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Full text of "Der fruchtgarten von Saadi"

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itrijjErrn %m$ mm 3f ammer-|torgstaU t 

Oherst-Erbl und- Vorschneider in Steiermark, Ritter des kaiserl. Ssterreiehisehea Leopoldorden«, 
des kais. rassischen Annen-Ordens zweiter Klasse in Brillanten, Inhaber des osmaaisehea Verdienst- 
ordens und des persi sehen Tora Löwen nnd der Sonne, Ritter des königl. preassisehen Ordens pour 
lemerite littfraire, Officier der französischen Ehrenlegion, Corathnr des königl. baierischen Verdi eust- 
ordeos rom heiligen Michael, des königl. haanörer'sohen Gnelphenordens, des königl. diniscben Ordens 
vom Danebrog and des eonstantinischen Georgordens ron Parma, Ritter des königl. schweduchen 
Ordens rom Nordstern, des königl. baierischen von der baierischen Kroae, des königl. sardinischen 
der Heiligen Mauritius nnd Lazarus, kais. königl. Hofrath, Dr. der Philosophie der Universitäten 
an Prng aad Grats, Mitglied nud ersterwihltem Prisidenten der kaiserl. Akademie der Wissen- 
sehaftea xa Wien, Mitglied der sieben asiatischen Gesellschaften tob Calcotta, Madras, Bombai, 
Paris, London, Boston, nnd der deutsch-morgenlindischen an Halle-Leipzig etc. etc.. 

dem Herodot des osmanischen Reiches, 

dem Geschichtschreiber der persischen, türkischen und arabischen Literatur, 

dem Yerdeutscber der drei grossten Lyriker des Mtrgenlandes, 

dem Erwccker und Beieber orientalischen Studiums in Oesterreich und Deutschland, 

den Forderer und Freunde jeder wissenschaftlichen Forschans;» 

widmet dieses Buch 

als Zeichen innigster Verehrung 



der Uebersetaer. 



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Soll die Frucht im Laube prangen, 
Muss die Bluthe sein vergangen ; 
Dort erst, wo die Dichtung schloss, 
Hat die Wahrheit angefangen. 
Aber Meister dünken mich, 
Die, was Zwei, zu Einem zwangen: 
Dichtungsbluthe, Wahrheitsfrucht 
An dieselbe Ranke schlangen. 
Solch' ein Meister, Saadi ist's, 
Der an Eines Stammes Stangen 
- Und sein Werk ist dieser Stamm - 
An der Verse seid'nen Spangen 
Duft'ge Blüthen, edles Obst, 
Die vor keinem Winter bangen, 
Perlenschmuck der Phantasie, 
Gold der Lehre aufgehangen. 
Seh't, sein Garten thut sich auf 
Frisch und licht wie Mädchenwangen : 
Tretet ein, was glänzt, was nützt, 
Mög't Ihr von den Zweigen langen! 



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II. — Xylographie. 



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11 



(jrott ist es, der da schenkt und Rettung sendet, 
Die Schuld bedeckt, dem Flehenden gewährt; 
Wer je sich ab von seiner Pforte wendet, 
Bleibt, allwärts pochend, allwärts ungehört; 
Monarchenhäupter, macht- und stolz-yerblendet, 
Vor seinem Thron' sind staub wärts sie gekehrt; 
Empörern selbst ein schonender Erbarmer, 
Verwirft er nie die Reuebitte Armer. 



Ein Tropfen nur sind diese Welten beide 

In seiner Weisheit Riesenocean: 

Er hasst die Schuld, doch hüllt er sie mit Freude, 

Und ruft Bekehrte liebevoll heran. 

Du Sohn, der seinen Vater kränkte, leide, 

Der Vater ahndet was der Sohn gethan; 

Von Blutsverwandten, die dein Thun verdrossen, 

Wirst wie ein Fremder rauh du fortgestossen ; 



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12 

Und wenn dein Arm nicht sanft den Freund umschlingt, 
Verlässt er dich und meidet dich auf Meilen; 
Und wenn der Knecht zu trag' den Dienst vollbringt, 
Wird Herrenblick verdüstert auf ihm weilen; 
Und wenn ein Krieger seiner Pflicht entspringt, 
Wird Zorn des Feldherrn tödtend ihn ereilen: 
Nur Gott , der Gott der Tiefen und der Höhen , 
Lässt auch Verirrte nicht zu Grunde gehen! 



Sein weiter Tisch, für Alle reich an Gaben, 
Ist Flur und Boden, Freund und Feind gilt gleich; 
Doch wollt 7 er rächend seine Welt begraben, 
Wer fände Schutz vor seinem Rachestreich'? 
Hoch über Zwiespalt und Geschlecht erhaben 
Thront er, und Mensch und Dämon ehrt sein Reich ; 
Was lebt und leblos, segnet seine Schritte, 
So Mensch als Vogel , Fliege und Termite. 



So weit ist rings sein Gnadentisch gebreitet, 
Dass selbst der Greif im öden Fels sich nährt; 
Er ist der Milde, den nur Güte leitet , 
Der Völker schirmt, Geheimes sieht und hört. 
Die Grösse wallt, die Ehre wo er schreitet; 
Der starke Fürst, dess Reich seit ewig währt, 
Aufs Haupt dem Einen drückt er Königskronen, 
Und wirft den Ander'n in den Staub von Thronen. 



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13 

Die Stirn' des Einen schmückt ein Fürstenhut, 
Der Leib des Ander'n friert in Bettlerhüllen; 
Für Abraham 1 ) schafft Rosen er aus Gluth, 
Die Schar vom Nile 8 ) brennt nach seinem Willen; 
Denn seine Hand ist's die da gibt, was gut, 
Und sein Gebot, soll Unheil sich erfüllen; 
Durch ew'ge Schleier schaut er uns're Blosse, 
Mit ew'gen Schleiern deckt er seine Grösse. 



Zuckt drohend er sein Racheschwert im Grimme, 
Steh'n Cherubime aug- und ohr-beraubt; 
Ein leiser Ruf mit des Erbarmers Stimme 
Bewirkt, dass Satan selbst an Gnade glaubt; 
Wie Erdengrösse stolz empor auch klimme, 
Vor seiner Grösse beugt sie scheu das Haupt; 
Ein wahrer Schirmherr Allen die in Nöthen, 
Willfahrt er Frommen, die in Demuth beten. 



Auch das, was nicht ist, kann sein Auge seh'n, 
Sein Ohr vernimmt die Stimme der Gedanken; 
Er herrscht auf Erden und in Himmelshöh'n, 
Er hält Gericht, wenn einst die Welten wanken. 
Wer ist ein Mensch, und könnt' ihm widersteh'n, 
Und zwänge ihn und bannte ihn in Schranken? 
Er ist der Alte, er der Gute, Grosse, 
Der Menschenbilder schafft im Mutterschoosse. 



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14 

Er rollt vom Osten Sonn 7 und Mond nach Westen , 

Aus Chaosnächten schuf er trock'nes Land, 

Auf wildem Meer', dess Wogen sie durchnässten, 

Schwamm bunt die Welt, ein Teppich, ausgespannt: 

Da schuf er, sie, die fiebernde, zu festen, 

Gebirge, Riesenschrauben, und sie stand. 

Aus Tropfen formt er Menschen, feengestalt'ge, 

Wer mahlt auf Wasser wie der Allgewalt'ge? 



Im rohen Fels lässt er den Onix glüh'n, 

Aus Laubsmaragd Rubinenrosen sprossen ; 

In's Meer aus Wolken lässt er Regen sprüh'n, 

Und wandelt ihn in Perlen, lichtdurchflossen; 

Kein Staubatom kann seiner Hut entfliehen, 

Denn gleich vor ihm sind Offen und Verschlossen ! 

Selbst Wurm und Schlange lässt er nicht verkümmern , 

Und nährt auch Krüppel, die in Unmacht wimmern. 



Auf seinen Wink quoll aus dem Nichts das Leben, 
Wer ist's, der ihm gleich, Sein aus Nichts gebar? 
Einst schlummern wir dem Nichtsein rückgegeben , 
Er aber weckt uns, richtend streng und wahr. 
Die ganze Welt fühlt seine Macht mit Beben , 
Doch was er ist, wird ewig ihr nicht klar: 
Kein Sohn des Staubes kann den Hehren deuten, 
Kein Blick ermessen seine Herrlichkeiten. 



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15 

Kein Arm der Denkkraft reicht an seinen Saum, 
Kein Vogel Geist an seines Wissens Zinnen; 
Er selbst umfasst des Weltall's ganzen Raum, 
Und du, o Mensch, kannst nicht sein Bild ersinnen ! 
In seine Tiefen dringt kein Weisheitstraum, 
Selbst Phantasie kann keinen Grund gewinnen: 
Manch stolze Flotte sank in diese Klüfte, 
Und nicht ein Bret gibt Kunde wo sie schiffte. 



Wie viele Nächte in Betrachtung dessen 

Sann ich, bis Schauder warnend mich befiel; 

Im Wortstreit' magst du dich mit Grossen messen, 

Des Grössten Sein erklärt kein Zungenspiel. 

Manch' Einer, der da stolz zu Ross gesessen, 

Blieb matt zurück, denn endlos ist das Ziel; 

Und jeder Pfad nicht ist ein Pfad für Reiter, 

Oft gähnt ein Schlund» man steht und kann nicht weiter. 



Und weiht er Einen in's Geheimniss ein, 
So hält er ihn und lässt ihn nimmer wieder; 
Er reicht den Kelch ihm mit Erkenntnisswein , 
Doch Schlaftrunk ist's, er schliesst die Augenlieder; 
Der blinde Falke schaut nicht Sonnenschein, 
Der and're schaut ihn, doch versengt die Glieder; 
Noch hat kein Mensch den Schatz Karun's 8 ) gefunden, 
Und wer ihn fand, blieb ewig mit verschwunden. 



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16 

Ich selbst ertrank in diesem Meer' voll Grauen, 
Aus dem kein Schiffer rettete den Kahn! 
Gib auf, o Mensch, auf Rückkehr das Vertrauen, 
Willst schreiten du, ein Pilger, diese Bahn; 
In deines Herzens Spiegel musst du schauen , 
Durch Liebe schrittweis der Erkenntniss nah'n: 
0, dass berauschend Dufthauch seiner Liebe, 
Dem Bund' des Ew'gen dich entgegen triebe! 



Und bist so hoch du hoffend aufgestiegen, 

Dann fort auf Liebesflügeln! zage nicht! 

Der Wahrheit Strahl zerreisst den Flor der Lügen, 

Der Nebel weicht und Alles schwelgt im Licht'. 

Menschengeist, so mächtig darfst du fliegen, 

Bis heil'ges Staunen fest dich bannt und spricht: 

Halt! Einer*) nur hat ganz diess Meer durchschwömmen, 

Weh 1 , Allen weh\ die and're Bahn genommen! 



1) Der mohammedanischen Sage nach, liest der heidnische Konig Nimrad den AI trater Abraham 
in das Feuer werfen, um ihn für die Bekennung des einxigen Gottes zu strafen; allein die Flammen 
verwandelten sich in kühlende Rosen. 

2) Nämlich das Heer des Pharao, das Gott verdirbt und in der Holle brennen lässt. 

3) Kariin, der Core der h. Schrift, Geschwisterkind des Moses und Aaron , soll, der morgen- 
ländischen Sage zufolge, Besitzer von unermesslichen Reichthumern gewesen sein, mit welchen er 
selbst, seines sündhaften Lebens halber, von der Erde verschlungen wurde. 

4) Nämlich der Prophet des Islams , Mohammed , welcher , seinem eigenen Aussprache nach, sich 
Gott bis auf Bogenlänge oder noch mehr näherte. 



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17 



An den Leser. 



Der Erde Fernen hab' ich lang' durchwandelt, 
Mit Menschen jeder Art hab' ich verhandelt; 
In jedem Winkel fand ich eine Lehre, 
Aus jeder Garbe pflückt' ich eine Aehre. 
Doch edler Volk fand ich auf keiner Scholle 
Als in Schiraf *), das Gott beschirmen wolle! 
So liebt mein Herz die Männer dieser Stadt, 
Dass RumV) und Syriens es vergessen hat. 
Und doch, o Schmach, kam aus so vielen Gärten 
Mit leerer Hand ich heim zu den GefShrten. 
Da dacht' ich mir: Wer aus Aegypten kehrt 
Bringt Zucker mit, den er dem Freund' verehrt ; 
Mir mangelt zwar solch' süsses Angebind', 
Doch hab' ich Lieder, die noch süsser sind ; 
Auch sie sind Zucker, zwar nicht Körperspeise, 
Doch geist'ge, in Papier bewahrt durch Weise; 



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18 

Sie sind ein Hain, dem Herbstßtunif unerreichbar, 
Im weiten AU ist keiner ihm vergleichbar; 
Sie sind ein Lustschloss, Spielplatz meiner Lieben« 
Kuri, dieses Buch: n Fruchtgarten" überschrieben! 



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21 



Machtgebrauch. 



Was zum Sohn 1 der Herrscher sprach, 
Dessen Blick im Tode brach, 
Höre: »Wie dich gut dünkt schalte, 
Doch das Volk in Ehren halte! 
Und dass dir sein Knie sich neige, 
Du das Haupt dem Rechte beuge ! 
Mancher hat, der schlecht gebaut, 
Eigenen Bau's Verfall geschaut; 
Mehr als schwertbewehrten Feind, 
Scheu' ein greises Weib, das weint; 
Armer Wittwen Seufzerflammen 
Brannten manche Stadt zusammen. 
Darum Dem vor Allen Preis 
Der gerecht zu herrschen weiss: 
Weil, trifft ihn das Loos der Ruhe, 
Segen nachweint seiner Truhe; 



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21 

Weil nur ao ist für das Sterben 
Guter Nachruf zu erwerben; 
Weil an Händen Flüche hangen, 
Darob Menschen händerangen; 
Weil nur Wohlthun Dank erwirbt, 
Unrecht selber sich verdirbt!" 



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23 



linterseheidc! 



Ein König, also hört 1 ich sagen, 

Verlor einst sein Gefolg' 001*111 Jagen. 

Als plötzlich sieh ein Fremder wies, 

Der so den König denken Hess: 

„Sieh 1 da, ein Feind, der holft zu Alton« 

Ihm soll mein Pfeil die Lust verderben!** 

Und rasch zog er die Sehne an, 

Alsbald zu tilgen jenen Mann; 

Da schwerer Freund vom Feind' auf Heiden, 

Als Ros 1 und Dorn daheim zu scheiden. 

Der Fremde aber rief ihm zu : 

„Kein Feind bin ich, nicht dräue du!" 

Dann sprach er: „0 Monarch der Erde» 

Dein fern sei bösen Blick 's Beschwerde» 

Ich bin ein Hirt, und hüte hier 

Des Königs weidendes Gethiei\** 

Das hörte dieser neubelebt 

Und sagte lachend: „Narr, es sehwebt 

Ein heil'ger Schutzgeist wohl um dich, 

Denn schon den Bogen spannte ich. " 

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24 

Doch Jener sprach und lachte auch: 
„Dem Edlen rathe, heisst der Brauch, 
Darum rernimm: Nicht klug sich nennt, 
Wer nicht den Freund vom Feind 9 erkennt; 
Denn also muss die Grösse sein» 
Dass sie auch kenne, was da Klein! 
Du aber sah'st mich oft bei dir, 
Und frug'st nach Weide und Gethier! 
Wie kommt es , dass du jetzt mich schau'st, 
Und gleich dem Feinde mir misstrau'st? 
Ich kenn', o Fürst, in meinen Herden 
Ein jedes Pferd aus tausend Pferden: 
Wie ich mit klugem Sinn' die Meinen, 
Erkenn' und hüte du die Deinen ! a 
Der König, dem der Rath gefiel, 
Gab Gold dem Mann' und Lobes viel , 
Dann, in sich redend, schlich er fort : 
„In's Herz mir schreib' ich dieses Wort, 
Dass Land und Volk gedeihen wenig, 
Wo Hirten klüger als der König. " 



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Das Kleinod. 



Der Ersten Einer aus gelehrter Schar 
Erzählt: „Omar, der Sohn Abdulalifs'), 
Trug einen Ring, dess Werth der Schätzung bar, 
Weit hinter sich den reichsten Käufer Hess; 
Ein Kleinod war es, dessen Strahlenpracht 
In Tageshelle wandelte die Nacht. 
Ein Hungerjahr bedrängte einst das Land , 
Und Neumond ward manch' Vollmondangesicht. 
Als Noth und Mangel allwärts ein sich fand, 
Da fand Omar auch länger Ruhe nicht; 
Wer sah' auch Gift auf seiner Brüder Lippen, 
Und konnte sorglos süsse Tränke nippen? 
Den edlen Ring Hess er zu Markte tragen, 
Und Bettlern gab er, Waisen den Gewinn; 
Sein reichstes Gut schwand hin in wenig Tagen, 
An Kranke schwand es und an Arme hin. 
Bald sah man Spötter tadelnd sich erheben, 
Dass solchen Schatz Omar dahingegeben. 
Er aber sprach und leiser Thränenschauer, 
Wie Wachs von Kerzen, quoll auf sein Gesicht: 



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26 

„Ein schlechter Fürst, der bei des Landes Trauer, 
Sich eitlen Schmuck um Stirn 1 und Hände flicht! 
Leicht kann mein Finger ohne Gold und Stein, 
Der Noth des Volk's darf nicht vergessen sein!" 



edle Seele, die das eig'ne Glück, 
Dem Glück' des Nächsten willig opfern kann! 
Der eig'nen Freude denkt kein rechter Mann, 
Sieht And're darben er in Missgeschick. 
Wo trägen Schlafes will der König pflegen, 
Darf sich der Bürger kaum zur Ruhe legen: 
Doch wo der Fürst im Dunkel wallt und wacht, 
Dort schlafe Volk in Frieden durch die Nacht! 



1) Omar, Soha de« Abdalafif, der achte Chaüfe au* dem Haate der Oauaejjadea, berühmt wegn 
•eiaer Wohlthatea aad wegea der Eiafachheit «eiaer Sitte«. 



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27 



Wahres Verdienst. 



Die Chronik alter Könige erzählt : 

„So lang Takiah 1 ) der Väter Land regierte, 

Hat nie ein Mensch den Anderen gequält; 

Diess war's, was hoch ihn vor den Ahnen zierte ! u 

Takiah nun, sprach einst mit umwölktem Blick" 

Zu einem Weisen: „Nutzlos schwand mein Leben, 

Was hilft die Macht, da ich sie hin muss geben? 

Ach, Armuth nur ist wahres Erdenglück; 

Wie sehn 9 ich mich der Stille zu gemessen, 

Und meine Tage betend zu beschliessen ! M 

Der Weise doch, im Auge Geistesglanz, 

Fuhr auf, und rief von ed 1 lem Zorn 1 erhitzt: 

„0 Fürst! ein Leben, das der Menschheit nützt, 

Gilt mehr als Busskleid und als Rosenkranz; 

Bewahr 1 den Thron und sei an Macht ein König, 

Doch sei ein Mönch an Gottesfurcht und Sitte; 

Mit Recht und Wahrheit gürte deine Mitte, 

Doch kümmVe Schein und Ordensbrauch dich wenig; 

Auf Gottes Pfad 1 hilft mehr als Reden, Schreiten! 

Gebet nicht, That nur kann an's Ziel dich tragen : 

Ein Fürst, den Pflicht und Sinnesreinheit leiten, 

Birgt ja die Kutte unter'm Purpurkragen. M 

1} Taklali herrsehte im »id liehe« Pereieo roo 1194 bis 1217 ehrist. Zeitr. 



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28 



Gross und Klein, 



Grosser, quäle Kleine nicht. 
Denn die Welt bleibt Eine nicht ; 
Und vielleicht, wie dein 1 er heute, 
Wirst einst du des Schwachen Beute, 
Furchte auch den Feind, der klein, 
Leicht zum Berge wird Gestein; 
Einig, macht ein Mückenschwarni 
Löwen selbst im Kampfe warm; 
Seide, sonst wie Haar so weich, 
Ist, verbunden, Ketten gleich. 
Besser ist der Freunde Ruhe, 
Als mit Schätzen voll die Truhe ; 
Besser ist geleert der Schrein, 
Als gefüllt durch fremde Pein. 
Starker Unrecht willig trage, 
Selbst einst kann ich stark sein, saget 
Brauch 1 aU Waffe Edelmuth, 
Edler Sinn siegt ob der Wuth; 
Des Gequälten Lippen lachen, 
Wenn des Quälers Zähne brachen. 



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29 

Fürst, der bei Musik erwacht» 

Wie verfloss des Sklaven Nacht? 

Karawane» nebst der Kunden» 

Denk'st des Maulthier's du, des wunden ? 

Doch hierüber hör't erzählen, 

Was nicht billig zu verhehlen : 



Die Hungersnoth in D&mask. 



So wüthete einst Hunger in Damask, 

Dass selbst an Liebe Liebende nicht dachten ; 

Kein Regen labte, und der Gräser Mund 

Und Palmenlippen mussten durstend schmachten. 

Kein Wasser blieb von all 1 den reichen Quellen, 

Als Thränen, die den Blick der Waise netzten; 

Kein Rauch erhob sich von den Feuerstellen, 

Als Hauch von Seufzern, wittwenbrustentpressten. 

Gleich Bettlern standen Bäume matt und kahl 

Und Helden ohne Hilfe, ohne Rath, 

Die Berge nackt und halmenlos das Thal; 

Das Volk ass Würmer, und der Wurm die Saat. 

Damal geschah's, dass eines Tag's ein Freund, 

Den ich seit je gesund und rüstig kannte, 

Und reich an Würden und an Gut gemeint, 

Jetzt Haut und Bein, an mir vorüber rannte. 

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30 

Ich rief: „0 Freund, den ich so edel fand, 

So bist auch du zum Darben auserkoren?" 

Er aber zürnte: „Fehlt dir der Verstand, 

Dass du, ob wissend, dennoch fragest wie Thoren? 

Sieh'st du denn nicht, dass Elend hier und Grauen 

Schon allen Masses Grunzen fiberschritten? 

Der Himmel, ach, will keinen Regen thauen, 

Und fruchtlos tönen Wehgeschrei und Bitten. " 

„Ich weiss," sprach ich, „allein kann dich diess kömmern? 

Gift tödtet nur, wo Gegengift gebricht; 

Mag, wer da muss, im Hungertode wimmern, 

Du bist ja reich, die Fluth schreckt Enten nicht!" 

Ich sprach's, doch ernst sah mich der Dulder an, 

So ernst, wie Reine auf Verbrecher sehen, 

Und rief: „Nicht schlummert am Gestad' ein Mann, 

Sieht er den Freund im Meere untergehen; 

Nicht Selbstentbehrung tünchte mich so bleich, 

Nein, Leid der Ander 5 n, das ich mitempfunden ; 

Ob fremde sie, ob eigene, gilt gleich, 

Kein edles Herz bleibt ungerührt bei Wunden. 

Ich kann nicht jubeln, dass ich bin gesund, 

Wenn mir zur Seite Aechzen tönt der Kranken, 

Und Leckerkost wird Galle mir im Mund', 

Wenn Bettlerscharen hungernd mich umwanken; 

Wer möchte fröhlich grüner Trift geniessen, 

Weiss er den Bruder schmachtend in Verliessen!" 



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31 



Sprach. 



Wohl war ich stark in meiner Jugend Tagen, 
Und mancher Schwache wurde wund durch mich; 
Doch hat mich einst ein Stärkerer geschlagen, 
Seitdem vermied ielTs Schwächere zu plagen. 



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Zwei Brüder. 



