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Full text of "Der Buddhist"

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DER BUDDHIST 

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Der Buddhist. 

Unabhängige deutsche Monatsschrift 
für das Gesamtgebiet des Buddhismus. 



I. Jahrgang. 2449 nach Buddha. 

April 1905 — März 1906. 

Herausgegeben von 
Karl B. Seidenstücker. 

Dhammo kappa/w ti//Aeyya. 




Verlag und Expedition: 
Buddhistischer Verlag, Leipzig. 



Aussprache der Päli- und Sanskrit- Wörter. 



&, t, fi sind stets lang zu sprechen. 

e, o sind im Päii vor Doppeliconsonanz kurz, sonst lang; im 
Sanskrit stets lang. 

n vor k und g sprich wie deutsches n in Engel. 

c sprich wie deutsches tsch. ß^ 

j sprich wie deutsches dsch. IL 00 

n sprich wie deutsches nj. ^ 

y sprich wie deutsches j. 

V sprich wie deutsches w. ''9-. i 

s sprich wie deutsches ss. 

5 (nur sanskr.) sprich wie deutsches ssj. 

sh (nur sanskr.) sprich wie deutsches seh. 

s sprich wie deutsches ss. 

h klingt tönender als im Deutschen. 

kh, gh, ch, jh, th, dh, ph, bh gelten als einfache Konso- 
nanten und sind wie k, g, c, j, t, d, p, b mit deutlich 
nachstürzendem Hauch zu sprechen. Z.B. Buddha 
sprich Budd-ha. Siddhattha sprich Sidd-hatt-ha. Dham- 
ma sprich D-hamma. Bojjhanga sprich Bodsch-dsch- 
hanga. 

Alle übrigen Laute sind wie im Deutschen zu sprechen. 

Betonung: Der Accent geht selten über die drittletzte Silbe 
zurück. Auf der viertletzten kann er nur stehen, wenn 
die drittletzte und vorletzte Silbe kurz ist; sonst steht 
er auf der drittletzten, wenn die vorletzte kurz ist; auf 
der vorletzten, wenn diese natura oder positione lang ist. 




Inhaltsverzeichnis des ersten Jahrganges. 

(Die Ziffern bedeuten die Seitenzahlen.) 



Abhandlungen, Aufsätze und Artikel. 

Amitäbha 289 

Berührungspunkte der Philosophie Schopenhauers und des Buddhis- 
mus, Die 260, 304, 336 

Buddhistische Grundidee des »Meisters von Palmyra«, Die .... 197 

Buddhistische Ideen bei Richard Wagner 129, 167 

Buddhistische Züge im modernen Vollcsdenlcen 353 

Erhabene achtfache Pfad, Der 97 

Gedanicen über dies und das 317, 349 

Gemüts-Läuterung 225 

Goethe ein Buddhist 201, 230, 270 

Gott und Götter 117 

Grundideen des Buddhismus, Die 80, 111, 142, 186, 209, 251 

Heidentum 254 

Ist der Buddhismus atheistisch? 117 

Macht der Meditation, Die 274 

Macht des Karma, Die 380 

Mahäbodhi 87 

Mahäyäna 135 

Messias, Der 234 

Mission und „Mission" 173 

Missions-Problem, Das 321, 371 

Moralität in orientalischer Beleuchtung 68 

Nibbäna 74, 106, 138, 177 

Soziale Kräfte im Buddhismus und Christentum 149 

Transmigration oder Wiedergeburt, Die . . 204, 241, 280, 309, 345, 375 

Vergänglichkeit 45 

Vier erhabenen Wahrheiten, Die 23 

Warum ich Buddhist wurde 214, 244, 285, 314 

Wert des Buddhismus, Der 8 

Wesen des Buddhismus im Lichte der (japanischen) Tendai-Schule, Das 341 
Wiedergeburt, Die, s. u. Transmigration. 

Übersetzungen kanonischer Texte. 

Aller Seelen, s. u. Zwei Lieder aus den Therigäthä. 

Dhammacakkappavattana-sutta, Aus dem 65 

Lehre des Buddha, Die 164, 194, 228, 265, 295, 326, 362 

Mahämangala-sutta, Das 193 

Metta-sutta, Das 6 



- IV - 

Udftna, Aus dem 293 

Utth4na-sutta, Das 94 

Vier heiligen Wahrheiten, Die, s. u. Lehre des Buddha, Die. 

Zwei Lieder aus den TherJgäthä 220 

Buddhistische Sprüche. 

Sprache aus dem sOdlichen Kanon 

22, 67, 73, 86, 172, 294, 320, 335, 352, 370, 384 
Sprache und Predigt-Texte des nördlichen Buddhismus 191, 257, 326, 344 

Freie Wiedergabe alter Texte. 

Tröstungen der Religion, Die 221 

Doxologieen. 

Freuet euch 1 

Samsära und Nirväna 2 

Wahrheit der Heiland 4 

Maximen. 

Buddhistische Sittenlehren 94 

Gedichte. 

Abendstimmung 224 

Buddha 64 

Buddha 64 

Buddhas Preis 192 

Das Metta-sutta (metrische Übersetzung) 6 

Der grosse Arzt 159 

Ende einer Leidenschaft 63 

Freier Wille 96 

Kamma 95 

Lied von der Erlösung - 96 

Mahinda 161 

Saat und Ernte 234 

Volkslied 256 

Wirket eure Erlösung 160 

Illustrationen. 

Der Mahäbodhi-Tempel zu Buddha-Qayä. 

Japanische Buddha-Statuette. 

Henry S. Oleott. 

Sir Edwin Arnold. 

Der Thäthanäbaing. 

Kwan-Yin-Statue. 

Der Buddha vor einem deutschen Fürstenschloss. 

Nachdruck nur mit genauer Quellenangabe gestattet. 




t)ie Mahäbodhi- Stätte zu Buddha -6ayä. 

(An diesem Orte erlangte Gotama die Buddhaschaft.) 




Alle Sünden meiden, die Tugend üben, das eigene Herz läutern: 
das ist die Religion der Buddhas. Dhammapada, V. 183. 



Ein Weckruf 
aus dem Evangelium Buddhas. 

Von Dr. Paul Carus. 

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I. Freuet Euch. 

1. Freuet euch der frohen Botschaft! Buddha, unser Herr, 
hat die Wurzel alles Übels gefunden. Er hat uns den Weg 
des Heils gewiesen. 

2. Buddha vertreibt die Wahngebilde unseres Gemütes 
und erlöst uns von den Schrecken des Todes. 

3. Buddha, unser Herr, bringt Trost den Müden und Sorgen- 
beladenen. Er verleiht Frieden denen, die unter der Bürde des 
Lebens niedergebeugt sind. Er gibt Mut den Schwachen, die 
Selbstvertrauen und Hoffnung verlieren. 

4. Ihr, die ihr leidet unter der Mühsal des Lebens; ihr, 
die ihr kämpfen und ertragen müsst; die ihr Verlangen habt 
nach Leben und Wahrheit: freuet euch der frohen Botschaft! 

5. Hier ist Balsam für die Verwundeten und Brot für die 
Hungrigen. Hier ist Wasser für die Durstigen und Hoffnung 
für die Verzweifelnden. Hier ist Licht für die, so in Finsternis 
wohnen und unerschöpflicher Segen für die Aufrichtigen. 

6. Heilet eure Wunden, ihr Verwundeten, und esset euch 
satt, ihr Hungrigen! Ruhet, ihr Müden, und ihr, die ihr dürstet, 
löschet euren Durst! Blicket auf zum Licht, ihr, die ihr in 
Finsternis wohnet! Seid fröhlich, ihr Niedergeschlagenen! 



2 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

7. Vertrauet der Wahrheit, ihr, die ihr die Wahrheit liebt, denn 
das Reich der Gerechtigkeit ist begründet auf Erden. Die 
Finsternis des Irrtums ist vertrieben durch das Licht der Wahr- 
heit. Wir icönnen unseren Weg sehen und feste und gewisse 
Schritte tun. 

8. Buddha, unser Herr, hat die Wahrheit offenbart. 

9. Die Wahrheit heilet unsere Gebrechen und erlöst uns 
vom Verderben; die Wahrheit stärkt uns im Leben und im 
Tode; die Wahrheit allein kann das Übel des Irrtums über- 
winden. 

10. Freuet euch der frohen Botschaft! 



2. Samsära und Nirväna. 

1. Schauet um euch und betrachtet das Leben! 

2. Alles ist vergänglich, nichts beharrt. Überall ist 
Geburt und Tod, Wachstum und Verfall, Verbindung und 
Trennung. 

3. Die Herrlichkeit der Welt ist wie eine Blume: am Morgen 
stehet sie in voller Blüte, und sie welket dahin in der Hitze 
des Tages. 

4. Wohin ihr auch schaut, da ist ein Drängen und Treiben, 
eine wilde Jagd nach Vergnügen, eine hastige Flucht vor Schmerz 
und Tod; da ist Eitelkeit und die Glut verzehrender Begierden. 
Die Welt ist voll von Wechsel und Veränderung. Alles ist Samsära. 

5. Gibt es nichts Beständiges in der Welt? Gibt es in 
dem allgemeinen Getriebe keinen Ruheplatz, wo unser geäng- 
stigtes Herz Frieden finden kann? ist nichts von ewiger Dauer? 

6. Giebt es kein Ende der Qual? Können die brennenden 
Begierden nicht gestillt werden? Wann soll das Gemüt ruhig 
und zufrieden werden? 

7. Buddha, unser Herr, war bekümmert über das Elend des 
Lebens. Er sah die Eitelkeit weltlichen Glückes und suchte 
Heil in dem Einen, das nicht verwelkt oder verdirbt, sondern 
bleibet immer und ewiglich. 

8. Ihr, die ihr euch sehnt nach Leben, wisset, dass Un- 
sterblichkeit verborgen liegt in der Vergänglichkeit. Ihr, die 
ihr ein Glück begehret, welches nicht die Keime der Enttäu- 



No. lu. 2. DER BUDDHIST. 3 

schung und der Reue enthält, folget dem Rate des Meisters 
und lebet ein Leben der Rechtschaffenheit. Ihr, die ihr Ver- 
langen traget nach echten Reichtümern, kommt und empfanget 
Schätze, die ewig sind. 

9. Die Wahrheit ist ewig. Die Wahrheit kennt weder 
Geburt noch Tod und hat weder Anfang noch Ende. Jauchzet 
der Wahrheit entgegen, ihr Sterblichen, und lasset die Wahr- 
heit einziehen in eure Seelen. 

10. Die Wahrheit ist der unsterbliche Teil eurer Seele. Der 
Besitz der Wahrheit ist Reichtum, und ein Leben in der Wahr- 
heit ist Glückseligkeit. 

11. Begründet die Wahrheit in euren Gemütern, denn die 
Wahrheit ist das Abbild dessen, das ewig ist; sie ist eine 
Darlegung des Unveränderlichen, sie offenbart das Dauernde. 
Die Wahrheit gewährt Sterblichen die Gabe der Unsterblichkeit. 

12. Buddha ist die Wahrheit. Lasset Buddha in euren 
Herzen wohnen. Vernichtet in eurer Seele jede Begierde, die 
mit Buddha unverträglich ist, und ihr werdet endlich im Geiste 
Buddha gleich werden. 

13. Alles, was in eurer Seele sich nicht zu Buddha entfaltet, 
muss vergehen, denn es ist eitel Wahn und nicht wirklich; es ist 
die Quelle eures Irrtums und der Grund eures Elendes. 

14. Ihr könnt eure Seele unsterblich machen dadurch, dass 
ihr sie erfüllet mit Wahrheit. Werdet dadurch Gefässe, geeignet, 
die Ambrosia der Worte des Meisters aufzunehmen. Reiniget 
euch von Sünden und heiliget euer Leben. Es gibt keinen 
anderen Weg, die Wahrheit zu erreichen. 

15. Lernet den Unterschied zwischen »Selbst« und 
»Wahrheit«. Selbst ist der Grund aller Selbstsucht und die 
Quelle der Sünde. Die Wahrheit bleibt nicht am Selbst haften; 
sie ist allgemein und führt zu Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit. 

16. Denen, die ihr Selbst lieben, erscheint das Selbst als 
ihr eigenstes und wahres Wesen; doch das Selbst ist nicht 
ewig; es ist nicht dauernd, nicht unvergänglich. Suchet nicht 
euer Selbst, suchet vielmehr die Wahrheit. 

17. Wenn wir unsere Seelen von unserem kleinlichen Selbst 
befreien, niemandem übelwollen und rein werden wie ein 
Diamant-Kristall, der das Licht der Wahrheit klar zurückwirft, 

1» 



4 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

wie leuchtend wird das Bild in uns sein, das die Dinge spiegelt, 
wie sie sind, ohne Beimischung brennender Begierden, ohne 
Verzerrung irrigen Wahnes, ohne die Erregung sündiger Ruhe- 
losigkeit, 

18. Wer sein Selbst sucht, sollte unterscheiden zwischen dem 
falschen und dem wahren Selbst. Das Ich und alle Ichsucht 
sind das falsche Selbst; sie sind unwahre Wahngebilde und 
Verbindungen vergänglicher Art. Wer sein Selbst in der Wahr- 
heit sucht, wird Nirväna erreichen, und wer in Nirväna einge- 
gangen ist, hat das Buddhatum erreicht. Er hat den höchsten 
Segen erworben und ist zu dem geworden, was ewig und 
unsterblich ist. 

19. Alle zusammengesetzten Dinge müssen sich wieder 
auflösen, Welten werden zerbrechen, und unsere Persönlich- 
keiten werden verstreut werden, die Worte Buddhas aber blei- 
ben ewiglich. 

20. Die Tilgung des Selbst ist Erlösung; die Vernichtung 
des Selbst ist Bedingung aller Erleuchtung; das Auslöschen 
des Selbst ist Nirväna. Glücklich der, welcher aufgehört hat, 
dem Vergnügen zu leben und der in der Wahrheit ruhet. 
Wahrlich, seine Ergebung und die Stille seines Gemütes sind 
höchste Seligkeit. 

21. Lasset uns Zuflucht nehmen zu Buddha, denn er hat 
das Dauernde im Vergänglichen gefunden. Lasset uns Zuflucht 
nehmen in der Wahrheit, die durch Buddhas Erleuchtung ge- 
wonnen ist. 

3. Wahrheit, der Heiland. 

1. Die Dinge der Welt und ihre Bewohner sind dem Wechsel 
unterworfen; sie sind das Erzeugnis der Dinge, die vorher da 
waren, und alle lebenden Wesen sind das, wozu ihre früheren 
Taten sie gemacht haben; denn das Gesetz von Ursache und 
Wirkung herrscht allüberall und ist ohne Ausnahme. 

2. Aber in dem Wechsel der Dinge liegt die Wahrheit 
verborgen. Wahrheit macht die Dinge wirklich. Wahrheit ist 
die Dauer im Wechsel. 

3. Und die Wahrheit verlangt darnach, zu erscheinen; die 
Wahrheit sehnet sich darnach, sich selbst zu erkennen. 



No. 1 u. 2. DER BUDDHIST. 5 

4. Wahrheit wohnt im Stein; denn der Stein ist hier. Keine 
Macht in der Welt, l<ein Gott, kein Mensch, kein Dämon kann 
sein Dasein zerstören; aber der Stein hat kein Bewusstsein. 

5. Wahrheit wohnt in der Pflanze, und ihr Leben kann 
sich entfalten. Die Pflanze wächst und blüht und bringt Frucht. 
Ihre Schönheit ist wunderbar, aber sie hat kein Bev/usstsein, 

6. Wahrheit wohnt im Tier; es bewegt sich und nimmt 
seine Umgebung wahr; es unterscheidet und lernt wählen. 
Bewusstsein entsteht, aber es ist noch nicht das Bewusstsein 
der Wahrheit. Es ist nur ein Bewusstsein des Selbst. 

7. Das Bewusstsein des Selbst verdunkelt die Augen des 
Geistes und verbirgt die Wahrheit. Es ist der Ursprung des 
Irrtums, die Quelle des Wahnes und das Saatkorn der Sünde. 

8. Selbst gebiert Selbstsucht. Es gibt kein Übel, das 
nicht dem Selbst entfliesst, und es gibt kein Unrecht, das 
nicht durch Übergriffe des Selbst geschieht. 

9. Selbst ist der Anfang von allem Hass, von Übeltat und 
Verleumdung, von Schamlosigkeit und Unzucht, von Diebstahl 
und Raub, von Unterdrückung und Blutvergiessen. Selbst ist 
Mära, der Versucher, der Übeltäter, der Urheber des Ärgernisses. 

10. Das Selbst verführt durch Vergnügungen; es verspricht 
ein Feen-Paradies. Selbst ist der Schleier der Mäyä, der 
Zauberin. Aber die Vergnügungen des Selbst sind unwahr, 
sein paradiesisches Labyrinth ist der Weg zur Hölle, und seine 
welkende Schönheit entfacht der Begierde Flammen, die nie 
befriedigt werden können. 

11. Wer soll uns erlösen von der Macht des Selbst? Wer 
soll uns erretten aus dem Elend? Wer soll uns ein Leben 
voller Segen gewähren? 

12. Voll von Elend ist die Welt des Samsära, voll von 
mancherlei Elend und voll Schmerz. Aber grösser als alles 
Elend ist der Segen der Wahrheit. Die Wahrheit gibt dem 
sehnenden Gemüte Frieden; die Wahrheit überwindet den Irr- 
tum; sie löscht der Begierde Flammen und führt zum Nirväna. 

13. Selig, wer den Frieden des Nirväna gefunden hat Er 
hat Ruhe gefunden in den Widerwärtigkeiten des Lebens. Er 
steht über allem Wechsel; er steht über Geburt und Tod; er 
bleibt unberührt von den Übeln des Lebens. 



6 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

14. Selig ist, wer zu einer Verkörperung der Wahrheit ge- 
worden; er hat seinen Zweck erreicht und ist eins mit sich 
selbst und der Wahrheit. Er überwindet, auch wenn er unter- 
liegt; er ist ruhmreich und glücklich, auch wenn er leidet; er 
ist stark, auch wenn er unter der Bürde seiner Arbeit zusam- 
menbricht; er ist unsterblich, ob er gleich stürbe. Unsterblich- 
keit ist das Wesen seiner Seele. 

15. Selig ist, wer das heilige Ziel des Buddhatums erreicht 
hat; denn er ist tüchtig, für die Erlösung seiner Genossen zu 
wirken. Die Wahrheit hat Wohnung in ihm genommen. Voll- 
kommene Weisheit erleuchtet seinen Verstand, und Recht- 
schaffenheit beseelt den Zweck aller seiner Handlungen. 

16. Die Wahrheit ist eine lebendige Macht zum Guten, 
unzerstörbar und unbesieglich. Arbeitet die Wahrheit In eurem 
Gemüte aus und verbreitet sie unter den Menschen; denn die 
Wahrheit allein ist der Erlöser von Sünde und Elend. Die 
Wahrheit ist Buddha, und Buddha ist die Wahrheit. Gesegnet 
sei Buddha! 

Das Mettasutta des Sutta Nipäta. 

Deutsche Übersetzung 

von 
Dr. Arthur Pfungst. 

(Vom Autor genehmigter Nachdruck.) 

1. Fürwahr, was auch ein Mann zu tun mag haben, 
Der wohlgeschickt dem Guten nachzugehen. 
Nachdem er des Nibbäna^) Ruh' erreicht. 

Das tu' er tüchtig, auch gewissenhaft. 

Und redlich, sanften Wortes, mild, nicht stolz. 

2. Dass er zufrieden ist, leicht unterstützt. 
Um wenig sorgt, von keiner Last gedrückt, 
Dass er als Meister ruhig hält die Sinne, 
Dass er nicht übermütig und nicht gierig. 
Wenn er den Rundgang zu den Häusern macht. 

') Nirväna. 



No. 1 u. 2. DER BUDDHIST. 

3. Er tue nichts Gemeines, was ihm and're, 
Die weise sind, zum Vorwurf machen könnten. 
Mög' Sicherheit und Glück den Wesen allen 
Beschieden sein und Freudigkeit des Herzens. 

4. Was es auch gibt an lebenden Geschöpfen, 
Ob schwach sie oder stark, ob lang, ob gross, 
Ob mittlerer Gestalt, ob kurz, klein, breit, 

5. Ob sichtbar oder unsichtbar sie sind. 
Ob weit sie leben oder nah', ob sie 
Geboren sind, ob der Geburt sie harren, 
— Glückselig mögen alle Wesen sein ! 

6. Es täusche keiner einen andern, keiner 
Verachte einen andern je, auch wünsche 

Aus Zorn und Rachsucht keiner andern Böses. 

7. Gleich einer Mutter, die ihr eig'nes Kind, 
Ihr einz'ges Kind bewacht, indem ihr Leben 
Sie wagt, so hege jeder ohne Schranken 
Wohlwollen im Gemüt für alle Wesen. 

8. In Euren Herzen pfleget freundliche 
Gesinnung masslos für die ganze Welt, 

Nach oben, unten, und nach den vier Winden, 
Ohn' Hindernis, Feindseligkeit und Hass. 

9. Und stehend oder gehend, sitzend, liegend, 
So lang man wacht, sei diesem Sinne man' 
Ergeben ganz; sie sagen, dass die Weise 

Des Lebens sei die beste dieser Welt. 

10. Wer, ohne dass er philosophische 
Betrachtungen erfasst, voll Tugend ist, 
Mit Einsicht ausgestattet ganz, nachdem 
Die Gier nach sinnlichen Vergnügungen 

Er unterdrückt — dem wird Geburt nie wieder. 



8 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Der Wert des Buddhismus. 

Von Bhlkkhu Ananda Maitriya.') 

Jegliche Art der Sünde zu meiden, 
Gutes zu tun, wo immer du Icannst, 
Nach des Gemütes Läuterung streben: 
Aller Erleuchteten Lehre ist dies. 
Dhammapada, V. 183. 

Wenn es sich darum handelt, die Bedeutung einer Religion 
für die Menschheit genau zu bestimmen, muss man zunächst 
den kritischen Standpunl<t einnehmen; man muss die Religion 
beurteilen nicht etwa nach dem Anspruch, den sie darauf er- 
hebt, für die einzige Wahrheit gehalten zu werden; auch nicht 
nach den Versprechungen oder Drohungen, mit denen sie im 
Hinblick auf das Jenseits operiert; ja, nicht einmal nach einer 
Auswahl von Stellen aus ihren heiligen Schriften — denn bei 
der Text-Erklärung hängt sehr viel von der subjektiven Ansicht 
des Einzelnen ab — ; eine Religion ist vielmehr zu beurteilen 
nach der Wirkung, die sie im Laufe der Vergangenheit auf das 
Leben ihrer Bekenner ausgeübt hat, sowie nach dem Grade 
ihrer Fähigkeit, die Bedürfnisse des heutigen Fortschrittes und 
des modernen Denkens zu befriedigen. Die Fragen, welche 
nach dieser Richtung hin erwogen werden müssen, sind folgende: 
Inwieweit hat die betreffende Religion dazu beigetragen, während 
der Vergangenheit das menschliche Solidaritäts-Gefühl zu för- 
dern; in welchem Masse ist sie darauf bedacht gewesen, die 
bösen Leidenschaften, die blinden Vorurteile und die angeborene 
Wildheit der Menschen zu überwinden; in welchem Grade 
hat sie der Erde Frieden und Glück gebracht, — und endlich, 
in wieweit ist sie fähig, eine praktische Antwort auf die grossen 
Probleme unserer jüngsten Zeit zu geben? 



') Der Autor ist ein geborener Schotte und hiess, solange er im 
Weltleben verblieb, Allan Mac Gregor. Er trat dann zum Buddhismus 
über und wurde in einem burmesischen Kloster als Bhikkhu ordiniert. 
Gegenwärtig ist er General - Sekretär der >International Buddist 
Society« und Herausgeber der bedeutenden Zeitschrift »Buddhism« 
(Rangün, Burma). 



No. lu. 2. DER BUDDHIST. d 

Wenn in dieser Weise die Probe auf die buddhistische 
Religion gemacht wird, so werden wir, wie ich glaube, finden, 
dass der Buddhismus sowohl in seinem hohen Werte als 
Kulturfaktor, von dem die Geschichte der verflossenen vierund- 
zwanzig Jahrhunderte Zeugnis ablegt, als auch in seiner Fähig- 
keit, für die Zukunft den Frieden, Fortschritt und die allgemeine 
Wohlfahrt der modernen Welt zu fördern, — dass der Buddhis- 
mus, sage ich, heute in der Reihe der grossen Religionen 
einzig-artig und unerreicht dasteht. Aber bevor wir der Er- 
örterung dieser Fragen näher treten, wird es nötig sein, einige 
weitverbreitete Missverständnissc zu besprechen, welche das 
Wesen des Buddhismus betreffen; denn nur nach Beseitigung 
dieser Missverständnisse kann ein klares Urteil über die so 
vielfach falsch verstandene Religion gewonnen werden. Diese 
Missverständnisse können kurz folgendermassen zusammenge- 
fasst werden: Erstens, der Buddhismus sei eine heidnische 
Lehre, deren Anhänger Götzen Verehrern und Stein und Holz 
anbeten; zweitens, er sei ein geheimnisvolles, mysteriöses 
Etwas, zusammengesetzt aus einer Vermengung von krassem 
Wunderglauben und Esoterismus; drittens, der Buddhismus 
sei eine saft- und kraftlose Philosophie, ohne Rückgrat, pessi- 
mistisch und apathisch, deren Ziel und Zweck in absoluter Ver- 
nichtung liege, und welche den Umsturz aller nützlichen 
Aktivität anstrebe; eine Religion, wohl gut genug für „die 
träumenden Völker des Orients", — wie die Nichtunterrichteten 
sich auszudrücken belieben, — aber gänzlich ungeeignet für 
die mehr aktiven und energischen Nationen des Westens. 

Der Grund des ersten dieser Missverständnisse ist sehr ein- 
fach. Reisende kommen aus dem Abendlande in östliche Länder 
und erbHcken bei ihrem Besuche buddhistischer Tempel dort 
Bilder des Buddha; sie sehen, dass der Altar vor dem Buddha- 
Bilde zeitweise von knieenden andächtigen Menschen umlagert 
ist, welche Sprüche in einer unbekannten Sprache murmeln und 
Blumen oder Lichter vor des Meisters Altar opfern. Und sofort 
machen diese Fremden aus dem Gesehenen ihre Schlussfolge- 
rungen. Diese Leute, so denken sie, sind Götzendiener; das 
Buddha-Bild ist ihr Idol; die gemurmelten Worte sind die 
Gebete, die sie zu ihrem „Götzen" richten; die Blumen, Wohl- 



,10 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

gerüche und Lichter sind die Opfer, von denen diese „Heiden" 
wähnen, dass sie von dem Ding aus Stein oder Holz, vor dem 
sie knieen, angenommen werden. — Die Tatsachen selbst sind 
richtig; aber die daraus gezogenen Schlüsse sind der Wahrheit 
durchaus entgegengesetzt. Erstens glauben Buddhisten über- 
haupt nicht an einen Gott, wie er in der Vorstellung der 
Abendländer lebt als ein höchstes Wesen, welches Gebete 
hören und beantworten kann. Die Bilder, vor denen Buddhisten 
knieen, sind nur Darstellungen des einen grossen Meisters; sie 
ehren sein Andenken, weil er die ganze Menschheit liebte und 
für sie den Weg zum Frieden fand, und dieser Meister ist vor 
langer, langer Zeit eingegangen „in jene höchste Ruhe, in der 
von weltlichen Vorstellungen nichts mehr vorhanden ist". 
Buddhisten beten nicht, da nach ihrem Glauben niemand da 
ist, zu dem sie beten sollten, — Buddhisten beten überhaupt 
nie, ^- und die Gaben, die sie darbringen, sind nur ein Sym- 
bol ihrer Ehrfurcht für den grossen Lehrer und ein Mittel zur 
Konzentration des Geistes entsprechend den Worten, die sie 
leise hersagen. Wie wir gerne das Bild eines uns teuren 
Menschen ansehen, wenn Tod oder Abwesenheit uns seiner 
Gegenwart beraubt hat, gerade so wünschen die Buddhisten die 
Sinnbilder ihres Meisters vor sich zu haben; denn durch diese 
Symbole werden sie mehr als durch sonst etwas in der Welt 
angeleitet, nachzudenken über das unvergleichliche Leben, das 
Er gelebt, über die Liebe, die Ihn beseelt, über das Gesetz, 
welches Er gelehrt hat — und das ist alles. Die Buddhisten 
sind der Ansicht, dass, je mehr sie das Leben ihres Meisters, 
seine die Wahrheit enthüllende Lehre und die Gemeinschaft 
seiner wahren Jünger betrachten, — ihr Gemüt um so besser, 
edler und reiner werden wird, — und das ist ihr grosses 
Lebens-Ideal. Und so vergegenwärtigen sie sich die lichten 
Tugenden ihres Meisters, die Vorzüge seiner Lehre und seines 
Bruder-Bundes; sie tun das in der Erkenntnis, dass das Denken 
an heilige Dinge das Gemüt immer erhebt und läutert; sie tun 
es in der Hoffnung, diese Vorzüge, und sei es nur teilweise, 
in ihrem Leben zu verwirklichen. Die Dinge, welche sie knie- 
end opfern, sind gleichsam Unterrichts-Gegenstände, mit denen 
sie der Wahrheit, die sie zu realisieren trachten, näher zu 



No. 1 u. 2. DER BUDDHIST. ■'ll 

kommen hoffen, und die Sprüche, welche sie murmeln, sind 
keine Gebete, sondern Meditations-Übungen über den Gegen- 
stand, welchen diese Darbringungen versinnbildlichen sollen. 

Eine dieser Meditationen, welche beim Opfern von Blumen 
geübt wird, wollen wir wiedergeben, damit der Leser einen 
Begriff von der Gedankenrichtung jener knieenden „Heiden" 
bekommt: 

„Diese Blumen bringe ich dar zur Erinnerung all Ihn, den 
Meister, den Heiligen, den vollkommen erleuchteten Buddha, 
wie auch die Erleuchteten in vergangenen Tagen, wie die 
Heiligen und Arahäs aller Zeiten geopfert haben. Jetzt ist die 
Gestalt dieser Blumen prächtig, ihre Farben sind lieblich, am- 
brosisch ihr Duft. Aber gar bald wird das alles vergangen 
sein — verdorrt diese schöne Form, verblichen diese schillern- 
den Farben, unrein dieser jetzt so liebliche Duft. Genau so 
verhält es sich mit allen zusammengesestzten Dingen:— Ver- 
gänglich, leidvoll, nicht-wirklich! Mögen wir diese Wahrheit 
verwirklichen und in jenen Frieden eingehen, der jensdits 
alles Lebens liegt!" 

Da der Buddhist an die universale Herrschaft des gefech- 
ten Gesetzes glaubt, so würde es ihm allerdings nicht nur 
närrisch, sondern sogar schlecht erscheinen, vvoflte er für" dies 
oder jenes beten; er betrachtet es als eine Tatsache, dass sfeihe 
Lebenslage die Wirkung bestimmter Gesetze ist, und er würde 
ebensowenig daran denken, zu diesen Gesetzen zu beten, wie 
es dem Physiker einfallen würde, die Schwerkraft zu bitten, 
sie möge auf diesen oder jenen Stein nicht einwirken. — ' 

Die zweite irrige Ansicht, — der Buddismus sei eine my- 
steriöse, occultistische Religion, hat ihren Grund in dem Um- 
stand, dass die westliche Welt mit dieser Religion zuerst in 
Berührung gekommen ist durch die Übersetzungen umfangreicher 
Sanskrit- Werke, welche ihr Dasein einer Zeit verdanken, da der 
Buddhismus in Indien im Verfall begriffen war, einer Zeit, 
welche durch das üppige Empörwuchern animistischen Aber- 
glaubens charakterisiert ist: das war die Zeit zwischen den Jahren 
800 und 1000 nach dem Abscheiden des grossen Meisters. 
Die genannten Werke bestehen zum Teil aus- Übersetzung;en 
ursprünglicher -Päli-Texte; in der Hauptsache aber handelt es 



vi DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

sich um Original-Erzeugnisse, welche dem Buddiia oder seinen 
grossen Schülern untergeschoben wurden; indessen zeigen sie 
sowohl durch ihre Schreibweise, als auch durch den Stoff, den 
sie behandeln, dass sie unmöglich aus derselben Quelle, wie 
die Päli-Schriften, geflossen sein können. Diese letzteren nun 
wurden dann später von Europäern in Burma, Ceylon und Siam 
entdeckt, und da die Päli- und Sanskrit-Werke sogar in manchen 
wesentlichen Punkten differieren, so entstand das Problem 
über die Frage, welches die reinen, ursprünglichen und authen- 
tischen Lehren des Buddha seien. Die historische Kritik, wie 
sie von Dr. Rhys Davids und anderen tüchtigen Gelehrten ge- 
übt worden ist, hat dieses Problem für immer gelöst: Die 
Päli-Schriften sind die älteren ; sie sind die Repräsentanten der 
ursprünglichen, Lehren, und die späteren Sanskrit-Werke stehen 
zu ihnen in etwa demselben Verhältnis, wie die lateinische 
Mönchs-Literatur des Mittelalters zu dem Christentum Christi.*) 
Wir kommen nun zu dem letzten der oben angeführten 
Missverständnisse. Der Buddhismus, so wird oft behauptet, 
hat als letztes Ziel absolute Vernichtung; er ist gänzlich pessi- 
mistisch und kennt keine andere Hoffnung, als den Tod; seine 
Lehre untergräbt die Tatkraft seiner Anhänger und macht dieselben 
schlaff und gleichgültig. Wir können solche Behauptungen nur 
als völlig unwahr und verkehrt bezeichnen. Freilich gibt der 
Buddhismus zu, dass in dem Leben, welches wir leben, Leid 
und Übel vorhanden, ja sogar in bedeutendem Übermass 
vorhanden sind; aber es ist gerade die Hauptaufgabe dieser 
Religion, zu zeigen, wie das Leid und Übel beseitigt, wie eine 
Glückseligkeit erreicht werden kann, die jenseits unseres Träumens 
liegt, und die von unserer Religion nachdrücklich geforderte Pflege 
der Tugend und der Meditation in ihrem gesamten Umfange 
ist nur ein Mittel zu diesem Zweck. Zugeben, dass Leid und 
Übel vorhanden sind, heisst doch nichts anderes, als eine un- 
zweifelhaft feststehende Tatsache zugeben, während wir unter 
Pessimismus nicht nur dieses Zugeständnis verstehn, sondern 
vielmehr den Glauben, dass dem Übel nicht abgeholfen werden 

') Vergl. Dr. Rhys Davids' »Notes on the History of Buddhism« und 
die Einleitung zu den Übersetzungen in den »Sacred Bool<s of the East« 
und die »Dialogues of Buddha«. 



No. I u. 2. DER BUDDHIST. 13 

könne, und gerade diesen unerträglichen Gedanken weist der 
Buddhismus auf das entschiedenste zurück. Gerade weil der 
Buddhismus behauptet, dass die Selbstzucht stärker ist als das 
Böse, und die Erziehung mächtiger als der Naturtrieb, so ist 
er sicher nicht Pessimismus, sondern vielmehr der stolzeste 
Optimismus, der jemals den Menschen unter dem Banner von 
Religion und Philosophie verkündet wurde. 

Wenn ferner behauptet wird, der Endzweck des Buddhismus 
sei absolute Vernichtung, so ist das durchaus verkehrt; — das 
Ziel des Buddhismus liegt nicht in einem Jenseits, sondern hier 
in unserem Leben; sein Ziel ist ein Leben, das durch Selbst- 
überwindung glorreich geworden und durch eine alles umfassende 
Liebe und Weisheit geläutert ist. Die Lehre betont, dass innere 
Zweifel — von denen wir sagten, sie seien eine von jenen drei 
geistigen Fesseln, welche gebrochen werden müssen, bevor das 
ideale Leben erreicht werden kann, — dass innere Zweifel alle 
solche Spekulationen erzeugen, wie: „Werde ich nach dem Tode 
fortleben oder nicht?" Da diese Frage nach dem Wesen des 
Endzieles, welches der Buddhismus sich steckt, in einem be- 
sonderen Aufsatze behandelt wird,*) so ist es unnötig, hier 
näher darauf einzugehen. 

Endlich der Vorwurf der Apathie. Derselbe wird von 
Leuten erhoben, die den Inhalt und Endzweck des Buddhismus 
nicht begriffen haben, und der Nachweis, dass die Ansicht irrig 
ist, der Buddhismus zerstöre den Willen und lähme die Tatkraft 
des Menschen, ist von C. A. F. Rhys Davids in einem Essay*) 
glänzend geliefert worden. Die Praxis des Buddhismus ist eine 
langdauernde, auf tatkräftiger Anstrengung beruhende Selbstzucht, 
die unter dem Namen »der vierfache grosse Kampf« bekannt 
ist; ihre Teile sind: Die Anstrengung, vorhandene schlechte 
Zustände des Gemütes zu beseitigen, neue schlechte Zustände 
nicht aufkommen zulassen, vorhandene gute Zustände zu stärken 
und neue gute Zustände hervorzubringen, und dieser Kampf 
erfordert eine nie wankende Willens-Energie, eine dauernde 
Konzentration und Wachsamkeit der Geistes. „Anstrengung", 
so werden wir gelehrt, „ist der unsterbliche Pfad, Trägheit ist 

') Unter dem Titel »Nibbäna« in einem der nächsten Hefte. 
") »Buddhism and Will«. 



14 DER BUDDHJST. I. Jahrg. 

der Weg des Todes. Die, Tatkräftigen leben immer; aber die 
Trägen gleichen bereits den Toten", ^) und diese Lehre klingt 
wider in allen Teilen der buddhistischen Schriften. „Vergäng- 
lich sind alle Dinge, deshalb arbeitet rnit Tatkraft an eurer 
Erlösung" -) ;—.4ies war der letzte Auftrag des Buddha an 
seine Jünger, ein Auftrag, der von dem buddhistischen Mönch 
stets aufs neue wiederholt wird, so oft er dem Volke die Ge- 
bote erklärt. Eine Religion, welche die Notwendigkeit energi- 
scher Aufraffung und des »Nicht-Aufschiebens« (Appamäda) 
so sehr in den Vordergrund stellt und als das Haupterfordernis 
für. jeden wahren Fortschritt betont, kann schwerlich mit Recht 
beschuldigt werden, zur Verkümmerung des Geistes und Willens 
zu führen. — 

Nach Beseitigung dieser Missverständnisse können wir nun 
zur Besprechung jener wesentlichen Fragen schreiten, die wir 
am Anfange der Ausführungen aufwarfen: Was hat der Bud- 
dhismus während der Vergangenheit für die Menschheit und 
Gesittung geleistet, und in welchem Masse ist er fähig, heute 
die Probleme zu lösen, welche die moderne Welt beschäftigen? 

Wenn wir der ersten dieser Fragen näher treten, so hat 
nach unserer Meinung der Buddhismus durch Förderung der 
Gesittung und Kultur für die Welt mehr getan, als irgend eine 
andere der grossen Religionen, die wir kennen. Der wahre 
Wert einer Religion ist sicherlich abzuwägen nach ihrer Befähi- 
gung, die Leidenschaften, die Unwissenheit und namentlich die 
Vorurteile der Menschheit zu beseitigen, nach ihrer Kraft, die 
sie in der Förderung des allgemeinen Wohles und in der 
Mission des Friedens offenbart. ' Wir können, denke ich, ruhig 
zugeben, dass alle grossen Religionen bis zu einem bestimmten 
Grade dahin gestrebt haben, ihre Anhänger zu besseren Men- 
schen zu machen; leider aber wird — mit alleiniger Ausnahme 
des Buddhismus — das Gute, das sie ihren Bekennern durch 
die Einschärfung der Moral-Lehren erwiesen, bei weitem über- 
troffen von den furchtbaren Verbrechen, welche eben diese 
Anhänger gegen unschuldige Andersgläubige verübt haben, — 
von den Früchten einer wilden Grausamkeit und eines blinden 



') Dhammapada, V. 21. 

') Sacred Books of the Eeast, Vol. XI, S. 114. 



No. 1 u. 2. DER BUDDHIST. 15 

Fanatismus, für welche religiöse Dogmen sich nur zu leicht 
als ein bequemer Vorwand darbieten. Mögen wir nun die; 
unter Qankaräcärya im Namen der drei Millionen Götter des 
hinduistischen Pantheons inscenierten grausamen Buddhisten- 
Verfolgungen betrachten, oder die Ströme von Blut, welche die 
Anhänger Mohammeds vergossen haben, oder die langen und 
zahlreichen Verfolgungen, mit welchen man im Namen Jesu 
Christi gegen jegliche Art des geistigen Fortschrittes gewütet 
hat, — so werden wir immer finden, dass die Annalen aller 
Religionen unauslöschlich mit dem Blute der Unschuld besudelt 
sind, und in demselben Masse, wie diese den Fanatismlis und 
alle nur denkbare Grausamkeit begünstigt haben, sind sie für 
die Welt eher eine Geissei, als ein Segen gewesen. Diesen 
unwiderleglichen Tatsachen gegenüber müssen wir sagen, dass 
der Buddhismus unter den grossen Weltreligionen einzig in 
seiner Art dasteht, obwohl er heute über fünfhundert Millionen 
Anhänger zählt, obwohl seine Herrschaft sich über Rassen er- 
streckt, die so grundverschieden sind, wie die nomadisierenden 
Stämme der tartarischcn Steppen und die Bewohner des tropischen 
Ceylon; der Buddhismus kann allein den stolzen Ruhm für sich 
in Anspruch nehmen, dass seine Altäre von Anfang an nie mit 
Menschenblut befleckt worden sind, und dass niemals im Namen 
dessen, der Mitleid und Liebe als das wichtigste Lebensgesetz 
gepredigt hat, ein Leben geopfert wurde. Was der Buddhismus 
auf Erden Gutes geleistet hat — und ist er nicht eine Befreiung 
für die einst so wilden Horden der Tibeter und Mongolen 
gewesen, hat er nicht die uralte Kultur Chinas mächtig gefördert, 
hat er nicht das nationale Leben und den Charakter des grosseh 
japanischen Volkes in hohem Masse veredelt?! — was er, sage 
ich, Gutes getan hat, ist ungetrübt gut geblieben. Die Herr- 
schaft, die er über seine Bekenner ausgeübt hat, ist so gross 
und gut gewesen, dass dieselben niemals auf den finsteren Ab- 
weg der Unduldsamkeit geraten sind, dass sie niemals gewagt 
haben, des Meisters Namen als Deckmantel der Grausamkeit 
zu missbrauchen, und diese Tatsache, denke ich, ist von allen 
Beweisen wohl der beste für die Vollkommenheit der bud- 
dhistischen Sittenlehren, für den hohen humanitären Wert, der 
dem Buddhismus als Kulturfaktor zukommt. 



16 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

Wir gelangen endlich zur Erörterung der Frage: Welche 
Bedeutung hat der Buddhismus für die heutige Welt, und in- 
wieweit ist er fähig, den Fortschritt der modernen Civilisation 
zu fördern? Wir behaupten, dass in dieser Beziehung die An- 
nahme des Buddhismus einen Fortschritt der Humanität bedeuten 
wlirde, der in seiner ganzen Grösse nur mit dem Fortschritte 
verglichen werden könnte, den der Westen seit den letzten 
hundert Jahren auf dem Gebiete der Wissenschaft aufzuweisen 
hat, — und dies aus dem einfachen Grunde, weil unsere Reli- 
gion alle die edlen Bestrebungen, die der Unterdrückung alter 
Barbarei, der Erhaltung des Friedens und der Verbreitung der 
allgemeinen Wohlfahrt gewidmet sind, in sich schliesst, begründet 
und mit neuem Leben erfüllt, — und das sind gerade diejenigen 
Bestrebungen, die heute im Abendlande eifrig diskutiert werden. 

Das erste der für jeden Buddhisten giltigen fünf Gebote 
erhebt die Forderung, sich von der Zerstörung von Leben fern- 
zuhalten. Die allgemeine Annahme dieser Vorschrift als eines 
Führers im Leben muss einen unermesslichen Fortschritt für 
die Humanität und Gesittung bedeuten. Dadurch würde die 
Grundlage für eine vernünftige Beurteilung der Schrecken und 
Greuel, die der Krieg mit sich bringt, geschaffen, und die Folge 
würde eine bedeutende Reduzierung der Armee-Rüstungen sein, 
die für die Einnahmen der modernen Staaten einen so beklagens- 
werten]! Abzug darstellen; die Todesstrafe würde aufgehoben, 
jenes Überbleibsel barbarischer Zeiten, das sich mit dem mo- 
dernen Fortschritt nicht mehr verträgt; die Grundsätze der 
Menschlichkeit würden auch auf die Tierwelt ausgedehnt werden, 
(und sicheriich sollte man eine menschhche Behandlung nicht 
nur den Geschöpfen zugestehen, die, wie der Mensch sich 
selbst verteidigen können); es würden nicht allein die Brutali- 
täten des Schlachthauses abgeschafft werden, sondern es fiele 
auch zugleich die Notwendigkeit fort, eine Klasse von Menschen 
in einem menschenunwürdigen Handwerke zu erhalten, das darauf 
ausgeht, für die Esslust der feineren Klassen Kuppler-Dienste 
zu leisten, und gerade diese feineren Kreise sind es, die vor 
dem Abstechen wehrioser fühlender Tiere mit Entsetzen zurück- 
beben würden und sorglos genug dahin leben, um diese blutige 
Aufgabe weniger glücklichen Menschen zu übedassen. 



No. 1 u. 2. DER BUDDHIST. 17 

Die Annahme des fünften Gebotes — die Enthaltsamkeit 
von berauschenden Getränken — würde mit einem Schlage einen 
bedeutenden Rückgang von Verbrechen und Irrsinn bedeuten und 
zugleich einen Fluch beseitigen, der wie ein Alp auf unserer 
Zeit lastet, einen Fluch, der nicht nur das Mark derer unterwühlt, 
die ihm verfallen sind, sondern der auch die Saat eines unver- 
meidlichen Verfalles für künftige Zeiten streut und in kommenden 
Geschlechtern jenes geistige Kontroll-Zentrum zu zerstören droht, 
von dessen Beschaffenheit allein der Unterschied zwischen 
geistiger Klarheit und Wahnsinn abhängt. 

Ferner ist der Buddhismus die einzige grosse Religion, in 
der die ungerechten Schranken zwischen beiden Geschlechtern 
gänzlich fehlen, und wo er, wie in Burma, praktisch betätigt 
und gelebt wird, — da geniessen die Frauen in jeder Hinsicht 
dieselbe Freiheit, wie die Männer; sie sind frei in der Verfügung 
über ihr Eigentum, frei in dem Rechte, aus denselben Gründen 
Ehescheidung zu fordern, v/ie das andere Geschlecht, frei in 
ihrem Rechte auf ihre Kinder — überhaupt in allen wesentlichen 
Punkten viel freier, als ihre Schwestern in den westlichen 
Ländern es sind. 

Auch in der Richtung des Erziehungswesens würde die 
Annahme des Buddhismus einen grossen, bemerkenswerten 
Fortschritt bedeuten, insofern derselbe die Behauptung aufstellt, 
dass alle Verbrechen und Sünden in der Unwissenheit wur- 
zeln. ' Denn in den buddhistischen Schriften wird nicht nur die 
Unterweisung in den Künsten und Wissenschaften als ein 
wesentlicher Teil der Pflicht der Eitern ihren Kindern gegen- 
über gefordert^), sondern auch die Tatsache, dass die Trainie- , 
rung des Geistes ein sehr wichtiger Faktor in dem praktischen 
Buddhismus ist, würde einem dergrössten Bedürfnisse unserer Zeit 
voll Rechnung tragen. Es ist mir immer befremdlich erschienen, 
dass das moderne Denken, welches so viel Wert auf die Pflege 
des menschlichen Körpers legt, welches so vollkommene An- 
weisungen zur Pflege eines jeden Muskels im Körper gibt, 
nicht auch eine entsprechende Methode zur Übung und Entfal- 
tung der höheren geistigen Fähigkeiten aufgefunden hat — 
Fähigkeiten, deren Ausbildung nicht weniger unsere Pflicht ist, 

') S. Singalasuttanta. 



18 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

als die Trainierung der Musi<eln und Sehnen im Körper. In 
einem gewissen Sinne bedeutet natürlicli alle moderne Erziehung 
eine Pfleg gewisser geistiger Fähigl<eiten ; aber es werden in 
der jetzt gebräuchlichen Methode eben nur einige von ihnen 
berücksichtigt, während andere, die für die Wohlfahrt der 
Menschheit bei weitem wichtiger sind, gänzlich vernachlässigt 
werden. Der Buddhismus behauptet, dass genau ebenso, wie 
ein Muskel durch Nicht-Gebrauch atrophisch wird, und durch 
sorgfältigen systematischen Gebrauch zu seiner vollen Entfaltung 
gelangt, auf Grund deren er seine Funktionen in jeder Bezie- 
hung verrichten kann, auch die geistigen Kräfte verkümmern 
oder wachsen können. Und wie er die Prinzipien der Soli- 
darität als den Grundkern aller wahren Gesittung betrachtet, 
so betont er, dass dieselben durch eine bestimmte Methode geisti- 
ger Operationen ausgebildet werden müssen. So ist z. B. eine 
der Hauptursachen des Leidens in dieser Welt Zorn und Hass, 
— Eigenschaften, die nicht nur demjenigen Kummer bringen, 
welcher hasst oder reizbar ist, sondern auch der Menschheit 
selbst, von der er einen integrierenden Bestandteil bildet. Und 
wie ist diese Ursache des Leidens zu überwinden? Dadurch, 
sagt der Buddhismus, dass die entgegengesetzte Kraft, die 
Liebe, entfaltet wird, und der Weg, der zu diesem Ziele führt, 
ist sehr einfach: Wir üben uns darin, Gedanken der Liebe 
gegen alle Wesen in uns wachzurufen, wir üben uns darin an 
jedem Tage eine bestimmte Zeit, bis die auf diese Weise er- 
worbene Kraft der Liebe jede Möglichkeit des Hassens aus 
unserem Leben verbannt hat. Und ebenso verhält es sich mit 
Sympathie, Barmherzigkeit, Mitleid und all den höheren Geistes- 
kräften: — Der Buddhismus kennt ein bestimmtes System, um 
dieselben zu entwickeln, und dieses System besteht eben darin, 
dass man sich regelmässig darin übt, Gedanken zu erwecken, 
die zur Entfaltung jener Kräfte führen müssen. Ist es etwa 
im Interesse der Menschheit weniger wichtig, dass wir fähig 
werden, Wohlwollen zu hegen, an der Freude anderer teilzunehmen 
und mit ihren Leiden mitzufühlen, als dass wir imstande sind, 
eine algebraische Gleichung zu lösen? Sicherlich nicht, wenn 
anders uns daran gelegen ist, das grösste und erhabenste Ziel 
unseres menschlichen Wesens zu erreichen, wenn anders wir 



No. 1 u. 2. DER BUDDHIST. 19 

danach" streben, der Verwirklichung wahrer Menschlichkeit näher 
zu kommen und den Zweck unserer Rasse zu erfüllen. 

Und so würde die Einführung des Buddhismus die Er- 
ziehungsmethode in neue Bahnen lenken; sie würde der Be- 
deutung und dem Zwecke der Erziehung selbst einen neuen 
Gehalt verleihen: — Die letztere würde dann nicht nur ein 
Mittel werden, um den Menschen mit jener für den Fortschritt 
im Leben wesentlichen Einsicht auszustatten, sondern auch ein 
Werkzeug, um die gesamte Menschheit zu heben und die Prin- 
zipien der Solidarität in dem Grade zu verwirklichen, dass dieselben 
die Grundlage eines wirklichen, dauernden Fortschrittes bilden 
müssten. Dies nun müsste unseres Erachtens auch die Idee 
sein, die der Behandlung der Verbrecher zu Grunde zu legen 
ist. Dem Verbrecher fehlt nach unserem Dafürhalten nur jene 
moralische Kontrolle, welche bei dem Durchschnittsmenschen die 
Ausübung verbrecherischer Triebe verhindert, und eine solche 
Person zu „bestrafen" dadurch, dass man sie „isoliert", dass 
man sie Steine klopfen oder Werg zupfen lässt, ist nach 
unserem Standpunkte absurd, ja, noch mehr: diese Methode 
selbst ist in ihrem Wesen verbrecherisch. Denn nachdem der 
Mann durch die ihm zuteil gewordene rauhe Behandlung und 
durch die zwangsweise Ausführung nutzloser Handarbeit in 
seiner eigenen Achtung und der seiner Mitmenschen äusserst 
gesunken ist, nachdem er den Funken von Intelligenz und 
höheren Regungen, die er ursprünglich besass, gänzlich verloren 
hat, kehrt er haltlos wieder in die Welt zurück, um neue Nach- 
kommen ins Dasein zu rufen, — und hierzu treibt ihn nicht 
nur seine angeerbte, sondern auch die in jenen Jahren erworbene 
Schwachheit, da man ihn in einem modernen Gefängnis wie 
ein Tier behandelt hat. Es ist selbstverständlich notwendig, 
die Gesellschaft vor den Verwüstungen solcher Menschen zu 
schützen; aber es ist töricht, das, was in Wahrheit eine Geistes- 
krankheit ist, so zu behandeln, dass diese Krankheit doppelt 
so bösartig wird, und dann dem zugerichteten Verbrecher zu 
gestatten, in die Welt zurückzukehren und seine geistige Ver- 
kümmerung auf die Geschlechter neuer Nachkommen zu über- 
tragen, welche durch die Kraft der Vererbung gewöhnlich den 
Weg gehen müssen, den er betreten hat. Die Beseitigung der 

2* 



20 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Vergehen liegt — wenigstens bei dem gewoiiniieitsmässigen 
Verbrectier — sicheriicii in der Bemühung, die fehlenden Fähig- 
keiten und die höhere geistige Kontrolle zu erwecken (was durch 
Steine-Klopfen und Werg-Zupfen schwerlich erreicht wird), und, 
falls dies misslingen sollte, die Person von der Gesellschaft 
abzusondern und an der Fortpflanzung ihrer Spezies zu hindern 
— ohne ihr dabei das ganze Leben zur Hölle zu machen. Der 
Zweck des gesitteten Strafrechtes sollte gewiss nicht darin 
bestehn, den Menschen, der Unrecht getan hat, zu peinigen; 
nicht darin, ihm Nase und Ohren abzuschneiden, wie es die 
Gepflogenheit früherer Zeiten war, noch auch, wie man es jetzt 
tut, seine zurückgebliebenen geistigen Anlagen ganz zu vernich- 
ten; am allerwenigsten aber darin, ihn anderen als abschreckendes 
Beispiel hinzustellen, damit sie nicht auch dasselbe Verbrechen 
begehen sollen, (denn abgesehen von der dem Abschreckungs- 
System eigenen Ungerechtigkeit hat die Erfahrung längst die 
Torheit dieser Methode nachgewiesen), — der Zweck des Straf- 
rechtes muss vielmehr der sein, die Gesellschaft vor dem 
Verbrecher zu schützen, aus seiner notwendigen Bestrafung ein 
Mittel zur Reform zu machen und ihn anstatt in eine soziale 
Geissei in einen nützlichen Diener des Staates umzu- 
wandeln. Eine solche Art, Verbrecher zu behandeln, sollte nicht, 
wie das so vielfach geschieht, als „krankhafte Sentimentalität" 
verspottet werden; denn die genannte Methode geht bis an 
die eigentliche Urquelle des gewohnheitsmässigen Verbrechertums 
zurück — die letztere ist nur eine Form geistiger Krankheit; — 
in wenigen Generationen würde die Zahl der Verbrecher in der 
Welt ganz erheblich abnehmen, und eine solche Abnahme her- 
beizuführen, ist zweifellos Zweck und Ziel aller Strafgesetze. 
Dieses Ziel aber — das wissen wir sehr wohl — kann durch 
das jetzt gebräuchliche System nicht erreicht werden: — soll 
da die Annahme einer mehr sicheren, mehr wissenschaftlichen, 
mehr humanitären Methode nur deshalb verschrieen werden, 
weil sie menschlicher ist?! — 

Die Verbreitung solcher Ideen, wie die hier angeführten, 
als eines integrierenden Bestandteiles der buddhistischen Religion, 
und die Darlegung der Religionslehre selbst, bilden den Grund- 
riss unserer Arbeiten; wir laden zur Mitarbeit herzlich alle 



No. 1 u. 2. DER BUDDHIST. 21 

diejenigen ein, die an der Propagandierung dieser Anschauungen 
irgend welclien Anteil nehmen — mögen sie sich nun Bud- 
dhisten nennen oder nicht. Ein besseres Verständnis für die 
Lebensgesetze zu verbreiten, in welchem das Geheimnis wahrer 
Glücl<seligkeit verborgen liegt; mitzuhelfen an der Mission, deren 
Aufgabe darin besteht, Liebe im Menschenherzen an Stelle der 
Selbstsucht zu erwecken und Mitleid zu säen, wo Grausamkeit 
wucherte; mitzuwirken in der Verbreitung dieser Ideen, um den 
Gefallenen und Zurückgebliebenen unseres Geschlechtes aufzu- 
helfen und ihnen durch die Sympathie der Starken zu ihrem 
angeborenen Menschenrecht zu verhelfen; zu lehren, dass wahre 
Menschlichkeit nicht allein in der Liebe zu den Menschen, 
sondern in dem Wohlwollen auch gegenüber dem schwächsten 
und geringsten Geschöpfe auf Erden besteht; und schliesslich 
das wichtigste: vor aller Welt jenen Schatz der Wahrheit auf- 
zudecken, den unser Meister einst schaute, und von dem die 
genannten Punkte nur ein paar vereinzelte Juwelen sind: — 
Das ist der Zweck unseres neuen Vorhabens, das Programm 
unseres geringen Anteiles an der Symphonie des universalen 
Lebens. Wir würden uns in der Tat freuen, wenn dieses 
unser Werk dazu beiträgt, einem kleinen Teil des Übels auf 
der Erde abzuhelfen, einen Lichtsciiimmer in die geistige Finster- 
nis zu senden und in der Wüste der Begierde eine reine Blume 
der Liebe zur Blüte zu bringen: — dieses Zieles wegen wirken 
wir ja in diesem Leben; um seinetwillen sind wir dem von 
unserem Meister gepredigten Glauben ergeben und senden nun 
einen Strahl seines Evangeliums in alle Welt hinaus. 

„Die V/ahrheit" — so steht in unseren heiligen Schriften 
geschrieben — „ist der Ausdruck der Unsterblichkeit". In 
dieser Erkenntnis senden wir aus dem Osten diesen Weckruf 
eines alten Glaubens: — eines Glaubens, so alt, dass die 
grossen Berge wüste geworden sind, dass die Konstellationen 
am Himmel sich verändert haben seit der Zeit, da der Meister 
des Erbarmens diesen Glauben zuerst verkündete am Fusse 
der Himälaya-Gletscher, unter den funkelnden Sternen der stillen 
Nacht des tropischen Indiens. Haben etwa die Zeiten vermocht, 
die Liebe, die er predigte, zu vermindern, die Weisheit seiner 
Worte zu verhüllen oder den Eingang zu dem Friedenspfade, 



22 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

den er gewiesen, zu versiegeln? Siciieriich nicht, — und was 
immer von der alten Wahrheit in unseren Ausführungen 
schlummern mag, was immer von seiner Lehre in diesem ihrem 
fernen Echo wiederklingt: — das wird Eingang finden in die 
Herzen derer, die darauf warten; das wird weiterdauern, auch 
nachdem der Tod unsere Lippen einst geschlossen hat. Das 
Übrige ist nicht von Belang, alle anderen Worte sind eitel: — 
Die Wahrheit, die unsterbliche allein, wird weiterleben; wird 
weiterleben den Lauf der Zeiten hindurch als Heiligstes im 
Tempel reiner Menschlichkeit; bis das Feuer von Begierde, 
Hass und Wahn für immer erloschen und der Schleier der 
Unwissenheit zurückgezogen ist; bis das ganze Menschengeschlecht 
endlich als Friedensbruderbund vereint ein Gesetz, eine Hoff- 
nung, einen Glauben haben wird: das ist der Glaube des 
Mitleids, der Weisheit und der Liebe, der alle anderen Lichter 
überleben wird, — die zarte Blüte am Baume rein menschlicher 
Gesinnung; der Glaube der gesamten Menschheit, die Religion 
der Zukunft! (Aus: Buddhism, Vol. 1 No. 1.) 

Wie an der Lotusblume Wasser nicht haftet, so 
bleibt Nirväna von jeder bösen Neigung unberührt. 

Milindapaiiha. 
* * 

Befleissigt euch der Wachsamkeit über eure Herzen. 

Mahäparinibbäna-Sutta. 



Tue niemandem Unrecht, lebe in der Welt, erfüllt von 
Liebe und Güte. 

Milindapanha. 



Wie ich bin, so sind diese (Geschöpfe), wie diese sind, 
so bin ich; sich selbst mit anderen identifizierend, 
möge der Weise nicht töten, noch Tötung veranlassen. 

Sutta-Nlpäta. 



No. 1 u. 2. DER BUDDHIST. 23 



Die vier erhabenen Wahrheiten. 

Ein Vortrag 

gehalten i. J. 1901 in Colombo (Ceylon) 

von 

Allan Mac Gregor. 



Meine Brüder! 

Nur mit dem grössteii Zögern wage ich es, Euch am heutigen 
Abend eine kurze Darstellung der buddhistischen Religion zu 
geben. Dieses Zögern hat seinen Grund nicht nur in der 
ausserordentlichen Schwierigkeit, die darin liegt, in dem Rahmen 
eines einstiindigen Vortrages auch nur die notwendigsten Um- 
risse eines so hehren, heiligen Gegenstandes zu zeichnen, — 
sondern auch in der Tatsache, dass viele von Euch dazu bei 
weitem befähigter sind, als ich, klar darzulegen, was Buddhis- 
mus ist, befähigter auf Grund eines lebenslänglichen Studiums 
und einer langen Wirksamkeit. 

Es ist auch nichts Neues, was ich Euch sagen kann, nichts, 
was Ihr nicht schon vorher gehört hättet, — und wenn ich, als 
ein Fremder, der von diesem grossen Gesetz der Liebe und 
Gerechtigkeit nur geringe Kenntnisse besitzt, es wage, zu Euch 
zu sprechen, die Ihr zum grossen Teil von Jugend auf Bekenner 
der buddhistischen Religion seid, so geschieht das nur aus 
folgendem Grunde: Es dünkt mich, das Licht aus dem »Kleinod 
des Guten Gesetzes« strahlt auch heute noch wie vor vierund- 
zwanzig Jahrhunderten so klar, so glänzend, so rein, dass selbst 
meine Unkenntnis nicht imstande ist, es völlig zu verdunkeln, 
und ich halte dafür, dass dieses Gesetz, wann und von wem 
es auch immer in liebevoller Gesinnung erklärt oder gehört 
werden mag, niemals verfehlen wird, Hilfe zu bringen, und 
wenn es auch nur in geringem Masse wäre; dass es niemals 
ermangeln kann, einen lichten Schimmer in die dunklen Stellen 
unseres Geistes und unseres Lebens auszugiessen. 

So dürft Ihr von meinen folgenden Ausführungen nichts 
Neues, nichts Aussergewöhnliches erwarten. Es ist das alles 



24 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

schon früher so viele, viele Male erklärt worden, dieses erhabene 
Gesetz der Liebe und Weisheit, welches uns unser Lehrer 
hinterlassen hat, — und ich, der ich der niedrigste Schüler dieses 
unvergleichlichen Meisters bin, kann nur in neuen Worten das 
wiederholen, was er einst in längst entschwundenen Tagen ge- 
predigt hat. 

Vieles weniger Wichtige muss ich notwendigerweise über- 
gehen, und sollte ich in meiner Ansicht über echten und wahren 
Buddhismus hie und da irren, so muss ich Euch um Nachsicht 
bitten. Von hohem Alter sind die heiligen Schriften, in welchen 
unseres Meisters Lehre niedergelegt ist, und selbst die grossen 
Gelehrten, deren liebevoller Sorgfalt und Arbeit die Wiederbe- 
lebung der echten buddhistischen Lehre für die Welt des Westens 
zu verdanken ist, geben die Schwierigkeit zu, die darin 
liegt, durch die Sprache des Abendlandes Ausdrücke wiederzu- 
geben, welche mit den Begriffen der westlichen Philosophie- 
Systeme so wenig gemein haben. 

Als ich zuerst überlegte, wie ich die grundlegenden Lehren 
unseres Herrn wohl am besten in einem einstündigen Vortrage 
zusammenfassen könnte, betrachtete ich mit Schrecken jene 
imgeheure Literatur, die den Tipitaka, den buddhistischen Kanon, 
ausmacht, gar nicht zu reden von der grossen Menge der als 
vollgültig anerkannten Kommentare — und die Aufgabe erschien 
mir hoffnungslos. Ich dachte an die leicht irreführenden und 
leicht misszuverstehenden metaphysischen Feinheiten des Abhi- 
dhamma, an die zahllosen Regeln und Beispiele des Vinaya, an 
die vielen, vielen schönen Geschichten, Reden und Lieder des 
Sutta-Pitaka, — und ich wusste nicht, wo ich da beginnen 
sollte. Dann erinnerte ich mich aber daran, wie der Meister 
einmal gesagt hat, das Gesetz sei so einfach, dass ein kleines 
Kind seinen wesentlichen Inhalt verstehen könne, und wie er 
am Ende seiner langen, glorreichen . Laufbahn seine gesamte 
Lehre in dem Rahmen eines einzigen Satzes zusammengefasst hat. 

Erlaubt, dass ich Euch die Szene ins Gedächtnis zurück- 
rufe. In einem grossen Waldpark nahe bei der Stadt Kusinära 
haben sie für den sterbenden Meister zwischen zwei Sala-Bäumen 
ein Lager bereitet. Er hat verkündet, dass er in der kommenden 
letzten Nachtwache den Körper ablegen wird — den Körper, 



No. 1 u. 2. DER BUDDHIST. 25 

der so lange Zeit hindurch nur deshalb zusammengehalten hat, 
damit Er der Welt den Pfad zum grossen Frieden weisen könnte. 
Sein Werk — das mächtigste Werk, das einer in sterblicher Ge- 
stalt jemals auf Erden getan hat — ist nun vollbracht, und für alle 
die hundert Jünger, die bis zuletzt bei ihm sind, gibt es jetzt 
keine ungelöste Schwierigkeit, keinen Zweifel mehr. Änanda, 
der Lieblingsjünger, v/ill in liebevoller Fürsorge den Meister 
vor den Zudringlichkeiten Subhaddas, eines wandernden Asketen, 
schützen. Der Buddha hört ihre im Flüsterton geführte Unter- 
haltung und bittet Subhadda näherzutreten. Er lehrt ihn die 
Wahrheit, und Subhadda wird sein letzter, von ihm persönlich 
gewonnener Jünger. Und nun legt sich ein grosses Schweigen 
auf die gewaltige Menge der Bhikkhus und Arahäs, als sie 
dastehn und warten, um die letzten Worte aufzufangen, die 
von den Lippen des weisesten und mitleidvollsten der Menschen 
kommen werden, — und die Worte werden endlich gesprochen. 
Er beginnt: „Meine Brüder! Weil wir vier grosse Wahrheiten 
nicht verstehn und begreifen, mussten wir, ihr und ich, so 
lange durch Tod und Leben wandern. Und welches sind diese 
vier Wahrheiten? Das Leiden, die Ursache des Leidens, 
die Aufhebung des Leidens und der erhabene achtfache 
Pfad, der zur Aufhebung des Leidens führt. Aber wenn 
diese grossen Wahrheiten begriffen und anerkannt sind, wird 
der Drang nach Dasein ausgerottet, das, was zu erneuter Exi- 
stenz führt, ist zerstört, und es gibt keine neue Geburt mehr." 
So ist in diesen vier Wahrheiten der gesamte Buddhis- 
mus enthalten und zusammengefasst. Vier Wahrheiten solcher- 
art, dass ein Kind ihre Richtigkeit einsehen, dass ein kleines 
Kind sie verstehn und begreifen kann. Wenn ich Euch also 
den Sinn jener vier grossen Wahrheiten so klar zu erklären 
vermag, wie die heiligen Schriften sie erklären, dann habe ich 
Euch alles das gezeigt, was das Wesen unserer Religion aus- 
macht. Die Feinheiten der praktischen Anwendungen im Abhi- 
dhamma, die Regeln des Vinaya, die Poesie und die tiefen 
Moral-Lehren der Suttas, — sie alle sind nur praktische Er- 
läuterungen und Illustrationen, ein grosser Kommentar zu den 
vier erhabenen Wahrheiten. Und weil sie so leicht und uns in 
unserem Leben so nahe sind — zwei von diesen Wahrheiten 



26 - DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

sind stets mit uns, und die zwei anderen suchen wir beständig, 
— deshalb sagen wir, ein kleines Kind kann unsere Religion 
begreifen. 

Nurmüsstihr recht verstehn: Obgleich der ganze Buddhis- 
mus auf der Wahrheit und richtigen Würdigung dieser vier Sätze 
gegründet und aufgebaut ist, so liegt es uns doch sehr fern, 
an die letzteren im gewöhnlichen Sinne des Wortes zu „glauben". 
Das würde durchaus gegen den Geist unserer Lehre sein. Wir 
werden ermahnt, nichts, selbst wenn es das ausdrückliche Wort 
des Buddha wäre, anzunehmen, wenn wir uns in unserem Geiste 
nach sorgfältiger Prüfung nicht von seiner Wahrheit überzeugt 
haben. Und so sind diese vier grossen Wahrheiten für uns 
keineswegs blosse Glaubensartikel, an welche wir auf Grund 
der Autorität unseres Meisters „glauben", sondern Behauptungen, 
Leitsätze, die wir alle genau erwogen, durchdacht und mit un- 
serer Erfahrung verglichen haben, und zwar werden die ersten 
beiden durch unsere Erfahrung bestätigt, und die beiden anderen 
werden dann durch Schlussfolgerungen als richtig erkannt. 
Wenn diese vier Wahrheiten bestätigt und angenommen sind, 
so ergeben sich dann die übrigen Lehren des Buddhismus als 
etwas Selbstverständliches, und zwar geht der grösste Teil der- 
selben von der Bestätigung des ersten Satzes, der Wahrheit 
vom Leiden, aus. 

Hier kommt nun der grosse Stein des Anstosses, besonders 
für die Völker des Westens. Wir fühlen uns in unserer neu 
gefundenen Freiheit und Macht so lebensvoll, so tatenfroh, so 
stark, dass wir einem eben, erst der Schule entwachsenen, 
trotzig-kühnen Knaben gleich, nur zu leicht geneigt sind, eine 
Philosophie als den krassesten Pessimismus, um niclit zu sagen 
reinsten Unsinn zu verschreien, welciie damit anhebt den Satz 
aufzustellen, dass alles nur denkbare Leben Leiden ist. Wir 
haben ein so starkes Selbstvertrauen, wir halten die Kenntnis 
der Naturkräfte, die uns stark gemacht hat, für so wichtig, 
wir haben so schöne Pläne für die Gegenwart, — dass wir 
die Vergangenheit ebenso wie die Zukunft vergessen, dass wir 
nicht an die zahllosen Civilisationen denken, die auftauchten, 
blühten und dahinschwanden und nichts als Trümmer zurück- 
liessen; und wir sollten uns daran erinnern, dass auch unsere 



No. 1 u. 2. DER BUDDHIST. - 27 

Zivilisation ebenso vergehen muss, und dass Europa in fernen 
Tagen wiederum von Barbaren bewohnt sein wird. 

So sind wir nun zu leicht geneigt, von vornherein die 
Einflüsterung abzuweisen, dass alles Leben seiner innersten 
Natur nach ein Übel ist, dass das Beste, was wir tun können, 
darin besteht, so zu leben, dass wir dem ewig wechselnden 
Kreislaufe seiner Leiden zu entfliehen vermögen. Und doch, 
betrachtet die grossen VVeltreligionen, und Ihr werdet mit 
alleiniger Ausnahme des Islam finden, dass dieselbe Lehre von 
dem grossen Leiden und von der Hinfälligkeit alles irdischen 
Daseins der Grund ist, auf dem sie alle aufgebaut sind. „Die 
Welt ist eine Stätte des Übels; lasst uns ihre Verführungen ver- 
achten und so leben, dass wir, mag es sein, wo es wolle, ein 
besseres Leben haben mögen", — ist dies nicht das Fundament 
aller Religionen, ja, noch mehr, ist dies nicht überhaupt die 
Grundlage, der sie ihr Dasein verdanken?! 

Ist denn diese Wahrheit, diese erste Wahrheit unserer 
buddhistischen Religion so schwer zu lernen, so schwierig zu 
begreifen, dass wir genötigt wären, an sie als ein unbewiesenes 
und unbeweisbares Dogma zu „glauben"? Sicherlich nein; 
denn wer von Euch ist jetzt, in diesem Augenblick der Macht 
des Leidens nicht unterworfen? Hast du nach grosser Trübsal 
einen geliebten Gegenstand für dich gewonnen und empfängst 
ihn mit deiner ganzen Liebe — bist du selig in seinem Besitze, 
bist du nun auf einmal glücklich in deinem Leben? Sage mir, 
Freund, hat denn das Gesetz aufgehört, dich zu leiten, also 
dass du sprechen könntest: „Das, was ich liebe, wird auch 
morgen noch mein sein ?!" Hat der grösste aller Erdenschmerzen, 
das jähe Abscheiden derer, die wir hier so zärtlich liebten, ihr 
plötzliches Abtreten von der Lebensbühne und Eingehen zur 
unzugänglichen Stätte des Todes — hat dieser grösste aller 
Erdenschmerzen noch nie seinen düstern Schatten auf dein 
Leben geworfen, und wenn nicht, erkühnst du dich etwa zu 
sagen, dass es nicht schon morgen der Fall sein kann?! Wenn 
du liebst — und ist nicht die Liebe die höchste aller irdischen 
Freuden? — wenn du liebst, musst du Furcht haben, ja, Furcht, 
wenn du den Sinn unseres Lebens geschaut und- verstanden 
hast, und Furcht ist — Leiden. Hast du ein grosses Ideal, 



28 DER BUDDHIST. F. Jahrg. 

nach welchem du strebst, und glaubst du, das Ziel, für welches 
du so lange deine Kraft einsetztest, nahezu erreicht zu haben? 
Beeile dich, mein Bruder, beeile dich, das beinahe Erlangte zu 
ergreifen; die Zeit ist so kurz, beeile dich, damit der Gegenstand 
deiner höchsten Anstrengungen nicht auch in Staub zerfällt! 
Wenn jemand einem Ideale nachgejagt ist — hat er das noch 
nicht gelernt: Solange das Ideal noch nicht erreicht ist, scheuen 
wir kein Opfer, um es zu erreichen, und wenn unser Abgott 
nun endlich gefunden ist — steht er dann nicht immer auf 
tönernen Füssen?! Und das ist — Leiden. 

Ist einer unter Euch, der imstande ist, sich eine weltliche 
Hoffnung zu zimmern, sich ein sei es noch so erhabenes Ideal zu 
konstruieren, welches, lange bevor es erreicht ist, sich nicht von 
selbst in ein Nichts auflöst? Du sagst, du liebst den Armen, den 
Leidenden, du liebst deine menschlichen Brüder, welche schwächer 
und weniger glücklich sind, als du; du liebst sie und möchtest 
ihnen in der Misere ihres Lebens eine kleine Hilfe sein. Weisst 
du nicht, dass bevor das stolze Ideal der Verbrüderung erreicht 
sein kann, bevor sich alle Menschen wirklich lieben und ein- 
ander helfen können, dass lange, lange vorher derselbe Gegen- 
stand deines Mitleids und deiner Sympathie für immer dahin 
sein wird? Ja ich will sogar noch weiter gehen. Du hegst 
vielleicht eine grosse Liebe zu deiner Religion, mag es nun 
diese oder jene sein, es scheint dir, dass die Menschen in 
diesem oder in einem anderen Leben besser und liebevoller 
werden würden, wenn sie alle ebenso glaubten, wie du. Du 
siehst deine Lebensaufgabe darin, die grosse Religion, welche 
dich das Dasein leichter tragen lässt, denen zu bringen, die 
im Schatten der Finsternis sitzen. Freund, wisse, dass auch 
hier immer das unabänderliche Gesetz der Vergänglichkeit 
regiert! In der kleinen Spanne Zeit, welche wir kennen, in 
den wenigen tausend Jahren menschlichen Lebens, von denen 
die Annalen der Geschichte zu berichten wissen — wie viele 
Religionen sind da nicht entstanden, lebten ihre Zeit und starben 
ab, indem sie nur die Erinnerung an verwelkte Hoffnungen 
zurückliessen?! O, ich weiss, dass ein jeder von Euch jetzt 
sagen wird: „Ach, das ist so bei allen anderen Religionen ge- 
wesen, weil sie von dem wahren Licht nur wenig oder nichts 



No. 1 u. 2. DER BUDDHIST. 29 

enthielten; aber diese meine grosse Religion, das ist etwas 
anderes, o, sie wird sicher ewig leben, sicher werden alle 
Völker unter ihre heilige Herrschaft kommen, weil sie in sich 
die Erkenntnis besitzt, welche selbst ewig ist, jenes Licht, das 
nie verdunkelt oder erlischt". So träumten die zahllosen Ver- 
ehrer der Isis, der heiligen Mutter, auch, vor vielen, vielen 
Jahrhunderten dort an den Ufern des Nils — und heute, wie- 
viel Blumen opfert man noch zu ihren Füssen? So dachten 
auch die ungezählten Anhänger der grossen, alten parsischen 
Religion, als sie die Quelle alles Guten anbeteten, als sie ihr 
Antlitz dem Lichte, als dem geeignetsten Symbole, zuwandten 

— und heute, wie viele sind von jenen Millionen noch übrig 
geblieben? So denkt der vernarrte Verehrer immer, gleichviel, 
ob es sich um menschliche oder göttliche Angelegenheiten 
handeln mag: „Dies von mir Geliebte ist besser als alles andere; 
wie sollte es möglich sein, dass es jemals vergehen oder sterben 
könnte?" Vielmehr: Wie sollte es nicht möglich sein? Wie 
ist es möglich, dass die zusammengesetzten Bestandteile unseres 
Denkens, Fühlens und Sprechens nicht vergehen sollten — 
auch das Hehrste und Heiligste?! Und das ist — Leiden. 

Wenn du nun sagen willst: „Sehr wahr, alle Dinge müssen 
vergehen, alle irdischen Hoffnungen müssen verbleichen, wenn 
auch heute nicht, so vielleicht schon morgen; doch - lasst 
mich heute glücklich sein, weil ich es so gerne möclite, diesen 
Tag nur; denn heute ist für mich alles wohlbestellt, und die 
ich liebe, sind mir nahe;" — wenn du mir sagen willst: „Es 
gibt wohl viel Leiden, doch es gibt auch Glück, heute lasst 
mich glücklich sein, und wenn morgen schon Leid über mich 
kommen sollte, dann kann ich es nicht ändern, lasst mich nur 
jetzt glücklich sein, lasst mich nur das Licht dieses Tages ge- 
niessen" — — dann antworte ich dir, dass du nicht nachge- 
dacht, dass du nicht begriffen hast. Hast du noch nicht die 
erste grosse Lektion, des Daseins gelernt, dass du nicht ein 
getrenntes Wesen bist, sondern ein wesentlicher Bestandteil des 
Lebens, jenes Lebensodems, der in allem pulsiert und atmet? 
Und wenn du nun die grosse Wahrheit von der Einheit aller 

— nicht nur der Menschen, sondern aucii der höchsten und der 
niedrigsten Wesen — wenn du diese Wahrheit begriffen hast, 



30 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

kannst du da noch sagen: heute habe ich kein Leid?! Kein 
Leid, wenn die Augen deiner Brüder mit Tränen gefüllt sind? 
Wenn das ganze Antlitz der lachenden, heiter scheinenden Natur 
nur die Maske einer unerträglichen, ununterbrochenen Grausam- 
keit ist, wenn die Luft widergellt von dem Schrei hilfloser, in 
ihrer Qual sich windender Lebewesen?! Und du hast an 
diesem Tage kein Leid?! Dann, mein Bruder, hast du diesen 
Tag nicht verstanden, hast nicht begriffen, dass das Leben 
ausserhalb, welches leidet, eins ist, eins ist auch mit dem Leben, 
welches in dir pulsiert. Du errichtest zwischen dir und dem 
andern Leben eine Trennungsmauer — und gerade wegen dieser 
Täuschung des Sonderseins existiert ja das Leiden überhaupt! 
Wir müssen heute leiden, weil wir unwissend sind; wir haben 
so viele leidvolle Leben durcheilen müssen, weil die Verblen- 
dung uns in der Unwissenheit hielt. Und ist nicht diese Un- 
wissenheit, die fruchtbare Ursache unseres Leidens, selbst Leid?! 
Welches grössere Weh kann es geben, als sich getrennt von 
anderen Leben zu fühlen, zu fühlen, dass jemand abgesondert 
von dem übrigen Leben ist, dass er für sich allein steht, ohne 
Mitleid, für den Schwachen, ohne Kummer für den Leidenden? 
Dies ist ebenfalls — Leiden, und vielleicht das grösste Leiden 
überhaupt. Denn morgen wird die Frucht reifen, und wer kann 
den Lauf der Zeit aufhalten, wer vermag der eisernen Hand des 
Schicksals ein Halt zu gebieten? 

Und wenn wir dieses alles eingesehen und verstanden 
haben, dann begreifen wir die erste erhabene Wahrheit 
und nehmen ihren Inhalt an, welcher sagt, dass alles Leben, alles 
Dasein ohne irgend eine Ausnahme Leiden ist, Leiden ohne 
Aufhören, und dass es keinen Wald, keinen Berg, keine Höhle, 
ja noch mehr, dass es aucli keine Stelle in dem höchsten, 
heiligsten Himmel gibt, wo ein Lebewesen ruhig werden und 
sprechen könnte: „Hier wird mir das Leid nicht nahe kommen!" 
Und nachdem wir das grosse Siechtum und Leiden des Lebens 
erkannt und verstanden haben, gehen wir wiederum zu unserem 
Meister, um das Heilmittel kennen zu lernen. Er hat uns gelehrt, 
unser Auge und unseren Geist so zu gebrauchen, dass wir zu 
der Einsicht gelangen: Dieses glückliche Leben, nach dem wir 
streben, kann eben niemals erreicht werden; er hat unseren 



No. 1 u. 2. DER BUDDHIST. 31 

Blick geschärft, dass wir das universale Leid und Weil aller 
empfindenden Wesen erkennen können. Wo ist nun der Weg, 
der liinausführt aus dem Meere des Samsara, was ist zunäcfist 
zu tun? Wie sollen wir aus diesem verfiängnisvollen Rade des 
Daseins entkommen, wohin sollen wir uns wenden, um Frieden 
zu erlangen? Der nächste Schritt, so sagt unser Meister, ist 
das Verstehen und Ergreifen der zweiten erhabenen Wahr- 
heit, genannt die Ursache des Leidens. 

„Nicht aus sich selbst kommt Leiden, — Leid kommt aus 
böser Lust" singt der Dichter der »Leuchte Asiens«. In dem 
Rahmen dieser wenigen Worte liegt die Wahrheit, die da heisst 
des Leidens Ursache. Wir sehnen uns nach Reichtum, und 
wenn wir ihn nicht erlangen, empfinden wir Leid, oder wenn 
wir ihn besitzen, fürchten wir ihn zu verlieren, und dieses 
Sehnen, diese Furcht ist Ursache des Leidens. Wir sehnen uns 
nach Liebe, nach Glück, nach dem Leben selbst, nach allen 
Dingen, die uns erfreuen, die uns glücklich machen und das 
Leben verschönen, und dieses Sehnen ist Ursache des Leidens; 
denn entweder können wir nicht erlangen, was wir begehren, 
oder wenn wir es haben, cntreisst uns die unerbittliche Hand 
des Schicksais den Gegenstand unserer Liebe, und es entsteht 

— Leiden. Wir gleichen schiffbrüchigen Seefahrern, die auf 
dem unermesslichen Ozean des Samsara hin und her geworfen 
werden, und wir lechzen mit Sehnsucht nur nach einem Trünke 
von dem Wasser rings um uns her, das uns so klar, so rein, 
so reichlich erscheint. Lange vielleicht mögen wir widerstehn, 
denn alle Religions- Lehrer Iiabeii uns von dem Trug jener 
glitzernden Wellen erzählt; -- aber schliesslich in einem Augen- 
blick unerträglichen Durstes werden wir schwach und trinken, 

— und dann — ja welche Hoffnung bleibt uns dann für dieses 
Leben? Mit einem Durst, der durch das Geniessen des salzigen 
Wassers stetig wächst, müssen wir immer mehr und mehr 
trinken, bis zuletzt unsere ganze Zeit damit verbracht wird, dass 
wir von dem Durst erzeugenden Wasser der Leidenschaft und 
Begierde fortwährend trinken, bis wir keine Zeit mehr für die 
Fahrtjunseres Schiffieins nach der jenseitigen Küste mehr übrig 
haben. Dies letztere ist ja unsere Aufgabe, aber schwierig ist 
ihre Durchführung! Nicht zu begehren! Aufzuhören von jenem 



32 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

salzigen Lebenswasser zu trinken, wenn dies letztere uns zur 
dauernden Gewohnheit, zum Inhalte unseres Lebens geworden 
ist! Aber was sagt das »Gute Gesetz«? Es sagt: Die Leiden- 
schaft ist weniger stark, als die Liebe zum Guten; derjenige, 
der, wenn auch nur Schritt für Scliritt, jenen verhängnisvollen 
Durst zu überwinden trachtet, wird immer fester in seinem 
Streben; „niemand sollte leichthin vom Guten denken: ,es wird 
mir nicht nahe kommen'; denn auch durch das allmähliche 
Fallen der Wassertropfen wird ein Krug gefüllt;" wer Tag für 
Tag darnach strebt, stark genug zu werden, um seine Wünsche 
zu beherrschen, wird sie alsbald bemeistern und überwinden; 
und dieser Sieg wird errungen durch unermüdliche, energisciie 
Anstrengung, durch ein Leben der Reclitschaffenheit. Das ist 
die dritte erhabene Wahrheit, genannt die Aufhebung 
des Leidens. Und die vierte Wahrheit ist der Weg, der 
erhabene achtfache Pfad, der zum ewigen Frieden führt, 
der uns herausleitet aus diesem grossen Begierden- und Leidens- 
Meere; es ist der Pfad, den unser Meister uns gewieserr hat, 
um uns zum grossen Frieden zu führen, der Zweck und das 
Endziel unseres buddiiistischen Glaubens; der Pfad, welcher 
das Auge öffnet und Einsicht verleiht, welcher hinführt zur Ruhe 
des Gemütes, zur iiöchsten Erleuchtung, zum Nirväna. 

Sehr schwierig ist es, diesen Weg zu wandeln; ja, es ist 
schon mühsam genug, diesen heiligen Pfad zu betreten, über 
dessen Tor und Schwelle das Wort »Entsagung« geschrieben 
steht. Und es ist die furchtbarste aller Entsagungen, die hier 
gefordert wird. Reichtum, Weib, Kind, selbst das Leben auf- 
zugeben ist nur eine Kleinigkeit im Vergleich zu jener ersten 
Stufe auf dem Pfade der Buddhas. Es haben Menschen schon 
oftmals die genannten Punkte aus tausend Ursaciien geopfert, 
— aus rein hysterischer Eitelkeit sowohl, als aus der Liebe zu 
den höchsten religiösen Idealen, wie dem Glauben an ein zu- 
künftiges Leben, der Sehnsucht nach himmlischer Seligkeit, dem 
Glauben an ei ■■ liebende Hilfe jenseits des Todes, dem Glau- 
ben an eine jsen Gott, welcher Gebete versteht, hört und 
beantwortet. A.>-er hier, ehe du den Pfad betreten kannst, handelt 
es sich gerade um diese gross und hehr erscheinenden Ideale 
selbst, die du aufgeben, auf die du verzichten musst; — denn 



No. t u. 2. DER BUDDHIST. 33 

wer diesen göttlichen Weg wandein will, darf keine Hoffnungs- 
Bande, keine Vertrauens-Ketten, keine Giaubens-Fesseln fiaben, 
die ilin am Fortsciireiten iiindern. So sieli docii: Welclies sind 
unsere höcfisten Hoffnungen, weiciies ist unsere grösste und 
stärkste Sehnsuclit? Wir lieben das Glück, wir fiassen das 
Leid und möchten schon in diesem Leben ganz glücklich sein. 
Gib jene Sehnsucht auf, sagt das Gesetz; denn all Leben ist 
Leiden, und durch die Hoffnung auf etwas Unerreichbares 
kommst du nimmer zum Frieden. Wir lieben das Leben, wir 
hassen den Tod, und so bilden wir uns in uns selbst ein Ideal, 
ein Phantom, ein Wesen, oder einen „ Geist", ein eingebildetes „Ich", 
das in uns leben, ja, das für immer in uns leben soll, auch wenn 
unser Körper nicht mehr da sein wird. Dieser „Glaube" an ein 
unauflösbares Seelenwesen ist die Frucht, welche der Lebenswille 
in eurem Leben gezeitigt hat; also spricht das Gesetz. Ihr seid 
nicht glücklich hier, und alles, was ihr kennt und liebt, ist der 
höchsten Macht der Vergänglichkeit und der Auflösung unter- 
worfen, — und so baut ihr euch aus jenem wilden Lebensdrange 
das Bild von einem Leben, das nicht vergänglich ist, und die 
Vorstellung, dass euer eingebildetes „Ich" ewig dauern wird. Gib 
auf, sagt das »Gute Gesetz«, gib auf diese so närrische Torheit 
und Illusion der Menschen, diesen „Glauben" an ein unauflös- 
bares Seeienwesen; denn es gibt nichts Stoffliches, das sich im 
Kreislauf der Zeiten nicht auflösen sollte oder wert wäre, ewig zu 
dauern! Gib auf diesen „Glauben"; denn er ist aus der Be- 
gierde entsprossen; wer nicht begehrt, hat keinen „Glauben"^), 
sondern nur Wissen. Gib auf den „Glauben" ans „Ich"; denn so- 
lange jener Lebenswille, die Ursache dieses Irrwahnes, in dir fort- 
lebt, hast du noch nicht den ersten Schritt auf deiner Pilgerreise 
getan. Gerade dieser Irrglaube ist die Ursache, dass du so lange 
die zahlreichen Wiedergeburten erleiden musstest; und nach- 
dem du nunmehr zu der Einsicht gekommen, dass alles, wo- 
nach du gestrebt hast, leidvoll ist, musst du nun auch dem entsagen, 
das als die Hauptursache des Leides bezeichnet werden muss. 
Und da wir oft sehr schwach und hoffnungslos sind, wenn 

') Unter „Glauben" ist hier nicht der wahre (geistige) Glaube, der durcli 
die aufleuchtende Erkenntnis im Menschen erlangt wird, gemeint, sondern 
der blinde „Glaube" (Fürwahrhalten) eines Dogmas. 

3 . 



34 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

der iinverineidliclie Schatten des Leidens auf unseren Lebens- 
weg fällt, sehnen wir uns darnach, ein Leben kennen zu lernen, 
welches dem Wechsel nicht unterworfen ist, und wünschen uns 
ein Dasein, das von dem Wechsel unberührt bleibt. Wahrlich, 
wir verlangen wie kleine Kinder in den Stunden der Angst 
nach einem geistigen Vater, nach einer Mutter, sehnen uns nach 
einem Etwas, das unsere Sünden auf sich nehmen, das für uns 
leiden und in unseren kleinen Sorgen mit uns fühlen könnte, 
und suchen jemand, der unsere Gebete hört und uns hilft. Weil 
wir den Sinn dieses ganzen gewaltigen Lebensrätsels nicht ohne 
weiteres erfassen und begreifen, deshalb haben wir Menschen 
die höchsten, heiligsten Ideale aufgestellt; das Ideal eines grossen 
Gottes in irgend einem Himmel, der uns alle geschaffen hat, 
der uns hilft, wenn wir zu ihm beten, der uns in unserem 
Leben führen und dem (eingebildeten) „Ich" in uns für ewig eine 
Wohnung in seiner heiligen Stätte gewähren wird. Verbanne 
jenen „Glauben", sagt das »Gute Gesetz«; denn auch dieser ent- 
springt einem wenn auch hohen, erhabenen Begehren, dem 
Wunsche nach unsterblichem Leben, dem Sehnen, sich zu der 
seligen Gegenwart des Geliebten zu erheben; er ist aus der 
Schwachheit unserer Natur entsprungen und aus dem Wahne 
geboren, dass irgend ein anderes Wesen ausserhalb unserer 
selbst uns retten und erlösen kann. Gib jenen „Glauben" auf; 
denn so lange du am Wege sitzen bleibst und einen anderen 
um Hilfe bittest, kannst du nicht fortschreiten. Nehmt eure 
Zuflucht in der Wahrheit, geht zu der Wahrheit und zu euch 
selbst als einer Leuchte und einem Führer, suchet keine andere 
Zuflucht als die Wahrheit, als euch selbst. Nicht durch Gebet 
oder blinden Glauben kannst du zum Frieden gelangen, son- 
dern nur dadurch, dass du begreifen lernst, was du bist und 
was du nicht bist, und dass dein Handeln mit dem Gesetz der 
Liebe und mit der Wahrheit in Einklang steht, durch Erkennt- 
nis, nicht durch „Glauben", durch rechtes, liebevolles Tun, und 
nicht durch Beten. 

Aber hier wird eine Frage aufgeworfen werden: Wenn 
wir an keine Macht dort droben glauben, an keinen Gott, der 
unsere Gebete beantworten kann, — wenn wir uns an keinen 
Heiligen im Himmel um Hilfe wenden, was bedeuten dann 



No. 1 u. 2. DER BUDDHIST. 35 

diese vielen knieenden Menschen in unseren Tempeln, was 
die wallenden Weihrauchwolken und die ungezählten Blumen, 
die wir vor dem Bilde unseres Meisters niederlegen? Soll 
das etwa kein Gebet sein? Wäre es möglich, dass fünfhundert 
Millionen Menschen ohne jeden Grund ihre Verehrung be- 
zeugen, ohne jeden Grund Räucherwerk und Blumen dar- 
bringen? Nein, meine Brüder; dies geschieht allerdings nicht 
ohne Grund, und es handelt sich hier sogar um den höchsten 
Beweggrund, den wir überhaupt kennen. Nicht etwa deshalb 
geschieht es, weil wir den Mitleidvollsten um irgend eine Wohl- 
tat zu bitten hätten; nicht deshalb, weil wir uns der Hoffnung 
hingeben, unsere Bitten möchten zu seinem lauschenden Ohre 
gelangen und er wäre über die erwiesenen Ehren glücklich. 
Nein; er, der grosse, liebevolle Lehrer ist eingegangen zum 
Frieden und zu jener Stille, wo kein Laut aus dem Getriebe 
des Weltrades ihn erreicht, — und wir haben nichts von ihm 
zu erbitten, wie auch er uns nichts zu geben hat. Nun, was 
soll also diese scheinbare Anbetung, diese Verehrung, was 
sollen diese Blumenopfer? Ich will es euch mit einem Worte 
sagen: Die Liebe ist der Beweggrund gewesen, dass jener 
Mensch — denn er war einst Mensch und strebte wie wir — 
allein entsagte, um für uns das Licht, um für die Welt den 
Weg zum Frieden zu finden. Für uns, nicht nur für sich selbst, 
— und nach vielen bitteren Kämpfen hat er das Ziel erreicht. 
Weil er seinen Palast und alle Herrlichkeiten seines 
Lebens verliess, weil er in die Einsamkeit ging, um die Wahr- 
heit zu suchen, damit wir den Weg zum Frieden finden 
möchten, — weil er nach Erreichung dieses Zieles fünfund- 
vierzig Jahre lang jene Wahrheit unermüdlich predigte, damit 
andere den heiligen Pfad finden könnten, — weil er sterbend 
die Versicherung abgab, dass er nicht wie andere Lehrer 
seiner Zeit und seines Volkes etwas zurückgehalten, sondern 
der Menschheit die ganze Wahrheit enthüllt habe, — weil 
er niemals ein gehässiges oder unwirsches Wort sprach, — 
weil er für uns die unvergleichliche Personifikation unseres 
höchsten Ideales war, die Realisierung von Mitleid, Liebe, 
Erbarmen, — deshalb beugen wir uns in Ehrfurcht vor ihm 
und opfern ihm Blumen, Lichter und Weihrauch; deshalb 

3* 



36 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

scliliessen wir ihn vor allem anderen als höchstes Ideal in 
unsere Herzen ein. Und es ist unsere Verehrung ein Opfer 
der Liebe, und nicht eine Markthalle, in welcher Gebete und 
Anrufungen für irgend welche Wohltaten aus der Höhe um- 
getauscht werden. 

Wenn wir das Meer betrachten, wie sein nimmermüder 
Wellenschlag sich im Sonnenlichte hin und her bewegt, — 
wenn wir auf eine herrliche Landschaft blicken oder die Palmen 
beobachten, die sich duftend in der frischen Abendluft regen; 
— wenn wir emporblicken zum nächtlich-dunklen Himmel, 
der mit unzähligen funkelnden Sternen geschmückt ist — 
fühlen wir da nicht auch von diesen rein irdischen Dingen, 
diesen Bildern unserer Sinne, jenes namenlose Sich-regen in 
unserer Seele, wodurch die Felsen, Bäume und Sterne uns 
ein wenig von jener Erhabenheit enthüllen, welche jenseits 
unseres Lebens liegt? Warum lieben wir die grünenden Hügel 
und jene schweigenden, geheimnisvollen Sterne? Weil sie 
schön sind, und weil es in unserer Natur liegt, das Schöne, 
das Hohe, das Erhabene zu lieben, und wie alle Menschen 
sich gerne in diesen herzbewegenden Anblick versenken aus 
Liebe zu der rein äusserlichen Schönheit, die uns darin ent- 
gegentritt, so fühlen wir Nachfolger des »Guten Gesetzes« 
uns dazu getrieben, über das unvergleichliche Leben, Erbar- 
men und Wohlwollen unseres grossen Lehrers nachzudenken; 
diese Dinge können uns mehr sagen und in weit höherem 
Masse unser Gemüt zu einem edlen Wirken und reinen Leben 
antreiben, als die höchste Schönheit der Sinneswelt. Aus 
Liebe und Dankbarkeit geschieht es, dass wir am Altare un- 
seres Herrn niederknieen, dass wir jenen Baum heilig halten, 
unter welchem er zur Weisheit gelangte; aus Liebe zu ihm, 
weil die Erinnerung an sein Leben und seine Lehre, weil das 
Denken an seine Weisheit und Barmherzigkeit unser Gemüt 
mit unaussprechlichem Frieden erfüllt und für uns der stärkste 
Impuls ist, um jenem unvergleichlichen Leben, jenem Mitleid 
und jener Liebe demütig nachzueifern. Er ist das allerhöchste 
Ideal, das unser Begriff von Menschlichkeit überhaupt auf- 
stellen kann, und wir halten es für gut, oft an dasselbe zu 
denken und über jenes von uns so hochverehrte Leben zu 



No. 1 u. 2. DER BUDDHIST. ä? 

meditieren. Wir sind der Ansicht, dass, wenn ein Mensch 
sich den Meister selbst als sein höchstes Ideal aufstellt, wenn 
er ihn verehrt mit den Worten: „Preis sei Dir, Du Allbarm- 
herzigster" — dass dieser Mensch selbst mitleidsvoller wer- 
den muss durch diese Verehrung; nicht etwa deshalb, weil 
der Buddha etwas gewähren könnte, sondern weil die Gesinnung 
des Verehrenden, das Ideal, welchem er huldigt in seinem 
Geiste, von selbst diese Wirkung hervorbringt. Und 
könnt Ihr etwa mehr und Besseres verlangen, als dass die 
religiöse Verehrung, welche ein Mensch pflegt, diesen liebe- 
voller und barmherziger macht und ihn seinem Ideale näher 
bringt?! Das ist sicherlich besser und würdiger, als um 
Geschenke zu bitten. 

Wer durch die Kraft der reinen Erkenntnis zur Verwirk- 
lichung der vier erhabenen Wahrheiten gelangt ist, wer die 
von dieser Erkenntnis abhängige Tatsache realisiert hat, dass 
nämlich alle Bestandteile der Wesen mit den drei Eigenschaf- 
ten: Leiden (Dukkha), Vergänglichkeit (Anicca) und 
Nicht-Selbst (Wesenlosigkeit, Anatta), behaftet sind, — der 
wird Sammäditthi genannt; darunter verstehen wir einen 
Bekenner des buddhistischen Glaubens, der richtige An- 
sichten oder rechte Einsicht besitzt. Wir brauchen noch 
nicht die anderen höheren Stufen des erhabenen achtfachen 
Pfades genommen, sondern nur die vier erhabenen Wahr- 
heiten und die aus ihnen sich ergebenden drei Eigen- 
schaften (Anicca, Dukkha, Anatta) realisiert zu haben. Wer 
Sammäditthi erreicht, hat wenigstens den heiligen Weg be- 
treten, und wenn er nur ernstlich sich anstrengt, so wird er 
die Kraft gewinnen, auch die anderen Fesseln zu überwinden, 
welche seinen Fortschritt hemmen. Aber zu allererst muss 
er alle jene falschen Hoffnungen und illusorischen Glaubens- 
formen abstreifen. Wer dies getan hat, der wird ein Buddhist 
genannt, und dieses Erlangen der rechten Einsicht 
(Sammäditthi) ist der erste Schritt auf dem erhabenen 
achtfachen Pfade. 

Die zweite Stufe ist das rechte Streben, Sammäsan- 
kappa. Wenn wir die Erkenntnis vom Leiden (Dukkha), 
von der Vergänglichkeit (Anicca) und Wesenlosigkeit 



^ DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

(Anattä) alles empfindenden Daseins verwirklicht haben, dann 
entsteht das »rechte Streben«. Da alle Geschöpfe leiden, 
wollen wir ihnen ihre Bürde wenigstens nicht noch erschweren; 
wir streben darnach, mitleidsvoll und barmherzig zu werden, 
gegen kein Wesen eine übelwollende Gesinnung zu hegen 
und uns von jenen sinnlichen Vergnügungen fernzuhalten, 
welche die fruchtbare Ursache des Leidens sind. Der Wille 

— das wissen wir alle — ist stets schneller bereit, als der 
Geist, und so werden wir vielleicht noch oft in der Durch- 
führung unseres Strebens straucheln, obwohl wir uns be- 
mühen, den Sinnesfreuden zu entsagen und allen Wesen mit 
Güte und Mitleid zu begegnen. Wenn aber der Wille, barmher- 
zig und rein zu werden, in uns feste Wurzel geschlagen hat, 
dann haben wir die zweite Stufe des Pfades erreicht: Sammä- 
sankappa, rechtes Streben. 

Wer sein Handeln auf reine Motive gründet, hat nicht 
nötig, die Wahrheit zu verbergen; wer seine Mitmenschen 
wahrhaft liebt und keine gehässige Gesinnung gegen irgend 
jemanden aufkommen lässt, der wird nur anständige und 
sanfte Worte sprechen. Von eines Menschen Redeweise können 
wir auf seinen Charakter schliessen, und wenn das »rechte 
Streben« bei einem Manne gute Früchte zeitigt, dann betritt 
er die dritte Stufe, rechte Rede, Sammavaca. Wer in 
jeder Beziehung nur die Wahrheit spricht, wer nie barsche 
oder unfreundliche Worte redet, wer in seiner Sprache die in 
seinem Herzen wohnende Liebe und Barmherzigkeit zum 
Ausdruck bringt, der hat die dritte Stufe des Pfades erreicht. 

Und da die Gedanken und Worte eines Menschen dessen 
Inneres gar mächtig umzugestalten vermögen; da eine barm- 
herzige Gesinnung auch barmherzige Taten hervorbringen 
muss, — deshalb wird die vierte Stufe rechtes Betragen 
oder rechtes Hände In genannt. Für denjenigen, der diese Staffel 
erklommen hat, werden endlich seine angestrengten Bemühun- 
gen, seine richtige Einsicht, seine sorgsam gewählten Worte 

— vielleicht erst nach einer jahrelangen Selbstbeobachtung 
reiche Früchte zeitigen, bis schliesslich alle seine Handlungen 
liebevoll, rein und ohne irgend welche Hoffnung auf Gewinn 



No. 1 u. 2. DER BUDDHIST. 39 

vollbracht werden. Dann ist die vierte Stufe betreten, 
genannt Sammäkammanta. 

Und wenn diese heilige Gewohnheit des rechten Handelns 
stark und zielbewusst stetig wächst; wenn unser ganzes Leben 
nur für diesen Glauben, der in uns ist, gelebt wird; wenn 
jeder einzelne Akt unseres täglichen Lebens, ja sogar jede 
Regung in unserem Schlafe auf das geweihte Ziel gerichtet 
ist; wenn kein Gedanke, keine Handlung, die grausam oder 
unbarmherzig wäre, unser Wesen mehr beflecken kann, — 
dann haben wir die fünfte Stufe erreicht: Sammäjiva, 
das rechte Leben. Wer sich von allem zurückhält, was 
anderen Schmerz verursachen könnte, der wird untadelhaft 
und kann nur solchen Beschäftigungen nachgehen, die kein 
Leid in ihrem Gefolge haben. 

Über denjenigen, der so lebt, sagen die heiligen Schriften, 
kommt eine Kraft, die dem gewöhnlichen Menschen unbekannt 
ist. Lange Zucht und Selbstbeherrschung haben ihn befähigt, 
sein Gemüt zu bemeistern; er kann jetzt alle seine Kräfte 
mit mächtiger Gewalt auf irgend einen Gegenstand beliebig 
übertragen, und die Fähigkeit, die Kräfte seines Wesens zu 
benutzen und seine gewaltige Willensanstrengung dauernd 
fortzusetzen, bringen ihn auf die sechste Stufe, Samma- 
vayäma. Dies wird gewöhnlich übersetzt durch »rechte 
Anstrengung«; jedoch würde »rechte Willenskraft« oder 
»rechte Energie« der Bedeutung wohl näher kommen; denn 
durch Anstrengung wird auch schon die erste Stufe be- 
schritten. Und wenn der Mensch diese Kraft erlangt hat, 
durch die er fähig ist, alle seine Gedanken jederzeit auf einen 
Gegenstand zu richten und festzuhalten, erinnert er sich, 
wachend und schlafend, was er und was das Ziel seines 
Lebens ist, und dieses dauernde »Gedenken«, diese beständige 
Konzentrierung des Geistes auf das Endziel unseres Ringens, 
ist die siebente Stufe, Sammäsati, rechtes Gedenken. 
Durch die Kraft dieser transcendentalen Fähigkeit erhebt sich 
der Mensch durch die acht Glieder transcendentaler Schauung 
hindurch bis zu der Schwelle Nirvänas; bis er endlich noch in 
diesem Leben in der »Nirodha Samapatti« genannten Schau- 
ung zum »todlosen Ufer Nirvänas« gelangt; dieses geschieht 



40 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

durch die Kraft von Sammäsamädhi, durch »rechte 
Versenkung«, die achte Stufe des heiligen Pfades. Ein 
solcher Mensch hat den Pfad vollendet, hat die Ursache aller 
seiner Lebensketten zerstört und ist ein Arahä, ein Heiliger, 
ein Buddha geworden. 

„Mächtiger noch als die Fürsten der Erde, 

Heiterer selbst als die Götter des Lichts, 

Ist jener Glückselige, 

Der dieses leidvollen Kerkers 

Schmerzliche Fesseln zerbricht. 

Lautlos gleitet das Leben 

Zur tiefen Ruh', 

Zum ewigen Frieden. 

Süsses Nirväna! 

Meerstilles Schweigen ! 

Sündlose Rast! 

Du bist das andere 

Niemals sich ändernde 

Ufer der Welt." — 
Dies, meine Brüder, ist ein kurzer Überblick über die 
Religion der Nachfolger des Buddha, eine kurze Beschreibung 
des geistigen Pfades, der ihnen alle Zeit vor Augen schwebt. 
Aber, wieihrwisst, können solche summarischen Darstellungen 
das grosse Ganze nur in Umrissen zeichnen und sind höch- 
stens als ein Auszug aus dem Gesamtgebiet zu betrachten. 
Und nachdem ich Euch diesen Vortrag über den Pfad 
und die vier erhabenen Wahrheiten gehalten habe, der sich 
auf die heiligen Schriften stützt und den Stoff nur in neue 
Worte kleidet, — gestattet mir nunmehr. Euch zu sagen, wie 
ich über den wahren Buddhismus denke, sowie einige 
Einwände zu besprechen. Bekanntlich haben die verschiedensten 
Menschen, unter ihnen grosse Gelehrte, den Buddhismus sehr 
verschieden beurteilt: Einige nennen ihn Materialismus, 
einige Pessimismus, andere das bewundernswürdigste 
System einer begründeten Ethik; wieder anderen 
scheint er nur eine altertümliche Form der modernen 
agnostischen Philosophie zu sein. Dass der Buddhis- 
mus von allen diesen Dingen Elemente enthält, ist zweifellos 



No. 1 u. 2. DER BUDDHIST. 41 

richtig; aber ich glaube nimmer, dass rein logische Seelen- 
und Lebenstheorien vierundzwanzig Jahrhunderte überdauern 
und noch heute die grösste Weltreligion sein könnten. Und 
so bin ich durchaus nicht der Ansicht, dass jene rein philo- 
sophischen Fragen, wie: Gibt es eine Seele oder nicht? 
Was wird wiedergeboren? usw. überhaupt nicht das Wesen 
des Buddhismus ausmachen. Wenn ich aufgefordert würde, 
den Buddhismus in ein einziges Wort zusammenzufassen, so 
würde ich sagen: Mitleid! Mitleid; denn dieses begreift in 
sich sowohl Liebe, als Leid, welche die Grundlage unseres 
Glaubens bilden. Wenn ich einen Menschen sehe, der von 
tiefem Mitleid durchdrungen ist, welcher, wenn auch vergeb- 
lich, sich bemüht, den grossen Wechsel von Leben und 
Sterben in seiner ganzen Tragweite zu begreifen, einen Men- 
schen, der zu allen lebenden Wesen eine innige Sympathie 
fühlt und bereit ist zu helfen, wo immer er kann, so ist dieser 
nach meinen Begriffen Sammäditthi, er hat die erste Stufe des 
Pfades betreten, und mag er im übrigen an sieben Arten von 
Seelen glauben. Liebe und liebevolles Handeln, — das sind die 
Wahrzeichen des Buddhisten, und alle jene schwierigen Be- 
trachtungen über die Wirkung von Karman, über die Bestand- 
teile eines lebenden Wesens usw. sind zwar sehr gut und 
nützlich für diejenigen, die danach verlangen, aber sie sind 
nicht wesentlich. Wer das Gesetz betätigt, der ist Sammä- 
ditthi,^ und der Mann betätigt das Gesetz, der gütig und 
mitleidsvoll ist, und der sein höchstes Ideal in unserem 
Meister, unserem Buddha, erblickt. Die Priesterkaste seiner 
Zeit, jene abgeschlossenen Brahmanen, welche die Verbreitung 
geistiger Erkenntnis jeder Art zu unterdrücken suchten, um 
sich ihren Broterwerb und ihr Ansehen beim Volke zu erhal- 
ten, — diese eitlen, törichten Männer nannten den Meister 
einen Materialisten und Atheisten, weil er sich weigerte, das 
Unendliche in begrenzte Formen zu bannen und in leere Worte 
zu kleiden, und weil er das Ansinnen zurückwies, ihren Speku- 
lationen über die Entstehung der Welt beizupflichten. Eins 
wissen wir von ihm, nämlich, dass er der mitleidvollste der 
Menschen gewesen ist, und, meine Brüder, wenn man uns 
heutigen Tages Atheisten und Materialisten schilt und uns 



42 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

damit zu verachten glaubt: Wohlan, lasst diese Benennung für 
uns einen Ehrentitel sein, denn als solchen hat auch unser Herr 
sie bezeichnet. Dass wir, soweit es in unserer schwachen 
Kraft liegt, bemüht sein sollten, seiner Weisheit, seiner Ent- 
sagung und vor allen Dingen seinem unbegrenzten Erbarmen 
nachzueifern: das ist, denke ich, der Zweck unserer ganzen 
Lebensarbeit, und ich glaube, dass ich damit auch die Ansicht 
aller unserer Religionsgenossen zum Ausdruck bringe. 

Dass unser Meister der Begründer eines metaphysischen 
Systems war, das an Feinheiten auch den kühnsten Flug 
westlicher Philosophie hinter sich lasst, ist gewiss etwas 
Grosses, und es ist bewunderungswürdig, wie er im Abhi- 
dhamma die zarten Regungen des Geistes klar legt, um zu 
erklären, wie ein Gedanke in seinem Entstehen verhindert 
werden könne; — aber nicht diese Dinge sind es, welche 
den Ruhm seines Dhamma begründet und ihm die Herrschaft 
über ein Drittel der gesamten Menschheit verliehen haben; 
nicht diesem transcendentalen Wissen verdankt der Buddhismus 
heute seinen Einfluss auf fünfhundert Millionen Menschen- 
herzen. Denkt Ihr etwa, blosse philosphische Betrachtungen 
und rein logische Systeme könnten auf das menschliche Gemüt 
eine derartige Zugkraft ausüben? Gewiss nicht; der Grund 
liegt vielmehr in der Tatsache, dass des Buddhas Leben die 
getreue Verkörperung 'seiner Lehre gewesen ist — unendliche 
Liebe, Reinheit, Weisheit und ein unbegrenztes Erbarmen. 
Diese Kräfte haben unsern Glauben auf Erden mächtig gemacht, 
und solange auf unserem Planeten menschliche Wesen wohnen 
werden, deren Herzen in Liebe und Mitleid für alle Geschöpfe 
schlagen, und solange ihnen dieses Evangelium gepredigt 
wird, solange wird auch sein Reich bestehn. Und welch eine 
Herrschaft! Bedenkt, welche wunderbare Kraft dieses Reich 
zusammengehalten hat! Glaubt Ihr, dass, wenn der Buddha 
ein weltlicher Herrscher gewesen wäre, dieser Name mehr 
als zehn Studenten der alten Geschichte bekannt sein würde? 
Und doch ist sein Reich heute noch viel grösser, als das- 
jenige Alexanders einst war, obwohl es solange her ist, dass 
er kam, uns zu lehren. Vierundzwanzig Jalirhunderte sind 
dahingeflossen im Strom der Zeit, und docli ist der Name 



No. 1 u. 2. DER BUDDHIST. 43 

»Buddha« heute auf fünfhundert Millionen Lippen, sein Reich 
in fünfhundert Millionen Herzen und seine Lehre das Ideal 
von fünfhundert Millionen Leben. Und wodurch wird dieses 
weite Reich zusammengehalten? Welcher mächtige Beweg- 
grund treibt ein Drittel des Menschengeschlechtes an, dieses 
eine Gesetz zu verehren? Haben uns etwa grosse Heere zu 
Gebote gestanden, um den dritten Teil der Menschheit zu 
erobern? Es ist unser Stolz, dass niemals in unseres 
Meisters Namen ein Leben geopfert worden ist. Haben wir 
einen grossen, einflussreichen Priesterstand? Seht, unsere 
heiligen Männer, welche bemüht sind, das von unserem 
Meister empfohlene Leben wirklich zu leben, — sie sind es, 
welche vor Euren Türen ihre Nahrung erbitten. Durch welche 
wunderbare, übermenschliche Kraft wird denn diese Gott-freie 
Religion zusammengehalten mit ihrer gebetiosen Verehrung, 
mit ihrer nicht-organisierten Priesterschaft, — diese Religion, 
deren Herrschaft über ein Drittel unserer Rasse sich ausdehnt? 
Die Liebe, unseres Meisters Liebe und Erbarmen, — sein 
Mitleid und die Wahrheit, die er enthüllt hat: diese Kräfte 
haben unsere Religion zusammengehalten; denn wir lieben 
unseren Meister wegen der Liebe, die ihn beseelte, wegen 
des Lebens, das er uns als Vorbild wies, wegen der Wahrheit, 
die er verkündete, und an jedem Tage unseres Lebens erhal- 
ten wir aus dem Geheimnis unseres eigenen Wesens immer 
wieder von neuem die Bestätigung für die Wahrheit seines 
Gesetzes, für die Genauigkeit seiner Analyse, für die Voll- 
kommenheit seiner Einsicht. — 

Folgender Punkt ist uns, wie ich gehört habe, wiederholt 
zum Vorwurf gemacht worden: Wir, die wir dafür halten, dass 
unser Meister eingegangen ist „in jenes letzte Dahinschwinden, 
wo von irgendwelchen weltlichen Begriffen nichts mehr vor- 
handen ist", nehmen dennoch bei unseren täglichen Andachts- 
übungen unsere Zuflucht zu dem Buddha. „Wie könnt ihr", 
so hat man uns vorgehalten, „eure Zuflucht zu dem Buddha 
nehmen, von dem ihr doch selbst sagt, dass er nicht mehr 
»da sei«; wie zu dem Dhamma, welcher in Büchern sich 
autgezeichnet findet, deren Blätter vor den Verwüstungen der 
Motten und Insekten geschützt werden müssen; — wie zu dem 



44 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

Sangha, dessen Mitglieder zum grossen Teil einfache, un- 
gelehrte Männer sind?" Ich erwidere, dass der Buddha, 
Dhamma, Sangha, welchen jene Leute im Auge haben, nicht 
derselbe ist, welchen wir verehren. Wir nehmen unsere Zu- 
flucht zum Sangha, weil die Männer, die ihn bilden, mögen 
sie nun gelehrt oder ungclehrt sein, wenigstens den Versuch 
machen, dem idealen Leben zu folgen; weil ein jeder von 
uns in der Hoffnung lebt, dass wir eines Tages frei genug 
sein werden, um dieses Leben der Entsagung, der Unterwei- 
sung und der Liebe, welches als Ideal in unser aller Herzen 
strahlt, selbst in die Tat umsetzen zu können, und endlich, 
weil der Sangha als solcher das Symbol des idealen Wandels 
ist, den wir zu führen bestrebt sind. Wir nehmen unsere 
Zuflucht zu dem Dhamma; derselbe steht nicht nur in Büchern 
geschrieben, sondern vielmehr in unseren Herzen und, wie ich 
hoffe, in unserem Leben. Dieser Dhamma ist in seinem 
Wesen kein rein irdischer, nur auf diese Welt beschränkter 
„Glaube", sondern ein mächtiges Gesetz, welches durch Raum 
und Zeit hindurch wirken wird, bis alle Geschöpfe der Er- 
leuchtung teilhaftig geworden sind; er ist das Gesetz des 
Mitleids und der Liebe, welches alle Wesen bemeistert auf 
dem entferntesten Stern sowohl als hier auf der Erde, und 
welches alle Wesen zum grossen Frieden Nirvänas führen 
wird. — Und endlich: wir nehmen unsere Zuflucht in 
Buddha; ach, habe ich wirklich noch nötig. Euch zu sagen, 
warum wir das tun? Welches andere Leben hinieden hat je 
einen so gewaltigen Eindruck, auf das Menschenherz gemacht? 
Er war kein Gott, sondern ein Mensch gleich uns, und er 
strebte vorwärts, wie wir zu streben bemüht sind, aber für 
ihn gab es nie ein Zurückweichen. Er hat gelitten, wie wir 
es gar nicht ertragen könnten, weil er glaubte, auf diese Weise 
für uns den Weg zum Frieden zu finden; kein Fehlschlag hat 
ihn je entmutigt, und schliesslich ist ihm der Sieg geblieben. 
Als dann für ihn die Stunde des Scheidens kam, tröstete er 
seinen weinenden Jünger mit den Worten: „Ananda, ihr dürft 
nicht denken, dass nach meinem Heimgange der Lehrer nicht 
mehr bei euch ist. In dem Gesetze, welches ich euch ver- 
kündet habe, werde ich weiterleben, so wähnt also nicht 
»wir haben keinen Lehrer mehr!«" 



No. 1 u. 2. DER BUDDHIST. 45 

Und so glauben wir in der Tat niciit, dass wir ohne Lehrer 
sind. Der »Lotus des guten Gesetzes« ist allerdings einge- 
gangen zur Ruhe, zum grossen Frieden, und seine Asche wurde in 
alle Windrichtungen zerstreut, aber der Wohlgeruch seiner Liebe 
und seines unvergleichlichen iMitleids durchdringt noch die 
Welt, und ich denke, ja wir alle denken es, dass die Welt 
besser, reiner und liebevoller geworden ist, weil er einst 
unter uns gelebt hat. Wenn wir seine Worte in den heiligen 
Schriften lesen, wenn wir uns bemühen, täglich dem Leben, 
das er uns als Ideal aufgestellt hat, einen Schritt näher zu 
kommen, ja, dann fühlen wir, dass wir von unserem Meister 
nicht allein gelassen worden sind. Es ist seine Stimme, die 
aus seinem Gesetz und aus dem tiefen, dunklen Geheimnis 
unseres Lebens zu uns spricht; es ist seine Stimme, die uns 
tröstet und aufrichtet, wenn wir gestrauchelt sind, indem sie 
uns zuruft, dass dieses grosse Gesetz ewig und unabänderlich 
dauern wird, und dass jede rechte Anstrengung ihre künftigen 
Früchte zeitigen muss; — es ist seine Stimme und seine 
unvergleichliche Lehre, die uns Liebe für alle Lebewesen und 
Erbarmen mit allen Leidenden eingeilösst hat; ja dieses Ge- 
setz wird uns, wenn wir unermüdlich bestrebt sind es zu befol- 
gen, endlich zu dem Ziele unseres heissen Ringens leiten, zu 
dem Verlöschen des dreifachen Feuers der Begierde, des 
Hasses und der Verblendung, — zu dem anderen Ufer des 
ewig rinnenden Weltstroms, — zum unbegrenzten Lichte 
Nirvänas, zur tiefen Ruhe, zum ewigen, seligen Frieden! 

^ Verg-äng-lichkeit. f^ 

Von Karl B. Seidenstücker. 

Zwei kleine, unscheinbare Sätze sind es, die der Meister 
als letztes Vermächtnis kurz vor seinem Heimgange hinter- 
lassen hat: „Alle Dinge sind dem Wechsel unterworfen; 
arbeitet an Eurer Erlösung ohne Unterlass!" An die Ver- 
gänglichkeit verweist der scheidende Buddha seine Jünger; 
Vergänglichkeit ist der Ausgangspunkt seiner Lehre. Alltags- 



46 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

menschen nennen das spöttisch einen „schönen" Trost, voll- 
endete Passivität, krassen Nihilismus; sie werden nicht müde 
zu versichern, dass der stille Mönch im gelben Gewände 
sein Haus auf Sand gebaut hat. Es gibt freilich auch Leute, 
die wesentlich anders urteilen; nach ihrer Ansicht ist das 
völlige Ergreifen des V'ergänglichkeits-Gedankens aller Weis- 
heit Anfang, und sie halten dafür, dass erst von diesem Stand- 
punkte aus dem geistigen Auge der ungetrübte, klare, azur- 
blaue Himmel reinster Erkenntnis und höchsten Friedens sich 
erschliesst. Von der Vergänglichkeit will auch ich ausgehen, 
um dem Leser den Kern des Buddhismus vorzuführen. — 
Zur Zeit, da diese Blätter als der Weckruf eines alten Glaubens 
hinausgehen in die Gaue des deutschen Landes, rüstet sich 
die Christenheit, ihr Osterfest zu feiern. Ein uraltes Früh- 
lingsfest in einem kirchlich-historischen Gewände. Ostern 
feierten schon vor Jahrtausenden die arischen Völker; sie be- 
grüssten den Sieg des Lichtes über die Finsternis, sie jubel- 
ten dem jungen Leben entgegen, welches blütenbekränzt, 
kraftvoll, sonnig, sich alljährlich dem Schosse der Natur aufs 
neue entringt. Die Zeiten haben sich geändert: Wo in ent- 
schwundenen Tagen der urwüchsige Germane im schweigenden 
Haine unter der knorrigen Eiche oder in weltferner Höhe 
auf einsamem Felsengrat der Frühlingsgöttin huldigte, da 
ladet heute Glockenklang und Orgelspiel die Menge zur 
Andacht. Und doch, wer tiefer blickt, erkennt, dass auch 
heute noch Ostern dieselbe Bedeutung hat, wie vor Jahrtau- 
senden; „neues Leben", raunte ehedem der greise Heiden- 
priester; „neues Leben", predigt jetzt der christliche Geistliche; 
„neues Leben", jubelt heute das feiernde Volk, das aus der 
dumpfen Behausung hinauszieht in die grünende Flur. 

Neues Leben! Gleich einem Zauber lässt dieses Wort 
das Blut schneller kreisen, das Herz freudiger schlagen, den 
Busen höher schwellen. Ja, gleich einem Zauber; aber Zauber 
— blendet. 

Wie leicht doch wird der betörte Mensch durch dieses 
neue Leben berauscht; wie sehr ist er geneigt, unter der 
schier betäubenden Wirkung dieses Wonnetrankes den klaren, 
nüchternen Blick zu verlieren; wie schnell verliebt er sich in 



No. 1 u. 2. DER BUDDHIST. 47 

diese reizende, fröhliche Maske der Natur! Er vergisst darüber, 
dass die Welt ein doppelt-blickendes Janus-Haiipt darstellt: 
Hie lachendes Leben, hie düsteres Sterben! Wo Wachstum, 
da Verfall; wo Erblühen, da Verwelken; wo Geburt, da Tod; 
wo Entstehen, da Vergehen — das ist ein ewiges Gesetz, und 
wo zu Ostern der frohe Lenz seine Blumen streut, da wird 
gar bald, wenn der Mond sechsmal seinen Kreislauf vollendet 
hat, am Allerseelentage das letzte welke Blatt herniederfallen. 

Vergänglichkeit, du König der Könige, du Herr der Welt, 
vor dessen Szepter sich Götter und Menschen neigen! Deinem 
Machtspruche entrinnt nichts, kein Weltsystem, kein Eintags- 
leben! Seit Anbeginn aller Zeiten drehst du das wirbelnde 
Welt-Rad von Geburt und Tod, heissest Formen erscheinen 
und wieder verschwinden, rufst Wesen zum Bewusstsein und 
lösest sie wieder auf. 

„Alle Dinge sind vergänglich"; — wendet euren Blick 
der Entwickelungsgeschichte unseres Planeten zu, wie sie dem 
forschenden Menschengeiste sich enthüllt, oder seht auf die 
Dinge um euch, betrachtet euch selbst; allüberall herrscht 
Entstehen und Vergehen, das ist: Vergänglichkeit. Sonnen 
flammen auf im Räume, Sonnen werden verlöschen; Welt- 
systeme verdichten sich aus kreisenden Urnebein, Sonnen- 
systeme zerstieben wieder unter der Wucht elementarer 
kosmischer Katastrophen; Kontinente erheben sich aus den 
Fluten des Ozeans und werden über kurz oder lang die Beute 
der nagenden Woge; glänzende Zivilisationen, blühende Kul- 
turen erstanden, lebten ihre Zeit und starben ab; mächtige 
Fürstenthrone Hessen den Erdkreis vor ihrer Macht erzittern, 
— aber auch sie sanken in Trümmer. „Alles ist dem Wechsel 
unterworfen", hat der Buddha gesagt, und sein Wort ist wahr 
befunden worden. 

Erinnere dich doch, mein Freund, der Menschen, die du 
vor zehn Jahren so gut gekannt hast; mustere einmal die 
Schar derer, die dir früher mehr oder weniger nahe standen; 
siehe, hier eine Lücke, hier wieder, dort abermals. Wie haben 
sich die Reihen gelichtet! Der Tod hat an manche Pforte 
geklopft, der Zahn der Zeit hat seine Beute erbarmungslos 
zermalmt. Vergänglichkeit! 



48 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Betritt dein Fiiss nach langer Abwesenheit wieder die 
Fluren des heimatlichen Bodens: andere Gestalten, andere 
Menschen, andere Anschauungen. Die du in der Fülle der 
Manneskraft gesehen, sind vom Alter gebeugt; du vermisst 
viele und fragst nach ihnen; stumm weist man dort nach 
jenem stillen Hügel, wo weisse Kreuze schimmern — — 

Ja, was ist der Mensch, „der flüchtige Sohn der Stunde"?! 
Durch die Geburt ist sein Leben dem Tode verfallen; während 
des Lebensprozesses sterben beständig Teile seines Körpers 
und neue entstehen, und einmal, sei es heute, sei es morgen, 
sei es in einigen Jahren, schlägt die Stunde, da der Leib in 
Staub zerfällt. Was bist du, o Erdensohn, in der eisernen 
Hand der Vergänglichkeit? Ein fallender Stein, eine winzige 
Kugel, eine geringe Menge giftiger Substanz genügt, um 
deine Lippen für immer zu schliessen. Und wenn der Kör- 
per nach dem Tode sich in seine Bestandteile zersetzt, er- 
blüht aus den berstenden Trümmern der Ruine neues Leben, 
und in dem Grabes-Moder der Verwesung feiern Myriaden 
winziger Geschöpfe ihr Auferstehungs-Fest. 

Das Innen-Leben des Menschen gleicht einem rinnenden 
Strom; da ist nichts Beständiges; auch hier waltet der 
Wechsel. Wie rasch folgen sich da Vorstellungen, Gedanken, 
Wünsche der verschiedensten Art, und sogar das scheinbar 
verharrende „Ich" ist nicht-dauernd; krankhafte Zustände des 
Gehirns können es trüben oder spalten, und das „Ich" des 
jauchzenden, in Illusionen schwelgenden Kindes ist ein an- 
deres, als das des ernsten, erfahrenen Greises, der am Ziele 
seiner irdischen Laufbahn angelangt ist. Auch diese Formen 
deines Innen-Lebens werden wie Blätter im Herbstwinde vom 
Tode verweht werden, aber die Wirkungen ihres Schaffens 
werden der fruchtbare Boden für neue Erscheinungen sein. 

„Alle Dinge sind dem Wechsel unterworfen." — Ver- 
gänglichkeit ist die Natur der Welt; Geburt und Tod sind die 
beiden Genien, welche seit ewigen Zeiten die Fackel des 
Lebens entzünden und wieder löschen. Die Welt ist ein ewig 
wogendes Meer ohne Ruhe; ein Kreislauf ohne Anfang, ohne 
Ende; ein nie aufhörendes Werden; ein endloses Entstehen 
und Vergehen; ein bunt-schillerndes Kaleidoskop, welches be- 



No. 1 u. 2. DER BUDDHIST. 49 

ständig wechselnde Gestalten dir zeigt; ein unergründlich- 
dunkler Schoss, der seit Ewigkeiten gebiert und das Geborene 
wiederum in sich zurückzieht. Gar kurz ist das Dasein einer 
einzelnen Lebensform, aber Leben reiht sich an Leben, wie die 
Glieder einer Kette — ohne Beginn, ohne Aufhören, ein ewiger 
Strom: 

„Ein kleiner Ring 

Begrenzt unser Leben, 

Und viele Geschlechter 

Reihen sich dauernd 

An ihres Daseins 

Unendliche Kette." — 
Freund, was suchst du das ewige Leben jenseits des 
Grabes? Hier, diese Welt, diese Welt ist das ewige Leben, 
nur wisse, dass da, wo ewiges Leben ist, auch ewiges Sterben 
herrscht. Ohne Tod kein Leben, ohne Leben kein Tod; auf 
Ostern folgt ein Allerseelen, auf Allerseelen der Ostermorgen. 
Und so erkenne die Wahrheit des Wortes: „Alles Ent- 
standene eilt dem Verfall zu," lerne begreifen, dass in diesem 
Satze der erste grosse Trost verborgen liegt, den dir der Bud- 
dhismus in schweren 'Stunden beut. Wenn die Vergänglich- 
keits-Idee in ihrer ganzen gewaltigen Wucht von dir ergriffen 
und dauernd der Inhalt deines Gemütes geworden ist, dann 
kommt der grosse Friede der Ergebung in dein sieches Herz. 
Dann zitterst du nicht mehr unter den Schlägen des Schick- 
sals; dann jammerst du nicht über verlorene Güter; dann fürch- 
test du den Tod nicht länger; dann wirst du nicht mehr in 
dunkler Verzweiflung händeringend dem Schicksal fluchen, wenn 
die schwarzen Erdschollen dumpf niederfallen auf die Bretter, 
die dir dein Liebstes auf Erden für immer entreissen. Dann 
wirst du sagen: „Alles Entstandene eilt dem Verfall zu, alle 
Menschen müssen diesen Weg gehen, auch ich, auch du; ich 
stehe nicht allein im Leiden, alle Wesen sind dem Wechsel 
unterworfen; Myriaden sind vorangegangen, Myriaden werden 
folgen; wie wäre es da möglich, dass dieser von mir geliebte 
Gegenstand der Vergänglichkeit nicht unterworfen sein sollte?!" 
Du verstehst nun, dass die letztere die Natur der Welt ist, dass 
ihre Herrschaft sich über alle Gebiete des Universums erstreckt, 

4 



50 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

in der Pflanzenwelt, im Tierreich, in der Menschen-Rasse, im 
Reiche der nicht-organisierten Materie. Mögiicii, dass es irgend- 
wo noch ganz anders geartete Wesen gibt: Selige Geister, 
Götter, Dämonen; mag sein, aber auch sie sind dem ewigen 
Weltgesetz unterworfen, und auch ein Götter-Dasein schwindet 
dahin, selbst wenn es dem Ansturm von Billionen Jahren Trotz 
bieten sollte; auch ein himmlisches Leben eilt seinem Verfall 
entgegen. „Alle Dinge sind dem Wechsel unterworfen." — 

So hat der Buddha, indem er von dem Vergänglichkeits- 
Gedanken ausgeht, mit nichten auf Sand gebaut; vielmehr er- 
hebt sich sein stolzes Gebäude auf dem denkbar festesten 
Felsengrunde. Warum? Nun eben, weil die Vergänglichkeit 
eine unbestreitbare, evidente Tatsache darstellt, und weil — 
ein scheinbarer Widerspruch — in der gesamten Welt über- 
haupt nichts dauernd ist ausser dem Wechsel. Der Wechsel 
bestand, ehe unser Sonnensystem Lebewesen gebar; der Wechsel 
wird ebenso herrschen, wenn das organische Leben auf un- 
serem Planeten einst erloschen sein wird. Der Buddhismus 
knüpft also an kein historisches Ereignis an, an keine ge- 
schichtliche Begebenheit, an keinen Mythus, an keinen Köhler- 
glauben, an keine vage Voraussetzung; sondern er ist gegründet 
auf die ewige Wahrheit selbst, und die Wahrheit über diese 
Welt ist: Vergänglichkeit. Denn mögen die Dinge wirklich so 
sein, wie wir sie wahrnehmen, oder mögen sie anders sein, 
oder mögen sie ein leeres Phantom vorstellen: Gleichviel — wo 
immer Dinge, Wesen, Formen von uns wahrgenommen werden, 
da befinden sie sich stets im Zustande der Veränderung, sind 
stets dem Wechsel, der Vergänglichkeit unterworfen. Dieses 
erste grundlegende Prinzip der Vergänglichkeit wird in der Lehre 
des Buddha Anicca genannt. 

Aus der Vergänglichkeits-Idee ergeben sich eine Reihe 
wichtiger Folgerungen. Wenn die Welt in allen ihren Erschei- 
nungen einen ewig rinnenden Strom, ein anfangloses, endloses 
Werden darstellt, wenn kein Ding, kein Körper, kein Etwas 
innerhalb ihrer vorhanden ist, von dem man sagen könnte, dass 
es dauernd, wechsellos, unveränderlich wäre, — so folgt daraus, 
dass auch der Mensch als Erscheinungsform im Universum 
kein verharrendes Prinzip besitzt. Der Mensch gleicht dem 



No. 1 u. 2. DER BUDDHIST. 51 

Schaume auf der Wasserfläche, der, kaum entstanden, wieder 
zerfliesst, oder der leichten Federwolke am Firmament, welche 
sich bildet und gar bald in ein luftiges Nichts zerrinnt. 
Der Körper ist in beständigem Wechsel begriffen, die seelischen 
Eigenschaften befinden sich in einem fortwährenden Fliessen; 
da ist nichts Verharrendes; aber aus dem Zusammenwirken 
dieser wechselnden Qualitäten entsteht die Illusion eines dau- 
ernden »Ich«, welches sich eine buntschillernde, tausendgestal- 
tige Welt konstruiert und sich in der Täuschung wiegt, als ein 
dauerndes, bleibendes »Selbst« der übrigen Welt gegenüber zu 
stehen. Weder der Körper ist das Selbst, noch können Vor- 
stellen, Gefühl, Begehren das Selbst genannt werden. 

Das Abendland hat seit Jahrtausenden diesen trügerischen 
Selbst-Gedanken kultiviert und durch die Lehre von der Un- 
sterblichkeit des »Ich« eine Apotheose der illusorischen Ego-Idee 
geschaffen. Wo ist das Ich, das Ego, das Selbst? Der Körper 
ist es nicht; Vorstellen ist es nicht; Gefühl ist es nicht; Be- 
gehren ist es nicht; dieses sind die konstituierenden Bestandteile 
des Menschen. Der letztere, ein Komplex verschiedener Qualitäten, 
besitzt nichts, was man ein dem Wechsel nicht unterworfenes 
Selbst nennen könnte. So stellt sich der Mensch im Lichte 
der Vergänglichkeits-Lehre dar als Anattä, d. h. als Nicht- 
Selbst, Nicht-Ich, Nicht-Individualität. Die Vorstellung 
eines unsterblichen, wechsellosen Ich im Menschen ist eine 
Täuschung; ausser der vorstellenden, fühlenden, strebenden, aber 
dem Wechsel unterworfenen Seele ist innerhalb des in die Er- 
scheinung tretenden Menschen kein getrenntes, mit dauerndem 
Selbst-Bewusstsein begabtes Seelenwesen vorhanden. In der 
Welt gibt es keine Ausnahme-Gesetze. 

Hier zeigt sich uns der Buddhismus abermals als Vernich- 
ter — nicht der Wahrheit, sondern eines alt-angeerbten Wahnes, 
ja, des grössten, verhängnisvollsten Irrwahnes überhaupt, der 
das menschliche Gemüt gleich einem Alp drückt. Aus dieser 
verhängnisvollen Ich^Illusion und Selbst-Täuschung entspriesst 
ja alle Begierde, aller Mass, aller Irrtum, alles Leiden, und noch 
in der Todesstunde quält sich der arme gehetzte Erdensohn 
ab in den bangen Gedanken: „Wird dieses mein teures Ich 
weiterleben? Wenn ja, wird es dann die ewigen Qualen hölli- 

4* 



52 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

scher Verdammnis erdulden müssen? Wenn nein, acli, dann 
ist ja für immer dahin, was mir auf dieser Erde das Liebste 
war, — mein Ich!" Aber der Buddha spricht: „Mein Freund, 
wenn du die Ruhe und den Frieden wahrer Weisheit erringen 
willst, dann gib bei Zeiten diese grösste aller Täuschungen 
auf, diesen Selbst-Gedanken, diese schwerste der Fesseln; das 
von dir Aufgegebene wird dir zum Wohle, zum Heile, zur 
Glückseligkeit gereichen." 

Anicca! Anattä! Nicht-dauernd, Nicht-Selbst! Das sind 
die beiden ersten grundlegenden Eigenschaften des Menschen, 
der Welt und aller Dinge. — 

Wir gehen weiter, indem wir die Frage stellen: „Welche 
Folgerung ergibt sich aus derVergänglichkeits- und Nicht-Selbst- 
Idee für mich als empfindendes, fühlendes, denkendes Wesen?" 
Die Anwort liegt auf der Hand. Wo nichts von Dauer, nichts 
von Bestand ist, wo Vergänglichkeit, Wesenlosigkeit und Wechsel 
herrschen, da gibt es keine wahre Ruhe, keinen wahren Frieden, 
keine wahre Glückseligkeit. Mit anderen Worten: Alles Dasein, 
alles Leben ist seiner wahren Natur nach keineswegs Glück, 
Wonne, sondern ein Leiden (Dukkha). Jedes Ding ist schon 
durch sein Entstehen dem Verfall preisgegeben, und ein jedes 
Geschöpf schon durch die Geburt mit dem Mal des Todes 
gezeichnet: „Alles, was entsteht, ist wert, dass es zu Grunde 
geht." Das ist die wohlbekannte, oft so verschrieene und ver- 
ketzerte buddhistische Lehre vom Leiden, genannt die erste er- 
habene Wahrheit (Dukkha); dieselbe ergibt sich folgerichtig aus 
Anicca und Anattä. 

Mit aller Schärfe muss hier folgendes betont werden : 
Dieser vom Buddha aufgestellte Satz »alles Dasein ist Leiden« 
ist keineswegs das Erzeugnis einer weltschmerzlichen, sentimen- 
talen Gemütsstimmung oder der Ausdruck eines verzweifelnden, 
verbitterten Pessimismus, sondern vielmehr eine durch nüch- 
terne Schlussfolgerung und objektiv-kühle Beobach- 
tung erkannte und durch die Erfahrung bestätigte 
Tatsache und Wahrheit. Das vom Buddhismus gepredigte 
Daseins-Leiden ist also in erster Linie Sache der Erkenntnis, und 
dass die letztere sich wirklich als eine Folgerung aus dem Vergäng- 



r 



No. I 11. 2. DER BUDDHIST. SS 

lichkeits-Gedanken ableitet, erhellt zur Genüge aus jenem be- 
rühmten alten Wort im Majjhima Nikäya: 

„Sieh' hin, o Weiser, auf dieses Sein: 
Entstehn-Vergehen ist seine Pein." 

Das Weh der Geburt und das Röcheln des Sterbens sind 
die beiden das Leben begrenzenden Repräsentanten des grossen 
Leidens, und die dazwischen liegenden Stationen sind Krank- 
heit, Verfall, Kummer, unerfüllte Wünsche, verwelkte Hoffnungen, 
Verein mit Widerwärtigem, Trennung von Angenehmem. 

„Das ist ja der krasseste Pessimismus!" wird hier mancher 
Leser entsetzt ausrufen. Gemach, mein Freund, wir sind noch 
nicht am Ende unserer Betrachtungen angelangt. Das scheinbar 
unheilvolle Dreigestirn Anicca-Anattä-Dukkha wird bei näherer 
Betrachtung eine glückverheissende Konstellation. Die Vergäng- 
lichkeits-Idee mit ihren beiden Folgerungen ist nur das Funda- 
ment, auf dem die Religion des Buddha sich erhebt; sie bildet 
nur den Untergrund für die Ethik einerseits und den Erlö- 
sungs-Gedanken andererseits. 

Wer den Satz »alles Dasein ist Leiden« in sein Inneres 
aufgenommen und die Wahrheit vom Nicht-Selbst fest ergriffen 
hat, indem entsteht Sympathie und Mitleid mit allen Wesen. 
Die Schranke des »Ich«, welche sich bis dahin trennend 
zwischen dem Menschen und der übrigen Welt erhob, ist ge- 
fallen; der Mensch erkennt jetzt das »Ego«, das ihn als ein 
gesondertes Wesen gleichsam aus dem Universum heraushob, 
als illusorisch; im Spiegel der Anattä-Lehre schaut er nunmehr 
nichts anderes, als ein universelles Weben und Wogen, in wel- 
chem unzählige Gestalten auftauchen und verschwinden, ein un- 
ermessliches Meer, in dem Woge sich an Woge reiht. Er 
selbst ist eine dieser Wellen; wo fing sie an, wo hört sie auf? 
Diese kleine Welle ist nicht abgesondert von der übrigen Flut, 
von den anderen Wogen; sie waHt dahin mit ihren Schwestern 
im Weltentanz. Und in demselben Masse, wie die Erkenntnis 
von Anicca-Anattä-Dukkha zunimmt, wächst die Einsicht, dass 
alle Wesen Gefährten, Leidensgenossen, dasselbe Geschick 
tragende Formen sind, in denen das eine ewige Leben pulsiert. 
Alle die lieben Wesen, gute und böse, sie kommen und gehen 



54 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

in diesem Weltstrome, wie ich; sie sind dem Wechsel unter- 
worfen, wie ich; sie leiden, wie ich. Auf Grund dieser Er- 
kenntnis kann ich keinem Hass, keinem Groll, keiner Missgunst 
gegen irgend eine Kreatur Raum geben. Hier gibt es kein 
innerliches Getrenntsein mehr, sondern nur ein Solidaritäts- 
Bewusstsein; kein Hassen, sondern nur tiefe Sympathie; kein 
Übelwollen, sondern nur herzliches Erbarmen und reines, selbst- 
loses Mitleid. Aus dieser Einsicht in die gleiche Natur aller 
Geschöpfe heraus konnte das alte Wort im Sutta Nipäta ge- 
sprochen werden: 

„Wie ich bin, so sind diese Wesen, 
Wie diese, so bin ich. 
Sich selbst in anderen erkennend 
Töte man nicht noch veranlasse Qual." 

Die buddhistische Ethik gründet sich also auf Sympathie 
und Mitleid, und diese wiederum ergeben sich mit Notwendig- 
keit aus dem Ergreifen der Vergänglichkeits-Idee und ihren 
beiden Folgerungen Nicht-Selbst und Leiden; diese Ethik ist 
in ihrem Wesen autonom, nicht heteronom; sie ist selbstlos, 
universell, nicht egoistisch und individuell. Sie gliedert sich 
dreifach und achtfach. Das erste Erfordernis ist Weisheit; 
dieselbe resultiert 1. aus der rechten Einsicht in die wahre 
Natur des Menschen, der Welt und aller Dinge, 2. aus der 
durch diese Einsicht erzeugten rechten Gesinnung der Sym- 
pathie und des Mitleids. Als zweites Glied reiht sich daran 
die Tugendpflege; dieselbe zielt darauf ab, alles das zu 
unterlassen, was für irgend ein Geschöpf Leid bedeutet und 
alles das zu tun, was lebenden Wesen zum Wohle und Heile 
gereicht. Aus der rechten Gesinnung wächst 3. rechte Rede- 
weise, 4. rechtes Handeln, 5. rechte Lebensführung. 
Endlich drittens wird die Gemütsvertiefung auf dem Wege 
der Meditation nicht zu vernachlässigen sein; dadurch wird 
das Innere Schritt für Schritt von den Schlacken der Unrein- 
heit geläutert, Vorurteile fallen und die Einsicht wächst. Zur 
Meditation gehört 6. rechte Anstrengung, 7. rechte Be- 
trachtung, 8. rechte Vertiefung. — 

Auf der andern Seite wird aus der Erkenntnis von Anicca- 



No. 1 U.2. DER BUDDHiSt. 55 

Anattä-Dukkha der Erlösungs-Gedanke geboren. Der Bud- 
dha hat den letzteren einmal als den Kardinalpunkt seiner 
Religion bezeichnet: „Gleichwie, ihr Jinger, das weite Welt- 
meer überall nur von einem Geschmacko durchdrungen ist, 
dem Geschmacke des Salzes, so ist auch diese meine Lehre 
an jeder Stelle nur von einem Geschmacke durchsetzt, dem 
Geschmacke der Erlösung." Der Meister betrachtet die 
Anicca-Anattä-Dukkha-Idee nur als ein Mittel, um die Erlösungs- 
sehnsucht zu wecken; deshalb kann, ja muss er fortfahren, 
nachdem er auf die Vergänglichkeit verwiesen: „Arbeitet an 
eurer Erlösung ohne Unterlass!" Und in der Tat: Wer den 
Satz »alles Dasein ist Leiden« in seinem Innern erfasst 
hat, in dem regt sich der eine heisse Wunsch, die eine grosse 
Sehnsucht: Erlösung vom Leiden! 

Erlösung vom Leiden! Hier erweist sich der Buddhismus 
als eminent praktisch. Sein nächstes Ziel ist darauf gerichtet, 
schon in diesem Leben die Möglichkeit der Erlösung zu 
schaffen; die Frage: quidnam post mortem? ist von unterge- 
ordneter Bedeutung. Es handelt sich also in erster Linie da- 
rum, in diesem Leben hier Ruhe zu finden im Getriebe der 
Welt, schon in diesem Leben unterzutauchen in die stille, 
kühlende Flut des inneren Friedens, schon in diesem Leben 
einen Gemütszustand zu erreichen, an dem Leiden und Leiden- 
schaften, Unruhe und Hader, Hast und Ungewissheit zerschellen 
wie die Brandung am wetterfesten Felsgestein. Der Buddha gibt 
uns die Versicherung, dass ein solcher Zustand restloser Er- 
lösung schon in diesem Leben erreichbar sei; sein Name ist 
allbekannt: Nibbäna (Nirväna). 

