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Full text of "Der grosse Distanz-Ritt Berlin-Wien im Jahre 1892 = the great endurance ride from Berlin-Wein in 1892"

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im Jahre 1892. 



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Nach den zuverlässigsten amtlichen Quellen und den persönlichen Aufzeich- 
nungen der einzelnen Theilnehmer, sowie der über denselben erschienenen 
Veröffentlichungen 



E. von Naundorff. 




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Mit vielen Illustrationen 

nach Originalzeichnungen von 

*^ ^ Georg Koch, M. Ledeli, C. Becker, E. Köberle 





Vorwort. 

•Is zu Anfang des Jahres 1892 die Nachricht die Blätter 
durchlief, dass sich zwischen den Offizieren der 
deutschen und der österreichischen Armee ein Distanz- 
ritt vorbereite, der an Grösse und Bedeutung alle ähnlichen Yer- 
anstaltungen, wie sie die Geschichte der Reitkunst aufwiese, 
übertreffen werde, da glaubte man überhaupt noch nicht an die 
Möglichkeit der Durchführung eines so grossartig angelegten Planes. 
Je mehr aber die gestellten Propositionen durch gegenseitige 
Berathungen greifbare Gestalt annahmen und das Wagniss als 
doch durchführbar erscheinen Hessen, desto rascher verschwanden 
die Bedenken und Befürchtungen, die man gegen das Unternehmen 
ins Treffen geführt und schliesslich stand man vor der vollendeten 
Thatsache, an der kein Zweifel mehr sein konnte. 

Während vorher die Gegner des Unternehmens es abgeleugnet 
hatten, dass das Unternehmen ein ganz hervorragendes kavalle- 




ristisches Interesse bieten würde und dass auch das rein militärische 
Interesse in dasselbe mit hereinspiele, wurden sie nunmehr plötz- 
lich anderen Sinnes, um so mehr, als die Sportblätter, die mili- 
tärischen Fachblätter und die bedeutendere Tagespresse für die 
strikte Durchführung des Geplanten eintraten. 

Als schliesslich die endgiltigen Propositionen erschienen und 
die ausserordentlichsten Anforderungen an den Reiter und an das 
Pferd stellten, da durchzuckte es die Kreise der Offiziere, die ihre 
Muskeln und Kräfte in hartem Training gestählt, oder sie in 
kleineren Parforcedauerritten u. dergl. bereits erprobt hatten. Jeder 
von ihnen hielt es jetzt für eine Ehrenpflicht, den Kampf auf diese 
Weise aufzunehmen und Alles daran zu setzen, den 600 Kilometer 
langen Weg in grösster Schnelligkeit mit demselben Pferde ohne 
Ruhetag zurückzulegen. Mochte auch auf der einen Seite die Aus- 
sicht auf einen eventuellen materiellen Erfolg nicht ohne Einfluss 
auf die Entscheidung des Einzelnen bleiben, so überwog doch 
schliesslich der Ehrenpunkt alle anderen Erwägungen. 

Und man nahm auf beiden Seiten den Kampf auf. 

Das waren nicht Neulinge, die in den Sattel stiegen und 
welche sich erst die Sporen verdienen wollten, sondern das waren 
ernste Männer, die recht w^ohl wussten, w^elcher Riesenaufgabe sie 
gegenüber standen und die erst mit sich zu Rathe gehen mussten, 
ob sie selbst oder ihr Thier den Anforderungen zu genügen ver- 
möchten, die ihnen der Ritt stellte. 

Da weiter die Propositionen besagten, das dem eigenen Heere 
der Vorrang vor dem fremden zu sichern sei, so kam auch dieser 
Zielpunkt mit in Frage. 

Die Fahne senkte sich am Start, und der ernste Wettkampf 
begann. Mit minutiöser Genauigkeit verfolgte man die Wege 




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der einzelnen Reiter, mit gleicher Sorgfalt wurden die Beobacht- 
ungen der Reiter unterwegs ausgeführt, die Zielrichter thaten ihre 
Schuldigkeit und bald blitzte der Telegraph die überraschende 
Nachricht in die Welt, welche staunenswerthen Leistungen die 
Dauerreiter Deutschland's und Oesterreich's ausgeführt. 

Das Ergebniss verblüffte; es war fast undenkbar, was ein 
Graf Starhemberg, was ein Freiherr v. Reitzenstein vollbracht haben 
sollte! Und doch war Alles die strengste Wahrheit. Wohl mögen 
die Ahnen und Urahnen dieser Sprösslinge alter Adelsgeschlechter 
auf Fest- und Ernstturnieren beim Einlegen der Lanzen fest im 
Sattel gesessen haben — was waren aber diese Leistungen gegen 
die ihrer Nachkommen? Innerhalb einiger 70 Stunden hatten beide 
den Dauerritt zwischen den beiden Kaiserstädten an der Donau 
und an der Spree zurückgelegt. 

Sowohl innerhalb der betheiligten Kreise, wie auch Derjenigen, 
welche in dem Unternehmen von vorn herein einen Beweis von 
Willensstärke, Thatkraft und körperlicher Ausdauer sahen und das 
Geleistete als eine noch nie dagewesene Leistung von Mensch und 
Pferd betrachteten, war seit längerer Zeit schon der Wunsch rege, 
ein Werk zu besitzen, welches die Geschichte des Distanzrittes 
und seine Einzelheiten in Wort und Bild festhielte. Wohl ist ein 
Werk über den Distanzritt erschienen, das den Titel führt „Distanzritt 
Wien-Berlin im Oktober 1892. Wien. Verlag der Buchhandlung 
für Sport von Friedrich Beck, allein dasselbe hält sich nur an die 
nackten Thatsachen der Propositionen, die strengen Beobachtungen 
und die Ergebnisse des Distanzrittes und giebt schliesslich ein für 
den Fachmann hochbedeutsames statistisches Tabellenmaterial. 

Das vorliegende Werk konnte, wie das selbstverständlich ist, 
nur auf Grundlage direkter Aufzeichnung der betheiligten Reiter, der 







in den Sportzeitungen niedergelegten Ergebnisse und Anschauungen, 
sowie der betreffenden Artikel in den grösseren und angeseheneren 
politischen Zeitungen Deutschland's und Oesterreich's gearbeitet 
werden. Die Schwierigkeit lag nur darin, das überall verstreute 
Material zusammenzubringen, zu sichten und demselben eine Form 
zu geben, welche dem Leser die einzelnen Momente des grossen 
Distanzrittes in anschaulicher Weise vor die Augen führt und Alles 
bei Seite lässt. 

Hoffentlich ist dies dem Herausgeber gelungen; das Urtheil 
muss er dem Leser und der Kritik überlassen. 

Dresden, im Sommer 1893. 



Der Herausgeber 




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in alter und neuer Zeit 



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Reiterleistungen im Alterthum. — Der gefahrvolle Nachtritt des Grafen 
V. Finckenstein. — Das Interesse für Distanzritte nach dem 70 er Kriege. — 
Reiterbravouren und Husarenstücklein. — Der Husarenritt Zubovits. — Distanz- 
ritte in Indien. — Burnaleys Ritt nach Khiwa. — Sultansritte. — Der Parforce- 
ritt von Agra nach Jodpuc. — Gewaltritt Karls XTI. von Schweden. — Der 
Zug des Feldmarschallleutnants Hadik im Oktober 17ü7. 





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Aulaiiift und Enjiiiang deb eibten obterreiehieckeu Ken 



Ziel auf dem Tempelhotci 



Morgen des 4. Oktu 





f owohl in Liedern, Märchen und Sagendichtungen unseres 
)W germanischen Stammes, wie auch der geschichtlichen 
Völker des Alterthums werden uns Mittheilungen 
von Dauerritten und fast unglaublichen Reiter- 
leistungen gemacht, die von uns Epigonen nur zu 
oft in das Gebiet der Fabel verwiesen wurden. Vergleicht man 
aber dieselben mit den Leistungen der deutschen und österreichischen 
Offiziere, wie solche in dem Distanzritt Berlin -Wien zu Tage traten, 
so ist man gezwungen, nicht nur an die Wahrheit jener fast unfass- 
baren Schilderungen zu glauben, sondern man fühlt, dass die Leistungen 
unserer Reiter getrost neben die Dauerritte und Reiterleistungen des 
Alterthums gestellt werden können, wenn diese auch ganz andere 
Ziele verfolgten. 

In der Neuzeit, besonders im siebenjährigen Kriege, sowie in 
den Befreiungskriegen sind vielfoch grossartige Reiterleist ungen zu 
verzeichnen gewesen und auch die neueste Zeit ist nicht arm an 
derartigen Episoden. 

Wir erinnern nur an den gefährlichen Nachtritt, den der 
Flügeladjutant des Königs Wilhelm im Jahre 1866 ausführte, als 
es galt, in stockfinsterer, regnerischer Nacht dem Kronprinzen von 





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Prcusscii die ]?utsc]iiif'r /u übci-liriiiyciK diiss am Morg-on des 3. Juli 
auf allou Soircu g'cg'cu das (istcrrcicliisclie ]Ieer vorg('gau<!:on würde 
und er seiucu Marscli auf Kr»uij;\ni'ät/. zu su viel als iMiiglicli I»e- 
schUniuigcn luüg-e. 

Von dicsf'ui Kitt hing unter Umständen der Erfolg- des 
J'agcs al». (Jraf v. Finckenstein unterzog sich seiner Aufgabe in 
schneidigster Weise, denn nach 8 ständigem Kitt konnte <'r sich 
seines Befehles entledigen und der Kronprinz zur rechten Zeit an- 
rücken und entscheidend in die Schlacht von Sadowa eingreifen. 

Die Leistung des Grafen v. Finckenstein wai- ein Dauer- 
und Distanzritt im Kleinen gewesen. 

Nach dem letzten deutsch -französischen Kriege begann man 
sich in militärischen wie in Sportkreisen für die in grösserem Maass- 
stabe angelegten Distanzritte zu interessiren. Die in den früheren 
Kriegen nirgends zur Anwendung gelangte Einrichtung der Offiziers- 
patrouillen, die im erwähnten Feldzuge auf dem Gebiete des 
Aufklärungs-, Rekognoszirungs- und Benachrichtigungs- 
dienstes der deutsehen Heeresleitung so ausserordentliche Dienste 
leistete, und die Erfahrungen, die man hieraus zog, stellten die 
immense Wichtigkeit der unter gewissen Verhältnissen sehr erspriess- 
lichen grösseren militärischen Distanzritte ins rechte Licht. 

Es handelte sich dabei nämlich um das Zurücklegen von an- 
scheinend nicht zu bewältigenden Distanzen in verhältnissmässig 
kurzer Zeit auf einem und demselben Pferde, um das ])lötzHche 
Erscheinen, um zielbewusstes Vordringen in die feindlichen Operations- 
linien das schnelle' Kekognosziren sozusagen aus unmittelbarer Nähe, 
an Punkten, wo dies der Feind garnicht vermuthet, und um das ebenso 
rasche Verschwinden und Benachrichtigen der eigenen Heeresleitung. 

Von 1870/71 datirt der rasche Aufschwung des genannten 
Zweiges des Pferdesports, dessen Hauptgrundlage in dem bedeutenden 
Training der zu so gewaltigen Leistungen verwendbaren Pferde 
edlerer Rage und des Reiters selbst besteht. Die sogenannten 
„ Reiterbravouren " und andere „Husarenstücklein", wie sie 






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ehedem durch tollkühne Wagehälse im Sattel häufig zum Besten 
gegeben wurden und auch heute noch vereinzelt vorkommen, bei 
welchen die persönliche Kühnheit, Geschicklichkeit und Todes- 
verachtung, sowie der im Falle des Gelingens erreichte Eklat das 
Resultat des ganzen Unternehmens bilden, ohne den geringsten 
praktischen Nutzen zu bieten, gehören natürlich nicht in die Kategorie 
der Distanzritte und verhalten sich zu diesen gerade so, wie die 
muskelstählenden und den Körper entwickelnden Turnübungen zu 
den unnützen halsbrecherischen Vorstellungen wandernder Akrobaten 
und Kautschukmänner. 

Der Ritt des ungarischen Landwehr-Husarenoffiziers Fedor 
V. Zubovits im Jahre 1874 von Wien nach Paris war einer der 
ersten, ernsthaft zu nehmenden Durchführungen auf dem 
Gebiete der praktische Zwecke anstrebenden, gross angelegten 
Distanzritte. Zubovits verliess, wie Georg v. Marziani im „Wiener 
Fremdenblatt erzählt, Wien am 25, Oktober 1874 10 Uhr Vor- 
mittags auf seinem Pferde „Caradoc" und legte die ersten 23 Meilen 
in Uniform zurück. 

In Ems ritten ihm die dort garnisonirenden Dragoneroffiziere 
und zahlreiche Damen entgegen. Hier widerfuhr ihm der erste 
Unfall, der um ein Haar den ganzen Plan vereitelt hätte. „Caradoc" 
trat auf der Emsbrücke in einen spitzen Knochen, der ihm durch 
den Huf bis an das Fleisch drang. Die Offiziere waren der Ansicht, 
dass Zubovits auf diesem Pferde kaum bis Strassburg gelangen 
werde. Der Oberthierarzt schnitt den Huf aus, Zubovits reinigte 
die Wunde, hüllte den Huf in einen Eisenschuh und kam so bis 
Eferding, wo er, da das Pferd hinkte, den Huf mit einer Leder- 
umhüllung versah. Doch in Vitch hinkte „Caradoc'* so arg, dass 
Zubovits die in Eiter übergegangene Wunde operiren lassen musste. 
Den ledernen Hufschuh behielt das Pferd bis Paris am leidenden Fusse. 

Nun ging es weiter, dem Schwarzwalde zu, wo ihn ein so 
dichter Schneefall ereilte, dass er in einem abgelegenen Jägerhause 
Zuflucht suchen musste, und von dort zwar neu gestärkt, aber 



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verspätet, iiufbriicli. Endlich sah er den Strnsslmrger Münster 
vor sich, und bald darauf zog er, von den deutschen Offizieren 
begrüsst, in die Stadt. 

In Frankreich hatte er viel Ungemach zu bestehen. Man hielt 
den ungarischen Eeiter überall für einen preussischen Spion und 
dem „Prussien" wollte Niemand Nachtlager geben. Die Land- 
bewohner, die in ihrer Meinung noch dadurch bestärkt wurden, 
dass Zubovits zu seiner Orientirung eine Landkarte bei sich hatte, 
zeigten meist eine so drohende Haltung, dass Zubovits oft zum 
Revolver greifen musste, um sich freie Bahn zu schaffen. 

In Corneux frühstückte er im Wirthshause mit der Pistole 
in der Hand. Hier wollte ihn der Wirth selbst angreifen. Er 
näherte sich von rückwärts dem hungrigen Offizier und schrie ihn 
an, er möge sich zum Teufel scheren, einem Prussien gebe er 
nichts zu essen, höchstens — Gift! Zubovits antwortete ruhig, er 
werde den erhaltenen Rath befolgen sobald er gegessen habe, und 
dabei argumentirte er so lebhaft mit dem Revolver, bis der Wirth 
klein beigab. 

In Dieuze hielt man den zu später Nachtzeit mit der Pistole 
in der Hand in den Ort einziehenden fremden Reitersmann für 
einen Räuberhauptmann und schloss, als Zubovits sein Pferd in den 
Stall eingestellt und sich neben dem treuen „Caradoc" auf die 
Streu gelegt hatte, die Stallthüre zu. Er musste, um sich frei zu 
machen, die Thüre aufsprengen. Alles wich entsetzt zurück und 
man liess ihn ohne Entrichtung des Stallgeldes weiter ziehen. 

Bald darauf traf ihn ein neuer Unfall. Ein grosser bretagnischer 
Hengst schlug sein Pferd so heftig, dass es von da ab auf zwei 
Füssen hinkte. Da Zubovits schon von Ems aus infolge des Fehl- 
tritts seines Pferdes das Programm ändern, nämlich langsamer 
reiten musste, so kürzte er die vereinbarte Rastzeit von täglich 
zwölf Stunden auf acht Stunden ab, um das Versäumte einzubringen. 

Er schlief während acht Tagen bloss ein Mal, und da auch 
bloss drei Stunden. Er lag stets neben seinem Pferde und wagte 









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aus Besorgniss für „Caradoc" nicht die Augen zu schliessen. Das 
Thier litt schwer, 

Zubovits gestattete nicht, dass es sich niederlege, weil er 
fürchtete, dass es dann nicht mehr werde aufstehen können. In Folge 
der ausserordentHchen Anstrengungen wollte „Caradoc" keine Nahrung 
mehr zu sich nehmen, so dass sein Herr ihm Haferkonserven ein- 
flössen musste. 

Während des ganzen Rittes hatte er dem Thiere meistens 
gelbe Rüben als Futter verabreicht. 

Endhch langte Zubovits in Paris auf der Place du Trone an 
und wurde enthusiastisch empfangen. Er hatte den Weg in der 
festgesetzten Zeit, 156 deutsche Meilen in 14 Tagen, zurück- 
gelegt. 

Indien war von jeher ein Sportland comme il faut. Es war 
es schon unter den Grossmogulen und ist es auch unter der eng- 
lischen Herrschaft geblieben. 

Die indischen „Rekords" würden in einem Werke über die 
Geschichte der Parforce- und Distanzritte gewiss nicht die letzten 
sein. Auch in neuester Zeit war es wiederholt der Schauplatz Welt- 
aufsehen erregender, gewaltiger Distanzritte. Einer der interessantesten 
war der Ritt des Obersten Burnaley nach Khiwa. Sultan 
Babar machte seiner Zeit auch in Friedenszeiten täglich Jagd- oder 
Spazierritte von 50 bis 60 Kilometer; einst ritt er, trotzdem er 
leidend war, auf der Reise von Capri nach Agra in zwei Tagen 
260 Kilometer, zweimal den Ganges durchschwimmend. Sultan 
Akbar machte Uebungsritte von Agra nach Ajimir, wobei er 
356 Kilometer in zwei Tagen zurücklegte. 

Die schönste Sportleistung dieses ritterlichen Fürsten war der 
Parforceritt von Agra nach Jodpuc (530 Kilometer), um die Schwieger- 
tochter des Raja, die ihrem Gatten auf dem Scheiterhaufen in den 
Tod folgen sollte, vom Feuertode zu retten. Die Reiterei der 
Rohillas, der Rindaries und Mahrattas machte auf ihren unansehn- 
lichen, aber zähen Pferden oft derartige Gewaltritte, die unter 




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den ähnlichen Leistungen der Reiterti-uj)iieii dei' euntj):iisrhen Armeen 
sicherlich nicht ihresgleichen linden dürften. 

Ein gewaltiger Distjinzritt, wenn auch unter anderen Ver- 
hältnissen, und anders ausgeführt als unsere modernen Leistungen 
dieser Art war der historisch berühmte Ritt Karls XIL von 
Schweden nacli seiner Internirung in Bender, von Demolika in 
der Türkei in 16 Tagen über Ungarn, Oesterreich, Bayern, die 
Pfalz, Westfalen, Mecklenbuig, nach Stralsund (Oktober 1716) in 
Verkleidung nur von seinem Adjutanten Oberst v. Düring begleitet. 

Der Gewaltritt fand grossentheils auf täglich gewechselten 
Pferden statt. Der König ritt gewöhnlich sein Pferd zu Schanden, 
bis es unter ihm zusammenbrach, um sich dann auf ein frisches zu 
schwingen. Doch sehr oft war dies nicht möglich; er musste rasten 
und dann Tage lang auf demselben Thiere die flnchtähnliche Reise 
fortsetzen. 

Ueber den Ritt durch Südungarn schreibt v. Düring in seinem 
Tagebuche, dass sie mehrmals sich den auf den Pussten weidenden 
Pferdeheerden näherten, zwei starke Thiere aussuchten, dem Csikos 
einige Goldstücke hinwarfen, und dann, oft mit Gewalt, sich auf 
die requirirten Rosse schwangen und davonjagten, die zu Schanden 
gerittenen Thiere zurücklassend. 

Li der Nähe von Szegedin verfolgten den König und seinen 
Gefährten, vier berittene Wegelagerer, von welchen damals, kurz 
nach Beendigung der Racocy'schen Kriege, ganz Ungarn wimmelte. 
Sie waren den zwei Reitern hart am Fusse. 

„Die Verfolgung liatte schon den ganzen Tag gewährt" — 
schreibt Düring — „als sich tler König plötzlich im Sattel um- 
Avendete und einen der Angreifer niederschiessend, seinen Rock 
öffnete, worauf die Missethäter, den auf der Brust des Königs 
blinkenden Ordensstern erblickend, unter wilden Fluchen Reissaus 
nahmen." 

Der Zug des Feldmarschall-Lieutenants Iladik 
im Oktober 1757 von Elsterwerda nach Berlin ist in s-ewissem 



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Sinne auch als militärischer Distanzritt zu bezeichnen, obwohl Hadik 
auch Infanterie bei sich hatte, die das schnelle Vorwärtsdringen 
sehr hinderte. Trotzdem legte Hadik mit seinen Husaren und den 
Savoyen-Dragonern diese Strecke in sechs Tagen zurück, und zwar 
über Dobrilugk, Luckar, Buchholtz und Königswusterhausen. Er 
war am 11. Oktober von Elsterwerda aufgebrochen und langte am 
16. vor Berlin an. Seine Pferde waren in bester Kondition; er 
verlor im Ganzen — auch den ebenfalls sechs Tage währenden 
Rückmarsch eingerechnet — sieben Pferde, die der Ueberanstrengung 
erlegen waren. 

Heute sind es friedliche Distanzritte, welche vorläufig die 
österreischisch-ungarischen und deutschen Reiteroffiziere vollführten. 

Dem gegebenen Beispiel werden bald andere folgen und zwar 
unter Benutzung all' der Erfahrungen, die man bei dem Distanzritte 
nach den verschiedensten Richtungen hin machte. Verschiedenfach 
schon wurden bei anderen Völkern Versuche gemacht, dem öster- 
reichisch-deutschen Vorbilde zu folgen und Aehnliches ins Werk zu 
setzen, allein ein ebenbürtiger Distanzritt kam noch nicht zu Stande. 






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iie fropositionen für den iistanzritt 



und die 



iorbereitungen zu demselbeii. 



Das Auftauchen der ersten Nachriclit von dem beabsichtigten Distanzritt. — Erste 
Vorschläge. — Konditionspreise. — Betonung der nationalen Seite des Rittes. — 
Rennen oder Distanzritt? — Der amtliche Wortlaut der Propositionen. — Die 
Nennungen im Allgemeinen. — Vorbereitungen. — Unterschied zwischen den 
bisherigen Distanzritten und dem geplanten. — Die Zahl der deutschen und 
österreichischen Reiter. — Deutsches Kavalleriepferd und Halbblut. — Behörd- 
liche Anordnungen. — Abritt. — Der Sieger. — Schwierigkeiten des Distanzrittes. 





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it Blitzesschnelligkeit durchlief im Frühjahr 1892 
eine Nachricht die Offizierskorps der deutschen 
Armee sowohl, wie auch die des Oesterreichisch- 
Ungarischen Reichsheeres und erregte in den- 
selben überall das grösste Aufsehen. Von 
deutscher Seite war den österreichischen Kameraden vorgeschlage'h 
worden, gemeinsam einen grossen Distanzritt, wie ein solcher in 
der Geschichte der Reitkunst noch nicht vorgekommen war, aus- 
zuführen. 

Nach dem Wortlaut des ersten Schriftstückes bestand die 
Absicht der deutschen Offiziere darin, einen Ritt von Berlin über 
Breslau nach Wien und auf derselben Route ^zurück zu unter- 
nehmen. 

Diesem Yorschlag lag die Idee zu Grunde, dass auf eine so 
grosse Entfernung hin der Reiter nur eine Chance des Gewinnes 
haben könne, sich und sein Pferd auf der Höhe der Leistungs- 
fähigkeit zu erhalten. In Wien stiess dieser Gedanke zunächst 
auf Widerspruch und wurde schliesslich mit der Begründung ab- 






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21 



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gelehnt, dass die vorgeschlagene Länge dos Weges eine viel zu 
grosse sei und dass die nationale Seite, die man dem Unter- 
nehmen ganz mit Recht beizulegen gesonnen sei, in viel höherem 
Grade zum Ausdruck kommen würde, wenn man von den beiden 
Zielen abreite und sich gegenseitig in denselben empfange und 
begriisse. 

Gleichzeitig wurde die Frage auf das Lebhafteste erörtert, 
ob man die beste Kondition des Pferdes oder die kürzeste Ueber- 
windung der Entfernung als das zu erstrebende Ziel des Distanz- 
rittes bezeichnen solle. 

Weiter führten die österreichischen Reiter aus, dass man, 
wenn an den Endpunkten Berlin -Wien festgehalten werden solle, 
eine allgemeine Konkurrenz auf Kondition für ausgeschlossen 
erachten müsse, weil man dann alle Pferde, sowohl die deutschen, 
wie die österreichischen an einem Punkte versammeln müsse. 

Auch würde man bei dem Festhalten an einem Konditions- 
reiter auf eine rege Betheiligung in Offizierskreisen nicht gut 
rechnen können, denn welcher Kavallerist würde sich wohl gern 
an eine derartige Leistung heranwagen, deren Entscheidung von 
der Aussicht abhinge, von einer Kommission auf die Kondition 
seines Pferdes geprüft zu werden, da jeder Reiter aus Erfahrung 
weiss, mit welchen Schwierigkeiten eine derartige Beurtheilung ver- 
knüpft ist und er in den meisten Fällen kaum selbst die Kondition 
seines Thieres beurtheilen kann. 

Als nach längeren Berathungen die Endpunkte Berlin-Wien 
als festgelegt zu betrachten waren, kam man auf deutscher Seite 
auch bald zu der Ueberzeugung, dass von einem Rennen auf 
600 Kilometer keine Rede sein könne. 

Es entstand nunmehr jene Proposition, welche über die Aus- 
führung des Rittes keinerlei Zweifel Hess, der sich in dem Raiinien 
bewegte, der eine allgemeine grosse Betheiligung erwarten Hess 
und der auch der nationalen Seite Rechnung trug. 

Der amtliche Wortlaut derselben war foluender: 







22 




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Proposition 

für den 

Distanzritt von Wien nach Berlin 

beziehungsweise 

von Berlin nach Wien. 



ffen für aktive Offiziere der deutschen und österreichisch- 
ungarischen Armeen, zu reiten ohne Gewichtsausgleichung auf 
Pferden aller Länder im Besitze solcher Offiziere. 

Ehrenpreis Sr. Majestät des Kaisers von Oesterreich, Königs 
von Ungarn, für den siegenden Reiter der deutschen Armee. Ehren- 
preis Sr. Majestät des Kaisers von Deutschland, Königs von Preussen 
für den siegenden Reiter der österreichisch -ungarischen Armee. 

Es erhalten ferner: Dasjenige Pferd, welches den Weg in 
der kürzesten Zeit zurücklegt 20 000 Mark, 

das 2. Pferd 10 000 Mark, 

„3. „ ...... 6000 „ 

„4. „ 4 500 „ 

„5. „ 3 500 „ 

„6 2500 „ 

„7. „ 1500 „ 

Die Einzahlungen erhalten zu weiteren Preisen Verwendung, 
so dass mindestens das 10. Pferd noch einen Prei^ erhält. 

Ausser diesen Preisen erhält je 1 Pferd von den von Berlin, 
wie von den von Wien startenden Pferden, welches sich nach Be- 
endigung des Rittes in der besten Kondition befindet, noch einen 
Geldpreis, welcher sich nach der Höhe der eingegangenen Gelder 
richtet. Nur Pferde, welche zur Zurücklegung des Weges nicht 
mehr als 24 Stunden über die Zeit, deren der Sieger dazu bedurfte, 
gebraucht haben, sind zu dieser Konkurrenz zugelassen; bei todtem 




23 



^^'K: 



Rennen werden die Geldpreise getheilt, über die Zuwendung des 
Ehrenpreises entscheidet das Loos. Der Ritt geht von Berlin nach 
Wien, beziehungsweise von Wien nach Berlin; die Wahl des Weges 
bleibt den Reitern überlassen. 

Die Reiter haben den Weg, auf dem genannten Pferde reitend 
oder dasselbe führend, zurück zu legen. Führpferde oder Pferde- 
wärter zu Pferde sind ausgeschlossen, jedoch ist das Mitnehmen 
von Pferdewärtern auf andere Art gestattet. Der Ritt beginnt am 
1. Oktober 1892. 

Es wird successive einzeln oder in Gruppen gestartet und die 
Reihenfolge der Starts durch das Loos entschieden. Wünschen 
mehrere Theilnehmer in einer Gruppe vereint zu starten, so haben 
sie dies unter Namensangabe der Einzelnen bis 24. September dem 
eigenen Komitee anzuzeigen. 

Dem Reiter oder jeder Gfruppe wird die ausgelooste Startzeit 
rechtzeitig mitgetheilt. 

Die Starts erfolgen in der Zeit vor 12 Uhr Mittags, der Zeit- 
raum zwischen den einzelnen Starts und ob dieselben an einem 
Tage erfolgen werden, hängt von der Zahl der Theilnehmer ab. 

Die Dauer des Rittes wird nach mitteleuropäischer Zeit be- 
rechnet werden. 

Giebt ein Reiter seinen Ritt unterwegs auf, so hat er hiervon das 
Komitee in Wien sowohl, als in Berlin telegrapliisch zu benachrichtigen. 

Jeder Reiter hat, 10 bis 15 Meilen vom Endziele angelangt, 
das Komitee der betreffenden Endstation von dem ungefähren Zeit- 
punkt seiner Ankunft telegraphisch zu benachrichtigen. 

Die betreffenden Adressen werden den Reitern am Start mit- 
getheilt. 

Als Startpunkt für die Reiter ab Berlin und gleichzeitig als 
Zielpunkt für die Reiter von Wien wird die 1. Garde -Dragoner- 
Kaserne (Südportal) Belle-AUiancestrasse in Berlin bezeichnet. 

Als Startpunkt für die Reiter von Wien und gleichzeitig als 
Zielpunkt für die Reiter von Berlin wird der Westausgang von 



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Rittmeister Freiherr v. Reitzenstein reitet in Berlin ab. 

Nach einer Momentaufnahme von M. Ziesler. 



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Floridsdoif und zwar an jcnfan I'unkte, wo dio Korneul)urg- 
Wionerstrasse .sich mit der P^iscnbuhn kreuzt, bestimmt. 

Zu unterschreiben bis zum 1. August 1892 unter Angabe des 
Namens des Nennenden, der Anzahl der Pferde und gleichzeitiger 
Zahlung von 100 Mark für jedes Pferd; bis zum 1. September 1892 
unter genauer Angal)e und Beschreibung der Pferde und gleich- 
zeitigei' Zahlung von 50 Mark für jedes Pferd; bis zum 24. Sep- 
tember 1892 sind die Reiter der betreffenden Pferde zu nennen. 

Alle Nennungen , Einsendungen und Korrespondenzen des 
Distanzrittes für das Komitee Berlin sind an das Kommando des 
Regiments der Uardes du Korps in Potsdam zu richten. 

Alle Nennungen , Einsendungen und Korrespondenzen des 
Distanzrittes für das Komitee Wien sind an das Kommando des 
k. und k. Militär-Reitlehrer-Institutes in Wien zu richten. 

Unterzeichnet war die Proposition eigenhändig von den beiden 
Komitees zu licriin und Wien. 



Das Komitee Berlin: 

V. Krosigk m. |). 

fJeiieral - Mputcniint. 

Freiherr v. Bissing ni. p. 

Oll.TSt. 

Graf Szöchöny m. p. 

Sekretär der k. u. k. Botschaft 

Freiherr v. Steininger m. 

k. II. k. ()biM>t. 

Graf Bismarck m. p. 

Major ii. I). 

V. Schmidt-Pauli m. ]>. 

Major. 

V. Koller m. ]>. 

Rittmeii-ter. 

Freiherr v. Esebek m. ]>. 

Kittmei.stcr. 

V. Keszycki m. ji. 

Hittmeihler. 

Ernst Günther m. \>. 

Herzog zu Schlegwig-llolsteiii. 



Jl 



Das Komitee Wien: 

( V. Kolosvdry m. p. 

Mftjor. 

V. Böhm-Ermoli in. ]>. 

Major. 

Freiherr v. Baumgarten m. j) 

Oberst - l,ipul<;niint. 

Graf Kälnoky m. [>. 

f)l>erst. 

Krauchenberg in. p. 

Ol.erst. 

Graf Auersperg ni. ]). 

ohernt. 

Freiherr v. Krauss m. p. 

OlxMSt. 

Ritter v. Bordolo m. ].. 

Oerieral-Major. 

Freiherr v. Bothmer m. j). 

(ieiH-ral-Major. 

V. Deines m. p. 

Oberst und Militär- Attache bei der kais 
deutschen liotschaft. 

Freiherr v. Gagern m. p. 

Feldmarschall -Lieutenant. 




'4 




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Auf Grund dieser Proposition erfolf^ton die Nennungen: 
Am 1. August 1892: 

Aus dem Deutschen Reiche von . . . 145 Konkurrenten. 

„ Oesterreich-Ungarn von 133 „ 

Am 1. September 1892: 

Von deutscher Seite für 130 Pferde. 

^ österr.-ungar. Seite für 121 „ 

Am 24. September 1892: 

Von Deutschland 115 Reiter. 

„ Oesterreich-Ungarn 109 „ 

Seit Juni waren die Vorbereitungen zur Ausführung 
dieses Massen-Distanzrittes, wie er bisher noch nicht erlebt worden 
ist, im Gange. 

Bei den in neuerer Zeit unternommenen Ritten auf weite 
Entfernungen handelte es sich gewöhnlich nicht um Konkurrenz- 
kämpfe, und demzufolge spielte die Schnelligkeit, mit welcher 
die vorgenommenen Strecken zurückgelegt wurden, nicht die Haupt- 
rolle, sondern die Gesammtleistung von Reiter und Pferd 
als solche. 

Bei dem Distanzritt von Berlin nach Wien und umgekehrt 
galt es einen etwa 82 bis 84 Meilen langen Weg in grösster 
Schnelligkeit mit demselben Pferde ohne Ruhetage zurück- 
zulegen. 

Der Wettkampf war ausserdem verschärft durch die Be- 
stimmung, dass nur diejenigen Offiziere Anspruch auf die Geld- 
preise von 500 bis 20 000 Mark haben könnten, welche den Weg 
in nicht länger als sechs Tagen zurücklegen, und vor Allem durch 
die Ehrenpflicht, Alles daran zu setzen, um dem eigenen Heere 
vor dem fremden den Vorrang zu sichern. 

Von Berlin aus ritten 91 deutsche Offiziere nach Wien und 
von Wien 121 österreichisch-ungarische Offiziere nach Berlin. Auf 
beiden Seiten war selbstverständlich die Kavallerie am stärksten 
vertreten; doch befanden sich unter den Reitern auch Infanterie- 





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und Schützen-Lieutenants, sogar ein Hauptmann von der Luftschiffe r- 
Abtheihmg. 

