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Full text of "Der Hof von Ferrara: Mit 36 Vollbildern. [Autorisierte Übersetzung aus dem ..."

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CHLEDOWSKI / DER HOF VON FERRARA 




ISABELLA D'ESTE 

BILDNIS VON TIZIAN. WIEN, GALERIE 



AUTORISIERTE ÜBERTRAGUNG 

VON ROSA SCHAPIRE 






FÜNFTES BIS SIEBENTES TAUSEND 
COPYRIGHT 1921 BY GEORG MÜLLER VERLAG A.-G., MÜNCHEN 



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INHALTSVERZEICHNIS 



I. Land und Leute i 

IL Niccolo III 19 

IIL Lionello 38 

IV. Borso 52 

V. Ercole 1 70 

VI. Matteo Maria Bojardo xio 

VII. Das junge Ferrara 133 

VIII. Lucrezia Borgia 158 

IX. Ariosto 206 

X. Renata di Francia 240 

XL Alfonso II 310 

XIL Torquato Tasso 336 

XIII. Finis Ferrariae 393 

XIV. Höfisches Leben 407 

XV. Die Kunst wird weltlich 475 

Literaturnachweis 527 

Register 535 

Verzeichnis der Abbildungen 543 

Stammtafel der Este am Schlufi 



Dieses Werk wurde im Auftrag des Verlages Georg Mfiller 
in München bei Mänicke und Jahn in Rudolstadt im 
Jahre 1921 gedruckt. Titelrahmen von Eugen Staib. Den 
Einband besorgte die Buchbinderei Hfibel und Denck 
in Leipzig nach Entwürfen von Professor Peter Halm 



FRANCESCO COSSA: ALLEGORIE DES HERBSTES 
BERLIN, KAISER- FRIEDRICH-MUSEUM 



ERSTES KAPITEL 

LAND UND LEUTE 




I 



Is bescheidener Fluß kommt der Po nach Pavia, aber 
nachdem er sich dort am Tessin gesättigt, durch die 
zahlreichen Zuflüsse aus Alpen und Apenninen ver- 
gröBert, Adda imd Trebbia in der Gegend von Pia- 
cenza und Cremona verschliuigen, wird er zum Herrn 
der ganzen lombardischen Ebene, er verleiht ihr ein be- 
sonderes Gepräge, gestaltet sie zum ungeheuren Fächer, zu einem 
Stück fruchtbaren Landes, dem er neue Kräfte aus den Bergen zuträgt 
Mailand, Bresda, Verona, Padua und Venedig auf der einen, 
Piacenza, Parma, Modena, Bologna und Ravenna auf der anderen 
Seite sind die Edelsteine, die diesen Fächer doppelt einfassen. In 
der Mitte strahlen noch zwei Brillanten besonderer Art: Mantua 
und Ferrara« Reist man im Frühling durch diese Ebene, so hat 
man das eintönige Bild eines fast überschwemmten Landes. Überall 
Wasser; aus den Sümpfen steigen kahle Erlen auf; auf den mit 
Axt und Schere ziurechtgestutzten, zwergartigen Stämmen sitzen 
seltsame Medusenhäupter, dazwischen stehen schlanke, bis auf die 
Krone beschnittene Pappeln — Wandervögeln auf ihrer Reise gen 
Norden eine beliebte Rast. Vertrocknete Weinranken, die sich 
traurig an Bäumen festgeklammert, oder starrende Stengel von 
blassem Mais verstärken den Eindruck der Verwahrlosung und Öde 
an diesen verschlammten Teichen. Aber üppige, gelbe Blumen 
und lächelnde Pfirsichbäume im Blütenschmuck verraten, daB das 
Wasser des gesegneten Po nur vorübergehend die Gegend über- 
schwemmt, daB eine reiche Reis- und Weizenemte bevorsteht, 



2 ERSTES KAPITEL 

daß dort, wo heute träges Wasser steht, im Herbst ein Quell 
purpurnen Weines fließen wird. In (fer Sonne liegt die Zukunft, im 
strahlenden Himmel, der der Landschaft einen heiteren, hoffnungs- 
freudigen Zug gibt, trotz aller Einsamkeit und Verwahrlosimg. 
Schon im nächsten Monat, im Mai, hat die Sonne über das 
Wasser gesiegt; in der Luft feuchte, dufterfüllte Dünste, und das 
Summen der Insekten klingt wie ein leises Spiel. Die Atmosphäre 
zittert unter den Strahlen eines wechselnden Lichtes, das die feuchte, 
schwüle Luft durchdringt. 

Vielleicht ist die Landschaft im Herbst am schönsten: das 
Wasser ist in das Flußbett des Po und in die Kanäle, die die ganze 
Ebene durchschneiden, zurückgetreten; warme, gelbe und blutig- 
bräunliche Farben decken das Gelände, zwischen Himmel und Erde 
hängt ein ruhiges, rötliches Licht. Nach der Arbeit ruht die Natur, 
lebt der Kontemplation. Von Baum zu Baum ranken sich Wein- 
reben, dazwischen stehen Menschen in bunten Kleidern und weißen 
Strohhüten, und ein melancholischer Esel rupft trockene Kräuter, 
ohne seiner Umgebung zu achten. Hier und da li^en auf den 
Ackern prachtvolle Melonen von seltsamen Formen, und schon 
wirft der von vier oder sechs Ochsen gezogene Pflug die zur winter- 
lichen Aussaat bestimmten fetten, schwarzen Schollen auf. Auf den 
flachen Dächern der gemauerten, rot oder blau gestrichenen Häuser 
hängen lange Maiskränze, um in der Sonne zu reifen. Auf den 
Kanälen gleiten schwere Barken, mit Körben voll Weintrauben be- 
laden, langsam treiben sie nach dem Po, den Lebensnerv des Landes. 

Ackerland ohne Industrie; erst in der Gegend von Bologna, 
Ravenna und Ferrara, dem Meere nahe, ragen Fabrikschlote. 

Anders hat die Po-Ebene im KV. und XVI. Jahrhundert aus- 
gesehen, sie war dicht bewaldet und reich an Wild. Im Dickicht 
bargen sich Hirsche, Rehe und Hasen, im Gebüsch Rebhühner imd 
Fasane, Wildschweine verheerten die Gegend, und Fuchs und Bär 
waren nicht selten. Ein wirklicher Schmuck der Felder waren 
wilde Pfauen. Benvenuto Cellini erzählt, daß er im Jahre 1540, 
krank und angegriffen, über Felder in der Nähe der Estensischen 
Paläste ging. Meilenweit kahle Strecken, dort nisteten wilde 
Pfauen. Der Künstler lud seine Flinte mit Pulver, das nur wenig 



LAND UND LEUTE 3 

Linn machte, lauerte den jungen Vögeln auf und brachte täglich ein 
Tier in die Küche. Er versichert, daB das Pfauenfleisch ausgezeichnet 
geschmeckt und ihn von all seinen Schmerzen schnell befreit habe« 

Damals, im Beginn des ZVL Jahrhunderts, konnte man 
Italien noch nicht das Land nennen, wo „im dunkeln Laub die 
Goldorangen glühen", denn die süße Orange (Citrus aurantium 
dulds) wurde erst zu Anfang des XVI. Jahrhunderts aus Spanien 
nach Italien eingeführt. Das Klima der Po-Ebene war ziemlich 
rauh, hätifig fror der FluB im Winter zu, und über Schneestürme 
in den Städten berichten die Chronisten nicht eben selten« 

Es gibt eine Art von Fischadlern mit Raubtieraugen (Aquila 
hettaca), die ihre Nahrung über dem Wasser suchen und in alten 
Bäumen nisten. Rittergeschlechter, die diesen Adlern gleichen» 
hatten sich damals in dem gesegneten Lande angesiedelt und vn* 
geheure Nester gebaut; Schlösser, mit Gräben von faulendem 
Wasser unostanden, wiirzelten tief im Boden. Nahrungsmittel gab 
es im Überfluß, denn damals, als man nur wenig Getreide aus 
fernen Ländern einführte, als Amerika noch nicht Europas Ge« 
treidemarkt war, war die Po-Ebene Italiens unerschöpflicher Speicher, 
und die kräftige imd umsichtige Bevölkerung ein zuverlässiges 
Arbeitskapital. Ein tüchtiges Volk, dem der geniale Zug nicht 
fehlte; eine nicht geringe Anzahl bedeutender Männer stammt aus 
der Po-Ebene. Das Menschenmaterial neigt dort nach Carduccis 
Wort zum Überschäumen. 

Das größte Nest der Adlerritter am unteren Po war im XV. 
und XVL Jahrhundert Ferrara, an jenem Punkte gelegen, wo der 
Fluß anfängt sich in zahlreiche Arme zu spalten und ein morastiges 
Delta zu bilden. Die Gonzaga siedelten sich über dem Mindosee 
m Mantua an, die kleineren Geschlechter der Pio, Pico, Palla- 
vidni, Correggio verschanzten sich hinter SchloBmauem in Carpi, 
Mirandola, Corte Maggiore und Correggio, andere zogen bis auf 
den Apennin, wie die Bojardo in Scandiano. 

Wie überall in der Po-Ebene kämpften auch in Ferrara lange 
Zeit die freien Gemeinden mit den übermütigen Rittergeschlechtem, 
bis die Städte unterlagen. Die Ferraresen, friedfertig wie jede 
ackerbautreibende Bevölkerung, wenig im Kampfe geübt, waren 



4 ERSTES KAPITEL 

nicht schwer zu besiegen. Frösche wurden sie in Italien genannt, 
da sie sich zwischen Kanälen und Sümpfen angesiedelt hatten; der 
dem Ohr geläufigste Klang war das Quaken der Frösche, und als 
besonderer Leckerbissen galt ein Froschragout. 

Quanto e felice dunque il ferrarcie 

U' canton d' ogn' intomo in mille tempre 

Botter rane e ranocchi alle sue spese. 

Die Ferraresen pflegten zu antworten, daß nicht allein ihre 
Frösche gut seien, auch ihr Wein sei berühmt, und Würste imd 
Salami schmackhaft. Übrigens fing man in den Lagunen, in Co- 
macchio, Aale in großer Zahl, die mariniert und nach ganz Italien 
verschickt wurden. Als Eleonora von Aragon zu den Herren von 
Rimini in freundschaftlichen Beziehungen stand, schickte sie ihnen 
jährlich an himdert eingemachte Aale und bekam ausgezeichnete 
getrocknete Feigen als Gegengabe. Die durch den Aalfang erzielte 
Einnahme floß wahrscheinlich ursprünglich der Gemeinde zu, ^äter 
eigneten die Markgrafen sie sich an; sie war so bedeutend, daß 
es allgemein hieß, wer nur für ein Jahr von der Regierung das 
Recht erlange, diesen begehrten Fisch zu fangen, werde zum reichen 
Mann. Gegen Ende des XV. Jahrhunderts erzählte man von einem 
Bartolommeo di Orlando, der dies Recht für kurze Zeit gepachtet 
und 30000 Dukaten verdient hatte. Im Po wurden auch Störe 
gefangen, imd ihr zu Kaviar verarbeiteter Rogen war ein bedeuten- 
der Handelsartikel. Femer gehörten die Salzsiedereien zwischen 
Comacchio und dem Städtchen Adria zu den Schätzen des Landes. 
Unter Ercole I. berichtet der venezianische Gesandte seiner Regie- 
rung, daß der Herzog eine jährliche Einnahme von 200000 Dukaten 
aus seinen Salzwerken beziehe. Venedig hatte es noch nicht ver- 
schmerzt, daß diese Lagunen an Ferrara gefallen waren, da diese 
Stadt im Salzhandel ein nicht zu imterschätzender Rivale im Orient 
geworden war. Überhaupt hat Comacchio, ein heute verfallenes 
Städtchen, seine Epoche des Glanzes gehabt imd sich in byzan- 
tinischer Zeit sogar mit Venedig messen können. Aus diesen 
Tagen des Glanzes stanunt ein verfallener Dom und ein Campanile, 
der fast Ruine ist. 



LAND UND LEUTE 5 

brachte der Po dem Lande: Reichtum imd Unglüdc. 
Auf dem Architrav eines der Domportale ist die Inschrift ein- 
gegraben, gleichsam als Schmerzensschrei der Bevölkerung! 

„Ab aquis multis libera nos Domine'* 

Vor den groBen Überschwemmimgen schütze uns, Herr. 

Im Ferraresischen wurde Vieh gezüchtet, es gab viel Wiesen- 
land, und Pflanzen zum Färben der Wolle wurden angebaut; wie 
in den übrigen Hauptstädten des nördlichen und mittleren Italiens 
gehörte das Verarbeiten der Wolle „l'arte della lana'' zu den ältesten 
und den bedeutendsten Gewerbezweigen. Weben war die Haupt- 
beschäftigung der Frauen, und auch in Ferrara war es der Ruhm 
der Frau, das Haus zu hüten und Wolle zu spinnen „domum mansit, 
Isnam fecit'^ Selbst nach England und Holland wurde Tuch ex- 
portiert, und die Bevölkerung von Ferrara galt seit jeher als gewerbe-^ 
treibend und fleißig: Stecknadeln, Nadeln und Waffen wurden her- 
gestellt, und im Gerben von Fellen hatte man es zu einer gewissen 
Berühmtheit gebracht. 



II 

Wenn Ferrara am Horizont auftaucht, so sieht man schon aus der 
Feme ein großes Gebäude, von vier breit ausladenden Türmen 
flankiert, das sich über der Stadt erhebt und fast die ganze Ebene 
beherrscht. Es ist das Kastell der Este, drohend imd finster, in 
seiner Bauart verwandt den Schlössern der Visconti und Sforza 
in Mailand imd Pavia, der Burg der Gonzaga in Mantua, 
aber geschlossen, da nach einem einheitlichen Plan errichtet. Das 
Gebäude tr^ das Gepräge der hier herrschenden despotischen 
Regierung. Das Rathaus in Florenz und Siena oder der Palast 
der Dogen zu Venedig offenbaren trotz ihrer Strenge die städtische 
Republik, die nicht durch eine Mauer vom Volk geschieden war, 
das Schloß zu Ferrara, das wie eine befestigte Burg von der Stadt 
abgegrenzt ist, verkündet schon von weitem die rücksichtslose 
Herrschaft des Schwertes. Das Schloß ist aus Backsteinen errichtet, 



6 ERSTES KAPITEL 

da das Land wenig Sandstein hergibt, umgeben ron Gräben mit 
grünlich schimmelndem Wasser, das aus dem nahen Po stammt, 
der die Gegend mit Fieberdünsten schwängert. Unmittelbar über 
die Oberfläche des Wassers sehen winzige vergitterte Gefängnis- 
fenster aus den Mauern; Schlangen und Ratten waren die alleinigen 
Gefährten der hier Eingekerkerten. Hoch über diesen Tränen- 
löchem ragen die schönen breiten Fenster der Fürstenzimmer, 
dort wurden Feste imd Gastmähler gefeiert imd über den Köpfen 
der Gefangenen getanzt. 

Zugbrücken führten früher über die Gräben, heute verbinden ge- 
wöhnliche Brücken die Stadt mit dem Sitz des Präfekten imd den 
Gerichtsgebäuden. Auch die Schutzmauer, die die Gräben einfaßt, 
existierte früher noch nicht; jetzt sitzen dort friedlich angelnde 
Ferraresen über dem stehenden Wasser. Noch im Jahre Z506 
waren diese fehlenden Mauern der Anlaß eines großen Unglücks. Im 
eisernen Käfig hing ein Gefangener an der Außenmauer des Kastells; 
als die Signora Turchi Sacrati mit vier Donzellen vorbeifuhr, fesselte 
dieser seltsame Anblick den Kutscher so sehr, daß er mit Pferd 
und Wagen in den Schloßgraben hineinfuhr — ein Teil der Ge- 
sellschaft kam dabei ums Leben. 

Die Kastellmauern sehen heute weniger finster aus als gegen 
Ende des XV. Jahrhunderts, als sie nach den Plänen eines bekannten 
Architekten, Bartolino da Novara (1385), errichtet wurden. Die 
vordringende Renaissance hat ihnen ihre Strenge genommen, 
zweimal wurden größere Veränderungen vorgenommen, einmal 
nach der Feuersbrunst im Jahre 1554, dann nach dem Erdbeben 
von 1570. Namentlich der letzte Architekt, Alberto Schiatti, hat 
die alten Formen liebenswürdiger gestaltet, die Basteien wurden 
niedriger, und Fenster und Türen durch Renaissanceornamente ab- 
gerundet. Damals verschwanden die prachtvollen Treppenstufen, 
die „cordonata'S auf denen die Este zu Pferde bis in den ersten 
Stock des Schlosses gelangen konnten; selbst in die unterirdischen 
Gelasse der Gefangenen drang seit 1592 ein Klang der Außenwelt, 
da man aus Flandern eine Uhr einführte, die nach nordischer Art 
jede Stunde mit Glockenmusik verkündete; sie fand ihren Platz 
auf dem Schloßturm „di Rigobollo'^ Trotz dieser Änderungen 



LAND UND LEUTE 7 

▼erlor das Schloß nichts von seiner Wucht, es drückt in seltsamer 
Weise das Wesen der Herzöge aus, denen es diente. 

Dem alten Schloß der Este gegenüber steht der Dom, eines 
der eigenartigsten Geb&ude Italiens. Namentlich die Fassade, an 
der Jahrhunderte gearbeitet haben, hat etwas so Phantastisches imd 
gleichzeitig so Harmonisches mit ihren leichten lombardischen 
Galerien, daß die mittelalterliche religiöse Strenge angesichts dieser 
Mauern zu schwinden scheint. Die Priester haben hier mehr von 
christlicher Liebe und Mildtätigkeit gesprochen, als das Volk mit 
den Qualen der Hölle geschreckt. Kein Maler h&tte gewagt, auf 
diesem roten Marmor den Totentanz darzustellen, hier wäre höch- 
stens für eine Verkündigung Platz gewesen. Heiterkeit spricht 
aus dieser Fassade, namentlich wenn ihre rötlichen Töne in der 
Sonne leuchten. Besonders reizvoll ist das Hauptportal. Die 
Säulen ruhen nach romanischer Art auf zwei sitzenden Riesen, 
denen als Sockel zwei große sanfte Löwen dienen, gleichsam 
das Symbol des ruhigen, schweigenden imd starken Volkes von 



Der Dom stammt aus dem Ende des XIL Jahrhimderts und 
wurde schon 1135 dem heiligen Georg, dem Schutzpatron der Stadt, 
geweiht. Ein Relief, das ihn im legendarischen Kampf mit dem 
Drachen darstellt, zeigt, daß wir hier unter dem Zeichen jenes 
Heiligen stehen, der gewissermaßen mit den Begriffen mittelalter- 
lichen Rittertums verwachsen ist. II cavalier dei santi, il santo 
dd cavalieri. Über dem Portal in streng romanischem Stil er- 
heben sich drei Arkaden, die schon späteres gotisches Gepräge 
tragen. In der Mittelnische verbirgt sich die Statue einer Ma- 
donna. Über den Arkaden ein breiter, skulpierter Fries mit 
Szenen aus dem Jüngsten Gericht, darüber ein dreieckiges Tympanon 
mit dem segnenden Christus. Sehr interessant ist die Wand 
rechts vom Hauptportal. Aus einem runden Medaillon taucht 
die große Büste einer schönen, weltlichen Frau auf, imd dieses 
rätselhafte Haupt hat keinen eigentlichen Zusammenhang mit 
der Heiligkeit der Mauern. Die gedruckten Führer nennen sie 
die Madonna von Ferrara imd halten sie für die Personi- 
fikation der Stadt. Dieser Einfall ist jedoch am grünen Tisch 



8 ERSTES KAPITEL 

ersonnen, das Volk kennt die Bezeichnung Madonna von Ferrara 
nicht, und wen der Kopf darstellt, ist unbekannt. 

Der Dom hatte fünf Portale von s3rmbolischer Bedeutung. 
Durch das Hauptportal trat Christus ein, um seine Lämmer zu 
weiden, gemäB den Worten, daß er das Hinunelstor für seine Herde 
sei. Die kleineren Seitentüren waren für das Volk bestimmt, die eine 
für die Männer, die andere für die Frauen. Durch die vierte Tür 
„delle guide^' kamen die Pilger, die ins Heilige Land oder nach 
anderen wunderbaren Orten wallfahrten wollten; das letzte Tor, die 
„porta del Giudico'S hatte den traurigsten Zweck: die Toten wurden 
von hier aus auf den Friedhof getragen. Im Innern gleicht das 
Heiligtum den Kathedralen von Modena imd Piacenza. Wie in 
vielen anderen romanischen Domen beruht das Prinzip des Baues 
von Ferrara auf dem ägyptischen Dreieck; den Hauptarm bildet 
die untere Breite des Gebäudes, die beiden kleineren Arme ver- 
einigen sich vor dem Gewölbe des Heiligtums. Die Basis der geo- 
metrischen Figur verhält sich zu den zwei auf ihr ruhenden Armen 
wie 8:5. Der Zweck dieses dreieckigen Verhältnisses ist unbekannt, 
vielleicht haben die auf diese Weise auseinandergezogenen Mauern 
die Kraft des Gebäudes verstärkt, jedenfalls stützt es sich auf die 
architektonische Tradition der Komasken. 

Ferrara war eine Palast- imd Gartenstadt, das ist noch heute 
erkenntlich, aber die langen schnurgeraden StraBen machen einen 
außerordentlich melancholischen Eindruck, namentlich im neueren 
Teil, der nach der Regierung Ercoles I. im Ende des KV. Jahr- 
himderts angelegt wurde. Zwischen den Pflastersteinen stehen 
Grashalme; selten huscht eine verlorene menschliche Gestalt über 
die Straße, oder eine Katze, aufgescheucht durch die Schritte des 
Fremden, verschwindet hinter dem Pfeiler des nächsten Hauses. 
In den wenigsten Straßen standen ansehnliche Gebäude« Hinter 
dem Palast stehen kleine Häuser, dahinter ragt das Gitter des stolzen 
Parkes mit seinen weitausgreifenden alten Baiunkronen, dann 
kommt wieder ein Palast und wieder elende Mietshäuser. Ferrara 
ist die Stadt stolzer, reicher Geschlechter imd einer armen Be- 
völkerung. In jenen Palästen imd Gärten spielte sich einst ein 
buntbewegtes Leben ab, am Abend Musik und Gesang, durch die 



8BITENPORTAL DES DOMES ZU PERRARA 



LAND UND LEUTE 9 

langen StraBen drängte sich fröhliches Volk; die Este sorgten 
', daß auch der gemeine Mann seine Freude habe. 



Onde stagione fu di gloria» e corse 

Con il tuo fiume, o fetontea Ferrara 

Ampio, seren, perpetuo, sonante 1' italo canto. 

(Carducd.) 

Weder so groß noch so gewaltig wie in Rom und Florenz 
sind Ferraras Paläste, aber durch das schimmernde Grün der Gärten 
sind sie jenen überlegen. Der vorzüglich erhaltene »»Palazzo dei 
Diamanti'S in dem die Gemäldegalerie imtergebracht ist, gehört 
zu den allerschönsten. Nach einem seltsamen Einfall Ercoles I. 
wurde die marmorbekleidete Fassade nach Art geschliffener 
Diamanten bearbeitet. Zwölftausendsechshundert Harmorblöcke 
wurden in diese „Diamant^'-Wände eingelassen; dieser Stein war 
Ercoles Wahrzeichen. Die geschlossene Harmonie dieser stolzen 
Fassade wiirde durch an sich gute, aber einen ganz anderen, 
leichteren Charakter tragende Eckpilaster zerstört. Dagegen ist 
der Hof des Palastes von großem Reiz, beim Anblick der schlanken 
Säulen, die sich vom frischen Grün abheben, vergißt man den 
Vnderspruch der Fassade. 

Ein gemeinsames künstlerisches Gepräge eignet allen Palästen 
in Ferrara: sie sind nicht so hoch aufstrebend wie in Rom, Genua 
oder Siena und bestehen nur aus einem Parterre und ersten Geschoß; 
harmonische Verhältnisse, große Fenster, schöne, strenge imd reiz- 
voUe Höfe bilden ihren Schmuck. In seinen architektonischen Ver- 
hältnissen steht dem „Palazzo dei Diamanti'' am nächsten der 
Palazzo Sacrati Prosperi mit schönen Ornamenten. Das Portal ist von 
zwei korinthischen Säulen eingefaßt, auf denen ein Balkon ruht. 
Es ist ein kostbares Werk der Renaissance von wimdervoller Har- 
monie imd Freiheit in der Komposition. Ich erinnere mich keines 
zw^Un Tores in Italien, das ein so köstliches Dokument jener Zeit 
ist. Der Palazzo Roverella, mit Terrakottapilastem und Friesen, ist 
ein typisches Beispiel für die Häuser der reichen Geschlechter 
Ferraras. Der Palazzo Naseli Crispi mit schönem Hof zeichnet sich 
gleichfalls durch Harmonie der Verhältnisse aus; während die 



10 ERSTES KAPITEL 

sogenannte „Palazzina'S ein niedriges Gebäude, das letzte) das die 
Este in Ferrara errichteten, in trostlos verfallenem Zustand ist. 
Der Palazzo Bentivoglio dagegen ist schon der Typus des Barock« 
hauses; aus der Renaissance haben sich zwar die Hauptformen er- 
halten, aber die schweren, überladenen Ornamente der Fassade 
atmen anderen Geist. 



III 

Die Este waren ein strenges, kriegerisches, begabtes Geschlecht, 
Männer, die sich im Krieg und Rat bewährt und Italiens Ruhm 
gemehrt haben, entstanmien diesem Hause. 

I capitani e i cavalier robusti 

Quindi uscivan che col ferro e col senno 

Ricuperar tutti gli onor vetusti 

Deir Arme invite alla sua Italia denno. 

(Ariost.) 

Ariosts Worte sind nicht übertrieben. Markante Gestalten sind 
aus diesem Geschlecht, das Ferrara drei Jahrhunderte beherrscht 
hat, hervorgegangen, imd wenn wir die sieben Fürsten, in deren 
Händen die Herrschaft im XV. und XVI. Jahrhundert gelegen hat, 
an ims vorbeiziehen lassen, es sind in sich geschlossene Charak- 
tere, Männer aus Stahl und Eisen. Die Este haben ihre ausge- 
sprochene Eigenart, in der Politik geschickt imd verschlagen, im 
Kriege tapfer und kühn; die Gabe zu herrschen eignet ihnen trotz 
ihres unbeugsamen Despotismus in hohem Maße, sie waren rach- 
süchtig bis zur Grausamkeit, imd ging es um Macht oder um ein 
Weib, so kannte ihr Zorn keine Grenze. Nach damaliger Auf- 
fassiuig religiös, allen neuen Strömungen in Kunst und Literatur 
zugängig, fanatische Verehrer von Musik imd Gesang, liebten sie 
Luxus, glänzende Feste, grandiose Empfänge und waren leiden- 
schaftliche Jäger. 

Nach den Schmeichlern entstammte das Geschlecht der Este 
den Helden aus Karls des Großen Kreis. Im XIV. Jahrhundert 



LAND UND LEUTE II 

erwetterten ihre Feinde die Überlieferung dahin, daB ihr Stammvater 
der Treubrüchige aus Roncesvalles, Gano, der Verräter sei, der 
Judas des Epos; nach dieser Tradition hätten sie ursprünglich im 
Wappen nicht den Adler, sondern nur einen Falken geführt. Das 
Geschlecht entstammt dem Städtchen Este. 

Die Markgräfin Mathilde hatte Ferrara der römischen Kurte 
▼erschrieben, aber da die Päpste ihre unmittelbare Gewalt dort nicht 
behaupten konnten, mußten sie das Land als Lehen vergeben. 
Neben den Fürsten von Savoyen gehörten die Este zu den ältesten 

■ 

Geschlechtern' im Norden Italiens; ein Zweig der Familie hatte sich 
in Ferrara niedergelassen, war zu großer Macht gelangt und hatte 
dort mit nur geringen Unterbrechungen schon seit dem Beginn des 
XIIL Jahrhunderts geherrscht. Ihr Hof war seit undenklichen 
Zeiten von den Sitten und Legenden der westlichen Ritterschaft 
durchsetzt. Die Este gefielen sich in Turnieren und lebten in fran- 
zösischen Traditionen. Da die Lombardei Frankreich so nahe 
liegt und zahlreiche vornehme Geschlechter dort ihren Wohnsitz 
haben, war französischer Sitte und dem Ritterroman seit jeher im 
Norden eine Stätte bereitet. Durch die Po*Ebene zogen die Kreuz- 
ritter aus dem Westen ins Heilige Land, und ihre Erzählungen 
gingen von Mund zu Mund. Zu Beginn der Kreuzzüge, als noch 
heißes Feuer in der Ritterschaft brannte, bildeten sie ihr Ideal 
nach den Gestalten aus dem Kreise Karls des Großen und dem 
Rolandslied. Ihrer Stimmimg entsprachen die heldenhaft-patrio- 
tischen Kriege und Taten der Gefährten des großen Kaisers; aber 
als das Feuer erlosch und ihre Sitten sanfter wurden, geschah ein 
gleiches mit ihren Romanen, an Stelle der ehernen Paladine Karls 
des Großen traten Tristan und Lancelot, König Artus' Gefährten, 
und die Losung der Ritter ward Mut, verbunden mit höfischer Sitte, 
der cortesia. Das Ziel ihrer Kämpfe war nicht mehr Vernichtung 
der Ungläubigen, eher Kampf zum Schutze einer geliebten oder 
bedrängten Frau, nicht feindliche Heere beherrschten ihre Vor- 
stelltmg, sondern Drachen, Riesen und Zauberer. Der neuen Sitte 
und dem neuen Roman fehlte bereits der hohe Schwung der chanson 
de geste. Der Helm wurde durch das Samtbarett verdrängt, und das 
Turnier lockte mehr als der Krieg* 



la ERSTES KAPITEL 

Dieser Umschwung der Ritterschaft Tollzieht sich im XIII. Jahr- 
hundert und wird in Norditalien so allgemein, daB er selbst in das 
Volk dringt. Während der Feste, die 1267 in Venedig anläßlich der 
Wahl des Dogen Lorenzo Tiepolo gefeiert wurden, huldigten alle 
Handwerkerkorporationen dem neuen Machthaber. Die Barbiere, 
die bekanntlich mit ihrer Zeit zu gehen wissen, hatten zwei Mit- 
glieder ihrer Innimg als irrende Ritter Terkleidet, zu Pferde mit vier 
Jungfrauen erschienen sie vor dem Dogen. Befragt erklärten sie, 
daB sie diese Unschuldigen soeben aus den Händen der Ungläubigen 
befreit hätten und bereit wären, ihre Ehre gegen jeden Verleumder 
SU schützen. 

Um jene Zeit erstarkte die Macht der Este, in der gesamten 
Lombardei waren sie berühmt. Als erste führten sie die Trouba- 
dours aus dem südlichen Frankreich ein und interessierten sich für 
provenzalische Poesie, zur Zeit als in der Mark von Treviso — 
Amorosa e gioiosa Marca Trevigiana — , dem Ziel der Troubadours, 
diese Poesie noch ganz unbekannt war. 

So war der kluge, schöne und beredte Azzo VI. Ton Este (gest. 
1312) „pulcher, formosus, sapiens, eloquens, animosus*' im ersten 
Jahrzehnt des XIII. Jahrhunderts bekannt als Verehrer proven- 
zalischer Poesie. An seinen Hof kam der Troubadour Aimeric de 
Peguilhan und besang die Reize seiner Tochter Beatrice, die er 
die schönste Blüte ihrer Zeit nannte. 

Na Beatrix d' Est, anc plus bella flor 
De nostre tempo no trobei meillor; 
Tan ez bona, cum plus lanzar vos voill, 
Ades i trop plus de be qu* eu no soill. 

Trotz all dieser weltlichen Vorzüge ging Beatrice ins Kloster, 
vielleicht aus unglücklicher Liebe zu einem Troubadour. Sie gründete 
das Kloster Johannes des Täufers in Padua und wurde nach ihrem 
Tode heilig gesprochen. Die Herrschaft der Este steht von Anbeginn 
an im Zeichen des Frauenkultus, der ritterlichen Tugenden von König 
Artus und im Bilde des heiligen Georg, der die Jungfrau Tom Drachen 
befreit hat. Der estensische Hof wird sehr bald zum Vorbild ritter- 
licher Sitte, er ist der typische Renaissance-Hof im nördlichen Italien. 



LAMD UMD LEUTE jj 



dort herrschende Sprache war ein französierter venezia^ 
oischer Dialekt, toU firovenzalischer Ausdrücke und Wendungen» 
die norditalienischen Ritter machten sich diese Ausdrucksweise zu 
eigen. In der Bibliothek zu Mantua befindet sich ein außerordent- 
lich wichtiger Kodex; der provenzalische Canzoniere, eine Art 
Anthologie der Troubadours aus dem Jahre 1354 ist in den Kreisen 
der Romanisten bekannt. Nach der Tradition soll er von Ferrarino 
da Ferrara angelegt sein, einem der letzten italienischen Trouba- 
dours, der am Ende des XIIL Jahrhunderts lebte und der Verfasser 
des berühmten „Florilegio'S einer Sammlung provenzalischer 
lyrischer Gedichte ist« Ferrarino sang am Hofe Azzos VII. und 
Oluzzos II« „e fo giullar et intendez meill de trobar firoensal che 
fos en Lombardia'^ 

Obizzo IL war der Enkel Azzos VII« und der gesetzmäßige 
Begründer der Dynastie der Este in Ferrara. Vor ihm herrschten 
die Este zwar tatsächlich in Ferrara, aber erst Obizzo II. hat seine 
Macht auf legalen Unterlagen begründet« Am 17« Februar 1364 
war der tote Azzo mit großem Pomp in der Kirche von S. Francesco 
bestattet worden; man beeilte sich mit der Wahl des neuen Marchese, 
da nach altem Brauch die Ratsglocke das Volk und die „banditore'* 
berief und auf den Straßen verkündete, daß man sich zur neuen 
Wahl rüste, ehe der tote Herrscher begraben war« 

Zum Vormund seines minderjährigen Enkete, dessen Vater in 
Süditalien vergiftet worden war, hatte Azzo VII« Aldingheri de 
Fontana ernannt, einen einflußreichen Edlen und Freund der 
Familie« Aldingheri tat auch sein möglichstes, damit Obizzo ge- 
wählt werde. Den Platz, auf dem abgestimmt werden sollte, ließ 
er Ton Bewaffneten lunstellen. Verdächtige und Männer mit Waffen 
wurden nicht zugelassen. Der Vormund selbst sprach zu den Ver- 
sammelten, pries die Vorzüge der Este und beschwor die Ver- 
sammelten, für Obizzo zu stimmen, der, trotz seiner siebzehn Jahre, 
schon ein Muster an Verstand und Umsicht sein sollte. Den An- 
hängern des jungen Marchese wurden Vergünstigungen versprochen, 
seinen Gegnern mit Vernichtung gedroht. Das Volk fügte sich der 
Obermacht, wählte den Jüngling zimi Herrscher und übertrug 
ihm, nach Aussage der Chronisten, mehr Gewalt als sie selbst 



14 ERSTES KAPITEL 

Gott eignet, denn Gott kann keine Ungerechtigkeiten begehen» 
der Marchese aber durfte alles tun, was ihm beliebte, Bdses und 
Gutes, „omnia possit, justa vel injusta pro suae arbitrio Tolun- 
tatis'^ 

Die Este standen in Ferrara an der Spitze der Guelfen und 
galten als einer der Pfeiler der römischen Kurie, daher hatte der 
Papst Urban IL nichts gegen die Wahl und bestätigte Obizzo als 
seinen Statthalter in temporalibus« Obizzo nannte sich durch die 
Gnade Gottes und der apostolischen Kurie ewiger Herr von Ferrara, 
Gouverneur, Rektor und „generalis et perpetuus Dominus civitatis 
Ferrariae", verpflichtete sich angesichts des Volkes, die städtischen 
Institutionen und Freiheiten zu schützen, und berief als Zeugen 
dieses Vertrages die heilige Dreifaltigkeit, die Mutter Gottes und 
den heiligen Georg, den Schutzheiligen der Stadt. Der Vertrag 
wurde mit zwei Wachssiegeln versehen, mit dem Siegel der Stadt 
in Gestalt des heiligen Georg und dem Siegel der Este mit dem 
weifien einköpfigen Adler. Das Ansehen von Obizzos Vormimd 
Aldingheri stieg jedoch im Laufe der Zeiten dermaßen, daB der 
Marchese seine Macht und seinen Erfolg fürchten mußte, „gloriam 
et magnitudinem tolerare non potuit*', so ließ er ihn auf die da- 
mals übliche Weise, durch Gift, beseitigen und verbannte einen 
Teil seiner Familie aus dem Bereich des Landes. Einer der Al- 
dingheri nahm seinen Wohnsitz in Florenz und war mütterlicher- 
seits ein Vorfahre Dantes. Seinen Namen und Adel trug der große 
Dichter. Die Herkunft des Dichters erklärt auch, weshalb er die 
Este leidenschaftlich haßte. Zu seinen persönlichen kamen auch 
noch politische Gründe; für Dante galt der Kaiser als der Befreier 
Italiens, während die Este sich als Guelfen auf das Papsttum 
stützten. Deshalb setzt Dante Obizzo in die Hölle neben Ezzelino, 
den Beherrscher der Mark Treviso und den größten Tyrannen des 
mittelalterlichen Italiens, und befiehlt dem Kentauren Nessus, auf 
denjenigen von ihnen, der sich aus dem mit kochendem Blut ge- 
füllten Abgrund herauslehnen würde, den Pfeil abzudrücken. Der 
Dichter weiß keinen anderen Unterschied zwischen ihnen zu finden 
als den, daß Ezzelino schwarze Locken habe, während man Obizzo 
an seinem blonden Haar erkennen könne. 



LAND UND LEUTE 15 

Obizzo hatte zwei Frauen, aber die Chronisten berichten 
weniger von seinen Gattinnen als von seiner Geliebten, der schönen 
von Dante besungenen Ghisolla. Dante verbannt Caccianimico 
Venedico in die Hölle, weil er die Frau durch List bewogen hat, 
sich dem Marchese hinzugeben* 

Die Art, wie die Päpste die ferraresischen Herrscher mit ihrer 
Würde belehnt haben, wurde der AnlaB vieler blutiger Tragödien. 
Rom hielt sich nämlich nicht an den Erstgebornen unter den Söhnen 
des verstorbenen Herrschers, betrachtete selbst die Nachfolge in 
direkter Linie nicht als verbindlich, sondern bestätigte willkürlich 
Je nach der momentanen Lage entweder den imehelichen Sohn 
oder sogar die Brüder des verstorbenen Herrschers. Deshalb 
entbrannte nach dem Tode eines jeden Markgrafen in der Familie 
der Kampf um die Herrschaft. Später suchten die Este dem 
zu entgehen, indem sie noch zu Lebzeiten ihrem geliebtesten 
ehelichen oder unehelichen Sohn das päpstliche Lehen sicherten. 
Das erste Opfer dieses unglücklichen Grundsatzes war Obizzo 
selbst, da dem Vernehmen nach zwei seiner Söhne ihn im Bett 
erwürgt haben, weil er den jüngsten dritten zum Nachfolger be- 
stimmt hatte. 

Diesen Kämpfen um die Nachfolge verdanken wir es, daB 
Perrara Ariost erzeugt hat. Als Obizzo IIL (1294 — 1352) infolge 
eines blutigen Streites mit seinen Brüdern das Vaterland verlassen 
muSte und in Bologna Schutz suchte, lernte er die schöne Lippa 
Ariosti, die Tochter einer dort ansässigen Patrizierfamilie, kennen. 
Obizzo hatte ein Verhältnis mit Lippa, das zwanzig Jahre dauerte; 
elf Kinder, sieben Söhne und vier Töchter, entstammten diesem 
Bund. Als er den Thron von Ferrara bestieg, heiratete er die Frau 
und legitimierte seine Nachkommen. Die Po-Ebene war nicht 
nur reich an Getreide und Wein, auch die dortigen Familien er- 
freuten sich einer besonderen Fruchtbarkeit. Bei den Este erreichten 
die ehelichen und unehelichen Nachkommen bisweilen die stattliche 
Zahl von zweihimdert, und einer der Würdenträger des Hofes 
hatte es bis zu vierzig Söhnen gebracht. Noch mehr, der Arzt 
Michele Savonarola versichert, daß Niccolo Pallavicini noch als 
Hundertjähriger einen Sohn gezeugt hat. 



Z6 ERSTSi KAPITEL 

An die schöne Lippa aus Bologna erinnert Ariost stolz im 
»»Roland'S als er von den berühmten und bedeutenden Frauen aus 
dem Hause der Este spricht Lippas Vetter, Niccolo Ariosti, liefi 
sich in Ferrara nieder und ward zum Begründer jener Linie der 
Familie, aus der der Dichter stammt« 

Schon diese ersten Este hatten einen Hang zu Luxus und Ver- 
schwendung. Als Obizzo HL sich nach Venedig aufmachte, um mit 
der Republik nach heißem Kampf seinen Frieden zu schlieBen, liefi 
er sich eine besondere mehrstöckige Galeere erbauen, Ton der sein 
Kammerherr Ser Dino eine Zeichnung gemacht hat. Die Galeere 
war mit unerhörter Pracht ausgestattet, das kostbarste Material 
wurde zu ihrer Ausschmückung verwandt. Zu den berühmten 
Turnieren Ferraras kam die Ritterschaft aus dem gesamten ita- 
lienischen Norden. An seinem Hofe unterhielt Obizzo den Narren 
Gonella, den Franco Sacchetti in sieben Novellen verherrlicht hat. 
Die Gutmütigkeit des Marchese tritt in der einen zutage« Gonella 
hatte sich etwas zu schulden kommen lassen, Obizzo befahl ihm, 
Ferrara unverzüglich zu verlassen, sollte der Narr jedoch wagen, 
noch einmal auf seinem Boden zu stehen, so würde es ihn den 
Kopf kosten. Gonella ging nach Bologna, kaufte einen Wagen, 
liefi ihn mit bolognesischer Erde füllen und kehrte so nach Ferrara 
zurück. Der Markgraf lachte und verzieh Gonella seine Schuld. 

Der Luxus am Hofe gab Anlafi zu häufigen Unruhen, da die 
Bevölkerung, durch Steuern und vielfache Abgaben bedrängt, den 
finanziellen Druck nicht zu ertragen vermochte, um so weniger 
als die Verwalter des Schatzes „Fattori generali*' ihre Stelle mifi- 
brauchten, um sich zu bereichern. Unter Niccolo H., Obizzos IIL 
Sohn (1338 — Z388), den man „II Zoppo'* nannte, kam es zu starken 
Unruhen. Am 3. Mai 1385 warf sich das Volk, das infolge der 
Übergriffe des Schatzmeisters Tommaso di Tortona zur Verzweiflung 
gebracht war, auf das Haus, in dem die Steuerlisten aufgehoben 
wurden, verbrannte sie und demolierte die Wohnimg des verhaßten 
Beamten. An der Spitze des Aufstandes stand der Notar Francesco 
Montelino, der die Losung ausgegeben hatte: „Es lebe der Mark- 
grafl Tod dem Verräter Tommaso.'^ Aber Tommaso flüchtete 
ins Schloß und versteckte sich dort. Niccolo H. versuchte die 



PALAZZO DIAMANTI ZU FBRRARA 



TOR DBS PALAZZO PROSFERI ZU PERRARA 



LAND UND LEUTE xy 

Menge, die gegen das Tor drängte, zu beruhigen; sein Bruder Alberto 
ging sogar auf die Straße, um auf die Tumultuanten einzusprechen, 
aber das Volk wollte nicht weichen und verlangte die Herausgabe 
des Blutsaugers. ZufftUig kam einer der Söhne des Marchese 
herzu, der nicht wufite, was hier vorging. Das Volk ei^ff ihn 
als Geißel und bedrohte ihn mit dem Tode, falls der Marchese 
Tommaso di Tortona nicht auslieferte. Niccolo II. hat den Günst- 
ling dem eignen Sohn geopfert, er lieferte seinen Schatzmeister 
aus, den das Volk in Stücke riß. 

Dies war noch vor dem alten Schloß der Este geschehen, 
vor dem heutigen Munizipalpalast, dem Dom gegenüber. Dieses 
Schloß war nicht genügend befestigt; nach der gemachten Er- 
fahrung beschloß der Mardiese ein Gebäude zu errichten, in dem er 
der Menge trotzen könne. Auf diese Weise entstand das Kastell. 
Am Tage des heiligen Michael 1385 l^e der Bruder des Marchese, 
Alberto d'Este, den Grundstein, und man baute so rasch ^^ daß das 
Schloß innerhalb x6 Monaten fertig war. Das Geld für den Bau, 
25000 Dukaten, hatte Niccolo bei seinem Nachbar, Francesco I. 
Gonzaga, aus Mantua, entliehen, und da er seine Schuld nicht zu 
bezahlen vermochte, wurden die Abgaben noch unerträglicher als 
jene waren, die das Volk unter Tommaso di Tortona zu leisten hatte. 

Einen Platz, unmittelbar vor den BAauem Ferraras, hatte der 
Marchese für das KasteU gewählt, damit im Falle der Not die Be- 
wohner der Festung aus der Stadt flüchten könnten. Dem Schloß 
wurden später großartige Gärten angebaut, die sich bis zum Po 
hinzogen. 

Niccolos Nachfolger war Alberto d'Este (1388—1393); er stand 
hart an der Grenze zwischen Barbarei und Kultur und war aus 
lauter WMersprüchen zusanunengesetzt. Diesem Markgrafen hat 
das Kastell noch bessere Dienste als seinem Vorgänger geleistet. 
Als der Tyrann, nachdem er einen Teil seiner Familie hatte 
ermorden lassen, zur Herrschaft gelangt war, ließ er seinen 
Neffen Obizzo Aldobrandino und dessen Mutter köpfen, unter dem 
Vorwand, daß sie eine Verschwörung gegen ihn angestiftet hätten. 
Giovanni von Bresda, der im Einverständnis war, ließ er von Pferden 
durch die Straßen schleifen und dann aufknüpfen, dessen Gattin, 



X8 BRSTBS KAPITBL 

Costanza di Quintavalli, sowie seinen eignen Bruder, den Bastard 
Alberto, der Abwechslung halber auf dem Scheiterhaufen ver- 
brennen. Die übrigen Verschworenen wurden mit glühenden Zangen 
geiwickt imd aufierhalb der Stadt, um des abschreckenden Bdspids 
willen, aufgehängt, 

Alberto d'Este heiratete im Jahre 1388 aus Liebe Gtovanna 
de Roberti, die Tochter Cabrianos, seines Kammerdieners, doch 
war er ihr nicht lange treu, da er sich bald darauf in ihre Mutter, 
Margherita dal Säle, verliebte; sie galt als die schönste Frau ihrer 
Zeit und hatte sich aus HaB gegen ihre Tochter dem Schwieger- 
sohn hingegeben. 

Derselbe Alberto war, als er sich seiner Herrschaft sicher 
fühlte, einer der besten Fürsten Ferraras. Gegen Ende seiner 
Regierung wallfahrte er nach Rom, legte das Büfiergewand an 
und kleidete dreihundert Berittene*, die ihn begleiteten, in gleicher 
Weise ein. In Rom kamen ihm fünf Kardin&le entgegen, der 
Papst Bonifaz IX. verlieh ihm die goldne Rose, als Tugendpreis, 
und gestattete die Gründung einer Universität in Ferrara, nach 
dem Muster der Universitäten zu Paris und Bologna. Aus Rom 
kam Alberto krank zurück; da er seine Schwäche Margherita zu- 
schrieb und glaubte, daB die Geliebte ihn verzaubert habe, ließ er sie 

ins Gefängnis im Castelvecchio werfen und dort erwürgen. 

Das dankbare Ferrara hat seine Statue im Pilgergewand 

an der Fassade der Kathedrale anbringen lassen» 

wo man sie noch heute bewundem kann. 

Solcher Art waren Ferraras 

erste Markgrafen. 



ZWEITES KAPITEL 

NICCOLO IIL 




n der Stadtbibliothek zu Ferrara befindet sich eine 
Miniatur, auf der man den Platz vor dem Palazzo della 
Ragione mit einer auSerordentlicfa treu dargestellten 
Hinrichtungsszene sieht. Die Miniatur stammt aus dem 
XV. Jahrhundert. Die damalige Welt war Anblidce 
dieser Art gewohnt, so nahm niemand daran AnstoS, 
daß blutige Exekutionen vor den Fenstern des Schlosses stattfanden, 
in dem die fürstliche Familie lebte. Auf einem Gerüst, hoch genug, 
damit das Publikum das letzte Zittern der Körper beobachten könne, 
steht ein kräftiger Mann, die Hände auf den Rücken gefesselt. Vor 
ihm ein Mönch mit erhobenem Kruzifix, hinter ihm holt der Henker 
mit Wucht zum Schlage aus. Auf dem Gerüst stehen die Richter, be- 
waf&iete Knechte und die Mitglieder einer frommen Brüderschaft 
in Kapuzen mit schwelenden Kerzen in den Händen. Zwei ab- 
gehauene bärtige Köpfe li^en bereits am Boden» und die Arme der 
Leichen hängen herunter. So ward mehr oder weniger jede neue 
Regierung im beginnenden XV. Jahrhundert eingeleitet, nicht allein 
in Ferrara, sondern auch an den meisten anderen Renaissanceböfen. 
Herzen und Sinne hatten sich verhärtet. 

Hach Albertos Tode kam sein Sohn Niccolo III. auf den Thron ; 
da er noch nicht volljährig war, wurde ihm ein Rat, „consiglio", an 
die Seite gestellt, der die Regierungsgeschäfte bis zum vollendeten 
neunzehnten Jahre des Markgrafen leiten sollte. In diesem Rat 
wollte auch das Volk seine Vertreter haben, jede Innung für sich: 
die Bäcker, Schmiede, Schneider, Goldarbeiter usw. schickten ihre 



30 ZWEITES KAPITEL 

Delegierten. Eine so geartete Versammlung konnte sich nicht be* 
währen, und das Resultat war, daB vier Vormünder des Mark- 
grafen die Macht an sich rissen und sie bis zu Niccolos Volljährig- 
keit etwa in der Weise ausübten, wie die Biliniatur es darstellt. 

Der Marchese jedoch war voll Feuer uad Energie, und es ver- 
langte ihn nach Taten. Das heißeste Sehnen des jungen Burschen 
war, einen Krieg zu sehen. Da sich jedoch eine Gelegenheit dazu 
längere Zeit nicht bot, bat er Azzo, den Anführer seiner Heere, 
ihm im SommerschloB Belfiore ein Kriegsschauspiel zu arrangieren. 
Es nahm ein trauriges Ende, da Azzo, von einem Wurfspieß seines 
Gegners verwundet, es mit seinem Leben bezahlte. 

Aus • politischen Gründen verheirateten die Vormünder den 
kaum 13 jährigen Niccolo 1397 mit der 15 jährigen Gigliola da 
Carrara, der Tochter des Fürsten von Padua. Die Ehe war un- 
glücklich, die kränkliche Gigliola hatte keine Kinder, der junge 
Blarchese rächte sich an jenen, die ihn so früh in die Fesseln 
der Ehe gezwungen und brachte es, nach Aussage des ChronisteOt 
im Laufe der Jahre auf achthundert Liebesverhältnisse. 

De le femene qui el dir se tase 

Octocento donzele el signore habe in so vita« 

(Caleffino Cronaca.) 

Nur der Abt von Pomposa war ihm darin noch überlegen; 
ihm wurden tausend Liebesverhältnisse nachgesagt, die schlecht 
genug zum ernsthaften Mönchshabit passen. 

Es hieB in Ferrara, daß sich auf beiden Seiten des Po nur 
Niccolos Kinder herumtrieben, „Di qua e di la del Po, tutti flgli 
di Niccolo'S aber die Geschichte hat uns nur die Namen von zwei- 
undzwanzig unehelichen Kindern überliefert, abgesehen von jenen, 
die Niccolo später mit zwei legitimen Gattinnen gezeugt hat 

Gigliola starb im Jahre 1406; noch zu ihren Lebzeiten hatte 
Niccolo ein Verhältnis mit der schönen Stella dell' Assassino, aus 
der bekannten sienesischen Familie Tolomei. Ein Teil der Tolo- 
mei war infolge brudermörderischer Kämpfe mit dem angesehenen 
Geschlecht der Salimbeni nach Ferrara und später nach Assisi 
übersiedelt. Nach dieser Stadt nannte man sie Assasini, woraus 



NICCOLO III. 31 

sich sp&ter der Name Assassini entwickelt liat. In einem alten 
Vers heiBt es ron ihnen: 

Mutantes patriam, mutabunt nomina: dicent 
Namque Assassxnos Ptholomea stirpe creatos. 

Die Zeitgenossen finden nicht Worte des Lobes genug für 
Stellai sie schreiben ihr alle erdenklichen Vorzüge zu, sie war 
der Trost der Armen, gerecht, umsichtig, sittsam, großmütig und 
galt als Huster der Schamhaftigkeit, „pudidtiae flos'^ Der Dichter 
Galeoto Marzio da Nami verfaBte ihr zu Ehren ein langes Gedicht, 
in dem er auch ihren Vater, Giovanni Tolomei, preist; keinem 
Geringeren als Niccolo IIL widmet er seine Verse. Aus diesem 
Gedicht erfahren wir, daß Giacomo, einer der Assassini, Rechts- 
gelehrter und Podestä in Perrara war und für seine Gerechtigkeit 
bekannt. Der beste Beweis dafür, daB Stella eine ungewöhnliche 
Frau war, ist der Umstand, daB der in seinen Liebesverhältnissen 
so unbeständige Niccolo sie etwa achtzehn Jahre fast als seine 
Gemahlin betrachtet hat. Er hatte drei Söhne mit ihr: Ugo Aldo- 
brandini (geb. 1405), Uonello (geb. 1407) und Borso (geb. 1413). 
Dies Verhältnis hinderte aber vorübergehende Liebeleien nicht; 
Catarina degli Albersani, die Tochter eines Arztes in Perrara, gebar 
ihm einen Sohn Meliadus (geb. 1406) und die Ehefrau Canoilla 
deUa Tavola zwei Kinder, Alberto tmd Gurona Maria. 

In Perrara und auch an den befreundeten norditalienischen 
Höfen hielt man nach Gigliolas Tod (1406) Stella Assassini für die 
kommende Gemahlin des Marchese; man glaubte, daS Niccolo sich 
kirchlich mit ihr trauen würde. Stellas Söhne hat er wie seine recht- 
mäfiigen Kinder behandelt; die Taufe des Erstgeborenen Ugo war in 
Perrara feierlich begangen worden, der Kardinall^at aus Bologna 
war gdcommen, die Herren aus Modena und Rimini hatten Abgesandte 
geschickt. Trotzdem heiratete Niccolo Stella nicht; vielleicht haben 
pofittsche Gründe den PünfunddreiBigjährigen bewogen, 14x8 die 
junge und schöne Parisina de M alatesta zu ehelichen, die Tochter 
Andreo de llalatestas und Lucrezia degli Ordelaffis aus Ravenna» 
Ans Kummer starb Stella ein Jahr darauf, und Caleffini pries sie: 
„Quanto fo beOa e bona! de ogni virtu la portd Corona.^' 



22 ZWEITES KAPITEL 

Niccolos Verhältnis zu Stellas Söhnen Änderte sich infolge 
dieser Heirat kaum; den ältesten, Ugo, seinen Lieblingssohn, be« 
trachtete er sogar als seinen Nachfolger auf dem Throne tmd zeich« 
nete ihn als solchen vor Lionello und Borso aus. Ugo war immer 
um ihn, während er die beiden jüngeren Söhne unter verschiedenen 
Vorwänden aus dem Hause entfernte. 

Parisina, erfüllt von Lebenslust imd Güte, hat sich die Liebe 
ihrer Umgebung rasch erworben. Sie war eine leidenschaftlidie 
Tierfreundin und liebte namentlich Pferde, sie brachte ihren eigenen 
Rennstall mit, schickte ihre Pferde zum „Palio'' ron Verona, 
Mantuä, Modena, Bologna und Mailand, und ihr Jokei, Giovanni da 
Rimini, war überall Sieger. Ihre Farben, Weiß und Rot, wären 
auf allen Bahnen bekannt. Seltene Vögel liefi sie in Venedig kaufen, 
wie es damals an den groSen Höfen Brauch war. Teure Stoffe, 
Kleinodien, wohlriechende öle und Essenzen bezog sie aus Mailand 
tmd Venedig. Ihre Hoffräulein, die „damigelle^S waren ihr zu- 
getan, da sie ihnen reiche Geschenke machte und sich gütig gegen 
sie erwies. Namentlich Pelegrina, die Tochter Giacomo Rubinos, 
eines vertrauten Höflings Niccolos, war ihr LiebUi^; als die Don- 
zella heiratete, überschüttete sie sie mit Geschenken. Parisina las mfe 
alle Damen der damaligen großen Welt Ritterromane, Tristans und 
Isoldes Los war ihr wohlbekannt, sie las den Roman „Girone U 
Cortese'S und gab sich leidenschaftlich der Musik, namentlich 
Lautenspiel hin. Auch ging sie fleißig zur Kirche, ihr Hauskaplan, 
Fra Maginardo, las ihr den Psalter, imd sie benützte ein schönes, 
in schwarzen Samt gebundenes Gebetbuch. 

Parisina hatte drei Kinder, doch starb ihr Sohn bald, und es 
blieben nur zwei Töchter, Ginevra und Lucia, am Leben; sie gab 
sich viel mit ihnen ab und ließ sie früh in der Musik imterweisen. 
Von Stella del Assassinos Söhnen bevorzugte sie Ugo, den UebUng 
des Vaters. Der Markgraf ließ Ugo im Luxus aufwachsen, schenkte, 
ihm die kostbarsten Kleider, Pferde und Falken, während er Lio- 
nello, Borso und Meliadus an Sparsamkeit gewöhnte. Als 1434 
in Ferrara eine ansteckende Seuche ausbrach, schickte Niccolo 
Meliadus nach Modena und Borso nach Argenta, indem er strenge 
Vorschriften über die Anzahl der Diener, die sie halten durften,. 



NICCOLO III. 



»3 



machte; ferner verbot er den jungen Herren» offene Tafel für ihre 
Freunde zu halten. Parisina überraschte Ugo mit einer schönen 
Harfe, so hat wohl auch er eine Vorliebe für Musik gehabt. 

Nach den Chronisten war Ugo Parisina zuerst wenig sym- 
pathisch; dies kränkte Niccolo so, dafi er ihr den Sohn, als sie nach 
Loreto zu einer Wallfahrt aufbrach, zum Begleiter gab, damit er 
Gelegenheit habe, ihre Gunst zu erwerben. Diese Annähenmg 
hatte mehr Erfolg als der Markgraf wünschen konnte: Ugo kam 
als Parisinas Geliebter von der Wallfahrt zurück, und dier Verhältnis 
unterhielten sie auch in Ferrara. Ob der Liebesbimd auf diese Weise 
entstand, bleibe dahingestellt. Es fehlt jeder positive Hinweis für 
den HaB, der erst zwischen den beiden bestanden haben soll. Die 
Frage, wie die Liebe zwischen ihnen entstanden ist, kann der Histo- 
riker nicht beantworten. Alles, was bis jetzt über den Ursprung 
dieser Liebe geschrieben wurde, entstammt der Phantasie der 
Dichter tmd Romanschreiber. Genug, Ugo imd Parisina standen 
in einem Liebesverhältnis zueinander; Ugos Vertrauter war Aldo- 
brandino Rangoni, sein Höfling imd Fretuid, die Vertraute der 
Markgräfin war eine ihrer Hofdamen, die das Geheimnis an Gia- 
como Rubino, Niccolos treuesten Diener, verriet. Rubino ging 
sofort zum Markgrafen imd erzählte ihm alles. Die Rache des 
Tyrannen war unverzüglich imd furchtbar. In der Nacht vom so. 
auf den ai. Mai 1425 liefi Niccolo beide ins Gefängnis werfen. Pari- 
sina in den Turm, der noch heute „Torre Marchesana'' heiBt, Ugo 
in den „Löwenturm^^ des Kastells. Das Urteil des Marchese lieB 
nicht lange auf sich warten, nach wen^^en Stunden verurteilte er 
den Lieblingssohn und seine Gattin, die Mutter zweier kleiner 
Töchter, zum Tode. Einer seiner treuesten Ratgeber, Ugacdon 
Contrario, von dem es hieß, dafi er alles über den Markgrafen ver- 
möge» und ein alter bewährter Minister, Alberto dal Säle, be- 
schworen Niccolo auf den Knien mit tränenden Augen, seinen 
Urteilsspruch aufzuschieben. Niccolo lieB sich nicht erweichen, er 
wollte weder den Sohn, noch die Gattin sehen, und schon in der 
folgenden Nacht, vom ax. auf den aa. Mai, vollsog der Henker 
sein blutiges Werk. Ugo starb zuerst, dann begab sich Rubino, 
der Verräter, in Parisinas Gefängnis imd forderte sie auf, ihm zu 



24 



ZWEITES KAPITEL 



folgen« Parisina glaubte, dafi er sie ins Trabocchetto, das unter- 
irdische Gefängnis, führen woUe, und fragte, was mit Ugo ge- 
schehen sei. Als man ihr sagte, er sei tot, antwortete sie, dafi auch 
sie nicht mehr leben wolle. Im Gefängnis wartete der Henker 
ihrer bereits; als sie ihn sah, nahm sie selbst ihren Schmuck ab 
und legte den Kopf auf den Block. 

In der gleichen Nacht wurden beide Körper in San Francesco 
bestattet. Als man dem Markgrafen sagte, dafi sein Wille erfüllt 
sei, geriet^er in Verzweiflung, zerbifi den Stock, den er in der Hand 
hielt, weinte und schrie nach Ugo. Aber noch war der Rache 
kein Ende gesetzt. Am nächsten Morgen erliefi er den Befehl, 
Aldobrandino Rangoni zu verhaften; in Modena wurde er hin- 
gerichtet. An die italienischen Höfe liefi er ein Ddam^nt aus- 
fertigen, worin er seine Tat meldete. Als der yenezianische Doge, 
Francesco Foscari, die Schrift erhielt, gab er Befehl, das Turnier 
auf dem Markusplatz, an dem der Markgraf teilnehmen sollte, zu 
vertagen. — Das fragliche Dokument war leider in keinem italie- 
nischen Archiv auffindbar. 

