken. Aufsichtsrath: Adolf Samter, A. Simon, Friod- 
länder, Grat und Rechtsanwalt Hoflmann in Königsberg i. Pr. 
An der Berliner Börse eingeführt zum Course von 101. Das 
erste Geschäftsjahr von G Monaten ergab 3Vo*'^o. 1873 — 2 ','4% 
Dividende, 1874 — 0. 

Stetliuer Papierfabrik Holicnkrug. November 1871 



— 182 — 

gegründet mit 400,000 Thaler Actiencapital und 230,000 Thlr. 
Hypotheken. Aufsichtsräthe : Amandus Strömer, Otto Kühne- 
mann, Julius Hildebrandt, W. von Kloeden etc. in Stettin. 
Vorstand: Reinhold Guleke. Schloss 1873 mit ca. 33,000 Thlr. 
Verlust und gerieth 1875 in Concurs. 

Papier- nnd Gfescliäftsbliclier-Falmken, sonst Gebr. 
Rubens in Oldesloe und Hamburg. Gegründet August 1872 
von der Anglo-Deutschen Bank in Hamburg, welche I62/3O/0 
Dividende in Aussicht stellte und für drei Jahre mindestens 
8\'3% garantirte. Actiencapital 800,000 Thaler, in Berlin auf- 
gelegt bei Hess & Katz. Dazu später 500,000 Thaler Priori- 
täten! Vorstand: Bernhard, Siegmund und Charles Rubens. 
Aufsichtsrath : Woldemar Nissen, Lorenz Booth, Consul J. F. 
W. Reimers, von Meding und Gustav Tuch in Hamburg. Erste 
Dividende 0. Schloss 1875 mit ca. 650,000 Thaler Unterbilanz, 
Die Fabrik in Hamburg ist ausser Betrieb gesetzt und soll 
unter den Hammer kommen. 

Hannoversche Papierfabriken Alfeld-Gronan, vormals 
Gebr. Woge. Errichtet im August 1872. 350,000 Thaler 
Actiencapital und 100,000 Thaler Hypotheken. Aufsichtsrath: 
Obergerichtsanwalt Benfey in Hannover, Moritz Ehrlich, Gustav 
Woltereck. Dividenden von 1872 bis 1875: 12, 10, 673 und 
resp. 5%. Cours, bei 50% Einzahlung, einst gleich 120, wäh- 
rend die Vollactie jetzt etwa 50 notirt, 

Papierfabrik nnd Kalkbrennerei, vormals Rudolf Kefer- 
stein in Sinsleben. Gegründet October 1871. Actiencapital 
300,000 Thaler und 65,000 Thaler Hypotheken. Emissionshaus: 
Ephraim Meyer & Sohn in Hannover. Aufsichtsrath: August 
Basse, Ed. Spiegelberg. Dividenden: 1872 — 7%, 1873 — 5%, 
1874 — 0. Cours? 

Rheinische Papierfabrik in Neuss. Gegründet 1873 
von dem A. Schaaffhausenschen Bankverein in Cöln und der 
Essener Creditanstalt in Essen. Actiencapital 700,000 Thaler. 
Aufsichtsrath: E. Bennert, Theodor Deichmanu, J. H. Andly. 



— 183 — 

Scheint in den letzten Jahren keine Dividende gezahlt zu 
haben, und beabsichtigt, die Hälfte der Actien zu meucheln. 
Vereiuigte Hessische Papier- und Papierwaarenfabrik, 

sonst G. Boden heim & Co. in Cassel. Gegründet December 

1872 mit 750,000 Thaler Actien, welche Februar 1873 mit 
103 an der Berliner Börse eingeführt wurden. Dividenden: 

1873 — S^'o, 1874 — 4%. Cours? 

Papierfabrik, früher Keferstein & Sohn in Cröllwitz 
bei Halle a. S. Gegründet October 1871 von Becker & Co. 
in Leipzig, H. F. Lehmann in Halle, Delbrück, Leo & Co., 
und Carl Goppel & Co. in Berlin. Actiencapital 600,000 Thlr. 
und 200,000 Thaler Hypotheken. Direction: Ernst Carl Lpuis 
Keferstein. — „Die Zeichnungen finden volle Berücksichtigung", 
hiess es in den Börsen -Zeitungen. Ein böses Omen, denn 
diese Meldung bedeutete thatsächlich : Die aufgelegten Actien 
sind nur zum Theil gezeichnet worden. Dividenden: 1872 — 
l^lo, 1873 — S*^/o, und dann 0. Cours etwa noch 5. Die Actio- 
näre beabsichtigen gegen die Gründer vorzugehen. Ein Ein- 
ziger jener Unglücklichen soll von diesen famosen Actien noch 
für 2G,000 Thaler besitzen! 

Muldeuthal-Papierfabrik, vormals Schmidt &Mehner 
in Freiberg. Gegründet Juni 1871 von Heinrich Rode, Herrn. 
Pässler sen., J. G. Johnel, Advocat Heim ßtc, welche 300,000 
Actien auflegten und 14"/o Dividende versprachen. 1875 wurde 
eine Prioritäts-Anleihe von 200,000 Thaler versucht, 1876 die 
Zahlungen eingestellt und der Director der Fabrik, sowie die 
beiden Directoren der in Mitleidenschaft gezogenen Freiberger 
Darlehnskasse, verhaftet. 

Freiberger Papierfabrik zn Weisseuborn. Gegründet 
Mai 1871 von Emil Quellmalz (A. L. Mende), Carl Mankiewicz 
(Philipp Elimeyer), Alfred Bach, Factor Franz Müller, Director 
Ewald Bellingrath und Stadtrath Gustav Schilling in Dresden, 
welche 350,000 Thaler Actien auflegten und 13**;'o Dividende 
vorrechneten. Aufsichtsräthe: Kaufmann Büttner in Chemnitz, 



— 184 — 

Advocat Kugler und Director Hinke in Freiberg. Dividende 
pro 1875 — 0, Cours etwa 30. 

Papierfabrik in Hütten Ibei Köuigstein. Gegründet 
Juni 1871 von Claus & Oberländer, Albin Ellezinguer und 
Advocat Curt Seyler in Dresden, Carl Pflugbeil in Hütten. 
360,000 Tbaler Actien wurden bei M. Schie Nachfolger in 
Dresden und Ed. Hoffmann in Leipzig aufgelegt, und 16% 
Dividende vorgerechnet. Verwaltungsrath u. A.: Gustav Dört- 
ling. Berthold Wuttig, Carl Kaiser und Hugo Grumpelt in 
Dresden. Gerieth 1876 in Concurs und wurde für 120,000 TMr. 
losgeschlagen, welche Summe noch nicht die Prioritätenscliuld 
deckte. 

Papierfabrik za Köttewitz bei Dresden. Gegründet 1868 
von H. W. Bassenge & Co. und B. Grüner in Dresden, F. Förster 
in Dohna. 260,000 Actien wurden aufgelegt bei Michael 
Kaskel in Dresden, Becker & Co. in Leipzig, S. Bleichröder 
in Berlin. Verwaltungsrath u. A.: Moritz Bretschneider in 
Pirna, Carl Hartmann in Dohna und Abgeordneter, Stadtrath 
Reinhard Fröhner in Dresden. 1870 — 10% Dividende, 1874 
eine Anleihe von 200,000 Thalern versucht, 1876 Concurs. 
Fröhner, Director der gleichfalls stark gefährdeten Dresdener 
Gewerbebank, und bei verschiedenen Gründungen betheiligt, 
wurde November 1876 verhaftet, dann aber wieder auf freien 
Fuss gesetzt. 

Sebnitzer Papierfabrik, vormals Gebrüder Just & Co. 
Gegründet December 1871 mit 500,000 Thaler Grundcapital, 
welches für das nur kleine Etablissement kolossal zu nennen 
war. Einen Theil der Actien übernahmen angeblich die Vor- 
besitzer, welche die Leitung behielten; der Rest wurde, unter 
gewissenhafter Ausrechnung einer Dividende von 14,5%, auf- 
gelegt bei M. Schie Nachfolger, Ed. Rocksch Nachfolger, 
A. Gerstenberger und S. Mattersdorf in' Dresden, Aron Meyer 
& Sohn in Leipzig. 1874 versuchte man eine Anleihe, und 
die letztjährigen Dividenden waren 0. Cours ca. 40. 



— 185 — 

Vereinigte Baiitzciioi* Papierfabriken, vormals C. F. A. 
Fischer und Grimm & von Otto. Erworben für angeblich 
860,000 Thaler (!) und December 1871 gegründet von Robert 
Thode & Co. in Berlin und Dresden und von G. E. Heyde- 
mann in Bautzen. „Das Unternehmen ist durch keinerlei 
Gründungs- und Consortialspesen belastet", versicherte der 
Prospect und warf ein Grundcapital aus von IV4 MilUonen 
Thaler! Oscar Grimm und August Fischer behielten die Lei- 
tung, und als Aufsichtsräthe wurden im Prospect geuannt: 
Reichstagsmitglied, Rechtsanwalt Rudolf Thiel in Bautzen, 
Handelskammerpräsident Adolf Wauer in Herrnhut und E. Röder 
(Vetter & Co.) in Leipzig. Für 1873 erhielten die Actionäre 
13%, Aufsichtsrath und Direction 15,344 Thaler Tantieme. 
1874 wurde eine neue Prioritätsauleihe von 250,000 Thalern 
nöthig. 1875 betrug die Dividende nur 5%. Cours einst 180, 
jetzt ca. 90? 

Papierfabrik zu Eiusiedel bei Chemnitz. Gegründet 
Mai 1871 auf 300,000 Thaler Actien, für welche man im Pro- 
spect eine Verzinsung mit 12% ausreclinete, von Gustav Gersten- 
berger (Gerstenberger & Rocksch), C. Hermann Findeisen, 
R. Grahl, Director der Sächsischen Gussstahlfabrik, Medicinal- 
rath Dr. F. Küchenmeister, Friedensrichter Ernst Meinert und 
Advocat Hermann Ullrich in Dresden uud Chemnitz. Die Ge- 
sellschaft gerieth in finanzielle Verlegenheiten, der Versuch, 
eine Prioritätsanleihe aufzunehmen, missglückte, uud sie fand 
endlich eine gewisse Hülfe bei dem Chemnitzer Bankverein, 
Dividenden in den letzten Jahren 0. Cours etwa noch 15. 

Pateutpapierfabrik zu Peuig. Gegründet Novbr. 1872 
mit 1 Million Thaler Actien und 200,000 Thaler Hypotheken! 
100,000 Thaler übernahm der Vorbesitzer, Ferd. Flinsoh in 
Leipzig. Den Rest legten auf: die Dresdener Handelsbank, 
A. L, Mende, Gebrüder Guttentag und Günther & Rudolph in 
Dresden, Becker & Co. in Leipzig. Aufsichtsräthe u. A.: Emil 
Quellmalz in Dresden, "Wilh. iStalliug in Plesthcn. Auch hier 



— 186 — 

wurde Mai 1875 die Aufnahme einer Prioritätsanleihe beantragt. 
Dividende pro 1875 — 5%. Conrs ca. 30. 

Papierfabrik zu Lösnig bei Leipzig, früher Krüger 
& Henuig. Gegründet Juli 1871 von Fabrikant Kichard 
BruDS, Kramermeister F. W. Sturm, Verlagsbucbhändler Friedr. 
Fleischer und Hermann Friderici in Leipzig, Rittergutsbesitzer 
H Graichen auf Lösnig; welche 270,000 Thaler auflegten und 
14 bis 15^/0 Dividende in Aussicht stellten. Die Actien befinden 
sich wol noch in den Händen der Gründer, von denen Fr. Fleischer 
gestorben ist, H. Graichen mit seinen Gläubigern accordirte. 

HolzstofiF- und Papierfabrik zu Schlema bei Schneeberg. 
Gegründet August 1871 mit 268,000 Thaler Actien. Aufsichts- 
rath: Advocat Weber I. in Chemnitz, Wolfgaug Gerhard in 
Leipzig, August Heutschel und Oswald Meyh in Zwickau, 
Theodor Schneider und Ernst Seydel in Glauchau, Conrad Anton 
Clauss in Hohenstein. Cours? 

Zahlreiche andere Papiergründungen, die ein klei- 
neres Actiencapital, von etwa 100,000 bis 200,000 
Thalern, beansprucht haben, übergehen wir, um nicht 
zu ermüden; und bemerken nur noch summarisch: 

Die Magdeburger Papierfabrik vermochte für 
das Geschäftsjahr 1875 keine Dividende zu verthei- 
len; die Papierfabrik zu Alt- Damm bei Stettin 
musste zu einer Anleihe schreiten; die Dombacher 
Papierfabrik steckt in argen Geldnöthen und denkt 
an ihre Auflösung; die Seifersdorfer Papierfabrik 
befindet sich genau in der nämlichen Lage; die 
Papierfabrik zu ßadeberg beschloss den Verkauf 
des Etablissements; die Papierfabrik zu Strass- 



— 187 - 

bürg i. E., gegründet von der Provinzial-Disconto- 
gesellschaft dortselbst, liquidirte im Mai 1875; die 
Papierfabrik Porscheudorf- Zschopau fallirte; die 
Förster'sche Papierfabrik zu Krampe bei Grün- 
berg i. Schi, kam unter den Hammer und ging, bei 
100,000 Thaler Schulden, für ca. 25,000 Thaler fort; 
die Lockwitzer Papierfabrik gerieth 1875 in Con- 
curs, und wurde von Eduard Meyer (M. Schie Nach- 
folger in Dresden) für 80,000 Thaler erstanden. 

Besondere Erwähnung verdient aber noch die 
Pateutpapierfabrik zu Berliu. Dieselbe existirt 
schon seit 1819, steht gewissermaassen unter Ober- 
aufsicht der Preussischen Seehandlung, von der sie 
damals begründet (nicht „gegründet'^ wurde, und er- 
freute sich einer hohen Blüthe, bis man in der Schwin- 
delperiode das Grundcapital von 395,000 auf 600,000 
Thaler brachte, worauf die Dividenden schnell sanken. 
Für 1873 erhielten die Actionäre, die bei dieser Ge- 
sellschaft kaum gewechselt haben, noch 8"/o; für 1874 
nur 2^lo und für 1875 — Nichts. Die Bilanz schloss 
mit 72,000 Tlialer Verlust, und es stellte sich her- 
aus, dass die früheren gefälscht, Dividenden und Tan- 
tiemen in den Vorjahren unrechtmässig vertheilt 
waren. Unter Anderm entdeckte man unrichtige In- 
venturen und ein Manco von 1800 Centner Lumpen. 



— 188 — 

Erster Director war seit längerer Zeit der früher bei 
der Königlichen Seehandliing angestellte und erst vor 
kurzem ausgeschiedene Geheime Oberfinanzrath 
Scheller; neben ihm fungirte ein Herr Louis, und 
den Aufsichtsrath bildeten: der Abgeordnete, Freiherr 
Ernst von Eckardstein-Prötzel, Commerzienrath und 
Stadtverordneter Emil Ebeling, Banquier Louis Stein- 
thal etc. In der Generalversammlung am 1. Mai 1876 
beantragte der Vertreter der Königlichen Seehandlung: 
die früheren Dechargen für null und nichtig zu er- 
klären und den „unerhörten Verfall" der Gesellschaft 
zu untersuchen. Demgemäss wurde auch eine Eevi- 
sionscommission eingesetzt, und nachdem dieselbe 
Bericht erstattet, beschlossen: gegen die Herren 
Scheller und Louis im Civilprocesse vorzugehen. Ein 
weiterer Antrag: die Angelegenheit dem Staatsan- 
walt zu überweisen, fand nicht die Majorität! So ist 
durch liederliche Wirthschaft, wenn nicht durch Schlim- 
meres, eine altrenommirte wohlsituirte Gesellschaft 
in kurzer Zeit ruinirt, und man hat das Etablisse- 
ment zum Verkauf gestellt. 

Seit dem „Krach" ist die Nachfrage wieder sehr 
gesunken, wir haben heute grossen Ueberfluss an 
Papier und Lumpen. Die Fabrikation von Actien 
hat völlig aufgehört; eine grosse Zahl von Actienge- 



— 189 — 

Seilschaften ist entschlafen, die anderen vegetiren nur 
noch; die Börse und die Banquiers sind ohne Be- 
schäftigung, das ausgebeutelte Publikum trauert. Die 
Zeitungen sind arg zusammengeschrumpft; es fehlen 
die Inserate, es schwinden die Abonnenten; viele 
Blätter, namentlich die, welche von der Börse lebten, 
sind eingegangen, sind ebenso verschwunden, wie sie 
in der Schwindelperiode auftauchten. Am 1. Juli 1874 
trat das Eeichsgesetz über die Presse in Kraft; es 
fielen die Cautionen, es fiel endlich die Zeitungs- 
steuer, aber diese Vortheile kamen nur den Zeitungs- 
besitzern, weder dem Publikum noch der Presse 
selber zu Gute. Die Presse hat an Freiheit nicht 
gewonnen, sondern eingebüsst; die Zeitungen sind 
nicht billiger und besser, eher schlechter, langweiliger 
und trockener geworden. Es sind auch nicht, wie 
man auf verschiedenen Seiten hoifte, „massenhaft" 
neue Blätter entstanden; dazu ist die Zeit zu schlecht 
und das Publikum zu theilnahmlos. 

Unter den Papierindustriellen ist Jammern und 
Wehklagen. Sie bejammern die Ueberproduction, die 
sie doch selber geschaffen, das Schleuderverfahren 
vieler Fabriken, das Fallen des Silberpreises, welches 
den Oesterreichischen Fabrikanten die Concurrenz 
um ca. 20 Procent erleichtere; sie verlangen die Auf- 



— 190 — 

liebuDg des Eingangszolls auf Chemiealien und Revi- 
sion der Handelsverträge mit dem Auslande, damit 
z. B. Russland; Frankreich und Oesterreich den Aus- 
gangszoll auf Lumpen gleichfalls aufliebe, und die 
Einfuhr von Papier nicht höher besteuere, als Deutsch- 
land dies tliut. Ihre Forderungen und Klagen sind 
zum Theil wol nicht unberechtigt, zum Theil aber 
auch gesucht und lächerlich, wie denn die Crön\yitzer 
Papierfabrik im letzten Geschäftsbericht ihr Leiden 
den Elementen, dem Schnee und dem Hochwasser 
in die Schuhe zu schieben sucht. Die eigentliche 
Schuld für das Darniederliegen der Papierindustrie 
trägt der Actienunfug, der gerade in dieser Branche 
ein erschrecklicher gewesen ist. Von [den oben ge- 
nannten 32 Gesellschaften haben 13 fallirt oder liqui- . 
dirt, 13 sind ohne jeden Cours oder der Cours ist 
kaum nennenswerth, und nur 6 notiren noch über 
30 Procent. Diese Zahlen bedürfen keines weiteren 
Commentars. 



Ein ganz ähnliches Bild gewähren die Zucker- 
gründungen, :bei denen auch riesige Summen ver- 
geudet sind, die gleichfalls eine Ueberproduction her- 
beigeführt haben. Wie unter den Papierfabriken 
finden sich auch unter den Zuckerfabriken nicht 



— 191 — 

wenige, die den Actionären mit V-2 bis 1 Va Millionen 
Thaler überantwortet wurden. Ganz unbedeutende 
Etablissements sind, einschliesslich der Hypotheken, 
mit 300,000 bis 600,000 Thaler belastet. Wo ist da 
ein Gedeihen, eine Verzinsung möglich; zumal die 
Zuckerpreise, die von 1869 bis 1872 in die Höhe 
gingen, seitdem in Folge der Ueberproduction um 
23 bis 28 Procent gefallen sind! 

Von den zahlreichen Gesellscliaften nennen wir: 

Zuckerfalbrik iu Traclienberg (Schlesien). Gegründet 
April 1871 mit 200,000 Thaler Actien, Aufsichtsrath: Geh. 
Commerzienrath von Ruffer in Breslau , Geh. Finanzrath 
Baron von Cohn in Dessau, Commissionsrath S. Schlesinger in 
Trachenberg etc. Vertheilte 1875 — 16% Dividende. 

Zuckerfabrik Alt- Janer. Entstand November 1871 mit 
380,000 Thaler Actien, welche die Gewerbebank H. Schuster 
und Co. in Berlin und Heinrich Sachs Wittwe in Jauer auf- 
legten. Letzte Dividenden und IV^^/o- 

Kostocker Zuckerfabrik. Gegründet März 1872 von der 
Centralbank für Genossenschaften in Berlin, mit Hülfe des 
Kaufmann F. Schwarz iu Rostock. Der Uebernahmepreis war 
im Prospect auf 630,000 Thlr. angegeben, soll aber in Wirklichkeit 
nur 430,000 Thaler gewesen sein. Actiencapital 700,000 Thaler 
und 600,000 Thaler Hypotheken! Als erste Aufsichtsräthe 
nannte der Prospect: Consul C. Ch. Lesenberg, Director C. Abend- 
roth, Rentier W. Burmester und Landsyndicus Advocat Groth 
in Rostock, Director Gust. Thölde und Exdirector H. P. Kreiuer 
in Berlin. Die erste und einzige Dividende von GV4% war 
künstlich gemacht, man befand sich fortwährend in Geldnöthen, 
und die Schulden betrugen schliesslich 1 Million Thaler. Um 
sich zu entlasten, betrieben die Gründer gewaltsam die Ent- 



192 



gründung und verkauften den Besitz Mai 1876. Für die Actio- 
näre wird nichts übrig bleiben. Cours einst 105. Der Staats- 
anwalt soll eingeschritten s6in. 

lYildiiiiger Zuckerfabrik (im Waldeck'schen). Vorsitzender 
des Aufsichtsraths : Otto Swoboda in Berlin. Gerieth 1874 in 
Concurs. 

Zuckerfabrik Glauzig bei Cöthen. Gegründet April 1872 
von der Leijjziger Wechsler- und Depositenbank, der Berliner 
Wechslerbank, Bein & Co. in Berlin, der Sächsischen Credit- 
bank in Dresden , B. J. Friedheim & Co. und Gebrüder Herz- 
berg in Cötheu. Actiencapital 1,500,000 Thaler und über 
500,000 Thaler Hypotheken! Director R. Richter. Aufsichts- 
rath: Rechtsanwalt Lezius und Oberbürgermeister Joachimi in 
Cöthen, Bankdirector Sernitsch und Adolf List in Leipzig, 
Gustav Ziegler in Dessau. Die erste Dividende von 3% wurde 
durch Zuschüsse des Vorbesitzers bestritten, war also gemacht, 
und im zweiten Geschäftsjahr gab es 0. 1874 wurden indess 
9^/4%, und an Tantiemen über 22,000 Thaler (!) vertheilt. 1875 
gab es wiederum 0, und 1876 ganze 2%. Der Cours ist noch 
etwa 40. 

Zuckerfabrik Bredow bei Stettin, welche die Gründer 
im November 1872 von der Ritterschaftlichen Privatbank in 
Pommern angeblich für 530,000 Thaler erwarben. Actiencapital 
500,000 Thaler, aufgelegt bei F. W. Krause & Co. in Berlin 
und bei S. Abel jr. in Berlin imd Stettin. Dazu 150,000 Thlr. 
Hypotheken! Als Aufsich tsräthe waren im Prospect genannt: 
Oberamtmann A. 0. Koppe in Amt Kienitz, Zuckerfabrikant 
Bergmann auf Tucheband, Commerzienrath Quistorp und Bank- 
director Hindersin in Stettin, Otto Hessenland in Berlin. Di- 
videnden von 1873 bis 1876: 6V3» 0, 2-/3 und resp. 0. Cours 
einst 110, jetzt? Die Veröifentlichung von Bilanzen scheint 
der Vorstand nicht zu lieben. 

Zuckerfabrik Koerbisdorf bei Merseburg, vormals Br um - 
hard, Koch & Co. Gegründet März 1872 von der Deutschen 



193 



Genossenschaftsbank Soergel, Parrisius & Co. und Carl Coppel 
& Co. in Berlin, der Internationalen Bank in Hamburg, der 
Thüringischen Bank in Sondershausen und dem Bankverein 
von Kulisch, Kämpf & Co. in Halle. Actiencapital 900,000 Thaler 
und an 900,000 Thlr. Hypotheken und Prioritäten! Der Prospect 
gab den Kaufpreis auf 1,209,000 Thaler (!) an, und versprach 
eine Dividende von 11 bis 12%. Aufsichtsräthe u. A.: Director 
Soergel in Berlin, Commerzienrath Bor in Soudershausen, Ban- 
quier Kulisch, Kaufmann Fr. Pfafle und Amtmann Reinecke in 
Halle, Abgeordneter Rechtsanwalt Wölfel in Merseburg. Die 
erste und einzige Dividende von 8% war nicht verdient. Coui'S 
einst 120, im Sommer 1876 etwa 20. 

Zuckerfabrik Nienburg a. S., vormals H. Zuck- 
schwerdt & Beuchel. Vorgekauft von Hermann Geber und 
gegründet Februar 1872 von R. A. Seelig, Hermann Leubuscher 
Ed. Stahlschmidt und „Generaldirector" Julius Müller in Berlin. 
Actiencapital 500,000 Thaler und 200,000 Thaler Hypotheken. 
"Wilhelm Meissner und Gustav Dorendorf behielten die Leitung, 
Als erste Aufsichtsräthe und direct bei dem Unternehmen be- 
theiligt, nannte der Prospect: Abgeordneten Kaufmann Herrn. 
Zuckschwerdt, Max Dulon (E. Ch. Helle) und Gustav Meissner 
(E. Musmann) in Magdeburg, Julius Schweitzer, Börsen-Redacteur 
der „ÜSTational-Zeitung" in Berlin. Die erste und einzige Dividende 
von 6% war nicht verdient. September 1874 beschloss man die 
Liquidation, und nachdem sich dieselbe über zwei Jahre hin- 
gezogen, werden die Actionäre etwa 3% zurückerhalten. Herr 
Julius Schweitzer, zum Vorsitzenden des Aufsichtsrath er- 
wählt, legte diese hohe Würde nach Vertheilung der Dividende 
nieder. 

Actiengesellschaft für Rübeuzucker-Industrie in Schwe- 
den. Bildete sich Ende 1871 unter der finanziellen Leitung 
von Eberhard Mencke in Braunschweig, mit einem Actiencapital 
von 3 Milhonen Thaler, wovon zunächst 360,000 Thaler aus- 
gegeben wurden. Cours? 

Glagau, Der Löräenscbwiudol. II. 13 



— 194 — 

Zuckersiederei Braunschweig, früher Gebr. Bautier. 
Gegründet 1871 von Commerzienrath Ritter von Voigtländer, 
Commerzienrath Albert Oppenheimer und Carl Ubl in Braun- 
schweig, Gustav Seeliger in Wolfenbüttel. Das Actiencapital 
von 250,000 Thaler wurde zum Course von 105 emittirt. Da 
der Prospect falsche Angaben enthält , haben verschiedene 
Actionäre gegen die Gründer auf Zurücknahme der Actien ge- 
klagt, und Juli 1876 in zweiter Instanz ein obsiegendes Er- 
kenntniss erstritten. Den Einwand der Verklagten, dass bereits 
Verjährung eingetreten, verwarf das Obergericht zu Wolfen- 
büttel, indem es ausführte, dass dieser Einwand im Falle eines 
Betruges unzulässig ist. 

Berliner Zucker-Raffinerie, sonst Gebr. Schickler. 
Vorgekauft von Paul Munk, und gegründet October 1872 von 
Commerzienrath Meyer Cohn, Gustav Böhm, Leopold Hadra, 
Georg Beer, Aron Hirsch Heymann und Commissionsrath Jacob 
Goldmann in Berlin, Fabrikbesitzer Friedrich Bergmann zu 
Tucheband. Actiencapital 1,200,000 Thaler und 650,000 Thlr. 
Hypotheken! Vorstand: Hermann Löwinsohn in Berlin. 1875 
schloss mit einer Unterbilanz von 43,000 Thaler, In Wahrheit 
wird der Verlust schon weit grösser sein; doch sollen sich die 
Actien noch in den Händen der Gründer befinden. 

Altenburger Zuckerfabrik in Zechau bei Meuselwitz. 
Gegründet April 1872 von Robert Baumann (Berliner Bank) 
und dem Herzoglichen Domainenpächter Naumann, und den 
unglücklichen Actionären für 700,000 Thaler überantwortet. 
Ausser dem Actiencapital von 600,000 Thaler versuchte man 
später noch 250,000 Thaler Prioritäten auszugeben. 1874 brach 
der Concurs aus, und es ergab sich eine Schuldenlast von 
425,000 Thaler, während der nothwendige Verkauf nur 179,000 
Thaler eintrug. 

Stärke-Syrup-, Traubenzucker- und Zucker-Couleur- 
Fabrik, vormals Seeler & Moiske in Frankfurt a. 0. und 
in Beeskow. Gegründet September 1872 von der Niederlau- 



— 195 — 

sitzer Credit -Gesellschaft in Berlin und Frankfurt. Actieu- 
capital 300,000 Thaler, von welchem die Vorbesitzer ein Drittel 
übernahmen. B. Moiske wurde Director. Der Prospect rech- 
nete 14*^/0 Dividende vor und nannte als Aufsichtsräthe : Herrn. 
Zapp, Brauereibesitzer H. S. Muth, Zimmermeister Wilhelm 
Stumpf und Stadtrath Dr. juris Adolph in Frankfurt a. 0., 
Paul Helm und Fabrikbesitzer G, F. W. Noack in Berlin. 
1873 entfielen IVo, 1874 — 7% Dividende. April 1876 brach 
der Concurs aus. 

Stärke- Tiutl Syrupf abrik , vormals Dutalis & Co. in 
Brandenburg a. H. Erworben für angeblich 315,000 Thlr. (!) 
und gegründet September 1872. Das Actiencapital von 300,000 
Thaler wurde durch Beer & Herzberg an der Berliner Börse 
zum Course von 105 (! !) eingeführt. Ausserdem 75,000 Thaler 
Hypotheken. Aufsichtsräthe u. A.: Joseph Herzfeld, Emanuel 
Kathan, M. Alberts, R. Keller und Ed. Marwitz. Dividenden 
nie. Die Bilanz vom 31. August 1874 schloss mit ca. 200,000 Thlr. 
Verlust, und Februar 1876 begann die Liquidation. 

Stärkeznckerfabrik, vormals Carl Aug. Köhlmann in 
Frankfurt a. 0. Gegründet November 1871 mit 600,000 Thlr. 
Actien. Der Vorbesitzer behielt die Leitung. Aufsichtsrath : 
Ferd. Jaques, Carl Coppel, Walter Bauendahl und „General- 
director" A. Zimmermann in Berlin, Stadtrath August Pahl in 
Frankfurt a. 0. Dividenden von 1872 bis 1876: 5, 10, 12, 6 
und resp. 7V2%- Cours etwa 60. 

Von diesen 15 Gesellschaften traten 6 in Concurs 
oder in Liquidation, 4 sind ohne Cours, und 5 noti- 
ren noch über 20. Ende 1876 begann, angeblich in 
Folge der schlechten Rübenernte, ein Steigen der 
Zuckerpreise, welches aber, wie beim Petroleum, 
wahrscheinlich künstlicher Natur ist, und hauptsäch- 

13» 



— 196 — 

lieh der Börse dient, die seitdem eine Courstreiberei 
in Ziickeractien versucht. Möge das Publikum vor 
diesem neuen Schwindel gewarnt sein! 



"Wir kommen zu den Glasgründungen, deren erstes 
Resultat eine Erhöhung der Glaspreise um 25 Pro- 
cent war. Sie sind nicht so zahlreich wie die Papier- 
und Zuckergründungen, aber im Durchschnitt ebenso 
bösartig, und wir verzeichnen hier: 

Deutsche Spiegelglas- Actiengesellscliaft, vormals Gebr. 
Koch in Grünenplan bei Delligsen in Braimscbweig; gegründet 
Juli 1871. Von dem Actiencapital mit 1 Million Thaler wurden 
zunächst 600,000 Thaler in SOprocentigen Interimsscheinen 
ausgegeben, die Hugo Pringsheim an der Berliner Börse mit 
118, also zu einem Course von 136 einführte, und welche man 
bis ca. 145 trieb, was einem Course von 190 entspricht!! Der 
Mitvorbesitzer , Dr. Friedrich Koch, der „mit seinem ganzen 
Capital betheiligt" blieb, behielt die Leitung und nahm den 
Titel „Generaldirector" an. Als erste Aufsichtsräthe nannten 
die redactionellen Keclamen der Zeitungen: Geh. Commerzien- 
rath Louis Ravene, Bankagent Theodor Hertel, Baurath Wäse- 
mann und Fabrikant Albert Pfaif in Berlin, Dr. Aug. Seyferth 
in Braunschweig, Gustav Seeliger in Wolfenbüttel. Im December 
1872 geschah die II. Actien-Emission im Betrage von 400,000 
Thaler; die Gründer überliessen 200,000 Thaler den Actionären 
zum Course von 110, und brachten die andere Hälfte allmälig 
an den Markt, was ihnen zusammen ein Agio von 70,000 bis 
90,000 Thalern eingetragen haben muss. Für 1873 entfiel eine 
Dividende von 2%; seitdem 0. Cours ca. 25. 

Glasfabrik Allbertinenllütte, früher Georg Leuffgeu 



- 197 — 

in Charlottenburg bei Berlin. Gegründet 4. November 1871 
von Georg Beer, Isiilor Platho (Platho & Wolff), Ignatz Wit- 
kowski, Justizrath Gustav Wolff und der Preuss. Boden-Credit- 
Actien-Bank (Richard Schweder) in Berlin. Der Prospect stellte 
16% Dividende in Aussicht, und der Vorbesitzer, welcher einen 
Posten Actien übernahm, garantirte für 5 Jahre „unter Cau- 
tionsleistung" 10%. In Folge dieser glänzenden Versprechungen 
wurde das aufgelegte Actiencapital fünfmal überzeichnet. Für 
das erste Geschäftsjahr erhielten die Actionäre die garautirten 
10%, dann aber nichts mehi-. Der Aufsichtsrath, das sind die 
Gründer, hat den Director und Vorbesitzer Leuffgen seiner Ver- 
pflichtungen enthoben. Ausser demGrundcapital mit 395,000 Thlr. 
belasten die Gesellschaft über 500,000 Thaler Hypotheken und 
Prioritäten. Daraus erklärt sich, dass die Actien, die einst 
mit 110 gesucht waren, heute 1 Brief stehen, d. h. mit 1 ver- 
gebens angeboten werden. — Herr Leuffgen ist auch bei der 
ebenso berüchtigten Deutschen Marezzo- Marmor -Gesell- 
schaft betheiligt, die schon seit zwei Jahren den Staatsanwalt 
beschäftigt. 

Glasfabrik C'harlottouhütte zu Waitze im Posenschen. 
Gegründet März 1S73 von Rittergutsbesitzer Adolf Wollmann 
zu Waitze, Banquier Adalbert Nitjkowski zu Hirschberg i. Schi., 
Redacteur Alexander Hoffers in Berlin, Fabrikant Jul. Fahdt 
und Hüttenbesitzer Friedrich Siemens in Dresden. Vorstand: 
Dr. L. Hoffmaun in Berlin. Actiencapital 425,000 Thlr. Schon 
im December 1873 brach der Concurs aus, der zwar rück- 
gängig gemacht wurde, an dessen Stelle aber die Subhastation 
trat. Selbstverständlich sind die Actien werthlos. Der Staats- 
anwalt zu Meseritz hat recherchirt. 

Adolf Wollmann und dessen Sohn waren in den Giftmord- 
Prozess verwickelt, der 1875 in der Provinz Posen so grosses 
Aufsehen machte, und um ihretwillen wurden der Director und 
der Abtheilungs-Dirigent des Kreisgerichts Birnbaum vom Amte 
suspendirt. 



— 198 — 

Mederlausitzer Glashütte in Fürstenberg a. 0. Ge- 
gründet Februar 1873 durch die Maklervereinsbank in Berlin 
mit 300,000 Thlr. Actien. Aufsich tsratb: Otto Kaufmann, Eugen 
Haiuauer und Hermann Jagodzinski in Berlin. Vorstand: 
Fabrikant Moritz Beichler in Fürstenberg und Fr. "Wilhelm 
Kaesse in Berlin. Für das erste Geschäftsjahr 3% Dividende, 
dann und 1876 in Liquidation. 

Vereinigte Glashütten, vormals Wilh. Rönsch und 
Gebrüder Hirsch in Radeberg bei Dresden. Gegründet 
November 1872 mit 265,000 Thaler Actien, die ä 105 ausgegeben 
wurden! Aufsichtsrath: Advocat Dr. Hermann Sintenis, Otto 
Harlan (H. W. Bassenge & Co.), Hugo Grumpelt und Rentier 
Berthold Wuttig in Dresden, Advocat Paul Oertel in Radeberg. 
Letzte Dividenden und 1%. 

Westphälische Glashütte, vormals Haarmann, Schott 
und Hahne in Witten an der Ruhr. Gegründet Novbr. 1872 
von der Bank für Rheinland und Westphalen in Cöln, der 
Elberfelder Disconto- und Wechslerbank und J. H. Brink & Co. 
in Elberfeld. Actiencapital 1 Million Thaler und 200,000 Thlr. 
Hj'potheken! Die Vorbesitzer behielten die Leitung, und eine 
Notiz in ,,Saling's Börsenblatt" vom 7. December Hess bereits 
auf eine Dividende von 13 bis 14% hoffen. 1874 schloss mit 
573,000 Thaler Verlust, worauf die Vorbesitzer 100,000 Thaler 
und ein „Actionär" 180,000 Thaler in Actien „gratis" zurück- 
lieferten ! Sodann meuchelte man das Actiencapital auf 600,000 
Thaler. Trotzdem erwies die Bilanz vom 31. August 1875 
wieder einen Verlust von über 375,000 Thaler, und die schwe- 
bende Schuld betrug etwa 270,000 Thal er. — Preisaufgabe: 
Was mag die famose Hütte wol eigentlich werth sein? 

Rheinische Glashütte in Cöln. Gegründet Juni 1872 mit 
250,000 Thlr. Actien. Aufsichtsrath: Advocat- Anwalt Esser II, 
Baurath Raschdorff, „General director" Martin Neuerburg, Ad- 
vocat Schnaas, Ernst Leybold. Cours? 

Glashütte Penzig bei Görlitz, vormals Baeni seh, Menzel 



— 199 — 

& Co. Gegründet Februar 1872 mit 340,000 Thaler Actien, 
welche S. Abel jr. in Berlin auflegte. Aufsichtsrath: Geh. 
Commerzienrath R. Schmidt (Geyers & Schmidt), Stadtverord- 
neten-Vorsteher Halberstadt, Bankvorsteher Rusche weyh, Rechts- 
anwalt Dr. Dreyer und Albert Katz in Görlitz. Der Vorbesitzer 
Menzel behielt die Leitung, und der Prospect stellte mindestens 
10*^/0 Dividende in Aussicht — „selbst wenn man berücksichtigt, 
dass eine Actiengesellschaft eine kostspieligere Verwaltung hat 
als der Privateigenthümer", hiess es in der Aufforderung zur 

Subscription. Ebenso merkwürdig wie dieses Eingeständ- 

niss ist der Umstand, dass die Versprechungen des Prospects 
sich hier bewahrheitet haben. Für 1874 erhielten die Actio- 
näre 17'','oj und für 1875 — 10%. Möge es dabei bleiben! 

Ausser diesen Gesellschaften sind noch- bekannt 
geworden: die Neu-Friedriclisthaler Glashütte bei 
Schneidemühl, ursprünglich dem „berühmten" Malz- 
fabrikanten Johann Hoff in Berlin gehörig, welche 
1876 ihr Actiencapital von 400,000 auf 100,000 Thaler 
herabminderte und dann den Concurs anmeldete; die 
Glas- imd Spiegel - Mauufactur zu Schalke bei 
Gelsenkirchen mit einem Grundcapital von 1,200,000 
Thaler; und die Creuzuacher Glashütte mit 150,000 
Thaler Actien, eine doppelt merkwürdige Gründung, 
insofern sie sich noch im April 1874 liervorwagte, 
und von einer Gesellschaft in die Welt gesetzt wurde, 
die schon selber sich in der Auflösung befand, näm- 
lich von der liquidirenden Aachener Bank für Handel 
und Industrie. Ferner traten in Liquidation: die 



— 200 — 

Dauziger Glashütte und die Glashütte Elisenhrueh 

bei Conitz in Westpreussen-, während die Glashütte 
Westerhüseu bei Magdeburg 1875 in Concurs ge- 
rieth. Die Stollberger Glashütte endlich wurde 
der Gegenstand eines wichtigen Criminalprocesses und 
verdient deshalb eine nähere Erörterung: 

Im September 1872 verbanden sich zur Gründung 
dieser Gesellschaft: A. Charlier in Burtscheid, K. 
Delius, H, Steinmeister und Advocat- Anwalt Koch in 
Aachen, sowie die Rheinisch-Westphälische Genossen- 
schaftsbank in Cöln, vertreten durch ihre Directoren: 
W. Keussen und Advocat-Anwalt a. D. Bloem. Sie 
kauften die Glasfabrik von Moritz Kraus in Stollberg, 
welche dieser vier Jahre vorher um 34,000 Thaler 
erworben, für 130,000 Thaler an; ein Preis, der nach 
Abschätzung der Sachverständigen den eigentlichen 
Werth weit überstieg. Als Vorkäuferin trat die Rhei- 
nisch-Westphälische Genossenschaftsbank auf und 
wurde in diesem Contract die Kaufsumme auf 160,000 
Thaler bezeichnet. Nunmehr erwarb die neue Ge- 
sellschaft das Etablissement von der Rheinisch- West- 
phälischen Genossenschaftsbank, die aber ihrerseits 
den früheren Eigenthümer Kraus vorschob, für an- 
gebhch 200,000 Thaler, und setzte das Actiencapital 
auf 260,000 Thaler fest, welche die genannten Grün- 



— 201 — 

der zeichneten. Die Differenz zwischen dem wirk- 
lichen und dem fingirten Kaufpreise von zusammen 
70,000 Thaler wurde in der Art zwischen ihnen ge- 
theilt; dass sie sich die neuen Actien zum Course 
von nur 73 zuschrieben. Sie suchten und fanden ein 
Consortium, welches ihnen die Actien zum Course 
von 92 abnahm, und mit diesem zusammen, gedachten 
sie das Pubhkum zu beglücken, demselben die Actien 
über Pari (100) anzuschmieren. Die Vorgänge hinter 
den Coulissen wurden jedoch ruchbar, auch die Zeit- 
verhältnisse ungünstiger, und die Gründung fiel ins 
Wasser, während die Consortialen mit den ä 92 über- 
nommenen Actien sitzen blieben. 

Die Consortialen waren also nicht etwa ernsthafte 
Actionäre, sondern blosse Speculanten, welche den 
Gründern einen Gewinn von 19^/o sicherten, und 
ihren eigenen Vortheil erst vom Publikum zu ziehen 
gedachten. In die Mysterien der Gründung sollen 
sie nicht eingeweiht gewesen sein, vielmehr den fal- 
schen Angaben des Prospects selber Glauben ge- 
schenkt haben. Trotzdem riefen sie, wie es scheint, 
nicht den Richter an, wol aber schritt der Oberpro- 
curatur zu Aachen von Amtswegen ein, und erhob 
gegen die Gründer die Anklage wegen Betrug. Die- 
selben wurden jedoch in erster wie in zweiter In- 



— 202 — 

stanz freigesprochen; sowol die Zuchtpolizeikammer 
als die Appellkammer des Landgerichts zu Aachen 
vermissten die Erfordernisse des Betruges. Dagegen 
meldete das öffentliche Ministerium den Cassations- 
recurs an, worauf das Ober-Tribunal in Berlin das frei- 
sprechende ürtel durch Erkenntniss vom 4. Mai 1876 
vernichtete; und die Sache zur nochmaligen Verhand- 
lung und Entscheidung an die Appellkammer zu 
Düsseldorf verwies. Was der Appellrichter verneint, 
bejaht das Ober-Tribunal. Es findet eine Vermögens- 
beschädigung und einen widerrechtlichen Vermögens- 
vortheil darin, dass der Vertrag die Kaufsumme un- 
richtig auf 200,000 Thaler angiebt. Es findet eine 
Täuschung darin, dass die Gründer die Differenz von 
70,000 Thaler den Consortialen verschwiegen haben 
und stellt fest, dass bei jedem Societätsverhältniss die 
einzelnen Gesellschafter „zu gegenseitiger Wah- 
rung von Treu und Glauben" und zu offener 
Mittheilung der für das Geschäft wesentlichen That- 
umstände verbunden sind. 

Leider laborirt diese hochwichtige Entscheidung, 
ebenso wie die Erkenntnisse der L und IL Instanz, 
an einem schwerfälligen Actenstil, an einem von 
dem Laien nur mühsam zu entwirrenden Perioden- 
knäuel; aber sie ist von unabsehbarer Tragweite. 



— 203 — 

Wenn sie die Gründer verpflichtet, den Consortialen, 
also ihren Genossen und Gehülfen, nichts Wesent- 
liches zu verschweigen, sondern den Thatbestand 
offen und wahrheitsgemäss mitzutheilen, so besteht 
solche Verpflichtung unzweifelhaft auch den wirk- 
lichen Actionären gegenüber. Nach dem Urtel des 
höchsten Gerichtshofes sind alle Gründungen 
der Schwindelperiode von 1870 bis 1873 dem 
Staatsanwalt verfallen, denn keine ist ohne er- 
heblichen Profit geschehen, dieser aber ist stets ver- 
heimlicht. Wenn die Prospecte auch nicht immer 
positiv falsche Angaben enthalten, so verschweigen 
sie doch regelmässig den Gründeraufschlag, und das 
Ober-Tribunal hat schon früher entschieden, dass der 
verschwiegene Gründergewinnst als Betrug angesehen 
und bestraft werden soll. 



Die Gründer, welche, um der Industrie auf die 
Beine zu helfen, keine Branche vergassen, haben 
ferner auch in Leder, Gummi und Tabak gemacht, 
und charakterisiren wir zunächst folgende Gesell- 
schaften: 

Säclisisclie Leder-Indnstrie, vormals Daniel Beck in 
Döbeln bei Riesa. Gegründet Januar 1872 von Philipp Eli- 
meyer in Dresden mit 700,000 Thaler Actien, welche in Berlin 
Moritz Löwe & Co. auflegten. Als erste Aufsichtsräthe nannte 



— 204 — 

der Prospect: Knauth, Nachod & Kühne in Leipzig, Götze 
& Popert in Hamburg, Hermann Schlesinger in Berlin, C. F. 
Forster in Riesa and Advocat Carl Speck in Döbeln. Die bis- 
herigen Besitzer Oscar Beck und Paul Beck übernahmen die 
Leitung und eine „sehr ansehnliche Summe" in Actien. 
An Dividende wurden „mindestens 10 bis 12%" in Aussicht 
gestellt, und für 1872 auch wirklich 127o gezahlt. Dagegen 
schloss 1874 mit 102,000, 1876 mit 187,000 Thaler Verlust, und 
October 187G ging man daran, die Hälfte der Actien zu meu- 
cheln. Cours einst 140, jetzt ca. 15. 

Dresdener Lederfabrik, vormalsF.RobertBierlinglV. 
Gegründet März 1872 mit 475,000 Thaler Actien und 100,000 
Thaler Hypotheken. Der Vorbesitzer behielt die Leitung, und 
als erste Aufsichtsräthe nannten sich: F. A. Rudolph (Günther 
& Rudolph), M. Schie Nachfolger, B. Gutmanu, Hermann 
Bierling, Rudolf Müller und Georg Lemcke in Dresden. An 
Dividenden erhielten die Actionäre bisher 13, 5V2j 9 und resp. 
b%. Cours ca. 80. 

Leder-, Maschinenriemen- und MilitairefPecteu-Fabrik, 
früher Heinrich Thiele in Dresden. Gegründet April 1872 
von A. L. Mende, Lüder und Tischer. Actiencapital 275,000 
Thaler. Aufsichtsrath: H. G. Lüder, Emil Quellmalz und 
Adolf Josky in Dresden. Der Vorbesitzer behielt die Leitung 
und garantirte eine Dividende von 8% auf drei Jahre. 1875 
wurde ein Theil der Actien gemeuchelt, und 1876 — 5% Di- 
vidende gezahlt. Cours ca. 50. 

Lederfabrik zn Dohua, vormals Prietzelt & Silber- 
mann. Gegründet April 1872 mit 160,000 Thaler Actien, 
welche auflegten: der Thüringer Bankverein, die Pirnaer Bank 
und A. Gerstenberger in Dresden. Der Vorbesitzer wurde 
Director, und Abgeordneter Advocat Emil Lehmann in Dresden 
Vorsitzender des Aufsichtsrath. 1874 schloss mit Verlust ab. 

Berliner Gnmmi- und Guttaperchawaaren - Fabrik 
Bolle & Co., vormals W. EUiot. Gegründet October 1871 



— 205 — 

von Heury Sachs, Th. Henschel (J. Henschel Söhne), Albert 
Borchardt, Adolf Kessel und Hüttendirector Hellmuth Förster. 
Der Vorbesitzer und Mitgründer Heury Sachs verkaufte für 
193,000 Thaler, und Hess sich zum Director der Gesellschaft 
mit 5000 Thaler Gehalt und Tantieme erwählen. Zugleich ga- 
rantirte er für das Actiencapital von 250,000 Thaler eine Mi- 
nimal-Dividende von S^/'o auf 5 Jahre, welche auch durch Zu- 
schüsse, die er leistete, regelmässig gezahlt worden ist. Nach 
Ablauf dieser fünf Jahre kaufte er, Juni 1876, die Fabrik für 
104,000 Thaler zurück, indem er baar ca. 43,000 Thaler zahlte 
und für den Rest Hypothek bestellte. Inzwischen waren die 
Actien von einst 120 bis unter 50 gesunken. 

Iforddeutsche Gummi- uud Guttapercliawaaren-Fa- 
brik, vormals Fonrobert & Reimann in Berlin. Gegründet 
October 1871 von Joseph Jaques, Rauff & Knorr, Oscar Hainauer, 
Eduard Stahlschmidt, Louis Gratweil, Hermann Leubuscher, 
Joseph Soelig, Geh. Commissionsrath Richard Wentzel und 
Stadtrath Rudolf Pöble. 480,000 Thaler Actien und 165,000 
Thal er Hypotheken. Directoren: Jules Fonrobert und Albert 
Reimann. 8 bis 10% Dividende wurden versprochen, und ge- 
zahlt 7, 6, 5^'o und resp. 5%. Cours noch etwa 45. 

Deutsche Gummi- uud Guttaperchawaareu -Fabrik, 
vormals Volpi & Schlüter in Berlin. Gegründet Novbr. 1871 
von Rauff & Knorr, Gebrüder Niedlich, ,,Generaldirector" Fr. 
Waltz, August Lemelson, Obermaschinenmeister Gustav Grüson 
und Wilhelm Hennig, Eduard Stahlschmidt uud Reinhold 
Alexander Seelig. Der üebernahmepreis war 550,000 Thaler, 
ohne die Vorräthe! Actiencapital 480,000 Thaler, wovon die 
Vorbesitzer angeblich 230,000 Thaler für sich behielten, und 
120,000 Thaler Hypotheken. August Schlüter wurde Director, 
und es eutüelen an Dividenden: 8, 8, 7V2 und resp. 6%. Cours 
noch etwa 50. 

GummiTvaaren-Fabrik Voiart Sc ^Viude in Berlin. Ge- 
gründet Juni 1873 von Dittmar Leipziger, Emil Wolff, Nathau 



— 206 — 

Schlesinger, Julius Sisum und Hermann "Winde. 400,000 Thaler 
Actien und 100,000 Thaler Hypotheken. Die Vorbesitzer und 
Mitgründer Sisum und Winde behielten die Leitung, und an 
Dividenden wurden angeblich bisher gezahlt: 10, 5 und resp. 
9%. Ohne Börsencours. 

Techuisclie Gnmmiwaarenfabrik C. Schwanitz & Co. 
in Berlin. Gegründet März 1874 von der Familie Schwanitz 
mit 227,000 Thaler Actien. Wie die vorige, eine verspätete 
Gründung und ohne Börsencours. 

Gumniifädenfabrik, vormals Ferd. Kohlstadt & Co. in 
Cöln. Gegründet März 1872 mit 400,000 Thaler Actien. Director: 
Ferd. Kohlstadt sen. Verwaltungsrath: Justizrath Fay, Bank- 
director Smidt und Ferd. Kohlstadt jun. in Cöln, Banquier Herz 
in Düsseldorf und Banquier Holthausen in Crefeld. Erste Divi- 
dende 7V2%- Cours ? 

Continental-Caoutchouc- & Guttaperclia-Compagnie in 
Hannover. Gegründet October 1871 mit 300,000 Thaler Actien 
und 163,000 Thaler Hypotheken. Direction: Jacob Frank und 
Conrad Köhsel. Verwaltungsrath: Ferd, Meyer, Hermann Peretz, 
Commerzienrath Otto Köhsel, Moritz Magnus, Moritz Meyer 
Otto Stockhardt, Daniel Heinemann. Scheint 1874 mit Verlust 
geschlossen zu haben. 

Vereinigte Gummiwaarenfabriken Harburg- Wien, vor- 
mals Menier und J. N. Reithoff er. Actiencapital 3 Mil- 
lionen Thaler! Später auf 1,800,000 Thaler herabgesetzt Ver- 
theilte pro 1874/75 — 12 1/0%, pro 1875/76 — 10% Dividende. 

„Gummi- Actien" genossen an der Berliner Börse 
keinen besondern Geruch, und wurden von ihr, die 
sonst durchaus nicht ekel war, mit Misstrauen auf- 
genommen; was zum Theil wol daher kam, dass die 
Einführung dieser Actien Ende 1871 geschah, wo 
nach einer Periode unausgesetzten Gründens der erste 



— 207 - 

Rückschlag eintrat, die erste grosse Panique sich 
geltend machte, die freilich schnell vorüberging. 
Schwierig unterzubringen waren namentlich die Actien 
der beiden Fabriken von Fonrobert & Reimann und 
von Volpi & Schlüter, welche beide ihre Gründung 
der Yorkäufersippe Hermann Geber und Con- 
sorten verdanken. Dem Consortium, welches die 
Actien der letzteren Gesellschaft übernahm, gelang 
es, wie die „Neue Börsenzeitung" ausplauderte, von 
je 10,000 Thaler nur 100 Thaler abzusetzen, so dass 
ein mit 10,000 Thaler Betheiligter 9900 Thaler auf 
dem Halse behielt, und dieselben erst allmälig zu 
ziemlich gesunkenen Coursen los werden konnte. 

J. Henscliel Söhne, denen die Einführung der 
Gummigesellschaft, vormals Bolle, oblag, erfuhren 
dabei ein anderes Malheur. Sie versandten die uöthige 
Reclame zur Einrückung in den redactionellen Theil 
an die verschiedenen Zeitungen, und fügten, je nach 
der Bedeutung des Blatts, ein entsprechendes Trink- 
geld bei. Auch die „Tribüne", ein untergeordnetes 
Local- und Klatschblättchen, empfing die Notiz und 
dazu zwei Hundert-Thalerscheine, schickte aber das 
Geld zurück und schlug grossen Lärm ob des „Be- 
stechungsversuchs", zum gerechten Erstaunen der 
anderen Journale. — Merke Dir, mein lieber Freund, 



— 208 — 

spricht der Weltmännische Pudel Ponto zu dem philo- 
sophischen Kater Murr, dass es rathsam ist, in 
Kleinigkeiten ehrlich zu sein; bei grossen Dingen 
kommt es weniger darauf an. — Die „Tribüne", 
welche wegen dieser geringen Zumuthung in solche 
Entrüstung gerieth, hat u. A. die Trommel gar mäch- 
tig für Baruch Hirsch Strausberg gerührt,^und diesen 
Wohlthäter der Menschheit in einem artigen Feuille- 
ton mit der Ueberschrift „Der Mann, der Alles kauft" 
gefeiert. An der Börse lachte man J. Henschel Söhne 
aus, denn sie hatten allerdings die Sache ungeschickt 
angefangen. Man pflegt nämlich dergleichen Couverts 
nicht offen an die Zeitungen zu adressiren, sondern 
sie bei Gelegenheit in die Rocktasche des betreffen- 
den Börsen-Redacteurs zu stecken, wo sie dann stets 
gefunden und nach Wunsch verwandt werden. J. Hen- 
schel Söhne, damals noch Neulinge, sind seitdem auch 
klüger geworden, und überraschten die Börse, nach- 
dem sie eben von einem Sommeraufenthalt in Italien 
heimgekehrt waren, Herbst 1876 mit einem kleinen 
Fallissem ent. 

Merkwürdigerweise haben sich nun die Gummi- 
actien weit besser bewährt als ihr ursprünglicher 
Ruf es erwarten liess; sie gehören heute zu den In- 
dustrieactien, die im Course am höchsten stehen. 



— 209 — 

Fonrobert & Reiraann notiren noch ca. 45, Volpi & 
Schlüter noch ca. 50; und bei Bolle, wo der Vorbe- 
sitzer Henry Sachs das Etablissement zurückkaufte; 
sollen die Actionäre sogar 70 Procent ausgezahlt er- 
halten. Fürwahr eine Gründung, die sich sehen lassen 
kann, und die seiner Zeit auch wol eine Empfehlung 
der „Tribüne" verdient hätte! Fonrobert & Reimann 
wieder haben sich um das Vaterland verdient gemacht. 
Während die Deutsche Industrie in Philadelphia ein 
so trauriges Fiasco machte, wurde sie, nach Meldung 
der „National-Zeitung", in Berlin wieder zu Ehren 
gebracht, und zwar bei dem Feste, welches der Nar- 
renklub „Humor" am 6. August 1876 veranstaltete. 
An diesem denkwürdigen Tage producirten sich drei 
Handlimgsbeflissene ä la Capitän Boyton in Schwimm- 
anzügen, welche die Gummigesellschaft Fonrobert & 
Reimann angefertigt, und welche das amerikanische 
Fabrikat durch grössere Dauerhaftigkeit des Stoffs 
und durch unbedingt wasserdichten Verschluss sehr 
überragen sollen. „Unsere einheimische Industrie 
hat einen grossen Triumph gefeiert I" ruft voll Be- 
geisterung die „Nationalzeitung" aus. — Eine Car- 
nevalsgesellschaft hat die Ehre der Deutschen In- 
dustrie gerettet. Das ist der Humor davon! 



Glagau, Dor Börsenscliwin del. II. 14 



— 210 — 

Die bekanntesten Tabaks-Gründungen sind: 

Tabaksfabrik, sonst George Prätorins in Berlin. Ge- 
gründet 30. Januar 1872 von Robert Beuther, Louis Böger 
(Gebr. Junge), Moritz Goldstein (Marx & Goldstein), Dr. Gustav 
Levinstein, Redacteur der „Tabaks-Zeitung" und Heinrich 
Quistorp. Erste Aufsichtsräthe u. A. : J. Platho (Platho & Wolff), 
Moritz Treitel. Vorstand : Judas Neumann und später Stadtrath 
Robert Lauber aus Rochlitz in Sachsen, Actiencapital 450,000 
Thaler und 100,000 Thaler Hypotheken. Quistorp, der die Grün- 
dung wieder „commissionsweise" besorgte, versicherte in seinem 
Circular, dass der Preis für die Grundstücke, Fabrikanlagen und 
Bestände „sehr massig" fixirt sei. „Es ist die unbedingteste Ga- 
rantie geboten, dass der hochgeachtete Name George Prätorius 
in Geschäftskreisen auch in der Folge gewahrt und aus diesem 
Namen nicht etwa zu Lasten der Actionäre Capital geschlagen 
werde." Ebenso betheuerten die Zeitungen, dass die Umwand- 
lung des seit 1808 bestehenden Geschäfts mit „pietätvoller Rück- 
sicht auf den Erblasser" (George Prätorius) geschehen, und eine 
„lucrative" Verzinsung zweifellos sei. Quistorp der Gross- 
müthige gewährte auf 5 Actien seiner Vereinsbank, die damals 
ca. 160 notirten. Eine Tabaks- Actie: „Wir (Quistorpl freuen uns, 
auch bei dieser Gelegenheit wieder für Sie eine Vergünstigung 
gesichert zu haben . . ." Einen schneidenden Gegensatz zu 
diesen fetten Verheissungen bilden die magern Dividenden, die 
bisher 4, 2V2> 2V4 und resp. 2V4V0 betrugen, und den Cours 
der Actien schon bis 45 sinken Hessen. 

Deutsche Tabaks-Actieugesellscliaft, vormals W.Brunz- 
low & Sohn. Auch ein altreuommirtes Geschäft, das am 26. 
October 1872 von Oscar Hainauer, Ferd. Jaques, Hermann 
Reimann, Paul Calmus, Theodor Munk und Hugo Fuchs ge- 
gründet wurde. 600,000 Thaler Actien und 100,000 Thaler 
Hypotheken. Das erste Geschäftsjahr schloss mit einer Divi- 
dende von 3V3%, und dann trat man in Liquidation; was in- 



— 211 — 

dess blosser IIocuspocus ist, denn die Gründer waren die Actien 
glücklicherweise nicht los geworden. Angeblich kauften nun 
das Etablissement: Salomon Lachmann, Eduard Hirschberg und 
Habakuk Lachmann, und es bildete sich eine neue Gesellschaft, 
die sich mit einem Grundcapital von 200,000 Thalern beschied. 
Auch diese Actien sollen sich noch in den Händen der ersten 
Zeichner befinden, und möge das Publikum vor ihnen immer 
bewahrt bleiben! 

Tabaksgesellschaft Uniou, vormals Leopold Kronen- 
berg in Warschau und Dresden. Gegründet Decbr. 1871 von 
der Berliner Handelsgesellschaft und der Sächsischen Credit- 
bank in Dresden mit 1,100,000 Thaler Actien!! Aufsichtsrath : 
Abgeordneter Advocat Hermann Schreck in Pirna, Advocaten, 
Hermann Oehme und Dr. Stein I. in Dresden, Anton Laski und 
Adolf Wenzel (Samuel Anton Fränkel) in Warschau, August 
Wolf in Dresden, Mankiewicz & Co. in Hamburg. IP/q wurden 
den Actionären versprochen, und sie erhielten 1872 — S^/o und 
1873 — 5%. Die beiden letztjährigen Dividenden waren 0. Cours ? 

Säclisisclie Tabaksfabrikeu, vormals A. Collenbusch 
in Dresden und Frankeuberg. Gegründet März 1872 mit 300,000 
Thaler Actien. Die Vorbesitzer F. A. Collenbusch und E. F. 
Friedrich behielten die Leitung und übernahmen einen Posten 
Actien. Verwaltungsrath: Robert Thode & Co., Georg Stiebel 
(Geraer Bank- Agentur), Advocat Dr. Gustav Lehmann, Rudolf 
Völcker, Heinrich Kloss und Adolf Graf in Dresden. Dividenden 
pro 1874 und 1875 je 6%. Cours ca. 80. 

Tabak- nud Cigarrenfabrik , vormals Gustav Müller 
& Co. in Dresden. Gegründet März 1872 mit 300,000 Thaler 
Actien. Der Vorbesitzer übernahm die Leitung und ein Drittel 
des Actiencapitals. Aufsichtsrath: C. W. Meyer und Georg 
Moritz Weber (Eduard Rocksch Nachfolger), Victor Blachstein 
und Abgeordneter, Advocat Emil Lehmann in Dresden. Trat 
Februar 1875 in Liquidation, und zahlte October 187G den 
Actionären abschläglich 2ö'% heraus. 

14* 



— 212 — 

Dressler'sclie Cigarreu- und Cigarettenfabrik in Dres- 
den, mit 350,000 Thaler Actien. Trat Mai 1876 in Liquidation, 
Cours ca. 40. 

Tabak- und Cigarrenfabriken, früher A. M. Ritter in 
Leipzig. Gegründet November 1872 von der Dresdener Han- 
delsbank mit 300,000 Thaler Actien und 25,000 Thaler Hypo- 
theken. Herr Moritz Ritter behielt die Leitung und übernahm 
100,000 Thaler Actien. Schon 1873 schloss mit Verlust, und 
man entschied sich für Auflösung der Gesellschaft. 

Actien - Gitarren- und Tabaksfabrik in Ansbach. Trat 
Ende 1875 in Liquidation. 

Bei Gründung der Tabaksfabrik von Leopold 
Kronenberg ereignete sich der ungeheuerliche Fall, 
dass die „Berliner Börsen-Zeitung" das Unternehmen 
einer scharfen Kritik unterzog und das Publikum 
gewissermaassen davor warnte. Vermuthlich haben 
die Gründer die Einsendung der redactionellen Notiz 
vergessen, oder es fehlte die gebräuchliche Beilage, 
oder aber dieselbe war nicht genügend befunden. 
Gleichviel, die sonst Jedermann so gefällige „Ber- 
liner Börsen-Zeitung" versagte diesmal ihre Empfeh- 
lung, und die neuen Tabaks-Actien mussten es büssen. 
Sie konnten an der Berliner Börse nie rechten Cours 
erlangen, und sie notirten fast immer „Brief". 

Bei den in Dresden gegründeten Tabaksgesell- 
schaften wurden als Aufsichtsräthe zwei jAdvocaten 
genannt, die beide auf den nicht ungewöhnlichen 



— 213 — 

Namen „Lehmann" hören: Dr. Gustav Lehmann und 
Landtags-Abgeordneter Emil Lehmann. Beide sind 
bei zahlreichen, vorwiegend faulen Gründungen be- 
theiligt; Herr Emil Lehmann iedoch bei den fauleren, 
für welche er eine Vorliebe zu haben scheint- Der 
begabte l^ann hat sich'auch als Schriftsteller bekannt 
gemacht und u. A. eine Brochüre „Höre Israeli" ge- 
schrieben. Es ist dies ein Mahn- und Weckruf des 
ebenso frommen wie weltklugen Aufsichtsraths an 
seine jüdischen Glaubensgenossen. „Gelobt seist Du, 
Ewiger unser Gott, der Du uns diese Zeit erreichen 
und erleben liessest!" Mit diesem alten Segensspruch 
begrüsst er die neueste Phase der Deutschen Ge- 
schichte, wo da regieren Rothschild und Bleichröder, 
wo da Gesetze machen Lasker und Bamberger, und 
kleidet dann sein Frohlocken in die Worte: 

„Was Lessing mit seinem Nathan in liundert Jahren end- 
lich doch zu erreichen hoiFte, das ist nun in Erfüllung gegangen. 
Kicht Druck, nicht Zurücksetzung, selbst nicht mehr wohhvol- 
lende Duldung — nein, volle Gleichberechtigung, gerechte An- 
erkennung, das ist heutzutage die Losung für Juden und Juden- 
thum. Wohin wir blicken im weiten Reich der Geschichte, 
wir finden kein Zeitalter, in dem Beides, in dem Juden und 
Judenthum solcher Freiheit, solcher Blüthe sich erfreut hätten. 
— ,,Das Quecksilber am Wärmemesser der Bildung 
sind die Juden; und \ycil unsere Zeit in Bildung und Ge- 
sittung weit, weit vorgeschritten ist — darum ist die Freiheit 



— 214 — 

und Gleichberechtigung der Juden in unseren Tagen und für 
alle kommenden Zeiten eine gesicherte." 

Herr Emil Lehmann ist ein aufgeklärter Jude. 
Er hält nichts von dem Ceremonial- und Speisege- 
setz; er verabscheut die Beschneidung, aber keines- 
wegs das Schweinefleisch und die Kalbshinterviertel; 
er schwärmt für confessionslose Schulen und empfiehlt 
seinen Glaubensgenossen, sich der christlichen Sonn- 
tagsfeier und christlichen Zeitrechnung anzupassen, 
und sich durch Heirathen mit den Christen zu ver- 
mischen. Was er noch vermisst, ist die gesell- 
schaftliche Gleichstellung der Juden, und auch diese 
müsse errungen werden durch inniges Zusammen- 
halten der „Kette, die sich über den ganzen Erden- 
rund hinbewegt, die elektrisch zuckt, sobald Ein 
Glied verletzt wird", und die auch bereits eine Form 
angenommen hat durch Stiftung der Alliance Israe- 
lite Universelle. 

Diese bedeutungsvolle Brochüre ist 1869 erschie- 
nen und gewiss in begierige Ohren und Herzen ge- 
fallen. Seitdem ist die Macht und der Einfluss der 
Juden noch so gewachsen, dass sie thatsächlich in 
Deutschland bereits die Herrschaft ausüben. Sie be- 
kleiden heute die höchsten Staatsämter, sie erfüllen 
die RichtercoUegien und die höheren Lehrämter, sie 



— 215 — 

vermischen sich mit dem Adel und werden selber in 
den Adelstand erhoben, sie geben in der Presse, in 
den Parlamenten und in der Gesellschaft den Ton an. 

Ihre grosse Uebermacht beruht auf ihrem Reich- 
thum. Während die Juden zu allen Zeiten das 
meiste Geld hatten, weil sie dasselbe stets auf- 
sogen wie ein Schwamm, besitzen sie heute fast alles 
Geld allein. Das „Milliardengeschäft" der Franzö- 
sischen Kriegscontribution ist hauptsächlich ihnen zu 
Gute gekommen; der Börsen- und Gründuiigsschwin- 
del, bei dem sie mit 90 Procent betheiligt sind, und 
der ihr eigentliches Werk ist, hat ihnen Millionen 
und Milliarden eingetragen. 

Wenn man bedenkt, was die „Volkswirthe" und 
die Gründer Alles versprochen, und was sie that- 
sächlich nun geleistet haben; wenn man erkennt, 
welch kolossale Reichthümer die Juden seit dem 
Französischen Kriege erworben haben, und wie in- 
zwischen die Christen verarmt sind — so kann man, 
anknüpfend an die Tabaksgründungen der Herren 
Gustav Lehmann und Emil Lehmann, wol eine volks- 
thümliche Redensart gebrauchen und ausrufen; Das 
ist starker Tabak! 



Es fehlt an Jod! 

Die Haiidelsbericlite eines christlichen Kaufhauses — Börsenspiel auf dem 
Waarenmarkte — Chemische Gründungen : Schering', Yilter, Farben-Fabrili, 
Anilin-Farhen, Alizariu-Fahrlk, Charlottenhurger, Köpenicker, Oranienburger, 
Schönebecker, Gothaer, Corbetlia, Mügeln, Union, Ascania, Leopoldshall, Ver- 
einigte Leopoldshall, Stassfurter, Heinrichshall, Hannoversche Ultramarin- 
fabrik, Egestorflf's Salzwerke, Oker und Braunschweig, Eisenbüttel, Chinin- 
Fabrik, Elberfelder Industrie und Alizarin, Chemische Industrie in Köln, 
Pommerensdorfer Seifen, Bredow U.A., Danziger, Silesia — Schwindelblüthe 

— Terfälschungen — Dr. Oscar Liehreich's Chloralhydrat und Pepsinwein 

— Schering's dialysirte Salicylsänre — Ein chemischer Literat — Zwei Börsen- 
Eedacteure: Dr. Heinrich Ebeling und Julius Schweitzer — „Doctor 
Schweiger" — Herrn Schweitzer's Jubiläum — Die „Yerleumdungsära" — 
Der Verein „Berliner Presse" — Herr Schweitzer klagt — Edle Offenheit des 

„Berliner Börsen-Courier". 

Nicht gänzlich hat es an Stimmen gefehlt, die 
schon während der Schwindelperiode sich klagend 
und warnend vernehmen Hessen, die darauf hinwiesen, 
wie sehr die Gründerei das reelle Geschäft gefährde, 
das Publikum benachtheilige, die allgemeine Sittlich- 
keit untergrabe — aber diese vereinzelten Stimmen 
wurden übertönt, erstickt von dem wüsten Chor der 
Presse, und sie fanden, namentlich wenn sie bestimmte 
Schäden biossiegen und bestimmte Unternehmungen 



— 217 — 

kennzeichnen wollten, kaum ein Organ, das ihnen 
seine Spalten öftnete, denn alle Blätter, gross und 
klein, die Zeitungen jeder politischen Farbe, selbst 
die officiösen, hatten sich, schon der kostbaren In- 
serate halber, in die Dienste der Gründer und der 
Börse begeben, deren Interessen sie mit Begeisterung 
verfochten, von denen sie mehr oder weniger abhän- 
gig waren. Wer damals dem Schwindel entgegentrat, 
zu dessen Enthüllung auch die Regierungen nicht das 
Geringste thaten, fand nirgends Beachtung, wurde 
entweder gar nicht erwähnt oder nebenbei abgefer- 
tigt, als Sonderling oder Rückschrittler bezeichnet, 
ja selbst verächtlicher Motive bezichtigt. Wer sich 
dennoch nicht zurückschrecken, von der Presscon- 
sorteria nicht einschüchtern Hess, dem wird ein braver 
Muth nicht abzusprechen sein, und wenn seine Be- 
mühungen auch vergeblich geblieben sind, so verdient 
er wenigstens heute in Ehren genannt zu werden. 

Die Droguenhandlung von Gehe & Co. in Dresden, 
welche seit länger als einem Vierteljahrhundert be- 
steht, in ihrer Branche mit die grösste des Continents 
ist, zugleich eines Weltrufs und eines makellosen 
Renommees geniesst, lässt ihren zahlreichen Kunden 
alle Halbjahr einen sogenannten Handelsbericht zu- 
gehen, in welchem sie die Conjunctur der einzelnen 



— 218 — , 

Artikel bespricht, und zugleich in einer Einleitung 
gerade auf der Tagesordnung stehende commercielle 
und industrielle Fragen erörtert. Diese Handelsbe- 
richte zeigen, was inmitten des jüdischen Schachers 
und Wuchers, der die ganze Geschäftswelt angefressen 
hat, noch heute ein grosses christliches Kaufhaus ist, 
und sie erfüllen wieder mit unwillkürlichem Respect 
vor dem Deutschen Kaufmann, der einst das Patri- 
ciat unserer Städte bildete. Diese Handelsberichte, 
die leider dem grossen Publikum unbekannt bleiben, 
von denen neuerdings aber hin und wieder auch die 
Zeitungen Notiz nahmen, schlagen alle wirthschaft- 
lichen Themata an, sind eine wahre Fundgrube volks- 
wirthschaftlichen Wissens, unmittelbar der Praxis ent- 
nommen, wie man es bei den manchesterlichen „Volks- 
wirthen", welche die ebenso feile wie bornirte Presse 
hinter sich haben, vergebens sucht. 

Unermüdlich kämpfen Gehe & Co. gegen die man- 
chesterliche Gesetzgebung und Misswirthschaft an, 
sind sie, auch in Petitionen an die Parlamentskörper 
und in besondern Brochüren, beeifert, die Uebelstände 
in Industrie, Handel und Verkehr aufzudecken und 
zweckmässige Eeformen in Vorschlag zu bringen. 
Gegen die Gründerei und das Treiben der Börsen- 
jobber haben sie sich von vornherein erklärt, und 



— 219 — 

den Schwindel, noch während er in Blüthe und An- 
sehen stand, mit einer vernichtenden Kritik begleitet. 
So schrieben sie in ihrem Handelsbericht vom April 
1872: 

„Wir können von einem wahren embarras de richesse 
sprechen, denn mehr hinderlich als förderlich ist dieser plötz- 
liche Capitalüberfluss dem regelmässigen Handel. Er wirkt 
wie ein Wolkenbruch nach anhaltender Dürre, mehr zerstörend 
als befruchtend. Da der Boden des reellen Geschäfts den 
plötzlichen Capitalzufluss nicht aufzunehmen vermag, so sucht 
sich dieser selbständige Anlagen in Eisenbahnen, Banken, 
Fabriken. — „Im Geschäftsverkehr spielen die umgewandelten 
Fabriken meist eine ganz andere Kelle als vorher. Wie der 
Bauunternehmer anders verfährt als Derjenige, welcher ein 
Haus zum Selbstbewohnen baut, so wirthschaftet auch eine 
Geldmacht, die mit Fabriken oder Fabrikantheilen handelt, 
anders als ein Privatmann, der sich bleibend mit seinem Ge- 
schäfte identificirt. — „Industrielle Unternehmungen bieten der 
Speculation ein sehr ergiebiges Feld. Alle jene der Börse ge- 
läufigen Operationen: Ansichziehen der Vorräthe, Verbreiten 
falscher Nachrichten, deren Widerlegung um so schwerer, als 
ein Journal nach dem andern seine unabhängige Stellung mit 
der Eigenschaft eines Werkzeugs bestimmter Finanzkreise ver- 
tauscht, willkürliches Aufgreifen und Poussiren, dann ebenso 
jähes Werfen einzelner Artikel: alle diese Gewohnheiten, welche 
den Börsenverkehr in den Kuf eines Spieles gebracht haben, 
greifen mehr und mehr auch im Waarenhandel um sich, und 
die in den Besitz von Actiengesellschaften übergegangenen in- 
dustriellen Unternehmungen sind es vornehmlich, welche das 
Eindringen dieser Börsenpraxis in den Waarenhandel begün- 
stigen. Wol wären die Staatsgewalten im Stande und unseres 
Dafürhaltens verpflichtet, nicht blos dem Waarenhandel, sondern 



— 220 — 

auch der Gesamratheit der consumirenden Staatsbürger zu Hülfe 
zu kommen. In ihren Händen befinden sich Mittel, das Publi- 
kum durch eine gehörig organisirte Statistik aufzuklären. Aber 
eine solche Statistik, wozu in England, Holland und den Hanse- 
städten ein guter Anlauf genommen, hat leider wenig Aussicht 
auf Verallgemeinerung, nachdem in der Statistik des Deutschen 
Reiches nicht der praktische Nutzen zum Ziele genommen und 
lediglich büreaukratische Gesichtspunkte die Oberhand gewonnen 
haben." 

In ihren Handelsberichten aus den Jahren 1872 
und 1873 klagen Gehe & Co. wiederholt über die 
grossen Schwankungen der Waarenpreise, die jeder 
Voraussicht, jeder Combination spotten, die keine 
anderen Ursachen haben als Willkür und Börsenjob- 
berei. Die moderne Actien-Industrie, anstatt sich 
untereinander Concurrenz und dadurch die Preise 
billiger zu machen, verbünde sich zu den ungerecht- 
fertigtsten rapidesten Preisaufschlägen. Die Actien- 
gesellschaften stürzen sich auf irgend einen Zweig, 
monopolisiren denselben, schreiben die Preise vor, 
produciren, ohne Rücksicht auf Absatz und Unkosten, 
in's Blaue hinein, werfen dann wieder die Preise 
und vernichten so jede solide Privatconcurrenz. Gegen- 
über dem„Schoosskind der allmächtigen hohen Finanz", 
dem „goldnen Börsenspiel", sei der reelle Waaren- 
handel bereits missachtet. Hand in Hand mit der 
Actienwirthschaft und von ihr mit erzeugt, laufe die 



— 221 — 

allgemeine, beständig noch wachsende Vertheuerung 
aller Dinge; alle gewerblichen und herkömmlichen 
Schranken seien niedergerissen und das Publikum 
der entfesselten Geldgier preisgegeben. 

Selbstverständlich richtet sich die Kritik von 
Gehe & Co. noch speciell gegen die damals in solcher 
Unmenge gegründeten chemischen Fabriken, „welche 
keinen andern als den Geldzweck verfolgen und da- 
her nur auf lohnende Massengeschäfte sich einlassen, 
auch nur Ablieferungen in den ihnen passenden Quan- 
titäten, Qualitäten und Formen zu der ihnen passen- 
den Zeit machen". Gerade hier zeige sich durch 
künstliches Seltenmachen eine kolossale Vertheuerung 
der Producte, namentlich der sogenannten chemischen 
Stapelartikel, von welchen ein so unentbehrlicher Heil- 
stoff wie Jod in einigen Monaten um das Dreifache 
des früheren Preises hinaufgeschwindelt sei. Aber 
die unausbleibliche Ueberproduction werde zeitig 
genug einen Umschlag hei beiführen, und die Preise 
könnten leicht billiger werden als sie je zuvor ge- 
wesen. Damit würden auch die Dividenden schwin- 
den, welche gegenwärtig so reichlich zur Yertheilung 
kämen, und die Actionäre hätten schwerlich auf einen 
dauernden Gewinn zu rechnen. 

AVenn Gehe li: Co. so eiferten und prophezeieten, 



— 222 - 

thaten sie es ohne jeden Brotneid, ohne jede Eifer- 
süchtelei; mit voller Unbefangenheit und Wahrheits- 
liebe, im Interesse ihrer Geschäftsfreunde und des 
grossen Publikums. Die sündfluthartig anwachsende 
Actien-Concurrenz vermochte ihrem altbefestigten Ge- 
schäft doch keinen Abbruch zu thun; ihre Artikel 
und Fabrikate blieben, namentlich bei Apothekern 
und Aerzten, nach wie vor geschätzt und gesucht, 
während die Producte der Actien-Fabriken viel zu 
klagen gaben, häufig genug von sachverständigen 
Kunden nicht „chemisch rein" befunden und deshalb 
beanstandet wurden. Wol wird die Zumuthung, sich 
gründen zu lassen, auch an Gehe & Co. herangetreten 
sein, aber bei ihren Ansichten und Grundsätzen 
musste jeder derartige Versuch scheitern. Um so 
bereitwilliger waren viele ihrer Collegen, die in der 
Regel sich an die Gründer drängten und sich an der 
Gründung mit vollem Verständniss betheiligten. 

Die Zahl der in Actiengesellschaften umgewandel- 
ten chemischen und ähnlichen Fabriken ist Legion. 
Wir lassen die folgenden Revue passiren: 

Chemische Fabrik, frülier Commerzienrath Ernst Sche- 
ring in Berlin. Gegründet October 1871 von dem Vorbesitzer 
und Heinrich Quistorp, sowie von Apotheker H. Augustin, 
Regierungsrath A. Bühling, Dr. Emil Jacobsen und Commer- 
zienrath Gustav Jürst in Berlin, Stadtrath Julius Holtz in Char- 



— 223 — 

lottenburg. Die zuletzt genannten fünf Personen zeichneten 
das Actiencapital mit 500,000 Thaler, jeder von ihnen hun- 
derttausend Thaler! Später wurden noch 100,000 Thaler 
Prioritäten ausgegeben, und ausserdem sind 100,000 Thaler 
Hypotheken vorhanden. Der Yorbesitzer übernahm angeblich 
die Gründungskosten und behielt die Leitung. 1871 und 1872 
entfielen je S^/o Dividende, dann nichts mehr. Der Cours, bis 
ca. 140 getrieben, ist etwa noch 15. 

Berliner Cliemisclie Prodncteii- und Dampfkuoclieu- 
iiielilfal)rik. Dieselbe fabricirt namentlich chemischen Dünger 
und Leim; sie wurde dem Pächter der Scharfrichterei, Com- 
missionsrath F. W. Vilter für augeblich 606,000 Thaler (!), die 
Vorräthe nicht miteingerechuet (!!), abgekauft, und September 
1872 gegründet von Felix Mamroth, Samuel Caro, Ignatz Hantke, 
Oscar Kohn, Gustav Scheeffer, Rudolf Noack, Ingenieur Ewald 
Fr. Scholl. Actiencapital 600,000 Thaler und 175,000 Thaler 
Hypotheken. Die erste und einzige Dividende war 4V6*'/o- 
Seit Sommer 1875 betrieb eine Partei die Entgründung und 
setzte sie Februar 1876 durch, was die Actien vollends ent- 
werthete. Liquidatoren: Adolf Löwe und Julius Hahlo. Einen 
Theil der Grundstücke kaufte der Berliner Magistrat, der 
eine besondere Neigung zu Geschäften mit nothleidenden Actien- 
gesellschaften hat, etwas eilig und ziemlich theuer für 150,000 
Thaler an, was ihm mancherlei Tadel zuzog, und nicht den 
Actionären, sondern nur den Entgründern zu Gute kam. Da- 
für verehrte Herr Vilter dem Märkischen Pro vinzial- Museum 
das Richtbeil und Richtschwert, womit 1720 die Räuber und 
Gauner ihren Lohn erhielten. In Betreff der sehr verdächtigen 
Gründuug hat zwar der Staatsanwalt recherchirt, doch ist eine 
Anklage bisher nicht erhoben. Die Februar 1873 mit ca. 115 
bezahlten Actien sind Maculatur. 

Chemisclie Farben -Fabrik in Berlin, Gegründet April 
1872 mit 250,000 Thaler Actiencapital von Eduard Mamroth, 
Julius Sternfeld, Gabriel Hermann Michaelis und Hermann 



— 224 - 

Lask. Schloss 1874 mit Verlust und trat Mai 1875 in Liqui- 
dation. 

Actiengesellschaft für Auiliu-Fabrik.atiou in Berlin. 
Verspätete Gründung-, Juli 1873 in die Welt gesetzt von Eduard 
Veit (Kobert Warschauer & Co.), Johann Heinrich Albert Ehren- 
hard, Emil Hallensleben, Dr. Paul Mendelssohn-Bartholdy, Dr. 
Carl Alex. Martins, Dr. Max Aug. Jordan, Töpke & Leidloff. 
Actiencapital 340,000 Thaler. Ohne Börsencours. 

Alizarin- und chemische Fabrik in Potsdam. Ge- 
gründet October 1873 mit 350,000 Thaler Actien von Werner 
von Lockstädt, Carl Seefeld, Johann Lehmann, Dr. Heinrich 
Ebeling, Börsenredacteur der „Vossischen Zeitung" in Berlin 
u. A. Trat schon wieder August 1874 in Liquidation, kam zur 
Subhastation und -wurde dem Cäsar Chaskel für 32,000 Thaler 
zugeschlagen ! 

Chemische Fabrik in Charlottenbiirg', früher Carl 
Lieber. Gegründet October 1871 von Raphael Eisenmann, 
Wilh. Eisenmann, Joseph Goldschmidt und Julius Guttentag 
in Berlin, mit 375,000 Thaler Actien. Erste Aufsichtsräthe : 
A. Hasse und F. E. Bercht. Directoren: der Vorbesitzer imd 
Theodor Goldschmidt, später Bernhard Böge und Dr. Roseck. 
Schreckliche Gründung und schreckliche Misswirthschaft ! Schon 
das erste Geschäftsjahr schloss mit 105,000 Thaler Verlust, 
und man trat in Liquidation, die Bernhard Böge und Wilh. 
Pfitzinger, Hermann Golde und Carl Häsicke executirten, und 
bei welcher für die Actionäre natürlich nichts übrig blieb. 
Die Grundstücke der Gesellschaft wurden 1876 subhastirt. Der 
Staatsanwalt hat sich mit dieser Gründung jahrelang beschäf- 
tigt, ohne dass etwas dabei herausgekommen ist. Nur gegen 
Bernhard Roge schwebte ein Criminalverfahren wegen Unter- 
schlagung von 3529 Thaler, doch wurde er in zwei Instanzen 
freigesprochen. Beide Richter führten aus: die Entnahme jener 
Summe sei zwar rechtswidrig, aber wahrscheinlich ein Rechts- 
irrthum, der besonders häufig unter Kaufleuten obwalte. 



— 225 — 

Köpeiiicker Chemische Fabrik, früher R Lomax. Ge- 
gründet Mai 1871 von Eduard Mamroth und Leo Wellenberg 
in Berlin und Michaelis Breslauer in Posen. Actiencapital 
750,000 Thaler und 00,000 Thaler Hypotheken. Erste Zeichner 
ausser den Gründern: Julius Heine mann in Hannover, Heinrich 
Hertz in Posen, Rittergutsbesitzer Wilh. Lau in Heyde-Wilaen 
bei Trebnitz. Aufsichtsrath u. A.: Emil Caro in Berlin. Vor- 
stand: Dr. Emil Meyer in Berlin. Für 1871 entfiel eine künst- 
liche Dividende von 10%; 1872 ergab in Folge einer glück- 
lichen Speculation in Schwefel noch G%-, 1873 — 1%; dann 0. 
Die chemische Fabrik bekehrte sich zum Tapeten-Druck, zu 
Schmiede-, Böttcher- und Korbmacherarbeiten! 1875 schloss 
mit fast 90,000 Thaler Verlust. Derselbe muss jedoch vreit 
grösser sein, denn die einst mit 120 bezahlten Actien notiren 
noch etwa 1. 

Chemische Fabrik Oranienburg, ursprünglich derPreussi- 
schen Seebandlung und dann dem Commissionsrath L. Röhr 
gehörig. Gegründet Juli 1871 von Rauif & Kuorr, Samelson & 
Sackur, S. Frenkel, Stadtrath Otto Kunz und Apotheker Carl 
Jung in Berlin. Erste Aufsichtsräthe u. A.: L. Krautheim, 
Professor R. Weber und Rittergutsbesitzer Crüsemann in Berlin. 
Vorstand: Dr. Ferd. Dronke in Berlin und Dr. Otto Hübner 
in Oranienburg. Actiencapital 550,000 Thaler und 220,000 Thaler 
Hypotheken. Dividenden: 1871 — 8, 1872 — 7V2%, untl seit- 
dem 0. 1873 Heferten die Gründer 120,000 Thaler Actien zurück, 
1874 und 1875 wurde das Grundcapital bis auf 215,000 Thaler 
gemeuchelt. Cours einst 115, jetzt ca. 9. 

Chemische Fabrik iu Schönebeck, früher Tester & Co. 
Gegründet October 1S72 von Carl Keferstein, David Tobias, 
Moritz Michels, Julius Pickardt und Julius Hahlo in Berlin, 
Franz Vester in Schönebeck. Dircctor wurde der Mitvorbe- 
sitzer Adolf Ptlugmacher in Schönebeck. Actiencapital 325,000 
Thaler, aufgelegt bei Zippert & Co. in Berlin, und 50,000 Thaler 
Hypotheken. Erste und einzige Dividende S^/o- Die Gründer 

Gl ag au , Der Börsenschwindel. II. 15 



— 226 — 

„schenkten" 10,000 Thaler Actien zurück, und das Grundcapi- 
tal wurde um zwei Drittel gemeuchelt. 1876 trat man in Liqui- 
dation, und das Etablissement ward für 70,000 Thaler verkauft. 
Die Actien notiren ca. 3. 

Gotha, Salzsiederei und chemische Fabrik, sonst Louis 
Engelhard in Gotha. Vorgekauft von Max Schneidemühl, 
und Octoher 1872 gegründet von der Allgemeinen Depositen- 
bank, von Otto Clement, Jacques Goppel, Nachmann Hirsch 
JSIeumann und Dr. Heinrich Ebeling, Börsenredacteur der „Vossi- 
schen Zeitung" in Berlin. Actiencapital 200,000 Thaler. Direc- 
tor wurde der Vorbesitzer. Schon Januar 1874 trat man in 
Liquidation. Liquidatoren: Jacques Goppel und Rechtsanwalt 
Ludwig Meyn in Berlin, welcher Letztere das Statut der Ge- 
sellschaft aufgenommen hatte. Gours einst 110, jetzt ? 

Chemische Fabrik und Glashütte zu Corbetha Bahn- 
hof, vormals Louis Neu deck & Go. Angeblich erworben für 
355,000 Thaler, und gegründet mit 400,000 Thaler Actien und 
100,000 Thaler Prioritäten, Aufsichtsrath: Carl Büttner, Fritz 
Lüdecke imd Franz Pfaffe (Weise & Pfaffe) in Halle, Albert 
Kühne (J. F. A. Zürn) in Zeitz, Fr. Lösener in Hamburg, 
M. S. Meyer in Magdeburg. Der edle Vorbesitzer, welcher 
die Leitung und 100,000 Thaler Actien übernahm, stellte 15% 
Dividende in Aussicht und verzichtete auf jede Tantieme, be- 
vor die Actionäre nicht mindestens 10% erhielten. Leider 
haben sie nie einen Heller gesehen, und man geht nunmehr 
daran, drei Viertel der Actien zu meucheln. 

Cliemische Fabrik Mügeln bei Pirna, Alaunwerk von 
A. Hayn. Gegründet August 1872, mit 525,000 Thaler Actien 
und 100,000 Thaler Prioritäten, von Gebrüder Guttentag und 
M. Schie Nachfolger in Dresden. November 1874 meuchelte 
man einen Theil des Actiencapitals , 1875 schlug „Actionär" 
Emil Quellmalz aus Dresden die Verpachtung vor; indess ward 
die Liquidation beschlossen und das Etablissement dem Gustav 
Löwig für 170,000 Thaler übereignet. Gegen diesen Kaufver- 



— 227 — 

trag protestirte die Generalversammlung und entschied sich, 
bei der Staatsanwaltschaft „die strengste Untersuchung der 
Gründung" zu beantragen. 

Union, Fabrik chemischer Producte, früher Commerzien- 
rath Quistorp in Glienken bei Stettin, und Käsemacher & 
Schäfer in Magdeburg. Gegründet Februar 1872 von Hein- 
rich Quistorp in Berlin, mit 500,000 Thaler Grundcapital. Auf 
je 5 Actieu seiner ,,Yereinsbank", die damals 160 notirten, ge- 
währte Quistorp der Grossmüthige Eine chemische Actie ä 104. 
Director: der Mitvorbesitzer Hermann Käsemacher in Magde- 
burg. Vorsitzender des Aufsichtsraths: Apotheker H. Augustin 
in Berlin. 1874 wurde das Actiencapital um 200,000 Thaler 
gemeuchelt. Die beiden ersten Dividenden waren 0, die beiden 
letzten je 2%. Cours noch etwa 30. 

Ascania, chemische Fabrik in Leopoldshall bei Bernburg, 
sonst F. R. Kiesel. Gegründet Juli 1872 von E. A. Seelig in 
Berlin, und den unglücklichen Actionären mit 505,000 Thaler 
berechnet. Actiencapital 460,000 Thaler und 100,000 Thaler 
Hypothekeö. Die erste und einzige Dividende für ein Ge- 
schäftsjahr von 6 Monaten war = G^/io^/o- Mai 1876 wurden 
vier Fünftel der Actien gemeuchelt. Die edlen Vorbesitzer 
A. Kiesel und Th. Korndorf haben auf das ihnen „contractlich 
zustehende Honorar von 5000 Thalern jährlich", sowie auf Ver- 
zinsung der für sie eingetragenen Hypothek verzichtet! 

Cours ca. 3. 

Chemische Fabrik Leopoldshall, vormals L. W. S. Zier- 
vogel in Stassfurt und Dr. W. Th. Tuchen in Leopoldshall, 
Gegründet 26. October 1871 von Volkmar & Bendix („Volks- 
wirth" Michael Levinstein) in Berlin. Erste Aufsichtsräthe: 
Michael Levinstein, Chemiker Max Levinstein, Dr. C. Scheib- 
ler und Stadtgerichtsrath , jetzt Kammergerichtsrath Hugo 
Keyssner in Berlin, M. Fliess in Magdeburg. Actiencapital 
zunächst 367,000 Thaler. Von demselben übernahmen die Vor- 
besitzer, welche die Leitung behielten, 100,000 Thaler. Im 

15* 



— 228 — 

Prospect -wurden sogleich 15% Dividende für das IL Semester 
1871, also für 4 Monate rückwärts, zugesichert, und für das 
I. Semester 1872 — 12% Dividende berechnet. In solch raffi- 
nirter Weise trieb man den Cours bis etwa 130, und machte 
dann 133,000 Thaler junge Actien, welche zum Theil die „ersten 
Zeichner" sich vorbehielten! Das Ende war, März 1873, eine 
Verschmelzung mit der nachfolgenden Gesellschaft, deren Actien 
heute ca. 8 notiren. 

Vereinigte chemische Fabriken zu Leopoldshall, früher 
Douglas, Jena & Win t er fei d, Dr. Lossen, Wittwe Lücke, 
Thiemann & Förster. Gegründet Februar 1872 von Del- 
brück, Leo & Co. und Volkmar & Bendix in Berlin. Erste 
Aufsichtsräthe: CommerzienrathAdalbert Delbrück, „Volkswirth" 
Michael Levinstein, Dr. C. Scheibler, Dr. Emil Meyer und 
Stadtgerichtsrath, jetzt Kammergerichtsrath Hugo Keyssner in 
Berlin, M, Fliess in Magdeburg und Commerzienrath Hermann 
Kühne in Dessau. Die Herren Michael Levinstein, Di'. Scheib- 
ler, Rath Keyssner und M. Fliess fungirten also gleichzeitig 
als Verwaltungsräthe bei zwei Gesellschaften, die einander un- 
mittelbare Concurrenz machten. Noch interessanter ist, dass 
Herr Ziervogel, der Director von Leopoldshall, nunmehr auch 
die „Generalleitung" der neuen Gesellschaft übernahm. Man 
sieht, es geht bei den Actiengesellschaften höchst gemüthlich 
zu! — Es wurden zunächst l,600,f00 Thaler in 60 procentigen 
Interimsscheinen aufgelegt, und diese bis etwa 120 getrieben, 
was einem Course von 133 entspricht. September 1872 kaufte 
man die Pateut-Kali-Fabrik von Ad. Frank an; später, um 
die Concurrenz zu beseitigen, Alt-Leopoldshall, und endlich noch 
im April 1873 eine Kohlengrube; wobei man fortlaufend das 
Grundcapital bis auf 3 Millionen Thal er erhöhte! Daneben 
figuriren noch 350,000 Thaler Hypotheken!! Nach Verschmel- 
zung der beiden Gesellschaften führten Dr. A. Frank und Max 
Levinstein die Direction. Die ersten Dividenden betrugen 11 
und 3%, wurden aber in dieser Höhe nur durch garantirte 



— 229 — 

Zuschüsse der Vorbesitzer möglich. Für 1873/74 entfiel noch 
1%, seitdem 0. Im letzten Geschäftsjahr arbeiteten die 7 che- 
mischen Fabriken bereits mit einer Unterbilauz, die nur durch 
den Gewinn bei der Kohlengrube ausgeglichen werden konnte, 
und wird die Gesellschaft wol nur durch die bei ihr interessir- 
ten Bankhäuser über Wasser gehalten. Cours etwa noch 8. 

Chemische Fabrik vormals Julius Vorster und Dr. 
Hermann Grüneberg in Stassfurt. Vorgekauft von Hermann 
Geber in Berlin, und October 1871 gegründet von H. C. Plaut, 
Raufi" & Knorr, Eduard Stahlschmidt, Stadtrath Theodor Risch 
und Julius Schweitzer, Börsen-Redacteur der „Nationalzeitung" 
in Berlin, mit 530,000 Thaler Actien und 100,000 Thaler Hypo- 
theken. Erste Aufsichtsräthe u. A. : August Neubauer in Magde- 
burg, Hermann Rauif und Professor Rudolf Weber in Berlin, 
Directoren: Friedrich Bettelhäuser, Dr. Emil Pfeifi'er und Dr. 
Bruno Bernhardi in Stassfurt. Die erste und einzige Dividende 
für ein Geschäftsjahr von 7 Monaten war gleich 8%. Septem- 
ber 1874 liess Hermann Geber durch die Vorbesitzer 100,000 
Thaler Actien „zurückschenken", um dieselben zu vernichten, 
da sie für ihn doch keinen Werth hatten; übernahm auch 
50,000 Thaler Prioritäten al pari. Trotzdem schloss 1875.76 
mit einer neuen Unterbilanz von ca. 270,000 Thal er, weshalb 
man beschlossen hat, das Grundcapital bis auf 192,000 Thaler 
zu meucheln. Cours der Actien noch ca. 8. Nach einer Zei- 
tungsnotiz soll der Staatsanwalt endlich eingeschritten sein. 