Man hat dieses Erlösungsbedürfnis im Sinne des Buddhis- 
mus oft inferior genannt im Vergleich zu der christlichen Er- 
lösungs-Idee, man hat pathetisch gesagt: „Ein kummerbeladenes 
Herz, das darnach ringt, von der Sünde loszukommen, ist un- 
endlich viel mehr wert, als ein Gemüt, das dem Leiden zu 
entgehen sucht." Das stimmt nicht; insofern nämlich, als der 
ideale leidfreie Zustand des Buddhismus, das Nibbäna, zugleich 
Leidenschaftslosigkeit, Sündlosigkeit in sich schliesst, woraus 
hervorgeht, dass der buddhistische Erlösungsgedanke tatsächlich 
viel umfassender ist, als der christliche. Er ist aber nicht nur 



56 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

viel umfassender, sondern viel natürliclier, viel ursprünglicher, 
viel universeller, viel primärer. Die Erlösungs-Sehnsucht im 
Sinne des Buddhismus geht wie ein universeller Wehruf durch 
die gesamte empfindende Welt; bewusst tritt sie auf und 
nimmt feste Form an im Menschen; instinktiv aber durchbebt 
sie auch die stumme, traumbewusste Kreatur, „die sich sehnet 
mit uns, und ängstet noch immerdar" (Römer VllI, 22). Die 
allgemeine, universelle, nicht niederzukämpfende Erlösungssehn- 
sucht richtet sich in erster Linie zweifellos auf das: Los von 
der Vergänglichkeit, los vom Leiden! und nicht auf das: Los 
von der Stinde! Warum sträubt sich dem Tiere vor Grauen 
und Entsetzen das Haar, wenn es einen toten oder kranken 
Leidensgefährten erblickt? Warum erstirbt selbst in dem aus- 
gelassensten Taumel der Freude auch das leiseste Lächeln, so- 
bald des Todes Majestät an die Pforte klopft? Warum das 
plötzliche ängstliche Betretensein und der ernste Blick, wenn 
mitten im bunten Getriebe der Grossstadt die Klänge eines 
Trauermarsches hörbar werden oder der Krankenwagen ge- 
räuschlos die Strassen durcheilt? — Weil die Wesen den Ver- 
gänglichkeits- und Leidens-Gedanken nicht klar ins Auge zu 
fassen wagen, weil sie dieser Tatsache auszuweichen suchen 
und sich in dem momentanen trügerischen Glücke sonnen, 
gleich als müsste es ewig währen, — gerade deshalb das Ent- 
setzen, wenn ihnen ganz plötzlich und unerwartet die Vergäng- 
lichkeits- und Leidens-Wahrheit sichtbar wird, wie der zuckende, 
grelle Wetterstrahl in dunkler Nacht. 

Der Buddha kennt ein Heilmittel gegen das grosse Siech- 
tum der seufzenden Kreatur, und die Genesung ist Nibbäna, 
der in diesem Leben erreichbare leidfreie, leidenschaftslose, 
sündenbefreite, friedvolle Zustand des Heiligen. Wie wird 
Nibbäna erreicht? 

Mit der heiteren, abgeklärten Ruhe des Weisen blickt der 
Leidüberwinder in diese Leidenswelt. Alles im Universum hat 
seinen zureichenden Grund, also auch das Leiden des Lebens. 
Wie, wenn ich die Ursache des Leidens fände? Wie, wenn 
ich diese Ursache aufhöbe, vernichtete, ausrodete? Dann wäre 
auch dem Leiden ein Ende bereitet. 



No. 1 u. 2. DER BUDDHIST. 57 

Als die nächste Ursache des Leidens nennt der Buddhis- 
mus die Tanhä, ein Begriff, der in seinem ganzen Umfange 
im Deutschen kaum durch ein Wort widergegeben werden 
i<ann. Tanhä ist der Durst nach Dasein, das Verlangen nach 
individueller Glückseligkeit, das Begehren nach Lust; da sein 
wollen, gieren, für sich haben wollen. Genüge haben wollen, die 
Leidenschaften des Selbst befriedigen wollen. Diese Gier entfacht 
die wilde Jagd nach Glück, das ruhelose Hasten und Treiben, um 
Reichtum, Ansehen, Macht zu erlangen; sie bewirkt das Nieder- 
treten und Schädigen anderer, das Verlangen nach mehr, Hab- 
sucht, Geiz, Missgunst, Schamlosigkeit, Eifersucht, Streit, Zorn, 
Rachsucht, Unzufriedenheit, Wut: Siehe da, die Fülle des Leidens! 
Mit unermüdlichem Eifer schärft der Buddha seinen Jüngern 
als Quintessenz aller Lebensweisheit ein, von dieser verhäng- 
nisvollen Tanhä, der leiderzeugenden Gier, abzulassen. Wer 
nicht begehrt, wer bedürfnislos, wunschfrei ist, dem drohen 
keine Enttäuschungen, der lebt glücklich in dieser Welt, unbe- 
rührt von dem wilden Getriebe des Daseins, ohne Missgunst, 
ohne Zorn, ohne Sorge, ohne Gram, ohne Schädigung anderer. 
Nibbäna bedeutet wörtlich Verlöschen; das bezieht sich auf 
das Verlöschen der Tanhä, jener Gier, welche heiss lodernd 
die Menschheit nimmer zur Ruhe kommen lässt, bei dem 
Weisen dagegen wie die Flamme auf einer öllosen Lampe er- 
lischt. Das ist der gesegnete Zustand, Nibbäna genannt: ein 
ruhiges, leidfreies, gicrloses, hassentwundenes, reines, untadel- 
haftes, heiteres Gemüt voller Frieden: 

„0 wie so glücklich leben wir 

Hasslos unter Gehässigen! 

In dieser hasserfüllten Welt 

Verweilen hasserlöset wir. 

„O wie so glücklich leben wir 

Heil unter den Unheilbaren! 

In dieser heilverlornen Welt 

Verweilen heilgesundet wir. 
„O wie so glücklich leben wir 

Gierlos unter den Gierigen ! 

In dieser gierverzehrten Welt 

Verweilen giergesundet wir. 



58 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

„Wutlos in dieser Wütensweit — 
Wehrlos in dieser Waffenwelt — 
Wunschlos in dieser Wunscheswelt: 
Den heiss' ich einen Heiligen". ^) 

Es erhebt sich nunmehr die Frage: Weiches ist die Ursache 
der Tanhä? Wodurch kann ich diese Gier überwinden? Der 
Buddha weist wiederum auf den Vergänglichkeits-Gedanken 
hin und spricht: „Das Nicht-Wissen (Avijjä) von jenen drei 
Eigenschaften der Welt ist die letzte Ursache der Tanhä.'' In 
der Laiita Vistarä heisst es: 

, Betrachtung über .Anicca — ein lichtes Tor der 
Wahrheit — führt zum Überwinden der Gier nach Lust, Gestalte- 
tem oder Nicht-Gestaltctem. Betrachtung über Dukkha — 
ein lichtes Tor der Wahrheit — führt zu gänzlicher Aufhebung 
des Verlangens. Betrachtung über Anattä — ein lichtes 
Tor der Wahrheit — führt zur Nichthingabe an das eigene 
Selbst." Mit anderen Worten: Durch die Erkenntnis der Ver- 
gänglichkeits-Wahrheit erlischt das Gieren nach Dingen, deren 
kurze Dauer man sich vor Augen stellt. Durch die Einsicht 
in den Nicht-Selbst-Gedanken schwindet das Verlangen, das 
Selbst, welches man als Illusion erkennt, durch Lust sättigen 
zu wollen und an dieser Täuschung zu haften. Endlich das 
Ergreifen des Satzes vom Leiden tilgt das Verlangen nach 
dauernder individueller Glückseligkeit mit ihren Folgeer- 
scheinungen, da man zu der Einsicht gekommen ist, dass eine 
solche schlechterdings niemals erlangt werden kann. So erkennt 
der Weise wohl die Vergänglichkeit; aber dieselbe berührt ihn 
nicht, da er weiss, dass das Selbst, vor dessen Vernichtung 
im Tode der Tor zittert, eine Illusion ist; er erkennt wohl das 
Leiden, aber es ist nicht mehr sein Leiden; er erkennt die 
Wahrheit vom Nicht-Selbst, und sein scheinbares Ich analy- 
sierend kommt er zu der seligen Gewissheit, dass in demselben 
Masse, wie das Haften am Selbst schwindet, das Leiden, unter 
dem dieses vorgetäuschte Ich solange seufzte, mehr und mehr 
abgleitet. 



') Dhammapada, K. E. Nciimanns Übersetzung. 



i 



No. 1 u. 2. DER BUDDHIST. 59 

Wie wunderbar doch ist diese Religion des Wissens! Das 
scheinbar unheilvolle Anicca-Dukkha-Anattä wird dem Betrach- 
tenden der grössle Segen, und aus der Vergänglichkeit erblüht 
die Blume des seligen Friedens. Aus der Auflösung dieser 
dreifachen Idee entspringt hier der Zweiklang Sympathie — 
Mitleid als Basis für die Ethik; dort das Erlösungs-Bedürfnis 
mit der Überwindung der Gier und Unwissenheit. Beide Fak- 
toren nun: Ethik und Erlösung stehen in steter Wechselbeziehung; 
beide sind aufeinander angewiesen, und aus ihrer innigen Um- 
armung wird Nibbäna geboren, das Ziel des Buddhismus, der 
Zustand des Erlösten noch in diesem Leben. — 

Wir wären eigentlich am Ende unserer Betrachtungen 
angelangt. Aber der eine oder der andere Leser wird zaghaft 
fragen: Ja, der Buddhismus führt wohl zu einem Zustande des 
Friedens hier auf Erden; aber was wird nun aus dem Erlösten 
nach seinem Ableben? Existiert er weiter? Wird er vernichtet? 
Der Buddha ist der Beantwortung dieser Frage absichtlich aus- 
gewichen. Und das mit Recht. Seine Religion ist in erster 
Linie praktisch; was nützt es dir, du Tor, das grössere von 
zwei Rätseln lösen zu wollen, wenn du das kleinere noch nicht 
einmal lösen kannst? Siehe zu, dass du bald in diesem Leben 
an das ersehnte Ziel gelangst; was dann wird, lass jetzt deine 
Sorge nicht sein. 

Es wird uns indessen gestattet sein, diese dunkle Frage 
hier wenigstens zu streifen. Wenn der Buddhismus, soweit 
er die praktischen Fragen dieses Lebens behandelt, einem 
kunstvollen Gemälde gleicht, auf dem die Gestalten sich lebens- 
wahr, plastisch abheben und harmonisch zu einem Ganzen 
zusammenschliessen, so ist der jenseits des Todes liegende 
Zustand des Erlösten wie der dunkle, neblige Hintergrund 
dieses Gemäldes. Bei scharfem Hinblicken scheint es mit- 
unter, als tauchten aus diesem Nebel die Umrisse von einem 
Etwas auf — nur für einen Augenblick — undeutlich, viel- 
leicht Täuschung, vielleicht nicht, dann wieder das alte, dunkle 
Ungewisse. Der Buddha hat diesen Schleier niemals klar 
gelüftet; er hat wohl daran getan; denn wie könnte das Un- 
endliche von der beschränkten Form begriffen werden?! Nur 



60 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

eins hat uns der Meister mit Bestimmtheit versichert, dass 
dieses jenseitige Nibbäna nicht absolute Vernichtung ist. 

Um mich verständlich zu machen, möge mir der Leser 
gestatten, dieses grosse Problem von einer anderen Seite zu 
beleuchten. Der buddhistische Künstler schaut die Welt als 
ewiges Werden; dieses ewige Werden steht im Zeichen der 
Kausalität, ist selbst Kausalität; die letztere ist der Ausdruck 
des immanenten Weltgesetzes. So sind alle Formen, die im 
universalen Lebensstrome auftauchen, kausal bedingt; sie 
gehen auf früheres zurück und sind wiederum die Ursache 
für spätere Erscheinungen. Im Lichte der Anattä-Lehre zer- 
fliesst die Illusion des Ich und mit ihr der Gedanke eines 
getrennten Seelenwesens, welches von Geburt zu Tod und 
von Sterben zum Wiedergeboren-werden „wandert". Lebens- 
form reiht sich an Lebensform wie ein Kettenglied an das 
andere; sie sind mit einander kausal verknüpft, ohne dass 
ein bleibendes Ego die verbindende Brücke schlüge. Als die 
Ursache dieser zahllosen Lebensprozesse ist wiederum Tanhü 
zu betrachten, der universelle Lebenswille. „Es besteht die 
Möglichkeit, ja man darf wohl sagen Wahrscheinlichkeit, dass 
jeder individuelle Lebensprozess in dem universalen Lebens- 
willen einen gewissen Totaleindruck zurücklasse, der auf die 
Richtung oder den Charakter eines neuen Aktes der Indivi- 
duation bestimmend einwirke".*) Diese Vorstellung gibt den 
Buddhisten das Recht von einer Wiedergeburt, von einer 
Neu-Individuation zu sprechen, während sie den Glauben 
an eine Wiederverkörperung — welche doch ein konstan- 
tes Etwas, das sich wiederverkörpert, voraussetzt, — ablehnen 
müssen. Tanhä also erzeugt Individuen, Dasein, Täuschung, 
Leiden; durch die Vernichtung der Tanhä wird folglich eine 
neue Individuation, neues Dasein, neue Täuschung, neues 
Leiden beseitigt; eine neue Geburt und neues Sterben tritt 
nicht wieder ein. Was nun? Was wird nun aus dem Erlösten, 
wenn er ausschaltet aus dem ewigen Strom, wenn er versinkt in 
die Flut tiefer Ruhe? Nibbäna! Verlöschen! Verlöschen des indi- 
viduellen Daseins? Wie furchtbar! Warum denn? Doch nur des- 



') Th. Schultze: Die Religion der Zukunft. 3. Aufl., II. Teil S. 161. 



No. 1 u. 2. DER BUDDHIST. 61 

halb furchtbar, weil du an jeden Begriff des Seins notwendig den 
Begriff des individuellen Daseins als Massstab anlegst. Törichtes 
Menschenherz! Willst du dich wirklich zu der kühnen Be- 
hauptung versteigen, dass es nicht jenseits alles Daseins, 
himmlischen sowohl wie irdischen, noch ein etwas anderes, 
für dich ganz unbegreifbares, mit Worten nicht zu beschrei- 
bendes grosses Unbekanntes geben könnte?! 

Still lächelnd blickt der Buddha in diese Leidenswelt und 
spricht: „Es gibt, ihr Brüder, eine Stätte, wo weder Erde noch 
Wasser, weder Feuer noch Luft vorhanden ist; es ist dort 
weder der unermessliche Äther, noch die Unbegrenztheit der 
Gedanken, weder der weite Raum, noch das gleichzeitige 
Vorhandensein von Erkenntnis und Nicht-Erkenntnis; weder 
diese Welt noch eine andere Welt, weder Sonne noch Mond. 
Dieses, ihr Brüder, erkläre ich euch als weder ein Werden, 
noch ein Vergehen, weder Leben noch Sterben, noch Wieder- 
geboren-werden, unräumlich, unveränderlich, ursachlos. Das 
ist das Ende des Leidens. Es gibt, ihr Brüder, ein Unge- 
borenes, Unentstandenes, nicht Gewordenes, nicht Gestaltetes. 
Gäbe es dies nicht, so würde auch kein Entrinnen möglich 
sein aus der Welt des Gewordenen, Entstandenen, Gestalteten". ') 

Freund, beginnt es dir nun allmählich aufzuleuchten? 
Diese Welt des Werdens ist Anicca-Dukkha-Anattä, d. h. Ver- 
gänglichkeit, Leiden, Nicht-Selbst. So ist also jene Stätte, 
von welcher der Meister hier spricht, von dieser Welt grund- 
verschieden, von ihr durch eine unendliche Kluft getrennt, 
ihr gerades Gegenteil, nämlich: Nicca-Adukkha-Attä, d. h. 
Dauer, Nicht-Leid, Selbst. In dieser Welt der Vergänglichkeit 
ist nirgends ein bleibendes »Selbst« zu finden; daher ruft 
der Meister seinen Jüngern zu: Der Körper, die Empfindung, 
das Gefühl, das Begehren ist nicht euer Selbst, gehört euch 
nicht an. Was euch nicht angehört, das gebt auf; das von 
euch Aufgegebene wird euch zum Heile, zur Glückseligkeit 
gereichen ! 

Buddha bedeutet der Erwachte. Das Leben ist ein Traum; 
die Wesen träumen von einem Selbst; sie klammern sich 

■) Udäna. ' 



I 



62 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

an dieses Selbs, sie zittern vor seiner Vernichtung. Erwachet! 
Erwachet! ruft der Meister; versucht vom Traume loszukoinnien, 
diesen schweren Alp des Leidens abzuwälzen! Das Selbst in 
eurem Traum ist eine Täuschung; in der Welt des Wechsels 
gibt es keine bleibende Stätte. 

Vor dem Auge des Buddha versinkt diese Leidens-Welt 
der Vergänglichkeit als ein Schein; er schaut das Unsag- 
bare, Unbegreifliche, und aus diesem Schauen heraus strahlt 
„jene tiefe Ruhe, unerschütterliche Zuversicht und Heiterkeit, 
deren blosser Abglanz im Antlitz ein ganzes und sicheres 
Evangelium ist." 

Das ist die letzte Perspektive, die uns der Buddhismus 
eröffnet; das ist der ewige Friede, der jenseits alles Lebens 
liegt. Jenseits alles Lebens? Ja, jenseits alles dessen, was du 
Leben nennst, aber auch jenseits alles Sterbens. Jetzt verstehen 
wir, was der Buddha meint, wenn er triumphierend verkündet: 
„Tuet auf euer Ohr, die Unsterblichkeit ist gefunden!" Un- 
sterblichkeit freilich in einem ganz anderen, weiteren Sinne 
als ein ewiges Leben in einer Himmelswelt. 

Es ist Vermessenheit, ergründen zu wollen, was dieses 
letzte Ziel, dieses Un,;^-eborene, Nicht-Entstandene, Nicht-Ge- 
staltete ist. Unser Verstand begreift nur die Welt der Form. 
Für den „Entschwundenen" aber gibt es keine Form mehr, 
und wo alle Formen abgeschnitten sind, da sind auch alle 
Fragen und Antworten abgeschnitten. Einst wird auch für 
uns der schwere, letzte Traum ausgeträumt sein, und dann 
kommt das grosse Erwachen. — — 

Mag das letzte Unnennbare sein, was es will; eins können 
wir sagen: es ist nicht Unruhe, sondern Friede. Friede im 
Gegensatz zu dem Wirbel der Welt, dem Leiden des Daseins, 
der Unruhe der Seele. Ruhe und Friede aber ist die einzige 
Sehnsucht für den, der den Wechsel der Welt erkannt hat. 
So wird die Vergänglichkeits-Lehre zu einem Evangelium der 
Freiheit, ja der stolzesten, höchsten Freiheit, die jemals auf 
unserem Planeten verkündet wurde, zu einer frohen Botschaft 
des Friedens. Sie öffnet unser Auge, sie vertreibt die be- 
ängstigenden Schatten der Irrtums-Nacht, sie führt in unserem 
Gemüt das Frührot des geistigen Erwachens herauf und lässt 



No. lu. 2, DER BUDDHIST. 63 

in uns eine leise, immer lichter werdende Ahnung aufdämmern 
von jener stillen, tiefen Ruhe, von jenem grossen, seligen 
Frieden, der jenseits des schweren Weltentraumes liegt. 
„Wie kurz ist aller Erdendinge Sein! 
Sie müssen wachsen und darauf vergehen, 
Sie kommen und sie schwinden wieder hin, 
Im Frieden nur winkt wahre Seligkeit." — 

^ Lieder des Lebens.'^ ^ 

Von Wolfgang Bohn. 

Ende einer Leidenschaft. 

Es wallte, als wir auf erhitzten Sotilcn 

In lieisser Sommernacht empor geklettert, 

Im Krater rote Gischt, nun ausgewettert 
Die Flamme in dem tiefen Schacht der Kohlen ; 
Die Stickluft drückt, kaum dass wir Atem holen. 

Die dürren Sträucher hat der Wind zcrschicttcrl, 
In Lüften krächzt ein Schwärm heimloser Dohlen. 

Am Horizonte steigt die frühe Sonne 
Ein Qlutball, drohend, dunkclviolett 
Empor aus düstrer Wolken nächtigem Bett, 

Nicht Morgenkühlung grüssct uns mit Wonne. 

Bald aber reckt sich aus ein lichter Arm, 
Aus Finsternis wird heller Glanz geboren. 

Es stiebt der schwarze, violette Schwärm. 
Ein weiches Wehen raunt in unsre Ohren, 

Das Flüstern schwillt zum brausenden Alarm. — 

Dein Bild, Siddhattha-), hab' ich oft betrachtet. 

Das über sturmgepeitschter Lebensflut 

Im heiligen Lotuskelche leuchtend ruht. 
Dich fand ich, wenn das Leid mich ganz umnaclitet, 
Im Wirbel heisser Lust, im Herzenskratcr 

Tobt' gestern noch das letzte IJngewittcr, 

Verbrennt der Eitelkeit Theaterflitter — 
Du aber sänftigst, gütig v/ie ein Vater, 

Und mächtig, wie ein stolzer Sonnenrittcr, 

Die Flut, Herr über Meer und Ungewilter. 

') Aus: Samsar.i, eines deutschen Buddhisten Lieder des Lebens. (Er- 
scheint im Herbst 1905.) , 
-) Siddhartha Gautama Sakyamuni, der Buddha. 



64 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Buddha. 

O sehnsuchtsvoll schau ich zu Dir, mein Meister, Du, 
In blühender Lotus ruhend, Leidesüberwinder, 
Komm, König Du in mitleidstiefer, sel'ger Ruh, 
Ein Lehrer in das Land der hassgehetzten Kinder. 
Nie gabst zum Streite Du ein einziges Gebot, 
Du lehrtest Liebe, die das wirre All versöhnte, 
Nie zogest Du ein Schwert, und keine Flamme loht', 
Wo Deiner reichen Liebe Lehre hell ertönte. 
Du wiesest nie uns bangende an einen Rächer, 
Der über Wolken thront, der eines Wesens Feind; 
Dem Schuldigen selbst reichtest Du des Wissens Becher, 
In welchen Du des Mitleids Tränen einst geweint. 
Du lehrtest, dass aus uns'res Lebens eignen Taten, 
Wie aus dem Korn der Halm — Belohnung einst ersteht 
Und dass, nur jedem Hasse liebend zu entratcn 
Der Himmel sei, das reinste Lobgebet. 



Buddha. 

Es ist Winter, und der Schnee fällt, 
Und meine Locken erbleichen. 
Doch kann mein Blick von Dir, Du Welt, 
Du Heiland der Welt, nicht weichen. 

Es ist Abend, und das Dunkel legt 
Seine Hand auf die Augen, die hellen -- 
Doch, der die Leuchte im Herzen hegt. 
An dem muss die Nacht zerschellen. 

Ruhig sitzt Deine stille Gestalt 

Im Lotuskelche, dem reinen. 

Des besten Auges Liebesgewalt 

Will alle Welt überscheinen. 

Du öffnest die Hand, zum Segen erhoben. 

Du säest Frieden über die Welt; 

Mit Harfenrauschen möcht' ich Dich loben, 

O Du, mein Held! 

Es ist Winter, und der Schnee fällt. 
Und meine Locken erbleichen — 
Bald, ich fühl es, Du Welt, Du Heiland der Welt, 
Wird meine Seele Dich erreichen. 



Verantwortlicher Redakteur: Karl B. Seidenstocker, Leipzig. Verlag: Buddhistischer Verlag 
in Leipzig. — Druck von Arno Bachmann in Baalsdorf-Leipzig. 




Japanische Buddha-Statue. 

(Beilage zu S. 23 der »Buddhistischen "V/elt«.) 




Alle Sünden meiden, die Tugend üben, das eigene Herz läutern: 
das ist die Religion der Buddhas. Dhammapada, V. 183. 



Die Gründung 
des Reiches der Gerechtigkeit. 

SS" — 

Verehrung dem Erhabenen, Heiligen, vollkommen Erwachten! 

So habe ich gehört: Der Erhabene verweilte zu Benares, 
in der Einsiedelei mit Namen Migadäya. Da nun redete der 
Erhabene die Gesellschaft der fünf Bhikkhus*) an und sprach: 

„Zwei Extreme gibt e.s, ihr Bhikkhus, denen der Mensch, 
welcher die Welt aufgegeben hat, nicht folgen sollte, einerseits 
die Beschäftigung mit Dingen, deren Anziehungskraft auf den 
Leidenschaften und besonders auf der Sinnlichkeit beruht, — 
eine niedrige, heidnische Art, Befriedigung zu suchen, unwürdig, 
nutzlos und nur für weltlich Gesinnte passend; — andererseits 
die Ausübung einer selbstquälerischen Askese, welche peinvoll, 
unwürdig und nutzlos ist. 

„Es gibt, ihr Bhikkhus, einen mittleren Pfad, der jene 
beiden Extreme vermeidet, der von dem Vollendeten ") entdeckt 
ist, — ein Pfad, welcher die Augen öffnet und Einsicht verleiht, 
welcher zum Frieden des Gemütes führt, zur höheren Weisheit, 
zur vollen Erleuchtung, zum Nibbäna. 

') Bhikkhu, Mönch. Die hier angeredeten Mönche sind jene fünf 
Mcndikanten, welche Gotama begleitet hatten, als er sich vor seiner Er- 
leuchtung den strengsten Bussübungen unterzog. 

') Tathägata, ein häufig gebrauchtes Epitheton des Buddha. Die 
eigentliche Bedeutung ist noch nicht ganz klar; ganz allgemein verbreitet 
ist die Übersetzung »Der Vollendete«. 



66 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

„Welches ist, ihr Bhikkhus, dieser mittlere Pfad, der jene 
beiden Extreme vermeidet, der von dem Vollendeten entdeckt 
ist, — dieser Pfad, weicher die Augen öffnet und Einsicht ver- 
leiht, welcher zum Frieden des Gemütes führt, zur höheren 
Weisheit, zur vollen Erleuchtung, zum Nibbäna? 

„Wahrlich, es ist dies der hohe achtfache Pfad; das will 
sagen: Rechte Ansichten, rechtes Streben, rechte Rede, rechtes 
Handeln, rechte Lebensführung, rechtes Kämpfen, rechtes Ge- 
denken, rechte Kontemplation. 

„Das also, ihr Bhikkhus, ist dieser mittlere Pfad, der jene 
beiden Extreme vermeidet, der von dem Vollendeten entdeckt 
ist, — dieser Pfad, welcher die Augen öffnet und Einsicht 
verleiht, welcher zum Frieden des Gemütes führt, zur höheren 
Weisheit, zur vollen Erleuchtung, zum Nibbäna. 

„Dies nun, ihr Bhikkhus, ist die hohe, das Leiden betref- 
fende Wahrheit: 

„Geburt ist mit Leid behaftet, Verfall ist leidvoll, Siechtum 
ist leidvoll, Tod ist leidvoll. Vereinigung mit Unerfreulichem 
ist leidvoll, die Trennung von Angenehmem ist leidvoll, jedes un- 
befriedigte Verlangen ist leidvoll. Kurz, die fünf Aggregate'), 
welche aus dem Haften") entspringen, sind leidvoll. 

„Das also, ihr Bhikkhus, ist die hohe, das Leiden betref- 
fende Wahrheit. 

„Dies nun, ihr Bhikkhus, ist die hohe, den Ursprung des 
Leidens betreffende Wahrheit: 

„Wahrlich, es ist jene Begierde''), welche die Erneuerung 
des Daseins wirkt, begleitet von sinnlichem Genuss, bald hier, 
bald dort Befriedigung suchend, — das will sagen die Begierde 
nach Befriedigung der Leidenschaften, oder die Begierde nach 
Leben'), oder die Begierde nach Macht''). 

„Das also, ihr Bhikkhus, ist die hohe, den Ursprung des 
Leidens betreffende Wahrheit. 

') Die fünf Khandhas, aus denen der Mensch gebildet ist: Lciblich- 
keit, Gefühl, Vorstellen, Strebungen, Bewusstscins-Aspekte. 

-) Upädäna, das Haften an der Ausscnwelt, erzeugt die fünf Khandhas. 

') Tanhä, Durst nach Dasein, Daseins-Drang, der universelle 
Lebenswille. 

*) Gier nach individuellem Dasein in einem anderen Leben. 

^) Gier nach individuellem Dasein in diesem Leben. 



No. 3. DER BUDDHIST. &7 

„Dies null, ihr Bliikl<iius, ist die hohe, die Vemiciilutig des 
Leidens betreffende Wahriieit: 

„Wahrlich, es ist die restlose Vernichtung jener Begierde, 
ihre Beseitigung, die Befreiung von ihr, ihre nicht länger 
währende Duldung. 

„Das also, ihr Bhikkhus, ist die hohe, die Vernichtung des 
Leidens betreffende Wahrheit. 

„Dies nun, ihr Bhikkhus, ist die hohe, den zur Vernichtung 
des Leidens führenden Weg betreffende Wahrheit: 

„Wahrlich, es ist dies der hohe, achtfache Pfad, das will 
sagen: Rechte Ansichten, rechtes Streben, rechte Rede, rechtes 
Handeln, rechte Lebensführung, rechtes Kämpfen, rechtes Ge- 
denken, rechte Kontemplation. 

„Das also, ihr Bhikkhus, ist die hohe, den zur Vernichtung 
des Leidens führenden Weg betreffende Wahrheit." — 

* * 

Dies ist das Wesen der Lehre des Buddha, dies ist der 
Dhamma, zu welchem Buddhisten ihre Zuflucht nehmen. 

Diese Lehre von den vier hohen Wahrheiten und vom 
hohen achtfachen Pfade wurde von dem Buddha mit der 
mächtigen Grösse seiner eindrucksvollen Persönlichkeit gepredigt. 
Er verwirklichte die Lehre durch seinen Wandel und erläuterte 
sie durch zahlreiche Gleichnisse. Das Senfkorn seiner erha- 
benen Religion ist ein starker Baum geworden, unter dessen 
Zweigen ungezählte Menschenherzen den Frieden gefunden ha- 
ben. — 

Der Anhänger töte nicht, noch veranlasse er, dass irgend 
ein lebendes Wesen getötet werde, noch billige er die Tötung 
durch andere. Er versage sich das Verletzen aller Geschöpfe, 
sowohl derjenigen, welche stark sind, als auch jener, welche 
sich in der Welt ängstigen. Dhammika-Sutta. 

Wer den Zorn, wenn er in ihm aufsteigt, wie einen schnell 
dahinrollenden Wagen hemmt, den nenne ich einen Wagen- 
lenker; die anderen halten nur die Zügel in der Hand. 

Dhammapada. 



68 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Moralität 
in orientalischer Beleuchtung. 

Von Rev. Dr. K. Hori. 



In den Worten »Liebe Brüder« kommt die edle Lelirc des 
abendländisciien Weisen zum Ausdruck; die preiswürdige An- 
weisung des orientaiisclien Lehrers wird zusammengefasst in 
den Satz: Sei wohlwollend und mitleidsvoll gegenüber allen 
Menschen ohne Unterschied des Standes, der Nationalität und 
Rasse. Die Weisen des Morgen- und Abendlandes stimmen 
überein in ihren Angaben über die Quellen, aus denen die 
sozialen Tugenden fliessen. Natürlich läuft soziale Tugend 
mit persönlicher Tugend parallel; aber die erstere wird heute 
mehr beachtet, als die letztere. Wir sehen, dass in den ver- 
schiedenen Verwaltungen öffentlicher Organisationen (Dörfer, 
Städte, Staaten) jeder wirklich gute und tüchtige Bürger seinen 
eigenen Nutzen und Vorteil mehr oder weniger der Wohlfahrt 
der Gesellschaft opfert, in welcher er lebt. Alle guten Männer 
und Frauen sind für die Verbesserung sozialer Zustände ein- 
getreten und haben durch ihre Bemühungen für dieselben eine 
bessere Lage geschaffen, und ich bin sicher, dass man die 
letztere immer günstiger gestalten und dem Ideal tatsächlich 
immer näher bringen kann. 

Es gibt viele Menschen, die in der Gesellschaft wegen 
ihrer Opferfreudigkeit geachtet werden insofern, als sie sich 
stark an sozialen Bestrebungen beteiligen; und doch haben 
dieselben Menschen im Geheimen furchtbare Sünden begangen. 
Andererseits werden viele Individuen, welche hinsichtlich ihrer 
persönlichen Tugenden untadelhaft dastehen, von der Ge- 
sellschaft unbeachtet gelassen, ja off geradezu verachtet, weil 
sie unfähig sind, soziale Bestrebungen zu leiten. Diese selt- 
same Erscheinung kann man gleicherweise in Asien, Europa 
und Amerika beobachten. Wenn diese Ungerechtigkeiten, an- 
statt abgeschafft, geduldet werden, dann werden jene geschickt 
maskierten, innerlich verdorbenen Menschen fortfahren, ange- 
sehene Stellungen in der betreffenden Gesellschaft zu bekleiden 



No. 3. DER BUDDHIST. 69 

welche sie dementsprechend schädigen müssen. Sie gleichen 
geprägten Münzen. Ihr Aussehen mag uns für eine Zeit blen- 
den, aber die Stunde wird früher oder später kommen, da ihre 
Niedrigkeit offenbar wird. Wenn dann die Öffentlichkeit dem 
Ruchlosen die Maske herunterreisst, wird er bereits Niedergang, 
Verwüstung und Schande in geweihte Kreise gebracht haben. 

Um dieser Art gesellschaftlicher Korruption durch ruchlose, 
falsche Führer vorzubeugen, müssen wir die leitenden Männer 
nicht nur nach ihrer äusseren Befähigung, sondern in erster 
Linie nach ihren persönlichen Tugenden auserwählen. 

Die Gesellschaft ist ein Aggregat, das sich aus Tausenden 
von Individuen zusammensetzt, und der Wille der Gesellschaft 
muss sich auf den Willen eines jeden Individuums gründen. 
Wenn wir wünschen, dass die Gesellschaft moralisch voll- 
kommen sei, muss zunächst das moralische Wollen eines jeden 
Individuums gestärkt und geläutert werden. 

Ein klassischer orientalischer Text sagt: „Ein reines Herz 
schafft einen untadelhaften Geist. Ein untadelhafter Geist schafft 
eine gute Persönlichkeit. Eine gute Persönlichkeit wirkt ein 
glückliches Haus. Das glückliche Haus ist der Grundstein 
einer angenehmen Stadt. Eine angenehme Stadt lässt einen 
friedlichen Distrikt oder Staat erstehen." 

Es kann ein Mensch Liebe mit den Lippen sprechen und 
Mitleid mit der Feder schreiben, aber wir sollten niemals einen 
Menschen nur nach dem auswählen, was von seinen Lippen 
fliesst. Die glänzende Diktion eines Redners kann seine Fehler 
verdecken, und die schönen Aufsätze eines Schreibers können 
die Verderbtheit seines Herzens verhüllen. Eine ergreifende 
Rede ist nur dann etwas wert, wenn sie aus einem aufrichtigen 
Herzen kommt. Tausend brillante Aufsätze taugen nichts, wenn 
die Beweggründe des Schreibers nicht rein sind. Zu öffent- 
lichen Beamten und Gesetzgebern sollten Männer von aufrich- 
tigem Wollen und gutem Charakter ausersehen werden — 
Männer, welche die geistige Wohlfahrt der Gesellschaft und 
der Menschheit fördern werden. 

Der menschliche Geist gleicht — im Bilde gesprochen — 
dem hellen Lichtschein eines Leuchtturmes an der Küste. Der 
Schein mag manchen Schiffen in weiter Ferne auf hoher See 



% DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

ein guter Führer sein, aber am Fusse des Leuchtturmes herrscht 
absolute Finsternis. Nach dieser Analogie ist es leicht, andere 
zu kritisieren, während Dunkelheit die eigene Seele umgibt. 
Wenn wir in unser inneres Heim den lichten Schimmer giessen 
wollen, solhen wir nach den Lehren der grössten Weisen mit 
uns selbst zu Rate gehen, streng gegen uns sein, uns selbst 
veredeln und läutern. 

Verschiedene Weise des Westens haben als Massstab für 
die Tugend die goldene Mittelstrasse empfohlen. Der grösste 
orientalische Meister lehrte seine Jünger ebenfalls den »mitt- 
leren Pfad« oder die in der Mitte liegende Art, ein tugend- 
haftes LebL-n zu führen. Derselbe zerfällt in acht Prinzipien 
oder Teiie und wird deshalb der »erhabene achtfache Pfad« 
genaimt. 

Die erste Stufe des erhabenen achtfachen Pfades ist 
rechte Einsicht. 

Wir müssen zunächst den wahren Charakter alles Lebens 
in der Welt begreifen lernen. Drei Arten des Leidens — Altern, 
Verfall, Sterben — sind allen Kreaturen beschieden. Was in 
der Welt geboren wird, kann nicht über die Grenze hinaus, 
welche diese drei Leiden ziehen. 

Es kann sich ein Mensch eine Weile damit begnügen, dass 
er nicht auf das Leid seiner Mitmenschen achtet, und dass er 
sich hinsichtlich seiner eigenen Zukunft in lieblichen Träumen 
wiegt. Aber diese Selbst-Beruhigung entsteht aus der Unwissen- 
heit. Aber ist Unwissenheit nicht an und für sich ein Leiden?! 
Fast alle Religionen, alte wie neue, östliche und westliche, sind 
auf die Idee des Leidens oder Übels in der Welt gegründet. 
Ohne diese Leid-Idee würden alle Weltreligionen ihre Existenz 
eingebüsst haben. — Sodann müssen wir die Vergänglichkeit 
alles Lebens verstehen. Jedes Ding in der Welt ist mit dem 
Vergänglichkeitsprinzip behaftet. Menschen, Tiere, Pflanzen und 
Mineralien müssen, nachdem sie einmal ins Dasein eingetreten 
sind, früher oder später verfallen und sich auflösen; diese Tat- 
sache begreifen, heisst das Vergänglichkeits-Prinzip verstehen. 
— Ferner müssen wir Einsicht gewinnen in das Nicht-Selbst- 
Prinzip, d. h. in das Nicht-Vorhandensein eines unsterblichen 
getrennten Selbstes. Dies ist für westliche Geister sehr schwer zu 



No. 3. DER BUDDHIST. 71 

begreifen, denn ihre Art zu denken ist verschieden von der des 
Orients. Wir pflegen zu sagen „ich bin", „mein Eigentum" usw. 
Diese Ich-heit, dieses Selbst ist nicht unsterblich, sondern wird nur 
irrtümlicherweise als unsterblich vorgestellt. Alle Leidenschaften, 
aller Hader, alle Unruhe entspringen aus dieser Selbst-heit. In 
Wahrheit gibt es kein egoistisches Ich-Selbst. Wenn wir so 
ein richtiges Verständnis für die Prinzipien des Leidens, der 
Vergänglichkeit und des Nicht-Selbst gewonnen haben, 
dann erreichen wir die rechte Einsicht, die erste Stufe des 
Pfades. 

Die zweite Stufe des erhabenen Pfades heisst rechte End- 
zwecke. Wenn wir ein Wesen leiden sehen, fühlen wir mit- 
leidsvoll Erbarmen und entschliessen uns, unser Übelwollen 
aufzugeben und dem Leidenden Hilfe zu bringen. Wenn das 
Motiv unserer Betätigung rein und aufrichtig ist, dann haben 
wir rechte Endzwecke, die zweite Stufe des Pfades. 

Die dritte Stufe des achtfachen Pfades ist rechte Rede. 
Wenn die Motive, die einen Menschen bestimmen, gut und rein 
sind, dann wird er die Wahrheit nicht verbergen, wird keine 
Geheimtuerei lieben, noch unfreundlich und barsch zu den 
Menschen sprechen, sondern seine Worte werden stets wahr, 
mild, fein und anständig sein. Wer Liebe und Mitleid in seinem 
Sprechen zum Ausdruck bringt, von dem sagt man, er habe die 
dritte Stufe des Pfades beschritten, rechte Rede. 

Die vierte Stufe des achtfachen Pfades bilden rechte 
Handlungen. Durch die Einsicht in das Leiden des Lebens 
und durch die Entfaltung von Liebe und Mitleid wird jeder 
Akt unseres Betragens sicher von Sympathie erfüllt und von 
Erbarmen durchweht sein. Dieser erhabene Zustand im Men- 
schen bedeutet rechte Handlungen, die vierte Stufe des 
Pfades. 

Die fünfte Stufe des achtfachen Pfades ist rechte Art der 
Lebensführung. Gewöhnt an rechtes Handeln wird natürlich 
das Leben immer reiner und lichter, und dann werden alle ein- 
zelnen Phasen des täglichen Lebens beim Essen, Gehen oder 
Schlafen selbstverständlich mit den höchsten Naturgesetzen harmo- 
nieren. Wir erheben uns über alle Bedingungen, welche Leid 
oder Kummer nach sich ziehen und führen ein solches Leben, wel- 



72 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

ches geistigen Frieden und Heiterlceit des Gemütes schafft. 
Dieser Zustand ist die rechte Art der Lebensführung, die 
fünfte Stufe des Pfades. 

Die sechste Stufe des achtfachen Pfades ist rechte Energie. 
Wenn der Mensch auf diese Weise lebt und an sich arbeitet, 
wird er sein Gemüt bemeistern und die Fähigi<eit erlangen, 
seine Energie in einer ausserordentlich starlcen Willenskraft zu 
offenbaren. Das heisst rechte Energie, die sechste Stufe 
des Pfades. 

Die siebente Stufe des achtfachen Pfades ist rechte Geistes- 
fülle (Gemütstiefe, Geisteskraft). Der Mensch, der auf der 
sechsten Stufe rechte Energie erworben hat, wird nun lernen, 
alle seine Gedanken zu sammeln und nach Belieben auf einen 
bestimmten Gegenstand zu richten, wobei er sich in seinem 
Geiste nur heilige Dinge vergegenwärtigt. Das bedeutet rechte 
Geistesfülle, die siebente Stufe des Pfades. 

Die achte Stufe des achtfachen Pfades ist der rechte Zu- 
stand eines reinen Gemütes. Durch diese heilige trans- 
zendentale Fälligkeit können wir dauernd heilige Dinge in uns 
gegenwärtig erhalten, und das Gemüt ist ganz erfüllt von seli- 
gem Frieden; dies ist der rechte Zustand eines reinen Gemütes, 
die letzte Stufe des Pfades. Dieser Zustand im Menschen ist 
ein Zustand vollkommener Moralität; er verwirklicht in der 
betreffenden Person das höchste moralische Ideal. Ein solcher 
Mensch ist natürlich untadelhaft in seiner persönlichen Tugend 
und erfüllt genau seine heilige Pflicht der Gesellschaft gegen- 
über; sein moralischer Einfluss wird heilsam auf seine Familie 
und seine Mitmenschen einwirken, so dass er und viele andere 
auf Grund seines guten Wirkens den Segen des Friedens ge- 
niessen können. 

Ich schliesse diese Zeilen mit den schönen Worten des 
Dichters der »Leuchte Asiens«: 

Gebunden hält 
Des Menschen Herz, der Völker Denken das 
Gesetz, der Herr der Welt. 

Unsichtbar hilft es euch mit treuer Hand, 
Hört ihr's gleich nicht, doch spricht's im Sturm euch an; 
Der Mensch hat Lieb' und Mitleid, weil im Kampf 
Das Chaos Form gewann. 



No. 3. DER BUDDHIST. 73 

Verachtet ist's von keinem; denn wer es 
Bekämpft, verliert; und wer ihm dient, gewinnt; 
Verborgne Guttat lohnt's mit Ruh' und Glück, 
Mit Qual verborgne Sund'. 

Es sieht allüberall und merket wohl. 
Tu' recht, und es belohnt; tu' Unrecht, dann 
Musst du die Schuld bezahlen, ob auch lang' 
Der Dharma zögern kann. 

Nicht Zorn, noch Gnade kennt's; es misst sein Mass 
Untrüglich, fehlerlos ist seine Wag'; 
Zeit gilt ihm nichts: es richtet morgen wohl. 
Vielleicht nach manchem Tag. 

Des Mörders Dolch kehrt's gegen ihn allein. 
Wer richtet falsch, verliert das Heil im Leben, 
Den Lügner straft die Lüge selbst, der Dieb 
Raubt nur, zurückzugeben. 

Dies das Gesetz; es wirkt Gerechtigkeit, 
Niemand entgeht ihm, keiner hemmt's zuletzt; 
Sein Urgrund ist die Liebe, und sein Ziel 
Fried' und Vollendung. Ihm gehorchet jetzt! 

Habe Erbarmen und Mitleid mit allen Wesen, welche leben. 

Brahmajäla-Sutta. 

Wohlwollen gegen alle Wesen ist die wahre Religion. 

Buddhacarita. 

Ernste Gesinnung führt zur Todlosigkeit, Leichtsinn zum 
Pfad des Sterbens. Die im Ernste verharren, sterben nicht, 
aber die Leichtfertigen sind bereits [hier] den Toten gleich. 

Dhammapada. 

Pflege das Mitleid! 

Visuddhi-Magga. 

Die Akte religiöser Betätigung bestehen in Wohlwollen^ 
Liebe, Wahrhaftigkeit, Reinheit, Edelmut und Güte. 

Asoka-kischrift. 



74 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 



^^ Nibbäna. U^f^ 

Von Bhikkhu Änanda Maitriya. 

Es gibt, ihr Jünger, ein Reich, wo weder 
Erde noch Wasser, weder Feuer noch Luft vor- 
handen ist; es ist dort weder der unermessliche 
Äther noch die gleichzeitige Existenz von Be- 
wusstsein und Nicht-Bewusstsein, weder diese 
Welt noch eine andere Welt, weder Sonne, 
noch Mond. Dies, ihr Jünger, erkläre ich euch 
als weder ein Werden, noch ein Vergehen, we- 
der Leben, noch Sterben, noch Geboren-wcrden, 
unräumlich, unveränderlich, ursachlos: Das ist 
das Ende des Leidens. Udäna. 

Vielleicht kein einziges Kapitel in unserer buddhistischen 
Religion ist so viel umstritten und so häufig missverstanden 
worden, als der Gegenstand, den die eben citierte Stelle aus 
dem Udäna behandelt. Ganze Bände gelehrter Abhandlungen 
sind über dieses Gebiet geschrieben worden, und die gezogenen 
Schlussfolgerungen sind natürlich so verschiedenartig, wie die 
Qlaubensrichtung und der geistige Standpunkt des jeweiligen 
Verfassers. Die Frage selbst ist so alt wie unsere heiligen 
Lehren: „Nibbäna, Nibbäna, so sagt man, Freund Säriputta, 
was aber, Freund, ist denn dieses Nibbäna?"^) So fragte vor 
fünfundzwanzig Jahrhunderten an den Ufern des Ganges ein 
brahmanischer Asket; dieselbe Frage wurde im zweiten Jahr- 
hundert V. Chr. von Milinda wiederholt, und sie findet seit 
jener Zeit ihr Echo im Geiste eines jeden Denkers und bud- 
dhistischen Schriftstellers. Von Tokyo bis zum modernen 
Babel, von der kalten Hochebene des geheimnisvollen Tibet 
bis zu den Duft-durchwürzten Palmen-Hainen Ceylons ist die 
Antwort auf diese Frage von jedem ernsten Forscher und An- 
hänger des Buddhismus gesucht worden; ihre Aufhellung ist 
das Lebenswerk grosser Gelehrter gewesen, deren selbstlose 
Arbeiten der westlichen Welt den Schatz des hochvortrefflichen 
Gesetzes enthüllt haben, und die Verwirklichung der Antwort 



') Samyutta-Nikäya. 



No. 3. DER BUDDHIST. 75 

auf diese Frage ist lieute die Hoffnung und das Ziel von fünf- 
hundert Millionen unserer Religionsgenossen. 

Der Grund liierfür ist nicfit fern zu suciien; denn dieses 
Nibbäna ist das Ziel unserer Religion, es ist der Schlussstein 
dieses ganzen, grossen, wunderbaren, aus Philosophie und 
Ethik bestehenden Tempels, den wir mit dem Namen Buddhis- 
mus bezeichnen; das Gedenken an Nibbänas todlose Ruhe ist 
der Trost unseres Lebens, und seine Erreichung die Hoffnung 
aller unserer Herzen. In der Tat: Der Buddhismus beruht auf 
der Gewissheit dieses Nibbäna, und der Grad der Genauig- 
keit, mit der wir die grösste Weltreligion würdigen, muss ent- 
schieden taxiert werden nach dem klaren, geistigen Verständ- 
nis, das wir dem Nibbäna-Begriff entgegenbringen. Denn wenn 
wir selbst nicht eine wenigstens annähernd klare Idee in un- 
serem Geiste über das Endziel unserer Religion gewonnen 
haben, verdienen wir den Tadel, welcher im Tevijja-Sutta *) 
dem unpraktischen jungen Mann erteilt wird: „Aber dann, 
bester Freund, baust du ja eine Treppe, die zu irgend einem 
Etwas führen soll, das du für ein Wohnhaus hältst, das du 
aber gegenwärtig weder kennst, noch jemals gesehen hast." 
Andererseits ist natürlich die erste Frage, die sich im Geiste 
eines Aussenstehenden regt, folgende: Welches ist der Zweck 
und das Ziel dieser Religions-Philosophie, welches ist das 
Endziel, zu dem alle jene in den buddhistischen Werken be- 
schriebenen praktischen Übungen führen? Ich habe gerade 
dieses schwierigste aller Probleme im Buddhismus zum Gegen- 
stande dieses Essays gemacht; wenn einmal Zweck und Ziel 
unserer Religion begriffen ist, dann treten die übrigen Teile 
des Buddhismus, Praxis und Philosophie in gleicher Weise, an 
ihre natürliche Stelle als die Mittel, die der Erreichung des 
Nibbäna als dem Endzweck dienen. Ich bin mir dabei der 
mannigfachen Schwierigkeiten dieses Gegenstandes sehr wohl 
bewusst, und ich muss den Leser um Nachsicht bitten wegen 
der unzureichenden Darlegung eines Ideales, welches das Leben 
von ungezählten Millionen durchgeistigt hat, und ich hoffe, 
dieser Versuch wird wohlwollend aufgenommen werden, und 

') Siehe Dr. Rhys Davids' Übersetzung in den »Sacred Books of 
the Easts Vol. XI, S. 177. 



76 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

man wird mich entschuldigen, wenn ich „dorthin enteile, wo 
einzutreten selbst Götter sich scheuen." — 

Bevor wir weitergehen, scheint mir noch ein Punkt eine 
besondere Betrachtung zu erheischen, nämlich das Wort 
»Nibbäna« selbst. Es ist bei der Behandlung dieses Begriffes 
die Gewohnheit geworden, die sanskritisierte Form »Nirväna« 
zu gebrauchen, eine Gewohnheit, gegen welche die Buddhisten 
eigentlich protestieren sollten; einmal deshalb, weil der Buddha 
eben den Nibbäna-Begriff erklärt und es untersagt hat, die 
Ausdrücke in seiner Lehre in das Sanskrit zu übersetzen,^) und 
sodann, weil wir, wenn wir Nirväna sagen, in manchen Geis- 
tern die Vorstellung vom Nirväna der Hindu-Philosophie er- 
wecken, d.h. vom Aufgehen in Brahman, welches erst unser 
vierter Arüpa-Vimokkha und vom Nibbäna sehr verschieden 
ist. Da wir nun in unserer Sprache kein Wort haben, welches 
die hier in Rede stehende Idee vollständig ausdrückt, und wir 
deshalb notgedrungen ein Fremdwort gebrauchen müssen, so 
erscheint e^ mir besser, unser eigenes Äquivalent im Päli zu 
verwenden, jener Sprache, der unser Meister sich bediente, als 
Zuflucht zu einem leicht misszuverstehenden Worte aus einer 
Sprache zu nehmen, welche der Buddha absichtlich vermie- 
den hat. 

Abgesehen von dieser nur das Wort betreffenden Unge- 
nauigkeit findet man sehr häufig in den früheren Schriften über 
Buddhismus einen Irrtum, der auch heute noch angetroffen 
wird, und gegen den nicht eindringlich genug protestiert wer- 
den kann. Es ist dies jene irrige Ansicht, — die meines Wissens 
zuerst von Burnouf aufgestellt wurde, und die in den ersten 
Tagen der buddhologischen Forschung ganz natürlich war, — 
dass es drei Arten Nibbäna gebe: das eigentliche Nibbäna, 
Parinibbäna und Mahäparinibbäna. Das ist von Childers und 
Rhys Davids ') als ein gänzliches Missverständnis nachgewiesen 
worden. In den Texten wird teils das Wort »nibbuto« und 

') Cullavagga, V, 33, 1 ; übersetzt in »Sacred Books of the East«, 
Vol. XX, S. 150, 151 und Dr. Rhys Davids' Anmerkung dazu. 

-) Vergl. Childers' Dictionary of the Päli Language s. v. Nibbäna 
S. 268, und Dr. Rhys Davids' Einleitung zum Mahäparinibbäna-Sutta, Sac- 
red Books of the East, Vol. XI, S. XXXII. 



No. 3. DER BUDDHIST. 77 

teils »parinibbuto« gebraucht für die Erreichung des Anupä- 
disesa Nibbäna seitens eines Arahä'), das will sagen, für 
das Abieben des letzteren, und diese beiden Ausdrücke wech- 
seln mit einander ab; während in d,em Worte »Mahäpari- 
nibbäna« — das bedeutet die Erreichung von Anupädiscsa 
Nibbäna seitens des Buddha, also das Ableben des Buddha — 
das Präfix »Mahä« (gross) nur ein ehrfurchtsvoller Ausdruck 
ist und keineswegs eine höhere Art oder einen höheren Zustand 
von Nibbäna in sich schliesst, ebenso wie etwa der Ausdruck 
»das grosse Abscheiden« nur die Person betrifft, von der 
dieses Wort gebraucht wird. Nun werden im Kanon allerdings 
zwei verschiedene Adjektive verwandt, um Nibbäna zu 
charakterisieren: 1. Sa-upädisesa, d.h. mit einem Überbleibsel, 
mit einer Basis, mit einem Substrat versehen; dies wird ge- 
braucht, wenn ein Arahä oder Buddha in diesem Leben 
Nibbäna erlangt resp. erlangt hat; obwohl in diesem Falle 
Nibbäna erreicht ist, bleibt doch der Körper nebst anderen 
Khandhas'-) als ein Verbindungsglied mit dieser Welt zurück. 
2. An-upädisesa, d. h. ohne eine Basis. Dies letztere wird 
gebraucht für Nibbäna selbst, d. h. für den Zustand eines 
Arahä oder Buddha nach dem Sterben seines Körpers. Diese 
beiden Worte wollen also nicht etwa sagen, dass es zwei Arten 
Nibbäna gebe, sondern sie beziehen sich nur auf den Zustand 
des Arahä oder Buddha vor bez. nach seinem Ableben. Das 
Nibbäna-Prinzip ist nur eins — unendlich, unveränderlich, real: 
Es ist das Ende aller Dinge; wie könnte da noch etwas 
jenseits seiner vorhanden sein? Der einzige Unterschied ist 
der: Für den noch in seinem Körper Befindlichen, wenn er 
Nibbäna erlangt hat, wird das Wort Sa-upädisesa (eine Basis 
habend) gebraucht; dagegen sagen wir von dem Erlösten, wenn 
sein Körper tot ist, Anupädisesa Nibbäna, d. h. Nibbäna 
ohne eine Basis. 

Childers vermutete allerdings'), dass durch diese Worte 
zwei verschiedene Dinge ausgedrückt, und dass zwei Arten 



') Arahä wird der Jünger genannt, der die vierte Etappe des Pfades 
erreicht hat; derselbe geht seiner endgültigen Erlösung entgegen. 
') Siehe weiter unten. 
') Päli-Dictionary s. v. Nibbäna. 



78 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Nibbäna unterschieden würden: einmal der Zustand der Arahä- 
schaft und sodann absolute Verniclitung; er versuclite zu zeigen, 
dass einige mit Nibbäna synonyme Ausdrücke für das eine 
Nibbäna gebraucht würden, und einige für das andere Nibbäna. 
Diese Vermutung ist indessen als irrig nachgewiesen worden, 
und die Untersuchungen späterer Gelehrter haben deutlich ge- 
zeigt, dass alle mit Nibbäna synonymen Ausdrücke gleicher- 
weise für beide Aspekte gebraucht werden können, während 
andere Texte — die Childers nicht herangezogen hat oder 
übersehen haben muss, ausdrücklich leugnen, dass Anu- 
pädisesa Nibbäna (das post mortem-Nibbäna) Vernichtung sei.') 
Hier ist nun eins klar: Wenn wir eine einigermassen 
richtige Auffassung des Nibbäna-Begriffes bekommen wollen, 
so müssen wir uns auf den geistigen Standpunkt des Bud- 
dhisten stellen; denn solange wir den Versuch machen, die 
Idee von einem anderen Standpunkte aus zu analysieren, wer- 
den wir in immer grössere Konfusion geraten, und alle unsere 
Bemühungen müssen notwendigerweise fehlschlagen. Solche 
Versuche können verglichen werden mit der Bemühung, die 
moderne Kopernikanische Astronomie mit Hilfe des Ptolemäi- 
schen Systems zu begreifen, nach dessen Lehren die Erde der 
Mittelpunkt des Universums ist, während Sonne, Mond, Planeten 
und Fixsterne in mannigfachen Bahnen um die Erde kreisen 
und dazu bestimmt sein sollen, der letzteren zu „dienen" und 
den Menschen zum Wohle und zur Freude zu gereichen. 
Zwischen den in der neueren Zeit aufgekommenen metaphysi- 
schen und ontologischen Theorieen des Westens und der 
ptolemäischen Hypothese von der geozentrischen Welt besteht 
tatsächlich eine höchst beachtenswerte Analogie; denn wie 
die Ptolomäisten den Erdmittelpunkt für den Zentralpunkt des 
gesamten Universums hielten, und wie alle ihre Schlussfolge- 
rungen über die Bewegung der Himmelskörper auf Grund dieser 
irrigen Ansicht falsch waren, so gelangten die früheren ontolo- 
gischen Systeme des Occidents von Cartesius an aufwärts zu 
einer unrichtigen Schlussfolgerung über die Natur des Seins, 



') Vergl. Brahniajäla-Sutta, Sacred Books of the Buddhists, Vol. II, 
Dialoguc I, S. 46 ff. 



No. 3. DER BUDDHIST. 79 

weil sie irrtümlicherweise das geistige Universum um ein 
imaginäres Wesen gruppierten, das sie als ein im Menschen 
wohnendes abgesondertes Etwas sich vorstellten, und das sie als 
das Ego oder die unsterbliche Seele des Menschen bezeichneten. 
Die Analogie kann aber noch weiter durchgeführt werden; denn 
gerade so wie die Anhänger des alten geozentrischen Systems 
die Lehren des Kopernikus für offenbar absurd hielten, indem 
sie sich darauf beriefen, dass man die Bewegung der Sonne 
um die Erde doch wahrnehme, so gründen die modernen 
Verteidiger der Ego-zentrischen Systeme ihre Abweisung des 
non-ego-zentrischen Buddhismus und der späteren occidentalen 
Ontologieen auf die Wahrnehmung, dass alle geistigen Phä- 
nomene sich drehen und zentralisiert sind um ein statisches, un- 
veränderliches Selbst oder Ego in uns, einen Wahrnehmer aller 
Empfindungen, einen Gestalter aller Willensregungen, einen 
Wisser aller Gedanken und Handlungen, eine getrennte, geistige 
oder seelische Wesenheit, die sie sich als verschieden und unab- 
hängig von den Sinnesorganen und Seelenvermögen vorstellen. 
Und weiter: Die Ptolemäisten wähnten damals, als das Kopcrni- 
kanische System zuerst aufkam, dasselbe müsste alle wahre 
Religion und Moralität vernichten, weil es das Weltzentrum 
nicht in die von ihnen so hochgeschätzte Erde verlegt, weil es 
leugnet, dass die Welt zum Dienste der Menschen geschaffen 
sei. Genau ebenso nun meinen auch heute diejenigen, die an 
ein unsterbliches, getrenntes Seelenwesen im Menschen glauben, 
die buddhistische Theorie sei verderblich und unsittlich, weil 
dieselbe diesen von ihnen so sorgsam gehegten Wahn eines 
wechsellosen, abgesonderten, unsterblichen Egos im Menschen 
verneint; diese Leute ziehen den Schluss, dass, wenn kein un- 
wandelbares, für sich allein bestehendes Seelen -Substratum 
existiere, dann auch keine Hoffnung mehr für uns vorhanden 
sei, dass vielmehr das Ende aller Religion und alles Lebens 
vor der Tür stehe. 

Aber die Erkenntnis wächst. Heute will der abendländi- 
sche Geist nicht länger mehr daran glauben, dass es für die 
Religion — in einem mehr tiefen, wahren Sinne — verhängnisvoll 
sei, wenn wir lernen, dass diese Erde, auf welcher wir leben, 
nur ein Tropfen im Ozean der Unendlichkeit ist; kein vernünf- 



80 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

tiger Mensch hält heute diese Lehre für so verderblicli, dass 
nur der Galgen und die Folter als Hilfsmittel gegen dieselbe 
angerufen werden müssten. Vielmehr hat diese Idee so sehr 
dazu beigetragen, die kleinliche Eitelkeit des Menschen zu 
dämpfen, dass in unserer Zeit die Anwendung von Rad und 
Folter unmöglich geworden ist: Der Mensch ist in geistiger 
Hinsicht unendlich gewachsen entsprechend seiner zunehmenden 
Erkenntnis des Weltprozesses. (Fortsetzung folgt.) 

Die Grundideen des Buddhismus. 

Von Dr. Paul Carus. 



Einleitung. 

Der Buddhismus wird sehr häufig charakterisiert als eine 
Religion ohne den Glauben an Gott und an die menschliche 
Seele, ohne die Hoffnung auf eine zukünftige Existenz, als eine 
pessimistische, trostlose Religion, die auf das Leben nur als 
auf ein Leidensmeer blickt, die in ihren etliischen Forderungen 
quietistisch ist und als einzigen Trost den Ausblick gewährt, 
endlich einmal im absoluten Nichts zu verlöschen. Nun ist es 
richtig, dass die Buddhisten mit Ausnahme einiger häretischer 
Schulen nicht an einen persönlichen Gott glauben ; indessen 
gibt es viele gläubige Christen, welche in dem theistischen 
Dogma nur den symbolischen Ausdruck einer tieferen Wahrheit 
erblicken, und andererseits glauben die Buddhisten^) nicht nur 
an den Sambhoga-Käya, welcher als ein Äquivalent der christ- 
lichen Gottesidee bezeichnet werden muss, sondern auch an die 
Trinität Sambhoga-Kaya, Nirmäna-Käya und Dharma- 
Käya-), welche eine ausserordentliche Ähnlichkeit mit der christ- 
lichen Idee vom Vater, Sohn und Heiligen Geist hat. Ferner 
ist es eine unleugbare Tatsache, dass die Buddhisten nicht an 
ein getrenntes Seelenwesen (Atman) glauben, wie es die brah- 



') Allerdings nur die Anhänger des (nördlichen) Mahäyäna-Buddhismus. 
■) Näheres hierüber in einem späteren Aufsätze von Dr. Paul Carus 
über »Buddhismus und Christentum«, 



No. 3. DER BUDDHIST. 81 

manischen Piiilosophen lehren, aber sie leugnen durchaus nicht 
die Existenz des Geistes und die Fortsetzung des geistigen 
Daseins des Menschen nach dem Tode. Aber die in der 
abendländischen Denkweise geschulten Menschen sind so sehr 
in ihrer eigenen Ausdrucksweise befangen, dass orientalische 
Denker, wenn sie Ausdrücke gebrauchen, welche die allegorische 
Bezeichnung der christlichen Denkweise verneint, für Negativisten 
angesehen werden. Ja, sogar solche Abendländer, welche auf- 
gehört haben, Anhänger des Christentums zu sein, sehen häufig 
den positiven Aspekt der buddhistischen Weltanschauung 
nicht, und wir müssen immer und immer wieder den alten 
Refrain hören: Wenn die Lehre des Buddha nicht Nihilismus 
ist, so läuft sie dennoch in praxi auf Nihilismus hinaus. 

Benfey sagt in der Vorrede zu seiner Übersetzung des 
Panca-Tantra : 

„Die hohe Blüte des indischen Geisteslebens (gleichviel ob sie in 
brahmanischen oder buddhistischen Werken zum Ausdruck gelangte) ging 
im wesentlichen aus dem Buddhismus hervor und ist gleichzeitig mit 
der Epoche, in welcher der Buddhismus florierte ; das will sagen, vom 3. 
Jahrhundert v. Chr. bis zum 6. Jahrhundert n. Chr. Wenn wir das von 
dem Buddhismus in seinen frühesten Tagen an vertretene Prinzip betrach- 
ten, „dass nur die Lehre wahr ist, welche der gesunden Ver- 
nunft nicht zuwiderläuft", so müssen wir ganz gewiss zugeben, dass damit 
die Selbständigkeit der menschlichen Vernunft tatsächlich anerkannt 
war; die Gesamtheit der Beziehungen zwischen dem Reich des Erkenn- 
baren und Nicht-Erkennbaren war ihrer Kontrolle unterworfen, und unge- 
achtet der Tatsache, dass die tätigen Kräfte der Vernunft, an welche so 
in letzter Linie appelliert wurde, in der Tat noch nicht gesundet waren, 
so war dennoch der Ausweg gewiesen, auf welchem die Vernunft unter 
günstigeren Umständen damit beginnen konnte, sich von den ihr anhaf- 
tenden Schlacken zu läutern. Wir lernen bereits in den philosophischen 
Untersuchungen des Buddhismus die Arbeiten schätzen, die, obgleich zum 
Teil spitzfindig, dennoch nach Vollkommenheit streben und wegen ihres 
Porschungs-Ernstes die höchste Beachtung verdienen. Aus dem Tone, 
der in unserem Werke vorherrscht, und mehr noch aus dem wahrschein- 
lichen buddhistischen Ursprünge jener anderen indischen Geschichtsbücher, 
die uns bis jetzt bekannt geworden sind, ist Hand in Hand mit dem bud- 
dhistischen Ernst der heitere Scherz klar ersichtlich, und sogar frivole 
Dichtung und Unterhaltung hat den Frohsinn des Lebens bewahrt." 

Diese Schilderung zeichnet den Buddhismus keineswegs 
in einem düsteren Kolorit; sie ist sehr verschieden von den 

6 



82 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Vorstellungen, welche sich gewöhnlich die Leute von demselben 
machen. 

Trotz mancher Überschwänglichkeiten innerhalb des mo- 
dernen Buddhismus sind seine Kräfte und Fähigkeiten noch 
gross genug, hauptsächlich deshalb, weil er seinen Anhängern 
einschärft, die Kraft ihrer Vernunft frei zu gebrauchen. Unter 
allen religiösen Menschen sind die Buddhisten mehr als andere 
zu gleicher Zeit voll religiösen Eifers und auch gegen ein 
Überzeugt-werden nicht verschlossen. 

Wir lesen in M. Hucs »Travels in Tartary, Thibet and 
China« (Reisen in der Tartarei, Tibet und China, II, S. 189), 
dass der Herrscher von Lhassa den französischen Missionaren 
gegenüber unaufhörlich wiederholte: 

„Ihre Religion ist der unsrigen gleich, die Wahrheiten sind dieselben, 
wir unterscheiden uns nur in der Erklärung. Inmitten alles dessen, was 
Sie in der Tartarei und in Tibet gesehen und gehört haben, müssen Sie 
manches gefunden haben, das nicht gebilligt werden kann ; indessen dürfen 
Sie nicht vergessen, dass manche der von Ihnen beobachteten Irrtümer 
und Formen des Aberglaubens von unwissenden Lamas eingeführt sind, 
dagegen von gebildeten und einsichtigen Buddhisten verworfen werden". 
Er gab zwischen ihm und uns nur zwei Verschiedenheiten (im Glauben) 
zu: den Ursprung der Welt und die Wiedergeburt betreffend. 
„Lassen Sie uns zusammen beide Punkte prüfen", fuhr er fort, „mit Auf- 
richtigkeit und Sorgfalt; wenn Ihre Ansicht die bessere ist, wollen wir sie 
annehmen; wie könnten wir Ihnen dies abschlagen? Wenn aber anderen- 
falls unsere Ansicht die bessere ist, so zweifle ich nicht, dass Sic ebenso 
vernünftig sein und dieselbe annehmen werden". 

Nun ist es merkwürdig, dass in jenen zwei Punkten, 
welche (nach der Ansicht des Gross-Lamas) die hauptsäch- 
lichsten Unterscheidungen zwischen Buddhismus und Christen- 
tum ausmachen, nämlich Schöpfung einerseits und Natur 
der Seele andererseits, die moderne Wissenschaft, wie sie 
vorwiegend von Gelehrten repräsentiert wird, die eine christ- 
liche Erziehung genossen haben und innerhalb einer zwei- 
tausendjährigen christlichen Überlieferung leben, zweifellos auf 
Seiten des Buddhismus steht. Unter unseren Gelehrten wird 
schwer einer zu finden sein, welcher gewillt wäre, eine Schöp- 
fung aus Nichts anzunehmen, und in den Reihen unserer her- 
vorragenden Psychologen werden nur wenige der dualistischen 
Anschauung über die Seele zustimmen, welche die Existenz 



No. 3. DER BUDDHIST. 83 

eines psychischen Agens hinter den Tatsachen des Seelen- 
lebens behauptet. Nichtsdestoweniger wurzelt unsere populäre 
Vorstellung von einem Gott-Schöpfer und von einer für sich 
bestehenden, getrennten Ich-Seele so tief in dem Gemüt un- 
serer Volksgenossen, dass sie von den letzteren als die unbe- 
dingte Grundlage aller Religion betrachtet wird. 

Wir beabsichtigen, hier in kurzem die fundamentalen Ideen 
des Buddhismus zu untersuchen, und hoffen den Nachweis zu 
liefern, dass, obwohl seine Lehren von der Seele und von Nir- 
vAna dem abendländischen Geiste als gleichbedeutend mit 
Nihilismus erscheinen mögen, dieselben sicher nicht Nihilismus 
sind, wenn wir uns die Mühe nehmen, sie vom buddhistischen 
Standpunkte aus zu betrachten. Und weit entfernt davon 
pessimistisch im Sinne des Abendlandes zu sein, besitzt der 
Buddhist eine heitere Gemütsverfassung, welche ihn in dieser 
Welt der Trübsal über Schmerz und Leiden emporhebt. 



Karman. 



Die Seele wurde von den brah manischen Philosophen 
identifiziert mit dem »Ätman«, dem »Selbst«, dem »Ego« oder 
Ego-Bewusstsein, d. h. sie hielten dafür, dass im Menschen ein 
Etwas vorhanden sei, welches sagt: »Ich«. Dieser Ätman 
wurde gedacht als eine metaphysische Wesenheit hinter den 
Empfindungen, Gedanken und anderen Tätigkeitsformen des 
Menschen. Nicht das Auge sieht, — sagten sie, — sondern 
der Seher im Auge; nicht das Ohr hört, sondern der Hörer 
im Ohr; nicht die Zunge schmeckt, sondern der Schmecker in 
der Zunge; nicht die Nase riecht, sondern der Riecher in der 
Nase; nicht der Geist denkt, sondern der Denker im Geiste; 
nicht die Füsse gehen, noch sind die Hände tätig, sondern der 
Täter in den Füssen und Händen. Dieses mysteriöse Wesen 
im Menschen, welches da sagt: „Ich bin diese Person, ich 
besitze Augen, Ohren, Nase, Zunge, Hände und Füsse, ich 
sehe, höre, rieche, schmecke, fühle die Berührung von Körpern, 
gehe und handle," soll das Agens der Tätigkeit des Menschen 
sein. Dieses »Ich« oder »Ego« der Seele, dieser Agens mensch- 
licher Tätigkeit ist der »Ätman« oder das »Selbst« (in der 



84 DER BUDDHIST. I, Jahrg. 

brahmanisclicn Philosophie), und insofern das Dasein dieses 
Alman von Buddha geleugnet wird, lehrt der Buddhismus, dass 
keine Seele (d. h. kein getrenntes, mit dem Ich-Bcwusstsein be- 
gabtes Seelen-Substrat) existiert. 

Wenn die Buddhisten von der Seele sprechen, meinen sie 
den (eben charakterisierten) brahmanischen Ätman. Wenn sie 
dagegen das bezeichnen wollen, was wir Seele nennen, so 
sprechen sie vom Geist, und weit entfernt davon, das Vor- 
handensein des Geistes zu leugnen, ersetzt der Buddhismus 
nur die dualistische Auffassung der brahmanischen Philo- 
sophie durch eine monistische Seelen-Theorie, welche im 
Laufe der Zeit natürlich jene Lehre entwickelt hat, welche be- 
sagt: „Es existiert nichts ausser dem Geist." 

Die These: „Es existiert nichts ausser dem Geist" erinnert 
uns an Cliffords Ausspruch: „Alles, was existiert, ist Geist- 
Stoff;" das mag folgendermassen erläutert werden: Alle Dinge 
ausserhalb erscheinen uns als Materie, die sich im Räume be- 
wegt; so erscheinen wir anderen Wesen als im Raum sich be- 
wegende Materie; wir erscheinen unseren eigenen und anderer 
Menschen Sinnen als Körper; aber in uns selbst fühlen wir 
unsere Existenz als das, was wir Geist oder Seele nennen. 
Körper ist dasjenige, als was Geist oder Seele in die Erschei- 
nung tritt. Da unser Körper aus demselben Material besteht, 
wie die Körper der umgebenden Welt, und aus demselben 
seinen Ursprung nahm, so schliessen wir, dass die gesamte 
Welt aus demselben Stoff besteht. Alles, was als Materie er- 
scheint, kann, wenn es nur die spezifische Form annimmt, zu 
solchen Arten Geist oder Seele werden, wie wir selbst sind; 
mit einem Worte: Alles Dasein ist geistig, oder genauer ge- 
sprochen: psychisch."*) 

') In teilweiser Anpassung an die Terminologie der Übersetzer, welche 
in der Regel Ätman durch »Seele« und das, was wir »Seele« nennen, d. h. 
die Gesamtheit unserer Gedanken, Empfindungen und Strebungen, durch 
»Geist« wiedergeben, sprechen wir hier von »Seele oder Geist«. Anderer- 
seits machen wir, um uns einer genaueren Terminologie zu bedienen, den 
Vorschlag, eine Unterscheidung eintreten zu tassen. Wenn wir »Seele« 
sagen, so meinen wir hauptsächlich das fühlende oder empfindende 
Element im Dasein des Menschen ; wenn wir von »Geist« sprechen, so 
sind damit die intcllectucll-geistigen und vernünftigen Züge, mit 



No. 3. DER BUDDHIST. 85 

Die Psychologie des Buddhismus ist kurz niedergelegt in 
dem ersten Verse des Dhammapada: 

„Alles, was wir sind, ist die Frucht von dem, was wir ge- 
dacht haben; es gründet sich auf unsere Gedanken, es ist aus 
unseren Gedanken entsprungen." 

Dieses Wort beweist, dass der Buddhismus keineswegs 
die Existenz der Seele leugnet, wenn unter Seele die Ideen, 
Strebungen und geistigen Tätigkeiten des Menschen verstanden 
werden. Die Buddhisten erklären, dass die Seele nicht eine 
unauflösliche Einheit, nicht ein metaphysisches Selbst ist, son- 
dern ein Zusammengesetztes. Des Menschen psychisches und 
geistiges Wesen besteht aus »Samskäras« '), d. i. aus gewissen 
Formen und formativen Fähigkeiten, welche dem Karman-Ge- 
setz zufolge erhalten bleiben und so eine Fortdauer der mensch- 
lichen Existenz in dem Wirbel beständiger Veränderungen ver- 
ursachen. Oldenberg übersetzt das Wort Samskära durch »Ge- 
staltung« und sagt bei der Erläuterung dieses Begriffes: 

„Wir könnten Samkhära direkt mit »Handlungen« übersetzen, wenn 
wir dieses Wort in dem weiten Sinne verstehen, in welciiem es zu gleicher 
Zeit auch die inneren Handlungen, den Willen und den Wunsch in sich 
schliesst." 

Samskära bedeutet Seelen-Struktur; dieselbe offenbart sich 
in Verrichtungen als das formative (bildende) Element, welches 
unser Dasein und unser Schicksal schafft. Oldenburg fährt fort: 

„Der Buddhismus lehrt: Meine Tat ist mein Besitz, meine Tat ist 
mein Erbteil, meine Tat ist der Mutterschoss, der mich gebiert, meine Tat 
ist das Geschlecht, dem ich verwandt bin, meine Tat ist meine Zuflucht! 
(Anguttara Nikäya, Pancaka Nipäta.) Was dem Menschen als sein Kßper 
erscheint, ist in Wahrheit die Tat seines vergangenen Zustandes, welche 
dann eine durch sein Streben realisierte Form annehmend, mit einer fühl- 
baren Existenz begabt worden ist. 



welchen die manigfaltigen Gefühle begabt sind, gemeint. So wäre es ge- 
nauer, wenn Clifford anstatt »Geist-Stoff« »Seelen-Stoff« gesagt hätte, 
und die buddhistische Lehre: »Alles ist Geist« könnte folgendermassen 
definiert werden: Jede Realität, welche empfindenden Wesen als objektiv 
erscheint, ist in sich selbst subjektiv; wir nennen sie Materie, aber sie 
ist in sich selbst wirkendes Fühlen ; sie kann empfindend werden, sie ist 
Seele oder besser: Seelen-Stoff. Über die Definitionen von »Seele« und 
»Geist« im einzelnen siehe »Primer of Philosophy« S. 193. 

') »Samskära« ist Sanskrit, »Samkhära« oder »Sankhära« ist Päli. 



/ 



/ 



kS DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Die jüdisch-christliche Weltanschauung schildert uns als 
die Geschöpfe Gottes. Wir sind wie Gefässe in des Töpfers 
Hand; einige von uns sind für einen hohen Zweck bestimmt, 
andere sind als unreine Gefässe geschaffen. Die Buddhisten 
betrachten unsern Charakter und unser Schicksal als das Er- 
gebnis unserer eigenen Taten in unserem gegenwärtigen Dasein 
und in zahllosen vergangenen Existenzen. In diesem Sinne 



/ sagt das Dhammapada: 



„Durch das eigene Selbst wird das Böse getan, durch das 
eigene Selbst leidet man. Durch das eigene Selbst bleibt das 
Böse ungetan, durch das eigene Selbst wird man rein. Reinheit 
und Unreinheit schafft man sich selbst, niemand kann einen 
anderen reinigen. Ihr selbst müsst euch anstrengen, die Buddhas 
sind nur Prediger. Der Pfad wurde von mir gepredigt, als 
ich die Beseitigung des Stachels im Fleisch verstand". 

Nach den buddhistischen Lehren dauert die Existenz der 
menschlichen Seelen fort, insofern als die letzteren anderen Gene- 
rationen durch Vererbung und Erziehung aufgeprägt werden. 
Ein Mensch bleibt derselbe von gestern auf heute und von 
heute auf morgen, in dem Sinne, als er aus denselben Sams- 
käras besteht; sein Charakter bleibt derselbe, genau so wie 
ein Licht, welches einige Stunden brennt, dasselbe Licht bleibt, 
obgleich die Flamme fortwährend von anderen Teilchen des 
Öles gespeist wird.') Der Mensch desselben Charakters wie 
du ist derselbe Mensch, wie du, geradeso wie zwei Dreiecke 
von gleichen Winkeln und Seiten kongruent sind. Dies findet 
seinen schönen Ausdruck in dem Worte »Tat tvam asi« (das 
bist du), welches Schopenhauer zum Grundstein der Ethik 
macht; denn diese Anschauung von der Seele, nach welcher 
man sich selbst in anderen wiederkennt, beseitigt alle selbst- 
süchtigen Motive. (Fortsetzung folgt.) 

Roh und barsch sein, verläumderisch, treulos, hochmütig, 
voller Habsucht, niemandem etwas zuwenden -— dies und nicht 
das Essen von Fleisch ist unrein. Amagandha-Sutta. 
:|j 

') Ein ähnliches Bild wird im Milindapanha gebraucht. 



No. 3. DER BUDDHIST. 87 

^^ Mahäbodhi. ^^ 

Von Karl B. Seidenstücker. 



In derselben Zeit des Jahres, da die Pfingstglocken das 
deutsclie Land durchiciingen, begeht die buddhistische Welt die 
Feier ihres Mahäbodhi-Festes. Das Wort »Bodhi« (Sani- 
bodhi, Mahäbodhi) ist stammverwandt mit Buddha und ab- 
geleitet von der Sanskrit-Päji-Wurzel »budh«, erwachen, 
erleuchtet sein, weise sein. Bodhi heisst also Erwachen, 
Erleuchtung, Weisheit. Der Begriff spielt, wie auf den ersten 
Blick erhellt, im Buddhismus eine ausserordentlich wichtige 
Rolle, ja, er kann als der Kardinalpunkt dieser Religion betrachtet 
werden, wie denn der Buddhismus häufig als die Religion der 
Erleuchtung, Religion des Erwachens*) definiert worden ist. 

Bodhi hat eine doppelte Bedeutung, je nachdem sie vom 
religions-gesch ich fliehen oder vom religions-philosop bi- 
schen Standpunkte aus betrachtet wird. Im ersteren Sinne 
bedeutet Mahäbodhi jenen markanten Wendepunkt in dem 
Leben Qäkyamunis, welcher dem letzteren den Ehrentitel der 
Buddha verlieh, und welchem die Welt die Segnungen dieser 
wunderbaren Religion verdankt. Hochheilig ist den Buddhisten 
die Erinnerung an diese Weihe-Nacht, in welcher der Meister 
zur klaren Erkenntnis, zur hohen Weisheit gelangte; das Gedenken 
an des Meisters geistiges Erwachen ist für sie eine Quelle, aus 
der sie neuen Mut, neue Freudigkeit, neuen Trost im Dunkel 
des Lebens schöpfen. Mahäbodhi ist für die Buddhisten eben 
mehr, als ein religions-geschichtlicher Begriff, welcher für sie 
von keiner besonderen Bedeutung sein könnte, wenn sie nicht 
wüssten, dass der Meister für sie das höchste Ideal, das er- 
habenste Vorbild ist, und dass jene Erleuchtung des Buddha 
eine geistige Tatsache darstellt, deren Verwirklichung das Ziel 
eines jeden wahren Buddhisten sein sollte. Wenn wir sagen, 
Mahäbodhi sei eine geistige Tatsache, so wollen wir damit 
unserer Ansicht Ausdruck geben, dass dieses geistige Erwachen 



') Es bedarf wohl kaum eini-s besonderen Hinweises darauf, dass 
unter Erwachen hier etwas rein Geistiires zu verstehen ist. 



te DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

als ein inneres Erlebnis für den Menschen zur Qewissheit wer- 
den kann. In diesem Sinne ist Mahäbodhi ein religions- 
philosophischer Begriff. 

Es soll nun im folgenden der Versuch gemacht werden, 
das Wesen der Mahäbodhi kurz zu charakterisieren und auf 
die Mittel hinzuweisen, durch welche nach den Lehren des 
Buddhismus der Mensch zur Erreichung dieses Zustandes ge- 
langen kann. Eins muss von vornherein bemerkt werden: Der 
Leser mache den Versuch, möglichst vorurteilsfrei an die Prü- 
fung dieser Frage heranzutreten, d. h. nicht von dem Stand- 
punkte aus das Mahäbodhi-Problem zu betrachten, auf den ihn 
der landläufige abendländische Religions-Unterricht geführt hat; 
denn dieser Standpunkt muss im Sinne des Buddhismus als 
ein Vorurteil bezeichnet werden, und mit Vorurteilen eine Frage 
entscheiden zu wollen, ist von vornherein eine vergebliche 
Liebesmühe. Der Buddhismus ist eine durchaus undogmatische 
Religions-Philosophie, und wer ihn vom Standpunkte irgend 
eines Dogmatismus aus beurteilen will, gleicht einem Menschen, 
der die Welt durch eine blaue Brille betrachtet und sich auf 
die Behauptung versteift, dass blau das Wesen aller Dinge sei. 
Vor allen Dingen hüte man sich von vornherein, aus der 
scheinbaren Identität des christlichen Pfingst-Gedankens und 
der Mahäbodhi-ldee — im Mittelpunkt beider steht der Begriff 
der Erleuchtung — den falschen Schluss zu ziehen, dass beide 
in Wahrheit identisch seien. Es ist möglich, dass der christ- 
lichen Erleuchtungs-ldee eine tiefere Wahrheit zu Grunde liegt, 
jedenfalls ist aber der Vorgang der Erleuchtung, wie er in 
weiten Kreisen der Christenheit vorgestellt wird, grundver- 
.schieden von der Mahäbodhi der Buddhisten. Der Haupt- 
unterschied ist dieser: Während die Erleuchtung im christlichen 
Sinne als ein Vorgang angesehen wird, der auf mystische 
Weise zwischen einem persönlich-gedachten Gott einerseits und 
dem Menschen andererseits sich abspielt, reift die buddhistische 
Erleuchtung durchaus nur im Innern des menschlichen Geistes, 
ohne jedwede Einwirkung von ausserhalb. Die Vorstellung, 
welche das Gemüt des betenden Monotheisten, gleichviel ob 
Jude, Christ oder Islämit, erfüllt: „Hier stehe ich als Bittender, 
dort bist du, Gott, an den ich mein Gebet richte, der meine 



No. 3. DER BUDDHIST. 89 

Bitten erhört", diese Vorstellung ist auf dem Boden des Bud- 
dhismus durchaus undenkbar, und wer den letzteren mitsamt 
der Mahäbodhi-Idee von diesem Standpunkte aus beurteilt, muss 
notwendigerweise zu ganz falschen Ansichten kommen. Man 
vergesse nie, dass die Vorstellung eines persönlichen Gottes, 
der ausserhalb des Menschen ist und Gebete erhört, in der 
buddhistischen Lehre als eins der grössten Vorurteile bezeich- 
net wird. 

Der Buddhismus ist eine durchaus nüchterne Philosophie, 
welche weder, wie der Brahmanismus, an irgend welche meta- 
physischen Spekulationen anknüpft, noch auch, wie die mono- 
theistische Religionen des Westens, auf irgend welchen Ereig- 
nissen in der Religionsgeschichte fusst. Der Buddha-Dharma 
geht nicht etwa von Erwägungen aus, wie sie die Hindu-Philo- 
sophie liebt, ob die Dinge, die wir wahrnehmen, sind oder 
nicht sind, ob die Welt real ist oder nicht, — sondern er sagt 
schlicht und einfach zu seinen Anhängern: „Schauet um euch 
und betrachtet das Leben!" Da ergibt sich als erstes Resultat 
einer solchen Betrachtung, dass alle Dinge vergänglich sind. 
Diese Vergänglichkeit, dieser Wechsel, herrscht uneingeschränkt 
und überall im gesamten Universum: was entsteht, muss ver- 
gehen, was erblüht, muss verwelken, was als Form in die Er- 
scheinung tritt, muss sich auflösen, was geboren wird, muss j 
sterben. Was aber vergänglich ist, birgt Leid in sich; da nun | 
das Leben mitsamt seinem Inhalt der Vergänglichkeit unterwor- \ 
fen ist, so ist das Leben leid voll. 

Die eben genannten beiden Tatsachen der Vergänglich- 
keit und des Leidens waren einst dem Gemüt des jungen 
indischen Prinzen mit furchtbarer Wucht offenbar geworden, 
und es handelte sich für ihn nur noch um eine Frage: Wie 
kann der Mensch von dem Leiden und von der Ver- 
gänglichkeit erlöst werden? In der Erleuchtung hat 
Gotama-Siddhattha die Antwort auf diese Frage gefunden. 

Der Mensch sieht sich von einer Welt mannigfacher, tausend- 
gestaltiger Formen umgeben. Fortwährend empfangen seine 
Sinnesorgane Eindrücke, die, zum Hirn geleitet, bestimmte 
Empfindungen, Wahrnehmungen und Vorstellungen hervorrufen; 
diese Empfindungen, Wahrnehmungen und Vorstellungen ver- 



90 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

knüpfen sich im menschlichen Gehirn zur Einheit, und es ent- 
steht die Vorstellung: „Ich bin". Das »Ich« wird als ein 
selbständiges, getrenntes Wesen empfunden ; es tritt in Gegen- 
satz zur Welt und den Dingen, es wird das Zentrum, um 
welches sich alle Gedanken und Handlungen des Menschen 
gruppieren. Ja, dieses abgesonderte »Ich«, dieses getrennte 
»Selbst« in der menschlichen Vorstellung wird schliesslich das 
einzige Willensmotiv, und der Ego-Gedanke leitet und lenkt 
den Menschen in allem seinem Wirken; er ist das, was wir 
Individualität nennen, jene Selbst-heit, deren Frucht die 
Selbstsucht ist. Der Mensch klammert sich mit allen Fasern 
seines Seins an diesen Selbst-Gedanken; er strebt danach, 
dieses »Selbst« um jeden Preis zu erhalten; er wiegt sich in 
dem ach so wonnigen Traum, dass sein »Ich« ewig sein werde. 
Alles was der Mensch denkt, redet, tut, dreht sich in letzter 
Linie darum, sein Selbst zu befriedigen, seinem Ich zu dienen, 
seine Individualität noch mehr aus der Welt hervortreten zu 
lassen; mit anderen Worten: alles Streben des Menschen ist 
im letzten Grunde aus der Selbstsucht geboren. 

Bei der Pflanze offenbart sich die Selbstsucht als dumpfer 
Lebensdrang, das vegetative Dasein auf Kosten ihrer Umgebung 
zu fristen; beim Tiere tritt sie hervor als wilde Grausamkeit, 
als roher Begattungstrieb, als ein Vollgeniessen des Augen- 
blickes. Beim Menschen sind die Formen der Selbstsucht sehr 
verschiedenartig: bald materieller als Geschlechtstrieb, Eigen- 
dünkel, Daseins-Kampf, Mammon-Kultus, Streben nach Macht, 
Ansehn, Ruhm. Aber es gibt auch feinere Formen der Selbst- 
sucht: Behagliches Dahinleben in der Sonne eines momentanen 
Glückes, das Verhätscheln gewisser selbstgefälliger Gedanken, 
Schwärmerei, der Glaube an die Ewigkeit dieses vielgeliebten Ich. 

Nun ist eins klar: Solange der Mensch seiner Selbstheit 
frönt, wird er stets aufs neue von Enttäuschungen heimgesucht 
werden; denn die Ordnung der Welt sorgt dafür, dass die 
Vergänglichkeit aller Dinge offenbar wird, auch der Dinge, 
an welche der Mensch sein Selbst hängt; dann tritt die Fülle 
des Leidens vor Augen, und der Mensch wird das Leiden um so 
stärker fühlen, je mehr der Selbst-Gedanke in ihm Wurzel 
geschlagen hat. Ja, der letztere mitsamt der aus ihm erzeugten 



No. 3. DER BUDDHIST. 91 

Selbstsucht ist ja die Quelle des Leidens. Fühlst du dich als 
ein »Ich«, sagst du: „dies ist mein, jenes gehört mir," so musst 
du eben Leiden ernten, sobald dir das Sciiicksal das, was du 
als dein Eigentum liebst, unerbittlich entreisst. Der Ausweg 
aus dem Leiden ist also die Erkenntnis, dass die Individualität, 
die sich als ein Ich, ein Selbst fühlt und Dinge in der Welt 
als ihr eigen betrachtet, — dass diese Individualität mit aller 
ihrer schillernden, trügerischen Herrlichkeit eine Illusion ist. 
Diese Erkenntnis und die aus ihr entspringende selbst- 
lose Gesinnung des Gemütes ist Erleuchtung im bud- 
dhistischen Sinne. 

Der Mensch erscheint nach aussen hin objektiv als Form 
(Rüpa); sich selbst betrachtend ist er Subjekt mit Empfin- 
dungen, Gefühlen, Strebungen und Gedanken-Aspekten. Die 
letzteren vier Qualitäten nun sind nicht etwa Verrichtungen 
oder Funktionen eines getrennten Ich-Wesens, sondern sie selbst 
sind das »Ego«, aus ihrem Zusammenwirken entsteht der Ich- 
Gedanke; hierin stimmt der Buddhismus durchaus mit der 
modernen Wissenschaft überein. Wie der Körper sich uns als 
ein Werden und Vergehen im Reich des Materiellen darstellt, 
wie er dem Wechsel unterworfen ist, wie er schwindet und 
stetig sich erneuert, so ist auch in dem Innenleben des Men- 
.schen kein bleibendes, unveränderliches, getrenntes Etwas vor- 
handen, sondern es gilt auch hier uneingeschränkt der Satz 
Heraklits: „Alles fliesst." 

Wenn ein Mensch den Selbst-Gedanken aufgegeben hat, 
wenn er zu der Einsicht gelangt ist, dass kein bleibendes, ge- 
trenntes Ego existiert, sondern dass die Vorstellung »Ich« nur 
aus dem Zusammenwirken verschiedener Faktoren resultiert, 
dann schwindet in gleichem Masse die Selbstsucht und die 
individuelle Lust, welche bis dahin die einzigen Willensmotive 
waren. Der Egoismus wird abgestreift, und das Gemüt wird 
geläutert. Jetzt wird der Mensch nicht länger die Befriedigung 
seines individuellen »Ich« suchen, wird nicht länger an den 
vergänglichen Dingen haften, wird fürder keine Enttäuschung, 
kein Leid mehr ernten, wenn das Schicksal ihm dieses oder 
jenes versagt oder entreisst. Das heisse Ringen nach materiellen 
Gütern kommt zur Ruhe; die wilden Wogen des irdischen 



92 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Hastens, Jagens und Treibens glätten sich, und in dem Gemüte 
herrscht jene Stille, dem Wasser vergleichbar, das nach dem 
Toben wilder Stürme sich allmählich glättet, bis endlich der 
lautlose, klare Wasserspiegel in majestätischer Ruhe vor uns 
liegt. Das ist der Erleuchtung erster Aspekt. 

Die Erleuchtung hat die Wolken der Ich-Illusion verscheucht. 
Der Mensch fühlt sich nicht mehr im Gegensatz zu den Dingen 
stehend, er gruppiert die Welt der Vorstellung nicht weiter um 
sein Ego, sondern er ist nunmehr zu der Einsicht gelangt, dass er 
nur ein kleiner Teil des Universums, ein geringer Bruchteil des 
universellen Lebens ist. Die Aggregate, die in ihm die Vor- 
stellung eines wechsellosen, getrennten »Ich« hervorriefen, sie 
kommen und gehen, sie sind dem Wechsel unterworfen, und 
diese Tatsache erstreckt sich auf alle Lebewesen. So bewirkt 
die Erleuchtung, dass sich der Mensch in anderen Geschöpfen 
wiedererkennt; er ist, wie sie sind, sie sind wie er. Diese Ein- 
sicht läutert die Gesinnung des Menschen; es schwindet Hass, 
Zorn, Übelwollen, Neid und Groll. Mitleid, Sympathie, Wohl- 
wollen, Erbarmen treten an ihre Stelle, und wo früher Egoismus, 
Selbstsucht wucherte, da erblüht jetzt die Blüte reiner Selbst- 
losigkeit. Diese Gesinnungs-Läuterung führt zur Tat-Läuterung; 
der Mensch handelt nicht mehr egoistisch, sondern sein Wirken 
wird selbstlos und ist solcherart, dass keinem lebenden Wesen 
daraus Leid erwachsen kann. Das ist der Erleuchtung zweiter 
Aspekt. 

Wenn im Augenblick des geistigen Erwachens der Egois- 
mus als Triebfeder der Handlungen dahinschwindet, wenn das 
Wirken selbstlos wird, so glaube niemand, dass der Mensch 
dadurch erschlafft oder verweichlicht. Im Gegenteil! Eine Ge- 
sinnung, welche derartig geläutert ist, dass sie für ihre Taten 
keinen Lohn beansprucht, entwickelt erst die wahre Energie, 
weil sie durch keinen Fehlschlag, durch keine Anfeindung, durch 
keinen Misserfolg irgendwie erschüttert oder enttäuscht wer- 
den kann. — 

Es handelt sich nunmehr nur noch, um die Beantwortung 
der Frage: Welches sind die Mittel, durch deren Anwendung 
der Mensch zur Erleuchtung gelangen kann? Der Buddha hat 
vor zwei extremen Irrwegen gewarnt: vor Sinnen lust einer- 



No. 3. DER BUDDHIST. 93 

seits und vor Abtötung andererseits. Beide entspringen dem 
Selbst-Gedanlten und der Selbstsuciit: Die Sinnenlust sucht das 
Icii durcii irdische Freude zu sättigen. Die Abtötung sucht durch 
peinvolle Verzichtleistung auf irdische Lust dem Ich ein jensei- 
tiges Paradies zu erobern; beides schafft Enttäuschung und 
Leiden, beides ist nutzlos. Der Mittelweg allein führt zum Ziele. 
Strebe nach rechter Einsicht in die Natur der Welt; aus dieser 
Einsicht heraus keimt eine reine selbstlose Gesinnnung. Hand 
in Hand damit geht die Tat-Läuterung durch Tugendpflege und 
Gemütsläuterug durch Meditation. Verbanne den Selbst-Ge- 
danken, überwinde Selbstsucht und Gier, indem du dich von 
der Illusion der Individualität frei machst; das ist der Weg, auf 
dem du zur Vernichtung des Leidens, zur Aufhebung von 
Kummer, Sorge, Enttäuschung, zur Beseitigung von Begierde, 
Hass und Wahn gelangen wirst. 

Wenn der Mensch die Erleuchtung vollständig realisiert 
hat, dann ist jener glückselige Zustand erreicht, dessen Name 
Nibbäna ist: das ist die tiefe Meeresstille des Gemütes, der 
von Leidenschaften und Leid befreite Geist, jener Zustand, den 
ein deutscher Buddhist so treffend bezeichnet hat als »den 
festen Ruhestand im rollenden Rade des Lebens«. — 

Das Jahr eilt mit Riesenschritten seinem Höhepunkt entge- 
gen. Die Natur prangt im vollsten Blütenschmuck; helles Sonnen- 
licht durchflutet Luft und Erde; bald ist St. Johannistag — 
Sommersonnenwende. Dann hat die Sonne ihren höchsten 
Stand erreicht, und auf den Höhen deutscher Berge lohen die 
Johannisfqier. Menschenherz, lass dich nicht betören durch diese 
Pracht, durch dieses irdische Licht. Vergiss nicht, dass an 
dem lichtesten Tage im Jahre die Gräber der Dahingeschiedenen 
geschmückt werden, denke daran, dass gerade zu St. Johanni, da das 
Leben in der Natur in vollster Blüte steht, vom Friedhof her ernst 
die Weise erklingt: „Wer weiss wie nahe mir mein Ende!" 
Tod und Leben, - Vergänglichkeit! Hänge dein Herz nicht 
an die vergänglichen Güter dieser Welt, sondern wachse in der 
Erkenntnis, dass das Verstehen der Vergänglichkeits-Wahrheit 
aller Weisheit Anfang ist: 

„Auf und wappne dich mit Weisheit, 
Denn, Jüngling, die Blume verblüht." 



94 DER BUDDHIST. I, Jahrg. 

Wie echt buddhistisch hat hier der christliche Dichter gesprochen! 
Wie wahr ist dieses Wort! Hast du, o Menscli, die Weisheit 
vollständig realisiert, von welcher Klopstock singt, dann weisst 
du, was Mahabodhi ist. Glückselig der Mensch, in dessen 
Gemüt die geistige Sonne aufgeht, glückselig das Wesen, wel- 
ches aus dem Wahne des Sonderseins zur geistigen Freiheit 
erwacht ist! 

Das Utthäna-Sutta. 

Erhebe dich! Raffe dich auf! Was nützt dir dein Schlafen? 
Gibt es auch Schlaf für die Siechen, die getroffen sind vom 
Pfeile (der Trübsal) und vom Leide? 

Erhebe dich! Raffe dich auf! Strebe ohne Unterlass nach 
Einsicht, damit du zum Frieden gelangst. Lasse dich nicht 
von dem Fürsten des Todes umgarnen und überwältigen, nach- 
dem er dich als lässig erkannt hat. 

Überwinde jene Gier, von der Götter und Menschen erfüllt 
und beherrscht sind; lass dir den rechten Augenblick nicht 
enteilen; denn diejenigen, welche die zugemessene Zeit unbe- 
nutzt haben vorübergehen lassen, werden klagen, wenn sie auf 
dem abwärts führenden Pfade angelangt sind. 

Trägheit ist Befleckung; dauernde Schlaffheit ist Besudelung. 
Voll Energie und Einsicht möge man seinen Pfeil herausziehen. 

Buddhistische Sittenlehren. 

Fünf Lebensregeln: Kein Leben zerstören, — nichts nehmen, 
was nicht freiwillig gegeben wird, — sich von Unkeusch- 
hcit fernhalten, — keine Unwahrheit sprechen, — keine 
berauschenden Getränke geniessen. 

Zehn Gebote: Nicht töten, nicht stehlen, — nicht unkeusch 
sein, - nicht lügen, - - nicht verleumden, — nicht gemein 
reden, — nicht unnütz reden, — nicht begehren, — nicht 
gehässig sein, — nicht vorsätzlich skeptisch sein, — (in 
einzelnen Schulen: nicht falsch oder hinterlistig sein). 



No. 3. DER BUDDHIST. ,95 

Zehn zu vermeidende Irrungen: Bcgicrdt-, Hass, Wahn, Stolz, 
Aberglauben, vorsätzliche Skepsis, Trägheit, Sclbstgerech- 
tigiceit, Schamlosigkeit, Nachlässigkeit. 

Zehn Tugenden: Mildtätigkeit, Reinheit, Selbstlosigkeit, Weis- 
heit, Tatkraft, Langmut, Wahrhaftigkeit, Entschlossenheit, 
Lindigkeit, Gleichmut. 

Vier grosse Anstrengungen: Keine schlechten Zustände des 
Gemütes aufkommen lassen, — vorhandene schlechte Zu- 
stände beseitigen, — gute Zustände hervorbringen, — vor- 
handene gute Zustände vermehren. 

Das vierfache Gedenken: An die Hinfälligkeit des Körpers, 
— an die Gefahren, die aus den Sinnesempfindungen ent- 
springen, — an die Unbeständigkeit der Gedanken, — an 
die Vergänglichkeit aller zusammengesetzten Dinge. 

Die vierfache Gemüts Vertiefung, die darin besteht, allen Wesen 
aufrichtigen Herzens Gutes zu wünschen, — mit dem Leiden 
anderer mitzufühlen, — sich über das Wohlergehen anderer zu 
freuen, — Wohlwollen gegen alle Wesen in sich wachzurufen. 

^ Lieder des Lebens. P 

Von Wolfgang Bohn. 



Kapima (Karman). 

Die Dämm'rung schmeicliclte mit weichen Schwingen 
Um Deine silbcrwcissen Haare, Bruder, 
Müd' senktest Du Dein Haupt — da lag das Ruder, 
Der Hand entglitten und den Eisenringen. 

Vor einem Leben sank der Vorhang nieder. 

Ein Becher Wein verblieb vom Korb voll Trauben, 

Und unter immergrünen Cypruslauben 

Verweht' ein Hauch die letzten, reifsten Lieder. 

So sah ich Dich! Und blitzhell durch Äonen 
Erkannt ich mich in Deinem stillen Frieden 
Und fand den Kelch, — von dem Du einst geschieden 
Aus seiner Süsse Deine Tat zu lohnen. 

Und Bitterkeit, die noch im Trank geblieben. 

In meinem Leben findet letzte Gährung; 

Was Du nicht gabst, hier biet' ich die Gewährung, 

Ins Weltall schütt' ich aus mein ganzes Lieben. 



96 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Lied von der Erlösung. 

Unerlöst in Lust und Leid, 

Sclnnuck in Mäyäs Goldgcschmeid, 
Holil im Herzen, lag das Land, t 

Schrie nach Lösung unverwandt. 

Da fandest Du 

Nirvänas Ruh! 

Märas Schar 

Zerschlagen war. — 
Selbstsucht, die im Sein erhält, 
Überwunden schweigt und fällt. 

Still stand das Rad, 

Es sank die Saat, 

Der Tropfen glitt 

In Meeres Mitt'. 
Sinnend unterm Blütenbaum 

Löstest Du aus Trug und Traum 
Die gefesselte Natur, 
Brahmas müde Crcatur. 

Der Briiderscliar 

Vertrauet war 

Licht und Lehr', 

Der Sprüche Meer. 
Brausend tönt Dein Liebeswort 
Herzenzwingend fort und fort. 

Mit Blumen gekränzt, 

Der Tempel glänzt. 

Dein Friedensfest 

Eint Ost und West. 

Freier Wille. 
Zum Flusse war ich, müd' und matt vom Staub' 
Der Strassen abends einst hinabgestiegen, 
Und sah das Blatt im Strom vorüberfliegen — 
Der Woge Spiel, der Welle sich'ren Raub. 
Wenn — dachte ich — die Seel' im Blatt erwacht, 
Was würde sie zu solchem Tanze sagen? — 
„Mein Wille hat mich in die Flut getragen, 
„Und eifrig streb' ich dem Entschlüsse nach." 
Und Buddha sprach: Bist selbst ein Blatt im Bach, 
Und glaubst nach eig'nem Wunsche frei zu handeln 
Und zwischen grünen Ufern hinzuwandeln. 
Doch läufst auch Du dem Schicksalsziele nach. 
Kannst nicht den Strom, in dem Du treibst, verlassen; 
Und mit ihm zieht Dein Leben, Lieben, Hassen. 



Vertntwortlichrr Kedakteur: Karl H. ScidenstOckcr, Leipzig. Verlag: Buddhistischrr Verlag 
in Leipzig. — Druck von Arno Bachmann in Baalsdorl-Leipxig. 




J^enry S. Oleott. 

(Verfasser des ältesten buddhistischen Kafechismus und der 
vierzehn buddhistischen Leitsätze.) 




Alle Suaden meiden, die Tugend üben, das eigene Herz läutern: 
das ist die Religion der Buddhas. Dhamraapada, V. 183. 



Der erhabene achtfache Pfad. 

Von James Allen. 

Es gibt, ihr Bliilikiius, einen mittleren 
Pfad, der die beiden Extreme") vermeidet, 
der von dem Tathägata-) entdeckt ist, — 
einen Pfad, welciier Einsicht verleiht und 
Verständnis schafft, welcher zum Frieden 
des Gemütes führt, zur höheren Weisheit, 
zum grossen Erwachen, zum Nibbäna! 

Dhammacakkappavattana-Sutla. 

Erhaben fürwahr ist der achtfache Friedenspfad, welchen 
der »Nachfolger der Erleuchteten« entdeckt und erklärt hat; 
erhaben allerdings nicht sowohl deshalb, weil er, dessen Leben 
gross und erhaben war, ihn enthüllt hat, sondern erhaben 
ist dieser Pfad wegen der Wahrheit, welche er enthält und 
wegen des Friedens, zu dem er führt; erhaben, weil er 
eine Zusammenfassung des Weges ist, den der hohe Meister 
selbst wandelte, und auf dem er der vollkommenen Erleuchtung 
teilhaftig geworden ist. 

Es bedarf nun freilich keines hohen Grades von Weisheit, 
um eine Reihe von Gesetzen aufzustellen, oder ein Dogma zu 
proklamieren. Das kann auch ein Tor tun. Der humanitäre 
Wert der Lehre vom mittleren Pfade liegt nicht in der Tatsache, 



') Die beiden Extreme sind das weltliche Leben, das auf der Befrie- 
digung der Sinneslust beruht, und die Praxis selbstquälerischer Abtötung. 
-) Tathägata ist ein Epitheton des Buddha und bedeutet: »Einer, der 
in den Fusstapfen seiner erleuchteten Vorgänger wandelt. 

7 



98 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

dass der letzere von dem Buddha entworfen oder erläutert 
worden ist, sondern vielmehr darin, dass der Buddha ihn 
wandelte und dadurch entdeckte, ja, dass er ihn bis zum Ziele 
verfolgte, bis zu Nibbänas gesegnetem Frieden. So sind in 
diesem Pfade das edle Streben und die heiligen Anstrengungen 
des Meisters selbst zusanimengefasst und erklärt, und wer ihn 
beschreitet, geht den Weg, den der Buddha einst ging, er 
kämpft, wie er einst kämpfte, ja, er tritt in die Fusstapfen dessen, 
der so mächtig überwunden hat. 

Es ist der Weg der Gerechtigkeit, der heilige Friedenspfad, 
die Enthüllung des Lebensgesetzes. Ausserhalb dieses Pfades 
ist alles Irrtum, Leidenschaft und Täuschung; er umfasst, ja er 
übersteigt zuletzt noch die Höhen moralischer Vollkommenheit, 
und sein Gipfel ist bestrahlt vom Lichte eines unaussprechlichen 
Friedens. 

Und so ist dieser Pfad, den Sakyamuni fand, nicht der 
Pfad Sakyamunis allein. Wenn irgendwo ein Heiliger vorhanden 
ist, welcher nichts weiss von dem Buddha und seiner Lehre, 
ein Heiliger, der dennoch durch energische Selbstbezähmung 
zur höchsten Erleuchtung gelangt ist, — so hat dieser Weise 
damit den erhabenen achtfachen Pfad betreten und nach und 
nach die verschiedenen Stufen desselben erklommen ; und wenn 
dieser Mensch den Weg beschreiben würde, den er mit Fleiss 
und Eifer zurückgelegt hat, so würde er denselben achtfachen 
Pfad enthüllen und lehren, obwohl er sich immerhin einer ver- 
schiedenartigen Ausdrucksweise bedienen könnte. Denn es 
gibt nur einen Weg zum Lichte, nur den einen wahren Pfad 
der Gerechtigkeit und Liebe. Die Worte, in welche die Lehre 
vom Pfad gekleidet ist, können verschieden sein, aber der Pfad 
ist ein und derselbe, und niemand kann zur Erleuchtung und 
zum Frieden gelangen, es sei denn, dass er diesen Weg ge- 
wandert ist. 

Acht aufeinander folgende Stufen sind die Teile des Pfades; 
sie bilden einen wunderbaren Stufengang, der in seiner Grund- 
lage von dem Morast der Erde seinen Anfang nimmt, während 
sein Gipfel sich in dem unbegrenzten Lichte Nibbänas verliert. 
Und diese acht Stufen sind mit einander verbunden; sie sind 
der Ausdruck eines vollkommenen Lebensgesetzes und die kurze 



No. 4. DER BUDDHIST. 99 

Zusammenfassung des Weges, den der des Leidens-Lebens 
müde Pilger gehien muss. Es handelt sich hier um die Glieder 
eines praktischen Vorwärtsschreitens, nicht um Theorieen 
oder Glaubenssätze; es ist der Fortschritt im rechten Handeln, 
rechten Reden, rechten Denken und in der Überwindung von 
Leidenschaft und Irrwahn, und eine jede Stufe, die zuversicht- 
lich erklommen wird, bringt den Jünger näher dem höchsten 
Erwachen, näher der Befreiung, näher dem grossen Frieden. 

Welches sind nun die acht Stufen, und wie kann sie ein 
Mensch begreifen und verwirklichen? Lassen Sie uns ihren 
Sinn sorgfältig betrachten! Die erste Stufe heisst rechte An- 
sichten, oder, wie Dr. Paul Carus übersetzt, rechtes Ver- 
ständnis. Bevor ein Mensch die erste Stufe des Pfades be- 
treten kann, muss sein Verständnis geklärt sein. Beachten Sie, 
was darin liegt! Alle verkehrten Ansichten müssen aufgegeben, 
alle eitlen Vorstellungen von den Dingen müssen abgelegt und 
alle Vorurteile müssen verlassen werden; denn wessen Geist 
durch diese Dinge noch verdunkelt ist, der kann kein rechtes 
Verständnis haben. Bevor die Wahrheit ergriffen werden kann, 
muss der für die Erkenntnis der Wahrheit richtige Standpunkt 
des Geistes gewonnen sein, und dieser Standpunkt fordert vor allen 
Dingen jene Demut des Herzens, welche alle vorgefassten, 
selbstischen Vorstellungen, alle angenehmen Annahmen und 
geliebten Meinungen ohne Vorbehalt auf dem Altar als Opfer 
darbringt. 

Niemand kann den Pfad betreten, der nicht bereit ist, ja, 
der nicht danach brennt, äusserst zu entsagen. Wer in irgend 
ein selbstisches Element verliebt ist, wer begierig an irgend- 
welchen geliebten Gegenständen hängt, oder wer ängstlich um 
die Aufrechterhaltung und Fortsetzung seiner Meinungen sorgt 
und eine gehässige, aburteilende Gesinnung gegen die Ansichten 
anderer in sich hegt, kann noch nicht die erste Stufe des Pfades 
beschreiten. Ein solcher Mensch hat noch nicht die drei er- 
habenen Wahrheiten verwirklicht, welche der vierten — der 
Wahrheit vom Erlösungs-Pfade — vorausgehen. Es wird sich 
so zeigen, dass, bevor die erste Stufe des Pfades genommen 
werden kann, eine durchgreifende strenge Vorbereitung des 
Gemütes sich notwendig macht. Die erste Wahrheit vom 

7» 



100 DER BUDDHIST. I. Jalirg. 

Leiden, das aus der Vergänglichkeit entsteht, muss in ihrem 
vollen Umfange erfasst sein; die zweite Wahrheit von der 
Ursache des Leidens, welche in dem Haften an den ver- 
gänglichen Dingen liegt, muss klar erkannt, und die dritte 
Wahrheit von der Aufhebung des Leidens durch 
das Aufgeben des Haftens an den vergänglichen Din- 
gen muss ganz verstanden sein. Die meisten Menschen blei- 
ben ausserhalb des Weges stehen, weil sie nicht die Opfer 
bringen wollen, welche für sie notwendig sind, damit sie fähig 
werden, die erste Stufe zu betreten. Verloren in Egoismus, 
Selbstgefälligkeit und in dem Hang nach Lust, nach vergäng- 
lichen Dingen und Vorstellungen, sehen sie nicht die Notwen- 
digkeit dieses Selbstopfers, ohne welches der Pfad nicht ver- 
standen, geschweige denn seine erste Stufe betreten werden 
kann. Verloren in der Lust der Vergnügungen des Selbst 
und in der Betrachtung der Täuschungen des Selbst, welche 
als Realitäten vorgestellt werden, bemerken die Menschen 
nicht das Leid, welches unaufhörlich an dem Herzen des selbst- 
ischen Lebens nagt, und sie nehmen .sich infolgedessen nicht 
die Mühe, die Ursache des Leidens und das Heilmittel gegen 
dasselbe aufzufinden. 

Wer tief über die Übel des Daseins nachsinnt, kommt 
schliesslich dahin, dass er das schmerzende Leid wahrnimmt, 
welches den Veränderungen im Leben folgt; wer ernstlich über 
den Sinn dieses Leidens meditiert, muss schliesslich dessen 
Ursache erkennen, und wer in tatkräftiger Anstrengung aus 
seinem Geiste diese Ursache entfernt, wird tüchtig, den er- 
habenen achtfachen Pfad zu wandeln. Er ist bereit, seinen 
selbstischen Vergnügungen und eigenen Ansichten zu entsagen, 
— jenen Dingen, welche die Menschen so werthalten, — und 
ein Leben der Heiligkeit zu leben. 

Wenn der Mensch auf diese Weise fortgeschritten ist, hat 
er sich rechtes Verständnis erworben; er sieht die Dinge, 
wie sie sind. Von Leidenschaften und Vorurteilen nicht mehr 
verwirrt und nicht mehr erpicht darauf, die Begierde befriedigen 
zu wollen oder irgend eine Partei zu verteidigen, ist er fähig 
geworden, jene Gemütsruhe zu pflegen, kraft deren er die Dinge 
in ihrer wahren Natur zu schauen vermag. Er sieht nackte 



No. 4. DER BUDDHIST. löl 

Tatsachen hinter den Schleiern von Hypothesen, in welche die 
Menschen die Dinge gehüllt haben, und durch welche die 
letzteren verschleiert worden sind ; er erkennt, dass hinter den 
veränderlichen und widerstreitenden Ansichten der Menschen 
beständige Prinzipien vorhanden sind, welche die ewige Wirk- 
lichkeit in der kosmischen Ordnung ausmachen. 

Dieser Stand des Gemütes führt den Menschen zur 
zweiten Stufe, zum rechten Streben, oder, wie auch über- 
setzt wird, zum rechten Entschluss. Nachdem nämlich der 
Mensch die vergängliche Natur aller Dinge, auch der seelischen 
Funktionen, erkannt, und jene herrliche Intuition erlangt hat, 
welche ihn befähigt, das Dauernde vom Vergänglichen zu 
unterscheiden, strebt er nach der Erlangung einer vollkommenen 
Erkenntnis dessen, das jenseits von Wechsel und Leid liegt, 
und fasst den starken Willensentschluss, zu diesem wechsellosen 
Frieden zu gelangen, — dorthin, wo sein Herz Ruhe finden, 
wo sein Gemüt standhaft, klar und heiter werden kann. 

Ein derartiges Streben und Sich-entschliessen führt zu 
einer Entfaltung der Selbstzucht, welche die veränderlichen, 
schwankenden Elemente aus dem Betragen ausschaltet. Wer 
eifrig der Verwirklichung eines heiligen Lebens zustrebt, wer 
diese Anstrengungen gegen alle seine Sünden und Fehler mit 
glühendem Eifer beständig erneuert und durch Gedanken der 
Demut nährt, gelangt schliesslich zu der Station seiner Pil- 
grimschaft, wo er die Kraft, sich selbst zu bemeistern, voll- 
ständig in seine Hand nimmt. Das Streben führt zur Praxis 
oder Tat, und die dritte Stufe des Pfades, — rechte Rede 
— ist in Wahrheit die erste Stufe einer reinen, lauteren Praxis. 
Dies ist der Anfang jener strengen Selbst-Disziplin, welche die 
Grundlage eines standhaften Lebens bildet, und ohne welche 
die Wahrheit nicht verstanden werden kann. Wenn diese Stufe 
erreicht ist, dann hat der Mensch das ewige Gesetz der 
Gerechtigkeit erkannt und weiss, dass er seinen Lebens- 
wandel nach diesem Gesetz einrichten, dass er ihm in allen 
Einzelheiten seiner Lebensführung gehorsam sein muss. Un- 
bescheidenheit, Unbedachtsamkeit, Verleumdung, Schmähung, 
unnütze, harte und bittere Worte, sind der Ausdruck des Un- 
gehorsams gegen dieses grosse Gesetz und müssen bedingungs- 



108 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

los aufgegeben werden. Anstatt deren halte man seine Zunge 
wohl im Zaum und mache ernstlich den Anfang damit, nur 
solche Worte zu sprechen, welche edel, rein und wahr sind; 
man wähle seine Rede so, dass Leidlosigkeit und Friede daraus 
entstehen. 

Die Vollkommenheit in reiner, freundlicher Rede führt leicht 
und sicher zu der vierten Stufe, genannt rechtes Betragen. 
Wenn ein Mensch die selbstischen Elemente aus seinen Worten 
entfernt hat, so wird er weiter dazu schreiten, alle seine Hand- 
lungen von jedem selbstischen Makel zu reinigen; er wird 
daran gehen, nur das zu tun, was wahr, schön und untadelhaft 
ist. Er wird nun aus sich alle Gedanken ausmerzen, die auf 
einen Gewinn, auf eine Vergeltung hier oder im Jenseits reflek- 
tieren, und sein Handeln gänzlich vom egoistischen Interesse 
ablösen. Hinfort wird er nimmer Liebe und Mitleid ausser 
Acht lassen, sondern ein Heiligtum reiner fleckenloser Taten 
werden. Äusserer Antrieb und der Gedanke an eine Wieder- 
vergeltung sind für ihn nicht mehr vorhanden; Neigung und 
Abneigung gibt es für ihn nicht mehr, und sein Handeln wird 
frei von Leidenschaft, frei von Hang, frei von Streit sein. 
Wenn der Mensch so jegliches Verlangen nach einer Belohnung 
für gute Taten beseitigt hat und sich in seinem Tun nur noch 
von Liebe und Mitleid leiten lässt, erwirbt er jene untrügliche 
Einsicht und jene feine Unterscheidungskraft, welche ihn in- 
standsetzen, zwischen denjenigenHandlungen zu unterscheiden, 
welche recht sind, (d. i. welche in vollkommenem Einklang 
mit dem grossen Gesetz stehen), und denjenigen, welche un- 
recht, (d. h. der Gerechtigkeit entgegengesetzt) sind, und er 
erntet die Glückseligkeit, welche er um sich verbreitet, ohne 
dass er irgend ein Verlangen nach Belohnung oder Ge- 
winn hegt. 

Schwer zu erklimmen sind die beiden Stufen der rechten 
Rede und des rechten Handelns, und auf dem Wege zu ihnen 
trifft und überwindet der Wanderer manches Leid, und viele 
innere Feinde werden zu Boden gestreckt. Das Entfernen der 
selbstischen Elemente aus Wort und Tat erfordert Anstrengung, 
Mut, Geduld, Kraft und Ausdauer, — Kräfte, die durch eine 
andauernde Praxis in demselben Masse entwickelt werden 



No. 4. DER BUDDHIST. 1Ö3 

als der Strebende vorwärts schreitet; und wenn der Forschende 
Schritt für Schritt das Ende der vierten Stufe, des rechten 
Handelns, erklommen hat, gewinnt er eine erhabene Reinheit 
und schafft in Geist und Herz eine unwandelbare Milde, Barm- 
herzigkeit und liebevolle Güte. Er versenkt sich in die ihn 
umgebenden Dinge, welche sich in Harmonie mit seiner inneren 
Reinheit und Güte befinden; er kann sich nicht in solche Be- 
schäftigungen verwickeln, welche mit Grausamkeit, Betrug, 
Hinterlist oder Bestialität verquickt sind. So betritt er die 
fünfte Stufe, nämlich die rechte Art, den Lebensunter- 
halt zu erwerben, und auf diese Weise wird sein ganzes 
Leben — innerlich wie äusserlich — untadelhaft, rein, un- 
befleckt von Sünde und Leid. 

Bevor der Mensch die fünfte Stufe erreicht hat, ist er vor- 
wiegend ein Lernender. Wie der Athlet seine physische Gestah 
ausbildet und durch eine unermüdliche Trainierung Herrschaft 
über seine Muskeln gewinnt, so ist der Wahrheits-Jünger auf 
den ersten fünf Stufen damit beschäftigt, seine höheren geistigen 
Kräfte und spirituellen Fähigkeiten zu entwickeln und die Kontrolle 
über sein Gemüt zu erringen, und wenn er dies erreicht hat, ist er ein 
Überwinder geworden, und gross und ruhmreich sind die Siege 
dessen, der das Selbst überwunden hat. Nun ist der Mensch 
nicht mehr länger nur ein Lernender, sondern vielmehr ein 
Meister; denn er hat vollkommene Herrschaft über sich selbst 
erreicht, und durch die Macht einer solchen Selbst-Bemeiste- 
rung stehen ihm stets die Kräfte und Energieen des Geistes 
zur Verfügung, welche er unter seine Herrschaft gebracht hat. 
Alle die Kräfte, welche weltliche Menschen zwecklos und leiden- 
schaftlich vergeuden, erhält er und lenkt dieselben nach einem 
bestimmten Ziel in ruhiger Meisterschaft. Bis zu diesem 
Punkte hat es noch hin und wieder ein Schwanken hinsichtlich 
seines Zieles gegeben, wenn gelegentlich die Neigung sich ein- 
schlich, verlangend zurückzublicken nach irgendwelchen irdi- 
schen Dingen, die aufgegeben worden sind; sobald aber die 
fünfte Stufe erreicht ist, schwindet auch das; das Gemüt wird 
lauter und weise geleitet; alle Formen des Zweifels und 
der Furcht sind für immer zerstört, und der Jünger ist voll 
erwacht und erleuchtet. Er erkennt die ungetrübte Wahrheit. 



104 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

So wird die siebente Stufe betreten, die Stufe der 
rechten Anstrengung. Der Jünger ist nun ein Lehrer ge- 
worden. Nachdem er sich voiiicomnien bemeistert und sein 
Leben weise geregelt hat, wird er fähig, andere zu lehren und 
zu führen. Da er sich selbst überwunden, ist er ein Meister 
der Tugend; da er sich selbst geläutert, kennt er das vollkom- 
mene Leben; da er heilig handelt, kennt er die Heiligkeit; da 
er die Wahrheit betätigt hat, ist er in der Erkenntnis der 
Wahrheit vollkommen geworden. Er erkennt das Wirken des 
immanenten Weltgesetzes und ist liebevoll, weise, erleuchtet. 
Und weil er liebevoll, weise, erleuchtet ist, tut er alles zu einem 
weisen Endzweck, in der vollen Erkenntnis dessen, was er tut 
und was er erreichen will. Er vergeudet kein Atom Energie, 
sondern tut alles mit ruhiger Sicherheit im Hinblick auf das 
Ziel und mit durchdringender Einsicht. Dies ist der Zustand 
der Meister-Kraft, in welchem das Streben frei ist von Wider- 
streit und Irrtum, und es wird eine vollkommene Gemütsruhe 
unter allen Umständen behauptet. Wer diesen Zustand erreicht 
hat, bringt alles das zur Ausführung, was er sich in seinem 
Geiste vorgenommen hat; er führt es aus, befreit von Zweifel, 
Furcht, Ungewissheit, Angst und lästiger Mühe. Schlafend oder 
wachend, arbeitend oder ruhend, tut er alles in Übereinstim- 
mung mit dem grossen Gesetz, und durch seinen vollkommenen 
Gehorsam diesem Gesetz gegenüber hat er die moralische Kraft 
und die vollendete Einsicht eines Buddha erlangt. Dann be- 
tritt er ohne Hindernis die siebente Stufe, d. i. die Stufe 
der rechten Gedankenkonzentration; denn nachdem er die 
Kraft einer vollkommenen Selbst-Führung erworben hat, sind 
alle seine Gedanken nach weisen, einsichtigen Zwecken geord- 
net. Er hat alle selbstischen Gedanken aufgegeben, und sein 
Denken ist nunmehr das Gedenken an die Wahrheit. Wie der 
Zimmermann das Holz einer nützlichen Bestimmung gemäss 
ordnet, so wendet er die Wesenheit des Denkens den höchsten, 
heiligsten Zielen zu. In einem Augenblick kann er alle seine 
Geisteskräfte auf einen beliebigen Gegenstand konzentrieren 
und denselben ohne Anstrengung erfassen in seinem ganzen 
Umfange und mit den Schwierigkeiten und Feinheiten, die mit 
ihm verbunden sind. So gibt es für denjenigen, welcher die 



No. 4. DER BUDDHIST. 105 

siebente Stufe erklommen hat, keine Schwierigkeiten mehr; 
denn nachdem er die Erkenntnis der grundlegenden Prinzipien 
seines Wesens, und somit der Welt, erlangt hat, versteht er 
die Prinzipien aller Dinge, und indem er in den innersten 
Kern und Grund seines Wesens eindringt, steht er Auge in 
Auge mit der Ursaciie alles Seins und vermag in untrüglichem 
Schauen den Verzweigungen aller universalen Wirkungen zu folgen, 
welche aus dieser Ursache entspringen. Er hat die Illusion 
überwunden; er ist der Kenner der Wirklichkeit; er ist die 
Wirklichkeit. Allen Irrtum hat er besiegt; er ist der Kenner 
der Wahrheit; er ist die Wahrheit. 

Und so ist die achte und letzte Stufe erreicht, der rechte 
Zustand eines friedvollen Gemütes; denn was bleibt,nach- 
dem sich die Wahrheit in ihrer ganzen Erhabenheit und Glorie 
enthüllt hat, noch übrig, was den Menschen bekümmern könnte? 
Worüber sollte in diesem Zustande noch Unruhe, Verwirrung 
oder Angst empfunden werden? Was gibt es da noch zu 
zweifeln oder zu fürchten? Wer den quälenden Durst nach 
»Da-sein« gelöscht, wer alle Leiden überwunden und alle die 
Täuschungen zerstreut hat, die aus diesem »Durst« entspringen, 
steht Auge in Auge mit der ewigen Wirklichkeit; er ist eins 
geworden mit der Wahrheit. Die Welt des Geboren-werdens 
und Sterbens, des Leidens und der Vergänglichkeit kann ihn 
nicht mehr berühren; er wird nicht länger getäuscht, verwirrt 
und erschüttert durch den unaufhörlichen Wechsel; er kommt 
zur Ruhe dort, wo keine Veränderung mehr vorhanden ist. — 

Der erhabene achtfache Pfad ist ein Pfad der Selbst-Über- 
windung und Selbst-Erleuchtung. Die ersten beiden Stufen 
sind Stufen der Vorbereitung. Das Gemüt wird geläutert von 
falschen Hoffnungen und Befürchtungen, von egoistischen Mei- 
nungen und unbegründeten Ansichten; dafür wird das Streben 
nach dem Guten, Wahren und Ewigen erzeugt und gepflegt 
Die dritte und vierte Stufe sind Stufen der Praxis im rechten 
Handeln. Die intensive Richtung des Geistes nach aufwärts 
zu dem Reinen, Mitleidsvollen, Milden und Wahren führt 
schliesslich zu dem Punkte, wo Reinheit, Mitleid, Milde und 
Wahrhaftigkeit praktisch ausgeübt werden, und alles, was sich 
nicht in Harmonie mit diesen erhabenen Bedingungen befindet, 



106 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

wird Schritt für Schritt aus dem Charai<ter entfernt; reine Ge- 
dani<en und heilige Handlungen werden zur Gewohnheit. Die 
fünfte Stufe ist eine Stufe des Gleichgewichtes, des (inneren) 
Glückes, welche als das Ergebnis einer langen Selbstzucht und 
der Ausdauer in der Ausübung der Tugend entsteht. Es ist 
das die Zeit, da die heilige Kraft gesammelt und aufgespei- 
chert wird. Auf der sechsten und siebenten Stufe wird die 
Kraft bestimmt geleitet, und die Einsicht weise geordnet. Die 
achte Stufe ist vollkommener Friede, die Frucht eines gänzlich 
geläuterten Lebens. 

In den acht Stufen gibt es fünf verschiedene Perioden 
oder bestimmt begrenzte Abteilungen, nämlich: — eine Periode 
der Vorbereitung (erste und zweite Stufe); zwei Perioden des 
Handelns (dritte und vierte, sechste und siebente Stufe); zwei 
Perioden des Segens (fünfte und achte Stufe). 

Dies ist der erhabene achtfache Pfad, dessen Ende die 
höchste Erleuchtung ist; sein Ergebnis ist die Befreiung von 
der Knechtschaft des Selbst. Der Pfad ist in uns. Wer ihn 
mit ernstem, wahrheitliebendem Gemüte sucht, wird ihn finden; 
wer ihn findet, wird ihn wandeln; und wer ihn demütigen 
Fusses und freudigen Herzens betritt, wird zuletzt sicher das 
goldene Ufer der grossen Befreiung erreichen, wird seinen 
müden, wunden Fuss kühlen im Meer der Seligkeit. 

(Buddhism.) 

f^m Nibbäna. U^fJ^ 

Von Bhlkkhu Ananda Maitriya. 

(1. Fortsetzung.) 
Es scheint mir nun, dass in analoger Weise das Aufgeben 
der alten ego-zentrischen Irrtümer nicht nur unsere Auffassung 
von der Natur der geistigen Welt erheblich erweitern, sondern 
auch die Sittlichkeit, Humanität und vor allen Dingen die 
Toleranz fördern wird. Mag das sein, wie es will, — genug, 
die Notwendigkeit ist evident, dass wir, wenn wir die Nibbäna- 
Idee richtig erfassen wollen, der buddhistischen Weltanschauung 
gemäss folgendes begreifen müssen: Wie die Erde nicht das 



No. 4. DER BUDDHIST. 107 

Zentrum des Universums ist, wie es überhaupt keinen fest- 
stellenden Mittelpunkt des Universums gibt, — ebensowenig 
existiert im Menschen ein selbständiges Ego oder Seeienwesen, 
d. h. eine ewig-währende getrennte Seelen-Persönlichkeit; denn 
ohne ein klares Verständnis dieses Punktes kann von vornherein 
eine richtige Idee von dem Endziel des Buddhismus schlechter- 
dings nicht gewonnen werden. In diesem Zusammenhange muss 
darauf hingewiesen werden, dass zugleich mit dem Aufgeben des 
Ich-Selbst-Gedankens alle solche Fragen, wie: „Wer erreicht 
Nibbäna?" notwendig beiseite zu setzen sind. Dieses Leugnen 
eines Seelen-Substratums, d. h. einer unsterblichen getrennten 
Wesenheit im Menschen, ist einer der wichtigsten Grundsätze 
im Buddhismus; gerade diese Lehre ist dem Buddhismus allein 
und ausschliesslich eigentümlich und kennzeichnet ihn als eine 
Religion, die abseits von allen anderen Formen des religiösen 
Denkens steht. Das Wesen des Menschen im Lichte der bud- 
dhistischen Psychologie betrachtet besteht aus fünf grossen 
zusammengesetzten Gruppen, von denen eine jede für 
sich eine Welt im Kleinen darstellt; wir können sie passend 
klassifizieren als Körper, Empfindungen, Vorstellungen, 
Strebungen, Gedanken oder Bewusstseins-Aspekte*). 
Von diesen fünf Kategorieen ist es allein die geistige Gruppe, 
die auf die niederen Gruppen einwirkt und so dasjenige erzeugt, 
was wir Kamma (Karman) oder Handlung nennen; nach der 
modernen Ausdrucksweise würde ich sagen: sie leistet Arbeit. 
Wenn nun gewisse Formen dieser geist-geborenen Arbeit ge- 
leistet werden, wird die verbrauchte Energie latent, sie wird 
unoffenbar und bleibt so lange latent, bis Bedingungen vorhanden 
sind, unter denen sie sich wieder als aus dem Geist entstan- 
dene Arbeit manifestieren kann. Anders ausgedrückt: Diese 
Energie erzeugt jene Gruppe, welche ich » Streb ungen« 
(Samkhärä) genannt habe, in genau derselben Weise, wie wenn 
nach dem Aufziehen einer Uhr die geleistete Arbeit auf das 
Material der Springfeder einwirkt und später als Arbeitsleistung 
wieder offenbar wird, wenn nämlich die Hemmung gestattet, 
dass die Uhr abläuft. Wenn ein Lebewesen stirbt, so hinter- 



') Im Päli: RQpa, Vedanä, Saiinä, Samkhärä, Viiinäna. 



108 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

lässt es sehr viele von diesen »Strebungen«, und diese laufen 
nun, wenn ich so sagen darf, ab, d. h. sie manifestieren sich 
als ein Wesen; dieses Lebewesen nun ist ein neues Wesen 
nach dem Standpunkte des westlichen individualistischen Glau- 
bens, aber dasselbe Wesen vom buddhistischen Standpunkte 
aus betrachtet, da es von demselben Kamma oder von der 
Folge der Ursache und Wirkung abhängig ist. Wenn nun ein 
Wesen aus seinem Geist heraus Böses tut, so erzeugt es damit 
Kräfte, welche die Ursachen zur Entstehung späterer schlechter 
geistiger Zusände, zur Entstehung von Leiden, sind. Umgekehrt, 
wenn das Wesen Gutes wirkt, so entwickelt es Kräfte, welche 
später gute geistige Zustände, d. i. Freude, entstehen lassen. 
Dies ist die sogenannte »Remkarnation«, ein Begriff, von dem 
teilweise recht verworrene Ansichten sich im Abendlande ver- 
breitet haben. Transmigration wäre ein besserer Ausdruck; 
denn es ist ein Etwas vorhanden, das transmigriert, d. h. über- 
geht, übertragen wird, nämlich die »Strebungen« (Sam- 
khärä), zusammengefasst das »Kamma«; dagegen ist der bud- 
dhistischen Idee zufolge durchaus nichts vorhanden, was sich 
reVnkarniert, — ein Ausdruck, welcher die Existenz eines „Geistes" 
oder Seelensubstratums voraussetzt, das — wie die Hindus 
glauben — aus einem Körper in den andern geht, ähnlich 
wie ein Mensch bald dieses Gewand anlegt, bald jenes *). Der 
Buddhismus leugnet das Vorhandensein eines wechsellosen, 
statischen Etwas, das sich reinkarniert; alles, was von Leben 
auf Leben übergeht (transmigriert), ist unserer Anschauung zu- 
folge jene vorhandene Energie der »Strebungen« (Samkhärä) -). 



•) A. d. Her. Wir werden in unserer Zeitschrift uns folgender Aus- 
drücke für die in Rede stehende Idee bedienen: Wiedergeburt, Palin- 
genesie, Transmigration, Neü-Indi viduation, Neu-Objelctiva- 
tion, Neu-Manifestation. 

-) Sir Edwin Arnold bringt diese buddhistische Leugnung der Rei'n- 
karnation sehr gut im 8. Buch seiner »Leuchte Asiens« zum Ausdrucic 
„Sprecht nicht ,ich bin', ,ich war', ,ich werde sein', 
Denkt nicht, ihr wechselt des Leibes Haus, 
Wie Wandrer, wohl beherbergt oder schlimm, 
Vergessend zieh'n hinaus. 
Zu neuem Kreislauf geht in's All der Rest 
Des letzten Lebens," 



No. 4. DER BUDDHIST. 109 

Ein gutes Gleichnis für die Idee, weiche hier dem Verständnis 
des Lesers näher gebracht werden soll, ist die Übertragung 
der Energie, wie sie allgemein in den Lehrbüchern der 
Physik veranschaulicht wird. Stellen Sic eine Anzahl von 
Billard-Kugeln in eine Reihe, und zwar so, dass jede Kugel 
mit der nächsten in Berührung ist, und stossen Sie auf die 
an dem einen Ende befindliche, so werden Sie an den Kugeln 
in der Reihe keine wahrnehmbare Bewegung konstatieren kön- 
nen, weil jede Kugel vor sich eine andere hat, vielmehr über- 
tragen sie die Energie, und die Kugel am anderen Ende fliegt 
nach einem kurzen Zeiträume ab. 

Nun können wir eine klare Idee gewinnen über den Sinn 
der buddhistischen These: „Geistige Aktion und Reaktion 
entsprechen einander." Wenn du gute Samkhäras erzeugst, 
wirst du dich später guter geistiger Zustände erfreuen, und 
umgekehrt, wenn du schlechte »Strebungen« ins Dasein treten 
lässt, werden leidvolle Zustände entstehen. Da aber die Kammas 
eines jeden Wesens nach ihrer Zahl tatsächlich unbegrenzt sind 
wegen der Zeiträume, innerhalb deren sie erzeugt wurden, so 
sehen wir, dass wir selbst uns in einem beständigen, nie en- 
denden Übergang befinden, bald in Zuständen des Glückes 
und der Freude, bald in Zuständen des Leidens. Es enthüllt 
sich hier unseren Blicken ein endloser Kreislauf des Werdens, 
bald entsteht ein glückliches Wesen, bald ein unglückliches, 
und so geht es fort, solange wir überhaupt fortfahren, diese 
»Strebungen« zu erzeugen. Und weiter: Da nun der grössere 
Teil der von den Wesen erzeugten Samkhäras zum Bösen hin- 
neigt, so wird eben viel mehr Leid geschaffen, als Glück. 
Ferner ist das Kamma selbst nur eine von acht Ursachen des 
Leidens — Naturkräfte, Zeit-Umstände und einige andere Ur- 
sachen können ebenfalls leidvollc Zustände schaffen '). So z. B. 
wenn ein Stein auf meinen Fuss fällt und denselben verletzt, so 
wird Leid hervorgerufen; aber dieses Leid ist nicht durch 
Kamma erzeugt, sondern durch die Naturgesetze, nach denen 
der Stein fällt, sowie durch die Natur meines Fusses und der 



') Über die Darlegung dieser acht Ursachen des Leidens vergleiche 
Sacred Books of the East, Vol. XXXV, S. 191. 



HO DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

sensorischen Nerven. So ist in diesem fortgesetzten Kreislauf 
der Geburt und Wiedergeburt das Übergewictit ieidvolier Zu- 
stände über gltickliche und angenelime ganz enorm, und wenn 
wir das Leid gegenüber dem Glück abwägen, so zeigt sicli, dass 
Leid in allem empfindenden Dasein ganz bedeutend überwiegt, 
und dies ist die erste erhabene Wahrheit unserer buddhi- 
stischen Religion, weiche besagt, dass alles Dasein zum Leid 
hinneigt, dass Leiden allen nur möglichen Lebensformen inhä- 
riert. Wir menschliche Wesen nun sind sehr stark und ge- 
schickt und können vielen Leiden entgehen, welche aus 
natürlichen und ähnlichen Ursachen entspringen. Wir stehen 
auf dem Gipfel irdischer Entwicklung als die Könige und 
Herren der Erde; und gerade so, wie Könige geneigt sind, 
die Leiden ihrer ärmsten Untertanen unbeachtet zu lassen — 
natürlich aus reiner Unkenntnis und aus Mangel an Verständ- 
nis, auf Grund deren jene französische Prinzessin die naive 
Frage aufwerfen konnte: „Wenn das Volk kein Brot hat, warum 
isst es dann keinen Kuchen?" — gerade ebenso, fürchte ich, 
sind viele von uns nicht aus Hartherzigkeit, sondern infolge 
von Unwissenheit und Mangel an Beobachtung, nur zu sehr 
geneigt, die kummervollen Leiden unserer Mitgeschöpfe, der Tiere, 
gering zu achten und zu übersehen. Aber dieses Leiden ist 
nur zu real, und ich fürchte, die Menschheit vermehrt es eher, 
als dass sie es lindert. Und wie namentlich in unseren moder- 
nen demokratischen Tagen ein König niemals ganz sicher ist, 
dass er auch morgen noch König sein wird, so ist niemand 
von uns infolge der Hervorbringung solcher tierischer »Stre- 
bungen« sicher, dass wir selbst, — d. h. das auf Grund unseres 
Kammas erzeugte Wesen oder das Dasein auf Grund unseres 
Kammas, — nicht unter den niederen Lebensformen wieder in 
die Erscheinung treten werden. Sicherlich können wir bei un- 
serem Tode auch solche edlen »Samkhäras« zurücklassen, welche 
die Geburt eines viel höheren, als eines menschlichen Wesens, 
verursachen mögen; aber auch dann ist der Kreislauf noch 
nichtbeendet, und gerade der unbeendcte Kreislauf dieses 
beständigen Wechsels und Überganges ist es ja, aus 
dem zu entrinnen wir Verlangen tragen. 

Ich muss den Leser um Entschuldigung bitten, dass ich 



No. 4. DER BUDDHIST. 111 

mir eine so lange Abscliweifung auf das Gebiet der Wieder- 
geburt (Transmigration) gestattet habe; aber ohne eine derartige 
Klarstellung ist es unmöglich, die Natur des Nibbäna und die 
Methode, nach der die Buddhisten das letztere zu erreichen 
streben, darzulegen. Denn es gibt nur einen Weg, um diesem 
leidigen Cyklus der Existenzen mit seinen acht Leidens-Ursachen, 
mit seiner Endlosigkeit, mit seinen leidvollen Lebensläufen zu 
entrinnen. Der Weg ist der Weg zum Nibbäna, der Pfad 
zu jener Erlösung von Geburt und Tod, welchen unser 
Meister uns verkündet hat. Dies also ist die Natur des 
Nibbäna: Befreiung von diesem leidvollen Kreislauf, 
die Überwindung jenes Nicht-Wissens, welches nach 
unserer Erkenntnis die letzte Daseins-Ursache ist, und 
damit zugleich die Überwindung von Begierde, Hass 
und Wahn, ein schon in dieser Welt erreichbares 
Leben der Weisheit und Liebe. Diese Erreichung 
Nibbänas in diesem Leben, — das Sa-upädisesa Nibbäna, 
von dem ich oben gesprochen habe, — ist der Zustand 
des Arahä, der Zustand der Heiligkeit, welcher das 
Ziel des Buddhismus ist. Denn es wird gesagt: Der- 
jenige Mensch, welcher zu diesem Nibbäna gelangt ist, bewirkt 
durch diese Erlangung die Aufhebung der Begierden, Leiden- 
schaften und Täuschungen, d. h. aller jener Ursachen, welche 
uns an das Rad des Daseins heften. Unberührt von Furcht, 
Zweifel und geist-geborenen Leiden lebt der Arahä ruhig und 
sicher, bis sein Körper stirbt, um dann aus der Welt des Da- 
seins zu verlöschen, wie die Flamme einer Lampe verlischt, 
wenn Öl und Docht verbraucht sind. (Fortsetzung folgt.) 

Die Grundideen des Buddhismus. 

Von Dr. Paul Carus. 

(I. Fortsetzung) 

Nun linden sich im Dhammapada zwei vereinzelte Stellen, 
welche scheinbar im Widerspruch mit des Buddha Lehre 
von der Illusion des Selbst stehen. Wir lesen im 160. Verse: 
„Selbst ist der Herr des Selbst; wer könnte sonst Herr sein?", 



112 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

und im 323. Verse: „Ein Mensch, der sich selbst bezähmt, ge- 
langt in das unbetretene Land durch sein eigenes selbst-be- 
zähmtes Selbst." Professor Max Müller, welcher ein eifriger 
Verteidiger der Atman-Lehre war, hat sich besonders auf diese 
beiden Verse berufen, um darzutun, dass der Buddha die Exi- 
stenz eines Ich-Selbst gelehrt habe. Aber diese Annahme ist 
durchaus unwahrscheinlich angesichts so vieler anderer unzwei- 
deutiger Stellen. Vielmehr ist der aligemeine Sinn der beiden 
zitierten Passus gar nicht misszuverstehn. Hier wird natürlich 
überhaupt nicht auf das Vorhandensein eines Selbst im Sinne 
des brahmanischen Atman angespielt. Der Verfasser dieser 
Verse — entweder der Buddha selbst, oder ein Buddhist, oder 
aber, was nicht unwahrscheinlich ist, ein vorbuddhistischer 
Denker — will einfach ausdrücken, dass „nur durch Selbstbe- 
zähmung die Erlösung erlangt werden kann", und wir haben 
beileibe kein Recht, diese Stellen in einer Weise zu interpretieren, 
welche gegen eine Kardinal-Lehre des Buddhismus Verstössen 
würde. Wir müssen immer festhalten, dass der Buddha durchaus 
nicht das Vorhandensein der Selbst-Idee im Menschen leugnet; er 
leugnet nur die Existenz eines Seelen-Substratums, wie es von 
den hervorragendsten Philosophen seiner Zeit unter dem Namen 
»Selbst« (Atman) gelehrt wurde. Der Buddha leugnet nicht, 
dass es ein Ich-Bewusstsein in der Seele gibt; er verwirft nur 
die Ansicht, dass unser Ich-Bewusstsein der Tuer unserer 
Handlungen und der Denker unserer Gedanken oder eine Art 
Von „Ding an sich" hinter unserer Existenz sei. 

Es gibt viele Worte, welche verschieden angewandt werden 
können und dementsprechend einen verschiedenen, ja oft gerade- 
zu contradictorischen Sinn haben, und das Wort »Selbst« macht 
in dieser Beziehung keine Ausnahme. Im allgemeinen bedeutet 
»Selbst« jene Idee im Geiste des Menschen, welche die Ge- 
samtheit seiner Existenz zum Ausdruck bringt, nämlich seine 
körperliche Form, seine Sinne und deren Tätigkeiten, seine 
Gedanken, seine Gefühlsregungen, seine Neigungen und Ab- 
neigungen, sein Streben und sein Hoffen. Weit entfernt nun 
davon, die Ausrottung der Selbst-Idee in diesem Sinne zu 
fordern, predigt vielmehr die Religion des Buddha die Verede- 
lung und Heiligung des Selbst; ja, 'sie predigt dies so nach- 



No. 4. DER BUDDHIST. 113 

drücklich, dass Oldenburg die Ethik des Buddhismus als „sitt- 
liche Arbeit an sich selbst" charakterisiert, wie der 239. 
Vers des Dhammapada sagt: „Der Weise soll aus seinem Selbst 
alle Unreinheit entfernen, wie der Schmied das Silber von den 
Schlacken läutert, allmählich, Stück für Stück und zur rechten 

Zeit." 