Niccolo raste in seinem Schmerz und Zorn, er beschlofi, dafi 
alle Frauen Ferraras, die wie Parisina gesündigt hatten, dem Henker 
verfallen sollten, „damit die Gerechtigkeit sich nicht nur an seiner 
Gattin vollziehe''. Laudania Romei, die Gattin eines hohen Würden- 
trägers am Hofe, war das erste Opfer dieser wilden Gerechtigkeit, 
aber der Rausch verflog, und nach Laudanias Tod zog Niccolo seinen 
Befehl zurück. Ferraras Ehefrauen konnten wieder nach Herzens- 
lust sündigen, und der BSarkgraf selbst imterstützte sie ehrlich darin« 

Der alternde Niccolo hatte nach Parisinas Tod noch eine An- 
zahl unehelicher Kinder, Knaben und Bfädchen. Beatrice, die er 
mit Anna de' Roberti gezeugt hatte, war um ihrer Schönheit willen 
berühmt Sie war die Königin der Feste in Ferrara, und ein altes 
Sprichwort sagt von ihr: „Wer das Paradies auf Erden sehen wolle, 
möge Donna Beatrice betrachten.'' Nach dem Tode ihres Vaters 
vermählte sie sich mit dem Grafen Niccolo da Correi^io; ihr zweiter 
Gatte war Tristan Sforza. Ihr Sohn, Niccolo Correggio (geb. 1450), 
hat in der Geschichte der italienischen Renaissance eine bedeutsame 
Rolle gespielt. 



PISAHELLO: PILGER INS GELOBTE LAND 
VERONA, S. ANASTASIA 



NiccoLO III. as 

Z43Z heiratete Niccolo zum drittenmal, Parisinas Geschick 
•chreckte die Tochter des Markgraien Sahino Ricdardi nicht ab, 
ihm ihre Hand xa reidien. Im Ehekontrakt sah Niccolo jedoch 
vor, daB, wenn Riccarda einen Sohn gebiren würde» die Nachfolge 
in Ferrara nicht ihm anfallen sollte, sondern Uonello, den der 
Pa|)6t Martin V. bereits 1429 legitimiert hatte. Im Jahre 143z gebar 
Riccarda einen Sohn, jenen Ercole, der Lionello mid Borso auf dem 
fetraresischen Thron folgte und einer der bedeutendsten italienischen 
Fürsten am Ende des XV. Jahrhunderts war. Riccarda schenkte 
Z433 einem zweiten Sohn, Sigismondo, tmd unmittelbar ror ihrem 
Tode Z440 einer Tochter, Bianca Maria, das Leben; unter Borsos 
Regierung heiratete die Tochter den Condottiere Galeotto Pico della 
Mirandola. 

II 

Z4Z3, als Stella Assassini noch das Herz dea Markgrafen be- 
herrschte, beschlofi er eine Wallfahrt ins Heilige Land. Die Feinde 
der Dynastie waren unterworfen, im kleinen Reiche herrschte 
Frieden, so ward es dem Despoten zu eng in der ferraresischen 
Ebene, der Geist des fahrenden Ritters regte sich in der juzigen 
Brust, und wie einst die Kreuzfahrer wollte er auf Christus Grabe 
Bufie tun« Von fünfzig Freunden und Höflingen begleitet, rerlieB 
Niccolo Ferrara am 6. Mai. Zur Expedition gehörten: der Ferra- 
rete Alberto della Scala, mit zwei Geffthrten, Pietro Rosso, ein 
Edelmann aus Parma, der auch zwei Leute Ton seinem Hof mit- 
gebracht hatte, Feltrino Bojardo, der Großvater des grofien Dichters 
aus Scandiano mit einem Diener, und mehrere Mitglieder bekannter 
Familien. Als Sekretär diente dem Markgrafen Lucchino del Campo, 
der uns eine sehr anschauliche Beschreibung dieser Reise hinter- 
lassen hat. Die Wallfahrer trugen schwarze Mäntel mit rotem Kreuz 
auf der Brust, tmd die Republik Venedig stellte ihnen eine ihrer 
Galeeren zur Verfügung. 

Der Mardiese wollte alle Sehenswürdigkeiten, die auf seinem 
Wege lagen, besichtigen, und so machte man, unmittelbar nachdem 
man den Hafen San Niccolo de Lido verlassen hatte, in Pola Station 



26 ZWEITBS KAPITEL 



wegen der dort vorhandenen römischen Altertümer. Die Arena 
scheint den Markgrafen besonders interessiert zu haben, er hatte sich 
in seiner Jugend oberflächlich mit humanistischen Studien befafit, 
sein Lehrer war der berühmte Donato degli Albanzani aus Prota- 
▼ecchio. Nicodo gehörte jedoch keineswegs zu Donatos besten 
Schülern und hat es im Lateinischen trotz der Mühe des Huma- 
nisten nicht weit gebracht. Die Galeere nahm ihren Weg an den 
Ionischen Inseln, später am Archipel entlang, machte Halt in Corfu, 
wo der renezianische Gouverneur den Reisenden ein Gastmahl in 
einem Orangenhain gab, griechische Mönche sangen zu ihrem 
großen Entzücken während der Tafel. Im weiteren Verlauf der 
Reise besuchten die ferraresischen Pilger die Insel Rhodos, kamen 
an Cypem vorbei, stiegen in Syrien am iz. Mai ans Land imd gingen 
▼on dort aus nach Jerusalem. In Jerusalem blieb der BSarkgraf 
vier Tage, vom 15. bis zum 19. Mai, und pilgerte zweimal zum 
Heiligen Grab. Einmal lag er eine ganze Nacht mit ausgebreiteten 
Armen wie am Kreuzesstamme da, ein anderes Mal verbrachte er 
zwei Stunden dort in heifiem Gebet. Nach diesem Gebet gab er 
Alberto della Scala, Feltrino Bojardo und Pietro Rossi den Ritter- 
schlag, gürtete ihnen selbst das Schwert um und gab ihnen goldene 
Sporen auf dem Kalvarienberge. Die Wallfahrer verdroß es sehr, 
dafi sie im Gelobten Lande für jeden Schritt den „türkischen Hunden,'' 
wie sie sie nannten, zahlen mufiten, den Wächtern auf dem Berge 
Zion gaben sie vier Dukaten, für das Betreten des Tales von Josaphat, 
wo „Nostra Donna'' begraben ist, muBten sie einen halben und 
für das Grab des Heilands anderthalb Dukaten entrichten. 

Auf dem Rückweg hielt der BSarkgraf sich sechs Tage in Cjrpern 
auf, um den dortigen König zu besuchen, und mußte als echter 
Sohn der Renaissance auf der Insel Kythera die Stelle betrachten, 
wo der Tradition nach die griechische Helena geraubt ward. Sechs- 
unddreifiig Tage fuhren die Wallfahrer von C]rpem nach Venedig, 
am 6. Juli kamen sie in Ferrara an, so dafi die ganze Reise drei 
Monate gedauert hatte. 

Die häufigen frommen Pilgerfahrten der Renaissance-Fürsten 
waren zum groBen Teil nur ein Vorwand, um zu reisen und Aben- 
teuer zu suchen, oder sie entsprangen dem Wunsch, fremde Ver- 



NICCOLO HI. 37 

bättnisse kennen zu lernen. Es schickte sich für den regierenden 
Fürsten nicht, ohne einen gewichtigen Grund sein Land zu ver- 
lassen, viel Geld auszugeben und den Schatz des Reidies zu be- 
lasten» so fand sich denn inuner ein Vorwand für teure Pilger« 
fahrten. Das eine Mal gelobte der Fürst ein goldenes Exrotusa 
an heiliger Stelle niederzulegent damit eine Seuche erlösdie; ein 
nächstes Mal bot ein beendeter Krieg den Vorwand zu einer fr« 



I » M I .< i 



Auch Niccolo hielt es nicht lange in seinem Schloß aus. Bin 
Jahr nach der Reise naidtk Jerusalem pilgerte er nach Loreto tmd 
legte dort das Modell des ferraresischen Doms» aus Silber gefertigt» 
nieder. Die Berichte verschweigen» was für Gewänder sein Hofstaat 
für diesen Zweck anlegen mußte, dagegen wissen wir, daß ihn» als 
er noch im gleichen Jahre (am 19. Juni 14x4) zur Reliquie des 
heiligen Antonius in Vienne in der Dauphin^ pilgerte» vierundzwanzig 
Höflinge in lichtgrünen Gewändern begleiteten. In Frankreich 
»»liebten die Frauen ihn mehr als ihre eigenen Männer'S wie der 
Chronist hinzufügt. Von Vienne aus b^ab er sich nach Mont-Saint- 
Michel in der Normandie» aber auf der Rückreise passierte ihm doch 
ein ungewöhnliches Abenteuer. In den Fiononteser Bergen überfid 
ihn Manfredo de Carreto» der Marches^ de Ceva» tmd nahm ihn und 
seine Begleiter gefangen in Erwartung eines großen Lösegeldes. 
Aber der Graf Ton Savoyen» ron diesem Überfall unterrichtet» 
schickte eine Abteilung seines Heeres» das Niccolo befreite und 
den Raubritter ins Gefängnis warf. Der Marchese de Gera be- 
zahlte seinen Anschlag auf den Herrn von Ferrara mit dem Leben» 
und sein Schloß ward dem Erdboden gleich gemächt. Als nach 
diesem Ereignis Niccolo III. nach Ferrara kam» war» nach Caleffinis 
Bericht» die Freude so groß» daß alle Kranken genasen. 

Dieser Pilgerfahrt sollten noch weitere folgen: in Vienne hatte 
es ihm so gut gefallen» daß er im Jahre 1434 wieder zum heiligen 
Antonius wallfahrte; ein Jahr darauf pilgerte er in die S. Annun- 
ziata nach Florenz» um ein Wachs-Exroto zu stiften. Es war ein 
großes Pferd» für das er dem Künstler fünfzig Gulden bezahlt hat. 

Der Marchese gehört zu jenen Renaissancemenschen» bei 
denen sich Verbrechen und Zerknirsdiung seltsam eng berühren. 



aS ZWEITES KAPITEL 

Die Zerknirschung war nur von kurzer Dauer, die 
Grausamkeit und das leidenschaftliche Ungestüm seines Charakters 
brachen bei der erstbesten Gelegenheit wieder durch* Ethische 
und moralische Begriffe fehlten vollkommen, Religion war eine 
schdne Form, ein vererbter Brauch, sehr häufig der Deckmantel 
fOr Verbrechen; in goldenen Rahmen wurde das Bild zügelloser 
menschlichounmenschlicher Triebe eingefaBt. Eine Wallfahrt ins 
Heilige Land, zum heiligen Jakobus von Compostella ^ und man 
fühlte sich idl seiner Sünden quitt* 

In Niccolo III. waren die Traditionen französischer Kultur 
lebendig. Seine Kenntnis des Lateinischen war, wie schon er- 
wihnt, nur mangelhaft, und Donato hat wohl endgültig die Hoff- 
nung aufgegeben, seinem Schüler klassische Sprachen beizubringen; 
denn er übersetzte für ihn zwei Werke ins Italienische: Petrarcas 
Buch ,,Von berühmten Männern** und Boccaccios Abhandlung 
„Von berühmten Frauen'^ Die Lieblingslektüre Niccolos und des 
gesamten estensischen Hofes bildeten französische Romane, „Istorie 
francesi'*, und der beste Beweis dafür, wie lebendig diese Ritter- 
geschichten waren, ist der Umstand, dafi man den Kindern mit 
Vorliebe Namen aus dem Kreise Karls des GroBen und König 
Artus' Tafelrunde gab, wie Meliadus, Ginevra, Rinaldo, Isotta usw. 
Niccolo hatte eine Vorliebe für schöne französische Bücher, die er 
zum Teil von seinem Vater geerbt und zum anderen hatte ab- 
schreiben und mit Miniaturen schmücken lassen. In seiner Bücher- 
sammlung befanden sich „die Geschichte des heiligen Gral'*, „Merlins 
Prophezeiungen**, „Meliadus**, „Lancilotto**, „Chronique de Saint 
Denis** und viele andere. Der Katalog der estensischen Bibliothek 
aus dem Jahre 1474 führt den „Lancilotto** in vier Exemplaren auf , 
den Roman „Gutifre de Boion** in zweien, und in ebenso vielen 
„die Geschichte Alezanders**. Den Donzellen und der weniger ge- 
Uldcten männlichen Jugend am Hofe waren diese französischen 
Handschriften unzugänglich. Die Mdu«ülil der Ritter lauschte neu- 
gierig den Berichten der Sänger, die die französischen Romane in 
italienischer Sprache und italienischer Art angemessen vortrugen. 

Niccolos Bibliothek war schon so umfangreich, daB der Fürst 
einen eigenen Raum in der Torre di Rigobollo, wo sich auch daf 



NICCOLO III. 



»9 



gdietme Archir der Este befand, dafür bestimmt hatte. Er UeB 
das erste HandschrifteniiiTentar anl^^, das sich bis auf den heu« 
tigen Tag erhalten hat. Giovanni Falconi und Jacopo d'Aresso 
versahen die Bücher mit Miniaturen. 

Auch französische Mode war maßgebend am Hofe,, und man 
bezog nicht wenig Toiletten luid Einrichtungsstücke aus Paris oder 
Flandern. In der französisdien Hauptstadt versah man sich mit 
schdner Wäsche, in Brügge bestellte Niccolo Arazzi mit seinen 
Wappen und seiner Devise, und Silber zum Schmucke der Tafel 
wurde zumeist in Paris gekauft Da aber die flandrischen Arazzi 
9Ar teuer waren, gründete Niccolo in Ferrara eine Teppichfabrik 
nach flämischem Muster, die sich über ein Jahrhimdert erhalten 
hat. Aus Flandern liefi er auch Kirchensänger kommen; sie wurden 
die Begründer des berühmten Chores, auf den der ferraresische Hof 
9ibr stolz war. Unter Niccolo erwarben die Este zwei neue Paläste, 
Bebiguardo imd Consandolo, auBerdem liefi der Markgraf den 
Palast der Este in Vened^ umbauen und restaurieren; der Senat 
der Republik hatte ihn bereits 138a Niccolo IL für geleistete Dienste 
geschenkt Dieser Palast hat die verschiedensten Schicksale durch« 
gemadit. Von den Este hat ihn im XVII. Jahrhundert der Kardinal 
Aldobrandini erworben, dann diente er unter dem Namen „Fondaco 
dei Turchi^' den türkischen Kaufleuten, die nach Venedig kamen« 
ab Wohn« und Lagerraum; z88o wurde er zur Aufnahme der 
Sammlung Correr bestimmt, aus der das heutige Museo Civicp 
sich entwickelt hat. Jenes Gebäude, das in jüngster Zeit in be- 
scheidener Weise erneuert wurde und jedem Besucher Venedigs 
bekannt ist, war im XIV. und XV. Jahrhundert der stolze Wohn- 
sitz der Este. So oft ein Mitglied der Familie nach Venedig kam, 
sei es, um mit der Republik zu unterhandeln oder um in der Stadt 
der schönen Kurtisanen der Lust zu frönen, wohnte es in diesem 
Palast. Niccolo III. war einigemal in Vened^ gewesen; mit dem 
gröfiten Luxus trat er 14x5 auf, als er in Begleitung von zwei« 
hundert Rittern kam und am groBartigen Turnier auf dem Markus- 
platz trillnahm. 

Zu den glorreidisten Augenblicken unter Niccolos Regierung 
gehörte der Empfang des Kaisers Si^^und im Dezember des 



so 



ZWEITES KAPITEL 



Jahres 1433» als der Monarch von aeiner Krönung zurückkam* Er 
gab UonellOy Borso und Ercole den Ritterschlag und hielt Sigis- 
mondo zur Taufe. Aber ein wichtigeres Ereignis war das be- 
rühmte Konzil zu Perrara 1437. Seine Aufgabe war die Wieder^ 
Tereinigung der griechischen und rdmisdien Kirche, die sich 858, 
seit den Tagen des Photius, gespalten hatte; femer galt es, Mittet 
zur Bekämpfung der Türken zu finden, die das Ostliche Kaiserreich 
bedrohten. Zu den Gründen, die den Papst bewogen hatten, Perrara 
für das Konzil zu wählen, soll auch der gehört haben, daA das 
Studium des Griechisdien damals dort blühte, und man sidi daher 
leiditer als anderswo mit den östlichen Gelehrten verständigen 
konnte. 

Zum Konzil war selbst der Papst Eugen IV. gekommen, ferner 
der Kaiser des Ostens Johannes Palaeologus, Demetrius, der Be- 
herrscher Moreas, Joseph, der Patriarch von Konstantinopel, und 
viele Gesandte und Prälaten. Aber weder der Papst noch Niccolo 
waren imstande, längere Zeit die ungeheuren Kosten zu tragen, die 
der Unterhalt der Gäste verursachte, so übersiedelte das Konzil 
im nächsten Jahre nach Florenz, das sich erboten hatte, die er- 
forderlichen Mittel aufzubringen. Dazu wurde Perrara von einer 
Seuche heimgesucht, imd der plötzliche Tod eines der östlichen 
Bischöfe verursachte einen panischen Schrecken imter den Ver- 
sammelten, die Perrara um jeden Preis zu verlassen wünschten. 
Auch Niccolo ging nach Plorenz. Drei Jahre darauf starb er 
plötzlich in Mailand am 26. Dezember 1441 während seines Aufent- 
haltes als Friedensvermittler zwischen Blailand imd Venedig. Zu 
seinem Nachfolger hatte er Lionello bestimmt, bei dessen etwaigem 
Tode Borso; erst nach ihrem Ableben sollte der Thron seinen legi- 
ttmen Söhnen, Ercole und Sigismondo, zufallen. In seinem Testa- 
ment bezeichnete der Markgraf Lionello als den der Herrschaft 
würdigsten, „in quem praeclarissimum suum natum semper totam 
suam mentem et totas cogitationes locavit et fizit'^ 

Die Leiche des Markgrafen wurde nach Perrara gebracht, dem 
Wunsch des Toten entsprechend ward sie nackt in den Sarg gelegt 
und In S. Maria di Belfiore ohne jedes Gepränge beigesetzt. In 
tiefer Stille bewegte sich der Leichenzug nachts durch die Straßen 



NICCOLO III. 



31 



der Stadt» und nur Tausende von llenscfa«! und Fadseln verrieten 
die Bedeutung der Stunde. Am Hofe der Este trug man lange 
tiefe Trauer nach dem Tode dieses ungewöhnlichen Herrschers, 
noch ein Jalur darauf waren die Winde und Möbel des Schlosses 
mit schwaraem Tuch ausgeschlagen, die Markgrafen und der ge- 
samte Hofstaat trugen sdiwarze Samtanzüge und Hfite und Hand- 
sdiuhe in gleicher Farbe. — Zahllose ^itaiihe entstanden an- 
UBlidi des Todes des Fürsten, da jeder der ferrarestschen Huma- 
nisten sidi ffir verpflichtet hielt mit Schmeicheleien hervorzutreten, 
die den Söhnen des Verstorbenen angenehm sein konnten. Guarino 
hatte nicht weniger als vier Inschriften für den Grabstein ent- 
worfen« 

Niccolo hatte große Vorzüge, sie entsprangen einem riditigen 
Begreifen dessen, was seinem Geschlecht von Nutzen sein könnte. 
Eine starke Dynastie ist ohne strenges Regiment unmöglich, dessen 
war er stets eingedenk, imd in diesem Sinne hat er gehandelt. Ernst- 
haft bemühte er sich, Kunst und Wissenschaft zu fördern. Es 
galt. Gelehrte und Künstler nach Ferrara zu ziehen, um den Glanz 
des Hofes zu erhöhen — , dies Streben beherrschte damals jeden 
Fürsten. Namentlich lag Niccolo die Erziehimg seiner Söhne am 
Herzen, deshalb berief er Guarini Guarino aus Verona, den be- 
kanntesten Humanisten im damaligen Italien. Durch seine Wirk- 
samkeit wurde der Hof von Ferrara zu einem der bedeutendsten 
Mittelpunkte humanistischer Studien. 



III 

Guarino war der erste Italiener, der im Griechischen unter- 
richtete. Längere Zeit war er in Konstantinopel gewesen, nach 
seiner Rückkehr lehrte er in Florenz, Venedig, Verona und schliefi- 
iich in Ferrara Lateinisdi und Griechisch. In Venedig war er 1414 
wie ein regierender Fürst empfangen worden oder wie ein heim- 
kehrender Triumphator. Einer seiner Lobredner schreibt, es scheine, 
daB der Kaiser nach Venedig gekommen sei, soviel Menschen seien 
dem berühmten Gelehrten entgegengezogen; xmd mag auch manches 



32 



ZWEITES KAPITEL 



Übertriebene in diesen Worten liegen, so beweisen sie doch den all- 
gemeinen Eifer, der der neuen Vinssenschaft galt Nach der Tra* 
dition soll Guarino zwei StöSe ron Handschriften aus Griechenland 
mitgebracht haben; als der eine beim Untergang des Schiffes im 
Meer versank, soll der arme Gelehrte vor Kummer graue Haare 
bekommen haben. Als Guarino infolge einer Seuche 1416 aus 
Venedig nach Verona kam, rersuchte die Heimatstadt alles, um 
ihn an sich zu fesseln, und da kein Mittel verfing, beschloB man 
ihn dort zu verheiraten. Mit Hilfe von Guarinos Mutter, die in 
Verona lebte, gelang die Intrige, er wurde mit Taddea Cendrata 
di Niccoli zusammengetan, und der unglückliche Humanist klagt, 
ihm sei so stark zugesetzt worden, dafi er nicht anders konnte, 
„ita ut manus dederim'% Guarino begründete in Verona eine sehr 
gut besuchte Privatschule, aber infolge einer wiederholt ausbrechen- 
den Seuche muBte er dreimal nach Valpolioella flüchten, wo seine 
Frau einen kleinen Besitz hatte« Niccolo d'Este benützte diesen 
Anlaß, um ihn nadi Ferrara zu ziehen, mit veranlaßt von seinem 
Ratgeber Giacomo Giglioli, der auch heranwachsende Söhne hatte 
und ihnen eine bessere Erziehung zu geben wünschte. Verona 
wollte aber Guarino nicht so leicht hergeben, erst nach längeren 
Unterhandlungen gestattete man dem Gelehrten, mit seiner Familie 
den neuen Wohnort zu beziehen. 

Im Mai des Jahres 1429 kam der damals schon sechzigjihrige 
Guarino nach Ferrara; da auch dort eine Seuche herrschte, entfloh 
er der Stadt so schnell als möglich und führte acht Monate hin- 
durch in umliegenden Dörfern ein trauriges Leben in Begleitung 
von elf Kindern, seiner Frau, die wieder Mutterfreuden entgegen- 
sah, und einigen Dienstboten. Daran nicht genug, anvertraute ihm 
auch Giacomo Giglioli seine Söhne, da er für deren Gesundheit in 
Ferrara fürchtete; so hatte der unglückliche P&dagoge ein voll- 
stindiges Pensionat und Spital, da stets ein Teil der Gesellschaft 
kränkelte. Als im Winter die Gefahr endlidi vorüber war, er- 
schien Guarino in Ferraras stillen Straßen (1429) und wie es bei 
seinem Lobredner heißt: 

Mansurum pladda statione recepit 
Pads et aligeri Ferraria mater amoris. 



NICCOLO III. 33 

Wir begründete er ein Privatinstitut; sehr tmld übertrug ihm 
der Ihrkgraf Lionellos Erziehung und liefi ihm dafür 350 Du- 
katen jihrttch überweisen, eine für damalige Zeiten fürstliche Be« 
lohnung« Er war ein berühmter Pädagoge imd Lehrer; seine 
Schriften sind jedoch trocken und langweilig, und seine Briefe und 
Reden gleichen in dieser Beziehung allen übrigen literarischen Er* 
leugnbsen der Humanisten^ Aus seinem berühmten an Lionello 
nach dem Tode des Markgrafen gerichteten Brief spricht jene 
kriecherische Gesinnung vor dem neuenFürsten, die alle höfischen 
Schriftsteller der Renaissance kennzeichnet. Guarinos sjrmpathische 
Züge sind dagegen das Sehnen nach griechischer Kultur, nach 
jenem Ideal der Menschheit, um dessen Wiedereroberung es zu 
kämpfen galt, wie einst die Kreuzfahrer um Christi Grab gekämpft 
hatten« Für Guarino und die ersten Humanisten war Griechen- 
land das heilige, das gelobte Land. 

Die griechischen Pädagogen begründeten damals in Italien 
PdTatschulen und hatten damit viel Erfolg, denn die Eltern waren 
nicht länger gezwui^en, ihre Söhne in die Klosterschulen zu schicken, 
die immer mehr verfielen. In Padua eröffnete im Jahre 1408 der 
Grieche Barzizza eine Schule nebst einer Privaterziehirngsanstalt; 
er beschäftigte tüchtige Lehrer, und die venezianischen Patrizier« 
söhne strömten in dies Institut. Die Schüler bezahlten jährlich 
für Unterricht und Unterhalt vierzig SkudL Nach dem Muster 
dieser Anstalt begründete Guarino seine Schule in Ferrara, an der 
er selbst unterrichtete; außerdem hatte er öffentliche Vorlesungen 
an der dortigen Universität Die Abende widmete er den jungen 
Leuten, die bei ihm wohnten, imd der Wissensdurst war so groB, 
daS, wie einer seiner Schüler berichtet, er und seine jungen 
Freunde, die im gleichen Zimmer schliefen, zumeist bis um 
Mitt^nacht lernten und um drei Uhr morgens schon wieder vor 
den Büchern saßen. Selbst im Sommer am Lande war der Lern* 
eifer nicht zu stillen. Wir besitzen einen Brief eines anderen 
Schülers von Guarino, in dem der Jüngling schildert, mit welcher 
Freude „incredibili voluptate'^ er sich auf dem Lande humanistischen 
Studien hingebe; selbst während körperlicher Übungen können sich 
die Schüler nicht vom Buche trennen, bei jeder Gelegenheit sprechen 



34 ZWEITBS KAPITEL 

sie mit den Lehrern ron Griechen und Römern» so daA jeder Spuier- 
gang ihr VHssen bereichert«. Grollen Eindruck machte den PIf» 
dagogen das Buch von Pierpaolo Vergerio, das 1404 unter dem Titel 
erschien »»De ingenuis moribus ac liberalibus studüs ad Ubertinum 
Carrariensem" und Vorschriften über Erziehung und Unterricht 
enthielt. Dieser Traktat sollte als Grundlage für die Erziehung 
des jungen Ubertino dienen, des Sohnes Francesco Novellos II.» des 
Herrn ron Carrara. Pierpaolo stützte sich auf Theorien, die er 
griechischen imd römischen Autoren, wie Plato, Aristoteles, Plu- 
tarch, Cicero (De oficiis) und Quintüian entnonmien hatte. Ver- 
gerio legte das Hauptgewicht auf Literatur, Musik, Zeichnen und 
Fechten. Guarino gliederte diesem System weitere körperliche 
Übungen an: Jagen, Schwinunen und Tanzen waren Vorschrift, 
während der Tanz gegen Vergerios Grunds&tze war. Hauptsächlich 
lag es Guarino daran, seinen Schülern gesunde moralische Grund- 
Sätze einzuimpfen, — gerade darin war man damals sehr lax. Er 
hielt an den Satzungen der Kirche fest und führte im Gegensatz 
zu vielen Humanisten seine Schüler täglich ror dem Unterricht 
in die Kirche. DaB er ein guter Pädagoge war, bewies er an seiner 
e^;enen Familie, denn elf von seinen dreizehn Kindern hat er zu 
brauchbaren Menschen erzogen. Guarinos Schule besuchten Fran- 
zosen, Deutsche, Engländer, Polen imd Ungarn ; als Knaben schon 
kamen sie nach Ferrara, so Giovanni di Cisinge, mit dem Bei- 
namen Pannonius, der als dreizehnjähriger gekommen war tmd bis 
zu seinem vierundzwanzigsten Jahr bei Guarino verblieb. Auch 
ältere Leute besuchten seine Vorträge, darunter Ferraras einfluß- 
reichste Männer. 

Die Schule zerfiel in drei Abteilungen; auf einen Elementar- 
kursus baute sich das Studium von Grammatik tmd Rhetorik auf. 
Das Ziel dieser Kurse war: gründliche Unterweisung im Latei- 
nischen und Griechischen tmd Kenntnis der alten Schriftsteller; 
femer war es dem Lehrer tun eine gewisse Gewandtheit zu tun, 
so mußten die Schüler täglich über die verschiedensten Gegenstände 
debattieren. Beredsamkeit wurde von der Jugend verlangt; sie 
sollte in gewählter Sprache jede These verteidigen können, ein- 
fache, ja bizarre so gut wie streng philosophische. Eine beliebte 



NICCOLO III. 35 

Auigabe war unter anderen der Streit über die Jungfräulichkeit 
der Dido» über die es in Poesie und Geschichte der Alten wider- 
sprechende Berichte gibt. 

Den Pädagogen war es im Beginn der Renaissance darum zu 
tun, dafi sich die Jugend in ihren Instituten wohl fühle, heiter und 
witzig sei; die Anfänge humanistischer Erziehung standen noch 
nicht im Zeichen der Pedanterie. Unter den Schülern trieb die 
Satire üppige Blüten. Nicht wenig AnlaB dazu boten die Pro- 
fetsocenfrauen, die sich gern einen der Studenten als künftigen 
Gatten für ihre Töchter geködert hätten; auch die ferraresischen 
Mädchen, jene Lelien und Luden» gingen so wenig leer aus wie- 
die „Griechin'^ Guarino selbst wuBte seine Würde zu wahren* 
Als die Schüler ihn zu einem Bankett einluden, weigerte er sich 
zu kommen» da ein alter Mann wie er die Ausgelassenheit ihrer 
Feste nicht stören solle. 

Um 1425 hatte Vittorino da Feltre seine berühmte Schule in 
Mantua eröffnet, die „Casa gioiosa'S das fröhliche Haus, so genannt 
wtgta des heiteren Tones, der dort unter der Jugend herrschte« 
Gianfrancesco IL, der Markgraf von Mantua, hatte Vittorino be* 
rufen; er unterrichtete nicht nur die Söhne und Töchter der fürst- 
Ucfaen Familien, sondern auch die Kinder Unbemittelter, und selbst 
aus der Fremde strömten ihm Schüler zu* 

Dies waren die glücklichsten Zeiten des einsetzenden Huma- 
nismus, und in den Schulen dieser beiden Männer zeitigte er seine 
besten Früchte. Das humanistische Schulwesen trug aber den 
Keim des Verderbens schon in sich, denn es wurde auf den Stamm 
scholastischer Schulweisheit gepfropft; die neuen Säfte klassischen 
Wissens, die diesem morschen Stamm zugeführt wurden, belebten 
ihn nur für einen Augenblick. Kaum waren die beiden Pädagogen 
aus Ferrara und BCantua tot, so wurde ihr System von der furcht- 
barsten Pedanterie durchsetzt, und der Beiname eines Pedanten, 
eines Menschen, der an der schwersten Dtunmheit trug — ,hatte er 
sie sich doch durch langjähriges Grübeln über Bücher angeeignet — , 
ward in den folgenden Jahrhunderten der Schrecken aller ver- 
nünftigen Menschen. Von den Pedanten erzählte man sich folgende 
Anekdote: Eines Tages war ein großer Streit unter ihnen auf dem 

3* 



36 ZWEITES KAPITEL 

PamaB entstanden; die einen behaupteten, daB sich das Wort 
consumptum mit p schreibe, die anderen wollten des p entraten. 
Da wollte der erzürnte Apoll alle Pedanten aus seinem Reich Ter« 
bannen, und nur auf die Bitten Ciceros und Quintilians, die ihnen 
nicht den geringsten Teil ihres Ruhmes verdankten, lieB er sidi 
erweichen« 

Der berühmteste Humanist in Perrara neben Guarino war 
Giovanni Aurispa, er war etwas früher an den Hof der Bste ab 
Meliadus „precettore'' gekonunen. Ein ganz anders gearteter 
Mensch als Guarino, gehört 'er zu jenem unter den Humanisten 
▼erbreiteten Tjrpus, der Karriere machen wollte, für den die neue 
Wissenschaft nur ein Mittel war, um Beziehungen zu den Höfen 
anzuknüpfen und sich möglichst vorteilhafte geistliche Pfründen 
zu sichern. Aus diesem Grunde hatte Aurispa auch die geistlidien 
Weihen genommen, doch hinderte ihn dies durchaus nicht, welt- 
lichen Preuden nachzugehen. Sein Preund war Beccadelli Panor« 
mita, der sich eine Zeitlang in Perrara aufhielt. Sie stimmten in 
ihren Anschauungen überein, nur war Panormita begabter und 
ehrgeiziger. Als Beccadelli einst von Neapel aus Aiuispa vor- 
stellte, dafi er dort Bischof werden könne, wenn er sein Sybariten- 
leben in Perrara aufgeben wolle, erklärte Aurispa, dafi er sein be- 
quemes Dasein in Perrara den Mühen vorzöge, die mit hohen 
Ämtern verknüpft seien. Aurispa hat sehr wenig geschrieben, 
sein ganzer Uterarischer Nachlafi besteht aus sieben kurzen Ge- 
dichten und einigen kleineren aus dem Griechischen übersetzten 
Schriften. Er war träge und bequem; sein Versprechen, eine 
kurze Biographie Homers innerhalb vierzehn Tagen zu übersetzen, 
hat er selbst im Laufe eines Jahres nicht erfüllt, obgleich er nach 
Panormitas Aussage nichts anderes zu tun hatte, als „seine 
Nägel zu putzen und seinen fetten Bauch zu kratzen'^ 

Seiner gründlichen Kenntnis des Griechischen und seiner be- 
deutenden griechischen Bibliothek hatte Aurispa seine Stellimg unter 
den Humanisten zu danken. Es war für ihn leichter als für 
andere Gelehrte, kostbare Bücher zu sammeln, da er groBe Ein- 
künfte hatte; aufierdem vermehrte er seine Sammlung durch ent- 
liehene Handschriften, die er nicht wiedergab. Pilelfo hat es ihm 



NICCOLO III. 37 

nie Terziehen, da0 er ein von ihm entliehenes Buch trotz nicht 
übermlBig höflicher Mahnungen dreiundzwanzig Jahre behalten 
hat. Wahrscheinlich hat er als echter Humanist auch Handel in 
Handschriften getrieben, und er verstand es, gelegentlich für seine 
Bücher wirkliche ,,Liebhaber^'-Preise zu erzielen* 

Ein anderer ernsthafterer Vertreter imter den damaligen Ge-* 
lehrten war Ugo Benzi, Arzt, Phsrsiker, Philosoph und Literat; 
Niccolo HL hat ihn nach Ferrara berufen, damit er an der dortigen 
Universität lese. Benzi konnte auf eine berühmte Dozentenver- 
gangenheit zurückblicken. Er hatte in Padua, Bologna, Pavia, 
Florenz, ja selbst in Paris an der Universität gelesen „ubi im- 
mortafi cum laude docuit'^ Überall war er der Fürst unter den 
Ärzten und Philosophen genannt worden. 

Während des ferraresischen Konzils hatten diese Humanisten 
eine glänzende Gelegenheit, sich durch ihr Wissen hervorzutun. 
Damals gab Benzi den griechischen Gelehrten ein Fest, an dem selbst 
lüccolo ni. teilnahm. Nach dem Essen wurden dieTische auseinander 
gerttd rt und Aristoteles' und Piatos Anhänger begannen die Debatte. 
Der Wirt bat seine Gäste, ihm Fragen über philosophische Probleme, 
die damab im Mittelpunkt des Interesses standen, zu stellen; ohne 
v orb e r e i tet zu sein beantwortete er jede einzelne mit überraschender 
Belesenheit, obgleich das Gespräch bis tief in die Nacht dauerte. Prak- 
üadier als Ugo gewann Aurispa zwar nicht luisterblichen Ruhm bei 
gelehrten Versammlungen, wurde aber dafür vom Papst zum 
Sekretär der rtauschen Kurie ernannt. Niccolo hat auch 
Michele SavonarolaausPaduanachFerraraberufen; 
er war ein berühmter Arzt und Schrift- 
steller und der Grofivater des Flo- 
rentiner Kanzelredners 
und Reformators. 



DRITTES KAPITEL 

LIONELLO 



wei Tage nach Niccolos Tod trat der Adel im Kastell 
im Saal der „zwei Kamine" zusammen und ernannte 
Lionello zum Herrn vonFerrara, Modena, Reggio und 
sämtlichen dazu gehörigen Ortschaften und SchUssem. 
Dann durchzog die Versammlimg, Lionello an der 
Spitzt, die Straßen der Stadt zu Pferde, und das 
▼ersammelte Volk rief: „Viva lo lllustrissimo messer Leonello 
signore n&strol" 

Ein Porträt von Giovanni Oriolo in der National Gallery zu 
London, ein zweites von Pisan^o in der Sammlung Morelli zu 
Bergamo, sowie einige Medaillen sind von Lionello erhalten. Br 
hat einen eigenartigen Kopf mit lockigem Haar, einer seltsam ab- 
geschrägten Stirn, kleinen aber scharfen Augen, einer schmalen, 
langen Hase, sinnlichen Lippen — der Gesamteindruck ist nicht 
unsympathisch. Besonders das Londoner Bildnis, das Lionello in 
jugendlichem Alter darstellt, nimmt für diese Persönlichkeit ein, 
von der die Zeitgenossen so viel edle Züge überliefert haben. Auf 
dem Revers zweier Medaillen Pisanellos befindet sich ein Mast 
mit stark geschwelltem Segel. Es scheint dies ein Zeichen von 
Beständigkeit zu sein, die jedem Sturm trotzt: Lionellos Symbol. 
Niccolo hat diesem Sohn eine besonders sorgfältige Er^hung 
angedeihen lassen. Guarino war fünf Jahre hindurch sein Lehrer, 
bis zur Heirat des jungen Markgrafen mit Hargherita Gonzaga. 
Vergil, Cicero, Valerius Ma^dmus, Justinian, Ovid und Terenz hat 
er mit sünem Schüler gelesen und ihn in allen körperlichen 



LIONELLO 39 

Fertigkeiten tinterwiesen. Lionello konnte reiten, schwimmen, laufen, 
springen, tanzen und mit dem Schwert fechten^ Damit der Thron- 
folger auch in der lEriegskunst erfahren sei, schickte ihn der Vater 
1422 nach Perugia, in das Lager des berühmten Condottiere Bracdo 
dei conti di Montone. Zwei Jahre lernte Uonello das Kriegshand- 
werk und blieb bis zum Tode des Führers im Lager. Damals hatte 
er ein Verhältnis mit Braccios schöner Tochter, das seine um die 
Tugend ihres Helden aUzu &ngstiich besorgten Biographen nicht 
zugeben wollen. Trotz dieses Romanes vergafi Lionello in der 
Feme seines Lehrers nicht, vielmehr berichtete er ihm regelmäßig 
über seine Reisen« Diese Briefe beweisen seine Anhänglichkeit an 
Giiarino» Br meldet ihm einmal, dafi er keinen geringen Anteil 
am Siege habe, den Braccio errungen, ein andermal schickte er ihm 
Rehböcke tmd Fasanen, oder ein eben erworbenes Buch, oder 
bittet ihn> ihm einen Passus in einem alten Autor auszulegen, 
den er nicht verstanden. Er beschreibt seine Zeiteinteilung auf dem 
Lande: auf Jagdfreuden folgen Lektüre, Musik und Gesang. Auch 
Guarino kargt mit Beweisen seiner Sympathie für den ehemaligen 
Schüler nicht. Er wollte, dafi man ihn in Zukunft Guarino Lionelli 
nenne, imd auf eines seiner Bücher schrieb er stolz: „Hoc libello 
me Guarinum Veronesem donavit Leonellus Estensis.^' Guarino 
imd anderen Gelehrten, so PierCandido Decembrio, schrieb Lionello 
lateinisch, seinen übrigen Bekannten italienisch, im ferraresischen 
Dialekt, und als echter Sohn seiner Zeit machte er natürlich auch 
Gedichte. Er hinterliefi einen Band lateinischer und italienischer 
Gedichte, aber nur zwei Liebessonette sind auf uns gekommen. 
In dem einen beklagt sich der Dichter, dafi Amor ihn, der Seh- 
kraft beraubt, blind am Wege irren lasse und höhnisch zu ihm 
spreche: „Gehe nur hin. Übermütiger, der seiner Kraft vertraut." 
Und der Dichter sucht seinen Weg und harrt eines Mitieidigen, 
der ihn an der Hand fassen und leiten würde. Aber vergebens 
wartet er, er muB Amors Spott, der ihm auflauert, tragen und ihn 
beschämt bitten, ihm wieder Führer zu sein. In einem anderen 
Sonett schildert Lionello eine wunderbare Quelle, die am Helikon 
entspringt, wer Stirn imd Hände in sie taucht, verhärtet sich gegen 
die Glut der Liebe* Auch der Dichter ist hingepilgert, aber Amor 



40 DRITTES KAPITEL 

wartet seiner dort mit gesfianntem Bogen, und als er am Quefl 
sehöpfen will» vergiftet der Gott das Wasser mit seinem Pfeil. So 
entzündet die Quelle die Wunde, die sie heilen sollte, zu neuem 
Brand. Petrarcas EinfluB, der die damalige italienische Lyrik be- 
herrschte, ist in diesen Sonetten unverkennbar. 

Nach seiner Rückkehr aus Perugia war Uonello Zeuge der 
furchtbaren Tragödie: des Todes von Parisina und Ugo, an dem 
er sehr hing. Dieser Vorfall scheint eine leise Schwermut erzeugt 
zu haben, die immer mehr in seinem Wesen durchbrach. Uonello 
blieb aber dem Vater zugetan, auch Niccolo hatte den Sohn auf 
Reisen inmier um sich und erwies ihm viel Liebe. 

Noch zu Lebzeiten des Vaters verm&hlte sich Uonello 1435 
mit Margherita Gonzaga aus BCantua. Sie stand ihm geistig nahe, 
war Vittorino da Feltres gelehrte Schülerin und träumte gleidi 
ihrem Gatten von Griechen imd Römern. Guarino freute sich 
dieser Heirat so sehr, dafi er zwei Biographien TonPlutarch für Uonello 
als Hochzeitsgeschenk übersetzte; brieflich sprach er ihm seine 
Freude darüber aus, dafi er eine so gebildete Fürstin eheliche. 
Sehern im Verlobungsrertrag, den Niccolo IIL und Gonzaga 
schlössen, ward, wie Niccolo dem venezianischen Senat berichtet, 
Uonello die Nachfolge in Ferrara gesichert. Die freimdschaf tUchen 
Beziehungen, die schon seit längerer Zeit zwischen den Este und 
Gonzaga bestanden, befestigen sich vermöge dieser Heirat, und 
zwei Jahre später fand Carlo Gonzagas Trauung mit Ludlla, Uo* 
nellos Schwester, statt. 

Margherita war keine Schönheit, aber die Chronisten finden 
nicht Worte genug, um ihre gute Erziehung, ihre Bescheidenheit 
und Güte zu preisen. In Ferrara zog sie am 6. Februar 1435 ein, 
alter Sitte gemäß, wie alle jungen Markgräfinnen, auf weifiem 
Zelter, doch der Tag war kalt und die Felder mit Schnee bedeckt. 
Sie trug einen sdiarlachroten, hermelinyerbrämten Samtmantel, 
und wirkte wahrhaft königlich unter dem Baldachin. 

Die Feste dauerten drei Tage und verschlangen ein Vermögen; 
die Stadt, die höheren Beamten, selbst Privatpersonen beteiligten 
sich mit bedeutenden Beträgen an den Kosten für die Hochzeits- 
feierlichketten, um sich die Gunst des Markgrafen zu sichern. So 



LIONBLLO D'ESTB 
BILDNIS VON PiSANBLLO. BERGAMO, AKADEMIE (GALLERIA MORELLI) 



UPNBLLO 4X 

schickten unter anderen 4ie Stadt Modena Nkcolo für diesen Zweck 
20OO Lire, der Bischof T<m Modena 359» Ugo Bed» ein bekannter 
Hwnanist tind . Gelehrter in Ferrara» x66, tind der Hofarchitekt 
Qioiranni da Stena zoo. Es war allgemein bekannt, da0 Niccolo 
kein Banrermocen hatte, bei Gianfranoesco von llantua hatte er 
44000 Pukaten geborgt, zum Teil waren sie schcm zurüdcgezahlt, 
während sie zum andern Teil in Margheritas Mitgift yerrechnet 
wurden. 

Für das junge Paar wurde im SchloB eine Wohnung her- 
gerichtet« Ein Schlafzimmer für den Winter nach Süden, ein 
zweites für den Sommer nach Norden gel^^. Im Winterschlaf- 
Zimmer, der Camera des payoni, stand ein grosses Himmelbeet, 
ein neuer Nußbaumtisch, zwei Bänke, eine Truhe mit Samtbehang 
und Ornamenten aus vergoldetem Zinn und ein Wandleuchter; der 
größte Schmuck dieses Raumes waren zwei Bänkchen mit schwarz- 
grüner Atlasdecke, darauf Lionellos Vfapptn und sein Wahlspruch 
in Diamanten. Schwarz und Grün überwogen in der Einrichtung, 
die firächtig, aber nach heutigen Begriffen nicht übermäßig be- 
quem war* Doch war das Bett mit weichen, mit Wolle gestopften 
Matratzen versehen, die Kissen aus Daunen, und das Deckbett 
hatte einen gestreiften Überzug. Tagsüber lag eine schwarz-grüne 
Atlasdecke auf dem Bett, die mit Ornamenten und nguren reich 
bestickt war, darunter befand sich eine musizierende Frau. An 
den Wänden hingen wahrscheinlich Bilder venezianischer, ferra- 
fesischer und mantuanischer Maler. Die Guardacamera und die 
Guardaroba stießen an das Schlafzimmer; in der ersten wurden 
Kleider und Hausgerät aufbewahrt; so befand sich dort eine Uhr 
mit Zifferblatt aus vergoldetem Zinn und einem schwebenden 
Engel, außerdem ein Schachbrett mit Lionellos Wappen; Schach 
war des jungen Markgrafen Lieblingsspiel, In der Guardaroba 
stand ein zweites Schachbrett in schwarz mit weißem Elfenbein 
und einem dazugehörigen Tischchen. Außerdem standen dort 
Truhen, Bänke, ein Tisch aus Nußbamnholz, Kupferkrüge und 
Schüsseln. Der Humanismus hatte der Antike alles abs^lemt — 
bis auf die Sauberkeit der Römer. Während das kleine Pompeji 
CroBartige Badeanstalten hat und Bleiröliren das Wasser in die 



43 DRITTES KAPITEL 

Hiuser leitenf sind Badevorrichtungen In der Renaissanee eine 
seltene Ausnähmet und die Ferraresen muBten den Sommer ab» 
warten, um im Po baden zu. können« Zu Ehren des Markgrafen 
soll nicht verschwiegen werden, da0 sich in der Guardaroba ein 
groBes Becken mit seinem Wappen zum Pufiwaschen befand« 

Das Speisezimmer, ein langer Saal mit zwei Kaminen, wurde 
auch bei grofien Empfingen benützt. Sechs Bänke, zwei BOfetts 
und zwei Tische, der eine aus Zjrpressenholz, bildeten die Ein* 
richtung. Vier groBe Leuchter erhellten den Raum» Wahrschein- 
lich waren die Wandbehinge und Teppiche der Hauptschmuck des 
Speisesaals und der Schlafzimmer. Über die Wanddekoration in 
Lionellos Rftumen sind wir nicht unterrichtet, aber nach damaliger 
Sitte hatte der Spdsesaal wohl eine Holztäfelung, darüber Fresken 
oder aus Flandern importierte Arazzi. Den SteinfuBboden deckten 
orientalische Teppiche, die venezianische Kaufleute nach Buropa 
gebracht hatten. Lionellos Hofstaat speiste in einem kleineren 
Raum, in der »,Sala dei lincomi'S so genannt, da der Blarkgraf das 
Einhorn in seinem Wappen hatte« Am schönsten scheint jedoch 
die „Camera dei dmieri'' eingerichtet gewesen zu sein, Lionellos 
Studio, Dort war ein Bücherschrank aufgestellt, der früher Paolo 
Guinigi, dem Fürsten von Lucca, gehört hatte. Niccolo hatte ihn 
erworben, als das Eigentum des Tjrrannen nach seinem Sturz ver- 
kauft worden war. Es mufi ein mit künstlerischem Schnitzwerk 
versehener Schrank gewesen sein, sonst hätte der Transport von 
Lucca nach Ferrara nicht gelohnt. Lionellos Kammerdiener und 
vier andere Bediente hatten bescheidene Kammern, ebenso war die 
weibliche Dienerschaft in zwei Räumen untergebracht: in der 
„stanza delle donne vecchie'^ und in der „stanza delle donne vedove'*, 
Margherita kränkelte häufig, sie scheint von ihrem Vater ein 
schweres Magenleiden geerbt zu haben. Da sie während der ersten 
zwei Jahre ihrer Ehe kinderlos blieb, gelobte sie der Kirche von 
S. Francesco in Assisi ein Exvotum, für den Fall, da0 sie Kinder 
bekäme. Nach der Geburt ihres Sohnes am 28. Juni 1438 schickte 
sie, tun ihr Gelöbnis zu erfüllen, ein Wachsbild nach Assiri. Aber 
ihre Gesundheit verschlimmerte sich. In den Briefen an ihren 
Vater beklagte sie sich über ein „anhaltendes Kältegefühl im Kopf'S 



LIOIIBLLO 43 

sie habe einen verdorbenen Magen, vertrüge Fleisch überhaupt 
nicht mehr und könne sich allein von weichen Biem und Suppen 
emAhren. Die Luft in Ferrara bekam ihr schlecht, so ging sie im 
Sommer 1439 nach GovemolOi der Sommerrestdenz der Gonzaga, 
aber dort verschlimmerte sich ihr Zustand; nach vierjähriger Ehe 
starb sie am 7. Juli. Auch ihr Vater starb an einem Magenleiden 
im neunundvierzigsten Lebensjahre. 

Lionello hat Marg^erita sehr geliebt, ihr Tod ging ihm so nahe, 
daB er sein Leben für zerstört hielt. Seine neu aufgenommenen 
Devisen bezeugen diesen Kummer: ein Schwert mit zerbrochenem 
WurfspieB, ein AmboB mit geborstenem Hammer, ein Schild, in 
dem einige Pfeile stecken, während die übrigen zerbrochen am 
Boden liegen. ^ 

Fünf Jahre blieb Lionello \mtwer; politische Gründe, be- 
sonders die Notwendigkeit sich einen Bundesgenossen gegen die 
drohend angewachsene Macht Venedigs zu sichern, veranlaBten ihn 
eine zweite Ehe einzugehen. Die künftige Markgräfin von Ferrara 
war Maria von Aragon, die uneheliche Tochter Alfonsos und einer 
spanischen Maurin. In Lionellos Namen leitete Agostino Villa 
Z443 die Verhandlungen. Alfonso versprach seiner Tochter eine 
Mitgift von 30000 Dukaten, Lionello sicherte seiner Gattin die 
Hälfte dieser Summe als ihr Eigentum zu „propter ejus virgini- 
tatem'^ 

Für die Kosten der Übersiedlung der Markgräfin und der Feste 
anl&fiUch der Hochzeit muBten wieder die ferraresischen Stadt- 
gemeinden, die Bischöfe und die übrigen Würdenträger des Reiches 
aufkommen. Es war ein drückender Brauch, der die Freude der 
Bevölkerung über die Verbindung der Dynastie mit dem Königs- 
haus von Neapel nicht wenig schmälerte. 

Die Vorbereitungen zum Empfang der Neapolitanerin ver- 
schlangen ein Vermögen. Die verstorbene Markgräfin war ^Htto- 
rino da Feltres bescheidene Schülerin, — für die königstochter, 
die den Luxus des väterlichen Hofes gewohnt war, galt es, das 
SchloB anders herzurichten. Übrigens sollte Maria von Aragon 
nicht mehr die bescheidenen Räume der Thronnachfolgerin be- 
ziehen, sondern jenes Appartamento, das mccolo früher mit seinem 



44 DRITTES KAPITEL 

Hofstaat bewohnt hatte, $o wurdan groBe Neuanschaffungen ge* 
macht: silberne und emaillierte Tafelferäte, figürliche Teppiche aus 
Flandern» seidene WandbehAngCi silberne Stickereient vier Schilde 
mit dem Wappen „di Uadama'S zierliche Ketten zur Befestigung 
der Falken, Pferdegeschirr» eine künstlerische Kassette für das 
p&pstUche Agnus dei» silberne Spiegel- und Bilderrahmeni Wische 
und kostbare Möbel. Nicht allein der Palast sollte neu eingerichtet 
werden» die junge ICarkgräfin sollte in Ferrara eine große Anzahl 
▼on Toilettegegenstftnden» ja fast eine ganze Ausstattung Torfinden« 
Ein kostbarer Rubinring und andere Kleinodien wurden für sie 
bestellt» ganze StoBe von Seidenstoff und Brokat aufgestapelt» selbst 
der Handschuhe wurde gedacht: Handschuhe aus Alpenziegen* 
leder» mit Gold und Silber gestick^ Handschuhe zum Pallospiel, 
sowie acht Kämme aus Elfenbein. Bei dieser Griegenheit bekam 
4as Hofgesinde karmoisinrote Handschuhe» damit wivden auch die 
Universit&tsprofessoren beglückt» die den Baldachin über der ein- 
ziehenden jungen Frau tragen sollten. Für sich selbst lieB Lionello 
einen gelben Anzug anfertigen. 

Der Markgraf lieS die Verlobte Ton seinem Bruder Borso und 
mehreren Adeligen abholen. Zwei bewaffnete Sdiiffe wurden aus- 
gerüstet» das für die Braut bestimmte hatte Purpursegel und war 
inwendig mit flandrischen Arazzi ausgeschlagen. Die venezia- 
nische Signoria UeB einige ihrer Schiffe und Capitani dazustofien» 
und die gesamte Flotte verließ Venedig am 24. März des Jahres 
Z444. Fast einen Monat später» am ao. April» zog Maria von 
Aragon in Venedig ein» der Doge» die Dogaressa und vornehme 
Venezianerinnen in kostbar geschmückten Barken empfingen die 
Braut und geleiteten sie in den estensischen Palast. Am Ponte 
Rialto war das Gedränge so groB» daS die Brücke zerbrach» zwei- 
hundert Personen fielen ins Wasser» zwanzig davon ertranken» und 
es gab über vierzig Verwundete. 

Damit Felraras künftige Markgräfin einen günstigen Ein- 
druck von Venedig bekomme» verehrte ihr die Signoria ein kost- 
bares Kleinod im Werte von 300 Dukaten. Als die Neapolitanerin 
einige Tage später sich Ferrara von der Seeseite näherte» kam ihr 
Meliadus» der Bruder ihres Verlobten» zu Schiff entgegen» mit ihm 



LIONBLLO 45 

die ferraresische Ritterschaft und die schönsten Frauen der Stadt, 
deren Barken Meliadus* Schiff wie ein Kranz umgaben. Allgemeine 
Aufmerksamkeit erregte ein grofier Kahn, in dem festlich ge- 
sdunOdcte, schöne Landmidchen aus Polesina saBen. Bei Glodken- 
geläute, Gesang und Böllerschüssen zog die Aragonierin am 24. Mai 
ins Castel nuoYO ein, in den Palast der ehemaligen Geliebten Nic- 
colos III., PhUippa della Tayola. Dort ruhte sie drei Ti^ aus, 
dann fand der feierliche Einzug in Ferrara am 27. Mal statt. Die 
Braut safi auf einem weiBen Zelter unter dem Brokatbaldachin, 
den die Universitätsprofessoren in ihren neuen karmoisinroten 
Handschuhen trugen. Bei MusikkUngen bewegte sich die Kaval- 
kaide durch die Straßen der Stadt, die Feste währten fünfzehn Tage: 
Bfille, Lanzenstechen und Turniere folgten einander. Der Hatz 
▼ox dem SchloB war in Wald und W^ese Terwandelt, Jagden auf 
wilde Tiere, die man dort ausgesetzt hatte, fanden statt, und die 
/leapolitanerin konnte sich dieses Spiels vom Fenster aus erfreuen. 
Aan nächsten Tage wurde der Platz vor der Kathedrale in einen 
Eichenhain verwandelt, und S. Giorgio, Ferraras Schutzheiliger, er- 
legte dort einen furchtbaren Drachen. 

Das Festmahl nach der Trauung war eines der großartigsten, 
dessen man sich in Ferrara entsann. Es gab soviel Lichter, 
daß der Saal zu brennen schien, und die Gerichte ließen sich nicht 
mehr zählen. Die markgräfliche Küche ezzellierte besonders durch 
Hure große Anzahl von Fleischspeisen. Schüssel folgte auf Schüssel, 
Fasanen, Rebhühner, Pfauen wurden aufgetragen, ganz abgesehen 
von Ochsen, Kälbern tmd Hühnern. 

Während der Hochzeitsfeste wurden etwa tausend Ochsen und 
Kälber, 40000 Hühner, 15000 Pfund Zucker und zahlloses Ge- 
flügel verzehrt und allein 12000 Pfund Wachs verbraucht. 

Maria von Ari^on erwarb sich die Herzen der Bevölkerung 
schnell, auch ihren Mann verstand sie zu fesseln, sie glänzte jedoch 
trotz ihres lebhaften Geistes mehr durch ihre Schönheit imd Liebens- 
würdigkeit als durch ihr Wissen. Sie lebte nicht lange, Ferraras 
ungesunde Li^e scheint ungünstig auf sie gewirkt zu haben; sie 
starb nach fünfjähriger Ehe, am 9. Dezember 1449. Fast ein Jahr 
später, am x. November 1450, starb Lionello, er litt seit längerer 



46 DRITTES KAPITEL 

Zeit an starken Kopfschmerzen. Nadi dem Chronisten Caleffini 
waren diese Schmerzen die Ursache seines Todes. ,,£1 male de 
la testa el condusse a morte.^' Er hinterließ zwei Söhne, Fran- 
cesco» einen illegitimen Sohn» der am burgundischen Hofe erzogen 
wurde, und Niccolo, das noch unmündige Kind der Margherita 
Gonzaga. 

Lionello war vielleicht der erste wirklich menschliche Herrscher 
imter den Renaissancefürsten. Eine Art Vorrede zu dem von ihm 
für Ferrara erlassenen Gesetz ist für ihn bezeichnend. Er sagt» 
alles Bfenschenwerk zerfalle in Staub, die Weisheit allein sei ewig 
und sie allein beherrsche, die Welt. Darum müsse der Fürst sich 
von ihr leiten lassen» auf das Wohl seiner Untertanen bedach^ 
sein» unter Hintansetziug seines eigenen Vorteils. 

Der Dichter Janus Panonius feiert ihn: 

. . .cultam studüs Leonellus cultior alma 
^c in pace regit patriam» sie iure quieto ^ 

Temperat» ut» reliquis late cum ferrea volvat 
Urbibus, huic uni vehat aurea tempora Titan. 

(I. Panonis Paneg. p. 35.) 

11 

Nach Niccolos III. Tode begann für die Humanisten das goldene 
Zeitalter in Ferrara. Lionello hatte zwar in seiner Jugend italie* 
nische Gedichte gemacht» doch beschäftigten ihn später haupt- 
sächlich philosophische und theologische Studien; in der klassischen 
Literatur brachte er es so weit» daß er als erster die Aufmerksam- 
keit der Gelehrten darauf richtete» dafi die Korrespondenz zwischen 
Petrus und Seneca» mit der sich die Humanisten damals abgaben» 
nicht authentisch sei. Die alten Autoren sammelte er mit Leiden- 
schaft tmd war auf die VergröBerung der väterlichen Bibliothek 
sehr bedacht. In seinen Diensten stand ein Bibliothekar» der 
imter anderen das Buch »»De re uxoria" für ihn abschrieb; das 
Einbinden von Büchern wurde eifrig betrieben» das Leder dazu 
lieferte der Introligator Nigrisolo dei Nigrisoli. 



LI0NELI.0 47 

lionello bereicherte seine Bibliothek auch durch Abschriften 
von Plautus' Komödien, die kurz vorher in Deutschland gefunden 
worden waren; sie sollten später in Ferraras höfischer Kultur eine 
groBe Rotte spielen. Selbst in den offiziellen Verfügungen des 
Markgrafen brach seine Vorliebe für das klassische Altertum durch, 
so in jenem Dekret, in dem er dem Arzt Sayonarola die Einkünfte 
einer Liegenschaft schenkte« Er sucht seine Freigebigkeit ge- 
Wissermafien zu rechtfertigen, indem er sich auf das Beispiel der 
berühmtesten Minner des Altertums beruft; seit Alezander dem 
Großen h&tten bei allen Herrschern Arzte und Gelehrte in hohem 
Ansehen gestanden. 

Die Humanisten drängten sich an den Markgrafen, so wurde 
unter seiner Herrschaft die Universität in Ferrara zu einer der 
bedeutendsten Italiens. Lionello berief berühmte Männer: Teodor 
Gaza aus Saloniki als Lehrer des Griechischen, Basinio di Parma, 
Francesco d'Arezzo, LioneUo und Lodovico Lardi. Den Huma- 
nisten Angelo Decembrio zeichnete er in einem solchen Mafie aus^ 
dafi er ihm aus Dankbarkeit ein Denkmal in seinem Werke „Politia 
fitteraria'' gesetzt hat« Auch Leon Battista Alberti, der zu jenen 
gehörte, die das gesamte Wissen ihrer Zeit beherrschen, war ihm 
befreundet« Alberti kam 1438 zum berühmten Konzil nach Ferrara, 
als Übersetzer aus dem Griechischen und Sekretär Eugens IV«; er 
erkannte bei näherem Verkehr, dafi es Lionello Ernst damit war, 
seine Untergebenen zu beglücken. Er widmete ihm X44^ seine 
„Teogenia'S in der er sich darüber verbreitet, was dem Lande 
mehr schade, Niederlagen oder beständiger Wohlstand, die Schlechtig- 
keit der Menschen oder politische Revolutionen. Die „Teogenia" 
war gewissermafien das Versprechen Albertis, sich längere Zeit in 
Ferrara aufzuhalten, da er sich in Lionellos Staat sehr wohl ge- 
fühlt hatte« „Dort begriff ich'' — schreibt er nach jenem Be- 
such — „welches Glück es ist in einem Staate zu leben, in dem 
nichts den Frieden des Geistes trübt, imter der Herrschaft des 
besten Vaters, der Gesetz und Gewohnheiten respektiert.'' Zwei 
Modelle ferraresischer Künstler für Niccolos HL Reiterdenkmal 
wurden von Alberti begutachtet; der Gelehrte benützte diesen An- 
lafi, um seine Abhandlung zu schreiben „De equo animante", übet 



48 DRITTES KAPITEL 

Pferdezucht und Rastenkreuzung, das Material dazu ergab der 
reichbesetzte llarstall des Markgrafen. Aus den Gesprächen mit 
Lionello entstand ein weiteres Werk Albertis, jener berOhmt^ 
Traktat über Baukunst »»L'arte d'edificare'^ Selbst einen Mann 
▼on Albertb Bedeutung regte die Atmosphäre an Lionellos Hof an. 