Chemische Fabrik Heinrichshall bei Köstritz, früher 
H. von Seckendorf. Gegründet August 1871 von der Coburg- 
Gothaischen Creditgesellschaft und der Geraer Bank. Actien- 
capital 260,000 Thaler, aufgelegt bei Platho & Wolti' und Moritz 
Löwe & Co. in Berlin. Dazu 85,000 Thaler Hypotheken und 
100,000 Thaler Prioritäten. Aufsichtsrath: Bankdirector Eisen- 
traut und Adolf Schwenker in Jena, J. R. Geith und Bank- 
director Riemann in Coburg, Otto Schwartzkoptt' in Magdeburg, 
früherer Abgeordneter Banquier Friedrich Fcustel in Baireuth. 



— 230 — 

Dividenden: 8, 12, 10, 5 und resp. 7%. Der Cours, einst über 
140, war schon gesunken unter 50, und ist jetzt etwa 70. 

HanuoTer'sche Ultramariiifabrik, vormals August und 
Georg Egestorff in Linden. Gegründet November 1871 von 
H. C. Plaut in Berlin, der Hannoverschen Bank, B. Magnus 
und M. C. Sternheim in Hannover, mit 300,000 Thaler Grund- 
capital und 70,000 Thaler Hypotheken. Die Vorbesitzer über- 
nahmen 100,000 Thaler Actien und behielten die Leitung. Auf- 
sichtsrath u. A.: Director Carl Schanzenbach, Bergcommissar 
Strohmeyer, Obergerichtsanwalt Abel, Banquiers Hermann Stern- 
heim und Moritz Magnus in Hannover. Dividenden von 1874 
bis 1876: 1, 4 und resp, 4%. Cours ? 

Georg Egestorff's Salzwerke, chemische und Farben- 
Fabrik in Linden bei Hannover. Gegründet December 1871 
von Ephraim Meyer & Sohn und M. J. Frensdorff, Provinzial- 
Disconto- Gesellschaft in Hannover. 2 Millionen Thaler Actien- 
capital und*700,000 Thaler Prioritäten. Aufsichtsrath: Excellenz 
Präsident V. von Alten und Commerzienrath F. Buresch in 
Linden, Banquier M. J. Frensdorff, Commerzienrath Louis E. 
Meyer und Fritz Hurtzig, Präsident der Handelskammer in 
Hannover, Senator Gustav Godeffroy und Ingenieur Chr. Tim- 
mermann in Hamburg, die Abgeordneten A. G. Mosle in Bremen 
und Obergerichtsanwalt Wilh. Laporte in Hannover. Dividenden 
von 1873 bis 1875: je 3%. Cours einst 135, jetzt etwa noch 30. 

Chemische Fabriken Oker und Branuschweig'. Ge- 
gründet September 1871 mit 150,000 Thaler Actien. Direction: 
Ernst Hampe, Wilh. Hasenbalg, Dr. Curt Stalmann. Aufsichts- 
rath: Eberhard Mencke, Commerzienrath Ritter Fr. von Voigt- 
länder in Braunschweig. Cours ? 

Chemische Fabrik Eisenbttttel in Braunschweig. Ge- 
gründet November 1871 mit 100,000 Thaler Actien. Verwal- 
tungsrath: Commerzienrath Ritter Fr. von Voigtländer, Eber- 
hard Mencke, Hermann Buchler, Dr. August Seyferth und 
August Boden in Braunschweig. Erste Dividende 5%. Cours ? 



— 231 — 

Chinin -Fa1)rik Braunsclnvcig. Gegründet November 
1871 mit 180,000 Thaler Actieu. Direction: Hermann Buchler 
und Dr. Otto Popp. Cours ? 

Chemische Industrie-Gesellschaft, vormals Gebr. Ges- 
sert in Elberfeld. Gegründet Januar 1878 mit 1 ^lillion Thaler 
Actien und 200,000 Thaler Hypotheken. Die Vorbesitzer, Dr. 
Jalius Gessert und Theodor Gessert behielten die Leitung und 
tib<2rnahmen 700,000 Thaler Actien. Aufsichtsrath: Commer- 
zienrath Wilh. Meckel, Consul Gustav Gebhard, Gustav Platz- 
hoff und Robert "VVichelhaus in Elberfeld, Emil Blank in Bar- 
men. Die Actien wurden auch an der Berliner Börse eiuge- 
geführt und hier gleich mit 116—120% gehandelt. Für das 
erste Halbjahr 1873 gab es 8% Dividende. 1873/74 schloss 
mit 83,000, 1874/75 mit 270,000 Thaler Verlust, und Decbr, 
1876 wurde die Liquidation beschlossen. 

Alizai'in- und Anilin-Farben-Fahrili in Elberfeld, Ge- 
gründet 1872 mit 480,000 Thaler Actien. Verwaltungsrath: 
Fr. Wilh. Strücker. Schloss 1874 mit 9300 Thaler Verlust. 

ActieugeseUschaft für chemische Industrie in Köln. 
Gegründet Januar 1872 mit 500,000 Thaler Actien. Dazu 
455,000 Thaler Hypotheken und Obligationen. Aufsichtsrath: 
Bankdirector Theodor Movius, Ed Bennert, Julius Joest, Jacob 
Lob Eltzbacher und Albano Körte in Köln, Friedrich Grillo 
und Wilh. Schürenberg in Essen, Rudolf Pönsgen in Düssel- 
dorf. Schloss 1875 mit 81,000 Thaler Verlust, und beabsich- 
tigte nunmehr den theilweisen Verkauf der Realitäten zu Köln 
und Mülheim. 

Pommerensdorfer Seifen- nnd Chemikalieufabrik in 
Stettin. Gegründet 1. April 1872 mit 300,000 Thaler Actien. 
Verwaltungsrath: Dr. Otto Schür, Consul Rud. Scheele, E. Koppe, 
Banquiers Scheller und Deguer in Stettin. Dividenden ? 

Ausser dieser scheinen in Stettin noch eine ganze Reihe 
ähnlicher Gesellschaften gegründet worden zu sein, als: die 
Chemische Fabrik Bredow (C. Metzenthin), Verein für 



— 232 — 

chemisclie Industrie (Job. Quistorp), Chemische Fabrik iu 
Bolliucheii, Chemische Fabrik für Superphosphate in 
Glienken, Stettiuer Fettwaareufabrik etc., deren Schick- 
sal dunkel ist. 

Cliemische Fabrik zu Daiizig, R. Petschow und Gustav 
Davidsohn. Gegründet 1870. Aufsichtsräthe: Stadtrath E. 
Damme, Commerzienräthe R. Goldschmidt und Abgeordneter 
Tb. Bischoif, J. J. Berger und Otto Helm in Danzig. Cour5 ? 

Silesia, Verein chemischer Fabriken in Breslau. Gegrün- 
det Januar 1872 mit 1,880,000 TbalerActien und 379,000 Tbaler 
Hypotheken. Verwaltungsratb : Moritz Cohn, Siegmund Sachs, 
Consul L. Mülinari, Abgeordneter Rechtsanwalt Freund, Geh. 
RegieruDgsratb Prof. Dr. C. Loewig, Geh. Commerzienrath von 
Kulmitz, Dr. P. von Kulmitz, Oswald von Uechtritz etc. Divi- 
denden von 1873—75: 8, 5 und resp. 5%. Der Cours war von 
120 bis unter 50 gesunken. 

Jod fiel noch schneller als selbst Gehe & Co. es 
erwartet hatten. Schon Anfang 1873 stürzte die Unze 
von 25 Sgr. auf 9 Sgr.; und unmittelbar nach dem Krach 
gingen auch die Preise aller übrigen Chemikalien 
reissend herunter. Nur zu kurz war die Schwindel- 
blüthe der neugegründeten chemischen Fabriken ge- 
wesen; sie sanken nun ununterbrochen im Course, 
die grosse Mehrzahl vertheilte keine Dividenden mehr, 
und nicht wenige lösten sich völlig auf. Von den 
oben genannten 34 Gesellschaften ist ein starkes 
Drittel inzwischen verblichen; nur etwa 10 haben noch 
Börsencours, der nur bei 4 über 15 steht; und nur 
von 5 ist im letzten Jahre eine Dividendenvertheilung 



— 233 — 

bekannt geworden, die nur bei 1 mehr als 5*^/0 
betrug. 

„Es ist nur ewige Nothwendigkeit", sagen Gehe & Co. in 
üirem Handelsbericlit vom September 1876, „wenn sict jetzt 
nach jenen Jahren scheinbarer beispielloser Prosperität (in 
Wahrheit aber des Unglücks und der Corruption) das Verhäng- 
niss in dem Preisstande der Fabriken und ihrer Producte ab- 
wickelt." — 

Aeltere Unternehmungen dagegen, die nicht erst 
der Schwindelperiode ihr Dasein verdanken, fahren 
trotz der starken Preisrückgänge fort, ihren Actionären 
gute Reinerträge zu gewähren; so namentlich ver- 
schiedene Gesellschaften in Süddeutschland, Oester- 
reich und am Rhein; ja die chemische Fabrik Pom- 
merensdorf hat auch pro 1875 noch 25% Dividende 
vertheilt! 

Die Coursverluste, welche das Publikum bei den 
Actien der chemischen Fabriken erlitten, sind auf 
nicht weniger denn 20 Millionen Thaler zu schätzen. 
Neben den ßauvereinen und Baumaterial -Gesell- 
schaften glänzen die chemischen Gründungen als die 
faulsten und schwindelhaftesten. Aber diese zum 
grössten Theil in den letzten Zügen liegenden Actien- 
gesellschaften geben auf dem Waarenmarkte noch 
immer den Ton an, indem sie, wie früher durch künst- 
liches Seltenmachen, jetzt durch sinnloses Preis- 



— 234 — 

schleudern der Producte, welche sie selbstverständlich 
in möglichst geringer Qualität liefern, das reelle Geschäft 
schädigen. Andererseits übernahmen wieder dieselben 
Schwindelgesellschaften die Führung der chemischen 
Industrie auf den Weltausstellungen in Wien und 
Philadelphia; wo sie z. B. Fabrikate von monströsen 
Dimensionen ausstellten, die praktisch gar keinen 
Werth haben und nur kostspiehge Schaustücke für 
Rechnung der unglücklichen Actionäre sind; wo sie 
durch solche Marktschreierei, nach Versicherung ge- 
wisser Zeitungen, „wahre Triumphe" feierten. 

Ebenso wird die Verfälschung der Lebens-, Ge- 
nuss- und Heilmittel, eine Folge der schrankenlosen 
Gewerbefreiheit und der mangelnden Staatsaufsicht, 
wesentlich gefördert durch die chemischen Neugrün- 
dungen der Schwindelära. Diese frevelhafte Verfäl- 
schung, die immer weiter um sich greift, des Leibes 
Nahrung verkümmert, Leben und Gesundheit gefähr- 
det, hat bereits zu einer eigenen schwunghaft betrie- 
benen Industrie geführt, die ganz offen eine lange 
Reihe von Surrogaten und Artikeln zum Versetzen 
der verschiedensten Dinge anbietet, so dass z. B. 
bei Gewürzen, ätherischen Gelen und den im gepul- 
verten Zustande verkäuflichen Waaren die gröbsten 
Betrügereien gäng und gebe sind. 



— 235 — 

An die zuerst genannte Gesellschaft; die chemische 
Fabrik auf Actien, sonst Ernst Schering, knüpfen sich 
noch ein paar charakteristische Vorgänge, die wir 
nach den Gehe'schen Handelsberichten wiedergeben. 

Im Jahre 1869 führte Professor Dr. Oscar Lieb- 
reich in Berlin das schon vor drei Decennien erfun- 
dene Chloralhydrat als vorzügliches Schlafmittel in 
den Arzneischatz ein, und übertrug dessen Herstellung 
zunächst der Fabrik von Dr. Mendelssohn und Dr. 
Martins, später der Fabrik von Schering. Das Prä- 
parat war jedoch so kostbar, dass es nur dem Reichen 
erschwinglich blieb, der das Pfund mit 80 Thaler, 
jeden einzelnen Schlaf mit 1 Thaler bezahlen musste. 
Um es nun auch dem gemeinen Manne zugänglich zu 
machen, legten sich Gehe & Co. gleichfalls auf die 
Fabrikation und standen erst davon ab, als der Preis 
des Pfundes bis auf 1 Thaler herabgegangen war. 
Dann bezogen sie den Bedarf für ihre Kundschaft 
wieder aus den von Dr. Liebreich privilegirten Fabri- 
ken und von anderen Orten. Dr. Liebreich, der dies 
nicht wusste, Hess das angeblich Gehe'sche, in Wahr- 
heit aber Liebreich'sche Präparat in Fachzeitschriften 
und Tagesblättern als mangelhaft angreifen; und als 
es bei einem „hohen Patienten in Sachsen", der bald 
darauf starb, nicht mehr wirkte, erbot sich Dr. Lieb- 



— 236 — 

reich selber nach Sachsen zu kommen und das nach 
seiner Vorschrift und unter seiner Garantie 
dargestellte Chloralhydrat dem „hohen Patienten" in 
eigener Person zu verabreichen — ein Anerbieten, 
das leider abgelehnt wurde. Dr. Liebreich, der einer- 
seits das unter seiner Aufsicht in der Schering'schen 
Fabrik angefertigte Präparat als untrüglich in der 
Wirkung empfahl, andererseits in der Berliner klini- 
schen Wochenschrift erklärte, dass die Herstellung 
des Chloralhydrats in seiner chemischen Reinheit nicht 
controlirt werden könne, hat auf eine Anfiage von 
Gehe & Co., wie er denn seine Garantie auf den 
Etiketten des Präparats verstehe, keine Antwort er- 
theilt. — Dank einer wunderbar organisirten Reclame 
in der Presse des In- wie des Auslandes, kam das 
von Dr. Liebreich zuerst monopolisirte Chloralhydrat 
schnell in Aufnahme und fand Jahre hindurch reissen- 
den Absatz, besonders in England und Amerika, wo 
es bald ein Mode- und Luxus-Artikel wurde, der 
Herren- und Damenwelt als Selbstbetäubungs- und 
Berauschungsmittel diente, und wie man wol sagen 
darf, die Körperconstitution und das Nervensystem 
einer ganzen Generation geschwächt und zerrüttet 
hat. Unter solchen Umständen konnte ein Piück- 
schlag nicht ausbleiben und ist gewiss nicht zu be- 



— 237 — 

klagen. Die Mode liess das Schlafmittel wieder fallen 
und das Chloralhydrat fand nur noch Verwendung 
in der Medicin, wo es aber auch nicht die altbewähr- 
ten Morphium und Chloroform zu verdrängen ver- 
mocht hat. 

Der zweite Fall betrifft die Salicylsäure, ein noch 
jüngeres Präparat, das aber bereits zu einem Uni- 
versalmittel geworden ist, ebenso stark von der Heil- 
kunst wie von der Industrie und im täglichen Haus- 
halt gebraucht wird. Professor Dr. Kolbe in Leipzig, 
der es zuerst darstellte, nahm ein Patent darauf und 
verkaufte dasselbe an Dr. von Heyden in Dresden. 
Nichtsdestoweniger unternahm auch die Schering'sche 
Fabrik in Berlin die Herstellung der Salicylsäure, 
bis ihr die gesetzwidrige Nachahmung durch die Er- 
kenntnisse zweier Instanzen untersagt wurde; worauf 
sie unverfroren erklärte: sie sei nunmehr genöthigt, 
„auf legale Weise bereitete rohe Salicylsäure zu 
kaufen, um daraus ihre chemisch reine, völlig geruch- 
lose, absolut klare und farblos lösliche Säure und 
deren Salze herzustellen". Was diese Finesse be- 
deutet, und wie sie nichts weiter bezweckt als eine 
Täuschung des nicht eingeweihten Publikums, geht 
aus der Entgegnung des Dr. von Heyden hervor, 
welche also lautete: „Rohe Salicylsäure wird von 



■ ' — 238 — 

mir gar nicht in den Handel gebracht. Meine 
Präparate sind selbstredend ebenfalls chemisch rein, 
völlig geruchlos, absolut klar und farblos lös- 
lich, aber ausserdem noch absolut frei von Car- 
b Ölsäure, und an meiner umkrystallisirten Salicyl- 
säure giebt es absolut nichts mehr zu dialysiren. — 
Die Schering'sche Fabrik bleibt aber dabei, dass sie 
dies dennoch thue, und es giebt kein Gesetz, dass ihr 
solchen Humbug verbieten könnte, denn sie erdichtet 
nur eine Concurrenz mit dem Patentinhaber, die sie 
thatsächlich nicht mehr auszuüben wagt. 

Die „Chemische Fabrik auf Actien" wurde mit 
besonderen Erwartungen begrüsst, und zwar aus ver- 
schiedenen Gründen: 1) entstand sie unter den Hän- 
den des erfindungsreichen und vielglücklichen Hein- 
rich Quistorp; 2) hatte der Name des Vorbesitzers, 
Commerzienrath Ernst Schering, einen guten Klang, 
und dieser behielt auch die Leitung-, 3) war bei der 
Gründung ein Literatus behülflich. Der Letztere 
zeichnete sonder Zagen 100,000 Thaler Actien, wie- 
wol er sicherlich nicht 100,000 Groschen besass, und 
übernahm die nöthige Empfehlung des neuen Unter- 
nehmens in der Presse. Auch rührte er gar artig 
die Trommel für Dr. Oskar Liebreich's Chloralhydrat, 
für Dr. Oskar Liebreich's Pepsin-Wein und für die 



— 239 - 

dialysirte Salicylsäure, die alle drei nur in der Schering- 
schen Fabrik echt angefertigt würden. Nach der 
Versicherung dieses schreibkundigen Mannes ist die 
„Chemische Fabrik auf Actien" die solideste und rein- 
lichste Gründung von der Welt, und ihr ganzes Mal- 
heur (Cours der Actien: 15 Brief) verschulde nur der 
kostspielige Neubau, die musterhaft schöne, aber 
auch fabelhaft theure Einrichtung. 

Ausser diesem, so zu sagen, chemischen Literaten 
sind bei den chemischen Gründungen noch zwei Börsen- 
Literaten betheiligt: Dr. Heinrich Ebeling bei der 
Alizarin- und chemischen Fabrik in Potsdam (S. 224), 
sowie bei der Salzsiederei und chemischen Fabrik 
Gotha (S. 226), und Julius Schweitzer bei der Stass- 
furter chemischen Fabrik (S. 229). 

Dr. Heinrich Ebeling, seinem Berufe nach, wie 
man sagt, klassischer Philologe, fungirte während der 
Schwindelperiode alsBörsen-Redacteur der „Vossischen 
Zeitung", war zeitweise auch am Courszettel der 
„National-Zeitung" thätig, gab ausserdem eine Corre- 
spondenz mit Börsenbericht in mehren Sprachen her- 
aus, und fand daneben noch Zeit, sich bei einer 
langen Reihe der übelriechendsten Gründungen zu 
betheiligen. Erst 1875, als der Schwindel sich bereits 
erschöpft hatte, und das Unheil längst geschehen 



— 2-iO — 

war, stellte ihn die „Vossische Zeitung" zur Dispo- 
sition. Uebrigens soll er, da er blos Christ ist, bei 
air diesen Gründungen nichts erübrigt haben. 

Herr Julius Schweitzer, ein in Breslau verun- 
glückter jüdischer Geschäftsmann, redigirt seit 1850 den 
Börsentheil der„National-Zeitung" und er rühmt sich, 
auch den jetzigen Director im Reichskanzler -Amt, 
Wirklichen Geheimen Ober-Regieruugsrath Herrn Otto 
Michaelis, in seine Wissenschaft eingeweiht, ihn an 
der Börse eingeführt zu haben. Herr Schweitzer 
gründete mit Hermann Geber und Genossen die be- 
rüchtigte Stassfurter Fabrik, und es ist interessant zu 
sehen, wie er diese, seine Tochter, in dem eigenen 
Blatt, in der tugendsamen „National-Zeitung", dem 
Publikum empfahl. In Nr. 490, Bleiblatt, vom 19. 
October 1871, übernimmt er zunächst folgende Notiz 
aus der Berliner „Bank- und Handelszeitung": 

„Keue Actien - Gesellschaft. Die rühmlichst bekannte 
Chemische Fahrik von Vorster & Grüneberg zu Stassfurt bei 
Schönebeck ist ebenfalls zum Actien-Unternehmen umgewandelt 
worden. Durch consortiale Betheiligung ist bereits das Actien- 
capital durch die hiesigen Bankhäuser H. C. Plaut und Rauff & 
Knorr placirt worden." 

In Nr. 510, Beiblatt, vom 31. October 1871 lässt 
er sich dann selber also vernehmen: 



— 241 — 

„Stassfurter chemische Fabrik, Tormals Vorster «fc 
Griineberg zu Stassfnrt. Unter dieser Firma hat sich eine 
Actien-Gesellschaft gebildet, -n-elche die beiden in Stassfnrt ge- 
legenen Fabriken der Herren Vorster & Grüneberg käuflich 
übernommen hat. Die letzteren besitzen noch anderweit be- 
deutende industrielle Etablissements und haben sich zur Ver- 
einfachung ihres Geschäftsbetriebes zum Verkauf der beiden, 
gut rentirenden Fabriken entschlossen. Die Actien werden zur 
Zeichnung aufgelegt werden." 

„Die Actien werden zur Zeichnung aufge- 
legt werden." — Welch ein Edelmuth der Gründer; 
welch ein Trost, welch rosige Hoffnung für das liebe 
Publikum! Und nun folgt endlich der wichtige ver- 
heissungsvoUe Tag. Unterm 6. November 1871, in 
Nr. 520 der „Nationalzeitung", Beiblatt, meldet Herr 
Schweitzer: 

„Stassfnrter Chemische Fabrik, vormals Vorster & 
Grüneberg, Actien-Gesellschaft. Am 7. und 8. Novbr. kommen 
von dem 530,000 Thaler betragenden Actiencapital 400,000 Thaler 
in Berlin bei den Bankhäusern H. C. Plaut und Eauff & Kuorr 
zur Subscriptioa Das betreffende Inserat folgt im Morgenblatt. 
Wir bemerken hier Folgendes. Die Verkäufer, die Herren 
Vorster & Grüneberg, besitzen auch bedeutende Etablissements 
in der Rheinpro^inz, deren Vergrösserung ihnen einen Verkauf 
der Stassfurter Etablissements wüuschenswerth machte. Stass- 
furt ist der Sitz einer grossen Industrie, welche chemische Fa- 
brikate erzeugt und in den letzten Jahren einen sehr bedeuten- 
den Aufschwung genommen hat. Derselbe stützt sich nicht 
allein auf eine grosse Steigerung des Bedarfs in Europa, sondern 
auch auf eine Erweiterung des Absatzgebietes, besonders nacli 

Glagau, Der Börsensohwindel. II. IG 



— 242 — 

Amerika. Die Preise der chemischen Fabrikate haben sich, der 
gesteigerten Nachfrage entsprechend, bedeutend gehoben, u. A. 
für das Hauptprodiict Chorkalium von 2V12— SVe? auf 3 bis 3V4 
Thaler, je nach der Lieferung, also um ca. 40 Procent. Die 
Gestehungskosten sind verhältnissmässig wenig gestiegen und 
waren deshalb die in den letzten Jahren von den Stassfurter 
Fabriken erzielten Resultate sehr gut. Die von Seiten der 
Preussischen und Anhaltischen Verwaltung dictirte Erhöhung 
der Rohsalzpreise bedingt allerdings für 1872 eine Steigerung 
der Gestehungskosten, derselben sind aber bereits die Preise 
der Fabrikate gefolgt, so dass sich das vorher bestandene Ver- 
hältniss nicht verändert hat. Der eine Artikel Chorkalium, von 
welchem schon bisher 95,000 Ctr. producirt wurden, sichert 
nach uns vorliegenden Angaben eine Dividende von 9 bis 10 
Proceut des Actiencapitals. Auch die sog. Nebenproducte, über 
welche der Prospect Auskunft giebt, wie Kieserit, Chlormagne- 
sium u. s. w., die in früheren Jahren wegen mangelhafter Ver- 
werthuug fast werthlos waren, finden zum Export Nehmer. Die 
Verhältnisse liegen also hier sehr günstig." 

Wenn in solch lobpreisender Weise ein Unter- 
nehmen in der grossen, hochachtbaren „ISTationalzei- 
tung" empfohlen wird, wer sollte da nicht zeichnen, 
wer sollte da die Actien nicht kaufen!? Kann man 
in diesem Falle — und die Fälle lagen stets so — 
wol von einem thörichten, urtheilslosen Publikum 
sprechen, das ohne zu fragen, ohne sich zu orienti- 
ren, blind gierig darauf los kaufte, nur weil es auf 
mühelosen Gewinn hoffte; dem ganz recht geschehen, 
das gar nicht zu bedauern ist, wenn es sich um sein 
Geld betrogen und ausgeplündert sieht? Fürwahr, 



— 243 — 

Ihr Herren „Volkswirtlie" und Ihr Ritter von der 
Presse, die Ihr dasselbe Publikum, das Ihr nach allen 
Eegeln der Kunst, mit unendlichem Raffinement ver- 
lockt und verführt habt, heute noch schmäht und 
höhnt, die Ihr die Personen, die Euch jetzt anklagen 
und zur Rechenschaft ziehen, der „Verleumdung" und 
„Ehrabschneiderei" bezichtigt — Eure Frechheit ent- 
spricht genau Eurer Verschuldung und Niederträch- 
tigkeit! 

Eine gleiche staffeiförmig aufsteigende Reclame 
machte Herr Schweitzer in seiner „Nationalzeitung" 
auch für die „Nienburger Zuckerfabrik", an der er 
ebenfalls betheiligt ist*). Bei der Stassfurter wie bei 
der Nienburger Fabrik fungirte er als Präsident des 
Aufsichtsraths, und man erzählte im Jahre 1872, dass 
die Posten, welche er als Verwaltungsrath bei ver- 
schiedenen Gesellschaften bekleide, ihm eine Tantieme 
abwürfen, von der allein er bequem leben könne. Der 
Stassfurter wie der Nienburger Fabrik wandte er nach 
dem Krach, da sie zu stinken begannen, den Rücken, 
und seinen Rückzug aus der Stassfurter Actiengesell- 
schaft zeigte er in Nr. 457 der „Nationalzeitung", 
zweites Beiblatt, vom 2. October 1874 mit folgenden. 



') Vgl. S. 193. 

IG* 



— 244 — 

inzwisclien zu klassischer Berühmtheit gelangten 
Worten an: „An Stelle des ausscheidenden Aufsichts- 
rathsmitgliedeS; des Herrn Dr. Scliweiger, wurde 
Herr Ingenieur Böcker aus Duisburg neu gewählt". 
— Auch die anderen Zeitungen hatten die collegia- 
lische Gefälligkeit, statt des wahren Namens JuHus 
Scliweitzer, den geistreichen Drlickfehler ,,Doctor 
Schweiger'* zu übernehmen. 

Erst nach geraumer Zeit, als, um mit der „Na-r 
tionalzeitung" zu reden, die „Verleumdungsära", 
das heisst auf Deutsch: die Bewegung gegen die 
Gründer und Gründergenossen, begonnen, kam jener 
ominöse Druckfehler an den Tag. Am 11. Februar 
1876 veröffentlichte die Berliner „Staatsbürger-Zei- 
tung" unter der Ueberschrift „Herr Schweiger" ein 
Schreiben, das ihr angeblich von einem Leser zuge- 
gangen. Derselbe erzählt, wie er in Folge der war- 
men Empfehlung der „Nationalzeitung" die Actien 
der Nienburger Zuckerfabrik und der Stassfurter 
chemischen Fabrik gekauft und dabei seine ganzen 
Ersparnisse verloren. Aber trotzdem glaube er nach 
wie vor an die „Nationalzeitung", da sie Herr Lasker, 
der „grösste Gründerfeind", vor versammeltem Par- 
lament ein „sehr würdiges Blatt" genannt habe, und 
weil ihr Börsentheil von einem so ausgezeichneten 



— 245 — 

Manne, wie Julius Schweitzer redigirt werde. Au 
seinem Unglück, an dem so schmählich tiefen Fall 
der Nienburger Zucker- und der Stassfurter chemi- 
schen Actien sei nur der ausgeschiedene Präsident 
des Verwaltungsraths beider Gesellschaften, Doctor 
Schweiger schuld, und nach diesem „gefährlichen 
Menschen" habe er lange gesucht, um ihn zur Rechen- 
schaft zu ziehen, bis ihm ein Student, der ein meu- 
blirtes Zimmer bei ihm bewohne und ein „arger Com- 
munist" sei, nachstehende Auskunft gegeben, die er 
freilich nicht recht verstanden habe: 

„Geben Sie Sich keine vergebliche Mülie. Herr Schweiger 
ist keine Person von Fleisch und Blut; Herr Schweiger ist 
der Ueberall und Nirgends der Corruption; Herr Schweiger 
ist der echte und rechte Urtypus des Gründerthums, das um 
schnöden Gewinnstes willen alles fälscht und zuletzt sich 
selbst. Schweiger sind sie alle-, alle die „Edelsten und 
Besten", denen das Deutsche Volk die „Industrieblüthe" und 
den „wirthschaftlichen Aufschwung" verdankt. Haben Sie je 
eine Zeit erlebt, wo so viel geschwiegen wird, wie jetzt? Da 
ist das Schweigen der sittlichen Entrüstung, das Schweigen der 
stillen Verachtung, das Schweigen der vornehmen Würde, das 
Schweigen der imponirenden Unschuld, und für euch arme Ge- 
schorene auch das Schweigen des Kirchhofs. Und wenn sie 
anfangen zu erzählen, dann — schweigen sie erst recht. Dann 
erzählen sie ein Langes und Breites von 6—8000 Thaler Ge- 
halt und — schweigen von 6—800,000 Thaler Tantieme. Lassen 
Sie den Schweiger laufen und schweigen Sie auch über Ihre 
riesige Blamage." 



— 246 — 

Aber diese Enthüllung des Druckfehlers geschah 
lange nachher, und inzwischen war es Herrn Julius 
Schweitzer noch beschieden, einen grossen Triumph 
zu feiern. Fast um dieselbe Zeit, da Herr Dr. Hein- 
rich Ebeling, der Börsenredacteur der „Vossischen 
Zeitung", von dieser den Abschied erliielt, im Früh- 
jahr 1875, brachte die gutmüthige Tante Voss ein 
Artikelchen, das also lautete: 

„In der nächsten Woche wird hier ein journalistisches 
Jubiläum gefeiert werden. Am Dienstag, den 20. April, sind 
es 25 Jahre, dass Dr. J. E. Schweitzer in die Redaction der 
„National-Zeitung" eintrat, und dass er dieses Blatt in seinem 
volkswirthschaftlichen und Börsentheil vertritt. Ebenso lange 
ist Dr. Schweitzer an der Börse als Berichterstatter für die 
Zeitung, der er angehört, thätig. Er war, wie der „B. Börs.- 
Cour." bemerkt, der erste und ist jedenfalls der älteste Börsen- 
Journalist Berlins. Während er in den ersten Jahren seiner 
Thätigkeit auch der einzige blieb, ist die Presse an der Börse 
jetzt vielleicht durch dreissig oder mehr ihrer Mitglieder ver- 
treten. Der bekannte Geh. Rath Michaelis, der Autor des Bank- 
gesetzes, war vor seiner Berufung ins Ministerium lauge Zeit 
hindurch anfänglich sein Schüler auf finanziellem Gebiete und 
dann sein Mitarbeiter, Dr. Schweitzer hat sich in dem Viertel- 
Jahrhundert, während dessen er volkswirthschaftlich thätig war, 
die allgemeinsten Sympathien erworben; für gewisse finanzielle 
Specialitäten, besonders für die finanzielle Seite des Eisenbahn- 
wesens gilt er als unbestrittene Autorität. Er hat in den zwei 
ein halb Jahrzehnten mit der Berliner Börse viel gute und viel 
schlimme Zeiten durchlebt, zu allen Zeiten aber blieb er eine 
allseitig geachtete und beliebte Persönlichkeit. Bereits gestern 
Abend sollte eine Vorfeier des Jubiläums in engerem Kreise 



— 247 — 

stattfinden. Die älteren vereidigten Makler der Berliner Börse 
hatten ihm zu Ehren ein Festessen veranstaltet, während die 
eigentliche Feier dem Jubiläumstage selbst vorbehalten bleibt." 

In ähnlicher Weise Hessen sich sämmtliche Blätter 
Berlins, und, wie es sich ziemt; in züchtiger Beschei- 
denheit zuletzt; die ;,Nationalzeitung" selber verneh- 
men. Sie verzeichnete die Gaben und Ehren, die 
ihrem Schweitzer geworden, sie veröffentlichte die 
Adressen, die er erhalten. Der Verein der „Berliner 
Presse", dem der Jubilar als Schatzmeister angehört, 
in dessen Vorstand er sitzt, Hess durch eine Depu- 
tation ein in blauen Sammet gebundenes, mit einem 
silbernen Lorbeerkranz geschmücktes Schriftstück 
überreichen, das folgenden Inhalt hatte: 

„Hochverehrter Herr und College! Mit dem heutigen Tage 
vollenden Sie den langen Zeitraum einer füufundzwauzigjähri- 
gen hochbedeutsamen, journalistischen Thätigkeit auf einem 
Gebiete, dessen mächtiger und weittragender Eintiuss die gröss- 
ten gleichwie die kleinsten Verhältnisse des Staates und der 
Gesellschaft nicht unberührt lässt. Ihr klarer Blick, Ihr prak- 
tisches Verständniss, das durch den Umfang und die Gründ- 
lichkeit Ihres Wissens unterstützt wird, haben Ihr Urtheil sehr 
bald zu dem einer fachmännischen Autorität erhoben und Ihnen 
die Achtung gebietende Stellung errungen, die Sie gegenwärtig 
mit Recht behaupten. 

Aber während Sie einerseits dem Ansehen und den Anfor- 
derungen dieser Stellung gewissenhaft Rechnung tragen, haben 
Sie dennoch, so schwer belastet durch eigene redactionelle 
Pflichten, zum Vortheil des Vereins ,, Berliner Presse", dem 



— 248 — 

Sie seit nunmehr 13 Jaliren als Mitstifter desselben angehören, 
noch eine neue zeitraubende Verbindlichkeit auf sich geladen. 
Und Sie haben sich so gewissenhaft in jeder Beziehung der 
Erhaltung und Vermehrung unseres Vermögens unterzogen, 
dass der Verein sich um so mehr gedrungen fühlt, Ihnen an 
dem heutigen Tage gleichwie im Allgemeinen seine grösste per- 
sönliche Hochachtung, noch im Besonderen seinen wärmsten 
Dank auszusprechen für Alles, was Sie mit eigenen Opfern für 
ihn gethan haben. Lassen Sie uns noch hinzufügen, dass dieser 
Dank nicht nur dem redlichen und geschickten Verwalter unse- 
res Eigenthums gilt, sondern gleichzeitig dem wohlwollenden 
und liebenswürdigen Genossen, der in der Ausübung seines 
Ehrenamtes auch die Rücksichten der Humanität nie ausser 
Acht Hess. Möge es Ihnen noch lange vergönnt sein, mit voller 
Kraft des Geistes und des Körpers Ihre einflussreiche Thätig- 
keit fortzusetzen und den Verein „Berliner Presse" zu stets 
erneutem Danke zu verpflichten." 

Die Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft über- 
gaben nachstehende Adresse: 

„Hochgeehrter Herr! 
Den unterzeichneten Mitgliedern des Börsen-Kommissariats 
gereicht es zur grossen Freude, Ihnen zu dem morgenden Tage, 
an welchem Sie vor 25 Jahren in die Redaction der „National- 
Zeitung" eintraten, die herzlichsten Glückwünsche darzubringen. 
Sie haben sich, sehr verehrter Herr, durch den von Ihnen mit 
grosser Umsicht, Erfahrung und Sachkenntnis redigirten volks- 
wirthschaftlichen Theil der gedachten Zeitung ein grosses Ver- 
dienst erworben ; wir erkennen dies dankbar an und wünschen 
von ganzem Herzen, dass die göttliche Vorsehung es Ihnen 
gestatten möge, noch weitere 25 Jahre auf dem von Ihnen stets 
so unparteiisch gewanderten Wege wirken zu können, wie wir 
auch hofien, dass die angenehmen Beziehungen, die uns mit 



— 249 — 

Ihnen verbinden, während dieser Zeit stets dieselben bleiben 
werden. 

Wir begrüssen Sie mit der grössten Plochachtung. 
Berlin, den 19. April 1875. 

G. Dietrich. Fz. Arndt. Wm. Herz. Delbrück. 
F. Mendelssohn. A. Frentzel. J. Kaufmann. J. E. 
Meier. R. Hardt. G. Müller. Schwabach. Simon- 
son. Kochhaun. Lewinstein. J. Alexander. Anton 
WolfiF. Fr. Meyer. Carl Meyer. Ed. Helfft. 
A. Schüler. C. Schwartz. Hirschberg. Güterbock." 

Die Mehrzahl dieser Herren hat sich als Gründer 
ersten Ranges hervorgethan, und ihre Anerkennung 
war nur eine schuldige, aber gewiss auch eine auf- 
richtige. Ebenso gratulirte das Statistische Bureau 
der Stadt Berlin (!)•, in der Loge Royal York, wo der 
Jubilar als Meister vom Stuhl waltete, fand ein solen- 
nes Essen statt, und sogar die Kapeile des Kaiser 
Alexander [Regiments brachte ein Ständchen dar!! 
„Fast unübersehbar war die Zahl der Glückwünsche, 
darunter auch viele auf telegraphischem Wege einge- 
laufen"; und der Gefeierte, der in der Gründer- 
ära ein kostbares Haus im vornehmsten Stadtviertel 
augekauft und sich hier fürstlich eingerichtet hat, 
konnte die Menge der Gratulanten kaum empfangen. 

Wie Polykrates von Samos stand Julius Schweitzer 
an diesem lauen Frühlingsabend auf dem Balkon 



— 250 — 

seines scliöuen Hauses am Schöneberger Ufer und 
blickte „mit vergnügten Sinnen" auf das „Westend" 
von Berlin, auf die stolzen Paläste und herrlichen 
Villen von Neu-Jerusalem, wo da wohnen seine Glau- 
bensgenossen in eitel Pracht und Fülle. „Doch mit 
des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu 
flechten, und das Unglück schreitet schnell". — Auf 
die goldne Gründerperiode folgte, wie die „National- 
zeitung" sagt, die „schmachvolle Verleumdungsära", 
und die „Verleumdungsära" hat Herrn Julius Schweitzer 
aller Ehren und Kränze beraubt. Von den verschie- 
densten Seiten erhoben sich schwere Anklagen gegen 
den „Börsen-Hintertheil" der „Nationalzeitung" dass 
sie um schnödes Geld das Treiben der Gründer unter- 
stützt, das vertrauensselige Publikum getäuscht habe ; 
und Herr Schweitzer kam hart in's Gedränge. Nament- 
lich war es die böse „Staatsbürgerzeitung", welche 
seit Frühjahr 1876 ein heftiges Gewehrfeuer von Leit- 
artikeln gegen den Ex-Jubilar eröffnete. Sie richtete 
an den Verein „Berliner Presse" die Frage: ob dieser 
es nicht für geboten erachte, die Beschuldigungen zu 
prüfen, welche öffentlich gegen einen seiner Ange- 
hörigen, gegen ein Mitglied seines Vorstandes wegen 
Bestechlichkeit und Betheiligung an blutigen Grün- 
dungen erhoben. 



— 251 — 

Die 1862 gegründete „Berliner Presse" ist eine 
Vereinigung, die in den ersten Jahren so ziemlich 
alle Schriftsteller und Journalisten Berlins umfasste. 
Mit dem Eindringen des jüdischen Elements, das seit 
1866 mehr und mehr die Oberhand gewann, schie- 
den die angesehensten Mitglieder aus, oder sie bethei- 
ligten sich doch nicht mehr an den Versammlungen; 
es blieben die Dii minorum, und die eigentlichen 
Leiter und Wortführer sind heute Semiten. Neben- 
bei gesagt, ist dasselbe der Fall mit den sogenannten 
Journalisten- und Schriftsteller-Tagen, die allsommer- 
lich in irgend einer Stadt Deutschlands gastiren. Der 
Verein „Berliner Presse", der für seine Invaliden all- 
jährlich an die öffentliche Mildthätigkeit appellirt, 
ist heute kaum noch berechtigt sich so zu nennen, 
denn ihm gehört von den Journalisten und Schrift- 
stellern der Hauptstadt nur ein Bruchtheil an, und 
die klangvollsten Namen bleiben ihm fern. 

Die Zumuthung der „Staatsbürgerzeitung" setzte 
den Verein in grosse Verlegenheit; da aber auch 
andere, namentlich auswärtige Blätter mahnten, konnte 
er nicht umhin, etwas zu thun und berief eine ausser- 
ordentliche Versammlung, die jedoch einen seltsamen 
Verlauf nahm. Wie einige Journale berichteten, wurde 
nach kurzer Diskussion zur Tagesordnung über- 



— 252 — 

gegangen, weil der Verein „kein Recht und keine 
Veranlassung" habe gegen Herrn Schweitzer einzu- 
schreiten, um so weniger, als das belastende Material 
„nicht genügend aufgeklärt" sei. Herr Schweitzer, 
der auch zugegen gewesen, habe nicht einmal das 
Wort ergriffen. — So sehr dieser Ausgang im Publikum 
überraschte: für den Eingeweihten ist er nur zu er- 
klärlich. Herr Schweitzer hatte gar nicht nöthig, 
sich zu verantworten, denn er sass unter lauter 
Freunden, unter Berufs- und Stammesgenossen, die 
eine erdrückende Majorität bildeten. Und wehe diesen, 
wenn sie ihn zum Reden gezwungen hätten; er würde 
schöne Dinge erzählt und seinen [Richtern brav heim- 
geleuchtet haben! 

Die „Staatsbürgerzeitung" liess sich jedoch nicht 
abschrecken; sie erklärte, dass Herr Schweitzer ein 

„ Gründer und Schweiger" 

sei, und unternahm es, diese Behauptung in einer 
neuen Serie von Artikeln nachzuweisen. Auch dann 
noch schwieg Herr Schweitzer, und auch die „National- 
zeitung" hüllte sich in tiefes Schweigen, bis verschie- 
dene liberale Blätter, wie die „Magdeburgische", die 
„Augsburger Allgemeine", die „Schlesische", die „Neue 
Stettiner Zeitung" u. a. ihr klar machten, dass sie es 
sich und der Presse überhaupt schuldig sei, sich 



— 253 — 

irgendwie zu reinigen. Da endlich entscliloss sich 
die „Nationalzeitung" ihren Schweitzer zur Disposition 
zu stellen. Am -13. Juni machte Herr Julius Schweitzer 
bekannt: er werde seine Angreifer verklagen, und er 
stelle bis zum Austrag der Sache seine Thätigkeit 
in der Eedaction der „Nationalzeitung" ein; und die 
letztere erklärte mit sichtlichem Grollen: sie verbäte 
sich „jede Art von Vorschlägen oder Vorschriften" 
für ihr Verhalten, „wie sie neuerdings an verschie- 
denen Stellen, allem seitherigen Brauch in der an- 
ständigen Presse zuwider, laut geworden sind". Die 
„Nationalzeitung" erklärte also jene oben genannten, 
doch recht angesehenen „liberalen" Blätter, die ihr 
die Leviten gelesen, als gewissermaassen nicht mehr 
zur „anständigen Presse" gehörig. Die „Staatsbürger- 
zeitung" aber erwiderte ihr: „Der arrogante Ton 
eines Pressorgans, das erst durch die stärksten Peit- 
schenschläge nächststehender Parteigenossen aus 
seinem, den Ruf der Deutschen Presse entehrenden 
Schweigen hinausgejagt werden konnte, kann uns zu 
keiner Polemik veranlassen". 

Herr Schweitzer ^hat, wie die „Staatsbürgerzeitung" 
meldete, gegen diese denn auch wirklich gerichtliche 
Klage erhoben wegen „verleumdeiischer, eventuell 
schwerer, eventualissime einfacher Beleidigung"; es 



— 254 — 

jedoch auffälliger Weise unterlassen, in den Kreis 
der Klage auch diejenigen Artikel des genannten 
Blattes zu ziehen, welche ihn resp. die „Nationalzei- 
tung" in einem bestimmten Falle der Bestechlichkeit 
bezichtigen. Wie dieser Injurienprocess auch aus- 
fallen mag — die „Staatsbürgerzeitung" kann viel- 
leicht wegen Beleidigung in der Form verurtheilt 
werden — die Thatsachen, auf welche es hauptsäch- 
lich ankommt, sind actenmässig: — Julius Schweitzer 
wie Dr. Heinrich Ebeling, jeder von Beiden Börsen- 
redacteur an einem grossen, einflussreichen Blatt, 
haben sich an den faulsten Gründungen betheiligt, 
und für diese in der ihnen anvertrauten Zeitung eine 
schnöde Reclame gemacht. Sie wurden von den Grün- 
dern herangezogen, um mit ihren Namen die bösen 
Gründungen zu decken, die ohne sie vielleicht gar 
nicht zu Stande gekommen, oder doch nicht so schlimm 
ausgefallen wären. Sie, die das Publikum belehren, 
Orientiren, warnen sollten, haben es getäuscht und 
ausplündern helfen. Das ist nicht anders, als wenn 
der Priester verräth, der Richter stiehlt, der Arzt 
vergiftet! Keine anständige ehrliebende Zeitung darf 
solch' ungetreue Mitarbeiter auf ihrem Posten be- 
lassen, sondern muss sie ohne Weiteres verabschie- 
den. Das ist verdammte Pflicht und Schuldigkeit 



— 255 — 

gegen die Leser, und gewiss noch eine sehr unge- 
nügende Sühne! 

Für die Zeitungen ist seit dem „Krach" eine trübe 
Zeit gekommen, und besonders übel daran sind die 
Börsenblätter, von denen viele schon eingingen, und 
verschiedene dem Eingehen nahe sind. Es fehlen die 
Inserate, es fehlen die „Betheiligungen" die ordent- 
lichen Subventionen und die ausserordentlichen Gra- 
tificationen, es schwinden täglich die Abonnenten. 
Zu diesen nothleidenden Börsenblättern gehört auch 
der „Berliner Börsen- Courier" der, obgleich mit Ge- 
schick und Witz redigirt, ein wirklich amüsantes 
Blatt, doch wahrscheinlich nie mehr als 1000 bis 
2000 Abonnenten zählte, jetzt aber bedeutend weniger 
besitzen soll. Bekanntlich ist sein Inhaber, Herr 
Georg Davidsohn, zugleich ein unermüdlicher Kämpe 
für Ptichard Wagner, aber von der Zukunftsmusik 
kann er nicht leben; was er in der Gründerperiode 
verdient, hat ihm, in Folge unvorsichtiger Specula- 
tionen, der „Krach" wieder genommen, und gegen- 
wärtig geht das Geschäft so schlecht, dass er's kürz- 
lich für rathsam gehalten, das Journal auf den Namen 
seines Bruders übertragen zu lassen. Die schwere 
Noth der schweren Zeit verführte nun den „Börsen- 
Courier" zu einem Gewaltscbritt, der selbst in der 



— i^oö — 

Presse Aufsehen machte, und von der „Vossischen 
Zeitung", die in solchen Dingen noch immer einen 
gewissen Anstand herauszukehren sucht, leise gerügt 
wurde. 

Den Kitt, welcher die innige Freundschaft zwischen 
den Actieninstituten und der Presse dauernd zusam- 
menhält, bilden die sogenannten Gesellschaftsblätter. 
Jede Actiengesellschaft der letzten Gründerperiode 
hat bei ihrer Constituirung eine möglichst grosse 
Anzahl von Zeitungen in das Statut aufgenommen 
und sich verpflichtet, durch jede derselben ihre Jahres- 
abschlüsse und alle sonstigen Bekanntmachungen ein-, 
zwei- und dreimal zu veröffentlichen. Diese vielfache 
Publikation ist ebenso überflüssig als kostspielig; sie 
geschieht zum Vortheil nicht der Actionäre, sondern 
der Zeitungsbesitzer. Nach dem Krach aber sind die 
Actiengesellschaften sparsamer geworden, und gar 
viele haben mit dem Actiencapital auch die „Gesell- 
schaftsblätter" „reducirt". Sie beschränken sich auf 
die nothwendigsten Bekanntmachungen, fassen diese 
möglichst knapp und veröffentlichen sie nicht mehr 
in 10 bis 20, sondern nur noch in 3 oder 2 Blättern. 
Daher der grosse Ausfall aller Zeitungen in der Ein- 
nahme für Inserate! Um aber die „Reduction" zu 
bewerkstelligen, ist die Einberufung einer General- 



— 257 — 

Versammlung, ein Beschluss der Actionäre nöthig. Zu 
solchem Zwecke schrieb nun der Aufsichtsrath der 
chemischen Fabrik Schering eine Generalversamm- 
lung aus, doch eins der er\Yählten „Gesellschafts- 
blätter", der „Börsen Courier", verweigerte die Auf- 
nahme des Inserats, und erklärte mit edler Offen- 
heit: er könne und wolle nicht die Hand bieten zur 
Schädigung seiner eigenen Interessen, vielmehr halte 
er's für geboten, durch Ablehnung des Inserats den 
geplanten Beschluss unmöglich zu machen. Der Auf- 
sichtsrath liess die Weigerung durch einen Notar 
feststellen, und die Generalversammlung beschloss 
nach dem Antrage, aber der Handelsrichter wies den 
Beschluss als illegal zurück, und die obere Instanz 
verwarf die dagegen eingelegte Beschwerde; denn 
das famose Actiengesetz, das die Actionäre im Uebrigen 
jeder Willkür preis giebt, legt den Hauptnachdruck 
auf solch unwesentliche und unnütze Formalitäten, 
die aufs Peinlichste beobachtet werden müssen. Der 
Aufsichtsrath der Schering'schen Fabrik befand sich 
in nicht geringer Verlegenheit; bis ihm der Handels- 
richter einen Wink gab. An Stelle des rebellirenden 
„Börsencourier" wurde als „Gesellschaftsblatt" eine 
andere Zeitung erwählt, und nunmehr eine neue Gene- 
ralversammlungberufen, welche dann erst dieReduction 

Glagan, Der Börsenschwindel. II. 17 



— 258 — 

der Gesellschaftsblätter in legaler Weise beschliessen 
konnte. Selbstverständlich haben diese Weiterungen 
mancherlei Unkosten verursacht, und jedenfalls ver- 
dient die originell-naive Art, mit welcher der „Börsen- 
Courier", neben der Wagner'schen Zukunftsmusik, die 
„berechtigten Interessen" der Presse verficht, unver- 
hohlene Bewunderung. 



Textil-Gründungen. 



Der manchesterliche Liberalismus nud die Bourgeoisie — , .Bürgerliche Demo- 
kraten" — Politischer und parlamentarischer fliimhug — „Interessenvertre- 
tung" — Herr Schulze aus Delitzsch und Ferdinand Lassalle — „Entfessebi 
Sie die Bestie nicht!" — Die Genossenschaftsbanken und ihre Gründungen 
— Max Hirsch, der neue „König im socialen Eeich" — Die Kathedersocia- 
listen und der Verein für Socialpolitik — „Die sociale Frage und der Preus- 
sische Staat" — Herr von Treitschke sclireibt: „Der Socialismns und seine 
Gönner" — Lasker vermittelt — Der „Congress Deutscher Volkswirthe" und 
die „Yolkswirthschaftliche Gesellschaft" in Berlin — Wie die Socialdemo- 
kraten sich mehren — Talente und Künste der Semiten — Ludwig Bam- 
herger's „Arbeiterfrage" und Adolf Samter's „Socialpolitik" — Tuchgrün- 
dungen; Luckenwalder, Vereinigte Lucken walder, Martini.'Fischer und Schmidt 
in Sommerfeld, Peitzer, Forster, Langensalzaer, Sächsische, Bautzener, ßhei- 
nische, Aachener, Hessische, Schlesische, Bischweiler, Berliner Velvet (Bau- 
hank-Metropole) — Der Grünberger Quistorp und der Grünberger Krach — 
Spinnereien und Webereien; Winckelmann, Dannenberger, Socie'te d'impres- 
sion alsacienne, Beer selige Wittwe, Eilenburger, Kramsta, Erdmannsdorfer, 
Heydenreich, Solbrig, Meissner Jute, Eckhardt, Braunschweiger Jute etc. — 
Die Preussiscbe Seehandlung, ihre Schicksale und Verirrungen, ihre An- 
kläger und Vertheidiger — Appretur Ullrich, Thiele & Seegers, Gebauer, 
Gebr. Alexander, Heinrich Körner, Berliner Wollbank, Woll-Import, Central- 
WoUwäscherei , Uckermärkische Wollbank, Bremer Wollwäscherei — Cours- 
verluste und „betheiligte" Parlamentarier. 

„Der regierende Geist unserer Zeit, der moderne 
Liberalismus, ist der natürliche Sohn der neuen Na- 
tionalökonomie. Er hat seine Seele aus Manchester 
und hier allein ist er sterblich." So sagt Herr Joerg, 
der bekannte Baierische Archivar und ultraraontane 
Abgeordnete, in dem Vorwort zu seiner „Geschichte 

17* 



— 260 — 

der socialpolitischen Parteien in Deutschland" einem 
sehr unterrichtenden Büchlein, das von der „libera- 
len" Presse natürlich todtgeschwiegen ist. Herr Joerg 
behauptet also: die gegenwärtig herrschende „libe- 
rale" Partei ist das Product des ManchesterthumS;. 
und sie ist nach ihm folgendermaassen entstanden. 

Die Bewegung von 1848 wollte blos eine politische 
sein, verlangte hauptsächlich Verfassung und Parla- 
mente; aber bald merkte die besitzende Klasse, dass 
nebenher eine sociale Revolution lief und sogar die 
Oberhand gewann. Da erschrak sie vor dem „rothen 
Gespenst", vor den „Bassermann'schen Gestalten", 
und sie reichte den Regierungen ihre Hand und 
Hülfe zur Reaction. So ist die Bewegung von 1848 
als politischer Liberalismus wenig ehrenhaft unter- 
legen. Nach ihrer andern Seite aber, als ökonomischer 
Liberalismus ist sie entschieden Sieger geblieben. 
Noch mehr: die bestehenden Gewalten haben, nach 
dem geräuschvollen Vorgange Louis Napoleon's, in 
erster Reihe die Förderung der materiellen Interessen 
angestrebt, und damit den liberalen Oekonomismus 
auf den Thron gesetzt. 

Die „liberale" Partei seit 1848 vertritt nicht so- 
wol den Grund- als den beweglichen Besitz. Ihre 
Mitglieder haben sich emporgearbeitet zu reichen 



— 261 — 

Trägern des grossen Handels, der grossen Industrie, 
der modernen Capitalwirthschaft. Diese Klasse ist 
nicht etwa das Deutsche Bürgerthum, welches früher 
den sogenannten Mittelstand bildete, sondern sie ist 
der gerade Gegensatz desselben; sie ist entstanden 
aus der Zerstörung und aus den verwesenden Resten 
des Bürgerthum s, und daher kann sie richtig nur 
mit dem Französischen Namen der Bourgeoisie 
bezeichnet werden. 

Die liberale Partei, die sich in den Jahren der 
Reaction sehr gefügig und geschmeidig erwiesen hatte, 
nahm mit der „Neuen Aera" wieder einen politischen 
Aufschwung, und namentlich in Preussen zeigte der 
parlamentarische Kampf eine Erhebung der Bour- 
geoisie gegen das militärische Königthum. Der „Con- 
flict" wurde 1866 durch einen „Compromiss" beige- 
legt, der die Bourgoisie auch politisch zur herrschen- 
den Partei erhob, und seitdem ist sie nicht Ein Stand, 
sondern der Stand überhaupt. Sie nennt Adel und 
Geistlichkeit — „Junker- und Pfaffenthum", und er- 
klärt dieselben für überwundene Standpunkte; sie 
bezeichnet die ihr gegenüber stehenden Parteien als 
Reactionäre, Finsterlinge oder Demagogen, und er- 
klärt sie insgesammt für „Reichsfeinde". Die Bour- 
geoisie will die Alleinherrschaft. Den Staat möchte 



— 262 — 

sie am liebsten ganz aufheben und in die bürgerliche 
Gesellschaft untergehen lassen ; aber entschieden hasst 
sie jeden starken Staat. 

So uDgefähr äussert sich Herr Joerg, und jeden- 
falls entspricht die obige Darstellung den Thatsachen. 
Als politische Partei hat die Bourgeoisie mehrfach 
den Namen gewechselt, sich Gothaer, Fortschritts- 
leute, Nationalliberale, Demokraten genannt: in Wahr- 
heit war es immer dieselbe Kaste. Auch die reine 
oder „bürgerliche Demokratie", wie sie sich zum Unter- 
schiede von der Socialdemokratie benamste, die kleine 
„Volkspartei" der Herren Johann Jacoby, Guido Weiss, 
Ludwig Löwe, Leopold Sonnemann etc. (meistens 
Juden) gehört zur Bourgeoisie; und die doch gewiss 
eingeweihte „Nationalzeitung" definirte sie, in ihrer 
Nummer 314 vom 9. Juli 1873, mit folgenden Wor- 
ten: „Bürgerliche Demokraten sind Leute mit erheb- 
licher, womöglich auf 10,000 bis 20,000 Thaler stei- 
gender Jahresrente, und mit der festen Absicht, diese 
Jahresrente keinesfalls mit der andern demokratischen 
Species, der „Socialdemokratie" zu theilen. Bürger- 
liche Demokraten sind solche, welche keine, auch 
nicht die raffinirtesten Genüsse des bürgerlichen Lebens 
sich entgehen zu lassen wünschen, und welche ihrer 
demokratischen Gesinnung Genüge thun, indem sie 



— 263 — 

ungeheuer auf Regierung und Militarismus schimpfen, 
aber nur zum Scherz, nicht etwa in der Absicht, 
dass daran etwas geändert werden möchte, weil es 
alsdann doch mit der fetten Jahresrente hapern könnte." 
Zwischen den Nationalliberalen und Fortschritt- 
lern besteht kein anderer Unterschied, als dass jene 
etwas serviler und gewandter, diese etwas schwer- 
fälliger und phrasenreicher sind. Alles Uebrige ist 
politisches Gaukelspiel, und der tollste Humbug ist 
die angebliche Spaltung der Nationalliberalen in einen 
rechten und linken Flügel, welchen letzteren Herr 
Lasker commandirt, der sich also auf beide Fractionen 
stützt, von Nationalliberalen und Fortschrittsleuten 
gleich sehr verehrt und gefeiert wird. Unbegreiflich 
ist es daher, wenn im Sommer 1876 die officiöse 
„Provinzial-Correspondenz" die Fortschrittler heftig 
angriff und die Nationalliberalen lobend herausstrich. 
Sofort erklärte die „Kölnische Zeitung", dass der 
Nationalliberalismus dieselben Ziele verfolge, wie die 
Fortschrittspartei; und die „Nationalzeitung" äusserte 
(Nr. 371 vom 11. August 1876) sehr richtig: „National- 
liberale und Fortschrittspartei sind zwei getrennte 
parlamentarische Gruppen, die man als Parteien be- 
zeichnen mag, wenn man der idealistischen Ansicht 
ist, dass Parteien vorab durch „Principien" gebildet 



— 264 — 

werden. Die besondere gesellschaftliche Unterlage 
aber ist der grossen Mehrheit, wenn nicht Gesammt- 
heit der parlamentarischen Fortschrittspartei mit 
den Nationalliberalen gemeinsam. Es ist das gebil- 
dete Deutsche Bürgerthum, die selbständige 
und selbstbewusste Landbevölkerung einge- 
schlossen. In den weitaus meisten Wahlkreisen ist 
die Unterscheidung der beiden Gruppen der grossen 
liberalen Gesammtpartei gar nicht zum Ausdruck ge- 
kommen oder längst verwischt." — Ein gräulicher 
Humbug war die angebliche Ueberwerfung der beiden 
Parteien wegen der Justizgesetze, ihre gegenseitige 
Bekämpfung bei den Wahlen zum Reichstage; und 
man wird sie schnell genug wieder mit einander 
gehen sehen. 

Was sich dagegen von der Bourgeoisie nicht auf- 
saugen lassen oder ihr nicht unterordnen will, wird 
von beiden Fractionen als illiberal verketzert. Fort- 
schritt und Nationalliberalismus eiferten beide gleich 
sehr gegen die Agrarier und gegen die Handwerker- 
partei, als diese für das Parlament eigene Candidaten 
aufstellten-, schalten sie „Ackersocialisten" und „Zünft- 
ler" und warfen ihnen — „Interessenvertretung" 
vor. Die Bourgeoisie, die im Parlament wie in der 
Presse unausgesetzt die Sonder-Interessen des Capitals 



— 265 — 

verficht, die Interessenvertretung par excellence, kann 
es nicht ertragen, wenn die von ihr bedrückten Klassen 
die Interessen der Arbeit und des redlichen Erwerbes 
geltend machen. 

Mit dem Anwachsen der Bourgeoisie, mit dem 
Floriren der Grossindustrie schwand das Handwerk 
und der Mittelstand dahin, mehrte sich erschrecklich 
das Proletariat. Zur Zeit des Frankfurter Parla- 
ments sind aus den Kreisen des Deutschen Bürger- 
thums 540 Petitionen eingelaufen, welche den Schutz 
der Versammlung für das gefährdete Handwerk an- 
riefen, und vom 15. Juli au tagte zu Frankfurt einen 
ganzen Monat lang der grosse Handwerkercongress, 
welcher „einen feierlichen, von Millionen besiegelten 
Protest gegen die Gewerbefreiheit einlegte." Als aber 
die Nationalversammlung sich für das System des 
liberalen Oekonomismus aussprach, da verkehrte sich 
in den mittleren Schichten des Volkes die Sympathie 
in Gleichgültigkeit und Hass, und jetzt konnten auch 
die Regierungen daran denken, der unbequemen „libe- 
ralen" Bewegung die Spitze zu bieten. 

1852 erschien dem Kleingewerbe ein Apostel in Ge- 
stalt des gemaassregelten Kreisricliters Herrn Schulze 
aus Delitzsch. Er predigte Sparen und Selbsthülfe, 
er gründete Vorschuss- und Credit-, Rohstoff- und 



— 266 — 

Consumvereine. Anfangs betrachtete die Bourgeoisie 
seine socialen Experimente mit Misstrauen ; sobald 
sie sich aber von der Harmlosigkeit derselben über- 
zeugte, unterstützte sie ihn auf das Bereitwilligste; 
und als endlich gar Lassalle die Massen aufrief, pro- 
clamirte sie Herrn Schulze zum „König im socialen 
Reich'' und verehrte ihm ein grosses Capital als 
„Nationaldank". Von jeher war die „liberale" Partei 
bemüht; Staat und Gesellschaft auseinanderzuhalten; 
das Politische und das Sociale principiell zu trennen. 
Auch Herr Schulze, wiewol er den „Nationalverein" 
selber mitgründete, rieth seinen Handwerkern ent- 
schieden ab, in diesen einzutreten; sie sollten sich 
blos mit ihren wirthschaftlichen Angelegenheiten be- 
fassen und die Politik als eine ihnen fremde Sache 
betrachten. Und andererseits rieth er wieder eifrig 
ab, als der Vorschlag eines allgemeinen Deutschen 
Arbeitercongresses auftauchte. Dafür wurde gewal- 
tig in „Bildung" gemacht, in Bezirks- und Handwer- 
kervereinen ununterbrochen Vorträge gehalten; heute 
über Aesthetik, morgen über den Buddhismus, über- 
morgen über Spektralanalyse; und die Bourgeoisie 
lieferte die ;,hochverehrten Lehrer des Volks". 

1863; mitten in der Preussischen Conflictszeit, 
trat als socialer Agitator ein Jude aus Breslau auf. 



— 267 — 

der seinen Namen Lassal in Lassalle französirt hatte, 
und von sich selber rühmte: „Ich schreibe jede Zeile, 
bewaffnet mit 'der ganzen Bildung meines Jahrhun- 
derts!" Er gehörte gleichfalls zur Bourgeoisie, war 
mit den Führern der Fortschrittspartei befreundet 
und schwur anfänglich auf das „Organ für Jeder- 
mann", auf die „Volkszeitung" des Herrn Franz Duncker, 
in dessen Hause er verkehrte. Plötzlich wandte er 
sich gegen seine bisherigen Genossen, die er in der 
verächtlichsten Weise kritisirte. Er sprach von der 
„geistigen Versimpelung der Bourgeoisie", dass sie 
air ihre Gedanken fix und fertig aus der Fabrik der 
Zeitungen beziehe, welche letzteren sich in den „elen- 
desten Händen" befinden; dass selbst ihre Wortführer 
„entsetzliche Geisteskrüppel" seien. Den Staatsbe- 
griff der^Bourgeoisie nannte er^eine „Nachtwächter- 
idee", die den Reichen privilegire und schütze, da- 
gegen den Armen sich selber überlasse und preis- 
gebe. Er klagte die Bourgeoisie^ an, dass ihre Klassen- 
moral der kälteste, raffinirteste, mit eiserner Conse- 
quenz durchgeführte Egoismus sei, die abscheulichste 
Herzensverhärtung und Unmenschlichkeit; dass ihr 
Oekonomiesystem nur ersonnen sei im Interesse des 
grossen Capitals, zur unbegrenzten Ausbeutung der 
arbeitenden Klassen. Er betonte Ricardo's ehernes 



— 268 — 

Lohngesetz, wonach der Arbeitslohn auf die Dauer 
nicht höher steigt als dass er den nothwendigsten 
Lebensunterhalt gewährt, und dass es daher lächer- 
lich sei, vom Arbeiter „Sparen" und „Selbsthülfe" zu 
verlangen. Er forderte für diesen im Gegentheil 
Staatshülfe und Staatscredit zur Bildung von Pro- 
ductivgenossenschaften, und er forderte als politisches 
Agitationsmittel das allgemeine und directe Wahlrecht. 
Er wandte sich an die Arbeiterwelt, die er, im Gegen- 
satz zur' Bourgeoisie, als vierten Stand proclamirte, 
und er machte für diesen alle Rechte und Ansprüche 
des dritten Standes geltend. 

Ferdinand Lassalle und sein Vorgänger jKarl Marx, 
gleichfalls Jude, sind beide aus den besitzenden Klassen 
hervorgegangen; beide getrieben von dem Ehrgeiz, 
eine politische Rolle zu spielen. Marx, heute das 
Haupt der Socialdemokratie in ganz Europa, ist 
Revolutionär; er träumt von einem Umsturz aller 
bestehenden Staaten, und hat bei allen socialistischen 
Aufständen seine Hand im Spiel. Lassalle wollte 
nur die Demokratisirung des Staats; im Uebrigen 
war er Preussischer Monarchist, wie dies seine 1859 
veröffentlichte Brochüre beweist: „Der Italienische 
Krieg und die Aufgabe Preussens — eine Stimme 
aus der .Demokratie'^ In derselben rühmt er noch 



— 269 — 

die Duncker'sche „Volkszeitung", die er später so 
heftig angriff, als ein echtes Volksblatt; und er geisselt 
hier seinen nachherigen Freund, Herrn Lothar Bucher, 
den jetzigen Adlatus des Fürsten Bismarck. Mit 
Herrn von Bismarck hatte Lassalle in der Conflicts- 
zeit eine Unterredung, und dieser soll daran gedacht 
haben, sich mit der Arbeiterpartei gegen die von 
ihm so gehassten Fortschrittler zu verbünden. Fer- 
dinand Lassalle, Lothar Bucher und der ehemalige 
Preussische Märzminister Rodbertus waren einig in 
der Verurtheilung des Manchesterthums. Auch die 
beiden Letzteren traten in Beziehung zu dem Leip- 
ziger Arbeiterverein, und Bucher gab diesem gegen- 
über die Erklärung ab, dass die Manchesterweisheit 
ebensowenig vor der Geschichte wie vor der Praxis 
besteht. Lassalle gründete den „Allgemeinen Deutschen 
Arbeiterverein", zu dessen Präsidenten er sich er- 
wählen liess und den er als Diktator beherrschte. 
Bald jedoch wurde er, wie dies aus seinen Briefen 
hervorgeht, der socialistischen Rolle müde; er verlor 
sich in einem Liebesspiel und fiel im Duell um die 
neue Helena am 31. August 1864. In seinem Testa- 
mente hat er Herrn Lothar Bucher eine ansehnliche 
Jahresrente ausgesetzt und das Autorrecht seiner 
Schriften übertragen. 



— 270 — 

Was den eigentlichen Charakter Lassalle's betrifft; 
so wird darüber eine Stimme aus der Socialdemo- 
kratie besondern Glauben verdienen. Bernhard Becker, 
den der sterbende Agitator selber zu seinem Nachfol- 
ger auf dem Präsidentenstuhl bestimmte, sagtu. A.*): 

„Lassalle hatte grosse Schwächen und tiefgehende Leiden- 
schaften. Seine mädchenhafte Eitelkeit, verknüpft mit dem 
Umstände, dass er der fadesten Schmeichelei zugänglich war; 
sein bis zum unbeugsamen Eigensein gesteigertes herrisches 
Wesen, welches sich mitunter dem klar vorliegenden Besseren 
verschluss; seine Genusssucht in Beziehung auf die Frauen, die 
ihn Alles vergessen und ihm seine Jahresrente von mehr als 
5000 Thalern nicht hinreichend erscheinen Hess; endlich sein 
Haschen nach der Beistimmung von Autoritäten, welches sich 
oft vergriff, und ihm sogar die Bundesgenossenschaft eines 
Kreuzzeitungs-Wagener, eines ultramontanen Bischofs Ketteier 
und eines reactionären Professors Huber annehmbar machte: 
das waren verwundbare Stellen an dem sonst so gut ge- 
wappneten Manne, wohl geeignet, die socialdemokratische Partei 
einigermaassen zur Vorsicht zu mahnen. — „Das Jahr 1848 
führte den jungen Lassalle in den Socialismus ein, und das, 
was er später als Arbeiter- Agitator aufstellte, war blos ein 
durch die vieljährige Reaction abgeschwächter Nachklang 
dessen, was 1848 in viel grösserem Maasse zu erreichen gesucht 
wurde. Lassalle zählte zu den Arbeiterführern, deren es da- 
mals viele gab. Wer also glaubt, dass er 1863 gleichsam 
eine neue Religion gestiftet habe, der kennt eben die Ge- 
schichte der letzten dreissig Jahre nicht. — „Würde Lassalle 
sich nicht mit Frauen aus der Bourgeoisie und Aristokratie herum- 



*) „Enthüllungen über das tragische Lebensende Ferdinand 
Lassalle's". Schleiz, 1868. 



— 271 — 

getrieben, sondern weniger Uebermuth gegen die Töchter des 
Volks empfunden und daher, wenn er nun einmal heirathen 
musste (!) sich mit einem Mädchen aus dem Arbeiter- 
stande verehlicht haben, so wäre Alles anders gekommen. 
Er lebte alsdann wahrscheinlich heute noch. Aber er hatte 
aristokratische Sitten bei demokratischem Bekennt- 
nisse. Seine inneren Widersprüche richteten ihn zu Grunde. 
Zwar suchte er sich endlich von der Gräfin Hatzfeld los zu 
machen; allein er capricirte sich nun darauf, wiederum sich 
an ein aristokratisches Weib zu fesseln, das ihn zum Narren 
hielt." 

In der That, das eigentliche Motiv, was Lassalle's 
Lebensgang beherrschte, war Eitelkeit, und sie trieb 
ihn auch in den Tod. Masslose Eitelkeit, wie sie 
seinem Volke beiwohnt, Hess ihn nacheinander das 
Verschiedenste ergreifen, sich als Gelehrten, Dichter, 
Politiker und Agitator versuchen, verleitete ihn zu 
allerhand Inkonsequenzen und Wandlungen. Was er 
that und trieb, schrieb und sprach, Alles hatte einen 
theatralischen Anstrich, Alles war auf den Effect be- 
rechnet. Für den Arbeiter besass er ebensowenig 
ein Herz wie die Bourgeoisie; er sah hochmüthig 
auf ihn herab und liess seine Launen an ihm aus, 
er benutzte ihn nur als Mittel für seine ehrgeizigen 
Zwecke. Dennoch diente er der Sache, war er, ob- 
wol ohne Religion und Sittlichkeit, ein Werkzeug in 
der Hand der Idee. Von grossem Redefluss, erfinde- 
risch in Schlagworten, fehlte ihm doch die populäre 



■ — 272 — 

Beredsamkeit, blieb er den Massen zum Theil unver- 
ständlich. Ebenso doctrinär und schwerfällig ist er 
in seinen Schriften, die selbst auf den Gebildeten 
wenig ßeiz üben. Dagegen überragt er durch Geist 
und Wissen weit die manchesterlichen „Volkswirthe" 
und namentlich auch Herrn Schulze-Delitzsch, und 
in der Geschichte der Wissenschaften wird er neben 
Marx einen Platz behaupten. Von der „liberalen" 
Presse übrigens werden Beide, da sie Juden sind, 
stets mit grossem Respect behandelt. 

Lassalle hat die Massen aufgerüttelt, und seitdem 
ist die socialdemokratische Bewegung nicht mehr zu 
dämpfen. Nach dem Tode des Agitators drohte der 
„Allgemeine Deutsche Arbeiterverein" zu verfallen; es 
bildeten sich verschiedene Secten, die sich erbittert 
bekämpften; es traten als Arbeiterführer zahlreiche 
Prätendenten auf, die schamlos gegen einander in- 
triguirten und manch' widerliches Schauspiel boten. 
Dennoch machte die Agitation reissende Fortschritte; 
die „Magenfrage" kam nicht mehr von der Tages- 
ordnung. Anfang 1865 wurden in Berlin die „hoch- 
verehrten Lehrer des Volks" von den Arbeitern förm- 
lich vorgeladen; man stellte sie wegen des Coalitions- 
rechts zur Rede, zieh sie geradezu der Lüge, und sie 
konnten sich vor Misshandlungen nur durch die Flucht 



— 273 — 

retten. Im Abgeordnetenhause trat die conservative 
Partei für die Forderung der Arbeiter ein, und auch 
die Kegierung zeigte sich ihnen geneigt; auf den 
Fortschrittsbänken dagegen ertönte ein Jammerge- 
heul über das Bündniss mit den Communisten, durch 
welches man die „liberale" Partei zerquetschen wolle. 
Selbst Männer wie Twesten und Waldeck, reine ehr- 
liche Charaktere, geriethen in Besorgniss. „Wir können 
wol einigen Arbeitern helfen, aber nicht dem Stande'', 
sagte Twesten. „Die Lösung der socialen Frage 
ist noch nicht an der Zeit", sagte Waldeck. Herr 
Schulze aber stöhnte: „Entfesseln Sie die Bestie 
nicht!" 

Mit Recht kehrten sich die Arbeiter gegen den 
„Bildungsschwindel", wobei sie die von den „hoch- 
verehrten Lehrern des Volks" empfangene materia- 
listische Weltanschauung gar prächtig verwertheten. 
Der Lohgerber Hasenclever, später Präsident des 
„Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins", äusserte 
in einer Vereinsrede zu Solingen: Die ebenbürtige 
Bildung der Arbeiter kann frühestens in der näch- 
sten Generation, und nur dadurch herbeigeführt 
werden, dass man dem Volke besser zu essen giebt; 
der Tisch des Arbeiters müsste so gut sein, wie der 
des Bourgeois, erst dann ginge es mit der gerühmten 

Glagaii, Der Börsenschwindel. II. 18 



— 274 — 

Bildung. — Und das Parteiorgan, der „Socialdemo- 
krat" liess sich also vernehmen: 

„Der Kampf der liberalen Bourgeoisie gegen das Christen- 
tlium ist zu einer schreienden Inconsequenz geworden. Denn 
•wer dem Volke den Himmel nimmt, der muss ihm die 
Erde geben, — ,,Ibr erbärmlichen Pharisäer aus den 
Freien Gemeinden und dem liberalen Bürgerthum, 
die Ihr dem Volk den Trost des frommen Glaubens 
entrissen habt: mit dem Himmel ist es vorüber — wir 
reclamiren die Erde!" 

Ende 1864 gründete Herr Schulze mit seinem 
Freunde, Alwin Soergel und mit dem fortschrittlichen 
Abgeordneten, Kreisgerichtsrath a. D. Rudolph Parri- 
sius die Deulsolie Geiiosseiiscliaftsl).iuk in Berlin, 
welche vornehmlich „dem Bedürfniss der auf Selbst- 
htilfe beruhenden Deutschen Erwerbs- und Wirth- 
schafts-Genosseuschaften nach Bankkredit soviel als 
möglich entgegenkommen" sollte. Das Capital, ur- 
sprünglich nur 270,000 Thaler, wurde 1868 auf 
500,000 Thaler, 1870 auf 850,000 Thaler erhöht, und 
dazu eine Commandite in Frankfurt a. M. errichtet. 
Seitdem werden die Actien an der Börse notirt, und 
obwol das Statut Speculationsgeschäfte der Bank 
untersagt, nahm diese an der Schwindelperiode doch 
vollen Antheil, betrieb auch sie die Agiotage und die 
Gründerei nach allen Regeln der Kunst. 1871 be- 
schlossen Herr Schulze und Genossen das Capital 



- 275 — 

auf 2 Millionen, 1872 auf 3 Millionen Thaler zu 
bringen. Beidemal wurden die jungen Actien mit 
einem hohen Agio ausgegeben; 1872 die öOprocen- 
tigen Interimsscheine zu 115, was einen Cours von 
130 bedeutet, und man trieb sie bis 150, w^as einem 
Course von 200 entspricht. Heute gilt dieser 50pro- 
centige Interimsschein, der damals mit 100 Thaler 
bezahlt wurde, nur 40 Thaler, denn die Vollactie 
notirt etwa 90. 

Neben dieser wilden Agiotage vollbrachte die 
Deutsche Genossenschaftsbank in der Schwindelära 
noch eine Reihe vorwiegend fauler Gründungen und 
Emissionen: 

1) Starttbauk in Berlin. Gegründet Februar 1S73 mit 
1 Million Thaler Grundcapital, von Alwin Soergel, Otto Soergel, 
Eudolph Parrisius, Siegmund Weill, Stadtrath Meyer Magnus, 
Stadtverordneten Job. Georg Halske, Stadtrath Otto Kunz, 
Rudolf Bensemann, Ferd. Reichenheim und Ludwig Hache in 
Berlin. Hatte absolut keinen Zweck, fand keine Be- 
schäftigung und trat Januar 1874 nach grossen Verlusten in 
Liquidation. 

2) Brauerei Königstadt in Berlin. Gegründet den 19. Mai 
1871 von Alwin Soergel und Anton Securius in Berlin, 
Johannes Kämpf in Halle. Aufsichtsräthe : Arnold Witkowski, 
Louis Feig und Heinrich Booss in Berlin, Abgeordneter Stadt- 
rath Hausmann in Brandenburg. „Revisoren": Carl Weber 
und Otto Penzhorn in Berlin. „Erster Actionär": E. Schle- 
singer (S. Mossner & Co.) in Berlin. Das Etablissement wurde 
den unglücklichen Actionären für die kolossale Summe von 

18* 



— 276 — 

1,050,000 Thaler überwiesen, und die Gesellschaft mit 800,000 
Thalern Actien und 412,000 Thaler Hypotheken belastet. 
December 1872 beschloss man „400,000 bis 600,000 Thaler" 
neue Actien auszugeben, was nur der heranziehende Krach 
verhinderte. Director wurde der Vorbesitzer Julius Busse. 
Für das „erste Geschäftsjahr" von 4 Monaten (!) wurden nominell 
10 % Dividende vertheilt, und so die Actien bis 120 geti'ieben. 
Jetzt ist der Cours etwa noch 20. 

3) Admiralsgartenbad, Badeanstalt in Berlin. Ge- 
gründet September 1872 von Rudolph Parrisius, Rudolf Bense- 
mann, Baumeister Walter Kyllmanu, Dr. med. Wilh. Engmaun, 
Dr. Alex. Jürgens, Dr. Bodinus und Albert Brockhoff, Redacteur 
der ,, Berliner Börsenzeitung" in Berlin. Actiencapital 
500,000 Thaler und ca. 200,000 Thaler Hypotheken. Dividen- 
den 0. Cours noch etwa 5. 

4) Halle'sche Creditaustalt. Gegründet August 1872 
mit 1 Million Thaler Actien. Aufsichtsrath : Rechtsanwalt 
a. D. Lau, Simon Lipmann und Adolf Rosenstein in Berlin, 
Geh. Commerzienrath Stephan (Stephan & Schmidt) in Königs- 
berg i. Pr. , Th. Eisentraut, W. Zorn (Zorn & Steinert), 
H. 0. Brandt (Brandt & Lölöff) in Halle, Landesökonomierath 
Schäper in Wanzleben. Die 40procentigen Interimsscheine 
wurden mit 104, also zum Course von 110 eingeführt, und für 
das erste Geschäftsjahr von 4 Monaten (!) nominell 6V2 % 
Dividende vertheilt. 1873 ergab 0, und April 1874 beschloss 
man die Auflösung. 

5) ßlieiuisch-Westphäliscbe Geuosseuschaftsbauk in 
Cöln. Gegründet März 1872 mit 500,000 Thaler Actien. 
September 1873 beschloss der Aufsichtsrath die Erhöhung auf 
2,600,000 Thaler ; doch wurden nur noch 316,000 Thaler 
genommen. Letzte Dividende 0. Cours einst 110, jetzt ca. 40. 

6) Halle'sche Maschinenfabrik. (Vgl. S. 89). Actien- 
capital 300,000 Thaler. Cours ca. 60. 

7) Zuckerfabrik Koerbisdorf. (Vgl. S. 192). Actien- 



— 277 — 

capital 900,000 Thaler und 900,000 Thaler Hypotheken. Cours 
einst 120, jetzt etwa noch 20. 

Alle diese Gründungen und Emissionen geschahen 
unter „Aufsiclit" des Herrn Schulze-Delitzsch, der da- 
für seine Tantiemen bezog, und neben ihm fungirten 
als „Verwaltungsrath", ausser den bei der Stadtbank 
genannten Herren Meyer Magnus, Joh. Georg Halske, 
Otto Kunz, Rudolf Bensemann, Ferd. Reichenheim, 
auch noch die Abgeordneten Dr. Buhl in Deidesheim 
und Rechtsanwalt Schenck in Wiesbaden. 

Aber nicht genug daran. Um einem schreienden 
Bedürfniss abzuhelfen, entstand während der Schwin- 
delperiode noch eine zweite Bank für Genossenschaften, 
die sich genau nach dem Schema der vorigen bildete 
und sich gleichfalls auf Schulze-Delitzsch'sche Prin- 
cipien berief. Am 10. März 1871 gründeten Jacob 
Ball, Gustav Thölde, Gustav Röhll, Abgeordneter 
Dr. Georg von Bunsen und Abgeordneter, Stadtver- 
ordnetenvorsteher Dr. Wolfgang Strassmann in Ber- 
lin, Julius Kugel (Dicke & Kugel) in Lüdenscheid die 
Ceutralbaiik für Geuosseuscliafteu, mit 500,000 
Thaler Actien. Erste Aufsichtsräthe waren u. A.: 
Rechtsanwalt Ewald Hecker, welcher das Statut auf- 
genommen hatte, Wilh. Itzinger (Riess ä' Itzinger), 
Salomon Ball, Isidor Blumenthal und Robert Bau- 



— 278 — 

aiann; und als Directoren fungirteu noch: Ferdinand 
Strahl und Carl Stöter. Die ursprüngliche Bestim- 
[uung, welche Speculationsgeschäfte ausdrücklich ver- 
3ot, wurde bald aufgehoben, der Gesellschaft „freier 
Spielraum" gewährt, und nun ging es auch hier an 
ias Agiotagespiel und an das Gründen. 

December 1871 fabricirte man 500,000 Thaler 
leue Actien, die a 109 an die Börse gelangten; März 
1872 folgte die III. Emission zum Course von 110, 
September 1872 die IV. Emission zum Course von 
112, und die gesammten drei Millionen Thaler Actien 
wurden bis fast 160 getrieben. 1871 entfielen 12, 
1872 — 140/0 Dividende, 1873 — 0. Die Bilanz er- 
wies an Verlust auf Effecten 112,000 Thaler, an Ab- 
schreibungen für zweifelhafte Forderungen und Con- 
sortialbetheiligungen 280,000 Thaler; und die Actien 
stürzten bis ca. 60. Juli 1874 beschloss man die 
Auflösung der Gesellschaft, gegen den Willen vieler 
Actionäre, und den öffentlichen Verkauf der Grund- 
stücke. Statt dessen schritt man zu einem freihän- 
digen Verkauf, und als einer der Aufsichtsräthe 
Widerspruch erhob, wurde er, auf Betreiben der 
Liquidatoren: Gustav Thölde, Carl Stöter und Ferd. 
Strahl" aus dem Amte gestossen und mit dem Injurien- 
richter, ja mit dem Staatsanwalt bedroht! 



— 279 — 

Von Gründungen und Emissionen leistete diese 
famose Genossenschaftsbank; ausser der Rheinisch- 
Westphälisclien Genossenschaftsbank, die sie in Ge- 
meinschaft mit der Deutschen Genossenschaftsbank 
von Soergel, Parrisius & Co. erschuf, noch Folgendes: 

1) Berliner Banrereinsbank. Gegründet Februar 1872 
von Jacob Ball, Max Mossner, Julius Guttentag, Hermann 
Geber, Reinhold Alex. Seelig, Julius Wolff jun., Eugen Riess, 
Wilh. Itzinger, Gustav Thölde, Commerzienrath Gilka und 
Baurath Waesemann in Berlin. Actiencapital 2 Millionen 
Thaler. Dividenden von 1872 bis 1875: 11, 2V2, 2V2 und 
resp. 0%. Trat Mai 1S7G in Liquidation. Der Cours von 110 
sank 1875 bis etwa 25. 

2) Dortmnuder Actien-Brauerei, vormals Herberz & Co. 
Gegründet September 1872 von R. A. Seelig in Berlin, und 
den unglücklichen Actionären für 1 Million Thaler, ohne die 
Bestände, überwiesen! Actiencapital 900,000 Thaler; dazu 
an 400,000 Thaler Hj-potheken ! ! Aufsichtsrath: Rechtsanwalt 
Storp in Hagen, Heinrich Mauritz in Iberdingen, Heinrich 
Herberz in Dortmund, Hermann Gratweil und Ferd. Strahl in 
Berlin. Von den Actionären wurde eine „Untersuchungs- 
commission" gewählt, und die Gründer resp. Vorbesitzer 
Hessen sich bewegen, eine Summe von 100,000 oder 200,000 
Thaler herauszugeben. Trotzdem sank der Cours 1875 bis 7 
und ist jetzt ? 

3) Leipzig-Gaschwitz-Menselwitzer Eisenbahn. Juni 
1872 wurden bei der Centralbank für Genossenschaften und 
bei Riess & Itzinger 780,000 Thaler fünfprocentige Priori- 
täts-Stamm-Actien zu SDVa % aufgelegt, und notirten dieselben 
Ende 1876 etwa noch 60. 



— 280 — 

4) Rostocker Zuclcerfubrik. (Vgl. S. 191\ 700,000 
Thaler Actien und 600,000 Thaler Hypotheken. Cours einst 
105, jetzt etwa 0. 

5) Berliner Pappenfabrik. (Vgl. S. 179). 900,000 
Thaler Actien und 250,000 Thaler Hypotheken. Cours einst 
120, jetzt etwa noch 60. 

6) Actieugesellscliaft für öffentliches Fuhrwesen. Ge- 
gründet März 1873 von Wilhelm Hörn, Gustav Röhll, Gustav 
Thölde, Carl Stöter, Ferd. Strahl und Rechtsanwalt Ewald 
Hecker in Berlin mit 2 Millionen Thaler Actien. Die 40 pro- 
centigen Interimsscheine wurden ä 118 aufgelegt, was einen 
Cours von 125 bedeutet. Dividenden nie. Nachdem das 
Grundcapital „reducirt", notirt die Vollactie etwa noch 30. 

7) Hagener Gussstahhverk. (Vgl. S. 76). 750,000 
Thaler Actien und 130,000 Thaler Hypotheken. Cours einst 
110, jetzt etwa 5. 

8) Vereinigte Bischweiler Tuchfabriken. 120,000 Thlr. 
Actien und 200,000 Thaler Hypotheken. Cours einst 106, 
jetzt 1 Brief. 

Die beiden Genossenschaftsbanken ä la Schulze- 
Delitzscli, und die von ihnen verübten Gründungen 
und Emissionen kosten den betroffenen Actionären 
Verluste, die man zusammen auf 12 bis 13 Millionen 
Thaler veranschlagen darf. Wenn das Publikum hier 
den Namen der bekannten „hochverehrten" Volks- 
freunde vertraute, die als Gründer und Verwaltungs- 
räthe auftraten, so ist es gewiss zu entschuldigen und 
verdient Bedauern. Leider hat es ähnliche Erfah- 



— 281 — 

rungen auch bei den Schiilze'sclien Creditvereinen und 
sogenannten Gewerbe- und Volksbanken machen müssen, 
von denen verschiedene, in Folge von Veruntreuungen, 
lüderlicher Wirthschaft und wilder Börsenspeculation, 
zusammengebrochen sind. Zwar paradirt Herr Schulze 
als „Anwalt der Deutschen Genossenschaften" all- 
jährlich mit grossen Zahlen über die Genossenschafts- 
bewegung, die 1875 angeblich 1,360,000 Mitglieder, 
mit einem Umsatz von 2600 Millionen Mark, begriff — 
aber trotzdem ist die ganze „Selbsthülfe" in Spott 
und Verruf gerathen, und Herr Schulze gilt nur noch 
für einen socialen Quacksalber. Noch weniger gilt 
er als Politiker. Er, der sich einst vermass, er wolle, 
„Preussen den Grossmachtskitzel austreiben", und der 
1 866 declamirte; „Diesem Ministerium keinenGroschen!" 
— er ist auch im Parlament ein stiller INIann gewor- 
den und lässt seine Bruststimme hier nur noch 
selten erschallen. Dafür prcäsidirt er der „Gesell- 
schaft für Verbreitung von Volksbildung", und neben 
ihm wirken im Schweisse ihres Angesichts namhafte 
Gründer, wie Oberbürgermeister Miquel, Justizrath 
Makower, Dr. Friedrich Kapp, Dr. Friedrich Ham- 
maclier etc. Herr Kammacher macht noch speciell in 
Frauenbildung und Frauenerwerb; und im Ausschuss 
des Letteverein, der ähnliche Zwecke verfolgt, sitzen 



— 282 — 

Rechtsanwalt Hecker und Herr Julius Schweitzer, der 
Börsenredacteur der „Nationalzeitung".*) 

Wiewol Herr Schulze noch unter den Lebenden 
wandelt, so herrscht er doch nicht mehr als „König 
im socialen Reich", sondern er hat abgedankt und 
seinen Thron an den jüdischen Fortschrittsmann, 
Dr. Max Hirsch überlassen. Dieser gründete in 
Gemeinschaft mit seinem Freunde Franz Duncker, 
nach dem Vorbild der Englischen Trades-Unions, die 
Deutschen Gewerkvereine und ernannte sich zum 
„Verbandsanwalt" derselben. Als solcher unterstützte 
er den Ende 1869 ausbrechenden Strike zu Waiden- 
burg in Schlesien. 6000 Bergarbeiter legten die 
Arbeit nieder, und an 1000 wanderten auf Commando 
von Max Hirsch aus, der innerhalb seiner Partei für 
die Strikenden 26,000 Thaler sammelte. Bald waren 
diese und die eigenen Ersparnisse der Arbeiter ver- 
zehrt, und nach etwa sechs Wochen sahen sie sich 



*) Herr Schweitzer gründete noch 1875, kurz vor seinem 
Jubiläum, in Verbindung mit Commerzienrath Otto Janke, Makler 
Martin Stettiner, Rentier Jacques Meyer u. A. die „Berli- 
ner Buchdruckerei-Actien-Gesellschaft". Dieselbe ver- 
folgt den Zweck, Mädchen zu Setzerinnen auszubilden, und da 
sie reeller Natur ist, hat sie als Grundcapital nur die beschei- 
dene Summe von 27,000 Thalern ausgeworfen. Herr Schweitzer 
selber zeichnete davon 500 Mark, ist also kein besonderes 
Risico eingegangen. 



— 283 — 

genöthigt, mit den Grubenbesitzern Frieden zu 
schliessen. Ebenso sympathisch bewies sich Herr 
Hirsch, als im August 1872 die 2000 Arbeiter der 
Pflug'scben Waggonfabrik austraten (vgl. S. 53); aber 
hier wurden nur 2000 Thaler beigesteuert, und daher 
war der Strike schon nach vier Wochen zu Ende. 
Obwol die Gewerkvereine noch ganz auf manchester- 
lichem Boden stehen, und überhaupt sehr harmloser 
Natur sind, weshalb sie auch nicht besonders ge- 
deihen, so wurden sie doch von etlichen eingefleischten 
„Yolkswirthen" als „Zunftgenossenschaften" bezeich- 
net, die der „gewerblichen Unfreiheit" zuneigen. Auch 
Herr Ludwig Bamberger scheint sie in seinem Buche 
„Die Arbeiterfrage" (Stuttgart, 1873) nicht mit gün- 
stigen Augen zu betrachten, und natürlich tadelt er 
die Beihülfe, welche der „Verbandsanwalt" jenen 
Strikes zuwandte. Doch Herr Max Hirsch, wenn er 
sich auch solche Scherze erlaubt, ist ein echter Man- 
chestermann, für den die „Liberalen" nicht zu fürchten 
brauchen. Als er seine Candidatenrede zum letzten 
Reichstag hielt, entschuldigte er die Unterstützung jener 
Strikes als Jugendstreiche, erklärte er die Erwerbung 
der Eisenbahnen durch den Staat für eine „socialistische 
Idee" (!), und auch an der Gewerbeordnung wollte 
er wenig geändert wissen. W^enn das „Organ für 



— 284 — 

Jedermann" als Ursache der gegenwärtigen Krisis 
„das Unheil der Milliarden" bezeichnet, so hat Herr 
Hirsch, obgleich Mitarbeiter derselben reformjüdi- 
schen „Yolkszeitung", eine andere Meinung. Er findet 
einen Zusammenhang zwischen dem Verfall der In- 
dustrie und der dreijährigen Dienstzeit, welche den 
jungen Mann hindere, sich in seinem Fach zu ver- 
vollkommnen. "Wie man sieht, denken die Fort- 
schrittler daran, wegen des Militärbudgets wieder 
„Conflict'^ zu spielen. Doch fürwahr, gegen Herrn 
Hirsch gehalten, war selbst Herr Schulze ein grosser 
Mann, und man begreift, dass der neue „König im 
socialen Reich" unter den Arbeitern noch weit ge- 
ringeren Anklang findet. 

Von den „Liberalen" wird die Existenz der „socia- 
len Frage" überhaupt geleugnet, und wenn sie etwa 
doch vorhanden sein sollte, so glauben sie in den 
Genossenschaften von Schulze-Delitzsch alles Nöthige, 
und mit den Gewerkvereinen von Max Hirsch das 
Aeusserste gethan zu haben. Nicht so die anderen 
Parteien, welche die Berechtigung der socialen Be- 
wegung und die aus ihr drohende Gefahr nicht ver- 
kennen. Herr Wagener, der eigentliche Socialpoliti- 
ker der Conservativen, hat zum Theil auf eigene 
Hand, zum Theil im Auftrage Bismarck's, mit dem 



— 285 — 

er wol nie die Fühlung verlor, mehrfach einen Kreuz- 
zug gegen die Manchesterwirthschaft unternommen, 
und dadurch die „liberale" Partei in Wuth und 
Schrecken versetzt. 1865 Hess er durch den Privat- 
docenten Dr. E. Dühring, dem man als Lohn eine 
Professur in Aussicht gestellt haben soll, eine Denk- 
schrift über die socialen Zeitverhältnisse abfassen 
und dieselbe hinterher im Druck erscheinen, was zu 
einem ärgerlichen Prozesse Veranlassung gab. Im 
Parlament hat er die manchesterlichen Freiheiten der 
Gewerbefreiheit, der Freizügigkeit, der unbeschränkten 
Eheschliessung etc. in ihrer ganzen Blosse enthüllt 
und nachgewiesen, dass dieselben nur der Gross- 
industrie und dem Capital, nicht dem Kleinhandwerker 
und dem Arbeiter zu gute kommen. Hauptsächlich 
um Wagener zu stürzen, der als Rath im Staatsmini- 
sterium den Vortrag beim König erhalten sollte, führte 
Lasker am 7. Februar 1873 die dreiste Komödie der 
„Enthüllungen" auf, indem er ein paar Gründerdilet- 
tanten der conservativen Partei an den Pranger stellte, 
dagegen mit keiner Silbe der professionellen blutigen 
Gründerschaar gedachte, deren sich die vereinigten 
„Liberalen" erfreuen. Wagener, als Gründer der 
Pommerschen Centralbahn von dem tugendhaften Las- 
ker gebrandmarkt, musste den Abschied nehmen, er- 



— 286 — 

schien aber im nächsten Jahr, mit seinem Adlatus, 
Rudolph Meyer, auf dem socialpolitischen Congress 
zu Eisenach, wo er in ziemlich durchsichtiger Weise 
als Abgesandter des Fürsten Bismarck auftrat. In 
Folge dessen erhob die „liberale" Presse von Neuem 
ein Mark und Bein durchdringendes Zetergeschrei. 