Wenn die Buddhisten von der Illusion des Selbst sprechen 

und dieselbe als die mittelbare Ursache alles Übels anklagen, 
so meinen sie jene irrige Anschauung, welche nicht nur 
das Selbst als ein unabhängiges Wesen annimmt, son- 
dern dasselbe sogar zu einem metaphysischen Agens aller 
unserer Tätigkeiten stempelt. Die Annahme dieser metaphysi- 
schen Ansicht über das Selbst gibt — so behaupten wir — 
allen unseren Gedanken eine falsche Richtung und trübt unsere 
geistige Erkenntnis; sie veranlasst uns, das wahre Wesen unserer 
Seele als einen blossen Schatten zu vernachlässigen. 

Indem der Buddha die brahmanische Atman-Theorie leug- 
nete, gab er eine neue Lösung des Seelen-Problems. Rhys 
Davids sagt in seinen »Hibbert Lectures« (S. 29): 

„Das unterscheidende charakteristische Merkmal des Buddhismus 
bestand darin, dass er einen neuen Gesichtspunkt aufstellte, dass er die 
tiefsten Fragen, deren Löstuig die Menschen beschäftigt, von einem gänz- 
lich verschiedenen Standpunkte aus betrachtete. Er verbannte aus seinem 
Gesichtskreise das Ganze jener grossen Seelen-Theorie, welche bis dahin 
die Geister der Abergläubischen und Einsichtigen in gleicherweise erfüllt 
und beherrscht hatte. Denn zum ersten Male in der Weltgeschichte pro- 
klamierte er eine Erlösung, welche jeder Mensch für sich selbst und durch 
sich selbst erlangen konnte, in dieser Welt, schon in diesem Leben, 
ohne auch die geringste Beziehung zu einem Gott oder zu Göttern, eine 
Erlösung, die jedem offenstand: dem Hohen wie dem Niedrigen. Gleich 
den Upanishaden legte der Buddhismus den Hauptnachdruck auf die Ein- 
sicht oder Erkenntnis; aber es war jetzt nicht mehr eine Erkenntnis 
Gottes, sondern eine klare Einsicht in die wirkliche Natur des Menschen 
und der Dinge. Und er forderte ausser der Notwendigkeit der Einsicht 
auch die Notwendigkeit, rein, höflich, aufrichtig, friedvoll, in weitestem 
Masse gütig zu sein und diese Tugenden so sehr als möglich wachsen zu 
lassen." 

Während so das Selbst, d. h. jenes hypothetische Agens 
hinter der Seele, in den Lehren des Buddhismus verschwindet, 
wird trotzdem die Seelen- oder Geist-Idee keineswegs verworfen, 
und der Begriff der Seelentransmigration bekommt einen neuen 

8 



114 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Sinn, eine neue Bedeutung. Die vorbuddliistisclie Auffassung, 
dass die Seele umherirrt und sich eine neue Wohnung in einem 
andern Körper sucht, wurde von Qäkyamuni aufgegeben, und 
an ihre Steile trat die richtige Idee von einer Übertragung der 
Samskäras entsprechend dem Karmau-Gesetz. Der Buddhismus 
erkennt das Karman-Gesetz als unumstösslich an und fundiert 
darauf die untrügliche Gerechtigkeit des moralischen Gesetzes. 

Bei der Betrachtung der Moral, welche der Seelen-Trans- 
migration in den Jätakas') zu Grunde liegt, sagt Professor 
Rhys Davids in der Vorrede zu seiner Übersetzung (S. LXXV) 
folgendes: 

„Der Leser muss vermeiden, dadurch die Sache misszuverstchcn, 
das er christliche Ideen auf diesen Punkt überträgt, indem er annimmt, 
die Identität der Personen in den beiden Erzählungen hege in der Wan- 
derung einer Seele aus einer Person in die andere. Der Buddhismus 
lehrt nicht die Wanderung von Seelenwesen (d. i. von Ätmans). Seine 
Lehre würde besser zu bezeichnen sein als die Transmigrntion (Über- 
tragung) des Charakters; denn diese Doktrin ist ganz unabhängig von 
der veralteten, weitverbreiteten Anschauung von der Existenz eines be- 
stimmten getrennten Geistes, Seclenwesens oder Spirits in jedem mensch- 
lichen Körper." 

Derselbe Autor spricht sich in seinem Handbuch »Bud- 
dhismus« -) folgendermassen aus: 

„Gleichwie eine Generation abstirbt und einer neuen Platz macht, 
der Erbin der Folgen aller ihrer Tugenden und aller ihrer Laster, dem genauen 
Ergebnis der vorausgegangenen Ursachen, — so erbt ein jedes Individuum 
in der langen Kette des Seins alles Gute oder alles Böse, was alle seine 
Vorgänger gewesen sind, oder getan haben, und nimmt das Ringen nach 
Erleuchtung gerade an der Stelle wieder auf, wo jene es abgebrochen 
haben." 

Und hinsichtlich des Karman erläutert Professor Davids 
a. a. 0. das Wesen des Buddhismus wie folgt: 

„Die meisten heidnischen Systeme, sowohl die, welche der Vergangen- 
heit, als die, welche der Gegenwart angehören, lehren, dass die Menschen 
hier nach irgend einer Art Glückseligkeit suchen müssen. Die meisten 
anderen Glaubenssysteme sagen hingegen, dass dies eine Torheit sei, 
dass vielmehr die Treuen und Heiligen ein zukünftiges Glück in einer 
besseren jenseitigen Welt finden werden. Der Buddhismus sagt aber, 
dass die eine Hoffnung ebenso eitel wie die andere, dass das Selbst- 



') Die Legenden von den verschiedenen Daseins-Perioden des Buddha. 
^) Deutsche Übersetzung von Dr. Arthur Pfungst S. 111. 



No. 4. DER BUDDHIST. 115 

bewusstsein eine Täuschung sei, dass das organisierte, das empfindende 
Sein, solange es der Endlichl<eit angehört, unaufhörlich mit der Unwissen- 
heit und daher mit der Sünde und also auch mit dem Leide verknüpft 
sei. „Lasst daher diese kleinliche, törichte Sehnsucht nach persönlichem 
Glück fahren" würde der Buddhismus sagen. „Hier (auf Erden) stammt 
sie von der Unwissenheit und führt zur Sünde, und dort sind die gleichen 
Existenzbedingungen vorhanden, und jede neue Geburt wird euch noch 
immer in der Unwissenheit und in der Endlichkeit lassen. Nichts ist 
ewig; der ganze Kosmos scliwindet dahin; nichts ist, alles ist im 
Werden begriffen, und alles, was ihr körperlich oder geistig von eurem 
Selbst seht oder fühlt — es wird vergehen wie alles andere. Nichts 
wird übrig bleiben, als nur das aufgespeicherte Ergebnis aller 
eurer Handlungen, Worte und Gedanken. Darum seid rein und 
gütig und nicht träge im Denken. Seid wach, schüttelt eure Täuschungen 
ab und betretet entschlossen den »Pfad«, der euch hinwegführen wird 
von den hin- und hergeschleuderten Wogen des Lebensmeeres; den Pfad, 
der zur Freude und Ruhe des Nirväna leitet, den Pfad der Weisheit, der 
Herzensgüte und des Friedens." 

Rhys Davids sagt: „Nichts wird übrig bleiben als nur 
das aufgespeiciierte Ergebnis aller eurer Handlungen, Worte 
und Gedanken." Ganz richtig; aber warum sagt er »nur«? 
Das aufgespeicherte Ergebnis eurer Handlungen, d. h. eure 
Samskäras sind ja euer eigenes Wesen. Dieselben bilden 
euren Geist, solange ihr lebt, und es existiert kein Selbst 
hinter ihnen, kein Ego, kein Atman, keine metaphysische Seelen- 
monade. So ist es klar, dass wir nach den buddhistischen 
Anschauungen selbst fortbestehen in den angehäuften Ergeb- 
nissen unserer Handlungen. Da Professor Rhys Davids sich 
nicht vergegenwärtigt, dass unsere Samskäras wir selbst sind, 
so ist es vielleicht natürlich, dass er, obwohl einer der gründ- 
lichsten Buddhologen, und trotz seiner vollkommenen Sach- 
kenntnis, die Wichtigkeit der buddhistischen Anschauung vom 
Karman und von der Seelentransmigration nicht genug beachtet. 
Ich sage nicht, dass er diesen Teil der buddhistischen Lehre 
falsch versteht; aber ich behaupte, dass er ihm nicht genügend 
Beachtung schenkt. Er setzt seine hier angezogenen Betrach- 
tungen folgendermassen fort: 

„Es ist eine seltsame und lehreiche Erscheinung, dass alles dieses 
die 2300 und mehr Jahre lang auf so viele verzweifelnde und ernst gestimmte 
Herzen seinen Zauber auszuüben vermocht hat, dass sich so viele der 
anscheinend stattlichen Brücke anzuvertrauen vermochten, welche der 

8* 



116 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Buddhismus zu schlagen versucht liat über den Strom der Rätsel und der 
Leiden des Daseins. Sie sind von der auserlesenen oder edlen Schönheit 
mancher Bausteine von denen, welche den Bogen bilden, entzückt oder 
gar in Ehrfurcht versetzt worden ; sie haben gesehen, dass das Ganze auf 
einer mehr oder weniger zuverlässigen Grundlage von Tatsachen ruht, 
dass auf der einen Seite des Schlusssteins die Notwendigkeit der Gerech- 
tigkeit, und auf der andern das Kausalgesetz liegt. Das, was sie aber 
nicht gesehen haben, das ist die Tatsache, dass der Schlussstein selbst, 
das Bindeglied zwischen dem einen Leben und dem anderen nichts weiter, 
als ein Wort ist, — jene wunderbare Hypothese, jenes luftige Nichts, jene 
imaginäre Ursache, welche ausserhalb des Bereiches der Vernunft liegt, — 
die individualisierte und individualisierende Kraft des Karnia." 

In einer Fussnote fügt Professor Rhys Davids hinzu: 

„Individualisiert insofern, als das Resultat aus den Handlungen eines 
Menschen mittelst der Bildung eines zweiten empfindenden Wesens kon- 
zentriert wird; individualisierend insofern, als es die Kraft ist, durch welche 
verschiedene Wesen zu einem Individuum werden. In anderer Hinsicht 
ist die JVIacht des Karma real genug." 

Die moderne Wissenschaft lehrt, dass es die Funktion 
ist, welche das Organ erzeugt, und dass umgel<chrt, das Organ 
nur das sichtbare Ergebnis unzähliger früherer Verrichtungen ist. 
Dies kann man als eine moderne Bestätigung der buddhisti- 
schen Samskära-Lehre betrachten. Das gesamte Sehen der 
Augen der Vorfahren lebt in unseren Augen weiter fort. 
Unsere Vorfahren sind nicht tot; sie sind noch hier in ims, 
und unter Vorfahren versteht der Buddhist nicht nur die natür- 
lichen Ahnen, sondern auch jene, welche unsere Seele gebildet 
haben. So spricht Qäkyamuni zu seinem Vater, dass nicht er 
und seine Väter, die Fürsten des Qäkyas, sondern die Buddhas 
früherer Zeiten seine Vorfahren seien. 

Ich muss hier im Namen des Buddhismus Professor Rliys 
Davids mit einer Erwiderung entgegentreten: Der Buddhismus liat 
die imaginäre Mauer niedergerissen, welche das Selbst des Men- 
schen von dem Selbst anderer trennt. Wer nicht das Glied 
zwischen dem einen Leben und dem anderen sieht, oder wer von 
diesem Gliede als einem „luftigen Nichts" spricht, ist noch in 
der Selbst-Täuschung befangen. Wer den Selbst-Gedanken 
aufgibt, muss erkennen, dass die Identität zweier Seelen in 
denselben Samskäras liegt. Sonst müssten wir auch die Iden- 
tität des »Ich« von heute und des »Ich« von gestern leugnen. 



No. 4. DER BUDDHIST. 117 

Was die Identität der Person in einem und demselben Indivi- 
duum ausmacht, ist nur die Fortführung und Gleichheit ihres 
Charakters. Das »Ich« von heute hat alle Folgen und Hand- 
lungen auf sich zu nehmen, welche das »Ich« von gestern aus- 
geführt hat. So wird das individualisierte Karman zukünftiger 
Zeiten alles das ernten, was das individualisierende Karman der 
Gegenwart sät. 

Und, seltsam genug, diese buddhistische Auffassung von 
der Seele steht in vollkommenem Einklang mit den Anschau- 
ungen der hervorragendsten Psychologen Europas. 

(Fortsetzung folgt.) 

Gott und Götter 

oder 

Ist der Buddhismus atheistisch ? 

Von Karl B. Seidenstücker. 

Die Qeschiclite der Religion ist die 
Geschichte der Entmenschlichung Gottes. 

Spencer. 

Der hauptsächlichste Einwand, den Christen gegen den Bud- 
dhismus zu machen pflegen, ist der, dass der letztere atheistisch 
sei, dass er den Gottesbegriff nicht kenne. Die meisten der 
uns bekannten Rcligionssysteme sind theistisch, d. h. sie 
lehren das Dasein eines persönlichen Gottes (Mono- 
theismus) oder die Existenz mehrerer ebenfalls persön- 
lich gedachter Götter (Polytheismus); sie betonen ferner, 
dass der Mensch in einem bestimmten Abhängigkeitsverhältnis 
zu dem persönlichen Gott (resp. zu den persönlichen Göttern) 
stehe, und dass er durch bestimmte Verrichtungen (Gebet, 
Opfer, Ceremonien) auf Gott (resp. auf die Götter) einwirken 
und ihn (resp. sie) durch diese Verrichtungen in ganz bestimm- 
ter Weise beeinflussen könne. Von diesem Standpunkte geht 
man christlicherseits aus und definiert im Hinblick auf die meisten 
religiösen Systeme Religion als das Abhängigkeitsgefühl 
des Menschen von dem persönlichen Gott oder von 



118 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

persönlich vorgestellten göttlichen Wesen. Abgesehen 
von dem indischen Yoga'imus gibt es drei monotheistische 
Religionsformen: Das Judentum, Christentum und den Islam; 
die polytheistischen Religionen werden von den Monotheisten 
als heidnisch bezeichnet. Dem Buddhismus gegenüber be- 
finden sich nun die Christen in einer grossen Verlegenheit; sie 
können ihn nach der landläufigen Klassifizierung nirgends ein- 
registrieren. Denn auf der einen Seite leugnet der Buddhismus 
auf das entschiedenste den persönlichen Gottesbegriff im Sinne 
der monotheistischen Systeme, ist also in dieser Hinsicht 
atheistisch, auf der anderen Seite gibt er die Existenz von 
Devas, Göttern, göttlichen Wesen, zu, betont dabei aber nach- 
drücklich, dass der Mensch in keinerlei abhängigem Verhältnis 
zu diesen Wesen stehe. Man beliilft sich daher kurzer Hand 
und behauptet schlankweg, der Buddhismus sei überhaupt keine 
Religion. So einfach ist die Sache aber doch nicht; denn ein- 
mal liefert die Tatsache, dass der Buddhismus seit langer Zeit 
auf einen grossen Teil der Menschheit geistig erhebend und 
sittlich veredlend, also wahrhaft religiös, einwirkt, den Beweis, 
dass die Gleichsetzung von Religion und persönlichem Gottes- 
glauben unzulänglich ist, und sodann ist noch längst nicht ge- 
sagt, dass der Buddhismus, wenn er auch den monotheistischen 
Gottesbegriff ablehnt, auch im absoluten Sinne atheistisch 
sei, d. h. dass sich in ihm vom Gottesbegriff überhaupt nichts 
vorfinde. 

Zunächst eine Bemerkung, bevor ich weitergehe. Man 
nennt christlicherseits den Buddhismus atheistisch, weil er 
leugnet, dass ein persönlicher Gott existiere, geschweige denn, 
dass der Mensch von demselben abhängig sei; man maclit dem 
Buddhismus diesen Atheismus zu einem schweren Vorwurf, 
man sucht den Atheismus überhaupt als etwas Niedriges, 
Schimpfliches hinzustellen und preist dagegen den Glauben an 
den persönlichen Gott als das Höchste, Erhabenste, als den 
grössten Segen für die Menschheit. Man wird gut tun, diesen 
monotheistischen Dithyramben gegenüber einfach die Religionsge- 
schichte zu befragen und dabei seine gesunde Vernunft zu ge- 
brauchen. Ich kann mich in keiner Weise davon überzeugen, 
dass der Monotheismus, wie er innerhalb des Judentums und 



No. 4. DER BUDDHIST. 119 

des von diesem genetisch abhängigen Christianismus und Islams 
in die Erscheinung getreten ist, ein besonderer Segen für die 
ihm ergebenen Völi<er gewesen wäre; der Weg, den diese drei 
Religionen gegangen sind, ist genug mit Blut gesprengt. Jehovah 
befiehlt seinem auserlesenen Volke, die Ureinwohner Kanaans 
bis auf das Kind im Mutterleibe niederzumachen; er straft und 
peinigt die Gegner seines Volkes; ihm wurden bis zum Jahre 
70 nach Chr. blutige Tieropfer in Hülle und Fülle dargebracht. 
Die Juden selbst, dieses so zäh monotheistische Volk, waren 
im höchsten Grade intolerant und grausam. Die Geschichte 
der christlichen Kirche ist ebenfalls sehr reich an Gewalttaten, 
Mord, Blutvergiessen und Unduldsamkeit, und auch die Kirchen- 
neuerung des 16. Jahrhunderts zeichnete sich in dieser Richtung 
keineswegs vorteilhaft aus. Im Islam liegen die Verhältnisse 
ebenfalls nicht günstiger. Ohne den monotheistischen Religionen 
irgendwie zu nahe treten zu wollen, kann ich doch nur zu dem 
Resultat kommen: Es ist ein grosser Vorzug des Buddhismus, 
dass er mit diesem immerhin blutrünstigen Monotheismus nichts 
gemein hat, und wenn man ihn atheistisch im Sinne von »nicht 
monotheistisch« nennen will, so kann das für ihn nur eine 
Ehrung sein. — 

Das Wort Spencers, das ich diesen Ausführungen als 
Motto vorausgeschickt habe, erkennt an, dass der Gottesbegriff 
in der Religionsgeschichte eine sehr wichtige Rolle spielt und 
behauptet, dass der Entwicklung des religiösen Denkens analog 
auch der Gottesbegriff mancherlei Wandlungen unterliegt; Gott 
wird mehr oder weniger »vermenschlicht«, d. h. als mit 
menschlichen Eigenschaften behaftet vorgestellt; diejenige 
Religion ist als die höchste zu betrachten, die Gott am meisten 
»entmenschlicht«, d. h. die in der Läuterung des Gottes- 
begriffes von menschlichen Vorstellungen am weitesten geht. 

Wenn wir den Spencerschen Satz als Massstab für die 
Würdigung der religiösen Systeme der westlichen Welt anlegen, 
so ergibt sich, dass alle Religionen Gott (resp. Götter) insofern 
vermenschlicht haben, als sie einen persönlichen Gott 
(resp. persönliche Götter) predigen. Die Götter der Griechen 
waren durchweg anthropomorph; sie zeigten sich in mensch- 
licher Gestalt; sie stritten, schlemmten, hurten und ergötzten 



120 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

sich nach Menschenart. In der Vorstellung der Juden war der 
Gottesbegriff ebenfalls durchaus vermenschlicht, jehovah ist 
ein persönlicher Gott; er spricht bei der Weltschöpfung; er geht 
im Garten Eden spazieren; er „riecht den lieblichen Geruch" 
geopferter Tiere; er sucht Abraham auf, nimmt bei ihm ein 
Mahl ein, geht eine Strecke Weges mit ihm und hat mit ihm 
eine längere Unterredung. Er erscheint dem Moses in einem 
brennenden Busch, er zeigt sich den Israeliten als Feuersäule. 
Er spricht zu Menschen und erscheint ihnen im Traume; er 
liebt und zürnt, er belohnt und züchtigt. Derselbe per- 
sönliche Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs war auch der 
Gott, den Jesus predigte, den Paulus den Athenern verkündete. 
Auch im Neuen Testament offenbart sich Jehovah verschiedent- 
lich in sichtbarer oder hörbarer Form; er spricht vom Himmel; 
Johannes sieht den Geist Gottes herabkommen „wie eine Taube", 
und am Pfingsttage zeigt sich der letztere in der Gestalt von 
„feurigen Zungen"; Stephanus „sieht den Himmel offen und 
den Herrn Jesus sitzen zur rechten Hand Gottes". Die 
christlichen Kirchen lehren bis auf den heutigen Tag einen 
persönlichen Gott, der Gebete hört und erhört, der liebt und 
straft. Es soll nicht geleugnet werden, dass in einzelnen Par- 
tieen des Neuen Testaments die Gottesidee weniger anthropo- 
morph, mehr vergeistigt, zu Tage tritt; aber vergessen wir nicht, 
dass diese Stellen wahrscheinlich auf gnostische Einflüsse 
zurückzuführen sind. — 

In den ältesten Schriften des vorbuddhistischen Indiens 
finden wir einen immerhin geläuterten Polytheismus, der sich 
namentlich durch das Zurücktreten des sinnlich-erotischen Ele- 
mentes vorteilhaft vor dem griechisch-römischen Götterglauben 
auszeichnet. Diese altvedischeii Götter, wahrscheinlich personi- 
fizierte Naturkräfte, wurden von dem indischen Volke durch 
Gebete, Hymnen und Opfer verehrt. Über dem Ganzen lag 
ursprünglich ein Hauch geistiger Freiheit und Selbständigkeit, 
das Volk war durch seinen Götterglauben nicht geknechtet. 
Bald wurde der letztere aber durch das allmähliche Empor- 
kommen einer besonderen Priesterkaste und durch die Aus- 
bildung eines komplizierten Zeremonialkultcs für die grosse 
Masse der Inder ein drückender Alp, eine schwere Last; der 



No. 4. DER BUDDHIST. 121 

Hauch der geistigen Freiheit war verweht. Auf der andern 
Seite bemächtigte sich die philosophische Speitulation des vedi- 
schen Polytheismus. Es bricht sich zunächst die Anschauung 
Bahn, dass die verschiedenen Götter nur verschiedene Aspekte, 
Manifestationen eines Gottes sind; es tritt allmählich eine 
Göttergestalt in den Vordergrund; sie repräsentiert gleichsam 
die Gütterwelt: Brahma, der oberste der Götter. So wird der 
Polytheismus zum HenotheTsmus; aber nicht genug damit: 
Die Philosophie ging noch weiter zum PanhenotheTsmus. 
Der maskuline persönliche Brahma bleibt bestehen; daneben 
oder dahinter tritt dann allmählich das neutrale, unpersönliche 
Brahm, das Ein und All, die einzige Realität, die Grundlage 
des menschlichen Bewusstseins mit seinen Inhalten, die trans- 
zendentale Wirklichkeit im Gegensatz zu der Welt des Scheins. 

Wir sehen also, dass sich die indische Religion vor Buddha 
in zwiefacher Richtung entwickelt: einmal als Polytheismus der 
grossen Massen, und sodann als Philosophie der hervorragende- 
ren Geister. 

Für die Beurteilung der Frage nach der Rolle, welche die 
Gottes-Idee im Buddhismus spielt, kommt in erster Linie die 
Stellung in Betracht, die der Buddha dem Gottes- resp. Götter- 
glauben seiner Zeit und seines Volkes gegenüber einnahm. 
Glaubte er an das Dasein der hinduistischen Götter oder 
glaubte er nicht daran ? Wie stellte sich der Meister zu Brahma, 
dem höchsten persönlichen Gott des indischen Pantheons? 
Und endlich, was ist Brahm, d. h. die transzendentale Realität, 
im Buddhismus? 

Wenn ich hier meiner persönlichen Meinung Ausdruck 
geben darf, so glaubte der Buddha selbst nicht an die hin- 
duistischen Götter; aber Gotama war kein Revolutionär, sondern 
ein Reformator. Er war weise genug, den Bestand der 
Götterwelt unangetastet zu lassen; aber seine grosse Tat, viel- 
leicht seine grösste Tat, war die, dass er dieser Götterwelt 
gänzlich ihren bisherigen mächtigen Einfluss nahm. Der Buddha 
betonte die Nichtigkeit der rein formalen Seite des Ritualismus; 
er vertiefte den letzteren, indem er die tote Form mit neuem 
geistigen Gehalt füllte. Er lehrte, dass der Mensch nicht ab- 
hängig sei von Davas, Asuras, Petas, Yakkhas, BhQtas und 



// 



122 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Gandhabbas; er predigte, dass der Erlöste höher stehe, als 
alle Götter, und dass nicht Gebet und Opfergaben, sondern 
Tugendpflege und die Läuterung des Gemütes von Begierde, 
Sünde und Wahn zur Erlösung führen. So werden im Buddhis- 
mus die Göttergestalten, vor denen das Volk bisher in Furcht 
und banger Scheu zitterte, zu ganz harmlosen, untergeordneten 
Wesen, zu Statisten, deren Aufgabe darin besteht, die Grösse 
des buddhistischen Erlösungsgedankcns erst recht hervortreten 
zu lassen. Der Buddha bedient sich der himmlischen Wesen 
zur Ausschmückung seiner Erzählungen; Brahma, „der grosse 
Brahma", wird redend eingeführt; er erscheint in sichtbarer 
Gestalt und macht dem Meister seine Reverenz, ja, Gotama 
persifliert diesen Brahma mit feiner Ironie und mit einem köst- 
lichen Humor, indem er ihn auf die Fragen, die ihm ein bud- 
dhistischer Mönch vorlegt, in tötliche Verlegenheit geraten lässt. 
Auch Brahma nebst Sakka, „dem Götterkönig", sind wie jede 
andere Kreatur dem Gesetz der Vergänglichkeit unterworfen und 
werden weit überragt von dem Heiligen, welcher der restlosen 
Erlösung teilhaftig geworden ist und aus dem ewigen Strom 
des Werdens ausschaltet. 

So ist das hinduistische Pantheon als ungetilgter Rest 
einer früheren Weltanschauung vom Buddhismus mit über- 
nommen worden; aber es hat in demselben gänzlich seine 
ursprüngliche Bedeutung verloren und hat mit dem eigentlichen 
Wesen der Buddha-Lehre gar nichts zu tun. Daher hat Th. 
Schultze durchaus recht, wenn er sagt: Der Buddhismus ist 
zwar keine gottlose Religion; denn er hat mehr Götter, als 
andere Religionen; wohl aber ist er gottfrei, weil keiner 
seiner Anhänger sich von diesen Göttern irgendwie abhängig 
fühlt. — 

Wir in Europa verzichten selbstverständlich und gern auf 
diese guten, alten Götter. Sic haben nunmehr dreitausend Jahre 
und länger den Himmel menschlicher Vorstellung geziert; sie 
sehnen sich nach Ruhe, wollen auch einmal ihre Ruhe haben, 
gebt ihnen ihre Ruhe, die wohlverdiente! Mögen sie in Frieden 
ruhen! Wenn man uns aber deshalb in der deutschen Presse, 
wie das jüngst hie und da geschehen ist, beschuldigt, dass 
wier einen „modern aufgeputzten" Buddhismus importieren, so 



No. 4. DER BUDDHIST. 123 

ewidern wir darauf: 1. Die Devaiogie spielt im Buddhismus 
eine mindestens ebenso untergeordnete Rolle, wie die Lehre 
von den Engeln im Christentum und tangiert den wesent- 
lichen Bestand des Buddhismus nicht im geringsten; 2. man 
möge doch gefälligst so ehrlich, gerecht und wahrheitsliebend 
sein, auch dort von einem „modern auffrisierten" Christentum 
zu sprechen, wo man die Gottessohnschaft und leibliche Auf- 
erstehung Jesu, die Auferstehung des Fleisches, die Wiederkunft 
Christi im Weltgericht, die Dämonologie, die Mythen des alten 
Testaments und das Dasein eines persönlichen Teufels leugnet. 
Man könnte dies Christentum mit weit mehr Recht „modern 
zugestutzt", ja sogar dezimiert und dekapitiert nennen, als den 
adevaistischen Buddhismus, u. z. deshalb mit weit grösserem 
Rechte, weil einige der genannten Punkte achtzehn Jahrhunderte 
lang zu den wesentlichen Grundlagen und dem wesent- 
lichen Bestände des Christentums gehört haben, während die 
Devaiogie im Buddhismus durchaus unwesentlich ist und 
ohne jeden Schaden für den Kern getrost und mit gutem Recht 
beiseite gesetzt werden kann. — 

Eine ganz andere Frage ist natürlich die, ob — abgesehen 
von dem Glauben an das hinduistische Pantheon — innerhalb 
des Buddhismus der Glaube an eine übersinnliche Welt, an 
transzendente Wesen, an Geister und dergleichen möglich ist 
oder nicht. Möglich ist ein solcher Glaube allerdings. Für 
die Beantwortung dieser Frage ist mit die Erwägung massge- 
bend, dass der Buddhismus in erster Linie den Erlösungs- 
Gedanken betont, dass er dagegen allen metaphysischen 
Spekulationen, Erörterungen und Mutmassungen indifferent, eher 
noch ablehnend, gegenübersteht. Es bleibt jedem Buddhisten 
überlassen, an geistige Wesen zu glauben oder nicht; der in- 
dische Buddhist glaubt an die Devas, der buddhistische Burmane 
an die Nats, und ich wäre der letzte, der das Vorhandensein 
einer übersinnlichen, d. h. unseren Sinnesorganen unzugäng- 
lichen Welt, von vornherein leugnen möchte. Nur muss betont 
werden, dass alle derartige Fragen mit dem Wesen des Bud- 
dhismus gar nichts zu tun haben oder dass sie, wo immer sie 
aufgeworfen werden, in den grossen Rahmen der buddhistischen 
Weltanschauung hineinfallen. Mit anderen Worten: Gesetzt den 



/ 



»24 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

Fall, es gäbe Devas, Götter, Geister usw., so müsste auch für 
jede nur denkbare Götter- oder Geisterwelt die buddhistische 
Wahrheit von der Vergänglichkeit, vom Leiden, vom Nicht-Selbst, 
vom Lebenswillen, zutreffen, und unser Weltbild wäre dann in 
seiner Perspektive wohl um einen Schritt erweitert woidcn, 
aber es bliebe trotzdem seinem Grundcharaktcr nach dasselbe 
Weltbild. Und was das Wichtigste ist: Der Buddhismus 
stellt seinen Bekennern wohl den Glauben an tjbersinnliche 
Wesen frei, aber er nimmt den ersteren jedes Abliängigkeits- 
gefühl, jede Furcht, jedes Grauen, jedes Entsetzen vor trans- 
zendenten Welten und deren Bewohnern; er betont die wahre 
Würde des Menschen, die Überlegenheit des letzteren über 
Götter und Teufel — mögen diese sein wo sie wollen, wie 
sie wollen und wann sie wollen. Daher hat der Buddhismus 
niemals, in welches Land er immer gekommen ist, gegen den 
bestehenden Gottes- und Götterglauben geeifert, sondern seine 
Aufgabe darin erblickt, die untergeordnete Bedeutung eines 
solchen Glaubens darzutun und dem Menschen zu bedeuten, 
dass er unabhängig von Göttern und Geistern ist. „Nicht 
Opfergaben für einen Gott können einen Menschen reinigen, 
der noch von der Täuschung umfangen ist." Das ist der 
Grund, weshalb in vielen Ländern neben dem, ja innerhalb 
des Buddhismus verschiedene Formen des Gottesglaubens sich 
erhalten haben bis auf den heutigen Tag. Möglich, dass man 
einst auch in Europa von einem buddhaisierten Christentum 
wird sprechen können, dass neben einem geläuterten Gottes- 
glauben die Erlösungs-Idee des Buddhismus die Gemüter des 
Westens erfüllen wird. 

Damit wäre auch zugleich die Frage nach dem gegensei- 
tigen Verhältnis von Buddhismus und Occultisnius ent- 
schieden. Der letztere ist ebenso wie der Materialismus 
international und interkonfessionell, und occultistische Strömun- 
gen gibt es im Buddhismus ebensogut wie im Christentum. 
Aber alle diese Strömungen im Buddhismus sind sekundäre 
Schalen, Anhängsel, Übertünchungen. Stets wird der Occultis- 
mus, wo und wann immer er innerhalb des Buddhismus auf- 
tritt, buddhaisiert erscheinen, d. h. er wird nichts anderes 
vorstellen können, als einen Teil des ganzen, grossen bud- 



No. 4. DER BUDDHIST. 125 

dhistischen Weltbildes. Wo hingegen der Occultismus beginnt, 
für das Gemüt die einzige oder doch die hauptsächlichste 
Richtschnur zu werden, — da scheiden sich die Geister, da 
ist kein Boden und kein Verständnis mehr für die reine, hohe 
Lehre der Weisen aus dem Qäkya-Stamm. — 

Eine Richtung innerhalb des Buddhismus hat allerdings, 
wie es scheint, dem Monotheismus Konzessionen eingeräumt; 
es sind dies die in voriger Nummer erwähnten Schulen des 
japanischen Jodoismus, welche nach ihrer populären Auffassung 
zu urteilen, im Gegensatz zu allen anderen Schulen als hete- 
ronom bezeichnet werden müssen. Die Anhänger dieses 
Zweiges richten an den persönlich vorgestellten Buddha-Ami- 
täbha Gebete und glauben durch das unbegrenzte Erbarmen 
dieses Buddha der Erlösung teilhaftig zu werden. Aber auch 
hier hat sich, soweit ich diq Verhältnisse übersehen kann, die 
Amitäbha-Idee dem buddhistischen Grundgedanken durchaus 
untergeordnet. Amitäbha ist nicht der Herr der Welt, der seit 
Ewigkeit regiert und seine Geschöpfe belohnt oder züchtigt, 
sondern ein Wesen, dass während langer Zeiträume den Weg 
zur Buddhaschaft gewandert ist und nun, am Ziele angelangt, 
dem Bittenden in seinem Streben nach Erlösung hilfreich Bei- 
stand leistet. Dass aber diesem Amitäbha-Buddhismus wahr- 
sclieinlich eine ganz andere, als eine heteronom-monotheistische 
Idee, zu Grunde liegt, wurde bereits in der vorigen Nummer 
erwähnt. 

Soviel über das Verhältnis des Buddhismus zum persön- 
lichen Gottesbegriff; es zeigt sich also, dass der erstere wohl 
persönliche Götter kennt, und dass innerhalb seiner der per- 
sönliche Gottesglaubc wohl möglich ist, dass ihm dagegen 
das spezifische Charakteristikum des Theismus völlig fehlt: 
Das Abhängigkeits-Gefühl des Menschen von irgend einem 
persönlichen Gottc; in dieser Beziehung ist der Buddhismus 
atheistisch, d.h. nicht theistisch. Es bleibt nunmehr noch 
die Frage offen, ob der Buddha-Dharma abgesehen von dem 
persönlichen »vermenschlichten« Gottesbegriff nicht noch ein 
Etwas kennt, das Spencer als den völlig »entmenschlichten« 
Gott bezeichnen würde. Der philosophische Brahmanismus 
hatte durch seine Postulierung des unpersönlichen, neutralen 



126 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Brahm als der transzendentalen Realität in der »Entmensch- 
lichung Gottes« einen grossen Schritt vorwärts getan. Aber dieser 
Brahmanismus war in seinem Wesen rein spekulativ: „Wer 
Brahm erkennt, ist Brahm". Der Buddha ging von ganz anderen 
Gesichtspunkten aus. Für ihn handelte es sich in erster Linie 
darum, den Blick seiner Zeitgenossen von der unfruchtbaren, 
rein theoretischen Spekulation einerseits, und von dem starren, 
geisttötenden Rituaiismus anderweit abzulenken und ihm ein* 
andere Richtung zu geben. Von der Vergänglichkeit ausgehend, 
stellte der Buddha den Satz auf: „Alles Dasein ist Leiden" 
und suchte nun den Menschen den Weg zu zeigen, auf dem 
ein Entrinnen aus dem Leiden möglich sei; dieser Weg aber 
war Selbstläuterung, ernste Arbeit des Menschen an sich 
selbst, und die Pflege wohlwollender Gesinnung den Mitge- 
schöpfen gegenüber. 

Der Meister zeichnet ein sehr einfaches und dabei doch 
durchaus vollkommenes Weltbild; seine gesamte Lehre durch- 
tönt der kosmische Dreiklang Anicca-Anattä-Dukkha (Ver- 
gänglichkeit, Nicht-Selbst, Leid). Alle Dinge sind beständig 
im Wechsel begriffen, unterliegen fortwährend Veränderungen; 
sie entstehen und müssen vergehen. Der Mensch macht hier- 
von keine Ausnahme; sowohl seine objektive Erscheinungsform 
(ROpa), als seine subjektiven Aspekte (Näma Vedanä-fSanfiä 
+ Samkhärä-| Vifinäna) fliessen, wechseln, verändern sich. Es 
existiert im Menschen nichts Unveränderliches, Wcchselloses, 
kein Selbst im Sinne einer für sich bestehenden dauernden 
Ego-Wesenheit. So ist der Mensch im Sinne des Buddhismus 
Anattä (Sanskr. Anätman), d. h. Nicht-Selbst, Nicht-Ego. Wohl 
existiert das Selbst, aber das Selbst ist nur die Summe der 
Empfindungen, Vorstellungen, • Strebungen und Bewusstscins- 
Aspekte; das Selbst steht nicht ausserhalb oder hinter diesen 
Gruppen als ein metaphysisches Ich -Wesen, sondern die 
wechselnden Gruppen in ihrer Gesamtheit sind das Selbst. 

Vergänglichkeit und Nicht-Selbst sind das allem Dasein 
inhärierende Leiden. Die Ursache des Leidens ist der Drang 
nach Individualität, nach Dasein, die Begierde, dieses fälschlich 
als etwas Wechselloses vorgestellte Ich in jeder Weise zu be- 
friedigen. Die Aufhebung des Leidens wird bewirkt durch die 



No. 4. DER BUDDHIST. 127 

Beseitigung dieses Lebensdranges, und die Mittel, welche die- 
sem Zwecke dienen, sind die acht Richtwege des Pfades. 

Die Welt ist ein ewiges Werden; jeder einzelne Werde- 
prozess innerhalb ihrer ist ein Ausdruck der Kausalität; die 
Welt ist Kausalität. Die letztere herrscht nicht nur im 
Physio-psychischen (Nidänc), sondern auch im Moralischen 
(Kamnia). So ist ein jedes Phänomen Ursache und Wirkung 
zugleich, ein Glied in der unendlichen Kette kausaler Ver- 
knüpfung. Der Leser wolle diese kurze Charakterisierung scharf 
im Auge behalten. 

Das Endziel des Buddhismus ist Nibbana. WasistNibbäna 
per se? Der Meister nennt einmal im Udäna das Nibbäna 
ursachlos, d. h. Nichtkausalität. Wir erhalten also die 
Gleichung: 

Nibbäna^ Nichtkausalität 
und deren Umkehrung 

Nichtnibbäna =^ Kausalität. 

Nun haben wir aber auf Grund unserer obigen Betrachtung 
der Welt folgende zwei Gleichungen gewonnen: 

1 ) Anicca + Anattä -|- Dukkha = Welt 

2) Kausalität -- Welt. 

Folglich: Anicca -f Anattä -j Dukkha = Kausalität 

Folglich: Anicca + Anattä -| Dukkha Nichtnibbäna 

Folglich umgekehrt: Nicca -j Atta -|- Adukkha ') =^ Nibbäna. 

Mit anderen Worten: Die Welt in ihrer Gesamtheit ist 
Kausalität, ist Vergänglichkeit, ist Nicht-Selbst, ist 
Leiden. Dieser Welt gegenüber steht Nibbäna, die Nicht- 
Kausalität, das Wechsellose, das Selbst, das Leidlose, 
— die Substanz. 

Dieses Nibbäna ist der »entmenschlichte« Gott 
des Buddhismus. Hier hört jede menschliche Vorstellung 
auf. Was wir hier durch logisch-mathematische Schlussfolgc- 
rungen gewonnen haben, hat der Buddha selbst niemals aus- 
gesprochen; er hat niemals das Nibbäna als das »Selbst« be- 
zeichnet. Warum nicht? Erstens deshalb nicht, weil seine 



') Nicca — Wechsellos; Atta- Selbst; Adukkha — Leidlosigkeit. 



128 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Zeitgenossen unter dem »Selbst« ein getrenntes Seeienwesen 
innerhalb der phänomenalen Welt verstanden, und zweitens 
deshalb nicht, weil, wenn der Nibbäna-Begriff positiv ausge- 
drückt wird, sehr leicht der Masstab irgendwelcher mensch- 
licher Vorstellung an denselben angelegt und Gott »vermensch- 
licht« werden kann. Dieser letzteren Gefahr hat der Meister in 
seiner Weisheit vorbeugen wollen, und wir können deshalb 
nur mit um so grösserer Bewunderung und Ehrfurcht zu ihm 
emporblicken. — 

„Die Geschichte der Religion ist die Geschichte der Ent- 
menschlichung Gottes". Wenn wir uns auf diesen Standpunkt 
stellen, so bedeutet der Buddhismus des Buddha tatsächlich 
das Ende aller Religionsgeschichte. Mehr als er kann keine 
Religion Gott »entmenschlichen«, kann keine Philosophie den 
Gottesbegriff von menschlichen Vorstellungen läutern. Der 
Buddhismus nennt Gott nicht, sondern stellt den Menschen auf 
sich selbst; aber er führt denselben, ohne ihm irgend eine Vor- 
stellung von Gott zu machen, zielbewusst zum Friedensthron 
der höchsten Gottheit. ^-v«».^ 

Langmut und freundliche Rede, der Verkehr mit geistig 
Strebenden, Unterredung über die Lehre zur rechten Zeit — 

das ist ein sehr grosser Segen. Maliämangala-Sutta. 

• * 

* 

,Da Begierde und Mismut, böse und schlechte Gelüste gar 
bald den überwältigen, dessen Gesicht und Gedanken unbewacht 
sind, so wollen wir uns dieser Bewachung bcfleissigen, wollen 
das Gesicht und die Gedanken hüten und eifrig bewachen:' 
also habt ihr euch, meine Jünger, wohl zu üben. 

Majjhima-Nikäya. 
* 
„Kämpfer, Kämpfer, o Herr, so nennen wir uns; inwiefern 

denn sind wir Kämpfer?" 

,Wir kämpfen, o Jünger, deshalb heissen wir Kämpfer.' 

„Um was kämpfen wir, Herr?" 

,Um hohe Tugend, um hohes Streben, um hohe Weisheit. 
Deshalb, o Jünger, heissen wir Kämpfer. Anguttara-Nikäya. 



Vermtwortlicher Red«kteur: Karl B. StidenstOrkir, Lcipzip. Verlajj: Biiddhistischrr Verlag 
in Leipzig. — Druck von Arno Bacbmann in Baalsdorf-Leipzig. 



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Sir Edwin Arnold. 

(Der Dichter der »Leuchte Asiens«.) 



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Alle Sünden meiden, die Tugend üben, das eigene Herz läutern: 
das ist die Religion der Buddhas. Dhammapada, V. 183. 



Buddhistische Ideen €€€$ 
$:^:$^ bei Richard Wagner. 

Von Georg Jahn, 

Richard Wagner, der grosse Dichter-Komponist, wird gern 
als echtdeutscher und spezifisch christlich empfindender Künstler 
angesehen, obwohl das für einen Teil seiner Werke durchaus 
nicht zutrifft. Es gilt dies hauptsächlich von seinen letzten grossen 
Tondichtungen, die ihrem Gedankengehalt nach wohl das Beste 
und Reifste sind, was er geschaffen, die er selbst als Ergebnis 
und Bekenntnis seines Lebens und Wirkens hinstellt. Freilich 
ist Richard Wagner seiner ästhetischen Anschauung, seiner 
ganzen Kunst nach ein deutscher Dichter, bildet er doch das 
Schlussglied in der Entwickelungsreihe derjenigen deutschen 
Ästhetiker, die mit Leibniz beginnt und ihren Weg über Wolff, 
Baumgarten, Lessing, Suizer, Schiller und Hegel zu ihm nimmt. 
Diese Angehörigkeit zur spezifisch deutschen Ästhetik hindert 
aber nicht, dass er gerade in seinen bedeutendsten Werken nicht 
vornehmlich christliche Ideen, von denen die deutsche Kultur 
ja beherrscht ist, sondern vielfach buddhistische Tendenzen 
verfolgt. Das ist wohl begründet im ganzen Verlauf seiner 
geistigen Entwickelung. Wagner ist in seinem Denken und 
Dichten hauptsächlich von zwei ganz verschiedenen Philosophien 
beeinflusst worden, voti der der Junghegelianer und der Arthur 
Schopenhauers. Während die erstere ausgesprochen optimi- 
stische Anschauungen vertritt, und einer Philosophie der Freude 

9 



130 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

das Wort redet, betrachtet die letztere die Welt im Spiegel des 
Pessimismus und hält ihr hohnlachend das Bild des Leidens 
vor, das sich darin zeigt. Es ist bekannt, dass die Philosophie 
Schopenhauers zahlreiche Berührungspunkte mit dem Buddhis- 
mus hat, und daher leicht erklärlich, dass wir in einzelnen 
Werken Wagners eine Fülle buddhistischer Ideen, wenn auch 
nicht in voller Reinheit, entwickelt finden. Der Zeit der Be- 
einflussung Wagners durch die Philosophie Schopenhauers ge- 
hören die letzten dreissig Jahre seines Lebens und Schaffens 
an, also die Periode seiner vollen künstlerischen Selbständigkeit 
mit denjenigen Werken, die auf die Weltanschauung der 
heute sehr zahlreichen Wagnerianer bestimmenden Einfluss 
haben. Während nun in die Zeit vor der Bekanntschaft mit 
Schopenhauer, die Periode der blossen Nachahmung und der 
Junghegelei, die sogenannten romantischen Opern Wagners 
gehören, kommen für unsern Zweck nur der „Ring des Nibe- 
lungen", „Tristan und Isolde" und „Parsifal" in Betracht. 

Auch in Wagners ganzer Persönlichkeit zeigt sich der 
Einfluss, den die Lehren des Buddhismus auf ihn gemacht 
haben. Ein Dichter und Denker, der anfangs durch eine 
grosse allgemeine Sozialrevolution eine Wendung zum Besseren 
erhofft hatte, der fortgesetzt bestrebt war, die Welt nach seinen 
Theorieen umzugestalten, konnte nicht bei dem absoluten Pessi- 
mismus Schopenhauers stehen bleiben und sich einsam in sein 
Denken einspinnen. Er vermochte seiner ganzen Natur nach 
nichts anderes zu tun, als nach Besserung zu streben, und so 
setzte er denn an Stelle jenes finsteren, weitabgewandten Pessi- 
mismus die Erlösung der Welt durch Resignation und Mitleiden 
angesichts der Erkenntnis der leidensvollen Lebensrätsel. Das 
Wesen der Welt ist nichts als Täuschung, Trug und Leiden, 
das erkennt er klar und fordert darum Entsagung und Askese. 
Mitleid mit allem, was da lebt in seiner Qual, wird ihm zur 
einzigwahren Grundlage aller Sittlichkeit, und das höchste ethi- 
sche Prinzip ist Verneinung des Willens zum Leben. Jene frei- 
willige Askese, jene Umkehr des Lebenswillens, welche die Weisen, 
die Heiligen üben, die das Wesen der Welt erkannt und in der 
Vernichtung des Individualwillens sich zur heiteren Ruhe dieses 
Quietivs emporgeschwungen haben, ist die höchste persönliche 



No. 5. DER BUDDHIST. 131 

Tat, deren der Mensch fähig ist. Doch nicht nur der einzelne, 
der stari< genug ist, der Weit zu entsagen, soll der Erlösung 
teilhaftig werden, die ganze leidende Menschseit soll erlöst 
werden. Dazu bedarf es jedoch einer Regeneration des 
Lebens, einer neuen geistigen und sittlichen Kultur, die er- 
zielt werden soll durch Selbsterkenntnis und sittliche Selbst- 
verneinung der Welt. In einzelnen Bestrebungen der neuesten 
Zeit sieht Wagner die Anfänge zu einer solchen umwälzenden 
Bewegung und begriisst sie infolgedessen freudig. So bricht 
er manche Lanze für den Vegetarismus, fordert gleich den 
Buddhisten Liebe und Zärtlichkeit für die Tiere, bekämpft die 
Vivisektion, fördert mit Wort und Schrift alle Friedensbestre- 
bungen und preist den Altruismus, wie er namentlich im 
Sozialismus der Gegenwart gepredigt wird. Wagner, ein Pessi- 
mist der Gegenwart, hält also für die Zukunft an einem gemäs- 
sigten und veredelten Optimismus fest und glaubt gegenüber 
Schopenhauer und anderen Philosophen an die Möglichkeit 
einer Erlösung vom Leiden und an eine Besserung der gegen- 
wärtigen Zustände. 

Was Wagner in der Theorie in sich aufgenommen hat 
und praktisch betätigt, das legt er auch in seinen Werken 
nieder. Schon im „Ring des Nibelungen", der als Dichtung 
noch vor der Bekanntschaft mit der Philosophie Schopenhauers 
entstanden ist, herrscht entschieden eine Tendenz, die an bud- 
dhistische Ideen erinnert. Erlösung der Welt zu einem besseren 
Leben, Auflösung des Bestehenden in ein neues Weltalter ist 
der Kernpunkt, das Problem dieser seiner grössten Dichtung. 
Eingehüllt in das Gewand urgermanischer Sage und Mythologie, 
predigt uns hier der Dichter von der Macht des Goldes, des 
Unschuld würgenden Dämons der Menschheit. Auf des Rheines 
Grund ruht das glitzernde Rheingold, nach dessen Besitz schon 2 
lange All)erich, der Nibelung, trachtet. Dem schlauen Zwerge 
gelingt es auch, den Rheintöchtern das Gold zu entwinden 
und einen Ring daraus zu schmieden, der Macht ohne Massen 
und Herrschaft über die Welt verleiht. Alberich freut sich je- 
doch nicht lange des Besitzes, denn schon strebt Wotan, der 
Oberste der Götter, nach dem köstlichen Kleinod und entreisst 
es ihm bald. Doch des Zwerges Fluch hängt an dem Ringe. 

9» 



132 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Gab sein Gold bisher massiose Macht, so soll es jetzt dem 
Besitzer Tod und Verderben bringen. Kein Froher, kein Glück- 
licher soll sich des Ringes freuen; wer ihn besitzt, den quält 
nun die Sorge, und wer ihn nicht hat, den nagt der Neid. 
Jeder aber ringt nach Gold und Macht, und so bringt es jedem 
nicht Nutzen, sondern Furcht und Leiden, Verderben und Tod. 
Ring und Hort wird Wotan wieder vom rohen Geschlechte der 
Riesen entrissen. An ihnen bewahrheitet sich der Fluch, der. 
am Golde haftet: Sie gehen, wie auch die lustheischenden, 
machtgierigen Götter, schnell ihrem Untergange entgegen. Aus 
des Riesen Fafner Hand, der in Wurmesgestalt den Nibelungen- 
Hort mitsamt dem Macht verleihenden Ringe hütet, gewinnt 
Siegfried sich das Kleinod und mit ihm zugleich Verderben 
und Untergang. Neidisch ist Mime, neidisch ist Alberich auf 
ihn um des Besitzes willen; sie sinnen beide dem Recken 
den Tod. Mime fällt jedoch von Siegfrieds Hand, ein weiteres 
Opfer der Macht und Goldgier. Doch Alberich lebt und sucht 
ihn zu verderben. Mit Hagens Hilfe gelingt es ihm, Siegfried aus 
dem Wege zu räumen, kommt jedoch auch dadurch nicht in 
den Besitz des Ringes. Brünnhilde, die menschgewordene 
Walküre, Siegfrieds Weib, die dem toten Helden den Ring 
vom Finger gezogen, besteigt mit der Leiche des Gatten, der 
sie unwissend betrog, zum selbstgewählt^n Flammentode den 
Scheiterhaufen. Aus seiner Asche holen die Rheintöchter den 
Ring zurück, den ihnen Alberich einst geraubt. Nicht frommt 
es nun Hagen, dass er sich zu seinem Verderben in die Flut 
stürzt, ihnen das Kleinod zu entreissen. So ist das Macht 
verleihende, Verderben bringende Gold wieder in der Tiefe des 
Rheines, wo es „traulich und treu" nur ist, nachdem sein Be- 
sitz den Riesen, den Göttern, den Zwergen und Menschen, 
Siegfried, Günther, Hagen und Brünnhilde den Untergang ge- 
bracht hat. 

Das ist die grosse Wahrheit, die in der Wagnerschen Te- 
tralogie steckt: Am Golde hängt die Macht! Nur der vermag 
etwas auf der Welt, wer reiche Schätze besitzt. Darum strebt 
und ringt alles nach Gold und wirkt sich so selbst sein Leiden; 
denn der Besitz bringt mit der Macht zugleich Verderben, das 
Gold Leid, Not und Tod in die Welt. Der Fluch, der auf dem 



No. 5. DER BUDDHIST. 133 

Begehren nach Schätzen lastet, ist Wagner hier identisch mit 
der Betätigung des Willens zum Leben, zur Macht. Von diesem 
Fluche aber vermag nur die reine, allumfassende, nicht Lust 
heischende, verzichtende Liebe, die des Goldes und der Herr- 
schaft nicht begehrt, zu erlösen, sie nur vermag Seligkeit, 
Ruhe und Frieden in die Welt zu bringen. Eine solche Liebe 
aber wird von Brünnhilde am Schlüsse der Dichtung proklamiert, 
wenn sie singt: 

Nicht Gut, nicht Gold, 

noch göttliche Pracht; 

nicht Haus, nicht Hof, 

noch herrischer Prunk ; 

nicht trüber Verträge 

trügender Bund, 

nicht heuchelnder Sitte 

hartes Gesetz: 

selig in Lust und Leid 

lässt — die Liebe nur sein. 

Trägt so die ganze Grundidee des „Ringes" einen unbe- 
streitbar buddhistischen Charakter, so zeigen sich auch noch 
andere Züge, die an die Weltanschauung des Buddhismus 
stark erinnern. Da ist zunächst die deterministische Gebunden- 
heit der Götter, die ihrem Ende entgegeneilen, obgleich sie so 
stark im Bestehen sich wähnen. Wotan, der Götter Oberster, 
ist der Unfreiste aller. Was er ist, ist er nur durch Verträge, die 
aus Schuld hervorgegangen sind. So gebunden, vermag er 
nicht die erlösende Tat zu vollbringen und den Ring wieder 
zu gewinnen, ihn also unschädlich zu machen und die Welt- 
herrscheft aufs neue an sich zu reissen. Das dürfte nur: 

ein Held, dem helfend 
nie Wotan sich neigte; 
der fremd dem Gott, 
frei seiner Gunst, 
unbewusst, 
ohne Oeheiss, 
aus eigener Not 
. mit der eigenen Wehr 
schüfe die Tat, 

ein Held, der, ledig göttlichen Schutzes, sich vom Göttergesetz 
loszulösen vermöchte. 



134 



DER BUDDHIST. 



I. Jahrg. 



Ober seine Unfreiheit aber klagt Wotan: 

was ich gebaut I 

Auf geh' ich mein Werk; 

Eines nur will ich noch: 



O heilige Schmach! 

O schmählicher Harm! 

Götternot ! 

Götternot ! 

Endloser Grimm! Ewiger Gram! 

Der Traurigste bin ich von allen 



das Ende! 
das Ende! 



So nimm meinen Segen 
Niblungen-Sohn! 
Was tief mich ekelt, 
dir geb' ich's zum Erbe, 
der Gottheit nichtigen Glanz: 
Zernage sie gierig dein Neid! 



Fahre denn hin, 
herrische Pracht, 
göttlichen Prunkes 
prahlende Schmach! 
Zusammenbreche, 

Auch das Versinken in Liebesgenuss, der Quell so zahl- 
reicher Menschenleiden, das Wagner gern zur gegensätzlichen 
Darstellung braucht und das in der Vernichtung des individu- 
ellen Seins einen Vorgeschmack des Erloschenseins gewährt, 
treffen wir schon im „Ring des Nibelungen". In der herrlichen 
Erweckungsszene des zweiten Tagewerkes, in der Siegfried 
Brünnhilde, die zum Weibe gewordene Walküre, welche um 
irdischer Liebeslust willen auf himmlisches Wissen verzichtet, 
gewinnt, hören wir Worte, die im Liebesrausch die vorahnende 
Vernichtungsseligkeit erkennen lassen: 



O kindischer Held! 

O herrlicher Knabe! 

Du hehrster Taten 

töriger Hort! 

Lachend muss ich dicli lieben; 

lachend will ich erblinden; 

lachend lass uns verderben — 

lachend zu Grunde geh'n! 

Fahr' hin, Wallhall's 

leuchtende Welt! 

Zerfall in Staub 

deine stolze Burg! 

Leb' wohl, prangende 

Götterpracht ! 



Du ewig Geschlecht! 
Zerreisst, ihr Nornen, 
das Runenseil! 
Götterdämm'rung 
dunkle herauf! 
Nacht der Vernichtung 
neble herein! — 
Mir strahlt zur Stunde 
Siegfrieds Stern; 
er ist mir ewig, 
er ist mir immer 
Erb' und Eigen, 
ein und all': 
leuchtende Liebe, 
lachender Tod! 



Ende in Wonne, 

Einen ganz ausgeprägt buddhistischen Charakter schliess- 
lich tragen die Worte, welche die endende Brünnhilde am 
Schlüsse der grossen Dichtung angesichts der Leiche Siegfrieds, 
mit dem ihr Liebes- und Lebensglück zu Grunde gegangen, sagt. 



No. 5. DER BUDDHIST. 135 

Jene Verse, die nicht mit in Musik gesetzt sind und deshalb 
in den Textbüchern fehlen, bilden mit ihrer charakteristischen 
Terminologie einen Beweis dafür, dass wir mit unserer Deutung 
nicht fehlgegangen sind: Brünnhilde hat das Wissen vom 
Nirväna gewonnen, wenn sie auf die Frage: Wisst ihr, wohin 
ich fahre? antwortet: 

Aus Wunschheim zieh' ich fort, 
Wahnheim flieh' ich auf immer; 
des ew'gen Werdens 
offne Tore 
schliess' ich hinter mir zu: 
nach dem wünsch- und wahnlos 
heiligsten Wahlland, 
der Welt-Wanderung Ziel, 
von Wiedergeburt erlöst, 
zieht nun die Wissende hin. 
Alles Ewigen 
sel'ges Ende 
wisst ihr, wie ich's gewann? 
Trauernder Liebe 
tiefstes Leiden 
schloss die Augen mir auf: 
enden sah ich die Welt. 

(Schluss folgt). 

Mahäyäna. 

Von Karl B. Seidenstücker. 

Die folgenden Ausführungen sind ein Nachtrag zu dem in voriger 
Nummer gebrachten Artikel »Gott und Götter« und sollen einen ganz 
kurzen Überblick über die Entwickelung geben, welche der Nirväna-Be- 
griff) in dem Mahäyäna, d. h. in der nördlichen Richtung des Bud- 
hismus, genommen hat. Der Hauptunterschied zwischen den beiden 
grossen Schulen »Hlnayäna« und »Mahäyäna« besteht in der ver- 
schiedenen Betrachtung Nibbänas (Nirvänas). Dieser Unterschied ist aber, 
wie wir sehen werden rein philosophisch-theoretischer Natur und berechtigt 
keineswegs die Anschauung, dass das Mahäyäna ausserhalb des 
Buddhismus stehe; es handelt sich um nichts weiter, als um eine in brah- 



•) Das Mahäyäna bedient sich im Gegensatz zu der südlichen Schule 
in seiner Terminologie der Sanskrit-Sprache; aus diesem Grunde sage 
ich hier Nirväna statt Nibbäna usw. 



136 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

manische Bahnen einlenkende spei<ulative Fortbildung (oder Rückbildung?) 
der Lehre des Buddha. 

Die Entwicklung des Nirväna-Begriffes im Mahäyäna lässt sich an 
der Hand folgender Hauptgesichtspunkte verständlich machen: 

I. Buddha und Nirväna werden identifiziert. 

a) Als der Körper des Buddha im Tode sich in seine Bestandteile 
auflöste, entschwand der Buddha aus der Welt der Erscheinungen ; nichts 
war vorhanden, was eine neue Objektivation hätte veranlassen können; 
der Buddha hat die restlose Erlösung erreicht; er ist ins Nirväna einge- 
gangen, ist eins mit Nirväna; Buddha ist Nirväna, und Nirväna ist 
Buddha. 

b) Buddha Qäkyamuni ist nur einer von vielen Erleuchteten, die im 
Laufe der Zeiten in der Welt als Lehrer auftreten. Sie alle sind die 
sichtbare Verkörperung Nirvänas und gehen bei ihrem Abscheiden aus 
der Erscheinungswelt in den unsichtbaren Nirväna-Zustand zurück; alle 
Buddhas sind eins mit Nirväna. 

c) Buddha im Sinne von Nirväna wird im Mahäyäna als »Adi-Buddha« 
(ursprünglicher Buddha) bezeichnet; die auf Erden erscheinenden Erleuch- 
teten sind gleichsam nur sichtbare Erscheinungsformen von Adi-Buddha 
(vergl. weiter unten Trikäya). 

n. Tathätä. 

a) Adi-Buddha, resp. Nirväna wird als Tathätä bezeichnet, d. h. 
als Wirklichkeit, Realität. Adi-Buddha (Nirväna) ist. 

b) Die Welt der Vielheit in ihrem Verhältnis zu Buddha kann be- 
trachtet werden : 

1. als eine illusorische subjektive Spaltung Adi-Buddhas; 

2. als ein blosses subjektiv-illusorisches Träumen im Gegensatze zu 
Buddha (dem Zustande des Erwacht-seins) ; 

3. als (um in einem vielfach gebrauchten Bilde zu sprechen) die 
Wellen im Verhältnis zum Wasser. Die Wellen existieren wohl ; aber sie 
könnten nicht sein ohne das Wasser. Analog existiert wohl die Welt 
der Vielheit, aber sie wäre nicht, wenn Buddha nicht wäre; Buddha 
ist das Wesen aller Dinge, wie das Wasser das Wesen der Wellen ist. 

4. Buddha ist Geist; alle Dinge sind nur Erscheinungen innerhalb 
des Geistes; die infolge der »grossen Täuschung« als real vorgestellt 
werden. 

5. Wo immer durch den Drang nach individuellem Dasein der Geist 
(Buddha) getrübt wird, da entsteht Täuschung, Sondersein, Vielheit. So 
spielt sich der Samsära (der Kreislauf des Daseins) innerhalb Buddhas 
ab; wie das Spiel der Wellen im Wasser beginnt, eine Zeit dauert und 
schliesslich wieder im Wasser verschwindet, bis der Spiegel klar, lauter, un- 
bewegt in tiefer Ruhe liegt, so sind alle Dinge ihrem Wesen nach Buddha, 
existieren in Buddha und kehren, wenn die Erleuchtung erreicht ist, zu 
Buddha, zur Ruhe, zum Frieden zurück. 



No. 5. DER BUDDHIST. 137 

6. Das Ziel der Menschen wie alles Daseins überhaupt, ist, Buddha 
zu werden. Dieses Ziel wird erreicht durch die Mittel : Tugendpflege 
(^ila), Meditation (Dhyäna) und Weisheit (Prajriä). Durch dieses 
»dreifache Fahrzeug« kreuzt der Mensch den Strom des Daseins, zerstört 
die Illusion und kommt zu der Erkenntnis, dass Buddha nicht ausserhalb 
der Dinge ist und die Dinge nicht ausserhalb Buddhas sind. Das Wesen 
Buddhas in all seiner Erhabenheit und Glorie liegt in allen Wesen ver- 
borgen ; nur die Täuschung verhindert, dass dies erkannt wird ; wird die 
Täuschung in der Erleuchtung beseitigt, dann wird der Mensch »Buddha«, 
eine Verkörperung der Wahrheit, Weisheit, Tugend und des Friedens; 
nach dem Ableben .seines Körpers ruht er in Nirväna und ist dort ange- 
langt, wo Sünde, Täuschung und Leid nicht mehr sind, wo nur Buddha 
ist, höchste Seligkeit und tiefster Friede. — 

III. Trikäya. 

Adi-Buddha zeigt sich als Trikäya, d. h. in dreifachem Aspekt, 
als Sambhoga-Käya, Dharma-Käya und Nirmäna-Käya. 

a) Buddha als Nirväna, als Zustand ewigen Friedens und tiefster 
Ruhe ist der als Sambhoga-Käya bezeichnete Aspekt Adi-Buddhas. 
Sambhoga-Käya bedeutet Aspekt der Seligkeit und bezeichnet Nirväna 
im Gegensatz zu dem leidvollen Kreislauf des Daseins. 

b) Dharma-Käya ist die Welt als Entwicklungs-Prozess innerhalb 
Buddhas. Diese Entwicklung vollzieht sich nach ewigen Gesetzen ; diese 
ewige Weltordnung (Dharma) führt schliesslich alles wieder zu Buddha, 
zur ewigen Wahrheit, zurück. 

c) Nirmäna-Käya ist Buddha in sichtbarer Gestalt, d. h. ein Wesen, 
das durch Überwindung aller Täuschung, Sünde und Begierde der Er- 
leuchtung teilhaftig geworden ist und bei seinem Ableben aus dem Kreis- 
lauf des Daseins ausschaltet. So ist nach mahäyänistischer Auffassung 
Gautama Qäkyamuni als historische Persönlichkeit ein Nirmäna- 
Käya, d. h. eine sichtbare Verkörperung der Wahrheit. — 

Mag man nun von diesen Lehren des mahäyänistischen Buddhismus 
halten, was man will, so ist meines Erachtens doch eins klar: diese 
Lehren stehen nicht im Widerspruch mit der Doktrin des Buddha. 
Es bleibt im Mahäyäna das Wesentliche dieser Lehren bestehen: Der 
vierfache Satz vom Leiden, das Prinzip der Kausalität, ferner die Idee vom 
Nicht-Selbst und von der Vergänglichkeit. Deshalb ist es ein Irrtum, 
wenn gesagt wird, im Mahäyäna existiere der wesentliche Bestand des 
Buddhismus nicht mehr. Diese Sache liegt vielmehr so : Der wesentliche 
Bestand ist in beiden grossen Schulen des Buddhismus durchaus vorhanden ;^ 
während nun der Buddha die Frage nach dem Verhältnis Nibbänas zur 
Welt unerörtert lässt, ebenso wie die Frage nach der Realität der Dinge, 
tritt das Mahäyäna an die Aufgabe heran, diese Frage zu beantworten, 
und diese Antwort geht über die Lehre des Meisters hinaus, ohne aber 
mit dieser direkt in Widerspruch zu stehen, noch auch irgendwie den 



138 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Kern des ursprünglichen Buddhismus anzutasten. Eins scheint mir aber 
sicher zu sein: Vielen Gemütern wird gerade diese der menschlichen Nei- 
gung zum Spekulieren entgegenkommende Mah.lyäna-Lehre einen un- 
aussprechlichen Frieden bringen und jene iimig-begeislcrfe Hingabe an 
den Buddhismus, welche heute die Buddhisten in Japan dazu bewegt, die 
Sendboten dieses Evangeliums in alle Teile der Erde zu senden. 

^^ Nibbäna. U^m 

Von Bhlkkhu Änanda Maitriya. 

(2. Fortsetzung.) 

Um dem Leser einen Begriff von dem Wesen dieses 
Arahatta-Zustandes zu geben, kann ich meines Erachtens nichts 
Besseres tim, als einige Stellen aus unseren heiligen Schriften 
hier wiederzugeben, in denen jener Zustand beschrieben ist; 
denn in diesen Partieen haben wir die Äusserungen der grossen 
Arahäs alter Zeiten vor uns, welche selbst in jenem glorreichen 
Leben standen, nach dessen Erreichung wir streben. Hier zum 
Beispiel eine der vielen Beschreibungen aus dem Munde un- 
seres Herrn selbst: — „Der Jünger, welcher Lust und Gier 
aus sich entfernt hat, der gross ist in Weisheit : — er hat hier 
auf Erden die Befreiung vom Tode erreicht, den Frieden, das 
Nihbäna, den ewigen Zustand." ') 

Da ist weiter eine wundervolle Beschreibung, die einst 
Mahä-Kassapa gleich nach der Erlangung der Arahäschaft 
gegeben hat. Dieser Mahä-Kassapa war ein Brahmane, gefeiert 
wegen seiner grossen Einsicht in die Mysterien des Feueropfers 
und weit und breit wegen seiner harten Bussiibungen berühmt. 
Er hatte viele Anhänger, und der genaue Bericht seiner Be- 
kehrung zum Buddhismus findet sich im Mahävagga. ') Nach- 
dem er ein Jünger des Meisters geworden war und die Ara- 
häschaft erlangt hatte, konnten die Leute, als sie ihn und seine 
grosse Gefolgschaft im jüngerkreise des Buddha gewahrten, 
kaum glauben, dass ein so grosser, berühmter Büsser und 
Priester ein Bekenner der Lehren unseres Meisters geworden sei; 

') Suttasangahä ; vgl. Dr. Hoey's Übersetzung in Oldenbergs »Buddha» 
-■) Vergl. »Sacred Bocks of the East«, Vol. XIII, S. 118 ff. 



No- 5. DER BUDDHIST. I3& 

einige sagten, der Buddha sei ein Schüler Mahä-Kassapas ge- 
worden; andere begnügten sich damit, den Sachverhalt fest- 
zustellen. . Und so wendet sich nun der Buddha an Mahä- 
Kassapa und fragt ihn, aus welchen Gründen er sein Jünger 
geworden sei : 

„Was sähest du, mein Freund von Uruvelä, 
Dass du, so hochberühmt durch büssende Abtötung, 
Dein lodernd Opferfeuer nunmehr aufgabst? 
Ich frage dich, o Kassapa, warum du's tatest. 
Wie kommt es, dass dein Altar liegt verödet? 
Was ist es, in der Menschen- oder Götterwelt, 
Wonach dein Herz sich sehnet? Sprich, o Kassapa!" 
Und der neugewonnene Jünger erwidert: 

„Ich schaute jenen Friedeszustand, wo die Wurzeln 
Der Neugeburten sind beseitigt, wo Begierde 
Und Hass und Wahn besiegt daniederliegen, ^ 
Den Zustand, der von Lust nach künft'gem Leben frei, 
In wechselloser Ruhe nie sich ändert. 
Den sah mein Geist, — was kümmern mich noch Riten?" 
Aber vielleicht die beste und am meisten vollständige von 
jenen Wortzeichnungen Nibbänas ist die, welche sich im Mi- 
lindapaüha findet, wo Milinda, der graeco-indische König 
von Sägala, den Arahä Nägasena um eine genaue Beschrei- 
bung des Nibbäna bittet. „Mache nicht den Versuch, ehr- 
würdiger Nägasena", sagt der König, „diese Schwierigkeit auf- 
zuklären dadurch, dass du sie verdunkelst. Es handelt sich 
da um einen Punkt, dem diese Leute hier, in Bestürzung 
geraten und von Zweifeln umfangen, verwirrt gegenüberstehen. 
Zerstreue diese leidige Ungewissheit; sie schmerzt wie ein Pfeil," 
Und Nägasena antwortet: 

„Dieses Nibbäna-Prinzip, o König, mit seiner Fülle von Frieden, 
von Seligkeit und Glück — ist. Wer sein Leben recht richtet 
und die Dinge erfasst, der realisiert dieses Prinzip durch seine 
Weisheit und macht sich kraft seiner Einsicht, den Unterwei- 
sungen seines Lehrers gemäss, zum Meister. Und wenn du 
fragst, ,welches ist das Merkmal Nibbänas'?, — so sage ich: 
Freisein von Elend und Unsicherheit, Vertrauen^ Friede, Ruhe, 
Seligkeit, Glück, Zartheit, Reinheit, geistige Frische. ...... 



140 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

„Und wenn du weiter fragst: ,Wie verwirklicht ein Mensch, 
der sein Leben recht richtet, dieses Nibbäna?' — so möchte 
ich erwidern: Wer, o König, sein Leben recht richtet, erfasst 
die Wahrheit soweit, dass sich die iNatur aller Dinge enthüllt, 
und wenn er dies tut, so bemerkt er in ihnen Geboren-werden, 
er bemerkt Altern, er bemerkt Verfall, er bemerkt Siechtum, 
er bemerkt Sterben. Aber er bemerkt in ihnen, sowohl am 
Anfang, als in der Mitte, als am Ende, nichts, was wert wäre, 
dass man sich darauf verliesse, als könnte es dauernd Befrie- 
digung gewähren. Und es entsteht Unzufriedenheit in seinem 
Gemüte, wenn er so findet, dass nichts passend wäre, dass 
man darauf bauen könnte, oder was dauernd Befriedigung 
zu gewähren imstande wäre, und ein Fieber ergreift von seinem 
Körper Besitz, und ohne eine Zuflucht, ohne einen Schutz, ohne 
Hoffnung wird er der sich wiederholenden Lebensläufe über- 
drüssig. Und in dem Gemüte dessen, der so die Ungewiss- 
heit des vergänglichen Lebens erkennt, das sich in ungezählten 
Wiedergeburten fortsetzt, erhebt sich der Gedanke: ,Ein ewiges 
Feuer ist dieses unendliche Werden, flammend und brennend! 
Voll von Leiden ist es, voll von Verzweiflung! Wenn man 
nur einen Zustand erreichen könnte, in welchem es kein Wer- 
den gäbe, — dort würde Ruhe sein, das wäre süss, — das 
Aufhören aller dieser Bedingungen, das Sich-Iosmachen von 
allen diesen Gebrechen, von den Begierden, vom Übel, vom 
Kamma, das Ende des Begehrens, die Abwesenheit der Leiden- 
schaften, der Friede, das Nibbäna'. 

„Und damit dringt sein Gemüt vorwärts in jenen Zustand, 
wo es kein Werden gibt, und dann hat er Frieden gefunden, 
dann jauchzt er und triumphiert bei dem' Gedanken: .Endlich 
habe ich eine Zuflucht gefunden!' Und er strebt mit Macht 
und Kraft jenen Pfad vorwärts, forscht ihn aus, gewöhnt 
sich völlig an ihn zu dem Zwecke, seine Selbstzucht fest zu 
halten, um standhaft zu bleiben in der Liebe zu allen Wesen 
in allen Welten; —hierauf richtet er seinen Geist wieder und 
wieder, bis er über die Vergänglichkeit hinausgekommen ist und 
das Wirkliche erlangt, die Frucht der Arahäschaft. Und wenn, 
König, ein Mensch, der sein Leben recht richtet, dies erreicht 



No. 5. DER BUDDHIST. 141 

hat, dann hat er Nibbäna realisiert, hat Nibbäna von Angesicht 
zu Angesicht geschaut !" *) — 

Das sind einige wenige von den Steilen, welche das Ideal 
des Buddhismus beschreiben, den Zustand des Arahä, der 
schon in diesem Leben Nibbäna erlangt hat. Unsere Bücher 
sind angefüllt mit derartigen Beschreibungen, angefüllt mit 
Worten und mit Ehrfurcht gebietenden, Bewunderung erregen- 
den Äusserungen jener, welche schon in diesem Leben 
zu dem Ziele unserer Religion gelangt sind, zu dem glor- 
reichen Zustande höchsten Friedens, zu der unvergleichlichen 
Sicherheit Nibbänas; welche Hass, Begierde und Wahn ausge- 
rottet und alles eitle Verlangen nach einem zukünftigen Dasein 
aufgegeben haben, jene eitle Hoffnung auf individuelle Unsterblich- 
keit, welche für jede wahre Grösse in unserem Leben Gift ist. „Ich 
verlange nicht nach Sterben, ich verlange nicht nach Leben, ich 
warte, bis die Stunde kommt, bewusst und wachen Geistes." -) 
Welch ein höheres Ideal könnte aufgestellt werden als dieses, wie 
es in den Worten des grössten Jüngers unseres Meisters seinen 
Ausdruck findet?! Es ist die Apotheose der reinen Vernunft: 
— kein vergebliches Verlangen nach glückseligen Zuständen 
jenseits des Grabes, sondern die schon in diesem Leben 
zu vollendende Erreichung jenes Zieles der Glückseligkeit, nach 
welchem die Menscheit sich gesehnt hat, seitdem der erste 
artikulierte Laut über menschliche Lippen gekommen ist; die 
Glückseligkeit, die den erfüllt, der die Ursachen des Leides 
vernichtet hat, der frei von der fesselnden Leidenschaft, Ge- 
hässigkeit und Verblendung lebt, — dessen Leben von unaus- 
sprechlichem Frieden durchdrungen, dessen Herz von Liebe und 
Erbarmen mit allen lebenden Wesen durchweht ist. 

Und doch wird der Buddhismus mit seiner Hoffnung, die 
er in diesem seinem Endziel zum Ausdruck bringt, als Pessi- 
mismus verschrieen, als ein trauriger, hoffnungsloser Glaube, 
dessen Anhängern keine bessere Hoffnung übrig bleibt, als in 
das ewige Vergessen einer absoluten Vernichtung zu versinken. 
Wenn das so wäre, dann würde der Selbstmord die Erlösung 



') Vergl. Sacred Books of tlie Hast, Vol. XXXVI, S. 196 ff. 
•) Sacred Books of the East, Vol, XXXV, S. 70. 



U2 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

des Buddhisten sein! Aber nein! Un.scr Endziel ist Glücl<sclig- 
keit, mit der l<cin irdisclies Giücit vergiiciien werden i<ann, — 
die Befreiung von diesen niclitigen Schatten, von diesen wilden 
Begierden, welche das menschliche Leid schaffen. „Glück- 
lich wahrlich leben wir, unter Gehässigen frei von Mass; in 
dieser Hass-erfUllten Welt leben wir Hass-bcfreit! Glücklich 
wahrlich leben wir, die wir nichts unser eigen nennen; den 
strahlenden Göttern gleichen wir, und unsere Speise ist Glück- 
seligkeit!" Das ist der Zweck und das Ziel des Buddhismus, 
das ist die Krone dessen, der den erhabenen Pfad beschreitet: 
Die Arahäschaft, die Erlangung Nibbänas, die Errei- 
chung einer endgültigen, unbegrenzten Glückseligkeit 
schon hinieden und jetzt, hier in diesem Leben. — 

(Fortsetzung folgt). 

Die Grundideen des Buddhismus. 

' Von Dr. Paul Carus. 

(2. Fortsetzung.) 

Seit der Veröffentlichung dieser Bemerkung in der April-Num- 
mer des »Monist« i. J. 1894 hat Profes-sor Rhys Davids seine An- 
sicht über den Gegenstand offenbar geändert, und ich würde 
den ganzen Passus, in dem ich mich gegen Rhys Davids' Auf- 
fassung gewandt habe, streichen, wenn nicht sein früher ge- 
schriebenes populäres Buch (»Der Buddhismus«) im Publikum 
bliebe und fortgesetzt einen grossen Einfluss ausübte; denn 
dieser Forscher gilt mit Recht als eine grosse Kapazität auf 
dem Gebiete huddhologischer Forschungen. In seiner letzten 
Publikation berührt Professor Rhys Davids dasselbe Problem 
und kleidet seine jetzige Ansicht in folgende Worte: 

„Ein Mcnscli denkt, seine Existenz habe vor wenltjeii Jahren be- 
gonnen, — etwa vor zwanzig, vierzig oder sechzig Jahren. Darin liegt 
wohl etwas Wahres; aber in einem viel tieferen, umfassenderen, richtigeren 
Sinne hat er während ungczähKcr Zeitläufe der Vergangenheit in den Ur- 
sachen existiert, deren Resultat er ist, und jene selben Ursachen, deren 
zeitweilige Wirkung er darstellt, werden in anderen ebenfalls zeitweiligen 
Formen für ungezählte Perioden bestehen, die noch kommen werden. 

„Es gibt kein Ding, wie eine Individualität, welche permanent, 
dauernd, beständig wäre; ja, selbst wenn eine permanente Individualität 



No. 5. DER BUDDHIST. 143 

möglich wäre, so würde sie durcliaus nicht wünschenswert erscheinen; 
denn es ist nicht wünschenswert, getrennt zu sein. Der Versuch, sich 
selbst getrennt zu halten, mag für eine gewisse Zeit woiii glücken ; aber 
solange dieser Versuch glückt, schliesst er Begrenzung in sich, mithin 
Unwissenheit, mithin Leid. ,Nein, du darfst kein Getrenntsein erhoffen 
oder begehren', sagt der Buddhist, ,£ondern Einheit, die Gesinnung der 
Solidarität mit allem, was jetzt ist, was einst war, und was je sein wird, 
— jene Gesinnung, welche den Horizont deines Wesens bis an die Gren- 
zen des Universums, bis an die Schranken von Zeit und Raum erweitern 
und dich erheben wird auf einen neuen Standpunkt, der weit, weit jen- 
seits von der niedrigen, armseligen Sorge um das Selbst liegt. Warum 
weichst du zurück? Gib auf das Narren-I'aradies von »Dies bin ich« 
und »Dies ist mein«. Es ist eine reale Tatsache, ja die grösste aller 
Realitäten, um deren Erlangung du bekümmert bist. Strebe vorwärts ohne 
Furcht! Du wirst dich selbst in den ambrosischen Wassern Nirvänas 
finden, wirst wetteifern mit den Arahäs, welche Geburt und Tod über- 
wunden haben I' 

„Diese Karma-Theorie nimmt in der buddhistischen Lehre die Stelle 
jener sehr alten Theorie von „Seelenwesen" ein, welche die Christen von 
den rohen Glaubensformen der frühesten historischen Zeiten als Erbe 
überkommen haben. 

„Die Geschichte eines Individuums beginnt nicht mit dessen Geburt, 
sondern sie hat sich seit endlosen Zeiträumen entwickelt, und das Indi- 
viduum kann sich nicht, ja nicht einmal für eine Stunde, von den umge- 
benden Dingen absondern. Das winzigste Schneeglöckchen senkt seine 
zarte Blüte gerade so viel und nicht mehr, weil es das Gleichgewicht des 
Universums so erheischt. Es ist ein Schneeglöckchen und keine Eiche, und 
zwar gerade die betreffende Art Schneeglöckchen, weil es das Ergebnis aus 
dem Karma endloser Reihen vergangener Existenzen ist. Sein Dasein beginnt 
weder mit dem Augenblick, da die Blüte sich öffnet, oder als die Mutter- 
pflanze zum ersten Male über das Erdreich cmporlugte, oder als sie die 
erste Umarmung der Sonnenstrahlen genoss, auch nicht damals, als die 
Wurzel ihre Schösslinge über den Boden emporsprossen liess, oder zu 
irgend einem Zeitpunkt, den du oder ich bestimmen könnte .... Wir 
können einen neuen, tieferen Sinn in das Wort des Dichters legen, der 
da singt: 

Von ferne folgen uns're Taten uns. 

Und was wir einst gewirkt, das sind wir jetzt." 

Man mag gegenüber dieser buddhistischen Anschauung den 
Einwand geltend machen, dass wir l<cine Neigung haben, die 
Menschen, weiche in i<ünftigen Zeiten die Veri<örpenmg unseres 
Karmans darsteilen werden, für identisch mit uns selbst zu 
halten, dass wir es vielmehr vorziehen, sie als gänzlich ver- 
schiedene Wesen zu betrachten. Aber hier wird der Buddhist 



144 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

sofort seine Entgegnung bereit halten. Die IdentitSt behauptet 
sich, mögen wir sie nun anerkennen oder nicht. Sie ist real; 
denn die Naturgesetze bestätigen sie; sie ist eine feststehende 
Tatsache. Diesen zukünftigen Verkörperungen unseres Karmans 
inhäriert unser Charakter mit seinem ganzen Segen und seinem 
ganzen Fluch, genau ebenso, wie das Ich von heute gesegnet 
oder verdammt ist von den Handlungen aus meiner Jugendzeit, 
ganz gleichgültig, ob es mir beliebt, die Identität meiner selbst 
anzuerkennen oder nicht. 

Wir können keine richtige Auffassung von dem Wirken 
des moralischen Gesetzes haben, wenn wir den Zusammenhang 
des Seelenlebens nicht verstehen. Solange wir in dem letzteren 
einzelne »Selbste« abgrenzen, werden wir nie aufhören, mit 
psychologischen, philosophischen und ethischen Problemen zu 
ringen, die uns unlöslich und unbegreiflich zu sein scheinen. 

Die grössere Mehrzahl derjenigen Menschen, welche sich als 
orthodoxe Christen bekennen, sind in ihrer Anschauung über die 
Seele zweifellos Anhänger der Ätman-Theorie; sie postulieren ein 
Selbst als das Asiens hinter dem Seelenleben und betrachten 
jenes als die eigentliche Seele; und doch zeigen die grossen 
autoritativen Repräsentanten des orthodoxen Christentums, 
Männer wie der Apostel Paulus, Thomas von Aquin, Eckhart, 
Tauler, Ignatius von Loyola, Tholuck und viele andere, eine 
starke Tendenz nach der Anätman-Lehre, d. h. nach dem Auf- 
geben des Selbstes als der eigentlichen Seele. Die Christen 
entsetzen sich über den „Nihilismus" des Buddhisten, dessen 
höchstes Streben darin besteht, seine Seele, d. h. seinen Ätman, 
den Selbst-Gedanken, auszurotten zu dem Zwecke, Nirväna 
zu erreichen und ein Buddha zu werden, aber sie nehmen 
keinen Anstoss daran, wenn Paulus sagt: „Ich bin mit Christus 
gekreuzigt, doch nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir." 

Nirväna. 

Wir haben gelernt, dass es ebenso natürlich wie irrtümlich 
ist, wenn Menschen, die ausschliesslich in der Denkweise des 
Westens geschult sind, die wichtigste Lehre der buddhistischen 
Psychologie*) für eine glatte, ungeschminkte Leugnung der 

>) Anätman (Sanskr.), Anattä (Päli). 



No. 5. DER BUDDHIST. 145 

Seele erklären. Auf dieselbe Weise und aus denselben Grün- 
den ist es ebenso natürlich wie irrig, wenn westliche Geister, 
die in Christen-Schulen erzogen sind, das Nirväna des Bud- 
dhismus für Vernichtung halten und die buddhistische Ethik 
als Quietismus charakterisieren. 

Nirväna, das ideale Ziel des vollkommenen, erleuchteten 
Jüngers Buddhas, ist der wichtigste Begriff in der buddhis- 
tischen Religionsphilosophie; es ist der Schlussstein des ge- 
samten Aufbaues, und doch, wenn man nach den mannigfachen 
Deutungen dieses Begriffes und nach den Fehden urteilen 
wollte, die sich um seine Bedeutung entsponnen haben, so 
müsste man schliessen, dass der Sinn dieses Begriffes ein sehr 
zweifelhafter, oder aber, dass er dem Verständnis des abend- 
ländischen Denkens sehr schwer zugänglich sei. 

Die unter allen Buddhisten ganz allgemeine Definition von 
Nirväna ist Befreiung vom Übel, d.h. Erlösung. Die Frage 
ist nun die, von welcher Art diese Befreiung ist. 

Die Etymologie des Wortes ist einfach genug; Nirväna be- 
deutet »Verlöschen«, das will sagen »Verlöschen des 
Selbstes«, eine Deutung des Begriffes, welche in der HTna- 
yäna-Schule des alten südlichen Buddhismus*) die gebräuch- 
lichste ist. Jene Repräsentanten der japanischen Mahäyäna- 
Schule indessen, welche den Religions-Kongress in Chicago 



') Die nördlichen Buddhisten machen einen Unterschied zwischen 
Hinayäna oder dem »kleinen Fahrzeug (der Erlösung)« und dem 
Mahäyäna oder dem »grossen Fahrzeug«; das erstere ist die siid- 
ichc, das letztere die nördliche Schule des buddhistischen Denkens. 
Das erstere zieht es bis zu einem gewissen Grade vor, seine Definitionen 
negativ und philosophisch zum Ausdruck zu bringen, während das 
letztere sich einer positiven und religiösen Ausdrucksweise bedient. 
Das Hinayäna repräsentiert im ganzen gläubig die historischen Über- 
lieferungen des Buddha; das Mahäyäna dagegen hat in seinem Streben, 
den grossen Massen der Menschheit die Erlösung zu bringen, manche 
mystische Elemente zugelassen. Wir müssen aber hinzufügen, dass diese 
Gegensätze in Wirklichkeit nicht so gross sind, als es bei einer allge- 
meinen Charakterisierung den Anschein haben könnte, und die Unter- 
scheidung zwischen Hinayäna und Mahäyäna, welche für gewisse Zwecke 
ganz passend ist, hat doch nur innerhalb ganz bestimmter Grenzen 
Gültigkeit. • 

10 



»46 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

besuchten, pflegten Nirväna zu definieren als »die vollkom- 
mene Erlangung der Wahrheit«. Nach ihrer Anschauung 
wird Nirväna erreicht durch das Verlöschen der Selbst-Illusion 
mit allem, was diese in sich schliesst: Begierde, Lust und jedes 
sündige Verlangen. 

Bei den Erörterungen, die über den Nirväna-Begriff an- 
gestellt werden, dreht sich im Grunde alles um das Problem, 
ob Nirväna als ein positiver oder ein negativer Zustand be- 
trachtet werden muss, als ewige Ruhe oder als paradiesisches 
Leben, als vollkommene Vernichtung oder als die Glückselig- 
keit höchster Vollendung. Um diese viel umstrittene Frage zu 
lösen, haben die Professoren Max Müller und Childers unter 
Vermeidung jeder voreiligen und voreingenommenen Forschungs- 
methode systematisch die alten buddhistischen Autoritäten heran- 
gezogen und eine grosse Anzahl gesammelter Stellen verglichen, 
in denen das Wort Nirväna vorkommt. Als Resultat ergab 
sich, „dass sich keine Stelle vorfindet, welcher notwendiger- 
weise die Bedeutung von Vernichtung beigelegt werden müsste, 
während die meisten Stellen, wenn nicht alle, vollkommen un- 
verständlich sein würden, wenn wir den Begriff »Vernichtung« 
auf das Wort Nirväna übertrügen". 

Es wurde von manchen Seiten behauptet, dass es verschie- 
dene Arten von Nirväna gebe; aber Professor Childers erklärt 
diese Annahme für gänzlich irrig. Er sagt: 

„Ein grosser Irrtum, der meines Wissens von Burnouf ausging und 
von einigen bedeutenden europäischen Gelehrten ohne Bedenken über- 
nommen wurde, hat viel dazu beigetragen, das Nirväna-Probiem unnötiger- 
weise mit Zweifel und Unklarheit zu umhüllen. Es ist das jene Ansicht, 
nach welcher drei Arten von Nirväna vorhanden sein sollen, nämlich 
Nibbäna, Parinibbäna und Mahäparinibbäna (eigentliches Nirväna, voll- 
kommenes Nirväna und grosses vollkommenes Nirväna). Diese Annahme 
ist weit von der Wahrheit entfernt; denn Parinibbäna bedeutet nur Nir- 
väna oder die Erlangung Nirvänas, und Mahäparinibbäna bedeutet nichts 
anderes, als das Ableben des Buddha." 

Professor Rhys Davids fasst seine Ansicht über die Be- 
deutung von Nirväna in folgende Worte zusammen: 

„Es ist das Auslöschen jener sündigen, greifenden Be- 
schaffenheit des Geistes und des Herzens, welche sonst nach 
dem grossen Mysterium des Karma die Ursache zu erneutem, 
individuellem Dasein werden würde. Jenes Auslöschen wird zu 



No. 5. DER BUDDHIST. 147 

Stande gebracht durch ein Zunehmen des Geistes an der dieser sündigen, 
greifenden entgegengesetzten Beschaffenheit des Geistes und des Herzens 
und läuft mit dieser Zunahme parallel; jenes Auslöschen ist ein vollstän- 
diges, wenn diese entgegengesetzte Beschaffenheit erreicht ist. Daher ist 
Nirväna das nämliche, wie ein sündenloser ruhiger Gemütszustand; 
und wenn das Wort überhaupt übersetzt werden soll, wird es vielleicht 
am besten mit »Heiligkeit« wiederzugeben sein; — denn Heiligkeit be- 
deutet im buddhistischen Sinne: Vollkommenheit in Frieden, Güte 
und Weisheit." 

Professor Childers bietet uns in seinem »Päli-Dictonary« 
eine sorgfältige Erörterung über das Problem. Er sagt unter 
dem Worte Nibbäna (dem Päli-Ausdrucic für Nirväna): 

„Die Schwierigkeit ist folgende: Es ist wahr, dass manche Ausdrücke 
für Nirväna gebraucht werden, welche Vernichtung zu bedeuten scheinen; 
aber auf der andern Seite werden andere ebenso zahlreiche und nicht 
minder bedeutsame Bezeichnungen gebraucht, welche ganz deutlich als 
ein glückseliger Zustand zu verstehen sind. So wird Nirväna Freiheit 
von menschlicher Leidenschaft genannt, Reinheit, Heiligkeit, Seligkeit, 
Glück, das Ende des Leidens, das Auflösen des Verlangens, Friede, Ruhe, 
Stille und so fort. Wie ist dieser Widerspruch zu begreifen? Ich glaube, 
dass das Wort Nibbäna für zwei verschiedene Begriffe gebraucht wird: 
einmal für jenes Verlöschen des individuellen Wesens, welches das Ziel 
des Buddhismus ist, und sodann für den Zustand glückseliger Heiligkeit, 
Arahatta oder Arahäschaft genannt, dessen Ende im Verlöschen liegt. 
Die Erklärung löst den scheinbaren Widerspruch. 

„Beim ersten Blick mag es unverständlich erscheinen, dass ein und 
derselbe Ausdruck auf zwei Begriffe angewandt wird, die so verschieden- 
artig sind, wie Verlöschen und glückseliges Dasein ; aber ich glaube zeigen 
zu können, wie dieselben zu vereinbaren sind. So kann, wenn wir sagen, 
»Nirväna ist die Vergeltung eines tugendhaften Lebens«, dies im eigent- 
lichen Sinne bedeuten, das Verlöschen sei die Vergeltung eines tugend- 
haften Lebens; da nun aber Verlöschen ohne die Arahäschaft nicht er- 
langt werden kann, so drängt sich dem Geist gleichzeitig und unabweisbar 
die Idee auf, dass die Arahäschaft die Vergeltung für ein tugendhaftes 
Leben ist. 

„Obwohl Sätze wie: „Verlöschen ist Glückseligkeit" — uns be- 
fremdlich oder sogar lächerlich erscheinen mögen, die wir von unserer 
frühesten Kindheit an belehrt worden sind, dass Seligkeit in ewigem Leben 
bestehe, so wird ein solcher Satz einem Buddhisten, nach dessen Ansicht 
Dasein Leiden ist, ganz natürlich und vertraut erscheinen; das ist im 
Grunde nur eine Frage der Erziehung und Gewohnheit; die 
Worte: „Verlöschen ist Seligkeit" rufen im Gemüte eines Buddhisten das- 
selbe Gefühl begeisterter Sehnsucht, dasselbe Bewusstsein höchster Wahr- 
heit wach, wie die Worte : „Ewiges Leben ist Seligkeit" im Geiste eines 
Christen." 

10* 



148 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

So hätten wir nach Professor Childers die Seiigiteit der 
Arahäschaft und das vollständige Verlöschen des individuellen 
Wesens, das erstere die Ursache des letzteren. Wenn der 
Arahä das Ziel, Nirvana, erreicht, hört er auf, als eine indivi- 
duelle Persönlichkeit zu existieren. Childers sagt: 

„Die Lehre des Buddha über diesen Gegenstand ist ganz klar; er 
sagte sogar seinen eigenen Tod voraus. Wenn min die Arahäschaft das 
letzte Ziel des Buddhismus wäre, müsste sie ein ewiger Zustand sein; 
denn wäre sie nicht ewig, so müsste sie früher oder später aufhören, u. 
z. müsste sie dann entweder auslaufen in das Verlöschen, oder in einen 
nicht glückseligen Zustand, der in jedem Falle nicht das Endziel des 
Buddhismus ist. Da aber Arahäs sterben, so ist die Arahäschaft kein 
ewiger Zustand und mithin nicht das Endziel des Buddhismus. Es ist 
beinahe überflüssig, hinzuzufügen, dass sich in den buddhistischen Schriften 
keine Spur von einem weiteren Da-sein der Arahäs nach ihrem Ableben 
vorfindet; es ist vielmehr bedachtsam in unzähligen Stellen mit aller 
Klarheit und dem ganzen Nachdruck, deren die Sprache fähig ist, konsta- 
tiert, dass der Arahä nach seinem Ableben nicht weiter existiert, sondern 
aufhört da zu sein. Es gibt wahrscheinlich keine Doktrin, welche für 
Qäkyamunis ursprüngliche Lehre so charakteristisch ist, wie das Ver- 
löschen des individuellen Wesens". 

Diese Lösung scheint nihilistisch zu sein; aber meines Er- 
achtens bedeutet das vollständige Verlöschen Gautama Siddhär- 
thas keineswegs das vollständige Verlöschen des Buddha. Es 
heisst, der Buddha sei bei seinem Ableben in Nirvana einge- 
gangen; aber gleichzeitig wird gesagt, dass der Buddha schon 
während seines Lebens Nirvana erreicht habe. In der Tat sind 
nach der Ansicht aller Buddhisten sowohl des Hinayäna als 
des Mahäyäna Erleuchtung und Nirvana vollkommen 
synonyme Begriffe. Nirvana, das Verlöschen der 
Selbst-Illusion, ist der Zustand der Erleuchtung oder 
vollendetes Erkennen der Wahrheit. Ein Buddha ist das 
ideale Bild eines Menschen, in dem aller Irrtum und die Folgen 
von Wahn, Begierde und Sünde aufgehoben sind; sein Wille 
ist geläutert, seine Gedanken sind nicht mehr durch Täuschun- 
gen verdunkelt, und in seinem Geiste herrscht vollkommene 
Wahrheits-Erkenntnis. (Fortsetzung folgt.) 



No. 5. DER BUDDHIST. 149 

Soziale Kräfte 
im Buddhismus und Christentum. 

Kritische Betrachtungen 

über die Ausführungen der Herren Pfarrer Lic. Hacic- 

mann und Professor D. Harnack auf dem diesjährigen 

»Evangelisch-sozialen Kongress«. 

Von Karl B. Seidenstücker. 

Wohl selten hat man sich bei einem Vergleich zwischen 
Buddhismus und Christentum mehr den Anschein wissenschaft- 
licher Objektivität gegeben und ist dabei voreingenommener 
und einseitiger verfahren, als dies auf dem Evangelisch-sozialen 
Kongress in Hannover am 8. Juni 1905 geschehen ist, als 
Pfarrer Lic. Hackmann sein Referat über „die sozialen Kräfte 
im Christentum und Buddhismus" hielt und Professor D. Har- 
nack ihm dabei als Sekundant assistierte. Mir liegen die Be- 
richte von etwa zwanzig Tageszeitungen vor, die ein hinreichend 
klares Urteil über die Ausführungen der beiden Redner ge- 
statten. 

Die Aufgabe, über soziale Kräfte im Buddhismus und 
Christentum zu sprechen, ist nicht leicht und dazu ausser- 
ordentlich verantwortungsvoll; doppelt verantwortungsvoll dann, 
wenn es sich nicht um einen rein wissenschaftlichen Essay, 
sondern um eine Darstellung handelt, die dazu bestimmt ist, 
weiten Kreisen als Richtschnur und Massstab bei der Abwägung 
der beiden grössten Weltreligionen zu dienen. Solange das 
Wort Apostelgeschichte IV, 12 für christliche Theologen zu- 
recht besteht — und das ist heute wohl noch ausnahmslos der 
Fall — muss man von vornherein jeder theologischen Äusse- 
rung über Buddhismus und Christentum durchaus skeptisch 
gegenübertreten und kann mit tötlicher Sicherheit die Prognose 
stellen, dass in den betreffenden Ausführungen dem Christen- 
tum auf alle Fälle der Siegespreis zuerkannt wird. Daran 
ist die Welt bereits so gewöhnt, dass kein vernünftiger Mensch 
mehr darüber in Verwunderung oder Aufregung gerät, wenn 
er die alte Melodei bald in Dur, bald in Moll singen hört. 
Pfarrer Lic. Hackmann hat diesmal die Dur-Tonart verschmäht 



150 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

und ist nicht in den robusten, polternden Kampfton verfallen, 
den ein Militär-Oberpfarrer Falke liebt, dessen Ausführungen zu 
wenig vernünftig sind, um ernst genommen zu werden; Pfarrer 
Hackmann sang vielmehr in Moll und verfuhr scheinbar 
„fein säuberlich" mit dem Buddhismus, um ihn dann desto 
besser degradieren zu können. 

Herr Hackmann misst gleich von vornherein beide Religi- 
onen mit ungleichem Mass, wenn er einerseits ganz richtig 
behauptet, der Buddhismus unterscheide zwischen der engeren 
Jüngergemeinde (dem Bhikkhutum) und der Laien-Anhänger- 
schaft, wenn er dagegen andererseits eine analoge Zweiteilung 
im Christentum in Abrede stellt. „Die soziale Arbeit des 
Christentums erkennt — nach Lic. Hackmann — keinerlei 
Scheidung in vollkommneres und unvollkommneres Christentum 
an; was in dieser Hinsicht auf christlichem Boden sich geltend 
gemacht hat, kann vom Standpunkte Jesu Christi aus nicht 
gerechtfertigt werden." Daraus folgert dann Herr Hackmann 
weiter, dass der Buddhismus nur zum Teil, nämlich in seinem 
Laien-Anhängertum soziale Kräfte enthalte, während „die soziale 
Arbeit des Christentums alle natürlich notwendigen mensch- 
lichen Gesellschaftsgruppen gleichmässig mit einer höheren, sie 
zusammenfassenden Kraft durchdringe." — Mit Verlaub, Herr 
Pfarrer, dem kann ich nicht beipflichten. Wenn Sie nur für 
den Buddhismus und nicht auch für das Christentum jene 
Zweiteilung gelten lassen wollen, kommen Sie sehr bald in die 
Brüche. Genau so, wie der Buddha im Kreise seiner engeren 
Jüngergemeinde vor der Ehe und vor weltlichen Geschäften 
warnt, seinen Laien-Anhängern gegenüber dagegen die Er- 
füllung der ehelichen Pflichten und die Ausübung eines »fried- 
lichen Berufes« als den höchsten Segen preist, genau ebenso 
fordert Christus von seinen wahren Jüngern das Sich-Ioslösen 
von verwandtschaftlichen Banden und weltlichen Angelegenheiten, 
während er vor weiteren Kreisen von diesen Dingen als etwas 
ganz Natürlichem spricht. Die Jüngerschaft Christi ist ebenso- 
wenigsozial in unserem Sinne, wie das buddhistische Bhikkhu- 
tum. Dazu kommt für das Christentum der ältesten Zeit noch 
die Schwierigkeit, dass die Anhänger Christi die Wiederkunft 
des letzteren zum Weltgericht als unmittelbar bevorstehend er- 



No. 5. DER BUDDHIST. 151 

warteten, und in dieser Erwartung werden sie sich dem Gedanken 
an eine soziale Betätigung iierzlich wenig iiingegeben haben. 
Philipper IV, 5: „Eure Lindigkeit iasst kund werden allen 
Menschen; der Herr ist nahe, deshalb bekümmert euch um 
nichts." Die Verhähnisse in den urchristlichen Gemeinden 
mögen nicht unähnlich den Zuständen in der Gemeinde der 
Adventisten gewesen sein, welche die Wiederkunft Christi 
für den 22. Oktober 1844 berechnet hatte. Die Mitglieder 
warfen in dem festen Glauben an dieses Ereignis ihr Hab und 
Gut von sich und standen dann, als Christus zu dem ange- 
setzten Termin wieder nicht eintraf, vis-ä-vis de rien.^) — 
Sieht man über die Tatsache hinweg, dass der Glaube der 
Urchristen an die nahe Wiederkunft Jesu, der jede soziale 
Betätigung notwendigerweise lahm legen musste, sich als eine 
bare Illusion erwiesen hat, und betrachtet man die Schriften 
des Neuen Testaments nach ihrem ethischen Gehalt, so lässt 
sich nicht leugnen, dass dieselben allerdings die Keime zur 
Entfaltung sozialer Kräfte enthalten, die indessen keineswegs 
bedeutender sind als die im Buddhismus. Immerhin bestand im 
Christentum von jeher eine weltfremde Richtung der eigent- 
lichen Jünger, also ein Christentum strengster Observanz, und 
ein laxeres Laienchristentum. Dass das eigentliche Christentum 
durchaus weltflüchtig war, erhellt zur Genüge aus folgenden 
Belegen: 

Christus selbst führte mit seinen Jüngern ein Bhikkhu- 
Leben der Entsagung, und ich meine, es ist höchst gleichgültig, 
ob ein Asket wie der Buddha seine Nahrung von der Hand 
wohltätiger Menschen entgegennimmt, oder aber, wie Christus, 
die Nahrung für das Geld kauft, das fremde Menschen ihm 
darreichen. Christus war von Familienbanden frei; vergleiche 
die Erzählung von der Hochzeit zu Cana, wo Jesus seiner 
Mutter in einer Weise begegnet, deren Schroffheit jedem Un- 
befangenen auffallen niuss. Als ihm gesagt wird, dass seine 
Angehörigen in der Nähe sind, und ihn zu sprechen 
wünschen, weist er kurz und bündig darauf hin, dass seine 
Anhänger seine Mutter und seine Brüder seien; es kann da 

') Vergleiche Eberhard Buchner: Sekten und Seklierer in Berlin, 
2. Auflage S. 15 f. 



152 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

nicht Wunder nehmen, wenn seine Angehörigen, die für seine 
weltflüchtige Neigung offenbar wenig Verständnis hatten, sagten, 
„dass er von Sinnen sei." Jesus veranlasst ferner verschiedene 
seiner Jünger, ihren weltlichen Beruf ohne weiteres aufzugeben 
und ihm nachzufolgen. Ja, einem seiner Jünger, der ihn um 
Urlaub bittet, um seinen Kindespflichten nachzukommen und 
seinen Vater zu begraben, untersagt er dies mit den Worten: 
„Folge du mir und lass die Toten ihre Toten begraben." 
(Matth. VIII, 21, 22). Der Leser mag ferner noch folgende 
Stellen beachten: „Ich bin gekommen, den Menschen zu er- 
regen wider seinen Vater und die Tochter wider ihre Mutter, 
und die Schnur wider ihre Schwieger. Wer Vater oder Mutter 
mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert und wer Sohn oder 
Tochter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert" (Matth. X, 
35, 37). „Von nun an werden fünf in einem Hause uneins sein, 
drei wider zwei, und zwei wider drei. Es wird sein der Vater 
wider den Sohn, und der Sohn wider den Vater; die Mutter 
wider die Tochter und die Tochter wider die Mutter; die 
Schwieger wider die Schnur und die Schnur wider die Schwie- 
ger" (Luc. XII, 52, 53). „So jemand zu mir kommt, und ver- 
abscheut (!) nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, 
Schwestern, dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger 
sein" (Luc. XIV, 26). „Es ist niemand, der ein Haus verlasset, 
oder Eltern, oder Brüder, oder Weib, oder Kinder um des 
Reichs Gottes willen, der es nicht vielfältig wieder empfange 
in dieser Zeit, und in der zukünftigen Welt das ewige Leben" 
(Luc. XVIII, 29, 30). 

Wie Pfarrer Hackmann angesichts dieser Stellen den Mut 
haben kann, in die Welt hineinzurufen, „eine Scheidung in 
vollkommneres und unvollkommneres Christentum könne vom 
Standpunkte Jesu Christi aus nicht gerechtfertigt werden," ist 
mir einfach unverständlich. Diese Ansicht Hackmanns mag 
wohl den Intentionen eines modern zurechtgestutzten protestan- 
tischen Christentums entsprechen, nicht aber dem Evangelium, 
auf das. gerade diese Herren sich mit Vorliebe berufen. Man 
hat christlicherseits nicht das mindeste Recht, dem Buddha und 
seiner Religion einen Vorwurf daraus zu machen, dass sie durch 
die Unterscheidung einer geistlichen und einer weltlichen 



No. 5. DER BUDDHIST. 153 

Richtung dem individuellen Bedürfnis des menschlichen Gemütes 
entgegenkommen. 

Die sozialen Kräfte in diesem weitabgewandten Christen- 
tum sind positiv gleich Null. Einem Christen, der um Christi 
und des Himmelreichs willen seinen Beruf aufgibt und seine 
Angehörigen verabscheut, kann es nicht im entferntesten ein- . 
fallen, sich sozial betätigen zu wollen. In sozialer Hinsicht 
steht das buddhistische Bhikkhutum keineswegs tiefer, 
als das asketische Christentum; im Gegenteil, jedem Bhikkhu 
steht es ohne weiteres jeden Augenblick frei, in das Welt- 
leben zurückzukehren; überdies hat der Bhikkhu den Laien 
gegenüber die Pflicht der Unterweisung in der Lehre*), muss 
sich also immerhin dadurch sozial betätigen, dass er zur Ver- 
breitung der humanitären buddhistischen Sittenlehre beiträgt. 
Wenn also Pfarrer Hackmann sagt, ,die engere Jüngergemeinde 
des Buddha wende sich so entschieden vom Leben ab, dass 
in diesem Mönchtum von sozialen Kräften nicht die Rede sein 
könne," so hätte er gerechter- und billigerweise hinzufügen 
müssen, dass in der engeren Jüngergemeinde Christi die Ver- 
hältnisse eher schlechter, als besser liegen. Da Pfarrer Hack- 
mann der Welt dies verschweigt, behaupte ich, dass er von 
vornherein mit ungleichem Mass gemessen hat. 

Abgesehen von dem Bhikkhutum gibt Hackmann zu, „dass 
die buddhistische Laiensittlichkeit eine Fülle sozialer Beziehun- 
gen und sozialer Antriebe umfasst." Trotzdem meint er, „die 
buddhistische Laiensittlichkeit sei dennoch durch drei Hinder- 
nisse stark beschränkt." 

1. „Die sozialen Pflichten beruhen nicht auf einem grund- 
legenden Prinzip, sondern sind zufällig formuliert." — Das 
stimmt nicht, verehrter Herr; das grundlegende Prinzip, auf 
dem die sozialen Pflichten beruhen, ist Metta und Karuna, 
d. h. jenes Wohlwollen und Mitleid, das aus der Erkenntnis 
der Einheit alles empfindenden Seins entspringt und nagh 
Möglichkeit bestrebt ist, alles das zu meiden, was Leid in 
irgend einer Form nach sich zieht. 

2. „Es werden fünf unbedingte Einzelgebote besonders 



') Vergl. Sigäloväda-Sutta. 



154 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

betont, welche für soziale Entwickelung hemmend oder schäd- 
lich wirken." Diese Behauptung Hackmanns ist so ungeheuer- 
lich, dass ich eher an einen Irrtum der Berichterstatter glauben, 
als einem gebildeten Manne eine derartige Absurdität zutrauen 
möchte. Die fünf Gebote lauten: Nicht töten, nicht stehlen, 
nicht ehebrechen, nicht lügen, keine berauschenden Getränke 
gemessen. Und die Betonung dieser fünf Einzelgebote soll für 
soziale Entwickelung hemmend oder schädlich wirken! Man 
muss sich doch wirklich an die Stirn greifen und fragen, wie 
ein Mann, der einer „sozialen" Partei angehört, vor der Welt 
eine derartige, — ich kann mir nicht helfen — unsinnige Be- 
hauptung aufstellen kann. Man vergleiche dagegen, was 
Oleott in seinem Katechismus (S. 41 f.) über diese fünf Ge- 
bote sagt: „Was fällt dem einsichtigen Leser dieser Gebote 
sofort in die Augen? Dass einer, der sie beobachtet, von 
jeder wirkenden Ursache menschlichen Elends verschont bleiben 
muss. Dieses hat, wie die Geschichte lehrt, stets seinen Ur- 
sprung in einer oder der anderen dieser Ursachen gehabt. In 
welchen Geboten zeigt sich die weitblickende Weisheit des 
Buddha am deutlichsten? Im ersten, dritten und fünften Gebot; 
denn die Gefährdung des Lebens, die Sinnlichkeit und der 
Genuss berauschender Getränke verursachen mindestens 95 
Prozent aller Leiden unter den Menschen." Ich glaube, dieses 
Urteil Oleotts ist richtiger und vernünftiger als die Ansicht des 
Herrn Hackmann. Übrigens scheint der letztere seinen Hörern 
verschwiegen zu haben, dass in den gesamten Schriften des 
Sutta-Pitaka sich zahlreiche Lehren, Ratschläge und Anweisun- 
gen allgemeiner Natur für die Laien-Anhänger finden. Aber alle 
diese buddhistischen »Gebote« haben einen ganz anderen Cha- 
rakter als der jüdisch-christliche Dekalog; sie sind freundliche 
Ermahnungen und gütige Aufmunterungen, und nicht der herrische 
Befehl eines Gottes, auf dessen Befolgung oder Nichtbefolgung 
eine göttliche Belohnung resp. Bestrafung folgt. 

3. „Indem den Laien als höhere Schicht die Mönchsge- 
meinde übergeordnet und hingebende Förderung derselben 
unter die wesentlichsten Pflichten gezählt wird, bekommt die 
Sittlichkeit eine antisoziale Richtung; Pflege des Mönchtums 
wird der Schwerpunkt." Freilich liegt den Laien die Unter- 



No. 5. DER BUDDHIST. 155 

Haltung der Bhikkhus ob, d. h. sie versorgen die letzteren mit 
Kleidung und Nahrung. Dass diese Unterhaltung aber als 
eine Last des Volkes empfunden wird, kann angesichts der 
Gehälter, welche die christliche Geistlichkeit jährlich verschlingt, 
schwerlich behauptet werden. Das gilt selbstverständlich nur 
von den Ländern, wo die Bhikkhus tatsächlich dem Gelübde 
der freiwilligen Armut treu geblieben sind (Ceylon, Burma, 
Siam). Wo aber, wie vielfach in China und Tibet, in den 
. Klöstern Reichtümer angehäuft und die Mönche der Trägheit 
ergeben sind, da wird jeder Einsichtige dies als unbuddhi- 
stisch bezeichnen und das Seine dazu tun, dass hier Abhilfe 
geschaffen wird, wie dies z. B. in China zum Teil bereits ge- 
schehen ist. Den Schwerpunkt der buddhistischen Laien- 
sittlichkeit bildet jedenfalls die Pflege des Mönchtums nicht; 
das weiss jeder, der die buddhistischen Schriften kennt. 

Indem sich Pfarrer Hackmann dem Christentum zuwendet, 
führt er etwa folgende Gedanken aus: „Im engsten organischen 
Zusammenhange mit dem religiösen höchsten Gute des Christen- 
tums, dem Glauben an den himmlischen Vater, steht als Prinzip 
der christlichen Sittlichkeit die Liebe da. Sie gestaltet die 
Einzelgebote aus sich heraus. Mit dem Prinzip der Liebe ist 
das Christentum grundsätzlich an soziale Arbeit gewiesen; sie 
ist das natürliche Feld seiner Tätigkeit." Und Professor Har- 
nack bemerkt in seinem Schlussworte: „Weil unsere evangelische 
Religion ') auf dem klaren Gedanken beruht, den jedes Herz 
und jedes Kind versteht, dem Gedanken der Liebe, darum wird 
sie bleiben und leben und dem Buddhismus nicht nur ge- 
wachsen sein, sondern wie ein Magnet auf ihn einwirken." 

Bekanntlich nimmt das Christentum die Bezeichnung 
»Religion der Liebe« als Ehrentitel für sich allein in Anspruch; 
Liebe ist der Refrain aller Lobpreisungen dieser Religion; der 
Begriff Liebe war auch diesmal in Hannover der Haupttrumpf, 
den die Herren vom evangelisch-sozialen Kongress ausgespielt 
haben. Nun kann sich aber jeder davon überzeugen, dass im 
Neuen Testament der Lohngedanke eine grosse Rolle spielt; 
„freuet euch und frohlocket, denn euer Lohn ist gross im 
Himmel" (Matth. V, 12). Diese christliche Liebe ist in ihrem 

') Die katholische Religion also nicht? 



156 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

Motiv also etwas durchaus egoistisches; denn der von dieser 
Liebe Erfüllte spekuliert auf alle Fälle auf die individuell ge- 
dachte himmlische Seligkeit. Sieht man nun von diesem durch- 
aus selbstischen Motiv der christlichen Liebe ab, so lässt 
sich nicht leugnen, dass dieselbe in ihren Äusserungen 
nach den Lehren Jesu einen sehr hohen Grad sittlicher Voll- 
kommenheit darstellt. Ja, die Christen gehen so weit, ihre 
Religion wegen der von Jesus geforderten Feindesliebe als das 
höchste, unerreichte Ideal religiösen Strebens hinzustellen. 
„Liebet eure Feinde, segnet die euch fluchen" usw. Alles gut 
und schön; nur behaupte ich, dass der Buddhismus in 
dieser Hinsicht dem Christentum nicht nur gleich- 
kommt, sondern dasselbe sogar übertrifft. Die gesamte 
buddhistische Literatur hallt wieder von dem Metta, der Güte, 
dem Wohlwollen, dem Erbarmen, welches der Jünger des 
Buddha den lebenden Wesen entgegenbringt. Zunächst ein 
paar Belege für das buddhistische Metta dem Feinde gegen- 
über: „Wenn auch, ihr Jünger, Räuber und Mörder mit einer 
Säge euch Gelenke und Glieder abtrennten, so würde, wer da 
in Wut geriete, nicht meiner Lehre folgen. Da habt ihr euch 
nun, meine Jünger, wohl zu üben: ,Nicht soll unser Gemüt 
verstört werden, kein böser Laut unserem Munde entfahren, 
freundlich und mitleidig wollen wir bleiben, liebevollen Gemütes, 
ohne heimliche Tücke; und jene Person werden wir mit liebe- 
vollem Gemüte durchstrahlen; von ihr ausgehend werden wir 
die ganze Welt mit liebevollem Gemüte, mit weitem, tiefem, 
unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem, durchstrahlen.' 
Also habt ihr euch, meine Jünger, wohl zu. üben" (Majjhima- 
Nikäya, 21. Sutta). „Selbst wenn ein Mann mit scharfem 
Schwerte euch stückweise die Glieder vom Leibe trennt, so 
geratet nicht in Zorn, fasst keine rachsüchtigen Gedanken, kein 
böses Wort entfahre euren Lippen" (Fo-sho-hing-tsan-king V. 
2046). „Wenn die Tugendhaften geschmäht werden, so be- 
kümmern sie sich nicht um ihr eigenes Leiden, sondern viel- 
mehr um den Verlust an Glück, den die Beleidiger sich zu- 
ziehen" (Jätakamälä, 24. Erzählung). „Wer von der Welt 
verdammt wird, hege dennoch keine feindselige Gesinnung 
gegen dieselbe" (Sammäparibbäjaniya-Sutta, V. 8) u. s. w. 



No. 5. DER BUDDHIST. 157 

Aber der Buddhismus geht in seinem Metta weiter als 
das Christentum in seiner Liebe, weil er das Metta 1. in Olau- 
benssachen als Toleranz nachdrücklichst proklamiert, und 2. 
dasselbe auf die gesamte empfindende Welt, auf Mensch und 
Tier, ausgedehnt wissen will. 

In puncto Toleranz wollen wir am Christentum lieber 
nicht rühren; jeder weiss, dass Duldsamkeit niemals die starke 
Seite dieser Religion gewesen ist, und wollte man die Geschichte 
des Christentums durch ein passendes Motto illustrieren, so 
würdeich die drei Worte vorschlagen : Blut, Folter, Scheiter- 
haufen. Im Buddhismus findet sich von alledem keine Spur. 
Man vergleiche historische Gestalten wie Konstantin, Karl den 
Grossen auf der einen Seite mit Asoka andererseits; welch 
ein Kontrast! Ich könnte hier noch einige Streiflichter auf die 
„christliche Mission" werfen und zeigen, dass auch heutigen 
Tages noch der Geist der Unduldsamkeit dieselbe durchweht, 
doch will ich mir das für eine der nächsten Nummern vorbe- 
halten. Alles in allem: Was Toleranz anbetrifft, kann das 
Christentum von dem Buddha noch viel, viel lernen. 

Ferner ist das buddhistische Metta universell, erstreckt 
sich auf Mensch und Tier. Das Christentum hat für die Ein- 
heit alles empfindenden Seins niemals auch nur das geringste 
Verständnis gehabt und konnte es nicht haben, da es in diesem 
Punkte über den Mosaismus nicht hinausgeht. Man beachte 
z. B. folgende Stellen: „Herrschet über die Fische im Meer 
und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Tier, 
das auf Erden kriechet" (1. Mos. I, 28). „Eure Furcht und 
Schrecken sei über alle Tiere auf Erden, über alle Vögel unter 
dem Himmel, und über alles, was auf dem Erdboden kriechet, 
und alle Fische im Meer seien in eure Hände gegeben. Alles, 
was sich lebet und reget, das sei eure Speise" (I. Mos. IX, 2, 3). 
Im Neuen Testament findet sich von humanitären Lehren der 
leidenden Kreatur gegenüber keine Spur. Zur Feier von Festen 
wird jedesmal ein „gemästet Kalb" geschlachtet, und der Stifter 
des Christentums selbst nimmt keinen Anstoss daran. Jünger 
auszusenden, um das Passah -Lamm zu bereiten. Da will 
mir der Standpunkt des Buddhismus denn doch ungleich höher 
und reiner erscheinen, wenn es heisst: „Wie ich bin, so sind 



158 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

diese [Kreaturen]; wie diese sind, so bin icli; sich selbst mit 
anderen identifizierend, möge man niclit töten nocli Tötung 
veranlassen" (Sutta-Nipäta) ; oder: „Nicht jedes Opfer billige 
ich, aber auch nicht jedes Opfer missbillige ich. Ein Opfer, 
bei welchem Rinder, Schafe und Ziegen und andere Tiere 
geschlachtet werden, bei welchem mancherlei lebende Wesen 
zugrunde gehen, ein solches schädliches Opfer, wahrlich, billige 
ich nicht. Aus welchem Grunde? Ein solches schädliches 
Opfer begehen nicht die Heiligen oder die den Weg der Hei- 
ligen Wandelnden" (Anguttara-Nikäya, II. Bd., IV. Teil, 39.Sutta); 
oder: „Wie eine Mutter mit Hintansetzung ihres Lebens über 
ihrem einzigen Kinde wacht, so hege jeder eine schrankenlos- 
gütige Gesinnung gegen alle Wesen." — Also mit der Über- 
legenheit der christlichen Liebe über das buddhistische Metta 
ist es nichts, und damit bleibt der von Pfarrer Hackmann aus- 
gespielte Haupttrumpf durchaus wirkungslos. Möchte mich 
aber Pfarrer Hackmann auf die „christlichen Liebeswerke" un- 
serer Tage verweisen, so sei ihm folgende Antwort gegeben: 
Dieselben sind ein Produkt unserer vorgeschrittenen Zeit, der 
sich das Christentum notgedrungen anpassen muss; sind nicht 
auch die freireligiösen Maurer-Logen humanitär? Verdanken 
wir nicht der Christus-feindlichen Sozialdemokratie eine ganze 
Reihe sozialer, humanitärer Verordnungen? Sind es nicht gerade 
freidenkende Gelehrte, die sich an humanitären Bestrebungen 
rege beteiligen? Im buddhistischen Asien gibt es weniger 
humanitäre Einrichtungen, als bei uns; aber wie mir überein- 
stimmend aus Ceylon, Burma, Slam und Japan berichtet wird, 
ist dort die Gesinnung der Bevölkerung bei weitem milder, 
wohlwollender und hilfsbereiter, als im Abendlande. „Dort, 
wo der Buddhismus herrscht, braucht niemand zu fürchten, 
dass er, in Not geraten, verhungern muss." Aber im christlichen 
Abendlande begehen täglich so und so viel Hunderte Selbst- 
fnord, weil ihnen das Nötigste fehlt, und weil trotz der christ- 
lichen Liebe niemand da ist, der sich ihrer erbarmt. 

Pfarrer Hackmann, der im Gegensatz zu vielen seiner 
Amtsbrüder das wertvolle Zugeständnis macht, dass der Bud- 
dhismus der Frau ihre gebührende Stellung in der Gesellschaft 



No. 5. DER BUDDHIST. 159 

verschafft habe*), geht auf eins der wichtigsten Momente gar 
nicht ein, das bei der Besprechung der sozialen Kräfte im 
Buddhismus durchaus mit berücksichtigt werden muss: die 
Kamma-Lehre, nach welcher das geerntet wird, was gesäet 
wurde. Diese Ernte wird aber nicht im Himmel eingeheimst, 
sondern sie vollzieht sich hier auf Erden, und Wohlergehen 
oder Verfall der Generationen sind das Ergebnis von dem 
Wirken ihrer Vorgänger. Die Menschheit hat also ihr eigenes 
Geschick in ihrer Hand, und diese vom Buddhismus gepredigte 
Lehre birgt in sich die Keime zur Entfaltung höchster sozialer Kraft. 

Meine Ausführungen, die nichts weiter sein wollen und 
sein sollen als eine kritische Beleuchtung der auf dem evan- 
gelisch-sozialen Kongress vertretenen Ansichten, können hier- 
mit geschlossen werden. Es bleibt mir nunmehr noch die 
Aufgabe vorbehalten, das Thema: »Soziale Kräfte im Bud- 
dhismus« systematisch und eingehend zu behandeln, und diese 
Aufgabe wird in einem der späteren Hefte zu absolvieren sein. 

„Alles Böse meiden, die Tugend ausüben, das eigene Ge- 
müt läutern, — das ist die Religion der Buddhas" — heisst 
es im Dhammapada. Eine höhere, grössere, edlere Religion 
ist undenkbar, und weder ein Pfarrer Lic. Hackmann, noch ein 
evangelisch-soziales Christentum können uns etwas bieten, was 
höher stünde als die Lehre jenes grossen Meisters, der einst 
gesagt hat: „Alle Wesen sehnen sich nach Glückseligkeit; des- 
halb umpfange mit deiner Güte alle Wesen." — 

Zwei buddhistische Hymnen. 

Von Dr. Wolfgang Bohn. 

1. Der grosse Arzt. ') 

1. Du suchst den Arzt, mein krank Gemüt, 
Der dich in Schlummer singet, 
Den Garten, wo die Blume blüht, 
Die süssen Schlaf dir bringet, 
Der dir zeigt der Schmerzen Quell, 
Reicht den Trank dir rein und hell, — 
Herz, dich willig ihm gesell', 
Dass dein Werk gelinget. 

') Was ich vom Christentum nicht zugeben kann, worüber später mehr. K.S. 
-) Nach der Melodie eines englischen geistlichen Liedeg zu singen. 



leo DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

2 Voll hoher Lust ein Lebenstraum 
War immer dein Begehren, 
Auf Früchte hofftest du vom Baum, 
Gar lieblich zu verzehren. 
Lass den Wunschi Es rollt das Rad 
Durch des Todes Tor, die Tat 
Muss dich, fern dem Ruhgestad', 
Leidend stets gebären. 

3. Zerschlag' die Glocken jeder Lust, 
Ihr Klang hält dich hinieden; 
Das sind die Sieger, die vom Dust 
Friedloser Glut sich schieden. 
Wirf »on dir das Weltgewand, 
Steure hin zum lichten Strand, 
Den uns weist des Heilands Hand, — 
Leidlos ist sein Frieden. 

2. Wirket eure Erlösung ohne Unterlass!') 

1. Willst du vom Pfad der Schmerzen 
Fliehend, den Frieden seh'n, 

Musst du mit starkem Herzen 
Treu den Heilsweg geh'n, — 
Darfst nicht mit flücht'gem Lieben 
Spielen am Maientag, 
Sehnsucht darf nicht mehr trüben 
Deines Herzens Schlag. 

2. Grfisst dich die Morgensonne, 
Denk', das sie untergeht; 

Lockt dich des Sommers Wonne, — 
Bald ist sie verweht. 
Leuchtender Blüten Farben 
Welken wohl über Nacht, 
Schon decken Alters-Narben 
Weicher Jugend Pracht. 

3. Mahnend im Glase rinnet 
Abwärts der schnelle Sand; 
Wieder das Spiel beginnet, 
Dreht am Glas die Hand. 
Sicher erfasst das Ruder, 
Wieder, der Qual und Zeit 
Kamma, der treue Bruder 

Der Vergänglichkeit. 

4. Willst du nicht endlich fliehen, 
Seele, aus Sturm und Strom? 
Willst du nicht schweigend liehen 
In des Friedens Dom? 

Wirke im Still-versenken 
Schauung ohn' Unterlass, — 
Lass deine Schritte lenken 
Hin, wo Ruh' und Pass. 



') Nach der Melodie eines englischen geistlichen Liedes zu singen. 



Verantwortlicher Redakteur: Karl B. -SeidenstOcker, Leipzif^ Verlag: Buddhistischer Verlag 
ia Leipzig. — Druck von Arno Bachmann, Baalsdorf-Leipzig. 




Der »Thäthanäbaing« Taunggwin Sayadaw. 

(Vergl. S. 48 der »Buddhistischen Weit».) 




Alle Sünden meiden, die Tugend üben, das eigene Herz läutern: 
das ist die Religion der Buddhas. Dhamraapada, V. 183. 



^^ Mahinda. ^^ 

Von Karl Fr. Töllner. 

(Mahinda, der Sohn Asokas, des Königs von Magadha, verbreitete die 
buddhistische Lehre auf Ceylon. Die späteren Jahre seines Lebens ver- 
brachte der berühmte Missionar auf dem Hügel von Mihintale, einem 
von der Welt abgeschlossenen Orte, wo seine steinerne, aus dem Felsen 
herausgemeisselte Lagerstätte noch heute sich befindet.) 

Erhabner Buddha! Du hast mir erschlossen 
Den Pfad vom Erdenleid zum höchsten Glück; 
Ich sucht' ihn sechzig Jahre unverdrossen 
Und blick' voll Frieden jetzt den Weg zurück. 

Als Jüngling halt' Asoka mich erkoren, 
Dass ich die reine Lehre hier verkünde, 
Und freudig zog ich aus Magadhas Toren 
Zu streiten gegen Leid und Wahn und Sünde. 

Des Fürstenmantels eitle Pracht vertauschte 
Ich mit des Bettelmönches gelbem Kleid, 
Bei frommen Brüdern in den Hainen lauschte 
Ich Buddhas Lehre der Gerechtigkeit. 

Gleichwie ein Priester um das Opferfeuer 
Sich sorgsam müht, so hielt ich den Gewinn, 
Die edle Weisheit des Erwachten, teuer. 
Und gab mich ihr mit ganzer Seele hin. 

11 



162 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Durch Güte könnt' als Arahä ich schaffen, 
Was nimmer Schwert und roher Zwang vollbracht, 
Geduld und Wahrheit waren meine Waffen, 
Vor ihrem Leuchten schwand des Irrwahns Nacht. 

Die Pflanze Vassika wirft welke Blüten 
In ew'ger Jugendfülle von sich fort, 
So wird auch Ceylons Volk die Lehre hüten, 
Ein rein Gefäss für Buddhas reines Wort. 

O Mendikanten, meines Alters Tage 
Beschliess' ich freudig in der Einsamkeit 
Von Mihintales Hügeln und entsage 
Der Welt, dem Schmerz und allem Erdenleid. 

Zum letzten Mal soll Euch mein Mund verkünden 
Der Lehre Kern, der tiefsten Weisheit Schatz; 
Lasst dauernd Eure Herzen tauglich finden, 
Der wahren Einsicht ein geweihter Platz. 

Die höchste Freude sei Euch ernstes Denken, 
Ausdauernd, wachsam, stets voll mächt'ger Kraft, 
Nur rechtes Glauben, rechtes Sichversenken 
Vernichtet Zweifelsucht und Leidenschaft. 

Und wie im Herbste ihr den Lotus schneidet. 
So fällt den Wald der Lust auf einen Strich, 
Nur der ist frei, der selbst Verlangen meidet 
Und schneidet aus der Brust den Hang zum „ich". 

Gleich einer Mutter, die ihr Kindlein pfleget, 
Sorgsam bewacht, dafür ihr Leben wagt. 
So ohne Schranken Nächstenliebe heget 
Für jedes Wesen, das ein Leiden plagt. 

Wer glaubt, dass Hass dem Hasse weiche, 
Der irrt, nur Güte setzt dem Hass ein Ziel; 
Vergelte mit dem Gleichen nie das Gleiche, 
Gehorch' dem Mitleid und dem Hass befiehl. 



Na 6. DER BUDDHIST. 163 

Der Torheit diene nicht, jedoch dem Weisen, 
Gib willig Ehre dem, dem sie gebührt; 
Nicht für Gebet und Opfer lass dich preisen, 
Heil dem, der eine gute Tat vollführt! 

Mit ernstem und erkenntnisreichem Geist entsage 
Der Eitelkeit und irdischem Genuss, 
Auch das versäumte Gute führet Klage 
Und zwinget dich zu bitterm »Muss«. 

Auch nenne nichts dein Eigen, sondern stelle 
In Armut über Unglück dich und Glück; 
Besitzen schafft Begehren, von der Quelle 
Der Tugend dränget dich die Gier zurück. 

Ein Mann, der tausend Männer überwunden. 
Hat Unglück nur und Hass und Schmerz erweckt, 
Weit grösser wird als Sieger der befunden, 
Der eigne Lust und Sünde niederstreckt. 

Nur guten Taten folget höchster Segen, 
Sie lösen deine Fesseln und das Leid, 
Sie führen dich dem vierten Pfad entgegen, 
Der von Begierde dich und Wahn befreit. 

Des früher'n Irrens Frucht, dein Karma, zwinget 
Zu neuem leidensvollem Dasein dich, 
Nur wer dem Hang zur Sünde sich entringet, 
Entledigt auch des Leidens Fesseln sich. 

Es kreist in ew'gem Werden und Vergehen 
Die Erde, Himmel, Hölle, Welt; 
Was heute stirbt, muss morgen neu erstehen 
Bis auch der Khandä letzter einst zerfällt. 

Aus einem Reich von Weisheit, Frieden, Güte 
Kehrt der Befreite niemals mehr zurück. 
Er ist gleich einer Flamme, die verglühte, — 
Erloschen in Nibbänas reinem Glück. 

11» 



164 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Die Lehre des Buddha 

oder: Die vier heiligen Wahrheiten. 

Nach Aussprüchen des Päli-Kanons zusammengestellt. 

Von Bhlkkhu Nyänatiloka (Ceylon)»). 

Die Tore der Unsterblichkeit sind offen: 
Wer Ohren hat zu hören komm' und höre. 
Majjhima-Nikäya 26. 

Der Vollendete, ihr Brüder, der Heilige, der vollkommen 
Erwachte (buddha) hat zu Benares, am Sehersteine, im Wild- 
park das höchste Reich der Wahrheit aufgerichtet: und dar- 
widerstellen kann sich kein Asket und kein Priester, kein Gott, 
kein böser und kein heiliger Geist, noch irgend wer in der 
Welt; es ist das Verkünden, Aufweisen, Darlegen, Darstellen, 
Enthüllen, Entwickeln, Offenbar-machen der vier heiligen Wahr- 
heiten. Welcher vier? Der heiligen Wahrheit vom Leiden, der 
heiligen Wahrheit von der Leidensentstehung, der heiligen 
Wahrheit von der Leidensvernichtung, der heiligen Wahrheit 
von dem zur Leidensvernichtung führenden Pfade. (Majjhima- 
Nikäya 141). 

Und der Erhabene sprach: So lange, ihr Brüder, als meine 
Erkenntnis und Einsicht in jede einzelne dieser vier heiligen 
Wahrheiten nicht ganz klar war, so lange war ich ungewiss, 
ob ich den vollen Einblick in dasjenige Wissen gewonnen hatte, 
das unübertroffen ist in den Himmeln und auf der Erde, un- 
übertroffen unter der gesamten Schar der Asketen und Priester, 
der Götter und Menschen. Aber sobald, ihr. Brüder, meine Er- 
kenntnis und Einsicht in jede einzelne der vier heiligen Wahr- 
heiten vollkommen klar geworden war, da ging mir die Ge- 
wissheit auf, dass ich vollen Einblick in jenes Wissen gewonnen 
hatte, das unübertroffen ist in den Himmeln und auf der Erde, 
unübertroffen in der gesamten Schar der Asketen und Priester, 
der Götter und Menschen. 

Und jenes tiefe Wissen habe ich mir zu eigen gemacht, 
das schwer zu erfassende, schwer zu verstehende, dem Gemüt 



Original-Beitrag für den »Buddhist«. 



No. 6. DER BUDDHIST. 165 

Frieden bringende, jenes Wissen, das nicht durch blosse Ver- 
nunftschiüsse gewonnen werden i<ann, das tiefsinnig und nur 
dem weisen Jünger zugänglich ist. — Die Welt jedoch ist dem 
Begehren hingegeben, in Begehren verstrickt, in Begehren ver- 
zückt. Diejenigen freilich, die dem Begehren hingegeben, in 
Begehren verstrickt, in Begehren verzückt sind, werden schwer- 
lich das Gesetz der Verursachung, das Bedingtsein des Ent- 
stehens, erfassen können; unbegreiflich auch wird ihnen das 
Vernichten der »Strebungen« (Sankhärä) sein, das Sichloslösen 
von allen Bestandteilen des Daseins, die Vernichtung des Be- 
gehrens, die Abwesenheit der Leidenschaft, der Gemütsfriede, 
— das Nibbäna. 

Dennoch gibt es einige unter den Wesen, deren Augen 
kaum mit Staub bedeckt sind : sie werden die Lehre verstehen. 
(Mahävagga). 

Erstes Kapitel. 
Die heilige Wahrheit vom Leiden. 

Was ist nun, ihr Brüder, die heilige Wahrheit vom Leiden? 
Geburt ist Leiden, Altern ist Leiden, Sterben ist Leiden, Kummer, 
Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung sind Leiden, das 
Nicht-erlangen dessen, was man begehrt, ist Leiden; kurz ge- 
sagt, die fünf Aspekte des Haftens am Dasein^) sind Leiden. — 

Was ist nun, ihr Brüder, die Geburt? Der jeweiligen 
Wesen in jeweilig existierender Gattung Geburt, Gebärung, 
Bildung, Keimung, Empfängnis, das Erscheinen der Teile, das 
Ergreifen der Gebiete: Das nennt man, ihr Brüder, Geburt. — 
Was ist nun, ihr Brüder, Altern? Der jeweiligen Wesen in 
jeweilig existierender Gattung altern und abnutzen, gebrechlich, 
grau und runzelig werden, der Kräfteverfall, das Abreifen der 
Sinne: Das nennt man, ihr Brüder, altern. — Was ist nun, ihr 
Brüder, sterben? Der jeweiligen Wesen in jeweilig existierender 
Gattung Hinschwinden, Auflösung, Zersetzung, Untergang, Ab- 
scheiden, Zeiterfüllung, das Zerfallen der Teile, die Verwesung 



') Die fünf Khandas: Form (rüpa); Gefühl (vedanä); Vorstellen 
(saünä); Strebungen (sankhärä); Gedanken-Aspekte (vinnäna, Bewusst- 
sein). 



166 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

der Leiche: Das nennt man, ihr Brüder, sterben. — Was ist 
nun, ihr Brüder, Kummer? Was da, ihr Brüder, bei diesem 
und jenem Verluste, den man erfährt, bei diesem und jenem 
Unglück, das einen betrifft, Kummer, Kümmernis, Bekümmerung, 
innerer Kummer ist: Das nennt man, ihr Brüder, Kummer. — 
Was ist nun, ihr Brüder, Jammer? Was da, ihr Brüder, bei 
diesem und jenem Verluste, den man erfährt, bei diesem und 
jenem Unglück, das einen betrifft, Klage und Jammer, Beklagen 
und Bejammern, laute Klage und lauter Jammer ist: Das nennt 
man, ihr Brüder, Jammer. — Was ist nun, ihr Brüder, Schmerz? 
Was da, ihr Brüder, körperlich schmerzhaft, unangenehm ist, 
durch körperliche Berührung als schmerzhaft, unangenehm em- 
pfunden wird: Das nennt man, ihr Brüder, Schmerz. — Was 
ist nun, ihr Brüder, Gram? Was da, ihr Brüder, geistig schmerz- 
haft, geistig unangenehm ist, durch Gedanken-Kontakt als 
schmerzhaft, unangenehm empfunden wird: Das nennt man, 
ihr Brüder, Gram. — Was ist nun, ihr Brüder, Verzweiflung? 
Was da, ihr Brüder, bei diesem und jenem Verluste, den man 
erfährt, bei diesem und jenem Unglück, das einen betrifft, 
Verzagen und Verzweifeln, Verzagtsein und Verzweifeltsein ist: 
Das nennt man, ihr Brüder, Verzweiflung. — Was ist nun, ihr 
Brüder, das Nicht-erlangen dessen, was man begehrt, für 
Leiden? Die Wesen, ihr Brüder, der Geburt unterworfen, 
kommt das Begehren an: „0 dass wir doch nicht der Ge- 
burt unterworfen wären, dass uns doch keine Geburt 
(wieder) bevorstünde!" Aber das kann man durch Begehren 
nicht erreichen: Gerade nun das Nicht-erlangen dessen, was 
man begehrt, ist Leiden. Die Wesen, ihr Brüder, dem Altern, 
dem Sterben, dem Kummer, dem Jammer, dem Schmerz, dem 
Gram, der Verzweiflung unterworfen, kommt das Begehren 
an: „0 dass wir doch nicht dem Altern, dem Sterben, dem 
Kummer, dem Jammer, dem Schmerz, dem Gram, der Ver- 
zweiflung unterworfen wären, dass uns doch kein Altern und 
Sterben, kein Kummer und Jammer und Schmerz, kein Gram 
und keine Verzweiflung bevorstünde!" Aber das kann man 
durch Begehren nicht erreichen: Gerade nun das Nicht-erlangen 
dessen, was man begehrt, ist Leiden. — Was sind nun, ihr 
Brüder, kurz gesagt, die fünf Aspekte des Haftens am Dasein 



No. 6. DER BUDDHIST. 167 

für Leiden? Es ist da ein Aspekt des Haftens an der Form, 
ein Aspekt des Haftens am Gefühl, ein Aspekt des Haftens an 
der Vorstellung, ein Aspekt des Haftens an den »Strebungen«, 
ein Aspekt des Haftens an den verschiedenen Teilen des Be- 
wusstseins: Das nennt man, ihr Brüder, kurz gesagt, die fünf 
leidvollen Aspekte des Haftens am Dasein. — 

Das nennt man, ihr Brüder, die heilige Wahrheit vom 
Leiden. (Majjhima-Nikäya 141). — 

Was denkt ihr, Brüder: was ist wohl mehr, die Tränen- 
flut, die ihr auf diesem langen Wege, immer wieder zu neuer 
Geburt und zu neuem Tode eilend, mit Unerwünschtem vereint, 
von Erwünschtem getrennt, klagend und weinend vergossen 
habt, — oder das Wasser der vier grossen Meere? 

Ohne Anfang und ohne Ende, ihr Brüder, ist dieser Sam- 
sära, unerkennbar ist der Beginn der vom Nichtwissen um- 
hüllten Wesen, die durch den Durst nach Dasein immer und 
immer wieder zu erneuter Geburt geführt werden und den 
endlosen Kreislauf der Wiedergeburten durcheilen. 

Und so habt ihr, Brüder, durch lange Zeit Leid erfahren, 
Qual erfahren, Unglück erfahren und das Leichenfeld vergrössert 
— lange genug, wahrlich, ihr Brüder, um von jeder Existenz 
unbefriedigt zu sein, lange genug, um sich von allem Dasein 
abzuwenden, lange genug, um sich von ihm zu erlösen. 
(Samyutta-Nikäya II, XV, 3).— (Fortsetzung folgt). 

Buddhistische Ideen $€€$ 
$$:$$ bei Richard Wagner. 

Von Georg Jahn. 

(Scliluss). 

War der „Ring des Nibelungen" diejenige Dichtung, welche 
die Verderben und Leiden bringende Macht des Goldes zeigte, 
so kann man „Tristan und Isolde" ein Weltgedicht der sinn- 
lichen Liebe, jener unerschöpflichen Leidquelle des Menschen, 
nennen. Der Buddhismus lehrt Abwendung von der Welt und 
ihren Leidenschaften, Überwindung dieses Lebens des Leidens, 
das der Täuschungen, des Truges und des Scheines voll ist. 



168 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Die Zustimmung zu dieser Lehre treibt Wagner an, in „Tristan 
und Isolde", seinem dichterisch wertvollsten und kraftvollsten 
Werke, den Sinnentaumel als Vernichtungsseligkeit und die 
Liebe als zum Nirväna führende Macht darzustellen. 

Tristan hat Isolde für Marke, seinen König, zur Braut ge- 
worben. Diese aber, die jenen einst in schwerer Krankheit 
pflegte, ist zu ihm in heisser Liebe entbrannt, sodass sie sich 
jetat von Tristan, den des Tages Schein mit Glanz und Ehre, 
Ruhm und Macht an sich gefesselt und betört hat, verraten 
wähnt. Isolde will deshalb sich und den Geliebten dem Tode 
weih'n, was sie Tristan später in den Worten anspricht: 



Dem Licht des Tages 
wollt ich entflieh'n 
dorthin in die Nacht 
dich mit mir zieh'n, 
wo der Täuschung Ende 
mein Herz mir verhicss, 



wo des Trugs geahnter 

Wahn zerrinne: 

Dort dir zu trinken 

ewige Minne, 

mit mir — dich im Verein 

wollt' ich dem Tode weih'n. 



Der statt des Gifts gewählte Zaubertrank der Minne aber 
lässt Tristan in brünstiger Liebe entbrennen und eint das Paar 
zu ehebrecherischer Lust. Wunderbar schön ist die nächtliche 
Liebesszene zwischen Tristan und Isolde. Dort klagen sie sich 
die unendlichen Leiden und Qualen, welche die Liebessehnsucht 
ihnen bereitet. Da findet man es wieder, was der Buddhismus 
mit Recht behauptet: Von Liebem getrennt sein ist Leiden! Da 
hören wir die Liebenden klagen über die böse Ferne, über der 
trägen Zeiten zögernde Länge, über die öde Weite und den 
tückischen Tag, den härtesten Feind sinnlicher Liebeslust. Ihr 
ganzes Sehnen gilt der Nacht, wo beide liebend in einander 
aufgehen und in die Seligkeit der Erlösung vom Wahn des 
Daseins versinken: 

In des Tages eitlem Wähnen 
bleibt ihm einzig Sehnen, 

das Sehnen hin 

zur heil'gen Nacht, 

wo ur-ewig, 

einzig wahr 
Liebeswonne ihm lacht. 

In der Liebe hört das Individuum auf, für sich zu existieren, 
da stirbt das Ich, der dunkle Despot, da gibt es keinen Tristan, 



No. 6. 



DER BUDDHIST. 



169 



keine Isolde mehr, ohne Nennen und ohne Trennen ist es ein 
neues Ericennen und Entbrennen, ein endloses und ewiges 
Einbewusst-Sein: 

So starben wir, 

um ungetrennt, 

ewig einig, 

ohne End', 

ohn' Erwachen, 

ohne Bangen, 

namenlos ^ 

in Lieb' umfangen, 

ganz uns selbst gegeben 

der Liebe nur zu leben. 



Von höchstem Schwung und 
die Darstellung der Seligkeit des 
folgendem Gesänge: 

sink' hernieder, 

Nacht der Liebe, 

gib Vergessen, 

dass ich lebe. 

Nimm mich auf 

in deinen Schoss, 

löse von 

der Weit mich los! 

Verloschen nun 

die letzte Leuchte; 

was wir dachten, 

was uns deuchte, 

all' Gedenken, 

all' Gemahnen, 

heil'ger Dämm'rung 

hohes Ahnen 

löscht des Wähnens Graus 

welterlösend aus. 

Barg im Busen 

uns sich Sonne, 

leuchten lachend 

Sterne der Wonne. 

Von deinem Zauber 



grösster Schönheit aber ist 
Versinkens ins Nirväna in 

sanft umsponnen, 
vor deinen Augen 
süss zerronnen, 
Herz an Herz dir, 
Mund an Mund, 
Eines Atems 
einiger Bund; — 
bricht mein Blick sich 
wonn-erblindet, 
erbleicht die Welt 
mit ihrem Blenden: 
die mir den Tag 
trügend erhellt, 
zu täuschendem Wahn 
entgegengestellt; 
selbst — dann 
bin ich die Welt, 
Liebe-heiligstes Leben, 
Wonne-hehrstes Weben, 
Nie-Wieder-Erwachens 
wahnlos 
holdbewusster Wunschi 



Es sei uns gestattet, noch den Schluss der herrlichen 
Dichtung wiederzugeben. Tristan ist verschieden, zurückgekehrt 
in jene überirdische Welt, die unserer Vorstellung gänzlich 



170 



DER BUDDHIST. 