Ferrara ward zum wichtigsten literarischen Sammelpunkt im 
damaligen nördlichen Italien. Im Schloß versammelten sich die 
Gelehrten und Literaten nach Tische oder »hinter potandum*', zu« 
weilen lud der Markgraf sie in seine Schlösser Belfiore oder Beilos- 
guardo ein, wo sie im Schatten von Eiche und Lorbeer über wissen* 
schaftliche und literarische Fragen debattierten, oder er arrangierte 
Jagdfeste, wohl weniger für Guarino und Gaza als für ihre jugend- 
lichen Begleiter. Diese Zusammenkünfte waren durch Flatos 
Dialoge anger^. Die Humanisten glaubten die Gepflogenheiten 
der alten Weisen in Ferraras schatt^e Gärten verpflanzen zu 
können. Eine der markantesten Persönlichkeiten dieses Kreises 
war Ugucdone Contrari, ein Mensch von scharfem Verstand und 
grofier Erfahrung, dem Markgrafen sehr zugetan und in politischen 
Dingen so geschickt, daB zuweilen nicht nur das Schicksal Ferraras, 
sondern das ganz Italiens von seinen Plänen abhing. Der Mark- 
graf unternahm keinen entscheidenden Schritt ohne seinen Rat. 
Feltrino Bojardo aus Scandiano, der aus einer den Este sehr zu- 
getanen Familie stammte, Alberto Costabili, Giovanni Gualengo, die 
meisten der Universitätsprofessoren gehörten zu den regelmäfiigen 
Besuchern dieses Kreises; unter den jüngeren zeichneten sieh 
namentlich aus die Brüder Niccolo und Tito Strozzi und Alberto 
Pio aus Carpi. 

Die Strozzi, denen wir noch wiederholt am estensischen Hofe 
begegnen werden, waren Flcventiner Verbannte, „fuorusdti''. 
Carlo Strozzi und sein Sohn Giovanni waren als Führer der gud- 
fischen Partd gezwungen, die Vaterstadt zu verlassen, als die 
Ghibellinen für kurze Zdt die Macht hatten; unter Niccolo HI. 
hatten die Strozzi sich in Ferrara niedergelassen. Die L^ende 
will wissen, dafi einer ihrer Vorfahren seinen Gegner, einen Riesen, 
erwürgt habe (strozzare), daher bekam ihre Familie den Beinamen 
„Würger^S „Strozza'S woraus sich der Name Strozzi entwickelt hat. 



LIOMELLO 49 

Giovmnni mr mit CosUnsa de CostabiU verheifatet, eiiier Frau 
aus angtsehencni fenraresiscfaem Geschledit» ihre vier Söhsie haben 
den Bsie gute Dienste geleistet. Der jüngste Tito Veiyasiano 
(geb..X4S5) war wie lionello Ouarines Schüler, eio leidenschaft- 
licher Latinist, der früh begann lateinisdie Verse za nuu^en. Er 
war der begabteste unter den Jungen, die sich um Lionello sam- 
alelten. Alberto Pio stammte aus der Condottiere-Familie aus 
Carpi in der Po-Bbene, den Nadibam der Carpi aus Biirandohu 
Er ist nicht identisch mit Alberto III. Pio, einem berühmten Ge- 
lehrten und D^omaten, dem wir an Ercoles L Hof begegnen 
werden« Zu dieser kunstbeilissenen Jugend gehörte auch Francesco 
Aricsto aus derselben Familie, aus der später der gro0e Dichter 
hei vorging« 

Die Zusammenkünfte bei Lionello waren zwanglos und heiter. 
Stä:rker als aller Klassisismus war die Jugend; neben Debatten 
wiassenschafdidier Natur erzählte man sich die im XV. und ZVI. 
Jahrhundert beliebten, oft reichlich gepfefferten „Faoetien", zu- 
weilen, selbst am Abend, spielten Flötenspieler, „tibidnes'S auf, 
was Gtuffino in einem seiner Briefe damit rechtfertigt, daB es auch 
im Altertum nicht anders war. Beschönigend fügt der Pädagoge 
hinzu, daB die Musik nicht sinnlich sondern schlicht und ernst 
gewesen sei, „non lascivientem sed sobriam convivis solebant ad- 
hibere musicam". Der Tisch war nur einfaidi besetzt, das Essen 
wurde. durch Witz und Scherz gewürzt, indem man es auch darin 
S<derates gleich tun wollte. 

Die Geselligkeit stand im Zeichen der „urbanites^', einer in 
sehr gesuchten Formen sich bewegenden Höflichkeit, die später, be- 
sonders bei Spaniern und Franzosen, zu lächerlichen Übertreibungen 
führte. Guarino lehrte, daB der Mensch nicht nur geschaffen sei, 
um zu leben, „vivere'S sondern um mit anderen leben zu können« 
„convivere". Außerdem legte man groBes Gewicht auf die Fähig- 
keit sich gut, ja elegsnt äuszudrüdcen, da nach Guarino der Mensch 
nicht nur die Pflicht habe, verständig zu sein, sondern auch seine 
Gedanken verständig und klar zu äufiem. 

Die Antike hat diese Menschen gänzlich h3rpnotisiert, sie ver- 
locen die Fähigkeit, unbefangen zu denken« Guarino schreibt aus 

4 



50 DRITTES KAPITEL 

Vaipolicella aa dnen Freund^ wie sehr ihn die Natur beglttcke, 
sofort fügt er quasi als Rechtfertigung hinsu, daB auch Fahritius 
und Cato sich des Landlebens erbeut h&ttsn. Beim Spasieren- 
gehen, Reiten, Jagen, selbst beim Fischen hatte er seinen Vergil 
in der Tasche, er hielt es für seiner unwürdig, über die Felder ohne 
diesen Führer am gehen, der Ackerland und Vieh so poetisch ge» 
schildert hat. Die Beschreibung seines Landhauses in ValpoUcella 
ist fast wörtlich PUnius entlehnt, der uns die Schilderung seines 
großen Landsitzes in Toskana hinterlassen hat* 

Selbstverstftndlidi haben die Humanisten die französischen 
Ritterromane verachtet; ihnen galten jene, am Hof der Este so 
▼iel gelesenen Bücher als unmoralisch, sie betrachteten es als 
unter ihrer Würde, sich mit diesen Dingen abzugeben angesichts 
der Werke von Ovid. Darin stimmten sie vollkommen mit der 
Geistlichkeit überein, die auch in den Erzählungen der StraBen» 
sAnger den Quell des Übels fand. So kämpfte man gemeinsam 
gegen die Romane, und es ist schon seltsam genug, daB der hitzigste 
Gegner der Ritterliteratur ein Arzt in Perrara war, Michele Savona^ 
rola, den die Merlin und Rinaldo so erbosten, daB er in seiner 
Abhandlung „Confessionale'* den Priestern riet, jenen ihrer Beicht» 
kinder keine Absolution zu erteilen, „die sich vergnügen mit dem 
Hören und Lesen überflüssiger Liebesgeschichten, zuviel Zeit für 
Musik tmd weltlichen Gesang verschwenden und an den Feiertagen» 
anstatt zur Vesper zu gehen, den StraBensängem lauschten". Aber 
weder die Vorstellungen der Humanisten noch die Ermahnungen 
der Geistlichkeit schufen Wandel, das Volk wuBte mit den neu- 
modischen Gelehrten, die seine Phantasie nicht befriedigten, nichts 
anzufangen und zog die Geschichten heldenmütiger Ritter Platoa 
Lehren vor. 

Infolge des Einflusses der Humanisten war selbst Petrarcas Kult 
in Perrara geringer als anderswo, mit Florenz, z. B. das zum eigent- 
lichen Sitz der Petrarkisten wurde, gar nicht zu vergleichen. Unter 
Lionello herrschten die Latinisten in Ferrara unumschränkt, mit 
geringen Ausnahmen machte man nur lateinische Verse, das Ideal 
der Dichter war Ovid, den man in Form und Inhalt kopierte. Und 
dieser Latinisten gab es so viele, daB in Italien der Spottvers zirku» 



LIONELLO 51 

Berte» in Ferrara gäbe es so viel Reimschmiede wie Frösche in den 
Sün^fen. Bartolommto Prignano Paganelli (gest. 1493) schrieb: 

• • • • tot Ferraria vates 

Quot ranas tellus Ferrariensis habet. 

Def bekannteste dieser Dichter war Giovanni Cesinge» Janns 

PannoniuSy und der klügste wohl jener Arzt, Girolamo 

Castelliy auch er ein Schüler Guarinos, der 

selbst noch in seinem Testament 

▼erbot, seine Verse je 

zu drucken. 



VIERTES KAPITEL 

BORSO 



h gloria d'Estel nennt Annunzlo in seinem Roman 

,,I1 Piacere" den Pftlazzo Schifanoja In Perror«, Von 

auBen betrachtet zeichnet sich der Palast weder durch 

seinen Umfang noch durch seine architektonischen 

Verhältnisse aus, nur das Hauptportal mit dem großen 

Wappen der Este macht einen durchaus eigenartigen 

Eindruck. Das Gebäude, das schon von Alberto Este errichtet worden 

war, hat durch Borsos Umbau sein heutiges Gesicht erhalten. Den 

„Ruhm der Este" roufi man innerhalb der bescheidenen Wände, 

im ersten Stock des grofien Saales suchen, wo die berühmten Fresken 

mit Szenen aus Borsos Leben steh befinden. 

Die Fresken gehören zu den kostbarsten Dokumenten höfischer 
Kunst aus der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts, und es ist sehr 
zu beklagen, daB nur ein Teil erhalten ist. Im XVIII. Jahrhundiert, 
in der Zeit von Tünche und Kalkbewurf, wurden sie überstrichen, und 
erst zwischen 1830 und 1839 teilweise aufgedeckt, als man Vor- 
bilder zu einem Kostümfest, einer Jagd zu Borsos Zeiten, brauchte. 
Da erst überzeugte man sich vom großen Wert der Malereien, 
und zwei Jahre später reinigte der Bolognese Alessandro Compa- 
gnoni das, was noch nicht ganz verdorben war. 

1450, nach Uonellos Tod, übernahm Bcrso die Regierung; jet 
hat bis 147t in Ferrara geherrscht. Seine Regierung war dna 
Ppoche des Friedens, da das Reich dank dem glücklidien Lauf der 
Ereignisse und der Umsicht des Herrschers keine Kriege zu führen 
hatte. Ferrara wurde damals die „Terra della pace" genannt. Borso 



.BORSO ijj 

bemühte atch» in «Ikn pditischen Verwickhingen seine Neutralitfti 
SU wahfeo, und die italienischen Nachbarlinder haben ihn mehr- 
isch sum Riditer ernannt in Fällen, die zu kriegerischen Vcr- 
wi^hmgen hlAfen führen künnen. Ohne Blutverlust vergrdBerte 
er sein Reich, obgleidi infolge des Erlöschens der Dynastie der 
l^sconti in Miiland und der Feindsel^keiten der Venezianer, di^ 
Fecraras wachsende Macht nur ungern sahen, die Verhältnisse 
scfawierilK genug waren. Borso verstand es, die Feinde unter« 
einander zu veruneinigen und Nutzen aus ihrem Streit zu ziehen. 
Der Plipst Paul IV. hat einmal gesagt, Borso führe ohne Schwert- 
streich und Geldy wenn er mit seinen Falken auf die Jagd ginge, 
Kri^ mit wem er wolle und dazu vorteilhafter als irgendein 
anderer mit fünftausend Berittenen. Borso hatte, auf Herrschaft 
und Ruhm bedacht, viele Vorzüge, aber diese Vorzüge resul- 
tiertte in der Hauptsache aus dem ^oismus des Herrschers. Darin 
war er den lledid verwandt: war Gerechtigkeit nicht mit Nach- 
teilen für ihn verbunden, so übte er sie gern, aber mehr als um 
Recht ging es ihm um den Ruhm des Gerechten. Er stand sehr 
früh auf; nachdem er mit seinem Hauskaplan gebetet hatte, ging 
er in die Stadt, umgeben von Räten und Sekretären, um die Streitig« 
besten unter der Bevölkerung zu schlichten und in patriarchalischer 
Weise Gerechti|^t in jenen Fällen zu üben, die man nicht erst 
dem Gericht vorlegen mufite. Für gewöhnlich begleiteten ihn 
Teofil Calcagninif den er 1465 zum Ritter des goldenen Sporn mit 
dem Stern ernannt hatte, und die geheimen Räte Lorenzo Strozzi, 
Agjostino de Bonfranceschi da Rimini und Prisciano de PrisdanL 
Die Bevölkerung drängte sich an ihn, auf der StraBe konnte sich 
jed^ bei ihm beklagen imd seine Bitte vortragen. So sehr geizte 
er mn den Ruhm des „Gerechten^', daB er gelegentlich das Theatra- 
Bsche nicht scheute. So wird folgendes Geschichtchen von ihm 
erzählt: Als der Hofmarschall eines Tages Handwerker für von 
9men ins Schloß gelieferte Dinge nicht bezahlt hatte, wandten sie 
sich an Borso; er selbst übergab die Sache dem Gericht, liefi sich 
ver ur te i len, bezahlte den Handwerkern was ihnen zukam und 
madite dem Hofmarschall Vorwürfe, daB er ihn in eine solche 
Lage erbracht habe. Ein andermal hatte sich ein begüterter Ferrarese 



54 VIERTES KAPITEL 

in Venedig eine boshafte Bemerkung über Borso gestattet. Als 
er zurückkam, forderte ihn der Markgraf vor das Gericht der 
«»Zwölf''; der Urteilsspruch lautete: Verbannung und Einaiehung 
seiner Güter. Einer von Borsos Schmeichlern geriet während der 
Gerichtsverhandlung in solchen Zorn, daB er auf den Angeklagten 
beinahe mit dem Dolch losging. Der Markgraf begnadigte den 
Verurteilten zwar, doch mufite der arme Teufel mit dem Strick 
lun den Hals zu ihnä gehen und um Gnade bitten. Es wtre ein- 
facher gewesen, von vornherein zu verzeihen, ohne die ganze Ge- 
richtskomödie zu inszenieren, aber Borso hatte eine Schwäche für 
fürstliche Reklame. Die Ebene von Ferrara erschien ihm zu 
flach, so ließ er, um seiner Phantasie Genüge zu tun, einen Hügel 
in Montesanto aufschütten. Der künstliche Hügel verschlai^^ un- 
nütze Arbeit und Geld, und die Bevölkerung murrte. 

Er unterstützte Dichter und Gelehrte, um von ihnen gepriesen 
zu werden. Obgleich er nicht gelehrt war wie Lionello, gab er 
doch nicht unbedeutende Sunmien für die Universität und seltene 
Bücher aus, außerdem interessierte er sich angelegentlichst für die 
Einführung der Buchdruckerkunst. Tito Strozzi, der die Eitelkeit 
des Markgrafen kannte, verfaBte eine lateinische Dichtui^ „Bor- 
siada^S die ihn verherrlichte, doch braucht die Menschheit nidit 
darüber zu klagen, daB nur Bruchstücke dieses Epos erhalten sind. 
Borso verstand es glänzend, seinen Ruhm zu mehren. „Tüxken 
und Inder'' — versichert ein Chronist — „haben ihn für den 
alleinigen Beherrscher Italiens gehalten und ihm Geschenke ge- 
macht.'' Überall galt er als der Klügste unter den Herrsdienden 
in der z?reiten Hälfte des XV. Jahrhunderts. 

Luxus imd Jagd waren seine Hauptpassionen, er teilt sie frei- 
lich mit allen Angehörigen seines Geschlechts. Von den übrigen 
Este unterschied ihn eine seltsame Gleichgültigkeit den Frauen 
gegenüber, die in seinem Leben keine RoUe spielen. Einer seiner 
Biographen, der von grofier Bewunderung für ihn erfüllt ist, legt 
ihm diese Eigenheit als Vorzug aus. 

Am meisten wurde Borsos groBe Gastfreundschaft gerühmt. 
Sein Haus stand allen bekannten Persönlichkeiten offen, das SchloB 
war mit besonderem Prunk ausgestattet, er selbst trug sMs 



BORSO 55 

Goldbrokat Gtraldi sagt, daß Borso in seinem Anzug ,,i>iu amUtioso, 
che non conTeniva" sei, selbst seine Beinkleider waren aus Brokat 
oder Atlas, und den Kopf deckte eine hohe, spitze Mütze, die mit 
Gold und Edelsteinen ausgenäht war* Der Markgraf hatte die 
berühmtesten Hofnarren, die schönsten Pferde, Hunde tuid Falken, 
und in ganz Italien las man die Beschreibungen der von ihm ver- 
anstalteten Vtste. Überdies war er sehr baulustig, er legte den 
Grundstein der berühmten Certosa von Ferrara, befestigte die 
Mauern der Stadt und erneuerte den Palazzo Schifanoja. Frei- 
gebig gegen seine Freunde, ließ er für Teofilo Calcagnini einen 
Palast bauen und schenkte ihm außerdem einige Häuser. Von 
seinen Höflingen zeichnete er Casella aus, den er sein rechtes Auge 
nannte, und Lodovico Carbone, von dem noch die Rede sein wird. 
An Casellas Begräbnis nahm er in Trauerkleideni teil, was den 
bisherigen Gepflogenheiten der Este widersprach. 

In Borsos Leben haben zwei Tatsachen oder richtiger zwei 
Feste die Historiker am meisten beschäftigt: der Empfang des 
Kaisers Friedrich III. in Ferrara und Borsos Aufenthalt in Rom* 
Beide Ereignisse beweisen, daß der Herrscher, der sich einen gut- 
mütigto Anstrich gab, ein sehr geschickter Diplomat war. Fried- 
rich III. kam Aaiaxtg des Jahres 1452 mit einem Gefolge von zwei- 
tausend Mann, dem Erzherzc^ Albrecht und dem König Ladislas 
zur Krönung nach Rom; in Siena sollte er seine Braut Eleonora 
von Portugal treffen. Das Geld war knapp am kaiserlichen Hofe, 
und so verteilte Friedrich gern Titel unterwegs, um als Gegengabe 
seinen Schatz zu füllen. Borso begehrte den Herzogstitel seit langer 
Zeit, er wollte auch den Kaiser durch einen prächtigen Empfang 
und reiche Geschenke für sich einnehmen. So ritt er ihm entgegen, 
umgeben von den Fürsten der kleineren norditalienischen Höfe, 
den Edelleuten und der Geistlichkeit; drei Standarten wurden ihm 
Toran getragen: eine grüne mit schwarzem und weißem Adler trug 
Francesco Sforzatello di Rovigo, die zweite, die auch grün war, 
trug Venceslao Rangoni da Modena, eine dritte, rote, Pietro Maro- 
cello di Ferrara. Ein kostbarer Baldachin wurde über dem Platz 
errichtet, auf dem der Kaiser und der Markgraf sich trafen* Friedrich 
war sehr gnädig; Borso bewirtete ihn und sein zahlreiches Gefolge 



56 VIERTES KAPITEL 

während voller zehn Tage, suchte ihn durdi Banketts und Lansen- 
stechen zu zerstreuen, und die Musikklänge vefstununten kaum 
während des Aufenthalts des Monarchen in Ferrara. In der Um- 
gebung des Kaisers befanden sich auch die Gesandten der Stadt 
Strasburg mit ihrem Gefolge. Ihnen verdanken wir eine Be- 
schreibung des Enqpfanges in Ferrara, sie finden nicht Worte ge* 
nug für Borsos Gastlichkeit. In ihre Wohnung hatte ihnen der 
Markgraf sechzehn verschiedene Weinsorten geschickt, so viel Brot 
wie zwei Knechte schleppen konnten, zehn Konfektkisten, dreierlei 
Wachäkerzen, dreiflig Kapaiuie, zwei lebendige Kälber, und Hafer 
für ihre Pferde im Übermafi. Ja noch mehr, der Führer des Zuges 
und sein Sohn bekamen goldene Ringe und jeder der Gefährten 
einen kostbaren Rosenkranz. Dem Kaiser schenkte Borso die 
schönsten fünfzig Pferde aus seinen Stallimgen und fünbig der 
besten Falken. Damit nahm Borso den Kaiser so sehr für sich 
ein, daB er auf der Rückreise aus Rom in Ferrara wieder Halt 
machte und dem Markgrafen den heifibegehrten Titel eines Herzogs 



.von Modena und Reg^o verlieh. Zum Herzog von Ferrara konnte 
er ihn nicht ernennen, da dieser Titel vom Papst abhing, dessen 
Lehnsvasall der Markgraf war. Die Päpste beobachteten aber die 
Machterweiterung der Este, die den Interessen der römischen 
Kurie entgegen war, mit scheelem Auge. 

Am Himmelfahrtstage fand die Feier zu Ehren der Verleihung 
des Herzogstitels statt. Am Vorabend des Feiertages gab es ein 
grofies Fest im Schloß, selbst der Kaiser tanzte, die ganze Stadt 
war illuminiert und Pechfässer brannten auf den freien Plätzen. 
Vor dem Dome, an der RigoboUoturmseite, stand ein mit ver- 
schiedenen „Historien'' bemaltes Leinenzelt, darin ein Thron mit 
Goldbrokatdecke. Über die übrigen Sitze waren ägyptische Teppiche 
gebreitet. Der Kaiser zog einen mit Gold und Kleinodien bestickten 
Mantel an und setzte die mit kostbaren Edelsteinen geschmückte 
Krone auf, ihr Wert soll 150 000 Gulden betragen haben. Auf den 
Tribünen, an den Fenstern des bischöflichen Palastes und des 
Palazzo della Ragione waren so viele Edelleute, so viel schöne 
Frauen in kostbaren Gewändern und solche Volksmassen, daB selbst 
der Kaiser sich dieser Pracht gewundert und gesagt haben, soll, das 



Vi 



2 ^ 



BORSO 57 

Reich würde auf eine Stadt wie Ferrara stob sein. Über den 
BorgonuoTo kam Borso auf den Platz vom Castello Veccfaio her, 
in einem Goldbrokatanzug, starrend von Kostbarkeiten, um den 
Hab trug er eine Kette, die allein ao ooo Gulden wert war« Nament- 
lich Tier seiner Edelsteine erregten allgemeine Bewunderung, 
zwei auf dem linken Ärmel und zwei auf dem Hute: es waren Steine 
▼on nie gesehener Schönheit. Dem lAarkgrafen voran ritten vier- 
hundert Edelleute auf wundervollen Pferden, mit dem Herzog- 
schwert folgte einer der bekanntesten Bürger Perraras: Cristiano 
Prancesco Bevilacqua. Als Borso auf dem Platz erschien, erscholl 
es von allen Seiten: Borsol Borsol Ducal Ducal Vor dem kaiser- 
lichen Zelt machte Borso Halt und stieg die Stufen der Tribüne 
zum Monarchen heran, während die Ritterschaft sich im Halb- 
kreis aufstellte. Der lAarkgraf kniete vor Priedrich nieder, der 
ihn zu|n Herzog von Modena und Reggio und Grafen von Rovigo 
ernannte. Dann wurde dem neuen Herzog ein langer scharlach- 
roter, hermelint>esetzter Mantel umgelegt, .in die Hände gab man 
ihm ein goldenes Zepter und ein bloBes Schwert, zu seinen Püfien 
legte man die Pahnen der drei Städte, über die er herrschen sollte, 
dann küfite der Kaiser Borso und setzte ihn an seine Seite. Nach 
beendeter Zeremonie gab der Kaiser noch einigen der Anwesenden 
den Ritterschlag, darunter auch Niccolo da Correggio, Borsos Neffen, 
einem einjährigen Khide, und dem vierzehnjährigen Gakotto della 
Mirandola. 

Dann begab sich der ganze Zug in den Dom; vor dem Haupt- 
altar gelobte der Herzog dem Kaiser Treue imd verehrte dem 
Monarchen als Zeichen seiner Ergebenheit ein Kleinod aus sieben 
Steinen, das einen Wert von 40 000 Gulden hatte. Borso durfte 
den kaiserlidien Adler in seinem Wappen führen und erhielt den 
Titel „Principe del S. R. J.*^ und „Duca con suprema giurisdizionc '• 

Dann sprach auf kaiserlichen Befehl Aeneas Sylvius Picco- 
lomini, der Bischof von Siena, zum versammelten Volk, indem er 
die Bedeutung der neuen, Borso verliehenen Würde erklärte und die 
Tugenden und Verdienste der Este beleuchtete. Dies war der 
BeschluB des für die Geschichte von Perrära denkwürdigen Tages. 
Am 19. Mai fuhr der Kaiser nach Venedig, wo er im Palast der 



58 VIERTBS KAPITEL 

Este residierte. Borso, umgeben von der Rittecschaft und einer 
bewaffneten, etwa tausend Mann xfthlenden Eskorte, unternahm 
eine Triumphreise im neuen Hersogtum. Unterwegs berauschte 
er sich an den Zurufen: Duca! Ducal, am GlockengeUute, an Ge- 
sang, Musik und festlichen Ansfirachen. In Modena und Reggio 
wurde er feierlichst empfangoi, Tausende von Kindern kamen ihm 
mit Blumen entgegen, die berühmtesten Redner priesen seinen Ruhm, 
und Triumphwagen durchzogen die StraBen. Der Verfasser und 
Regisseur des allegorischen Festspiek in Reggio war Malatesta 
Ariosto, ein Notar aus Ferrara, Mitglied des Rates und Gelegen- 
heitsdichter. 

Borso kopierte AUonso von Neapel, der auch ähnliche Triumph- 
züge durch sein Reich liebte. Diese Ansprachen und Huldigungen, 
die dem neuen Herzog wurden, fanden ihren Niederschlag in einem 
Verse Bojardos, in dem ihn der große Dichter feiert: „Sei gegrüßt, 
Zier der Este, Borso, Ruhm der Weltl^' 

Borsos Traum war, . auch Herzog von Ferrara zu werden, und 
als Pius II. nach Mantua reiste, um den Feldzug gegen die Türken 
vorzubereiten, glaubte der Markgraf, daß der geeignete Augenblick 
gekommen sei, um diesen Wunsch zu verwirklichen. Er ver- 
sprach denn auch dem Papst, der am 17. Mai 1459 in Ferrara auf 
der Durchreise weilte, 300 000 Gulden für die türkische Expedition, 
ohne im entferntesten daran zu denken, diese große Summe zu 
zahlen. Den Papst empfing er mit dem größten Aufwand, den er 
aufzubringen vermochte. Begleitet von den Herren von Forli, 
Cesena, Rimini, Mirandola, Correggio und Carpi, fuhr er ihm ent- 
gegen; im Gefolge befanden sich unter anderen sieben estensische 
Bastarde, drei Brüder von Borso, Francesco, Lionellos unehelicher 
Sohn, imd drei Söhne von Meliadus. Vor der Porta di San Pietro saß 
der Herzog vom Pferde ab, kniete vor dem Papst nieder, küßte ihm 
den Fuß und übergab ihm die Schlüssel der Stadt. Bei Glocken- 
gel&ute zog der Papst durch die Straßen, die mit Tausenden von 
Fackeln erleuchtet waren. In Ferrara blieb Pius II. elf Tage und 
beging dort <Ue Fronleichnamsprozession. Zum Abschied schenkte 
Borso dem. Papst noch einen silbemen Tafelaufsatz im Werte von 
8000 Dukaten. 



BORSO 



S* 



Dem heimkehrenden Papst bereitete der Markgraf wieder einen 
großartigen Empfang. Er war ihm auf dem Po entg^^engefahren, 
erwartete ihn in einem prachtvollen Bucentaur, mit Fahnen und 
Musik, umgeben von tausend Barken, die die gesamte Breite des 
Flusses einnahmen. Am Ufer erwarteten den Piqpst weiBgekleidete 
Kinder, die ihm Blumen imd Krinse zuwarfen. Die StraBen der 
Stadt, durch die der Papst fuhr, waren mit Blumen und Grfin ge- 
schmückt, und bunte Stoffe waren zwischen den HAusem gespannt 
Mit einer künstlichen Brücke wurden Schloß und Dom verbunden, 
damit der Papst die iOrche unbehelligt betreten könne. Aber die 
vielen Vorbereitungen und Kosten waren vergebens, Pius blieb nur 
einen Tag in Ferrara, schlug Borso den erbetenen Herzogstitel ab, 
und erst sein Nachfolger, Paul II., der den Este wohlgesinnt war, 
entschied die Frage im Sinne des Herrschers von Ferrara. 



II 

Im Besitz der neuen Würde brach Borso im Frühling 1471 nach 
Rom auf mit einem wahrhaft königlichen Gefolge. Ihn be- 
gleiteten Alberto d'Este, die Herren von Carpi, Correggio, Mirandola, 
Scandiano und Teofil Calcagnini, sein treuer Ratgeber, außerdem 
gehörten etwa fünfhundert Ritter und Höflinge in Samt- und 
Brokatgewändem zum Zuge. Am 13. MArz verließen sie Ferrara 
auf siebenhundert Pferden in kostbarem Geschirr, zweihundert- 
fünfzig Mauleseln mit purpurnen Samt- oder Tuchdecken mit dem 
Wappen der Este. Die silbernen Glocken der Maulesel stimmten 
lustig zur Musik der. Trompeter und Pif ferari. Neben den Maul- 
eseln schritten achtzig Knechte in Wetß-rot-grün, mit dem ge- 
stickten Zeichen „di Sua Eccellenza'S jeder von ihnen führte zwei 
Koppeln Jagdhunde vornehmster Rasse. 

Siebzehn Tage dauerte die Reise über Ravenna, Rimini, Pesaro, 
Perugia, Todi und Narnt, und als sich der Zug der PorU dd Popolo 
näherte, kam ihm ganz Rom entgegen. Den neuen Herzog be- 
grüßten siebzehn Kardin&le; die Straßen, durch die der Gast ein- 
zog, waren mit frischen, eigens zu diesem Zweck verpflanzten 



tfO VIERTES KAPITEL 

BäunMui dngef aBt; Girianden aus Laub und Biumen waren da- 
xwiscfaan gespannt. Aus den Fenstern der H&user Ungen Tepfuche 
und kostbare Stoffe, dazwischen Schilde mit Bocsos und des Papstes 
Welpen. Triumphbogen mit entspredienden' Inschriften fehlten 
nicht» und zur Freude des Volkes schenkten die ^iringbrunnen an 
jenem Tage nidit Wasser sondern Wein. Niemals war der Kaiser 
in Rom so feierlich empfangen worden. Der dankbare Herzog von 
Perrara liefi SUbergeld unter das Volk werfen* 

Als Wohnung hatte der Papst seinem Gast den schönen Palast 
in der N&he des Vatikans bestimmt» der für den Kardinal Longueil 
gebaut worden war. Die feierliche Verleihung der Hetzogswürde 
fand am Ostertage in der Peterskirche statt. Seine Eindrüdce be* 
schreibt Borso am 15. April 1471 in einem an seinen treuen Sekretär 
Giovanni di Compagno in Perrara gerichteten Brief. Er ist httdist 
bezeichnend für den aufgeblasenen, um Ruhm und Namen geizen- 
den Fürsten; aus jeder Zeile spricht das Glück über den großartigen 
Empfang» die Freude darüber» daB Tausende seine Gewänder» seine 
Pracht» seine Schätze bewundem und Zeugen seiner Triumphe 
sind. Besonders stolz ist er darauf» daB er die Würde eines Herzogs 
Ton Perrara von jenem empfängt» der der Nachfolger Christi auf 
Erden ist» eine gröBere Ehre kann ihm also nicht mehr zuteil 
weiden. Da ihm der Herzogstitel durch Gottes Gnaden geworden 
ist, wird Gott seine Stellung bestätigen und ihm und seinen Unter- 
gebenen seinen Segen schenken. Zur Feier» daB er zum Ritter 
der Kirche geschlagen und mit dem Herzogstitel in der Peters- 
basilika belehnt wurde» legte Borso ein purpurnes, golddurch- 
webtes Ehrenkleid an» das bis an die FüBe reichte. Sein ganzes 
Gefidge begleitete ihn und bewunderte» wie er» um Ruhm und Ehre 
zu mehren» »»per nostra honorificentia et gloria'S die Schleppe des 
päpstlichen Pluriale trug. 

Kopf an Kopf drängten sich in der Basilika Römer und Fremde» 
kein Apfel hätte zur Erde falkn können. Nach verschiedenen 
einleitenden Zeremonien begann die groBe Messe mit dem Chor 
4er päpstHchen Sänger. Der Piqpst trat nach dem »»Kyrie eleison^' 
an den Altar» um Borso zum Ritter zu schlagen; nach den Evan- 
gelien» die lateinisch und griechisc|i gelesen wurden» kniete der 



BORSO 6l 

Henog ^or dem Papst nieder und leistete den Treuscfawur nadi 
vocgeechriebener Formelt dann sprach der Papst feierlich su ümi 
„acdpe gladium'S gleichaeitig umgUrtete ihn Thomas» der Tyrann 
TOn Morea imd Bruder des letalen Kaisers von Byzana, mit dsm 
Schwert, und die Generile der heiligen Kirche, Costantino Sfona 
und N^qndeone Orsini, legten ihm die goldenen Sporen an als Zeichen 
wahren Rittertums, „in Signum Terae militiae". Zuletzt drfidrte 
ihm der Fmpat den FriedenskuB auf die Stirn „oscultun pacisV, 
und Borso umarmte alle Kardinile der Reihe nach, ihrer Würde 
entsprechend. Borso engend die Weihe der Stunde so stark, daS 
er auch spiter diese Pder als etwas AuSerordentlidies betrachtete, 
dessen Erinnerung Ms su seinem Tode nachwirken würde« Nadi 
der Zeremonie eoqifing Borso das Abendmahl aus den Händen des 
Papstes und jetzt erst erfolgte der eigetftlidie Akt der TitelOber* 
traauha. Man leate ihm einen sehr we i te n Dunumen Damast« 
mantel tun, der nur auf der rediten Seite geöffnet war, „mit be- 
sonders langer Schleppe'' — fügt Borso hinzu — „der fflrstlidien 
Würde entsprechend*'. Über die Arme hing man ihm einen breiten 
Hermelinkragen, auf den Kopf setzte ihm der Papst sdbst eine 
IDtra „ovete'* von spitzer Form, mit auf die Ohren fallenden 
Kla|>pen, mit Perlen und einem außergewöhnlich schönen Rubin ge- 
schmfickt. Ab der Papst ihn mit diesem Attribut der Herzogswürde 
bddeidete, sprach er die in diesen FiUen To^geschriebene Formel 
„acdpe insigne ducalis proemineiitiae'S und bei der Übergabe des 
künstlerischen Zepters fügte er die Worte hinzu:* „directionis et 
justitiae". SdiUeSUch l^;te ihm Paul H. eine kostbare Kette um den 
Hals, so daS der neue Fürst „aussah wie ein Kardinal". 

Nach deni Gottesdienst erteilte der Papst dem Volk den Segen, 
schwang das Sdiweifituch der heiligen Veronika und vericündete 
einen allgemeinen AblaB. Der Chronist berichtet, daB. sich zwei- 
maBiundertteusend Menschen auf dem Plate angesammelt hatten, 
was jedenfalls übertrieben ist. Es genügt, daS die StraBen, Fensler 
imd Dächer der umliegenden Häuser bis zum Kastell S. Angelo 
von Neugi^rigett belagert waren, und als Borso Ton sämtlichen 
Kardinälen gdeitet in seinen Palast zurückkehrte, konnte er sidi 
des Zurufs erfreuen, der ihm von allen Seiten entg^^enschlug: 



62 VIERTES KAPITEL 

Duca! Duca! Borso! Borsol Trotz all seines düdces bekennt der 
neue Herzog» daB die Feieriiclikeit zu laiige gedauert habe und 
er müde und hungrig nach Hause gdcommen sei. Am meisten 
faettte ihn, d«8 man weder einem König noch einem Kaiser zu 
Ehren je solche Feste in Rom gefeiert hatte« 

Nachdem er g^chlafen und ausgeruht, muSte Borso sich zu 
einer neuen Feier rüsten: die Ehrungen, die ihn in Rom erwarteten, 
fanden kein Ende. Der Papst verlieh ihm am zweiten Ostertag 
die goldene Tugendrose, „per nostra gloria et exaltatimie'S wie 
Borso sich ausdrüdct. In seinem hermdinbesetsten Mantel, der 
ihm anscheinend groBe Ftoude machte, mit der llttra auf dem 
Haupty dem Zepter in der Hand und der kostbaren Kette um den 
Hals, begab sich der Herzog nach S. Peter zu dieser neuen Ehrung. 
In der Kirche eridärte der Papst nach vollzogenem Gottesdienst 
die Bedeutung der goldenen Rose. „Eine soldie Rose'* — schreibt 
Borso seinem Sekretär — ,»wird nur dem würdigsten Herrscher auf 
Erden verliehen.*' Die Rose war mit Edelsteinen im Werte von 
fünfhundert Dukaten geschmüdct, und als Borso sich aus der 
Kirche in den Palazzo di S. Marco begab, wo der Papst ein gro8* 
artiges Festmahl ihm zu Ehren gab, hielt er den neuen Beweis der 
pipstlichen Gunst in der Hand, und wieder begrüfite ihn das Volk 
mit lauten Ovationen. Zu diesem Mahl waren fünfzehn Kardin&le 
geladen, und die Kirchenfürsten ergingen sich in lebhaften Ver- 
mutungen darüber, weshalb Paul II. Borso in dem Maße feiere. 
Die Neugier wuchs, als der Papst Borso in geheimer Audienz emp- 
fing und der Inhalt der Unterredung nicht bekannt ward. Sp&ter 
erst kombinierte man, daB ein neues Konzil nach Ferrara berufen 
werden sollte. Dort sollte man über Änderungen innerhalb der 
kirchlichen Hierarchie und die Vernichtung der türkischen Macht 
verhandeln. Der Papst sah voraus, daß die KardinAle sich der 
Einberufung dieses Konzils energisch widersetzen würden, deshalb 
wollte er sein Geheimnis wahren. In seinen Plänen sollte Borso 
ihn unterstützen. 

Borso hatte nicht vorausgesehen, daB dieser vom Papst emp- 
fangene Herzogstitel einst die rechtliche Grundlage werden würde, 
um den Este Ferrara zu nehmen. Aufs neue war er LehnsvasaU 



BORSO 63 

der Kirche geworden, hatte seine Abhängigkeit yrom Papste an- 
ertuusat, die Bande zwischen Perrara und Rom enger geknüpft, 
w&hrend sie unter Obizzo IL, der 1264 ,4urGh den Willen des 
Volkes'* gewählt worden war, sich sehr gelockert hatten. Als Rom 
etwa ein Jahrhundert ^ter (1598) Don Cesare d'Este Perrara 
nahm, stützte es sich in der Hauptsache darauf, daB Paul II. Borso 
zum Herzog yon perrara ernannt habe. 

Past einen Monat blieb der Herzog in Rom; vor seiner Abreise 
ließ er viertausend Dukaten unter die päpstliche Dienerschaft ver- 
teilen. Während seines Aufenthalts in der Hauptstadt der Welt 
war sein Palast der Mittelpunkt des diplomatischen tmd gesell- 
schaftlichen Lebens. Hocherfreut darüber schreibt der Herzog dem 
treuen Giovanni, er würde sich wundern, sähe er, wieviel Kardinäle 
und Prälaten ihn besuchen, wieviel Menschen beiderlei Geschlechts 
ihn au sprechen vrünschen, wie man ihn feiere, obgleich man in 
Rom den Anblidc von Kaisern und Können gewohnt sei. Auch 
Pranoesco Aricsto schrieb, daB Borsos Triumph in Rom dem 
Triumph der römischen Cäsaren gleiche« 

Wie hätte der estensische Herzog ahnen können, daB er sich 
in Rom den Todeskeim geholt hat? Er holte sich dort das Pieber, 
dem er einige Monate später erlag. Noch konnte er auf der Rück- 
reise in Loreto haltmadien, aber krank schon kam er nach Perrara, 
der Kräfteverfall war schnell, und am 19. Augtist war der Purst 
tot. Paul IL war noch vor ihm gestorben, er erlag einem apo- 
pkktischen Anfall am 26. Juli X47x. 

Borso hatte alle möglichen Vorkehrungen getroffen, damit 
Ercole, den er sehr liebte, ihm ohne Hindemisse auf dem Thron 
folge. 

Den Tod fast eines jeden Herrschers glaubte man damals auf 
Gift zurückführen zu können; so hieB es auch von Borso, er sei 
an einem langsam wirkenden Gift, das man ihm in Rom verabreicht 
habe, gestorben. Diese Gerüchte entbehren jeder Grundlage, Pieber 
war eine der häufigsten und furchtbarsten damals herrschenden 
Krankheiten. 

In der Certosa, wo sein Sarg heute noch steht, wurde Borso bei- 
gesetzt. Noch zu seinen Lebzeiten hatte Perrara ihm 1451 ein 



64 VIERTSS KAPITEL 

Marmordenkmal tor dem Dom errichtet Auf der SAulOt auf der 
der erste ferrareatsdie Heraoe stand, war in goldenen Leitcim 
Tfto Stronis Vienwiler zu lesen: 



Hanc tibi Tiventi Ferraria grata columnam 
Ob merita in patriam» Princeps justissime Borsi 
Dedidat» Estensi qui Dux a sanguine primus 
Exdpis imperium» et pladda regis omnia paoe. 

Denkmal wurde später vor den Haupteingang des esten- 
sischen Palastes gesetzt imd während der Revolution im Jahre 1796 
zertrümmert. 

III 

Unter Borsos Regierung ging der ßinfluS der Humanisten zu- 
rück. Mit der Herrschaft des Lateinischen war es zu Ende; poli- 
tische Intrigen» Jagden und Feste beschäftigten den Fürsten; er 
kümmerte sich weder ums Lateinische noch ums Griechische, die 
Universität jedoch unterstützte er, so daS sie in dem von Uonello 
festgelegten Umfang weiterbestand. Guarino behielt sein Lehramt, 
und da Aurispa seine Pfründen bezog, hatte er keinen AnlaS, Ferrara 
zu verlassen, aber allmählich starben Lionelloe Schützlinge aus oder 
suchten ihr Glfldc an anderen Höfen. Jene, die sich bei Borso in 
Gunst setzen wollten, übersetzten lateinische Werke ins Italienische. 
Tonangebend wurde der „sermon mMerno^.. Carlo di San 2^orto 
übersetzte für Borso die Bücher, die man damals gelesen haben 
muBte» wie ,»Vita di Nicoolo Piccinino'', oder Decembrios „Le laudi 
della dtta di Milano'^ In der dem Fürsten gewidmeten Vorrede 
heißt es, es bedeute keinesw^^ eine ZurücksetzuD^, daS ».Fortuna, die 
jedem wahrhaft Tugendhaften entgegenwirke, dem Fürsten zu seinen 
vielen Vorzügennichtauch das Interesse für Literatur geschenkt habe.'* 
Eine groBe Anzahl italienisch schreibender Autoren schickte 
Borso ihre Werke, in der Annahme, dafi ihre Arbeit in Ferrära gut 
aufgenommen werden würde. So brachte ihm Lorenzi Spirito di 
Perugia seine Dichtung „L' Altro Marte^' dar, Candido de' Bontempi 
mdmete ihm sein poetisches Elaborat „II Salvador''. Ob. Borso 



BORSO 65 

all diese umfangreichen und langwei]^;en Machwerke auch ge- 
lesen hat| bleibe dahingestellt, aber die Literaten hatten die Absicht, 
seine Kenntnis der klassischen Literatur zu f Srdem und übersetzten 
für ihn Plutarchs „Biographien", Ciceros „Briefe" und rerschiedene 
andere antike Autoren, wie Appian, Ptokopios, Herodot, Xenophon, 
Plautus, Apiilejus usw. Auch Borsos Günstlingen, Teofilo Cal- 
cagnini, Alberto und Ercole d' Bste wurden Übersetzungen aus 
dem Griechischen und Lateinischen gewidmet; das scheint die 
Humanisten strenger Obsenranz nicht wenig ge&rgert zu haben, 
und Messer Teofilo machte Carlo da San Zorzo Vorwürfe, daS er 
Unrecht an der Menschheit tue, indem er italienisch und nicht latei- 
nisch schreibe. Die Sprache dieser Übersetzer war nicht gerade 
korrekt, sie winunelte von ferraresischen Provinzialismen, aber die 
Ferraresen waren arrogant genug zu behaupten, daB ihr Dialdct 
dem Toskanischen nicht nachstände, „non ha manche elegantia da 
alzuno altro Italiano parlare''. Stolz schreibt Polizmagna einmal 
an den Fürsten: „Ferrarra, Italiens Kleinod, hat ims beide geboren 
und erzogen, darum sollen wir auch nicht anders denn ferraresisch 
sprechen«'* Da es sehr bequem war, sich nicht mit dem Lateinischen 
zu quälen, folgte das gesamte Ferrara dem Vorbild seines Fürst^i. 
Als ein PodestA den Befehl erhielt, „accipitrem bene legatum 
in sacculo'S einen in einen Sack verschnürten Falken zu schicken, 
lieB der gewissenhafte Beamte einen Geistlichen aufgreifen und 
schickte ihn im Sack an die aufgegebene Adresse« Vielleicht ist 
das Ganze nur eine boshafte Anekdote, jedenfalls ist sie bezeichnend 
für den Verfall der lateinischen Kultur in Ferrara. 

Mit der Entwicklung des „sermon modemo*' wuchs auch die 
Vorliebe für französische Romane. Aus den Büchern der herzog- 
lichen Kammer, in die genau eingetragen wurde, wer Bücher aus 
der höfischen Bibliothek entliehen bat, ergibt sich, daB Ritter- 
romane am meisten gelesen wturden. Bianca d' Este las „Gothofred 
de Boion", der Conte Lodovico da Canno entlieh „Galooth le Brun*', 
Jaoopo Ariosti und Gian Francesco della Mirandola „Lancelof, 
Meliadus „Tristan in lingua Gallica'S Francesco d' Arezzo „Gral'S 
„Merlin'S „Meliadus" und „Lancilof*. Eifrige Leser der Romane 
aus dem bretonischen Zyklus waren Galeotto di Campo Fregoso, 

5 



66 VIERTES KAPITEL 

Sigismondo d' Este und Alberto della Scala. Auch Borso scheint 
viel französische Bücher gelesen und französische Handschriften 
gern gesammelt zu haben. „Merlin'* imd ,|Lancilot'S ins Volgare 
übersetzt, lieB er mit Miniaturen ▼ersehen, Giovanni di Niccolo 
Biondo und Sdpio Fortuna empfahl er, Abschriften der „Storia di 
Franda*' zu beschaffen, und erwarb ins Italienische übersetzte 
Bücher wie ,»Spagna'S „L* Aspromonte*', „Merchino". 

Man konnte den Markgrafen keine größere Freude bereiten, 
als indem man sie den Paladinen aus König Artus' Tafelrunde 
▼erglich. Die Panegyriker und Schmeichler des Hauses, wie Ugo 
Caleffini, ▼ers&umten nie zu betonen, wenn sie ▼on den jungen 
Markgrafen sprachen, ▼on Ercole, Sigismondo, Lionello, Rinaldo, 
daB sie „▼ollendete Paladine*' seien, „che sono paladini perfetti**. 

Der einzige berühmte Humanist, der Borso nahe stand, war 
sein Günstling Lodo^ico Carbone (1435 — 1482), der über ▼ier Ge- 
dichtbände veröffentlicht hat; beide Strozzi feiern ihn als be- 
rühmten Dichter tmd Gelehrten. Tatsächlich war Carbone der 
Typus des humanistischen Scharlatans, ein eingebildeter, miB- 
günstiger Neidhammel, der keine literarische Größe neben sich 
gelten ließ. Seine ganze Kirnst bestand, wie bei der Mehrzahl der 
Humanisten, in der glatten Form^des Verses; er galt als Autorität 
in der Metrik und hieß der „Magister s7Uabarum'^ Liebesge- 
schichten erfüllten sein Leben; als ihn die Ungarn zum Professor 
berieten, konnte er sich nicht entschließen, Ferrara zu ▼erlassen, 
da ihn Francesca Fontana fesselte, der seine Gedichte galten. Fran- 
cescas Lippen schienen ihm begehrenswerter als kaiserliche und 
fürstliche Ehrenbezeugungen. 

Fontanina ▼etat insita pectori 
Quae fixa est animo et risceribus meis 
Magnis principibus hanc ego praefero 
Regum delitiis regnaque persica 
Frandscae superant oscula dulcia 
Ludentes oculi, risus aureus .... 

Der Francesca folgte eine Lucia, die ihn so in Anspruch 
nahm, daß er kaum' zu seinen in der Universität angekündigten 



BORSO 67 

Vorlesungen kam. Die Schüler kannten den Abhaltungsgrund und 
▼erfaßten ein Epigramm ,,An die schönste Luda, Lodovico Carbones 
künftige Gattin, die ihm den Besuch der Universität untersagt''. 
Die Studenten bitten die Geliebte des Professors, ihn nicht mit 
ihren 2Uürtlichkeiten im Hause zurückzuhalten, sondern mit ihm 
in die Vorträge zu kommen imd sie durch ihre schönen Augen 
für seine Faulheit zu entschädigen. 

Als Piu8 11. in Ferrara war, hielt Carbone in der Kirche der 
lAadonna degli Angeli eine so großartige Ansprache, daß der Papst 
ihm den Titel „conte palatino'' beilegte. Der Dichter war so stolz 
auf seine Werke und seine Bedeutung, daß er glaubte, ganz Ferrara 
sei von seinem Ruhm erfüllt. 

lam mea Ferrariam celebratur fama per urbem 
Cantatur tota nomen in urbe meum. 

Als er nach einem einjährigen Aufenthalt in Bologna nach 
Ferrara zurückkam, verglich er sich in einer öffentlichen Rede mit 
Achill, der sich auf sein Schiff zurückgezogen hatte, und die ferrare- 
sische Universität mit dem griechischen Heer, sie sei führerlos wie 
jenes, wenn sie nicht wiedergewänne ,^1 suo ardente Carbone''. 
X469 kam Friedrich HI. nach Ferrara. Wieder hielt Carbone eine 
feierliche Ansprache, diesnud dem Kaiser zu Ehren und nicht 
weniger zu eigenem Lob. Er rühmte sich, er habe loooo Gedichte 
gemacht, und während seines Lebens sei kein berühmter Mann ge- 
storben, keine Tochter aus vornehmem Hause habe geheiratet, ohne 
daß er sie besungen hätte. Seiner Beredsamkeit vertrauend, bat 
er den Kaiser, ihm den Grafentitel zu bestätigen und den Lorbeet 
zu verleihen. Der Schmeichler erreichte alles. Lionello wünschte^ 
daß Carbone der Lehrer seiner beiden für den geistlichen Stand 
bestimmten Brüder werde. Nach dem Tode des Markgrafen haben 
die Minister aber einen Notar aus Ferrara dazu ernannt. Der 
Professor rächte sich; bei der Wahl des neuen Universitätsrektors, 
hielt er eine große Rede im Beisein Borsos, des gesamten Hofes,, 
der Professoren tuid Studenten, in der er den anwesenden Ministem 
die unglaublichsten Beleidigungen ins Gesicht warf, er nannte zwei 
unter ihnen „monstra turpissima", Verräter, Vemichter der 

5* 



68 VIERTES KAPITEL 

Republik, da sie Lionellos Willen, der Carbone zu schAtien ge- 
wußt, gefälscht hätten. 

Sehr bezeichnend für ihn ist sein Dial<^ zwischen Ferrara und 
Bologna, wohl um 1460 während seines Aufenthaltes in Bologna 
geschrieben. Ferrara klagt, daB Giacomo Grati, der bolognesiscfae 
Gesandte in Ferrara, den geliebten Rhetor entführt habe, Bologna 
antwortet, da Ferrara soviel berühmte Redner besäße, ktane es 
ihm doch den groBen Professor leihen, aber Ferrara verteidigt sich: 
gewiB gäbe es Literaten genug, aber das wären zum größten Teil 
eingebildete Streithäbne oder Flegel und Esel von so schlechten 
Manieren, daß die Stadt sich ihrer schämen müsse. Carbone je- 
doch, der höfliche, liebenswürdige, zuvorkommende, gütige sei 
Ferrara entrissen. Sicher habe die Natur ihn geschaffen, damit er 
des großen Börse gewaltige Tugenden besinge imd feiere. Bologna 
stimmt in den Ruhm des Fürsten ein, ja es wäre glücklich, käme 
es los vom Joch der „gesegneten Kirche", die auf weltliche 
Macht nicht verzichten will. Wäre nicht die Furcht vor Rom» 
mit Freuden würfe sich Bologna in die Arme Borsos, dieses edlen, 
gesetzten, frommen und gerechten Herrschers. 

Carbone veröffentlichte auch scherzhafte Geschichtchen in Art 
der Facezien des Poggio Bracciolini imter dem Titel „Le Cento 
trento novelle o facetie de Lodo^co Carbone". Es ist die erste 
italienische Nachahmung lateinischer Schriften dieser Art; das Genre 
war in der Renaissance sehr beliebt. 

Eine der interessantesten Persönlichkeiten aus Borsos Um- 
gebimg war 4er Hofmedikus und Universitätsprofessor Michde 
Savonarola, den noch Niccolo III. nach Ferrara berufen hatte. Er 
war ein sehr streng denkender Mensch und wurde in späteren Jahren 
zum Asketen; da ihm die Verbreitung seiner medizinischen Theorien 
am Herzen lag, schrieb er mehrere Abhandlungen. Die Este haben 
ihn für seine Dienste glänzend entlohnt, Lionello gab ihm den 
Zehnten der sanctae Helenae, Börse das feudum Madelane und 
Papst Nikolaus V. ematmte ihn zum Ritter von Jerusalem. Savo- 
narolas berühmtestes Buch war die „Practica major'S eine 
Enzyklopädie des damaligen medizinischen Wissens: er gibt 
hygienische Vorschriften, empfiehlt eine vernunftgemäße Ernährung, 



BORSO 69 



1 

: \ 



lehrt die Zubereitung von Speisen, gibt . einzelne Rezepte und 
beschäftigt sich mit sämtlichen möglichen Krankheiten vom Kopf 
bis zu den Füßen y,de Omnibus aegritudinibus partictüaribus a capite 
usque ad pedes et earum curis". Er schrieb auch über Balneologie 
y,De balneis'S für die es in Italien stets viel Verständnis gab, war 
man doch selbst in Zeiten gröSter Barbarei nach Abano» Poretta 
und in viele andere Badeorte in Toskana gereist. Savonarola hatte 
den bekannten Condottiere Gattamelata nach Abano begleitet» 
Ißccolos III. Gicht durch Bäder geheilt, Bäder galten ihm als wesent- 
licher Faktor in der Medizin, tmd zwar nicht allein kalte und warme 
Bäder, sondern auch Bäder in Wein, Ol, lililch usw. Sein Buch 
enthält auch Rezepte zum Destillieren des Aquavit, der ihm alt 
wichtige Medizin gilt, „medicanun calidarum magistra ac parens'S 
/ mäfiig gebraucht ist er „sanitatis humanae conservatrix optima ac 
deperditae mirabiliter restaurativa^'. Savonarola beherrschte die ge« 
samte damalige griechische und lateinische medizinische Literatur, 
am meisten aber huldigte er den Arabern, tmd Avicenna stellte er 
hdher als Galenos. 
/ • Seltsam genug ist es, daB dieser Arzt und Gelehrte, der die 

Natur zu erforschen suchte, imter seinen Schriften zwei Bücher 
über die Beichte hinterlassen hat, „Confessionale'' und „Della 
Cocifessione". Das erste enthält Vorschriften, wie man sich 
fiür die Beichte vorzubereiten und wie man zu beichten 
habe, das zweite Lehren, auf welche Weise Gott tun 
Vergebung der Sünden zu bitten ist. Savona- 
rola schrieb noch verschiedene Bücher 
moralischen und politischen In- 
halts, die aber für uns be- 
deutungslos sind. 




FÜNFTES KAPITEL 

ERCOLE L 



I 

I~ it Blut mußte auch Ercole wie viele seiner Vorginger 
den ferraresisclien Thron erkaufen. Lionellos Sohn 
Niccolo hielt sich für Borsos rechtniKBigen Nachfolger 
und wollte steh mit Hilfe seiner Anhalter der Herr- 
schaft und des Kastells bemächtigen. Zwei Parteien 
standen einander gegenüber: das Segel ,,Vela", mccolos 
Zeichen, und der „Diamant", Ercoles Wappen. Der Diamant er- 
freute sich beim Volke größerer Beliebtheit. Ercole, liebenswürdig, 
gewinnend, heiter, von stattlichem Aussehen, den noch dazu die 
in Neapel verbrachte Jugend und seine Beziehui^fen zum Hofe Ton 
Aragon mit einer gewissen Glorie für die Volksphantasie umgaben, 
trug den Sieg leicht davon. Siebzigtausend Menschen sollen sieh 
für ihn au^esprochen haben, und das Volk war dieses Sieges so 
froh, daS es alter Sitte gemäS den PaUzzo della Ragione gestürmt, 
die Sitze der Gerichtspersonen zertrümmert imd die vorhandenen 
Papiere verbrannt hat. Die danudigen Gerichtshöfe seheinen sieh 
nicht übermäBiger Sjrmpathie erfreut zu haben. 

Niccola zog sein ,, Segel" ein und suchte Schutz in Mantua bei 
seinem Verwandten Lodovico II. Gonzaga. Ercole schickte ihm 
zum Beweise, daS er das Vergangene vergessen habe, ein schönes 
Trauergewand, das Niccolo nach dem Tode des Oheims brauchte. 
Dies Geschenk verbesserte jedoch die Beziehungen zwischen dem 
Hnzog und dem Kronprätendenten nicht; da Ercole einen plötz> 
liehen Überfall fürchtete, schickte er den Grafen Niccolo di Rinaldo 
Ariosti nach Mantua, damit er Niccolo zu vergiften versuche. Für 



ERCOLE I. ^X 

diesen „Dienst" versprach der Herzog Ariosti zwei Schlösser, einen 
Palast in Perrara und eine jährliche Pension. Unter dem Vor- 
wand, der Markgräfin Geschenke von Ercole zu bringen, kam 
Ariost; es gelang ihm, Niccolos Hofmarschall Cesare Pirandoli 
zu gewinnen, der seinem Herrn ein vergiftetes Gericht vorsetzen 
sollte. Durch einen seltsamen Zufall erkrankte Pirandoli an jenem 
Abend, an dem er seinen verbrecherischen Plan ausführen wollte; 
in der Annahme, daB auch er vergiftet sei, gestand er Niccolo und 
Federigo Gonzaga alles. Ariost gelang es, aus Mantua zu ent- 
fliehen tmd Perrara zu erreichen; Pirandoli wurde öffentlich hin- 
gerichtet. 

Natürlich trug dies Ereignis nicht dazu bei, das Verhältnis 
zwischen Niccolo tmd Ercole zu verbessern. Der Prätendent lauerte 
«uf einen geeigneten Augenblick, um sich zu rächen und Perraras 
zu bemächtigen. 

Nachdem Ercole seine Herrschaft befestigt hatte, dachte er 
seiner in Neapel verbrachten Jugend und beschloß, Eleonora von 
Aragon, Perrantes Tochter, zur Gattin zu wählen. Er war damab 
eintmdvierzig Jahre alt. Eleonora war die Braut des Pursten Sforza 
von Bari, aber Sixtus IV. hob diesen Vertrag durch eine besondere 
Bulle im Jahre 1472 auf. So war Eleonoras Hand frei, und das 
Bündnis mit dem Aragon bot, abgesehen von allem anderen, nament- 
lich deshalb für Ercole viele Vorteile, weil es Perraras ISacht gegen 
Venedig, seine gefährlichste Nachbarin, stärkte. Eleonora wurde 
eine Mitgift von 80000 Dukaten versprochen. 

Der Hof von Neapel war wegen seiner spanischen Pracht und 
seines großen Luxus bekannt. Auch Ercole hatte Sinn für Ptacht- 
entfaltung, tmä so wurden die glänzendst^i Vorbereitungen zum 
Empfang der Braut in Perrara getroffen. Um Eleonora nach 
Perrara zu geleiten, gingen im Juni 1473 Sigismondo und Alberto, 
Ercoles Brüder, nach Neapel; in ihrer Gesellschaft befanden sich 
Galeotto Pico della Mirandola, Niccolo da Correg^o, Marco Pio 
aus Carpi, der Dichter Maria Bojardo, Nino Contrari und Lodovico 
Carbone, dem die feierlichen Ansprachen bei der Begrüßung zu- 
fielen. Der Zug bestand, abgesehen von der Dienerschaft, aus 
fünfhundert Berittenen. In Neapel wurden die Perraresen aufs 



72 FÜNFTES KAPITEL 

glitizendste empMngen; zweihtindert bekannte Persönlichkeiten 
Neapels, Fürsten, Ritter und Hofdamen, gaben der scheidenden 
Fürstin das Geleite. 

Eleonora zu Ehren wurden in Rom Feste gegeben, die zu den 
glänzendsten der Renaissance gehören. Der Arrangeur war der junge 
Kardinal S. Sisto, Pietro Riario, der Nepote Siztus IV., der aus einem 
armen Mönch ein groBer Kirchenfürst geworden war imd als einer 
der größten Verschwender der ganzen Epoche galt. Er war der Typus 
des hochmütigen Prälaten, erpicht auf Macht und Ruhm, und 
riß mit Hilfe des Papstes die reichsten Pfründen an sich. Seine 
Einkünfte betrugen nach heutigem Gelde etwa zwei tmd eine halbe 
Million Franken. Sie flössen ihm zu aus dem Erzbistum von Florenz, 
dem Patriarchat von Konstantinopel, der Abtei S. Ambrogio und 
einer Reihe anderer Bistümer, die ihm der Papst, sein Vetter, über- 
wiesen hatte. 

Die gesamte Palasteinrichtung des Kardinals, seine Wagen 
und die Anzüge der Dienerschaft waren aus Samt und Brokat, reich 
mit Gold gestickt. Der ehemalige Franziskaner besaß die schönsten 
Pferde in Rom, kleidete seine Dienerschaft in Scharlach und um- 
gab sich mit einer Schar von Verseschmieden, die ihn in den Hinunel 
hoben. Seine berorzugte Kurtisane, Teresa, überschüttete er mit 
Perlen und Edelsteinen; er gab Turniere und Bankette, wie sie das 
Rom der Päpste noch nicht geschaut hatte. 