Die Orgie, welche die Gründer und Börsianer 
nach dem Kriege mit Frankreich feierten, und bei 
der die Wortführer und „Volkswirthe" der vereinig- 
ten „Liberalen" eine so hervorragende Rolle spielten, 
erregte selbst im eigenen Lager Bedenken. So schrieb 
Herr H. B. Oppenheim Ende 1871 in der „National- 
zeitung" (Nr. 573): „Die wirthschaftliche Freiheits- 
partei hat in neuerer Zeit so glänzende Siege davon- 
getragen (!) und ist der letzten Erfüllung ihres Pro- 
gramms so nahe gekommen (!!), dass den jüngeren 
Anhängern derselben wol der Kopf schwindeln durfte. 
Aus diesem Rausch ist eine Doctrin entstanden, welche 
den Staat in eine Aktiengesellschaft verwandeln und 
seine grossen Aufgaben an den Mindestfordernden 
feilbieten möchte. Sie leugnet die sittliche Natur des 
Staats und betrachtet denselben nur als ein noth- 
wendiges Uebel." Die Regierung hingegen schien 
kaum zu begreifen, was um sie vorging. November 
1871 fanden im Preussischen Handelsministerium Con- 



- 287 — 

ferenzen zur „Besprechung über socialpolitische Fra- 
gen" statt, zu denen vorwiegend Mancliesterleute, 
darunter auch Gründer und Börsianer, wie Dr. Fried- 
rich Hammacher, Commerzienrath Benjamin Lieber- 
mann etc., geladen waren, und die selbstverständlich 
im Sande verliefen. Dennoch rief jene schamlose 
Orgie allmälig eine Opposition hervor, und zwar ging 
dieselbe von der Wissenschaft aus. Unsere manchester- 
lichen „Volkswirthe" sind vorwiegend Journalisten, 
die nun das wissen, was sie, Einer vom Andern, ge- 
lernt haben; sie bewegen sich ewig in demselben 
Gedankenkreise und schwören auf den Stifter der 
Freihandelsschule, den sie aber auch nur sehr ober- 
flächlich kennen; von eigenen Studien ist bei ihnen 
nicht die Rede, und ebensowenig nehmen sie von den 
Forschungen Dritter Notiz. Dafür beherrschen sie 
die Presse, während die eigentlichen Wissenschafter 
die Lehrstühle an den Universitäten inne haben. 

Von den Professoren der Nationalökonomie, vor- 
nehmlich von den kampflustigen Jüngeren, ging nun 
die Opposition gegen die Manchesterwirthschaft und 
die Capitalherrschaft aus. Es erschienen, gerade 
während der Schwindelpcriode, eine Picihc Schriften 
von Gustav Schmoller, Adolf Wagner, Hermann Rös- 
1er, Gustav Schönberg u. A., die alle mehr oder 



— 288 — 

weniger für die arbeitenden Klassen gegen die Bour- 
geoisie eintraten, dem nackten Eigennutz in der Volks- 
wirthscliaft sittliche und humane Principien entgegen- 
stellten, und gegen den Missbrauch der „freien Con- 
cuirenz" gesetzliche Schranken forderten. Das waren 
gefährliche Gegner, und Herr H. B. Oppenheim nannte 
sie sofort „Katheder-So cialisten". In dieser Be- 
zeichnung lag eine Verdächtigung, eine Denunciation: 
die Lehrer der studirenden Jugend wurden der 
Regierung als Socialisten denuncirt. In dep „Natio- 
nalzeitung", wie in der von Herrn Paul Lindau neu 
gegründeten „Gegenwart", an welcher namentlich 
Juden und Judengenossen thätig sind, folgten Angriff 
auf Angriff; Herr H. B. Oppenheim beschuldigte den 
Professor Adolf Wagner, der aus Ursachen der Woh- 
nungsnoth die Miethsprellerei und den Wucher iu 
Häusern und Baustellen gestreift hatte, sogar des 
„Communismus" (vgl. S. 156); und Ludvvig Bamberger, 
der gern in Titeln schwelgt*), schrieb in seiner witzig 
und humoristisch sein sollenden Manier einen Artikel 
„Die Romantik auf dem Lehrstuhl der Volks- 
wirth Schaft" (Nr. 37 und 38 der „Gegenwart" von 



*) Vgl. „Deutsche Rundschau", Erster Jahrgang 1874/75, 
Heft4 „Zur Embryologie desBankgesetzes", und Heft 6 
„Zur Geburt des Bankgesetzes". 



— 289 — 

1872), in welchem er die „Kathedersocialisten" als 
Schwärmer und Utopisten hinstellt. 

Adolf Wagner's Antwort: „Offener Brief an Herrn 
H. B. Oppenheim" (Berlin, 1872) ist weniger von gött- 
licher als von burschikoser Grobheit, aber gerade in 
dem Tone gehalten, der hier nöthig war. Nur in 
Einem Punkte geht der Verfasser zu weit, indem er 
seinen Gegner zu Gunsten von dessen Kameraden 
herabzusetzen sucht. Bei einem Vergleich mit den 
Herren Ludwig Bamberger, Alexander Meyer, Braun- 
Wiesbaden etc. kann H. B. Oppenheim nur gewinnen; 
er hat etwas Ordentliches gelernt, er beschäftigt sich 
nicht mit Diesem und Jenem, er ist ausschliesslich 
schriftstellerisch und auf Einem bestimmten Gebiete 
thätig, und er zeigt viel mehr Unbefangenheit und 
Bescheidenheit. Auch ist er in seinen Schriften nicht 
so blass und so langweilig, wie z. B. Bamberger und 
Lasker, sondern seine Sprache ist voll Inhalt und 
Präcision, einfach, klar und flüssig. Von 1861 bis 
1864 redigirte er mit Geschick und Umsicht die 
„Deutschen Jahrbücher", welche in der Hauptsache 
an gewissen Mitarbeitern zu Grunde gingen, u. A. durch 
die öden Abhandlungen des damals im Aufstreben 
begriffenen Herrn Lasker über Verfassung, Rechts- 
schutz und Polizeigewalt etc. und durch die, ihres 

Glagau, Der Börsenschwindel. II. 19 



— 290 — 

schrecklichen Stiles wegen, geradezu unlesbaren ästhe- 
tischen Artikel von J. L. Klein, dem israelitischen 
Kraftgenie und jüdischen Shakespeare. H. B. Oppen- 
heim hat nur weniger Glück, weil weniger Dreistig- 
keit als die Herren Lasker und Bamberger. Diese, 
gewissermaassen seine Schüler, sassen längst im Par- 
lament; ihm dagegen gelang es, nach vielen Jahren 
des Harrens und Mühens, nachdem er mit der Ge- 
duld einer Ameise in unzähligen Wahlkreisen kandi- 
dirt hatte, erst 1874, und zwar für das ominöse Länd- 
chen Reuss ältere Linie, in den Reichstag zu dringen; 
und hier kaum warm geworden, musste er wieder 
hinaus, unterlag er bei den Neuwahlen im Januar 
1877 gegen einen obscuren Socialdemokraten. Für- 
wahr, es liegt in dem Geschick dieses Mannes, der 
sich heute von Lasker und Bamberger begönnern lassen 
muss, etwas Tragisches! 

1871 hielt Professor Adolf Wagner eine Rede 
über die sociale Frage auf der sogenannten „kirch- 
lichen Octoberversammluiig evangelischer Männer", 
die alsbald von den Manchesterleuten „Muckercon- 
gress" getauft wurde. Herbst 1872 beriefen die 
„Kathedersocialisten", wie sie sich nun selber nannten, 
ihre Gesinnungsgenossen nach Eisenach — Heinrich 
von Treitschke hatte dieEinladung mit unterzeichnet — 



— 291 — 

und October 1873 wurde hier der „Verein für Social- 
politik" gestiftet. Ein bezeichnender Name. Diewirth- 
schaftlichen Fragen sollten nicht mehr, wie die „Libe- 
ralen" noch heute predigen, den politischen unter- 
geordnet, sondern diesen gleichgestellt und mit ihnen 
verschmolzen werden. Doch war der Verein, dem 
Gelehrte wie Laien, Männer der Wissenschaft wie 
des praktischen Lebens beitraten, von vornherein aus 
allen möglichen Parteielementen zusammengesetzt. 
Als erster Präsident fungirte Professor Gueist, der 
Kautschuckmann; es betheiligten sich an den Debatten 
die Gewerkevereinler Max Hirsch und Franz Duncker, 
jüdische Advocaten und jüdische Banquiers, dazu her- 
vorragende Gründer, wie Geh. Oberregierungsrath 
Dr. Engel und Fabrikbesitzer Wilh. Borchert jun. 
aus Berlin, Adolf Samter aus Königsberg i. Pr. etc. 
Trotzalledem erregte der „Verein für Socialpolitik" den 
Manchesterleuten gewaltiges Grauen, und sie wurden 
nicht müde, ihn zu verketzern und zu begeifern. 

Anfang 1874, als schon der wirthschaftliche Noth- 
stand sich zu regen begann, hielt Professor Gustav 
Schmoller aus Strassburg in der Singakademie zu 
Berlin einen bedeutsamen Vortrag, dem auch die 
Kaiserin beiwohnte: „Die sociale Frage und der 
Preussische Staat". Der Redner erklärte sich gegen 

19* 



— 292 — 

die veraltete Theorie; welche Reichthum und Armuth; 
Luxus und Elend aus der verschiedenen Begabung 
des Individuums ableiten will, und sagte u. A.: 

„War der Griechische Sklave in Rom weniger geschickt, 
weniger fleissig, weniger gebildet als sein brutaler unwissen- 
der Herr? Sind heute etwa die besitzenden Klassen die aus- 
schliesslich begabten? — „Nein, der historische Ursprung der 
socialen Klassen ist, wie der Beginn der Geschichte überhaupt, 
die Gewalt. — „üie sociale Bewegung, welche in Frankreich 
die Revolution von 1789 herbeiführte, ist in Deutschland nicht 
eingetreten. Und das verdankt man in erster Linie dem 
Preussischen Staat und der socialen Politik seiner grossen 
Könige. Sie haben den Bauernstand vor Misshandlung, vor 
Vertreibung von seiner Scholle geschützt, ihm ein festes Recht 
an sein Grundeigenthum verliehen, ihn von Lasten und Frohnen 
befreit. Zwei Jahrhunderte lang hat die Staatsgewalt um diese 
grossen Ziele mit den höheren Klassen gerungen, und hierdurch 
den kleinen Grundbesitz gerettet, und damit wahrscheinlich 
unsere ganze sociale Zukunft. Auch auf dem Gebiet des 
städtischen und gewerblichen Lebens war die Thätigkeit des 
König- und Beamtenthums ein Kampf gegen die Klassenherr- 
schaft der Besitzenden, ein kühnes Eintreten für gleiches 
Recht und gleiche Besteuerung, für Beseitigung aller Privi- 
legien, für Hebung der kleinen Leute. Für sie wurden Häuser 
gebaut und Schulen errichtet; dem Spinner und Weber ver- 
schaffte man Rohstoff, Credit und Absatz. Millionen und aber 
Millionen wurden von der Zeit des Grossen Kurfürsten bis 
zum Tode Friedrich des Grossen in einer Weise ausgegeben, 
welche gewisse Schultheorien der Gegenwart so gut wie manch 
Anderes als socialistisch bezeichnen müssten, wenn sie über- 
haupt eine Kenntniss von der historischen Entwickelung des 
Preussischen Staats hätten, — „Das unerschöpfliche Capital 
von Liebe und Vertrauen, welches das Preussische König- 



— 293 - 

thum nocli heute in der breiten Masse des Volkes besitzt, 
hat seine Wurzeln nicht sowol in der Deutschen Politik der 
HohenzoIIern — denn für diese haben doch mehr nur die Ge- 
bildeten Sinn — als iu der eben geschilderten Socialpolitik." 

Dieser Altpreussischen Socialpolitik stellt Schmoller 
die von den „Vereinigten Liberalen" eingeführte Neu- 
deutsche Manchesterpolitik gegenüber, die er gar 
treffend also charakterisirt: 

„Das w'irthschaftliche Ideal der neuen Zeit glaubte man 
erreicht, wenn man formale Rechts- und Steuergleichheit, 
Freiheit des Grund und Bodens, des Erwerbs und der Nieder- 
lassung erkämpft habe. Man erwartete, nun könne sich 
Jeder selbst weiter helfen. Wenn irgendwo Tausende von 
Proletariern in unruhige Gährung kamen, so beschloss man, 
das Schornstein-, das Schank-, das Apothekergewerbe sei noch 
nicht frei genug. Die dumpfen Klagen, die aus dem socialen 
Missbehagen entsprangen, suchten die rein politischen Führer 
durch Ausdehnung des Wahl-, des Vereins-, des Versamm- 
lungsrechts zu beschwichtigen." 

Aus der Manchesterpolitik, so etwa fährt Schmoller 
fort, aus dem Materialismus und Egoismus der Be- 
sitzenden, ist die heutige sociale Frage erwachsen, 
die Erbitterung des vierten Standes. Und das Grün- 
dertreiben, der offenbar unredliche Erwerb grosser 
Vermögen, musste das Rechtsgefühl der Massen voll- 
ends erschüttern. Wol kann das Königthum nicht 
mehr direct die Führung der unteren Klassen über- 
nehmen, aber die Eegierung muss in dem Kampfe 
zwischen Capital und Arbeit eine neutrale Stellung 



— 294 — 

behaupten, und sie muss sich energisch gegen den 
übergrossen Einfluss stemmen, den in den Parlamen- 
ten wie in der Presse die grossen Privatbahnen, die 
grossen Banken und Aktiengesellschaften, die grosse 
Industrie mit ihren bezahlten, wohlgeschulten Agenten 
einnehmen. Den Gefahren der socialen Zukunft kann 
nur dadurch die Spitze abgebrochen werden, dass 
das König- und Beamtenthum, ergänzt durch die 
besten Elemente des Parlamentarismus, die Initiative 
zu einer grossen socialen Reformgesetzgebung er- 
greift. Wie es dem Königthum gelang in zweihun- 
dertjährigem Kampfe den dritten Stand zu retten 
und zu heben, so muss es jetzt den Streit des vierten 
Standes mit den übrigen Klassen schlichten, den 
vierten Stand wieder harmonisch in den Staats- und 
Gesellschaftsorganismus einfügen. 

Wol war diese Ptede freiraüthig, aber auch ebenso 
loyal und patriotisch; wol athmete sie warme Theil- 
nahme und treues Verständniss für das Wohl der 
arbeitenden Klassen, aber auch ebenso edle klassische 
liuhe und volle wissenschaftliche Unbefangenheit. 

Während nun sonst über die Vorträge in der 
Singakademie von der gesamrnten Presse regelmässig 
berichtet wird, beobachteten die „liberalen" Blätter 
diesmal tiefes Schweigen. Dafür erschien die Rede 



— 295 — 

gedruckt im Aprilheft der von Treitschke und Weliren- 
pfennig herausgegebenen „Preussischcn Jahrbücher", 
auch die Zeitschrift „Neuer Socialdemokrat" brachte 
einen theilweisen Nachdruck, und nun brach der 
Sturm los. Bamberger und Genossen schrieen, es 
sei das eine socialistische Brandrede; die liberale 
Presse schalt den Verfasser einen „Tempelschänder 
im socialen Reich" und rief den Cultusminister an; 
ja „einzelne Stimmen schienen sehr geneigt, den Auf- 
satz dem Vaterauge der Staatsanwaltschaft zu empfeh- 
len". Das Stärkste aber that Herr Professor Hein- 
rich von Treitschke. Wahrscheinlich auf Andrängen 
der Manchesterleute, und um denselben eine Sühne 
zu gewähren, unternahm er's, seinen Freund und 
langjährigen Mitarbeiter, Gustav Schmoller, in den- 
selben „Preussischen Jahrbüchern" abzukanzeln und 
förmlich zu verleugnen. Zu diesem Zwecke veröffent- 
lichte er im Juli- und Septemberheft (1874) seiner Zeit- 
schrift zwei Artikel unter dem famosen Titel „Der 
Socialismus und.seine Gönner". 

Herr von Treitschke hat seine Carriere weniger 
als Gelehrter und Professor, denn als Festredner und 
Journalist gemacht, und man darf seine ganze Thä- 
tigkeit eine deklamatorische nennen. Alle seine Reden 
und Schriften sind von schöner Form, idealem Schwünge 



— 296 — 

und reichem Schmucke; und sie haben für die Menge 
viel Hinreissendes ', aber dieser hohe getragene Ton, 
diese Fülle von Bildern und Sentenzen müssen auf 
die Dauer doch ermüden und abspannen, und im 
Verhältniss dazu bietet der Verfasser zu wenig Posi- 
tives-, seine eigentliche Force sind pompöse Worte 
und blendende -Redensaiten. Ja, es geschieht ihm 
wol, dass er mehr sagt und Anderes sagt, als er 
eigentlich sagen will und sagen sollte, dass er in 
blindem Eifer weit über das gesteckte Ziel hinaus- 
schiesst, das Gegentheil beweist und sich selber schlägt. 
Einen Belag dafür bieten die Artikel „Der Socialis- 
mus und seine Gönner". 

Herr von Treitschke, der November 1871 in einer 
Parlamentsrede das Schwinden idealer Gesinnung be- 
klagte, und ziemlich deutlich auf das Treiben der 
Gründer und Börsenschwindler hinwies; der Herbst 
1872 die Einladung der „Kathedersocialisten" zur 
ersten Eisenacher Conferenz mitunterschrieb, äussert 
sich über diesen Punkt auch noch in jenen Artikeln 
nicht anders wie Gustav Schmoller, gegen den er 
eifert. Man höre: 

„Unser Bürgerthum liat viel, sehr viel verloren in den 
letzten Jahren, hat den verlockenden Versuchungen einer 
Epoche fieberischer Speculation wenig Stand gehalten; viele 
neue Vermögen sind entstanden, von unsauberen Händen durch 



— 297 — 

verwerfliche Mittel angesammelt, und in einem Tlieile der 
Presse tritt die feile Habgier dieser Kreise, der Shylocks- 
Charakter der schlechteren Elemente unseres Judenthums oft 
in hässlicher Gemeinheit auf. — „Unter allen socialen Uebel- 
ständen der Gegenwart hat keiner die öffentliche Meinung so 
leidenschaftlich erregt, wie die ungeheueren Schwindelgeschäfte 
des associirten Capitals. Auch heute, nach dem grossen Zu- 
sammenbruch, fohlt sich das beleidigte öffentliche Rechtsgefühl 
keineswegs befriedigt. Eine gründliche Geschichte dieser Zeit 
des Fiebers wäre ein Verdienst um die Gesellschaft; das 
Deutsche Gewissen sträubt sich dawider, jenes schmähliche 
Treiben im Lethe zu versenken, wie die satten Gründer be- 
haglich schmunzelnd verlangen. Die ärgsten Sünder haben 
den Kopf längst aus der Schlinge gezogen, und unser 
Strafrecht bietet nur ungenügende Waffen; musste doch so 
eben erst eine Entscheidung des Obertribunals eingeholt wer- 
den, um den einfachen Grundsatz festzustellen: ein Gründer 
ist des Betruges schuldig, wenn er den Werth der für die 
Gesellschaft angekauften Gegenstände zu hoch angegeben 
hat! — „Gewiss beginnt das weltbürgerliche Grosscapital 
kühne Gründungen nur bei der Aussicht auf grossen Gewinn, 
wie so eben Herr Löwenfeld mit preiswürdiger Unbefangenheit 
eingestanden hat; aber dann muss auch das Publikum im 
Stande sein', die Grösse dieses Gewinns und den wahren 
Charakter seiner uneigennützigen Wohlthäter kennen zu ler- 
nen. — „Die üebermacht des Grosscapitals zeigt sich sehr 
auffällig in unserm Steuerwesen; es bleibt die Aufgabe der 
Finanzpolitik die ungeheueren und so oft völlig unproductiven 
Gewinnste des Börsenspiels einer wirksamen Besteuerung zu 
unterwerfen." 

So scharf verurtheilt Herr von Treitschke die 

Schwindelära, und so unbedingt spricht er von der 

„Üebermacht des Grosscapitals". Aber in demselben 



— 298 — 

Athemziige entscliuldigt er auch wieder die Gründer, 
ganz in der Weise der Börsen-Advokaten und man- 
chesterliclien „Volkswirthe", durch die unermessliche 
Dummheit des Publikums; lobt er die Presse, dass 
alsbald nach den Gründungen „überall in der öffent- 
lichen Meinung, eine sehr nachdrückliche Reaction 
des sittlichen Gefühls erwachte, dass die feilen Börsen- 
blätter allgemeiner Verachtung verfielen^'*); fragt er 
sehr unwillig: „Wann hat denn jemals in Preussen eine 
wirthschaftliche Klasse den Staat für sich ausgebeutet, 
seit die Hohenzollern den ehernen Felsen ihres König- 
thums errichteten?" Tröstend versichert er: „Poli- 
tisches Talent und politischer Ehrgeiz finden sich 
auffällig selten unter den Emporkömmlingen der Börse. 
Wir haben die Gerechtigkeit unserer Gesetzgebung 
sorgsam zu behüten vor dem weitverzweigten mittel- 
baren Einfluss des Grosscapitals; eine Herrschaft des 



*) Wo, Herr von Treitschke, war das, als Sie Juli und 
September 1874 diese Artikel schrieben, bereits geschehen? 
Erst December 1874 begann die „Gartenlaube", als das erste 
und einzige Blatt von Bedeutung, den Gründern und Gründer- 
genossen auf den Leib zu rücken, und alsbald schrie die „libe- 
rale" Presse, schrieen die Führer der liberalen Partei über 
„Verleumdung", predigten Bamberger, Miquel und Lasker gegen 
das „Delatorenthum", und die ,, feilen Börsenblätter", die nach 
wie vor ihren Einfluss behaupten, verlangten drohend das Ein- 
stellen der „Grüuderhatz"! 



— 299 — 

Geldbeutels aber steht für Deutschland nicht in 
naher (II) Aussicht." 

Herr von Treitschke, der sich in dem Streite 
zwischen Manchesterleuten und Kathedersocialisteu 
zum Richter aufwirft, steht noch ganz auf man- 
chesterlichem Boden, und nimmt in allen wesent- 
lichen Punkten für das Manchesterthum Partei. „Der 
natürliche Gang der modernen Grossindustrie führt 
zur Bildung grosser Vermögen", spricht er gelassen. 
Er erklärt sich überhaupt gegen die „sociale Frage" 
— „diesen marktschreierischen Ausdruck neunapo- 
leonischer Erfindung"; er verwirft die Bezeichnung 
„Bourgeoisie", und will auch nichts von einem „vierten 
Stande" wissen, wenigstens nichts von einer „Eman- 
cipation" des vierten Standes, die nach seiner Mei- 
nung längst durchgeführt ist. Die bürgerliche Gesell- 
schaft ist eine Klassenorduung, die nicht aufgehoben 
werden kann — und damit Bastal Der Satz: der 
historische Ursprung der socialen Klassen ist die 
Gewalt — sei ein socialistisches „Brandwort"; der 
Ausdruck „die enterbten Klassen" sei „den Strasseu- 
reden der Socialdemokratie entlehnt" — und darum 
nennt Herr von Treitschke seinen bisherigen Freund, 
Gustav Schmoller, einen „Gönner des Socialismus". 
„Die Deutsche Socialdemokratie ist wirklich so schwarz, 



— 300 — 

wie sie von der Mehrzahl der gebildeten Blätter ge- 
schildert wird", ruft er aus. „Neid und Gier sind die 
Hebel, welche sie einsetzt, um die alte Welt aus den 
Angeln zu heben, sie lebt von der Zerstörung jedes 
Ideals." Ihr Glaube sei der einer Hure; ihre Mittel 
bodenlose Gemeinheit; grinsende Frechheit, hündische 
Schmeichelei und freche Wühlerei. Sobald im Par- 
lament ein Socialdemokrat spricht, „erfülle ein durch- 
dringender Petroleum-Geruch das hohe Haus" u. s. f. 
— Was Wunder, wenn der in Hamburg erscheinende 
,;Socialdemokrat" erwiderte: Herr von Treitschke sei 
ein „Schwachkopf", der gerechter Weise niemals 
hätte „studiren" dürfen! Im Uebrigen bezeugte selbst 
die Duncker'sche „Volkszeitung" den socialdemokra- 
tischen Blättern, dass diese, gegenüber dem wüsten 
Geschimpfe des aristokratischen Professors, einen 
massvollen Ton bewahrt hätten. 

Herr von Treitschke leidet an dem Fehler, sich all- 
zusehr für das Mächtige und Herrschende zu begeistern, 
wobei er dann nicht selten die Haltung verliert und 
völlig tactlos werden kann. Schon Jakob Venedey hat 
ihm nachgewiesen, dass er 1864 die Einverleibung 
Schleswig-Holsteins für unmöglich erklärte, 1865 diese 
Annexion begeistert predigte, und 1866 mit Gewalt auch 
noch sein engeres Vaterland Sachsen annectiren wollte. 



- 301 — 

In seiner Brochüre „Die Zukunft der Norddeutschen 
Mittelstaaten" schreibt er über den König von Hannover: 
„Wenn die Blindheit, statt die Seele des geschlagenen 
Mannes zu adeln und zu vertiefen, ihm selber eine 
Quelle der Lüge und des Hochmuths wird, dann ist es 
sündlich, des Blinden zu schonen." — Wohl! antwortet 
ihm Venedey; dann will ich auch nicht schonen „den 
tauben Junker im Professorenrocke, genannt 
HeinrichvonTreitschke". Ja, Herr von Treitschke 
führt seit Jahren dasselbe „Gaukelspiel" auf, was er 
so grausam Georg V. vorwarf. Er kann nicht hören, 
was um ihn vorgeht, er hat das Unglück stocktaub 
zu sein, und doch lässt er sich regelmässig in den 
Reichstag wählen und hält hier lange Prunkreden, 
von denen er selber kein Wort vernimmt, und die 
auch dem Zuhörer immer unverständlicher werden, 
geradezu Unbehagen und Qual bereiten! Herr von 
Treitschke ist fast an jedem persönlichen Verkehr 
behindert, und doch will er die Bedürfnisse des Volks, 
die Lage der arbeitenden Klassen, den Streit der 
Parteien kennen'. 

Nachdem er in jener Schrift die Kathedersocia- 
listen tüchtig verarbeitet hat, findet er plötzlich, 
dass zwischen ihnen und den Manchesterleuten „ein 
tiefer principieller Gegensatz nicht mehr besteht"; 



— 302 — 

und er erklärt: beide Richtungen sind bestimmt, „sich 
zu ergänzen, nicht einander zu bekämpfen". Man 
solle nur hübsch die Fühlung behalten mit den be- 
sitzenden Klassen, auf ihre Stimmungen und Vor- 
urtheile die gebührende Rücksicht nehmen. Sehr 
treffend erwidert ihm Gustav Schmoller: Dann könnten 
wir über unsere Schriften das Motto setzen: „Wasch 
mir den Pelz, aber mach mich nicht nass!" — Doch 
was geschah! Die „Kathedersocialisten", die solch 
gute Anläufe genommen, machten auf ihrem letzten 
Vereinstage, October 1875, in Eisenach völlig Halt 
und folgten dem Rath des Herrn von Treitschke, 
indem sie mit den Manchesterleuten entschieden 
„Fühlung" nahmen, und die jüdische „Schlesische 
Presse" meldete das freudige Ereigniss der Welt 
mit folgenden Worten: 

„Angesichts des Resultats des diesjährigen volkswirth- 
schaftlichcn Kongresses in München und des Auftretens Dr. 
Rudolph Meyers in Eisenach, wurde im Ausschuss des Vereins 
für S ocialpolitik die Zweckmässigkeit eines Zusammengehens 
mit dem Ausschusse des volkswirthschaftlichen Kongresses in 
der Zollfrage erörtert und schliesslich beschlossen, diesem 
Ausschusse mitzutheileu, der Verein für Socialpolitik beab- 
sichtige, seine nächstjährige Jahresversammlung (1876) aus- 
fallen zu lassen und seine Mitglieder würden den nächst- 
jährigen volkswirthschaftlichen Kongress besuchen, falls der 
volksw irthschaftliche Kongress im Jahre 1877 ausfalle und die 
Mitglieder seines Ausschusses an der für dieses Jahr in Aus- 



— 303 — 

sieht genommenen nächsten Jahresversammlung des Vereins 
für Socialpolitik theilnehmen würden. Auch für die späteren 
Jahre sollten beide Versammlungen Jahr für Jahr alterniren. 
Diesem Vorschlage des Eisenachcr Ausschusses wurde von den 
Berliner Mitgliedern des ständigen Ausschusses des Kongresses 
Deutscher Volkswirthe zugestimmt. Das Hauptverdienst um 
die Herbeiführung diesesResultates gebührt Lasker, der durch 
seine persönliche Bekanntschaft und seine Stellung in wirth- 
schaftlichen Fragen die zum Vermitteln geeignetste Persön- 
lichkeit war. Im Auftrage des Eisenacher Ausschusses führte 
Prof. Brentano in Breslau mit Lasker die Verhandlung, 
und Lasker setzte sich mit Braiin und den übrigen 
Leitern des volkswirthschaftlichen Kongresses in Verbindung. 
In -wenigen Tagen -nird der Beschluss des Vereins für Social- 
politik von dessen Präsidenten Kasse dem ständigen Ausschusse 
des volkswirthschaftlichen Kongresses officiell mitgetheilt und 
von diesem angenommen werden." 

Ja, der grosse unvermeidliche Lasker übernahm 
die Vermittelung und führte sie durch, wie er denn 
auch stets mit Glück vermittelt, wenn z. B. seine 
Freunde Ludwig Bamberger, Eugen Richter etc. durch 
unbedachte Aeusserungen in die Gefahr kommen, sich 
vor die Mündung einer Pistole zu stellen. Er ist 
wirklich zum Vermitteln die „geeignetste Persönlich- 
keit", er macht alle CompromissC; und er weiss Alles, 
was dem Manchesterthum unbequem und bedrohlich 
wird, aus der Welt zu schafifen. 

Mit jenem Beschlüsse hat sich der „Verein für 
Socialpolitik" selber für todt erklärt, und er ist auf- 



— 304 — 

gegangen in dem „Congress deutscher Volkswirthe", 
dem der grosse Gründer Dr. Karl Braun präsidirt, 
und der sich in der Hauptsache aus Gründern und 
Gründergenossen, wie Bamberger, Hammacher, Kapp, 
Geh. Commerzienrath Stephan etc. zusammensetzt. 
Dasselbe ist der Fall mit seinem Ableger, der „Volks- 
wirthschaftlichen Gesellschaft" in Berlin, wo das kras- 
seste Manchesterthum seinen Ausdruck findet. „Die 
volkswirthschaftliche Gesellschaft hat sich von jeher 
für das freie Walten aller wirthschaftlichen Kräfte 
erklärt", sprach in der Sitzung am 25. October 1873 
Herr Alexander Meyer, und er behauptete damals 
kühn: die Krisis in Amerika sei in einem 
Zeitraum von kaum drei Wochen vorüber- 
gegangen, ohne schmerzliche Spuren zu hin- 
terlassen — blos, weil die Regierung sich nicht 
eingemischt habe. Herr David Born, Gründer des 
„Landerwerb und Bauverein auf Actien" — Cours 
einst 200, jetzt ca. 15 — meinte: die grosse Cala- 
mität sei durch die Spielsucht des Volkes verschuldet. 
Herr Otto Hübner, vielfacher Gründer, pries die Actien- 
gesellschaften, ohne welche „unsere heutige Entwicke- 
lung" (!) nicht möglich gewesen wäre. In der Sitzung 
vom 21. Febr. 1874 plaidirte Herr Kammergerichtsrath 
Hugo Keyssner, gleichzeitiger Aufsichtsrath der beiden 



— 305 — 

mit einander concurrirenden chemischen Fabriken 
Leopoldshall und Vereinigte Leopoldshall (Vergl. S. 
227 flf.) für Aufrechterhaltung des famosen Actien- 
gesetzes vom 11. Juni 1870; und er fand lebhafte 
Zustimmung bei Dr. Eduard Wiss, dem Gehülfen von 
Heinrich Quistorp, sowie bei einem Herrn Neumann, 
der sich ebenfalls gegen eine Aenderung der Gesetz- 
gebung erklärte und feierlich versicherte: nur eine 
„grössere volkswirthschaftliche Bildung" könne das 
Publikum vor Schaden bewahren. — Bildung, „Bil- 
dungsfortschritt" sind vorzugsweise den manchester- 
lichen „Volkswirthen" eigen, und darum bilden diese 
auch, wie der „Volkswirth" der „Vossischen Zeitung" 
(No. 172 de 1876) rühmte, die „gesellschaftliche Elite", 
den „neuen Hochadel des geistig und namentlich 
politisch-ökonomisch thätigen Europa's", den welt- 
berühmten Cobden-Club in London, als dessen Mit- 
glieder er u. A. Juden und Gründer aller Länder 
herzählt. 

Leider will die Pflege und Verbreitung der „volks- 
wirthschaftlichen Bildung" nichts helfen gegen die 
Socialdemokraten, die der Bourgeoisie immer dro- 
hender auf den Leib rücken. Mit dem allgemeinen 
und directen Wahlrecht, das 1866 Graf Bismarck 
den „Liberalen" an den Kopf warf, und das Herr 

Glagau, Der Börsenscliwindel. II. 20 



— 306 — 

von Treitschke als einen der beiden Fehler bezeichnet; 
welche der grosse Staatsmann überhaupt begangen, 
hatten die Arbeiter erreicht, was Lassalle für sie 
verlangt, drangen sie in den Reichstag, und mit jeder 
Neuwahl erscheinen sie hier zahlreicher. Wol schrie 
ihnen am 8. November 1871 Herr Lasker zu: Nur 
die Feigheit der Bourgeoisie von Paris hätte die 
Herrschaft der Commune ermöglicht; wollten die 
Socialdemokraten in Berlin oder sonstwo in Deutsch- 
land ein ähnliches Schauspiel aufführen, der „redliche 
und besitzende Bürger" würde sie .,mit Knütteln 
todtschlagen"! Aber hinterher bekam der tapfere 
Volkstribun Angst, und strich das Todtschlagen 
mit dem Knüttel aus dem stenographischen Bericht. 
Auch im Parlament sind die Socialdemokraten bereits 
gefürchtete Leute, und die „Liberalen" 'erfasst ein 
Grauen vor dem allgemeinen Stimmrecht. Die grossen 
Kriege von 1864, 1866 und 1870 behinderten die 
Ausbreitung der Socialdemokratie; dafür haben die 
politischen und gerichtlichen Verfolgungen, welche 
sie seitdem erlitten, namentlich aber das schamlose 
Treiben der Gründer und Börsianer, die Ausplün- 
derung des Volkes und die darauf folgende wirth- 
schaftliche Krisis sie ausserordentlich genährt und 
mächtig anwachsen lassen. Auf die Gründungsperiode 



— 307 — 

folgte nicht die „Verleumdungsära", wol aber folg- 
ten auf die Gründer und Schwindler die — Social- 
demokraten, und sie bezeichnen die natürliche 
Reaction. 

Obwol das Manchesterthum und der National- 
liberalismus, zu denen sich die übergrosse Mehrzahl 
der Gründer und Börsianer bekennt, die eigentliche 
Eeligion der Juden bilden, so recrutiren sich doch 
aus dem auserwählten Volke auch die Führer aller 
übrigen politischen und socialen Parteien. Professor 
Stahl, von dem die Alt-Conservativen noch heute 
zehren, war ein Semit. Der Grossindustrielle und 
Grosskaufmann Friedenthal, der sich als Häuptling 
der Freiconservativen auf die Ministerbank schwang, 
ist jüdischer Abkunft. Lasker und Bamberger, die 
Anführer der Nationalliberalen-, Max Hirsch, der gegen- 
wärtige „König im socialen Reich"; Löwe-Calbe, der 
ehemalige Fortschrittsmann, der heute unter den 
Schutzzöllnern eine Fiolle spielt; Sonnemann, der 
Sprecher der Volkspartei; Marx und Lassalle, die 
Stifter der Socialdemokratie — sie gehören sämmt- 
lich der semitischen Race an. Als Redner der Arbeiter, 
als Redacteure der socialistischen Presse wirken mehr- 
fach Juden. Ein und dieselbe jüdische Familie liefert 

Agitatoren verschiedener Parteien, ja verschiedener 

20* 



— 308 — 

Nationen. Nathan Schlesinger, ehemals der Schrecken 
der Berliner Bezirksvereine; dient jetzt unter Max 
Hirsch bei den Gewerkvereinen-, während #ein Vetter, 
Alexander Schlesinger, als Reiseprediger der Social- 
demokraten umherwandert. Ludwig Bamberger sass 
im Deutschen Reichstag und fertigte das Münz- und 
Bankgesetz an, während sein Vetter, Karl Bamberger, 
in der Französischen Nationalversammlung als Preus- 
senfresser debütirte. 

Eine ebenso erstaunliche Vielseitigkeit wie die 
Race, zeigt auch die einzelne Persönlichkeit. Jüdische 
Gründer undBanquiers beschäftigen sich gleichzeitigmit 
Lösung der socialen Frage. Ludwig Bamberger schrieb 
nicht nur über „Reichsgold" und die Reichsbank, über 
„Berlin in Paris" und das Leben Jesu von Renan (!) 
— er verfasste auch, wie schon früher erwähnt, ein 
Buch: „Die Arbeiterfrage". „Eine sociale Frage" sagt 
er in der „Vorbetrachtung", existirt vernünftigerweise 
nur für Den, welcher auch eine sociale Antwort 
kennt." Dennoch hat auch Herr Bamberger für seine 
„Arbeiterfrage" keine „Antwort", und das Ergebniss 
seiner ebenso verworrenen wie langstieligen Unter- 
suchungen ist etwa, dass es eine Arbeiterfrage über- 
haupt nicht giebt, dass sie nur von böswilligen Leuten, 
wie Kathedersocialisten, Gewerkvereinlern und Social- 



— 309 — 

demokraten erfunden ist. Ludwig Bamberger hat 
sich also die Sache leicht gemacht. 

Von ähnlicher Beschaffenheit ist Herrn Adolf 
Samter's „Social-Lehre" (Leipzig, 1875). Der gleich- 
falls jüdische Verfasser war 1848 Besitzer einer Buch- 
druckerei zu Königsberg i. Pr., und gab damals einen 
„Politischen Monatskalender" ä 1 Sgr., sowie die 
„demokratische" „Neue Königsberger Zeitung" heraus. 
Später wairde er Banquier, und während der Schwin- 
delära hat er, in Verbindung mit den Geheimen 
Commerzieuräthen Moritz Simon und Emil Stephan, 
Ostpreussen mit einer Menge von Gründungen be- 
dacht, die überwiegend sehr anstössigen Charakters 
sind, und von denen etliche auch die Staatsanwalt- 
schaft beschäftigt haben. Schon 1872, mitten in der 
Gründungsepoche, schrieb er „Die Reform des Geld- 
wesens", und nach dem „Krach" entfaltete er eine 
reiche schriftstellerische Thätigkeit. Seinem Bildungs- 
grade nach steht er auf Einer Stufe mit Wilhelm 
Oechelhäuser (vgl. S. 161 ff.), seine Bücher sind in 
der Hauptsache Lesefrüchte, sein philosophisch sein 
wollender Stil ist ein ganz unverdaulicher Jargon. 
Schwerlich giebt es einen Menschen, der die ganze 
„Social-Lchre", 25 Bogen engen Drucks in Gross- 
octav, durchgelesen hat; die meisten werden sich mit 



- 310 — 

der „Schlussbetrachtung" begnügen, die 3V2 Seiten 
umfasst, und aus der man ungefähr entnehmen kann, 
was der Verfasser denn eigentlich will. Die ersten 
10 Sätze zusammengezogen, würden mit seinen eigenen 
Worten also lauten: „Arbeit und ßesitzthum gehören 
zusammen, sie sind durch das gewaltsame Gebahren 
der Menschen auseinandergerissen; diese Scheidung 
hat sich bis auf die Gegenwart erhalten, ist aber mit 
der neuen Gesellschaftsordnung unverträglich und hat 
in derselben zu schwinden." — Herr von Treitschke, 
der diese Schrift den Kathedersocialisten entgegen- 
hält (!), meint ganz ernsthaft: „Hier wird ein berech- 
tigter menschenfreundlicher Gedanke in irreführender 
unwissenschaftlicher Form ausgesprochen; es fehlt 
die klare Begrenzung, welche dem Postulate erst 

Sinn und Halt giebt". Der Autor selber schliesst 

folgendermaassen: „Mit Blut und Thränen ist das 
Leben der Einzelnen, wie der Menschheit getränkt, 
aber der ewige Fortschritt, der sich bekundet, lässt 
die Drangsale zurücktreten und auch die socialen 
Leiden der Gegenwart in weniger grellem Lichte er- 
scheinen." Wie rührsam und erbaulich sich das in 
dem Munde eines Gründers ausnimmt! — Herr Adolf 
Samter ist endlich auch Mitarbeiter der Paul Lindau- 
schen „Gegenwart"; er hat in derselben kürzlich das 



— 311 — 

Rau-Wagner'sche Lehrbuch der politischen Oekono- 
mie recensirt, und hofifentlich damit auch Herrn von 
Treitschke seine „Wissenschaftlichkeit" bewiesen. 

So sehen wir die vereinigten „Liberalen", und vor- 
nehmlich die „liberalen" Juden, auf den verschiedenen 
Gebieten, in den verschiedensten Rollen und Ver- 
wandlungen thätig; und jetzt wollen wir uns wieder 
zu ihrem eigentlichen Werke, zu den Gründungen 
wenden. 

Nach der Eisen- und Stahlindustrie war es haupt- 
sächlich die sogenannte Textil-Industrie, welche die 
Gründer anzog, und die sie durch ihre Unthaten 
gleichfalls ruinirt haben. Von den zahllosen Etablisse- 
ments, die ihnen hier zum Opfer fielen, behandeln 
wir zunächst die Tuchfabriken und nennen folgende: 

Lucken walder Tuch- und Buckskiu- Fabrik, sonst 
C. F. Boenicke. Gegründet November 1872 von Isitlor 
Mamroth, Gustav Mamroth, Louis Sachs und Maximilian Adler 
in Berlin, Gustav Boenicke, Albert Boenicke, Carl Boenicke, 
Hermann Boenicke und Stadtverordneten Heinrich Birner iu 
Luckenwalde. Carl und Gustav Boenicke, die Söhne des Vor- 
besitzers, übernahmen die Leitung. Actiencapital 440,000 
Thaler, December 1875 auf 406,000 Thaler reducirt, und 
160,000 Thaler Hypotheken. Zunächst wurden nur 220,000 
Thaler Actien ausgegeben, und als diese bis etwa 125 "/o ge- 
trieben, 220,000 Thaler „junge Actien" fabricirt, welche wieder 
die Gründer zeichneten. Letzte Dividenden 1 "/o und 0. Cours 
etwa noch 40. 



312 



Vereinigte Lücken walder Tnchfabriken, früher Emi seh 
& Schlüter, Gebr. Münnich & Co. und Gustav Laue. 
Gegründet November 1872 von Beer & Herzberg, Aron Neu- 
mann und der Allgemeinen Depositenbank in Berlin. Actien- 
capital 570,000 Thaler und ca. 75,000 Thaler Hypotheken. 
Aufsichtsräthe resp. „Revisoren": Hofrath Moritz Alberts, 
Hermann Leubuscher, Geh. Kanzleirath Dr. Georg Kurs. 
Dividenden nie. Juli 1875 wurde die Hälfte der Actien ge- 
meuchelt. Cours ca. 2. 

Sommerfelder Tnchfabrik, vormals Ad. Martini & Sohn. 
Gegründet September 1872 von Carl Miether, Leo Wollenberg, 
Julius Sternfeld und Gabriel Hermann Michaelis in Berlin, 
Carl Martini und Adolf Martini in Sommerfeld. Aufsichts- 
räthe: Gustav Bath und Hugo Mamroth in Berlin. Actien- 
capital 900,000 Thaler (!) und 200,000 Thaler Hypotheken!! 
Die erste Emission betrug nur 360,000 Thaler, aber schon 
nach 4 Monaten beschloss man den Zukauf der Fabriken von 
Paulig & Sohn und Paulig & Weise, und fabricirte zu diesem 
Zweck 540,000 Thaler neue Actien. Die erste und einzige 
Dividende für das Geschäftsjahr von 3 Monaten (!), welche 
mau auf 12 V2 % normirte, war eine blosse Lockspeise, um 
die Actien zu treiben, die dann auch bis 130 hinaufgingen. 
Heute ist der Cours etwa 10. 

Sommerfelder Tnchfabrik, früher August Fischer 
und Martin Fischer. Gegründet September 1872 von den 
Vorbesitzeru, der Börsenbank für Maklergeschäfte, Hermann 
Geber und Consorten in Berlin. Vorsitzender des Aufsichts- 
raths: Julius Pickardt in Berlin. Actiencapital 400,000 Thaler 
und 100,000 Thaler Hypotheken. Dividenden nie; wiewol der 
Prospect llV2*^/o vorrechnete, und die Herren Fischer für die 
ersten drei Jahre mindestens 8^/0 garantirten. October 1875 
wurde die Hälfte der Actien gemeuchelt. Cours etwa noch lü. 

Neue Sommerfelder Tuchfabrik, vormals Friedrich 
Schmidt & Co. Gegründet Februar 1873 von Hermann Zapp 



— 313 — 

in Frankfurt a. 0. und Berlin, Franz Harenburg in Fürsten- 
walde, Hermann Richard Schreiber (F. E. Schreiber Söhne) in 
Berlin, Robert Paulig und Friedrich Weise in Sommerfeld. 
250,000 Thaler Actien und 50,000 Thaler Hypotheken, Divi- 
denden: 5, 2 und P/2 %• Ohne Börsencours. 

Niederlausitzer Tuchfabrik in Peitz, mit 200,000 
Thaler Actieu. Aufsichtsrath: A. G. Böttcher. Directoren: 
Ernst Trauschke und A. Plaumann. Dividende pro 1874 — 4V2°/o. 
AprU 1876 in Liquidation. 

Tuchfabrik zu Alt-Forst i. L., vormals G. Thomas. 
Gegründet Januar 1873 von Wilhelm Wolff und Dr. med. 
Philipp Herzberg in Berlin, Martin Herzberg, Carl Thomas 
und Friedrich Thomas in Forst. Vorstand: der Mitvorbe- 
sitzer Carl Thomas, welcher ein hohes Gehalt bezieht. „Erste 
Revisoren": Alexander Dietz und Albert Tepper in Berlin. 
Actiencapital 340,000 Thaler und 100,000 Thaler Hypotheken; 
wogegen der wirkliche Werth der Fabrik höchstens 60,000 
Thaler betragen soll. Die Vorbesitzer, Gebrüder Thomas, 
garantirten für fünf Jahre eine Dividende von 8*^/o, die auch 
bis incl. 1875 durch Zuschüsse, die sie leisteten, ermöglicht 
wui'de, aber weiterhin nicht mehr zu erwarten ist. Unter 
solchen Umständen dürfte der Werth der Actien ein sehr 
fraglicher sein, und das Etablissement an Gebrüder Thomas, 
denen eben jene Hypothek gehört, nächstens zurückfallen. Die 
letzten Generalversammlungen waren sehr stürmischer Natur. 

Tuchfabrik Langensalza, vormals Graeser Gebr. & Co. 
Gegründet October 1872, mit 600,000 Thaler Actien und 
100,000 Thaler Hypotheken, von dem Sächsischen Bankverein 
in Dresden imd von Robert Thode & Co. in Berlin und 
Dresden. Die Vorbesitzer: Heinrich, Julius und Bruno Gräser 
behielten die Leitung. Aufsichtsrath: Max Berg in Göttingen, 
Franz Jokusch iu Gotha, Fr. Hahn in Langensalza, Georg 
Arnstadt und Fr. Wiedemann in Dresden. Die erste und 
einzige Dividende für 9 Monate rückwärts und 3 Monate vor- 



— 314 — 

wärts betrug S^, war also künstlich gemacht. Während die 
Actien gleich mit 103 eingeführt wurden, stehen sie heute 
etwa noch 15. 

Sächsische Tuchfabrik, vormals Commerzienrath Fedor 
Zschille in Grossenhain. Gegründet December 1871 mit 
350,000 Thaler Actien, wovon Herr Zschille sich 150,000 
Thaler „reservirte". Emissionshäuser: Julius Alexander und 
Gebr. Meyer in Berlin. Aufsichtsrath: Geh. Hofrath Kohl und 
Commerzienrath Keller in Chemnitz, August Groos in Grossen- 
hain, Rosenkrantz junr. (Georg Meusel & Co.) in Dresden, 
Ernst Meyer (Gebr. Meyer) in Berlin, H. Bodemer in Naundorf 
bei Grossenhain, L. Grossmann-Herrmann in Bischofswerda. 
Für das erste Geschäftsjahr von 4V2 Monaten wurde eine 
Dividende von 12% fabricirt, und so die Actien bis 130 ge- 
trieben. 1873 entfielen 6% 1874 — 2%, 1875 und 1876 — 0. 
Der Cours ist etwa noch 20. 

Bautzener Tuchfabrik uud Euustmiihle, vormals C. G. 
Mörbitz. Gegründet März 1872 von Günther & Rudolph in 
Dresden, mit 650,000 Thaler Actien. Aufsichtsrath : Stadträthe 
Reinhardt und Rudolf Heydemann, Kaufmann Kohl, Carl 
Mörbitz und Advocat Tietze zu Bautzen, Albert Katz in 
Görlitz. Letzte Dividenden und resp. 273%. Cours ca. 30. 
— Juni 1876 wurde der Director Huschke wegen Unter- 
schlagung zu einem Jahr Gefängniss, verschiedene andere 
Beamte der Gesellschaft zu Freiheits- und Geldstrafen ver- 
urtheilt. 

Eheiuische Tuchfabrik in Aachen. Gegründet 1873 
mit 480,000 Thaler Actien, welche zu 105 (!) ausgegeben wur- 
den, und mit 105,000 Thaler Hypotheken. Vorsitzender des 
Aufsichtsraths: Th. Nellessen. 1873 betrug der Gewinn 10,700 
Thaler, dazu zahlte Jacob Lippmann 18,000 Thaler, und so 
vertheilte man 6"/o Dividende an die Actionäre. Für 1875 
erhielten sie 7V4%- Cours ? 

Aachener Tuchfabrik, vormals Schöller & von Alpen. 



— 315 — 

Gegründet 1873 durch W. von Lockstädt & Resag in Berlin 
mit 430,000 Thaler Actien und 21,000 Thaler Hypotheken. 
Directoren : Erich Schöller und Ulrich von Alpen. Aufsichts- 
rath: Commerzienrath Robert Schöller (Joh. Peter Schöller) in 
Düren, C. Mehler (Nolten & Mehler), Georg Printz und Ad- 
vocat- Anwalt Dr. Käuffer in Aachen. Die öOprocentigen 
Interimsscheine wurden mit 105 aufgelegt, was einem Course 
von 110 entspricht. Dafür hiess es im Prospect: Die Vorbe- 
sitzer garantiren für fünf Jahre eine Dividende von mindestens 
10%; sie gestatten, obwoi der Kaufpreis (450,000 Thaler I!) 
keineswegs die Taxe erreicht, nicht den geringsten Aufschlag, 
und tragen sämmtliche Gründungsunkosten allein. — Schöne 
Aussichten, aber es kam anders! Das erste und einzige Ge- 
schäftsjahr schloss mit 108,000 Thaler Verlust, und Niemand 
dachte daran, die garantirte Dividende auszuzahlen. Juli 1874 
wurde von Alpen als Director entsetzt, und man trat in Liqui- 
dation; worauf 1000 Stück Actien „zurückgescheukt" sein 
sollen. Das Etablissement selber erstand October 1875 der 
Vater des Mitvorbesitzers und Vorsitzende des Aufsichtsraths, 
Commerzienrath Schöller, der, wie es scheint, sich nach Frank- 
furt a. M. zurückgezogen hat, für ganze 40,000 Thaler! Wie 
die Zeitungen meldeten, ist die Staatsanwaltschaft endlich doch 
eingeschritten. 

Hessische Tuchfabrik in Wanfried an der Werra. Ge- 
gründet November 1872 mit 350,000 Thaler Actien, die März 
1873 Windtaus & Brodtmann an der Berliner Börse zum 
Course von 105 einführten. Schon October 1873 brach der 
Concurs aus, und es stellte sich nun heraus, dass die Gründer 
resp. ersten Zeichner auf das ganze Actiencapital keinen 
Pfennig eingezahlt hatten! 

Schlesische Tuchfabrik Jer. Sig. Förster & Co. in 
Grünberg; Commandit- Gesellschaft auf Actien, Gegründet 
1. Juli 1870. Persönlich haftende Gesellschafter: Friedrich 
Förster jun., August Förster, und später, als die Gesellschaft 



— 316 — 

thatsächlicli schon zahlungsunfähig war, Gustav Grawitz. Auf- 
sichtsrath: Director Fromberg vom Schlesischen Bankverein 
und Max Alexander (Gebrüder Alexander) in Breslau, Abge- 
ordneter Consul Gustav Müller (G. Müller & Co.), Hermann 
Bein und Ignatz Leipziger in Berlin. Actiencapital schliesslich 
2 Millionen Thaler und 310,000 Thaler Hypotheken! Die erste 
Emission betrug 1 Million Thaler; um die Fabrik unausgesetzt zu 
vergrössern, sowie um andere Etablissements zuzukaufen, wur- 
den November 1872, nachdem der Cours bereits 130 gewesen, 
eine Million Thaler junge Actien fabricirt. Für 1871 erhielten die 
Actionäre 9V2> für 1872 — 11%, und dann nichts mehr, weder 
Dividende noch Capital. Nicht nur die Verquickung mit dem 
Niederschlesischen Cassenverein, dessen Chef derselbe Fr. Förster 
jun. war, sondern auch eigene Verschuldigung, masslose 
Speculation und grobe Misswirthschaft, brachten die Gesell- 
schaft zu Fall. Nach verzweifelter Gegenwehr brach October 
1875 der Concurs aus, den das Gericht um 6 Monate zurück- 
datirte. Die angemeldeten Forderungen erreichten die Höhe 
von 12/3 Millionen Thaler, August Förster, der, ebenso wie 
sein Bruder, Friedrich Förster, inzwischen wegen Etiquetten- 
fälschimg bestraft worden, und Gustav Grawitz boten den 
Gläubigern für je 1000 Thaler — IV4 Thaler resp. 15 Groschen, 
und das Kreisgericht Grünberg bestätigte diesen famosen Accord. 
Die beiden obern Instanzen dagegen hoben ihn aus Gründen 
der öffentlichen Ordnung wieder auf. In dem Subhastations- 
verfahren ging das ursprüngliche Etablissement der Schlesi- 
schen Tuchfabrik, auf welchem allein für den Schlesischen Bank- 
verein 300,000 Thaler Grundschuldbriefe standen, an diesen für 
150,000 Thaler fort, welches überhaupt das einzige Gebot war. 
Vereinigte Bisch weiler Tuchfabriken im Elsass. Acht 
Fabriken, deren Besitzer „für die französische Nationalität 
optirten", wurden zu einem verhältnissmässig sehr billigen Preise 
durch Beer & Herzberg in Berlin vorgekauft, und 26. August 
1872 gegründet von Benno Beer und Commerzienrath Louis 



— 317 — 

Pollack in Berlin, Ferdinand Schönheimer und Reichstagsmit- 
glied Professor Dr. Carl Birnbaum in Leipzig etc. Das Actien- 
capital mit 1,200,000 Thaler legten auf der Schönheimer'sche 
Bankverein in Leipzig und die Centralbank für Genossen- 
schaften in Berlin (Gustav Thölde). Dazu kommen noch 
200,000 Thaler Hypotheken. Im Prospect hiess es: Herr 
Scheuerle aus Bielitz, „bekannt durch seine geistvollen Essays 
über das Wollengewerbe" und Herr Winkel aus Düren, bisher 
Director der Johann Peter Schöller'schen Fabrik daselbst, 
übernehmen die Leitung. — Aufsichtsrath : Bürgermeister Carl 
Weiland in Lambrecht (Pfalz). Den unglücklichen Actionären 
■wurden die Fabriken mit 980,000 Thaler berechnet; doch be- 
willigten die Gründer resp. Vorkäufer hinterher einen Nachlass 
von ca. 160,000 Thalern, weil nämlich der Prospect falsche 
Angaben enthält. Aus diesem Grunde verweigerten auch 
Mannheimer Kaufleute die Abnahme der gezeichneten Actien 
und gewannen ihren Prozess in zwei Instanzen. Die Betriebs- 
resultate waren sehr traurig: 1873 schloss mit 61,000, 1874 
mit 218,000, 1875 mit 290,000 Thaler Verlust. Schon 1875 
strebte man die Liquidation an, und lud zu diesem Zwecke die 
Actionäre, die meistens im östlichen Deutschland sitzen, nach 
Bischweiler in das Hotel „Zum Ochsen". Indess wurde die 
Auflösung noch verschoben, und einstweilen die Hälfte der 
Actien gemeuchelt. Eine Klage, welche die Gesellschaft wider 
die Gründer auf Zurückerstattung von etwa 550,000 Thalern 
richtete, führte zu einem Vergleiche, wonach die Verklagten 
ca. 66,000 Thaler herausrückten. Aber auch einzelne Actionäre 
erhoben solche Ansprüche. Meistentheils wurden die Kläger, 
weil nicht Privatpersonen, sondern Geschäftsleute und Specu- 
lanten, endgültig abgewiesen-, andere Prozesse dagegen sind 
vom Reichsoberhandelsgericht kürzlich zu Ungunsten der Grün- 
der entschieden und diese zur Rückzahlung von Capital und 
Zinsen verurtheilt. — Die zuerst mit 10-4 — lOG notirten Actien 
sind inzwischen bis 1 Brief gesunken. 



~ 318 — 

Welchen Nutzen diese Gesellschaft geschaflFen, und welchen 
Segen die Gründungen überhaupt gewähren, geht aus einer 
Correspondenz hervor, welche die „Karlsruher Zeitung" Januar 
1876 brachte, und die also lautet: „In dem durch seine Tuch- 
fabrikation bekannten Orte Bischweiler ist nunmehr die seit 
längerer Zeit befürchtete Calamität der Einstellung der Ar- 
beiten in den Spinnereien der „Vereinigten Bischweiler Tuch- 
fabriken" eingetreten und dadurch eine Zahl von mehreren 
Hundert Arbeitern brodlos geworden. Die Arbeitseinstellung 
ist um so bedauerlicher, als sie die Folge eines gewissenlosen 
Gründerschwindels ist, welcher durch aus Altdeutschland 
herübergekommene Speculanten in's Werk gesetzt wurde. 
Nach den Ereignissen des Krieges verkauften die bisherigen 
Besitzer der ausgedehnten Spinnereien ihre Etablissements etc. 
an eine Deutsche Gesellschaft zu einem Spottpreise, und von 
dieser wurden die Fabriken demnächst an ein Consortium um 
einen Preis weiterverkauft, der eigentlich von vornherein jedes 
Emporkommen dieses Industriezweiges auch bei dem besten 
Willen der neuen Erwerber unmöglich machte. Die verdienst- 
losen Arbeiterfamilien werden gegenwärtig theils aus privaten, 
theils aus öffentlichen Mitteln unterstützt, und ist wenigstens 
für den Augenblick der drückendsten Noth vorgebeugt. Der 
früher so betriebsame Ort mit mehr als 1300 Wohnhäusern, 
welcher noch im Jahre 1871 mit 9200 Seelen bevölkert war, 
ist jetzt öde und still und hat alle Aussicht, in nächster Zeit 
auf die Hälfte der früheren Einwohnerzahl herabzusinken." 

Nach einer Mittheilung des „Berliner Börsen-Courier" 
soll endlich der Staatsanwalt eingeschritten sein und gegen 
die Gründer die Voruntersuchung beantragt haben. 

Berliner Velvetfabrik* Gegründet Mai 1873, mit 650,000 
Thaler Actien und 200,000 Thaler Hypotheken, von Eugen 
Dzondi (Robert Thode & Co.), Gustav Noah, Adolf Gans, 
Martin Mengers und Ingenieur Friedrich Carl Glaser in Berlin. 
Dividenden nie. An der Börse werden die Actien nicht notirt. 



— 319 — 

Die Berliner Velvetfabrik ist eine verspätete Gründung, die 
gerade in den Tagen des „Grossen Krachs" zur Welt kam, 
und eine natürliche Tochter der ßanbank Metropole in 
Berlin. Diese, ihre Mutter, wurde acht Monate früher (October 
1872) geboren, und waren die Gründer: Julius Samelson 
(Samelson und Sackur), Louis Feig, Louis Landsberger, Gustav 
Koah, Eduard Neisser, Albert Neisser, Baumeister Nicolas 
Becker und Stadtverordneter Leopold Ullstein in Berlin, welche 
die Jungfer „Metropole" mit 500,000 Thaler Actien und 
200,000 Thaler Hypotheken ausstatteten. Als Aufsichtsräthe 
fungirten die vielgenannten Herren Hermann Gratweil und 
Julius Pickardt; und Director wurde Ernst Räb, der sich als- 
bald einen Namen erwarb. Er war gebildet in einem Schulze- 
Delitzsch'schen Consum- Verein , und dann Geschäftsführer bei 
Franz Duncker, mit welchem zusammen er das „Sountagsblatt", 
die belletristische Beilage zur „Volkszeitung" herausgab. In 
dieser Stellung lernte er Herrn Ullstein kennen, der dem „Organ 
für Jedermann" das Papier lieferte, und auf Herrn Ullstein's 
Empfehlung, der sein Talent erprobt hatte, ward er zum 
Director der „Metropole" ernannt. „Metropole" ging mit 
grossem Geräusch in Scene und machte, noch kurz vor dem 
Krach, ausserordentliches Glück. Ihre 40procentigen Interims- 
scheine stiegen bis fast 150, was einem Course von 225 ent- 
spricht, und die Gründer strichen schmunzelnd das kolossale 
Agio ein. 

Die Errungenschaften seiner Principale Hessen Herrn Räb 
nicht schlafen, und er begann ihnen nachzueifern. Schon früher 
hatte er mit einigem Erfolg in Häusern speculirt, nun speculirte 
er an der Börse, aber leider auch in Actien der „Metropole", 
und zum grossen Theil mit fremdem Gelde, das er Verwandten, 
Bekannten und der eigenen Bank entnahm. Der „Krach" 
machte durch seine Speculationen einen dicken Strich, er 
fühlte sich auf der Villa, die er sich vor den Thoren Berlin's 
erbaut hatte, nicht mehr behaglich und zog sich nach Amerika 



— 320 — 

zurück. „Metropole" verlor an ihm eine runde Summe, und 
zu den vielen Personen, die er sonst geschädigt hatte, soll 
auch Franz Duncker gehören. Existenzen wie Ernst Räb 
schössen in der Schwindelperiode gleich Pilzen herauf, und. 
sie sind das nothwendige Product derselben. Solche Unter- 
schlagungen und Diebstähle, Seitens der Directoren, Cassirer, 
Commis, Boten etc. waren bei den Actiengesellschaften fast 
die Regel, denn das Gut der Actionäre galt für herrenlos, und 
jene Beamten thaten nur im Kleinen, was die Gründer im 
Grossen machten. 

Ernst Räb ist in Schimpf und Schande verschollen, aber 
sein Protector, Herr Leopold Ullstein, lebt als reicher Mann 
auf seiner Villa im Thiergarten und geniesset aller Ehren. 
Nachdem er u. A. Bauverein Friedrichshain und Baubank 
Metropole, Berliner Papierfabrik und die Modenzeitung „Bazar" 
gegründet hatte; nachdem die bösen Tage des Grossen Krachs 
und der schweren Krisis gekommen waren, richtete Herr 
Ullstein unterm 28. Juni 1874 ein Schreiben an den Handels- 
richter, worin er sagt: Ich habe mich entschlossen, meine Be- 
theiligung an den verschiedenen Actiengesellschaften aufzu- 
geben. — Seitdem lebte Leopold Ullstein nur noch dem 
öffentlichen Wohl; in der Berliner Stadtverordnetenversamm- 
lung , deren einflussreiches und beredtes Mitglied er ^war, 
kämpfte er wacker für die Interessen der Bürgerschaft, 
und sah bei allen Ausgaben und Forderungen dem splendiden 
Magistrat scharf auf die Finger. Sehr gleichgültig ist es 
ihm dagegen, dass die Vollactie der „Metropole" heute etwa 
8 Brief steht, und dass Berliner Papierfabrik im Courszettel 
seit längerer Zeit mit zwei inhaltsschweren Gedanken- 
strichen notirt wird. Als jedoch bei den letzten Neuwahlen zur 
Stadtverordnetenversammlung hin und wieder die gründerische 
Vergangenheit der Candidaten untersucht wurde, erhob sich 
gegen Herrn Leopold Ullstein eine sehr heftige Opposition, 
und er erhielt, trotz aller Anstrengungen, kein Mandat mehr. 



— 321 — 

Metropole besass von den Actien der von ihr mitgegründeten 
Berliner Velvetfabrik mehr als die Hälfte, ganze 350,000 
Thaler, und dieser grosse Posten lag ihr wie ein Stein im 
Magen, bis es ihr im Herbst 1876 gelang, sich des Ballastes 
zu entledigen. 

Grünberg i. Schi.; ein Städtchen von etwa 12,000 
Einwohnern, ist von altersher durch seinen Weinbau 
bekannt, und hat neuerdings noch einen andern Ruf 
erlangt. Während der Schwindelperiode trat hier 
verhältnissmässig eine Unmenge von Gründungen in's 
Leben, und alle diese Gründungen waren das Werk 
eines einzigen Mannes, des Kaufmanns Friedrich 
Förster jun., der damals den Titel „Commerzien- 
rath" erhielt. 

Seit fast 100 Jahren bestand die Firma Jer. Sig. 
Förster, welche Tuchfabrikation und Tuchhandel be- 
trieb. Es ist mehrfach behauptet worden, dieselbe 
sei schon 1857 bankerott gewesen; thatsächlich hat 
sie damals und später nicht unbedeutende finanzielle 
Schwierigkeiten zu überwinden gehabt. Trotzdem 
stand die Familie Förster in hohem Ansehen und 
übte in Grünberg und Umgegend einen grossen Ein- 
fluss. Mai 1870 zog sich der Chef, Geheime Commer- 
zienrath Förster, theilweise vom Geschäft zurück, die 
Tuclifabrik ward in eine Commanditgcsellschaft auf 
Actien verwandelt, und als persönlich haftende Ge- 

Glagan, Der Börsonschwindel. 11. 21 



— 322 — 

sellschafter derselben traten die beiden Söhne, Fried- 
rich und August Förster ein. März 1871 wurde auch 
der schon früher begründete Niederschlesische 
Cassenverein in eine Commanditgesellschaft auf Actien 
mngeschaffen, und persönlich haftender Gesellschafter 
war gleichfalls Friedrich Förster. Er war drittens 
nun auch Mitgesellschafter der alten Firma Jer. Sig. 
Förster, die merkwürdigerweise bestehen blieb, und, 
wie es scheint, nur zu dem Zweck, um ihm bei seinen 
unendlichen Finanz- und Wechseloperationen zu dienen. 
Friedrich Förster jun. wollte Grünberg durchaus 
zur „Weltstadt" oder doch wenigstens zu einer In- 
dustriestadt ersten Ranges erheben, und so gründete 
er -ein Dutzend Gesellschaften, die zum Theil ein- 
ander Concurrenz machten, wie die verschiedenen 
Tuchfabriken, zum Theil für das Städtchen sehr über- 
flüssig waren, wie der Actienbauverein und die Omni- 
busgesellschaft. „Gegen den Schaffens- und Schöpfungs- 
drang des Commerzienraths Förster anzukämpfen, 
war fast unmöglich", sagt einer seiner Mitarbeiter, 
Herr Carl Triepel, Procurist des Nieder schlesischen 
Cassenverein, in einer Brochure. „Aus einer Idee 
entsprang die andere; ein Unternehmen rief das andere 
hervor, und ehe man recht wusste, wie es zugegangen, 
war der Cassenverein bei jedem derselben engagirt." 



— 323 — 

— Und an einer andern Stelle: „Man trieb in Grün- 
berg einen förmlichen Förster-Cultus. Die Ansicht, 
• dass jedes Unternehmen des Commerzienrath Fried- 
rich Förster prosperiren müsse, galt in Grünberg 
gewissermaassen als Dogma, und Jeder würde ver- 
ketzert worden sein, der nicht an dasselbe geglaubt 
hätte". Und dann wieder, als er von gewissen Con- 
currenzgründungen und der masslosen Ausdehnung 
der Geschäfte spricht: „In der That, wenn man sich 
heute mit kaltem Verstände diese Widersprüche klar 
macht, muss man bekennen, dass man damals, wie 
alle Anderen, als Sehender blind und als Nüchterner 
berauscht gewesen sein muss." — — Herr Triepcl, 
obgleich ein grosser Bewunderer Fr. Förster's, und 
bei dessen Gründungen vielfach „betheiligt", muss 
doch zugeben: „Die Hauptursache des Zusammen- 
bruchs der Förster'schen Unternehmungen liegt in 
•der übertriebenen Ausdehnung derselben. Ihr Schöpfer 
wollte mit verhältnissmässig geringem Capital das- 
selbe erreichen, was sonst nur einer Capitalmacht 
ersten Ranges möglich ist. Die gleichzeitige Stellung 
des Commerzienraths Friedrich Förster, als persön- 
lich haftender Gesellschafter der Tuchfabrik und des 
Cassenverein, sowie als Chef der Firma Jer. Sig. 
Förster, musste zu argen Verwickelungen, zur ver- 

21* 



— 324 — 

derblichen Verschmelzung der entgegenstehendsten 
Interessen führen." 

Als Chef dieser drei Firmen, die sich gegenseitig 
auf das Bereitwilligste mit Accepten und Giros unter- 
stützten, fabricirte Fr. Förster ununterbrochen Wechsel, 
die zusammen sich auf Millionen Thaler beliefen, war 
er unermüdlich in Gründungen, Consortialbetheili- 
gungen und Börsenoperationen. Fast bei allen Ge- 
sellschaften, die er ausbrütete oder „finanziirte", war 
er wieder selber als erster Zeichner, Vorstand oder 
Aufsichtsrath betheiligt, oder er war mit den Vor- 
ständen, Aufsichtsräthen etc. verwandt oder verschwä- 
gert, oder er machte mit diesen persönlich Geschäfte,, 
die stets zum Unheil der von ihm geleiteten Institute 
ausschlugen. Er speculirte in Actien der eigenen 
Gesellschaften, die er, um den Cours zu treiben oder 
zu halten, für eigene Rechnung in grossen Posten 
aufkaufte; er liess die Procuristen und Beamten des 
Cassenverein und der Tuchfabrik speculiren; er be- 
fasste sich mit Speculationen und Operationen, die 
weitab seines eigentlichen Wirkungskreises lagen, 
aber gar direct gegen seine Stellung und seine Pflichten 
verstiessen, weshalb er auch im Geschäftsbericht von 
1872 das Gegentheil versicherte. So finanziirte er 
die Thonwaaren- und Chamottefabrik von Tiedemann, 



— 325 — 

Runge & Co. in Charlottenburg, blos weil Frau Tiede- 
mann eine geborene Grünbergerin war; und gewährte 
einem Herrn von Lepel, Aufsichtsrath des Cassen- 
vereins, einen Credit zum Ankauf des Schlosses Schön- 
holz bei Berlin; zwei Geschäfte, welche dem Cassen- 
verein über 200,000 Thaler kosteten. So bildete er 
November 1872 mit demselben Herrn von Lepel ein 
Consortium zur Uebernahme von 500,000 Thaler 
junger Actien der Schlesischen Tuchfabrik. Das Con- 
sortium kaufte alle Stücke, die zu Markt kamen, 
zum Durchschnittspreise von 124 auf, bis es endlich 
wahrnahm, dass nicht das Publikum, sondern die 
eigenen Aufsichtsräthe der Tuclifabrik die Haupt- 
verkäufer waren, denen also Herr Förster wider Willen 
die neuen Actien mit einem Agio von 24% abnahm. 
Ein neues Beispiel, wie der Christ stets von den Juden 
„geleimt" wird; und ein Beweis, dass bei Lichte be- 
sehen, der geniale Herr Fr. Förster jun. seiner Stellung 
eigentlich gar nicht gewachsen war. 

Die Aufsichtsräthe des Cassenverein, zum Theil 
Verwandte und gute Freunde, machten ihm keine 
Schwierigkeiten; sie kamen nur, wenn Fr. Förster sie 
einlud, und sie begnügten sich mit dem, was er ihnen 
mittheilte. Die Aufsichtsräthe der Tuchfabrik waren 
ebenso nachsichtig, und mehr auf ihren persönlichen 



— 326 — 

Vortheil als auf den der Gesellschaft bedacht. Zwei 
derselben nöthigten, wie Herr Triepel erzählt, die 
Tuchfabrik zum Ankauf der Etablissements von Geb- 
hard & Wirth in Sorau, die sie selber ursprünglich 
zum Zwecke einer Gründung erworben hatten, nun 
aber, da die Schwindelperiode zu Ende ging, wieder 
los sein wollten. Vergeblich sträubte sich Fr. Förster, 
weil er mit Recht fürchtete, die Mittel der Tuch- 
fabrik sehr zu schwächen: die beiden Herren besei- 
tigten seine Weigerung, indem sie gelobten, ihn nicht 
in Verlegenheit kommen zu lassen. Selbstverständ- 
lich vergassen sie ihre Zusage, und einer von ihnen 
der „Chef eines grossen Schlesischen Bankinstituts", 
zwang die Tuchfabrik sogar, ihm zur Sicherstellung 
seiner Forderung eine Hypothek von 300,000 Thaler 
zu bestellen. Kaum hatte er diese in Händen, als 
er die Tratten der Tuchfabrik unter Protest zurück- 
gehen Hess, und dadurch den ersten Anstoss zum Fall 
der Gesellschaft gab. Derselbe „Aufsichtsrath" be- 
hielt später eine Rimesse von 8000 Pfund Sterling 
widerrechtlich ein, und als Fr. Förster den Casus 
zur Sprache bringen wollte, drohte man ihm: „man 
werde ihn und seine Familie zertreten, wenn er ein 
Wort über diese Sache verliere". Derselbe „Auf- 
sichtsrath" erstand schliesslich das ursprüngliche 



— 327 — 

Etablissement der Tuchfabrik für das von ihm gelei- 
tete „grosse Schlesisclie Bankinstitut" um 150,000 
Thaler, während auf jenem Etablissement für dieses 
Bankinstitut 300,000 Thaler Grundschuldbriefe ein- 
getragen waren. 

Folgendes sind nun die Fr. Förster'schen „Schöpfun- 
gen", wie Herr Triepel sie nennt: 

1) Vereinsfabrik Fallier, Tuchfabrik in Grünberg. 
„Geschäftsfülirende Gesellschafter": Friedrich Förster jun. 
und Emil Paulig. Hatte bei nur 20,000 Thaler Einzahlung, 
500,000 Thaler Schulden contrahirtü 

2) Züllichauer Vereinsfabrik, Tuchfabrik. „Ge- 
schäftsführende Gesellschafter": Friedrich Förster jun. und 
August Förster. Hatte 250,000 Thaler gekostet, und ist in der 
Liquidation für 53,000 Thaler fortgegangen. 

3) Saganer Vereinsfabrik, Tuchfabrik. Actiencapital 
150,000 Thaler, hauptsächlich von Fr. Förster jun. gezeichnet. 
Kostet dem Cassenverein einen Verlust von ca. 100,000 Thalern. 

4) Schlesische Tuchfabrik in Grünberg (S. 315). Per- 
sönlich haftende Gesellschafter: Fr. I'örster jun. und August 
Förster. 2 Millionen Thaler Actien, welche einst 130 notirten 
und jetzt werthlos sind. Dazu etwa 1"3 Million Thaler 
Schulden. 

5) Niederschlesischer Cassenverein in Grünberg. 
Persönlich haftender Gesellschafter: Fr. Förster jun. Directoren 
resp. Procuristen: G. von Buchholtz (Schwager von Förster), 
Carl Triepel etc. Verwaltungsrath: August Förster, Robert 
Eichmann (Schwager von Förster), Martin Sommerfeld, Emil 
Paulig, Fr. Ratsch, Ed. Seidel, Sigismund S. Abraham. 
1 Million Thaler Actien, welche einst über 130 standen, sind 
werthlos. Unter den ersten Zeichnern befinden sich: Louis 



— 328 — 

Grossmann (Schwager von Förster) und A. von Lepel in Berlin. 
Februar 1873 beschloss man 1 Million Thaler neue Actien 
auszugeben, was der Krach glücklicherweise verhinderte. Bei 
der Zahlungseinstellung im November 1873 waren über 
1 Million Thaler Schulden vorhanden. 

6) Wollwaschanstalt von Grossmann, Stephan & Co. in 
Grünberg mit 120,000 Thaler Capital, von welchem der Cassen- 
verein etwa die Hälfte verloren hat. 

7) Rothenburger Wollwasch-Anstalt Despa & Co. 
Begann schon wenige Monate nach der Gründung zu schwanken 
und kostet dem Cassenverein und der Tuchfabrik gleichfalls 
Verluste. 

8) Thonwaaren- und Chamottefabrik von Tiedemann, 
Runge & Co. in Charlottenburg. Gerieth in Concurs und 
brachte dem Cassenverein eine Einbusse von 170,000 Thalern. 

9) Grünberger Baufabrik von Rudolf Veit. „Stiller 
Theilnehmer": Fr. Förster jun. Gerieth in Concurs und kostet 
dem Cassenverein einen Verlust von etwa 130,000 Thalern. 

10) Grünberger Baugesellschaft. Verwaltungsrath : 
Friedrich Förster jun. Actiencapital 100,000 Thaler, welches 
zum grössten Theil verloren ist. 

11) Grünberger Bierbrauerei und Spritfabrik. 
Actiencapital 150,000 Thaler. Gerieth in Concurs. 

12) Omnibus- und Dro schken- Verein in Grünberg, 
mit 25,000 Thaler Capital, das hauptsächlich von Fr. Förster 
jun. gezeichnet, und zum grössten Theil verloren ist. 

13) Niederschlesische Maschiuenbauanstalt in 
Grüuberg und Görlitz (S. 88). Verwaltungsrath: Friedrich 
Förster jun., Louis Grossmann (Schwager von Förster), Carl 
Triepel, Conrad Schiedt etc. Actiencapital 500,000 Thaler, 
zum grössten Theil von der Familie Förster, von Carl Triepel 
und A. von Lepel gezeichnet. Gerieth in Concurs. 



— 329 — 

Friedrich Förster jun. galt als die Vorsehung, als der 
Wohlthätcr Grünberg's, und selbst nachdem Tausende 
durch ihn unglücklich geworden, gab es dort Leute, 
die fortfuhren, ihm und seiner Familie Ovationen 
darzubringen*), die noch heute behaupten, er sei nur 
der Rachsucht eines „persönlichen Feindes" zum Opfer 
gefallen. Im Mai 1873 hatte Wien, im November 
desselben Jahres Grünberg seinen „Krach". 800 Per- 
sonen aus Stadt und Umgegend, meistens kleine Hand- 
werker, Häusler, Kutscher, Wittwen, uuverheirathete 
Frauenzimmer, belagerten das Gebäude des Cassen- 
vereins, wo sie ihre langjährigen, sauer erworbenen 
Sparpfennige angelegt hatten. Die Einschüsse, oft 
nur 100, 25 oder 20 Thaler, beliefen sich zusammen 
auf 650,000 Thaler, von denen die Hälfte, weil ohne 
jede Deckung, gänzlich ausfallen wird. „Zu spät, 
sagt Herr Triepel, machte man die Erfahrung, wie 
gefährlich gerade derartige verzinsliche Einlagen 
werden können, wenn man dieselben zur Unterstützung 
der Industrie verwendet." Er meint, gefährlich für 
das Bankinstitut; aber doch wol noch gefährlicher 
für die armen vertrauensseligen Einleger! 



*) August Förster, obwol im Concurse befindlich und wegen 
Etiquettenfälschung bestraft, wurde zum Mitglied der Grün- 
berger Handelskammer erwählt! 



— 330 — 

Der leidenschaftliche Gründer und Speculant Fried- 
rich Förster jun. heisst jetzt im Volksraunde der 
^jActien-Fritze". Aber man kann ihn auch den „Quistorp 
Grünberg's" nennen, denn er zeigt mit dem Berliner 
Quistorp eine grosse Wahlverwandtschaft. Auch er 
war bei all' seinen „Schöpfungen" mehr oder weniger 
persönlich „betheiligt", und er hatte sie alle zu einem 
unentwirrbaren Rattenkönig verknotet, so dass schliess- 
lich immer eine Gesellschaft die andere in den Con- 
curs riss. Auch er hat namenloses Unheil angerichtet, 
einen ganzen Landstrich ausgeplündert. Selbst Herr 
Triepel sagt, dass um dieses Einen Mannes willen, 
„eine Menge grosser und kleiner Firmen ihre Zahlungen 
haben einstellen müssen, und die jüngst noch blühende 
Industrie Grünberg's auf Jahre hinaus vernichtet, der 
Wohlstand seiner Bürger aber total untergraben ist". 

Eine Anzahl der betrogenen Einleger hat sich 
zusammengethan, um die Aufsichtsräthe, sowie den 
spätem Liquidator des Cassenverein , August Lübke 
in Berlin, im Wege des Prozesses für ihre Verluste 
verantwortlich zu macheu. Im Laufe des Jahres 
1876 ist auch die Staatsanwaltschaft wegen verschiede- 
ner Fr. Förster'scher „Schöpfungen'' eingeschritten, doch 
verlautet nichts über das Resultat der Massnahmen. 



— 331 — 

"Wir kommen zu den übrigen Webereien und 

Spinnereien: 

Berliner Kaming'aru - Spinnerei , vormals Friedrich 
ChristianWinckelmann und Carl Heinrich Ludwig Schwendy. 
Gegründet 1. November 1871, mit 480,000 Thaler Actien und 
150,000 Thir. Hypotheken, von Max Geim und Louis Löwenherz 
(Berliner Wechslerbank), Julius Guttentag (Gebr. Guttentag, 
Louis Liepmann (David Liepmann), Gustav Frenkel und dem 
Vorbesitzer Fr. Chr. Winckelmann in Berlin. Directoren: 
Arthur Winckelmann und Clemens Winckelmann. Aufsichts- 
räthe u. A. : Hermann Reimann (F. W. Reimann), Gustav 
Frenzel, Julius Liepmann und Commerzienrath Hermann 
Egells in Berlin. Die erste und einzige Dividende für das um 
10 Monate zurückgeschrobene Geschäftsjahr betrug TVs %. 
Cours Ende 1876 etwa 10. 

Danneuberger'sche Kattnufabrikeu, vormals Benjamin, 
Louis und Georg Liebermann in Berlin. Gegründet October 
1872 von der Preuss. Boden-Credit-Actienbank und ihrer 
Tochter, der Preuss. Credit-Austalt (Richard Schweder und 
Landrath a. D. Alfred Jachmann), von Geh. Commerzienrath 
Benjamin Liebermann, Kammerherrn Louis von Prillwitz und 
dem Abgeordneten, Geh. Oberregierungsrath und Director des 
Königl. Preuss. Statistischen Bureaus, Dr. Ernst Engel in 
Berlin. Vorstand: Chemiker Nicolaus Heinrich Schilfert. Der 
angebliche Uebernahmepreis war 2V2 Millionen Thaler (!), 
ohne die Kupferwalzen und die Vorräthe, welche 
extra bezahlt wurden!! Actiencapital 2,900,000 Thaler 
und 500,000 Thaler Hypotheken!!! Herr Engel hat 50,000 

Thaler Actien gezeichnet. Die Vorbesitzer Liebermann 

übernahmen 850,000 Thaler Actien und zahlten an die Gesell- 
schaft 70,000 Thaler als angeblichen Gewinn pro IV. Quartal 
1872 herauB. Eine Lockspeise für die unglücklichen Actionäre! 
Die Gründung war so grausam, dass Herr Richard Schweder 



— 332 — 

die Einführung der Actien an der Börse bis zum März 
1873 verzögerte, wo es nun einen argen Scandal gab, bei 
•welchem der Procurist der Preuss. Boden-Credit-Actienbank 
und der Adjutant Schweder's, Herr Wilhelm (Wolf) Paradies 
in grosse Gefahr gerieth und sich nur durch eilige Flucht 
errettete. Die Israeliten, welche Schweder mit „Cattun" „be- 
theiligt" hatte, und die jetzt „Cattun" „abnehmen" sollten, 
geriethen, ob des ihnen drohenden Verlustes in eine Ber- 
serkerwuth, denn es lag hier der eigenthümliche Fall vor, 
dass die Juden sich untereinander betrogen hatten. Eine 
ganze Reihe der Biedermänner Hess sich auf Abnahme des 
„Cattun" verklagen, und einige gewannen auch den Prozess, 
wegen der bei der Gründung vorgekommenen „Unlauterkeiten". 

Unter Andern hatte ein Stuttgarter Bankhaus 10,000 
Thaler Actien cousortialiter zum Course von 92 gezeichnet, 
und darauf 1000 Thaler angezahlt. Als es, nach dem Fiasco 
an der Berliner Börse, 9600 Thaler abnehmen sollte, ver- 
weigerte es solches, und Herr Schweder liess die Actien durch 
einen Makler verauktioniren, der dafür nur 40^/4 % erzielte. 
Nun wurde gegen das Stuttgarter Bankhaus auf Erstattung 
von 4447 Thaler geklagt, aber die Klage abgewiesen, weil die 
Preussische Boden-Credit-Actien-Bank stets nur das Actien- 
capital mit 2,000.000 Thaler bezeichnet hatte, während es in 
Wirklichkeit 2,900,000 Thaler betrug. Der Richter stellte fest, 
dass die Bank dolose gehandelt, und Herr Richard Schweder 
wurde in drei Instanzen auch noch zur Zurückzahlung der 
abschläglich erhaltenen 1000 Thaler verurtheilt. 

Das erste Geschäftsjahr ergab, hauptsächlich durch den 
Zuschuss der obigen 70,000 Thaler, eine Dividende von 67o> 
und für den Vorstand 4600 Thaler Tantieme! Für 1874 erhiel- 
ten die Actionäre 1 %, für 1875 und 1876 — 0. Cours noch ca. 15. 

Societe d'impression alsacienne, Stoffdruckerei, vormals 
Frank und Boeringerzu Mühlhausen im Elsass. Gegründet 
März 1873 mit 1 Million Thaler Actiencapital, von Hugo 



— 333 — 

Hermann Bodstein, Hirsch Beer sen., Georg Boer und Rudolf 
Molenaar in Berlin, Heinrich Alexander in Hamburg etc. Be- 
triebs-Resultate sind nicht veröffentlicht. Ohne Börsencours. 
Schlesisclie Wollwaareuf abrik , vormals Joseph Beer 
seelige Wittwe in Liegnitz. Gegründet Januar 1872 von 
den Vorbesitzern Beer, von Hermann Geber, Rauff & Knorr 
in Berlin, Ferd. Schönheimer in Leipzig etc. Actiencapital 
530,000 Thaler. Aufsichtsrath: Hermann Leubuscher, Moritz 
INIichels, Julius Pickardt und Ed. Herzberg in Berlin, Max 
Beer in Liegnitz, Dr. Salo Feige in Breslau. Director: Feodor 
Beer. Im Prospect stellten die Vorbesitzer eine Dividende 
von 15 bis 20% in Aussicht, uud garantirten für drei Jahre 
8%*, erfüllten diese Garantie aber nur im ersten Jahr, ver- 
weigerten weitere Zahlungen und Hessen sich, mit Hülfe der 
übrigen Gründer, gegen eine Abfindung von 10,000 Thalern 
lossprechen. Einzelne Actionäre strengten die Klage an, 
drangen aber nicht durch. Das Stadtgericht Berlin wies sie, 
als sum Prozesse nicht legitimirt, einfach ab. Das Kreis- 
gericht Liegnitz dagegen verurtheilte die Verklagten, welche 
den gewöhnlichen Einwand der Gründer erhoben: der Prospect 
sei ohne ihr Wissen und ohne ihre Zustimmung erlassen — 
zur Zahlung, falls sie diese ihre Behauptung nicht eidlich er- 
härteten. „Die Generalversammlung ist nur Organ der Actien- 
gesellschaft als solcher", führte der erste Richter aus, „nicht 
der einzelnen Actionäre in ihrem Gegensatz zur Gesellschaft, 
und es kann daher die Generalversammlung auch nur über 
Rechte der Gesellschaft, nicht über Einzelrechte der Actionäre 
gültig beschliessen." Das Liegnitzer Kreisgericht verwarf also 
den Hocuspocus der Generalversammlungen, die stets von den 
Gründern geleitet und beherrscht werden, und nahm sich der 
schutzlosen Actionäre an. Aber was geschah! Das Appell- 
gericht Glogau stiess diese Entscheidung wieder um und ent- 
schied in Uebereinstimmuug mit dem Berliner Stadtgericht 
der Einzelactionär ist durch die Beschlüsse der Generalver- 



— 334 — 

Sammlung gebunden, die hier auf die garantirte] Dividende 
verzichtet hat. — So entgegengesetzt lauten gar häufig die 
Eechtsanschauungen und ürtelssprüche der Gerichte; nament- 
lich in Gründersachen, wo die Richter hin- und herschwanken, 
und bis vor Kurzem, in Civil- wie in Criminalprozessen, 
meistens gegen die Actionäre entschieden. 

December 1874, als der Cours 15 Brief stand, wurden 
zwei Drittel der Actien gemeuchelt, Juni 1876 die Liquidation 
beschlossen, und dann kaufte das Etablissement um ein 
Billiges der frühere Director und Mitvorbesitzer, Feodor Beer, 
in Gemeinschaft mit dem bisherigen Aufsichtsrath, Dr. Salo 
Feige. 

Hirsch Beer sen., der Vater von Feodor Beer und Beer & 
Herzberg in Berlin, der Schwiegervater des Ferdinand Schön- 
heimer'schen Bankvereins in Leipzig, ist ein alter bemooster 
Gründer, u. A. auch bei den Bischweiler Tuchfabriken und 
der Societe d'impression alsacienue betheiligt. 

Eilen burger Kattun - Manufactur , vormals Robert 
Schwerdtfeger und Hermann Thikötter in Eilenburg, welche 
die Leitung behielten, und im Prospect 17V2 % Dividende 
vorrechneten. Actiencapital 300,000 Thaler und 100,000 Thaler 
Hypotheken. Gegründet Anfang 1873 von den Vorbesitzern 
und von der Halle'schen Credit- Anstalt. Aufsichtsrath: H. R. 
Michaelis, Albert Levin und William Daus in Berlin, Richard 
Michaelis und Theodor Eisentraut in Halle a. S., Bürger- 
meister Emil Schrecker in Eilenburg, Banquier H. Puckert in 
Leipzig. Die Actien wurden u. A. aufgelegt bei der Nord- 
deutschen Grundcreditbauk in Berlin und bei Stephan & 
Schmidt in Königsberg i. Fr. Dividende pro 1875/76 — 2<'/o. 
Cours etwa noch 20. 

Sclilesisclie Leineuindustrie, vormals C. G. Kramsta & 
Söhne in Freiburg i. Schi. Gegründet November 1871 von 
der Deutschen Unionbank in Berlin, dem Schlesischen Bank- 
verein und Gebrüder Guttentag in Breslau. Actiencapital 



335 



3,600,000 Thaler!!! Davon übernahmen die Vorbesitzer, Georg 
von Kramsta und Emil Wuthe in Breslau, 1 Million Thaler. 
Aufsichtsräthe: Commerzienrath J. Friedenthal (Gebr. Frieden- 
thal), Moritz Cohn (Gebr. Guttentag) und Director Fromberg 
(Schlesischer Bankverein) in Breslau, Julius KaufFmann (Meyer 
Kauflmann) in Tannhausen (Schlesien), Louis Liebermann 
(Liebermann & Co.), Julius Reichenheim (N. Reichenheim & Sohn) 
und Abgeordneter, Stadtrath Adolf Hagen in Berlin, Abge- 
ordneter Dr. Egmont Websky (E. Websky & Hartmann) in 
Wüste-Waltersdorf (Schlesien), und die Vorbesitzer Georg von 
Kramsta und Emil Wuthe, Für diese überaus theuere Grün- 
dung machten eine ganz besondere Reclame die „National- 
zeitimg" in Berlin und die „Breslauer Zeitung". Die Herren 
Aufsichtsräthe haben sich, falls die Dividende 5% erreicht, 
vorweg 5^/o Tantieme zugesichert, und betrug dieselbe von 
1872 bis 1875, bei 10, 9, 7V2 und resp. 8% Dividende — 
15,000 bis 20,000 Thal er im Jahr, was also pro Mann ein 
Trinkgeld von fast 2000 Thalern jährlich ergab. 1876 ent- 
fielen nur 5V3% Dividende, und als Douceur für den Auf- 
sichtsrath nur 9600 Thaler. Dagegen wurden die Actionäre 
mit der Nachricht überrascht, dass man für sie die Villa des 
Herrn von Kramsta in Freiburg angekauft habe! Cours einst 
120, jetzt noch ca. 60. 

Erdniaiinsdorfer Spinnerei in Schlesien, früher der 
Preussischen Seehandlung gehörig, und gegründet September 
1872 von Robert Thode & Co. uud der Preussischen Credit- 
Anstalt (Richard Schweder) in Berlin, welche IV2 Million 
Thaler Actien zum Course von 103 'Z., (!) auflegten, und ausser- 
dem 1 Million Thaler Prioritäten fabricirten, die der See- 
handlung verpfändet sind. Aufsichtsräthe u. A.: Geh. Com- 
merzienrath Emil Stephan, und Geheimer Oberfinanzrath 
Scheller in Berlin, „Generaldirector" Kolb in Viersen und 
Commerzienrath Richter in Muskau. Im Prospect heisst es: 
„Nach den eigenen Aeusserungen Seiner Excellenz des Herrn 



— 336 - 

Finanzministers (Camphausen) in der Kammer, war das Durcli- 
schnittserträgniss, nach sehr hoch bemessenen Abschreibungen, 
8% des gesammten benutzten Capitals." — Die neue Gesell- 
schaft vertheilte für das erste Geschäftsjahr von 3 Monaten (!) 
9%, 1873 — 70/0 Dividende und 13,800 Thaler Tantiemen! 
1874 gab es 4, 1875 — 1% Dividende. 1876 soll nach den 
Meldungen der Börsenblätter mit grossem Verlust abschliessen. 
Cours noch ca. 15. 

Sächsische Tfähfadeufabrik, vormals Rudolf Heyden- 
reich bei Chemnitz. Gegründet Februar 1872 von M. Schie 
Nachfolger in Dresden mit 850,000 Thaler Actien, welche auch 
Bein & Co. in Berlin und Becker & Co. in Leipzig auflegten. 
Dazu 150,000 Thaler Hypotheken. Der Vorbesitzer übernahm 
einen Posten Actien und trat in den Aufsichtsrath , dem noch 
angehörten: Geheimer Hofrath Kohl, Geh. Commerzienrath 
Richard Hartmann, Commerzienrath Max Hauschild und 
Alexander Wiedemann in Chemnitz, Franz Hachez in Dresden, 
F. W. Duerfeld in Zschopau. Vorstand: V. Duerfeld. Divi- 
denden: 9, 8, 5% und 0. Der frühere Director, welcher ent- 
lassen wurde, hatte auch pro 1875/76 einen Gewinn von 
ca. 55,000 Thalern herausgerechnet, wogegen sein Nachfolger 
33,000 Thaler Verlust feststellte. Grosse Uregelmässigkeiteu 
wurden kund, und einige Actionäre beabsichtigten, den Vorbe- 
sitzer regresspflichtig zu machen. Cours einst 110, jetzt ca. 25. 

Sächsische Kammgarnspinuerei, früher C. F. Solbrig 
in Harthau bei Chemnitz. Gegründet September 1871, mit 
680,000 Thaler Actien und 150,000 Thaler Hypotheken, von 
M. Schie Nachfolger in Dresden, Bein & Co. und Julius 
Alexander in Berlin. Director: Fr. Aug. Solbrig. Vorsitzen- 
der des Aufsichtsraths : Advocat Hermann Weber I in Chemnitz. 
Dividenden: 12, 5, 0, 2V3 und 0%. 1875/76 schloss mit 
ca. 50,000 Thaler Verlust. Cours einst 120, jetzt ca. 20. 

Deutsche Jute - Spinnerei und Weherei in Meissen. 
400,000 Thaler Actien und 200,000 Thaler Prioritäten. Auf- 



— 337 — 

sichtsrath: Gustav Schmidt, Hugo von Boddin, Emil Quellmalz, 
Ernst Jiistus Burckhardt. Dividenden 0. 

Sächsische WoUgariifahrik, vormals Gebrüder Eck- 
hardt in Grossenhain. Gegründet Februar 1872 mit 350,000 
Thaler Actien. Vorstand: Eduard Eckhardt. Aufsichtsrath : 
Finanzprocurator Gustav Lorenz und Fabrikbesitzer August 
Zschille in Grossenhain, Geheimer Hofrath Kohl in Chemnitz, 
M. Schie Nachfolger in Dresden, Gebrüder Alexander in 
Breslau, Julius Martin Friedländer in Berlin. 1875 liquidirte 
man, und zu den Liquidatoren gehörte Herr Emil Quellmalz 
in Dresden. Die Liquidation ergab pro Actie — 1 Thlr. 
10 Sgr., und Herr Eduard Eckhardt, der das Etablissement 
wieder übernahm, war so edel, jedem Actionär noch 10 Thaler 
extra zu „schenken"! 

Braunschweigische Actieugesellscliaft für Jnte- und 
Flachs-Industrie. Gegründet 18GS mit 750,000 Thaler Actien, 
Aufsichtsrath: 0. Häusler, Ritter Friedrich von Voigtländer 
und Ferd. Ebeling in Braunschweig, F. Dubbers in Bremen, 
Julius Nelke (A. Padersteiu) in Berlin. Letzte Dividenden 0. 
Cours einst 112, jetzt ? 

Dunkel ist das Schicksal folgender Gesellschaften, 
insofern die Börsenzeitungen ihrer nicht mehr er- 
wähnen, und sie von den Courszetteln entweder ver- 
schwunden sind, oder auf denselben überhaupt nie 
figurirten: 

Chemnitzer Seiden- und Seideu-Shoddy-Spinnerei in 

Erfeuschlag. Gegründet März 1870 mit 300,000 Thaler Actien, 
von Commerzienrath E. A. Krause und L, Eichborn („EiFecten- 
Licitations- und Discouto-Bank") in Berlin, Rechtsanwalt 
Richard Schanz in Dresden. 

Sächsische Floretseiden - Spinnerei zu Falkenau bei 

Glagaa, Der Börsenscliwindel. II. 22 



— 338 — 

Chemnitz. Vorsitzender des Aufsichtsraths: Commerzienrath 
Fedor Zschille in Grossenhain. 

Mederrhemisclie Flachs-Spinnerei, früher Mevissen 
und Koch in Dülkeu. Gegründet September 1871 mit 600,000 
Thaler Actien. 

Kunstwollfabrik ron Kückelhans & Co. und Baum- 
wollen-Spinnerei von Troost & Co. in Louisenthal bei 
Mülheim a. d. Ruhr. Gegründet 1872 mit 425,000 Thaler 
Actien. — Die 1856 von dem Abgeordneten Dr. Kammacher 
und Genossen gegründete Louisenthaler Druckerei, 
Weberei und Spinnerei gerieth in Concurs. 