Es wird erzählt, dass einst in Ostens Landen 

Zwei Brüder lebten, eines Vaters Sprossen, 

Die riesenstark und muthig und entschlossen, 

Mit Körperschönheit klugen Sinn verbanden, 

Ihr Vater sah dass beide, wohlgerathen, 

Durch Kraft und Kampflust kühn hervor sieh thatun: 

Da schied sein Reich er sterbend in zwei Stücke, 

Und theilte gleich es unter beide Söhne; 

Dass Bruder nicht gen Bruder auf sich lehne, 

Und neidentbrannt das Schwert der Zwietracht zocke. 

Dann schlief er ein, um, scheidend aus dem Leben, 

Den edlen Geist dem Urgeist' rüduugeben. 

Doch weh 1 , sein Tod zerriss der Eintracht Bande, 

Und lähmte ihm den starken Arm der Tfaaten* 

Zwei Fürsten herrsehten in demselben Lande, 

Unendlich reich an Sehätzen und Soldaten, 

Und jeder schritt nach seinem Sinn 1 und Masse 

Den eigenen Pfad, die selbstgewählte Strasse, 



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33 

Gerecht der Eine» dass die Welt ihn preise, 

War hart der And're, dass er sammle Schätze. 

Der Eine schuf sich Milde zum Gesetze, 

Gab Gold der Armuth und dem Hunger Speise; 

Verstand an sich der Krieger Herz zu ketten, 

Und baute Hütten, Armuthschlummerstätten. 

Sein Schatz ward leer, doch voll sein Heer. Vergnügen 

Und Wonne herrschten, als aus froher Menge 

Wie Donner brausten jubelnde Gesänge: 

Dass Schiraf Thron 1 ) Bubekr Saad bestiegen! 

Stark, gross und weise war er. Immer beuge 

Ein reicher Fruchtschmuck seiner Wünsche Zweige ! 

Nun aber höre was der Bruder that, 

Und, wenn du Mann bist, meide seinen Pfad. 

Er strebte nur sein Erbe zu erneuern, 

Und drückte hart den Bauernstand mit Steuern; 

Voll Habgier geizend nach des Kaufmanns Waaren, 

Liess er den Reichen seinen Grimm erfahren; 

Er schenkte nichts, und wollte nichts geniessen. 

Wohl Jeder wird, dass schlecht er herrschte, schliessen, 

Und dass, weil karg er zahlte seine Leute, 

Aus Mangel sich sein ganzes Heer zerstreute ; 

Der Kaufmann auch, als er die Kunde hörte 

Wie Wüth'rlchslaune jenes Reich beschwerte, 

Zog Kauf und Handel rasch auf andVe Bahnen; 

Oed f wurden Aecker, arm die Unterthanen, 

Und als sein Freund, das Glück, sich von ihm kehrte, 

Fuhr auf gen ihn sein Feind, der wuthempörte, 

Bis, wie der Huf der Rosse seine Fluren, 



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34 

Des Himmels Zorn vertilgte seine Spuren. 

Wer hält dir Treue nun» du Ungetreuer? 

Der Bauer floh, wo findest du die Steuer? 

Bei wem, Tyrann, willst du um Hilfe flehen, 

Da nichts als Flüche dir im Röcken stehen? 

Wohl war dein Sturz bestimmt seit ew'gen Tagen, 

Weil nie du that'st, was Gute vorgeschlagen. 

Doch jenem Edlen riethen so Gerechte 

„Geniesse du, denn nichts genoss der Schlechte, 

Sein Geist war schwach, sein Herz verderbt in Sünden; 

Denn was im Recht', wollt 1 er im Unrecht' finden. " 



1) Der Verfasser besieht hier «ehr tierlich ds* Lob jenes gerechtes Firstes auf Bsbekr Saad, des 
Beherrscher tob Schirar, seiaen Wohlthiter, den er den „Froehtgartea" aneignete. 



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Hedschadsch 1 ) und der Fromme. 



Mau sagt» dass einst ein frommer Mann es wagte, 

Und dem Hedschadsch demüth'gen Gruss versagte. 

Der winkte rasch dem Schergen zu: „Beginne, 

Den Teppich breite und sein Herzblut rinne ! " 

Denn kann der Böse nicht mit Recht verdammen, 

Zieht er die Stirn' in dunkler Wuth zusammen. 

Doch jener Fromme lachte drob und weinte. 

Der Wüth'rich sah's, der grimme, herzversteinte, 

Und frug betroffen was der Mensch da meine, 

Dass er zugleich so lache als auch weine? 

Der sprach: „Ich weine über mein Geschick, 

Vier Kinder lasse hungernd ich zurück ; 

Doch lach' ich auch, weil Gott mich ausersehen, 

Bedrängt, doch nicht als Dränger heimzugehen. " 

Der Sohn Hedschadschs vernahm's und rief: „Erbarmen 

Mein strenger Vater, schone dieses Armen, tf 

Lass 7 Milde walten, seine Schuld ihm schenke, 

Der Kleinen, Herr, der Vaterlosen, denke ! 



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36 

Und glaube nicht, dass Herzen, die auf Erden 
Du brichst, dir jenseits Segen bringen werden ! u 
Er rief s ; doch Jener, taub gen Rath und Mahnen, 
Erschlug den Greis und wich von Gottes Bahnen. 
Allein des Nachts, als schlief der Sohn, der milde, 
Trat vor ihn hin des Frommen Traumgebilde 
Und sprach: „Mein Leiden währte kurze Zeit, 
Des Wüth Viehs Strafe wahrt in Ewigkeit." 



1) Name «in*» durch seifte ausserordentliche Grausamkeit ond Blatlast berüchtigten Statthalters 
roll Arabien. 



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37 



Rath. 



Viele gibt es die da graben, 
Doch nicht gleichgesinnt sind Alle : 
Dieser gräbt» den Durst zu laben, 
Jener, dass sein Nächster falle. 
Aber du, der Böses thut, 
Hoff' yon Ander 'n nicht, was gut; 
Denn auf bitter 'n Tamarinden 
Wirst du nimmer Trauben finden ; 
Wer da sä't auf Holz und Dorn, 
Hofft umsonst zu ernten Korn; 
Niemals, wie du pfleg'st ihn auch, 
Gibt dir Frucht der Distelstrauch, 
Nie der Giftbaum Datteln, süsse : 
Wie man's treibt so geht es, wisse ! 



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38 



Ein Opfer der Wahrheit. 



Ein stolzer König fuhr, wie ich vernommen. 

Im Zürne auf gen einen sinnen Frommen, 

Ein wahres Wort, zu rasen dem Mund 1 entquollen. 

Verletzte schwer den Sinn des Dünkel vollen, 

Der aus dem Saal 1 ihn stiess in Kerkernachte; 

Denn machtges fühlt ist eines König s Rechte. 

Als, Tag's darauf, dem Frommen im Verüess 1 

Ein Freund die Rasehheit seines Wort 's verwies» 

Sprach dieser: „Recht thut, wer die Wahrheit spricht, 

Ein Stündchen Kerker, wahrlich, sehreckt mich nicht,* 

Er sprach es sacht 1 , doch, ob gesprochen saeht\ 

Ward es im Flug 1 dem König 1 hinterbracht, 

Der hohnisch rief: „Der Thor scheint nicht zu wissen, 

Dass er im Kerker werde sterben müssen! J 

Dem Frommen wieder sagte diess ein Knecht, 

Der aber sprach: „Zum König 1 geh't und sprechet : 

Leicht tragt sein Urtheil dieses Herz, das wunde. 

Es weiss» die Welt ist flüchtig wie die Stunde; 



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39 

Es wird nicht jubeln, lässt er frei mich wallen, 

Und wird nicht jammern, lässt mein Haupt er fallen. 

Er hat Gewalt sammt Gold und Reiterheeren, 

Ich Vatersorge, Kummer und Entbehren; 

Doch wenn dereinst des Lebens Thor sich schloss, 

Sind wir uns gleich, wie Rauch in Rauch zerfloss ; 

Denn mag sein Haupt er zu den Sternen strecken, 

Der Staub des Grabes wird ihn doch bedecken. " 

Der König aber, dem sein Wort ward kund, 

Gebot: „Die Zunge reiss't aus seinem Mund' !" 

Der Gottesmann vernimmt auch diess und spricht : 

„0 wisse, Fürst, auch Stummheit schreckt mich nicht; 

Sie schreckt mich nicht, weil mir es offenbar, 

Auch Ungesagtes sei dem Schöpfer klar ; 

Leicht kann auf Erden deine Qual ich leiden, 

Was liegt an Qual, wenn herrlich ist das Scheiden ? 

Dem wird fürwahr ein Siegesfest bereitet, 

Der frei von Schuld dem Tod' entgegenschreitet. u 



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40 



Nichtigkeit der Erdengrösse. 



Sprich nicht, dass Macht als höchstes Gut zu preisen. 

Denn nur die Armuth ist ein sichYer Hort; 

Wer leichter trügt, geht ja auch leichter fort: 

Diess ist die Wahrheit, welche klar dem Weisen, 

Ein Bissen Speise fasst des Armen Sorgen, 

Dem Gram 1 dos Herrschers ist die Welt zu wenig; 

Und ist des Bettlers Abendbrod geborgen, 

Schläft süsser er, als von Damask der König. 

Die Lust ist flüchtig, flüchtig ist die Trauer, 

Bis beiden uns zuletzt der Tod entrüekt; 

Ob Dieser Kronen auf das Haupt sich druckt, 

Ob Steuer zahlt für seinen Kopf der Bauer» 

Ob Jener hoch ist, dass ihm Wolken weichen, 

In Kerkers Tiefen Diesen stürzt die Noth : 

Wenn Alle einst zermalmt der Reiter Tod, 

Wird Eines Leib dem Leib' des Andern gleichen, 

Darum sind Macht und Herrsehcrthum vom Hanne, 

Und Bettier heisst, doch Kaiser ist der Arme, 



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41 



Der Sultan von Rum ') und der Weise. 



Zu einem Weisen sprach ein Fürst von Rum 

Mit tiefem Leid', indem sein Blick sich nässte : 

„Mir nahm der Feind mein bestes Eigenthum, 

Nur diese Stadt blieb mir und diese Veste. 

Es war mein Streben, einstens vor dem Grabe, 

Den Sohn an's Haupt zu setzen meinem Werke ; 

Jetzt theilt der Feind, der grimme, meine Habe, 

Und bricht den Arm der Hoffnung mir und Stärke. 

Wer hilft, wer rettet? krank aus Gram und Schmerz, 

Bricht mir im Busen das getäuschte Herz!" 

Da rief der Weise staunend: „Welches Lärmen? 

Die eig'nen Thränen, Fürst, sollst du beweinen ; 

Wozu dich sorgen und um AndVe härmen , 

Die vor dir waren und nach dir erscheinen ? 

So lang' du leb'st, hast Landes du genug, 

Und wenn du stirbst, wird es dejcuErbe nehmen; 

Ist dieser Neue thöriehfoder klug, 

Was kümmert's dich, mag er allein sich grämen ! 



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42 

Mit blut'gem Schwert 1 den Thron der Welt erstreiten 

Und Anderen geben, ist nicht wohlgethan. 

Wo sind sie hin die Herrscher von Iran, 

Der *) Dschems, Sahhaks und Feridune Zeiten ? 

Sah' st du ihr Reich nicht fallen und vergehen? 

Blieb dauernd Eines ausser Gottes Landen? 

Und kannst du hoffen ewig zu besteh'n, 

Da Keiner vor dir ewig hat bestanden? 

Hat Silber Dauer, Dauer Gold und Macht? 

Kommt nicht die Stunde wo du wirst verarmen ? 

Der Seele nur, die gute That vollbracht, 

Bleibt stets bewahrt nie endendes Erbarmen. 

Der edle Fürst, wie du, o Herr, es bist, 

Er lebt unsterblich nur im guten Namen. 

Bedenke diess, und dass es Thorheit ist, 

Erst säen wollen, wenn die Ernten kamen. ** 



1) Siehe Seite 17. 

2) Altpersitehe Könige und Helden. 



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Lehre. 



Ein modernder Schädel am Tjgiisstriiitd' 
Sjirach alsu zum Pilger, der vor ihm stand: 
„Mensch, mich timsehimmerte fürstlicher Schein, 
Ein Thron und die Krone der Herrschaft war mein : 
Vom Glücke getragen, von Siegen umbraust. 
Bezwang ich Irak 1 ) mit gewiiffneter Faust; 
German*) auch zu zwingen mich wurmte die Gier» 
Da nagten urplötzlich die Würmer an mir* 
Du sterblicher Schweiger ersehliesse das Ohr, 
Und Weisheit erlerne von Todtcn, o Thor!** 



1) Per»i*ebe Primni. 

2) Vi mischt PrminT., 



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44 



Hifil Arthur) und sein Schlot» 



KiHI Arflan besass in seinen Landen 

Ein Sehloss, noch höher als der Berg Elwcnd*). 

Dess Mauern fest und unersehflttert standen, 

Dess Gänge wirr wie Haargelock' sich wanden : 

Das schimmernd lag in dunkler Gartenflur, 

Ein weisses Ei im Becken von Lasur. 

Dorthin kam einst wie ich erzählen hörte, 

Fernher ein Mann, dess Nähe Jeden ehrte; 

Ein vieler probter, tiefgelehrtcr Weiser, 

Ein Mann der Tugend war's, ein Welt umkreis er. 

Den frag Arflan: „Sah 'st du, der Vieles sah. 

So schon und fest ein Sehloss wie meines da?" 

Der aber meinte; „Schon ist es wohl sehr, 

Doch, dass es fest sei, glaub 1 ich nimmermehr; 

Hut doch schon vor dir Mancher es besessen, 

Der kurz nur blieb, und bald sich musste trennen ; 

Wird doch auch nach dir Muncher sein es nennen, 

Und deiner Hoffnung süsse Früchte essen. 

Des Vaters denk 7 in seines Glanzes Tagen, 

Und reiss' dein Hera uns solchen Irrllinm's Klammern ; 



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Denk', wie sein Loos in's Elend ihn verschlagen, 
Wie er nach Hellern fruchtlos musste jammern ; 
Wie, als sich Alles feindlich von ihm wandte, 
In Gott allein er Huld und Schutz erkannte. 
Ein Feld voll Unkraut ist die Welt dem Weisen, 
Das ewig wechselnd Andere durchkreisen !" 



1) Kiril Arflan, der reihe Löwe, Namen eines Atabegs oder Vorinnuda des Seldschnkenflratcn 
Thogrnl des dritten. 



2) Berg in der Nähe ron Hamadan. 



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46 



Lehre* 



Her du herrschest, Zwei vor Allen: 
Tapfere und Weise ehre! 
Denn, wer Rälhc hat und Heere, 
Hascht im Flug 1 des Ruhmes Ballen. 
Doch der Kraft allein nicht traue; 
Alte Füchse jagen gut! 
Mehr als vor des Jüngling's Muth 1 
ZittYe vor des Greises Schlaue. 
Scharfe Schwerter, kluge Worte. 
Sprengen jede Eisenpforte : 
Wer Versfand mit Kraft vereint, 
Sei in Ewigkeit heweint! 



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47 



Glückes Wechsel. 



Als Alparslan 1 ) den Geist Gott rückgegeben, 

Hob rasch sein Sohn aufs Haupt die Herrscherkrone ; 

In's öde Grab trug Jenen man vom Throne, 

Fürwahr kein Ort der Dauer bist du Leben! 

Ein kluger Narr, gewahrend Tag's darauf, 

Wie stolz umher der junge König trabe, 

Rief aus: „Ei, Glück, wie flüchtig ist dein Lauf! 

Der Vater starb, im Bügel prangt der Knabe ; 

Kaum dass der Greis im Sarge ruhen geht, 

Entsteigt der Wiege neu ein Kind des Glückes. 

So rollt das Rad des wechselnden Geschickes 

Dahin, bestandlos, trugvoll, leicht gedreht! 

Darum häng 1 an nicht dieser falschen Welt, 

Die, wie ein Harfner, irrt von Thor' zu Thüre ; 

Denn unwerth ist ein Liebchen deiner Schwüre, 

Das andVe Freier jeden Tag bestellt. 

Thu' Gutes heuer, da das Reich noch dein, 

Diess Jahr verstreicht, und Fremder kann es sein!" 

Beherrscher der Seldaehuken und Eroberer. 



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48 



Ein tilückwuiiseh. 



Ei» Weiser grüsstc so den Keikobad .') : 
„Vergänglichkeit sei ferne deinem Staat 1 !* 
Diess hört ein AndVer, der mit Tadel sprich! : 
„Was nimmer sein kann, wünscht ein Weiser nicht; 
Von Persiens Herrschern, welchen salbst du, sage, 
Seit Dschem, Sahhak und Feridun a ), ieh frage, 
Dess Thron und Herrschaft dem Verfall 1 entrann? 
Darum nicht wünsche, was rieht werden kann, 
Und da du Nichts, was ew p ig blieb, gesehen. 
Begehre nicht, dass Etwas mag bestehen!" 
Sprach's, doch der Weise that ihm also kund : 
„Sinnloses, wisse, spricht kein kluger Mund, 
Und wenn ich rief: Der Fürst soll GW\g leben! 
Hiess diess : Mag Gott ihm Kraft zum Guten geben ! 
Denn wahr lieh, hat er fromm und rein gehandelt, 
Auf tlath gehorcht, und guten Pfad gewandelt: 



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49 

Schlägt herrschend er, verliert er diese Welt, 
Im Jenseits auf sein fürstliches Gezelt ; 
So geht von Herrschaft er zu Herrschaft gleich, 
Und unvergänglich, ewig ist sein Reich ! * 



Gerechte Herrscher schreckt kein Tod auf Erden, 
Da sie im Himmel wieder herrschen werden. 



Altpersücher Koaig. 
2) Siehe Seite 43. 



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50 



Zuruf. 



Dem Perserkönig* zurief ein Verrückter: 
„Du mit der Krone des Dsehemschid ') Geschmückter 1 
War" stets Dsehemschid geblieben auf dem Throne, 
Nicht dein nun wäre von Dsehemschid die Krone!" 



So ist's! ob Schätze des Karun a ) du fandest, 
Nichts dauert, als das Gute, das du spendest! 



1 ) Utcfarintdiid, em «liperMiditr H«f rtcW, j Idcbbe4emen*i mit D*eh*m* 
2} Sitht Sfii# IS. 



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Der Ringer. 



Ein firmer Ringer hatte nichts zu nagen, 
Kein Mahl des Abend's, und kein Mahl am Morgen ; 
Der Hunger zwang ihn Lehm umherzutragen, 
Denn Kraft rler Faust allein kann nicht versorgen. 
Ob solchen Schicksals stets erneuten Plagen, 
Ward welk sein Leib, und wehmuthsvoll sein Herz, 
Bald auf die Welt ergoss er sich in Klagen, 
Bald stumm in sich verschluss er seinen Schmers» 
„Wenn Vogel, Lamm und Honig Andere laben, 
Bleibt mir mit Noth ein Bissen Brod zur Speise; 
Nicht billig ist es und nicht rechte Weise, 
Dass nackt ich sei, wenn Katzen Felle haben. 
dass ein Sehatz, in diesem Lehm vergraben, 
Urplötzlich glanzvoll aus der Tiefe stiege, 
Dass, schwelgend ich im Uebermass 1 der Gaben, 
Des Armuthjammers freudig mich entschlüge ! * 
Er riefs, und sieh 1 , da er gegraben wieder, 
Fand er im Lehm vergilbte Kieferbeinc, 
Das Fleisch in Asche, halb getrennt die Glieder, 
Und nur die Zähne blank und hart wie Steine. 



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52 

Doch Weisheit that der stumme Kiefer kund : 
„Geduld, Geduld, die Schickung Gottes preise! 
Blick 1 her! in Moder wandelt sich der Mund, 
Ob Honig war, ob Galle seine Speise; 
Darum, ob Trübsal Gottes Rath dir brachte, 
Nicht murre du, auch Trübsal schwindet hin!" 
Als dieses Wort der Ringer überdachte, 
Kam der Ergebung Ruhe über ihn. 



Mensch, du blinder, einsichtsloser Thor, 
Was dir geworden lerne ruhig tragen! 
Ein Sklavenkopf, der Lasten hebt empor, 
Ein Königshaupt, das ragt, wo Sterne ragen: 
Gleich sind sie einst, wenn Beider Form verweht, 
Schaum ist das Glück, ein Traum das Erdentreiben! 
Die Sorge schwindet, wie die Lust vergeht, 
Vergeltung nur und guter Name bleiben. 
Darum streu 1 Gold aus eh 1 dein Auge bricht! 
Saadi streut Perlen *) ; Gold besitzt er nicht. 



1 ) Lieder. 



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Der sterbende König. 



Ein grosser Fürst, so heissfs, gebot am Nif, 
Auf den der Tod einst hetzte seine Streiter, 
Da wurde gelb sein Antlitz, sonst so heiter; 
Gelb wird die Sonne, ist der Tag am Ziel'. 
Die Aerzte standen rathlos um die Kissen, 
Denn für den Tod kein Mittel kennt das Wissen, 
Und endlos währt von Thronen und von Reichen 
Nur Gottes Reich, des Endelosen, Gleichen. 
Als nun sein Leben rasch und rascher floh, 
Da seufzt' er auf aus matten Lippen so : 
„Dass ich Aegyptens grosster König bin, 
Was nützt es mir, nun, da mein Lauf beschlossen ? 
Die Welt war mein, doch hab' ich nichts genossen, 
Und wie ein Bettler zieh' ich aus ihr hin. 
Darum Heil Dem, dem Geben ist Genuss, 
Der sich durch Wohlthat eine Welt erworben, 
Die lebt und dauert, wenn er längst gestorben; 
Was Habe sonst, ist Reue und Verdruss!" 
Im Todeskampfe, sieh', streckt aus der Mann 
Die eine Hand, und lässt die and're sinken, 

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Er ruft dir zu in diesen stummen Winken, 
Wenn seine Zunge nicht mehr lallen kann : 
„Streck 1 aus , o Mensch , zur Wohlthat deine Hand, 
Doch senke sie, will Habsucht sie bewegen; 
So lang 1 sie dein ist brauche sie zum Segen, 
Was nützt sie dir wenn sie das Sargtuch band? 
Ach Sonne, Mond und die Plejaden währen, 
Der Mensch nur modert ohne Wiederkehren! 4 " 



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IV. — Chemitypie. 



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87 



Der Pilger. 



Ein Mekkapilger warf bei jedem Schritt' 
Sieb zweimal nieder zu Gebet und Busse, 
Und stack ein Dorn dem Brünstigen im Fusse, 
Liess er ihn stecken , und ging fort damit 
So trieb er es, bis nach und nach sein Handeln, 
Verklärt vom Dünkel, ihm verdienstlich schien, 
Und, wie einst Satan, Stolz bethörte ihn: 
Der Pfade besten wähnte er zu wandeln. 
Doch eine Lippe, eine unsichtbare, 
Rief zu ihm plötzlich; „Ei du Mann der Pflicht, 
Es sind, vernimm's, Gebet und Andacht nicht 
Die besten Opfer an des Herrn Altäre: 
Mehr als ein Leih, der tausendmal sich bückt 
Gilt ihm die Wohltlmt, die ein Herz beglückt!** 



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58 



Der Gast. 



Durch sieht Tage, bebst es, kam 
Einst kein Gast zu Abraham; 
Dieser aber, voll Erbarmen, 
Ass nur gerne» Menn mit Armen, 
Darum , tretend vor das Haus, 
Spiilf te er nach Gasten aus. 
Sieh' da, wie im Thal 1 die Weide, 
Einsam auf der öden Heide 
Stand ein Manu, dem Bart und Haar 
Weiss vom Reif des Alters war. 
Diesem zu, wie Fromme pflegen, 
Rief er seinen besten Segen : 
„Du mir, wie mein Auge, Lieber» 
Komm 1 zu Salz und Brod herüber! - 
Jener nahm es dankbar an« 
Schürzte sich und kam heran; 
Denn des Edlen gastlich Walten 
War gar w r ohl bekannt dem Alten. 
Durch bereiter Diener Tross, 
Trat der Bettler in das Schloss; 



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59 

Herr und Knecht» vereint im Saale, 

Setzten sich darauf zum Mahle 

Und das Tischgebet erschallte. 