Sein Gast war Eleonora. 

Perraras Herzogin näherte sich am 5. Juni 1473 den Toren 
der ewigen Stadt. Die Kardinäle Caraffa und Anzias de Podio 
kamen ihr mit einem großen Gefolge Ton Prälaten entgegen und 
geleiteten sie in den Lateran, wo ein Frühstück bereitet war. Dort 
erwarteten sie die beiden päpstlichen Nepoten: die Kardinäle Riario 
und Giuliano della Rovere, der nachmalige Julius II. In ihrer 
Gesellschaft begab sich Eleonora zu S. Sisto. Da der Palast des 
Kardinals zu eng war, um die ferraresischen und neap<ditanischen 
Gäste aufzunehmen, ließ Riario auf dem Platz vor der Kirche ein 
großartiges Holzgebäude errichten, versehen mit offenem Atrium. 
Auf der einen Seite des Platzes hatte er eine Bühne, die für öffent- 
liche Aufführungen bestimmt war, aufschlagen lassen. Vor dem 



ERCOLE I. D'ESTB 
KOPIE DOSSIS NACH TIZIAN. MODENA, GALERIE 



ERCOLE I. 



73 



Palast stand ein Springbninnen, der sein Wasser aus einer Zisterne 
auf dem Dach der Basilika empfing. Der provisorische Palast 
wirkte wie ein Gebäude aus Stein; Wände, Decken und Fußböden der 
großen Zimmer waren mit golddurchwirkten Tapeten und flan- 
drischen Teppichen gedeckt. Ein großartiger Teppich mit der Er- 
schaffung der Welt, der Ton Nikolaus V. bestellt worden war, er- 
regte allgemeine Bewunderung. Es wurde behauptet, daß in der 
gesamten christlichen Welt kein schönerer Arazzo vorhanden 
sei; leider ist dieser kostbare Schatz nicht auf uns gekommen. 
Diese provisorischen Räume waren mit einem derartigen Lusnis 
ausgestattet, daß selbst die Zeitgenossen, die den Pomp der Kirchen- 
fürsten gewohnt waren, Anstoß an dieser Verschwendung nahmen. 
Um Eleonoras Räume kühl zu erhalten, waren drei große, ver- 
steckt angebrachte Blasebälge in Tätigkeit. 

Am Pfingstsonntag wurde die Geschichte der „Susanna^' am 
Nachmittag auf dem Platz vor dem Palast aufgeführt, und am Mon- 
tag gab der Kardinal ein Festessen, das sich den raffiniertesten der 
römischen Kaiserzeit vergleichen ließ. Von Trommeln und Pfeifen 
begrüßt, betraten die Gäste den Saal. Die Dienerschaft in seidner 
Livree gab eine Vorahnung des zu erwartenden Luxus. Am Haupt- 
saßen außer der Fürstin nur noch neun Personen, acht aus 
Gefolge, und der Kardinal Riario, der Gastgeber, war der 
Zehnte. Allgemeine Bewundenmg erregte das Buffett mit den 
Meisterwerken der Kochkunst, mit zwölf äußerst wertvollen Tafel- 
aufsätzen aufgeziert. Zuerst wurden Süßigkeiten gereicht, kandierte 
Orangen mit Malvasierwein und Rosenwasser zum Waschen. 
Es gab vierundvierzig Gerichte, danmter in einem Stück gebratene 
Rehe, Hirsche, Hasen, Kälber, während das Geflügel: Kraniche, 
Fasanen, Pfauen in seinem Federkleid gleichsam lebendig serviert 
wurde. Das seltsamste Gericht war ein Bär in seinem Fell, mit 
einem Stock im Maul, „damit er nicht beiße'^ Die Schuppen der 
Fische waren versilbert, das Brot vergoldet, und die Kuchen, Torten 
und Süßigkeiten, die in ungeheuren Mengen gebracht wurden, 
hatten die seltsamsten künstlichen Formen. Die Meisterwerke 
der Zuckerbäckerkunst waren ein Herkules, fast lebensgroß, im 
Kampf mit Ungeheuern begriffen, und eine große Schlange, die 



74 FÜNFTES KAPITEL 

sich auf einem Zuckerberg wälzt und den Gästen ihren auf- 
gesperrten Rachen zukehrt. Auch ein reichbeflaggtes Konfekt- 
schloB wurde hineingebracht, dann schleppte man zwölf große, 
mit Zucker-Eicheln beladene Schiffe herbei, als der Frucht der 
Rovere, die eine Eiche im Wappen führen. Den Schiffen folgte 
Venus in stolzem, von ausgestopften Schwänen gezogenem Ge- 
fährt, schließlich zeigte sich in der Tür ein bewaldeter Berg, daraus 
schritt ein lebend^er Zwerg heraus und drückte in Versen seine 
Verwunderung darüber aus, sich unvermutet in so erlesener Ge- 
sellschaft zu befinden. Die Einförmigkeit des sechs Stunden 
währenden Mahles unterbrachen allegorische Gestalten, die durch 
Rezitation von Gelegenheitsgedichten und Gesang das Bankett 
verschönten. Unter anderen trat ein Jüngling auf und sang mit 
schöner Stimme ein lateinisches Gedicht, in dem er den Gästen 
vorhielt, daß sie von solchen Herrlichkeiten umgeben selbst den 
Göttern den Oljrmp nicht zu neiden brauchten, um so weniger 
als Jupiter selbst unter ihnen weile. 

Wer sollte dieser Jupiter sein? Der Gastgeber und Kardinal, 
der Franziskaner? 

Ein Ballett beschloß das Fest. Auf der Bühne tanzten antike Helden 
mit ihren Geliebten. Den wollüstigen Tanz unterbrachen Kentauren, 
die die schönen Balletteusen rauben wollten, aber Herkules ergriff ihre 
Partei und verjagte die wilden Kraftmenschen. Dem Ballett folgten 
noch einige Aufführungen, deren Inhalt ausdemMythus geschöpft war. 

Die Feste der Renaissance kannten kein Maß, es galt den Becher 
bis zur Neige zu leeren, bis die Teilnehmer der Feste vor Müdig- 
keit fast umsanken. 

Die Herzogin blieb fünf Tage in Rom, und es ist mehr als zweifel- 
haft, ob sie während dieses Empfanges sich von den Reisestrapazen 
zu erholen vermochte. Ein Trost in ihrer Abspanntmg mögen die 
reichen Geschenke gewesen sein, mit denen Siztus IV. und die Kar- 
dinäle sie überschütteten. 

In Ferra» traf man großartige Vorbereitungen zum Empfang 
der Herzogin. Fünf der berühmtesten Maler und Bildhauer arbeiteten 
an einem für sie bestimmten Caroccio, über den Po wurde eine 
neue Brücke geschlagen, und eine Künstlerschar schmückte die Stadt. 



BRCOLB I. 75 

Zu Pferde zog Eleonora unter dem Baldachin ein» in einem 
Kleid aus Goldbrokat mit kostbaren Edelsteinen und einer stolxen 
Krone auf dem Haupt In den StraBen Grfln, Blumen, bunte 
Stoffe — so daS die Herzogin durch unabsehbare Zelte einzuziehen 
schien. Triumphbogen waren errichtet, und auf Estraden suditen 
T&nzer bei Musikklängen die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. 
Am nächsten Tage traute der Kardinal Bartolommeo RoTerello 
das herzogliche Paar im Dom, dann begannen die acht Tage 
währenden Feste« Die städtischen Korporationen machten Eleonora 
reiche Geschenke, deren Wert auf Z8444 Lire berechnet wurde, 
außerdem brachte ihr jede vornehme Familie und jeder grttBere 
Würdenträger des Landes seine Huldigung in Form eines Ge- 
schenkes dar. 

Eleonora war eine tmgewöhnliche Frau von groBen Verdiensten 
und großer Energie. Sie war sehr musikalisch, spielte selbst Harfe, 
las viel und sammelte die Werke der berühmtesten damaligen 
Maler. Sie besaß Bilder von Mantegna und Bellini; in ihrer Hand- 
bibliothek befanden sich Cäsars Kommentare in italienischer Ober- 
setzung, Plinius' Schriften, die „noretti'' des heiligen Franziskus, 
eine große Anzahl spanischer Geschichten und imter anderem der 
damals viel gelesene Roman „U Carcer d'Amore'^ 

In schweren Tagen bewies Eleonora viel Mut tmd Geistes- 
gegenwart, namentlich als Niccolo, um den an ihm versuchten 
Mord zu rächen, in Ferrara einfiel. Ercole war in Belriguardo, 
und Niccolo hielt den Augenblick für geeignet, um durch einen 
kühnen Streich Ferrara zu erobern, wo Eleonora mit den kleinen 
Kindern allein verblieben war. Im Einverständnis mit dem Mark- 
grafen von Mantua und Giovanni Maria, dem Fürsten von Mai- 
land, hatte der Prätendent siebenhimdert Bewaffnete in Kähnen, 
die mit Stroh bedeckt waren, verborgen und landete mit dieser Schar 
in Ferrara. Ehe die Kunde des Überfalls ins Kastell gedrungen war, 
erklang schon Niccolos Kriegsruf: vela! velal durch Ferraras 
Gassen. Aber diese Losung fand auch diesmal bei der Bevölkerung 
keinen Widerhall, Eleonora sammelte, unterstützt von ihren 
Schwägern Ercole, Sigismondo, Alberto und Rinaldo, ein Heer; 
Niccolo wurde aus der Stadt vertrieben, mit seinen Begleitern in 



f6 FÜNFTES KAPITEL 

die Sümpfe gedrAngt und dort gefangen. Niccolos Haupt fiel unter 
dem Beil; zweihundert seiner Anhänger ließ Ercole zur Warnung 
unter den Fenstern des Palazzo della Ragione aufhängen, fünf 
an den Zinnen des Castell Vecchio, den übrigen schenkte er das 
Leben unter der Bedingung, daB sie ihm den Treueid leisteten. 
Alle waren damit einverstanden, nur ein alter Koch, Lucca, wollte 
seinen Herrn nicht verleugnen; als man ihm sagte, er müsse, um 
seine Freiheit zu erlangen, „diamante'' rufen, schrie er „velaP' 
und büBte seine Treue mit dem Leben« 

In den beiden ersten Jahren ihrer Ehe hatte Eleonora zwei 
Töchter: Isabella (geb. am i8. Mai 1474) und Beatrice (geb. am 
29. Juni 1475)» später kamen vier Söhne dazu, von denen der 
älteste, Don Alfonso, als Alfonso L dem Vater auf dem Throne folgte, 
Ippolito wurde später Kardinal. 

Ercole und Eleonora lebten in einer Musterehe, nach den Be- 
griffen der Renaissance. Der Herzog galt als treuer Ehemann, 
imd nur einmal, um den Traditionen seines Geschlechtes treu zu 
Ueiben, hat er seiner Frau die Treue gebrochen. Als Eleonora 
im Mai des Jahres 1477 für einige Monate zu ihren Eltern nach 
Neapel reiste, knüpfte der Herzog ein Verhältnis mit einer Hof- 
dame an, Isabella Arduino, die ihm im März 1478 einen Sohn 
Gtulio geboren hat. Drei Monate später wurde Isabella an einen 
Giacomo Mainente in Ferrara verheiratet, und Ercoles einmalige 
Eheirrung hat sein gutes Verhältnis zu Eleonora nicht getrübt. 
In dieser Beziehung waren die damaligen Frauen übrigens sehr 
nachsichtig. Wenn z. B. der Markgraf Gonzaga von Mantua, 
der Gatte Isabellas und Schwiegersohi» Ercoles, sich für eine längere 
kriegerische Expedition rüstete, wählte ihm die sorgende Gattin 
selbst eine schöne, gesunde Mantuanerin zur Reisegefährtin. 

Vor seiner Heirat mit Eleonora hatte Ercole mit Lodovica 
Condolmieri eine Tochter Lucrezia d'Este. Sie heiratete 1487 
den Grafen Annibale Bentivoglio, den Sohn des Tyrannen von 
Bologna, und war eine ungewöhnliche Frau. 

Eleonora war eine gute Mutter und gab ihren Kindern eine sorg« 
fältige Erziehung. Battista Guarino unterrichtete die Mädchen 
im Lateinischen, nach ihm Jacopo Gallino, der es so gut verstand, 



ERCOLE I. 77 

die jungen Herzoginnen für die trockenen Studien zu interessieren, 
daB Isabella auch später als Markgrftfin ron llantua sich gern der 
Zeiten entsann, wo sie nach Chrysoloras Grammatik gelernt 
und Vergils Eklogen, Ciceros Briefe oder die Aenels aus dem Ge- 
dächtnis rezitiert hatte. Bin sehr von ihr verehrter Lehrer war auch 
Mario Bquicola d'Alreto, der Verfasser der 152z in Ferrara er- 
schienenen „Geschichte von Mantua^' und der Abhandlung „Della 
natura d'amore*'. Die jüngere, wenig begabte Beatrice konnte diesen 
Stunden nicht viel Reiz abgewinnen, sie ritt lieber oder fütterte 
die Tiere im Park. Isabella dagegen galt als ungewöhnliches IQnd, 
„deliziosa creatura'S und man gab sich stets viel mit ihr ab. 

Ein wesentlicher Faktor in der Erziehimg war der Musik- 
unterricht. Aus Konstanz ließ der Fürst einen deutschen Geist- 
lichen und berühmten Musiker, Don Giovanni Martin, kommen, 
damit er seine Kinder unterrichte und gleichzeitig die Sänger 
der fürstlichen Kapelle ausbilde. Isabella hatte eine gute Stimme und 
sang gern zur Laute. Die jungen Damen spielten auch Klavier und 
waren so musikalisch, daß Trissino, einer der Hofdichter, Isabellas 
Stimme mit Sirenengesang verglich, ja, er ging noch weiter: sie 
vermöge vrie einst Orpheus vrilde Tiere mit ihrer Stimme zu zähmen. 
Auch Baldassare Castiglione pries ihre Talente. Vor fremden Gästen 
rühmte sich der Fürst gern des Gesanges seiner Töchter, und bei 
einem Feste, das zu Ehren des Gesandten Ludvrigs XII. gegeben 
wurde, entzückte Isabella durch ihr Lautenspiel die ganze Gesellschaft. 

Auch in körperlichen Übungen wurden die jtmgen Mädchen unter- 
wiesen, sie mußten reiten und tanzen, daneben auch handarbeiten, 
besonders kunstvolle Stickereien in Gold und Seide ausführen. 



n 

Nach Burckhardt war Ferrara der erste moderne Staat; diesen 
Satz müßte man dahin korrigieren, daß Ferrara am deutlichsten 
zeigt, vrie ein Staat in der Renaissance organisiert war. Die admi- 
nistrativen Grundsätze der damaligen despotischen Staaten waren 
in ganz Italien fast die gleichen, in Ferrara treten sie besonders 



78 FÜNFTES KAPITEL 

hervor, weil eine Dynastie sich drei Jahrhunderte hindurch be- 
hauptet hat. Infolgedessen hatten alle politischen Einrichtungen dort 
mehr Bestand und bekamen allmählich eine festgeschlossene Form. 

Überall, in Ferrara, llantua, Bologna oder Verona, bildeten die 
früheren Gemeindestatuten die Grundlagen der Regierung und des 
richterlichen Verfahrens. Die Kommune bestand weiter, aber sie 
bestand unter dem Schwerte des herrschenden Fürsten oder Con- 
dottiere, der ihr so viel Ton der frilheren Autonomie beliefi, als es 
mit Rücksicht auf seine Finanzen und Ziele notwendig war. Der 
Fürst veränderte im allgemeinen die Institutionen der Gemeinde 
nicht, aber er kontrollierte sie und beschränkte ihre Tätigkeit durch 
seine BSacht. In Ferrara regierten noch im XIIL Jahrhundert 
zwdlf „weise Männer'', „Savi'S an ihrer Spitze stand der „aller- 
wdseste'S „Giudice de' Savi'S er war der Präsident des Städtischen 
Rates und Vertreter des Volkes. Das Statut der Stadt nennt ihn 
„Pater moderatorque patriae et praefectus universitaüs''. Der 
Giudice de' Savi hatte dieselben Obliegenheiten zu erfüllen wie die 
früheren Konsuln, die noch unter Friedrich I. der Republik Ferrara 
vorgestanden hatten. Zuerst bekleidete ein fremder Redits- 
gelehrter diese Stelle, seit dem XV. Jahrhundert ein Mitglied eines 
der aristokratischen Geschlechter Ferraras. Die zwölf Savi wurden 
aus den Bürgom der Stadt, ohne Unterschied des Standes, gewählt, 
ihnen halfen in ihrer Arbeit Beamte, Aggiunti. Den Vorsitzenden 
der Savi ernannte der Herzog oder setzte ihn nach Gutdünken ab; 
obgleich der Giudice der höchste Beamte im Staate war, übertrug 
er dem neuen Thronfolger den Oberbefehl über das Heer und über- 
gab ihm die Herrsdiaft über das Volk. 

Dem Kollegium der Savi unterstand die zivile, wirtschaftliche 
und finanzielle Verwaltung der Gemeinde sowie die Gerichtsbarkeit 
in Zivil- und Strafsachen, soweit sie durch die Macht des Podestä 
nicht beschränkt war. Die Savi erlieBen Gesetze, die ihre Rechts- 
kraft erst erhielten, wenn der Herzog sie bestätigte, auferlegten 
städtische Abgaben, sorgten für die öffentliche Sicherheit, die Er- 
haltung der StraBen, Kanäle und Brücken; zum Bereich ihrer 
Tätigkeit gehörte femer höheres imd niederes Schulwesen, Ge- 
simdheitspolizei, selbst das Prägen der Münzen. 



BRCOLEI. 79 

Aus früherer Zeit hatte sich die Würde eines Podesti erhalten. 
Während in freien Gemeinden der Podesti der höchste, für eine 
bestimmte Zeit gewählte Beamte war, dem die Volksversammlung 
eine fast diktatorische Gewalt übertragen hatte, war der Podestä 
in Ferrara zu Zeiten der Este ein festangestellter, rom Herzog 
ernannter Beamter, Er war Gerichtsrorsitzender in einzelnen 
wichtigen Strafsachen, die dem Rechtsspruch der Savi entzogen 
waren, und führte die Befehle des Herzogs aus. Über jene Dinge, 
auf die es dem Herzog wenig ankam, saBen die Savi zu Gericht 
und f&llten ihr Urteil. Der Giudice konnte sich daran freuen, in 
Wachs sein großes Siegel con San Giorgio prägen zu lassen, aber 
wehe dem Richter, der sich dem Willen des Herrschenden wider- 
setzt hätte« Dann trat der Podesti, der exekutive Gewalt besaB, 
in Wnrksamkeit, und der verdächtige oder hartnäckige Giudice 
wurde im besten Falle in das Verließ unterhalb des Kastells ge- 
worfen, wenn ihn seine Halsstarrigkeit nicht den Kopf kostete. 
Und in diesen italienischen Tyrannenstaaten herrschte eine rührende 
Vielfältigkeit in der Art, sich der der Regienmg unbequemen 
Menschen zu entledigen. Gewöhnliche Verbrecher wurden gehängt 
oder der Kopf wurde ihnen mit einer der französischen Guillotine 
verwandten Vorrichtung abgeschlagen. Die Franzosen haben näm- 
lich keinen AnlaB, sich ihres Doktors Guillotin, als des Erfinders 
dieses Mordinstrumentes, zu rühmen, es war schon in Ferrara 
unter dem Namen „mannaia'' bekannt — fehlte die „mannaia'S 
so wurde der Kopf mit dem Schwert abgeschlagen oder der Delin- 
quent im Gefängnis erwürgt. WoUte man sich jemandes in aller 
Stille entledigen, so bediente man sich des Dolches, für Ver- 
wandte und Freunde jedoch hatte man Gift im Vorrat. Übrigens 
gehörte auch das Einmauern eines Menschen in eine enge 
Zelle nicht zu den Seltenheiten; noch im Jahre 1507 ward 
Madonna Laura disonesta auf diese Weise unschädlich ge- 
macht. Sie wurde in der Biscbofskirche, an der linken Seite 
des Hauptaltars eingemauert; die Nische war so klein, daB sie 
sich kaum in ihr umdrehen konnte, und nur durch einen 
schmalen Spalt in der Mauer wurde ihr die notwendigste Nah- 
rung zugeführt. 



8o FÜNFTES KAPITEL 

Ferrara war wegen seines ausgezeichnet rerwalteten Staats- 
schatzes berühmt, und seine finanziellen Institutionen waren 
vorbildlich für die übrigen Staaten. Die ferraresischen Herzöge 
galten als vermögend, „danarosi'S und trieben neben Venedig und 
Florenz, deren Finanzwirtschaft ebenfalls ausgezeichnet war, 
die beste Finanzpolitik. Unter Borso und Ercole I. war das ferra- 
resische Finanzsystem schon rollkommen ausge{>ildet. An der 
Spitze der Verwaltung für die Einnahmen und Ausgaben des Reiches 
standen zwei „Generalfaktoren'S denen der gesamte Beamten- 
stab unterstand. Die Paktoren ernannte der Herzog; dem einen 
unterstand das Finanzwesen der Hauptstadt, dem andern das 
der Provinz. Die Reichseinkünfte flössen in die allgemeine herzog- 
liche Kasse, in die „Bank'S und bestanden in der Hauptsache aus 
den Zinsen, die die zum größten Teil verpachteten herzoglichen 
Güter abwarfen, aus Zöllen, Monopolen, dem Verkauf der Amter, 
den Einkünften der herzoglichen Fabriken (Tuch, Teppiche, 
Majolika), ja selbst aus dem Erlös für Getreide. Die Gemeinden 
stellten jährlich zur Bestreitung ihrer eigenen Ausgaben eine 
sogenannte „Kollekte'' auf, eine Abgabe, die nach Maßgabe der 
vorhandenen Vermögen erhoben wurde. Wenn die Gemeinden 
ungewöhnlich große Ausgaben hatten infolge von Überschwem- 
mungen, Seuchen und Erdbeben, oder selbst infolge öffentlicher Feste, 
so kam die herzogliche Kasse, „camera ducale'S ihnen hftufig zu 
Hilfe, um sie zu entlasten. Aus dem herzoglichen Schatz wurde 
das große Söldnerheer der Este entlohnt, die Anführer jedoch, 
die zumeist aus der begütertsten Ritterschaft gewählt wurden, 
erhielten keine Bezahlung und dienten nur um der Ehre willen. 
Die Erhaltung der Festungen, der Ankauf von Waffen, Schiffen 
imd sämtlichen Kriegsausrüstungen lastete gleichfalls auf dem 
herzoglichen Schatze. 

Die Rechenbücher wurden in den Generalfaktoreien mit er- 
staunlicher Übersicht und Ausführlichkeit geführt; es gab getrennte 
Bücher für die öffentlichen Ausgaben, „Spese publiche dello Stato'', 
und für die Ausgaben des herzoglichen Hofes, „della corte ducale''. 
Nicht nur die bedeutenden Summen, die die Bezahlung der Diener- 
schaft, der Bau von Schlössern, Kirchen, die Instandhaltung der 



BlICOLE L SX 

PldAste, die Pfihniitg der Küche, der StäOe, die herzoglichen Reisen 
usw. verschlangen, wurden in diese Bücher eingetragen, sondern 
selbst die geringfügigsten Posten wurden aufgeführt, wie z. B. 
Reparaturen der Beinkleider des Herzogs und des Hofgesindes: 
„raperrature di abiti e di calzi per uso del signore et della corte''. 
Das Budget war sehr genau und scharf ausgearbeitet, und wurde 
in ruhigen Jahren vielleicht weniger überschritten als heutzutage. 

Unter den Gemeindeausgaben figurieren bereits ganz beträcht- 
liche Posten für wohlt&tige Zwecke; unter Ercole I. wurde in 
Perrara eine „Wohlt&tigkeits-Gesellschaft'' begründet, „Assoda- 
ziotie dei poTeri di Christo", und sogar eine Vereinigung zur Unter- 
stützung verschämter Armer, „Scuola o regola dei poveri ver- 
gognosi^\ Die Stadtverwaltung suchte der Bettelei auf der StraSe 
zu steuern und ging so streng vor, daS es in der zweiten Hälfte 
des XVI. Jahrhunderts g^^ eine Geldstrafe von zwei Scudi ver- 
boten war, den Bettlern Almosen auf der StraBe zu geben. Vielleicht 
dankt man es diesem Verbot, daS man selbst heute in Ferraras 
StraBe n weniger Bettler als im übrigen Italien sieht. 

Auch für ein anderes sehr zweifelhaftes Verdienst muB man Per- 
rara den Vorrang einräumen; es war eine der Brutstätten der heutigen 
Bureaukratie. Zur Politik der Este gehörte es, sich mit einfluB- 
reichen und ihnen eigebenen Pamilien zu umgeben. Durch Gunst- 
beweise, freigebige Stiftui^en fesselten sie bedeutende Menschen 
an sich, deren Nachkommen mit dem Herrscherhause verwuchsen. 
Selbstverständlich übertrugen die Herzöge am liebsten den Söhnen 
jener Pamilien die zu vergebenden Amter, da sie ihnen mehr als 
ganz Premden vertrauten. Im Laufe der Zeit entstand eine Phalanx 
von Würdenträgem und Beamten, die den Este verbunden waren, 
aUe gröBeren Amter an sich rissen, sich bereicherten und eine un- 
durchdringliche Mauer um die Dynastie bildeten. So entwickelte 
sidi eine Beamtenhierarchie, die dem Staat teuer zu stehen kam. 
Eine amüsante Illustration dieser Zustände geben uns Ausweise 
über Rsche, die unter die Beamten zu Weihnachten verteilt wurden. 
Der Giudice dei Savi bekam vierundsechzig verschiedene Pische, 
während die Savi nur zweiunddreiBig erhielten, den städtischen 
Advokaten wurden zwölf Pische geschickt, den S]mdici zehn, den 

6 



8a FÜNFTES KAPITEL 

Notaren sechzehn, und die luiteren Beamten, wie die Kanzlisten, 
Unterkanzlisten, Buchhalter, Rechnungsbeamten bis hinunter zu 
den Portiers, Kutschern und Tronmilem, mußten sich mit einigen 
Karpfen oder Hechten begnügen. 

Der Schrecken der ganzen Stadt war der Capitano dt giustizia, 
eine Art Polizeidirektor, umgeben von einem Stabe von Geheim- 
polizisten. „Un amicho sechreto'' war eine Persönlichkeit, durch 
die der Herzog von allen Geschehnissen in der Stadt unterrichtet 
wurde. Der Capitano di giustizia legte dem Herzog täglich die 
Liste der Durchreisenden vor, und Ferrara gebührt das zweite 
„Verdienstes daß dort das Paßwesen vervollkommnet wurde. Jeder 
Fremde mußte eine Taxe entrichten für die Erlaubnis, sich in 
Ferrara aufzuhalten, v^ließ man den Umkreis der Mauern, so 
war eine besondere Erlaubnis von der Stadtverwaltung erforder- 
lich und auch dafür mußte eine kleine Taxe bezahlt werden. Einem 
anderen städtischen Departement dem „Uffizio deUe Bollete'S 
unterstanden sanitäre Dinge, wie zu treffende Einrichtungen 
während einer Seuche; zu seinem Ressort gehörte auch „maresdallo 
delle meretrid'S ein Beamter, der die Aufsicht über die Kurti- 
sanen führte, deren es in Ferrara unzählige gab. 

Der bestgehaßte Polizeidirektor war unter Ercoles Herrschaft 
Gregorio Zampante aus Lucca. Im allgemeinen hielten die Este 
es für richtig, dieses Amt Fremden zu übertragen, die zur Be- 
völkerung in keinerlei Beziehimg standen. Unter Zampante ging, 
nach Aussage der Chronisten, den großen Spitzbuben alles unge- 
straft durch, während er bei den kleinen auch die geringfügigste 
Übertretung grausam bestrafte. Mit Torturen setzten seine Nach- 
forschungen ein, und die Strafgelder flössen in seine Tasche. Er 
hatte eine solche Machtstellung, daß selbst die Söhne des Herzogs 
vor ihm zitterten. Zampante wagte sich nur von Bewaffneten 
umgeben auf die Str€Ü)e; in seinem eignen Garten gezüchtete Tauben 
waren das einzige Fleischgericht, das er aß, so groß war seineAngst vor 
Gift. Die Empörung über ihn war allgemein, schließlich fanden sich 
drei junge Leute, die sich am x8. Jtmi 1490 in seine Wohnung 
einschlichen, den Tyrannen, der nach Tisch schlummerte, töteten, 
auf bereitstehende Pferde sprangen und jubelnd durch die Straßen 



BRCOLE I. 83 

aofen: „Freut euch, wir haben 2#ampante erschlagenl'^ Als der 
Herzog von diesem Vorfall erfuhr, waren die Mörder, die die öffent« 
Udie Dankbarkeit schützte, schon außerhalb der Reichsgrenzen. 
Die Übergriffe der Beamten waren bisweilen so unerhört, daß, als 
Ercole einst aus eigener Initiative einen dieser Blutegel aufhängen 
lieB, das Volk die Glocken läutete und am Abend Freudenfeuer zu 
Ehren des Herzogs abbrannte. AuBer den Polizeidirektoren be- 
drückten das Volk namentlich die „fattori generali'S von denen 
schon die Rede war. Als einer von ihnen, Bonvidno della Corte, 
mit dem Beinamen Lupo BCalvagia, ein Günstling Borsos, 1475 
setnes Amtes entsetzt wurde, feierte die ganze Stadt den Tag durch 
Glodcengeläute und abendliche Illumination. Selbst der strenge 
Strozzi verfaSte damals ein Festgedicht, worin er sich rühmt, dazu 
beigetragen zu haben, den „grausamen Wolf" zu entfernen« 

Perniciosa tamen rabies latronis iniqui, 

Laesa Malum quem turba Lupum cognomine dixit, 

Sermoms nostri gladio iugulata repente 

Corruit aetemum stygiis damnata tenebris. 



igens gab Ercole das schlechte Beispiel selbst, er verkaufte 
öffentliche Amter an Männer, die unter mannigfachen Vorwänden 
der Gesellschaft dreifach das dem Herzog bezahlte Geld abpreBten« 
Der Verkauf der Amter war eine der wichtigsten Einnahme- 
quellen des herzoglichen Schatzes. 

Der öffentliche Kredit litt ungeheuer infolge der Übergriffe 
des Fiskus und der Habgier der Beamten. Das Geld verbarg sich^ 
um Leuteschinder wie Malvagia nicht zu reizen, da sie mit be* 
sonderem Behagen den Reichen ihre Schrauben anlegten. Der 
ZinsfuB sti^ enorm, die Gemeinde berechtigte die KapitalisteUr 
bis ZU vierzig vom Himdert zu fordern, und dreißig vom Hundert 
galt als ein absolut fairer, legaler Satz. Da infolge derartiger Zu* 
stände die Bevölkerung unter Geldknappheit litt, bemühte man 
sich in Ferrara wie in anderen Stadtgemeinden im XV. Jahr- 
hundert, jüdische Bankiers zur Ansiedlung zu gewinnen, da sie 
kühner als die Christen im Geldverleihen waren. Im XV. und 
XVI. Jahrhundert lebte fast in jedem italienischen Nest ein Jude^ 

6* 



84 FÜNFTES KAPITEL 

der gegen Pfftnder Geld Uefa, und in gröBeren SUdten gab es ihiec 
mehrere. Die Regierung übertrug ihnen die Führung der B«nk- 
gesch&fte, häufig in der Form eines absoluten Monopols, sioherte 
ihnen religiöse Toleranz zu und gestattete ihnen zu wohnen» wo 
es ihnen gefiel, ohne sie auf bestimmte Straßen zu beschränken. 
Diese jüdischen Bankiers in Ferrara waren nicht gezwungen, auf 
ihrem Mantel das Zeichen „O'* zu tragen, das all^i übrigen Juden 
vorgeschrieben war. Der Bankier wurde in der Stadt zur privi- 
legierten Persönlichkeit, „tamquam dvis habeatur^S und dem- 
zufolge zum Beschützer der übrigen Juden, die allein in bestimmten 
Stadtteilen wohnen durften. Unter Ercole gab es im gesamten 
Herzogtum zwölf- und in Ferrara allein sechstausend Juden. 

Die unredlichen Gläubiger wurden zusammen mit den ge- 
meinen Verbrechern eingesperrt, erst Ercole I. liefi einen besonderen 
Schuldturm für sie bauen. Bankerott galt seit jeher als groBe 
Schande. Auf einem der Plätze Ferraras lag seit undenklichen 
Zeiten ein groBer Marmorblock „pietra'' genannt, ein formloses 
Denkmal auf einem Unterbau, der aus einigen Stufen bestand« 
Von diesem Stein aus verkündete der Gerichtsdiener neue Ge- 
setze, später bekam der Block eine sonderbare Bestimmung, 
da dem Volke die Bankerotteure darauf vorgeführt wurden. Diese 
Sitte scheint etruskischen Ursprungs zu sein und hat sidi unter 
verschiedenen Formen in italienischen Städten erhalten. Der 
Bankerotteiu* wiurde aus seinem Haus geholt, ein leerer Sack wurde 
vorangetragen, eine neugierig gaffende Menge folgte, dann mußte 
der arme Teufel auf jenen Stein steigen, und ein grüner Hut wurde 
ihm als Zeichen der Schande aufgestülpt. Von diesem eiiiöhten 
Standpunkt mußte er dem Volke verkünden, daß er auf alles, was 
sein Besitz gewesen war, verzichte, und so wurden ihm für den 
Preis der Schande all seine Schulden erlassen« Nahm man auf 
demselben Platz dem ehemaligen Bankerotteur den grünen Hui 
„il cappel verde" ab und setzte ihm einen schwarzen auf, so be- 
deutete es, daß er seine Schulden bezahlt und aufs neue Anleihen 
machen könnte. 

Unter Ercole erreichte Ferrara seine größte Entwicklung« Die 
Stadt zählte einmalhunderttausend Einwohner, und obgleich neue 



ERCOLE I. 85 

Strafien angdegt und Häuser und Paläste im Bau b^gnifen waren, 
war der W<rfmungsiiiangel groB. Borso hat die alte Stadt bedeutend 
nadi Süden erwettert, aber erst Brcole wurde Ferraras Baumeister« 
Da Bauen seine Leidenschaft war, widmete er sich dieser Aufgabe 
mit Liebe. Unter Ercole entstand ein ganzer Stadtteil, von der 
Hanfitstraße, der Strada della Giudecca, nach Norden, der gröBer 
war als das gesamte ältere Ferrara. Lange, breite, einfache StraBen 
entstanden, und damit gab Ercole das erste Beispiel einer modernen 
Stadtanlage, in der es im Winter sehr kalt und im Sommer unerträg- 
Uch heiB ist. 

Ercole hatte auch schwere Zeiten zu überstehen; die Haupt- 
ursache seines Unglücks war das Seesalz, das man seit langer 
Zeit am ferraresischen Ufer gewann. Neidisch blickten die Vene- 
zianer auf den Aufschwung der estensischen Salinen, sie wollten 
Ferrara zwingen, Salz aus den Salzbergwerken der Republik zu 
kaufen. Der Streit um das Salz und wegen des Fischfanges am 
Uier des Adriatischen Heeres bot den äuBeren Anlaß zu einem 
iEri^^ zwischen Ercole I. und Venedig. Die Franzosen und der 
Papst haben zwar Ferraras Untergang verhindert, aber der Krieg 
mit der gewaltigen Republik hat den Wohlstand des Herzogtums 
ffir lange Zeit vernichtet. 

Auf Ercoles Seite stand Frankreich und die von Frankreich 
beeinfhiBte Lombardei, daher sah man in Ferrara erst mit sehr 
viel Gelassenheit dem Ausgang des Kampfes entgegen. Die Dichter 
schilderten bereits den Tod der Republik: der Papst komme, um 
ihr die letzte Ölung zu geben, der König von Frankreich und der 
Kaiser Maximilian wollen Zeugen dieses Sterbens sein, der König 
von Spanien halte die Ezequien. Der Herzog von Ferrara bereite 
der verhaBten Nachbarin das Grab, und der Markgraf von Mantua 
ofdne einen feierlichen Gottesdienst für ihre Seele an. Jubelnd 
ver b reit e te man ein Gedicht über Venedig, das mit dem Vierzeiler 
begann: 

O Venezia, o Venezia pingua e grassa 
Ogli altru' regni or la tua fama abassal 
La tua superbia non ha fin ne* fondo: 
San Marco tuo non e* maggior di Christo, 



86 FÜNFTES KAPITEL 



Venezianer dagegen rerspotteten das schwache Perrara 
und sangen: ,,0 guerra, o nonguerra, Ferrara andera' per terra • • ." — 
ja mehr noch, sie warfen Ercole L yor» Italien verraten zu haben, 
da er zusammen mit Lodovico Moro Karl IIL in die Lombardei 
gerufen habe. Auch die durch Tradition überlieferte Herkunft vom 
Geschlecht der Maganza wurde ihm yorgehalten, das, wie sdion 
früher erwähnt, den Ursprung alles Bösen in Ritterromanen 
repräsentiert. 

Marchese di Ferrara di la casa di Maganza, 
tu perdera '1 stado al dispetto di re di Franza. 

San Marco, auf seine Macht pochend, warf sich in die Brust 
und tat, als wenn er neben Jupiter im Himmel die Erde beherrsche: 

Joye & in del e Marco sol in guerra, 
Tuno guberna il del, Taltro la terra. 

Ercole war ein Diplomat, kein Heerführer; er folgte .Borsos 
Traditionen« veruneinigte seine Gegner und zog Nutzen aus ihren 
Fehlern. Niemand traute ihm, aber der allgemeine HaS gegen 
Venedig war die beste Hilfe. Dieser Haß wurde seine Rettung, 
trotzdem er wiederholt zuviel auf eine Karte gesetzt hat. 

Aus dem Krieg mit Venedig resultierten furchtbare wirtschaft- 
liche Niederlagen. Die Heere der siegreichen Republik belagerten 
Ferrara längere Zeit, die Po-Überschwemmungen fügten unermeß- 
lichen Schaden zu, zu Hunderten erlagen die Ferraresen der Seuche, 
zuletzt erkrankte Ercole. Als es schien, daß die Macht der Este 
für inuner vernichtet sei, übernahm Eleonora mit starker Hand 
die Zügel der Regierung. Sie schickte ihre Kinder nach Modena, 
brachte den kranken Gatten an einen sichern Ort, stachelte das Volk 
zur Verteidigung des Vaterlandes an und rettete das Reich vor 
dem Untergang durch ihre Energie und die spätere Intervention 
des Papstes. Es waren Ferraras schwerste Zeiten, der estensiache 
Hof versetzte fast all seine Kostbarkeiten: goldene Ketten, Rubinen 
und Diamanten, man war gezwungen, das größte Kldnod des 
Pamilienschatzes zu verkaufen, „gran Zolielo del diamante tri- 
angolare'^ Als 148 1 die Ernte mißriet, fehlte es sdbst dem Hof 
an Brot, tmd das Volk starb Hungers. 



BRCOLBI. 87 

Die Pehfef in der Verwaltung, die alle damaligen Tyrannen- 
staaten begingen, zeigten sich in solchen Zeiten in ihrer ganzen 
Furchtbarkeit. Die Einrichtungen zielten mehr darauf ab, die 
Macht des herrschenden Geschlechtes zu verstärken als dem ganzen 
Volke eine auch nur erträgliche Existenz zu schaffen. 

Der Kxieg mit Venedig hat insofern die wirtschaftlichen Ver- 
hältnisse des ferraresischen Hofes umgestaltet, als Brcoles Nach- 
folger einen kriegerisdien Reservefonds anlegten. Er muBte jedoch, 
wie wir sehen werden, zumeist als Anleihe für die Päpste verausgabt 
werden« 

III 

In den Jahren 1487, X490 und 1491 verheiratete Brcole drei 
Töchter und einen Sohn, es galt vier Ausstattungen anzuschaffen, 
und so gab es Gelegenheit genug, um den Glanz des Hofes zu ent- 
falten. Lucrezia wurde als erste verheiratet, als uneheliche Tochter 
bekam sie die relativ bescheidenste Mitgift von nur 10 000 Dukaten. 
Auch wurde ihre Hochzeit durch weniger glänzende Feste gefeiert 
Doch erzählte man sich viel von den kostbaren silbernen imd 
goldenen Tafelaufsätzen beim Hochzeitsbankett. Der berühmte 
Franda, der sich damals mehr mit Goldschmiedekunst als mit 
Malerei beschäftigte, hat sie geschaffen. Glänzender waren die 
Vorbereitungen zu Isabellas Hochzeit, die, noch nicht sechzehn- 
jährig, Francesco Gonzaga, dem Sohn des herrschenden Mark- 
grafen von Mantua, einem zweiundzwanzigjährigen Jüngling, 
vermählt wurde. Diese Heirat schuf für viele Jahre eine große 
Annäherung zwischen den Djrnastien der benachbarten beiden 
Ländchen und wurde in Venedig nicht übermäßig gern gesehen. 
Schon 1480 hatte Pederigo Gonzaga Beltramino Cusastro nach 
Ferrara geschickt und um die Hand der damals sechsjährigen 
Isabella für seinen zwölfjährigen Sohn angehalten. Cusastro 
berichtete seinem Herrn begeistert von der ungewöhnlichen 
Intelligenz der kleinen babella. Gleichzeitig schickte er das von 
Cosimo Tura gemalte Bild der jugendlichen Braut, das aber leider 
untergegangen ist» nach Mantua. Einen nicht weniger günstigen 



88 FÜNFTES KAPITEL 

Eindruck als Cusastro empfing spftter ein anderer mantoaniacher 
Gesandter, der Iladonna Isabella mit ihrem Tanzlehrer, Messer 
Ambrogio, tanzen sah, einem Juden, der in den Diensten des 
Herzogs von Urbino war. Er konnte ihre graziösen Bewegungen 
nicht genug rahmen. 

Um Isabellas Hand hatte auch die Fürstin Bona Sforza aus 
Mailand für ihren Sohn Lodovico Sforza gebeten« Da IsabeUa 
schon verlobt war, trug Ercole Lodovico seine jüngere Tochter 
Beatrice an; sie wurde am Hofe des Grofivaters in Neapel erzenen, 
zusammen mit den Kindern der Ippolita Sforza, der Fürstin von 
Kalabrien, einer der gebildetsten Frauen ihrer Zeit. Lodovico Sforza, 
mit dem Beinamen II Moro, kam 1479 nach Neapel, und da auch 
der König von Neapel für diese Verbindung war, übertrug er ihm 
das Fürstentum Bari, das durch den Tod des älteren Sforza frei 
geworden war. Am 22. Mai des Jahres 1483 wurde Isabellas und 
Beatrices Verlobung in Ferrara auf dem Platz vor dem Kastell 
verkündet. 

Im Frühling des Jahres 1484 kam der Markgraf von Mantua 
mit seinem Sohn Francesco zum San Georgstag nach Ferrara. 
Mit sechshundert Rittern und Höflingen war er über den Po ge- 
kommen, und der Herzog feierte ihn während seines viertägigen 
Aiifenthaltes mit allem Prunk, den der ferraresische Hof ttif* 
bringen konnte. Die Verlobten lernten sich kennen, traten ein- 
ander näher, und von diesem Zeitpunkt an stand Isabella mit 
Francesco in regelmäBiger Korrespondenz, machte ihm sogar Ge- 
schenke und schickte ihm Vtrse^ die die Hofpoeten ihm zu Ehren 
gemacht hatten. 

Isabellas Hochzeit sollte im Frühling des Jahres 1490 statt- 
finden. Ein ganzes Heer von Malern, Bildhauem, Gold- 
schmieden, ferraresischen und spanischen Stickem wurde für 
die Ausstattung aufgeboten. Eleonora schickte den bekannten 
Maler Ercole Roberti nach Venedig, um Einkäufe zu machen. 
In Venedig wurden auch die meisten Tapezierarbeiten bestellt, 
und bei Fra Rocca, einem bekannten Goldschmied in Mailand, 
wurden Gebetbucheinbände gekauft und ein tragbares, silbernes 
Altärchen im Werte von sechshundert Dukaten. Isabella bekam 



BEATRICE D'ESTE 
DETAII- AUS ZENALES „LA VERGINE IN' TRONO". MAILAND, BRERA 



ERCOLB I. 89 



35 000 Didcaten in bar als Mitgift, ihre Aussteuer war 2000, ihre 
Juifelen 3000 Dukaten wert. Es war dies keine aufiergewöbnlich 
grofie Mitgift, Eleonora hatte ihrem Gatten 80 000 Gulden mit- 
gebracht. 

Die Trauung fand in Ferrara am xi. Februar 1490 in der Schloß- 
kapelle statt. Nach der Zeremonie ritt die junge Braut, mit der 
Krone geschmückt, von einem zahlreichen Gefolge umgeben, durch 
die Stadt. Zu ihrer Rechten ritt der Herzog von Urbino, zu ihrer 
Linken der neapolitanische Gesandte. Am Abend fand das Fest- 
mahl statt im grofien Saale des Kastells, der mit flandrischen Tep- 
pichen, die Eleonora aus Neapel mitgebracht hatte, ausgestattet 
war. Die silbernen Tafelaufsätze waren von erlesener Pracht, ein 
venezianisdier Goldschmied, Giorgio da Ragusa, hatte sie nach 
Cosimo Turas Zeichnungen ausgeführt. Zur Tisdidekoration ge- 
hörten audi zweihundertfünfzig Fihnchen, die Giovanni Bian- 
chini, Torello genannt, gemalt hatte. Was auf diesen Fahnen 
dargesteflt war, ist tmbekannt. 

Am nächsten Tage fuhr die Braut mit ihren Eltern und Prüdem: 
Alf onso, Ferrante und Ippolito über den Po in ihre künftige Haupt- 
stadt. Trotz des V^nters (am 15. Februar) waren alle Strafien mit 
frischen Blumen geschmückt und die Häuser mit Girlanden 
frfihlingsmäBig angeputzt. Die Markgräfin Elisabetta Gonzaga 
empfing die Schwiegertochter, umgeben von Nachbarn imd Ver- 
wandten. Kostbare Geschenke wurden ihr überreicht, Gobelins 
mit der Darstellung des trojanischen Krieges, die Gabe des Herzogs 
von UrUno, err e gten allgemeine Bewunderung. Bis zum Schlufi 
des Karnevals währten die Feste und Feierlichkeiten, und Isabella 
war wohl, trotz ihrer Jugend, froh, als sie sich ruhig in ihrer neuen 
Hauptstadt umschauen konnte. 

Beatrices und Isabellas Trauungen sollten am gleichen Tage 
stattfinden, aber Sforza schob die Zeremonie imter verschiedenen 
Vorwänden hinaus. Er entschuldigte sein Zögern, weil er angeblich 
auf den venezianischen Senat, der gegen diese für die Republik ge- 
fUurliche Vereinigung der Häuser Este und Sforza war, Rüdesicht 
nehmen müsse. Der Hauptgrund war sdn Verhältnis zur schönen 
Cedlia Galleram; mit allen Mitteln suchte sie die Heirat ihres 



90 FÜNFTES KAPITEL 

Geliebten ZU Terhindem. Fast schienen die Beziehungen su den Este 
endgültig abgebrochen« Schliefilich besann sich Moro, und im August 
des Jahres 1490 schickte er Francesco da Casate nach Ferrara mit 
großartigen Geschenken für seine Verlobte, er brachte ein Hals- 
band mit aus großen Perlen und stilisierten Blumen von meister- 
hafter Arbeit, sowie Ohrringe aus Rubinen» Perlen und Smaragden« 
Die Trauung wurde auf den x6. Januar 1491 im Kastell zu Pavia 
festgesetzt. Unmittelbar vor Beatrices Abreise aus dem Eltern- 
hause kam auf Moros Veranlassung ein junger Bildhauer, Christo- 
f oro Romano, nach Ferrara, um ihre Büste in Marmor zu fertigen« 
Romano war ein ebenso begabter Künstler als geschidcter Hof- 
mann, der Günstling Moros, auch in Mantua und Urbino war er 
wohl gelitten. Der Kardinal Ascanio Sforza hatte ihn in Rom kennen 
gelernt und nach Mailand empfohlen. Beatrices Büste, die damals 
entstand, befindet sich heute im Louvre, das Werk, das Qualitäten 
hat, galt früher als Arbeit Leonardo da Vincis. 

Auch Beatrice war nicht schön so wenig wie Isabella, da 
sie aber lebhaft und gut gewachsen war, gefiel sie überall. Sie war 
eine passionierte Jftgerin und Reiterin. Stolz tmd ehrgeizig, litt 
sie keine Nebenbuhlerin neben sich; so entstand auch ihre Eifer- 
sucht, zu der sie nur Grund genug hatte. 

Die Jahreszeit war für den Hochzeitszug nicht günstig. Der 
Winter des Jahres 1490/91 war ungewöhnlich streng, Weih- 
nachten lag der Schnee drei Fuß hoch in Ferraras Straßen. Der 
Po war fest gefroren, das Eis begann erst Ende Februar aufzutauen, 
so daß der Hochzeitszug den Landweg nach Pavia einschlagen 
mußte. Die Braut begleiteten die Mutter, Messer Sigismondo, der 
Kardinal Ippolito und ihr Bruder Alfonso. Moro hatte Vorkehrungen 
getroffen, damit die ferraresischen Gäste unterwegs gutes Quartier 
und Essen und Trinken vorfänden. Am 29. Dezember kamen sie 
nach Mailand, von dort aus ging es erst nach Pavia« Infolge der 
schlechten Wege fuhren die Frauen im Wagen nach Bresoello, 
während die Männer es zu Pferde erreichten; dort war der Po 
schiffbar. Die Hochzeitsgesellschaft bestieg das Schiff; in Piaoenza 
machte man eine kurze Rast, und erst am nächsten Tage, um vier 
Uhr nachmittags, erreichte man Pavia. Lodovico hatte einen anderen 



BRCOLB L 9t 

Weg am Tidno entlang gewählt und traf seine Braut erst in PJacenaa. 
Die Strecke von Mailand nach Pavia, die heute in kaum einer Stunde 
zurückgelegt wird, erforderte damals fast drei Tage. 

Die Trauung wurde mit grofiem Pomp in Pavia am 17* Januar 
1491 begangen; am 22. begab sich die ganze Gesellschaft nach 
Mailand zur Hochzeit von Alf onso d* Bste und Anna Sforza« Alfonso, 
der im Palazzo Schifanoja am 2Z. Juni 1471 geboren war» war 
damals 14 Jahre alt, aber schon ein Jahr nach seiner Geburt war 
seine Heirat mit der mailändischen^erzogstochter eine beschlossene 
Sache. In Perrara war der Ehekontrakt ratifiziert worden» im 
Beisein des iOndes» das Manuele Bollaia während dieser Zeremonie 
auf den Armen trug. 

Anna Sf orzas Ankunft in Perrara war der AnlaB prächtiger Peste. 
Schon der Einzug der Gattin des Thronerben gestaltete sich sehr 
groBartig. Ercole erwartete sie mit zahlreichem Gefolge am Ufer 
des Po. Die Herzogin kam im Buoentaur; in den gefrorenen FluB 
hatte man einen Kanal gehauen» um der jungen Prau die Stri^Mzen 
zu ersparen» die Eleonora und Beatrice kürzlich zu überstehen 
hatten. Am X2. Pebruar zog Anna zu Pferde unter dem Baldadun 
in die Stadt ein» vier Tctumphbdgen» nach Zeichnungen des Archi- 
tekten Biagio Rosetti» waren zu ihrem Empfange errichtet worden. 
Auf dem Triumphbogen in der Nähe des Palazzo Schifanoja stand 
Apoll auf einem von stattlichen Pferden gezogenen Wagen. Eine 
erlauchte Versammlung erwartete sie in Perrara; Gesandte aus 
Plorenz» Lucca und Neapel waren erschienen» um das junge Paar 
zu beglückwünschen. Die venezianischen Gesandten hatten ein 
Gefolge Ton fünfzig Berittenen; die gesamte Ritterschaft des ferrare« 
sischen Landes war in die Hauptstadt gekommen» so daB die Hof- 
küche während der Hochzeitstage fünfundvierzigtausend hundert 
und elf Pfund Fleisch verbraucht hat. 

Die Herzogin-Mutter empfing die Schwiegertochter vor dem 
SdüoBportal und geleitete sie in die für sie bestimmten Gemächer. 
Am nächsten Morgen hielt der f erraresische Bischof den Gottesdienst 
in der Schlofikapelle ab» und am Abend gab Ercole zu Ehren Anna 
Sforzas einen groBen Ball» darauf folgte die Aufführung von Plautus* 
,,Menaechmi'' in italienischer Bearbeitung. Die Dekorationen zur 



92 FÜNFTES KAPITEL 

Komödie hatte Nicoletto del Cogo geoialt, ab Sohn des Hof- 
koches trug er diesen Spitznamen. An den beiden folgenden Abenden 
wurden wieder zwei KomMien Yon Plautus aufgeführt» in den 
Zwischenakten führte man Moreaken auf, die mit dem Inhalt der 
Stücke in gar keinem Zusammenhang standen. In einer der Moresken 
stürzten beim Klang idyllisdier Musik etwa zehn junge Leute 
tanzend mit Efeuzweigen in den Hftnden auf die Bühne, sie ver- 
schlangen die Girlanden zu einer Art Altan. Dann erschien Apoll 
im Gefolge der Musen, er griff in die Saiten seiner Leier und sang 
eine Ode zu Bhren des jungen Paares, des estensischen Hauses und 
der versammelten Gäste. Als er Ercoles Tugenden und Verdienste 
pries, entzog sich der Fürst durch eine leichte Handbewegimg 
gewissermaBen den ihm gespendeten Schmeichelreden. Ein anderes 
„Intermezzo'' war eine lindliche Szene mit Ballett: verkleidete 
Bauern stellten tanzend dar das Bestellen der Felder, Aussaat 
und Ernte. Mythologische Szenen mit Chören antiker Götter 
fehlten nicht. Juno, Venus, Apoll, Bacchus imd sdn Gefolge sangen 
zum Klang der Musik. Damit war die Reihe der Moresken noch 
lange nicht erschöpft, doch wäre ein weiteres Aufzählen nur ermüdend. 
Anna Sforza hatte eine grofie Zahl von Kleinodien imd kost- 
baren Geräten mitgebracht, vergoldete und bemalte Truhen, 
Sdiatullen aus Elfenbein und Zypressenholz. Das Verhältnis 
schien ein gutes zu wenlen, aber Anna war leidend, und Don Alf onso 
zu jung, zu sehr auf neue Liebesgenüsse bedacht und zu zügellos, 
um ein ruhiges Leben führen zu können. So blieb das Glück aus, 
besonders da Anna kinderlos war; 1497 starb sie nach sechs- 
jähriger Ehe. An peinlichen Vorfällen war ihre Ehe reich genug; 
einige Monate vor ihrem Tode verzeichnet der bekannte venezianische 
Chronist M. Sanuto einen kecken Jugendstreich Don Alfonsos: 
fast nackt habe er mit den Gefährten seiner Ausscfav^eifungen 
Ferraras Strafien durchzogen. In seinem Ausgabebuch sind überdies 
sorgsam die Posten gebucht „per Venere lasdva'S und in seinem 
„Studio'' hingen von Cosimo Tura gemalte lüsterne Bilder nackter 
Weiber. Er unterschied sich übrigens in seinen Lebensgewohn- 
heiten durchaus nicht von den übrigen gekrönten Häuptern, deren 
Dasein an Ausschweifungen reich war. 



BRCOLE I. 



93 



Zwei Jahre nach Alfotisos und Anna Sforzas Hochzeit starb 
Eleonora von Aragon 1493. Infolge ihres plötzlichen Todes ent- 
standen unwahrscheinliche Gerüchte: ihr Gatte habe sie ver- 
giften lassen, da sie sich seiner auf ähnliche Weise hätte entledigen 
wollen. Vefgiftungen waren bei Pürstengeschlechtem damals 
etwas so Alltägliches, däS das Volk fast bei jedem plötzlichen Todes- 
fall ein Verbrechen gewittert hat. Die Geschichte des f erraresischen 
Hofes bietet aber nicht den mindesten Anlaß, um an Eleonoras 
gewaltsamen Tod zu glauben; im Gegenteil, die Fürstin lebte in 
einer nach damaligen Begriffen besonders glücklichen Ehe und 
war allgemein geachtet. Von allen Dichtem wurden ihre Tugenden 
besungen, und unter den Elaboraten der Hofpoeten zu Ehren der 
Verstorbenen gebührt Tito Strozzis Gedicht das größte Interesse, 
denn ehrliche Trauer um die Herzogin spricht daraus. 



IV 

Ercole war zwar nicht so gebfldet wie Lionello, aber die litera- 
rische Bewegung interessierte ihn bedeutend mehr als Borso, der 
nur auf seine Titel, Pferde und Jagden bedacht war. Schon seine 
leidenschaftliche Vorliebe für Musik und Theater und sein Be- 
streben, in Perrara eine erstklassige Bühne zu schaffen, schlug 
Brücken zur Literatur. Selbst als er alt und krank war, ließ er sich 
von Vincenzo aus üodena, einem damals berühmten Musiker, auf 
dem Klavier vorspielen. Mehr noch als Ercole interessierte sich 
Eleonora für Literatur, außerdem entsprach es den Traditionen 
ihres Geschlechtes, Dichter und Künstler an den Pürstenhof zu 
ziehen. Unter Ercoles imd Eleonoras Herrschaft war der ferrare- 
sische Hof ein Mittelpunkt für Italiens literarisches Leben und von 
größtem Einfluß auf die Entwicklung der Ideen der Hochrenaissance. 
Eine ganze Reihe interessanter Persönlichkeiten war in Perrara 
zu finden. So Tito Vespasiano Strozzi (1422 — 1505), dem wir 
bereits als Jüngling in Lionellos Umgebung begegnet sind. Auch 
Borso liebte imd schätzte ihn sehr und suchte ihn bei jeder Ge- 
legenheit auszuzeichnen. Er hat ihm Domiceila zur Prau gegeben. 



94 FÜNFTES KAPITEL 

die vermögende Tochter des Grafen Guido Rangone» des General- 
kapitäns seiner Armee, 1470 verlieh er ihm einen goldenen Ritter- 
degen und nahm ihn ein Jahr später nach Rom mit» dort hat das 
Kardinalkollegium Strozzi mit dem Dichterlorbeer gekrönt, um 
die Gunst des neuen Herzogs zu gewinnen. Wie die übrigen Ty- 
rannen der Renaissance suchten auch die Este Emigranten an sich 
zu fesseln, da sie ihnen» aus Dankbarkeit für die gewährte Zufluchts- 
stätte, treuer dienten als die angesessenen Geschlechter. Die Strozzi 
waren besonders begabt, so waren im Jahre 1422 allein drei Mit- 
glieder dieser Familie als Gesandte verschiedener Fürsten bei der 
Signoria in Venedig tätig: Palla Strozzi als Vertreter der Floren- 
tiner Republik, Uberto hatte der Blarkgraf von Mantua und 
Giovanni, Vespasians Vater, der Markgraf von Ferrara entsandt. 
Gemeinsame Jugenderinnerungen bestanden zwischen Titus, 
Borso und Ercole. Sie waren sämtlich Guarinos Schüler, Titus 
war um neun Jahre älter als Ercole, und sie hatten tolle Jugend- 
streiche begangen. In einem seiner Gedichte wendet sich Strozzi 
an den Herzog: 

Cujus ego tecum viridi nutritus in aevo. 

Ercole hat wie Borso Strozzi sehr geschätzt und ihn auch 
im Staatsdienst beschäftigt. So gehörte Titus dem Gefolge an, 
das X473 Eleonore aus Neapel abholte, später wurde er Gouverneur 
von Rovigo und der Provinz Polesine und stand im Krieg mit 
Venedig auf bedeutendem Posten. Er war auch Gesandter bei In- 
nocenz VIII. und gegen Ende seines Lebens, als Sechsundsiebzig- 
jähriger, Vorsitzender der Savi. Abgesehen von Jugenderinnerungen 
verbanden auch gemeinsame Passionen Titus mit Borso und Ercole. 
Er war wie die beiden Herzöge ein leidenschaftlicher Jäger. Die 
Wälder neben Racano, wo sich Titus häufig im Sonuner aufhielt, 
waren reich an Hirschen, Wildschweinen und Hasen. Seine Jagd- 
hunde, die er aus Thrakien kommen ließ, waren um ihrer Ge- 
schicklichkeit willen bekannt, imd Falken und Habichte ver- 
stand er selbst vortrefflich abzurichten. Bagarino, den einen Falken, 
liefi er von Cosimo Tura malen und besang den Lieblingsvogel 
in lateinischen Versen. Titus hatte eine Vorliebe für das Landleben; 



auBer Racaao besaB er noch drei Villen auf dem Lande, Borsohatte ihm 
zwei davon geschenkt. In der Villa Quartisano befand sich seine 
Bibliothek« Titus Sohn, Ercole, der auch dichtete, schildert in einem 
lateinischen Gedicht das Landleben des Vaters, wie er für Pferde 
und Ochsen sorgen in der Wirtschaft nach dem Rechten sehe und 
dabei eifrigst dichte imd studiere« 

Sub lucemque toro exurgit dumque aspera mollit 
Pectora, nunc libros versat, nunc carmina condit, 
Nee sinit in cessum labi irrevocabile tempus. 