Nicht nur Berlin und Wien, sondern auch viele andere 
Kavallerie- Garnisonen beider Staaten waren betheiligt, beiderseits 
stiegen die berühmtesten militärischen Sportsleute in den Sattel. 
Das deutsche Kavalleriepferd steht bekanntlich in bestem Rufe, 
allein die edle Halbblutzucht in Oesterreich -Ungarn i^t älter und 
hat mindestens so tüchtige Ergebnisse aufzuweisen wie Ostpreussen 5 
der Ungar ist überdies ein vorzüglicher Eeiter. 

Zwar betheiligte sich auch eine stattliche Anzahl von Yollblut- 
pferden an dem Wettkampf; aber das kavalleristische Literesse war 
mehr der Entscheidung der Frage zugewandt, ob das österreichisch- 
ungarische Halbblut vor dem preussischen, oder dieses vor 
jenem den Vorzug verdiene; d. h. ob innerhalb der Frist 
von sechs Tagen mehr österreichische oder mehr deutsche 
Pferde durch's Ziel gehen würden. Begreiflicherweise sahen 
die Militärbehörden den Ausgang des Wettstreites mit grosser Span- 
nung entgegen, nicht zum wenigsten auch die beiden Kaiser, welche 
von Anfang an das Unternehmen billigten und auf alle mögliche 
Weise förderten. ^ 

Yon behördlicher Seite war die Bevölkerung der Landstriche, 
durch welche sich die bunte Kavalkade bewegte, — es durfte nur 
in Uniform geritten werden — aufgefordert worden, den Offizieren 
beim Aufsuchen der Quartiere, bei Unterbringung der Pferde und 
bei anderen Obliegenheiten alle Hilfe angedeihen zu lassen, 
Zoll- und Cholera - Plackereien unterblieben bei^ Vorzeigung der 
Startkarte. 

Der Abgang der Pferde erfolgte von Berlin und Wien am 
L, 2. und 3. Oktober in der Zeit von Morgens 6 bis 8 Uhr. Jeder 
Offizier bekam eine Startkarte, in welcher die Zeit des Abrittes und 
der Ankunft am Endziel genau vermerkt wurde. 

Abritt und Ankunft wurde an den Startpunkten in Wien und 
Berlin von einem Richterkollegium überwacht, welches dort in der 







^ 






Mclir/,;ilil MUS (Iciitsclicn und liicf in dci' Mcliiv.ahl iuis (»stoiTcichischcn 
Offizieren bestand. 

\on der letzten P^tappe aus nnisste jeder Heiter t(de<:,i'apliiscb 
die inutliinasslielie Stunde seiner Ankunft anmelden, damit das 
Ricliterk(ille<;iuni vollzählig zur Stidlo sein konnte. In den näher 
bei Wien nnd Berlin bele<i;enen Ortschaften, dureh ^(dclic die Reiter 
kamen, \vai-en überdies Soldaten von den Eiseiibahnrc^imentci'n ver- 
theilt, um ebenfalls das Herannahen der Heiter t(deg'ra))hisch oder 
telephonisch zu melden. 

Je 42 Geldpi-eise waren für die Deutschen und füi' die Oester- 
reicher ausgesetzt. 

Jeder Reiter, wenn er nberhan])t nui' durch's Ziel ging, erhi(dt 
einen Ehrenpreis (Erinnerungsmedaille oder -Becher), es ging also 
kein Einziger leer ans. Wer die kürzeste Zeit zum Zurücklegen 
des W(>ges brauchte, war natürlich Sieger. 

In Sportkreisen rechnete man vielfach mit der Möglichkeit, 
dass das Halbblut anf so weite Entfernnng sich als widerstands- 
fähiger erweisen werde wie das Yollblnt, welches bis jetzt mehr 
für kui'ze Kraftleistungen, wie bei Pferderennen, ansersehen war. 
Es fragt sich aber, was in der Zwischenzeit der Trainer zu leisten 
im Stande war. 

Die Schwierigkeiten eines solchen Distanzrittes stellt man sich 
im Publikum viel geringer vor, als sie thatsächlich waren. 

In der Gangart des Pferdes musste ein ununterbrochener und 
zwecknn'issigei- Wechsel vorgenommen werden, wenn es befähigt 
werden sollte, täglich mindestens 14 deutsche Meilen zurückzulegen, 
bald musste es der Reiter am Zügel führen — wobei er nicht 
nebetdier fahi-en durfte — , bald musste er dasselbe in g(dindercn 
odei- stärkeren Trab setzen, gelegentlich Tags über an kurze Ruhe- 
pausen denken, in der Wahl des Futters vorsichtig sein u. s. w. 
Hebei'müdete Pferde lehnten oft das Futter ab, andere wehrten 
sich in fremden Ställen gegen den Nachtschlaf, bis si(> schliesslich 
umfielen; dazu kam die Belästigung durch den Satteldruck. 



30 



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Auf dem Wege, welchen die Offiziere einschlugen — eine 
bestimmte Route war nicht vorgeschrieben — , eilten die Burschen 
voraus, um an allen Punkten für das Nöthigste zu sorgen, aber 
mancher Offizier musste gleichwohl noch einen kleinen Futtersack 
mit sich führen, um Verzögerungen zu vermeiden. 

Die Reiter selbst mussten auf die grössten Strapazen gefasst 
sein, die mcässigste und pünktlichste Lebensweise führen. 






-<j^^ 





III. 



im iteuerhäuscheii 



auf dem 



Tempelhofer Felde bei Berlin. 



Erwartungen, die man an den Distanzritt knüpfte. — Mit der Uhr in der Hand. — 
Abritt der ersten Gruppe. — Prinz Leopold von Preussen und seine Begleitung. — 
Die Würfel sind gefallen! — Das kameradscliaftliche Verhältniss zwischen deiw 
Offizieren der beiden Nationen. — Vermuthungeu. — Bunte Gesellschaft von 
Thieren. — Vollblut und Halbblut. — Betheiligung am Ritt. 




^^\. 




35 





onatelang waren die Blicke von Berufsreitern, 
von den Offizieren der beiden Reichsheere 
Deutschlands und Oesterreich - Ungarns und 
von allen Sportskreisen mit höchster Spannung 
auf Berlin und Wien gerichtet. Sollte doch hier ein kavalleristisches 
Unternehmen seinen Abschluss finden, wie ein solches noch nie 
dagewesen war. Mit Recht war Jedermann auf den Ausgang des- 
selben im höchsten Grade gespannt. Von beiden Seiten nahmen 
an dem schneidigen Ritt die hervorragendsten Reiter aller Waffen- 
gattungen und Pferde der verschiedensten Ragen Theil. Man sah 
im Wettstreit den hochgezogenen englischen Vollblüter neben dem^ 
drahtigen ostpreussischen Chargenpferde, der edle Trakehner be- 
gegnete dem feurigen Ungar, und auch das dorische Kosakenpferd 
fehlte nicht in der Reihe der an den Starten erscheinenden Thiere. 

Am Sonnabend Morgen (1. Oktober) entwickelte sich in der 
Nähe des Steuerhäuschens auf dem Tempelhofer Felde bei Berlin 
ein reges Leben. 

Auf derselben Stelle, wo Kaiser Wilhelm I. so oft sein 
Paradepferd bestiegen, wenn es galt, seine Garden zu mustern, 
wogte, trotz des frühen Morgens, eine zahlreiche Menschenmenge, 
worunter selbstverständlich Offiziere aller Grade. 

Die Starter unter ihrem Vorstand, dem Major v. Mitzlaff, 
vom 3. Garde-Ulanenrcgiment, die aus Oesterreich herübergekom- 
menen Herren, Oberst Frhr. v. Kotz und Major Graf v. Schaffgotsch 




37 






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ors\ arteten, mit der Uhr in der Hand, die Zeit des ersten 
Abrittes. 

Die üeneralität auf deutscher Seite war durch den Herrn 
General der Kavallerie und Koinniandirenden des 7. Armeekorps, 
V. Albedyll und die Herren Generallieutenants v. Krosigk und 
von der Planitz vertreten. 

Allen schlug das Herz vor Erwartung höher und höher. Die 
Spannung hatte sich in den letzten Wochen durch all' die Konver- 
sationen, die aufgeworfenen Fragen, die sich widersprechenden 
Meinungen nahezu bis zur Unerträglichkeit gesteigert. Und end- 
lich dämmerte der heutige Morgen auf — als man sich auf den 
Weg machte, leuchtete noch im Westen der Morgenstern, wie ein 
gutes Omen strahlend am Himmel und dann brach der prachtvollste 
Herbsttag an, den sich die Reiter zu ihrer langen Etappe nur 
ersehnen konnten. 

Als die Glocken die sechste Morgenstunde verkündeten, senkte 
der Starter die Flagge zum Abritt der ersten Gruppe. 

Ein HohcnzoUernspross, ein Prinz des königlichen Plauses, 
Prinz Friedrich Leopold von Preussen, der Schwager Kaiser 
Wilhelm's H., war der Erste der unter freudigem Griissen und 
jubelndem Zuruf vom Steuerhäuschen nach Ueberreichung seiner 
nach Floridsdorf bei Wien lautenden Startkarte entlassen wurde. 
Der Prinz, in Majorsuniform der Gardes du Corps, sass auf seinem 
prächtigen Fuchswallach „Taurus". Seine, die erste Gruppe aus- 
machenden Begleiter waren Generalstabshauptmann Frhr. v. Zandt, 
auf „Wanderschwalbe", Lieutenant v. Zansen-Osten (19. Ulanen), 
auf einem braunen Ostpreussen, Lieutenant Graf Clairon d'Hausonville 
(4. Dragoner), auf dem kräftigen Fuchswallach und Chargenpferd 
„Nero" und Lieutenant v. d. Osten (Gardes du Corps), auf dem 
schwarzbraunen Engländer „Little Davy". 

Mit nicht endenwollenden, brausenden Jubelrufen begleiteten 
die Menschenmengen die Durchquerung des Tempelhofcr Feldes 
von Seiten der Reiter. 




38 




Inzwischen hatte sich die Zuschauermenge derartig vermehrt, 
dass es nothwendig wurde, Platz für die Reiter zu schaffen und 
das Publikum an die Westseite der Chaussee zu verweisen. Gruppe 
auf Gruppe folgte nun, von der Zuschauermenge mit jubelnden 
Zurufen und Aufmunterungen begrüsst. In ganz besonders hervor- 
ragender Weise geschah dies, als die 19. Gruppe den Berliner 
Start unter Führung des Herzogs Ernst Günther, dem Bruder der 
Kaiserin, verliess. Er ritt die Vollblüterin Mayftower und in seiner 
Begleitung sah man drei der schneidigsten Reiteroffiziere: Ritt- 
meister V. lieyden-Linden (Königs-Ulanen), auf der Ilalbblutfuchs- 
stute „Dot", Rittmeister v. Kramsta (Gardekürassiere), auf der 
Vollblutstute „Alpine" und Rittmeister v. Gossler (Gardehusaren), 
auf einer ostpreussischen Rappstute. 

Nach dem Glockenschlag 10 Uhr senkte sich die Starter- 
flagge am Berliner Start am ersten Tage zum letzten Male. Am 
nächsten Tage (Sonntag) verliessen 25, und Tags darauf noch 23 
Gruppen das Steuerhäuschen am Tempelhofer Felde. 

Die Würfel waren im Rollen, die Kontroverse schwieg. Wenn 
auch die Frage der Sieger noch eine Reihe von Tagen off'en bleiben 
musste, so gewann man doch jetzt schon au der Grenzscheide der 
deutschen Reichshauptstadt im freundlichen Verkehre mit den an- 
wesenden österreichischen Herren, die mit einnehmendster Liebens- 
würdigkeit an den Vorgängen Theil nahmen, das Gefühl, dass, ob 
die Siegesanthcile nun auch dem einen oder dem anderen Lager 
reicher zufallen würden, man sich durch den feindlichen Wett- 
kampf dennoch unter allen Umständen näher gerügkt sei. 

Das schon seit Jahren bestehende kameradschaftliche 
Verhältniss wurde durch diese zu frischer That gewordenen Ge- 
danken der verbündeten Monarchen nur noch inniger geknüpft. 

Die missgünstige Opposition gegen den Wettkampf, die, aller- 
dings sehr vereinzelt, da oder dort ihre Stimme erhob, war ver- 
hallt, wie sie es verdiente, und auch die überängstlichsten Gemüther 
beruhigten sich. 





39 



J. 




Dieses AusjiroLiren der Leistungsfähigkeit von Mann und 
l'ferd gewann durch die imposante Anzahl der Theilnclinier eine 
Bedeutung, wie sie frühere von einzelnen Herren vorgenommene 
Ritte über grosse Entfernungen nie beanspruchen konnten, über 
welche überdies nur "Weniges in die Oeffentlichkeit gedrungen war. 
Ausserdem konnte man aber unter allen Umständen aus derartigen 
isolirt gebliebenen Tersuchen nicht allgemeine Schlüsse ziehen und 
nach diesen bleibende Prinzipien feststellen. 

Hier dagegen standen über 200 Herren der gleichen grossen 
Aufgabe gegenüber. Aus der Summe ihrer Erlebnisse, aus den 
Vergleichen so vieler einzelner Erfahrungen und Austausche der 
Meinungen musste sich ein Material von unschätzbarem Worte er- 
geben und in manche noch dunkle Frage das erwünschte Licht 
gebracht werden .... 

Es war selbstverständlich eine bunte Gesellschaft von 
Thieren, deren Rücken die Herren Distanzreiter ihr Glück an- 
zuvertrauen sich entschlossen hatten und nicht die Schönheit, son- 
dern erprobte Zähigkeit musste bei der Wahl entscheidend bleiben. 
Da die Anforderungen eines so forcirten Distanzrittes ausserdem 
nur an ältere Pferde gestellt werden konnte und viele von den 
Thieren in der Vorbereitung harte Arbeit hatten thun müssen, so 
sah ein guter Theil derselben für das Laienauge nicht allzu be- 
stechend aus. 

Die anwesenden vielen Sachverständigen urtheilten indessen 
anders und haben die Mehrzahl der Pferde als für den vorliegenden 
Zweck als passend gewählt begutachtet. 

hu Allgemeinen waren es, mit zwei Ausnahmen, nicht die 
Vollblutpferde, denen man die besten Prognostiken zu stellen 
versuclit gewesen wäre. Keine zu unscheinbare Rolle spielten die 
Chargenpferde, deren mehrere in guter Verfassung waren und Ver- 
trauen erweckend aussahen. Auch einer der bekanntesten Herren- 
reiter, dessen Bild man beinahe nicht von einem Vollblutpferde zu 
trennen vermag, hatte seinen Chargen, einen allerdings sehr edlen 



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Ostpreussen, für den Ritt nach Wien erkoren. Die am besten 
gefielen, waren einige kleinere Halbblutpferde, die, was ihnen 
etwa an Grösse abging, durch den vorzüglichen Bau, die stramme 
Muskulatur und verschiedene Points reichlich ersetzten. Zu diesen 
zählen wir die beiden Füchse der Grafen Wengersky und Holnstein 
und die gefällige Stute des Herrn v. Heyden-Linden. Unter den 
Vollblutpferden kann man noch den Fuchs „Taurus" Sr. Königl. 
Hoheit des Prinzen Friedrich Leopold, und „Normandy " des Frhrn. 
V. Erlanger, als diejenigen erwähnen, die geeignet schienen, den 
Ruf des edlen Blutes würdigst zu vertreten. „ Normandy " startete 
ausserdem unter besonders günstigen Bedingungen, denn er trug 
alles in allem das Federgewicht von 50 Kilogramm und sein Reiter, 
der mit unermüdlichem Eifer den Yorbereitungen obgelegen, glaubte 
mit guten Chancen der österreichischen Kaiserstadt zusegeln zu 
dürfen. Leider täuschte ihn die Folge. 

„Normandy" schied bereits nach kurzem Ritt aus der Kon- 
kurrenz aus, da er in Hoyerswerda lahm wurde. 






43 




J. 




u. 



44 



L. 




IV. 

Der Weg zwischen den Kaiserstädten. 

Unsere Karte. — Länge des Weges. — Die Hauptlinie. — Die Orte an der 

Hauptlinie. — Der Nachtheil für die deutschen Reiter. — Der Vortheil für die 

österreichischen Keiter. — Höhenprofil Berlin -Wien. 





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46 



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ie unserem Werke beigegebene Kartenskizze 
stellt die Distanzstrecke Berlin -Wien dar. 

Zur Yergleichung des Weges sind die Eisen- 
bahnlinien der betreffenden Länder eingetragen. 
Die Gesammtentfernung beträgt reichlich 
575 Kilometer, jedoch ist diese Zahl nicht genau massgebend für 
die von den einzelnen Reitern zurückgelegten Entfernungen, weil 
die betreffenden Herren das Recht hatten, ihren Weg selbst zu 
wählen. 

Die Hauptlinie, die von den Reitern benutzt wurde, ist in 
unserer Kartenskizze durch eine Linie mit Querstrichen angegeben. 
Sie geht vom Steuerhäuschen im Süden Berlins in südöstlicher 
Richtung über Zossen und Baruth nach Calau, beziehungsweise 
Königswusterhausen und Lübben nach Calau, führt dann über 
Altneudöbern, Senftenberg, Hoyerswerda, Bautzen, an welchem 
Orte sie eine Terrainhöhe von 202 Meter erreicht, zieht sich dann 
über Rumburg, den ersten Ort, der auf böhmischem Boden liegt, 
nach Niemes, Weisswasser, Nimburg, Kolin, Czaslau, Deutschbrod, 
Iglau, dem höchsten Punkte der Strecke, der 516 Meter über dem 
Meere liegt. Mährisch- Budwitz, Znaim, Hollabrunn und Stockerau 
nach Floridsdorf nordöstlich von Wien. 

Die besten Reiter haben in 24 Stunden zwischen 160 bis 
220 Kilometer auf den einzelnen Tagesstrecken zurückgelegt. 




47 



J- 






Die deutschen Distanzreiter hatten gegenüber den öster- 
reichischen einen in der Gestaltung des Terrains liegenden wesent- 
lichen Nachtheil. Wenn man nämlich das in unserer Zeichnung 
links enthaltene Profil Berlin -Wien betrachtet, so ergiebt sich, dass 
die deutschen Reiter im Anfang ihrer Tour das erste Drittel der 
Gesammtstrecke mit ihren frischen Pferden auf verhältnissmässig 
ebenem, jedenfalls nicht bergigem Terrain zurückzulegen hatten, 
so dass sie erst im späteren Verlauf mit ihren schon ermüdeten 
Pferden in das Gebirgsterrain in Böhmen kamen, wo dann erst 
die grösseren Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Pferde 
gestellt werden mussten. 

Die österreichischen Reiter hatten den schwierigsten Theil 
des Rittes im ersten Drittel zwischen Wien und Iglau zurückzulegen 
und kamen von hier ab während des Restes ihres Rittes in das 
bequem zu durchreitende ebene und leicht bergab führende Terrain, 
was für die Dauerleistung der ermüdeten Pferde von wesentlichem 
Einfluss gewesen sein dürfte. 

Das in unserer Skizze enthaltene Höhenprofil Berlin -Wien, 
bei welchem die Höhen in vergrössertem Massstabe gezeichnet sind, 
giebt ein Bild der Bodengestaltung zwischen den beiden Haupt- 
städten nach dem hauptsächlichsten Charakter des Terrains. 

Berlin hat eine Seehöhe von 31 Meter, Wien eine solche 
von 170 Meter, so dass .von Berlin nach Wien eine Ansteigung 
von 139 Meter stattfindet, während zwischen Bautzen, Czaslau, 
Deutschbrod, Iglau und Znaim Höhen von 202, 263, 422, 516 und 
289 Meter zu überwinden waren. Jedenfalls ist aus unserer Karten- 
skizze ersichtlich, dass bei der ganz ausserordentlichen Distanz- 
leistung die deutschen Reiter die schwierigere Aufgabe zu bewältigen 
hatten. 







T 



48 





V. 



Die Ankunft 



der 



ersten Oesterreicher am Ziel in Berlin. 



Normaluhr im Richterziramur. — Erwartungsvolle am Steuerhäuschen. — Ober- 
lieutenant V. Miklös als Erster. — Chavossy de Csavoss und Bobda. — Die 
Namen der Offiziere, welche Proberitte unternommen. — Lieutenant Scherber I. 
— Lieutenant Karl Schmidt v. Földvar. — Lieutenant Scherher II. — Rittmeister 
Stög!. — Ein kleines Intermezzo. — Menschenmassen auf dem Tempel hofer 
Felde. — Oberlieutenant Ghaule. — Oberlieutenant Buifa. — Graf Paar. — 
Reiter, welche den Ritt aufgegeben. — Jarmy de Szolnok. 










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i 






50 








3^ 






71^ 




ie Wahrscheinlichkeit, dass eine Entscheidung schon 
am dritten Tage erfolgen könnte, war wohl nicht 
besonders gross, dennoch trat das Richterkollegium 
am Nachmittag dieses Tages zusammen. 

Die Normaluhr, von welcher die Zeiten hier abgelesen 
wurden, war nach mitteleuropäischer Zeit gestellt (ß' 25" vor der 
Berliner Zeit). Sie stand versiegelt im Richterzimmer und wurde 
an jedem Morgen von der Sternwarte kontrolirt. 

Der Empfang der esterreicher in Berlin war ein 
beispiellos begeisterter. Schon während der Nacht hatten sich 
viele Hunderte, hauptsächlich Offiziere, am Steuerhäuschen ein- 
gefunden, vom frühen Morgen an wuchs die Menge und erreichte 
um die Mittagsstunde eine ganz gewaltige Ausdehnung. Zehn- 
tausende waren anwesend und bereiteten den eintreffenden Reitern 
stürmische Huldigungen. 

Als Erster von den österreichisch-ungarischen Offi- 
zieren aus Wien traf bekanntlich am Ziele der Oberlieutenant 
V. Miklös ein. 

Am Montag früh 4 Uhr waren Oberlieutenant v. Miklos und 
Lieutenant Chavossy noch gemeinsam vor Bautzen. 

Hinter dieser Stadt passirte Herrn v. Miklos das Malheur, mit 
seinem Pferde zu stürzen; er brachte das Thier jedoch bald wieder 





51 



^ 



% ^, 

auf die Heine und setzte die Tour bis If o yers^verda fort, woselbst 
die beiden Reiter gegen 1 Uhr Nachmittags eintrafen. 

Es wurden ihnen daselbst von der Bevölkerung, mit dem 
Herrn Bürgermeister an der Spitze, lebhafte Ovationen dargebracht. 
Die Begeisterung dämpfte sich jedoch sehr bald mit Rücksicht auf 
den Zustand, in welchem sich dort schon der zwölfjährige Braune 
befand. 

Die Flanken des armen Thieres waren von den Sporen völlig 
aufgerissen und über und über blutig, gleich den Sporen und den 
Stiefeln des Reiters. Die beiden Reiter gönnten in Hoyerswerda 
sich und den Thieren eine Rast von etwa 21/2 Stunden und Hessen 
füttern. Um die Schmerzen, von welchen „Marcsa" des Herrn 
V. Miklös gepeinigt wurde, zu betäuben, Hess der Reiter ihr eine 
Morphiumeinspritzung beibringen. 

Nach vollendeter Rast stiegen beide Reiter wieder in den 
Sattel und gingen im Trabe ab, mit der Absicht, in Baruth noch 
eine ganz kurze Rast zu halten und dann von dort die Tour in 
einem Ritte zu beenden. 

Oberlieutenant Miklos rastete jedoch in Baruth nicht, setzte 
vielmehr die Tour ohne Aufenthalt fort, während Lieutenant Chavossy, 
dessen Pferd zwar noch ganz mobil war, zurückblieb, weil er sich 
selbst zu sehr ermüdet fühlte. 

Und so ging es, obgleich sich an dem Braunen, wie schon 
berichtet, gleich hinter Hoyerswerda eine Lahmheit der Schulter 
bemerkbar gemacht hatte, weiter gen Berlin, zumeist im Trabe. 

Bei Tempelhof stieg Oberlieutenant Miklos aus dem Sattel 
und führte seinen Braunen, weil er auf dem Pflaster nicht mehr 
recht vorwärts zu kommen vermochte. Am Bahndamm bestieg 
Herr v. Mikh'is jedoch sein Ross wieder und strebte in scharfem 
Trabe dem Ziele zu, dass er um 9 Uhr 34 Minuten 32 Sekunden 
erreichte. Ross und Reiter waren freilich stark erschöpft. 

Das Thier, das von Hoyerswerda ab ununterbrochen im Gange 
war, hatte dort auch das letzte Futter erhalten, und eine Flasche 







52 




Cognac, von dem ihm zeitweise ein Schluck eingeflösst wurde, war 
Alles, was ihm sein Reiter auf dem strapaziösen letzten Drittel 
der Tour geboten hat. 

Oberlieutenant v. Miklos, ein Mann im Anfang der dreissiger 
Jahre, von mittelgrosser, schlanker Gestalt, mit martialischem 
schwarzen Schnurrbart, hatte am ersten Tage 156 Kilometer, am 
zweiten 200 und den Rest der insgesammt 575 Kilometer betragenden 
Tour, also 211 Kilometer, am letzten Tage zurückgelegt. 

Seit Sonnabend früh 7 Uhr 10 Minuten, zu welcher Zeit er 
vom Start in Wien entlassen wurde, hat Oberheutenant v. Miklos 
insgesammt nur 13 Stunden gerastet. Er trug seine Husarenuniform 
mit Mantel und Säbel und führte eine Reitgerte. 

Unterwegs hatte sich seine Stute „Marcsa" während einer Rast 
durch heftigen Anprall an eine Wand in der Box einen Nagel in 
das Schulterblatt eingestossen. Die Verletzung machte die Kon- 
sultation eines Thierarztes nöthig. Dieser brachte dem Thiere 
eine Morphiumeinspritzung bei, damit der Reiter seinen Ritt fort- 
setzen könne. 

Die Anwendung dieses Mittels hielt aber nicht sehr lange vor, 
und im weiteren Verfolgen seines Zieles musste der Reiter mit dem 
Entschlüsse kämpfen, die Partie aufzugeben, da die Leistungen des 
Thieres immer unzulänglicher wurden. 

Zwischen Ross und Reiter entspann sich so ein still fort- 
geführter Kampf. Nur dadurch, dass er dem Pferde Cognac und 
Cocain beibrachte, gelang es dem österreichischen Offizier, unter 
Anwendung äusserster Willenskraft das vorgesteckte Ziel zu erreichen. 

Die Anzeichen dieses von der zweiten Hälfte des Weges an 
geführten inneren Kampfes zwischen dem kräftigen Wollen des 
Reiters und den sinkenden Kräften des Thieres, traten auch bei 
Ankunft am Ziele in der äusseren Erscheinung des OberUeutenants 
V. Miklos hervor. 

Oberlieutenant v. Miklos gehört zu denjenigen österreichisch- 
ungarischen Offizieren, welche bereits einenProberitt unter- 





53 



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HO 111 111 eil liatton. Piobcrittc hatten fcnuT uiiternoiiiiiicn: Ober- 
lieutcnant Graf Wilhelm Starhembeig (7. II. -II.), liittmcister 
Auji^ust Haron Koller (14.Dr.-R.), Oberlieutenaiit Stephan v. llorthy 
(13. II. -K.), Oberlieiitenant Geza Baron Sardagna (11. JI.-R.), 
]\ittmeistcr Moritz Fleischmann (3. II.-ll.), Lieutenant Max Baron 
K i el m a n n s e g g (4. Dr.-R.), Lieutenant Richard S p i t z n e r (9. Dr.-R.), 
Oberlieutenaiit Heinrich Baltazzi (U.H.-R.), Oberlieutenant Gustav 
Hoffmann (14. H.-R.), Lieutenant Robert Ritter v. Joelson 
(13. Dr.-R.), Oberlicutenant Julius Baron Nagy (16. H.-R.), Ober- 
lieutenant Johann Graf Lubienski (5. U.-R.), Oberlieutenant Josef 
Graf Szapary (7. U.-R.), Oberlieutenaiit Graf Paar (1. H.-R.), 
Oberlieutenant Eduard Graf Wickenburg (3. H.-R.), Oberlieutenant 
Josef Graf Jjasocki (1. U.-R.) und Rittmeister Max Graf Thun- 
Hohensteiii. 

Um 11 Uhr 17 Minuten 7 Sekunden traf als Zweiter der 
Lieutenant Julius Chavossy de Chavoss und Bobda von dem 3. Husaren- 
regiment auf einem fast ponnyartigen kleinen Wallach des (;)ber- 
lieutenants v. Miklos ein. 

Auch er hatte Wien am ersten Tage des Starts früh 7 Uhr 
10 Minuten verlassen; er hatte somit nur 1 Stunde 52 Minuten 
35 Sekunden mehr als v. Miklos gebraucht. Auch ihm wurde ein 
stürmischer Empfang zu Theil, der sich zum hellen Jubel steigerte, 
als man sah, in welcher seltenen Frische Ross und Reiter anlangten. 
Herr v. Chavossy hatte die Tour über Königswusterhausen genommen. 

Oberst v. Steininger geleitete ihn in einer Droschke nach dem 
Kaiserliof, sein Pferd wurde, wie alle übrigen, bei d(Mi 1. Garde- 
dragonern eingestellt. 

Mit Herrn v. Chavossy traf der Wiener Radfalirer Klomser 
hier ein. Er hatte am Sonnabend früh 6 Uhr Wien verlassen und 
hatte sich zunächst dem Grafen Paar und dem Landgraf zu Fürsten- 
berg angeschlossen, war dann aber diesen vorausgeeilt. 

Als Dritter passirte Lieutenant Scherber von den 7. Dragoncn-n 
auf Lieutenant Bardt's Schimmelwallach „(iraiiit", das Ziel. 






54 



L, 






Lieutenant Scherber liat um 6 Uhr 50 Minuten dos ersten 
Starttages Wien verlassen und war bis Weisswasser gekommen, von 
dort Sonntag früh um 3 Uhr aufgebrochen und seitdem ohne Rast 
unterwegs. Das nicht mehr junge Pferd war in brillanter Kondition, 
obgleich es das linke Ilintereisen verloren. 

Begleitet hatte den Reiter von Weisswasser aus der Brünner 
Radfahrer Carafiat, der am Sonnabend 6 Uhr Wien verlassen hatte. 
Zeit: 78 Stunden 9 Minuten. 

Um 1 Uhr 25 Minuten traf der Lieutenant Karl Schmidt v. Földvar 
von den 6. Husaren am Ziel ein. Er war von Wien am Sonnabend 
6 Uhr 15 Minuten abgegangen, hatte also 79 Stunden 10 Minuten 
gebraucht. 

Der Reiter, von gedrungener, fast dicker Gestalt, kam auf- 
fallend frisch an, sein Pferd, ein prächtiger Ungar, sah aus, als ob 
es eben aus dem Stall käme. 

Zwei Regimentskameraden begrüssten den als Herrenreiter 
bekannten Offizier. 

Am Steuerhause auf dem Tempelhofer Berge erwarteten 
den weiteren Verlauf des Distanzrittes unter Anderen noch Ober- 
stallmeister Graf Wedeil und der Adjutant des Kaisers, Majo^ 
V. Moltke. 

Um 2 Uhr 49 Minuten erreichte in scharfem Galopp als 
Fünfter der Lieutenant Scherber II vom 7. Dragonerregiment, der 
Bruder des als Dritter eingegangenen Offiziers, das Ziel. 

Der schneidige Reiter, der sehr frisch aussah, hatte eine 
wunderbare braune Stute, die „Alma" des OberJieufenants Ritter 
Sypniewski v. Odrowaz, unter sich. Das Thier hatte die Tour 
brillant überstanden. 

Lieutenant Scherber II war Sonnabend um 6 Uhr 25 Minuten 
aus Wien abgeritten, hatte somit 80 Stunden 24 Minuten gebraucht. 

Um 3 Uhr 39 Minuten 50 Sekunden begrüssten brausende 
Hochrufe den sechsten der österreichischen Reiter, den Ritt- 
meister Stögl vom 8. Ulanenregiment. 

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Rittmeister Adalbert Stögl, eine kleine gedrungene Gestalt, 
ist schon ein älterer Offizier, die Anstrengungen des Parforcerittes 
waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen, man sah es ihm an, 
dass ihm das Laufen sauer wurde, immerhin machte auch er noch 
einen guten Eindruck. 

Sein Pferd, der Schimmelwallach „Schuppa", ist ein verhältniss- 
miissig kleines, schmächtiges Thier, dem man es kaum ansieht, dass 
es grössere Anstrengungen hat aushalten können. Der Wallach 
war stark abgetrieben und sehr beschmutzt, erholte sich aber ver- 
hältnissmässig bald. 

Der Abritt von Wien w^'ir am Sonnabend 6 Uhr 35 Minuten 
erfolgt. Zeit: 81 Stunden 4 Minuten 50 Sekunden. 

Kurz nach ^\^h Uhr ereignete sich ein kleines Intermezzo. In 
scharfem Galopp sprengte um 4 Uhr 37 Minuten ein Zivilreiter 
in das Ziel.- Es war der Brünner Lederwaarenfabrikant Alfred 
Flesch, der am Freitag früh 61/2 Uhr Wien verlassen hatte. 

Der Reiter hatte ein vollständig untrainirtes Pferd be- 
nutzt, das die Tour sehr gut überstanden hatte. Es handelte 
sich bei dem Ritt um den Austrag einer Wette, die dahin ging, 
die Differenztour auf untrainirtem Pferd in fünf Tagen zurück- 
zulegen. Herr Flesch hat die Wette glänzend gewonnen, er hat 
nur 106 Stunden 7 Minuten, also 13 Stunden 53 Minuten weniger 
gebraucht. 

Auf dem Tempelhofer Felde hatte sich inzwischen eine immer 
gewaltigere Menschenmasse angesammelt. Auch der Land- 
wirthschaftsminister v. Heyden und General v. Rauch hatten sich 
vor dem Steuerhause eingefunden. 

Die Geduld der Neugierigen und der Richter wurde auf eine 
lange Probe gestellt. Schon nach 5 Uhr sollte der nächste Reiter, 
der kurz nach 3 Uhr Zossen verlassen, eintreffen, seine Ankunft 
verzögerte sich ganz erheblich. 

Um 6 Uhr flammte der auf dem Eiffelthurm angebrachte 
Scheinwerfer auf. Endlich um 7 Uhr 34 Minuten 36 Sekunden 





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erschien der siebente Reiter, Oberlieutenant Chaub vom 13. Ulanen- 
regiment auf der prächtigen Fuchsstute „Lille". 

Er war am Sonnabend früh 6 Uhr 45 Minuten aus Wien 
abgeritten, war somit 84 Stunden 49 Minuten 36 Sekunden unter- 
wegs gewesen. Mit ihm langte der Radfahrer Zeisberg aus Berlin 
an, der ihm bis Golssen entgegengefahren war und ihn kurz nach 
4 Uhr erreicht hatte. Lieutenant Chaub und sein Pferd waren in 
bester Beschaffenheit. 