Aber schweigend sass der Alte. 

Abraham gewahrt's und spricht : 

„Weisst du, Greis, was Andacht, nicht? 

Und dich nährend, kannst du dessen, 

Der die Nahrung gibt, vergessen?" 

Dieser aber rief: „ Weiss ich's? 

Anders lehrten Magier mich's!" 

Also ward es Jenem klar, 

Dass der Gast ein Gab r ! ) war, 

Und erzürnt, von Tisch und Hort 

Jagte er den Heiden fort ; 

Denn vom nimmer Reinen, ferne 

Stellen sich die Reinen gerne. 

Aber seiner Engel Einen 

Liess der Herr vor ihm erscheinen, 

Der halb mild 1 , halb schrecklich laut 

Rief: „0 du, der Gott vertraut! 

Nicht zur Noth den Greis verdamme, 

Weil er betet zu der Flamme; 

Hat doch Gott ihm Kost und Leben 

Hundert Jahre lang gegeben ; 

Und du stossest ihn zurück, 

Weil dich kränkt ein Augenblick?" 

I) Feueranbeter. 



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Die Waise. 



Elternlose Kleine schütze, 
Dass kein Stein f kein Dorn sie ritee ; 
Denn die Waise > magst du wissen, 
Gleicht dem Bäumchen, erdentrissen. 
Wenn sie lächelt, Niemand fragt, 
Niemand tröstet, wenn sie klagt ; 
Aber schwimmt ihr Aug* in Zähren, 
Bebt aus Sehmerz der Thron der Sphären. 
Traun, mit keinem König 1 tauscht' ich, 
Als im Schonss 1 des Vaters kuscht 1 ich, 
Und das Haus zusammen rannte, 
Wenn ein Mückenstich mich brannte; 
Jetzo , waVs aus Feindes Ketten, 
Lebt kein Helfer mich zu retten | 
Weil ich Waise ward als Kind, 
Weiss ich , ach , was Waisen sind ! 



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Ein Fasttag. 



Zum Knecht 1 des Königes sprach sein Weih: 
rt Geh T hin, schaff Nahrung für den Leih 
Und hoF das Mahl, das uns gebührt, 
Wenn dich der Kinder Hunger rührt, * 
Doch dieser rief: „Die Küche rastet 
Weil heute Nacht der Konig fastet.« 
Da sprach, indem das Haupt sie senkte. 
In sich die Frau, die nothbedrängte: 
„Kann Fasten dess wohl recht erscheinen, 
Dess Mahl ein Fest ist meinen Kleinen? 
Und ist ein Edler, selbst wenn prasst er, 
Nicht besser als ein karger Faster? 
Dem nur, dünkt mich, bringt Fasten Heil, 
Der nicht der Armuth nimmt ihr Theil; 
Doch ist Entbehrung ohne Werth, 
Wenn man den Nächsten mit beschwert 1 * 



Wer sich an Formen hält allein, 
Verwechselt Wesenheit mit Schein: 
So Quell als Spiegel freut das Auge, 
Doch lehrt Vernunft, was besser tauge. 



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Der durstende Hund. 



Einer , der im Wüstensand' 
Einen Hund verschmachtend fand, 
Und so matt» dass ihm vom Leben 
Kaum noch blieb ein Athembeben, 
Zog vom Haupte sich die Mütze, 
Dass er sie als Eimer nütze ; 
Band daran, als Brunnenseil, 
Seines Turbantuch's ein Theil; 
Schürzte sich zum Werke schnell, 
Schöpfte Wasser aus dem Quell, 
Und dem Hund 1 , dem kräftebaren, 
Reichte er den Trank, den klaren. 
Der Prophet, der bald danach 
Von dem Manne hörte, sprach: 
„Was er auch gefehlt im Leben, 
Diesem hat der Herr vergeben!** 



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Die Bürgschaft. 



Ein Mann war edel, doch nicht reich, 
Und nicht sein Gut dem Willen gleich. 
dass kein Karger mächtig wäre, 
dass kein Edler je entbehre! 
dass kein Mann von hohem Sinn 1 
Im Garn' des Elend's siechte hin, 
Sein Gold, wie Bergfluth unaufhaltsam, 
In's Thal vom Gipfel brach' gewaltsam ! 
Als diesem einst ein Frommer schrieb : 
„0 du, der gütig ist und lieb» 
Sieh 9 , dass man etwas Geld mir schafft, 
Denn hart drückt mich die Schuldenhaft ;" 
Da ward dem Edlen schwer zu Muthe, 
Denn ohne Heller war der Gute. 
Zum Gläubiger des Schuldners rannt' er, 
Und sprach: „0 Herr, als mild Bekannter, 
Gib frei den hartbedrängten Mann, 
Nimm mich för ihn zum Bürgen an. " 
Hierauf zum Mann' im Kerker lief er 
Und: „Auf, das Land verlasse!" rief er. 
Der, wie der Sperling seinem Bauer, 
Entschlüpfte der Gefangnissmauer, 



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Und schwand wie Wind, ja so geschwind', 
Dass hinter ihm noch blieb der Wind. 
Doch, wehM zum Edlen hiess es dann: 
»Das Geld her oder her den Mann!* 
Und weil kein Vogel kehrt zur Haft, 
Ward bald er selber eingerafft, 
Und blieb gefangen lange Tage ; 
Doch ohne Jammer, ohne Klage, 
Trotz den in Qual durchwachten Nächten. 
Wenn er befragt ward von Gerechten: 
„Warum wohl er, so redlich immer, 
Gefesselt liege wie ein Schlimmer?" 
Sprach er gelassen: „Edle ihr, 
Um eig'ne Schuld nicht lieg 1 ich hier ; 
Doch lag ein Besserer in Ketten, 
Und diesen war es Pflicht zu retten; 
Weil ich für sündig es erachte, 
Dass frei ich sei, und Jener schmachte. " 



Der Edle starb, sein Ruhm doch lebt; 
Heil dem, der stirbt und dennoch lebt ! 
Denn besser ist's, verscharrt im Moos', 
Durch Wohlthat leben endelos, 
Als, lebend in den Tag hinein, 
An guten Werken todt zu sein ! 
Diess ist der Trost, wenn Edle sterben : 
Dass edle Thaten nie verderben ! 

CA; 



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Der Dorn. 



Aus dem Fusse einer Waise 
Los'te einen Dorn ich Jeise. 
Nachts darauf, so träumte ieh, 
Trat ein Heiliger vor mich ; 
Dieser sprach und liess mich schauen 
Edens reiche Blumenauen: 
rt Sieh\ wie viele Rose» hier 
BIfuYn aus jenem Dome dir!" 



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66 






Her Fuchs, 



Einer fand im dichten Haine 
Einen Fuchs, berauht der Beine. 
Gattes Wundern sinnend nach, 
Stand erstaunt und zu sieh sprach 
Jener Mann: „Wie mag diess Thier 
Wnhl sein Leben fristen hier ? 
Und, obgleich ihm Füsse fehlen. 
Doch getrost auf Nahrung zählen?" 
Während so der arme Tropf 
Grübelnd sieh zerbricht den Kopf, 
Sieht er, wie im Sprung 1 ein Leu 
Einen Schakal trügt herhei, 
Seine Beute halb verschlingt 
Und zurück in's Dickicht springt, 
Und Avie jetzt das Nichtrerz ehrte 
Noch vollauf den Fuchs ernährte. 



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67 

Wieder kommt er Tag's darauf, 
Und es fiigt des Zufalls Lauf» 
Dass, genau auf gleiche Weise, 
Abermal dem Fuchs' ward Speise. 
Sieh 1 , da ward sein Auge schauend 
Und im Gehen , Gott vertrauend : 
* Müssig, wie der Fuchs, fortan 
Will ich liegen!" sprach der Mann, 
„Denn ich sehe, Gottes Kraft 
Ist's allein, die Nahrung schafft.** 
Sprach's, und seine Stirne neigend, 
Sass er faul und müssig schweigend, 
Harrend, dass der Herr der Spenden 
Ihm auch werde Nahrung senden. 
Doch kein Freund, kein Fremder kam, 
Der in Schutz den Trägen nahm, 
Bis aus Noth er schrumpfte ein, 
Cithergleich, zu Nerv und Bein; 
Bis Yor Mattheit ihm Verstand, 
Fassung und Bewusstsein schwand ; 
Und dem Altar eine Stimme 
So enttönte, eine grimme : 
„ Traumer, auf! wie jener Leu 
Thätig und erwerbsam sei ! 
Nicht wie Füchse ohne Bein, 
Schwelge trag' im Sonnenschein! 
Samm'le, dass, nach Löwenbrauch, 
Du einst nührest And're auch, 
Statt dass, nach des Fuchses Weise, 



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68 

Abhub Anderer dich speise! 
Denn ein Mensch» der, Löwen gleich, 
An der Kraft zu schaffen reich, 
Wie der Fuchs ron Fremden zehrt, 
Hat fürwahr nicht Hundes Werth!" 



CJO 



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69 



Chatemthai 1 ) und der Grieeheiikaiser. 



Chatcmthai, wie ich gehört, 

Nannte sein ein edles Pferd, 

Leicht wie Wind; wie Donner schnob es, 

Hasch wie Blitz vorüber stüb es, 

Wie aus Frühlings wölken Thau, 

Quoll sein Schweiss auf Höh' und Au; 

Wie der Bergstrom, tlial durchbrausend, 

Staub und Sturm im Rücken sausend, 

Wie der Kiel durchfurcht die Welle, 

Flog es hin mit Adlerschnelle ; 

So dass es die Welt entlang, 

Bis zum Griechenkaiser drang: 

Dass kein Mensch wie Chatemthai, 

Und kein Ross wie seines sei! 

Doch der Kaiser sprach zum Rain 1 : 

„Nur bewiesen gilt die That; 

Auf, und jenes Ross begehrt! 

Nur wenn Chatem es gewährt, 



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70 

Ihn als wahrhaft gross erkenn 1 ich ; 
Sonst sein Lob Gerede nenn 9 ich." 
Spracht, und, mit ihm zehn Begleiter, 
Zog ein Bote, ein gescheidter, 
Fort durch Moor und Regengüsse; 
Bis, als Lenzluft blies, die süsse, 
Er, wie Durst'ge an der Quelle, 
Niederstieg an Chatem's Schwelle. 
Dieser schlachtete ein Pferd, 
Hielt die Gäste hoch und werth, 
Bis, als kam der Tag, der dritte, 
Kund ihm ward des Kaisers Bitte. 
Chatem aber hört sie kaum, 
Als er taumelt wie im Traum ; 
Dann, der Seelenqual nicht Meister, 
Von der Hand die Haut sich reisst er 
Und ruft aus: „Was, Leute ihr, 
Sagt ihr das erst heute mir? 
Wiss't, es war diess edle Pferd, 
Das ihr jüngst bei'm Mahr verzehrt; 
Regen und Morast's Beschwerden 
Schnitten ab mich von den Herden, 
Und kein Thier als jenes Boss 
War geblieben hier im Schloss'; 
Da, nicht wollend, dass mein Gast, 
Hungernd lege sich zur Bast, 
Liess icITs schlachten, weil auf Erden 
Guter Ruf mir geht vor Pferden. ** 
Rief s, und Gold und and're Rosse 



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71 

Gab dem Boten er und Trosse ; 
Dass des edlen Chatem Lob 
Man im Griechenreich 1 erhob, 
Und noch sein mit lautem Segen 
Lange dachte allerwegen ! 
Doch genügt Euch dieses nicht, 
Hör't noch schöneren Bericht: 



I) Eia durch seine ausserordentliche Grossmuth berühmter Araber. 



Chatemthai und der König von Jemen. 



Mir ward erzählt, von wem ist mir entfallen, 
Dass einst ein Fürst gebot im Lande Jemen, 
Ein König, mächtig und begabt vor Allen, 
Durch edlen Sinn die Ander 'n zu beschämen ; 
Denn seine Hand war gleich der Gnadenwolke, 
Die rastlos Goldthau spendete dem Volke. 
Bei einem Feste, wo, gleich Cithertönen, 
Sein Wort, das sanfte, jeden Gast erfreute, 
Fiel Einem bei, auch Chatems zu erwähnen, 
Auf dessen Grossmuth reiches Lob er streute; 
So dass der Fürst, in dem der Neid entbrannte, 
Chatem zu tödten einen Schergen sandte. 



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72 

Hinschritt der Scherge, der zum Mord' erköhrte, 

Wo ausgespannt vom Stamme Thai die Zelte, 

Als sich ein WandVer, den der Zufall fährte, 

Ais Weggenoss dem Schergen zugesellte. 

Ein Jüngling war's, an Wort und Antlitz labend, 

Der in sein Haus ihn lud für jenen Abend. 

Dort, durch Geschenke und durch freundlich Sorgen, 

Gewann der Edle rasch das Herz des Feilen, 

Und» voll von Güte, bat er ihn am Morgen» 

Noch länger doch, ein theu'rer Gast, zu weilen. 

Der aber sprach: „Mit Leid 1 muss ich verzichten, 

Denn wichtig ist, was mir noch bleibt zu schlichten. " 

Der Jüngling doch begann in ihn zu dringen, 

Ihm zu vertrauen, was sein Ziel und Ende; 

Weil sicherer gemeinsames Vollbringen, 

Und Arm in Arm sich leicht, was schwer, vollende ; 

Bis jener rief: „Du scheinest ein Mann von Ehre, 

Der schweigen kann, so wisse denn und höre : 

Hier wohnt ein Mann, der Chatemthai sich nennt, 

Und Grossmuth halber allwärts wird gepriesen ; 

Ob eines Grundes, den er selbst nur kennt, 

Will Jemens König, dass ich tödte diesen; 

Du aber, Freund, thu' nun nach deinem Worte, 

Und zeige mir zu Chatemthai die Pforte.** 

Da lächelt jener: „Chatemthai bin ich! 

Hier ist mein Haupt, auf, schlag 1 es ab und fliehe ; 

Damit du fern' bevor die Nacht entwich, 

Und nicht mein Stamm zur Rechenschaft dich ziehe ! •* 

Spricht's, und dem Stahl' beut lächelnd er die Glieder. 



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73 

Doch sieh', vernichtet stürzt der Scherge nieder, 

Und rafft sich auf und sinkt in's Knie aufs Neue, 

Küsst Fuss und Hand ihm und den Staub der Erde, 

Wirft Schwert und Köcher von sich, und, voll Reue, 

Ruft er ihm zu mit flehender Geberde : 

„ Berühr 1 ich dich, und sei's mit einer Rose, 

Verfluche Gott mich zu dem schlimmsten Lose ! •* 

Sodann auf Chatems beide Augen drückte 

Er heisse Küsse, und zog heim nach Jemen. 

Als dort der König seine Stirn' erblickte, 

Wohl, was geschehen, mocht' er ihr entnehmen: 

„Sag 1 an" sprach er „warum nach Chatems Kopfe 

Späh 1 ich umsonst an deinem Sattelknopfe? 

Gewiss, ein Feind erhob sich gegen dich, 

Mit dem dein Arm allein den Kampf nicht wagte !* 

Da warf der Bote blass zur Erde sich, 

Die Stirn im Staube seufzt' er auf und sagte: 

„Herr, Grossmuth ist's, die meine Kraft gebrochen, 

Und Wohlthat heisst das Schwert, das mich durchstochen!" 

Hierauf beschrieb er Chatems That, die holde; 

Und sieh', der Fürst, mit segnendem Gemüthe 

Gab Gold ihm, sprechend: „Wie die Schrift dem Golde, 

Ist Chatems Namen eingeprägt die Güte ; 

Der Grossmuth Preis verdient er; da ich merke, 

Dass seinem Ruhme gleichen seine Werke ! * 



II* 



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74 



Der Geizige und sein Sohn. 



Einer war, der, reich doch karg, 
Seine Habe scheu verbarg, 
Weder eig'neu Wohlseins dachte, 
Noch durch Spenden Segen brachte; 
Sondern Tag und Nacht Metalle 
Häufte und verscharrte alle. 
Aber, weh 1 ! der Sohn erfuhr 
Von des Vaters Gold die Spur, 
Grub es aus, und sehnöden Stein 
Warf er in den leeren Schrein. 
Doch das Gold - wie's eine fand, 
Gab es hin die aml're Hund - 
Ward an Tisch und Weib verschwendet, 
Und der letzte Rock verpfändet. 
Dort der Vater, zitternd, stöhnend, 
Hier der Sohn und Cithern tönend, 
Dort der Vater, hlass wie Stein, 
Hier der Sohn, lallt roth von Wein: 



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7S 

„Gold und Gut will sein genossen! 
Steinen gleichend, wenn verschlossen, 
Wird aus diesen es gegraben, 
Um der Menschen Herz zu laben ; 
Aber wie in Felsenwänden, 
Ruht es in des Geizes Händen! 44 



Traun ! es ist der karge Mann 
Für sein Gold ein Talisman, 
Der es bannt durch lange Jahre, 
Dass kein Auge dess gewahre ; 
Doch, sieh' da, urplötzlich saust 
Nieder der Vernichtung Faust, 
Bricht das Siegel, und in Ruhe 
Theilt das Volk aus offner Truhe. 
Mancher ist im Geiz verdorben : 
Was, gleich Würmern, du erworben, 
Das verzehre du in Ehren, 
Eh 1 an dir die Würmer zehren! 



02; 



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76 



Der Befreite. 



Ein junger Mensch warf hin einst eine Gabe, 
Die» wenn auch klein, ward einem Greis 1 zur Labe ; 
Nicht lang 1 darauf beging er ein Verbrechen, 
Das durch den Tod der Fürst gebot zu rächen. 
Als nun zur Richtstatt sich die Massen drängten, 
Und Gaffer sich an Dach und Gibel hängten, 
Sah jener Greis auch, durch den Schwall von Leuten, 
Einher den Jüngling zwischen Henkern schreiten. 
Da ward, der Wohlthat eingedenk, sein Herz 
Von Mitgefühl durchzuckt und tiefem Schmerz 1 , 
Jäh 1 kreischt er auf: „Todt ist der Sultan! hört! 
Der Sultan starb, doch starb er ruhmeswerth!" 
Ruft's, und verzweifelnd ringt er seine Hände. 
Der WehVuf dringt bis an des Zuges Ende, 
Die Henker horchen, reissen aus und klagend, 
Gesicht und Scheitel mit den Fäusten schlagend, 
Stürzt Jeder einzeln nach des Königes Zimmer. 
Der aber thronte ruhig dort, wie immer. 



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77 

Da gingen sie, und schleppten, statt des Jungen, 
Den Greis herbei ; denn jener war entsprungen. 
Der Sultan aber rief in Zornesglut: 
„ Wess wegen, Lügner, forderst du mein Blut? 
Und, wenn du mein'st ich lebe ruhmeswerth, 
Was hast du ruchlos meinen Tod begehrt ? M 
Der Alte doch sprach ruhig wie ein Held : 
„Mein hoher Fürst, dess Sklave ist die Welt, 
Wohl Lüge war'*, was dir den Tod gegeben ; 
Doch Herr, dein Tod gab einem Ander'n Leben!* - 
Und was geschehen erzählte er. Der König 
Entliess ihn stumm, nur lächelt 1 er ein wenig. 
Den Jüngling aber, der von Angst verwirrt, 
Und matt und wankend war umhergeirrt, 
Frug Einer: „Ei, vom Blutgerüste, sprich, 
Welch 1 günsfger Zufall hat gerettet dich?« 
Der lispelte: „Ein Deut, den ich gespendet 
An fremde Noth, hat mich dem Tod 1 entwendet.* 4 



Gepriesen sei, wer reichlich säen lernte, 
Dass reichlich sei im Missjahr 1 seine Ernte. 



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78 



Der jüngste Tag. 



Den jüngsten Tag sah Einer einst im Traum 1 . 

Erglflh'tem Kupfer glich der Erdenraum, 

Dass das Gehirn im Kopf der Menschen sott, 

Und laut ihr Heulen dröhnte auf zu Gott* 

Nur Einer sass, inmitten Glut und Schwüle, 

Verklärten Leib's, in Schatten da und Kohle. 

Ihn frug der Träumer : n Wessen Fürwort, sprich, 

Macht jetzt zum Neide dieser Menge dich?" 

Der sprach: „Vor meinem Haus 1 das Dach von Reben, 

Hat einem Frommen Schatten einst gegeben ; 

Er ist's, der heut 1 , an diesem schweren Tag 1 , 

Um Gnade flehend vor dem Richter lag, 

Und mir, dem Sünder, wirkte aus Erbarmen, 

Weil ich, Heil mir! einst Obdach gab dem Armen. u 

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79 



Der Bauer und die Wespen. 



Dem Bauer, im Begriffe zu zerstören 

Ein Wespennest, an seines Häuschens Dache, 

Rief zu sein Weib : „0 lasse sie gewähren ; 

Denn grausam ist's, vom Herde treiben Schwache ! " 

Da ging der Bauer lächelnd seiner Wege. 

Als aber bald die Bäu'rinn, wohlzerstochen, 

Mit WehVuf füllte Kammer und Gehäge, 

Hat klug der Gatte so zu ihr gesprochen : 

„ Nicht mir, o Weib, ob deiner Schmerzen grolle, 

Du selbst ja wolltest, dass ich schonen solle; 

Doch thöricht ist, wer Bösen Gutes thut, 

Denn schützen sie, heisst steigern ihre Wuth. " 

Wahr ist dies Wort, gekannt von jedem Pflüger : 

„Ein Boss, das schlägt, macht schwere Last nur klüger, M 

Und wo der Vogt mit Dieben milde ist, 

Wer mag da schlafen vor der Diebe List ? 



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80 

Mehr als zehntausend Zuckerrohre, nützt 
Am Tag 1 der Schlacht ein Speer dir» erzgespitzt! 
Darum nicht Katzen fttt're, dass sie Tauben, 
Und Wölfe nicht, dass sie dein Kind dir rauben; 
Und dass sein Sturz dich nicht begrabe: stelle 
Dein Haus auf Fels und nicht auf Sandes Welle. 



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83 



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Zauber der Liebes 



Ob sie schlage, ob sie heile Wunden, 
Selig ist, wer Liehe hat empfunden. 
Denn oh darbend, darbt er ohne Neid, 
Da ihm Liebe Kraft zum Dulden leiht. 
Bitter T n Wein der Sorge muss er nippen, 
Doch, ob brennend, schweigen seine Lippen; 
Denn er weiss, dass süsser Wein berausche. 
Und wo Rosen, dass der Dorn auch lausehe. 
Gern* ja leidet, wer des Liebsten denkt, 
Süss wird Wermuth, wenn ihn Liebe schenkt, 
Und kein Sklave will aus diesen Ketten, 
Und kein Wild aus diesem Garn' sich retten, 
Scheinbar Bettler in der Karawane, 
Wirklich doch der Einsamkeit Sultane, 
Sind - ob man verirrt sie wähnt - die lieben, 
Einzig treu dem rechten Pfad' gehlieben; 

10* 



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84 

Wie die Kaaba, ! ) aussen morsch, zerfallen, 
Innen prächtig, mit gewölbten Hallen ; 
Nicht, wie Würmer, Tod in Flammen scheuend, 
Nein, wie Falter, *) selbst der Gluth sich weihend, 
Schmachten sie, Verdurstende am Flusse, 
Noch nach Liebe selbst im Liebeskusse ! 



1) Das heilige Haas in Mekka, welches roa Abrahaa erbaal werde« *rjo »qII. 