I. Jahrg. 



fremd und unbekannt ist, in das überirdische Sein des Nirväna. 
An einer andern Stelle sagt er zur Isolde: 



Es ist das dunkel 

nächt'ge Land, 
daraus die Mutter 
einst mich sandt', 
als, den im Tode 
sie empfangen, 
im Tod' sie liess 



zum Licht gelangen. 
Was, da sie mich gebar, 
ihr Liebesberge war, 
das Wunderrcich der Nacht, 
aus der ich einst erwacht, — 
das bietet dir Tristan, 
dahin geht er voran. 



Isolde aber sinkt entseelt auf Tristans Leiche nieder, nach- 
dem sie folgende Worte in höchster Verzückung und Verklärung 
gesungen: 



Höre ich nur 
diese Weise, 
die so wunder- 
voll und leise 
Wonne klagend, 
alles sagend, 
mild versöhnend 
aus ihm tönend 
auf sich schwingt, 
in mich dringt, 
hold erhallend 
um mich klingt? 
Heller schallend 
mich umwallend, 
sind es Wellen 
sanfter Lüfte? 
Sind es Walken 



Wie sie schwellen, 
mich umrauschen, 
soll ich atmen, 
soll ich lauschen? 
Soll ich schlürfen, 
untertauchen, 
süss in Düften 
mich verhauchen? 
In des Wonnenmeeres 
wogendem Schwall, 
in der Duft-Wellen 
tönendem Schall, 
in des Weltatems 
wehendem All — 
ertrinken — 
versinken — 
unbewusst — 
höchste Lust! 



wonniger Düfte? 

Die dritte der für unsere Betrachtungen in Frage kommen- 
den Operndichtungen Wagners ist der „Parsifal", ein buddhi- 
stisches Erlösungsdrama im Gewände christlicher Symbolik. 
Amfortas, der heilige Hüter des Gral, ist der sinnlichen Lust, 
den Verführungskünsten der Zauberin Kundry zum Opfer ge- 
fallen und siecht nun an der Wunde, die die Sünde ihm ge- 
schlagen, in qualvollen Leiden dahin. Kein Heilmittel der Welt 
kann ihm die Wunde schliessen, nichts, auch nicht der Anblick 
des Wunder verrichtenden heiligen Gral vermag ihm zu helfen. 
Rettung kann ihm nur bringen ein reiner Tor, der durch des 
Mitleids Kraft wissend ward. Das aber ist Parsifal, der ähnlich 



No. 6. DER BUDDHIST. 171 

wie der Prinz Siddhattha Gotama in der Einsamkeit aufwächst 
und durch Mitleid Wissen erlangt. Dieser widersteht der 
Versucherin Kundry, die ihrem bösen Geschicke gemäss auch 
ihn zu sinnlichem Liebesgenuss verlocken will, um so auch 
ihn der Qualen teilhaftig zu machen, an denen sie unnennbar 
zu leiden hat. Kundry ist die personifizierte Sinnlichkeit, die 
Verkörperung verführerischer Weibesmacht. Sie ist eine Ver- 
wünschte, die heute erneut, in wiedergeborener Gestalt lebt: 

zu büssen Schuld aus früheren Leben, 
, die dorten üir noch nicht vergeben. 



Ur-Teufelin! Höllen-Rose! 
Herodias warst du und was nochl 

Ihr böses Karma zwingt sie, Amfortas durch sinnlichen 
Liebesgenuss die Wunde zu schlagen; dieses Karma treibt sie 
dazu, auch an Parsifal zur Versucherin zu werden. Furcht- 
bares Liebes-Sehnen erfasst dann alle ihre Sinne und alles 
schnürt, bebt und zuckt an ihr in sündigem Verlangen. Unter 
ihres Daseins Qual aber schreit sie nach Erlösung: 

0, kenntest du den Fluch, 

der mich durch Schlaf und Wachen, 

durch Tod und Leben, 

Pein und Lachen 

zu neuem Leben neu gestählt 

endlos durch das Dasein quält ! 

Parsifal widersteht ihrer Verführungskunst mit folgenden 
Worten, in denen sich hauptsächlich der rein buddhistische 
Grundgedanke des Stückes ausspricht: 

In Ewigkeit 
wärst du verdammt mit mir 

für eine Stunde 
Vergessens meiner Sendung 
in deines Arms Umfangen ! — 
Auch dir bin ich zum Heil gesandt, 
bleibst du dem Sehnen abgewandt. 
Die Labung, die dein Leiden endet, 
beut nicht der Quell, aus dem es fliesst: 
Das Heil wird nimmer dir gespendet, 
wenn jener Quell sich dir nicht schliesst. 
Ein andrer ist's — ein andrer achl 



172 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

nach dem ich jammernd schmachten sah 

die Brüder dort in grausen Nöten, 

den Leib sich quälen und ertöten. 

Doch wer erkennt ihn klar und hell, 

Des einz'gen Heiles wahren Quell? 

O Elend, aller Rettung Flucht! 

O Weltenwahns Umnachten: 

in höchsten Heiles heisser Sucht 

nach der Verdammnis Quell zu schmachten! 

Eine andere Liebe als die sinnliclie erwaciit in Parsifal, 
die Liebe des Mitleids. Zum inneren, mitfühlenden Dulder ge- 
worden, kommt er, »der Irrnis- und der Leiden-Pfade" müde, 
zu Amfortas, bringt ihm den heiligen Speer, das Sinnbild der 
Erlösung, und befreit ihn von seinen Qualen: 

Gesegnet sei dein Leiden, 

das Mitleids höchste Kraft 

und reinsten Wissens Macht 

dem zagen Toren gab. 

Auch Kundry bringt er Daseins-Erlösung. Sie sinkt ent- 
seelt vor ihm zu Boden, und die Dichtung schliesst mit den 

Worten : 

Höchsten Heiles Wunder: 
Erlösung dem Erlöser. 

Wagner hat uns in seinen drei grössten Schöpfungen er- 
greifende Bilder von der Verderben bringenden Macht des 
Goldes, der Leid schaffenden Sinnenlust und der Kraft des 
Mitleids gemalt. Wir glaubten mit unserer Deutung der Grund- 
gedanken jener Dichtungen nicht fehlgegangen zu sein und 
erkennen in Wagner geradezu den Propheten des Buddhismus 
auf künstlerisch-ästhetischem Gebiete im Abendland. Gerade 
die hier besprochenen Tondichtungen sind es, die, dank ihrem 
tiefen Gehalte, einen grossen Einfluss auf die moderne Welt 
gewonnen und dazu beigetragen haben, dem Buddhismus auch 
bei uns eine Stätte zu bereiten. 

Wertvoller als irdische Macht, wertvoller als eine Wieder- 
geburt im Himmel, wertvoller selbst als Weltherrschaft ist für 
den Jünger das Betreten des Pfades. Dhammapada. 



No. 6. DER BUDDHIST. 173 

Mission und „Mission". 

Von Karl B. Seidenstücker. 

Ein Brief, den kürzlich ein Freund der buddhistischen 
Bewegung an mich gerichtet hat, enthält folgenden Passus: 

„Der Name »Missions-Verein« stösst mich ab. Das 
Wort »Mission« ist für immer befleckt durch das Treiben 
christlicher Missionare gegenüber den „Heiden". Unsere 
Aktion hat mit der jener nichts gemein, warum dann den 
irreführenden Namen? Uns treibt kein Europäerdünkel, 
Völkern gleichviel welcher Kulturstufe und welcher An- 
schauungen ein festgefügtes System als patentiert bestes 
über den Kopf zu stülpen. Bescheiden treten wir vor 
unsere deutschen Landsleute, breiten vor ihnen die schim- 
mernden Kleinodien des Buddhismus aus und überlassen 
ihnen ohne aufdringliches Geschwätz, was sie davon zu 
glücklichem Leben und Sterben brauchen können. Nur 
bekannt machen soll der Verein die Lehren des Bud- 
dha in Deutschland, keine „Mission" mit ihnen treiben! 
Brächte das auch der Name des Vereins hinlänglich zum 
Ausdruck, -- ich wäre sofort der Ihre." — 

Diese Notitz bietet mir einen willkommenen Anlass, den 
Begriff »Mission« in den Kreis unserer Betrachtungen zu 
ziehen und dabei die Frage zu beantworten, warum bei der 
Gründung der buddhistischen Gesellschaft in Deutschland i. J. 
1903 der Name »Missions-Verein« gewählt wurde. 

Der Buddhismus ist die älteste Weltreligion, welche seit 
ihren frühesten Zeiten den Zweck der Missionierung verfolgt. 
Das buddhistische Missions-Evangelium findet sich im I. Teile 
des Mahävagga, wo der Meister seine Jünger aussendet mit 
den Worten: 

„So gehet hin, ihr Brüder, und wandert zum Heile der 
Vielen, zum Segen der Vielen, aus Mitleid für die Welt, 
für Götter und Menschen. Verkündet, Brüder, die glor- 
reiche Lehre, predigt ein Leben der Heiligkeit, Vollkommen- 
heit und Reinheit." 



174 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Wenn wir diesen Text für die Eri<lärung des Begriffes 
»Mission« im buddiiistisclien Sinne zu Grunde legen, so 
erl<ennen wir ohne weiteres, was die buddhistisciie Mission 
in ihrer Grundlage, ihren Prinzipien und ihrer Methode ist, 
und was sie nicht ist. 

Ihre treibende Kraft ist nicht jene zclotische Bekehrungs- 
wut, welche die Jünger Mahommeds antrieb, ihr Schwert bis 
ans Heft im Blute zu röten, nicht jener blinde Fanatismus, der 
einen Bonifatius, einen Karl den Grossen und viele moderne 
christliche Missionäre angestachelt hat, in „heiliger Rück- 
sichtslosigkeit" die Rechte, den Glauben und die heiligen Stätten 
der Nicht-Christen zu verachten, zu zerstören und mit Ge- 
walt, List, Kinderdrill oder Geldspenden Proselyten der neuen 
Religion zu machen. Nein! Die treibende Macht der Buddha- 
Mission ist das innig-empfundene Solidaritäts-Bcwusstsein, die 
tiefe Sympathie und das warme Mitgefühl mit allen Menschen, 
gleichviel welcher Rasse, Nationalität oder Konfession sie an- 
gehören mögen. Jener herrliche Schatz, der mir Frieden und 
Trost gespendet hat, er soll nicht mir allein gehören, ich 
will ihn denen darreichen, die ihn noch nicht kennen. Dar- 
reichen, nicht aufzwingen. Die Aufgabe buddhistischer 
Missionare kann und soll nur darin bestehen, die Lehre 
zu predigen und durch das persönliche Beispiel die Heils- 
lehre des Buddha nach Möglichkeit zu realisieren. Niemals 
aber sollte der Gedanke an „Bekehrungen", seelische Beein- 
flussungen durch Schaugepränge oder Suggestion, an Proselyten- 
macherei usw. in der buddhistischen Mission Wurzel fassen; 
noch weniger aber etwa die Absicht, alle Völker auf jeden 
Fall und mit allen Mitteln buddhistisch zu machen und andere 
Religionen auszurotten. Der buddhistischeKönig Asoka schrieb 
im 3. Jahrhundert v. Chr. in einem seiner Edikte: „Piyadasi'), 
der von allen Göttern geliebte König, wünscht, dass die An- 
hänger aller Bekenntnisse an allen Orten wohnen sollen. 
Alle diese Asketen bekenen sich, der eine wie der andere, zu 
der Herrschaft, die man über sich haben soll utid zur Rein- 
heit der Seele. Freilich haben die Menschen verschiedene 



') Beiname Asokas. 



No. 6. DER BUDDHIST. 175 

Meinungen und verschiedene Wege." — Das iieisst buddhistisch 
gesprochen ; das ist der Geist, von dem die buddhistische 
Mission erfüllt sein soll! Wohlwollen, Menschlich- 
keit, Toleranz! — 

Und nun vergleiche man hiergegen die christliche 
Mission! Wir brauchen nicht bis auf Karl den Grossen 
zurückzugehen, um zu zeigen, was diese Mission an Grausam- 
keit und Fanatismus zu leisten vermag. Nein, die allerneueste 
Zeit bietet die Belege dafür, dass auch heute noch vieles in 
der christlichen Mission geschieht, was nicht anders bezeichnet 
werden kann als ungebildet, roh, fanatisch, brutal. Was 
sich Sendboten Christi in den buddhistischen Ländern heraus- 
nehmen dürfen, ist kaum glaublich; und wollte man diese 
Mission so zeichnen, wie sie faktisch ist, und nicht, wie sie 
in frommen Traktätlein und Bilderbüchern für artige Kinder und 
blindgläubige Weiber gezeichnet wird, — wahrlich, man könnte 
eine eigene Monatsschrift zu diesem Zwecke herausgeben, und 
Europa würde staunen über diese seltsamen „christlichen Lie- 
beswerke"! 

Der in Leipzig erscheinende »Theosophische Wegweiser« 
brachte in seinem 3. Jahrgange (S. 28) folgende Notiz: „Wer 
jemals unter den sogenannten Heiden gelebt hat und unpar- 
teiisch urteilen kann, der muss zugestehen, dass die „christ- 
lichen" Missionare, selbst wenn sie bei ihrer Proselytenmacherei 
die besten Absichten haben, für alle nichtchristiichen Völker 
eine Pestbeule sind. Kein vernünftiger Buddhist, Brahmine 
oder Anhänger irgend eines orientalischen Kultus hat etwas 
dagegen einzuwenden, über religiöse Dinge mit christlichen 
Missionaren zu sprechen und sich von ihnen überzeugen zu 
lassen, wenn sie etwas Vernünftiges vorbringen können. 
Als z. B. Missionare nach Ceylon kamen, stellten die 
Buddhisten denselben ihre Tempel zum Predigen zur 
Verfügung, worauf dann die Missionare ihre Dank- 
barkeit dadurch zeigten, dass sie die Religion der 
Buddhisten beschimpften und die Tempel mit Unrat 
beschmutzten." 

Vor vier Jahren hielt hier in Leipzig Herr Dr. Jeremias, 
Prediger an der hiesigen Lutherkirche, einen Vortrag über Bud- 



176 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

dhismus, bei dem ich persönlicli anwesend war. Dieser Herr 
gab folgendes Missionars-Stüci<iein zum besten: „Ein ilim be- 
freundeter, auf Ceylon wirkender protestantischer Missionar 
habe ihm aus seinen Erlebnissen folgendes erzählt: Er (der 
Missionar) sei eines Tages, als in einem Buddhisten-Tempel 
eine grosse Menge anwesend war, eingetreten und habe schel- 
tend (!) den dort amtierenden Bhikklui darauf hingewiesen, 
dass das, was die Leute hier trieben, ja der reinste Götzen- 
dienst sei^). Der Bhikkhu habe den Missionar ruhig ausreden 
lassen und ihm dann lächelnd die Hand mit den Worten ge- 
boten: ,Schon gut, Bruder; wir wollen es aber so lassen'." — Ich 
habe damals den Eindruck gehabt, dass bei einem grossen Teil 
unserer christlichen Bevölkerung das Gefühl für Menschlichkeit, 
Gerechtigkeit, Duldung gänzlich abgestumpft sein muss, wenn 
ein christlicher Geistlicher sans gene dieses zelotische, gemeine, 
taktlose Benehmen jenes Missionars zum Amüsement seiner Zu- 
hörer zum besten gibt und diese dann am Schluss durch lebhaftes 
Beifallklatschen dankend quittieren. — Was würde geschehen, 
wenn ein buddhistischer Missionar, der Lehre seines Meisters un- 
eingedenk, so anmassend wäre, in eine christliche Kirche einzu- 
dringen und den Geistlichen unter Scheltworten darauf hinzu- 
weisen, dass die Anbetung des historischen Jesus nach seiner 
Ansicht Götzendienst sei?! — Ja Bauer, das ist ganz etwas 
anderes! — Später fielen mir Jahrgänge des ceylonesischen 
»The Buddhist« in die Hände. Da habe ich gestaunt einerseits 
über das seltsame Treiben christlicher Missionare, andererseits ' 
über die ungeheure Lammsgeduld der dortigen Buddhisten 
diesem Treiben gegenüber. Die Kinder werden gelehrt, ihre 
Eltern als „arme Heiden" zu verachten und den letzteren auf 
diese Weise entfremdet; die Lehre des Buddha wird in Wort 
und Schrift beschimpft und verhöhnt; Schlachthäuser werden 
direkt neben buddhistischen Heiligtümern gebaut, und alte 
Rechte der buddhistischen Einwohner mit Füssen getreten. Man 
lese die betreffende Skizze in Dr. Paul Dahlkes »Buddhis- 



') Der gute Missionar hat offenbar hier das BUimenopfer und die 
Medifationsübung für eine Anbetung der Buddha-Statue gehalten; vergl. 
das erste Heft dieser Zeitschrift S. 9 ff.. K. S. 



No. 6. DER BUDDHIST. 177 

tischen Erzählungen«, in welcher der Autor diese christ- 
liche „Mission" in ihrer ganzen geistigen Armut und Roheit 
nach dem Leben zeichnet. 

Angesichts dieser bedauerlichen Zustände muss ich dem 
Schreiber des am Anfange dieser Ausführungen zitierten 
Schreibens allerdings recht geben, wenn er sagt: „Das Wort 
»Mission« ist für immer befleckt." Diese Tatsache wird ja 
auch von den besonnenen Elementen der protestantischen Geist- 
lichkeit im stillen zugegeben; man denke an das wertvolle 
Eingeständnis des Pfarrers Lic. Hackmann: „Die christliche 
Mission bedürfe noch ganz wesentlicher Vervollkommnung". 
Nun fragt es sich nur: Sollen die Buddhisten deshalb, weil 
Christen die Mission herabgezogen haben, von dem Worte 
»Mission« überhaupt absehen? Ich meine nein; denn einer- 
seits ist der Buddhismus von seinen frühesten Anfängen an eine 
Religion mit dem Prinzip der Missionierung gewesen, anderer- 
seits wollen wir uns bemühen, den Missions-Begriff wieder zu 
Ehren zu bringen, und diesmal mögen die Buddhisten den 
Christen zeigen, wie Mission sein soll. Wir sind in dieser Be- 
ziehung Optimisten und glauben immer noch, dass auch die 
schwärzeste christliche „Heidenmission" allmählich von den Strah- 
len der aufgehenden Sonne der Humanität und Duldsamkeit erhellt 
und erleuchtet werden wird, — wenn's auch schwer fällt und etwas 
lange dauern mag. Darum: Nil desperari, — auch hier wird 
es tagen! Und der buddhistische Missions- Verein soll sich 
seines Namens nicht schämen! 

mm Nibbäna. U^U^ 

Von Bhikkhu Änanda Maitrlya. 

(3. Fortsetzung und Schluss.) 
Wir kommen nunmehr zu der bei weitem schwierigeren 
Betrachtung von Anupädisesa-Nibbäna, d.h. von Nibbäna 
an sich. Wir haben gesehen, worin die in diesem Leben zu 
realisierende Erlangung Nibbänas besteht; wir haben aus den 
heiligen Schriften und aus dem Munde derer, die in diesem 

12 



178 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Zustande lebten, das erhabene Bild der Arahäschaft kennen 
gelernt und einen Einblick in das Leben eines Menschen ge- 
wonnen, für den alle Unwissenheit, alles Übel, alles Leiden zur 
Ruhe gebracht ist. Wir haben vernommen, wie die Erreichung 
Nibbänas, — diese auf der Erlösung von allen Leiden beruhende 
Seligkeit, — in dem Gemüte dessen, der am Ziele angelangt 
ist, jene Zustände geistigen Entzückens erstehen lässt, die selbst 
in den heiligen Büchern mit nur unzureichenden Worten ge- 
schildert sind; denn welche irdische Sprache reichte wohl aus, 
um dieses höchste, leidlose Glück zu schildern?! Aber wie 
sollen wir nun das Nibbäna an sich beschreiben? Wie 
sollen wir, die wir leben, denken und vorstellen, wir mit un- 
serem stets wechselnden Gemüte, — wie sollen wir nachsinnen 
über Das, was jenseits von Leben, Denken und Vorstellen, 
jenseits von Tod und Vergänglichkeit liegt, — über das Wechsel- 
lose, Unbedingte, Höchste, das kein Denken realisieren, kein 
Wort ausdrücken kann?! Es liegt jenseits von uns, ausge- 
nommen, wenn wir es erreichen, ebenso wie der Glanz des 
Tageslichtes dem Blindgeborenen unbekannt und unerkennbar 
ist; und das Beste, was wir tun können, besteht darin, durch 
Anwendung von Gleichnissen und Bildern einen, wenn auch 
getrübten Begriff von diesem jenseitigen Lichte zu erhalten, 
ähnlich, wie etwa ein Mensch durch Anwendung endlicher 
mathematischer Grössen eine schwache, dämmernde Ahnung 
von der Unendlichkeit zu erlangen vermag. Und doch, — 
wie hoffnungslos ist der Versuch! Wir müssen Nibbäna als 
Existenz auffassen; — denn die Schatten unserer höchsten 
Vorstellungen verschwinden vor dem Licht Seiner unaussprech- 
lichen Wirklichkeit: — und doch, Existenz bedeutet für 
uns Wechsel, während Nibbäna über allen Wechsel und über 
alle Veränderung erhaben ist. Wir müssen Nibbäna als das 
Unbedingte bezeichnen, wir, für die jeder einzelne Denk- 
Prozess etwas Bedingtes ist; wir müssen Es unendlich, 
ewig nennen, wir, deren Natur endlich ist, wir, die wir selbst 
nur die Kinder flüchtiger Stunden sind. Wir, deren Leben 
ein Werden ist, müssen Nibbäna als das Absolute, Unver- 
änderliche begreifen, als ein Etwas, das weder jemals ins 
Dasein eintritt, noch jemals dahinschwindet. Und dennoch: 



No. 6. DER BUDDHIST. 179 

Nibbäna ist; unsere eigene Vernunft muss uns dies sagen; 
denn wir wissen, dass wir ein Ding nur durch eine Ver- 
gleiciiung mit dem begreifen i<önnen, was es nictit ist. So 
z. B. wenn icti sage; ,Ein Ding ist weiss', so spreciie icti mit 
Beziehung auf und im Vergleich mit etwas, was nicht weiss 
ist, und so verhält es sich mit allen unseren inneren Vorstel- 
lungen. Wenn wir so analog das gesamte bekannte Univer- 
sum, in dem wir leben, als etwas Bedingtes, als ein Werden 
begreifen, dann können wir, vielmehr dann müssen wir auf 
ein Etwas schliessen, das unbedingt, wechsellos, unbe- 
kannt ist. So heisst es im »Udäna«: „Es gibt, ihr Brüder, ein 
Ungeborenes, Unentstandenes, nicht Gewordenes, nicht Gestal- 
tetes. Gäbe es dies nicht, so würde auch kein Entrinnen 
möglich sein aus dieser Welt des Geborenen, Entstandenen, 
Gewordenen, Gestalteten." — 

Da finde ich ein Gleichnis, welches, wie ich denke, uns 
in den Stand setzen kann, dass wir nicht nur eine Vorstellung 
von Nibbäna-dhätu ') an sich zu gewinnen vermögen, son- 
dern auch von dem Verhältnis, in welchem unser Bewusstsein 
zu dem steht, was ich in Ermangelung eines besseren Aus- 
druckes als das absolute Bewusstsein bezeichnen möchte. 
Dieses Bild wird uns auch illustrieren können, inwiefern der 
Ausdruck »existierend«, welchen wir notgedrungen dem Be- 
griff »Nibbäna« beilegen müssen, in Wirklichkeit eine gänzlich 
andere Bedeutung für denjenigen hat, welcher diesen Zustand 
begreifen und verwirklichen kann. — Wir wollen uns einmal 
den Raum vorsteilen. Wir verstehen unter diesem Worte 
»Raum« zwei sehr verschiedene Dinge, welche doch in ge- 
wisser Weise zu einander in Beziehung stehen: — Wir meinen 
einerseits Unendlichkeit oder Unbegrenztheit, andererseits 
endliche (begrenzte) Ausdehnung. Wenn wir sagen, ein 
Kubus (Würfel) nimmt einen bestimmten Raum ein, so meinen 
wir »Raum« in dem letzteren Sinne; aber wir sind uns dabei 
wohl bewusst, dass dieser Kubus-Raum in keiner Weise den 
unendlichen Raum beeinträchtigt; denn ein Kubus, mag dieser 
so gross sein, wie er will, kann selbstverständlich keinen 



') Dhätu bedeutet Element, Begriff. 



Wß DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Raum-Teil von dem unendlichen Raum ausmachen. Dasselbe 
gilt für jedes gestaltete Ding; denn alles, was eine Form hat, 
ist notwendigerweise begrenzt oder endlich. Wass wir die 
Form eines Dinges nennen, ist eben die Gesamterscheinung 
seiner Grenzen; und da der Raum in dem unbegrenzten 
(unendlichen) Sinne keine Grenzen hat, so kann man natür- 
lich niemals von einem unbegrenzten oder unendlichen 
Kubus sprechen. Solch ein Kubus, wie gross er auch sein 
mag, ist immer begrenzt, und als begrenzter Körper nimmt 
er einen begrenzten Raum ein; aber er nimmt im unend- 
lichen Raum überhaupt keinen Raum ein; denn der unend- 
liche Raum bleibt derselbe, ganz gleichgültig, ob ein Kubus 
vorhanden ist oder nicht. 

Wir wollen uns nun den unendlichen, unbegrenzten 
Raum denken und wollen annehmen, dass derselbe mit einem 
gleichartigen Medium angefüllt sei, mit einer Art sehr feiner 
Gallerte oder Äther, wie es die moderne Wissenschaft nennt; 
wir wollen weiter annehmen, dass dieser Raum-Äther eine ein- 
zige Eigenschaft habe, die Eigenschaft des Bewusstseins an 
sich. Dieser Bewusstseins-Raum (oder dieses Raum-Bewusst- 
sein) versinnbildlicht unser Nibbäna-dhätu (Nibbäna an sich); 
aber insofern das, was wir Bewusstsein nennen, das Verhältnis 
zweier Dinge in sich schliesst, und insofern in dem unbe- 
grenzten Bewusstseins-Raum nichts sonst ist, als der Bewusst- 
seins-Äther, so ist es ganz einleuchtend, dass das Bewusstsein, 
welches er hat, gänzlich verschieden von dem ist, was wir 
Bewusstsein nennen. 

Nun wollen wir annehmen, dass in dem unbegrenzten 
Bewusstseins-Raum ein Kubus — ein fester Würfel — ins 
Dasein tritt. Dieser Kubus muss vorgestellt werden als aus 
einem anderen Stoffe bestehend, als der Bewusstseins-Äther. 
Wir können nun, wenn ich mich einer etwas laxen Ausdrucks- 
weise bedienen darf, die Sache so betrachten, dass der Be- 
wusstseins-Raum an einer bestimmten Stelle, die wir im Auge 
haben, von den Flächen des Würfels begrenzt ist. Jetzt ent- 
steht innerhalb dieser Flächen in dem Bewusstseins-Äther ein 
Bewusstsein der Art, wie wir es kennen, d. h. ein differen- 
ziertes Bewusstsein; der Bewusstseins-Äther nämlich an der 



No. 6. DER BUDDHIST. 181 

einen Fläche des Kubus empfindet sicli als ein individuelles, 
getrenntes Ding. Erdenkt: „Hier bin ich; an meiner rechten 
Seite ist jene Fläche, dort ist eine Ecke, hier ist eine Linie" 
usw. Nun mag der Kubus von Zeit zu Zeit seine Form ändern, 
— bald wird er ein Rhomboid, bald schwinden seine Ecken, 
und er wird eine Kugel und so fort: er besteht aus einer Un- 
menge kleiner Teilchen, welche keinen Augenblick sich in Ruhe 
befinden. Mit jeder Bewegung in dem Kubus wird eine neue 
Art von Bewusstsein — oder besser: Serien von Bewusstsein — 
in dem anliegenden Bewusstseins-Äther entstehen: Jetzt ein 
Kubus-Bewusstsein, jetzt ein Kugel-Bewusstsein, dann wieder 
das Bewusstsein eines Rhomboids oder eines Tetraheders. Wie 
nun jener Kubus in der räumlichen Unendlichkeit überhaupt 
keinen Teil-Raum einnimmt, gerade so wenig verändern oder 
beeinflussen alle diese kleinen Arten von differenziertem 
Bewusstsein auch nur im geringsten das allgemeine noetische 
Bewusstsein des unendlichen Raumes. Und wenn jener Kubus 
plötzlich vernichtet würde, dann würde das an seinen Flächen 
entstandene differenzierte Bewusstsein ebenfalls verlöschen; 
das will sagen, an seiner Stelle würde das unendliche, unbe- 
grenzte Raum-Bewusstsein, das nicht-differenzierte abso- 
lute Bewusstsein, allein übrig bleiben. 

In diesem Gleichnis nun ist das Nibbäna durch den un- 
endlichen Bewusstseins-Äther versinnbildlicht und das 
menschliche Dasein durch den Kubus. Die Form jenes 
Würfels ist das Symbol für die körperliche Form (rüpa) des Men- 
schen; die Fähigkeit, auf äussere Schwingungen zu reagieren, ist 
seine Empfindung (vedanä); die Fähigkeit der unterscheidenden 
Wahrnehmung ist sein Wahrnehmen und Vorstellen (sannä); und das 
inhärierende » Würfel-sein«, wenn ich so sagen darf, veranschaulicht 
seine Strebungen (samkhärä). — Wenn der Arahä abschei- 
det, dann zerfallen diese vier Khandas oder Gruppen 
sämtlich; es bleiben keine »Strebungen« zurück, um 
ein neues Wesen zu bilden; und so flackert das diffe- 
renzierte Bewusstsein (vifiiiäna) in Abhängigkeit von 
diesen vier Gruppen nicht länger mehr, und jenes 
Wesen hört, soweit unsere Begriffe auf dasselbe An- 
wendung finden, auf, als eine getrennte Wesenheit zu 



182 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

existieren. Nibbäna-dhätu ist, — das ist alles, was 
wir uns sagen können, wenn wir von dem Arahä nach 
seinem Ableben sprechen. — 

Noch ein weiteres Gleichnis mag hier ausgeführt werden, 
welches den Nibbäna-Begriff in seinen zwei Aspekten veran- 
schaulichen kann. Wenn wir schlafen, treten wir gleichsam 
in eine neue Welt ein, in die Welt der Schatten der Nacht. 
Dann irren wir in unklaren, flüchtigen Vorstellungen von Traum 
zu Traum, ähnlich wie sich hier in dem solideren Dasein der 
allerdings langsamere Übergang von Existenz zu Existenz voll- 
zieht. Hier schauen wir durch die »Tore von Hörn« auf die 
Mysterien der Welt um uns; dort erheben sich hinter den 
»Toren von Elfenbein« eitle, flüchtige Visionen, bald lieblich, 
bald furchtbar; aber alles wogt und wechselt wie der Schaum 
auf dem Kamm der Wellen. Oft erleben wir direkt nachein- 
ander Träume, ohne im geringsten daran zu zweifeln, dass 
diese Traum-Erlebnisse real seien; wir ergötzen uns an ihrer 
Lieblichkeit, wir fürchten uns und erschrecken vor ihrem Weh 
und Grauen; wir sind von der Wirklichkeit dieser Träume 
gerade so überzeugt, wie von der Realität unseres irdischen 
Lebens. So mögen wir vielleicht eine geraume Zeit fortträu- 
men, bis sich plötzlich ein Traum voller Leid und Entzetzen 
einstellt; wir martern uns infolgedessen ab, wie wir das Furcht- 
bare ertragen sollen und quälen uns mit dem Gedanken, ob 
wir das Entsetzliche überhaupt aushalten können. Vielleicht 
stirbt in unserem Traum jemand, den wir innig lieben, und 
wir sind nicht in der Lage, ihn zu retten; oder wir selbst be- 
finden uns, von Furcht durchlebt, in einem finstern Kerker 
eingeschlossen und wissen nicht, wie wir dem Verhängnis 
entrinnen sollen. Und in demselben Masse, wie unser Leiden 
und Entsetzen unser Inneres immer mehr erfüllt, wird es uns 
plötzlich klar, dass das ganze Traum-Leben vom Übel, dass 
es in seinem ganzen Umfange unbeständig, leidvoll, nicht-wirk- 
lich ist. Und wenn uns dieser Gedanke aufsteigt, leuchtet es 
uns plötzlich ein, dass diese Traum-Nichtwirkliciikeit in irgend 
einer nicht bekannten, schwer zu begreifenden Weise von uns 
selbst abhängt, dass es jenseits von diesen schrecklichen Phan- 
tasieen ein reales Leben gibt, und dass diese Leiden und 



No. 6. DER BUDDHIST. 183 

Schrecken der Nacht nur unsere eigenen Schöpfungen sind. 
Und nun machen wir eine gewaltige Willensanstrengung, um 
zu erwachen, und lachen dann nach ein paar Augenblicken 
darüber, dass wir so töricht gewesen sind, uns von jenen 
Leiden und Beschwerden quälen und niederdrücken zu lassen; 
wir erkennen dann, dass dies alles aus unserem eigenen Qemüte, 
oder vielmehr aus unserer im Schlafe herrschenden Unwissen- 
heit, unserem träumenden Zustande, geboren wurde. 

So liegen auch hier die Verhältnisse im Meere des Daseins. 
Wir irren von Leben zu Leben, bald glücklich, bald unglücklich; 
und für lange Zeit führen wir so das Dasein fort und eilen 
von der Geburt zum Tode, ohne jemals ernstlich darüber nach- 
zusinnen, wer wir sind und warum wir leben. Aber zu irgend 
einer Zeit bricht ein schweres Leid über uns herein, und dann 
halten wir für einen Moment inne, dann fragen wir verwundert, 
was wohl hinter allen diesen dunklen Geheimnissen des Lebens 
sein mag? Und sogleich werden wir im Hinblick auf den 
rastlosen Lauf des Daseins das grosse Leiden gewahr, welches 
in diesem nie aufhörenden Wechsel liegt, und zugleich mit 
dieser Verwirklichung der Wahrheit vom Leiden leuchtet 
die tiefe innere Erkenntnis auf, dass alle die mannigfaltigen 
Formen und Lagen des Lebens vergänglich, leidvoll, nicht 
wirklich sind. 

So erkennen und verwirklichen wir wie jener Mann in 
Nägasenas Rede die Wahrheit vom Leiden: „Ein ewiges 
Feuer ist dieses undenliche Werden, flammend und brennend! 
Voll von Leiden ist es, voll von Verzweiflung!" Und wir streben 
wie er nach einem Zustand, in welchem es kein Werden gibt, in 
weichem Hass durch Güte ersetzt wird, Begierde durch Liebe, 
Verblendung durch Einsicht und alle Unruhe des Lebens durch 
Nibbänas Frieden. 

Infolge dieser Erkenntnis und Sehnsucht machen wir dann 
eine gewaltige Willens-Anstrengung, um aus dem Traum des 
Lebens zu erwachen und suchen nach einem Weg, der uns 
aus dem endlosen Leid des Daseins hinausführen soll. Wir 
gewöhnen uns daran, die Moral-Satzungen (Stla) zu be- 
folgen, indem wir das Gebot: »Alle Sünden meiden« beob- 
. . n. Wir üben uns in der Betätigung der Nächstenliebe 



184 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

(Dana), indem wir danach streben, anderen Gutes zu erweisen, 
den Armen zu speisen, dem Bedürftigen zu lielfen und mit 
allen Menschen in Frieden und Harmonie zu leben, wie ge- 
schrieben steht: »Die Tugend üben«. Und endlich, wir 
gehen daran, die Meditation (Bhävana) zu pflegen, um jene 
Konzentration und Kraft des Geistes zu erlangen, welche allein 
die Fesseln der Illusion zerbrechen kann, welche allein uns 
den Pfad zum Nibbäna, den Weg zum grossen Frieden zu 
öffnen vermag; dies geschieht durch >die Läuterung des 
eigenen Herzens«. Und diese drei Richtwege: Sila, Dana, 
Bhävana bilden zusammen die gesamte Praxis unserer bud- 
dhistischen Religion '). 

Wer so in dem Gesetz lebt, wer so in Frieden und Wohl- 
wollen mit allen Wesen verharrt, wer so über die Natur dieses 
Daseins meditiert, für den schlägt einst die Stunde des »grossen 
Erwachens« "). Und wer dieses Erwachen erlebt, auch wenn 
er den Glanz Nibbänas nur von fern geschaut hat, gelangt zum 
Frieden, und die irdischen Trugbilder können ihn nicht mehr 
blenden. Wie der aus dem Schlaf Erwachte seinen Tranm als 
die Schöpfung seines Geistes erkennt, so geht es auch dem- 
jenigen, der aus dem Traum des Lebens erwacht ist: Er sieht, 
dass diese Welten nur in Vorstellungen und Gedanken bestehen 
und dass diese Pilgerreise durch die ungezählten Lebensläufe 
nichts ist, als Schaum und Traum. Für den »Erwachten« 
ist dieses unser Leben in Wahrheit eine Traum-Welt; seine 
Meditation und sein Erwachen enthüllen ihm sein wahres 
Leben, welches jenseits von Zeit, Raum und Vorstellung liegt. 

Und so komme ich zum Schluss. Wenn ich gefragt werde: 
„Ist Nibbäna Vernichtung? Ist es Aufhören? Ist es das Ende 
von allem?" — so erwidere ich: Gerade das haben wir ja ge- 
lernt; Nibbäna ist Vernichtung, — nämlich Vernichtung des 
verhängnisvollen dreifachen Feuers der Begierde, des Hasses 

') Vergl. Dhamraapada, V. 183: Alle Sünden meiden, die Tugend üben, 
das eigene Herz läutern: das ist die Religion der Buddhas. 

-) In diesem Zusammenhange sei darauf hingewiesen, dass das Wort 
»Buddha« von der Päli-Wurzel »budh« abgeleitet ist und »der Erwachte« 
bedeutet Das bekannte Wort »Mahäbodhi« bedeutet wörtlich »das 
grosse Erwachen«. Eine andere aber gleichbedeutende Übersetzung 
beider Worte ist *der Erleuchtete« und »die grosse Erleuchtung«. 



No. 6. DER BUDDHIST. 185 

und Irrwahns. Nibbäna ist Vernichtung, — nämlich die Vernich^ 
tung des bedingten Daseins und aller Fesseln, die uns gebun- 
den hielten. Nibbäna ist das Aufhören jener gleissnerischen 
Irrlichter des Lebens, welche uns den Glanz des jenseitigen 
Lichtes nicht erkennen Hessen. Nibbäna ist das Ende aller 
Dinge, — das Ende der langen, peinvollen Pilgerschaft durch 
die Welten unsagbarer Täuschungen; das Ende des Leidens, 
der Vergänglichkeit und des Selbst-Wahnes. Aus der Qual 
des schweren Lebens-Traumes ein nie aufhörendes Erwachen, 
— aus der Pein der Selbstheit eine ewige Erlösung; — ein 
Sein, ein Etwas, für das die Bezeichnung Leben ein Frevel und 
der Ausdruck Tod eine Lüge wäre: — unnennbar, unvorstellbar, 
und doch in diesem Leben erreichbar und der Verwirklichung 
zugänglich: So wurde der schimmernde Glanz Nibbänas von 
unserem Herrn erklärt, und dies ist das Endziel unserer bud- 
dhistischen Religion. 

Jenseits des Scheines von Sonne, Mond und Sternen, entfern- 
ter als die dunkle Leere im Raum, abseits von den Toren des 
ewigen Werdens ist Nibbäna, wechsellos, in unaussprechlicher 
Ruhe. Jenseits von dem inneren Bewusstsein des Menschen, in 
welchem diese Welten und Systeme und der sie einhüllende, 
weit reichende Äther fliessend schweben wie ein Staubkorn 
im Abgrunde des Raumes; — jenseits von dem tief-inneren 
Zustande, wo Denken und Nicht-Denken gemeinsam gleichzeitig 
weilen, wo das letzte, schwachverhallende Echo der Taten, 
Worte und Gedanken sich mit der Stille mischt und nicht 
mehr vernommen wird: — jenseits von allen diesen Sphären 
ist Nibbäna, und dennoch ist es jetzt hier, hier in unseren 
Herzen, obwohl unbegriffen und unerkannt; es kann nur in 
diesem menschlichen Dasein erlangt werden hier auf Erden 
von demjenigen, der den von unserem Meister verkündeten 
achtfachen Pfad verfolgt. 

Jede gute Tat, die wir vollbringen, jedes gütige Wort, das 
wir sprechen, jede mächtige Anstrengung unseres Geistes 
bringt uns dieser höchsten Seligkeit einen Schritt näher. Nicht 
in den tiefer stehenden Lebensformen, nicht in dem Leben von 
Göttern kann man dahin gelangen, sondern hier und jetzt, 
hier in diesem Leben, das uns so kleinlich, so dunkel, so all- 



186 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

täglich, SO sorgenvoll zu sein sciieint. Dieses menschliche 
Leben ist fürwahr grösser als ein Leben in himmlischen Welten, 
da wir in ihm durch Selbstzucht und höchste Anstrengung, 
durch Entsagung, Güte, Weisheit und Mitleid diesen hohen 
Wahrheitspfad beschreiten können, den Weg, welcher zur Er- 
lösung und zum totlosen Ufer leitet, den Weg, der aus den 
traumhaften Schatten des Lebens hinführt zur Wirklichkeit, zum 
unvergänglichen Lichte Nibbänas; — aus des Lebens Leid zur 
unaussprechlichen Freude, aus des Lebens Kampf zum ewigen 
Frieden. — 

Die Grundideen des Buddhismus. 

Von Dr. Paul Carus. 

(3. Fortsetzung.) 

Für die strenggläubigen Buddhisten unterliegt es überhaupt 
keinem Zweifel, dass, wenn ein Buddha abscheidet, seine phy- 
sische Existenz sich in ihre Elemente auflöst; und diese Auf- 
lösung wird betrachtet als die endgüUige Befreiung von jenem 
Teile der menschlichen Natur, welcher die Ursache von Schmerz 
und Leid ist; aber die Wahrheit, d. h. jenes Element, welches 
das Buddhatum des betreffenden Menschen ausmacht, bleibt. 
Das Leben im Fleisch ist beendet, aber das Leben in Nirväna 
besteht fort. Da nun die Buddhaschaft als das Ziel aller 
Lebensentwicklung betrachtet wird, während der Abweg der 
Sünde und des Irrtums, welcher die Kreisläufe nutzloser Wieder- 
geburten ausmacht, uns von unserem Ziele ablenkt, so wird 
der Buddha glückselig gepriesen, weil er der Wiederholung 
des leidigen Kreislaufes entronnen ist. Ein Buddha hat das 
Ziel erreicht und Unvergänglichkeit erlangt. Er ist in der Welt 
des Irrtums geboren, um als Lehrer zu erscheinen und seinen 
Mitgeschöpfen den Weg zu zeigen, auf dem sie von der Täu- 
schung, von der Sünde und vom Tode loskommen können. 

Nach der Ansicht der strenggläubigen Buddhisten ist es 
zweifellos, dass die Erscheinung Buddhas in der Person Gau- 
tama Siddhärthas für immer dahin ist. Gautama ist gestorben, 
und sein Körper wird niciit wieder auferstehen. Aber Buddha 



No. 6. DER BUDDHIST. 187 

lebt fort in dem »Körper« seines Dtiarma (Dharma-Käya) d. i. 
in dem Gesetz und in der Weltordnung, die der Buddha verkündet 
hat, und insofern dieser Dharma die Wahrheit ist, ist Buddha 
unsterblich und ewig. Die ganze Welt mag in Trümmer gehen, 
aber Buddha stirbt nicht. Die Worte Buddhas sind unvergäng- 
lich. Wir lesen in der »Jätakamälä« folgende bemerkens- 
werte Stelle, welche uns stark an Matth. XXIV, 35^) erinnert. 
Einer der Bodhisattvas -') nimmt den Entschluss auf sich, ein 
Buddha zu werden, indem er sagt: 

„Die Buddhas sprechen nicht zweifelhafte Worte, die Sieger sprechen 

nicht eitle Worte, 
Es ist kein Falsch in den Buddhas, — wahrlich, ich will ein Buddha 

werden. 
Wie ein Stein, der in die Luft geworfen wird, gewiss wieder zur Erde fällt. 
So ist das Wort der erhabenen Buddhas gewiss und von ewiger Dauer. 
Wie der Tod aller Geschöpfe gewiss ist und nie ausbleibt. 
So ist das Wort der erhabenen Buddhas gewiss und von ewiger Dauer. 
Wie der Aufgang der Sonne gewiss ist, wenn die Nacht verschwindet. 
So ist das Wort der erhabenen Buddhas gewiss und von ewiger Dauer. 
Wie das Brüllen des Löwen gewiss ist, wenn er seine Höhle verlassen hat. 
So ist das Wort der erhabenen Buddhas gewiss und von ewiger Dauer. 
Wie die Niederkunft von Frauen mit Kindern gewiss ist. 
So ist das Wort der erhabenen Buddhas gewiss und von ewiger Dauer." 

Als Christus von seinen Jüngern Abschied nimmt, wird 
ihm das Wort in den Mund gelegt: „Siehe, ich bin bei euch 
alle Tage bis an das Ende der Welt", und der Buddha drückt 
dieselbe Idee aus, als in der Stunde seines Abscheidens die 
Mallas ängstlich auf ihn blicken. Der Buddha spricht: 

„Wenn ihr den Pfad sucht, müsst ihr euch selbst anstrengen und mit 
Eifer vorwärts streben ; — es ist nicht damit getan, dass ihr mich gesehen 
habt. Wandelt so, wie ich euch angewiesen habe; wohlan, macht euch 
los von dem verwickelten Netz des Leidens. Wandelt den Pfad mit 
sicheren Endzielen. Ein Kranker, der die heilkräftige Medizin anwendet, 
wird bald Herr über seine Unpässlichkeiten, auch wenn er den Arzt nicht 
sieht. Wer meine Anweisungen nicht ausführt, sieht mich vergeblich; 
es gereicht ihm nicht zum Segen. Wer aber auf dem rechten Wege 
wandelt, ist mir immer nahe, auch wenn er weit von mir entfernt wäre. 
Ein Mensch kann nahe bei mir verweilen und ist doch fern von mir, 
wenn er meine Lehren nicht befolgt" (Fo-sho-hing-tsan-king). 

>) Vergl. auch Marc. XIII, 31 ; Luc. XVI, 17; Luc. XXI, 33. 
-) Bodhisattva ist die Bezeichnung eines zukünftigen Buddha. 



188 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Wer die Wahrheit erkennt und ein Leben der Wahrheit 
führt, indem er den achtfäitigen Pfad der Gerechtigkeit wandelt, 
hat Nirväna erreicht und ist mit Buddha. Und dieser Glaube 
kann nur dann Nihilismus genannt werden, wenn 
Wahrheit ein albernes Wort ist, und wenn moralische 
Anstrengungen Dasein-vernichtend sind. 

Es gibt verschiedene synonyme und erklärende Bezeich- 
nungen für Nirvana. Über eine Aufzählung der Päli-Synonyma 
für Nirväna ist Childers Päli-Dictionary S. 272, 274 zu ver- 
gleichen, wo sich Ausdrücke finden, wie: Das Unvergäng- 
liche, das Unbegrenzte, das Ewige, das Immerwährende, 
das Höchste, das Transzendentale, das Ruhige, das 
Nichtgestaltete, die Leere, der Stillstand, das Nichtbe- 
dingte, das Ziel, das andere Ufer, die Ruhe, das Wahre 
oder die Wahrheit. Nirväna ist gleich „einem Eiland, das 
durch keine Flut überwältigt werden kann", es wird 
bezeichnet als »Friedensstadt«, als »das juwelengezierte 
Reich der Glückseligkeit«, als »eine Rettung aus 
der Knechtschaft Märas«, des Bösen, des Versuchers, 
und es wird gesagt, „dass der Jünger des Buddha »die Welt 
der Menschen, die Welt Yamas^) und die Welt der Götter« 
überwinden wird." Die Siamesen lieben es, zusagen: „Nirväna 
ist eine Stätte der Erquickung, wo es keine Sorge gibt; lieb- 
lich ist das Reich Nirvänas." Wir lesen im 26. Kapitel des 
Dhammapada: „Wenn du das Ende alles Entstandenen begrif- 
fen hast, dann wirst du verstehen, was nicht entstanden ist". 

Die am meisten negative Bezeichnung für Nirväna ist der 
Ausdruck »Leere«, und sein blosses Vorhandensein in den 
buddhistischen Schriften scheint die nihilistische Auffassung 
vom Buddhismus zu begünstigen. Aber was sollen wir dann 
mit Ausdrücken beginnen wie der folgende: „Die Leere allein 
ist selbst-existierend und vollkommen?" »Das Abstrakte« 
wäre wohl eine bessere Übersetzung, als das Wort »Leere«; 
wenigstens würde sie denjenigen weniger anstössig erscheinen, 
die sich dem Studium der Philosophie des abstrakten Denkens 
gewidmet haben. 



') Der Todes-Oolt im hinduislisclien Pantheon. 



No. 6. DER BUDDHIST. 1«9 

Es ist manchmal schwierig, den Grund einzusehen, wes- 
halb ein Begriff wie Leere, Hohlheit, Nichtigkeit, welcher 
uns die Abwesenheit von Existenz anzudeuten scheint, in an- 
deren Sprachen einen positiven Sinn hat, und wir müssen 
vorsichtig vermeiden, den Negativismus unserer Sprache 
auf die Rechnung anderer zu setzen. So finden wir in einem 
alten, in Sanskrit geschriebenen Palm-Blätter-Manuskript, wel- 
ches seit dem Jahre 609 n. Chr. im Kloster Horiuzi (Japan) 
aufbewahrt liegt, den Begriff »Nichtigkeit« identifiziert mit 
dem Begriff »Form«^), und der bedeutendste chinesische 
Philosoph Laotse gibt uns den Schlüssel zur wahrscheinlichen 
Lösung dieses Problems, wenn er im »Tau-Teh-King«,Xi, sagt: 

„Die drci.ssig Radspeichen vereinigen sich in der Nabe, aber es ist 
der leere Raum, von dem der Gebrauch des Rades abhängt. Der Ton 
wird zu Gefassen geformt, aber es ist ihre hohle Leerheit, von der ihr 
Gebrauch abhängt. Türen und Fenster werden in die Mauern gebrochen, 
die dazu dienen, ein Zimmer zu bilden, aber es ist der leere Raum 
innen, von dem der Gebrauch abhängt. Darum : Was ein positives Dasein 
hat, dient zu einer nützlichen Anwendung, und was keine positive Existenz 
hat, dient zu nutzvollem Gebrauch." 

Der Buddha selbst lehnte es ab, irgendwelche positive 
Angaben über das Wesen Nirvänas zu machen. Ob wir Nir- 
väna durch positive oder negative Bezeichnungen wiedergeben, 
ist völlig gleichgültig und für die Heiligung ohne jeden Belang. 
In diesem Sinne antwortet der Buddha auf die Frage Mäluk- 
yas: „Lebt der Erhabene nach seinem Abscheiden weiter oder 
lebt er nach seinem Abscheiden nicht weiter?" folgendes: 
„Wenn ein Mann von einem vergifteten Pfeile getroffen wäre 
und seine Freunde und Verwandten riefen einen geschickten 
Arzt, — wie, wenn der verwundete Mann spräche: ,Ich werde 
nicht erlauben, dass meine Wunde behandelt wird, bevor ich 
nicht weiss, wer der Mann ist, der mich verwundet hat, ob er 
ein Kshatriya, ein Brähmana, ein Vai^ya oder ein Qudra') ist?' 
— oder wenn er spräche: ,Ich werde nicht erlauben, dass meine 



') Vergl. S. 48. in »The ancicnt Palmleaves«, edited by F. Max Müller 
and Bunyin Nanjio (Oxford 1884). 

-) Dies sind die Bezeichnungen der vier indischen Hauptkasten : die 
Namen sind hier in der Sanskrit-Form angeführt. 



190 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Wunde behandelt wird, bevor ich nicht weiss, wie der Mann 
heisst, der mich verwundet hat, und aus welcher Familie er 
stammt, ob er gross ist oder klein oder von mittlerer Statur 
und wie die Waffe aussieht, mit der er mich verletzte'." 

Soviel ist sicher: Wenn der Buddha von der Seligkeit 
Nirvänas spricht, so leugnet er das Fortbestehen der mensch- 
lichen individualisierten Form. Die Arahaschaft ist ihm ewig, 
aber die körperliche Form des Araha löst sich auf. 

(Fortsetzung folgt). 

Eine alte Buddha-Biographie. 

Verhältnismässig wenig bekannt im deutschen Publikum 
ist die im Verlag von Philipp Reclam erschienene metrische 
Übersetzung einer alten chinesischen Buddha-Biographie, 
welche 1894 von dem verstorbenen Oberpräsidialrat Theo- 
dor Schnitze unter dem Titel »Buddhas Leben und Wirken« 
publiziert wurde. Das chinesische Werk »Fo-Sho-Hing- 
Tsan-King« stammt aus der ersten Hälfte des 5. nachchrist- 
lichen Jahrhunderts; sein Verfasser ist Dhamaraksha, der, in 
Vorderindien geboren, später nach China kam, wo er sich mit 
der Übersetzung buddhistischer Texte ins Chinesische beschäf- 
tigte. Das genannte chinesische Werk ist kein Original, sondern 
eine freie Bearbeitung des aus dem 1. nachchristlichen Jahr- 
hundert stammenden sanskritischen »Buddha-carita« des 
A9vagosha. Professor Samuel Beal fertigte eine englische 
Übersetzung des »Fo-Sho-Hing-Tsan-King« an, und das 
Schultzesche Werk ist die deutsche Übertragung dieser engli- 
schen Version. 

Die genannte Buddha-Biographic verdient grössere Beach- 
tung, als ihr bisher zuteil wurde. Die Buddha-Legende, die 
in manchen anderen Lebensbeschreibungen des Meisters in 
grotesker Form emporwuchert, hält sich hier in verhältnismässig 
bescheidenen Grenzen. Von hoher Bedeutung aber sind die 
philosophisch-religiösen Betrachtungen, die dem Buddha und 
anderen Personen bei geeigneten Gelegenheiten in dem Mund 
gelegt werden. Wir geben im folgenden ein paar Proben aus 



No. 6. DER BUDDHIST. 191 

dieser alten Dichtung wieder; vielleicht schöpft der eine oder der 
andere Leser daraus die Anregung, sich eingehender mit der 
Lektüre von »Buddhas Leben und Wirken« zu befassen. 

V. 440: So möget ihr bedenken, dass das Trachten 

Nach wahrer Religion stets an der Zeit ist. 

Die Unbeständigkeit, der ew'ge Wechsel, 

Die Todesfurcht verfolgen uns beständig; 

Darum ergreife ich den gegenwärt'gen 

Tag, überzeugt, dass jetzt die rechte Zeit ist, 

Nach Religion zu suchen. 
V. 2076: Das Weltmeer von Geburt und Tod zu kreuzen, 

Dafür baut Weisheit uns ein lenksam Fahrzeug; 

Die trübe Finsternis auf ihm erhellt uns 

Mit seinem Strahlenschein der Weisheit Leuchtturm. 
V. 1629: Gut oder böse, folgen uns die Taten, 

Die jemals wir vollbracht, wie unser Schatten. 
V. 2242: Wollt ihr dem hingeschied'nen Buddha Ehre 

Erweisen, nun wohlan! so folgt dem Beispiel, 

Das er gegeben in Geduld und Langmut! 
V. 2046 : Selbst wenn mit scharfem Schwert ein Mann vom Leibe 

Euch stückweis' haut die Glieder, so geratet 

Doch nicht in Zorn und fasst nicht Rachgedanken, 

Kein böses Wort geh' über eure Lippen. 
V. 2047 : Mag auch der Leib, verstümmelt, Schmerzen leiden. 

Hilft nichts doch als Geduld zum vollen Siege. 
V. 1827: Schwer lasten auf der Welt die Leiden, die uns 

Geburt und Alter, Tod und Krankheit bringen. 

Wer deren Zahl die Leidenschaft hinzufügt. 

Verstärkt die Schar der Feinde, die ihn drängen. 

Vielmehr, da wir die Welt bedrückt von Plagen 

In Menge sehen, sollte in uns wachsen 

Das Mitleid und wir unermüdlich Hilfe 

Dem stets erneuten Schmerz entgegenstellen. 
V. 2098 : Benutzt mit Fleiss die angezeigten Mittel, 

Strebt nach dem Heim, das keine Trennung zulässt. 

Das Licht der Weisheit nur, von mir entzündet. 

Verscheucht das Dunkel, das die Welt bedecket. 
26. Kap.: Wer auf dem rechten Wege wandelt, war' er 

Auch weit von mir entfernt, ist stets mir nahe. 

Denn wenn das Handeln folgt der Reinheit Richtschnur, 

Dann ist die wahre Religion gefunden. 

Befolgt die wahre Lehre und begegnet 

Mit Güte allen Wesen, die da leben. 
V. 1289: Wenn auch den Leib Juwelen schmücken. 

Kann doch das Herz den Sinn bezwungen haben. 

Wer Lebenslust und Leid mit Gleichmut aufnimmt, 

Hat Religioij, sei auch sein Äuss'res weltlich. 

Und wer in des Asketen Kleid den Leib hüllt. 

Kann dennoch hegen weltliche Gesinnung. 

Wer in Waldeinsamkeit noch nach dem Glänze 

Der Welt verlangt, bleibt nach wie vor ein Weltkind. 

Zu höchsten Dingen mag der Geist sich heben, 

Steckt auch der Leib in weltlicher Verkleidung. 



»92 DER BUDDHIST. I. Jahrg" 

Weltmann und Eremit sind nicht verschieden, 

Wenn beide sie vert)annt den Selbstgedanl<cn ; 

Doch, wenn das Herz umschlingen Fleischesbanden, 

Sind köperlichcr Zucht Anzeichen nutzlos. 
V. 1663 : Wie einer Lampe Licht in finsterii Räumen 

Gleich sehr die Farben aller Dinj;e aufhellt. 

So leuchtet allen, die zu ihr sich wenden, 

Die Religion, wes Standes sie auch seien. 

Ein Waldeinsiedler kann das Zi';l verfehlen. 

Zum Rishi ein llaushalter sich erheben. 
V. 1777: Vertrau'n auf äuss're Hilfe bringet Kummer, 

Nur auf sich selbst vertrauen, Kraft und Freude. 

Buddhas Preis. 

Von Dr. Wolfgang Bohn. 

1. Wo Menschenherzen beben 
Gequält vom Erdcnleid, 
Wo Jugendlust und Leben 
Dem harten Tod geweiht. 
Der Geist in heissem Ringen 
Pflückt der Erkenntnis Reis, 
Das Dunkel zu durchdringen — 
Da, Buddha, klingt Dein Preis. 

2. Wo Blätter niederfallen 

Vom Sturm-gepeitschlen Baum, 
Wo sanfte Lieder hallen 
Hinsterbend durch den Raum, 
Treu nach Erlösung streben 
Der Jüngling und der Greis, 
Zu flieh'n den Lauf der Leben — 
Da, Buddha, klingt Dein Preis. 

3. Und rollt auch graue Wogen 
Ums Lebensschiff der Sturm, — 
Die suchend ausgezogen, — 

Uns, — hellt die Bahn ein Turm, — 
Die Täuschung überwunden, — 
Bringt nichts aus dem Geleis; 
Im Port, in Friedensstunden, 
Da, Buddha, klingt Dein Preis. 

4. Der Abendsonne Glühen 
Durch bunte Scheiben fällt. 
Vor Deinem Bilde blühen 
Viel Blumen, Herr der Welt! 
Und wenn die Blüten sinken, 

Die Nacht schon dämmert leis', — 
Seh' ich Dein Bild noch blinken, — 
Da, Buddha, klingt Dein Preis. 



Verantwortlicher R«l»kteur: Karl B. Seidenstocker, Lripzig. Verlag: Buddhistischer Verlag 
in Leipzig. — Druck von Arno Bachmann, Baalsdorf-Leipzig. 




Ein Denkmal chinesisch-buddhistischer Kunst: 

Kwan -Yin - Statue. 

(Siehe »Buddhistische Welt« Seite 52.) 




Alle Sünden meiden, die Tugend üben, das eigene Herz läutern: 
das ist die Religion der Buddbas. Dhammapada, V. 183. 



Das Mahämangala-Sutta. 

Der Meister spricht: 

Die Gesellschaft von Toren meiden, aber den Verkehr mit 
Einsichtigen pflegen, Hochachtung denen gegenüber, die ver- 
ehrungswürdig sind: das ist ein sehr grosser Segen. 

In einem gesegneten Lande wohnen, ein gutes Karma aus 
früheren Existenzen, die Läuterung des eigenen Gemütes: das 
ist ein sehr grosser Segen. 

Rechte Einsicht und Zucht, Selbstüberwindung und gütige 
Rede: das ist ein sehr grosser Segen. 

Vater und Mutter unterstützen, Weib und Kind pflegen, 
die Betätigung in einem friedfertigen Beruf: das ist ein sehr 
grosser Segen. 

Almosen spenden, ein religiöses Leben führen, für die 
Angehörigen sorgen, das ist ein sehr grosser Segen. 

Vom Bösen sich abkehren und sich seiner enthalten, be- 
rauschende Getränke meiden, die Anweisungen der Lehre be- 
folgen: das ist ein sehr grosser Segen. 

Ehrfurcht und Demut, Zufriedenheit und Dankbarkeit, das 
Hören der Lehre zur richtigen Zeit: das ist ein sehr grosser 
Segen. 

Geduld und Freundlichkeit, der Verkehr mit geistig Stre- 
benden, religiöse Unterredung zur richtigen Zeit: das ist ein 
sehr grosser Segen. 

Selbstzucht und Reinheit, das Verstehen der erhabenen Wahr- 
heiten, die Verwirklichung Nibbänas, das ist ein sehr grosser Segen. 

13 



194 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Ein Gemüt, das nicht zittert bei der Berüiirung mit ver- 
gänglichen Dingen, das frei von Kummer, frei von Leidenschaft, 
iji Ruhe verharrt: das ist ein sehr grosser Segen. 

Wer durch die Vollbringung dieser Anweisungen durchaus 
unüberwindlich ist und aller Orten sicher wandelt: der ist des 
grössten Segens gewiss. 

Die Lehre des Buddha 

oder: Die vier heiligen Wahrheiten. 

Nach Aussprüchen des Päli-Kanons zusammengestellt. 

Von Bhikkhu Nyänatiloka (Ceylon). 

(1. Fortsetzung.) 

Zweites Kapitel. 
Die heilige Wahrheit von der Leidensentstehung. 

Was ist nun, ihr Brüder, die heilige Wahrheit von der 
Leidensentstehung? Es ist jener Dasein-erzeugende Trieb, 
jenes bald hier, bald dort nach Befriedigung dürstende Be- 
gehren ^), das sinnliche Begehren (kämatanhä), das Begehren 
nach individuellem (zukünftigen) Dasein (bhavatanhä), das Be- 
gehren gegenwärtigen Wohlseins (vibhavatanhä). 

Wo aber, ihr Brüder, nimmt dieses Begehren^) seinen 
Ursprung und wo wächst es? Wo setzt es sich fest und wo 
fasst es Wurzel? 

[Die sechs Sinne:] Das Auge ist entzückend, ist an- 
genehm den Menschen: dort nimmt das Begehren seinen Ur- 
sprung, dort wächst es, dort setzt es sich fest, und dort fasst 
es Wurzel. Ohr, Nase, Zunge und Verstand (mano) sind ent- 
zückend, sind angenehm den Menschen: dort nimmt das Be- 
gehren seinen Ursprung, dort wächst es, dort setzt es sich 
fest, und dort fasst es Wurzel. 

[Die sechs Sinnesobjekte:] Die Formen, Töne, Düfte, 
Säfte, Tastungen und Verstandes-Objekte (Gedanken u. s. w.) 



') Tanhä, wörtlich Durst. 



No. 7. DER BUDDHIST. 195 

sind entzückend, sind angenehm den Menschen: dort nimmt 
das Begehren seinen Ursprung, dort wächst es, dort setzt es 
sich fest, und dort fasst es Wurzel. 

[Das sechsfache Bewusstsein:] Das dem Sehen, 
Hören, Riechen, Schmeci<en, Tasten und Denken entsprungene 
Bewusstsein ist entzückend, ist angenehm den Menschen: dort 
nimmt das Begehren seinen Ursprung, dort wächst es, dort 
setzt es sich fest, und dort fasst es Wurzel. 

[Der sechsfache Kontakt:] Der durch Sehen, Hören, 
Riechen, Schmecken, Tasten und Denken entstandene Kontakt 
[der Sinnesorgane mit den ihnen entsprechenden Objekten] 
ist entzückend, ist angenehm den Menschen: dort nimmt das 
Begehren seinen Ursprung, dort wächst es, dort setzt es sich 
fest, und dort fasst es Wurzel. 

[Das sechsfache Gefühl:] Die durch Sehen, Hören, 
Riechen, Schmecken, Tasten und Denken hervorgerufenen Ge- 
fühle sind entzückend, sind angenehm den Menschen: dort 
nimmt das Begehren seinen Ursprung, dort wächst es, dort 
setzt es sich fest, und dort fasst es Wurzel. 

[Die sechsfache Wahrnehmung und Vorstellung:] 
Die Wahrnehmung und die Vorstellung der Formen, der Töne, 
der Düfte, der Säfte, der Tastungen und der Gedanken ist 
entzückend, ist angenehm den Menschen: dort nimmt das Be- 
gehren seinen Ursprung, dort wächst es, dort setzt es sich fest, 
und dort fasst es Wurzel. 

[Das sechsfache Verlangen:] Das Verlangen nach 
den Formen, nach den Tönen, nach den Düften, nach den 
Säften, nach den Tastungen und nach den Gedanken ist ent- 
zückend, ist angenehm den Menschen: dort nimmt das Be- 
gehren seinen Ursprung, dort wächst es, dort setzt es sich fest, 
und dort fasst es Wurzel. 

[Das sechsfache Urteilen und Nachdenken:] Das 
Urteilen und Nachdenken über Formen, über Töne, über Düfte, 
über Säfte, über Tastungen und über Gedanken ist entzückend, 
ist angenehm den Menschen: dort nimmt das Begehren seinen 
Ursprung, dort wächst es, dort setzt es sich fest, und dort fasst 
es Wurzel. 

13» 



196 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

Das nennt man, ihr Brüder, die heilige Wahrheit von der 
Leidensentstehung. (Digha-Niicäya) — 

[Offenbare Leidensverkettung:] Und von Begehren 
getrieben, von Begehren gereizt, von Begehren bewogen, eben 
nur aus eitel Begehren streiten Könige mit Königen, Fürsten 
mit Fürsten, Priester mit Priestern, Bürger mit Bürgern, streitet 
die Mutter mit dem Sohne, der Sohn mit der Mutter, der Vater 
mit dem Sohne, der Sohn mit dem Vater, streitet Bruder mit 
Bruder, Bruder mit Schwester, Schwester mit Bruder, Freund 
mit Freund. Also in Zwist, Zank und Streit geraten gehen sie 
mit Fäusten auf einander los, mit Steinen, Stöcken und Schwer- 
tern. Und so eilen sie dem Tode entgegen oder tötlichem 
Schmerze. Das aber, ihr Brüder, ist Elend des Begehrens, ist 
die offenbare Leidensverkettung, durch Begehren gefügt, durch 
Begehren erhalten, durch Begehren schlechthin bedingt. 

Und ferner noch, ihr Brüder: Von Begehren getrieben, 
von Begehren gereizt, von Begehren bewogen, eben nur aus 
eitel Begehren brechen sie Verträge, rauben fremdes Gut, 
stehlen, betrügen, verführen Ehefrauen. Da lassen die Könige 
einen solchen ergreifen und verhängen mancherlei Strafen, als 
wie Peitschen-, Stock- oder Rutenhiebe; Handverstümmelung, 
Fussverstümmelung oder Verstümmelung der Hände und Füsse; 
das Zerreissen durch Hunde, die lebendige Pfählung, die Ent- 
hauptung. Und so eilen sie dem Tode entgegen oder töthchem 
Schmerze. Das aber, ihr Brüder, ist Elend des Begehrens, ist 
die offenbare Leidensverkettung, durch Begehren entstanden, 
durch Begehren gefügt, durch Begehren erhalten, durch Be- 
gehren schlechthin bedingt. 

[Verborgene Leidensverkettung:] Und ferner noch, 
ihr Brüder: Von Begehren getrieben, von Begehren gereizt, 
von Begehren bewogen, eben nur aus eitel Begehren wandeln 
sie in Taten den Weg des Unrechts, wandeln sie in Worten 
den Weg des Unrechts, wandeln sie in Gedanken den Weg 
des Unrechts. Und in Taten auf dem Wege des Unrechts, in 
Worten auf dem Wege des Unrechts, in Gedanken auf dem 
Wege des Unrechts gelangen sie bei der Auflösung des Kör- 
pers, nach dem Tode, abwärts, auf schlechte Fährte, in Ver- 
derben und Unheil. (Denn es heisst: Nicht in dem Reich der 



No. 7. DER BUDDHIST. iM 

Lüfte, nicht in der Tiefe des Meeres, nicht in den Höhlen der 
Berge, überhaupt nirgends in der Welt findet sich eine Stätte, 
wo du ledig würdest deiner bösen Tat. — Dhammapada. — ) 
Das aber, ihr Brüder, ist Elend des Begehrens, ist die verbor- 
gene Leidensverkettung, durch Begehren gefügt, durch Begehren 
erhalten, durch Begehren schlechthin bedingt. (Majjhima- 
Nikäya 13). — ' 

Es gibt eine Zeit, ihr Brüder, wo das grosse Weltmeer 
versiegt, austrocknet, nicht mehr ist. Nicht aber, wahrlich, das 
sage ich, ihr Brüder, gibt es ein Ende des Leidens für die 
vom Nichtwissen umhüllten Wesen, die durch den Durst nach 
Dasein immer und immer wieder zu erneuter Geburt geführt 
werden und den endlosen Kreislauf der Wiedergeburten durch- 
eilen. 

Es gibt eine Zeit, ihr Brüder, wo die gewaltige Erde vom 
Feuer verzehrt wird, zugrunde geht, nicht mehr ist. Nicht aber, 
wahrlich, das sage ich, ihr Brüder, gibt es ein Ende des Lei- 
dens für die vom Nichtwissen umhüllten Wesen, die durch 
den Durst nach Dasein immer und immer wieder zu erneuter 
Geburt geführt werden und den endlosen Kreislauf der Wieder- 
geburten durcheilen. (Samyutta-Nikäya 111, XXII, 99). — 

(Fortsetzung folgt). 

Die buddhistische Grundidee des 
»Meisters von Palmyra«. 

Von Georg Jahn. 

Adolf Wilbrandt hat manches schöne und gute Buch 
geschrieben und mit seiner Kunst schon vieler Herzen erfreut, 
das Schönste und Tiefste aber, was er gedichtet und geschaffen, 
ist unstreitig sein »Meister von Palmyra«, der eine Perle 
unter den Schöpfungen der neuesten Dichtkunst genannt zu 
werden verdient. In milder Weise und schöner, vollendeter 
Form werden darin vielfach buddhistische Gedanken zum Aus- 
druck gebracht, unter denen wir die Grundidee der ganzen 
dramatischen Dichtung zu unserer skizzenhaften Darstellung aus- 



198 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

wählen wollen. Apelles, der Meister von Palmyra, der seine 
Vaterstadt mit den herrlichsten Werken seiner Kunst geschmückt, 
der in edler Begeisterung die alte aristokratische Herrschaft 
gestürzt und seinen Mitbürgern die Freiheit geschenkt, hat sich 
nach siegreicher Schlacht gegen die Perser in überschwellender 
Lebenskraft und Lebensfreude, auf der Höhe seines Glückes 
stehend, vom Herrn des Lebens, der Personifikation der freu- 
digen Daseinsbejahung, ewiges Leben erbeten, das ihm mit 
den Worten gewährt wird: 

Dich erhört der Herr des Lebens, 

Hält dich fest auf dieser Erde — 

An der Stirn gezeichnet wirst du 

Wachen ohne Schlaf des Todes. 

Er hat sich dieses ewige Leben erbeten, ohne zu bedenken, 
dass Leben ohne Ende auch Reue ohne Ende sein kann, dass 
dieser Segen leicht zu einem Fluche zu werden vermag, von 
dem die Seele erlöst zu werden wünscht. In den fünf Aufzügen 
der Dichtung ziehen nun an Apelles fünf „Abbilder des ewig 
neu geformten Lebens" vorüber, um den zu führen und zu 
belehren, der in sich selbst verharren will, fünf Verkörperungen 
ein und derselben Wesenheit, die seinen Lebenspfad kreuzt: 

Irre wandelnd, vorwärts schreitend, 
Und in jeder ihrer Formen 
Ihm begegnend, neu und fremd, 
Unbewusst dem Unbewussten — 
Bis sich Gottes Werk vollendet. 

Die erste dieser Gestalten ist eine christliche Märtyrerin 
mit Namen Zoe, die durch des heiligen Geistes Stimme ange- 
trieben, von Damaskus ausgezogen ist,' um den Armen und 
Unweisen, den von Angst und Trübsal Geplagten Palmyras 
Heil und Seligkeit zu bringen. Sie hängt nicht am Leben, sie 
vermag in schwärmerischer Begeisterung ihre blühende Jugend, 
der Glieder Kraft und Schönheit, Fühlen, Denken und Wollen 
für ein dunkel geträumtes „Vielleicht" dahinzugehen. Der Wut 
der noch an die lebensfreudige Götterwelt der Griechen glau- 
benden Palmyrener preisgegeben, verhaucht sie zu des Meisters 
Füssen im Märtyrertod ihr junges Leben. Apelles aber sinkt 
tief ergriffen an ihrer Leiche nieder und erkennt den Todbrin- 
ger Pausanias, den Sorgenloser, der ihr zu Häupten steht. 



No. 7. DER BUDDHIST. 199 

Im zweiten Aufzuge ist Phöbe, die römische Geliebte des 
Meisters, eines der Abbilder des vielgestaltigen Lebens. Die Ver- 
körperung der Weltlust, des Leichtsinns, des Tages, ist sie eine 
jener „Luftgestalten aus Dunst und Schaum und Flattergeistern", 
die wohl lieben können und deren Herz für jede Güte ge- 
schaffen ist, nur nicht für Mut und Treue. An den Gütern der 
Welt, am Golde hängend, verlässt sie, des Apelles Licht- und 
Musenkind, sein Glück, sein Leben, den Geliebten, weil er in 
edlem Stolze sein Vermögen dahingegeben und nun, ein armer 
Mann, ihr nichts zu geben hat als seine Liebe. So erduldet 
der Meister einen zweiten grossen Schmerz, erleidet er einen 
zweiten Verlust in der Geliebten, die trotz aller offenbaren 
Verschiedenheit doch der Christin, die einst zu seinen Füssen 
verschied, glich, „als wär's derselbe Geist in beiden Formen". 
Doch bleibt ihm noch die geliebte Mutter, die ihm Pausanias 
um den Preis der Geliebten lässt. 

Die dritte Verkörperung jener Wesenheit ist des Apelles 
christliches Weib Persida. Im Fanatismus der Entsagung trennt 
sie sich von ihm im Kampf zwischen dem überall siegenden 
Christentum und der mehr und mehr sinkenden heidnischen 
Philosophie, zu der mit wenigen Freunden Apelles noch hält, 
weil er ein freier Mann, kein „Knecht des Herrn" sein mag 
und nicht beten will, wo er lügen müsste. Im nächsten Auf- 
zuge ist es der eigne Enkel, der letzte übrig gebliebene Spross 
des Apelles, Nymphas, der als Verkörperung jenes Lebensgei- 
stes in erneuter Form auftritt. Als des Meisters philosophischer 
Schüler, als Anhänger der alten Griechengötter, begeistert er 
sich für den Kaiser Julianus Apostata, jenen edlen Feind des 
Christentums, der die alte hellenische Weltanschauung aufs neue 
zu beleben, das Rad der Zeit zurückzudrehen versuchte, und 
fällt im Kampf für ihn. Nun steht Apelles ganz allein, nicht 
Freunde, nicht Kinder, nicht Enkel leben ihm zur Seite und 
erfreuen sein Alter. Phöbe nahm fliehend den Frühling mit 
von dannen, Persida, sein stolzer Sommer, wandte sich ab von 
ihm dem Himmel zu, Nymphas, der Enkel, der sonnige Herbst, 
verhauchte seine edle Seele für die alten Götter. Nur er kann 
nicht Sterben, er, der zu ewigem Leben verurteilt ist, sehnt 
sich nun nach Vergessenheit, sehnt sich nach des Todes 



200 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

erlösendem Frieden. Da erscheint ihm endlich eine letzte 
Frauengestalt, Zenobia, die Verkörperung jenes Seelenfriedens, 
den der Mensch nur durch Entsagung nach der Art buddhisti- 
scher Heiligkeit erlangen kann. Ihr Geist ist es, der in der 
Gestalt der Zoe und der Phöbe, der Persida und des Nymphas 
das Leben des Apelles geleitet hat. Sie bringt ihm die ersehnte 
Vergessenheit und mit ihr den Tod selbst, den er bis dahin 
als Unhold und Höllengeist, als bittersten Feind gehasst, doch 
nicht gefürchtet hatte, und der als Pausanias, der Sorgenloser, 
ihm so oft im Leben erschienen war. Da bekennt denn Apelles: 

Ja, nun erkenn' ich's. 
O Wunderrätsel du, das meinen Weg 
So oft verwandelt kreuzte; holde Flamme 
Des vielgestaltigen Lebens! Nun erfass' ich 
Des hohen Meisters Meinung, — ach, zu spät. 
Es springt des Lebens Geist von Form zu Form; 
Eng ist des Menschen Ich, nur Eine kann es 
Von tausend Formen fassen und entfalten, 
Nur eine Strasse gehn; drum tracht' es nicht 
Ins lebenwimmelnde Meer der Ewigkeit, 
Das Gott nur ausfüllt! — Sollt' es dauern, müsst' es 
Im Wechsel blüh'n wie du! von Form zu Form 
Das enge Ich erweiternd, füllend läuternd. 
Bis sich's in einem Licht verklärt. So könnten wir 
Vielleicht, allmählich Gott entgegenreifen. 
Zenobia aber, das letzte Abbild des ewig neu geformten Lebens 

^ ' Erlösung dem, 

der lang geprüft des Lebens Rätsel und 
des Todes Lehre fasste! — 
So dämmert der Meister von Palmyra hinüber in die Nacht 
des Friedens, um nie wieder zu erwachen, vielleicht auch ins 
Freie, ins Andere, ins — — wer weiss es? Pausanias aber 
geleitet ihn mit erlösender, kalter Hand. 

Wir haben versucht, die Grundideen der schönen, an bud- 
dhistischen Gedanken auch sonst reichen Dichtung in kurzer 
Skizze herauszuarbeiten. Sie soll freilich keinen Ersatz für das 
Lesen des Werkes bilden, sondern vielmehr dazu anregen. 
Jeder, der dem Buddhismus Sympathie und Verständnis ent- 
gegenbringt, möge den „Meister von Palmyra" lesen, er wird 
sicherlich tief davon ergriffen werden. 



No. 7. DER BUDDHIST. 201 

Goethe ein Buddhist. 

Von Dr. Paul Carus. 

Der Buddhismus wird ganz allgemein als eine Religion 
betrachtet, die zwar den „passiven Völkern" des Ostens angepasst 
sei, die dagegen niemals auch nur den geringsten Einfluss auf 
die „energischen Nationen" des Westens ausüben könne. Aber 
diese Ansicht ist nur dann richtig, wenn Buddhismus mit jenem 
Quietismus identifiziert wird, welcher die Trägheit zur höchsten 
Tugend des Lebens erhebt. Aber nichts ist von den Lehren 
des Tathägata mehr entfernt, als passive Gleichgültigkeit, und 
es ist und bleibt eine Tatsache, dass einige der genialsten Gei- 
ster Europas spontan die wesentlichen Lehren jenes ehrwürdigen 
Weisen aus dem Qäkya-Volk entwickelt haben, welcher der 
Leitstern der Buddhisten ist. 

Eins der schlagendsten Beispiele für die Art, wie ein west- 
licher Geist buddhistisch denkt, so unglaublich dies auch 
jenen erscheinen mag, welche den wahren Geist des Buddhis- 
mus fortwährend missverstehen, ist der grosse Dichter Wolf gang 
Goethe, der Darwinist vor Darwin, der Prophet des Monis- 
mus und Positivismus, der Naturalist unter den Dichtern, und 
der Barde unter den Naturalisten. Goethe glaubte ungleich 
August Gomte, dem Begründer des französischen Positivis- 
mus, nicht an unerkennbare Ursachen hinter den Phäno- 
menen. Er proklamierte das Prinzip eines echten Positivismus 
mit den Worten : ^) 

„Das Höchste wäre: zu begreifen, dass alles Faktische schon 
Theorie ist. Die Bläue des Himmels offenbart uns das Grund- 
gesetz der Chromatik. Man suche nur nichts hinter den Phä- 
nomenen: sie selbst sind die Lehre." 

Dieses Prinzip schliesst die Leugnung der Annahme in 
sich, dass es Dinge an sich, sei es in der menschlichen 
Seele, sei es in der Welt als Ganzem, gebe; und diese Wahr- 
heit wird von dem Buddha durch die These ausgedrückt: 
„Es existiert kein Ätman." Wir werden unsere Behauptung, 



') Sprüche in Prosa. 



202 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

dass Goethe in diesem Sinne ein Buddliist war, beweisen, indem 
wir einzelne seiner Gedichte zitieren, welche deutlich zeigen, 
dass er sowohl die Karma-Lehre, als die buddhistische Psycho- 
logie verteidigt hat, welche nichts von einem Ätman oder ge- 
trennten Ich-Selbst weiss, sondern dafür hält, dass die mensch- 
liche Seele ein zusammengesetztes Produkt aus verschiedenen 
Bestandteilen darstellt, welche unser aus früheren Existenzen 
ererbtes Karma ausmachen und dazu bestimmt sind, nach dem 
Tode entsprechend unseren während des Lebens vollbrachten 
Taten weiterzuleben. 

Goethe analysiert sich selbst in folgendem Gedicht: 

„Vom Vater hab' ich die Statur, 

Des Lebens ernstes Führen, 

Vom Mütterchen die Frohnatur 

Und Lust zu fabulieren. 

Urahnherr war der Schönsten hold, 
Das spukt so hin und wieder; 
Urahnfrau liebte Schmuck und Gold, 
Das zuckt wohl durch die Glieder. 

Sind nun die Elemente nicht 
Aus dem Komplex zu trennen, 
Was ist denn an dem ganzen Wicht 
Original zu nennen?" 
Die Frage: „Was bin ich?" wird von Goethe dahin be- 
antwortet: Ich bin ein Gemeinplatz von ererbten Strebungen 
und Ideen. 

Der Mensch ist geneigt, sein eigenes süsses Selbst als ein 
gesondertes und getrenntes Wesen zu betrachten, als etwas 
ganz Originales und als ein Ding an sich, analog den meta- 
physischen „Dingen an sich" der Kantschen Philosophie. Aber 
diese Meinung über sich selbst ist ein Irrtum; sie ist das, was 
die Buddhisten als die »Illusion des Selbst-Gedankens« bezeich- 
nen. Die Grundidee des Buddhismus ist die Lehre, dass die 
Erleuchtung die Ego-Illusion zerstreut, und Goethe sagt ganz 
ungeschminkt: 

„Erkenne dich! — Was hab' ich da für Lohn? 
Erkenn' ich mich, so muss ich gleich davon." 



No. 7. DER BUDDHIST. 203 

Goethe war ein Mann von grossem Selbstbewusstsein, 
und es ist i<iar, dass er liier nicht von Seibstvernichtung oder 
Resignation spricht. Goethe will nicht sagen, dass er selbst 
(Goethe oder Goethes Seele) nicht existiere; vielmehr meint 
er, dass jene Selbst-Eitelkeit, welche die Einbildung schafft, 
des Menschen Selbst bestehe in einem getrennten, unabhängi- 
gen und ganz originalen Wesen, weiches ein ausschliesslich 
für sich existierendes, eigentümliches Ding wäre, — dass diese 
Selbst-Eitelkeit eine Illusion ist, welche durch Selbst-Erkenntnis 
zerstreut wird. 

»Ich« bin nicht ein getrenntes Ego-Bewusstsein, welches 
sich im Besitze einer Seele mit allen ihren Impulsen, Gedanken 
und Neigungen befindet. Vielmehr ist das Gegenteil wahr. 
Meine Seele, welche aus ganz bestimmten Seelen-Strukturen 
besteht, ist im Besitze eines Ego-Bewusstseins; und meine 
ganze Seele ist gemeint, wenn ich sage: »Ich«. In diesem 
Sinne kann jeder von sich selbst sprechen: „Ich existierte lange 
bevor ich geboren war." Sicherlich existierte ich nicht in 
genau dieser Zusammensetzung von Seelen-Elementen; aber 
die Seelen-Elemente meines Karmas existierten. 

Dies ist die buddhistische Lehre, und das ist auch Goethes 
Ansicht über die Seele. Die Worte, welche unsere Gedanken, 
den wesentlichen Teil unserer selbst, zum Ausdruck bringen, 
wurden schon vor Millionen von Jahren ausgesprochen und 
sind seitdem angewandt worden unter nicht wahrnehmbaren 
Veränderungen in Aussprache, Grammatik und Konstruktion, 
bis sie sich wieder in dem System unseres Geistes inkarniert 
haben. Aber nicht nur unsere Sprache existierte vor uns, son- 
dern auch unsere Gwohnheiten im täglichen Leben, unsere 
Lebensweise, unser Lieben und Hassen, unsere Sitten, unsere 
Hoffnungen und unsere Anstrengungen. Goethe sagt: 

„Wenn Kindesblick begierig schaut. 
Er findet des Vaters Haus gebaut; 
Und wenn das Ohr sich erst vertraut, 
Ihm tönt der Muttersprache Laut; 
Gewahrt er dies und jenes nah, 
Man fabelt ihm, was fern geschah, 



204 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Umsittigt ihn, wächst er heran: 

Er findet eben alles getan; 

Man rühmt ihm dies, man preist ihm das: 

Er wäre gar gern auch etwas. 

Wie er soll wirken, schaffen, lieben, 

Das steht ja alles schon geschrieben 

Und, was noch schlimmer ist, gedruckt. 

Da steht der junge Mensch verdiickt, 

Und endlich wird ihm offenbar: 

Er sei nur, was ein and'rer war." — 

(Fortsetzung folgt.) 

Die 

Transmigration oder Wiedergeburt. 

Von Bhikkhu Änanda Maitriya. 

Sprecht nicht, ,ich bin', ,ich war', ,ich werde sein', 

Denkt nicht, ihr wechseltet des Leibes Haus, 

Wie Wandrer, wohl beherbergt oder schlimm, 

Vergessend zieh'n hinaus. 

Zu neuem Kreislauf geht ins All der Rest 

Des letzen Lebens. 

Die Leuchte Asiens, 8. Buch. 

Abgesehen von der sehr schwierigen Frage nach der wahren 
Bedeutung des Wortes »Nibbäna«, welche ich im vorigen Auf- 
satze ein wenig aufzuhellen versucht habe, ist zweifellos für 
abendländische Schüler unserer buddhistischen Religion am 
schwersten begreiflich und am leichtesten misszuverstehen jene 
Lehre, für die wir gezwungen sind, einen besseren Ausdruck 
zu wünschen, als das allgemein gebräuchliche, aber sehr unzu- 
längliche Wort »Transmigration« oder »Wiedergeburt«, 
— die Übertragung des Kamma oder Handelns, das Über- 
gehen der Sankhäras oder Strebungen, der Übergang des 
Charakters oder Schicksals von einem Wesen auf das 
andere im Augenblick des Todes resp. der Geburt. Diese 
Lehre ist ein solcher Stein des Anstosses für westliche Geister 
gewesen, dass diejenigen, welche sie überhaupt nicht verstehen, 
in ihr einen Beweis dafür erblickt haben, dass der Buddha 



No. 7. DER BUDDHIST. 205 

eine Lehre verkündet haben soll, welche er von allen Lehren 
am entschiedensten verneinte: nämlich die Existenz eines ge- 
trennten unsterblichen Seelcnwescns im Menschen, welches 
gleich dem »Jivätmä« der Vedänta-Philosophie, beim Tode aus 
einer körperlichen Form in eine andere wandert, während es 
selbst unverändert und ewig bleibt, just so, wie ein Mensch 
eines Tages seine alten Kleider ablegt und sich in ein neues 
Gewand hüllt, dabei sich selbst aber in keiner Weise ändert. 
— Andere Schüler wieder, die zwar die buddhistische Lehre 
besser verstanden haben, dabei aber in das entgegengesetzte 
Extrem verfallen sind, haben gemeint, die wahre Ansicht des 
Meisters über diesen Punkt sei folgende gewesen: Beim Tode 
eines Menschen vergehe der betreffende Mensch als Individuum, 
als getrennte Wesenheit im Ozean des Daseins, für immer, 
während von seinem Wirken nichts übrig bleibe, als die 
Wirkung, welche sein Leben, Reden und Denken auf alle 
seine Mitmenschen ausgeübt habe, in der Weise etwa, wie wir 
dem allgemeinen Sprachgebrauch gemäss sagen: Shakespeare 
ist unsterblich und lebt noch unter uns insofern, als seine 
wunderbaren Schöpfungen noch in unseren Herzen weilen, un- 
ser Gemüt begeistern und unsere Handlungen beeinflussen, 
obwohl von der menschlichen Persönlichkeit »Shakespeare« selbst 
absolut nichts mehr vorhanden ist. 

In der Tat: den meisten westlichen Geistern scheint diese 
buddhistische Lehre von der Wiedergeburt entweder eine Mysti- 
fikation oder ein Paradoxon zu sein; und es ist auch keines- 
wegs befremdlich, wenn die Leute zu dieser Ansicht kommen. 
Wir sind so sehr von der individualistischen Seelen-Theorie 
durchdrungen, und diese nimmt eine so gewichtige Stellung 
in unserer Erziehung und in unseren vererbten Anschauungen, ein, 
dass es uns, wenigstens bei der ersten Betrachtung, — schwer 
fällt, einer das zukünftige Dasein betreffenden Lehre beizu- 
pflichten, in welcher von" vornherein das Vorhandensein einer 
für sich bestehenden getrennten Ego-Seele geleugnet wird. 
„Wie", fragt der westliche Schüler der Buddhismus, „wie, 
wenn es keine veränderliche Ich-Seele gibt, keine dauernde 
Wesenheit, welche von Leben zu Leben wandert, kein sich 
rei'nkarnierendes Ego oder Selbst im Menschen, — wie können 



206 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

wir dann den Sinn einer Lelire verstehen, welche sagt, dass 
eines Menschen Charakter und Schici<sal nur die Früchte seiner 
Gedanlcen, Worte und Handlungen aus ungezählten früheren 
Existenzen sind?! Wie können wir mit einer solchen Lehre 
die Angabe in Einklang bringen, welche in den heiligen Schriften 
so oft von unserem Lehrer am Schluss irgend einer Erzählung 
aus der Vergangenheit gemacht wird, dass er selbst eine Per- 
son in der betreffenden Geschichte war, und Änanda oder ein 
anderer Jünger ebenfalls eine Person gewesen sei?! Wie 
können wir diese Doktrin mit den Erzählungen vereinbaren, 
die noch jetzt in buddhistischen Ländern so allgemein ver- 
breitet sind, Erzählungen von Rückerinnerung an vergangene 
Lebensläufe und deren bestätigten Einzelheiten, oder mit der 
Tatsache, dass eine der buddhistischen Meditations-Übungen 
den Zweck verfolgt, eben diese Fähigkeit der Rückerinnerung 
zu gewinnen, damit wir daraus die Lektion lernen, dass diese 
Leben durch den Schleier der Geburt und des Todes vor uns 
verborgen sind?! Wie kann dies alles sein, wenn tatsächhch 
kein für sich bestehendes Seelenwesen, kein separates Selbst 
vorhanden ist, welches in ein anderes Leben übergeht, kein 
Ego, welches sich an vergangene Erfahrungen und frühere 
Leben erinnern kann, so wie wir auf die Szenen und Hand- 
lungen aus den Tagen unserer Kindheit zurückblicken?!" 

Der Umstand, dass solche Fragen überhaupt aufgeworfen 
werden, ist, wie wir bereits sagten, ein Beweis für die Macht, 
welche die individualistische Seelen-Theorie auf das mensch- 
liche Gemüt ausübt. Wir sind nur zu gern geneigt, alle un- 
sere Gedanken und Handlungen auf ein imaginäres Selbst 
in uns zu konzentrieren, so dass uns die grosse Lehre der bud- 
dhistischen Psychologie „Dies ist nicht mein, dies ist nicht 
mein Ich, dies bin ich nicht, da ist kein Selbst darin," — nur 
ein Paradoxon zu sein scheint, bis wir den eigentlichen Sinn 
dieser Doktrin begriffen haben; und alle unsere hoffnungsfreu- 
digen Vorstellungen von dem zukünftigen Leben sind auf dies 
Selbst gegründet als auf ein Etwas, das fortbestehen wird, 
nachdem das Leben, welches wir kennen, verweht ist. So 
stark ist tatsächlich dieser unser menschlicher Durst nach Leben, 
dass die Idee eines unsterblichen Ich-Prinzipes in uns viel- 



No. 7. DER BUDDHIST. 207 

leicht das am weitesten verbreitete Prinzip religiösen Glau- 
bens ist, und gerade diese individualistische Theorie von 
einer Ego-Seele ist die Ursache des Kampfes, welcher zwischen 
den geoffenbarten Religionen und der Wissenschaft sich er- 
hoben hat und noch ausgefochten werden muss; denn die 
Anhänger der verschiedenen Religionen ausser dem Bud- 
dhismus kämpfen im Grunde nur für die Hoffnung auf ein 
dem Menschen ach so teures, persönliches Fortleben nach dem 
Tode, während die Wissenschaft Schritt für Schritt durch klare, 
unumstösslichc Beweise eben diese „Seele" in ihre verschiedenen 
psychischen Elemente zerlegt und zu beweisen versucht, dass 
alles, was wir vom Menschen kennen, — Charakter und Gemüt 
sowohl als auch diese körperliche Form, — zugleich mit dem 
Tode des Körpers untergehe und beim Ableben nichts zurück- 
lasse, als nur eine wenige Unzen vermodernden Hirn-Stoffes, 
— von diesem ganzen Menschenleben, dem Erben einer alters- 
grauen Entwickelung nur diesen armseligen Staub, eine Nahrung 
für das Feuer und die Würmer. 

Getreu seiner Lehre vom Pfade der Mitte, steuert der 
Buddhismus seinen klaren Weg zwischen diesen beiden Extre- 
men, indem er einerseits mit den heutigen Psychologen be- 
hauptet, dass das, was wir »Seele« nennen, nur eine Ansamm- 
lung von innerliclien Erscheinungen und Fähigkeiten, und als 
solche flüchtig und vergänglich wie alle phänomenalen Dinge 
ist; während er andererseits lehrt, dass das Kamma, (das 
Wirken) eines jeden individualisierten Lebens den Zerfall des 
Gemütes, welches es hervorbrachte, überdauert und sich in 
zahllosen Leben weiter manifestiert, bis Nibbänas Friede erreicht 
ist; denn der Tod ist nur das Tor zu einer neuen Geburt, und 
die Geburt das Vorspiel eines neuen Sterbens. Und es ist 
gerade diese »mittlere Lehre«, welche für das in einer ande- 
ren Schule des Denkens erzogene westliche Gemüt so schwer 
zu begreifen ist und von ihm als wahr anerkannt werden kann. 
Wenn du an eine getrennte, lebende Ego-Seele glaubst, an einen 
„Geist" oder Spirit, welcher innerhalb dieser Wände von Fleisch 
verborgen wohnt, welcher beim Akte des Sehens durch unsere 
Augen blickt und sich des Hirns bedient, — etwa wie ein 
Künstler sich eines Klaviers bedient oder wie ein Mensch 



208 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

irgend einen feinen Mechanismus gebraucht, — dann scheint 
es für uns Abendländer iciar und selbstverständlich zu sein, 
wenn wir von einem individuellen, postmortalen Weiterleben 
sprechen, — denn es ist nach dieser Auffassung gerade jener 
hypothetische „Geist", welcher den Körper beim Tode verlässt, 
und wenn der Seher und der Täter gegangen ist, wie könnte 
da noch etwas Sehendes oder Handelndes im Körper vor- 
handen sein? Und wenn wir andererseits mit klarerer Einsicht 
und richtigerem Verständnis die Tatsache begreifen, dass, wenn 
wir von Vitalität oder Leben sprechen, welches getrennt von 
diesem ganzen organisierten körperlichen Mechanismus wäre, 
dies dasselbe sein würde, als wenn wir — nach dem Ausspruch 
eines grossen Gelehrten — einen besonderen Uhr-Geist oder eine 
für sich bestehende Uhr-Seele annähmen, um uns das Gehen 
einer Uhr verständlich zu machen % dann will es uns scheinen, 
als ob es eitel sei, von einem Weiterleben in irgend einer Form 
zu sprechen, wenn der körperliche Mechanismus abgelaufen ist 
und alle seine Funktionen beim Eintritt des Todes zum Still- 
stand gekommen sind; denn welche Kraft soll die Atome eines 
Tautropfens wieder zusammenfügen, wenn die Strahlen der 
aufgehenden Sonne diese Teile des Tropfens aufgesaugt und 
mit der Morgenluft vermischt haben? 

So scheint die buddhistische Theorie den Animisten 
und den Gelehrten in gleicher Weise befremdlich zu sein; den 
einen, weil sie die Existenz eines j^etrennten unsterblichen 
Seelenwesens leugnet, den anderen, weil sie behauptet, dass 
die Kräfte eines Lebens noch, zusammenhalten und fortbestehen, 
nachdem der Tod den Mechanismus zerbrochen hat, in dem 
sie sich manifestierten, und nachdem die Winde alle Teilchen, 
die einst den lebenden Organismus bildeten, weit über Land 
und Meer verweht haben. 

„Na ca so, na ca aüno", — „es ist nicht derselbe 
und ist nicht ein anderer", -- dies ist die buddhistische 
Anschauung von der Art der fortdauernden Identität zwischen 
dem Menschen, der jetzt eben starb, und dem U'esen, welches 



') So haben häufig Neger, denen man zum ersten Male eine Uhr 
zeigte, tatsächlich geglaubt, das in der Uhr ein Fetisch oder Geist hause. 



No. 7. DER BUDDHIST. 209 

in. dem Augenblick, da jener starb, in dieser oder einer anderen 
Welt*) in die Ersciieinung tritt. Der erste Teil dieser bud- 
dhistischen Erklärung mit seiner Leugnung einer persönlichen 
Identität der beiden Wesen scheint dem Animisten unmöglich 
zu sein ; und der zweite Teil mit seiner Behauptung einer fort- 
laufenden Individualität (oder besser: individuellen Daseins-Ten- 
denz) wird wiederum von den Psychologen schwerlich akzeptiert 
werden können. Wir wollen nun diese beiden Positionen vom 
buddhistischen Standpunkte aus mit einander vergleichen und 
untersuchen, ob zwischen ihnen irgend eine Vermittlung 
möglich ist. (Fortsetzung folgt). 

Die Grundideen des Buddhismus. 

Von Dr. Paul Carus. 

(4. Fortsetzung.) 

Umgeben von diesen Schwierigkeiten und entgegengesetzten 
Ansichten wollen wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten, 
wie gross die Ähnlichkeit ist zwischen der buddhistischen 
Nirväna-Idee und der christlichen Hoffnung auf den Himmel. 
Es ist oft darauf hingewiesen worden, dass viele Stellen in 
den heiligen Büchern der Buddhisten durchaus verständlich 
sein würden, wenn wir das Wort »Nirväna« durch »Himmel« 
ersetzten. Das würde in einer Hinsicht freilich ausserordentlich 
irreführend sein ; denn die Christen neigen der Vorstellung zu, 
dass im Himmel die Persönlichkeit der Seele als eine getrennte, 
geheimnisvolle Wesenheit aufbewahrt wird. Die christliche 
Auferstehungs-Hoffnung verlangt nach einer Erhaltung des Ego, 
nicht des Geistes. Und in diesem Punkte ist der Buddhis- 
mus gänzlich verschieden vom Christentum. Der Buddha 
leugnet das Vorhandensein irgend eines Seelen-Substratums 
oder Ego-Wesens; er verwirft die alte brahmanische Lehre 
vom »Ätman« oder »Selbst«, welches als die metaphysische 



') Für »Welt« könnte man auch »Zustand« sagen. Jedem subjek- 
tiven Zustand des Gemütes entspricht eine bestimmte objektive Er- 
scheinungswelt. 

14 



210 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Grundlage der menschlichen Empfindungen, Gedanken und 
Willensregungen vorgestellt wird. Während nun auf der einen 
Seite ein grosser Unterschied ist zwischen den Begriffen »Nir- 
väna« und »Himmel«, besteht andererseits eine grosse Ähn- 
lichkeit zwischen ihnen, und zwar nicht nur hinsichtlich alle- 
gorischer Ausdrücke und Beschreibungen seitens der Mystiker, 
sondern auch hinsichtlich des Versuches, das Wesen der beiden 
Begriffe durch genaue Ausdrücke wiederzugeben. Es sind im 
Neuen Testament verschiedene Stellen vorhanden, deren jede 
einzelne sehr deutlich zeigt, dass das letzte Ziel der Mission 
Christi die Auslöschung der Persönlichkeit war; denn es 
heisst, „dass Gott wird sein alles in allem" (1. Kor. XV, 28), 
und dieses letzte Ziel wird charakterisiert in den Worten: „Es 
bleibet also eine Ruhe für das Volk Gottes übrig" (Hebr. IV, 9). 
Indem der Apostel diese Ruhe mit einem grossen Sabbath 
vergleicht, sagt er: „Denn wer in seine Ruhe eingegangen ist, 
der ist auch zur Ruhe gelangt von seinen Werken, gleichwie 
Gott von seinen eigenen; lasst uns nun danach trachten, in 
jene Ruhe einzugehen." Und Jesus spricht selbst: „Nehmet 

auf euch mein Joch so werdet ihr Ruhe finden für eure 

Seelen." Angesichts dieser Stellen können wir kaum behaupten, 
dass der Christianismus den Himmel als eine Örtlichkeit 
auffasst, und wenn wir versuchen, positiv auszudrücken, was 
die christlich-orthodoxe Auffassung in Wirklichkeit ist, so wer- 
den wir uns bald in ebenso verwickelten historisch-philologi- 
schen Problemen befinden, wie unsere Päli-Gelehrten in ihrer 
Definition von Nirväna. Als christliche Missionare in Tibet 
einige christlichen Bilder von Jesus und biblische Geschichten 
entdeckten, da entwickelte der Lama ihnen seine Ansicht über 
das Christentum folgendermassen:*) 

„Das Christentum liefert keine endgültige Erlösung. Nach den 
Prinzipien Ihrer Religion werden die Frommen mit einer Wiedergeburt 
unter den Dienern des höchsten Gottes belohnt, wo sie verpflichtet sind, 
eine Ewigkeit damit zu verbringen, Hymnen, Psalmen zu singen und Ge- 
bete zu seiner Verherrlichung zu verrichten. Solche Wesen sind natürlich 
noch nicht von der Wiedergeburt befreit; denn wer garantiert dafür, dass 
sie infolge Nachlassens in der ihnen übertragenen Pflicht aus der Welt, in 



') Vergl. Schlagintweit's »Buddhism in Tibet« S. 99, 



No. 7, DER BUDDHIST. 2il 

der Gott residiert, nicht ausgetrieben und zur Strafe in den Welten der 
Nichtswürdigen wiedergeboren werden?!" 

Schlagintweit fügt hinzu: „Der Lama muss von der Aus- 
treibung der bösen Engel aus dem Himmel gehört haben." 

Diese lamaistische falsche Vorstellung vom christlichen 
Himmel scheint dem christlichen Missverständnis über Nirväna 
analog zu sein; beide Missverständnisse sind in gleicher Weise 
entschuldbar. 

Schlagintweit sagt, „der genuine Buddhismus lehne die 
Idee ab, dass dem Nirväna eine besondere Örtlichkeit zukomme", 
und Nägasena spricht zum König Milinda: „Nirväna ist 
dort, wo immer die Gebote gehalten werden, ganz 
einerlei, an welchem Orte." Wenn man diese Stellen mit 
der Lehre Jesu vergleicht, welcher sagt: „Das Reich Gottes 
ist in euch", so brauchen wir uns nicht zu verwundern, wenn 
einige mystische Lamas in Tibet erklären, dass, wenn die 
christliche Lehre vom Himmel nach Jesu eigenen Worten rein 
innerlich sei und nicht auch die positive Existenz irgendwo im 
Räume einschliesse, die christliche Lehre ein äusserst trostloser 
Nihilismus genannt werden müsse. 

Schlagintweit meint: „Die heiligen buddhistischen Schriften 
erklären bei jeder Gelegenheit, es sei unmöglich, positiv die 
Eigenschaften und Eigentümlichkeiten Nirvänas zu definieren." 
Ein tibetanischer buddhistischer Gelehrter könnte seinen Lands- 
leuten genau dasselbe sagen, wenn er den christlichen Begriff 
»Himmel« erläutert. 

Wenn wir nach christlichen Ausdrücken für »Himmel« 
suchen, welche den buddhistischen Prädikaten von Nirväna 
ähnlich sind, so finden wir eine reiche Fülle solcher Bezeich- 
nungen, namentlich in den Schriften der Mystiker. Wer der 
philosophischen Spekulation zuneigt, wird die grosse Ähnlich- 
keit in der sogenannten negativen Formulierung zugeben 
müssen: Der Himmel wird ebenso wie Nirväna als die 
gänzliche Veriöschung des Selbstes gepriesen; das Selbst 
vergeht in der Allgegenwart Gottes und erscheint höchstens 
wieder als der verklärte Banner-Träger des Gesetzes der Ge- 
rechtigkeit. 



212 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Ob nun diese Anschauung als Nihilismus zu betrachten 
ist oder nicht, das sollte nach der Natur der Sittenlehren 
beurteilt werden, die aus derselben entspringen. Wenn man 
die buddhistische Sittenlehre als Quietismus charakterisiert, 
dann kann man die Doktrin des Buddhismus natürlich auch 
nihilistisch nennen. Wir finden nun, dass dieselben Ein- 
wände, welche heute von westlichen Geistern gegen den Bud- 
dhismus erhoben werden, auch in alter Zeit von jenen erhoben 
wurden, welche in der Schule des Brahmanismus erzogen 
waren. Da ist eine Stelle im Mahävagga, in weicher der 
Buddha sehr ausführlich seine Ansicht über Handeln und 
Nicht-handeln auseinandersetzt. Er gibt zu, dass er eine 
gewisse Art des Quietismus lehre, aber er leugnet 
ganz entschieden, dass dies ein Quietismus der Träg- 
heit und Untätigkeit sei. Wir lesen in Mahävagga VI, 31, 4: 

„Siha, der Feldherr sprach zu dem Erhabenen: ,Ich habe 
gehört, o Herr, dass der Asket Gotama die Folgen des Handelns 
leugnet, dass er Nichthandcln lehrt und in dieser Lehre seine 
Jünger erzieht. Ich bitte dich, Herr, sage mir, sprechen die, 
welche so reden, die Wahrheit, oder legen sie falsches Zeug- 
nis ab wider den Erhabenen und geben einen unechten 
Dhamma für seine Religion aus?'" 

Der Buddha gibt folgendes zur Antwort: 

„Einerseits, Siha, ist es richtig, wenn man von mir be- 
hauptet: ,Der Asket Gotama verleugnet das Handeln, er lehrt 
das Nichthandeln und erzieht seine Jünger in dieser Lehre.' 
Und andererseits, Siha, ist es richtig, wenn man von mir be- 
hauptet: ,Der Asket Gotama betont das Handeln, er lehrt das 
Handeln und erzieht seine Jünger in dieser Lehre.' 

„Und in welcher Weise, Siha, ist es richtig, wenn man 
von mir behauptet: ,Der Asket Gotama verleugnet das Handeln, 
er lehrt das Nichthandeln und erzieht seine Jünger in dieser 
Lehre?' Ich lehre, Siha, das Nichttun solcher Handlungen, die 
ungerecht sind in Taten, Worten und Gedanken; ich lehre das 
Nichthervorbringen der mannigfaltigen Zustände des Gemütes, 
welche schlecht sind und nicht gut. In dieser Weise, Stha, 
ist es richtig, wenn man von mir behauptet: ,Der Asket Go- 



No. 7. DER BUDDHIST. ^\3 

tama verleugnet das Handeln, er lehrt das Nichthandeln und 
erzieht seine Jünger in dieser Lehre.'" 

„Und in welcher Weise, Siha, ist es richtig, wenn man 
von mir behauptet: ,Der Asket Gotama betont das Handeln, 
er lehrt das Handeln und erzieht seine Jünger in dieser Lehre?' 
Ich lehre, Stha, das Tun solcher Handlungen, welche gerecht 
sind in Taten, Worten und Gedanken; ich lehre das Hervor- 
bringen der mannigfaltigen Zustände des Gemütes, welche gut 
sind und nicht schlecht. In dieser Weise, Siha, ist es richtig, 
wenn man von mir behauptet: ,Der Asket Gotama betont das 
Handeln, er lehrt das Handeln und erzieht seine Jünger in 
dieser Lehre.'" 

In demselben Buche erklärt der Buddha seine Lehre von 
der Vernichtung und Nichtigkeit nicht als eine absolute Ver- 
nichtung, sondern als eine Ausrottung der Sünde und des 
menschlichen Veriangens nach der Sünde. Der Meister spricht: 

„Ich verkünde, Siha, die Vernichtung von Begierde, Hass 
und Wahn; ich halte dafür, Siha, dass unrechte Handlungen 
verächtlich seien. Wer sich, Siha, befreit hat von allen Zu- 
ständen des Gemütes, welche schlecht sind und nicht gut, 
welche vertilgt werden müssen; wer sie ausgerottet und be- 
seitigt hat, gleichwie man einen Palmstumpf ausrodet, so dass 
sie vernichtet sind und nicht wieder emporwuchern können, — 
den nenne ich einen im Tapas^) vollkommenen Menschen." 

Weit entfernt davon, einen Quietismus zu proklamieren, 
tragen die Reden, Gleichnisse und Sentenzen des Buddha viel- 
mehr im Überfluss die Ermahnungen zu unermüdlichem, ener- 
gischem Handeln. Wir lesen im Dhammapada: „Wer sich 
nicht aufrafft, wenn es Zeit ist zum Aufraffen, wer, obwohl 
jung und kräftig, voll Trägheit ist, wessen Wille und Gedanken 
schwach sind, ein solcher träger und fauler Mensch wird 
nimmer den Pfad zur Weisheit finden. Wenn etwas zu tun 
ist, so soll der Mensch es tun; kräftig soll er es anfassen."') 
*»99«66» (Schluss folgt.) 

') Die wörtliche Bedeutung ist »Brennen«; es bedeutet Selbstpeini- 
gung. Der Buddha verwirft Selbsiabtötung und setzt an dessen Stelle 
die Ausrottung alles sündigen Begehrens. 

■') Vergl. auch das Utthäna-Sutta im diesjährigen Juni -Heft des 
»Buddhist« (S. 94). 



214 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Warum ich Buddhist wurde/) 

Von A. E. Buultjens. 

Mit Ihrer Erlaubnis, meine Freunde, will ich den Gegen- 
stand meiner heutigen Ausführungen unter zwei Hauptgesichts- 
punkten betrachten, indem ich folgende zwei Fragen beantworte: 
Erstens, warum ich, obwohl von christlichen Eltern stammend 
und christlich erzogen, dennoch meinen christlichen Glauben 
aufgab; zweitens, warum ich gerade ein Buddhist wurde, 
und nicht etwa ein Mohammedaner oder ein Hindu. 

Der erste Teil meiner Vorlesung könnte beinahe meine 
Biographie oder besser meine Autobiographie von meiner 
frühesten Kindheit bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr sein. 
Ich wurde bei christlichen Eltern geboren inmitten einer christ- 
lichen Umgebung, inmitten christlicher Einflüsse und Gesell- 
schaften. Zu jener Zeit gliederten sich die Christen von 
Matara, etwa 400 an der Zahl, in vier Zweige: in römische 
Katholiken, in Presbyterianer oder Anhänger der Holländischen 
reformierten Kirche, in Wesleyaner und in Anhänger der Kirche 
von England. Meine Mutter war Presbyterianerin und mein 
Vater eine Stütze der dortigen englischen Kirche. Als ich un- 
gefähr ein Jahr alt war, wurde ich, wie mir berichtet wird, von 
einem eifrig darauf ausgehenden Kreise von Verwandten und 
Freunden regelrecht in die englische Kirche aufgenommen und 
der liebevollen Gnade Seiner Hochwürden, des Herrn Abraham 
Dias übergeben, eines Herrn, welcher nach seiner Nationalität 
zwar Singhalese ist, sich aber trotzdem eines hebräischen und 
portugiesischen Namens erfreut. Es ist mir erzählt worden, 
dass ich aus seiner Hand rite die Tauf-Ceremonie erhalten 
habe, — ein Kreuzzeichen mit Wasser auf meine kindliche 
Stirn, und so war ich mit dem Amtssiegel oder vielmehr mit 
dem heiligen Zeichen eines Christen versehen. Die Überlieferung 
sagt nichts davon, ob ich mich gegen diese Behandlung durch 
kindliches Sträuben und Schlagen wehrte, aber ich neige der 



') Eine Vorlesung, gehalten am 25. März 1899 zu Colombo im Haupt- 
quartier der Young Men's Buddhist Association. 



No. 7. DER BUDDHISt. ^iS 

Ansicht zu, dass ich durch fortgesetztes Schreien und Heulen 
dagegen protestiert habe. 

Bis zu meinem vierzehnten Jahre befand ich mich haupt- 
sächlich unter der Aufsicht des ersten Schui-Inspei<tors, Herrn 
R. H. Leembruggen und des Rev. J. Stevenson Lyle. Ich er- 
wähne diesen Einfiuss auf mein jugendliches Leben, weil die 
Eindrüci<e, weiche wir in jenem zarten Alter empfangen, uns 
oft durch unser ganzes Leben folgen; das Kind ist nicht selten 
der Vater des Mannes. Herr Leembruggen nun war kein 
Kirchengänger, und er wurde in den damaligen familiären 
Äusserungen häufig als erklärter Freidenker und Agnostiker 
bezeichnet. Ich muss aber sagen, dass er Kindern gegenüber 
niemals abfällig über die Kirche gesprochen hat, vielmehr hat 
sein persönliches Beispiel einen grossen Einfiuss auf mich aus- 
geübt; — denn alle Schulkinder blickten zu ihm in grösster 
Ehrerbietung und Hochachtung empor und hielten ihn für einen 
Mann, der genau auf Zucht und Ordnung hält. Von meinem 
anderen Gönner, „Vater Lyle", wie er allgemein genannt wurde, 
kann ich berichten, dass er ein strenger Hochkirchler oder 
Ritualist war, und während der sechs Monate, während derer 
ich in seinem Hause weilte, prägte er meinem Geiste ein, wie 
ausserordentlich wichtig es sei, pünktlich der Ordnung in den 
allgemeinen Gebetbüchern zu folgen, an Feiertagen zu fasten 
und in seiner privaten Kapelle pflichtschuldigst und aufmerk- 
sam den Frühmessen und Abendandachten beizuwohnen. Er 
war mit meinen Fortschritten so zufrieden, dass er mich am 
Prüfungstage mit einem »allgemeinen Gebetbuche« und einer 
»Nachfolge Christi« beschenkte. „Vater Lyle" war ein Mann 
von strengen Grundsätzen, dabei aber etwas heftig. Er liebte 
ein Leben der Selbstverleugnung und Selbstaufopferung. Man 
argwöhnte damals, dass er ein jesuitischer Agent des römischen 
Papstes sei. Es erhob sich ein grosser Streit in der Diöcesan- 
Zeitung zwischen der Hochkirche und den nicht-hochkirchlichen 
Parteien. Mein Väter war ein entschiedener Gegner von den 
brennenden Kerzen, den Hostien und anderen Neuerungen des 
„Vater Lyle" und der hochkirchlichen Gruppe. Die Gegen- 
partei pflegte in der Dienstwohnung meines Vaters zusammen- 
zukommen, um zu diskutieren und für die Diöcesan-Zeitung 



216 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Angriffe gegen die Ritualisten zu verfassen. Ich hörte als 
Knabe in einer Ecke des Zimmer schweigend diesen Streite- 
reien zu, und der Lärm einer Kirche, die mit sich selbst uneins 
wird, muss einen ausserordentlich „aufbauenden" Einfluss 
auf mein Gemüt ausgeübt haben! Kurze Zeit darauf schied 
Vater Lyle aus seiner Dienstpflicht gegenüber dem Bischof 
von Colombo und der englischen Kirche und trat zur römisch- 
katholischen Kirche über. Mit Vater Lyle vollzogen noch Vater 
Ogilvie und Vater Duthy ihren Übertritt zur Kirche von Rom. 
Wenn ich mir heute die Zahl der Geistlichen vergegenwärtige, 
welche mit halfen, meinen Geist zu bilden, so bin ich ver- 
wundert darüber, dass ich jetzt nicht auf einer Kirchen-Kanzel 
stehe, um den Glauben der Kirche zu verteidigen. 

Zusammen mit Vater Lyle hatte mich Rev. William Henley 
in seine Obhut genommen. Religion lehrte er mich wenig; 
aber ich bin ihm dankbar für die Fortschritte, die ich unter 
seiner Leitung in lateinischer Grammatik und im Schachspiel 
machte. 

Von meinem vierzehnten bis neunzehnten Jahre verweilte 
ich im Schatten und unter dem Einfluss der St. Thomas-College- 
Kirche unter der Aufsicht des Vorstehers Rev. E. F. Miller und 
der Hilfsvorsteher Rev. T. F. Faulkner und Rev. H. Meyrick. 
Abgesehen von dem Unterricht in den Gegenständen, die für 
die Callcutta- Cambridge -Local- Prüfungen erforderlich sind, 
wurden wir während dieser sechs Jahre sorfältig in der intel- 
lektuellen Kenntnis des allgemeinen Gebetbuches und verschie- 
dener biblischer Bücher des alten und neuen Testamentes 
gedrillt, sowie in der Bekanntschaft mit den Kommentaren und 
dem griechischen Urtext des Evangeliums. Ich widmete mich 
mit Fleiss diesen Studien und machte so grose Fortschritte, 
dass ich im ersten Jahre alle Anforderungen in der Prüfung für 
die gesamte höhere Schule übertraf und den vielbegehrten 
„Bischofs -Preis für Gottesgelehrtheit" erhielt. Im folgenden 
Jahre erhielt ich trotz der Mitbewerbung der höchsten oder 
College-Klasse abermals den Bischofs-Preis. Während dieser 
ganzen sechs Jahre war jeder Zögling nach den für die Zög- 
linge des Colleges gültigen Satzungen verpflichtet, die Anstalts- 
Kirche jeden Tag am Morgen und am Abend zu besuchen. 



No. 7. DER BUDDHIST. 217 

Ich hatte bereits drei Jahre vorher, 1884 — ein wichtiges Jahr 
in meinem Leben — die Konfirmations- Zeremonie empfangen 
oder das Auflegen der Hände des Bischofs von Colombo auf 
mein Haupt, und damit war meine Aufnahme als Glied der 
englischen Kirche bestätigt. Und an dieser Stelle will ich be- ] 
tonen, dass ich die in meinem Kindesalter von meinen „Hirten ' 
und Lehrern" an mir gewaltsam vollzogene Taufe u. z. voll- 
zogen zu einer Zeit, da ich vor dem Gesetz noch unmündig, { 
also ein Kind war, in keiner Weise billige. Ich erhebe Anklage ! 
gegen eine solche Praxis und protestiere dagegen, weil sie ! 
eine Verletzung des Kindcs-Rechts ist. — 

Ich habe bei dem Vorstehenden etwas länger verweilt, um 
als Einleitung die zurückliegenden Bedingungen und Umstände 
zu schildern, welche mich schliesslich zu dem Standpunkt ge- 
führt haben, den ich einnahm, als ich meinen christlichen 
Glauben aufgab. Im St. Thomas-College selbst war es, wo 
ich den ersten Wink erhielt, wo der erste Zweifel an der 
Wahrheit des Christentums — wenn auch nur vorübergehend 
— an mich herantrat. Einem Buche, welches ich in der 
Bücherei des St. Thomas-Colleges vorfand, habe ich den ersten 
Leisen Argwohn zu verdanken, dass das, was die Geistlichen 
sagen, und was die Kirche lehrt, denn doch recht fragwürdig 
_SeL_ Durch die Lektüre dieses Buches erhielt mein Glaube 
an die Schöpfung und an den Schöpfer den ersten Stoss. 
Die eigentliche Grundlage der auf den „Glauben" fundierten 
Religion wurde äusserst erschüttert durch die wuchtigen Argu- 
mente, welche in dem materialistischen Werke, von dem ich 
spreche, enthalten waren; gemeint ist Dr. Ludwig Büchners 
»Kraft und Stoff«. Das Buch befand sich auf den moderigen, 
staubigen Brettern der College-Bücherei und wurde mir von 
einem älteren Kommilitonen, Herrn J. R. Molligodda, gegeben, 
welcher später als ein angesehener, mild-denkender Rechtsge- 
lehrter sich in Kegalle niedergelassen hat. Wir disputierten 
lange über die atheistische und deistische Weltan- 
schauung. Ich war ein Verfechter des Deismus, aber mein 
Gegner war immer mit ruhigen, sachlichen Widerlegungen 
und Argumenten bei der Hand. Damals war ich neunzehn 
Jahre alt und dem Autoritäten -Zwang abhold, sowie geneigt. 



218 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

gegen das zu opponieren, was die Menschen allgemein auf 
Treu und Glauben blindlings als Evangelium annehmen. Wenn 
ich heute meinen geistigen Standpunkt, den ich zwischen 
meinem 19. und 21. Lebensjahre einnahm, analysieren soll, so 
muss ich behaupten, dass ich damals noch ein Christ war; 
aber ich entfernte mich allmählich, oder soll ich sagen, ich 
schritt allmählich vorwärts vom Christentum dem Materialis- 
mus zu. 

Im Jahre 1884 ging ich nach England und bezog das 
St. John's College der Universität Cambridge für vier Jahre. 
Während dieser ganzen Zeit nun kam ich hier mit Vertretern 
der verschiedensten Schattierungen und Richtungen zusammen: 
mit ergebenen, strengen Kirchengläubigen, mit unreifen Theo- 
logen, die ihren wilden Hafer aussäten, während sie sich für 
den theologischen Dreifuss vorbereiteten, um einst flügge Diener 
des Wortes Gottes zu werden; dann begegnete ich auch 
Studenten der Theologie, welche gelehrt worden waren, dass 
die Bibel nicht ein wörtlich inspiriertes Buch, sondern ein ge- 
schichtliches Werk der Israeliten sei: Dies letztere war die 
fortschrittliche Richtung der Kirche, welche ihre Front gewech- 
selt hatte, um den Angriffen der Agnostiker und Freidenker 
begegnen zu können. Ich verkehrte auch mit einer ausgewähl- 
ten Schar von Engländern, die überzeugte Agnostiker und 
Bewunderer von Huxley und Bradlaugh waren. Der Streit 
des ersteren mit Gladstone wogte damals hin und her, und 
die Menschen beschäftigten sich im Geiste viel mit dem bibli- 
schen Schöpfungsberichte. 

Ich hatte vorzugsweise physikalische Geographie und 
Geologie gehört; mein Geist war infolgedessen geneigt, die 
Nebular-Theorie der Weltbildung anzunehmen und die christ- 
liche Theorie der sechstägigen Schöpfung für immer aufzugeben. 
Natürlich erklärten die christlichen Kommentatoren und Vertei- 
diger der biblischen Erzählung das Wort »Tag« als Zeitperiode; 
aber dies haben sie nur notgedrungen und erst in neuerer 
Zeit tun müssen, nachdem geologische Gelehrte den unan- 
fechtbaren Nachweis geliefert hatten, dass die Welt ihre heutige 
Gestalt einer vorhergegangenen natürlichen Entwickelung von 



No. 7. DER BUDDHIST. .219 

Millionen von Jahren zu verdanken hat. Das Studium der 
Erdschichten, der fossilen Überreste, der Meeres-, Vulkan- 
und Stromtätigkeit, durch welche die Erde allmählich umgebildet 
wurde, bis sie ihre heutige Gestalt erhielt, — dieses Studium, 
sage ich, trägt viel dazu bei, den Glauben an die biblische 
Genesis zu modifizieren, wenn nicht gänzlich zu beseitigen. 
Zugleich mit der Überzeugung, dass nicht, wie die Bibel be- 
richtet, ein Gott die Welt erschaffen habe, gab ich allmählich 
die liebsten und am meisten gehegten Ansichten meiner Kind- 
heit auf. Das bedeutete für mich eine sehr ernste Sache. Nur 
wer in seinem Gemüte die Qualen des Kampfes erfahren hat, 
welche der Mensch allein in der Stille ertragen muss, wenn er 
gezwungen ist, die teuersten, während vieler Jahre im Busen 
gehegten Anschauungen einer ernsten Überzeugung zu opfern, 
— nur der kennt die Pein, wenn die Notwendigkeit eintritt, 
diese Anschauungen aus Herz und Geist herauszureissen. 
Schritt für Schritt wurde mein mir einst so teurer Glaube er- 
schüttert. Ich begann in mir selbst folgendermassen zu argu- 
mentieren: Wenn die Welt von einem gnädigen, unendlichen, 
mit zartem Erbarmen begabten Wesen geschaffen wurde, — 
warum schuf dann dieses Wesen die Hölle und den Teufel? 
Gott schafft alle Dinge. Warum schuf ein guter Gott Böses? 
Warum schuf er Leid und Unglück? In allen fünf Erdteilen 
sind die Hospitäler angefüllt mit Krankheiten und ansteckenden 
Seuchen. Die Christen sagen, dies sei eine Strafe für sie. 
Nonsens! Warum müssen blinde, taube und irrsinnige Kinder 
geboren werden, warum müssen Missgeburten mit fehlenden 
Gliedmassen das Leben erblicken? Warum werden Tausende 
durch Erdbeben, Pest und Hungersnot von einem gerechten 
Gott gestraft? Wenn Gott alimächtig und allbarmherzig wäre, 
dann hätte er leicht eine Welt ohne Teufel, ohne Hölle, ohne 
Leid schaffen können. Aber ich vermute, einige unwissende 
Menschen werden sagen, dass der Teufel zu dem speziellen 
Zweck gemacht wurde, um die Mohammedaner, Hindus, 
Agnostiker und Buddhisten zu verführen, und dass die HöUe 
dazu vorhanden sei, damit jene hineingeworfen werden. Zu 
meinem Bedauern muss ich konstatieren, dass manche Christen 
bigott genug sind, ein solches Urteil zu fällen. Sie stützen 



220 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

sich auf die Stelle im neuen Testament, welctie alle Ungläubigen 
und Häretiker zu ewiger Verdammnis in der Hölle verurteilt. 

(Fortsetzung folgt). 

Aller Seelen. 

Zwei Lieder aus den Therigäthä.') 

I. 
Eine Nonne: 
, Meine Jtvä!' also jammerst du im Walde — 
Kehre in dich selbst zurück, o Ubbiri I 
Vierundachtzigtausend, welche alle Jivä hiessen, 
Hat man auf dem Friedhofe verbrannt; 
Welche ist's, die du beweinst? 

Ubbiri: 
Herausgezogen, wahrlich, hast du mir den Pfeil, 
.- Den unsichtbaren, der mein Herz durchbohrte. 

Da du mir, der von wildem Gram Verzehrten, 
Den Schmerz um meine Tochter mild entferntest. 
Entrissen ist auf immer mir der Pfeil, 
Frei bin ich nun von Fürchten und von Hoffen. 
Buddha und seine Lehre und Gemeinde 
Sind meine Zuflucht fernerhin. 

II. 
Patacärä: 

Kennst du den Weg des Kommenden, 

kennst du den Weg des Gehenden? 
Der Sohn, der aus der Nacht dir kam, 

was klagst um ihn du: ,Ach mein Sohn!?' 
Du kennest ja den steten Weg 

des Kommenden, des Gehenden, 
Klag' nicht und weine nicht um ihn, 

denn sieh': dies ist des Lebens Los. 
Er kam — nidht weil dein Wunsch es war, 

er ging — nicht fragte er um dich. 
Wohin enteilte er wohl jetzt 

nach seinem flücht'gen Aufenthalt? 
Von hier in eine andre Welt, 

von dort wieder zu dieser Welt 
Eilt, Menschenformen wechselnd, der 

Verstorbene von Sein zu Sein; 
Woher er kam kehrt er zurück: 

was ist da zum Bejammern Grund? — 

Die Trauernde: 

Den Pfeil hast du entrissen mir, 

der ach! mein krankes Herz durchstach. 



') Aus Dr. Neumanns »Buddhistische Anthologie« S. 217 f. 



No. 7. DER BUDDHIST. 221 

Mir, die in heisseni Weh verging, 

nahmst du den Schmerz um meinen Sohn. 

Für immer ist entrissen mir '■ 

der Pfeil, ich bin vollendet nun. . .. , , ■■ 

Buddha und seine Lehre und Gemeinde 
Sind meine Zuflucht fernerhin. 

Die Tröstungen der Religion. 

Eine buddhistische Erzählung. 

Ein junges Weib, Kisägotami mit Namen, gebar einen 
Sohn; aber der schöne Knabe starb im zarten Alter. Die ver- 
zweifelte Mutter trug das tote Kind an ihren Busen gedrückt 
zu ihren mitleidigen Freunden von Haus zu Haus und bat sie 
um eine Arzenei. Die Leute aber sprachen: „Sie hat den Ver- 
stand verloren; das Kind ist tot." 

Ein Bhikkhu, dem Kisägotami ihre Bitte vortrug, dachte 
bei sich: „Sie hat keine Einsicht", und sprach zu ihr: „Meine 
Tochter, ein Heilmittel, wie du es wünschest, habe ich zwar 
nicht, aber ich kenne einen Arzt, der dir helfen kann." 

Die junge Frau sprach: „Bitte, Ehrwürdiger, sage mir, 
wer es ist." 

„Der Buddha kann dir das Heilmittel geben, gehe hin zu 
ihm," lautete die Antwort. 

Kisägotami begab sich zu dem Fiuddha, verneigte sich 
vor ihm und sprach zu ihm: „Herr und Meister, kennst Du 
ein Heilmittel, das für mein Kind gut sein würde?" „Ja, ich 
kenne eins", sprach der Meister. 

Nun war es Sitte, dass die Kranken oder deren Freunde 
die Kräuter herbeischafften, deren die Ärzte bedurften, und so 
fragte die Frau, weiche Kräuter er brauche. 

Der Buddha sprach: „Ich brauche ein paar Senfkörner," 
und als sie in ihrer Freude versprach, etwas von diesem ganz 
gewöhnlichen Heilmittel zu bringen, fügte der Meister hinzu: 
„Du musst sie dir in einem Hause geben lassen, in welchem 
weder Sohn, noch Tochter, noch Gatte, noch Vater, noch Mutter, 
noch Diener gestorben ist." — „Sehr wohl", antwortete sie 
und ging fort, um die Senfkörner zu erbitten, während sie ihr 



222 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

totes Kind bei sich trug. Sie ging nun von Haus zu Haus, 
und die Leute hatten Mitleid mit ihr und sagten: „Hier sind 
Senfkörner, nimm sie;" aber wenn sie fragte: „Ist in eurem 
Hause vielleicht ein Sohn oder eine Tochter, oder Gatte, Vater, 
Mutter, Diener gestorben?", dann antwortete man ihr: „Frau, 
was redest du da? Siehe, der Lebenden sind so wenige und 
der Toten so viele." Sie begab sich alsdann in andere Häuser, 
aber hier hiess es: „Ich habe einen Sohn verloren", dort: „Wir 
haben unsere Eltern verloren", an einer anderen Stelle: „Ich 
habe meinen Diener verloren". 

Zuletzt, als es ihr nicht möglich war, auch nur ein ein- 
ziges Haus zu finden, wo niemand gestorben war, wurde sie 
matt und hoffnungslos; sie setzte sich nieder an der Seite des 
Weges und beobachtete die Lichter der Stadt, wie sie auf- 
flackerten und wieder erloschen; zuletzt herrschte Dunkelheit 
liberall. Da lernte Kisägotami das Schicksal der Menschen 
verstehen und dachte: „Wie selbstsüchtig bin ich in meinem 
Schmerz! Der Tod ist allen gemein. In diesem Tal des Elends 
gibt es einen Pfad, auf dem der wandelt, welcher um der 
Todlosigkeit willen alle Selbstsucht aufgegeben hat." 

Es begann in ihrem Geiste hell zu werden, und 
indem sie sich zur Entschlossenheit aufraffte und die 
selbstsüchtige Liebe zu ihrem Kinde überwand, Hess 
sie den toten Körper in einem Walde beerdigen, kehrte wieder 
zu dem Buddha zurück und beugte sich vor ihm nieder. 

Er sprach zu ihr: „Hast du die Senfkörner?" „Herr", er- 
widerte sie, „ich habe sie nicht; die Leute sagen mir, dass der 
Lebenden so wenige und der Toten so viele sind." 

Darauf redete der Meister zu ihr über jenen wesentlichen 
Teil seiner Lehre, über die Vergänglichkeit, und sprach: 

„Das Leben der Sterblichen in dieser Welt ist voll Küm- 
mernis, flüchtig und leidvoll. Was geboren ist, muss sterben, 
und es gibt kein Mittel, dem Schicksal zu entrinnen. Das Alter 
naht und dann der Tod. Das ist das Los der lebenden. Wesen. 

„Wie die reifen Früchte leicht abfallen, so sind dieSterblichen, 
sobald sie geboren werden, der Gefahr ausgesetzt, zu sterben. 

„Das Leben der Sterblichen gleicht den irdenen Gefässen, 
die der Töpfer macht. Ihr Ende ist, dass sie zerbrechen. 



No. 7. DER BUDDHIST. 223 

„Jung und Alt, Toren und Weise fallen dem Grabe anheim; 
sie alle sind dem Tode unterworfen. 

„Der Vater kann den Sohn nicht retten, und der Freund 
nicht seinen Gefährten, noch die Familienglieder ihre Ange- 
hörigen. 

„Während die Verwandten das Sterbelager umstehen und 
wehklagen, wird einer nach dem andern dahingerafft, wie 
Rinder, die zur Schlachtbank geführt werden. 

„So ist die Welt mit Tod und Auflösung behaftet; aber 
die Weisen, welche die Bedingungen des Daseins kennen, 
grämen sich nicht. 

„Ganz anders, als man es sich vorgestellt hat, sind oft 
die Ereignisse des Lebens, wenn sie wirklich eintreten. Aber 
das ist der Lauf der Welt. 

„Weder durch Weinen, noch durch Grämen wird jemand 
den Frieden des Gemütes erlangen; im Gegenteil, sein Leid *• 

wird dadurch noch vermehrt. Er wird sich krank und bleich i 

machen, aber die Toten werden durch seine Klagen nicht gerettet. ^ 

„Die Menschen gehen dahin, und ihr Schicksal nach dem 
Tode ist ihrem Wirken gemäss. 

„Ja, wenn ein Mensch auch hundert Jahre alt wird oder 
älter noch, so wird er doch endlich von den Seinigen getrennt 
werden und aus dieser Welt abscheiden. 

„Wer Frieden sucht, sollte den Pfeil des Jammers, der 
Klage und des Grams herausziehen. 

„Wer den Pfeil herausgezogen hat und still geworden ist, 
wird Seelenfrieden erlangen; wer allen Gram überwunden hat, 
wird frei werden vom Leiden und glückselig sein. 

„Wie ein grosse-r mächtiger Wind, der dahinfährt über 
die Erde in der Hitze des Tages, so kommt der Vollendete 
und weht durch die Gemüter der Menschen mit dem Hauch des 
Erbarmens so kühl, so süss, so sanft, so milde; und die Fieber- 
kranken erholen sich von ihren Qualen und erquicken sich an 
dem erfrischenden Hauch. 

„Wahrlich ich sage dir: Der Vollendete ist nicht ge- 
kommen, den Tod zu lehren, sondern Todlosigkeit; lerne den 
Unterschied zwischen Tod und wahrem Leben. Dieser Körper 
wird sich in seine Bestandteile auflösen; deshalb trachte nach 



E4 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

jenem Leben, welches vom Geiste ist. Wo das Selbst ist, 
kann die Wahriieit niciit sein, aber wenn die Wahrheit sich 
enthüllt, verschwindet der Selbst-Wahn. 

„Darum lass' dein Gemüt in der Wahrheit ruhen; suche 
die Wahrheit zu erreichen, versenke deine ganze Seele in die 
Wahrheit und wachse in ihr. In der Wahrheit wirst du ewig 
sein; Selbst ist der Tod, Wahrheit ist Leben> Das Haften am 
Selbst ist ein beständiges Sterben, während das Ergreifen der 
Wahrheit die Erreichung Nibbänas bedeutet. Nibbäna aber ist 
die unvergleichliche Sicherheit, die Todlosigkeit, das ewige 
Leben." — 

Da wurden Kisägotamis Zweifel zerstreut, und indem 
sie ihr Los auf sich nahm, ward sie eine Schülerin des Er- 
habenen und betrat die erste Stufe des Pfades. 

^^ Abendstimmung. !^!^ 

Von Dr. Wolfgang Bohn. 

Wenn sich am Himmel dunkle Farben regen, 
Die Abendsonne sinkt in mildem Glühen, 
Die Blumenkronen an den Wicscnwegen 
Vergessen schlummernd all' ihr duftig Blühen, 
Ihr Auge einzig öffnen Nachtviolen, 
Die letzten Schwalben um den Kirchturm schwirren, 
Vergess' ich, träumend, Lampenlicht zu holen 
Und lass' die seufzenden Gedanken irren. 

Da sich die Schatten um das Herz mir legen, 
Der erste Schnee um meine Locken flimmert — 
Da fühl' ich Buddha, Deiner Lehre Segen, 
Die alles löset, was mich sorgt und kümmert. 

An Deiner Hand schau' ich in jene Tiefen, 

Aus denen mahnen Schuld und Schmerz und Siiline, 

Ich seh' die tausend Machte, die mich riefen 

Auf dieses Lebens bunte Trauerbühne, — 

Und immer wieder werden sie mich rufen, 

Und immer wieder muss das Herz verbluten. 

Bis ich an Deines reinen Altars Stufen 

Ganz ausgelöscht der Sehnsucht letzte Gluten. 



Verantwortlicher Redakteur: Karl K. Seidenstocker, Leipzigr. Verlag: Buddhistischer Verlag 
iU Leipzig. — Druck von Arno Bachmann, Baalsdorf-Leipzig. 




Alle Sünden meiden, die Tugend üben, das eigene Heri läutern: 
das ist die Religion der Buddhas. Dhammapada, V. 183. 



^^ Gemüts-Läuterung. 1^!^ 

Von Karl B. Seidenstücker. 

Das Wirken des Menschen äussert sich in dreifacher Weise: 
in Handlungen, in Worten und in Gedanken (im weitesten 
Umfange). Tun und reden ist äusseres Wirken, denken ist 
inneres Wirken. Unter Moralität versteht man rechtes 
äusseres Wirken in der Weise, dass durch die Worte und 
Handlungen keinem Wesen Leid zugefügt wird. Der Buddhis- 
mus begnügt sich nicht mit einfacher Moralität, d. h. mit der 
Forderung, die äusseren Handlungen und Worte zu glätten. 
Der Buddhismus geht in die Tiefe. Es nützt dir nichts, nur 
in deinem äusseren Benehmen Rechtschaffenheit zur Schau zu 
tragen, während dein Inneres voll Unrat ist. Aus der Gesin- 
nung, aus dem Herzen, aus dem Denken entspringen deine 
Worte und Taten, — das ist die eigentliche Lösung des ethi- 
schen Problems; bring' dein Inneres in Ordnung, dann werden 
deine Tat- und Wort-Äusserungen von selbst die richtigen sein. 
Wir lesen im Dhammapada:^) 

Vom Herzen gehn die Dinge aus, 
Sind herzgeboren, herzgefügt: 
Wer bösgewillten Herzens spricht. 
Wer bösgewillten Herzens wirkt, 
Dem folgt notwendig Leiden nach, 
Gleichwie das Rad dem Hufe folgt. 



•) Nach Dr. Neumanns Übersetzung. 



15 



226 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Vom Herzen gehn die Dinge aus, 
Sind herzgeboren, herzgefügt: 
Wer wohlgewillten Herzens spricht, 
Wer wohlgewillten Herzens wirkt. 
Dem folgt notwendig Freude nach, 
Dem untrennbaren Schatten gleich. 
Allen Taten und Worten geht irgend eine innere Regung 
voran, sei es eine Vorstellung, ein Gedanke, ein Wunsch. Ein 
Mord, ein Diebstahl, eine Lüge, die Verführung einer Frau ist 
nur die Folge eines seelischen Vorganges (oder mehrerer Vor- 
gänge), die sich im Gemüt des Menschen abspielen. Das 
Herz behüte, es wirkt dein Geschick! 

Erst die neuere Zeit hat wieder mit Nachdruck auf die 
Bedeutung hingewiesen, welche die Zustände der Psyche für das 
äussere Gebahren des Menschen haben. Wer sein Inneres 
beständig mit grausamen, gierigen, lüsternen Gedanken, Vor- 
stellungen und Wünschen anfüllt, muss schliesslich auch äusser- 
lich notwendig dem Zustande seines Innern entsprechend reden 
und handeln. Ebenso umgekehrt. Qäkyamuni war erst dann 
ein Buddha, als er „der Dornen Ausrottungsweise" vollständig 
erkannt und durchgeführt hatte. Es kommt also darauf an, 
das Gemüt von allen Schlacken „rein zu glühen". Diese Ge- 
mütsläuterung hat vier Aspekte: 1. Vorhandene schlechte Zu- 
stände des Gemütes beseitigen, 2. keine schlechten Zustände 
aufkommen lassen, 3. vorhandene gute Zustände vermehren, 
4. noch nicht vorhandene gute Zustände hervorbringen. 

Was aber sind üble Zustände des Herzens? Alle jene 
seelischen Regungen in Gedanken, Vorstellungen und Wünschen, 
welche in letzter Linie die Befriedigung des eigenen Selbstes 
auf Kosten anderer Wesen bezwecken; die Wurzel aller dieser 
schlechten inneren Zustände ist also der Selbst-Gedanke 
nebst der aus demselben entspringenden Selbstsucht. 

Dementsprechend ist die Gemütsläuterung eine doppelte, 
indem sie 1. die schlechten Gemütszustände einzeln bekämpft, 
und indem sie 2. deren Ursache: Selbstwahn und Selbstsucht 
auszurotten sucht, und das Mittel zu diesem Zweck ist die 
Meditation. Achte sorgfältig darauf, welche schlechten Zu- 
stände noch dein Inneres beflecken; bist du zum Zorn geneigt, 



No. 8. DER BUDDHIST. 227 

SO fülle dein Inneres immer und immer wieder, täglich, stünd- 
lich mit dem Gedanken: „Ich will nicht zornig sein; liebevoll 
will ich sein in allen Lagen des Lebens." Analog ist das 
Verfahren gegenüber allen anderen Schwächen und Fehlern. 
Nur so wirst du Schritt für Schritt dem Ziele näher kommen; 
mache den Versuch, und du wirst den Segen deiner ernsten 
Anstrengung bald erfahren. Gehe daran, den Selbst-Wahn zu 
vernichten; vergegenwärtige dir ununterbrochen, dass alle 
Wesen genau so wie du das Leid und den Schmerz fliehen 
und sich nach Glück sehnen; dass alle Geschöpfe genau so 
wie du ein unveräusserliches Recht auf ihr Leben haben; denke 
daran, dass dieses Leben leidvoll, und dass es ein Verbre- 
chen ist, absichtlich irgend einem Wesen Qual, Schmerz oder 
Kummer zu bereiten, vielmehr — 

„Da wir die Welt bedrückt von Plagen 
In Menge sehen, sollte in uns wachsen 
Das Mitleid und wir unermüdlich Hilfe 
Dem stets erneuten Schmerz entgegenstellen." 
Nimm zu und wachse an Güte, Erbarmen und Wohlwollen 
gegenüber allen Wesen in gleicher Weise. Nur durch sorg- 
fältige, stete, peinliche Beobachtung deiner inneren Vorgänge, 
durch Abweisung schlechter, selbstsüchtiger Regungen, durch 
Hervorbringung selbstloser, gütiger Gesinnung kann das erreicht 
werden. Kontrolliere dein Inneres! 

Dazu ist es aber notwendig, dass du lernst, bewusst 
innerlich zu wirken. Kannst du dir Rechenschaft geben über 
alle seelischen Vorgänge, die sich gestern, die sich erst vor 
einer Stunde, ja, die sich eben noch in deinem Gemüt abspiel- 
ten?! Versuch' es, in jedem Augenblick vollbewusst zu 
werden und sofort jede böse Regung abzuweisen. Dass der 
Mensch noch nicht bewusst denkt, kann er am besten aus 
folgendem Versuch ersehen. Man versuche es einmal, für fünf 
Minuten nur an einen Gegenstand zu denken; bald wird man 
merken, dass andere, nicht gewollte Gedanken sich einschlei- 
chen. Der Mensch muss danach trachten, seine Gedanken 
konzentrieren zu können; erst dann wird er Herr seines Ge- 
mütes, voll bewusst, und kann mit Erfolg alle üblen Zustände 
seines Herzens beseitigen. 

15» 



228 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Dieses innere stetige »Gedenken« ist das »Erwachen« oder 
die »Erleuchtung« im Sinne des Buddhismus. Schritt für 
Schritt vorwärts schreitend, möge der Jünger erwachen zu dem 
Morgenglanz des inneren Friedens, da die Wolken der Begierde, 
des Hasses und Selbstwahnes zerstreut sind. Wer dieses Er- 
wachen verwirklicht, der realisiert damit zugleich die Religion 
der Buddhas, deren Wesen darin besteht, alle Sünden zu 
meiden, die Tugend zu üben, das eigene Gemüt zu läutern. 
Durch Kampf zum Sieg! 

Die Lehre des Buddha 

oder: Die vier heiligen Wahrheiten. 

Nach Aussprüchen des Päli-Kanons zusammengestellt. 
Von Bhikkhu Nyänatiloka (Ceylon). 

(2. Fortsetzung.) 

Drittes Kapitel. 
Die heilige Wahrheit von der Leidensvernichtung. 

Was ist nun, ihr Brüder, die heilige Wahrheit von der 
Leidensvernichtung? Es ist eben dieses Begehrens (tanhä) 
vollkommen restlose Vernichtung, Abstossung, Austreibung, 
Verneinung. Das nennt man, ihr Brüder, die heilige Wahrheit 
von der Leidensvernichtung. (Majjhima-Nikäya 141). 

Und wenn, ihr Brüder, der Sonderheit Wahrnehmungen, 
wodurch auch immer bedingt, an den Menschen der Reihe 
nach herantreten und da kein Entzücken, kein Entsprechen, 
keinen Halt finden, so ist das eben das Ende der Lustanhaf- 
tungen, so ist das eben das Ende der Ekelanhaftungen, so ist 
das eben das Ende der Glaubensanhaftungen, so ist das eben 
das Ende der Zweifelanhaftungen, so ist das eben das Ende 
der Dünkelanhaftungen, so ist das eben das Ende der Anhaf- 
tungen der Daseinslust, so ist das eben das Ende der Anhaf- 
tungen des Nichtwissens, so ist das eben das Ende von Wüten 
und Blutvergiessen, von Krieg und Zwietracht, Zank und Streit, 
Lug und Trug: da werden diese bösen, schlechten Dinge rest- 
los aufgelöst. (Majjhima-Nikäya 18). 