Dresdner Nälimaschinen - Zwirn - Fabrik. Gegründet 
December 1871 mit 150,000 Thaler Actien, welche Lüder & 
Tischer in Dresden auflegten. Direction: Wilh. Eichelt und 
Albert Greve. Aufsichtsrath: Advocat Max Zwicker in Dresden. 
1873 keine Dividende. 

Mascliinenbandweberei zu Jolianngeorgenstadt, vor- 
mals Max Unger. Gegründet Juli 1871 mit 225,000 Thaler 
Actien, aufgelegt bei Hammer & Schmidt in Leipzig und 
M. [Schie Nachfolger in Dresden. Den Prospect, welcher 
10—14% Dividende versprach, hatten unterzeichnet: Com- 
merzienrath Breitfeld, Stadtrath Wilh. Kircheisen, C. G. Dörffel 
Söhne in Eibenstock, Advocat Bornemann, Georg Claus und 
Stadtältester Franz Wilisch in Schneeberg. 

Seilerwaarenfabrik in Würzen. Gegründet April 1872 
mit 250,000 Thaler Actien, von der Geraer Bank, von J. G. A. 
Seyffert, Advocat Carl Ludwig Langbein und Fr. Krietsch sen. 
in Würzen, Job. Fr. Aug. Schütz, Gustav Goetze und Richard 
Fränkner in Leipzig, H. H. Bodstein, Director der Allgemeinen 
Deutschen Handelsgesellschaft in Berlin. 

Meclianische Flachsspinnerei in Tilsit. Gegründet 
September 1871 mit 235,000 Thaler Actien, welche Helfft Ge- 
brüder in Berlin auflegten. 

Insterburger Actien-Spinnerei. Gegründet April 1871 



— 339 — 

mit 275,000 Thaler Actien. Directoren: B. M. Weinstein und 
Julius Blechschmidt in Insterburg. Verwaltungsrath: Geh. 
Commerzienrath Moritz Simon (Simon Wittwe Söhne), Adolf 
Samter und Carl Jacob in Königsberg i. Pr., Abgeordneter 
Eittergutsbesitzer von Simpson- Georgenburg etc. Für das 
erste Geschäftsjahr von 7 Monaten (!) wurden 5''/4 Thaler als 
97, % Dividende vertheilt. 1876 schloss mit 17,000 Thaler Verlust. 

Elbiuger Dampfspiuuerei. Gegründet 1872 von dem 
Geh. Commerzienrath Moritz Simon (Simon Wittwe Söhne) in 
Königsberg i. Pr. 

Hageuauer Spinnerei uud Wel)erei, früher Horst- 
mann & Co. zu Hagenau im Elsass. Gegründet October 1872 
mit 200,000 Thaler Actien, von dem früheren Abgeordneten, 
Consul Gustav Müller, Ismar Neumann und Max Altmann 
(Neumann & Co.) und Louis Lübke in Berlin. 

Weissthaler Actieu-Spinuerei, früher A. H. Reimann 
zu Weissthal - Kockisch in Sachsen. Verspätete Gründung, 
noch Juni 1875 gewagt von August Hermann Reimann (F. W. 
Reimanu), PaulCalmus etc. inBerlin. Grundcapital 200,000 Thaler. 

Die Gründung der Erdmannsdorfer Spinnerei, bis 
dahin der Preussischen Seeliandlung gehörig, uud 
das traurige Schicksal dieser Gründung liefern wieder 
ein schlagendes Beispiel von dem unheilvollen Treiben 
der raanchesterlichen „Volkswirthe" im Parlament. 

Die Seehandlung, ein seit 1772 bestehendes Staats- 
institut, besass eine Reihe von industriellen Etablis- 
sements, die sich mehr oder weniger in blühendem 
Zustande befanden, und durchweg eine gute Rente 
abwarfen. Trotzdem oder gerade deswegen ver- 
langten die „Volkswirthe" die Veräusserung dieser 

22* 



— 340 - 

Etablissements, indem sie bald die Erträge für zu 
gering erklärten und nachdrücklichst versicherten; ein 
Privatbetrieb müsse ungleich höhere Gewinne erzielen, 
bald ihren alten unsinnigen Lehrsatz wiederkäueten: 
der Staat als solcher dürfe sich mit dergleichen nicht 
befassen, dürfe selber weder Gewerbe noch Handel 
treiben. Leider vermochte die Regierung, in der. 
ja selber Manchesterleute sitzen, diesem Andrängen 
nicht zu widerstehen, und so musste die Seehandlung 
ein Etablissement nach dem andern abstossen. Be- 
sonders nachgiebig erwies sich der Finanzminister 
Herr Camphausen, und als die parlamentarischen 
„Volkswirthe" in der Session von 1871, also mitten 
in der Schwindelperiode, stürmischer denn je for- 
derten, die Regierung möge mit dem „unergiebigen" 
Besitz der Seehandlung reinen Tisch machen, entschloss 
sich der Minister auch die Erdmannsdorfer Spinnerei 
zu opfern. Nach einer Mittheilung der „Neuen Börsen- 
zeitung" sollten Käufer, „die des Gründens verdächtig 
sind", nicht zugelassen werden, aber gerade profes- 
sionelle Gründer erhielten den Zuschlag: Robert 
Thode & Co. und die Preussische Boden-Credit-Actien- 
Bank (Richard Schweder). Welchen Preis sie gezahlt, 
ist nicht einmal dem Landtag genau bekannt ge- 
worden, aber Herr Sonnemann aus Frankfurt a. M., 



— 341 — 

der zu den „Wissenden" gehört, versicherte am 
4. April 1873 im Deutschen Reichstag, der Gründer- 
verdienst sei ein so grosser gewesen*), dass der Re- 
gierung die Pflicht obgelegen hätte, die Kaufsumme 
zu veröff"entlichen, und da sie dies nicht gethan, so 
treffe sie der Vorwurf, dazu beigetragen zu haben, 
um „das Publikum täuschen zu lassen". Trotz des 
enormen Gründeraufschlages wurden die Actien zum 
Course von 103^2 aufgelegt! 

Nicht nur, dass die Regierung den Raub an den 
unglücklichen Actionären ruhig geschehen Hess, sie 
erwies sich den Gründern auch in anderer Weise 
gefällig. Ausser P/.. Millionen Thaler Actien fabri- 
cirten Thode und Genossen noch 1 Million Thaler 
Prioritäten, und diese belieh die Seehandlung, für 
welche auf dem verkauften Etablissement eine Cau- 
tions - Hypothek eingetragen wurde. Während die 
Erdmannsdorfer Spinnerei unter fiscalischer Verwal- 
tung, bei „sehr hoch bemessenen Abschreibungen", 
durchschnittlich S'^/o Reinertrag abwarf, hat die mit 
27-2 Millionen Thaler belastete Actiengesellschaft 



*) Nach einer Version zahlten die Yorkäufer 950,000 Thlr., 
und sie brachten das Etablissement in die Actiengesellschaft 
für 1,250,000 Thaler ein, aber ohne die „Vorräthe"! Die Beute 
der Gründer würde also auf 400,000—500,000 Thaler, gleich 
50*^/0, zu veranschlagen sein!! 



— 342 — 

pro 1875 nur P/o Dividende vertheilen können, und 
1876 soll sogar mit grossem Verlust schliessen. Daher 
sind die Actien bis etwa 15 gesunken, daher wird 
die Seehandlung, wegen weiterer Belassung des Lom- 
barddarlehns, neuerdings schwierig, und leicht kann 
sie in die Lage kommen, das Etablissement wieder 
zurücknehmen zu müssen. 

Man sollte nun glauben, solch skandalöse Vor- 
gänge würden die „Volkswirthe" etwas einschüchtern. 
Aber weit gefehlt! Noch am 2. März 1876 forderte 
der fortschrittliche Abgeordnete, Kaufmann Louis 
Uhlendorff aus Hamm in Westphalen, unter Vorfüh- 
rung derselben stereotypen Phrasen, frank und frei den 
Verkauf der Bromberger Mühlen, welche gleichfalls 
der Seehandlung eignen; und der Regierungscom- 
missar, anstatt den Herrn mit einem Hinweis auf 
das Schicksal der Erdmannsdorfer Spinnerei ordent- 
lich abzutrumpfen, antwortete nur schüchtern: Die 
Regierung sei zwar principiell durchaus nicht gegen 
den Verkauf, aber einstweilen müsse derselbe auf 
Einspruch des Handelsministers, im Interesse der 
Flösserei und Schifffahrt, die sonst sehr geschädigt 
würden, noch unterbleiben. 

In derselben Sitzung hatte Herr Eugen Richter 
den Muth, den Finanzminister Camphausen ausdrück- 



— 343 — 

lieh zu beloben, dass dieser „den Kreis der Geschäfte 
der Seehandlung verringert durch die Veräusserung 
der Erdmannsdorfer Spinnerei", und dass er „die 
Auflösung der Berliner Leihanstalten in Anregung 
gebracht". Herr Camphauseu ist der constitutionelle 
Musterministei" der vereinigten „Liberalen", und dem 
Verlangen der parlamentarischen „Volkswirthe"gemäss, 
wollte er mit dem Schlüsse des Jahres 1875 die 
Königlichen Leihämter in Berlin, die auch unter 
Verwaltung der Seehandlung stehen, aufheben und 
sie der Stadt überlassen. Aber die städtischen 
Behörden verweigerten die Uebernahme, und der 
grosse Volkstribun Eugen Richter erklärte in der 
Stadtverordneten-Versammlung: die Leihämter dienten 
vorzugsweise dem Leichtsinn. Auf ein Haar hätten 
die armen kleinen Leute ihre letzte Zufluchtsstätte 
verloren, wären sie den in BerUn wie Ungeziefer 
sich mehrenden Blutsaugern von Pfandscheinschie- 
bern und Rückkaufshändlern auf Gnade und Un- 
gnade überantwortet worden — da erbarmte sich 
ilirer die Regierung und Hess die Leihäniter einst- 
weilen noch fortbestehen. Doch Herr Eugen Richter 
ist ein „Volkswirth" von unerschütterlichen Grund- 
sätzen, und deshalb fügte er dem Lobspruch, den er 
dem Finanzminister ertheilte, die Mahnung bei: „Ich 



— 344 — 

wünsche, class die Auflösung (der Leihämter) im In- 
teresse der Berliner Bevölkerung sich möglichst bald 
vollziehe" — indess Herr Camphausen scheint dieser 
Mahnung neuerdings doch nicht mehr nachkommen 
zu wollen. 

An jenem Tage fand gegen die Seehandlung über- 
haupt, die als Bankinstitut den jüdischen Banquiers 
ein Dorn im Auge ist, ein neuer grosser Ansturm 
statt. Aber die Rollen waren gewechselt. Früher 
hatten Lasker und Eugen Richter die Seehandlung, 
als gemeinschädlich und verfassungsgefährlich, scharf 
bekämpft; und es durchgesetzt, dass der Finanz- 
minister das Capital derselben reduciren musste; 
doch heute vertheidigten sie Beide die Seehandlung 
mit allem Aufgebot christlicher und jüdischer Dia- 
lektik. Den Angriff leitete der Mecklenburgische 
Flitter, Herr von KardorfT, der Vertraute des Herrn 
Gerson von Bleichröder, dem er bei verschiedenen 
grausam grossen Gründungen geholfen, und um des- 
sentwillen er sich auch vom Freihandel zum Schutz- 
zoll bekehrt hat. Aus zärtlicher Liebe zu der noth- 
leidenden Laurahütte, einer natürlichen aber schreck- 
lich missrathenen Tochter des Herrn von Bleichröder, 
die Herr von Kardorff aus der Taufe gehoben, schwärmte 
dieser wandelbare Edelmann für das Fortbestehen 



— 345 — 

der Eisenzölle, und aus dankbarer Verehrung für 
Laura's tiefbekümmerten Vater agitirte er für die 
Aufhebung der Seehandlung, welche er vor kaum 
drei Jahren gegen die Herren Lasker und Eugen 
Kichter gar hoch gerühmt und gepriesen, weil die- 
selbe inzwischen Herrn von Bleichröder zu Gunsten 
der Disconto- Gesellschaft vernachlässigt hatte. Um 
dies zu verstehen, muss man Folgendes wissen: 

Ehe Herr Camphausen das Finanzministerium 
erhielt, war er bekanntlich Präsident der Seehandluug. 
Schon damals stand er zur Disconto-Gesellschaft in 
freundschaftlichen Beziehungen, und nachdem er Mi- 
nister geworden, bewies er ihr noch grössere Gunst. 
So Hess er ihr 1872, während des Gründungsschwin- 
dels, durch die Seehandlung aus den Beständen des 
Staatsschatzes drei Millionen Thaler gegen 2^/^% 
Zinsen und ohne Unterlage vorstrecken! Ein Freund- 
schaftsstück, das denn doch dieAmtsbefiiguiss des Herrn 
Ministers weit überschritt und das für ihn sehr ge- 
fährlich hätte ablaufen können!! Diese unerlaubte 
Zuwendung von Staatsgeldern an die Disconto-Gesell- 
schaft, die damals theils auf eigene Hand, theils in 
Verbindung mit Gerson Bleichröder leidenschaftlich 
der Gründerei oblag, verletzte das zartbesaitete Ge- 
müth des Letzteren gar sehr, und brachte die beiden 



— 346 — 

Kameraden etwas auseinander. Ebenso bestand eine 
gewisse Rivalität zwischen der Seehandlung und der 
Preussischen Bank, deren Prcäsident, Herr von Dechend, 
nicht dem Finanzminister, sondern dem Handels- 
minister untergeben war. Herr Camphausen hat sich 
wiederholt mit den Massnahmen der Hauptbank nicht 
einverstanden erklärt, und andererseits wurden wieder 
Klagen laut, dass die Seehandlung die Disconto-Politik 
der Hauptbank gefährde und durchkreuze. Nachdem 
die Preussische Bank, Dank Herrn Ludwig Bamberger^ 
in die Reichsbank umgewandelt, tritt jene Rivalität noch 
schärfer hervor, erschallen diese Klagen noch lauter. 
An jenem Tage gab ihnen nun namentlich Herr 
von Kardorlf beredten Ausdruck; er verstieg sich zu 
der Behauptung, dass „zu der grossen Ueberspecu- 
lation" (soll heissen: Gründungswuth) der Schwindel- 
jahre hauptsächlich die Seehandlung mit beigetragen 
habe, und dass die selbständige Existenz derselben 
neben der Reichsbank gar nicht zu dulden sei. Ihm 
secundirte Herr Professor Nasse aus Bonn, ein sehr 
blasser, noch stark im Manchesterthum steckender 
,;Kathedersocialist", der gleichfalls für Aufliebung der 
Seehandlung plaidirte, und es für weiser und con- 
stitutioneller hielt, disponible Staatsgelder der Reichs- 
bank, wenn auch nöthigenfalls zinslos (!) zu über- 



— 347 — 

weisen. Der conservative Abgeordnete von Wedell- 
Malchow wollte die Seehandlung nicht aufheben, son- 
dern ihr nur die Betheiligung an Consortialgeschäfteu 
untersagen; und obwol dieser Herr auch bei mehren 
Gründungen thätig gewesen ist, so verdient seine Rede 
doch volle Beachtung. 

Er warf der Seehandlung mit Hecht vor, dass sie 
ihren Charakter als Staatsinstitut compromittirt habe, 
indem sie bei den fragwürdigsten Gründungen und 
Emissionen von S. Bleichröder, der Disconto-Gesell- 
schaft und Anderen Hülfe leistete, als Agent und 
Commissionär der grossen Gründerhäuser auftrat, 
und dadurch ebensowohl das Publikum me das 
Reich geschädigt hat. Beispielsweise war die See- 
handlung in der Schwindelperiode consortialiter be- 
theiligt an den Russischen Centralbodencreditpfand- 
briefen, an den Actien und Obligationen der Gott- 
hardbahn, an den Prioritäten von Halle-Sorau- Guben 
und Hannover-Altenbecken, an den Actien des Berg- 
werks Gelsenkirchen und an den Partial-Obligationen 
der Dortmunder Union — lauter Papieren, die heute 
mehr oder weniger anrüchig sind, und die fast alle 
am Course so erschrecklich verloren haben. Gelsen- 
kirchen, noch kurz vor dem Krach verübt, bezeichnet 
den Gipfel der Agiotage. Die öOprocentigen Interims- 



— 348 — 

scheine wurden ä 118% ausgegeben, also zum 
Course von 136, und alsbald getrieben bis 175, was 
einem Course von 250 entspricht. Da das Grund- 
capital 4V2 Millionen Thaler beträgt und die Voll- 
actie heute nur noch etwa 80 notirt, ist das Publikum 
bei dieser einzigen Gründung um 4—5 Millionen 
Thaler geprellt. Die Partial-Obligationen der famosen 
Dortmunder Union in Höhe von 6 Millionen Thaler 
fanden an der Börse kein Unterkommen mehr, und 
die Seehandlung hat sie beliehen, kann aber dabei 
sehr zu Schaden kommen, da die ganze „Union" 
schwerlich so viel werth ist wie die bestellte Hypo- 
thek. Die Seehandlung hat dem Reichsinvalidenfonds 
die Unmasse ungarantirter Eisenbahnprioritäten zu- 
geführt, die heute kaum verkäuflich und überhaupt 
von zweifelhaftem Werthe sind; und selbst Herr Eugen 
Richter äusserte in jener Sitzung, sie habe aus Freund- 
schaft für ihre Consortien etwas theuer gekauft, und 
sie hätte vielleicht andere Papiere besorgt, wäre sie 
nicht bei Halle -Sorau- Guben und Hannover -Alten- 
becken selber betheiligt gewesen. Alle diese Consor- 
tialbetheiligungen, Lombardgeschäfte und die Ankäufe 
für den Reichsinvalidenfonds waren zumeist Liebes- 
dienste, welche die Seehandlung der Disconto-Gesell- 
schaft der Herren von Hansemann und Miquel er- 



— 349 — 

wies, und theils das Publikum, theils der Staat haben 
die Unkosten tragen müssen. 

Alle Parteien, alle Redner, auch die Herren Las- 
ker und Eugen Richter, waren einig in der Verur- 
theilung der Seehandlung; Niemand mochte sie von 
den begangenen Sünden freisprechen, das ganze Haus 
gab schweigend zu, dass sie sich in schlechter Ge- 
sellschaft bewegt und durch ihre Aufführung auch 
die Regierung in üblen Geruch gebracht hat. Die 
Vertheidigung des Regierungscommissars, „vorbehalt- 
lich einer bessern Einsicht seines hohen Herrn Chefs", 
war matt; und der „hohe Herr Chef", Minister Camp- 
liausen, wusste eigentlich auch nichts weiter zu sagen, 
als dass er auf die „Verleumdungsära" anspielte und 
schwermüthig fragte: „Was ist denn noch überhaupt 
in neuerer Zeit gegen Klagen und Verdächtigungen 
geschützt gewesen? War das irgend ein Institut, 

war das irgend eine Person?" Das rührte die 

vereinigten „Liberalen", und wiewol Herr Eugen 
Richter die Seehandlung „eine Sparbüchse für Staats- 
streiche" nannte, ein Mittel, wodurch „das Ministerium 
ohne Genehmigung des Landtages sich Geld ver- 
schaifen kann" — so stimmten sie doch, gegen ihre 
eigene Ueberzeugung und gegen ihre eigenen Wünsche, 
für das Fortbestehen der Seehandlung in ungeschmä- 



— 350 — 

lerter Competenz, bloss um, wie sie erläuterten, dem 
Finanzminister kein Misstrauensvotum geben zu lassen. 
Herr Campbausen bewies sich wieder als der con- 
stitutionelle Musterminister, indem er äusserte: „Die 
Seehandlung ist eine der Eigenthümlichkeiten des 
Preussischen Staatswesens, und wenn mir die Aufgabe 
gestellt würde, diese Eigenthümlichkeit rein aus philo- 
sophischen Gründen begründen zu sollen, wenn mir 
die Pflicht auferlegt würde, die absolute Nothwen- 
digkeit nachzuweisen, dass der Staat ein solches In- 
stitut haben müsse, dann würde ich vor dieser Auf- 
gabe zurückschrecken." Herr Camphausen schien 
durchblicken zu lassen, dass eine Aufhebung oder 
doch Umgestaltung der Seehandlung wol in späterer 
„ruhigerer" Zeit erfolgen könne; und namentlich das 
gewann ihm die Stimmen der vereinigten „Liberalen". 
Aber auch dazu dürfte nicht die geringste Aussicht 
sein. Die Regierung würde sehr unvorsichtig handeln, 
wollte sie, zumal jetzt, wo sie schon die Preussische 
Bank geopfert hat, auch noch die Seehandlung ein- 
gehen lassen. Die Seehandlung ist der Banquier des 
Staats, der ihm zu allen Zeiten die grössten Dienste 
geleistet, der ihm bei Anleihen, Finanzoperationen etc. 
stets rathend und helfend zur Seite gestanden hat. 
Ohne die Seehandlung wurde die Regierung, z. B. 



— 351 — 

i)ei einem Conflict mit dem Parlament, schachmatt 
gesetzt werden können, in die drückendste unwür- 
digste Abhängigkeit von der Bamberger'schen Reichs- 
bank gerathen, die thatsächlich von einem, vorwiegend 
aus Juden und Judengenossen zusammengesetzten 
„Centralausschuss", von dem Sanhedrin oder Hohen 
Rathe zu Neu -Jerusalem regiert wird. Zwischen 
beiden Instituten besteht ein himmelweiter Unter- 
schied. Die Seehandlung ist eine Deutschconserva- 
tive Staatsanstalt, die Reichsbank dagegen ist blos 
eine Semitisch-nationalliberale Actiengesellschaft, die 
auch eines schönen Tages krachen und liquidiren kann. 



Eine dritte Gruppe von Gründungen bilden die 
nachstehenden Gesellschaften : 

Appretur, Decatur und Färberei, vormals C. G. Ullrich 
iu Berlin. Gegründet November 1871 von Isidor Mamroth, 
Oscar Mamroth, Ferdinand Oppenheim (Oppenheim & Co.) 
und dem Abgeordneten, Geh. Admiralitätsrath Theodor Jacobs 
in Berlin, mit 130,000 Thaler Actien und 100,000 Thaler 
Hypotheken. Für das erste Geschäftsjahr von drei Monaten (!) 
■wurden künstlich 2* '2 Thaler pro Actie vertheilt, und dies als 
lOprocentige Dividende bezeichnet!! 1872 und 1873 gab es 0, 
1874 — 2 und 1875 endlich 5%. Die Actien, einst 115, waren 
1873 , wo man bereits die „Entgründung" versuchte , unter 40 
gesunken, und haben sich inzwischen wieder bis ca. 55 erholt. 
Von Seiten der Staatsanwaltschaft sind Recherchen angestellt 
■worden, die jedoch zu einer Anklage nicht geführt haben. 

Gleich nach Gründung der Gesellschaft eröffnete der 



— 352 — 

Bruder des Vorbesitzers eine ähnliche Anstalt, und suchte die 
früheren Kunden anzulocken, worauf sich zwischen beiden 
Etablissements ein Wettkampf um den Kutscher des alten Ge- 
schäfts entspann, den die „Neue Börsenzeitung" gar ergötzlich 
folgendermaassen schilderte : 

„Eine Appretur und Decatur, kürzlich mit vielen Mühen 
in eine Actieu- Gesellschaft verwandelt, und jetzt auch nur 
deshalb Actien-Gesellschaft , weil die früheren Privat-Besitzer 
Haupt- Actionäre sind, hat schon Mühe gehabt, einen Director 
zu kriegen, da der alte Besitzer bekanntlich von der Leitung 
zurückgetreten ist, und der Bruder desselben gleichfalls nicht 
nur abgelehnt, sondern obendreiu ein Concurrenz-Geschäft in 
unmittelbarer Nähe der alten Firma etablirt hat. Schwerer 
aber noch war es den alten Kutscher an die alte Appretur zu 
fesseln. Wenn so ein Kutscher mal in's Steigen geräth, ist 
er rapider als Lombarden, wenn sich für sie ein Hausse-Con- 
sortium gebildet hat. Der Concurrenz-Appreteur, wohl ein- 
sehend, dass ein guter Kutscher der eigentliche Director einer 
alten Appretur ist, und durch seine Kenntniss der Kundschaft 
und dergl. für ein neues Unternehmen von grossem Nutzen 
sein müsste, Hess die Sirenentöne einer Gehaltserhöhung er- 
klingen, statt 15 Thlr. bot er 20 Thlr. Monatslohn. Der 
alten Appretur wiederum musste Alles daran liegen, dem 
neuen Director den alten Kutscher zu erhalten, sie überbot 
daher den Concurrenteu und bewilligte 25 Thlr. Dieser setzte 
nun 30 Thlr. auf die Karte des Kutschers, was wiederum ein 
Gebot von 35 Thlr. Seitens der Gegenpartei zur Folge hatte. 
Und so weiter. Der Rosselenker wurde so durch zwei sich 
reibende feindliche Elemente auf ein monatliches Gehalt von 
60 Thlr. hinaufgeschraubt, und zwar blieb zu diesem Preise 
die alte Appretur Regarde über den Kutscher. 60 Thlr. sind 
für einen Kutscher eine ziemliche Courssteigerung, und was 
Ullrichs Kutscher hier vollbracht hat, das kann Lehmann's 
Kutscher nicht." 



— 353 — 

Die Anspielung auf „Lehmann's Kutscher" ist in Berlin 
allgemein verständlich, aber für Auswärtige leider nicht über- 
setzbar. Das Geschichtchen dagegen ist eins unter hundert 
Beispielen, dass die Lohnsteigerungen und die Strikes, Seitens 
der Arbeiter und Bediensteten, eine nothwendigc Folge der 
Gründungen waren, und von den Actiengesellschaften syste- 
matisch genährt und selber betrieben wurden. 

Kunst- und Schönfärberei, vormals Thiele & Seegei;s 
in Kummeisburg bei Berlin. Gegründet September 1872. Das 
Actiencapital mit 323,000 Thaler wurde aufgelegt von Albert 
Hoifmann & Co. in Berlin, Rossstrasse 6. Dazu 97,000 Thaler 
Hypotheken. Aufsichtsrath u. A.: Consul Lesenberg in Rostock. 
Im Prospect rechneten die Vorbesitzer, welche die Leitung 
behielten und G0,000 Thaler Actieu übernahmen, löVa^'/o Divi- 
dende vor, und garaiitirten auf drei Jahre mindestens lO^^/o. 
Von dieser Verpflichtung Hessen sie sich in der Generalver- 
sammlung am 7. Mai 1875, wo die wirklichen Actionäre heftig 
opponirten, entbinden, und zugleich beschloss man, die Hälfte 
der Actien zu meucheln, um so die grossen Verluste zu decken. 
Letzte Dividenden 0. Cours auch 0. 

Stückfärberei, Appretur und Maschinenfabrik, früher 
Stadtrath Gebauer in Charlottenburg. Gegründet August 
1872 von dem Vorbesitzer, welcher die Leitung behielt, von 
Isaac Simon (Gebrüder Simon), Commerzienrath Victor Ludwig 
Wrede, Paul Gravenstein und Bank-Assessor Hermann Löwen- 
feld in Berlin, Geh. Regierungs-Baurath August von Derschau 
in Charlottenburg. Aufsichtsrath u. A.: Hermann Richter in 
Berlin. Uebernahmepreis 650,000 Thaler, ohne die Vorräthe! 
Actiencapital 650,000 Thaler, welches die Centralbank für 
Industrie und Handel zum Course von 102 auflegte! Dazu 
200,000 Thaler Hypotheken ! ! Erste und einzige Dividende 5%. 
Cours etwa noch 10. 

Färberei und Appretur, früher Gebrüder Alexander 
in Schönweide bei Berlin. Gegründet October 1871, mit 

Glagau, Der Börsonschwindel. II. 23 



— 354 ^ 

430,000 Thaler Actien und 100,000 Thaler Hypotheken, von 
R. A. Seelig, Hermann Frenkel (S. Frenkel), Julius Friedländer, 
Jacob Landsberger, Leopold Ring, Siegmund Sobernheira und 
Adolf Sobernheim in Berlin. Erster Revisor: Hermann Leu- 
buscher in Berlin. Director: der Vorbesitzer Elias Alexander 
(Gebr. Alexander) in Berlin. Erste und einzige, dazu kimst- 
liche Divende 6"V December 1874 begann die „Entgründung", 
und das Etablissement sollte vor dem Notar Hecker freihändig 
verkauft werden. Doch fand sich nur Ein Bieter, und der- 
selbe offerirte 105,000 Thaler, was nach Abzug der Hypotheken, 
etwa 2''/o für die Actie ergeben haben würde. 

Färberei und Appretur, vormals Heinrich Körner in 
Chemnitz. Gegründet März 1872 mit 400,000 Thaler Actien 
und 50,000 Thaler Hypotheken. Der Prospect begann höchst 
schwungvoll: „In Chemnitz, dem Deutschen Manchester etc.", 
und nannte als Aufsichtsräthe: Leopold Hadra und M. S. 
Meyer jun. in Berlin, Rudolf Körner (Bej^er & Körner), Bruno 
Sieler und Hermann Breyer in Chemnitz. Von dem Actien- 
capital, welches die Weimarische Bank und die Geraer Bank 
auflegten, übernahm der Vorbesitzer, Oscar Körner, 80,000 
Thaler, und er behielt auch die Leitung. Die erste Dividende 
von 7^0 war gemacht; die zweite und letzte betrug 4%. Um 
den rasch gesunkenen Cours wieder zu heben, veröfi'entlichte 
die Direction, die sich im Uebrigen durch mancherlei Un- 
glücksfälle auszeichnete, periodisch eine vergleichende Ueber- 
sicht der gefärbten und appretirten Stücke — einer der zahl- 
losen Kniffe, durch welche man das Publikum zum Anbeissen 
zu verlocken suchte. Nachdem das Grundcapital um die Hälfte 
gekürzt ist, notiren die Actien etwa noch 15. 

Stückfärberei in Elberfeld. Gegründet März 1872 mit 
500,000 Thaler Actien. Verwaltungsrath: August Prisack, 
Eduard Gebhard, Hermann Boeddinghaus, Hermann Dillenberg, 
Georg Cohnitz und Albert Kaufmann. 

Berliner Wollbauk und WoHwäsclierei. Entstand 



— 355 — 

durch "Vorkauf des Geschäfts von Alexander Krüger und ver- 
schiedener Grundstücke von Siegfried Lövinson, welche Beiden 
die Gesellschaft December 1871 gründeten in Gemeinschaft 
mit: Louis Lövinson, Ferd. Jäger, Robert Kemnitz, Hermann 
Schomburg, Otto Nitze, Director der lüimäuischen Eisenbahn- 
gesellschaft und Eduard Nitze in Berlin. Actiencapital 
250,000 Thaler, welche H. Hirschberg, Spandauer Brücke 7, 
auflegte. Dazu 193,000 Thaler Hypotheken. Directoren: 
Alexander Krüger und Ed. Nitze. Aufsichtsrath: Freiherr Otto 
von Schleinitz. Die Actien, welche einst 112 standen, haben 
jeden Cours verloren, und Seitens der Staatsanwaltschaft ist 
eine Untersuchung vorgenommen. 

Der Mitgründer Ferd. Jäger, jetzt in Wiesbaden, richtete 
an den Verfasser dieses Buches einen Brief, worin er sagt: 
Erst kürzlich aus Amerika zurückgekehrt, wurde ich in der 
Freimaurerloge von Siegfried Lövinson zu dem Unternehmen 
überredet, vertraute auf sein Bruderwort, und habe, vielleicht 
der Einzige, die gezeichnete Summe voll eingezahlt. Als ich 
später die Handlungsweise der Directoren und Aufsichtsräthe 
nicht billigen wollte, hat man mich aus dem Verwaltungsrath 
gestossen. — Wenn die Erzählung wahr ist, so beweist sie 
nur, dass selbst in gewissen (Simultan-) Logen Gründungen be- 
trieben wurden, und dass auch Freimaurer und Bundesbrüder 
einander „geleimt" haben. 

Woll-lmport-Gescllschaft iu Berlin. Gegründet April 
1872 von Julius Nelke (A. Paderstein), Eduard Freiherr von 
der Heydt, Abgeordneten Richard Hardt (Hardt & Co.), Franz 
Mendelssohn (Mendelssohn & Co.), Adalbert Delbrück, Ernst 
Hergersberg, Hugo Oppenheim (Robert Warschauer & Co.), 
Wilhelm Rhodius, Hermann Wallich und Abgeordneten Dr. 
Georg Siemens (Deutsche Bank), Nahum Joseph, Gustav Ebel, 
Philipp Hcnschel (Berliner Producten- und Handelsbank), 
Georg Fraustädter und Albrecht Witte (Internationale Handels- 
gesellschaft) in Berlin, Conrad Gädecke (Johann Conrad Jacobi) 

23* 



— 356 — 

in Königsberg i. Pr. , Commerzienrath Samuel Salomon in 
Schwerin (Mecklenburg). Actiencapital 1 Million Thaler. Hat 
liquidirt, und dürfte das eingezahlte Grundcapital verloren sein. 
Landwirtlischaftliclie Central -Wolhvasch- Actien - Ge- 
sellschaft in Berlin. Gegründet April 1873 von dem Privat- 
schreiber Richard Seydler in Berlin, der sich „Doctor" und 
„Professor" nannte, in Gemeinschaft mit dem Kaufmann Hilde- 
brandt verschiedene sehr übel berüchtigte Gründungen, wie 
„Hypothekar-Credit- und Baubank", „Actiengesellschaft für 
öffentliches Fuhrwesen in Potsdam", ,,Provinzialbaubank" etc., 
verbrochen hat, und 1874 ebenso wie sein Cumpan, zu 
IV2 Jahren Gefängniss verurtheilt wurde. Als Mitgründer 
nennt das Statut: Rittergutsbesitzer Paul Sommer auf Grünau, 
Hartwig von Behr-Negendank auf Lübschin, Emil Sommer, 
Rudolf Noack, Paul Bischoff, Bruno Weimann, Louis Benken- 
dorff, Anton Hildebrandt und Oberst z. D. Hermann von 
Gleissenberg in Berlin. Actiencapital 300,000 Thaler. 1874 
wurde die Liquidation beschlossen , und 1875 die nothwendige 
Subhastation der Grundstücke verfügt. 

Uckerinärkisclie Wollbank und Wollwäscherei in 
Prenzlau. Gegründet Mai 1872 mit schliesslich 120,000 Thaler 
Actien. Aufsichtsrath u. A.: Wilhelm Flügge in Prenzlau 
und Abgeordneter, Ritterschaftsrath von Wedell - Malchow. 
Letzte Dividende 0. 

Bremer Wollwäscherei. Gegründet März 1872 mit 
200,000 Thaler Actien. Dividenden von 1873 bis 1875: 0, 
und resp. 6%. 

Die Coursverluste, welche das Publikum bei den 
Textil-Gründungen erfahren, sind auf etwa 25 Mil- 
lionen Thaler zu schätzen; bei den chemischen Fabri- 
ken betrugen sie etwa 20 Millionen Thaler, bei den 
Gas-, Papier-, Zucker-, Glas-, Leder-, Gummi- und 



— 357 — 

Tabaksfabriken etwa 30 Millionen Tlialer, zusammen 
also ca. 75 Millionen Thaler. 

Eine stattliche Anzahl von Parlamentariern ist 
bei diesen Gründungen thätig und behülflich gewesen, 
hat sie entweder mitverfasst oder sie doch durch 
Hergeben ihres Namens dem Publikum empfohlen, 
und wurden in den letzten drei Capiteln folgende 
Herreu genannt: Guido, Graf Henckel von Donners- 
marck. Geheimer Admiralitätsrath Theodor Jacobs, 
Justizrath Dr. Carl Braun (Wiesbaden) und Geheimer 
Oberregierungsrath Dr. Ernst Eugel in Berlin, Stadt- 
rath Reinhard Fröhner in Dresden, Rechtsanwalt 
Rudolf Thiel in Bautzen, Freiherr Ernst von Eckard- 
stein-Proetzel, Rechtsanwalt Wölfel in Merseburg, 
Hermann Zuckschwerdt in Magdeburg, Advocat Her- 
mann Schreck in Pirna und Advocat Emil Lehmann 
in Dresden, Banquier Friedrich Feustel in Baireuth, 
A. G. Mosle in Bremen, Obergerichtsanwalt Wilh. 
Laporte in Hannover, Commerzienrath Theodor Bischoff 
in Danzig, Rechtsanwalt Freund in Breslau, Kreis- 
richter a. D. Schulze-Delitzsch, Kreisgerichtsrath a. D. 
Rudolf Parrisius in Berlin, Stadtrath Hausmann in 
Brandenburg, Dr. Buhl in Deidesheim, Rechtsanwalt 
Scheuck in Wiesbaden, Dr. Georg von Bunsen, Stadt- 
verordnetenvorsteher Dr. Wolfgang Strassmann und 



— 358 — 

Consiil Georg Müller in Berlin, Professor Dr. Carl 
Birnbaum in Leipzig, Stadtrath Adolf Hagen, Kauf- 
mann Richard Hardt und Dr. Friedrich Kammacher 
in Berlin, Dr. Egmont Websky in Wüste-Walters- 
dorf, Rittergutsbesitzer von Simpson- Georgenburg, 
Ritterschaftsrath von Wedell-Malchow. 

Fast alle diese Herren bekennen sich zur „libe- 
ralen" Partei, nur die beiden letzten sind Conserva- 
tive. Einige wenige sind inzwischen ausgeschieden, 
die meisten sitzen noch im Parlament, und sie wurden 
trotz der Anklagen, die man öffentlich gegen sie er- 
hob, wiedergewählt; ja etliche Gründer und Gründer- 
genossen erhielten erst bei den letzten Neuwahlen 
ein Mandat. Ist das nicht Wasser auf die Mühle 
der Socialdemokraten , weil der schlagendste Beweis 
von der tiefen Corruption in unserem öffentlichen 
Leben? Was Wunder, wenn da die neue Lehre der 
Herren Bebel und Liebknecht von den Massen wie 
ein Evangelium begrüsst wird! 



Die Wohlthäter der Gesellschaft. 

Von den Gründer-Ädvocaten — Weshalb der Schwindel von 1870—1873 blu- 
tiger als alle früheren war — Der neue Thurm zu Babel — „Betheiligung" 
der Makler, der Presse und der Bamiuiers — Die „Depots" und die Wäsche- 
rinnen — Gründungen für Baumaterial: Berliner Holzcomptoir, Potsdamer 
Holzfactorei, Anhaltische Holzfactorei , Herzfelder, Dresdener und Frankfurter 
Dampfziegelei, Birkenwerder, Centralfactorei — City, Centralhank für Bauten, 
Ostend, Südend und Cottage — Eduard Mamroth — Antonienhütte, Oderwerke, 
Tippelskirohen, Greppiner Werke, Wusterwitzer Ziegelei, Cementfahriken — 
Deutsche und Sfichsisohe Holzindustrie, Fassfahrik Wunderlich, Nenstädter 
Barofiue-Kahmen , Breslauer Möbel , Kathenower und Berliner Holzarbeit, 
Renaissauce — Telegrapheubau und Telegraphenbedarf — Ofenfabriken 
von Dankberg. Arueburg, Keppler und Teichert — Berliner, Schlesisches und 
Tiefenfnrter Porcellan, Bunzlauer Geschirr, Thon- und Cliamottewaaren — 
Metallindustrie, Optische Industrie, Hufbeschlag, Spinn & Sohn, Stobwasser, 
Xenss, Mosgau, Neue Berliner Messingwerke — Herr Christian Wilh. Bor- 
chert und Herr Dr. Engel lösen endgültig die sociale Frage — Bernsteingesell- 
schaft, Westphälische Marmorwerke, Thüringischer Schiefer, Westphälischer 
Draht, Westphälische Union, Deutsche A. G. für Bergbau und Dortmunder 
Bergbau — Mühlen - Kaiserhof, Hotel du >'ord — Bäder: Nudersdorf, 
.lastrzemb, Chrysopras, Liebeustein, Ueiligendamm, Heringsdorf, ßothenfelde 
und Salzungen — Baltischer und Norddeutscher Lloyd, Central-Tauerei, Elb- 
schiffahrtscomptoir, Möbel-Transport, Packetgesellschaft, Grosse Berliner 
Pferdebalin — Deutsches Kunstinstitut, Oelfarbendruck Borussia, Bazar, 
Deutsche Buehhüudlerbank — Sport - Das Alte Testament zu Pferde — 
Fischereigesellschaft Weser 'und Emder Häringslischerei, Berliner Molkerei, 
Breslauer Oelfabriken — Herrschaft Stolzenburg, Vietmannsdorf, Altmär- 
kische, Ostpreussische undPommersche Industrie, Deutsch-Ungarische, Kalker, 
Kheinisch-Westphälische und Bergisch-Märkische Industriegesellsehaft — 
Tivoli. Kroll, Friedrich-Wilhelm-Strasse, Flora und Passage — Aron Hirsch 
Heymann — Berliner Tichmarkt — Magistrat und Stadtverordnete zu Berlin 
— Berliner Neustadt — Neue Berliner Pferdebahn — Stadtrath Hagen und 
die Deutsche ünionbank — Städtische In-enanstnlt — Geschäfte mit Her- 
mann Geber — Kostspielige Verwaltung — Die Kanalisation und die Riesel- 
felder — Schuldenlast und Steuerschraube — Der Rechenkünstler der 
„Vossischen Zeitung". 

„Es hat Gründer und Börsenjobber in der Allonge- 
perücke und mit dem Haarbeutel gegeben. Der Schwin- 



— 360 - 

delgeist der Unternehmer, die Leichtgläubigkeit der 
Actionäre, die Erwerbs- und Genusssucht der Massen 
— das Alles ist immer wieder dagewesen, bei der 
Tulpenmanie in Holland 1634, wie in der ßue 
Quincampoix zu Paris unter Law, und in der Goal 
Hole zu New- York vor dem „Schwarzen Freitag". — 
Diese tiefsinnigen Worte gehören dem „Volkswirth" 
der „Vossischen Zeitung", und sie entfahren ihm bei 
einer Besprechung der „Geschichte der Handelskrisen" 
von Max Wirth, welches Buch er der „Römischen 
Geschichte" von Mommsen gleichstellt, während er 
den Verfasser als „Publicist, Volkswirth, Historiker 
und Statistiker" mit überströmender Feder feiert. 
Aehnlich äusserte sich Justizrath Lesse im Deutschen 
Reichstag am 4. April 1873, als der fürchterliche 
Gründertödter Lasker den zweiten Theil seiner „Ent- 
hüllungen", diesmal ohne Namen zu nennen, zum 
Besten gab. Herr Lesse, der das Actiengesetz mit 
verfasst hat, war natürlich gegen eine schleunige 
Reform desselben, und er meinte, dass Deutschland 
schon 1857 eine „vielleicht ebenso schlimme" Krisis 
erlebt habe, dass aber der Gründungsschwindel in 
England von 1862 bis 1866 ein weit, weit grösserer 
gewesen sei. 

Es kann nicht befremden, dass die Presse und 



— 361 — 

die „Volkswirthe" jetzt als Vertheidiger der Gründer 
und Börsianer auftreten, dass sie das entsetzliche Un- 
heil, welches sie mit angerichtet haben, möglichst zu 
verkleinern und als eine Naturnothwendigkeit hinzu- 
stellen suchen. — Was wollt Ihr denn?! rufen sie 
mit tugendhafter Entrüstung, mit sittlichem Abscheu 
den „Delatoren" und „Verleumdern" zu. Kennt Ihr 
die Geschichte? Habt Ihr nie gehört von dem Tulpen- 
schwindel in Holland, von der Compagnie d'Occident 
in Frankreich, von der Südseegesellschaft in Eng- 
land ? Gründerperioden sind krankhafte Zeitströmungen, 
die das Publikum epidemisch ergreifen, und sie werden 
wiederkehren! Herrscht denn die wirthschaftliche 
Krisis allein in Deutschland, wüthet sie nicht in ganz 
Europa und über den Erdball hin?! 

So wissen diese Leute die Geschichte für ihre 
Zwecke zurecht zu schneiden, die Thatsachen zu ver- 
tauschen und zu unterschlagen. Aber positive Zahlen 
beweisen, dass zu keiner Zeit und in keinem Lande 
soviel Gründungen entstanden sind als von 1870 bis 
1873 in Deutschland — an 1300 Actiengesellschaften; 
dass die Cours- und Verraögensverluste, welche das 
Publikum erlitten, nie und nirgends eine so kolossale 
Summe erreichten, wie heute in Deutschland — etwa 
1500 Millionen Thaler. Gegen die zeitige Krisis ge- 



— 362 — 

halten, war die von 1857 nicht der Rede werth; sie 
ging schnell vorüber, während die gegenwärtige nun 
schon vier Jahre anhält, und ihr Ende noch gar 
nicht abzusehen ist. In England, in Frankreich, in 
Nordamerika, ja selbst in Oesterreich hat der Schwin- 
del immer nur gewisse Kreise ergriffen und geschä- 
digt, und es handelte sich dort in der Hauptsache 
jedesmal nur um eine Börsenkrisis, während bei uns 
Handel und Wandel, Gewerbe und Industrie, alle Ge- 
schäfte und Werkstätten, gross und klein, darnieder 
liegen, weil nämlich die Gründer und Börsianer das 
ganze Volk von oben bis unten ausgeplündert haben. 
Die Gründungen von 1870 bis 1873 waren so 
zahlreich und so bösartig wie in keiner andern Periode. 
Je länger der Schwindel währte, desto zahlreicher 
und bösartiger wurden sie; die meisten und die blu- 
tigsten datiren aus der zweiten Hälfte 1872 und aus 
Anfang 1873. Der Wiener „Krach" brachte natür- 
lich einen grossen Rückschlag, aber in Deutschland 
hörte das Gründen damit noch lange niclit auf; es 
ging, wenn auch schwächer, das ganze Jahr hindurch 
fort, und selbst 1874, ja noch 1875 tauchen verein- 
zelte Gründungen auf, weil man immer wieder auf 
ein baldiges Ende der Krisis, und dann auf eine Fort- 
setzung des Schwindels hoffte. 



— 363 — 

Die Actien der Gründungen von 1870 bis 1873 
auf einandergeschichtet, müssten einen Berg ergeben, 
gegen den der Montblanc wie ein Zwerg erscheinen 
würde. Wo soll diese Papiermasse hin? riefen selbst die 
Börsenzeitungen, wenn ein Windstoss sich erliob und 
der Papier-Chimborasso in's Schwanken kam. Sogar 
Herr Julius Schweitzer von der „Nationalzeitung" 
warnte vor dem allgemeinen „Optimismus" und ent- 
schuldigte seinen „Pessimismus" — zwei Schlagwörter, 
die in jedem seiner philosophischen Börsenartikel 
wiederkehren. Aber das waren und blieben allge- 
gemeine Kedensarten, um den Schein zu retten, um 
sich für spätere Zeiten den Bücken zu decken. Im 
Besonderen empfahl man jedes Unternehmen; nur 
zuweilen, wenn die Gründung gar zu scandalös sich 
anliess, oder die Gründer obscure Leute waren, von 
denen man nichts zu fürchten und wenig zu hoffen 
hatte, fielen die Börsenblätter darüber her und schlach- 
teten sie als Schuld- und Sühnopfer ab. Aber die 
„Nationalzeitung" war, um dergleichen mitzumachen, 
zu „anständig" und zu vornehm; sie lobte Alles und 
Jedes, und wo sie durchaus nicht loben konnte oder 
wollte, da schwieg sie lieber. 

Es kostete Zeit und Umwege, viele Liste und 
Ränke, bis diese Millionen Actien allmälig in die 



— 364 — 

Hände des Publikums gespielt waren. Ein Consor- 
tium übernahm das neue Papier vom andern, und das 
letzte brachte es an die Börse, wo es Wochen- und 
Monatelang von Agenten und professionellen Jobbern 
„gegeben" und, ;genommen" künstlich getrieben wurde. 
Auch die Makler, die nur die Geschäfte vermitteln, 
aber nicht selber speculiren sollen, wurden mit„Posten", 
d. i. grösseren Summen „betheiligt", und „interessir- 
ten" sich nun für das Papier. Ebenso erhielten die 
Vertreter der Zeitungen, jeder einige Actien gratis 
oder zu niedrigerm Course, damit sie die nöthige 
Ptcclame machten. Hauptsächlich aber suchte man 
die Banquiers zu gewinnen, indem man ihnen „Boni- 
hcationen" von 5 bis 20 Procent bewilligte. Die 
Banquiers empfahlen dann das Papier dringend ihren 
Kunden, und Hessen es durch Geschäftsfreunde und 
Agenten über die Provinzen, in jedem Städtchen und 
Dörfchen vertreiben. Nur Börsianer und Speculan- 
ten von Fach zeichneten die neuen Actien, das Publi- 
kum musste erst durch die Presse und durch die 
Banquiers eingefangen werden. Auch musste es mit 
seinen Papieren häufig wechseln, sonst hätten die 
Hunderte von Banquiers, die sich in der Schwindel- 
periode neu aufthaten, nicht existiren können. So- 
bald das Effect um ein paar Procente stieg, rieth 



— 365 — 

der Bauquier eifrig, zu „realisircn" den Gewinn ein- 
zustecken und ein anderes „steigerungsfcähiges" Papier 
zu kaufen, das er gewöhnlich wieder auf Lager hatte. 
Er drang dem Kunden Vorschüsse auf, gewährte ihm 
ein laufendes Conto, und behielt die Actien als Unter- 
pfand. Fielen dieselben im Course, trat eine Baisse 
ein, so verlangte er „Deckung", und wenn sie nicht 
beschafft w-erden konnte, verkaufte er das „Depot". 
So wurden harmlose Privatleute systematisch zum 
Speculiren verführt, nach und nach um ihr ganzes 
Vermögen gebracht. 

Von allen Börseneffecten sind die Industriepapiere 
die fragwürdigsten, aber gerade sie, gerade die faulsten 
von ihnen, gingen in die Hände des kleines Mannes 
über. Nach den Lasker'schen „Enthüllungen" brachte 
die jüdische „Volkszeitung" ein Feuilleton, welches 
gar rührsam von einer armen Wäscherin erzählte, 
die ihre Sparpfennige in einer Actie der vom 
Fürsten Putbus gegründeten Berliner Nordeisenbahn 
angelegt und nun Alles eingebüsst hatte. Allein 
Wäscherinnen und Wittw^en, Kutscher und Hausknechte 
pflegten nicht Eisenbahnpapiere, sondern Industrie- 
sachen zu kaufen, z. B. den Neptun der Herren 
Dr. Braun und Dr. Engel, die Steinhäuser Hütte des 
Herrn Dr. Hammacher, die Dortmunder Union des 



— 366 — 

Herrn Miquel, den Lindenbauverein des Herrn von 
Bonin; und ähnliche Actien, weil dieselben weit be- 
kannter und beliebter waren, in den Zeitungen und 
von den Banquiers weit mehr angepriesen wurden. 



Die populärsten Gründungen waren wol die Bau- 
vereine, für welche Presse und „Volkswirthe" die 
grösste Reclame machten. Sie wurden als edle men- 
schenfreundliche Unternehmungen, als ein Rettungs- 
mittel gegen die Wohnungsnoth gefeiert und fanden 
beim Publikum volles Vertrauen. In Berlin war ihre 
Zahl bald Legion, aber auch in allen anderen Gross- 
städten schössen sie lustig empor, und schliesslich 
war selbst keine Mittelstadt ohne einen oder mehre 
Bauvereine auf Actien. Ebenso entstanden zahlreiche 
Gesellschaften für Baumaterial, von denen einige Holz- 
handel trieben, andere Ziegel, Kalk, Cement und der- 
gleichen producirten. Auch sie wurden mit den besten 
Hoffnungen begrüsst, und ihre Actien fanden willige 
Aufnahme und grosse Courssteigerungen. Wir be- 
schränken uns darauf, folgende vorzuführen. 

Berliner Holz-Comptoir. Gegründet März 1872 von Fr. 
Wilhelm Schramm, Wolf Hermann, Carl Wilhelm Eger, Benny 
Wolff, Maria Wilh. Theodor Müller, Th. Ferd. Schönemann, 
Th. Ferd. Mencke, Carl Coppel, Moritz Löwe, Albert Jonas, 
Landwirth Julius Taddel, Baumeister Fr. Koch, Dr. Gustav 
Lewinstein, Justizrath Otto Lewald und Abgeordneten, Geh. 



— 3G7 — 

Admiralitätsratb Jacobs in Berlin, Albert Fr. Kogge in Char- 
lottenburg, Otto Heinrich Sasse zu Neustadt-Eberswalde. 2 Mil- 
lionen Thaler Actien und 150,000 Thaler Hypotheken. Auf- 
sichtsrath u. A. : Bankdirector Eisentraut in Gera. Dividenden 
8, 8, 6, G^'o und — 0. Cours einst 125, jetzt noch ca. 40. 

Potsdamer Holz-Factorei, sonst Gebrüder Saran. Ge- 
gründet September 1872 von Heinrich Quistorp in Berlin, mit 
500,000 Thlr. Actien, wovon derVorbesitzerFerd. Saran angeblich 
300,000 Thlr. übernahm. Aufsichtsrath : Rechtsanwalt Engels, 
Kaliabis, Julius Koppen und E.Peltzholtz in Potsdam. Dividenden 
von 1872 bis 1875: IG, 6, 6 und resp. S-aO/o. Cours einst 145, 
jetzt ca. 60. 

Berlin- Aulialtische Holz-Factorei. Gegründet März 1873 
von Martin Fränkel, Siegfried Lövinson, Louis Lövinsohn, Adolf 
Ellenburg, Robert Kemnitz und Freiherrn Otto von Schleinitz in 
Berlin, mit 200,000 Thaler Actien. Verspätete Gründung; schon 
October 1873 ward die Auflösung beschlossen. 

Herzfelder Danipfziegelei bei Berlin, früher dem Lehn- 
schulzen A. Schultz gehörig. Gegründet November 1872 von 
Moritz Bamberger, Louis Schwartz und Wolfram Meyer in Berlin. 
300,000 Thaler Actien und 50,000 Thaler Hypotheken. Im 
Prospect war das Actiencapital nur mit 250,000 Thlr. 
angegeben, und M'urde dasselbe aufgelegt bei "Wolfram Meyer 
in Berlin und bei Meyer & Gellhorn in Danzig. „Technischer 
Leiter": der Vorbesitzer, und ausserdem bildeten den „Vor- 
stand": Justizrath Slevogt, Kreisbaumeister "Wendt und Salomon 
Lewin in Berlin. Bamberger und Meyer garantirten für die 
nächsten 2 Jahre eine Dividende von mindestens 6%, und dem 
Prospect war ein Gutachten des Regierungs- und Bauraths 
C. Schwatlo und des Kreisbaumeisters Carl Wendt beigefügt, 
das einen Reingewinn von jährlich 44,000 Thaler, also eine 
Verzinsung von ca. 1G% vorrechnete. Die Bilanz für 1873 
schloss mit 5000 Thaler Verlust, während einer der Aufsichts- 
räthe 17,000 Thaler Gewinn feststellen wollte, aber dafür von 



368 



seinen Collegen aus dem Tempel geworfen wurde. Zu diesen 
skandalösen, öffentlich geführten Streitigkeiten und gegensei- 
tigen Beschuldigungen kamen Prozesse gegen die Gründer wegen 
der Dividendengarantie und wegen der nicht abgenommenen 
Actien mit 50,000 Thaler. October 1876 ward der Concurs 
eröffnet, und die März 1873 mit 110 bezahlten Actien sind 
werthlos. Der Staatsanwalt hat recherchirt, aber wie es scheint, 
ohne Erfolg. 

Dresdener Dampfziegelei in Alt-Striessen. Als Verfasser 
nannte die „Allgemeine Börsenzeitung" den Stadtverordneten 
Rechtsanwalt Ludwig Meyn und die Gebrüder Emil Cohnfeld 
und Eugen Cohnfeld in Berlin. (Emil Cohnfeld war Heraus- 
geber des „Berliner Figaro", zu dessen Begründung Hermann 
Geber das Geld gegeben hatte.) Die sehr unbedeutende Zie- 
gelei wurde Sommer 1873 angeblich für 192,000 Thaler er- 
worben, und die neue Gesellschaft mit 275,000 Thaler Actien 
und 162,000 Thaler Hypotheken etablirt. Doch verweigerte die 
Dresdener Börse die Einführung des Papiers, und in Berlin 
sollen Actien ohne Dividenden-Coupons coursirt haben! Schon 
November 1874 musste der Betrieb eingestellt werden, und das 
mit 437,000 Thalern belastete Etablissement ging Herbst 1875 
in der gerichtlichen Subhastation für noch nicht 26,000 Thaler 
an den Vorbesitzer, Ernst Friedrich zurück. Im August 1876 
soll der Berliner Staatsanwaltschaft gegen die Gründer eine 
120 Bogen lange Denunciation zugegangen sein, und die Unter- 
suchung jetzt in Dresden schweben. 

Frankfurter Dampfziegelei in Frankfurt a. 0. Gegründet 
Februar 1873 von W. von Lockstedt & Besag in Berlin, die 
das verfallene Etablissement den Actionären für 249,000 Thlr. 
aufhalsten. Aufsichtsräthe : Rittergutsbesitzer von Suckow, Ren- 
tier C. Brandes und Banquier Sorsky in Berlin. 1875 wurden 
28,000 Thaler Actien „zurückgeschenkt", 1876 der Concurs 
eröffnet. 

Birkenwerder, Gesellschaft für Baumaterial in Berlin. 



- 369 — 

Gegründet März 1872 von Georg Beer und Max Munk, und 
den unglücklichen Actionäreu für die kolossale Summe von 
890,000 Thaler überwiesen. 560,000 Thaler Actien und 410,000 
Thaler Hypotheken. „Erste Zeiclmer": Aron Hirsch Heymann, 
A. H. Heymann & Co., Paul Munk, Max Munk, Georg Beer, 
Baumeister Walter Kyllmann, Director Wilh. Kremser und die 
Vorbesitzer: Commerzienrath Oscar Krause in Berlin und Wilh. 
Borgfeldt in Birkenwerder. Vorsitzender des Aufsichtsraths : 
Gotthold Heymann; Vorstand: Franz Pernet in Berlin. Für 
das erste Geschäftsjahr von 9 Monaten entfielen 11% Dividende 
und 5600 Thaler Tantiemen; von 1873 bis 75: 4, 2 und resp. 
0%. Cours einst 115, jetzt etwa noch 5. 

Centralfactorei für Baumaterial in Berlin. Gegründet 
December 1872 von Eduard Mamroth, Hugo Mamroth, Jos. 
Wilh. Bergmann, Heinrich Wilhelm Bergmann, Leo Wollen- 
berg, Ignatz Hantke, Amandus von Lieben, Stadtrath Dr. Aloys 
Stört, Paul Emil Rosenfeld, Louis Fonrobert, Maler Carl Sievers 
in Berlin. 650,000 Thaler Actien und 250,000 Thaler Hypo- 
theken. Eine Gründung, die noch kurz vor dem Krach das 
Publikum ausserordentlich anzapfte. Die mit 100 eingeführten 
Actien gingen in ein paar Monaten bis 220, während sie heute 
etwa 10 stehen. Gleich das erste Geschäftsjahr schloss mit 
einem grossen Verlust, da der Vorstand, Baumeister Hilke, 
sich bei Mauersteinen, die er auf Lieferung kaufte, arg ver- 
speculirte. 

Fast dieselben Personen, nämlich Eduard und Hugo Mam- 
roth, Joseph und Heinrich Bergmann, von Lieben, Rosenfeld, 
Fonrobert, Hilke, Dr. Stört, Georg Sievers und Carl Sievers 
gründeten am selben Tage die 

Baugesellscliaft City in Berlin mit 600,000 Thlr. Actien, 
welche damals bis 175 getrieben wurden und dann bis circa 
8 sanken. 

Die Mutter beider Gesellschaften war die am 1. März 1872 
errichtete 

Glagau, Der Börsenseliwindel. II. 24 



— 370 — 

Centralbank für Bauteil in Berlfn. Gründer: Geh. Ad- 
miralitätsrath Wandel, Dr. A. Stört, Ferd. Oppenheim, Leo 
Wollenberg, Heinrich Bergmann, Ignatz Hantke, Isidor Mam- 
roth und Hugo Mamroth. Actiencapital schliesslich 5 Millionen 
Thaler. Cours einst 420, jetzt etwa noch 12. Diese sehr frucht- 
bare Mutter setzte ausserdem noch folgende Kinder in die Welt: 

Baugesellschaft Ostend in Berlin. Geboren am 5. Octbr. 
1872. Pathen: Maurermeister August Siecke, Heinrich Berg- 
mann, Emil Rosenfeld, Redacteur Alexander Hoffers, Stadt- 
verordneter Dr. Carl Erich. 300,000 Thaler Actien. Cours 
einst 120, jetzt 0. 

Baugesellschaft Südend in Berlin. Geboren am 13. August 
1872. Pathen: Samuel Heinrich EUon, Georg Neumann, David 
Tobias, Robert Peters, Wilh. Gumpertz in Berlin. 850,000 
Thaler Actien. Cours einst 125, jetzt 0. 

Baugesellschaft Cottage in Berlin. Geboren am 25. October 
1872. Pathen: Dr. Theodor Eulenstein in Dresden, Architect 
Heinrich Kaiser, Fabrikant Hermann Blume, Leopold Löwy 
und August Waldmann in Berlin. 500,000 Thaler Actien. 
Cours 0. Diese ehemalige Villen-Colonie ist inzwischen wieder 
Schafweide geworden, und es gedeiht hier üppig die Wucher- 
blume, seit dem Krach auch „Gründerblume" genannt. Die 
Grundstücke wurden zur nothwendigen Subhastation gestellt, 
und zu diesem Zwecke auf 44,000 Thaler taxirt. 

Ausserdem hat die Centralbank für Bauten verübt: Pinne- 
berger Union (Vgl. S. 126) und Eisengiesserei Rockstroh (Vgl. 
S. 108), sowie endlich fünf andre „Centralbanken" in Nürnberg, 
in München, in Stuttgart, in Carlsruhe und in Frankfurt a. M., 
die alle keine Beschäftigung fanden und daher liquidiren 
mussten. 

Der Vater der Centralbank und der eigentliche Urheber 

■» 
all' dieser bösen Gründungen ist Eduard Mamroth in Berlin, 

auch noch betheiligt bei Neptun (Vgl. S. 173) sowie bei der 

Ostdeutschen Bank und bei der Ostdeutschen Wechslerbank 



— 371 - 

in Posen. Herr Eduard Mamroth kostet dem Publikum viele 
Millionen, ist aber selber ein reicher Mann geworden. 

Antoiiienhütte zu Coswig im Anhaltschen; Thonwaaren, 
Ziegelei und Kohlenabbau, vormals Grosse, öcbrfeyer&Co. 
Gegründet auf 350,000 Thaler Actien von: Adolf Salomon, 
Jacob Meyer und Stadfrath Meyer Moritz Stadthagen in Berlin. 
Vorstand: Wilhelm Bauer und Gotthilf Salomon in Berlin, 
Samuel Schreyer in Coswig. 1873 schloss mit 21,500 Thal er 
Verlust, 1876 wurden die Grundstücke der Gesellschaft zur 
Subhastation gestellt. 

Vereinig:te Oderwerke für Baubedarf und Braunkohlen 
bei Schwedt a. 0., vormals Freiherr von Werthern. Ge- 
gründet Juni 1872 mit 150,000 Thaler Actien und GO.OOO Thlr. 
Hypotheken. Als Aufsichtsräthe nannte der Prospect: Freiherr 
von Werthern, Jacques Goppel, Otto Clement, Nachmann Hirsch 
Neumann, Baumeister E. Titz, Ingenieur R. Henneberg (Riet- 
schel & Ilenneberg) und Dr. H. Ebeling, Börsen-Redacteur der 
„Vossischen Zeitung" in Berlin. Vorstand: Freiherr von Wer- 
thern, Abraham Henoch und Theodor Morgenstern in Berlin. 
Die Actien, zuerst mit 102—106 notirt, verloren bald jeden 
Cours und sind völlig werthlos. Schon 1873 ward die Auflösung 
beschlossen, 1874 folgte die nothwendige Subhastatiou, und 
1875 wurde ein Untersuchungsverfahren eingeleitet, über dessen 
Resultat aber bisher nichts verlautete. 

Vereinigte Werke auf Tippelskircheu bei Calbe a. d. 
Saale; Ziegelei, Steinbruch und geplante Bier-Brauerei. Ge- 
gründet Mai 1872 mit 350,000 Thaler Actien, welche Libbert 
und Hirsch in Berlin, B. Gutmann in Dresden, M. S. Meyer in 
Magdeburg u. A.zumCourse von 105 auflegten. Aufsichtsrath : Th, 
Oscar Ulrich in Dresden, Chr. W. Rande in Giebichenstein, 
Louis Ehrenberg in Halle a. S., F. L. H. Härter, Fr. Ad. 
Schweter und W. H. Wiesel in Leipzig. Vorstand: Gottlieb 
Gaeschke in Tippeiskirchen. Im Prospect wurden 30% in Aussicht 

24* 



OiZ — 

gestellt, 15% als Minimum vorgerechnet, und G^/o garantirt. 
Aber schon Juli 1873 brach der Concurs herein. 

Greppiner Wei'ke bei Bitterfeld; Braunkohlengrube, 
Dampfziegelei und Thonwaarenfabrik, früher C. A. Stange in 
Dessau. Gegründet November 1871 von Ferd. Jaques, Baurath 
Hermann Waesemann, Baurath Ludwig Quassowski, Baumeister 
Fr. Koch und Stadtrath Kudolf Pohle in Berlin. Aufsichtsrath 
u. A.: Piechtsanwalt Hecker, welcher das Statut aufgenommen. 
„Revisoren": Bernhard Maywald und Hermann Leubuscher in 
Berlin. 660,000 Thaler Actien, 200,000 Thaler Prioritäten und 
150,000 Thaler Hypotheken. Der Vorbesitzer Stange blieb 
,,mit einem bedeutenden Capital betheiligt" und übernahm die 
Leitung. 1872 entfielen 9V2% Dividende, 1873 — 9% Divi- 
dende und 12,300 Thaler Tantiemen, 1874 schloss mit 41,000 
Thaler Verlust. Cours einst 125, jetzt noch ca. 10. Baurath 
Wäsemann, ein mehrfacher Gründer, ist der Erbauer des Ber- 
liner Eathhauses, und man nannte ihn unter den hochverdienten 
Männern, deren Relief-Portraits die Fagade des stolzen Ge- 
bäudes schmücken sollten. 

Heegerinühle, Ziegelei bei Berlin. Gegi'ündet Mai 1872 
von Robert Baumann, Julius Heyne, Eduard Abel, Hermann 
Samuel, Albert Rathenau, Ignatz Witkowski und Julius Valentin 
in Berlin, mit 350,000 Thaler Actien und 100,000 Thaler Hy- 
potheken. Vertheilte für das erste Geschäftsjahr von 8 Monaten 
eine Dividende von nominell 10%, schloss 1873 mit 14,000 
Thaler Verlust und trat März 1875, nachdem das Grundstück 
bereits subhastirt worden, in Liquidation. Für die Actionäre 
sollen etwa 2% übrig bleiben. Seit Herbst 1874 schwebt ein 
Untersuchungsverfahren wider „Unbekannt"! 

Wiisterwitz-Eatlieiiower Ziegelei. Gegründet September 
1873, mit 200,000 Thaler Actien und 72,000 Thaler Hypotheken, 
von Dr. Carl Assmann, Theodor Hildebrandt, Daniel von derHeydt, 
Rechtsanwalt Franz Lorek in Berlin etc. Dividenden sind nicht 
bekannt geworden. Der Staatsanwalt hat wiederholt recherchirt. 



— 373 — 

Miirltisclie Portlaiid-Cementfabrlk bei Zossen, früher 
H. G. Klau. Gegriiudet 1. Juli 1870, mit 400,000 Thaler Actien, 
von dem Abgeordneten Consul Gustav Müller, dem Baurath 
James Hobrecht und dem Baumeister Wilhelm Boeckmaun in 
Berlin. Unter den ersten Zeichnern befinden sich: die Ab- 
geordneten Dr. Fr. Hammacher in Essen und L. A. Jordan in 
Deidesheim, Geh. Fiuanzrath Hasselbach und Regieruugsrath 
von Käthen, Hermann Kremser in Berlin, J. Marx-Hansemann 
in Bonn etc. Novbr. 1873 fand die Vereinigung mit der fol- 
genden Gesellschaft statt. 

Märkische Cementfal)rik. Gegründet August 1873, mit 
150,000 Thaler Actien, von Consul Gustav Müller, Nathan Schle- 
singer, Hermann Kremser und Julius Caro in Berlin. Auch 
diese Gesellschaft erwies sich nicht lebensfähig und beschloss 
Januar 1876 ihre Auflösung. 

Hernisdorfer Cemeut, Verblendziegel und Thonwaaren, 
früher Lessing, bei Berlin. Gegründet October 1871 von 
der Berliner Wechslerbank und Julius Alexander in Berlin, 
mit 425,000 Thaler Actien und 223,000 Thaler Hypotheken. 
Verwaltungsrath: Dr. Ziurek, Rittergutsbetitzer Leopold Lessing, 
Commerzienrath L. Schwartzkopif, Adolf Abel, G. Kerting, Di- 
rector Heimann und Dr. Girau; Vorstand: Stadtbaurath Gersten- 
berg in Berlin. Erste und einzige Dividende für ein Geschäfts- 
jahr von 2 Monaten (!) 5*'/o. Jedes folgende (volle) Jahr schloss 
mit grösserem Verlust, und verschiedentlich ward die Liquidation 
beantragt, zumal es fortlaufend an Geld fehlte, aber die Ge- 
sellschaft entschied sich, weiter zu vegetiren. Die Actien haben 
jeden Cours verloren. 

Portland -Cemeutfabrik Bredow bei Stettin. Errichtet 
Juli 1871. ,,Gründungs-Comite": E. Ai'cn, Gutsbesitzer Ferd. 
Gräber, Stadtrath Reinh. Schöpperle und Justizrath Dr. Zachariä 
in Stettin. 300,000 Thaler Actien, aufgelegt bei Scheller & 
Degener in Stettin und bei Joseph Leipziger in Berlin-, dazu 
50,000 Thaler Hypotheken. 12 bis 15% Dividende wurden 



— 374 — 

versprochen, und März 1873 die Vermehrung des Actiencapitals 
um 150,000 Thaler beantragt. Verwaltungsräthe: C. F. Bäven- 
roth und von Koller, Dividenden pro 1874 und 1875 — 0. 
Cours? 

Bohlschau, Portland -Cementfabrik bei Danzig, Assessor 
a. D. Schulze-Billerbeck überliess der im August 1871 con- 
stituirten Gesellschaft 340 Morgen Land und eine „Wasserkraft 
von 220 Pferdekräften", wodurch „gegen die Anwendung von 
Dampfkraft" eine Summe von 15,000 Thalern pro Jahr erspart 
werden sollte, für den Preis von 128,000 Thaler. Gründungs- 
comite: Stettiner Vereinsbank, Stadtrath Olschewski (Gebrüder 
Baum) in Danzig, Kammerherr Graf von Keyserling -Neustadt, 
Landrath Vormbaum in Neustadt. Actiencapital 300,000 Thlr. 
Verwaltungsräthe: von Blankensee, W. Schumann in Stettin. 
Wiewol der Prospect an Dividende ,, einige dreissig Proceut" 
erwarten Hess, scheinen die Actionäre bisher noch nichts er- 
halten zu haben. Dagegen schritt man 1875, um Betriebs- 
mittel zu beschaffen, zur Ausgabe von Grundschuldbriefen. 

Ausserdem bildete sich gleichfalls im Sommer 1871 eine 
zweite Portland-Cemeutfahrik-Actiengesellschaft in Danzig, 
mit 90,000 Thaler Actien und 35,000 Thaler Hypotheken. Ver- 
waltungsrath: H. Pape, P. Rempel, L. Liepmann, Baurath Licht, 
Bankdirector Schottler. Weiteres ist nicht bekannt geworden. 

Ebenso wie die Bauvereine, dienten auch die Bau- 
materialgesellschaften nur der wildesten Speculation, 
vertheuerten sie die Wohnungen und die Baukosten 
unglaublich. Die Centralfactor ei der Herren Mam- 
roth und Genossen kaufte auf Lieferung 25 Millionen 
Mauersteine und verlor daran 107,000 Thaler. Das 
Tausend Ziegel mittlerer Qualität kostete in der 
Schwindelzeit 25 bis 30 Thaler und ist seitdem bis 



— 375 — 

6 Thaler gesunken. Selbstverständlich können bei 
solchem Preise die so theuer gegründeten Ziegeleien 
nicht bestehen, und da sie überhaupt kaum noch 
Absatz finden, haben die meisten den Betrieb ein- 
stellen müssen. Allein an der Berliner Börse wurden 
die Actien von fast 100 Bauvereinen und Baumate- 
rialiengesellschaften gehandelt, ihre Anzahl in ganz 
Deutschland wird an 200 betragen haben, und die 
Coursverluste des Publikums sind hier auf ca. 150 
Millionen Thaler zu schätzen. 

Wir kommen zu den Gründungen der Holz-, Thon-, 
Porcellan- und Metallindustrie, die ein ähnliches Bild 
der Verwüstung bieten. 

Deutsche Holziudnstrie (Dampfschneidemühle) , früher 
Basch & Rosenthal in Landsberg a/W. Gegründet März 1873 
von Siegfried Basch in Landsberg, Moritz Roseuthal, Salomon 
WolfF, Siegmund Kapferer, Marcus Engel, „Generaldirector" 
Fr. Waltz und Geh. Regierungsrath Dr. Carl Esse in Berlin, 
mit 300,000 Thaler Actien, welche ä 105— 107 eingeführt wurden, 
und 105,0U0 Thaler Hypotheken. Das erste Geschäftsjahr ergab 
IVa^'/o Dividende; Mai 1875 ward die Auflösung beliebt und zu 
Liquidatoren ernannt: Moritz Rosenthal, Siegmund Kapferer 
und Robert Kemnitz. Als Verlust führte die letzte Bilanz ca. 
180,000 Thaler an, doch dürften die Actien werthlos sein. Der 
Staatsanwalt hat recherchirt. 

Säclisisdie Holzindustrie zu Rabenau bei Dresden. Ge- 
gründet Mai 18G9 mit zuletzt 316,000 Thaler Actien. Verwal- 
tungsrath: Otto Seebe, Consul G. A. Ilofmann, Advocat Hippe 



— 376 — 

und Rentier Otto in Dresden, Professor Pressler in Tharandt. 
Dividende pro 1875/76 — 0. Cours? 

Fassfabrik Wanderlich. Entstand im Juli 1872 durch 
Ankauf der Böttcherei von Eduard Wunderlich in Zwickau, 
welche der neuen Gesellschaft mit 240,000 Thaler überwiesen 
wurde, worauf man eine zweite Werkstätte in Berlin aufschlug 
und eine dritte in Wolgast anzulegen versuchte, bei welchem 
Versuche es jedoch blieb. Die Gründer waren: Heinrich 
Quistorp, Wilhelm Koch, Moritz Goldstein, Bierdirector Armand 
Knoblauch und Julius Meyer Lehmann in Berlin, Ingenieur 
Otto Büsing in Charlottenburg. Actiencapital 300,000 Thaler. 
Als Vorsitzender des Aufsichtsraths fungirte der frühere Abge- 
ordnete, Regierungsrath Wilhelm Jungermann in Berlin; und 
die Direction übernahmen der Vorbesitzer Eduard Wunderlich 
und Wunderlich jun. Das erste Geschäftsjahr warf 120/o Divi- 
dende ab, dazu für den Aufsichtsrath 3000, für den Vorstand 
9000, für die Beamten 3000, und für den Arbeiterunterstützungs- 
fonds 1500 Thaler. Quistorp war in solchen Dingen immer 
nobel, freilich auf Kosten der Actionäre, und er vergass nie 
der Beamten und Arbeiter. 1873/74 brachte nur einen Rein- 
gewinn von 1778 Thaler, worauf Eduard Wunderlich eine Er- 
holungsreise nach Italien unternahm, und an seiner Stelle der 
Mitgründer Wilh. Koch die Direction führte. 1874/75 schloss 
mit grossem Verlust, man trat in Liquidation und überliess 
das Geschäft an Wilh. Koch. Ernst Wunderlich, gegen den die 
Gesellschaft gerichtliche Schritte einschlug, wurde angeklagt 
wegen unterlassener Anmeldung des Concurses und wegen Auf- 
stellung einer falschen Bilanz, aber nur zu 100 Thalern Geldbusse 
verurtheilt! Die Actien, welche einst 115 notirten, sind werthlos. 

Xeustädter Baroque-Rahmeii und Rohleisten in Berlin 
und Neustadt-Eberswalde. Noch im November 1873 mit 150,000 
Thaler Actien gegründet. Vorstand: Fr. Wilh. Minck in Neu- 
stadt-Eberswalde und Alexander Lange in Berlin. Ohne Bör- 
sencour s. Der Staatsanwalt ist eingeschritten. 



— 377 — 

Breslauer Möbel-, Parqnet- niul Holzban, vormals Ge- 
brüder Bauer und Fr. Rehorst. Gegründet November 1871 
mit 1 Million Thaler Actien. Aufsichtsrath: Stadtrichter a. D. 
Friedländer, Emil Friedländer, Siegmund Sachs, Max Alexander, 
Robert Caro, Justizrath Friedensburg, Baurath Lüdecke und 
„Generaldirector" Schmieder in Breslau, Abgeordneter Ritter- 
gutsbesitzer Eisner von Gronow. Vorstand: Ernst Bauer und 
Otto Bauer. Dividenden: 1874 — 1%, 1875 — 0. Cours einst 
115, jetzt noch etwa 30. 

Ratheuower Fabrik für Holzarbeit (Tischlerei), vorm. 
W. Köhler jun. Gegründet Februar 1872, mit schliesslich 
260,000 Thaler Actien, von Heinrich Reh, dem berühmten Di- 
rector der Societätsbrauerei in Berlin. Aufsichtsr äthe: Rechts- 
anwalt Schnitze in Rathenow, C. A. Arndt und Job. Gottlieb 
Mäcker in Berlin. Director: der Vorbesitzer Wilhelm Köhler. 
Für 1872 entfielen 20% Dividende, worauf das Actiencapital 
verdoppelt und der Cours bis 165 getrieben wurde; 1873 er- 
hielten die Actionäre 12%, 1874 und 1875 schlössen mit Ver- 
lust. Man schritt zur Auflösung, und die „Direction" erbot 
sich, das Etablissement gegen Herauszahlung von 2Vi% zu über- 
nehmen ! 

Actiengesellschaft für Holzarbeit (Parquets) in Berlin. 
Gegründet Mai 1869 von den Abgeordneten, Freiherr Ernst 
von Eckardsteiu-Prötzel und Consul Gustav Müller in Berlin, Com- 
merzienrath Johannes Quistorp in Stettin. Aufsichtsräthe u. A. : 
Banquier Albert Kämpf und Commissionsrath Louis Cahnheim 
in Berlin. Director: Hermann Simon. Das Actiencapital be- 
trug ursprünglich nur 20(1,000 Thaler, wurde aber in der 
Schwindelperiode auf 1,000,000 Thaler gebracht. Dazu 180,000 
Thaler Hypotheken. Dividenden von 1870—1875: 6V2, IOV2 
12 Vi, 7, 5 und resp. 0%. 1872 bis 1874 entfielen für den 
Director sowie für den Verwaltungsrath hohe Tantiemen. Cours 
einst 115, jetzt etwa noch 15. 

Renaissance (Geschnitzte Möbel) in Berlin. Bestand schon 



— 378 — 

seit 1861 und machte, bei einem Capital von 100,000 Thaler, 
gute Geschäfte; wurde aber im Juni 1872 mit 500,000 Thaler 
Actien gegründet vou: Siegfried Lövinson, Ernst Heene, Her- 
mann Schomburg und dem Abgeordneten, „Professor der Na- 
tionalökonomie" Dr. Julius Frühauf in Berlin. Als Aufsichts- 
räthe fungirten u. A.: Dr. Moritz Lövinson, Dr. A. Jacobius, 
H. Hirschberg, F. Jäger, Simon Lipmann, „Generaldirector" 
Fr. Waltz, Baurath E. Römer, Otto Nitze, Director der Rumä- 
nischen Eisenbahngesellschaft, Director Herbig und Abgeord- 
neter, Geh. Admiralitätsrath Jacobs in Berlin. Directoren: die 
bisherigen Geschäftsinhaber: Louis Lövinson, Siegfried Lövinson 
und Robert Kemnitz. Gleich im Prospect, wo obenan der 
Name des Abgeordneten und „Volkswirths" Professor Frühauf 
prangte, wurden 14 ^/o Dividende zugesichert, und auf Grund 
eines Rechenkunststücks wurden sie, dem Namen nach, auch 
bezahlt, d. h. blos für sechs Monate und nach Abzug von 5 ^/o 
Zinsen, welche die eingefangenen Actionäre für drei Monate 
rückwärts erlegen mussten. Um dieses Blendwerk von Divi- 
dende zu ermöglichen, sollen auf Verlangen des Simon Lip- 
mann, der die Unterbringung der Actien besorgte, 30,000 Thlr. 
von den Vorbesitzern zugeschossen sein. Dafür wusste man 
sich in anderer Weise zu entschädigen. Die Directoren be- 
willigten sich hohe Gehälter, und einer von ihnen, Siegfried 
Lövinson, verkaufte an die beiden anderen, d. h. au die neue 
Gesellschaft, die Grundstücke Holzmarktstrasse 8, 9 und 10, 
welche er wenige Monate zuvor um 160,000 Thaler erworben, 
für 280,000 Thlr., also mit einem Aufschlag von 120,000 Thlr. 
Im Prospect war die Kaufsumme nur mit 150,000 Thaler an- 
gegeben, und die auf den Häusern lastende Hypothek ver- 
schwiegen. Alsbald kauften die drei Directoren vereint ein 
Bauterrain im Norden der Stadt, welches dem Commerzienrath 
Grüson in Magdeburg gehörte, und diesem 15,000 Thaler ge- 
kostet hatte, für die Gesellschaft um 289,000 Thaler an. Es 
war dies, wie der Geschäftsbericht ganz offen bekennt, ein blosser 



— 379 — 

Speculationskauf; man speculirte, dass die Berliner Stadtbahn 
die Häuser in der Ilolzmarktstrasse acquirireu müsse, was sie 
aber nicht that, und so blieb man mit dem grossen Areal am 
Nordufer sitzen. Das zweite Geschäftsjahr ergab nur 2 "/o 
Dividende, und 1874 schloss mit 112,000 Thaler Verlust. Zur 
Entschädigung erhielten die Actionäre eine saubere Karte von 
den Baustellen am Nordufer — eine sehr abgelegene, unheim- 
liche Gegend, zwischen Gefängnissen, Besserungsanstalten, Petro- 
leummagazinen, Lazarethen und Kirchhöfen. An Hypotheken 
sind nicht weniger denn 380,000 Thaler vorhanden, und darum 
notiren die einst von der Norddeutscheu Grundcreditbank mit 
103 ausgegebenen Actien nur noch etwa — 3. 

Während aber die Gesellschaft verkümmerte, wurde Director 
Siegfried Lövinson ein reicher, vornehmer Mann. Auf vielen 
schönen Häusern in der Wilhelmsstrasse, Dorothcenstrasse etc. 
zu Berlin las man in goldenen Buchstaben seinen Namen, und 
dazu erstand er als Sommerresidenz Park und Schloss Steglitz 
bei Berlin, das er mit lauter geschnitzten Möbeln ebenso ge- 
schmackvoll wie comfortable ausstattete. Erst auf der General- 
versammlung am 20. December 1875 kam es zu „Enthüllungen". 
Für den weislich abwesenden Siegfried stellte sich kühnlich 
Louis Lövinson in die Schranken; er verglich die Führer der 
Opposition mit dem Massenmörder Thomas, der die furchtbare 
Explosion in Bremerhaven herbeiführte, und er schrie: Die 
„Renaissance'' sei ihm wie eine Tochter an's Herz gewachsen 
und er werde sie, trotz aller Dolchstösse der Ankläger, zu 
schützen wissen. Er zeigte sich um so tapferer, als ihm eine 
Schaar von Genossen und Verbündeten zur Seite stand, und 
mit diesen stimmte er die Opposition nieder. Aber die Be- 
siegten riefen den Staatsanwalt an, und seitdem schwebt die 
Untersuchung. 

Internationale Telogrraphenbauanstalt, früher Wilh. 
Hörn in Berlin. Gegründet Januar 1872 von Eduard Abel, Robert 
Baumaun, Julius Hoj'ue, Heinrich Valentin, Hermann Samuel, 



— 380 — 

Geh. Rechnungsratli Ludwig Bernhard und Bauinspector Eduard 
Thiele in Berlin; mit 350,000 Thaler Actien, aufgelegt bei der 
Berliner Maklerbank ä 103. Director: der Vorbesitzer Wilh. 
Hörn. Vertheilte pro 1872 — 5 % Dividende, und beschloss, 
weil nicht lebensfähig, im Mai 1874 die Auflösung. Liquida- 
toren: Julius Hahlo, Julius Herz und Ingenieur Julius Meyer 
in Berlin. Für die Actionäre scheinen nur 6 % übrig ge- 
blieben zu sein. 

Actiengesellschaft für Telegraphenbedarf, vormals He r- 
mannSchomburgin Moabit bei Berlin. Gegründet Januar 1872, 
mit 400,000 Thaler Actien, wovon aber nur 220,000 Thaler aus- 
gegeben, und 144,000 Thaler Hypotheken, von Siegfried Lövin- 
son, Robert Kemnitz und Rathszimmermeister Rudolf Hosemann 
in Berlin. Vorstand: der Vorbesitzer und Paul Hosemann. Zu 
den Aufsichtsräthen gehörten noch: Eisenbahndirector Otto Nitze 
und Telegraphendirector H. Schulz' in Berlin. Von 1872 bis 
1875 entfielen an Dividenden: 8, 6, 6 und resp. 5V2 %• Cours? 

Dankberg'sche Ofeufabrik in Berlin. Gegründet Sep- 
tember 1872 mit 500,000 Thaler Actien und 215,000 Thaler 
Hypotheken! Als ersten Unterhändler bezeichnete die „Neue 
Börsen-Zeitung" Herrn Jean Fränkel; der Aufschlag soll über 
200,000 Thaler betragen haben. Die Actien wurden zu Markt 
gebracht von A. H. Heymann & Co., welche auch den Prospect 
unterzeichnet haben; und als Gründer traten auf: Paul Munk, 
Max Munk, Leopold Hadra, Eduard Hänseier, Bildhauer 
C. L. Dankberg, Baumeister Adolf Heyden etc., sämmtlich in 
Berlin. Aufsichtsräthe: Max Heymann und Franz Pernet in 
Berlin. Erste Dividende 3%, wozu die Vorbesitzer 10,000 Thlr. 
beisteuerten. 1874 gab es noch 2 %, 1875 — 0. Cours einst 
110, jetzt etwa noch 5. 

Ofenfabrik Arneburg bei Stendal, dem Rittergutsbesitzer 
H. Schwenke gehörig. Gegründet Mai 1872 von dem Freiherrn 
von Werthern, von Carl Graeper, Julius Ende und Emil Mar- 
kau in Berlin, mit 150,000 Thaler Actien und 100,000 Thaler 



— 381 — 

Hypotheken Erste Dividende 5%, dann 0. Bei der letzten 
Generalversammlung wurden die „Vertreter der Presse" nicht 
mehr hineingelassen. Cours circa 1. 

Keppler'sclie Ofenfabrik in Stettin. Gegründet Februar 1872 
mit 150,000 Thaler Actien und 300,000 Thaler Hypotheken. 
Direction: Georg Keppler. Aufsichtsräthe: Oberregierungsrath 
Gustav Seelmannn, welcher jedoch auf Anweisung seiner vor- 
gesetzten Behörde wieder ausscheiden musste; Bankdirector 
Ludwig Hindersin, Hermann Reinhardt, Ernst Böttcher und 
Fr. Marggraf in Stettin. Letzte Dividende 0. Im Mai 1876 wurden 
die der Gesellschaft gehörigen Grundstücke für 36,000 Thaler 
verkauft. 

SäclisiscLe Ofeu- uud Chamottewaarenfabrik in Colin 
bei Meissen, vormals Ernst Teichert. ,".00,000 Thlr. Actien, 
aufgelegt im October 1872 ä 106 bei M. Schie Nachfolger und 
Gebr. Guttentag in Dresden. Dazu 50,000 Thaler Hypotheken. 
Dividende pro 1874 und 1875 je 4 •'/o. Cours etwa 40. Herr 
Teichert, der Vorbesitzer, behielt die Leitung, und „schenkte" 
Anfang 1875 der Gesellschaft 50 Actien. 

Berliner Porcellau-Manufactiir (Ad. Schumann). Ver- 
kauft von Eduard Appelhans und Albert Zäpernick, und Fe- 
bruar 1871 gegründet von: Hofrath Moritz Alberts, Bernhard 
Lucae, Aug. Sponholz, Samuel Falk (Heiuitz & Falk), Carl Uno 
(Dahlmann & Uno) und Ludwig Pollborn in Berlin, mit 
300,000 Thaler Actien und 150,000 Thaler Hypotheken. Im 
Prospect wurden „über 12 % Dividende" vorgerechnet und bis 
1873 gezahlt: 10, 8 und resp. 6 "/o. Später gab es 0, und die 
früher im Privatbesitz so blühende Fabrik arbeitet nur noch 
mit Verlust. Cours etwa 15. 

Sclilesische Porcellan- und Steingriit-Manufactur, vor- 
mals F. N. Matthiessen in Tiefenfurt bei Buuzlau. Gegründet 
August 1872, mit 200,000 Thaler Actien und 100,000 Thaler 
Prioritäten. Der Vorbesitzer behielt die Leitung, und als Auf- 
sichtsräthe wurden genannt: G. R. Besser in Berlin, C. G. Schüller 



— 382 — 

in Tiefenfurt, Stadtrath Haucke sen. in Zittau, Rittergutsbesitzer 
Richard Sporleder auf Kostemke. 1873 — 7 % Dividende; 
dann 0. Cours einst 110, jetzt etwa noch 10. 

Tiefeufurter Porcellan- und Chaiuottewaarenfabrik, 

vormals Carl Raedisch. Gegründet September 1872 von der 
Communalständischen Bank in Görlitz mit 175,000 Thaler 
Actien, aufgelegt bei S. Abel jr. in Berlin, und mit 60,000 Thlr. 
Hypotheken. Der Vorbesitzer übernahm 25,000 Thaler Aclien 
und behielt die Leitung. Aufsichtsräthe : H. F. Hecker, Th. 
Roeder und Baumeister Fischer in Görlitz, H, Engelhardt in 
Lauban. 10—15 % Dividende wurden versprochen und für das 
erste Geschäftsjahr 71/2% gezahlt, dann nichts mehr. Herbst 
1875 legte der Aufsichtsrath sein Amt nieder, keiner der an- 
wesenden Actionäre wollte sich wählen lassen. Man erkor drei 
Abwesende, in der Hoffnung, dass sie annehmen würden, und 
legte je 10 Actien zu Einer zusammen. 

Buuzlauer Geschirr- , Oefen- und Thonröhrenfabrik, vor- 
mals Lepper & Küttner. Vorgekauft von Siegmuiid Löwy in 
Berlin und gegründet November 1872 mit 25,000 Thaler Hypo- 
theken und 200,000 Thaler Actien, welche Alwin Philipp 
an die Börse brachte. 1874 — 2 % Dividende. Da es an Be- 
triebsmitteln fehlte, trat man Januar 1877 in Liquidation. 

Pommer'sche ChamotteTvaarcufabrik in Podejuch bei 
Stettin, vormals Toepke & Seehausen. Gegründet Novem- 
ber 1872 mit 150,000 Thaler Actien und 45,000 Thaler Hypo- 
theken. Als Aufsichtsräthe nannte der Prospect: Dr. G. Weissen- 
born, G. Bergschmidt, S. A. Eppenstein, A. Martin und Bau- 
meister Emil Gelte in Berlin, Professor Dr. H. Hellriegel zu 
Dahme. Gerieth schon October 1874 in Concurs. 

MuskanerThonwaaren, vormalsBergschmidt, Schlie- 
ben & Hentschel. Gegründet Februar 1874 von den Vor- 
besitzern u. A., zusammen von 18 Personen, unter denen sich 
auch ein „Fräulein" befindet, mit 150,000 Thlr. Actien. November 



— 383 — 

1874 schritt der Staatsanwalt ein, und October 1876 brach der 
Concurs aus. 

Deutsche Tliourölireu- und Chamotte-Fabrik zu Münster- 
berg in Schlesien. Errichtet September 1874 von Heinrich 
Quistorp, der sich in öffentlicher Versammlung selber einen 
Gründer aus Leidenschaft und Ueberzeugung nannte; gegründet, 
während er sich noch im Concurs befand, von ihm und Carl 
Adolf Brandt in Berlin, CarlWinckler in Rostock, Oscar Freund 
in Breslau, Hauptlehrer Emil Mehlhose in Berlin etc. Actien- 
capital 275,000 Thaler. Natürlich ohne Börsencours. 

Metall-Industrie, Bleiröhren und Messingwaaren, vormals 
Ernst Bucholt& Hahn in Berlin. Angekauft für 200,000 Thlr. 
und December 1872 gegründet von Carl Seefeld, Leopold Cohn, 
Nachmann Hirsch Neumann und Dr. Heinr. Ebeling , Börsen- 
Redacteur der „Vossischen Zeitung" in Berlin. Actiencapital 
300,000 Thlr.-, dazu 48,000 Thlr. Hypotheken und 125,000 Thlr. 
Prioritäten. Directpren : der Vorbesitzer Max Jasper Hahn und 
Job. Aug. Oscar Hahn. Wie eine Zeitungsreclame verkündete, 
nahm die Gesellschaft „Stellung zur Kanalisation von Berlin", 
welche „das Gebiet ihrer Thätigkeit sehr vortheilhaft berührte". 
A conto dieser Position warf sie für das erste Geschäftsjahr 
eine Dividende von 3^2 % aus, zahlte dieselbe aber nicht, und 
beschloss Mai 1874 ihre Auflösung. 

Optische Industrie (Brillen), vormals CommerzienrathEmil 
Busch in Rathenow. Gegründet October 1872 von H. Quistorp 
in Berlin. Actiencapital 275,000 Thaler und 100,000 Thaler 
Hypotheken. Dividenden : 9, 5, 4 und resp. 3 %. Cours einst 
115, jetzt ca. 20. 

Deutsche Gesellschaft für Hufbesclilag (Hufnägel), vor- 
mals Möller, Schreiber & Co. in Berlin. Gegründet nach 
dem „Krach", August 1873, von Commerzienrath Hermann 
Egells, Heinrich Cohn, Anton Cohn, Julius Cohn, Hermann 
Mortzfeld, Hugo Möller und Julius Möller in Berlin, Clemens 



— 384 — 

Ewald Schreiber in Neustadt-Eberswalde. Actiencapital 500,000 
Thaler! Dividenden? — Ohne Börsencours. 

Broncewaaren und Zinkgnss, vormals J. C. Spinn & 
Sohn in Berlin. Gegründet August 1872 mit 300,000 Thaler 
Actien und 125,000 Thaler Hypotheken. Otto Spinn verkaufte 
für 284,000 Thlr. an Carl Black, und dieser für 384,000 Thlr., also 
mit 100,000 Thaler Aufschlag, an die Gesellschaft, welche ihr Da- 
sein folgenden Herren verdankt: Otto Wendland, Fritz Beermann, 
Mosca d'Israeli, August Kilz, Ferdinand Vogts, Hermann Würz, 
Amand Bloch, Hüttendirector Hellmuth Förster und Professor 
Martin Gropius in Berlin. Die erste, wol künstliche Dividende 
betrug 10 %, 1874 gab es noch 6 %, und dann 0. Cours einst 
130, jetzt etwa noch 30. 

Laiiipenfabrik Stobwasser in Berlin. Gegründet Oc- 
tober 1871 von Max Munk und Emil Heymann in Berlin. „Erste 
Zeichner": Aron Hirsch Heymann, Meyer Cohn, Mendel Cohn, 
Sigismund Süssmann, Paul Munk, Joseph Pincuss, Max Kruse, 
August Jacobs, Anton Wolff (Hirschfeld & Wolff), Director 
Gustav Dittmann, Justizrath Carl Drews und Commerzienrath 
Gustav Stobwasser in Berlin. „Erste Revisoren": Siegmund 
Heydenreich und Gustav Kutter in Berlin. Als Aufsichtsräthe 
fungirten auch noch : H. Reimann und Julius Ebbinghaus in Berlin. 
Im Prospect hiess es: ,,Das Geschäft wirft bei dem Ankaufs- 
preis von 650,000 Thaler schon jetzt einen Nutzen von über 
10 ^lo ab, und wird sich der Gewinn noch erhöhen." Für Er- 
werbung der Vorräthe und als Betriebscapital (!) waren — 
350,000 Thaler, zusammen also — 1,000,000 Thaler ausgeworfen. 
Unter diesen so kolossal bezahlten „Vorräthen" soll sich ein 
ganzer Bodenraum mit veraltetem, mehr oder weniger unbrauch- 
bar gewordenem Lampengeschirr etc. befunden haben. Von dem 
Actiencapital mit 800,000 Thalern übernahm der Vorbesitzer 
Stobwasser 200,000 Thaler, und ausserdem blieb eine Hypo- 
thek von 200,000 Thaler für ihn stehen. Die Dividende war 
nie höher 'als 6 %, und betrug pro 1875/76 nur 4%; trotzdem 



— 385 — 

be-willigte der Aufsichtsrath sich 2125 Thaler Tantieme! Cours 
noch etwa 30. 

Wageiifabrik Neuss in Berlin. Gegründet August 1872 
von dem Vorbesitzer Joseph Neuss, dem Bierdirector Hermann 
Gratweil, dem Gummidirector Jules Fonrobert, dem Hotelbesitzer 
Jul. Alex. Hendtlass, dem Dr. Alexis Bertram und dem Ban- 
quier Ferd. Jaques in Berlin. 600,000 Thaler Actien und 
150,000 Thaler Hypotheken. Die erste Dividende betrug nomi- 
nell 13 %, sank 1873 auf 4 "/o und hörte dann völlig auf, wes- 
halb auch die Actien nur noch etwa 10 notiren. Seitdem die 
Gründer nicht mehr auf Gummi fahren, ist der Begehr nach 
Luxuswagen sehr gering. Herr Joseph Neuss aber vergnügte 
sich mit dem Commando einer Dampffähre in Swinemünde, 
wo er im Sommer 1876, wie die Zeitungen meldeten, das Leben 
der Passagiere in grosse Gefahr brachte. 