2) Dass die Kachtschinetterliage das Lieht aaJsuehea und »ich *n ilpjinrElifu h*uflg rersenpou. 
ist bekamt. 



OD 






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8i> 



Der Verschmachtende. 



Ein Durstender, der sterbend niedersank. 
Rief: „Selig ist, wer in der Floth ertrank!« 
Da sprach ein Tiior: „Ei ist es, wenn man stirbt. 
Nicht einerlei oh Durst, üb Trunk verdirbt?« 
Doch Jener seufzte: „Für ein Lippeimetzen, 
Möcht' ich die Seele selbst zum Danke setzen! 
Fragt wohl, wer durstend in den Weiher sjiringt, 
Labt ihn die Flulh, oh ihn die Fluth verschlingt?« 



Dem, den du lieb'st, sei blind, o Mensch, ergeben. 

Und sagt' er: „Gib es!« sprich: „Nimm hin mein Leben!" 

Denn durch die Hölle nur der Selbstvernichtung, 1 ) 

Triffst zu Genusses Himmeln du die Richtung; 

Und nur, wer säend lernte sich bemühen, 

Wird selig schlafen, wenn die Ernten blühen. 

r*«i ^,hi r^J„ j t. nJ»niFU «i** hier angesprochenen UmqJtÄLzej! 

CSD 



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86 



Ihr Bettler. 



Zu einem Greise, der am frühen Morgen 

1'm Spende bittend stand vor der Moschee, 

Sprach Einer: ^Fort! vor diesem Haus" nicht steh', 

Hier wohnt kein Thor, der Dreiste will versorgen !« 

Der ober sagte: „Welch 1 ein Haus ist diess, 

Dess Eigner Bettlern weigert eine Gabe? 41 

Als man diess Wort als sündig ihm verwies 

Und er begriff, das Hans sei Gottes Habe, 

Als er den Altar sah» die Häng'Iatcmcn, 

Da rief er aus, das Herz begeisfrungsvoll: 

*Weh\ wenn von hier ich weiter pilgern soll» 

Und unbeschpnkt von hier mich soll entfernen! 

Noch stiess kein Mensch mieb fort von seiner Thür\ 

Soll 1 ich verschmäht von Gottes Thöre geben? 

Nein, heten will ich, bitten für und für, 

Denn eben hier bleibt unerhört kein Flehen !" 

Rie fs, und ein Jahr lang sjiss, wie ich vernahm, 

Am Tempelthor 1 er in Gehet und Klugen, 

Bis nächtlich einst der Tod ihn überkam, 

Und Seelenangst sein Herz Hess lauter schlagen. 







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87 

Ein Fremder, der vorbeischritt in der Frühe, 
Und prüfend ihn mit seinem Licht 1 besah, 
Fand ihn erschöpft und athmend nur mit Mühe, 
Wie Lichtglanz, der erlischt, ist Frühe nah'; 
Doch, selig scheidend, haucht er noch die Worte : 
„Eingeht, wer klopft, in des Gerechten Pforte!** 



Willst du erreichen, hab' zum Suchen Kraft: 

Wie der Adept, der rastlos hoffend schafft, 

Und Haufen Goldes wandelt um in Erde, 

Dass ihm aus Erde, Gold's ein Körnlein werde. 

Hast du ein Liebchen, welches spröde ist, 

Such' auf ein zweites, wo du glücklich bist ; 

Und schmollt das zweite, gib nicht auf den Muth, 

Ein dritter Quell löscht wohl auch diese Gluth. 

Doch einen Freund, dem Nichts an Werth vergleichbar, 

Gott, gib nicht auf, ob er auch spät erreichbar; 

Denn Solches nur vermagst du aufzugeben, 

Was du entbehren kannst und dennoch leben. 



CÄ> 



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88 



Das junge Weib. 



Ein junges Weib beschwerte sich 
Bei einem Greise, hörte ich, 
Und sprach: „Ein Gatte, ach, ein rauher, 
Macht mir des Lebens Tage sauer; 
Nicht Eine Frau im Dorfe hier, 
Nicht Eine duldete gleich mir. 
Sonst überall sind Mann und Weih 
Wie Rippen zwei in einem Leih', 
Indessen der, dem mich man traute, 
Noch niemals lächelnd auf mich schaute! 41 
So sprach das Weib; allein der werthc, 
Der fromme Greis, der spruehgelehrte, 
Rief ihr die kluge Antwort zu : 
„Ist schon dein Gatte, leide du; 
Denn Thorheit ist's verlassen Einen, 
Dessgleichen sonst man findet Keinen, 
Und meiden Einen, dessen Scheiden 
Dich selber macht das Leben meiden!** 



Gerichten Gottes beugt sich gern, 

Wer weiss, kein Herr gleicht diesem Herrn. 



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89 



Der Beter and die Stimme. 



Einem Alten, der die ganze Nacht 
Bis zum Morgen mit Gebet durchwacht, 
Rief vom Himmel eine Stimme zu: 
„Ohne Nutzen, Alter, betest du, 
Denn von Gott wird nicht erhört dein Wille; 
Darum Klagen, die nichts fruchten, stille!** 
Doch der Greis fuhr rastlos fort zu flehen 
Und zum Schüler, welcher, was geschehen 
llürend, rietli : da nutzlos sei sein Streben, 
Fortan Wunsch und Andacht aufzugeben; 
Sprach er also, während Sehnsuchtsdrang 
Ihm iifs Aug 1 Rubineuthränen zwang: 
„Genf, mein Sohn, verliess 1 ich diese Stätte, 
Wenn ich sonstwo eine Zuflucht hätte, 
Wie der Rettier, dem man zugethyu 
Eine Thiire, klopft au andrer an, 
Aber ich, den Gott von sich gewiesen, 
Wo suclf auf ich einen Hort wie diesen? ~ 
Sprach's, und flehte heisser als zuvor. 
Da, wie Harfen, klang es an sein Ohr: 
„Sei erhört! dieweil, ob bar der Werke, 
Du in mir nur Huld erkennst und Stärke!" 

11 



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90 



Der Kämpfer 



Es schuf ein Mann aus Stahl sieh eine Hand, 
l)ass er im Kampf den Löwen niederraffe; 
Doch als des Löwen Tatzen er empfand. 
Da ward ihm klar die Ohnmacht seiner Waffe. 
Man rief ihm zu: »Was zag'st du, wie ein Weib? 
Die Hand von Erz lass* auf den Wilden fallen! 1 * 
Er aber stöhnte mit zerfleischtem Leib"; 
„Was nützt die Sfahlfriist gegen Löwenkrallon!" 



Im Löwen sieh 1 und iu der Eiseuhand 

Ein Bild : wie Liebe obsiegt dem Verstand'. 

Darum mit dem, den Liebe macht zum Leuen, 

Ob Stahl dein Arm, wird dich der Kampf gereuen; 

Demi wie der Spielball von des Schlägels Spangen, 

So wird von Liehe der Verstand gefangen. 



ZJ S 



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»I 



Schcidiingsautrag. 



Zwei Oheiinskinder wurden sich vermählt. 

Von edlem Stamm 1 und sonncnschön die Beiden; 

Sie, selig, dass man ihn für sie erwählt, 

Er, tief bekümmert, mochte sie nicht leiden ; 

Sie schaute zärtlich, wie ein Feenweib, 

Er stand ergrimmt und wandte ihr den Rücken; 

Sie, ihn zu fesseln, schmückte sich den Leib, 

Er rief zu Gott durch Tod ihn zu beglücken, 

Da sprach zu ihm des Dorfes Rath: „Zurück 

Gib ihr das Brautgut, und dann lass 1 dich scheiden!* 4 

Dar Gatte lachte: „Für der Trennung Glück, 

Ach, hundert Schafe geh 1 ich hin mit Freuden!" 

Doch sie zerschlug ihr holdes Angesicht 

Und rief: „Umsonst! ich kann nicht fern 1 ihm stehen, 

Und hundert Herden und auch tausend nicht, 

Ersetzen mir die Wonne ihn zu sehen!** 



Was man für Ihn dir biete auch und nenne : 
In Gott allein dein höchstes Gut erkenne ! 



CXD 



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92 



Frage und Antwort. 



Ein Mann der Liebe, welchem Einer schrieb: 
„Ist Himmel lieber oder Hölle dir?" 
Sehrieb rasch zurück: „Diess frage nicht von mir; 
Was Gott wird lieb sein, wird auch mir sein lieb! 11 



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93 



Ein treuer Diener. 



Mancher staunte, warum Ghafna\s König 
Hielt Aijaf, den Hässlichcn, in Ehren? 
Sehützen sonst doch Nachtigallen wenig 
Welke Rosen, die des DufTs entbehren? 
Doch zum Freunde, der diess kund ihm machte 
Sprach der Fürst mit kaum verhehltem Grimm 1 : 
„Nicht sein Antlitz $ was zu Gunst ihn brachte 
Ist sein Herz, das schone! denn vernimm: 
Einst beim Reisen, stürzte ein Kamehl 
Und ein Sack mit Perlen üet zur Erde; 
Sie zu theilen gab ich den Befehl, 
Und zugleich die Sporen meinem Pferde. 
Doch mein Tross, gelockt vom Perlenballen, 
Liess, zerstiebend, seinen König fern*, 
Keiner blieb von meinen Fürsten allen, 
Und Aijaf nur folgte seinem Herrn. 
Da, mich wendend, frug ich ; Von der Beute 
Welchen Theil erstrittest du, mein Sohn? 
Nichts! rief er, ich blieb an deiner Seite, 
Denn ich diene; aber nicht um Lohn!" 



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94 

Soll» o Freund, dich lieben dein Gebieter, 
Sei ihm treu, doch nicht um Gold und Guter; 
Denn, wer wallt auf seiner Liebe Spur, 
Diene Gott um Gottes Willen nur ! 
Selber sieh sind und nicht ihm ergeben, 
Die um Lohn das Auge zu ihm heben, 
Und wo Selbstsucht öffnet ihren Mund, 
Wird die Wahrheit nicht dem Ohre kund ; 
Denn die Wahrheit ist ein Haus, ein prächtiges» 
Eigennutz ein Staubgewölk, ein nächtiges, 
Und du weisst, dass auch die schärfsten Augen, 
Hüllt sie Staub, nicht wohl zum Sehen taugen! 



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Der Reisegefiilirfte. 



Aus Marokko führte mich die Heise 

An die See, zugleich mit einem Greise. 

Um ein Goldstück nahm mich auf ein Schiff, 

Er, der Arme, Wieb zurück am Ri IT; 

Denn der SchiJIsherr trug nicht Scheu vor Gott. 

Leicht, wie Nebel, ward das Fahrzeug flott, 

Aber mir, der schweren Herzens stand. 

Rief der Alte lachend zu vom Land': 

„Lass' dich, Freund, nicht meinetwegen rühren; 

Der dein Schiff führt, Er, wird mich auch führen!** 

Rief es, und sein Kleid als Teppich hreitend, 

Folgt* er uns, auf ihm die Flut durchschreitend. 

Und im Strahl" der Frühe, Tug's danach, 

Stand er lächelnd neben mir und sprach: 

„Warum staunest du, o Mann, der klug, 

Weil mich Gott, wie dich das Fahrzeug trug? 

Tnd hez weifeist, dass, die Er will leiten, 

Flut und Feuer unversehrt durchschreiten? 



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96 

So wie Kinder yon Gefahr und Glut 
Liebend fern hält ihrer Mutter Hut, 
Also, wahrlich, die auf ihn sich stutzen, 
Wird der Herr bei Nacht und Tage schützen ; 
Er p der Moses Wiege aus den Wogen 
Und aus Flammen Abraham 1 ) gezogen-" 



Schlaf im Tigris, Säugling, vhne Harm, 
Wenn dich hält des rtisfgen Schwimm itä Arm; 
Aber du, der sündigt auf der Erde, 
Hoffe nicht, dass Flut dich tragen werde! 



l)fttk*Sr!lt 13. 



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97 



Der Thicrhäiiidi^cr, 



Als einst ein Frommer einen Tiger ritt 

Und um den Arm sich eine Viper wand. 

Rief staunend Einer: „Mann aus Gottes Land 1 , 

Zeig' meinem Fuss 1 den Pfad, den deiner sehritt! 

Das wilde Thier folgt knechtisch deinem Tritt', 

Sprich, schmückt der Ring: der Geister deine Hand? rf 

Da sagte dieser: „Dienen Tiger mir 

Und Wolf und Schlange, stehe staunend nicht! 

Reug'st du den Nacken unter Gottes Pflicht, 

Wird jeder Nacken beugen sieh vor dir. 

Dass ich mein Thun auf Gottes Macht gestützt, 

Macht, dass mich Gott vor Macht der Ander'n sehntet !* 



02; 



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98 



Der Amtmann und sein Holm. 



Ein Dorfverwalter sah, mit seinem Knaben, 

Des Sultans Heer an sieh vorüber traben. 

In bunten Reihen auserlesene Streiter : 

Mit Schwert und Axt vorerst wohl tausend Reiter* 

Die Bogenschützen und die schmücken Jägrer, 

Die Keulenschwingen dann die Pikentrüger : 

Und stolze Führer in Brokat und Seide, 

Auf blanken Helmen fürstliches Geschmeide, 

Der Knabe, jubelnd über solchen Glanz, 

Sah nach dem Vater, der, geblendet gans 

Und vom Gewicht" des Eindruckt übermannt. 

Zurückgescheucht in einem Winkel stand. 

Da rief das Kind : „Ei, bist du Amtmann nicht 

Und sitzest selbst als Höchster zu Gerieht, 

Dass nun der Anblick andVer hoher Gäste 

Dich beben macht, wie Sturmwind Weidenäste?" 

Der Amtmann sprach: „Wohl bin im Dorf 1 ich gross; 

Doch, merk 1 es Knabe, auch im Dorfe blosl" 



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.99 

Mensch, wie der Amtmann gross im Dorf allein, 
So wähnst du gross dich, ob du noch so klein ; 
Doch wird, wer mächtig, soweit nur geehrt, 
Als Ehre hat der Herr, der Macht gewährt ! 



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12* 



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100 



Der Leuchtkäfer. 



Leuchtkäferchen durchschwärmte Feld und Hain, 
In schwarzer Nacht ein heller Fackelschein. 
Ich rief es an: „Leuchtkäferchen, o sage, 
Aus welchem Grund 1 verbirgst du dich bei Tage ? " 
Es sprach: „0 Blinder, auch am Tage streich 9 ich, 
Doch vor der Sonne Riesenglanz erbleich 1 ich ! * 



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101 



Der Gefangene. 



In einer Stadt, wo Zwietracht war entglommen. 
Ward auch ein Greis, ein frommer» festgenommen, 
Der also sprach, noch höre ich sein Wort, 
Itidess sie banden ihn und schleppten fort: 
„Wenn nicht der Herr es euch geheissen hätte, 
Wer wäre stark genug» dass er mich kette? 
Doch weil es also, oh ihr gleich mir Feind, 
Muss ich euch liehen, weil ihr komrn't vom Freund 1 ; 
Denn Huld und Glück» wie Unheil und Bedrückung, 
Mir sind sie Gottes- und nicht Menschen-Schickung! 



Ergebung Freund! nicht murre du, der krank, 
Reicht dir der kluge Arzt den bitter'n Trank! 
Er weiss was frommt, vertraue du und danke ; 
Denn, sieh 1 , der Arzt soll heilen, nicht der kranke 



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102 



Spruch. 



Ich fand ein Buch, in dem ^schrieben stand: 
„Der Rath ist Wind, die Liebe ist ein Brand; 
So wie die Peitsche macht den Tiger schlimmer, 
So facht der Wind die Wuth des Brandes grimmer'" 



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103 



Falter 1 ) und Kerze* 



Abends hört' ich, schlummernd halb, halb wach, 

Wie der Falter zu der Kerze sprach : 

„Mir, der Hebt, steht irre Sehnsucht zu, 

Doch warum glühet weinend hin auch du?" 

Diese seufzte: „Leidgenosse, wisse, 

Ich auch liebe; Honigseim, der süsse, 

War mein Freund, und seit ich sein beraubt, 

Glühet in ew'gem Schmerze mir das Haupt!" 

Riefs, und Wachses helsse Thränenmassen 

Rannen stromgleich auf den Leib, den blassen. 

Weiter sprach sie: «Wahre Liebe kennt 

Nur, wer, mir gleich, schweigt und dennoch brennt! 

Dich erschreckt es, wenn ein Funken droht, 

Ich nrnss lohen, bis ich ausgeloht; 

Dir versengt den Flügel kaum das Licht, 

Mich verzehrt es und ich wanke nicht; 

Und was froh macht, meine heitVe Helle s 

Brand und Zähren, ach, sind ihre Quelle ! u 

So in Seufzern schwand ihr hin der Ahend, 

Während ich, nn ihrem Schein 1 mich labend. 



°" Go 1 



104 

Mir gestand: „Die Kerze ist wie ich, 
Aussen kalt und glOhend innerlich!*" 
Bis mein Liebchen, feengleich ergötzlich, 
Sprang in's Zimmer und sie löschte plötzlich. 
Doch ihr Rauch noch lispelte und floh: 
„GlOlTn, ob sterbend, Liebesloos ist so!" 



Willst du Mensch, was Liebe, ganz verstehen, 
Darf im Tod' erst deine Glut vergehen. 
Klag' um den nicht, der aus Liebe starb, 
Danke Gott, dass Leben er erwarb. 
Bist du klug, entfernt dem Meere bleibe, 
Oder willig — Spiel der Wogen — treibe! 



1) Den MorgealEader ist der irre Sehsaetterliaf. welcher das Licht amkreist «ad sich aa ihm die 
Flügel seagt, das Bild der sehwiraurisehea, strebenden ; die Kerze, welche regaagslos rerbreaat, in 
Bild der staaiaiea, daldeadea Liebe. 



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108 




trab #elbsturrlängmmg. 



VI. — CUlMgrapble. 



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PUBLIC UBJMRY 



ASTQR, LENOJS AND 
TIUDEH tOüNÖATIOW» 



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107 



Feuer und Erde, 



Mensch, aus Erde tief dich Gottes „Werde !* 
Darum sei weich und demuthsvoll, wie Erde, 
Und nicht, wie Feuer, stolz und Übermut big! 
Weil du aus Staub, sei nicht wie Flamme wüthig, 
Desshalh, weil Feuer zornig sprüht in Funken, 
Und Erde, duldend ruht iu sich versunken, 
Erschuf aus beiden fremdes Werk der Meister: 
liier gute Menseben, dort verfluchte Geister. 



c£; 



13 



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108 



Her Tropfen. 



Aus hoher Wolke fiel ein Tropfen, schwer, 
Tnd sprach beschämt, fhi vor ihm lug dys Meer: 
„ Vor dir, o Weltmeer, ach, wie hin ich klein ! 
Da, wahrlich, bist ; ich scheine nicht zu sein!- 4 
Also, in Deinulh, sank er auf den Strand, 
Wo er sein Grab in einer Muschel fand. 
Gesegnet doch war seines Fallens Stunde, 
Heim Perle ward er in der Muschel Grunde. 



Dass er sieh seihst erniedrigte, erhebt ihn, 
IHiss er sich seihst vernichtete, belebt ihn' 



QXD 



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109 



Wer Klosterhruder. 



Ein frommer Jüngling, der von fernem Meer" 
An Anatolien's G ranzen war gekommen, 
Ward hier, weil arm und auch verständig sehr, 
Als Bruder in ein Kloster aufgenommen. 
Doch als der Abt einst den Befehl ihm gab, 
Zum Dienst' dys Herrn das Gotteshaus zu scheuern, 
Griff rasch der Jüngling nach dem Wanderslnh 1 
Und ging, um weiter durch die Welt zu steuern. 
Da schmähten laut der Abt und alle Leute 
Den trägen Bettler, der die Arbeit scheute. 
Doch diesen fand ein Mönch am nächsten Tag" 
Und rief ihm zu: ^Du hast nicht klug gehandelt, 
Denn wisse, Stolzer, der nicht dienen mag, 
Dass man durch Demut h nur zu Ehren wandelt!* 
Allein der Jüngling brach in Thränen aus 
Und sprach, ergriffen von des Tadels Schrecken: 
w 0, fleckenlos und rein ist jenes Haus, 
leb aber bin von Mangeln voll und Flecken; 
Wer unrein, leg 1 an Reines nicht die Hunde* 
Darum entfloh ich; dass nicht Fluch das Ende!* 



13* 



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HO 

Willst du versteh'n, was Armuth ist im Geiste, 
Zu Boden senke, Mensch, dein Aug' das dreiste ! 
Und willst du gross sein : Demuth ist und Blosse, 
Die einz'ge Stiege zum Palast 1 der Grösse ; 
Wie, schwer von Frucht, der edle Baum die Zweige, 
Von Demuth schwer, das Haupt zur Erde neige ! 



CfO 



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111 



Der Begossen! 1 . 



Am Bairarn 1 ) war es, Morgens, wrie ich hurte, 
Als ßajefid s ) vom Bade hei inwärts kehrte, 
Und man zufällig ihm aus einem Schloss\ 
Auf Haupt und Kleid ein Becken Asche gm». 
Er aber sprach, indem er ruhig sieh 
Von Haar und Rock den Aschenregen strich: 
„Ich, der, als Sündur, würdig hin der Flammen, 
Hab 1 ich ein Recht, die Asche zu verdammen ?! 



Ein Mann des Heil 's vertraut sich selber nicht. 
Und wer auf Gott schaut, schaut sieh selhcr niclil. 
Wer allzu steif geht, lauft Gefahr, zu fallen. 
Und wer sich klein weiss, der ist gross vor Allen 



1} „Bairam" werden Ifltauoil k-H 4\t Jn-idco gvSwtai Itotfl ler HtiliiiiiiiMMlunr'r LrtHiaiLoJ, na 
**lch*a und, di e üürrügaLcn t* für ihre FMiehi Eilten, iU* JJjd tu U^iu-hi-u »ad iu tciuvn K^iileru 



- j ßijefid Tita Bc&ifcni, Heiliger 4« IhIbidi. 



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112 



Der gebessert« Prinz* 



Zu Gemische 1 ) war ein Prinz, ungleich den Ahnen 
Bewahr 1 uns Gott vor solcherlei Kumpanen - 
Der eines Tages, Weines voll und singend, 
Zum Tempel kam, den blanken Becher schwingend. 
Doch sieh 1 , ein Mönch sass in der Halle dort, 
Mil reinem Herzen und heredtem Wort 1 , 
Und um ihn Viele, lauschend seiner Lehre; 
Denn wer nichts weiss, beseheide sieh und höre I 
Als nun, wie Lauchruch Rosenduft bezwingt, 
Und Trommelwirbel Lautenklang verschlingt, 
Des Saufers Lärm die Predigt übertäubte, 
Da ss aufgestört die fromme Schar zerstäubte, 
Warf sieh ein Schüler vor dem Mönch 1 in's Knie, 
Und hob die Hand beschwörend auf und schrie: 
„Uns hält die Furcht gefesselt Ann 1 und Zungen, 
Du aber fluche diesem wilden Jungen; 
Denn wahrlich, des Gerechten Fluch trifft härter, 
Als hundert Aexte und als hundert Schwerter!" 
Da richtete der Greis sich auf und rief: 
„0 Herr, der sein nennt, was da hoch und tief! 
Ein schönes Loos ward diesem Königskinde» 



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113 

Gib, dass es auch ein schönes Ende finde ! " 

Der Schüler staunte. „Zierde der Gerechten! 

Was wünschest - sprach er - Gutes du dem Schlechten? 

Da doch der Wunsch, dass Schlechten gut geschehe, 

Begehren heisst, dass Guten schlecht es gehe?" 