No. 8. DER BUDDHIST. 229 

Denn, ihr Brüder, entflammt von Begierde (lobha), erbost 
durch Hass (dosa), betört durch Wahn (moha), überwältigt, 
besessenen Gemütes, sinnt man auf eigenen Schaden, sinnt 
man auf fremden Schaden, sinnt man auf beiderseitigen Schaden, 
empfindet man geistige Leiden und Qualen. Ist aber die Be- 
gierde, ist aber der Hass, ist aber der Wahn aufgehoben, so 
sinnt man weder auf eigenen Schaden, noch auf fremden 
Schaden, noch auf beiderseitigen Schaden, empfindet man keine 
geistigen Leiden und Qualen: also, ihr Brüder, ist das Nibbäna 
sichtbar, nicht erst zukünftig, einladend, anziehend, für j^den 
verständlich, erkennbar. (Anguttara-Nikäya). 

Und wer die Vernichtung des Begehrens (tanhä), das 
Ende der Verblendungen erreicht hat, der fürwahr durchschaut 
der Gefühle Ursache; geklärt ist sein Geist. Und für einen 
Jünger, der solcherart erlöst ist, und in dessen Herz der Friede 
wohnt, gibt es kein Grübeln mehr über das, was abgetan ist, 
und zu erfüllen bleibt ihm nichts mehr übrig. Gerade wie ein 
Felsen ganz aus einer Masse nicht durch den Wind erschüttert 
wird, ebenso können weder Formen, können weder Töne, 
weder Düfte, Säfte noch Tastungen in ihrer ganzen Gesamt- 
heit, können weder Erwünschtes noch Unerwünschtes einen 
solchen zum Wanken bringen. Standhaft ist sein Gemüt, 
verwirklicht ist die Erlösung. — 



Viertes Kapitel. 

Die heilige Wahrheit von dem zur Leidens- 
vernichtung führenden Pfade. 

[Die beiden Extreme und der Mittelweg:] Keinem 
Begierdenwohle sich hingeben, dem gewöhnlichen, gemeinen, 
alltäglichen, unheiligen, unheilsamen, und auch keiner Selbst- 
kasteiung sich hingeben, der leidigen, unheiligen, unheil- 
samen: eben diese beiden Extreme hat der Vollendete bei- 
seite gelassen und den mittleren Pfad aufgefunden, auf dessen 
Fährte man sehend und wissend wird, der zur Ebbung, Durch- 
schauung, Erwachung, Erlöschung (nibbäna) führt. Es ist dies 
der heilige achtfache Pfad, der zur Leidensvernichtung 
führende Weg, nämlich: 



2ao DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

|1. Sammäditthi, rechte Erkenntnis. 
I. Panfiä, Erkennen . |2. Sammäsankappa, rechter Vorsatz. 

13. Sammävaca, rechtes Wort. 
4. Sammäkammanta, rechte Tat. 
5. SammäjTva, rechter Beruf. 
(6. Sammävayäma, rechter Kampf. 
III. Samädhi, Vertiefung] 7. Sammäsati, rechte Einsicht. 

(8. Sammäsamädhi, rechte Vertiefung. 

Das ist also, ihr Brüder, der mittlere Pfad, den der Voll- 
endete aufgefunden hat, auf dessen Fährte man sehend und 
wissend wird, der zur Ebbung, Durchschauung, Erwachung, 
Erlöschung (nibbäna) führt, ein Ding ohne Leid, ohne Qual, 
ohne Jammer, ohne Schmerz, ein rechtes Vorwärtsschreiten. 
(Majjhima-Nikäya 139). 

Wenn diesem Wege ihr folget, ein Ende des Leidens 
werdet ihr finden. Von mir ward er gewiesen, als ich der 
Dornen Ausrottungsweise erkannt hatte. Selbst müsst ihr 
euch anstrengen; die Tathägatas haben nur den Beruf zu 
predigen. (Dhammapada, 275, 276). 

Leihet Gehör, ihr Brüder, die Unsterblichkeit ist gefunden. 
Ich führe ein, ich lege die Lehre dar. Der Führung folgend 
werdet ihr in gar kurzer Zeit jenes Ziel, um dessen willen edle 
Söhne gänzlich vom Hause fort in die Heimatlosigkeit ziehen, 
die höchste Vollendung der Heiligkeit noch in dieser Erschei- 
nung euch offenbar machen, verwirklichen und erringen. 

(Majjhima-Nikäya 26). — 

(Fortsetzung folgt.) 

Goethe ein Buddhist. 

Von Dr. Paul Carus. 

(1. Fortsetzung). 

Die Idee, dass ich ein Individuum im eigentlichen Sinne 
des Wortes sei, d. h. ein unteilbares Seelenwesen, eine 
echte Einheit, (und nicht eine Vereinigung), eine Art spiritueller 
Monade, — diese Idee scheint auf den ersten Blick der Eitel- 
keit des Menschen zu schmeicheln; denn sie macht den letzteren 



No. 8. DER BUDDHIST. 23l 

unabhängig von seiner Vergangenheit, die ihn schuf, und igno- 
riert die Schulden, die er seinen geistigen und leiblichen Vor- 
fahren schuldig ist, indem sie dem Menschen den Anschein 
von Originalität gibt. Mit gutem Humor charakterisiert Goethe 
dieses Verlangen unserer natürlichen Eitelkeit in folgenden 
Versen : 

„Gern war" ich Überlief'rung los 

Und ganz original; 

Doch ist das Unternehmen gross 

Und führt in manche Qual. 

Als Autochthone rechnet' ich 

Es mir zur höchsten Ehre, 

Wenn ich nicht gar zu w^underlich 

Selbst Überlief'rung wäre." 

Die beiden letzten Zeilen drücken in einfacher Sprache 
sowohl die alte buddhistische Karman- Lehre, als auch das 
Wesen der modernen Psychologie aus. Wir haben nicht 
unsere Gedanken, Gewohnheiten und Strebungen, sondern wir 
sind sie. Das, was vor uns existierte, und von Generation 
auf Generation sich vererbte oder überging, ist unsere eigene 
Präexistenz. Wir empfangen nicht die Überlieferung der 
Vergangenheit, sondern wir selbst sind diese Überlieferung, 
wie sie von dem Karman der Vergangenheit geschaffen wurde. 

Diese Anschauung über die Seele scheint zu einer Zer- 
Spaltung unserer Existenz in verschiedene Persönlichkeiten zu 
führen, welche die psychischen Saaten unseres Karmans ein- 
ernten. Aber diese Spaltung ist nicht ein Aufgehen in ein 
verschwommenes, unbestimmtes Halb-Dasein, sondern vielmehr 
eine Vervielfältigung und Verdoppelung unserer Seele in der 
Weise etwa, wie eine Platte reproduziert wird, oder wie ein 
in vielen Exemplaren gedrucktes Buch die Saatkörner der Ge- 
danken des Verfassers in ihrer Gesamtheit ausstreut in die 
Herzen ungezählter Leser. Da ist wohl eine Spaltung oder 
Vervielfältigung, aber keine Zerteilung; da ist wohl ein 
Ausstreuen unserer geistigen Schätze, aber dennoch bleibt die 
Seele überall ganz und unzerteilt sowohl hinsichtlich ihrer 



i 

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232 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

inneren Empfindungen, als aucli iiirer äusseren Formen. Goetlie 

singt: 

„Teilen kann ich nicht das Leben, 

Nicht das Innen noch das Aussen, 

Allen muss das Ganze geben. 

Um mit euch und mir zu hausen. 

Immer hab' ich nur geschrieben 

Wie ich flHile, wie ich's meine, 

Und so spalt' ich mich, ihr Lieben, 

Und bin immerfort der Eine." 
Diese Auffassung von unserem eigenen Wesen ist prak- 
tisch von Bedeutung insofern, als sie uns lehrt, mit Ehrfurcht 
der Vergangenheit zu gedenken und mit Ernst die Zukunft 
ins Auge zu fassen. Unser Dasein ist nicht eingeschlossen 
in der kurzen Spanne unserer gegenwärtigen Lebenszeit; es ist 
nicht begrenzt durch Geburt und Tod; es begann mit dem 
Auftreten von organisiertem Leben auf unserem Planeten, — 
nein, es ist vielmehr älter als diese Anfänge des Lebens; denn 
es lag verborgen in den Bedingungen des organisierten Lebens, 
ganz gleichgültig, welcher Art dieselben gewesen sind; und 
wir werden weiter leben, solange das Menschengeschlecht auf 
Erden blühen wird, — nein, länger noch werden wir leben; 
denn wo immer dieselben Seelen-Strukturen in die Erscheinung 
treten, da wird unsere Seele sich wieder gestalten und von 
/ neuem zum Leben erwachen. Mit einem Worte: Unsere Seele 
ist unbegrenzt sowohl in der Vergangenheit, als in der Zukunft. 
Goethe glaubt an die Unsterblichkeit; er sagt: 

„,Du hast Unsterblichkeit im Sinn; 

Kannst du uns deine Gründe nennen?' 

Gar wohll Der Hauptgrund liegt darin, 

Dass wir sie nicht entbehren können." 
Goethe meint aber nicht, dass Unsterblichkeit den Glauben 
an einen utopistischen Himmel bedeute; vielmehr weist er wie 
der Buddha mit Nachdruck darauf hin, dass, wenn ein solcher 
Himmel wirklich existierte, wie ihn viele Christen sich vor- 
stellen, dies keine Stätte der Befreiung, sondern nur eine 
Umgestaltung oder Verklärung dieser irdischen Trivialitäten 
sein könne. So zieht es Goethe vor, unter die Sadduzäer 



No. 8. DER BUDDHIST. 253 

gerechnet zu werden, welche nach dem Zeugnis der Bibel 
dafür hielten, dass es keine Auferstehung von den Toten gebe. 
So sagt unser Dichter: 

„Ein Sadduzäer will ich bleiljen! — 

Das könnte mich zur Verzweiflung treiben, 

Dass von dem Volk, das hier mich bedrängt, 

Auch würde die Ewigkeit eingeengt: 

Das war' doch nur der alte Patsch, 

Droben gäb's nur verklärten Klatsch." 

Unsterblichkeit ist nicht eine innere Beschaffenheit unserer 
Seele, sondern sie kann nur das Ergebnis unserer Anstren- 
gungen sein. Wir besitzen nicht Unsterblichkeit, sondern 
wir müssen sie erst gewinnen. Wie Christus sagt, „wir sollen 
uns Schätze sammeln, die weder Motten, noch der Rost fressen, 
und wo die Diebe nicht nachgraben noch stehlen." Wir sind 
Überlieferung und leben als Überlieferung fort. Unsere 
eigene Verewigung ist der Zweck unseres Lebens; Goethe singt: 
„Nichts vom Vergänglichen, 
Wie's auch geschah! 
Uns zu verewigen 
Sind wir ja da." 
Die Methode der alten Ägypter, die Körper der Verstor- 
benen durch Einbalsamierung und Mumifizierung zu verewigen 
und Pyramiden darüber zu errichten, ist töricht; lasst lieber 
die Traditionen, aus denen wir bestehen und die wir anderen 
mitteilen, von der rechten Art sein! Die grössten Schätze, die 
wir anderen geben können, sind wir selbst, unsere Seelen, die 
Wahrheiten, die wir entdeckt haben, unsere Hoffnungen, unser 
Lieben, unsere Ideale. So sagt der grosse Dichter: 
„Und wo die Freunde faulen. 
Das ist ganz einerlei, , 

Ob unter Marmor-Saulen, \ 

Oder im Rasen frei. 
Der Lebende bedenke. 
Wenn auch der Tag ihm mault, 
Dass er den Freunden schenke, 
Was nie und nimmer fault." 



234 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Die Goethesche Erlösungs-Idee, wie sie im »Faust« zum 
Ausdruck gelangt, bedeutet Selbst-Erlösung durch unsere 
eigenen Taten. Es heisst: 

„Ja! diesem Sinne bin ich ganz ergeben, 

Das ist der Weisheit letzter Schluss: 

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, 

Der täglich sie erobern muss. 

Zum Augenblicke dürft' ich sagen: 

Verweile doch, du bist so schön! 

Es kann die Spur von meinen Erdentagen 

Nicht in Äonen untergehn. — " 
Das Leben besitzt keinen inneren Wert: der Wert eines 
Menschen hängt gänzlich von ihm selbst ab. Goethe spricht: 

„Willst du dich deines Wertes freuen. 

So musst der Welt du Wert verleihen." 

(Schluss folgt.) 

^^ Saat und Ernte. U^tJ^ 

Von Elsbeth Ebertin. 

Nur das, was ihr im Geist gesät, 
Wird gute Früchte tragen, 
Wenn eure Asche längst verweht, 
Noch tiefe Wurzeln schlagen.; 

Und könnt ihr selbst auch nimmermehr 
Die Lotusblüten pflücken, 
Wird sich in ew'ger Wiederkehr 
Die Nachwelt danach bücken. — 

^^ Der Messias. !^!^ 

Von A. Malvert.*) 

Der vedische Mythos, der sich wie ein roter Faden durch die Reli- 
gionen der arischen Welt zieht, beseelt fast alle Symbole, Riten und 
Formeln, die das sinnlich-wahrnehmbare Element dieser Religionen bilden. 



•) Aus: »Wissenschaft und Religion«, von A. Malvert. Neuer Frank- 
furter Verlag. S. 46 ff. 



No. 8. DER BUDDHIST. 235 

Die Lehre von dem Messias, dem Sohn Gottes, der da kommt die 
Welt zu erretten, hat ihren Ursprung in den vedischen Hymnen, von wo 
aus sie in die alexandrinischen und palästinesischen Apokryphen und zu 
den jüdischen Sekten eindringt, die sich seit der babylonischen Gefangen- 
schaft unter arischem Einfluss gebildet hatten. Der Buddhismus, der 
bereits durch seine Missionäre in die griechisch-römische Welt') einge- 
drungen war, trug viel dazu bei, den Stiftern des Christentums die Ele- 
mente zu ihrer Lehre zu liefern. 

Die Existenz einer Persönlichkeit, der man den Namen Jesus Christus 
gegeben, ist zweifelhaft geblieben.-) Kein zeitgenössisches Dokument 
erwähnt ihn. ') Der Geschichtsschreiber Josephus erwähnt ihn zum ersten 
Mal ganz beiläufig an einer Stelle, die man alle Ursache hat als eine der 



•) Zwischen Indien und dem Abendlande fand ein grosser Gedanken- 
austausch über Alexandrien statt und vielleicht auch über den persischen 
Meerbusen und durch die zentralasiatischen Karawanen. Buddha hinter- 
Hess bei seinem Tode seinen Jüngern den Auftrag, seine Lehre in den 
„zehn Weltteilen" zu verkünden. Fast fünf Jahrhunderte vor unserer Zeit- 
rechnung hatten buddhistische Missionare in Persien und Baktrien Klöster 
gegründet, von denen sich der Buddhismus nach Westen ausbreitete. 
Zwei Jahrhunderte später erwähnte der grosse buddhistische König Asoka 
die griechischen Könige Antiochus, Ptolemäus und Antigones als solche, 
in deren Ländern sich Anhänger Buddhas befanden. Zu derselben Zeit 
waren buddhistische Missionäre auf den Karawanenstrassen nach Syrien, 
Macedonien, Ägypten, ja selbst nach Cyrenaica gekommen. Unter dem 
Kaiser Augustus sah man einen dieser Missionäre, Zarmano Chegas, der 
später in Athen ein trauriges Ende nahm. 

Nach der Entdeckung des Südwestmonsums, zu Anfang unserer 
Zeitrechnung, wurde der Seeweg vorgezogen, wodurch der Verkehr mit 
Indien zunahm. Es war jedoch zu spät, da die Plagiatoren des Buddhis- 
mus sich bereits eingenistet hatten. Der Buddhismus hätte die Welt er- 
obert, wären nicht die den Indern feindseligen Parther ein Hemmnis 
gewesen. 

Die orientalische Theologie war den Kirchenvätern bekannt. Gegen 
Ende des zweiten Jahrhunderts erwähnt Theophilus Häresien, die von 
gewissen brahmanischen Lehrern ausgingen. Im dritten Jahrhundert 
spricht Tertullian von Buddhisten und indischen Asketen. Clemens von 
Alexandrien erwähnt, dass die buddhistischen Nonnen und Mönche die 
Reliquien ihres Herrn verehrten. 

") Es scheint, dass Christus in den verschiedenen Abschnitten seines 
Lebens keine Handlung vollführt hätte, die nicht schon früher die Mytho- 
logie irgend einem ihrer Götter zugesprochen hätte. Wie Adonis und 
Mithra wird er in einer Höhle geboren. Seine Mutter ist eine vom Geist 
(Hauch) befruchtete Jungfrau, wie auch der Apis-Stier von einer durch 
den Hauch befruchteten Ferse geboren wurde; wie ferner Mithra und 
Bacchus, der Sohn der Semele, geboren wurden. Seine Mutter heisst 
Maria, Mä bei den Ägyptern, Mäyä bei den Indern. Er ist blond wie 
Apollo und tut Wunder wie dieser, den die Griechen »S6ter«-Heiland 
nennen. Wie Prometheus liebt er die Menschen und stirbt wie Prome- 
theus und Adonis für dieselben. 

') Im zweiten Jahrhundert berichtet der Geschichtsschreiber Tacitus, 
dass ein gewisser Christus vom Landpfleger Pontius Pilatus verurteilt 



236 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

vielen frommen Fälschungen, welche die Geschichte kennt, anzusehen. 
Selbst die Evangelien stimmen weder im Datum seiner Geburt, noch in 
seiner Lebensdauer überein.') 

Vielleicht hatte einer der zahlreichen Propheten, die der Reihe nach 
seit mehreren Jahrhunderten auftraten und sich für den von jüdischen 
Schriften verheissenen Messias ausgaben, in irgend einem buddhistischen 
Kloster die vedischen Lehren kennen gelernt und sie verkündet. Später 
verkündeten die Apostel dieselben Lehren, die sie wahrscheinlich aus den 
Heiligtümern Indiens geschöpft oder von den Missionären erhalten, und 
legten sie in den Mund dieses jüdischen Propheten Jesus. Sie erdichte- 
ten eine Legende von ihm, stellten ihn dar als eine neue Verkörperung 
Agnis und entwarfen von ihm eine Lebensbeschreibung nach dem Vor- 
bilde derjenigen Buddhas-), der sie gewisse aus verschiedenen Quellen 



wurde und seine Anhänger den Namen Christen annahmen. Ernsthafte 
Kritiker sehen diese Stelle jedoch als gefälscht an. 

Philo von Alexandrien, der um 40 n. Chr. schrieb, war einer der 
Schöpfer der christlichen Metaphysik. Keine einzige seiner Schriften be- 
rührt jedoch die vorgebliche Mission Christi. Ein Brief des Plinius an 
Trajan kommt auf diese zu sprechen, der Brief ist jedoch gefälscht und 
datiert wahrscheinlich erst aus der Renaissance-Zeit. 

Unter 54 apokryphischen Evangelien hat die Kirche die Evangelien 
des Matthäus, Markus und Lukas ausgewählt. Das Johannesevangelium 
ist gnostischen Ursprungs aus späterer Zeit. Das älteste vorhandene 
Evangeliummanuskript datiert aus dem 4. Jahrhundert, ist also mindestens 
300 Jahre nach Christi Tod niedergeschrieben, ein Zeitraum gross genug, 
um Sagen zu erfinden und aufzuzeichnen. 

') Nach der Legende wäre Christus im Alter von 30 Jahren gestorben. 
Nach Irenäus wäre er jedoeh wenigstens 50 Jahre alt geworden, womit 
die Stelle im Johannesevangelium übereinstimmt: „Du zählst noch nicht 
50 Jahre und willst Abraham gekannt haben ?" Diese Worte wären un- 
begreiflich, wenn der Verfasser des Evangeliums Jesus nicht als annähernd 
50 Jahre alt angenommen hätte. 

') Die buddhistische Legende, die fünfhundert Jahre älter als das 
Christentum ist, wurde selbst wieder dem vedischen Mythos entlehnt. Im 
Buddhismus empfängt die jungfräuliche Mutter Mäyä im Buddha den 
Heiland der Welt. Bei Buddhas Geburt erscheint ein Stern am Himmel. 
Könige kommen ihn anzubeten. Als Kind wird er in den Tempel gebracht, 
Propheten verkünden wunderbare Dinge von ihm. Er setzt durch seine 
Weisheit die Gelehrten in Staunen. 

Vor seiner Predigt zieht Buddha sich zurück, fastet dort vier Wochen 
lang und weist den Versucher Mära ab, der ihm das Reich der Welt 
anbietet. Hernach heilt er Kranke, macht Blinde sehend, geht trockenen 
Fusses über das Wasser, verschafft seinen Jüngern eine wunderbare 
Speise und erscheint seinen Jüngern nach seinem Tode in einer Licht- 
gestalt, das Haupt von Glorienschein umgeben. 

Buddha hatte wie Jesus seinen bösen Jünger, den Verräter, nur dass 
er Devadatta anstatt Judas Ischarioth hiess. 

Diese Legende wurde von den drei ersten Evangelisten, speziell 
von Lukas in der Weise nachgebildet, dass fast nur die Namen geändert 
wurden. (Anm. des Her.: Die Ähnlichkeit könnte noch durch weitere 
Züge nachgewiesen werden.) 



No. 8. DER BUDDHIST. 237 

entlehnte Züge hinzufügten, wie den bethlehemitischen Kindermord, eine 
in ein historisches Ereignis umgebildete Sonnensage, und die Flucht nach 
Ägypten, die an die Flucht der jungfräulichen Göttin Isis erinnert, welche 
den jungen Gott Horus') auf einem Esel aus Ägpyten flüchtet 

Eins steht jedenfalls fest, dass das Leben Christi, wie es uns in den 
Evangelien erzählt wird, durchweg legendär ist. Fast alle Bestandteile 
desselben sind dem vedischen Mythos entlehnt: Die doppelte Sohnschaft 
Jesu, die jungfräuliche Mutter Maria, der Zimmermann Joseph, der heilige 
Geist, seine wunderbare Empfängnis, die durch einen Stern angekündigte 
Geburt, seine geistige Frühreife, seine Verklärung, seine Wunder, seine 
Fahrt gen Himmel zur Wiedervereinigung mit dem Vater, der ihn erzeugt 
hatte zum Heile der Menschen, kurz die ganze christliche Legende 

Ohne die verschiedenen Vorgänge im Leben Christi zu prüfen, 
wollen wir uns hier nur mit seiner Empfängnis und Geburt befassen. 

Da alle Religionen ihre Legenden über dasselbe Thema ausgespon- 
nen haben, muss eine jede, wenn auch unter verschiedenen Namen und 
anderer Betrachtungsweise die Urlegende, die sich auf die Sonne und 
das Feuer bezieht,*) wiederholen. Wir haben bereits gesehen, wie die 
Höhlung im Svastika, **) Mäyä genannt, vom Windhauch befruchtet, das 
Feuer entstehen Hess. Nun werden in den verschiedensten Religionen 
Gottheiten von einer Jungfrau geboren, die durch den Hauch oder den 
Geist befruchtet wurde. *) Allein die Namen der Gottheiten unterscheiden 
sich. Die wunderbare Empfängnis der Jungfrau Maria ist die genaue 
Wiederholung des buddhistischen Mythos, der wiederum auf eine ältere 
Form zurückgeht. Jupiter nahm die Form einer Taube an und machte 
die jungfräuliche Phthia zur Mutter, ebenso Leda, Antiope, Europa und 
Alkmene. Bacchus und Mithra wurden auf gleiche Weise erzeugt. In 
China soll Fo-hi auf wunderbare Weise von einer Jungfrau empfangen 



') Diese Legende existiert auch im alten Indien. Im Museum Guimet 
kann man den Gott Krishna sehen, wie er als Kind in einem Korb auf 
das jenseitige Ufer der Yamunä «gebracht wird, um dem von König Kamga 
anbefohlenen Knabenmord zu entgehen. 

*) Anm. d. Her. Der Verfasser berichtet hierüber (S. 4.): „Die Veden, 
die ältesten indo-arischen Religionsurkunden, führen uns dieses Mysterium 
[der heiligen Dreieinigkeit] in Form eines Mythos vor. Agni (das Feuer), 
der fleischgewordene Sohn des Savitri (des himmlischen Vaters), [der 
Sonne], wurde empfangen und geboren von der Jungfrau Mäyä und 
hatte den Zimmermann Tvashtri (den Verfertiger des Svastika) zum 
irdischen Vater. In der Höhlung desjenigen der beiden Stäbchen [des 
Svastika], das den Namen »die Mutter« führt, wohnt die Göttin Mäyä, 
die Personifikation der schöpferischen Kraft, und zeugt den Sohn durch 
Einwirkung Väyus (des Geistes, des Windhauches, ohne den das Feuer 
nicht angefacht werden kann)." 

••) Anm. d. Her. Der Svastika oder das Hakenkreuz, wie der 
Leser es auf der ersten Umschlagseite unserer Zeitschrift in dem »Welt- 
rade« erblickt, ist das Wahrzeichen des Buddhismus. Indessen ist der 
Svastika älter als die buddhistische Religion. Man hat ihn in Kleinasien 
und Amerika auf alten Funden entdeckt. Nach Malvert wäre die 



238 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

sein. Codom wurde von einer von den Sonnenstrahlen befruchteten 
Jungfrau geboren. In Korea war Archer, in Mexilco Huitzilipotzli auf die 
gleiche Weise erzeugt. Die Babyloner verehrten eine jungfräuliche Göttin, 
die gleichfalls Mutter war. In Ägypten geht die legendäre Geburt des 
Königs Amenophis III. auf denselben Mythos zurück. Sie ist auf einer 
Wandfläche des Tempels von Luxor dargestellt, wo man die Verkündigung, 
die Empfängnis, die Geburt und Anbetung sieht, d. h. Punkt für Punkt 
achtzehn Jahrhunderte vor Christus alle Vorgänge in der von Lukas 
erzählten evangelischen Legende. Auf dem ersten Bilde zur Linken be- 
grüsst der Gott Toth die Jungfrau und verkündet ihr einen Sohn. Auf 
dem folgenden führt der Gott Kneph die Empfängnis herbei; das dritte 
stellt die Geburt dar. Die jungfräuliche Mutter sitzt auf dem Gebärstuhl, 
während der Knabe von einer seiner Ammen hochgehoben wird. Auf 
dem vierten Bild nimmt das Kind auf einem Throne die Huldigung der 
Götter entgegen nebst Geschenken, die ihm von drei Personen (den 
Magiern aus dem Morgenlande bei Lukas) zur Rechten dargebracht werden. 

Die Evangelisten nehmen also nur eine uralte Legende auf, die in 
letzter Instanz auf den vedischen Feuermythos zurückgeht. Allerdings 
mussten die Evangelisten diese Legende den Ideen und Taditionen ihrer 
Umgebung anpassen, und in dem zu diesem Zwecke von ihnen Hinzuge- 
fügten nimmt man leicht die Widersprüche wahr. 

Um die Legende den jüdischen Traditionen und der Prophetie 
anzupassen, nach welcher der Messias aus dem Hause Davids stammen 
sollte, erfand man eine Genealogie. Um den Messias in Bethlehem, dem 
Geburtsort Davids, geboren sein zu lassen, nahm man einen Census an, 
der seine Mutter dorthin brachte, wo sie dann niederkam. Aber die Ge- 
schichte weiss nichts von einem solchen Census (Volkszählung), während 



ursprüngliche Bedeutung des Svastika folgende: Der primitive Mensch 
verdankt die Entdeckung des Feuers dem Aneinanderreihen zweier Holz- 
stäbchen. „Seit Jahrhunderten verehrt der Mensch das Bild des Werk- 
zeuges t, mit dessen Hilfe er zum ersten Male das Feuer hervorbrachte, 
wie ein geheimnisvolles, göttliches Zeichen. Man findet es bereits in der 
dem Zeitalter des Eisens vorangehenden Periode, in der Steinzeit, auf 
megelathischen Denkmälern und Grabdenkmälern eingraviert. Später fin- 
det man dasselbe heilige Zeichen in der Form zweier sich kreuzender 
Stäbchen, die an den Enden hakenförmig umgebogen sind. Dies ist 
der Svastika oder das Hakenkreuz, eine Vervollkommnung des primitiven 
Werkzeugs. Das Kreuz ist an den Enden gekrümmt, um mit vier Nägeln 
festgehalten werden zu können. In der Öffnung am Kreuzpunkt der 
beiden Stäbchen setzte man einen konisch zugespitzen Pflock, der ver- 
mittelst einer ledernen Strippe so lange hin und her gewirbelt wurde, 
bis Funken sprühten." — ^ ,,,... o *■, 

Im Buddhismus symbolisiert nach meinem Dafürhalten der Svastika 
den Samsära, den ewigen Kreislauf der Geburt und des Todes. Der 
Übergang der ursprünglichen Bedeutung zu dieser späteren vergei- 
stigten ist nicht so rätselhaft, wie es auf den ersten Blick scheinen könnte. 
Man denke daran, dass im Buddhismus der Samsära sehr häufig mit 
einem grossen Feuer, mit einem unendlichen Brennen verglichen 
wird. Dasselbe Gleichnis findet sich bei Heraklit. — 



No. 8. DER BUDDHIST. 239 

die indische Legende Krishna unter gleichen Umständen geboren sein 
lässt. In dem Stammbaum weichen aber Matthäus und Lukas beträcht- 
lich ab, während er bei Marlons und Johannes klüglicherweise gänzlich 
fehlt. Nach Matthäus stammte Jesus von David durch Salomo und die 
jüdischen Könige. Josephs Vater hiess Jakob. Nach Lukas führte er über 
Nathan, einen anderen Sohn Davids, seinen Stammbaum auf diesen, und 
Josephs Vater hiess Eli. Matthäus wollte Joseph, Jesu Vater, an die 
grosse königliche Linie anschliesen, übersah jedoch, dass diese auch 
solche Könige enthielt, die üble Vorbilder abgegeben hatten. Die ehe- 
brecherische Verbindung Davids mit der Bathseba, dem Urias-Weib, der 
Mutter Salomos, war« nach ihm eine das Heil der Welt vorbereitende 
Handlung gewesen 1 Aus diesem Grunde erfand Lukas eine andere 
Genealogie, die weder Skandale aufwies, noch überhaupt vom Licht der 
Geschichte bestrahlt wurde. 

Bei ihren Anstrengungen, ihre Legende mit der hebräischen Tradition 
in Einklang zu bringen, gerieten die Evangelisten in einen anderen 
Widerspruch. Jesus Christus kann „nach dem Fleisch" nicht von David 
abstammen, da dies mit der unbefleckten Empfängnis durch den heiligen 
Geist kollidiert. Infolgedessen hätte Maria „nach dem Fleisch" mit 
David genealogisch verknüpft werden müssen. Trotzdem schweigen alle 
Evangelisten über die Vorfahren Marias. Sie konnten auch nicht 
anders; ihre Familie war ohne Interesse; denn das männliche Geschlecht 
allein war massgebend. Nach der Anschauung seiner Zeit war Jesus der 
Sohn seines Vaters und nicht seiner Mutter. „Weib, was habe ich mit 
dir zu schaffen?" sagte er zu ihr. Als Sohn des Vaters und nicht der 
Mutter erbte man in Israel. Auch das Levirat beruhte auf diesem Grund- 
satz. ') 

Ein ähnliches Bedenken, das den Stammbaum Jesu eingegeben hatte, 
veranlasste die Evangelisten, ihm einen doppelten Namen zu geben. In- 
dem man ihn Jesus (Heiland) nannte, ein Name, der bis dahin allen 
jüdischen als Messiasse auftretenden Propheten gegeben war, knüpfte 
man die Legende an die alten hebräischen Traditionen. Durch die Hin- 
zuziehung des Namens Christus (der Gesalbte) bewahrte man den 
wahren Charakter des vedischen Mythos, da Christus (der Gesalbte) die 
alte Bezeichnung Agnis war, des Heilands der Welt, dessen neue Ver- 
körperung Jesus war. Indem man endlich die wichtigsten Abschnitte des 
Lebens Jesu mit dem Lauf der Sonne und des Mondes in Übereinstimmung 
brachte, erkannte man an, dass sie einer astronomischen Auslegung zu- 
gänglich waren.-) 



>) Um diese Unterlassung betreffs der Eltern der Maria wieder gut 
zu machen, entschied man um das 6. Jahrhundert nach Angaben der apo- 
kryphen Evangelien, dass ihre Mutter Anna, ihr Vater Joachim hiess. 

*) Alle Feste des Altertums, an deren Stelle die christlichen getreten 
sind, waren durch die wichtigsten Etappen des Sonnenkreislaufs, die 
beiden Solstitien und die Tag- und Nachtgleichen geregelt. 



240 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

Die Lehre vom Christ sowie sein Leben sind gänzlich den Veden 
entlehnt. Gott (die Sonne) ist es, der seinen einzigen Sohn (das Feuer) 
zum Heil der Menschen darbringt.') 

JVlan sah im Altertum das Opfer des eigenen Lebens für weniger 
verdienstlich an, als das eines geliebten Gegenstandes, wie eines teuren 
Kindes, eines einzigen Sohnes. Iphigeniens Tod ist ein Beispiel hierfür. 
Bei den Phöniziern opferten zur Zeit eines grossen Unglücks die Staats- 
häupter für das allgemeine Wohl den Göttern ihre teuersten Kinder. In 
Karthago Hess der Anstifter einer Empörung seinen Sohn kreuzigen, um 
sich der Gottheit geneigt zu machen (Justin 18, 7). Die Genesis erzählt, 
dass Gott Abraham befahl seinen Sohn Isaak zu opfern. 

Der Gedanke, dass ein Mittler durch Selbstverstümmelung oder den 
Tod die Gottheit gewinnen und das Heil der anderen bewerkstelligen 
könne, war im Heidentum ganz allgemein. Prometheus hatte sein Leben 
für das Heil der Menschheit geopfert. „Wer weiss es nicht", sagt Lucian, 
„dass Prometheus dafür, dass er die Menschen zu sehr liebte, am Kaukasus 
gekreuzigt wurde." Auch Bacchus war der Erlöser-Gott gewesen. Orpheus 
sprach zu ihm: „Du wirst die Menschen von ihrer harten Arbeit und 
ihrem Elend befreien." Hamilkar stürzte sich während der Schlacht in die 
Flammen eines Holzstosses, um den Sieg zu erlangen. Das Brüderpaar 
der Philänen Hess sich für das Heil des Vaterlandes lebendig begraben. '') 

In einer Elegie des Tibull hackt sich die Priesterin der asiatischen 
Bellona den Arm ab, um die Bildsäule der Göttin mit ihrem eigenen Blut 
zu bespritzen. Apulejus erzählt, dass die Priester der Göttermutter ihr 
Blut auf die um sie versammelten Gläubigen gössen. Juvenal zeigt uns 
eine Matrone, die sich auf den Befehl einer Priesterin auf einem langen 
Sühnegang die Kniee blutig schlägt. Das ganze Altertum zeigt uns 
Fromme, die sich verstümmeln, um die Götter für sich günstig zu stim- 
men. Die Verehrer der Cybele schlugen sich wund, um den Himmel 
zu erlangen. Die Baalspriester brachten sich mit Messern vor den Altären 
ihres Gottes Schnitte bei, bis das Blut in Strömen floss. 

Diese blutigen Büssungen, denen sich die interessierte Person selber 
oder ein Priester als Stellvertreter unterzog, waren in der römischen Gesell- 
schaft gang und gebe. Niemand zweifelte daran, dass die Gunst der 
Gottheit zu gewinnen war, wenn ein heroischer Mensch sein Leben zur 
Sühne für die Sünden seiner Nächsten hingab. Indem die Evangelisten 
nach dem Vorbild der Prometheus-Legende den Tod Christi durch die 



») Im dritten sibyllinischen Buch der alexandrinischen Juden wird 
auf einen „von der Sonne kommenden König" angespielt. Das Evan- 
gelium des Lukas zeigt uns Jesus Christus aus der Sonne auf einer Wolke 
kommen: „Es wird Zeichen in der Sonne geben . . . Man wird alsdann 
des Menschen Sohn auf einer Wolke sehen, mit grosser Macht und 
grossem Glanz." (XXI, 25.) 

*) Valerius Maximus V, 6. 



No. 8. DER BUDDHIST. 241 

ergreifende Darstellung seiner Passion so dramatisch gestalteten, er- 
schütterten sie die Herzen und kamen den Anschauungen ihrer Zeit ent- 
gegen')- — 

Die 

Transmigration oder Wiedergeburt. 

Von Bhikkhu Änanda Maitriya. 

(1. Fortsetzung.) 
Zwei Menschen stehen am Ufer eines grossen Sees und 
betrachten die Wellen auf seiner Oberfläche, welche fern am 
Horizonte ihren Ursprung zu nehmen und immer näher zu 
kommen scheinen, bis sie sich schliesslich als Schaum zu ihren 
Füssen brechen. Jeder der beiden Menschen beobachtet diese 
Erscheinung, und trotzdem hat jeder für dieses Phänomen eine 
andere Erklärung. Der eine hat zwar keine Kenntnis von den 
Naturgesetzen, aber er besitzt das, was man gesunden 
Menschenverstand nennt; für ihn ist es — denn der Augen- 
schein lehrt es ihn — eine entfernte Wassermasse, welche, 
durch den Luftstrom, der auch sein Haupt umweht, angetrieben, 
vom Horizonte aus auf ihn zu kommt, wobei sie aber sich 
selbst in Wesen und Form stets gleich bleibt; und wenn du 
ihn fragst, was eine Welle sei, so wird er dir sagen: „Eine 
Welle ist eine Wassermasse, welche, von der Kraft des Windes 
getrieben, sich über den Wasserspiegel hin fortbewegt." Der 
andere nun besitzt den geschulten Geist eines wissenschaftlichen 
Beobachters und ist mit jenen Naturgesetzen vertraut, welche 
im Laufe der letzten Jahrhunderte den Menschen bekannt ge- 
worden sind. Er hat über die Bewegung der Welle eine ganz 
andere Ansicht; denn er weiss genau, dass von der Bewegung 
irgend einer Wassermasse auf ihn zu überhaupt nicht die 



') Der Glaube, dass das menschliche Blut die Kraft besitze, die 
Sünden zu sühnen, scheint die ersten Christen in einen reinen Opfer- 
wahnsinn getrieben zu haben. Nach Origenes ist der Tod eines Märty- 
rers ebenso wie Christi Tod imstande, das Heil der Menschheit zu ver- 
gewissern. Viele Christen suchten in den ersten Jahrhunderten nach 
einer Gelegenheit zu sterben, um ihr eigenes Opfer mit dem des Sohnes 
Gottes zu vereinigen, 

16 



242 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Rede sein kann, sondern dass vielmehr an jedem Punkte des 
Wasserspiegels die Wasserteilchen sich nur heben und dann 
wieder in ihre ursprüngliche Lage zurücksinken, und dass jedes 
einzelne Teilchen nach seiner Schwingung die Bewegung auf 
das benachbarte Teilchen überträgt. Kurz, für den wissen- 
schaftlich Denkenden gibt es in diesem Falle nicht, wie für 
den anderen Beobachter, eine Übertragung von Materie, son- 
dern nur eine Übertragung von Kraft. Mit anderen Worten: 
der erste Beobachter sieht die Bewegung von etwas Materi- 
ellem und gemäss seiner Unkenntnis der Naturgesetze hält er 
diese Täuschung seiner Sinne für eine reale Tatsache; der 
andere Mann dagegen, dessen Erklärung dieses Phänomens 
eine dynamische, und keine materielle ist, sieht nur die 
Übertragung eines Teiles der universellen Energie, wie sie 
augenblicklich in einer Welle individualisiert war. 

Wir wissen natürlich, dass der letztere Beobachter, der 
Mann mit der dynamischen Weltanschauung, recht hat, und 
dass keine Übertragung einer Wassermasse von einer Stelle zur 
anderen stattfindet, sondern nur eine Übermittelung schwingen- 
der Kraft. Wir wollen nun dieses Beispiel auf das Dasein 
anwenden. Wir wollen jetzt annehmen, die beiden Männer, 
von denen wir eben sprachen, seien mit der Gabe des Schauens 
ausgestattet, — ich meine hier nicht das Betrachten der Wellen 
auf einem irdischen See, sondern das Schauen auf das wo- 
gende Meer des bewussten Lebens, — die Kraft zurück- 
zublicken auf frühere Existenzen, bis das geistige Schauen mit 
dem fernen Horizonte einer vergangenen Ewigkeit verschmilzt. 
Der Mann mit dem gesunden Menschenverstand wird dann 
von einer bestimmten Welle sprechen, welche selbst ein 
dauerndes, sich nicht veränderndes Ding ist, ein gesonderter 
Teil der Wogen des Daseins, welcher seine Identität beibehält, 
während seine Lage und Umgebung mit jedem Augenblick der 
dahineilenden Stunden wechselt; er wird den Standpunkt des 
Vitalisten oder des Vedäntisten einnehmen und wird an 
die Existenz eines Seelenwesens glauben, welches selbst un- 
veränderlich und unverändert im Lauf der Zeiten von Ort zu 
Ort durch das Universum wandert und in seiner wechsellosen 
Individualität immer dasselbe bleibt. Aber der wohlunterrichtete 



No. 8. DER BUDDHIST. 248 

Mann wird nur die Übertragung einer individualisierten Kraft 
sehen; er wird wissen, dass von dem Leben, welches in ferner 
Vergangenheit ins Dasein eintrat, kein Element selbst für zwei 
aufeinander folgende Augenblicke dasselbe bleibt; er erkennt, 
dass die Welle im Ozean des Lebens, welche sich jetzt an 
einer Stelle zum Dasein emporhob, durchaus nicht dieselbe 
Welle ist, welche eine kurze Zeit vorher zu scheinbarer Ruhe 
sich senkte, insofern nämlich, als sie kein Teilchen mit der 
Woge des vorhergehenden Lebens gemeinsam hat; und dennoch 
ist es dieselbe Welle, weil sie das Ergebnis aus der Über- 
tragung des Charakters, der geistigen Kräfte, des Handelns 
oder der Energie aus jenem vergangenen Leben darstellt. „Es 
ist nicht derselbe und ist nicht ein anderer," — und wir haben 
nun genau denselben Unterschied zwischen den Grün- 
dern des Vedänta einerseits und dem Buddha anderer- 
seits, wie zwischen den beiden Männern in unserem 
Gleichnis: beide haben mit höherer Einsicht dasselbe 
Phänomen ins Auge gefasst, — der eine hat diese Erscheinung 
für einen vollständig genügenden Beweis für das Dasein und 
die Unsterblichkeit eines unveränderlichen Egos gehalten, 
während der andere mit tieferer Einsicht und klarerem 
Verständnis die tatsächliche Wahrheit gesehen hat, 
dass es nämlich nirgends ein dauerndes, getrenntes 
Seelen-Wesen gibt, sondern nur eine Übertragung des 
Charakters, der Frucht des geistigen Wirkens in der 
Vergangenheit. Der Vedäntist hat Substanz gesehen, 
ein dauerndesPrinzip, ein Ens (Seiendes); der Buddhist 
dagegen nur Eigenschaften, welche selbst in allen 
ihren Elementen fortwährend wechseln, deren Total- 
Summe aber beständig fortschreitet, bis die Welle an 
Nibbänas Ufer sich bricht und für immer verschwindet. 

Dies ist die Antwort des Buddhisten an den Animisten, 
welcher sich im Hohen oder Niedrigen, im Groben oder Feinen 
das Dasein eines dauernden Prinzipes im Menschen, eines 
Ich-Wesens einbildet, welches von Leben zu Leben weiter- 
schreitet, gerade so, wie die Welle des Sees von Ort zu Ort 
vorzurücken scheint. 

Es gibt nun viele Menschen, denen es schwer wird, zu 

16* 



244 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

verstehen, wie der Charakter eines Menschen an sich im Augen- 
blici< des Todes irgendwie fortdauern, oder das Dasein eines 
ähnlichen Individuums verursachen könne, — kurz mit einem 
Worte, wie die Individualität der Kräfte nach dem Tode fort- 
zubestehen vermöge, anstatt sich im Universum zu verteilen. 
Ein anderes Gleichnis mag dazu dienen, denjenigen Lesern, 
welchen das eben genannte Bedenken aufsteigt, das Verständ- 
nis dieser buddhistischen Idee zu erleichtern. 

(Fortsetzung folgt.) 

Warum ich Buddhist wurde. 

Von A. E. Buultjens. 

(1. Fortsetzung.) 

Hinsichtlich dieses den Schöpfer betreffenden Punktes muss 
ich mir hier eine kleine Abschweifung gestatten. Gestern er- 
hielt ich einen offenbar von einem Christen geschriebenen Brief, 
in welchem ich augefordert werde, einige Argumente gegen den 
Buddhismus zu widerlegen welche in acht beiliegenden Flug- 
schriften enthalten waren. Ich antwortete dem Schreiber, dass 
es mir augenblicklich an Zeit mangelt, auf antibuddhistische 
Traktate einzugehen, die ich noch nicht gelesen habe, dass ich 
aber hoffte, bei passender Gelegenheit einen Vortrag über das 
Thema: „Eine Erwiderung auf die von christlichen Traktat- 
Schreibern gegen den Buddhismus unternommenen Angriffe" zu 
halten. Heute will ich nur einen Punkt berühren, welcher sich in 
einer von der »Christlichen Literatur-Gesellschaft« veröffentlichten 
Schrift findet. Der anonyme Verfasser dieser den Titel 
»Buddha und seine Religion« tragenden Schrift sagt: 

„Das Dasein eines Schöpfers kann auf folgende Weise 
bewiesen werden: Wo immer wir Ordnungen und Einrichtungen 
wahrnehmen, welche dazu bestimmt sind, einen bestimmten 
Zweck zu erfüllen, so sind wir dessen sicher, dass diese Dinge 
ihren Ursprung der Tätigkeit eines intelligenten Wesens ver- 
danken müssen. Angenommen, wir sehen eine Uhr, so schlies- 
sen wir aus ihrer wunderbaren Einrichtung, dass ein Verfer- 
tiger sie gemacht haben rnuss, welcher wusste, wofür sie 



No. 8. DER BUDDHIST. 245 

bestimmt war, und der dementsprechend ihr die bestimmte 
Konstruktion gab. Die verschiedenen Teile der Uhr l<onnten 
sich nicht selbst bilden noch sich zusammenfinden. Wenn die 
Uhr so wunderbar konstruiert wäre, dass sie andere Uhren 
erzeugen würde, so würde das sicherlich unsere Auffassung 
von der Weisheit ihres Verfertigers erheblich steigern. Nun ist 
die Welt, in welcher wir leben, weit wundervoller gebaut, als 
irgend eine Uhr," — folglich — muss sie einen Schöpfer haben. 

Ich bin mit diesem „Beweise" wohl vertraut. Er ist den 
Freidenkern bekannt als „Paley's Uhr-Beweis für den Plan in 
der Natur." Wenn ein Uhrmacher schlechte Uhren verfertigt, 
so nennen wir ihn einen ungeschickten Uhrmacher. Nun ge- 
wahrt man in dieser Welt auf Schritt und Tritt eine offenbare 
Fülle von Monstrositäten, schlechten Dingen, wilden Tieren in der 
Tierwelt, Dornen, Stacheln und Unkraut in der Pflanzen-Welt, 
ferner Gift, Siechtum, Wahnsinn, Unglück, Schmerzen und 
Leiden. Eine schlechte Uhr hat einen ungeschickten Uhrmacher; 
ergo: das Übel in der Welt ist von einem schlechten Welt- 
Verfertiger gemacht, denn eine gute Person will keine schlechten 
Dinge schaffen. 

Ferner: Der Uhrmacher verfertigt seine Uhr aus Rädern, 
Spiralen, Zifferblatt, Zeigern und Gehäuse; er setzt einige schon 
vorher vorhandene Materialien zusammen. Er verfährt nicht 
in der Weise eines Gauklers, der ein Etwas aus Nichts hervor- 
zaubert. Folglich kann ein Schöpfer nicht die Welt aus Nichts 
gemacht haben nach dem Satze: „Ex nihilo nihil fit", „aus 
Nichts wird Nichts." Aber selbst die Möglichkeit der Welt- 
schöpfung aus Nichts zugegeben, hervorgerufen durch einen 
einfachen Willensakt des allmächtigen Wesens, so ist es billig, 
folgende Frage aufzuwerfen: „Was tat denn der Schöpfer, be- 
vor er die Sonne, den Mond, die Vögel in der Luft und die 
Fische im Meere schuf?" Er muss im Chaos oder in der 
Leere existiert haben, ohne etwas zu tun. 

Doch kehren wir wieder von dieser Abschweifung zurück. 
Nachdem ich meinen Glauben an einen persönlichen Schöpfer, 
einen anthropomorphen, vermenschlichten Gott verlassen hatte, 
gab ich die Gebete auf und den Glauben an die unbefleckte 
Empfängnis Christi, den ich als einen edlen, heiligen Menschen 



246 DER BUDDHIST. I. Jalirg. 

betrachtete, — ich verwarf den Glauben an das stellvertretende 
Sühnopfer, welches, wie die Christen gelehrt werden, durch 
Christi Tod uns die Möglichkeit der StJndenvergebung gewährt. 
Ich gab den Glauben an die letztere überhaupt auf; denn wenn 
es keinen persönlichen Gott gibt, wer soll da Sünden vergeben ? 
Ich konnte nicht länger an die empörende Lehre von der 
ewigen Verdammnis in der Hölle glauben, wo Heulen und 
Zähneklappen sein soll. Dadurch nun, dass ich meine inner- 
liche Zustimmung den Lehren des Christentums auf diese Weise 
versagte, war ich nunmehr vor die Entscheidung gestellt, ob 
ich, wie so viele, ein äusserlicher oder Namens-Christ bleiben, 
oder ob ich den ehrlicheren Weg, der Wahrheit die Ehre zu 
geben, gehen sollte. Sollte ich mich noch weiter als Christen 
bekennen, oder sollte ich schweigen? Ich zog es vor, mich 
auszusprechen. Mit meinen agnostischen Anschauungen stand 
ich nicht allein; einige englische Studenten, besonders solche, 
welche Vorlesungen über Ethik und Naturwissenschaften hörten, 
und einige Juristen dachten wie ich. So entschloss ich mich, 
die Sache zur Entscheidung zu bringen. Es war in Cambridge 
Vorschrift, dass jeder Hörer den College-Gottesdienst minde- 
stens fünfmal in der Woche besuchen musste. Ich blieb nun 
den Gottesdiensten fern und wurde infolgedessen vor den Dechan- 
ten des Colleges geladen; ich glaube, sein Name war Dechant 
Maitland; er war ein liberaler, toleranter, sympatischer Mann. 
Der Inhalt unserer einstündigen Unterredung war kurz folgender: 

„Guten Morgen!" 

.Guten Morgen, Hochwürden!' 

„Ich hoffe, Sie werden in Zukunft den Gottesdiensten 
regelmässiger beiwohnen. Guten Morgen!" 

Er wollte mich damit entlassen, weil noch andere Herren, 
die den Gottesdienst geschwänzt hatten, darauf warteten, vom 
Dechanten ermahnt zu werden. Aber ich war entschlossen, 
unsere Unterredung fortzusetzen. 

,Wenn Ew. Hochwürden gestatten, so möchte ich mit 
Ihnen über den Gottesdienst sprechen.' 

„Gewiss! Um was handelt es sich? Bitte nehmen Sie 
Platz." 

Ich setzte mich. 



No. 8. DER BUDDHIST. 2*7 

,Ich kann es nicht billigen, dem Gottesdienste zwangs- 
weise beizuwohnen; der Zwang tut mir nicht gut.' 

„Schön! Ich dispensiere Sie für die Zukunft davon." 

Nachdem ich so die Erlaubnis bekommen hatte, dem 
Gottesdienste fern bleiben zu dürfen, weil eine gezwungene 
Aufmerksamkeit beim christlichen Kultus mir nicht gut bekam, 
wollte ich die Unterredung abbrechen. Nicht so der gute Dechant, 
welcher nun eine Ansprache an mich richtete, nicht als ein 
Dechant, der seine gesetzliche Autorität einem College-Studenten 
gegenüber geltend macht, sondern als ein Diener der Kirche 
Christi, welcher mit sanften Worten versucht, ein Schäflein zur 
Hürde zurückzuführen, welches sich in Glaubenssachen auf Ab- 
wegen befindet. 

„Nun erzählen Sie mir mal, welche Gründe Sie eigentlich 
bestimmen, vom Gottesdienst fernzubleiben." 

,lch würde meine Ansicht frei heraussagen, wenn ich nicht 
fürchten müsste, dass meine Stellung im College dadurch er- 
schüttert würde.' 

„Keineswegs; ich versichere Sie, dass alles, was Sie mir 
sagen, bei mir bleiben soll." 

,Hochwürden, ich möchte Ihr Gemüt durch meine ungläu- 
bigen, agnostischen Ansichten nicht gerne erschrecken.' 

„Wie sehr auch dieselben mich bekümmern mögen, es ist 
meine Pflicht, Ihre Zweifel anzuhören und den Versuch zu 
machen, sie zu beseitigen. Ein Geistlicher kommt im Laufe 
seines Lebens mit Menschen der verschiedensten Ansichten zu- 
sammen, und es ist seine Pflicht, dieselben zu Gott zurück- 
zuführen." 

,Nun gut. Hochwürden, ich glaube nicht mehr an das, was 
in der Bibel geschrieben steht; ich glaube nicht an die ewige 
Verdammnis in der Hölle, und vor allen Dingen, ich kann 
nicht an einen Schöpfer glauben.' 

„Sie haben Huxley und Bradlaugh gelesen?" 

,Ja, Hochwürden, und ich glaube auch nicht mehr an die 
Inspiration der Bibel, noch an die unbefleckte Empfängnis 
Christi, noch an die stellvertretende Versöhnung, noch auch an 
Christi Gottessohnschaft.' 



540 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

„Ich bin bekümmert, dies hören zu müssen. Haben Sie 
versucht zu beten? Gott hilft denen, die gläubig und aufrich- 
tig zu ihm beten." 

,Gewiss, ich habe sehr ernstlich gebetet; seitdem aber 
mein Gottesglaube verloren ging, sagt mir meine Vernunft, dass 
Gebete zu einem nicht existierenden Gott sinn- und zwecklos 
sind.' 

„Dann möchte ich Sie bitten, die christliche Familie zu 
betrachten. Welch' eine Fülle von Frieden und Glück ruht 
doch im christlichen Heim! Haben Sie hieran noch nicht ge- 
dacht?" 

,Ja, Hochwürden, ich habe oft daran gedacht und gebe 
gerne zu, dass in dem Hause, wo die Sittenlehren Christi befolgt 
werden. Glück vorhanden ist. Aber ich komme aus einem 
buddhistischen Lande, wo eine buddhistische Familie genau 
ebenso glücklich ist, wenn sie die Morallehren des Buddha 
beobachtet. Dasselbe wird von einem hinduistischen oder 
mohammedanischen Hause gelten, in denen die Anweisungen 
der betreffenden Religion befolgt werden.' — 

Dies war in kurzen Zügen der Inhalt unserer Unterredung. 
Der freundliche Dechant sprach mit mir nahezu eine Stunde 
lang und zum Schluss gab er mir ein Buch von Dr. Wace zum 
Lesen mit und bat mich, ihn dann wieder aufzusuchen. Ich 
las das Buch, aber es Hess mich gänzlich unbefriedigt; denn 
es begann mit der Voraussetzung eines allwissenden Gott- 
Schöpfers, setzte also gerade mit dem Dogma ein, welches ich 
zu allererst aufgegeben hatte. Als ich dem Dechanten das 
Buch zurückerstattete, konstatierte ich, dass es für meinen Fall 
ohne jede Bedeutung sei, und so fiel meine Angelegenheit unter 
den Tisch. 

In der Folgezeit war ich nun ein überzeugter Agnostiker. 
Dies tat aber meinen gesellschaftlichen Beziehungen keinerlei 
Abbruch, und während ich speziell unter den Ethikern und 
Naturwissenschaftlern manche Freunde hatte, so mieden mich 
auch die Theologen, welchen mein Unglaube bekannt war, 
keineswegs, und einige gute Freunde von mir sind noch heute 
Geistliche der anglikanischen Kirche. 



No. 8. DER BUDDHIST. 249 

Als es bekannt geworden war, dass der Dechant mich 
von dem Besuche des Gottesdienstes dispensiert hatte, ereig- 
nete sich ein amüsanter Zwischenfall. Ein Zögling eines anderen 
Colleges ging zu seinem Dechanten und bat ihn um die Er- 
laubnis, dem Gottesdienst fernbleiben zu dürfen, weil er nicht 
an Gott glaube. Darauf erwiderte ihm der Dechant: „Ich will 
Ihnen vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit geben; entweder, 
Sie finden Ihren Gott, oder Sie finden ein anderes College." — 

Zugleich mit einer grossen Zahl von Christen auf Ceylon 
war ich geflissentlich in dem Glauben bestärkt worden, dass 
Bosheit und Verbrechen nur, oder doch wenigstens zum 
weitaus grössten Teil unter den Buddhisten und anderen 
„Heiden" ihr Unwesen trieben, dass die Verbrechen dagegen im 
christlichen England verhältnismässig zu den Seltenheiten ge- 
hörten. Dies war ein Argument aus dem praktischen Aspekt des 
Christentums. Ich weiss nicht, ob diese in Ceylon herrschende An- 
sicht von den Missionaren importiert war und weiter kolportiert 
wurde, — genug, sie bestand. Und nun sah ich gerade genug 
von den praktischen Wirkungen des Christentums 
unter Christen in christlichen Ländern. Ich brauche 
nicht den äussersten Reichtum zu schildern gegenüber der 
kriechenden Niedrigkeit, Armut und dem namenlosen Elende 
im Ost-Ende von London. Nächtliche Ausschweifungen, hoff- 
nungslose Trunksucht in den Alkohol-Palästen, Tausende von 
hungernden, obdachlosen Menschen, Notschreie an die Regie- 
rung, die Demonstrationen unbefriedigter Sozialisten, — das 
waren die Gegenstände auf dem Gemälde, welches mein Geist 
nie vergessen wird. Tausende von Männern, Frauen und 
Kindern mussten zusammengepfergt, ohne Heim, ohne Dach, 
ihr Lager auf der blossen, grasfreien schneebedeckten Erde 
aufschlagen, und niemand half ihnen. Wie kommt es, dass 
solche Dinge im christlichen England vor sich gehen?! Die 
Bibel sagt: „Verkaufe was du hast, und gib es den Armen;" 
— aber inmitten dieser Unreinheit, Armut und Not gewahrte 
ich die wohlgenährten Körper der christlichen Bischöfe und 
Geistlichen, die sich behaglich ihres luxuriösen Lebens freuten. 
Ungeheure Summen wurden auch für grosse Kirchen verwandt, 
so für die St. Pauls-Kathedrale und die Westminster-Abtei, 



250 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

während kein Geld vorhanden war, um die hungernden Armen 
zu speisen. Ich war Augenzuge, wie junge, zelotische, begeis- 
terte Prediger des Evangeliums unter dem Gebet und Applaus 
rechtgläubiger Christen in Versammlungen, die von grossen 
Missions-Gesellschaften einberufen waren, nach China, Afrika 
und Indien gesandt wurden. Diese Art praktischen Christen- 
tums erschien mir als der reinste Hohn; denn zugleich mit dem 
Export christlicher Missionare und Bibeln ging ein weit 
grösserer Export von Flaschen und Kugeln Hand in Hand, — 
die ersteren, um den Geist, die letzteren, um den Körper zu 
ruinieren. Und alles das kommt aus einer Stadt, wo mehr als 
in anderen Orten allnächtlich tausende christlicher Frauen und 
Mädchen ihren Körper gegen klingende Münze öffentlich feil- 
bieten. Ich entsinne mich, dass einer unserer ersten Gesetzgeber 
Ceylons, der eine Reise nach dem modernen Babylon machte, seinen 
Augen nicht traute, als er dort einmal um Mitternacht am 
Theater den ungeheuren Schwärm von hochelegant gekleideten 
öffentlichen Dirnen sah, die ihrem traurigen Berufe nachgingen. 
Er war tieftraurig, solche Dinge im christlichen England 
sehen zu müssen. Das soziale Elend ist aber durchaus nicht 
auf London allein beschränkt, sondern es wuchert und nimmt 
stetig zu in allen grösseren christlichen Städten, so in Liverpool, 
Paris, Berlin, Wien und New- York. 

Gerade so wie bei Christen, die im Orient geboren sind, 
die falsche Ansicht herrscht, dass allein in den „heidnischen" 
Ländern die Nichtswürdigkeit des Menschen triumphiere, 
während die wahre menschliche Tugend nur in den Christen- 
ländern des Westens blühe, grassiert auch im Abendlande ein 
starkes Missverständnis hinsichtlich der Prüfungen und Ge- 
fährnisse, welchen die zu den „Heiden" entsandten Missionare 
ausgesetzt seien. Ich musste wiederholt gebildeten und intelli- 
genten Leuten in England allen Ernstes versichern, dass man 
es auf Ceylon keineswegs als eine Delikatesse betrachte, wenn 
ein Missionär gebraten und beim Diner serviert würde! Es 
gab Leute, welche tatsächlich noch glaubten, dass Ceylon eine 
von Menschenfressern bewohnte Insel sei, und dass die armen 
Missionare dort bei ihrer schweren Arbeit fortwährend die 
Attacken von Tigern, Elefanten, Krokodilen und Schlangen aus- 



No. 8. DER BUDDHIST. 25» 

halten müssten. Offenbar wurden solche Histörchen geflissent- 
lich in Umlauf gesetzt, um die Aufopferung der Missionare in 
hellem Lichte erstrahlen zu lassen und dazu beizutragen, die 
Gotteskästen der Missions-Gesellschaften in der nötigen Weise 
zu füllen. — (Schluss folgt.) 

Die Grundideen des Buddhismus. 

Von Dr. Paul Carus. 

(Schluss.) 

Die Schwierigkeit, welche das richtige Verständnis des 
Nirväna-Begriffes für westliche Geister mit sich bringt, liegt 
hauptsächlich in unserer Gewohnheit, die Natur der Seele in 
dem alten brahmanischen Sinne aufzufassen, indem wir uns 
die letztere als ein Ego-Wesen vorstellen, als den Täter unserer 
Empfindungen, den Denker unserer Gedanken. In neunund- 
neunzig Fällen von hundert wird derjenige, welcher die Exi- 
stenz dieses hypothetischen Wesens leugnet, von den in der 
abendländischen Denkweise erzogenen Menschen als ein Leugner 
der Seele überhaupt angesehen. 

Der Buddha lehrte die Nicht-Existenz des Selbstes, 
und er verstand unter dem Selbst den »Ätman« seiner 
zeitgenössischen Philosophie. Immer und immer wieder 
stellte er nachdrücklichst die Forderung auf, dass die Illusion 
des Selbstes überwunden werden müsse. Diese Illusion des 
Selbstes oder Selbsttäuschung ist die geheime Ursache aller 
Selbstsucht; sie erzeugt alle jene schlechten Arten des Be- 
gehrens (Begierde, Verlangen nach Macht, Lust), von denen 
der Mensch sich befreien muss. Sobald die Selbst-Illusion 
überwunden ist, hören wir auf, andere Wesen zu schädigen 
um eigenen, selbstischen Vorteiles willen. 

Die buddhistische Nirväna-Idee bedeutet sicherlich nicht 
die Vernichtung der Gedanken, sondern deren Vervollkomm- 
nung und Vollendung. Wir lesen im 21. Verse des Dhamma- 
pada: „Ernst ist der Pfad der Unsterblichkeit (d. i. des Nirväna), 
Gedankenlosigkeit der Weg des Sterbens. Die im Ernste ver- 
harren, sterben nicht; aber die Gedankenlosen sind bereits den 
Toten gleich." — Das riecht gewiss nicht nach Nihilismus. 



252 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Dass Nirväna das Gebiet des Idealen ist, das Reicii der 
reinen Formen, erhellt deutlich aus dem Nirmäna-Sütra und 
anderen chinesischen Quellen, in denen Nirväna definiert wird 
als »der dauernde Zustand des Seins«, welcher durch das 
Aufgeben jener Bedingungen erreicht wird, die der Vergäng- 
lichkeit angehören, nämlich Köperlichkeit (rupa) und Ich- 
heit (ätman). Nirväna bedeutet die Erlangung desjenigen 
Zustandes, in dem es weder Geburt noch Tod gibt; Nirväna 
wird erläutert durch das Gleichnis vom Dunst und Staub 
im Gegensatze zu der Ruhe des reinen Raumes. Der Mensch 
gleicht dem Dunst am Firmament; er befindet sich in einem 
Zustande fortwährender Bewegung wie die Staubteilchen, die 
im Sonnenstrahle schweben; Nirväna aber ist der Unveränder- 
lichkeit des reinen Raumes zu vergleichen, der in wechselloser 
Ruhe verharrt, während alle Dinge sich verändern. ^) 

Meist wird Nirväna durch negative Ausdrücke erläutert; 
aber es ist positiv, wie in einer Unterredung ausgeführt wird, 
die der Buddha mit einem Andersgläubigen führt. Die Stelle 
findet sich im Parinirväna-Sütra (39. Kap., 1) und lautet in 
der Übersetzung folgendermassen : 

„Es war ein Brahmacäri namens Basita, welcher die 
Unterredung so einleitete: ,Gotama, ist das, was du Nirväna 
nennst, ein dauernder Zustand des Seins oder nicht?' ,Nirväna 
besteht in der Abwesenheit (Nicht-Existenz) des Leidens. Ge- 
wiss, Brahmacäri, es kann so definiert werden.' Basita sprach: 
,Es gibt, Gotama, vier Arten von Zuständen in der Welt, welche 
als nicht-existierend betrachtet werden: zum ersten das, was 
noch nicht im Dasein ist, z. B. der Krug, welcher aus Ton 
gemacht werden soll; zweitens dasjenige, was da war, aber 
zerstört wurde, z. B. ein zerbrochener Krug; drittens das- 
jenige, was in der Abwesenheit von etwas besteht, das von 
ihm verschieden ist, wie wir z. B. sagen, ein Stier sei nicht 
ein Pferd, und endlich viertens, das, was rein imaginär ist, 
wie z. B. das Haar der Schildkröte oder das Hörn des Hasen. 
Wenn wir nun durch das Freiwerden vom Leiden . Nirväna 



') Siehe Samuel Beal: A. Catena of Buddhist Scriptures from the 
Chinese, S. 99 und 157. 



No. 8. DER BUDDHIST. 253 

erlangt haben, so ist doch Nirväna dasselbe wie »Nichts« und 
kann als Nicht-Sein definiert werden; wenn dem aber so ist, 
wie kannst du Nirväna dann definieren als Dauer, Freude, 
Kraft und Reinheit?' — Der Buddha erwidert: ,Erlauchter 
Schüler, Nirväna ist eine von den vier Arten; es ist nicht gleich 
dem Kruge, der noch nicht aus dem Ton verfertigt ist, noch auch 
gleicht es der Nichtigkeit des Kruges, der zerstört wurde, auch 
gleicht es nicht dem Haar der Schildkröte oder dem Hörn des 
Hasen, also etwas rein Imaginärem. Aber Nirväna kann ver- 
glichen werden mit dem Nicht-Sein, wie es definiert wird als 
„Abwesenheit von etwas, das von ihm selbst verschieden ist". 
Obwohl, erlauchter Schüler, wie du sagst, das Pferd keine 
Eigenschaften des Stiers an sich hat, noch der Stier Eigen- 
schaften vom Pferd, so kannst du doch nicht behaupten, dass 
das Pferd und der Stier nicht existiert. Gerade so verhält es 
sich mit Nirväna. Inmitten des Leides gibt es kein Nirväna, 
und im Nirväna gibt es kein Leiden. So können wir Nirväna 
ganz richtig definieren als eine Art von Nicht-Existenz, welche 
in der Abwesenheit von etwas wesentlich Verschiedenem 
besteht.'" — 

Der Buddhismus wird ganz allgemein als Pessimismus ' 
bezeichnet. Das ist insofern richtig, als der Buddhist das | 
Vorhandensein des Leidens anerkennt; aber es ist durchaus | 
verkehrt, den Buddhismus Pessimimus zu nennen, wenn man j 
unter Pessimismus jenen Weltschmerz versteht, welcher das | 
Leben und die Pflichten des Lebens verzweifelnd aufgibt. ' 
Oldenberg sagt bei der Besprechung des buddhistischen Kanons: ". 

„Einige Schriftsteller haben häufig den Ton, der im Kanon 1 
vorherrscht, so beschrieben, als wenn derselbe besonders durch f 
ein Gefühl der Schwermut charakterisiert wäre, welches in 
endlosem Kummer die Unrealilät des Seins betrauert. In die- 
sem Punkte haben sie alle zusammen den Buddhismus miss- 
verstanden. Gewiss, der echte Buddhist erblickt in dieser Welt 
einen Zustand fortgesetzten Leidens; aber dieses Leiden er- 
weckt in ihm nur ein Gefühl des Mitleids für jene, welche 
noch in der Welt sind; für sich selbst fühlt er weder Leiden 
noch Mitleid, denn er weiss, dass er einem Ziele nahe ist, 
welches, erhabener als alles andere, seiner wartet. 



254 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Die frohe Botschaft der Religion des Buddha ist nicht 
sowohl die Erkenntnis, dass das Dasein voll Leid und Mühsal 
ist, sondern sie liegt in der Überwindung des Übels und in 
der Befreiung vom Leiden. Folgende Verse des Dhammapada 
haben keinerlei pessirnistische Tendenz: 

„Glücklich wahrlich leben wir hassfrei unter Gehässigen; 
in dieser hasserfüllten Welt verweilen hass-erlöset wir. 

„Glücklich wahrlich leben wir heil unter den Unheilbaren; 
in dieser heilverlorenen Welt verweilen heilgesundet wir. 

„Glücklich wahrlich leben wir gierlos unter den Gierigen; 
in dieser gierverzehrten Welt verweilen giergesundet wir." 

Das buddhistische Nirväna kann somit nur von denen 
als ein negativer Zustand bezeichnet werden, welche noch in 
der Illusion des Selbstes verstrickt sind. Nirväna ist nicht Tod, 
sondern ewiges Leben, nicht Vernichtung, sondern Unsterblich- 
keit, nicht Zerstörung, sondern Unzerstörbarkeit. Wäre Wahr- 
heit und Moralität negativ, so würde Nirväna ebenfalls negativ 
sein; da sie aber positiv sind, so ist auch Nirväna positiv. 
Die Seele eines jeden Menschen besteht in dem fort, was 
die Buddhisten das Karman des Betreffenden nennen; und wer 
die Buddhaschaft erreicht, wird dadurch identisch mit der 
Wahrheit selbst, welche ewigdauernd und allgegenwärtig ist, 
welche nicht nur dieses Weltsystem durchdringt, sondern auch 
alle anderen Welten, die in Zukunft auftauchen werden. Denn 
die Wahrheit ist heute dieselbe wie morgen. Wahrheit ist 
das Wasser des Lebens; sie ist die Ambrosia der Seele. Je 
mehr unser Geist sich von der Selbstsucht befreit und Teil 
hat an der Wahrheit, um so höher werden wir uns • in jenes 
Gebiet erheben, wo alle Mühen und Ängste verschwunden sind; 
denn dort ist die Sünde vernichtet und der Tod überwunden. 

^ F^ Heidentum. AR U^ 

Von Karl B. Seldenstücker. 
Ob ein Mensch ein Heide ist oder nicht, hängt nicht da- 
von ab, ob er die Beschneidung empfangen hat, ob er in den 
Listen eines Kirchenbuches aufgezeichnet ist, ob er irgend eine 



No. 8. DER BUDDHIST. 255 

kirchliche Zeremonie mitgemacht hat. Das Heidentum ist inter- 
national; es gibt viele Christen, die jeden Sonn- und Feiertag 
die Kirche besuchen und trotzdem im Herzen echte Heiden 
sind; es gibt viele Anhänger des Buddhismus, die am Altare 
ihres Meisters Blumen opfern und mit ihren Lippen die Gebote 
aussprechen, und dennoch sind sie Heiden. Auch die Gebets- 
mühlen ^) sind heidnisch, auch sie sind international: In Asien 
klappern sie, in Europa plappern sie, — der Effekt ist in bei- 
den Fällen derselbe. 

Was aber ist Heidentum? Christus hat einmal gesagt, dass 
die gierige Sorge um Nahrung und Kleidung und das Gebets- 
plappern für die Heiden charakteristisch sei. Wenn man dies 
als Massstab für die Beurteilung des heutigen Christentums an- t 
legt, so kann man ohne Übertreibung getrost behaupten, dass 
95 Prozent der Christen in Wahrheit Heiden sind. 

Die Gier zur Befriedigung des eigenen Selbstes ohne 
Rücksicht auf andere ist heidnisch. Diese Begierde kann sehr 
verschiedene Form annehmen: Geiz, Wollust, Zorn, Hass, Bruta- 
lität, das Verachten Andersgläubiger, die wonnige selbstische 
Hoffnung auf eine individuelle Seligkeit ungeachtet der vie- 
len MilHonen, die nach dem Glauben des Betreffenden in der 
Hölle gequält werden, das Anbetteln der Götter zu dem Zwecke, 
damit diese die privaten Angelegenheiten der Bittenden regu- 
lieren sollen, das Beten zu Göttern um Vernichtung der Feinde, 
die fleischliche Abtötung, durch welche man das Selbst der 
himmlischen Seligkeit teilhaftig machen möchte, Unmässigkeit, 
Luxus, Pracht ungeachtet der grossen Not von Millionen leiden- 
der Mitmenschen, — das alles ist heidnisch. 

Millionen werden aufgebracht, um Priester und Prälaten 
zu mästen, um Kirchen zu errichten, die von Gold und Kost- 
barkeiten strotzen, um dem tausendköpfigen Götzen des eigenen 
Selbstes Tempel zu bauen. Und dabei leiden Ungezählte die 
bitterste Not und verhallen tausend gellende Notschreie unge- 
hört Heidentum! 



') Die im tibetischen Buddhismus gebräuchlichen sogenannten Gebets- 
mühlen haben eigentlich eine ganz andere Bedeutung, worüber später 
einmal mehr. Das oben Gesagte gilt nur für die Fälle, wo Gebrauch und 
Name dieses Gegenstandes sich decken. 



256 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Die Selbstsucht und den Selbstwahn überwinden, heisst 
vom Heidentum sich frei machen. Es gibt einen Pfad, der 
zur Vernichtung der Selbstsucht und damit zur Aufhebung des 
Leidens führt: Es ist dies der erhabene achtfache Pfad, den 
der Vollendete gewiesen hat. Der Pfad ist in dir; ob du ihn 
beschreiten willst, ist deine Sache. Tue, was du als das Rechte 
erkennst. 

Volkslied/) 

Von Dr. Wolfgang Bohn. 

1. Als unser Herr erkannte 

Des Leidens Quell und tiefsten Grund, 

Ein Sehnen heiss entbrannte 

Im weiten Weltenrund. 

„Gib uns das Licht" das Beten hallt 

Und braust mit zwingender Gewalt; 

Natur, die nachtgebannte 

Fühlt nah die Morgenstund'. 

2. Der Selbstsucht eitle Pfade 

Geht mancher noch in Trug und Traum, 

Sieht nicht den Stern der Gnade, 

Ahnt die Erlösung kaum. 

Und ohne Rast bei Lust und Tand 

Knüpft fester er des Leidens Band, 

Vergisst das Ruhgestade, 

Das fern von Zeit und Raum. 

3. Doch manches Aug' verhüllet 
Nur noch ein letzter dünner Flor, 
Manch Flehn blieb unerfüllet, 
Sucht schon der Blick das Tor, 
Manch starkes Herze schritt vorbei 
An ird'scher Wollust Jubelschrei. 
Ein Rufen ungestillet 

Tönt an des Herren Ohr. 

4. Da wandte Tat und Denken 
Der Herr den Welten wieder zu, 
Uns Trost ins Herz zu senken 
Verliess er seine Ruh', — 

Trug einmal noch des Wanderns Leid 
Und eines Lebens lange Zeit, 
Der Jünger Schritt zu lenken 
Der Friedenspfortc zu. — 



>) Melodie aus Beethoven op. 20. 



Ver»ntwortlicher Red.kteur: Karl B. SeidenslOckcr, Leipzig. Verlag: Buddhistischer VerUg 
in Leipzig. — Druck von Arno Bachmann, Baalsdorl-Leipiig. 




Alle Sünden meiden, die Tagend üben, das eigene Herz läutern: 
das ist die Religion der Buddhas. Dhammapada, V. 183. 



Einige Parallelen zwischen der 
buddhistischen und christlichen Geburtslegende. 



Fo-sho-hing-tsan-king. 

I, 3—4. Im Wollen fest und 
ruhig wie die Erde, rein wie 

■ die Wasserlilie von Gesin- 
nung, hiess sie mit bild- 
licher Bedeutung Mäya, er- 
haben über alle irdischen 
Frauen. 

Auf sie, das Ebenbild der 
Himmelsfürstin, Hess sich 
der Geist herab, den Ein- 
gang wählend in ihren Mut- 
terleib. Zwar Mutter, war 
sie doch frei von Schmerz 
und truglos im Gemüte. 

I, 18. Jetzt bin ich als ein 
Buddha neu geboren, her- 
nach folgt keine weitere Ge- 
burt mehr. Dies eine Mal 
nur tret' ich noch ins Da- 
sein, damit der ganzen 
Welt ich Rettung bringe. 



Evangelium des Lukas 
und Matthäus. 

Lukas I. Gegrüsset seist du 
Holdselige! Der Herr ist 
mit dir, du Gebenedeite un- 
ter den Weibern . . . 



Der heilige Geist wird 
über dich kommen, und die 
Kraft des Höchsten wird 
dich überschatten; darum 
auch das Heilige, das von 
dir geboren wird, wird Got- 
tes Sohn genannt werden. 

Matth. I. Sie wird einen Sohn 
gebären, des Namen sollst 
du Jesus heissen; denn er 
wird sein Volk erretten 
von seinen Sünden. 

Lukas IL Siehe, ich verkün- 
dige euch grosse Freude, 
die allem Volke widerfah- 
ren wird; denn euch ist 
heute der Retter geboren. 
17 



258 



DER BUDDHIST. 



I. Jahrg. 



I, 22. Die Näga-Könige, 
erfüllt von Freude und eifrig, 
iiire Ehrfurcht zu bezeigen 
dem höchst vortrefflichen 
Gesetz, erschienen vor Bo- 
dhisattva, Mandara- Blumen 
streuend, innig erfreut ob 
solcher frommen Huldigung. 

I, 23, 30, 34, 35. Dass in 
der Welt Tathägata erschie- 
nen, erfreute auch die selig- 
reinen Devas, nicht um des 
eignen Bestens willen, son- 
dern aus religiösem Sinn, 
weil allem Leben, dem in 
das Meer des Leidens tief 
versenkten, jetzt zur Erlösung 
war der Weg geöffnet. 

Dicht wie Wolken kamen 
in Scharen, zahllos, fromm 
gesinnte Geister. 

Unsichtbar Hess ringsum 
Musik sich hören, des Frie- 
dens und der allgemeinen 
Ruhe erfreute sich, was nur 
Empfindung hatte. 

So wurden bei Bodhisatt- 
vas Geburt alle Lebewesen 
ihres Leides entledigt. 

I, 38. Der königlichen Mutter 
weiblich furchtsam Herz 
ward erfüllt von Zweifeln, 
als sie wahrnahm, wie dem 
Gesetze der Natur zuwider 
ihr Kind geboren ward. 



Matth. II. Es kamen Weise 

vom Morgenlande und sie 

gingen in das Haus und 
fanden das Kindlein mit 
Maria, seiner Mutter, und 
fielen nieder, beteten es an 
und schenkten ihm Gold, 
Weihrauch und Myrrhe. 

Lukas II. Der Engel sprach: 
„Siehe, ich verkündige euch 
grosse Freude, die allem 
Volke widerfahren soll; denn 
euch ist heute der Retter ge- 
boren " 

Und plötzlich war da bei 
dem Engel die Menge der 
himmlischen Heerscharen, 
welche Gott lobten uncl 
sprachen: „Herrlichkeit [sei] 
Gott in den höchsten [Sphä- 
ren] und Friede auf Erden, 
an den Menschen ein Wohl- 
gefallen." 



Lukas I. Da sie aber ihn 
[den Engel] sah, erschrak sie 
über seine Rede und ge- 
dachte: Welch ein Gruss ist 
das? 

Maria sprach: Wie soll 
das zugehen, sintemal ich 
von keinem Manne weiss? 

Lukas II. Maria aber behielt 
alle diese Worte und beweg- 
te sie in ihrem Herzen. 



No. 9. 



DER BUDDHIST. 



259 



I, 43, 45. Möge deshalb Freu- 
de der König fühlen von 
des Vollmonds Fülle, da ihm 
ein Sohn geboren ohneglei- 
chen, der seinem Stamme 
hohen Ruhm wird bringen. 

Dies neugeborene Kind 
von überreicher Begabung 
wird der ganzen Welt Be- 
freiung verschaffen. 

So kommt auch dem Ta- 
thägata von allen Menschen, 
die zur Welt geboren wer- 
den, an Hoheit keiner gleich. 

Der greise Seher Asiia 
spricht von dem Bodhisatt- 
va-Kindlein: 
I, 94, 95, 98, 99, 101, 102, 
103, 104, 107. Weil mir in 
den Sinn kam mein Alter, 
deshalb flössen meine Trä- 
nen. Denn mir ist schon 
das Ende nahe, aber euer 
Sohn wird zum Heile alles 
dessen, was lebt, geboren, 
ein Weltlenker werden. 

Da alles Fleisch ist in dem 
Meer des Leidens versun- 
ken, wird er, behende in der 
Weisheit Fahrzeug steigend, 
aus aller dieser Not die 
Welt erretten, mit kluger 
Kunst der Flut entgegen- 
steuernd. 

Die in dem Reich der 
fünf Begierden gefesselt, oder 
von zahlreichen Leiden ver- 
folgt sind, oder irre gehen, 



Matth. I. Joseph, du Sohn 
Davids, fürchte dich nicht, 
deine Gemahlin Maria zu 
dir zu nehmen; denn was 
von ihr geboren ist, das ist 
von dem heiligen Geist. 

Und sie wird einen Sohn 
gebären, des Namen sollst 
du Jesus [Retter] heissen; 
denn er wird sein Volk 
erretten von seinen Sünden. 



Lukas I und II. 

Und ihm war eine Antwort 
geworden von dem heiligen 
Geist, er sollte den Tod 
nicht sehen, er hätte denn 
zuvor den Christus des 
Herrn gesehen. 



Auf dass er erscheine 
denen, die da sitzen in Fin- 
sternis und Schatten des 
Todes und richte unsere 
Füsse auf den Weg des 
Friedens. 



Meine Augen haben dei- 
nen Heiland gesehen, wel- 
chen du bereitet hast, ein 
Licht zu erleuchten die 



260 



DER BUDDHIST. 



I. Jahrg. 



Nationen und zur Herr- 
lichkeit deines Volkes Is- 
rael. 



Lukas II. Aber das Kind 
wuchs und ward stark im 
Geist, voller Weisheit, und 
Gottes Gnade war bei ihm. 



unkundig des Weges in der 
Wildnis der Geburt und des 
Todes: Bodhisattva ist 
geboren, der Rettung 
Pfad für alle zu eröffnen. 
II, 147. Wie nach und nach 
das Licht der Sonne oder 
des Mondes zunimmt, eben- 
so wuchs täglich der könig- 
liche Prinz an Schönheit 
seiner Person und geistigen 
Vortrefflichkeiten. 

Die Berührungspunkte der 

Philosophie Schopenhauers 
und des Buddhismus. 

Von Georg Jahn. 

Der Buddhismus, der in neuester Zeit versucht, festen Fuss 
auch im Abendlande zu fassen und mit der uralten Weisheit 
der indischen Priester und Heiligen die Kultur des Westens zu 
befruchten, wirkt seinem Ideengehalte nach schon seit Jahr- 
zehnten auf Leben und Denken unserer Zeit ein. Es sind 
nicht nur einzelne Berührungspunkte, die moderne Kultur und 
Buddhismus gemeinsam haben, es handelt sich vielmehr um 
eine tatsächliche Durchdringung derselben mit den ungleich 
sozialeren Anschauungen der »Religion des Mitleids«. Eine 
pessimistische Grundstimmung beherrscht mit Recht einen Teil 
des westlichen Lebens der Gegenwart, ein Zug des Mitleids 
geht durch unsere Zeit, der, entsprungen aus dem Anblick der 
Leiden und Qualen dieses für so viele Menschen geradezu 
jammervollen Daseins, überall lindernd, bessernd und helfend 
eingreifen möchte. Gegenüber einem seichten und oft geradezu 
nichtswürdigen Optimismus sind Künstler, Dichter und Philo- 
sophen gleichzeitig bemüht, die Menge der Geist- und Gedanken- 
losen, vom Strome der Zeit und des Geschehens mit fortgerissenen 



No. 9. DER BUDDHIST. 261 

Menschen auf die Nichtigkeit des Hastens und Jagens der 
Welt hinzuweisen, ihr über Leid und Vergänglichlceit die Augen 
zu offen und den Weg zu einer innerlich-geistigen Kultur zu 
bereiten, die bei der herrschenden Äusserlichkeit und Ober- 
flächlichkeit bitter not tut. Deshalb erfreut sich die Kunst 
Richard Wagners und die seiner Anhänger und Schüler bei 
den Gebildeten der grössten Beliebtheit, deshalb auch ist in 
den letzten Jahrzehnten der einst so wenig gekannte und zu 
seinen Lebzeiten in seiner Bedeutung niemals erkannte Schopen- 
hauer sehr stark in Aufnahme gekommen und seine Gemeinde 
rasch gewachsen. Er ist es, der zum ersten Male voUbewusst 
eine pessimistische Philosophie aufbaute, die in allen Haupt- 
punkten mit der Lehre des Buddhismus sich eng berührt, er ist 
es, der damit zum Hauptpropheten des so nahe liegenden und 
so sehr berechtigten Pessimismus auf modernem, abendländi- 
schem Boden wird. Philosophie und Religion haben immer 
mehr oder weniger Berührungspunkte, hauptsächlich in den 
Fragen über die letzten Dinge des Seins, in den Fragen der 
Metaphysik. Keine Philosophie kann die Metaphysik ganz ent- 
behren, wenn anders sie eine in sich geschlossene Erklärung 
des Welt- und Lebensproblems geben will; jede (?) Religion aber 
baut sich notwendig auf metaphysischen Grundlagen auf. So 
ist es kein Wunder, dass Schopenhauer und der Buddhismus 
sich vielfach und stark berühren, zumal da des ersteren Philo- 
sophie einen tiefen Glauben, eine grosse persönliche Überzeu- 
gung in sich trägt und somit der Religion näher steht, als die 
anderer Denker, der letztere aber, trotzdem er wie alle Reli- 
gionen für das Volk berechnet und bestimmt ist, von einer 
Tiefe des Denkens und des Urteils seiner Urheber zeugt, die 
mancher sogenannten Philosophie Ehre machen würde. Scho- 
penhauer hat seine Philosophie bereits zu einer Zeit durchge- 
dacht und niedergeschrieben, in der man in Deutschland noch 
herzlich wenig von indischer Philosophie und buddhistischer 
Religion wusste. Als aber die Forschung auch in die Weisheit 
des Orients einzudringen begann, da erkannte der Philosoph 
bald die Übereinstimmung seiner Lehre mit der des Buddha 
und betonte dieselbe freudig und oft. Wenn wir nunmehr 
darangehen, eben diese Berührung und Übereinstimmung bei- 



262 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

der Welt- und Lebensanschauungen darzustellen, so möchten 
wir gleich bemerken, dass es sich nicht vermeiden lassen wird, 
die ganze Philosophie Schopenhauers im Umriss wiederzugeben, 
während wir uns in unseren Ausführungen über den Buddhis- 
mus als etwas dem Leser mehr Bekanntes ja viel kürzer fassen 
können. 

Schopenhauers Weltanschauung ist eine idealistische. Auf 
Kant fussend, unterscheidet er die Welt als Erscheinung vom 
eigentlichen Wesen derselben, ihrem Kern, dem Ding an sich. 
Als Erscheinung ist die Welt lediglich Vorstellung; alles, was uns 
umgibt, alles, was in Raum und Zeit ausgebreitet ist, ist nur 
da in Beziehung auf ein Anderes, auf ein Vorstellendes, kein Objekt 
ohne ein Subjekt. Das Subjekt, das alles erkennt und doch von 
Keinem erkannt wird, ist also der Träger der Welt, die Bedingung 
alles Erscheinenden. Raum und Zeit, sowie das Gesetz der 
Kausalität, dem Schopenhauer eine vierfache Gestaltung gibt, 
sind die subjektiven Formen, welche die Welt nur als Vor- 
stellung uns zum Bewusstsein kommen lassen, und die wir 
als angeboren in uns tragen. Das Wesen der Zeit ist die 
Succession, die Aufeinanderfolge, das Wesen des Raumes die 
Möglichkeit der wechselseitigen Bestimmungen seiner Teile 
durcheinander, welche Lage heisst. Die Materie aber, die man 
vielfach als das Wesen der Dinge anzusehen sich gewöhnt hat, 
ist nichts als Kausalität, sie ist nur, sofern sie wirkt. Durch 
das Gesetz der Kausalität, welches besagt, dass alles, was ge- 
schieht, einen zureichenden Grund haben muss, wird die Auf- 
einanderfolge der Zustände in Hinsicht auf einen bestimmten 
Raum, und das Dasein derselben an einem gewissen Ort zu 
einer gewissen Zeit bestimmt. Die Kausalität vereinigt also 
den Raum erst mit der Zeit. Das Zugleichsein der Dinge 
macht Wirklichkeit und Dauer möglich, von denen die letztere 
wieder die Bedingung für die Veränderung, den Wandel der 
Beschaffenheit und Form bei Beharren der Substanz ist. Es 
ist nun die Funktion des Verstandes, das Kausalitätsverhältnis 
der Dinge zu erkennen, eine Tätigkeit, die sich in der An- 
schauung der wirklichen Welt äussert. Alle Anschauung aber 
ist nicht nur sinnlich, sondern intellektuell, ist eine Verstandes- 
erkenntnis der Ursache aus der Wirkung. Sofern wir die 



No. 9. DER BUDDHIST. 263 

Welt mit unserm Verstand anschauend erkennen, hat sie 
empirische Realität; andererseits aber besitzt sie, da sie sich 
eben nur als Vorstellung gibt, transzendentale Idealität. Die 
Tätigkeit der Vernunft besteht im Bilden von Begriffen und 
Urteilen aus dem anschaulich Erkannten. Während nun das 
durch den Verstand richtig Erkannte Realität, Übergang der 
Wirkung im unmittelbaren Objekt auf deren Ursache ist, heisst 
das von der Vernunft richtig Erkannte Wahrheit und besteht 
in einem abstrakten Urteil mit zureichendem Grunde. 

Die objektive Welt, die Welt der Vorstellungen, ist nicht 
die einzige, sondern nur eine gleichsam äussere Seite der Welt, 
welche noch eine ganz und gar andere Seite hat, die ihr 
innerstes Wesen, ihren Kern, das Ding an sich, ausmacht. 
Diese Wirklichkeit nun, die der Totalität der Welt zu Grunde 
liegt, ist der Wille. Alle Vorstellung, alles Objekt ist Er- 
scheinung, Ding an sich ist allein der Wille. Er ist es, wovon 
alles Vorgestellte, alles Objekt erst wieder Erscheinung, Sicht- 
barkeit, Objektität ist. Er ist das Innerste, der Kern jedes 
Einzelnen und ebenso des Ganzen, er erscheint in jeder blind- 
wirkenden Naturkraft, er erscheint auch im überlegten Handeln 
des Menschen. Dieser Wille als Ding an sich nun liegt 
ausserhalb des Gebietes des Satzes vom Grunde, er allein ist 
völlig frei und schlechthin grundlos, obwohl jede seiner Er- 
scheinung durchaus dem Satze vom Grunde unterworfen ist. 
Die Welt des blossen Seins, des Dinges an sich, ist also das 
Reich der Freiheit; die Welt des Geschehens, der Erscheinung, 
des Handelns dagegen macht das Gebiet der Notwendigkeit 
aus, und es ist nicht umgekehrt, wie oberflächliche Geister 
leicht anzunehmen geneigt sind. Die Objektivation des Willens 
nun tritt uns in der Natur in verschiedenen Stufen entgegen. 
Am rohesten und niedrigsten zeigt er sich in dem blinden und 
dumpfen Walten der Kräfte in der unorganischen Natur. Auf 
einer höheren Stufe stehend, offenbart er sich in der Reaktion 
der Pflanzen auf die Reize der Aussenwelt, vollkommener 
wieder in dem unbewussten Triebleben der Tiere und Menschen, 
in seiner vollendetsten Gestalt aber im bewussten Tun des 
Menschen. Die Welt ist lediglich Wille, solange noch ein Gehirn 
fehlt wie in der unorganischen Natur und der Pflanzenwelt. 



264 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

Entsteht dieses aber, wie bei den Tieren und Mensciien, so 
ist sofort auch die Vorstellung mit allen ihren Formen, Objekt 
und Subjekt, Zeit und Raum, Vielheit und Kausalität da. Der 
überall in der Natur wirkende Wille, dessen Erscheinung die 
ganze sichtbare Welt ist, besitzt vollkommene Einheit, aus der 
sich sowohl die innere als auch die äussere Zweckmässigkeit 
der Welt erklärt. Die beste Erläuterung zu der letzteren gibt 
uns das unbewusste Triebleben der Tiere. In der äusseren 
wie auch in der inneren Zweckmässigkeit ist das, was wir als 
Mittel und Zweck denken müssen, überall nur die für unsere 
Erkenntnisweise in Raum und Zeit auseinander getretene Er- 
scheinung der Einheit des mit sich selbst übereinstimmenden 
einheitlichen Willens. 

Während diese idealistische Weltansicht vom gewöhnlichen 
Verstände im Abendlande zumeist nicht geteilt wird, sondern 
als ein kaum ernstlich zu nehmendes Paradoxon gewisser 
Philosophen gilt, ist sie im Brahmanismus und Buddhismus 
bereits seit Jahrtausenden Lehre der Volksreligion. Es liegt 
nun dem Buddhismus als Religion durchaus fern, eine be- 
stimmte philosophische Lösung des „Welträtsels" seinen An- 
hängern aufzwingen zu wollen, wie etwa der Katholizismus 
mit seinen Dogmen gegenüber seinen Bekennern verfährt; er 
tritt vielmehr nur in die Fusstapfen der ihm von der alten in- 
dischen Philosophie überkommenen Welterklärung, ohne ihr je- 
doch eine unbedingte Gültigkeit zuzuschreiben. Nach dieser Lehre 
nun unterliegt es keinem Zweifel, dass die körperliche Welt und 
bewusste in ihr lebende Wesen wirklich existieren, es ist eine 
Tatsache, dass die sichtbare Welt empirische Realität besitzt. 
In dieser Welt des ewigen Geschehens aber ist alles dem 
Gesetze von Ursache und Wirkung, dem Gesetze der Kausalität 
naturnotwendig unterworfen. Es gibt keine Ausnahme hiervon, 
es gibt im Geschehen, im Handeln und Tun keine Freiheit, es 
herrscht hier vielmehr, ganz wie bei Schopenhauer, ein strenger 
Determinismus. Auf Ursachen müssen notwendig irgendwelche 
Wirkungen folgen, ein Stillstand im Fortlauf des Geschehens 
ist ausgeschlossen. Die Welt ist in ewigem Flusse, alles än- 
dert sich beständig, wenn auch unmerklich, überall herrscht 
der Wechsel, nirgends ist ein ruhiger Punkt, ein rettendes Ei- 



No. 9. DER BUDDHIST. 265 

land, auf das man sich flüchten könnte. So kommt es, dass 
die Welt, in der wir leben, der Samsära, die Welt des ewigen 
Entstehens und Vergehens, der Geburt und des Todes, eine 
Welt des Irrtums und der Täuschung, des Scheins und des 
Trugs ist. Das Dasein der dem Gesetz der Kausalität unter- 
worfenen sichtbaren Welt, der Welt als Vorstellung, ist ganz 
und gar veraltet. Das spricht schon die uralte Weisheit der 
Inder aus, wenn sie sagt: Es ist dieMäyä, der Schleier des Truges, 
welcher die Augen der Sterblichen umhüllt und sie in eine 
Welt sehen lässt, von der man weder sagen kann, dass sie 
sei, noch auch, dass sie nicht sei; denn sie gleicht dem Traum, 
der uns im Schlaf umhüllt, gleicht dem Sonnenglanz auf dem 
Sande, welchen der Wanderer von fern für ein Wasser hält, 
gleicht dem hingeworfenen Strick, den er für eine Schlange 
ansieht. (Fortsetzung folgt.) 

Die Lehre des Buddha 

oder: Die vier heiligen Wahrheiten. 

Nach Aussprüchen des Päli-Kanons zusammengestellt. 

Von Bhikkhu Nyänatiloka (Ceylon). 

(3. Fortsetzung.) 



Erste Stufe: Sammäditthi, rechte Erkenntnis/) 

Inwiefern nun, ihr Brüder, hat ein heiliger Jünger die 
rechte Erkenntnis? 

[Erkenntnis des Guten und Bösen:] Wenn, ihr Brü- 
der, der heilige Jünger das Böse erkennt und die Wurzel des 
Bösen erkennt, wenn er das Gute erkennt und die Wurzel des 
Guten erkennt, dann hat er, ihr Brüder, die rechte Erkenntnis, 
ist seine Erkenntnis eine ehrliche, seine Liebe zum Dhamma 
erprobt, gehört er dieser edlen Lehre an. Was ist nun, ihr 
Brüder, das Böse? 



*) Andere Übersetzungen sind: Rechter Glaube, rechte Ansichten 
rechtes Verständnis, rechte Einsicht. 



266 



DER BUDDHIST. 



1. Jahrg. 



[Das zehnfache schleciite Wirken:] 



I. Körperliches Wirken 
(Käya-kamma). 

II. Sprachliches Wirken 
(Väci-kamma). 

III. Inneres Wirken 
(Mano-kamma). 



1. Töten, ihr Brüder, ist das Böse. 

2. Stehlen ist das Böse. 

3. Unzucht treiben ist das Böse. 

4. Lügen ist das Böse. 

5. Verleumden ist das Böse. 

6. Roh reden ist das Böse. 

7. Unnütz reden ist das Böse. 

8. Begierde ist das Böse. 

9. Hass ist das Böse. 
10. Irrwahn ist das Böse. 



[Die dreifache Wurzel des Bösen:] Und was, ihr 
Brüder, ist die Wurzel des Bösen? Begierde (lobha) ist die 
Wurzel des Bösen, Hass (dosa) ist die Wurzel des Bösen, 
Wahn (moha) ist die Wurzel des Bösen. 

[Das zehnfache gute Wirken:] Und was, ihr Brüder, 
ist das Gute? 

1. Überwindung des Tötens ist das Gute. 

2. Überwindung des Stehlens ist das Gute. 

3. Überwindung der Unzucht ist das Gute. 

4. Überwindung der Lüge ist das Gute. 

5. Überwindung d.Verleumdung ist dasGute. 

6. Überwindung der rohen Rede ist das Gute. 

7. Überwindung d. unnützen Rede ist d. Gute. 

8. Überwindung der Begierde ist das Gute. 

9. Überwindung des Hasses ist das Gute. 
10. Überwindung des Irrwahns ist das Gute. 

[Die dreifache Wurzel des Guten:] Und was, ihr Brü- 
der, ist die Wurzel des Guten? Freisein von Begierde ist 
die Wurzel des Guten, Freisein von Hass ist die Wurzel 
des Guten, Freisein von Wahn ist die Wurzel des Guten. 

[Erkenntnis des Leidens:] Und ferner noch, ihr Brüder, 
wenn der heilige Jünger das Leiden erkennt, und die Leidens- 
entstehung, die Leidensvernichtung erkennt und den 
zur Leidensvernichtung führenden Pfad, dann hat er, 
ihr Brüder, die rechte Erkenntnis, ist seine Erkenntnis eine 



I. Körperliches 

Wirken 
(Käya-kamma). 

II. Sprachliches 
Wirken 
(Väci-kamma). 

in. Inneres 
Wirken 
(Mano-kamma). 



No. 9. DER BUDDHIST. 267 

ehrliche, seine Liebe zum Dhamma erprobt, gehört er dieser 
edlen Lehre an. (Majjhima-Nikäya 9.) — 

[Unnütze Fragen:] Wer da, ihr Brüder, also spräche: 
„Nicht eher will ich bei dem Erhabenen das Jünger-Leben 
führen, bis mir der Erhabene mitgeteit haben wird, ob die 
Welt ewig oder zeitlich ist, ob die Welt endlich oder 
unendlich, ob Leben und Leib ein und dasselbe, oder 
anders das Leben und anders der Leib ist, ob der 
Vollendete nach dem Tode fortbesteht oder nicht fort- 
besteht", — dem könnte, ihr Brüder, der Tathägata nicht 
genug mitteilen: denn jener stürbe zuvor hinweg. 

Gleichwie etwa, ihr Brüder, wenn ein Mann von einem 
Pfeile getroffen wäre, dessen Spitze mit Gift bestrichen wurde, 
und seine Freunde und Genossen, Verwandte und Vettern be- 
stellten ihm einen heilkundigen Arzt; er aber spräche: „Nicht 
eher will ich diesen Pfeil herausziehen lassen, bevor ich nicht 
weiss, wer jener Mann ist, der mich getroffen hat, ob er ein 
Fürst oder ein Priester, ein Bürger oder ein Diener ist", — 
wenn er spräche: „Nicht eher will ich diesen Pfeil heraus- 
ziehen lassen, bevor ich nicht weiss, wer jener Mann ist, der 
mich getroffen hat, wie er heisst, woher er stammt, wohin er 
gehört", — wenn er spräche: „Nicht eher will ich diesen Pfeil 
herausziehen lassen, bevor ich nicht weiss, wer jener Mann 
ist, der mich getroffen hat, ob er gross oder klein oder von 
mittlerer Gestalt ist", — nicht genug, wahrlich, ihr Brüder, 
könnte dieser Mann erfahren: denn er stürbe zuvor hinweg. 
(Majjhima-Nikäya 63.) 

möchte deshalb der Mensch, der doch sein eigenes 
Wohl sucht, diesen Pfeil herausreissen, diesen Pfeil des Jam- 
mers, der Klagen und der Sorgen; denn ob nun diese These: 
„Die Welt ist ewig" zurecht besteht, oder die These: „Die 
Welt ist zeitlich": sicher besteht Geburt, besteht Altern, besteht 
Sterben, besteht Wehe, Jammer, Leiden, Gram und Verzweif- 
lung, deren schon bei Lebzeiten zu erreichende Vernichtung 
ich kennen lehre. (Majjhima-Nikäya 63.) 

Da hat einer, ihr Brüder, nichts erfahren, ist ein gewöhn- 
licher Mensch, ohne Sinn für das Heilige, der heiligen Lehre 
unkundig, der heiligen Lehre unzugänglich, ohne Sinn für das 



268 DtR BUDDHIST. 1. Jahrg. 

Edle, der Lehre der Edlen unkundig, der Lehre der Edlen un- 
zugänglich. 

[Die fünf grossen Fesseln:] Der Glaube an Per- 
sönlichkeit hat sein Herz umsponnen, hat sein Herz um- 
zogen, und wie man dem sehrenden Glauben an Persönlich- 
keit entgehen könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäss; 
dem ist dieser Glaube an Persönlichkeit, weil er ihn hat er- 
starken lassen, weil er ihn nicht aufgelöst hat, zu einer nieder- 
zerrenden Fessel geworden. 

Der Zweifel hat sein Herz umsponnen, — die Askese 
als Selbstzweck*) hat sein Herz umsponnen, — die 
Sucht des Begehrens hat sein Herz umsponnen, die Ge- 
hässigkeit hat sein Herz umsponnen, hat sein Herz umzogen, 
und wie man diesen sehrenden Fesseln entgehen könne, daran 
denkt er nicht der Wahrheit gemäss; dem sind diese Übel, 
weil er sie hat erstarken lassen, weil er sie nicht aufgelöst hat, 
zu niederzerrenden Fesseln geworden. 

Ohne Kenntnis der würdigen Dinge, ohne Kenntnis der 
unwürdigen Dinge achtet er auf das Unwürdige und nicht auf 
das Würdige. 

[Seichte Erwägungen:] Und seicht erwägt er also: 
„Bin ich wohl in den vergangenen Zeiten gewesen? Oder bin 
ich nicht gewesen? Was bin ich wohl in den vergangenen 
Zeiten gewesen? Wie bin ich wohl in den vergangenen Zeiten 
gewesen? Was geworden bin ich dann was gewesen? 
Werde ich wohl in den zukünftigen Zeiten sein? Oder werde 
ich nicht sein? Was werde ich wohl in den zukünftigen Zeiten 
sein? Wie werde ich wohl in den zukünftigen Zeiten sein? 
Was geworden werde ich dann was sein?" 

Und auch die Gegenwart erfüllt ihn mit Zweifeln: „Bin 
ich denn? Oder bin ich nicht? Was bin ich? Und wie bin 

') Im Päli: Sllabbata paramasa. Dies ist die Einbildung, dass man 
Tugend durch Sittiichiceitsregeln oder durch blosse Zeremonien oder auch 
durch beide erlangen könne. Im Fa-Kheu-King-Tsu, dem Dliamma- 
pada der Chinesen, heisst es: „Opferverrichtungen und dergleichen Dienste 
sind Quellen der Sorge, Tag und Nacht eine beständige Bürde und Last; 
um dem Leiden zu entgehen, sollte man sich an die Lehre des Buddha 
halten und sich von den Banden aller Religionsformen frei machen." 



No. 9. DER BUDDHIST. 200 

ich? Dieses Wesen da, woher ist es wohl gekommen? Und 
wohin wird es gehen?" 

[Die sechs Spei<ulationen über die Seele:] Und bei 
solchen Erwägungen kommt er zu dieser oder zu jener der 
sechs Ansichten. Die Ansicht: „Ich habe eine Seele" wird 
ihm zur festen Überzeugung, oder die Ansicht: „Ich habe keine 
Seele" wird ihm zur festen Überzeugung, oder die Ansicht: 
„Beseelt ahn' ich Beseelung" wird ihm zur festen Überzeugung, 
oder die Ansicht: „Beseelt ahn' ich Entseelung" wird ihm zur 
festen Überzeugung, oder die Ansicht: „Entseelt ahn' ich Be- 
seelung" wird ihm zur festen Überzeugung, oder er kommt zu 
folgender Ansicht: „Mein selbiges Selbst, sage ich, findet sich 
wieder, wenn es da und dort den Lohn guter und böser Werke 
geniesst, und dieses mein Selbst ist dauernd, beharrend, ewig, 
unwandelbar, wird sich ewiglich also gleich bleiben." — Ist 
das nicht, ihr Brüder, eine völlig ausgereifte Narrenlehre? Das 
nennt man, ihr Brüder, Gasse der Ansichten, Höhle der An- 
sichten, Schlucht der Ansichten, Dorn der Ansichten, Hag der 
Ansichten, Garn der Ansichten. Ins Garn der Ansichten ge- 
raten, ihr Brüder, wird der unerfahrene Erdensohn nicht frei 
vom Geboren-werden, Altern und Sterben, von Not, Jammer 
und Schmerz, von Gram und Verzweiflung; er wird nicht 
frei, sage ich, vom Leiden. 

Doch der erfahrene, heilige Jünger, ihr Brüder, merkt das 
Heilige, ist der heiligen Lehre gewärtig, ist der heiligen Lehre 
wohl zugänglich, merkt das Edle, ist der Lehre der Edlen ge- 
wärtig, ist der Lehre der Edlen wohl zugänglich; er erkennt, 
was der Achtsamkeit wert ist und erkennt, was der Achtsam- 
keit unwert ist. Bekannt mit den würdigen Dingen, bekannt 
mit den unwürdigen Dingen achtet er nicht des Unwürdigen, 
sondern des Würdigen. „Dies ist das Leiden" — erwägt er 
gründlich. „Dies ist die Leidensentstehung" — erwägt er 
gründlich. „Dies ist die Leidensvernichtung" — erwägt er 
gründlich. „Dies ist der zur Leidensvernichtung führende Pfad" 
— erwägt er gründlich. 

[Der erste Pfad der Heiligung und die Befreiung 
von den drei Fesseln:] Und bei solcher gründlicher Erwä- 
gung lösen sich ihm die drei Umgarnungen auf: die egoisti- 



270 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

sehen Ansichten, die Zweifelsucht und der Glaube an 
die Wirksamkeit äusserer Handlungen. Und mehr als 
die höchste Würde der Erde, als der Genuss himmlischer 
Freuden und der Besitz des ganzen Weltalls ist schon dieser 
erste Schritt auf dem Pfade der Heiligung wert; denn jene 
Jünger, welche die drei Fesseln irdischen Wahnes abgestreift 
haben, alle diese sind »Hörer der Botschaft« (Sotäpannä*) 
geworden, dem Verderben entronnen, eilen zielbewusst dem 
vollen Erwachen entgegen. (Majjhima-Nikäya 22.) 

(Fortsetzung folgt.) 

Goethe ein Buddhist. 

Von Dr. Paul Carus. 

(Schluss.) 

Das buddhistische Nirväna ist die Auslöschung der Ego- 
Illusion; es ist die Vernichtung des Irrtums der Selbstheit, 
aber nicht die Vernichtung der menschlichen Seele oder der 
Welt. Nirväna ist nicht Tod, sondern Leben; es ist der rechte 
Lebensweg, welcher durch die Überwindung aller Leiden- 
schaften, die das Gemüt umwölken, erreicht werden kann. 
Nirväna ist die Ruhe in der Tätigkeit, die Stille eines Menschen, 
welcher sich selbst aufgerichtet und gelernt hat, das Leben in 
seinen ewigen Aspekten zu betrachten. Wahre Ruhe ist nicht 
Quietismus, sondern wohl abgewogene Tätigkeit. Es ist die 
Hingabe des Selbstes als Umtausch für das unbegrenzbare 
Leben der Wahrheits-Evolution. Es ist in unserem Leben und 
Streben die Überwindung des Selbst-Gedankens und der Vor- 
stellung: „Merkt auf: Ich bin es, der dies tut." Und die Auf- 
lösung alles Eigendünkels ist nicht, wie der Egoist sich ein- 
bildet, ein Verzicht, eine Entbehrung, sondern höchste Seligkeit. 
Goethe sagt in seinem Gedicht »Ein und Alles«: 



') Die vier Pfade der Heiligkeit sind der Pfad des Sotäpanna, 
des Sakadägämt, des Anägämt und des Arahä. Diese vier Klassen 
von heiligen Jüngern besitzen die vollkommene rechte Erkenntnis 
(lokuttara sammäditthi) im Gegensatz zur unvollkommenen rechten 
Erkenntnis (lokiya sammäditthi) der weltlichen Anhänger. 



No. 9. DER BUDDHIST. 271 

„Im Grenzenlosen sich zu finden, 
Wird gern der Einzelne verschwinden, 
Da löst sich aller Überdruss: 
Statt heissem Wünschen, wildem Wollen, 
Statt läst'gem Fordern, strengem Sollen, 
Sich aufzugeben ist Genuss." 

Betrachtung und Abgeschiedenheit haben ihren Reiz und 
sind dem Trubel des weltlichen Lebens bei weitem vorzuziehen. 
Goethe liebte die Wonne der Abgeschlossenheit, und in seinem 
»Lied an den Mond« heisst es: 

„Selig, wer sich vor der Welt 
Ohne Hass verschliesst, 
Einen Freund am Busen hält 
Und mit dem geniesst, 

„Was, von Menschen nicht gewusst, 
Oder nicht gedacht. 
Durch das Labyrinth der Brust 
Wandelt in der Nacht." — 

Nach der Goetheschen Anschauung über die Seele und über 
das Streben des Menschen, wie sie in seinen eigenen Gedich- 
ten zum Ausdruck gelangt, kann es uns nicht Wunder nehmen, 
sondern muss uns ganz natürlich erscheinen, dass seine 
Gottes-Idee mehr dem Amitäbha, als dem Zeus oder Jahwe 
gleicht. Er sagt: 

„Was soll mir euer Hohn 
Über das AU und Eine? 
Der Professor ist eine Person, 
Gott ist keine." 
Ebensowenig erwartet Goethe Hilfe vom Himmel; er hat 
gelernt auf sich selbst zu stehen. Der Dichter lässt Prome- 
theus sprechen: 

„Da ich ein Kind war. 
Nicht wusste, wo aus noch ein, 
Kehrt' ich mein verirrtes Auge 
Zur Sonne, als wenn drüber war' 
Ein Ohr, zu hören meine Klage, 



712 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Ein Herz, wie meins, 

Sich des Bedrängten zu erbarmen. 

„Wer half mir 
Wider der Titanen Übermut? 
Wer rettete vom Tode mich, 
Von Sklaverei? 

Hast du nicht alles selbst vollendet 
Heilig glühend' Herz? 
Und glühtest jung und gut, 
Betrogen, Rettungsdank 
Dem Schlafenden da droben!" 
Goethes Gott ist das Ewige im Vergänglichen, das Unver- 
änderliche im Wechsel und die Ruhe, welche der Vertiefte in 
dem immer rollenden Lauf der kreisenden Welten entdecken 
wird: Gott ist mit einem Wort das kosmische Nirväna, 
die Ruhe in der Unruhe, der Friede im Kampf und die 
Seligkeit, welche in den Mühen hehren Strebens er- 
erreicht wird. Goethe sagt: 

„Wenn im Unendlichen dasselbe 
Sich wiederholend ewig fHesst, 
Das tausendfältige Gewölbe 
Sich kräftig in einander schliesst. 
Strömt Lebenslust aus allen Dingen, 
Dem kleinsten wie dem grössten Stern, 
Und alles Drängen, alles Ringen, 
Ist ewige Ruh' in Gott dem Herrn." 
Welches auch immer die Lehren des Buddha gewesen 
sein mögen: soviel ist gewiss, dass das Prinzip des Buddhis- 
mus dasselbe ist wie das Prinzip der »Wissenschafts-Reli- 
gion«; denn der Buddhismus ist die Religion der 
Erleuchtung, und Erleuchtung bedeutet eine vollkommene 
Einsicht in den Sinn des Lebens als Grundlage der Religion. 
Goethes diesbezügliche Worte sind sehr klar. Er kommt dem 
Buddhismus ausserordentlich nahe; daher verwirft er nicht das 
Christentum, aber er lehnt es entschieden ab, sich durch die 
dogmatische Beschränktheit des letzteren irgendwie einengen 
zu lassen. Goethe nimmt die Wahrheiten an, welche das 



No. 9. DER BUDDHIST. 273 

Christentum der Welt gegeben hat, und merke dir wohl, warum 
er sie annimmt: Weil sie nicht als das ausschliessliche Erbe 
einer Kirche oder Sekte gelten dürfen, sondern als das Gut 
der gesamten Menschheit; deshalb hat der Forscher ein Recht 
auf diese Wahrheiten, und indem Goethe sein Recht mit dem 
des Forschers identifiziert, nimmt er es auch für sich selbst 
in Anspruch. 

Der Dichter richtet an die Christ-Gläubigen folgende Worte: 
„Ihr Gläubigen! rühmt nur nicht euren Glauben 
Als einzigen: wir glauben auch wie ihr; 
Der Forscher lässt sich keineswegs berauben 
Des Erbteils, aller Welt gegönnt — und mir." 
Wie nahe ist Goethe, der Forscher, daran, in diesen Zeilen 
seinen Glauben direkt als »Wissenschafts-Religion« zu 
bezeichnen. 

Die Tatsache, dass Goethes Anschauung über die Seele 
sich in vollkommenem Einklang mit den Lehren des Buddha 
befindet, ist um so bemerkenswerter, als Goethe selbst mit 
den Grundzügen des buddhistischen »Abhidharma« nicht 
vertraut war. 

Ich könnte hier auf viele Übereinstimmungen zwischen 
dem Buddhismus und den Resultaten der modernen Wissen- 
schafft speziell auf dem Gebiete der Psychologie hinweisen. 
Diese Übereinstimmung kann uns keineswegs überraschen; 
denn der Buddhismus ist eine Religion, welche keine andere 
Offenbarung anerkennt, als die Wahrheit, welche durch die 
Wissenschaft bewiesen werden kann. Der Buddha lehrt seine 
Jünger die Tatsachen des Lebens betrachten, ohne die letz- 
teren durch Voraussetzungen oder metaphysische Annahmen 
zu verdrehen. Seine Religion ist das radikalste Freidenkertum, 
welches vor keinen Konsequenzen zurückschreckt noch irgend 
jemanden durch Gefühlsphantastereien irreleitet. Und doch ist 
der Buddhismus gleichzeitig die ausserordentlich ernste Hin- 
gebung an die Wahrheit; denn ein hervorstechender Zug der 
Buddha-Religion ist immer folgender gewesen: Die Über- 
windung der Ego-Illusion bleibt keine blosse Theorie, 
sondern sie wird ein Prinzip der Lebensführung, 
welches die Nachfolger der Tathägata antreibt, allen Egois- 

18 



274 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

mus aufzugeben, in brüderlicher Liebe und Herzensreinheit 
zu wachsen und sich dem Wohle ihrer Mitgeschöpfe zu wid- 
men und vor allen Dingen denen beizustehen, welche mühselig 
und beladen sind. 

Christus lehrte durch sein Beispiel, durch markige Worte 
und Gleichnisse eine Ethik, welche sich mit den Sittenlehren 
des Buddhismus nahe berührt; aber Christus lehrte keine 
Philosophie und kein religiöses System. Christi Sittenlehren 
stellen einen breiten Humanitarismus dar, und die Gestalt 
Christi steht vor uns als das ecce homo, — als des Men- 
schen Sohn, als der Repräsentant des Menschengeschlechtes. 
Die Kirche, welche sich aus der ethischen Bewegung, die 
von Christus ausging, entwickelt hat, hat die von Christus 
vernachlässigten theoretischen Lehren ergänzt; aber un- 
glücklicherweise ersetzten die kirchlichen Dogmatiker das breite 
»ecce homo« durch ein enges »ecce ego«, und so sind die 
Annahmen der Ego-Psychologie offiziell als christliche 
Dogmen anerkannt worden. Und doch wage ich zu behaupten, 
dass jene beiden Meister in der Welt des Denkens, Buddha 
und Goethe, dem Geiste Christi näher stehen als die, welche 
seinen Namen tragen und sich seine Jünger nennen. Wenn 
die Anhänger des dogmatischen Christentums endlich einmal 
den Lehren der forschenden Wissenschaft Gehör schenken 
wollten, dann würden sie wenigstens zu einem inneren Ver- 
ständnis der Sittenlehren ihres Meisters bekehrt werden. — 

Die Macht der Meditation. 

Von James Allen. 

t?] ' Die geistige Meditation ist die geheimnisvolle Leiter, welche 
Erde und Himmel verbindet, welche vom Irrtum zur Wahrheit, 
vom Leiden zum Frieden führt. Jeder heilige Mensch hat diese 
Leiter bestiegen; ein jeder Sünder muss früher oder später 
ihr sich nahen, und jeder müde Pilger, welcher von der Lust 
der Welt und der Selbstsucht sich abwendet, muss mit seinem 
Fuss die goldenen Sprossen betreten. 



No. 9. DER BUDDHIST. 275 

Die Meditation ist das intensive Richten der Gedanken 
auf eine Idee oder einen Gegenstand zu dem Zwecke, dieselben 
gänzlich zu ergreifen, und dasjenige, worüber du beständig 
meditierst, wird allmählich nicht nur deinem Verständnis sich 
erschliessen, sondern du wirst demselben mehr und mehr 
ähnlich oder gleich werden; denn es wird sich in deinem 
eigenen Wesen verkörpern, ja es wird tatsächlich dein eigenes 
Selbst werden. Wenn du daher mit deinen Gedanken fort- 
während bei Dingen weilst, die der Selbstsucht frönen und 
niedrig sind, so wirst du schliesslich selbstsüchtig und niedrig; 
pflegst du dagegen beständig reine, nicht-selbstische Gedanken, 
so wirst du am Ende sicherlich lauter und selbstlos werden. 

Sage mir, woran du am häufigsten und intensivsten denkst, 
sage, wohin sich in stillen Stunden deine Seele von selbst 
kehrt, — und du gibst dir damit zugleich die Antwort, zu 
welcher Stätte des Leidens oder Friedens du unterwegs bist, 
und ob du zu dem Ebenbild des Göttlichen oder des Tierischen 
heranreifst. 

Nach einem nicht zu umgehenden Gesetz wird der Mensch 
buchstäblich die Verkörperung der Eigenschaften, an die er 
am beharrlichsten denkt. Zufolge dessen sei der Gegenstand, 
den du zu deiner Meditation erwählst, nicht niedrig, sondern 
erhaben, so dass du zu jeder Zeit, wann du in Gedanken zu 
ihm zurückkehrst, innerlich erhoben wirst; der Gegenstand 
deiner Meditation sei rein und von keinem selbstischen Element 
durchgesetzt; dann wird dein Gemüt geläutert und wird der 
Wahrheit immer näher kommen, anstatt befleckt und hoffnungs- 
los in Irrwahn verstrickt zu werden. 

Die Meditation im geistigen Sinne, — in welchem ich hier 
dieses Wort gebrauche, — ist das Geheimnis jeglichen Wachs- 
tums im inneren Leben und in der geistigen Erkenntnis. Jeder 
Prophet, Weise und Heiland wurde, was er war, durch die 
Kraft der Meditation. 

Wenn du befreit werden willst von Sünde und Leid, — 
wenn du von jener fleckenlosen Reinheit kosten willst, nach 
der du dich sehnst und schmachtest, — wenn du Willens bist, 
Weisheit und Einsicht zu verwirklichen und den Besitz eines 
tiefen, dauernden Friedens anzutreten, — dann komm' jetzt und 

18* 



7t6 DER BUDbHISt. I. jahfg. 

beschreite den Pfad der Meditation, und der höchste Gegen- 
stand deiner Vertiefung sei die Wahrheit. 

Gleich von vornherein muss man die Meditation von eitler 
Schwärmerei unterscheiden. Da gibt es keine Träumereien 
und unnütze Hirngespinste. Es handelt sich hier vielmehr um 
den Prozess ernsten und unbestechlichen Denkens, welches 
nichts anderes zurückbleiben lässt, als die einfache, nackte 
Wahrheit. Und so wirst du nach und nach alle Irrtümer be- 
seitigen, weiche du während vergangener Zeiten um dich er- 
richtet hast, wirst geduldig der Enthüllung der Wahrheit ent- 
gegenharren, die sich einstellen wird, nachdem die Formen 
deines Irrtums hinlänglich zerstreut sind. 

Wähle dir einen bestimmten Teil des Tages aus, während 
dessen du meditieren willst und weihe diesen Zeitpunkt ganz 
deinem Unternehmen. Die beste Zeit ist die der frühesten 
Morgenstunden, wenn der Geist der Ruhe über alle Dinge 
ausgebreitet ist. Alle natürlichen Bedingungen sind dann 
deinem Beginnen günstig. Die Leidenschaften sind nach der 
längeren körperlichen Nachtruhe zum Schweigen gebracht; 
die Aufregungen und Wirren des letzten Tages sind verblasst, 
und das neugestärkte, beruhigte Gemüt ist befähigt, geistige 
Anweisungen entgegen zu nehmen. Freilich, — eine der ersten 
Anstrengungen, zu der du dich aufraffen musst, besteht darin, 
alle Schlaffheit und Selbstnachsicht abzuschütteln, und solange 
du dich dessen weigerst, wirst du unfähig bleiben, irgendwelche 
Fortschritte zu machen; denn die Forderungen des Geistes sind 
gebieterisch. 

Geistig erwacht sein bedeutet also inneres und äusseres 
Wach-sein. Der Träge und Bequeme kann keine Wahrheits- 
Erkenntnis haben. Wer, obwohl gesund und kräftig, die stillen, 
köstlichen Stunden des schweigenden Morgens in schläfriger 
Trägheit vergeudet, ist gänzlich unfähig, die geistigen Höhen 
zu erklimmen. 

Wessen erwachendes Bewusstsein frei geworden ist zur Ent- 
faltung seiner erhabenen Möglichkeiten, wer damit begonnen 
hat, die Finsternis des Nichtwissens, in welches die Welt ein- 
gehüllt ist, zu durchbrechen, der erhebt sich von seinem Lager, 
bevor die Sterne ihre Nachtwache vollendet haben, — der 



No. 9. DER BUDDHIST. .;^7 

ringt mit dem Dunkel in seiner Seele und strebt in heiliger 
Anstrengung danach, das Licht der Wahrheit zu empfinden 
— während die unerwachte Welt noch fortträumt. 
Die Höhen, welche Weise einst erklommen, 
Sie wurden nicht in einem Flug erreicht; 
Wenn alle Welt in Schlummers Armen ruhte, 
Des Nachts, dann rangen sie im inneren Kampf. 

Kein Weiser, kein Heiliger, kein Wahrheitskünder hat je 
gelebt, der sich nicht in aller Morgen-Frühe erhoben hätte. 
Der Buddha erhob sich immer eine Stunde vor Sonnenaufgang 
und verbrachte diese Zeit in Meditation, und alle seine Jünger 
waren ebenfalls dazu angewiesen. 

Wenn du dein Tagewerk beim ersten Morgengrauen 
beginnen musst und daher verhindert bist, den frühen Morgen 
einer stystematischen Meditation zu widmen, so versuche es, 
eine Stunde der Nacht zu opfern, und sollte dir auch dies 
wegen der Länge und Schwere deiner Arbeiten versagt sein, so 
brauchst du deshalb nicht zu verzweifeln; denn du kannst 
dann in den Pausen deiner Arbeit oder in den freien Minuten, 
die du jetzt zwecklos vergeudest, deine Gedanken in heiliger 
Meditation sammeln; und sollte deine tägliche Beschäftigung 
mehr automatisch-mechanischer Art sein, so kannst du während 
deiner Arbeit der Meditation obliegen. In jedem Leben, in 
jedem Beruf ist Zeit zum Nachdenken vorhanden, und auch der 
am meisten Beschäftigte, auch der hart Arbeitende ist durchaus 
nicht von innerer Anstrengung und Meditation ausgeschlossen. 

Geistige Meditation und Selbstzucht sind eng mit einander 
verbunden; du wirst demgemäss damit beginnen müssen, über 
dich selbst zu meditieren; denn denke daran: der grosse 
Gegenstand, den du im Auge hast, bedeutet die vollständige 
Entfernung aller deiner Irrtümer zu dem Zwecke, damit du die 
Wahrheit verwirklichen kannst. Du musst dazu schreiten, deine 
Motive, Gedanken und Handlungen zu prüfen und dieselben 
mit deinem Ideal zu vergleichen; du musst dich bemühen, auf 
sie mit einem ruhigen, von Vorurteilen nicht getrübten Auge 
zu sehen. Auf diese Weise wirst du beständig mehr und mehr 
jenes innere Gleichgewicht erhalten, ohne welches der Mensch 
ein hilfloses Wrack im wogenden Meere des Lebens ist. Bist 



278 DER BUDDHIST. . I. Jahrg. 

du z. B. zu Hass und Zorn geneigt, so meditiere über Sanft- 
mut und Verträglichkeit, damit in dir die Empfängiichi<eit für 
das Gefühl deines barschen, törichten Betragens geweckt wird. 
Du wirst dann deine Gedanken auf Güte, Freundlichkeit und 
Verzeihung richten, und wie du nun Schritt für Schritt das 
Niedere durch das Höhere überwindest, dringt still in dein 
Herz eine stetig wachsende Einsicht in das erhabene gute Ge- 
setz, sowie ein Verständnis für die Bedeutung, die dieses 
Gesetz für alle die Wirrsale im Leben und Wandel hat. Und 
indem du diese Erkenntnis auf deine eigenen Gedanken, Worte 
und Taten anwendest, wirst du immer freundlicher, immer 
liebevoller, immer vollkommener werden. Genau so nun hast du 
dich gegenüber dem Irrtum, jedem selbstsüchtigen Begehren, 
jeder menschlichen Schwäche zu verhalten. Durch die Kraft der 
Meditation wird dieses alles überwunden, und in dem Grade, 
wie jeder Irrtum und jede Sünde ausgerodet wird, scheint auch 
der Lichtstrahl der Wahrheit, der des Pilgers Seele erleuchtet, 
in immer hellerem, schönerem Glänze. 

Wenn du in dieser Weise meditierst, verteidigst du dich 
gegen deinen einzigen wirklichen Feind, d. h. gegen dein 
eigennütziges, vergängliches Selbst und wirst stetig fester in 
der ewigen, unvergänglichen Wahrheit, welche mit Nirväna 
identisch ist. Die direkte Frucht deiner Meditation wird dann 
eine ruhige geistige Kraft sein, dein Ruhepunkt und Halt im 
Kampfe des Lebens. Gross ist die Macht des heiligen Denkens, 
und die Kraft und Einsicht, welche du in den Stunden stiller 
Meditation erwirbst, wird deine Seele in Zeiten des Kampfes, 
des Leidens und der Versuchung mit der heilsamen Fähigkeit 
des rechten »Gedenkens« bereichern. 

Indem du durch die Kraft der Meditation in der Weisheit 
stark wirst, wirst du allmählich von deinen selbstsüchtigen 
Neigungen frei werden, den wankelmütigen, unbeständigen 
Erzeugern von Leid und Schmerz; du wirst mit zunehmender 
Festigkeit und wachsendem Vertrauen deinen Standpunkt auf 
unvergängliche Prinzipien gründen und wirst eine wahrhaft 
himmlische Ruhe realisieren. 

Die Pflege der Meditation bedeutet die Erlangung einer Er- 
kenntnis ewiger Prinzipien, und die Kraft, welche aus der Meditation 



No. 9. DER BUDDHIST. 279 

entspringt, ist die Fähigkeit, diesen Prinzipien zu vertrauen und 
sich fest auf sie zu stützen. Lass deine Meditationen in der 
ethischen Grundlage wurzeln, zu der du nunmehr gelangt bist. 
Denke daran, dass du durch ernstes Ausharren in der 
Wahrheit wachsen sollst. 

Der Buddha spricht: „Wer sich selbst der Eitelkeit hingibt 
und sich nicht der Meditation weiht, indem er das wirkliche 
Ziel des Lebens vergisst und an der Lust haftet, der wird 
einst den beneiden, welcher sich in der Meditation geübt hat." 
In den folgenden fünf grossen Meditationen hat der Mei- 
ster seine Jünger unterwiesen: 

Die erste Meditation ist die Meditation der Men- 
schenliebe, in welcher du dein Gemüt so stimmen musst, 
dass du für alle Wesen Wohlfahrt und Heil, und für die dir 
feindlich-gesinnten Menschen Glück ersehnst. 

Die zweite Meditation ist die des Mitleids, in wel- 
cher du dir in deiner Seele lebhaft ihre Schmerzen und Ängste 
vorführst, bis in deinem Gemüte ein tiefes Erbarmen mit jenen 
entsteht. 

Die dritte Meditation ist die Meditation der Freude, 
in welcher du an das Glück der anderen Wesen denkst und 
an ihrer Freude teilnimmst. 

Die vierte Meditation ist die Meditation über die 
Unreinheit. Hier betrachtest du die üblen Folgen der Ver- 
derbnis, die Wirkungen der Sünde und die Gebrechen, denen 
die Wesen unterworfen sind. Wie unbedeutend, wie 
niedrig ist oft die Lust eines Augenblickes, und wie verhäng- 
nisvoll seine Folgen! 

Die fünfte Meditation ist die Meditation über den 
Seelenfrieden. In derselben erhebst du dich über Liebe 
und Hass, über Tyrannei und Bedrückung, über Reichtum und 
Mangel, über Glück und Unglück, und betrachtest dein eigenes 
Geschick ganz objektiv mit unparteiischem Gleichmut und 
vollkommener Gemütsruhe, bis tiefster Friede dein Inneres 
erfüllt. 

Durch die Ausübung dieser Meditationen gelangten die 
Jünger des Buddha zu der Erkenntnis der Wahrheit. Wer 
immer diese grossartigen Meditationen pflegt, dessen Gemüt 



MÖ DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

wird wachsen und zunehmen an tiefer Güte und lauterem 
Wohlwollen, bis das Herz von aller Gehässigkeit, Leidenschaft 
und Aburteilung befreit ist und die ganze Welt mit liebevoller 
Gesinnung durchstrahlt. Wie die Blüte ihren Kelch öffnet, um 
das Morgenlicht zu empfangen, so öffne deine Seele mehr und 
mehr dem Lichte der Wahrheit. Schwinge dich empor auf 
den Fittichen ernster Anstrengung, sei furchtlos und glaube 
an die erhabensten Möglichkeiten. Glaube, dass ein Leben 
vollkommener Milde möglich ist; glaube, dass ein Leben voll- 
endeter Heiligkeit möglich ist; glaube, dass die Verwirklichung 
der höchsten Wahrheit möglich ist. Wer so glaubt, klimmt 
schnell empor zu den himmlischen Höhen, während die Ver- 
blendeten fortfahren, unsicher und schmerzlich in dem nebel- 
bedeckten Abgrunde herumzutappen. 

Wenn du so glaubst, so kämpfst, so meditierst, werden 
deine geistigen Erfahrungen wunderbar und erhaben sein, 
und glorreich die Enthüllungen, welche deinem geistigen Auge 
sich erschliessen werden. In dem Mafse, wie du die göttliche 
Liebe, die göttliche Gerechtigkeit, die göttliche Reinheit, das 
vollkommene gute Gesetz verwirklichst, wird deine Selig- 
keit gross, und tief dein Friede sein. Das Alte ist vergangen, 
alle Dinge werden neu: der Schleier der materiellen Welt, 
so dicht und undurchdringlich für das Auge des Irrtums, 
so dünn und durchscheinend dem Wahrheits-Auge, — dieser 
Schleier wird sich lüften und die geistige Welt sich enthüllen; 
das Zeitliche wird versinken, und du wirst nur im Ewigen 
leben; Vergänglichkeit und Tod werden dir keine Angst und 
Qual mehr verursachen; denn festgegründet wirst du im Un- 
vergänglichen stehen und wirst ruhen am grossen Herzen der 
Unsterblichkeit. — 

Die 

Transmigration oder Wiederg-eburt. 

Von Bhikkhu Ananda Maitriya. 

(2. Fortsetzung.) 

In den lebhaften Strahlen eines entfernten Gestirnes flammt 
eine Anzahl von verschiedenen Stoffen auf; ein jedes winzige 



No. 9. DER BUDDHIST. 281 

Molekül derselben zittert und schwingt auf seine ihm eigen- 
tümliche Weise; ein jedes setzt durch seine Vibrationen den 
es umgebenden Äther in Bewegung und sendet eine Reihe von 
Schwingungen aus, — die Totalsumme seines Tuns, die Wir- 
kung seiner Arbeit auf das Weltall. Kann Zeit oder Raum 
die Individualität einer solchen Welle auslöschen oder eine 
flammende Linie aus dem Spektrum eines Elementes nehmen? 
Nein, nicht einmal dann, wenn der Stern bereits er- 
loschen ist! Kaum gestern erst erblickten wir das Licht der 
Nova Persei in einem neuen, strahlenden Glanz am Himmel, 
wie eine gewaltige Feuersbrunst von neuem auflodernd; wir 
lesen ihre Botschaft aus den Abgründen des Raumes und 
sind in der Lage, die verschiedenen Elemente ihres Spektrums 
identifizieren zu können; und doch fand dieser gewaltige 
Ausbruch vor etwa dreihundert Jahren statt, und 
wahrscheinlich ist Nova Persei heute erloschen und 
kalt. Und wenn wir imstande wären, mit einer noch grösseren 
Geschwindigkeit als der des Lichtes von jenem erkalteten Ge- 
stirn uns zu entfernen, so würden wir jene seltsame Eruption 
immer wieder beobachten können, und immer wieder, — dann 
würden wir wohl das Geheimnis dieses Aufleuchtens verstehen 
lernen, würden die durch Raum und Zeit nicht zerstörbare 
Identität eines jeden einzelnen Elementes begreifen, welches 
an dieser kosmsichen Katastrophe Teil nahm. Selbst wenn der 
Mechanismus, welcher alle diese komplizierten Schwingungen 
des Äthers veranlasste, schon vor zehn Millionen Jahren auf- 
gehört hätte zu wirken, so würden wir, falls unsere Schnellig- 
keit gross genug, unsere Instrumente fein genug, unsere Beob- 
achtung scharf genug wäre, immer und immer wieder jene 
Botschaft lesen, die tief in die Abgründe des Raumes fliegt, 
und würden erkennen, dass Wasserstoff auf jenem Stern auf- 
loderte, obwohl derselbe jetzt — im Augenblicke unserer 
Beobachtung, seit ungezählten Jahrhunderten tot ist. Und 
wenn so die Geschichte der »Nova Persei« zu uns sprach 
und noch immer irgendwo im Räume zu uns spricht und 
immer noch zu uns sprechen wird, solange die Zeit andauert 
und der Ozean des Äthers sich ausdehnt; — wenn so Jahr- 
hunderte, Jahrmillionen nach dem Aufhören jenes Aufleuchtens 



282 DER BUDDHIST. i. jahrg. 

das Wirken eines jeden daran beteiligten Elementes noch fort- 
dauert und seine individuelle Eigentümlichkeit noch behauptet, 

— wie kann es uns dann seltsam oder befremdlich erscheinen, 
dass das bei weitem verwickeitere Wirken des menschlichen 
Lebens in analoger Weise fortbesteht und noch fähig ist, wenn 
der notwendige Mechanismus gegeben ist, auf der Erde oder 
anderswo den Charakter und die Natur dessen, was einst ein 
Mensch war, wiederhervorzubringen?! 

Was meinen wir denn eigentlich, wenn wir von einem 
einzelnen Menschen sprechen? Sicherlich nicht nur die Ma- 
terialien seines Körpers, welcher sich in jeder Minute des 
Lebens verändert; ebensowenig — nach buddhistischer Ansicht 

— ein getrenntes Ego-Seelen-Wesen im Menschen. Es ist 
vielmehr die Gesamtsumme seiner Vorstellungen, seine geistigen 
und anderen Fähigkeiten, — kurz, es ist der Charakter, den 
wir meinen, wenn wir von Johannes Schmidt sprechen. Und 
für uns bewusste und reflektierende Wesen besteht dieser 
Charakter zum weitaus grössten Teile aus gewissen Energieen, 
und wenn wir diese Energieen weiter analysieren, kommen wir 
zu dem Schluss, dass dieselben auf das sie umgebende Uni- 
versum auf eine ihnen ganz eigentümliche Weise einwirken, 
gerade so, wie auch ein Wasserstoff-Molekül das umgebende 
Universum affiziert, — d. h. wir gelangen nach scharfem 
Durchdenken zu der Anschauung, dass das, was wir Johannes 
Schmidt nennen, im letzten Grunde eine eigentümliche, ausser- 
ordentlich komplizierte Vibration des Äthers ist. Ich will noch 
ungeschminkter sprechen: Der menschliche Körper ist eine 
Maschine, und die Gesamtsumme seiner Energieen kann wie 
die irgend einer anderen Maschine abgeschätzt werden nach 
der Feuerung (in Form von Nahrung), welche nötig ist, um 
den Menschen in gesundem Zustande zu erhalten. Wenn wir dies 
nach Wärme-Einheiten berechnen, so finden wir, dass die Gesamt- 
summe der Energie des menschlichen Körpers ungefähr eine halbe 
Pferdekraft beträgt. Wie wird diese Energie im Körper ver- 
wendet? Zumeist für die Verrichtung der vitalen Funktionen 
sowie der Arbeiten, die der betreffende Mensch ausübt. Aber 
es gibt noch ein Organ, das wichtigste von allen, nämlich 
das Gehirn, dessen Arbeitsleistung wir nicht direkt ab- 



No.9. DER BUDDHIST. 283 

schätzen können, und dennoch verbraucht gerade dieses Organ 
einen erheblichen Teil der gesamten menschlichen Energie. 
Wir können den Gehalt an deoxydiertem Blut, welches von 
irgend einem Organe kommt, als ungefähres Mats für die 
Arbeit annehmen, welche dieses Organ leistet. Von dem ge- 
samten Blut-Vorrat des Körpers wird ein ganzes Fünftel in 
dem Hirn verbraucht, und da das zurückströmende Blut etwas 
mehr deoxydiert ist, als gewöhnlich, so kann als sicher gelten, 
dass das Gehirn für seine Arbeitsleistung ungefähr den zehnten 
Teil einer Pferdekraft verbraucht hat. Wenn wir die Hälfte 
davon für die Kontroll-Zentra der niederen Funktionen ab- 
rechnen (was sehr hoch gerechnet ist), so bleibt immer noch 
der zwanzigste Teil einer Pferdekraft übrig, welche verbraucht 
wird für das, was wir als Gedanken, Wahrnehmungen und 
Bewusstseins-Inhalte, kurz als den Charakter eines Menschen 
bezeichnen. 

Nun ist der zwanzigste Teil einer Pferdekraft immer noch 
ein grosser Gehalt von Energie. Unter Zugrundelegung physi- 
kalischer Gesetze müssen wir erkennen, dass ein Teil, ja der 
grösste Teil dieser ganzen verbrauchten Energie seinen Aus- 
druck in den Wahrnehmungen und Vorstellungen des Menschen 
findet, in dem, was wir ganz allgemein »Denken« nennen, 
von dem Bewusstwerden einer einfachen Sinnesempfindung an 
bis zu dem verwickeltsten Akte eines Vernunft-Schlusses. Was 
auch immer der Gedanke sein mag, eins ist sicher, dass er 
nämlich entweder das Resultat, oder aber die Begleit- 
erscheinung von molekularen Veränderungen ist, 
welche sich in der Struktur des Gehirns abspielen. 
Das würde aus der Deoxydation des Blutes folgen, welches 
von diesem Organe kommt, sowie von der Tatsache, dass, 
wenn ein Mensch intensiv geistig tätig ist, seine Blutzufuhr im 
Hirn sich erheblich steigert. Aber alle molekularen Verände- 
rungen, welche uns bis heute bekannt geworden sind, verur- 
sachen im Äther ganz bestimmte Eigentümlichkeiten, welche 
sich darin äussern, dass sie in diesem Medium gewisse Arten 
von Schwingungen hervorrufen. So können wir sagen, dass 
das Denken in bestimmten charakteristischen Schwingungen 
des Äthers besteht, oder von denselben begleitet ist; diese 



184 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

Schwingungen aber sind bei weitem komplizierter, als beispiels- 
weise jene Vibrationen, welche stark erhitztes Eisen um sich 
verbreitet. Von diesem Standpunkte aus kann behauptet 
werden, dass ein Mensch während seines Lebens, solange er 
denkt und wahrnimmt, beständig eine Reihe von ihm spezifisch 
eigentümlichen Vibrationen aussendet; in ihrer Gesamtheit 
charakterisieren diese den Menschen, wie etwa das Spektrum 
des Eisens gerade für dieses Metall charakteristisch ist. Und 
gesetzt den Fall, wir hätten ein alles durchdringendes Auge 
sowie ein Spektroskop, welches imstande wäre, jene mensch- 
lichen Schwingungen wahrzunehmen und zu analysieren, — 
dann würden wir auch imstande sein, unsern Freund Johannes 
Schmidt zu identifizieren, solange dieser lebt und auf den 
Äther in seiner spezifischen Art einwirkt. Es können noch 
manche Jahre vergehen, bis die Substanz entdeckt wird, welche 
auf diese Gedanken- Ausstrahlungen reagiert, wie z. B. das 
Selen auf bestimmte Wellen des gewöhnlichen Lichtes; dann 
wird gleich vielen anderen scheinbar weithergeholten Theorien 
der Traum der Gedanken-Übertragung als eine wirkliche Tat- 
sache vor uns stehen. 

So ist also Johannes Schmidt in einem Sinne unsterblich, 
ja, ein jeder der von ihm gedachten Gedanken ist unsterblich 
und wird noch irgendwo in den Tiefen der Unendlichkeit 
verharren, selbst wenn die körperliche Form schon längst in Staub 
zerfallen ist. Aber dieser Teil seiner Energie ist es 
nicht, welcher im Augenblick seines Ablebens die 
Bildung eines neuen Wesens hervorruft, — das ist 
eine andere Sache, und indem ich das begonnene Gleich- 
nis noch weiter fortführe, will ich zu zeigen versuchen, wie 
diese Neuformation zustande kommt. Dabei darf man na- 
türlich nicht vergessen, dass es sich hier nur um ein 
Gleichnis handelt, oder besser um einen Weg, durch 
den ich diese Dinge erläutere; denn ich spreche hier 
vom Universum, als einem Konglomerat von Substanz, 
mögen wir die letztere nun Substanz oder Äther 
nennen, — während nach der wirklichen Ansicht des 
Buddhisten dasjenige, was wir als Materie bezeichnen, 
nur ein geistiger Zustand innerer Vorstellung ist, und 



No. 9. DER BUDDHIST. 285 

dass es ausser demselben überhaupt keine Form, 
Materie oder Substanz gibt. (Fortsetzung folgt.) 

Warum ich Buddhist wurde. 

Von A. E. Buultjens. 

(2. Fortsetzung.) 

Ich komme nun zu jenem Zeitpunkt, da ich nach Ceylon 
zurückkehrte. Seit zwei Jahren hatte ich keinen Gottesdienst 
besucht. Den Universitäts-Predigten wohnte ich ab und zu bei, 
wenn Prediger von Ruf nach Cambridge kamen, deren Vor- 
tragsweise glänzend und fesselnd war, und deren durch keine 
rituellen Zeremonien unterbrochene Aufführungen von Leuten 
aller Schattierungen gehört wurden. Ausserdem hatte ich mir 
noch die Notre-Dame-Kathedrale und einige durch ihre archi- 
tektonische Schönheit ausgezeichnete Kirchen in Holland ange- 
sehen; sonst war ich, wie gesagt, volle zwei Jahre lang in 
keine Kirche gekommen. Als daher nach meiner Rückkehr in 
meine Heimat Matara auf Ceylon die ersten Sonntage vorüber- 
gingen, ohne dass ich meine Geschwister bei ihrem Kirch- 
gange begleitete, fragte mich meine Mutter nach dem Grunde 
meines gottlosen Benehmens und wie es käme, dass ich dem 
Gotteshause fern bliebe. Ich erwiderte ihr, dass die ganze 
Welt Gottes Haus sei und nicht ein einzelnes Gebäude mit vier 
Wänden und einem Dach. Meine Mutter meinte, ich sei ein 
seltsamer Sonderling und hielt es unter der Annahme, dass in 
meinem Oberstübchen etwas nicht in Ordnung sei, für das 
Beste, einen heilkundigen Arzt zu konsuhieren, — natürlich 
keinen Doktor der Medizin, sondern der Gottesgelahrtheit. So 
kam denn eines Morgens Rev. F. D. Edirisinhe und wünschte 
mich zu sprechen. Nach der einleitenden Begrüssung entspann 
sich folgendes Zwiegespräch: 

„Wie kommt es, dass ich Sie seit Ihrer Rückkehr noch 
nicht in der Kirche gesehen habe?" 

,Darf ich mir eine Gegenfrage erlauben: Ist das Kirchen- 
gehen wesentlich notwendig zur Erlösung?' 



286 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

„Freilich! Sie nehmen dadurch Teil an den Gottesdiensten, 
an den Gebeten und hören die Predigt." 

,Ich ziehe es vor, in Steinen, überhaupt in allen Dingen 
Predigten zu lesen.' 

„Aber Ihr Vater und alle Ihre Verwandten haben bisher 
die Kirche besucht." 

,Allerdings; so habe auch ich zweimal täglich sechs 
Jahre lang die Thomas-College-Kirche besucht. Das ergibt, die 
Sonn- und Feiertage abgerechnet, eine Gesamtsumme von 
3600 Kirchgängen. Ausserdem bin ich zweimal wöchentlich 
während eines Jahres in Cambridge in der Kirche gewesen, 
also ca. 200 mal. Gesamtsumme: 3800 Gottesdienst-Besuche. 
Wenn also das Kirchengehen zum Heil wirklich notwendig ist, 
so glaube ich meinen Teil getan zu haben, um mich für den 
Himmel zu qualifizieren und bitte mich für den Rest meines 
Lebens entschuldigen zu wollen.' 

„Aber Sie sind ganz sicherlich kein Christ mehr?!" 

,Nun denn, — wenn Sie direkt meine Ansicht hören wollen, 
— ich bin kein Christ. Muten Sie mir vielleicht zu, dass ich 
an die Arche Noah, an Jonas in dem Bauch des Walfisches 
und an andere derartige Fabeln glauben soll?' 