Silberwaarenfabrik Mosg'an in Berlin. Vorgekauft von 
Paul Munk für 450,000 Thaler, und October 1872 den unglück- 
lichen Actionären überwiesen für 750,000 Thaler, also mit 
800,000 Thaler Aufschlag. Die Gründer waren: A. H. Hey- 
mann & Co. (Gotthold und Max Heymann), Sachs & Edinger 
Aren Hirsch Heymann, Emil Mosgau, Reinhold Mosgau, Max 
Munk, Rudolf Seidel (H. A. Jürst & Co.), Ignatz Witkowski, 
Dr. Anton Daffis, Verlagsbuchhändler Theodor Heymann und 
Geh. Finanzrath Eugen Kühnemann in Berlin. Actiencapital 
700,000 Thaler und 180,000 Thaler Hypotheken. Vorstand : Emil 
Mosgau und Reinhold Mosgau, später der Vorbesitzer Franz 
Mosgau. Als Aufsichtsräthe fungirten u. A. noch: Louis Sachs 
und David Hirschfeld in Berlin. Für das erste Geschäftsjahr 
wurden nominell 8% Dividende vertheilt, 1873 entfiel 1 %, 
1874 und 1875 — 0, und 1876 geschah die Auflösung. Dieselbe 
ward einfach von den Gründern und ihren Verbündeten be- 
schlossen , welche zu diesem Zwecke grosse Posten der schon 
bis 3 Brief gesunkenen Actien bereit hielten. 

Glagau, Der Börsensclnvindol. II. 25 



— 386 — 

Paul Munk vertrat 1000 Stimmen. 

und für Max Munk .... 150 „ 

A. H. Heymann & Co 498 „ 

Sachs & Edinger 129 „ 

Dr. Daffis 52 

Franz Mosgau 119 „ 

Emil Mosgau 100 „ 

Reinhold Mosgau 5 „ 

Georg Beer für Meyer Cohn . . 260 „ 

David Hirschfeld 327 „ 

zusammen 2640 Stimmen. 

Die Opposition dagegen besass nur 108 Stimmen. Gegen 
die Auflösung protestirte Isidor Itzig, übrigens auch ein mehr- 
facher Gründer, indem er in einer Eingabe an den Handelsrichter 
behauptete: Die Bilanzen seien sämmtlich falsch, bei der Grün- 
dung sei kaum der vierte Theil des Actiencapitals vorhanden 
gewesen, und die Liquidation geschehe nur, weil Franz Mosgau 
billig zurückkaufen wolle. Jedenfalls hatte Isidor Itzig, der 
plötzlich verstummte, in dem letzten Punkte Recht: der Vor- 
besitzer Franz Mosgau, für welchen eine Hypothek von 
140,000 Thaler eingetragen war, erhielt das Geschäft um 
ein Butterbrod zurück, und die Actionäre haben eine Quote 
von 5 bis 6% zu erwarten. Als Liquidatoren walteten zuerst: 
David Hirschfeld, Samson Sklower und Commerzienrath Salomon 
Weigert-, später Julius Herz und Dr. juris Emil Lehmann in 
Berlin. Eine Anzahl von Actionären beabsichtigte, eine Civil- 
klage gegen die Gründer anzustellen. Weil aber der Prospect 
grobe Unwahrheiten enthält und wesentliche Dinge verschweigt, 
z. B. gewisse Belastungen der Gesellschaft und der ihr über- 
wiesenen Grundstücke, ist auch die Staatsanwaltschaft ein- 
geschritten. 

Neue Berliner Messingwerke, sonst Wilh. Borchertjr. 
Gegründet März 1873 von dem Vorbesitzer, sowie von dem 



387 



Abgeordneten, Geh. Oberregierungsrath Dr. Ernst Engel, Louis 
Caplick, Bernhard Lucae und Ernst Wartenberg in Berlin. 
Actiencapital 850,000 Thaler und 150,000 Thaler Hypotheken. 
Dividenden: 10, 8 und resp. 10%. Cours 120—130. 

Ende 1867 erliess Herr Christoph Wilhelm Bor- 
chert in Berlin einen gedruckten Brief „An meine 
Beamten und Arbeiter"; worin er ihnen kund that: 
Ich, meines Wissens der Erste in Deutschland, mW 
nach dem Vorbilde der Englischen Industrial Part- 
nerships den Reingewinn meiner Fabrik und auch 
diese Fabrik selber mit Euch theilen, Euch, wenn 
Ihr wollt, Alle aus Arbeitern zu Fabrikbesitzern empor- 
heben. Ich schätze den Werth meiner Fabrik auf 
300,000 Thaler, zerlege diese Summe in 6000 An- 
theilscheine ä 50 Thaler, und überlasse Euch nun, 
sämmtliche Antheilscheine nach und nach käuflich 
von mir zu erwerben. — Dieses weiter ausgeführte 
wundersame Schriftstück hatte Herrn Dr. Engel zum 
Verfasser; er Hess es in dem Berliner städtischen 
Jahrbuch für 1868 abdrucken und schrieb dazu: 

„Es kann nicht fehlen, dass dieses System rasch Verbrei- 
tung finden werde, denn es ist ebenso praktisch wie wissen- 
schaftlich richtig, und es ist sofort und überall ausführbar. Es 
ist aber auch eminent politisch. Der Unterschied zwischen 
Arbeitgeber und Arbeitnehmer wird nach und nach beseitigt, 
und damit wird auch der fast künstliche Gegensatz zwischen 
Bourgeoisie und Proletariat aufgehoben. Jedem Arbeiter wird 
die Aussicht auf Capitalansammlung geöffnet, jeder ist, obgleich 



— 388 — 

Arbeiter, doch auch Arbeitgeber und Mitbesitzer seiner Werk- 
statt. „So ist denn die sociale Frage keine Frage 

mehr, die Anhäufung von Arbeitei-massen in den grossen Städten 
keine Gefahr mehr, sondern eine Wohlthat; denn so viel Arbei- 
ter, so viel kleine Eigenthümer, so viel treue, strebsame Bürger, 
so viele v?ahre Freunde des unbeweglichen und beweglichen 
Besitzes, und darum auch ebensoviel Vertheidiger der öifent- 
lichen Ordnung." 

Herr Dr. Engel, der, wie es scheint, in der "Wissen- 
schaft wie im gescliäftlichen Leben ein liebenswür- 
diger Sanguiniker ist, und den neutestamentlichen 
Glauben besitzt, der da Berge versetzt, versicherte 
in einer feierlichen Sitzung der Juristischen Gesell- 
schaft zu Berlin, in Gegenwart des Kronprinzen von 
Preussen: durch die edle That des Herrn Christoph 
Wilhelm Borchert sei nunmehr die endgültige Lösung 
der socialen Frage erfolgt. 

"Wie man sieht, war die Geschichte nur eine "Varia- 
tion des alten Schulze-Delitzsch'schen Liedes vom 
Sparen der Arbeiter und von ihrer Selbsthülfe; und 
die Presse versuchte, sich dafür zu begeistern. Aber 
trotz aller Reclame fand der Vorgang wenig Nach- 
ahmung, er erregte bei Herren wie bei Arbeitern nur 
Lachen, und auch die Engel-Borchert'sche Gesell- 
schaft liess bald nichts mehr von sich hören. 

Da kam die Schwindelära. Herr Borchert hatte 
sich inzwischen auch noch ein Bankgeschäft zugelegt 



— 389 — 

und dabei Geschmack am Gründen gefunden. April 
1871 gründete er mit Otto Harlan, H.W. Bassenge & Co., 
M. Scliie Nachfolger, Philipp Elymeyer und der Scäch- 
sischen Lombardbank in Dresden, mit Rudolf Hart- 
wig in Fürstenwalde, Emil ßrebeck, Carl Homburg, 
Eduard Nesselmann, Gustav Schwendy, Rechtsanwalt 
Riemann und Geh. Regierungs- und Baurath Nietz — 
die Berliner Lombardbank*), berüchtigten Ange- 
denkens, deren Actien einst 110 standen und heute 
4 stehen, und die seit Jahren die Staatsanwaltschaft 
beschäftigt. Frühling 1873 folgte die Gründung der 
Messingfabrik, die also doch nicht Miteigenthum der 
„Beamten und Arbeiter" geworden war, sondern nach 
wie vor Herrn Borchert allein gehörte. Wieder lei- 
tete ihn die reine Menschenliebe; „ohne directe Nach- 



*) Actiencapital 500,000 Thaler. Als „erster Zeichner" 
figurirt u. A. noch: Director August Zimmermann in Berlin. 
Vorstand: August Waldmann und Dr. Julius Hensel in Berlin. 
Für 1871 erhielten die Actionäre eine Art „Bauziusen" mit 
5%; für 1872 wurden ll'/4*'/o Dividende vertheilt, weil die Bank 
beim Verkauf eines Grundstücks 133,000 Thaler profitirt zu 
haben glaubte. Doch erwies sich dieser Glaube als Aberglaube, 
indem der splendide Käufer hinterher nicht Zahlung leistete. 
Die Gesellschaft beschloss September 1874 ihre Auflösung und 
wählte zu Liquidatoren: Hugo Vetter, Alfred Peters und Paul 
Kucke in Berlin. Dem Director Dr. Hensel ward die Decharche 
verweigert, und gegen ihn die gerichtliche Untersuchung ein- 
geleitet. 



— 390 — 

kommen", wie es in den Zeitungsreclamen hiess, 
"wollte er sich allmälig vom Geschäft zurückziehen, 
den Vortheil dem Publikum gönnen; doch berechnete 
er die kleine unbedeutende Fabrik, die er vor fünf 
Jahren auf 300,000 Thaler geschätzt hatte, der neuen 
Actiengesellschaft jetzt mit 1 Million Thaler! Im 
Uebrigen behielt er in seiner Eigenschaft als „Vor- 
sitzender des Aufsichtsraths" die Oberleitung, und 
bestellte den Mitgründer, Dr. Engel, zum Vicepräsi- 
denten. "Wie bei den Schulze-Delitzsch'schen Genossen- 
schaftsbanken handelte es sich auch in diesem Falle 
um eine Gründung unter social- politischer Flagge, 
zum Besten der arbeitenden Klassen. Indess hatten 
die Gründer sich verspätet, denn alsbald trat der 
Krach herein. Trotzdem wurden die Actien, noch 
im Juli 1873, an der Börse mit 130 eingeführt, und 
zu diesem hohen Course und darüber lebhaft gekauft. 
"Während alle andern Papiel'e bodenlos stürzten, blieben 
Messingactien unerschüttert, und die Notiz lautete 
bis heute „bezahlt und Geld" ja häufig blos „Geld", 
d. h. begehrt, aber gar nicht zu haben. Fortlaufend 
gab es gute Dividenden und es wird sogar, noch von 
Aufstellung der Bilanz, regelmässig eine Abschlags- 
(Zins-) Dividende gezahlt. In der That eine seltene 
Gesellschaft! "V^^ahrscheinlich aber waren die Actien 



— 391 — 

niclit mehr unterzubringei>, und sie befinden sich zum 
weitaus grössten Theil wol noch in den Händen des 
Herrn Borchert, der also Dividenden und Super- 
dividenden in der Hauptsache an sich selber zahlt. 
Als „Capitaleinlagen der Arbeiter" figurireu in der 
Bilanz nur ca. 7000 Thaler, gewiss eine sehr beschei- 
dene Summe, und es bleibt fraglich, ob diese Arbei- 
ter-Capitalisten auch Actionäre, oder ob sie blos Gläu- 
biger sind. 

Ueber das Partnershipsystem, das man auch für 
das landwirthschaftliche Gewerbe empfohlen hat, 
äusserte sich in einem öffentlichen Vortrage sehr ab- 
fällig der nationalliberale Abgeordnete, Generalsecre- 
tair Dr. Thiel, welcher zu dem landwirthschaftlichen 
Minister, Herrn Friedenthal in vertraulichen Bezie- 
hungen steht. „Der niedere Kulturzustand unserer 
Arbeiterbevölkerung im Allgemeinen", so sagte er 
nach der „Nationalzeitung", „welcher jedem Einzelnen 
den Zug aufprägt, auf Kosten seiner Mitarbeiter zu 
faulenzen', und welcher nur zu oft dahin führt, dass 
der sauer verdiente Wochenlohn ohne Rücksicht auf 
die allernächste Zukunft am Sonnabend und Sonntag 
verprasst wird, dieser Kulturzustand ist unempfäng- 
lich für den Reiz einer Prämie, welche erst nach 
Jahr und Tag fällig wird, und von dem guten Willen 



— 392 — 

aller Mitarbeiter, sowie von ganz unberechenbaren 
Naturereignissen abhängig ist." Ohne Frage sind 
das ebenso ungerechte wie unverständige Worte. Die 
Gewährung einer Tantieme kann dem Arbeiter nicht 
gleichgültig sein, sie wird ;ihn auch sittlich heben 
und ihn an den Besitzer fesseln, aber sie darf nicht, 
wie bei den Spielereien ä la Engel, blos in der Luft 
schweben und sie muss in jedem Falle von einigem 
Belang sein. Neuerdings hat der Stadtverordnete 
Keilpflug in Berlin, Inhaber einer Cigarrenfabrik, sich 
erboten, den Reingewinn seines „Detailgeschäfts" mit 
den Arbeitern zur Hälfte zu theilen, und wenn dieses 
Arrangement ehrlich gemeint ist, kann es gute Früchte 
tragen. Nur wirkliche Opfer, Seitens der Besitzen- 
den, Opfer an Vorrechten und Gütern, kann das Loos 
der arbeitenden Klasse verbessern, kann die social- 
demokratische Bewegung, die unsere ganze Zeit be- 
herrscht und sich immer drohender erhebt, massigen 
und sänftigen. 

Eine dritte Gruppe bilden die folgenden Gesell- 
schaften: 

Preussisclie Bernstein- Actieiigesellschaft in Berlin und 
Ostpreussen. Gegründet October 1871, mit 2 Millionen Tlialer 
Actiencapital, von Adolf Levien, Isidor Oelsner (Berliner Bank- 
verein), Berthold Bensemann, Benoit Oppenheim (R. Oppen- 



— 393 — 

heim & Sohn), Friedrich Meyer (E. J. Meyer) und Commerzien- 
rath Adalbert Delbrück in Berlin, Max Sonnenburg in Wien. 
Zweck: Ausbeutung von Bernstein und Handel mit Bernstein. 
Directoren: Moritz Becker in Königsberg i. Pr. und Abgeord- 
neter Dr. Friedrich Kapp in Berlin. Die beiden eng befreun- 
deten „Volkswirthe" Carl Braun (Wiesbaden) und Fr. Kapp 
pflegen sich literarisch und geschäftlich zu unterstützen. Der 
Eine recensirt immer die Bücher des Andern, schreibt darüber 
lange Abhandlungen in die „Nationalzeitung", in die Paul Lin- 
dau'sche „Gegenwart" etc. So reiste auch Carl Braun im 
Sommer 1872 längs der Ostpreussischen Bernsteinküste umher 
und veröffentlichte darüber in der „Nationalzeitung" sehr lehr- 
same Feuilletons. Trotzdem wollte sich die Börse für die 
Preussische Bernstein-Actiengesellschaft nicht erwärmen, und 
so trat diese in Liquidation. 

Westphälische Marmorwerke zu Allagen bei Soest, früher 
Prang & Co. Vorgekauft von Hermann Geber, und März 1872 
den unglücklichen Actionären mit einem riesigen Aufschlag, 
für nicht weniger denn 625,000 Thaler überwiesen; während 
der Prospect diesen Preis einen „beispiellos billigen" nannte, 
herbeigeführt durch „eine eigenartige Verkettung von Umstän- 
den": „Einer der bisherigen Besitzer, der Chef der Firma, hat 
nämlich seinen Wohnsitz in Java", weshalb er ausscheiden 
wollte. Die edlen Gründer waren: Isidor Platho, Eduard Bercht, 
R. A. Seelig und Eduard Stahlschmidt in Berlin, Johann Baptist 
Prang in Allagen, Gustav Siegel in Magdeburg, Bernhard Hüffer 
in Leipzig. Ausserdem nannte der Prospect als Aufsichtsräthe 
noch: Landschaftsrath F. Lehmann, „Generaldirector" Julius 
Müller, Baurath Wäsemann, Baumeister Nicolas Becker, Archi- 
tect Paul Rasche, Bildhauer Professor Gustav Blaescr, Mitglied 
der Akademie der Künste, und Dr. phil. Adolf Widmann in 
Berlin. Es war dies also eine artistisch- philologische Grün- 
dung, die Künstler und Gelehrte dem Publikum darboten. 
Doch um so trauriger gestaltete sich das Resultat: die 725,000 Thlr. 



— 394 — 

Actien gaben nie einen Heller Dividende, und der Cours schwankt 
zwischen 1 und 0, Als Directoren fungirten der Mitvorbesitzer 
J. B. Prang, Dr. "Widmann und der Mitgründer Siegel, welcher 
letztere, wie der Aufsichtsrath mittheilte, entlassen wurde, weil 
er „irrationell" gewirtbschaftet hatte. Hiergegen protestirte 
Herr Siegel öffentlich und behauptete, er sei freiwillig gegangen 
und man habe ihn dringend gebeten zu bleiben, ja ihn über- 
reden wollen, die Marmorwerke in Pacht zu nehmen. Jeden- 
falls ist die Lage der Gesellschaft unter seinem Nachfolger 
nicht besser geworden-, auch 1875/76 schloss wieder mit Verlust. 

Thilringisclie Schiefer-Bergbau-Actiengesellschaft bei 
Gräfenthal in Sachseu-Meiningen. Erworben vom Fabrikanten 
Eossbach für angeblich 350,000 Thaler, und September 1872 
gegründet von Nachmann Hirsch Neumann, Otto Clement, In- 
genieur Kudolf Henneberg und Dr. Heinrich Ebeling, Börsen- 
redacteur der „Vossischen Zeitung" in Berlin, mit 400,000 Thaler 
Actien , welche Abraham & Meyer in Berlin auflegten. Dem 
Prospect waren zwei sehr empfehlende Gutachten von dem Geh. 
Bergrath Professor Bernhard von Cotta in Freiberg und dem 
Bergassessor Dr. Kosmann in Berlin beigefügt, und weiterhin 
hiess es: „Zu den allgemeinen Motiven, welche zu der Um- 
wandlung berechtigen, kommt hier noch ein eminent volks- 
wirthschaftliches Interesse: unser Deutsches Vaterland in dem 
wichtigen Dachschiefer unabhängig zu machen von dem Mono- 
pol Englands." — Aufsichtsräthe : G. A. Breusing und Bau- 
meister Felber in Coburg, sowie Rechtsanwalt Meyn in Berlin, 
vor dem das Statut verlautbart war. Director: Heinrich Ross- 
bach in Oeslau. Dividenden gab es nie, 1876 beschloss man 
endlich die Auflösung, und die Actien waren stets Maculatur. 
Wie Herr Sonnemann der ,, Wissende" im Reichstag äusserte, 
soll das gegründete Object etwa den Werth von 4000 Thalera 
haben. Der Staatsanwalt ist nicht eingeschritten. 

Westphälischer Dralit-Iudustrieverein (Draht-Fabrik), 
vormals Hobrecker, Witte & Herbers in Hamm. Gegrün- 



— 395 — 

det November 1872 von der Berliner Handelsgesellschaft, mit 
2,000,000 Thaler Actien und 500,000 Thaler Prioritätsobliga- 
tionen! Vorsitzender des Aufsichtsraths: Geh. Commerzienrath 
W. Conrad in Berlin. Aufoichtsräthe resp. Revisoren: Wilhelm 
Nolte und Julius Ebbinghaus in Berlin. Vorstand: Stephan 
Hobrecker und Hermann Hobrecker in Hamm. Obgleich der 
angebliche Kaufpreis von 27» Millionen Thaler den eigentlichen 
Werth des Etablissements drei bis viermal überstieg, wurden 
die Actien doch mit einem kolossalen Agio, ä 125 ausge- 
geben, und Frühjahr 1873, kurz vor dem „Krach", bis fast 140 
getrieben. Die erste Dividende von 12^/0 war künstlich gemacht 
(Aufsichtsrath, Vorstand und Beamte berechneten sich 27,800 Thlr. 
Tantieme!)-, 1873/74 schloss mit 195,000 Thaler Verlust, den die 
Vorbesitzer deckten; 1875 erhielten die Actionäre 3%, Auf- 
sichtsrath, Vorstand und Beamte 7150 Thaler-, zugleich ward 
die Aufnahme einer Anleihe von 250,000 Thalcr beschlossen; 
1876 gab es nur noch 1V2%- Eine Filiale, die man abenteuer- 
liche Weise in Riga aufschlug, stiess dem Fass vollends den 
Boden ein, und der Cours war schon bis etwa 30 gesunken. 
Wie es scheint, soll das Etablissement im Wege der ,,Entgrün- 
dung" wieder den Vorbesitzern in die Hilnde gespielt werden. 
Westphälische rniou, Bergbau, Eisen- und Drahtindu- 
strie in Hamm. Gegründet Febr. 1873 durch R. A. Seelig in 
Berlin. Hermann Geber in Berlin und Consorten kauften vor: 
1) die Fabrik von Cosack & Co. in Hamm; 2) das Hüttenwerk 
von Ed. Schmidt in Nachrodt; 3) das Puddlings- und Walzwerk 
von A. & T. Linhoff in Lippstadt — welche der neuen Gesell- 
schaft für 3,025,000 Thaler überwiesen wurden. Im April 1873 
wurden noch zugekauft 4) die Werke von Fr. Thomee in Wer- 
dohl und Uetterlingsen für augeblich 1,250,000 Thaler, auch 
ein Zweiggeschäft in Petersburg errichtet. Actieucapital 4'/.2 Mil- 
lionen Thaler (\\ aufgelegt durch die Provinzialgewerbebank 
(Martini) in Berlin zu 1121! Dazu 1,150,000 Thaler Hypotheken 
uud 750,000 Thalcr Prioritäten. Vorstaud: „Generaldirector" 



— 396 — 

Ernst. Aufsichtsräthe : Commerzieürath Wintzer, „General- 
director" der Georgs-Marienhütte bei Osnabrück, Commerzien- 
rath Schlittgen, Dr, Wilhelm Rentzing, Siegfried Filehne, Her- 
mann Gratweil und Wilhelm Eschmann in Berlin, A. Linhoff 
und Theodor Linhoff in Lippstadt, Heinrich Thomee jun. in 
Werdohl, Abgeordneter Dr. Feodor Goecke (specieller Freund 
des Abgeordneten Dr. Friedrich Kammacher) und Tlieodor 
Böninger in Duisburg, Justizrath von Briesen in Hagen, Albert 
de Gruyter in Ruhrort, Dr. Adolf Lasard in Berlin. Gleich das 
«rste Geschäftsjahr schloss mit 526,000 Thaler Verlust, worauf 
Hermann Geber, R. A. Seelig und Ed. Stahlschmidt in Berlin 
für 1,130,000 Thaler Actien „zurückschenkten". Die Vorbe- 
sitzer dagegen verweigerten eine solche Schenkung. Cours 
€twa noch 5. 

Deutsche Actiengesellscliaft für Bergbau-, Eisen- und 
Stahlindustrie in Berlin. Nach dem Statut, das weder Datum 
noch Unterschriften trägt, aber in der Strausberg'schen Drucke- 
rei, Unter den Linden 17 (später „Lindenbauverein") angefer- 
tigt ist, erwarb die neue Gesellschaft: 1) das Neustädter Hüt- 
tenetablissement bei Hannover; 2) verschiedene Steinkohlenberg- 
werke bei Langendreer und Bochum-, 3) die Eisensteinberg- 
werke im Siegener Lande und am Harz — von Baruch Hirsch 
Strausberg, genannt Dr. Strousberg, für die Kleinigkeit von 
5V2 Millionen Thaler. Mitte März 1872 veröffentlichten die 
Zeitungen den Prospect, welcher das Grundcapital auf 6 Mil- 
lionen Thaler festsetzte, wovon 4 Millionen Thaler Actien und 
2 Millionen Thaler Hypotheken, und für die Actionäre minde- 
stens 10% Dividende vorrechnete. Als Directoren nannte dieser 
Prospect: Daniel Hilgenstock und Eduard Blass in Dortmund, 
Dr. Hermann Pauly in Siegen; als Verwaltungsräthe: Justiz- 
rath Karsten, Anton Wolff (Hirschfeld & Wolff), Martin Frege 
(Frege & Co.), Dittmar Leipziger (Joseph Leipziger) und Paul 
Kuszynski (Louis Kuszynski) in Berlin. In den redactionellen 
Notizen der Börsenblätter wurde Dr. Strousberg als Vorsitzen- 



— 397 — 

der des Vei'M'altungsratbs, Justizrath Karsten als Viccpräsident, 
und als siebentes Mitglied Amand Bloch in Berlin bezeichnet. 
Hirschfeld & Wolff emittirten zunächst 2,650,000 Thaler Actien, 
und diese erhielten für das erste Geschäftsjahr von drei Mona- 
ten (!) nominell die vers2)rochenen lO'Vo Dividende. Dann brachte 
man den Best der Actien auf den Markt, und der Cours stieg 
Februar 1873 bis etwa 130, worauf Louis Kuszynski „vorläufig" 
1 Million Thaler neue Actien ä 102 auflegte. Die betreffende 
Bekanntmachung datirt vom 26. März 1873 und ist unterzeich- 
net: „Der Aufsichtsrath. Karsten. D. Leipziger. Anton Wolff." 
Man hatte die edle Absicht, noch eine sechste Million Thaler 
Actien zu fabriciren, doch nun trat der „Krach" ein, und die 
Scene veränderte sich vollständig. Die Bilanz für das zM'eite 
(volle) Geschäftsjahr 1. Juli 1872/73 wies, trotz 2,458,000 Thlr. 
Hypotheken (!!), einen Beingewinn von 288,000 Thaler auf, 
und warf für die glücklichen Actionäre 5% Dividende aus; aber 
es fehlte an Casse, und die Coupons sollten eingelöst werden, 
sobald eine Hypothek auf der böhmischen Herrschaft Zbirow 
fällig wurde, welche bekanntlich dem Wunderdoctor Strausberg 
gehörte, aber in Concurs gerieth und mit Schulden überlastet 
ist, so dass jene Hypothek sicher ausfällt. Was nun folgt, ist 
so wunderbar, dass es fast unglaublich klingt, nämlich in einem 
Staate w^ie Preusseu, der sich von jeher durch seine prompte 
Justiz auszeichnete. 

Man verkaufte die Neustädter Hütte und die Siegener 
Eisensteingruben mit grossen Verlusten au Strausberg zurück, 
meuchelte neun Zehntel der Actien, und bildete Juni 1874 ein 
neues Unternehmen, die Dortmunder IJerg'baiigcsellschaft, 
welche sich auf die Ausbeute von Steinkohlen und Coaks be- 
schränkte, und ausser den übrig gebliebenen 472,000 Thaler 
alten für 628,000 Thaler neue Actien ausgab, also sich mit einem 
Grundcapital von 1,100,000 Thalern constituirte. Dazu traten 
über 700,000 Thaler Hypotheken. Trotzdom, und obgleich die 
neue Gesellschaft noch die Stcinkohlenfelder bei Langendreer 



— 398 — 

abstiess, gebrach es auch ihr an „Betriebsmitteln", befand auch 
sie sich stets in Geldnöthen, und sie vermochte ebensowenig 
eine Dividende zn vertheilen. Um den Grubencomplex bei Lan- 
gendreer verkaufen zu können, musste sie an die Rumänische 
Eisenbahngesellschaft, für welche Strausberg auf seinen ehe- 
maligen Besitzungen eine Gesammthypothek bestellt hatte, 
200,000 Thaler herauszahlen, und ebenso wurden die Ueber- 
Echtisse des letzten Jahres zur Deckung von „Schulden" ver- 
wendet. 

Da der ursprüngliche Prospect in den thatsächlichen An- 
gaben über die Finanzverhältnisse, in der Rentabilitätsberech- 
nung und in den Kostenanschlägen grobe Unwahrheiten 
und schmähliche Täuschungen enthält, wandte sich ein 
Theil der Actionäre an die Staatsanwaltschaft, und diese er- 
öffnete auch wirklich ein Untersuchungsverfahren wider „Un- 
bekannt" — wie bei den betrügerischen Gründungen das 
Rubrum meistens lautet. Aber Herr Karsten und Genossen 
erklärten einfach: der Prospect sei kein officielles Actenstück, 
vielmehr ebenso wie alle sonstigen Bekanntmachungen ohne 
ihr Wissen und ohne ihren Willen erlassen — und bei 
dieser wundersamen Entschuldigung hatte es sein Bewenden. 
Der Staatsanwalt gab den betrogenen Actionären auf, das Gegen- 
theil zu beweisen, und da sie dies nicht vermochten, wurden die 
Acten weggelegt. Herr Karsten und Genossen haben aber 
thatsächlich gegen 5 Millionen Thaler Actien ausgegeben, sie 
fungirten nach wie vor in ihren Aemtern, und sie bildeten auch 
den Aufsichtsrath der neuen Gesellschaft. Der Scaudal war 
so gross, dass selbst die Börsenblätter Lärm schlugen, aber ein 
neugewähltes Aufsichtsrathsmitglied , Eisenbahndirector Gustav 
Schmidt in Magdeburg, schrieb einem der ruiuirten Actionäre 
zum Tröste: jene Blätter wollten nur Geld erpressen, und Herr 
Karsten habe bereits die Staatsanwaltschaft angerufen. Von 
der Gründung selber sagt Herr Schmidt wörtlich: „Die Irrgänge 
der Strousberg'schen Finanzwirthschaft sind so verschlungen, 



— 399 — 

dass kein anderer Sterblicher, der sie nicht mitgemacht hat, 
sich hindurchfinden kann." — Fürwahr, diese Geschichte ist 
himmelschreiend! 

Einige Gesellschaften übernahmen Mühlenwerke, 
verwalteten Gasthöfe und Bäder, wobei aber die 
Actionäre auch sehr schlecht fuhren. 

Dresdener Mühlen, früher Königs- und Walkmühle von 
E. Kittler. Gegründet November 1871 mit 300,000 Thaler 
Actien. Verwaltungsrath: Advocat Dr. Gustav Lehmann, M. Schie 
Nachfolger, C. Knoop, Carl Schlossmann, Hotelier Kayser und 
Eduard Kittler in Dresden. Direction: Job. Beruh. Kittler. 
Dividenden von 1873 bis 1875: 4, 5 und resp. 2%. Gours ca. 90. 

Märkische Mühlen zu Witten a. Ruhr, mit 200,000 Thlr. 
Actien. Aufsichtsrath: H. Hemmer, W. von Born, C. Humper- 
dinck, 0. Wuppermann, W. v. Recklinghausen. 1873 entfielen 
120/o Dividende, für 1875 — U. 

Schöpfurther und Steinfnrter Mühlen, früher Scholim- 
sche Erben, am Finnowcanal. Gegründet November 1872, mit 
200,000 Thal er Actien und 76,000 Thaler Hypotheken, von 
Humphrey Davy, Carl Weinstein, Heinrich Wisotzky und Bau- 
meister Carl Reiche in Berlin, Otto Fröhlich in Hannover, 
Luciau Lewandowsky in Königsberg i. Pr., Wilhelm Herschel 
in Dresden. Dividende pro 1873 — 5%, pro 1874 — 0. 

Pinnauer Mühlen bei Wehlau in Ostpreussen. Gegrün- 
det December 1871 von der Königsberger Vereinsbauk mit 
550,000 Thaler Actien und 200,000 Thaler Hypotheken. Auf- 
sichtsrath: Geh. Commerzieurath Emil Stephan (Stephan & 
Schmidt), Commerzieurath Andersch, Conrad Gaedccke (Job. 
Conrad Jacobi), H. Hirschfeld (Gebr. Hirschfeld & Graf), Lud- 
wig Leo (Marcus Colin & Sohn), Franz Schrötter (v. Gyczki & 
Schrötter), Moritz Stettiner, Fritz Wien (Ernst Castell) und 



— 400 — 

Otto Willert in Königsberg i. Pr., Mühlenbesitzer Lipmann in 
Rosslau. Sogar der Börsenreferent der von Moritz Simon ge- 
gründeten „Königsberger Hartungschen Zeitung" erklärte, dass 
es am besten sei über diese Müblengründung und über den 
Vertrieb der Actien zu — schweigen. Cours ? 

Stralsnndei- Daiiipfmiihlen. Gegründet April 1872 mit 
500,000 Thaler Actien und 112,000 Thaler Hypotheken! Als 
Aufsichtsräthe nannte derProspect: Commerzienrath Otto Holm, 
E. J. Matthies und Otto Siebe in Stralsund, Emil Latz, Her- 
mann Löwenherz und Siegfried Sobernheim in Berlin; später 
fungirten noch Otto Kaufmann von der Makler- Vereinsbank 
in Berlin und Rechtsanwalt Schöraann in Wolgast, und als 
Vorsitzender des Aufsichtsraths waltete Justizrath Karsten in 
Berlin. Der Vorbesitzer, Hermann Lehl übernahm angeblich 
150,000 Thaler Actien, behielt die Leitung, stellte 15 bis 20% 
Dividende in Aussicht, garantirte für zehn Jahre je 8%, 
und hinterlegte als Sicherheit 210,000 Thaler. Für 1872 wurden 
die garantirten 8% gezahlt, indem Lehl 9000 Thaler zuschoss; 
1873 gab Lehl 20,000 Thaler her, berechnete aber sich und 
dem Aufsichtsrath 4000 Thaler Tantieme, und die Actionäre 
erhielten nur 4°/o-, 1874 schoss Lehl 5000 Thaler zu, es entfielen 
noch 2300 Thaler Tantieme und wieder 4% Dividende; für 
1875 gab es nichts mehr. In den Statuten fand sich kein Wort 
über die Dividendengarantie, und Lehl Hess sich von derselben 
ausdrücklich entbinden. Ein Actionär klagte und erstritt in 
drei Instanzen, dass ihm für 1873 volle 8% gezahlt werden 
mussten, aber in Betreff der folgenden Jahre scheinen die Mani- 
pulationen des Aufsichtsraths unanfechtbar zu sein. Die von 
Meyer Ball in Berliu mit 102 aufgelegten Actien notiren noch 
etwa 20. 

Berliner Hotel-Gesellschaft (Kaiserhof). Gegründet 1872 
von Commerzienrath Adalbert Delbrück, Freiherrn Eduard von 
der Heydt, Gustav Kutter, Berthold Bensemann (Berliner Bank- 
verein), Abgeordneten, Oberbürgermeister Kieschke und Stadt- 



— 401 — 

rath Risch (Deutsche Baugesellschaft), Abgeordneten Dr. Georg 
Siemens (Deutsche Bank. „Revisor": Abgeordneter Dr. Friedrich 
Kapp. Actiencapital 2 Millionen Thaler; dazu 5rX),000 Thaler 
Hypotheken und 70<'J,000 Tbaler Prioritäten! Kaum eröffnet, 
brannte das „Riesenhotel", in Folge lockerer Bauart, am 10. Oct. 
1875 zum grossen Theile ab, was der städtischen Feuer-Casse 
177,000 Thaler Entschädigung kostete. Zu einer Dividende ist 
es noch nicht gekommen. Ende 1876 bewilligte die Preussische 
Boden-Credit-Actienbank (jetziger Dirigent: Geh. Commerzien- 
rath Emil Stephan) dem „Kaiserhof" eine unkündbare Hypo- 
thek von 1 Million Thaler, was ein sehr gewagtes Stück 
sein dürfte. Die Actien haben keinen Börsencours. 

Hotel du >'ord in Köln. Gegründet September 1872 von der 
Deutschen Unionbank in Berlin. Verwaltungsrath : Heinrich Stein 
Advocat-Anwalt Robert Esser II, Jacob von Kaufmann- Asser 
und Baurath Raschdorf in Köln, Commerzienrath "Wilh. Herz 
in Berlin. 900,000 Thaler Actien, aufgelegt mif 102',2- Dazu 
378,000 Thaler Hypotheken. Sommer 1876 nahm der Vorbesitzer 
Friedrichs, der auch die Leitung behalten hatte, den Gasthof 
für 700,000 Thaler zurück. 

Brauukohleu-Bersban und Bad >'udersdorf bei "Witten- 
berg. Gegründet März 1672 von Hans Emil von Oppenfeld 
(M. Oppenheim's Söhne), Generalconsul z. D. L. P. Spiegelthal, 
Otto Moeser, „Rechtsconsulent der Gesellschaft", und dem 
EichuDgsinspector und Stadtverordneten Dr. Bernhard Kosmann 
in Berlin, mit 600,000 Thaler Actien. Die Braunkohlengruben 
gewährten keine nennenswerthe Ausbeute, die Ziegelei kam ins 
Stocken, und die Badegäste blieben aus. Schon im No\-ember 
1873 brach der Concurs herein, der indess beseitigt wurde, 
worauf man die Auflösung beschloss. Als Liquidator fungirte 
Dr. Albert Jausel in Berlin, und die Actionäre erhielten etwa 
S'o'^o zurück, 

Is ach der „Neuen Börsen-Zeitung" hatte Herr von Oppenfeld 
das Gut um 100,000 Thaler vorgekauft, es für 520,000 Thaler 

Glagaa, Der Börsenschwindel. II. 26 



— 402 — 

der Gesellschaft überlassen, und erstand es dann wieder aus 
der Subhastationsmasse um ein Billiges. Auf Antrag des 
Staatsanwalts schwebte ein Untersuchungsverfahren; doch wurden 
schliesslich nur die beiden Directoren: Dr. Kosmann und Berg- 
beamter linaut, weil sie den Concurs nicht rechtzeitig ange- 
meldet, zu zwei resp. zu einer Woche Gefängniss verurtheilt. 

Bad Königsdorff-Jastrzemb in Schlesien. Gegründet 
November 1868 mit 250,000 Thaler Actien. Persönlich haftender 
Gesellschafter: Eugen Heymann in Breslau. Verwaltungsrath : 
H. Hinrichs, M. Cohn (Gebr. Guttentag), Bürgermeister a. D. 
Fritze, Geheimrath Professor Dr. Lebert und Justizrath von 
Wilmowski in Breslau, Landrath und Herrschaftsbesitzer Brauns, 
Abgeordneter Victor Herzog von Ratibor. August 1876 wurde 
der Concurs eröffnet. 

Chrysopras, Bad und Kurhaus zu Blankenburg in Thü- 
ringen. Gegründet Juni 1872 mit 300,000 Thaler Actien, auf- 
gelegt bei F. E. Schreiber Söhne in Berlin. Verwaltungsrath: 
Rentier C. F. Bernhardt, Baumeister F. Waldeyer, Bärger- 
meister Dr. Hopf und Hauptmann a. D. Lambrecht in Blanken- 
burg. Versprach für die zweijährige Bauzeit 6*^/0 Zinsen, und 
später 11— 12^/0 Dividende, beschloss aber, weil die Actien 
nicht unterzubringen waren, schon December 1872 die Auf- 
lösung. 

Bad Liebensteiiij früher dem Herzog von Meiningen ge- 
hörig , und gegründet Juni 1872 mit 210,000 Thaler Actien, 
welche David Liepmann in Berlin autlegte. Dazu ca. 111,000 
Thaler Hypotheken. Für 1874 gab es 1%, für 1875 bereits 
IV270 Dividende. Ohne Börsencours. 

Seebad Heillg'endaium bei Doberan in Mecklenburg. Ver- 
spätete Gründung, die erst kurz vor dem „Krach" das Licht 
der Welt erblickte, und von folgenden Herren aus der Taufe 
gehoben wurde: Louis Fonrobert, Dr. Theodor Eulenstein, 
Justizrath Felix Primker, Rittmeister Baron Adolf von Thiel- 
mann, Rittmeister Feodor Andre, Rittmeister Max von Katte, 



— 403 — 

Rittmeister Otto von Kahldeu, Director Heinrich Bergmann und 
Architect Heinricli Kayser, Abgeordneter Graf Johannes von 
Reuard und Abgeordneter Prinz Carl zu Hohenlohe-Ingelfingen 
in Berlin, Director Ludwig Karrig in Schwerin. Actiencapital 

1 Million Thaler und 250,000 Thaler Hypotheken. Zu den 
Aufsichtsräthen gehörten auch; Ferd. Jaques, Eduard Jaques, 
Abgeordneter Victor Herzog von Ratibor und Ludwig von 
Kaufmann (Jacob Landau) in Berlin. 1873 entfielen pro Actie 

2 Thaler, 1875 — 1% Thaler, und befindet sich der grösste 
Theil des Papiers wol noch in den Händen der Gründer. 

Seebad Heringsdorf bei Swinemünde. Gegründet Februar 
1874, also gleichfalls sehr verspätet, mit 150,000 Thaler Actien. 
Vorstand: Baumeister Julius Hennicke in Berlin, Dr. Hugo 
Delbrück und Albert Schlutow in Stettin. Ohne Börsencours. 

Rotlieiifelder Salinen- und Soolbad. Gegründet April 
1872 mit 200,000 Thaler Actien. Vorstand: J. M. SimmersbacL 
Verwaltuugsrath: Albert Lohmann und L. Hanf zu Witten, 
Heinrich Schüchtermann in Dortmund, Fr. Rüping in Gedern, 
A. G. Meyer in Melle, C. Henrici iq Osnabrück. Im ersten 
Geschäftsjahr entfielen öVa^ Dividende, 1873 und 1874 — 0. 

Saline und Soolbad Salzungen. Gegründet September 1872 
durch die Preussische Creditanstalt (Richard Schweder) in Berlin. 
Vorgekauft für 830,000 Thaler und der neuen Gesellschaft 
überwiesen für 1,350,000 Thaler, also mit 520,000 Thaler Auf- 
schlag-, worauf man 1,500,000 Thaler Actien fabricirte und 
dieselben Januar 1873 zu 102 V2 an die Börse brachte! Noch 
im selben Jahre stürzte der Cours bis ca. 25. Die Leitung 
übernahm Dr. H. Hofifmann, und als Aufsichtsräthe resp. , .Revi- 
soren" fungirten u. A.: R. Hertel, W. Paradies, L. Paradies, 
J. Schwerdt, Bankdirector Lübke (Mitteldeutsche Creditbank 
in Meiningen), M. Goldsteiu, Commissionsrath Ad. Hausmann, 
An Dividenden entfielen von 1873—1875: 2'*/iö, 37« und resp. 
3% Procent. 

26* 



— 404 — 

Als gegründet wurden auch noch genannt: Bad 
Kahlberg bei Elbing und Saline Königsborn. 
Um letztere concurrirten angeblich der Wunderdoctor 
Strausberg und Fr. Grillo in Essen, während Marcus 
aus Kamen für 290,000 Thaler den Zuschlag erhielt. 
Bad Kreischa gerieth in Concurs, Augustusbad 
sollte verpachtet werden, Kalibergbau und Saline 
Kalusz schloss 1874 mit 780,000 Gulden Verlust 
und trat in Liquidation, Alexandrinenbad bei 
Freienwalde a. 0. ging Ende ]876 für 15,000 Thaler 
fort, Freienwalder Bad- und Immobiliengesell- 
schaft, von S. Heinrich Philippson und Hermann 
Geber mit 500,000 Thaler Actien gegründet, musste 
von Letzterem zurückgenommen werden. Aehnlich 
ging es mit den Gasthöfen, von denen Badhotel in 
Konstanz sich für insolvent erklärte. Blase witzer 
Park-Hotel in Liquidation trat und zum Verkauf 
gestellt wurde, während Hotel Bellevue in Dres- 
den pro 1875 — 5**/o, pro 1876 nur noch 3V2% 
Dividende abwarf. Wenn irgendwo, ist die Actien- 
gesellschaft auf diesen Gebieten unvortheilhaft, und 
ein Privatbetrieb stets weit rentabler. In den Actien- 
hotels und Actienbädern pflegt Alles theurerundschlech- 
ter zu sein. Höchst interessant war es zu beobachten, 
wie die gegründeten Bäder alsbald mit Juden über- 



— 405 — 

schwemmt wurden, während die Geburts- und Beam- 
tenaristokratie sich mehr und mehr zurückzos. 



Von den gleichfalls sehr zahlreich entstandenen 
Transportgesellschaften nennen wir hier nur: 

Baltischer Lloyd in Stettin, Dampfschifi's- Verbindung 
zwischen der Ostsee und Amerika. Gegründet September 1870 
mit 650,000 Thaler Actien. die März 1872 durch Heinrich 
Quistorp in Berlin auf 2 Millionen Thaler vermehrt wurden. 
Kurz vorher empfahlen die „Ostsee -Zeitung" in Stettin und 
andere Blätter das Unternehmen als ein im grossen Aufschwünge 
begriffenes und sehr zukunftsreiches. Verwaltungsräthe: Ab- 
geordneter Dr. H. Dohrn, Commerzienrath Joh. Quistorp, 
C. Fraude, A. Weylandt, T. R. Oswald, Carl Arlt, Carl Fr. 
Braun, W. Schliemann, R. Abel, C. Domcke in Stettin. 1872 
und 1873 schlössen mit grossen Verlusten und sank der Cours 
bis ca. 20. April 187G beschloss man die Auflösung. 

Norddeutscher Lloyd in Bremen. Besteht schon seit 1856, 
erhöhte gleichfalls in der Schwindelperiode sein Grundcapital, 
und litt später unter grossen Verlusten und unter dem Drucke 
einer unsinnigen Concurrenz, welche die verschiedenen Dampfer- 
Linien einander machten. Actiencapital schliesslich 6,600,000 
Thaler und 3,000,000 Thaler Prioritäten. Aufsichtsrath: Ab- 
geordneter H. H. Meyer in Bremen. Dividende pro 1875 — 0. 
Der Cours der Actien ist seit 1872 enorm gefallen. 

Central -Actieugesellschaft für Tauerei (.Kabel- Dampf- 
Schleppschifffahrt) in Köln. Gegründet December 1871 vom 
Schaaffhausen'schen Bankverein daselbst, mit 1,200,000 Thaler 
Actien. Verwaltungsrath: Th. Deichmann, Theodor Movius, 
Eugen Laugen, Emil vom Rath und Robert Peill in Köln, 
Hermann Becker in Mülheim a. Ruhr, Julius Brockhoff" in 
Duisburg, Baron Friedrich von Holstein, Kaiserlich Deutscher 



— 406 — 

Botsehafts-Secretair in Paris. Nach einer Zeitungsnotiz 1876 
verschmolzen mit der Ruhrort -Miilheimer Dainpfschlepp- 
schifffahrts- Gesellschaft, gegründet März 1872 mit 700,000 
Thaler Actien (Aufsichtsrath : Geh. Commerzienrath Hugo 
Haniel in Ruhrort); und sollten die beiderseitigen Actien zu je 
66-/3% angerechnet werden. 

Speditions- und Elbschifffahrts-Comptolr, vormals Carl 
Fritsche zu Schönebeck. Gegründet December 1872 von der 
Magdeburger Wechsler- und Discontobank, mit 180,000 Thaler 
Actien und 100,000 Thaler Hypotheken. Scheint aus einem 
Speicher zu bestehen und vertheilte pro 1874 — 5% Dividende-, 
1875 wollte man das Actieucapital „reduciren". 

Möbel- Transport in Berlin. Gegründet November 1872 
von Gustav Borchardt, Carl Jacob, Simon Schüler, Isidor Ka- 
disch, Ferd. Vogts, Moritz Eduard Meyer, Albert Meyer. Aus 
einem Fubrgeschäft, das sie mit 5750 Thaler bezahlten, und 
aus dem Grundstück Köpenicker Strasse 127 machten die Gründer 
eine Gesellschaft mit 250,000 Thaler Actien und 100,000 Thlr, 
Hypotheken! Albert Meyer, Bruder von Moritz Ed. Meyer 
und im Geschäft bei Ferd. Vogts, Hess sich zum Director der 
neuen Gesellschaft ernennen, als welcher er 3000 Thaler Ge- 
halt bezog, aber wenig genug zu thun hatte. Mai 1874 legte 
er sein Amt nieder, wurde Aufsichtsrath und trat April 1875 
aus, worauf er December 1875 in einer Eingabe an den Han- 
delsrichter sich als unglücklichen verführten Actionär gerirt, 
auch den Vorsitzenden des Aufsichtsraths, Gustav Borchardt, 
sowie den amtirenden Notar gewisser Unregelmässigkeiten be- 
schuldigt. Ebenso rührend ist der Geschäftsbericht, welchen 
der Mitgründer Ferd. Vogts Frühjahr 1875 erstattete, und in 
welchem er ausdrücklich sagt: „Hauptsächlich aber, und 
das ist der Krebsschaden der Gesellschaft, ist unser 
Grundstück zu theuer." DerProspect hatte eine Dividende 
von 15% „in sichere Aussicht" gestellt, doch gab es pro 1873 
nur 20/0, 1874 und 1875 — 0, worauf der Cours bis circa 15 



407 



sank. Erst nachdem 75,000 Thaler Actien gemeuchelt, konnte 
für 1876 wieder eine Dividende vertheilt werden, und hetrug 
dieselbe 1^/5%. Als Aufsichtsräthe fungirten noch: Robert 
Macks, Rechnungsrath Rudolf Müller und Rechtsanwalt Ewald 
Hecker, welcher das Statut aufgenommen hat. Der Staats- 
anwalt ist eingeschritten. 

Norddeutsche Packet-Beförderungs-Gesellscliaft. Ge- 
gründet Juni 1869 von den Spediteuren Ed. Reinecke in Leipzig, 
Louis Henze und H. Vallette in Berlin, von Hermann Paderstein 
in Bielefeld, Ferd. Randel in Halle a. S., Hofrath Robert 
Kleinschmidt in Leipzig und Geh. Finanzrath Eugen Kühne- 
mann in Berlin. Actiencapital 500,000 Thaler. Wollte in echt 
manchesterlicher Weise der Reichspost Concurrenz machen, 
kam aber kläglich zurück und liquidirte schon Januar 1871. 
Zu den Liquidatoren gehörten auch: Theodor Lassally und der 
unvermeidliche Hermann Geber. 

Grosse Berliner Pferde - Eiseubalm, W^ie aus einer 
Beschwerde des damaligen Oberbürgermeisters Seydel vom 
13. November 1871 an das Ministerium erhellt, stritten um die 
Concession zwei Parteien. Magistratus wollte sie dem Regie- 
ruugs-Assessor Plewe und dem Dr. Martin Ebers ertheilen, 
wogegen das Polizeipräsidium durchaus den Joseph Pincuss 
verlangte. Schliesslich vereinigten sich die feindlichen Brüder, 
und es traten ausser ihnen als „erste Zeichner" auf: Di- 
rector Gustav Dittmann, Generalconsul Hermann Kreismann, 
Geh. Kanzleirath Dr. Georg Kurs. Aufsichtsräthe: Michael 
Simonsohn, Sigismund Samuel, Buchhändler Alexander Duncker, 
Stadtrath Risch, Regierungsrath Otto Windmüller, Moritz Hirsch. 
Actiencapital schliesslich 3 Millionen Thaler. Obwol von pro- 
fessionellen Gründern verfasst, gehört diese Gesellschaft doch 
zu den wenigen aus der Schwindelperiode, die einem wirklichen 
Bedürfniss entsprachen, weshalb sie auch guten Fortgang nimmt. 
Eine Linie nach der andern wird fertig gestellt, die Wagen 
sind stets überfüllt, und die Passagiere lassen sich, sitzend und 



— 408 — 

stehend, wie Heringe zusammenpressen, oline dagegen zu murren. 
Die bisherigen Dividenden waren nur massig: 1874 — 4^/4 und 
1875 — 6V4*'/o- Trotzdem behauptet sich der Cours in Höhe 
von etwa 110. 

Verschiedene Gesellschaften widmeten sich der 
Kunst, der Literatur, dem Sport und der geselligen 
Vereinigung. 

Deutsches Kunstinstitut in Berlin. Verspätete Gründung, 
die sich erst im Juni 1873 an den Tag wagte. Emil Pfeifi'er 
verkaufte sein „Kunstinstitut" an die neue Gesellschaft für 
134,000 Thaler, und Arwed Römer sein „Kunstgemälde-Magazin" 
für 86,000 Thlr., worauf man das Actiencapital auf 250,000 Thir. 
festsetzte. Ausser den Herren Pfeifi'er und Römer, die den 
neuen Vorstand bildeten, waren die Gründer: David Schwoeder, 
Louis Simon, Buchhändler Richard Lesser etc. An der Börse 
sind die Actien nie notirt worden, doch scheint die Gesellschaft 
noch zu existiren. 

Borussia, Oelfarbendruck - Gemälde -Verein in Berlin. 
Gegründet November 1871, mit 150,000 Thaler Actien, von 
Isidor Danziger, Paul Reschke und dem Stadtverordneten Dr. 
Erich in Berlin. Erste Zeichner u. A.: Louis Simon, Maxi- 
milian Rasch und David Schwoeder in Berlin. Vorstand: Paul 
Reschke. Bald nach der Constituirung schrieb die „Neue 
Börsenzeitung"; „Als eine jener vielen kleineren Actiengesell- 
schaften, denen es weniger um die Actionäre als um den Ge- 
winn der Verwaltungsclique zu thun ist, wird uns die „Borussia", 
Oelfarbendruck-Actiengesellschaft in Berlin, denuncirt. Die 
definitiven Stücke derselben sind noch nicht ausgegeben und 
schon macht das Directorium in der Weise flau, dass es für 
voll eingezahlte Interimsscheine nur noch 66-/3% bietet." Das 
„Directorium" fixte also die eigenen Actien, was freilich auch 
bei sehr vielen anderen Gesellschaften vorkam. Unterm 4. April 



- 409 — 

1S73 versandte die Gesellschaft ein Circular, das u. A. folgende 
Sätze enthielt: „Das erste Geschäftsjahr hat 10% Dividende er- 
geben. Pro 1873 können wir schon jetzt 15 °/o Divi- 
dende garantiren. Die Actien werden nächstens mit 110 
an der Börse eingeführt. Wir bieten Ihnen und Ihren Be- 
kannten al pari Beträge bis 500 Thaler an." Einer der Auf- 
sichtsräthe, Professor Ferd. Bellermann, legte hierauf sein Amt 
nieder, weil man ohne sein Wissen und gegen seinen Willen 
unter jenes Circular seinen Namen gesetzt hatte. Mai 1875 
ward die Auflösung beschlossen und zum Mitliquidator der bis- 
herige Director, Paul Reschke, erwählt, der jedoch zurücktreten 
musste, da er inzwischen in Coneurs gerieth. Was den eigent- 
lichen Charakter der Gesellschaft betrifft, so richtete ein Ac- 
tionär aus Lindau am Bodensee ein Schreiben an den Ver- 
fasser dieses Buchs, das hier im Auszuge stehen mag: „In den 
Kriegsjahren 1870/71 sandte der Oelfarbendruck-Gemälde- Verein 
„Borussia" Loose auf seine Gemälde hierher mit der Bestim- 
mung, dass die Hälfte des Reinertrages dem Deutschen Invaliden- 
fonds zufallen solle. Dieser patriotische Gedanke zündete 
auch bei uns, und soviel mir noch erinnerlich, konnte eine nam- 
hafte Summe dem genannten Fonds zugeführt werden. Zu An- 
fang 1873 erhielt ich — wahrscheinlich auch noch Andere hier — 
eine Einladung, dem Verein als Actionär beizutreten. Es hiess 
in derselben, dass die Actien in Süddeutschland, um das Untei:- 
nehmen bekannt zu machen, zum Paricourse abgegeben würden, 
dagegen an der Berliner Börse zu 110 zur Einführung kämen, 
da für das laufende Jahr ein Reingewinn von 15% garantirt 
werden könne u. s. w. Die Namen unter dieser Einladung: 
Dr. Erich, Professor Bellermann u. s. w. hatten einen guten 
Klang, ich übernahm fünf Action ä 100 Thaler und 5 % Zinsen, 
zahlte baar ein und damit war die Angelegenheit erledgit. Weder 
Abrechnung noch Zinsen, auch nicht die für das erste Jahr 
garantirten, habe ich seitdem erhalten. Eine nichtssagende 
Antwort kam mir zu Anfang 1874 auf eine Anfrage zu, seitdem 



— 410 — 

sind meine Briefe gänzlich unbeantwortet geblieben. Verschie- 
dene Briefe an Berliner Banquiers wurden dahin beantwortet, 
dass die Actien garnicht bei der Berliner Börse eingeführt 
seien, und daher eine Auskunft nicht gegeben werden könne. Ich 
vermag kaum zu glauben, dass unter dem Deckmantel des 
Patriotismus hier ein Schwindelgeschäft vollführt wurde." 

Bazar - Actien - Gesellschaft in Berlin. Die bekannte 
Modenzeitung, welche ihren Begründer zum Millionär gemacht 
und ihm, als Anerkennung für seine „patriotischen Verdienste", 
den Charakter „Geheimer Commerzienrath" und die Erhebung 
in den Adelstand eingetragen hat, wurde October 1871, auf 
Veranlassung des Buchhändlers Albert Hofmann, in ein Actien- 
unternehmen umgewandelt. Herr von Schäfer-Voit wollte sich 
zuerst nicht gründen lassen, aber der vielgewandte und hoch- 
industriöse Verleger des „Kladderadatsch" wusste ihn zur Raison 
zu bringen, und zwar in wahrhaft genialer Weise. Nachdem 
die gütlichen Unterhandlungen gescheitert, kündigte Herr Hof- 
mann plötzlich ein Concurrenzblatt an unter dem verführerischen 
Titel „Die elegante Welt", und engagirte dafür das gesammte 
Redactions- und Expeditions -Personal des „Bazar", von der 
technischen Chef-Redactrice und dem belletristisch-poetischen 
Chef-Redacteur bis herab zum jüngsten Laufburschen. Als 
Herr von Schäfer-Voit an einem regnerischen Herbstmorgen 
erwachte, fand er sich von all' seinen Getreuen verlassen, und 
nnisste sich nun, wohl oder übel, seinem von Figur nur kleinen, 
aber an Ingenium sehr grossen Gegner ergeben. ,,Die elegante 
Welt", von der inzwischen ein paar Nummern erschienen waren, 
ging wieder ein, der ,, Bazar" versammelte um sich die alten 
Mitarbeiter und wurde mit diesen das Eigenthum der Gründer. 
Als solche nennt das Statut: Julius Schiff, Julius Weissen- 
burger, Oscar Hainauer, Hermann Herz, Leopold Ullstein, 
Paul MarkwalJ, Commerzienräthc Moritz Gerson und Wilhelm 
Herz, Abgeordneter Stadtrath Adolf Hagen und Buchhändler 
Albert Hofmann in Berlin etc. Herr von Schäfer-Voit erhielt 



— 411 — 

einen kolossalen Preis — 400,000 bis 500,000 Thaler, wie man 
sagt; aber die Gründer überwiesen den „Bazar" der neuen 
Gesellschaft für 850,000 Thaler, also ungefähr um das Doppelte. 
Trotzdem kamen die Actien, die zunächst durch die Hände 
mehrerer Consortien gingen, zu etwa HO an die Börse und 
wurden getrieben bis circa 140. Eduard von Ilartmann, der 
Actien-Philosoph, machte für diese Gründung in einem Feuilleton 
der „Natioual-Zeitung" (Vgl. S. 150) noch besondere Reclame, 
indem er sagte: „Man denke z. B. an die Modezeitung „Bazar", 
die von einer Actiengesellschaft kürzlich für die Summe von 
850,000 Thaler erworben wurde. Diese Summe steht ausser 
allem Verhältniss zum reellen Capitalswerth des Unternehmens 
imd erscheint so als völlig schAvindelhaft; wenn man aber 
diese Zahlung als den Rentenkauf eines jährlichen Reingewinns 
von circa 160,000 Thaler betrachten darf, so erscheint sie sehr 

gering." Obgleich bisher, ausser hohen Tantiemen für 

Aufsichtsrath, Vorstand und Beamte, an Dividenden 10, 10 Va, 
10, 8V2 und resp. 8V2% vcrtheilt wurden, so ist der Cours 
doch bis etwa 90 gesunken. Und mit vollem Recht. Das 
eigentliche Object, mit dem ungeheuren Preise von 850,000 
Thaler angerechnet, besteht aus der Firma, und diese hat 
doch nur einen sehr relativen Werth. Wenn die Abonnenten- 
zahl sich mindert, und naturgemäss muss sie sich mindern; 
wenn ein Concurreuzblatt auftritt, und es existiren bereits 
Blätter, die dem ,, Bazar" eine sehr bedrohliche Concurrenz 
machen — so schwindet auch der Worth, und er kann 
völlig verschwinden. Herr Albert Hofniann, welcher Director 
der Gesellschaft ist und als solcher ein hübsches Taschen- 
geld bezieht, scheint die Sache auch für problematisch 
zu halten; denn im Sommer 1876 beantragte er die Herab- 
setzung der Caution, die er in Bazar -Actien geleistet hat, 
von 10,000 Thaler auf 10,000 Mark! Sollte das nichts zu be- 
deuten haben? 



— 412 — 

Deutsche Buchhäudlerbank in Berlin. Gegründet Fe- 
bruar 1872 von Robert Baumann, Friedrich Rennemann und 
Rudolt Messe in Berlin, den Buchhändlern Wilhelm Moeser sen. 
und Wilhelm Moeser jun., Paul Parey und Albert Cohn 
(A. Ascher & Co.) in Berlin, Friedrich Luckhardt und Wilhelm 
French (Job. Fr. Hartknoch) in Leipzig, dem Abgeordneten 
Dr. Carl Braun (-Wiesbaden) und dem früheren Abgeordneten 
Dr. Julius Faucher in Berlin. Die beiden Letzteren wollten 
dem Unternehmen „theils mit Capital, theils mit ihrem sach- 
kundigen Beirath zur Seite stehen". Als bei der Gründung 
betheiligt nannte die „Neue Börsenzeitung" auch noch den 
Buchhändler Carl Rümpler in Hannover. Die Bank sollte ein 
Credit-Institut für den Deutschen Buchhandel, mit dem Betrieb 
aller buchhäudlerischen und verwandten Geschäftszweige sein. 
Insbesondere bezweckte man: 1) Centralisation des Commis- 
sions- und Creditgeschäfts; 2) Betrieb aller buchhändlerischeu 
und verwandten Geschäftszweige; 3) Gründung von Actien- 
gesellschafteu ähnlicher Art; 4) Ankauf einschlägiger Etablis- 
sements; 5) Betheiligung bei anderen Gesellschaften dieser 
Branche. Ein fabelhaft grossartiges Programm, zu dessen Rea- 
lisirung das Actiencapital von nur 1 Million Thaler kaum aus- 
gereicht haben würde. Indess kam es noch vor Eröffnung des 
Geschäfts schon zu einem Schisma. Der Aufsichtsrath ent- 
setzte die beiden Directoren Luckhardt und French ihres Amts, 
und diese erklärten öffentlich, sie seien nur deshalb verab- 
schiedet worden, weil sie „aus guten Gründen gegen den 
Ankauf der Firma A. Asher & Co. Protest eingelegt'' 
hätten. Damit erreichte die grossartige Buchhändlerbank ihr 
Ende, glücklicherweise ohne das Publikum gekränkt zu haben; 
aber bei solchen Gründungen ist schon der Versuch strafbar. 

West-Club in Berlin. Errichtet December 1872 von Salomon 
Lachmanu, Adolf Salomon, William Schönlank, Julius Jacoby, 
Geh. Admiralitätsrath Ernst Gabler etc. Charakteristisch für 
die Hauptstadt des Deutschen Reiches ist, dass dieser Club, 



— 413 — 

■welcher die Gesellschaft des vornehmsten Stadtviertels vor dem 
Potsdamer und Anhalter Thore vereinigen sollte, in der Haupt- 
sache von Juden und Gründern in's Leben gerufen wurde. 

Tattersall-Actien-Gesellschaft in Berlin. Concessionirtl868. 
Verwaltungsrath: Abg. Graf Johannes von Renard, Abg. von 
Bethmann-Hollweg aufRunowo, Graf von Lehndorf-Steinort etc. 

Unious-Gestüt Hoppegarten in Berlin. Gegründet Mai 1870 
von den Abgeordneten Victor, Herzog von Ratibor und Graf von 
Renard, von Wilhelm Herz und Adolf Abel in Berlin. Fe- 
bruar 1875 wurde die Auflösung beschlossen. 

Berliner Reit-Institut inBerliu. Gegründet December 1872 
von Felix Meyer, Hans von Adelson, Oscar Bennewitz, Samuel 
Heinrich Ellen , Justizrath Hermann Riem, Regieruugsassessor 
a. D. George Magnus, Rittergutsbesitzer Dr. Emil Eschwe, James 
Saloschin etc. Schloss 1873/74 mit circa 10,000 Thaler Ver- 
lust, und wurde October 1875 an den bisherigen Betriebs-Director 
verpachtet. 

Die vier letzten Gesellschaften waren blos Privat- 
gründungen, und ihre Actien sind nie in's Publikum 
gekommen. Es ist nur interessant zu sehen, wie hier 
hoher Adel und hohe Finanz sich die Hände reichen, 
wie die Börse auch in noblen Passionen macht. Der 
sogenannte „Millionen -Club" in Berlin, wo in der 
Schwindelperiode nur Millionäre aufgenommen und 
blosse Fünfmalhunderttausendthaler-Mäuner schrotf 
zurückgewiesen wurden, sah als Gäste häufig Grafen 
und Herzoge bei sich, und umgekehrt bewegten sich 
in den adligen Casinos auch reiche Börsianer und 
Semiten. Auf den Rennen zu Hoppegarten geliörten 



— 414 — 

Freiherr von Oppenheim und Herr von Oppenfeld zu 
den Matadoren, und auch der grosse Gründer R. A. 
Seelig hat hier manchen Preis gewonnen. Derselbe 
hielt sich einen kostbaren Marstall, hat denselben 
nach dem Krach aber wieder abgeschafft. Die Allee 
im Thiergarten, welche nach dem Siegesdenkmal führt, 
hiess damals im Volksraunde „Gründer-Allee", denn 
hier fuhren die Gründer in Equipagen mit Gummi- 
rädern, hier trabten sie, mehr zu Anderer, als zu 
ihrem eigenen Vergnügen, auf den edelsten Rossen. 
Die Börse beritten, das Alte Testament zu Pferde — 
welch ein wundersamer Anblick! Und nicht selten 
passirte ein Unglück. Einer der gewaltthätigsten 
Gründer stürzte mit dem Pferde und wurde zu Tode 
geschleift, vor den Augen seiner Gattin, die ihn an 
einem Frühlingsmorgen auf einem Spazierritt be- 
gleitete. 

Um die Berliner täglich mit frischen Seefischen 
zu versehen, gründete Strausberg, wie er in seinen 
Memoiren erzählt, in Verbindung mit Ferdinand Jaques 
in Berlin, Commerzienrath Albert Cohen in Hannover, 
den Abgeordneten, Rittergutsbesitzer E. F. Adickes 
auf Heuhausen, Consul F. Lentz in Geestemünde u. A. 
die Fiscliereigesellschaft Weser in Bremerhaven 



— 415 — 

auf 300,000 Thaler Actien. Einen nicht minder löb- 
lichen Zweck verfolgte die Emder Häriugslischerei, 

gegründet April 1872 mit 100,000 Thaler Actien, von 
den Abgeordneten Dr. Georg von Bunsen in Berlin, 
Bernhard Brons in Emden und W. van Freeden in 
Hamburg. Leider sind beide Unternehmungen dem 
Publikum nicht zu gute gekommen. Obwol 1875 an 
der Deutschen Meeresküste soviel Heringe gefangen 
wurden, dass grosse Mengen dort verdarben, weil es 
an dem nöthigen Salze fehlte, wurde der Preis in 
Berlin nicht billiger, und überhaupt sind Fische in 
den letzten Jahren immer theurer geworden — Dank 
der Regierung, welche 1874, schon während der Krisis, 
noch die Eisenbahnfrachtsätze erhöhen liess. Dank dem 
wucherischen Zwischenhandel, welcher namentlich die 
Bedürfnisse des kleinen Mannes um Hunderte von 
Procenten vertheuert, und Dank auch der Berliner 
Polizei, welche zu Gunsten der Krcämer und Höker, 
den Verkauf von Heringen in den Flusskähnen ver- 
bot. Es geht eben Alles bei uns nach manchester- 
lichen Grundsätzen! 

Ferner verzeichnen wir noch: 

Berliuer Molkerei. Gegrüudet April 1872 von Ritter- 
gutsbesitzer Dr. Max Bauer, Commerzionrath Meyer Cohn, 
Julius Alexander, Justizräthe Gustav Wolff und J. J. Geppert, 
Dr. Otto Ilübuer, Dr. Wilhelm Abegg, Bierdirector Robert 



— 416 — 

Rhens etc. Actiencapital 200,000 Thaler, wofür nach Mitthei- 
lung der Zeitungen, 470 Milchkühe aufgestellt werden sollten, 
so dass jede Kuh den Actionären ca. 425 Thaler kostete. Die 
„Neue Börsenzeitung" äusserte denn auch: „Es giebt hier viele 
Actiengesellschaften, welche ebenso viele Milchkühe aufstellen, 
als sie Actionäre haben." April 1876 wurden die Kühe in aller 
Stille geschlachtet, und die schönen Ställe zur Vermiethung 
ausgeboten. „Etwa für Actionäre?" fragte die „Allgemeine 
Börsenzeitung". Trotz dieses unglücklichen Ausganges wurde 
eine kleine Nachgründung versucht. Wie Dr. Eduard Wiss, 
der Gehülfe von Heinrich Quistorp, im „Berliner Tageblatt" 
mittheilte, wollte man 100 Milchkühe für 15,000 Thaler, dies- 
mal also das Stück für nur 150 Thaler anschaffen, die Auf- 
sicht der „Deutschen Gesellschaft für öffentliche Gesundheits- 
pflege" übertragen, und den Liter Milch für 4 Sgr. in's Haus 
liefern. Ob der verlockende Plan zur Ausführung gekommen, 
ist nicht bekannt geworden. Wol aber ist Dr. Max Bauer, der 
Gründer und Exdirector der Molkerei, wiederholt als Veran- 
stalter von Theatervorstellungen zu wohlthätigen Zwecken auf- 
getreten, wozu er beim letzten Mal einen schönen Prologus 
gedichtet, und denselben in eigener Person von der Bühne herab 
mit Empfindung vorgetragen hat. 

Vereinigte Breslauer Oelfabriken. Bildete sich im Mai 
1872 durch Vereinigung der Etablissements von Moritz Wer- 
ther & Sohn, Schottläuder & Oliven, Franck & Sohn, Jonas Lip- 
mann, Emanuel Freyhan, M. H. Schäfer, Joseph Weigert, Julius 
Schottländer (lauter Israeliten), mit einem Actiencapital von 
2,200,000 Thalern, das der Schlesische Bankverein in Breslau, 
S. Abel jr. und die Berliner Producten- und Handelsbank auf- 
legten. Das erste Geschäftsjahr ergab 10% Dividende, das 
zweite 8%, und an Tantiemen für Aufsichtsrath und Direction 
11,500 Thal er, das dritte 5% Dividende und 8000 Thaler Tan- 
tiemen. Durch Rückkauf von 200,000 Thaler Actien erzielte man 
einen „Coursgewinn" von 58,000 Thaler! Für 1875/76 erhielten 



— 417 — 

die Actionäre nur 1% Dividende, und der Cours, der einst 110 
war, sank bis 40. In Berlin besteht eine Filiale, die auch 
Bankgeschäfte machte und im Sommer 1873 eine tüchtige 
Schlappe erlitt, worauf sie sich auf Oel- und Mehlhandel be- 
schränkte ; doch hat sie im letzten Jahre wieder über 17,000 
Thaler verwirthschaftet und deshalb in der Generalversamm- 
lung heftige Angriffe erfahren. 

Einige Gesellschaften erwarben Güter, Wälder 
und ländliche Besitzungen, um dieselben in jeder 
möglichen Weise auszunutzen; andere bildeten mit 
einem ganz allgemein gehaltenen und gewissermaassen 
unendlichen Programm, sogenannte „Industrievereine" 
und „Industricgesellschaften'', die nach dem Vorbilde 
des berüchtigten Credit mobilier in Paris, hauptsäch- 
lich Börsenspeculationen und Gründungsgeschäfte be- 
trieben, und die man gleichfalls als „Gründungen 
zur Gründung von Gründungen" definiren kann. 

Actieugesellscliaft zur Yerwerthimg der Herrschaft 
Stolzculnirg^ in Pommern. Durch Subhastation in den Besitz 
der Sächsischen Hypothekenbank in Leipzig übergegangen, und 
von dieser, nachdem sie selber bankerott geworden, an Alfred 
List in Leipzig, Eduard Marwitz in Angermünde, Hermann 
Bein und Carl Kiesel in Berlin verkauft, welche nun, in Ver- 
binduug mit Dr. Kilian Steiner in Stuttgart, Eduard Herzberg 
iu Cöthcn, Moritz Muszkat in Frankfurt a;M. und Ritterguts- 
besitzer Hermann Schwenke zu Petershain in der Niederlausitz, 
eine Acticngesellschaft mit l'/^ Millionen Thaler Grundcapital 
errichteten. Bis Ende 1876 hatten die Actionäre etwa 56% 
zurückerhalten. 

Iiidustrievereiu Yietmaiiusdorf, Gegründet Januar 1873, 

Glagaa, Der Börsenschvrindel. II. 27 



— 418 — 

zum Zwecke der Ausbeutung etlicher Rittergüter im Kreise 
Templiu, von: Dittmar Lei2)ziger, Amaud Bloch, Paul Potocky- 
Nelken, Gustav Bartz, Herniaun Würtz, Paul Hoffmann, Gustav 
Dittmann, Ed. Kozuszek und Justizrath Lorenz Karsten in 
Berlin, Baron Carl August Robert von Stein auf Vietmannsdorf. 
320,000 Thaler Actien, welche mit 101—103 an die Börse ge- 
bracht wurden, aber nur schwachen Anklang fanden, weshalb 
man im April 1874 die Auflösung beschloss. 

Altmärkische Industriegesellscliaft in Arneburg. Entstand 
im April 1873 mit der Absicht, eine Ziegelei, eine Dampfmühle 
und Landwirthschaft zu betreiben; und waren die Gründer: 
Jacob Landsberg, Julius Laudsberg, Ernst Roy, Wilhelm Le- 
vinssohn und Freiherr Albert von Werthern in Berlin, Carl 
Seyfert in Arneburg. 250,000 Thaler Actien, welche man mit 
103 an der Börse einzuführen versuchte. Dazu 85,000 Thaler 
Hypotheken. Schloss 1873 und 1874 mit Verlust, und so kam 
es zur Auflösung. Liquidatoren: Theodor Remin in Arneburg 
und Max Titel in Berlin. 

Ostpreussischer IiKlnstrieyerein in Memel. Führte sich 
März 1873 ein und verkündete als Zweck: „Erwerb von Grund- 
stücken und Fabriken, Erbauung und Betrieb von Fabriken, 
sowie Ausführung und Vermittelung von kaufmännischen Ge- 
schäften". Ein sehr weitgehendes Programm , zu welchem das 
Actiencapital von 200,000 Thaler in keinem Verhältnisse stand. 
Beschloss schon Mai 1874 die Auflösung und erwählte zu Li- 
quidatoren: Hermann Grnbs, Wilh. Koch und Albert Ludewig 
in Berlin, bekannt als Gehülfen von Heinrich Quistorp. 

Poinmerscher Industrieverein. Gegründet Juni 1872 
mit 150,000 Thaler Actien. Betrieb eine Ziegelei, eine Mühle 
und eine chemische Fabrik in Wolgast, und vertheilte pro 
1873 — ßo/o Dividende. Director: Commerzienrath Johannes 
Quistorp in Stettin. Verwaltungsrath: H. Chr. Burmeister, 
August Hörn, Hermann Schwarz, Wilh. Walther und Hermann 
Weinreich in Stettin, Heinrich Quistorp in Berlin. 



419 



Deutsch-Uiig'arischer Wald-Iiidiistrievereiu. Gegründet 
März 1872 von Jacob Löwendahl in Halle, Marcus Löwendahl 
und Joachim Hammerschlag in Wien, Levi Marcus in Cöln, 
Otto Kaufmann, G. Müller & Co. und Justiz rath Lorenz Karsten 
in Berlin. Von dem Actiencapital mit 1,200,000 Thaler zeich- 
neten Karsten, Kaufmann, Marcus, Hammerschlag und Marcus 
Löwendahl je 120,000 Thaler, G. Müller & Co. 240,000 Thaler 
und Jacob Löwendahl 360,000 Thaler. Indess ward schon im 
December 1873 die Auflösung beschlossen. 

Kalker Industrie - Gesellscliaft. Actiencapital 800,000 
Thaler. Aufsichtsrath : Justizrath M. A. Herbertz, Philipp 
Kayser, Jacob von Kaufmann-Asser und Bankdirector E. Königs 
in Cöln, Commerzienrath Albert Poensgen in Düsseldorf, „Ge- 
neraldirector" Martin Neuerburg in Kalk. Vorstand: Peter 
Leister in Cöln. 1873 betrug die Dividende 0, 1874 schloss 
mit Verlust und 1875 trat man in Liquidation. Martin Neuer- 
burg, ein vielfacher Gründer, wurde bekanntlich wegen Un- 
treue zum Nachtheil der Bergwerksgesellschaft „Germania" in 
Kalk, nachdem er in erster Instanz freigesprochen, in der 
Appell- Instanz zu zwei Monaten Gefängniss verurtheilt; und 
nach Meldung der Zeitungen hat der Staatsprocurator zu Cöln 
auch die Anklage gegen die Gründer der Kalker Industrie- 
gesellschaft erhoben. 

Rheinisch -Westpliälische ludiistrie-Gesellschaft. Ge- 
gründet October 1871 durch den A. Schaaifhausen'schen Bank- 
verein mit 2 Millionen Thaler Actien. Vorstand: J. H. Andly, 
G. Hicking, H. Schülke. Aufsichtsrath: Friedrich Grillo, Ludwig 
von Born und Kreisrichter a. D. W. Ilcyland in Essen, Th. 
Movius, Commerzienrath Victor Wendclstadt, Th. Deichmanu, 
Jacob Lob Eltzbacher, Jean Marie Heimanu, Ad vocat- Anwalt 
Robert Esser II. und Jul. Joest in Cöln, Wilh. von Born in 
Dortmund, H. Mönting in Gelsenkirchen. Eine wahre Specu- 
lationsgesellschaft, die Bauterrains parcellirte, ^Strassen und 
Häuser anlegte, Ziegeleien, Kalköfcn und Ccmentfabriken er- 

27* 



420 



richtete und Holzhandel betrieb; die verschiedene Gründungen 
vollbrachte, wie die Gelsenkircheu-Schalker Gas- und Wasser- 
werke, die Rheinische Papierfabrik in Neuss etc. ; die sich bei 
den verschiedensten Gründungen und Gesellschaften betheiligte, 
wie bei der Essener Bierbrauerei, der Schalker Kesselfabrik, 
der Schalker Glas- und Spiegelmanufactur, der Gesellschaft für 
chemische Industrie in Cöln und bei zahlreichen Bergwerken; 
die Grubenfelder ankaufte, daraus Gewerkschaften bildete und 
davon Kuxe verkaufte; und die endlich auch noch in Actien 
speculirte, z. B. in denen der famosen Dortmunder Union. 
Für das erste Geschäftsjahr entfielen nominell 35% Dividende 
und 44,600 Thaler Tantiemen! In den folgenden Jahren aber 
erhielten die Actionäre 0, und 1875 schloss mit circa 864,000 
Thaler Verlust. Während einst die 40procentigen Interims- 
scheine bis 180 getrieben wurden, was eiuem Course von 300 
entspricht, uotirt die Vollactie jetzt etwa noch 10. Der Staats- 
anwalt ist angerufen. 

Bergisch-Märkische Industrie-Gesellschaft in Barmen- 
Elberfeld. Entstand November 1871 durch den Barmer Bank- 
verein, und bezweckte, wie es im Prospect hiess, „im Allge- 
meinen die Förderung der Industrie, der Bauthätigkeit und die 
bankmässige Verwerthung ihrer Mittel". Actiencapital P/a Mil- 
lionen Thaler. Vorstand: Emil Blank und Mathias Hinsberg 
in Barmen. Aufsichtsrath : C. L. Wesenfeld, Consul Gustav 
Gebhard uud Carl Siebel in Barmen, Ewald Caron in Bauen- 
thal, Commerzienrath Asbeck in Hagen, Heinrich Stein und 
Advocat-Anwalt Robert Esser II in Cöln, Cäsar Schöller (Leo- 
pold Schöller & Söhne) in Düren, Aug. de Weerth jun. und 
Walther Simons (Job. Simons Erben) in Elberfeld, Geh. Com- 
merzienrath Moritz Simon in Königsberg i. Pr. Ausserdem 
nannte die „National-Zeitung" als Mitgründer noch: Bankdirector 
Fischer, Heinrich Heegmann und Oberbürgermeister Bredt in 
Barmen, Justizrath Fay in Cöln und Abgeordneten, Consul 
Gustav Müller in Berlin. Die Gesellschaft betheiligte sich bei 



— 421 — 

Gründung zweier Creditanstalten und mit Capital bei mehren in- 
dustriellen Unternelimungen, wobei sie nianclierlei Verluste erlitt, 
und sie speculirte auch in Bauterrains. An Dividende wurde 1872 
— 10V2"/o und 17,500 Thaler Tantiemen bezahlt; 1873—1875 er- 
hielten die Actionäre 4, 7 und resp. 6%. Die von G. Müller & Co. 
an der Berliner Börse eingeführten Actien standen einst ca. 140. 
heute ist der Cours etwa noch 65. 



Von der Presse und von den „Volkswirtlien" wurden 
die Gründer als die Wohlthäter der Gesellschaft ge- 
feiert, und sie ernteten besonderen Ruhm, indem sie 
es unternahmen, die grossen Städte mit Prachtbauten, 
öffentlichen Localen und gemeinnützigen 'Anstalten 
zu bereichern. In Hannover wurde October 1871 
das Vergnügungsetablissement Tivoli in eine Actien- 
gesellschaft umgewandelt, an deren Spitze traten: 
Polizeipräsident von Brandt, Oberhofbaurath Molthau, 
Steuerrath Stock, Commerzienrath Rüinpler, Oberge- 
richtsanwalt Abel, Commissionsrath Röpke und Jacob 
Eberle in Hannover, Joseph Goldschmidt 'in Berlin. 
In Berlin versuchten Stadtrath Rudolf Pohle, Frei- 
herr Adolf von Thielmann und Bierdirector Hermann 
Grat weil das Kroll'sclie Etablissement im Thier- 
garten auf 500,000 Thalcr Actien zu gründen, was 
aber schon an dem Umstände scheiterte, dass der 
Grund und Boden dem Fiscus gehört. Ebenso kam 
nicht zu Stande die projectirte Friedrich Wilhelm- 



— 422 — 

Strasse, so getauft nach dem Kronprinzen, da die 
Behörden aus sehr berechtigten Gründen die Bau- 
erlaubniss versagten; aber dieser blutige „Lindenbau- 
verein" (vgl. S. 60) der Herren Paul Munk, Georg 
Beer, Emil Heymann, Georg von Bonin etc. kostet 
den unglücklichen Actionären einen Verlust von etwa 
2 Millionen Thaler. 

Dagegen traten wirklich in's Leben „Flora" und 
„Passage", die aber beide eine nicht minder scandalöse 
Geschichte haben, und bei denen die Actionäre gleich- 
falls in der schändlichsten Weise ausgeplündert wurden. 

Flora, „Vergnügiingslocal ersten Kanges, mit Sommer- 
und Wintergarten, Palmenhaus" etc. in Charlottenburg bei Berlin. 
Bildete sich im August 1871. Die Vorkäufer waren: Ritterguts- 
besitzer J. A. W. Carstenn (bald hernach geadelt) und Dr. 
Martin Ebers; und als Gründer nannten sich öffentlich: Fürst 
zu Putbus, Polizeipräsident von Wurmb, Hofgartendirector 
Jühlke, Oekonomierath Noodt, Geh. Commerzienrath F. W. 
Krause (bald hernach geadelt), Consul H. Kreismann, Legations- 
rath Freiherr von Steffens, Rittergutsbesitzer Ludwig Ebers 
und Regierungsassessor G. A. Plewe. Actiencapital 800,000 
Thaler-, dazu an 1 Million Thaler Prioritäten und Hypotheken! 
Als Directoren fungirten u. A.: Dr. Martin Ebers, Ferdinand 
Scheibler, Dr. Alexander Jacobius, Wilh. Salamonski-, als Cas- 
sirer: Dr. Albert Jausel; als Anfsichtsräthe: Stadtrath Apo- 
theker Julius Holtz, Moritz Eisner, Julius Pickardt, Stadtrath 
Dr. Wöniger, Dr. Alexander Meyer, Regierungsrath A. Bühling. 
Der Prospect hatte 12% Dividende verheissen, aber in Folge 
der unverschämten Gründerbeute, der schrecklichen Bau- und 
Verwaltungsunkosten und der geradezu verbrecherischen Wirth- 



— 423 — 

sclaaft schloss, als das Etablissement endlich halb fertig ge- 
worden , jedes Betriebsjahr mit grösserem Verlust. Schon 
Frühjahr 1875 verlas in der Generalversammlung Dr. Alexander 
Meyer einen Revisionsbericht, der die bösartigsten Dinge auf- 
deckte, aber dieser Bericht wurde nicht dem Staatsanwalt 
übergeben; er sollte, wie Herr Pickardt später erklärte, „nur 
als Material eines Prozesses resp. Vergleiches mit den Grün- 
dern, Directoreu und Aufsichtsräthen benutzt werden". Weil 
man eine Rettung noch für möglich hielt, bewilligte die Regie- 
rung die Veranstaltung einer Lotterie im Betrage von 250,000 
Thalem, aber der Ertrag ist wieder in spitzbübische Hände 
gefallen, und die Loosinhaber sind in derselben schamlosen 
Weise betrogen worden wie die Actionäre. Herr J. A. W. 
Carstenn, der die „Flora" ins Leben gerufen, wurde auch ihr 
Todtengräber. Auf seinen Antrag, wegen einer für ihn bestellten 
Hypothek, erfolgte die gerichtliche Subhastation und Admini- 
stration des Etablissements, und es brachte nur 425,000 Thaler, 
so dass nicht nur die Actionäre, sondern auch die Inhaber der 
Prioritäten leer ausgingen, in Summa l^/s Millionen Thaler 
ausfielen. Wie es sich herausstellte, besass die Flora nur noch 
die nackten Wände; das ganze Inventar, alles Trink-, Ess- und 
Kochgeschirr, ja die Oefen, die Tapeten, die Gas- und Wasser- 
einrichtung, sogar die Blumen, die Palmen und das Garten- 
gitter waren entweder nur geliehen oder doch verpfändet. Ein 
solcher Scandal ist noch nicht dagewesen! Einer der Actio- 
näre behauptete in öffentlicher Versammlung, dass nicht 800,000 
sondern 900,000 Thaler Actien ausgegeben sind, dass die „ersten 
Zeichner" riesige Summen gezeichnet und nur 1% eingezahlt 
haben, dass die Geschäftsbücher von falschen Eintragungen 
wimmeln, und dass an Mitglieder d(!r Presse mehre Tausend 
Thaler Schweigegelder und grosse Summen für Reclamen ge- 
zahlt sind. Der Staatsanwalt soll eingeschritten sein, und neuer- 
dings versucht man eine Nachgründung, indem man die ausge- 
plünderten Actionäre zu neuen Einzahlungen bewegen will! 



— 424 — 

Passage, Unter den Linden in Berlin. Gegründet März 
1870 von Aron Hirsch Heymann, Carl Egells, Meyer Colin, 
Hermann Reimann (F. W. Keimann), Gustav Stobwasser, Justiz- 
rath Drews, Kammerherr Louis von Prillwitz, zu denen später 
noch Georg Beer und Paul Munk traten. Der Prospect, wel- 
chen auch E. G. zu Putlitz, Erbmarschall der Kurmark Bran- 
denburg, unterzeichnet hat, versprach u. A. ein elegantes Theater, 
ein Hotel von hundert Zimmern, ein Cafe chautant etc., und 
stellte für die erste Zeit 12'>lo Dividende in Aussicht, die bei 
einer „anscheinend unvermeidlichen Steigerung der Miethe 
sich erhöhen muss" — lauter Dinge, welche die Gründer den 
Actionären schuldig gebliebeu sind. Actiencapital 2 Millionen 
Thaler; dazu ca. 1,400,000 Thaler Hypotheken und Obhgationen. 
,, Revisor": Dr. Max Bauer. Die Gründer resp. Aufsichtsräthe 
hatten privatim Meinhardt's Hotel, Unter den Linden 32, für 
500,000 Thaler angekauft und halsten es später der Passage- 
Gesellschaft für ca. G37,000 Thaler auf; auch machten sie den 
Versuch ihr ein Weinlager zu octroyiren, das sie zunächst 
gleichfalls für eigene Rechnung erworben hatten. Wegen dieser 
beiden Objecte gab es innerhalb des Aufsichtsraths selber Streit 
und Hader, machten die Herren sich untereinander bittere 
Vorwürfe. Noch stürmischer gestalteten sich die Generalver- 
sammlungen, wo die ausgebeutelten Actionäre schwere An- 
klagen erhoben, aber einfach niedergestimmt wurden. Lange 
standen die Läden, die Geschäftslocalitäten, die Festsäle und 
die Restaurants leer, und die projectirten Miethen musston be- 
deutend herabgesetzt werden. An Dividenden gab es 1874 — 
^U%, 1875 — lo/o. Der Cours, einst 140, ist etwa noch 20. 

Ein wahrer Gründerpatriarch ist Aron Hirsch 
Hey mann, das Haupt einer Gründerfamilie; auch 
seine Söhne Gotthold, Max und Emil, sowie sein 
Schwiegersohn, Meyer Cohn, sind namhafte Gründer. 



— 425 — 

1870 überliess Aron Hirsch Heymann sein Bank- 
geschäft an Gotthold und Max Heymann und wid- 
mete die Müsse seines Alters der Gründerei. 
Er und seine Nachkommenschaft gehören zu dem 
Gründerringe, dessen eigentliche Seele Paul Mimk 
ist, und der ausserdem noch viele Helden umfasst, 
wie Georg Beer, Gustav Markwald, Hermann Eei- 
mann, Hermann Egells, Carl Egells, Gustav Stobwasser, 
Leopold Hadra, Ascher Salinger, Joseph Pincuss, Carl 
Goppel, Richard Schweder, Kammerherr Louis von 
Prillwitz, Excellenz Gustav von Bonin etc. etc. 

Zum Schlüsse behandeln wir ein „gemeinnütziges" 
Gründerwerk, an das sich mancherlei Interessen und 
Intriguen knüpfen, und das in jüngster Zeit wieder 
viel von sich reden machte. Es ist der 

Berliuer Yielimarkt. Erbaut vonBaruch Hirsch Strausberg, 
genannt Dr. Strousberg, der schon im Sommer 1871 von London 
aus eine Gründung mit 400,000 Pfund Sterling versuchte, die 
aber missglückte. Als Verwaltungsräthe nannte der damalige Pro- 
spect: Regierungs- Assessor G. A. Plewe und Geh. Finanzratli Carl 
Siebold, und die Subscription sollte bei Platho&Wolft'erfolgen. Nach 
diesem Fiasco wurde das Etablissement vorgekauft von Michael 
Simonsohn, und Februar 1872 gegründet von Leopold Hadra und 
Moritz Hirsch, mit 2,000,000 Thlr.Acticn, wozu noch 1,500,000 Thlr. 
Hypotheken traten! „Erste Zeichner": Joseph Pincuss, Dittmar 
Leipziger, Amaud Bloch, Paul Munk, Buchhändler Alexander 
Duncker, Stadtrath Theodor Risch, Baumeister Friedrich Koch, 
Leonhard'Martiu Ahrens, Professor Dr, Eduard Albrecht, Regie- 



— 426 — 

rungsassessor Plewe. „Revisoren": Leopold Pincson, Leopold 
Friedläüder, Franz Reschke. In der Hauptsache waren also 
hier dieselben Personen thätig, welche bei der Grossen Ber- 
liner Pferdebahn und zum Theil auch bei der famosen „Flora" 
Gevatter standen. Für die neue Gesellschaft machte eine starke 
Reclame die „Nationalzeitung", indem sie im redactionellen 
Theil (Nr. 154 de 1872) einen Auszug aus einer bei Dr. Lang- 
mann erschienenen Broschüre gab, der also schloss: „Ein — 
um mit den Worten des Berliner Magistrats zu sprechen — 
so praktisch und umsichtig ausgeführtes und verwaltetes Unter- 
nehmen bietet die Garantie für einengiänzendenmate- 
riellen Erfolg für die Actionäre in sich selbst." — 
Als vorläufige Dividende stellte der Prospect 6 Vi % in ^.us- 
sicht, aber für 1872 gab es nur 2 V2 °/o, und von 1873 bis 1875 : 
5, 6 und resp. 4%. Trotzdem wurden pro 1875 an Verwal- 
tungsrath, Vorstand und Beamte über 8000 Thaler Tantieme 
bezahlt. Die mit 103 — 104 an der Börse eingeführten, und 
Frühjahr 1873 bis 112 getriebenen Actien notiren etwa noch 50. 
Wie Strausberg in seinen Memoiren erzählt, haben die Vor- 
käufer resp. Gründer eine halbe Million Thaler an „Provision 
verdient", „und doch hat das Publikum", wie er wörtlich 
sagt, „ein gutes Geschäft gemacht", 

Bei der Ungeheuern Hypothekenbelastung ist das 
Schicksal der Viehmarktsgesellschaft sehr proble- 
matisch, weshalb sie mit aller Macht dahin strebte, 
das Etablissement von der Stadt Berlin ankaufen zu 
lassen. Der Magistrat war dazu auch geneigt, trat 
aber zurück, als man angeblich die Summe von 
4^2 Millionen Thaler verlangte — d. h. pro Actie 
etwa 150°/o, während der Cours, mit Rücksicht auf 
die schwere Gründerbeute und die sonstigen lieber- 



— 427 — 

vortheilungen, nur ca. 50 ist. Die Stadt Berlin will 
jetzt selber einen Vichmarkt mit Schlachthaus an- 
legen, und der Magistrat hat zu diesem Zwecke, mit 
Zustimmung der Stadtverordneten, ein Terrain bei 
Friedricbsljerg von dem Bauverein „Berliner Neu- 
stadt"*) ziemlich theuer erworben, und dadurch den 
Gründern dieser Gesellschaft einen Ballast abge- 
nommen. Darob grosses Geschrei der Viehmarkts- 
gesellschaft, lange Artikel voll sittlicher Entrüstung, 
Anklagen und Verdächtigungen in der „Berliner Bör- 
senzeitung" und anderwärts. So las man: Es handle 
sich bei Anlage des städtischen Viehhofs um eine 
neue Gründung, bei der die materiellen Interessen 
verschiedener Stadtverordneten und anderer Perso- 
nen eine Rolle spielen. Diese Insinuation ist inso- 
fern nicht 'ganz unmotivirt, als der Beschluss zum 
Ankauf des obigen Terrains von der Stadtverordne- 
tenversammlung in geheimer Sitzung und nur mit 



*) Berliuer Neustadt, eine Parcelle weit vor den Thoren, 
dem Banquier Albert Hackel (M. Borchardt jun.) für angeblich 
2,3-72,000 Thaler abgekauft, und kurz vor dem Krach gegründet 
von: Baron Wilhelm von Eckardsteiu-Loewen, Bank-Assessor 
Hermann Löwenfeld, Antou Wolff, Regierungs- und Baurath 
Friedrich Keil. Actiencapital 2 Millionen Thlr. und 743,000 Thlr. 
Hypotheken!! Aufsichtsräthe : Carl Goppel, Paul Gravenstein, 
Franz Borchardt. Die Actien konnten glücklicherweise nicht 
mehr untergebracht werden. 



— 42b — 

einer einzigen Stimme Majorität gefasst wurde; auch 
bald darauf eine Gründung in's Leben trat, die sich 
eng an den projectirten Viehhof anschloss. 

Herr Ernst Gertb, von Beruf Hutmacher, einer der Wort- 
führer in der Stadtverordnetenversammlung und ein Haupt- 
beförderer des städtischen Viehhofs, reiste auf Kosten der Stadt 
nach Paris, um dort die Strassenreiuigung zu studiren, und 
benutzte seine Anwesenheit zu einem kleinen Privatgeschäft. 
Er hatte die Concession zu der Jfeiieu Berliner Pferdebahn- 
gesellscliaft erworben, und nach seiner Rückkehr wurde diese, 
am 81. Juli 1876, in Verbindung mit Pariser Banquiers, auf 
666,000 Thaler Actien gegründet. Als erüte Zeichner fungiren 
die Stadtverordneten Ernst Gerth und Bendix Bernhardt und 
der Stadtrath Friedrich Romstädt, und in den Aufsichtsrath 
trat ein Herr Hermann Lehmann, der sich daneben als Comte 
de Barranca bezeichnete; ein Grafentitel, der bis dahin in Berlin 
noch nicht gehört war und das Publikum fast in Aufruhr ver- 
setzte. Die neue Pferdebahngesellschaft erbaut u. A. eine Linie 
nach dem projectirten Viehhof, und daraufhin brach in der 
Presse ein Sturm los. Sogar die „Nationalzeitung", wahrscheinlich 
von der alten Viehmarkts-Gesellschaft auimirt, fragte entrüstet : 
wie Stadtverordnete und Magistratsmitglieder als solche gründen 
dürfen, wie sie ,,ihre amtliche Thätigkeit mit ihrer geschäft- 
lichen in Einklang bringen" wollen. Herr Gerth verantwortete 
sich in öffentlicher Versammlung, indem er nach der „Vossischen 
Zeitung" sagte: Er habe sich bei Leibe nichts Böses gedacht, 
und noch keinen Heller verdient, sondern nur Gutes beabsichtigt 
und den feiernden Arbeitern Beschäftigung verschaffen wollen. 
Im Uebrigen werde er „eher zwei Stunden früher aufstehen 
und drei Stunden später schlafen gehen", als dass er seine 
Pflichten als Stadtverordneter vernachlässigen sollte. Leider 
ward diese Entschuldigung nicht gewürdigt-, die alte Viehmarkts- 
Gesellschaft brachte das ganze umliegende Stadtviertel in Auf- 



— 429 — 

ruLr, und bei den Neuwahlen zur Stadtverordnetenversammluug 
unterlag Herr Gerth gegen den Viehcomniissionär Talke. Der 
Wahlact war so tumultuarisch und so blutig, dass die Regie- 
rung einen neuen anordnete, und diesmal siegte Herr Gerth, 
aber unmittelbar darauf erhoben gegen ihn die Anhänger der 
Viehmarkts -Gesellschaft einen tausendstimmigen Protest, und 
auch seine "Wahl ward cassirt. So sehen wir, um der Gründer 
willen und von diesen angeführt, Berlin bereits in verschie- 
dene Lager gespalten, die einander mit ]\[und und Hand befehden 
und sich förmliche Schlachten liefern. 