Um 7 Uhr 46 Minuten 21 Sekunden folgte ihm als Achter 
der Oberlieutenant Buffa von den 6. Dragonern auf dem braunen 
Wallach „Distanz". 

Auch hier machten Pferd und Reiter den besten Eindruck. 
Zeit: 85 Stunden 6 Minuten 27 Sekunden. 

Um 8 Uhr 6 Minuten 25 Sekunden ging Graf Paar vom 
1. Ulanenregiment auf der schwarzbraunen Stute „Ada Duliäh" als 
Neunter durch's Ziel. 

Das Pferd lahmte vorn rechts etwas, der Reiter war frisch. 
Er war 85 Stunden 41 Minuten 25 Sekunden unterwegs. 

Bis Zossen waren ihm die beiden Berliner Radfahrer Allardt 
und Koch vom Klub „Wanderer" als Forcemacher entgegengefahren. 

Für die Nacht wurden noch elf Reiter erwartet. 





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59 



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VI. 



Die Ankunft 



der 



ersten Deutschen am Ziel in Wien. 



Wirkung der telegraphisclien Nachricht über die Aufnahme der österreichischen 
Offiziere in Berlin. — Schmückung der Zielstrassen. — Prinz Friedrich Leopold 
von Preussen und Sekondelieutenant Hey!. — Die Wiener Bevölkerung und der 
Prinz. — Rittmeister v. Tepper-Laski. — Frhr. v. Meyern. — Lieutenant Dietze. 
— Lieutenant v. Jena. — Die Herren Offiziere, welche den Ritt aufgegeben. — 
Der Vorsprung des Lieutenants Frhrn. v. Reitzenstein. — Herzog Ernst Günther 
von Schleswig -Holstein und sein Pferd. — Das Vorführen der Pferde in der 
Reitschule. — Die Nachricht von der Verunglückung Reitzensteins. — v. Reitzen- 
stein am Ziel. — Lippspringe's letzte Stunden. 






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,ie Kunde von dem Eintreffen und der begeisterten 
Aufnahme der österreichischen Distanzreiter in Berlin 
hatte sich mit Blitzesschnelle über ganz Wien ver- 
breitet und eine grosse Befriedigung hervorgerufen. 

Die Zielrichter in Floridsdorf erhielten offizielle Bestätigung 
durch die Mittheilung einer Depesche, welche der Militärkanzlei 
des Kaisers Franz Josef von den Distanzreitern aus Berlin zu- 
gegangen vp^ar. 

Die Stimmung am Ziele in Floridsdorf wurde in Folge dessen 
freudig gehoben und man beeilte sich dort, die Zurüstungen zum 
festlichen Empfange der deutschen Distanzreiter zu vollenden. 

Das Komitee erklärte sich in Permanenz, der Zielpfosten und 
das Häuschen, in welchem das Komitee sich befand, sowie die 
Donaubrücke, welche die deutschen Reiter passiren mussten, er- 
hielten reichen Schmuck von Guirlanden, Reisig 'und Flaggen in 
den deutschen und österreichischen Farben. 

In der Nähe des Zieles sammelten sich bereits in der 
Mittagsstunde grosse Menschenmassen; zahlreiche Offiziere 
fanden sich zu Fuss und zu Pferde ein. Nicht blos aus Wien, 
sondern auch aus dessen entfernter Umgebung strömten immer 
neue Massen nach Floridsdorf. Viele Personen eilten sogar schon 
in den ersten Nachmittagsstunden westwärts die Strasse entlang 





(Ion deutschen Offizieren entgegen, aber Stunde auf Stunde ver- 
rann, oline dass der erste Distanzreiter, wie oft auch sein baldiges 
Erscheinen durch das Gerücht angekündigt wurde, in Sicht kam. 
Dafür zirkulirten Nachrichten von bedenklichen Unfällen, die den 
an der Spitze reitenden Herren zugestossen sein sollten. 

Das Wetter war prächtig. Bei anbrechender Dunkelheit 
wurden an den Zielpfosten in Floridsdorf die elektrischen Be- 
leuchtungsapparate in Thätigkeit gesetzt, die Bogenlampen erhellten 
den Platz und Lichtwerfer erleuchteten die Strasse auf eine be- 
trächtliche Strecke. 

Die Ungeduld der Menge stieg auf's Höchste. Das Erscheinen 
einiger Hofequipagen wurde als Zeichen des nahen Eintreffens des 
„Ersten" gedeutet. 

Man hatte inzwischen die Gewissheit erlangt, dass der „Erste" 
der Prinz Friedricli Leopold von Preussen sein werde. Um 7 Uhr 
45 Minuten verkündeten brausende Hochrufe sein Erscheinen. Im 
kurzen Trabe passirte er das Ziel und drei Pferdelängen hinter 
ihm folgte der Sekondelieutenant Heyl. Beide hatten Mühe, ihre 
etwas erschöpft aussehenden Rosse durch die Menge zu steuern, 
die das Spalier durchbrochen hatte. 

Die beiden Reiter wurden von dem Generalinspekteur der 
Kavallerie, Frhrn. v. Gagern, den deutschen Delegirten, den Mit- 
gliedern des Koniitee's empfangen und von zahlreichen Offizieren 
enthusiastisch begrüsst. Der Prinz und sein Begleiter sassen ab 
unter dem tosenden Jubel der Zuschauer, unter denen sich auch 
Graf Alexander v. Hartenau, der ehemalige Fürst von Bulgarien, 
befand, und begaben sich zur Abstattung der Ankunftsmeldung 
und Beglaubigung ihrer Legitimationskarten in's Komiteelokal. 

Nach wenigen Minuten rollte Prinz Leopold, den der Ritt 
nur wenig ermüdet zu haben schien, in einer Hofequipage in die 
Burg, wo er als Gast des Kaisers sein Absteigequartier nahm. 

Auf der Fahrt durch die Ringstrasse, sowie bei der Einfahrt 
in die Hofburg wurde er von dem Publikum lebhaft begrüsst. Der 



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64 




Ein Regentag im Gebirge. 
Originalzeiohnung von Georg Koch. 




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Prinz hatte in Berlin am Sonnabend um 6 Uhr Morg^ens und 
Sekondelieutenant Heyl dagegen um 7 Uhr 20 Minuten gestartet. 
Letzterer hat somit den Ritt um 1 Stunde 20 Minuten schneller 
zurückgelegt als der Prinz, der als der Erste der deutschen Reiter 
in Wien eintraf. Die Dauer dos Rittes des Prinzen, der als Be- 
grüssung seines Schwagers, des Kaisers Wilhelm II., die Ernennung 
zum Oberstlieutenant vorfand, ist eine ausgezeichnete Leistung an 
und für sich, besonders aber im Hinblick auf das verhältnissmässig 
hohe Körpergewicht, das der Prinz in den Sattel bringt, und auf 
das schwere Pferd, das im Vergleich zu kleinen behenden Pferden 
im Gebirge eine ungemein schwierige Aufgabe zu bewältigen hatte. 

Als Zweiter folgte, wie oben gesagt, Sekondelieutenant Heyl 
vom 9. Dragonerregiment, auf der lehmfarbigen englischen Halb- 
blutstute „Miss Quitting". 

Brausender Jubel begrüsste ihn, vieltausendstimmige Hoch- 
und Hurrahrufe erschütterten Minuten lang die Luft. 

Ein am Ziele befindlich gewesener dritter Hofwagen wurde 
abbeordert, den Herzog Günther abzuholen, dessen Pferd angeblich 
unweit Wien zusammengebrochen sein sollte. Rittmeister v. Tepper- 
Laski vom 3. Husarenregiment, der als Erster erwartet worden 
war, blieb wegen des schlechten Zustandes seines Pferdes zurück 
er war Abends noch ungefähr 10 Kilometer von Wien angetroifen 
worden, wie er sein ermattetes Thier am Zügel führte. Trotz 
alledem traf der schneidige Reiter Abends 8 Uhr 15 Minuten im 
Schritt als Dritter am Ziele ein. Yon den weiteren deutschen 
Distanzreitern traf Lieutenant Frhr. v. Meyern Abends 9 Uhr 7 Minuten, 
Li'eutenant DJetze 9 Uhr 8 Minuten, Lieutenant v. Jena 10 Uhr 
5 Minuten in Wien ein. Einige andere deutsche Offiziere, darunter 
Rittmeister v. Levetzow, waren bereits signalisirt und wurden von 
Mitternacht an in Floridsdorf erwartet, 

Prinz Friedrich Leopold, der mit der ersten Gruppe am Sonn- 
abend früh 6 Uhr vom Start abgegangen ist, hat in 85 Stunden 
35 Minuten den Ritt nach Wien vollendet; Lieutenant Heyl, der 




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67 



^ um 7 Uhr 20 Minuten vom Starter entlassen wurde, liat die Tour 

innerhalb 84 Stunden 25 Minuten zurückgelegt, also etwa 1 Stunde 
10 Minuten weniger gebraucht, als der Prinz. 

Im Laufe des Montag hatten folgende deutsche Offiziere 
den Distanzritt aufgegeben: Sekondelieutenant v. Zansen, 
genannt v. Osten, vom Ulanenregiment 9, Sekondelieutenant Graf 
Clairon d'Hausonville, vom Dragonerregiment 4, Sekondelieutenant 
von der Osten, vom Regiment Garde du Corps und Premierlieute- 
nant V. Unger L, vom Dragonerregiment 18. Die ersten drei 
Offiziere verliessen zugleich mit dem Prinzen Priedrich Leopold 
am Sonnabend früh als Erste den Start; in ihrer Begleitung ritt 
noch Hauptmann Frhr. v. Zandt vom Generalstabe. Das von diesem 
gerittene Pferd des Hauptmann Frhrn. v. Marschall, „Wander- 
schwalbe", ist in Altdöbern an Kolik eingegangen, so dass somit 
von den fünf Reitern der ersten Gruppe nur noch Prinz Friedrich 
Leopold den Ritt fortgesetzt hat. Yon österreichischen Offizieren 
hatten am Montag den Ritt aufgegeben: Oberlieutenant Graf Szapary, 
Oberlieutenant Nagy, Rittmeister Moldauer, Graf Koziebradzki, 
Lieutenant Baron Decken, Oberlieutenant Bischofshausen, Ober- 
lieutenant Landgraf Fürstenberg. 

Am Nachmittag des 5. Oktober trafen weiter ein: um 3 Uhr 
40 Minuten Premierlieutenant Müller, abgeritten Sonnabend 9 Uhr 
10 Minuten früh; um 3 Uhr 46 Minuten Premierlieutenant Bomsdorf, 
abgeritten Sonnabend 6 Uhr 20 Minuten früh; um 7 Uhr 35 Minuten 
der Sonntag früh 6 Uhr 20 Minuten abgerittene Sekondelieutenant 
Kummer. Reiter und Pferd in bester Verfassung. Das Pferd des 
Lieutenant Kummer war ein Dienstpferd, welches das Herbst- 
manöver mitmachte. 

Ferner gingen durch das Ziel: Lieutenant Graf Holnstein, 
von den 1. bayer. Ulanen, und die Rittmeister v. Heyden, v. Kramsta 
und V. Gossler. Der preussische Artillerie -Premierlieutenant Karl 
Bloch V. Blottnitz musste einige Stunden von Wien wegen Unfähigkeit 
des Pferdes den Start aufgeben. 



68 



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Mit Spannung sah man bereits um diese Zeit dem Eintreffen 
des Kürassierlieutenants Frhrn. v. Reitzenstein entgegen, der einen 
bedeutenden Yorsprung hatte und daher die Möglichkeit vorlag, 
dass er unter allen Distanzreitern die Strecke Berlin -Wien am 
schnellsten zurücklegen, demnach auch den Grafen Starhemberg 
noch übertreffen würde. Frhr. v. Reitzenstein traf, wie die ein- 
laufenden Meldungen besagten, Nachmittags 1/2^ Uhr in Iglau ein; 
sein Pferd war ermüdet, aber keineswegs leistungsunfähig. 

Die Nachrichten, betreffend Starhemberg und Miklös, hatte er 
bereits erfahren. Nach kurzer Rast brach er wieder auf; er wollte 
die Nacht durchreiten und pro Stunde 10 Kilometer machen, hoffte 
somit Morgens 6 Uhr sein Ziel Floridsdorf zu erreichen, womit er 
Starhemberg im Rekord um zwei Stunden schlagen würde. An 
demselben Tage, um ^^11 Uhr, langte zu Fuss Sekondelieutenant 
Hoffmann v. Waldau an; er hatte sein Pferd in Korneuburg zurück- 
lassen müssen; es wurde ihm aber seitens des Komitees nahegelegt, 
Nachmittags doch noch den Versuch zu machen, von Korneuburg 
nach Floridsdorf zu reiten. Mittags 12 Uhr 38 Minuten kam Ritt- 
meister Poser in flottem Trabe an. 

Um 1 Uhr 20 Minuten traf Herzog Ernst Günther von Schleswig,- 
Holstein zu Fusse ein. Der Herzog führte sein Pferd, welches ganz 
niedergebrochen war, an der Hand. Die Herren von der deutschen 
Botschaft, welche in Floridsdorf versammelt waren, gingen dem 
Herzog entgegen ; unter Hochrufen des zahlreicli anwesenden Publi- 
kums passirte der Herzog das Ziel; er schien nicht sehr ermüdet 
zu sein. Vormittags fand in der grossen Reitschule, im Beisein 
der Preisrichter, das Vorführen der gestern Abend und im Laufe 
der heutigen Nacht eingetroffenen deutschen Pferde mit Rücksicht 
auf die Prüfung für den Preis, der in Beziehung auf die Ver- 
fassung der Pferde verliehen wird, statt. 

Die Pferde machten im Allgemeinen den Eindruck grosser Müdig- 
keit. Nur das Pferd des Prinzen Friedrich Leopold von Preussen zeigte 
vorzügliche Haltung und machte einen sehr günstigen Eindruck. 





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Am meisten angegriffen schien das Pferd des Kittmeisters 
V. Teppcr-Liiski; zwei Pferde waren lahm. 

Die letzten Stunden des 6. Oktober waren wohl die auf- 
regendsten des ganzen, grossen Distanzrittes. 

Die Telegramme der Nacht zum 6. Oktober brachten Stunde 
um Stunde Nachricht über das Yorwärtsdringen des deutschen Favorit- 
Reiters, bis plötzlich in der Frühe jede Nachricht ausblieb. 

]Mr»tzlich, als die Spannung in Folge der Ungewissheit schon 
])einlich wurde, kam ein Berliner Radfahrer, der den Baron 
Reitzenstein auf dem Ritte begleitet hatte. Er erzählte in 
höchster Aufregung ziemlich verworren, dass sie zwischen Znaim 
und Stockerau, bei einer Kreuzung falsch berichtet, den unrechten 
Weg eingeschlagen hätten, wodurch sie einen grossen Umweg 
machten. Jetzt müsse Frhr. v. Reitzenstein bis auf 15 Kilometer 
nahe sein. 

In wenigen Sekunden flog der Radfahrer auch schon wieder 
im schärfsten Tempo dem Reiter entgegen. Nun schien es bereits 
ausgeschlossen, dass Graf Starhemberg noch geschlagen werde, doch 
sah man noch fortwährend die Uhr in den Händen Aller, bis die 
Stunde abgelaufen war, in der die Starhemberg'sche Zeit hätte über- 
boten werden können. 

Kurze Zeit verging, als plötzlich, wie aus der Luft hergeflogen, 
die Nachricht laut wurde, Baron Reitzenstein sei verunglückt. Das 
währte etwa eine halbe Stunde, dann kamen fast gleichzeitig Baron 
Erlanger zu Pferde und ein Radfahrer und meldeten, dass Baron 
Reitzenstein Stockerau verlasse und dass er bis auf 4 Kilometer 
nahe sein müsse, sonn Pferd führend, nachdem er ihm beim Sechs- 
kilometer-Stein vorübergefahren sei. 

Ein Dutzend Fiaker fuhren nun dem Reiter entgegen, der 
plötzlich, doch schneller als man jetzt erwartete, auf der Chaussee 
trabend, sichtbar wurde, vor ihm der ersterwähnte Radfahrer. 
Mit stürmischen Hochrufen empfangen, passirte um 9 Uhr 56 Minuten 
55 Sekunden Frhr. v. Reitzenstein das Ziel. 



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Sein erstes Wort zu dem Militärattache, Oberst von Deines, 
als er den Sattel verlassen, war: „Habe mich leider zuletzt total 
verritten". 

Frhr. v. Reitzenstein war am 3. Oktober um 8 Uhr 50 Minuten 
aus Berlin abgeritten, er brauchte 73 Stunden 6 Minuten 55 Sekunden 
und blieb damit hinter Starhembergs Rekord um 1 Stunde 34 Minuten 
zurück, während er die Zeit des Oberst- Lieutenants v. Miklös um 
1 Stunde 18 Minuten schlug. Verritten hatte sich der Reiter in der 
Nähe eines Dorfes Torf. Den hierdurch eingetretenen Zeitverlust 
gab Baron Reitzenstein auf etwa IY2 Stunden an. 

Damals war übrigens Hauptmann v. Förster von der Luft- 
schiifer- Abtheilung noch bei ihm, dessen Pferd jedoch total ver- 
wundet war. 

Frhr. v. Reitzenstein zählt zu den besten Rennreitern Deutsch- 
lands, der oftmals die Pferde des Grafen Stanislaus Eszterhazy bei 
den Herrenreiten in Deutschland ritt und auch im Jahre 1892 
nach Pressburg kam, um des Grafen Eszterhazy „Hermann" in der 
grossen Pressburger Steeple-Chase zu reiten, die er auch gewann. 
— Baron Reitzenstein, ein kleiner, sehniger Mann mit scharf- 
geschnittenem Gesichte, gelblichem Teint, leicht melirtem schwarzen 
Kopfhaar und schwarzem Schnurrbärtchen, war nach seiner Ankunft 
in Schweiss gebadet und sehr bleich. 

Unter den jubelnden Zurufen der Menge begab sich v. Reitzen- 
stein ins Inspektionszimmer. 

Das Thier war gleich beim Ziele steif geworden, musste vom 
Platze geschoben werden und fiel unweit vom 'Ziele kraftlos zu 
Boden. Seine Flanken waren blutig. Oesterreichische Offiziere labten 
es mit Cognac — umsonst, das Pferd kam nicht auf die Beine. 
Als Baron Reitzenstein im Hotel Bristol eintraf, konnten ihm die 
Kleider, die ganz zerfetzt und mit Blut befleckt waren, welches aus 
wunden Körperstellen floss, kaum vom Leibe gebracht werden. 

Einem Besucher machte Baron Reitzenstein interessante Mit- 
theilungen über seinen Ritt. Seine Stute hat er vor etwa fünf 



71 




Wochon in Gent in Bclfj^icn nm nur 1500 Franken gekauft; bis zu 
jener Zeit wurde sie fast nur als Wagenpferd und nur zeitweilig 
als Reitpferd benützt. Seinem Kennerauge hatte das Thier einmal 
gefallen und einen Tag vor Nennungsschluss (1. September) kündigte 
er es für den Distanzritt an. Auf der ganzen Tour Berlin -Wien 
gab es nirgends ein(! längere Rast als von zwei, höchstens drei Stunden 
nach je 100 Kilometer. Er ritt durchaus in Trab, in der Nähe 
von Wien drohte das Pferd umzufallen. Der Reiter, welcher die 
ganze Tour ohne Sporen und Reitpeitsche, nahm jetzt Sporen und 
sass. Unter grosser Mühe brachte er die Stute in Trab; so ging's 
l)is Korneuburg, wo er sie etwa 21/2 Kilometer vor dem Ziele führte. 
Als das Pferd abermals Miene machte, umzufallen, bestieg er es 
rasch und brachte es an's Ziel. 

Im Stalle hatte sich die Stute im Laufe des Nachmittags 
ziemlich erholt. Sie stand in der Nacht auf und nahm etwas Mohr- 
rüben und Hafer zu sich. Auch am nächsten Tage frass sie, und 
es hatte den Anschein, dass sie die Anstrengungen überstehen würde. 
Am zweiten Tage aber stellte sich Fieber ein, die hinzugezogenen 
Thierärzte konstatirten Lungenentzündung, an welcher auch die 
treue Stute, trotz sorgfältigster Pflege, einging. — (Ueber den 
hochinteressanten Ritt Reitzenstein's bringen wir an einer anderen 
Stelle des Werkes Ausführlicheres.) 




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72 




Zureden hilft. 
Originalzeichnung von C. Becker. 



10 



VII. 



lie näctisten tage am liel in lerlin, 



Der Andrang des Publikums. — Damenpublikum. — Starhemberg. — Falsche 
Trainirung unserer Pferde. — Aufgegebene Ritte. — Die einzelnen Reiter. 



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estern, Mittwoch — so erzählt ein Augenzeuge des 
i? Distanzrittes in einem Briefe — war der An- 
drang des Publikums auf dem Tempelhofer Felde 
noch bei weitem grösser, als am Tage vorher, 
^N^amentlich die Damenwelt war auf dem vor dem 
Steuerhäuschen abgesperrten Raum sehr zahlreich vertreten und 
harrte, trotzdem die Ereignisse in stundenlangen Zwischenräumen ein- 
traten, mit seltener Ausdauer aus. Hauptsächliches Gesprächsthema 
bildete der Ritt des Grafen Starhemberg. Der Rekord desselben, 
71 Stunden und 20 Minuten, wurde als unübertreffbar bezeichnet. 
Mit einer nur fünfstündigen Ruhepause durchritt der junge Graf 
die ganze Distanz, von Iglau ab sogar auf einem halblahmen Pferde. 
Allerdings haben wir noch einen Kämpen auf dem Wege, 
auf welchen sich alle unsere Hoffnung stützt und von welchem 
nach seinem grossartigen Training vielleicht noch eine bessere 
Leistung zu erwarten ist. Das ist Lieutenant Frhr.^v. Reitzenstein 
von den 4. Kürassieren. 

Dass in hiesigen Offizierskreisen über das verhältnissmässig 
schlechte Abschneiden unserer Reiter grosse Missstimmung herrscht, 
brauchen wir wohl nicht zu verhehlen. Die Schuld der geringeren 
Leistungsfähigkeit unserer Thiere wird allgemein dem falschen 
Training zugeschrieben, der auf verhältnissmässig viel zu langen 
Ruhepausen basirte. 



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Wenn man aber die kleinen Katzen sieht, welche im Aeusseren 
7Aim grossen Theil nicht einmal zeigen, wieviel Blut, Knochen und 
Muskeln sie in sich tragen, so muss man doch sich zu der Ansicht 
bekehren, dass die Race dort unten im Ungarlande mehr Kraft 
und Widerstandsfähigkeit besitzt, als die bei uns gezogene und die 
vom Auslande importirte. 

Die weiteren Resultate des Nachmittags, welche wiederholt 
das Eintreffen mehrerer Reiter, ein Mal waren es ihrer sechs, im 
Zeitraum von wenigen Minuten konstatirten, liefern wohl den 
deutlichsten Beweis für diese Behauptung. Doch genug von diesen 
sportlichen Betrachtungen. Im Laufe der nächsten Monate wird 
das Thema „Distanzritt Berlin -Wien" wohl noch sehr oft diskutirt 
werden, und es wird wohl mehr als eine Behauptung aufgestellt 
und vielleicht auch widerlegt werden. In Berlin sind bis jetzt 
insgesammt 22, in Wien 14 Distanzreiter angekommen. 

Den Ritt aufgegeben haben w^eiter von österreichischer 
Seite: Lieutenant v. Jarszyncki, Rittmeister Szegedy, Rittmeister 
Adzia, Baron Reisky; von deutscher Seite: Lieutenant Bob I 
(26. Dragoner), Lieutenant v. Sydow II (Garde-Dragoner). 

Yom Tempelhofer Felde wird der „Sportwelt" berichtet: 

In kurzer Aufeinanderfolge kamen in den verschiedensten 
Gangarten, im Trab, Schritt und sogar im schneidigen Galopp am 
Mittwoch Vormittag gegen 3/^9 Uhr durch 's Ziel: Hauptmann Rohr 
auf Oberlieutenant Graf Lubienski's Grauschimmel -Wallach „Kapita", 
Hauptmann Lenz vom Generalstabe auf brauner Stute „Donna 
V. Furiore", Rittmeister Jovicie vom 15. Ulanenregiment auf Fuchs- 
Wallach „Juckad V. The Palmer" a. d. Fairy Ring, Lieutenant Höfer 
auf der Schimmelstute „Minerva", Oberlieutenant v. Reuterzug der 
7L Infanterie-Brigade auf Fuchs -Wallach „Amata". 

Eine sehr gute Leistung, nach derjenigen Graf Starhembergs 
am meisten hervorzuheben, vollbrachte Lieutenant Franz Ilöfer, der 
am 2. Oktober um 6 Uhr 5 Minuten in Wien startete. Oberlieutenant 
Rohr musste seinen Wallach die letzten 50 Kilometer führen. Das 






78 





Pferd war in sehr schlechtem Zustande, Augen gebrochen, stark 
abgemagert, anscheinend Kreuzlähme vorhanden. 

Um 12 Uhr 10 Minuten kamen, von stürmischem Jubel 
begrüsst, Oberlieutenant Alfred v. Hinke auf der schwarzbraunen 
Stute „Tücsok" (Start in Wien: 2. Oktober 6 Uhr 35 Minuten) und 
Oberlieutenant Dominik Muzyka (Start in Wien: 2. Oktober 6 Uhr 
45 Minuten) an. Die Zeitdifferenz der beiden Reiter am Ziel 
betrug etwa IY2 Minuten. 

Allgemeines Aufsehen erregt die wunderbare Verfassung der 
österreichischen Pferde. 

Nach einer mehrstündigen Pause, in welcher das anwesende 
Publikum wie eine Mauer stand, kam um 2 Uhr 23 Minuten 
staubbedeckt und auf dem vollständig schweissbedeckten braunen 
Wallach „Tartar" Oberlieutenant Graf G. Batthyany au. Derselbe 
war am 2. Oktober um 6 Uhr 15 Minuten in Wien gestartet, sein 
Rekord ist in Folge dessen 80 Stunden 7 Minuten. 

Ihm folgte eine Minute später Oberlieutenant Joannovitz vom 
14. Husarenregiment, der bereits am 1. Oktober um 3 Uhr 50 Minuten 
abgeritten war, und zwar auf dem Fuchs -Wallach „Azertis v. Chiftain" 
aus einer Ostreger Halbblutstute. Er hat also 103 Stunden 28 Minuten 
gebraucht. 

Um 2 Uhr 28 Minuten ging Lieutenant Baron Max Kielmannsegg 
auf der braunen Stute „Miss Queen" durch's Ziel. An dem Reiter war 
fast kein Stück Zeug mehr ganz. Die Hosen und Rockärmel waren 
vollständig zerrissen, die Steigbügel mit Hasenfellen umwickelt. 
Baron Kielmannsegg zeigte einen sehr guten Rekord, da er am 
2. Oktober um 6 Uhr 30 Minuten von Wien weggeritten ist. Sein 
Rekord ist demnach 79 Stunden 58 Minuten. 

In flottem Trabe langte 3 Uhr 57 Minuten OberUeuteuant 
Hoffmann vom 14. Husarenregiment auf Fuchs -Wallach „Bucifal 
V. Lord" a. d. Rokida an. 

Eine Viertelminute darauf folgte Lieutenant Wilh. v. Schräm 
auf der braunen Stute „Zanka". 



79 




Der erste Offizier startete in Wien am 1. Oktober um 6 Uhr 
55 Minuten, der zweite am 2. Oktober um 7 Ulir 15 Minuten. 
Die wunderbare Kondition der Reiter und Pferde erregte immer 
wieder den Jubel der Bevölkerung, sowie die Anerkennung der 
versammelten Sportsmen. 

Im Schritt passirte das Ziel um 4 Uhr 15 Minuten Ober- 
lieutenant V. Risch (1. Dragonerregiment) auf Fuchs-Hengst „Waska". 
Risch startete in Wien am 1. Oktober um 6 Uhr 35 Minuten. 

Um 4 Uhr 15 Minuten galoppirte hier ein Hauptmann Lego 
(58. Infanterieregiment), der am 1. Oktober um 6 Uhr 15 Minuten 
in Wien startete, durch's Ziel. 

Nicht nur der Zustand der hier eingekommenen Pferde, 
welche zum grossen Theil in hurtigem Trabe das Ziel passirten, 
ist bew^underungswürdig, sondern ein zweiter Faktor, die enorme 
Energie der österreichischen Reiter, erregt geradezu Begeisterung. 
Reiter und Pferd gaben bis zum letzten Moment ihr Bestes her. 

Einen unbeschreiblichen Jubel erweckte Lieutenant Haller, 
der im schönsten Kanter durch's Ziel kam. Ihm folgte Lieutenant 
Redlich in einem sehr scharfen Trabe. Die beiden letzten Reiter 
hatten ihren Endweg über Zossen genommen. 



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VIII. 







Am Endziel Floiidsdorf. — Erwartungen. — Die Nacliricht aus HoUabrunn — 

Der Herzog kommt! — Der Empfang am Ziele. — Die nächsten eintreffenden 

Keiter — Die Begrüssung derselben. — Der Lichtschimmer in der Ferne. — 

Lieutenant Kummer. — Die letzten Reiter am zweiten Tage. 




^\. 




83 





ie nächste Umgebung des Endziels bei Florids- 
dorf war auch Tags darauf das Rendez-vous für 
viele Tausende, die von Wien gekommen waren, 
um die ankommenden deutschen Reiter sehen 
und begrüssen zu können. 
Schon um die Mittagszeit hatte sich ein ziemlich zahlreiches 
und sehr distinguirtes Publikum auf dem Platze eingefunden, 
nachdem es im Laufe des Vormittags bekannt geworden, dass die 
Ankunft des Herzogs Ernst Günther von Schleswig-Holstein 
gegen 1 Uhr Mittags erwartet wurde. 

Man sah die Herren der deutschen Botschaft, zahlreiche 
Generale, darunter den Korpskommandanten FZM Baron Schönfeld, 
Offiziere aller Waffen und Mitglieder der Aristokratie und der 
vornehmen Bürgerschaft. 

Das Pferd des jungen Herzogs war, wie bekannt, Tags zuvor 
Nachmittags bei Hollabrunn total niedergebrochen und dem Komitee 
war bereits die telegraphische Meldung zugekommen, dass der 
Herzog im letzten Moment doch den Entschluss gefasst, mit seinem 
Pferde das Endziel zu -erreichen. 



^- . 




85 









Am frühesten Morgen des 6. Oktober brach er aus der Nacht- 
station auf und führte, zu Fuss gehend, das Thier bis Floridsdorf. 

Das Pferd, eine in England gezogene Vollblutstute, war total 
niedergeritten. Das arme Thier konnte nur mühsam die Füsse 
heben und sie zögernd wieder auf den Boden stellen, weshalb der 
Herzog das Pferd in der That mit dem Zügel mehr ziehen als 
führen musste. 

Die grosse Selbstüberwindung und die moralische Kraft, welche 
dazu gehörten, um unter solchen Schwierigkeiten das Ziel zu 
erreichen, erregten die lebhafteste Theilnahme des Publikums, das 
seinen Empfindungen durch stürmischen Beifall Ausdruck gab. 

Der Herzog trug die Generalstabsuniform und, offenbar mit 
Rücksicht auf den gezwungenen Fussmarsch, Schnürschuhe und 
Ledergamaschen. 

Mit der rechten Hand führte er sein Pferd, in der linken 
hielt er einen Reitstock und ein grosses Blumenbouquet. 

Nachdem er das Ziel durchschritten hatte, übergab er sein 
Pferd einem Reitknechte, nahm die Begrüssung der offiziellen 
Persönlichkeiten entgegen und begab sich hierauf in's Komitee- 
Zimmer, woselbst er nach Ausfertigung seiner Legitimation die 
Schnürschuhe mit hohen Reiterstiefeln vertauschte. Er nahm noch 
am Büffet einen Imbiss und fuhr dann in Begleitung eines 
Generalstabs- Offiziers unserer Armee, der ihm zur Dienstleistung 
zugetheilt war, nach Wien in die Hofburg. 

Die nächsten Reiter, welche nach dem Herzog in Floridsdorf 
eintrafen, waren: Premierlieutenant Müller um 3 Uhr 40 Minuten; 
derselbe langte im Jagdgalopp am Ziele an. Um 4 Uhr 6 Minuten 
20 Sekunden kam Premierlieutenant v. Bomsdorf und um 6 Uhr 
20 Minuten 10 Sekunden Sekondelieutenant von Lefort. 

Alle diese Reiter, welche mit ihren Pferden in ziemlich frischem 
Zustande "ankamen und von dem mittlerweile massenhaft an- 
gesammelten Publikum lebhaft und herzlichst begrüsst wurden, ge- 
hörten zu der ersten, am 1. Oktober von Berlin abgegangenen Gruppe. 







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Gegen 7 Uhr kam die Nachricht, dass der nächste Reiter der 
Erste sei, welcher von der zweiten, d. i. am 2. Oktober abgelassenen 
Gruppe, in Floridsdorf eintreffen werde und dass dessen Ankunft 
in einer halben Stunde zu erwarten sei. 

Im Publikum hatte diese Mittheilung wieder einige Bewegung 
hervorgerufen, und mit Spannung wurde die Ankunft des Reiters 
erwartet. 

Um 1/28 Uhr sah man in der Ferne den Lichtschimmer, welchen 
die Laterne eines sich mit grosser Schnelligkeit nähernden Velozi- 
pedes verbreitete, als Vorboten des ankommenden Reiters, und bald 
darauf (um 7 Uhr 34 Minuten) ritt ein junger, kaum mehr als 
zwanzigjähriger Offizier des 15. Husarenregiments im Trab unter 
stürmischem Beifall der Menge durch's Ziel. 

Der jugendliche Reiter war der Sekondelieutenant v. Kummer. 
Er schien frisch und munter, doch sein Pferd lahmte merklich auf 
einem Fusse, 

Der Offizier hatte am 2. Oktober um 6 Uhr 20 Minuten den 
Berliner Start verlassen und war somit nach 85 Stunden 14 Minuten 
in Floridsdorf eingetroffen. 

Sein Rekord stand unter den Reitern der ersten Abtheilung 
nur jenen des Rittmeisters Tepper-Laski (83 Stunden 23 Minuten) 
und des Premierlieutenants Heyl (84 Stunden 27 Minuten) nach. 

Weiter trafen im Laufe des Abends in Floridsdorf ein: 

Um 8 Uhr 28 Minuten Dragonerrittmeister v. Witzleben 
von der zweiten Gruppe; um 9 Uhr 25 Minuten die Hauptleute 
V. Lindenau des Füsilierregiments Königin und Frhr. Senft 
V. Pils ach des 103. Infanterieregiments, Beide von der ersten 
Gruppe. Graf v. d. Goltz wird um 1 Uhr Nachts hier erwartet. 






J. 




88 



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¥ 



IX. 



iii iieger mi ik Fmü, 



Ergebnisse. 