Allein der Mönch, der einsichtsvolle Greis, 

Sprach so zurück: „Nicht zürne, wer nicht weiss! 

Denn, wenn ich Gott: Gib Glück dem Jüngling! bat, 

So hiess dicss : Herr, gib Reue seiner That ! 

Dass, nach der Lust, der flüchtigen, auf Erden, 

Ihm endlos mag die Lust des Himmels werden!" 

So sprach der Mönch, und eines Dieners Mund 

That rasch dein Prinzen seine Rede kund. 

Der Prinz Ter nahm 's und hitfrc Thränenlauge 

Entstürzte reich wie Regen seinem Auge; 

Indcss sein Herz aufglomm im Reuebrand, 

Und Sehaam den Blick ihm an den Boden band. 

Hierauf Kum Weisen einen Sklaven sandt' er, 

Den Drang nach Busse, lauten Rufs, bekannt 1 er, 

Und um zerknirscht zu huldigen dem Frommen, 

Lud er ihn ein, als Gast zu ihm zu kommen. 

Da ging der Mönch, trat ein in's Königshaus 

Und sah umher. Rings wilder Saus und Braus ! 

Ein langer Tisch mit Wein und Speiseresten, 

Umwankt, umlagert von erglühten Gästen; 

Die Einen kosend, AndVe heiser singend, 

Die Einen scheltend, AndVe Becher schwingend, 

Hier Feslmusik, die hell durchbraust die Luft, 

Dort Lärm des Sehenken, der zum Trünke ruft 



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114 

Vom Wein 1 gebändigt mancher tolle Ritter, 

Der Spielmann schlafmücT, krumm, wie seine Cither ; 

Und klar kein Auge, keines als das süsse, 

Das sanfte Blöthenauge der Narzisse. 

Da rief der Prinz: „Vernichtet diess GerätlT! " 

Lind — o wie rasth der Rausch der Lust verweht! — 

Kaum war zunächst der C filier Leib zersprungen. 

Erstarb das Lied auch auf der Sänger Zungen. 

Dann: n Steine her ! ^ kein (Has, das sie ertrug! 

„Ilauntschclni zu dirl* geköpft sehlägt um der Krug; 

Der Humpen - paif - und wie die Gans, die todte, 

Spritzt aus im Fall er Strahlen, tulpenrothe; 

Die Flasche - pautz - ha seh/t nur, sie war schwanger ! 

Ihr Kind, der Most - kaum sehlief neun Monden lang er - 

Entstürzt ihr jäh l des Bechers Auge sehaut es, 

Und blut'ge Zähren reichen Nasses thaut' es! 

Hierauf zerbrach man auf des Prinzen Wink 

Des Saales Estrich, und schuf neu ihn flink» 

Da man vom Wein", der purpurn auf ihm glühte, 

Ihn Tein zu fegen fruchtlos sich bemühte; 

Was aucl begreiflich, denn zuviel vom Wein\ 

Mag wohl am Ende schaden seihst dem Stein"! 

So kam's. Der Königssohn, der tolle, keclte, 

Sasa bald, wie Greise, betend in der Ecke. 

Und iv as der Zorn des Vaters nicht errang. 

Und nicht der Freund, der bittend in ihn drang. 

Was Kerker, Qual und Kette nicht erzwungen: 

Dem Mönche war's durch kluges Wort gelungen. 



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HS 

Der Schild des Fechters schreckt nicht ab den Leuen, 
Der grimme Tiger wird das Schwert nicht scheuen ; 
Doch Milde siegt, entwaffnend jeden Feind, 
Indess zum Feinde, Härte, macht den Freund ! 



I) Stadt in Karahagh. 



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14 



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116 






HonighandeL 



Mit Honig handelnd, stand tun junges Weib, 
An dessen Reiz sich alle Herzen liüngten, 
Dem Zuckerrohr 1 , dem schlanken, glich sein Leib, 
Um das wie Fliegen sich die Käufer drängten: 
Ja, wenn das Weib mit Gift gehandelt hätte, 
Sie kauften Gift statt Honig's um die Wette! 
Ein grober Mann, der dieses Treiben sah, 
Und dVob ans Neid dem Weibe ward gehässig, 
Ging alsnhald um Honig fern und nah 1 ; 
Und Seim im Korbe, doch im Antlitz Essig, 
Kam er, laut rufend, auf den Markt gegangen. 
Doch keine Fliege wollte an ihm hangen! 
So, ohne Losung, stand er bis zur Nacht, 
Dann schritt er heim mit einem Angesichte, 
Wie es am Festtag ein Gefangener macht, 
Und wie es Sünder schneiden vor Gerichte. 
Dort aber hört 1 er spotten : „ Blöder Bauer I 
Ein sauVes Antlitz macht auch Honig sauer!" 



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117 

Gemeiner Sinn führt abgrundwärts den Rauhen, 
Doch Milde fuhrt zu Paradieses Auen ! 
Selbst Zucker edler Trauben mundet nicht, 
Wenn man sie reicht mit gallichtem Gesicht 1 , 
Und besser, traun, schmeckt trübe Flut der Flüsse, 
Als, mischt der Neid ihn, Eissorbet, der süsse. 
Darum gib gern! und hast du Gold nicht, höre, 
Mach 9 es wie Saadi : spende gute Lehre ! 



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14* 



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118 



Der Fromme und der Käufer. 



Nahm einst ein betrunkener Wicht 
Einen Gottesmann am Kragen; 
Dieser aber Hess sieh schlagen, 
Trug es schweigend, rührte nicht. 
Einer rief: „Kein Mann, fürwahr, 
Duldet, dftM ihn schlägt der Tolle!* 
Jener doch, der demuthvolle, 
Sprach: „Wie hast du Unrecht gar, 
Wilde Thiere lass 1 in Ruh/! 
Tolle mügen Kluge quälen; 
Doch zum Streite Tolle wählen, 
Kommt dem Klugen nimmer zu!" 



So ist edler Männer Leben: 
Bus es dulden, Gutes geben. 



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Der Rubin. 



Fiel einst einem Konigssoline 
Ein Rubin aus seiner Krone, 
Fiel ihm auf ein Kieselfelt], 
Während Nacht umgab die Welt, 
Und der Vater sprach zum Kind 1 : 
„Sieh\ das Dunkel macht dich blind, 
Dass dein Auge nicht ermisst, 
Was Rubin, was Kiesel ist; 
Darum sammle alle Steine, 
Denn darunter ist der deine!" 



Wie vom Kiesel der Karfunkel 

Zu erkennen niebt im Dunkel, 

Also in des Lebens Nächten 

Gleicht der Gottesmann dem Schlechten, 

Gleichen Dumme Klugen gerne; 

Darum, Mensch, geduldig lerne 

Qual der Thoren überwinden, 

Dass du magst den Weisen linden I 



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120 



Maaruf l ) and der firanke. 



Zu Maaruf kam einst ein Gast, 
Siech thunrfs halber todesbangend, 
Freudelos und haarlos fast, 
Haarbreit mir am Sein noeh hangend. 
Dieser ward zu Bett 1 gebracht, 
Doch mit Stöhuen und mit Jammer, 
Schlaffe (lohen, Nacht für Nacht 
Füllte er Gehöft und Kammer. 
Eigensinnig, launenvoll, 
Fuhr er fort im argen Treiben, 
liis das ganze Haus ward toll 
Und nicht Einer wollte bleiben; 
Nur Maaruf, Maaruf allein, 
Sass bei ihm, sieh Allem fügend, 
Trost ihm hauchend in die Pein, 
Bis er einst, dem Schlaf erliegend, 
Seine Augen sinkend schloss. 
Doch der Mann, mit lautem Greinen, 
Schrie: „0 schnöder Heuchlertross, 
Dessen Tugend eitles Scheinen! 
Gottlos innen, aussen rein, 



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121 

Trugvoll spielend den Erbarmer, 

Schläft der faule Gleisner ein, 

Wenn da wacht ein kranker Armer!** 

Also schalt den Edlen er; 

Weil sein Auge Schlummer senkte, 

Aber schweigend trug es der. 

Doch sein Weib» das Solches kränkte. 

Kreischte zürnend; „Hast das Wart 

Dieses Bettlers du vernommen? 

Sag' ihm doch: Du quälst uns, fort ! 

Mögest sonstwo du verkommen ! 

Mild sein ist nicht stets erlaubt. 

Schlecht thut, wer thut Schlechten Gutes, 

Bett' auf Flaum kein Drachenhaupt, 

Noch zu sanft auf Steinen ruht es. 

Sei nicht Allen mild, gleich lind 

Nicht mit Hund und Kätzlcin fahre! 

Schlimmer noch als Hunde, sind 

Böse Menschen, undankbare. 

Und sie bergen, bringt nur Schmach! - 

Doch sieh 1 da! aus vollem Herzen 

Rief Maaruf ; „Gemach, gemach ! 

Zorn des Siechen kann nicht schmerzen ! 

Eines Leidenden Geschrei 

Weckt mir Leid, nicht aber Klage; 

Wer gesund ist, dankbar sei, 

Und des Kranken Launen trage!* 



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122 

Kerch hat Gräber, mehr als eines ; 
Wie Maarufs Grab, ehrt man keines ! 
Du, der gross erschiene gerne : 
Dass nur Demuth gross macht, lerne ! 



I) Maaraf aa* Krrck. dahrr Kerc-bi geaaaat. ein Mobaaamedaaiacber Heiliger, denen Grib alt 
Wallfahrt. .litte beaarbt wird. 



*\<^ 



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123 



Ssallh 1 ) und die Bettler. 



Der Fürst von Syrien Ssalilh 
In unscheinbare Tracht verborgen, 
Allein und unerkannt, durchschlich 
Der Hauptstadt Strafen einst gen Morgen, 
Ein guter Fürst, der mit Verstand 
Gefühl und Frömmigkeit verband! 
Zwei greise Bettler, lagernd, traf 
Er auf des Tümpels Flur, der harten, 
Von Frost durchschüttelt, ohne Schlaf, 
Nach langer Nacht des Morgens warten. 
Wie Sonnenblumen harren still, 
Bis sieh die Sonne zeigen will. 
I>oeh Einer murrte ummithroll: 
„0 Bruder, wenn am jüngsten Tage 
Auch Fürsten, die hier, reich und fnIL 
Nur Wohlsein kennen und ßefogc. 
Mit uns eingehen ii/s Himmelreich, 
Ble.il/ ich im Sarge lieber gleich; 
Herrn unser soll der Himmel sein! 
Nur unser! weil uns, arm auf Erden 



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I 



124 

Und elend, für des Diesseits Pein 
Im Jenseits der Ersatz muss werden ; 
Pocht 9 einst Ssalih am Thore dort, 
Ich peitscht 1 ihn mit dem Sargtuch' fort!" 
Ssalih vernahm's, doch sprach er nichts 
Und streifte weiter durch die Räume, 
Bis Tag ward, und der Born des Lichfs 
Aus allen Augen wusch die Träume, 
Worauf er beide rufen Hess, 
Und sie am Throne sitzen hiess. 
Dann goss er Huld wie Regen aus, 
Dass, reingespült von Elends Flecken, 
Nach Frost und Nässe, Noth und Graus, 
Umringt von Fürsten und von Recken, 
Der Bettler, kaum noch kleidberaubt, 
Sich Prachtgewänder würdig glaubt. 
Da trug der Sprecher den Ssalih : 
„0 Herr, vor dem sich Welten neigen, 
Du ehr 'st wie einen König mich, 
Was liess so hoch den Sklaven steigen? 44 
Ssalih doch lächelt, sein Gesicht 
Erglüht wie Rosen und er spricht : 
„Nicht, wie du sagtest, bin ich toll 
Und zürne nicht, wenn Arme klagen; 
Darum gib auf auch du den Groll, 
Und statt mich grimm davonzujagen, 
Wie ich dir hier der Gnade Pforten, 
Schliess 1 auf des Heiles Thor mir dorten ! « 



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128 

Nie wirst du, Mensch, von hellem Schein* 
Und leuchtend wie die Lampe sein, 
Wenn deine Seele, stolzerfüllt, 
Wie Wollendocht im Oele schwillt ! 
Nur der wird hell wie Lampen schimmern, 
In dem der Liebe Lichter flimmern ! 



i) Ssalih herrseht« in Aegypten and Syrien ; das h im Eiyeanamea Sali* ist scharf aa hetoaea. 



c£; 



15 f 



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126 



Die beiden Sterndeuter« 



Ein eitler Fant, der in den Sternen las, 
Doch mehr des Dünkels als der Kunst besass, 
Kam, dass er listig Etwas ab ihm lerne, 
Zu Guscliiar, dem Weisen, aus der Ferne. 
Allein der Weise wies den Gecken fort 
Und lehrte ihn, so sehr er bat, kein Wort. 
Doch eh 1 er trauernd wieder heimwärts kehrte, 
Sprach so zu ihm der treffliche Gelehrte : 
„Du hältst dich selbst för übergross und klug, 
Nicht füllen kann ich schon gefüllten Krug ! 
Weil voll von Dünkel du zu mir gekommen, 
Hast leer an Wissen Abschied du genommen; 
Einst leer an Dünkel wieder mich beehre, 
Und voll, von Wissen, dann, nach Hause kehre!" 



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127 



Wer küiik und der Knecht* 



Ein König war, dem einst ei» Knecht entsprang* 
Der, lang 1 gesucht, nnil nicht gefunden laug\ 
Zuletzt von selbst besänftigt wiederkehrte, 
Allein der König, der sein Blut begehrte, 
Rief seinen Henker. Als nun dieser, froh 
Des Schi achter Werks und mitleidslos und roh, 
Den Mordstahl riss aus seiner Scheide ächzend* 
Wie durst gern Mund' ent fuhrt die Zunge lechzend* 
Da rief der Knecht in seiner höchsten Noth : 
«Vergib, o Gott, dem König' meinen Tod! 
Und weil er sonst mit Gnaden mich gedachte, 
Was mich zum Stolze meiner Freunde machte. 
Ertaube nicht, dass meinem Blut' zur Sühne, 
Er einst 1 ) zum Spotte seinen Feinden diene! 6 * 
Riefs und sein Wort drang an ^Ws Königs Ohr; 
Und sieh', der Fürst, der allen Groll vcrlur. 
Zwei Kusse ihm auf beide Augen drückend, 
Mit Bogen, Trommel und Panier ihn schmückend, 
Entlicss ihn gnädig, und vom Ort 1 der Leiden 
Sah man ihn straflos» reich und mächtig scheiden. 



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128 

Diess soll euch lehren, dass ein Wort der Milde 
Wie Regen träuft auf Zornesglut, die wilde, 
Und sanfter Sinn des Feindes Grimm bezwingt, 
Wie ab von Flaum machtlos die Klinge springt. 
In heisser Sehlacht, wenn Axt und Schwerter blitzen, 
Wird mehr als Erz ein Wamms Ton Seide nützen ! 



I) Kialieli •• Taje de» lettte« Geriefelt«. 



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129 



Spruch* 



In Gottes Saal' zu Oberst sitzen, werden 
Die selbst zu Unterst sich gesetzt auf Erden. 
So rast einher der Bergstrom mit Getümmel, 
Und schwindet spurlos In des Schlundes (inift; 
Den Tb.au jedoch, der still entsinkt der Luft, 
Die Sonne trinkt ihn und er steigt zun» Himmel! 



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130 



fftatiiii 1 ) der Taube. 



Chatirn, Assamm, wie eine Sage spricht, 
Ward taub geglaubt; du aber glaub 1 es nicht! 
Demi einst, als eine Mücke summend klagte, 
Weil sie im Spinnen netz" sielt fing ; da sagte 
Ointim sieh plötzlich zu ihr wendend: „Wiss f es, 
Du Näschefin, die sich ernascht den Tod , 
Nicht überall licjrt Zucker, Seim und Süsses. 
Auch Orte giehfs, wo Garn und Schlinge droht! - 
Da Trug ein Mann aus seiner Schüler Kreise: 
^.Erkläre, Meister, denn wir staunen sehr, 
Wie nur geschieht es, dass du jenes leise 
Gesumme hörst, das uns zu boren schwer 
Und, wenn dein Ohr der Mücke Laut erkennt, 
Warum man grundlos dich den Tauben nennt?'* 
Chulim darauf versetzte lächelnd: „Schlimmer 
Ist's Schmeichler hören, als gehörlos sein! 
Ihr seid gewohnt mir Loh zu spenden immer, 
Doch Loh heranseht gefährlicher als Wem! 
Da stetes Lohen nun und Tadels Hehlen 
Nur eitel macht und dunkel voll und schwach , 



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131 

Hielt ich's för Pflicht, der Taubheit Schein zu wählen, 
Wodurch die Macht ich jenes Zaubers brach. 
Denn, weil man Glauben meiner Taubheit schenkte, 
Gab jeden Tadel laut man vor mir kund, 
Und weil der Tadel meines Fehl's mich kränkte, 
Warf ich, was Fehl ist, weg und ward gesund." 



Das Seil des Lobes fährt in dunkle Schachte, 
Wie Chatim, taub, sei und auf Tadel achte ! 



1) Chatim, mit dem Beinamen Ammm, d. i. der Taube, ein frommer Mann nnd Getettgelehrter. 



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132 



Der Fromme und der Dieb. 



Zu Tebrif hielt Haus ein frommer Mann, 

Welcher Nachts einst betete und sann, 

Als er plötzlich einen Dieb erblickte, 

Der ein Seil um seinen Erker strickte. 

Da erhob er lautes Hilfgeschrei, 

Bis ein Schwärm mit Knitteln lief herbei, 

Und der Dieb, an allen Gliedern zitternd, 

Reissaus nahm, ein Qbles Ende witternd. 

Er entkam, allein des Frommen Herz 

Schmolz wie Wachs, aus Mitgefühl und Schmerz, 

Dass dem armen Diebe diese Nacht 

Täuschung nur und nicht Gewinn gebracht. 

Durch das Dunkel schlich er Jenem nach, 

Trat ihm höflich in den Weg und sprach : 

„Sei, o Freund, als Kühnster mir gepriesen, 

Weil du zweifach dich als Held bewiesen, 

Da du erstens keck dem Feinde steh'st, 

Da du zweitens heil der Schlacht entgehest ! 

Doppelt Grosser ! willst du trauen mir, 

Kann ich Haus und Stelle zeigen dir, 



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133 

Wo die Mauer müh'los sieh ersteigt 
Und gewiss auch sich kein Störer zeigt. 
Dort aus Ziegeln eine Treppe schichtend, 
Dann, auf deinem Röcken auf mich richtend, 
Steig 1 ich ein, und dein sei, was darin: 
Ist's auch wenig, immer ist's Gewinn!" 
AI$o sprechend, — o der Huld und Schonung 
Zog er fort ihn bis zur eigenen Wohnung, 
Schwang sich dort, der edle Gottesmann, 
Auf den Schultern eines Schelm's hinan, 
Und an Habe was da barg sein Haus, 
Warf er Jenem in den Schoos hinaus. 
Doch zuletzt zum Scheine: „Diebe, Diebe! 
Leute !« rief er : „Helfet, Gott zu Liebe !" 
Bis der Gauner, welcher horchend stand, 
Seine Beute auflas und verschwand. 
Doch der Fromme sah ihm nach, voll Freude, 
Dass der Wicht nicht unbefriedigt scheide ; 
Denn selbst Solchen, denen Mitleid Scherz, 
Schlug voll Mitleid jenes edle Herz. 



Staunen fasst mich, denk' ich des Gerechten, 
Wie er gut ist, und selbst gut mit Schlechten, 
Und des Schlechten, der nicht weiss was gut ist, 
Und doch glücklich in Gerechter Hut ist ! 

1«* 



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134 



Grund der Sanftmuth. 



Einem, der, wie Saadi sanft gesinnt, 
Brannte fttr ein wunderholdes Kind, 
Und desshalb von neidischen Rivalen, 
Schläge, Stftsse, Spott erlitt und Qualen, 
Sagte Einer : „Ist es Schande nicht, 
Dass du Hohn und Faustschlag in's Gesicht 
Ruhig duldest? Nicht so mild dich zeige! 
Sonst mit Recht verschreit man dich als feige/ 
Aber Jener sprach diess Wort, das hehre, 
Schreib 1 es golden, denn ihm ziemt die Ehre : 
„So Ton Liebe ist mein Busen voll, 
Dass in ihm kein Raum blieb für den Groll!" 



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135 



Lokman 1 ) als Sklave. 



Lokman war von dunkler Haut, 

Unansehnlich, schlecht gebaut, 

Und in seiner Tracht, gewöhnlich 

Einem schlichten Diener ähnlich. 

Eines Tag's begab es sich 

Dass vom Bau' ein Knecht entwich, 

Und man Lokman, der da ging, 

Ein statt jenes Sklaven iing, 

Zornig ihn zur Arbeit stiess, 

Und ihn Mörtel tragen hiess. 

Lokmann schwieg, und demnthvoll 

Trug er Arbeit, Schimpf und Groll, 

Frohnend so ein ganzes Jahr, 

Bis der Bau vollendet war, 

Und der Sklave der verschwunden. 

Im Versteck 7 ward aufgefunden. 

Als der Eigner diess vernahm. 

Drang er, bleich vor Schreck und Scham, 

Auf ihn ein mit Küssen, Bitten, 

Zu verzeih 'n was er erlitten! 



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136 

Aber dieser sprach mit Lachen: 
„Kann ein Kuss vergessen machen, 
Dass dein Grimm zwölf Monden lang 
Blutend mich zur Frohne zwang? 
Doch, o Mann, vergeh 1 ich dir, 
Weil diess Jahr, so dir wie mir 
Nützlich, dir ein Haus bescheerte, 
Duldung mich und Milde lehrte. 
Denn auf meinen Feldern, sieh', 
Lebt ein Knecht und hütet Vieh, 
Den ich oft, weil mir verhasst, 
Schlug mit Arbeits-Ueberlast; 
Seit ich lernte Mörtel tragen, 
Werd 1 ich jenen nicht mehr plagen; 
Billig ist dem Schwachen nur, 
Wer des Starken Druck erfuhr. " 



Schmerzt dich deines Meisters Rauhe, 
Sanft auf deinen Diener schaue. 



I) Der berühmte arabische Fabeldichter. 



cä; 



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137 



IMmncM 1 ) und der Hund. 



Als Dschuneid dereinst im Wald 1 
Einen Hund, der, lahm und alt, 
Sonst des wilden Löwen Sc li recken, 
Sonst ein Held im Hirsche nmorden. 
Jetzt, im kläglichen Verrecken, 
Lämmern war zum Spott geworden. 
Winseln horte, ging und bot 
Er ihm nn sein letztes Brod, 
Seufzte tief und sprach dazu : 
r Biu ich besser wohl als du? 
Jctxt vielleicht, doch kann der Tag 
Kommen, wo ich wechseln mag ; 
Denn nur Reinen reicht zum Lohne 
Gott einst der Vergeltung Krone! 
Aber käme je die Zeit, 
Wo entfärbt mein Tugendkleid, 
Besser, traun, zu jener Stunde 
Wiire dieser Hund, der wunde,* 



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138 

Weil, und dieses, Saadi, lerne, 
Fromme sich erniedern gerne 
Und als Hunde wfihnen schlechter, 
Sind als Engel sie gerechter. 



I ) M«lMMie<UMMker Heiliger. 



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139 



Zwei Wanden. 



Bei Nacht schlug einst ein Saufbold sein« Cüher, 
An eines Frommen edlem Haupt' in Splitter, 
Der schwieg ; doch bei des Tages erstem Lichte, 
Gab er ein Säcklein Silbers jenem Wichte 
Und sprach: „Du hast in trunkenem Behagen 
Die Cither dir und mir den Kopf zerschlagen ■ 
Mein Loch im Kopfe wird von seihst gesunden, 
Nimm hier Arznei für deiner Cither Wunden. - 



Diess macht das Haupt der Frommen siegend steigen: 
Dass sie es duldend unter Unrecht beugen! 