In diesem Augenblick entfernte sich meine Mutter, welche 
anwesend war, voller Unwillen, und Hess Se. Hochwürden 
und mich bei unserer netten Unterredung allein. Leider war 
Rev. Edirisinhe nicht dazu zu bewegen, unsere Disputation 
öffentlich zu führen, und so hatte unser Zwiegespräch bald 
sein Ende erreicht. 

Bald darauf verbreitete sich das Gerücht, dass . ein Un- 
gläubiger in der Gesellschaft von Matara sein Unwesen treibe, 
und ich wurde von Verschiedenen ein Wahnsinniger genannt. 
Dann kamen eines Tags einige meiner buddhistischen Freunde 
zu mir und fragten mich, ob ich einmal mich mit einem bud- 
dhistischen Bhikkhu über Buddhismus zu unterreden geneigt sei. 
Ich willigte ein, und die Folge war, dass ich in Gegenwart 
des Herren Mohandiram De Saram Siriwardene und anderer 
ein langes Gespräch mit dem Bhikkhu Bedigama Unnanse in 
Hittetiya Pansala führte. Ich lernte von dem letzteren, dass der 
Buddhismus in den Punkten »Schöpfer« und »Schöpfung« 



No. 9. DER BUDDHIST. 287 

mit den agnostischen Anschauungen, die ich bisher vertrat, 
übereinstimmt, und dass er von seinen Anhängern nicht 
den Glauben an einen persönlichen Gott verlangt. Ich 
erfuhr ferner, dass in der Religion des Buddha die christliche 
Lehre von der Seele ersetzt sei durch die Theorie der fünf 
Khandas, und dass ich im Buddhismus nicht länger an die 
durch einen allmächtigen Gott vollzogene Schöpfung neuge- 
borener Kinder glauben müsse, von denen viele die ewige Ver- 
dammnis in der von demselben Gott geschaffenen Hölle zu 
leiden gezwungen sind. Der Bhikkhu erklärte mir die Lehre 
vom Karman, welche im Gegensatz zu dem christlichen Glau- 
ben an die Vergebung der Sünden die Ungleichheiten im Leben 
befriedigend erklärt. Die Karman-Doktrin weist den Glauben 
an die Wirksamkeit der Gebete ab, sie lehrt, dass der Mensch 
die Folgen seiner eigenen Handlungen erntet und seine Erlö- 
sung selbst wirken muss. Diese Lehre sagt mir — was das Chris- 
tentum mir nicht genügend zu erklären vermag, warum die Irren- 
häuser mit geistig Umnachteten, warum die Siechenhäuser und 
Hospitäler mit Kranken angefüllt sind. Karman erläutert mir 
in vernünftiger Weise, dass jede Ursache ihre Wirkung zeitigen 
muss, und dass dieses grosse Gesetz auch in der moralischen 
Welt waltet. 

Ich hatte in der Folgezeit mit dem genannten Mönch ver- 
schiedene Unterredungen, und je mehr ich den Buddhismus 
kennen lernte, um so mehr wurde ich von seiner Wahrheit 
überzeugt. Warum sollen wir für Adams Sünde büssen? 
Karman lehrt, dass wir für unsere eigenen Vergehen leiden. 
Warum sollen wir auch durch Christi Genugtuung Vergebung 
erlangen? Wir selbst müssen Schritt für Schritt und Leben 
für Leben uns bemühen, das Ziel zu erreichen. Warum sollen 
wir an einen Seelen-Verfertiger da droben glauben? Wir sind 
das, wozu wir uns selbst gemacht haben. Wie kann ein er- 
barmungsvoller und gerechter Gott, welcher lehrte: „Liebet 
eure Feinde" — eine Hölle und einen Teufel geschaffen haben? 
Wir machen uns selbst zu Göttern oder zu Teufeln und 
schaffen uns selbst eine Hölle auf Erden. Der Buddhismus 
stimmt auch darin mit der Wissenschaft überein, dass er Kraft 
und Materie für ewig erklärt, dass er Gesetz und Ordnung 



288 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

ohne einen Gott erklärt und Umgestaltungen ohne eine Schöp- 
fung. Insbesondere wurde ich stark angezogen von den ein- 
fachen, dabei aber so tiefen Wahrheiten des Anicca, Dukkha, 
Anattä — d. h. der Vergänglichkeit, des Leidens und Nicht- 
Selbstes. 

Das Christentum ist eine Glaubensreligion; Agnostizismus 
ist nur eine Negation. Der Buddhismus geht infolge seiner 
Bejahung der Karman-, Wiedergeburts- und Nirväna-Idee fiber 
den Agnostizismus hinaus. Das Christentum hat in der Zeit 
seines Bestehens die Lehren Christi durch Kriege und Kreuz- 
züge, durch Folter und Inquisition, durch Verfolgungen, Scheiter- 
haufen und Grausamkeiten der verschiedensten Art geschändet. 
Der Agnostizismus war noch nicht organisiert und tat nichts, 
um sein philanthropisches Programm bekannt zu machen. 
Erst ganz vor kurzem haben seine Anhänger sich propagan- 
distisch betätigt im Dienste der Humanität. Wenn man den 
Buddhismus in seiner ganzen Erscheinung betrachtet, muss 
man sagen, dass er nie zu Verfolgungen angeleitet oder auf- 
gereizt hat, und wenn wir ihn im Lichte der vergangenen 
Jahrhunderte bis zur Jetztzeit verfolgen, so müssen wir zugeben, 
dass Beweisgrund und Apell an die Vernlinft seine einzigen 
Waffen gewesen sind. Überdies ist das Christentum Fetischis- 
mus und unphilosophisch, und der Agnostizismus ist wohl 
negativ tätig, das Christentum zu beseitigen, allein er ist nicht 
wesentlich positiv aufbauend. Der Buddhismus dagegen ist 
analytisch und philosophisch, — dabei humanitär und praktisch. 
Das Christentum lehrt nur eine Form von Sittlichkeit, ohne 
das Reich innerer Erkenntnis zu berühren, während der Bud- 
dhismus einerseits Ethik, andererseits namentlich in seinen 
höheren Aspekten eine dem ringenden Gemüte sich erschlies- 
sende tief geistige Philosophie darstellt. Ich begann zu fühlen, 
dass der Agnostizismus — als eine blosse Negation — nicht 
nur auf dem Gebiete der Moral als Lebensführer versagt, 
sondern auch auf dem Gebiete der Weltanschauung, da er das 
Problem des »woher?« und »wohin?« unseres Kommens und 
Gehens unbeantwortet lässt. (Schluss folgt.) 

Verantwortlicher Redakteur: Karl B. SeidenstOcker, Leipzig. Verlag: Buddhistischer Verlag 
in Leipzig. — Druck von Arno Bachmann, Baalsdorf-Leipzig. 




Alle Sünden meiden, die Tugend üben, das eigene Herz läutein: 
das ist die Religion der Buddhas. Dharamapada, V. 183. 



Amitäbha. 



E 



Wir lesen im »Evangelium Buddhas«: 

»Ein Jünger kam zu dem Erhabenen mit bebendem Her- 
zen, und sein Gemüt war voller Zweifel. Er fragte den Er- 
habenen: „Herr und Meister, warum geben wir die Freuden 
der V/elt auf, wenn Du uns verbietest, Wunder zu tun und 
übernatürliche Kräfte zu erlangen? Ist nicht Amitäbha das 
unendliche Licht der Offenbarung und der Quell unzähliger 
Wunder?" 

Und der Erhabene erkannte die bange Sehnsucht eines 
wahrheitsuchenden Gemütes und sprach: „Du bist, Schüler, 
ein Neuling unter den Neulingen, und du schwimmst noch 
auf der Oberfläche des Samsära. Wie lange brauchst du, um 
die Wahrheit zu erfassen? Du hast die Worte des Tathägata 
nicht verstanden. Das Gesetz des Karman ist unverbrüchlich, 
und Beschwörungen sind nutzlos; denn es sind leere Worte." 

Der Jünger sprach: „Du sagst also, dass es keine Wun- 
der gibt?" 

Der Erhabene antwortete: „Ist es nicht ein Wunder, ge- 
heimnisvoll und unbegreiflich dem Weltmenschen, dass ein 
Sünder ein Heiliger werden kann, dass derjenige, welcher 
wahre Erleuchtung erlangt, den Pfad der Wahrheit findet und 
die bösen Pfade der Selbstsucht verlässt? Der Bhikkhu, wel- 
cher den vergänglichen Freuden der Welt entsagt für den 
ewigen Segen der Heiligkeit, vollbringt das einzige Wunder, 
welches wirklich ein Wunder genannt werden kann. Ein hei- 
liger Mensch verwandelt den Fluch des Karman in Segen. 
Das Verlangen, Wunder zu tun, entspringt entweder der Hab- 
sucht oder der Eitelkeit. Ein Bhikkhu, der da denkt: ,Die 
Leute sollen mich grüssen', ist nicht frei; wenn er aber, ob- 
wohl von der Welt verachtet, doch kein Übelwollen gegen die 

10 



290 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Welt hegt, so ist sein Gemüt in der rechten Verfassung. Der 
Bhii<khu, welchem Ahnungen, Sterndeuterei, Träume und Vor- 
zeichen bedeutungslos sind, wandelt auf dem rechten Wege; 
er ist frei von ihren Übeln. Amitäbha, das unermess- 
liche Licht, ist die Quelle der Buddhaschaft. Das 
Unterfangen von Beschwörern und Wundertätern ist Betrug; 
was aber ist erstaunlicher, geheimnisvoller und wunderbarer 
als Amitäbha?" 

„Aber, Meister," unterbrach der Sävaka den Erhabenen, 
„ist die Verheissung des Landes der Glückseligkeit eitles 
Geschwätz und Fabel?" 

„Was ist diese Verheissung?" fragte der Buddha, und 
der Jünger antwortete: 

„Im Westen liegt ein paradiesisches Gefilde, genannt »das 
reine Land«, prächtig geschmückt mit Gold und Silber und 
Edelgestein. Dort rinnen reine Gewässer über goldenen Sand, 
bedeckt von Lotusblumen und schattigen Wegen. Anmutige 
Musik ertönt da, und dreimal des Tages regnen Blumen her- 
nieder. Singvögel verkünden in harmonischen Weisen die Herr- 
lichkeit der Religion und erwecken in den Gemütern derer, 
welche den süssen Gesängen lauschen, Erinnerungen an den 
Buddha, den Dhamma und die Bruderschaft. Keine böse Ge- 
burt ist dort möglich, und die Hölle ist selbst dem Namen 
nach unbekannt. Wer inbrünstig und mit frommem Sinn den 
Buddha Amitäbha anruft imd immer wieder seinen Namen 
nennt, wird nach diesem Leben in das glückselige, reine Land 
versetzt, und wenn der Tod ihm naht, steht Buddha mit einer 
Schar von Heiligen vor ihm, und vollkommene Ruhe wird über 
ihn kommen." 

Der Buddha sprach: „Wahrlich, Schüler, es gibt ein sol- 
ches glückseliges Paradies. Aber das Land ist ein geistiges 
Land und ist nur für die geistig Gesinnten erreichbar. Du 
sagst, es liegt im Westen. Das heisst, du musst es da suchen, 
wo der wohnt, welcher die Welt erleuchtet. Die Sonne ver- 
sinkt und lässt uns in tiefer Dunkelheit zurück; die Schatten 
der Nacht überfallen uns, und Mära, der Böse, legt unsern 
Leib in das Grab. Nichtsdestoweniger aber ist der Sonnen- 
untergang kein Verlöschen der Sonne, und dort, wo wir 
das Verlöschen wahrzunehmen glauben, ist unbegrenztes Licht 
und unerschöpfliches Leben. 

„Deine Beschreibung ist schön; sie ist jedoch unzuläng- 
lich und lässt der Herrlichkeit des reinen Landes wenig Ge- 
rechtigkeit widerfahren. Die Weltlichen vermögen von ihm nur 
in weltlicher Weise zu reden, sie gebrauchen weltliche Bilder und 
wählen weltliche Worte. Aber das reine Land, in dem die Rei- 
nen wohnen, igt schöner, als du zu sagen oder zu denken vermagst. 



No. 10. DER BUDDHIST. 291 

„Die Anrufung des Namens Amitäbha Buddha ist nur 
dann verdienstlich, wenn du denselben mit so andächtiger 
Gesinnung aussprichst, dass dein Herz dadurch gereinigt und 
dein Wille zu Werken der Rechtschaffenheit bestimmt wird. 
Nur der kann das reine Land erreichen, dessen Seele erftillt 
ist von dem unermesslichen Lichte der Wahrheit. Nur 
der vermag in der geistigen Atmospiiäre des westlichen Para- 
dieses zu atmen, der die Erleuchtung erlangt hat. 

„Wahrlich, ich sage dir: Der Tathägata lebt schon jetzt 
in diesem reinen Lande ewiger Glückseligkeit, während er 
noch im Körper weilt; und der Tathägata verkündet dir und 
der ganzen Welt das Gesetz der Religion, so dass alle den- 
selben Frieden und dieselbe Glückseligkeit erlangen mögen."« — 

in dieser anmutigen kleinen Erzählung wird ein Glaube 
berührt, der, obwohl dem genuinen Buddhismus und der süd- 
lichen Hinayäna-Schule fremd, im Mahäyäna oder nördHchen 
Buddhismus eine grosse Rolle spielt. Amitäbha Buddha 
wird zum ersten Male erwähnt im »Amitäyurdhyäna-Sötra« 
etwa um das Jahr 150 n. Chr. Namentlich für einen grossen 
Zweig des japanischen Buddhismus, den »Jödö-mon«, hat der 
Amitäbha-Begriff eine hohe Bedeutung. Dieser Zweig gliedert 
sich wieder in vier »Schulen«, von denen die »J6d6-shu« 
und die »Shin-shu« (auch »Jödo-shin-shu« genannt) die 
weitaus wichtigsten und verbreitetsten sind. 

Beiden Schulen gemeinsam ist die Idee, dass durch Ami- 
täbhas unbegrenztes Erbarmen die Erlösung des Menschen 
erwirkt wird. Vorbedingung für die Erlösung ist aber die 
strikte Beobachtung und Erfüllung aller sozialen 
Pflichten und Tugenden, sowie das unbedingte Ver- 
trauen auf Amitäbha. Die Jodo-shu lehrt nun, dass das in- 
brünstige und andächtige Anrufen des heiligen Namens Ami- 
täbha besonders verdienstvoll sei, ja, hie und da begegnen wir 
sogar der katholisch-sinnlichen Vorstellung, dass das Aus- 
sprechen der Formel »Namu Amida Butsu« (Verehrung dem 
unermesslichen Lichte, dem Buddha), selbst wenn es nicht 
in andächtiger Gesinnung geschieht, magisch „ex opere ope- 
rato" heilsam wirke. Die Shin-shu hat eine ungleich ver- 
geistigtere Auffassung. Hier ist es der hingebende, ver- 
trauende Glaube an die Barmherzigkeit Amitäbhas, der zur 
Erlösun-g führt. Gute Werke sind unerlässlich, aber sie sind 
an sich nicht verdienstvoll, sondern nur die praktischen Früchte 
dieses Glaubens; das andächtige Aussprechen der oben ge- 
nannten Formel wird nicht verworfen, aber auch sie ist an 
sich nicht verdienstvoll, sondern nur die Äusserung der glau- 
bensvollen Gesinnung. 

19» 



292 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Die Auffassung vom »reinen Lande«, wo Amitäbha 
wohnt, ist bei der »Shin-shu« ebenfalls geistiger als bei der 
»Jödö-shu«. Nach der Auffassung der letzteren ist das »reine 
Land« nicht Nirväna, sondern eine Art Himmel, ein glücklicher 
Zustand, die Vorstufe von Nirväna. Dagegen ist in der »Shin- 
shu« das reine Land Nirväna. 

Auf den ersten Blick gewinnt es den Anschein, als ob die 
Jödö- und Shin-shu sich mit der Lehre des Buddha im 
Widerspruch befinden: Hier Erlösung durch Selbst-Arbeit und 
strenge Selbstanstrengung, — dort Erlösung durch den Glau- 
ben an ein anderes Wesen. Aber dieser Glaube ist ja nur 
dann der rechte, wenn er von der unentwägten Ausübung der 
Tugend (also von ernster Selbstanstrengung) als der notwen- 
digen Frucht, begleitet ist. Ist denn aber Amitäbha wirklich 
ein fremdes Wesen, eine Persönlichkeit, ein rettender Heiland, 
der, in einem Himmel thronend, dem um Erlösung Bittenden 
hilfreich seine Hand bietet?! Lässt sich dieser Amitäbhaglaube 
wirklich nicht mit der Lehre des Buddha in Einklang bringen, wie 
es auf den ersten Blick den Anschein hat? Fragen wir also: 

Was ist Amitäbha? Nach der Ansicht einiger Forscher 
eine rein fiktive Gestalt, das leere Gebilde einer hohlen Scho- 
lastik; andere wiederum vermuten (wie mir aber scheint, sehr 
mit Unrecht) christlichen Einfluss. Jedenfalls ist soviel klar, 
dass Amitäbha, obwohl in der populären Anschauung per- 
sönlich vorgestellt, keineswegs mit dem Buddha Gotama 
identisch ist; letzterer ist nur eine zeitlich-sichtbare Manifesta- 
tion Amitäbhas. Buddha Amitäbha ist nach dieser populären 
Auffassung allerdings ein Wesen, welches nach einer Reihe 
heiliger Existenzen Nirväna erreichte und das Gelübde ablegte: 
„Nicht würde ich die volle Einsicht erlangt haben, wenn eins 
der lebenden Wesen, das mit ganzem Gemüte an mich glaubt 
und dankbar meinen Namen wiederholt, nicht ins reine Land 
eingehen würde." 

In Wirklichkeit wird Amitäbha nichts anderes sein, als 
die Personifikation von Sambodhi (Erleuchtung). Das Rich- 
tige trifft wohl hier Dr. Carus, dem wir jetzt das Wort er- 
teilen wollen. Er sagt (Buddhism, Vol. I, No. 4): 

„Die Gesamtheit der Bedingungen, welche Nibbäna mög- 
lich machen, die Quelle der Erleuchtung, und die Ordnung 
des ewigen Gesetzes, ist in der Mahäyäna-Schule des Buddhis- 
mus unter dem Namen Amitäbha personifiziert worden. Ami- 
täbha, die Quelle alles Lichtes, ist Buddha vom ewigen 
Aspekt aus betrachtet, oder umgekehrt: Ein Mensch, welcher 
der Bodhi (Erleuchtung) zustrebt, wird ein Buddha, wenn 



No. 10. DER BUDDHIST. 293 

Amitäbha ihn erleuchtet. Ein Buddha enthüllt das Licht, dessen 
ewige Quelle Amitäbha genannt wird. Amitäbha ist die be- 
stimmte Norm der Weisheit und Sittlichkeit, die Standarte der 
Wahrheit und Gerechtigkeit, die letzte raison d'etre der kos- 
mischen Ordnung. 

Ist dieser Amitäbha eine Realität? Allerdings ist Ami- 
täbha eine Realität! Freilich nicht in dem Sinne körperlicher 
Existenzen, welche vergänglich und wandelbar sind, sondern 
in einem höheren Sinne; denn Amitäbha ist eine ewige und 
allgegenwärtige Wirklichkeit; und wenn wir das Wort »real« in 
seinem etymologischen Sinn nehmen als „einem Dinge eigen- 
tümlich", und wenn gestaltete Dinge allein den Namen 
»real« führten, so müssten wir Amitäbha als super-real be- 
zeichnen. 

Was ist Amitäbha? Jeder Forscher erkennt das Vor- 
handensein einer kosmischen Ordnung an, welche die Gesamt- 
heit aller Naturgesetze ist einschliesslich der höheren Gesetze, 
welche die menschliche Gesellschaft bilden, und welche Fichte 
die moralische Welt-Ordnung nennt. Die kosmische Ord- 
nung ist die Kraft, welche das Universum gestaltet und die 
Verteilung der Welt bewirkt. Sie macht die Wissenschaft mög- 
lich, denn sie gewährt die Prinzipien des Erkennens. Sie er- 
möglicht Vernunft und beabsichtigtes, zweckmässiges Handeln; 
denn sie lehrt uns, die Resultate im Voraus zu erkennen und 
uns selbst somit den Umständen anzupassen. Sie ermöglicht 
endlich die Sittlichkeit; denn sie zeigt uns die Ideale, welche 
wert sind, dass man für dieselben lebt. 

Diese Welt-Ordnung, die letzte Norm der Wahrheit und 
des Rechtes, d. h. Amitäbha, die unerschöpfliche Quelle jeder 
Erleuchtung, bestimmt das Gesetz der Evolution, indem sie die 
Möglichkeit schafft, dass im Laufe des kosmischen Prozesses 
Leben entsteht, dass empfindende Wesen mit Vernunft begabt 
werden, und dass vernünftige Wesen durch die Erfahrung die 
Torheit des Egoismus kennen lernen und so den universalen 
guten Willen entwickeln. Auf diese Weise gelangt Empfindung 
zur Vernunft, und Vernunft führt zu sittlicher Anstrengung und 
zur Anerkennung liebevoller Güte als Ideal. Erleuchtung ist 
eben möglich, weil Amitäbha ist, die ewige Norm aller Ord- 
nung. Wir lesen im »Udäna«: 

»So habe ich gehört: Zu einer Zeit weilte der Erhabene 
zu Sävatthi, im Siegerhaine, im Parke des Anäthapindika. Nun 
war der Erhabene damals damit beschäftigt, die Bhikkhus über 
das Nibbäna zu belehren, zu erwecken, zu beleben und zu er- 
freuen. Und jene Bhikkhus erfassten den Sinn, durchdachten 
ihn gründlich und nahmen in ihrem Herzen die ganze Lehre 



!^ DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

auf, aufmerksam zuhörend. Und in diesem Zusammenhang, 
bei dieser Gelegenheit sprach der Erhabene folgende feierliche 
Worte: 

,Es gibt, ihr Jünger, einen Zustand, wo weder Erde noch 
Wasser ist, weder Feuer noch Luft, weder Raum-Unendlichkeit, 
noch Unendlichkeit des Bewusstseins, noch Vernichtung; weder 
Empfindung noch Nicht-Empfindung; weder diese Welt noch 
jene Welt; weder Sonne noch Mond. 

. ,Dies, ihr Jünger, nenne ich weder Entstehen noch Ver- 
gehen, noch Stillstand, weder Geburt noch Tod. Da ist weder 
Festes, noch eine Entwicklung, noch irgend eine Basis: Das 
ist das Ende des Leidens. 
.Schwer ist's, das Wesentliche zu verwirklichen, 
Die Wahrheit wird nicht leicht erkannt. 
Wer rechte Erkenntnis hat, wird Herr des Begehrens, 
Für den, der rechte Einsicht besitzt, sind alle Dinge ein Nichts. 
,Es gibt, ihr Jünger, ein Ungeborenes, Nicht-Entstandenes, 
Nicht-Gewordenes, Nicht-Gestaltctes. Gäbe es, iiir Jünger, 
nicht dieses Ungeborene, Nicht-Entstandene, Nicht-Gewordene, 
Nicht-Gestaltete, so würde auch kein Entrinnen möglich sein 
aus der Welt des Geborenen, Entstandenen, Gewordenen, Ge- 
stalteten. 

,Da es nun aber, ihr Jünger, ein Ungeborenes, Nicht-Ent- 
standenes, Nicht-Gewordenes, Nicht- Gestaltetes gibt, so ist 
auch ein Entrinnen möglich aus der Welt des Geborenen, Ent- 
standenen, Gewordenen, Gestalteten.'« — 

Eine wahre Einsicht in die Natur des Ewigen, Uner- 
schaffenen, Unentstandenen ist nur möglich durch die Über- 
windung des Selbst-Gedankens; und diese kann nur erreicht 
werden durch Ausrodung aller egoistischen Leidenschaften, 
wie es im 383. Verse des Dhammapada heisst, wo ein Mann 
angeredet wird, der sich durch die Tat, und nicht durch Beob- 
achtung äusserer Kasten -Satzungen bemüht, ein Brahmane 
(Priester) zu werden: 
,Durchkreuze kräftig diesen Strom der Lust, Brahmane, 
Treib' aus Begierde, Trägheit, Übelwollen, 
Hast du gelernt, dass alle Formen wechseln, fliessen, 
Dann kennst du das, was unvergänglich ist.'" 

Wertvoller als irdische Macht, wertvoller als eine Wieder- 
geburt in lichten Welten, wertvoller selbst als Weltherrschaft 
ist für den Jünger das Betreten des Pfades. Dhammapada. 



No. 10. DER BUDDHIST. 295 

Die Lehre des Buddha 

oder: Die vier heiligen Wahrheiten. 

Nach Aussprüchen des Päli-Kanons zusammengestellt. 
Von Bhikkhu Nyänatiloka (Ceylon). 

(4. Fortsetzung.) 

Wenn nun jemand, ihr Brüder, die Frage aufwerfen wollte: 
„Bekennt denn der Herr Gotama irgend eine Ansicht?" 
— dem wäre, ihr Brüder, also zu erwidern: „Eine Ansicht, 
Bruder, kommt dem Vollendeten nicht zu. Denn der Tathägata, 
Bruder, hat es gesehen: ,So ist die Form, so entsteht sie, so 
löst sie sich auf; so ist das Gefühl, so entsteht es, so löst 
es sich auf; so ist die Wahrnehmung, so entsteht sie, so 
löst sie sich auf; so sind die Unterscheidungen (san- 
khärä, Vorstellungen, Ein-Bildungen), so entstehen sie, so lösen 
sie sich auf; so ist das Bewusstsein, so entsteht es, so löst 
es sich auf.' Darum, sage ich, ist der Vollendete durch aller 
Meinungen und aller Vermutungen, durch aller Ichheit, Eigen- 
heit und Dünkelsucht Versiegung, Abweisung, Aufhebung, 
Ausrodung, Entäusserung restlos erlöst. (Majjhima Nikäya 72). 

Wahrlich, ihr Brüder, wovon die Weisen erklären: ,Es ist 
nicht in der Welt,' davon sage auch ich: ,Es ist nicht'; wovon 
die Weisen erklären: ,Es ist in der Welt', davon sage auch ich: 
,Es ist.' (Samyuttaka Nikäya III.) 

[Anicca, Vergänglichkeit:] Und ob auch, ihr Brüder, 
Weise (buddhä) in der Welt auftreten oder nicht, — so bleibt 
es dennoch eine Tatsache und die feste, notwendige Bedingung, 
dass alle Daseinsformen (dhammä) vergänglich (anicca) 
sind. (Anguttara Nikäya). Denn der Körper, ihr Brüder, 
ist vergänglich, das Gefühl ist vergänglich, die Wahrneh- 
mung ist vergänglich, die Unterscheidungen (sankhärä) 
sind vergänglich, das Bewusstsein ist vergänglich. 

(Majjhima Nikäya.) 

[Dukkha, Leiden:] Ob auch, ihr Brüder, Weise in der 
Welt auftreten oder nicht, — so bleibt es dennoch eine Tat- 
sache und die feste, notwendige Bedingung, dass allen Da- 
seinsformen Leiden innewohnt. (Anguttara Nikäya). Denn 



296 DER BUDDHIST. I. }ahrg. 

der Körper ist leidvoll, das Gefühl ist leidvoll, die Wahr- 
nehmung ist leidvoll, die Unterscheidungen sind leidvoll, 
das Bewusstsein ist leidvoll. 

[Anatta, Wesenlosigkeit:] Ob auch, ihr Brüder, Weise 
in der Welt auftreten oder nicht, — so bleibt es dennoch eine 
Tatsache und die feste, notwendige Bedingung, dass alle 
Daseinsformen keine dauernde Ichheit bilden. (Angut- 
tara Nikäya). Denn der Körper ist ohne Wesenskern, das 
Gefühl ist ohne Wesenskern, die Wahrnehmung ist ohne 
Wesenskern, die Unterscheidungen sind ohne Wesenskern, 
das Bewusstsein ist ohne Wesenskern. (Anguttara Nikäya.) 

[Das Gefühl und das Selbst:] Wenn da, ihr Brüder, 
jemand sagen sollte: ,Das Gefühl ist mein »Ich« (Atta, Selbst),' 

— dem wäre also zu erwidern: „Es gibt, Bruder, drei Arten 
der Gefühle: Das freudvolle Gefühl, das leidvolle Gefühl und 
das weder freudvolle noch leidvolle Gefühl (Gefühle der Lust, der 
Unlust und indifferente Gefühle). Welches dieser drei Gefühle 
betrachtest du nun als dein »Ich«? Zu der Zeit, da man eins 
dieser Gefühle empfindet, empfindet man die beiden anderen 
nicht. Diese drei Arten von Gefühlen heisst man vergänglich, 
durch Ursachen bedingt; sie sind dem Vergehen, der Auflö- 
sung unterworfen; denn ihr Wesen besteht in der Lostrennung, 
im Hinschwinden. Wer nun beim Empfinden eines dieser drei 
Gefühle also sagen sollte: ,Dies ist mein Ich', — der sollte 
dann auch sagen: ,Mein Ich erlischt durch das Verschwinden 
dieses Gefühles', und damit erkennt er dann auch sein »Ich« 
selbst in diesem Leben als vergänglich an." 

Wenn da, ihr Brüder, jemand sagen sollte: ,Das Gefühl 
ist nicht mein Ich, mein Ich ist dem Gefühle unzugänglich,' 

— dem wäre also zu erwidern: „Würdest du denn, Bruder 
wenn kein Gefühlseindruck in dir stattfände, sagen: ,Ich bin?' 
Wahrlich nicht, Bruder." — Demnach würde es in aller Welt 
verkehrt sein, eine solche Meinung mit ihm zu teilen. 

Wenn da, ihr Brüder, jemand sagen sollte: ,Das Gefühl 
ist nicht mein Ich, aber es ist falsch, zu behaupten, dass mein 
Ich dem Gefühle unzugänglich sei; es ist mein Ich, welches 
das Gefühl empfindet, denn Fühlen ist die Eigenschaft (Fähig- 
keit) meines Ichs', — dem wäre also zu erwidern: „Wenn die 



Üo. lö. DER BUDDHIST. 25^7 

Gefühle, Bruder, zur gänzlichen Vernichtung gelangen sollten, 
ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen, wenn also durchaus 
kein Gefühl stattfände, könntest du dann infolge des Nicht-seins 
der Gefühle sagen: ,Ich bin?' Wahrlich nicht, Bruder." — 
Demnach würde es in aller Welt verkehrt sein, eine solche 
Meinung mit ihm zu teilen. (Dtgha Nikäya). 

[Die Gedanken sind Nicht-Ich (anattä):] ,Die Ge- 
danken sind das Ich', — eine solche Behauptung ist nicht 
angängig; bei den Gedanken wird ein Entstehen und Vergehen 
wahrgenommen; wenn nun aber dabei ein Entstehen und Ver- 
gehen wahrgenommen wird, da muss man die These: .Mein 
Ich entsteht und vergeht' als Ergebnis gelten lassen; darum 
geht es nicht an zu behaupten: ,Die Gedanken sind mein Ich'; 
somit sind die Gedanken Nicht-Ich (anattä). 

[Das Denkbewusstsein ist Nicht-Ich (anattä):] ,Das 
Denkbewusstsein ist das Selbst', — eine solche Behauptung 
ist nicht angängig; beim Denkbewusstsein wird ein Entstehen 
und Vergehen wahrgenommen; wenn nun aber dabei ein Ent- 
stehen und Vergehen wahrgenommen wird, da muss man die 
These: ,Mein Selbst entsteht und vergeht' als Ergebnis gelten 
lassen; darum geht es nicht an zu behaupten: ,Das Denkbe- 
wusstsein ist mein Selbst'; somit ist das Denkbewusstsein 
Nicht-Selbst (anattä). 

[Der Verstand ist Nicht-Ich (anattä):] ,Der Verstand 
ist das Ich (Selbst);' — eine solche Behauptung ist nicht an- 
gängig; beim Verstand wird ein Entstehen und Vergehen 
wahrgenommen; wenn nun aber dabei ein Entstehen und Ver- 
gehen wahrgenommen wird, da muss man die These: ,Mein 
Selbst entsteht und vergeht' gelten lassen; darum geht es nicht 
an zu behaupten: ,Der Verstand ist mein Selbst;' somit ist der 
Verstand Nicht-Selbst (anattä). (Majjhima Nikäya 148). 

Wahrlich, ihr Brüder, es würde mehr der Wahrheit ent- 
sprechen, wollte man anstatt der Seelen-Aspekte ^) den aus den 



*) A. d. H. Seelen-Aspekte, Seele, d. h. die subjektive Seite des 
Menschen (näma) setzt sich zusammen aus 1. vedanä, Gefühl, 2. safifia, 
Wahrnehmung, 3. sankhärä, Vorstellungen (Unterscheidungen, Ein-Bildun- 
gen, Strebungen, Fähigkeiten des Geistes), 4. viünäna, Bewusstsein. 



2» DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

vier Elementarkräften *) aufgebauten Körper als ein (dauerndes) 
Selbst (attä) betrachten; denn es ist offenbar, dass dieser aus 
den vier Elementarkräften^) aufgebaute Körper ein Jahr währt, 
zwei Jahre währt, drei, vier, fünf, sechs, ja sieben Jahre währt; 
das dagegen, ihr Brüder, was man Seele, Subjekt oder Be- 
wusstsein*) nennt, befindet sich bei Tag und Nacht in einem 
unaufhörlichen Wechsel, vergeht als dieses und tritt als ein 
anderes wieder in die Erscheinung. (Samyutta Nikäya). 

Darum also, ihr Brüder: Was es auch für eine Form sei, 
vergangene, zukünftige, gegenwärtige, eigene oder fremde, 
grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne oder nahe: alle 
Form ist, der Wahrheit gemäss, mit vollkommener Weisheit 
also zu betrachten: ,Das gehört mir nicht an, das bin ich 
nicht, das ist nicht mein Selbst.' — Was es auch für ein Ge- 
fühl, was es auch für eine Vorstellung (Unterscheidung), was 
es auch für ein Bewusstsein sei, vergangenes, zukünftiges, 
gegenwärtiges, eigenes oder fremdes, grobes oder feines, ge- 
meines oder edles, fernes oder nahes: jedes Gefühl, jede 
Wahrnehmung, jede Vorstellung (Unterscheidung), jedes Be- 
wusstsein ist, der Wahrheit gemäss, mit vollkommener Weis- 
heit also anzusehen: ,Das gehört mir nicht an, das bin ich 
nicht, das ist nicht mein Selbst.' (Majjhima Nikäya 1Ü9). 

[Vergangenes, gegenwärtiges, zukünftiges Dasein:] 
Wenn nun, ihr Brüder, jemand euch fragen sollte: ,Seid ihr 
wohl in den vergangenen Zeiten gewesen, oder aber seid ihr 
in den vergangenen Zeiten nicht gewesen? Werdet ihr wohl 
in den zukünftigen Zeiten sein, oder aber werdet ihr in den 
zukünftigen Zeiten nicht sein? Seid ihr jetzt, oder aber seid ihr 
jetzt nicht?' ■ — so hättet ihr zu sagen, dass ihr in einer Hin- 
sicht wohl in den vergangenen Zeiten gewesen seid, dass ihr 
in anderer Hinsicht jedoch in den vergangenen Zeiten nicht 
gewesen seid; dass ihr in einer Hinsicht wohl in den zukünf- 

') A. d. Her. Die den Körper (rüpa) aufbauenden »vier Elementar- 
kräfte« (dhätu) sind: 1. väyu, Beweglichl<eit (wörtlich: Wind), 2. tejo, 
Strahlung (wörtlich: Feuer), 3. apo, Kohäsion (wörtlich: Wasser), 4. 
pathavl, Trägheit (wörtlich: Erde). Vergl. Dr. Ernest: »Buddhism and 
Science« S. 6. f. 

*) Vergl. Anmerk. auf vorhergehender Seite. 



No. 10. DER BUDDHIST. 299 

tigen Zeiten sein werdet, dass ihr in anderer Hinsicht jedoch 
in den zul<ünftigen Zeiten nicht sein werdet; dass ihr in einer 
Hinsicht jetzt seid, dass ihr in anderer Hinsicht jedoch jetzt 
nicht seid. (Digha Nikäya). 

Wahrlich, nur derjenige, welcher die Entstehung aus Ur- 
sachen merkt, der merkt die Wahrheit, und wer die Wahrheit 
merkt, der merkt die Entstehung aus Ursachen. (Majjhima 
Nikäya). 

Denn gerade so, ihr Brüder, wie von der Kuh die Milch 
kommt, aus der Milch der Rahm entsteht, aus dem Rahme 
die Butter, aus der Butter der Käse, — und wenn es Milch 
ist, dieselbe nicht Rahm, oder Butter, oder Käse genannt wird, 
und wenn es Käse ist, derselbe durch keinen anderen Namen 
bezeichnet wird: genau ebenso, ihr Brüder, wird, wenn eine 
der drei Daseinsarten (vergangenes, gegenwärtiges oder zu- 
künftiges Dasein) vorgestellt wird, diese nicht mit dem Namen 
der beiden anderen bezeichnet; denn diese, ihr Brüder, sind 
blosse Namen, blosse Redewendungen, Bezeichnungen im ge- 
wöhnlichen Verkehrsgebrauche. Von diesen macht allerdings 
der Erhabene Gebrauch, ohne aber durch sie irregeleitet zu 
werden. (Digha Nikäya 9.) 

[Die beiden Extreme: Der Materialismus und der 
Glaube an eine persönliche Unsterblichkeit:] Wenn, ihr 
Brüder, die Ansicht besteht, dass das Ich mit unserem körper- 
lichen Dasein identisch ist, so ist in diesem Falle ein heiliges 
Leben nicht recht möglich; oder wenn, ihr Brüder, die Ansicht 
besteht, dass das Ich (d. h. die persönlich gedachte Ich-Seele) 
eins ist, aber ein anderes der Körper, auch in diesem Falle 
ist ein heiliges Leben nicht recht möglich. Diese beiden 
Extreme jedoch wurden von dem Erhabenen gemieden, und 
es gibt eine mittlere Lehre, welche sagt: 

[Paticcasamuppäda, die Kausal-Kette:] Infolge der 
Verblendung (avijjä) bilden sich die »Strebungen« (sankhärä), 
[die in gutem oder üblem körperlichen, sprachlichen oder gei- 
stigen Wirken (kamma) sich äussern]. Dadurch ist das Er- 
wachen des Bewusstseins (vififiäna) bedingt; von dem Dasein 
des Bewusstseins hängt die Unterscheidung in das anschau- 
ende Subjekt einerseits (näma) und die angeschaute Welt 



300 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

als Objekt andererseits (röpa) ab; aus der Existenz der sub- 
jei<tiv-objei<tiven Welt entspringt die sechsfache Sinnestätigkeit 
(saläyatana); durch diese entsteht phassa, d. h. der Kontakt 
der sechs Sinnesorgane mit den objektiv angeschauten Sinnes- 
gegenständen (d. i. den Formen, Tönen, Düften, Säften, Tastun- 
gen und Gedanken); der Kontakt bedingt das (Lust-, Unlust- 
oder indifferente) Gefühl (vedanä); aus dem Gefühl entspringt 
das Begehren (tanhä); dieses erzeugt das Haften am Dasein 
(upädäna); das Haften am Dasein wirkt den Daseinsprozess 
(bhava); dieser erzeugt die Geburt (jäti); die Geburt bedingt 
Altern und Sterben, Wehe, Jammer, Leiden, Gram und Ver- 
zweiflung. Also kommt es zur Entfaltung dieser ganzen Lei- 
densfülle. 

Aber mit der vollständigen Auflösung und Aufhebung der 
Verblendung sind die »Strebungen« aufgehoben; mit der Auf- 
hebung der »Strebungen« ist das Erwachen des Bewusstseins 
aufgehoben; mit der Aufhebung des Bewusstseins ist die sub- 
jektiv-objektive Anschauung aufgehoben; mit der Aufhebung 
der subjektiv-objektiven Anschauung ist die sechsfache Sinnes- 
tätigkeit aufgehoben; mit der Aufhebung der sechsfachen 
Sinnestätigkeit ist der Kontakt (der Sinnesorgane mit der ob- 
jektiv angeschauten Welt) aufgehoben; mit der Aufhebung des 
Kontaktes ist das Gefühl aufgehoben; mit der Aufhebung des 
Gefühls ist das Begehren aufgehoben; mit der Aufhebung des 
Begehrens ist das Haften am Dasein aufgehoben; mit der 
Aufhebung des Haftens am Dasein ist der Daseinsprozess auf- 
gehoben; mit der Aufhebung des Daseinsprozesses ist die 
Geburt aufgehoben; durch das Nicht-geboren-werden ist Altern 
und Sterben, Wehe, Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung 
aufgehoben. Also kommt es zur Aufhebung dieser ganzen 
Leidensfülle. (Samyuttaka Nikäya). 

Wahrlich, ihr Brüder, weil die Wesen, versunken in Nicht- 
wissen (avijjä), von dem Lebensdrang (tanhä) geködert, bald 
hier und bald da sich ergötzen, deshalb kommt immer wieder 
ein neuer Keim zustande (Majjhima Nikäya 43), und des 
Menschen Werke, ihr Brüder, die aus Begehren getan sind, 
die dem Begehren entspringen, durch Begehren veranlasst 
sind, in Begehren ihren Ursprung haben, werden dort zur Reife 



No. 10. DER BUDDHIST. 301 

gelangen, wo auch immer der Mensch sein mag; und wo auch 
immer jene Werke zur Reife gelangen, eben dort erntet der 
Mensch die Früchte jener Werke, sei es in diesem, sei es in 
einem zukünftigen Leben. Des Menschen Werke, ihr Brüder, 
die aus Begierde, Hass und Wahn getan, durch Begierde, 
Hass und Wahn veranlasst sind, in ihnen ihren Ursprung 
haben, werden dort zur Reife gelangen, wo auch immer der 
Mensch sein mag; und wo auch immer jene Werke zur Reife 
gelangen, eben dort erntet der Mensch die Früchte jener Werke, 
sei es in diesem, sei es in einem zukünftigen Leben. (Angut- 
tara Nikäya). 

[Aufgehobenes Kamma:] Durch den Nichtwissens- 
Überdruss jedoch, ihr Brüder, durch die Wissensgewinnung, 
durch die Zerstörung des Lebensdranges (tanhä) wird jede 
weitere Keimbildung aufgehoben, und des Menschen Werke, 
ihr Brüder, die nicht durch Begierde, Hass oder Wahn ver- 
ursacht sind, nicht aus Begierde, Hass oder Wahn entspringen, 
nicht durch sie veranlasst sind, nicht in ihnen ihren Ursprung 
haben, sind, insofern Begierde, Hass und Wahn verschwunden 
sind, verlassen, ausgerodet, gleich einer Fächerpalme dem 
Boden entrissen, sind erloschen und keinem ferneren Treten 
ins Dasein ausgesetzt. (Majjhima Nikäya.) 

Wahrlich, ihr Brüder, in dieser Hinsicht könnte jeder von 
mir mit Recht behaupten: ,Ein Verneiner ist der Asket Gotama, 
die Vernichtung lehrt der Asket Gotama;' denn wahrlich, ihr 
Brüder, ich verkünde die Vernichtung; die Vernichtung näm- 
lich der Begierde, die Vernichtung des Hasses, die Ver- 
nichtung des Irrwahns, sowie die Vernichtung der man- 
nigfachen üblen, unheilsamen Gemütszustände. (Mahä- 

vagga VI, 31). 

Zweite Stufe: Sammäsankappa, rechter Vorsatz.*) 

Was ist nun, ihr Brüder, rechter Vorsatz? Der Vorsatz, 
sinnliche Vergnügungen aufzugeben, der Vorsatz, gegen 
niemanden Bosheit zu hegen, derVorsatz, keinemWesen 
Harm zu bereiten. 

Das, ihr Brüder, ist rechter Voratz. (Digha Nikäya 22). 

') Andere Übersetzungen sind: Rechte Gesinnung, rechtes Denken, 
rechte Endzwecke, rechtes Ziel. 



302 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Dritte Stufe: Sammävaca, rechte Rede. 

Was ist nun, ihr Brüder, rechte Rede? 

[Überwindung der Lüge:] Da hat jemand, ihr Brüder, 
das Lügen verworfen, vom Lügen hält er sich fern. Die Wahr- 
heit spricht er, der Wahrheit ist er ergeben, standhaft, des 
Vertrauens würdig, kein Heuchler und Schmeichler der Welt. 

[Überwindung der Verleumdung:] Das Verleumden 
hat er verworfen, vom Verleumden hält er sich fern. Was er 
hier gehört hat, erzählt er dort nicht wieder, um jene zu ent- 
zweien, und was er dort gehört hat, erzählt er hier nicht wieder, 
um diese zu entzweien. So einigt er Entzweite, festigt Ver- 
bundene, Eintracht macht ihn froh, Eintracht erfreut ihn, Ein- 
tracht fördernde Worte redet er. 

[Überwindung der rohen Rede:] Rohe Worte hat er 
verworfen, von rohen Worten hält er sich fern. Worte, die 
frei von Schimpfen sind, dem Ohre wohltuend, liebreich, zum 
Herzen dringend, höflich, viele erfreuend, viele erhebend, solche 
Worte spricht er. (Majjhima Nikäya). Denn er weiss: In 
wem der Gedanke lebt: .Verleumdet hat er mich, geschlagen, 
vergewaltigt hat er mich und beraubt,' — der wird nimmer 
frei von Hass; denn nie wird Hass durch Hass gestillt; durch 
Güte wird Hass überwunden, das ist ein ewiges Gesetz. 
(Dhammapada, 4 — 5). 

Und er erinnert sich der Worte des Erhabenen: „Wenn 
auch, ihr Brüder, Räuber und Mörder mit einer Säge Gelenke 
und Glieder abtrennten, so würde, wer da in Wut geriete, nicht 
meine Weisung erfüllen. Da habt ihr euch nun, meine Brüder, 
wohl zu üben: ,Nicht soll unser Gemüt verstört werden, kein 
böser Laut unseren Lippen entfahren, freundlich und mitleidig 
wollen wir bleiben, liebevollen Gemütes, ohne heimliche Tücke; 
und jene Person werden wir mit liebevollem Gemüte durch- 
strahlen: von ihr ausgehend werden wir dann die ganze Welt 
mit liebevollem Gemüte durchstrahlen, mit weitem, tiefem, un- 
beschränktem, von Grimm und Groll geklärtem,' — also habt 
ihr euch, meine Brüder, wohl zu üben." (Majjhima Nikäya 21.) 

[Überwindung unnützer Rede:] Da hat ferner, ihr 
Brüder, jemand das Schwätzen verworfen, vom unnützen Reden 



No. 10. DER BUDDHIST. 303 

hält er sich fern. Zur rechten Zeit spricht er, den Tatsachen 
gemäss, auf den Sinn bedacht, der Lehre und Ordnung getreu; 
seine Rede ist inhaitreich, gelegentlich mit Gleichnissen ge- 
schmückt, klar und bestimmt, ihrem Gegenstande angemessen; 
denn er ist eingedenk der Weisung, die da lautet: „Trefft ihr 
euch, meine Brüder, so geziemt euch zweierlei: Lehrreiches 
Gespräch oder heiliges Schweigen." (Majjhima Nikäya.) 
Dies, ihr Brüder, ist rechte Rede. 



Vierte Stufe: Sammäkammanta, rechte Tat. 

Was ist nun, ihr Brüder, rechte Tat? 

[Überwindung des Tötens:] Da hat jemand, ihr Brüder, 
das Morden verworfen, vom Töten hält er sich fern. Ohne 
Stock, ohne Schwert, fühlsam, voll Teilnahme hegt er zu allen 
lebenden Wesen Güte und Mitleid. 

[Überwindung des unrechtmässigen Nehmens:] 
Nichtgegebenes zu nehmen hat er verworfen, vom Nehmen 
des Nichtgegebenen hält er sich fern. Gegebenes nimmt er, Ge- 
gebenes wartet er ab, nicht diebisch gesinnt, geläuterten Herzens. 

[Überwindung der Unkeuschheit:] Die Unkeuschheit 
hat er verworfen, keusch lebt er, der niedrigen Fleischeslust 
erstorben. (Majjhima Nikäya.) 

Dies, ihr Brüder, ist rechte Tat. 

Fünfte Stufe: Sammäjiva, rechter Beruf/) 

Was ist nun, ihr Brüder, rechter Beruf? 

Wenn, ihr Brüder, ein heiliger Jünger einem Leiden-erzeu- 

genden Berufe") entsagend sich seinen Lebensunterhalt auf 

eine gerechte Weise erwirbt, so ist dies, ihr Brüder, rechter 

Beruf. (Digha Nikäya 22). 

(Fortsetzung folgt.) 



') Andere Übersetzungen sind : Rechtes Leben, rechte Lebensführung, 
rechte Lebensweise. 

-) Fünf solcher Leiden-erzeugenden Berufe werden in den Schriften 
angeführt: 1. Schlächterei und Handel mit Schlachttieren; 2. Handel mit 
alkoholischen Getränken; 3. Handel mit Gift; 4. Handel mit Waffen und 
Mordwerkzeugen; 5. Handel mit Menschen (Sklavenhandel, Mädchen- 
handel, Kuppelei). 



SM DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Die Berührungspunkte der 

Philosophie Schopenhauers 
und des Buddhismus. 

Von Georg Jahn. 

(1. Fortsetzung.) 
Erkennt so der Buddhismus, dass die sichtbare Welt der 
Vorstellung angehört und durchaus nichts Beständiges hat, so 
bleibt er dabei jedoch nicht stehen, sondern geht tiefer, sucht 
nach dem, was hinter den Dingen steckt, nach dem Urgrund 
der Welt. Das aber ist der „Wille zum Leben", der wie der 
Wille Schopenhauers keineswegs dem gleichzusetzen ist, was 
man gewöhnlich unter bewusstem Willen versteht. Es ist der 
in allem Geschehen wirkende Lebenstrieb, die eigentlich welt- 
schöpferische Kraft, es ist die Ursache unseres Daseins und 
unserer Wiedergeburt und in Wahrheit der Schöpfer, Erhalter 
und zugleich Zerstörer aller Dinge, es ist das Urprinzip des 
Seienden, das andere Religionen sich als Gott personifiziert 
denken. In den buddhistischen Schriften aber fehlt jede An- 
schauung eines höchsten Wesens als Grund der Schöpfung. 
Der Buddhismus kennt durchaus kein unerschaffenes, ewiges 
einiges göttliches Wesen, das vor allen Zeiten war und alles 
Sichtbare und unsichtbare aus nichts erschaffen hat, er kennt 
keinen persönlichen Gott, von dessen Gnade oder dessen 
Willen der Bestand der Welt abhinge. Alles entwickelt sich 
durch und aus sich selbst, kraft seines eigenen Willens 
und gemäss seiner inneren Natur und Beschaffenheit. Einen 
persönlichen Gottschöpfer hat nur die Unwissenheit der Mensch- 
heit erfunden, die mit der Erklärung der Welt aus sich selbst 
nicht fertig wurde. Es gibt eben keine Schöpfung, der Aus- 
druck selbst ist sogar dem Buddhismus fremd, es gibt nur 
Weltentstehungen nach unabänderlichen, ewigen Gesetzen, die 
Lehre einer Schöpfung aus nichts ist ein Irrwahn. Genau 
alles dasselbe aber lehrt auch Schopenhauer. Nach ihm ist 
die Annahme eines selbständigen Urgrundes, eines intelligenten 
Schöpfergottes ein Verstoss gegen das Gesetz der Kausalität, 
das unbedingt Giltigkeit hat- Alles Bestehende, alles Ge- 



No. 10. DER BUDDHIST. 305 

schehende hat einen Grund, hat eine Ursache; soweit wir auch 
zurückgehen mögen, niemals stossen wir auf etwas Grundloses, 
Absolutes, etwas, das die Ursache seiner selbst wäre. Die 
Vorstellung eines intelligenten Schöpfergottes ist aus dem Be- 
streben hervorgegangen, die durchgehende Zweckmässigkeit der 
Welt zu erklären. Um das zu können, braucht man aber 
durchaus keine schöpferische Intelligenz anzunehmen, man 
kommt da mit dem innerweltlichen Grunde des Willens, dem 
Lebenstrieb sehr gut aus. 

So stimmt also Schopenhauers Philosophie mit dem Bud- 
dhismus in allen Hauptpunkten der Welterklärung überein: 
beide sind voll und ganz atheistisch, beide erklären die sicht- 
bare Welt für Vorstellung, die ewig wechselt, beide treffen 
sich schliesslich in der metaphysischen Begründung der Welt, 
indem sie den Willen als überall wirkenden und gestaltenden 
Lebenstrieb auffassen und in ihm das Urprinzip der Welt er- 
blicken. 

Auf einem anderen und für uns hier viel bedeutsameren 
Gebiete als dem der Natur- und Welterklärung finden wir 
Schopenhauer ebenfalls mit dem Buddhismus in vollem Ein- 
klang, auf dem Gebiete der praktischen Lebensanschauung, 
der Erklärung des grossen Mysteriums unseres Daseins. 
Schopenhauer hält, wie oben schon gesagt, den Willen für 
das Ding an sich, den inneren Gehalt, das Wesen der Welt. 
Das Leben hingegen, die sichtbare Erscheinung ist nur der 
Spiegel des Willens. Wenn Wille da ist, so ist auch notwen- 
dig Leben, Welt da. Die Objektivationen des Willens sind 
in ewigem Fluss begriffen, sie entstehen und vergehen; das 
Ewige, im Wechsel Beharrende ist allein der Wille. Auch im 
Individuum ist der Wille zum Leben in die Erscheinung getre- 
ten; deshalb ist es vergänglich, deshalb muss es sterben und 
vergehen, während nur die Gattung sich erhält. Der Tod ist 
nur ein Schlaf, in dem die Individualität vergessen wird. Das 
andere, hinter der individuellen Erscheinung Stehende, der Wille, 
bleibt wach, ihm ist das Leben gewiss, und seine Lebensform 
ist Gegenwart ohne Ende. 

Der Wille ist sich in Welt und Leben, seinen Erscheinun- 
gen als Vorstellung vollständig gegeben, er erkennt sich darin, 

20 



a06 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

ohne jedoch dadurch in seinem Wollen irgendwie gehemmt zu 
werden. Es wird vielmehr eben dieses erkannte Leben als 
solches von ihm nun auch mit Erkenntnis, bewusst und 
besonnen, gewollt, er bejaht sich mithin selbst. Das Gegen- 
teil hiervon, die Verneinung des Willens zum Leben, zeigt sich, 
wenn auf jene Erkenntnis hin das Wollen endet, dann wirken 
nicht mehr die erkannten Einzelerscheinungen als Motive des 
Wollens, sondern es wird die ganze Erkenntnis des Wesens 
der Welt, dieses Spiegels des Willens, zum Quietiv desselben, 
der Wille hebt sich selbst auf. Eine solche vom Wollen unab- 
hängige Betrachtungsart ist die der Kunst. Bei ihr verschwin- 
det die Welt als Wille und bleibt nur noch als Vorstellung 
übrig. Das eben ist die Bedingung des ästhetischen Wohlge- 
fallens: Befreiung des Erkennens vom Dienste des Willens, 
Selbstvergessen und Erhöhung des Bewusstseins zu einem 
willenlosen, zeitlosen, von allen Relationen unabhängigen Sub- 
jekt des Erkennens. So bietet das reine, uninteressierte künst- 
lerische Geniessen und Schauen einen Vorgeschmack der Selig- 
keit des Nirväna, des Befreitseins vom Leiden, von der Begierde, 
vom Lebensdurst, eine Seligkeit, die wir etwa empfinden, wenn 
wir in klarer Nacht den sternbesäebten Himmel betrachten: 

„Die Sterne, die begehrt man nicht, 

Man freut sich ihrer Pracht, 

Und mit Entzücken blickt man auf 

In jeder klaren Nacht." 
Kehren wir zurück zur Lebensauffassung Schopenhauers. 
Nach seiner Ansicht ist jedes Menschen Charakter vorherbe- 
stimmt, er ist sein eigenes Werk vor aller Erkenntnis, der 
Mensch erkennt sich selbst im Leben, erkennt, was er ist. Man 
kann sagen, dass alles vom Schicksal vorher bestimmt ist, 
wenn man damit meint, dass alles nur mittelst der Kette von 
Ursachen geschieht, denn keine Wirkung kann ohne Ursache 
eintreten. Nicht die Begebenheit schlechthin ist also vorher- 
bestimmt, sondern dieselbe als Schlussglied einer langen Reihe 
vorhergängiger Ursachen. Nicht der Erfolg allein, sondern 
auch die Mittel sind also vom Schicksal beschlossen. Treten 
demnach die Mittel nicht ein, dann bleibt auch sicherlich der 
Erfolg aus: beides immer nach der Bestimmung des Schicksals, 



No. 10. DER BUDDHIST. 307 

die wir aber stets erst hinterher erfahren. Da nun das Wesen 
des Willens fortwährendes Streben ist, das überall gehemmt 
wird, so muss dasselbe immer kämpfen, und das heisst leiden. 
Das Streben ist endlos, es hat kein letztes Ziel, mithin gibt 
es auch kein Mass, kein Ende des Leidens. Die Grösse des 
Leidens hängt von der Höhe der Erkenntnis des einzelnen In- 
dividuums ab: Je mehr Erkenntnis, desto mehr Leiden! Ober- 
haupt kann man sagen, dass das Leben im Wesentlichen 
Leiden ist. Zunächst wird das Dasein bei den allermeisten 
Menschen ausgefüllt durch einen steten Kampf um die Existenz, 
einen Kampf mit der Gewissheit, zuletzt doch zu verlieren. 
Dann ist es die fortgesetzte Furcht vor dem Tode, dem endlichen 
Ziel der mühseligen Fahrt durch des Lebens Wellentrug und 
Wüstensand, die uns Qual bereitet. Wo nicht eigentliche 
Leiden und Qualen sind, stellt sich die Langeweile ein, die 
man durch Geselligkeit zu überwinden sucht. Wie nahe aber 
die Langeweile dem Leiden steht, das mag jeder selbst beur- 
teilen. Zwischen Wollen und Erreichen wogt das Leben hin 
und her, jedes Wollen zeitigt den Schmerz des Nichthabens, 
jedes Erreichte ein neues Wollen, einen neuen Wunsch und 
damit erneute Schmerzen. Leidenschaftliche Liebe und Eifer- 
sucht, Neid und Hass, Ehrgeiz und Ruhmsucht, Krankheit und 
Lebensüberdruss, Geschlechtstrieb und Egoismus, alles Dinge, 
die oft das ganze Leben ausfüllen, sie alle sind Leiden. Die Be- 
hauptung erscheint nicht so unrichtig, dass im Leiden das Positive 
liege, das Glück, die Befriedigung dagegen immer negativ sei. 
Gibt es denn keinen Ausweg aus diesem Jammertale, gibt 
es keine Ueberwindung des Leidens , gibt es keine 
Mittel, zur Glückseligkeit zu gelangen, gibt es keine 
Moral? gewiss, Schopenhauer erkennt eine solche durchaus 
an und sieht ihr Urphänomen im Mitleid. Die Haupttriebfeder 
im Menschen ist unzweifelhaft der Egoismus, der Drang zn 
Leben und Wohlsein. Jeder Handlung nun liegt als letzter 
Zweck das Wohl und Wehe des Handelnden selbst oder eines 
anderen zum Grunde. Bezieht sich die Handlung auf das 
eigene Wohl, dann ist sie egoistisch und ohne moralischen 
Wert. Ist dagegen der Zweck einer Handlung das Wohl eines 
Mitmenschen, so ist sie ein Ausfluss des Mitleids, des Prinzinps 

20* 



308 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

der Moralität; ist der Zweck das Wehe desselben, so entspringt 
sie der Bosheit des Handelnden, dem Prinzip der Unmoralität. 
Aus dem Mitleid, das seinen Grund in dem mehr oder weni- 
ger grossen Einheitsbewusstsein der Menschheit, dem Solidari- 
tätsgefühl der einzelnen Individuen hat, entspringen die Kar- 
dinaltugenden der Gerechtigkeit, die uns gebietet, niemand zu 
verletzen, und der Menschenliebe, die uns befiehlt, den Nächsten 
nach Kräften zu unterstützen. Die Betätigung einer solchen 
moralischen Gesinnung ist nun freilich der Grund zur Glück- 
seligkeit, aber Moral lässt sich nicht anerziehen, lässt sich 
nicht lernen. Die Motivation des menschlichen Willens richtet 
sich nach dem Charakter, und der ist angeboren und unver- 
änderlich. Alles, was geschieht, vom Grössten bis zum Klein- 
sten, geschieht notwendig, auch das menschliche Handeln. 
Wir können nicht aus dieser Notwendigkeit heraus, solange 
wir wollen, wir können nichts tun, was unserm Charakter 
widerspricht. Durch unser Tun erfahren wir gerade erst, was 
wir sind, erkennen uns und unsern Charakter. Eine Glück- 
seligkeit auf Grund einer moralischen Gesinnung ist also nur 
den wenigsten Menschen möglich. Wir müssen deshalb nach 
anderen Mitteln suchen, wenn wir zu Glück und Frieden ge- 
langen wollen. Schopenhauer sucht dieses Mittel in der Askese. 
Der erste Schritt dazu ist die vollkommene freiwillige Keusch- 
heit, die Verneinung des Geschlechtstriebes, des Brennpunktes 
des Willens zum Leben. Damit wird der Wille über die eigene 
Individualität hinaus verneint. Der zweite Schritt ist die Be- 
dürfnislosigkeit und die damit verknüpfte Besiegung der 
Willenserscheinungen der Wünsche. Schliesslich wird noch 
der Wille mehr und mehr durch Selbstzucht und Selbstüber- 
windung, und durch freiwillige, absichtliche Entbehrung 
gebrochen. So führt die Askese, die Verneinung des 
Willens zum Leben, die Überwindung des Eigenwillens, zur 
Selbstverleugnung und Heiligkeit. Die Erkenntnis des eigenen 
Wesens wird zum Quietiv alles Wollens. — Man hat nun 
eingewandt, dass man das Ziel der Askese, die Ver- 
neinung des Wollens, am schnellsten doch durch den Selbst- 
mord erreichen könne. Dieser aber ist ein Phänomen 
stärkster Bejahung des Lebenswillens, denn die 



No. 10. DER BUDDHIST. 309 

Verneinung hat ihr Wesen nicht darin, dass man die Leiden, 
sondern dass man die Genüsse des Lebens aufgibt. Der 
Selbstmörder will das Leben und ist nur mit den Bedingungen, 
unter denen es ihm geworden, unzufrieden. Daher gibt er 
keineswegs den Willen zum Leben auf, sondern nur die ein- 
zelne Erscheinung desselben, indem er seine Form zerstört. 

Was nach gänzlicher Verneinung und Aufhebung des 
Willens übrig bleibt, ist für alle die, welche noch des Willens 
voll sind, allerdings nichts — Nirväna. Aber auch umgekehrt 
ist denen, in welchen der Wille sich gewendet und verneint 
hat, diese unsere so sehr reale Welt mit allen ihren Sonnen 
und Milchstrassen — Nichts. Es ist das „Jenseits aller Er- 
kenntnis" der Buddhisten, der Punkt, wo Subjekt und Objekt 
nicht mehr sind. (Schluss folft.) 

Die 

Transmigration oder Wiedergeburt. 

Von Bhikkhu Änanda Maitriya. 

(3. Fortsetzung.) 

Wir wollen nun den Augenblick betrachten, wenn Johannes 
Schmidt stirbt. Der letztere hat während seines Lebens nicht 
nur den grossen Ozean des Äthers in Vibration versetzt, son- 
dern er hat vor allen Dingen mit jedem wechselnden Gedanken 
und Gefühl auf seine eigene psychische Struktur eingewirkt, 
wie sie in der komplizierten Werkstatt seines Hirns zusammen- 
gefasst ist. So ist in dem Augenblick vor seinem Abscheiden 
sein ganzes Leben, ja das Leben aller seiner Ahnen, und so sind 
auch, wie wir Buddhisten sagen würden, seine eigenen früheren 
Leben gleichsam gezeichnet in einer ganz bestimmten und charak- 
teristischen Molekular-Struktur, in einer ausserordentlich ver- 
wickelten Darstellung alles dessen, was wir unter dem Ausdruck 
»Johannes Schmidt« verstanden; aber diese Darstellung, welche 
ihm selbst unbekannt ist und überhaupt nicht bemerkt werden 
kann, ist in Wahrheit das Ergebnis aus den Zeitaltern, da 
Johannes Schmidt in seinem Charakter die Gedanken und 
Handlungen unzähliger Lebensläufe manifestierte. Jede winzige 
Zelle von allen den vielen Millionen, welche die graue Masse 



älb DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

seines Gehirns zusammensetzen, kann mit einer geladenen 
Leydener Flasclie verglichen werden, welche bei einer jeweiligen 
Entladung gewisse Energieen ausstrahlt, deren Bedeutung und 
Botschaft sie durch den ganzen menschlichen Körper und 
durch den Äther, bis zu den Unendlichkeiten des Raumes 
hin befördert. Eine jede dieser Zellen ist versehen mit ihrem 
eigenen Laboratorium von Apparaten, — mit ihren Widerständen, 
Isolatoren, Schaltern, und durch diese ist, wenn sie normal 
funktionieren, der Gesamt-Entladung vorgebeugt; so dass zu 
einem bestimmten Zeitpunkt nie mehr als ein Bruchteil der 
aufgespeicherten Energie ausgesendet werden kann, — nie auf 
einmal mehr, als die geschäftigen Blutkörperchen ersetzen 
können. Und jede einzelne Zelle von all den Myriaden hat 
in sich eine gewaltige Energie aufgespeichert, einen Teil von 
all den Energieen, Leidenschaften, Wünschen, Hoffnungen und 
hohen Anstrengungen, welche zusammen jenes wunderbare 
Gebilde ausmachen, welches wir »Mensch« nennen. 

Und nun kommt der Tod; und in dem Augenblick seines 
Eintretens strahlt jene gesamte aufgespeicherte Energie auf das 
Universum aus wie ein neu-entstehender Stern; denn in dem 
wunderbaren Laboratorium, das wir als Gehirn bezeichnen, 
hat jetzt eine plötzliche, entscheidende Katastrophe sich abge- 
spielt, welche die gesamten feinen Apparate zerschmettert; 
die Schutz- und Hemm-Vorrichtungen sind zertrümmert und 
jede kleine Zelle ist völlig entladen. Stellen wir uns nun ein 
Wesen vor, dessen Augen sensitiv genug sind, um die Art der 
feinen Schwingungen, die wir Gedanken nennen, wahrzu- 
nehmen, so würde dieses Wesen den Tod Johannes Schmidts 
sehen, wie wir etwa das Aufflammen der Nova PerseT ge- 
wahrten, — wie ein plötzliches geistiges Auflodern würde sich 
ihm der Vorgang darstellen, und er könnte in einem psychi- 
schen Spektroskop das geistige Verzeichnis dessen analysieren, 
was einst ein Mensch war; und wie sich die Kunde von einer 
Katastrophe auf einem Gestirn durch den ganzen Raum aus- 
breitet, so könnte hier ein auf einem fernen Stern befindlicher 
sensitiver Beobachter den Tod Newtons oder Ramses des 
Grossen überwachen. 

Wenn wir nun die Frage ganz auf sich beruhen lassen. 



No. 10. DER BUDDHIST. 311 

ob die Existenz einer für unsere Qedankenschwingung empfäng- 
lichen unbekannten Substanz möglich ist, so kennen wir doch 
nur ein Mittel, wodurch die durch den Tod eines Menschen 
hervorgerufenen Wellen aufgehalten und ihre Energien absor- 
biert werden könnten. Wenn wir uns eine Flamme vorstellen, 
— nehmen wir an das gelbe Licht des Natriums, — welches 
von einem Gegenstand ausgeht, so werden diese Lichtschwin- 
gungen durch den Raum bis in alle Ewigkeit weitereiien, aus- 
genommen nur den einen Fall, dass sie irgendwo auf eine 
Schicht von Natrium-Dämpfen auftreffen, d. h. auf die einzige 
Substanz im Universum, welche in ihrer Struktur dem Molekül 
ähnlich ist, von dem das Licht ausgeht. Dann wird sich 
nämlich etwas sehr Seltsames ereignen, — etwas so Fremd- 
artiges, dass wir keine durchsichtige und einfache Erklärung 
dafür haben, obwohl wir wissen, dass es immer eintreffen wird. 
Denn der Natrium-Dampf wird das Natrium-Licht ab- 
sorbieren, und wahrscheinlich wird jedes Element in einem 
entsprechenden Zustande das Licht desselben Elementes ab- 
sorbieren, das auf eine höhere Temperatur erhitzt ist, — ein 
Phänomen, welches sich bei den Sternen von demselben Typus 
wie unsere Sonne klar äussert, wo die Elemente in ihrer gas- 
förmigen Umhüllung das Licht derselben Gattung aufnehmen, 
wie das, welches sie selbst bei höheren Temperaturen aus- 
strahlen, indem sie ein kontinuierliches Spektrum mit dunklen 
Absorptions-Streifen geben. 

Was aus der Energie geworden ist, die auf diese Weise 
absorbiert wurde, wissen wir nicht; nur das ist klar, dass sie, 
da Energie unzerstörbar ist, noch irgendwie vorhanden sein 
muss, wahrscheinlich in der Substanz, die sie absorbiert hat, 
verschlossen und latent; — kann sein; auf jeden Fall muss sie 
aber noch existieren. Vielleicht können wir in dieser 
Absorption ein typisches Beispiel für das erkennen, 
was sich beim Tode eines Menschen abspielt, sowie 
das Geheimnis der Entstehung eines neuen Lebewe- 
sens, das von dem vorhergehenden abhängig ist. 

Denn welche Substanz kann in dem vorliegenden Falle 
eine Struktur aufweisen, die dem absterbenden Gehirn so 
ähnlich wäre, als einzig und allein das Hirn eines in diesem 



älä ÖER BUDDHISt. 1. Jahrg. 

Augenblick geborenen Kindes oder Lebewesens, welches auf 
Grund seiner Vererbung und Anlage dem Gehirn des sterben- 
den Menschen verwandt ist?! Und solche Vorgänge spielen 
sich nach der Anschauung der Buddhisten tatsächlich ab. 
Unsere Schriften lehren uns die Existenz unzähliger Welten 
(resp. Zustände) und sechs Haupt-Arten von Dasein (oder Zu- 
ständen) in unserer kleinen Welt. ^) Da aber die Natur jener 
Welten von den unsrigen verschieden ist, und da notwendiger- 
weise der Mensch dem Menschen mehr gleicht als einem 
anderen Wesen, so wollen wir unsere Betrachtung auf die 
Menschenwelt alleiu beschränken. 

Im Augenblick, da ein Mensch stirbt, wird irgendwo ein 
Kind mit einer derartigen körperlichen Konstitution geboren, 
dass das kleine Gehirn dem Charakter des abscheidenden 
Menschen entspricht und ihn aufnehmen kann; ein Gehirn ohne 
diese Art von Beeinflussung wird niemals in ein individuelles 
Dasein eintreten. Der Mensch stirbt, und sein Abscheiden 
erregt den Äther in der diesem Menschen eigentümlichen, sehr 
komplizierten Weise, und fast in demselben Augenblick erhält 
ein neugeborenes Kind, das noch sehr nahe an der Schwelle 
des Todes steht, den Impuls von jener »Todes-Welle«, und 
sein Gehirn erzittert zu einem neuen Leben; das Herz und die 
Atmungs-Centra werden plötzlich zur Tätigkeit angeregt, — 
das neugeborene Kind atmet und lebt, oder wie die Buddhisten 
sagen würden, „die neue Lampe wird an der verlöschen- 
den Flamme angezündet." 

Dieses Bild mag auch dazu dienen, noch eine andere 
Schwierigkeit zu erhellen, welche Rolle nämhch die Ver- 
erbung in der Transmigrations-Theorie spielt, ferner welche 
Stellung die buddhistische Lehre zu diesem Punkte einnimmt, 
dass, wenn ein guter Mensch stirbt, er auf Grund seines Kar- 
mans als ein Kind tugendhafter Eltern wiedergeboren wird; wie 
es zu verstehen ist, dass eine bestimmte Natur oder Beschaffen- 
heit übertragen wird; — kurz, wie das neue Leben eine Gruppe von 
geistigen und moralischen Eigenschaften aufweist, die denen des 

') Was wir objektiv Welt nennen, ist subjektiv ein innerer Zustand. 
Je nach der Verschiedenheit dieser inneren Zustände sind auch die sich 
in diesen reflektierenden objektiven Erscheinungs-Welten verschieden. 



No. lö. DER BUDDHIST. 3(3 

erloschenen Lebens in jeder Weise ähnlich sind. Wir wollen uns 
dies durch eine analoge Betrachtung verständlich machen. 
Angenommen, in Rangun sei ein Apparat zur Erzeugung von 
»Hertz'schen Äther-Wellen« aufgestellt, der so abgestimmt ist, 
dass er Wellen von ganz bestimmter Länge aussendet, und 
rings im Umkreise seien Empfangs-Apparate postiert, die ein 
gegebenes Signal aufnehmen können, die aber nur auf andere 
Wellenlängen abgestimmt sind, dann werden alle diese Apparate 
auf die ausgesandten Wellen nicht reagieren. Wenn sich 
aber in Mandalay oder in Kalkutta ein Empfänger befindet, 
der genau auf den ersten Apparat abgestimmt ist, so wird er, 
obwohl er viel weiter entfernt ist als die anderen Empfangs- 
Apparate, die gegebenen Wellen aufnehmen, — der elektrische 
Stromkreis ist geschlossen und die vorhandene Welle mani- 
festiert sich. So, können wir sagen, verhält es sich auch mit 
der Übertragung der Kräfte eines Menschen beim Tode. Es 
mögen da hundert Kinder in demselben Augenblick und in 
derselben Stadt geboren werden; aber wenn z. B. der Ver- 
storbene ein sehr gelehrter Mann war und alle diese Kinder 
werden bei Eltern geboren, bei denen keine ähnliche Erblich- 
keit vorhanden ist, dann wird die Todes-Woge jenes Mannes 
keins von diesen Kindern beeinflussen, sondern würde unauf- 
genommen weitergehen, vielleicht bis zu einem sehr entfernten 
Kinde, welches vermöge seiner günstigen Vererbung ein wenn 
auch noch nicht ausgereiftes Hirn besitzt, das fähig ist, die 
Todes-Woge jenes Gelehrten aufzunehmen. Und auf gleiche 
Weise verhält es sich mit allen Arten von Menschen. Einige, 
welche mit ihren Begierden und Instinkten nur wenig über dem 
Tiere stehen, mögen bei ihrem Sterben solche Wellen hervor- 
rufen, die nur ein bestimmtes Tier zum Leben erwecken können; 
andere wieder mögen so gelebt haben, dass nur eine höhere 
Geburt als im Menschenreich das höhere Leben verwirklichen 
kann, welches sie zu führen begonnen haben. 

So kann also nach dieser Theorie das Phänomen der 
Vererbung so betrachtet werden, dass nur dort, wo eine ähn- 
liche Vererbung existiert, die Todes-Woge das neugeborene 
Hirn zur Tätigkeit durchdringt, just so, wie ein genau ge- 
stimmter Apparat auf die Ätherwelle reagieren kann. Bei Zu- 



Sl-4 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

grundelegung dieser Analogie muss natürlich daran erinnert 
werden, dass das Leben des Kindes nicht von der Einwirkung 
der Todes-Woge auf ein Gehirn kommt; die letztere dient nur 

— ähnlich wie die Äther-Welle wirkt — dazu, den Stromkreis 
mit dem Kohärer zu schliessen; sie ist der Anstifter des 
Lebens, aber nicht dessen Ursache; sie wirkt auf die 
Zellen, welche bereit sind auf Lebensimpulse zu reagieren, 
wie etwa eine Ätherwelle wirkt, wenn sie einen Bogen oder 
Funken bildend von einem Leiter auf den anderen überspringt, 
dagegen bei Vorhandensein einer Potential-Differenz unfähig ist, 
die zwischen ihnen befindliche Kluft zu überbrücken. Die tat- 
sächliche Struktur des Hirns, das Blut, der Körper und die 
Latenz des Lebens sind natürlich alle das direkte Erbteil 
der Eltern und leiblichen Vorfahren; aber nach unserer 
Anschauung ist noch etwas anderes erforderlich, nämlich die 
feine Energie, welche notwendig ist, um diesen Mechanismus 
wirklich zu einem individuellen Wesen zu machen; und dieser 
notwendige andere Faktor kann, wie wir meinen, nur das sein, 
was ich in meinem Gleichnis die »Todes-Woge« genannt habe, 

— das Kamma eines Wesens, welches in jenem Augenblick 
sein Leben ausgehaucht hat. In Fällen, wo dieser notwendige 
Impuls mangelhaft ist, kann, obwohl Gehirn, Blut und Körper 
vollkommen sind, und obgleich die Latenz des Lebens vorhan- 
den ist, dennoch kein Eintritt in das Leben stattfinden, und 
das Kind bleibt unbelebt, odier es scheint nur für wenige Se- 
kunden gleichsam automatisch Lebenstätigkeit zu äussern, ohne 
aber jemals zu einem individuellen Leben zu erwachen. 

(Fortsetzung folgt.) 

Warum ich Buddhist wurde. 

Von A. E. Buultjens. 

(Schluss.) 

Die hier angeführten Gründe sagen Ihnen, warum ich 
Buddhist geworden bin; ich war eben mit vollem Bewusstsein 
von seiner Wahrheit überzeugt. Ich fragte mich ernst und 
feierlich im stillen, ob ich mich öffentlich zum Buddhismus be- 
kennen solle oder nicht. Damals, im Jahre 1888 wurden die 



No. 10. DER BUDDHIST. äJ5 

Buddhisten mehr als jetzt von der mit der Tünche der Zivili- 
sation versehenen christlichen Bevölkerung verachtet; denn die 
Anhänger des Buddhismus rekrutierten sich namentlich aus den 
Kreisen der „unwissenden, dummen Eingeborenen". Ich wusste, 
dass meinem Übertritt zum Buddhismus meine gesellschaftliche 
Ächtung folgen würde. 

An einem Vollmondtage des Jahres 1888 begab ich mich 
mit dem oben genannten buddhistischen Freunde und anderen 
zu dem Tempel und erklärte mich durch feierliches Bekennen 
des Tisarana') und Paficasila'^) öffentlich als einen An- 
hänger des Buddhismus. 

Solange ich Freidenker war, hatte mich die christliche Ge- 
sellschaft unter der Annahme, ich sei ein exzentrischer Mensch, 
noch allenfalls geduldet; als ich mich aber offen zum Bud- 
dhismus bekannte, war ich in der Gesellschaft mehr verachtet, 
als ein Wahnsinniger. Und dies war keineswegs befremdlich; 
denn wie ich bereits sagte, galt damals das Christentum als 
Religion der „Ansehnlichen", der Buddhismus dagegen ge- 
hörte den „dummen Eingeborenen". Christliche Eltern und 
eine christliche Anstalt hatten mich dazu erzogen, die Kirche 
Christi zu verteidigen und deren Argumente gegen anders 
denkende „Ketzer" und „Schismatiker" mir anzueignen. So 
war für diese Leute natürlich mein Übertritt zum Buddhismus 
ein „nichtswürdiger Abfall". Es wird gesagt, Gott schuf Men- 
schen und gab ihnen Gehirne zum Denken, und wenn nun ein 
Mensch denkt, vernünftig nachsinnt und Buddhist wird, dann 
verdammt ihn Gott dafür, dass er mit dem Hirn, welches er 
ihm gegeben, nachgedacht hat. Als ich nun vollends gegen 
Ende des Jahres das mir übertragene erste Inspektions-Amt 
der »Colombo-Buddhist-Schule« übernahm, da wurden die 
Schalen des Zornes von Christen und besonders von Beamten 
der englischen Kirche über mein Haupt ausgegossen. Ich hatte 
mich der Kirche gegenüber ablehnend verhalten, und so war 



') Tlsarana, die Formel der »dreifachen Zuflucht«: Ich nehme 
meine Zuflucht zu dem Buddha, ich nehme meine Zuflucht zu dem 
Dhamma, ich nehme meine Zuflucht zu dem Sangha. 

') Paficasila, die fünf allgemeinen Lebensregeln der Buddhisten: 
nicht töten, nicht stehlen, nicht ehebrechen, nicht lügen, sich von dem 
Genuss berauschender Getränke fernhalten. 



st« DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

jede christliche Tür für mich verschlossen, und jede Verleum- 
dung war gut genug, um mich gesellschaftlich zu brandmarken; 
ich war eben in den Augen dieser Menschen ein Skorpion, 
eine Schlange. 

Den ersten maliziösen giftigen Pfeil schoss auf mich Rev. 
E. F. Miller ab, der Vorsteher des St. Thomas-College, mein 
alter angesehener Gönner. Die jetzt folgenden beiden Briefe 
von ihm zeigen seine Stellung mir gegenüber vor und nach 
meinem offiziellen Übertritt zum Buddhismus. 

I. Brief. 

St. Thomas-College, 6. Februar 1888. 

Mein lieber Buultjens! Ich bin in Sorge, weil ich Sie 

diesen Morgen vermisst habe. Wir werden uns freuen, Sie 

morgen Nachmittag ^/„S Uhr bei uns zu sehen, wenn Sie Lust 

haben, an der Versammlung junger Männer Teil zu nehmen. 

Ihr ergebener 

E. F. Miller. 
Der zweite Brief war die Antwort Millers auf meine höf- 
liche Anfrage, warum er meinen Namen, der auf den Tafeln 
der College-Bücherei als Auszeichnung sich befand, habe ent- 
fernen lassen. 

II. Brief. 

St. Thomas-College, 19. Februar 1890. 

Mein lieber Buultjens! Ach, es ist doch garnicht schwer, 
Ihre Frage zu beantworten. Ihr Name ist aus der Bücherei 
entfernt worden, weil Sie von dem Glauben Christi abtrünnig 
geworden sind. Das College ist gegründet worden, um diesen 
Glauben aufrecht zu erhalten und zu verbreiten, und Sie, ob- 
wohl auf diesen Glauben getauft, sind nun zu seinen Feinden 
desertiert. Wollen Sie mir wirklich zutrauen, den Namen 
eines Verräters unter jenen Namen zu belassen, die das College 
zu ehren wünscht?! 

Ihr betrübter 

E. F. Miller. 

Diese für Missionars-Christen charakteristische Handlungs- 
weise, meinen Namen aus der Bücherei zu entfernen, hatte die 
Zustimmung des Bischofs von Colombo, an den ich appelliert 



No. 10. DER BUDDHIST. 317 

hatte, gefunden. Sie beabsichtigten mich zu entehren; aber sie 
haben nur erreicht, eine öffentliche Äusserung von christlicher 
Gehässigkeit und Intoleranz zu geben, auf welche sie möglicher- 
weise noch heute stolz sind. 

Zum Schluss will ich noch ein persönliches Erlebnis er- 
zählen, um eine Illustration dafür zu liefern, wie manche 
Geistliche der christlichen Kirche über die Buddhisten denken. 
Ich traf eines Tages in der Pettah-Bibliothek den Rev. Abraham 
Dias, welcher mich in meiner Kindheit getauft hatte, und 
wünschte ihm einen „guten Tag!". Er erkannte mich wieder, 
und nun entspann sich folgendes kurzes Zwiegespräch: 

„Wie geht es Ihnen?" 

,Danke, mein Herr, sehr gut!' 

„Wie ich höre, sind Sie an der Buddhistischen Schule?" 

Ja.' 

„Sind Sie ein Buddhist?" 

,Ja, mein Herr.' 

„Dann werden Sie unverzüglich in die Hölle verdammt 
werden." 

,Mein verehrter Herr, sind Sie denn der himmhschen 
Seligkeit so absolut sicher?!' 

Und lautlos ging der hochwürdige Herr von dannen. 

Gedanken über dies und das. 

Von Karl B. Seidenstücker. 
Vor einiger Zeit sah ich in Leipzig ein grosses Plakat 
einer christlichen Sekte mit der Aufschrift: »Mittwoch 
Abend öffentlicher Vortrag über die bevorstehende 
Wiederkunft Christi und das Ende der Welt«. Auf 
selbigem Plakat waren greuliche Bilder zu sehen: Einstür- 
zende Berge, Felsen und Häuser, Schwefelregen, Unwetter 
und Menschen, die in wahnsinniger Angst sich die Haare 
rauften. „Aha", sagte ich zu meinem Begleiter, „hier ist also 
die Furcht das Zugmittel." Und ich dachte an die Lehre des 
Erhabenen, in der die Furcht eins der grössten Hemnisse 



318 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

für die innere Entwicklung des Menschen genannt wird. 
Dann fiel mir ein Wort Schopenhauers ein, der von Kant 
sagt: „Kants Lehre gibt die Einsicht, dass der Welt Ende 
und Anfang nicht ausser, sondern in uns zu suchen sei." 
Und der Buddha spricht: „Wahrlich, ich sage euch, dass in 
diesem mit Wahrnehmung und Vorstellung behafteten klafter- 
grossen Körper die Welt enthalten ist, die Weltentstehung, 
das Ende der Welt und der zum Weltende führende Pfad." 
Aber das sind leere Worte für jene, welche die von ihnen 
geschaffenen Götter über alles fürchten. — 



Hast du, mein Leser, schon einmal über die Rolle nach- 
gedacht, welche die Suggestion in der Religion gespielt 
hat und noch heute spielt? Nein? Nun, dann mag dir das 
Folgende eine Anregung zum Nachdenken sein. Was der 
Mensch sich nachdrücklichst einredet, oder was ihm eingeredet 
wird, das glaubt er schliesslich, das wird ihm zur Gewiss- 
heit. „Zureden hilft", heisst es, und das ist in der Tat so. 
Und zwar hilft „zureden" dann am meisten, wenn der In- 
tellekt schwach oder noch wenig entwickelt ist, daher sind 
Kindlein und Einfältige am leichtesten zu suggerieren. 
Die christlichen Priester wissen sehr wohl, warum gerade 
Kinder und zwar recht zeitig in den Lehren des dogmati- 
schen Christentums zu unterweisen sind; und die christlichen 
Missionare streben mit grosser List und Klugheit dahin, ge- 
rade die Kinder der Eingeborenen mit den Dogmen ihrer 
Religion zu imprägnieren; „denn", sagt Schopenhauer, „das 
Gewerbe der Priester musste diesen dadurch gesichert wer- 
den, dass sie das Recht erhielten, ihre metaphysischen Dogmen 
den Menschen sehr frühe beizubringen, ehe noch die Urteils- 
kraft aus ihrem Morgenschlummer erwacht ist, also in der 
ersten Kindheit: denn da haftet jedes wohl eingeprägte 
Dogma, sei es auch noch so unsinnig, auf immer. Hätten 
sie zu warten, bis die Urteilskraft reif ist, so würden ihre 
Privilegien nicht bestehen können." Es gibt aber auch viele 
Menschen, bei denen selbst nach dem Ausziehen der Kinder- 
schuhe die Urteilskraft nimmer erwacht. — 



No. 10. DER BUDDHIST. 319 

Man hört so viel von den Erfolgen der Heilsarmee. 
Suggestion, meine Herren, nichts weiter! Die Versamm- 
lungen werden durch ein begeistert gesungenes Lied einge- 
leitet; darauf betritt ein „Offizier" das Podium und eindring- 
lich versichert er: „Christus ist unter uns, Christus hört uns, 
Christus kann dich erretten, er ist hierl" Und vorn auf der 
Bank sitzt ein armer Schlucker, moralisch niedergedrückt 
von den Excessen der letzten Nacht. „0, lass dich retten" 
— tönt es wieder und wieder an sein Ohr — und immer 
fester dringt die Vorstellung in ihm ein: Ich will mich retten 
lassen. Und diese Suggestion wird so mächtig, dass er dem 
Laster entsagt. Wahrlich — dein Glaube hat dir geholfen. 

Heilungen im Wallfahrtsort Lourdes werden häufig be- 
richtet, und ich glaube nicht, dass hier immer Schwindel 
vorliegt. Nur fragt es sich: Wer hat geholfen, die Mutter 
Gottes oder der Glaube? — 

Da hatte ich einmal mit einer überzeugten und gebilde- 
ten Christin ein interessantes Zwiegespräch. Die Dame 
meinte es herzlich gut und wollte mir, nachdem alle ihre 
Versuche, mir das Dasein Gottes zu beweisen, gescheitert 
waren, ihren „inneren Gottesbeweis" auftischen. „0," 
sagte sie, „wer jemals die Kraft des Gebetes gefühlt, wer 
jemals die Erhörung des Gebetes gesehen hat, der hat Gott, 
den lebendigen Gott erlebt und braucht keinen anderen Be- 
weis." Ich machte den Einwand der Autosuggestion. Um- 
sonst! Entrüstet beharrte sie auf ihrem Standpunkt. Ich 
schlug nun einen anderen Weg ein und sagte: „Sie sind 
fromme Protestantin ; glauben Sie an die Existenz der 
katholischen Heiligen?" 

,Natürlich nein!' 

„Nun behaupten aber die Katholiken gerade eben so fest, 
wie Sie es von Ihren Gebeten zu Gott und Christus behaup- 
ten, dass ihre Gebete zu den Heiligen erhört werden. Das- 
selbe behaupten ferner die „Heiden" von den Gebeten zu 
ihren Göttern. Was nun? Entweder also existieren und 
helfen die Heiligen und Götter wirklich, oder aber, sie exi- 
stieren nicht; dann kann also nur der Glaube geholfen 
haben und es handelt sich nur um Autosuggestion, also um 



320 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

eine selbstbewirkte Beeinflussung des Gemütes (resp. des 
Körpers durch die Psyche)." 

Glaubst du etwa, lieber Leser, die Dame gab sich be- 
siegt?! Weit gefehlt! Pathetisch erwiderte sie: ,Sollte es 
dem allmächtigen Gott nicht möglich sein, auch solche Ge- 
bete zu erhören, die aus Unwissenheit nicht an ihn gerichtet 
werden ? !' 

Gesagt habe ich nichts dazu. Aber in meinem Innern 
stieg der Gedanke auf: „0 wie glückselig seid ihr doch, ihr 
Einfältigen!" — 

Der verehrte Leser hat sicher schon vom Gesundbeten 
gehört. Schwindel? Oft sicherlich, manchmal aber auch 
nicht, und in diesen Fällen ist wiederum die Suggestion die 
wirkende Kraft. Und je stärker der Wille des Beeinflussenden 
ist, um so grösser der Erfolg, um so grösser auch — wenn 
es sich um religiöse Dinge handelt — der Fanatismus. Daher 
die schnelle Ausbreitung des Islam, daher die grossen Erfolge 
der jesuitischen Missions-Predigten; denn die Jünger Loyolas 
sind nicht nur ausgezeichnete Kanzelredner, sondern auch 
ausserordentlich starke Willens-Naturen. 

Dem Buddhismus ist dieses „Einreden" und Überzeugen- 
wollen völlig fremd. Die Lehre wird dargelegt ohne auf- 
dringliches Geschwätz; wie der Hörer sich dazu stellt, ist 
seine Sache. Daher werden in buddhistischen Ländern die 
Kinder nicht in irgendwelchen Dogmen, sondern in der 
Sittenlehre unterwiesen. Und in diesen buddhistischen 
Sittenlehren zielt gerade alles darauf ab, Vernunft und Ver- 
stand nicht in Fesseln zu schlagen, sondern frei zu entfalten. 
Wer in den buddhistischen Territorien sich durch das Christen- 
tum suggerieren lässt, der tut wohl daran, Christ zu werden; 
denn er ist reif dafür. — (Fortsetzung folgt.) 

Ein Jünger des Buddha darf nicht erzittern, wenn er 
geschmäht wird, noch aufgebläht werden, wenn man ihn preist. 

Tuvataka-Sutta. 



Verantwortlicher Redakteur: Karl B. Seidenstocker, Leipzig. Verlag: Buddhistischer Verlag 
in Leipziig. ~ Druck von Arno Bachmann, Baaladorf-Leipzig. 




Der Buddha vor einem deutschen Fürstenschloss. 

(Buddha-Sfaluc des Qrosshcrzogs uon Resscn 
im lüolfgarfcncr SchlossparU.) 




Alle Sünden meiden, die Tugend üben, das eigene Herz läutern: 
das ist die Religion der Buddhas. Dhammapada, V. 183. 



Das Missions-Problem. 

Von Dr. Paul Carus. 

Mission ist etwas sehr Empfehlenswertes; sie ist an sich 
eine gute Sache und sollte mit Energie und Begeisterung 
betrieben werden. Eine Religion, welche nicht missioniert, 
ist starr und tot. Kein schlimmerer Vorwurf kann modernen 
Freidenkern, welche sich häufig mit ihrer hoch-entwickelten 
Weltanschauung brüsten, gemacht werden, als ihr äusserster 
Mangel an Missions-Geist. Das Freidenkertum kann nur 
dann erwarten, dass man ihm Beachtung schenkt, wenn es 
zu missionieren beginnt. Solange Freidenker keine Opfer 
für eine weite Verbreitung ihrer Anschauungen bringen, ist 
ihre Sache lediglich von negativer Art. Ein positiver Glaube 
erzeugt stets den Entschluss, ihn zu verbreiten. Die Mission, 
weit entfernt davon unberechtigt und unvernünftig zu sein, 
ist ein sicheres Symptom für das Leben, welches in einer 
Religion herrscht. Aber während die Mission an sich gut- 
zuheissen ist, sollten wir doch nicht verfehlen zu gleicher 
Zeit den rechten Geist in der Mission zu fördern. 

Ein Missionar, der das Bedürfnis spürt, seinen Glauben 
zu propagieren, darf keinesfalls die Menschen beschimpfen, 
welche er für seine Religion gewinnen möchte. Er darf ihre 
religiösen Anschauungen nicht verdrehen oder falsch dar- 
stellen, noch das, was ihnen heilig ist, unnötigerweise ent- 
weihen. Es gibt Christen, bei denen die Ansicht gilt, dass 
die guten Eigenschaften der „heidnischen" Religionen für 

21 



322 DER BUDDHIST. I. Jahig 

das Christentum ein Hindernis sind. Wann und wo immer 
eine solche Ansicht begegnet, itann sie als ein sicheres 
Zeichen dafür gelten, dass der rechte Missionsgeist nicht 
vorhanden ist. Ein Missionar sollte stets nach den guten 
Seiten einer Religion blicken und vor allen Dingen sorgfältig 
jeden Berührungspunkt aufsuchen. Das Christentum kann 
nur dann hoffen Eroberungen zu machen, wenn es sich das 
Gute im „Heidentum" zu Nutze macht und es versteht die 
die Sympathie der „Heiden" zu gewinnen. 

Als St. Paulus nach Athen kam, fiel es ihm nicht ein, 
die griechischen Götter zu schmähen. Im Gegenteil, er sah 
sich nach einem Berühnungspunkte um und fand diesen 
schliesslich in einer Inschrift an einem Altar, der „einem un- 
bekannten Gotte" geweiht war. Indem er die gewissenhafte 
und bewusste Religiosität der Athener pries, ging er dazu 
über, ihnen den unbekannten Gott zu predigen, „dem sie 
unwissend Gottesdienst leisteten." 

Es ist noch ein Brief des Papstes Gregors des Grossen 
aus dem Jahre 601 vorhanden, welcher an den missionieren- 
den Mönch Augustinus gerichtet war, und in dem die Politik 
einer geistvollen Methode in Sachen der Mission ihren Aus- 
druck fand. Der Papst war offenbar ein praktischer Psycholog, 
welcher wusste, wie Menschen zu behandeln und wie Neue- 
rungen annehmbar seien. Was immer die Kritik an diesem 
Rat des Papstes aussetzen mag, dass er nämlich eine Art 
Kompromiss mit dem Heidentum schliesse, — so zeugt er 
doch sicherlich von einem grossen Scharfsinn und einem 
gesunden Urteil. Der Erfolg seiner Mission in England war 
ein guter Beweis für die Gewandtheit seiner Methode. 
Kirchen wurden regelrecht über den Altären und Heiligtümern 
der alten Götter errichtet, und die heidnischen Feste wurden 
unter christlichen Namen weitergefeiert. Papst Gregor schreibt: 

„Weil sie (die Angel-Sachsen) gewöhnt sind an den Festen der 
Dämonen (d. i. der heidnischen Götter) viele Ochsen und Pferde zu 
schlachten, so ist es bestimmt notwendig diese Feste bestehen zu lassen 
imd ihnen eine andere raison d'etre zu geben. An den Kirchweih- und 
an den Gedächtnis-Tagen der heiligen Märtyrer, deren Reliquien in jenen 
an den Stellen heidnischer Tempel erbauten Kirchen aufbewahrt werden, 
sollen ähnliche Feste gefeiert werden; der Festplatz soll mit grünen 



No. 11. DER BUDDHIST. 323 

Zweigen geschmückt und ein Gottesdienst abgehalten werden. Nur das 
Schlachten von Tieren soll fürderhin nicht mehr zu Ehren des Satans, 
sondern zum Preise Gottes vor sich gehen, und die Tiere sollen ge- 
schlachtet werden, damit man sie esse und Dank soll dafür abgestattet 
werden dem Geber aller guten Gaben." ') 

Gregor gibt hier also die Anweisung, die heidnischen 
Heiligtümer nicht zu zerstören, sondern sie in Kirchen um- 
zuwandeln. Er besteht darauf, sich den heidnischen Riten 
so weit als möglich anzupassen und die Namen der Heiigen 
an die Stelle der Namen von Heroen und Göttern zu setzen. 
In demselben Geiste schreibt Bischof Daniel an Winfrid 
(Bonifatius)-), er solle tolerant und geduldig sein und alles 
Schelten vermeiden, damit die Heiden nicht verbittert würden. 
„Ein Missionar darf nicht sogleich die Genealogieen der Götter 
abweisen,sondern er soll sie vielmehr benutzen,um ihren mensch- 
lichen Charakter darzutun. Er sollte Fragen stellen, welche 
die Heiden zum Nachdenken anregen über den Ursprung 
der Welt und der Götter, woher die Götter kamen und 
welches der Ursprung des ersten Gottes war, ob sie fort- 
führen neue Götter zu erzeugen; wenn nicht, wann sie mit 
der Erzeugung aufgehört hätten; wenn ja, ob dann ihre 
Zahl allmählich nicht unendlich werden würde." 

Leo der Grosse machte die römisch -heidnische Kunst 
christlichen Zwecken dienstbar. Er verwandelte die Statue 
Jupiters in die des Petrus, und die Göttin Anna Perenna 
wurde die heilige Anna Petronela, welche noch jetzt in der 
Campagna verehrt wird. Und die christlichen Missionare 
befolgten diese päpstliche Methode weiter. Die teutonische 
Muspili-Eschatologie, d. h. die Vorstellung von der Zerstörung 
der Welt durch Feuer, wurde von deutschen Konvertiten durch 
ein Gedicht christianisiert, in dem Elias nebst anderen Heiligen 
und Erzengeln die Stelle der teutonischen Götter einnehmen, 
deren ursprüngliche Züge noch unverkennbar hervortreten. 

Diese Methode des Missionierens hatte ihre ernsten 
Schattenseiten und führte eine Zeit lang zu einer argen Ver- 
mischung von christlichen und heidnischen Glaubensformen. 



') Vergl. Beda Venerabilis, »Hist. Eccies. Britorum« 1, Kap. 30. 
-) Epist. XIV, 99. 

21* 



324 DliH IJUUDHIST. I. Jahrg. 

So legte der Dänen-König Suen Tuesking bei einer Expe- 
dition gegen England ein dreifaches Gelübde ab, eins dem 
Gotte Bragafull, eins Christo und eins dem heiligen Michael. 
Und wir lesen von Ketil, einem irischen Feldherrn, dass der- 
selbe bei gewöhnlichen Anlässen Christus anrief, während er 
bei dringlichen Fällen sich an den Gott Thorr^) wandte. Es 
ist richtig, dass viele heidnische Gebräuche und Einrich- 
tungen erhalten sind, aber ihre schlechten Seiten wurden mit 
der Zeit überwunden, und das Gute blieb bestehen. Ein 
heidnisches Fest, die Yul-Zeit, ist jetzt das beliebteste 
christliche Fest; es hat den Namen Weihnachten erhalten, 
und das Christentum hat dadurch nichts verloren. 

Ich will nicht etwa gesagt haben, dass christliche Missio- 
nare sich mit heidnischen Irrtümern einverstanden erklären 
oder heidnische Einrichtungen ohne weiteres gut heissen 
sollen, — gewiss nicht; ich will nur sagen, die Missionare 
mögen sich hüten den Grundsatz des heiligen Augustinus 
zu dem ihrigen zu machen, welcher alle Tugenden der 
Heiden nur als glänzende Laster betrachtete; sie 
mögen vielmehr alles Gute in nicht-christlichen Religionen 
freudig anerkennen und begrüssen. Ich plaidiere einfach für 
strenge Gerechtigkeit und möchte von jedem Missionar nur 
ein sympathisches Verständnis für diejenige Religion fordern, 
welcher das Volk, bei dem er wirkt, ergeben ist. 

Gibt es nicht viele Einrichtungen, moralische Überzeu- 
gungen, Gewohnheiten und Anschauungen in nicht-christlichen 
Ländern, welche von unseren Missionaren ganz unnötiger- 
weise bekämpft werden? Sollten christliche Missionare, um 
erfolgreich zu wirken, in erster Linie nicht ein richtiges Ver- 
ständnis für die religiösen Überzeugungen haben, die sie zu 
überwinden trachten?! Sollten sie nicht erst lernen das hohe 
Streben „heidnischer" Heiliger und Propheten wie Buddha 
und Konfuzius zu prüfen und anzuerkennen?! Es würde 
für das Christentum selbst besser sein, wenn die „heidni- 
schen" Völker daran gingen, ihre Alissionare in christliche 
Länder zu senden; denn es gibt nichts, was geistig heilsamer 



') Roskoff, »Gedichte des Teufels« Bd. I, S. 10—13. 



No. 11. DER BUDDHIST. 325 

wäre, als ein ernster Wettbewerb unter denjenigen, weiche 
das Vertrauen, die Walnrheit gefunden zu liaben, beanspruchen. 
Zu unserem Bedauern müssen wir sagen, dass der Geist, 
in welchem sich die christlichen Missionare an die „Ungläu- 
bigen" wenden, im allgemeinen ein durchaus beleidigender 
ist. Der Missionar kommt zu Nicht-Christen wie ein Feind, 
dessen Streben darauf gerichtet ist alles das zu zerstören, 
was sie als das Höchste und Beste verehren, und die natür- 
liche Folge hiervon ist die, dass die Missionare ihre Konver- 
titen nur unter den minderwertigsten Volksschichten und 
Lumpen machen, die sich lediglich um materieller Vorteile 
willen bekehren lassen und die Religion, der sie nunmehr 
zuerteilt sind, nur in Misskredit bringen können. (Die sog. 
Reis- und Branntwein-Christen auf Ceylon! A. d. Her.) 

Der wahre Geist eines Missionars sollte der sein, dass 
der letztere sich zu den Nicht-Christen begibt, unter ihnen 
verweilt unter Anpassung an ihre Art zu leben und ihnen 
ein praktisches Beispiel für seine Lebensanschauungen bietet. 
Er sollte in fremde Länder gehen und sich bemühen den 
Sinn der religiösen Vorstellungen des betreffenden Volkes 
zu verstehen. Er sollte zu den Eingeborenen sagen: Die 
Bewohner unseres Landes haben an eurer Wohlfahrt Interesse 
und an eurer Art die Wahrheit zu erforschen. Lasst mich 
bitte wissen, was ihr glaubt, und wenn ihr mir euren Glauben 
gezeichnet habt, dann will ich, falls ihr Neigung habt mich 
anzuhören, euch erzählen, was wir glauben. Wir glauben, 
dass wir recht haben, und ihr glaubt dasselbe von euch. 
Lasst uns unsere Anschauungen miteinander vergleichen, und 
was immer ich von euch lernen kann, wünsche ich zu lernen, 
und ich erwarte umgekehrt von euch, dass ihr dasjenige 
beachten werdet, was ihr von mir lernen könnt, und was 
immer die Wahrheit sein mag, so werden wir uns freuen, 
sie annehmen zu dürfen." — Wenn die Missionare in diesem 
Geiste nach den „heidnischen" Ländern kämen, würde 
das Christentum in China nicht mehr mit Beefsteak-Essen 
oder in Indien mit Branntwein-Trinken identifiziert werden. 
Dann würde es auch keine „Verfolgungen" mehr geben. 
Die Missionare könnten ohne die geringste Gefahr sich in 



'32k DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

die entlegensten Teile von China begeben; sie würden dann 
nicht mehr gehasst, sondern willkommen geheissen werden, 
und wir hoffen, die Zeit wird nicht mehr fern sein, da alle 
Religionen ihre Missionare in ähnlicher Weise austauschen 
werden, wie die Regierung unseres Landes Gesandte zu 
anderen Nationen abordnet und umgekehrt deren Vertreter 
empfängt. (Schluss folgt.) 

Der Dharma des Tathägata verlangt von einem 
Menschen nicht, dass er heimatlos sein oder der Weh 
entsagen soll, es sei denn, dass er den Beruf dazu in 
sich fühlt; der Dharma des Tathägata verlangt von 
jedem Menschen, dass er sich frei mache von der 
Täuschung des Selbstes, dass er sein Herz läutere, 
dem Verlangen nach Lust entsage, und dass er ein 
Leben der Rechtschaffenheit führe. 

Evangelium Buddhas, 25. Kapitel. 

Die Lehre des Buddha 

oder: Die vier heiligen Wahrheiten. 

Nach Aussprüchen des Päli-Kanons zusammengestellt. 

Von Bhlkkhu Ny&natlloka (Ceylon). 

(5. Fortsetzung.) 



Sechste Stufe: Sammävayama, rechter Kampf.') 

Was ist nun, ihr Brüder, rechter Kampf? 

Es gibt, ihr Brüder, vier rechte Kämpfe: Den Kampf 
zur Vermeidung, den Kampf zur Vertreibung, den Kampf zur 
Erweckung und den Kampf zur Erhaltung. 

l. Was ist nun, ihr Brüder, der Kampf zur Vermei- 
dung? 



') Andere Übersetzungen sind : Rechtes Streben, rechte Anstrengung, 
rechte Energie. 



No. 11. DER BUDDHIST. 327 

Da erzeugt, ihr Brüder, der Jünger in sicli den Vorsatz, 
nicht-aufgestiegene böse, unheiisame Dinge nicht aufsteigen 
zu lassen, und seine Kraft aufbietend i<ämpft und ringt er, 
treibt seinen Geist an. 

Wenn nun, ihr Brüder, dieser Jünger mit dem Auge eine 
Form erblickt, so ergeht er sich nicht im Anblick derselben, 
weder des Ganzen noch seiner Teile, und er erzeugt den Vor- 
satz das zu meiden, was, wenn er unbewachten Auges ver- 
harrte, Anlass geben möchte zum Aufsteigen von bösen Dingen, 
zu Begehren und zu Missmut. Und also über das Auge wachend 
gelingt es ihm über dasselbe Meister zu werden. 

Fernerhin: Hört er mit dem Ohre einen Ton, riecht er 
mit der Nase einen Duft, schmeckt er mit der Zunge einen 
Saft, fühlt er mit dem Körper eine Tastung, erkennt er mit 
dem Geiste ein Ding (Vorstellung), so ergeht er sich nicht im 
Anblick derselben, weder des Ganzen noch seiner Teile, und 
er erzeugt den Vorsatz das zu meiden, was, wenn er unbe- 
wachten Sinnes verharrte, Anlass geben möchte zum Aufstei- 
gen von bösen Dingen, zu Begehren und zu Missmut. Und 
also über die Sinne wachend gelingt es ihm über dieselben 
Meister zu werden. 

Ausgerüstet mit dieser Herrschaft über die Sinne, der so 
ruhmvollen, empfindet er in seinem Innern ein Wohlgefühl, in 
das kein übles Ding einzudringen vermag. 

Das, ihr Brüder, nennt man den Kampf zur Vermeidung. 

II. Was ist nun, ihr Brüder, der Kampf zur Vertrei- 
bung? 

Da erzeugt, ihr Brüder, der Jünger in sich den Vorsatz, 
aufgestiegene böse, unheilsame Dinge zu vertreiben, und 
seine Kraft aufbietend kämpft und ringt er, treibt seinen 
Geist an. 

Einen aufgestiegenen begehrlichen Gedanken lässt er nicht 
Fuss fassen, übermannt ihn, vertreibt ihn, vernichtet ihn, bringt 
ihn zum Verschwinden. Also verfährt er mit einem aufge- 
stiegenen Gedanken des Hasses. Und was es auch an üblen 
Dingen gibt, nicht lässt er sie Fuss fassen, er übermannt sie, 
vertreibt sie, vernichtet sie, bringt sie zum Verschwinden. 

Das, ihr Brüder, nennt man den Kampf zur Vertreibung. 



^ DER BUDDHlSt. l. Jahrg. 

HI. Was ist nun, ihr Brüder, der Kampf zur Erweckung? 

Da erzeugt, ilir Brüder, der Jünger in sich den Vorsatz, 
nicht-aufgestiegene heilsame Dinge zu erweci<en, und seine 
Kraft aufbietend i<ämpft und ringt er, treibt seinen Geist an. 

[Die sieben Glieder der Erleuchtung, bojjhangä:] 
Und er erweckt das an die Einsamkeit gebundene, auf Gier- 
entfremdung gegründete und zum Erlöschen führende Erleuch- 
tungsmal (bojjhangä) der Einsicht, jener Einsicht nämlich, 
die zur Gewinnung durchdringender Weisheit und zur Be- 
tretung des Pfades^) befähigt; erweckt das Erleuchtungsmal 
der Kraft, erweckt das Erleuchtungsmai der Wahrheiter- 
gründung; erweckt das Erleuchtungsmal der Freude; erweckt 
das Erleuchtungsmal der Ruhe; erweckt das Erleuchtungsmal 
der Vertiefung (samädhi); erweckt das Erleuchtungsmal des 
Gleichmuts, jenes Gleichmutes nämlich, der zur Gewinnung 
durchdringender Weisheit und zur Betretung des Pfades ') befähigt. 

Das, ihr Brüder, nennt man den Kampf zur Erweckung. 

IV. Was ist nun, ihr Brüder, der Kampf zur Erhaltung? 

Da erzeugt, ihr Brüder, der Jünger in sich den Vorsatz, 
aufgestiegene heilsame Dinge zu erhalten, sie nicht schwinden 
zu lassen und sie zur Entfaltung zu bringen; und seine Kraft 
aufbietend kämpft und ringt er, treibt seinen Geist an. 

Das, ihr Brüder, nennt man den Kampf zur Erhaltung. 
(DTgha Nikäya. Vgl. auch Majjhima Nikäya 77.) 

[Erfordernisse zum moralischen Kampf. 1. Ver- 
trauen, saddhä:] Ein solcher Jünger, wahrlich, iiir Brüder, 
hat Zutrauen, er traut der Erleuchtung des Tathägata, so zwar: 
,Das ist der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte, der 
Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt 
Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerherde, der 
Meister der Götter und Menschen, der Erwachte (buddha), der 
Erhabene (bhagavat).' 

[2. Energie, vtriya:] Rüstig ist er und munter, seine 
Kräfte sind gleichmässig gemischt, weder zu kalt, noch zu heiss, 
um den mittleren Kampf zu bestehen. (Majjhima Nikäya, 90.) 



') Der vierfache Pfad zur Arahäschaft oder zum Nibbäna, nämlich: 
sotdpattimagga, sakadägämimagga, anägämimagga, arahattamagga. 



No. 11. DER BUDDHIST. 329 

Und es erfüllt ihn der Gedanke: .Mögen wahrlich eher 
Muskeln, Haut und Sehnen mitsamt den Knochen, dem Fleisch 
und dem Blute ausdörren und zusammenschrumpfen, als dass 
ich meine Kampfesenergie aufgäbe, solange ich noch nicht das 
erreicht habe, was immer mit menschlicher Ausdauer, Energie 
und Anstrengung erreichbar ist.' (Majjhima Nikäya.) 

Dies, ihr Brüder, ist rechter Kampf. 



Siebente Stufe: Sammäsati, rechte Einsicht/) 

Was ist nun, ihr Brüder, rechte Einsicht? 

[Die vier Pfeiler der Einsicht:] Da wacht, ihr Brüder, 
ein Mönch beim Körper über den Körper, wacht bei den Ge- 
fühlen über die Gefühle, wacht beim Gemüte (citta) über das 
Gemüt, wacht bei den Erscheinungen (dhammä) über die Er- 
scheinungen, unermüdlich, klaren Sinnes, einsichtig, nach Ver- 
windung weltlichen Begehrens und Bekümmerns. 

Der gerade Weg, ihr Brüder, der zur Läuterung der Wesen, 
zur Überwältigung des Schmerzes und Jammers, zur Zerstörung 
des Leidens und Kummers, zur Gewinnung des Rechten, zur 
Verwirklichung der Wahnerlöschung führt, — das sind die 
vier Pfeiler der Einsicht.') 

/. Einsicht in den Körper. 

Wie aber, ihr Brüder, wacht ein Mönch beim Körper über 
den Körper? 

Da begibt sich, ihr Brüder, der Mönch ins Innere des 
Waldes oder unter einen grossen Baum oder in eine leere 
Klause, setzt sich mit gekreuzten Beinen nieder, den Körper 
gerade aufgerichtet und pflegt der Einsicht (Betrachtung). 

[Ein- und Ausatmen:] Bedächtig atmet er ein, bedäch- 
tig atmet er aus. Atmet er tief ein, so weiss er: ,Ich atme tief 
ein', atmet er tief aus, so weiss er: ,Ich atme tief aus'; atmet 
er kurz ein, so weiss er: ,lch atme kurz ein', atmet er kurz 
aus, so weiss er: ,lch atme kurz aus.' ,Den ganzen Körper 

') Andere Übersetzungen sind: Rechtes Gedenken, rechte Erinnerung, 
rechte Betrachtung, rechte (Gedanken-)Konzentration. 

-) Dieselben sind auch bekannt unter dem Namen »Satipatthänä«, 
die vier wesentlichen Betrachtungen oder die vier ernsten 
Meditationen. 



33Ö DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

empfindend will ich einatmen', ,den ganzen Körper empfindend 
will ich ausatmen', so übt er sich. ,Diese Körperverbindung 
besänftigend will ich einatmen, , diese Körperverbindung be- 
sänftigend will ich ausatmen', so übt er sich. 
■"^i. • So wacht er beim inneren Körper über den Körper, so 
wacht er beim äusseren Körper über den Körper, innen und 
aussen wacht er beim Körper über den Körper. Er betrachtet 
wie der Körper entsteht, er betrachtet wie der Körper vergeht, 
er betrachtet wie der Körper entsteht und vergeht. ,Der Körper 
ist da:' diese Einsicht wird nun seine Stütze, eben weil sie 
zur Erkenntnis, zur Besinnung dient, — und unabhängig lebt 
er und nichts in der Welt begehrt er. Also, ihr Brüder, wacht 
ein Mönch beim Körper über den Körper. 

[Körperpositionen:] Und ferner noch, ihr Brüder: Der 
Mönch weiss wenn er geht ,Ich gehe', weiss wenn er steht 
,Ich stehe', weiss wenn er sitzt ,lch sitze', weiss wenn er liegt 
,Ich liege', er weiss, wenn er sich in dieser oder jener Stellung 
befindet, dass es diese oder jene Stellung ist. 

So wacht er beim inneren Körper über den Körper, so 
wacht er beim äusseren Körper über den Körper, innen und 
aussen wacht er beim Körper über den Körper. Er betrachtet 
wie der Körper entsteht, er betrachtet wie der Körper vergeht, 
er betrachtet wie der Körper entsteht und vergeht. ,Der Körper 
ist da:' diese Einsicht wird nun seine Stütze, eben weil sie 
zur Erkenntnis, zur Besinnung dient, — und unabhängig lebt 
er und nichts in der Welt begehrt er. Also, ihr Brüder, wacht 
ein Mönch beim Körper über den Körper. 

[Körperfunktionen:] Und ferner noch, ihr Brüder: Der 
Mönch ist klar bewusst beim Kommen und Gehen, klar be- 
wusst beim Hinblicken und Wegblicken, klar bewusst beim 
Neigen und Erheben, klar bewusst beim Essen und Trinken, 
klar bewusst beim Kauen und Schmecken, klar bewusst beim 
Verrichten der Notdurft, klar bewusst beim Gehen, Stehen, 
Sitzen und Liegen, klar bewusst beim Einschlafen und Er- 
wachen, klar bewusst beim Sprechen und Schweigen. 

So wacht er beim inneren Körper über den Körper, so 
wacht er beim äusseren Körper über den Körper, innen und 
aussen wacht er beim Körper über den Körper. Er betrachtet 



No. 11. DER BUDDHIST. 331 

wie der Körper entsteht, er betrachtet wie der Körper vergeht, 
er betrachtet wie der Körper entsteht und vergeht. ,Der Körper 
ist da:' diese Einsicht wird nun seine Stütze, eben weil sie 
zur Erkenntnis, zur Besinnung dient, — und unabhängig lebt 
er, und nichts in der Weh begehrt er. Also, ihr Brüder, wacht 
ein Mönch beim Körper über den Körper. 

[Die Unreinheit des Körpers:] Und ferner noch, ihr 
Brüder: Der Mönch betrachtet sich diesen Körper da von der 
Sohle bis zum Scheitel, den hautüberzogenen, welchen ver- 
schiedenes Unreine anfüllt: ,Dieser Körper trägt einen Schopf, 
ist behaart, hat Nägel und Zähne, Haut und Fleisch, Sehnen, 
Knochen und Knochenmark, Nieren, Herz und Leber, Zwerch- 
fell, Milz, Lungen, Magen, Eingeweide, Weichteile und Kot, 
hat Galle, Schleim, Eiter, Blut, Schweiss, Lymphe, Tränen, 
Serum, Speichel, Rotz, Gelenköl, Urin.' 

Gleichwie etwa, ihr Brüder, wenn da ein Sack läge, an 
beiden Enden zugebunden, mit verschiedenem Korne gefüllt, 
mit Reis, mit Bohnen, mit Sesam, und ein scharf sehender 
Mann bände ihn auf und untersuchte den Inhalt: ,Das ist Reis, 
das sind Bohnen, das ist Sesam': — Ebenso nun auch, ihr 
Brüder, betrachtet sich ein Mönch diesen Körper da von der 
Sohle bis zum Scheitel, den hautüberzogenen, welchen ver- 
schiedenes Unreine anfüllt. 

So wacht er beim inneren Körper über den Körper, so 
wacht er beim äusseren Körper über den Körper, innen und 
aussen wacht er beim Körper über den Körper. Er betrachtet 
wie der Körper entsteht, er betrachtet wie der Körper vergeht, 
er betrachtet wie der Körper entsteht und vergeht. ,Der Körper 
ist daV diese Einsicht wird nun seine Stütze, eben weil sie 
zur Erkenntnis, zur Besinnung dient, — und unabhängig lebt 
er, und nichts in der Welt begehrt er. Also, ihr Brüder, wacht 
ein Mönch beim Körper üher den Körper. 

[Die vier Elementar-Kräfte des Körpers:] Und ferner 
noch, ihr Brüder: Der Mönch betrachtet sich diesen Körper da, 
wie er geht und steht, als Artung an: ,Dieser Körper hat die 
Erdart, die Wasserart, die Feuerart, die Luftart.' *) 

') In den Worten der modernen Wissenschaft: Trägheit, Kohäsioji, 
Strahlung, Beweglichkeit. 



332 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

Gleichwie etwa, ilir Brüder, ein gescliicicter Metzger oder 
Metzgergeselie eine Kuh schlachtet, auf den Markt bringt, 
Stück für Stück zerlegt und sich dann hinsetzt: ebenso nun 
auch, ihr Brüder, betrachtet sich ein Mönch diesen Körper da, 
wie er geht und steht, als Artung an. 

So wacht er beim inneren Körper über den Körper, so 
wacht er beim äusseren Körper über den Körper, innen und 
aussen wacht er beim Körper über den Körper. Er betrachtet 
wie der Körper entsteht, er betrachtet wie der Körper vergeht, 
er betrachtet wie der Körper entsteht und vergeht. ,Der Körper 
ist da:' diese Einsicht wird nun seine Stütze, eben weil sie 
zur Erkenntnis, zur Besinnung dient, und unabhängig lebt er 
und nichts in der Welt begehrt er. Also, ihr Brüder, wacht 
ein Mönch beim Körper über den Körper. 

[Erste Leichenbetrachtung:] Und ferner noch, ihr 
Brüder: als hätte der Mönch einen Leichnam auf der Leichen- 
stätte liegen sehen, einen Tag nach dem Tode, oder zwei 
oder drei Tage nach dem Tode, aufgedunsen, blau-schwarz 
gefärbt, in Fäulnis übergegangen, — zieht er den Schluss auf 
sich selbst: ,Und auch mein Körper ist so beschaffen, wird 
das werden, kann dem nicht entgehen.' 

[Zweite Leichenbetrachtung:] Und ferner noch, ihr 
Brüder: als hätte der Mönch einen Leichnam auf der Leichen- 
stätte liegen sehen, von Krähen oder Raben oder Geiern zer- 
fressen, von Hunden oder Schackalen zerfleischt, oder von 
vielerlei Würmern zernagt, — zieht er den Schluss auf sich 
selbst: ,Und auch mein Körper ist so beschaffen, wird das 
werden, kann dem nicht entgehen.' 

[Dritte Leichenbetrachtung:] Und ferner noch, ihr 
Brüder: als hätte der Mönch einen Leichnam auf der Leichen- 
stätte liegen sehen, ein Knochengerippe, fleischbehangen, von 
Blutjauche besudelt, von den Sehnen zusammengehalten, — 

[Vierte Leichenbetrachtung:] ein Knochengerippe, 
fleischentblösst, von Biutjauche besudelt, von den Sehnen 
zusammengehalten, — 

[Fünfte Leichenbetrachtung:] ein Knochengerippe ohne 
Fleisch, ohne Blut, von den Sehnen zusammengehalten, — 



No. 11. DER BUDDHIST. 333 

[Sechste Leiclienbetrachtung:] die Gebeine, ohne die 
Sehnen, hierhin und dorthin verstreut, da ein Handknochen, 
dort ein Fussl<nochen, da ein Schienbein, dort ein Schenkel, 
da das Becken, dort Wirbel, da der Schädel, — als hätte er 
dieses gesehen, zieht er den Schluss auf sich selbst: ,Und 
auch mein Körper ist so beschaffen, wird das werden, kann 
dem nicht entgehen'. 

[Siebente Leichenbetrachtung:] Und ferner noch, ihr 
Brüder: als hätte der Mönch einen Leichnam auf der Leichen- 
stätte liegen sehen, Gebeine, blank, muschelfarbig, — 

[Achte Leichenbetrachtung:] Gebeine, zuhauf geschich- 
tet, nach Verlauf eines Jahres, — 

[Neunte Leichenbetrachtung:] Gebeine, verwest, in 
Staub zerfallen, — als hätte er dieses gesehen, zieht er den 
Schluss auf sich selbst: ,Und auch mein Körper ist so be- 
schaffen, wird das werden, kann dem nicht entgehen'. 

So wacht er beim inneren Körper über den Körper, so 
wacht er beim äusseren Körper über den Körper, innen und 
aussen wacht er beim Körper über den Körper. Er betrachtet 
wie der Körper entsteht, er betrachtet wie der Körper vergeht, 
er betrachtet wie der Körper entsteht und vergeht. ,Der Körper 
ist da:' diese Einsicht wird nun seine Stütze, eben weil sie 
zur Erkenntnis, zur Besinnung dient, und unabhängig lebt er 
und nichts in der Welt begehrt er. Also, ihr Brüder, wacht 
ein Mönch beim Körper über den Körper. 

[Die durch die Einsicht in den Körper erlangten 
Früchte:] Ist Einsicht, ihr Brüder, in den Körper genommen, 
geübt, gepflegt, ausgeführt, ausgebildet, angewendet, durchge- 
prüft, durchaus entrichtet worden, mag man da zehn förderliche 
Eigenschaften an sich erfahren. Über Unmut hat man Gewalt, 
nicht lässt man sich von Unmut bewältigen, aufgestiegenen 
Unmut überwindet, übersteht man. Furcht und Angst bewäl- 
tigt man, nicht lässt man sich von Furcht und Angst bewälti- 
Ir gen, aufgestiegene Furcht und Angst überwindet, übersteht 
P man. Man erträgt Kälte und Hitze, Hunger und Durst, Wind 
;. und Wetter, Mücken und Wespen und plagende Kriechtiere, 
' boshafte und böswillige Redeweise, körperliche Schmerzen, 
r " ■ "■ ■" " 



334 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

unangenehme, leidige, lebensgefährliche hält man duldend aus. 
Die vier Schauungen (paii: jhänä, sanskr.: dhyänäs), die 
herzinnigen, köstliche Gegenwart gewährenden, die kann man 
nach Wunsch gewinnen, in ihrer Fülle und Weihe. Auf 
mancherlei Weise gelingt einem magische Wirkung, bis zu den 
Brahma-Welten hat man den Körper in seiner Gewalt. Mit 
dem himmlischen Ohre, dem geläuterten, übersinnlichen, hört 
man beide Arten der Töne, die himmlischen und die irdischen, 
die fernen und die nahen. Der anderen Wesen, der anderen 
Personen Gemüt schaut und erkennt man im Gemüte je gemäss. 
An manche frühere Daseinsform erinnert man sich, als wie an 
ein Leben, dann an zwei Leben, dann an viele Leben, mit je 
den eigentümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen Be- 
ziehungen. Mit dem himmlischen Auge, dem geklärten, über- 
sinnlichen, sieht man die Wesen dahinschwinden und wieder- 
erscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne, glück- 
liche und unglückliche, man erkennt, wie die Wesen je nach 
den Taten wiederkehren. Den Wahn kann man versiegen und 
die wahnlose Gemüterlösung noch bei Lebzeiten sich offenbar 
machen, verwirklichen und erringen. (Majjhima Nikäya 119). 
//. Einsicht in das Gefühl. 

Wie aber, ihr Brüder, wacht ein Mönch beim Gefühl über 
das Gefühl? 

Da weiss, ihr Brüder, ein Mönch, wenn er ein Wohlgefühl 
empfindet, ,Ich empfinde ein Wohlgefühl', weiss wenn er ein 
Wehegefühl empfindet, ,lch empfinde ein Wehegefühl', weiss, 
wenn er kein Wohl- und kein Wehegefühl empfindet, ,lch 
empfinde kein Wohl- und kein Wehegcfühl'. Er weiss, wenn 
er ein weltliches Wohlgefühl empfindet, ,lch empfinde ein welt- 
liches Wohlgefühl' und weiss, wenn er ein nicht-weltliches 
Wohlgefühl empfindet, ,Ich empfinde ein nicht-weltliches Wohl- 
gefühl', weiss, wenn er ein weltliches Gefühl ohne Wohl und 
Wehe empfindet, ,Ich empfinde ein weltliches Gefühl ohne 
Wohl und Wehe', und weiss, wenn er ein nicht-weltliches Ge- 
fühl ohne Wohl und Wehe empfindet, ,Ich empfinde ein nicht- 
weltliches Gefühl ohne Wohl und Wehe'. 

So wacht er beim inneren Gefühl über das Gefühl, so 
wacht er beim äusseren Gefühl über das Gefühl, innen und 



No. n. DER BUDDHIST. 335 

aussen wacht er beim Gefühl über das Gefühl. Er betrachtet 
wie das Gefühl entstellt, er betrachtet wie das Gefühl vergeht, 
er betrachtet wie das Gefühl entsteht und vergeht. ,Das Gefühl 
ist da': diese Einsicht wird nun seine Stütze, eben weil sie 
zur Erkenntnis, zur Besinnung dient, und unabhängig lebt er 
und nichts in der Welt begehrt er. Also, ihr Brüder, wacht 
ein Mönch beim Gefühl über das Gefühl. 

///. Einsicht in das Gemüt. ^) 

Wie aber, ihr Brüder, wacht ein Mönch beim Gemüt über 
das Gemüt? 

Da kennt, ihr Brüder, ein Mönch das begehrliche Gemüt 
als begehrlich und das gierlose Gemüt als gierlos, das ge;- 
hässige Gemüt als gehässig und das hassfreie Gemüt als 
hassfrei, das irrende Gemüt als irrend, und das irrlose Gemüt 
als irrlos, das gesammelte (besonnene) Gemüt als gesammelt 
und das zerstreute Gemüt als zerstreut, das hochstrebende 
Gemüt als hochstrebend und das niedrig gesinnte Gemüt als 
niedrig gesinnt, das edle Gemüt als edel und das gemeinp 
Gemüt als gemein, das beruhigte Gemüt als beruhigt und das 
ruhelose Gemüt als ruhelos, das erlöste Gemüt als erlöst und 
das gefesselte Gemüt als gefesselt. 

So wacht er beim inneren Gemüt über das Gemüt, so 

wacht er beim äusseren Gemüt über das Gemüt, innen und 

aussen wacht er beim Gemüt über das Gemüt. Er betrachtet 

wie das Gemüt entsteht, er betrachtet wie das Gemüt vergeht, 

er betrachtet wie das Gemüt entsteht und vergeht. ,Das Gemüt 

ist da:' diese Einsicht wird nun seine Stütze, eben weil sie 

zur Erkenntnis, zur Besinnung dient, und unabhängig lebt er 

und nichts in der Welt begehrt er. Also, ihr Brüder, wacht 

ein Mönch beim Gemüt über das Gemüt. 

(Schluss folgt.) 

Durch das eigene Selbst wird Sünde begangen, durch 
das eigene Selbst wird man schlecht; durch das eigene Selbst 
wird die Sünde gemieden, durch das eigene Selbst wird man 
gut. Ja, Reinheit, Unreinheit schafft man sich selbst, kein 
anderer kann Erlöser sein. (Dhammapada.) 

') Oder: Gesinnung. 



336 DER BUDDHIST. I. Jnlirg. 

Die Berührungspunkte der 

Philosophie Schopenhauers 
und des Buddhismus. 

Von Georg Jahn. 

(Schluss.) 

Vergleichen wir mit den hier vorgetragenen Ansichten 
Schopenhauers die buddhistische Lebensanschauung, so finden 
wir eine durchgehende Übereinstimmung. Auch nach der Lehre 
des Buddhismus ist der Wille zum Leben (tanhä) die wirkende 
Ursache unseres Daseins, die Ursache des Kreislaufs der 
Wiedergeburten. Das Karma, die Fügung, das Geschick be- 
stimmt unsers Lebens Gestaltung, die Art und Beschaffenheit 
unseres Daseins, unsern individuellen, unveränderlichen Cha- 
rakter. Der Samsära ist die in ewigem Entstehen und Ver- 
gehen begriffene Welt, in der wir leben, die Welt des Irrtums 
und der Schuld, der Geburt, des Leidens und des Todes, der 
Enttäuschungen und der Schmerzen. Seine Ursache ist der 
Wille zum Leben mit seinem ewigen Streben und Trachten 
nach Dasein. Überall aber sind Hemmnisse, der Wille muss 
fortgesetzt kämpfen: kämpfen aber heisst leiden! Wir Menschen 
sind vom irdischen Wahn verblendet, trachten nach Dingen, 
die nur einen Scheinwert haben, hängen unser Herz an ver- 
gängliche Güter, weinen und freuen uns über nichtige Dinge, 
können uns nicht aus dem Daseinskampfe loslösen und ver- 
nachlässigen unser wahres Heil. Unser Leben ist so eine 
Kette von Wünschen und Hoffnungen, Täuschungen und Ent- 
täuschungen, ein Hin- und Herschwanken zwischen Begierde 
und Befriedigung, Sehnsucht nach Genuss und Übcrdruss am 
Genossenen. Geburt und Tod, Verfall und Krankheit, Be- 
rührung mit Unangenehmem, Trennung von Angenehmem, 
tausend Wünsche und unerfüllte Begierden, alles ist voll von 
Leiden, bereitet uns Kummer und Qual. Der Ursprung des 
Leidens nun ist in jener sehnenden Erregung zu suchen, welche 
der Empfindung folgt und den Wahn vom Ich und die Be- 
gierde zum Leben verursacht, — dieser ungeheure nagende Durst 
und Drang zur Sinnlichkeit, zur Sehnsucht nach zukünftgem 



No. 11. DER BUDDHIST. 337 

Leben und zum Hängen an der gegenwärtigen Welt. Kummer 
und Leiden i<önnen überwunden und ausgelöscht werden, wenn 
dieser Durst gestillt, diese Begierde zum Leben zerstört, der 
Wille aufgehoben wird. Dieses Ziel aber lässt sich durch den 
einen Weg erreichen, den edlen Pfad eines tugendhaften und 
gedankenvollen Lebens, der als Grundbedingungen der Erlö- 
sung acht Forderungen aufstellt: Rechtes Glauben, rechtes Ent- 
schliessen, rechtes Wort, rechte Tat, rechtes Leben, rechtes 
Streben, rechtes Gedenken, rechtes Sichversenken. 

Die Grundforderung eines die Heiligkeit erstrebenden 
Lebens ist auch beim Buddhismus die Übung des Mitleids, 
das sich allen Wesen gegenüber äussern soll und sich in jener 
schönen und wohltuenden Liebe zu den Tieren am deutlichsten 
dokumentiert. Dann aber soll sich der Mensch freimachen 
von Vorurteilen, Aberglauben und Wahn und immerdar den 
höchsten und edelsten Zielen zugewendet sein. Güte, Einfach- 
heit und Wahrhaftigkeit, Friedfertigkeit, Rechtschaffenheit, stetes 
Wohlwollen den Mitmenschen gegenüber und Reinheit der Ge- 
sinnung sind Tugenden, deren Ausübung ihn auf seinem Wege 
zur Erlösung fördern. Niemals soll er einem lebenden Wesen 
Nachteil und Schaden zufügen und stets auf vollkommene 
Überwindung der sinnlichen Begierden und des Willens zum 
Leben überhaupt bedacht sein. Wenn er so sein ganzes 
Denken und Wahrnehmen von den Aussendingen zurückzieht 
und auf sein Inneres richtet, dann wird er seinen Willen über- 
winden können, dann wird er aufgehen im Nirväna, dem Er- 
löschen jener sündigen, nach Genüsse greifenden Beschaffen- 
heit des Geistes und des Herzens, welche sonst nach dem 
grossen Mysterium des Karma zu erneutem individuellen Dasein 
erwachen würde. Er hat damit die Heiligkeit erreicht, jenen 
Zustand der Vollkommenheit und des Friedens, in dem es weder 
Leidenschaft noch Begierde, weder Furcht noch Hoffnung gibt, 
den Zustand des Erloschenseins, der Leidlosigkeit, das Nirväna. 

Es bleibt uns nun noch übrig, die Unsterblichkeitslehren 
Schopenhauers und des Buddhismus und ihre Übereinstimmung 
kurz zu skizzieren. Beide gehen sie aus dem Bestreben her- 
vor, eine ewige Gerechtigkeit, die in der Welt herrschen soll, 
und damit die Leiden des Daseins als von den Menschen 

22 



338 DER BUDDHIST. I. Jahrg- 

selbst verschuldet zu erweisen. Nach Schopenhauer ist es der 
Wille, das unsterbliche, urewige und allein freie Ding an 
sich der Welt, der das Existierende schafft. Die ewige Ge- 
rechtigkeit muss also darauf beruhen, dass die Erscheinung 
der Beschaffenheit des schöpferischen Willens genau entspricht. 
Die Welt ist nun deshalb so voller Leiden und Übel, weil der 
Wille es so will. Sic ist ja nur der Spiegel, der Ausdruck 
des Willens, und alle Vergänglichkeit, alle Qualen und Leiden 
in ihr gehören zum Ausdruck dessen, was er will, jedes 
Wesen trägt mit vollem R«cht sein Dasein, trägt mit vollem 
Recht seine Art, seine Individualität und seinen Charakter, so 
wie sie sind, in einer vom Zufall beherrschten, zeitlichen, ver- 
gänglichen und stets leidenden Welt, und in allen, was ihm 
widerfährt, geschieht ihm stets recht. Denn sein ist der Wille, 
und wie der Wille ist, so ist die Welt. Jammer und Schuld 
der Welt halten sich die Wage, es herrscht eine ewige Ge- 
rechtigkeit in allem, was geschieht. So Schopenhauer; anders 
der Buddhismus in seiner grundlegenden Lehre von der Wieder- 
geburt, die gewöhnlich mit dem recht unzutreffenden Namen der 
Seelenwanderung bezeichnet zu werden pflegt. Wiedergeburt 
bedeutet die Wiederverkörperung des Grundcharakters, der 
Wesenheit eines Menschen in immer neuen Daseinsformen, die 
sich bis zur Erlangung des Nirväna fortsetzt. Sobald ein empfin- 
dendes Wesen stirbt, wird ein neues zu einem mehr oder minder 
leidvollen Daseinszustande wiederhervorgebracht, je nach dem 
Verschulden oder dem Verdienste des Verstorbenen. Diese 
Wiedergeburt vollzieht sich nach dem Gesetz des K'arma, dem 
Gesetz der unbedingten Kausalität, der Verkettung von Ursache 
und Wirkung, gemäss der moralischen Weltordnung, von der 
die physische nur ein Abbild ist. Das Karma also, diese 
Resultante aus dem Denken und Tun des früheren empfinden- 
den Wesens, bestimmt die örtlichkeit, Natur und Zukunft des 
neuen. Man braucht sich deshalb nicht zu wundern, dass 
Glück und Unglück in diesem Leben mit der grössten Nicht- 
achtung der moralischen Eigenschaften den Menschen zuerteilt 
werden, die Karmalehre findet die moralischen Ursachen für 
Wirkungen, welche uns unerklärlich sind. Jeder ist das Ergeb- 
nis seiner verschiedenen Lebensformen und hat seine gegen- 



No. 11. DER BUDDHIST. 339 

wärtigen Leiden mit seinem Tun in vergangenen Zeiten ver- 
schuldet, Leiden, die er also mit vollem Recht trägt. Es gibt eine 
ewige Gerechtigkeit, und Schuld und Leiden vy^iegen einander auf! 

So haben wir denn zwei grosse Weltanschauungen an 
unserem geistigen Auge vorüberziehen lassen, zwei Weltan- 
schauungen, die gänzlich unabhängig von einander entstanden 
sind und doch die grösste Übereinstimmung aufzuweisen haben. 
Sei es in der Weiterklärung oder sei es im Suchen nach dem 
Urprinzip der Dinge, sei es in den Grundprinzipien der Moral 
oder sei es in den Wegen, die einzuschlagen sind, um Glück- 
seligkeit, Herzensreinheit und Heiligkeit zu erlangen, oder sei 
es schliesslich im Bestreben, eine moralische Weltordnung als 
bestehend nachzuweisen, niemals ein erheblicher Gegensatz, 
niemals ein bedeutender Widerspruch. Schopenhauers Philo- 
sophie ist aus dem redlichsten Streben nach der Wahrheit, 
aus einem steten Ringen mit ihr hervorgegangen, und auch 
die Religion des Buddhismus ist das Resultat scharfen Denkens 
und tiefen Eindringens in das Sein und das Wesen der Welt. 
Beide, Schopenhauer wie der Buddhismus glauben die Wahrheit 
gefunden und den Kern des Geschehens, die moralische Welt- 
ordnung erfasst zu haben. Auch wir streben darnach, die 
Wahrheit zu erkennen, auch wir Menschen der Gegenwart und 
des Abendlandes möchten das Leiden überwinden, möchten uns 
und die Mitwelt glücklich, rein, vollendet sehen. Wie stellen wir 
uns deshalb zu jenen beiden grossen Systemen? Uns scheint 
es nun sehr unphilosophisch zusein, mit aller Energie eine fertige 
Erklärung der Welt und des Lebens zu ergreifen und in allen 
Einzelheiten voll und ganz anzuerkennen. Treten wir also mit 
prüfender Vorsicht an alles, was uns dargeboten wird, heran! 

Das Wichtige an Schopenhauer und dem Buddhismus ist 
die Lebensauffassung, nicht die Welterklärung. Die letztere wollen 
wir der Wissenschaft überlassen, selbst vielleicht ein Steinchen 
herbeitragen zum gigantischen Bau des Ganzen und im übrigen 
uns mit dem Bilde begnügen, das sie uns in der Gegenwart 
zu bieten vermag. Anders steht es mit der Lebensauffassung; 
die können wir nicht auf sich beruhen lassen, sondern müssen 
eine bestimmte ergreifen oder uns bilden, um mit ihrer Hilfe 
unser Leben zu gestalten. Es ist wahr, wir können von 

22» 



340 DEF^ BUDDHIST. I. Jahtg. 

Schopenhauer wie dem Buddhismus in dieser Hinsicht sehr viel 
lernen, wir können lernen, das Leben ernster zu betrachten 
und uns nicht über das Elend und Leiden des Daseins hinweg- 
zutäuschen, wir können von ihnen lernen, dass es vor allem 
gilt, die Sinnlichkeit zu überwinden, wenn anders wir unser 
Leben glücklicher gestalten wollen, wir können schliesslich 
lernen, dass wir den Erlöser in uns selbst tragen und nicht 
das Heil von einem unbekannten Gott zu erwarten haben. Das 
alles ist sehr tief und schön in jenen Lebensanschauungen 
ausgeführt. Aber wenn wir uns die Mittel betrachten, welche 
sie uns anempfehlen, um aus der Sündhaftigkeit des Lebens 
herauszukommen, so müssen wir doch sagen, dass wir mit ihnen 
in unserm gegenwärtigen Leben, wie es sich nun einmal gestaltet 
hat, zum Teil nur schwer operieren können. Schopenhauer vor 
allem sieht den alleinigen Heilsweg in der Askese und steht 
damit in einigem Gegetisatz zum Buddhismus, der diese im Sinne 
Schopenhauers ja nicht fordert. Was aber sollen wir mit 
der Askese? Wir können uns nicht auf eine glückliche Insel 
retten und dort in der Einsamkeit unserm Seelenheil leben, wir 
können uns nicht der Tätigkeit in der Gesellschaft entziehen und 
uns der Beschaulichkeit hingeben. Bei aller Hochachtung vor der 
Schopenhauerschen Philosophie glauben wir doch, dass dieses 
Ideal des heiligen, des sittlichen Menschen verzeichnet ist. Wir 
brauchen Menschen, welche die Blüte der Sittlichkeit im Auf- 
gehen für andere, im Dienst der Gemeinschaft, im Altruismus 
sehen. Und gerade da kann und soll uns der Buddhismus 
helfen und mit seinem Geiste unsere abendländische Kultur 
durchdringen. Die zahlreichen sozialen Kräfte, die in jener 
Religion wirksam sind und sicherlich die des Christentums 
alier Richtungen übertreffen, sie mögen dazu beitragen, den 
Kampf ums Dasein zu lindern, die Leiden unserer Mitmenschen 
nach Möglichkeit herabzumindern und die Idee des Wohl- 
wollens, der Nächstenliebe, des Mitleids zur herrschenden 
werden zu lassen. Nicht der Egoismus, welcher keinem mehr 
gönnt, als er selbst hat, sondern der freiwillige Verzicht auf Vor- 
teile und Sonderrechte, die liebevolle Hingabe an den Nächsten, 
an die Gemeinschaft, das ist das höchste sittliche ideal! 



1 



No. 11. DER BUDDHIST. iii 

Das Wesen des Buddhismus 

im Lichte der (japanischen) Tendai-Schule. 

Don Zitsuzen Ashitsu. 

Das Qcscfz des Buddha, unseres ITleisIcrs, is( weder eine Flafur- 
Vüisscnschaff, noch eine dogmalischc Religion, sondern eine Lschre, die 
zur Ericuchlung führf, und ihr Ziel ist, Frieden zu bringen den Ruhelosen, 
und denen, die geisfig blind sind und ihren ursprünglichen Zustand nichf 
Kennen, den ITIcisler innen im Ulenschen zu offenbaren. 

Ohne liefe ITledilalion und wolle Einsicht in die Lehre üon der Er- 
leuchtung Kann niemand die ücreinigung mit dem ITleisfer innerlich er- 
langen. IDer den Geist des »Guten Gesetzes« erkannt hat, sollte seine 
Zeit nicht damit oertrödeln in Büchern und Schriften zu lesen noch 
seinen Geist mit den Gedanken anderer mästen, sondern er sollte über 
seinen eigenen Zustand und seine Lebensführung meditieren, sollte Gemüt 
und Sinne gar eifrig bewachen und erhennen lernen, wer in ihm selbst 
es ist, der denkt und fühlt: dies ist der Schlüssel, welcher jenes Tor 
öffnet, das zum Pfade Buddhas führt. Denn wer seinem Gemüt nichf 
erlaubt, sich zu zerstreuen, wer üielmehr standhaft und unaufhörlich sich 
selbst bewacht, kann zu seinem eigenen Reile den grossen Pfad ent- 
decken. Er kann das lüesen wahren Gemüts-Friedens ergründen, sowie 
den innersten Geist der Lehre des Buddha. 

Für denjenigen, der ein Buddhist werden will, ist es die erste Ruf- 
gabe, die IDurzel der täglichen sinnlichen Erscheinungen zu erkennen 
und zu begreifen, und dann seine Erkenntnis und Beobachtung mit den 
Lehren der heiligen Schriften zu vjergleichcn als dem Spiegel, welcher 
seine Gedanken reflektiert, so das er lernen kann, was recht und unrecht 
ist. Die Schriften wollen anzeigen, ob die Gedanken und Erscheinungen 
recht oder unrecht sind. 

IDir sollten nicht sagen, dass die Gegenstände um uns, mögen sie 
klein oder gross sein, innerhalb oder ausserhalb unseres Geistes sind. 
Alle lebenden IDesen sind gleich oor der Ewigkeit, wenn sie sich nach 
Geschlecht, Stand und 3nlcllekl noch so sehr unterscheiden mögen, 
niemand sollte mehr geliebt oder gchassl werden als der andere, und 
kein Unterschied sollte gemacht werden zwischen sich selbst und dem 
nächsten. Die Erkenntnis der Tatsache, dass die »sechs IDurzeln« 
(die fünf Sinnesorgane und das Denken) in dem einen Geist (Rdi- 
Buddha, Bhüfatafhätä) ihren Ursprung haben und mithin im Grunde 



') Getreu unserem Programm und unter ausdrücklichem Hinweis 
auf das oon dieser Zeitschrift ocriretenc Prinzip der freien Äusserung 
gestatten wir im »Buddhist« nach wie cor den Derlretern aller Richtun- 
gen innerhalb des Buddhismus das IDort. Der Ficrausgeber. 



ä42 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

nichfs sind, als das IDescn des Qeisics sclbsf, — dies is( der sicherste 
lüeg, um den Zustand der BuddhaschafI zu erlangen.') 

Die Täligl^cifcn, welche in den »sechs IDurzcln« zur Erscheinung 
hommen, sind die bichfsfrahlen des einen Qei.sfcs,'-) und die Objekte, 
welche den »sechs lüurzeln« entsprechen, sind seine Bilder (J5dccn). IDer 
frei ist üon jeder äusseren Autorität und Fessel, wie Aberglaube, Priester, 
Kirche, Reiland und Qötter, und sich infolgedessen einer wirlilichen, 
geistigen Freiheit erfreut, der ist ein grosser mann ; denn er hat die 
IDeisheif und Erkenntnis der Buddhaschaff erlangt; er hat, um mit dem 
mystiker Swedenborg zu sprechen, „innen in sich sein göKlichcs IDescn 
geschaut," welches das lücsen Buddhas im ITlenschen ist. Und wer 
nach dem Zustande strebt, in welchem er das innerste lücsen des 
Qeisics in sich verwirklicht, wird ein Jünger des Buddha genannt, nicht- 
wissend aber ist der, dessen Gedanken noch nicht auf dieses Ziel kon- 
zentriert sind. Das Endziel der Ijchre des Buddha ist die Zerstreuung 
der nichtwissens-Finsternis und das sich Durchringen zum Licht. 

Einsehen, was der Geist an sich selbst sei, bedeutet, die Geheim- 
nisse der riatur begreifen und cersfehen. Unwissenheit darüber, was 
der Geist an sich ist, erzeugt 3rrlum, so dass die Sinncs-Objekle für 
sich unabhängig üon dem Geiste zu sein scheinen, und auf diese IDeisc 
wird ein Derständnis ihrer wahren tlalur ocreilelt. ■') Und die Erlangung 
der Erleuchtung, welche durch Zerstreuen der nichtwissens-Finsternis 
zustande kommt, ist zu gleicher Zeil die Erkenntnis und Einsicht, was 
der Geist in sich selbst ist, und univjersale IDeisheif. 