Die Eeihenfolge der besten Reiter nach ihren Rekords geordnet. — Die Haupt- 
preise. — Ergebnisse des Rittes, — Ausrüstung der Reiter. — Ausrüstung der 
Pferde, -r Beschläge. — Füttern. — Tränken, — Zwischenfälle. — Programm 
für den Ritt. 





91 



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ielfach glaubte man im Publikum, dass die Preise 
doppelt vorhanden seien und für jede Partei ge- 
sondert vertheilt würden. Es war dies keineswegs der 
Fall. Die Preise waren theilweise durch Nennungen zusammen- 
gekommen, da jeder Mitreitende 100 Mark setzen musste. 

Im Ganzen waren, wie wiederholt erwähnt, 42 Preise aus- 
gesetzt worden, von denen der höchste 20 000 Mark, der niedrigste 
5000 Mark betrug. Ausserdem hatten bekanntlich der deutsche 
Kaiser und der Kaiser von Oesterreich je einen Ehrenpreis gestiftet. 

Diese wurden über's Kreuz vertheilt, d. h. Kaiser Wilhelm IL 
beglückte den besten österreichischen Reiter und Kaiser Franz Josef 
den besten deutschen Reiter. Die 42 anderen Preise aber wurden 
an die 42 besten Reiter vertheilt, ohne Rücksicht auf die Nationalität. 
Es wäre also nach den Bestimmungen für den Distanzritt an sich 
nicht unmöglich gewesen, dass sämmtliche 42 Preise nur an Oester- 
reicher oder nur an Deutsche gekommen wären. 

Die Konditionspreise für das Pferd, welches im besten Zu- 
stande ankommt, waren noch besondere. 





93 



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Der Uebersicht wegen stellen wir die besten Reiter beider ^ 
Parteien in der Reihenfolge ihrer Rekords zusammen, wir geben 
die Namen also in derjenigen Reihenfolge, in welcher die 42 Preise 
vertheilt wurden. Die deutschen Reiter sind mit einem * bezeichnet. 

Reihenfolge der besten Reiter. 










stunden. Minuten Sekunden. 








1) Lt. Graf Starhemberg . . . 


.71 40 — 








2) Lt. Frhr. v. Reitzenstein* . . 




73 6 55 








3) Ob.- Lt. V. Miklos .... 




74 24 — 








4) Lt. Höfer . . . 








74 50 — 








5) Hauptm. Förster* 








75 14 — 








6) Lt. V. Czavossy . 








76 7 — 








7) Ob.- Lt. Muzyka . 








77 26 30 








8) Ob.-Lt. V. Hineke 








77 35 — 


1 






9) Lt. Seherber I. . 








77 59 — 








10) Lt. Schmidt de Földvar . . 




78 7 — 








11) Lt. Baron M. Kielmannsegg . 




79 58 — 


I 
1 






12) Ob.-Lt. Graf G. Batthyany . 




80 7 — 








13) Lt. Scherber II 




80 19 — 








14) Lt. W. V. Schramm .... 




80 42 15 








15) Rittmstr. Stögl 




81 5 — 








16) Ob.-Lt. Baron S. Sardagna . 




81 55 — 


1 






17) Ob.-Lt. Baron v. Wolf . . . 




82 8 — 








18) Ob.-Lt. Graf G. Yay von Vaja 




82 12 — 


1 






19) Rittmstr. Baron W. Baselli . 




82 15 — 








20) Lt. Gormass 




82 23 — 








21) Rittmstr. M. Haller .... 




82 45 — 








22) Rittmstr. v. Tepper-Laski* . 




83 24 20 








23) Lt. V. Kummer* 




83 50 — 








24) Lt. Heyl* 




. 84 25 27 








25) Ob.-Lt. Bufia 




85 5 — 


1 






26) Ob.-Lt. Graf Lubienski . . 




85 20 — 


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27) Ob.-Lt. Graf Paar .... 




85 35 — 

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Ik. ..^1 


1 


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stunden. Jlinuten. Sekunden 

28) Kittmstr. Pieschel 85 37 — 

29) Prinz Friedrich Leopold* .... 85 45 25 

30) Ob.-Lt. A. Kreutzer 86 15 — 

31) Rittmstr. A. Tarjanyi 86 15 2 

32) Rittmstr. Baron E. Unterrichter . . 86 25 — 

33) Lt. V. Witzleben* 86 28 2 

34) Lt. Dietze* 86 37 50 

35) Lt. Frhr. v. Meyern* 86 37 51 

36) Rittmstr. Frhr. v. Schuckmann*. .87 9 55 

37) Lt. V. Jena II * 87 25 — 

38) Lt. Barneltow* 88 5 — 

39) Ob.-Lt. Jarmy de Szolnock ... 88 5 — 

40) Sek.- Lt. Studenitz* 88 45 — 

41) Lt. Zinke* 88 50 — 

42) Lt. Graf Clam-Martinitz .... 89 40 — 
Lieutenant Graf Starhemberg erhielt den Ehrenpreis des 

Kaisers von Deutschland, die Büste des Kaisers in Silber und 
20 000 Mark. 

Lieutenant Frhr. v. Reitzenstein erhielt den Ehrenpreis des 
Kaisers von Oesterreich, eine Reiterstatue in Silber und 10 000 Mark. 







Ausrüstung der Reiter. 



s machte sieh im Allgemeinen das Bestreben geltend, dem 
Pferde möglichst wenig todtes Gewicht aufzubürden. Die 
Adjustirung bestand in Waffenrock (Attila, Uhlanka), grauer Stiefel- 
hose, Säbel; ein einziger Reiter hatte den Mantel am Pferde. 
Einige Reiter hatten keine Sporen, Reitstücke waren wenige im 



Gebrauch, Kartentaschen waren ebenfalls selten zu sehen, Laternen 





95 



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am Keitor oder an den Steigbügeln befestigt, wurden — als un- 
praktisch — während des Rittes entfernt. 

Ein Reiter hatte an Stelle des Vorderzeugringes ein Glühlicht 
angebracht, welches gute Dienste leistete. Der Akkumulator lag in 
einer kleinen vorderen Satteltasche, die Brenndauer betrug 6 Stunden, 

Einem Pferde (kürzlich aus England importirt) hatte der Säbel- 
ring eine Wunde gescheuert, der Reiter /rüg dann den Säbel ä la 
Karabinier am Rücken ohne jegliche Beschwerde. 

Die meisten Reiter benützten den vom militär-geographischen 
Institute zusammengestellten Kartenstreifen in acht Blättern (Ab- 
druck der Spezialkarte), einige die von der Berliner „Sportwelt" 
in Buchform erschienene „Karte für den Distanzritt "•, letztere war 
analog unseren Marschroutenkarten hergestellt. Ihr Format war sehr 
handlich (50 Kilometer Weges auf einer Buchseite), beim Verreiten 
war aber bei dieser Karte eine Orientirung wegen mangelnder 
Terraineinzeichnung unmöglich. 

Da in den meisten Fällen die Nächte durchritten wurden, 
war der Gebrauch der Karten überhaupt (schlechtes Licht, kleiner 
Druck) sehr eingeschränkt. Als Kuriosum sei erwähnt, dass ein 
Reiter ohne jede Karte ritt. Derselbe hatte keinen Proberitt 
gemacht und kannte die Gegend nicht. Dieser Reiter langte im 
ersten Sechstel der Placirten ein. 



Ausrüstung der Pferde. 



auptsächlich wurde der englische Sattel (Pritsche) verwendet, 
sehr wenige Sättel waren ohne Kniebauschen, vielfach 
wurden nicht zu dicke Filzunterlagen gebraucht, mehrfach waren 
auch Sattelunterlagen aus Leder, während Kotzen (Decken) unter 
dem Sattel nur vereinzelt vorkamen. 

Yorderzeuge waren sehr spärlich zu sehen. 



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Oberleutenant Graf Starhemberg (7. österr.-ungar. Husarenregiment). 

Nach einer Photographie von Karoly Koller. 



13 




Drücke kamen sehr selten vor. Ein Widerristdruck (sehr 
schwerer Reiter), einige alte Brandschorfe traten zu Tage, ferner 
hatten zwei Pferde die Haare an der Sattelstelle abgescheuert. Die 
Zäumung bestand zur grösseren Hälfte aus Stange mit Trense, ein 
kleiner Theil hatte Pelhams. Ziemlich viele Pferde wurden auf 
Wischzauni geritten. Letztere Zäumungsart war für die Reiter 
recht unangenehm, da die müde werdenden Pferde sich stark in 
die Hand legten, ferner war beim Stolpern der Pferde das Hin- 
schlagen schwer zu verhüten. Alle Pferde hatten Halftern unter 
dem Zaume, und zwar selten Marschhalftern, sondern meist massive 
Stallhalftern. Bei einzelnen war das Grebiss an der Halfter befestigt. 

Ein grosser Theil der Pferde war bandagirt oder hatte Streif- 
leder und dergleichen. Diese Mittel, von Hause aus benützt, brachten 
zumeist Schaden. Die Bandagen wurden nach einem Regen oder 
nach Tränken in fliessendem Wasser glashart und schnitten die 
Haut durch. Häufig wurde durch vorgenannte Hilfsmittel die Blut- 
zirkulation gestört und manche Sehnenentzündung hervorgerufen. 

Bei der Länge des Weges und Schnelligkeit der Fortbewegung 
erwies sich das Gehen der Pferde mit blanken Beinen als das Zweck- 
entsprechendste. — .-«,•..-. — 




Beschläge. 



er weitaus grössere Theil der österreichisch -ungarischen 
Reiter bediente sich bei diesem Ritte des Stahlbeschlages, 
sei es, dass die Hufeisen ganz aus Stahl hergestellt waren, sei es, 
dass nur an dem Zehentheile eine Stahlplatte eingeschweisst war. 

Die ganz aus Stahl hergestellten Hufeisen erwiesen sich als 
die zweckdienlichsten, jene aus gewöhnlichem Eisen mit Stahlplatte 
als weniger gut, zusammengeschweisste Hufeisen aus Stahl- und 
Eisenstäben als die mindest brauchbaren. Je nach Bau und Gang 
wurden Pantoffel- oder Stolleneisen aufgeschlagen. 

Die Abnützung des Stahlbeschlages war eine minimale, die 
Haltbarkeit eine derart grosse, dass einzelne Reiter Mitte November 





99 



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noch dieselben Eisen im Gebrauche hatten, mit welchen die Pferde 
in Berlin angelangt waren. Von den im Reitlehrer-Institute beschla- 
genen Pferden haben 22 das Ziel passirt, 20 hiervon hatten nicht 
den geringsten Anstand mit dem Beschläge. Auf Anregung des 
vorgenannten Thierarztes wurden Ilufeinlagen (Sohlenschützer) nicht 
in Gebrauch genommen. In den wenigen Fällen, wo solche benützt 
wurden, bewährten sich dieselben in keiner Form; übermässige 
Erhitzung der Hufe, sowie Lockerung der Hufeisen und der Nägel 
war fast in allen Fällen Folg:e dieser Hufeinlasren. 




Füttern. 

eistenthcils wurde drei Mal am Tage gefüttert, ausnahms- 
weise vier, auch fünf Mal. Das Durchschnittsquantum des 
verfütterten Hafers beträgt per Pferd und Tag 8 bis 10 Kilogramm. 
Heu wurde sehr wenig gereicht, durchschnittlich 1 Kilogramm in 
der Nachtruhestation. Am Wege war häufig nur junger Hafer er- 
hältlich, welcher Koliken und Durchfall hervorrief. In Nordböhmen 
und Sachsen gab es fast nur frisches Heu. Robur (Fleischmehl) hat 
gute Erfolge aufzuweisen (ein EsslöfFel voll in ein Futter). Gelbe 
Rüben, Brod und Zucker wurden sehr häufig gegeben, jedoch mehr 
als Genussmittel. CofFeinpillen haben die Lebensgeister angeregt. 
Cocainpillen erwiesen sich schmerzstillend, doch nervenaufregend. 



Tränken. 



wurde im Allgemeinen sehr oft getränkt. Die meisten 
Reiter Hessen ungefähr alle zwei Stunden Wasser geben. 
In den grösseren Orten war meist warmes Wasser zum Mengen vor- 
bereitet. Mehltrank wurde häufig gegeben. Bier mit geschnittenem 
Brod wurde selten gereicht, es hatte in einem Falle sehr guten 
Erfolg. Wein (leichter Landwein, roth und weiss) mit Brod wurde 
öfter gegeben; die Reiter lobten die Wirkung. Schwere Weine, 
sowie Cognac brachten nach flüchtiger Anspannung der Kräfte meist 




100 






eine nachhaltige Abspannung hervor. Als sehr erfrischend bei müden 
Pferden war das Einreiben der Schläfe mit Spiritus. 

Zwischenfälle. 

ei der Länge des durcheilten Weges kam fast jeder Reiter 
in die Lage, unvorhergesehenen Schwierigkeiten zu be- 
gegnen, welche Aufenthalt oder Verzögerung im Ritte im 
Gefolge hatten. Krankheitsfälle bei Reiter und Pferd, sowie das 
Yerreiten spielen hierbei die Hauptrolle. In letzterer Beziehung 
hat insbesondere das Bestreben, dem vielfach sehr schlechten 
Strassenpflaster der kleinen Städte auszuweichen, die Reiter den 
richtigen Ortsausgang verfehlen lassen. 

Mehrfach kommen Verwundungen der Reiter an den Sehnen 
oberhalb der Ferse durch den Druck der nach Regen hartgewordenen 
Stiefelröhre vor; in der Folge stellten sich Sehnenentzündungen ein, 
welche das Gehen schmerzhaft, das Leichtreiten (Englischtraben) 
unmöglich machten. Einige Reiter setzten den Ritt ohne Bügel fort. 

Bei jenen Reitern, welche mehr als fünf Mal 24 Stunden zur 
Absolvirung des Rittes gebraucht hatten, reiht sich Unfall an Miss- 
geschick. Z. B. ein Lastwagen wirft Nachts den Reiter sammt dem 
Pferde in den Strassengraben; hilflos bleibt der Reiter unter dem 
Pferde durch Stunden liegen; endlich wird der Reiter unter dem 
Pferde hervorgezogen; Reiter und Pferd sind verletzt, und doch 
strebt Ersterer vorerst führend, dann reitend dem Ziele zu, das er 
mit wieder hergestelltem Pferde erreicht. 

Einem Zweiten fällt Nachts das Pferd auf die Knie; durch 
24 Stunden behandelt und pflegt der Reiter die wunden Stellen; 
während er, um satteln zu lassen, im Stalle weilt, wird ihm sein 
ganzes Geld entwendet. Nach telegraphischer Anweisung von neuen 
Mitteln zieht er fürbass weiter. Nach anstrengendem Marsche hat 
sich der Reiter die Fusssohlen derart wund gegangen, dass der 
Arzt ihn zu Bette schickt. Kaum halb hergestellt, macht er sich 
neuerdings auf den Weg. Bei einer Rast will er dem Pferde Brod 





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vorschneiden, gleitet mit der Messerklinge ab und durchschneidet 
sich einen Theil der Hand. Ein Pferd scheute sich, als es an der 
Hand geführt wurde, vor einem Eisenbahnzuge. Es riss sich los 
und entlief in der dem Ziele entgegengesetzten Richtung. Nach 
einstündigem Nachlaufen wird das Pferd eingefangen. 

Durch Ueberanstrengung wurde ein Reiter beim Eintreffen in 
der Nachtruhestation bewusstlos und lag so durch neun Stunden. 
Ein anderer Reiter Hess bei einer kurzen Rast sein warm gewordenes 
Pferd durch den Hausknecht herumführen. Als der Reiter nach 
wenigen Minuten wiederkam, sah er, wie das Pferd eben den 
zweiten Tränkeimer frischen Wassers leerte. Trotz sofortigen 
scharfen Weiterreitens erkrankte das Pferd heftig und musste einer 
energischen thierärztlichen Behandlung unterzogen werden. Kräfte- 
verlust beim Pferde war bedeutend, Zeitverlust etwa 20 Stunden. 

Müdigkeit, sowie das dringende Bedürfniss nach Schlaf brachten 
bei einigen Reitern Trugbilder der Phantasie hervor. So war z. B. 
einer der Reiter, welcher in der herrlichen Mondnacht vom 4. auf 
den 5. Oktober die Strecke Baruth- Berlin durcheilte, nur sehr 
schwer davon zu überzeugen, dass er durch keinen Park mit 
japanischen Kiosken, Wasserfällen und feenhaften Schlössern, wie 
er gesehen haben wollte, geritten sei, sondern dass er nur ein- 
förmigen Föhrenwald drei Stunden hindurch passirt habe. Wieder- 
holt kommt der Fall vor, dass der ermüdete Reiter während des 
kurzen Momentes, in welchem das Pferd getränkt wird, auf dem 
Rücken des Thieres einschläft und aufgerüttelt werden muss. 

Einer der Bestplacirten griff, um sich des Schlafes zu erwehren, 
zu dem schmerzhaften Mittel, mit der Gluth der Cigarre sich die 
Gesichtshaut zu versengen. Im Allgemeinen klagten alle Reiter, 
welche Alkohol in irgend einer Form während des Rittes zu sich 
nahmen, über schwer zu bekämpfende Schlafsucht, während jene, 
welche nur Thee tranken, den Ritt leichter absolvirten. 



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102 




X. 

lii Fiillielikiilii 

zu Ehren der deutschen Offiziere in Wien. 

a) Der Empfang der deutschen Offiziere in der Hofburg. 

Der Empfang der beiden preussischen Prinzen beim Kaiser. — Im Ceremonien- 
saale der Hofburg. — Herzöge und Prinzen. — Dekoration des Saales. — Die 
73 deutschen Offiziere und ihre Aufsteilung im Saale. — Die Gesandten. — 
Frhr. v. Keitzenstein. — Das Aeussere Reitzenstein's. — Die Repräsentanten der 
österreichisch - ungarischen Armee. 



b) Auf der Holitzscher Jagd und im Staatsgestüt zu Kisber. 
c) Die Stallparade im Hofstallgebäude. 

Die Theilnehmer an derselben. — Schmückung des Raumes. — Die Vorführun< 

d) In der Reitschule des Militär-Reitlehrer-Institutes. 

Prämiiruno-. — Die Toaste. 



e) Im Burgtheater. 

Die Erschienenen. — Die Vorstellung. 



f) Diner im Sacher- Garten. 

Die Ausschmückung des Lokals. — An der Tafel. — Toaste. — Das Tischtuch 



der Frau Sacher. 






103 



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104 




Oberleutenant Graf Starhemberg's schwarzbrauner Wallacli. 
Nach Photographie gezeichnet von E. Köberle. 



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L. 






a) Der Empfang der deutschen Offiziere in der Hofburg. 

m 8. Oktober hatte Kaiser Franz Josef bereits die 
)eiden preiissischen Prinzen empfangen. Yon dem 
Prinzen Friedrich Leopold, der in Folge der An- 
strengungen des Distanzrittes etwas leidend war, Hess 
er sich über dessen Gesundheitszustand ausführlich berichten und 
rieth ihm wohlwollend ab, an der an demselben Tage stattfindenden 
Jagd in Holitsch Theil zu nehmen. 

Der Prinz leistete auch diesem Rathe Folge. 
Tags zuvor war der Prinz beim Erzherzog Albrecht zum 
Diner eingeladen gewesen, an welchem auch Herzog Albrecht 
von Württemberg, der Enkel des Marschalls, Theil nahm. 
Im Ceremoniensaale der Hofburg fand am nächsten Tage der 
Empfang der deutschen Offiziere durch den Kaiser statt, wobei 
Prinz Friedrich Leopold und Herzog Q-ünther von Schleswig- 
Holstein, die Erzherzöge, sowie die Herzöge und die Würden- 
träger beider Reiche anwesend waren. 

Es war eine ausschhesslich militärische Festversammlung, und 
unter den österreichisch-ungarischen und deutschen Uniformen, deren 




107 



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glänzende Farbenmannigfaltigkeit den im elektrischen Lichte 
strahlenden Saal füllte, sah man nur einen einzigen schwarzen 
Frack, den der bayerische Gesandte Graf Bray trug. 

Der Saal war ungemein reich mit Pflanzen und Blumenschmuck 
dekorirt. Zwischen den Säulen erhoben sich hohe Gruppen von 
Palmen, Farren und exotischen Gewächsen, unterhalb welcher sich 
ein Flor von Blumen entfaltete, deren Farbenfülle mit jener der 
Uniformen wetteiferte. Rings um den Saal waren rothdamastene 
Sophas und Divans aufgestellt. 

Die deutschen Offiziere, die an dem Distanzritt Theil genommen 
hatten — 73 an der Zahl — wurden durch den deutschen Bot- 
schaftsrath Prinzen Ratibor, der den in Weimar weilenden Bot- 
schafter vertrat, und durch den Militär -Attache Oberst v. Deines 
in den Saal geleitet. Sie stellten sich an der rechten Seite in der 
Reihenfolge auf, in der sie dem Kaiser vorgestellt werden sollten; 
zunächst die preussischen Offiziere, nach den Armeekorps und 
Regimentern, denen sie angehören, geordnet, und zwar zuerst jene 
des Gardekorps, dann die bayerischen, sächsischen, württembergischen 
und badischen Offiziere. 

An der Spitze dieser Reihe standen die deutschen Offiziere, 
die als Mitglieder des Komitees für den Distanzritt nach Wien ge- 
kommen w^aren, Oberst Graf August Bismarck und Oberst 
V. Schaky. 

Anwesend waren ferner der sächsische Gesandte Graf Wall witz 
in Militäruniform und der bayerische Gesandte Graf Bray. 

Der Erste in der Reihe der deutschen Distanzreiter war der 
Gewinner des österreichischen Kaiserpreises, Frhr. v. Reitzenstein, 
in Uniform als Premierlieutenant des Gardekürassierregiments. 

Aller Augen richteten sich auf den strammen Offizier, dessen 
feingeschnittenes Gesicht ein martialischer Schnurrbart schmückte, 
während das dichte dunkle Haar die hohe Stirn mit scharfen Vor- 
sprüngen umrahmte. Er schien sieh von den Anstrengungen des 
Rittes vollständig erholt zu haben. 




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108 





Man bemerkte unter den deutschen Offizieren mehrere sehr 
jugendliche Gestalten mit noch bartlosem Gesicht, die erst jüngst 
in die Armee eingetreten sein mussten. 

Alle sahen ungemein elastisch in den knapp anliegenden 
eleganten Paradeuniformen aus, die durch ihre hellen Farben und 
den Glanz der Epauletten, Fangschnüre, Borten und Helme von 
den dunkleren Uniformen der österreichischen Offiziere abstachen. 

Man sah da hell- und dunkelblaue Husaren mit Silberver- 
schnürung, mit farbigen Kaipaks und den aus der österreichisch- 
ungarischen Armee schon lange verschwundenen Säbeltaschen; einer 
der deutschen Husaren war in bordeaurother Uniform. 

Besonders schmuck erschienen die Ulanen mit den zierlichen 
Czapkas, wie sie früher auch die österreichischen Ulanen getragen 
haben, ferner die dunklen Kürassiere mit den silberblinkenden 
Helmen und die hellblauen bayerischen Offiziere. 

Um 8 Uhr erschien der Kaiser in der Obersten -Uniform 
seines Ulanenregiments mit dem Prinzen Friedrich Leopold 
von Preussen, der die Uniform als Major der Gardes-du-C^orps 
trug, im Saale. 

Ihm folgten Erzherzog Karl Ludwig, gleichfalls in der 
Obersten-Uniform seines Ulanenregiments, mit dem Herzog Günther 
von Schleswig-Holstein in der Uniform als preussischer General- 
stabs -Hauptmann, Erzherzog Albrecht in der Uniform seines 
Dragonerregiments, die Erzherzöge Wilhelm, Friedrich und Ferdinand, 
der greise FZM Herzog Wilhelm von Württemberg. 

Ferner sah man den jugendlichen Herzog Alb recht von 
Württemberg, der nebst seinem Adjutanten in der württembergischen 
dunkelgrünen Ulanen-Uniform mit breitem rothen Brustlatz erschien, 
Prinz Philipp von Sachsen-Coburg und Prinz Friedrich von 
Schaumburg-Lippe. 

Der Kaiser wurde, als er durch das beiderseits aufgestellte 
Spalier der Generale und Offiziere schritt, von denselben mit 
tiefen Yerneigungen ehrerbietig begrüsst, während die Kapelle des 



109 





Regiments Hoch- und Deutschmeister unter Kapellmeister Ziehrer's * 

Leitung die Ouvertüre zur Strauss'schen Operette „Eine Nacht in 
Venedig" zu spielen begann. Der Kaiser blieb in der Mitte des 
Saales stehen und begrüsste mit leichtem Kopfneigen und freund- 
lichem Lächeln die Front der deutschen Offiziere, worauf Botschafts- 
rath Prinz Ratibor sofort mit der Vorstellung derselben begann. 

Nach den Mitgliedern des deutschen Komitees kam von den 
Offizieren, die an dem Distanzritte Theil genommen hatten, als 
Erster Premierlieutenant Frhr. v. Reitzenstein an die Reihe. 

Der Kaiser trat mit huldvollem Wohlwollen auf ihn zu und 
richtete an ihn ungefähr die folgende Ansprache: 

„Ich kenne Sie ja schon lange — Sie bedurften des Distanz- 
rittes nicht, um Ihr Renomme als famoser Reiter festzustellen. Hat 
Ihnen der Ritt wirklich nicht geschadet? Ich hätte nicht gedacht, 
dass Sie sich so schnell erholen würden. Ich spreche Ihnen Meine 
vollste Anerkennung für die wirklich grossartige Leistung aus!" 

Ueber die Einzelheiten des Rittes sprach der Kaiser weder mit 
Frhrn. v. Reitzenstein noch mit irgend einem der anderen deutschen 
Offiziere. Obwohl Prinz Ratibor dem Kaiser immer zur Seite ging 
und die Vorstellung leitete, auch die Liste mit Namen, Chargen und 
Rekords in der Hand hielt, nannte doch jeder Offizier Name und 
Charge selbst, und der Kaiser befragte sie über den Truppenkörper, 
bei dem sie dienten, über die Dienstzeit, die sie hinter sich hatten, 
und den Ort, wo sie in Garnison standen. 

Auch die engere Heimath beinahe eines Jeden Hess sich 
der Kaiser angeben. Der Kaiser war sichtlich in sehr günstiger 
Stimmung und ein wohlwollendes Lächeln belebte seine Züge, als 
er mit den deutschen Offizieren sprach. 

Manchen derselben, besonders den jüngeren, sah man die 
erwartungsvolle Aufregung an, wenn die Reihe der Vorstellung an 
sie kam, aber ihre Verlegenheit schwand alsbald vor der freund- 
lichen Art, womit der Kaiser sie anredete. Nachdem die preussischen 
Offiziere durch Oberst v. Deines vorgestellt worden waren, erfolgte 



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1. 




die Yorstellimg der bayerischen Offiziere durch Grafen Bray, jene 
der sächsischen durch Grafen Wallwitz. Dies dauerte fast eine 
Stunde, und Wcährend dieser Zeit sprach der Kaiser zumeist selbst und 
war unermüdlich in den Anfragen, die er an jeden der Offiziererichtete. 

Man erkannte, wenn dieselben abtraten, wie erfreut sie über 
die Worte des Kaisers waren. 

Nachdem die Vorstellung der deutschen Offiziere beendet war, 
sprach der Kaiser noch eine Zeit lang mit dem Prinzen Ratibor 
und wendete sich dann der Gruppe der österreichischen Generale 
und Offiziere zu und richtete an mehrere derselben Ansprachen. 

Besonders lange konversirte der Kaiser mit dem erst Tags 
zuvor aus Budapest in Wien eingetroffenen Reichskriegsminister 
FZM Baron Bauer. 

Hierauf wendete sich der Kaiser dem Artillerie-Oberstlieutenant 
V. Petzer vom Militär -Reitlehrer -Institut zu. 

Inzwischen hatten sich die Erzherzöge Albrecht, Wilhelm, 
Karl Ludwig und Friedrich viele der deutschen Offiziere vor- 
stellen lassen und es entwickelte sich auch bald eine lebhafte 
Konversation zwischen diesen und den österreichischen Generalen 
und Offizieren. 

Um 1/2 10 Uhr verliess der Kaiser mit den Erzherzögen und 
Prinzen den Zeremoniensaal und auch die militärische Gesellschaft 
begab sich in die anstossenden Appartements, wo für die Gäste 

Büffets aufgestellt waren. 

■ ^^^^ 

b) Auf der Holitscher Jagd und im Staatsgestüt zu Kisber. 





ie Jagd, an welcher die deutschen* Offiziere in Holitsch 
Theil nahmen, war eine Parforcejagd auf Hirsche mit der 
Meute, welche dort für die Frequentanten des Militär- 
Reitlehrer- Instituts gehalten wurde. Dieselbe verlief ungemein 
anregend und animirt, obgleich die Meute in Folge des trockenen 
Wetters schwer die Fährte des Hirsches fand. 







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Die Jagdgenossen, es waren mehr als hundert, fuhren um 
6 l'hr von Wien ab und trafen gegen ^o^ Uhr in Holitsch ein, wo 
zuerst ein ausgiebiges Frühstück eingenommen wurde. 

Der Galopp dauerte mehr als anderthalb Stunden, und es 
gab eine grosse Anzahl von Hindernissen, bei denen denn auch 
mehrere Reiter zu Fall kamen. Herzog Günther von Schleswig- 
Holstein, der ein vorzügliches Pferd aus den Holitscher Ställen 
ritt, blieb während der ganzen Jagd unter der Führung des Obersten 
Grafen Au er sp erg. Nach der Jagd w'urde noch ein Lunch in 
Holitsch eingenommen, und bei der Rückfahrt waren die Jäger so 
müde, dass Viele von ihnen die Heimreise schlafend ausführten. 

Mittelst Separatzuges der Staatsbahn kamen Mittags ungefähr 
sechzig deutsche Offiziere, geführt vom Wiener Komitee und dem 
General-Kavallerie-Inspektor FML Frhrn. v. Gagern, in Kisber an. 

Die Herren besichtigten vorerst das Innere des Staatsgestütes, 
sodann die einzelnen auf den Puszten zerstreut liegenden Fohlenhöfe. 

Mit einem Diner im Schlossgebäude schloss die Besichtigung, 
worauf sich die deutschen Offiziere wieder nach Wien zurück- 
begaben, wo sie um 12 1/2 Uhr Nachts anlangten. 



c) Die Stallparade im Hofstallgebäude. 

in Schauspiel wurde den deutschen Offizieren in Wien 
geboten, welches nur vor ausgezeichneten Gästen des 




Hofes veranstaltet wird und als eine ganz besondere Sehenswürdigkeit 
Wiens doch vielen Wienern selbst unbekannt ist — nämlich eine 
sogenannte „Stallparade", wie der althergebrachte Ausdruck dafür 
lautet. 

Im Ilofstallgebäude vor dem Burgthor wurde eine Auswahl 
der Reitpferde und der Hofwagen mit Bespannung den deutschen 
Gästen vorgeführt, für welche als Kavalleristen und Sportsmen 
dieser in seiner Art einzige Anblick von höchstem Interesse war. 





Premierlieutenant Frhr. v. Reitzenstein (4. preuss. Kürassierregiment. 
Nach einer Photographie von H. Schnaebeli in Berlin. 



16 




Auch Erzherzog Karl Ludwig und Erzherzogin Marie 
Therese mit dem Erzherzog Ferdinand wohnten dem anziehenden 
Schauspiele bei, und die Thore des Hofstallgebäudes waren gasthch 
für Jedermann geöffnet, doch machte das Pubhkum nicht sehr 
zahlreich davon Gebrauch, da die Abhaltung der „Stallparade" 
nicht öffentlich bekannt gegeben worden war. 

Die deutschen Offiziere, die nach 9 Uhr gefahren kamen, wurden 
im grossen Hofe von dem Oberststallmeister GM Prinzen Rudolph 
Liechtenstein, dem ersten Stallmeister Oberst v. Berzeviezy 
und dem Kanzleidirektor des Oberststallmeisteramtes, Hofrath Au er, 
empfangen und zunächst in die Campagne- Reitschule geleitet. 

Die Erzherzogin Marie Therese mit dem Erzherzog Karl 
Ludwig und Erzherzog Ferdinand hatten in der Loge auf der 
Galerie der Campagne -Reitschule schon lange Platz genommen, 
ehe die deutschen Offiziere so weit versammelt waren, dass mit 
dem Vorreiten der Pferde begonnen werden konnte. 

Die beiden Galerien der Reitschule waren dicht besetzt, die 
obere sowie auch die Estrade darunter von den deutschen Offizieren. 
Die vier Eingänge der Reitschule waren je mit zwei schwarzgelben, 
an vergoldeten, mit Kronen geschmückten Stangen befestigten 
Fahnen verhängt, welche den einzigen Farbenschmuck des sonst 
im reinsten Weiss gehaltenen riesigen Raumes bildeten. 

Es wurden zuerst von Bereitern die Leibpferde des Kaisers 
vorgeführt, welche von den Kenneraugen der deutschen Reiter- 
offiziere viel bewundert wurden. In vier Abtheilungen wurden die 
Leib- und Suitepferde unter der gespannten Aufmerksamkeit der 
sachverständigen Zuschauer vorgeritten. 

Die eigenthümliche Stille der Reitschule ward nur unter- 
brochen durch den Ruf des ersten Vorreiters, der die Befehle 
ertheilte: „Trab! Kurzer Galopp! Grosse Tour! Wechselt! Zur 
Reitschule hinaus!" Die prächtig geschulten Pferde, die alle Gang- 
arten präcis ausführten, boten mit ihren atlasglänzenden Schenkeln und 
den korrekt ausgestatteten Bereitern einen wunderschönen Anblick. 



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115 



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Zuletzt wurflen die „Haflinger aus Meran", zehn Ponys, vor- 
geführt, welche der Kaiser in gebirgigen Gegenden zur Jagd benützt, 
prächtige, wohlbeleibte Thiere, die allgemeines Aufsehen erregten. 
Die Vorführung der Pferde hatte mehr als eine Stunde gedauert. 

Inzwischen hatte sich im grossen Hofe ein Zug von elf 
bespannten Wagen aufgestellt, der sich, nachdem die Mitglieder 
des Hofes und die deutschen Offiziere die Reitschule verlassen 
hatten, in Bewegung setzte. 

Erzherzog Karl Ludwig, Erzherzogin Marie Therese und Erz- 
herzog Ferdinand sahen dem Schauspiele von der Loggia der 
Reitschule zu, während die deutschen und österreichischen Offiziere 
sich in der Mitte des Hofes aufstellten. 

Es war ein glänzendes Bild, das sich vor ihren Augen auf- 
rollte — ein historischer Festzug aus Wiens Gegenwart und 
Vergangenheit. • 

Das Oberststallmeisteramt zeigte den fremden Gästen, wie 
die Kaiser von Oesterreich fahren — wie Kaiser Franz Josef fährt, 
wie Kaiser Franz und Kaiserin Maria Theresia gefahren sind. 