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1? 



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140 



Sprach. 



Trifll Tadel dich: ist er begründet, trag 1 ihn; 

Ist er es nicht, In alle Winde schlag* ihn! 

Und sagt dir Einer: „Moschus Hecht nicht gut!" 

Lau» 1 ihn dabei, erhitze nicht dein Blut; 

Und meint er gar, dass Dönger hesser riecht. 

Denk* dir dein Thcil, und widerspreche nicht! 

Vor Allem aber trachte so zu leben, 

Dass dti zum Tadel keinen Grund magst geben» 



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141 



Ali 1 ) und der Frager. 



Einst kam ein Bürger zu Ali» und frug 

Ihn um Bescheid auf eine wichtige Frage. 

Ali, der Sieger und der Held der Tage, 

Gab den Bescheid und der Bescheid war klug. 

Aliein ein Mann, der eben stand dabei, 

Rief: „Vater Hasans 3 ), du hast falsch entschieden!* 

Ali, der Edle, sprach zurück in Frieden: 

„Weisst du es besser Mann, so rede frei!* 

Da sprach der Mann und setzte fein hinzu: 

„Ein Staubatom verdunkelt nimmer Sonnen!" 

Und sieh 1 Ali versetzte, rasch gewonnen : 

„Fürwahr, ich irrte, und nicht irrlest du, 

Du redest wahr; doch wahrer noch spricht Einer, 

Der Oben dort! dem gleich an Wahrheit Keiner ! w 



War "st du, o Freund, so mächtig wie Ali, 
Oh wohl dein Stolz den Widerspruch verzieh? 
Oh nicht dein Pförtner unter Gcisselhieben, 
Den frechen Sprecher hätte ausgetrieben. 



17* 



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142 

Und nachgedonnert: „Lerne Art and Pflicht, 
Dem, der gewaltig, widerspricht man nicht?" 
Doch wisse, Mensch, von allen deinen Sünden, 
Wird rauher Stolz zuletzt Vergebung finden , 
Da Rath und Lehre fruchtlos in ihn dringt 
Wie Thau aus Felsen keine Blume zwingt; 
Indessen, wie der Lenz die Erde schmückt 
Mit Laub und Grün, weil sie sich duldend bückt, 
Von selbst und mühelos dem Demuthvollen, 
Erkenntnissperlen vor die Füsse rollen. 
Dich selbst nicht hebe, willst du sein erhoben, 
Dich selbst nicht lobe, soll die Welt dich loben ! 



1) Ali, mit de* Baiaaaea der Löwe des siegeadea Gottes, 4er erste Bekeaaer and Held de« lalaais. 

2) Ali*» iltester Sohn kiese Hasaa. 



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143 



Omar 1 ) der Sanfte. 



In enger Gasse, vrie man mir erzählte. 
Trat einem Bettler auf den Fuss Omar. 
Der Bettler, der nicht schaute wer es \vdi r — 
Bedenkt auch Wer ihn quälte der Gequälte ? — 
Schrie auf; „Ei Grober, blind bist du wohl gar?" 
Da sprach Omar, der Fürst, der gottbeseelte : 
«Wohl haV ich Augen, aber achtlos schritt ich, 
Ich fehlte Freund; desshalb um Nachsicht hilf ich! 41 



grosse Hand, sei huldvoll gegen kleine; 
Denn Gottes Hand ist grösser noch als deine ! 



I) Umir, *J«tT iwrite Lhilifo de» Islam», unter welchem die Araber AegypteH, Syrien uikI ff r*ifp 



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144 



Ein Traum. 



AU ein Frommer, der selbst Bösen 
Lieb und gütig war gewesen, 
Einem Freunde, der da schlief, 
Sich im Traume zeigte, rief 
Dieser an ihn: „Sage mir, 
Wie behagt das Jenseits dir?" 
Jener, und zwei Lippen weich 
Thaten auf sich, Knospen gleich, 
Sprach, und seiner Stimme Schall 
Klang wie Schlag der Nachtigall : 
„Weil ich Diesseits sanft gewandelt, 
Ward ich Jenseits sanft behandelt ! " 



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Die Reise Suununs 1 ). 



Aegyptens Nil, der grosse Wassers pender. 

Trat, wie es heisst, nicht aus in einem Jahr* 

Rings in die Berge rannte Schar auf Schar 

Und rief zu Gott, dass Flut und Regen send" er! 

Doch, ob wie Ströme ihre Augen flössen, 

Des Himmels Auge blieb dem Tbau verschlüssln. 

Da, Jammers voll, zu Suunun ging Einer 

Und sprach zu ihm; „Sieh 1 , Hunger herrscht und Tod i 

Fleh" du, o Greis, um Rettung aus der Noth; 

Denn Gott, der Reine, hört dns Flehen Reiner!" 

Sprach's; doch der Greis ilnli eilig uns dorn Lümle 

Bis MftdaTn, der Stadt am Tigrisstrande, 

Nach Wochen aber, als er dort erfuhr, 

Dass über'm Nilthal dunkle Walken weinen. 

Erhob er sieh und kehrte zu den Seinen, 

Wo Frühlings wasser tränekte Bach und Flur. 

Hier, um den Grund hefragt der raschen Reise, 

Entgegnete, voll Demuth, jener Weise: 

„Die Sage spricht, dass Sünden eines Bösen 

Durch Noth oft bilssen müsse Mensch und Thier, 



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146 

So, musst 1 ich fürchten, füge sicITs auch hier : 
Und weil ich selbst der Sündigste gewesen, 
Verliess ich Euch, dass meiner Sünden Grösse 
Nicht Ander'n auch das Thor des Heiles schlösse !* 



Mensch, der auf Erden wahrhaft gross will sein, 
Wie jener Grosse halte dich für klein; 
Denn gross allein in diesem Thal 1 des Staubes 
Ist, wer sich selbst zu Staub erniedrigt, glaub 1 es ! 
Dem Winde gleich flog Saadi durch die Welt, 
Doch wird er einst dem Staube beigesellt, 
Und ward er Staub erst, wird, nach Jahr und Tagen. 
Der Wind aufs Neue durch die Welt ihn tragen ; 
Diess Staubsein aber, ihm erscheint es leicht, 
Weil er schon jetzt dem Staub 1 an Demuth gleicht. 
Auch sang er ja, ein Sprosser voll der Töne, 
Mit süssem Lied 1 des Rosengartens*) Schöne, 
Und billig wär's, dass mindest eine Rose, 
Als Sprossers Denkmal, blüh 1 aus seinem Moose. 



1) Mobtamedaaiteber Heiliger. 

2) Dm berühmteste Werk Stadit fuhrt de« Titel „Roaeagartea.« 



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149 



Bestini iiiung. 



Der Herr isfs, der dein Schicksal schafft, 

Nicht kecker Muth, noch Mauueskraft; 

Denn, wo dtis Himmels Glück gehrieht, 

Hilft Tapferkeit und Stärke nicht. 

Und wmn der Wurm aus Hunger stirbt, 

Nicht Schwäche ist"s f die ihn verdirht; 

Cnd wenn der Löwe schwelgt im Rauhe, 

Nicht seiner Klaue dankt cr\ glauhe! 

Darum, weTs unabänderlich, 

Dem Spruch' des Schicksales fuge dich 

Und wisse: Sollst du leben länge, 

Bringt dir Gefahr nicht Schwert noch Schlange; 

Doch, sollst du wandeln kurz auf Erden, 

Wird seihst Arznei zu Gift dir werden \ 






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150 



»er Pfeilschfite. 



Es war in Anlebil 1 ) eintritt] 
Ein Manu mit einer Fausl von Stuhl, 
Der Pfeile schoss mit solcher Kraft 
Dass Panzererz durchdrang ihr Schaft. 
Auf diesen zu, voll Kuinpfeshitze, 
Das Haupt bedeckt van filsTner Mütze, 
Mit einem Seil 1 die Hund bewehrt, 
Gedreht ans Haut vom wilden Pferd; 
Kam ein verwegner junger Wicht 
Wie üehramgur~) auf Streit erpicht» 

Da zog aus Anlebil der Mt 

Den Immer sieber'u Bogen au, 
Und sandte mit gewohnter Eile 
Dein Wicht' entgegen fünfzig Pfeile; 
Doch keiner traf; denn, gleich dem Blitze, 
Durchflog ihm jeder nur die Mutze. 
Der über stürzte auf ihn zu, 
I in] mit dein Fangseil' ihn iin Nu 
Umstrickend, riss er stracks ihn nieder, 
Bund ihm, wie einem Dieb 1 , die Glieder, 



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Und schleppte so ihn höhnend fort, 
Bis an des Heeres Lagerort. 
Dort lag der Schmerz- und Wuth-Entstellte 
Schlaflos die Nacht vor dem Gezelte. 
Und als, sobald es wieder tagte, 
Ein Kriegsknecht zu ihm trat und fragte : 
„Sag' an, o du, der Keulen schwingt 
Und seinen Pfeil durch Panzer zwingt, 
Wie kam's, dass jener Filzbedeckte, 
Der Bettler, dich zu Boden streckte?" 
Da sprach aus Ardebil der Mann, 
Indess sein Auge blutig rann : 
„Fürwahr, ich bin's, der Schuss und Schlag 
Rüstern 3 ), den Helden lehren mag, 
Und in den Tagen, wo das Glück 
Mir zu der Stärke gab Geschick, 
Hielt, traun, vor meines Pfeiles Spitze 
Ein Helm nicht fester als die Mütze ! 
Seitdem jedoch von meiner Hand 
Des Glückes Segen sieh gewandt, 
Bewahrt der Filz, der schlechte, weiche, 
So gut wie Stahl vor meinem Streiche ! 
Denn ist das Schicksal wider dich : 
Durchbohrt dein Erz ein Lanzenstich, 
Der ab von deinem Hemde gleitet, 
Sobald das Schicksal für dich streitet; 
Und steht das Schicksal hinter dir, 
Und zückt das Schwert der Rachegier, 
Ob dreifach Stahl dich hülle ein, 

18* 



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152 

Als wör'st du nackt, so wird es sein ! 
Doch wenn dich seine Hunde schützen, 
Kann dich, ob nackt, kein Eisen ritzen V 



1) Stadl ia Peraiea. 

2) AltperaUeker Held «ad Herraeker. 

S) Nawie de« grö»*tea Heldea der altpeniaehea Sagea. 



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153 



Der Karde und der Arzt. 



Zu einem Kurden, der ob Leibweb klagte, 

Kam einst ein Arzt, griff ihm den Puls und sagte: 

„Der Mann ass Speise, die er nicht verdaut 

Und todt sein wird er, eV der Morgen graut; 

Denn hesser ist : in wunder Seite tragen 

Des Feindes Speer, als schlechte Kost im Magen!" 

Spraelfs, und lag seihst am Morgen auf der Bahre, 

Der Kurde aber ass noch vierzig Jahre. 



Oft stirbt der Arzt, der Heilung kommt zu geben, 
Und Unheilbare, die er aufgab, leben. 



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1S4 



Verlust und Gewinn. 



Ein armer Mann verlor einst ein Stück Geld 
Und sachte weinend und umsonst im Sand' es ; 
Da kam ein Reicher, lachend, durch das Feld 
Zur selben Stelle, suchte nicht und fand es. 



„Glück" oder „Unglück" schreibt des SchicksaPs Feder: 
Da stumm noch ruht im Mutterleibe Jeder. 



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Der Pferdekopf. 



Ein Bauer war, der, als sein Pferd verreckte, 
Den Kopf als Scheuche auf im Felde stockte. 
Dicss sah ein Kinger, der Yorüberfuhr, 
Und sagte lächelnd zu dem Mann' der Flur: 
„ Nicht hoffe, guter Freund > von diesem Pferde» 
Dass es dein Feld vor Bösem schützen werde; 
Denn könnt 1 es schützen, traun, vor Stnss und Hieben 
Sich selber schützend, war 1 es heil geblieben!* 



Wie soll der Arzt von einem Uebel heilen. 
Das bald ihn selbst verderbend kann ereilen ! 



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156 



Der rauhe Tater. 



Ein Vater schlug sein Kind, diess schrie : 
„0 schlage ohne Grand mich nie ! 
Denn muss ich Fremder Unrecht tragen, 
Bleibest du mir noch, es dir zu klagen ; 
Doch thu 1 st du selbst mir Unrecht an, 
Wer bleibt, dem ich es klagen kann?" 



Vor Menschen kann das Schicksal retten, 
Doch Keiner hilft aus Schicksalsketten. 



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157 



Das geschminkte Weib, 



Zur Frau, die hässlidi war, in Kisch, 
Wie sagte treffend der Derwisch : 
„Durch Schminken nicht zu ändern trachte 
Dein Schicksal, das dich hässlich machte!" 



Bemühung ändert Fügung nicht ! 
Kein Salböl gibt dem Blinden Liebt, 
Kein Weiser lebt in Ost und West 
Der Honigseim aus Galle presst; 
Das Thier, und zähm' es noch so sehr. 
Zum Menschen wird es nimmermehr; 
Ein Spiegel wird vom Raste rein, 
Doch nie zum Spiegel wird der Stein ; 
Nie werden Weiden sieh be Huren, 
Nie waschen Bäder weiss den Mohren! 



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1S8 



Adler und Sperber« 

Zum Sperber sagte prahlerisch der Aar: 
„Nichts gleicht an Schärfe meinem Augenpaar! " 
„Mag sein," sprach jener, „doch, es zu beweisen, 
Komm und lass spähend über'm Thal 1 uns kreisen. « 
Gesagt, gethan. Der Adler, kreisend, sah 
Auf Tagesweite Alles licht und nah 9 
Und rief: „Du zweifelst? nun, bei meinem Eide, 
Dort Hegt ein Körnlein, mitten auf der Heide!" 
Der Sperber staunte; aus der hohen Luft 
Schoss jenem nach er nieder in die Kluft, 
Der stürzte jauchzend auf das Korn, doch Schrecken ! 
Verborg'ne Netze hielten fest den Kecken, 
Und eh 1 den Raub er siegend konnte packen, 
Warf das Geschick ein Garn um seinen Nacken; 
Denn jede Musqhel nicht ist perlenschwer, 
Und immer nicht zum Ziele saust der Speer ! 
Da frug der Weih : „Was helfen scharfe Blicke, 
Wenn sie nicht schauen des Verderbens Stricke?** 
Ihm Antwort aber gibt der Aar in Haft: 
„Vorsicht ist nutzlos wider Schicksalskraft! 
Denn will sein Loos, dass Einer blutig ende, 
Ist scharf genug kein Blick, den es nicht blende ; 
Und aus Gewässern, ohne Bucht und Stranden, 
Wird, wie er ringe, nie der Schwimmer landen ! * 



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159 



Der Weber. 



Treffend sprach der Weberjunge, 
Der in 's Garn, mit leichtem Schwünge» 
Elcphanten wob und wilder 
Greife und Giraffen -Bilder: 
„Weben nur kann meine Hand, 
Was des Meisters Kunst erfand !** 



Gluck und Unglück sind ein Schein, 
Wahrer Grund ist Gott allein. 
Und im Irrthunr ist, wer sagt, 
Dass ihn U und X geplagt; 
Denn Geweihte schauen, klar, 
Dass nicht U noch X es war. 
Sondern Gott, der uns beschütze! 
Denn, wenn er nicht, wer ist Stütze? 



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160 



Das Kameel und sein Füllen. 



Das Füllen sprach zum trabenden Kameele : 
„Roh' aus ein Mal und rastlos nicht dich quäle!* 
Diess sprach zurück: „Wenn nicht der Treiber wäre, 
Glaub'st du, ich litte, dass man mich beschwere?" 



Wie emsig auch der Steuermann sich rührt, 
Nicht er, der Herr ist's, der sein Fahrzeug führt. 
Saadi, achtlos auf der Menschen Hände, 
Den Blick zu Dem, der Alles spendet, wende ! 



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Begierde* 



Nicht Gott erkennt noch seine Pflicht, 

Wer nicht mit Seinem ist zufrieden; 

Genügsamkeit macht reich hiernleden ! 

Sag 1 ihm, dem giergepei bellten Wicht": 

Nie wird ein Mühlstein Blütben treiben, 

Du Irrer, wolle ruhig bleiben ! 

Beglückter Mann, der, fern" der Welt, 

Als Zehrung wählte Gotterkenntniss, 

Weil, wer da sein nennt Gottverständmss, 

Was Gott nieht ist, für eitel hält; 

Düüh wer nicht weiss was Nacht, was Helle, 

Setzt Teufel an der Engel Stelle. 

Wie soll der Falke fliegen frei 

Wenn Gier, der Stein, ihm lähmt die Schwinge, 

Dass er empor zum Himmel dringe? 

Der Habsucht Fessel brieb entzwei ! 

Magst du der Sinne Sturm bemeistern, 

Kannst gleich du werden reinen Geistern! 

Jhr, die nur schreibt nach Körperbrod, 

Wissl: Voller Leib ziemt leerem Geiste ! 



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164 

Den Esel fütternd, d'raof er reiste, 
Lasst ihr den Heiland in der Noth. 
Um Weltgut tauschet ihr Gottes Lehre, 
Das Buch des Herrn am Koth der Mähre! 
Nehm't eoch ein Beispiel am Gethier', 
Das Fresslast macht in Schlingen fallen, 
Am Tiger, den, ob stark ror Allen, 
Wie Mfiuse treibt in's Netx die Gier! 
Wollt' ihr, wie Vieh, nach Bissen jagen, 
So lenTt auch Haft and KnQttel tragen! 



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Bas Geschenk. 



Ein Pilger brachte von der Rebe 

Mir einen Kamin aus Elfenbein, 

Mag Gottes Segen aller Weise 

Mit jedem frommen Pilger sein ! 

Doch als, ich weiss nicht wie es kam. 

Er eines Tag's in Zorn entbrannte, 

Und übermüthig, ohne Scham, 

Vor Anderen einen Hund mich nannte, 

Da nahm ich jenen Kamm und warf 

Ihn yor des Pilgers Füsse nieder : 

„Diess Bein nicht ist's, dess ich bedarf, 

Doch Hund auch nenne mich nicht wieder ! * 



Ward auch nur Essig mir zum Tranke, 
Glaubt nicht, dass ich für Zucker danke; 






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166 

Denn dem, der sich begnügt mit wenig, 
Gilt gleich der Bettler wie der König. 
Wozn durch Kaisersftle irr 'st du? 
Genügsam sei, und Kaiser wirst du; 
Wo nicht, vergesse meiner Worte, 
Und bettelnd steh' an jedes Wichtes Pforte ! 



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167 



Der Bittsteller. 



Zu Einem, der, um Gaben zu verlangen, 

Zum Herrscher von Charefm 1 ) war gegangen, 

Und dort aus Demut h fast den Leib verrenkte 

Und hin sich warf, sich hob und wieder senkte, 

Sprach so sein Kind : „Ei, Vater, sage mir. 

Und gib Bescheid auf diese Frage mir, 

Sonst gegen Mekka schaust du, wenn du betest. 

Wie kommt \ dass heute du dich thron wärts drehtest? 4 ' 



Sei nie ein Sklave selbstsuchtvoller Gier, 
Die den Altar bald dort schlägt auf, bald hier; 
Giess' aus um Geiz nicht deiner Ehre Born, 
Nicht um die Perle tausche schlechtes Korn; 
Und kannst im Bache deinen Durst du stillen, 
Geh 1 betteln nicht um Eissorbetes willen. 
Weil man die Habsucht weist aus jedem Kreise, 
Weis* du sie aus, dass dich nicht aus man weise l 



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168 



Der Kranke. 



Ein edler Mann lag fieberkrank. 

Man rieth ihm Zucker zu verlangen. 

Er sprach: „Des Siechthums bitfres Bangen 

Ist süsser noch als saurer Dank ! " 



Wer gibt mit Essig im Gesicht', 
Den fleh'n um Zucker Edle nicht. 



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Der verunglückte Schlemmer* 



Was bring' ich, rathet, euch aus Bassra beim? 

Ei eiae Lehre, süss wie Honigseim! 

Denn dort geschah 's, dass ich in Hatte lhai neu 

Midi schatten ging und andYe Freunde auch, 

Darunter Einer» runder als ein Schlauch, 

Mit grossem Wanst' und Augen, lüstern kleinen; 

Der schürzte sich, stieg auf au einer Palme, 

Und fiel zerschmettert nieder in die Halme. 

Da rief der Vogt: „Wer hat den Mann erschlagen?" 

Ich aber sagte: *Cns verklage nicht! 

Ihn zog vom Asf sein eigenes Gewicht, 

Denn allzu schwer ist eines Schlemmers Magen 

Nicht immer glückt es Datteln zu erhaschen, 

Mau nascht und nascht und stirbt zuletzt am Naschen!" 



Der Bauch, der Bauch hält Hand und Fuss gelangen. 
Und wer an ihm hängt, kann an (lott nicht hangen; 
Das grosse Heupferd, das nur Feü und Ranze, 
Der winz'ge Käfer schleppt es fort, das ganze! 

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170 



Süssholz. 



Zu Einem, welcher Süssholz trug, 

Und rechts und links nach Käufern frug, 

Sprach aus dem Dorf ein kluger Mann, 

Und sah dabei ihn lächelnd an : 

Was sprach er nur? Ein Wort, das gern 1 

Ich schriebe auf den Augenstern ! 

Er sprach: „Du kannst mit Mühe Meiner, 

Ich aber leicht entbehren Deiner. * 



Nicht Süssholz bietet mir Genösse, 
Folgt Zahlens Herbe auf die Süsse. 



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171 



Das Ehrenkleid. 



Einst einem armen aber edlen Mann 1 , 
Gab Chotens') Fürst ein Ehrenkleid von Seide. 
Der zog es an, ward rosenroth vor Freude 
Und sprach, des Gebers Hände küssend, dann: 
n Schön ist das Kleid, das mir mein Fürst verehrt; 
Und doch ist mehr ein eig'ner Kittel werth!- 4 



Frei sein ist besser und auf Erde Hegen, 
Als Polsters halber sich zur Erde biegen. 



1) Eiu ThtiJ 4tr hohen TaUrei. 



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172 



Der Träger. 



Dem Träger, welcher Brod und Zwiebel kaute, 

Rief Einer zu, der breit sein Mahl verdaute: 

„Hu, welche Kost! in's Kloster geh' dich laben, 

Am Armentisch' ist Besseres zu haben!" 

Der Mann begreift, wirft ober sein Gewand, 

Und eilt zum Kloster mit geschürzter Hand. 

Doch dort geschah's, dass ihm das Volk, das drängte, 

Das Kleid zerriss und auch die Hand verrenkte. 

Da sputete der Mann zur Rückkehr sich 

Und sprach beschämt: „Wer trägt hier Schuld als ich? 

Nun aber weiss ich: Gierde ist vom Uebel; 

Gesegnet seid, mein Brod und meine Zwiebel! 44 



Ein schwarzes Brod, das Frucht des eig'nen Fleisses, 
Schmeckt saftiger als fremder Tische weisses. 



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Das Kind des Bettlers. 



Ein Bettlerkind bekam den ersten Zahlt; 

Der Vater sah's und fiel in trübes Sinnen: 

„Wie soll ich Brod fi&r diesen Wurm gewinnen? 

Und ihn zu sättigen, wie fang' ich's an?" 

So jammert er, allein sein Weib erfährt es 

Und männlich sprechend, sich zum Murine kehrt es: 

„0 sorge nicht, dass dieser Wurm verdirbt! 

Der ihm den Zahn gab, wird ihm Brod auch geben, 

Hin nähren wird der Herr von allem Leben, 

Und dess nicht braucht es, was dein Sehweiss erwirbt! 