Die städtischen Behörden von Berlin bieten ein 
eigenthüniliches Bild. Der Vorsteher der Stadtver- 
ordneten, Dr. Wolfgang Strassmann, jetzt auch Ab- 
geordneter, ist Jude und Gründer; die Majoritcät der 
Versammlung bilden Semiten und Gründer, und es 
herrscht hier eine wahre Cliquenwirthschaft, insofern 
alle Beschlüsse von der sogenannten „Fraction" oder 
dem „Berg" schon im Voraus, hinter den Coulissen 
abgemacht werden. Ebenso sitzen im Magistrat, der 
in der Schwindelära ein starkes Contingent von Grün- 
dern stellte, noch heute zahlreiche Gründer und Auf- 
sichtsräthe von Actiengesellschaften, und erst kürz- 
lich ist wieder ein professioneller Gründer hineinge- 
wählt worden. Herr Adolf Hagen, der fortschritt- 
liche Abgeordnete, der 1862 durch seinen Antrag 
auf grössere Specialisiiung der Etats das Ministerium 
der „Neuen Aera" stürzte — der berühmte „Contiicts- 



— 430 — 

Hagen" legte 1871 seine Stelle als Kämmerer von Berlin 
nieder und wurde Director der Deutschen Union- 
bank*), welche eine lange Reihe von Gründungen ver- 
übte, und als es nichts mehr zu gründen gab, ihre 
Auflösung beschloss. Anstatt sich nun mit den 
Summen, die ihm ein glänzender Gehalt und noch 



*) Deutsche Unioubank in Berlin. Gegründet 1. März 1871 
von Arthur von Mayer, Dr. Phillipp Mauthner, Dr. Max Strauss 
{„Unionbank''), Dr. Emil Berend und Paul Schiff in Wien, 
F. W. Krause (bald hernach geadelt), Julius Nelke (A. Pader- 
stein), Julius Schiff, Benjamin Liebermanu und Commerzienrath 
Wilh. Herz in Berlin, Jacob von Kaufmann-Asser in Cölu und 
Abgeordneter Dr. Fr. Kammacher. Von dem Actiencapital mit 
12 Millionen Thaler hatte letzterer 175,000 Thaler gezeichnet. 
Aufsichtsräthe u. A. : Abgeordneter Dr. Carl Braun- Wiesbaden. 
Vorstand : Adolf Hagen, Julius Weissenburger, Wilh. Kopetzky, 
Kichard von Kaufmann- Asser. Die öOprocentigen Interimsscheine 
wurden mit 103 emittirt und bis ca. 140 hinaufgetrieben, was 
einem Course von 180 entspricht; 1873 sank die Vollactie bis 
ca. 68. An Gründungen und Emissionen vollbrachte die Bank: 
Mecklenburg-Schwerinscher Bodencredit, Deutsche Eisenbahn- 
bau-Gesellschaft (!), Steinhauser Hütte (!), Leipziger Vereins- 
bank, Leinenindustrie Kramsta, Ostsibirische Handelsgesellschaft, 
Austro-Türkische Credit- Anstalt(!), Rheinische Baugesellschaft(!), 
Deutsche Hypothekenbank, Maschinenbau Weser in Bremen, 
Hotel du Nord in Cöln, Oberschlesisches Eisenwalzwerk (!), 
Bazar, Wittener Gussstahl (!), Stettiner Vereinsbank, Chemnitzer 
Bankverein, Essener Creditanstalt, Oesterreichische Eisenbahn- 
bau-Gesellschaft, Banca generale in Rom, Deutsch- Italienische 
Bank, Erzgebirgische Eisen- und Stahlwerke etc. etc. Nach 
dem Krach verspeiste die Deutsche Unionbank: die Commissions- 



— 431 — 

glänzendere Tantiemen eingetragen, still in's Privat- 
leben zurückzuziehen, fühlte Herr Hagen das Be- 
dürfniss, sich zu rehabilitiren und bewarb sich wieder 
um eine Anstellung im Coramunaldienst In Charlot- 
tenburg fiel er als Candidat um den Bürgermeister- 
posten durch, aber in Berlin ward er von der „Fraction" 
der Stadtverordneten zum Stadtrath erwählt, nach- 
dem er auf einen Sitz im Reichstag zu Gunsten von 
Dr. Max Hirsch verzichtet hatte. Die Berliner Stadt- 
verordneten sind in solchen Dingen eben unbefan- 
gener und aufgeklärter; die Regierung aber hätte 
die Wahl des Herrn Hagen nimmer bestätigen sollen. 
Einen ähnlichen Streitpunkt bildet die Errichtung 
der städtischen Irrenanstalt, auf welche die armen 
Kranken unter den Dächern des Arbeitshauses, im 
Volksmunde Ochsenkopf geheissen, hinter vergitter- 
ten Fenstern, nun schon viele Jahre warten. Der 
Magistrat wollte zu diesem Zwecke ein Terrain wieder 
von einer Actiengesellschaft ankaufen, von dem „Lichter- 
und Maklerbank, die Generalbank für Maklergeschäfte, die Ber- 
liner Wechslerbank und denPaderstein'schen Bankverein, welche 
in Liquidation traten, beschloss Januar 1876 ihre eigene 
Auflösung und Hess sich nun verspeisen von der „Deutschen 
Bank" des Herrn Ludwig Bamberger. An den Acticn der Union- 
bank hat das Publikum 8—10 Millionen Thaler, an ihren Grün- 
dungen und Emissionen allermindestens 25 Millionen, zusammen 
also etwa 35 Millionen Thaler verloren. 



— 432 — 

felder Bauverein"*), dessen Direction der „Volkswirth" 
David Born führt; und die „Vossische Zeitung", die 
mit Herrn Born befreundet zu sein scheint, empfahl 
diesen Ankauf, obwol die Baufläche eine wasserlose 
Sandwüste in der Nähe des Militairschiessplatzes und 
der berüchtigten Rieselfelder von Osdorf ist Da- 
gegen verlangten die Pferdebahn-Interessenten in der 
Stadtverordnetenversammlung, dass die Irrenanstalt 
auf dem städtischen Gebiet von Dalldorf erbaut werde, 
das aber wieder zu feucht, nämlich sumpfig ist. So 
drohte den irren Berlinern von der einen Seite die 
Malaria, von der andern Seite die Pestilenz, und 
neuerdings hat man sich für die Malaria entschieden. 

Der Berliner Magistrat macht am liebsten Geschäfte mit 
Gründern und hilft auch Gründern gern aus der Noth. Her- 
mann Geber, der grosse Gründerhäuptling, hat in der Schwindel- 
periode die sogenannten Dammmühlen vom Fiscus erkauft und 
will dafür 670,000 Thaler gezahlt haben. Gewiss eine mehr 
als anständige Summe, die auch mit beigetragen hat zu den 
„Ueberschüssen" des Herrn Finanzministers CamiAausen. Geber 
kaufte natürlich auf Speculation, ist nun aber mit den Grund- 

*) Lichterfelder Bauvereiu, gegründet Anfang 1872 von 
J. A. W. Carstenn (bald hernach geadelt), Johannes Otzen, Carl 
Goppel, Gustav Markwald, Paul Muuk, Georg Beer, Martin 
Levy in Berlin, Julius Rohde in Hamburg, mit 1 Million Thaler 
Actien. Dividenden seit 1873 — 0. Cours, bei 90 Vo Einzahlung, 
einst 126, heute etwa noch 12. „Volkswirth" Born hat hier 
einige „Modell-Villen" erbaut. 



— 433 — 

stücken sitzen geblieben und otferirt sie der Gemeinde Berlin. 
1875 forderte er 800,000 Thaler, und Magistratus fand den Preis 
sehr massig, aber die Stadtverordneten, unter Führung des Herrn 
Gerth, lehnten mit grosser Majorität pure ab. 1876 verlangte 
Geber nur noch 735,000 Thaler, und der Magistrat rieth dringend, 
doch ja zuzugreifen, aber die Stadtverordneten verliarrten bei 
ihrer Weigerung. Wenn die Commune warten mag, wird Geber 
noch viel billiger werden. Indess hat er auch in der Stadt- 
verordnetenversammlung bereits eine starke Partei gewonnen, 
und einer seiner früheren Gegner, der nun freilich ausgeschie- 
dene Herr Leopold Ullstein, betonte letztlich: Hermann Geber 
habe doch grosse Verdienste um die Verschönerung Berlins. 
Wahrscheinlich meinte Herr Ullstein: die Centralstrasse, den 
Stadtpark mit dem Thalia-Theater, den Skating-Pdnk im alten 
Hofjäger, das auf dem Papier stecken gebliebene Palais Royal, 
aus dem nun eine „Neue Hotelgesellschaft" werden seil — aber 
er vergass, was das alles für blutige Gründungen sind und 
wieviel Tausende von Actionären dabei ihr gutes Geld einge- 
büsst haben. 

Schon lange war die Verwaltung der Stadt Berlin 
eine sehr kostspielige, seit dem Gründungsschwindei 
aber ist auch hier eine geradezu verschwenderische 
Misswirthschaft eingerissen, und die Ausgaben wachsen 
von Jahr zu Jahr in's Ungeheuerliche. Als 1SG5 
zwei Deputirte des Magistrats, wenn wir nicht irren, 
zum Zwecke der Markthallen die Europäischen Haupt- 
städte bereisten, und nach ihrer Heimkehr etwa 700 
Thaler für verbrauchte Glacehandschuhe und der- 
gleichen liquidirten — da ging durch die Einwohner- 
schaft ein Schrei der Entrüstung. Was aber bedeuten 

Glagau, Der Börsenschwindel. II. 28 



— 434 — 

diese 700 Thaler gegen die kolossalen Summen, welche 
in den letzten sechs Jahren ununterbrochen verlangt 
und bewilligt wurden? Was kosten nicht allein die 
zahllosen neuerbauten Gemeindeschulen, die von aussen 
wahre Paläste sind, aber durch Zugluft und mangel- 
hafte Heizeinrichtungen die Gesundheit der Lehrer 
wie der Schüler gefährden! Indem die Gemeinde das 
Schulgeld aufhob und den Unterricht gratis ertheilen 
lässt, begünstigte sie das Hereinströmen von mittellosen 
Arbeitermassen, die jetzt der Stadt zur Last fallen 
und das Armenbudget furchtbar anschwellen machen. 
Trotz der schweren Noth der Zeit forderte der Magi- 
strat 1,000,000 Mark zur Niederlegung der Schloss- 
freiheit, forderte er 20,000 Mark blos zu Bauskizzen 
für den neuen Viehhof, lässt er das Strassenpflaster 
drei- bis viermal kurz hintereinander aufreissen, so 
dass im Interesse des öffentlichen Verkehrs gar die 
Polizei einschreiten muss, kaufte er ohne Noth und 
für schweres Geld wiederholt Terrains an, die er 
hinterher nicht einmal verwerthen konnte, will er mit 
Gewalt Markthallen errichten, obwol ein solcher Ver- 
such bereits kläglich gescheitert ist, und das neue 
Project in der Bevölkerung auf entschiedenen Wider- 
spruch stösst, da man die freien Plätze, an denen 
Berlin ohnehin arm ist, nicht verbauen und die Lebens- 



— 435 — 

mittel sich nicht nocli mehr vertheuern lassen will. 
Hand in Hand mit solcher Verschwendung, geht die 
Unordnung in den Geschäften, die Rücksichtslosigkeit 
gegen das Publikum, worüber die kleinen, nicht an- 
gegründeten Zeitungen fast täglich zu klagen haben. 
Das Non plus ultra aller Experimente ist aber 
die Kanalisation von Berlin, welche die Volksstimme 
bereits als eine Gründung der Gebrüder Hobrecht 
{Oberbürgermeister und Baurath) bezeichnet, und die 
thatsächlich die schlimmsten Befürchtungen wachruft. 
Selbst Männer der Wissenschaft bezweifeln, dass sie 
zweckentsprechend und für ganz Berlin überhaupt 
durchführbar ist; gar Viele prophezeien, dass sie 
den Gesundheitszustand der Bevölkerung nicht ver- 
bessern sondern verschlechtern, ja endemische Krank- 
heiten und Seuchen erzeugen werde. An den ver- 
schiedensten Orten hat sie bereits ekelhafte Ver- 
stopfungen und Ueberschwemmungen herbeigeführt, 
verschiedene Häuser arg beschädigt und in die Ge- 
fahr des Einsturzes gebracht, und der „Kanalisations- 
jammer" ist in den Tagesblättern eine stehende Rubrik. 

Die Rieselfelder von Osdorf hält Herr Baurath Hobrecht 
gewissermaassen unter Verschluss und macht hier die Honneurs, 
wenn mit seiner Erlaubniss Besuch kommt. Im Frühling 1876 
empfing er die Väter der Stadt und zeigte ihnen die Bäche, 
und Flüsse, Tümpel und Seen mit würzig duftender Riesel- 

28» 



— 436 — 

jauche, aber bei ihrer Heimkehr mussten die resp, Stadtver- 
ordneten und Stadträthe erst ausgeräuchert werden, und noch 
wochenlang wurden sie von ihren Frauen und Töchtern mit 
äusserstem Misstrauen betrachtet. Im holden Mai empfing Herr 
Hobrecht den „Südclub", Hess vor ihm Fontainen mit dunklen 
Flüssigkeiten spielen und zeigte ihm die Beete, wo da wachsen 
sollen Salat und Erdbeeren, Rüben uud Spargel, Blumenkohl 
und exotisches Gemüse. Auf den Rieselfeldern von Osdorf und 
Friederikenhof veranstalteten die Väter der Stadt eine Communal- 
Jagd uud erschossen etliche Hasen, d^'e sie mitgebracht hatten. 
Aber die benachbarten Ortschaften erhoben ein grosses Ge- 
schrei, dass die Rieselfelder zu stark röchen und ihnen die Luft 
verpesteten, und der Amtsvorsteher hatte ein Einsehen und nahm 
die Berliner Kanalisation in Strafe, und der Kreisausschuss be- 
stätigte das weise Urtel. Baurath Hobrecht, der nebenbei auch 
ein grosser Redner ist, will die im Glauben Schwachen stärken 
und trösten, und beruft sich immer auf die Rieselfelder bei Danzig, 
aber diese liegen kluger Weise in einer Gegend, wo keine Men- 
schen wohnen; im Uebrigen stinken auch sie entsetzlich und 
bilden bereits eine einzige grosse Pfütze. Die Rieselfelder bei 
Berlin kosten bisher etwa 1 Million Thaler, und doch sind sie 
erst für den dritten Theil der Häuser ausreichend. Die Kana- 
lisation , für die sich namentlich auch derVolkstribun Eugen Richter 
begeisterte, ist zusammen auf 9 Millionen Thaler veranschlagt, 
hat aber schon 7V2 Millionen Thaler in Anspruch genommen 
und wird gewiss noch manche Million verschlingen. Dazu kommt 
nun weiter der Anschluss der Häuser, der für jedes Grund- 
stück Zwangspflicht ist, und dessen Kosten der Besitzer tragen 
muss. Der Anschluss an die Kanalisation wird mindestens so- 
viel als diese selber kosten, und man schätzt daher die Gesammt- 
Ausgabe auf 22 bis 25 Millionen Thaler. 

Was Wunder, wenn bei solcher Wirthschaft die 
Schuldenlast der Stadt Berlin lawinenartig Wcächstl 



— 437 — 

Nach der „Vossischen Zeitung" betrug dieselbe 1866 
etwa 4 Millionen Thaler, 1872 schon 8 Millionen 
Thaler und Ende 1876 — 27 Millionen Thaler, so 
dass sie seit 10 Jahren um 23 Millionen Thaler oder 
fast um das Sechsfache gestiegen ist. Wie alle Euro- 
päischen Staaten, geht, in Folge der Juden- und 
Grüuderherrschaft, auch die Stadt Berlin mit reissen- 
der Schnelle der Verschuldung und Verarmung ent- 
gegen. Die Ausgaben für 1877 sind um 1,600,000 
Thaler höher als 1876, zusammen auf rund 12,600,000 
Thaler veranschlagt. Während die Staatssteuern schwer 
drücken, sind die Communalabgaben geradezu uner- 
schwinglich, was die zahllosen Executionen des letzten 
Jahres beweisen, wo der Executor des Magistrats 
auch nicht das letzte Bettstück der Wlttwe, nicht 
den Dienstfrack des Kellners verschonte. Die 1870 
neben der Miethssteuer eingeführte Gemeindeeinkom- 
mensteuer beweist sich in Wahrheit als eine Schraube 
ohne Ende. 1870 betrug sie 337.3 ^'/o, 1871 — 50%, 
1876 — 60%, und für 1877 sollte sie plötzlich auf 
110**/o erhöht, von ca. 2 Millionen auf 3% Millionen 
Thaler gebracht werden. In Erwägung des allge- 
meinen Nothstandes bewilligten die Stadtverordneten 
jedoch nur 80%, wonach also die Steuer um ein 
ganzes Drittel gesteigert ward. Im Widerspruch zu 



— 438 — 

diesen blanken Thatsachen bewies die „Vossische 
Zeitung" in ihrer Nummer vom 18. November 1876 
mit Zahlen, dass die Communalsteuern in Berlin 
während der letzten Jahre eine sehr erhebliche Her- 
absetzung erfahren hätten, weil ja die Mahl-, Schlacht- 
und Wildpretsteuer weggefallen sind. Dies talmu- 
distische Rechenexempel erinnert an den Abgeord- 
neten Löwe-Calbe, der auf einer Soiree beim Reichs- 
kanzler behauptete: ihm koste das Brod jetzt 20% 
weniger als früher. „Ei, das muss man sich merken !^^ 
soll Fürst Bismarck ausgerufen haben. „Bei welchem 
Bäcker kaufen Sie denn?" 



Nachtrag. 

Auf Beschwerde des Berliner Magistrats hat der Ober- 
präsident in Potsdam die von der dortigen Regierung cassirte 
Wahl des Herrn Gerth für gültig erklärt, dieser ist in die Stadt- 
verordnetenversammlung wieder eingetreten, und von dem Vor- 
steter, Dr. W. Strassmann (Gründer der Centralbank für Ge- 
nossenschaften) in feierlicher Anrede mit herzlichen Worten 
begrüsst worden. Ebenso warm nahm sich Herr Strassmann 
seines Collegen, des Stadtverordneten Otto Kaufmann, eines viel- 
fachen Gründers, an. 



Die Presse im Dienste der Börse und der 
Gründer. 

„Leute, die ihren Beruf verfehlt haben" — liberale Waschzettel-Fabriken — 
Literarische Handwerker und Geschäftsleute — Kuppelei und Unzucht im 
Inseraten theil — Die Verjudung der Presse — Börsen-Rathgeber — Berliner 
ßürsenzeitung — Neue Börsenzeitung — Saliug's Börsenblatt — New-Torker 
Handelszeitung — Königsberger Hartnng'sche und Ostprenssische Zeitung — 
BreslÄuer Zeitung — Die Schlesische Presse und Meyer der Erste — „Frisches 
Blut" — Dresdener Blätter — Allgemeiner Anzeiger und Rheinische Zeitung — 
Spener'sche Zeitung — Norddeutsche Allgemeine — Die „Post" und Dr. Frieden- 
thal — Inseraten- und Reclamentarif — Kölnische Zeitung — Die Frank- 
furter Zeitung und Herr Sonnemann — Danziger Zeitung — Kreuzzeitung — 
Die „Tribüne" und Baruch Hirsch Strausberg — Paul Lindau's „Gegenwart" 
— Das Jubiläum eines jüdischen Bankhauses — Vossische Zeitung — „Ein 
verleumdetes Jahr" — Nationalzeitung — Benda Wolff und Julius Schweitzer, 
Ed. Lasker und Fr. Dernburg — „Stolz will ich den Spanier!" — Keine Ver- 
luste, nur Cours-Diflerenzen — Bilder und Gleichnisse — „Zur Geschichte 
der Verleumdungsära" — Der Schützling offlciöser als sein Gönner — Press- 
betheiligungen — Der Börsenreporter im Neglige — Moralisches Löwenge- 
brüU — Journalisten und Zeitungen als Gründer — Revolverpresse und 
Kanonenpresse — Die„Gründerhatz" und Dr. Julian Goldschmidt — Die Spiess- 
gesellen zanken sich — Central-Aunoncen-Bureau — Warum die Börse Alles 
zuerst erfährt — Wolft's Telegraphen - Bureau — Telegraphengesellschaften. 

Wenngleich die Deutsche Presse unter ihren Euro- 
päischen Schwestern mit die jüngste ist, in der Haupt- 
sache erst seit 1848 datirt, zeigt sie doch, in mora- 
lischer wie intellectueller Hinsicht, bereits einen er- 
schrecklichen Verfall. Zwar hatte sie nie das Ansehen 
und die Bedeutung z. B. der Englischen oder der 



— 440 — 

Französischen Presse, aber sie stand bis 1866 doch 
ungleich geachteter da, und ihre Leistungen waren 
weit erheblicher, Ihre Mitarbeiter waren früher vor- 
wiegend studirte Leute, heute bilden diese nur noch 
eine kleine Minderheit. Während der sogenannten 
ßeactionszeit recrutirte sich die Presse aus Juristen, 
Philologen, Theologen, Privatdocenten etc., die ent- 
weder politisch gemassregelt oder ihrer liberalen Ge- 
sinnung wegen verdächtig waren, und auf eine An- 
stellung nicht zu rechnen hatten. Heute bewerben 
sich alle akademisch Gebildeten wieder um ein Staats- 
amt; ein grosser Theil ist während der Schwindel- 
periode in die Dienste der Geld-Institute und Actien- 
gesellschaften getreten, und für die Presse bleibt nur 
der Abhub, der Ausschuss. Heute hat das Wort des 
Herrn von Bismarck, welches die Journalisten als 
„Leute, die ihren Beruf verfehlt haben", als „catili- 
narische Existenzen" hinstellte, weit mehr Berechti- 
gung als vor 15 Jahren, da er es aussprach. Früher 
suchten die Parlamentarier, selbst Gesandte und 
Minister, die Zeitungsmitarbeiter auf, heute laufen 
diese jenen Herren nach, um Neuigkeiten und In- 
formationen zu erhaschen, und lassen sich dafür mit 
Fusstritten regaliren. In Frankreich öffnen sich dem 
Journalisten alle Kreise, er wird dort Präfect und 



— 441 — 

Minister; während er z, B. in Preussen, wenn er der 
Regierung dient, analog den Schreibern bei den Hof- 
ämtern, den Titel „Hofrath" erhält, und allenfalls mit 
dem Kronenorden fünfter Klasse bedacht wird. In 
Deutschland ist der Journalist ohne jede gesellschaft- 
liche Stellung; zwar zieht man auch bei uns zu 
Festivitäten die Presse heran, und widmet ihr Toaste, 
aber nur, weil man sie fürchtet oder sie benutzen 
will; insgeheim hasst und verachtet man sie, und 
lässt es das einzelne Mitglied auch häufig genug 
empfinden. Sogar das „Weltblatt", die „Kölnische 
Zeitung", beklagte sich, dass man bei einem Banket 
ihrem Berichterstatter einen nicht numerirten Platz 
angewiesen; und die „Vossische Zeitung" bemerkte 
dazu, dass auch sie zu einem Festmahl der Berliner 
Stadtverordneten in einer Form eingeladen worden, 
welche sie bestimmt hätte, die Karte unbenutzt zu 
lassen. Wenn die Herren von der Feder sich etwas 
rarer zu machen verstünden, würde man sie schon 
respcctvoller behandeln. 

Unsere heutigen Journalisten und Literaten sind 
nur noch zur Hälfte Christen, zur anderen und wahr- 
scheinlich schon grösseren Hälfte Juden oder doch 
Semiten. Ein grosser Tlieil von ihnen hat irgendwie 
Schiffbruch gelitten; Viele haben aber auch das 



— 442 — 

Handwerk förmlich erlernt, von der Pike auf gedient, 
waren zuerst Inseratensammler, Expedienten, Local- 
reporter, bis sie dann in die Redaction aufgenommen 
wurden. Zwar finden sich noch bei jedem grossen 
Blatte ein bis zwei studirte Redacteure, aber das 
Gros der Zeitungsschreiber, obwol aus Courtoisie 
auch der geringste von ihnen „Doctor" titulirt wird, 
besitzt etwa die Durchschnittsbildung eines Tertia- 
ners. Daher der entsetzliche Stil, das entsetzliche 
Deutsch unserer Zeitungen, jenes Kauderwelsch, ge- 
spickt mit barbarischen Fremdwörtern und schwer- 
fälligen Phrasen. Unsere Journalisten arbeiten weniger 
mit der Feder als mit dem Ptothstift und der Scheere. 
Ein Blatt druckt immer dem andern nach, und was 
es sonst braucht an Leitartikeln, Referaten etc. lie- 
fern ihm die Correspondenzen. Da ist die „Berliner 
Autographirte Correspondenz" des Herrn Lasker, der 
bekanntlich den „linken Flügel" der Nationalliberalen 
kommandirt. Da ist die „Nationalliberale Correspon- 
denz" der Herren von Bennigsen, Miquel, Wehren- 
pfennig und Rickert vom „rechten Flügel" der National- 
liberalen. Da ist die fortschrittliche Correspondenz, 
die acht- bis zwölffach durchgeschriebenen Briefe der 
Herren Eugen Richter und Ludolf Parisius. Da ist 
endlich das „Organ für Jedermann", die „Berliner 



— 443 — 

Volkszeitung^', die zugleich in Potsdam, Spandau, 
Lauenburg, Danzig, Beuthen etc., nur unter anderem 
Titel, mit anderem Kopfe erscheint, im Uebrigen 
aber ebenfalls von den Herren Bernstein, Holdheim 
und Max Hirsch fabricirt und bei Franz Duncker 
gedruckt wird. Alljährlich jammerte der grosse Volks- 
tribun Eugen Richter über die „Waschzettel", welche 
das „Literarische Bureau" ausstreut, bis die Liberalen 
dann selber solche Waschzettel-Fabriken errichteten 
und sie alsbald mit Dampf betrieben. Heute sind 
die Correspondenzen der Herren Richter, Wehren- 
pfennig und Lasker, in welchen sie sich und ihre 
Freunde verherrlichen, ihre Gegner aber verlästern 
und beschimpfen, in welchen sie die Gründer rein 
waschen und die „Verleumder" „brandmarken", über 
das ganze Land verbreitet, und von ihnen nähren 
sich alle „liberalen" Blätter und Blättchen. 

Unsere Journalisten (und ebenso unsere manchester- 
lichen „Volkswirthe") haben wenig gelernt, und das 
Wenige vergessen sie noch über ihrer mechanischen 
Beschäftigung, bei der sie geradezu verdummen. Sie 
lesen in Jahren kein Buch, nicht einmal die Bücher, 
die sie besprechen; gleichviel ob sie dieselben aus- 
bündig loben oder schmählich herunterreissen. Unsere 
Zeitungen werden nach einer feststehenden Schablone, 



— Ui — 

höchst geist- und geschmacklos gemacht; sie leiden 
an einer schrecklichen Oede und sie züchten förm- 
lich die Langweiligkeit. Weil sie das Meiste unver- 
daut, unverarbeitet, mit Haut und Haaren über- 
nehmen, das unwichtigste und gleichgültigste Zeug 
ausführlich abdrucken, herrscht in ihnen eine wahre 
Raumverschwendung, und sie werden vom Publikum 
eigentlich nicht gelesen, sondern blos überflogen. 

Wenn die ganze Politik schon bei den Zeitungen 
mehr oder weniger blosser Humbug, nur das Aus- 
hängeschild ist, unter welchem sie ihr Geschäft be- 
treiben, so kann von einer politischen Gesinnung der 
Zeitungsschreiber erst recht nicht die Rede sein. Die 
weitaus grosse Mehrzahl tritt da ein, wo sie gerade 
ein Unterkommen findet, und da an Bewerbern stets 
Ueberfluss ist, sucht Jeder das Plätzchen, das er 
einmal inne hat, auch festzuhalten. Willig macht er 
alle Wandlungen der Zeitung mit, und gehorsam 
schreibt er, was man von ihm verlangt. Verliert er 
seine Stelle, oder winkt ihm eine bessere, so geht 
er sonder Gewissensscrupel von einem liberalen zu 
einem conservativen, von einem demokratischen zu 
einem officiösen Blatte über, und vertheidigt heute mit 
Begeisterung, was er gestern leidenschaftlich bekämpft, 
für ein Unglück und eine Niedertracht erklärt hat. 



— 445 — 

Ist der Zeitungsschreiber ein blosser Handwerker, 
so sind die Zeitungsverleger reine Geschäftsleute, die 
da öffentliche Meinung feil halten. J'.ir ganzes Mühen 
und Jagen ist auf Abonnenten und Inserenten ge- 
richtet, wobei die Ersteren gegen die Letzteren sehr 
zurückstehen müssen. Um der Inserate \\illen wird 
in dem redactionellen Theil der Zeitung jede Reclame 
gemacht, jeder Angriff unterdrückt. Grosse Inserenten, 
wie der Malzfabrikant Johann Hoff, die Verkäufer 
von Universal- und Geheimmitteln, erfahren weit mehr 
Ptücksicht und Zuvorkommenheit als selbst Fürst 
Bismarck. Tagtäglich liest man in den grossen Zei- 
tungen Anzeigen, die ehrbare Frauen anwidern, un- 
schuldige Mädchen in Verwirrung setzen müssen. Es 
empfehlen sich Aerzte gegen ekelhafte Krankheiten, 
es locken in durchsichtiger Weise Kuppelei und Un- 
zucht, es wirft der Schwindel in tausenderlei Gestalt 
seine Netze aus. Solch anstössige, schamlose Inserate 
finden sich z. B. regelmässig in der „Vossischen Zei- 
tung", die deswegen sogar im Parlament genannt 
wurde; aber nur selten schreitet die Staatsanwalt- 
schaft ein, und als es neulich in Berlin doch einmal 
geschah, wurde der Name des betreffenden Blattes 
in allen Zeitungsberichten schonend verschwiegen, 
und der Redacteur nur in 50 Mark Strafe genommen. 



— 446 — 

Der öffentliche Ankläger constatirte ausdrücklich, dass 
nur socialdemokratische Blätter die unsaubere An- 
nonce zurückgewiesen hätten. 

Als am 1. Juli 1874 die Stempelsteuer fiel, die 
dem Volke stets als eine Vertheuerung seiner gei- 
stigen Nahrung hingestellt wurde, glaubte man all- 
gemein, die Zeitungen sollten billiger werden. Aber 
nur äusserst wenige, z. B. der menschenfreundliche 
„Berliner Börsencourier", setzten das Abonnement 
herab; die anderen entschuldigten sich mit den theue- 
ren Papierpreisen, mit der Höhe der Löhne etc., und 
als in einem Berliner Bezirksverein ein ehrsamer 
Bürger darüber Klage erhob, belehrte Herr Ludolf 
Parisius ihn lächelnd, dass die Zeitungen heute nur 
noch wenig einbrächten und manche Verleger schon 
zuschiessen müssten. Die Aufliebung der Stempel- 
steuer war einfach ein Geschenk an die Zeitungsbe- 
sitzer, das z. B. für den Inhaber der „Kölnischen 
Zeitung" 75,000 Thaler jährlich beträgt. 

Weil das Zeitungsgewerbe ebenso hocheinträglich 
wie einflussreich ist, ging es mehr und mehr in die 
Hände der Juden über, und es wird von ihnen der- 
artig ausgebeutet, dass sie auch auf diesem Gebiete 
jeden Christen schlagen. Die meisten Börsenblätter 
und viele politische Zeitungen sind Eigenthum von 



— 447 — 

Juden, und fast an jedem Journal arbeiten Juden 
oder doch Semiten. Seit den letzten zehn Jahren 
haben sich die jüdischen Journalisten und Literaten 
so heftig vermehrt, dass sie von dem Heer der Presse 
wol schon die grössere Hälfte bilden, und die Christen 
immer mehr verdrängen. Verschiedene jüdische Blätter, 
wie die „Schlesische Presse'' in Breslau, das „Ber- 
liner Tageblatt" von Rudolf Mosse in Berlin u. a. be- 
schäftigen ausschliesslich Juden, was übrigens nur 
logisch und consequent ist. Nur ein kleiner Bruch- 
theil der jüdischen Journalisten und Literaten hat 
eine wissenschaftliche Bildung, die grosse Masse be- 
steht aus ehemaligen Commis, und ihre Lieblingsbe- 
schäftigung ist noch immer die Börse. Den Börsen- 
und Handelstheil der Zeitungen haben die Juden ge- 
wissermassen in Pacht genommen, und sogar für den 
„Deutschen Reichs- und Preussischen Staats- Anzeiger" 
liefert den Börsenbericht ein Jude. Aber sie sind 
in allen Sätteln gerecht; ein jüdischer Journalist 
schreibt mit derselben Leichtigkeit und unmittelbar 
hintereinander Leitartikel und Feuilletons, Theater- 
berichte und Briefe vom Kriegsschauplatz. Wallsee, 
Correspondent der „Neuen freien Presse", eigentlich 
Abraham Feigl geheissen, meldete von der Serbischen 
Armee aus, dass zwei seiner Collegen verwundet und 



— 448 — 

er selber erschossen sei. Die „Neue freie Presse" 
und andere Judenblätter erhoben ein solches Jammer- 
geschrei, dass die Oesterreichische Regierung recher- 
chiren Hess, wobei es sich nun herausstellte, dass 
Abraham Feigl gesund und unverletzt war und die 
ganze Geschichte, blos um des Effects willen, zusammen- 
gelogen hatte. Die Serbische Regierung verfügte seine 
Ausweisung, aber nun hatte Feigl -Leben die Frech- 
heit, deswegen Beschwerde zu führen und den Schutz 
des Oesterreichischen Consuls anzurufen. 

Die fortschreitende Verjudung der Presse erklärt 
ihren schrecklichen Verfall, ihre tiefe, gemeingefähr- 
liche Corruption; erklärt die Herrschaft und Ueber- 
macht des Judenthums in der Gesellschaft und auf 
allen Gebieten des öffentlichen Lebens, indem die 
Zeitungen unausgesetzt die Interessen der Juden und 
Judengenossen verfechten; erklärt auch den Börsen- 
und Gründungsschwindel, der in der Hauptsache von 
Semiten verübt ist, und der ohne die mächtige Bei- 
hülfe und Unterstützung der Presse in solchem Um- 
fange gar nicht möglich gewesen wäre. Die Presse 
hat — das beweisen ihre heuchlerischen Declamatio- 
nen, ihre theoretischen, ganz allgemein gehaltenen 
Warnungen — von vorne herein den Schwindel als 
solchen erkannt, ihn mit vollem Bewusstsein unter- 



— 449 — 

stützt; und nicht etwa umsonst, sondern sie ist dafür 
reichlich bezahlt worden, sie hat von dem grossen 
Raube ihren gut gemessenen Antheil erhalten. 



Von den Börsenzeitungen ist es selbstverständlich und 
notorisch, dass sie im Solde der Börse stehen. Sie erhalten 
noch heute von den grossen Bankhäusern und Bankinstituten 
fortlaufend bestimmte Subventionen, dazu für jedes einzelne 
Geschäft besondere Gratificationen ; sie sind bei allen Grün- 
dungen und Emissionen direct betheiligt worden. Während der 
Schwiudelära entstanden in Berlin, Breslau, Dresden, Köln, 
P'rankfurt a. M. und anderen grossen Orten neue Börsenblätter, 
die zum Theil von Gründern und Börsianern fuudirt wurden, 
und ihren Besitzern schnell ein Vermögen einbrachten. Es 
entstanden auch Börsenjournale, die sich einen wissenschaft- 
lichen Anstrich gaben, z. B. die „Berliner Wochenschrift, finan- 
ziell-politische Revue" von Dr. Gustav Lewinstein, und das 
„Deutsche Finanzblatt (Revue financiöre allemande)" von Dr, 
Th. Cossmann. Besonders gefährlich waren Blätter, welche 
die Miene annahmen, die Interessen des kleinen Capitalisten 
zu vertreten, anscheinend gegen die Börse Front machten und 
„Enthüllungen" zum Besten gaben, wie die „Neue Börsenzeitung" 
und „Salings Börsenblatt", zumal beide sehr geschickt redigirt 
wurden und den Leser angenehm zu unterhalten wussten. Fast 
alle Börsenzeitungen, und auch andere Blätter, z. B. die Ber- 
liner „Tribüne", eröffneten einen „Rathgeber", einen Börsen- 
briefkasten, wo Rath und Auskunft über den An- und Verkauf 
von Börsenpapieren ertheilt, die betreffenden Actien offen ge- 
nannt oder doch in leicht zu errathender Weise bezeichnet 
wurden. Dieser „Rathgeber" hat Tausende von Abonnenten 
herangezogen, aber auch Tausende ins Unglück geführt. Un- 
zählig, unerschöpüich waren die Kniffe und Pfiffe, mit denen 
man das Publikum einfing und schädigte. Man brachte 

Glagau, Der Börsenschwindel. II. 29 



— 450 — 

„DividendenscMtzungen" , wo Dividenden theils blos erdichtet, 
theils viel zu hoch veranschlagt vraren-, man empfahl faule 
Actien als angeblich nur „vernachlässigte Papiere"; man ver- 
breitete falsche Nachrichten über Gewinnste und Verluste, über 
lucrative Verkäufe von Grundstücken und Parcellen, über hohe 
Einnahmen gewisser Eisenbahnen, Banken und Fabriken; man 
inscenirte auf Bestellung oder auch im eigenen Interesse, je 
nachdem man selber speculirt hatte, Hausse und Baisse. 

Das erste Börsenblatt war und ist die „Berliner Börsen- 
zeitung", und der Eigenthümer, Herr H. Killisch, ursprüng- 
lich ganz mittellos, ist dabei zum Millionär geworden. Seit 
zehn Jahi'en und länger las man im „Berliner Adressbuch": 
Killisch von Hörn, Dr. juris, und es ging die Sage, der 
reiche Mann habe sich einen adligen Vater gekauft, sich von 
einem nothleidenden Edelmann, gegen Zahlung einer Rente, 
adoptiren lassen. Thatsächlich wurde er in seinen Bureaux 
Herr von Killisch genannt, und in Pankow, wo er. Spandauer 
Strasse 6—8, eine fürstlich eingerichtete Villa besitzt, hiess er 
sogar der „Baron". Dies veranlasste kürzlich ein Mitglied der 
Familie von Hörn, sich an das Berliner Polizeipräsidium zu 
wenden mit der Bitte, doch zu recherchiren, ob Herr Killisch 
wirklich und mit landesherrlicher Genehmigung geadelt sei; 
worauf folgende merkwürdige Antwort erging: Der pp. Killisch 
ist in dem Berliner Wohnungsanzeiger als Killisch von Hörn 
nur irrthümlicherweise aufgeführt; es hat auch nicht festge- 
stellt werden können, dass der pp. Killisch sich im amtlichen 
oder privaten Verkehr selber das Adelsprädicat beigelegt hat. 
— Noch merkwürdiger ist, dass in dem neuen „Berliner Adress- 
buch" für 1877 Herr Killisch plötzlich fehlt, nirgends mehr zu 
entdecken ist, auch nicht mehr als Besitzer der schönen Häuser, 
Kronenstrasse 29, 36 und 37, und der feenhaften Villa in Pan- 
kow angeführt wird. Als „Eigenthümer'' all dieser Herrlich- 
keiten figurirt jetzt sein Buchhalter W. Man könnte glauben, 
Herr Killisch sei gestorben oder verzogen, doch er erscheint 



— 451 - 

nach wie vor jeden Tag leibhaftig an der Börse und schreibt 
hier seine klassischen Berichte. 

Der „Berliner Börsenzeitung" wurde mehrfach vorgeworfen, 
dass ihre Börsenreferate und sonstigen Artikel falsche Behaup- 
tungen zu Gunsten oder Ungunsten verschiedener Papiere ent- 
hielten, dass sie gewisse Actien, z. B. Lombarden, Warschau- 
Wiener etc. ohne Grund bald in den Himmel erhebe, bald 
wieder schmählich herunterreisse. Die Reclamen, welche die 
Börsenblätter machten, waren zuweilen den betreffenden Ge- 
sellschaften sogar unangenehm, und erfuhren öffentlichen Wider- 
spruch. So erklärten 1872 die Stoiberger Zinkhütten- und 
die Aachen-Mastrichter Eisenbahn-Gesellschaft, die Egestorfif 'sehe 
Maschinenfabrik in Hannover und die Schlesische Tuchfabrik 
in Grünberg die über sie verbreiteten günstigen Nachrichten 
und rosigen Aussichten für unwahr, und noch kürzlich prote- 
stirte der Abgeordnete, Herr Kieschke, Namens der Deutschen 
Baugesellschaft, gegen eine Meldung der „Berliner Börsen- 
zeitung", welche nur eine Courstreiberei jener Actien bezwecke. 
Jetzt, wo nichts mehr zu verlieren ist, enthüllen und warnen 
auch die Gründer. 

Die „Neue Börsenzeitung" entstand Ende 1871 in 
Berlin, indem sich zu diesem Zwecke Bernhard Brigl, der Ver- 
leger der „Tribüne", mit einem Consortium von Gründern und 
Börsianern, darunter Carl Goppel und Leopold Ullstein, zu- 
sammenthat. Die „Neue Börsenzeitung" erschien gewisser- 
massen als ein Anhängsel der „Tribüne", und da sie in ihrem 
Programm sich ausdrücklich in den Dienst des Privatcapitals 
stellte, den Schutz desselben gegen die Ausbeutung der Börse 
für ihre Aufgabe erklärte, gewann sie sofort eine stattliche An- 
zahl von Abonnenten, und erweckte in dem Busen des „Ber- 
liner Börseucourier" die Qualen der Eifersucht. Kurz vor dem 
Krach, als das Fett abgeschöpft war, übernahm das Blatt für 
alleinige Rechnung der bisherige Herausgeber, Julius Treu- 
herz, ein gebildeter und vielseitiger Mann, und da die Zeiten 

29* 



— 452 — 

schlechter wurden, entschloss er sich, mit der Zeitung zugleich 
ein Bankgeschäft für seine Kunden zu verbinden, so dass hier 
Theorie und Praxis unter Einem Dache wohnen. 

Bald nach der „Neuen Börsenzeitung" kam „Saling's 
Börsenblatt" in Berlin zur Welt, das sich in ähnlicher 
Weise einführte, aber die Gunst der Börse in noch höherem 
Maasse gewann, und daher noch weit bessere Geschäfte machte. 
Selbstverständlich unterstützte es den Schwindel ebenso, wie 
die alten Börsenzeitungen, und lieferte z. B. eine begeisterte 
Keclame für die oberfaule Berliner Nordbaubank der Herreu 
Dr. Heinrich Ebeling und Genossen. Herr August Salin g, 
früher Mitarbeiter des Herrn Killisch, konnte sich mit seinen 
angegriffenen Nerven schon nach einem Jahre ins Privatleben 
zurückziehen, und fortan bequem von seinen Renten leben. Sein 
Blatt verkaufte er noch für die Kleinigkeit von 120,000 Thaler. 
Der unglückliche Käufer, ein Gutsbesitzer aus Westpreusseu, 
glaubte eine Goldgrube zu erwerben, aber der bald hernach 
eintretende Krach ruinirte das Geschäft und machte den Eigen- 
thümer bankerott. „Salings Börsenblatt" kam unter den Hammer 
und ging schliesslich für 20 Thaler fort. 

Der neue Redacteur, AdolfBraun, der sich alsbald „Doctor 
der Philosophie" nannte, machte grosse Anstrengungen. Er 
gründete am 4. März 1873, mit Heinrich Quistorp, Hermann 
Schäflfer, Julius Rothstein, Hermann Weinreich, Hermann Leh- 
mann, Julius Meyer Lehmann, Wilhelm Koch, Heymann Feld- 
heim, Siegfried Brann, Malzfabrikant Johann Hoff und Rechts- 
anwalt Ewald Hecker, die Deutsche Prämien-, Credit- und 
Rentenbank auf 2 Millionen Thaler Actien. Es war dies 
ein Raten -Loosgeschäft, das nach einer kürzlich ergangenen 
Entscheidung des Preussischen Obertribunals eine unerlaubte 
Lotterie und daher strafbar ist. Herr Braun gründete ferner, 
gleichfalls im März 1873, mit Stern Rissmanu und Max Löwen- 
stein die Westpliäüschen Stalil- und Puddlings- Werke in 
Haspe, welche der „Berliner Börsencourier", wie öffentlich be- 



— 453 — 

hauptet wurde, gegen eine Entschädigung von 500 Thalern, in 
den glänzendsten P^arben ausmalte. Das Actiencapital betrug 
200,000 Thaler; doch machte der Vorbesitzer, Bernhard König, 
der als Director fungirte, später bekannt, er habe nur 10,000 
Thaler Abschlag und weiter nichts erhalten; worauf ihn Stern 
Rissmann, der Präsident des Aufsichtsraths, des Amts entsetzte, 
und zu seinem Nachfolger David Brinitzer ernannte. Auch 
die Handelskammer des Kreises Hagen erklärte amtlich, dass 
Bernhard König nur ein Hammerwerk, nicht aber „grosse Stahl- 
und Puddlingswerke" besessen, die letzteren also bei der neuen 
Gesellschaft gar nicht existiren. 1875 kam das Etablissement 
zur nothwendigen Subhastation und ging für 40,000 Thaler 
fort, so dass nur die erste Hypothek gedeckt ward. Adolf 
Braun, obgleich „Doctor der Philosophie", hat sich nicht so ge- 
scheidt bewiesen, wie der titellose August Saling; er ist den 
Weg von „Salings Börsenblatt" gegangen: 1876 kam auch die 
Villa unter den Hammer, die er auf der Quistorp'schen Schöpfung 
„Westend", in der Nussbaum-Allee besass, und seitdem scheint 
er vom Schauplatz verschwunden zu sein. 

Börsen -Literaten waren auch nicht selten die Verfasser 
der farbenprächtigen Prospecte, in welchen den Actionären 
Himmel und Erde versprochen, die aber hinterher, wenn die 
Gründer wegen der falschen Angaben in Untersuchung kamen, 
von diesen einfach und meistens mit Glück abgeleugnet wurden. 
Solch phantasiereiche Prospecte, deren Besteller nicht mehr 
zu ermitteln waren (!), sind z. B. die der Egells'schen und der 
Wöhlert'schen Maschinenfabrik, sowie der Strausberg-Karsten- 
schen Bergbau-, Eisen- und Stahlindustriegesellschaft, wo die 
Gründer frei ausgingen, da ihre Freunde und Helfershelfer von 
der Presse sie nicht verriethen. Bei der Sudenburger Maschinen- 
fabrik dagegen wurde die Ausrede wegen des angeblich vom 
Himmel gefallenen Prospects in der Appellations- Instanz ver- 
worfen, und über die Urheber der Gründung das Schuldig ge- 
sprochen. 



— 454 — 

Moritz Meyer, Begründer undChef-Redacteur der„New- 
Yorker Handelszeitung", dem in vielen Blättern vorge- 
worfen, dass er für die 1869 in Europa zum Course von ca. 
70 eingeführten, jetzt ziemlich werthlosen Obligationen der 
Rockford-Rock Island-Eisenbahn eine schnöde Reclame veran- 
staltet hat — eine Notiz, die auch in den ersten Theil dieses 
Buches überging — sandte dem Verfasser ein „Certificat", das 
seine Unschuld beweisen soll. Ausweis desselben erhielt Herr 
Meyer nach und nach in jenen Obligationen 16,000 Dollars, 
aber nicht als „Bestechung", sondern als Entschädigung für 
gewisse „persönliche Dienste" (Vermittelung zwischen dem Bau- 
unternehmer H. H. Boody und der Handlung Budge, Schiff & Co., 
welche die Bonds vertrieb), und hatte dieses Trinkgeld nicht 
den geringsten Einfluss auf die Abfassung der Artikel, worin 

Herr Meyer das Papier dem Publikum dringend empfahl. 

Es ist dies die Zweiseelentheorie, welche auch Herr Leopold 
Sonnemann von der „Frankfurter Zeitung" mit Erfolg gegen 
seine „Verleumder" geltend gemacht hat! Der eigentliche Effect 
aber, und gewissermassen der Humor von der Geschichte be- 
steht nun darin, dass gerade Herr Moritz Meyer, nach dem 
von ihm selber beigebrachten „Certificat", die famosen Bonds 
erst in Scene gesetzt hat, denn die Blätter in Deutschland, wo 
das Papier grösstentheils untergebracht ist, schöpften, nach 
Anweisung der „betheiligten" Banquiers Hess & Katz in Berlin 
und F. E. Fuld & Co. in Frankfurt a. M., hauptsächlich aus 
der „New-Yorker Handelszeitung", welche eben der Rockford- 
Bahn die brillanteste Zukunft verhiess. 



Die Börsenblätter thaten dem Schwindel zu Liebe, was sie 
konnten, aber ihr Leserkreis ist doch ein begrenzter. Um die 
grosse Masse, um das ganze Volk einzufangen, war die Mit- 
hülfe auch der politischen Presse, aller Zeitungen, gross und 
klein, nöthig, und diese wurden gewonnen theils direct, theils 
indirect. An jedem grösseren Ort schufen sich die Gründer 



— 455 — 

und Börsianer ihr eigenes Organ, indem sie ein schon be- 
stehendes Blatt entweder ankauften, oder mit einer bedeutenden 
Summe als Theilhaber eintraten. Eine stattliche Anzahl von 
Zeitungen ging in den Besitz von Bankhäusern und Bankinsti- 
tuten über, und verschiedene Blätter wurden neu gegründet. 
So reichte man dem Publikum politische Kost, und präparirte 
es zugleich für die Börse. Selbstverständlich waren diese 
Blätter nun blosse Werkzeuge der Gründer, obwol sie die pos- 
sirlichsten Sprünge machten, um sich den Schein der Unab- 
hängigkeit zu geben; und wenngleich die meisten grosse Zu- 
schüsse erforderten — sie brachten sich doch sehr gut ein. 
Ihre Actien befinden sich natürlich immer in festen Händen, 
und werden an den Börsen kaum notirt. 

Die „Königsberger Hartung'sche Zeitung", das Haupt- 
blatt der Provinz Ostpreussen, wurde Ende 1871 gegründet 
von dem „couservativen" Geh. Commerzienrath Moritz Simon, 
dem „Sozialisten" Adolf Samter, dem „nationalliberalen" Banquier 
Carl Jacob und dem „fortschrittlichen" Professor Dr. Möller. 
Letzterer gewann in politicis die Oberhand, und so ward das 
Blatt, bis dahin politisch ganz indifferent, ein heisssporniges 
Fortschrittsorgan, das die Herren Richter- Parisius mit ihren 
durchgeschriebenen Correspondenzen beglücken, in denen sie 
die „Verleumder" der Gründer an den Pranger stellen. Der 
Börsentheil blieb dagegen die Domaine der Herren Simon, 
Samter und Jacob, alle drei als bösartige Gründer bekannt. 
Jacob wurde wegen betrügerischeu Bankerotts verurtheilt, und 
auch Simon, der ihm Beihülfe geleistet, mit vier Wochen Ge- 
fängniss bedacht, jedoch hinterher zu 10,000 Thaler Geldbusse 
begnadigt. Für die Gründungen der Herren Jacob, Samter, 
Simon und Emil Stephan, wie „Vulcan", „Insterburger Actien- 
Spinnerei", Brauerei „Wickbold", „Annahütte" etc., welche 
zum Theil auch die Staatsanwaltschaft beschäftigt haben, trat 
die „Königsberger Hartung'sche Zeitung" natürlich liebevoll 
ein, und auch sonst that sie ihre Schuldigkeit, indem sie andern 



— 456 — 

Gründer- und Börsenblättern fleissig nachdruckte, und aus- 
wärtige Börsencorrespondenzen, z. B. in Sachen der famosen 
„Westpreussischen Eisenhütte", gern aufnahm. Das Actien- 
capital beträgt 375,000 Thaler, und die Actionäre erhielten pro 
1873 — 11%, pro 1875 sogar 12% Dividende — eine Renta- 
bilität, die bei den gegründeten Zeitungen selten ist. 

Moritz Simon ist, weil „Geheimer Commerzienrath", natür- 
lich „conservativ", und aus Ursache der von Strausberg ge- 
gründeten „ Ostpreussischen Südbahn", mit dem Adel der 
Provinz liirt. Daher war es eigentlich seine Absicht, der 
„Hartung'schen Zeitung" eine conservative oder doch wenigstens 
regierungsfreundliche Haltung zu geben, womit Jacob und allen- 
falls auch Samter wol einverstanden gewesen wären; aber 
Professor Möller und Genossen wussten es durchzusetzen, dass 
das Actienunternehmen unter fortschrittlicher Flagge segelte. 
Nun giebt es in Königsberg noch ein anderes, zwar weit weniger 
verbreitetes, aber von jeher viel besser redigirtes Blatt, die 
conservative „Ostpreussische Zeitung". Diese gedachte 
der geniale Gründer, Geheime Commerzienrath Emil Stephan, 
zu erwerben, um daraus, wie es der Börse am besten entspricht, 
ein „nationalliberales" Organ zu machen. Aber Simon kam ihm 
zuvor; er fühlte die Ehrenpflicht, der conservativen Partei 
einen Dienst zu leisten, und Hess die „Ostpreussische Zeitung" 
ankaufen. Sie wurde auf 75,000 Thaler Actien gegründet, be- 
hielt ihre Tendenz, und Simon's Helfershelfer, sassen im Auf- 
sichtsrath, während er, der „Conservative", als Präsident des 
Verwaltungsraths der enragirt fortschrittlichen „Hartung'schen 
Zeitung" fungirt. So wissen die Juden dem Geschäft und zu- 
gleich auch ihren Privatgefühlen Rechnung zu tragen. Die 
„Ostpreussische Zeitung" warf 1873 — 6V2% Dividende ab, 
für 1874 aber 0. 

In Schlesien wurden verschiedene Blätter gegründet. Der 
„Bote aus dem Riesengebirge", mit 105,000 Thaler Actieu, 
vertheilte von 1873—1875: 6, 7 und resp. 7% Dividende; und 



— 457 — 

ist im Uebrigen ein furchtbarer „Kulturkampf er", hat aber 
grosse Angst vor den Agrariern, Der „Görlitzer Anzeiger", 
in dessen Verwaltungsrath der jetzige Abgeordnete, Stadtrath 
Lüders und andere Gründer sassen, gab seinen Actionären 
1872 — 19V4, 1873 - 12V2, 1874 — 8% Dividende, und ging 
später mit den inzwischen entstandenen „Görlitz er Nach- 
richten" in den Besitz eines Bankhauses über. 

In Breslau wussten die Gründer fast die ganze Presse zu 
annectiren. Breslau ist nach Berlin die am meisten verjüdelte 
Stadt des Preussischen Staats, und doch darf das Wort „Jude" 
hier gar nicht gedruckt werden. Hauptbesitzer der „Bres- 
lauer Zeitung" wurde der „Schlesische Bankverein", dessen 
Seele der Commerzienrath Fromberg ist, ein getaufter Jude 
und Gründer ersten Ranges. Seitdem der öffentliche Unwille 
sich gegen die parlamentarischen Gründer kehrt, seitdem die 
Staatsanwaltschaft endlich gegen einige Gründungen vorging, 
ist die „Breslauer Zeitung", die sich zum Fortschritt bekennt, 
und wie es scheint, auch von den Dioscuren Richter-Parisius 
bedient wird, vor Wuth und Angst förmlich toll geworden. Sie 
sprach von der „Verleumdung", die „ihr Haupt" selbst gegen 
den Abgeordneten Hagen „erhoben", den doch der grosse Lasker 
als einen durchaus „correcten Gründer" in Schutz genommen-, 
und die „Vossische Zeitung" beeilte sich, dieses Artikelchen 
nachzudrucken. Sie schrie: „Das Gesindel in Deutschland hat 
sich zusammengethan und spricht: wir wollen eine Partei der 
ehrlichen Leute bilden!" — bewarf die „Germania", die „Staats- 
bürgerzeitung" und selbst die unschuldige „Kreuzzeitung" mit 
Koth, und deutete auch verblümt auf ihre Nachbarin, die 
„Schlesische Zeitung" hin. „Dem Gründerthum ist die Gründer- 
hatz auf dem Fusse gefolgt, eine Modekrankheit löst die andere 
ab"; jammerte sie — und mit jüdischer Frechheit erklärte sie: 
„Die Hauptschuld trifft das Publikum!" — Ihr Chefredacteur 
ist noch immer Dr. Stein, ein Demokrat von 1848 und ein 
ehrenwerther Mann, aber er ist alt und schwach geworden und 



— 458 — 

um ihn herum sitzen ein halb Dutzend wollköpfiger Juden, 
Schauderhaft! Wenn der brave Eduard Trewendt sehen könnte, 
was man aus seinem Blatte gemacht hat, er vrärde sich im 
Grabe umdrehen! 

Ein zweites Organ schufen sich die Breslauer Gründer 
•(Discontobank, Gebr. Guttentag, Marcus Nelken & Sohn, Sig- 
mund Sachs, Gebrüder Friedländer) in der „Schlesischen 
Presse", die der Abwechselung halber die nationalliberalen 
Farben trägt. Von Juden gegründet, beschäftigt sie auch nur 
Juden. Ihr erster Redacteur war ein Herr Köbner, firüher 
beim „Hannöver'schen Courier" und ein Schützling des cor- 
recten Gründers, Herrn von Bennigsen. Unter ihm verkündete 
die „Schlesische Presse" am 13. August 1875: „In diesem Augen- 
blick zeigen sich die ersten Anzeichen, dass das grosse Geschäft 
sich von dem auf den Krach gefolgten verlängerten Siechthum 
zu erholen beginnt." Aber diese Prophezeiung erfüllte sich 
nicht, und auch mit der „Schlesischen Presse" ging es nicht 
vorwärts, sondern rückwärts. Frühjahr 1876 wurde sie, da 
sie sich nicht rentirte, entgründet und von Herrn Schottländer 
übernommen, hinter dem verschiedene Banquiers, wie Frieden- 
thal, Heimann, Schweitzer etc. stehen. Köbner schied aus, und 
an seine Stelle trat Dr. Alexander Meyer, der bisher für die 
„Breslauer Zeitung" geleitartikelt hatte, und jetzt der „Schlesi- 
schen Presse" auf die Beine helfen sollte. 

Alexander Meyer war vor etwa 12 Jahren Feuilletonist 
und Recensent der „Weser-Zeitung", wo es ihm zuweilen pas- 
sirte, dass er die Gedanken und Aussprüche des Schriftstellers, 
den er gerade unter dem Secirmesser hatte, für seine eigenen 
hielt. Schon damals beschäftigten seineu Geist Handel und 
Börse, und alsbald wurde er „Volkswirth" und Secretär der 
Breslauer Handelskammer. Er erwarb die Gunst der grossen 
Gründer Adalbert Delbrück und Emil Stephan und kam als 
Generalsecretär des Deutschen Handelstages nach Berlin, wo 
er ein schönes Einkommen bezog und nur massig zu thun 



— 459 — 

hatte. Aber seine manchesterlichen Neigungen waren so crass, 
dass sie selbst den Börsenleuten missficlen, und eine Verkühlung 
eintrat. Er erhielt den Ruf nach Breslau und nahm ihn an. 
Das Präsidium, welches er im Verein „Berliner Presse" führte, 
überliess er seinem Freunde und Geniebruder, Paul Lindau, 
und gekräftigt durch ein Abendessen, das ihm die Collegeu 
gaben, machte er sich auf den Weg. 

Alexander der Grosse, wie die „Germania" ihn nannte, 
bezeichnete seinen Regierungsantritt in der „Schlesischen Presse", 
indem er einen Leitartikel losliess: „Die Partei der schmutzigen 
Wäsche". So nannte er die Leute, welche die Parlamente von 
den Gründern reinigen wollen; und dies darf nicht auffallen, 
denn bekanntlich ist „schmutzige Wäsche" eiue Liebhaberei 
und historische Eigenthümlichkeit des auserwählten Volks. 
Alexander Meyer will die schmutzige Wäsche nicht waschen 
lassen, sie scheint ihm noch rein und sauber genug, und ob- 
gleich unsere Parlamente von Gründern und Aufsichtsräthen 
wimmeln, so behauptet er doch: „Es giebt wahrscheinlich kein 
anderes Land, in welchem zwischen der Volksvertretung und 
den Erwerbsinteressen so schwache Beziehungen bestehen, als 
Deutschland. Wir wissen kaum, ob wir auf diese That- 
sache mit Stolz, ob mit Bedauern sehen sollen, allein 
die Thatsache steht fest." — Kaum in Breslau warm ge- 
worden, fing Meyer der Erste Krakehl mit der „Schlesischen 
Zeitung" an, die ihm Herrn Lob Sonnemann, den Eigenthümer 
der „Frankfurter Zeitung", nicht schnell genug für einen cor- 
recten Consortialzeichner erklärte. Aber er fiel gründlich ab; 
sogar der Verein „Breslauer Presse" gab ihm ein öftentliches 
Dementi, und die „Schlesische Zeitung" erklärte, dass sie gegen 
Alexander den Grossen die gerichtliche Klage wegen „wahr- 
heitswidriger und ehrenrühriger Behauptungen" angestrengt habe. 
Noch kräftiger trat er für „Unsern Braun" und dessen famose 
Eiseubahngründung Cuxhaven ein. Hier, ruft er aus, haben 
nicht die Gründer das Publikum betrogen, sondern umgekehrt — 



— 460 — 

das Publikum hat die Gründer betrogen. — Arm in Arm 
mit Eugenius Richter, der den landwirthschaftlichen Minister 
mit dem Socialdemokraten Bebel verglich, beschuldigte auch 
Meyer der Erste Herrn Friedenthal socialistischer Tendenzen, 
weil dieser die Zusammengehörigkeit von Industrie und Acker- 
bau betont hatte. In der That, zwei klassische „Volkswirthe" ! 
Der Abwechselung wegen machte aber Herr Meyer, ebenso 
wie sein Freund Bamberger, auch wieder in „Enthüllungen". 
Ludwig Bamberger eiferte in der Lindau'schen „Gegenwart" 
gegen das „Bahnhofs-Cotelett", das ihn, seiner Kleinheit wegen, 
nicht gesättigt hatte. Dieser Ruhm Bamberger's liess Meyer 
nicht schlafen. Schon als Aufsichtsrath der „Flora" hatte er 
die Vorrechte der „ersten Zeichner" angegriffen, die freilich 
bei der trostlosen Lage der Gesellschaft gar keine Bedeutung 
mehr hatten: jetzt enthüllte er ein „neues Gründerthum", den 
Schwindel gewisser kleiner Bauunternehmer und ihrer Financiers, 
wodurch Handwerker und Lieferanten betrogen werden. Bei 
solchen Leistungen musste die „Schlesische Presse" und ihr 
Chef-Redacteur gedeihen. „Frisches Blut!" rief die „Schlesische 
Zeitung", als es Herbst 1876 zu den Wahlen ging; und die 
Breslauer wählten zwei Männer von „uraltem Blut", die beiden 
Juden Alexander Meyer und Rechtsanwalt Freund in das 
Preussische Abgeordnetenhaus. 

In jüdischen Händen befindet sich auch die „Breslauer 
Morgenzeitung" des Herrn Leopold Freund, die sich einer 
Auflage von 25,000 rühmt, und jedenfalls ihrem Besitzer eine 
hohe Rente abwirft. Das „Breslauer Handelsblatt" hatte 
nur ca. 800 Auflage, aber sein Eigenthümer, Oscar Freund, 
liess die Spalten enger werden, erhöhte die Insertionsgebühr 
von 1^2 auf 4 Sgr., fungirte als Aufsichtsrath verschiedener 
sehr gegründeten Actiengesellschaften und wusste binnen 
kurzer Zeit ein Vermögen zu machen. Sogar das „Breslauer 
Intelligenz- und Fremdenblatt" des Herrn E. Reimann, 
welches nur etwa 60 Abonnenten zählen soll, strotzte in der 



461 



Schwindelära vonGründungs-Prospecten und Emissions- Anzeigen. 
Das Annoncenbureau von Gottfried Daube in Frankfurt a. M. 
versandte Börsenberichte, welche Breslauer Blätter unter der 
Chiffre D. abdruckten, und auch Berliner Zeitungen übernahmen. 

In Dresden, wo die Gi'ünderei ebenso geil blühte, wie in 
Breslau und Köln, entstanden das „Dresdener Börsen- und 
Handelsblatt", die „Dresdener Zeitung" und die „Dres- 
dener Presse". Letztere verdankt ihre Existenz dem Bank- 
hause Schie Nachfolger (Ed. Meyer), das 70—80 Gründungen 
verfasst hat, schillerte bald nationalliberal, bald fortschrittlich, 
wird von Eugen Richter mit Correspondenzen versorgt, und 
gleich der „Dresdener Zeitung" von Juden redigirt. 

In Köln etablirte sich am 1. April 1872 eine ,,Actien- 
gesellscliaft für Buchdruckerei und Verlag" (Aufsichtsrath: 
Advocat-Anwalt Robert Esser II, General-Consul Adolf Rauten- 
strauch, „Generaldirector" Martin Neuenburg, Dr. Richard von 
Kaufmann), welche den „Allgemeinen Anzeiger", Handels- 
und Börsenzeitung für Rheinland und Westphalen herausgab, 
nach dem Krach aber liquidirte. Der „x\llgemeine Anzeiger" 
war das Börsen-Organ des A. Schaaffhausen'schen Bankvereins. 
Zu diesem Gründerkönig und zu der so berüchtigten Rheini- 
schen Effectenbank, die blos in Gründungen und Speculationen 
machte, stand in engen Beziehungen auch die ,, Rheinische 
Zeitung", deren Börsenredacteur, Advocat-Anwalt Vack, dem 
Schwindel ausserordentliche Dienste geleistet hat, und deren 
Eigenthümer, der bekannte Volkstribun und Frühstücksreduer 
Classeu- Kappelmann, wie die „Frankfurter Zeitung" behauptet, 
gleichfalls zu den Gründern gehörte. Ihr früherer Chef-Redacteur, 
der Abgeordnete Advocat Peter Klöppel, der vom B'ortschritt 
zum Nationalliberalismus überging und darauf eine Anstellung 
bei der „Nationalzeitung" erhielt, betheuerte Juni 1876 in 
einer Zuschrift an die „Kölnische Zeitung", dass ihm das 
Treiben des Herrn Vack gänzlich unbekannt geblieben sei, dass 
er selber, wie seine politischen Mitarbeiter, „niemals in der 



— 462 — 

leisesten Berührung mit der Börse gestanden haben." Von 
Herrn Vack dagegen steht es actenmässig fest, dass er rasend 
speculirte und der Rheinischen Effectenbank, die er in der 
„Rheinischen Zeitung" ungemein verherrlichte, 162,000 Thaler 
schuldig blieb. Dr. Hocker war für diese noble Bank eben- 
falls literarisch thätig, gegen einen Gehalt von 1000 Thalern; 
einem dritten Journalisten gewährte sie die Mittel zum Ankauf 
eines Börsenblattes, und einem vierten creditirte sie 6000 Thaler, 
die später compensirt wurden. 

Die Baierische Handelsbank in München kaufte die „Süd- 
deutsche Presse" an; und in Hannover bildete sich Anfaug 
1872 eine „Zeitungs-Actiengesellschaft" mit dem Commerzien- 
rath C. Rümpler an der Spitze, welcher zwei bestehende Blätter 
in dem „Hannoverschen Courier" verschmolz. Derselbe 
ist das Organ der Herren von Bennigsen und Miquel, vertrat 
aber auch mit gleichem Geschick die Interessen der Börse. 

In Berlin gründeten drei verschiedene Bankinstitute die 
„Spenersche Zeitung", die „Post" und die „Norddeutsche All- 
gemeine Zeitung". 

Die „Spener'sche Zeitung" war eines der beiden 
ältesten Blätter Berlin's, von liberaler Tendenz, und zählte zu 
ihren Abonnenten auch den Kaiser. Anfang 1872 verkauften 
sie Major a. D, E. von Schmeling und dessen Gemahlin, Eli- 
sabeth geb. Spiker, an die gründungswüthige „Preussische 
Boden-Credit-Actieu-Bank " für 228,000 Thaler. Als Gründer 
traten auf: Landrath z. D. Alfred Jachmann, Richard Schweder, 
Commerzienrath Gustav Keibel, Freiherr Gustav Gans Edler 
Herr zu Putlitz, Professor Franz von Holtzendorif, Buchhänd- 
ler Julius Gossmann, Abgeordneter Dr. "VVilh. Wehrenpfennig; 
und als Aufsichtsräthe fungirten später: Paul Gaspard Frie- 
denthal, Heinrich Heimann und Ludwig Landsberg in Breslau, 
Rechtsanwalt a. D. Hermann Mehrländer , Julius Frankenstein 
und Eisenbahndirector Dr. Joseph Carl Haber — lauter Bör- 
senleute. Die Redaction des politischen Theils übernahm Herr 



— 463 — 

Wehrenpfennig gegen einen Jahrgehalt von 6000 Thaleni. 
Auch war er so vorsichtig, sich ausserdem ein Capital von 
12,000 Thalern zu sichern, zur Entschädigung für die Pension 
von 600 Thalern, welche er als ehemaliger Hauptmann der 
Reptilien oder oföciösen Soldschreiber bezog, und auf die er 
anständigerweise jetzt verzichten musste. Das Feuilleton, in 
welchem der Roman „Die Kinder der Welt" von Paul Ileyse 
erschien, redigirte Freiherr zu Putlitz, trat jedoch bald zurück, 
da er mit dem sehr eigenwilligen schulmeisterlichen Herrn 
Wehrenpfennig collidirte. Mit Honoraren wurde nicht gekargt, 
aber trotzdem nichts Besonderes geleistet; die Zahl der 
Abonnenten blieb gering, und die Haltung des Blattes befrie- 
digte auch nicht die Börse. Schon im November 1873 beschloss 
man die Auflösung, und unter den versammelten Aktionären 
finden wir viele Bekannte, wie Paul Munk, Georg Beer, Gustav 
Markwald, Ignatz Witkowski, Paul Jüdel, Julius Alexander, 
Meyer Cohn, Hugo Pringsheim, Eduard Abel, Platho & Wolff, 
Theodor Heymann, Abgeordneter Miquel und die Redacteure 
Julius Schweitzer, Emil Freystadt und August Brass. Zu Li- 
quidatoren wurden die Buchhändler Georg Reimer und Franz 
Grunert ernannt, und diese verkauften die Zeitung an den 
Schönheimer'schen Bankverein (Ferd. Schönheimer und Abg. 
Professor Dr. Carl Birnbaum) für 173,000 Thaler. Was Wehren- 
pfennig nicht gekonnt hatte, sollte jetzt der vielfache Gründer 
Braun- Wiesbaden vollbringen, aber dieser machte noch weniger, 
obwol er eine Revue der Tagespresse einführte, und nach 
französischer Manier jeden Artikel von dem Verfasser unter- 
zeichnen Hess. Nur ein Jahr redigirte „Unser Braun", dann 
verblich „Onkel Spener" an der Schwindsucht; seine Abonnen- 
ten hatte er der „National-Zeitung" vermacht. Den Actionären 
des Schönheimer'schen Bankvereins kostet das Vergnügen 
eine schöne Summe, und dazu macht Herr Braun nun noch 
einen Entschädigungs-Anspruch geltend. 

August Brass, ein Demokrat von 1848, daher auch der 



— 464 — 

„rothe Brass" genannt, lebte als politischer Flüchtling in der 
Schweiz, kehrte in der Conflictszeit zurück und stellte sich 
Herrn vonBismarck zur Verfügung. Er begründete die „Nord- 
deutsche Allgemeine Zeitung", die seitdem als officiöses 
Organ gilt, und an der 1863 auch der Socialdemokrat Wilh. 
Liebknecht mit arbeitete. Brass erwarb ein Vermögen, 
scheint sich aber schliesslich mit dem Fürsten Bismarck ver- 
uneinigt zu haben , oder doch mehr dem Minister des Innern, 
Grafen zu Eulenburg, gefolgt zu sein. 1872 verkaufte er sein 
Blatt für eine hohe Summe an ein Consortium von Hamburger 
Geschäftsleuten, darunter die Gebrüder Ohlendorff, welche 
„durch glückliche Speculation in beschädigtem Guano" Millionäre 
geworden sind, und Senator Gustav Godeffroy (J. C. Godeffroy 
& Sohn), Gründer ersten Ranges und Vorsitzender der ,, Nord- 
deutschen Bank" in Hamburg. Man bildete eine Actienge- 
sellschaft „Norddeutsche Allgemeine Zeitung, Norddeutsche 
Bank und Ohlendorff", übernahm auch noch von der Kreuz- 
zeitung, deren Ableger „Preussisches Volksblatt", und stellte 
beide Journale in den Dienst der Regierung. Gebrüder Ohlen- 
dorff, welche den Löwenantheil der Unkosten trugen, wurden 
in den Adelstand erhoben. Das „Preussische Volksblatt" ist 
wieder eingegangen, und die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" 
soll jetzt bedeutende Zuschüsse erfordern. Sie ist nach wie 
vor officiös, wenngleich es die Regierung liebt, sie von Zeit zu 
Zeit feierlich zu desavouiren. In der mit ihr verbundenen 
„Norddeutschen Buchdruckerei und Verlagsanstalt", wie die 
Firma neuerdings lautet, werden auch die stenographischen 
Berichte des Reichstags, sowie der früher in der Decker'schen 
Officin hergestellte „Deutsche Reichs- und Preussische Staats- 
anzeiger" gedruckt. 

Die ,,Post" erschien seit dem 1. August 1866 als Leib- 
organ des Wunderdoctors Strausberg, und hatte einen bunt 
zusammengewürfelten Kreis von Mitarbeitern, wie Bruno Bauer, 
Julius Faucher und Ernst Dohm, den Redacteur des „Kladde- 



— 465 — 

radatsch". Dieser, welcher ein ganzes Jahr zu Weimar im 
Exil gelebt hatte, wurde von Strausberg iinanziirt und wieder 
Hott gemacht. Angemessen dem „Kladderadatsch" lautete das 
Programm der „Post": „Der Kampf gegen den absoluten, den 
unverantwortlichen Nachtwächter auf allen Gebieten des politi- 
schen und socialen Lebens". Strausberg, der sich persönlich 
zur conservativen Partei hielt, weil er mit Grafen und Herzögen 
gründete, Hess um des Geschäfts willen, sein Blatt farblos und 
indifferent, hatte aber dabei grosse Unkosten. 1872 übernahm 
die Discontogesellschaft mit der Strausberg'schen Erbschaft 
auch die „Post", und verwandelte dieselbe in eine Actienge- 
sellschaft mit 200,000 Thaler Grundcapital. Als Gründer resp. 
erste Zeichner nennt das Statut: Geh. Oberfinanzrath Alexander 
Scheele, Verlagsbuchhänder Georg Reimer, Otto Nitze, Julius 
Schady, Hermann Meissner. Herr Brass, der sein eignes Blatt 
eben verkauft hatte, übernahm die Oberleitung und schnitt die 
„Post" nach dem Schema der „Norddeutschen Allgemeinen" 
zu. 1874 wurde sie von Dr. Friedenthal, Graf Bethusy-Huc, 
Graf Otto zu Stolberg angekauft, erhielt ihren Chef-Redacteur 
in Dr. Leopold Kayssler, der unter Wehrenpfennig bei der 
Spener'schen Zeitung arbeitete, und gilt seitdem als Organ der 
Freiconservativen. Damals meldete die ,, Nationalzeitung" in 
ihrem Börseutheil: 

„Fabrik und Handels-Etablissements von Carl 
Friedenthal in Breslau. Sämmtliche Etablissements zu 
Breslau, Pest und Triest hat der bisherige Eigenthümer Land- 
rath a. D. Dr. Friedenthal au den Associe Herrn A. Gruuwald 
in Breslau, die Herren W. Leipziger in Pest und F. Napp in 
Triest übergeben und werden diese Herren die gemeinschaftlich 
übernommenen Geschäfte unter der Firma Grunwald & Co. für 
eigene Rechnung fortführen. Was die landwirthschaftlichen 
Fabriken in und bei Giessmannsdorf (Presshefeu- , Stärke-, 
Käse-Fabrik, Bierbrauerei) betrifft, so verbleiben dieselben mit 
dem bezüglichen Grundbesitze im Eigenthura des Dr. Frieden- 

Glagau, Dor Börsenscliwindel. II. 30 



— 466 — 

thal, sind aber von Letzterem an den bisherigen Dirigenten 
Herrn J. Mahlich in Giessmannsdorf verpachtet worden, welcher 
die Fabrikation mit dem Vertrieb der Fabrikate in unveränderter 
Weise fortsetzen wird. Herr Dr. Friedenthal will ausschliesslich 
den öffentlichen Angelegenheiten seine Thätigkeit widmen." 

Gleich darauf erhielt, da Herr von Blanckenburg , der 
Freund des Fürsten Bismarck ablehnte, Dr. Frieden thal das 
landwirthschaftliche Ministerium, und nun ging mit dieser Be- 
hörde eine merkwürdige Veränderung vor. Während sie 
früher ein idyllisches Stillleben führte, entfaltete sie plötzlich 
eine fieberhafte Thätigkeit. Ressort und Personal wurden ver- 
grössert, und die Presse hatte fortan weit mehr von Dr. Frieden- 
thal als selbst von Dr. Bismarck zu berichten, der vor seinem 
jüngsten CoUegen fast in den Schatten trat. Jede Reise, jede Rede 
jede Verfügung des neuen landwirthschaftlichen Ministers wurde 
ausführlich behandelt und commentirt, alle Zeitungen, jüdisch 
und christlich, sangen ihm Lob und Bewunderung. Aber das 
landwirthschaftliche Ministerium ist für Dr. Friedenthal wahr- 
scheinlich nur eine Durchgangsstation; schon lange gilt er, 
falls den Herren Camphausen oder Achenbach etwas Menschliches 
passiren sollte, für den Nachfolger des Einen oder des Andern, 
zumal er mit allen Parteien sich zu stellen weiss, und wie der 
Angstschrei Eugen Richter's bekundete, das Manchesterthum 
nicht gerade für unsterblich hält. Wenngleich Dr. Frieden- 
thal nominell nicht mehr Mitbesitzer der „Post" ist, hat diese 
doch einen stark ministeriellen Beigeschmack, und über Alles, 
was das landwirthschaftliche Ministerium auf dem Herzen hat, 
ist sie stets am ersten und am besten unterrichtet. 

Von der Wiener „Neuen Freien Presse" endlich, die 
auch für viele Gründungen des neuen Deutschen Reichs kräf- 
tigst eintrat, ist zu vermerken, dass sie in den Besitz zweier 
Banken überging. Sie verstand es immer, verschiedenen Herren 
gleichzeitig zu dienen, z. B. dem türkischen Strausberg, Baron 
Hirsch, dem Ritter Ofenheim und dem Herrn Gerson von Bleich- 



— 467 — 

röder. Letzterer soll jetzt die meisten Actien der „Neuen 
Freien Presse" besitzen, und ausser ihr noch 50—60 Blätter 
commandircn. 

Die Versuchung sich gründen zu lassen, ist in der Schwia- 
•delära wol an jedes grössere Blatt herangetreten, und die da 
ablehnten, thaten es vielleicht nur aus Vorsicht und Klugheit. 
Auch mögen noch viele andere Zeitungen heimlich Banken und 
Bankhauser als Theilhaber aufgenommen haben. Aber die 
Gründer und Börsianer hatten dergleichen kaum nöthig; schon 
um der Inserate willen kam die ganze Presse ihnen mit offenen 
Armen entgegen, war sie zu jeder Gefälligkeit, zu jedem Dienst 
bereit. Erschien irgendwo ein Prospect, gleich empfing das be- 
treffende Bankhaus 40—50 Depeschen von andern Blättern: 
Warum haben wir das p.p. Inserat nicht erhalten? Redactionelle 
Besprechung gratis! — Indem die Spalten immer schmäler, 
die Schritt immer kleiner wurde, steigerte man die Insertions- 
gebühr bis um das Sechsfache-, jede Seite einer grossen Zeitung 
brachte schliesslich 100 — 500 Thaler. Die Prospecte und 
Emissionsanzeigeu ergingen sich in zollhohen Buchstaben und 
grossen weissen Zwischenräumen, worauf die Setzer auch den 
sogenannten „Speck", den unbedruckten Raum bezahlt verlang- 
ten, und diese ganz berechtigte Forderung auch durchsetzten. 
Gründungsanzeigen wurden noch theurer als andere Inserate be- 
zahlt; die,, Neue Freie Presse" in Wien forderte pro Zeile 1 Gulden, 
die „Augsburger Allgemeine" 17 Sgr. „Reclamen" berechnete das 
„Weltblatt", die Kölnische Zeitung pro Zeile mit 1 Thaler, und die 
Augsburger „Allgemeine Zeitung" soll sogar 2 Thaler 25 Sgr. 
verlangt haben. Grosse Blätter haben in der Schwindelära 
für Inserate 2000 bis 5000 Thaler täglich eingesäckelt; wes- 
halb sie Angriffe gegen Gründungen selbst im Annoncentheil 
nicht zuliessen. Um der Inserate willen legte sich jedes Local- 
blättchen einen Courszettel und einen unverhältnissmässig 
grossen Bürscuthcil zu. Redactionelle Reclamen für Gründungen 

30* 



— 468 — 

erschienen gleichlautend und gleichzeitig in Zeitungen der ver- 
schiedensten Richtung, z. B. in der „Nationalen", „Vossischen", 
„Volkszeitung", „Norddeutschen Allgemeinen", „Kreuz- 
zeitung", und — es klingt fast unglaublich — auch im „Deut- 
schen Reichs- und Preussischen Staatsanzeiger". Nun fragen 
•wir: Was in aller Welt hat der „Staatsanzeiger" mit Börsen- 
notizen zu thun? Wäre es nicht genug, wenn er, wie ehemals, 
sich auf den Abdruck des Courszettels beschränkte? 

Selbst die „Frankfurter Zeitung" des Herrn Lob Sonne- 
mann durfte der ,, Kölnischen Zeitung" vorwerfen, dass 
diese um 1 Thaler pro Zeile die „höhere Bauernfängerei" ge- 
trieben, dass sie nie ein Wort der Wai'nung gegen den ver- 
brecherischen Schwindel gehabt habe. Ueber die grossen Grün- 
derprozesse am Rhein brachte sie anfänglich entweder gar nichts 
oder sie schlüpfte darüber möglichst kurz hinweg. In Sachen 
der spitzbübischen „Rheinischen Effectenbank" brachte sie die 
Ausführungen des Anklägers und der Civilpartei verstümmelt, 
dagegen die Plaidoyers der Vertheidiger vollständig. Arm in 
Arm mit der „Neuen freien Presse" schwärmte sie für die 
Türkei, machte sie die Agitation, welche sich in England gegen 
die Türkischen Kriegsgräuel erhob, als Humanitätsschwätzerei 
und Hirngespinnste lächerlich. Seit 1866 geht sie mit der Re- 
gierung durch Dick und Dünn, und sie wird hauptsächlich von 
Juden und officiösen Federn bedient, Ihre Parlamentsberichte 
enthalten oft geradezu Fälschungen. 

Die „demokratische" „Frankfurter Zeitung" ist, wie 
die „Kölnische Zeitung" ganz richtig bemerkte — die beiden 
Spiessgesellen zankten sich öffentlich — das grösste Süddeutsche 
Börsenblatt, Herr Lob Sonnemann wurde bei sehr vielen Grün- 
dungen „betheiligt", aber nicht als Eigenthümer der ,, Frank- 
furter Zeitung" — Gott bewahre ! — nein, blos als „Capitalist" 
und „Geschäftsfreund", und ebenso der Redacteur des BÖrsen- 
theils, Herr Bernhard Doctor. Es ist sogar vorgekommen, dass 
die „Frankfurter Zeitung" Gründungen, bei welchen die Herren 



— 469 — 

Sonnemami und Doctor mit grossen Summen „betheiligt" waren, 
,, angegriffen" bat. Daher erklärte das Gericht auch Herrn 
Sonnemaun für einen Ehrenmann, den man verleumdest habe, 
und die Frankfurter stellten ihn wieder als Candidaten für das 
Parlament auf. Indess war Herr Sonnemann nach diesem Ver- 
leumdungsprozess so vorsichtig, das angetragene Mandat abzu- 
lehnen. Herr Sonnemann berühmte sich auch, einer Offerte 
Bleichröder's widerstanden zu haben, und bekanntlich ver- 
weigerte er als Mitglied des Reichstags die Annahme der Eisen- 
bahnfreikarte, schickte sie mit feierlichem Protest zurück und 
belobte sich dafür durch eine grosse moralische Rede. Etliche 
Wochen später aber kam er in aller Stille um besagte Frei- 
karte wieder ein und benutzte sie weidlich.! 

Aus einer öffentlichen Erklärung des Herrn Carl Volck- 
hausen, früheren Chef-Redacteurs der „Frankfurter Zeitung", 
d. d. Düsseldorf den 21. Juni 1876, erhellt übrigens, dass bei 
jeder Gründung die Börsenredacteure sämmtlicher Frankfurter 
Blätter „betheiligt" wurden; Herr Bernhard Doctor, zugleich 
Correspondent der „Times" und der „Semaine financiere", stets 
mit den grössten Summen. Derselbe hat sich in P'olge einer 
„Lähmung" ins Privatleben zurückgezogen. 

Die „Danziger Zeitung" stiess für dortige Gründungen 
so mächtig ins Hörn, dass darüber selbst in der „Neuen Börsen- 
zeitung" Beschwerde geführt wurde. Ihr Eigenthümer, Herr 
Heinrich Rickert, gehört zu den wenigen Journalisten, die sich 
zum Zeitungsbesitzer aufgeschwungen haben, und seitdem wirkt 
er im öffentlichen Leben. Zunächst Stadtrath von Danzig, Hess 
er sich in's Parlament wählen, wo er ebenso wie sein Freund, 
der ehemalige Liquidator der Genfer Bank, Rechtsanwalt a. D. 
Lipke, schnell eine hervorragende Rolle gewann, und schliesslich 
ward er sogar Landesdirector der Provinz Preussen mit dem 
Gehalt eines Unterstaatssecretaiis. 

Die „Kreuzzeitung" jammerte über /las Emporwuchern 
so vieler neuen Börsenblätter, machte aber, wie ihr die „Neue 



470 



Börsenzeitung" mit Recht entgegnete, zugleicli Reclame für die 
alte Börsenzeitung. Während sie im Leitartikel gegen die 
Gründungen im Allgemeinen declamirte, behandelte sie im 
„Börsen-Hintertheil" jede einzelne Gründung mit christlicher 
Schonung. Herr von Nathusius-Ludom, der am 1. October 1872 
die Chef-Redaction übernahm, ist persönlich ein Ehrenmann, 
aber er wusste nicht, dass seine Börsenreferenten Gründer und 
Gründergenossen waren; er glaubte an seinen Onkel, den Ge- 
hülfen der Discontogesellschaft, Geheimrath Scheele, den er für 
den uneigennützigsten Mann von der Welt hält, und auf das 
Zeugniss von Herrn Scheele hin, der mit Miquel zusammen 
gegründet hat, vertheidigte er diesen als einen durchaus correcten 
Gründer. Der zweite Redacteur, Dr. Heifter, hat von jeher die 
Gründer mit dem Evangelium bekehren wollen, und unter dem 
jetzigen Chef- Redacteur, Herrn von Niebelschütz, beobachtet 
die „Kreuzzeitung" in Betreff der Bewegung gegen die parla- 
mentarischen Gründer ein diplomatisches Schweigen. 

Um so frecher geberdet sich die Berliner „Tribüne" des 
Herrn B. Brigl, ein Klatschblatt, das seine Leser vornehmlich 
in den Kreisen der Börse und der Juden hat, und in dem haupt- 
sächlich Juden auch das Wort führen. In ihrer Nummer vom 
2. October 1869 brachte sie den famosen Artikel .,Der Mann, 
der Alles kauft" mit dem Brustbild des Wunderdoctors und der 
Devise: Honny soit qui mal y pense. Strausberg wird hier als ein 
„Heros" der Cultur, als ein Wohlthäter der Menschheit gefeiert. 
„Tausende und aber Tausende leben von ihm und durch ihn." 
„Wo Strousberg seine Hand anlegt, erwächst neues Leben." 
Der Artikel war auf den Absatz der damals grassirenden Ru- 
mänischen Eisenbahn-Obligationen berechnet. Wie Wuttke („Die 
deutschen Zeitschriften", 3. Auflage S. 431) behauptet, ging die 
„Tribüne" nebst dem mit ihr verbundenen Witzblatt „Berliner 
Wespen" in der Gründungsära an ein Börsenconsortium für den 
Preis von 150,000 Thaler über. Jedenfalls waren professionelle 
Gründer, wie Braun- Wiesbaden, Leopold Ullstein, Carl Goppel etc. 



— 471 — 

ihre Mitarbeiter; sie hatte ihren Rathgeber für Börsenpapiere 
und sie begründete die „Neue Börsenzeitung". Trotzdem schlug 
sie sich dröhnend an die Brust, prahlte mit ihrer Ehrlichkeit 
und machte in „Enthüllungen", z. B. ganz kürzlich noch in 
Betreff der sogenannten „Revolver- Grundstücks -Käufer". Mit 
Bamberger, Lasker, Richter und der „Nationalzeitung" erfand 
sie die „Verleumdungsära" und beschimpfte die Ankläger der 
Gründer auf das Gemeinste. So lange sie sich auf den lüatsch 
beschränkte, den sie pikant anzurichten wusste, war sie in ihrer 
Art nicht übel; seit etwa einem Jahre aber gerirt sie sich als 
politische Zeitung und ist nun ein ödes Sammelsurium geworden. 
Der Wochenschrift „Die Gegenwart", welche 1872 Paul 
Lindau gründete, ist schon öfter erwähnt. Sie begann mit 
staatswissenschaftlichen Abhandlungen von Bluntschli und mit 
— Börsenreferaten von Albert Brockhoflf, variirte die Man- 
chesterweisheit in Artikeln von Bamberger, H. B. Oppenheim, 
von Unruh, Kapp, Braun- Wiesbaden , Alexander Meyer, Adolf 
Samter etc. und brachte manchen überaus langweiligen Aufsatz 
z. B. „üeber Welt- und Staatsweisheit" von Lasker. Sie wird 
in der Hauptsache von Juden für Juden geschrieben; Alles was 
christlich ist, wie Heyse, Freytag, Gottschall, Gutzkow, Julian 
Schmidt, wird dagegen möglichst herabgesetzt. Leider haben 
sich zum Theil auch diese Männer hinterher bestimmen lassen, 
der „Gegenwart" Beiträge zu liefern, und so mit ihren Namen 
eine beispiellose Reclame für ein durchaus nichtsnutziges Unter- 
nehmen gefördert. Paul Lindau ist ein Mann von sehr unter- 
geordneter Bildung und seine ganze Kunstfertigkeit ist der 
jüdische silbenstechende Wortwitz; nur edle Dreistigkeit und 
zähe rastlose Strebsamkeit haben ihn mit Hülfe des auser- 
wählten Volkes „berühmt" gemacht, ihn zum ersten Dramatiker 
des neuen Deutschen Reichs erhoben. J]r hat es durchgesetzt, 
dass seine Photographie an allen Schaufenstern hängt, sein 
Portrait in der Leipziger „Illustrirteu Zeitung", in „Ueber Land 
und Meer", und neuerdings auch in der ,, Gartenlaube" mit Text 



— 472 — 

von Albert Träger erschienen ist. „0 Keil, Keil", ruft die 
„Staatsbürgerzeitung" aus, „was für Keile müssten gewisse 
Leute haben!" 

Wie das „Berliner Fremdenblatt" berichtete, feierte kürzlich 
das jüdische Bankhaus Hirschfeld & Wolff, bekannt durch viel- 
fache Gründungen, z. B. die berüchtigte „Deutsche Actiengesell- 
schaft für Bergbau, Eisen- und Stahlindustrie" (Strausberg- 
Karsten), sein BOjähriges Bestehen. Der Chef, „Wirkliche 
Geheime Commerzienrath" Heinrich Wolff erhielt den Kronen- 
orden dritter Klasse. Es waren anwesend die Spitzen der 
Finanz, darunter der „Wirkliche Geheime Commerzienrath", 
Ritter von Schwabach (Socius von Bleichröder), sowie der 
Schwiegersohn der Firma, Bankassessor Löwenfeld. Es waren 
auch erschienen die Dichter Berthold Auerbach, Paul Lindau, 
Albert Träger und Georg Davidsohn. Albert Träger excellirte 
in poetischen Tischreden; Paul Lindau schilderte im Chroniken- 
stil den Lebenslauf des Jubilars, wie er einst von Straussberg 
nach Berlin gewandert, bei Aarons das Geschäft erlernet, sich 
mit 180 Thalern etabliret und dann — verschiedentlich in der 
Lotterie gewonnen. Von den Gründer-Gewinnsten schwieg des 
Sängers Höflichkeit. Der Festbericht aber lief durch viele 
Blätter. 

Der Chef-Redacteur der „Vossischen Zeitung" ist über- 
haupt kein Politiker, nur ein liebenswürdiger Lyriker, was sich 
aber mit dem Charakter des Blattes ganz wohl verträgt. Sein 
Hauptmitarbeiter ist der malerische Feuilletonist Ludwig 
Pietsch, ein Mann, der mit erstaunlicher Leichtigkeit über 
jedes erdenkliche Thema zu plaudern versteht, von jeder Sache 
die beste Seite herauszukehren , und Jedermann , gleichviel ob 
bedeutend oder unbedeutend, zu verherrlichen weiss. Wie den 
Heinrich Frauenlob werden auch den Ludwig Pietsch einst die 
Frauen, deren Toiletten er so oft besungen hat, zu Grabe 
tragen, und zwar Damen christlicher Avie jüdischer Confession, 
und sein Verlust wird für die „Vossische", im vollen Sinne des 



— 473 — 

Worts, imersetzlicli sein. Unter den politischen Mitarbeitern 
steht oben an Herr Julius Hoppe. Er war von 1851 bis 1864 
Redacteur der „Magdeburgischen Zeitung", hatte aber den Ehr- 
geiz Abgeordneter zu werden, wozu ihm übrigens das erste Er- 
forderniss fehlt, und verlor darüber seine Stellung. Seine per- 
sönliche Ehrenhaftigkeit steht ausser Zweifel ; er ist jedoch ein 
«ingefleischter Manchestermann und verbissener Fortschrittler, 
der um der Partei willen, die offenbarsten Missstände ableugnet, 
die widersinnigsten Behauptungen aufstellt. — Einst stand er 
wegen der schändlichen „Rumänier" muthig gegen Strausberg 
und Consorten auf, verbrannte sich aber dabei die Finger, indem 
die „Xatioualzeitung" über ihn herfiel und sein Unterfangen 
schamlos zu verdächtigen suchte. Seitdem schweigt er über 
Gründer- und Börsenschwindel und vertuscht ihn. Es ist aber 
interessant zu sehen, wie sich in der „Vossischen" auch Gegen- 
strömungen geltend machen. Während sie für die Corruption 
in Deutschland kein Wort hat, bringt sie fleissig Correspon- 
denzen aus Oesterreich und Nordamerika, in denen der Schwin- 
del, der dort das öfi'entliche Leben beherrscht, unverblümt ge- 
schildert und schonungslos verurtheilt wird. Die Juden und 
ihre Interessen erfreuen sich in der ,, Vossischen" einer ausser- 
ordentlichen Pflege, weshalb sie auch schlankweg den Nothstand 
leugnete. In dem Leitartikel „Eine Ehrenrettung für ein ver- 
leumdetes Jahr" behauptete sie, dass die Prophezeiungen der 
,, Schwarzmaler" nicht in Erfüllung gegangen, und dass 1876 gar 
nicht so übel gewesen, da die Zahl der Bankerotte nicht die 
gewöhnliche Ziffer überstiegen habe. Darauf antwortete ihr die 
Post: „Wir haben keine genaue Rechnung geführt, aber es ist 
uns so vorgekommen, als ob die Anzeigen von Concursen und 
Subhastationen, eine so hübsche Einnahmequelle der „Vossischen 
Zeitung", in derselben einen Umfang gewonnen hätten, der aller- 
dings bei ihr den Optimismus rechtfertigt, der uns an das hübsche 
Epigramm Schiller's erinnert: 



— 474 — 

Euch wundert, dass Quirls Wochenblatt 
Heut um ein Heft gewonnen hat, 
Und höret doch den Stadtausrufer sagen, 
Dass Brot und Rindfleisch aufgeschlagen." 
Was den „Börsenhintertheil" der „Vossischen" betrifft, so lieferte 
ihm in der Gründerära den Redacteur Herr Julius Schweitzer, 
indem er als solchen zuerst einen seiner Verwandten und als 
dieser starb, seinen Schüler Dr. Ebeling placirte. 

Die „Nationalzeitung" wurde Frühjahr 1848 von christ- 
lichen Leuten und mit christlichem Gelde gegründet, ging aber 
alsbald in jüdische Hände über, indem der bisher ganz mittel- 
lose Expedient des Blattes, Benda Wolff, die tief gefallenen 
Actien allmälig aufkaufte. Während der Reactionsperiode war 
die „NatioualzeituDg" fortwährend in Gefahr, unterdrückt zu 
werden, und sie verdankt ihre Erhaltung nur dem Umstände, 
dass Herr Wolff gleichzeitig das bekannte Telegraphen-Bureau 
errichtete, und dadurch zu der Regierung in intime Beziehungen 
trat. Chef-Redacteur der „Nationalzeitung" war von ihrer Be- 
gründung bis Ende 1874, länger als ein Vierteljahrhundert, 
Dr. Friedrich Zabel, und unter ihm gewann das Blatt die Be- 
deutung und das Ansehen, von dem es heute zehrt. Es buhlte 
nicht um den Beifall des ungebildeten Publikums, sondern es 
setzte seineu Ehrgeiz darein, die gesellschaftlich und wissen- 
schaftlich gebildeten Kreise zu führen. Zabel war ein Mann 
von unbedingter Ehrenhaftigkeit, von grosser Liebenswürdigkeit 
und aufrichtigem Wohlwollen gegen Jedermann. Mit einer 
seltenen Arbeitskraft verband er Tact und Geschick; er schrieb 
selber nur wenig, und hat vielleicht nie einen Leitartikel ge- 
schrieben, aber er verstand es, seine Mitarbeiter zu wählen, 
tüchtige Kräfte heranzuziehen, wie Lothar Bucher, Titus Ullrich, 
Ferdinand Gregorovius, die beiden Boretius etc. Auch wusste 
er zu repräsentiren und sich in Respect zu setzen. Diplomaten 
fuhren bei ihm vor, und Herr von Bismarck bat ihn in der 
Confliktszeit zu sich, konnte ihn aber nicht bewegen, die opposi- 



— -KO — 

tionelle Haltung aufzugeben. Kein anderer Journalist in Berlin 
hat eine so angesehene Stellung eingenommen, sich einer solchen 
Achtung erfreut, wie Friedrich Zabel. 