Die Gegenwart war durch sechs Wagen repräsentirt, vier für 
den Privatgebrauch des Kaisers und zwei Staatswagen für feierliche 
Gelegenheiten. Den Zug eröffnete der mit vier Schimmeln bespannte 
Phaeton, womit der Kaiser zur Jagd zu fahren pflegt. 

In raschem Trabe fuhr der Wagen durch den Hof hin und 
her, w^ährend die übrigen Gespanne der übrigen Wagen in feier- 
lichem Sehritt einherzogen, und allgemein wurde die taktmässig 
gleichartige Bewegung der vier feurigen Schimmel bewundert. 

Die beiden Wagen, in denen der Kaiser in Wien zu fahren 
pflegt, der zweisitzige geschlossene Wagen und die off'ene Viktoria, 
die durch ihre vergoldeten Speichen kenntlich sind, lassen die 
einfache und prunklose Eleganz, womit sich der Kaiser in seinem 
Privatleben zu umgeben pflegt, erkennen. 

Daran schloss sich der zweisitzige Pirutsch, w^orin man den 
Kaiser bei der Praterfahrt am 1. Mai sieht — bespannt ä la 

116 



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Daumont mit vier Braunen, die von Jockeys in gelber Livre •" 

gelenkt werden, aber gleichfalls von einfacher Noblesse und nur 
durch die beiderseits an den Schlägen angebrachten prachtvollen 
Wappen in vergoldeter Bronze ausgezeichnet. 

Die beiden vorgeführten Staatswagen zeigten den fremden 
Gästen Meisterstücke der Wiener Wagenbaukunst mit den vier 
geschmackvoll verzierten Laternen an den Ecken des mit grossen 
Spiegelscheiben geschlossenen Kastens und mit hohen Kutschirsitzen, 
auf deren dunkelgrünem Sammetbehang das kaiserliche Wappen 
kunstvoll in Gold gestickt ist. 

Der eine der Wagen war mit acht Schimmeln, stolzen Thieren 
von edelster Rage, bespannt, deren Geschirre eine Last von ver- 
goldeten Ornamenten trugen. Gelenkt wurden sie von einem 
Kutscher, der in seiner reich galonirten Livre mit dem feder- 
geschmückten Dreispitz höchst stattHch und würdevoll aussah, und 
durch einen ebenso livrierten Vorreiter auf dem ersten Sattelpferde. 

Als zweite Gruppe kamen die Wagen aus der Zeit des Kaisers 
Franz, zunächst eine zweisitzige „Jagdwurst" mit zwei Schimmeln 
in Postgeschirr und gelenkt von einem Postillon in der historischen 
gelben Livre, und dann das zierliche und elegante „Chaiserl", 
das der Kaiser im Prater oder in Laxenburg selbst zu kutschiren 
pflegte. Als Staatswagen zwei riesige viersitzige Landauer, deren 
einer als „Krönungslandauer" bezeichnet ist — der alte Wiener 
Familienwagen als Staatskarrosse des patriarchalischen Regimes, in 
hohen Federn hängend und bespannt mit sechs Rappen in gold- 
geschmücktem Brustgeschirr und mit diademartigen Verzierungen 
an den Stirnen. 

Den Beschluss machte der viersitzige Prinzen -Galawagen aus 
Maria Theresia's Zeit, ein Rokokobau in Gold und Roth mit 
geschliffenen Spiegelscheiben und goldbordirtem rothen Sammetdach. 
Bespannt war dieser Wagen gleichfalls mit sechs Rappen, deren 
Brustgeschirr mit rothem Sammet überzogen und mit vergoldeten 
Metallverzierungen bedeckt ist. 



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Zwei charakteristische Erscheinungen aus alter Zeit waren 
der Kutscher und der Vorreiter dieses Wagens. Sie trugen die 
alte spanische Livre, deren Schnitt sich zum Theil in der Tracht 
der früheren Läufer erhalten hatte: gelbes KoUet, darüber einen 
schwarzsanimetnen Mantel mit goldener Verschnürung und auf 
den Köpfen über den gepuderten Stutzperrücken Goldbarette mit 
schwarzen und gelben Federn. 

So zogen anderthalb Jahrhunderte der Wiener Hofgeschichte 
zu Wagen und Pferde an den Zuschauern vorüber, die neben der 
Pracht der Kutschen besonders die stolze Gangart der Rosse und 
die Sicherheit ihrer Lenkung bewunderten. 



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d) In der Reitschule des Militär-Reitlehrer-Instituts. 

ie deutschen Theilnehmer am Distanzritt fanden sich am 
IL Oktober, Nachmittags 3 Uhr, in dem Militär-Reit- 
lehrer-Institut auf der Landstrasse ein, wo die Preis- 
vertheilung stattfand. 

Die Prämiirung fand im Rittersaale statt. 

Vormittags waren die Geldpreise in Reichsmark umgewechselt 
und in originell ausgestattete Täschchen gelegt worden. 

Auf einem langen Tische waren die Preise nach ihrem Range 
geordnet. 

Das Ehrengeschenk des Kaisers Franz Josef (an Rittmeister 
Baron Reitzenstein) war in der Mitte der Tafel, das ziemlich 
umfangreiche Ehrengeschenk des Kaisers Wilhelm (an den Grafen 
Starhemberg), welches heute Morgen aus Berlin hier eintraf, 
auf einer besonderen Etagere ausgestellt. 

Nach einer kurzen Ansprache wurde die Preisvertheilung vor- 
genommen, worauf sich die Herren in den Hof des Instituts be- 
gaben und als Gruppe photographirt wurden. Jedem der deutschen 
Offiziere wurde später ein Bild nach Berlin gesandt. 



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Zehn Offiziere der deutschen Infanterie waren am 9. Oktober 
zu Gaste beim Infanterieregimente Hoch- und Deutsch- 
meister No. 4. Mittags um 12 Uhr fuhren die Herren bei der 
Rennweger Kaserne vor und wurden vom derzeitigen Regiments- 
Kommandanten Oberst Proschinger und dem Offizierkorps 
empfangen. 

Nach einer kurzen Besichtigung der Kaserne wurden die 
Gäste in die reich dekorirten Säle der Offiziersmesse geführt, wo 
bei guter Tafel ein Kameradsohaftsfest gefeiert wurde, das bis 7 Uhr 
Abends dauerte. 

Die Regimentskapelle konzertirte dabei unter Zi ehrer 's Leitung. 

Oberst Proschinger sprach folgende Toaste: 

„Wir haben das Glück, Offiziere der deutschen Armee in 
unserem Heim begrüssen zu können. Wo immer Offiziere der 
deutschen und österreichischen Armee beisammen sind, da ist es 
vor Allem das Gefühl der Ergebenheit, Hochachtung und Verehrung 
für unsern allgeliebten und allerhöchsten Kriegsherrn , das uns 
beseelt und das Herz in der Brust jedes Einzelnen schneller 
schlagen lässt, und heute, wo wir Offiziere der deutschen Armee 
begrüssen, möge der erste Jubelruf dem deutschen Kaiser gewidmet 
sein. Se. Majestät der deutsche Kaiser und König von Preussen 
lebe hoch! hoch! hoch! 

Ausser dtm begeisterten Gefühle des Patriotismus ist es noch 
ein zweites erhebendes Gefühl, welches jeden Offizier bewegt: es 
ist dies das Gefühl der Kameradschaft, und erst heute, wo wir 
die Gelegenheit haben, Kameraden der deutschen Armee in 
unserem Hause zu begrüssen, da fühlen wir es doppelt und ge- 
denken unserer getreuen Kameraden — es sind dies die Offiziere 
der deutschen Infanterie, die mitgearbeitet, mitgerungen und gesiegt 
haben in dem kameradschaftlichen Wettkampfe — dem Distanzritte. 
Diese Herren beglückwünschen wir vor Allem für Ihre schönen 
Erfolge, die sie erzielt haben. Aber ausser diesem hat dieser Wett- 
kampf etwas anderes gezeitigt — wir haben uns gegenseitig achten, 



119 




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schätzen und lieben gelernt! Diesen Offizieren der deutschen Armee, 
sowie denen, die heute nicht in unserer Mitte sind, bringen wir 
ein herzliches Hoch!" 

Der deutsche Hauptmann v. Lindenau erwiderte: 
„Mein hochverehrter Herr Oberst! Gestatten Sie, dass ich 
Ihnen meinen herzlichsten Dank sage für die überaus freundliche 
Aufnahme, die wir hier im Kreise der österreichischen Kameraden 
gefunden haben. Es ist uns eine ganz besondere Ehre, heute in 
der Mitte eines österreichischen Regiments zu weilen, in dessen 
Geschichte jede Seite ein Ruhmesblatt ist, das mit Stolz von sich 
sagen darf: „Nennt man die besten Namen, wird auch der unsere 
genannt!" Meine Herren! Als vor Monaten durch die deutschen 
Lande der Ruf zum Ritte nach Wien ging, da duldete es auch 
uns deutsche Infanterie nicht zu Hause. Es war gewiss nicht das 
Streben, es den beiden ersten ReiterwafFen der Welt gleichzuthun, 
sondern uns rief das Herz in den Sattel, wir konnten unsere deutschen 
Reiter nicht nach Wien eilen sehen, ohne Mitarbeiter zu sein. 
Die Aufgabe war für uns keine leichte; wenn wnr sie trotzdem 
gelöst, wenn von 14 deutschen Infanteristen, die abritten, 13 das 
Ziel erreichten, so erfüllt uns das mit gerechtem Stolze. Aber 
nicht in dem grossen Reitererfolge dieser Oktobertage sehen wir 
die Bedeutung dieser Unternehmung, sondern darin allein, das dieser 
Ritt uns Gelegenheit gab, uns wechselseitig näher kennen zu lernen, 
in's Auge zu schauen und die Hände zu schütteln. Unsere über- 
aus herzliche Aufnahme schreiben wir dem Umstände zu, dass wir 
nicht als Fremde kommen. Die Truppen, die unter des hoch- 
genialen Prinzen Eugen Führung bei Mohacs, Zenta, Salau- 
kemen ruhmvoll mit einander gefochten, die unter Schwarzen- 
berg's Leitung an der Aube und Seine, bei Leipzig, bis zum 
Cap Scare in einem Ruhmeszuge geeilt, sie sind alte gute Be- 
kannte, und ihre stolze Yergangenheit verbürgt eine glückliche 
Zukunft. Was sie bringt, wissen wir nicht, aber das Eine dürfen 
wir hoffen: Wir werden beiderseits unsere Schuldigkeit thuen, und 



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Premierlieutenant Frhr. v. Reitzenstein's braune Schecke Lippspringe 

Nach Photographie gezeichnet von E. Köberle. 



16 








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nichts kann uns dazu mehr begeistern, als der Blick auf Se. Maj. 
Ihren a. h. Kaiser und König. 

Es ist ein Hoch, das aus vollem deutschen Herzen kommt, 
wenn wir jetzt rufen: Se. Majestät der Kaiser von Oesterreich und 
König von Ungarn lebe hoch!" 

e) Im Burgtheater. 

ei Beginn des Stückes — man gab das Wittmann-Herzl'sche 
'^ Lustspiel „Wilddiebe" — wies das Parquet des Burg- 
theaters starke Lücken auf, denn zahlreiche Sitze in den 
vorderen Bankreihen waren unbesetzt und blieben es bis zur Mitte 
des ersten Aktes. Es waren dies die Plätze, welche man für die 
deutschen Offiziere und die in ihrer Gesellschaft befindlichen öster- 
reichischen Kameraden reservirt hatte. 

Gegen 1/28 Uhr trafen die Herren ein und nahmen in den 
ersten Bänken Platz. In der linksseitigen Hofloge waren Erzherzog 
Albrecht mit dem Herzog Günther von Schleswig-Holstein 
erschienen und folgten aufmerksam den Vorgängen auf der Bühne. 

Der Saal bot heute einen ungewohnten, festlichen Anblick, 
das Parquet war weit zahlreicher, als dies sonst der Fall zu sein 
pflegt, mit Offizieren aller Waffengattungen und Grade besetzt und 
trug ein vorwiegend militärisches Gepräge. 

Die kräftigen Soldatengestalten mit ihren bunten goldver- 
schnürten Uniformen boten ein anziehendes Bild, das die Auf- 
merksamkeit des Publikums lebhaft fesselte. 

Ausser den deutschen Gästen waren anwesend: Generalstabs- 
chef FZM Baron Beck, Generalmajor Bordolo, Oberst Baron 
Kraus, Oberst Graf Auersperg, Oberstlieutenant Petz er, Oberst 
Deines von der deutschen Botschaft und viele Andere. 

Nach dem zweiten Akte gingen die Gäste in das Foyer, und 
fast das ganze Publikum strömte ihnen nach. 



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Erzherzog Albreoht erschien mit seinem Gast, dem Herzog 
Günther, gleichfalls im Foyer, sodann in der grossen Hoffestloge 
und machte den Prinzen auf verschiedene Details in der Aus- 
schmückung der Räume aufmerksam, 

Heiterkeit erregte ein Extempore des Herrn Thimig, der, 
als er im Stücke durch eine dritte Person seinen Schlaf gefährdet 
sah, bemerkte: „Ich muss mich ausschlafen, ich bin ja kein Distanz- 
reiter. " Nach der Vorstellung begaben sich der Herzog Günther 
von Schleswig-Holstein und der grössere Theil der deutschen 
Gäste in das Etablissement Ronacher. 



f) Diner im Sacher- Garten. 

er Prater lag in tiefe Dunkelheit und wallende Nebel gehüllt, 
als die ersten Wagen mit den deutschen Offizieren, welche 
der Einladung ihrer österreichisch -ungarischen Kameraden gefolgt 
waren, in der Hauptallee erschienen, und beim spärlichen Scheine 
der Laternen blitzten nacheinander die Pickelhauben und Kürassier- 
helme auf. 

Im Sacher -Garten aber war Alles Glanz und Licht, und als 
die prächtigen Gestalten der deutschen und österreichischen Offiziere 
den Wagen entstiegen, boten der elektrisch beleuchtete Garten, die 
blumen- und teppichgeschmückte Vorhalle den schönsten Hintergrund 
für ein farbenreiches Bild. 

Im Salon, wo der Korpskommandant FZM Frhr. v. Schönfeld 
die Gäste in Vertretung des Kriegsministers empfing, waren die 
Büsten des deutschen Kaisers und des Kaisers von Oesterreich in 
herrlich grünen Pflanzengruppen aufgestellt. Der Speisesaal selbst 
bot einen überraschenden Anblick. 

Nicht hoch, aber ungemein geräumig, erhält er durch die 
Abtheilung in drei Schiffe einen überaus gemüthlichen Charakter. 
Heute war der Saal ganz militärisch ausgestattet. Flaggen der 







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verbündeten Reiche schmückten die Wände, hingen mit Reisig 
festonnirt von der Decke und prangten mit Emblemen an den 
Pfeilern der Schiffe. 

Dieser Flaggenreichthum gab dem Saale etwas Zeltartiges, 
die Tafel jedoch wahrte ihm den prunkhaften festlichen Charakter, 

In Hufeisenform aufgestellt, umgab die grosse Tafel eine 
kleinere, welche die Mitte des Saales einnahm. 

Am oberen Ende, wo die Ehrengäste sassen, war dieselbe 
am prächtigsten geschmückt. 

Der ganze Silberreichthum des Hauses Sacher war hier in 
Aufsätzen, Yasen, Kandelabern aufgestellt, und trug noch überdies 
den herrlichsten Blumenschmuck, wie ihn die Dekorationskunst 
früherer Zeiten nicht kannte. Orchideen, Rosen, Chrysanthemen, 
Veilchen, Stiefmütterchen und prächtige rothgestreifte Lilien bildeten 
Sträusse und Polster, hingen in Aesten und Guirlanden herab und 
schlängelten sich auf dem Schnee des Tischtuches in duftigen 
Arabesken um die Konfekt- und Fruchtschalen. 

Auf dem Mitteltische stand ein ganz aus rosa Lilien geformtes 
Blumenkissen, auf dem ein riesiger Zweig weisser Kamelien lag, 
ein Bild unvergleichlicher Frische und Schönheit. 

In vergoldeten Körben war Obst aufgeschichtet, das in herr- 
lichen Farben leuchtete. Dazu kam noch der matte Glanz des 
Silbers, das Glitzern der Gläser und die bunten Farben, welche 
bei jedem Platze das reizende Menü auf das Tischtuch zeichnete. 
Es ist ein ganzes Buch, auf dessen Titelblatt die deutschen Offiziere 
von Berlin und die österreichischen von Wien wegreiten und das mit 
roth- grün -gelb -schwarz -blau -weissen Bändchen zusammengebunden 
ist, aus denen man sich die beliebigen in Frage kommenden Landes- 
farben zusammenstellen kann. Das Büchelchen stammt aus der 
Druckerei August Reisser, und sein Inhalt wird es den Herren als 
liebes Andenken in Wien werth machen. 

Nach der Liste der Gewinner im Distanzritt kommt das Menü, 
das wir den Lesern nicht vorenthalten wollen: Potage ä la reine 





125 



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und cfhte Schildkrötensuppe, fruites au bleu, piece de boeuf, seile 
d'agneau, Timbales de faisans, Langouste sauce Ravigote (das 
Prunkstück des Diners und eine Sehenswürdigkeit), dann nach den 
Granites au Champagne kamen noch Chapons de Styrie truffes, 
Salade, Compotc und Fonds d'artichauts. Bombes glacees, gauffrettes, 
fruits en corbeille machten den Abschluss. 

Als die Herren über die Stufen vom Salon zum Speisesaal 
herabgestiegen, gab Kapellmeister Zieh r er das Zeichen für die 
Musik, und unter den reizenden Klängen der Ouvertüre zu „Mignon" 
begann die festliche Tafel. 

Hundertundsechzig Offiziere, darunter zweiundsiebzig 
deutsche, nahmen an der Tafel Platz, und zwar sassen am oberen 
Ende in der Mitte Herzog Günther von Schleswig-Holstein, 
da Prinz Friedrich Leopold durch Unwohlsein am Kommen ver- 
hindert war. Zur Rechten und Linken sassen FZM Frhr. v. Schönfeld 
und FZM Frhr. v. Beck, die Obersten Rothkirch, v. Schaky, 
V. Deines und Graf Geldern; an der Innenseite FML Schmidt, 
Major Graf Bismarck, FML v. Bolfras, Oberstlieutenant Baron 
Unterrichter, FML Frhr. v. Gagern, Oberstlieutenant Schmeling, 
FML Merta, Major Schmidt, Pauli und FML Jaeger. Die 
übrigen deutschen Offiziere nahmen an den Längsseiten der Tafeln 
abwechselnd mit den österreichischen Platz. Frhr. v. Reitzenstein 
sass neben dem Oberstlieutenant v. Petz er, und Graf Au er sp er g, 
dem ja in erster Linie der Dank dafür gebührt, dass die Wiener 
Einrichtungen für den Distanzritt so trefflich gelungen sind, hatte 
sich so gesetzt, dass er bei Bedarf sogleich requirirt M^erden konnte. 
Der geschmückte Saal, die festliche Musik, die schmucken Offiziere, 
sie boten ein prächtiges, stets w^echselndes Bild, ob nun im bunten 
Gewirr des heiteren Gesprächs, oder indem den geistreichen Worten 
eines Tischredners gelauscht wurde, oder wenn Alle erhoben in 
feierlicher Stille, das Glas in der Hand, die Klänge der Hymne, 
die für sie doppelt bedeutungsvoll sind, an ihrem Ohr vorüber 
rauschen Hessen. 



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Den ersten Toast sprach der Korpskommandant FZM Frhr. 
V. Schönfeld. Er sagte: 

„In Vertretung des Reichs-Kriegsministers, welcher zu seinem 
lebhaftesten Bedauern durch dringende Amtsgeschäfte verhindert 
ist, hier den Vorsitz zu übernehmen, gebe ich mir die Ehre, Sie 
hiermit herzlichst zu begrüssen. Es ist uns heute hier vergönnt, 
Ihnen den kameradschaftlichen Willkommgruss zu entbieten. Mit 
dem gespanntesten Interesse haben wir beim Distanzritte die 
Leistungen beider Theile, hüben und drüben, zu welchen alle 
Waffen ihr Wollen und Können beigetragen haben, verfolgt; mit 
dem gleichen sympathischen Interesse, mit welchem wir die deutschen 
Reiter begrüssten, sind auch in der deutschen Reichshauptstadt 
unsere Offiziere gefeiert worden. Wir sind getragen und durch- 
drungen von dem Bewusstsein, dass diese gegenseitige 
Begegnung auch jene Bande fester knüpft, welche durch 
den Willen unserer a. h. Souveräne und Kriegsherren 
diese beiden Heere bereits verbindet. Unter Gutheissung 
unserer Kriegsherren hat dieser Wettkampf stattgefunden und 
einen glänzenden Abschluss gefunden. Wir sind beglückt durch 
die a. h. Huld, welche unser Streben gefördert hat, und wir folgen 
da einem alten Soldatenbrauche, wenn wir uns bei jeder festlichen 
Gelegenheit Derer erinnern, denen wir unverbrüchlichen Gehorsam 
geschworen und Treue bis in den Tod. Ich glaube, im Namen 
der anwesenden Vertreter der k. und k. österreichisch -ungarischen 
Armee unsere verehrten Kameraden des deutschen Heeres nicht 
besser ehren zu können, als, indem wir das erste Glas widmen 
Sr. Majestät dem deutschen Kaiser und König von Preussen 
Wilhelm IL, des Deutschen Reiches obersten Feldherrn, Ihren 
Königlichen Majestäten und regierenden Hoheiten, des deutschen 
Reiches Bundesfürsten. Ihnen Allen ein kräftiges und herz- 
liches dreifaches Hoch!" (Stürmische Hochrufe ertönten nun und 
die Kapelle stimmte das „Heil Dir im Siegerkranz" an.) Dann 
sprach Herzog Günther zu Schleswig-Holstein: 



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„Ich erlaube mir im Namen meiner deutschen Kameraden 
für die überaus ehrenvollen Worte Eurer Excellenz meinen herz- 
lichsten Dank zu sagen. Jedem von uns, der den Distanzritt mit- 
gemacht, wird die liebenswürdige Aufnahme, die er gefunden, 
sobald er österreichischen Boden betreten, für alle Zeiten lebendig 
in Erinnerung bleiben. Ich bin überzeugt, dass diese herzliche 
Aufnahme der deutschen Offiziere in allen deutschen 
Landen den kräftigsten Wiederhall finden und uns Bundes- 
genossen noch enger zusammenschliessen wird, als dies 
bisher der Fall war. Wir können unsere Dankbarkeit nicht besser 
zum Ausdruck bringen, als indem wir das Glas erheben, um es 
Sr. Majestät dem Kaiser Franz Joseph zu weihen, der als ein 
leuchtendes Beispiel aller Tugenden, ganz besonders der mili- 
tärischen, dasteht. Se. Majestät der Kaiser von Oester reich 
und Ungarn lebe hoch!" (In stürmischer Weise w^urde auch 
dieser Trinkspruch akklamirt, während die Klänge der Yolks- 
hymne ertönten.) 

Der Generalstabschef FZM Frhr. v. Beck nahm nun das 
Wort. Er begann: 

„Es ist ein seltenes Fest, welches uns hier vereint und eine 
grosse Freude und Ehre für uns, die Herren deutschen Kameraden 
in unserer Mitte begrüssen zu können. Unsere Freude über Ihren 
Besuch und unsere Gefühle w^armer Kameradschaft für Sie, meine 
Herren, sind um so lebhafter, als Sie einer Armee angehören, 
die mit uns durch enge Bande verknüpft ist, einer Armee, 
die durch ihre glänzende Tapferkeit höchsten Ruhm und un- 
bestrittenste Anerkennung erworben hat. Auf diese Armee, 
die in so glänzender Weise hier vertreten ist, erhebe ich mein 
Glas. Die tapfere, glorreiche deutsche Armee und ihre An- 
gehörigen, unsere deutschen Kameraden, sie leben hoch!" — 
(Der Toast fand jubelnde Akklamation und in herzlichster Weise 
stiessen die deutschen und die österreichisch -ungarischen Offiziere 
mit einander an.) 



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Oberlieutenant v. Miklös (16. österr.-ungar. Husarenregiment.) 

Nach einer Photographie von Jul. Braatz in Berlin. 



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Auf diesen Toast erwiderte der deutsche Oberst Freiherr 
V. Schaky: 

„Ich sage Ihnen unseren tiefgefühlten und verbindlichsten 
Dank für Ihre uns hoch ehrende Gesinnung. Ich spreche im Namen 
sämmtlicher deutscher Offiziere, wenn ich Ihnen sage, dass wir fest 
entschlossen sind, die treue Kameradschaft aufrecht zu er- 
halten und das Band zwischen unseren Armeen immer 
enger zu knüpfen, wie jetzt im friedlichen Wettstreite, ebenso 
dereinst, wenn unsere a. h. Kriegsherrn zu ernster That rufen sollten. 
Um diese unsere kameradschaftlichen Gesinnungen zum Ausdrucke 
zu bringen und zu bekräftigen, bitte ich die deutschen Kameraden, 
mit mir in den Ruf einzustimmen: „Die glorreiche k. und k. 
österreichisch-ungarische Armee mit ihren herrlichen Tradi- 
tionen sie lebe hoch!" (Brausender Beifall folgte diesen Worten 
und vermengte sich mit den Klängen des Radetzkymarsches.) 

FML Frhr. v. Gagern pries dann in kernigen Worten die 
Leistungen der deutschen Distanzreiter, die ein glänzendes Beispiel 
von Tüchtigkeit und Energie gegeben hätten und sagte: „Wir 
freuen uns, Sie hier Aug' in Aug' zu sehen und Sie durch mehrere 
Tage kennen gelernt zu haben, der Kitt wahrer Waffenbruder- 
schaft wird hierdurch nur fester werden. Wir sind berufen, 
einst Schulter an Schulter zu marschiren, um mit vereinten Kräften, 
wenn der Himmel uns gnädig ist, den Feind zu schlagen und ihn 
zu zermalmen". 

Frhr. v. Gagern erhob sein Glas auf den Prinzen Friedrich 
Leopold von Preussen, den Herzog Günther zu Schleswig- 
Holstein, den Premierlieutenant Frhrn. V. Reit zenst ein und die 
übrigen deutschen Distanzreiter. (Hochrufe.) 

Der deutsche Oberst v. Rothkirch toastete nun auf den 
General -Kavallerie -Inspektor FML Frhrn. v. Gagern und den 
Obersten Grafen Auersperg, den Kommandanten des Militär- 
Reitlehrer-Instituts, der deutsche Militär- Attache Oberst v. Deines 
auf das Pferd, den treuen Kameraden des Kavalleristen, Oberst 





131 



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Graf Geldern auf die Frauen Wiens. Bis nach Mitternacht blieb 
die Gesellschaft in heiterer Unterhaltung vereint. 

Eine hübsche Episode des Abends war ein von Frau Eduard 
Sa eher ausgedachter Scherz, auf den die deutschen Offiziere 
bereitwilligst eingingen. Frau Sacher hatte ein Tischtuch auf eine 
grosse Holztafel spannen lassen und in der Mitte eine auf den 
Distanzritt bezügliche Inschrift und Skizze, zwei Distanzreiter dar- 
stellend, angebracht. Frau Sacher lud nun die anwesenden deutschen 
und österreichischen Offiziere ein, ihre Namen auf die breite 
Bordüre des Tischtuches zu schreiben, zu welchem Zwecke fein 
gespitzte Bleistifte bereit lagen. Mit heiterer Bereitwilligkeit 
kamen die Herren dieser Einladung nach. Ringsumher schmücken 
nun die sämmtlichen Unterschriften der Distanzreiter und des 
Komitee's — alle kühn und charakteristisch, wie es sich für Reiter- 
offiziere ziemt — die Bordüre des Tischtuches. Frau Sacher wird 
diese Unterschriften in verschiedenen Farben genau nach den 
Schriftzügen sticken und dürfte voraussichtlich um dieses dauernde 
Andenken an den Distanzritt vielfach beneidet werden. 




132 



1. 



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leim Impfang des deufscliGn laisers. 



Am Nordbahnhof. — Auf der Strasse. — Kaiser Franz Josef. — Die deutschen 

Offiziere am Bahnhof. — Das bunte Bild der Uniformen. — Der Kaiser 

kommt! — Herzliche Begrüssung der Monarchen. — Reitzensteins Ernennung. — 

Abfahrt der beiden Kaiser. 




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133 




134 





«i^^^Ä?^' ekanntlich wurde dem deutschen Kaiser bei seiner Ankunft 
in Wien ein glänzender und grossartiger Empfang bereitet, 
der namentlich von Seite der Bevölkerung Wiens eine ganz 
unvorbereitete Kundgebung darstellte. Auf dem Nordbahnhofe, wo 
Kaiser Wilhelm vom Kaiser Franz Josef, den Erzherzögen und 
den deutschen Prinzen empfangen und begrüsst wurde, war ein 
militärisches Gepränge entfaltet, wie es noch nie bei der Ankunft 
eines Monarchen zu sehen war, indem sich nebst den österreichi- 
schen Würdenträgern, Generalen und Offizieren auch die Mitglieder 
der deutschen Botschaft und die beim Distanzritt nach Wien ge- 
kommenen deutschen Offiziere in vollster militärischer Gala ein- 
gefunden hatten. In den Strassen, durch welche dann die beiden 
Kaiser vom Nordbahnhofe nach Schönbrunn fuhren, begann das 
Publikum schon um 11 Uhr ein Spalier zu bilden. 

Kaiser Franz Josef wurde schon bei der Fahrt zum Bahn- 
hofe vom Publikum lebhaft begrüsst. Er trug die Oberstenuniform 
des preussischen Kaiser Franz -Garde -Infanterieregiments mit dem 
Bande des Schwarzen Adler-Ordens. 

Auf dem Perron des Bahnhofes nahm um 1 1 Uhr eine Ehren- 
kompagnie des Infanterieregiments Hoch- und Deutschmeister Nr. 4 
Aufstellung. Am rechten Flügel der Kompagnie standen der Regiments- 




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kommandant Oberst V. Guggenberg, der Brigadier GM Hirsch, der 
DivisionärFML Jäger und in Vertretung der Korpskommandanten der 
FML K V a c s v. M a d. Vor dem Hofsalon standen die dem deutschen 
Kaiser zur Ehrendienstleistung zugetheilten Herren. Zunächst den- 
selben in einer Gruppe die Mitglieder des Wiener Distanzrittkomitees 
mit dem FML Frhrn. v. Gagern, dem GM v. Bothmer und 
Obersten Graf Au er sp erg. Im Hofsalon hatten sich die Erz- 
herzöge Karl Ludwig Franz Ferdinand von Oesterreich-Este, 
Ferdinand, Albrecht, Wilhelm, Rainer, Friedrich, 
ferner Prinz Philipp von Koburg, Prinz Friedrich Leopold 
von Preussen, Herzog Günther zu Schleswig-Holstein, 
Prinz von Lippe-Schaumburg, der deutsche Botschafter Prinz 
Reu SS mit den Mitgliedern der Botschaft, der Bürgermeister 
Dr. Prix, der Statthalter Graf Kielmannsegg und der Polizei- 
präsident von Stejskal eingefunden. 

Die Erzherzöge Karl Ludwig, Albrecht und Wilhelm trugen 
die Uniformen jener preussischen Regimenter, deren Inhaber sie 
sind, und die Grosskreuze ihrer preussischen Orden mit den Bändern. 
Vor dem Hofsalon erwarteten der Präsident und Vicepräsident der 
Nordbahn -Gesellschaft, Markgraf Palla vi cini und Graf Boos- 
Waldeck, die Ankunft des Kaisers. 

Die aus Anlass des Distanzrittes in Wien weilenden deutschen 
Offiziere waren zum Empfange ihres Kaisers auf den Bahnhof 
befohlen worden, da dies die einzige Gelegenheit war, bei welcher 
Kaiser Wilhelm sie versammelt sehen konnte, indem die Offiziere 
sich von Wien aus über Dresden in ihre Garnisonen zurückbegeben 
wollten. Sie erschienen in vollster Gala, welche ein Bild reichsten 
militärischen Glanzes und Prunkes bietet, während sie vorgestern 
zu dem Empfange bei Hofe die für den Salon bestimmte Parade- 
uniform angelegt hatten, die einen minder kriegerischen Eindruck 
macht. Heute trugen die Gardes- du -Corps ihre silbernen Helme 
mit dem Adler auf der Spitze, von den Helmen, Pickelhauben und 
(Jzapkas wehten die flatternden weissen und schwarzen Rossbüsche; 




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Oberlieutenant v. Miklos braune Stute Marcsa. 

Nach Photographie gezeichnet von E. Köberle. 



18 




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die Eeiteroffiziere hatten die glänzenden Stulpenstiefel, die Kürassiere \ 

die knappen weissen Lederhosen angelegt; die Hola wurde durch 
die Feldbinden und durch die Cartouchen der Ulanen und Husaren 
vervollständigt. Die Ulanen trugen heute auch die Uniformen mit 
dem breiten weissen, rothen oder gelben Brustlatz. Der Botschafter 
Prinz Reuss trug die preussische Greneralsuniform mit dem Bande 
des Ordens der Eisernen Krone, Prinz R atibor die Dragoner- 
uniform und Prinz Lichnowsky die rothe Garde-Husarenuniform. 

Besonders bewundert wurden die Gardes- du -Corps in ihrer 
romantisch-ritterlichen Erscheinung und die rothen Husaren in ihrer 
Farbenpracht. Graf Gelder n-Egmond, der Oberst des ersten 
Leibhusarenregiments, eine echte Reitergestalt, trug die schwarze 
mit Silber verschnürte Uniform dieses Regiments und am Kaipak den 
grossen silbernen Todtenkopf; diesen eigenthümlichen historischen 
Schmuck sah man auch an den Kaipaks noch mehrerer deutscher 
Husarenoffiziere. Premierlieutenant Frhr. v. Reitz enstein trug 
die weisse Kürassieruniform. Die deutschen Offiziere stellten sich 
in einer langen Reihe auf dem Perron auf, zuerst die Preussen, dann 
gegen den rechten Flügel zu Bayern, Sachsen und Württemberger. 

Kaiser Franz Josef fuhr wenige Minuten nach Y2I2 Uhr 
vor dem Bahnhofe vor, begab sich sofort in den Hofwartesalon, 
begrüsste dort die Herren Erzherzöge und Würdenträger, reichte 
mit einigen verbindlichen Worten dem Prinzen Reuss die Hand 
und schritt sodann, gefolgt von den Herren Erzherzögen, auf den 
Perron. Unter den Klängen der Yolkshymne schritt der Kaiser die 
Front der Ehrenkompagnie ab und unterhielt sich hierauf mit den 
zum Empfange erschienenen Herren. Hierbei wurden auch mehrere 
deutsche Offiziere, darunter Premierlieutenant v. Reitzenstein, durch 
Ansprachen ausgezeichnet. 