Htus gehört zu den bekanntesten lateinischen Dichtem seiner 
Zeit, h&tte er italienisch geschrieben, so stünde er an erster Stelle 
unter den Renaissancedichtem« Seine Sprache ist weniger rein 
ab die Pontanos und Polizians, die das Lateinische wie eine lebende 
Sprache beherrschten. Höfisches Wesen imd das fremde Idiom 
haben sein Talent erstickt« Es fehlt ihm weder an starkem Natur- 
sinn, noch an Beobachtungsgabe, so schildert er die damaligen 
Zustinde anschaulich, hat Schwung und Leidenschaft, was selbst 
in den Epigrammen, die er als Achtzigjähriger an Lucrezia Borgia 
richtet, durchbricht« 

Nach Guarinos Tod stand er an der Spitze der Humanisten 
in Ferrara; leidenschaftlich nahm er Partei gegen das Italienische 
als Schriftsprache, selbst seine Liebesgeschichten wurden nur in 
lateinischen Versen besungen. Er hat in der Hauptsache Uebeslieder 
verfaßt, aber sie sollten den Beifall ihm verwandter Humanisten 
finden und waren nicht für die Frauen bestimmt, die er geliebt hat 
Kein leidenschaftlicher Erguß heißer Empfindungen, eher ein 
Kokettieren mit der Liebe« 

Auf einem Wettrennen in Ferrara, im Frühling des Jahres 
1441, lernte er, als Neunsehn jAhriger, ein reizendes lUldchen mit 
goldblondem Haar kennen, das er Anthia nannte« An sie richtet 
er einen Zyklus von Elegien, die unter dem Titel „Erotica'' er- 
schienen und zu seinen bekanntesten Werken gehören« Aber 
seine eigenen Empfindungen in Worte zu fassen, hielt der Schüler 
Gviarinos nicht mit seiner Würde vereinbar, so entlieh er einem 
griechischen Roman des Kenophontes aus Bphesos Bilder und 



96 FÜNFTES KAPITEL 

Wendungen und gab selbst seiner Perrarestn» die wahrscheinlich 
Maria oder Bettina hiefi» den Namen einer antiken Heldin. Bin 
anderer, dem der Jüngling im Wege stand und der lAacht und Ein- 
flufi hatte, scheint gleichfalls Anthia^Bettina geliebt zu haben; 
so wurde der Yerliebte Latinist aufgefordert, Perrara zu verlassen. 
Da Anthia nach Florenz tibersiedelt zu sein scheint, durfte Titus 
nach geraumer Zeit wieder nach Perrara zurückkehren. Nur Elegien 
waren die Prucht dieser Jünglingsliebe. Anthia scheint sich für 
Strozzis Verse, die sie sicherlich nicht verstanden, nicht erkennt- 
lich gezeigt zu haben. Über sehr sinnliche, ja lüsterne Abschnitte 
hat das Lateinische seinen schützenden Mantel gebreitet. Diese 
Gedichte erschienen spftter in einem Lucrezia Borgia gewidmeten 
Bande. Strozzi durfte die Widmimg riskieren, ohne die Herzogin 
zu verletzen, da auch sie so wenig wie Anthia die Gedichte zu lesen 
imstande war. 

Strozzi gehdrt zu jenen Höflingen, die stets bereit sind, Weih- 
rauch abzubrennen. Mit Freuden ergriff er jede Gelegenheit, um 
Lobesh3rmnen an den Herzog und die herzogliche Familie loszulassen. 
Alfonsos Trauung mit Anna Sforza, Eleonoras Tod, Lucrezia 
Borgias Einzug in Perrara, ja selbst der seltene Anblick des ge* 
frorenen Pos (im Jahre 1443) begeisterten ihn zu Gedichten. Zu 
Borsos BegrüBtmg schreibt er: Bei der Ankunft des Fürsten er« 
hellt sich der Himmel, das Gewitter verzieht sich, und frisches 
Crrün deckt die Erde. Brauchte man Gelegenheitsgedichte, so 
wandte man sich an Strozzi, selbst wenn es sich darum handelte, 
Aufschriften für die von den Herzögen errichteten Gebäude zu ver* 
fassen, war er zur Hand. Selbstverständlich sind seine Schmeiche- 
leien nicht frei von den seltsamsten Vergleichen und Bildern. Der 
afrikanische Löwe in Borsos T1eri>ark folgt dem Beispiel seines 
Herrn, er wirft sich nicht auf schwächere Geschöpfe, wie Hunde 
oder Hasen, sondern mifit seine Kraft mit Büffel, Bär und Wild- 
schwein. Leider hat der Löwe sehr bald die Behauptungen des 
Dichters Lügen gestraft, indem er das Töchterchen des Park- 
wächters, das ihm Fütter brachte, zerrifi. Um Ercole zu ehren, gab 
Titus seinem ältesten Sohne den gleichen Namen, doch werden wir 
noch sehen, däS die herzogliche Familie ihm diese Schmeichelei 



ERCOLE L 97 

ebenso Tergalt, wie der Löwe dem Töchterchen des Parkwächters 
das Futter« 

Titus heiratete erst als Fünfundvierzigjähriger, er hatte also 
Zeit genug, um eine SEweite Blondine zu besingen, der er den klas- 
sischen Namen Phylloroö beilegte. Strozzi hat diese Frau sehr 
geliebt, sie hat in einer Villa am Po gewohnt, die er gleichfalls 
besang. Nach seiner Schilderung war es ein altes, efeuumranktes 
Häuschen, mit verblichenen, halb vom Regen verwaschenen 
Heilsgenfresken. Es verbarg sich hinter Bäiunen, daneben stand 
eine verfallene Kapelle, imd in der Nähe pflügte der Kaplan seine 
dürftigen Felder mit geliehenen Pferden^ Phylloro& Tage waren 
gezählt, sie fiel einer Seuche zum Opfer, und der Dichter hat ihren 
Tod bitter beklagt. 

AuBer diesen Liebesliedem begann Titus ein Gedicht zu Ehren 
Borsos, doch blieb es imvoUendet, da er nach dem Tode dieses 
Beschützers schleunigst ein Gedicht auf seinen Nachfolger machte« 

Erst im späteren Alter bekleidete Titus öffentliche Ämter. Als 
Statthalter von Polesina holte er sich ein hartnäckiges Fieber; da alle 
Mittel vergebens waren, diktierte er seinem Diener ein demütiges 
Gedicht an den heiligen Bellino, den Schutzpatron der Diözese 

S und bat ihn flehentlich, ihn von dieser schweren 
zu befreien. Nach seiner Genesung stiftete er aus Dank- 
barkeit eine Gedenktafel auf dem Grabe des heiligen Bischofs. 
In den schwersten Zeiten, im Jahre 1497, war er Vorsitzender der 
Savi, während venezianische Söldner das ferraresische Land ver- 
wüsteten, wiederholte Erdbeben die Bevölkerung an Schrecken 
versetzten tmd eine Seuche furchtbare Verheerungen anrichtete. 
Kaum war das Unglück abgewandt, so verschwendete der Herzag 
trotz des herrschenden Elendes ein Vermögen für luxuriöse Ge- 
bäude, glänzende Feste und Jagden. In sozialer Beziehung geschah 
gar nichts, um die Wunden, die der Krieg dem Lande geschlagen, 
zu heilen, da der alternde Herzog sich auf die Vorsehimg verließ 
und nur Andachten für das Wohlergehen des Volkes anordnete. 
Im Jahre 1500, als man einen Überfall der Türken befürchtete, liefi 
er täglich Prozessionen veranstalten und für das Abwenden der 
drohenden Gefahr beten, anstatt die Mündung des Po zu befestigen. 

7 



98 FÜNFTES KAPITEL 

Da die Bevölkerung infolge der schweren Abgaben und der 
konstanten Durchmärsche des französischen Heeres zu erschöpft 
war, um neue Lasten tragen zu können, wandte sich der HaB gegen 
die Regierung. Strozzi, der als höchster Beamter mehr das Interesse 
des Herzogs und des Hofes als des gesamten Landes im Auge hatte, 
wurde zur bestgehaßten Persönlichkeit. Man nannte ihn den 
„Menschenfresser'^ und es hieB, daB Messer Tito schlimmer sei 
als selbst der Teufel, „i peggio voluto dal Popolo, che non i il 
Diavolo^'« Vielleicht trug zu diesem HaB der Glaube bei, Titus 
habe den Herzog zur Gründung eines neuen Stadtteils „Terra 
nuova^', „Addizione Ercblea", der unerhörte Summen verschlang, 
veranlaßt. 

Titus hat den Herzog überredet, seinen noch jungen Sohn 
Ercole 1498 zum richterlichen Beirat der dodid savi zu ernennen, 
sehr bald sogar zum Vertreter des Vaters. Die Bevölkerung von 
Perrara nahm an diesem Protektionswesen AnstoB, auf diese Weise 
wurde das wichtigste Amt im Reiche beinahe erblich. 

Titus überlebte Ercole L und starb ein halbes Jahr nach dem 
Herzog, am 30. August 1505, an einer pestilenzartigen Seuche. 
Noch am 20. Januar des gleichen Jahres war er von seiner Besitzung 
Rocano nach Perrara gekommen, um seine Amtspflichten zu er* 
füllen; er fehlte bei Ercoles Sterbelager nicht, ernannte Alfonso 
zum rechtmäBigen Nachfolger und belehnte ihn mit dem Herzogs- 
stab und Schwert. 

Wir besitzen kein Porträt von Titus; in der Brera zu Mailand 
hat sich nur eine Medaille erhalten mit der Aufschrift „Titus 
Strozzius''. Sie zeigt die harten und gewöhnlichen Züge eines 
kräftigen Mannes. 

Am estensischen Hofe gehörte Strozzi zu den Literaten „in 
floribus'', wahrscheinlich aber gab es mehr Dichter „in herbis^', 
die sich mit einem viel kümmerlicheren, häufig sogar traurigen 
Schicksal bescheiden muBten. Darunter wäre zu nennen Pandolfo* 
CoUenuccio (1449 — 1504), der sich an den verschiedensten Höfen 
herumtrieb: in Bologna, Pesaro, Florenz und am längsten in Perrara.. 
Für Ercole L übersetzte er „Amphitryon'S der 1487 in Perrara 
aufgeführt wurde, ihm widmete er auch seine berühmte Verteidigung; 



ERCOLE I. 



99 



des Plinius gegen die brutalen Angriffe Niccolo Leonicenos, des^ 
Lektors für Ifathematik und Philosophie in Perrara. Der Herzog 
schickte ihn als Gesandten zu Ifaadmilian und zum Papst Alexan- 
der. VI. Auch andere italienische Pursten vertrauten ihm als einem 
gewandten Mann diplomatische Missionen an, aber der hagere 
Poet führte diese Unterhandlungen nicht immer zu einem günstigen 
Ende. X488 liefi ihn Sforza wegen irgendeines politischen Ver- 
gehens für fünfzehn Monate ins Gefängnis werfen und dann des 
Landes verweisen. 1504 gestattete ihm der Tyrann zwar nach 
Pesaro zurückzukehren, aber nur um ihn aufs neue gefangen zu 
nehmen und wegen seiner Sympathie für den Fürsten Valentino 
zu ermorden. 

Collenucdo hat verschiedenes veröffentlicht, unter anderem 
ein religiöses Stück „Commedia de- Jacob et de Joseph'', sowie ein 
histmsches Buch „Compendio deUa storia del regno di Napoli". 
Aber sein bestes Werk ist die „Canzone alla morte''* Der Schmerz 
eines Menschen, der von Hof zu Hof wandert, nirgends Ruhe findet 
und im Tod den alleinigen Ausweg des ihm drohenden Schicksals 
sieht, ist ergreifend zum Ausdruck gebracht. Viel poetische Kraft, 
viel echter Schmerz spricht aus diesem Gedicht; nicht in der Ver- 
derbtheit der Gesellschaft sieht der Dichter den Grund seines Kummers^ 
sondern in der Natur, die den Menschen geschaffen, um ihn zu quälen 
von der Wiege bis zum Grabe. 

Questa acerba matrigna 

Natura, in tanti mal questo sol bene 

Pose per pace, libertade e porto: 

A' piü savi diporto. 

Che '1 fine attendon delle mortal pene. 




le sehr charakteristische Persönlichkeit, die dem Hofe 
rcoles L sein eigentliches Gepräge verlieh, war der 
Kardinal Ippolito d'Este, ein Renaissance- Kirchenfürst in der 

7* 



lOO FÜNFTES KAPITEX. 

▼oUen Bedeutung dieses Wortes, umgeben von einem zahl- 
reichen Gefolge von Höflingen und Gelehrten« Zu seinem lite- 
rarischen „Hofgesinde'' hat eine Z^t hindurch auch Ariost gehört. 

Als dritter Sohn Ercoles und Eleonoras yon Aragon war 
Ippolito am 20. Februar 1479 geboren. Der Vater hatte ihn von 
früh auf zum Kardinal, wenn nicht zum Pi^t bestimmt. Schon 
der siebenjährige Knabe erhielt die Tonsur und das geistliche Ge- 
wand in Ferrara; kaum ein Jahr nach dieser Zeremonie ward das 
Kind zum Erzbischof von Gran und Primas von Ungarn ernannt. 
Seine Tante, Beatrice von Aragon, war die Gemahlin des imgarischen 
Königs Matthias Corvinus, daher diese Protektion, Innozenz VIII. 
machte zwar erst seine Einwände gegen diese in der Kirchen- 
geschichte unerhörte ^nennung, aber trotz alledem bestätigte er 
sie ein Jahr darauf imter der Bedingung, daß die Weihen erst später 
vollzogen werden sollten« So ging der achtjährige Ippolito nadb 
Ungarn, begleitet von einem Gefolge von hundertfün&ng Höflingen 
und Rittern; in seinem Reisesack befand sich Vergils Aneis, und 
es fehlten ihm, als einem echten Este, auch Plautus' Komödien 
nicht. 

Sieben Jahre blieb der junge Kirchenfürst in Ungarn, und 
während die älteren Geistlichen die kirchlichen Pflichten für ihn 
erfüllten, jagte er Wildschwein imd Hirsch und las in seinen freien 
Stimden Vergil und Ritterromane. Das hinderte ihn jedoch nicht, 
die Stufenleiter der römischen Hierarchie schnell zu erklimmen, 
schon 1493 ernannte der Papst Alexander VI. den Vierzehnjähr^;en 
ziun Kardinal. 

Das Erzbistum in Gran warf freilich dreißigtausend Dukaten 
jährlich ab, aber der Unterhalt der bischöflichen Miliz verschlang 
die Hälfte dieser Summe, außerdem mußte Ippolito als Primas 
von Ungarn im adoptierten Vaterlande residieren. Dazu schien 
er keine Lust zu haben, er sehnte sich nach dem heimatlichen 
Italien. Freudig tauschte er daher das ungarische Erzbistum 
gegen die gleiche Würde in Mailand ein, die nur fünftausend 
Dukaten abwarf. Lodovico Moro hat ihn damit belehnt. 1496 kam 
er nach Italien zurück imd blieb nur noch Titularbischof von 
Gran. Sein ganzes Leben war er Sforza dankbar, daß er ihm 



ERCOLE h XOI 

die Rüdekehr in die Heimat ermöglicht hatte, wie das Ariost in 
seinem Roland bezeugt: 

• • • Ora in pace a consiglio con lui siede, 
Or armato con lui spiega i colubri, 
E sempre par d' ima medesima fede, 
O ne'felid tempi o nei lugubri: 
Nella fuga lo seque, lo conforta 
NeU' afflizion gli h nel periglio scorta« 

(XLVL 94) 

Mach Corvinus Tode mußte Beatrice von Aragon Ungarn ver- 
lassen, sie kam nach Perrara, und Ippolito begleitete seine Tante 
und Protektorin nach Neapel. Diese frühzeitige Gewöhnung an 
hohe Würden und die Sorge um öffentliche Angelegenheiten war 
auf Ippolito von großem Einfluß, ihm eignete sehr bald die Würde 
seines Standes; an Ercoles Regierungsangelegenheiten nahm er 
beratend teil, und der Herzog bediente sich seiner wiederholt bei 
diplomatisdien Missionen« Er stand an der Spitze der Gesandt- 
sdiaft, die nach Rom ging, um Lucrezia Borgia abzuholen, und 
übergab ihr kostbare Geschenke im Namen seines Bruders. Alez- 
ander VI. zeigte sich ihm für diese Liebenswürdigkeit und Mühe 
ericenntlidi, schenkte ihm einen Palast in Rom und übertrug 
ihm audi das Erzbistum von Capua. Unter Julius II., dem 
eingefleischten Gegner der Este, war seine Stellimg als Kardinal 
sehr schwierig, deshalb ging er zeitweilig nach Ungarn zurüdk. 
Er wollte Ariost mitnehmen, doch der Dichter konnte sich, 
wie wir noch sehen werden, nicht entschließen, ihn zu be- 
gleiten. Im Jahre 15x8 kam der Kardinal aus Ungarn zu 
Bonas Trauung nach Krakau, an der Spitze eines großartigen 
Gefolges von Klerikern und Höflingen mit insgesamt dreihundert- 
siebenundsedizig Pferden. Er kam als päpstlicher Gesandter 
nadi Polen und überbrachte dem König Sigismund Leos X. Wünsche 
in Form eines Breve« Infolge von Mißverständnissen wegen des 
Zeremoniells, die sich zwischen ihm und Prosper Colonna, Bonas 
Vormund und Hofmeister, auf der Reise ergeben hatten, nahm er 
an den Krönimgsfeierlichkeiten nicht teil und kehrte ziemlich ver- 



SOa FÜNFTES KAPITEL 

stimmt nach zweiwöchentlichem Aufenthalt in Krakau nadi 
Ungarn zurück. 

Nach Castigliones Berichten hat der Kardinal zu den an- 
ziehendsten Persönlichkeiten seiner Zeit gehört. Benehmen, Sprache, 
Gebärden waren edel; trotz seiner Jugend machte er einen so ernsten 
Eindruck, daB er selbst unter den ältesten Kirchenfürsten auffiel« 
Im Verkehr mit Männern imd Frauen jedes Standes hatte er so vki 
Einnehmendes, daB jeder, der mit ihm in Berührung kam, seinem 
Zauber erlag. Es gebrach ihm weder an Umsicht, noch an Mut, 
und in allen geschäftlichen Dingen bekimdete er eine ungewöhnliche 
Geschicklichkeit. Wie alle Este war auch Ippolito ein groBer Musik- 
freund; er spielte Violine, imd an seinem Hofe hielten sich immer 
die bekanntesten Künstler auf. Auch Literaten scharten sich um 
ihn, vielleicht berief er sie mehr, um den Glanz seines Hauses zu 
steigern, als aus persönlichem Interesse an Literatur, wenigstens 
drängt sich dieser SchluB auf auf Grund seiner Beziehungoi zu 
Ariost, von denen noch die Rede sein wird. Er galt als sehr gebildet, 
und daB er gerne las, beweisen die vielen Bücher, die er auf Reisen 
mit sich zu führen pflegte. 

Dies waren die Vorzüge des geschickten Kardinals, aber er 
hatte auch Fehler genug. Er war gewalttätig, hochmütig, rach- 
süchtig — so lieB er den päpstlichen Gesandten in Ferrara wegen 
irgendeiner ihm zugefügten Beleidigung durchprügein, dann floh 
er aus Angst vor seinem Vater nach Mantua zu seinem Schwager 
Francesco Gonzaga. Trotzdem die ihm übertragenen Bistümer 
tmd Abteien eine jährliche Einnahme von über 47000 Talern ab- 
warfen, kümmerte er sich um kirchliche Dinge gar nicht. Da er 
nicht aus eigenem Willen Geistlicher gewordeni führte er ein voll- 
kommen weltliches Leben, und seine Liebeshändel waren be- 
rühmt. So sein Roman mit Sanzia, Joffro Borgias Frau; man 
erzählte sich von seiner Schwäche für Veronika, eine einfache 
Frau aus Bresda; in Ferrara war Dalila Putti eine seiner zahlreichen 
Geliebten. Seine natürliche Tochter, Elisabetta, verheiratete er 
mit Giberto Pio und gab ihr eine Mitgift von zo 000 Gulden. 

Der Kardinal starb in Ferrara im Jahre 1520 imd wurde im 
dortigen Dome beigesetzt. 



ERCOLE !• XO3 

VI 

Je älter Ercole L wurde, desto mehr trat sein Hang zur Fröm- 
migkeit zutage» häufig unternahm er Wallfahrten und schickte 
Ezvota an heilige Stätten: nach Loreto, an San Niccolo in Bari, an 
Santa Maria dell' isola di Eremiti, ja er wollte sogar zu San Gia^ 
como* di Galizia pilgern, doch der Papst war gegen diese Reise. 
In dem neuen Stadtteil lieB er mehrere Kirchen erdichten, sehr 
ztmi Schaden der Kunst, denn die Fonds wurden für Gebäude zer- 
splittert, die in den meisten Fällen weder künstlerisch ausge«- 
schmückt, noch selbst zu Ende geführt werden konnten. Dem 
Vorbild des Herzogs folgten die privaten Stifter, sie bauten kleine, 
imansehnliche, schlecht fundierte Kirchen, die später der armen 
Bevölkerung nur zur Last fielen. Die Zahl der Klöster stieg fort- 
während, und auch daraus erwuchsen der Bevölkerung neue Lasten« 
Das relativ kleine Ferrara hatte über hundert Kirchen, zu ver- 
schiedenen gehörten Klöster. Soviel Mönche zu ernähren war die 
Bevölkerung nicht imstande; Neid und Mißgunst zwischen den ver- 
schiedenen Orden einerseits, zwischen den Mönchen und den welt- 
lichen Klerikern andererseits, sowie der Kampf um das tägliche 
Brot schädigte das Ansehen der Geistlichkeit und tat der Reli- 
giosität Abbruch. 

Bis zu welchem Grade Ercoles Wünsche in dieser Beziehung 
sich verstiegen hatten, beweisen seine amüsanten Bemühungen 
um die Dominikanerin, die Schwester Lucia da Narni, die, da sie 
in ihrer Ehe unglücklich war, Nonne geworden und um ihrer Fröm- 
migkeit willen berühmt war. Wie Katharina von Siena sollte audi 
sie seit ihrem zwanzigsten Jahre Stigmata auf ihren Händen haben, 
die jeden Donnerstag bluteten. Die Nonne lebte in einem Kloster 
zu Viterbo, imd Ercole neidete dem Städtchen den Besitz dieser 
heiligen Frau« AuBerdem nahm er in seinem Aberglauben an, 
Ludas Anwesenheit in Ferrara würde dem Lande und seiner 
Familie Segen bringen, Ludas Mutter, Gentilina, und ihr Onkel 
Antonio Mei, die in Narni lebten, wurden vom Herzog gewonnen» 
und der Nonne versprach er ein eigenes Kloster in Ferrara zu er- 
richten, wenn sie hinzidcommen sich entschlösse. Lucia hatte grofie 



104 FÜNFTES KAPITEL 

Lust, nach Ferrara zu kommen, aber Viterbos gesamte Bevölkerung 
war dagegen aus Furcht, die Abreise der Nonne könne der Stadt 
Unglüdc' bringen. Antonio Mei, der die Intrige leitete, überzeugte 
sich bald, daB er Luda gutwillig nicht aus Viterbo frei bekäme, daher 
beschloB er, sie heimlich zu entführen. Die Nonne war im Komplott, 
er kam als Abgesandter aus Nami zu ihr, mit einem Brief, 
Gentilina liege im Sterben imd wünsche ihre Tochter noch dnmal 
▼or dem Tode zu sehen. Um Mittemacht war er im Kloster, um 
die Flucht mit Lucia zu besprechen; unglücklicherweise belauschte 
eine zweite Nonne die Unterredung imd alarmierte sofort die städtische 
Obrigkeit. Die Signori führten Antonio als Gefangenen aufs Rat- 
haus, und der arme Teufel hatte Mühe genug, um wieder frei- 
zukommen. Der geschickte Onkel hatte unterdessen Lucias 
Beichtvater gewonnen, er vertraute ihm seine Pläne an, und der 
Nonne wurde empfohlen, wie bisher zum Gottesdienst nach S. Maria 
della Quercia zu gehen, einem Kirchlein außerhalb der Mauern der 
Stadt. An Ercole schrieb er, ihm nach Nami vierundzwanzig 
berittene Bogenschützen und ein ruhiges Pferd für die Nonne zu 
schicken. Diesen Brief brachte Giannino, der Diener des Herzogs, 
der von Anfang an im Geheimnis war, nach Ferrara. Brcole erfüllte 
Antonios Wünsche und am Stephanstage des Jahres 1498 brach 
unter Alezander da Fioranos Leitung eine kleine Schar von Arm- 
hrustschützen aus Modena auf ; sie erreichten Orte, sollten von dort 
aus nachts bis in die Nähe ^terbos gehen und im Walde versteckt 
bis um zwei Uhr nach Mittemacht warten. Fiorano hielt sich an 
seine Vorschriften; von Orte aus schickte er in die Nähe von 
S. Maria della Quercia vier tapfere Männer imd zwei Frauen zur Ge- 
sellschaft für die Nonne, während er selbst an der Spitze der Arm- 
hrustschützen in einer gewissen Entfemimg wartete. Aber der 
Anschlag mißlang; die Boten fanden in der Nähe des Kirchleins 
nur Lucias Beichtiger, der ihnen sagte, daB man im Magistrat Wind 
von den Absichten der Nonne bekonunen haben müsse, da sie 
nicht aus den lAauem der Stadt gelassen werde. Aber es sollte noch 
schlimmer kommen: als ein Hirte die fremden Bewaffneten neben 
S« Maria della Quercia sah, lief er in die Stadt, schlug Lärm und er- 
schreckte die Bevölkerung in dem XAaSe, daß Sturm geläutet wurde. 



ERCOLEI. 



XOS 



Die Einwohner» die um den beabsichtigten Anschlag der Ferra- 
resen wußten und gerüstet waren, waren sofort zur Stelle, machten 
einen Ausfall und zweihundert Berittene tungaben Fiorano und 
seine Handvoll Leute. Nicht leicht war es dem Ferraresen, seinen 
Angreifem klar zu machen, daß ihm jede böse Absicht fem sei, 
er kehre aus Rom heim und einige seiner Soldaten imd zwei Frauen, 
die zum Gefolge gehörten, hätten in S. lularia della Quercia beten 
wollen. Zwar glaubten die Männer aus Viterbo kein Wort von alle* 
dem, aber sie ließen Fiorano weiterziehen und dem Herzog melden, 
daß, was ihm anscheinend gefalle, auch ihnen lieb wäre, deshalb 
empfehlen sie ihm, seine phantastischen Pläne aufzugeben,' da sie 
ihn anderenfalls als Feind der Stadt behandeln würden. 

Da es auf diese Weise nicht geglüdct war, ging Fiorano nach 
Rom, um mit Hufe des Kardinals von Este das Ziel zu erreichen, 
das dem Herzog so sehr am Herzen lag. Der Kardinal wandte sich 
an Monsignore Felino, den Sekretär Alezanders VI., der sich der 
Sache warm annahm. Er veranlaßte den Papst zu einem Breve an 
die Prioren der Stadt Viterbo, das ihnen die höchste Ungnade an- 
drohte, wenn sie die Schwester Luda nicht nach Ferrara ziehen 
ließen. Auch dem Prokurator der Dominikaner wurde von Alex- 
ander VI. empfohlen, alle Hindemisse aus dem Wege zu räumen. 
Dodi diese päpstlichen Befehle nützten nichts; die Bewohner er- 
klärten kurz, daß sie die Nonne nicht herausgeben würden. Diese 
Widersetzlichkeit ärgerte die Herren in Rom, und der Kardinal 
d'Este veranlaßte den Papst, den Prioren von Viterbo mit dem 
Bann zu drohen, wenn sie es wagen sollten, Lucia zurückzubehalten. 
Aber mit der Bevölkerung einer abergläubischen Stadt läßt es sich 
nicht so leicht verhandeln; einige der Prioren kamen nach Rom 
und erklärten dem Kardinal, daß das Volk von Viterbo unter gar 
keinen Umständen die Nonne herausgeben und mit Gewalt gegen 
alle Maßnahmen vorgehen würde, um so mehr, da Luda selbst 
in Viterbo bleiben wolle. So spitzte sich diese Angelegenheit immer 
mehr zu, besonders da Ercole I. Brief auf Brief schrieb, daß sich der 
Kardinal und der päpstliche Sekretär Felino Sandei der Sache an- 
nehmen sollten, „sino alla desiderata expeditione". Brcole ward 
tnmier verbissener; um den Papst zu seinen Gunsten zu stimmen, 



I06 FÜNFTES KAPITEL 

schickte er ihm den jährlichen Tribut aus Ferrara und befahl, das 
Geld in Rom nicht zu sparen, da Fiorano sich beklagte, daß man 
dort für alles zahlen müsse, „perchi ogni cosa val danari qua". 
Fiorano brachte dem Papst den Tribut, Alexander empfing ihn sehr 
liebenswürdig, freute sich des Geldes imd sagte: „Quantunque 
tardi, sempre bene''. 

Unterdessen beschloß Frate Timoteo aus Modena, den Herz(^ 
zu überraschen imd auf eigene Faust Luda aus Viterbo zu stehlen, 
in der Annahme, daß ihr Beichtvater bei diesem Plane helfen 
würde. Aber der Mönch verdarb in seinem Eifer alles, der Beicht- 
vater wollte nichts mehr von diesem gefährlichen Unternehmen 
wissen, und der neue Anschlag des Herzogs von Ferrara sprach 
sich herum. Darum ließ auch Ercole mit Hilfe des ferraresischen 
Inquisitors den Bruder Timoteus bei seiner Rückkehr ins Gefängnis 
werfen, da er Schritte in seinem Namen imtemommen habe, zu 
denen er nicht ermächtigt war. 

Lucia aber wurde imgeduldig, es verlangte sie nach einer Ab- 
wechslimg, imd so verließ sie zusammen mit vier befreimdeten 
Nonnen das Kloster imd zog in die Stadt zu ihren Verwandten. 
Sie erklärte, daß sie unter gar keinen Umständen in Viterbo bleiben 
würde und lieber sterben wolle, als ins bisherige Kloster zurück- 
kehren; der Mutter und dem Onkel empfahl sie, dem Herzog zu 
versichern, daß sie in ihrem Entschluß, nach Ferrara zu kommen, 
beharre, ja in einem sehr unorthographischen Briefe erklärte sie 
Ercole, bis jetzt sei sie zwar gezwungen in Viterbo, aber ihr heißestes 
Sehnen sei, dieses dunune Volk zu verlassen, „separarsi da questo 
populo ignorante^'. Dagegen wurde im Rat beschlossen, die eigen- 
sinnige Nonne eher zu töten als fortzulassen. Fiorano gab jedoch 
in Rom die Hoffnung nicht auf, den Wunsch des Herzogs zu er- 
füllen; es reizte die Prälaten, daß sie in Sachen der Kirche nicht 
Festigkeit und Einfluß genug hätten, um sich ein elendes Weib zu 
sichern, „ad avere una femminuccia". Doch wurde es dadurch nicht 
besser; der Papst, des Kampfes um die Nonne müde, erklärte, das Volk 
in Viterbo nicht mit Gewalt zvdngen zu wollen, sie herauszugeben« 

Unverhofft gewann der Herzog in Viterbo selbst einen sehr 
nützlichen und einflußreichen Bundesgenossen. Antonio, der dortige 



ERCOL£ L Z07 

Podesti liefi insgeheim Ercole erklären, er sei bereit, dahiil zu 
wirken, daS Luda in absehbarer Zeit aus Viterbo freikäme, voraus- 
gesetzt, daß er Podestä von Ferrara würde. Der vorsichtige Würden- 
träger bat jedoch, daS Ercole ihm das Dekret seiner Ernennung 
mit der entsprechenden Klausel im voraus schicke. Der Herzog 
war bereit imd ließ ihm das gewünschte Papier übermitteln. Nun i 

ging die Intrige rasch ihren Lauf. In einem Weinberg hatten ; 

Lucia imd ihr Onkel aus Nami eine geheime Zusanmienkunft, es 
wurde beschlossen, daß sie sich am 13. April bereit halten solle, um 
aus der Stadt entführt zu werden. Die Verschwörung leitete der päpst- , 

liehe Sekretär, Felino Sandei, der nach Viterbo gekommen war, 
um im Einverständnis mit dem Podestä die Vorkehrungen für Ludas 
Flucht zu treffen. Es ging auch alles glatt vonstatten. Die Nonne 
wurde unter Wäsche imd Gemüse in einem Korb versteckt. Der 
kostbare Schatz wurde einer Mauleselin umgebunden und einem I 

erkauften Führer anvertraut, der ihn in Nami im Hause von Ludas 
Mutter ablieferte. Als der Herzog erfuhr, daß Luda in Nami sd, 
schickte er eine bewaffnete Eskorte, tmd so kam sie endlich nach 
Ferrara. Vielleicht war Frate Timoteo am glücklichsten über den 
Ausgang, der Herzog setzte ihn in Freiheit imd als Entschädigung 
für die erlittene Unbill bekam er ein Zeiignis, daß er sich im Ge- 
fängnis so geführt, wie es sich für einen guten Kleriker schicke. 

Luda wurde, wie ihr von Ercole versprochen, die Oberin des 
neuen Klosters, sie ließ ihren Bdchtvater, Christopho da Viterbo, 
nach Ferrara kommen, aber glücklich war sie in ihrer neuen Würde 
nidit, sie sehnte sich sogar, wie wir noch sehen werden, ins alte 
Kloster zurück. 

Ercole genügte der mystische Glanz, der von Schwester Luda 
über Ferrara ausging, nicht, ihn verlangte auch nach der berühmten 
Schwester Colomba, die von der „Eucharistie lebte, die ihr ein Engel 
vom Hinunel bringt'S auch diese „wunderbare'^ Frau gewann er 
für Ferrara. Ercole beschäftigte sich namentlich damit, die geist- 
lichen Orden zu vergrößem, und die erhaltenen Rechnungen zeigen, 
weich stattliche Summen für diesen Zweck verausgabt wurden. 
Beinahe täglich wurden aus der herzoglichen Speisekammer 
große Posten von Lebensmitteln in die Klöster geschickt: Fisch, 



X08 FÜNFTES KAPITEL 

Gemüse, geräuchertes Fleisch, Käse, Konfekt und marinierte Sachen. 
Während der Hochzeitsfeierlichkeiten von Alfonso und Anna Sforza 
wandten sich die Frati di Santo Spirito an die herzogliche Ver- 
waltimg, damit auch sie ihren Karneval feiern könnten, „ad cio 
possiamo etiam nui fare lo nostro camevale'S 

In schreiendem BCiß Verhältnis zu dieser Freigebigkeit den 
Klöstern gegenüber stand die Rücksichtslosigkeit, mit der man 
der wirklichen Not im Volk begegnete. Konnten die Abgaben nicht 
entrichtet werden, so pfändete die herzogliche Kammer selbst 
Bettstelle und Kissen. Am Tage von Isabellas Trauung lieB man um 
der allgemeinen Freude willen einen armen Teufel frei, der wegen 
rückständiger Abgaben eingesperrt war; auch das mit Besdilag 
belegte Bett wurde ihm wiedergegeben, aber nach den Festen 
mußte das Bett wieder ins fiskalische Magazin zurückwandern. 

Die Geistlichkeit stand bei Ercole in einem gewissen aber- 
gläubischen Ansehen, namentlich jene Menschen, von denen er 
der Oberzeugung war, daß sie übernatürliche Gaben hätten und 
mit prophetischem Geist begabt seien. Auch die zwischen ihm und 
Savonarola herrschenden freundschaftlichen Beziehungen sind 
auf diese Ehrfurcht zurückzuführen, obgleich der Jüngling seiner 
Zeit das ferraresische Schloß mit Flüchen und den Worten ver- 
lassen: „Heu fuge crudeles terras, fuge litus avarum.^' Damals, 
X472, schrieb er seine berühmte Kanzone „De ruina mimdi", aus 
der am deutlichsten seine Empörung über die Verderbnis der dortigen 
Hofkreise spricht. „Glücklich, wer vom Raub lebt imd sich von 
fremdem Blute nährt'' — dies sein Urteil über die Welt, die ihn umgab: 

Felioe ormai chi vive di rapinal 

E Chi dell' altrui sangue piü si pasce. 

Angesichts dieser Erinnerungen, die der junge Savonarola aus 
Ferrara mitbrachte, sind die herzlichen Beziehungen zwischen dem 
allvermögenden Mönch in Florenz und Ercole um so überraschender. 
Aber der Herzog von Ferrara brauchte Savonarolas politische 
Unterstützimg wiederholt, überdies wollte er sich das Wohlwollen 
des im Himmel in besonderer Gunst stehenden Mönches sichern. 
Eifrig las Ercole jede neue Schrift Savonarolas, und als er erfuhr, 



£RCOLE I. XO9 

dafi der finstere Dominikaner sein ,,Compendium Revelationum'' 
geschrieben» bemühte er sich, die Abhandlung handschriftlich zu 
bekonuneni ehe sie im Druck erschienen war. Der Herzog stand 
zuletzt in dem Maße unter dem BtnfluB des DominikanerSi dafi er 
1496 Ferrara in einen religiösen Staat nach Savonarolas Ideal 
umwandeln wollte. Bfit grofier Strenge ordnete er allwöchentlich 
ein zweitägiges Fasten für die Bevölkerung an, liefi zur Entscheidung 
politischer Fragen Prozessionen veranstalten und betrachtete es 
als seine Pflicht, religiöse Bräuche einzuführen« Um auf die Sitt- 
lichkeit der Bevölkerung zu wirken, erliefi er vom Balkon des 
Palazzo della Ragione ein Edikt, dafi Gotteslästerungen, Sodomie, 
aufiereheliches Zusammenleben und andere Übertretungen der 
guten Sitte hart bestraft werden sollten. Den Juden gegenüber ver- 
schärfte er die früheren Vorschrifteui er erinnerte sie der Pflicht, 
ein gelbes Zeichen auf dem Mantel zu tragen, zwang sie, Predigten 
ixnDom beizuwohnen, und war sehr b^lückt, als der eine nach solch 
einer stürmischen Kirchenlehre bat, zum Katholizismus übertreten 
zu dürfen« 

Savonarola war mit Ercole sehr zufrieden; als er ihm sein 
Buch „De simplidtate Christianae ^tae'' schickte, äußerte er die 
Hoffnung, dafi „die darin enthaltenen Lehren dem Herzog infolge 
seiner groBen Tugenden unschätzbare geistige Vorteile bringen 
würden''. Dem ferraresischoi Gesandten erklärte Savonarola, dafi 
er Gott bitte, er möge dem Herzog stets seine Gnade zuteil werden 
lassen. Eroole blieb seiner Verehrung für den Mönch treu, auch 
als sein Stern schon im Sinken war und Rom ihn mit dem Bann 
belegte. Er ergriff leidenschaftlich die Partei des Angeklagten und 
' veranlafite seinen Verwandten, Gian Francesco della Bfiran- 
dola, die Verteidigung zu schreiben, die gedruckt 
unter dem Titel erschien „Joannis Frandsd 
Pid Bfirandolae Opusculum de sen- 
tentia excommunicationis injusta 
pro Hieronymi Savone- 
rolae viri prophetae 
innocentia''« 



SECHSTES KAPITEL 

MATTEO MARIA BOJARDO 



II ie Bojardo lebten im XIV. Jahrhundert In RubUera, 
einem zwischen Modena und Re^o gelegenen Gut; erst 
Hiccoto III. d* Este verlieh ihnen das Bei^tädtchen 
Scandlano nebst den dazu gehörigen Ländereien an 
Stelle von Rubbiera. Sdilecht fuhren sie bei diesem 
J Tausche nicht, Scandlano war eine der gröBten Be- 
sitzungen im Ferraresischen. Der Chronist Salimbene, ein Franzis- 
kaner aus dem XIII. Jahrhimdert, erz&hlt, daß Bonifazio Bojardo 
bewaffnet das Zisterzienserklostef S. Prospero di Reggio über- 
fallen habe. Dem Kloster stand damals ein außerordentlich geiziger 
Abt TOT, der seine Mönche hungern ließ. Daher empörten sich einige 
unter ihnen, wollten den Geizkragen los werden imd an seiner 
Stelle einen anderen Abt w&hlen. Die Unzufriedenen setzten sich mit 
Bojardo, ihrem Nachbar, ins Einverständnis, er überfiel tm Jahre 
1286 das Kloster, verjagte den Abt, nahm die Gelegenheit wahr 
und raubte, was sich nur rauben ließ. Kaum war Bojardo fort, 
als auch der Abt wieder auf der Bildfläche erschien, vor die Kloster- 
pforte postierte er vierzig ihm zugetane Bürger aus R^gio, die das 
Kloster Tag und Nacht bewachen sollten. Aber der Geizhals gab der 
Wache nichts zu essen, und als sie hungrig in die Stadt zogen, 
um einen wannen Bissen zu kriegen, erschien Bojardo abermals 
und half den rebellischen Mönchen bei der Wahl eines neuen Abtes. 
Den Este war das Geschlecht der Bojardo ergeben, es hat 
dem Herzogtum eine stattliche Anzahl verdienstvoller Kondottiere, 
PodestA und Bischöfe gesteht, und Feltrino Bojardo gehörte zu 



MATTEO MARIA BOJARDO m 

Lionellos literarischem Kreise. Fast bei allen größeren Gescmdt- 
schaften der Este waren die Grafen von Scandiano vertreten und 
galten als Zierde des Hofes. Titus Vespasianus Strozzis Schwester 
ward die Gattin Giovanni Bojardos; dieser Ehe entstammte im . 
Jahre 1434 Matteo Maria Bojardo, Italiens größter Dichter im 
XV. Jahrhundert. Sein Ritterroman ,,Orlando Innamorato'^ spiegelt 
den Geist höfischer Kultur in der Po-Ebene am deutlichsten. Matteo 
Maria bildete sich in Ferrara unter dem Einfluß seines Oheims 
Strozzi, so ward er ein tüchtiger Latinist und verbrachte seine Jugend 
im Kreise ferraresischer Humanisten. Seine Kenntnisse im Grie- 
chischen waren unbedeutend. 

Scandiano hatte damals zwei Besitzer: Matteo Marias Vater, 
Giovanni, und den Oheim Giulio Ascanio, der mit Cornelia Taddea 
Pio aus Carpi vermählt war. 1452 starb Giovanni, da auch seine 
Gattin tot war und XXatteo Maria erst achtzehn Jahre zählte, über- 
nahm Giulio Ascanio die Verwaltung des gesamten Vermögens. 
Als auch Giulio Ascanio zwei Jalire darauf starb, mußte lAatteo 
BAaria Bojardo Ferrara verlassen und sich mit der Landwirtschaft 
beschäftigen. Er blieb elf Jahre in Scandiano, es war wohl die 
glücklichste Zdt seines Lebens. Ercole d'Este, der aus Neapel, 
wo er aufgewachsen war, nach Ferrara zurückkam, wurde 1462 zum 
Statthalter des Herzogtums von Modena eingesetzt. In Modena 
hatte er einen außerordentlich glänzenden Hof, auch sein Bruder 
Sigismondo d' Este, der in Reggio residierte, versanmielte einen großen 
Kreis um sich. An beiden Höfen war Bojardo ein häufig gesehener 
Gast, besonders schloß er sich an Ercole an, der ihm sehr zugetan war. 

Wahrscheinlich hat Bojardo schon in Ferrara Verse gemacht, 
aber erst in Scandiano wurde er als Dichter berühmt. Noch stand 
er unter Strozzis Einfluß, daher begann er mit lateinischen Nach- 
ahmungen Vergils und mit „Pastoralien", in denen er Borso imd 
Ercole pries. Glücklicherweise ging er weder im Lateinischen noch 
in höfischen Schmeicheleien imter: der Neffe ward dem Oheim 
imtreu, verliebte sich, und die Liebe war seine Rettung. 

Am 4. April des Jahres 1469 gab es in Reggio Wettrennen imd 
Turniere. Dabei lernte Bojardo die achtzehnjährige Antonia Caprara 
kennen in jenem Augenblick, „wo die Liebe gleich einem 



112 SECHSTES KAPITSL 

Gewitterregen vom Himmel fiel, um die Kerzen der Edlen zu erfreuen 
und süße Flammen zu schüren • • • als Frauei^ in festlichen Ge- 
wändern sich durch Spiel, Tanz imd Gesang verjüngten, als man 
überall nur heiter Liebende sah und fröhlichesVolk im FestesgenuB''^. 

Bojardo entbrannte in einem Augenblick des Rausches in 
leidenschaftlicher Liebe. Für die Italiener der Renaissance bot eine 
solche Liebe den Anlaß zu einem ganzen „Canzoniere'' oder we- 
nigstens zu einigen Sonetten. Bojardo goiügte das Sonett nicht. 
Sein Gefühl für Caprara hielt einige Jahre an, er sang der Geliebten 
einen umfangreichen „Canzoniere'S der die ganze Skala einer 
heißen Leidenschaft begreift. Heiße Wünsche wurden laut, es kom- 
men Augenblicke des Glückes und ToUständiger Gemeinsamkeit, 
dann das Weh der Enttäuschung, da Caprara einen anderen liebt, den 
sie wohl geheiratet hat. Auch äußere Umstände scheinen das Ende 
dieses schönen Traiunes herbeigeführt zu haben. Mit Borso ging 
Bojardo nach Rom, während dieser Trennung scheint Antonia 
ihr Herz einem andern geschenkt zu haben, vielleicht einem 
jüngeren, da Bojardo damals schon siebenunddreißig Jahre alt war. 

Die italienischen Kritiker sind sich darüber uneinig, ob der 
„Canzoniere'' Caprara allein gewidmet ist oder ob auch andere 
jugendliche Liebesabenteuer Bojardos darin besimgen wurden. 
Ich neige zu der ersten Annahme, da Bojardo wiederholt bekennt, daß 
Caprara seine größte Liebe war, ja er sagt sogar, daß nur zwei starke 
Gefühle ihn beherrscht haben: seine Anhänglichkrit an Ercole 
und seine Liebe für Caprara. 

Doe cose för mia spene e sono ancora: 

Ercule Ttma, il mio Signor zentile 

L'altra il bei volto ove ancor il cor se posa. 

^) Biovea da tittti e cieli Amoie in tenm 
E ral^prava i' anime gentili 
Spirando in ogni parte dolcie f ooo 

Le donne in festa, in allegrezza, in gioco, 

In danze* peregrine, in dold canti; 

Per tutto leti amanti 

Zcnte lezadre, e festigiar giocoodo. 



r 



MATTEO MARIA BOJARDO 1x3 

Ein seltsames Zusammenstellen von Empf indungeni bezeichnend 
genug für den Höfling. 

Der Canzoniere besteht aus Sonetten, Kanzonen, Madrigalen 
und Gedichten in anderer Form, die sich durch Einfachheit der 
Sprache und Aufrichtigkeit der Empfindung auszeichnen. An- 
lehnungen an Petrarca kommen selten vor, die Selbständigkeit des 
Verfassers und eine männliche Kraft, frei von jeder Sentimen- 
talität, geben dem Canzoniere sein charakteristisches Gepräge. 
Klar, deutlich imd plastisch spiegelt sich jeder Eindruck wider, nichts 
nebelhaft Verschwommenes, Unsicheres in diesen Versen. Überall 
weht gesunde, kräftige Landluft. Der Dichter freut sich seiner Liebe. 

Qualimque piü de amar fu schiffo in pria, 
E del camin de Amor piü dilungato, 
Cognosca V alegrezza del mio stato, 
E tomarese ala amorosa via. 

Qualunque in terra ha piü quelch' ei disia. 
Di forza, senno, e di bellezza omato; 
Qualunque sia nel mondo piü beato, 
Non se pareggia a la fortiuia .mia. 

Bojardo bedarf als offene, aufrichtige Natur des Vertrauten 
und Freundes. Von seiner Liebe imd seiner Caprara muB er er- 
zählen, und da er wie jeder Verliebte den Frauen das größte Ver- 
trauen en^egenbringt, gesteht er seinen Kusinen, Marietta imd 
Ginevra Strozzi, all seine Freuden und Leiden. 

Aber nicht Liebe allein, alles, was schön tmd groB ist, erhebt 
seine Seele, trifft seines Wesens innersten Kern. Als er zum ersten- 
mal in Borsos Gefolge nach Rom kommt, erfüllt ihn die ewige 
Stadt mit Entzücken. Der gewaltige Eindruck findet seinen Nieder- 
schlag im Gedicht „In prospectu Romae^S den er gleichfalls in den 
Canzoniere aufgenommen hat. 

Ecco Talma cittä che fu regina 

Da r unde Caspe a la terra Sabea; 

La triomfal dttä che impero avea 

DoTe il Sol se alza insin lä dove inchina. 

8 



XX4 SECHSTES KAPITEL 

147z bestieg Ercole Perraras Thron, ein Jahr darauf heiratete 
Bojardo seinem Stande tind seiner gesellschaftlichen Stellung 
gemäfi. Die Erwählte war Taddea di Giorgio aus dem Hause der 
Grafen von Gonzaga in Novellara, einer Seitenlinie der in Mantua 
herrschenden Gonzaga. Taddea hat nicht durch Schönheit geglänzt, 
sie hatte zwar hübsche, aber sehr kleine Augen, einen sanften Ge- 
sichtsausdruck und im übrigen war sie „moribus et forma feliz'^ 
Bojardo hat glücklich mit ihr gelebt, tmd ihr Haus war seiner Gast- 
lichkeit und Wohltätigkeit wegen berühmt. „Möge dir Gott die 
Bojardo ins Haus schicken, mit ihnen wird das Glück einkehren/' 
,,Iddio ti mandi a casa i Boiardi'' hieB es in Scandiano und Reggio. 

Trotz alledem gab es im Schlosse zu Scandiano Sorgen genug. 
Nur zur Hälfte gehörten die Güter Matteo Maria, der Besitzer der 
anderen Hälfte war sein Vetter Giovanni Bojardo, Giulio Ascanios 
unmündiger Sohn. Im Namen des Knaben herrschte seine Mutter 
Cornelia Taddea, die den Dichter imd seine junge Frau offenbar 
gehaßt hat. Verwickelimgen aller Art haben den Hafi geschürt» 
Cornelia Taddea stammte, wie erwähnt, Ton den Pio aus Carpi; 
diese Familie war seit tmdenklichen Zeiten mit der Gemeinde von 
Reggio im Streite wegen des Wassers aus dem Kanal des Flusses 
Secchia. Im Sommer stand das Wasser sehr niedrig, Reggio wollte 
.den AbfluB des Wassers in einen Nebenkanal, der nach Carpi ging^ 
nicht gestatten, für Carpi war aber das Wasser der Secchia beinahe 
eine Lebensfrage. 1473 überfielen plötzlich etwa zweihtmdert 
Männer aus Carpi das Gebiet von Reggio, schnitten den nach Reggio 
fließenden Kanal ab, und ließen das Wasser in ihren Kanal ein- 
strömen. Matteo Maria, der sich den Traditionen seines Geschlechts 
gemäß fühlte als „defensor et propugnator Reipublicae Reginae'% 
Tückte an der Spitze seiner Leute aus tmd gab Reggio sein Wasser 
wieder. Daher der Zorn der Tante, die das Interesse ihrer Familie^ 
der Pio aus Carpi, gewahrt wissen wollte. Die rachsüchtige Frau 
beschloß im Einverständnis mit ihrem Bruder, Marco Pio, Bojardo 
zu vergiften. Der Notar Simone Boione aus Reggio war mit im 
Komplott, auch Bojardos vertrauter Diener wurde gewonnen, 
der unter einem Vorwand nach Carpi ging und von dort aus Gift 
mitbrachte. Diesen Diener verließ aber im entscheidenden Augen«^ 



MATTEO MARIA BOJARDO 1x5 

• 

blick der Mut, das Verbrechen auszuführen, er gestand seinem Herrn 
aOes und zerstörte den Anschlag. Bojardo bemächtigte sich Boiones 
sofort und führte ihn samt dem Zeugen nach Perrara zum Herzog. 
Ercole lieB das Gift imtersuchen imd gleichzeitig Marco Pio aus 
Carpi gefangen nehmen. Da es sich jedoch um die mächtige 
Familie der Pio handelte und gar um Bojardos Tante, wurde die 
ganze Sache vertuscht, nur Simone Boione aus dem Perraresischen 
ausgelesen, imd auch das für nicht gar zu lange Zeit. Simones 
Bruder gehörte zu den Altesten Reggios, so erwirkte er ein Jahr 
darauf dem Giftmörder die Rückkehr ins Vaterland. 

Der Dichter hatte seinen Glauben an Richter, Notare imd an 
Gerechtigkeit eingebüßt: 

Attendi ala giustizia, 

E ben ti guarda da procuratori, 

E giudizi e notai: chö han gran tristizia, 

E pongono la gente in molti errori. 

Stimato assai i quel ch'ha piü malizia, 

E gli ayvocati sono anche peggiori, 

Che voltano le leggi a lor parere: 

Da lor ti guarda, e ferai tuo dovere. 

(OrLIn. II. XXVni, 5z) 

Nach diesem Anschlag auf sein Leben war ein weiteres Zu« 
samnoenwirtschaften mit der Tante in Scandiano fast immöglich. 
Pur seine Hälfte Scandianos bot ihm Ercole entsprechende Güter 
auf dem Territorium von Perrara an, aber lAatteo Maria wollte sich 
des Familienbesitzes nicht entäuBem und bat den Herzog, die 
Güter zwischen ihm und dem jungen Giovanni Bojardo zu teilen. 
Der Herzog willigte ein, und 1475 wurde das Dominium den beiden 
Linien zugesprochen, wobei Scandiano im Besitze des Dichters 
blieb. Trotzdem war der Aufenthalt im elterlichen Schlosse Xllattea 
verleidet, er übersiedelte noch im gleichen Jahre mit seiner Pamilie 
nach Perrara, bewohnte einen Palazzo auf der via Ripa Grande bis 
zum Jahre 1478 imd konnte in Ruhe seiner Arbeit nachgehen, 
Vl^eder lebte er im Kreise der Humanisten, und ihrem Einflüsse ist 
es wohl zuzuschreiben, daß er Herodot und auch Xenophons 

8» 



1X6 SECHSTES KAPITEL 



yyCyropedie" übersetzte, wahrscheinlich aus dem Lateinischen, da 
seine Kenntnisse für den griechischen Originaltext nicht reichten. 
Auch gab er in gekürzter Form Apulejus ,,Asino d' oro'^ heraus. 
Gleichzeitig begann er sein bedeutendstes Werk, den „Orlando 
Innamorato'^ ; Abschnitte daraus las er an Ercoles Hof vor. 

1478 entschloß sich Bojardo nach Scandiano zurückzukehren. 
Doch war sein Aufenthalt von nur kurzer Dauer, denn Ercole er- 
nannte ihn 1481 ziun „Kapitän'S nach unserer Terminologie zum 
Gouverneur von Modena; dort residierte er über zwei Jahre. 
Die Verhältnisse waren schwierig, Bojardo scheint nicht energisch 
genug gewesen zu sein, um die Parteien in Schach zu halten, deshalb 
hieß es später, daß Modena schlecht regiert werde, „che era male 
conducta^'. Auch der Herzog scheint mit dem Dichter nicht zu- 
frieden gewesen zu sein, so nahm Bojardo gegen Ende des Jahres 
Z482 mit Ercoles Zustimmimg seinen Abschied. Roberto Strozzi 
wurde an seiner Stelle ernannt. Bojardo lebte in Scandiano wieder 
seiner Poesie. 

Aber nach fünf Jahren trat er wieder in den Dienst der Regie- 
rung. Im Januar des Jahres 1487 ernannte ihn Ercole zum Kapitän 
von Reggio, dort waren die Bojardo beliebt, und die Verhältnisse 
lagen einfacher als in Modena. Bis zu seinem Tode blieb der Dichter 
dort. Doch waren es für ihn traurige Tage. Von Anbeginn klagte er 
darüber, daß er in einer alten Zitadelle wohnen müsse, in einem 
düstem Hause, „ima trista casa^'. In Reggio mußte der neue Ka- 
pitän im Beisein eines herzoglichen Delegierten schwören, indem 
er die Hand aufs Evangelium legte, daß er seines Amtes walten 
würde ohne Furcht, ohne den Wunsch sich zu bereichem, ohne 
Vendetta-Gelüste, imd daß er bereit sei, für die Macht tmd die 
Ehre des Herzogs sein Leben einzusetzen. Nach dem Schwur 
wurde er in die Sala del Consiglio geleitet, hier begrüßten ihn die 
Anziani mit dem Prior Bartolonuneo de' Cartari an der Spitze, 
angesichts des versammelten Volkes. Bojardo hielt bei diesem 
Anlaß eine kiu-ze Ansprache, die einen sehr guten Eindruck machte 
Er selbst fühlte sich in dieser neuen Stellung gar nicht wohl. Sein 
Gehalt war viel zu klein, er hatte ein Einkommen von nur fünf- 
undsiebzig Lire monatlich, war gezwungen, fünf Pferde imd ebenso- 






MATTEO MARIA BOJARDO ZI7 

yiel Diener zu halten, von denen drei imstande sein mußten, Kriegs- 
fienst zu tun, atißerdem mußte er auch für den Unterhalt seines 
Sekretärs, des Cancelliere del Reggimento sorgen. Bei ihm wurden 
die Schlüssel der Stadttore deponiert, ihm unterstanden die Tor« 
Wächter und das Heer, das die Mauern Tag und Nacht bewacht, 
auBerdem standen die Besatzungen der Schlösser des gesamten Um- 
kreises tmter seinem Kommando. Er war der Vertreter des Herzogs, 
wachte über die öffentliche Ordnimg in der Stadt und in dem zur 
Stadt gehörigen Territorium, mit ihm muBten sich der Podesti 
und die städtische Verwaltung, die Anziani, ins Einvernehmen 
setzen. Aber gemäfi der herrschenden Sitte schickte der Herzog 
von Zeit zu 2^it außerordentliche Kommissare aus Ferrara, die für 
den Augenblick die höchste Gewalt inne hatten und sich in poli- 
tische, militärische imd richterliche Angelegenheiten einzumischen 
berechtigt waren. Es war dies gewissermaßen eine Kontrolle der 
städtischen Obrigkeit, und die Kommission war sehr wohl in der 
Lage, ihr Mandat zu mißbrauchen und die Kapitäne zu quälen* 
Zwei Mitglieder der Kommission, Beltramino tmd Lodovico Orsini, 
machten Bojardo genug zu schaffen. Wenn Beltramino, ein ferrare- 
sischer Notar, erwartet wurde, so war die ganze Stadt in Aufruhr, 
die allerbeste Wohnimg wurde für ihn vorbereitet, ausgestattet 
mit Möbeln, die bei den wohlhabenden Bürgern zusammengeliehen 
wurden, denn man fürchtete ihn mehr als den Herzog. 

Bojardo, ein gerechter, ritterlicher, sanfter, vornehmer Mensch, 
„mehr zum Dichten, als zum Strafen geeignet", mußte sich fort- 
während in langen Briefen vor dem Herzog wegen der gegen ihn 
erhobenen Vorwürfe rechtfertigen. Einmal wurde er verdächtigt, 
daß er Räuber beschütze, die sich in seinen Gütern in Scandiano 
verborgen hatten, ein andermal beklagte sich Venedig, daß in Reggio 
eine Pälscherbande venezianisches Geld nachmache. So schreibt 
Bojardo Brief auf Brief an seinen Herzog, befördert sie bald mit der 
Post, bald mit einem Boten, „sehr wichtig'', „per posta, cito, cito'S 
und nennt ihn seinen „einzigen'', seinen „besten Herrn", „meo 
unico'S „meo singularissimo Domino'^ Der Herzog bleibt ihm 
auch gnädig und bewahrt ihm sein Vertrauen, da er ihm während 
des Krieges mit Venedig aufträgt, einige Festungen zu besichtigen. 



1X8 SECHSTES KAPITEL 

um den Bestand der Waffen und den Zustand der Mauern zu prüfen. 
Nach dem Kriege erteilt er ihm sogar das von Bojardo sehr er- 
wünschte Privileg, in Scandiano w&hrend der Ostertage zehntägige 
Jahrmärkte abzuhalten. 

Aber die Tage des Glückes waren für immer vorbei. Seit 1494 
begann Bojardo zu kränkeln, dazu erlitt Italien eine Niederlage 
nach der anderen, die er vielleicht stärker als jeder andere empfand. 
In jenem denkwürdigen Jahre hat Lodovico Sforza Karl VIII. nach 
Italien gerufen. Ercole I., Sforzas Schwager, gestattete den Durch- 
gang des französischen Heeres durch Reggio und versprach, für 
einen sehr mäßigen Preis Sorge für den Unterhalt zu tragen. Die 
ganze Last des Durchmarsches der Franzosen fiel auf Bojardo. 
Er klagt über diesen Durchmarsch, schildert dem Herzog das fran- 
zösische Heer eingehend : die Leute seien zwar gut bewaffnet und be- 
ritten, doch müBten sie mit dem Teufel im Bimde sein, so häufig 
wie Ercoles Heer „diamante'* rief, schrien sie |,diable". Das 
französische Heer habe früher sogar eine Fahne mit einem ge- 
hörnten Dämon „Demonio comuto'' gehabt, erst jetzt, wohl um in 
Italien kein Ärgernis zu erwecken, sei der heilige BSartin darauf 
gemalt worden. All das schmerzte den Dichter. Italiens Unglück be- 
nahm ihm die Lust ztun Dichten imd drängte ihn doch wieder dazu. 
Mit zerrissener Seele gibt er seinem Orlando den berühmten Schluß: 

Mentre che io canto, o i>io Redentore, 
Vedo r Italia tutta a fiamma e foco 
Per questi Galli, che con gran valore 
Vengon, per disertar non so che loco, 
Pero vi lasdo in questo vano errore 
Di Plordespina ardente a poco a poco: 
Un' altra fiata, se mi fia concesso, 
Raccontervovi il tutto per espresso. 

(III, IX, 26.) 

Indes ich dieses sing — o Gott der Gütel 
Seh ich Italien rings in Flamm und Brand 
Durch diese Gallier, deren Kriegsgewüte 
Verheeren will, ich weiß nicht welches Land. 



MATTEO MARIA BOJARDO 1x9 

Dnim laB ich Flordespinen, die erglühte 
Von eitler Liebe, nach und nach entbrannt. 
Ein andermal — begünstigt Gott mein Streben — 
Hoff ich von allem Euch Bericht zu geben. 

Das Schicksal seiner Heldin konnte er nicht weiter besingen« 
Er war den ganzen Herbst schwer krank, ,,graviter aegrotans'S 
und starb am 19. Dezember 1494. 