Er, der da formt das Kind im Mutterschooss 1 , 

Ist er nicht Herr der Leiber wie der Geister? 

Nährt doch den Sklaven, den er kauft, sein Meister, 

Und Gott, sein Schöpfer, liess 1 ihn nahnmgslos? 

Pfui, dass du minder als die Sklavenrotte 

Dem Käufer traut, vertrauest deinem Gölte!* 



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174 



Der wunde Kater« 



Ein Kater, der im Hause einer alten 
Und armen Frau gar kärglich ward gehalten, 
Schlich nachtlich in des Königs Speisekammer, 
Wo ihn der Pfeil der Kncehte traf. Jammer! 
Da kroch er heim und seufzte still in sich, 
Indessen Blut der wunden Brust entwich: 
„Genes 1 ich diessinal, dann für immer preise 
Ich Hütte dich, dich Alte und euch Mäuse !* 



Kein Honig ist der Pein des Stachels wertb; 
Sei du zufrieden, ward dir Most hescheert! 



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178 



Hebende« 



Vor Alters, wie es beisst im Land\ 

GesdiahX dass Stein, in frommer Hand 

lrt Silber sieh verkehrte. 

Kein Mährlein ist's, dass Ihr es wiss't: 

Genügsam seid, und Silber ist 

Mit Stein von gleichem Werthe! 



Dem Kinde gelten Steine gleie.li 
Mit Silber, weil es* einAdtreieh, 
Nicht kennt der Habsucht Plage* 
Dem Armen, der, von Gierde blind. 
Den Fürsten neidet: „Fürsten siml 
Als Arme ärmer!" sage; 
Denn Arme maeht ein Heller satt t 
Der Fürst, und wenn er Persien hat, 
Glaubt noch er habe wenig, 
Viel besser isfs von Sünden rein, 
Und, wünsehelos, ein Bettler seil), 
Als, wünschevoll, ein König 1 



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176 

Es ruht der Bauer und sein Weib 

So wohlig, wie des Kaisers Leib 

Nicht ruht im Goldpalaste ; 

Die Nacht geht jedem süss vorbei, 

Ob Herrscher er, ob Frohner sei, 

Hat er den Schlaf zu Gaste. 

Und braust des Todes Strom heran, 

Vom Thron', vom Pflug', was liegt daran 

Von wo dich schwemmt sein Fluten? 

Darum, ob darbend, geh' in Ruh', 

Sieh'st Reiche lüstetrunken du, 

Und danke Gott, dem Guten, 

Der arm dich Hess und so dir gab, in Gnaden, 

Die sel'ge Ohnmacht Anderen zu schaden. 



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Ein Häuschen. 



Ein Reicher, fromm und wunder Lieh, 
Erbaute einst ein Häuschen sich. 
Befragt, warum, trotz Gut und Gehl, 

Er sich das Haus so klein bestellt? 
Sprach er: „Wozu m tliiirmen mächtig? 
Für den, der stirbt, genügt es schmächtig 1" 



Des Lebens Tag verinnt, wie Sand, 
Die Erde ist ein Pilgerland; 
Und Häuser bauen -auf der Reise, 
Ist wahrlich weder gut, noch weise. 



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Her bedrängte Scheich. 



Ein Sultan war, ein Herr vor Rang nnil Macht, 

Dess Lebenssonne unterging in Nacht, 

Und der, weil Erben fehlten seinem Throne, 

An einen Scheich verschenkte Reich und Krone, 

Der Schcieh, verlockt vom Schalf der Heermusfk*), 

Guh hin für Hoheit seiner Stille Glück: 

Hob Krieger aus und, drohend links und rechts, 

Dass Furcht ergriff die Kühnsten des Gefochfs, 

Begann er Händel, zankte hin und her, 

Und rief zum Streite Stärkere als er; 

Bis Der und Jener, den er einzeln zwang, 

Im Bunde stark, in seine Marken drang, 

Und er zuletzt, in enger Burg umschlossen. 

Mit einer Flut von Pfeilen ward begossen. 

Da sandf er Botschaft einem Frommen zu: 

„leb bin verloren, Heiliger, hilf du! 

Hilf durch Gehet, damit ich nicht erliege; 

Denn Schwert und Wurfspeer reicht nicht aus zum Siege!" 



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Der Fromme horchte, lächelte und frng: 
„Warum war Brod tütd Sclilaf ihin nicht ffonng? - 



Kanin 2 ) erfuhr es, trotz der Schätze Fülle: 
Dass nur das Strohdach wahre Sehätze Irillle! 



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Adel. 



Des Herzens Ade! macht den Mimn, 
Und Reichthum ändert nichts daran ; 
Denn sei der Schurke nach so reich, 
Er bleibt ein Schurke, merk't es enchf 
Der Edle doch, ob Gold ihm fehle, 
Bleibt ewig reich durch seine Seele. 
Ein Feld ist Güte, Gold ist Saat, 
Gib Saat dem Feld' durch gute Thal! 
Vergrabe, geizend, nicht dein Gut, 
Gehemmt im Lauf versumpft die Flut: 
Nein, giess" es aus, es nährt die Flüsse 
Der Himmel selbst durch Regengüsse. 
Ein Wicht, der was ihm ward, verlor. 
Schwingt sich nur mühsam neu empnr, 
Allein ein Mann der Tüchtigkeit 
Geht nicht verloren in der Zeit! 
So liegt der Lehm verachtet da, 
Und keiner mag ihn t der ihn sah; 



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Doch fällt ein Körnlein Gold zur Erde, 
Sucht man 1 » mit Fackeln und Beschwerde. 
Reichthum und Hoheit kommt und geht, 
Verstand nur und Verdienst besteht. 



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Thoghrul •) und 4er Inder* 



Als einst Thoghrul in einer Winternacht 

An einem Inder, der am Schloss* hielt Wacht, 

Vorüber schritt und sah» wie Regenmassen 

Und Frost und Hagel, und der Strom der Gassen 

Dem armen Wächter schwere Qualen brachten, 

Und ihn, wie Licht der Sterne, beben machten, 

Rief er ihm zu, denn er war gut und weich : 

„Den wärmsten Mantel send 1 ich dir sogleich!" 

So rief er, und der Morgen graute fast, 

Als er entschwand im leuchtenden Palast 1 . 

Dort aber harrte sein ein schönes Kind, 

Dem lange schon sein Herz war wohlgesinnt, 

Und dessen Auge jetzt so hold ihm lachte, 

Dass er des armen Wächters nicht mehr dachte, 

Und, lustberauscht, entschlief im Prunkgemach 1 . 

Du aber höre, was der Inder sprach! 

Er sprach: „0 König, du hast mein vergessen, 

Weil du im Arm 1 der Liebe lag'st indessen! 

Du hast die Nacht in Lust und Glück verbracht. 

Was kümmert's dich, wie mir verging die Nacht! 

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186 

Wenn Karawanen lagern und sich laben, 

Wer achtet Jener, die der Sand begraben? 

Die Sänfte schwankt und schaukelt dich in Traum, 

Ein sich'rer Treiber führt dein Thier am Zaum 1 , 

Dich hemmt nicht Fels und Höhe nicht und Thal, 

Nach dem, der röckblieb, blick'st du um einmal ? 

Und vom Kameele, das dem Berge gleicht, 

Ahn'st dessen Qual du, der im Thale schleicht? 

Ihr, die da rastet, satt, im warmen Zelte, 

0, denkt' daran, wie Hunger thun und Kälte !" 



I) Eia HM-Meher «l*r SelMMkea. 



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Vorzug des Schweigens* 



Sei wie der Berg und lerne schweigend trügen« 
Willst, wie der Berg, da in die Wolken ragen; 
Sei wie die Muschel, und» wie sie den Schoos, 
Thu' auf die Lippe t doch fiir Perlen blos; 
Und, wie man Steif erst misst und dann zerschneidet 
Sei auch dein Wort durchdacht, bevor es scheidet. 
Sprich gut doch wenig; besser ist's du hast 
Ein Kornlein Gold, als Grases eine Last, 
Und besser ist's du schleuderst Einen Speer 
GYadaus in's Ziel, als hundert darum her! 
Es sei dein Kopf ein Rennplatz der Gedanken : 
Dass sie nicht fliehen, halte zu die Sehranken ! 



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188 



Ita.s lidiHiiimss, 



Tekesch*), der Flirrt, vorriclh geheime Kund** 

An einen Skhivcn, dar sein Günstling war; 

Allein, o Gram, wha jener barg ein Julir. 

Enthüllte dieser in der nächsten Stunde, 

Di schrie der Fürst ergrimmt dein Henker zu; 

„Auf, diesen Schwätzer mit dein Schwerte haue!- 

Dcr Sklave aber rief ihn an, der Schlaue: 

„ Was itTftfat du mich, wt> schuldig bist nur du? 

Du, welcher unklug selbst erschloss die Quelle, 

Und jetzt erstaunt» weil Strom ward ihre Welle 7- 



Lass" Amin* hüten Gold und Edelstein, 
Der Brust Geheimnis» hfite du allein! 
Ein Riese kt\ gebannt im Kerker Herz, 
Die Lippe schlief ihm, wie ein Thor von Erz! 

In Band und Ketten schmiede seine Glieder, 
Denn einmal frei, zwingt keine Macht ihn wieder! 

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Ein Dummer. 



Zu Kairo war ein frommer Alter, 

Berühmt durch seine Sdiwcigsamkeii. 

Zu Hern das Volk von N;ih und Weil 

Herbeizog, wie zum Lichte Patter. 

Dem kam es einmal in ilen Sinti: 

Es inüss 1 im Wort der Mann sich zeigen! 

Gedacht, gethan; er brach sein Schweigen 

Und schwätzte wacker her und hin. 

Bis Allen klar es ward am Ende, 

Dass er der Dümmste KairiTs war; 

Worauf zerstob die Pilgerschar, 

Und — ■ fahre hin — Verdienst und Spende! 

Da schrieb er, scheidend aus dem Lande, 

In eine Niscbe der Moschee: 

„Weil ich mich selbst verkannte, weh*. 

Ward Allen kenntlich meine Schande. 

Und dass ich seiher schön mich dachte, 

Diess ist es, was mich hässlich machtet 



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Ein Schmuck dem Manne, der gescheit, 
Ist Dummen Larve, Schweigsamkeit; 
Gescheiter, deinen Schmuck bewahre! 
Thor, deine Schmach nicht offenbare ! 



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Innere Herrschalt 



Dein Wesen, Mensch, ist eine Stadt, 
Die mancherlei Bewohner hat, 
Du selber bist der Fürst im Land' 
Und dein Minister heisst Verstand: 
Rebellen sind» voll böser Kraft, 
Geiz, Uebermuth und LeiilenschaA ; 
Doch Duldsamkeit und Frommer Sinn, 
Sind gute» treue Bürger dYin. 
Bist milde, Fürst, den Schlechten du. 
Wo finden die Gerechten Ruh 1 ? 
Die Sinnlichkeit, dein grimmster Feind, 
Weh 1 dir, wenn er mit Stolz sich eint, 
Losreisst er sich von Treu' und Pflicht 
Und hört auf dich, den Fürsten, nicht; 
Doch beugt er sich, sobald Verstand 
Ihm drohend weist die starke Hand. 
Allein genug; wozu noch Rathes? 
Ein Wort gentigt erprobt die That es, 



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Dankbarkeit. 



Für dich» o Mensch, erglänzt und lacht 
Die Sonne TagX der Mond bei Nacht, 
Für dich spannt Lenzluft aus im Mai, 
BeblQmter Wiesen Teppichpracht: 
Frost, Regen, Hagel, Sturmgeheule, 
Des Blitzes Schwert, des Donners Keule, 
Und alle Kräfte der Natur, 
Sie dienen deinen Zwecken nur. 
Und Farbe, Duft und Frucht entstrebt, 
Von unsichtbarer Hand gewebt, 
Dem Staube rings, zu stillen dir 
Der Sinne immer wache Gier. 
Dir häuft die Biene Honigseim, 
Dir träufelt Manna aus den Lüften, 
Dir spriesst die Palme aus dem Keim', 
Die Dattel aus der Palme Hüften; 
Aus Dornen duften Rosen dir 
Und Moschus aus des Zibeth's Lenden, 
Dir strahlt das Gold aus Felsenwänden, 
Aus rauhen Aesten Blätterzier. 



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Preis dem Herrn, der mild genug, 
Uns so mit Gnaden zu bedecken ! 
Fürwahr, ein jeder Athemzug 
Soll neuen Dank in uns erwecken ! 
Doch, ach', kein Lob der Zunge kann 
Ihn würdig seiner Gnaden ehren, 
Und Vogel, Thier und Wurm und Mann, 
Ja selbst der Engelchor der Sphären, 
Wie endlos Alles Dank auch spricht, 
Für seiner Gnaden Eine nicht 
Reicht aus ihr ew'ges Lobgedicht! 
Saadi, diesen Pfad nicht schreite; 
Denn ohne Ziel ist seine Weite ! 



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Der böse Sohn. 



Als sich ein Sohn der Mutter widersetzte. 
Zog diese, deren Auge rasch sich netzte. 
Sein Lager einst* ein Wiegenbett hervor 
Und sprach zu ihm: „O undankbarer Thor! 
Hier schliefest du, ein Wurm, hilflos und schwach. 
Und Angst um dich hielt Nachte lang mich wach; 
Unmächtig warst du, fem' zu halten dir 
Der kleinsten Mücke oder Fliege Gier J 
Jetzt steifst du da, ein Manu toü Kraft und Mark, 
Du, dem als Säugling schien die Müeke stark; 
Doch wieder wirst im Grabe du, dem kalten, 
Unmächtig sein die Würmer fem zu halten!** 



sieh', der Blinde schaut nicht seinen Weg 
Und ahnt es nicht, was Graben ist, was Steg; 
Doch hast du Augen und den Dank rergisst du : 
Fürwahr, ob sehend, wie ein Blinder bist du! 



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Der verkürzte Prinz. 



Als einst ein Prinz vom Pferde stürzte, 

Und sich, in Folge dieses FidTs, 

So in die Schultern stiess den Hals 

Und elephantengleieh verkürzte, 

Dass sich, wenn er den Schädel regte, 

Der ganze Körper mit bewegte ; 

Erschien ein Arzt aus Griechenland. 

Der löste ihm der Muskeln Band, 

Liess ihn den Sehadel dreVa und heben, 

Kurz, heilte den mit kund'ger Hand, 

Der sonst ein Krüppel blieb für 's Leben, 

Allein der Prinz, der arge Wicht, 

Er dankte seinem Retter nicht. 

Da schlich der Arzt verletzt bei Seite 

Und murrte; „Hatf ich gestern, seh 7 !:, 

Ihm nicht den Hals zurecht gedreht, 

Nicht könnt 1 er von mir dreVn ihn heute!" 

Er sprach's und gab ein Kraut, wie Nacht, 

An Einen von des Prinzen Leuten, 

Indem er Jenen Hess bedeuten : 

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Es werde diess, auf Glut gebracht, 

Wohlduft wie Aloe verbreiten. 

Man that danach, doch was geschah? 

Kaum kam der Prinz dem Dufte nah', 

So fing er heftig an zu niessen, 

Bis Rumpfund Kopf, wie wunderbar! 

Genau so, wie es früher war, 

Verschrumpfend an einander sti essen. 

Da wurden Boten ausgesandt, 

Die reichen Lohn dem Arzt" rerhiessen; 

Doch wen man suchte und nicht fand, 

Das war der Arzt aus Griechenland. 



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Der Jtüuher. 



Ein Räuber, der gefesselt war, 
Vernahm, wie taut ein Bettler weinte. 
Und mit dem hurten Schicksal greinte, 
Dass er so arm und geldesbar. 
Du rief der Räuber ärgerbleich : 
„0! ende deine Klagen, ende, 
Und danke Gott, dass leer die Hände 
Und nicht voll Eisen, meinen gleich!" 



Dass eig'ne Notli dir leichter scheine. 
Betrachte grössere, als deine! 



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Der Pilger und das Maulthier. 



Ein todesmdder Wüstenpilger schrie: 

„Wo lebt ein Wesen, als ich selber firmer?** 

Ein wundes Maulthier hörte ihn und sieh', 

Ihm Antwort stöhnend, sprach es : „Blöder Lärmer 

Zufrieden sei, wenn du auch selbst nicht reitest, 

Dass nicht, wie ich, du unter 'm Reiter schreitest ! tf 



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Aufrichtigkeit, 



Frömmigkeit bringt Segensfiillo, 

Ist des Frommen Absicht rein : 

Sei kein Frommer nur zum Sclietn% 

Fehlt der Kern, wozu die Hülle? 

Trage Stricke wie ein Heide, 

Trage frommer Müoche Kleid, 

Trägst du sie aus Eitelkeit, 

Strick und Kutte, gleich sind beide! 

Wenn der Tugend Mnnnheit dein ist, 

Zeig' es nicht, diess ist mein Rath, 

Und nicht Zwitter iu der That 

Sei» wenn du nur Mann zum Schein bist, 

Auch so viel nur wolle scheinen 

Als du eben bist, o Mann! 

Das nur zeigen, was man kann, 

Hat, glaub 1 mir, gereut noch Keinen; 

Denn gar leicht mag es geschehen, 

Dass man der erborgten Tracht 

Dich entkleidet, über Nacht, 

Und du bleibst in Lumpen stehen. 



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Darum, bist du kurzgestaltig, 
Stelle dich auf Stelzen nicht, 
Hoffend, dass ein Kind dann spricht: 
„Seh't, wie gross er und gewaltig ! " 
Und, obschon es dflers glückt, 
Dass man mit gemeinem Erze, 
Das versilbert ward, zum Scherze, 
Eines Neulings Aug' berückt, 
Lass das Münzefälschen, Lieber, 
Ob du täuschest Den und Die; 
Denn ein rechter Wechsler, sieb', 
Kennt was Gold, was Kupferstftber : 
Er befragt die treue Glut, 
Und die sagt, was schlecht, was gut! 



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Der Heuchler. 



Ein alter Heuchler fiel von einer Leiter 

Und gab alsbald die schwarze Seele auf. 

Sein Sohn, gleich falsch, trug scheinbar Leid hierauf 

Und fand sich heimlich fröhliche Begleiter. 

Da trat sein Vater Nachts vor ihn im Traume 

Und sprach, befragt, wie er vor Gott bestand? 

„Weh' mir, o Sohn, ich fiel vom Leiterrand' 

In Fliiiem Sturze bis zum Höllcm-anmc!" 



Mohr gilt wer gut ist, wenn auch unscheinbar. 
Als \\ er verderbt ist und nur scheinbar wahr; 
Vom Räuber magst du, der dich angreift offen, 
Mehr, als vom Heuchler in der Kutte, hoffen. 
Den Menschen täuschen durch ein Kleid, ist leicht, 
Doch lebt ein Gott, vor dem die Täuschung weicht; 
Der Mensch mag zweifeln was das Kleid bedeckt. 
Doch weiss der Schreiber was im Briefe steckt. 
Leicht wiegen wird ein leerer Schlauch am Tage, 
Wo, richtend, Gott wird halten seine Wage; 



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202 

Der Heochler aber, der nur lebt für Schein, 
Er ist der Schlauch, und leer einst wird er sein. 
Fehlt dir Gewürze, sprich: „Ich hab' es!" nicht; 
Weil, hast du es, sein Duft von selber spricht 
Wozu ein Schwur, dass reines Gold dein Herz? 
Von selbst, im Klange gibt sich kund das Erz! 
Reich ist der Stoff, das Futter schlicht am Kleide, 
Weil diess verhüllt und jener Augenweide; 
Doch selig sind, die Augendienst verachten 
Und statt des StoflTs, das Futter seiden machten. 
So sei auch du : wenn innen Perlen sprossen, 
Sei aussen Muschel, kostbar, doch verschlossen ! 



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Schinlilisiirht. 



Nur wer der Welt sieh ferne hält, 

Entrinnt der Welt in dieser Welt; 

Sonst, ob er Schelm, ob Mann der Pflicht, 

Entgeht er höser Rede nicht. 

Und flog' er sternenwürta, wie Geister, 

Ihm klebt 1 am Fuss' der Scheelsucht Kleister. 

Bemühung dämmt dos Tigris Lauf, 

Der Missgimst Strom halt Keiner auf, 

Sie munkelt, spähend fort und fort: 

„Seirt Lüge hier und Habsucht dort!* 

Du aber, wie man auch dich quäle, 

Von Gottes Pfaden wende, nicht die Seele! 

Von Thoren, Fuchs und Löwe sei, 

Macht weder List noch Kühnheit frei ; 

Denn, wenn du Hass der Menge zeiget, 

Im Winkel sitzest, einsam schweiget, 

So wird es heissen: „Diess Versteeken 

Kann Tücke nur und Ranke decken ! - 

Und lachs't du als ein froher Mann, 

Sie sagen: „Seh't den Leichtsinn au!" 



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204 

Und wenn du reich bist, heisst es gar : 

„Der ist ein Pharao, förwahr!" 

Doch bist du arm und tönt dein Klagen 

„Dem folgt ein Fluch nach!" wird man sagen; 

Und wenn ein Glück zusammenbricht, 

Sie murmeln: „Gottes Strafgericht !** 

Und sucht der Eine Gold und Rang, 

Sie rufen: „Gier und eitler Drang!* 

Doch Gold und Rang, veracht' es Einer, 

So heisst er Rettier und Gemeiner. 

Sprich viel, man schreit: „Die Trommel seh't! - 

Sprich nichts, es heisst: „Ein Bild, das geht!" 

Gelassen sei und sanft, man sagt: 

„0 pfui des Feigen, der nichts wagt!" 

Doch sei ein Mann, tritt auf und grolle, 

Da flieht man dich und kreischt: „Der Tolle!" 

Und trägt ein Reicher schlichte Tracht, 

Da er, weil klug, verschmähet die Pracht, 

Gleich zischeln sie, wie Klingen scharf: 

„Der gönnt sich nicht, was er bedarf!" 

Doch liebt den Prunk und schmückt den Leib er, 

So heisst's: „Der putzt sich auf wie Weiber ! a 

Und bleibt daheim ein braver Mann, 

Flugs greift ihn ein Gereister an: 

„Wie soll der klug sein und gelehrt, 

Der nie dem Haus' den Rücken kehrt? 4 * 

Doch hat ein Anderer Viel geseh'n, 

So heisst's: „Sein Unstern hiess ihn geh'n: 

Denn, wenn sein Glück zu Hause fand' er, 



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205 

Nicht unstät trieb er durch die Länder!" 

Sei massig: geizig nennt man dich; 

Geniesse, heissfs: „Der füttert sich! J 

Sei ledig, gleich wird Schmähsucht laut: 

„Das Treiben dieses Wüstling's schaut!** 

Doch nimm ein Weib, man schreit: „0 Blind er. 

Im Schlamm" bleibt stecken, wie ein Rind, er t* 

Unscliünheit schreckt den Tadel nicht, 

Nicht Schönheit den, der unschön spricht. 

Wer isfs, der dem entrinnen kann. 

Dem einst Mohammed ') nicht entrann ? 

Selbst Gott, der doch der Reinste ist, 

Wie frech verleumdet 2 ) ihn der Christ! 

Kein Mensch entgeht des Mensehen Hunden : 

Geduld! nur sie kann Tröstung spenden! 



t) Rer Stifter de» Ulim*. Mohammed* h*Ne hckimiitüieh hei teiüem triiea Auftreten »chwrere Ver- 
folgungen in erdulden. 

2) DurL.'h ri*i U'ifiitia f *jqlt + der Heimle , hahe einen Sehn , welche Lehre *W» MuhuiuiiiedjiHrr 
ria Grind U>1. 



CT 



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206 



Mein Sklave. 