Fünf Minuten vor 12 Uhr fuhr der deutsche Hofzug in die 
Halle ein. Die Kapelle intonirte das „Heil Dir im Siegerkranz", 
die österreichischen und deutschen Generale und Offiziere salutirten. 
Man sah Kaiser Wilhelm in der Obersten -Uniform seines öster- 





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reichischen Hiisarenregiments mit dem grünen Bande des Stephans- 
ordens am Fenster des Salonwagens stehen, in strammer Haltung 
und die Hand salutirend am Kaipak. Als der Zug hielt, verliess Kaiser 
Wilhelm das Coupe und eilte auf Kaiser Franz Josef zu; die beiden 
Kaiser umarmten und küssten einander zweimal. Hierauf um- 
armte und küsste der deutsche Kaiser Erzherzog Karl Ludwig, sowie 
dessen beide Söhne und reichte dann den übrigen Erzherzögen die Hand. 

Nachdem die Vorstellung der österreichischen Generale und 
Würdenträger erfolgt war, schritt Kaiser Wilhelm, begleitet vom 
Botschafter Prinzen Reuss und dem Flügel- Adjutanten Oberst 
V, Kessel, die Front der deutschen Offiziere ab, die 
salutirend dastanden. Der Kaiser begrüsste seine Offiziere mit 
sichtlicher Freude und richtete an mehrere derselben längere An- 
sprachen. Einer der Ersten, an den er sich wendete, war Premier- 
lieutenant Frhr. v. Reitzenstein. Kaiser Wilhelm sagte zu ihm: 
„Ich spreche Ihnen meine vollste Anerkennung aus; es 
freut mich, Sie bei meiner Ankunft hier zu sehen und 
Ihnen mittheilen zu können, dass ich Sie zum Ritt- 
meister ernannt habe". 

Nachdem er die ganze Front abgeschritten hatte, verfügte sich 
Kaiser Wilhelm in den Hofsalon, woselbst er die Vorstellung und 
Begrüssung der ihm zur Dienstleistung zugetheilten Herren, dann des 
Bürgermeisters, Statthalters und Polizeipräsidenten entgegennahm. 

Mit dem Bürgermeister Dr. Prix sprach Kaiser Wilhelm 
über die günstigen Gesundheits Verhältnisse von Wien 
und Berlin, wobei er sich über die sanitären Einrichtungen in 
Wien sehr lobend aussprach. 

Hierauf bestiegen die beiden Kaiser den offenen Wagen und 
wurden, als sie aus dem Bahnhofe fuhren, vom Publikum alsbald 
mit stürmischen Hochrufen begrüsst. 







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XII. 



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a) Die Liebesmahle in Potsdam. 



Eintreffen der österreichischen Distanzreiter. — Vorführung der Remonten. — 

Die Offizierstafeln. — Der Toast des Oberst v. Bissing und des Oberst Schaff- 

gotsch. — Beim 1. Garderegiment z. F. — 



b) Besichtigung der österreichischen Pferde. 

In der neuen Reitbahn des Berliner Tattersalls. — 30 Distanzreiter. — v. Miklös 
und Graf Starheniberg. — Yertheilung der Geldpreise. 



c) Die Parforcejagd im Grunewald. 

Die Berliner im Grunewald. — Eintreffen der Reiter. — Die Jafi^d selbst. — Halali 



d) Die Tafel im Neuen Palais. 



In der Jaspisgallerie. — Der Kaiser. — Das Geschenk Kaiser Wilhelms. — Musik 
auf der Terrasse. — Auf das Wohl des Kaisers Franz Josef. — Zapfenstreich. 



e) Das Rennen zu Westend. 

Abfahrt vom Kaiserhof. — Begrüssung durch den Generalmajor v. Podbielski. — 
Die einzelnen Rennen. — Starhemberg im Mittelpunkt. 

f) Die Liebesmahle bei dem Gardekürassier- und 2. Dragonerregiment. 



Ehrenaäste des Mahles. 



Begrüssung durch Prinz Reuss 
Nationalhymne. 



Die deutsche 





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a) Die Liebesmahle in Potsdam. 

lie österreichischen Distanzreiter trafen als Graste der 
Offizierkorps des 1. Garderegiments z. F. und der 
Gardes-du-Corps am 7. Oktober Nachmittags 31/2 Uhr 
auf dem Bahnhof in Potsdam ein, empfangen von den Offizieren 
der genannten Regimenter. 

Sie wurden direkt vom Bahnhof durch die Stadt Potsdam, 
von deren Bevölkerung sie sympathisch begrüsst wurden, nach der 
Kaserne der dritten Eskadron der Gardes-du-Corps vor dem Branden- 
burger Thor geleitet. 

Hier empfing sie der Kommandeur des Regiments, Flügel- 
adjutant und Oberst Frhr. v. Bis sing, umgeben von den Offizieren 
des Regiments, und lud sie zu einer Besichtigung der jungen 
und alten Remonten des Regiments ein. Die Besichtigung 
fand auf dem Reitplatz hinter der Kaserne der dritten Eskadron 
statt. Die jungen Remonten wurden von Mannschaften in Mützen 
vorgeführt, die älteren Abtheilungen von Mannschaften im Ordonnanz- 
anzuge. 

Zuletzt wurde den Gästen eine Abtheilung der Gardes-du-Corps 
feldmarschmässig und im Paradeanzug in gelben und schwarzen 
Kürassen gezeigt. 

Die österreichischen Herren interessiren sich lebhaft für das 
Yorgeführte, namentlich erregte das Aussehen der Mannschaften 




143 



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^ und das Pferdematerial ihre Adjustirung, sowie die kavalleristische • 

Durchbildung Beider allgemeine Bewunderung. Die jüngsten Re- 
monten wurden ihnen au der Hand ohne Reiter vorgeführt. 

Die Offizierkorps der betheiligten Regimenter theilten sich in 
die österreichischen Gäste. 

Der eine Theil speiste in der Speiseanstalt des f f izier- 
korps der Gardes-du-Corps, der andere beim 1. Garde- 
regiment z. F. 

Veranlasst durch einen Umbau des Regimentshauses in der 
Mammonstrasse, hat seit diesem Sommer das Offizierkorps dieses 
Infanterieregimentes seine Speiseanstalt nach dem Zivilkasino in 
der Waisenstrasse verlegen müssen, und hier in den noch von 
Schinkel erbauten herrlichen Sälen bewirthete es auch die öster- 
reichischen Kameraden. 

Der andere Theil der Gäste bei den Gardes-du-Corps war 
darin glücklicher. Die alte Speiseanstalt der Offiziere am Keller- 
thor ist vor mehreren Jahren umgebaut und vollständig neu ein- 
gerichtet worden, wobei die Kleinodien des Regiments in Bildern, 
Büsten, in Geschenken der allerhöchsten Chefs zu neuer glänzender 
Erscheinung kamen. Die Tafel war in dem grossen Speisesaal 
errichtet, der mit den Wappen sämmtlicher Offiziere, von der 
Stiftung des Regiments an, geziert ist. Auf der Tafel erhob sich 
all das Silbergeräth, an dem das Offizierkorps so reich ist — 
Geschenke aus königlicher Hand, Geschenke auch von früheren 
Offizieren. 

Die schönsten Stücke sind die grossen silbernen Bowlen in 
Form der Kesselpauken des Regiments mit den silbernen Gehängen, 
welche der hochselige Kaiser Wilhelm in seinen letzten Lebensjahren 
dem Offizierkorps des Regiments zum Geschenk gemacht hatte. 

Um die Tafel reihten sich in bunter Reihe die direkten Vor- 
gesetzten des Regiments, die Herren des Komitees, an ihrer Spitze 
Generallieutenant v. Krosigk, der Führer der fremden Offiziere, 
Rittmeister v. Keszycki, und sämmtliche Offiziere des Regiments. 



144 




Lieutenant nöfer.(ll. österr.-ungar. Dragonerregiment.) 

Nach einer Photographie von J. C. Hodek in Krems a. D. 



19 



Die Stimmung-, befördert von den schmetternden Rhythmen 
des Trorapeterchors, in dessen Programm österreichische Märsche 
und Lieder vertreten waren, ging während der Tafel hoch und 
erreichte ihren höchsten Grad, als Oberst Frhr. v. Bissin g sich 
erhob und den ersten Trinkspruch auf Kaiser Wilhelm und Kaiser 
Franz Josef ausbrachte. 

Es sei eine Gepflogenheit in diesen Räumen des Kasinos des 
nunmehr länger als 150 Jahre bestehenden Regiments der Gardes- 
du- Corps, dass allein der jeweilige Kommandeur dem Kaiser und 
König, zugleich dem erlauchten Chef des Regiments, ein Hoch aus- 
bringen dürfe; mit diesem Hoch wolle er jenes auf den verbündeten 
Monarchen des Kaisers und Königs, Se. Majestät den Kaiser von 
Oester reich und König von Ungarn, vereinen. Beiden Monarchen 
sei zu verdanken, dass das schneidige kavalleristische Unternehmen 
des Distanzrittes eine so glänzende Bethätigung gefunden habe. 
Er freue sich, die österreichisch -ungarischen Herren Kameraden, 
die eine so ausgezeichnete Tüchtigkeit bewiesen hätten, 
heute begrüssen zu können. 

Oberst Frhr. v. Bissing wies weiter auf die Stärkung der 
Kameradschaft zwischen den beiden Armeen durch den 
Distanzritt hin und gab in zündenden Worten der festen Zuversicht 
Ausdruck, dass, wie sich in dieser Friedensübung die Kameradschaft 
bethätigt habe, dieselbe sich auch im Ernst falle bewähren 
werde. Für Kaiser und Heer, für Recht und Vaterland, zum 
Ruhme und zur Ehre gemeinsam zu streiten und, wenn es sein 
soll, zu sterben. 

In diesem Sinne bringe er den verbündeten beiden Monarchen, 
zugleich als den erlauchten Vertretern der Tüchtigkeit und u n a u f- 
lösbaren Kameradschaft beider Armeen und in diesen 
Monarchen- den Armeen gleichsam selbst ein dreifaches Hoch! 

In äusserst sympathischer Weise wurde der Toast von dem 
unter den anwesenden österreichisch -ungarischen Offizieren im 
höchsten Range stehenden Offizier, dem Obersten Schaffgotsch be- 



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antwortet, der auch den Kommandeur und die Offiziere des Regiments 
Gardes-du-Corps leben Hess. 

Es lag wohl in dem Anlasse des Mahles, dass in den gegen- 
seitigen Reden leise politische Anklänge auf gegenseitige Waffen- 
brüderschaft nicht zu vermeiden waren. Von diesem Geiste war, 
wie es den Anschein hatte, das ganze Fest beseelt und blieb es 
auch bis tief in den Abend hinein, wo sich die ganze Gesellschaft 
mit dem Trompeterchor voran in Bewegung setzte und durch die 
Strassen der Stadt Potsdam hindurch nach der Speiseanstalt der 
Offiziere des ersten Garderegiments zu Fuss nach dem Zivilkasino 
zog, von dessen Dachfirst die schwarz -gelbe Flagge, die öster- 
reichischen Farben an Seite der preussischen schwarz-weissen wehte. 

Die grössere Hälfte der österreichischen Distanzroiter — 
gegen vierzig — war bei dem 1. Garderegiment z. F. zu Gast. 

Als Stellvertreter des Kommandeurs trank Frhr. v. EgloflFstein 
auf das Wohl des deutschen Kaisers und seines hohen Verbündeten, 
des Kaisers Franz Josef von Oesterreich-Ungarn. Nach ihm toastete 
ein österreichischer Rittmeister auf die deutschen Reiter. Diesem 
Trinkspruche folgte ein weiterer auf die österreichisch-ungarischen 
Distanzreiter. 

In deren Namen antwortete dankend Frhr. v. Steininge r. 
Diese verschiedenen Trinksprüche hinüber und herüber, besonders 
zuletzt, als nach der Ankunft der Garde-du-Corps- Gäste neue 
Büffets errichtet wurden, der Trinkspruch des stellvertretenden 
Regiments -Kommandeurs Frhrn. v. Egloffstein auf sämmtliche 
österreichisch - ungarischen Gäste, hatten eine zündende Wirkung 
und bis tief in den Abend hinein schwang zwischen den An- 
gehörigen beider verbündeten Armeen Fidelitas ihr Panier. 

Unendliche Heiterkeit verbreitete ein launiges Gedicht des 
Hauptmanns v. Helldorf, das nach einer Wiener Melodie bei 
der Abendtafel gesungen wurde. 



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b) Besichtigung der österreichischen Pferde. 

ie Besichtigung der am Distanzritt betheiligt gewesenen 
österreichisch -ungarischen Pferde hatte ein glänzendes 
Publikum in der neuen Reitbahn des Berliner Tattersall 
versammelt. 

Der Balkon über dem grossen Spiegel war mit einem kost- 
baren Baldachin überdacht und mit Guirlanden, deutschen und 
österreichisch-ungarischen Wappenschildern und Flaggen in den 
Farben der befreundeten Reiche geschmückt. 

Auch die Büsten der beiden Monarchen, des Kaisers Franz 
Josef und des Kaisers Wilhelm II. hatten hier auf reichen 
Postamenten Aufstellung gefunden. 

Das deutsche Komitee des Distanzrittes Berlin -Wien, an der 
Spitze die Herren Generale v. K r o s i g k und v. R o s e n b e r g , 
Oberst v. Bissing und Major Graf Schaf fgots ch, hatte auf 
der gegenüberliegenden Galerie Platz genommen, die rings umher 
mit Offizieren aller Waffengattungen und zahlreichen Kavaliers- 
damen gefüllt war. 

Punkt 9 Uhr erschienen etwa 30 Reiter auf ihren beim 
Distanzritt benutzten Pferde in der Bahn, unter ihnen Major 
Heinrich Edler v. Chitry vom 34. Infanterieregiment, 
den ihm aus Anlass des gestrigen Hoffestes ver- 
liehenen Rothen Adler-Orden dritter Klasse auf der 
Brust, und Herr v. Miklos, während Graf Starhemberg, 
der eine prächtige braune Stute ritt, sich erst später an der Vor- 
führung betheiligte. Auch auf seiner Brust prangte eine 
preussische Dekoration, der Rothe Adler-Orden 
vierterKlasse, durch den Se. Majestät d erKaiser den 
kühnen Reiter auszuzeichnen geruhte. Die Herren 
führten zunächst unter den Klängen der Musik ihre anscheinend 
wieder vollkommen frischen Thiere in den verschiedenen Gang- 
arten vor. 



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Herr Rittmeister II all er hat denn auch den Konditionspreis 
von 5000 M. davongetragen. Als hierauf eine Hürde in der Bahn 
aufgestellt wurde, refusirten die meisten Pferde anfangs, nahmen 
sie aber schliesslich fast sämmtlich, zum Theil sogar in ausge- 
zeichneter Weise. Nach Beendigung der Besichtigung, gegen 
V2IO Uhr, wurden in einem der Yorstandszimmer neben der alten 
Reitbahn die Geldpreise durch den Vorsitzenden des Komitees, 
Herrn Oberst v. Bissing, verthcilt und zwar ohne besondere 
Feierlichkeiten. , 

. c) Die Parforcejagd im Grunewald. 

underte von Berlinern hatten sich trotz des trüben Herbst- 
tages bereits zu früher Morgenstunde um das Jagdschloss 
Grunewald gelagert. 

Gegen 1 Uhr klärte sich der Himmel und die ersten Reiter 
erschienen auf dem abgesperrten Hofe des Jagdschlosses. 

Auf dem Schlosshofe war unter freiem Himmel die Frühstücks- 
tafel aufgestellt worden, daneben das Musikchor der Gardeschützen. 

Die grosse Mehrzahl der theilnehmenden Herren erschien in 
Uniform, den rothen Frack fand man nur vereinzelt vertreten. 

Pünktlich um 1 1/4 Uhr erschienen in denselben von Postillonen 
a la Daumont geführten Mailcoach, die gelegentlich des Rennens 
auf Westend benutzt worden war, die österreichisch-ungarischen 
Offiziere, und das Musikchor lieas die St. Hubertusfanfare ertönen. 

Die Begrüssung der Gäste durch die diesseitigen Offiziere 
war eine überaus herzliche. 

Graf Starhemberg hatte den ihm vom Kaiser verliehenen 
Rothen Adler-Orden angelegt. 

Während des Frühstücks führte der Oberpiqueur Palm mit 
den Piqueuren Hermke und Pielemann die aus 25 Koppeln be- 
stehende Meute unter den Klängen der italienischen Fanfara in 
den Schlosshof. 



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Um 2 Uhr schwangen sich 201 Herren und der elfjährige 
Sohn Otto des Majors v. Mitzlaff in die Sättel. Die ganze malerische 
Gruppe wurde durch die Photographen Seile undKuntze aus Potsdam 
aufgenommen und das Feld rückte unter den Klängen der Militär- 
kapelle „Frisch auf zum fröhlichen Jagen", die Meute voran, im 
Trabe nach dem Grunewald ab. Es sollte ein vierjähriges Haupt- 
schwein eingelegt werden. 

Der Keiler wurde im Jagen 114 angelegt und nahm die 
Richtung direkt auf die Saubucht zu, schwenkte dann nach rechts 
ab und durchkreuzte die Jagen 38, 139 und 140. Zehn Minuten 
nach dem Anlegen des Keilers gab die Meute lang Hals und das 
Feld folgte in sehr scharfer Gangart. Dicht bei Gadow nahm das 
Wild die Havel an. Im Wasser wurde der Keiler von dem Ritt- 
meister V. Klitzing vom Garde-Husarenregiment ausgehoben und 
der Oberst v. Kotze vom elften österreichischen Husarenregiment 
gab den Fang. Nach dem Halali vertheilte Graf zu Dohna die 
Brüche. Fünf Minuten vor vier Uhr war das Feld wieder in den 
Schlosshof zurückgekehrt. Die Jagd hatte genau vierzig Minuten 
gedauert. 

aT d) Die Tafel im Neuen Palais. 

y^^J^ achdem die Ehrungen für die österreichischen Distanzreiter 
SbÄJ^'^ von Seiten der Berliner und Potsdamer Regimenter in den 
'jS^iSk Tagen, in denen der Kaiser sich in Weimar befand, vor 
sich gegangen waren, bot sich demselben die einzige Gelegenheit, 
die österreichischen Herren sehen und begrüssen zu können, bei der 
Tafel, die den kühnen Reitern zu Ehren im Neuen Palais stattfand. 
Die österreichischen Offiziere, welche am Mittag schon an 
der Schleppjagd Theil genommen hatten, fuhren in königlichen 
Equipagen gegen 6 Uhr im Sandhof vor und traten in die Jaspis- 
gallerie ein, in der heller Kerzenglanz von den Spiegeln und der 
Marmor- und Jaspisbekleidung der W^ände strahlend reHektirte. 



151 







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Zunächst dem Obersten v. Steininger standen die (ister- 
reichischen Majors Graf Schaffgotsch und Frhr. v. Baillon, 
dann weiter im Haken die Oberlieutenants Graf Starhemberg 
und Miklos, die Lieutenants Höfer, Chavossy und die übrigen 
Sieger, geordnet nach ihrem Rekord. 

Um die festgesetzte Stunde erschien vom Muschelsaale her, 
unter Vortritt des Ober-Hof- und Hausmarschalls Grafen Eulen- 
burg, Sr. Majestät der Kaiser, mit ihm der Kronprinz und die 
Prinzen Fritz und Adalbert. 

Oberst Frhr. v. Steininger übernahm die Vorstellung der 
österreichischen Herren. 

Der Kaiser richtete einige Worte an die Herren und reichte 
jedem der Offiziere die Hand. Ebenso thaten der Kronprinz und 
die Prinzen Fritz und Adalbert. 

Lebhaft sprach der Kaiser mit dem Grafen Starhemberg 
und Herrn v. Miklos, ging die Reihe der Sieger hindurch und 
wandte sich dann zu den anderen Theilnehmern am Distanzritt. 

Als der Cercle beendet war, holte der Ober-Hof- und Haus- 
marschall Graf Eulenburg den Grafen Starhemberg herbei und 
geleitete ihn zu einem kleinen Tische, der vor dem Kamin stand. 

Hier war ein Kleinod der Kunst aufgestellt. Auf doppelter 
Basis von grünlichem und röthlichem Marmor erhob sich auf einem 
reich in Gold und Silber ornamentirten Postamente die silberne 
Büste Sr. Majestät des Kaisers in der Uniform des Leib -Garde- 
Husarenregiments. 

Am Sockel des im Geschmacke der Renaissance gehaltenen 
Kunstwerkes war die Widmung eingravirt: „Kaiser Wilhelm dem 
siegreichen Reiter der österreichisch -ungarischen Armee. Berlin 
1892 Wien". Es war der Ehrenpreis, den der Kaiser dem Grafen 
S t a r h e m b e r g überreichte. 

Weiter wurde der Graf dadurch geehrt, dass er an der Tafel 
im Muschelsaale den Platz rechts vom Kaiser erhielt; links vom 
Kaiser sass sein Kamerad Oberlieutenant v. Miklus. 

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Lieutenant v. Czavossy's braune Stute Exact. 

Nach Photographie gezeichnet von E. Köberle. 



20 



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Yon drausson, von der Terrasse, drangen die Töne der Musik, 
die vom Trompeterchor der Grardes- du -Corps ausgeführt wurde, 
in den vom funkebiden Gestein und Kerzenpracht blitzenden 
Muschelsaal. 

Yon grosser Wirkung auf die Gäste waren die Worte Sr. Maj. 
des Kaisers. Der hohe Herr begann, sich von seinem Platz er- 
hebend, damit, seiner Freude über die Anwesenheit der österreichischen 
Herren Ausdruck zu geben, seiner Freude über die Leistungen, 
durch die sie sich hervorgethan hätten. Dieser friedliche Wett- 
bewerb zwischen den beiden Armeen, fuhr Kaiser Wilhelm fort, 
habe dargethan, was wir von der österreichischen Armee lernen 
könnten. In dem Grafen Starhemberg werde ein Name gefeiert, 
der von Alters her mit der Geschichte der österreichischen Monarchie 
verknüpft sei. Der Sieg des Grafen erfülle ihn mit um so grösserer 
Genugthuung, als dieser ein Offizier seines österreichischen Regiments 
sei — ein Husar. Mit besonderer Wärme gedachte der Kaiser 
seines hohen Verbündeten, des Kaisers Franz Josef von Oesterreich- 
Ungarn, dem er besonders dafür zu Dank verpflichtet sei, dass er 
dieses Unternehmen begünstigt habe. 

In die Aufforderung, mit ihm auf das Wohl des Kaisers Franz 
Josef das Glas zu leeren, schliesse er auch das Wohl auf die 
österreichische Armee und deren Offiziere ein. 

Yoller und brausender haben wohl noch selten Hochs diesen 
Saal durchtönt, als diejenigen es waren, die der Einladung Kaiser 
Wilhelm's entsprachen, unter den Klängen der österreichischen 
Yolkshymne, die voll und kräftig von den Gardes-du-Corps 
intonirt wurde. 

Unterdessen waren auf Park und Schloss die Dunkel des 
Abends niedergesunken. 

Aus der Tiefe der grossen Allee von Sanssouci heraus blitzte 
es wie von Sternenlicht. Immer näher und näher kam der glänzende 
Schein unter den Wirbeln der Trommeln und den rauschenden 
Marschklängen: der Anmarsch des Zapfenstreiches. 






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Der Kaiser hob die Tafel auf und trat mit seinen Gästen 
durch die offenen Glasthüren hinaus auf die Rampe, um die An- 
kunft der Musikchors vom Parke her zu beobachten und ihren 
Produktionen zu lauschen. 

Lang anhaltender und schwellender Wirbel leitete die Musik- 
produktion ein. Sämmtliche Musikchors stimmten die öster- 
reichische Nationalhymne „Gott erhalte Franz den Kaiser" an, 
und in Begleitung sämmtlicher Tambours ertönte dann, ebenfalls 
von sämmtlichen Musikchors ausgeführt, der Radetzky-Marsch, 
darauf der Pappenheimer Marsch und der österreichische 
Zapfenstreich. 

Die Musikchors der Kavallerie stimmten den grossen Reiter- 
marsch des Grossen Kürfürsten an und bliesen auf Signal- 
trompeten die Stralsunder Fanfaren. Weiter wurden von allen 
Musikchors in Begleitung sämmtlicher Tambours der Armee- 
marsch 113 gespielt. 

Zuletzt erfolgte der grosse Zapfenstreich in Wieprecht'scher 
Bearbeitung, eingeleitet von sämmtlichen Spielleuten, zuerst mit 
dem Locken zum Zapfenstreich und dann mit den Wirbeln in acht 
Schlägen. Sämmtliche Musik- und Tambourchors führten den 
Zapfenstreich aus. 

Die Retraite wurde von den Musikchors der Kavallerie ge- 
blasen, worauf die Spielleute im Chor zum Gebet einschlugen und 
das Gebet von sämmtlichen Musikchors gespielt wurde. 

Darauf Abschlagen nach dem Gebet, Ruf nach dem Gebet, 
lang verhallender, an- und abschnellender Wirbel und Abmarsch 
nach der Parkseite von Sanssouci. 

Mit diesem Feste für die österreichischen Distanzreiter hatten 
die Ehrungen für sie ihren Höhepunkt erhalten. 



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e) Das Rennen zu Westend. 

ine grosse Schaar von Zuschauern umlagerte den Kaiserhof 
zu Berlin, um der I21/2 Uhr erfolgenden Abfahrt der öster- 
reichischen Gäste beizuwohnen. Es war ein stattlicher Zug von 
Wagen; voran eine elfsitzige prächtige Mailcoach, deren Gespanne 
Sonnenblumen in sehwarzgelben Farben als Eosetten trugen und 
deren Seiten mit gleichen Blumen geziert, während die Lehnen mit 
Seidenbänderu von gleichen Farben umwickelt waren. 

Es folgten sechs offene Yierspänner, die von Postillonen ä la 
Daumant bei schmetterndem Hörnerklang gefahren wurden, dann 
eine Menge offener Zweispänner, die Postillone vom Bock führten, 
und den Schluss bildete eine Anzahl Equipagen und Droschken. 

Auf die Mailcoach schwang sich als Führer der Rittmeister 
V. Keszycki, dem sich Oberst v. Kotz von den österreichischen 
Dragonern zugesellte. Auf der zweiten Bank hatte der Sieger 
Graf Starhemberg mit dem General v. Krosigk und dem öster- 
reichischen Militärbevollmächtigten, Obersten Frhrn. v. Steininger, 
Platz genommen, während die hinteren sechs Plätze von anderen 
österreichischen Offizieren besetzt waren. 

Tausende und Abertausende aus allen gesellschaftlichen Schichten 
waren herbeigeeilt, um sich an der grossartigen Ehrung zu betheiligen, 
und sie Alle waren von dem gleichen Gedanken beseelt, ihre auf- 
richtigen Sympathien für die befreundete Nation Oesterreich-Ungarns 
zum Ausdruck zu bringen. So lag denn der Schwerpunkt des Renn- 
tages nicht eigentlich in den Rennen selbst, so interessant sich diese 
auch gestalteten, sondern in der Auffahrt zu denselben, in den 
Zwischenpausen und in der Rückfahrt, 

Yon der Abfahrt der sechs Yiererzüge vom Kaiserhof an bis 
zu ihrer Rückkehr in die Stadt war dieser ganze Nachmittag 
eine ununterbrochene Kette von Ovationen für die österreichisch- 
ungarischen Offiziere. Am Wilhelmsplatz, in der Friedrichstrasse, 
Unter den Linden, in Charlottenburg, auf dem ganzen Wege, den 





157 



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die festlich gcsclimückten Mailcoaches zurücklegten, überall be- 
gleitete sie das stürmische Hurrahrufen der Menge und auf der 
Rennbahn selbst ist wohl noch nie ein zahlreicheres und glänzenderes 
Publikum versammelt gewesen, als gestern. 

Generalmajor V. Podbielski begrüsste in seiner Eigenschaft 
als zweiter Vorsitzender des Vereins die Herren mit folgender An- 
sprache: „Ich habe die Ehre, die Herren Offiziere aus Oesterreich- 
Ungarn im Namen des Vereins zu begrüssen, die von einem 
anstrengenden Ritte zu uns gekommen sind, um einem anderen 
friedlichen Wettkampf beizuwohnen. Die Stätte, auf der Sie sich 
jetzt befinden, meine Herren, ist von deutschen Reiterleuten aus 
eigener Initiative und mit eigenen Mitteln geschaffen, um einen 
frischen, fröhlichen Reitergeist zu pflegen. Nochmals willkommen, 
meine Herren, die Sie so Schneidiges geleistet haben, herzlich 
willkommen!" 

Die Herren nahmen hierauf in der Loge des Vereins Platz, 
von w^o aus sie mit sichtlich lebhaftem Interesse den einzelnen 
Rennen folgten, die einen ganz aussergewöhnlich spannenden Verlauf 
nahmen. Ein unbeschreibhch grossartiges und interessantes Lebens- 
bild ! Die glänzenden Uniformen, die eleganten Herbsttoiletten 
der Damen; wessen Auge ist rasch genug gewesen, um alles das 
zu sehen und zu übersehen? Und als nun gar das Hurrahrufen 
von der Chaussee her das Herannahen der österreichischen Gäste 
verkündete, wer beschreibt die ungeheure Bewegung, die da den 
weiten Platz durchrauschte. 

In der That, man muss Augenzeuge gewesen sein, um die 
Grossartigkeit dieser Augenblicke erfassen zu können. So vermochte 
denn selbst der glänzende Sieg, den Rittmeister v. Sydow im Hasel- 
horster Jagdrennen auf seiner „Wellgunde" errang, nur kurze Zeit 
die allgemeine Aufmerksamkeit an das eigentliche Rennen zu fesseln, 
kaum war das Ziel passirt, so konzentrirte sich das Interesse doch 
wieder auf die österreichisch-ungarischen Herren, die wohl an hundert 
Mal photographirt worden sind und deren frisches schneidiges Aus- 



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sehen nach der gewaltigen Strapaze allgemeine Bewunderun 
erregte. 

Im Mittelpunkte des Interesses stand natürlich Graf Starhem- 
berg, der in kameradschaftlichem Geplauder am Arme des Generals 
V. Rosenberg die Reihen durchschritt und sich ebenfalls schon 
wieder vollkommen erholt hatte. Wie auf der Hinfahrt begleitete das 
Publikum, das bis nach Berlin hinein die Chaussee in dichten Reihen 
umstand, auch auf der Rückfahrt die österreichischen Offiziere mit 
stürmischen Huldigungen und so wird der Tag von Westend in 
der Erinnerung der Herren an Berlin gewiss einen hervorragenden 
Platz einnehmen. 





f) Die Liebesmahle bei dem Gardekürassier- 
und 2. Dragonerregiment. 

ni Abend, nachdem die Rennen in Westend vorüber 
waren, fanden die Liebes mahle in Gemeinschaft mit 
Offizieren des Gardekürassier- und des 2. Gardedragoner- 
. Regiments statt, die ebenfalls einen glänzenden, vor Allem 
aber auch kameradschaftlich anregenden Verlauf nahmen. Dem 
Liebesmahl im Kasino des 2. Gardedragonerregiments wohnte auch 
General v. Krosigk bei, der neben dem Major Graf Seh äff - 
gotsch Platz genommen hatte, während Oberst Steininger an 
der Seite des Regimentskommandeurs Sr. Durchlaucht Oberst Prinz 
Heinrich XII. von Reuss plazirt war. Das Kasino, das den 
Grafen Starhemberg zu seinen Gästen zählte, war festlich ge- 
schmückt und auf der prächtig arrangirten Tafel prangten überall 
die österreichisch -ungarischen Farben. Nachdem der von der 
Regimentskapelle gespielte Radetzkymarsch verklungen war, be- 
grüsste Se. Durchlaucht Prinz Reuss in einer kernigen Ansprache, 
in der besonders auf die schneidige Reiterleistung der österreichischen 
Herren hingewiesen wurde, die Gäste und beschloss seine mit 




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L. 



Begeisterung aufgenommene Rede mit einem Hoch auf Se, Majestät 
den Kaiser von Oesterreicli und König von Ungarn, 
den erlauchten Verbündeten unseres Kaisers. Stehend hörte man 
im Ansehluss hieran die österreichische Nationalhymne an. Das 
Hoch auf Se. Majestät den Kaiser brachte Oberst v. Steininger 
aus, nachdem er seinen und seiner Kameraden Dank für die gast- 
liche Aufnahme in feurigen Worten zum Ausdruck gebracht hatte. 
Die deutsche Nationalhymne wurde hierauf ebenfalls stehend an- 
gehört. Später erschienen die Theilnehmer an dem Liebesmahl 
beim Gardekürassierregiment im Kasino der 2. Gardedragoner, um 
mit den hier anwesenden Herren r.och lange im kameradschaftlichen 
Beisammensein vereint zu bleiben. 





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XIII. 

ÜG lestlichkeiten iii iresderi. 



a) Biß Kalatafel im löDiiliclen EesiflenzscMosse. 



Die Ankunft der deutschen Distanzreiter in Dresden und ihr Empfang am 
Balmhofe. — Das Eintreffen der österreichisch- ungarischen Keiter am Berliner 
Ealmhofe. — Die Theilnehmer an der Gaiatafel. — Versammlung in den Sälen. — 
König Albert und seine Begleitung. — Die Galatafel und ihre Ausstattung. — 
.Schätze der Hofsilberkammer und des Grünen Gewölbes. — Menü der königlichen 
Tafel. — Weinsorteu. — Toast des Königs Albert. — Schluss der Tafel. 



li) Bas Festiilil Iie Ollersiaslno des CTaräereiterreiiiieils. 



Im Offizierskasino des Gardereiterregiments. — Schrauckgegenstände des Kasinos. 
— Kaltes Büffet. — Dreihundert Gäste. — Graf Starhembei-g vor dem Uhde'schen 
Gemälde. — Das Eintreffen der königlichen Prinzen und des Königs Albert. — 
Cercle im Kasino. — Oberstlieutenant v. Broizem's Trinkspruch auf die Gäste. — 
Der Trinkspruch des Herzogs Ernst Günther von Schleswig -Holstein. — Die 
Sieger im Brennpunkte der Unterhaltung. 






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önig Albert von Sachsen hatte es sich nicht nehmen 
^^j lassen, die Herren Distanzreiter zu einem gemeinsamen 
Ehrenfestmahle zu sich zu befehlen. Die deutschen 
Distanz reiter kamen mit einstündiger Verspätigung 
von Wien 9 Uhr 18 Minuten am 13. Oktober vormittags in Dresden 
an. Auf dem Böhmischen Bahnhofe hatte sich schon 3/^8 Uhr 
ein zahlreiches Publikum eingefunden, welches bis zur Ankunft 
des Schnellzuges immer mehr zunahm. Zur Begrüssung der an- 
kommenden Offiziere waren auf dem Bahnhofe anwesend: Se. Ex- 
cellenz der k. und k. österreichisch-ungarische Gesandte am königlich 
sächsischen Hofe, Graf Chotek, der Stadtkommandant Generalmajor 
V. Zeschau, der Kommandeur der 3. Kavalleriebrigade Nr. 32, 
Generalmajor Schultze, der Kommandeur des Gardereiterregiments, 
Oberst v. Broizem, der Major desselben Regiments, v. Oppen- 
Huldenberg, der Adjutant Sr. Excellenz des Herrn Kriegsminister, 
Rittmeister v. d. Busche- Streithorst u. s. w. 