Unser hoher ITleistcr, der Buddha, welcher in der IDclt als ein ehr- 
würdiger IDeiscr erschien, der während eines Ijcbcns oon achlzig Jahren 
predigte, den Schlamm des sinnlichen Lscbcns zerstörte und am Ende 
seines IDirkens in niroäna einging, — hat in sich keine Flamme der 
Leidenschaft. IDer diesen ITleistcr cerehrl, ihm gehorcht und im Geiste 
des oon ihm gepredigten »Saddharmapundarika-Süfra« ') lebt, — der ist 
der wahre nachfolger der Lehre uon der Erleuchtung. 

Die buddhistische Lebensweise achtel beides hoch, tTledifation und 
IDissen als mittel zur Zerstreuung der geistigen Derwirrnng und zur 
Erlangung der Erleuchlung; aber eins con diesen beiden allein bringt 



') Das bedeutet, ähnlich wie Spinoza sagt, dass malerie und 
Denken (Stoff und Bewusstsein) nur zwei Aspekte einer gemeinsamen 
IDurzel, der Substanz, sind. 

'-) i\hnlich nennt Schopenhauer den ;)nlcllekl die Fackel, welche 
der IDille zum Leben sich angezündet hat, um sich in der IDelf der 
Dorslellung zu orientieren und sich sclbsf zu erkennen. 

') D. h. der nichlwissendc hält die Erscheinungswell (also das 
Produkt der Sinnesorgane oder sechs lüurzeln) für real; das bedeutet 
eine falsche lüertung der üinge, aus welcher das Raffen am Dasein und 
mithin Leiden entsteht. 

*) Saddharmapundarika bedeutet wörtlich: Der Lotus des guten 
Gesetzes. Dieses Sütra steht bei der Tendai-Schule in hohen Ehren. 



No. II. DER BUDDHIST. 343 

keinen llutzcn; 6emülsfricdc und der Zusfand der Einheil mi( allem 
Leben sind dann gewiss, wenn wir unser 3nncres erschliessen, unseren 
öcisl vjon aller Derujirrung befreien und uns der Qölllichkci! in uns be- 
\Bussl werden. 

lüic die SQfras üon dem Buddha im Zustande der Erleuchtung 
gcpredigl wurden, so repräsentieren sie oerschiedene Stufen in der EVrf 
der Darstellung: hohe und niedrige, tiefe und mehr oberflächliche, dem 
Zustande des fiörers, seiner Einsicht sowie dem Grade seiner Dcrficfung 
(rtledifation) und Fassungskraft angcpasst. lüenn eines ITlenschcn Geist 
den Pfad betreten hat und sich mit Buddhas Geist in Piarmonie befindet, 
dann begreift er die Sütras ohne weiteres, und die letzteren scheinen 
dann ebenso der ftusfluss der Erkenntnis des eigenen Geistes, wie des- 
jenigen Buddhas zu sein. Und obwohl es uielc Sulras und Schriflen 
gibt entsprechend den \."icrschiedenen geistigen Standpunkten der ITlcnschen, 
so halten wir doch das Saddharmapundarika-Sütra für das wichtigste 
und Dollendetste. 

Diele Schriften enthalten die geistigen und grundlegenden [»ehren, 
wie die Buddhaschaft uon allen Ulenschen erreicht werden kann, indessen 
sind sie nicht so klar und vjollkommen wie das Saddharmapundarika- 
Sötra; denn dieser zeigt den lüeg in einer äusserst bestimmten, sicheren 
IDeise. lüas ist nun dieses Sülra? Enthält es nur Buchstaben, lüorle, 
Seiten, Blätter, Bände? JXIIerdings nicht; sein 3nhalt ist unser Geist 
selbst. Die sichtbare Form des Sutras in acht Bänden ist üon keinem 
IDert, wenn sein 3nhall oon unserem Geiste getrennt wird. Obwohl bei 
den Buddhisten hoch angesehen, da es den Siegel oon Buddhas Geist 
enthält, ist es dennoch, da es durch Feuer oerzehrt werden kann, in 
seiner äusseren Form nicht mehr wert als andere Schriften. Beim Lesen 
des wahren Sütra (d. h. des Sütras nach seinem 3nhalt), welches in sich 
die rricrkmale des Geistes Buddhas birgt, müssen wir uns in dem Zu- 
stande des »Lotus des Guten Gesetzes« (d. i. Buddhas) befinden, d. h. 
wir müssen in vollkommener innerer Harmonie sein mit Buddha Qäkya- 
muni. lüenn wir uns wirklich innerlich eins fühlen mit diesem Buddha, 
dann ist unsere Roffnung erfüllt und oerwirklicht. Dies ist unsere einzige 
Roffnung, und wir brauchen keine andere. Rus diesem Grunde ist es 
berechtigt, wenn wir sagen, dass, wenn wir unser Snncres öffnen und 
entfallen, wenn wir erleuchtet werden und den Zusland des Buddha 
Cäkyamuni erreichen, — die heiligen Schriften für uns oon wenig 
nutzen sind. 

lüenn wir uns an den Buchstaben der Schriften anklammern, be- 
finden wir uns augenscheinlich in einem Zustand, wo der wahre Sinn 
des Sütras uns fremd ist, wo Derwirrung und Leidenschaft uns gefessell 
hallen. Der lüeise betrachtet die heiligen Schriflen als lüegwciser und 
Frührer zum geistigen Pfade; wenn er den Pfad gefunden und befreien 
hat, bedarf er der Schriflen nicht länger. 

Es ist cor Rllers gesagt worden: „Alle Sütras sind nur Finger, die 
nach dem strahlenden ITlondc zeigen." lüenn wir den ITlond einmal 



344 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

sehen, sind die weisenden Finger für uns nichf mehr nofvocndig. IDenn 
voir uns an die wörilichc Bedeulung der Süfras, an ihre Kommenlarc 
und Auslegungen anklammern, dann ccrfehlen wir ihren wahren, gcisligcn 
Sinn, und wir werden all und sierbcn im Finslern — uncricuchfel. lüir 
sind dann nur äusserlichc Buchsiabcn-Schülcr des Buddha, anslati seine 
wahren jünger zu sein. Ohne den geisligen Sinn Können wir das »6utc 
0eselz« niemals oersfehen. 

Es mag ja ganz löblich sein, sich des Rosenkranzes zu bedienen, 
das Qclbc öewand zu (ragen und uor dem Bilde des Buddha Sufras zu 
lesen; aber das isl rein formal, äusscriich, nicht wcscnllich, es isl dies 
Schülerarl. Die wahre ^üngcrschafl erfordert Einsicht in das wahre, 
ewige lüesen des Buddha; sie erfordert, dass sich die (äedanhen, lüorlc 
und Randlungen mit ihm in uollkommencm Einklang befinden. Der 
jünger darf in keiner Situation, mag er gehen, sitzen oder liegen, seinen 
Qeisl üon dem ewigen Geist des Buddha trennen. Ein nie wankendes 
beben in diesem Geiste macht den ITlcnschcn zu einem üachfolger des 
mahäyäna, zu einem wahren Buddhisten. 

Das »Gute Gesetz« ist in seinem IDesen allerdings nichf leicht zu 
begreifen; aber ernste Rnsfrcngung und tiefe ITleditation führen zur 
IDahrhcil. 

Japanisch-buddhistische Predigt-Texte. 

Siehe, die Weisheit ist wie ein starkes Fahrzeug, auf dem 
du das Meer des Lebens und Sterbens sicher kreuzen kannst; 
sie ist wie ein Leuchtturm, der sein Licht in die finstere 
Nacht ausstrahlt; sie ist wie eine Arznei, die alle Gebrechen 
heilt; sie gleicht einer scharfen Axt, welche den Baum der 
bösen Lust fällt. 

Der rechte Glaube ist der hohe Weg, auf dem ein Mensch 
in das Kastell der Weisheit Buddhas eintreten kann. 

Der rechte Glaube gleicht einem fruchtbaren Felde, auf 
dem der gute Geist der Menschen heranwächst. 

Der rechte Glaube gleicht einem klaren Wasser; er 
reinigt das Gemüt von Befleckung. 

Der rechte Glaube ist ein gutes Auge; er erfüllt alle 
Gebote des Gesetzes. 

Der rechte Glaube ist ein reines Auge; er unterscheidet 
zwischen gut und böse. 

Die wahre Natur aller lebenden Wesen ist unendlich; sie 
ist die Vollkommenheit selbst. 

Es gibt zwei Arten von Wohltätigkeit. Wer andere in 
geistlichen Dingen unterweist, gibt das Almosen des Gesetzes; 
wer seine Güter den Armen schenkt, übt materielle Wohltätigkeit. 



No. U. DER BUDDHIST. 345 

Die 

Transmigration oder Wiedergeburt. 

Von Bhikkhu Änanda Maitriya. 

(4. Fortsetzung.) 

Bevor wir nun weitergehen, wird es notwendig sein, hier 
ein paar Worte zur Vorsicht einzuschalten, damit meine bis- 
herigen Ausführungen nicht missverstanden werden. Wie ich 
bereits gesagt habe, soll die von mir gegebene Hypothese 
nur eine Illustration sein, um den in Rede stehenden Gegen- 
stand zu erläutern, welch' letzterer natürlich von einem an- 
deren Standpunkt aus betrachtet in einem ganz anderen 
Lichte erscheinen mag. Mir persönlich will es scheinen, als 
ob ein solcher Mechanismus, wie ich ihn hier zur Hilfe ge- 
nommen habe, zeitweilig ganz gut als eine Brücke dienen 
kann, welche über den Abgrund unseres Nichtwissens inbezug 
auf die Übertragung (Transmigration) des Lebens zu führen 
vermag. Eine Sache als eine physikalische Möglichkeit dar- 
zustellen ist nach meinem Dafürhalten eine weit befriedigen- 
dere Arbeitsmethode, als wenn wir über die physikalischen 
Gesetze hinausgehen; denn wenn der letztere Schritt erst 
einmal getan ist, dann ist die Theorie nicht mehr eine das 
Gebiet der Möglichkeit für sich beanspruchende Hypothese, 
sondern sie hat das Reich blosser Spekulationen oder blinden 
Glaubens betreten. Wenn wir uns der physikalischen Gesetze 
für unsere Hypothesen bedienen, so haben wir den grossen 
Vorteil, dass wir bestimmt sagen können: Wenn gewisse 
bestimmte Bedingungen gegeben sind, so müssen sich unter 
allen Umständen ganz feste Resultate ergeben; wir können 
unsere Hypothesen bis zu einer bestimmten Ausdehnung 
prüfen und mit einem nicht zu unterschätzenden Grade von 
logischer Korrektheit weiterverfolgen. Und der Grund hierfür 
liegt in der Tatsache, dass die Naturwissenschaften auf der 
mathemathischen Beziehung der Phänomene basieren, und 
insofern sie mathematisch sind, sind sie der Ausdruck 
relativer Wahrheiten. Indessen — es muss selbstverständlich 
stets daran erinnert werden, dass wir mit einem materi- 
ellen Universum überhaupt nicht bekannt sind; — 



346 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

die Vielheit der Erscheinungen, welcher wir den 
Namen »materielle Welt« geben, ist in Wirklichkeit 
eine Vielheit j^f«//^«/', nicht aber wa/m^//^/- Phänomene, 
und wenn wir beispielsweise sagen, ein Kubikzentimeter 
Wasser wiegt ein Gramm, so drücken wir dadurch gewisse 
Beziehungen in unserem eigenen Geist aus. Wir haben 
keinen Beweis dafür, dass es irgend ein »Ding an sich« 
ausserhalb oder jenseits unseres Geistes gebe, oder dass 
irgend eine Welt, oder Zeit, oder Raum, oder andere Zu- 
stände ausserhalb der Grenzen unseres eigenen Bewusstseins 
vorhanden seien. Wenn wir z. B. träumen, ist eine Welt, 
nebst Zeit und Raum vorhanden, manchmal eine Art Zeit 
und Raum, die sehr verschieden ist von jener, die wir im 
wachenden Leben kennen; aber kein Mensch — es sei denn 
ein hoffnungsloser Animist — wird sich einbilden, dass er 
während des Traumes in eine neue Art Welt gehe, wo die 
Grundbedingungen andere wären; — es handelt sich hier 
natürlich nur um eine Veränderung — nicht der Welt ausser- 
halb unser, sondern der inneren, geistigen Welt, der Bewusst- 
seinszustände in uns. Insofern also die Naturwissenschaften 
uns mit einem Mittel versehen, durch das wir unsere Ideen 
klar machen und illustrieren sowie bestimmte Beziehungen 
in der Form relativer Wahrheiten zum Ausdruck bringen, 
ist ihre Anwendung legitimiert und notwendig; aber wir 
dürfen uns nicht durch die Idee irreleiten lassen, dass das 
Universum, welches sie behandeln, ein reales Universum, 
ein »Ding an sich« ausserhalb unseres Geistes sei; denn wir 
haben im Bereiche der Möglichkeit kein Mittel, durch welches 
wir zu einer anderen Überzeugung gelangen könnten. Es 
sind die geistigen Phänomene und nur die geistigen Phä- 
nomene, welche wir erkennen und deren wechselseitige 
Beziehungen wir bestimmen; und all unser Wissen ist nur 
der Ausdruck getvisser Gesetze, Beziehungen und Begren- 
zungen unseres eigenen Geistes. Gesetzt den Fall, es exi- 
stierte eine Art von Wesen, die mit einer der unsrigen ähn- 
lichen Intelligenz begabt wären, aber mit einer anderen 
Anschauung des Raumes und der Zeit, so würden die Welt- 
gesetze, welche diese Wesen ableiteten, gänzlich verschieden 



No. 11. DER BUDDHIST. 347 

sein von denjenigen, zu denen wir gelangen müssen, noch 
mehr verschieden 'aber dann, wenn der Intellekt selbst ganz 
anders als der unsere wäre. 

Und das ist nun tatsächlich der Standpunkt, welchen die 
buddhistischen Schriften in der Frage der Transmigration 
einnehmen. Alle Fragen nach der physikalischen Natur des 
Vorganges werden ignoriert, und das Einzige, was mitgeteilt 
wird, ist das im Augenblicke des Ablebens sich abspielende 
Übergehen der Sankhäras oder des Charakters eines Indivi- 
duums. Und die eigentliche Art und Weise dieser Trans- 
migration ist, wie gesagt wird, unerkennbar; wir können 
höchstens eine schwache Vorstellung von dem Vorgange, wie 
er sich abspielt, durch die Anwendung von Bildern und 
Gleichnissen bekommen, wie z. B. in den buddhistischen 
Büchern als Richtschnur das Gleichnis von der neuen Lampe 
gegeben wird, die sich an der verlöschenden Flamme ent- 
zündet, oder solche mehr ins Einzelne gehenden Gleichnisse, 
wie ich sie oben angeführt habe. Kurz gesagt, wir sehen 
das Phänomen, und damit ist unsere Kenntnis am Ende. 

Wir haben im Vorhergehenden die Art und Weise be- 
trachtet, in welcher die Übertragung des Charakters eines 
Individuums möglicherweise vor sich gehen kann; wir 
müssen nunmehr zu einer Diskussion der Beweise schreiten, 
welche darauf hindeuten, dass dieser vom Buddhismus be- 
hauptete Vorgang auch tatsächlich stattfindet. Die vom 
Buddhismus behauptete Transmigration ist — wenigstens für 
die Majorität der Menschen — eine reine Hypothese, ja, weit 
mehr eine Hypothese als z. B. die Existenz des von der 
Naturwissenschaft angenommenen Äthers. Niemand, der seine 
allen Menschen gemeinsamen Sinne und mentalen Fähigkeiten 
benutzt, hat jemals auch nur einen direkten Beweis für das 
Dasein des Äthers gewonnen; und dennoch nehmen wir den 
Äther als eine fruchtbare Hypothese an, weil das, was die 
Menschen mit diesem Ausdrucke bezeichnen, eine Erklärung 
für gewisse, sonst unerklärbare Phänomene bietet und den 
Anforderungen der verschiedenen Wissenschaften entspricht. 
— Wir haben nunmehr zu untersuchen, ob die Transmigra- 
tions-Theorie nötig ist, um gewisse Phänomene zu erklären, 



348 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

und ob diese Theorie mit den belcannten Tatsachen der 
Geburt und des Todes in Einiilang steht. 

Wir wollen diese Beweise nach ihrer Wichtigkeit in auf- 
steigender Linie in folgende vier Klassen einteilen: 1. Der 
Beweis aus der Erfahrung, 2. der Beweis aus dem moralischen 
Gesetze, 3. der Beweis aus dem Umstände, dass die Ver- 
erbung nicht genügt, um die beobachteten Tatsachen zu er- 
klären und 4. der Beweis aus den Lebens-Statistiken. 

Was den ersten dieser Beweise betrifft, so ist über den- 
selben nicht viel zu sagen, und zwar aus dem einfachen 
Grunde, weil eine solche Erfahrung in den meisten Fällen 
nur für denjenigen überzeugend sein kann, der sie innerlich 
erlebt hat. Um es kurz zu sagen: Es handelt sich hier um 
die Tatsache, dass gewisse Personen sich die Fähigkeiten zu- 
schreiben, sich an Ereignisse ihrer früheren Lebensläufe zu 
erinnern, — eine Fähigkeit, die entweder auf natürliche Ver- 
anlagung zurückgeht, oder aber durch die Ausübung eines 
bestimmten geistigen Trainings erlangt werden kann ent- 
sprechend den Anweisungen im Visuddhi Magga und anderen 
Werken; ich muss aber gleichzeitig bemerken, dass dies 
letztere nichts Mysteriöses oder Magisches bedeutet, — es 
handelt sich vielmehr nur um eine Erweiterung der gewöhn- 
lichen Gedächtniskräfte, und die Erörterung dieses Gegen- 
standes muss ich mir für einen späteren Aufsatz vorbehalten. 
Derartige Fälle von Rückerinnerung sind natürlich an sich 
ohne jeden Wert, es sei denn, dass der Zurückschauende auf 
Grund einwandfreier, vollgültiger Beweise zeigen kann, dass 
die von ihm behaupteten Tatsachen ausserhalb seiner nor- 
malen Kenntnis liegen und nach dem gewöhnlichen Lauf 
der Dinge ihm nicht bekannt werden konnten. In buddhisti- 
schen Ländern gehört es nicht zu den grossen Seltenheiten, 
daiss man Kinder vorfindet, welche ernst behaupten, in ihren 
vergangenen Lebensläufen den und den Namen gehabt und 
an dem und dem Orte gewohnt zu haben, und gelegentlich 
gelingt es, diese Behauptungen als richtig nachzuweisen. 

Solche Kinder werden in Burma »IVlnzas« genannt, und 
es ist nicht ungewöhnlich und kann als eine Art Beweis für 
die Richtigkeit des Gesagten gelten, dass, wenn ein Winza 



No. 11. DER BUDDHIST. 349 

ZU dem Schauplatz seines früheren Lebens gebracht wird, er 
gewöhnlich seine einstige Wohnung und seine ehemaligen 
Freunde zu identifizieren sowie Tatsachen zu konstatieren 
vermag, welche nur der verstorbenen Person und einer an- 
deren lebenden Person bekannt sein können. Diese Winzas 
sind in Burma relativ so häufig, dass ihr Vorhandensein all- 
gemein als ausgemacht gilt; man kann konstatieren, dass die 
Kraft der Rückerinnerung an ein früheres Leben gewöhnlich 
mit dem Heranwachsen des Kindes allmählich verschwindet; 
wir haben indessen auch erwachsene Winzas angetroffen, 
welche die Kraft der Erinnerung an die vorgeburtliche Ver- 
gangenheit von sich behaupten. In einem späteren Aufsatze 
werden wir einige von den am besten beglaubigten Fällen 
dieser Art anführen, aber für unseren gegenwärtigen Zweck 
wird es am besten sein, direkt mit der Aufzählung der Ar- 
gumente fortzufahren, welche geeignet sind, die Lehre von 
der Transmigration zu stützen. (Schluss folgt.) 

Gedanken über dies und das. 

Von Karl B. Seidenstücker. 

(1. Fortsetzung.) ■ 
„Diese Arroganz der Buddhisten ist doch unerhört" — 
sagte einmal ein cholerischer Herr in der Hitze des Gefechtes, 
— „alles Gute nehmen sie unbefugterweise von anderer Seite, 
und indem sie so den Buddhismus mit fremden Federn 
schmücken, entblöden sie sich nicht, ihn als das Höchste 
und Vollkommenste hinzustellen. Sogar den Ausdruck 
»Evangelium« (man denke an das »Evangelium Buddhas«) 
haben sie vom Christentum gestohlen." 

Diesem Manne wurde also erwidert: „Es ist nicht der 
Wahrheit entsprechend zu behaupten, die Buddhisten hätten 
das Wort »Evangelium« vom Christentum entlehnt. Evan- 
gelium bedeutet »gute Kunde« oder »frohe Botschaft«, und 
es gibt zwei uralte Bezeichnungen für die buddhistische Lehre, 
welche dem Sinne nach dem Worte »Evangelium« durchaus 
entsprechen: 1. Kalyäno dhammo; dieses bedeutet wörtlich 



350 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

»heilsame oder glückbringende Lehre«, und 2. Siibhä- 
shitä, »gute Kunde«. Da nun diese beiden Worte tatsäch- 
lich denselben Sinn haben wie das Wort »Evangelium«, und 
da der letztere Ausdruck im Abendlande im Gegensatz zu 
den beiden indischen Wörtern allgemein bekannt ist, haben 
die Buddhisten durchaus ein gutes Recht, den Ausdruck 
»Kalyäno dhammo« durch »Evangelium Buddhas« wiederzu- 
geben." — 

* 

Es gehört nicht gerade zu den Seltenheiten, dass christ- 
liche Missionare den entarteten populären Buddhismus in 
China und Tibet in Wort und Schrift geissein und ihn als 
Götzendienst brandmarken. Nun, Kritik ist hier durchaus 
berechtigt. Allein diese Missionare vergessen, dass auch das 
Christentum seine krassen Entartungen aufweist. Wir brauchen 
nicht erst nach Abessynien, Russland oder Griechen- 
land zu gehen, um das konstatieren zu können; eine Reise 
durch Bayern, Tirol und Österreich genügt vollkommen. 
Ja, — das ist der Katholizismus!" — werden hier unsere 
Missionare einwerfen. Und wie steht es mit manchen pro- 
testantischen Sekten?! Weiss man nicht, dass auch hier 
der religiöse Irrwahn die seltsamsten Blüten gezeitigt hat, 
von der Vergötterung des seligen „Apostels" Krebs an bis 
zu dem mit hysterisch-konvulsivischen Zuckungen widerlich- 
ster Art verbundenen „Zungenreden", ganz zu schweigen von 
der verhängnisvollen Entgleisung, welcher die Gebetsmanie 
hie und da auf das Gebiet erotischer Orgien verfallen ist?! 
Man könnte hier auch harmlosere, aber doch bezeichnende 
Dinge erwähnen. Vor eingen Jahren benötigte ein christ- 
licher Jünglingsverein eines Klavieres, und da kein Geld in 
der Kasse war, setzte man Gebetsstunden an, in welchen Gott 
gebeten wurde, den Gegenstand zu beschaffen; ob es geholfen 
hat, ist mir nicht bekannt geworden. 

Es ist die Pflicht eines jeden, der noch Gefühl für Wahr- 
heit und Gerechtigkeit besitzt, diesen christlichen Missionaren 
bei jeder passenden Gelegenheit offen und ohne Scheu zu 
sagen, dass jeder zunächst die Pflicht hat vor seiner eigenen 
Tür zu fegen, bevor er den Besen nimmt, um erlaubt (oder 



No. 11. DER BUDDHIST. 351 

meistens unerlaubt) die Säuberung des „heidnischen" 

Nachbarhauses vorzunehmen. 

* ♦ 

Folgender Einwand wurde mir einst gemacht: ,Die bud- 
histische Anattä- oder Nicht-Seibst-Idee ist für einen tätigen 
Abendländer auf die Dauer unerträglich. Diese Forderung, 
das Ich aufzugeben, das Selbst zu verneinen, diese Er- 
drosselung der Persönlichkeit bedeutet Vernichtung, bedeutet 
geistigen Tod." 

Hierauf eine Entgegnung: Die Anattä-Idee bedeutet 
keineswegs Vernichtung des Geistes. Wir wollen annehmen, 
ein Forscher sei stark in ein wissenschaftliches Problem ver- 
tieft, so stark, dass er absolut nicht wahrnimmt, was um ihn 
vergeht. Ja, der Mann ist derartig mit dem Problem be- 
schäftigt und identifiziert, dass er während dieser Zeit 
seiner selbst zweifellos gar nicht bewusst ist; und 
doch ist sein Geist rastlos tätig und empfindet hohen, reinen 
Genuss. Auch von dem in tiefes Anschauen versunkenen 
Künstler gilt das Gleiche: Er hat während der Zeit seines 
Anschauens den Selbst-Gedanken tatsächlich aufgegeben und 
die Anattä-Idee bis zu einem gewissen Grade realisiert. 

Die Mutter, welche ihr kleines Kind auf den Schienen 
spielen und den Zug heranbrausen sieht und ohne Bedenken 
zu der Stelle eilt um ihr Kind der Todesgefahr zu entreissen, 
— sie weiss nichts von ihrem Ich, denkt überhaupt nicht 
an ihr Selbst, und während das eiserne Ungetüm ihren 
Körper zermalmt, geniesst sie, vom Selbstwahn frei, die 
höchste Seligkeit. — 

Dies sind ein paar schwache Vergleiche, um das 
Wesen der Anattä-Idee verständlich zu machen. Die Be- 
deutung der letzteren liegt vornehmlich auf praktischem 
Gebiete, theoretische Erörterungen über diesen Gegenstand 
kommen erst in zweiter Linie. In jedem Augenblicke sich 
dessen bewusst sein, dass ich eins bin mit allen Wesen, dass 
alles Leben in Wahrheit eins ist, — dies klar erkennen, 
fühlen und demgemäss handeln, das bedeutet die buddhi- 
stische Anattä-Lehre verwirklichen. — 



352 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Wenn ich Sie fragen würde: „Was halten Sie für das 
Einzigartige des Buddhismus?" — was würden sie mir da 
antworten? Würden Sie etwa die »Wahrheit vom Leiden« 
nennen? Wohl kaum mit Erfolg; denn es kann leicht gezeigt 
werden, dass diese grosse Wahrheit überall auf Erden ihren 
Widerhall findet, — eben weil sie so sehr evident ist. Oder 
etwa den Vergänglichkeitsgedanken? Ebenfalls nicht mit 
Recht; denn auch diese Wahrheit ist ausserhalb des Bud- 
dhismus oft genug anerkannt worden. Nein, das Einzigartige 
des Buddhismus ist die Anattä-ldee; ich sehe in der Tat 
keine Religion, welche diesen Gedanken jemals so aus- 
schliesslich und fest betont hätte. Der Brahmanismus lehrt: 
„alles ist Selbst" (d. h. Brahman-Ätman); die monotheisti- 
schen Religionen stellen ausdrücklich die ewige Fortdauer 
des »Ich-Selbstes« in Aussicht. Der Buddhismus allein 
proklamiert die These: „Die Welt ist Nicht-Selbst". Dieser Satz 
ist in seinen Konsequenzen so schwerwiegend, dass er in 
seiner ganzen Grösse nicht sogleich erfasst werden kann. 
Die Folgerung aus diesem Satze ist, dass derjenige, der ihn 
anerkennt, notwendigerweise sich von allen Fesseln, welche 
andere Religionen dem Menschen anlegen, um zur Erhaltung 
des Egoismus und des Selbstgedankens beizutragen, befreien 
muss. Solche Fesseln sind z. B.: Abtötende Askese, Ritua- 
lismus, Pflege des die Persönlichkeit betreffenden Unsterb- 
lichkeits-Glaubens. Wer diese Fesseln ganz überwunden hat, 
der hat den schwersten aber auch grössten Schritt zu 

seiner endgültigen Befreiung getan. — 

(Schluss folgt.) 

Es gibt kein Ende des Leidens für die vom Nichtwissen 
bedeckten Wesen. Der edle Jünger aber, der die Wahrheit 
erfahren hat, der das Heilige versteht, der die Lehre der 
Edlen angehört hat, wird befreit von der Geburt, vom Alter 
und Tod, vom Gram und Jammer, von Leiden, Trübsal und 
Verzweiflung, er wird befreit, sage ich, vom Leiden. 

Samyuftaka-Nikäya. 



V«r*iitwertlirh«TRcdakt«ir: K»rl B. Sfidenstürkrr, Lripzig. Vrrlag: Buddhisluwhrr Verlag 
in Lcipiif . — Druck von Arno Btchimmn, BkalBdorf-Leipzig. 




Alle Sünden meiden, die Tugend üben, das eigene Herz läutern: 
das ist die Religion der Buddhas. Dhammapada, V. 183. 



k 



Buddhistische Züge 
im modernen Volksdenken. 

Eine Skizze. 
Von Dr. phil. F. Hornung. 

Dass sich in den Werken hervorragender Dichter und 
Denker Europas und besonders auch Deutschlands buddhisti- 
sche Gedanken gar nicht so selten antreffen lassen, ist eine 
ziemlich bekannte und auch an dieser Stelle mehrfach erörterte 
und bewiesene Tatsache. Erwägt man nun aber, dass die 
„Grossen" der Kulturgeschichte, mögen sie sich noch so hoch 
über das allgemeine Niveau ihres Volkes erheben, geboren und 
erzogen unter den historischen und gesellschaftlichen Daseins- 
bedingungen ihres Volkes, ständig angeregt und beeinflusst 
von allem, was jenes bewegt, nicht wohl etwas anderes zum 
Ausdruck bringen können, als was auch in ihrem Volke Wieder- 
hall findet, so drängt sich unmittelbar die Frage auf, ob nicht 
auch im Denken und Handeln der europäischen Völker der 
Buddhismus irgendwie in die Erscheinung tritt. 

Die Erörterung dieser Frage gewinnt an Reiz, wenn wir 
uns gegenwärtig halten, dass die europäischen Völker zwar 
zum grössten Teile indo-arischer*) Abstammung sind, dass 
aber ihr Denken und sittliches Empfinden auf eine historisch 
überaus interessante, hier allerdings nicht näher zu unter- 
suchende Weise seit mehr als anderthalbtausend Jahren unter 
den ausschliesslichen Einfluss des so ganz fremd und seltsam 
allem Indogermanischen gegenüberstehenden semitischen Ideen- 



•) Sie sind Indogermanen und als solche stammverwandt mit den 
Ariern im engeren Sinne, den Iraniern und Indern. 

23 



354 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

kreises geraten ist. Kann man es da ftir möglich halten, 
möchte man fragen, dass trotz dieser Sachlage, trotz des bis 
auf den heutigen Tag mit allen pädagogischen Künsten und 
Gewaltmitteln praktizierten Imprägnierens, der Kinderseelen 
schon, ausschliesslich mit semitischen Vorstellungen, der bud- 
dhistische, das ist der arische Geist, dennoch zum Durchbruch 
kommt? 

Zur Beantwortung dieser Frage müssten wir uns vor allem 
nach etwas möglichst Bodenständigem umsehen, nach echt origi- 
nalem Volksdenken und -empfinden, und dürfen erwarten, um 
so Echteres vor uns zu haben, je fremdartiger es selber vor- 
läufig gegen die noch allenthalben haftende semitische Decke, 
vergleichbar etwa einer alten Wandmalerei der abbröckelnden 
Mörtelüberkleidung gegenüber, absticht. Und je mehr es bereits 
hervortreten sollte, je ausdauernder und gleichmässiger es sich 
ausbreitet allen Hindernissen zum Trotz, um so mehr würden 
wir es als den unverfälschten Ausdruck der Volkspsyche an- 
sprechen müssen. — 

Etwas derartiges zu untersuchen, und zwar aus nächster 
Nähe, haben wir jetzt die bequemste Gelegenheit: es ist der 
moderne Sozialismus, der uns hier zum geeigneten Objekte 
dient. Er erfüllt die obengenannten Bedingungen auf's Beste, 
so das uns nichts weiter zu tun bleibt, als zu untersuchen, 
ob sein Ideeninhalt mit dem buddhistischen Berührungspunkte 
besitzt, oder ob beide wohl gar hie und da identisch sind. 

Das eigentliche, das philosophische Fundament des Sozia- 
lismus ist die sogenannte materialistische Geschichtsauffassung, 
wie sie Karl Marx, Friedrich Engels und Joseph Dietzgen fest- 
gestellt und propagiert haben. Die gesamte Gegnerschaft des 
Sozialismus steht dagegen auf dem Boden der im Kern 
semitisch-theistischen Ideologie. Um uns über den unüber- 
brückbaren Gegensatz beider Auffassungen klar zu werden, be- 
trachten wir zunächst die letztere, und zwar ihre reinste Form. 

Nach ihr hat ein Gott die Welt erschaffen mit allem, was 
darinnen ist. Die Welt ist also Gottes Werk; und was in ihr 
vorgeht und wie sich das abspielt, geschieht daher gemäss 
einer „von Gott gewollten Ordnung," ist Gottes Wille, den er 
durchführt teils auf übernatürliche, teils auf natürliche, aber 
trotzdem nicht weniger wunderbare Weise, nämlich durch Aus- 
erwählte, d. h. von ihm selber eingesetzte, „verordnete" Per- 
sonen. — Dass dieses System in sich selber eine arge Lücke 
aufweist, insofern es zur Aufrechterhaltung der bestehenden 
Gesellschaftsordnung dienen soll, stört seine Verkündiger nicht. 
Hat sich Gott z. B. nicht selber und zu verschiedenen Malen 
recht missfällig über den Lauf der Dinge in seiner Welt ge- 



No. 12. DER BUDDHIST. 355 

äussert und hat er nicht wiederholt, und mitunter recht ener- 
gisch sogar, dazwischengegriffen — Vertreibung von Adam 
und Eva, Sündflut, Sodom und Gomorrha z. B. — um den 
Dingen einen anderen Lauf zu geben? Wäre es hiernach 
seinen „unerforschlichen Ratschlüssen" nicht ganz gut zuzu- 
trauen, auch einmal Sozialisten, Atheisten sogar in Funktion 
treten zu lassen, um die Weltordnung nach seinem Willen 
wieder in das richtige Gleis zu bringen, falls sich seine bis- 
herigen Sachwalter unfähig erwiesen haben sollten?! 

So ist die „göttliche Weltordnung" nun freilich nicht ge- 
meint. Das System bezweckt vielmehr das Gerechtfertigtsein 
jeder Gewalttat, welche auszuführen man die Macht besitzt; 
man proklamiert die absolute göttliche Gewalt, eine Despotie, 
welche tut und unterlässt, was ihr beliebt, um in deren Auf- 
trag und Schutz selber unverantwortlich zu sein und um den 
hierbei Geschädigten die Idee einer Appellation hiergegen, oder gar 
eines Widerstandes am liebsten schon von vornherein garnicht 
in den Sinn kommen zu lassen. So müssen schon die Kinder 
die Geschichte von Jakob und Esau lesen und lernen, von dem 
Arglistigen, dem seine Anschläge so glänzend gelingen, der 
sich sogar den Gottessegen durch List zu sichern weiss, 
während sein treuherziger Bruder alles verliert, und auch noch 
obenein den Auftrag bekommt, den Raub seines rücksichtslosen 
Feindes, seines Bruders, mit den Waffen in der Hand zu be- 
schützen! Ein Beispiel dieser „göttlichen Weltordnung", wel- 
ches mit erschütternder Deutlichkeit zeigt, um was es sich 
handelt; und handeln soll, wenn sonst alles nach Wunsch 
ginge, in alle Ewigkeit. Denn als ob es noch nicht genug 
wäre an diesem alttestamentlichen Semitismus: man hat auch 
noch den neutestamentlichen diesem Systeme dienstbar zu 
machen gewusst, gemäss dessen das Elend des Lebens von denen, 
die es gepackt hat und zermalmt, nicht nur in widerstandsloser 
Sklavendemut ertragen werden soll, nein, es soll sogar noch als 
höchstes Glück gepriesen werden, als Läuterungsmittel, durch 
welches ein überschwängliches, ewiges Wohlergehen und Ge- 
niessen erworben wird. Allerdings mit der kleinen Unbequem- 
lichkeit insofern, als man erst gestorben sein muss, wenn man 
sich ihrer erfreuen will. „Die Religion des Kreuzes". Kreuz 
nicht nur als altrömisches Hinrichtungsinstrument, sondern 
auch in der Bedeutung des Lebensjammers und Elends des 
modernen Proletariates. 

Diesem System stellt nun, wie gesagt, der Sozialismus 
seine materialistische Geschichtsauffassung entgegen. Gemäss 
dieser sind die berührten Gesellschaftsverhältnisse nichts Ge- 
wolltes, sondern etwas Gewordenes; etwas, was aus bestimmten 



356 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

anderen, früheren Verhältnissen und Geschehnissen als seinen 
Ursachen mit Notwendigiteit hervorgegangen ist. Diese bereits 
echt buddhistische Anschauungsweise wird nun konsequent 
buddhistisch weitergeführt. Beruht unser modernes Massen- 
elend auf Ursachen, so gibt es auch ein Mittel dagegen; ein 
einziges zwar nur, aber dafür auch ein unfehlbares, welches 
dem menschlichen Willensentschlusse frei zur Verfügung steht. 
Geschehene Dinge sind zwar nicht zu ändern; zu ändern ist 
aber das fortdauernde Geschehen, welches für die Zukunft 
Unheil im Gefolge haben muss. Gelingt es, dessen Wesen 
zu durchschauen und selbst stark und mächtig genug zu 
werden, um unseren Willen ihm gegenüber zur Geltung zu 
bringen, es zu verhindern, so ist auch dieses Elend, seine Folge, 
für die Zukunft beseitigt. 

Wie nun und als was der Sozialismus das Elend unserer 
modernen Gesellschaftsordnung erkannt hat, und welche Gegen- 
mittel er zu seiner Abstellung ersonnen hat und anzuwenden 
bemüht ist, das gehört nicht hierher, um so weniger, als eine 
bereits recht umfangreiche sozialistische Literatur den einge- 
hendsten Aufschluss hierüber gibt. 

Der Buddhist sieht aber hier — man hat kaum noch einen 
Hinweis nötig — die Kamma-Lehre vor sich. In vollster Rein- 
heit sieht er hier sein uraltes Kausalitätsgesetz, wie es der 
Buddha selber verkündigt hat, wenn auch nur auf einen Teil 
der Leiden des Lebens angewendet. Und rein auch in Bezug 
auf seine praktische Anwendung, insofern nämlich, als nicht 
mit Bösem, nicht in Mass und Rachedurst das Böse beseitigt 
werden soll, sondern mit Gutem, d. h. durch Erkennen und 
Wissen, durch Aufklärung und Erziehung zur Sittlichkeit, zum 
Zusammenwirken und zur gegenseitigen Unterstützung. 

Die Gegner des Sozialismus erblicken hierin Atheismus. 
Gewiss, sie haben Recht! Denn wo man ein Gesetz entdeckt 
hat, braucht man die Willkür nicht mehr. Weder die göttliche, 
noch die menschliche. Und auch in letzterer Hinsicht ist ebenfalls 
niemand ehrlicher als die Sozialisten selber, wenn sie sich in 
verschiedenen Staaten Europas offen als Demokraten bezeichnen. 
Und trotzalledem: ist es nicht höchste, wahrste Frömmigkeit, 
edelster Theismus; ist es nicht bewundernswerteste Loyalität 
zugleich, für all das tausendfältige Elend der Welt, für die 
entsetzlichen Blutopfer der Kriege, der Industrien, Bergwerks- 
betriebe usw., für das grauenvolle Dahinsiechen der Millionen 
in geistiger Nacht und körperlichen Leiden eben keinen „all- 
gütigen Vater im Himmel" und keinen Mitmenschen verant- 
wortlich zu machen?! 

Ein weiterer und wiederum echt buddhistischer Zug im 



No. 12. DER BUDDHIST. 357 

Sozialismus ist die Idee der Gleichheit aller Menschen, rück- 
sichtlich ihres Daseins- und Selbstbestimmungsrechtes, und die 
Idee der Brüderlichkeit, der Solidarität oder des Füreinander- 
eintretens bei allen Gelegenheiten und auf jede Weise, wo die 
einen den anderen nützlich werden können. Der Sozialismus 
negiert und bekämpft prinzipiell jede Bevorrechtung respektive 
Benachteiligung nicht nur der verschiedenen Individuen und 
Gesellschaftsklassen daheim, sondern auch jede Art der Verge- 
waltigung fremder Völker und Rassen, und wären es selbst die 
unentwickeltsten, rückständigsten. Die Motive sind Humanität 
und Nützlichkeit. Das ist nun freilich nicht mehr buddhistisch, 
oder vielleicht, besser, noch nicht buddhistisch. Der Buddhis- 
mus hat auch hier ein solides philosophisches Fundament, den 
All-Einheitsbegriff rücksichtlich aller Bewusstseinsträger, oder 
die Einheit alles Bewusstseins auf dem Substrate der Indivi- 
dualisationen als seines unentbehrlichen Daseinsmittels; prak- 
tisch verwirklicht durch „das Aufgeben des Ich-selbst-Gedan- 
kens", wie es die buddhistischen Schriften negativ auszudrücken 
pflegen. Mit letzterem verglichen bemerkt man nun allerdings, 
dass Humanität und Nützlichkeit kaum etwas anderes sind, 
wie Phrasen von äusserst schwankendem Gedankeninhalt und 
Umfang,*) und so braucht es denn auch nicht Wunder zu 
nehmen, wenn wir infolgedessen auf Disharmonien und direkte 
Gegensätze stossen gerade bei dieser Gelegenheit, wie sie sonst 
innerhalb des Sozialismus nicht hervortreten. Da gibt es z. B. 
Leute, die „nicht jeden Schutzzoll verwerfen," also bereit sind, 
ihren Brüdern da draussen den Absatz ihrer Arbeitsprodukte 
und ihren Brüdern daheim die Deckung ihrer Bedürfnisse zu 
erschweren. Andere „verwerfen nicht jede Kolonialpolitik 
schlechthin", sie möchten also gern eine Zivilisation exportieren, 
die uns selber noch fehlt, eine Kultur verbreiten, von der sie 
selber sagen, dass sie keine ist, oder dass sie in den letzten 
Zügen liegt. Manche wollen auch noch die dazugehörigen 
Panzerschiffe, wie z. B. ein bekannter christlichsozialer Geist- 
licher. Zahllos sind jene, die bald zu diesem, bald zu jenem 
vermeintlich guten Zwecke „im Interesse, zum Wohle derGesamt- 
heit," wie sie es auszudrücken lieben, bald dem Einzelnen, 



*) Schon im alltäglichen Sprachgebrauche findet man das bestätigt. 
Man sagt: wahre Humanität, echte H., edelste H., seltene H., wenn es 
etwas Besonderes gilt. Folglich gibt es auch falsche, unechte, weniger 
edele, alltägliche Humanitäten, von denen man kein Aufhebens macht. 
Human nannte man bei seiner Einfuhrung in verschiedenen Staaten 
Nordamerikas das entsetzenerregende elektrische Hinrichtungsverfahren. 
Human wird jede neue Kriegswaffe, jede auf die Erhöhung ihrer Wirk- 
samkeit gerichtete Veränderung einer alten genannt. — Humanität ist 
eben, wie gesagt, eine verwaschene Phrase. 



S58 t)ER BUDDHIST. I. Jahrg. 

bald Minoritäten der verschiedensten Grösse Opfer der aller- 
bedenklichsten Art aufzuerlegen bereit sind. Um aus Vielem 
nur eins herauszugreifen: wenn es sich z. B. um die soge- 
nannte Prophylaxis, um mehr oder weniger imaginäre 
hygienische Endzwecke handelt, geht bei nicht Wenigen jede 
Rücksicht auf das leibliche und geistige resp. sittliche Wohl- 
befinden ihrer Mitmenschen verloren. Die Furcht, die Angst, 
die freilich der Buddhist als ihm wohlbekannte Leidenschaften 
von sich abzustreifen hat, rauben diesen Menschenfreunden 
den Verstand. Sie übersehen daher einmal, dass die Gesamt- 
heit minus Minorität nicht mehr die Gesamtheit ist, sodann, 
dass das Wohl der Gesamtheit überhaupt niemals in Frage 
steht, sondern ebenfalls nur das Wohl einer mehr oder weni- 
ger grossen Minorität, in der Regel noch dazu von Individuen, 
die teils aus Unverstand und Leichtsinn, teils aus Selbstsucht 
für ihre Person keinerlei Vorsicht zu beobachten willens sind. 
So sehen wir uns denn allerdings in diesen letzteren Fällen 
wieder dem berüchtigten Rechte des Stärkeren oder der nicht 
weniger bedenklichen Majoritätswirtschaft auch noch im Sozia- 
lismus gegenüber. Das „stellvertretende Leiden" der Christen 
in allem Atheismus noch. Die notwendige Folge des Mangels 
eines festen, philosophischen Fundamentes! Doch verdient es 
Hervorhebung, dass der Sozialist Jos. Dietzgen in konsequen- 
ter Entwickelung seiner panhenotistischen Philosophie den hier 
in Frage kommenden buddhistischen Vorstellungen schon sehr 
nahe steht, und das ist um so bemerkenswerter, wenn man 
sich gegenwärtig hält, welche ausserordentlichen Schwierig- 
keiten das volle Erfassen gerade der All-Einheitslehre dem 
europäisch trainierten Gehirne zu bereiten pflegt. Es ist also 
mindestens nicht ausgeschlossen, dass auch hier eines Tages 
die buddhistische Philosophie zum Durchbruch kommt, und 
die zwar anbefohlene, aber nun schon seit 1900 Jahren tagtäg- 
lich auf das brutalste durch Tatsachen ironisierte Liebe der 
praktischen Verwirklichung von ein paar ganz anspruchslosen 
logischen Postulaten des Buddhismus: Mitleid und Wohl- 
wollen heissen sie, Platz machen muss. 

Soviel über die Grundlagen des Sozialismus. — Beachtens- 
wert in hohem Masse ist es nun, dass wie im Buddhismus, 
so auch im Sozialismus die übereinstimmende, beziehungsweise 
ähnliche Weltauffassung zu völlig oder nahezu übereinstim- 
menden Moralbegriffen geführt hat. Wir wollen das prüfen, 
indem wir den greifbarsten Niederschlag der buddhistischen 
Ethik, die sogenannten fünf Gebote des Buddha durchsehen, 
und dabei vergleichen, wie sich der Sozialismus, aber auch 
seine Gegnerschaft zu denselben stellt. 



No. 12. DER BUDDHIST. 359 

1. Nicht töten. — Im Buddhismus gibt es bei diesem 
Gebote überhaupt keine Ausnahme. Der Sozialismus zeigt 
sich ihm am nächsten stehend insofern, als derselbe wenig- 
stens das Töten von Menschen unter allen Umständen verwirft, 
also auch Krieg, Hinrichtung und Duell. — Seine Gegner zei- 
gen sich in diesen Punkten uneins. So verwirft der Katholi- 
zismus, wie übrigens auch das Gesetz Englands, das Duell. Gegen 
Hinrichtung und Krieg haben beide dagegen nichts einzuwenden. 
Gegner der Todesstrafe trifft man in allen Bevölkerungsschichten 
Europas, doch sind sie, soweit sie eben nicht Sozialisten sind, 
recht dünn gesäet. — Der Krieg wird von einer Friedensliga 
perhorresziert. Wird er aber drohend, wie beispielsweise im 
vorigen Sommer in Deutschland, so hört man von einer 
Friedensliga nichts mehr, desto vernehmlicher und einstimmiger 
aber aus sämtlichen nichtsoziaiistischen Lagern das Schimpfen 
und Schreien über diejenigen, welche ernstliche Massnahmen 
zur Erhaltung des Friedens treffen, wie es eben die deutschen 
und französischen Sozialisten bei jener Gelegenheit unter- 
nommen hatten. — 

2. Nicht nehmen, was einem nicht gegeben ist. — Der 
Umfang, welcher dieser Vorschrift im Gesellschaftsleben der 
Staaten Europas eingeräumt ist, deckt sich vollkommen mit 
den bescheidenen Ansprüchen der verschiedenen Strafgesetz- 
bücher. Dass es auch Unrecht sein kann, seine Mitmenschen 
durch Lohnkürzungen und Knapphalten, durch Börsenmanöver, 
durch Trust- und Syndikatswucherei, durch gesetzgeberische 
Massnahmen, wie Zölle, Steuern, welche die Armen treffen, u. 
dergl. m. zu expropriieren, ist eine Ansicht, welche ausser Bud- 
dhisten nur Sozialisten zu ihren Trägern hat. 

3. Keiner sexuellen Unsittlichkeit fröhnen. — Auch in 
diesem trüben Kapitel erblicken wir einzig den Sozialismus in 
prinzipienklarer Stellungnahme, obschon gern anerkannt sein 
soll, dass auch von anderer Seite nicht wenig gegen die Un- 
sittlichkeit gesprochen und geschrieben wird, bei den soge- 
nannten standesgemässen und dergleichen Heiraten angefangen 
bis hinunter zum ordinären Menschenhandel der Strasse. Aber 
die Ideologen vergessen auch hier, wie immer, dass das ge- 
wissermassen Gesellschaftsinstitutionen sind, die ihre Opfer 
fordern, und daher mit moralischen wie physischen Zwangs- 
und Strafmitteln, die ja nur die Opfer treffen können, nicht zu 
bessern, geschweige zu beseitigen sind. — Abschaffung der 
Privilegien, der Geburt sowohl, wie der des Besitzes, Hebung 
der Bildung, Nichtverhindern der wirtschaftlichen Kämpfe um 
eine menschenwürdige Existenz, das sind die Gegenmittel des 
Sozialismus gegen jene Übel, sein auf die Beseitigung der 



360 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Ursachen gerichtetes und darum wieder echt buddhistisches 
Streben. Soweit seine Macht reicht, betätigt er sich schon 
jetzt, z. B. dadurch , dass seine Zeitungen im auffallenden 
Unterschiede zu den meisten übrigen keine Anzeigen etc. auf- 
nehmen, welche der Unsittlichkeit irgendwie Vorschub leisten. 

4. Nichts Unwahres sagen. — Die strenge Befolgung 
gerade dieses buddhistischen Gebotes mtisste als ein Haupt- 
verdienst des Sozialismus gepriesen werden, wenn sie sich 
nicht ganz von selbst verstände. Wer die Zukunft zu erobern 
gedenkt, kann nicht mit falschen Vorspiegelungen operieren, 
denn „Lügen haben kurze Beine." Sein Heil in der Aufrecht- 
erhaltung von Vorurteilen, Aberglauben und sonstigen Unwahr- 
heiten zu suchen, ist Torheit, denn es ist aussichtslos. Zu 
bedauern sind diejenigen, welche das nötig zu haben glauben. 

5. Keine berauschenden Getränke geniessen. — Auch die 
Erfüllung dieses letzten der buddhistischen Laiengebote lässt 
man sich in sozialistischen Kreisen in beständig zunehmendem 
Masse angelegen sein; und besonders interessant in seiner 
Form sowohl, wie in seinen Motiven ist dieser Vorgang im 
heutigen Deutschland, dem klassischen Lande des Durstes, 
wenn auch nicht gerade der Betrunkenheit. — Hat er in an- 
deren Ländern nicht selten einen eigenartigen frömmelnden, 
sektirerischen Anstrich mit den, wie es scheint, unvermeid- 
lichen Begleiterscheinungen, wie Selbstüberhebung, öffentliches 
Sichbrüsten und Heuchelei, zumal dort, wo man einen Teufel 
austreiben zu müssen glaubt, und nebenher die Spenden wohl- 
habender Philanthropen winken, so ist das hier anders. Man 
macht hier kein Aufhebens mit Abstinenzgelübden, noch weniger 
dekoriert man sich, sondern unterlässt die Trinkerei in aller 
Formlosigkeit. Das Resultat ist bei oberflächlichem Betrachten 
nicht leicht erkennbar, denn in den deutschen Industriestädten, 
den Hauptsitzen des Sozialismus, haben die Betrunkenen 
eigentlich niemals eine einigermassen auffällige Erscheinung 
gebildet. Um so klarer tritt es dagegen hervor in dem ganz 
bedeutenden und andauernden Rückgange der Umsätze in 
alkoholischen Getränken, in den Fabrikkantinen besonders, und 
in dem wachsenden Missvergnügen aller Alkoholinteressenten. 
— Und aus welchen Motiven hat sich dieser Umschwung 
vollzogen? Unsere aufgeklärte Arbeiterschaft enthält sich der 
alkoholischen Getränke, weil sie eingesehen hat, dass sie den 
Verstand schwächen, schlaff, gleichgiltig, energielos machen, 
im Menschenverkehr zu unüberlegtem Reden und Tun Veran- 
lassung geben und bei der Arbeit grosse Gefahr bringen. — 
Die Schwächung des Verstandes ist aber genau derselbe Grund, 



No. 12. DER BUDDHIST. 36l 

aus welchem das Trinken auch in den buddhistischen Texten, 
z. B. im Dhammikasutta, verboten wird! — 

Es würde keinerlei Schwierigkeiten bieten, noch mehr der- 
artige Parallelismen aufzuführen; doch mag es an obigen genug 
sein. — Der Grund ihres im Hinblick auf die dazwischen- 
liegenden 2500 Jahre gewiss recht seltsam anmutenden Vor- 
handenseins ist zwar schon aus dem Dargelegten zu erkennen, 
doch werden ihn ein paar Worte noch klarer hervortreten lassen. 

Die Pälitexte zeigen uns den Buddha als einen Denker, 
der fest und unerschütterlich auf dem Boden der induktiven 
Forschungsmethode stand. Beobachtung war die alleinige 
Quelle seiner Kenntnisse, und eindringlichst ermahnt er seine 
Zuhörer, jeden Autoritätsglauben abzustreifen und nur das allein 
als glaubwürdig anzusehen, was sich mit den Tatsachen deckt. 
Dem entsprach auch seine Lehrmethode. Mag man auch ge- 
neigt sein, in dem unablässigen, in jedem Satze wiederkehren- 
den Begründen eines jeden Gedankens auch ein mnemotech- 
nisches Hilfsmittel zu erblicken, ähnlich dem Beweisaufbau 
in Euklids Elementen, so wird man doch zugeben müssen, 
dass für den Buddha und seine Schüler hierfür noch andere 
Gründe massgebend sein mussten, sobald man sich erinnert, 
mit welchen ganz anderen, und keineswegs weniger zweck- 
mässigen Methoden man in Indien seit den ältesten Zeiten 
schon seinem Gedächtnisse zu Hilfe zu kommen versteht, 
wenn man nur diesen letzteren Zweck im Auge hat. Und 
diese Gründe können dann keine anderen gewesen sein, als 
das untrennbare Zusammenschweissen von Grund und Folge, 
um selbst nicht das kleinste Teilchen des Ganzen aus dem 
Gebiete des Realen, Beweisbaren in dasjenige des Übersinn- 
lichen, Unbeweisbaren hinüberverdunsten zu lassen. — 

So ist die Lehre des Buddha die verkörperte Kausalität 
schon in ihrer Form und nichts weiter bringt sie und kann 
sie bringen, als das Kausalitätsprinzip. Sehen wir nun, dass 
dieses selbe Prinzip, wenn auch nach noch so langer Zeit, 
sich auch bei uns endlich zum Durchbruch ringt, so kann es 
gar nicht anders sein, als dass sich auch die oben nachge- 
wiesenen Übereinstimmungen zeigen. 

Dass es gerade der Sozialismus ist, an welchem sie sich 
zeigen, und nicht die Naturwissenschaft, obgleich letztere jenes 
Prinzip schon weit länger anerkennt, liegt daran, dass sich die 
Naturwissenschaftler, die einen als Nichts-als-Materialisten, die 
anderen als abhängige Beamte konfessionell regierter Staaten, 
auf das Strengste je auf ihre allerengsten Wissensgebiete 
zurückgezogen haben, daher mit Philosophie und Ethik, und 



362 DER BUDDHIST. 1. Jahrg. 

gar mit Politik, Volkswirtsciiaft, Religion und dergleichen als 
Forscher längst ausser jedem Kontakt sind. 

So waren es eben andere Leute, welche das Kausalitäts- 
gesetz für die Wissenschaften des Menschentums nutzbar zu 
machen hatten. 

Man könnte nun hier wohl einwenden, dass trotz aller 
Übereinstimmung im philosophischen Fundamente wie in der 
hierauf basierten Ethik doch die Ziele recht verschieden seien. 
Im Buddhismus die Erlösung von allen Leiden durch Erlangung 
höchster Weisheit; im Sozialismus die Erringung eines 
menschenwürdigen Daseins. Das ist richtig. Dafür ist eben 
das eine der Buddhismus, das andere der Sozialismus, welche 
heute schon identifizieren zu wollen niemandem in den Sinn 
kommen wird. — Aber was ist diese Erringung eines menschen- 
würdigen Daseins weiter, als die Aufhebung eines Leidens, 
eines Massenelendes sogar, durch welches Millionen und 
Abermillionen an die Erlangung einer höheren Vollkommenheit 
auch nur zu denken schon verhindert sind? Und ein Leiden 
in seinen Ursachen erforschen und durch Aufhebung seiner 
Ursachen beseitigen, ist eben echt buddhistisches Streben und Tun. 
Was weiter wird, nach Erreichung dieses nächsten Zieles, 
kann kaum zweifelhaft sein. Man wird sich nach derselben 
Methode von weiteren Leiden zu erlösen bestrebt sein, wird 
also dem reinen Buddhismus immer näher kommen. Denn 
dass man lieber zur Askese zurückkehren wird, — entgegen 
den Ausführungen im Dhamma-cakka-ppavattana-sutta, der 
allerersten Lehrrede des Buddha, wo aber schon die Askese 
ebenso verboten ist, wie Genusssucht und Völlerei — zurück- 
kehren wird zur Askese des Proletarierelends, die nicht einmal 
Ansehen verschafft, sondern auch noch Spott, Verachtung und 
Entrechtung einbringt, das ist nicht besonders wahrscheinlich. 
Dazu ist schon heute die Opposition hiergegen zu gross. 



Die Lehre des Buddha 

oder: Die vier heiligen Wahrheiten. 

Nach Aussprüchen des Päli-Kanons zusammengestellt. 

Von Bhikkhu Nyänatiloka (Ceylon). 

(Schluss.) 

IV. Einsicht in die Erscheinungen. 
Wie aber, ihr Brüder, wacht ein Mönch bei den Erschei- 
nungen über die Erscheinungen? 

[Die fünf Hemmungen:] Da wacht, ihr Brüder, ein 
Mönch bei den Erscheinungen über das Erscheinen der fünf 



No. 12. DER BUDDHIST. 363 

Hemmungen. Wie aber, ihr Brüder, wacht ein Mönch bei den 
Erscheinungen über das Erscheinen der fünf Hemmungen? 

[1. Begierde:] Da merkt, ihr Brüder, ein Mönch, wenn 
Wunscheswiile in ihm ist, ,In mir ist Wunscheswilie', merkt, 
wenn kein Wunscheswille in ihm ist, ,In mir ist kein Wunsches- 
wille'. Er merkt, wenn Wunscheswilie sich eben erst entwickelt, 
merkt, wenn der deutlich gewordene Wunscheswille verneint 
wird, er merkt, wenn der verneinte Wunscheswille künftig nicht 
mehr erscheint. 

[2. Hass:] Er merkt, wenn Hass in ihm ist, ,In mir ist 
Hass', merkt, wenn kein Hass in ihm ist, ,In mir ist kein Hass'. 
Er merkt, wenn Hass sich eben erst entwickelt, merkt, wenn 
der deutlich gewordene Hass verneint wird, er merkt, wenn 
der verneinte Hass künftig nicht mehr erscheint. 

[3. Trägheit:] Er inerkt, wenn Trägheit in ihm ist, ,ln 
mir ist Trägheit', merkt, wenn keine Trägheit in ihm ist, ,In 
mir ist keine Trägheit'. Er merkt, wenn Trägheit sich eben 
erst entwickelt, merkt, wenn die deutlich gewordene Trägheit 
verneint wird, er merkt, wenn die verneinte Trägheit künftig 
nicht mehr erscheint. 

[4. Stolz:] Er merkt, wenn Stolz in ihm ist, ,In mir ist 
Stolz', merkt, wenn kein Stolz in ihm ist, ,In mir ist kein Stolz'. 
Er merkt, wenn Stolz sich eben erst entwickelt, merkt, wenn 
der deutlich gewordene Stolz verneint wird, er merkt, wenn 
der verneinte Stolz künftig nicht mehr erscheint. 

[5. Zweifel:] Er merkt, wenn Zweifel in ihm ist, ,In mir 
ist Zweifel', merkt, wenn kein Zweifel in ihm ist, ,In mir ist 
kein Zweifel'. Er merkt, wenn Zweifel sich eben erst entwickelt, 
merkt, wenn der deutlich gewordene Zweifel verneint wird, 
er merkt, wenn der verneinte Zweifel künftig nicht mehr erscheint. 

So wacht er bei den inneren Erscheinungen über die Er- 
scheinungen, so wacht er bei den äusseren Erscheinungen über 
die Erscheinungen, innen und aussen wacht er bei den Erschei- 
nungen über die Erscheinungen. Er betrachtet wie die Er- 
scheinungen entstehen, er betrachtet wie die Erscheinungen 
vergehen, er betrachtet wie die Erscheinungen entstehen und 
vergehen. ,Die Erscheinungen sind da:' diese Einsicht wird 
nun seine Stütze, eben weil sie zur Erkenntnis, zur Besinnung 
dient, — und unabhängig lebt er und nichts in der Welt be- 
gehrt er. Also, ihr Brüder, wacht ein Mönch bei den Erschei- 
nungen über die Erscheinungen, über die fünf Hemmungen. 

[Die fünf Elemente des Lebenstriebes (upädäna):] 
Und ferner noch, ihr Brüder: Der Mönch wacht bei den Er- 
scheinungen über das Erscheinen der fünf Elemente des 
Lebenstriebes. Wie aber, ihr Brüder, wacht ein Mönch bei 



au DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

den Erscheinungen über das Erscheinen der fünf Elemente des 
Lebenstriebes? 

Da sagt sich, ihr Brüder, der Mönch: ,So ist die Form, 
so entsteht sie, so löst sie sich auf; so ist das Gefühl, so 
entsteht es, so löst es sich auf; so ist die Wahrnehmung, 
so entsteht sie, so löst sie sich auf; so sind die Unterschei- 
dungen (sankhärä), so entstehen sie, so lösen sie sich auf; 
so ist das Bewusstsein, so entsteht es, so löst es sich auf.' 

So wacht er bei den inneren Erscheinungen über die Er- 
scheinungen, so wacht er bei den äusseren Erscheinungen über 
die Erscheinungen, innen und aussen wacht er bei den Er- 
scheinungen über die Erscheinungen. Er betrachtet wie die 
Erscheinungen entstehen, er betrachtet wie die Erscheinungen 
vergehen, er betrachtet wie die Erscheinungen entstehen und 
vergehen. ,Die Erscheinungen sind da:' diese Einsicht wird 
nun seine Stütze, eben weil sie zur Erkenntnis, zur Besinnung 
dient, — und unabhängig lebt er und nichts in der Welt be- 
gehrt er. Also, ihr Brüder, wacht ein Mönch bei den Erschei- 
nungen über die Erscheinungen, über die fünf Elemente 
des Lebenstriebes. 

[Die sechs subjektiv - objektiven Sinnesorgane:] 
Und ferner noch, ihr Brüder: Der Mönch wacht bei den Er- 
scheinungen über das Erscheinen der sechs subjektiv-ob- 
jektiven Sinnesorgane. Wie aber, ihr Brüder, wacht ein Mönch 
bei den Erscheinungen über das Erscheinen der sechs subjek- 
tiv-objektiven Sinnesorgane? 

Da kennt, ihr Brüder, ein Mönch das Auge und kennt die 
Formen und die Verbindung, die sich aus beiden ergibt, auch 
diese kennt er. Er erkennt, wenn die Verbindung eben erst 
erfolgt, erkennt, wenn die erfolgte Verbindung aufgehoben wird, 
und erkennt, wenn die aufgehobene Verbindung künftig nicht 
mehr erscheint. — Er kennt das Ohr und kennt die Töne und 
die Verbindung, die sich aus beiden ergibt, auch diese kennt 
er. Er erkennt, wenn die Verbindung eben erst erfolgt, erkennt, 
wenn die erfolgte Verbindung aufgehoben wird, und erkennt, 
wenn die aufgehobene Verbindung künftig nicht mehr erscheint. 
— Er kennt die Nase und kennt die Düfte und die Verbindung, 
die sich aus beiden ergibt, auch diese kennt er. Er erkennt, 
wenn die Verbindung eben erst erfolgt, erkennt, wenn die er- 
folgte Verbindung aufgehoben wird, und erkennt, wenn die 
aufgehobene Verbindung künftig nicht mehr erscheint. — Er 
kennt die Zunge und kennt die Säfte und die Verbindung, die 
sich aus beiden ergibt, auch diese kennt er. Er erkennt, wenn 
die Verbindung eben erst erfolgt, erkennt, wenn die erfolgte 
Verbindung aufgehoben wird, und erkennt, wenn die aufge- 



No. 12. DER BUDDHIST. 'JOS 

hobene Verbindung künftig nicht mehr erscheint. — Er kennt 
den Leib und kennt die Tastungen und die Verbindung, die 
sich aus beiden ergibt, auch diese kennt er. Er erkennt, wenn 
die Verbindung eben erst erfolgt, erkennt, wenn die erfolgte 
Verbindung aufgehoben wird, und erkennt, wenn die aufge- 
hobene Verbindung künftig nicht mehr erscheint. — Er 
kennt das Denken und kennt die Dinge (Vorstellungen) und 
die Verbindung, die sich aus beiden ergibt, auch diese kennt 
er. Er erkennt, wenn die Verbindung eben erst erfolgt, erkennt, 
wenn die erfolgte Verbindung aufgehoben wird, und erkennt, 
wenn die aufgehobene Verbindung künftig nicht mehr er- 
scheint. — 

So wacht er bei den inneren Erscheinungen über die Er- 
scheinungen, so wacht er bei den äusseren Erscheinungen 
über die Erscheinungen, innen und aussen wacht er bei den 
Erscheinungen über die Erscheinungen. Er betrachtet wie die 
Erscheinungen entstehen, er betrachtet wie die Erscheinungen 
vergehen, er betrachtet wie die Erscheinungen entstehen und 
vergehen. ,Die Erscheinungen sind da:' diese Einsicht wird 
nun seine Stütze, eben weil sie zur Erkenntnis, zur Besinnung 
dient, und unabhängig lebt er und nichts in der Welt begehrt 
er. Also, ihr Brüder, wacht ein Mönch bei den Erscheinungen 
über die Erscheinungen, über die sechs subjektiv-objek- 
tiven Sinnesorgane. 

[Die sieben zur Erleuchtung führenden Kräfte, 
bojjhangä:] Und ferner noch, ihr Brüder: Der Mönch 
wacht bei den Erscheinungen über das Erscheinen der sieben 
zur Erleuchtung führenden Kräfte. Wie aber, ihr Brüder, 
wacht ein Mönch bei den Erscheinungen über das Erscheinen 
der sieben zur Erleuchtung führenden Kräfte? 

[1. Einsicht:] Da gewahrt, ihr Brüder, ein Mönch, wenn 
Einsicht in ihm wach ist, ,In mir ist Einsicht wach', und ge- 
wahrt, wenn Einsicht nicht in ihm wach ist, ,In mir ist Ein- 
sicht nicht wach'; er gewahrt, wenn Einsicht eben erst erwacht, 
und gewahrt, wenn die erwachte Einsicht völlig aufgeht. 

[2. Wahrheitserforschung:] Er gewahrt, wenn Intuition 
in ihm wach ist, ,ln mir ist Intuition wach', und gewahrt, wenn 
Intuition nicht in ihm wach ist, ,In mir ist Intuition nicht wach'; 
er gewahrt, wenn Intuition eben erst erwacht, und gewahrt, 
wenn die erwachte Intuition völlig aufgeht. 

[3. Kraft:] Er gewahrt, wenn Kraft in ihm wach ist, ,In 
mir ist Kraft wach' und gewahrt, wenn Kraft nicht in ihm 
wach ist, ,In mir ist Kraft nicht wach'; er gewahrt, wenn Kraft 
eben erst erwacht, und gewahrt, wenn die erwachte Kraft 
völlig aufgeht. 



986 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

[4. Freudigkeit:] Er gewahrt, wenn Freudigkeit in ihm 
wach ist, ,In mir ist Freudigkeit wach', und gewahrt, wenn 
Freudigkeit nicht in ihm wach ist, ,ln mir ist Freudigkeit nicht 
wach'; er gewahrt, wenn Freudigkeit eben erst erwacht, und 
gewahrt, wenn die erwachte Freudigkeit völHg aufgeht. 

[5. Ruhe:] Er gewahrt, wenn Ruhe in ihm wach ist, ,ln 
mir ist Ruhe wach', und gewahrt, wenn Ruhe nicht in ihm 
wach ist, ,In mir ist Ruhe nicht wach'; er gewahrt, wenn Ruhe 
eben erst erwacht, und gewahrt, wenn die erwachte Ruhe 
völlig aufgeht. 

[6. Konzentration:] Er gewahrt, wenn Sammlung in ihm 
wach ist, ,In mir ist Sammlung wach', und gewahrt, wenn 
Sammlung nicht in ihm wach ist, ,In mir ist Sammlung nicht 
wach'; er gewahrt, wenn Sammlung eben erst erwacht, und 
gewahrt, wenn die erwachte Sammlung völlig aufgeht. 

[7. Gleichmut:] Er gewahrt, wenn Gleichmut in ihm 
wach ist, ,In mir ist Gleichmut wach', und gewahrt, wenn 
Gleichmut nicht in ihm wach ist, ,In mir ist Gleichmut nicht 
wach'; er gewahrt, wenn Gleichmut eben erst erwacht, und 
gewahrt, wenn der erwachte Gleichmut völlig aufgeht. 

So wacht er bei den inneren Erscheinungen über die Er- 
scheinungen, so wacht er bei den äusseren Erscheinungen über 
die Erscheinungen, innen und aussen wacht er bei den Er- 
scheinungen über die Erscheinungen. Er betrachtet wie die 
Erscheinungen entstehen, er betrachtet wie die Erscheinungen 
vergehen, er betrachtet wie die Erscheinungen entstehen und 
vergehen. ,Die Erscheinungen sind da:' diese Einsicht wird 
nun seine Stütze, eben weil sie zur Erkenntnis, zur Besinnung 
dient, und unabhängig lebt er, und nichts in der Welt begehrt 
er. Also, ihr Brüder, wacht ein Mönch bei den Erscheinungen 
über die Erscheinungen, über die sieben zur Erleuchtung 
führenden Kräfte. 

[Die vier heiligen Wahrheiten:] Und ferner noch, ihr 
Brüder: Der Mönch wacht bei den Erscheinungen über das 
Erscheinen der vier heiligen Wahrheiten. Wie aber, ihr 
Brüder, wacht ein Mönch bei den Erscheinungen über das Er- 
scheinen der vier heiligen Wahrheiten? 

Da versteht, ihr Brüder, ein Mönch der Wahrheit gemäss: 
.Dies ist das Leiden', versteht der Wahrheit gemäss: ,Dies ist 
die Leidensentstehung', versteht der Wahrheit gemäss: ,Dies 
ist die Leidensvernichtung', versteht der Wahrheit gemäss: 
(Dies ist der zur Leidensvernichtung führende Pfad'. 

So wacht er bei den inneren Erscheinungen über die Er- 
scheinungen, so wacht er bei den äusseren Erscheinungen 
über die Erscheinungen, innen und aussen wacht er bei den 



No. 12. DER BUDDHIST. 367 

Erscheinungen über die Erscheinungen. Er betrachtet wie die 
Erscheinungen entstehen, er betrachtet wie die Erscheinungen 
vergehen, er betrachtet wie die Erscheinungen entstehen und 
vergehen. ,Die Erscheinungen sind da:' diese Einsicht wird 
nun seine Stütze, eben weil sie zur Ericenntnis, zur Besinnung 
dient, und unabhängig lebt er, und nichts in der Weit begehrt 
er. Also, ihr Brüder, wacht ein Mönch bei den Erscheinungen 
über die Erscheinungen, über die vier heiligen Wahr- 
heiten. 

Der gerade Weg, ihr Brüder, der zur Läuterung der Wesen, 
zur Überwältigung des Schmerzes und Jammers, zur Zerstörung 
des Leidens und Kummers, zur Gewinnung des Wissens, zur 
Verwirklichung des Nibbäna führt, das sind die »vier Pfeiler 
der Einsicht«. (Majjhima Nikäya, Satipatthänasutta.) 

Gleichwie nun, ihr Brüder, der Elefantenbändiger einen 
grossen Pfahl in die Erde eingräbt und den wilden Elefanten 
mit dem Halse daran fesselt, um ihm sein waldgewohntes Be- 
tragen eben auszutreiben, um ihm seine waldgewohnte Sehn- 
sucht eben auszutreiben, um ihm seine waldgewohnte Wider- 
spenstigkeit, Verstocktheit, Heftigkeit eben auszutreiben, und 
ihn in der Umgebung des Dorfes heimisch werden und Sitten 
annehmen lässt, wie sie bei Menschen beliebt sind: — Ebenso 
nun auch, ihr Brüder, hat der heilige Jünger sein Gemüt an 
diese »vier Pfeiler der Einsicht« gleichsam festgebunden, um 
sich das weltgewohnte Betragen eben auszutreiben, um sich 
die weltgewohnte Sehnsucht eben auszutreiben, um sich die 
weltgewohnte Widerspenstigkeit, Verstocktheit, Heftigkeit eben 
auszutreiben, um das Echte zu gewinnen, um das Nibbäna zu 
verwirklichen. (Majjhima Nikäya 125.) 



Achte Stufe: Sammäsamädhi, rechte Vertiefung/) 

Was ist nun, ihr Brüder, rechte Vertiefung? 

Da sucht, ihr Brüder, der Mönch einen abgelegenen Ruhe- 
platz auf, den Fuss eines Baumes im Walde, eine Felsengrotte, 
eine Bergesgruft, einen Friedhof, die Waldesmitte oder ein 
Streulager in der offenen Ebene. Nach dem Male, wenn er 
vom Almosengange zurückgekehrt ist, setzt er sich mit ge- 
kreuzten Beinen nieder, den Körper gerade aufgerichtet, und 
pflegt der Einsicht. 

(Frei-sein von den fünf Hemmungen:] Er hat Lust- 
begierde verworfen und verweilt begierdelosen Gemütes, von 



') Andere Übersetzungen sind: Rechte Versenkung, rechtes Sich- 
versenken, rechte Meditation, rechter Zustand eines reinen Geistes. 



366 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Begierde läutert er sein Herz. — Gellässigkeit hat er verworfen, 
hasslosen Gemütes verweilt er, voll Liebe und Mitleid zu allen 
lebenden Wesen läutert er sein Herz von Gehässigkeit. — 
Matte Schlaffheit hat er verworfen, von matter Schlaffheit ist 
er frei; das Licht liebend, einsichtig, klar bewusst, läutert er 
sein Herz von matter Schlaffheit. — Stolzes, mürrisches Wesen 
hat er verworfen, er ist frei von Stolz; innig beruhigten Gemütes 
läutert er sein Herz von stolzem, mürrischem Wesen. — Das 
Schwanken hat er verworfen, der Ungewissheit ist er entronnen; 
er zweifelt nicht am Guten, vom Schwanken läutert er sein 
Herz. — 

[Die vier Jhänä (Schauungen, Vertiefungen):] Er 
hat nun diese fünf Hemmungen aufgehoben, hat die Schlacken 
des Gemütes, die lähmenden kennen gelernt. Den Begierden 
erstorben, dem Schlechten entronnen, lebt er in sinnend geden- 
kender, ruhegeborener, seliger Heiterkeit in der Weihe der 
ersten Schauung. 

Und ferner noch, ihr Brüder: Nach Vollendung des Sinnens 
und Gedenkens, erwirkt der Mönch die innere Meeresstille, die 
Einheit des Gemütes, die von Sinnen und Gedenken los- 
gelöste, in der Selbstvertiefung geborene selige Heiterkeit der 
zweiten Schauung. 

Und ferner noch, ihr Brüder: In heiterer Ruhe verweilt 
der Mönch gleichmütig, einsichtig, klar bewusst; jenes Glück 
empfindet er in seinem Körper, von dem die Heiligen sagen: 
,Der gleichmütig-Einsichtige lebt beglückt'; so erwirkt er die 
Weihe der dritten Schauung. 

Und ferner noch, ihr Brüder: Nach Verwerfung der Freuden 
und Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und 
Trübsinns bewirkt der Mönch die Weihe der vierten Schau- 
ung. (Majjhima Nikäya.) 

Solchen Gemütes, innig geläutert, gesäubert, gediegen, 
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar, 
richtet er den Geist auf die Erkenntnis der Wahnversiegung. 
,Dies ist das Leiden' versteht er der Wahrheit gemäss. ,Dies 
ist die Leidensentstehung' versteht er der Wahrheit gemäss. 
,Dies ist die Leidensvernichtung' versteht er der Wahrheit ge- 
mäss. ,Dies ist der zur Leidensvernichtung führende Pfad' 
versteht er der Wahrheit gemäss. (Majjhima Nikäya 39.) 

Erblickt er nun mit dem Gesichte eine Form, so verfolgt 
er nicht die angenehmen Formen und verabscheut nicht die 
unangenehmen, gewärtig des Wesens der Körperlichkeit ver- 
weilt er unbeschränkten Gemütes und gedenkt der Wahrheit 
gemäss, jener Gemüterlösung, Weisheiterlösung, wo seine 
schlechten, bösen Eigenschaften sich restlos auflösen. So hat 



No. 12. DER BUDDHIST. 30B 

er sich von Befriedigt-sein und Nicht-befriedigt-sein losgelöst, 
und was für ein Gefühl er auch fühlt, ein freudiges oder lei- 
diges oder weder freudiges noch leidiges, dieses Gefühl hegt 
er nicht und pflegt er nicht und klammert sich nicht daran. 
Während er das Gefühl nicht hegt und nicht pflegt und sich 
nicht daran klammert.Möst jenes Genügehaben bei den Gefühlen 
sich auf. Durch die Auflösung jenes Genügens wird das 
Haften am Dasein aufgelöst, durch die Auflösung des Haftens 
am Dasein der Daseinsprozess, durch die Auflösung des Da- 
seinsprozesses die Neu-Individuation, durch die Aufhebung der 
Neu-lndividuationi.werden Altern.und Sterben, Wehe, Jammer, 
Leiden, Gram und Verzweiflung aufgelöst: also kommt die 
Auflösung dieser ganzen Leidensverkettung zustande. 

Hört er nun mit dem Gehöre einen Ton, — riecht er nun 
mit dem Gerüche einen Duft, — schmeckt er nun mit dem 
Geschmacke einen Saft, — tastet er nun mit dem Körper [als 
Tastorgan] eine Tastung, — stellt er nun mit den Gedanken 
sich ein Ding vor, so verfolgt er nicht die angenehmen Dinge 
und verabscheut, nicht die unangenehmen, gewärtig des Wesens 
der Körperlichkeit verweilt er unbeschränkten Gemütes und 
gedenkt, der Wahrheit gemäss, jener Gemüterlösung, Weisheit- 
eriösung, wo seine schlechten, bösen Eigenschaften sich rest- 
los auflösen. So hat er sich von Befriedigt-sein und Nicht- 
befriedigt-sein losgelöst, und was für ein Gefühl er auch fühlt, 
ein freudiges oder leidiges, oder weder freudiges noch leidiges, 
dieses Gefühl hegt er nicht und pflegt er nicht und klammert 
sich nicht daran. Während er das Gefühl nicht hegt und nicht 
pflegt und sich nicht daran klammert, löst jenes Genügehaben 
bei den Gefühlen sich auf. Durch die Auflösung jenes Ge- 
nügens wird das Haften am Dasein aufgelöst, durch die Auf- 
lösung des Haftens am Dasein der Daseinsprozess, durch die 
Auflösung des Daseinsprozesses die Neu-Individuation, durch 
die Auflösung der Neu-Individuation werden Altern und Ster- 
ben, Wehe, Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung aufgelöst: 
also kommt die Auflösung dieser ganzen Leidensverkettung 
zustande. (Majjhima Nikäya 38.) 

Das ist ja, ihr Brüder, die höchste, heilige Weisheit, näm- 
lich alles Leiden versiegt wissen. Der hat eine Freiheit ge- 
funden, die wahrhaft besteht, unantastbar. 

Das ist ja, ihr Brüder, die höchste, heilige Wahrheit, näm- 
lich was echt ist, das Nibbäna. 

Das ist ja, ihr Brüder, die höchste, heilige Entsagung, 
nämlich aller Anhaftungen sich entäussern. 

Das ist ja, ihr Brüder, die höchste, heilige Beruhigung, 
nämlich Begierde, Hass und Wahn aufgelöst haben. 

24 



370 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

,Ich bin', ihr Brüder, ist ein Wälinen; ,ich bin niclit' ist 
ein Wähnen; ,ich werde sein' ist ein Wähnen; ,ich werde nicht 
sein' ist ein Wähnen; ,gestaltet werde ich sein' ist ein 
Wähnen; ,formlos werde ich sein' ist ein Wähnen; ,be- 
wusst werde ich sein' ist ein Wähnen; ,unbewiisst werde 
ich sein' ist ein Wähnen ; ,weder bewusst noch iinbewusst 
werde ich sein' ist ein Wähnen. Wähnen, ihr Brüder, ist icrani< 
sein, wähnen ist weh sein: ist aber, ihr Brüder, alles Wähnen 
überstanden, so wird man »Stiller Denker« genannt. Und 
der Denker nun, ihr Brüder, der stille, entsteht nicht, vergeht 
nicht, erstirbt nicht, erbebt nicht, begehrt nicht. Das eben, ihr 
Brüder, gibt's nicht bei ihm, dass er entstände; weil er nicht 
entsteht, wie sollte er vergehen? Weil er nicht vergeht, wie 
sollte er ersterben? Weil er nicht erstirbt, wie sollte er er- 
beben? Weil er nicht erbebt, wie sollte er begehren? (Maj- 
jhima Nikäya 140.) 

So ist, ihr Brüder, der Gewinn des Arahätums nicht 
Almosen, nicht Ehre, nicht Ruhm, nicht Ordenstugend, nicht 
Glück der Selbstvertiefung, nicht Wissensklarheit. Jene uner- 
schütterliche Gemüterlösung aber wahrlich, ihr Brü- 
der, das ist der Zweck, das ist das Arahätum, das 
ist der Kern, das ist das Ziel. (Majjhima Nikäya 30.) 

Und die da früher, ihr Brüder, in vergangenen Zeiten 
Heilige, vollkommen Erwachte (sambuddhä) waren, auch diese 
haben eben so richtig ein solches Ziel den Jüngern gewiesen, 
gleichwie da jetzt von mir die Jünger rjchtig gewiesen sind. 
Und die da später, ihr Brüder, in künftigen Zeiten Heilige, 
vollkommen Erwachte sein werden, auch diese Erhabenen 
werden ebenso richtig ein solches Ziel den Jüngern weisen, 
gleichwie da jetzt von mir die Jünger richtig gewiesen sind. 
(Majjhima Nikäya 51.) 

Wahrlich, ihr Brüder, was ein Meister den Jüngern aus 
Liebe und Teilnahme, von Mitleid bewogen, schuldet, das habt 
ihr von mir empfangen. Da laden Bäume ein und dort leere 
Klausen. Wirket Schauung, ihr Brüder, auf dass ihr nicht lässig 
werdet, später nicht Reue empfindet: Das haltet als unser 
Gebot! (Majjhima Nikäya 106.) 

Alle Dinge sind vergänglich: Wirket eure Erlösung ohn' 
Unterlass! (Mahäparinibbänasutta.) 

Alle Gaben überwältigt Wahrheitsgabc, alle Würzen über- 
wältigt Wahrheitswürze, alle Wonnen überwältigt Wahrheits- 
wonne, der Gier Erlöschen überwältigt alle Leiden. 



No. 12. DER BUDDHIST. 371 

Das Missions-Problem. 

Von Dr. Paul Carus. 

(Schluss.) 

Der Grund, weshalb im allgemeinen die heutigen christ- 
lichen Missionen als ein beklagenswerter Missgriff bezeichnet 
werden müssen, liegt hauptsächlich in der Überhebung, mit 
welcher die Religion Christi den „Heiden" aufgedrungen wird. 
Die Christen beschäftigen sich so intensiv mit der Demut 
Christi, dass sie des Übermutes nicht gewahr werden, der sie 
selbst auszeichnet. Da ist z. B. ein Missions-Hymnus, 
dessen melodische Verse häufig in christlichen Kirchen Eng- 
lands und Amerikas gesungen werden. Die Verse sind an sich 
schön, aber leider sind sie durch den Ausdruck einer unver- 
hüllten Verachtung gegen die „Heiden" verdorben worden, und 
doch scheint kein einziger Missionar dies zu merken. Die 
erste Strophe ist erhaben und voll von Begeisterung; sie lautet 
in deutscher Übersetzung: 

„Von Grönlands eisigen Höhen, 

Von Indiens Korallen-Strand, 

Wo Libyens sonnige Quellen 

Fortrollen ihren gold'nen Sand; 

Von manchem alten Strome, 

Von manchem Palmen-Land 

Fleht man uns an, zu lösen 

Das Volk von Irrtums Band." 
Das ist wirkliche Poesie und Begeisterung; aber das Ge- 
dicht fährt nun fort: 

„Weh'n auch ambrosische Lüfte 

Durch Ceylons Palmen-Hain, 

In aller Pracht und Schönheit 

Ist schlecht der Mensch allein. 

Umsonst hat hier die Liebe 

Des Herrn die Gaben gesät: 

Der Heide in geistiger Blindheit 

Zu Holz und Steinen fleht." 
Das singhalesische Volk ist weder schlecht noch heid- 
nisch; es ist eine der edelsten Rassen, und seine Religion ist 
Buddhismus. Die Verehrung der Singhalesen besteht in Blumen- 
Opfern auf den Altären des Buddha; aber selbst der un- 
wissendste Bewohner Ceylons weiss ganz genau und ist stets 
der Tatsache eingedenk, dass eine Buddha-Statue keineswegs 
Buddha selbst ist. Protestanten erheben häufig gegen die 
Katholiken denselben Vorwurf, indem sie zwischen Gebräuchen, 
die scheinbar wie Idolatrie aussehen, und Götzendienst keinen 
Unterschied machen. 

24* 



2(12 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Wie würden es die Christen aufnehmen, wenn die Bud- 
dhisten ihre Missionare in unsere Länder schicl<ten und diese 
dann Lieder solchen Inhalts hier singen würden?! Es ist 
zweifellos, dass Missions-Lipder, welche die Bewohner von 
Ceylon als schlecht und verkommen darstellen, nichts dazu 
beitragen, die letzteren für das Christentum einzunehmen. Der 
oben zitierte Hymnus fährt fort: 

„Können wir, deren Seelen durch Weisheit 

Aus der Höhe erleuchtet sind, — 

Können wir denen, die in Finsternis wohnen. 

Das Licht des Lebens verweigern?" 
Der Dichter beabsichtigt, das „Licht aus der Höhe" zu 
preisen, aber er preist in Wirklichkeit nur sich selbst als einen 
von jenen, deren „Seelen durch Weisheit aus der Höhe er- 
leuchtet sind", — und das ist sehr zweierlei. Sein edler Eifer 
für die Ausbreitung der Wahrheit entpuppt sich als eine phari- 
säische Selbstüberhebung und kann bei denen nur Anstoss 
erregen, die er zu bekehren wünscht. So ist es ganz natürlich 
und leicht begreiflich, dass, wenn christliche Missionare von 
Liebe sprechen, Buddhisten sie der Überhebung und Selbst- 
gerechtigkeit beschuldigen. 

Die Missionare beleidigen nicht nur die „Heiden" un- 
nötigerweise dadurch, dass sie eine Verachtung für ihre Per- 
son, Religion und Nationalität an den Tag legen, — nein, sie 
verlangen von ihren Konvertiten so'gar ein Aufgeben von 
Sitten und Gewohnheiten, welche sie unmöglich aufgeben 
können, ohne sich selbst dadurch von ihren Traditionen los- 
zureissen, und diese letzteren sind ihnen natürlich sehr teuer. 
Wenn ein Chinese Christ wird, sollte es für ihn ebensowenig 
notwendig sein, dass er sich von den edlen Überlieferungen 
seines Volkes losmacht, als es für einen getauften. Juden er- 
forderlich ist, seine Volksgenossen als von Gott Ausgestossene 
zu betrachten. Mögen doch die Juden-Christen ruhig fortfahren, 
den Genuss von Schweinefleisch zu meiden, und indische 
Vegetarier, die Christen geworden sind, mögen auch nach 
ihrem Übertritt Vegetarier bleiben. 

In der russischen Kirche ist es Gebrauch, dass Konvertiten 
den Glauben verfluchen müssen, dem sie früher anhingen, und 
wir wissen, dass die jetzige Kaiserin diejenige übergetretene 
Person gewesen ist, bei welcher von dieser barbarischen Sitte 
zum ersten Male Abstand genommen wurde. Es war ihr er- 
laubt, griechisch-katholisch zu werden, ohne das lutherische 
Bekenntnis, in dem sie erzogen war, verfluchen zu müssen. 

Es gibt in China gewisse Gebräuche, welche als der Aus- 
druck für die Heiligkeit der Familien-Traditionen betrachtet 



No. 12. DER BUDDHIST. ab 

werden müssen, und man verlangt von einem Konvertiten, 
dass er diese Gebräuche aufgebe. In einem » The Dragon, 
Image and Demon« betiteltem Buche über China macht der 
Rev. Hampten C. Du Böse manche wertvollen Angaben; leider 
ist dieses Buch in einem überaus engherzigen Geist gehalten. 
Du Böse mag es ganz ehrlich meinen, aber er ist ein Sek- 
tierer, ein christlicher Heide, welcher glaubt, dass nur die 
Einrichtungen seiner Sekte, Kirche oder Nation die Erlösung 
gewährleisten. Sein Werk ist ein Beispiel für den schlechten 
Geist, der in weiten Kreisen der christlichen Mission herrscht. 
Es ist nicht frei von Verdrehungen und Entstellungen und 
entbehrt jeder Achtung und Anerkennung gegenüber dem 
Schaffen grosser Männer, welche einem anderen Glauben 
und einer anderen Rasse angehören. 

Du Böse nennt Buddha „die Nacht Asiens", gerade als ob 
Asien ohne den Buddhismus besser geworden wäre. Für Aus- 
wüchse des Aberglaubens innerhalb des Buddhismus bei dem 
ungebildeten Volk, deren Vorhandensein jeder Buddhist ohne 
weiteres zugeben wird, kann doch der Buddha ebensowenig 
verantwortlich gemacht werden, wie Christus für die christlichen 
Kreuzzüge, die Verfolgungen und Ketzerhinrichtungen ver- 
antwortlich ist, Verirrungen, mit welchen einst das gesamte 
Christentum durchtränkt war. 

Die christlichen Missionare sollten geneigt sein, alles das, 
was an dem chinesischen Volkscharakter gut ist, zu erhalten. 
Sie dürfen nicht erbarmungslos jene für die Chinesen charak- 
teristischen Züge ausrotten wollen. Wenn die Missionare 
keinen modus vivendi für die Konvertiten finden können, 
auf Grund dessen dieselben ihre heiligen Familienbeziehungen 
aufrecht erhalten, sowie ihre Vorfahren auch weiterhin in 
Ehren halten können, — dann müssen wir der chinesischen 
Regierung Recht geben, wenn sie die christlichen Missionare 
als eine Landplage betrachtet. Wir haben alle Hochachtung 
vor jenem Sachsen-Häuptling, welcher, als er vernahm, dass 
alle seine Vorfahren in der Hölle seien, vom Taufbecken 
davonlief und es vorzog, mit seinen Vätern die ewige Ver- 
dammnis zu teilen, anstatt die Seligkeit des Christen-Himmels 
in der Gessellschaft christlicher Priester zu geniessen. 

Das Missions-Werk ist auf einen höheren Standpunkt 
emporzuheben; es sollte in einer Gesinnung brüderlicher 
Liebe, und nicht in dem Geiste pharisäischer Selbstüberhe- 
bung ausgeführt werden. Die Regeln, welche in dieser Rich- 
tung von allen beobachtet werden sollten, hat Rev. George 
T. CandUn, ein in Tien-tsin (China) wirkender christlicher 
Missionar, welcher auf dem Religions-Parlament persönlich 



314 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

und freundschaftlich mit den buddhistischen und itonfuzi- 
anischen Delegierten aus Ost-Asien verkehrte, in schöner, 
klarer Weise auseinander gesetzt. Er schreibt: 

„Wir müssen den Anfang damit machen, dass einer dem 
anderen von uns für seine guten Absichten Dank weiss. Ich 
sehe nicht ein, aus welchem Grunde wir, die wir hier ver- 
sammelt sind, — die vielen hervorragenden Vertreter des 
Christentums und die Repräsentanten anderer Religionen, die 
jetzt hier in Chicago weilen, wie die Herren Mozoomdar, 
Dharmapäla, Vivekänanda, Ghandi, Pimg, ferner die buddhi- 
stischen Delegierten aus Japan und die Hohenpriester des 
Shintoismus, — ich sehe nicht ein, sage ich, warum wir 
alle uns gegenseitig nicht fest auf folgende Punkte verpflich- 
ten sollten: 

1. Niemals persönlich geringschätzend über die religiöse 
Überzeugung emes anderen zu sprechen. Diesen Punkt 
möchte ich so verstanden wissen, dass derselbe keineswegs 
die freundliche, objektive Diskussion über die vorhandenen 
Verschiedenheiten, sowie das freie Bekenntnis der eigenen 
Überzeugung ausschliesse. 

2. Offiziell unter den eigenen Religionsgenossen mit 
allen zu Gebote stehenden Mitteln, durch mündliche Beleh- 
rung, durch die Person und durch jede sich bietende gün- 
stige Gelegenheit denselben Geist brüderlichen Wohlwollens 
und anerkennender Achtung hinsichtlich des religiösen Den- 
kens anderer zu verbreiten. 

3. Die religiösen Führer mögen ihren ganzen Einfluss 
aufbieten, um die Volksmassen von der Ausübung solcher 
Praktiken und Zeremonien abzubringen, welche mit dem 
Wesen der betreffenden Religion nichts zu tun haben; die- 
selben sind der Reinheit der Lehre schädlich und verhindern 
ein gemeinsames Wirken. 

4. Alle diejenigen Mittel zu begünstigen und anzuwenden, 
welche unter den Menschen desselben Bekenntnisses und 
derselben Nationalität Reform, Fortschritt, Einsicht, politische 
Freiheit und sozialen Aufschwung zu fördern geeignet sind. 

5. Es als einen Teil der heiligsten Aufgaben hier auf Erden 
zu betrachten, alle Menschen von Fähigkeit und Einfluss, mit 
denen man in Berührung kommt, für dieselbe hohe Sache 
zu werben. 

Alle diese Punkte kann ich von ganzem Herzen unter- 
schreiben. Ich sehe nicht ein, warum es andere nicht können 
sollten." — 



No. 12. DER BUDDHIST. 375 

Die 

Transmigration oder Wiedergeburt. 

Von Bhikkhu Änanda Maitriya. 

(Schluss.) 
Der Beweis auf Grund des moralischen Gesetzes ist 
eine Art argumentum ad hominem und nur für diejenigen 
zwingend, weiche an das Vorhandensein einer moralischen 
Weltordnung glauben. Dieses Argument kann so formuliert 
werden: Allein hier in unserem menschlichen Leben sehen 
wir, dass IVIänner und Frauen in allen Arten möglicher Bedin- 
gungen, in den verschiedensten Umgebungen, mit den denk- 
bar abweichendsten Möglichkeiten nach der guten oder bösen 
Seite hin geboren werden, und es erhebt sich natürlich die 
Frage, auf welche vorhergehende Ursache kann die Verschie- 
denheit dieser Bedingungen zurückgeführt werden? Die 
Antwort an der Hand dieses Argumentes ist folgende: Wenn 
es ein moralisches Gesetz im Universum gibt, so sind auch, 
da wir wissen, dass keine Wirkung ohne eine Ursache erzeugt 
wird, jene Unterschiede in den mannigfaltigen, bald mehr, 
bald weniger glücklichen Lebenslagen die Frucht einer be- 
stimmten mentalen Beschaffenheit in der Vergangenheit, d.i. 
in einem vergangenen Dasein; und wenn man diesen Gedanken 
in einer mit den menschlichen Ideen von Gerechtigkeit usw. 
harmonierenden Weise zum Ausdruck bringen will, so muss man 
sagen, dass hier die Transmigrations-Theorie (oder in 
gleicher Weise die hinduistische Reinkarnations-Idee) als die 
einzige haltbare Hypothese sich bietet. Denn wenn ein 
Mensch jetzt leidet, so geschieht dies nach der genannten 
Theorie aus dem Grunde, weil er in vergangenen Leben 
Böses getan hat, und umgekehrt; auf diese Weise werden die 
augenscheinlichen Ungerechtigkeiten im Leben beiseite ge- 
schafft. Wir sehen tatsächlich, wie dieses moralische Gesetz 
in den menschlichen Leben wirkt; wie gewisse Arten von 
schlechten Taten unweigerlich bestimmte Strafen in Form 
von Leiden nach sich ziehen, und es ist nicht schwer den 
buddhistischen Standpunkt zu verstehen, dass ein Mensch, 
welcher augenscheinlich unversehrt durchs Leben geht, 



376 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

obwohl er sein eigenes Gemüt durch seine Missetaten be- 
schädigt hat, ganz gewiss in späteren Leben für das Böse, 
das- er in dieser Erscheinungsform begangen hat, leiden 
wird; denn es ist allein sein Geist, welcher die Kräfte in Be- 
wegung setzt, die sein zukünftiges Leben aufbauen werden. 
Die Schwierigkeit, ein ^moralisches Gesetz<< anzuerkennen, 
(welche für viele besteht), — denn alle Gesetze, die wir 
kennen, können in ihrer Wirkung ebenso „gut" wie „schlecht" 
sein, — diese Schwierigkeit kann am ehesten beseitigt werden, 
wenn die Ansicht sich durchringt, dass ein Mensch durch 
»schlechtes Handeln« seinen eigenen Geist schädigt; und 
Moralität wird dann als eine Art y Wissenschaft der geistigen 
Hygiene« eine höhere Stelle einnehmen, als ihr eine blosse 
Gefühlsschwärmerei jemals zu geben vermag. — 

Was das mit der Vererbung in Zusammenhang 
stehende Argument anbetrifft, so wissen wir, dass gewisse 
Tatsachen der Lebenserscheinu^gen durch Zuhilfenahme des 
blossen Vererbungs-Gedankens nur sehr unvollkommen erklärt 
werden können. Wenn die Vererbung ein absolut gültiges Ge- 
setz wäre, dann müssten alle Kinder derselben Eltern — zum 
mindesten alle Zwillinge — genau dieselben mentalen Fähig- 
keiten aufweisen. Wir wissen, dass dies letztere nicht der 
Fall ist, dass vielmehr alle Kinder als Individuen verschieden 
sind, und der Buddhist erklärt diese Tatsache dadurch, dass 
er sagt: Die Vererbung hat nur einen relativ kleinen Anteil, 
und jedes Kind hat tatsächlich als Fundament seines Charak- 
ters das Kamma seiner eigenen vergangenen Lebensläufe, 
und die Vererbung eines Menschen wirkt nur insofern mit, als 
sein eigenes Kamma mit derselben übereinstimmt (durch den 
Prozess einer bestimmten „Absorption", wie wir oben durch 
eine physikalische Analogie erläutert haban). A'\:j3S3hen von 
den Fällen einfacher Va'-iationen ist die Vererbungs-Tneorie 
gänzlich ungenügend, um die bemirkenswarten Baispiele 
des sporadisch erscheinenden Genies zu erklären, welche 
gelegentlich ba^egnen; ferner manche von unwissenden Eltern 
gezeugte Kinder, welche schon in ihrer frühesten Kindheit 
die baachtenswertesten Anlagan zeigen, wie ein ausgezeich- 
netes Gedächtnis, hohe Bagabung für Mithemjtik, Misik und 



No. 12. DER BUDDHIST. 377 

andere Zweige der Kunst und Wissenschaft. Die Trans- 
migrations-Theorie, — und diese Theorie allein, — kann alle 
diese Phänomene richtig verständlich machen. Es ist keine 
genügende Erklärung, wenn man dieselben als zufällige 
Variationen betrachten will; denn es kann kein solches Ding 
wie Zufall geben, und was wir mit diesem Namen bezeich- 
nen, ist nur ein Deckmantel für unsere Unwissenheit hin- 
sichtlich irgend eines unbekannten Gesetzes. Das Gesetz, 
welches die aus der Vererbung nicht ableitbaren Verschieden- 
heiten erklären will, ist das Transmigrations-Gesetz. — 

Wir kommen nunmehr zu dem letzten Beweise, dem 
Argument aus den Lebensstatistiken ; ich kann indessen hier 
nur die allerwichtigsten Umrisse dieses Argumentes zeichnen 
und muss die zu behandelnden Tatsachen für eine später 
zu erledigende besondere Abhandlung aufsparen; denn der 
Gegenstand ist von ganz besonderer Wichtigkeit. Es handelt 
sich in kurzen Worten um folgendes: bei zivilisierten Rassen 
findet sich weniger die Tendenz zu Individualitäts-Extremen*) 
als bei halb-zivilisierten, und wir können es als ausgemacht 
nehmen, dass manche charakteristische geistige Eigentümlich- 
keiten, z. B. die eines Londoners, den meisten Londonern 
gemeinsam sind, dagegen von denjenigen eines — sagen wir 
— Parisers abweichen. Unter Hinweis auf solche ausge- 
sprochenen Eigentümlichkeiten können wir vom Standpunkt 
der Wiedergeburts-Idee natürlich erwarten, dass der sterbende 
Londoner die Tendenz haben wird als ein Londoner wieder- 
geboren zu werden, und nicht als ein Pariser. Wenn nun aber 
die Mehrzahl der sterbenden Londoner eine Wiedergeburt in 
London erwirkt, dann werden wir, wenn wir die normale Bewe- 
gung der Londoner Bevölkerung abwägen, erwarten dürfen, dass 
irgend eine Schwankung in der Zahl der Todesfälle 
innerhalb der Einwohner Londons von einer ähn- 
lichen Schwankung in der Anzahl der Geburten be- 
gleitet sein muss. Und das ist, wie ich in einem späteren 
Aufsatze für die verschiedensten Städte und Länder zeigen 
werde, eine fast unveränderliche Regel. Die durchschnittlichen 
Verschiedenheiten (Fallen und Steigen) in den Londoner Ge- 
burts- und Sterbe-Listen sind gleichzeitig, — eine Tatsache, 
welche nur durch die Transmigrations-Theorie erklärt werden 
kann; denn man kann unmöglich annehmen, dass die Be- 
dingungen, welche eine Steigung der Todesziffer verursachen, 
auch eine Erhöhung der Geburtszahlen hervorrufen sollten. 



') Im Original : „In civilised -aces there is less tendency to extremes 
of individuality " 



378 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

Dieser gleichmässlge Ausgleich ist besonders auffallend bei 
dem Eintreten von Katastrophen, durch welche die Zahl der 
Todesfälle ungewöhnlich gesteigert wird. Als der schwarze 
Tod die Bewohner Europas dahinraffte, war überall eine ab- 
norme Zunahme der Geburten zu konstatieren, und die Ge- 
burt von Zwillingen, ja von Drillingen war durchaus nichts 
Aussergewöhnliches. Dasselbe ist bei Kriegen zu beobachten. 
Bei dem deutsch-französischen Kriege 1870 war die franzö- 
sische Sterblichkeits-Ziffer weit über dem normalen Stande, 
und es stellte sich sofort ein plötzliches Steigen in der Anzahl 
der Geburten ein, und das Merkwürdigste dabei war, dass 
die männlichen Geburten die weiblichen numerisch stark 
übertrafen, — eine Tatsache, welche die Transmigrations- 
Theorie genau bestätigt, und welche eben nur durch diese 
Theorie erklärt werden kann. Es sind nur Männer, welche 
in einem Kriege der Jetztzeit getötet werden, und nach bud- 
dhistischer Anschauung gehören die in einer Schlacht Getö- 
teten zu denjenigen Menschen, welche als Männer und nicht 
als Frauen wiedergeboren werden. - Viele andere ähnliche 
Beispiele muss ich für eine andere Gelegenheit aufheben; 
es mag hier genügen, wenn ich sage: Es ist eine allgemeine 
Regel, dass zwischen den Sterbe- und Geburtsziffern ein 
ganz bestimmtes Verhältnis besteht, und diese merkwürdige 
feststehende Beziehung kann nach unserer Ansicht nur durch 
die buddhistische Transmigrations-Theorie erklärt werden. — 
Wir haben nun einen allgemeinen Überblick über alles 
das gegeben, was Buddhisten unter dem Namen » Transml- 
grationi- oder ^Wiedergeburt« zu bezeichnen pflegen, und es 
bleibt nur noch übrig zu betrachten, worauf diese bud- 
dhistische Theorie in Wirklichkeit hinausläuft. Der 
erste Stein, an dem sich ein abendländischer Leser wahr- 
scheinlich stossen wird, ist der Umstand, dass hier von einer 
Rersönlichen Unsterblichkeit überhaupt keine Rede ist. 
ach buddhistischer Anschauung sind wir unsterb- 
lich nur insofern, als wir ein Teil der Kräfte in dem 
unermesslichen Ozean des Daseins sind. Alles Leben 
ist in Wahrheit ein einziges, und das, was heute unser 
Nichtwissen als das »Ich« bezeichnet, war gestern die Kraft, 
welche in einem untergegangenen Gestirn aufflammte, und 
wird morgen weitereilen ins Meer der Ewigkeit, — wird hier 
in ein neues Leben eintreten und dort in einem entfernten 
fremden Geist die Gedanken erwecken, die einst die unseren 
waren; und so wird das Leben gleich dem Licht von Stern 
zu Stern aufleuchten, indem es bald hier erlischt, bald dort 
wieder aufloht, solange als das Denken, — ja das Denken, 



No. 12. DER BUDDHIST. 379 

welches das Universum über uns in der Vorstellung aufbaute, 
andauern wird. So ist in der buddhistischen Lebensanschau- 
ung kein Platz für den Glauben an eine persönliche Unsterb- 
lichkeit, — ,Abbhantare jivo nattht, — ,es gibt kein {persön- 
liches) zukünftiges Weiterleben' ; — denn das, was wir 
y>Leben« nennen, ist, wie wir sahen, nur eine leichte Kräuse- 
lung auf der Oberfläche fdes Daseins-Meeres, — eine leichte 
Kräuselung, welche gestern noch nicht war, und welche 
morgen für immer dahin sein wird — — . 

Und wenn jenen, die in einer anderen Geistesrichtung 
erzogen sind, — wenn ihm, der die selbstsüchtige Chimäre 
gehegt hat, dass die gesamte Welt ohne sein persön- 
liches fortdauerndes Leben eitel sei, — wenn einem solchen 
Menschen, sage ich, die Lehre des Meisters traurig und öde 
erscheinen mag, so erscheint sie im Gegenteil dem 
wahren Buddhisten als die feierliche Lehre von dem Ge- 
heimnis des Lebens. Für ihn ist diese Transmigrations- 
Doktrin gross, herzerhebend und die geheime Quelle alles 
wahren Glückes. Demjenigen, der sich selbst als den Meister 
der Ewigkeit erkennt, als den Bildner und Gestalter eines 
neuen, grösseren Lebens in Zukunft, — was liegt ihm daran, 
ob ein anderer die Früchte geniesst, solange er selbst das 
Vorrecht hat, dieselben auszustreuen?! 

So ist sein Hoffen und Streben frei von dem elenden, 
selbstischen Traum einer persönlichen Unsterblichkeit, es ist 
gerichtet, — nicht auf die Zukunft, sondern auf das Leben, 
welches er lebt, auf das einzige Leben, über welches er in 
Wahrheit eine Kontrolle besitzt, welches er grösser, reiner 
und edler machen kann, als es von uralten, vergangenen 
Leben auf ihn gekommen ist. In Liebe zu leben mit allem, 
was lebt, ohne Lohn für morgen zu suchen oder zu gewinnen, 
— sein Leben in eine Oase inmitten der Wüste selbstischen 
Begehrens zu verwandeln, — immer, eben jetzt und hier, 
nach wahrer Liebe, Weisheit und vollkommenem Frieden zu 
streben, — dies ist für den Buddhisten das höchste Ideal, 
der Ruhm seines Dhamma und die Hoffnung auf allen seinen 
Wegen. Alles andere, — alles Denken an einen zukünftigen 
Lohn für das Selbst ist nur Trug und Blendwerk. „Wie 
etwas Reales und Wahres", sagt uns Buddhaghosa, „erhebt 
sich in uns der Glaube ,Ich bin', ,ich war', ,ich werde sein'." 
Und es ist alles Illusion, dem Tautropfen gleich, der sich 
selbst für eine dauernde, getrennte Wesenheit hält, obwohl 
die Wasserteilchen, die ihn zusammensetzen, gestern in des 
Meeres Tiefen ruhten und mit dem Dämmerlichte sich erheben 
und mit den wandernden Lüften verschmelzen werden. Aber 



m DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

wenn auch dieses universale Leben ewig wechselnd, mit 
Leid behaftet und ohne individuellen Wesenskern ist, 
so gibt es doch, wie unsere Religion lehrt, ein Ende, ein 
Aufhören. Das Denken ist der Schöpfer dieser Welten, 
der Bildner dieses irdischen Tabernakels, der Erschaffer der 
Täuschung. Wer nun den Sieg über die Gedanken gewinnt, 

gelangt in diesem Leben zum unaussprechlichen Frieden, 
»er ist der Sieger, welcher hier und jetzt über das Nicht- 
wissen triumphiert, welcher alle Begierde, allen Mass, allen 
Wahn überwunden und den Zustand erreicht hat, wohin das 
Weh der Erde nicht mehr dringen kann. Derjenige besitzt 
die Freude, welche höher ist als alle uns bekannten Freuden, 
die Seligkeit des Erlöst-seins von der Eitelkeit dieses Lebens, 
— welcher erkennt, dass die Wiedergeburten für ihn beendigt 
und alle seine Mühen zum Abschluss gelangt sind, und dass, 
wenn der Tod seinen Körper dahinrafft, keine Veränderung, 
kein Leid, keine Täuschung mehr vorhanden sein werden, 
wie der Meister einst gesprochen hat: 

Verfall muss kommen über alle Dinge, 
Vergänglich sind des Lebens Elemente, 
Was erst entstand, eilt der Auflösung zu: 
Des Wechsels Stillstand ist Glückseligkeit. — 

mm 

I I Die Macht des Karma. i i 

Von Lafcadio Hearn. ') 

Dieser Tage starb ein Priester unter sehr seltsamen Um- 
ständen. 

Er war der Priester eines altbuddhistischen Tempels in 
einem Dorfe nahe von Osaka. (Man kann den Tempel von 
der Kwan-Setsubahn sehen, wenn man nach Kyoto fährt.) 

Er war jung und ausserordentlich schön. Allzuschön 
für einen Priester, sagten die Frauen. Er sah wie eine jener 
schönen Amida-Statuen aus, welche die grossen buddhistischen 
Bildhauer der Vergangenheit geformt haben. 

Die Männer seiner Gemeinde hielten ihn für einen reinen 
und gelehrten Priester, und darin hatten sie recht. Die Frauen 

') Aus der deutschen Ausgabe von Hearns einzigartigem Werke über 

iapan »Kokoro« (S. 174 ff.), weiches wir in dieser Nummer besprochen 
aben. — 

Der Schluss von •Gedanken über dies und dasc muss für 
einen längeren Aufsatz in einem späteren Heft aufbewahrt 
werden. 



No. 12. DER BUDDHIST. 311 

dachten nicht bloss an seine Tugend und seine Gelehrsam- 
keit; denn er besass die verhängnisvolle Macht, sie wider 
seinen Willen anzuziehen, in seiner blossen Eigenschaft als 
Mann. Sie, sowie auch Frauen anderer Gemeinden bewun- 
derten ihn in keineswegs heiliger Weise, und ihre Huldigungen 
störten seine Studien und andächtigen Betrachtungen. Sie 
ersannen Vorwände, ihn zu allen Stunden des Tages im 
Tempel aufzusuchen, nur um ihn einen Augenblick zu sehen 
und zu ihm sprechen zu können. Sie richteten Fragen an 
ihn, die zu beantworten seine Pflicht war und brachten 
fromme Gaben, die er nicht gut abweisen konnte. Manche 
stellten Fragen unkeuscher Art, die ihn erröten machten. 
Er war von Natur zu weich, um sich mit harter Abweisung 
zu schützen. Die vorlauten Stadtmädchen erlaubten sich 
daher, ihm Dinge zu sagen, wie sie ein Landmädchen nie 
über die Lippen gebracht hätte: Dinge, die ihn zwangen, sie 
aufzufordern, seinen Tempel zu verlassen. Aber je mehr er 
vor der Bewunderung der Schüchternen und der Zudringlich- 
keit der Kecken zurückscheute, desto mehr nahmen die An- 
fechtungen zu, bis sie zur Qual seines Lebens wurden. 

Seine Eltern waren schon lange tot; keine irdischen 
Bande knüpfen ihn an das Leben; er liebte nur seinen Beruf 
und die Studien, die damit zusammenhingen. Er wollte nicht 
an eitle und verbotene Dinge denken. Seine ausserordent- 
liche Schönheit — die Schönheit eines lebendigen Gottes 
— dünkte ihm nur ein Unglück. Reichtum wurde ihm unter 
Bedingungen angeboten, deren blosse Andeutung ihn schon 
verletzte. Mädchen warfen sich ihm zu Füssen und flehten 
vergebens um seine Liebe. Er erhielt fortwährend Liebes- 
briefe, die er niemals beantwortete. Einige derselben waren 
in jenem alten, bilderreichen Stil abgefasst, der von „dem 
felsenfesten Ruhekissen der Liebesbewegung," oder von den 
„Wellen, welche die Schatten des Angesichtes beleben," und 
von „Strömen, die sich nur trennen, um sich wieder zu ver- 
einigen," spricht. Andere wieder waren kunstlos, überströ- 
mend zärtlich, voll von dem Pathos des ersten Liefiesgeständ- 
nisses eines Mädchenherzens. Lange Zeit Hessen solche 
Briefe den jungen Priester so ungerührt wie jene Statue des 
Buddha, dessen Abbild er zu sein schien. Aber in Wahrheit 
war er kein Buddha, sondern nur ein schwacher Mensch, 
und seine Lage wurde immer unerträglicher. 

Eines Abends kfim ein kleiner Knabe in den Tempel 
und händigte ihm einen Brief ein, flüsterte den Namen der 
Absenderin und verschwand in der Dunkelheit. Nach der 
späteren Zeugenaussage eines Tempeldieners las der Priester 



äfe DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

den Brief, schob ihn in den Umschlag zurücic und legte ihn 
dann auf die Matte neben sein Kniekissen. Nachdem er 
lange in Sinnen versunken dagesessen hatte, holte er sein 
Schreibzeug, schrieb selbst einen Brief, adressierte ihn an 
seinen geistlichen Vorgesetzten und liess das Schreiben auf 
seinem Pult liegen. Dann warf er einen Blick auf die Uhr 
und zog eine japanische Eisenbahntabelle zu Rate. Es war 
sehr spät, die Nacht dunkel und stürmisch. Er warf sich 
vor dem Altar zu einer kurzen Andacht auf die Kniee und 
eilte dann aus dem Tempel. Er erreichte die Bahnstation 
gerade in dem Augenblicke, als der Expresszug aus Kob^ 
brausend einfuhr. Blitzschnell warf er sich auf das Geleise 
vor dem schnaubendem Ungetüm nieder. Und im nächsten 
Augenblicke hätten diejenigen, die seine seltsame Schönheit 
angebetet hatten, vor Entsetzen aufgeschrieen beim Anblick 
dessen, was von seinem armen, vergänglichen Körper auf 
den Schienen klebte. 

Der Brief, den er an seinen Vorgesetzten geschrieben 
hatte, wurde gefunden. Er enthielt die kurze Mitteilung, dass 
er in dem Gefühl seiner erschöpften Widerstandskraft be- 
schlossen habe, zu sterben, um nicht der Sünde zu erliegen. 
Der andere Brief lag noch auf dem Boden, wo er ihn liegen 
gelassen hatte, ein Brief in jener Frauensprache geschrieben, 
in der jede Silbe eine demütige Liebkosung ist 

Ich begab mich zu einem japanischen Freunde, einem 
buddhistischen Gelehrten, um ihm einige Fragen über die 
religiöse Auffassung dieses Vorfalls zu stellen. Selbst als 
Zeichen menschlicher Schwäche angesehen, erschien mir 
dieser Selbstmord heroisch. 

Nicht so meinem Freunde. Er sprach Worte der Ver- 
urteilung, er wies darauf hin, dass der, welcher annahm, 
durch den Selbstmord der Sünde entgehen zu können, in 
den Augen des Meisters ein im geistigen Sinn Verlorener 
sei — unwürdig der Gemeinschaft mit heiligen Männern. 
Was nun den Priester betrifft, so hatte er zu jenen gehört, 
die der Meister Toren nannte. 

Nur ein Tor könne glauben, durch Zerstörung des eigenen 
Körpers auch zugleich die Quelle der Sünde in seiner Seele 
zu vernichten. 

„Aber", wendete ich ein, „das Leben dieses Mannes war 
rein. Nehmen Sie an, dass er den Tod bloss suchte, damit 
er nicht unwissentlich andere zur Sünde veranlasse?" 

Mein Freund lächelte ironisch, dann sagte er: „Es war 
einmal eine vornehme japanische Dame von erlesener Schön- 
heit, die Nonne werden sollte. Sie begab sich in einen Tempel 



No. 12. DER BUDDHIST. 383 

und trug ihren Wunsch vor. Aber der Oberpriester sagte: 
,Sie sind noch sehr jung, Sie haben das Leben am Hofe 
gelebt. In den Augen weltlicher Männer sind sie sehr schön, 
und Ihr schönes Antlitz wird eine stete Versuchung für Sie 
sein, zu den Freuden der Welt zurückzukehren. Überdies 
kann Ihr Wunsch vielleicht nur einem augenblicklichen 
Kummer entspringen. Ich kann Sie deshalb jetzt noch nicht 
in den Orden aufnehmen.' 

„Aber sie fuhr fort so beharrlich in den Priester zu 
dringen, dass dieser es für das Beste hielt, sich ihren Bitten 
zu entziehen, indem er sich rasch entfernte. 

„In dem Räume, wo sie nun allein war, stand ein grosses 
»Hibashi« (ein Feuerbecken mit glühenden Kohlen), sie er- 
griff die Zange, hielt sie ins Feuer, bis sie glühend rot war, 
und damit verwundete und zerriss sie erbarmunglos ihr Ant- 
litz und zerstörte so ihre Schönheit auf ewig. 

„Der durch den Brandgeruch erschreckte Priester eilte 
herbei und sah voll Betrübnis das Geschehene. Aber sie 
erneute allsogleich ihre Bitten ohne das geringste Zittern 
in ihrer Stimme. ,Meine Schönheit war das Hindernis, für 
meinen Eintritt in den Orden', sagte sie, ,wollen Sie mich 
nun aufnehmen ?' 

„Der Priester willfahrte nun ihrer Bitte. Sie wurde 
in den Orden aufgenommen und lebte als heilige Nonne. 
Nun, wer war weiser, die Frau oder der Priester, den Sie 
preisen wollten?" 

„Aber war es denn die Pflicht des Priesters," fragte ich, 
„sein Gesicht zu verunstalten?" 

„Sicherlich nicht! Selbst die Handlungsweise der Frau 
wäre nicht verdienstvoll gewesen, hätte sie sich dadurch nur 
gegen die Versuchung schützen wollen. Selbstverstümmelung 
irgend welcher Art ist durch das Gesetz Buddhas verboten; 
darin hat sie sich einer Übertretung schuldig gemacht. Aber 
da sie sich das Gesicht einzig aus dem Grunde verbrannte, 
um allsogleich in den heiligen Verband aufgenommen zu 
werden, und nicht, weil sie [sich unfähig fühlte, der Sünde 
durch eigene Willenskraft zu widerstehen, war ihr Vergehen 
verzeihlich, wohingegen der Priester, der sein Leben vernich- 
tete, sich einer grossen Sünde schuldig machte. Er hätte 
versuchen müssen, alle die, welche ihn verlocken wollten, zur 
Umkehr zu bringen. Dazu war er zu schwach. Fühlte er, 
dass er keine Kraft habe, der Sünde als Priester zu wider- 
stehen, so wäre es weit besser für ihn gewesen, in das welt- 
liche Leben zurückzukehren und dort nach dem Gesetz 
derjenigen zu leben, die nicht den Geboten der heiligen 
Ordensregeln unterworfen sind." 



384 DER BUDDHIST. I. Jahrg. 

„Der buddhistischen Auffassung nach hat er sich demnach 
kein Verdienst erworben?" fragte ich. 

„Es ist schwer anzunehmen, dass dies der Fall sein 
könnte. Seine Tat kann nur in den Augen derer, die das 
Gesetz nicht kennen, verdienstlich erscheinen." 

„Und was denken diejenigen, die das Gesetz kennen, 
über die Folgen, über das Karma seiner Handlung?" 

Nach kurzem Sinnen sagte mein Freund nachdenklich: 
„Die ganze Wahrheit dieses Selbstmordes entzieht sich unserem 
Wissen — vielleicht war es nicht das erste Mal." 

„Meinen Sie damit, er könnte schon in irgend einem 
früheren Leben versucht haben, der Sünde durch die Vernich- 
tung seines Körpers zu entgehen?" 

„Ja, oder in vielen früheren Leben." 

„Wie verhält es sich mit seinem zukünftigen Leben?" 

„Nur ein Buddha vermöchte über diese Fragen bestimm- 
ten Aufschluss zu geben." 

„Aber was sagt Ihre Religion darüber?" 

„Sie vergessen, dass es für uns nicht möglich ist, zu 
wissen, was in der Seele dieses Mannes vorging." 

„Nehmen wir an, er suchte den Tod nur um der Sünde 
zu entgehen." 

„In diesem Falle wird er der Versuchung mit all ihren 
Schmerzen und all ihren Qualen tausend und tausende Male 
wieder und wieder begegnen müssen, bis er gelernt hat, sich 
selbst zu überwinden. Im Tode ist kein Entrinnen vor der 
ewigen Notwendigkeit der Selbstüberwindung." 

Als ich meinen Freund verliess, verfolgten mich seine 
Worte, und sie verfolgen mich noch immer. Meine eigenen 
Anschauungen erschienen mir nun in einem anderen Lichte. 
Ich war noch nicht fähig, mir darüber klar zu werden, ob 
diese geheimnisvolle Interpretation des Liebesmysferiums der 
Beachtung weniger würdig sei, als unsere abendländische 
Auffassung. Ich habe darüber nachgesonnen, ob die Liebe, 
die in den Tod führt, nicht weit mehr bedeuten könnte, als 
die Wiedergeburt begrabener Leidenschaften. Könnte sie 
nicht auch die unentrinnbare Vergeltung bedeuten für längst 
vergessene Sünde? . . . 

Wie das Weltmeer, ihr Jünger, überall nur von einem 
Geschmacke durchdrungen ist, dem Geschmacke des Salzes, 
so ist diese meine Lehre an jeder Stelle durchweht von dem 
Geiste der Erlösung. 



VwaBtwortlicher Redakteur: Karl B. Seidenstttcker, Leipzig. Verlag: Buddhistischer Verlag 
in Leipaig. — Druck von Arno Bachmann, Baalsdorf-Leipzig. 



Die 

Buddhistische Welt. 

Monatsblätter 

zur Orientierung über die buddhistische Mission. 
Publikations-Organ 

des 
Buddhistischen Missions- Vereins in Deutschland. 

« 
I. Jahrgang. 2449 nach Buddha. 

April 1905 — März 1906. 

w 

Herausgegeben von 

Karl B. Seidenstücker. 




Verlag und Expedition: 
Buddhistischer Verlag, Leipzig. 



Dhammo kappa/77 ti/Meyya. 



Inhaltsverzeichnis des ersten Jahrganges. 

(Die Ziffern bedeuten die Seitenzahlen.) 



Rundschau. 

Ausbildung buddhistischer Missionare 34 

Buddhismus in Japan 20, 34, 59, 66, 81 

Buddhismus und die deutsche Presse 28 

Buddhistische Gesellschaften 2 

Buddhistische Leitsätze 18 

Buddhistische Mission in Amerika 7, 26, 42, 49, 60, 67, 83 

Buddhistische Mission in Indien 4, 73 

Buddhistische Mission in Korea und China 4, 35, 49, 82 

Buddhistische Zeitschriften in englischer Sprache 2 

Burma 66 

Ceylon 42, 44, 59, 65, 83, 89 

Christliche Mission auf Ceylon 42 

Einigung der buddhistischen Welt 17 

Evangelisch-sozialer Kongress in Hannover 28 

Friede 41 

Internationaler Bund junger Buddhisten 25 

Japan, s. u. Buddhismus in Japan. 

Mahäbodhi-Qesellschaft 50, 89 

Neue buddhistische Zeitschrift in englischer Sprache 34 

Neues Leben 3 

Projekt einer buddhistisch-konfuzianischen Universität 49 

Religions-Kongress in Japan 7 

Russland 53, 74, 84 

Sandwich-Inseln 82 

Schweiz 74 

Soyen Shaku's Reise 89 

Tibet 58 

Zweierlei Buddhismus? 6 

Mitteilungen und Notizen. 

An die >Vegetarische Warte« 54 

Arthur Schopenhauers Werke 78 

Aufgaben des Christentums gegenüber dem Buddhismus 29 

Bibliographisches 12 

Buddha-Statuetten 48 

Buddhas Glocken 52 

China und die christliche Mission 84 

Das »Evangelium Buddhas« 92 

Das Urteil eines nicht-buddhistischen Inders über den Buddha ... 53 



— IV — 

Der Buddha vor einem deutschen Fürstenschloss 4& 

Der Buddhismus und die deutsche Presse 77 

Der »Buddhist« als offener Sprechsaal 92 

Des Kriegers Zweifel 86, 92 

Die christliche Mission in Japan 84 

Die Marmor-Bibel der Burmanen 60 

Ein Abriss der buddhistischen Terminologie 36 

Ein ceylonesischer Bhikkhu als Märtyrer 61 

Ein christlicher Missionars-Trick 44 

Ein Pastorales Anathema 30 

Ein Verslein zum China-Prozess 36 

Ein Vorschlag zur Lösung des deutsch-englischen Konfliktes .... 7& 

Eine beachtenswerte Probe-Predigt • . . 61 

Eine Berichtigung von unbekannter Hand 30 

Eine Buddha-Statue in Deutschland 36 

Eine christliche Missionars-Stimme 44 

Fanatismus christlicher Missionare in China 6& 

Gegnerische Stimmen II 

Hymnen für buddhistische Gemeinden 25 

Kwan-Yin 52 

diese buddhistischen Barbaren 70 

Pastor militaris militans 11 

Pseudo-Buddhismus 60 

Strassburg 70 

Verschiedene Ansichten über buddhistische Kunst 23 

Völker Europas, wahrt Eure heiligsten Güter 9 

Vom christlichen „Liebeswerke" auf Ceylon 51 

Zum Bilde des Thäthanäbaing 48 

Zur 11. kontinentalen Missions-Konferenz in Bremen 76 

Buddhistischer Missions-Verein in Deutschland. 

8, 22, 26, 36, 44, 50, 60,- 68, 74, 88, 91 

Bfichertisch. 

Anzeigen und Besprechungen 12, 24, 31, 37, 48, 55, 62, 70, 78, 88, 93 

Sprüche. 

16, 24, 32, 40, 48, 56, 80 

Verschiedenes. 

Aufruf zur Unterstützung hilfsbedürftiger Japaner 57 

Die Führer der »Theosophischen Gesellschaft« (Adyar) 90 

Eine Erklärung 33 

Herzliche Bitte s. u. Aufruf zur Unterstützung. 



[^ra 












Die 

Buddhistische Welt 

Deutsche Monatsblätter 

zur Orientierung über die buddhistische Mission 
im Morgen- und Abendlande. 



Publikations-Organ 

des 
Buddhistischen Missions-Vereins in Deutschland. 



!. Jahrgang. LEIPZIG, April-Mai 1905. 



No. 1 u. 2. 



Dieses Blatt erscheint monatiicii in Verbindung mit der Zeit- 
sciirift »Der Buddhist« im Umfange von mindestens vier Seiten. 

»Die buddhistische Welt« 

kann aucli separat (ohne den »Buddhist«) zum Preise von 
1,20 Mk. für 12 Nummern vom Verlage bezogen werden. 

Leipzig. — Buddhistischer Verlag. 



Die buddhistische Weit. I. Jahrg. 



Rundschau. 



Buddhistische GeseHschaften. 

I. Internationale Gesellscliaften. 1. The Mahäbodhi-Society, 
gegründet 1891 von II. Dharmapäla in Colonibo (Ceylon). Hauptquartier: 
Calcutta, 2, Creek Rovv. Zweck: Verbreitung der buddhistischen Lehren 
in Indien und im Abendlande und Centralisierung der pan-buddhistischen 
Bewegung in Buddha-Gayä (Nord-Indien). — 2. The International 
Buddliist Society (Buddhasasana Samägäma), gegründet 1903 in Rangün. 
Hauptquartier: 1 Paguda Road, Kangün, (Burma). Zweck: Bekanntmachung 
der buddhistischen Religion und Förderung des Pali-Studiums zum Ver- 
ständnis des buddhistischen Kanons. — 3. The International Buddhist 
Young Men's Association, gegründet am 23. September 1903 in Tokyo. 
Hauptquartier: Buddhist Ur.iversity, Takanawa, Tokyo, Japan. Zweck: 
Die Vereinigung soll ein Verkehrsmittel zwischen den buddhistischen 
HochschUlcrn und Anhangern in allen Ländern der Erde werden und die 
ver.inte Arbeit derselben unterstützen, um den Geist des wahren Bud- 
dhismus zu verbreiten. — 

II. Landesgesellschaften. 1. The Young Men's Buddhist Asso- 
ciation of Ceylon. Hauptquartier: 61, Maliban Street, Pettah, Colombo. 

— 2. The Society for Promoting Buddhism, Mandalay, Ober- 
Burma; gegründet am 16. April 1900. — 3. The Sasanadhara Society, 
Mulmein, Burma. — 4. Bukkyö Gakkuwai, Tokyo, Japan. — 5. The 
Young Men's Buddhist Association in San Francisco, Nord-Amerika. 

— 6. Der buddhistische Missions-Verein in Deutschland, Sitz 
Leipzig; gegründet am 15. August 1903. — Dazu kommen noch 7. die 
verschiedenen Landesgruppen der Mahäbodhi-Society. — 

Buddhistische Zeitschriften in englischer Sprache. 

Die älteste Zeitschrift für Buddhismus ist der in Colombo (Ceylon) 
erscheinende »The Buddhist«, herausgegeben von D. B. Jayatilaka. 
Dieses Journal war ursprünglich in den Händen der Theosophischen Ge- 
sellschaft in Ceylon und befand sich damals in einem sehr entarteten Zu- 
stande. Glücklicherweise übernahm dann die oben erwähnte Young 
Men's Buddhist Association die Leitung des Blattes und brachte es 
bald auf die Höhe einer im wahren buddhistischen Geiste wirkenden Zeitung. 

Das offizielle Organ der Mahäbodhi-Society ist die weitverbreitete 
Monatsschrift »The Mahäbodhi and The United Buddhist World«, 
begründet 1891. Herausgegeben wird dieses Blatt von dem mit unermüd- 
lichem Eifer wirkenden Missionar H. Dharmapäla, Calcutta. 



No. 1 u. 2. Die buddhistische Welt. 3 

Als ein Journal vornehmsten Stils muss das prächtig ausgestattete, 
reich illustrierte Organ der International Buddhist Society, die Vierteljahrs- 
schrift »Buddhism«, bezeichnet werden. JVlitarbeiter sind u. a. namhafte 
europäische Gelehrte, wie Rhys Davids und K. E. Neumann. »Buddhism« 
erscheint vom September 1903 ab und wird herausgegeben von Bhikkhu 
Ananda iV^aitriya. Uns liegt bis jetzt der erste Jahrgang vor, und wir 
können an dieser Stelle nur unserer lebhaften Freude über dieses schöne, 
gross angelegte Werk Ausdruck geben. 

Der buddhistisclien Bewegung im Abendlande unschätzbare Dienste 
leistet die in San Francisco seit dem Jahre 1900 erscheinende, vortrefflich 
redigierte Quartals-Schrift »The Light of Dharma«, herausgegeben von 
dem verdienstvollen, mit grossem Eifer wirkenden japanischen Geistlichen 
Rev. Dr. K. Hori, Superintendent der buddhistischen iVlission in Amerika. 
Über unsere Beziehungen zu dieser IVlission werden wir noch an anderer 
Stelle berichten. 

Neues Leben. 

Noch vor wenigen Jahrzehnten würde das christliche Abendland die 
Vorstellung als unsinnig verlacht haben, dass ausser dem wegen seines 
Monotheismus noch allenfalls respektierten Isläm eine bis Dato in die 
Kategorie „Heidentum" verwiesene Religion, wie der Buddhismus, jemals 
mit dem Anspruch, Weltreligion zu sein, auftreten und diesen Anspruch 
durch energisches Handeln realisieren könnte. Die Verhältnisse vor fünf- 
zig Jahren Hessen allerdings eine derartige Perspektive als eine Unmög- 
lichkeit erscheinen: Das innere Leben der buddhistischen Welt schien 
erstarrt zu sein, und christlicherseits wurde mit der bekannten Überlegen- 
heit konstatiert, dass das „buddhistische Heidentum" seinem unvermeid- 
lichen Verfall entgegeneile. Aber man hat zu früh triumphiert. Das 
Päli-Studium erschloss den gebildeten Kreisen des Westens die buddhi- 
stischen Quellen, und staunend gewahrte das Abendland die Schätze, die 
hier verborgen lagen. Der Buddhismus begann auf das occidentale 
Denken mehr und mehr seinen Einfluss auszuüben und fand den Boden 
durch die Philosophie Schopenhauers vorbereitet. Diese Wiederbelebung 
buddhistischer Ideen übte nun naturgemäss einen mächtigen Rückschlag 
auf den buddhistischen Orient selbst aus: Es begann in dem scheinbar 
verdorrten alten Baume ein neues Leben sich zu regen; zunächst nur hie 
und da, leise, kaum bemerkt, bald aber kräftig und in verjüngter Kraft 
unaufhaltsam allüberall emporkeimend. Die neugegründeten Gesellschaften, 
Schulen und Journale im buddhistischen Asien sagen durch ihre unermüd- 
liche Arbeit mehr als alle Worte. Namentlich an zwei Centren ist die 
Neubelebung des Buddhismus deutlich zu spüren: einmal in Süd-Asien 
(Ceylon, Burma, Indien), und sodann in Japan. China, Korea, Tibet 
liegen noch erstarrt, doch wird auch seit kurzem hier von Japan aus mit 
Erfolg gewirkt. Heute ist das buddhistische Bewusstsein bereits soweit 



4 Die buddhistische Welt. 1. Jahrg. 

erstarkt, dass abgesehen von der Arbeit der inneren Mission die Sendboten 
des Buddha im brahnianischen Indien wie im ehristlichcn Abcndlande ihre 
grosse Weltano/iiauung predigen. Aber wir stehen hier erst am Anfange 
einer gewaltig' n religiösen Bewegung, und die nächsten Jahrzehnte werden 
dem Abendlande in dieser Richtung ungcalintc Überraschungen bringen. 
Jedenfalls wird auch der Ausgang des blutigen Krieges im Osten für die 
Zukunft des Buddhismus in beiden Hemisphären von einiger Bedeutung 
sein. Wir können schon heute mit Bestimmth it versichern, dass der 
Bestand der buddhistischen Mission in Amerika wie in Europa jetzt 
gesichert ist. 

Buddhistische Mission in Korea und China. 

Vor ca. 1350 Jahren wurde der Buddhismus durch koreanische und 
chinesische Missionare in Japan eingeführt und damit die Saat zu einer 
damals wohl kaum geahnten Ernte gestreut. Es ist nun merkwürdig, wie 
sich seit jener Zeit die religiösen Verhältnisse im östlichen Asien gestaltet 
haben. Heute sind die Buddhisten in Japan die eifrigsten und tätigsten 
Pioniere im Dienste der Mission, während das buddhistische Leben in 
Korea und China vollständig erstarrt ist. Nun hat kürzlich Hongwanji, 
ein Hauptzentrum des japanischen Buddhismus, im Verein mit mehreren 
»Schulen« eine Anzahl Missionare nach Korea und China gesandt, um 
dort eine Erweckungsbewegung ins Leben zu rufen. Es steht zu erwarten, 
dass die Buddha -Religion in diesen Ländern allmählich ihre frühere 
lebensvolle Kraft wiedergewinnen wird. 

Buddhistische Mission in Indien. 

Die kulturellen, religiösen und sittlichen Verhältnisse des einst so 
blühenden Indiens sind heute die denkbar traurigsten. Bekanntlich ist 
der Buddhismus aus seinem Geburtslande verdrängt worden, "nicht ohne 
aber dauernde Spuren seiner ehemaligen Herrschaft hinterlassen zu haben. 
Der Qrund seines Verschwindens lag einerseits in einer durch brahmanischc 
Religionsmischerei verursachten Decadence seiner selbst, sodann aber in 
blutigen Reaktionen des Brahmanismus unter ^ankaräcärya und verheeren- 
den Einfällen der Mohammedaner. Seit jener Zeit liegt der weitaus grösste 
Teil des Hindus, etwa 250 Millionen, im Banne des furchtbar entarteten 
Brahmanismus. Ein starres Kastenwesen verhindert einen geistigen Auf- 
schwung dieses hochbegabten Volkes, und ein unwissender, geldgieriger 
Priesterstand hält seine Glaubensgenossen in grösster geistiger Unfreiheit. 
Der Brahmanismus selbst stellt sich uns in zwei Hauptformen dar: einmal 
als Philosophie der Gebildeten und sodann als Volksreligion der 
grossen Massen. Die brahmanische Philosophie umfasst sechs als orthodox 
anerkannte Systeme, von denen wiederum drei die bedeutendsten sind, 



No. 1 u. 2. Die buddhistische Welt. 5 

nämlich der panhenotheistische Vedänta, das atheistische Sämkhya und 
der monotheische Yoga. Wenn auch diese Systeme, vor allem der Ve- 
dänta, in hohem .Masse unsere Bewunderung erregen, so sind sie doch 
völlig ungeeignet — das !iat die Geschiclite gelehrt — als Volksreligion 
die Massen zur geistigen Freiheit zu führen. Es ist eben „Kaviar fürs 
Volk", eine Philosophie g'ibildeter, geistig hervorragender Menschen, die 
aber gänzlich ungeeignet ist, wie z. B. der Buddhismus, auch für die 
breiten Schichten des Volkes eine frohe Botschaft zu sein. So zeigt also 
der Braiimanismus als Volksreligion ein ganz anderes Antlitz, und dieses 
Antlitz ist der grinsende Schädel des geistigen Todes. Götzendienst, 
Gespensterfurcht, Zauberformeln, ein bis ins Einzelne gehendes Cere- 
monienwesen, religiöse Eestfeiern mit Obscoenitäten, an die nur zu denken 
sich unser Geist sträubt — das ist der volkstümliche Aspekt der alten 
Weisheitsreligion. Im Norden Indiens herrscht der erotisch-sinnliche 
Vislinuismus; im Süden prävaliert der v/ildc (Jivaisraus mit seinem scheuss- 
lichen Durgä-Kult und dringt allmählich nordwärts vor. Wie die Verhäll- 
nisse heute in Indien liegen, muss man sagen, dass der zuletzt genannte 
(^ivaisraus die grüssten Chancen hat, die herrschende Religion des Landes 
zu werden und dann — verhülle dein Antlitz, Land der Lotusblume 1 

Von anderen Religionen arbeiten in Indien missionierend das Christen- 
tum, der Islam und der Buddhismus. Von diesen hat von vornherein das 
Christentum die geringste Aussicht, dauernd die Hindus für sich zu 
gewinnen. Die gebildeten Hindus lachen über diese „Religion der Kinder" 
und bedauern höchstens die schädlichen Einflüsse der westlichen Kultur, 
die sich über kurz oder lang als Gefolgschaft der Christenmission ein- 
stellen, und die Hefe des Volkes, die zum Christentum übertritt, tut diesen 
Schritt wohl in erster Linie aus ganz anderen, als religiösen Gründen; 
denn einmal ist die christliche Lehre der DcnkweLse der Inder diametral 
entgegengesetzt (man denke nur an die Wiederverkörperungs-Lelire!),und 
sodann ist die Vorstellung vom blutigen Sühnopfer Christi dem weichen 
Hindu ein Greuel (vergl. Abhedhänanda: Vedänta-Philosophie, Heft I ff.). 
Also mit den Aussichten, die sich dem Christianismus in Indien eröffnen, 
sieht es windig genug aus. Weit mehr Chancen hat der Islam, dessen 
Anhänger in Indien bereits nach vielen Millionen zählen. Vielleicht ist es 
die rein abstrakte Gottesidee im Mohammedanismus, die dem Hindu 
näher liegt und ihn zweifellos sympathischer berührt, als das christliche 
Dreifaltigkeitsdogma; vielleicht dient auch die Rücksichtlosigkeit, mit der 
der Islam gegen das Kastenwesen einschreitet, bei vielen „Ausgestossenen" 
als Zugmittel; zum guten Teil aber wird die Religion Mohammeds ihre 
Erfolge bei den Indern der Konzession zuschreiben können, die sie in 
puncto Sinnlichkeit macht; denn der Hindu-Charakter ist namenlos sinn- 
lich und wird für derartige Freiheiten nicht unzugänglich sein. 

Die günstigsten Aussichten für die Zukunft bieten sich hier dem Bud- 
dhismus. DaS wird zunächst durch die Statistik erwiesen. Obwohl die 
buddhistische Mission im Hindulandc erst seit relativ kurzer Zeit tätig ist, 



6 Die buddhistische Welt. I. Jahrg. 

hat sie dennoch geradezu glänzende Erfolge aufzuweisen — in einem 
Distrikte Indiens hat sich die Zahl der Buddhisten in zehn Jahren ver- 
zehnfacht! Aber abgesehen davon ist es ganz naturgeinäss, dass das 
Hindu-Volk ein fruchtbarer Boden für die buddhistische Mission ist. 
War nicht der Meister selbst ein Sohn des Landes? Fand er nicht ähn- 
liche religiöse Vorstellungen vor, wie heutzutage seine Sendboten? Hat er 
es nicht in geradezu grandioser Weise verstanden, an diese Verhältnisse 
anzuknüpfen, die vorgefundenen Anschauungen zu vertiefen und zu ver- 
geistigen? Eine Fülle von Anknüpfungspunkten bietet sich hier dem 
buddhistischen Missionar, und die grösste Reformation der Religionsge- 
schichte, die sich vor vierundzwanzig Jahrhunderten im Gangeslande ab- 
spielte, sie kann heute in demselben Lande auf Grund eines weisen 
Vorgehens ihre glänzende Auferstehung feiern! Das Hauptverdienst bei 
der Propagandierung des Buddhismus in Indien gebührt zweifellos der 
Mahäbodhi-Society, und wir wünschen der Arbeit dieser Gesellschaft im 
Hinblick auf das schwergeprüfte Volk den reichsten Segen : Wie die Saat, 
so die Ernte! — Wir werden unsere Leser des öfteren über den Stand 
des Buddhismus in Indien orientieren. 

Zweierlei Buddhismus? 

Es ist eine offen anerkannte Tatsache, dass der Buddhismus in Japan 
ein ganz anderes Gepräge nach aussenhin aufweist, als z. B. der Buddha- 
Dharma in Ceylon. Wir unterscheiden heute im Buddhismus zwei 
grosse Richtungen, die ihrerseits wiederum in verschiedene »Schulen« 
zerfallen. Die eine dieser Hauptrichlungen heisst Hinayäna und herrscht 
in Ceylon, Burma, Slam, Süd-Indien ; das Hinayäna fusst auf dem ur- 
sprünglichen Päli-Kanon. Die andere Richtung — Mahäyäna genannt — 
prävaliert in Nepal, Tibet, China, Korea und Japan. Innerhalb der 
Mahäyäna-Richtung sind wiederum zwei Aspekte zu unterscheiden ; einmal 
das reinere Mahäyäna in Japan mit ca. 12 Schulen, und sodann der sehr 
modifizierte und mit brahmanischen Elementen stark durchsetzte Lama- 
ismus in Tibet und den von hier aus beeinflussten Ländern. Das Mahä- 
yäna basiert auf einen im Sanskrit geschriebenen Kanon, der offenbar 
jünger ist, als die Päli-Schriften und ausser direkten Übersetzungen aus 
den letzteren zahlreiche neue Traktate enthält. 

Aus diesen Tatsachen haben viele den Schluss gezogen, dass der 
Begriff eines einheitlichen Buddhismus unhaltbar, und dass das Wort 
Buddhismus nur ein Sammelname für ganz verschiedene, mindestens 
zwei Systeme sei. Dem gegenüber sei hier folgendes hervorgehoben: 
Abgesehen von einer phantastischen Mythologie, die aber das Wesen 
und die Lehre des Buddhismus überhaupt nicht berührt, zeigt 
das Mahäyäna nur eine Hauptverschiedenheit von dem Hinayäna, u. z. 
hinsichtlich der Auffassung des Nirväna-Begriffes. Die Philosophie des 



No. 1 u. 2. Die buddhistische Welt. 7 

Hinayäna ist ein transcendentaier Dualismus, das Mahäyäna dagegen 
ein der Philosophie Spinozas nicht unähnlicher spiritualistischer 
Monismus. Für die Praxis ist diese Verschiedeniieit überhaupt ohne 
jeden Belang. Dagegen sei hier konstatiert, dass das Hinayäna und 
Mahäyäna in den folgenden das Wesen der buddhistischen Welt- und 
Lebensanschauung ausmachenden Punkten völlig übereinstimmen: 1. Die 
Leugnung des animistisch-dualistischen Seelenbegriffes (Anattä). — 2. Das 
ewige Werden (Anicca). — 3. Die vier Sätze vom Leiden (Dukkha, Tanhä, 
Nibbäna, Magga). — 4. Die Idee der Wiedergeburt nicht im Sinne einer 
Seelenwanderung oder Ego-Reinkarnation, sondern einer kausalbcdingten 
Übertragung des Kamnia. — 5. Kamma (Karman) vorgestellt als Wirken 
(Tat, Gedanke, Wunsch) nebst der daraus resultierenden Wirkung. — 6. 
Das Kausalitäts-Gcietz als herrschend gedacht in der physischen, geistigen 
und moralischen Welt. — 7. Die Erlösung als Befreiung vom Leiden. — 
8. Die Hauptteile der Sittenlehren. — Der Begriff Buddhismus als ein- 
heitliches Ganzes ist also selir wohl haltbar. Wir werden in späteren 
Heften auf diesen Punkt zurückkommen. 

Religlons-Kongress in Japan. Im Mai des verflossenen Jahres 
traten zahlreiche Vertreter kirchlicher und religiöser Gemeinschaften in 
Japan zu einem Kongress in Tokyo zusammen und tauschten ihre Ansichten 
über den russisch-japanisclien Krieg aus. Viele Tausende waren zusammen- 
geströmt: Buddhisten, Shintoisten und Christen, und zahlreiche Rednergaben 
ihr Votum ab. Unter dem Vorsitz des Erzbischofs der Sodo-Gemeinschaft, 
Rt. Hon. Rev. B. Nischiari, wurde eine Resolution folgenden Inhalts ange- 
nommen: „Der gegenwärtige Krieg zwischen Japan und Russland ist keines- 
wegs ein Krieg zwischen Buddhisten und Christen, ebensowenig zwischen 
der gelben und der weissen Rasse; er hat überhaupt mit einer religiösen 
oder Rassen-Frage nichts zu tun. Es ist lediglich ein Selbstverteidungs- 
kampf, den Japan zur Wahrung seiner Existenz führt". — Viele in Japan 
wirkende englische und amerikanische Missionare nahmen an dem Kongreis 
teil und waren in dieser Frage derselben Ansicht wie die dortigen Ein- 
geborenen. 