Aber die „Nationalzeitung" war zugleich auch ein Eörscn- 
und Handelsblatt, und diese Seite trat seit 1866 immer mehr 
in den Vordergrund. Von den 18 Spalten der Abendnummer 
nahm die Börse schliesslich 12 — 13 Spalten ein, und Herr 
Julius Schweitzer, der diesen Theil ganz selbständig redi- 
girte und sich in sein Departement gar nicht hineinreden Hess, 
umgab sich mit einem halben Dutzend Gehülfen, meistens 
Verwandte oder doch Juden, mit denen er an der Börse auf- 
zog. Herr WolfF war mit dieser schon durch sein Telegraphen- 
Bureau eng Hirt, und so durfte die „Neue Börsenzeitung" in 
ihrer Probenummer vom 15. November 1871 die „National- 
zeituug" als ein Blatt bezeichnen, das „seine Pflichten zwischen 
der Sorge um das Deutsche Reich und den Rücksichten auf 
den Agiogewinn der Börse theilt". Herr Schweitzer, der ehe- 
malige Commis, verstand es, den Ton doctrinärer Blässe, durch 
den sich die „Nationalzeitung" auszeichnete, auch auf seine 
Börsenartikel zu übertragen, und diesen dadurch einen tief- 
sinnigen Anstrich zu geben. Seine unendlich langen Wochen- 
berichte sind ewige Wiederholungen, enthalten immer denselben 
nichtssagenden oder doch zweideutigen Wortschwall, und dienen 
nur dazu, dem PubHkum Sand in die Augen zu streuen. Na- 
türlich durchschaute Herr Schweitzer den grossen Schwindel 
vollkommen, aber er hütete sich wohl, ihn als solchen ofieu 
zu kennzeichnen, weil es dann mit dem ganzen „Geschäft" 
vorbei gewesen wäre. In Nr. 518 der ,,Nat.-Ztg." vom 4. No- 
vember 1871 schreibt er: ,,Der Behauptung einer unbegrenzten 
Hausse steht ferner die Thatsache entgegen, dass zu hohe 
Preise die Veranlagung des Capitals ableiten. Wir treten nicht 
für das Gründuugsüeber ein, aber wir behaupten doch, dass 
die Umwandlung industrieller Unternehmungen in Actiengesell- 
schaften eine Ablenkung des Capitals auf industrieUes Gebiet 



— 476 — 

-veranlasst, über welche man vom wirthschaftliclien Standpunkt 
keine Klage erheben kann. Die Bewegung wird einmal zum 
Abschluss kommen, wir müssen aber immer aufs Neue wieder- 
holen, dass der Zeitpunkt desselben nicht zu beurtheilen ist, 
ebensowenig sind die letzten Ursachen vorauszusagen." — Noch 
ergötzlicher ist der folgende Passus aus Nr. 611 der „Nat.-Ztg." 
vom SO.December 1871: „Wir erkennen an, dass im Jahre 1871 
auf dem Gebiet der Gründungen zu viel geschehen ist, aber 
das widerspricht nicht der vollen Berechtigung des Ausspruchs: 
Man hatte die Capitalskraft Deutschlands unter- 
schätzt; sie entwickelte sich in demselben Augenblick in vollem 
Maasse, in welchem die Niederwerfung Frankreichs und die 
Begründung des Friedens auf festerer Grundlage, als seit langer 
Zeit unzweifelhaft geworden war. Ungeachtet dieses Aner- 
kenntnisses müssen wir die Ansicht auch heute vertreten, dass 
augenblicklich eine gewisse Ueberspeculation, Ueberproduction 

oder wie man es sonst nennen will, besteht." Ist das 

nicht ein köstliches Ragout von Ja und Nein, von Für und 
Wider?! Selbstverständlich ist diese Salbaderei nicht entschei- 
dend. Entscheidend ist dagegen, dass Herr Schweitzer jedes 
neue Unternehmen empfahl, auch für das faulste und frechste, 
z. B. die famose „Gesellschaft für Fondsspeculation an der 
Hamburger Börse" (Heilbut) kein energisches Wort der Ab- 
wehr und der Warnung hatte, dass er jede Reclame, die man 
ihm zusteckte, redactionell aufnahm, und häufig genug, wie 
z. B. in Betreff des verbrecherischen „Lindenbauverein", falsche 
Nachrichten verbreitete, erdichtete Thatsachen auftischte, die 
Tausende um Hab und Gut gebracht haben. 

Mit Scham und Schmerz sahen Dr. Zabel und seine poli- 
tischen Mitarbeiter, lauter Männer von Ehre und wissenschaft- 
licher Bildung, auf dieses feile Treiben, das sie nicht abstellen 
konnten, denn Herr Wolff hielt Herrn Schweitzer die Stange, 
und mehrmals dachten sie daran, auszuscheiden. Nur die Liebe 
zur Zeitung, die ein Theil ihres Selbst war, hielt sie zurück. 



— 477 — 

Herr Scll^Yeitzer aber wurde plötzlich ein reicher Manu und 
kaufte sich ein werthvollcs Ilaus. Ohne Zweifel ist es ein grosses 
Missverständniss,wenn Herr vonDiest-Daber behauptet, Dr. Zabel 
hätte ihm gesagt, alle seine Redacteure seien von der Börse 
abhängig. Das kann Zabel nur mit Bezug auf die Mitarbeiter 
des Börsentheils geäussert haben. 

Inzwischen hatte Herr Lasker, der seit 1865 ständiger Mit- 
arbeiter der „Nationalzeitung" war, bei dem Eigenthümer der- 
selben grossen Einfluss gewonnen. Wenn der moderne Cato 
schon 1872 im Parlament gegen das Actien- und Gründungs- 
unwesen perorirte, so hätte es ihm näher gelegen, seinen Ein- 
fluss aufzuwenden, damit der „Börsenhintertheil" des Blattes, 
an dem er selber mitarbeitete, etwas reinlicher gehalten werde; 
aber er benutzte ihn nur, um sich und seine Freunde verherr- 
lichen zu lassen. Man höre z. B. folgende Stilprobe, die sich 
in Nr. 232 der „Nationalzeituug" vom 21. Mai 1874 findet: 

„Gestern Nachmittag war die nationalliberale Frak- 
tion des Abgeordnetenhauses im Lokale des Hoftraiteurs "Wer- 
ner in der Karlstrasse zu einem Abschiedsmahle versammelt. 
Inhaltreiche Tischreden, insbesondere des Abg. Miquel über 
die Aufgaben der Partei als einer mit Besonnenheit die Regie- 
rung in liberalen verfassungsmässigen Bahnen festhaltenden 
und unterstützenden wahrhaften Volkspartei, des Abg. Lasker 
iiber die Wirksamkeit und Verdienste des Präsidenten v. Ben- 
nigsen, sowie des Letzteren über die parlamentarische 
Thätigkeit der Fraktion erhoben die Festgenossen. Sie ent- 
rollten ein Bild der parlamentarischen Lage in den beiden 
ersten Sessionen des Reichstages und des Landtages nach deren 
Neuwahl, welches wohl geeignet Mar, sowohl Befriedigung über 
den Verlauf der Vergangenheit wie Hoffnung für die künftigen 
Sessionen der Legislaturperiode zu erwecken. Andere Toaste 
galten dann noch dem Abg. Lasker, als dem unermüdlichen 
Mahner an die ewigen Priucipion des Rechts und der Sittlich- 
keit auch in allem politischen Handeln, und den als Gäste an- 



— 478 — 

wesenden Herren Hugo Wesendonk und. Berthold Auer- 
bach. Erst spät trennte sich die Versammhmg in dem ge- 
stärkten Bewusstsein ihrer Mitglieder, durch das auf die höchsten 
Ziele menschlichen Wirkens gerichtete Zusammenschliessen 
zahlreicher Genossen aus allen Theilen des Vaterlandes den 
Werth des eigenen Leistens trotz aller seiner Mängel wahrhaft 
gehoben und veredelt zu haben." Jedermann wird in diesem 
Phrasenschleim sofort eine jüdische Feder erkennen. 

Neujahr 1875 trat Dr. Zabel von der Leitung der „Na- 
tionalzeitung" zurück; wol nicht ganz freiwillig, wie man aus 
dem resignirten Abschiedsworte herauslesen kann. Er behielt 
sich in der Redaction noch ein Plätzchen vor, aber gleich 
darauf legte er sich nieder und starb. Er war mit der „Na- 
tionalzeitung" eben verwachsen, und er konnte sie nicht in den 
Händen eines Andern sehen. Sein Nachfolger wurde Herr Fr. 
Dernburg, ein ziemlich unbekannter Advokat semitischer 
Abstammung aus Darmstadt, aber ein Schützling des Herrn 
Lasker. Schon vor der Schwindelperiode waren von den älteren 
hervorragenden Mitarbeitern mehrere ausgeschieden; jetzt 
nahmen auch die andern ihren Abschied, so dass von dem 
eigentlichen Stamme fast Niemand blieb. Auch Karl Frenzel, 
der Leiter des Feuilletons, beabsichtigte, wie es damals hiess, 
seine Entlassung zu nehmen. 

Bald nach dem Regierungsantritt des Herrn Dernburg ge- 
schahen die von Diest'schen „Enthüllungen", worauf die Re- 
dacteure der „Natioualzeitung" in einer geharnischten CoUec- 
tiv-Erklärung antworteten, die mit folgenden Worten schloss: 

„Der so leichtfertig angezweifelten Reinheit unseres Ver- 
haltens setzen wir einfach gegenüber unsere Namen: 

Berlin, 25. Februar 1875. 
Karl Frenzel. Wilhelm Wackernagel. Siegfried Sa- 
mosch. Karl Wippermann. Arthur Winckler. Julius 
Schweitzer. Julius Basch. Georg Schweitzer." 
„Stolz will ich den Spanier!" Die acht Herren garantirten die 



— 479 — 

„Reinheit" ihres ,^Verhaltens", Elincr für Alle, und Alle für 
Einen. Julius Schweitzer trat für sich seiher ein, und Georg 
Schweitzer trat, wie die kindliche Pietät es verlangt, für den Vater 
«in. Er |ist der Gehülfe und präsumtive Nachfolger seines 
Täters, und von diesem selber in die Mysterien der Börse ein- 
geführt. 

Sehr auffällig war es, dass diese Erklärung auch von Karl 
Frenzel unterzeichnet ist, ja dass sein Name allen übrigen 
voransteht. An Karl Frenzel hatte Niemand gedacht, denn 
Jedermann weiss, dass er weder mit dem Börsen- noch mit dem 
politischen Theil der „Nationalzeitmig" etwas zu thun hat. 
Zwar hat er hin und wieder einen Leitartikel unter und über 
dem Strich versucht, auch soll er davon geträumt haben, Dr. 
Zabel's Nachfolger zu werden, aber er ist eben kein Politiker 
und auch kein „Volkswirth'', sondern ein unschuldiger Feuille- 
tonist. Es war nicht nur überflüssig, es war sogar sehr unvor- 
sichtig von ihm, dass er jene Erklärung mitunterzeichnete, 
dass er sich für Dinge und Personen verbürgte, die er richtig 
zu beurtheilen gar nicht im Staude ist, da es ihm hier an jeder 
Kenntniss und Information fehlt. Wenn Herrn Frenzel ein 
Vorwurf trifft, so ist es nur der, dass er als selbständiger Re- 
dacteur des Feuilletons den philosophischen Hymnus des Herrn 
von Hartmann auf die „moderne Actien-Industrie" zugelassen 
hat. Auch war es, Seitens des Herrn Frenzel und Genossen, 
ein Fechterstreich, dass sie thaten, als habe Herr von Diest 
„in erster Linie" einen Verstorbenen, den Dr. Zabel verdäch- 
tigt, da er doch ausdrücklich diesen einen „offenen und ehr- 
lichen Mann" nennt. 

Wol mit zu dem Zwecke, um den „Enthüllungen" des 
Herrn von Diest ein Paroli zu biegen, beging die „National- 
zeitung" wenige Wochen darauf das 25 jährige Jubiläum ihres 
Schweitzer. Allein es erhoben sich neue Anklagen. Von ver- 
schiedenen Seiten wurde der „Nationalzeitung" der Vorwurf 
der Bestechlichkeit gemacht. Herr von Diest erklärte, dass sie 



— 480 — 

in Sachen der Berlin-Dresdener Bahn 6000 Thaler erhalten, 
und dass er den juristischen Beweis dafür in der 
Tasche habe. Anstatt nun die Verleumdungsklage anzu- 
stellen, wozu sogar mehrere Blätter der eigenen Partei dringend 
aufforderten, verkroch sich die „Nationalzeituug" wieder hinter 
den von ihr so „hochverehrten Todten", Dr. Zabel, der angeb- 
lich „in Mitleidenschaft gezogen", und begnügte sich, für ihre 
Ehrlichkeit ein Zeugniss der Gründer H. C. Plaut, S. Abel jun. 
und Geheimrath Ludwig Heise beizubringen. Letzterer erbot 
sich „eidlich zu erhärten", dass der Nationalzeitung „weder von 
der Berlin-Dresdener Bahn noch von irgend einer andern Bahn- 
gesellschaft irgend etwas anderes zugegangen ist als die tarif- 
mässigen Insertionsgebühren". In Folge des Sturmes, der sich 
in der Presse erhob, sah sich die „Nationalzeitung" doch ge- 
nöthigt, ihren Schweitzer zur Disposition zu stellen, worauf 
dieser sich mit eiuer Erklärung verabschiedete, in welcher er 
u. A. Folgendes versicherte: „Ich war einer der Ersten, der, 
unterstützt durch sorgfältige Beobachtung aller Verhältnisse, 
auf die unausbleiblichen Folgen der Gründungsperiode hinge- 
wiesen, der die später eingetretene Krisis als unvermeidlich 
erklärt und deren Entwickelung ruhig geschildert hat. Damals 
wurde mir der Vorwurf einer pessimistischen Auffassung der 
Verhältnisse gemacht." — Wahrhaftig, Herr Schweitzer, das 
müssen wir Ihnen einzeugen. Sie leisteten noch November 1875 
einen Leitartikel „Der Nothstand und sein Ende" — Sie sind 
an gewissen Wendungen, wie „Wir führen dieses Thema nicht 
weiter aus'' sofort zu erkennen — worin Sie noch damals 
das Bestehen einer Krisis leugneten, nur „die nothwendige 
Ausscheidung unsolider Elemente" zugeben wollten, und die 
geistreiche Behauptung aufstellten: Die riesigen Cours- Verluste 
seien gar keine wirklichen Verluste, blos „Differenzen in der 
Coursnotirung". 

Was Herrn Friedrich Dernburg, den jetzigen Leiter der „Na- 
tionalzeitung", auch Abgeordneten, betrifft, so zeichnet er sich> 



— 481 — 

zunächst durch einen Reichthum origineller Bilder und geschmack- 
voller Gleichnisse aus. Am 4. April 1873, als Lasker den 
zweiten Theil seiner „Enthüllungen" vorgetragen, und der er- 
müdete Reichstag Lust bezeigte, in die Ferien zu gehen, rief 
Herr Dernburg aus: „Es würde rein unmöglich sein, den Strom 
aufhalten zu wollen, der sich jetzt nach Hause drängt; ich 
würde ebensogut die Spree mit meinen schwachen Armen auf- 
halten können, als gegen diesen Strom Widerstand leisten. Ich 
fühle mich dazu nicht berufen.'' — In der „Nationalzeitung" 
schrieb er: „Das akademische Triennium, welches dem Deut- 
schen Volke durch den grossen lu-ach vom Mai 1873 aufge- 
zwungen wurde, um die Ursachen seiner wirthschaftlichen 
Krankheit und die Mittel zu ihrer Abhülfe zu studiren, ist aller- 
dings absolvirt" etc. (No. 269 de 1876) — „Es stürmt sehr merk- 
lich durch die Adern Europas." (No. 494 de 1876) — „Die 
stolz auf jede Hülle der Wahrscheinlichkeit und selbst Mög- 
lichkeit verzichtende Nacktheit der Erfindung macht freilich 
eine solche Versicherung kaum erforderlich." (Nr. 378 de 1876) 
— „Das ganze Schlachtfeld der letzten Wahlen ist bedeckt 
mit Scherben von zerschlagenen Redensarten, die nie wieder 
aufleben mögen." (No. 44 de 1877) — Von seiner Bildung und 
Umsicht gab Herr Dernburg einen Beweis, als er den „von der 
Spanischen Regierung gemassregelten Dr. E. Särosthy, Pro- 
fessor der Philologie in Salamauka, ehemaligen Privatdocenten 
in Heidelberg und bekannt durch mehrere wissenschaftliche 
Leistungen, welcher die Empfehlungen der angesehen- 
sten Professoren der Heidelberger Universität be- 
sitzt" — dem Berliner Publikum empfahl, und ein paar Tage 
darauf diesen gelehrten Märtyrer als „abgefeimten Schwindler" 
bezeichnen musste. Dergleichen kann wol der „Tribüne", darf 
aber nimmer der „Nationalzeitung" passiren, und wäre unter 
Dr. Zabel unmöglich gewesen. Uebrigens sind „Nationalzeitung" 
und „Tribüne", zwischen denen früher nicht die geringste Ge- 
meinschaft bestand, heute dicke Freundinnen-, Eine citirt immer 

Glagau, Der Börsenschwindel. II. 31 



— 482 — 

die Andere, und sie ziehen häufig denselben Strang, namentlich 
wenn es die Vertheidigung der parlamentarischen Gründer und 
die Brandmarkung der „Verleumder" gilt. Die „Nationalzeitung" 
legte eine besondere Rubrik an: „Zur Geschichte der „Ver- 
leumdungsära", in welcher sie als Opfer der Verleumdung 
zunächst Bismarck in Sachen der „Reichsglocke", aber gleich 
dahinter auch die Gründer von Bennigsen und von Kardorff 
behandelte. So rächte sie sich an Herrn von Diest-Daber, 
anstatt ihn zu verklagen. Aber diese Zusammenstellung kann 
dem Fürsten Bismarck schwerlich gefallen. 

Unter Herrn Dernburg ist die „Nationalzeitung" vollstän- 
dig verlaskert und verbambergert. Wie für Lasker während 
seiner Krankheit in den Berliner Synagogen öffentliche Gebete 
stattfanden, so veröffentlichte die „Nationalzeitung" über sein 
Befinden förmliche Bulletins. Jede Handlung, jede Aeusserung 
des grossen Mannes wurden sofort der Welt verkündet und mit 
Erläuterungen begleitet, für ihn eine ununterbrochene, geradezu 
ekelhafte Reclame gemacht. Wenn Herr Lasker feierlich ver- 
sicherte, er habe seit Zabel's Tod für die „Nationalzeitung" 
keine Zeile mehr geschrieben — was übrigens sehr wunderbar 
ist — so lässt er jedenfalls schreiben: der Redacteur der von 
ihm herausgegebenen „Berliner Autographirten Correspondenz" 
ist zugleich Mitarbeiter an der „Nationalzeitung". Bamberger's 
Feder ist unbestritten und auch nicht gut abzuleugnen; er hat 
in allen Finanz- und Bank-, Münz- und Nickelfragen das Wort. 
Freilich ist daneben Herr Dernburg ein gewaltiger Streber auf 
«igene Hand. Er empfängt solche Zuschriften, solche Ein- 
ladungen, dass es seine Collegen an der Zeitung in Erstaunen, 
Herrn Lasker geradezu in Schrecken setzt. Er ist häufig 
diesem viel zu gouvernemental, viel zu officiös. Noch gestern 
hatte Herr Dernburg Delbrück's Abgang als einen unersetz- 
lichen Verlust bejammert, und schon heute macht er für 
dessen Nachfolger Hofraann energisch Propaganda, sucht Alles, 
was früher vorgefallen zu entschuldigen und zum Besten zu 



— 483 — 

kehren uud lässt den neuen Präsidenten des Reichskanzler- 
amts „im hellen Sonnenstrahl der Geschichte wirken". So 
wird es Herrn Dernburg nicht fehlen, und es könnte geschehen, 
dass sich der Protege Laskers in dessen Protcctor verwandelt. 
Um noch einmal auf Julius Schweitzer zurückzukommen, 
so ist dieser Herr wol nur quasi ausgeschieden. Man sieht ihn 
nach wie vor täglich an der Börse, und auch die Börsenberichte 
in der „Nationalzeitung" verrathen dieselbe Hand. Verschie- 
dene Stimmen wollten behaupten, dass er JNIitbesitzer des Blattes 
sei; jedenfalls ist er mit Herrn Wolff so liirt, dass er nicht 
einfach entlassen oder auch nur suspendirt werden kann. 



Kolossal ist der Beute-Antheil, welchen von den Gründern 
und Börsianern die Presse empfing. Nicht nur Häuser ersten 
Ranges, wie S. Bleichröder und Disconto-Gesellschaft — selbst 
Gründer, wie Strausberg, Hermann Geber, Richard Schweder, 
Quistorp, Carl Goppel, Ed. Mamroth, Julius Alexander etc. 
haben an Zeitungsbesitzer und Zeitungsschreiber Hundert- 
tausende gezahlt. Ueber die „Betheiligung" der Wiener Blätter, 
Seitens einzelner Bankeu und Banquiers; über die Schweige- 
und Reclamegelder für einzelne Gründungen und Emissionen 
wurden verschiedentlich lange Listen veröffentlicht. Solche Ver- 
öffentlichungen stehen auch mit Bezug auf Berliner Zeitungen 
in Aussicht, und namentlich dürften einige Gründerprozesse 
wundersame üinge an den Tag bringen. 

Die „Neue Börsenzeitung" meldete: „Dr. Strousberg soll 
sich entschlossen haben, diejenigen 500 Thaler monatlich dem 
Inhaber einer hiesigen Zeitung wieder zu bewilligen, nachdem 
dieselbe ihr bisheriges Obligo, gegen ihn nichts Nachtheiliges 
zu schreiben, dahin ausdehnte, dass sie nur für ihn schreibt." 
— Der bis dahin ganz mittellose Redacteur eines Berliner Local- 
blatts, welches sich ungemein für den Born'schen „Landerwerb- 
und Bauverein" begeisterte, erbaute sich plötzlich eine Villa, 
und besitzt heute sogar zwei Villen. Für die von Adele 

31» 



— 484 — 

Spitzeder in München etablirte Dachauer Bank warben drei zur 
katholischen und sieben zur nationalliberalen Partei gehörige 
Schriftsteller; und einer von ihnen lieferte nach dem Zusammen- 
bruch des Schwindels 15,000 Gulden zurück, welche er von der 
Hochstaplerin als „Geschenk" erhalten hatte. 

Die Berliner Tribüne äusserte am 20. April 1873: „Ohne 
eine feile Presse hätten die Krebsschäden nie in dieser Weise 
um sich greifen können. Ist es doch notorisch, dass während 
der letzten Jahre in die Taschen von gewissen Personen, die 
nur ein einigermassen einfiussreiches Organ an der Börse ver- 
treten. Hunderttausende von Thalern geflossen sind, und dass 
sie, während sie früher in den allerbescheidensten Verhältnissen 
lebten, jetzt reiche Leute sind. Die Corruption an der Börse 
ist so gross, dass man die Bestechlichkeit der Presse für selbst- 
verständlich und jeden für einen Thoren hält, der gleich 
uns (!) allen Beeinflussungen sich unzugänglich zeigt. Weder 
der Bestechende noch der Bestochene hat die Scham, aus der 
Bestechung ein Geheimniss zu machen." — Wir haben Ursache 
anzunehmen, dass dieser Artikel aus der Feder des Herrn Leo- 
pold Ullstein, also eines sehr eingeweihten Mannes stammt. 

Früher die untergeordnetsten Mitarbeiter einer Zeitung, 
erhielten die Börsenreporter mit dem Gründungsschwindel 
plötzlich grosse Bedeutung. Zu diesem, jetzt so sehr einträg- 
lichen Posten drängten sich selbst studirte Leute und „Volks- 
wirthe", ja sie begnügten sich, auch nur als Gehülfen des 
eigentlichen Börsen-Kedacteurs einzutreten, denn auch für die 
blossen Handlanger fielen noch fette Bissen ab. 

Wenn der Reporter von der Börse heimkehrte, pflegte er 
sich in sein geheimstes Gemach zurückzuziehen, die Thüren 
abzuschliessen und nun sorgfältig sämmtliche Taschen in Rock, 
Weste und Hose umzukehren. In jeder Tasche fanden sich 
Brief-Couverts, und in jedem Couvert staken Notizen und Re- 
clamen über neue Actienunternehmungen und Emissionen, dazu 
ein oder mehre Ilundertthalerscheine. Die Banknoten wurden 



~ 485 — 

selbstverständlich confiscirt, aber die von den Gründern und 
Börsianern bereits abgefassten Reclamen standen noch am selben 
Abend oder nächsten Morgen in der betreffenden Zeitung zu 
lesen, und sie lauteten fast in allen Zeitungen wörtlich über- 
einstimmend. Häufig waren, statt der Banknoten Actien oder 
Interimsscheine beigefügt, welche die Reporter gratis oder zu 
erheblich niedrigerem Course erhielten. Oder aber es wurden 
ihnen solche gutgeschrieben, und sie empfingen, wenn sie ihre 
Schuldigkeit gethan, und das neue Effect glücklich untergebracht 
war, die Coursdifferenz. Oft betheiligten die Gründer neben 
dem Börsenredacteur auch den Zeitungsbesitzer-, oft musste 
jener mit diesem theilen. 

Auch machten die Herren von der Presse Differenzgeschäfte, 
kauften und verkauften Papiere per Ultimo, und die Makler 
und die Banquiers gaben ihnen bereitwilligst Credit. Schlug 
die Speculation ein, wozu der Reporter in der ihm anvertrauten 
Zeitung das Seinige that, so erhob er den Gewinnst; verlor er, 
so blieb er schuldig, und man mahnte ihn nicht. Als die Qui- 
storp'sche Vereinsbank in Concurs gerieth, wurden verschiedene 
Journalisten, die man „betheiligt" hatte, eingeklagt. Julius 
Mayer, wie es scheint, bei der „Volkszeitung" thätig, war 
4600 Thaler, der Redacteur des „Börsenwächter" — an der Börse 
wurde das Blatt „Nachtwächter" genannt — war 36,800 Thaler 
schuldig geblieben. Beide erhoben den Einwand, dass ihnen 
Quistorp bei Einführung neuer Papiere jedesmal eine Summe 
in Actien „stillschweigend" gutgeschrieben, und dass sie dafür 
ihre Dienste geleistet hätten, was sie durch Ueberreichung der 
Beläge erhärteten. „Rechtsanwalt Horwitz", so hiess es damals 
in etlichen Blättern, „geisselte in scharfer Weise dieses Ge- 
bahren von Mitgliedern der Presse, die käuflich, unbekümmert 
um den spätem Jammer ruinh'ter Familieu, nur ihr Interesse 
reich zu werden, im Auge hätten." Gut gebrüllt, Löwe! Aber 
Herr Horwitz war z. B. Aufsichtsrath der „Börsenbank für 
^Maklergeschäfte", und in den Generalversammlungen der Ber- 



— 486 — 

liner Producten- und Handelsbank, des Lindeubauverein , der 
Passage etc. sah man ihn als beredten Vertheidiger der hart 
angegriffenen Gründer und Attentäter. 

Von Berliner Journalisten und Literaten traten direct als 
Gründer, resp. „Erste Zeichner" auf: Dr. Carl Braun(-Wies- 
baden), Dr. J. Faucher, Dr. Wehrenpfennig, Dr. F. Kapp, Dr. 
Heinrich Benecke, Dr. Theodor Cossmann, Dr. Gustav Lewin- 
stein, Dr. Emil Jacobsen, Dr. Eduard Wiss, Dr. Heinrich Ebe- 
ling, Wilh. Jungermann. Alexander Hotfers, Adolf Braun, Carl 
Krafft, Carl Sonntag (Deutsch-Oesterr eichische Handelsgesell- 
schaft), Kichard Seydler, Albert Brockhoff, David Born, Emil 
Cohnfeld, Franz Grunert, Emil Freystadt, Julius Schweitzer, 
Dr. Carl Erich. Letzterer fungirte als Parlamentsberichterstatter 
für das Staatsministerium und für den Kaiser. Als Aufsichts- 
räthe wurden genannt: Schulze-Delitzsch , Ludolf Parisius, Dr. 
\V. H. Eras. Director des Berlin-Charlottenburger Bauvereiu ist 
Julius Wolff, der hochpoetische Feuilletonist der Nationalzeitung, 
welcher als Festberichterstatter mit Ludwig Pietsch concurrirt, 
über die Einweihung des Kaiserhof, über den Geber'schenSkating- 
Rink und ähnliche Gründerwerke solch sinnige Artikel lieferte. 

Von den intimen Beziehungen der Presse zu Gründern und 
Gründungen zeugt der folgende Fall. Als September 1873 
Hermann Bein, Max Heymann (A. H. Heymann & Co.), Georg 
Siemens (Deutsche Bank) u. A. den Versuch machten, den Malz- 
extract-Fabrikanten Johann Hoff zu gründen, dessen Etablisse- 
ments sie angeblich für 1,500,000 Thaler übernahmen, betheiligten 
sich als Mitgründer auch die Eigenthümer, resp. Vorstände der 
„Weser Zeitung" in Bremen, der „Posener Zeitung", des „Gör- 
litzer Anzeiger" und der „Berliner Bürger-Zeitung". Glücklicher- 
weise waren die Actien nicht mehr unterzubringen, sonst hätte 
das Publikum schon den Schaden besehen! 



Die sogenannte Revolverpresse ist eine Wiener Pflanze, 
verbreitete sich aber in der Gründerzeit und nach dem Krach 



— 487 — 

über ganz Deutschlaud. Kleine Wiukelblätter drohten Privaten 
und Gesellschaften mit Enthüllungen, mit Aufdeckung von 
Skandalgeschichten, und erpressten so Schweigegelder, In ge- 
wissem Sinne gehören zur Revolverpresse alle Börsenblätter, 
insofern sie alle nicht nur gegen Bezahlung lobten und em- 
pfahlen, sondern auch, wo sie nichts erhielten, drohten und das 
betreffende Unternehmen angrifien. Namentlich die kleineren 
Börsenblätter gingen förmlich auf Raub aus, und brandschatzten 
verdächtige Gründer und faule Gesellschaften nach der Möglich- 
keit. Carl Gustav Hörn, Director der Rheinischen Effecten- 
bank, beklagte sich vor Gericht, dass das von ihm geleitete 
Institut durch die Revolverpresse zu Fall gebracht sei. 1873 
erschien in Berlin eine Folge von Flugschriften unter dem Titel 
„Börsenfackel". Der Verfasser, der von Beruf ein Heraldiker (!) 
sein wollte, und sich mit dem Pseudonym G. Wilhnars bezeichnete, 
griff im ersten Hefte etliche Gründungen, wie Deutsch-Hollän- 
discher Bauverein, Silberwaarenfabrik Mosgau, scharf an, strich 
aber in den folgenden Heften daneben ebenso faule Sachen, 
wie Centralstrasse, Passage, Dannenberger'sche Kattunfabriken, 
bestens heraus. Er hatte sich mit den betreffenden Gründern 
inzwischen verständigt, und soll eine namhafte Summe erbeutet 
haben. Zur Revolverpresse gehören ferner gewisse Zeitschriften 
für Versicherungsgesellschaften und ähnliche „Fachblätter", sowie 
mancherlei Berichterstatter der Zeitungen, die alle, falls sie 
nicht Schaden verursachen und Unheil anrichten sollen, eine 
fortlaufende oder ausserordentliche Aböudung verlangen. Einer 
dieser Freibeuter, Reporter für Stärkefabrikate, wurde wegen 
seiner verleumderischen Angriffe zu drei Monaten Gefängniss 
verurtheilt. Die Berichterstatter über Gerichtsverhandlungen 
bilden in Berlin eine Art von Genossenschaft, die sich für das 
Unterdrücken bestimmter Fälle und Namen nach Vereinbarung 
bezahlen lässt. Im Gegensatz zur Revolverpresse hat man aber 
auch die grossen Zeitungen, die ja dasselbe Geschäft, nur gross- 
artiger betrieben, ganz treffend Kanonenpresse genannt. 



— 488 — \ 

Wie fast die gesammte Presse im Solde der Börse und der \ 
Gründer stand, so blieb sie auch nach dem Ki-ach ihnen treu. 
Sie wälzte alle Schuld auf das Publikum, das sie der Spielsucht 
anklagte, der Manie, „ohne Arbeit reich zu werden". Sie 
leugnete die Krisis und den Nothstand, den sie als eine blosse 
Erfindung der „Reichsfeinde" und der „Verleumder" hinstellte. 
Sie bezeichnete die wenigen Blätter, welche den Muth hatten, 
die Gründer anzuklagen, als „Revolverpresse" und bewarf sie 
mit Schmutz. Ja, sie hatte die Frechheit von einer „Gründer- 
hatz" zu sprechen, die verurtheilten Betrüger als Märtyrer zu 
feiern, die Richter zu verdächtigen, und mit einer Auswanderung 
der Gründer- und Börsenkönige zu drohen. So thalen nicht 
nur die Börsenblätter, sondern auch politische Zeitungen ersten 
Ranges. Die „Vossische Zeitung" druckte einen Artikel der 
„Berliner Börsenrevue" ab, welcher die lügnerischen Prospecte 
für nichts weiter als gewöhnliche und erlaubte Reclamen von 
Geschäftsleuten erklärte, und welcher versicherte; die Ange- 
klagten hätten durch ihre Verurtheilung eine Einbusse in der 
öffentlichen Achtung nicht erlitten. Die „Nationalzeitung" be- 
handelte an hervorragender Stelle „Gründerprozesse. Eine 
criminalpolitische (!) Studie von Justinus Möller". Als 
Verfasser dieser famosen Brochüre, die u. A. den Staatsanwalt 
„als Retter der Gesellschaft" verhöhnt und fein insinuirt: auch 
der Richter könne in Actien speculirt und unglück- 
lich speculirt haben — nannte sich hinterher stolz und 
frei der Gerichts -Assessor a. D. Dr. Julian Goldschmidt, 
Director der durch verschiedene faule Gründungen bekannten 
„Norddeutschen Grundcreditbank". Die „Nationalzeitung" er- 
klärte sich zwar insofern gegen Herrn Goldschmidt, als dieser 
die Anwendung des Betrugsparagraphen auf betrügerische Grün- 
dungen für eine Verirrung der Rechtsauschauung hält, aber 
sie stimmt ihm darin bei, dass der „Uebereifer" bei der Ver- 
folgung der Gründer „gezügelt werden möge", und auch sie 
folgert: „Wäre es der Staatsanwaltschaft schon im Jahre 1872 



- 489 — 

in den Sinn gekommen, unredliche Gründer als Betrüger zur 
Untersuchung zu ziehen, so müsste allerdings der 1873er Krach 
ein Jahr früher zum Ausbruch gekommen sein, aber der Fall 
wäre weniger tief, die Krankheit unseres wirthschaftlichen 
Lebens weniger allgemein und die Heilung schneller und leichter 
gewesen." Wie man sieht, ist an der langen schweren Krisis 
also eigentlich der Staatsanwalt schuld. Julian Goldschmidt 
aber Hess sich in einem Hessischen Wahlkreis als Candidaten 
zum Reichstag aufstellen, und die Herren Eugen Richter und 
Parisius empfahlen ihn mit den Worten: „Goldschmidt wird 
auch von angesehenen Nationalliberalen als scharfsinniger Kri- 
tiker des Actiengesetzes rühmend anerkannt." 

Wir fragen nun: Ist die Frechheit der Gründerpresse nicht 
maasslos und verstösst sie nicht geradezu gegen das Strafgesetz, 
indem sie nicht nur Sitte und Moral mit Füssen tritt, sondern 
sich auch gegen richterliche Entscheidungen autlehnt, dieselben 
als offenbares Unrecht hinstellt, und die Verfolgung der Grün- 
der für eine krankhafte, gemeingefährliche Tagesströmung er- 
klärt?? Dass diese feilen Blätter systematisch lügen und 
trügen, dass sie wohl wissen, wie sehr die „Verleumder" Recht 
haben, beweisen manche Aeusserungen, die ihnen unvorsichtiger 
Weise entschlüpfen. So schrieb die „Vossische Zeitung" unterm 
22. Februar 1877: „Nach der gestrigen „National-Zeitung" ist 
der gegenwärtige Nothstand, der „abermalige Niedergang un- 
serer wirthschaftlichen Verhältnisse" (wie das Blatt sich aus- 
drückt), der Agitation gegen das Compromiss in Sachen der 
Justizgesetze zuzuschreiben! Schade, dass man nicht auch die 
drohende Mondfinstemiss verantwortlich machen kann. Die 
würde den Gründern und Gründergenossen so recht gelegen 
kommen, um ihre Sünde und Schande zu verdecken." Sehr 
treffend bemerkt hierzu die „Germania": „Also auch die 
,, Vossische Zeitung" weiss von der Sünde und Schande der 
Gründer und Gründergenossen zu erzählen! Das siebt ja aus, 
als wenn auch sie zu der vielbeschrieenen „Verleumder- Con- 



— 490 — ( 

sorteria" übergehen wollte! Oder zanken sich die Spiessgesellen 
blos heute, um morgen gemeinsam wieder die Hehlerei zu be- 
treiben?" . 

Mit dem Aufhören der Gründungen versiegte eine reiche 
Einnahmequelle der Zeitungen, und sie versuchten nun selber 
eine Gründung, die sich merkwürdigerweise gegen ihre bis- 
herigen treuen Verbündeten, die Annoncen -Bureaux kehrte. 
Diese, welche der Presse die Inserate zuführen und das Inse- 
riren überhaupt erst in Schwung gebracht haben, erweckten 
den Neid der Zeitungen, von denen sie für jede Annonce 25 
und mehr Procent Rabatt erhalten. Namentlich war es Rudolf 
Mosse (Moses), „officieller Agent sämmtlicher Zeitungen der 
Erde", der durch Inscenirung einer fabelhaften Reclame, zu 
welchem Zwecke er mehre Literaten besoldete, und durch un- 
gemeine Rührigkeit sein Geschäft schnell in Flor brachte, und 
daneben noch eine eigene Zeitung, das , »Berliner Tageblatt" 
begründete, das geschickt redigirt, auch eine grosse Verbrei- 
tung gewann und eine sehr empfindliche Concurrenz der „Volks- 
zeitung" bereitete, die seit 1864 an zwei Drittel ihrer Abon- 
nenten verloren hat, und aus Verzweiflung darüber sich aufs 
Wetterprophezeien legte. Franz Duncker, der mit Mosse wegen 
einer Differenz von wenigen Thalern in Streit gerieth, brachte 
gegen seinen glücklichen Concurrenten eine Verschwörung zu 
Stande. September 1875 verbanden sich eine Anzahl Berliner 
und auswärtiger Zeitungen und gründeten, im alleinigen Inter- 
esse des Publikums, um den Inserenten mit „vollster Unpartei- 
lichkeit" die geeignetste Blättern zu empfehlen, das Ceutral- 
Anuoncen • Bureau. Erster Vorstand war Dr. Ferdinand 
Salomon von der „Nationalzeitung" und B. Brigl von der 
„Tribüne", an dessen Stelle später E. Pindter von der „Nord- 
deutschen Allgemeinen" trat. Auch dieser schied wieder aus, 
und der Vorstand wechselte fortwährend, da Streitigkeiten und 
Uneinigkeit entstanden, bald dieses bald jenes Blatt sich durch 



— 491 — 

ungenügende Zuwendung von Inseraten benachtheiligt glaubte. 
Selbstverständlich ist diese Gründung um nichts hesser als 
Mosse oder dessen Collegen, und das Publikum hat durchaus 
keine Ursache, bei seinen Aufträgen dasCentral-Annoncen-Bureau 
zu bevorzugen. 

Nicht unerwähnt dürfen hier bleiben die Telegrapheu- 
Bureaux, welche sich, wie Wolff, Keuter, Havas etc. überall in 
den Händen von Juden befinden, einerseits von den Staats- 
regierungen abhängig sind und diesen daher ganz zu Willen 
leben müssen, andererseits die Haupteinuahme vou der Börse 
beziehen und in erster Reihe ihr zu Dienst stehen. Von dem, 
was in Europa vorgeht, ist in der Regel die Börse besser und 
eher unterrichtet als selbst Diplomaten und Minister. Wichtige 
telegraphische Depeschen erhält die Börse weit früher als die 
Zeitungen, deren Abonnements gar nicht ins Gewicht fallen. 
Solche Nachrichten, wie z. B. die Meldung von dem Sturz des 
Grossvezier Midhat, sind längst von der Börse ausgebeutet — 
escomptirt, wie der technische Ausdruck lautet — ehe Presse 
und Publikum davon eine Ahnung haben. Und die Börsianer 
selber werden wieder nicht gleichmässig bedient, sondern es 
findet eine mehrfache Abstufung statt. Die regierenden Bank- 
häuser sind stets auch zuerst avertirt; nach ihnen wird die 
Depesche Häusern zweiten und dritten Ranges mitgetheilt, und 
noch später erhält sie das Gros der Speculanten. Ebenso haben 
die Depeschen der Telegrapheu-Bureaux auf allen Linien Vor- 
sprung vor den Privat -Telegramms; und ebenso kommt der 
neue Telegraphentarif des Deutschen Reichs, was Herr Stephan 
auch sagen mag, keineswegs dem Publikum, aber ganz ausser- 
ordentlich der Börse und den grossen Geschäftsleuten zu Gute. 

Im Mai 18G5 verkaufte Benda Wolü', der Inhaber der 
„Nationalzeitung", das von ihm errichtete Telegraphen-Bureau 
an die Continental -Telesirapheii-Compag:uie, Commandit- 
Gesellschaft auf Actieu. Das G ruudcapital wurde auf 333,383 Tlilr. 



— 492 — 

10 Sgr. festgesetzt und gezeiclinet von: Gerson Bleichröder 
(S. Bleichröder), Victor von Magnus (F. Mart. Magnus), Carl 
Daniel von Oppenfeld (M. Oppenheim's Söhne), Hermann 
Zwicker (Gebr. Schickler), Theodor Wimmel, Richard Weutzel, 
Justizrath Valentin (der professionelle Schlussmacher des Reichs- 
tags) und Dr. Ferd. Salomon. In den Aufsichtsrath trat der 
Vorbesitzer Wolfif, und die Preussische Regierung soll einen 
Theil der Actien übernommen haben. 1874 wurde die Auf- 
lösung beschlossen, zu Liquidatoren Dr. Hermann Rasche, 
Dr. Immanuel Rosenstein und Dr. John Fuchs ernannt, und 
eine reine Actiengesellschaft errichtet, bei der sich auch noch 
Justizrath Riem betheiligte. Die Hauptzeichner waren wieder 
die vier grossen Bankfirmen. 

Zur directen Beförderung von Depeschen bildeten sich: 
Vereinigte Deutsche Telegraphen -Gresellscliaft. Ge- 
gründet Mai 1871 von Hermann Erichsen in London, Dr. Adolf 
Lasard, Rechtsanwalt Ewald Hecker, Commerzienrath Ernst 
Schering, Robert Müller, Bergrath Wilh. Hauchecorne und Geh. 
Oberregierungsrath Dr. Ernst Engel in Berlin. Actiencapital 
1,100,000 Thaler. Für den Aufsichtsrath, worin u. A. auch 
Abgeordneter Dr. Löwe-Calbe in Berlin und früherer Abge- 
ordneter Consul H. H. Meier in Bremen sitzen, entfielen pro 
1874 und 1875 je 6000 Thaler Tantieme. 

Hamburg-Helgolander Telegraphen- Gesellschaft. Ge- 
gründet Mai 1873 mit 90,000 Thaler Actien, von Dr. Adolf 
Lasard, Oberbergrath Hauchecorne etc. Vorsitzender des Auf- 
sichtsraths: Rechtsanwalt Hecker, vor dem das Statut verlaut- 
bart wurde. 



„Volkswirthe" und Gründer im Parlament. 

Was der Bericht der Specialuntersiidiiiiii^scommission erzählt — Theorie 
und Praxis der „Volkswirthe" — Gründer resp. Anfsichtsräthe im Preussisehen 
Herreiihaus.Prenss. Abgeordnetenhaus und Deutschen Reichstag — Strausberg's 
Genossen — Ehemalige politische Märtyrer— Die Vertreter der grossen Banken 

— Preuss. Central-Bodencredit-A.G. — Ludwig Bamherger und die Deutsche Bank 

— S. Bleichröder, von Kardorft' und W. Weber — Disconto-Gesellschaft, Provin- 
zial-Discouto, Dortmunder Union, St. Gotthard-Bahn, Rumänische Eisenbahn- 
Ges. — Disconto-Riug — Herr Scheele verlässt die Disconto-Gesellschaft — 
Trinkgelder — Mein Name ist Miquel, und ich weiss von gar nichts — Miciuel 
als „Erster Zeichner" — Lasker's Thaten und Reden — Es meldet sich 
Adickes — von Bennigseu bringt ein Unschuldsattest bei — Hannover-Alten- 
becken — Beamte als Anfsichtsräthe — Herr von Kardorff rechtfertigt sich, 
und Albert Träger erklärt sich gegen die „Gründerhatz" — „Schlepper im 
Bauernfang" — Die Preuss. Hypctheken-Versicherungs-Gescllschaft Ilübner 
und Herr Karbe — Parlamentarisches Schimpfwörter- Lexikon — Eugenins 
Richter und seine tapfere Haushälterin — Miquel und Bamberger auf Reisen 

— Gründer-Advocaten — Die Gründer als Strafprediger — Ocft'eutliche Wäsche 
der „verleumdeten" Gründer — von Bennigseu lässt keine Debatte zu, and 
Hammacher rührt 2000 l'rwähler zu Thränen — W, Schroers aus Duisburg 
„wagt's" und sagt „Dixi!" — Der Kampf der jüdischen Witzblätter gegen 
die „Verleumder", und das Triumphgeschrei der „Nationalzeitnng" — Der 

Nothstand als Lehrmeister. 

Schon vor 1866 sassen im Preussisehen Abgeorcl- 
netenhause eine stattliche Anzahl manchesterlicher 
„Volkswirthe", von denen die meisten zugleich in der 
Presse thätig waren, und nach dem Kriege mit Oester- 
reich erhielten sie starken Zuwachs aus den annectirten 
Leandern. Schon damals stand das „System Strous- 



— 494 — 

berg" in voller Blüthe, und streute über unser öffent- 
liches Leben den Samen der Corruption aus. Der 
Staatseisenbahnbau trat völlig zurück, indem Graf 
Itzenplitz, seit 1864 Handelsminister, die hauptsäch- 
lichsten und einträglichsten Linien an Privatunter- 
nehmer vergab, die fast immer die berüchtigte „Ge- 
neralentreprise" zur Anwendung brachten. Wie der 
Beilageband B. zum Bericht der Specialcommission 
zur Untersuchung des Eisenbahn-Concessionswesens 
ergiebt, bewarben sich von beiden Häusern des Land- 
tags zahlreiche Mitglieder jeder Parteirichtung, ferner 
Staatsbeamte aller Grade, dazu Edelleute, Grafen und 
Fürsten, theils auf eigene Hand, meistens aber in 
Verbindung mit Financiers und Speculanten, denen 
sie als Deckung dienten, um alle möglichen und un- 
möglichen, zum grossen Theil völlig überflüssigen 
Linien. Graf Itzenplitz war mit der Erth eilung von 
Concessionen sehr freigebig, aber trotzdem musste 
er wol an neun Zehntel der Bewerber zurückweisen. 
Gerade die fragwürdigsten und anrüchigsten Bahnen, 
wie Hannover-Altenbecken, Berlin-Dresden, Münster- 
Enschede, Cuxhaven, Crefeld - Kreis Kempen etc., 
suchten, nach AusM^eis jenes Beilagebandes, verschie- 
dentlich weitere Concessionen nach, und erhielten 
dann oft zum Bescheide: „Die Gesellschaft hat ihre 



— 495 — 

Kräfte zunächst auf Vollendung der bereits con- 
cessionirten Bahnstrecken zu concentriren." 

Strausberg fand seine Genossen und Gehülfen in 
beiden Häusern des Landtags, und ebenso begannen 
grosse Bankinstitute und andere Actiengesellschaften 
Abgeordnete als Directoren oder als Verwaltungs- 
räthe anzunehmen, um sie so für ihre Interessen zu 
gewinnen. Desgleichen wurden umgekehrt Directoren 
und Verwaltungsräthe von Actienunternehmungen mehr 
und mehr in die Parlamente gewählt. Aus den Kammern 
der Einzelstaaten drangen sie in den Reichstag, indem 
sie gleichzeitig diesem wie jenen angehörten, und 
während der Schwindelperiode wimmelten im Neuen 
Deutschen Reich sämmtliche Parlamente von Grün- 
dern und Gründergenossen. Von 1870 bis 1873 
Sassen im Preussischen Abgeordnetenhause unter zu- 
sammen 432 Mitgliedern etwa 90 Gründer resp. „Erste 
Zeichner" und Aufsichtsräthe. In derselben Periode 
Sassen im Deutschen Reichstag, der damals 382 Mit- 
glieder zählte — 105 Gründer resp. „Erste Zeichner" 
und Aufsichtsräthe. Welch ungeheuere Beeinflussung 
zu Gunsten des Handels, des Verkehrs und der Börse, 
des Grosscapitals und der Grossindustrie! Seit 1867 
war die ganze wirthschaftliche Gesetzgebung den 
manchesterlichen „Volkswirthen" überlassen, und die 



— 496 — 

Männer ihres Herzens, wie Delbrück, Michaelis und 
Camphausen, gelangten zur Regierung. Als Gesetz- 
geber rissen die Manchesterleute alle Schranken nie- 
der, welche bisher Capital und Speculation gezügelt 
hatten, und ihre Werke waren lauter negative Schöpf- 
ungen, wie die Zug-Freiheit, die Gewerbefreiheit, die 
Wucherfreiheit, die Actienfreiheit. Erst diese man- 
chesterlichen Freiheiten machten den grossen Börsen- 
und Gründungsschwindel möglich, und der Theorie 
folgte die Praxis auf dem Fusse: die „Volkswirthe" 
innerhalb wie ausserhalb der Parlamente bethätigten 
sich nach Ausbruch des Actiengesetzes fast alle als 
Gründer und Gründergenossen. 

Wir geben eine Liste von ehemaligen und gegen- 
wärtigen Abgeordneten, die zu Actienunternehmungen 
in irgend einer Beziehung standen, und bemerken 
vorweg : 

1) Personen, welche nur ein- oder allenfalls zwei- 
mal als Aufsichtsrath vorkommen, desgleichen 
solche, welche nur als Director, Sj-ndicus oder 
Liquidator genannt wurden, sind ohne weitere 
Auszeichnung angeführt. 

2) Gründer resp. „Erste Zeichner" aus der eigent- 
lichen Schwindelperiode, desgleichen mehrfache 
Aufsichtsräthe sind mit einem * bezeichnet. 



— 497 — 

3) Hervorragende Gründer resp. „Erste Zeichner", 
desgleichen vielfache Äufsichtsräthe sind mit 
einem f versehen. 

4) Gründer resp. „Erste Zeichner" im Superhitiv, 
desgleichen Personen, die bei sehr vielen Actien- 
unternehraungen als Aufsichtsrath vorkommen, 
sind fett gedruckt und mit ff bezeichnet. 

Die in Klammern beigefügten Gesellschaften geben, 
in Erwägung ihrer Schicksale und ihres Coursstandes, 
zugleich einen Anhalt zur Beurtheilung der betreffenden 
Person. 

A. Preussisches Herreuliaus. 

von Arnim-Boytzenburg, Graf, Oberpräsident a. D. Frei- 
conservativ. (Preuss. Central-Bodencredit-A.G.) 

zu Bentheim-Steinfurt, Fürst. (Münster-Enscheder Eisen- 
bahn.) 

* von Bernuth, Justizminister a. D. Nationalliberal. (Erste 

Preiiss. Hypotheken-A.G. Hansemann, Preussische Central- 
Bodencredit-A.G., Disconto-Gesellschaft, Dortmunder Union, 
Halle- Sorau-Gubener Eisenbahn.) 

von Bethraaun-Hollweg auf Eunowo. Nationalliberal. 
(Preussische Central-Bodencredit-A.G.) 

Beyer, Oberbürgermeister in Potsdam. (Berlin-Potsdam-Magde- 
burger Eisenbahn.) 

* Biron von Curland, Prinz. Conservativ. (Breslau- War- 

schauer Eisenbahn, Berliner Nordeisenbahn.) 
von Buin-Bninski, Graf. (Handelsgesellschaft Bninski, Chla- 
powski, Plater & Co.) 

G lag au, Der Börsenschwindel. II. 32 



— 498 — 

vonBocholtz auf Niesen,Graf . (Preuss.Central-Bodencredit-A. G. ) 

* Bredt, Oberbürgermeister in Barmen. (Bergisch- Märkische 

Industriegesellschaft in Barmen.) 

* Breslau, Oberbürgermeister in Erfurt. (Mitgründer der Eisen- 

bahn Erfurt-Hof-P]ger, Aufsichtsrath der Nordhausen-Er- 
furter Eisenbahn.) 

von Brünken, Oberbürgermeister in Halberstadt. (Magde- 
burg-Halberstädter Eisenbahn.) 

V n B u r g h a u s s, Graf, Generallandschafts-Director vonSchlesien. 
(Breslau-Schweidnitz-Freiburger Eisenbahn.) 

zu Carolath-Beuthen, Karl, Fürst. Freiconservativ. (Breslau- 
Schweidnitz-Freiburger Eisenbahn.) 

von Chlapowski, Rittergutsbesitzer. (Handelsgesellschaft 
Bninski, Chlapowski, Plater & Co., Bank für Landwirth- 
schaft und Industrie in Posen.) 

von Dechend, Präsident der Reichsbank. (Lebens- Versiche- 
rungsgesellschaft Nordstern.) 

Deetz, Oberbürgermeister in Frankfurt a. 0. (Frankfurter 
Allgemeine Rückversicherungs-Actien-Bank.) 

t von Diergardt, Freiherr, Geh. Commerzienrath auf Viersen. 
(Viersener Spinnerei, Ravensberger Spinnerei, Gladbacher 
Spinnerei, Gladbacher Appretur, Gladbacher Feuer- Ver- 
sicherung, Schaafthauseu'scher Bankverein, Disconto-Gesell- 
schaft, Erste Preuss. Hypothekengesellschaft Hansemann.) 

von Flemming auf Baseutin, Erblandmarschall von Pommern. 
(Erste Preuss. Hypotheken-Actien-Gesellschaft Hansemann.) 

Gobbin, Oberbürgermeister in Görlitz. (Berlin-Potsdam-Magde- 
burger Eisenbahn.) 

* Hasselbach, Oberbürgermeister in Magdeburg. (Magde- 

burger Feuer-Versicherungsgesellschaft, Magdeburger Hagel- 
versicherungs-Gesellschaft, Berlin -Potsdam -Magdeburger 
Eisenbahn.) 
von Hatzfeld-Trachenberg, Fürst. (Deutsche Grundcredit- 
bank in Gotha, Zuckerfabrik in Trachenberg.) 



— 499 - 

* Hausmann, Stadtrath in Brandenburg a. II. Fortschritt. 

(Berlin-Potsdam-Magdeburger Eisenbahn, Braunschweigische 
Eisenbahn, Brauerei Königstadt.) 

von Kemnitz, Oberbürgermeister in Frankfurt a. 0. (Frank- 
furter Actienbrauerei.) 

von Keyserling-Neustadt, Graf. ( Portland- Cementfabrik 
Bohlschau bei Danzig.) 

von Koller, Generallandschaftsdirector von Pommern. (Ritter- 
schaftliche Privatbank in Pommern.) 

* von Kwilecki, Graf. (Bank für Landwirthschaft und In- 

dustrie in Posen.) 

* von Lehndorff auf Steinort, Graf. Conservativ. (Preuss. 

Hypotheken-Credit- und Bankanstalt Henckel, Preuss. Hypo- 
theken-Actien-Bauk Henckel, Ostpreussische Südbahn, Ru- 
mänische Eisenbahn.) 

* von Maltzan auf Militsch, Graf. Freiconservativ. (Preuss. 

Lebens -Versicherungs-Gesellschaft „Friedrich Wilhelm", 
Deutsche Grundcreditbank in Gotha, Eisenbahn Oels-Gnesen.) 

von Manteuffel auf Crossen, Freiherr und Minister a. D. 
(Erste Preuss. Hypotheken-Actien-Gesellschaft Hansemann.) 

von derMarwitz, Landrath auf Friedensdorf im Kreise Lebus. 
(Frankfurter Allgemeine Rückversicherungs-Actienbank.) 

von Med in g, Oberpräsident a. D. in Berlin. (Preussische Hypo- 
theken- Actienbanck Henckel.) 

tt Mevissen, Geh. Commerzienrath in Köln. (Bei fast zahllosen 
Gesellschaften betheiligt.) 

zu Münster, Georg Herbert, Graf, Freiconservativ. (Hannover 
Altenbeckener Eisenbahn.) 

* von Xellessen, Graf, Bürgermeister in Aachen. (Aachener 

Rückversicherungs-Gesellschaft, Aachen-Münchener Feuer- 
Versicherungsgesellschaft, Rheinische Eisenbahn, Gesell- 
schaft für Steinkohlenbau im Wurm-Revier.) 
von Nesselrode-Ehreshofen, Graf, Obersthofmeister. Frei- 
conservativ. (Rheinische Eisenbahn.) 

32* 



500 



Offenberg, Oberbürgermeister in Münster. (Münster-Enschedei 
Eisenbahn.) 

Ondereyck, Oberbürgermeister in Crefeld. (Crefeld- Kreis 
Kempener Industriebahn.) 

von der Osten, Rittergutsbesitzer auf Jannewitz. (Pommer'sche 
Hypothekenbank.) 

von Patow, Freiherr, Minister a.D. Nationalliberal. (Preussische 
Hypotheken-Versicherungsgesellschaft Hübner.) 

von Ploetz auf Gr. Weckow, Geh. Justizratha. D. (Preussische 
Hypotheken- ActienbankHencke],JordanhüttePreussner&Co.' 

t zu Putbus, Fürst. (Berliner Nordeisenbahn, Flora in tliar- 
lottenburg, Halle-Sorau-Gubener Eisenbahn, Preuss. Hagel- 
Versicheruugs-Ges., Preuss. Feuer -Versicherungs- Ges., 
Preuss. Hypotheken-Credit- und BaukanstaltHenckel, Preuss. 
Hypotheken-Actien-Bauk Henckel.) 

zu Putlitz, Edler Herr, Erbmarschall der Kurmark Branden- 
burg. („Passage'' in Berlin.) 

von Rabe, Wirkl. Geheimer Rath in Berlin. (Erste Preuss. 
Hypotheken-A.G. Hansemann.) 

* Rasch, Stadtdirector in Hannover. (Hannoversche Bank, 

Hannoversche Eisengiesserei, Hannoversche Maschinenbau- 
anstalt Egestorflf.) 

vom Rath, Rittergutsbesitzer zu Lauersfort bei Crefeld. Li- 
beral. (Crefeld-Kreis Kempener Eisenbahn.) 

t von Ratibor, Herzog. Freiconservativ. (Hannover-Alten- 
beckener Eisenbahn, Wilhelmsbahn, „Friedrich Wilhelm" 
Preuss. Lebens-Versicherungs-Gesellsch., Bad Königsdorff- 
Jastrzemb, Unionsgestüt Hoppegarten, Seebad Heiligen- 
damm, Allgemeine Eisenbahnbaugesellschaft, Rechte Oder- 
uferbahn, Rumänische Eisenbahn.) 

* Richtsteig, Oberbürgermeister in Görlitz. (Berlin-Görlitzer 

Eisenbahn, Halle-Sorau-Gubener Eisenbahn.) 
von Rittberg, Graf, Appellationsgerichts-Chef-Präsident in 
Glogau. Conservativ. (Niederschlesische Zweigbahn.) 



501 



TT von Rothschild, Carl, Baron in Frankfurt a. M. (Bei fast 

unzähligen Gesellscliaftcn betheiligt.) 
von Schlichen auf Sanditten, Graf. (Insterburger Actien- 

Spinnerci.) 
von der Seh ulenburg-H essler, Graf. (Unstrut-Eisenhahn.) 
von S chutz bar, genannt Milchling in Cassel. (Hessische Bank.) 

* von Simpson auf Georgenburg, Rittergutsbesitzer. Conser- 

vativ. (Ostpreussische Südbahn, Tilsit-Insterburger Bahn, 
Treussische Central-Bodencredit-A.G., Insterburger Actien- 
Siiinnerci.) 

* zu Solnis-Baruth, Graf. Conservativ. (Preussische Hypo- 

theken-Credit- und Bankanstalt Henckel, Preussische Hypo- 

theken-Actienbank Henckel, Berlin-Görlitzer Eisenbahn.) 
zu Stolberg-Wernigerode, Eberhard, Graf. Conservativ. 

(Preuss. Hypotheken-Credit- und Bankanstalt Henckel, Halle- 

Sorau-Gubener Eisenbahn.) 
zu Stolberg-Wernigerode, Otto, regierender Graf. P'rei- 

conservativ. (Eisenbahn Oels-Gnesen.) 

* von Voss, Oberbürgermeister in Halle. (Halle'scher Bank- 

verein, Sächsisch- Thüringische A.G. für Braunkohlen-Yer- 
wer thung, Magdeburg-Halberstädter Eisenbahn, Xaumburger 
Braunkohlen-Ges.). 

von Wedell auf Cremzow, Landrath a. D. (Preussische Lebens- 
Versicherungsgesellschaft „Friedrich Wilhelm".) 

Weigel, Obergerichts -Anwalt in Cassel. Nationalliberal. 
(Hessische Kordbahn.) 

tt Wilckens, Geh. Oberfinanzrath a. D. in Berlin. (Berlin- 
Potsdam-Magdeburger Eisenbahn, Berlin-Görlitzer Eisen- 
bahn, Discontogesellschaft, Provinzial-Discontogesellscbaft, 
Berliner Brodfabrik, Erste Preuss. Hypotheken-Ges, Hanse- 
mann, Preuss. Central-Bodencredit-A.G. etc.) 

Winter, Oberbürgermeister inDauzig. Kationalliberal. (Eisen- 
bahn Marienburg-Mlawa.) 

t von Ujest, Herzog. Freiconservativ. (Preuss. Feuer-Ver- 



— 502 — 

Sicherungs-Gesellschaft, Preuss. Hagel- Versicherungsgesell- 
schaft, Preuss. Hypotheken- Actien-Bank Henckel, Rechte 
Oder-Uferbahn, Halle-Sorau-Gubener Eisenbahn, Rumänische 
Eisenbahn.) 
zu Ysenburg-Waechtersbach, Fürst. (Oberhessische Eisen- 
bahn.) 

B. Preussisclies Abgeordnetenhaus und 
Deutscher Reichstag. 

(Die Beichstagsmitglieder, welche zugleich im Preussischon Herrenhaus 
sitzen, sind hier nicht wieder aufgeführt.) 

Ackermann, Hofrathin Dresden. Freiconservativ. (Chemnitz- 
Komotauer Eisenbahn, Sächsische Bank.) 

* Adickes, E. F., Gutsbesitzer in Hannover. Nationalliberal. 

(Hannover -Altenbeckener und Löhne -Vienenburger Eisen- 
bahn, Fischereigesellschaft Weser.) 

Ahlmann, Dr. in Kiel. Fortschritt. (Preussische Boden- 
credit-Actien-Bank Jachmann.) 

t Ambronn, Geh. Oberfinauzrath in Berlin. Nationalliberal. 
(Gründer resp. Aufsichtsrath bei verschiedenen Strausberg- 
scheu Unternehmungen, wie Halle-Sorau-Gubener Eisen- 
bahn, Märkisch-Posener Eisenbahn, Rumänische Eisenbahn.) 

von und zu Arco-Valley, Graf in München. Conservativ. 
(Süddeutsche Boden-Credit-Bank, Neumarkt-Ried-Braunauer 
Bahn.) 

* Bail, Robert, Stadtrath in Glogau. Nationalliberal. (Director 

der Niederschlesischen Zweigbahn, Mitgründer der Eisen- 
giesserei Wilhelmshütte bei Sprottau.) 

* Bamberger, Ludwig, Dr. in Berlin. Nationalliberal. (Mit- 

gründer der Deutschen Bank, Aufsichtsrath der Stoiberger 
Blei- und Zinkhütten.) 
Barth, Marquard, Dr., Rechtsanwalt in Kaufbcuren. National- 
liberal. (Mechanische Spinnerei in Kaufbeuren.) 



— 503 — 

YonBassewitz, Graf. Conservativ. (Mecklenburgischer Boden- 
Credit.) 

* von Bennigsen, Landesdirector in Hannover. National- 

liberal. (Gründer der Hannover- Altenbeckener und der 
Löhne-Vienenburger Eisenbahn.) 

* Benzin 0, Joseph in Landstuhl (Pfalz). Fortschritt. (Mit- 

gründer des Pfälzer Bankvereins in Mannheim.) 

* Berger, Louis in Witten. Fortschritt. (Director der alten 

Steinhauser Hütte, Mitgründer der Gussstahl- und Waffen- 
fabrik in Witten.) 

von Berswordt-Wallrabe, Rittergutsbesitzer auf Haus 
Weitmar. Fortschritt. (Bergbaugesellschaft „Vollmond" 
in Bochum.) 

Bertog, Gustav, Kaufmann in Halberstadt. Nationalliberal. 
(Halberstädter Gasgesellschaft.) 

von Bethusy-Huc, Graf. Freiconservativ. (Posen -Kreuz- 
burger Eisenbahn.) 

* Birnbaum, Professor in Leipzig. NationaUiberal. (Mit- 

gründer der Vereinigten Bischweiler Tuchfabriken und des 
Sdiönheimer'schen Bankverein.) 

* Bischoff, Th., Commerzieurath in Danzig. Nationalliberal. 

(Danziger Privatbank, Chemische Fabrik zu Danzig, Inter- 
nationale Handelsgesellschaft.) 
von Blumenthal-Suckow, Graf. Conservativ. (Pommersche 
Hypotheken-Actien-Bänk.) 

* Blunt sc hli, Professor in Heidelberg. NationaUiberal. (Rhei- 

nische Creditbank in Mannheim, Rheinische Hypothekenbank.) 
von Bockum-Dolffs, Oberregieruugsrath a. D. Liberal. 

(Preussische Hypotheken-Versicherungsgesellschaft Hübner 

und Preussische Lebens- Versicherungsgesellschaft.) 
Bode, Handelsgerichtsdirector in Braunschweig. Nationalliberal. 

(Braunschweigische Ballgesellschaft.) 
tt von Benin, Gustav, Minister a. D. Liberal. (Gründer und 

Präsident der Preussischeu Boden-Credit-Actien-Bank Jach- 



— 504 — 

mann -Schweder, Gründer der Preussischen Creditanstalt 
und des Lindenbauverein.) 
tt Braun (-Wiesbaden), Justizrath in Berlin. Nationalliberal. 
(Gründer der Wöhlert'schen Maschinenfabrik, der Con- 
tinental- Wasserwerks-A.G.-Neptun, der Cuxliavener Eisen- 
bahn, der Deutschen Buchhändler-Bank, der Preussischen 
Central-Bodencredit-A.G., Aufsichtsrath der Deutschen 
Union-Bank.) 

* Braun, Commerzienrath in Hersfeld. Nationalliberal. (Hessische 

Bank etc.). 

* Brons, Consul in Emden. Nationalliberal. (Hannoversche 

Westbahn,Assecuranz-Compagnie, Emdener Heringsfischerei.) 
Buergers, Api)ellationsgerichtsrath in Köln. Liberal. (Rhei- 
nische Eisenbahn-Ges.). 

* Buhl, Dr. und Gutsbesitzer in Deidesheim. Nationalliberal. 

(Düngerfabrik Kaiserslautern, Kammgarnspinnerei Kaisers- 
lautern, Rheinische Creditbank, Deutsche Genossenschafts- 
bank in Berlin, Rheinische Hypothekeu-Actien-Bank.) 

* von Bunsen, Georg, Dr. phil. in Berlin. Nationalliberal. 

(Gründer der Norddeutschen Gruudcreditbank, der Central- 
bank für Genossenschaften, der Emdener Heringsfischerei.) 
von Carlowitz, Staatsminister a.D. (Preussische Hypotheken- 
Versicherungsgesellschaft Hübner, Preussische Lebens-Ver- 
sicherungsgesellschaft.) 

* von Ca mall, Berghauptmann in Breslau. (Oberschlesische 

Eisenbahn, Mitgründer der Königs- und Laurahütte.) 

* Chevalier, Commerzienrath in Stuttgart. Nationalliberal. 

(Würtembergische Notenbank, Würtembergische Vereins- 
bank, Kammgarnspinnerei Bietigheim.) 

Cornely, Notar in Aachen. Fortschritt, (Gladbacher Feuer- 
Vers.-Gesellschaft.) 

Czartoryski, Roman, Prinz in Posen. Pole. (Handelsgesell- 
schaft Bninski, Bank für Landwirthschaft und Industrie 
zu Posen.) 



— 505 — 

Dennig, August, in Pforzheim. Nationalliberal. (Versicherungs- 
Ges. „Deutsclior Phönix" in Frankfurt a. M.) 

Devens, Polizeipräsident in Köln. Frciconservativ. (Rheinisch- 
Pomniersche Ackerbau-A.G.) 

* Diffene, Kaufmann in Mannheim. Nationallibcral. (Mann- 

heimer Dami)fschleppschifffahrts-Gesellschaft, Deutsche See- 
handlung, Badische Bank.) 
t Doertenbach, Banquier in Stuttgart. (Maschinenfabrik Ess- 
lingen, Baumwollenspinnerei Esslingen, Frankfurter Hypo- 
thekenbank, Pfälzcr Bankverein etc.) 

* Dohrn, Dr. in Stettin. Nationalliberal. (Gründer des Bal- 

tischen Lloyd in Stettin.) 

* Doms, Commerzienrath in Ratibor. Frciconservativ. (Ober- 

schlesischer Creditverein zu Ratibor, Oberschlesische Credit- 
und Gewerbebank.) 

von Donimirski, Dr. juris in Thorn. Pole. (Director der 
Creditbank von Donimirski, Kalkstein, Lyskowski & Co.) 

von Dziembowski, Rittergutsbesitzer im Posen'schen. Pole. 
(Bank für Landwirthschaft und Industrie in Posen.) 

tt von Eckardstein-Prötzel, Ernst, Freiherr. Frciconservativ. 
(Discontogesellschaft, Pro vinzial-Discontogesellschaft, Preuss, 
Hypotheken-V ersicherungs-Actiengesellschaft Hübner, Preuss. 
Feuer-Versicherungsgesellschaft, Erste Preuss. Hypotbekcn- 
Actiengesellschaft Hansemann, Preuss. Central-Boden-Credit- 
A.G., Berliu-Neuendorfer Actien-Spinnerei, Berliner Patent- 
Papier, A.G. für Holzarbeit, Halle-Sorau-Gubener Eisen- 
bahn, Berliner Cementbau, Harzer Union etc.) 

* Eckhard, Anwalt in Mannheim. Nationalliberal. (Rheinische 

Creditbank, Spinnerei Oti'enburg, Rhein. Hypothekenbank.) 
'Eisner von Gronow, Landes- Aeltester auf Kalinowitz. 
Frciconservativ. (Schlesische Centralbank für Landwirth- 
schaft und Handel, Schlesische Boden-Credit-Acticn-Bank, 
Breslauer Möbel-Parquet.) 
tt Engel, Geh. Oberregierungsrath in Berlin. Nationalliberal. 



— 506 — 

(Gründer der Maschinenfabrik Freund, derDannenbergerschea 
CattunfabrJk, der Berliner Messingwerke Borchert jun., 
der Vereinigten Deutschen Telegraphengesellschaft, der 
Preuss. Boden- Credit- Actienbank Jachmann, der Conti- 
nental-Wasserwerke Neptun.) 

Engelcken, Polizeipräsident io Potsdam, Conservativ. (Preuss. 
Hypotheken-Credit- und Bankanstalt Henckel.) 

Fall er, Fabrikbesitzer in Leuzkirch (Baden). Nationalliberal. 
(Kreis-Hypothekenbank Lörrach.) 

* Faucher, Julius, Dr. phil. in Berlin. Nationalliberal. (Ber- 

liner Wechslerbank, Cuxhavener Eisenbahn, Deutsche Buch- 
händler-Bank.) 

Fauler, Oberbürgermeister in Freiburg i. Br. Nationalliberal. 
(Rheinische Creditbank in Mannheim.) 

tt Feustel, Friedrich, Banquier in Baireuth, Nationalliberal. 
(Bei sehr vielen Gesellschaften betheiligt.) 

Flinsch, Kaufmann in Frankfurt a. M. Fortschritt. (Frank- 
furter Hypotheken-Credit- Verein.) 

Frech, Ober-Tribunalsrath in Berlin. Liberal. (Berlin-Gör- 
litzer Eisenbahn.) 

van Freeden, Director in Hamburg. Nationalliberal. (Em- 
dener Heringsfischerei.) 

Freund, Rechtsanwalt in Breslau. Fortschritt. (Verein Che- 
mischer Fabriken Silesia.) 

Friedenthal, Dr., Landrath a. D. auf Giessmannsdorf. Frei- 
conservativ. (Oberschlesische Eisenbahn.) 

* Frühauf, Professor in Berlin. Nationalliberal. (Mitgründer 

der „Renaissance", Fabrik für geschnitzte Möbel.) 
F übel, Stadtrathin Halle. Nationalliberal. (Werschen-Weissen- 
felser Braunkohlen-A.G., Halle'sche Zuckersiederei.) ♦ 

* Fühling, Dr., Schriftsteiler in Berlin. Fortschritt. (Mit- 

gründer und Director der Nordd. Grundcreditbank in Berlin.) 
Goecke, Feodor, Dr. in Duisburg. Nationalliberal. (Rhein- 
Ruhr-Canal-A.G., Westphälische Union.) 



— 507 — 

* G Olsen, Gutsbesitzer in Zell. Nationalliberal. (Pfälzer Baolt- 

verein, Pfälzische Ludwigsbabn.) 

von Gräve, Alex., Rittergutsbesitzer auf Borck. Pole. (Han- 
delsgesellschaft von Bninski.) 

Grbthe, Hermann, Dr. phil., Ingenieur und „Generaldirector" 
in Berlin. Nationalliberal. (Liquidator der Maschinen- 
fabrik „Berliner Union".) 

* Grundmann, Geh. Commissionsrath in Kattowitz. Liberal 

(Rechte Oderufer-Bahu, Oppelner Portland-Cement, Eisen- 
walzwerk „Yorwärtshütte'".) 
Günther, Rittergutsbesitzer auf Märzdorf. Freicouservativ. 
(Preussische Boden-Credit-Actien-Bank Jachmann.) 

* Haarmann, Carl, Anwalt in Celle. Nationalliberal. (Gründer 

der Ilseder Hütte, des Bautorfer Bergwerks, der A.G. Lenne- 
Anks, des "Walzwerks Peine.) 

It Hagen, Adolf, Stadtrath in Berlin. Fortschritt. (Director 
der Deutschen Union-Bank, Gründer resp. Aufsichtsrath 
der Deutschen Eisenbahnbaugesellschaft, der Rheinischen 
Baugesellschaft in Köln, der Stettiner Vereinsbank, der 
Deutschen Hj-pothekenbaiik in Berlin, der Mecklenburgischen 
Boden-Credit-A.G., der Schlesischen Leineniudustrie Kramsta, 
der Modenzeitung „Bazar" etc.) 

vonHagke, Freiherr, Landrath in Weissensee. Freiconservativ. 
(Nordhausen-Erfurter Eisenbahn.) 

tt Hammaclier, Dr. in Berlin. Nationalliberal. (Arenberg'scher 
Bergbau, Bergbau Pluto, Bergbau Neu-Essen, Westdeutsche 
Versicherungsgesellschaft, Essener gemeinnützige Actien- 
gesellschaft, Steinhauser Hütte, DeutscheUnioubank, Deutsche 
Eisenbahnbaugesellschaft, ^Yitteuer Gussstahl, Magdeburger 
Bergwerk, Märkische Portland-Cementfabrik, Louisenthaler 
Druckerei, Weberei und Spinnerei, Friedrichshütte bei 
Minden, früher Porta Westphalica, Berg- und Hüttenwerk 
„Perm", Magdeburg-Leipziger Eisenbahn, Bergwerk Tre- 
monia, Fabrik Yygen & Co etc.). 



— 508 — 

* Handjery, Prinz, Laudrath in Berlin. Conservativ. (Mit- 

grüiider der Berlin-Dresdener Eisenbahn.) 

tt Hardt, Kaufmann in Berlin. Nationalliberal. (Disconto- 
Gesellschaft, Provinzial-Disconto-Ges., Deutsche Bank, Erste 
Preuss. Hypotheken-A.G. Hansemanu, Preussische Central- 
Bodencredit-A.G. , Deutsche Feuer- Versicherungs-A.G., 
Woll-lmport-Ges., Deutsch-Belgische La Platabank, New- 
Yorker „Germania", Märkiscli-Posener Eisenbahn, Phönix 
in Laar, Stettiner Vereinsbank, Dortmund-Gronau-Enscheder 
Eisenbahn, Halle-Sorau-Gubener Eisenbahn etc.) 

Harkort, Friedrich, Grubenbesitzer in Wetter. Fortschritt. 
(Mitvorbesitzer der Harkortschen Bergwerke und chemischen 
Fabriken.) 

Harnier, Dr. juris in Cassel. Nationalliberal. (Hessische 
Nordbahn.) 

Hausburg, Oekonomierath in Berlin. Liberal. (Norddeutsche 
Grundcreditbank in Berlin.) 

t Heise, Geh. Oberregierungsrath a. D. in Berlin. Conservativ. 
(Rechte Oderufer-Bahn, Berlin-Dresdener Bahn, Breslauer 
Wagenfabrik Linke, Provinzial- Wechslerbank in Breslau.) 

t Henckel von Donnersmarck, Guido, Graf auf Schloss 
Neudeck. Nationalliberal. (Schlesischer Bankverein, Schle- 
sische A.G. für Bergbau und Zinkhüttenbetrieb, Berliner 
Bankverein, Lothringer Eisenwerke, Donnersmarckhütte.) 

* Henckel von Donnersmarck, Hugo, Graf. Klerikal. (Mit- 

grüüder der Königs- und Laurahütte.) 

* Heyl, Cornelius Wilh. iu Worms. Nationalliberal. (Mit- 

gründer des Pfälzer Bankvereins iu Mannheim.) 
Hinschius, Professor in Berlin. Natioualliberal. (Berlin- 
Hamburger Eisenbahn.) 
Hoffmann, Bergrath in Eisfeld, Nationalliberal. (Werra- 

Eisenbahn.) 
t zu Hohenlohe-Ingelfingen, Karl, Prinz, Landrath a. D. 
Freiconservativ. (Deutsche Grundcreditbank in Gotha, 



— 509 — 

Schlesischer Bankverein, Hüttengesellschaft Minerva, Lebens- 
Vcrsiclierungsgesellschaft „Friedrich Wilhelm" in Berlin, 
Seebad Ileiligendamm.) 

H 1 1 z , Landscbaftsrath in Alt-Marrin. Conser vati v. (Pommer'sche 
Hypothekenbank in Cöslin.) 

Hopf, Dr. juris, Kecbtsanwalt in Gotha. Nationalliberal. (Se- 
cretair der Feuer-Versicherungsbank für Deutschland.) 

von Huelsen, Generaldirector iu Merseburg. Conservativ. 
(Gewerbebank H. Schuster & Co.). 

Hugenberg, Scliatzrath in Hannover. Nationalliberal, (Hauno- 
ver-Altenbeckener Eisenbahn.) 

Hurtzig, Assessor a. D. in Hannover. Nationalliberal. (Di- 
rector der Hannoverschen Boden- Creditbauk.) 

t Jacobs, Geh. Admiralitätsrath in Berlin. Nationalliberal. 
(Gründer der Färberei Ullrich, der A.G. für Centralheizung, 
des Oberschlesischen Eisenwalzwerks, Aufsichtsrath der 
Renaissance und des Berliner Holzcomptoir.) 

Jordan, Gutsbesitzer in Deidesheim. Nationalliberal. (Ver- 
einigte Pfälzische Eisenbahnen, Märkische Portland- Cement- 
Fabrik.) 

t Jungermann, ßegierungsratb a. D. in Berlin. National- 
liberal. (Mitgründer und Aufsichtsrath bei zahlreichen 
Quistorp'schen Gesellschaften.) 

Kaeswurm, Gutsbesitzer in Puspern. Fortschritt. (Gumbinner 
Actienbrauerei.) 

tfKapp, Friedrich, Dr. phil.in Berlin. Nationalliberal. (Deutsche 
Bank, Berliner Bankverein, Berliner Hotelgesellschaft, 
Preussische Bernsteiu-A.G., Internationale Eisenbahnbau- 
gesellschaft in Frankfurt a. M., Posen-Krcuzburger Eiseu- 
bahn, Boden- und Communal-Credit in Elsass-Lothringcn, 
New-Yorker „Germania", Lebens- VersichorungsgescUschaft.) 

Karbe, Rittergutsbesitzer auf Adamsdorf. (Preussische Hypo- 
theken-Versicherungsgesellschaft Hühner. ) 

t von Kardorff, Rittergutsbesitzer auf WabiJtz. Freiconser- 



— 510 — 

vativ, (Erste Preussische Hypotheken -A.G. Hansemann, 
Preussische Central-Bodencredit-A.G., Königs- und Laura- 
hütte, Deutsche Reichs- und Continental-Eisenbahnbau-Ges., 
Posen-Kreuzburger Eisenbahn.) 
Katz, Fabrikbesitzer in Gernsbach. Conservativ. (Murgthal- 
Eisenbahn.) 

* Keller, Oberbürgermeister in Duisburg. Nationalliberal. 

(Harkort's Brückenbau, Provinzial-Disconto- Gesellschaft 
Duisburg, Deutsch -Holländischer Bergbau in Duisburg, 
Bergisch-Märkische Eisenbahn.) 

* von Kessler, Emilin Esslingen. Nationalliberal. (Maschinen- 

fabrik Esslingen, Baumwollenspinnerei Esslingen, Bruder- 
haus in Reutlingen, Stuttgarter Bank.) 

* Kiepert, Rittergutsbesitzer auf Marienfelde. Nationalliberal. 

(Gründer der LandwirthschaftlichenMaschinenfabrikEckert.) 
tKieschke, Geh. Oberregierungsrath a. D. in Berlin. National- 
liberal. (Deutsche Baugesellschaft, Kaiserhof, Berliner 
Bankverein, Sächsische Eisenbahnbaugesellschaft.) 

* von dem Knesebeck, Freiherr, Landrath a. D. auf Jühns- 

dorf. Conservativ. (Gründer der Land- und Baugesell- 
schaft Lichterfelde, der Landwirthschaftlichen Maschinen- 
fabrik Eckert, der Berlin-Dresdener Eisenbahn.) 

t Koch, Ferd., Hüttendirector auf Delligseu. Nationalliberal. 
(Ilseder Hütte, Eisenwerk Karlshütte, Braunschweiger 
Walzweik, Deutsche Spiegelglas-Gesellschaft.) 

Königsdor ff, Felix, Graf. Freiconservativ. (Bad Königsdorff- 
Jastrzemb.) 

Kolb, Georg Friedrich, Volkswirth in Speyer, Liberal. (Baierische 
Vereinsbank, Vereinigte Pfälzische Eisenbahnen.) 

Kolbe, Kreisgerichtsrath a. D. bei Stettin. NationaUiberal. 
(Ritterschaftliche Privatbank in Stettin, Stettiner Walzmühle.) 

Koppe, Oberamtmann in Wollup. Nationalliberal. (Rheinisch- 
Pommersche Ackerbau-A.G.) 

*vonKulmiz, Geh. Commerzienrath in Ida- und Marienhiitte. . 



— 511 — 

Freiconservativ. (Chemische Düngerfabrik in Breslau, Che- 
mische Fabrik „Silesia", Eisenwalzwerk „Vorwärtshütte".) 

Kuntzen, Finanzrath a. D. in Braimschweig. Kationalliberal, 
(Zucker-Raffinerie in Braunschweig.) 

Lamey, August, Staatsrath in Mannheim. Nationalliberal. 
(Süddeutsche Boden- Creditbank in München.) 

Lammers, Redacteur in Bremen. Nationallibcral. (Erste 
Deutsche Nordsee-Fischerei-Gesellschaft.) 

* Laporte, Obergerichtsanwalt in Hannover. Kationalliberal. 

(Egestorffs Salzwerke, Braunschweig- Hannoversche Hypo- 
thekenbank.) 

Lasker, Eduard, Kechtsanwalt in Berlin, Katioualliberal. (Nach 
seiner eigenen Angabe in Hirth's Parlamcnts-Almanach, 9., 
10. und 11. Ausgabe, „Syndicus der Deutschen Boden-Credit- 
bank" (?) und des Berliner Pfandbriefamts.) 

Lautz, Banquier in Trier. (Neue Mosel-Darapfschitffahrts-Ges. 
in Trier.) 

Leut, Rechtsanwalt in Breslau. Nationalliberal. (Breslau- 
Schweidnitz-Freiburger Eisenbahn.) 

* Lcntz, Consul in Geestemünde. Nationalliberal. (Fischerei- 

Gesellschaft Weser, Hannover-Altenbeckener Eisenbahn.) 

* Lienau, C. D., Kaufmann in Lübeck. Nationalliberal. (Grün- 

der der Lübecker Bank.) 
Lipke, Rechtsanwalt a. D. in Berlin. Nationalliberal. (Liqui- 
dator der Genfer Credit-Bank.) 

* Löwe-Calbe, Dr. med. in Berlin. Fortschritt. (Vereins- 

zeche Vaterland, Berliner Bergbau, Bochumer Gussstahl, 
Vereinigte Deutsche Telegraphen -Gesellschaft, Deutsche 
Lebens-Versicherungsbank.) 

Lucius, Dr., Rittergutsbesitzer in Klein Ballhausen. Frei- 
conservativ. (Versicherungsgesellschaft Thuringia, Berlin- 
Hamburger Eisenbahn.) 

tLueders, Stadtrath in Görlitz. Nationalliberal. (Görlitzer 
Eisenbahn-Material, Gürlitzer Acticnbrauerci, Görlitzer Au- 



512 



zeiger, A.G. für Braunkohlen -Verwerthung ,, Glückauf", 
Märkisch -Posener Eisenbahn, Maschinenbau Körner in 
Görlitz etc.) 
von Lyskowski, Eittergutsbesitzer. Po'le. (Creditbank Doni- 
mirski in Thorn.) 

* Meier, H.H., Kaufmann in Bremen. Nationalliberal. (Bremer 

Bank, Norddeutscher Lloyd, Deutsche Bank, Vereinigte 
Telegraphen-Gesellschaft.) 

Meyer, Alexander, Dr., Redacteur der „Schlesischeu Presse" 
in Breslau. Nationalliberal. (,, Flora" in Charlottenburg.) 

Meyer, Richard Heinrich, Rittergutsbesitzer auf Okel, National- 
liberal. (Westphälische Bank in Bielefeld.) 

* Minckwitz, Rechtsanwalt in Dresden. Fortschritt. (Baugesell- 

schaft Germania in Dresden, Sächsische Farbenfabrik in 
Cunsdorf, Bierbrauerei zum Bergadler in Radeberg.) 

tt Miquel, Oberbürgermeister in Osnabrück. Nationalliberal. 
(Director der Discontogesellschaft, Gründer der Provinzial- 
Discontogesellschaft, der Rumänischen Eisenbahngesellschaft, 
der Dortmunder Union, der Preussischen Central -Boden- 
credit-A.G., Aufsichtsrath der St. Gotthard-Eisenbahn, der 
Braunschweigischen Eisenbahn, der Heinrichshütte, des 
Bochumer Bergwerks etc.) 

Morstadt, Rentner in Karlsruhe. Nationalliberal. (Badische 
Bank.) 

t Mosle, A. G., Kaufmann in Bremen. Nationalliberal. (Erste 
Deutsche Nordsee -Fischerei -Gesellschaft, Deutsche Bank, 
Schiffbaugesellschaft „Weser", EgestorfPs Salzwerke etc.). 

von Moszczenski, Rittergutsbesitzer auf Wiatrowo. Pole. 
(Handelsgesellschaft Bninski in Posen.) 

tt Müller, Gustav (G. Müller & Co.), Banquier in Berlin. 
Nationalliberal. (Bei fast unzähligen Gesellschaften betheiligt.) 

* Müller, Gustav, Kaufmann in Stuttgart. Nationalliberal. 

(Würtembergische Vereinsbank, Würtemberger Notenbank, 
Allgemeine Baugesellschaft in Stuttgart.) 



— 513 — 

Neubourg, Landschaftsiath in Stade. Nationalliberal. (Haniio- 
ver-Altenbeckener Eiseubabn.) 

North, Jean, Dr. juris in Strassburg. Elsässische Partei, (Di- 
rector der A.Gr. für Boden- und Communalcredit in Elsass- 
Lothringen.) 

Oesterreich, Landsyndicus in ßraunscbweig. Nationalliberal. 
(Zucker-Raffinerie zu Braunscbweig, BraunscbweigischeBau- 
gesellscbaft ) 

t Overweg, Carl, Rittergutsbesitzer auf Letmatbe. National- 
liberal. (Hoerder Bergwerk, Scbaaffbausen'scher Bank- 
verein, Massener Kohlenbergbau, Bergisch-Märkische Eisen- 
bahn, Deutsche Bank, Märkisch- Westphälischer Bergwerks- 
verein etc.) 

Parisius, Ludolf, Kreisrichter a. D. in Berlin. Fortschritt. 
(Berliner Aquarium.) 

t Parrisius, Rudolf, Kreisgerichtsrath a. D. Liberal, i Gesell- 
schafter der Deutschen Genossenschaftsbank von Soergel, 
Parrisius & Co., und als solcher an den Gründungen der- 
selben betheiligt.) 

Pfeiffer, Dr., Rittergutsbesitzer in Burkersdorf bei Ilerruhut. 
Freiconservativ. (Oberlausitzer Bank in Zittau.) 

* Pflüger, Landwirth in Lörrach (Baden). Nationalliberal. 

(Rheinische Hypothekenbank in Mannheim, Kreis -Hypo- 
thekenbank in Lörrach, Wiesenthalbahn, Salzwerk Wyhler.) 

* Phillips, Oberbürgermeister in Elbing. Fortschritt. (Elbinger 

Creditbank, Elbinger Dampfschifffahrt, Elbinger Eisenbahn- 
material, Grosse Amtsmühle in Elbing.) 

Pieschel, Stadtrath in Naumburg a. S. Nationalliberal. (All- 
gemeine Deutsche Hagel-Versicherungsgesellschaft „Union" 
in Weimar.) 

von Potworowski, Rittergutsbesitzer im Posenschen. «Pole 
(Bank für Landwirthschaft und Industrie in Posen.) 

von Praschma auf Falkeuberg, 0. S., Graf. Klerikal. (Preuss. 

Glagau, Der Böisenscliwindel. II. 33 



— 514 — 

Feuer-Versicherungs-Gesellschaft, Preussische Hagel-Ver- 
sicherungsgesellschaft.) 

Probst, Rechtsanwalt in Stuttgart. Liberal. (Lebens- Ver- 
sicherungs-Bank in Stuttgart, Bruderhaus in Reutlingen.) 

von Pückler, Graf, Landeshauptmann von Schlesien. Conser- 
vativ. (Breslau-Schweidnitz-Freiburger Eisenbahn, Schle- 
sische Vereinsbank.) 

* Reincke, Kaufmann in Altona. Freiconservativ. (Hypo- 

thekenbank in Hamburg, Vereinsbank in Hamburg, Schles- 
wigsche Eisenbahn, Gas- und Wassergesellschaft in Altona.) 

* Reinecke, Amtmann inHallea.S. Nationalliberal. (Halle'scher 

Bankverein, Actienbrauerei in Thale.) 

t Renard, Johannes, Graf. Freiconservativ. (Preuss. Lebens- 
Versicherungsgesellschaft „Friedrich Wilhelm", Unionsge- 
stüt Hoppegarten, Seebad Heiligendamm, Schlesische Hütten- 
gesellschaft Minerva, Oberschlesischer Eisenbahnbedarf.) 

t Ross, Edgar D. (Ross, Vidal & Co.), Kaufmann in Hamburg. 
Nationalliberal. (Internationale Bank in Hamburg, Hamburg- 
Amerikanische Packetfahrt-Ges., Hanseatische Baugesell- 
schaft, Deutsche Eisenbahnbaugesellschaft, Hamburg-Süd- 
amerikanische Dampfer-Gesellsch., Deutsch-Transatlantische 
Dampfschifffahrts-Ges.) 

Richter, Professor in Tharaud. Freiconservativ. (Baugesell- 
schaft Germania in Dresden.) 

Römer, Reichs-Oberhandelsgerichtsrath in Leipzig. National- 
liberal. (Würtembergische Hypothekenbank.) 

von Rönne, Appellationsgerichts- Vicepräsident a. D. in Berlin. 
Nationalliberal. (Discouto-Gesellschaft.) 

von Rogalinski, Rittergutsbesitzer auf Krolikowo. Pole. 
(Bank für Landwirthschaft und Industrie in Posen.) 

von Sänger, Rittergutsbesitzer in Grabowo. Liberal. (Preuss. 
Centralboden-Credit-A.G.) 

von Sarwey, Staatsrathin Stuttgart. Freiconservativ. (Würtem- 
berger Hypothekenbank.) 



— 515 — 

Schaffrath, Rechtsanwalt in Dresden. Fortschritt. (Sächsische 
Hypotheken - Versich. - Ges. , Sachsisch - Böhmische Dampf- 
schifffahrts-Ges.). 

* von Schauss, Friedrich, Dr. in Mimclien. Kationalliberal. 

(Glasfabrik Kolbermoor, Süddeutsche Boden -Creditbank, 
Neumarkt-Ried-Braunauer Bahn.) 

Schellwitz, Präsident der Generalcommission für Schlesien. 
Liberal. (Breslauer Wechslerbank.) 

Schenck, Obergerichtsanwalt in Wiesbaden. Fortschritt. 
(Deutsche Genossenschaftsbank von Soergel, Parrisius & Co.) 

t Schön, G. A., Kaufmann in Hamburg. Nationalliberal. (Ham- 
burg-Bremer Feuer- Versicherung, Hamburg-Bremer Rück- 
versicherung, Hamburg -Amerikanische Packetfahrt-Ges., 
Cuxhavener Eisenbahn-Ges., Cuxhavener Immobilien-Ges., 
Deutsch-Transatlantische Dampfschiffs-Ges. etc.) 

t Schot tler, Commerzienrath in Braunschweig. Nationalliberal. 
(Braunschweigische Eisenbahn, Braunschweiger Maschinen- 
bauanstalt, Baubank in Braunschweig, Actien-Bierbrauerei 
Braunschweig, A.G. für Arbeiterwohnungen etc.) 

von Schorlemer-Alst, Freiherr. Klerikal. (Eisenbahn 
Münster-Enschede.) 

* Schreck, Rechtsanwalt in Pirna. Fortschritt. (Dresdener 

Bau -Gesellschaft, Pirnaer Bank, Sächsische Industrie in 
Pirna, Tabacksfabrik Kronenberg.) 

* Schulze-Delitzsch, Kreisrichter a. D. in Potsdam. Fort- 

schritt. (Gründer und Aufsichtsrath der Deutschen Ge- 
nossenschaftsbank von Soergel, Parrisius & Co., und als 
solcher für die faulen Gründungen derselben mitverant- 
wortlich.) 
von Schwerin -Put zar, Graf, Staatsminister a. D. (Preussische 
Hypotheken-Versicherungs-Actiengesellschaft Hühner.) 

* Scipio, Gutsbesitzer in Mannheim. Nationalliberal. (Credit- 

bank in Mannheim, Rheinische Hypothekenbank.) 

* Serlo, Berghauptmann in Breslau. Freiconservativ. (Ober- 

33* 



— 516 — 

schlesische Eisenbahn, Donnersmarckhütte, Schlesischer 
Bankverein.) 

* von Seydewitz, Otto Theodor, Landesältester der Oberlausitz 

auf Reichenbach. Conservativ. (Preussische Hypotheken- 
Actien-Bank Henckel, Berlin-Görlitzer Eisenbahn, Halle- 
Sorau-Gubener Eisenbahn.) 
tt Siemens, Georg, Assessor a. D. in Berlin. Nationalliberal. 
(Deutsche Bank, Berliner Hotel-Gesellschaft, Internationale 
Bau- und Eisenbahnbaugesellschaft in Frankfurt a. M., 
Maschinenbaugesellschaft Schwartzkopff, Maschinenfabrik 
Cyklop, Mecklenburgische Hypotheken- und Wechselbank, 
A.G. für Boden- und Communalcredit in Elsass-Lothringen, 
WoU-Importgesellschaft, Commanditgesellschaft Job. Hoff, 
Liquidator der Deutscheu Unionbank und des Berliner 
Bankverein etc.) 

* Siemens, Werner, Fabrikbesitzer in Berlin. Liberal. (Mit- 

gründer der Maschinenfabrik „Cyklop", „Erster Zeichner" 
der Deutschen Bank.) 
von Skorzewski, Leo, Graf auf Labitschin. Pole. (Handels- 
gesellschaft Bninski.) 

* Sloman, Robert M., Rheder in Hamburg. Nationalliberal. 

(Cuxhavener Eisenbahn, Deutsch-Transatlantische Dampfer- 
Gesellschaft.) 
zu Solms-Laubach, Otto, Graf. Liberal. (Oberhessische 
Eisenbahn-Ges., Landwirthschaftliche Creditbank in Frank- 
furt a. M.) 

* zu Solms-Sonnenwalde, Graf, Landrath in Luckau. Con- 

servativ. (Halle-Sorau-Gubener Eisenbahn, Berlin- Görlitz er 
Eisenbahn, Gewerbebank H. Schuster & Co., Berliner 
"Wechslerbank.) 

von Sybel, Geh. Regierungsrath in Berlin. Nationalliberal. 
(Rheinische Eisenbahngesellschaft.) 

von Stauffenberg, Schenk, Freiherr in München. National- 
liberal. (Süddeutsche Boden-Creditbank.) 