II 

Zwischen 1475 imd 1478, während seines Aufenthaltes in Ferrara, 
schrieb Bojardo die beiden ersten Bücher seines Ritterromanes 
I, Orlando Innamorato'^ Die höfische Atmosphäre hat ihn sicher« 
lieh mit beeinflufit. Damals wie heute war der Roman eine der 
beliebtesten literarischen Formen» deren man sich bediente, um 
zu einem großen Leserkreis zu sprechen, zu Höflingen, schönen 
Frauen, taptem Rittern: „signori e dame e bella baronia". Noch 
über das XVI. Jahrhimdert hinaus beherrschen Italien Erzählui^en 
aus dem Sagenkreis Karls des Großen, aus König Artus' Tafelrunde 
und dem bretonischen Zyklus. Diese Themen, in verschiedenster 
Weise bearbeitet und mit den seltsamsten Zutaten ausgeschmückt, 
lebten im Munde der Straßensänger, die sie dem Geschmack, den 
Ansprüchen und der Phantasie ihrer Hörer anpaßten. Um die 
Wende des XV. Jahrhunderts hatte Italien seinen berühmten 
maestro di canto, Andrea dei Magnabotti, aus Barberino im Val 
d' Elsa, eine Art Alezander Dumas. Von ihm stammen die berühm- 
testen Ritterromane „Reali di Francia'' und „Guerino il Meschino'S 
die Jahrhunderte überdauert und bis auf den heutigen Tag ihre Leser 
haben, ähnlich wie „Der Graf von Monte Christo" und „Die drei 
Musketiere". In^en ,^Reali di Franda" leitet dieser südUche Barde 
in phantastischer Weise die Abstammung der fränkischen Könige 
von den Römern ab, berichtet von ihren ritterlichen Taten bis zu 
Karl dem Großen, indem, er die französische Lkeratur aufs grau- 
samste plündert. Seine Geschichte von Guerino, dem angeblichen 



X30 SECHSTES KAPITEL 

Sohn Milons von Tarent, zeichnet sich durch eine besonders kühne 
Phantasie aus. Als Milon seinen Thron verloren tind von Feinden 
ins Gefängnis geworfen wurde, rettete die Amme seinen kleinen 
Sohn tmd nahm sich des Kindes an. Aber die Korsaren raubten 
tmd verkauften ihn als Sklaven nach Konstantinopel. Hier erwarb 
er sich die Gunst des byzantinischen Kaisers und ward zu einem 
im ganzen Osten berühmten Ritter. Schrankenlos war sein Mut, 
er befreite Griechenland vom Joche der Türken, und auf der Suche 
nach seinem gefangenen Vater kam er in die verschiedensten 
Länder und gab überall Proben seiner Tapferkeit. Er bekämpfte 
die Araber und rüstete sogar zu einer Reise nach Sonne und Mond, 
um Apoll und Diana zu befragen. Nachdem er dies Abenteuer 
bestanden, ging er nach Irland, um einen berühmten, wunder- 
tätigen Ort, das Purgatorium des heiligen Patridus aufzusuchen. 
Nach einer dreiBig Jahre währenden Wanderschaft, nach Nach- 
f orschtmgen mannigfachster Art, bei denen er sogar bis in die Hölle 
gedrungen, fand er seinen Vater imd gab ihm die so lange entbehrte 
Freiheit wieder. 

Dieser Art waren die Geschichten der Cantastorie, Abenteuer, 
die in nur sehr losem Zusanmienhange standen, ohne jede künst-* 
lerische Form. In den Romanen des XV. Jahrhunderts spielen 
namentlich zwei Geschlechter eine groBe Rolle: die Chiaramonti 
und die Maganzesi; der ersten Familie entstammen die tapferen, 
großmütigen Helden, während jeder Maganzese ein Feigling, 
Betrüger und Lump ist imd das komische Element im Roman 
repräsentiert. Diese Romane wurden im XIV. und XV. Jahr- 
hundert zumeist in Stanzen geschrieben, doch war der nicht durch- 
gefeilte Vers fast barbarisch in seiner Form. Erst Luigi Pulci, der 
Florentiner (geb. 1432), gab diesen Romanen gewissermafien die 
literarische Weihe. In seiner Dichtung „II Morgante'S die 1481 
erschien, benützte er zum größten Teil den Roman „Orlando** 
eines unbekannten Verfassers, den die StraBensähger dem Volke 
sangen. In diesem Roman überwogen Episoden aus Karls des 
Großen Sagenkreis, die am meisten zur Phantasie des Volkes 
sprachen. Die Helden sind grausam und wild, der Begriff ritter- 
licher Ehre fehlt noch. Kriege, Heldentaten, Kämpfe mit dta 



MATTEO MARIA BOJARDO 12z 

Ungläubigen — bilden den Hauptinhalt. Puld schrieb für die Floren- 
tiner Bürger, nicht für Höfe und Ritter, deshalb lag ihm dieses 
Thema näher als die Gestalten aus König Artus' Kreis, die damals 
in den französischen und norditalienischen Romanen dem Ideal 
fahrender Ritter immer ähnlicher wurden. Ja, Pulci entging das 
Lächerliche dieses Rittertums nicht, er trieb seinen Spott mit Land- 
lottos edlen Nachkommen, imd sein Morgante ward so gewisser- 
maSen zum Vorläufer Don Quichottes imd Sancho Pansas. Wenn 
der Riese Morgante und sein Gefährte, der Riese Margutto, die 
gefesselte Prinzessin befreien, so glaubt man schon den spanischen 
irrenden Ritter mit seinem Knappen zu sehen: 

Disse Morgante: amedue siam giganti. 
Da te a me vantaggio veggo poco: 
Noi andiam pel mondo cavalieri erranti 
Per amor combattendo in ogni loco. 

(XIX, 37.) 

Jener Margutto ist eine die Volksphantasie fesselnde Gestalt: 
ein verschlagener Halimke, der sich zu den sieben Todsünden 
bekennt und sich freut, wenn es ihm gelungen, jemand geschickt 
zu bestehlen oder zu betrügen, dabei ist er gdegentlidi ganz gut- 
mütig. Beide sind gefräfiig wie Rabelais' Gargantua. Auf einen 
Satz verschlingt Morgante einen Büffel, ein Einhorn, einen Basi- 
lisken, ein Kamel und einen Elefanten, eine zersplitterte Fichte be- 
nützt er als Zahnstocher ; er ist so stark, dafi er Mauern mit seiner 
Faust zertrümmert, ein eisernes Tor als Schild benützt, imd wenn er 
auf dem Schiffe stranun auf dem Verdeck steht, kann er im Not- 
fall als Mast dienen. Margutto stirbt den T6<1 eines VielfraBes: 
nachdem er sich vollgefressen, sieht er einen Affen, der in seine 
gelben Stiefel fährt — er lacht aus Ldbeskräften tmd platzt. 

Für die Markgrafen und Damen des estensisdien Hofes war 
ein solcher Roman zu wild imd urwüchsig, zu wenig knüpfte er an 
die glorrdche Vergangenhdt der groBen Geschlechter, zu niedrig 
stellte er die Frau tmd die Liebe, zu wenig wurden schöne Königs- 
töditer tmd ritterliche Hddentaten gefeiert. Solchen Wünschen 
entsprach Matteo Bojardo schon besser, er, der Dichter, der am 



122 SECHSTES KAPITEL 

Hofe in ritterlichen Traditionen groß geworden» von den Gesängen 
der Troubadours gewiegt. Er begann seinen Roman etwas später 
als Puld seinen Morgante, aber ganz unabhängig vom Florentiner. 
Bojardos Phantasie standen, wie dem estensischen Hofe, die 
Gestalten des bretonischen Sagenkreises, die Helden von König 
Artus' Tafelrunde näher als die wilden Recken aus Karls des 
Großen Umkreis. Der Hof des großen Kaisers verschloß der 
Liebe seine Pforten, seine Ideale waren nur Glauben und 
Vaterland: 

Perchd tenne ad Amor chiuse le porte 
E sol si dette alle battaglie sante. 

(Orl. In. II. XVIII, 2.) 

Je verfeinerter Sitten und Bräuche wurden, desto mehr erwarb 
die Liebe sich Heimatrecht in der Literatur. Der bretonische Zyklus 
siegte. Das Eindringen des Liebeselementes und des Abenteuers 
in den Kreis Karls des Großen begann in Frankreich eher als in 
Italien, was sich an französischen Romanen aus dem Ende des 
XII. Jahrhunderts wie „Huon de Bordeaux^' oder „ Jehan de Lanson'* 
beobachten läßt. 

Zwei Elemente, zwei Zyklen, die Jahrhimderte hindurch die 
Phantasie der nördlichen und südlichen Völker beschäftigt haben, 
begannen sich gegenseitig zu durchdringen, eine organische Ein- 
heit zu bilden. Seltsam genug, die Liebe als allgewaltige Herr- 
scherin im Ritterronuui hat ihren Urspnuig im Norden, in König 
Artus' Kreis, nicht im Süden. Das Ideal der späteren Ritterschaft 
ist Tristan, sein Leitstern die Liebe, seine Waffen Mut, Kühnheit 
imd Frauenverehrung. Die Welt, in der Matteo lebte, hat die 
Tugend der Keuschheit, die den früheren Roland zierte, nicht 
begriffen; Bojardo wählt ihn zwar zu seinem Helden, doch der 
treue Kämpe Karls des Großen, der Streiter des bedrohten Christen- 
tiuns, schmachtet in Liebesfesseln. 

Bojardo nennt sein Gedicht den „Verliebten Roland'S „Orlando 
Innamorato'S und fühlt sich gewissermaßen verpflichtet, sich vor sei- 
nen Lesern zu rechtfertigen, weil er siel) dem bretonischen Kreise zu- 
gewandt imd Roland zum Liebeshelden gemacht hat. Aus der Bretagne 



If ATTEO MARIA BOJARDO 123 

holt er den Inhalt seines Gedichtes, denn dort ist der Ursprung 
des LiebeskultuSy dort leben Ritter, die die Ehre der Frauen schützen: 



Fu gloriosa Bretagna la grande 
Una stagion per V arme e per V amore, 
Onde ancor oggi il nome suo ai spande 
Si che al re Artuse fa portare onore, 
Quando i buon cavalieri a quelle bände 
Mostramo in piü battaglie il suo valore» 
Andando con lor dama in awentura 
Ed or sua fama al nostro tempo dura. 

(Orl. In. IL XVIII, z.) 

Daß er vom „Verliebten'' Roland erzählt, ist nur selbstverständ- 
lich. Turpin, jener Chronist und Bischof, der von Karls des Großen 
Heldentaten berichtet, verschweigt Rolands Liebesgeschichten, „um 
seiner Ehre nicht Abbruch zu tun''. Aber selbst diese Ritter ver- 
mögen sich der Liebe nicht zu erwehren, jeden zieht sie in ihren 
Taumel, jung imd alt, vornehm und gering, gegen den Tod und 
gegen die Liebe ist kein Kraut gewachsen. 

Gioveni e vecchi vanno alla sua danza, 
La bassa plebe col signore altiero: 
Non ha rimedio amor e non la morte; 
Ciascun prende ogni gente, e d'ogni sorte. 

(Orl. In. I. XXVIII, 2.) 

Im „Verliebten Roland" würde man vergebens nach einer ein* 
heitlichen Handltmg, die einem bestimmten Ziele zustrebt, suchen. 
Es ist ein Bukett seltsamer Kriegs« und Liebesgeschichten. Liebe 
ist die Triebfeder, die die phantastischen Gestalten dieser erdachten 
Welt bewegt, und wenn der Dichter auch seine Helden aus alten, 
verstaubten Rittergeschichten holt, das Gefühl, das sie eint und 
bindet, quillt aus seinem eigenen Herzen, aus der Erinnerung an 
seine erste starke Leidenschaft. Nicht wendet er sich nach dem 
Vorbild antiker Schriftsteller an die olympischen Götter vaa Bei- 
stand, aber die Heldin seiner, Jugendträume, Caprara, beschwört 
er, seine Begeisterung anzufachen. „Licht meiner Augen'S 



124 



SECHSTES KAPITEL 



ruft er, ,,Leben mdnes Herzens, dem ich einst anmutige Reime 
gesungen imd schöne Liebeslieder gedichtet, begeistere mich, daB 
ich die Geschichte künde'': 

Luce degli occhi miei, spirito del core, 
Per cui cantar solea si dolcemente 
Rime leggiadre e bei versi d' amore 
Spirami aiuto alla storia presente. 

(Orl. In. IL IV, i.) 

Die Heldin, der dieses Übermaß von Enq>finden gilt, ist in Bo- 
jardos Dichtung Angelika, die Tochter Galafrones, des Königs 
der Tataren; am Hofe Karls des Großen, und wo immer sie auf- 
taucht, erobert sie alle Herzen im Sturm. So wird hier zum ersten- 
mal die Frau zur wichtigsten Gestalt des Ritterromanes« 

Im Mai „a la Pas qua rosata'' hat Karl der Große die gesamte 
Ritterschaft zu einem großen Turnier nach Paris berufen. Christen 
und Ungl&ubige kamen in Scharen. Der mächtige Monarch saß 
auf seinem goldenen Throne, um ihn tafeln zweiundzwanzig- 
tausenddreißig Gäste: die Christen an den Tischen, die Sarazenen, 
die Heiden, wie Hunde am Boden auf Teppichen. Während des 
Mahles betritt den Saal eine Jimgfrau von wunderbarer Schönheit, 
„wie der Morgenstern, wie die Lilie im Garten, wie die Rose im Hain'': 

La quäl sembrava mattutina Stella 
E giglio d' orto e rosa de verzieri. 

(OrLIn,!, 2Z.) 

Viee gewaltige Recken tmd ein junger Ritter in kostbarer 
Rüstung begleiten sie. Angelika stellt den Ritter dem Kaiser als 
ihren Bruder, Uberto del Lione, vor und bittet, daß er am Turnier 
teilnehmen dürfe. Der Sieger würde zum Lohn ihre Hand erhalten.. 

Die ganze Ritterschaft entbrennt vor Verlangen, die schöne 
Frau zu besitzen. Ferragu, ein wilder Sarazene, springt als erster 
auf, ihm folgen die Paladine, der feurige Rinaldo und Roland, 
sein Verwandter, der Neffe Karls des Großen, der erste Ritter der 
Christenheit, tmd viele andere. Das Los entscheidet, in welcher 
Folge sie in die Schranken treten dürfen. Ferragu ist der glück- 



MATTEO MARIA BO JARDO 125 

Uchste, als erster soll er mit dem fremden Ritter kämpfen; Roland 
ist leider erst der dreißigste. Aber Ferragu wird bezwungen» denn er 
hat einen unüberwindlichen Gegner vor sich. Der Zauberer Malagise 
entdeckt das Geheimnis des fremden Paares. Angelika ist Galafronea 
Tochter, des Königs der Tataren auf Catajo, und ihr Bruder heiSt 
Argalia. Im Auftrag ihres Vaters sind sie nach Frankreich ge- 
kommen, um Karls des Grofien kühnste Ritter in den Osten zu ent- 
führen und dem Kaisertum seine stärkste Stütze zu nehmen. Argalia 
kämpft mit verzauberten Waffen, Angelika besitzt einen Ring, 
der sie im Notfall unsichtbar macht. Der schwarzhaarige Ferragu 
mißfällt Angelika, denn die launische Königstochter liebt die 
Blonden. Ohne den Ausgang des Kampfes abzuwarten, entzieht 
sie sich vermöge ihres Ringes den Blicken der Ritter, besteigt ihr 
Roß und zieht heimwärts in den Osten. Ihren Spuren folgen Ferragu, 
Roland und Rinaldo; der Weg. führt durch den Ardenner Wald. 
Dort stillt die müde Angelika ihren Durst an einer Quelle, die die 
Liebe anfacht, während sich Rinaldo an einer andern Quelle stärkt, 
die die Liebe löscht. Angelika verliebt sich in Rinaldo, doch sein 
Feuer für sie erkaltet. Roland dagegen brennt wie ein Vulkan für 
Angelika, er jagt ihr nach, besteht die seltsamsten Abenteuer, 
erreicht sie endlich, findet sie schlafend am Flusse, imd während er 
die Schlafende bewundert, sieht er den heranstürmenden Ferragu« 
Ein furchtbarer Zweikampf beginnt, doch während des Kampfes 
erfährt der Sarazene, seine Herrschaft in Spanien sei bedroht, der 
indische König Gradasso am Ufer der Halbinsel gelandet, das 
Reich Karls des Großen in Gefahr, Valencia eingeäschert, Aragon 
zerstört, Barcelona belagert. Als treuer Vasall kehrt Ferragu auf 
schnellstem Wege in die Heimat zurück, der verliebte Roland 
jedoch läßt nicht ab in seiner Verfolgung der tatarischen Königs- 
tochter. Auch Rinaldo kehrt nach verschiedenen Abenteuern 
nach Frankreich zurück, um sich an die Spitze von Karls Heer 
zu stellen. 

Seltsame Verwicklungen, eigenartige Zufälle spielen sich nun 
im fernen Osten ab; irrende Ritter, verlassene, hilfesuchende Frauen 
ziehen am Leser vorbei. Eine der interessantesten Gestalten ist 
der tatarische König Agricano, der natürlich gleichfalls in heißer 



126 SECHSTES KAPITEL 

Liebe für Angelika entbrannt ist; er will sie mit Gewalt gewinnen 
und belagert die Festung Albracca, in die sich die verfolgte Jungfrau 
vor ihm geflüchtet hat. Zu ihrem Verteidiger erwählt Angelika 
Roland, der rettungslos in ihren Schlingen zappelt* Der nächtliche 
Zweikampf zwischen Agricano imd Roland ist vielleicht die schönste 
Episode des Romans, Angelika liebt Rinaldo, sehnt sich nach ihm 
und beschließt, nach Frankreich zu gehen, van ihn wiederzusehen. 
Der naive Roland begleitet, schützt, verteidigt sie in allen Gefahren, 
kämpft für ihre Ehre. V^eder führt ims der Dichter in den Ardenner 
Wald und läBt Angelika und Rinaldo abennals aus den Zauber- 
quellen trinken, aber diesmal stärkt Angelika sich am Quell des 
Vei^essens, Rinaldo am Liebesquell. So wird Rinaldo Rolands 
leidenschaftlicher Rivale; die Paladine, die dem Geschlecht, dessen 
Stammvater der trojanische Hektor ist, angehören, werden er- 
bitterte Feinde. Da Karl der Grofie seiner beiden tapfersten Ritter 
nicht entraten will, ersinnt er einen Ausweg: dem Sieger im Kampf 
t mit den Sarazenen verspricht er Angelikas Hand. Mit diesem 
Schicksalsspruch des großen Kaisers bricht Bojardo seine Erzählimg 
ab; hier hat Ariost später mit seinem Rasenden Roland eingesetzt. 

Am meisten weichen in Bojardos Dichtung von den früheren fran- 
zösischen Romanen ab Roland selbst imd die vielen neuen Frauen- 
gestalten, die die Erzählimg beherrschen. Dieser veränderte Roland ist 
das Symbol des veränderten Rittertums um die Wende zwischen dem 
XIV. tmd XV. Jahrhundert. Es ist nicht länger jener starke Held, 
der bereit ist, sein Vaterland Frankreich und den Kaiser zu schützen, 
der im Engpaß von Roncesvalles mit seiner letzten Kraft Karls 
Durchgang von Spanien nach Frankreich verteidigt. Nicht jener 
Roland, der die Liebe nur als weibische Schwäche imd Krankheit 
estimiert und keusch lebt, sondern ein liebestoller Ritter, der Gott 
anfleht, die heiligen heimatlichen Standarten, Frankreichs goldene 
Lilien zu zerstören, Karl den Großen und sein Heer zu vernichten, 
denn nur auf Frankreichs Trümmern und den Leichen seines er- 
lauchten Geschlechtes kann Angelika sein werden. Der große 
Roland ist klein geworden — aus dem Helden der irrende Ritter. 

Aber er ist auch nicht der höfische liebenswürdige, galante 
Frauenverehrer und Ritter des estensischen Hofes, sondern ein 



If ATTEO MARIA BOJARDO 227 

zügelloser Held des Lagers, aus dessen Herz Flammen schlagen, 
ein unverdorbenes, seltsam naives Kind, das nichts von Frauenlisten 
ahnt. Im Zorn zittern seine Lippen, und sein Mund sprüht Feuer; 
nach dem Zweikampf mit Rinaldo erregen seine haßverzerrten 
Züge, selbst da er schläft, noch Grausen. 

Frauen gegenüber, imd namentlich, wenn es eine so raffinierte 
Kokette ist wie Angelika, ist er schüchtern, tmgeschickt imd begeht 
eine Albernheit nach der andern. Nach seiner Rückkehr aus dem 
Gefängnis in Dragontino löst ihm Angelika selbst den Panzer, 
richtet ihm das Bad, salbt seinen Körper, küßt ihn voller Zärtlich- 
keit, Roland ist beschämt, schüchtern, beherrscht seine Leiden- 
schaft — imd geht zu Bett. In Angelikas Händen ist er nichts als 
ein gutwilliges Werkzeug ihrer Eitelkeit imd ihrer egoistischen 
Pläne. 

Und doch ist dieser Roland, der sich selbst seiner Liebe wimdert, 
trotz seiner Naivität imd brutalen Kraft schon ein Renaissance- 
Mensch, der absolut „fortschrittliche'^ Begriffe von ritterlichen 
Tugenden hat. Sehr bezeichnend dafür ist seine Unterhaltung 
mit Agricano, der behauptet, es sei eines Ritters unwürdig, sich 
mit Wissenschaften abzugeben« Der tatarische König berichtet, 
er habe in seiner Jugend seinem Lehrer den Kopf zerspalten und sich 
auf diese Weise der Zudringlichen entledigt, die ihm die Kunst des 
Schreibens und Lesens beibringen wollten. Ein Ritter müsse reiten, 
jagen, fechten, aber es stehe ihm schlecht, über Büchern zu brüten: 

Ui mi par che convenga a gentilezza 
Star tutto il giomo ne' libri a pensare. 

(OrL In. I. XVIII, 43.) 

Roland dagegen erklärt zu unserer großen Überraschung, 
Wissen schmücke den Ritter wie die Blume die Wiese, Wissen 
allein erhebe Herz und Sinn zum Schöpfer aller Dinge, und wer es 
verachte, gleiche einem Stein, einem Stück Holz, einem Ochsen. 

Ed i simile a un bove, a un sasso, a un legno, 
Chi non pensa a V eterno Creatore ; 
Nd ben si pud pensar, senza dottrina. 

(Ibid. 44.) 



128 SECHSTES KAPITEL 

Trotz dieses neiizeitlichen Anstriches ist Roland von italienischer 
Kultur gänzlich unberührt. Er sieht furchtbar aus; schielt auf 
einem Auge, seine dichten, gestr&ubten Brauen starren wie bei 
einem Luchs; im Schlafe schnarcht er, daß die Mauern zittern, 
benagt seine Nägel mit den Zähnen, und sein Geruch verrät ihn 
schon von weitem. Was Wimder, daB die schöne, leichte, launische 
Angelika sich nicht in ihn verlieben kann? 

In Angelika personifiziert Bojardo eine jener koketten, verdor- 
benen Salonlöwinnen, wie er sie an italienischen Höfen häufig 
genug gesehen haben wird. In der Schilderung ihres Charakters 
rächt er sich für Capraras Untreue, die ihm ihr ganzes Geschlecht 
verleidet hat. Von der Treue der Frau hat er einen sehr schlechten 
Begriff, er glaubt, daß ihre Liebe kaum einen Tag währe. 

lo non credo apena, 

Che un giomo intiero amore in donna dura 

heißt es in einer seiner Kanzonen. 

Das Bild, das er von Angelika entwirft, entspricht ihrem Cha- 
rakter vollkommen: 

Candido ha il viso e la bocca vermiglia, 

Suave guardatura et affalata, 

Tal che dascun mirando il cor gV impiglia 

La chioma bionda al capo rivoltata, 

Un parlar tanto dolce e mansueto 

Ch' ogni triste pensier tomava lieto. 

(Ori. In. I. ZXVII, 60.) 

Trotz ihrer süßen, einnehmenden Blicke schickt Angelika 
Roland im Augenblicke, wo sie ihn nicht mehr braucht, zur Zauberin 
Morgana, in der Hoffnung, daß er dort seinen Tod finden wird. 

Angelikas Gegenstück im Gedicht ist die Königin Marfisa, eine 
heldische, schöne, kühne, mutige, stolze Frau, kräftig wie ein Mann, 
ein Typus, wie man ihn bisweilen im Mittelalter und in der Renais- 
sance findet. Sie kämpft mit wirklichen Waffen, nicht mit List und 
Koketterie, imd als sie Roland mit der Faust ins Gesicht schlägt, spritzt 
ihm das Blut aus Nase und Ohren. Sie hat einen Eid geschworen, ihren 



MATTEO MARIA BOJARDO 129 

eisernen Panzer nicht eher abztüegen» als bis der groSe Kaiser ihr 
Gefangener geworden. Deutlich, plastisch schildert sie Bojardo: 

. Vom Helm entblößt zeigt sie ihr Antlitz hier, 
Nichts Schöneres sah man auf dem Erdenrunde. 
Das Haupt lunflicht der blonden Locken Zier, 
Ihr Auge gibt von Stemenklarheit Kunde. 
Und diesem Reiz ist alles gleich an ihr; 
Gewandt in jeder Regimg, kühn von Munde, 
Groß von Person, ein wenig braun von Haut, 
So stellt Turpin sie dar, der sie geschaut. 

(Orl. In. XXVII, 59.) 

Bojardos ritterliches Ideal ist nicht Roland, sondern der Sarazene 
Brandimarte. Mit besonderer Liebe hat der Dichter diese Gestalt 
gezeichnet, ein kühner, gewandter Ritter, voller Gentilezza, den 
Roland im Gefängnis zum Christentum bekehrt* Es ist für die 
damaligen Anschauui^en von Ritterlichkeit sehr bezeichnend, 
daß der Sarazene eine der sympathischsten Gestalten des Gedichtes 
ist. „La Cavalleria", die Ritterlichkeit, stand fast höher als die 
Religion, dank ihr wurden Christ imd Mohammedaner gleich, und 
der wahre Ritter hatte ein Anrecht auf religiöse Toleranz. Ge- 
wissermaßen zwischen Roland imd Brandimarte stehen: der Paladin 
Rinaldo, ein Riese von unerhörter Kraft, der im Zweikampf mit 
Roland solche Streiche führt, daß er ihm ohne den Stahlhelm 
tmfehlbar „das Gehirn ins Maul geschlagen hätte'S sowie Rogier, 
ein Jüngling edelster Abstammung, in dem väterlicherseits das Blut 
Alezanders des Großen und mütterlicherseits das des trojanischen 
Hektor fließt* Rogier liebt Rinaldos Schwester, heiratet sie und wird 
zum Ahnherrn des estensischen Geschlechtes. Es war Brauch am 
ferraresischen Hof, Rogier als Stammvater der Este zu feiern, schon 
Tito Strozzi imd Prisdanus in seinen „Annales f errarienses'' kennen 
diese Genealogie. Schon sie haben gegen jene für die Este 
beschämende Tradition Einspruch erhoben, als wenn der Stamm- 
vater des Geschlechtes Gano wäre, der Verräter von Roncesvalles. 

In Bojardos Gedicht darf man so wenig nach psychologisch 
durdigeführten Charakteren suchen, wie den inneren Triebfedern 

9 



130 SECHSTES KAPITEL 

des Handelns der Menschen nachgehen. Die auftretenden Persön- 
lichkeiten sind so dargestellt, wie ihre Handlungen sie nach außen 
spiegeln, ihre Porträts sind nur mit einigen kühnen Pinselstrichen 
hingesetzt; aber in kulturhistorischer Beziehiuig ist das Gedicht 
sehr fesselnd, wir finden viele Züge der Gesellschaft wieder, in der 
Bojardo gelebt hat. Viel Kraft tind Phantasie, und der größte Vor- 
zug der Dichtimg ist ihre Jugend, die in jeder Zeile lebendig ist, 
Jugend der Epoche, Jugend der Phantasie, Jugend im Ausdruck. 
Im Frühling spielen sich die Hauptereignisse ab, und dieser Früh- 
ling prangt im Blütenduft, strahlt in südlicher Sonne. Mit dieser 
Jugendlichkeit einen sich Heiterkeit, Humor und eine leichte Ironie, 
die wie eine leise Melodie über dem Ganzen schweben. Trotz ihrer 
unmöglichen Unternehmungen wirken Bojardos Helden nicht lächer- 
lich, denn die Phantasie des Verfassers ist so stark, daB sie über Natur- 
gesetzen zu stehen scheint. Im Zauber der Dichtung glauben wir gut- 
willig, daß ein Walfisch zwei Meilen lang ist, oder daß neunzig Ritter 
gegen das zwei Millionen starke Heer Agricanos gekämpft haben. 
Bojardos Dichtung gleicht jenen Bildern der Frührenaissance, 
die trotz mancher Seltsamkeit in der Zeichnimg tmd in den Details 
durch ihre Kraft tmd Ursprünglichkeit stark auf uns wirken. Die 
Phantasie des Dichters erfindet die merkwiirdigsten Geschichten 
tmd Gestalten, mit vulkanischer Kraft wird eine farbige, schöne, 
seltsam schillernde Welt herausgestoßen. Das Gedicht hat keinen 
Zweck irgendwelcher Art, es lehrt nichts tmd will nichts beweisen, 
es ist Spiel tmd Scherz. Bojardo schreibt für eine Gesellschaft, die 
im Überfluß tmd Luxus lebt, sich weder imi religiöse noch soziale 
Fragen kümmert, er schreibt nur, um seinem Schaffensdrang Genüge 
zu ttm tmd das Verlangen nach Schönheit bei den Menschen, tmter 
denen er lebt, zu stillen. „Nichts mehr verlange ich,'^ sagt er, 
„als daß Ihr mich anhört in Heiterkeit tmd Freude.'' Erst am 
Schluß des Romanes imiwölkt sich seine Stirn angesichts der Stürme, 
die Italien bevorstehen, er ahnt andere Zeiten, andere Möglich- 
keiten, tmd das Gedicht klingt elegisch aus. Bojardos Wtmsch 
ging in Erfüllung, er wurde gelesen „in Heiterkeit tmd Freude". 
Seine Gesänge wurden, tmmittelbar nachdem sie entstanden, für 
Ercole und andere Persönlichkeiten des estensischen Hofes 



MATTEO MARIA BOJARDO X3I 

abgeschrieben. X49i> während Isabella d'Estes Aufenthalt in Mai- 
landy entspann sich ein lebhafter Streit zwischen ihr und Galeazzo 
msconti, welcher der Paladine, Roland oder Rinaldo, in ritter- 
lichen Tugenden, in Mut und Ehre höher stünde. Isabella trat für 
Rinaldo ein, während Galeazzo Rolands Partei ergriff. Der Streit 
b^ann im Augenblick, da die Bffarkgräfin, Visconti und der gesamte 
Hof Paria mit dem Schiff verlieBen; Isabella geriet in solche Hitze,da8 
sie laut schrie „Rinaldo! Rinaldol'S wie der StraBenpöbel, der wäh- 
rend der Revolution „Diamantel Diamantel'' oder „Velal Vela" 
gerufen hatte. Selbstverständlich überzeugten die literarischen 
Gegner einander nicht, imd als Isabella Mailand verließ, wurde brief- 
lich weiter gekämpft. Einige Briefe von Galeazzo an Isabella sind auf 
uns gekommen, sie sind ein interessanter Beweis, welches Interesse 
Bojardos Roman bei den Zeitgenossen erweckt hat. Außerordentlich 
energisch und mit viel Humor tritt Galeazzo für Roland ein, er glaubt, 
daß auch Isabella das Zwecklose einsehen würde, einen Verräter 
und Verbrecher wie Rinaldo zu verteidigen. Roland ist der wahre 
Christ, „christianissimo'S beständig, tapfer, klt^, gemäßigt, mit- 
leidig, gerecht, gütig, der Verteidiger der Kirche, der Schutz der 
Witwen und Waisen, dessen Platz im Himmel sicherlich neben den 
Heiligen sein wird. Rinaldos Leben dagegen ist eine Kette von 
Verbrechen, er ist ein hochmütiger Abenteurer, der nur Straßenhändel 
sucht, ein Lügner und Räuber, imd wäre er nicht mit Karl demGroßen 
und Roland verwandt — er faulte längst im Gefängnis. Zwar liebe 
Roland Rinaldos Gesellschaft, aber nur imi Rinaldos Heiterkeit willen. 

Halb im Scherz kämpft die Bffarkgräfin hartnäckig für Rinaldo. 
Sie droht ihrem Gegner, er würde, wenn er ihren Helden so 
beschimpft, jetzt um Ostern, wo man dem Nächsten seine Sünden 
verzeihe, Schaden nehmen an seiner Seele. Um Galeazzos Argu- 
mente tun so eindringlicher zu bekämpfen, bittet Isabella im August 
1491 Bojardo um die Fortsetzung seines Gedichtes, und als sie 
von ihm erfährt, daß er nichts Neues geschaffen, verlangt sie zum 
mindesten die beiden ersten Bücher des „Verliebten Roland". 

Als Vollblut-Italienerin mußte Isabella Rinaldo höher schätzen 
als Rolande Der Streit um die beiden Romanhelden zwischen der* 
Markgräfin und Galeazzo scheint die Höfe in Mantua und Mailand 

9* 



132 SECHSTES KAPITEL 

lebhaft beschäftigt zu haben; in Galeazzos und Lodovico Sforzas Um- 
gebung mufi es sogar zwei Parteien gegeben haben, und Bellincioni, 
Moros Hof dichter, verherrlicht diesen literarischen Kampf in Sonetten. 
Der Dichter steht erst auf Rinaldos Seite, dann ergreift er Rolands 
Partei und versucht Isabella zu veranlassen, ihre Ansicht zu ändern 
und ihren Irrtum einzugestehen, denn irren wäre menschlich. 
Umana cosa i, dice la scrittura, 
L' errare, e cosa angelica ancor pone, 
L' emendarsi, e non far quäl Faraone, 
Con r ostinata mente cieca e dura. 
Daher „Markezana", schließt Bellincioni, „laß Rinaldo, diesen 
Auswurf der Natur, fahren, che fu proprio uno scandal di natura, 
und bekehre Dich zu Roland/' 

Isabella hatte für Bojardo, den sie als Dichter und Kavalier 
schätzte, eine besondere Vorliebe. Nach den Absichten des Ver- 
fassers sollte „r Itmamorato'' Isabella gewidmet sein. Die kaum 
zweiundzwanzigjährige Herzogin und der greise Dichter schrieben 
sich g^enseitig bewundernde Briefe. 

Bojardos Roman strotzt von Provinzialismen. Die Sprache ent- 
spricht den Anforderungen der jungen Generation nicht mehr, 
die die toskanische, durch klassische Vorbilder gereinigte Mundart ein- 
zuführen begann. Nach Aretins Urteil ist der „Verliebte Roland'' von 
heroischer Schönheit,aber die Sprache ist trivial und einzelneAusdrücke 
direkt plebejisch und veraltet. Es fehlte nicht an Literaten, die Bojar- 
dos Werk verbessern und umarbeiten wollten, wie Bemi und Lodovico 
Domenichi, aber das italienische Publikum verwarf den verbesserten 
Bojardo und schöpfte am wahren Quell der Kraft imd Poesie. Ziem- 
lich viel Erfolg hatte Francesco Bello,Cieco benannt, ein armer elender 
Dichter, der zumeist bei den Gonzaga lebte, mit seinem Roman 
„Mambriano" (1490 — 96), der den „Verliebten Ro- 
land" weiter ausbaut, aber erst Ariost verstand 
es, den goldenen Faden der phantasti- 
schen Begebenheiten von Bo- 
jardos Helden weiter 
zu spinnen. 



SIEBENTES KAPITEL 

DAS JUNGE FERRARA 



I 



Rotterdamus kam 1508 nach Venedig, um bei 
anuzio eines seiner Werke herauszugeben; es 
te ihn nicht wen^, daB verschiedene der dortigen 
en nicht lateinisch mit ihm sprechen wollten, 
m sie die Sprache vollkommen beherrschten. 
1er Florentiner Historiker, Bemardo Rucellal, 
war damals in Venedig, und als Erasmus ihn in Gesellschaft traf, 
sprach er ihn lateinisch an. Der Florentiner gab ihm eine liebens- 
würdige italienische Antwort, als aber Erasmus sagte, daB ihm das 
Italienische so fremd sei wie das Indische, und er zu ihm wie zu 
einem Tauben spreche, erwiderte Rucellai kein Wort mehr und 
gab vor, Erasmus nicht zu verstehen, ot^leich er lateinisch nicht 
weniger rein als Sallust schrieb. 

Die Italiener waren zur Überzeugung gekommen, daß der Ge- 
brauch der alten Sprachen der Entwicklung des ,,Volgare" Abbruch 
tue, deshalb führten sie Im Alltag wie In der Literatur einen heifien 
Kampf mit dem Lateinischen. In den letzten Jahrzehnten des 
XV. Jahrhimderts begann dieser Sprachenkampf und wurde In 
Ferrara vorbereitet. Tito Strozzis schriftstellerische Begabung, 
seine heftige Oppo^on gegen die Einführung des Italienisdien 
in die Literatur war, wie wir gesehen haben, die Hauptstütze der 
Humanisten in Ferrara, selbst Ercole hat auf ihn Rücksicht ge- 
nommen. Strozzl hatte an der im hiimanistischen Sinne ge- 
leiteten Universitftt eine Stütze, namentlich da dort der sehr 
tüchtige Lthnt Bltet Sprachen, Battista Guarino, der Sohn des alten 



X34 



SIEBENTES KAPITEL 



Veronesen, tätig war. Aber der in den Rahmen der Universit&ts- 
Wissenschaften eingespannte Humanismus war nicht mehr jener 
zündende Funke, den Filelfo, Valla oder der alte Guarino entfacht 
hatten. Die Korporationen der Gelehrten, die Akademien und häufig 
auch die Universitäten waren nur die Begräbnisstätten großer 
Gedanken. Sobald eine Idee in akademischen Kreisen Eingang 
geftmden hatte, gehörte sie der Geschichte an und wurde steril. Die 
Professoren sangen ihr noch das de profundis. 

Andere Strömungen waren in Italiens jüngerer Generation 
wirksam, lilan strebte nach einer klaren Vorstellung der Antike, 
begann die Autoren in reineren Texten zu lesen, suchte in ihren 
Geist einzudringen, die alte Kultur mit den Errungenschaften der 
christlichen Welt zu vergleichen und begann den eroberten Schatz 
von allen Seiten eingehend zu betrachten, lilan verstand jetzt 
unter philologischer Arbeit etwas anderes als zu Beginn der Re- 
naissance, wo die Geister von der Größe der neuentdeckten, antiken 
Schriftsteller so geblendet waren, daß sie, ohne Rücksicht auf das 
Bestehende, die alte Kultur sklavisch nachahmen wollten. Jetzt 
begann man darüber nachzudenken, wie sich das errungene Wissen 
am besten verwerten ließe. Die Epoche der rückhaltlosen Nach- 
ahmung war zu Ende. Die ferraresische Jugend begann zu forschen, 
und von nicht geringem Nutzen war ihr dabei die Bibliothek der 
Este, die neben den Werken klassischer Autoren provenzalische 
imd andere Handschriften bewahrte. Neben der kritischen Arbeit 
regte sich bei erlesenen Geistern die schöpferische. Fast die gesamte 
jüngere Generation der Dichter und Literaten hatte unter dem 
Einfluß der Antike lateinisch zu schreiben begoxmen, und ging 
später zum Italienischen über. 

Der alten Schule am nächsten stand Ercole Strozzi, Titus Vespa- 
sianus Sohn, den der Vater im Ktilt des Lateinischen erzogen hatte. 
Einige Historiker der Renaissance stellen ihn als lateinischen Dichter 
höher als den Vater. Jedenfalls hatte Ercole mehr Phantasie und 
Gestaltungskraft als Titus, der Vater dagegen erreichte die alten 
lateinischen Schriftsteller fast im leichtflüssigen Vers und in der 
gewählten Sprache. Obgleich Ercole auf einem Fuß hinkte, war 
er der berühmte Held imzähliger Liebesgeschichten, sie ver-P 



DAS JUNGE FERRARA 135 

mehrten zwar die Zahl seiner erotischen Gedichte, wurden aber auch, 
wie wir später sehen werden, die Ursache seines tragischen Todes* 
Es hieB von ihm, daB ihn leichte Romane und leichte Elegien be- 
schäftigten, „i fadli amori e intomo a questi, le fadli e piü culte 
el^;ie''. Sein berühmtestes, in Hexametern verfaßtes Gedicht war 
„Genethliacon'S das von Schmeicheleien für die Este, Borgia tmd das 
Haus von Aragon überfloß. Jenes höfische Wesen und das Kriechen 
vor den mächtigsten Geschlechtem fraß wie ein Krebsschaden an 
den bedeutendsten Geistern der Renaissance« Auch Ercole war 
nicht unter jenen, die die Zukunft bezwungen haben. Anders 
Giovanni Pico della Mirandola (1463 — 1494), er gehörte jenem 
hiunanistischen Kreise an, den Titus Vespasianus mit seinem 
klassischen Übergewicht erdrückte. Pico war als Polyhistor und 
Philosoph berühmt, es hieß von ihm, daß der Geist eines ganzen 
Jahrhunderts nur einen Mann von solchem Wissen tmd Wert er« 
zeugen könne* Die Zeitgenossen nannten ihn den Phönix unter 
den Genies, „fenice degP ingegni'S und Polizian pries ihn als das 
Licht aller Wissenschaften, „Picus omnium doctrinarum lux*^ 
Pico hatte sein Wissen in Ferrara erworben. 

Die Familie der Pico aus Mirandola gehörte zu jenen Geschlech- 
tem, die den Hof der Este umkreisten, häufig nach Ferrara kamen 
und sich fast als ihre Vasallen betrachteten; sie hatten eine Be- 
sitzung Corbula auf ferraresischem Gebiet, und ihre Beziehungen 
zu Ercole waren besonders eng, da Bianca Maria, des Herzogs 
natürliche Schwester, mit Galeotto Pico della Mirandola ver- 
heiratet war. Galeottos jtmger Neffe, Giovanni, Gianfrancesco 
Picos und Giulia Bojardos Sohn, kam studienhalber nach Ferrara, 
war Guarinos eifriger Hörer und Tito Vespasiano Strozzis Freund* 
Giovanni studierte nicht nur griechisch, sondern auch chaldäisch 
und hebräisch, ließ m Ferrara die Werke der Alten für sich ab« 
schreiben tmd galt sehr bald als Autorität in klassischen Sprachen. 
Nach Tito Strozzis Aussage war er allen Zeitgenossen in der Kenntnis 
des Gfiecfatschen und Lateinischen überl^en. Niemand hat die 
Gesetze der Natur tiefer erforscht und niemand kannte den Lauf der 
Gestirne besser. Pico war Meister in Mathematik und sprach trotz 
seiner Gelehrsamkeit so fließend, daß ihm auch darin niemand 



136 SIEBENTES KAPITEL 

gleichkam. »Wer gehört hat, wie Du über theologische Fragen 
sprichst/' schreibt ihm Strozzi, ,^ömite Dich für einen ausgezehrten 
Greis halten, und doch deckt kaum leichter Flaum Deine rosigen 
Wangen/' Diese rosigen Wangen und das lange Blondhaar trugen 
dazu bei, daß Giovanni als der Anmutigste unter der damaligen 
ferraresischen Jugend galt. Ebenso schnell wie sein VKssen um die 
Sterne erwafb er sich die Herzen der Frauen. 

Das Resultat dieser Abenteuer waren Liebesgedichte; prak- 
tischer als Strozzi besang er seine Geliebten italienisch, so daB 
sie die Gedichte auch lesen konnten. Er scheint sich dieses 
Überschreitens der Vorschriften der älteren Humanisten jedoch 
geschämt zu haben, vielleicht auch des gar zu leichtfertigen 
Tones seiner Gedichte, jedenfalls hat er diese Seitensprünge 
seiner jugendlichen Phantasie später verbrannt, „religionis causa", 
wie €»s hieß. 

Studienhalber ging Pico von Ferrara aus nach Bologna, später 
nach Paris und Florenz, wo er Lorenzo Medici kennen lernte. Er 
verschlang jegliches Wissen und ließ sich sogar insgeheim aus dem 
Osten einen in der Kabballstik erfahrenen Mann kommen, der ihn 
bei verschlossenen Türen in die von der Kirche verworfene Lehre 
einführte. * Seine Anschauungen über die östliche Kabbala legte er 
später im Werke nieder „Conclusiones Cabalisticae". Aus Florenz 
schickte Giovanni allen hervorragenden Gelehrten netmhundert 
Thesen, die er in Rom im Jahre i486 der ganzen Welt gegenüber 
zu verteidigen sich verpflichtete, indem er die Gelehrten auf- 
forderte, auf seine Kosten hinzukommen. 

Das Ergebnis dieses Auftretens war ein ungeheures Aufsehen, 
viel Feindschaft unter den Gelehrten, Innozenz' VIIL Zorn, der ihn 
der Heresie bezichtigte — da packte ihn der Ekel vor der Welt, 
er widmete sich theologischen Studien imd lebte von jetzt an wie 
ein Klosterbruder auf seinen ländlichen Besitzimgen in Corbula 
im Ferraresischen oder in seiner Villa Quaroeto bei Fiesole. Er 
begann sich zu kasteien, durch Fasten zu quälen, sein Vermögen 
unter die Armen zu verteilen, hatte die Absicht in ein Domin&aner* 
kloster einzutreten und barfuß im härenen Gewände Gottes Wort 
zu verkünden. 



DAS JUNGE FERRARA 137 

Sein Körper vermochte dem kühnen Flug seines Geistes nicht 
standzuhalten, und Giovanni starb als BinunddreiBigjähriger am 
14. November 1494. 

Auf seinen Tod schrieb Giovanni Battista lilantovano ein 
Distichon, das den Bruch in der Seele dieses tmgewdhnlichen Men- 
schen mit wenigen Worten charakterisiert. Der Gelehrte hatte sich 
in einen Heiligen gewandelt: 

Picus Joannes, coelos elementa Deumque 
Doctus, adhuc iuvenis, sanctificatus obit. 

Giovanni della Blirandola steht als erster in der Reihe jener 
kranken Renaissancemenschen, die, unzufrieden mit sich und 
den religiösen tmd sozialen Zuständen, sich der Mystik eigeben. 
Aus den Werken, die er hinterlassen, spricht ein Mensch von un- 
erhörtem Gedächtnis, der das gesamte damalige Buchwissen ver- 
schlungen, dabei aber seinen gesunden Verstand eingebüfit und 
in ein Chaos von Theologie, Philosophie, Kabbalistik, Magie und 
Naturwissenschaft versimken ist, ohne einen Ausweg zu finden. 
Er wollte, wie viele seiner Zeitgenossen, Piatos Philosophie mit dem 
Christentum vereinigen, das Wissen mit dem Glauben. Ein tm- 
mi^liches Unterfangen, das weniger robuste Geister zur Zerrüttimg 
geführt hat. 

Die meisten Familien der norditalienischen Höfe waren unter- 
einander verwandt. So war Giovannis Schwester Catfaerina mit einem 
Nachbarn, Lionello Pio aus Carpi, verhekatet, aus jener stillen, 
heute verfallenen Stadt, wo nur das stolze Schloß der Pio imd 
einige Kirchen als Zeugen einer jetzt versunkenen Kultur übrig- 
geblieben sind. Die Höfe zu Mirandola und Carpi wetteiferten in 
der Pflege von Wissenschaft und Kimst. Die Pio gehören zu den 
alten ghibeUinischen Geschlechtem und hatten dem Kaiser Heeres- 
folge geleistet. Catherina Pio war eine ungewöhnlich gebildete Frau; 
früh verwitwet, lebte sie der Erziehung ihrer Söhne Alberto und 
LioneBo. Für den kaum vierjährigen Alberto hatte sie aus Rom den 
jungen Humanisten Aldo Manuzio ab Lehrer kommen lassen, der 
damals schon wegen seiner gründlichen Kenntnis des Griediischen 
bekannt war. Einige Jahre unterrichtete Aldo Alberto in Carpi, 



Z38 SIEBENTES KAFTTEL 

um 1481 ging er mit seinem Zögling nach Ferrara, wo auch 
ein Onkel des Knaben, Giovanni Pico, lebte« Durch Aldo lilanuzio 
tmd seinen Schüler ward der Kreis der Humanisten in Ferrara yer- 
gröBert, und Ercole Strozzi nahm sofort beim berühmten Florentiner 
Unterricht im Griechischen. Aldos Aufenthalt in Ferrara war dies- 
mal nur von kurzer Dauer, er mußte vor den venezianischen Söld- 
nern, die 1482 die Stadt belagerten, flüchten. Die Beziehungen Aldos 
zu den Este waren von Bestand, auch Alberto war ein häufiger 
Gast in Ferrara, mufite er doch die Interessen seines kleinen Land- 
chens wahren, da der Herzog ein Auge auf Carpi geworfen und die 
Absicht hatte, es zu annektieren tmd Ferrara einzuverleiben. 

Aldo blieb fürs erste in Carpi. Lehrer tmd Schüler wurden all- 
mählich Fretmde; dies Verhältnis hat ihr ganzes Leben angehalten 
und wurde ein wichtiger Faktor in der Entwicklung des Studiums 
alter Sprachen in Italien. Beide waren gleich eifrig, und so war 
Carpi kurze Zeit ein wichtiger Mittelpunkt für wissenschaftliche 
Arbeit. Alberto genügte das Studium der Antike nicht, er wollte 
sich auch in Naturwissenschaften, in Astronomie tmd Astrologie 
vertiefen. Die vatikanische Bibliothek bewahrt einen lateinischen 
Kodex, die Übersetzung eines hebräischen Werkes über Astrologie, 
die ein französischer Jude Izaak gemacht tmd die Alberto Pio 
abschreiben ließ. Er benützte jede Gelegenheit, um sein Wissen 
zu vermehren. In Carpi lebte Jacopo Berengario, der Sohn eines 
dortigen Chirurgen, der tun fünfzehn Jahre älter als Alberto war; 
als Entgelt für Aldos griechischen Unterricht tmterwies er Alberto 
in Anatomie, das Demonstrationsobjekt war ein geschlachtetes 
Schwein. Bereng^o war später als Arzt geschätzt tmd galt als 
einer der berühmtesten damaligen Anatomen. 

Auch Giovanni Pico war 1485 einige Zeit in Carpi. Damals 
scheinen die drei jungen Leute den Plan gefaßt zu haben» eine 
Druckerei zu gründen, um texüich einwandfreie Atisgaben griechi- 
scher und lateinischer Klassiker herzustellen. Damit sollte einem 
empfindlichen lAangel abgeholfen werden. Lateinische Bücher 
waren zwar schon in großer Anzahl erschienen, aber die Ausgaben 
wimmelten von Fehlern, griechische Bücher exiatierten jedoch 
katun. 



DAS JUNGE PERRARA 139 



welchem Eifer sich Aldo an die Arbeit machte, geht aus 
einem Passus seiner Dedikation einer griechischen Ausgabe henror. 
,,Gott ist mein Zeuge/' schreibt er, „daB ich nichts sehnlicher 
wünsche, als zu nützen. Ich schmeichle mir, daB mein bisheriges 
Leben dies bewiesen hat, und ich werde suchen, es zu beweisen, 
solange Gott mich in diesem Jammertal erhält« Zwar könnte ich 
ein ruhiges, sorgenfreies Leben führen, aber ich ziehe Mühe tmd 
Arbeit vor, denn die Aufgabe des Menschen besteht nicht in Freuden 
und Lustbarkeiten, die des Gelehrten unwürdig sind, sondern 
mühselige Arbeit ist seine Bestimmtmg. . . .** 

Die neue Druckerei gründeten die Fretmde nicht in Carpi, sondern 
in Novi, einem kleinen, gleichfalls den Pio gehörenden Städtchen. 
Carpi sollte der Sitz einer Akademie, als Sammelpunkt humanisti- 
scher Studien werden. Es waren kühne Pläne; Alberto Pio versprach 
Aldo die Einkünfte seiner groBen Ländereien für den Bestand der 
Druckerei zu opfern und die Zukunft des Humanisten sicher- 
zustellen. 

Die Druckerei in Novi konnte sich nicht lange halten; Albertos 
Vetter, Gibert Pio, bemächtigte sich Carpis und vertrieb Alberto, 
der Z496 nach Ferrara flüchten muBte. Aldo hatte in Novi Aristo- 
teles „Organon^^ herausgegeben, das Buch war Alberto gewidmet, 
und die Vorrede klang nicht weniger zärtlich als jene, die Horas 
an Mäcenas gerichtet: „Oh, mein Schutz, oh, meine Zierde/' 

Aldo blieb längere Zeit in Ferrara, dann beschloß er seine 
Druckerei nach Venedig zu verlegen, da man dort am ruhigsten 
und sichersten seiner Arbeit leben konnte. Das trübte jedoch sein 
freundschaftliches Verhältnis zu seinem einstigen Schüler in keiner 
Weise, Alberto Pio blieb zeitlebens Protektor von Aklos Ver- 
lag tmd war immer bereit, ihn mit Geldmitteln zu unterstützen. 
Im Januar des Jahres 1513, kurz vor Julius IL Tode, setzte Alberto 
beim Papst ein wichtiges Privileg für Aldo durch: der Nachdruck 
seiner Bücher war bei Androhung des Bannes verboten. Dank 
Albertos Bemühungen bestätigte auch Leo X. diesen Gnadenakt. 
Alberto schätzte und liebte Aldo so sehr, daB er ihm im Jahre 1504 
sogar sein Wi^ipen zuerteilte und ihm die Führung des Namens 
Pio gestattete. Seitdem zeichnete der venezianische Drucker Aldus 



140 



SIEBENTES KAPITEL 



Pius lilanutius Romanus und benützte den silbernen Adler im 
roten Feld als Wappen. Auch nach Aldos Tod unterstützte Alberto 
den berühmten Verlag, der in die Hände von Albertos Schwieger- 
Tater, Andreo Asolano, übergegangen war. 

Das genügte Alberto nicht; er war in dem MaBe von der Wichtig- 
keit des Unternehmens, klassische Autoren herauszugeben, durch- 
drungen, daB, als 1505 Carpi wieder in seine Hände kam und er 
einige Gelehrte um sich versammeln konnte, er auch auf seinen 
früheren Plan, die Druckerei zu erhalten, zurückkam. Zu diesem 
Zwecke lieB er Benedetto Doldbolo kommen, den ehemaligen 
Schüler Aldos, der später eine selbständige Druckerei in Corte 
Maggiore, am Hofe von Roland II. Pallavidni eingerichtet hatte. 
Vflt im 3CV. Jahrhundert jeder der italienischen Tyrannen seinen 
Ehrgeiz darein gesetzt hatte, Handschriften abschreiben zu lassen 
und aufzuhäufen, so wollte im beginnenden XVI. Jahrhundert jeder 
seine eigene Druckerei haben« Alberto Pio kommentierte damals 
Duns Scotus und gab seine Arbeit in einer kostbaren Ausgabe, mit 
eigenen Typen gedruckt, heraus. Carpis Schicksale waren aber zu 
unbeständig, das kleine Ländchen ging von einer Hand in die andere, 
schliefilich rissen die Este es ganz an sich. Ak es nun 1508 Doldbolo 
an einem mächtigen Protektor fehlte, übersiedelte der unternehmende 
Drucker nach Ferrara und gab dort klassische Werke heraus. 



II 

Zusanunen mit Alberto Pio war 1498 auch der Venezianer 
Pietro Bembo in Ferrara. Er war ein leidenschaftlicher Verehrer 
antiker Literatur und Ercole Strozzis Freund, bei dem er häufig 
zu Gaste war. Seit vielen Jahren hatte Venedig seinen Gesandten 
in Ferrara mit dem Titel eines Tnzedomino, er war wenig beliebt, 
da er sich in alles hineinmischen wollte; die venezianischen, in Ferrara 
lebenden Untertanen unterstanden seiner richterlichen Gewalt, 
und als Beobaditer der f erraresisdien Regierung war er dem Herzog 
unbequem. Mit Rücksicht auf die Macht der benachbarten Re- 
publik muBte man ihn dulden. Gegen Ende des XV. Jahrhunderts 



DAS JUNGE PBRRARA 141 

nahm der alte Bemardo Bembo, der. frühere venezianische Ge- 
sandte in Florenz, diese Stelle ein; seine Familie gehörte zu den 
angesehensten der Republik, und er war um seiner Gelehrsamkeit 
willen bekannt. Sein Sohn Pietro, ein hübscher, ansehnlicher, 
sehr begabter Jüngling, lebte von 1498 bis 1500 bei ihm. 

Pietro war im Griechischen bewandert tmd hatte sich in Fe« 
trarca, Boccaccio und in provenzalische Literatur vertieft. Er 
sammelte die Werke provenzalischer Dichter, und ein von ihm zu- 
sammengestellter Kodex befindet sich in der Bibliothique nationale 
zu Paris (Nr. 12473). Trotz aller Gelehrsamkeit tmd Philologie war 
Bembo zu tollen Streichen aufgel^, bei den Frauen sehr beliebt, 
„gentiluomo galante e bello'S und galt als Stern unter der ferrare- 
sischen Jugend. 

Sein Wunsch war, die Volkssprache, das „Volgare'S zu reinigen 
und es zur Schriftsprache zu erheben. Ihn, der die glatten S&tze 
der alten Autoren gewöhnt war, reizten Bojardos Provinzialismen 
und sprachlichen Verballhomungen. Mit seinen Plänen stieB er 
bei den Gelehrten auf nicht geringen Widerspruch. Ercole Strozzi 
war einer seiner schärfsten Gegner, er sagte, Bembo käme ihm 
vor wie jemand, der, an Wildbret gewohnt, sich plötzlich von Sau« 
bohnen nähren wolle« Bembo verwies auf Dante imd erwiderte, 
wer das Lateinische pflege, gleiche einem Menschen, der seine 
eigene Mutter verhungern lasse, tun eine fremde Frau zu ernähren. 
Italienisch sei die Sprache ihrer Väter, Mütter, Schwestern, und es 
sei eine viel größere Schande, diese ihre Muttersprache nicht zu 
beherrschen, als im Lateinischen oder Griechischen zu versagen. 
Bembo hatte die Frauen für sich. 

Mit noch einem gefährlichen Feind hatte die junge Generation 
zu kämpfen, mit der Pedanterie. Die Pedanterie, eine wahre Krank- 
heit, wucherte auf den Feldern der Humanisten tmd wuchs sich zum 
seltsamen Unkraut aus. Ein reines Lateinisch schreiben, war die 
Losung der älteren literarischen Zirkel — was man schrieb, war 
gleichgültig. Der eine ließ ein lateinisches Gedicht über die Zucht 
der Seidenraupen drucken, der andere über das Schachspiel, und die 
Partner waren Apoll und Merkur. Es gab sogar einen lateinischen 
Dichter, der ein didaktisches Gedicht „De morbo gallico^' verfaßt 



Z42 SIEBENTES KAPITEL 

hatte, in dem er Arzneien gegen die neue Krankheit empfahl. Auch 
in der Prosa versuchten diese Latinisten sich so sklavisch an die 
antiken Ausdrücke zu halten, dafi sie es zu rechtfertigen suchten, 
wenn sie Worte anwandten, die die Antike nicht kannte, wie 
duz, comes oder marchio. Cicero war natürlich das Ideal dieser 
Phrasendrescher. 

Bembo war kein Dichter, das hinderte ihn nicht, italienische und 
lateinische Gedichte zu machen, die sich durch ihren fehlenden 
Inhalt auszeichnen. Berühmt war sein Dialog „Gli Asolani", den 
der Verfasser in Ferrara begann. Es sind Gespräche über Liebes- 
theorien. Die venezianische Republik hatte Cjrpems entthronter 
Königin, Catherina Comaro, eine sehr schöne Besitzung, das Castel 
Asolo im Trevisanischen, zum Wohnort angewiesen. Die Comaro 
empfing dort ihre Gäste und entfaltete einen königlichen Luxus. 
Auch Bembo war eine Zeitlang in Asolo, er wählt ihren Hof zum 
Schauplatz für sein Gedicht. Dort finden drei Jünglinge drei Vene- 
zianerinnen, die dem Hofstaat der Königin angehören. Nach Tisch 
versammelt diese kleine Gesellschaft sich im Garten imd setzt sich 
in den Schatten von Lorbeerbäumen neben eine rieselnde Quelle. 
Der eine der Jünglinge stellt die Frage, ob die Liebe gut oder vom 
Übel sei. Der melancholische Perrottino ist ein Feind der Liebe 
und glaubt, daß sie die Wurzel alles Bösen auf der Welt sei. Am 
nächsten Tage verteidigt Gismondo die Liebe, und am dritten Tage 
nimmt selbst die Königin teil am Gespräch. Lavinellos Beweis- 
fühnmg ist die schlagendste: die Liebe ist weder gut noch böse, 
doch kann sie das eine oder das andere sein, je nach dem Gegen- 
stande, dem sie gilt. Gut ist eine Liebe, deren Ideal eine schöne Seele 
in einem schönen Körper ist, schlecht und tierisch die bloß sinnliche 
Liebe, die nicht auf die Erhaltung des menschlichen Geschlechtes aus- 
geht. Lavinello erzählt auch von einem Gespräch, das er mit einem 
Einsiedler über diesen Gegenstand geführt: nach dessen Ansicht 
gibt es nur eine wahre Liebe, die Liebe zu Gott. 

So haben wir wieder Petrarcas Theorien, verbrämt mit plato- 
nischen Ideen. Bembo lehnt sich überhaupt in seinen italienischen 
Gedichten eng an Petrarca an; die Dialogform der „Asolani'* 
entlehnt er Boccaccio, indem er sie erweitert und ausspinnt. Immer 



DAS JUNGE FERRARA 143 

folgt er jemandes Vorbild: in seiner Prosa Cicero und Boccaccio, 
in seinen Gedichten Petrarca. Seine Verse entstehen nicht aus 
innerem Zwange; an Veronica Gambara richtet er leidenschaftliche 
Sonette, obgleich er sie nie gesehen. 

Mit Bembo beginnt jene literarische Krankheit, die wie ein 
jeden Organismus zerfressender Pilz in Italien, namentlich im 
XVI. Jahrhundert, um sich gegriffen und jede literarische Selb- 
ständigkeit zerstört hat. Diese Krankheit nannte man Petrarkis- 
mus. Petrarca wurde ziun literarischen Gott erhoben, dagegen ver- 
blaßte Dantes Ruhm, auch an Fürstenhöfen wurden die Werke 
des großen Florentiners kaum noch gelesen. Während dreier 
Jahrhunderte, von der Erfindung der Buchdruckerkunst bis ins 
ZVIII. Jahrhundert, sind in Italien katmi zwanzig Dante-Ausgaben 
erschienen, während Petrarcas „Canzoniere'^ vom Ende des 
XV. bis zum Beginn des XVII. Jahrhunderts hundertsiebenund- 
fünfzig Neudrucke erlebt hat. 