Mit dem Zuge traf auch Se. Königl. Hoheit Prinz Friedrich 
Leopold von Preussen ein, setzte jedoch, der ursprünglichen Be- 
stimmung entgegen, die Fahrt ohne Unterbrechung bis Grossbeeren 
fort, während Se. Hoheit der Herzog Ernst Günther zu Schleswig- 
Holstein, zu dessen Empfang der Hofmarschall Sr. Hoheit, Kammer- 
herr Frhr. v. Buddenbrock, der Königl. Preuss. Gesandte, Excellenz 
Graf V. Dönhoff, geh. Legationsrath Kammerherr Frhr. v. Friesen 
und der Sr. Hoheit zugetheilte Hauptmann im Generalstabe, Krug 



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V. Nidda, komniandirt zur 2. Division Nr. 24, auf dem Bahnhofe 
erschienen, sich bald darauf nach dem königlichen Residenzschlosse 
begab. Die Offiziere nahmen grössten Thoils in Sendigs „Euro- 
päischer Hof" Absteigequartier. 

In gleicher Weise vollzog sich nach 11 Uhr auf dem Berliner 
Bahnhof die Bcgrüssung der von Berlin ankommenden öster- 
reichisch-ungarischen Offiziere, welche sich mittels zahlreich 



bereit gestellter Equipagen, 



Theil auf Umwegen, durch die 



Stadt nach dem Hotel „Bellevue" begaben. 

An der Galatafel nahmen Theil: Se. Majestät der König, Ihre 
Königl. Hoheiten Prinz Georg, Prinz Friedrich August, Prinz Johann 
Georg und Prinz Max, Se. Königl. Hoheit Herzog Ernst Günther 
zu Schleswig-Holstein, sowie die Herren des königlich grossen und 
prinzlichen Dienstes. Mit Einladungen waren beehrt worden: die am 
hiesigen königlichen Hofe beglaubigten Gesandten Preussens, Bayerns 
und Oesterreichs mit ihren Legationssekretären, der Königl. Sachs. 
Staatsminister der auswärtigen Angelegenheiten von Metzsch, der 
Königl. Sachs. Kriegsminister Edler v. d. Planitz, die Mitglieder 
der Berliner und Wiener Komitees für die Distanzritte mit den 
Königl. Preuss. Generallieutenants v. Krosigk, v. Rosenberg, dem 
k. und k. Feldmarschall -Lieutenant Frhrn. v. Gagern, sowie den 
k. und k. Generalmajors Frhr. v. Bothmer und Ritter v. Bardolo 
an der Spitze, ferner die an den Distanzritten betheiligt gewesenen 
österreichischen und deutschen Offiziere mit dem Herzog Ernst 
Günther zu Schleswig-Holstein, Hoheit, an der Spitze (Se. Königl. 
Hoheit der Prinz Friedrich Leopold von Preussen war durch Un- 
wohlsein behindert, am Feste Theil zu nehmen), und endlich von 
sächsischen Offizieren: die Generallieutenants v. Reyher und v. Kirch- 
bach, die Generalmajors Ilaberland, v. Minckwitz, v. Treitschke, 
V. Issendorff und Schnitze und Andere mehr. 

Die Yersammlung der Herren Komiteemitglieder und Distanz- 
reiter fand im Ballsaale statt, während sich die übrigen geladenen 
Gäste im Speisesaale versammelten. Lange Zeit vorher schon hatte 




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164 




sich ein zahlreiches Publikum im Schlosshofe und vor dem könig- 
lichen Residenzschlosse eingefunden, um dem interessanten Schau- 
spiele der Auffahrt der fremden Offiziere beizuwohnen. 

Am Fusse der Haupttreppe hatten zwei Schlossportiers, auf 
den Treppen Hoflakaien und am Eingange zur Gallerie in der 
zweiten Etage und in der Gallerie selbst je zwei Haiducken, letztere 
in der originellen ungarischen Tracht, Aufstellung genommen, um 
daselbst zu paradiren. 

Kurz nach 4 Uhr erschienen Se. Majestät der König, in der 
Uniform des Gardereiterregiments, vom grossen Dienst umgeben, 
sowie Ihre Königl. Hoheiten Prinz Georg, Prinz Johann Georg und 
Prinz Max mit dem prinzlichen Dienst im Ballsaale. Es erfolgte 
zunächst die Vorstellung sämmtlicher Herren Distanzreiter, indem 
Se. Majestät der König und Ihre Königl. Hoheiten die Prinzen die 
vier Reihen abschritten und dabei die Yorstellungen der k. und k. 
österreichisch-ungarischen Offiziere durch Graf Chotek, der Königl. 
preussischen Offiziere durch Graf Dönhoff, der Königl. bayerischen 
Offiziere durch Frhrn. v. Niethammer. Se. Majestät zeichneten 
namentlich die ersten Sieger durch huldvolle Ansprachen aus und 
begrüssten auch die vier sächsischen Offiziere, welche sich am 
Distanzritte betheiligt hatten. Später erschien Se. Königl. Hoheit 
Prinz Friedrich August, Höchst welcher zu Beginn der Yorstellung 
neben seiner erlauchten Gcmahhn, Ihre Kaiserl. und Königl. Hoheit 
der Prinzessin Luise, auf der Gallerie Platz genommen hatte, um der 
erlauchten Frau den Vorgang im Saale zu erläutern. Nach Schluss 
dieser, eine kleine halbe Stunde in Anspruch nehmenden Vorstellung 
zogen sich die Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften für kurze 
Zeit zurück, während welcher die unterdess durch das Thurmzimmer 
in den Bankett- und in den Eckparadesaal eingeführten sämmt- 
lichen Gäste plazirt wurden. Nachdem dies vollzogen war, wurde 
Sr. Majestät dem König durch Se. Excellenz Herrn Oberhofmarschall 
Grafen Vitzthum v. Eckstädt Meldung erstattet, worauf der Monarch 
mit den übrigen Fürstlichkeiten, umgeben vom königlich grossen 




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V und prinzlichon Dienste, Eintritf" durch den Bankettsaal in den 

Eckparadesaal nahmen. Im Eckparadesaal war eine Tafel zu 70 
Kouverts in Hufeisenform hergerichtet, an welcher Se. Majestät 
der König mit den übrigen durchlauchtigsten Herrschaften und den 
vornehmsten Gästen Platz nahmen. 

Sc. Majestät sassen in der Mitte der äusseren Seite dieser 
Tafel, rechts vom Monarchen: Ihre Königl. Hoheiten Prinz Georg, 
Prinz Friedrich August und Prinz Max, Königl. Bayer. Gesandter 
Baron Niethammer, Königl. Sachs. Staatsminister v. Metzsch, 
Königl. Sachs. Generallieutenant von Kirchbach etc., links vom 
Monarchen: Se. Königl. Hoheit Herzog Ernst Günther zu Schleswig- 
Holstein, Se. Königl. Hoheit Prinz Johann Georg, Königl. Preuss. 
Gesandter Graf Dönhoff, k. und k. österreichisch -ungarischer Ge- 
sandter Graf Chotek, Königl. Sachs. Generallieutenant v. Reyher etc., 
gegenüber vom Monarchen an der inneren Seite der Tafel: Königl. 
Sachs. Kriegs minister Edler v. d. Planitz, k. und k. Peldmarschall- 
Lieutenant Frhr. v. Gagern, die Königl. Preuss. GeneraUieutenants 
v. Krosigk und v. Rosenberg, Königl. Sachs. General der Kavallerie 
V. Carlowitz, die Sieger im Distanzritte: k. und k. Oberlieutenant 
Graf Starhemberg und Königl. Preuss. Premierlieutenant Frhr. 
V. Reitzenstein etc. 

Im Bankettsaale waren zwei lange Paralleltafeln zu je 75 Kou- 
verts aufgestellt, an welchen die jüngeren Herren Offiziere, öster- 
reichische, preussische, bayerische und sächsische abwechselnd neben- 
einander, Platz genommen hatten. 

Die königliche Tafel zählte somit im Ganzen 220 Gedecke. Das 
Bild, das die illustre Versammlung bot, war bei der Yerschieden- 
artigkeit der vielen fremden Uniformen, namentlich der in soKdi' 
grosser Anzahl hier wohl noch nicht gesehenen österreichischen 
Uniformen, ein sehr farbenreiches und höchst interessantes. Bei 
dem Charakter des ganzen Festes war natürlich die Kavallerie- 
uniform vorherrschend; man sah nur wenige Uniformen anderer 
Truppentheile. 







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Die königliche Hofwirthschafts- Direktion hatte für das Tafel- 
arrangement die kostbarsten Schätze der königlichen Hofsilberkammer 
verwendet. Im Eckparadesaale prangte das Goldservice. Sechs 
grosse goldene Epargnen, viele goldene Schüsseln mit Glocken, 
Terrinen mit wappenhaltenden Löwen gekrönt, schwere Girandols 
und sonstige Goldgeschirre, Watteauporzellane und kostbare Blumen- 
vasen in Rokokostyl zierten die Tafel. In der Mitte derselben 
stand ein goldener Blumenkorb mit dem entzückendsten, duften- 
den Blumenarrangement. 

Der Bankettsaal zeigte sich im Schmucke von silberner Tafel- 
dekoration. Die Mitte der einen Tafel zierte die grosse silberne, 
sogenannte „Polnische Epargne" mit einem Adler, das königlich pol- 
nische, und einem Löwen, das königlich sächsische Wappen haltend, 
umgeben von Genien, Blumen werk und Kaskadellen; die andere 
Tafel, ein hoher silberner Tafelaufsatz mit der Saxonia und Emblemen 
der Forst- und Landwirthschaft, des Handels und Gewerbes etc. 
Letztgenanntes Meisterstück der Silberschmiedekunst ist ein Hoch- 
zeitsgeschenk der sächsischen Kreisstände an Ihre Königl. Majestäten. 
Rechts und links an diese werthvollen Prunkstücke schlössen sich 
die kostbarsten silbernen Kandelaber und Girandols, sowie Terrinen, 
Schüsseln mit Glocken, Meissner Porzellangeschirr mit rother 
Drachenmalerei an. Dazwischen boten die geschmackvollen Blumen- 
dekorationen dem Auge ein abwechselungsreiches, buntfarbiges Bild. 

Bei der tausendfachen Kerzenbeleuchtung gewährten die könig- 
lichen Festräume einen prächtigen Anblick; das Glitzern und Funkeln 
von Uniformen, Gold- und Silbergeräthen, sowie Krystallglaswerk 
war herrlich anzusehen. Das reichhaltige Menü, das am Kopfe das in 
hellgrün geprägte königlich sächsische Majestätswappen zeigte, lautete: 

Consomme Ollio. ± Salade de homards d'Ostende. 

Croute de becasses. ^ Poulardes, salade et compote. 

Filets de soies frits, sauce ä la Suedoise. j Plumpouding Saboyon. 
Aloyau ä la Portugaise. I Fromage. 

Conetons ä la d'Albufera. y Glaces de noir et de fraises. 

Dessert. 



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Zu vor<i,('na nuten Spoison wurden fol^-endc Weine servirt: 
Spaikling Moselle. — 1868er Steinberger Cabinet. — Chäteau Grand Larose. — 
St. Estephe. — Rüdesheimer. — Champ. Eugene Clicquot. — 1746 er Tokayer. 

Nachdem der Braten und Champagner servirt wurden waren, 
geruhten Se. Majestät der König folgenden Trinkspruch auszubringen: 

„Meine Herren! Ich fordere Sie auf, dieses Grlas zu leeren 
auf das Wohl zweier Monarchen, Selbsterhabener Vorbilder eines 
schneidigen Reitergeistes, welche durch Sie, meine Herren, so vor- 
zügliche Früchte gezeitigt haben. Se. Majestät der Kaiser von 
Oesterreich und der deutsche Kaiser, sie leben Jioch!" 

Dieser Toast wurde mit dreimaligen begeisterten Hoclirufen 
der Anwesenden und dreimaligen Fanfaren der Hoftrompeter auf 
langen silbernen Feldtrompeten und Wirbeln auf silbernen Pauken 
begleitet. 

Die Tafelmusik führten die Kapellen des Königl. Gardereiter- 
regiments und des 1. Königl. Feldartillerieregiments Nr. 12 aus. 

Nach 6 Uhr wurde die königliche Tafel aufgehoben. Die Aller- 
höchsten und Höchsten Herrschaften verfügten sich mit den übrigen 
Festtheilnehmern in den Ballsaal bez. Stucksaal und hielten daselbst 
Cercle, während dessen Kaffee und Liqueur servirt wurden. Um 
1/48 Uhr war der Cercle beendet; Se. Majestät zogen Allerhöchst- 
sich mit den Fürstlichkeiten zurück und auch die übrigen Herren 
verliessen die gastlichen Räume des königlichen Residenzschlosses, um 
sich zu einer kameradschaftlichen Vereinigung im Offizierskasino 
des Königl. Gardereiterregiments zu begeben. 



b) Das Festmahl im Offizierskasino des Gardereiterregiments. 

ine Stunde nach Beendigung der Galatafel im königliehen 
Residenzschloss, etwa um 8 Uhr, begannen sich die 




Räume des Offizierskasinos des Gardereiterregiments in der Albert- 
stadt, dem Stadttheile der Militäretablissements, mit den Theil- 
nehmern an der kameradschaftlichen Vereinigung, zu welcher das 



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Offizierkorps des Regiments ca. 290 Einladungen erlassen hatte, 
zu füllen. Die Kasinoräume selbst machen einen nicht prunkvoll 
überladenen, aber äusserst vornehmen Eindruck. Der grosse Raum 
ist der in lichtem Grau gehaltene Speisesaal, welchen ein über- 
lebensgrosses Gemälde Sr. Majestät des Königs von Leon Pohle 
als einziger Bilderschmuck ziert. 

Geführt von den Offizieren des Gardereiterregiments widmeten 
die fremden Offiziere ihre Theilnahme namentlich den silbernen 
Kesselpauken und den 12 silbernen Feldtrompeten, welche einst 
von dem Regiment erbeutet und demselben vom König Johann als 
Geschenk überwiesen worden sind. 

Auf einer mächtig langen Tafel hatte die Verwaltung des 
Offizierskasinos ein glänzendes kaltes Büffet errichtet, würdig eines 
Lucullus; auf dieser Tafel hatte auch das werthvolle, mit Rosen, 
Veilchen und Levkoyen garnirte Silbergeschirr des Offizierskorps 
Aufstellung gefunden und vor derselben waren etwa 10 runde 
Tische mit 6 — 8 Gedecken aufgestellt, an denen später die Aller- 
höchsten Herrschaften und die höchsten Offiziere speisten. Die 
Regimentskapelle konzertirte von dem erhöht gelegenen Podium aus. 

Die übrigen Räume, ein Empfangszimmer, ein Konversations-, 
ein Lese-, ein Rauch-, ein Spielzimmer, nahmen zunächst die an- 
kommenden 300 Gäste auf. Nicht ohne Interesse ist in diesen 
Räumen der schöne Schmuck der Bilder. 

Neben den Bildnissen vieler Mitglieder unseres Kaiser- und 
unseres Königshauses erblickt man hier die Portraits sämmtlicher 
Kommandeure des Regiments; besonders hervortretend sind hierbei 
die Oelgemälde von General -Wachtmeister Ulrich Graf Promnitz 
(1680—82) und Schelm vom Berge (1813—35). 

Als bedeutendstes Kunstwerk ist jedoch das in seinem Ent- 
wurf zweifellos höchst glückliche Gemälde „Die Entsetzung Wien's 
von den Türken" (1683) von Uhde anzusehen, das an Kämpfe 
gemahnt, an denen das sächsische Reiterregiment bekanntlich ruhm- 
voll betheiligt war. 



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Ein eigenthümlicher Zufall hatte es gefügt, dass der erste 
Sieger der Distanzreiter, Graf Starhemberg, vor das den Reiter- 
angriflP des Kurfürsten Johann Georg IIT. an der Spitze des jetzigen 
Gardereiterregiments mit dem Obersten v. Plotho darstellende Ge- 
mälde geführt werden konnte. Einem Urahnen des heute so viel 
gefeierten schneidigen Reiteroffiziers, dem Grafen Starhemberg, ist 
bekanntlich die erfolgreiche Vertheidigung der bedrängten Kaiser- 
stadt zu danken gewesen. 

Kurz nach 8 Uhr zeigten sich die Räume von deutschen und 
österreichischen Offizieren, vornehmlich der Kavallerie, dicht, aber 
durchaus nicht überfüllt, so dass auch, als das Speisen an ein- 
geschobenen kleinen Tischen begann, sich ein höchst behaglicher 
Yerkehr entfalten konnte. 

Das ausgezeichnete Arrangement lag speziell in den Händen 
des Herrn Rittmeisters v. Mangoldt. Vor dem Eintreffen Sr. 
Majestät des Königs erschienen Ihre Königl. Hoheiten die Prinzen 
Georg, Friedrich August, Johann Georg und Max und Se. Hoheit 
Herzog Günther von Schleswig-Holstein. Die königlichen Prinzen 
trugen die Uniformen wie an der vorangegangenen Hoftafel. 

Dem Gefolge Sr. Majestät des Königs, welcher von dem 
Regimentskommandeur Oberstlieutenant v. Broizem und Major 
V. Oppen-Huldenberg ehrfurchtsvoll begrüsst und eingeholt wurde, 
gehörten an: die Excellenzen Generaladjutant Frhr. v. Hodenberg, 
Oberhofmarschall Graf Yitzthum, Oberkammerherr Graf Yitzthum, 
Obcrstallmeister v. Ehrenstein, Oberhofmeister v. Watzdorf, 
Zeremonienmeister v. Carlowitz - Hartitzsch und Flügeladjutant 
Oberstlieutenant Wilsdorff. 

Von den Herren Staatsministern waren zugegen Excellonz 
V. Metzsch und Excellenz Kriegsminister Edler von der Planitz, 
von den Gesandten die Excellenzen Graf Dönhoff und Graf Chotek, 
sowie Frhr. v. Niethammer. 

Nach einem kurzen Cercle der Allerhöchsten Herrschaften 
nahmen dieselben mit den höchsten österreichischen und deutschen 




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Offizieren und den hervorragendsten Siegern im Distanzritt, dem 
ürafen Starhemberg, Rittmeister v. Reitzenstein und Oberlieutenant 
V. Miklös, an verschiedenen Tischen im grossen Speisesaal Platz, 
während sich die übrigen Theilnehmer um kleine Tische in den 
anderen Räumen gruppirten. 

Bald entfaltete sich nunmehr ein durchaus zwangloses Treiben, 
munter wurden die Angriffe auf die ausgezeichnete Küche und die 
Gretränke immer von Neuem wiederholt und die Privatgespräche 
kamen in regsten Fluss. Das fröhliche Schmausen wurde durch 
zwei Ansprachen unterbrochen. Der Regimentskommandeur Oberst- 
lieutenant V. Broizem brachte folgenden Trinkspruch: 

„Mit Allerhöchster Zustimmung bitte ich um Erlaubniss, im 
Namen der Offiziere des Gardereiterregiments unsere Gäste will- 
kommen zu heissen, unserem Dank und unserer Freude Ausdruck 
zu geben. Haben wir doch das Glück und die Ehre, unseren Aller- 
gnädigsten Chef, König und Herrn, die königlichen Prinzen und 
einen erlauchten Verwandten des kaiserlichen Hauses hier zu be- 
grüssen, ist es uns doch aber auch vergönnt, eine kavalleristisch 
erlauchte Versammlung von unvergleichlicher Zusammensetzung hier 
vereinigt zu sehen. In herzlicher Kameradschaft rufen wir unseren 
deutschen wie unseren österreichisch-ungarischen Gästen, mit welchen 
beiden uns alte Waffenbrüderschaft verbindet, Willkommen in 
Sachsen zu, willkommen in Dresden, willkommen an diesem Ort. 
Möchte es Ihnen hier wohl gefallen, wie wir alle des Tages ge- 
denken werden, wo die grossartige kavalleristische Veranstaltung, 
welche uns Alle in athemloser Spannung erhalten, und welche so 
gewaltige Leistungen zu Tage gefördert hat, in diesen Räumen 
ihren Ausklang genommen hat. Auf das Wohl unserer Gäste aus 
Nord und Süd. Sie leben hoch!" 

In das brausende Hurrah stimmten sämmtliche Anwesende 
mit Begeisterung ein. Nach wenigen Minuten erhob sich Se. Hoheit 
Herzog Ernst Günther von Schleswig-Holstein zu folgender An- 
sprache, welche die Versammlung stehend anhörte: 





171 



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„Meine (isterreichischen und deutschen Kanieriiden! Teil glaube, 
einen Jeden von uns drängt es zu einem Hoch auf Se. Majestät, 
durch dessen Gnade wir hier vereinigt sind, zu einem Hoch auf 
den Monarchen, der gleich geliebt und verehrt in Oesterreich-Ungarn 
und in allen deutschen Gauen. Ich fordere Sie auf zu einem drei- 
fachen Hurrah: Se. Majestät König Albert, er lebe hoch!" 

Mit Begeisterung folgten all(> Anwesenden dieser Aufforderung, 
während die Musik mit schmetternden Fanfaren einfiel. Nachdem 
das Speisen zu Ende war, wurden die Gespräclie bei Champagner, 
Bier und der Zigarre fortgesetzt. Namentlich bildeten die ersten 
Sieger die Brennpunkte der Unterhaltung, in welcher dieselben die 
interessantesten Momente ihres Rittes zum Besten gaben. Die Aller- 
höchsten Herrschaften beehrten viele Anwesende mit Ansprachen; 
u. A. wurde Graf Starhemberg von Sr. Majestät dem König in ein 
sehr langes Gespräch gezogen. Bis nach 10 Uhr schenkten die 
Allerhöchsten Herrschaften dem prächtigen Fest ihre Gegenwart, 
ohne dass dasselbe alsdann seinen definitiven Abschluss fand. Ein 
grosser Theil der Theilnehmer blieb noch bis um Mitternacht ver- 
einigt. Allen wird dieses Fest mit seinem frischen kameradschaft- 
lichen Geiste unvergesslich sein! 




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XIV. 



Unser© Mederlage. 



Gesichtspunkte. — Die Gründe für die Niederlage. — Der Wertli der Ritte in 
militärischer Beziehung. 




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'0^3 erlin stand in der vergangenen Woche im Zeichen des 




Distanzrittes. Abgesehen aber von der Bedeutung, welche 
das in seinen Dimensionen grossartig gedachte und an- 
gelegte Unternehmen für den Sport hatte, sind andere höhere 
Gesichtspunkte vorhanden, von denen aus der Distanzritt gewürdigt 
werden muss. 

Schon das treffliche Heft: „Die Offizier-Patrouille im Hahmen 
der strategischen Aufgaben der Kavallerie von Georg v. Kleist, 
Major im Generalstab, Berlin 1891 bei E. S. Mittler & Sohn, ver- 
weist auf den Werth der Distanzritte für die mihtärische Ausbildung." 
Es heisst dort: 

„Man wird also auch in Zukunft auf die eine oder andere 
Art selbst durch feindliche Yorpostenstellungen hindurch können, 
in günstigem Falle auch die Flügel umreiten. Wer die Mühe nicht 
scheut, auch einmal Tag und Nacht zu reiten, wird noch immer 
erstaunlich viel vom Feinde sehen und melden können. Dazu 
gehört nur Freude am Leben im Sattel, die zahlreichen Distanzritte 
in unseren Tagen sind eine vortreffliche Schule auch für Patrouillen- 




175 







roiter" und weiter: „p]s verdient hei'voi'geiioben zu werden, dass 
der Offizier auch auf die Schnelligkeit der Beförderung seiner 
Nachrichten grossen Werth zu legen hat." 

Die Entfernung zwischen Start und Ziel des Distanzrittes, auf 
der nächsten, beide Punkte verbindenden Landstrasse gemessen, 
betrug 571,5 Kilometer. Vom militärischen Standpunkt und mit 
Rücksicht auf das, was die militärische Praxis im Ernstfall mit 



sich bringt und bringen k 



würde das Längenmaass, welches 



in das durch andere Faktoren für diesmal bestimmt wurde, etwas 
reichlich erscheinen; es ist nicht zu erwarten, dass die Praxis des 
Krieges einen Ritt von gleicher Länge mit sich bringt. Anderer- 
seits würde es das militärische Interesse ungemein steigern, wenn 
di(! Bedingungen künftiger Distanzritte noch kriegsgemässer gestaltet 
würden, also z. B.: Reiten nur von Pferden, die längere Zeit von 
dem Reiter bereits im Dienst geritten sind; ^¥egfall aller Vor- 
bereitungen des Weges, des Nachtquartiers u. s. w. ; sowie aller 
Ra^'emacher und anderer auf Patrouillen im Feindesland nicht vor- 
kommenden Begleitungen zu Stahlross und zu Wagen. Aus der 
Betonung dieser militärischen Seite würde sich dann von selbst 
ergeben, dass die Schnelligkeit, welche die kriegsgemässe Beförderung 
von Nachrichten erfordern würde , auch hier den Massstab für das 
Tempo einerseits, und für die zulässige Schonung des Pferde- 
materials andererseits bilden müsste. 

Lidessen sollen diese Betrachtungen nichts Anderes bezwecken, 
als Anregung zur Erwägung bei Fortbildung der gewiss zeitgemässen 
Einrichtung zu bieten, welche vielleicht für Prüfungen im In- 
teresse der Pferdezucht unentbehrlich sein mag, für diejenige Aus- 
dauer und Härte des Materials, die die hervorragendsten Eigen- 
schaften des Kavallerie-Reitpferdes bilden müssen, anscheinend aber 
keine direkte Gewähr bietet. 

Das Resultat des Distanzritts Wien -Berlin und umgekehrt, 
wie er nun einmal proponirt und von den Theilnehmern acceptirt 
war, ist eine klipp und klare Niederlage auf unserer Seite. 







176 



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Lieutenant Haller's braune Stute Fatma. 

Nach Photogi-aphio g-ezeichnet von E. Köberle. 



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Jedenfalls gebührt den Reitern aus Oesterreich- Ungarn für 
die bewiesene Reitkunst, die im Ganzen wie durch einzelne Leist- 
ungen zur Geltung gebrachte hervorragende naturwüchsige Kraft- 
enthaltung und hervorragende Energie die ungeth eilte Anerkennung 
und sympathische Bewunderung, die wir in gleicher Zeit der un- 
garischen Pferdezucht und ihren Erfolgen zollen müssen. 

Ganz unabhängig von diesem rückhaltlosen Bekenntniss des 
Unterliegens hätten wir aber folgende Bemerkungen zu machen: 
die Art der Proposition schloss die Möglichkeit einer vollkommen 
gerechten Prüfung auf gleicher Grundlage aus und zwar aus zwei 
Gründen : 

1. Der Ritt von Berlin nach Wien ist nicht derselbe, wie 
der von Wien nach Berlin, so lange nicht eine vollkommen vertikale, 
in ihrer ganzen Länge vollkommen ausgeglichene Bahn von einem 
Ziel zum andern führt; es ist für das Schlussergebniss ein ge- 
waltiger Unterschied, ob Terrain -Schwierigkeiten von einem noch 
frischen oder bis an die Grenze der Kräfte mitgenommenen Pferde 
zu überwinden sind. 

2. Der Ritt am dritten und zweiten Tage ist nicht derselbe, 
wie der am ersten Tage. Witterungsverhältnisse, die zu verschie- 
denen Zeiten und an verschiedenen Orten verschieden sind, können 
die verschiedenen Leistungen in verschiedener Weise beeinflussen; 
moralische Faktoren, die sich aus der den später Startenden nicht 
abzuschneidenden Kenntniss der Leistungen der Yorreitenden er- 
geben, thun es bestimmt. Bedenken gegen einen gleichzeitigen 
oder fast gleichzeitigen Start dürften um so weniger sich recht- 
fertigen lassen, als das System des absoluten Alleinreitens der 
Entziehung jeden Führens durch ein anderes Pferd von vornherein 
fallen gelassen, jedenfalls nicht durchgeführt ist. 

Haben aus dem ersterwähnten Punkte vielleicht unsere sieg- 
reichen Gegner Nutzen gezogen, so bestimmt unsere Reiter des 
dritten Tages aus dem zweiten. Sie konnten bereits aus der uns 
am ersten Tage ertheilten Lehre Nutzen ziehen und das Resultat 



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179 



war ein derartig überraschendes, dass wir dem nächsten Distanzritt 
getrost mit gutem Muthe entgegen sehen können. 

Sehr interessant ist, dass von den deutschen Siegern 4 am 
ersten, nur 2 am zweiten und 11, darunter die ersten 8, am dritten 
Tage abgeritten sind. Wären also die ersten geritten, wie die 
letzten, da man im Allgemeinen berechtigt ist, Gleichheit des 
Materials vorauszusetzen, so wäre das Resultat wahrscheinlich ein 
anderes gewesen. Auch bei unserm verehrten Gegner bestätigt 
das Zahlenverhältniss unsere Ansicht. 9 der Preisträger sind am 
ersten, dagegen 16 am zweiten Tage abgeritten. 

Unter den österreichisch-ungarischen Pferden, die zum Siege 
geritten sind, überwiegen die Stuten, unter den deutschen die 
Wallache erheblich; Yollblutpferde befinden sich anscheinend unter 
den Siegern gar nicht oder nur vereinzelt, Chargenpferde zählen 
wir zwei, und zwar die Pferde der Lieutenants v. Kronenfeld und 
V. Kummer. 

Wir fügen hier noch ein Urtheil eines höheren Offiziers über 
den Werth derartiger Ritte bei. Derselbe sagt: 

So sehr mich dieser Ritt interessirt hat, muss ich doch sagen, 
dass es nicht die beste Yorbereitung für unsere Kriegszwecke ist, 
diese liegt noch auf einem anderen Felde. Die höchsten Leistungen 
werden wir immer bei Ordonnanz- und Patrouillenritten zu suchen 
haben. 

Ein Offizier auf Patrouille wird selten in Hauptmomenten 
viel Gebrauch von den Chausseen machen können; reitet er auf 
solchen Wegen, so stösst er allerdings sicher auf den Feind, er 
bekommt vielleicht auf 800 bis 1000 Meter Feuer und weiss dann, 
dass der Ort besetzt ist, mehr aber auch nicht. Will er nun ausser 
dieser ersten Meldung noch eine genauere bringen, so muss er sich 
ins Gelände begeben und dem Feinde in die Flanke zu kommen 
suchen; denn nur von da aus wird er etwas sehen können. Um 
den Entschluss dazu zu fassen, ist es nothwendig, auf einem Pferde 
zu sitzen, welches ihn schnell und sicher auf mehrere Kilometer 



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180 



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über das schwierigste Terrain hinwegbringt. Ganz ähnlich wird 
es dem Führer von Kavallerie-Abtheilungen, mögen sie gross oder 
klein sein, ergehen. Weiss derselbe, dass sowohl er für seine 
Person als auch die Truppe selbst in schwierigem Gelände nicht 
recht vorwärts kommen kann, so wird er sich aus diesem Grunde 
schon abhalten lassen, gegen den Feind überhaupt vorzugehen. 
Für diesen Zweck nutzt ihm nun das Distanzpferd leider nicht; 
denn wir haben gesehen, dass zum Distanzritt sogar Wagenpferde 
benutzt worden sind, die auf Strassen sehr gut, im Terrain dagegen 
sehr wenig zu gebrauchen sind; es muss ein Pferd sein, welches 
in Form von Jagden unter ihm im Frieden schon gewohnt war, 
schwieriges Gelände zu überwinden. Ich bin also der Ansicht, 
dass wir, ohne dabei gegen Distanzritte sprechen zu wollen, im 
Frieden mehr auf Jagden als wie auf oben erwähnte Ritte Werth 
legen müssen, besonders auf Jagden, wie sie in Hannover unter 
General v. Krosigk geritten w^orden sind. Was dieser General 
in dieser Beziehung mit Dienstpferden geleistet hat, war uns bis 
dahin auch unbekannt, und hat er dadurch für unsere Zwecke 
einen geradezu grossartigen Nutzen geschaffen. 

Es mag nun aber sein wie es will, die Leistungen sämmt- 
licher Herren auf beiden Seiten, welche angekommen sind, sind 
unerwartet grossartige. Wer in 100 Stunden 85 deutsche Meilen 
reitet, hat eine Leistung hinter sich, auf die er stolz sein kann. 

Es mag sich erst ein Jeder ein Urtheil nach dieser Richtung 
hin erlauben, der in seinem Leben ähnliche Ritte gemacht hat. 
Laien in dieser Beziehung werden gut thun, das Geschehene als 
Thatsache hinzunehmen, sich aber jeden Tadels über einen spät 
eingekommenen Reiter zu enthalten. 

Wenn sich Herr v. Reitzenstein, wie es jetzt doch unzweifel- 
haft zu sein scheint, um 7 Meilen verritten hat, mithin 92 Meilen 
in 73 Stunden und 6 Minuten geritten ist, so ist dies eine Leistung, 
die wir nur anstaunen, aber kaum beurtheilen können. Im Uebrigen 
muss man noch hervorheben, dass auf alle am Steuerhaus An- 



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wesenden das Einkommen der österreichischen Offiziere einen 
geradezu überwältigenden und in hohem Grade imponirenden Ein- 
druck machte. Die Pferde waren durchweg überraschend frisch 
und sind nur durch die Reiter selbst übertroffen worden; keiner 
der Herren machte einen ermatteten Eindruck. Einem Jeden 
musste das Herz aufgehen, als er die leichten, strammen, elas- 
tischen Figuren mit den schönen jugendlichen Gesichtern, aus 
denen Freude strahlte, ankommen sah. 




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182 






XV. 



Spezielles aus einzelnen Ritten. 



a) Graf Starhemberg. 



Biographisches. — Athos. — Näheres über Athos. — Kekognoszirungsritt. 
Ein zweiter Ritt. — Yor Znaim. — Ankunft am Ziel. 



b) Freiherr v. Reitzenstein. 

Lippspringe. — Halt in Stöckerau. — Werth des Distanzrittes. — Für und 
Wider. — Das Rennen. — Erwägungen und Vorbereitungen. 

c) Oberlieutenant Höfer. 

Einzelheiten über Minerva. — Schilderung des Rittes. — Sturz bei Bautzen. — 
Am Namenstag Hofer's. — Auf dem Tempelhofer Felde. 






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Prinz Friedrich Leopold's Fuchswiillach Taurus. 

Nach Photographie gezeichnet von E Kübcrle. 