— 517 — 

Stephani, Dr., Vicebürgermeister in Leipzig. Nationalliberal. 

(Leipzig-Dresdener Eisenbahn.) 
tt Sonnemann, Zeitungsbesitzer in Frankfurt a. M. Demokrat. 

(Consortialiter bei sehr vielen Gründungen betheiligt.) 

* Strassmann, W., Dr. med., Stadtverordneten -Vorsteher in 

Berlin. Fortschritt. (Gründer und Aufsichtsrath der Central- 
bauk für Genossenschaften, und als solcher für die faulen 
Gründungen dieser Bank mitverantwortlich.) 

It Strausberg, Baruch Hirsch, genannt Dr. Strousberg. Con- 
servativ. 

Thiel, Rechtsanwalt in Bautzen. Nationalliberal. (Vereinigte 
Bautzener Papierfabriken.) 

von Thüngen, Freiherr. Conservativ. (Bairische Handelsbank.) 

* Träger, Rechtsanwalt in Nordhausen. Fortschritt. (Erfurt- 

Hof-Eger-Eisenbahu, Saal-Unstrut-Eisenbahn.) 

von Turn 0, Rittergutsbesitzer auf Obierzerze. Pole. (Handels- 
gesellschaft von Bninski.) 

Uhlendorff, Kaufmann in Hamm in Westphalen. Fortschritt. 
(Actien-Bierbrauerei „Mark" in Hamm.) 

t von Unruh, Regieruugsrath a. D. iu Berlin. Nationalliberal. 
(Eisenbahubedarf Pflug, Maschinenbau Schwartzkopff, 
Deutsche Continental -Gasgesellschaft in Dessau, Halle- 
Sorau-Gubener Eisenbahn, Berliner Handelsgesellschaft.) 

von Unruh e-Bomst, Freiherr, Landrath. Freiconsorvativ. 
(Märkisch-Poseaer Eisenbahn.) 

von Vaerst, Baron in Berlin. Nationalliberal. (Deutsche 
Grund-Creditbank in Gotha.) 

Valentin, Justizrath a. D. in Kreischa. Nationalliberal. (Con- 
tinental-Telegraphen-Compagnie.) 

von Varnbüler, Würtembergischcr Minister a. D. Freicon- 
servativ. (Internationale Bau- und Eisenbahnbaugesellschaft 
in Frankfurt a. M). 

Vogtherr, Director in Frankfurt a. M. Fortschritt. (Director 
der „Providentia".) 



— 518 — 

t Wagener, Geheimer Rath in Berlin. Conservativ. (Vereins- 
zeclie Vaterland, Braunkohlenbergbau Frose, Gewerbebank 
H. Schuster & Co., Pommer'sche Centralbahn, Preussische 
Hypotheken-Credit- und Bank-Anstalt Henckel.) 

* Walter, August, Kaufmann in Dresden. Fortschritt. (Press- 

hefen- und Kornspiritus-Fabrik in Dresden, Voigtländische 
Eisenbahnwagenfabrik.) 

* Websky, Fabrikbesitzer in Wüstewaltersdorf. Nationalliberal. 

(Schlesische Leinenfabrik Kramsta.) 

* von Wedeil, Rittergutsbesitzer auf Malchow. Conservativ. 

(Prenzlauer Kreisbank, Preuss. Central-Boden-Credit-A.G., 
Uckermärkische Wollbank.) 

* Wehrenpfennig, Wilh., Schriftsteller in Berlin. National- 

liberal. (Mitgründer der Spener'schen Zeitungsactiengesell- 

schaft.) 
Westphal, Bürgermeister von Schwerin i. M. Nationalliberal. 

(Mecklenburgische Actien-Bierbrauerei.) 
Wichmaun, August in Lübeck. Nationalliberal. (Director 

der Deutschen Lebens- Versicherungsgesellschaft in Lübeck.) 
Wi e d wal d , Kaufmann in Elbing. Fortschritt. (Elbinger Credit- 

bank.) 
Wild, Albert, Dr. und Banquier in München. Conservativ. 

(Baierische Handelsbank.) 
Windthorst, Minister a. D. in Hannover. Klerikal. (Hanno- 
versche Bank.) 
von Wintzingerode auf Bodenstein, Graf. Freiconservativ. 

(Preussische Boden- Credit -Actienbank Jachmann, Actien- 

Bau-Verein Königstadt.) 

* Wölfel, Rechtsanwalt in Merseburg. Nationalliheral. (Ru- 

mänische Eisenbahn- Gesellschaft, Zuckerfabrik Körbisdorf.) 

Wolffson, Advocat in Hamburg. Nationalliberal. (Hamburger 

Bankverein, Waaren- und Credit-Anstalt in Hamburg.) 
*YOn Wurmb, früher Polizeipräsident in Berlin. Conservativ. 



- 519 — 

(Mitgrüader der „Flora" in Charlottenbiirg, Aufsichtsratli 
der Berlin-Görlitzer Eisenbahn.) 
tt Zuckschwerdt, Kaufmann in Magdeburg. Nationalliberal. 
(Bei fast unzähligen Gesellschaften betheiligt.) 

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollstän- 
digkeit. Wahrscheinlich fehlt noch mancher Name; 
wahrscheinlich sind nicht wenige der Genannten auch 
noch bei anderen Gesellschaften betheiligt. Viele 
Gründer resp. „Erste Zeichner" waren von vornherein 
so vorsichtig, hinter den Coulissen zu bleiben; viele 
Aufsichtsräthe sind nie publicirt worden, und bei 
vielen anderen hat noch nicht festgestellt werden 
können, ob sie nicht auch zugleich Gründer resp. 
„Erste Zeichner" sind, weshalb eine Vervollständigung 
vorbehalten bleibt. 

Aber auch schon so wie es ist, macht dieses Ver- 
zeichniss einen erschrecklichen Eindruck. Ganz abge- 
sehen von den Personen, die ohne Ä.uszeichnung auf- 
geführt sind, und von denen die meisten auch wol 
kein besonderer Vorwurf trifft, so bleibt noch immer 
eine Unzahl eigentlicher Gründer und Gründerge- 
nossen, und unter ihnen ist die Blüthe der Aristo- 
kratie, sind die ersten Würdenträger des Staats, die 
gefeiertsten Parlaments -Redner vertreten. Herzog 
von Ratibor, der zeitige Präsident des Herrenhauses, 
und Herr von Bennigsen, der gegenwärtige Präsident 



— 520 — 

des Abgeordnetenhauses, sind beides Gründer und 
beides Genossen von Baruch Hirsch Strausberg; und 
als Mitgründer resp. Aufsichtsräthe bei den Unter- 
nehmungen dieses unseligen Menschen figuriren ausser- 
dem noch folgende Parlamentarier: Adickes, Ambronn, 
Heise, Richtsteig, Herzog von Ujest, Graf Lehndorff, 
Fürst zu Putbus, Graf zu Solms-Baruth, Graf zu 
Solms-Sonnenwalde, Graf Eberhard zu Stolberg- Wer- 
nigerode, von Seydewitz, von Wurmb, von Unruhe- 
Bombst etc. Staatsminister a. D. von Bernuth und 
Oberbürgermeister Hasselbach, die Vicepräsidenten 
des Herrenhauses, sind beides mehrfache Aufsichts- 
räthe. Als Alterspräsident des Deutschen Reichstags 
waltet frisch und frei der grosse Gründer, Staats- 
minister a. D. Georg von Bonin; und Herr Miquel, 
der noch grössere Gründer, der Genosse der Disconto- 
gesellschaft, war ein hervorragender Redner der 
General- Synode, präsidirte der Commission für die 
Reichs-Justiz-Gesetze, und ist, wie die Zeitungen 
meldeten, neuerdings von Herrn Achenbach, dem 
Handelsminister, als Vertrauensmann zur Berathung 
über die schwebenden Handwerker- und Arbeiterfragen 
eingeladen. Auch im Preussischen Herrenhause sitzen 
gegenwärtig noch 57 Gründer resp. Aufsichtsräthe. 
Kein Wunder, dass über die Petition der Herren 



— 521 - 

von Jena II. und Genossen, welche eine gehörige 
Piüfung des Gründerunwesens und eine Revision des 
Gewerbe- und Actiengesetzes verlangte, von der 
„liberalen" Majorität des Herrenhauses, auf Antrag 
des Oberbürgermeisters Gobbin, zur Tagesordnung 
übergegangen wurde I Besonders charakteristisch ist 
die Thatsache, dass die politischen Märtyrer von 1848 
und aus der Reactionszeit, die gefeierten Volks- 
männer, sich hinterher als sehr praktische Leute be- 
wiesen haben, und fast sämmtlich unter die Gründer 
gegangen sind, zum grossen Theil als Gehülfen der 
eigentlichen Gründerbanken wirkten. Dahin gehören: 
Bamberger, Braun-Wiesbaden, Miquel, Kapp, Ham- 
macher, Hagen, Rudolf Parrisius, Phillips, Schulze- 
Delitzsch, W. Strassmann, Faucher, Jungermann; und 
im Uebrigen sind noch zu nennen: von Unruh, von 
Bennigsen, Frühauf, Löwe-Calbe etc. Man kann be- 
rechnen, dass die „Schöpfungen" jedes Einzelnen dieser 
Herren aus der ersten Reihe dem Deutschen Volke 
verschiedene Millionen kosten. 

Die grossen Eisenbahngesellschaften wie die grossen 
Bankinstitute hatten jede im Parlament ihre Vertreter, 
die hier für sie wirkten, und die als Aufsichtsräthe 
von ihnen in der Schwindelperiode riesige Tantiemen 
bezogen. Mit den Namen der parlamentarischen 



— 522 — 

Aufsichtsräthe schmückten die betreffenden Gesell- 
schaften ihre Geschäftsberichte und Prospecte, trieben 
sie ihre Actien bis zu einer unsinnigen Höhe, emittirten, 
sie mit unverschämtem Agio wiederholt junge Actien 
setzten sie die faulsten GründuDgen in die Welt, 
fingen sie das vertrauensselige Publikum ein. Auf 
den Prospecten und Geschäftsberichten bezeichneten 
sich die parlamentarischen Mitgründer und Aufsichts- 
räthe ausdrücklich als Mitglied des Deutschen Reichs- 
tags, des Preuss.Abgeordnetenhauses,der IL Sächsischen 
Kammer etc. Und dieselben Personen höhnen und 
schmähen jetzt das betrogene Publikum, schelten es 
ob seiner Spielwuth, seiner blinden Gier, seiner un- 
verantwortlichen Thorheit und Einfalt. Fürwahr, 
diese Frechheit ist empörend! 

Der A. Schaaffhausen'sche Bankverein in Köln war 
im Parlament vertreten durch die Herren Mevissen, Freiherr 
von Diergardt und Overweg. 1871 entfielen 12V2> 1872 — 14% 
Dividende. Noch 1873, wo es nur 8 % gab, erhielten die drei 
Directoren Victor Wendelstadt, Theodor Movius und Ernst 
Königs an Tantiemen 75,000 Thaler-, die 14 Aufsichtsräthe 
steckten ein Trinkgeld von etwa 110,000 Thalern ein. Für 
1874 erhielten die Directoren nur 45,000, für 1875 nur noch 
15,000 Thaler, und die Aufsichtsräthe nach diesem Verhältniss. 
1876 betrug die Dividende 0, und der Cours der Actien ist von 
einst ca. 190 bis etwa 60 gesunken. Der Schlesische Bank- 
verein in Breslau war im Parlament vertreten durch Graf 
Guido Henckel von Donnei'smarck und Prinz Carl Hohenlohe. 



- 523 - 

1871 und 1872 gab es bei 12 und resp. UO'o Dividende hohe 
Tantiemen. Der Cours stand einst ca. 180 und sank bis etwa 
80. Die Preussische Hypothekcn-Versicheruugs-A.G. 
Hübner war im Parlament vertreten durch von Bockum-Dolffs, 
von Carlo witz, Freiherr von Eckardstein -Prötzel, Graf von 
Schwerin-Putzar, Freiherr von Patow; die Deutsche Grün d- 
Creditbank in Gotha durch Fürst HatzfeUl-Traclienberg, Prinz 
Carl Hohenlohe, Graf von Maltzan-Militsch, Baron von Vaerst; 
die Gewerbebaiik H. Schuster & Co. in Berlin (Cours einst 
150, jetzt 3) durch Wagener, von Huelsen, Graf Solms-Sonnen- 
walde ;dieDeutscheGenossenschaftsbankin Berlin (Cours 
einst 150, jetzt 90) durch Rud. Parrisius, Schulze -Delitzsch, 
Schenck, Dr. Buhl; die Berliner Handelsgesellschaft 
(Cours einst 160, jetzt 50) durch Mevissen, von Unruh-, die 
Deutsche Unionbank (Cours einst 180, später 68) durch 
Hammacher, Hagen, Braun -Wiesbaden; die Preussische 
Boden -Credit-Actienbank Jachmann durch Excelleuz 
von Bonin, Dr. Engel, Dr. Ahlmaun, Günther, Graf von Wintziu- 
gerode, Dr. Wehrenpfennig; der Berliner Bankverein durch 
Kapp, Kieschke, Graf Guido Henckel von Donnersmarck, Bei 
dem letzteren wurden die Actien mit zusammen 6 Millionen 
Thaler, bei 40% Einzahlung ä 120—124 au die Börse gebracht, 
was einem Course von 150—160 entspricht, und diese 40pro- 
zentigen Interimsscheine getrieben bis 140, was einen Cours 
von 200 bedeutet. Später sank die VoUactie bis etwa 70. 
Dieser famose Bankverein war eine blosse Gründerbank und 
liquidirte, sobald der Schwindel zu Ende war. Bei der Ber- 
liner Handelsgesellschaft erhielt der Verwaltungsrath für 1871 
— 35,800 Thaler, und 1873 noch 26,500 Thaler Tantieme; bei 
der Gewerbebank Schuster erhielt der Aufsichtsrath 1871 — 
50,000 Thaler, 1872 aber 90,000 Thaler; bei der Deutschen 
Unionbank empfingen 1871 Direction und Verwaltungsrath 
60,000 Thaler Trinkgeld; bei der Preussischen Boden -Credit- 
Actienbank Jachraann betrug das Tantiemen -Conto im Jahre 



/ — 524 — 

1871 — 60,000 Thaler und 1872, einschliesslich der Trinkgelder 
aus der berüchtigten PreussischenCreditanstalt — 3 18,000 Thaler! 

Eine so zu sagen, parlamentarische Gründung war die 
März 1870 errichtete Prenssisclie Central-Bodencredit-Actieu- 
Gesellscliaft. Als Gründer traten auf: Baron Carl von Roth- 
schild in Frankfurt a, M., Baron Abraham von Oppenheim in 
Cöln, Geh, Commerzienräthe Gerson Bleichröder und Adolf 
Hansemann, Oberbürgermeister Miquel; während als erste Ver- 
■waltungsräthe u. A. folgende Parlamentarier genannt sind: Graf 
von Ai-nim-Boytzenburg, von Bernuth, von Bethmanu-Hollweg 
auf Runowo, von Wedell-Malchow, von Sänger-Grabowo, von 
Simpson-Georgenburg, von Kardorff, Graf von Bocholtz-Niesen, 
Dr. Braun -Wiesbaden, Freiherr von Eckardstein- Proetzel 
(letzterer als „Revisor"). Juristen haben ausgeführt, dass die 
Gesellschaft mit ganz ausserordentlichen, geradezu ungesetz- 
lichen Privilegien ausgestattet ist; ausser allem Zweifel steht, 
dass auf Grund dieser Privilegien mit den Actien sofort eine 
Agiotage der schlimmsten Art getrieben wurde, doppelt an- 
stössig, weil sie einen schreienden Widerspruch zu dem eigent- 
lichen Zwecke dieses Instituts bildet. Anstatt das Capital auf 
4,800,000 Thaler festzusetzen, wurden 12 Millionen Thaler aus- 
geworfen, aber nur 40procentige Interimsscheine ausgegeben, 
die auch heute noch existiren und wahrscheinlich nie vollge- 
zahlt werden. Diese Interimsscheine kamen am 24. Juni 1870 
an die Berliner Börse ä lOG— 110, waren dafür aber gar nicht 
zu haben, und notirten schon am 29. Juni 123—127, Avas einem 
Course von 157V2— 167V2 entspricht. 1872 stiegen sie sogar 
bis 140, M'as einen Cours von 200 bedeutet. Selbstverständlich 
haben dieses kolossale Agio die „Ersten Zeichner" eingesteckt, 
und dieselben haben sich auch noch bei jeder Erhöhung des 
Capitals ein Drittel der neuen Actien vorbehalten. So spielte 
man früher in Venedig, seit Anbruch des neuen Deutschen 
Reichs aber in Berlin! 

Wie J. A. Leisewitz, der Dichter des „Julius von Tarent", 



— 525 — 

will auch Ludwig Bamberger nur Ein Kind in die Welt 
gesetzt haben, aber dieses Kind war gleichfalls ein Löwe. Er 
gründete Februar 1870 in Verbindung mit Adalbcrt Delbrück, 
H. Zwicker (Gebr. Schickler), Ilardt & Co., Victor Freiherr von 
Magnus (F. Mart. Magnus), Eduard Freiherr von der Heydt, 
E. J. Meyer, G. Müller & Co., Gustav Kutter, Adolf vom Ratb 
(Deichmann & Co.), Victor Wendelstadt, J. L. Eltzbacher, 3Iartia 
Frege, Consul Gebhard, H. Bischoft'sheim, Adolf Deichniann 
(Horstmann & Co.), R. Sulzbach u. A. — die Deutsche linuk. 
Lauter Gründer ersten Ranges, und eine wahrhaft klassische 
Gründung! Ludwig Bamberger will, wie er sich in der Corre- 
spondenz der Herren Welirenpfenuig und Rickert entschuldigen 
liess, „wegen seiner Erfahrungen im überseeischen Geschäft (!) 
herangezogen" sein, hat aber alle Vortheile der Gründung still 
und zufrieden mitgenossen. Die I. Emission betrug 5 Millionen 
Thaler, und wurden die 40procentigen Interimsscheine im Laufe 
des Jahres 1871 bis 125 getrieben, was einem Course von 162 
entspricht. Die IL Emission geschah Ende 1871, noch ehe 
die alten Actien voll eingezahlt waren, und betrug 
gleichfalls 5 Millionen Thal er. Die Gründer resp. ersten Zeichner 
hatten sich im Statut sämmtliche Actien der neuen 
Emissionen vorbehalten, und machten von diesem unbeschei- 
denen Privileg nun Gebrauch, indem sie die jungen Actien zum 
Course von 110 vergaben. Sie strichen also mit einem Feder- 
zuge 10% Agio oder 500,000 Thalcr ein, was selbst in der 
Börsenpresse einen Sturm des Unwillens hervorrief. Dadurch 
eingeschüchtert, liesseu sie den vierten Theil ihrer Beute in 
den Reservefonds fliessen, und schritten Ende 1872 zu einer 
III. Emission, die wieder 5 Millionen Thaler betrug. Diesmal 
begnügten sich die edlen Seelen mit der Hälfte der jungen 
Actien, und da der Cours der alten etwa 115 war, heimsten 
sie diesmal nur ca. 375,000 Thaler ein. 1875 sank der Cours 
der Vollactie bis fast 70, und die Bank hätte, da sie nach dem 
Krach wenig mehr zu thun fand, auch schon liquidiit, wäre 



- 526 — 

sie nicht von der Regierung, zu der sie durch Delbrück, Leo 
und Co. in Beziehungen stand, mit manchem ,,idlernationalen" 
Geschäft, Verkauf von Chassepots, Silber etc., betraut worden. 
Nach dem Abgang des Ministers Delbrück indessen erfuhr Herr 
Pietsch, Agent der Deutschen Bank in London, der in Voll- 
macht der Deutschen Regierung Erklärungen über diesseitige 
Silberverkäufe abgegeben hatte, im „Reichsanzeiger" ein trocknes 
Dementi. Neuerdings ernährte sich die Deutsche Bank haupt- 
sächlich von der Liquidation der Deutschen Union -Bank und 
des Berliner Bankverein. Im Parlament war sie vertreten 
durch Ludwig Bamberger, Hardt, H. H. Meier, A. G. Mosle, 
Consul G. Müller, Overweg, Kapp und Dr. Georg Siemens. 
Letzterer, ein junger, bis dahin völlig unbekannter Assessor 
und dann Director der Deutschen Bank, wurde durch Bam- 
berger's Einfluss in den Reichstag bugsirt. Fr. Kapp war sowol 
beim Berliner Bankverein wie bei der Deutschen Bank thätig, 
weil beide Gründungen unter der Hand seines Gönners, des 
Herrn Adalbert Delbrück entstanden. Delbrück, Leo & Co., 
noch 1867 blosse Agenten der Lebens- Versicherungsgesellschaft 
,,Concordia", machten zugleich mit ihrem Vetter, dem Präsi- 
denten des Reichskanzleramts, Carriäre, wurden ein grosses 
Bankhaus und haben in der Schwindelperiode eine Unmasse von 
Gründungen verfasst, bei denen allen Herr Adalbert Delbrück 
als Aufsichtsrath waltete. Was Ludwig Bamberger anbetrifft, 
so können ihm weitere Gründungen nicht nachgewiesen werden, 
doch hat sich die Firma Bamberger & Co. in Mainz, der er früher 
angehörte, an verschiedenen „Schöpfungen" betheiligt, z. B. an 
der „Deutschen Unionbank Mannheim", seligen Angedenkens. 

S. Bleichröder und die Disconto-Gesellschaft sind die ersten 
Bankinstitute Berlins und mit die ersten der Welt, aber beidehaben 
auch die grössten und blutigsten Gründungen verübt, wobei sie bald 
Hand in Hand gingen, bald wie feindliche Brüder sich gegenüber 
traten. Trotzdem wurden Herr Gerson Bleichröder und Herr 
Adolf Hansemann März 1872 in den Adelstand erhoben! 



— 527 - 

Bleichröder gründete u. A. : die Vereinigte Königs- 
und Laurahütte mit 9 Millionen Thaler Actien (Cours einst 
275, jetzt ca. 60)-, die Deutsche Reichs- und Continental- 
Eisenbahnbaugesellschaft mit 10 Millionen Thaler Actien, 
deren 40procentige Interimsscheine ä 115, d. h. thatsächlich 
ä I37V2 eingeführt wurden (Cours einst = 162 Va» jetzt ^= 12V>)'> 
die Posen-Kreuzburger Bahn mit 12 Millionen Thaler 
Actien (ohne Börsencours); und die Weimar-Geracr Bahn 
mit 6* -2 Millionen Thaler, zu 91 V2 aufgelegt (Cours noch ca. 
40 resp. 15). Noch März 1873, kurz vor dem Krach, gründete 
Bleichröder, in Gemeinschaft mit der Berliner Handelsgesellschaft, 
das Bergwerk Hil)ernia und Shamrocli auf 5,600,000 Thaler 
Actien. Die SOprocentigen Interimsscheine wurden ä 130 ein- 
geführt, was einen Cours von 160 bedeutet, und noch am selben 
Tage bis 150 getrieben, was einem Course von 200 entspricht; 
weshalb der Börsenwitz das Papier „Schamroth" nannte. Heute 
notirt die Vollactie etwa 25. Bleichröder's Gehülfen bei diesen 
Gründungen waren u. A. der Abgeordnete von Kardorff und 
der Berliner Stadtverordnete Wilhelm Weber, früher Ober- 
bürgermeister in Gera; beides hervorragende Redner auf den 
Generalversammlungen der betreffenden Gesellschaften. Weber 
fungirt zugleich als „Bureauchef" und Procurist von Bleich- 
röder. An Trinkgeldern entfielen bei der Königs- und Laura- 
hütte für die Aufsichtsräthe 1871/72 — 53,000 Thaler, in den 
beiden folgenden Jahren aber etwa je 200,000 Thaler; bei 
Hibernia und Shamrock empfing der Aufsichtsrath 1873 — 
24,700 Thaler und 1874 — 15,000 Thaler; und selbst bei der 
trostlosen Reichs-Eisenbahnbaugesellschaft, wo die Einnahmen 
zum grossen Theil in „Zinsen" der eigenen Effecten und in 
„Coursgewiunsten" bestanden, sclieute man sich nicht, pro 1873 
ca. 50,000 Thaler als Tantii-me auszuwerfen. 

Die Disconto-Gescllscbaft gründete u. A. das Commer- 
ner Bergwerk auf P .> Millionen Thaler Actien, welche so- 
gleich ä 130 eingeführt wurden und dann bis CO sanken; das 



— 528 — 

Berg- uud Hüttenwerk Harzer Union mit 2 Millionen Thaler 
Actien (Cours einst 120, jetzt 0); das Berzelius-Bergwerk 
mit 1,400,000 Thaler Actien, eingeführt zu 118—120 (Cours 
einst 180, jetzt 50)-, die Aachener Disconto-Gesellschaft 
mit 2,000,000 Thaler Actien, worauf 40*^/0 eingezahlt sind (Cours 
einst gleich 150, jetzt gleich 70); das Oelsenkirchener Berg- 
werk mit 41/2 Mill. Thaler Actien, eingeführt, bei 50% Ein- 
zahlung ä 118, also zum Course von 136, und getrieben bis 175, 
was einen Cours von 250 bedeutet, während die Vollactie heute 
etwa 80 notirt. Bei der letzten Gesellschaft empfing der 
Aufsichtsrath an Trinkgeld 1873 — 26,000 Thaler, 1874 — 
28,000 Thaler und 1875 — 12,000 Thaler. 

November 1871 gebar die Disconto-Gesellschaft die Pro- 
vinzial-Discouto-tresellschaft, vielleicht die überflüssigste und 
gewaltsamste Gründung der ganzen Schwindelperiode, Anstatt 
in den Provinzen Filialen und Commanditen zu errichten, etablirte 
sie in der Hauptstadt ein Tochter-Institut, dessen Direction aber 
aus denselben Personen wie die Verwaltung der Mutter-Anstalt, 
aus Hansemann, Miquel und Salomonsohn, den Geschäfts-In- 
habern der Disconto-Gesellschaft bestand. Selbst die „National- 
zeitung", obgleich sie den Plan „rationell" nannte, war doch 
in Verlegenheit, wie sie ihn definiren sollte, und behielt sich 
ein ,, definitives Urtheil" vor. Und gerade hier wurde wieder 
die unverschämteste Agiotage verübt. Das Actiencapital betrug 
10,000,000 Thaler und kam in 40procentigen Interimsscheinen 
an die Börse, welche man zu 120 einführte, und welche noch 
am selben Tage bis 131, später bis 150 stiegen, was einem 
Course von 225 entspricht. April 1872 wurden noch 20 % ein- 
gezahlt, und der Cours ging bis 190. Damals kostete der 
eOprocentige Interimsschein 300 Thaler, während er heute 
etwa noch 60 Thal er gilt; und der Coursunterschied von damals 
und jetzt verhält sich wie 250 zu 50!! Die Provinzial-Disconto- 
Gesellschaft errichtete nun Zweigniederlassungen in Duisburg, 
Ludwigshafen, Bernburg, Hameln und ähnlichen grossen See- 



— 529 — 

uud Handelsstädten, vertbeilte pro 1372 au Dividende 16 ",0. 
und fette Trinkgelder für Direction und Aufsicbtsrath. Die 
einzige Acquisition von ßedeutung war der Ankauf des Bank- 
geschäfts von M. J. Frensdorfi' in Hannover, aber gerade bei 
diesem verlor sie durch waghalsige Speculation des bisherigen 
Inhabers, der die Leitung behielt, 1873 die ungeheuere Summe 
von 772,000 Thaler. Das Publikum hat an dieser einzigen Ge- 
sellschaft etwa 11 Millionen Thaler eingebüsst. 

Eine noch viel blutigere Gründung war die Dortmunder 
Union. Sie wurde Februar 1872 zusammengeschweisst aus der 
Dortmunder Hütte und andern Bestandtheilen der Strausberg'- 
schen Erbschaft, welche man angeblich um G Millionen Tlialer 
übernahm, und aus der Heinrichshütte nebst Neuschottland, 
welche Herr Hansemann den Actionären für 5 Millionen Thaler 
überliess. Hinterher wurde noch Weiteres zugekauft, und das 
Actiencapital auf 13,200,000 Thaler gebracht! Dazu traten 
Prioritäten, Hypotheken und andere Schulden, die zusammen 
sich auch auf ca. 12 Millionen Thaler beziüernü „Das Unter- 
nehmen der 'Union' ist an Grösse des Ziels fast ohne Beispiel!" 
sagte mit naiver Aufrichtigkeit der Prospect. Für die Periode 
vom 1. Januar 1872 bis 1. Juli 1873 entfielen 12% Dividende 
und für den Aufsicbtsrath ein Trinkgeld von 141,500 Thaler, 
wovon er jedoch nur die Hälfte nahm; die andere Hälfte über- 
liess er dem Arbeiterfonds. Aber schon das nächste Jahr ergab 
einen Verlust von fast 2 Millionen Thaler. Die mit 110 einge- 
führten und bis 228 hinaufgetriebenen Actien notiren etwa noch 
3, sind aber in Wahrheit werthlos, da der Besitz schon lange 
nicht mehr die Schulden deckt. ,,Die Zeche 'Adolf von Hanse- 
mann' ist ersoffen!" meldete man im August 1876 aus Dort» 
mund, und dies ist auch das Schicksal der Gesellschaft. Die 
Actiouäre haben am Course 28—30 Millionen Thaler eingebüsst! 

In Gemeinschaft mit S. Bleichröder gründete die Disconto- 
Gesellschaft die Rumänische Eisenbahngesellschaft und die 
St. Gotthard-Baliu-Gesellschaft. Zum Zwecke der letzteren 

Glagau, Der LJörsonschwindel. II. o4 



ÖoU 



wurden Januar 1872 au Actien 34,000,000 Frcs. in 40procen- 
tigen luterimsscheinen, und allmälig an Obligationen 48 Millionen 
Frcs. aufgelegt, deren Course inzwischen bis 4 (für eingezahlte 
60*'/o der Actien) und resp. 49 (für die voUgezalilten Obligationen) 
gesunken sind. Wahrscheinlich ist das ganze Unternehmen, 
zu welchem Deutschland eine Subvention von 20,000,000 Frcs. 
beisteuert, bankerott, denn es hat sich herausgestellt, dass die 
Unkosten, ausser den ursprünglich veranschlagten 187,000,000 
Frcs. noch etwa 150,000,000 Francs erfordern! Die Gründer 
haben auf Ersparnisse, welche sich bei der Bauausführung etwa 
herausstellen sollten, grossmüthig zu Gunsten der Actionäre 
verzichtet und diesen dafür Genussscheine ausgestellt! 

Mit der am 16. November 1871 erfolgten Bildung der Ru- 
mäuischen Eisenbaliugesellschaft trat die Disconto- Gesell- 
schaft die Strausberg'sche Erbschaft an, und geschah diese 
Gründung hauptsächlich, um die hochadligen Mitconcessionäre 
des Wunderdoctors : Herzog von Ratibor, Herzog von Ujest und 
Graf Lehndorflf zu entlasten. Strausberg hatte im Ganzen 
65,375,000 Thaler 7V2procentige Obligationen ausgegeben, aber 
den Neujahr 1871 fälligen Coupon nicht mehr eingelöst. Massen- 
hafte Klagen, zunächst wegen der Zinsen, später auch wegen 
des Capitals angestrengt, wurden zu Ungunsten Strausbergs 
entschieden, und seinen vornehmen Genossen drohte Verarmung. 
Da bildeten sich „Schutzcomites" unter Anführung des Herrn 
Georg Davidsohn vom „Berliner Börsencourier" und des Herrn 
Oscar Freund vom „Breslauer Handelsblatt" ; und es vereinigten 
Bleichröder und Disconto-Gesellschaft die betrogenen Obligations- 
besitzer zu einer Actiengesellschaft, in deren Aufsichtsrath u. A. 
Miquel, Justizräthe Wiener und Riem und Rechtsanwalt Wölfel 
traten. 52,000,000 Thaler Obligationen wurden in Actien ver- 
wandelt und so „Deutsches Capital gerettet", die Herren Hause- 
mann und Bleichröder aber mit dem Adel belohnt. Auf eifriges 
Andrängen fast der gesammten Presse traten alsbald auch die 
übrigen Obligationsbesitzer bei, denn man wusste sie ängstlich 



— 531 — 

und zaghaft zu macheu. Nur etwa 120,000 Thaler Obligationen 
blieben „unconvertirt", und die Inhaber derselben erstritten 
durch Erkenntniss des Reichs- Oberhandelsgerichts die Einlösung 
zum ursprünglichen Course von 71 nebst rückständigen Zinsen. 
Die neuen Actieu erhielten 1872 — 3^5, 1H73 — b^,o Dividende. 
Für 1874 wurden 4, für 1875 — 2V2 % ausgeworfen, aber nicht 
baar, sondern in neufabricirten ßprocentigen iSchuldobligationen 
bezahlt, die etwa 50 notiren — ein Zeichen, dass man sie nicht 
für allzusicher hält. Wer aber nur Eine oder ein paar Aclien 
besitzt, ist gar nicht im Staude, diese kostbare Schuldverschrei- 
bung zu erlangen und muss seine Dividendeuscheine um jeden 
Preis los zu werden suchen. Der Aufsichtsrath dagegen hat 
sich vorweg 3 % vom Betriebsüberschuss gesichert, und z. B. 
auch für 1874 an 29,000 Thaler baar erhoben. Der Cours der 
„convertirten" Actien ist etwa noch 12. 

Von jeher war die Disconto-Gesellschaft bemüht, sich mit 
angesehenen Geschäftsleuten, hochstehenden Beamten und Parla- 
mentsmitgliedern zu umgeben. In ihrem Verwaltungsrath sassen 
u. A.: Georg Reimer, Moritz Reichenheim, Walter Bauendahl, 
Meyer Goldschmidt, F. C, Winckelmann, J. G. L. Schäffer, 
Julius Kaufifmann, sämmtlich in Berlin, Richard Hartmanu in 
Chemnitz, Wilhelm Puscher in Nürnberg ; ferner die Geh. Ober- 
finanzräthe Scheele, Wilckens und Scheller, Geh. Regierungs- 
rath Dr. Reinhard, die Wirklichen Geheimen Räthe Wehrmanu 
und Schuhmann-, im Parlament war sie vertreten durch Hardt, 
Wilckens, Freiherr von Diergardt, von Bernuth, von Rönne, 
Freiherr Ernst von Eckardsteiu-Proetzel, Miquel; und im Ber- 
liner Magistrat durch Wilckens, welcher zugleich als unbesol- 
deter Stadtrath fungirte. In ihrem speciellen Dienst Stauden 
Scheele, Wilckens, Miquel und Reinhard; letzterer früher 
Sachsen- Weimar'scher Regierungs-Commissar und Aufsichtsrath 
des famosen Thüringer Bankvereins. Diese vier Herren fuugirten 
bei den verschiedensten Gesellschaften, welche die Disconto- 
Gesellschaft in die Welt gesetzt, wie Erste Preuss. Hypotheken- 

34* 



- 532 - 

A.G, Hansemaun, Preuss. Central-Bodencredit-A.G., Provinzial- 
Disconto, Rumänische Eisenbahn-A.G., Dortmunder Union etc., 
theils als Mitgründer theils als Aufsichtsräthe ; und vermittelst 
ihrer beherrschte die Disconto - Gesellschaft ein grosses Netz 
von Eisenbahnen, wie Jene denn z. B. im Verwaltungsrath der 
Berlin-Potsdamer, der Märkisch-Posener , der Halle-Sorau-Gu- 
bener, der Berlin-Görlitzer, der Magdeburg-Halberstädter, der 
Braunschweigischen, der Rhein-Nahe, der Bergisch-Märkischen, 
der Hessischen Ludwigsbahn, der St. Gotthard-Bahn etc. sassen. 
Herr Scheele verliess die Disconto-Gesellschaft und damit etwa 
60,000 Thaler jährliche Revenuen und Hess sich zum Präsi- 
denten des Reichs-Eisenbahnamts mit etwa 5000 Thaler Gehalt 
ernennen, setzte als solcher die höchst unzeitgemässe Erhöhung 
der Eisenbahnfrachtsätze durch, meldete dieses erfreuliche 
Ereigniss telegraphisch der in Düsseldorf tagenden Delegirten- 
Versanimlung des Deutschen Handelstages, und kehrte alsbald 
wieder in die Arme und zu den Fleischtöpfen der Disconto- 
Gesellschaft zurück. Noch weit mehr als Bleichröder ist die 
Disconto-Gesellschaft eine grosse politische Macht im Neuen 
Deutschen Reich geworden, und sie ist der eigentliche Hort 
des manchesterlichen Nationalliberalismus. In einem der Dis- 
conto-Gesellschaft gehörigen Hause war, wie mehrfach ohne 
Widerspruch behauptet wurde, für die nationalliberale Partei 
ein eigenes Bureau errichtet, und von hier aus wurden die 
Wähler des ganzen Landes mit Flugblättern und Brochüren 
bombardirt, die Provinzial-Presse mit Correspondenzen versorgt. 
Unter der Aegide ihrer hochstehenden einflussi'eichen Ver- 
waltungsräthe beging die Disconto-Gesellschaft ihre erschreck- 
lichen Gründungen, betrieb sie eine Agiomacherei, die alles 
Sonstige weit übertrifi't. In der Schwindelperiode erhöhte sie 
ihr Capital von 10 auf 20 Millionen Thaler, und gab die jungen 
Actien zum Course von 110 bis 150 aus, so dass sie allein bei 
dieser Operation ein Agio von zusammen 4,300,000 Thaler ein- 
steckte. Wie bei der Vereinsbank Quistorp, kann man auch 



— 533 — 

leicht von der Disconto-Gesellschaft nachweisen, ilass sie ihre 
Dividenden von 1870 bis 1873 zum grossen Theil aus jenem 
horrenden Agio, also aus den Taschen der eigenen Actionäre 
gezahlt hat, und dass ihre eigentlichen Einnahmen aus der 
Agiotage und Gründerei gefiossen sind. Sie hatte von 1866 bis 
1869 nur 8—9% Dividende gezahlt, vertheilte in der Schwindel- 
periode von 1870 bis 1873 — 13, 24, 27 und resp. 14%, pro 
1875 aber nur noch 7%.,, Ebenso hatten ihre Actien, die 1872 
bis 854 getrieben wurden, vor dem Schwindel einen höhern 
Cours als heute-, 1869 notirten sie etwa 140, gegenwärtig nur 
noch ca. 100, und wahrscheinlich werden sie unter pari gehen. 
Die Disconto-Gesellschaft ist oft und mit Recht mit der Oester- 
reichischen Creditanstalt verglichen worden. Wie diese, wurde 
auch sie ein Haupt- Spielpapier der Börsenjobber, und schon 
das charakterisirt sie. Die Spielpapiere der Börsen sind stets 
fragwürdiger, hochbedenklicber Natur, was z, B. Preussische 
Bodencredit-Actien-Bank Jachmann, Laurahütte, Dortmunder 
Union eclatant bewiesen haben. 

Aber die Disconto-Gesellschaft wusste zu belohnen, sich 
selber und ihre Gehülfen. Die vier Geschäftsinhaber Ilanse- 
mann, Miquel, Salomonsohn und Emil Hecker bezogen an Tan- 
tiemen 1870 — 265,000 Thaler, 1871 — 702,000 Thaler, 1872 
— 982,000 Thaler, 1873 — 519,000 Thaler, zusammen in diesen 
4 Jahren — 2,468,000 Thaler. Die 15 Aufsichtsräthe erhielten 
in derselben Zeit 53,000, 140,000, 196,000 und resp. 106,000 Thaler, 
zusammen 495,000 Thaler, so dass im Durchschnitt auf jeden 
Kopf pro Jahr 8250 Thaler oder ein Miiiistergehalt ent- 
fallen. Die meisten Herren waren aber auch noch Aufsichts- 
räthe von 3 bis 10 andern, mit der Disconto-Gesellschaft zu- 
sammenhängenden Gesellschaften, und die Einnahme eines 
Jeden von ihnen darf daher auf 15,000 bis 50,000 Thaler 
jährlich geschätzt werden. Welcher Staat vermag seine Beamten 
so zu besolden! 

Herr Miquel war von November 1869 bis dahin 1873 Mit- 



— 534 — 

Inhaber der Disconto- Gesellschaft. Als kluger und vorsichtiger 
Mann schied er nach dem Krach aus, übernahm den Vorsitz 
im Verwaltungsrath, und soll in dieser Stellung mit einer 
doppelten Ration der Tantieme bedacht worden sein. Als Mit- 
gesellschafter will er, wie er öffentlich erklären liess, nicht ^U, 
sondern nur Vs der Gewinn antheile (Hansemanu soll •'*/s in An- 
spruch nehmen) bezogen haben. Das würde in jenen 4 Jahren 
etwa 300,000 Thaler oder jährlich 75,000 Thaler ergeben. Da 
Herr Miquel aber auch zugleich Director der Provinzial-Dis- 
contogesellschaft und ausserdem noch 6- bis Sfacher Aufsichtsrath 
war, so wird sein damaliges Jahreseinkommen auf weit über 
100,000 Thaler zu veranschlagen sein. Unnatürlich wär's, wenn 
er die Geschäfts-Opei'ationen der Disconto-Gesellschaft , in die 
er eingeweiht war, die neuen Actien-Emissionen etc. nicht auch 
für sich persönlich ausgenutzt hätte. Das Messe, an einem 
reich besetzten Tisch sitzen und nicht mitessen! Thatsächlich 
war Herr Miquel vor seinem Eintritt in die Disconto-Gesell- 
schaft ein armer, und er ist jetzt ein reicher Mann. 

Beim ersten Zusehen scheint Miquel in der Disconto-Ge- 
sellschaft überflüssig gewesen zu sein; Kaufmann war er nicht, 
und einen tüchtigen Juristen besass man schon in dem Rechts- 
anwalt a. D. Salomonsohn. Aber er hat sich trotzdem als ein 
sehr thätiges, sehr nützliches Mitglied bewiesen, und die riesigen 
Tantiemen, die er bezog, wohl verdient. Seine Hauptthätigkeit 
fiel ins Parlament, wo er z. B. neben Baron von Eckardstein- 
Proetzel und Wilckens für die von der Disconto-Gesellschaft, 
freilich vergeblich angestrebte Hundert-Millionen-Prämien-An- 
leihe und bald darauf für die Central-Bodencredit-A.G. wirkte, 
namentlich aber so tapfer für das Actiengesetz focht, und 1873 
begeistert dafür eintrat, dass der Invalidenfonds und die andern 
grossen Reichsfonds auch ungarantirte Eisenbahnprioritäten er- 
werben durften, welche dann die Disconto-Gesellschaft so reichlich 
abgab, dass jene reichen Fonds „invalide" wurden. Auch war 
er auf den Generalversammlungen der von der Disconto-Gesell- 



— 535 — 

Schaft gegründeten Institute ein hervorragender Redner, wo 
er die opponireuden Actionäre gern belehrte und tröstete. Der 
ingeniöse Plan der Provinzial-Disconto- Gesellschaft ist wahr- 
scheinlich seinem Haupte entsprungen, und er wusste auch die 
Bedenken des Handelsrichters, wegen Errichtung von Zweig- 
niederlassungen, zu beseitigen. In Sachen der Rumänischen 
Eiseubahngesellschaft richtete Miquel am 16. November 1871 
ein Schreiben, ganz im Requisitionsstil gehalten, an den Stadt- 
gerichts-Präsidenten Krüger, das von diesem Abends präsentirt 
wird. Herr Krüger decretirt sofort und lässt die Verfügungen 
durch einen Expressen bestellen. Der ordentliche Handels- 
richter, Rath Eisner von Gronow, wagt die Sache nicht zu über- 
nehmen, und Herr Krüger ernennt einen Commissarius ad hoc, 
den Rath von Chapelie, indem er zugleich verfügt, dass die 
Eintragung in das Handelsregister spätestens im Laufe des 
morgenden Tages geschehen müsse. (Diese Eile war allerdings 
im Interesse der Sache erwünscht, da die von der Rumänischen 
Regierung gestellte Frist ablief.) Auch Herr Chapelie erhebt 
formelle Bedenken, worauf sofort ein ausserordentliches CoUegium, 
bestehend aus den Herren Krüger, von Chapelie und Eisner 
von Gronow, zusammentritt. Die Bedenken werden theils für 
nicht erheblich, theils für erledigt erachtet. Unterzeichnet: 
Krüger, von Chapelie. „Die Verantwortlichkeit für die Ein- 
tragung im gegenwärtigen Zustande übernimmt Herr Rath von 
Chapelie." — Man sieht also, dass Herr Miquel auch für den 
Verkehr mit den Behörden eine ausserordentlich geeignete Per- 
sönlichkeit war. 

Wie unschuldig, wie unwissend tliat nun dieser geniale 
vielseitige Mann, als ihn am 5. Februar 1876 im Deutschen 
Reichstag wegen seiner Gründerei der Abg. von Ludwig zur 
Rede stellte! Da wusste er, wie der klassische Zeuge Hase, 
von gar nichts; kaum konnte er die Namen der von ihm ge- 
gründeten Gesellschaften nennen. Da wollte er nur auf eine 
Jahreseinuahme von 6000—8000 Thaler gerechnet haben, da 



~ 536 — 

wollte er nur aus politischeu Gründen verfolgt sein, und da 
versiclierte er feierlich: „Ich für mein Theil habe für mich 
selber nie Geschäfte gemacht, weder Gesellschaften 
gegründet noch Anderes. "Wo ich gehandelt habe, habe 
ich gehandelt als Director der Disconto- Gesellschaft, meiner 
Pflicht entsprechend." — Ei, ei, Herr Miquel, das ist eine 
blanke Unwahrheit! In dem notariellen Instrument über die 
Gründung der Provinzial- Disconto -Gesellschaft heisst es aus- 
drücklich: Hansemann und Miquel erscheinen nicht nur für 
ihre eigenePerson, sondern auch als Vertreter der Disconto- 
Gesellschaft. Für letztere zeichneten beide gemeinschaftlich 
9,532,000 Thaler; ausserdem zeichnete Miquel für sich selber 
25,000 Thaler, und da die Actien mit 120—131 an die Börse 
kamen, hat er hier mit Einem Federzuge 5000—7750 Thaler 
verdient. Ebenso zeichnete er bei Begründung der Rumänischen 
Eisenbahngesellschaft wieder für sich selber 100,000 Thaler, 
und höchst wahrscheinlich hat er bei der Central-Bodencredit- 
A.G. , bei der Dortmunder Union und anderen Gesellschaften 
ähnliche Summen für sich allein gezeichnet; was aber acten- 
mässig noch nicht hat festgestellt werden können. In ihrer 
Art klassisch war Miquels Erklärung, dass er seine „ausser- 
ordentlich interessante, lehrreiche und höchst einträgliche 
Stellung" schon 1872 hätte aufgeben wollen, aber erst No- 
vember 1873 wirklich aufgegeben hat, dass ein grosser Theil 
des Gewinns aus dem Jahre 1872 nicht vertheilt, sondern als 
Reserve vorgetragen worden, was Beides seine Uneigenuützigkeit 
beweisen soll! Dieser Reservevortrag, der auch 1873 und später 
geschah, war, wie Jedermann weiss, eine geschäftliche Noth- 
wendigkeit, um die drohenden Verluste zu decken; und ohne 
ihn hätte schon 1873 keine Dividende mehr vertheilt werden 
können. 

Und für diesen Erz- und Generalgründer trat mit wahrer 
Leidenschaft Herr L.asker ein, der noch Anfang 1875 den 
Gründern von Neuem „den Krieg bis aufs Messer" erklärt hatte. 



— 537 — 

Er verdächtigte und bescliimpfte jetzt die Ankläger und etablirte 
die „YerleumduDgsära". Betrachten wir einmal die Thaten und 
die Reden dieses Ehrenmannes im Zusammenhange. 

Lasker's „Enthüllungen", am 7. Februar 1873, waren in 
erster Linie gegen einen von ihm sehr gefürchteten politischen 
Gegner, den Geheimen Rath Wagener gerichtet, der damals 
den Vortrag beim König erhalten sollte, und den er durch 
seine „Enthüllungen" stürzte. Das Material dlazu hatte ihm 
ein früherer Untergebener Wagener's, der Calculator Pelckmann, 
geliefert, der in Folge dieses „groben Vertrauensbruches" ent- 
lassen (vgl. Nationalzeitung No. 274 vom 16. Juni 1874), und 
später wegen „Untreue und Unterschlagung" zu einem Jahr 
Gefängniss verurtheilt wurde. Laskers „Enthüllungen", die nur 
ein paar conservative Gründer behandelten, waren, wie sein 
späteres Verhalten bewiesen hat, eine dreiste Komödie, um die 
Aufmerksamkeit von den „liberalen" Gründern und von seineu 
jüdischen Glaubensgenossen abzulenken. Damals wurde im 
Abgeordnetenhause ein Brief des Ministerpräsidenten verlesen, 

in welchem es u. A. hiess: „ eine hiesige grosse Firma, 

zu welcher Herr Lasker als Rechtsanwalt Beziehungen haben 

soll " Diese Vermuthuug war, wie es sich hinterher 

herausgestellt hat, vollkommen zutreffend, aber Graf Roon fühlte 
sich veranlasst, sie gleich nach Verlesung des Briefes wieder 
zurückzuziehen. Damit hätte Lasker sich begnügen können, 
aber er hat die Gewohnheit der Trödeljuden, sich bei jeder 
Gelegenheit zu verschwören und zu verfluchen, und um an 
seiner Unschuld und Reinheit keinen Zweifel zu lassen, be- 
theuerte er: Seitdem ich Rechtsanwalt bin, habe ich niemals 
ein Rechtsanwaltsgeschäft vollzogen, nie mit irgend einer Firma 
über irgend eine Eisenbahn je in meinem Leben ein Wort ge- 
sprochen. Nun gehört zum Lügen ein ausserordentliches Ge- 
dächtniss; das aber scheint Herrn Lasker zuweilen im Stich 
zu lassen, zumal er an Wallungen leidet, und er verrieth sich 
selber. Am 27. Januar 1877 erschien er als Entlastungszeuge 



— 538 — 

im Prozess Gehlsen wegen Beleidigung des Aufsiclitsraths der 
Rumänisclien Eisenbahngesellscliaft. „Religion — mosaisch, 
nicht wahr?" fragte entgegenkommend der Präsident. „„Mo- 
saisch!"" lispelte verschämt Herr Lasker. Dann aber ermannte 
er sich, und hielt, wie es seine Art ist, dem Gerichtshof fiiigs 
einen grossen Vortrag, „dass er den Gegenstand der Anklage 
nicht kenne, dass er nur objectiv aussagen könne" u. s. w. 
Endlich zur Sache kommend, erklärte er (die ganze Verhand- 
lung ist von vereidigten Stenographen aufgenommen): Im No- 
vember 1872 wurde ich von Herrn Miquel zur Abgabe eines 
Gutachtens aufgefordert über die Ansprüche der Rumänischen 
Eiseubahngesellschaft gegen Strousberg. Ich lehnte zuerst ab, 
liess mich aber später bewegen. Aufgefordert hier Zeugniss 
abzulegen, nahm ich Veranlassung, Herrn Miquel zu fragen, ob 
ich für das von mir übernommene Rechtsanwaltsgeschäft 
nicht Amtsverschwiegenheit schuldig sei. Miquel stellte mir 
jedoch die Aussage frei. — Lasker hat dann später öffentlich 
erklärt, dass er das Gutachten, für welches er ein Honorar 
erhielt, Februar 1873, also gerade zu der Zeit abgegeben, wo 
er im Parlament so feierlich das Gegentheil versicherte. — 
Hiernach war die grosse Firma, zu welcher er als Rechtsanwalt 
Beziehungen hatte, die Disconto-Gesellschaft, der es an Juristen 
keineswegs fehlte. Ausser Miquel sassen im Aufsichtsrath der 
Rumänischen Eisenbahngesellschaft noch die Justizräthe Wiener 
und Riem, und Letzterer betonte dies in der Verhandlung gegen 
Gehlsen, indem er sagte: Laskers Gutachten sei zwar nach 
Gebühr erwogen worden, habe aber nicht den Ausschlag gegeben. 
Wahrscheinlich war dies nur ein Versuch der Disconto-Gesell- 
schaft, Herrn Lasker einzufangen. Erwähnt ist schon, dass er 
sich in Hirth's Parlaments- Almanach als Syndicus der „Deutschen 
Bodencredit-Bank" anführt. Eine solche Bank giebt es nun 
zwar nicht, aber die betreffende Firma wird ähnlich lauten. 

Von seinen „Enthüllungen" rühmt Lasker stets mit grosser 
Emphase, dass er nur Thatsachen enthüllt und für alle die 



— 539 - 

Beweise erbracht habe. Diese Behauptung ist amtlich 
widerlegt in dem Bericht der Specialcommission zur Unter- 
suchung des Eisenbahuconcessionswesens , Anlage D., wo ihm 
urkundlich nachgewiesen wird, dass er den Beweis vielfach 
schuldig geblieben ist, factisch unbegründete Vorwürfe erhoben 
hat, und von dem Actiengesetz nur mangelhafte Kenntniss 
besitzt. Vielleicht mit aus diesen Gründen blieb der Bericht 
der Untersuchungscommission Jahre lang unbenutzt, blieb er 
sogar den meisten Abgeordneten unbekannt, so dass er, als er 
im Frühjahr 1876 endlich zur Berathung gelangte, von Neuem 
gedruckt werden musste. Trotzdem hatte Lasker die edle 
Dreistigkeit in der Sitzung am 29. März 1876 zu sagen: „Der 
Bericht ist ungefähr drittehalb Jahre fertig und in den Händen 
des Publikums." 

Eine ganze Reihe von Winkelzügen, Verdrehungen und 
groben Unwahrheiten hat dem modernen Cato Herr von Diest 
nachgewiesen, dem er mit Mund und Hand versprochen, auch 
gegen die liberalen Gründer vorzugehen. So wollte er einen 
recommandirten Brief Diest's, deu er eigenhändig, in der ein- 
gehendsten Weise und recommaudirt beantwortete, hinterher 
gar nicht gelesen haben. So erklärte er, Herrn von Diest 
schon im November 1875 für immer von sich gewiesen zu haben, 
worauf Jener einen ganz freundschaftlich gehaltenen Brief ver- 
öffentlicht, den Lasker noch unterm 20. Januar 1876 an ihn 
richtete. Eine scharfe Zurechtweisung musste sich Lasker von 
seinem ehemaligen Principal, Elisamter gefallen lassen, in dessen 
Redaction er 1857 gearbeitet hat. Lasker hatte gegen den 
Abgeordneten Dr. Röckerath den Geh. Commerzienrath Robert 
Warschauer als einen Mann hingestellt, „absolut frei von dem 
Streben nach einem unlautern Gewinn" — und nun erinnert 
Elisamter Herrn Lasker daran, dass die Zeitung, bei der dieser 
1857 angestellt war, Herrn Warschauer schon damals als einen 
grossen Gründer und „einen Mann der Agiotage" verarbeitet hat. 

Das Stärkste leistete Lasker ia Sachen seines Freundes, 



— 540 — 

des gekränkten Gründers von Bennigseu. In der Sitzung am 
29. März 1876 versicherte er: Der Zeuge, Abgeordnete Adickes 
wurde viermal amtlich vorgeladen, war aber nicht zu ermitteln. 
Ich habe Alles gethan was zur Autklärung der Sache möglich 
war, — Darauf meldet sich plötzlich Adickes, und richtet unterm 
31. März ein Schreiben an den Präsidenten des Abgeordneten- 
hauses, worin er sagt: Nachdem der Bericht der Untersuchungs- 
commission zu meiner Kenntniss gekommen war, habe ich schon 
im December 1873 dem Abg. Lasker mitgetheilt, dass ich weder 
mündlich noch schriftlich eine Aufforderung erhalten habe, vor 
der Commission zu erscheinen. Auch hat der damalige Ab- 
geordnete Hurtzig dem Herrn Lasker diese Erklärung wieder- 
holt. „Demnach durfte ich die Erwartung hegen, dass der Abg. 
Lasker meine Mittheilung nicht mit Stillschweigen 
übergehen würde." Ich bemerke auch noch ausdrücklich, 
,,dass ich mich innerhalb der gesammten fraglichen 
Zeit entweder in Berlin oder in meinem Wohnort 
Hannover aufgehalten habe". — Adickes bittet diese Er- 
klärung öffentlich zu verlesen, aber Herr von Bennigsen lässt 
es wohl bleiben; er giebt den Brief an Lasker, dieser stellt 
sich mit eherner Stirn vor das Haus und sagt: Ja, meine Herren, 
der Abgeordnete Adickes hat mir jene Mittheilung brieflich ge- 
macht, auch durch einen Collegen mündlich wiederholen lassen. 
Aber ich erinnere Sie, dass ich mich über diesen Punkt gar 
nicht geäussert habe; ebenso wenig wie der Üntersuchungs- 
bericht, mit dem meine Mittheilungen sich in voller Ueber- 
einstimmung befinden. — Und das ganze Haus nimmt diese 
Erklärung stumm und lautlos entgegen, hat für solch uner- 
hörtes Gebahren auch nicht Ein Wort des Unwillens und der 
Entrüstung, Herr Lasker aber fährt fort, den Tugendbold zu 
spielen, trieft beständig von Moral und Sittlichkeit, und bei 
dem Compromiss in Sachen der Justizgesetze ruft er aus: Wenn 
dem Deutscheu Vaterlande hier irgend ein Schaden entsteht, 
so will ich die Verantwortung übernehmen! — Ist dieser Mann 



— 541 — 

nicht schlimmer und gefährlicher als selbst Miqiiol und Con- 
sorten, ist er nicht der politische und parlamentarische Strausberg? 
Was Herrn vouBenuigsen betrifft, so hat dieser „correcte" 
Gründer sich October 187G ein Unschulds-Attest von der König- 
lichen Eisenbahn -Direction zu Hannover — unterzeichnet- 
Schmerfeld — ausstellen lassen. Dieselbe bescheinigt, dass die 
Hannover- Altenbeckener Eisenbahn den Umweg um den öst- 
lichen Abhang des Deister über Gut Bennigsen nur mache, 
weil die directe Linie 1,600,000 Thaler Mehrkosten erfordert 
haben würde, und dass der Bahnhof bei Gut Bennigsen mit 
Eücksicht auf die daselbst sich kreuzenden Strassen und wegen 
der in Aussicht genommenen Abzweigung einer directen Linie 
von Hannover über Döhren und Hiddesdorf erbaut worden sei. 
Wir fragen zunächst: Wer hat die Königliche Eisenbahn-Direction 
Hanaover zur Abgabe dieses Zeugnisses ermächtigt, ist sie dazu 
überhaupt befugt und competent? Aber zugegeben, dass ihre 
Behauptungen durchaus richtig sind, so ändert dies nichts an 
zwei Thatsachen: 1) Das früher sehr vernachlässigte und abge- 
legene Gut des Herrn von Bennigsen hat, indem es in das Eisen- 
bahnnetz hineingezogen und mit einem Bahnhof bedacht wurde, 
einen sehr viel grössern Werth erhalten. 2) Der Verkehr auf 
diesem Bahnhof ist, obgleich täglich hier acht Züge halten, so 
unbedeutend, dass in den Geleisen Gras wächst. Herr von 
Bennigsen hat also doch nicht blos, wie Lasker behauptet, im 
Interesse der Provinz, sondern auch in seinem eigenen gegründet. 
Indess der Vortheil sollte ihm gern gegönnt sein und gar 
nicht bemängelt werden, hätte er sich nicht grosse „Incorrect- 
heiten" zu Schulden kommen lassen. Der Bericht der Special- 
Untersuchungscommission über die Bahnen Hannover -Alten- 
becken und Löhne-Vienenburg (S. 103—112) ist sehr kurz, auf- 
fallend reservirt und schonend gehalten. Trotzdem stellt er 
Folgendes fest: von Bennigsen und Genossen habe beide Con- 
cessioneu nur unter der Bedingung erhalten, dass die „General- 
Entreprise" ausgeschlossen sein sollte, und sie haben dies, sowol 



— 542 — 

dem Haüdelsmiiiister wie im Prospect dem Publikum, aus- 
drücklich versprochen. Dessen ungeachtet hat Strausberg, den 
der Minister eben ausgeschlossen wissen wollte, beide Bahnen 
in General-Entreprise gebaut, und der Bau ist dadurch viel 
theurer geworden. Allein die Erdarbeiten bei Haunover-Alten- 
becken erforderten 1,375,000 Thaler mehr, das Doppelte des 
ursprünglichen Anschlages. Bennigsen und Genossen haben 
also ihr Wort gebrochen, den Minister getäuscht und die 
Actionäre schwer geschädigt. Strausberg und seine Helfers- 
helfer, Jaques und Cohen, befinden sich schon unter den ersten 
Zeichnern, und Strausberg hat für Bennigsen und Genossen 
auch die Caution mit 250,000 Thaler bestellt. 

Wie Strausberg in seinem Buche jetzt selber erzählt, zahlte 
er dafür, dass er den Bau in Generalentreprise erhielt, an 
Cohen eine Abfindung. Dieselbe soll 34,000 Pfund Sterling be- 
tragen haben, und Cohen soll davon 14,000 Pfund an die Gründer 
(„Comitö-Mitglieder") gezahlt haben. Vor der Untersuchungs- 
commissiou verweigerte Cohen hierüber Auskunft zu geben, 
und der Abgeordnete Adickes, der Fractionsgenosse der Herreu 
von Bennigsen und Lasker, war, obwol er zu derselben Zeit 
im Parlament sass, »durchaus nicht aufzufinden, wahrscheinlich, 
weil man ihn nicht finden wollte. Wehe gewissen Leuten, 
wenn Adickes einst sprechen sollte! 

Adickes und von Bennigsen waren die eigentlichen Macher 
der Hannover-Altenbeckener Eisenbahn-Gesellschaft. Adickes 
präsidirte den Generalversammlungen, und von Bennigsen hielt 
hier die Vorträge, worin er die sehr mannigfachen neuen Pro- 
jecte entwickelte und befürwortete. Bennigsen und Genossen, 
wiewol sie nur ,,im Interesse der Provinz" gründeten, waren 
weit ärgere Concessions- Jäger als die von Lasker so scharf 
gegeisseltcn Fürst Putbus und Prinz Biron. Obgleich sie für 
Hannover-Altenbecken wiederholt eine Verlängerung der Bau- 
zeit nachsuchten, obgleich die Vollendung der Bahn sich fort- 
während verzögerte, und der Handelsminister unterm 28. März 



— 543 — 

1872 die bestellte Caution bereits für verfallen erklärte (S. lOG 
des Berichts) — bewarben sich Bennigsen und Genossen um 
immer neue Strecken und Zweigbahnen, wie Rinteln -Ober- 
kirchen, Dortmund-Hamcln, Löline-Dortmund und Wahrendorf- 
Münster, Seesen -Derneburg, Bennigsen -Lehrte etc. (So. 423, 
497, 535, 565, 592, 594 des Beilagebandes B.), und der Handels- 
minister ertheilte u. A. folgende Antwort (No. 565): „Abgelehnt 
mit Rücksicht auf die ungeordneten P'inanzvcrhält- 
uisse des Stamm-Unternehmens". 

Hannover -Altenbecken hat zusammen für ISVi Millionen 
Thaler Actien ausgegeben. Von ihnen stehen die Stammactien 
ca. 13, und die Prioritäts- Actien ca. 33; Ende 1875 standen 
sie sogar 8 resp. 20. Der Coursverlust, welchen das Publikum 
erlitten, ist auf 13 Millionen Thaler zu veranschlagen. Indem 
aber Bennigsen und Genossen die Verwaltung und den Betrieb 
der Bahn „ohne irgend welche Beschränkung und ohne sich 
ein Kündigungsrecht vorzubehalten" einer Concurrenzbahn, 
der Magdeburg-Halberstädter überwiesen, haben sie ihrer Grün- 
dung die Krone aufgesetzt, und die Actionäre werden nie einen 
Heller zu sehen bekommen. Ausserdem sind 15 Millionen Thaler 
Obligationen fabricirt, die etwa noch 90 notiren, welcher Cours 
aber ziemlich künstlich ist. Die I. Emission mit 2^/4 Millionen 
Thaler ruht auf der noch immer nicht in Angriff genommenen 
Strecke Hildesheim-Braunschweigische Landesgrenze, also auf 
einer blossen Luft bahn. Von diesen famosen, einstweilen fast 
unverkäuflichen Obligationen sind dem Invalidenfonds über 
3 Millionen Thaler, dem Festungsbaufonds über" VI-2 Millionen 
Thaler und dem Provinzial-Dotations- Fonds über 1 Million 
Thaler, zusammen gegen 6 Millionen Thaler angeschmiert worden! 

Zu den Parlamentariern; mit welchen sich die 
Gründer verstärkten, traten, als Mitgründer und Aiif- 
sichtsräthe, noch Adel, Beamte und Militairs, bis zu 



— 544 — 

den höchsten Spitzen und zum Theil aus der nächsten 
Umgebung der Monarchen, Richter und allerhand 
Notabilitäten aus Kunst und Wissenschaft. Nur hin 
und wieder wurde ein Beamter von seiner vorge- 
setzten Behörde corrigirt. So wies der Präsident 
des Berliner Stadtgerichts einen seiner Räthe, der 
den Prospect der Berliner Bauvereinsbank mitunter- 
zeichnet hatte, an, seinen Namen zurückzuziehen. 
So nöthigte General von Stosch etliche Räthe des 
Kriegsministeriums wie der Admiralität, die sich au 
Gründungen betheiligt, ihren Abschied zu nehmen. 
Nicht wenige Beamte fungirten als Aufsichtsräthe 
von Gesellschaften, deren Zweck mit ihrem Amte 
geradezu collidirte. Viele Beamte nahmen erst ihren 
Rückzug, als das endlich beschlossene Gesetz sie 
dazu nöthigte; die meisten blieben bis zum letzten 
Augenblicke, und verschiedene schwankten noch, ob 
sie nicht lieber auf ihr Amt verzichten sollten, denn 
der Gehalt stand in keinem Verhältniss zu den Tan- 
tiemen, welche sie bisher als Aufsichtsräthe bezogen 
hatten. Der Procentsatz von Beamten, welche sich 
in der Schwindelperiode als Mitgründer und Auf- 
sichtsräthe betheiligt haben, ist kein unbedeutender. 
Dennoch wäre es übertrieben, deswegen auf unsern 
ßeamtenstand als solchen einen Makel werfen zu 



- 545 — 

wollen, uiid derselbe bedurfte \Yahrlich nicht der 

Vertlieidigung eines Lasker und Strausberg! 

Die Tantiömen wuchsen in der Schwindelperiode auf Kosten 
der Actionäre so riesig, dass gewisse Aufsichtsrüthe daraus eine 
Einnahme bezogen, gegen welche der Gehalt des Reichskanzlers 
eine blosse Bagatelle ist. So z. B. der Freiherr von Eckard- 
stein- Proetzel, der bei einem Dutzend Gesellschaften fungirte, 
und von dem man wol sagen darf, dass er seine semitische Ab- 
stammung nicht verleugnet. Verschiedene „Volkswirthe" und 
Parlamentarier waren so naiv, Gründergewinnste und Tantiömen 
als ein Aequivalent für ihre öffentliche Thätigkeit zu betrach- 
ten. Herr von Kardorif, der sich April 1875 in der „Garten- 
laube" angegriffen sah, schrieb zu seiner Piechtfertigung: Es 
dürfte ziemlich bekannt sein, „dass ich mich an industriellen 
Unternehmungen nicht betheiligt habe, um Schätze zu sam- 
meln, sondern lediglich um mir zu ermöglichen ohne Vermö- 
gensverluste meine parlamentarische Thätigkeit wahrzunehmen". 
Herr von Kardorff lebte mit Familie alljährlich etwa neun Mo- 
nate in Berlin, und führte hier einen grossen Haushalt mit 
Dienerschaft, Equipage etc., was ihm also keine „Vermögens- 
verluste" kostete. In der That, ein sehr praktischer Volks- 
vertreter! Herr Albert Träger, auch mehrfach bei Actiengesell- 
schaften beschäftigt und Mitbewerber um verschiedene Eisen- 
bahn-Concessionen (Vgl. 25!) und 446, Beilage B des Berichts 
der Special- Untersuchungscommission), übermittelte jenen Brief 
an den Verleger der „Garterilaube" und schrieb dazu: ,,Ich 
bin für meinen Theil überzeugt, dass er (von Kardortf) in seiner 
besondern Sache Recht hat. Er hat aber auch im Allgemeinen 
Recht; auf den Grüudertaumel ist eine Gründerhatz gefolgt, 
die gleichfalls das Publikum benachthciligt." Sogar Eugen 
Richter sprach am 3. December 1873 im Abgeordnetonhause 
von Staatsministern a. D., welche auf Grimderprospecten als 
„Schlepper im Bauernfang" figuriren. Später verwirrten sich 

Glagau, Der Börsenschwindel. 35 



546 



ihm jedoch die Begriffe, er hiess Frühjahr 1876 die Ankläger 
der parlamentarischen Gründer „Bauernfänger"; und als er 
nunmehr mit Herausforderungen beehrt wurde, schob er seine 
Haushälterin vor, die den Cartelträgern die Thüre vor der 
Nase zuwarf. 

Der Aufsichtsrath ist nichts weiter als eine Decoration, 
und die Stellen der Aufsichtsräthe waren blosse Sinecuren. 
Die Aufsichtsräthe bekümmerten sich um nichts, wenigstens 
so lange nicht, als sie fette Tantiemen erhielten. Der Abge- 
ordnete Karbe auf Adamsdorf, seit 14 Jahren Verwaltungsrath 
der Preussischen Hypotheken- Versicherungs-A.G. Hühner, er- 
klärte die Behauptung: diese Gesellschaft, resp. deren Chef, 
Dr. Otto Hübner, sind bei verschiedenen Gründungen betheiligt 
— öffentlich für „Unwahrheit und Verleumdung" (in Corpus- 
schrift), und Hess sich dies von seinen sämratlichen Collegen 
attestiren. Nun führt das sehr bekannte und sehr verbreitete 
Börsenhandbuch „Saling's Börsenpapiere", IV. Theil, 4. Auf- 
lage, Seite 150 ff., und ebenso das Schriftchen ,,Die Berliner 
Emissionshäuser" (Berlin 1873) S. 126 die Preussische Hypo- 
theken- Versicherungs-A.G. Hübner ausdrücklich als Gründerin 
und Emissionshaus des sehr faulen Deutsch-Holländischen Actien- 
Bauvereins an. Ausserdem sind die Prospecte verschiedener 
Gesellschaften, wie der Berliner Bockbrauerei, des Bauverein 
Friedrichshain, der Allgemeinen Depositenbank, der Deutsch- 
Russischen Handelsbank etc. durch alle Zeitungen gelaufen, 
und darunter standen u. A. die Namen des Dr. Otto Hübner 
und des Justizrath Gustav Wolff, beides Directoren der Preuss. 
Hypotheken -Versicherungs- AG., sowie des Herrn Wilhelm 
Wolff und des Geh. Oberfinanzraths Adolf Geim, Verwaltungs- 
räthe der Gesellschaft und Special- Collegen des Herrn Karbe. 
Endlich sind gegen einzelne Directoren der Preuss. Hypotheken- 
Versicherungs-A.G. und gegen einzelne Verwaltungsräthe dersel- 
ben, sowie gegen die Geschäfte der Bank überhaupt, öffentlich 
bedenkliche Beschuldigungen erhoben worden, und es sollen auch 



— 547 — 

bereits Anträge bei der Staatsanwaltschaft gestellt sein. Von 
alledem weiss Herr Karbe nichts; er producirt einfach ein 
Attest, das die völlige Unschuld der Gesellschaft bescheinigt, 
und das von den Herren Wilhelm Wolff und Adolf 
Geim mitunterzeichnet ist! Oder weiss Herr Karbe am 
Ende doch etwas? Vielleicht! Er schliesst nämlich seine mo- 
ralische Entrüstung über „Unwahrheit und Verleumdung" mit 
den Worten: „Kein verständiger Mann kann mich verantwort- 
lich machen für etwas, das sich meiner Beobachtung gänzlich 
entzieht, also für Handlungen einzelner Personen, die 
sich möglicherweise privatim an Gründungen bethei- 
ligt haben." — Ei, wie fein, Herr Karbe! 

Die ^Yenigen Blätter und die wenigen Schrift- 
steller, welche es wagten, gegen die parlamentari- 
schen Gründer aufzutreten, wurden im Parlament in 
der unerhörtesten Weise beschimpft. Bamberger, 
Lasker und Eugen Richter schimpften, geschützt 
durch das Privileg der Tribüne, wie Fischweiber. 
Bamberger, der Nickelmünzmeister, nannte seine Geg- 
ner „Kerls", „Canaille^-, „Bevolverpressleute". Lasker 
schrie: „Wie man Bravi in Italien dingen kann, so 
kann man bei uns schriftstellerische Verleumder 
dingen." Eugen Richter sprach von „Buchmachern", 
„literarischen Beutelsclmeidern", „Bauernfängern". So 
schimpften diese Leute, die selber Journalisten sind, 
und die nur mit Hülfe der Presse in's Parlament ge- 
langten. So schimpfte Eugen Richter, der sich von 
acht- bis zwölfach durchgeschriebenen Correspondenzen 



— 548 — 

ernährt, also die untergeordnetste Art von Schrift- 
stellerei betreibt, und dem die „Staatsbürgerzeitung" 
vorwarf, dass er mit seiner Feder nach- und neben- 
einander Blätter der verschiedensten Richtung be- 
diene. Wann haben die Conservativen und die Kleri- 
kalen, obgleich sie von der gesammten „liberalen" 
Presse tagtäglich gelästert, in allen jüdischen Witz- 
blättern verhöhnt werden, je zu solchen Repressalien 
gegriffen? Und heisst dieses wüste feige Schimpfen 
nicht die Tribüne entweihen und beschmutzen ? Jene 
Leute hatten nicht den Muth das, was sie aussprachen 
(oder was sie in anonymen Correspondenzen in die 
Welt schrieben), auch wie Männer von Ehre zu ver- 
treten. Bamberger wie Richter lehnten Beide die 
Herausforderung, welche ihnen zuging, ab; Bamberger 
wie Richter wurden darauf von ihren Gegnern für 
satisfactionsunfähig erklärt, jener vor besetztem Ge- 
richt, dieser in öffentlichen Ansprachen. Müssen solche 
Vorgänge nicht zum Faustrecht führen? Was bleibt 
dem Beleidigten, wenn er weder vor Gericht noch 
mit den Vt^'affen in der Hand Genugthuung finden 
kann, anders übrig als zum Stock zu greifen! 

Eugen RicMer schimpfte seinen politischen Gegner, den 
Redacteur der „Deutschen Landeszeitung", „Bauernfänger", und 
Herr von Bennigsen, der Präsident des Abgeordnetenhauses, 
erklärte, diesen Ausdruck nicht rügen zu können, da er gegen 



— 549 - 

kein Mitglied der Versammlung gerichtet sei. Nach dieser 
Auffassung ist also die Tribüne des Parlaments eine Freistätte, 
wo der Abgeordnete einen Draussenstebenden ungenirt vor dem 
ganzen Lande beschimpfen kann. Wir fragen aber Herrn von 
Bennigsen: Verträgt sich solches Schimpfen denn überhaupt 
mit dem parlamentarischen Anstand und der parlamentarischen 
Würde, und ist der Präsident des Hauses nicht verpflichtet, 
darüber zu wachen, dass diese gewahrt werden? Herr Richter 
freilich kümmert sich um solche Kleinigkeiten nicht. Er lief als 
Stadtverordneter im Sitzungssaale mit geballten Fäusten umher 
und machte Miene, sich auf seinen Opponenten, den Procuristen 
des Hauses Bleichröder zu stürzen. Er Hess es sich ruhig ge- 
fallen, dass selbst die Kölnische Zeitung ihn einer „dreisten ten- 
denziösen Lüge" zieh, und machte keinen Versuch, sich zu reinigen. 
Eugen Richter hiess den Redacteur der „Deutschen Lan- 
deszeitung" einen „Bauernfänger'', weil dieser einst ein Circu- 
lar an Berliner Kaufleute erlassen, worin er sich erboten, ihr 
Geschäft gegen eine kleine, dem Betreffenden selber überlassene 
Vergütung im Feuilleton zu besprechen. Gewiss war dies nicht 
in der Ordnung, aber doch mehr Naivetät als Vergehen. Herr 
Kieudorf that nur, was sehr viele Zeitungen ersten Ranges 
thun, die regelmässig lange „Weihnachtswanderungen" bringen 
und dafür Tausende von Thalern einsäckeln. Selbst die „Welt- 
blätter" setzen frei und frank an den Kopf: „Reclaraen pro 
Zeile 1 Mark" (oder gar 3). Der hochmoralische Verein „Ber- 
liner Presse", der so viele Börsenredacteure und Gründerge- 
h Ulfen umschliesst, nöthigte Herrn Niendorf zum Austritt, und 
legte jenes Circular als kostbares Document in sein Archiv. 
Hier sah es Herr Richter und benutzte es, um seineu politi- 
schen Gegner zu „brandmarken". Weniger Glück hatte er, als 
Sprachrohr der Baurath Hobrecht'schen Gesellschaft für Ge- 
sundheitspflege, mit dem ganz unmotivirten Ausfall gegen den 
Director des Reichsgesundheitsamts, wo ihm selbst ein Frac- 
tiousgenosse ein unverblümtes Dementi ertheilte. 



— 550 — 

Miquel und Bamberger reisten im Lande umher und hiel- 
ten Versammhingen von Juden und Gründern ab, um sich von 
der „Verleumdung" zu reinigen; Miquel in Leipzig, Bamberger 
in Dresden. Bamberger predigte gegen das „literarische Grün- 
derthum", das gar glänzende Geschäfte mache, gegen die „De- 
latoren", die ein Schaudfleck der Zeit seien. („Donnernder, 
lang anhaltender Beifall!" wie die „Nationalzeitung" berichtete. 
Hätte Bamberger, was er einst auf Secunda gelernt, als Baa- 
quier nicht wieder völlig ausgeschwitzt, so müsste er wissen, 
dass die Delatoren im alten Eom nicht Ankläger waren, die 
öffentlich und unter voller Verantwortlichkeit auftraten, son- 
dern vorwiegend heimliche gewerbsmässige Deuuncianten, die 
durch Prämien angelockt wurden, welche das Gesetz auswarf, 
und die bei Vermögeusconfiscationeu und Geldbussen ihren An- 
theil erhielten. Heute denunciren umgekehrt die Gründer, und 
rufen gegen den „Verleumder", auch wenn er Actenmässiges 
behauptet, den Injurienrichter und den Staatsanwalt au. 

Zu den beredtesten Vertheidigern der parlamentarischen 
Gründer und Derjenigen, welche dem Invalidenfonds die unga- 
rantirten Eisenbahnprioritäten zuführten, gehört neben Eugen 
Richter der nationalliberale Abgeordnete von Benda, ein Schwa- 
ger des Generalgründers Adalbert Delbrück; aber er bewegt 
sich stets innerhalb der parlamentarischen Grenzen, üebrigens 
zählen die Gründer unter allen Parteien Freunde, die ihnen in 
in der Noth beispringen und sie zu entschuldigen suchen. Da 
ist der conservative Herr von Koller, der am 29. März 1876, 
als erster Redner über den Bericht der Speciahmtersuchungs- 
commission, die Sache von vornherein abzuschwächen wusste, 
und ein lautes Loblied auf Lasker anstimmte. Da ist Herr 
Windthorst, nicht der geniale Ohm, sondern der sehr bescheiden 
veranlagte, fortschrittliche Neife, der nicht zu den „Hetzereien 
gegen die Gründer" beitragen will, welche „leider in der Presse 
in starkem Masse statthaben, und zwar von einer Seite, die 
durchaus selbst nicht frei von Schuld gewesen ist". (Herr, 



— 551 — 

dunkel ist der Rede Sinn!) Auch Windthorst-Moppen, wiewol 
er verschiedentlich „concret" zu werden drohte, uud obgleich 
er den Nationalliberalen zurief: „Siud die Herren mit dem 
Capital so verwandt?" — trat doch für den angegriffenen Mi- 
quel eiu und gegen seinen eigenen Fractionsgenosscu von Lud- 
wig auf. Herr Windthorst-Meppen ist eiu ausserordentlich be- 
gabter Mann, weit begabter als Lasker und Miquel zusammen- 
genommen, aber er ist für die klerikale Partei vielleicht doch 
zu klug! Miquel war eiu sehr gemässigter „Kultur-Kämpfer", 
deshalb hat ihn die ultramontane Presse nach Kräften ge- 
schont, und auch die conservative erwies ihm viel Rücksicht. 
Auch unter den katholischen Blättern haben die Gründer An- 
hänger-, beispielsweise ist die „Kölnische Volkszeitung" eine 
warme Freundin des A. Schaaffhausen'schen Bankvereins und 
des mindestens 25 fachen Aufsichtsraths , Herrn Gustav Me- 
vissen, der von der YerAviiklichung des Reichseisenbahu-Pro- 
jects eine neue, noch viel tollere Schwindelära prophezeite, 
„eine unaufhaltsam fortschreitende Verarmung der [Mittelklassen", 
das Grossziehen eines „ungemein zahlreichen Proletariats zur 
grössten Gefahr für Staat und Sitte". Sogar die Socialdemo- 
kraten ßebel und Liebknecht machten gegen die „Grüuder- 
hatz" Front, indem sie sich mit grossem Eifer ihres verleum- 
deten Freundes Sonnemann annahmen. Ohne Frage ist Bebel 
ein ehrenhafter Mann, aber er hat doch wol nicht klug gc- 
than, dass er, wie er öffentlich erklärte, von Sonnemann Geld 
entlieh. Noch 1873 herrschte bittre Feindschaft zwischen den 
Lassalleanern und Lob Sonnemann, weil dieser jene als An- 
stifter des Frankfurter Bierkrawalls dcnuncii te, aber heute ist 
Alles ausgeglichen, denn die Führer der Socialdemokraten und 
die Redacteure ihrer Presse sind zum grossen Theil auch bereits 
Juden. Nur der „Brauschweiger Volksfreund" gab bei den Neu- 
wahlen zum Parlament kurz und gut die Parole aus: „Hinaus 
mit den Spitzbuben ! " 

Nichts ist widerlicher, nichts kennzeichnet schlagender 



— 552 — 

die tiefe Corruption unseres öffentlichen Lebens, als flass die 
Gründer heute als Warner und Strafprediger auftreten. Neben 
Oechelhäuser und Mevissen straften uad predigten auch noch 
von Unruh und Dr. Engel. Herr von Unruh schrieb eine Bro- 
chüre „Die wirthschaftliche Reaction", die in dem Ausspruch 
gipfelt: „Das Publikum hat für seine Theilnahme am Schwin- 
del und Börsenspiel Schläge verdient und richtig empfangen. 
Die jetzige Calamität ist die Quittung darüber." (! !) Herr 
Engel behandelte in verschiedenen Aufsätzen, wieviel das 
Deutsche Volk in der Schwindelära an Vermögen und Sittlich- 
keit eingebüsst, und schätzte seine Verluste etwa halb so hoch 
als sie in Wirklichkeit sind. Auf dem statistischen Congress 
in Pesth behauptete er: die Presse ist durch die Gründer be- 
einflusst — was er selber freilich am besten wissen muss; aber 
diese bewunderungswürdige Unverfrorenheit trug ihm doch eine 
anzügliche Replik, Seitens des „ Volkswirths " Herrn Max 
Wirth ein. 

Wenngleich im Parlament die liberale Partei die 
weitaus grösste Anzahl von Gründern und Gründer- 
genossen besitzt; so gibt es doch auch unter ihr 
Männer genug, die sich dieser Collegen von Herzen 
schämen und sie zum Henker wünschen. Als es aber 
zu den Neuwahlen ging, hatte man nicht den Muth, 
die räudigen Schafe auszuscheiden, obwol einige Par- 
teiblätter dazu dringend mahnten. Und es war in 
der That auch nicht leicht, weil an dem Schwindel 
gerade die Koryphäen der Liberalen betheiligt sind. 
Von den räudigen Schafen aber wollte keins frei- 
willig zurücktreten; gerade die räudigsten bewarben 



— 553 - 

sich am eifrigsten wieder um ein Alandat, das sie in den 
Augen des Volks reinigen und gegen die „Verleumdung" 
rechtfertigen sollte. So geschah es, dass alle Par- 
teien wieder ihre Gründer aufstellten, darunter Leute, 
gegen die der Staatsanwalt vorgegangen. Als Can- 
didat der Nationalliberalen trat sogar der Gründer 
auf, der auf öffentlicher Strasse, am Eingang zum 
Abgeordnetenhaus geohrfeigt w^orden ist, und er 
wurde auch wirklich wieder gewählt. An verschie- 
denen Orten wurden grosse Massen zusammenge- 
trommelt. Tausende von Leuten gegen Bier und 
Schnaps angeworben, und mit den „verleumdeten" 
Gründern eine feierliche Wäsche veranstaltet. 

Hin und wieder agitirten gegen die liberalen Gründer selbst 
liberale Wähler, aber es half ihnen nichts, sie kamen in der 
Regel gar nicht zum Wort. Herr von Bennigscn, der seine 
Candidatenrede in Lehe hielt, hatte vorweg jede Debatte aus- 
geschlossen. Als dennoch, sobald er geendigt, Jemand ihn 
wegen Hannover-Altenbecken zu interpellireu versuchte, wurde 
der Verwegene von dem Vorsitzenden niedergeklingelt, und 
die Tagesordnung war erledigt. Hammacher, der Hold zweier 
Gründungsperiodeu, der wie die „Neue Börsenzeitung" (No. 88 
vom 15. April 1872) schrieb, schon 1856 mit Friedrich Grillo 
und Assessor Thies in Essen „das industrielle Griindungsgeschäft 
in Wcstphalen nach allen Regeln der Kunst betrieben" — Hess 
durch seinen Freund, Dr. Feodor Goecke in Duisburg, Auf- 
sichtsrath der Westpliülischen Union, erklären, dass er sich 
von den in der „Gartenlaube" gegen ihn erhobenen „Verleum- 
dungen" „völlig rein waschen" werde; und erschien nach län- 



554 



gerem Zögern dann auch wirklicli in einer Wahlversammlung, 
welcher sein Freund, Justizrath Gützloe in Essen, Vorsitzender 
der Bergbaugesellschaft Hellweg in Unna, präsidirte. Ham- 
macher, eben vom schweren Krankenlager erstanden, hielt 
eine über zwei Stunden lange Rede, in welcher er ausführte, 
dass er nur 1871 gegründet, wo von Schwindel noch nicht 
die Rede gewesen (!) und dass er bei seinen Gründungen 
nichts verdient, sondern noch viel Geld zugesetzt habe (! !). Ham- 
macher sprach so ergreifend und überzeugend, dass die über 
2000 Köpfe zählende Versammlung in .Weinen und Schluchzen 
ausbrach. Nachdem er endlich geschlossen, sprach der Vor- 
sitzende, Justizrath Gützloe, die denkwürdigen Worte: „Ich 
möchte Sie bitten, Niemanden, der Lust hat, hier aufzutreten, 
das Wort zu entziehen, vorausgesetzt, dass er nationale Ge- 
sinnungen und Liebe zu Kaiser und Reich hat, denn 
nur die Männer der nationalen Partei sind eingeladen; und Die- 
jenigen, welche etwa uneingeladen hier eingedrungen sind, werden 
•wissen, was sie zu thun haben." Das war deutlich. Natürlich 
nahm gegen Hammacher Niemand das Wort, und wir würden 
es auch keinem gerathen haben! Die Blätter der verschieden- 
sten Richtung aber, wie Nationale, Vossische, Kreuzzeitung, mel- 
deten die vollständige Rechtfertigung Hammacher's gegen „ver- 
leumderische Angriffe". Die „Rhein- und Ruhrzeitung" in 
Duisburg, welche von einem gewissen Wilhelm Schroers 
redigirt wird, einem furchtbaren „Kulturkämpfer", der von 
Schwulst, Bombast und Reminiscenzen lebt, hatte schon vorher 
einen Leitartikel gebracht „Das moderne Delatorenthum", der 
mit dem stolzen Worte Hutten's beginnt: „Ich hab's gewagt!" 
und mit der Formel des römischen Redners schliesst „Dixi et 
animam meam salvavi!" 

Aehnlich wie dieser Schroers, verfuhr fast die gesammte 
Presse. Zwar schrieb die „Magdeburger Zeitung": „Bei seinem 
weitern Vorgehen (gegen die Gründer) muss Lasker auf ein 
Pentagramm gestossen sein, welches ihm Pein macht"; zwar 



- 555 - 

verlangte sogar die Berliner „Volkszeitung" eine Ausscheidung 
der parlamentarischen Griuuler: aher die „Neue Stettiner Zei- 
tung" erklärte sich sehr unwilüg gegen solch „kleinliches Ge- 
zänk", das nur den Gegnern zu Gute komme. Genau wie jener 
Schroers, verfuhren auch die jüdischen Witzblätter „Kladdera- 
datsch", „Wespen" und „Ulk", welche die „Verleumder" in 
Wort und Bild bescliimpftcn. Von jeher haben diese Blätter 
für Juden und Gründer die schnödeste Rcclame gemacht — 
„Kladderadatsch" überreichte dem Strausberg einst die Bürger- 
krone — alles Christliche und Ideale in den Staub gezogen 
und besudelt, die Sittlichkeit des Deutschen Volkes zu unter- 
graben gesucht, die öffentliche Meinung irre zu führen und zu 
fälschen gewusst. Triumphirend rief die jüdische „National- 
zeitung" nach den Wahlen aus: „Wo sind Diejenigen, welche 
sich als Vorkämpfer jener Kothschlachten bewegten? Wem 
von ihnen hat die öffentliche Meinung ein Mandat übertragen, 
wem von den Angegriffenen ist ein Haar auf dem Haupte ge- 
krümmt worden?" 

Die „Nationalzeitung" hat Recht. Die alten Grün- 
der und Gründergenossen sind wieder gewählt, und 
es sind noch verschiedene neu hinzugekommen. Noch 
befinden sich die grossen Massen in den Händen 
einer feilen corrumpirteu Presse, die sie bevormun- 
den und gängeln. Aber die fortschreitende Krisis, 
die sich immer schärfer gestaltet, wird das Volk 
sclion aufklären und emancipiren. Es wird allmälig 
begreifen, dass den grossen Schwindel und den gegen- 
wärtigen schweren Nothstand die wirthschaftliche 
Gesetzgebung der letzten zehn Jahre verschuldet, dass 



— 556 — 

zu Volksvertretern und Gesetzgebern nicht Doctrinärs 
und Börsenverwandte, nicht Gründer und Verwaltungs- 
räthe taugen, sondern dass dazu erforderlich sind 
Männer, welche die Bedürfnisse des Volks aus eigener 
Erfahrung kennen und welche für das Volk ein Herz 
haben, Männer in unabhängiger Stellung und vor 
Allem, Männer mit reinen Händen. 



Register. 

(Die Ziffern bezeichnen die Seiten.) 



A. 

Aachener Disconto-Ges. 528. 
Aachener Tuchfabrik 314. 
Abegg, ^Yilh.. Dr. 415. 
Abel, Anw. in Hanuov. 230. 421. 
Abel, Ad. iS. Abel jr.) 32. 126. 

ISO. 192. 199. 373. 413. 
Abel, Ed. 29. 175. 372. 379. 
Abel, Rud. in Stett. GS. 126. 405. 
Abeudroth,C. in Rostock 70. 191. 
Abraham & Meyer 394. 
Achenbach, Minister 85. 137. 

163. 169. 
A.-G. für ßuchdr. u. Verlag 461. 
A.-G. für Holzarbeit 377. 
A.-G. f. Telegraphenbedarf 380. 
Aders, Aug. 179. 
Aders, Ewald in Elberf. 75. 
Aders, Fabrikbes. i. Mgdeb. 81. 
Adler, Maximilian 311. 
Adickes, Rittergutsb. 414. 540ff. 
Admiralsgarten-Bad 276. 
Adolph, Stadtr. i. Frkf. aO. 195. 
Affülter in Chemnitz 108. 
Ahlemann, Justizr. 2S. 32. 123. 
Ahreus, L. M. 425. 
Alberti, H. in Radeberg 101. 
Albertinenhütte 196. 197. 
Alberts, Hofr. 38. 195.812.381. 



I Albrecht, Prof. 425. 

Alexander, Gebr. in Bresl. 86. 
I 316. 337. 377. 

Alexander, Elias 354. 

Alexauder, Heinr. i. Hamb. 333. 
, Alexander, Jul. 70. SG. 140. 314. 
[ 336. 373. 415. 

Alizarinfabrik in Elberf. 231. 
j Alizarinfabrik in Potsdam 224. 
' Allg. Depositenbank 226. 312. 

V. Alpen, Ulrich in Aachen 315. 
I V.Alten, Vict., Präs. i.Linden 230. 

Altenburger Zuckerfabrik 194. 

Altmärkische Industrieges. 418. 

Andersch.Commerzr. in Königs- 
berg in Pr. 399. 

Andre, Rittmstr. 402. 

Angerstein, Senator i. Ilann. 72. 

Anglo-Deutsche Bank 182. 
' Anhalt-Dess. Laudesbank 169. 
I Anhalt & Wagener 30. 100. 107. 
108. 

Anhalt. Maschinenbauges. 97. 

Anilin-Fabrikation, A. G. 224. 

Antonienhütte 371. 

Appretur Ullrich 351. 
' Aren, E. in Stettin 373. 
, Arlt, Carl in Stettin 405. 
1 Arndt, C. A. 377. 
i Arndt, Jul. 37. 



— 558 



Arndts, Max in Cöln 95. 
Aronheim, Dr in Braunschweig 

92. 93. 95. 
Arthursberg, Maschinenbau 126. 
Asbeck, Commerzienr. i. Hagen 

420. 
Ascauia, chemische Fabr. 227. 
Asch, Jacob 39. 
Asher, A. & Co. 412. 
Augustin, Apoth. 181. 222. 227. 
Aumann, Aron 42. 

B. 

Bach, Commerzienr. in Nordh.90. 
Bad Liebensteia 402. 
Ball, Jacob 33. 41. 277. 279. 
Baltische Waggonfabrik G9. 
Baltischer Lloyd 405. 
Bamberger, Louis M. 41. 
Bamberger, Ludw., Dr. 17. 283. 

288. 304 307. 308. 346. 525. 
Bamberger, Moritz 367. 
Basch & Rosenthal in Lands- 

berg a/W. 375. 
Baschwitz, Herrn. 175. 
Bassenge & Co. in Dresd. 100. 

103. 184. 198. 389. 
Bath, Gustav 126. 312. 
Bauendahl, Walter 195. 531. 
Bauer, Max, Dr. 415. 424. 
Baumann, Rob. 33. 90. 100. 101. 

129. 194. 277. 278. 372. 379.412. 
Bautzener Tuchfabrik 314. 
Bazar-Actien-Gesellschaft 410. 
Beck in Döbeln 204. 
Becker, H. inMülh. a/Ruhr 405. 
Becker & Co. in Leipz. 103. 183. 

184. 
Becker, Notar inBockenh. 111. 
Becker, Th in Braunschw. 93. 
Becker, Baumstr. 319. 393. 
Becker, Mor. i. Königsb. Pr. 393. 
Beer in Liegnitz 333. 334. 
Beer, Georg 60. 194. 197. 333. 

369. 424. 432. 



Beer & Herzberg 70. 174. 195. 

312. 316. 
Beermann, Fritz 384. 
Behrend in Cöslin 180. 
Behrend, G. in Chemnitz 106. 

109. 110. 129 ff. 
Behrisch in Meissen 103. 104. 
Bein & Co. 70. 171. 174. 192. 

316. 336. 417. 
Bellingrath, Ewald in Dresden 

102. 183. 
Benecke, Heinr , Literat 87. 
Beundorf, A. in Braunschw. 93. 
Benndorf, Louis 106 ff. 
Benndorf, Wilh. in Chemn. 109. 
Bennert, E. in Cöln 182. 231. 
Benfey, Anw. in Hann. 182. 
V. Benuigsen, Landesdir. 5. 541. 
Bensemann, Berth. 392. 400. 
Bensemann, Rud. 275 ff. 
Bercht, E. 224. 393. 
Berend, C. in Hannov. 72. 
Berger, J. J. in Danzig 232. 
Berger, L. i. Witten 77. 83. 132. 
Bergmann, Heinr. 369. 370. 403. 
Bergmann, Jos. Wilh. 369. 
Bergmann i. Tucheband 192. 194. 
Bergmann, C. E. in Chemn. 107. 
Bergmann, C. W. in Reudn. 103. 
Berg.-Märk. Industrieges. 420. 
Berl.-Anh. Holzfactorei 367. 
Berl.-Anh. Maschinenbau 37. 
Berl. Bankverein 112. 523. 
Berl. Bauvereinsbank 279. 
Berl. „Börsen-Courier" 64. 149. 

255 ff. 
Berl. Börsenzeitung 41. 104.118. 

212. 450. 
Berl. ehem. Produktenfabr. 223. 
Berl. Handelsges. 30. 143. 145. 

211. 395. 523. 
Berl. Holz-Compt. 366. 
Berl. Kammgarn-Spinnerei 331. 
Berliner Lombardbank 389. 
Berliner, Markus 39. 
Berl.Maschinenb.Schwartzk. 30. 



559 — 



13erl. Molkerei 415. 
Berl. Neustadt 427. 
Berl. Papierfabrik 178. 
Berl. Pappenfabrik 179. 
„Berl. Presse", Ver. d. 247. 250 i^'. 
Berl. Velvetfabrik 318. 
Berl. Viehmarkt 425. 
Berl. Wechslerbaiik 192. 331. 
Berl. Wollbank 354. 
Berl. Zucker-Raff. 194. 
Berndt, Justizr. in IS'ordli. 90. 
Beruhard, Gch.Recbnungsr. 380. 
Bernhardt, Beudix 428. 
Bernstein-Actienges. 392. 
V. Beruuth, Justizmin. a. D. 6.531. 
Bertram, Alexis, Dr. 385. 
Berzelius-Bergwerk 528. 
Beseliu, llheder in Rostock 69. 
Besser, G. R. 381. 
V. Beulwitz, Carl in Trier 80. 
Beuther, Rob. 210. 
Bieler,Oekouomier.i.Salesche 86 . 
Bierling, Herrn, in Dresd. 204. 
Birkenwerder, G. f.Baumat.368. 
Birnbaum, Prof. in Leipz. .S17. 
Birner, Heiur. iuLuckenw. 311. 
Bischofi, Th iu Danzig 232. 
Bischweiler Tuchfabriken 316. 
Bittrich & S. in Köuigsb. P. 124. 
Blach stein 131. 211. 
Blank, Emil in Barmen 231. 
Blank, Hugo in Wetter 75