Zu Kairo einen Sklaven hatf ich, 
Der, schüchtern, nie erhob den Kopf. 
Da sprach ein Mann : „ Der blöde Tropf! 
Förwahr, ihn streng zu halten rath 1 ich. " 
Nun fuhr den Knecht ich herrisch an ; 
Doch kaum vernahm's derselbe Mann, 
So rief er: „Weh 1 dem armen Sklaven ! 
Durch Strenge tödtet man den Braven!" 



02; 



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207 




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mt llfortr. 

flrb-cr Hr«r. $Jttr imA IJinbliA ftl! ias Sllltjfc 




X. — Galvanofraphie. 



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209 



Ein Harkt. 



Wach' auf, o Greis, der fünfzig Jahre Leben, 

Du zwecklos Messest, wie im Traum 1 , verschweben, 

Und auf des Bleibens Ruhe nur bedacht, 

Nichts fiir das Scheiden hast zurecht gemacht; 

Denn, sieh 1 , das Jenseits ist ein Marktplatz, Greis, 

Wo gute Thaten sind der Güter Preis : 

Je reicher du, s{> mehr wirst du erkaufen, 

Doch Schande trifft dich, kommst du leer gelaufen ; 

Und um so schwerer wird des Armen Pein, 

Je güterreicher jener Markt wird sein. 

Wie wurmt es Jene, die Gekauftes zählen , 

Wenn Quentchen fünf von fünfzig Quentchen fehlen ! 

Der fünfzig Jahre du dahin sah'st treiben, 

Ei, nütze die fünf Tage, die dir bleiben ! 



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210 



Des Greises Klage. 



Mit ander 'n Jangen, selbst noch jung an Tagen, 
Sass Nachts ich einst, in Frohsinn and Behagen, 
Wie Rosen frisch, wie Nachtigallen singend, 
Mit Jubellärm das ganze Dorf durchdringend. 
Fernab von uns, da stand ein hoher Greis, 
Der Locken Nacht getaucht in Tages Weiss, 
Ein Weitgereister, dem der Lippen Paar, 
Fest, wie die Nuss, versperrt der Rede war; 
Indessen uns'res frohen Lachens Platzen 
Zerspalten that wie reifende Pistazen. 
Der Jungen Einer aber rief ihm zu: 
„Was steh'st so ernst im Winkel Sorge du? 
Herbei, sei froh, das müde Haupt erhebe, 
Und heiter'n Sinn's mit heitVer Jugend lebe! 4 * 
Der Greis vernahm's und sprach zu uns gekehrt, 
Und was er sprach, war eines Greises werth! 
Er sprach: „Wenn über Wäldern es gewittert, 
Da rauscht der Ast, der schwank im Winde zittert, 
Doch rauscht er nur, so lang 1 er frisch und neu, 
Denn ward er dörr, zersplittert er wie Spreu; 



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211 

Mit grünem Laube prangt der junge Flieder, 
__J>och alte Eichen streuen welkes nieder. 
So ziemt auch mir kein Ort, wo Jugend lacht, 
Seit mir im Bart 1 des Alters Tag erwacht, 
Und jener Adler, den ich hielt versperrt, 
Sich heimwärts sehnend, an der Fessel zerrt. 
Euch steht es zu, dass ihr nach Festen jag't, 
Mir sind seit längst Genuss und Fest versagt; 
Wie woirt ihr auch, ward altergrau der Rabe, 
Dass er, wie Lerchen, sich am Flattern labe? 
Der prächfge Pfau mag drehen seinen Spiegel, 
Was soll der Falke mit gebroch'nem Flügel? 
Mein Feld ist brach und meine Scheune leer, 
Das euVe grün, die eu're garbenschwer, 
Mein Hain ist öde, sonder Duft und Glanz, 
Verwelkte Blumen taugen schlecht zum Kranz'; 
Mein Angesicht, das Rose war, ward Gold, 
Seit Jugend du, du Sonne, hingerollt; 
Und nur mein Stab noch kann mir Stütze geben, 
Sonst keine Stütze bietet mir das Leben ! 
Darum nicht ziemt mir, wie dem Kinde, Spiel, 
Doch, ihm gleich, Weinen, weil ich fehlte viel ; 
Denn Lokman 1 ) sagte: „ Besser leblos sein, 
Als lange leben, doch der Schuld allein; 
Und besser, zeitlich schliessen seinen Laden, 
Als spät an Zins und Capital sich schaden!" 

I) Siehe Seite 135. 

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Der Alte und der Arzt. 



Zu einem Arzte kam ein alter Mann, 

Und rief, vor Schwäche sterbend fast, ihn an : 

„Fühl* mir den Puls und sage wie es kommt, 

Dass ich die Fasse kaum mehr heben kann, 

Und mir es ist, so bar bin ich an Kräften , 

Als wollte Schlamm an ineinen Fuss sich heften? - 

Da sprach der Arzt: „ Damit, am jüngsten Tag 1 , 

Nicht Schlamm der Schuld am Fuss 1 dir kleben mag : 

Zieh 1 ab die Hand von irdischen Geschäften! - 



weh 1 uns Allen, dass, in Rausch und Tand, 
Das kurze Sein, die gold'ne Jugend schwand : 
Weh 1 uns, dass sie, an Lust und Licht so reich, 
Hinzuckte spurlos, Südens Blitzen gleich; 
Und drei Mal weh 1 , dass wir sie schwinden sahen, 
Und trüg 1 verschwelgten, statt uns Gott zu nahen ! 
Uns Alten aber wird das Grün verleidet, 
Weil es, ach bald, uns selber überkleidet, 
Und weil, wie wir, mit leichtem Jugendsinn 1 , 



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213 

Einst sorglos schritten aber Grnher hin, 
Bald Andere, tlie jetzt noch nicht auf Eiden, 
Auf unser q Gräbern sorglos schreiten werden. 
lhirum sei Jugend rasch von Fusa und Hand, 
Doch Alter reich ;m Wissen und Verstand! 



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214 



Rath in der Wüste. 



Nachts einst lag ich in der Wüste, 
Schlafgefesselt Leib und Seele, 
Als der Treiber der Kameele 
Mich mit Halfterschlägen grüsste, 
Und das wohlgemeinte Wort 
Zu mir herrschte: „Auf und fort! 
Zeit ist's, wahrlich, nicht zum Gähnen, 
Wenn des Aufbruch's Glocken tönen ! 
Oder bist du lebenssatt? 
Ei, auch ich bin müd' und matt 
Und ich selber schliefe gerne ; 
Aber, ach, ein Meer von Sand, 
Liegt die Wüste ausgespannt, 
Dessen Ufergrün noch ferne!" 



Pilger, der du schlummerst noch, 
Ob des Treibers Rufen mahne, 
Pilger, auf, erwache doch ! 
Sonst entflieht die Karawane. 



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215 

Horch, o horch, der Trommeln Chor 

Wirbelt fröhlich durch die Weiten : 

Wer zuerst sich raift empor, 

Wird zuerst an's Ziel auch schreiten ! 

Darum, selig in der Zeit 

Preis' ich den und wahrhaft weise, 

Der sein Bündel hält bereit 

Eh 1 noch tönt der Ruf zur Reise; 

Denn was frommt uns das Erwachen, 

Wenn uns weckt des Todes Rachen? 



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2(6 



Der Todte. 



Ein Mann verschied. Wer um ihn stand 
Zerriss sich weinend das Gewand; 
Ein Weiser nur, ein Fernhinschauer, 
Vernahm gefasst den Ruf der Trauer 
Und sprach: „Fürwahr, der Todte hier. 
Wenn Kraft er hätte, so wie ihr, 
Erzürnt durch euer Weh'geschrei, 
Sein Bahrtuch risse er entzwei, 
Und riefe : „Weg das Trauerlied, 
Weil ich um Kurzes früher schied ! 
Die ihr, weil ich geschieden, leidet, 
Vergess't ihr, dass ihr selbst einst scheidet ?* 



Dem Weisen, der am Grabe steht 
Und auf den Sarg die Erde säet, 
Erbebt in Wehmuth wohl das Herz ; 
Doch gilt dem Todten nicht sein Schmerz, 
Er gilt ihm selbst! wozu auch Gram? 
Das Kind stirbt rein, wie rein es kam : 



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217 

trachte, dass, wer rein gekommen, 

Auch werde rein hinweg genommen! 

Denn, mag er Held und König sein. 

Ihm bleibt das Leichentuch aHein ; 

Kml wie der Hirsch, so kühn er selzL 

Im Hefen Sand" erlahmt zuletzt, 

So wird auch er, trotz Mm cht und Stand» 

Erlahmen einst im Grnbcssand*. 

Das Gestern schwand, wer kennt das Morgen? 

Das Jetzt zu nützen, lass't uns sorgen! 



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218 



Dschemschid ! ) an der Leiche. 



Dschemschid verlor ein liebes Kind. 
Aus Seide, wie der Wurm sie spinnt, 
Liess er ein weiches Bahrtuch weben 
Und um die theuVe Leiche geben. 
Doch als nach wenig Tagen kaum, 
Er abermals im öden Raum 1 
Der Todtenhalle weinend stand, 
Und schon das Tuch zerfressen fand, 
Da sprach er in sich, wie im Traum' : 
„0 sieh\ was ich vom Wurm' bekommen, 
Hat wieder sich der Wurm genommen ! ** 



1) Siehe Seite 50. 



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219 



Der Fond. 



Ein armer Siedler ging und fand 
Einst einen Ziegel Gold im Sand'; 
Da zog der Hochmuth in sein Haus, 
Und trieb ihm seinen Frieden aus. 
Er wog und sann bei Tag und Nacht, 
Wie reich ihn dieser Fund gemacht, 
Und wie er fürderhin sein Knie 
Zur Bitte wolle beugen nie; 
Wie er ein Schloss aus Sandelholz 
Sich bauen wolle, hoch und stolz ; 
Dazu ein schmuckes Gartenhaus 
Mit Fenstern auf die Flur hinaus, 
Und wie er, satt, mit eig'ner Hand 
Sich umzuflicken sein Gewand, 
Und satt, das Auge rauchbeschwert, 
Zu kauern Nachts am Kohlenherd\ 
Sich fortan Köche wolle nehmen ; 
Und, statt auf Kotzen, unbequemen, 
Sich hinzustrecken mit Beschwerde, 
In prächtigen Decken schlummern werde! 

26 



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220 

So träumte fort sein krankes Hirn, 

Als sfiss 1 ein Krebs ihm in der Stirn', 

Bis er, nicht schlafend mehr und essend, 

Umherging, Gott und Pflicht vergessend. 

Doch als er matten Schritt's einmal, 

Ein Schatten» schlich durch Berg und Thal, 

Und wieder träumte, wieder sann, 

Da fiel sein Blick auf einen Mann, 

Der Lehm aus einem Grabe trug 

Und aus dem Lehme Ziegel schlug. 

Da stand und sprach er vor sich hin : 

„0 blöder Träumer, der ich bin! 

Kann Dem ein Ziegel Gold behagen, 

Dess Staub man wird zu Ziegeln schlagen ?" 



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221 



Der ftodfte Feind. 



Zwei Feinde gab's, die stets im Hader liegend, 

Und bis aufs Blut, wie Tiger, sich bekriegend, 

Sich also grimm befehdeten und hassten, 

Dass Erd' und Himmel ihren Groll nicht fassten. 

Als endlich Einer von den beiden starb 

Und ihm der Tod die Lust am Streit 1 verdarb, 

Da ging sein Feind, der jauchzend es vernahm, 

In dessen Haus ; und da zur Gruft er kam, 

Und Jenen, dessen Säle GoldstofT schmückte, 

In enger Kammer kalkgetüncht erblickte, 

Trat er zur Leiche mit gemachem Schritt 1 , 

Wobei ihm Lächeln um die Lippen glitt, 

Und rief mit Hohn: „Was gleicht dem Hochentzücken, 

Auf Feindes Leib den Freund an's Herz zu drücken ! 

Und wer mag weinen, weil er den verloren, 

Durch dessen Tod er selbst ward neu geboren ?" 

Und wieder, einst, kam er zur Todtenstätte, 

Und, nahend seines Feindes kaltem Bette, 

Riss er, noch Hasses voll, mit frevler Hand 

Der Bretter Eines aus des Sarges Wand. 

26* 



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222 

trüber Anblick! grauen Moders Lagen 
Auf jener Stirn 1 , die Kronen einst getragen; 
Zerstört das Auge, aschevoll der Ring, 
Der» Flammen schiessend, sonst das All umfing; 
Das Antlitz» einst dem vollen Monde gleich» 
Versanken jetzt und wie der Neumond bleich ; 
Die starke Faust» vom Grimme sonst geballt, 
Entknöchelt nun» verkrümmt zur Missgestalt, 
Und jener Leib, sonst Fels im Weh'n der Stürme, 
Jetzt starr und lahm, ein Labsal dem Gewürme! 
Da fasste plötzlich tiefes Weh den Mann, 
Dass unaufhaltsam seine Thräfte rann, 
Die Hülle netzend, die den Leichnam barg; 
Dann schrieb er, voll Zerknirschung» auf den Sarg: 
„Den Menschen freuen soll das Ende Keines, 
Denn ach, zu bald nur, kommt heran auch seines ! * 



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223 



Eine Stimme. 



Einst in die Erde hieb ich mit dem Beile, 
Da schlug an's Ohr mir schmerzliches Geheule: 
„Erbarmen, Mann, und sachter wolle pochen, 
Denn was du triffst, sind Scheitel, Kiefer, Knochen!" 



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224 



Staub. 



Rüstig folgend ihrer Fahne 

Zog dahin die Karawane, 

Als der Samum jäh erbrüllte 

Und die Welt in Dunkel hüllte. 

Neben mir, ein holdes Kind, 

Strich mit seinem Schleier, lind, 

Wüstenstaubes eine Schichte 

Aus des Vaters Angesichte. 

Dieser aber sprach zur Süssen : 

„Lass' den Staub dich nicht verdriessen; 

Wird doch einst, im engen Schrein 1 

Staubes mehr noch auf mir sein, 

Ach, und keines Schleiers Falten 

Werden den mir ferne halten ! * 



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228 



Vergänglichkeit 

Vernimm, o Mensch, du Käfig, beingeschnitzt, 
In dem versperrt der Vogel, Seele, sitzt: 
Wenn dieser Vogel einst entweicht der Haft, 
Reicht aus kein Streben, das zurück ihn schafft; 
Die Welt ist ein Moment nur, mach' ihn gelten, 
Denn der Moment gilt Weisen mehr als Welten ; 
Selbst Alexander, der der Welt Regent, 
Verlor die Welt im Tod', der ein Moment; 
Und nicht die Welt, die ganze Welt vermochte, 
Dass ihm das Herz momentlang länger pochte. 
Wir gehen, erntend so, wie wir gesäet, 
Und nur der Nachruf, gut und schlecht, besteht. 
Wir scheiden einst, wie uns're Freunde schieden ; 
D'rum bleibe fern dem Unbestand' hiernieden, 
Und wie der Pilger, wenn die Stadt erscheint, 
Im Bade sich vom Staub 1 des Weges reint, 
So reine du, der, Söndenstaubes voll, 
Die Stadt des Jenseits bald betreten soll, 
Im Reuebad', das deine Augen weinen, 
Vom Staube dich des Eitlen und Gemeinen! 



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226 



Der Ring. 



Des Vaters denk 1 ich oft, des guten, 
Mag Segen seinen Geist unifluten ! 
Wie er ein Ringlein für die Hand 
Zum Festgeschenke mir erstand. 
Ich aber, ein genäschig Kind, 
Gab hin das schwere Gold geschwind 
Für eine Dattel, eine leichte, 
Die mir ein schlauer Krämer reichte. 



So wie das Kind den edlen Ring 
Verschleudert um ein süsses Ding, 
Verschleuderst du, gewarnt vergebens, 
Um Sinnentand den Werth des Lebens ! 



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227 



S( hhiss des Buchest 



Dieses Werk, so lang' verborgen* 
Preis mm geh 1 ich's; doch in Sorgen: 
Dass es, wie der Grund der Meere, 
Neben Perlenmuscheln, leere, 
Dass es, Datteln ähnlich, Hüllen 
Süssen SnfTs, die Steine füllen, 
Diiss es, gleich dem Haine, zeige 
Neben Blülhen, dürre Zweige! 
Aber du, der, reich an Huld, 
Milde richtest fremde Schuld. 
Weiss* ja: ob der Stoff von Seide, 
Dass das Futter schlicht am Kleide; 
Und nun gar, wo Seiden fehlen. 
Auch das Futter sei zu hehlen. 
Darum, nicht auf eig'ne Zier 
Pochend, fleh' ich so zu dir: 
Schonen wird der Allgorechte 
Einst, um Guter willen, Schlechte; 
Du auch, Fehler im Gedichte, 
Wie der Herr den Menschen richte, 






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1) Persiea. 



228 

Und von hundert Strophen Eine» 
Ist sie gut, rerdamme keine! 
Denn» wie Einer Rose Pracht, 
Unter Vielen» minder lacht; 
Und wie Moschus» sonst geehrt» 
Wo er heimisch» sinkt an Werth; 
Wie Gewürz 9 am Indusstrand' 
Stets in niederem Preise stand : 
Also steht im Land 9 der Lieder ') 
Saadi's Lied im Preise nieder ! 



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229 



I ■ h a 1 1. 



Seite 

Gott 11 

An den Leser 17 



I. PFORTE. 

Ueber Herrschaft und Herrsobertugend. 

Machtgebrauch 21 

Unterscheide 23 

Das Kleinod 25 

Wahres Verdienst 27 

Gross und Klein 28 

Die Hungersnoth in Damask 29 

Spruch 31 

Zwei Brüder 32 

Hedschadsch und der Fromme 35 

Rath 37 

Ein Opfer der Wahrheit 38 

Nichtigkeit der Erdengrosse 40 

Der Sultan von Rum und der Weise 41 

Lehre 43 

Kifil Arflan und sein Schloss 44 

Lehre 46 

Glückes Wechsel 47 

Ein Glückwunsch 48 

Zuruf 50 

Der Ringer 51 

Der sterbende König 53 

27* 



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230 



II. PFORTE. 

Ueber Grossmnth und Wühlthun. 

Seite 

Der Pilger 57 

Der Gast 58 

Die Waise 60 

Ein Fasttag 61 

Der durstende Hund 62 

Die Bürgschaft 63 

Der Dorn 65 

Der lahme Fuchs 66 

Chatemthai und der Griechenkaiser 69 

Chatemthai und der König von Jemen 71 

Der Geizige und sein Sohn 74 

Der Befreite 76 

Der jüngste Tag 78 

Der Bauer und die Wespen 79 



III. PFORTE. 

Ueber Liebe und Gottvertrauen. 

Zauber der Liebe 83 

Der Verschmachtende 85 

Der Bettler 86 

Das junge Weib 88 

Der Beter und die Stimme 89 

Der Kümpfer 90 

Scheidungsantrag 91 

Frage und Antwort 92 

Ein treuer Diener 93 

Der Reisegefährte 95 

Der ThierbSndiger 97 

Der Amtmann und sein Sohn 98 

Der Leuchtkäfer 100 

Der Gefangene 101 

Spruch 102 

Falter und Kerze 103 



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231 



IT. PFORTE. 

Ueber Bemuth, Freundlichkeit und Selbstverleugnung. 

Seite 

Feuer und Erde 107 

Der Tropfen 108 

Der Klosterbruder 109 

Der Begossene lil 

Der gebesserte Prinz 112 

Honighandel 116 

Der Fromme und der Saufer 118 

Der Rubin 119 

Maaruf und der Kranke 120 

Ssalih und die Bettler 123 

Die beiden Sterndeuter 126 

Der Konig und der Knecht 127 

Spruch 129 

Chatim, der Taube 130 

Der Fromme und der Dieb 132 

Grund der Sanftmut!» 134 

Lokman als Sklave 135 

Dschuneid und der Hund 137 

Zwei Wunden 139 

Spruch 140 

Ali und der Frager 141 

Omar, der Sanfte 143 

Ein Traum 144 

Die Reise Suununs 145 



Y. PFORTE. 

Ueber Ergebung in das Schicksal. 

Bestimmung 149 

Der Pfeilschütz 150 

Der Kurde und der Arzt 153 

Verlust und Gewinn 154 

Der Pferdekopf . > 155 

Der rauhe Vater 156 



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232 

Seite 

Das geschminkte Weib 157 

Adler und Sperber 158 

Der Weber 159 

Das Kamecl und sein Füllen 160 



Tl. PF01TE. 

Ueber Genügsamkeit. 

Begierde 163 

Das Geschenk 165 

Der Bittsteller 167 

Der Kranke 168 

Der verunglückte Schlemmer 169 

Süsshols • 170 

Das Ehrenkleid 171 

DerTrfiger 172 

Das Kind des Bettlers 173 

Der wunde Kater 174 

Alchemie 175 

Eintauschen 177 

Der bedrängte Scheich 178 



TU. PF01TE. 

Ueber gute und schlechte Sitten. 

Adel 183 

Thoghrul und der Inder 185 

Vorzug des Schweigens 187 

Das Geheimnis 8 188 

Ein Dummer 189 

Innere Herrschaft 191 

Dankbarkeit 192 

Der böse Sohn 194 

Der verkürzte Prinz 195 

DerRfiuber 197 

Der Pilger und das Maulthier 198 

Aufrichtigkeit 199 



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233 

Seile 

Der Heuchler 201 

Schmfihsucht 203 

Mein Sklave 206 



Till. PFORTE. 

Ueber Busse, Alter und Hinblick auf das Jenseits. 

Ein Markt 209 

Des Greises Klage 210 

Der Alte und der Arzt 212 

Rath in der Wüste 214 

DerTodte 216 

Dschemschid an der Leiche 218 

Der Fund 219 

Der todte Feind 221 

Eine Stimme 223 

Staub 224 

Vergänglichkeit 225 

Der Ring 226 

Schluss des Buches 227 



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Andeutungen 

über das bei der technischen Ausführung der Bilder -Beigaben in 
Anwendung gekommene Verfahren. 



I. SMeregraphle (Stahlstich). 
H.) 

Hl (Xylographie (Holzschnitt). 

v /Chenltjple (Hochfitzung auf Zink, um die Manier des Kupferstiches auf 
der Buchdruckpresse herzustellen. Radirung auf einer mit Kupferstecher- 
Aetzgrund überzogenen Zink-Platte, welche nach dein Aetzen und dem 
Entfernen des Aetzgrundes mit einem leichtflüssigen Metall übergössen 
wird; nachdem dieser Ueberguss bis auf die Zink - Oberfläche wieder 
abgeschaben, ferner auch die Zink - Oberfläche mit einer Flüssigkeit, 
welche blos das Zink angreift, weggefitzt worden, bleibt das in die Tiefe 
der Zeichnung eingedrungene, von dem Aetzmittel verschont gebliebene 
Metall als erhabene Zeichnung zurück , die sich sofort zum Drucke wie 
ein Holzschnitt eignet). 
VI. Chatographte (Kupferstich). 

VII. Lithographie (Federzeichnung auf Stein). 

VIII. Chatographie (Kupferstich). 
IX. StyUgraphie (Radirung auf einer mit Silber überzogeneu Harzflüche, auf 
der ein galvanischer Niederschlag gemacht wird, von welchem man so- 
dann eine zweite galvanoplastisch erzeugte Kupferplatte zum Tiefdrucke, 
ohne Anwendung eiues Aetzmittels und ohne Mitwirkung eines Kupfer- 
stechers, gewinnt). 
X. fialfan^graphie (Gemälde auf einer mit Silber überzogenen Kupferplatte, 
welche im Wege des galvanischen Processes eine galvanoplastisch er- 
zeugte Copie zum Drucke liefert, und so das Originalgemälde ohne Mit- 
wirkung eines Kupferstechers wiedergibt). 



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