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a) Graf Starhemberg. 

raf Starhemberg ist ein Sprossling jener Adelsfamilie, 
deren Ahnherr vor mehr als 200 Jahren dem 
bedrängten Wien Entsatz gegen die Türken 
brachte und der daher der „Türkenbefreier" ge- 
nannt wurde. Sein Name hat als Reiter im 
Nachbarlande einen guten Klang und unter den im Yerhältniss zu 
Deutschland wenig zahlreichen Herrenreitern daselbst ist er der 
Besten einer. Auch eine Berliner Rennbahn, die zu Charlottenburg 
nämlich, hat ihn bereits im Sattel gesehen, und zwar war es im 
Jahre 1890, wo er auf den Höhen von Westend am 12. November 
im Barometer-Jagdrennen Graf R. F. Kinsky's „Alphabet" in 
einem Felde von 12 Pferden hinter „Androcles" und „Priorig 
Boad" auf den dritten Platz steuerte. 

In Oesterreich-Ungarn hat er im Jahre 1892 37 Mal geritten 
und 6 Siege und 13 zweite Plätze errungen, während sich seine 
früheren Leistungen auf der Rennbahn wie folgt stellen: 1891 
31 Ritte, 4 Siege, 12 zweite Plätze, 1890 30:4:12, 1889 22:5:7, 
1888 15:4:2 und 1887 6:1:3. Es war letzteres das erste Jahr 
seiner Thätigkeit auf dem Turf, wo ihm allerdings ein Erfolg in 
der Wiener Armee -Steeple- Chase bisher noch nicht zu Theil ge- 
worden ist, während sein Bruder Graf Ernst die unserem grossen 
Armee -Jagdrennen zu Hoppegarten entsprechende Konkurrenz 
1886 gewann. 





187 



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Graf W. Starhembcrg vollbrachte die glänzende Distanzritt- 
leistung nicht mit einem eigenen Pferde, sondern hatte den neun- 
jährigen schwarzbraunen Wallach „Athos von Mars", ein im Gestüt 
des Grafen Forgay gezogenes Halbblutpferd, unter sich, das Eigen- 
thum des Rittmeisters v. Baczak von den 10. Husaren ist. Der 
erfolgreiche Reiter selbst gehört als einer der jüngeren Ober- 
lieutenants dem 7. Husarenregiment an, das in Kecskemet in Ungarn 
garnisonirt und dessen Chef bereits seit dem Jahre 1885, als er 
noch Prinz war, Kaiser Wilhelm II. ist, nachdem es von 1864 bis 
zu seinem Tode Prinz Friedrich Karl von Preussen gewesen war. 

lieber das Pferd des Grafen Starhemberg und seinen Ritt 
schrieb derselbe in dei- „Neuen Freien Presse": 

„Athos", ein Sohn des Yollbluthengstes „Mars", aus einer 
edlen Halbblutstute, erblickte das Licht der Welt in dem Graf 
Forgach'schen Gestüte zu Mandok in Ungarn. Er ging vierjährig 
in den Besitz des bekannten Sportsmann Baron Dewitz über und 
wurde von diesem für Hinderniss-Rennen bestimmt. „Athos" ver- 
weigerte indes hartnäckig die Arbeit sowohl, wie das Nehmen von 
Hindernissen und setzte es durch, dass er nie am Ziel anlangte. 
Nachdem vergeblich versucht worden war, ihn durch unglaublich 
lange und scharfe Galopps quer durch das Terrain soweit zu 
ermüden, dass er für die von ihm verlangten Leistungen gefügiger 
würde, kaufte ihn der als Reiter bekannte Rittmeister v. Bacsak 
von den österreichisch-ungarischen 7. Husaren und machte aus dem 
widerspenstigen Thiere mit grosser Mühe schliesslich ein verlässliches 
Frontpferd und ein vorzügliches Gebrauchspferd. Graf Starhemberg, 
dessen Vorgesetzter damals Rittmeister v. Bacsak war, hatte Ge- 
legenheit, den „Athos" zu Schleppjagden u. dergl. öfters zu reiten 
und seine vorzüglichen Eigenschaften als ausdauerndes, hartes Pferd 
können zu lernen. „Athos" wurde dem Grafen Starhemberg, sobald 
das Distanzritt-Projekt auftauchte, von seinem Besitzer zur Ver- 
fügung gestellt und erfüllte, wie bekannt, die in ihn gesetzten 
Ilotl'nungen glänzend. Als Vorbereitung diente ein Rekognosziruugs- 




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ritt mit „Athos" nach Berlin, welcher in 7 Tagen zurückgelegt 
wurde, tcäglich 75 bis 85 Kilometer in je 7 bis 8 Stunden, nur die 
letzte Strecke von 150 Kilometer in forcirtem Ritt in 11 Stunden. 

Das Pferd kam ganz frisch in Berlin an, die starken Pantoffel- 
eisen aus Gussstahl ohne Stollen, welche im k. k. Militär-Reitlehrer- 
Institut aufgelegt waren, zeigten eine kaum bemerkbare Abnutzung 
und war nach einem Ritt von 580 Kilometer auf harter steiniger 
Strasse kein ]S^agel an ihnen gelockert. 

Nachdem der Reiter auf einem zweiten Ritte mit untergelegten 
Pferden bis an die deutsche Grenze sich von seiner eigenen 
Leistungsfähigkeit dadurch überzeugt hatte, dass er 330 Kilometer 
in 36 Stunden überwand, stellte er für den Konkurrenzritt ein ganz 
genaues Programm nach Stunden und Minuten auf, das er auch 
bis auf IY2 Stunden, welche Zeit er abgeirrt vom Wege zul)rachte, 
genau innehielt. Das Programm lautete: Berlin soll erreicht werden 
in 3 Tagen weniger 2 Stunden, dazu ist nöthig: Reisetrab wie bei 
der Truppe von 260 bis 280 Schritt in der Minute; bis Weisswasser 
bergab absitzen und das Pferd im Schritt und Trab am Zügel 
führen; auf schlecht gepflasterten Ortsstrassen ebenfalls absitzen; 
die erste Hälfte des Weges schonend, die zweite schärfer reiten. 
Rasten und Nachtstationen sollten gehalten werden: in Znaim 
1 Stunde Rast, Iglau 4 Stunden Nachtruhe, Kolin 1 Stunde Rast, 
Weisswasser 3 Stunden Nachtruhe, Georgswalde -^j^ Stunden Rast 
und. Senftenberg 2 Stunden Mittagsruhe. 

Graf Starhemberg startete nach dem Loose als letzter aller 
österreichischen Reiter am 2. Oktober früh 7 Uhr 25 Minuten. 

Sein erstes Hinderniss bestand kurz vor Znaim in einer Kette 
schöner Damen, welche ihm den Weg versperrten und ihn mit 
einem Imbiss labten, was eine Viertelstunde der kostbaren Zeit in 
Anspruch nahm. 

Das Futter des „Athos" bestand in angenetztem Heu, Wasser, 
Wiener Hafer gemengt mit zwei rohen Hühnereiern. Bei der 
Ankunft wurde er mit lauwarmem Wasser abgewaschen und mit 





189 



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Leinwandtiichcrn abgetrocknet, mit Fluid frottirt, die Hufe ein- ^ 

gefettet und alle vier Füsse bandagirt, und zwar alles thunliclist 
schnell, damit das Thief" möglichst lange Ruhe hatte. Der Sattel, 
ein dem Rücken vollkommen angepasster Jagdsattel, wurde ab- 
genommen und die als Sattelunterlage dienende vierfach zusammen- 
gelegte weiche Decke mit einer trockenen vertauscht. 

Beim Aufbruch wurden die Fesseln mit Fett eingerieben. 

Bis Kolin verlief Alles normal. Beim Abreiten von dort 
schonte das Pferd auf dem rechten Hinterfuss, obwohl keine Ver- 
letzung oder Geschwulst zu finden war; nur eine kleine Verdickung 
am Sprunggelenk w^ar sichtbar. Obgleich „Athos" in der gewünschten 
Zeit das Ziel trotz zeitweiligen Lahmens erreichen konnte, so war 
dieser unaufgeklärte, ihm in Kolin zugestossene Unfall doch die 
Ursache seines späteren Todes durch Starrkrampf. 

Das Programm wurde w-eiter genau innegehalten bis Baruth, 
welches Graf Starhemberg umreiten wollte, um dem Pferde das 
Laufen über das Steinpflaster zu ersparen. Er verfehlte hinter dem 
Ort den richtigen Weg und vorritt sich um mindestens 1 Stunde. 
Diese Zeit ging nicht mehr einzubringen. Das Programm wurde 
um 1 Stunde 26 Minuten überschritten und langte der Reiter am 
Morgen- des 5. Oktober um 7 Uhr auf dem Tempelhofer Felde au, 
das er im Galopp passirte, um am Steuerhause von dem Jubel der 
Menge und der kameradschaftlichen Begrüssung des Komitees 
empfangen zu w^erden, ein Moment, welchen der Sieger als den 
schönsten seines bisherigen Lebens darstellt. 

b) Frhr. v. Reitzenstein. 

Wie bekannt, erwarb Frhr. v. Reitzenstein in Gent eine eng- 
lische Vollblutstute, welche er nach seinem letzten Manöverquartier 
„Lippspringe" taufte. Er schilderte sie als den Typus eines Voll- 
blutpferdes: die Beine trocken und klar, die Sprunggelenke wunder- 

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bar geschient, Fesseln nnd Hnfe tadellos. Die Stnte fimd sich im 
englischen Stud-Brook eingetragen unter dem Namen „Rotation", 
br. St., geb. 1882 von Siderolite a. d. Gyration. Sie war im Besitz 
eines englischen Offiziers und wurde vor 3 Jahren im Tattersall 
zu London nach Belgien verkauft. Diese Mittheilung Reitzenstein's 
ist nicht gleich nach Gebühr gewürdigt worden, obwohl sie eine 
unerwartete Hilfe für die Ehrenrettung des Yollbluts brachte und 
aller Erörterungen grauer Theoretiker den Boden entzog, da ihr 
zufolge nun auch das Pferd des zweiten Siegers — gleich dem 
vornehm gezogenen „Athos" — dem Vollblut angehört. 

In höchst lebendiger Darstellung erzählt Reitzenstein den Ver- 
lauf, die Schwierigkeiten und mancherlei Unfälle seines erfolgreichen 
Rittes. Bekannt ist, dass er nur durch Verfehlen des geraden 
Weges des besten Rekords verlustig w^irde und sich mit dem Platz 
hinter Starhenberg begnügen musste. 

„Um 7,45 Uhr Vormittags erreichte ich", erzählt R., „Stöckerau. 
Ich machte Halt, gab der Stute verschlagenes Wasser und das 
letzte Stück Brod in Cognac getränkt; dann löste ich schweren 
Herzens die Sporen vom Sattel, schnallte sie an und sass auf. 
Die Stute war durch die kurze Rast schon steif geworden. Es 
schien mir unmöglich, in diesem Zustande noch 20 Kilometer 
zurückzulegen. Schliesslich brachte ich sie in Gang und trabte 
durch bis Korneuburg. Hier erfuhr ich von dem Rekord des 
Grafen Starhemberg. Ich stieg ab, um die Stute zu schonen, sie 
fing an zu schwanken, sie war todmüde; sobald sie zum Stehen 
und zur Ruhe kam, musste sie umfallen. Ich sprang herauf, brachte 
sie in Trab, zum ersten Male während des ganzen Rittes die Sporen 
gebrauchend, um die Stute zusammenzuhalten, und ritt die letzten 
11 Kilometer das Pferd ohne Peitsche nach Floridsdorf. Nur 
das edle Blut und der Nerv des Pferdes entschieden hier. 
Ein gemeines Pferd würde, seinem Selbsterhaltungstriebe folgend, 
stehen geblieben sein, es wäre passiv geworden und keine Macht 
der Erde hätte es vorwärts bewegt. Aber nicht wie ein nasses 



, ^(S^M>y yi 



191 



Segel, soiidci'ii mit orhohoiicm Kopfe und festen Ti-itten kam die 
brave Stute durch's Ziel. Drei Minuten nach Passiren des letzteren 
legte sich „Lippspringe" erschöpft auf die Strasse," Am Schlüsse 
seiner sehr frisch geschriebenen lesenswerthen Darstellung äussert sich 
l"'rhr. V. Reitzenstein über den Werth des Distanzrittes in folgenden be- 
achtlichen Hauptsätzen: „Ein sportliches Ereigniss sollte der Ritt 
niclit sein, aber ein militärisches ersten Ranges, und das ist er gewesen. 
Bislang hatte man über die Leistungsfähigkeit von Pferd und Reiter 
ganz andere Ansichten; man ahnte nicht, welch' erstaunliches Er- 
gebniss das harmonische Zusammenwirken von Reiter und Pferd, 
die Spannung und doch völlige Ausnutzung der Kräfte schaffen 
würde. Die Waffe des Kavalleristen ist in erster Linie das Pferd. 
Ein Soldat, der sich über die Leistungsfähigkeit seiner Waffe nicht 
klar ist, wird sie nie voll ausnutzen. Die Prüfung des Pferdes 
im Dauerritt war ein militärisches Bedürfniss. War die Prüfung 
ernst gemeint, so musste man das Aeusserste verlangen. Verluste 
waren in diesem Falle nicht zu vermeiden. Der Distanzritt hat 
gezeigt, was Mann und Pferd unter Aufbietung aller Kräfte zu 
leisten im Stande sind und worüber hinaus man ohne Grefahr nicht 
gehen kann. Wenn die von sämmtlichen Herren geforderten Be- 
richte verarbeitet sind, wird es sich zeigen, inwieweit die gemachten 
Erfahrungen militärisch verwendbar sind. Der Soldat soll seine 
Waffe in brauchbarem Zustande erhalten; das ist seine vornehm- 
lichste Pflicht, er darf sich aber auch nicht scheuen, sie rücksichtslos 
einzusetzen, wenn die Verhältnisse es fordern. Der Offizier auf 
Patrouille reitet schonend wie der Distanzreiter, solange er mit 
dem Feinde nicht in Berührung ist, er weiss ja nicht, wie weit ihn 
der Weg fühlt und welche Leistung er noch zu bestehen hat. 
Tritt er al)('r in Berührung mit dem Feinde, dann darf er sich 
nicht scheuen, zur Erreichung seines Zweckes sein Pferd rück- 
sichtslos einzusetzen; der Verlust desselben gereicht in diesem Falle 
nicht zur Schande. Wie sich die Verhältnisse in einem Zukunfts- 
kriege gestalten werden, welche Anforderungen an die Kavallerie 







192 





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und namentlich an einzelne Offiziere herantreten, lässt sich nicht 
berechnen. Yon unschätzbarem Werthe aber ist es nunmehr, zu 
wissen, dass Pferde drei Tage und drei Nächte ohne sonderhche 
Euhe, und ohne viel Futter zu sich zu nehmen, unterwegs bleiben 
können. Die Früchte des Distanzrittes wird erst die Wirklichkeit, 
der Krieg, zeitigen, dann wird man sehen, ob der Nutzen den ge- 
brachten Opfern entspricht. Ich glaube, dass das Selbstvertrauen 
jeden Reiters angesichts dieser Leistungen bedeutend gestiegen ist. 
Jeder wird sich und seinem Pferde im Ernstfalle weit grössere 
Leistungen zumuthen, als sie die Geschichte aufzuweisen hat. Die 
Anforderungen in Bezug auf Aufklärung und Verfolgung werden 
ganz andere sein, als man sie nach den bisherigen Erfahrungen für 
möglich gehalten hat. Abgesehen von dem allgemeinen militärischen 
Nutzen dürfte der Distanzritt ganz besonders für jeden einzelnen 
Reiter in moralischer Beziehung von unschätzbarem Werthe gewesen 
sein. Die körperlichen Anstrengungen der Friedenszeit sind nament- 
lich für den berittenen Offizier gewöhnlich nicht derart, dass es einer 
besonderen Willenskraft bedarf, um seine Pflicht voll und ganz zu 
thun. Wenigen nur ist es vergönnt, die beste Schule in dieser 
Beziehung, nämlich die des Steeplechasereitens, durchzumachen. Die 
meisten Rennen durch den Willen gewonnen. Der Distanzritt aber 
bot jedem Gelegenheit, seinen Willen zu üben. Fast jeder hat mit 
Friktionen aller Art zu kämpfen gehabt, und mancher, der mit einem 
schlechteren Rekord angekommen ist, hat vielleicht grössere An- 
strengungen zu erdulden gehabt und ist von nicht geringerer Energie 
und Willenskraft beseelt gewesen als die Sieger. 

Einen weiteren Beitrag zur gerechten Beurtheilung der Er- 
gebnisse dieses Wettkampfes findet man in der kürzlich erschienenen 
Schrift „Mein Distanz ritt Berlin — Wien" vom Rittmeister 
Frhrn. v. Reitzenstein (Berlin, E. S. Mittler & Sohn), Die 
Broschüre des genannten siegreichen Theilnehmers an der Kon- 
kurrenz giebt den von Reitzenstein in der Militärischen Gesellschaft 
zu Berlin am 7. Dezember 1892 gehaltenen Yortrag wieder. 



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Der Verfasser bemerkt zunächst über die Auffassung der Distanz- 
proposition: „Es wird vielfach getadelt, die Proposition habe den 
militärischen Verhältnissen nicht genügend Rechnung getragen. Er- 
örterungen über das „Für" und „Wider" von Seiten der Betheiligten 
nach stattgefundener Entscheidung sind aber zwecklos. Niemand 
ist gezwungen, den Kampf aufzunehmen, der ihm ungleichmässig 
erscheint oder welchen mit Erfolg durchzuführen er sich nicht ge- 
wachsen fühlt. Das Reugeld entbindet ihn von jeder Verpflichtung. 
Ich leugne nicht, dass auch mich die Frage bewegt hat, soll ich 
unterschreiben oder nicht. Von dem Standpunkte des Rennreiters 
aus sagte ich mir: „nein". Ein guter Reiter nimmt nie mehr aus seinem 
Pferde heraus, als er zum Siege braucht; er kennt die Leistungs- 
fähigkeit seines Pferdes, seine eigene Kraft, er sieht und beurtheilt 
seine Gegner während des Rennens, er überschätzt oder unterschätzt 
sie und ändert blitzschnell im entscheidenden Augenblick seine 
Taktik zu reiten und siegt, wenn auch nur um einen Kopf. 

Ein Rennen über eine Entfernung von etwa 600 Kilometern 
aufzunehmen, eine Entfernung, über welche man die eigenen und 
des Pferdes Kräfte vorher nicht ausprobiren kann, besonders aber 
gegen Reiter zu kämpfen, die man nicht sieht, ist sportlich un- 
möglich. Jeder müsste in solchem Falle sein Pferd auf Tod und 
Leben ausreiten, er siegt mit ungezählten Längen, wo er nur 
um einen Kopf zu siegen brauchte, er opfert unter Umständen 
sein Pferd, obgleich er nicht mehr gewinnen kann. In einem 
ganz anderen Lichte erscheint die Proposition vom militärischen 
Standpunkte aus betrachtet. Hier giebt es nicht ein Rennen zu 
reiten, um zu zeigen, dass das eine Pferd besser ist als das 
andere, sondern es wird von den Vertretern zweier verbündeter 
Armeen verlangt, zu beweisen, was Reiter und Pferd mit Auf- 
bietung aller Kräfte zu leisten im Stande sind. Nur in diesem 
Sinne wurde die Allerhöchste Genehmigung zu dem grossartigen 
Wettkampfe gegeben, nur so konnte und musste die Proposition 
aufgefasst werden. 




194 




„Das Schwierigste war die Anschaffung eines geeigneten Pferdes. 
Ich war und bin auch heute noch der Ansicht, dass dieses nur 
unter dem Vollblut oder hochgezogenen Halbblut zu 
suchen ist. Nur diese geben alles willig her bis zum 
letzten Athemzuge und wenn die Kräfte nachlassen, 
dann ist es nur das edle Blut, welches sie zu den 
höchsten Anstrengungen befähigt. Dafür haben meine 
Stute und viele hochgezogene ungarische Pferde den Beweis ge- 
liefert. Gute Vollblutpferde dienen zum grüssten Theil als Luxus- 
pferde oder zu Rennzwecken, sie sind an sehr gute Pflege gewöhnt, 
gehen vorzugsweise auf weichem Boden und sind nicht genügend 
abgehärtet. Für einen Distanzritt müsste man das Vollblut erst 
zum Soldaten- oder Arbeitspferde machen und es würde bei Weitem 
widerstandsfähiger und leistungsfähiger sein als jedes andere Pferd. 
Besser eignete sich schon ein Vollblut, welches als Jagdpferd dient. 
Gute Jagdpferde sind aber selten und wer eins hat, verkauft es 
nicht um einen kleinen Preis". 

c) Oberlieutenant Höfer. 

Der Vierte, welcher den Siegespfosten in Berlin passirte, war der 
Oberlieutenant Höfer vom Dragonerregiment Kaiser Franz Josef Nr. 12. 

Derselbe erzielte den sehr guten Rekord von 74 St. 42 Min. 
Höfer, der schon vor dem Distanzritt ausserordentliche Leistungen 
im Distanzgehen, -Laufen, -Zweiradfahren u. s. w. aufzuweisen hatte, 
bediente sich für den Ritt der achtjährigen Grauschimmelstute 
„Minerva" (engl. Halbblut, v. Csibo a. d. Maesi), die er auf dem 
Lemberger Sommermeeting erstanden und besonders im freiwilligen 
Nachlaufen derart dressirt hatte, dass sie wie ein Hvmd ihm überall 
hin nachging. Letzterer Erfolg entsprach seiner Absicht nach jedem 
längeren Ritt, das Pferd zu Fuss im Schritt und Laufschritt an der 
Hand zu führen. Da er schon zum Schlüsse der Trainings be- 
deutende Leistvmgen mit dem Pferde zu Stande brachte, so dass 






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er oiiii«:,'«' Tiij^-e 120 Kilometer in 9 Srundeii oliiie riiterhrechuiif^ 
ritt und das J*ferd keine wesentliche Ei-nuidun«^ zeigte, er selbst 
aber auf seine Ziiliigkeit baute, ho fasste er den festen Entsehluss, 
den Ritt kontinuirlich von Wien bis nach IJerlin ohne jede Nacht- 
ruhe zu absolvii-en. Mit der Absicht, täglich 30 Meilen zurückzulegen, 
hoffte er der gestellten Aufgabe in 62 Stunden gerecht zu werden. Am 
2. Oktober startete Lieutenant Ilfifer. In Gross-Mugl bekam „Minerva" 
die ersten zwei Liter Bier. Dieses Bier zieht sich, um mit Wi|)])chen 
zu reden, wie ein rother Faden durch die Distanzritt-Erlebnisse 
der Stute. Sie war eine „Wenigschläferin", eine starke Fresserin, 
die trotz aller Straj)azen niemals an Appetitlosigkeit litt, aber ihre 
bemerkenswertheste Eigenschaft war ihre ausserordentliche Yorliebe 
für ein gutes Krügel Bier. . . . Die Strecke von Tglau bis ])eutsch- 
brod passirte Hr)fer in der Nacht zum 3. Okto])(>r. Seine Schil- 
derung dieses Kitt(^s wird die Leser interessiren. 

„Es ist stockfinstere Mitternacht. Nicht lange kann ich zu 
Pferd bleiben. Es ist so finster, dass ich die eigene Faust vor 
den Augen nicht zu sehen vermag; dann geht ein so starker, mir 
von einem eisigkalten Wind ins Gesicht gepeitschter Regen nieder, 
dass ich kaum im Stande bin, die Augen offen zu erhalten. Die 
Baumreihen längs der Strasse verfinstern dieselbe noch mehr und 
die Strasse scheint mir wie ein Fusssteig schmal zu sein. Nun 
reite ich Tritt für Tritt im kurzen Trab, bald komme ich zu viel 
nach rechts, bald nach links, hier und da stosse ich an einen Baum, 
oder es wird mir die Mütze von einem herabhängenden Aste vom 
Kopfe heruntergestreift. Jetzt renne ich an einen Schotterhaufen 
an, dann pariere ich selber, um vor einem Baume oder Schotter- 
haufen auszuweichen, welche Gegenstände meine durch die Ueber- 
anstrengung ermüdeten Augen zu sehen vermeinen. Jch starre so 
lange in die Finsterniss hinein, bis das Augenflimmern eintritt und 
die Augen geschwächt ihren Dienst versagen. Endlich komme ich 
auf eine Orientirungsmethode, die mir hier doch etwas hilft, um 
vorwärts zu gelangen, indem ich den Kopf gegen den Himmel hebe 





196 





und so einen durchschimmernden weissen Streifen zwischen den 
Kronen der beiden Baumreihen sehe , welcher mir die genaue 
Direktion und die Mitte der Strasse zeigt. So reite ich eine Zeit 
lang weiter, die Zügel bald in der rechten, bald in der linken 
Hand haltend, um die freigewordene, von Kälte erstarrte Hand zu 
wärmen. Aber wie und wo? In der Hosentasche ist es ebenfalls 
so nass und kalt, wie ausserhalb derselben, und ein anderes Wärme- 
mittel steht mir nicht zur Yerfügung. Nun wird die flache Hand 
an der entblössten Brust halbwegs erwärmt und nach einer Weile 
kommt die andere an die Reihe. Hierdurch wird aber der ganze 
Körper erkältet, ich beginne zu fieljern, im Genick werde ich vom 
Emporhalten des Kopfes ganz steif, ich kann es vor Schmerz nicht 
länger aushalten und es bleibt mir jetzt nichts anderes übrig, als 
abzusitzen und den Marsch zu Fuss weiter fortzusetzen. Ich be- 
ginne zu laufen, um Wärme und Leben in meinen Körper zu 
bringen. Jetzt sehe ich den Weg doch besser, aber wie es mir 
beim Laufen geht? Grässlich! Die Strasse ist vom Regen auf- 
geweicht und schlüpfrig, der Fuss rutscht rechts und links, ich 
habe wenig Halt und stolpere sehr oft. „Minerva" erkennt die 
Lage um was es sich hier handelt, sie läuft mir ganz anstandslos 
und willig nach, ohne jemals zu straucheln. Endlich, um ^1^3 Uhr 
Nachts, erreichte ich Deutschbrod". 

Yon da ging es weiter nach Czaslau, nach Kolin, wo der 
Oesterreicher die zwei ersten deutschen Offiziere , den Prinzen 
Leopold von Preussen und dessen Begleiter traf, sodann über 
Nienburg, Niemes, Neuhütte nach Bautzen. Nach Höfer's Plan 
war die zweite Nacht die letzte seines Rittes, am nächsten Tage 
wollte er Berlin erreichen, aber hier traf ihn ein Unfall, der seine 
ausserordentliche Chance vernichtete. „Minerva" stürzte und begrub 
ihren Reiter unter sich. Erst nach langer Bemühung konnte sich 
der Letztere aus der schlimmen Lage befreien und nach einer 
weiteren Pause sein Pferd wieder auf die Beine bringen. Die 
Stute hatte sich am rechten Yorderfuss verletzt. Mit o-rosser Noth 



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führte er sie zu einer Hütte auf der Strasse und stellte sie bei 
Tagesanbruch in einen unweit des Gebäudes fliessenden Bach, um 
die entdeckte Prellung am rechten Huf (das Pferd hatte an einen 
Stein angeschlagen) zu heilen. In dieser Situation überholte ihn 
Graf Starhemberg auf „Athos" und nach diesem zogen noch weitere 
16 Reiter an ihm vorüber, indess nur 9 vom zweiten, alle übrigen 
ungefährliche Gegner vom ersten Starttage. 

So begann der 4. Oktober, der Namenstag Höfer's. Endlich 
war „Minerva" wieder in Ordnung und nach einem Verlust von 
8 Stunden wurde der Ritt fortgesetzt. Nach Passirung der Grenze 
kam der ideale Reiterboden, der wunderbare, neben der Strasse 
bis nach Berlin führende Reitweg. Hinter Baruth verritt er sich, 
und als er dann sah, dass er Starhemberg doch nicht einholen könne, 
glaubte er, dass ihm der zweite Platz sicher sei und arbeitete nun 
auf den Konditionspreis hin, indem er unmittelbar vor dem Ziel mit 
noch ganz marschfahigem Pferde eine dreistündige Rast hielt. 

In Rennpace ging dann am dritten Tage um 8 Uhr 47 Minuten 
„Minerva" durch das Spalier der Menschenmenge auf dem Tempel- 
hofer Felde am Richterhäuschen vorbei. Höfer erhielt den vierten 
Preis, denn vor ihm war noch Lieutenant Mikl(3s em2:etroften. 



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Inhalts - Yerzeichniss. 



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Vorwort 

Distanzritte in alter und neuer Zeit 



Seite 
3 



Reiterleistimgen im Altenhum. Der gefahrvolle Xaohtritt des Grafen v. Finckenstein. 
Das Interesse für Distanzritte nach dem 70er Kriege. Keiterbravouren und Husaren- 
stücklein. Der Husarenritt Zubovits. Distanzriite in Indien. Burnaleys Ritt nach 
Khiwa. Sultansritie. Der Parforceritt von Agra nach Jodpuc. Gewaltritt Karls XII. 
von Schweden. Der Zug des Feldmarschall-Lieutenants Hadik im Oktober 1757. 

Die Propositionen für den Distanzritt und die Vorbereitungen zu demselben . 19 
Das Auftauchen der ersten Nachricht von dem beabsichtigten Distanzritt. Erste Vor- 
schläge. Konditionspreise. Betonung der nationalen Seite des Rittes. Rennen oder 
Distanzritt? Der amtliche Wortlaut der Propositionen. Die Nennungen im Allgemeinen. 
Vorbereitungen. Unterschied zwischen den bisherigen Distanzritten und dem geplanten. 
Die Zahl der deutschen und österreichischen Reiter. Deutsches Kavalleriepferd und 
Halbblut. Behördliche Anordnungen. Abritt. Der Sieger. Schwierigkeiten des Distanzrittes. 

Am Steuerhäuschen auf dem Tempelhofer Felde bei Berlin 35 

Erwartungen , die man an den Distanzritt knüpfte. Mit der Uhr in der Hand. Abritt 
der ersten Gruppe. Prinz Leojjold von Preussen und seine Begleitung. Die Würfel 
sind gefallen! l)as kameradschaftliche Verhältniss zwischen den Offizieren der beiden 
Nationen. Vermuthungen. Bunte Gesellschaft von Thieren. Vollblut und Halbblut. 
Betheiligung am Ritt. 

Der Weg zwischen den Kaiserstädten 45 

Unsere Karte. Länge des Weges. Die Hauptlinie. Die Orte an der Hauptlinie. Der 



Naohtheil für die deutschen Reiter. 
Höhenprofil Berlin -Wien. 



Der Vortheil für die österreichischen Reiter. 



Die Ankunft der ersten Oesterreicher am Ziel in Berlin 



Normaluhr im Richteizimmer. Erwartungsvolle am Steuerhäuschen. Oberlieutenant 
v.Miklös als Erster. Chavossy de Csavoss und Bobda. Die Namen der Offiziere, welche 
Probeiitte unternommen. Lieutenant Scherber 1. Lieutenant Karl Schmidt v. Földvar. 
Lieutenant Scherber 11. Rittmeister Stögl. Ein kleines Intermezzo. Menschenmassen 
auf dem Tempelhofer Felde. Oberlieutenant Cbaule. Oberlieutenant Buffa. Graf Paar. 
Reiter, welche den Ritt aufgegeben Jarmy de Szolnok. 



Die Ankunft der ersten Deutschen am Ziel in "Wien 



49 



61 



Wirkung der telegraphischen Nachricht über die Aufnahme der österreichischen Offi- 
ziere in Berlin. Schmückung der Zielstrassen. Prinz Friedrich Leopold von Preussen 
und Sekondelieutenant Heyl. Die Wiener Bevölkerung und der Prinz. Rittmeister 
V. Tepper-Laski. Frhr. v. Meyern. Lieutenant Dietze. Lieutenant v. Jena. Die Heiren 
Offiziere, welche den Ritt aufgegeben. Der Vorsprung des Lieutenants Frhrn. v Reitzen- 
stein. Herzog Ernst Günther von Schleswig-Holstein und sein Pferd. Das Vorführen 
der Pferde in der Reitschule. Die Nachricht von der Verunglückung Reitzensteins. 
T. Reitzenstein am Ziel. Lippspringe's letzte Stunden. 





199 



^^^ 



Seite 

Dil' nächsten Tage am Ziel in Berlin 75 

Der Andranpr dei Publikums. Uiimenpublikum. Starhemberg. Falsche Trainirung 
unserer Pferde. Aufgcfrebene lUtte. I>ie einzelnen Reiter. 

Am uäclisten Tage in Wien Sä 

Am Kndziel Kloridsdorf. Hrwartungen. Die Nachricht aus Hollabrunn. Der Herzoer 
kummt! Der Kmpl'ang am Ziele. Die nächsten eintreffenden Heiter. Die Begrüssung 
derselben. Der Lichtschimmer in der Ferne. Lieutenant Kummer. Die letzten Reiter 
am zweiten Tage. 

Die Sieger und die Preise. Ergebnisse 91 

Die Reihenfolge der besten Reiter nach ihren Rekords geordnet. Die Hauptpreise. 
Krgebnisse des Rittes. Ausrüstung der Reiter. Ausrüstung der Pferde. Beschläge. 
Füttern. Tränken. Zwischenfälle. Programm für den Ritt. 

Die Festliclikeiten zu Ehren der deutschen Offiziere in Wien 103 

Der Kmpfang der deutschen Offiziere in der Hofburg. Auf der Holitscher Jasrd und 
im stantsgestüt zu Kisber. Die Stallparade im Hofstallgebäude. Iij der Reitschule des 
Militär-Reitlehrer-Institutes. Im Burgtheater. Diner im Sacher-Cf arten. 

Beim Empfang des deutschen Kaisers 133 

Am Nordbahnhof. Auf der Strasse. Kaiser Franz .losef. Die deutschen Offiziere am 
Bahnhof. Das bunte Bild der Uniformen. Der Kaiser kommt! Herzliche Begrüssung 
der Monarchen. Reitzensteins Ernennung. Abfahrt der beiden Kaiser. 

Die Festlichkeiten in Berlin 141 

Die Liebesmahle in Potsdam. Besichtigung der österreichischen I'ferde. Die Parforce- 
jagd im Grunewald. Die Tafel im Neuen Palais. Das Rennen zu Westend. Die 
Liebesmahle bei dem Gardekürassier- und 2. Dragonerregiment. 

Die Festlichkeiten in Dresden 161 

Die Galatafel im königlichen Residenzschlosse. Das Festmahl im Offizierskasino des 
Gardereiterregiments. 

Unsere Niederlage 173 

Gesichtspunkte. Die Griimle für die Niederlage. Der Werth der Ritte in militärischer 
Beziehung. 

Spezielles aus den einzelnen Ritten 183 

Graf Starhemberg. v. Reitzenstein. Oberlieutenant Höfer. 





■kerci „l'nioii", llcizog & S(;,h\viiige, Dresden, Durerstiasse lliJ. 



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