Die buddhistische Mission in Amerika. 

Abgesehen von der amerikanischen Sektion der Mahäbodhi-Society 
mit ihrer Centrale in Chicago wird die dortige sehr tätige buddhistische 
Mission von Japan aus geleitet. Der Mittelpunkt ist die Mission in San 
Francisco (Polk Street 807) ; an ihrer Spitze steht der Herausgeber von 
»The Light of Dharma«, Rev. Dr. Kentok Hori, mit dem wir in freund- 
schaftlichem Briefwechsel stehn. Dieser verdienstvolle Geistliche hat das 
ganze Missions - Wesen in Nord-Amerika wohl organisiert ; in seinem 
Missionshause hält er jeden Sonntag Vormittag Erbauungs-Stunden, über 



8 Die buddhistische Welt. I. Jahrg. 

deren Verlauf er uns kürzlich ausführlich Bericht erstattet hat. Die ein- 
zelnen Missions-Centren erstrecken sich bereits von Seattle bis Los Angelos 
die ganze Pacific-Küste entlang; verschiedene Tempel sind erriclitet 
worden, und man ersieht daraus, dass der Buddhismus im transatlantischen 
Kontinent allmählich vorrückt. Die amerikanische Mission ist nun mit 
unserer deutschen eng verknüpft worden, und beide werden in Zukunft 
gemeinsam die buddhistischen Interessen im Abendlande wahrnehmen. 
Wir wollen an dieser Stelle nicht versäumen, unseren Gesinnungsgenossen 
in Amerika ein herzliches „Glückauf!" zu ihrem grossen Werke zuzurufen. 

Der »Buddhistische Missions-Verein in Deutschland« 

(Sitz Leipzig). 
Einen Auszug aus den Satzungen dieses Vereines findet der Leser 
auf der Rückseite des Umschlages. Hier sei nur folgendes hervorgehoben : 
Die Gründung erfolgte am 15. August 1903 durch den Zusanunenschluss 
von acht in Leipzig domicilierten Mitgliedern. Etwa vier Wochen 
später wurde dem Vorsitzenden offiziell die Genehmigung seitens des 
Polizeiamtes zu Leipzig bekannt gegeben. Kurze Zeit darauf machte 
die Notiz von der Konstituierung des Vereins die Runde durch die gesamte 
deutsche und einen Teil der ausländischen Presse. Zalilreiche Anfragen 
und Mitteilungen liefen ein aus den verschiedensten Orten Deutschlands, 
sowie aus Oesterreich, Ungarn, der Schweiz, Belgien, Luxemburg, Frank- 
reich, Gross-Britannien, Russland, Griechenland, Nord-Amerika und Süd- 
Afrika. Der Missions-Verein versandte zunächst eine grosse Anzahl der 
von ihm herausgegebenen Gratis-Schriiten und fasstc dann den Beschluss, 
durch eine Reihe von Vorträgen an die Öffentlichkeit zu treten. Es wurden 
während des Winterhalbjahres 1903 1904 insgesamt 22 öffentliche Vor- 
träge über Buddhismus in Leipzig gehalten. Ferner hat der Verein eine 
Anzahl von Schriften in deutscher Sprache herausgegeben, dip wir hier 
anführen wollen: Frey dank: Kleiner buddhistischer Katechismus, (bis 
jetzt 3 Auflagen) — K uro da: Mahäyäna, die Hauptlehren des nördlichen 
Buddhismus (Übersetzung) — Kuroda: Das Licht des Buddha (Über- 
setzung und Bearbeitung) — Tilbe: Dhamma oder die Moral-Pliilosophie 
des Buddha-Gotama — Tilbe: Sangha oder der buddhistische Mönchs- 
orden; (die beiden letzteren Schriften sind Übersetzungen aus des Autors 
Werk »Päli-Buddhism«) — Freydank: Buddhistisches Vergissmeinnicht; 
eine Sammlung buddhistischer Sprüche für alle Tage des Jahres — 
Skesaburo Nagao: Der Weg zu Buddha (Übersetzung aus einem uns 
von Rev. K. Hori freundlichst zugesandten Buch) — Bowden: Die 
Nachfolge Buddhas (Übersetzung). Wir weisen ferner an dieser 
Stelle darauf hin, dass Herr Dr. Paul Carus (La Salle, Nord- 
Amerika) kürzlich die Freundlichkeit hatte, uns die Autorisation zu der 
Übersetzung seines Werkes »Buddhism and its Christian Critics« zu geben; 



No. 1. u. 2. Die buddhistische Welt. 9 

voraussichtlich wird auch binnen kurzem das bekannte schöne Buch des- 
selben Verfassers »The Gospel of Buddha« in einer zweiten deutschen 
Auflage publiciert werden. Endlich hat der »Missions-Verein« die schon 
seit einem Jahre projektierte Herausgabe der Monatsschriften »Der Buddhist« 
und »Die buddhistische Welt« jetzt zur Tatsache gemacht. 

Um Missverständnissen in Bezug auf die Tendenzen dieses Vereins 
vorzubeugen, machen wir hier nachdrücklich auf folgende vier Punkte 
aufmerksam. Erstens: Der Verein ist laut §3a, b der Satzungen keine 
Vereinigung von Buddhisten. .Mitglied des Vereins kann jede unbescholtene 
Person werden, die das 21. Lebensjahr erreicht hat und mit dem Zweck 
des Vereins sympathisiert; die Mitgliedschaft ist unabhängig von Geschlecht, 
Stand, Konfession; sie ist nicht abhängig von dem Austritt aus dem bis- 
herigen Bekenntnis und Übertritt zu einer buddhistischen Gemeinschaft 
oder von der Anerkennung irgend welcher Glaubensartikel. Zweitens: 
Der Verein hat nach § 1 b seiner Statuten nichts mit irgendweichen An- 
griffen gegen die bestehenden kirchlichen Gemeinschaften zu tun; er 
steht durchaus auf dem Boden der Toleranz und will niemandem seine 
religiöse Überzeugung rauben; sein einziges Ziei ist, den Buddha-Dharma 
in seinem wesentlichen Bestand in de:-. Ländern deutscher Zunge bekannt 
zu machen ; dieses Ziel wird erreicht durch die Darstellung der buddhi- 
stischen Lehren, durch die Abwehr unberechtigter Angriffe und durch 
Beseitigung irrtümlicher Ansichten hinsichtlich dieser Religions-Philosophie. 
Drittens: Der Verein ist eine durchaus unabhängige Gesellschaft; er 
steht in keinem abhängigen oder sonst irgend weichem Verhältnis zu occultisti- 
schen, esoterischen, theosophisciicri, mysiicistischen Vereinen, Logen oder 
Gesellschaften. Viertens: Der Verein macht für keine spezielle Richtung, 
Kirche oder Schule innerhalb des Buddhismus Propaganda ; er repräsentiert 
den Buddhismus im allgemeinen, nicht aber einen einzelnen Aspekt des- 
selben; er beobachtet absolute Neutralität hinsichtlich der von den ver- 
schiedenen Schulen vertretenen Lehrmeinungen. Der Verein hat aber nicht 
das Geringste mit den Lehren des sogenannten esoterischen oder Geheim- 
Buddhismus zu schaffen, da dieselben a) historisch überhaupt nicht nach- 
weisbar sind und b) mit dem von allen buddhistischen Schulen ausnahmslos 
anerkannten Hauptprinzip des Buddha-Dharma (Anattä) in direktem 
Widerspruche stehn. 



Kleine Mitteilungen. 



Völker Europas, wahrt Eure heiligsten Güter! 

Unter diesem Titel brachte seiner Zeit die »Leipziger Gerichts-Zeitung« 
einen Artikel, in dem sie von der Gründung des Missions-Vercins Kenntnis 
nahm. Wir bringen die Ausführungen des genannten Blattes ihrer Origi- 



10 Die buddhistische Welt. I. Jahrg. 

naiität halber hier zum Abdruck : „Wer erinnert sich nicht noch des vom 
deutschen Kaiser gemalten Bildes, das den vorstehenden Warnungsruf als 
Unterschrift trug. Der Sinn des Bildes war nicht schwer zu erkennen. 
Im Vordergrunde scliarten sich um den gewappneten Michel die symbo- 
lischen Vertreterinnen der europäisclien Grossmächte, und im Hintergrunde 
tauchte am Horizont, umgeben von schweren Wetterwolken, das Bildnis 
Buddhas auf. Des Kaisers Gemälde drückte also deutlich die Befürchtung 
aus, dass der Drache dem Kreuz, — der Buddhismus dem Christentum 
gefährlich werden könnte, darum eben sollten die christlichen Völker 
Europas sich wappnen gegen das Vordringen der buddhistischen Lehre. 
Was nach dem Warnungsruf des Kaisers von Berufenen und Unberufenen 
im Namen des Christentums getan wurde, ist hinreichend bekannt. Man 
hat aber nicht nur im Innern fleissig gearbeitet und darüber oft die For- 
derungen des realen Lebens vergessen, nein, man hat auch nach aussen 
hin sich bemüht, dem Christentum eine grössere Verbreitung zu verschaffen. 
Grosse Missionen wurden ausgerüstet, um die sogenannten Heiden 
zu bekehren, für die Negerkinder wurden von wohltätigen christlichen 
Frauen Strümpfe gestrickt, und ungeachtet des Elends im Innern der 
Heimat gingen grosse Summen Geldes ins Ausland, die dafür ausgegeben 
wurden, eine Hand voll gesinnungsloser Lumpen, die es ja unter allen 
Völkern giebt, oder ein paar Weiber, namentlich aber Kinder dem Christen- 
tum zu gewinnen. Auch die Anhänger Buddhas blieben von den Missio- 
nären nicht verschont; was aber noch keine andere Religionsbekenner- 
schaft fertig brachte, das leisteten die Buddhisten: sie revanchierten 
sich und schickten die Vcrkündcr ihrer gro.ssen V/eltanschauung als 
Missionäre zu den Christen. Der Buddhismus hat zur Zeit mehr als 
eine halbe Milliarde Anhänger. Da reicht weder das Christentum, noch 
eine andere Religion auch nur annähernd heran. Bedenkt man überdies, 
dass die buddhistische Lehre, die eine Weltanschauung, keine Religion im 
Sinne unseres vom Formalismus arg entstellten Christentums bietet, etwas 
ungemein bestechendes für den denkenden Menschen hat, so wird man 
leicht ermessen können, dass sie, zumal im Lande der Denker und Dichter, 
rasch und reichlich an Boden gewinnen »vird. 

„Neuerdings hat sich nun, wie die Tageszeitungen meldeten, ein 
»Buddhistischer Missions-Verein in Deutschland« gebildet, der 
seinen Sitz in der Intelligenzstadt Leipzig nahm. Dieser Missions-Verein 
will, seinen Satzungen gemäss, die buddhistische Religions-Philosophie 
durch Zusammenschluss vieler in weiteren Kreisen des deutschen Volkes 
verbreiten. 

„Wir haben also in unseren Mauern eine richtige Mission zur — 
Ausrottung des Christentums! Dieser Ausdruck ist selbstverständlich zu 
schroff, aber er nennt die Sache beim rechten Namen. (Anm. d. Red. 
Diese Meinung ist natürlich irrig, vergl. § 1 der Vereins-Satzungen). 

„^Der Verein« — so heisst es in dem Bericht — »bildet eine freie 
Vereinigung derjenigen Personen, die den Wert der buddhistischen Religions- 



No. 1 u. 2. Die buddhistische Welt. 11 

Philosophie für das Abendland erkannt haben; er steht auf dem Boden 
der Toleranz und will daher mit Angriffen gegen die bestehenden l<irch- 
lichen Gemeinschaften nichts zu tun haben. Er erstrebt die Bildung 
einer buddhistischen Gemeinschaft in Deutschland, die Gründung von 
Zweigvereinen, Abhaltung von Vorträgen, Gründung von buddhistischen 
Seminarien, Bibliotheken und Lesezimmern, Centraüsierung der in Deutsch- 
land domizilierten Buddhisten, Verkehr mit buddhistischen Gesellschaften 
im Orient und Einberufung buddhistischer Kongresse«. 

„Mit Toleranz will man also die Bekenner der Lehre Jesu ihrer 
Religion abwendig machen (Anm. d. Red. Das ist derselbe bereits oben 
rektifizierte Irrtum); nun sind wir neugierig zu erfahren, wie die Hüter 
des Christentums ihre heiligsten Güter wahren werden". — 

Gegnerische Stimmen. Dass öcr buddhistische Einfluss in Deutsch- 
land bereits als ziemlich stark anerkannt wird, erhellt aus dem Umstände, 
dass die christliche Apologetik in dieser Richtung immer tätiger wird. 
Zumal protestantische Geistliche sind es, die zu dem Thema »Buddhis- 
mus und Christentum« das Wort ergreifen. Herr Dr. Jercmias, Prediger 
an der Lutherkirche in Leipzig, hielt hier vor einigen Jahren einen Vortrag 
über Buddhismus, welcher, wenn wir nicht irren, einige Zeit darauf in der 
»Evangelisch - lutherischen Kirchenzeitung« veröffentlicht wurde. Zwei 
andere Leipziger Geistliche, die Herren Schreiber und Frenkel, 
sprachen hier im vergangenen Jahre ebenfalls über Buddhismus und sein 
Verhältnis zum Christentum. Superintendent Klingemann-Essen veröffent- 
lichte eine Broschüre »Buddhismus, Pcssimisraus und moderne Weltan- 
schauung«. Pastor Hunzinger schrieb über »Christentum und Buddhismus«; 
Pastor Max Schreiber behandelte in einer besonderen Schrift das Thema 
»Buddha und die Frauen«. In anerkennenswert objektiver Weise urteilt 
Alfred Bertholet, Professor der Theologie in Basel, in seinen Broschüren 
»Buddhismus und Christentum« und »Der Buddhismus und seine Bedeutung 
für unser Geistesleben«. In der letzten Abhandlung (S. 57) sagt er be- 
züglich der buddhistischen Ethik: „Ich stehe mit Bewunderung vor einer 
solchen Ethik; aber ich muss von denen, die sie zu der ihren machen, sagen: 
»Ihr habt einen andern Geist als wir«. 

Pastor militaris militans. Während die Ausführungen der eben ge- 
nannten geistlichen Herren mehr oder weniger objektiv urteilen (nota bene: 
soweit das vom Standpunkte des christlichen Offenbarungsglaubens eben 
möglich ist) wendet sich Herr Militär-Oberpfarrer Robert Falke- 
Mainz gegen den Buddhismus in recht einseitiger und subjektiv gefärbter 
Weise. Dieser Herr hat mit einer bewundernswerten Beharrlichkeit seit 
einer Reihe von Jahren in Wort und Schrift gegen den Buddha und seine 
Lehre polemisiert. Der Buddha erscheint ihm „treulos", „ihm schlug kein 



12 Die buddhistische Welt. I. Jahrg. 

fühlend Herz in der Brust", er war ein „stumpfer Mönch"; der Buddhis- 
mus ist für Herrn Falke eine „Bettlerphilosophie"; eine „atheistische, 
nihilistische, pessimistische Philosophie", sie atmet eine „schwermütige, 
weltschmerzliche Stimmung;", und der Verfasser, nach dessen Ansicht 
„dem Christentum vom Buddhismus eine bedeutende Gefahr droht", 
resümiert in einem uns vorliegenden Artikel folgendermassen: „Der bleiche 
Tod grinst dem Buddhismus aus seinen beiden Augen!" — Der Haupt- 
irrtum Falkes, der auch eine Auseinandersetzung mit ihm erheblicli er- 
schwert, besteht darin, dass er fortwährend Buddhismus und theosophischc 
Qeheimlehre identifiziert. Die meisten der von Falke vorgebrachten 
Argumente sind alt und längst widerlegt; indessen werden wir bei Gele- 
genheit nicht versäumen, sie einmal gehörig unter die Lupe zu nehmen. 

Bibliographie. 

Abgesehen von den oben erwähnten, vom Buddhistisciicn Missions- 
Verein veröffentlichten Schriften und den gegnerischen Auslassungen liegen 
seit Ende lö^DS folgende beachtenswerte Ncu-Erscheinuiigen vor: Olden- 
bergs monumentales Werk »Buddha« in 4. Auflage; Arthur Pfungst: 
»Aus der indischen Kulturwelt«; Edmund Hardy: »Buddha«; 
Dr. Paul Dahlke: »Aufsätze zum Verständnis des Buddhismus«; 
von demselben Verfasser »Buddhistische Erzählungen«; Dr. Otto 
Schrader: »Die Fragen des Königs Menandros (Milindapafilia)«; 
in Vorbereitung von demselben ist noch eine Abhandlung über »Das 
Wesen des Buddhismus«; eine andere kleine Arbeit Schraders: »Kennt 
der Buddhismus den Begriff der christlichen Nächstenliebe?« ist leider 
nahezu vergriffen. Die Besprechung einzelner dieser Werke wird in den 
nächsten Nummern erfolgen. 



Büchertisch. 



(Für liesprechiinjj und KiicUsendiiiiij nicht verlangter Büclier übfriiiinnit die 

RedaUliim keine VerpBiclitiuiij. Die Jiiiclier sind zu senden an den Redakteur 

Karl Seidenstiicker, per Adr. üuddhistiscljcr Verlag in Leipzig.) 



Eingesandte Literatur. 

Die Religion der Zukunft. Von Oberpräsidialrat Th. Schnitze. Dritte 
stark vermehrte Auflage, i. Teil. Das Christentum Christi und die 
Religion der Liebe. II. Teil. Das rollende Rad des Lebens und der 
feste Ruhestand. Frankfurt a. .M. Neuer Frankfurter Verlag 1901. 
Preis 4 M. 

Confucius. Von Professor Dr. U. Hattori, Tokyo. Frankfurt a. M. 
Neuer Frankfurter Verlag 1902. Preis 0,30 M. 



No. 1 u. 2. Die buddhistische Welt. 13 

The Light of Buddha. By. Rcv. S. Kuroda. Osnl<a, Japan 1903. 
Oullines of the Mahsiyäna as tought by Buddha. By. F^cv. S. Kuroda. 

Asakusa, Tokyo, Japan 1893. 
Buddhist and Christian Gospels. By Albert J. Edmunds. Philadel- 
phia 1904. 
The Outline of Buddhisni. By Skesaburo Nagno. San Francisco, 

Buddhist. Mission 19C0. 
The Light of Dhanna. A reh'gious magazinc dcvotcd to the teachings 

of Buddha. Editcd by Rcv. Dr. Kcntok Hori. April 1904 — 

Januar 1905. San Francisco, Buddhist Mission. 
Cuddhism. An illustrated quarterly revievv. Edited by Bhikkhu An and a 

Maitriya. Vol. 1, No. 4. Rangoon, Burma, Hanthav/addy Printing 

Works 1904. 
Im Wunderlar.de der Lotusblunie. Lehrdrania von Kama Deva. 

Graz, Verlag von Paul Cicslar 1904. Preis geh. 2 Mk. 
Das Evangelium der Freiheit. Von Anton Hartmann. Leipzig, 

Theosophische Zcntraibuchhandlung 1904. Preis 1,20 M. 
The Buddhist Hymns. Published by the Dharma-Sangha of B;iddha. 

San Francisco. 

Neuerscheinungen buddhistischer Literatur. 

Der Weg zu Buddha. Von Skesaburo Nagao. Deutsche Ausgabe 
von Karl B. Seidcnstücker, Leipzig, Buddhistischer Verlag. Preis 
0,80 M. 

Buddhistisches Vergissmeinnicht. Eine Sammlung buddhistischer Sprüche 
für alle Tage des Jahres. Zusammengestellt von Bruno Freydank. 
Leipzig, Buddhistischer Verlag. Preis 1,50 M. 

Der Wert des Buddhismus. Von Bhikkhu Änanda Maitriya. Leipzig, 
Buddhistischer Verlag. Preis 0,30 Mk. 

Die vier erhabenen Wahrheiten. Von Bhikkliu Änanda Maitriya. 
Leipzig, Buddhistischer Verlag. Preis 0,30 M. 

Der Buddhismus als Erlösungs-Religion. Von Karl B. Seiden- 
stücker. Leipzig, Buddhistischer Verlag. Preis 0,30 Mk. 

Die Fragen des Königs Menandros. Von Dr. Otto Schrader. Berlin, 
Verlag von Paul Raatz. Preis 5,50 M. 

The Light of Dharma. Inhalt der letzten Nummer (Januar 1905): Die 
Kürze des ursprünglichen buddhistischen Kanons — Buddhistische 
Ideen bei Shakespeare — Civilisation und Aberglauben — Die 
Tätigkeit deutscher Buddhisten — Bei der Schlacht am Nan-Shan- 
Hügel — Bücherschau — Kleine Mitteilungen. 

Buddhism. Aus dem Inhalt der letzten Nummer (November 1904): Die 
neue Civilisation — Die Philosophie des Buddhismus — Die Grün- 
dung von Lha'ssa — Sir Edwin Arnold — Die Einführung des 
Buddhismus in Burma — Das lamaTstische Gebets-Rad — Die 
Stein-Altertümer von Ceylon — In dem Schatten von Shwe-Dagon. 



14 Die buddhistische Welt. I. Jahrg. 

Besprechungen. 

Die Religion der Zukunft. Von Oberpräsidiairat Th. Schultze. Dritte 
stark vermehrte Auflage, l'reis 4 M. 

Wer immer an den religiösen Strömungen und Kämpfen unserer Zeit 
Interesse nimmt, wird nicht umhin können, das geistvolle, grosse Werk 
des »deutschen Buddhisten« zu würdigen. Theodor Schultze, dessen 
Lebens- und Charakterbild Arthur Pfungst gezeichnet hat, gehörte ohne 
Zweifel zu den tiefsten i3enkcrn unseres Volkes, und was an diesem 
Manne das wahrhaft Grosse und Bewundernswerte ist, liegt in der Tat- 
sache, dass er mit seiner hohen Begabung eine unbeugsame Energie und 
einen tiefen Ernst verband, und dass er die Weltanschauung, der er er- 
geben war, auch wirklich gelebt hat und ihr bis zu seinem Tode in 
Theorie und Praxis treu geblieben ist. Keiner seiner Gegner hat es je 
gewagt, seinen lauteren Charakter anzutasten und die Persönlichkeit dieses 
Mannes zu verdächtigen. 

In der Vorrede zu seiner deutschen Uebersetzung des Dhammapada 
formuliert Schultze sein Programm im Anschluss an die Worte Max 
Müllers: „Und wenn ich mich selbst fragte, aus welcher Literatur wir hier 
in Europa, die wir beinahe ausschiicsslich von den Gedanken der Griechen 
und Römer, und einer semitischen Rasse, der jüdischen, gezehrt haben, 
dasjenige Correktiv herleiten können, dessen wir am meisten bedürfen, 
um unser inneres Leben vollkommener, universeller, in Wahrheit mensch- 
licher zu machen, zu einem Leben nicht nur für diese Welt, nein, zu 
einem verklärten und ewigen Leben zu gcstaUen : — ich würde wiederum 
auf Indien weisen." — Also die Schätze der indischen Geisteswelt sind 
es, deren nach Schultzes Ansicht die europäische Kultur bedarf. 

So ist das gesaninite Werk »Die Religion der Zukunft« im Grunde 
der Beantwortung der Frage gewidmet: Welcher Weltanschauung ist ein 
grösserer Wert als Kulturfaktor beizumessen: der jüdisch-christlichen oder der 
indischen, speziell der in ethischer Hinsicht so bedeutenden buddhistischen 
Weltanschauung? In dem ersten Teile unterzieht der Verfasser das 
Judentum und das aus ihm hervorgegangene Christentum einer wahrhaft 
vernichtenden Kritik; das Resultat, zu dem Schultze gelangt, ist ein durch- 
aus negatives: „Es handelt sich jetzt um die Entscheidung der Frage, 
ob es für jeden Alenschen nur eine überall gleichberechtigte Erkenntnis- 
quelle giebt: Beobachtung und I'Jachdenken mit Hilfe seiner eigenen Sinne 
und seines eigenen Verstandes, sowie begründetes Zutrauen zu dem von 
anderen ebenso gewonnenen, ihm mitgeteilten Wissen; — oder ob für 
das religiöse Gebiet noch ausnahmsweise eine zweite 
höhere Erkenntnisquelle besteht: eine zu gewisser Zeit gewissen 
die von ihnen den Zeitgenossen mitgeteilt und der Nachwelt überliefert 
Personen auf übernatürliche Weise zuteil gewordene Offenbarung, 
worden ist. Fällt die endliche Entscheidung dieser Frage gegen die bis- 
her dem äusseren Anschein nach noch vorherrschende Annahme 
einer Offenbarung als besonderer Erkenntnisquelle für das religiöse Ge- 



No. 1 u. 2. Die buddhistische Welt. 15 

biet, und zu Gunsten der Einheit der Erkenntnisquelle für alles menschliche 
Wissen und Glauben aus, dann wird das Christentum zu einer historischen 
Antiquität, die man ruhig beiseite legen kann, ohne besorgen zu müssen, 
dass deshalb die Fundamente für den Bestand der europäischen Gesell- 
schaft aus den Fugen gehen würden. Diese Krisis aber muss überstanden 
sein, die Religion in der Gestalt überlieferter dogmatischer 
Systeme gewisser vom Staate mit Zwangs- und Bannrechten 
auf den Jugendunterricht ausgestatteter Korporationen muss 
erst ganz absterben, bevor sie als selbsterworbene, oder in reifem 
Lebensalter selbsterwählte, ethisch - metaphysische Welt- und Lebensan- 
schauung und in dieser wurzelnde Gesinnung der Einzelnen zum innerlich 
leitenden Prinzip für die Gestaltung der sozialen Verhältnisse der Nationen 
des europäischen Kulturkreises werden kann." — Die Ansichten des Ver- 
fassers über den Wert, oder Unwert des Christentums als Kulturfaktor 
können wir im wesentlichen teilen; indessen erscheint uns die Zeichnung 
der Persönlickeit Jesu zu einseitig. 

Im zweiten Teile »Das rollende Rad des Lebens und der feste 
Ruhestand« wendet Schnitze s.-ine Aufmerksamkeit dem indischen Denken 
zu. „Während die Israeliten wie überhaupt die Semiten ganz unfähig waren, 
den geistigen Blick der subjektiven Tiefe des Bewusstseins zuzuwenden, 
dort Fragen vom höchsten allgemein menschlichen Interesse aufzufassen, 
und für diese durch Selbstbeobachtung und Nachdenken eine Lösung zu 
suchen, besass gerade hierfür der indische Zweig des arischen Völker- 
stammes vor alters eine ebenso ausnahmsweise hohe Begabung, wie der 
hellenische für die Auffassung und Darstellung des Schönen in der sinn- 
lichen Erscheinung und im sprachlichen Gedankenausdruck." Der Ver- 
fasser gibt nun eine vortreffliche Darstellung des Entwickelungsganges, 
den die vorbuddhistische Religion in Indien genommen hat. Der Kern 
desselben liegt nach Schultze — und das ist zweifellos richtig — in dem 
Übergang von dem Standpunkte des nniv-o bjektiven Realis- 
mus auf den des subjektiven Idealismus. „Es brach sich die 
Erkenntnis Bahn, dass die objektive Welt nicht ausserhalb des Bewusst- 
seins und unabhängig von diesem bestehe, sondern eine innerhalb des- 
selben schwebende und völlig von dessen Organen und deren Funktionen 
abhängige Erscheinung sei, welche durch das Bewusstscin zur 
Einheit verknüpft werde. Aber mit diesem subjektiven Idealismus 
verband sich sofort auch ein transcendenter oder metaphysischer Realis- 
mus, d. h. die Einsicht, dass die Existenz des Bewusstseins mit seinen 
subjektiven Fimktionen und seinem mannigfachen objektiven Inhalt nur 
begreiflich sei, wenn ihm und allem, was es in sich trage, ein unbekann- 
tes Etwas zur Unterlage seines zeitweiligen Bestehens diene, von welchem 
sich nichts weiter sagen lasse, als dass es sei." 

Nachdem der Verfasser das vorbuddhistische religiöse Denken in 
Indien uns in seiner Entwicklung vorgeführt hat, geht er zur Darstellung 
des Buddhismus über. Dieselbe ist geradezu meisterhaft und gehört 



16 Die buddliistischc Welt. 1. Jalirj; 

ohne Zweifel zu dem Besten, was jemals über dieses Thema geschrieben 
ist. Schultze begnügt sich nicht etwa mit einer troclccnen Darstellung 
der buddhistischen Lehren, sondern sein scharfer Blici< erkennt den Kern 
der Sache und greift das Wichtigste heraus. Kein Wort ist hier zuviel 
gesagt, und jeder, der sich in diese Darstellung versenkt, wird den tiefen 
sittlichen Ernst fühlen, der aus jeder Zeile zu uns spricht. Zahlreiche 
Belegstellen aus dem buddhistischen Kanon werden herangezogen, und 
vortrefflich ist die Art und Weise, wie Th. Schultze verschiedene gegen den 
Buddhismus erhobene Einwände zurückweist. Wie hoch der Autor den 
Buddha und seine Religion schätzt, erhellt zur Genüge aus den Worten, 
mit denen die Darstellung des Buddhismus schliesst: „Soweit unsere 
historische Kenntnis reicht, hat keines andern Menschen Lebensarbeit 
einen so ausgedehnten, so andauernden und so vorwiegend heilsamen 
Einfluss auf die Nachwelt ausgeübt, wie die des Weisen aus dem Qäkya- 
stamme". 

Das letzte Kapitel ist »Bodenuntersuchungen für etwaige 
Neubauten auf religiösem Gebiet« gewidmet. Schultze schrieb 
diese Ausführungen als schwerkranker Mann, und bedauerlicher Weise 
war er genötigt, seine Betrachtungen in den engsten Rahmen zu spannen. 
Die Idee seiner geistvollen Darstellungen ist im wesentlichen die, dass 
der Vedänta die Grundlage für die metaphysische Seite der Zukunfts- 
rcligion bilden und der Buddhismus die Bausteine für die Ethik liefern 
wird. Der Verfasser ist in seinem Urteil übrigens ausserordentlich zurück- 
haltend: „Es wäre sehr voreilig, schon jetzt Vermutungen darüber hegen 
zu wollen, welchen Inhalt das religiöse Vorstellen und Denken europäisch 
gebildeter NichtChristen erhalten werde, wenn in Zukunft einmal nur 
solche auch äusserlich für Christen gelten sollten, welche noch innerlich 
am christlichen Dogma festhalten". 

Die Arbeit Theodor Schultzes ist nach unserem Urteil ein monumen- 
tales Werk von bleibendem Wert, und würden wir gefragt, welches nach 
unserem Dafürhalten die drei besten und bedeutendsten Darstellungen 
des Buddhismus in deutscher Sprache seien, so würden wir dieses Buch 
mit nennen. Wenn eine spätere Generation einmal in der Lage sein wird, 
die religiösen Strömungen unserer Tage klar überblicken zu können, dann 
wird auch Theodor Schultze und seine Lebensarbeit noch nicht vergessen 
sein: Der »deutsche Oudd'iist« hat in seiner »Religion der Zukunft« ein 
ehernes Denkmal geschaffen, das dem Sturm der Zeiten trotzen und auch 
für die Nachwelt von hoher Bedeutung bleiben wird. S. 

Toleranz. Wenn da etwa, ihr Brüder, jene, die nicht mit uns sind, 
über mich, oder über meine Lehre, oder über meine Gemeinde verächtlich 
reden sollten, so darf das für euch kein Grund sein, dass ihr in Zorn geratet. 

Brahniajäla-Sutta. 

Redaktion: Karl B. SeidenstOckcr, Leipzig. — Druck; Arno Barhmann, Baalsdorf-Leipzig. 



Die 



Buddhistische Welt. 



Publikations-Organ 

des 
Buddhistischen Missions-Vereins in Deutschland. 



I. Jahrgang. 



LEIPZIG, Juni 1905. 



No. 3. 



Rundschau. 



Die Einigung der buddhistischen Welt. 

Dür Buddhismus in seinem heutigen Bestände stellt sich uns in zwei 
Hauptrichtungen dar: die Buddhisten von Ceylon, Burma, Slam gehören 
der Hinayäna-Schule an; während die Bewohner von Nepal, China, 
Tibet, den mongolischen Territorien, Korea und Japan Anhänger des 
Mahäyäna sind. Das Hinayäna fusst auf dem älteren, ursprünglichen 
Päli-Kanon und hat bis heute das Päli als heilige Sprache bewahrt, weshalb 
man das Hinayäna nicht unpassend als Päli-Buddhismus bezeichnet hat. 
Im Gegensatze dazu stützt sich das Mahäyäna auf einen jüngeren, aber 
umfangreicheren Sanskrit-Kanon; derselbe ist im ersten christlichen Jahr- 
hundert auf dem unter der Regierung Kanishkas, Königs von Kashmir ab- 
gehaltenen vierten Konzile festgesetzt worden. Beide Richtungen nun 
zerfallen wiederum in verschiedene Unterabteilungen, aber es berührt 
sympathisch, wenn wir hören, das alle »Schulen« des Buddhismus ein- 
trächtig zusammen wirken und sich gegenseitig durchaus als berechtigt 
anerkennen ; sie bezeichnen sich als „verschiedene Wege, die alle zu dem 
gleichen Ziele führen." 

Nun ist es sehr bemerkenswert, dass in unserer Zeit auch äusserlich 
eine Einigung der verschiedenen Richtungen innerhalb des Buddhismus 
zustande gekommen ist. Henry S. Oleott, der verdienstvolle Verfasser 
des weitverbreiteten buddhistischen Katechismus, berief i. J. 1891 eine 
Buddhisten-Konferenz nach Adyar (Indien) und legte den dort anwesenden 
Vertretern der verschiedenen Schulen vierzehn von ihm ausgearbeitete 
Leitsätze vor, welche die Grundlage für eine Zusammenschliessung 
der buddhistischen Welt bilden sollten. Die Delegierten billigten die 
Thesen und unterbreiteten sie den Vorstehern der einzelnen Territorien. 
Die Sätze sind dann geprüft und angenommen worden von den Buddhisten 
in Burma, Ceylon, Bengalen und Japan ; später haben auch die Lamas 
der mongolischen Distrikte ihr Votum in bejahendem Sinne abgegeben. 
Wir stehen hier also vor der bedeutsamen Tatsache, dass die buddhisti- 
sche Welt ihrem Solidaritäts-Bewusstsein in nicht misszuverstehender 
Weise Ausdruck gegeben hat. 

««See«* 



18 Die buddhistische Welt. l. Jahrg. 

Buddhistische Leitsätze. 

Im folgenden geben wir unseren Lesern die erwähnten vierzehn von 
H. S. Oicott aufgestellten Thesen wieder. (Nach Oleotts Katechismus). 

1. Die Buddhisten werden gelehrt, allen Menschen ohne Unterschied 
die gleiche Duldsamkeit, Nachsicht und brüderliche Liebe, und allen Glie- 
dern des Tierreichs eine umwandelbare Güte entgegenzubringen. 

2. Das Weltall hat sich entwickelt, ist nicht erschaffen worden, und 
in ihm waltet das Gesetz, nicht irgend eines Gottes Willkür. 

3. Die Wahrheiten, auf die sich der Buddhismus gründet, sind natür- 
licher Art. Sie sind, so glauben wir, in aufeinanderfolgenden Weltperioden 
durch gewisse erleuchtete Wesen, Buddhas genannt, gelehrt worden; 
der Name Buddha bedeutet »Erleuchteter«. 

4. Der vierte Lehrer unserer gegenwärtigen Weltperiode war ?äkya- 
muni oder Gautama Buddha, der vor ungefähr 2500 Jahren in einer 
königlichen Familie Indiens geboren wurde. Er ist eine historische Per- 
sönlichkeit, und sein Name war Siddhärtha Gautama. 

5. Qäkyamuni lehrte, dass Unwissenheit Begierde erzeuge, unbe- 
friedigte Begierde die Ursache wiederholter Geburt und diese die Ursache 
der Trübsal sei. Um daher Freiheit von der Trübsal zu erlangen, ist es 
nötig, der wiederholten Geburt zu entrinnen; um dieser zu entrinnen, ist 
es nötig, die Begierde auszulöschen, und um die Begierde auszulöschen, 
ist es nötig, die Unwissenheit zu beseitigen. 

6. Die Unwissenheit nährt den Glauben, dass wiederholte Geburt eine 
Notwendigkeit sei. Wenn die Unwissenheit beseitigt ist, wird die Wert- 
losigkeit jeder solchen wiederholten Geburt — als Selbstzweck betrachtet 
— ebenso klar erkannt, wie das hochgradige Bedürfnis, eine Lebens- 
führung anzunehmen, durch welche die Notwendigkeit solcher wiederholter 
nochmaligen Geburten aufgehoben werden kann. — Unwissenheit erzeugt 
auch die täuschende und unlogische Vorstellung, dass es nur ein einziges 
Dasein für den Menschen gebe, sowie die andere Täuschung, dass auf 
dieses eine Leben Zustände unwandelbarer Freude oder Qual folgten. 

7. Die Beseitigung all' dieser Unwissenheit kann erreicht werden 
durch die beharrliche Ausübung eines allumfassenden Altruismus im Be- 
tragen, Entwickelung der Einsicht, Weisheit im Denken und Vernichtung 
des Begehrens nach den niederen persönlichen Freuden. 

8. Da das Verlangen nach individuellem Dasein die Ursache wieder- 
holten Geboren-werdens ist, hören die wiederholten Geburten auf, wenn 
dieses Verlangen ausgelöscht ist, und das vollendete Einzelwesen erreicht 
durch Meditation jenen höchsten Friedenszustand, der Nirväna genannt 
wird. 

9. Qäkyamuni lehrte, dass die Unwissenheit beseitigt und das Leiden 
entfernt werden könne durch die Erkenntnis der »vier erhabenen 
Wahrheiten«, welche umfassen: 

I. Das Leiden des Daseins. 

II. Die Entstehunsgsursache des Leidens, welche in dem stets erneuten 
Begehren besteht, sein Ich zu befriedigen, ohne jemals imstande zu sein, 
die Erreichung dieses Zieles zu verbürgen. 

III. Die Vernichtung dieses Begehrens oder das Sichabwenden von 
ihm. 

IV. Die Mittel zur Erreichung dieser Vernichtung des Begehrens. Die 
Mittel, auf die er hinwies, heissen der »erhabene achtfache Pfad«, 
nämlich: Rechte Einsicht; rechte Gesinnung; rechte Rede; rechtes Handeln; 
rechte Lebensweise; rechtes Streben; rechtes Gedenken; rechtes Sich- 
versenken. 

10. Rechtes Sichversenken (Meditation) führt zu geistiger Erleuchtung 



No. 3. Die buddhistische Welt. 19 

oder zur Entwici<iung jener buddhamässigen Fähigiceit, die in jedem 
Menschen schlummert. 

11. Das Wesen des Buddhismus, wie es vom Tathägata (Buddha) 
selbst zusammengefasst wurde, ist: 

Von aller Sünde zu lassen, 
Tugend zu erringen. 
Das Herz zu reinigen. 

12. Das Weltall ist einer als »Karma« bezeichneten Ursächlichkeit 
unterworfen. Die Verdienste oder Verschuldungen eines Wesens in 
früheren Daseinsformen bestimmen seinen Zustand in der jetzigen. Jeder- 
mann hat daher die Ursachen der Wirkungen, die er jetzt erfährt, selbst 
vorher bereitet. 

13. Die Hindernisse für die Erreichung eines guten Karma können 
durch die Befolgung nachstehender Vorschriften beseitigt werdan, welche 
in dem buddhistischen Moralkodex enthalten sind, nämlich: 1. Töte nicht! 
— 2. Stiehl nicht! — 3. Gib dich nicht verbotenem geschlechtlichen Ge- 
nüsse hin! — 4. Lüge nicht! — 5. Qeniesse keine berauschenden Ge- 
tränke. — Fünf andere Gebote, die hier nicht aufgezählt zu werden 
brauchen, sollen von denen beobachtet werden, welche schneller als der 
Durchschnittslaie zur Erlösung von Leid und wiederholter Geburt ge- 
langen wollen. 

14. Der Buddhismus warnt vor abergläubischer Leichtgläubigkeit. 
Gautama Buddha lehrte, dass es Pflicht der Eltern sei, ihre Kinder in 
Wissenschaft und Literatur unterrichten zu lassen. Er lehrte auch, dass 
niemand etwas glauben solle, was von irgend einem Weisen gesprochen, 
in irgend einem Buche geschrieben oder durch Tradition bekräftigt sei, 
sofern es nicht mit der Vernunft in Einklang stehe." — 

Ein anderer hochverdienter Propagandist, Dr. Paul Carus, hat eben- 
falls buddhistische Leitsätze — fünfzehn an der Zahl — aufgestellt. Es 
ist nun hochinteressant, an diesem Beispiele zu sehen, dass der Buddhis- 
mus, von verschiedenen Standpunkten beleuchtet, verschiedene Aspekte 
darbietet. Der Leser mag nun die hier folgenden Leitsätze von Carus 
mit denen Oleotts vergleichen: 

1. Der Buddhismus ist die Religion der Erlösung vom Übel durch 
Erleuchtung. 

2. Erleuchtung bedeutet Erkennen der Wahrheit, die meine ganze 
Persönlichkeit berührt; sie erleuchtet den Kopf, wärmt das Herz und 
leitet die Hand. 

3. Die Wahrheit, die Erleuchtung verleiht, kann nur durch energische 
Anstrengung erreicht werden; sie muss erlangt werden durch persönliche 
Erfahrung, durch Versuche in dem Empfindungsleben der Seele und durch 
ernste Erforschung der Tatsachen des Daseins. 

4. Erleuchtung zeigt, dass das Gesetz der Ursache und Wirkung in 
der moralischen Welt nicht weniger unwiderleglich ist, als in der phy- 
sischen, dass jede üble Tat ihre üblen Wirkungen hat und jede gute Tat 
ihre guten Wirkungen. 

5. Durch Erleuchtung lernen wir, dass das grösste Übel, in der Tat 
das alleinige absolute Übel, moralische Schlechtigkeit ist, und dass ihre 
Ursache Individualität ist. 

6. Individualität besteht in der Annahme, dass es ein unabhängiges, 
getrenntes Selbst gibt, und dass die Wohlfahrt des Selbst der höchste 
Zweck des Daseins ist. 

7. Es gibt kein Selbst-an-sich, kein Atman im Sinne einer getrennten 
Ego-Wesenheit. Das wahre Selbst des Menschen ist die Zusammensetzung 
seiner ganzen Persönlichkeit (Nama-Rflpa, Name und Form, d. i. Subjekt 

2* 



20 Die buddhistische Welt. I. Jahrg. 

und Objekt); dieselbe besteht hauptsächlich aus dem Charakter des Men- 
schen, seinem Gemüt, seinen Strebungen und seiner Denkweise. 

8. Jedes Wesen ist in seinem gegenwärtigen Dasein das genaue Pro- 
dukt aller seiner Taten in früheren Existenzen, und es wird gemäss seiner 
Taten einst in zukünftigen Existenzen weiter bestehen. 

9. Individualität ist eine Illusion, aber die Illusion wird durch Erleuch- 
tung zerstört. 

10. Erleuchtung erkennt den Zusammenhang alles Lebens, verleiht 
eine alles verstehende Güte gegen alle Lebewesen und ein tiefes Mitleid 
mit jeder leidenden Kreatur. 

11. Erleuchtung ist mehr als Erkenntnis, mehr als Moralität, mehr als 
Güte. Es ist Weisheit, Tugend und eine alles verstehende Liebe in 
einem vereint. Es ist \Vahrheit, die sich in bewegenden Ideen als Kraft 
manifestiert. Erleuchtung ist nur vollkommen, wenn sie unsere Gedanken 
beherrscht, unsere Gefühle anregt und unsere Lebensführung regelt. 

12. So gleicht die Wahrheit einer Leuchte. Sie offenbart das Gesetz 
des Guten und zeigt uns den erhabenen Pfad der Gerechtigkeit, der zu 
Nirväna führt. 

13. Nirväna ist ein Zustand des Geistes, in welchem die Grenzen der 
Individualität verschwinden und in dem man die Ewigkeit der Wahrheit 
betrachtet. Dieser Zustand macht die eigene Individualität ebenso ob- 
jektiv wie die anderer. Individuelle Existenz hört auf Zweck zu sein, 
und das eigene Selbst, die eigene Seele wird mit den Wahrheiten, aus 
denen sie besteht, identifiziert; nur diese Wahrheiten sind jenes Etwas, 
welches bleiben wird, selbst wenn die ganze Welt untergehen sollte 
[A. d. H.: Die sogen, ewigen Wahrheiten]. Kurz, Nirväna ist das voll- 
ständige Übergehen der Individualität zur Wahrheit. Es ist Erlösung vom 
Übel und höchste Seligkeit. 

14. Wer zur vollkommenen Erleuchtung gelangt ist, so dass er ein 
Lehrer der Menschheit ist, wird »Buddha« genannt, das heisst »der 
Erleuchtete«. 

15. Die Buddhisten verehren Gautama Siddhärtha als den Buddha; 
denn er hat zum ersten Male die Wahrheit klar gezeigt, welche vielen 
Hundert Millionen Leidenden unaussprechliche Segnungen gebracht hat." — 

Wer sich mit den Lehren des Buddha beschäftigt, wird nicht umhin 
können, diese zwei Gruppen von Thesen zu studieren und zu durch- 
denken. Eine Fülle tiefer Gedanken liegt in ihnen, und glaube niemand, 
ihren ganzen Inhalt so ohne weiteres zu erfassen. Die von H. S. Oleott 
aufgestellten Sätze sind einfacher, mehr für das allgemeine. Verständnis 
des morgenländischen Geistes berechnet, während Dr. Carus' Thesen in- 
haltlich subtiler, tiefer und dem wissenschaftlichen Denken des Westens 
angepasst sind. 

Der Buddhismus in Japan. 

Die buddhistische Religion in Japan ist durchweg Mahäy.lna-Buddhis- 
mus und zerfällt wiederum in verschiedene Unterabteilungen oder »Schu- 
len«, die aber alle sich gegenseitig achten und einmütig zusammen wirken. 
Da in unseren Tagen die Buddhisten in Japan ausserordentlich eifrig tätig 
sind, wird es sich lohnen, hier einen ganz kurzen Überblick über die 
Gliederung des Buddha-Dharma im fernen Inselreich zu geben. 

Der Buddhismus wurde 552 n. Chr. in Japan eingeführt; in seinem 
heutigen Bestände zerfällt er in zwei Hauptgruppen. 
Erste Gruppe (Shödö). 

1. Die Kusha- oder Abhidharma-Schule; eingeführt 658 n. Chr. 



No. 3. Die buddhistische Welt. 21 

2. Die Ritsu- oder Vinaya-Schuie; eingeführt 724 n. Chr. Diese 
Schule lehrt die im Vinaya niedergelegten Morallehren. 

3. Die Hosso- oder Dharmalakshana-Schule; eingeführt 653 n. Chr. 
Dieselbe lehrt, dass alle Dinge nur Erscheinungen im Geiste eines jeden 
Wesens sind, d. h., dass die drei Welten: Wunsch, Form, Nicht-Form 
nur im Geiste bestehen, und dass ausserhalb des Geistes überhaupt 
nichts existiert. 

4. Die Kegon- oder Avatamsaka-Sütra-Schuie; eingeführt 736 
n. Chr. Nach der Lehre dieser Schule befinden sich in Wahrheit alle 
Wesen im Zustande absoluter Freiheit ohne jede Fessel. 

5. Die Tendai-Schule; eingeführt 805 n. Chr. Sie lehrt: Alle Wesen 
sind ursprünglich rein und vollkommen; aber infolge der durch Unwissen- 
heit erzeugten Trübung des Geistes wird diese Wahrheit nicht erkannt. 

6. Die Shingon- oder Mantra-Schule; eingeführt 806 n.Chr. Es 
gibt in Wahrheit nichts anderes, als Buddhn, und Buddha ist nicht ausser- 
halb der Dinge. Alle Tugenden Buddhas liegen vollkommen in allen 
Wesen, aber die Unwissenheit verhindert die Erkenntnis dieser Wahrheit. 
(Im Geiste dieser Schule ist das vom Herausgeber übersetzte Schriftchen 
»Der Weg zu Buddha« geschrieben.) 

7. Die Zen- oder Dhyäna-Schule. Dieselbe gliedert sich in drei 
Zweige: 

a) Die Rinzai-Schule; eingeführt 1168 n. Chr. 

b) Die Sotö-Schule; eingeführt 1223 n. Chr. 

c) Die Oback-Schule; eingeführt 1653 n. Chr. 

Diese Schulen lehren : Es hat nichts eine reale E.xistenz, als der eigene 
Geist; ausserhalb des Geistes ist Buddha nicht, und der Geist ist nicht 
ausserhalb Buddhas. Infolgedessen ist es nicht nötig, nach der Tugend 
zu suchen und die Sünde zu fürchten; das Wesen aller Dinge ist Buddha 
d. h. vollkommen und gut. 

8. Die Hokke- oder Nichiren-Schule, (Schule vom Sonnenlotus); 
eingeführt 1252 n. Chr. Sie fusst auf dem Saddharmapundarika-Sütra. 

Zweite Gruppe (Jödo). 

9. Die Jojitsu- oder Satyasiddhi-(^ästra-Schule; eingeführt 625 
n. Chr. Sie lehrt die zwei Arten von Unrealifät, nämlich die Nichtigkeit 
des Atman (Selbst) und die Nichtigkeit des Dharma (Dharma-Ding). 

10. Die Sanron- oder Drei-^ästra-Schule; eingeführt 625 n. Chr. 
Ihre Lehre hat den Zweck, den beiden weitverbreiteten irrigen Ansichten 
(die Dinge sind, die Dinge sind nicht; beides im absoluten Sinne) ent- 
gegenzutreten und den Mittelweg zu zeigen. 

11. Die Jödo-Schule oder die Schule vom reinen Lande; einge- 
führt 1138 n.Chr. Sie ist weitverbreitet und könnte als der buddhistische 
Protestantismus bezeichnet werden. Die Priester dürfen heiraten; Cere- 
monien sind abgeschafft und — leider — das fünfte Gebot (Enthaltung 
von alkoholischen Getränken) ist aufgehoben. Diese Schule ist charakteri- 
siert durch die Verehrung des Buddha Amitäbha. Äusserlich betrach- 
tet, steht diese Schule ausserhalb des Buddhismus insofern, als ihre An- 
hänger den Buddha Amitäbha personifiziert haben und glauben, durch 
das unbegrenzte Erbarmen dieses Buddha erlöst zu werden ; damit haben 
sie das Grundprinzip des Buddhismus (Selbst-Befreiung) aufgegeben. An- 
dererseits muss gesagt werden, dass Amitäbha (d. h. unbegrenztes Licht 
habend) in Wahrheit ein Prinzip ist, das später personifiziert wurde. 
Paul Carus hat den Nachweis geliefert, dass der Begriff Amitäbha als 
Prinzip sehr wohl haltbar ist (Buddhism, Vol. I. No. 4); er sagt im An- 
hange zum Evangelium Buddhas: „Der Buddhismus lehrt, dass Amitäbha, 
der Urquell des Lichts und das eigentliche Wesen Buddhas, d. h. dasjenige, 
was Erleuchtung gibt und dessen Erkenntnis Nirväna ist, allgegenwärtig 



22 Die buddhistische Welt. I. Jahrg. 

und ewig ist. Es ist das, was der Wiri<lichkeit die Gestalt eines liar- 
monisclien Ganzen gewährt. Es zeigt sich in der Gesetzmässigkeit des 
Alls, die in gewissem Sinne übernatürlich ist, weil sie die unerlässliche 
Bedingung aller Natur ist. Es ist das absolut Allgemeine, welches wir 
in den formalen Wissenschaften, insbesondere der Logik, Mathematik und 
dem Kausalgesetz als schlechthin notwendig erkennen. Als solches ist es 
die Bedingung nicht nur der wirklichen, sondern überhaupt jeder möglichen 
Welt. Seine Gegenwart erst macht die Welt erkennbar; daher ist es die 
Voraussetzung der Wissenschaft und das ewige Urbild der Wahrheit. Vor 
allen Dingen ist es auch der reale Uri^rund des guten Gesetzes der Reli- 
gion und bildet die höchste Autorität sittlichen Lebens." — Es ist klar, 
dass in diesem Lichte betrachtet die Aniitäbha-Lehre des Jödoismus 
keineswegs ausserhalb des Buddhismus steht, sondern im Gegenteil einen 
recht vollkommenen, auf der geistigen Höhe der letztzeit stehenden Aspekt 
desselben repräsentiert, der mit der Lehre des Buddha in vollkommenem 
Einklänge steht. Die Anhänger dieser Scliule bekennen sich denn auch 
als eifrige Buddhisten, deren (ilaube vollkommen auf dem Boden der 
Buddha-Leine fusst. Wer den Buddhismus in dieser Beleuchtung kennen 
lernen will, sei auf die vom Herausgeber übersetzten zwei Schriften von 
Rev. Kuroda verwiesen : »Mahäyäna« und »Das Licht des Buddha«. 

12. Die Shinshu-Schule oder wahre Schule; eingeführt 1173 n. 
Chr. Sie stimmt in den Hauptpunkten mit dem Jödoismus überein und 
unterscheidet sich von demselben in verschiedenen Nebensächlichkciien. 

13. Die Ji -Schule welche sich von der Jödo- und Shinshu-Schule nur 
wenig unterscheidet. 

Vom buddhistischen Missions-Verein. 

Die Fortschritte des Vereins während der letzten Monate sind durch- 
aus befriedigend. Die Mitgliederzahl ist gewachsen, der Interessenten- 
kreis hat sich erheblich vergrössert. 

Dem von verschiedenen Seiten gemachten Vorschlag, den Verein der 
Mahäbodhi-Oesellschaft als Landes-Sekiion zu affiliieren, konnte aus tak- 
tischen Gründen nicht stattgegeben werden. Dagegen wird der Verein 
demnächst mit einem Projekt hervortreten, welches den Zusammenschluss 
aller buddhistischen Korporationen im Westen zu einer »Abendländisch- 
buddhistischen Gesellschaft« bezweckt; dabei soll die Selbständig- 
keit der einzelnen Vereine durchaus bestehen bleiben. 

Der Verein beabsichtigt, vom Herbst dieses Jahres an in verschiedenen 
Teilen Deutschlands durch grosse öffentliche Vorträge zu wirken. Zu 
diesem Zwecke wird ein »Vortrags-Fonds« gegründet werden. 

Der buddhistische Missions-Verein erhielt dankend folgende Schen- 
kungen für seine im Entstehen begriffene Central-Bibliothek: Von 
der »International Buddhist-Society« je ein Exemplar von: The 
Foundation of the Sangha of the West; On Religious Education in Burma; 
On the Will in Buddhism; The Four Noble Truths; Animism and Law. 
Von Herrn Dr. Paul Dahlke-Berlin wurde geschenkt je ein Exemplar 
seiner Werke: Aufsätze zum Verständnis des Buddhismus und Buddhis- 
tische Erzählungen. 

Alle Mitglieder und Freunde des Vereins werden gebeten, die Adres- 
sen von Interessenten sowie Äusserungen der Presse über die buddhis- 
tische Bewegung der Geschäftsstelle bekannt zu geben. 



No. 3. Die buddhistische Welt. 23 

Kleine Mitteilungen. 

Hymnen für buddhistische Gemeinden. 

Bei den Andachts- und Erbauungsstunden der Buddhistcn-Oenieinden in 
Amerika sind geistliche Lieder eingeführt worden. Dieselben sind — so- 
weit wir sie kennen — sehr schön, innig empfunden, ohne Sentimentali- 
tät, von kräftigem, frischem Geiste durchweht. Ein Teil derselben ist von 
Dr. Carus gedichtet und komponiert, teils freie Schöpfungen, teils Über- 
tragungen alter Verse aus dem Dhammapada. Einige dieser Hymnen 
werden nach deutschen Choralmelodicn gesungen. Im Laufe der Zeit 
werden sie ins Deutsche übersetzt werden und zweifellos viel zur Heili- 
gung und Veredelung des inneren Lebens beitragen. 

Verschiedene Ansichten über buddhistische Kunst 
und buddhistische Tempel. 

Die »Neue metaphysische Rundschau« brachte in ihrem 5. Bande 
(1902, No. 5 6) die Reproduktion eines japanischen Kunstwerkes, welches 
den Buddha Amitäbha darstellt. Das Blatt bemerkte bei dieser Gelegen- 
heit: „Wir haben in diesem Hefte die Reproduktion einer Buddhastatuc') 
beigefügt, um unseren Lesern zu zeigen, wie hoch die buddhistische Kunst 
entwickelt ist, entgegen der landläufigen Anschauung, der Buddhismus hätte 
als Nihilismus nicht die Fähigkeit, eine Kunst zu schaffen. Wir haben 
hier unzweifelhaft ein Kunstwerk von vollendeter Schönheit vor uns, das 
sehr wohl geeignet ist, auch auf christliche Gemüter einen tiefen Eindruck 
zu machen." 

Dieselbe Nummer brachte einen Artikel über »Buddhistische Kunst«, 
in dem unter Bezugnahme auf die Pariser Weltausstellung gesagt wird: 
„Ein moderner Künstler hätte auf der Pariser Weltausstellung jedenfalls 
gute Gelegenheit gefunden, sich durch die buddhistische Kunstauffassung 
inspirieren zu lassen, und ein Laie hätte mindestens die Erfahrung gemacht, 
dass das Märchen, der Buddhismus habe keine Kunst hervorgebracht, — 
eben ein Märchen ist. . . . Die wunderbaren Bauten der alten Khmers in 
Angkor und Baioni überbieten in Wahrheit alles, was die religiöse Kunst 
geschaffen hat. Zum ersten Male hatte man jetzt Gelegenheit, einen Be- 
griff dieser eigenartigen Kunst zu erhalten, und die deutschen Museen 
sollten daran denken, das Publikum ihrerseits durch gute Nachbildungen mit 
diesen merkwürdigen Erzeugnissen religiöser Kunst eines untergegangenen 
Volkes bekannt zu machen. . . . Man kann sich denken, welchen erha- 
benen, wahrhaft überwältigenden Eindruck die Hundertc von 
Buddha-Statuen machen müssen, welche das Äussere des berühmten 
Tempels von Boro-Budur schmücken". 

Im Gegensatze hierzu urteilt in dem protestantischen Missions-Blält- 
lein »Israels Hoffnung« (15. Juni 1904, S. 61) Herr Pastor und Missionar 
Inwood folgendermassen : „Als ich in China war, besuchte ich einen 
Buddhisten -Tempel. In diesem Tempel waren 500 Götzen aufgestellt. 
Ich werde das sonderbare eigentümliche Gefühl nicht vergessen, was in 
jenem Tempel über mich kam, als ich rings um mich her nur die gräss- 
lichen heidnischen Götzen sah. Es schien mir als wenn die ganze Atmo- 
sphäre mit Satan angefüllt sei, und ich fühlte ein Beben im Innern". — 



') Die Wiedergabe dieses Bildes ist die Kunstbeilage dieser Nummer. 



24 Die buddhistische Welt. I. Jahrg. 

Büchertisch. 

(Kür Besprechuiif; und Kückseiulunj; nicht verlaiiKli;!' l'üclicr übernimmt die 

Redalilion keine Vcrpllichlunf;. Die Bücher sind zu senden an den Herausgeber 

Karl Seidenstücker, per Adr. Buddhistischer Verlag in Leipzig.) 

Eingesandte Literatur. 

Der buddhistische Katechismus. Von Henry S. Oleott. 35. (2. deut- 
sche) Ausgabe mit besonderem Vorwort des Verfassers. Autorisierte 
Übersetzung nobst Erläuterungen von Dr. Erich Bischoff, Leipzig. 
Th. Griebens Verlag (L Fernau) 1902. X, 143 S. Preis 1,60 M. 

The Light of Dharma, Buddha Birthday Number, April 1905. San Fran- 
cisco. 36 S. 
Von The Open Court Publishing Co. in Chicago wurden uns 

eingesandt : 

The Open Court, A Monthly Magazine, edited by Dr. Paul Carus. 
Oktober 1904, Januar 1905. (Diese Nummern enthalten buddhi- 
stische Hymnen). 

Kants Prolegoniena. Edited by Dr. Paul Carus. 1902. V, 301 S. 
Preis 2,— M. 

Nirväna. A Story of Buddhist Psychology. By Paul Carus; illustrated 
by Kwason Suzuki. 1902. 93 S. Preis 2,40 M. 

Karma. A Storv of Buddhist Ethics. By Paul Carus. Illustrated by 
Kwason Suzuki. 1903. VI, 41 S. Preis 3,— M. (Dieses Buch ist 

'v. bereits ins Deutsche übersetzt.) 

Buddhism and Its Christian Critics. By Dr. Paul Carus. 1897. 316 S. 
Preis 5, - M. (Dieses gross angelegte Werk wird vom Herausgeber 
ins Deutsche übersetzt werden.) 

Das Evangelium Buddhas. Nach alten Quellen erzählt von Paul Carus. 
Deutsche Übersetzung von E. F. L. Gauss. 1895. XII, 352 S. Preis 
5,— JVl. 

PrImer of Philosophy. By Dr. Paul Carus. 1899. VI, 232 S. Preis 
4,- M. 

The Surd of JMetaphysics. By Dr. Paul Carus. 1903. VI, 233 S. 

Neuerscheinungen buddhistischer Literatur. 
The Light of Dharma. Inhalt der letzten Nummer (April 1905): Die 
Behandlung russischer Gefangener und Verwundeter seitens der 
Japaner. — Der Wert des Buddhismus. — Sir Edwin Arnold über 
den Buddhismus in Japan. — Das blumenreiche Japan. — Neue 
Anwendung der alten Wahrheit. — Prädestination. — Notizen. 

Gleichmut. Wenn dn, ihr Jünger, die Menschen den Vollendeten 
werthalten, hochschätzen, achten und einen, da wird der Vollendete nicht 
froh, nicht freudig, nicht aufgeblähten Gemütes. Darum also, ihr Jünger, 
wenn auch die Menschen euch werthalten, hochschätzen, achten und ehren, 
werdet da nicht froh, nicht freudig, nicht aufgeblähten Gemütes. 

Wenn da, ihr Jünger, die Menschen den Vollendeten tadeln, verurteilen, 
verfolgen und angreifen, da wird der Vollendete nicht unwillig, nicht miss- 
mutig, nicht gedrückten Gemütes. Darum also, ihr Jünger, wenn auch die 
Menschen euch tadeln, verurteilen, verfolgen und angreifen, werdet da 
nicht unwillig, nicht missmutig, nicht gedrükten Gemütes. 

Majjhima-Nikäya. 

Redakteur: G. A. Dietze, Leipzig. — Verlag; Buddhistischer Verlag in Leipzig. 
Druck: Arno Bachmann, liaalsdorf-Leipzig. 



Die 



Buddhistische Welt. 



Publikations-Organ 

des 
Buddhistischen Missions-Vereins in Deutschland. 



I. Jahrgang. 



LEIPZIG, Juli 1905. 



No. 4. 



Rundschau. 



Der internationale Bund junger Buddhisten. 

Der »Internationale Bund junger Buddhisten« (Inter- 
national Buddhist Young Men's Association) mit seiner Zentral- 
stelle in Tokyo hat folgenden Aufruf erlassen: „Da in unseren Tagen 
der einsichtigere Teil der Menschheit jener Übel überdrüssig geworden 
ist, welche eine rein materielle Kultur mit sich bringt, und da sich der 
Mangel einer mehr geistigen Gesittung in hohem Grade fühlbar macht, 
wenden viele ihren Blick dem Buddhismus zu als der am meisten vernünf- 
tigen, philosophischen und kosmopolitischen Religion, welche unserem 
zwanzigsten Säculum von den früheren Jahrhunderten als Erbe vermacht ist, 
— einer Religion, die in äusserst vollkommener Weise den geistigen Anfor- 
derungen einer fortschreitenden Menschheit genügt. Angesichts der jetzigen 
Zeitverhältnisse sind wir junge Buddhisten Japans von dem innigen Wunsche 
beseelt, das Evangelium Buddhas unter allen Völkern zu verbreiten und die 
Wahrheit seiner Lehre dem Geiste aller Rassen auf Erden einzuprägen. 

Viele der buddhistischen Völker befinden sich in einem schlafenden 
Zustande hilfloser Untätigkeit und sind im Zauber des Aberglaubens be- 
fangen. Das kaiserliche Inselreich im fernen Osten betrachtet es als seine 
Aufgabe, den schlafenden asiatischen Kontinent zu erwecken und strebt 
mit Eifer danach, diese sich selbst auferlegte Aufgabe durchzuführen. Da 
dürfen auch seine buddhistischen Einwohner nicht müssig sein. Es ist 
ihre Plicht, ihre Aufgabe darin zu erblicken, die geistigen Erwecker der 
Völker Asiens zu werden und gleichzeitig die Wahrheit des Buddhismus 
weit und breit auf Erden auszusäen. 

Der »Internationale Bund junger Buddhisten« ist gegründet worden 
als erster Schritt zur Verwirklichung dieses Ideals; es ist sein Ziel, eine 
Kette zwischen den auf allen Erdteilen zerstreut lebenden Buddhisten zu 
werden; er will den Zusammenschluss und die Vervollkommnung der 
letzteren anbahnen und sie befähigen, für die Veredelung des Menschen- 
geschlechtes in grossem Masstabe zu wirken. 

Brüder und Schwestern, wo immer ihr weilen mögt, in Asien oder 
Amerika, in Europa oder auf anderen Erdteilen, kommt und seid bereit, 
euch mit uns zu verbinden 1 Lasst uns Hand in Hand der Verwirklichung 
unserer glorreichen Hoffnung entgegen gehen 1" — 



26 Die buddhistische Welt. 



I. Jahrg. 



Der Bund formuliert die Mittel, deren er sich zur Erreichung seines 

Zieles bedienen will, folgcndermassen : Er will i-n-nung sunes 

1. mit den Buddhisten in den verschiedenen Ländern in Verbindunc 

K''^?^-'i"''u""'a''*'"'"^""'" Ansichten und Berichte über den Stand de? 
buddhistischen Bewegung austauschen; 

2 den jungen Buddhisten Japans, die ins Ausland gehen, und den 
au.slandischen Buddhisten, die nach Japan kommen, in nTöglichst ausge- 
dehntem JVlasse Vergünstigungen verschaffen • ^ 

R ^J- ^^"^}^^^ '" englischer Sprache und ändere neue Literatur über 
Buddhismus herausgeben; 

nu^°".,^^'J,^" ^^'* 8''°^^^ Buddhisten-Konferenzen abhalten 

Über den Bund erteilen weitere Auskunft in Deutschland die 

vTrf\\^^^^''fr^' Pn^ster, Strassburg i. E., Schochstrasse II, und 

Karl B. Seidenstücker in Leipzig. (Briefe an Herrn Watanabe sind 

tunlichst in englischer Sprache abzufassen.) oidnaoi. sina 



4W><»«««» 



Buddhistische Mission in Amerika. 

,. . Die Mission im transatlantischen Kontinent arbeitet mit unermüd- 
ichem Elfer und grossen Erfolgen. Vor kurzem wurde in O a k 1 a n d 
y. uJau^ .^'"'^ "^"i^ Missions-Station gegründet, und die hier wohnen- 
ic-c*^ h'^^"-^J"1. ^"^^ [T''^"''^ *ä*'g gewesen. Im April kam der 
assistierende Geistliche von San Francisco, Rev. M. Fujii nach Oakland. 

J^-»- u T.'''!""^..'!'^'' "^"'^" Mission zu übernehmen. In Vancouver 
(Britisch Columbia) wird binnen kurzem eine neue Station gegründet 
werden, die ein japanischer Geistlicher leiten wird. Jetzt kommt die er- 
freuliche Kunde dass die buddhistische Mission auch an der atlantischen 
(diesseitigen) Küste Amerikas ihr Werk beginnen wird; es werden sehr 
bald geeignete Leiter die Arbeit übernehmen 

cfoho,^'^ T "^'■'■..'^.^^- Dr. Hori mitteilt, trifft im Juni d. J. der Vor- 
steher von Engaku-ji (Japan) Rt. Hon. Rev. Soyen Shaku in San Fran- 
cisco ein und wird vielleicht ein ganzes Jahr in Amerika verweilen. Herr 
hi^^ün» .'St einer der hervorragendsten Geistlichen Japans und steht 

der 7Pn Sp"!,' ,.'"V^"'''-''*5" ^'^'l^." ''" <^"ß^^ ''"hlung."' Er ist Mitglied 
y!^ « H D^,-^-°^'^?.""^^''^''^^'^'t<'»"on'Stcn) und fungierte seiner 
Zeit auf deni Religion.s-Parlament in Chicago als einer der Delegierten 
des japanischen Buddhismus. Auf seiner Visitations-Reise längs der 
Pacific-Küste werden ihm die buddhistischen Missionare uad Laien-An- 
hänger einen freudigen Empfang bereiten. 
i,„ iR.'^ buddhistische Mission in Leipzig erhielt kürzlich einen sehr 

MHauIr ^"^*m"1,^k'1'u? ^°" "'='''" ^ "T- Strauss, einem der ältesten 
Mitglieder der Mahäbodhi-Society. Herr Strauss, ein Freund Dhar- 
Zl^Jlt^' r .1 u 1?'^" ceylonischen Missionars, ist Repräsentant der 
genannten Gesellschaft und der International Buddhist Society für 
^mH^^'I"»- f' ^^"i^^ "''."•^ '^J"'''"'' '''■^"de über die deutsche Mission aus 
und billigt durchaus die Zwecke und Ziele des »Buddhistischen 
^Ömo'h"^;^^"^'"^- '" Deutschland«. Wir erwidern auch an dieser 
Stelle die Grüsse dieses alten Pioniers buddhistischer Ideen im fernen 
Westen auf das herzlichste und wünschen seinem Wirken den reichsten 
oegcn. 

Buddhistische Mission in Deutschland. 

in nn^HÜ-M*^"!, ß'^-^'^''^" ""screr Zeitschrift hat die buddhistische Mission 
in Deutschland einen sehr erfreulichen Aufschwung genommen, so dass 



No. 4. Die buddhistische Welt. 27 

der Geschäftsführer des Missions-Vereins (G. A. Dietze, Leipzig-R., 
Kohlgartenstrasse 39) vollauf zu tun hat. Wir möchten unsere werten 
Leser hier auf folgende Punkte hinweisen: 

Der Missions-Verein wird nunmehr damit beginnen, ganz billige 
Propaganda-Schriften herauszugeben. Diese Schriften sollen kurz das 
Wesen des Buddhismus charakterisieren, seine hohe soziale Bedeutung 
für unsere Zeit hervorheben und die gegen ihn erhobenen ungerechten 
Anschuldigungen sachlich zurückweisen. 

Ferner werden acht glänzende Aufsätze Maitriyas (Separat-Abdrücke 
aus dem »Buddhist«) als selbständige Broschüren unter dem Gesamt- 
titel »Buddhismus« zum Preise von je 0,30 Mk. herausgegeben. Bis 
jetzt sind erschienen das erste und zweite Heft (»Der Wert des Buddhis- 
mus« und »Die vier erhabenen Wahrheiten«). Die Schriften sind vorzüg- 
lich zur Propaganda und Aufklärung geeignet; jeder Freund und Anhänger 
des Buddhismus sollte das Seine dazu tun, dass diese Hefte in Lesehallen, 
Bibliotheken, vegetarischen Speisehäusern, Cafes, in den Sprechzimmern 
von Ärzten und Rechtsanwälten usw. ausgelegt werden. Man denke daran, 
dass wir nicht für eine Organisation, sondern für die Ausbreitung der 
buddhistischen Wahrheiten wirken. Der Missions-Verein ist nur ein 
Mittel zum Zweck, er soll nur die Mission zentralisieren und die Arbeit 
planmässig durchführen. Wer aber von der Wahrheit des Buddhismus 
überzeugt ist, sollte sich stets das alte Wort des Dhammapada vergegen- 
wärtigen: „Die Darreichung der Lehre ist die grösste aller 
Gaben". 

Die Mission hat jetzt auch mit der Herausgabe der ethischen 
und Erbauungs-Literatur des Buddhismus begonnen. Kurz nachein- 
ander erschienen B. Freydanks Spruchsammlung »Buddhistisches 
Vergissmeinnicht« und E. M. Bowdens »Die Nachfolge Buddhas«. 
In diesen beiden Sammlungen sprechen die buddhistischen Schriften selbst 
zu uns, und es tritt in ihnen die ganze sittliche Hoheit und soziale Kraft 
des Buddhismus zu Tage. Das »Vergissmeinnicht« bietet zum weitaus 
grössten Teile Perlen aus den alten Päli-Quellen, während Bowdens Werk 
Sprüche aus der gesamten Literatur des Buddhismus von den ältesten 
Tagen an bis auf die allerneueste Zeit enthält. Alle freireligiösen, ethi- 
schen, fortschrittlichen Vereinigungen. Tierschutz-Vereine, alle freigesinnten 
Eltern und Lehrer und alle, die für einen undogmatischen Religions- 
unterricht, für reine Moralunterweisung eintreten, sollten diese Bücher 
wenigstens prüfen; eine Fülle hoher, reiner, liebevoller Lehren werden 
hier gegeben ; eine höhere umfassendere Ethik, als die hier niedergelegte, 
ist schlechterdings undenkbar. Die Mission in Amerika hat ihre grosse 
Freude über diese Spruchsammlungen bereits zum Ausdruck gebracht. 

Wir bitten alle Freunde, Mitglieder und Anhänger uns baldmöglichst 
etwaige Wünsche betreffs buddhistischer Vorträge für den Herbst und 
Winter zukommen zu lassen. Wer es für wünschenswert hält, dass in 
seinem Wohnorte ein oder mehrere grössere oder kleinere Vorträge ge- 
halten werden, setze sich mit uns in Verbindung. Wünsche betreffs 
Thema, Zeit usw. werden gern berücksichtigt. Auch werden nach wie 
vor die Adressen neuer Interessenten und die Einsendung von Äusserungen 
der Presse über unsere Bewegung erbeten. 

Es wird gebeten alle Mitteilungen nur an die oben angegebene 
Geschäftsstelle des Missions-Vereins zu richten. 

3* 



28 Die buddhistische Welt. j. Jahrg. 

Vom evangelisch-sozialen Kongress in Hannover. 

Am 13. Juni tagte in Hannover der 16. Evangelisch-soziale Kongress 
Als ein erfreuliches Symptom für das Vorrücken des Buddhismus ist es 
zu bezeichnen, dass dieser Kongress sich eingehend mit dem Buddhismus 
beschäftigt hat. Das war man bisher von den christlichen Kreisen gar 
nicht gewöhnt, umsomehr verdient diese Tatsache beachtet zu werden 
Es fängt allmählich an zu tagen, und man beginnt langsam einzusehen 
dass der Buddhismus immer mehr und mehr im Abendlande an Bedeu- 
tung gewinnt. 

Also: Herr Pfarrer Lic. H. Hack mann -London sprach über »die 
sozialen Kräfte im Christentum und im Buddhismus«- er stellte 
sechs Thesen auf, und die Ausführungen des Redners dienten natür- 
lich dem Zweck, die Superiorität des Christentums gegenüber dem Bud- 
dhismus darzutun. Herr Professor Dr. Harnack-Berlin pries dann im An- 
schluss daran die christliche Nächstenliebe „als den Magnet der das 
Christentum zur Weltreligion gemacht habe, und der auch ferner sein 
Leitstern sein werde." — 

Wir werden uns in der nächsten Nummer näher mit den sozialen 
Kräften im Buddhismus zu beschäftigen haben. — Inzwischen hat das 
»Freie Wort« in seiner letzten Nummer Herrn Lic. Hackmann eine sehr 
scharfe Abfertigung zu teil werden lassen; wir empfehlen dem Leser die 
Lektüre dieses Aufsatzes. 

»Der Buddhist« und die deutsche Presse. 

Die Beurteilung, welche unsere Zeitschrift in der deutschen Presse 
gefunden hat, ist zum grössten Teil objektiv-sachlich, stellenweise sehr 
günstig, hie und da kühl abwartend. Durchweg abfällige Kritiken liegen 
uns bis jetzt zwei vor: die eine in der »Christlichen Welt« einem 
in Marburg erscheinenden kirchlich -liberalen Wochenblatt Die Be- 
sprechung findet sich in der Nummer vom 1. Juni und stammt aus der 
Feder des oben erwähnten Lic. Pfarrer Hack mann. Die andere abfällige 
Beurteilung befindet sich in der Juni-Nummer der in Leipzig erscheinenden 
theosophischen Monatsschrift »Der Vähan« (Richard Bresch ) 

Dass ein christliches Blatt den Buddhismus vor der Hand eo ipo ab- 
lehnt, ist nicht weiter verwunderiich ; befremdhcher könnte es schon 
manchem erscheinen, dass ein theosophisches Journal eine buddhi- 
stische Zeitschrift gänzlich abfällig bespricht. Dem guten »Vähan« geht 
es halt wie so manchem seiner Gesinnungsgenossen: Er schätzt den Bud- 
dhismus, preist ihn, empfiehlt ihn; dabei passiert ihm nun das immerhin 
bedaueriiche Malheur, dass er gerade denjenigen Punkt auf den im 
Buddhismus alles ankommt, von dessen Verständnis eine rechte Würdigung 
dieser Religion erst abhängt, der als charakteristisches Merkmal dem 
Buddhismus allein unter allen anderen Religionen eigentümlich ist — 
dass er gerade diesen Punkt in jeder Weise verfehlt Wir meinen 
die Anatjä-Lehre, die Doktrin vom Nicht-Selbst. Der »Vähan« gleicht, 
um mit Änanda Maitriya zu sprechen, einem Manne, der das Koperni- 
kanische Weltsystem mit Hilfe des Ptolemäischen kapieren und erklären 
will. — Ergebnis : Konfusion, Unklarheit. So will der »Vähan« von seinem 
ätmanisierenden, brahmanisierenden, egozentrischen Standpunkte aus den 
nicht-ätraanischen, nicht-egozentrischen Buddhismus verstehen Dabei 
kann selbstverständlich niemals etwas Gescheites herauskommen • er setzt 
seinen Lesern nur ein verzerrtes Bild des Buddhismus vor Wir 
empfehlen dem »Vähan« bei seinen egoisierenden Tendenzen drin- 
gend das Studium der Aufsätze von Dr. Carus und Maitriya- das 



No. 4. Die buddhistische Welt. 29 

Blatt kann sehr viel daraus lernen und wird hoffentlich nicht so obstinat 
sein, sein Ohr gegenüber sachlicher Aufklärung zu verschliessen. Der 
»Vähan« fand es in seiner diesjährigen Januar-Nummer für gut, die Anattä- 
Lehre, also das spezifische Charakteristikum des Buddha-Dharma, „ein 
monströses Unding" zu nennen; schon allein durch dieses eine 
Dictum hat der »Vähan« die Quantität und Qualität seines Verständnisses 
für den Buddhismus einer wahrhaft vernichtenden Selbstkritik unterzogen. 

Sowohl die »Christliche Welt« als der »Vähan« urteilen gehässig 
und lassen in ihrer Besprechung Objektivität in jeder Weise vermissen. 
Der hämische Ton, den die »Christliche Welt« anschlägt, und die höhnisch 
wegwerfende Art des »Vühan« scheinen uns denn doch nicht im Einklang 
zu stehen mit der guten Sache, der beide Blätter dienen oder dienen 
wollen. Wie sagt doch der vorchristliche buddhistische König Asoka? 

„Nicht das Verketzern anderer Religionen oder das grundlose Ge- 
ringschätzen derselben, sondern im Gegenteil, die Achtung anderer Reli- 
gionen und Ehrerbietung ihnen gegenüber — das ist recht. Wer so 
handelt, unterstützt seine eigene Religion und erweist derjenigen anderer 
einen guten Dienst; wer entgegengesetzt handelt, kompromittiert die 
eigene Religion und beleidigt die der anderen." — 

Wir werden auf die Auslassungen der genannten beiden Blätter noch 
einmal zurückkommen, wenn wir die Stellung der deutschen Presse zum 
»Buddhist« näher betrachten werden. Mit denselben Waffen freilich 
kämpfen wir nicht. 

Kleine Mitteilungen. 

Die Aufgaben des Christentums gegenüber 
dem Buddhismus. 

Unter dieser Devise veröffentlicht Herr Lic. Pfarrer Hackmann in 
der »Christlichen Welt« (15. Juni er.) folgende fünf Thesen: 

1. „Eine natürliche und unvermeidliche Ent Wickelung rückt Buddhismus 
und Christentum immer näher aneinander und zwingt sie, ihre Kräfte mit- 
einander zu messen. 

2. Es ist wichtig, dass man auf christlicher Seite dem Studium des 
Buddhismus als Religion sowohl nach seinem geschichtlichen Fort- 
schreiten, als nach seinen heutigen Zuständen viel stärker die Aufmerk- 
samkeit zuwende. 

3. Den Ausschlag im Kampfe zwischen Buddhismus und Christentum 
werden freilich nicht Studien und theoretische Erwägungen geben, son- 
dern der tatsächliche Erweis religiöser und sittlicher Kraft. 

4. Diesen Erweis hat in erster Linie die Missionsarbeit zu liefern. 
Sie bedarf dafür aber noch ganz wesentlicher Vervollkommnung. Sie 
muss Männer zu ihrem Dienste finden, welche hervorragende Begabung 
und gründlichste Geistesbildung verbinden mit einer festen Schulung des 
Willens zur Hingabe an aufreibende Arbeit; sie muss in ihrer Methode 
immer vor allem danach streben, etwas vom Wesen Jesu Christi als 
einer lebendigen Macht der Hilfe den NichtChristen nahe zu bringen mit 
Zurückstellung blosser Formen und Organisationen. 

5. Die Theologie hat bisher in der Missionsaufgabe fast völlig versagt. 
Gerade die freigesichtete Theologie muss in diese Lücke eintreten. Sie 
findet hier das notwendige Gegengewicht zu überstarker Reflektion und 
theoretischer Verdünnung des Christentums, eine Probe auf das, was 
wirklich lebt." — 



30 Die buddhistische Welt. I. Jahrg. 

Bravo, Herr Licentiat, endlich einmal ein vernünftiges Wort, welches 
verdient, in den weitesten Kreisen beachtet zu werden! Dass die christ- 
liche Theologie bisher in der Missions-Aufgabe versagt hat, dass Sie 
einen freieren Geist in der christlichen Missionsarbeit wünschen, ist wohl 
gesprochen. Sehr gut ist auch das offene Eingeständnis, dass die christ- 
liche Mission „noch ganz wesentlicher Vervollkommnung bedarf", 
und die Forderung, „blosse Formen und Organisationen sollen zurückge- 
stellt" und dafür „etwas vom Wesen Jesu Christi den NichtChristen" — 
Herr Hackmann vermeidet hier in löblicher Weise den sonst ebenso be- 
liebten wie despektierlichen Ausdruck »Heiden« — „nahegebracht werden." 
Das ist vorzüglich gesagt; wenn die christliche Mission wirklich in 
diesem Geiste arbeiten wird, wenn anstelle von Seelenfang und Pro- 
selytenmacherei wahre Menschlichkeit, Humanität und Liebe treten werden, 
dann wird auch die buddhistische Welt Hand in Hand mit der christlichen 
Mission zum wahren Wohle und Heil der Menschheit wirken können. 

Von dem Zeitpunkte an, da die christliche Mission diesen Geist in 
sich realisiert haben wird, wird man christlicherseits auch nicht mehr — 
wie es Herr Hackmann noch tut — von einem Kampfe zwischen Chri- 
stentum und Buddhismus sprechen. Brüderlich Hand in Hand arbeiten 
zur wahren Wohlfahrt der Völker, — das entspricht dem Geiste des 
Buddhismus, und wenn die christliche Mission sich bis zu derselben Höhe 
emporschwingen kann — wohlan, sie soll willkommen sein I 

Durchaus zu billigen ist endlich die Forderung des Herrn Hackmann, 
„dass man auf christlicher Seite dem Studium des Buddhismus viel stärker 
die Aufmerksamkeit zuwende I" Das ist allerdings sehr, sehr nötig. 
Die Unwissenheit, auch in den Kreisen der protestantischen Geistlichkeit, 
über den Buddhismus ist denn doch etwas zu gross, wie wir hier gleich 
an einem Falle unseren Lesern zeigen werden. 

«»See» 

Ein Pastorales Anathema. 

Im »Jahrbuch moderner Studenten« (Osterwieck a. Harz 1905) 
schreibt Herr Pastor Schwechten S. 55 wörtlich folgendes: „Heute ist 
Buddha der Götze auch vieler auf den dreieinigen Gott Getaufter. Unser 
Geschlecht ist im ganzen so müde und zum Teil so von Furien verfolgt, 
dass es leicht nur seine Hoffnung auf Nirväna setzt. Christ sein aber ist 
das Gegenteil dieser schwächlichsten und schmählichsten aller Religionen." 

Der Buddhismus — die „schmählichste" aller Religionen ! Wir 
sehen, dass auch im Zeitalter der drahtlosen Telegraphie der Kultus der 
Sancta Simplicitas selbst in den gebildeten Kreisen immer noch seine 
grotesken Blüten zeitigt. Wir sehen aber aus dieser pasloralen Aburtei- 
lung wieder, wie zeitgemäss die Forderung des Herrn Lic. Hackmann 
ist, „man möge auf christlicher Seite dem Studium des Buddhismus viel 
stärker die Aufmerksamkeit zuwenden." Nötig ist's sicherlich; hoffen wir, 
dass die Beachtung dieser Forderung bald greifbare Gestalt annehme. 
Glauben können wir's freilich vor der Hand noch nicht. 

Eine Berichtigung von unbekannter Hand. 

Wir finden soeben in einem Exemplar von No. 3 des »Buddhist«, 
welches in einem Leipziger vegetarischen Speisehaus ausliegt, auf S. 18 
der »Buddhistischen Welt« eine Randbemerkung von unbekannter Hand zu 
der zweiten Olcottschen These. Oleott formulierte diese These 



No. 4. Die buddhistische Welt. 31 

folgendermassen : „Das Weltall hat sich entwickelt, ist nicht erschaffen 
worden, und in ihm waltet das Gesetz, nicht irgend eines Gottes Willkür." 
Hierzu bemerkt der unbekannte Leser: „Das Weltall existiert, ist in einem 
ewigen Werden, Wechsel begriffen, hat sich also nicht entwickelt, 
sondern entwickelt sich." 

Der Schreiber hat ganz recht. Wann und wo immer ein empfinden- 
des, denkendes Wesen die Vorstellung des »Jetzt« in sich empfindet, gilt 
stets der Satz: „Die Welt ist ein Werden." Da nun die einzelnen Punkte 
des zeitlichen Nacheinander, d. h. die subjektiven Vorstellungen »Jetzt« 
unendlich sind, so gilt auch der Satz von der Welt als Werden unendlich 
vielmal, d. h. immer. Oleott hat allerdings im Hinblick auf die in der 
Vergangenheit vorgestellte Weltschöpfung des Judentums und Christi- 
anismus die in unserer Vorstellung zeitlich hinter uns liegenden Stadien 
der Welt im Auge gehabt und konnte von diesem Standpunkte aus 
immerhin sagen: „Die Welt hat sich entwickelt." 



Büchertisch. 



(Für Besprechung und Rücksendung nicht verlangter Bücher übernimmt die 

Redalition keine V'er]iflichtung. Die Bücher sind zu ser.dcn an den Herausgeber 

Karl Scidenstücker, per Adr. Buddhistischer Verlag in Leipzig.) 



Eingesandte Literatur. 
Prostitution des Geistes. Satirischer Roman von Erdniann Gott- 
reich Christaller. Jugenheim a. d. B. Sueviaverlag 1901. 375 S. 
2 Bde. Preis br. 3 Mk. 
Ein kleiner Kulturkampf. Akten und Erlebtes zu dem satirischen Roman 
Prostitution des Geistes«. Von E. G. Christaller. Jugenheim 
a. d. B. Sueviaverlag 1903. 59 S. Preis br. 1 Mk. 

Besprechungen, 

Der buddhistische Katechismus. Von Henry S. Oleott. 35. 
(2. deutsche) Ausgabe. Autorisierte Übersetzimg nebst Erläuterungen von 
Dr. Erich Bischoff. Leipzig, Th. Griebens Verlag (L. Fernau) 1902. 
X, 143 S. Preis br. 1,60 Mk. 

Das vorliegende Werk ist der älteste buddhistische Katechismus. 
In einige zwanzig Sprachen übersetzt, hat es eine ausserordentlich weite 
Verbreitung gefunden. Die vorliegende Ausgabe zerfällt in fünf Abschnitte 
und gibt in 386 Fragen und Antworten einen Überblick über das Leben 
des Buddha, die Lehre, die Mönchsgemeinschaft, die Entwickelung des 
Buddhismus und über das Verhältnis des letzteren zur Wissenschaft. 
Beigefügt sind als Anhang die »vierzehn Leitsätze«, Literaturangaben, 
Anmerkungen des Übersetzers und die Titel der kanonischen Päli-Texle. 

Die Darstellung ist im allgemeinen klar und verständlich ; recht ge- 
schickt ist besonders das Nibbäna-Problem behandelt. Der Katechismus 
ist in erster Linie als Leitfaden für buddhistische Schulen in Asien be- 
stimmt und will als solcher beurteilt sein. Unseres Erachtens wäre es 
besser gewesen, wenn in der deutschen Ausgabe verschiedene Fragen 
und Antworten gestrichen wären, namentlich No. 41, 42 und 104. Diese 
Bemerkungen passen wohl für ceylonische Kindcrschulen, aber nicht für 
wissenschaftlich gebildete Europäer, zumal sie von ganz unwesentlicher 
Bedeutung sind. Wir hoffen auch, dass in der nächsten deutschen Aus- 
gabe das leidige »das« Dharma durch »der« Dharma ersetzt wird. 



32 Die buddhistische Welt. I. Jahrg. 

Im allgemeinen bietet dieser Katechismus manches Anregende, wenn 
er auch inhaltlich und formell weit hinter dem in jeder Beziehung muster- 
gültigen Katechismus von Subhadra Bhikshu zurückbleibt. S. 

Kennt die Lehre Buddhas den Begriff der christlichen Liebe? 
Von Dr. Otto Schrader. Berlin, Verlag von Paul Raatz. 9 S. Preis 
0,25 Mk. 

Dieses leider nahezu vergriffene kleine Schriftchen ist warm zu 
empfehlen. Schrader führt den klaren Nachweis, dass der Begriff der 
christlichen Liebe (Caritas, Maitri) im Buddhismus eine sehr wichtige Rolle 
spielt. Es wird hier scharf der Unterschied betont zwischen Maitri 
(Caritas) und Käma (Amor), auf deren Verwechslung das weitverbreitete 
Missverständnis beruht, der Buddhismus kenne den Begriff der Liebe 
nicht, da er die Überwindung von Käma lehre. Käma, niedere Liebe im 
Gegensatz zum Hass ist im Sinne des Buddhismus eine Leidenschaft, 
die notwendigerweise aufzugeben ist. Dagegen ist Maitri, die wahre 
Herzensgüte, das unumschränkte Wohlwollen, Caritas, das Ideal eines 
jeden Buddhisten. S. 

Der Weg zu Buddha. Von Skesaburo Nagao. Berechtigte 
deutsche Ausgabe von Karl B. Seidenstücker. Leipzig, Buddhistischer 
Verlag. VIII, 61 S. Preis br. 0,80 Mk. 

Dieses kleine Werkchen ist der dritte Teil der in englischer Sprache 
erschienenen Schrift »The Outlines of Buddhism« (San Francisco 1900). 
Seiner Darstellung nach mahäyänistisch, schildert es in sechs Kapiteln 
die theoretische Lehre und die religiöse Praxis des Buddhismus. Das 
speziell Mahäyänistische wird den Leser, der den Buddhismus bisher nur 
in hinayänistischer Auffassung kennt, zunächst etwas befremdlich anmuten; 
er wird aber bald finden, dass der Gegensatz zwischen beiden Richtun- 
gen, so gross er in manchen Punkten auch sein mag, in den Haupt- 
punkten der Lehre fast gänzlich verschwindet. Eibaulich ist zu lesen, 
was über die religiöse Praxis gesagt wird. Wer den Buddhismus in 
mahäyänistischer Beleuchtung kennen lernen will, dem sei neben den 
Schriften von Kuroda auch dieses billige Büchlein empfohlen. D. 

Prostitution des Geistes. Von E. G. Christ aller. Satirischer 
Roman in 2 Bdn. Jugenheim a. d. B. Sueviaverlag. 375 S. Preis 3 Mk. 

Der Verfasser, ein ehemaliger württembergischer Geistlicher, schil- 
dert in diesem Romane die Pfarrcriaufbahn eines jungen Theologen, der 
durch sein Studium Atheist geworden ist. Wegen der erhaltenen Stipen- 
dien wird derselbe gezwungen, in den Dienst der Kirche zu treten, trotz- 
dem der Kirchenbehörde der Unglaube des jungen Mannes nicht unbekannt 
ist. Die hieraus entstehenden Konflikte sind meisterhaft geschildert, 
interessant sind auch die Pfarrertypen, die uns Christallcr vorführt. Eine 
herbe Kritik kirchlicher Einrichtungen zieht sich wie ein roter Faden durch 
das ganze Buch. Eigentlich gehört ja der Roman nicht in den Propramm- 
bereich unserer Zeitschrift, doch können wir des innerlichen Ernstes 
wegen, der das Buch vorteilhaft auszeichnet, dasselbe wohl empfehlen. D. 

Erlösung vom Übel. Gier und Hass, Zorn und Zwietracht, Heu- 
chelei und Neid, Eiferung und Eigennutz, Trug und List, Starrsinn und 
Ungestüm, Stolz und Dünkel, Lauheit und Lässigkeit sind vom Übel. Es 
fribt einen Mittelweg, um der Lauheit und Lä.ssigkcit und den anderen 
Übeln zu entgehen, der sehend und wissend macht, der zur Ebbung, 
Durchschauung, Erleuchtung, Erlösung führt: es ist der heilige achtfache 
Pfad Majjhima-Nikäya. 

RediktenrT'GV A. Dietze, I.eipiii;. — Verlag: Buddhisti.sclier Verlag in Leipzig. 
Druck: Arno Bachmann, Baaladorf-Leipzig. 



Die 



Buddhistische Welt. 



Publikations-Organ 

des 
Buddhistischen Missions-Vereins in Deutschland. 



I. Jahrgang. 



LEIPZIG, August 1905. 



No. 5. 



Eine Erklärum 



»Der Tag« bringt in seiner Nummer vom 23. Juli er. einen offenbar 
pastoral inspirierten kurzen Artil<el unter der Überschrift »Buddhismus 
in Deutschland«, in dem das Blatt von unserer Zeitschrift Notiz nimmt 
und im.Anschluss daran bemerkt: „Man kann kaum viel davon (d. h. vom 
»Buddhist«) zu erwarten haben, da die erste Nummer ausser einem ein- 
zigen Original-Artikel aus der Feder ihres Herausgebers nur Nachdrucke 
und Übersetzungen bringt. Schade 1 Ein ernstlicher, überzeugungsgewisser 
und proselytenhungriger Kampf des Buddhismus auf christ- 
lichem Boden') würde gewiss im Christentum wieder mehr die grossen 
und zugleich die gemeinsamen Gesichtspunkte hervortreten lassen. Immer- 
hin rüsten sich die »Freunde der Christlichen Welt« bereits auf die Aus- 
einandersetzung mit dem Buddhismus." ... Es folgt nun die Wiedergabe der 
bekannten Hackmannschen Thesen. Dieser Umstand, sowie die Tat- 
sache, dassdic »Christliche Welt« seinerzeit ganz ähnlich wie hier »Der Tag« 
dem »Buddhist« den Vorwurf der Unselbständigkeit machte, legt die 
Vermutung nahe, dass auch diesmal der Schreiber nicht fern von der 
»Christlichen Welt« zu suchen ist. Mag das richtig sein oder nicht, genug, 
der »Tag« ist ein sehr verbreitetes Blatt, und da ich vermuten darf, dass 
der besagte Artikel manchen Lesern des »Buddhist« zu Gesicht gekommen 
ist, so sehe ich mich veranlasst, hier eine Erklärung in dieser Sache ab- 
zugeben. 

Ich will hier die Frage ganz unerörtert lassen, ob die diversen 
christlichen Missions-Blätter, -Boten, -Harfen etc. in Asien durchweg 
Original-Artikel bringen oder auch zahlreiche Nachdrucke und Übersetzungen 
aus europäischen christlichen Journalen. Jedenfalls scheint mir der Herr 
Schreiber geistig nach anderen logischen Gesetzen zu arbeiten, als ich; 
denn ich kann beim besten Willen nicht einsehen, dass man deshalb, 
weil eine Zeitschrift zahlreiche Übersetzungen bringt, von derselben 
„kaum viel zu erwarten habe", d. h. gut deutsch gesprochen, dass eine 
Zeitschrift wegen der Übersetzungen, die sie bietet, minderwertig sei. Ich 
habe ausdrücklich im F'rogramm des »Buddhist« darauf hingewiesen, dass 
in unserem Journale den hauptsächlichsten Repräsentanten der buddhisti- 
schen Mission in ausgedehntestem Masse das Wort gegeben werden soll. 
Ob es sich hierbei um Original-Aufsätze oder um Übersetzungen aus dem 



') Von mir gesperrt. Der Herausgeber. 



34 Die buddhistische Welt. I. Jahrg. 

Englischen handelt, tut absolut nichts zur Sache ; mein Bestreben ist darauf 
Rcrlchtet, unseren Lesern gerade gute, gediegene Arbeiten aus der Feder 
bedeutender buddhistischer Forscher und Propagandisten zu bieten. 

Wenn der Herr Schreiber es bedauert, dass der »Buddhist« nicht 
zu einem „proselytenhungrigen Kampfe" antritt, so sollte mir für 
meinen Teil der »Buddhist« leid tun, wenn er sich zu einem derartigen 
niedrigen, unwürdigen Zweck hergäbe. Mag sein, dass andere 
Missionen in hohem Masse proselytenhungrig sind, jedenfalls lehnt 
es die buddhistische Mission mit aller Entschiedenheit ab, auf die 
Seelenhatz und Proselytenmacherei auszugehen. Im >Buddhist« wird nur 
die Lehre bekannt gemacht; niemand wird von uns genötigt oder be- 
einflusst, Buddhist zu werden. 

Der Herr Schreiber sagt weiter, dass sich „die »Freunde der Christ- 
lichen Welt« bereits auf eine Auseinandersetzung mit dem Buddhis- 
mus rüsten". Das klingt freilich schon bedeutend feiner und anständiger. 
Zu einer sachlichen Auseinandersetzung sind wir jederzeit gern 
bereit, und dass wir unseren christlichen Freunden in keiner Weise eine 
Antwort schuldig bleiben, können unsere Leser aus der vorliegenden 
Nummer des »Buddhist« ersehen. 

Gewiss, verehrter unbekannter Herr, ich kann es ganz gut verstehen, 
wenn Sie es lebhaft bedauern, dass der »Buddhist« Ihrem Wunsche zu- 
wider davon Abstand nimmt, durch ein äusserliches, „prosclytcnhungri- 
ges Kämpfen" dem heute äusserlich und innerlich zerfahrenen Christentum 
mit all seinen hadernden Kirchen und Sekten zu der Gewinnung „gemein- 
samer Gesichtspunkte" zu verhelfen; — wie gesagt, verstehen kann ich 
dieses Ihr Bedauern ; aber Sie werden uns hoffentlich gestatten, dass wir 
es dem Christentum überlassen, diese Aufgabe selbst zu lösen und seine 
„gemeinsamen Gesichtspunkte" selbst ausfindig zu machen. Wir haben 
in der Tat Wichtigeres zu tun. — 

Ich glaube hiermit über diesen Punkt das Nötige gesagt zu haben. 

Karl B. Seidenstücker. 

Aus der buddhistischen Welt. 

Eine neue buddhistische Zeitung in englischer Sprache. In 

Ceylon ist eine neue buddhistische Zeitung in englischer Sprache unter 
dem Titel »The Sandaresa« ins Leben getreten. Dieselbe erscheint in 
Colombo wöchentlich einmal als Beiblatt zu dem singhalesischen 
»Sarasavi Sandaresa«. Redakteur ist der rührige Laien -Anhänger 
Perera. Die neue Zeitung gibt regelmässig politische Übersichten, Mit- 
teilungen aus den asiatischen Ländern, Nachrichten über die buddhistische 
Bewegung auf Ceylon, über die christliche Mission, sowie buddhistische 
Aufsätze. Wir wünschen dem neuen Unternehmen einen gedeihlichen 
Fortgang! — 

Ausbildung buddhistischer Missionare für das Abendland. Es 
besteht der Plan, in den nächsten Jahren einen festen Siamni von Bhikkhus 
abendländischer Nationalität in Burma zu organisieren. Die letzteren 
sollen dann nach einer Reihe von Jahren nach dem Westen zurückkehren 
und in ihren Ländern für die buddhistische Mission wirken ; ins Auge 
gefasst sind zunächst Amerika, England, Deutschland und Frankreich. 
Auf jugendliches Alter, gute Erziehung, gründliche Bildung, eingehende 
Kenntnis des Buddhismus und Beherrschung von Deutsch, Englisch und 
Französisch wird grosser Nachdruck gelegt. 

Nochmals der Buddhismus in Japan. Gelegentlich eines längeren 
privaten Schreibens, das Herr Watana be, Priester in Strassburg, an den 



No. 5. 



Die buddhistische Welt. 



35 



Herausgeber gerichtet hat, gibt der erstere eine Notiz, die wir unseren 
Lesern nicht glauben vorenthalten zu dürfen. Herr Watanabe schreibt: 
„Da ich in No. 3 Ihrer Zeitschrift einen kleinen Fehler gefunden habe, 
erlaube ich mir, denselben zu berichtigen. 1. Ihre Klassifikation der 
Shödo und Jödo muss wie die nachstehende Liste gegeben werden: 



A. 
Shödo 



Abhidharma 



Hinayäna 



B. 
Jödo 



Kusha 

Jöjitsu , . 

Kitsu-Vinaya I 

Hosso. Positiver Idealismus. \ 

Sanron. Negativer Idealismus. | ' 

Kegon. Realistischer Pantheismus) 

Tendai. Realistischer Pantheismus) 

Shingon. Mystik. 

Rinzai 1 

So tu Zen oder Meditationismus. 

Wöbakul 

Nirhirpn I Praktisches Mahäyäna. (Ten- 

iNicnirtn ^^^^ ^^^^ Shingon kombiniert). 

Ji 1 Mit Shödo-Elementcn 

Vutsunenbutsu) stark durchsetzt. 

Jödo. — Steht in der Mitte von Ji, 
Yutsu und Shin. 

Silin. ~ Absoluter heteronomer Bud- 
dhismus. 



Niederes . 



Höheres 



Mahäy&na 



II. Kusha und Jöjitsu existieren nicht mehr in Japan, obwohl ihre 
Abhidharma-Schriften noch sehr eifrig studiert werdfen. Ritsu gehört 
jetzt zur Shingon-Schule und ist nicht mehr unabhängig. — III. Es 
ist richtiger, wenn für das Wort „eingeführt" bei den Schulen Nichiren 
und Jödo „gegründet" gesetzt wird. — IV. Nur allein die Shin-Schule 
erlaubt ihren Priestern die Heirat. Die anderen Schulen halten am Cölibat 
fest; aber es macht sich jetzt eine Reformbewegung bemerkbar, deren 
Zweck es ist, den Geistlichen die Ehe zu erlauben. — V. Der von den 
jödoi'stischen jungen Priestern gegründete National-Temperenz- 
Verein und der Hansei-Kwai der Shin-Schule haben sehr viel für 
die Anti-Alkohol-Bewegung in Japan getan. Die höheren jödo- 
i'stischen Geistlichen sind fast alle Anti-Alkoholiker." — 

Buddhistische Mission in China. Erfreuliche Nachrichten über 
die buddhistische Mission kommen aus China. Die japanischen Missionare 
wirken mit unermüdlichem Eifer und sehr grossen Erfolgen. Wie aus 
Peking gemeldet wird, hat der japanische Gesandte Nishida von der 
chinesischen Regierung alle dieselben Rechte für die buddhistische Pro- 
paganda der japanischen Missionare verlangt, welche die christlichen 
Missionen geniessen, und die Regierung hat diesem Verlangen bereits 
stattgegeben. Tempel, Schulen und Hospitäler werden erbaut, und es 
unterliegt wohl keinem Zweifel, dass nach Beendigung des Krieges die 
Buddha'isierung Chinas von Japan aus in grossem Masstabe in Angriff 
genommen und allmählich durchgeführt werden wird. Das kann viel 
schneller geschehen, als viele glauben mögen; handelt es sich doch unter 
Anknüpfung an uralte Traditionen nur um die Neubelebung erstarrter 
Formen, um die Erweckung einer schlafenden Religion. Für China bricht 
der Morgen des geistigen Erwachens an. — 






4* 



36 Die buddhistische Welt. I. Jahrg. 

Mitteilungen und Notizen. 

Eine Buddha-Statue in Deutschland. Der Grossherzog Ernst 
Ludwig von Hessen hat unter einer alten, wuchtigen Eiche seines 
Wolfgartener Schlossparl<es eine grosse Buddha-Statue aufstellen 
lassen. Er hatte unmittelbar nach der Rückkehr von seiner indischen 
Reise die Figur des Religionsstifters bei Professor Habich, Mitglied der 
Darmstädter Künstler-Kolonie, bestellt. Das wohlgelungene Kunstwerk ist 
in Odenwälder Syenit ausgeführt. 

Ein Theologen-Urteil. In einem Briefe an den Herausgeber schreibt 
ein Theologe: „Gestatten Sie mir das eine Urteil: Eine derartige kraft- 
und energielose Weltanschauung ist zwar so recht geeignet für unser 
heutiges degeneriertes Geschlecht, das den Taumelbecher der Lust bis zur 
Neige und darum sich zum Ekel genossen hat, aber kann nicht im ge- 
ringsten einen Menschen befriedigen, der einmal die herrliche Fülle der 
Lebensaufgaben, die das Christentum erschliesst. voll und ganz erfasst 
hat. Mögen darum auch durch die Tätigkeit des »Buddhistischen Missions- 
Vereins« u. ä. mehr und mehr solcher jungen und alten „Greise" an ab- 
gestandenen Zisternen sich erquicken lernen, doch wird die Zahl derer 
unvergleichlich viel grösser bleiben, die an dem frisch sprudelnden Kraft- 
quell ihres Heilands und Königs Jesu Christi täglich von neuem schöpfen 
Achtungsvoll Gottlieb Wiedenfeld, stud. theol. in Greifswald" 

Was der junge Mann hier schreibt, ist ja zweifellos gut gemeint 
nur tut es uns aufrichtig leid, dass er durch diese Zeilen seiner eigenen 
Sache, der er dient, einen recht Übeln Dienst erwiesen hat. Er scheint 
nicht zu wissen, dass „der frisch sprudelnde Kraft-Quell seines Heilandes 
und Königs" aus dem ethisch nicht ganz reinen Brunnen des alten Juden- 
tums floss, und dass dieser Quell da, wo er von Jesus gereinigt ist, aus 
denselben Bestandteilen besteht, wie das von Herrn stud. theol Wieden- 
feld so herzlich verachtete „abgestandene Zisfernenwasser." Wo Jesus 
über den Mosaismus hinausgeht, da stellt er — teilweise sogar mit den- 
selben oder ganz ähnlichen Worten — sittliche Forderungen auf, die sich 
samt und sonders in den ältesten buddhistischen Schriften finden Es 
tut nicht gut, wenn ein Unerfahrener sich voreilig „von dem Eifer um 
das Haus des Herrn fressen lässt". — 

Ein Verslein zum China-Prozess. Anlässlich des letzten Hunnen- 
Brief-Prozesses schrieb ein grösseres Blatt Mittel-Deutschlands folgenden 
kurzen Vers: 

„Der Besiegte wehrlos und vogelfrei! 
Raub, Schändung und Tempel-Plünderei! 
Auf Deutschlands Ehre ein Fleck, ein trüber, — 
Christen waren wieder mal Buddha über!" — 

Ein Abriss der buddhistischen Terminologie. Von verschiedenen 
Seiten ist der Herausgeber ersucht worden, eine Zusammenstellung und 
Erklärung der wichtigsten buddhistischen Fachausdrücke als besondere 
Broschüre erscheinen zu lassen. Der Herausgeber wird diesem Wunsche 
gern entsprechen, da ein derartiges kleines Wörterbuch für die mit der 
indischen Philologie nicht vertrauten Leser des »Buddhist« zweifellos von 
grossem Nutzen sein wird. Es kann sich zunächst natürlich nur um eine 
Erläuterung der allerwichtigsten Termini handeln, also um einen kurzen 
Abriss der buddhistischen Terminologie. Das Erscheinen des Buches 
wird den Lesern unserer Zeitschrift bekannt gegeben werden. 

Buddhistischer Missions-Verein in Deutschland. 

Der Vorstand hat den mehrfach ergangenen Anregungen zufolge die 
auch statutengemäss vorgesehene Einrichtung einer öffentlichen Bibliothek 



No. 5. Die buddhistische Welt. 37 

nunmehr durchgeführt. Da zu diesem Zwecice nur geringe Mittel zur 
Verfügung standen, ist die Bücherei vor der Hand natürlich nicht umfang- 
reich. Vorläufig stehen nur die im Litteraturverzeichnis auf dem Umschlag 
des »Buddhist« angeführten Werke mit Ausnahme der umfangreicheren zur 
Verfügung. Die Entleihbedingungen sind von der Geschäftsstelle des 
Vereins zu erfahren. Nach auswärts muss Porto für Zusendung der Be- 
stellung beigefügt werden; im übrigen empfiehlt es sich, stets mehrere 
Bücher zu notieren, falls das eine oder das andere bereits vergeben sein 
sollte. Um tatkräftige Unterstützung dieser Einrichtung wird freundlichst 
gebeten, insbesondere wäre die Bibliotheksverwaltung für Büchersperiden 
aus dem Gebiete der Religionswissenschaften sehr dankbar. 

Als Antwort auf verschiedene Anfragen, die Abhaltung von Vorträgen 
betreffend, ist mitzuteilen, dass zu diesem Zwecke erst ein Fonds geschaf- 
fen werden muss; aus den Vereinsmitteln können Aufwendungen hierfür 
nicht gemacht werden. Zusendungen für den Vortragsfonds wolle man 
mit einer diesbezüglichen Angabe an die persönliche Adresse des Ge- 
schäftsführers Herrn G. A. Dietze, Leipzig-Reudnitz, Kohlgartenstrasse 39, 
richten. Quittung über eingegangene Beiträge erfolgt umgehend. In Aus- 
sicht sind genommen für nächste Zeit Vorträge in Halle a. S., Altenburg 
und Berlin. 

Um Irrtümer zu vermeiden, sei darauf hingewiesen, dass der Bud- 
dhistische Verlag ein vom Buddhistischen Missions -Verein vollständig 
unabhängiges Privatunternehmen ist; Verein und Verlag arbeiten zwar 
bei der Verbreitung der buddhistischen Lehren Hand in Hand, doch hat 
der Verlag keinerlei Einfluss auf geschäftliche Einrichtungen etc. des 
Vereins und umgekehrt. 

Büchertisch. 

fFür Besprechung und Rücksendung nicht verLingter Bücher übernimmt die 

Redaktion keine Verpflichtung. Die Bücher sind zu senden an den Herausgeber 

Karl Seidenstücker, per Adr. Buddhistischer Verlag in I-eipzig.) 

Eingesandte Literatur und Besprechungen. 

Het Boeddhisme. En Schets van Dr. Louis A. Bäh 1er. Uitgegeven 
te's Gravenhage in het jaar 1905. 38 S. 
Eine ausgezeichnete kleine Schrift über Buddhismus. Der Verfasser, 
ein holländischer Pfarrer, gibt in ausserordentlich objektiver, sehr ver- 
ständlicher Weise an der Hand von Oleotts Katechismus und den vierzehn 
Leitsätzen eine kurze Darstellung der Buddha-Religion. Das Buch zerfällt 
ausser seiner Einleitung in fünf Kapitel, die das Leben des Meisters, den 
Dhamma, den Sangha, die Ausbreitung des Buddhismus und das Verhält- 
nis des letzteren zur Wissenschaft behandeln. Wir sind der Ansicht, dass 
die Ausführungen Bählers in Holland viel zur Beseitigung von Missver- 
ständnissen und zur Bekanntwerdung des Buddhismus beitragen werden. 
Mancher protestantische Geistliche könnte sich Bähler in puncto Sachlichkeit 
und Toleranz zum Vorbilde nehmen. Wir wünschten im Interesse unserer 
Mission, dass dieses Schriftchen bald ins Deutsche übersetzt werden 
möchte. S. 

Die Nachfolge Buddhas. Perlen aus der buddhistischen Literatur für 
jeden Tag im Jahre. Zusammengestellt von Ernest M. Bowden. 
Mit einem Geleitwort von weiland Sir Edwin Arnold. Nach der 
vierten englischen Auflage ins Deutsche übertragen und mit einem 
Anhange versehen von Karl B. Seidenstücker. Leipzig, Bud- 
dhistischer Verlag. VIII, 307 S. Preis br. 2,80 M. 



38 Die buddhistische Welt. i. jahrg 

Für jeden Tag des Kalenderjahres ist aus den verschiedpiKsfpn huH 
dhistischen Quellen je ein Spruch ausgewählt; - wer sie ai7e im 7^ 

htt«'""!'?^ ^t'^'"' "^> "•""■'*'• '^^"^^ '''^' «"" Ende des Iah es e n 
besserer Mensch geworden sein, als er am Anfang war.*- Diese »Nach- 
folge Buddhas, ist eine hochwillkommene Ergänzung zu B Frevdanks 
unlängst ersch.enenem .Buddhistisches Vergissmeinnicht, eine Sammlung 
buddhistischer Sprüche für alle Tage des Jahres«. Die Austattun^def 
prachtigen Buches ist durchaus würdig und vornehm und dem t efen Ge- 
halt seines Inhaltes entsprechend. Diese wenigen Worte nur als 
empfeh^nden Hinweis; denn das Buch ist gerade auch für den b"ddhis«- 
schem Denken und Fühlen noch Fernstehenden eine unschätzbare Fund- 
grube tiefsinnigster Lebensweisheit. Richard Degen 

•""'"Tcbs^^Preis'b^lsih. m'.T-1. '''"'''"' " ''■' ^'"'^^^"^^''^ ^^'^'^ 

VnibJ'^? eingehende Besprechung dieses ausgezeichneten, die japanische 
Volksseele charakterisierenden Werkes erfolgt in der nächsten Nummer 
Buddhistischer Katechismus zur Einführung in die Lehre des Buddha 
Gütamo. Von Subhadra Bhikshu. Siebente Auflage Leipzie 
Altmanns Verlag 1902. VII, 85. S. Preis broscli. M. 1 _. ^ ^' 
ti:rJ" ^"^r Vorrede zu diesem vortrefflichen Buch schreibt der Verfasser 

^Eh'r^r'"t'''!'^"u">^ "^^^ '"' J^hre 1888 die erste Auflage des 
.Buddhistischen Katechismus« erschien, gab es zwar schon Wissenschaft 

KreL^n^/t"''H','' ^5" B"dJ'"snnis genu^, aber selbst in dergebldeten 
Kreisen Deutschlands kannte man die reine Lehre des Buddha Götamo 

edelsten wSrHi^ir"'; ""' ^7'^^ ^1'' ''' '"^ '" ^'^''^^ ältesten 'und 
edelsten Weltreligion etwas anderes, als eine längst vergangene und ab- 
getane ku tur- und religionsgeschichtliche MerkwürdigkluSn nicht 
♦r^r/'"^J^5^1I^'S^' ''^"'^ ^'^ ^o"- 2400 Jahren gültige Wahrheit' Hier 
w, ."''h 'Buddhistische Katechismus, als Bahnbrecher auf. Sein Verfasse 
uStt^'u^-ni'^:^''^. ^^'t^^^'^" "^"-«'«^ der Gebildeten für die Gr'fsse 
ständniS und' Ant' ''"d'lh stischen Weltanschauung zu interessieren^ Ver- 
s andnis und Achtung dafür zu erwecken und ihr Freunde und Anhänger 

Z^^ZTn-^I',''u''"^^ '^^^^' g^'^'**^^ ^o" der festen Überzeugung dfss 
die echte Buddha^ehre von weittragendem Einflüsse auf die geistigen Be- 
wegungen der Gegenwart werden müsse, und ihre Verbfe tung eine 
Kulturmission im höchsten Sinne sei." - veroreiiung eine 

Dieses Ziel, welches Friedrich Zimmermann bei der Abfassung seines 
^ll'^'i'f'""* "" A"ge gehabt hat, ist in jeder Weise orS forden 
Se^nf 'S ^l'^^'^" ^'^'ff^" ""^^ den Buddhismus ist es gerade dem 
hnnlt^ ^'"•^"^'If ^"/erdanken, dass die Lehre des Buddha in den ge 
^nhfi ^T''"- des deutschen Volkes mehr und mehr bekannt und be- 
achtet worden ist. Die letzte Auflage von H. S. Oleotts Ka ecliismus 
behandelt den Buddhismus in 386. Zimmermanns Werk dagegen Tur 
in 174 Fragen und Antworten; letzteres ist also an Umfang bedeutend 
keiner; indessen wird niemand, der die beiden Katechismen kennt be 
rLÄ .dä«s Subhadra Bhikshus Katechismus nach Form und innerem 
Gehalt bei weitem der beste ist. Der bekannte Buddhologe Dr. K E Neüman^ 
schrieb m dem Anhange zu seiner Dhammapadani-Übersetzung (S m) 
Zur ersten Einfuhrung in den Buddhismus ist mir kein geeigneteres und 
^n ^^}u' r"l^^^^l^ Kründlicheres Werk bekannt geworden als der 
;^.n„f'^n""'n'^l'P''""""!: ^°" Subhadra Bhikshu (Friedrich Zimmer^ 
mann). Das Büchlein, wohl zu unterscheiden von ähnlichen, jedoch sehr 

ZltrZ'Y"' •"*• '."* <?l" ^''' J"'"''^" «e'"<^s Erscheinens bereits ins 
Englische, Franzosische, Schwedische, Holländische, Russische (von der 
Zensur verboten), Tschechische (gleich dem letzteren noch ungeZckt) 



No. 5. Die buddhistische WeH. 39 

sogar ins Japanisclie, Tokyo 1891, übersetzt worden." Ich darf hinzu- 
fügen, dass eine Übersetzung des Büchleins ins Norwegische binnen 
kurzem zu erwarten steht. 

Unser Katechismus gliedert sich nach einer kurzen Einleitung natur- 
gemäss in die drei Kapitel Buddha, die Lehre (Dhammo), und die 
Brüderschaft der Erlesenen (Sangho). Die Ausdrucksweise ist 
überall sehr klar und bestimmt, für den abendländischen Geist durchaus 
verständlich. Die Antworten sind mit zahlreichen, sehr gehaltvollen An- 
merkungen versehen, und eine reiche Fülle von Text-Stellen aus den 
PÄli-Pitakas gibt dem Leser die Gewähr, dass der Verfasser in seiner 
Darstellung der reinen Buddha-Lehre den richtigen Weg eingeschlagen 
hat. Vielleicht hätte Zimmermann in Anbetracht des grossen Umfanges 
der Päli-Schriften die Stellen genauer zitieren, also das entsprechende 
Sutta des Anguttara- oder Samyutta-Nikäya usw. angeben können, in dem 
diese oder jene Textstelle zu finden ist. 

Die Hauptpunkte der buddhistischen Lehre (Die vier Wahrheiten, 
Wiedergeburt, Karman, Tanhfl, die Khandhas) sind ausserordentlich durch- 
sichtig behandelt; hie und da hätte der Anattä-Gedanke noch schärfer 
hervorteten können. In den die Sittenlehren betreffenden Partieen, die 
sonst wie alles andere in diesem Buche vortrefflich gehalten sind, ver- 
misse ich noch die zehn Sünden, die zehn Irrungen (Dasa Kilcsä) und 
die sechs resp. zehn Tugenden. Ich will indessen keineswegs sagen, dass 
das Fehlen dieser Pimkte ein Mangel des Katechismus sei ; ich hätte sie 
nur der Vollständigkeit halber gern genannt gesehen. 

Allen, die eine vorzügliche kurze Schrift zur Einführung in die Lehre 
des Buddha kennen lernen wollen, sei Subhadra Bhikshiis Katechismus 
als die beste aller vorhandenen einschlägigen Bücher auf das wärmste 
empfohlen. S. 

Buddhist and Christian Gospels now first compared from the Originals. 
Being Gospel Parallcis from Päli Texts, reprinted with additions. 
By Albert J. Edmunds. Sccond edition with a notice by T.W. 
Rhys Davids. Philadelphia, 1904. 34 S. 

Eine ebenso beachtenswerte, wie interessante Schrift. Sie bietet 
zahlreiche buddhistische Parallelstellcn aus den Päli-Textcn zum Neuen 
Testament und bildet den vierten und fünften Teil zu einem grösseren 
Gesamtwerk, dessen ersten drei Teile als einzelne zerstreute Aufsätze 
erschienen sind. Diese ersten drei Abschnitte behandeln 1. die Kindheits- 
legenden, 2. die Vorbereitung Jesu und Gotamas zu ihrem Lehramt, 3. das 
Lehramt und die Sittenlehren beider Meister. Der vierte Teil nun, also 
die erste Partie des uns vorliegenden Buches ist betitelt »The Lord« 
(Der Herr) und gibt hochinteressante analoge Äusserungen Christi und 
des Buddha über sich und ihre Mission; stellenweise ist die Überein- 
stimmung und Ähnlichkeit dieser »Herren-Worte« geradezu verblüffend. 
Im fünften Teile endlich werden die Parallelstellen zusammengetragen, 
die auf die Zukunft der Gemeinde, die Eschatologie usw. Bezug nehmen. 

Edmunds hat durch diese Arbeiten wirklich etwas Dankenswertes 
geliefert; Schriften wie die vorliegende sind in erster Linie imstande, den 
Dünkel vieler Christen, im Besitze der „allein selig machenden Religion" 
zu sein, herabzuschrauben, und das gegensätzliche Verhältnis, in das 
ebenfalls gerade weite Kreise des orthodoxen Christentums beide Reli- 
gionen bringen möchten, auszugleichen. Wir werden nicht verfehlen, 
den Lesern unserer Zeitschrift die wertvollen, ausgezeichneten Zusam- 
menstellungen Edmunds in deutscher Übersetzung vorzulegen. S. 

The Light of Dharma. Inhalt der letzten Nummer (Juli 1905): 
Ewige Glückseligkeit ist dein. — Im blumenreichen Japan (Fortsetzung). 



.40 Die buddhistische Weit. I. Jahrg. 

— Die Behandlung russischer Gefangener und Verwundeter seitens der 
Japaner (Schluss). — Obasuteyama. — Die goldenen Regehi der Pytha- 
goräer. — Buddhismus. — Bücherschau. — Notizen des Herausgebers. 

Congress of Japanese Religionists. The Kinitodo Publishing Co. 
Tokyo 1904. IV, 56 S. mit drei Beilagen. 

Dies ist der gedruckte Bericht über den vorjährigen in Tokyo abge- 
haltenen Kongress, über den wir seiner Zeit (S. 7 der »Buddhistischen 
Welt«) eine Notiz gebracht haben. Die Begrüssungsrede hielt Rev. S. Ku- 
roda (Buddhist). Bevor die bekannte Resolution bezüglich des Krieges 
angenommen wurde, sprachen folgende Herren: Rev. Moritane Hirata 
(Shintoist), Jitsunen Saji (Unitarier), Rev. Ködo Kozaki (Christ), 
Professor Sensho Murakami (Buddhist), Rev. Seiran Ouchi (Bud- 
dhist), Rev. Reichi Shibata (Shintoist). — Drei Beilagen geben die 
Photographieen der hervorragendsten buddhistischen , christlichen und 
shintoistischen Kongressteilnehmer. 

Wie sympathisch berührt dieses gemeinsame, einmütige Zusammen- 
arbeiten der verschiedenen religiösen Gemeinschaften! Werden wir in 
Europa auch einmal derartiges erleben? — 

Sozialist und Vegetarier. Ein Zwiegespräch. Von Franz Priscliing. 
Selbstverlag des Verfassers, Graz 1905. 16 S. 
Der Verfasser legt in diesem kleinen Schriftchen seine Gedanken 
über Sozialismus und Vegetarismus nieder. Interessenten können die 
Broschüre vom Autor kostenlos beziehen. 

Eingegangene Zeitschriften: Der Herausgeber bestätigt dankend 
den Empfang von Tausch-Exemplaren seitens folgender Zeitschriften : 
Blätter zur Pflege des höheren Lebens (Paul Frömsdorf, Schwcid- 
nitz); Buddhism (Ananda Maitriya, Rangün); Das freie Wort (Max 
Henning, Frankfurt a. M.); Das Wort (Leopold Engel, Dresden); Der 
g'rode Michel (Franz Prisching, Graz); Der Tier- und Menschen- 
freund (Professor Dr. Förster, Friedenau b. Berlin) ; DerVähan (Richard 
Bresch, Leipzig); Die freien Glocken (Ludwig Kreichauf, Leipzig); 
Die Handelsakademie (Leipzig); Die übersinnliche Welt (A. Wein- 
holtz, Berlin); Reformblätter (Max König, Hannover); Schweizer- 
ische Abstinenzblätter (Zürich, Schweizerische Gross-Loge des I. O. 
G. T.); Steirische Schul- und Lehrer-Zeitung (Friedrich Döhren, 
Graz); The Open Court (Dr. Paul Carus, Chicago); The Light of 
Dharma (Rev. Dr. Kentok Hori, San Francisco); The 'Sandarcsa 
(Percra, Colombo); Theosophischcs Leben (Paul Raatz, Berlin); 
Theosophischer Wegweiser (Arthur Weber, Leipzig); Volkskraft 
(Otto Melchers, Bremen). 

Solidarität. Sei stets darauf bedacht, das Wohl und Glück anderer 
zu fördern. jatakamal:i. 

Überall in allem sich wiederkennend durchstrahlt der Jünger die 
ganze Welt mit liebevollem, fricdevollein, unbewegtem Gemütc, mit weitem, 
tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem. 

Majjhima-Nikäya. 



Verantwortlicher Rcdaktrur: G. Ä. Dirtze, Lcijtzig:. — VVrlag: Buddhistischer Verlag 
in Leipzig. — Druck: Arno Bachmann, Baalsdorf-Leipzig. 



Die 



Buddhistische Welt. 



Publikations-Organ 

des 
Buddhistischen Missions-Vereins in Deutschland. 



I. Jahrgang. 



LEIPZIG, September 1905. 



No. 6. 



Rundschau. 



Friede. So ist er denn ausgestritten, der blutigste, furchtbarste 
Krieg, von welchem die Weltgeschichte zu sagen weiss! Welch' heisses 
Ringen, welch' mörderischer Kampf! Viel tausend Menschenleben sind 
geopfert; in ungezählten Familien ist Leid und Jammer eingekehrt, und 
manch trauerndes Herz sieht seine einst so stolzen Hoffnungen welken, 
sterben, für immer verweht werden. Eine furchtbar ernste Predigt über 
die Wahrheit vom Leiden ! 

Und schnell und unaufhaltsam rollt das Rad der Zeitlichkeit dahin: 
Wo noch vor kuizem Kanonendonner dumpf erdröhnte, wo der Schmerz 
in tausendfacher Gestalt die Krieger anblickte, wo Blutgeruch die Luft 
erfüllte und gellendes Todesschreien gen Himmel drang, — da schweigen 
jetzt die Geschütze, da wird es still; lächelnd als sei nichts geschehen, 
bestrahlt die Sonne das ganze Leichenfeld, und unter dem Erdboden 
gehen die letzten sichtbaren Überreste tapferer Streiter dem Zerfall ent- 
gegen, um neuen Formen eine Stätte zu bereiten — Vergänglichkeit! — 

Japan hat den ostasiatischen Völkern die Wege zu einer friedlichen 
Weiterentwicklung und geistigen Regeneration ebnen wollen; Japan 
wollte den Frieden und hat, als alle anderen Mittel fehlschlugen, zu 
dem schwersten, schmerzlichsten, opferreichsten Mittel gegriffen: zum 
Kriege. Und dieses Mittel hat den Zweck erreicht: Die Völker im 
fernen Osten haben nun für Jahre hinaus Frieden. 

Der Friedensabschluss zu Portsmouth, dessen Zustandekommen der 
weisen Einsicht der japanischen Staatsmänner zur hohen Ehre gereicht, 
ist für die buddhistische Welt in zwiefacher Hinsicht von höchster Be- 
deutung: Erstens sind die Völker Ostasiens für absehbare Zeit vor der 
russischen Knute und Finsternis, der »weissen Gefahr« für Asien, ge- 
schützt; und mit Japans Dominat in Ostasien ist diesen Völkern die 
Möglichkeit eines geistigen Aufschwungs gewährleistet. Zweitens bricht 
für die buddhistiche Mission mit dem Frieden von Portsmouth eine 
neue Ära an. lapan wird jetzt mit Nachdruck dafür eintreten können, 
dass seinen buddhistisciien Untertanen, die in andere Länder das Licht 
des Buddha tragen wollen, und ihrer Mission dieselbe Freiheit gewähr- 
leistet wird, die andere Missionen schon seit langem geniessen. Dies 
wird zunächst für die ostasiatischen Länder in Frage kommen; im Lauf 
der Zeit wird sich aber die Wirkung auch im Westen bemerkbar machen. 



42 Die buddhistische Welt. i. Jahrg. 

Die Buddhisten Japans sind in erster Linie dazu berufen und unter den 
momentanen Verhältnissen an; meisten dazu befähigt, die Missions-Arbeit 
im grossen Massstabe aufzunehmen und durchznfiilncn. Die buddhistische 
Welt ist daher Japan zu grossem Danke verpflichtet. 

Die buddliistischc IMission in Ameril<a. In den Vereinigten Staaten 
geht das Missionswerk schneller vorwärts, als wir geglaubt haben: Die 
Gründung einer Station an der atlantischen (diesseitigen) Küste ist be- 
reits vollendete Tatsache. Rev. Dr. Kentok Hori, der bisher die 
Mission an der Pacific-Küste von San Francisco aus leitete, ist dazu 
auserselien worden, in Boston die Arbeit aufzunehmen. An'seine bis- 
herige Stelle in San Francisco als neuer Superintendent ist Rev. K 
Uchida, Dozent an der buddhistischen Universität in Tokyo, getreten. 
Rev. Uchida ist bereits im Juli in San Francisco eingetroffen. 

Die christliche Mission und die religiöse Erziehung auf Ceylon. 

Über dieses Thema veröffentlicht Marie Musäus-Higgins, Colombo 
(Ceylon), einen sehr interessanten Aufsatz in No. 18 des »Volkserzieher« 
(Wilh. Schwaner, Berlin), dem wir nachstehendes entnehmen. 

Von den 3578000 Bewohnern der Insel Ceylon sind 2331000 Sing- 
halcsen, und unter diesen nach den neuesten Zählungsberichten 2141000 
Buddhisten. 

Seit ungefähr 1880 sind allmählich überall buddhistische Schulen 
entstanden, die auch buddhistischen Religionsunterricht erteilen, sodass 
die buddhistischen Kinder nicht mehr nötig haben, um etwas zu lernen, 
in die Missionsschulen zu gehen, wo sie gezwungen werden, die Religion 
ihrer Väter zu verachten. Gewiss werden die Missionare bestreiten, dass 
sie die Kinder zwingen, Christen zu werden. Da möchte ich als Ant- 
wort eine kleine Geschichte erzählen, die ich erst vor einigen Tagen von 
einem gebildeten buddhistischen Singhalcsen gehört habe. Er sagte: 
„Als ich klein war, lebte ich in einem Dorfe und ging jeden Morgen mit 
anderen Jungen meines Alters in den Tempel, wo wir von einem Priester 
unterwiesen wurden, wie wir den Tempel reinigen und Blumen auf den 
Altar des Buddha legen sollten. Dafür wurden wir im Lesen und Schrei- 
ben unterrichtet und lernten unser Panca Sita (die fünf Gebote in Päli 
der religiösen Sprache der Buddhisten). Wir waren sehr glücklich. Als 
ich grösser wurde und auch das Englische lernen sollte, wurde ich in eine 
Missionsschule geschickt. Wir waren 17 buddhistische Knaben in der 
Klasse zusammen und, als wir versetzt wurden, waren nur noch drei von 
uns Buddhisten. Warum? Weil die Knaben dadurch, dass sie sich als 
Christen bekannten, allerlei Freiheiten erlangten, weil sie bei den Lehrern 
besser angeschrieben waren und weil sie nicht jeden Montag eine 
Tracht Prügel haben wollten, wenn sie die Frage, ob sie am Sonn- 
tag in der Kirche gewesen seien, verneinten." „Schliesslich," fuhr der 
Singhalese fort, „ging ich auch in die Kirche; aber meinem Glauben blieb 
ich doch treu. Einmal erwarb ich mir einen Preis durch den besten Auf- 
satz; aber alle Lehrer mit Ausnahme meines Klassenlehrers wollten mir 
den Preis nicht geben, Ich bekam ihn schliesslich doch; aber er wurde 
mir ohne die übliche Öffentlichkeit übergeben. Mehrere Jahre später traf 
ich meinen damaligen Klassenlehrer wieder, und er fragte mich, ob ich 
gesehen hätte, was auf dem überklebten Titelblatte meines Pre'isbuchcs 
stehe. Ich fand beim Ablösen, dass das Buch einem anderen christlichen 
Mitschüler zugedacht war, und dass ich nur dem Gerechtigkeitssinn 
meines Klassenlehrers den Preis zu verdanken gehabt habe." 

So ist es auch noch jetzt. Die buddhistischen Kinder werden durch 
Äusserungen — ich meine in den Schulen, wo sie nicht offen zum Christen- 
tum bekehrt werden — über ihre ungebildeten heidnischen Ellern, welche 



No. 6. Die buddhistische Welt. 43 

zur Hölle verdammt sind, dazu gebracht, in der Schule sich als Christen 
zu bekennen, während im Vaterhause sie es meistens nicht zu gestehen 
wagen und mit den Eltern in den buddhistischen Tempel gehen. So 
werden sie, sozusagen, zur Heuchelei erzogen, und sind, wenn sie heran- 
wachsen, weder Christen noch Buddhisten. Sie sind gelehrt worden, den 
Buddhismus zu verachten ; aber sie haben nicht gelernt, das walue 
Christentum zu lieben, denn sie kennen es nicht. Ich kann di^: Ver- 
sicherung geben, dass in den wenigen Distrikten, wo überwiegend be- 
kehrte Heiden leben, mehr Lug und Trug herrscht als in denen, wo die 
meisten Menschen Buddhisten sind. Ein Schulinspektor sagte mir vor 
kurzem noch, dass er viel lieber die buddhistischen Schulen prüfe als die 
christlichen, da er in den letzteren im Gegensatz zu den ersteren immer 
so sehr aufpassen müsse, dass kein Betrug vorkäme. Kann man sich nicht 
vorstellen, dass Leute, denen immer das Gesetz „des Karma" gepredigt 
wurde, welches sagt, dass jede böse Ursache eine böse Folge, jeder 
schlechte Same eine schlechte F-rucht hervorbringen muss, dass jeder Tat, 
ob gut oder böse, eine, Belohnung oder Bestrafung folgt, wenn nicht im 
gegenwärtigen Erdenleben, dann in einem der folgenden, und dass niemand 
ihnen iiire bösen Taten abnehmen kann, dass diese Leute die christliche 
Lehre der Vergebung der Sünden mi'svcrstehen können? Mir wird viel- 
leicht geantwortet werden, dass die Buddhisten dann aus i'urcht vor der 
Strafe nichts Böses tun. Aber da möchte ich fragen, ob das nicht besser 
ist, als wenn sie sagen: „O, es ist viel leichter, ein Christ zu sein; 
denn dann kann ich unrecht tun und nachher zum Priester gehen und 
mir Vergebung meiner Sünden holen 1 Oder, ich lebe, wie es mir gefällt, 
und wenn es zum Sterben kommt, dann bekenne ich meinen Glauben an 
Christus, und meine Sünden sind mir vergeben !" Denn so wird das 
Christentum leider meistens unter den Eingeborenen aufgefasst, wenn sie 
es nicht aus Gewohnheit von ihren Vorfahren beibehalten haben, die 
unter den Portugiesen Christen werden mussten. 

Nun wird man mich fragen, warum stehen denn die Singhalesen 
nicht Hand in Hand zusammen und arbeiten in Einigkeit für ihre Religion, 
da ihnen doch Religionsfreiheit gewährt ist? Ja, das ist wohl leicht ge- 
sagt, aber nicht so leicht getan ! Ein Volk, welches seit mehreren Jahr- 
hunderten unterjocht gewesen ist und religiös bedrückt war von den 
Portugiesen und Holländern, kann sich nicht so schnell davon frei machen. 
Sie haben sich zum Teil aufgerafft und 1880 viele Schulen gegründet; 
aber es sind nur wenige in Missionsschulen erzogene und ihrem Glauben 
treu gebliebene Singhalesen da, die befähigt sind zum Organisieren ; 
denn wie gesagt: früher durften Singhalesen nicht Leiter von Schulen 
sein. Es gibt kaum Europäer, die vorurteilsfrei genug sind, um nach 
Ceylon zu gehen und die Erziehung der Kinder in buddhistischem Sinne 
zu übernehmen. Bis jetzt gibt es nur zwei Europäer, einen Engländer 
und eine Deutsche, welche es unternommen haben, auf Ceylon erziehlich 
im buddhistischen Sinne zu wirken. Den meist armen buddhistischen 
Schulen gegenüber steht die mächtige Mission mit ihren vielen Schulen 
und reichen Geldmitteln, die von guten Christen in Europa zur Bekehrung 
der Heiden gespendet werden und es den Missionaren möglich machen, 
billige Schulbildung zu geben. Dennoch heisst es im letzten Zählur.gs- 
bericht vom Jahre 1901, dass von den ungefähr 867100 Kindern im 
schulpflichtigen Alter nur 218500 unterrichtet werden, also drei Viertel 
der Kinder keine Schule besuchen. Es sieht also noch sehr traurig mit 
der Kindererziehung auf Ceylon aus. 

Regierungsschulen gibt es auf der Insel 500, Qrant-in-Aid-SchuIen 
(solche, welche von der Regierung unterstützt werden) 1328 und allein- 
stehende Schulen 2089. Die meiste Schulbildung hängt also von Frivat- 

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44 Die buddhistische Welt. I. Jahrg. 

Unternehmungen ab, welche mit grossen Opfern verbunden sind. Die 
Buddhisten haben jetzt 142 Schulen, was sehr anzuerkennen ist, da ja alle 
erst seit 1880 entstanden sind. Die Katholiken haben allein 336 Schulen 
aufzuweisen, darunter mehrere sehr grosse, prächtige Knabenschulen. 
Unter den buddhistischen Schulen sind drei gutbesuchte Kollegcs für 
Knaben, eine einzige Mädchenpension und Schule (anglo-vernacular), wo 
die Mädchen eine singhalesische und englische Erziehung bekommen, 
und mehrere Oriental-Kolleges, wo Päli, Sanskrit und Singhalesisch ge- 
lehrt wird und die meistens von jungen Priestern besucht und von alten 
Priestern geleitet werden. Die übrigen buddhistischen Schulen sind 
meistens Dorfschulen. 

Von der älteren Generation der Buddhisten kann ich sagen, dass 
ich viele gefunden habe, besonders unter den Frauen, die ihre Religion 
sehr lieben, und ich habe bei den religiösen Festen wie beim Wesak 
(dem Geburtstag Buddhas, Vollmond im Monat Mai) die Andächtigen mit 
Gesichtern gesehen, welche von Liebe und Erleuchtung glänzten. Unter 
der grossen Menge herrschte bei solchen Festen, wo die Menschen ge- 
wöhnlich die ganzen Nächte im Tempel bleiben, Ruhe und Einigkeit; sie 
erscheinen ganz glücklich in ihrem religiösen Eifer. Auch auf die Kinder 
kann man durch ihre Religion einen sehr grossen Einfluss ausüben. Un- 
streitig passt nur der Buddhismus für die Bevölkerung Ost- und Südasiens; 
die Grundlagen desselben sind jedenfalls sehr moralisch und gut, min- 
destens ebenso rein und ebenso erhaben wie diejenigen des aus dem 
Buddhismus hervorgegangenen Cliristentums. Es sollte überhaupt jedem 
erlaubt sein, in seinem eigenen Glauben, falls er dem Staate und der 
Gemeinsamkeit nicht schadet, selig zu werden. 

Die buddhistische Mission in Deutschland. Von der Heft-Serie 
»Buddhismus« ist nunmehr das dritte Heft »Nibbäna« (von Änanda 
Maitriya, Separat-Abdruck aus dem »Buddhist«) erschienen und kann zum 
Preise von 30 Pfg. käuflich erworben werden. 

Im September wird Karl Seidcnstücker in Hallea.S. in einem 
geschlossenen Kreise von Anhängern, Freunden und Interessenten über 
das Thema: »Der Buddhismus und das Abendland« sprechen. Es 
ist dies der erste Missions-Vortrag, der ausserhalb Leipzigs gehalten wird. 

Tod eines buddhistischen Hohenpriesters? Verschiedene Blätter 
berichten von dem Ableben des greisen Hohenpriesters H. Sumangala 
(Ceylon), eines der bedeutendsten buddhistischen Gelehrten und Apolo- 
geten. Wir geben die Nachricht mit allem Vorbehalt wieder, da unser 
ceylonesischer Gewährsmann bis jetzt von diesem Ereignis nichts be- 
richtet hat. 

Mitteilungen und Notizen. 

Ein christlicher Missionars - Trick ? Christliche Blätter brachten 
vor einem Vierteljahr mit innigem Behagen die Meldung, dass der 
japanische Admiral Togo ein frommer, eifriger Christ sei. Wie nun 
der ceylonische »The San dar es a« aus ganz sicherer Quelle erfährt, ist 
Togo kein Christ und denkt auch nicht im entferntesten daran, Christ 
zu werden. »Sandaresa« meint, die Meldung sei nichts, als ein christ- 
licher Missionars-Trick. 

Eine christliche Missionars-Stimme. Ein Freund aus Halle be- 
richtet uns über eine Unterredung, die er kürzlich mit einem christlichen 
Missionar, der in China gewirkt hatte, gehabt hat. Nachdem der Mis- 
sionar in einem Vortrag die Religion des Buddha vor einer frommen Zu- 



No. 6. Die buddhistische Welt. 45 

hörerschaft beschimpft hatte, wurde er von dem betreffenden Herrn zur 
Rede gestellt. „Woher es wohl komme, dass der Buddhismus in Deutsch- 
land immer weitere Ausbreitung gewänne?" Nach der Antwort des 
Missionars trägt daran der Satan und die verderbte Welt die Schuld. 
„Der Buddhismus, dessen Ziel absolute Vernichtung sei, habe überhaupt 
keinen sozialen Wert", meinte der Missionar. — Letzterer hat, wie gesagt, 
in China gewirkt, und in diesem Lande ist es um den Buddhismus ähn- 
lich bestellt, wie um das Christentum in Russland (allerdings ohne Knute 
und Wutky). Wenn also der Herr Missionar die Entartung, die Miss- 
bräuche und den Aberglauben innerhalb dieses chinesischen Buddhis- 
mus dem Buddhismus an sich, d. h. der Lehre des Buddha, auf die Rech- 
nung setzt, so darf er logischerwcise nichts dagegen einwenden, wenn je- 
mand das Christentum Christi, d.h. das Christentum an sich, für die Verehrung 
der heiligen Mutter Gottes von Kasan, für die mönchische Faulenzerei und 
Trunksucht, für den Götzendienst und Aberglauben innerhalb des russi- 
schen Christentums verantwortlich machen wollte. Freilich, wenn der Spiess 
in dieser Weise umgedreht wird, dann wird es den Herren Missionaren nicht 
passen; mögen sie doch endlich einmal die elementare Lektion lernen, dass 
mit demselben Mass, mit dem sie messen, auch ihnen gemessen wird; d. h. 
dass ihnen unter Anwendung der von ihnen geübten Unlogik auf das 
Christentum deutlich gezeigt wird, dass sie sich auf dem Holzwege befinden. 

Der Buddha vor einem deutschen Fürstenschlosse. Unter dieser 
Devise brachte die Vossische Zeitung in ihrer Nummer vom 25. 
August folgenden Leitartikel : „Die Heidenmission erlebt gegenwärtig 
offenbar eine ernste Krisis. Man kann kein kirchliches Blatt in die Hand 
nehmen, in dem nicht ein beweglicher Aufruf zur Sammlung von Geld- 
mitteln zu lesen wäre. Fast ausnahmslos klagen die Missionsgesell- 
schaften, dass ihre Kassen ein Defizit aufzuweisen haben von einem 
derartigen Umfang, dass der weitere Betrieb der Vereinsarbeit in Frage 
gestellt ist. Man greift zu den seltsamsten Mitteln, die treugebliebenen 
Freunde der Missionssache zu immer neuen und immer grösseren Opfern 
willig zu machen. 

Es ist keine Frage, die Teilnahme an der Heidenmission ist gegen- 
wärtig in einem rapiden Niedergang begriffen. Diese Tatsache ist über- 
raschend. Das Interesse an der Christianisierung der heidnischen Völker 
musste, so sollte man meinen, in dem Masse wachsen, als unsere geschäft- 
lichen und politischen Beziehungen sich über den Erdball ausdehnen. 
Mit der politischen und kommerziellen Entwickelung Englands ging die 
Enstehung und Blüte der Missions- und Bibelgesellschaften des Insel- 
reiches Hand in Hand. Man könnte erwarten, dass die Ära der deutschen 
„Weltpolitik" eine Blüteperiode der Missionsarbeit herbeiführen würde. 
Nun ist das Gegenteil der Fall. Die Teilnahme an der Bekehrung der 
Heidenwelt erlahmt, und wenn dieser Mangel an Interesse nicht sehr bald 
aufhört, werden die Missionsgesellschaften genötigt sein, ihre Arbeit er- 
heblich einzuschränken. 

Es ist schwer zu sagen, wie diese Erscheinung zu erklären ist. Aus 
mangelnder Begeisterung für die religiösen Ideale des Christentums jeden- 
falls nicht. Denn der Sinn für die Religion scheint in allen Schichten 
der Bevölkerung im Wachsen begriffen zu sein. Man denke an die sog. 
Gemeinschaftsbewegung, die wie eine starke Woge elementarer Frömmig- 
keit von England und Skandinavien aus gegenwärtig über Deutschland 
geht, man denke an den Jugendbund für entschiedenes Christentum, der 
Millionen von jungen Leuten zu seinen Mitgliedern zählt und in Berlin 
jüngst eine imposante Versammlung abhalfen konnte, man denke an die 
überaus erfolgreiche literarische Propaganda der modernen Theologie. 
Aber vielleicht hat diese verstärkte Anteilnahme an den religiösen Fragen 



4& Die buddhistische Welt. [. Jahrg. 

Rcrade den Blick von den fernen Missionsfeldern abgezogen Als in der 
Reformationszeit das ganze Volk den Kampf um die religiöse Befreiung 
vom romischen Papst- und Priestertum mitkämpfte, verlor es die Mission 
völlig aus dem Auge. Der katholisch gebliebene Erasmus war es der 
die Christenheit seines Zeitalters auf die Missionspflicht gegen die heid- 
nischen Bewoliner der eben entdeckten neuen Welt hinwies für Luther 
Zwingli und Calvin hörte die Welt hinter den Grenzen Frankreichs Eng- 
ands und Spaniens auf. Der Kampf um die Herrschaft in der Landes- 
kirche, der Kampf um die Erneuerung dieser Kirche, um das Recht der 
freien persönlichen Überzeugung, dor Zwist zwischen den „Bekehrten" in 
den Gemeinschaften und den „Unbekehrten" in der Kirclie, die Ausein- 
andersetzung zwischen den Verteidigern der Wissenschaft und denen des 
Bekenntnisses — dies alles mag zusammenwirken, die T