Es ist nur zu begreiflich, dafi der Petrarkismus seinen Ursprung 
an italienischen Fürstenhöfen hat. Raffinierte Kirnst und gesuchte 
Formen wurden am Hof gewünscht. Nach den Ansichten einer 
solchen Gesellschaft war Petrarca allein würdig, den Platz neben 
Ovid und Horaz zu behaupten. Dante war für Fürsten tmd Höf- 
linge zu dunkel, zu philosophisch und brutal. Monsignore Della 
Casa erklärte in seinem „Gabot'S daß man aus der Göttlichen Ko- 
mödie höfische Art „l'arte di essere grazioso'* nicht lernen könne. 
Dieser Begriff „grazioso^' war aber das Wesentlichste, und Petrarcas 
Canzoniere stimmte gut dazu. Der Petrarkismus wurde der ver- 
zauberte Kreis, aus dem die Geister längere Zeit nicht herauszutreten 
vermochten. Es ging so weit, daß Petrarca nicht nur nachgeahmt, 
sondern umgearbeitet und verbessert wurde. Ein Dichterling aus 
Mailand verfaßte in der ersten Hälfte des XVI. Jahrhunderts eine 
Dichtung „II bei Laureto^' zu Ehren von Donna Laura, im Glauben, 
daß Petrarca ihre Schönheit und Tugend zu wenig gepriesen. Petrarca 
gleichen, ja über ihn hinausgehen, wird zum Losungswort. Pietro 
Aretino wußte sich vor Freude nicht zu lassen, als ihm der lilark- 
graf von Mantua schrieb, daß er in einer Kanzone selbst den Meister 
übertroffen habe« 



144 SIEBENTES KAPITEL 

Was Wunder, dafi Bembo, durchdrungen von höfischer Art, 
und vom Wunsch beseelt, die italienische Sprache zu reinlgeni 
zxun rückhaltlosen Verehrer Petrarcas wurde. Unter Scharteken 
und verstaubten Handschriften forschte er nach seinen Schriften, 
denn Petrarca sollte zum Ideal des Jahrhunderts werden. Aldo 
Manuzio behauptet, daß Bembo Petrarca populär gemacht habe, vor ihm 
kannte man in Venedig und der Lombardei den „Canzoniere'^ kaimi. 

Bembo schrieb ein Sonett nach dem anderen; während Petrarcas 
reine Liebe und Begeisterung Laura galt, war Bembos Muse eine 
gewöhnliche Römerin, die bekannte Morosina, mit der er drei 
Kinder hatte. 

Bembos Ziel, die Gesellschaft zu petrarkisieren, gelang voll- 
ständig. Als er alt geworden, konnte er zu seinem Ergötzen sehen, 
daß alle römischen und venezianischen Kurtisanen den „Petrar- 
chino", eine kleine Ausgabe des „Canzoniere^', auf der Straße 
gewissermaßen als Gebetbuch in der Hand hielten, ebenso war der 
„Petrarchino" der unzertrennliche Gefährte jedes Elegants. In 
Venedig konnte man die Creme der männlichen Jugend sehen, 
eine Blume hinter dem Ohr, in parfümierten Handschuhen, den 
Petrarca halb aus der Tasche heraussehend, wie sie auf dem 
S. Marco-Platz spazieren ging, die Füße mit zierlicher Bedacfat- 
samkeit setzte und den vorübergehenden Frauen verliebte Blicke 
zuwarf. Wie es heute gewissermaßen zum guten Ton gehört, Klavier 
zu spielen, so war damals das Reimeschmieden ein Zeichen höherer 
Kultur. Auf dem Tische jedes „Dichters^' lagen kleine Wörterbücher 
und Reimpaare, die aus dem „Canzoniere^^ herausgeschrieben waren. 

Nach Bembos Tode verkündete einer seiner Schüler, der vene- 
zianische Dichter Domenico Venier, die Tränenflut wäre so groß, 
daß eine neue Sintflut der Welt drohe. 

Per la morte di Bembo un si gran pianto 
Piovea da gli occhi de 1' imiana gente, 
Ch' era per affogar verecemente, 
Come diluvio, il mondo in ogni canto. 

Bembos wirkliche und große Verdienste beruhen natürlich nicht 
in seinen Dichtungen, sie liegen in seinem Streben, das Italienische 



DAS JUNGE FERRARA X45 

ans seiner mifiachteten Stellung zu befreien und ihm seinen Klang 
und seine Reinheit wiederzugeben. 

So feiert Ariost Bembo in seinem Orlando: 

Piero 
Bembo, che U puro e dolce idioma nostro 
Levato fuor del volgare uso tetro 
Quäle esser dee, ci ha co'l suo esempio mostro. 

(Orl. für. XLVI, 15.) 

Aus Bembos Studien in Perrara erwuchs sein späteres Werk 
„Prose della volgar lingua'S als Grundlage für den weiteren Aus- 
bau des Italienischen aus den verschiedensten Dialekten. Seine Arbeit 
setzte Bembo in Rom als Sekretär Leos X« fort (i5X3)> in Rom 
verkehrte er mit Castiglione, Fregoso und Angelo Colocd, einem 
der berühmtesten Gelehrten der Renaissance. Colocci, der die 
klassischen Sprachen gründlich kannte, war gleichfalls ein leiden- 
schaftlicher Verehrer der lingua volgare. Wie Bembo hatte er 
sich in das Studium provenzalischer Poesie vertieft und be- 
herrschte das Spanische und Portugiesische; er sammelte griechische, 
lateinische, hebräische tmd provenzalische Handschriften und 
antike Münzen; leider wurden seine großartigen Sammlungen 
während des Sacco di Roma zerstört. In Colocds berühmten Gärten 
„Orti Colocdani'* versammelten sich die Sprachreformer und be- 
gründeten die „Accademia Romana'S die der Mittelpunkt des lite- 
rarischen Lebens in Rom wurde. Wir finden dort fast alle jene 
Literaten, die gegen Ende des 3CV. Jahrhunderts in Ferrara, Mantua 
und Urbino tätig waren. 

Dieser ferraresischen Jugend hatte sich auch Jacopo Sadoleto 
(1477 — 1547) angeschlossen, der Sohn eines berühmten Juristen 
aus Modena, Er wurde später Sekretär bei Leo X. und Kardinal, 
interessierte sich lebhaft für Cicero und war für seinen el^anten 
lateinischen Stil bekannt. Sadoleto besuchte zusammen mit Alberto 
Pio die Vorträge des berühmten Humanisten und Arztes, Niccolo 
Leonioeno, der Aristoteles konamentiert hat. 

Celio Calcagninis (1479 — 1541) Elegien waren weit verbreitet, 
er läSt sich fast mit Ariost vergleichen imd überragt dank seiner zün- 
denden Phantasie all seine Zeitgenossen. 

10 



146 SIEBENTES KAPITEL 

Calcagnini gehört zu den Universalgenies der Renaissance, 
als Jurist und Astronom war er in ganz Europa berühmt. Als 
Heinrich VIII. von England seine Scheidung durchsetzen wollte, 
fragte man ihn und noch einige andere berühmte Gelehrte der da- 
maligen Welt um ihre Ansicht. Etwa die Hälfte der grofien Männer 
der Renaissance waren uneheliche Söhne. So auch Calcagnini. 
Sein Vater, Calcagnino di Francesco Calcagnini, gehörte zu 
Perraras angesehensten Familien, von der Mutter, Lucrezia Con- 
stantini, weiB man kaum mehr als den Namen. Der Vater soll, als 
ihm die Geburt des Sohnes gemeldet wurde, Ciceros Brief an den 
Adilen M. Celio gelesen und hocherfreut gerufen haben, daB der 
Knabe Celio heißen müsse. Ein echt humanistisches Histörchen! 
Auch bei der Taufe sollte Celio einen Beweis seiner künftigen 
kräftigen Organisation geben: als das einige Tage alte Kind zur 
Taufe in die Kirche getragen wurde und der Priester ihm Wasser 
über den Kopf goß, wehrte es sich heftig mit seinen kleinen Händ- 
chen gegen das Kalte und ergriff das Gebetbuch des Kaplans. Celio 
wuchs in Ferrara auf; zu seinen berühmtesten Lehrern gehören 
Pietro Pomponazzo, der Philosoph, und Niccolo Leoniceno, der be- 
kannte Arzt. Frühzeitig übertrugen die ferraresischen Herzöge ihm 
Würden und benützten ihn als Gesandten bei den verschiedensten 
Höfen. Celio begleitete den Kardinal Ippolito nach Ungarn und 
Polen, war Gesandter in Venedig tmd Rom bei Julius II. und Leo X., 
daim mußte er wieder nach Ungarn, um Zwistigkeiten, die unter 
den Magnaten nach dem Tode des Königs Ladislaus ausgebrochen 
waren, zu schlichten; in Ferrara trug er an 4er Universität Mathe- 
matik und Astronomie vor. Von seinen Verdiensten auf diesem Ge- 
biet Wird noch die Rede sein. Celio wurde später Domherr in Ferrara; 
da er jedoch für die Dominikaner eine besondere Vorliebe hatte, ver- 
machte er ihnen seine Bibliothek, seine mathematischen und 
astronomischen Instrumente, sowie fünfzig Skudi jährlich für die 
Erhaltung der Sammlungen. Femer verfügte er testancientarisch, 
daß das Maultier, das ihn lange Jahre getragen hatte, bis zu seinem 
Tode im gewohnten Stall bleiben imd Gnadenbrot genießen sollte. 

Natürlich hatte das Höflingswesen, der übertriebene Frauen- 
kult der höheren Kreise einen schädlichen Einfluß auf die Literatur, 



DAS JUNGE FERRARA 147 

besonders auf die Poesie, Nichts dtirfte einfach gesagt werden» 
man ersann Schmeicheleien, sonderbare Vergleiche, die mit dem 
gesunden Menschenverstand im seltsamsten Widerspruch standen* 
Gegen Ende des XV. Jahrhunderts nahm diese Krankheit inmier 
mehr überhand, im XVI. und XVII. wurde sie zur verheerenden 
Epidemie, zum sogenannten Seicentismo. 

Einer der Hauptvertreter dieser Richtung am Hofe von Ferrara» 
ja gewissermaßen ihr Schöpfer war Antonio Tebaldi; da ihm dieser 
Name nicht poetisch genug erschien, nannte er sich Tebaldeo. In 
Ftorara 1463 geboren, wuchs er dort auf, schrieb dort seine ersten 
Gedichte, und war sehr bald so berühmt, daB er zum Poesielehrer 
der kleinen IsabeUa d' Este ernannt wurde. Die Schülerin befriedigte 
den Lehrer in hohem Maße, er äußerte sich einst über sie, sie beginne 
Wtmder in der Poesie zu tun, „ad fare miraculi in poesia'S was 
wohl nicht ganz wörtlich zu nehmen ist. Tebaldeos Liebeshändel 
erfreuten sich bald einer gewissen Berühmtheit, um so mehr, als 
sie in seinen Sonetten verherrlicht wurden, seine Verse gefielen 
so gut, daß einer der estensischen Hofpoeten an ihn schrieb: 

Remembrati di noi tu che trascendi 
Con Tali isnelle d'un stil raro e hello. 
Dal mondo al cielo; tal che questo e quello, 
Stupiscon dil gran che fra noi prendi. 

Nach Isabellas Vermählung ging Tebaldeo zu den Bentivoglio 
nach Bologna, dort studierte er Medizin und schickte seiner früheren 
Schülerin nur von Zeit zu Zeit Sonette. Doch die Markgräfin 
sehnte sich nach ihm, wenn sie sich als Dichterin fühlte, 
wünschte sie, daß Tebaldeo ihr die Pforte zum Parnaß öffne. Außer* 
dem war ihr seine Gesellschaft sympathisch, da er nach ihren 
Worten ein Mann war, „di tanto honore et piacere''. Der liebens* 
würdige Höfling kam nach Mantua, hier unterwies er die Mark- 
gräfin nicht nur darin, wie man in Wahrheit zur Dichterin würde, 
sondern schrieb in aller Stille Sonette, die der Markgraf als sein 
eigenes Elaborat veröffentlichte! 

Sonette machen gehörte zum guten Ton; da der arme Markgraf 
diese Forderung absolut nicht erfüllen konnte, half er sich, so gut 



Z48 SIEBENTES KAPITEL 

es eben ging, selbst später, als Tebaldeo nicht mehr in Mantua lebte, 
ließ er sich noch Sonette für seinen eigenen ^Bedarf Ton ihm 
schicken« 

Der Dichter erfüllte seine Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit des 
Markgrafen, aber Gonzaga entlohnte Tebaldeo nicht seinen beschei- 
denen Ansprüchen gemäß. Antonio litt Kilangel, er wurde am Hof 
ungenügend imd schlecht ernährt, bekam den „traurigsten^^ Wein 
und verdorbenes Fleisch. So bat er den Markgrafen, ihm wenigstens 
zehn Dukaten monatlich auszusetzen, da er sonst in Mantua 
nicht leben könne und einen anderen Dienst suchen müsse« 
Dem Markgrafen erschien diese Summe zu hoch, Tebaldeo ging 
deshalb nach Ferrara zurück, trat in Ippolitos Dienste und huldigte 
später dem neuen Stern am ferraresischen Hofe, Lucrezia Borgia, 
deren Sekretär er wurde. 

Seine Beziehungen z\un Hofe von Mantua wurden nicht abge« 
brochen, er schickte nach wie vor seine Gedichte, für die ihm be- 
scheidener Lohn ward. Einmal bat er die Markgräfin,' ihm wenigstens 
vier Hemden zu schenken, wenn auch aus elendem Leinen, er würde 
sie in Gedichten bezahlen, da er nichts anderes besitze. 

Endlich im Jahre 15 13, als Leo X. Papst wurde imd sämtliche 
Dichter imd Künstler ihr Heil in Rom suchten, übersiedelte auch 
Tebaldeo in die päpstliche Residenz. Er wurde Geistlicher, lebte in 
Castigliones, Bembos und Raffaels Gesellschaft, imd seine Träume 
sollten wenigstens zum Teil in Erfüllung gehen, er kam auf den 
PamaB — wenn auch nur auf den gemalten. Raffael brachte näm- 
lich sein Bildnis auf dem Parnaß-Fresko in den vatikanischen 
Stanzen an. Es gab einen Glanzpunkt in seinem Leben: Leo X. 
schenkte ihm einst 500 Dukaten für ein Epigramm. Während des 
Sacco di Roma verlor der Dichter sein gesamtes Hab und Gut, er 
blieb in der Stadt, und fluchte bis zu seinem Tode — am 4. No- 
vember 1537 — I^^l V. und seinen Söldnern. 

Seine gesammelten Gedichte gab Jacopo Tebaldi Z498 in Modena 
heraus, offenbar ohne Wissen des Verfassers; sie waren Isabella 
von Mantua gewidmet. Der Dichter selbst wollte seine an eine 
Flavia gerichteten Liebeslieder der Öffentlichkeit nicht preisgeben, 
ie Gedichte strotzen von Übertreibungen. Die Vergleiche wirken 



DAS JUNGE FERRARA 149 

Iftcherlich, soweit sie dem heutigen Geschmack nicht geradezu 
unerträglich sind* Des Dichters Tränen fließen in Strömen/ so daB 
der aufgeweichte Erdboden abrutscht; wenn er liebt, so verzehrt 
dieser Brand seine Kleider, imd Rauchsäulen steigen gen Hinunel; 
ungewiß, ob dies Feuer ihn ganz verzehren wird, bittet er seinen 
Freimd vorsichtshalber, Briefe an ihn zu adressieren; an den 
lebenden oder schon toten Tebaldeo. Fast noch schlimmer wird es, 
wenn er Francesco Gonzagas Gefühle schildert: der Markgraf weint 
aus Liebe, seine Tränen bilden die Seen, die Mantua umgeben, ja 
der Po steigt infolge dieses Ergusses, und der unglückliche Gonzaga 
seufzt so sehr, daß der aus seinen Klagen entstandene Wind den Mast 
der Barke bricht, die ihn zu seiner Geliebten führt. Tebaldeo selbst 
magerte einmal aus Liebeskummer so ab, daß er während des 
Karnevals keine BSaske vorzubinden brauchte, da niemand sein 
skelettartiges Gesicht erkannte. 

Seine politischen Sonette, nach Italiens Niederlage geschrieben, 
verraten echten Patriotismus, doch würde man auch hier vergebens 
nach einem einfachen Gefühl suchen. 



III 

Neben dieser glänzenden Jugend, die eine mehr oder weniger 
behagliche soziale Stellung und verfeinerteKultur hatte, trieb sich 
unter den Dienern der Este in Küchen und Vorzimmern, in ab- 
genutzten Kleidern, ein sehr origineller Dichter herum, Antonio 
Cammelli (1440 — 1502), Pistoja benannt. Aus ihm sprach der Witz 
der Armen und die Satire des Volkes. 

Fast jeder Hof hatte damals einen derartigen Dichter, er rangierte 
bei Tische höher als der Hofnarr und niedriger als der für sein 
Kloster sammelnde Franziskaner; alle spotteten seiner, am wenigsten 
vielleicht der Fürst, der wegen seiner Schmeicheleien für ihn ein- 
genommen war. Eine ähnliche Rolle spielte in Mailand, an Lodo- 
vico Moros Hof, Bemardo Bellindoni, er steckte voller Witz und 
Sarkasmus und war seinem Herrn ehrlich zugetan. Pistoja hatte 
eine große Familie; da er in Ferrara keine feste Beschäftigung hatte» 



ISO 



SIEBENTES KAPITEL 



lebte er von den Brocken der herzoglichen Tafel. Unausgesetzt 
t>ettelte er um Getreide und andere Lebenstnittel, einmal schrieb 
er demütig, daß er vom Herzog Nahrung erwarte wie ein Kind von 
seiner Mutter. Wahrscheinlich hat er eine kleine monatliche Unter» 
Stützimg bekommen, beklagt er sich doch in einem seiner Sonette, 
daß er „gegen Monatsende" zerrissene Strümpfe trage, Hab imd 
Gut sei beim Juden, er lebe auf Borg, Regen imd Sonne könnten 
ungehindert in seine elende Wohnung dringen, Schwamm decke 
den Fußboden imd Schimmel die Wände. Den BCauleseltreibem 
würde vom Herzog mehr Gnade als den Dichtem erwiesen. Wird 
ihm im Schloß Essen gereicht, so muß er mit den Hofharren imd 
Fuhrleuten vor einem widerwärtigen Tischtuch niedersitzen in einem 
kalten, schmutzigen Raum, wo ihm die Decke fast auf den Kopf 
fällt. Salat mit verdorbenem Ol, trockenes verschimmeltes Brot, 
saurer Wein und das nicht gar gewordene Fleisch einer alten Kuh 
bilden das Mahl. 

Schließlich erbarmte der Herzog sich seiner und gab ihm eine 
Anstellung. Im Jahre 1487 ernannte er ihn zum Capitano des 
Tores di Santa Croce in Reggio und setzte ihm eine kleine Pension 
aus. Aber der arme Dichter mußte in einem Turm wohnen, der ihm 
beinahe über dem Kopf zusammenbrach und den Ercole nicht 
restaurieren ließ, auch die allemotdürftigsten Lebensmittel wurden 
ihm versagt. Der Capitano bettelte sich bei den Bürgern etwas 
Wein und Brot zusammen. Man nannte ihn auch „Fürstendiener 
auf fremde Kosten'S „servo del duca all' altrui spese''. Zwar ver- 
sprach ihm der Herzog Geld, doch wurde der Sold nie ausgezahlt. 
Nach zehn Jahren verlor Pistoja auch diese Anstellung, bekam sie 
aber 1499 wieder, da die Msu-kgräfin Isabella, die seine Verse sehr 
schätzte, sich für ihn verwandte. Ein Jahr später hieß es wieder 
den einstürzenden Turm verlassen, und der arme Dichter trieb sich 
abwechselnd an den Höfen von Correggio, Mantua, Novellara und 
Ferrara umher, hungernd und klagend, bis er elend im Jahre 2502 
gestort>en ist. Auf Veranlassung der Msu-kgräfin Isabella sanmielte 
Niccolo da Correggio seine Gedichte. 

Diese Gedichte verraten viel Kraft, Sarkasmus und ehrlichen 
Schmerz über das Unglück des Landes. Das empörte Gewissen meldet 



DAS JUNGE FERRARA 151 



sich sehr selten bei den Dichtern jener Periode, die alle in Phrase 
und Schmeichelei ersticken — dieser arme Himgerleider allein hat 
den Mut zur Wahrheit. An Alexander VI. wendet er sich in einem 
gehamischten Sonett: 

Ruina de' Christian, tu, falso prete 
Per simonia comprasti il divin culto, 
Da cui e fatto il templo santo stulto 
Con omid, stupri e con monete. 

Du, Ruin der Christen, falscher Priester, 
Gottes Stuhl hast du durch Simonie erkauft, 
Die heilige Kirche geschändet 
Durch Mord, Raub und Wucher. 



II femelico verme iniquo e tristo, 
Che divora la croce e Jesu Christo. 

Gier^er, böser, finsterer Wurm, 

Du schändest das Kreuz und Christus. 

Als Ferrara-Anhänger haßte Pistoja Venedig und warf der Re- 
publik ihre Habsucht und Treulosigkeit vor. San Marco kennt keine 
Freundschaft, wiederholte er immer wieder. 

Jedes wichtigere politische Ereignis, jede markante Persönlichkeit 
unter den Zeitgenossen spiegelt sich in Pistojas Sonetten. In Augen- 
blicken der Leidenschaft benutzte er die wirksame Form kurzer Fragen 
und Antworten. Ausgezeichnet in dieser Hinsicht ist das Gedicht, 
wie der berüchtigte Lucca Gregorio Zampante, den die Ferraresen 
hassen, in den Himmel eindringen will, aber S. Peter weist ihn in 
die Hölle, und der Teufel Panfarello übeminmit die Fühnmg: 

Toc Chi hatte? — Amid, aprimi un poco. 

— Come ti chiami? — Da Lucca Gregorio. 

— Ah, ahl io el so, il tuo nome i notorio; 
Su SU, a la forca, a la manara, al foco, 
Par te non fü fondato questo loco. 

Piü giü te aspetta un altro condstorio. 
i venir qui col tuo aiutorio. 



Z52 SIEBENTES KAPITEL 

— No, no, altro ti vuol codere il coco. 

Bu, bu. — Chi abaia? — Pier fainxni ragione. 

— Chi sei tu che mi chiami? — Fanfarello. 

— Che cosa vuoi da me? — Questo latrone. 
Che al del per crudelti si fe rebello; 

lo ti dico da parte di Plutone, 

Che gli i per carta suo: ecco il libello. 

— lo non voglio esser quello, 

Che a nissiin patto Taltrui preda toglia: 
Piglialo» menal viä fa la tua voglia. 

— C&vati fdr la spoglia, 
Cammina, traditor, che ogni martire, 
Sar& poca vivanda al tuo fallire.^) 

Wohl Ercole zu Gefallen schrieb Pistoja eine fünfaktige Tra- 
gödie: „Filostrato e Panfila'', den Inhalt schöpft er aus Boccacdos 
NoTelle von Ghismonda und Guiscard. Aber hier verläBt ihn sein 
Witz, er kann nicht auf Stelzen gehen. Das Ganze strotzt von Über- 
treibungen und ist erschreckend trivial. Doch wurde diese Tragödie 
in Mantua in der Fastenzeit im Jahre 1499 aufgeführt. 

^) Wer klopft? — Freimdy mach auf. 

— Wer bist du? — Lucca Gregorio. 

— Nun weiß ich's» bekannt ist dein Name; 
Hinunter zur Hölle» in Pedi und Schwefel; 
Nicht für dich ist dieser Ort, 

Deiner harrt ein andrer ^»ruch. 

— Hilf mir und lafi mich ein. 

— Nein» nein, deiner wartet schon der Koch. 

— Bu, bu. — Wer bellt da? — Petre, Gereditigkeit. 

— Wer ruft mich? — Fanfarello. 

— Und dein B^efar? Diesen Räuber, 
Der sich gegen Gott empört. 

Pluto Ußt dir sagen. 

Er sei ihm zu eigen — hier die Schrift. 

— Nicht der will ich sein, 
Der andern Rechte raubt, 

Nimm ihn und tu nach deinem Begehr. 

— BAadi hurtig, Verriter. 

Für deine BAissetaten langt keine Strafe. 



DAS JUNGE FERRARA 153 

IV 

Während an der italienischen Sprache gearbeitet wurde, 
taucht auch das Verlangen nach der italienischen Bühne 
auf. Die alten Mysterienspiele genügten nicht mehr, sie zogen 
sich in die Klostermauem zurück, und die Volksaufführungen, die 
in Siena stattfanden, entsprachen dem Geschmack der klassisch 
geschulten gebildeten Gesellschaft nicht. Die neue Generation 
▼erlangte eine Komödie nach dem Muster der alten, Szenen, die 
menschliches Leben und menschliche Schwächen spiegeln. Natür- 
lich galt es erst Anleihen bei Plautus tmd Terenz zu machen, ehe 
man die Bühne und ihre- Anforderungen begriff. Die antiken 
Komödien aufzuführen, war nicht leicht und namentlich mit nicht 
unerheblichen Kosten Terbimden; die italienischen Höfe begriffen, 
daB die InitiatiTe von ihnen ausgehen müsse, die vermögenden 
Fürsten waren die einzigen, die diesen Versuch unternehmen 
konnten. 

Es wird erzählt, dafi Ercole, der als Knabe während einer Krank- 
heit die alten Autoren gründlich gelesen, schon damals die Wieder- 
geburt des Theaters geplant hat. Er steht an der Spitze der Be- 
wegung, und ihm gebührt das größte Verdienst in der Belebung der 
modernen Bühne. Theateraufführungen liebte er leidenschaftlich, 
und mit Eifer machte er sich an ihre. Ausstattung, weder Mühe noch 
Kosten sparend. Sein Wimsch war, in Ferrara die erste Bühne 
Italiens zu schaffen, und er hat dieses Ziel zum Nutzen der Literatur 
erreicht: 

Quae fuerat Latus olim celebrata theatris 
Herculea . . . scena revixit ope. 

Ercole hat eine ganze Schar ferraresischer Literaten angefeuert, 
antike Komödien zu übersetzen, umzuarbeiten, Eklogen zu ver- 
fassen, Pastoralen und Ballettspiele zu ersinnen. Im Einverständnis 
mit ihm arbeiteten an der Wiedergeburt der Bühne: Bojardo, Bat- 
tista Ouarino, Niccolo da Correggio, CoUenucdo, Tebaldeo und viele 
andere, und Architekten tmd Maler wie Fino de' Marsigli, TruUo, 
Segna, Giovanni da Imola, Pell^^ino da Udine und später die Brüder 



154 SIBBBNTES KAPITEL 

Dossi lind ihre Schüler ersannen Bühnenapparate, zeichneten 
Kostüme und malten Dekorationen. 

Als erstes Theaterstück wurden 1486 Plautus' Menaechmen 
aufgeführt. Die Bühne war im SchloBhof aufgeschlagen. Ein Jahr 
darauf, zu Ehren von Lucrezia d'Este und Annibale Bentivoglios 
Hochzeit wurde ein Original-Ltistspiel, Correggios ,yCefalo'^ mit 
sehr viel Pomp gespielt. Die Bühne war in ein Schldfichen Yerwandelt» 
dort agierten die Schauspieler. Das erwies sich als unpraktisch, 
da ntian infolge des Regens eine Aufführung abbrechen mufite. 
Später fanden Aufführungen abwechselnd im Garten oder in Schi« 
fanoja statt, schliefilich wurde 2499 mit nicht tmbedeutenden 
Kosten eine Bühne im großen Palastsaal errichtet. Ballette, Farcen 
und Burlesken schob man zwischen die Akte der klassischen „Ko- 
mödien^^ ein, die alles andere eher denn amüsant waren. Ferrara 
errang eine Stellung, wie sie heute etwa Bayreuth hat. Aus weiter 
Feme kam man zu diesen Aufführungen, überall wurde davon 
gesprochen, ja die Aufführungen in Ferrara gehörten zu den be- 
deutendsten künstlerischen Ereignissen der damaligen 2^it. Den 
Glanzpunkt bildete die Aufführung des gesamten Zyklus von 
PUutus' Komödien anUlBlich der Feste bei Don Alfonsos Trauung 
mit Lucrezia Borgia. Doch wird davon noch die Rede sein. 

Ferraras Bühne war gewissermafien das Vorbild für alle übrigen 
Höfe. Namentlich die Gonzaga in Mantua und Lodovico Moro 
waren leidenschaftliche Theaterenthusiasten; die Aufführungen 
brachten in die Monotonie des höfischen Lebens viel Abwechslung. 
In Ferrara und Mantua wurden allmählich Schauspieler aus- 
gebildet, die man sich gegenseitig lieh. Der schon siebzigjährige 
Ercole unternahm 1493 eine mühselige Reise nach Mantua, um dort 
eine Aufführung zu leiten. Er nahm zwanzig junge Leute mit, 
die gewohnt waren, auf der Bühne aufzutreten, darunter befand 
sich auch Ariost. 

Im Anfang des XVI. Jahrhtmderts entstand unter den Juden 
in XAantua eine Gesellschaft von Gelegenheits-Schauspielem, sie 
spielten am Hofe des Blarkgrafen, und ihre Gesellschaft blieb lange 
bestehen. Für ihre Aufführungen hatten die Juden ihr eigenes 
Orchester. 



DAS JUNGB FERRARA 155 



Eine von Ercoles Hauptstützen im Arrangieren von Theater- 
aufführungen war Miccolo da Correggio» eine sehr ausgeprägte 
Persönlichkeit, die etwa Castigliones Idealbild eines Hofmannes 
entsprach. Ansehnlich, tapfer, der Held der Turniere und Ver- 
ehrer des schönen Geschlechts, tanzte er so gut wie wenige seiner 
Zeitgenossen; dank seiner eleganten Kleidung galt er der Jugend 
als Modevorbild, war die Seele der Feste, verfaßte Lustspiele mit 
unglaublicher Geschicklichkeit und machte im Fluge Madrigale, 
Sonette xmd Inschriften für Impresen. Saba da Castiglione nennt ihn 
einen der berühmtesten Ritter Italiens^ „uno delli piü famosi» 
honorati et virtuosi cavalieri, che in tutta Italia si trovarsero'S und 
Carretto feiert ihn in seiner Dichtung „Tempio d'Amore'': 

• , . II cavalier de tanto preggio 
Che con stil elegante et amoroso 
E col valor de Marte oma Correg^io. 

Er war mit den Este verwandt; seine Mutter Beatrice war 
Niccolos III. natürliche Tochter und hatte 1448 Niccolo di Gherardo 
da Correggio geheiratet. Bfan nannte sie „regina delle feste'S und 
ein vielzitiertes Wort hieß: „um leicht aus dieser Welt in jene 
überzugehen, müsse man Pierobonos Musik lauschen, um den Him- 
mel offen zu finden, Herzog Borsos Gnade erfahren, und um das 
Paradies zu sehen, Donna Beatrice auf einem Ball beobachten«'' 

Einige Monate nach der Hochzeit starb Niccolo da Correggio. Der 
Sohn Niccolo, den Beatrice nach dem Tode des Gatten in den ersten 
Monaten des Jahres 1450 geboren, bekam den Beinamen Postumus, 
um ihn vom Verstorbenen zu imterscheiden. Kaiser Friedrich III., 
der 1452 in Ferrara war, hat das lOnd, wie bereits erwähnt, zum 
Ritter geschlagen. Um das Kriegshandwerk zu lernen, diente Cor- 
reggio als Kondottiere im Heer der venezianischen Republik unter 
Bartolommeo CoUeoni. 1472 heiratete er dessen Toditer Cassandra, 
eine berühmte Schönheit, trat aus dem venezianischen Heer aus 
und lebte abwechselnd in Ferrara, Mantua imd Mailand« Bei 
Moro und Beatrice d'Este stand er in besonderer Gunst. Für Frauen- 



X56 SIEBENTES KAPITEL 

toilette hatte er ein scharfes Auge, und Beatrice ließ sich gern von 
ihm beraten. Überall war er ein begehrter Gast, er belebte die Gesell- 
schaft durch seinen Witz, machte Sonette und Lieder, die Isabella 
d' Este zur Laute sang. Für sie schrieb er auch eine psychologische 
Dichtung „Psyche'' — allerdings von nur gering^pi Wert. 

Als es im Jahre 1482 zum Kriege zwischen Ferrara und Venedig 
kam, kämpfte Niccolo auf Seite der Este. In der Schlacht bei 
Argenta geriet er in Tenezianische Gefangenschaft; die Republik 
vergaB es ihm nicht, daß er vor zehn Jahren ihr Kondottiere gewesen 
war und eine Venezianerin zur Frau hatte, tmd behandelte ihn als 
gemeinen Gefangenen. Er wurde in die Torioella eingesperrt und 
schrieb sehr unglückliche Briefe von dort aus, er beklagte sich über 
den unerhörten Schmutz, über Flöhe und anderes Ungeziefer, das 
ihn nicht schlafen ließ, über das ekelhafte Essen und auch darüber, 
daß er nicht einmal einen Tisch habe. 

Als sichMoro imd Isabella d'Este für ihn yerwandten,lieBen ihn die 
Venezianer nach einigen Monaten frei; Correggio war des Krieges satt 
und ging nach Frankreich als Moros Gesandter. Am häufigsten hielt er 
sich in Ferrara auf und half Ercolel. bei seinen Theateraufführungen. 

Im venezianischen Gefängnis beklagte er in seinem besten 
mid tiefst empfundenen Sonett Ferraras Niederlage. Da er Venedigs 
Macht kannte, bat er die geliebte Stadt, sich dem Löwen zu beugen, 

lo t'amo. Tu sai ben, ch'io n'ho cagione 
Deh! perchd non deponi omai Torgoglio? 
Che sai: sol umiltä vince il Leone. 
Piü che di mia prigion di te tni doglio; 
Che poi che vedi in Tarme la ragione 
Vogli schivare il porto e dar nel scoglio. 

Sein literarisch bedeutendstes Werk war ein mythologisch- 
pastorales Drama „Favola di Cefalo'^ Es wurde 1487 in Ferrara 
zum erstenmal aufgeführt und war eines der ersten für die Bühne 
bestimmten italienischen Originalwerke. Es ist jedoch ein sehr 
verui^lücktes Drama; der Inhalt ist aus Ovids Metamorphosen 
geschöpft. Niccolo war auch der Verfasser der dramatischen Ekloge 
„Favola di Callisto'S die 1501 in Mantua aufgeführt wurde. 



DAS JUNGE FERRARA 157 

Correggio reiste fast immer in Gesellschaft seines Sekretärs, 
des Messer Niccolo, der auch dichtete, oder eines anderen y,Fa- 
miliaris'S des sogenannten Prete da Correggio. Der letztere, ein 
sonderbarer Mensch, war am Hofe zu Ferrara und Mantua wegen 
seines Witzes und seines grofien Diensteifers sehr beliebt. An ihn 
wandte man sich in allen schwierigen Familienangelegenheiten, 
er verstand es,. Geschäfte zu ordnen, Gäste zu unterhalten und ge- 
legentlich bei einem Bankett trat Prete als fahrender Sänger auf 
und trug seine eignen Gedichte vor. Isabella hat ihn sich einmal 
schriftlich bei Correggio „per nostra recreatione^^ ausgeliehen. 

Trotz seiner gesellschaftlichen Erfolge scheint Correggio nicht 
glücklich gewesen zu sein; in seinen Sonetten klagt er über sein 
Geschick und die Frauen. Das eine beginnt mit den Worten: „Sotto 
la croce che mi da la sorte'^ Auch scheint er schwer darunter ge- 
litten zu haben, daß seine Liebe imerwidert blieb. Natürlich hat auch 
er einen „Canzonlere'^ hinterlassen, er hat ihn Isabella d'Este 
zwar angeboten, aber nicht geschickt. Nach dem Tode des Dichters 
scheint die Markgräfin erfahren zu haben, daS Correggios Sohn, 
Gian Galeazzo, diese Gedichtsammlung Lucrezia Borgia widmen 
wolle. Das empörte Isabella, infolgedessen reklamierte sie den Nach- 
laß energisch; ob sie den „Canzoniere'' bekonmien hat, wissen wk 
nicht, aber ihr Arger ist begreiflich, denn einmal war ihr Lucrezia wenig 
sympathisch, außerdem empfand sie Gian Galeazzos Vorgehen als Un- 
dankbarkeit, da sie sich der Correggio stets angenommen hatte. 
Selbst als Galeazzo sich mit Ginevra Rangoni vermählte, 
schenkte sie ihm ein schönes Klavier, „un magni- 
fico Clavicordio'^ Niccolo Correggio starb 
in Ferrara in der Nacht vom z. auf den 
2. Februar 1508; es waren nicht 
weniger als sieben Arzte 
an sein Krankenbett 
gerufen worden. 



ACHTES KAPITEL 

LUCREZIA BORGIA 



orenzo Pucd, der Florentiner Gesandte am römisctien 
Hofe, schrieb am 34, Dezember 1493 an seinen Brud«', 
er wolle Madonna Giulia Famese besuchen und sich 
ihre weitere Protektion beim Papste sichern, als Ent- 
gelt für die Dienste, die er ihrer Familie geleistet habe. 
Pfründen, die ihm ansehnliche Einkünfte eintrugen, 
▼erdankte Pucci Giulias Verwendimg bei Alexander VI. Giulia lebte 
bei Lucrezia Borgia , Alexanders Tochter , der der Vater in 
S. Maria in Porticu ein Haus in der Nähe des Vatikans abge- 
treten hatte. 

Lucrezia war damals dreizehn Jahre alt, Giulia, die etwas ältere, 
war Orsinis Gattin und Mutter der kleinen Laura. Giulias Schwieger- 
mutter, Adriana Ursina oder Orsini, stand Lucrezias Haus vor; 
.Alexander hatte es nicht als xwecfcmifljg erachtet, seine Tochter bei 
ihrer Mutter, Vanozza Catanei, erziehen zu lassen. Als Kardinal 
hatte er Vanozza verheiratet, zuerst an den Mailänder Gior^o dft 
Croce, dann nach dessen Tode an den unbedeutenden Mantuaner 
Dichter Carolus Canale, dem er eine kleine Anstellung als Solli- 
zitator der päpstlichen Bullen verschafft hatte. 

Aus dem Hause des Sollizitators konnte die Tochter des Kar- 
dinals Borgia nicht ihren Eintritt in die Welt feiern. Es ließ sich 
auch anders einrichten. Alexander hatte Beziehungen zu Adriana, 
Lodovico Orsinis Witwe, die im Jahre 1489 ihren Sohn mit der 
schönen Giulta Famese verheiratet hatte. Der Kardinal verliebte 
sich in die junge Giulia und stand bereits zwei Jahre nach ihrer 



LUCRBZIA BORGIA 159 



Trauung in intimen Beziehungen zu ihr, Adriana, Orsinis Mutter, 
unterstützte dieses Verhältnis, damit der Kardinal die finanziell 
zerrüttete Lage ihres Geschlechtes hebe. Sie entfernte ihren Sohn 
auf eines der Schlösser der Orsini und leistete dem Kardinal und 
späteren Papst Borgia Dienste, die schlecht mit den Traditionen ihres 
vornehmen Geschlechtes im Einklang standen. 

Pucci kam in Lucrezias Haus, um Giulia Pamese zu sehen. 
Die drei Frauen saßen vor dem Kamin, da Biladonna Giulia gerade 
ihre Haare trocknete. Sie begrüfiten Lorenzo freudig, und Giulia 
bat ihn, neben ihr Platz zu nehmen. 

Pucd hatte Giulia längere Zeit nicht gesehen, er berichtet, sie 
sei etwas voller geworden imd das schönste Geschöpf der Welt. 
Ein Battisttüchlein hatte sie über den Kopf gebunden, und ihr 
Haar war durch ein spinnwebdünnes Netz, das mit goldenen 
Fäden durchwirkt war, zusammengehalten. Im Beisein des Gastes 
ließ sie sich kämmen und löste ihr Haar. „Etwas Ähnliches'', 
schreibt Lorenzo, „habe ich nie gesehen. Ihr goldblondes Haar 
reicht bis zu ihren Füßen, Giulia leuchtete wie die Sonne." Sie 
ließ ihr einjähriges Töchterchen bringen, das Kind war dem päpst- 
lichen Vater auffallend ähnlich, „adeo ut vere ex ejus semine orta 
did possit''. 

Während Pucd mit Giulia und Adriana sprach, entfernte sich 
Lucrezia, um sich umzukleiden, sie kam in einem Morgenkleid 
aus veilchenfarbenem Samt wieder, das nach neapolitanischer 
Mode gearbeitet war. Auch sie hatte goldblondes Haar; die Farbe 
war sicherlich künstlich erzeugt, denn die Tochter Vanozza Cataneis 
aus dem Trastevere-^ertel und Rodrigo Borgias, des Hauren 
aus der Gegend von Valenzia, war kaum von Natur blond. Lucrezia 
war lange nicht so schön wie ihre Gefährtin, ihre Züge waren 
nicht regelmäßig, aber sie hatte einen besonders reizvollen Aus- 
druck, war lebhaft, nicht frei von Koketterie und im Gespräch 
anmutig und gewandt. Die Heiterkdt und das Gewinnende 
ihres Wesens waren väterliches Erbteil, auch der Papst bezwang 
die Menschen durdi seine Liebenswürd^kdt. Diese Vorzüge eigneten 
auch ihrem Bruder, Cesare Borgia, der trotz seiner Grausamkeiten 
und Verbredien die Menschen an sich zu fesseln wußte. 



l6o ACHTES KAPITEL 

Die Umgebung der 13 jährigen Lucrezia war alles andere eher 
als moralisch. Der alte Vater, der Papst, in ein Liebesabentetier 
mit Giulia, der Frau eines anderen, verstrickt, und dieses Verhältnis 
von der Haushofmeisterin und Schwiegermutter der jungen Frau 
begünstigt. In einem anderen Stadtviertel Lucrezias Mutter, ihr 
femgerückt, von einer neuen Familie und neuen Kindern um« 
geben, imd in Lucrezias Haus das kleine Schwesterchen, Giulias 
und des Papstes Tochter. Die Verhältnisse waren selbst für die 
Renaissance kompliziert genug. 

Lucrezia war trotz ihrer dreizehn Jahre schon zweimal verlobt 
gewesen, beidemal mit Spaniern, da Borgia in Italien einen dem 
Range seiner Familie entsprechenden Verlobten für seine Tochter 
nicht finden konnte. Noch galt es in Rom als Makel, die Tochter 
eines Kardinals zu sein, in Spanien war Lucrezias groBe Mitgift 
ausschlaggebend. Ihren ersten Verlobten, Cherubin de Centelles, 
hat Lucrezia nie gesehen, dem elfjährigen Kinde war mitgeteilt 
worden, daß über sein Schicksal bestimmt sei. Bald traten Um- 
stände ein, die die Vollziehung dieser Ehe hinderten, deshalb suchte 
der Kardinal für seine Tochter einen anderen Spanier zum Manne, 
den Grafen Aversa. Ehe Lucrezia erwachsen war, wurde ihr Vater 
Papst (am zi. August 1492), imd Alezander VI. genügte Graf 
Aversa als Schwiegersohn nicht mehr, er wünschte die Borgia 
durch seine Tochter mit einer groBen italienischen Familie zu 
verbinden, um ihren politischen BinfluB auf der Halbinsel zu ver- 
stärken. 

Zum Brautwerber wurde diesmal der Kardinal Ascanio Sforza 
ausersehen, dem Rodrigo Borgia seine Papstwürde in der Haupt- 
sache zu danken hatte. Ascanio gehörte zu den intimsten Vertrauten 
des Papstes und war allvermögend im Vatikan. Er kam auf den 
Gedanken, Lucrezia mit Giovanni Sforza, dem Grafen von Cotignola 
und kirchlichen Vikar zu Pesaro, das die Sforza als päpstliches 
Lehen verwalteten, zu verheiraten. Giovanni war sechsundzwanzig 
Jahre alt, Witwer, seine erste Frau Maddalena, die Schwester von Eli- 
sabetta Gonzaga aus UrUno, war im Wochenbett gestorben, 
tapfer, gebildet, —die Vorbedingungen für das Glück der päpstlichen 
Tochter schienen gegeben. Die Verbindimg mit der mächtigen 



PINTURICCHIO: DIB HEILIGE KATHARINA VON ALEXANDRIEH 

ANGEBLICHES PORTRÄT VON LDCREZIA BORGIA 

DETAIL AUS DEM APPARTAMENTO BOROIA lU VATIKAN 



LUCRBZIA BQRGIA x6z 

Familte Sfofza war dn wichtiger Schritt in der Geschichte von 
Alexanders VI. Pamilienpolitik; Lodovico Sforza, der AlailAnder, 
wurde so zum Anhinger des Papstes. 

Kaum hatte Graf Aversa erfahren, dafi sein zukünftiger 
Schwiegervater den päpstlichen Thron bestiegen habe, ab er nach 
Rom kam, um an seine Rechte zu mahnen. Gleichzeitig erschien 
Sforza, und die Anwesenheit dieser beiden Bewerber gab AnlaB zu 
verletzendem Gerede über den Papst und die Braut. Lucrezia hat 
an diesen Intrigen keine Schuld, der Pi^st hat despotisch über 
ihre Hand verfügt. Als der Spanier sah, dafi Sforza mehr Chancen 
hatte, trat er ihm gegen eine Abfindimgssumme von dreitausend 
Dukaten seine Rechte auf Lucrezias Hand ab und verliefi Rom. 

Die Stadt Pesaro freute sich des Sieges ihres Herrn, da sie ver- 
^ schiedene Begünstigungen vom Papst erhoffte. Sforza veranstaltete 
einen groBen Ball im ScfaloS, die tanzenden Paare schritten zum 
Schlofihof hinaus, durchzogen im Reigen die StraSen und mischten 
sich tanzend unter das Volk. Der Bevollmächtigte des Papstes, 
Monsignore Scaltes, führte den lustigen Reigen. 

JDiesea Hintmtersteigen der Tanzenden aus dem fürstlichen 
Schlofi zum Volke ist ein charakteristischer Beweis für das be- 
stehende Verhältnis zwischen italienischen Despoten und ihren 
Untergebenen. Niemab war der Klassenunterschied in Italien 
so grofi wie in anderen Ländern. Das Volk hatte seine alte Kultur, 
einen äuSeren Schliff und eine gewisse angeborene Liebenswürdig- 
keit, die es im gesellschaftlichen Verkehr den höheren Klassen 
fast gleichstellte. Deshalb hatten Maskenfeste nirgends eine solche 
Bedeutung wie in italienischen Städten. Wenn sich die Schlofi- 
herrin in ihrer Maske unter das Volk mischte, so wufite sie, dafi sie 
sich in ihrer Sphäre bewegte, in einer Masse, die gesellschaftlicher 
Manieren nicht entbehrte. 

Am X3. Juni 1494 fand im Vatikan Lucrezias Trauung mit Sforza 
statt. Die Neuvermählte zählte vierzehn Jahre. Der Papst imd die 
Sforza waren befriedigt: Lodovico Moro war im Begriffe, Karl VIII. 
nach Italien zu rufen, damit er die Macht Ferdinands von Neapel 
breche, der Papst und Venedig strebten nach dem gleichen Ziel, so war 
es ein leichtes, ein Bündnis gegen den Neapolitaner zu schliefien. 

II 



I62 ACHTBS KAPITEL 

Lucrezta begab sich für kurze Zeit nach Pesaro. Bei strömendem 
Regen zog sie am 8. Juli 1494 ein und nahm ihren Wohnsitz in 
Gradara, dem Lieblingsaufenthalt ihres Gatt^i« Auf Alezander VI. 
lastete die Trennung von seiner Tochter, er verlai^^te imabULssig 
nach Nachrichten, und aus jener Zeit hat sich ein eigenhändiger 
Brief des Papstes an sie erhalten, überströmend von Ausdrücken 
vftterlicher Zuneigung. Der Papst empfiehlt Lucrezia, auf ihre Ge- 
sundheit zu achten imd fleißig zur ICadonna zu beten. 

Sehr bald Änderte Alescander VI. seine Politik; Spanien ver- 
mittelte zwischen dem Papst und König Ferdinand von Neapel, und 
das Bündnis mit Lodovico Moro und den Venezianern ward dem 
Papst zum Hemmschuh. Die Stellung der Sforza am päpsdichen 
Hofe war erschüttert, Alexander VI. vereinigte sich mit der arago- 
nischen D]rnastie und wurde zum Gegner von Karls VIII. geplantem ^ 
Zug nach Italien, an dem Moro arbeitet». Selbst Ascanio Sforza, 
der Günstling des Papstes, fühlte sich infolgedessen in Rom nicht 
sicher und floh nach Ganezzano zu den Colonna, die in französischem 
Sold standen. 

Giovanni Sforza blieb als Kondottiere der Kirche noch eine 
Zeitlang im Lager der neapolitanischen Armee, aber auch* seine 
Stellung wurde unmöglich. Er mußte entweder gegen die Franzosen 
kämpfen und gegen den Vorteil der eignen Familie, deren Haupt 
Moro war, arbeiten, oder mit dem Papst brechen. Alexander VI. 
erleichterte ihm diesen Konflikt; als Giovanni nach Rom kam, 
wo auch Lucrezia sich damals befand, verlangte der Papst von ihm, 
in eine Trennung von seiner Frau einzuwilligen, mit dem Eingeständ- 
nis, daß die Ehe infolge seiner Schuld nie vollzogen worden sei. 

Giovanni wollte von all dem nichts hören, aber hinter dem 
Papst stand Cesare Boi^, der derartige Angelegenheiten mit Gift 
oder Dolch zu erledigen pflegte. Er soll seiner Schwester gesagt 
haben, daß sich Mittel genug finden würden, um sie von dem un- 
bequem gewordenen Gatten zu befreien. Schnell benachrichtigte 
Lucrezia Giovanni von der ihm drohenden Gefahr, er warf sich 
auf sein türkisches Pferd und erreichte Pesaro im Verlauf von 
vierundzwanzig Stunden. Das Pferd brach erschöpft zusammen, 
aber Sforzas Leben war gerettet* 



LUCREZIA BORGIA 163 

« 

Es wird erzählt, dafi Giacomino, Sf orzas Diener, sich bei Lucrezia 
befand, ab Cesare zu ihr kam, um ihr mitzuteilen, der Befehl, 
ihren Gatten zu ermorden, sei schon erlassen. Lucrezia verbarg 
den Diener hinter dem Bettvorhang, damit er Zeuge ihres Gespräches 
mit Cesare sei, und schickte Giacomino, als ihr Bruder das Zimmer 
▼erlassen, zu Sforza, um ihn von den Anschlägen der Borgia 
zu imterrichten. Ehrlich war Lucrezia gegen ihren Mann vor- 
gegangen, den sie vielleicht nie geliebt hat, aber dessen Frau sie 
schließlich war. Nach Sforzas Flucht zog sie sich in das Kloster 
San Sisto zu Rom zurück, das sie am 4. Juni 1497 bezog. Ob sie 
sich aus eignem Willen hinbegeben hat oder auf Befehl des Vaters 
und Bruders, die erfahren haben mußten, daß sie Giovannis Flucht 
bewirkt hatte, muß dahingestellt bleiben. 

Im September 1497 berief der Papst eine Scheidungskommission, 
die erkannte, daß die Ehe ungültig sei, da sie nicht vollzogen worden 
war. Lucrezia mußte bezeugen, daß sie diese Tatsache beschwSren 
könne. 

Als Sforza dies erfuhr, fühlte er sich selbst in Pesaro nicht mehr 
sicher und floh verkleidet nach Mailand. Er legte Protest ein gegen 
die Aussagen erkaufter Zeugen, doch gegen die Borgia ließ sidi 
nicht kämpfen. Lodovico Moro imd Ascanio Sforza drängten ift 
ihn, nachzugeben. Giovanni fügte sich ihren Wünschen und gab 
eine schriftliche Erklärung, daß Lucrezias Aussagen auf Wahrheit 
beruhen. 

Am 22. Dezember 1497 wurde die Scheidung ausgesprochen, 
imd Sforza gab Lucrezia ihre Mitgift, 3z 000 Dukaten, heraus. Von 
diesem Augenblick an wurde er der größte Widersacher seiner 
früheren Gattin und verbreitete die schamlosesten Gerüchte über 

Verhältnis zum Papst. Damals, wo die Verkehrsverhältnisse 
waren und Zeitungen fehlten, wurde jedes Gerede, 
auch das unwahrscheinlichste, leicht geglaubt. Die von ihm 
ausgesprengten Nachrichten gelangten in Briefe und Chroniken 
und haben sich bis auf den heutigen Tag erhalten. 

Der überzeugendste Beweis dafür, daß blutschänderische Be* 
Ziehungen zwischen Alexander VI. und Lucrezia nie bestanden 
haben, ergibt sich daraus, daß der Papst ein sehr guter Vater war; 



i64 ACHTES KAPITEL 

adne großen Fehler entstanden gerade aus dieser Liebe und Ver- 
blendung für seine Kinder« Übrigens war Alexander eine durchaus 
normale, gesunde Natur, nur fehlten ihm alle Qualitäten, die ihn 
zum Papst befähigt hätten. Feinde oder „Unbequeme** xu ver- 
giften oder zu ermorden, galt imter den damaligen Herrsdiem 
nicht als unmoralisch oder unerlaubt. 

Die politischen Pläne des Papstes und namentlich Cesare Borgias 
dirängten zu einer engen Vereinigung mit dem Hof von Neapel. 
Wieder sollte Lucrezia zum gefügigen Werkzeug werden. Der 
Papst forderte Carlotta, Federigos Tochter, zur Frau für Cesare. 
Zu einem solchen Opfer konnte sich der König von Neapel nicht 
ehtschlieBen, besonders da auf Cesare ein neues blutiges Ver- 
brechen lastete: man bezichtigte ihn der Ermordung seines Bruders 
Gahdia« Nach längeren. Unterhandlungen gab Federigo seine Ein- 
willigimg zur Heirat von Don Alfonso, des natürlichen Sohnes Al- 
fonsos II., mit Lucrezia. Dbn Alfonsos Schwester, Donna Sancta, 
war bereits mit Cesares jüngerem. Bruder, Don Jofr6, vermählt. 

Alfohiso, der als der schönste Jüngling in Rom galt, war sieb- 
zehn Jahre alt. Lucrezia war uxQ ein Jahr älter« Am 20. Juni 1498 
würde die Vermählung dieses jimgen Paares in aller Stille, ohne 
laute Festlichkeiten, vollzogen. Lucrezia wurde zu oft verheiratet, 
als dafi man ihre Trauimg durch rauschende Feste dem Gedächtnis 
des Volkes einprägen wollte. Die Tochter des Papstes bekam 
40 000 Dukaten als Mitgift, und der König von Nei4>el gab seinem 
Neffen das Herzogtum Bisceglia als Morgengabe. 

Die Ehe war glücklich; aufrichtig liebte Lucrezia den Neapoli- 
taner, der sich viel Zimeigung in Rom erworben hatte. Soviel wir 
wissen, war Alfonso Lucrezias erste Liebe; über ihr Herz hatte man 
inuner verfügt wie über einen Geldbeutel, der in der vatikanischen 
Schatzkammer niedergelegt war. Das kostbare Kleinod wurde je 
nach Bedarf verkauft oder versetzt. 

Auch diesmal ergab dch eine Möglichkeit, das Pfand besser zu 
Geld zu machen. Ein Jahr nach Alfonsos Vermählung wurde der 
Papst der Feind der neapolitanischen Dynastie. Alexander VI. 
trat der Liga bei, die Ludwig ZU. und Venedig geschlossen hatten; 
ihr Ziel war, Lodovico Sforza aus Mailand zu vertreiben. Als Gegen- 



LUCRBZIA BORGIA 



16S 



leisiung verpflichtete Prankreich sich, Cesare Borgia in der Er^ 
oberung der Romagna beizustehen. « 

Abermals flüchtete Ascanio Sforza aus Rom, aus Fxircht, daB 
man Um als nunmehr überflüssigen Kardinal aus dem Wege räumen 
würde. Dem jungen Alfonso drohte Cesares Dolch, da Borgia von 
der Unterwerfung des Königreichs Neapel mit Frankreichs Hilfe 
träumte. 

Vneder mufite Lucrezia ihrem Mann zur Flucht helfen. Dies- 
mal mit blutendem Herzen, sie liebte den schönen Neapolitaner, sah 
zudem ihrer Niederkunft entgegen. Alfonso floh am 2. August 1499, 
Lucrezia weinte ihm fassungslos nach. 

Aber Alezander VI. war ein „guter'' Vater; um seine Tochter 
zu trOsten, übergab er ihr N^i und ernannte sie zur Regentin von 
Spoleto und Umkreis, wo bis dahin päpstliche Legaten geherrscht 
hatten. 

Mit einem groBen Hofgesinde begab sich Lucrezia in ihr neues 
Lehngut, sie blieb aber nur kurze Zeit dort, da sie gezwungen war, 
ihrer Niederkunft wegen sich nach Rom zu begeben. Am x. No- 
vember 1499 schenkte sie einem Sohn das Leben, er wurde zu 
Ehren des Papstes Rodrigo genannt. 

Unterdessen kehrte Alfonso Bisceglia nach Rom zurück, um 
sich seines ehelichen Glückes zu freuen; er glaubte, daß die Gefahr 
für ihn vorüber sei. Es mag sein, dafi auch Lucrezia Cesare nicht 
länger gefürchtet hat, im Glauben, ihr Mann stehe den politischen 
Plänen des Bruders nicht mehr im Wege. 

Aber darin bestand ihr Irrtum. Cesare haßte die ganze arago- 
nische D]rnastie und schloß seinen jungen Schwager nicht aus, 
außerdem hatte er bereits andere Absichten für seine Schwester. 
Bisceglia war überflüssig, in den dunklen Gemächern der Borgia 
war sein Todesurteil gesprochen. 

Als der Fürst am 15. Juli 1500 gegen elf Uhr abends den Vatikan 
verließ, überfielen ihn fünf Sbirren auf dem Petersplatz und ver- 
wundenen ihn schwer. In der Annahme, daß der Oberfall Cesares 
Werk sei, wollte Alfonso, aus Furcht vor Vergiftung, sich nicht 
einmal von römischen Ärzten verbinden lassen und ließ sich einen 
Arzt aus Neapel kommen. 



I66 ACHTES KAPITEL 

Ludwig Pastor nimmt an, indem er sich auf Creightons ,,Ge- 
schichte des Papsttijms^' stützt, die Urheber des Überfalles seien 
die Orsini gewesen, da sie glaubten, dafi Alfonso sich mit ihren 
Feinden, den Colonna, verbinden wolle* Alfonso jedoch war der 
Überzeugung, Borgias Dolche hätten ihn verwundet, und uns will 
scheinen, dafi Alfonso und Lucreaa diese Dinge richtiger gesehen 
haben müssen als spätere Historiker. 

Alfonsos Durst nach Rache war so grofi, dafi er eines Tages 
auf den vorübergehenden Cesare zielte und einen Pfeil abdrückte. 
Da schickte Cesare seine Henkersknechte und liefi Alfonso nieder- 
machen. Sein Körper wurde in Stücke zerrissen. 

Lucrezia war Witwe. Nach den furchtbaren Vorkommnissen 
erkrankte sie am Fieber, und damals scheint es zu einem Zerwürfnis 
zwischen ihr und dem Vater gekommen zu sein. 

Gebrochen reiste sie am 20. August 1500, von 600 Pferden be- 
gleitet, nach Nepi. Aber ob nun Alezander sich nach seiner Tochter 
gesehnt oder sie Langeweile in der Provinzstadt enqiftmden hat — 
im September oder Oktober war sie wieder in Rom. 



II 

Schon im November 1500 sprach man davon, dafi Lucrezia 
Alfonso, den asjährigen Vt^twer und Thronfolger von Ferrara, 
heiraten würde. Die Borgia hatten diesen Plan ausgebrütet, und 
der Kardinal Ferrari aus Modena schrieb sofort darüber an Ercole. 
Natürlich machte diese Absicht den Este den peinlichsten Ein- 
druck. Eine Absage konnte sie Ferrara kosten, da das Land pl^t- 
liches Lehnsgut war und sie Rom einen Tribut zu entrichten hatten. 
Aufierdem war Cesares Macht so gestiegen, dafi es der gröfiten An- 
strengungen bedurfte, um sich seiner zu erwehren. Andererseits 
erschien Ercole und Alfonso die Demütigung unerträglich, in 
ihr Haus die Tochter des Papstes aufzunehmen, eine Frau, von der 
die schlimmsten Dinge erzählt wurden. Auch hatte man in Ferrara die 
Absicht, sich dem französischen Hof zu verschwägern, Alfonso sollte 
sich mit Louise, der Witwe des Fürsten von Angoulime, vermählen. 



LUCREZIA BORGIA 167 

Mehr noch als den Vater empörte Alfonso der blofie Gedanke 
an diese Verbindung; er war ein starker, unbeugsamer Charakter 
und wollte sich dieser Forderung nicht fügen. 

Abschlägig beschied Ercole den Brief des Kardinals Ferrari« 
Aber so leicht gab der Papst nicht nach, er sicherte sich die nach- 
drückliche Unterstützung des französischen Hofes, eine ganze 
Schar einfluSreicher Agenten machte dem Fürsten von Ferrara 
die Vorteile dieser Verbindung klar und verwies auf die Gefahren, 
denen sich die Dynastie der Este im Falle einer Absage aussetzte. 
Ercole sah bald ein, dafi er sich der Macht der Borgia nicht würde 
widersetzen können, doch Alfonso wollte nichts von der Ver- 
bindung hören; erst als der Vater ihn darauf hinwies, daB, wenn 
nicht der Sohn, er, Ercole, Lucrezia würde heiraten müssen, wurde 
er in seinem Widerstand schwankend. 

Am meisten zum Gelii^^en der Pline von Alexander VI. sollte bei- 
tragen der Statthalter der Romagna und Vertraute Cesares, Don 
Ramiro de Lorgna, „uomo crudele et espedito'S wie ihn Machiavell 
diarakterisiert hat. 

Schon am 8. Juli 1501 lieB Ercole Ludwig XII., der als Mittels- 
person vorging, mitteilen, dafi er mit dem Papst in Unterhandlungen 
einzutreten bereit sei. 

Die Unterhandlungen waren schwierig, Ercole verlangte viel, 
der Papst irgerte sich zwar, war aber bereit nachzugeben, da ihm 
darum zu tun war, seine Kinder mit der vornehmsten Familie Italiens 
zu verbinden. Übrigens drängten Cesare und Lucrezia den Vater, 
für den Preis dieser Ehe selbst schwere Opfer zu bringen. 

Als Mitgift sollte Lucrezia 200000 Dukaten erhalten, zu- 
gestanden wurde femer eine ErmABigung des Tributes, den Ferrara 
der Kirche zu entrichten hatte, und eine Reihe anderer der Familie 
Este vorteilbringender Vereinbarungen« 

Um Lucrezia für die wichtige Rolle, die ihr zu spielen bevor- 
stand, vorzubereiten, setzte sie der Papst, ab er im Juli nach Ser- 
moneta ging, zu seiner Stellvertreterin im Vatikan ein. In seiner 
Abwesenheit hatte sie eine Art Regentschaft über den Kirchenstaat, 
sie durfte Briefe eröffnen und sollte in wichtigen FAllen den Rat 
des Kardinals Lisbona einfordern. 



X68 ACHTES KAPITEL 

Im Schloß der Este in Bdfiore wurde am x. September 1501 
der Ehekontrakt unterschrieben, und als diese Nachricht am 4. Sep- 
tember nach Rom kam, ordnete Alexander eine Illumination des 
Vatikans an. Am nächsten Morgen begab sich Lucrezia in Uschöf- 
liehet Begleitung, mit einer Eskorte von dreihundert Berittenen, 
nach S. Maria del Popolo, um der Madonna, am der fleißig zu beten 
der Vater ihr anbefohlen hatte, ihren Dank zu entrichten. Das 
kostbare Kleid, das sie an jenem Tage trug, schenkte sie einem der 
Hofnarreil, als er übermütig auf die Straße lief und schrie: Es lebe 
die Herzogin von Perraral 

Als die ferraresischen Gesandten nach Rom kamen, befriedigte 
sie der ihnen vom Papst gewordene Empfang im höchsten Grade, 
nur Cesare Borgia zeichnete sich nicht durch übermftßige Höflich- 
keit aus. Das erstemal, am 23. September, nahm er sie zwar an, 
empfing sie jedoch im Bette. Die Ferraresen glaubten, er sei krank» 
da er die ganze vorhergehende Nacht getanzt hatte, später erfuhren 
sie, daß ihm nichts gefehlt habe, und er Kraft und Laune genug 
gehabt hatte, um die folgende Nacht wieder zu durchtanzen. Zwar 
▼ersuchte er ^>&ter den schlechten Eindruck zu verwischen und 
bewilligte den Gesandten eine abermalige Audienz — es galt die^ 
als besondere Gunst, da er nicht gern Gehör erteilte tmd sich im 
allgemeinen höfischem Zeremoniell entzog — , aber er empfing sie 
nicht. Die Gesandten beklagten sich beim Papst, Alezander gab 
vor, dem Sohne zu zürnen imd antwortete, daß Cesare unberechen- 
bar sei, auf seine Art lebe und die Nacht zum Tage wandle; die Ge- 
sandten von Rimini hätten unlängst zwei Monate in Rom warten 
müssen, ehe sie ihn zu Gesicht bekommen hätten. 

Als es sich darum handelte, die Liste der Fürsten und Würden- 
träger festzusetzen; die Lucrezia nach Ferrara abholen sollten, 
nannten die Gesandten auch Annibale Bentivoglio, Giovannis Sohn, 
den der Papst nicht liebte. Alexander besann sich, aber sdiließlich 
sagte er: wenn Ercöle d'Este ihm selbst Türken als Gesandte schicken 
würde, so hätten sie einen guten Empfang zu gewärtigen. Nur 
einmal wurde er ungeduldig, ab der Herzog von Ferrara immer neue 
Bedingungen stellte, und naimte ihn einen „Krämer'S „im merca- 
tante". 



LUCREZIA EORGIA X69 

Schon nach AUonso BiscegUas Tode hatte man, namentlich 
in Neapel, nicht wenig boshafte Gedichte auf die Borgia und Lucrezia 
gemacht, in den Epigrammen von Sannazaro und Pontano wurde 
sie zur schamlosen Hetäre gestempelt; kaum war die Heirat zwischen 
Alfonso d' Este und Lucrezia bestimmt, so erschienen wieder zahl- 
lose Sdimähschriften auf die Borgia. Besonderes Aufsehen machte 
ein kleines Buch, in Briefform an Silvio Savelli gerichtet, der sich 
damals vor dem Papst bei Kaiser Maximilian in Deutschland ver- 
barg. Der Papst hatte Savellis Güter konfisziert, und der Ver- 
fasser der Broschüre beglückwünschte ihn, dafi er wenigstens sein 
Leben vor den Borgia gerettet habe. Er rät Savelli, dem Kaiser 
und allen deutschen Fürsten von den Verbrechen der Borgia zu 
berichten und von dem gottlosen Leben, das der Papst führe. Zu 
diesem Zwecke berichtet er ihm über alle Mitglieder der verhafiten 
Familie: über Alexander, Cesare, Lucrezia und die übrigen. Alle 
Beleidigungen und Klatschgeschichten, die die Feinde der Borgia 
in Mailand, Venedig und Neapel verbreitet hatten, wurden wieder 
aufgetischt. Die Schrift war ein Werk des Zornes und der Rache. 
Unter anderem berichtete der Verfasser über jenes Bankett am 
letzten Oktobertag, wo im Beisein des Papstes, Cesares und Lucrezias 
fünfzig Kurtisanen getanzt hatten, erst in Kleidern, dann splitter- 
nackt 

Der Papst las die Broschüre; da er jedoch aus seiner Kardiiials- 
zeit an rSmische Satiren und Schmähschriften gewöhnt war, lachte 
er und seine Umgebtmg über diese Beleidigungen. Aber Cesare ver- 
stand keinen SpaB, er spürte dem Verfasser der Broschüre nach, der 
dem Vernehmen nach ein Neapolitaner Jeronimo Mandone war, lieB 
ihm die Hand abhacken lind die Zunge herausreißen. Gleichzeitig 
ließ er auch den Verfasser einer anderen Schm&hschrift, den päpst- 
lichen Bibliothekar Fra Gian Lorenzo, bestrafen imd einen Vene- 
zianer einsperren, weil er eine gegen den Papst gerichtete Schrift 
aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt hatte. 

An der Spitze der Gesandtschaft, die nach Rom gekommen war, 
um Lucrezia abzuholen, stand der Kardinal Ippolito d'Este, Alfonsos 
Bruder, der als Salonheld, Diplomat, Frauenverehrer und Jäger 
gleich berühmt war. Außer ihm gehörten noch fünf Mitglieder der 



170 ACHTES KAPITEL 

Familie Este zum Gefolge: Don Ferrante, Don Sigtsmondo, Niccolo 
Maria, der Bischof von Adria, Meliadus d' Este, der Bischof von 
Comacchio und Don Ercole, der Neffe des Fürsten. Die bekanntesten 
lilitglieder der Aristokratie von Perrara, die Herren von Correggio, 
Mirandola, Strozzi, Bevilacqua und viele andere nahmen an der 
Gesandtschaft teil, die auf fünfhtmdert Pferden in Rom einzog. 
Als die Este in den Vatikan kamen, ging Lucrezia ihren zukünftigen 
Schwägern bis auf die Treppe entgegen, und französischer Sitte 
gem&B küfite sie sie nicht auf die Wange, sondern markierte nur 
einen brüderlichen KuB, indem sie ihr Antlitz gegen das ihre neigte. 
Sie trug ein weißes, goldgestidctes, wollenes Kleid mit offenen 
Armein aus weiBem Goldbrokat, die nach spanischer Mode ge- 
schlitzt waren. Darüber einen Umhang aus dunkelbronzefarbnem 
Samt, mit Zobel yerbr&mt, den Kopf schmückte ein grünes Schleier- 
arrangement, mit Goldf&den und Perlenschnüren. Perlen hatte sie 
um den Hals. Sie sah bezaubernd aus, und einer der Ferraresen 
schrieb, dafi dem Kardinal Ippolito die Augen zu gUnzen begannen. 
„AI nostro cardinale Ippolito sdntillavano gli occhi: ella e donna 
seducente et veramente graziosa.'* 

Ercole schickte seiner Sdiwi^^ertochter unerhört kostbare Ge- 
schenke. Es hieB damals in Italien, daB das Haus Savoyendie 
schönsten Kleinodien auf der Halbinsel bes&Be, deshalb schrieb 
Ercole nach Rom, „er sei freilich nicht so reich wie der Herzog von 
Savoyen, aber dennoch würde er Lucrezia Kleinodien verehren, 
die sich mit jenen messen könnten'^ Auch der Papst stand nicht 
zurück, als er mit dem Gesandten von Perrara sprach, tauchte er 
seine Hand in eine mit Perlen gefüllte Schale und sagte: „All 
dies für Lucrezia, ich wünsche, daB sie die schönsten Perlen in ganz 
Italien besitze.^' 

lilit Ercoles Geschenken war der Papst durchaus zufrieden, und 
El Prete, Isabella Gonzagas Berichterstatter, teilt seiner Herrin 
mit, daB Alezander VI.j als er aus den Hinden des ferraresischen 
Gesandten die für Lucrezia bestimmten Geschenke in Empfang 
genommen, sich sehr darüber gefreut, sie den Kardinälen und Frauen 
gezeigt und sie auf dunkeln Samt gelegt habe, damit sie um so 
schöner wirkten. Unter den Kostbarkeiten gab es prachtroUe Ringe, 



LUCREZIA BORGIA 



171 



Ohrgehänge, Steine in künstlerischer Fassung und ein Perlen- 
halsband von seltener Schönheit. 

Um sich dem Pi^ist gefällig zu erweisen, strahlte Rom im 
Festesglanz. Im Vatikan wurde getanzt und musiziert Abend fflr 
Abend wurde gefeiert, und Alezanders väterliche Eitelkeit konnte 
sich nicht genug darin tun, den Ferraresen zu rühmen, wie schön 
seine Tochter tanze, wie anmutig und klug sie sei, wie gut sie in 
Spoleto herrsche, wie geschickt sie wäre, wenn sie ihm einen Vor- 
teil ablisten wollte. „Unser Spiel ist ungleich,'' fügte er hinzu, 
„Lucrezia gewinnt immer.'' Laut rühmte er ihre Bescheidenheit 
und ihre reinen Sitten; die Gesandten von Ferrara bestätigten all 
dies und schrieben dem Fürsten: je länger sie Lucrezia betrachteten, 
desto mehr schätzten sie ihre Güte, Tugend und Frömmigkeit. 

Vor der Abreise nach Ferrara beschäftigten Lucrezia die Reise- 
vorbereitimgen in hohem llaSe. Am Stephanstag besuchte sie 
El Prete. Sie saB in ihrem geräumigen Schlafzimmer neben dem 
Bette, an der Tür standen etwa zwanzig Römerinnen, 4 la romanesca 
gekleidet, mit gewöhnlichen Tüchern auf dem Kopf. AuBerdem 
warteten etwa zehn Hofdamen im Zimmer ihrer Befehle. Die 
höfischen Donzellen machten den ferraresischen Gesandten keinen 
groBen Eindruck, ihrer Ansicht nach waren Ferraras Frauen 
den Römerinnen an Schönheit ebenbürtig. Nur eine, Angela Borgia, 
erregte das Entzücken der Fremden, und El Prete lq;te sich schon 
Liebespläne mit Bezug auf sie zurecht. Zu Bq;inn des Karnevals 
wurde jeden Abend bei Lucrezia getanzt. Die Ferraresen wunderten 
sich, dafi es in den Strafien Roms vom Morgen bis zum Abend von 
maskierten Höflingen wimmelte. 

In den letzten Tagen drängten sich Kamevalfeste, Wettrennen, 
Stierkämpfe, Theateraufführungen, Ballett und Moresken. 

Am 6. Januar rüstete man zum Aufbruch, der Papst schenkte 
seiner Tochter eine schöne Sänfte für zwei Personen und stattete 
den ganzen Zug mit größter Pracht aus. Cesare gab der Schwester 
eine Ehreneskorte, die aus zweihtmdert Reitern, Musikanten und 
Hofnarren bestand, damit sie Lucrezia auf der Reise durch ihre 
Scherze erheiterten. Einer zahlreichen bewaffneten Eskorte fiel 
die Aufgabe zu, den Hochzeitszug vor einem eventuellen Überfaü 



X72 ACHTES KAPITEL 

von Giovanni Sfonas Söldnern zu schützen, da man dessen An* 
schlage fürchtete. 

Unter Lucrezias Frauen befand sich auch Adriana Qrsini, ihre 
frühere Haushofmeisterin, und die schöne Angela Borgia, deren 
Reize die Dichter besangen. Hundertfünfzig ICaultiere und viele 
eigens zu dem Zweck hergerichtete zweirädrige Karren waren mit 
Lucrezias Ausstattung bepackt, ihre persönliche Umgebimg be- 
stand aus htmdertachtzig Menschen« 

Rom verließ die Tochter des Papstes an einem Nachmittag auf 
einem Schimmel mit goldenem Geschirr; sie trug ein scharlach- 
rotes Samtkleid mit Hermelin und einen federgeschmückten Hut. 
Sämtliche Kardinäle und die Gesandten fremder Fürstlichkeiten 
gaben ihr bis zur Porta del Popolo das Geleit, über tausend Menschen 
nahmen am Zug teil. 

Aus dem Vatikan sah Alexander VI. den Fortziehenden nach, 
bis sie seinen Augen entschwunden waren. 

In den letzten Wochen ihres Aufenthaltes in Rom setzte sich 
Lucrezia für die Verwirklichung eines heißen Wunsches ihres 
zukünftigen Schwiegervaters ein. 

Es wurde schon erwähnt, dafi Ercole mit großen Schwierigkeiten 
die Nonne Luda aus Viterbo nach Ferrara hatte kommen und für 
ihren Orden ein prächtiges Kloster errichten lassen. Er hatte zwar 
eine Oberin, doch die Zahl der Nonnen genügte ihm nicht; einige 
Schwestern aus Ptacenza imd Bresda kamen dazu, und in Ferrara 
traten einige jimge Mädchen ins Kloster, die später Gelübde ab- 
legten, aber jene älteren Nonnen wollten sich der Macht einer 
so jungen Oberin wie Luda nicht beugen, im Kloster entstanden 
Uneinigkeiten, die sie sehr schmerzten. Ercole beschloß daher, aus 
Nami und Viterbo einige Nonnen, die Schwester Luda befreundet 
waren, kommen zu lassen, um ihr eine Stütze gegen die Rebellinnen 
zu schaffen. Sein Gesandter Bartolommeo Bresdani sollte sich mit 
dem Prior der Dominikaner ins Einvernehmen setzen und sieben 
Nonnen nach Ferrara bringen. Der Prior madite energisdi Front: 
nicht genug, daß Ercole ihnen die Schwester Luda „geraubt*^ 
habe, wolle er dem Kloster zu Viterbo jetzt noch seine besten 
Schwestern nehmen. Bresdani ging nach Rom, um die Angelegen- 



LUCREZIA BORGIA 173 

heit beim Papst zu fördern, und kam am xx. Oktober X50X an, 
ab Lucrezia zur Reise nach Ferrara rüstete. Der Gesandte begab 
sich sofort zur zukünftigen Schwiegertochter seines Herzogs, die 
sich der Sache sehr warm annahm. Gleich nach der ersten Audienz 
erhielt Bresdani den besten Eindruck von Lucrezia, er schrieb dem 
Fürsten, sie sei „una madonna molto gentile et da bene et a resonare 
exoelente'S 

Lucrezia bat den Papst sofort, Ercoles Wunsch zu erfüllen, 
doch war die Sache nicht so einfach, da Messer Adriano, Alexanders 
VI. Sekretär, seine Zweifel hatte, ob man ohne großen Schaden dem 
Kloster in Viterbo sechs Nonnen entziehen dürfe. So beschloS 
Adriano, die Angelegenheit in der Weise zu erledigen, dafi ^terbo 
▼ier und das Kloster zu Nami zwei Nonnen abtrete. Lucrezia jedoch 
ließ nicht locker, sondern wollte Ercoles Wunsch in vollem Maße 
erfüllt sehen. Sie drängte den Papst, so daß Alezander VI* befahl, 
sechs Nonnen aus Viterbo nach Ferrara zu schicken und außerdem 
noch zwei aus Nami. Aus der päpstlichen Kanzlei wurde ein Breve 
an den Statthalter d^ beiden Städte erlassen, der jene Noimen mit 
dem Fluche bedrohte, die nicht itmerhalb sechs Tagen nach Rom 
aufbrächen, um von dort aus ihren Weg nach Ferrara zu nehmen. 
Ercoles Gesandter konnte nicht genug die Energie rühmen, die 
Lucrezia aufgewandt hatte, um den Herzog zufriedenzustellen. Aber 
die Opposition in Viterbo gegen den Befehl des Papstes war groß; 
die Priorin des Klosters, Suor Diambra, eine zweite Nonne, Suor 
Lionarda, kamen von einem Dominikaner, dem Bruder ICartin, 
geleitet, sofort nach Rom, um zu erklären, daß sie nicht nach Ferrara 
gehen würden, um so weniger, als einige junge und schöne Schwestern 
für Ferrara gewählt worden waren, und ihre mächtigen Familien 
fürchteten, daß ihnen Böses widerfahren köime. Die Nonnen er- 
wirkten sich Gehör beim Papst, doch Alezander VI. empfing sie sehr 
streng und sagte nur drei Worte: „Siete mandate a Ferrara", Ihr 
seid nach Ferrara bestimmt. Der Papst hatte aber nicht bedacht, 
daß er es diesmal mit Frauen zu tun habe; die Nonnen gebärdeten 
sich eigensinniger als der Teufel, „ustinate piü che' il diavolo", 
führten Klage bei Lucrezia, vergossen Tränen vor dem Obersten 
der Dominikaner, drängten Bresdani, aber Lucrezia gab nicht nach. 



174 



ACHTES KAPITEL 



Am 21. Dezember bereits berichtete Bresciani aus Viterbo an 
Ercole, dafi alle von ihm gewünschten Nonnen in Rom seien, und 
,,da6 auch nicht eine fehle". Da der Prior der Dominikaner nicht 
wünschte, dafi die Schwestern die Reise in Gesellschaft einer militä- 
rischen Eskorte zurücklegten, versicherte ihn Bresciani, Lucrezia 
würde Sorge tragen, dafi Ihnen unterwegs jeder angemessene 
Schutz zuteil würde. Der Gesandte selbst traf alle Vorbereitungen für 
diese Expedition und begleitete die Nonnen. Leinenm&ntel, mit einer 
Wachsschicht überzogen, damit sie unterwegs nicht nafi würden, 
wurden für sie angeschafft, ICaultiere und Lebensmittel hergerichtet. 
Zuerst sollten sie sich dem Zuge anschliefien, der Lucrezia nach 
Perrara geleitete, aber Ercole war dagegen; zwar bestimmte er ihnen 
den gleichen Weg, den der Hochzeitszug zurückzulegen hatte, 
aber er empfahl ihnen, Lucrezia stets um einen Tag voraus zu sein. 
Die Schwestern waren launisch und eigensinnig, „noiose", der 
Bfaggiordomo der Fürstin beklagte sich lebhaft über sie, sie er- 
reichten Perrara jedoch glücklich, als die Stadt ihre Vorbereitungen 
zum Empfang der Tochter Alezanders VI. traf. Ercole war beglüdrt 
über die Ankunft der so sehnsüchtig erwarteten Nonnen; aber seine 
Preude war nicht von langer Dauer, da die Unzuträglichkeiten im 
Kloster in dem llafie stiegen, dafi man nach wenigen Tagen fünf 
der neu hinzugekommenen Schwestern zurückschickte, sidierlich im 
Einverständnis mit dem Herzog. 



III 

Häufig erstatteten die ferraresischen Gesandten dem Herzog 
Bericht über den Verlauf der Reise; es war kalt, die Prauen des 
Reisens zu Pferde ungewohnt, so kam die Kavalkade nur langsam 
von der Stelle. In Spoleto, in Temi, in Poligno, überall wurde die 
Tochter des Papstes feierlichst empfangen. Zwei Heilen vor Gubbio 
schloß sich die Pürstin Elisabetta von Urbino dem Zuge an; für sie 
war der zweite Platz in der Sänfte vorgesehen, die Alexander VI. 
Lucrezia geschenkt hatte. Die stolze Hontefeltro erniedrigte sich, 
um ihr kleines Herzogtum vor Cesare Borgias Habgier zu retten, 



LUCREZIA BORGIA 175 

aber ihre Demütigung war uttis<mst» der furchttMre Sohn des Papstes 
vertrieb sie einige Monate später aus diesem Urbino, an dem sie 
so sdir hing. BUsabetta und Guidobaldo, ihr Gemahl, muBten als 
Flüchtlinge Schutz beim gastlichen Hofe von Bflantua suchen« Die 
Fürstin leistete Lucrezia bis nach Ferrara Gesellschaft, unterwegs 
beriditete sie nur kurz an Isabellad' Este, daS sie es für überflüssig 
eradite, ihr die Reise zu beschreiben, da sie ja wisse, daS El Prete 
ihr ausführlich über alles Beridit erstatte. 

In Pesaro begrüAten hundert Kinder mit Ölzweigen in den 
Händen Lucrezia, sie trugen Rot und Gold, die Farben der Borgia. 
Dort mußte sich Lucrezia einen ganzen Tag aufhalten, um ihr Haar 
zu waschen und vermutlich aufs neue zu färben; wenn sie diese 
Prozedur nicht häufig vornahm, bekam sie Kopfweh. 

Auch in Cesena gab es einen prächtigen Empfang. Cesares 
Generalstattiialter, die Altesten der Stadt und ein Zug, der nach 
Tausenden zählte, begrüfiten und geleiteten sie in den prächtigen 
Palast der Halatesta; alle Glodten klangen, und aus Böllern wurde 
geschossen. Francesco Uberti» ein lokaler Dichter und Verehrer 
Cesares, besang in seinen Versen jenen feierlichen Augenblick luid 
freute sich, daS die „bescheidene Venus'S wie er Lucrezia nannte, 
das boshafte und beleidigende Gerede besiege. 

Je näher sie Ferrara kamen, desto trauriger wurde die Braut; 
sie wuBte von allem Feilschen lun ihre Person, wußte, daß der Papst 
sie Ferrara aufgedrängt hatte, und mußte die Demütigung tief emp- 
finden. Die Gesandten berichten, daß sie die Einsamkeit aufsuche; 
in Pesaro hatte sie ihre Frauen am Abend tanzen lassen, während 
sie selbst in ihrem Gemach verblieben war. In Rom hatte sie ihr 
Söhnchen Rodrigo gelassen; dort hatte sie ihre stürmische Jugend 
verlebt, jetzt fürchtete sie den kühlen Empfang in Ferrara. Auch 
Sforza beunruhigte sie, der im nahegelegenen BCantua weilte und 
Rache brütete. Zwar hatte Alezander VI. Ercole empfohlen, Gio- 
vanni zu beobachten, aber der rachsüchtige Sforza konnte doch 
Lucrezia auf die eine oder andere Weise zu nahe treten. 

Physisch erschöpft durch die beschwerliche Reise, moralisch 
gebrochen durch die Ungewißheit der Zukunft, so näherte sich 
Lucrezia dem Ziel ihrer Fahrt. Aber schon im Kastell Bentivoglio 



X76 ACHTBS KAPITBL 

trat ein unerwartetes Ereignisf ein, das ihr Mut gab. 
war Alfonso gekoffimen, um sie zu begrüBen und vor dem feier- 
lichen Einzug in Ferrara kennen zu lernen. Er war ihr ganz fremdi 
es läßt sich nicht einmal nachweisen, daS er ihr geschrieben hat, 
während die Eheverhandlungen gepflogen wurden* Im KasteU 
Bentivoglio empfingen die kOnftigen Gatten in einer zwei Stunden 
währenden Unterhaltung einen günstigen Eindruck voneinander. 
Das Eis war gebrochen, Lucrezia kam Alfonso nach den Versiche- 
rungen eines Anwesenden „mit grofier Fügsamkeit und Grazie^' 
entgegen, er reiste befriedigt fort, sicherlich hat ihm die reizvolle 
Frau, die alle durch ihre Anmut besi^ hat, Eindruck gemacht 

Eine zweite weniger angenehme Begegnung wartete Lucrezias 
in BAalalbergo. Isabella Gonzaga, die Markgräfin von Mantua, 
Alf onsos Schwester, war ihr dort entgegengereist, Sie war g^en diese 
Heirat gewesen, die ihr als Demütigung der estensischen Familie 
erschien. „In fröhlicher Wut'S wie sie ihrem Manne schrieb, 
empfing sie die Schwägerin, aber während der Hochzeitsfeierlfch- 
keiten langweilte sie sich, war mit allem unzufrieden und verlangte 
schnellmöglichst nach Mantua zurückzukehren. 

Die Feste in Ferrara gehören zu den allerprächtigsten der 
Renaissance. Ercole sparte nicht, um den Fremden durch den 
Glanz seines Hofes die Wunde zu verbergen, die ihn brannte: 
die Aufnahme dieser Schwiegertochter in das alte Geschlecht der 
Este. Aber Lucrezia erleichterte ihm seine Aufgabe; durch ihre 
strahlende Anmut und Liebenswürdigkeit, die alle Herzen gefangen- 
nahm, schien sie die boshaften Gerüchte, die man über sie ver- 
breitet hatte, Lügen zu strafen. 

Alezanders Tochter zog auf einem Schimmel ein, über den eine 
Decke aus Schadach gebreitet war; sie trag ein schwarzes gold- 
gesticktes Samtgewand, dessen breite Ärmel in malerischen Falten 

■ 

hinunterfielen. Ihre Schultern deckte ein Mantel aus Goldbrokat 
und Hermelin, das gelöste Haar umschloß ein zartes, diamanten- 
geschmücktes Netz, ein Geschenk Ercoles L, und ihren Hals 
schmückte eine Kette von Perlen und Rubinen, die ferraresisches 
Erbgut war. Die Professoren der Universität zu Ferrara hielten 
einen purpurnen Baldachin über di(( Herzogin. 



LUCREZIA BORGIA 



177 



Vor rtem Tore des Castell Tebaldo scheute das durch die Schüsse 
erschreckte Pferd, LucrexU glitt auf den Boden, erhob sidi jedoch 
im nltnlichen Augenblicke. In jenen abergläubischen Zeiten hat 
der Zwischenfall sidierlidi AnlaB zu traurigen Vorhersagungen 
gegeben« 

Der Hochieitssug war auBerofdentlich lang und farbig. An der 
Sfiitze waren berittene Bogensdifitien in WeiB luid Rot, den Farben 
der Este, daneben Tronunler und Pfeifer. Ihnen folgte Don Alfonso, 
umgeben von acht Pagen und einem stattlichen Gefolge ferrare* 
sischer Edler. Er trug ein Kleid aus rotem Samt, auf dem Kopfe 
saS ein schwanes Samtbärett mit goldener Agraffe. Sein kastanien- 
f arbenes Pferd war mit einer karmoisinroten goldg e stic k ten Decke 
bedeckt. Die Ifitte des Zuges bildete Lucrexia, ihr folgte in ge- 
messenem Ernst Pflrst Ercole I. in schwarzem Samtgewand, audi 
sein Pferd hatte schwarzsamtnes Gesdiirr. Hinter Ercole Lucrezias 
Hofstaat, ihre Hofdamen und Donna Adriana, die ehemalige Haus- 
hofmeisterin und Vertraute Alezanders VI. Als der Zug sich dem 
Platz vor dem Schlosse niherte, ließen sich zwei Seiltinzer mit 
unerhörter Geschicklichkeit an langen Stricken von den SdiloB- 
türmen herab und begrüfiten die Braut. Ohne Hofnarren ging es 
eben in der Renaissance nicht ab. 

Isabella erwartete Lucrezia auf der Palasttreppe luid geleitete 
sie beim Klange der Musik in den Thronsaal, wo die junge Herzogin 
neben ihrem Gemahl unter einem goldenen Baldachin (capo delo) 
Platz nahm und eine lange Ansprache anhAren muBte. Der Saal 
war mit fünf groBen, aw Seide, Gold und Silber gewebten Teppichen 



Der erste Festtag war vorüber. Auf die Bevölkerung hatte die 
jtmge Herzogin den besten Eindruck gemacht; man erzählte, sie sei 
schlank, habe wunderschönes, blondes Haar, weiBe 2ULhne, eine 
zierliche Nase, lebhafte fröhliche Augen von schwer zu bestimmender 
Farbe, und pries ihre Liebenswürdigkeit und Anmut. Cagnola, 
der aus Parma zu den Hochzeitsfeierlichkeiten gekommene Ge- 
sandte, der sehr ausführliche Aufzeichnungen über alles hinter- 
lassen hat, notiert, Lucrezia habe helle Augen, einen etwas groBen 
Mund, einen gutgeformten, weiBen Hals, und Heiterkeit und Froh- 

is 



1^8 ACHTES KAFITBL 

sinn gehen Ton ihr aus. Ihre schöne Gesichtsfarbe, dolce dera, 
rfihmt in ihren Briefen auch die Marquise von Cotrone, Isabellas 
Hofdame, obgleich sie sich ziemlich imfreundlich Aber Lucreada 
ausgesprochen hat und der Ansicht war, daß ihre Herrin Isabella 
während dieser Feste das Schdnheits-„Pallio'* erringen würde. 
All diese Beschreibungen stimmen mehr oder weniger überein 
mit Lucrezias Bildnis auf einer Medaille, die „A l'amour captif*^ 
genannt wird, weil auf der Rückseite ein an einen Lorbeerzweig 
gefesselter Amor dargestellt ist, neben dem verschiedene Musik- 
instrumente liegen. Diese Medaille ist wohl ziemlich unmittelbar 
nach Lucrezias Ankunft in Ferrara geschlagen worden und zeigt 
uns ihr authentischstes Porträt. 

Angesichts des Zaubers, der von Lucrezia ausging, verstummte 
selbst die damals sehr scharfe Satire, und anstatt die Tochter des 
Papstes, die geschiedene Frau und Witwe zu kritisieren, begann 
man dem alten Herzog vorzuwerfen, daS er allzu viel Geld für die 
Festlichkeiten verschwende. Über den Theatersaal des Palazzo 
della Ragione, wo Plautus' Komödien aufführt wurden, ergoB 
sich eine Flut von Sonetten, die auf den alten Herzog wegen seiner 
Verschwendungssucht stichelten, an diesen Lasten hätten dann 
die Untertanen zu tragen. Um seine Einnahmen zu vergröfiem, 
pflegte der Herzog die Amter zu verkaufen, vor Lucrezias Hoch- 
zeit waren die Preise für die öffentlichen Anstellungen höher denn 
je gewesen. Für eine sehr hohe Summe bestätigte Ercole damals 
Titus Strozzis Wahl zum giudice de savi, obgleich das Volk ihn haBte. 

Den Glanzpunkt des Hochzeitsfestes bildeten Bälle, Theaterauf- 
führungen, Moresken und Turniere. Auf dem großen Ball im 
Schloß tanzte Lucrezia römische und spanische Tänze beim Klang des 
Tamburins«. Sie liebte es, durch Solotänze, die damals sehr beliebt 
waren, zu glänzen. Ohne schweren Zwischenfall waren die Turniere 
abgelaufen, nur Guido Vaino da Imola hatte dem Pferd seines 
Gegners Aldovrandino Piatese drei schwere Wunden beigebracht; 
da das Tier gemietet war, mußte Piatese fünfzig Dukaten dafür 
bezahlen. 

Ercoles schwache Seite war, wie schon erwähnt, das Theater, 
er gab dafür Unsummen aus. Im Saale des Palazzo della Ragione, 



LUCRBZIA BORGIA 279 

In dem sonst der Podesti amtierte» war eine Bühne errichtet worden, 
Von vierzig Ellen Länge und fünfzig Ellen Breite. Die Dekorationen 
bestanden aus gemalten Hftusem, Felsen, Bäumen und verschiedenen 
anderen Dingen. Von den Zuschauem trennte die Bühne eine niedrige 
Holzwand. In dem für das Publikum reservierten Teil des Saales 
saBen vom die HerzOge und der Hof, dahinter die übrigen Zu- 
schauer in dreizehn amphitheatralisch aufgestellten Bankreihen. 
Dreitausend Menschen fanden Platz; in der Mitte die Frauen, zu 
beiden Seiten die Männer. Mit grünem Stoff waren der Saal und die 
Bänke aiisgeschlagen. Fünf Wappenschilde strahlten an der 
Decke: in der Mitte das Wappen des Papstes, rechts das des Königs 
von Frankreich und der Este, links das der Borgia und ein altes 
estensisches. Vor dem Beginn der Vorstellimg hatte der Herzog 
die Kostüme, die bei den Aufführungen benützt wurden, aus* 
gestellt, damit die Gäste sähen, daB jedes Stück seine besondere 
Kostümausstattung habe. Es gab insgesamt hiuidert Anzüge für 
Männer und Frauen, zumeist aus leichtem Wollstoff gefertigt. Lite- 
raten und Künstler hatten für die Theateraufführung gearbeitet, 
Maschinen und Zxirüstungen erdacht, Dekorationen gemalt. Be- 
sonders hatten sich um den Glanz der Aufführungen verdient ge- 
macht Fino de Marsigli, Trulo, Giovanni da Imola» Pelegrino da 
Udine und Dosso und seine Schüler. Die Musik hatte Maestro Alf onso 
della Vinola komponiert, und zu den Hauptsängem und Sängerinnen 
gehörten Madonna Dalida, Maestro Alfonso Lanto und Giovanni 
Miehele. 

Die szenischen Aufführungen dieses Hochzeitsfestes waren von 
epochemachender Bedeutung in der Entwicklung des modernen 
Theaters. Aus allen Gegenden Italiens hatte Ercole Künstler kommen 
lassen, er lieB den ganzen Zyklus aufführen, fünf Stücke von Plautus, 
denen ein für diesen AnlaB gedichteter Prolog voranging. Bis auf 
einen Abend wurde vom 3. bis zum 8. Februar täglich Komödie 
gespielt, die Aufführungen wurden durch Konzert, Moresken oder 
Seiltänzer unterbrochen, um sie mannigfaltiger zu gestalten. Plautus 
„Bacchides'' dauerten fünf Stunden; Isabella Gonzaga vermochte 
es vor Langerweile nicht auszuhalten und schrieb ihrem Manne, 
diese ganze Hochzeit sei so langweilig und kalt, daß sie schon 



Z80 ACHTBS KAPITEL 

tausend Jalire zu währen scheine« Die Auffühningen dauerten 
von sechs oder sieben Uhr abends bis um Mitternacht. Die Moresken, 
eine Art Ton Pantomime mit Musik und Tanz, waren fttr das Pu« 
blikum eine Erholung» aber an Plautus' Komödien begeisterten 
sich höchstens Ercok und die Universitätsprofessoren. 

In einer der Moresken kam ein grofier Wagen auf die Bühne, dem 
ein Einhorn, das Symbol der Este, Torgespannt war. Eine schöne 
Jungfrau hielt die Zügel, und auf der Plattform des Wagens spielte 
sich die ganze „Historie'' ab. Die Nymphe befreite einige an Bäume 
gefesselte Gefangene, und sie, froh der errungenen Freiheit, be- 
gannen beim iOang der wahrscheinlich eintonnen und langweiligen 
Musik zu tanzen. Auch zehn Neger tanzten mit brennenden Fackeln 
zwischen den Zähnen und zehn Gladiatoren zeichneten sich durch 
einen Kri^[stanz aus. 

Unter den Zuschauem nahmen die älteren Leute AnstoB am Tanz 
▼on Männern und Frauen in fleischfarbenen Trikots, in denen die 
Tanzenden wirkten, als wenn sie ganz nackt wären. Die Tänzerinnen 
streuten ein wohlriechendes Pulver auf den Boden, so daB der ganze 
Saal von wunderbarem Duft erfüllt war. Mit Raffinement wollte man 
auf Sinne und Phantasie wirken. Ercok liebte schlüpfrige Ko- 
mödien, selbst Isabella fand des Unmoralischen zuviel auf der 
Bühne und schrieb nach der Aufführung der „Casina'' ihrem Mann 
einen Brief voU boshafter Anmerkungen. 

Im kleineren Kreise liefi die Markgräfin ihre Stimme hören, 
namentlich um den französischen Gesandten zu erfreuen, gegen den 
sie sich sehr huldreich erwies. Nachdem sie sich längere Zeit mit 
ihm unterhalten hatte, zog sie ihren Handschuh ab und verehrte ihn 
ihm als Erinnerungszeichen. 

Ihre Stimme pries Trissino in seiner Kanzone „Gentil signora": 



„Ma quando le sue labbra al canto muove, 
Tanto dolcezza piove 

Dal cid, che Taere si rallegra, e il vento 
A si dolce armonia s'afferma intento/' 

Der letzte Tag der Festlichkeiten war zur Übergabe der Geschenke 
an die Neuvermählten bestimmt. Die Gaben waren seltsam genug. 



LUCRBZIA BORGIA x8z 

Der franztataclie KSnig schickte Lucrexüi einen Rosenkranz aus 
goldenen Kugebii die mit Bisam gefüllt waren» es war dies danuüseine 
große Kostbarkeit; für Don AU onso fügte er einen Schild hinzu, 
auf dem in Email Maria Magdalena dargestellt war — dazu schenkte 
er ihm eine Vorschrift für das Gießen der Geschütze. Die Gesandten 
der übrigen LAnder legten zu Lucrezias Füßen Brokatstoffe nieder 
und sübeme Gefftße yon kostbarer Arbeit. Mit einem eigenartigen 
Geschenk bedachten sie die Venezianer. Sie ließen für ihre Gesandten 
Dolfin und Poscolo besonders kostbare Mäntel aus Karmoisinsamt 
mit Hermelin verbrämt arbeiten» ehe die Gesandten nach Ferrara 
reisten» mußten sie in den großen Ratssaal gehen und sich in diesen 
Mänteln dem versammelten Senat und viertausend Zuschauem 
präsentieren. Für den einen dieser Mäntel waren zweiunddreißig, 
für den anderen achtundzwanzig Ellen Samt erforderlich. Eben 
diese Mäntel boten die Gesandten Lucrezia zum Geschenk dar . Zuerst 
präsentierten sie sich der Herzogin darin» hielten lange italienische 
und lateinische Ansprachen» dann verschwanden sie im Vor- 
zimmer» legten die kostbaren Mäntel ab und ließen sie Lucrezia 
übergeben. Ganz Ferrara hat die Venezianer ausgelacht. 

Während der Feste schrieb Isabella ihrem Manne täglich; ihre 
Briefe verraten ihre schlechte Laune und ihre Unzufriedenheit 
darüber» daß Lucrezia einen günstigem Eindruck macht» als sie 
erwartet hatte. Dagegen behaupten Isabellas Anhänger, daß 
sie schöner als Lucrezia sei und ihr auch überlegen in der Fähig- 
keit» sich in dieser glänzenden Gesellschaft leicht und sicher zu 
benehmen. Die Marcfaesa de Cotrone berichtet ihrem Verlobten 
Francesco Gonzaga» Isabella überstrahle alle Frauen an Schönheit 
und Grazie» mit ihr verglichen wären alle nichts» »»una mente'^ 
B. Capilupo schreibt dem Marchese von Mantua» Isabella gebühre 
die Fahne. Während der Feste zu Ferrara wurden fünf Frauen 
am meisten genannt: Lucrezia» Isabella» Elisabetta von Urbino» 
Emilia Pia und die Marchesa de Cotrone. Capilupo» ein befangener 
Zeuge» weist Lucrezia unter ihnen den letzten Platz an. Als Isabella 
sidi mit dem französischen Gesandten unterhielt» erregte sie die 
Bewunderong aller durch ihre überlegene Art und die Eleganz 
ihrer Beredsamkeit. Boshaft fügt Capihipo hinzu» obgleich Lucrezia 



I82 ACHTBS KAPITBL 

mehr mit Männern zu tungehabt habe als dieMarchesaundBUsabetta» 
kftnne sie sich ihnen im verstindigen Gespräch nicht ver^eichen. 

Die Trauung zu Ferrara war ein groBes Ereignis in der eleganten 
Welt. Die geringfügigste Kleinigkeit in der Kleidung von Mann 
oder Frau, die man bei einer festlichen Versammlung beobaditete» 
wurde beschrieben und analysiert, die Strümpfe A la Sforzesca 
wurden ebenso angestaunt wie die Baretts A Tantiqua und eine 
Fülle anderer Details. Die Frauen interessierten sich besonders für 
die Spanier, die in Lucrezias Gefolge nach Ferrara gekommen 
waren. Um jene Zeit fingen die Spanier an, eine tonangebende 
Rolle in der römischen Gesellschaft zu spielen — italienische Höflich- 
keit und italienische Sitte hat nicht wenig Schaden daran genommen. 

In dem Mafie als die Macht der Borgia stieg, wuchs die Zahl der 
Spanier, die sich in Rom niederließen und dort nach Stellimg und 
Verdienst suchten. Selbst spanische Höflinge begannen in Mode zu 
kommen; auf den Strafien und in Gesellschaft hörte man fort- 
während spanisch sprechen, man las spanische Romane, kutschierte 
A la spagnola, kleidete sich auf spanische Art und eignete sich eine 
Menge spanischer Ausdrücke und Wendungen an. Jeder Krämer und 
Diener wurde „Don'' angesprochen, und die Zahl der Duelle stieg. 

Dieses qwnische Element war ein Verhängnis für Italien. 
Soweit wirkliche Kultur und Charaktereigenheit in Frage kamen, 
standen die Spanier viel tiefer als die Italiener. In den Jahrhunderte 
währenden Kämpfen mit den Mauren hatten sie äuBerlich die aus- 
gesuchte Höflichkeit und Ritterlichkeit der Mauren angenommen, 
aber die wirklichen Tugenden tmd die hohe Kultur des unter- 
jochten Volkes hatten sie sich nicht zu eigen gemacht. Die lang- 
währenden religiösen Rassenkämpfe hatten blutgierige Raubtier- 
instinkte in ihnen entwickelt, die sich hinter äußerem Firnis 
verbargen. Ihre Religion war Aberglauben, ihr Ehrgefühl Durst 
nach Rache und Vendetta, jeder Moralbegriff fehlte ihnen. Sie 
waren berüchtigt wegen ihrer Unehrlichkeit und ihrer widerlichen 
Angewohnheiten. 

Dem Reiz der fremdländischen Galanterie erlagen die Jungen 
Italienerinnen jedoch am häufigsten und zeichneten lange Zeit 
die Spanier aus. Während der Hochzeitsfeste in Ferrara beob- 



LUCRBZXA B0R6IA tSj 

achtete man, daß Lucrezias Donzellen im Gänsemarsch, eine hinter 
der anderen, einherritten, um ihr Kostüm in all seinen Besonder- 
heiten von den Spaniern bewundem zu lassen, die die Gewohn- 
heit hatten, sich dort aufzustellen, wo die Frauen Torbeikamen, 
und ihnen zudringlich nachzusehen. 

Als die Feste vorüber waren, fuhren die GAste auseinander, 
nur Donna Adriana mit ihren römischen Damen und ihrem gesamten 
Gefolge rüstete nicht zum Aufbruch. Ercole L war verzweifelt, es 
galt infolge ihres verlängerten Besuches für den Unterhalt von 
vierhundertfünfzig Menschen und dreihundertfünfzig Pferden zu 
sorgen. Die Vorräte an Lebensmitteln und Futter waren bereits 
während der Hochzeitsfeste aufgebraucht, und die Last, diesen 
fremden Hofstaat längere Zeit zu erhalten, war unerträglich. Ercole 
schrieb sogar an seinen Gesandten nach Rom, damit der Papst 
Adriana zur Rückkehr auffordere, aber Lucrezias ehemaliger 
Hofmeisterin schien es in Ferrara sehr gut zu gefallen, da sie sich 
erst im ISai zur Abreise verstand. Die Bevölkerung von Ferrara 
führte bittere Klage, da die Hochzeitstage allein asooo Dukaten 
verschlungen hatten. 

Das junge Paar bezog das Gastet Vecchio. Eine unfreundliche 
Residenz: in den Kellern Gefangene, und über dem stehenden Wasser, 
das das SchloB umgab, zahllose Mückenschwärme. Der Papst er- 
kundigte sich, ob Lucrezia glücklich sei; als ihm berichtet wurde, 
daS Don Alf onso nur am Tage Vergnügungen außerhalb des Hauses 
nachgehe und die Nächte bei seiner Gattin verbringe, war er zu- 
frieden. Der berühmte Ritter Bayard, Lucrezias lieißer Verehrer, 
bezeugt in einem seiner Briefe die Zufriedenheit des Papstes, indem 
er hinzufügt, daS Alezander Don Alfonso gelobt habe. „II signor 
Don Alfonso va a piacere in diverse loci come giovane, il quäle, 
dice Sua SantitA, fa molto bene." 

IV 

Ob Lucrezia mit diesem Vorgehen ihres Mannes ganz ein- 
verstanden war, ist fraglidi, aber die Tochter des Papstes fühlte 
die Starice Hand eines Gatten, mit dem nicht zu scherzen war. 



l84 ACHTBS KAFITBL 

Bonaventura Plstofilo, der langilhrige SekreläTy Biograph und 
Vertraute von Alfonso, schildert den Herzog als einen groBen, starken 
Ifann, der physische Anstrengungen Hebte. Sehr sdiarfinnnig und 
von sanfter Gemütsart, hatte er viel gelernt, in seiner Jugend 
Frankreich und England bereist; er war mudkalisch luid hat es 
auf der Geige zu groBer ^Hrtuositit gebracht; besonders liebte er 
ritterliche Spiele, Jagd und Pferde und schwamm wie ein StBr in 
seinem Po« GroBe Gesellschaften vermied er, aber mit Leuten 
niedrigeren Standes gab er sidi gern ab, mit Ingenieuren und Ar« 
beitem, die ihm in seinen Beschäftigungen beistanden. Er baute 
unablässig, arbeitete an der Verbesserung der Geschtttze und an 
der Hebimg der Fayenceerzeugnisse. Er war ein auBerordentlich 
gewissenhafter, gerechter Herrscher und verlangte auch von seinen 
Untertanen Gerechtigkeit 

Alfonsos, von Pistofilo fiberlieferte Charakteristik deckt sich 
mit dem Eindruck, den das Porträt des Herzogs in der estensischen 
Galerie zu Modena macht, es ist die Kopie eines Originalbildes von 
Tizian. Der Herzog, ein kräftiger, breitschulteriger Mann mit 
länglichem Gesicht, starkem Bart, stützt sich mit der Rechten 
auf eine Kanone, vielleicht eines jener drei Geschtttze, die seinen 
Ruhm bildeten: „Grandiavolo'S „Terremoto*' und „Giulia'^ Das 
letzte war aus der ungeheuren Statue Julius* II. gegossen, dem Werke 
Michelangelos, welche das Volk von Bolognai das den Papst haBte, 
während der Revolution am 30. Dezember 1511 zertrflmmert hat. 

Ferrara bedurfte um jene Zeit eines ernsten, starken Herrschers. 
Nacheinander haben drei Päpste nach der estensischen Herrschaft 
gestrebt: Julius II. mit Gewalt und List, Leo Z. und Klemens VIL 
durch Treubruch und Verrat. Die Zeiten waren sehr schwer, es galt 
nicht nur sich der Päpste zu erwehren, sondern fortwährend Schutz 
zu suchen bei einem der beiden europäischen Potentaten, dem König 
von Frankreich oder dem König von Spanien, die sich unablässig 
befehdeten. Ein Lavieren in Gefahren. 

All das überstand Alfonso; es kamen Zeiten, wo er Modena, 
Reggio, Polesina verloren, wo Julius' II. Bann auf ihm gelastet, 
wo die Pest die Bevölkerung von Ferrara dezimierte, und Brdbeben 
Land und Leute zerstörten, und schlieBlicfa kam jener Augenblick, 



ALPONSO I. D'ESTE 
KOPIE DOSSIS NACH TiZIAN. MODENA, GALERIE 



LUCREZIA B0R6IA 



I«5 



WO der Herzog nach der Sdilacht bei Bastia» an der Schläfe top 
eitlem Stein, der aus dem eigenen Gesdioß stammte, getroffen, 
wie tot am Boden lag. Es waren schwere Zeiten: bei Giacomo d'Am- 
brogio, dem Bankier xu Verona, mufite er für 450 Lire 2883 ICedaillen 
Tertfetien, die seine Vorfahren gesammelt hatten, später seibat 
Lucrezias Kleinodien verpfänden; Alfonso hat all dem die Stirn 
geboten, sich der Plante erwehrt, den denkwftrdigen Sieg bei Ra- 
▼enna (am xx. April 2512) erfochten, die Medaillen tmd Kleinodien 
eingelöst, den verlorenen Besitz zurückerworben, und nach langer 
und glanzvoller Herrschaft hinterließ er sein Reich dem ältesten 
Sohne, Brcole IL, im Jahre X534. 

Binem so tätigen Fürsten blieb nicht viel Zeit und Mufie zur 
Pflege der Literatur, besonders da seine Interessen eher bildender 
Kunst: Architektur und Malerei, gehörten. Dafür bemühte sich 
Lucrezia in Friedenszeiten ein Zentrum für das geistige Leben 
zu schaffen, und in der Tat gehörte der Hof von Ferrara während 
ihrer Herrschaft in dieser Beziehung zu den berühmtesten und 
glänzendsten der Renaissance. 

Lucrezia übte einen besonderen Reiz aus: sie wurde von ihrer 
ganzen Umgebung geliebt, und die Literaten, deren es in Ferrara 
soviel gab, priesen in lateinischen und italienischen Versen ihre 
Tugenden und ihren Verstand, teils aus Verehrung, teils um ihr 
zu schmeicheln. Durch ihre Güte und Zuvorkommenheit besiegte 
sie alle, nur Isabella war uneinnehmbar, und Lucrezia vermochte 
trotz ihres ernsthaften Strebens sich hier keine Zuneigung zu 
erringen. 

Um sich gegen die Markgräfin von Mantua liebenswürdig zu 
erweisen, schrieb sie ihr kurz nach der Trauung (am 14. Mai X502), 
daB sie sehr wünsche, ihre Büste in Marmor zu besitzen, und da 
Gian Giacomo, ein römischer Goldschmied und Bildhauer, in Ferrara 
aufgetaucht sei, bat sie sie, ihm sitzen zu wollen. Ob diese Bü^e 
jemals in Angriff genommen wurde, wissen wir nicht, aber die Be- 
kanntschaft mit diesem römischen, wahrscheinlich untergeordneten, 
Künstler nahm ein peinliches Ende, da der Bildhauer-Goldschmied, 
nachdem er sich ein Jahr in Ferrara aufgehalten, Lucrezia zwei 
kostbare Steine, einen Rubin und einen Diamanten, gestohlen und sieb 



x86 ACHTBS KAPITEL 

intgehelin nach Mantua begeben hat, wo man ihn jedoch nidit er* 
wischen konnte. 

In Ferrara huldigte alles Lucrezia» selbst der alte Tttiis Strosri 
war ihr Verehrer. Er sandte ihr ein überschwenglidies Epi- 
gramm» obgleich er die Grenie des Alters, das Menschen bestimmt 
ist, erreicht und längst der Liebe ' V er g essen habe, sei er bei ihrem 
Anblick in Liebe entbrannt und läge gefesselt au ihren FüBen. 
Ihr Bild habe zwar ein berühmter Meister gemalt, aber menschliche 
Kunst vermöge diese göttliche Schönheit nicht wiederzugeben. 
Lucrezias Linke sdimücke ein Armband in Gestalt einer Sdilange; 
wenn, wie man sagt, der Schlangenbiß eine namenlose Sehnsucht 
erwecke, so sei dieser Reif ein bezeichnendes Symbol. Im Bewußt- 
sein ihrer Tugend und Reinheit brauche die Fürstin den BiB des 
Neides nicht zu gewärtigen, da alle Herrlidikeiten des Himmels 
und der Erde sich in ihr vereinigt hätten. Wer sie nicht gesehen 
habe, sei zu bedauern, wer sie jedoch gesehen habe, würde in Ewig- 
keit von Liebessehnsucht verzehrt werden. 

Nicht nur der Vater, auch Ercole Strozzi, der Sohn, huldigte der 
bezaubernden Fürstin. Obgleich Ercole hinkte, hatte er viel Glück 
bei Frauen, und sein Gebahren Lucrezia gegenüber begann bereits 
Alfonsos Mißtrauen zu erwecken. Lucrezia scheint dem jungen 
Strozzi eine Rose geschenkt zu haben, die sie vorher an ihre Loipen 
geführt hat; dies bot den Anlaß zu einem leidenschaftlichen Epi- 
gramm Strozzis: 

Laeto nata solo, dextra, rosa, polioe carpta; 

Unde tibi solito pulcrior, unde color? 
Num te iterum tinzit Venus? an potius tibi tantum 

Borgia purpureo praebuit ore decus? 

„Rose, dem Boden der Freude entsproßne, vom Finger gepflückte» 
Warum scheinet als sonst schöner dein farbiger Glanz? 

I^bt dich Venus aufs neu? hat eher Lucreziens Lippe 
Dir im Kusse so hold schimmernden Purpur verliehn?" 

Ercole Strozzi sang audi vom marmornen Cupido, der in 
Lucrezias Schlafgemach stand und sich zum Stein gewandelt, 
als er seine Herrin geschaut. Ihr Anblick wiikt wie der der Meduse; 



LUCRBZIA BORGIA 187 



sum Stein wird jeder, der sie sieht, aber die Uebesg^ut brennt weiter 
in ihm und entlockt dem Stein noch TrAnen« 

Schon vm 1505 und 1506 scheint AUonso auf Ercole eifersüchtig 
gewesen zu sein, er haSte und verdächtigte ihn, und damals seheinen 
Eifersucht und Zorn in ihm entstanden zu sein, die zwei Jahre später 
eine furchtbare Tragödie zur Folge hatte. 

Jener KuB auf die Rose, die Ercole geschenkt ward, war nichts 
als Tändelei, und Alfonso brauchte sich «darüber nicht zu betm- 
ruhigen; zum Hofstaat der Herzogin gehörte aber damals schon 
ein anderer gelehrter Dichter, der den häuslicfaen Frieden im Schlosse 
zu Ferrara hätte trüben können: es war kein anderer als Pietro Bembo. 

In der Ambrosiana zu Mailand befinden sich Briefe, die dort 
nach vielen Irrfahrten gelandet sind. Es sind im ganzen neun, 
sieben italienische, zwei spanische, und ihre Oberschrift: „AI mio 
carissimo M. Pietro Bembo'' gibt so manches zu denken. Sie tragen 
die Unterschrift: „Lucretia Estense da Borgia'S ihre Herkunft 
steht also auBer Zweifel. Diese Briefe sind vorsichtig abgefaßt, 
in Worten imd Wendungen, aus denen sich nicht unbedingt folgern 
läBt, daB ein intimeres Verhältnis zwischen der Fürstin und dem 
jiuigen Venezianer bestanden habe. Aber Don Alfonso hätte die 
beigelegte blonde Locke so wenig beglückt wie die Liebesgedichte 
in spanischer Sprache. 

Lucrezia hat sich am Hofe zu Ferrara einsam gefühlt ; ihren llann 
hat sie nie geliebt, ihrer Umgebung konnte sie, vielleicht abgesehen 
von einigen Frauen, die mit ihr aus Rom gekommen waren, nicht 
unbedingt vertrauen. So konnte sie dazu kommen, Pietro Bembos 
Liebe zu erwidern. Da8 diese Liebe bestanden hat, beweisen die 
erwähnten Briefe, wenn man sie mit Bembos Briefen an A*** ver- 
gleicht, die in seine gesammelten Schriften aufgenommen wurden. 
Diese Briefe waren an Lucrezia gerichtet; die Vermittlerin der 
Korrespondenz zwischen Bembo und der Herzogin war die schöne 
Angela Borgia, die Bembo einmal „angelo intercessore'S den ver- 
mittelnden Engel, nennt. 

Bembo hatte ein sehr einnehmendes AuSere, eine sympathische 
Stimme, er war weich und liebenswürdig im Umgang und hatte 
Frauen gegenüber ein unerschöpfliches Gesprächsthema, da er gerade 



i88 ACHTES KAPITBL 

damals in Ferrara „Gli Asolani'' schrieb» die Lucresia gewidinet 
waren. In Liebessachen scheint er erfahren gewesen zu sein, da 
ihn an Venedig noch ein altes Verhältnis aus dem Jahre 1501 
band, das sich infolge seiner Entfernung allmählich löste. 

Als Bembo sich im Frflhling des Jahres 1505 mit seinem Vater 
und der Tenezianischen Gesandtschaft zu Julius II. begab, machte 
er zum erstenmal Station in UrUno und erregte dort die besondere 
Aufmerksamkeit der klugen Bnulia Pia. Sie schrieb, er sei ein 
Mann, mit dem man rechnen müsse, „che yeramente i uomo da 
fame conto.^' Während seines Aufenthaltes in Mantua, im gleichen 
Jahr, machte er Isabella den besten Eindruck; er berichtet, daft 
er dort sehr geehrt worden sei, „accarezzato et honorato'^ 

Er war ein Mensch besonderer Art, was ja auch die Zukunft 
bestätigt hat. 

Schon zwei Jahre nach Lucrezias Hochzeit, im Jimi 1503, klingt 
in Bembos Briefen ein heiBes Gefühl an. Er war damals in Ostalleto 
bei den Strozzi, sie hatten dort ein Landhaus mit groBen Gärten 
und einer kostbaren Bibliothek, die jedoch in verwahrlostem Zustand 
war, da Bembo sich beklagt, daS die Mäuse die Umschläge ron 
Aristoteles' Schriften zernagt hätten. Er bittet seine venezianischen 
Freunde, ägyptische Katzen zu besorgen, die bekannt dafür waren, 
im Mäusefang zu ezzellieren. Heute fehlt jede Spur der Villa und der 
schönen Gärten der Strozzi. 

Am 3. Juni schidct Bembo der Herzogin aus Ostalleto zwei 
Sonette und berichtet bei diesem AnlaS: „Nichts Neues kann ich 
melden, ich könnte höchstens dieses ruhige Leben beschreiben, 
die Ei n sa m k e it, den Schatten der Bäume, die Stille, die mir früher 
süß und lieb waren — jetzt erscheinen sie mir langweilig und weniger 
schön. Was bedeutet das? Ist es der Beginn eines Übels? Ich wollte, 
Ew. Herrlichkeit suchte in ihrem Büchlein nach, ob Ihre Gefühle 
den meinen entsprechen. Ew. Herrlichkeit Gnade empfehle ich 
mich so viele mal, als es Blätter gibt in diesem Garten, in den ich 
hinaussehe, gelehnt an jenes liebe Fensterchen.*' 

Das erwähnte Buch bezieht sich wahrscheinlich auf ein spanisches 
Buch mit Sentenzen und Prophezeiungen, das Lucrezia häufig 
befragte. 



LUCRBZIA BORGIA X89 

Aus Bembos Gedichten aus jener Zeit spricht seine Zuneigung 
für die Herzogin. Die Gedichte strBmen ihm zu; auch wenn er auf die 
Jagd geht, denkt er mehr an ein zierliches Sonett als an das zu 
belauschende Wild. In einem dieser Gedichte preist er Lucrezia: 
nimmt die Fürstin die Feder zur Hand und schreibt Verse» so gleicht 
sie den Musen» berührt sie die Harfe mit ihren schönen Fingern» 
so rauscht das Instrument sanft und milde wie der Po» tanzt sie» so 
sdireitet sie so leicht» daS man fürchten muB» eine Gottheit würde 
sie entführen und in einen Stern verwandeln. 

Das Schlangenarmband» das Lucrezia trug» inspirierte Bembo wie 
Strozzi zu Hexametern: als man einst eine Natter in das gold- 
bringende Wasser des Tajo geworfen» wandelte sie sich zur goldenen 
Schlange. Der spanische FluB wußte nicht» was er mit diesem 
Kleinod tun sollte» da fand er eine würdige Frau» die sich damit 
schmücken w<dlte» und diese Frau war Lucrezia. 

Das ihr gesandte Sonett beantwortete die Herzogin mit einer 
leidenschaftlichen spanischen Kanzone» für die der Dichter mit 
spanischen Versen dankte. Er entschuldigte sich» daB er die Sprache 
nicht ganz beherrsche» und bat sie» diese Verse niemandem zu 
zeigen. 

Fortwährend wurden Briefe zwischen Ferrara und Ostalleto ge- 
wechselt; am 8. Juli bat Lucrezia den Dichter um eine Imprese. 
Mit zwei Worten erfüllte Bembo diesen Wunsch: »»Est animum'^ (sie I) » 
sie sind für uns nicht ganz ▼erständlich. Der Inhalt der Briefe 
wurde heiBer» Lucrezia wagte später nicht mehr mit ihrem eigenen 
Namen zu unterschreiben» sie zeichnete mit den Buchstaben F. F. 
Bembo versichert sie in einem seiner Briefe» das grdBte Glück des 
Menschen bestünde darin» als Eigenwesen zu sterben» um in einem 
andern» in der Geliebten» weiterzuleben; an anderer Stelle nennt 
er sie das »»Licht seines Seins'' oder »»küBt ihre Hand» die schönste» 
die er in seinem Leben an die Lippen geführt''. 

Auf dem Lande war es Bembo zu einsam» er zog nach Ferrara» 
aber dort erkrankte er in den ersten Augusttagen imd muBte das 
Bett hüten. Lucrezia besuchte ihn und weilte lange beim Kranken. 
Am nächsten Tage schrieb er ihr: »»Euer Besuch hat die Schwäche 
von mir genommen» die meistens dem Fieber folgt» plötzlich ward 



J90 ACHTBS KAl^lTEL 

ich gesund wie nach einer göttlichen Medizin. Durch einen Blick 
und die Berührung der Hand ward mir die Gesundheit wieder- 
g^eben; da Eure mir so teuren Worte Liebe, Heiterkeit und Trost 
spendeten, erweckten sie mich zum Leben.'^ 

Einige Tage nach diesem Besuch, am i8. August 1503, starb 
Alexander VI«, drei Tage nach seinem Tode kam die Trauerbotschaft 
nach Ferrara. Es war ein schwerer Schlag für Lucrezia, um so 
schwerer, als nicht vorauszusehen war, welche Wendung ihr Schick- 
sal jetzt nehmen würde. Bembo teilte ihren Schmerz, er begriff ihre 
Angst und Sorge und ging sofort ins Schloß, um sie zu sehen imd 
zu trösten. Doch befriedigten ihn seine Worte nicht; da sie auf- 
richtig waren, versagten sie in der Form, und am nächsten Tage 
schrieb er ihr aus Ostalleto, um sich zu rechtfertigen: als er sie 
in Tr&nen, in ihrem schwarzen Kleid gesehen habe, habe er keine 
Worte gefunden, sondern empfunden, daB er selbst des Trostes 
bedürfe, so sehr habe ihr Anblick seinen Sinn verwirrt. Ein zweiter 
leidenschaftlicher Brief folgte, er riet Lucrezia, den Frieden ihrer 
Seele in diesem wichtigen Augenblick zu wahren, tröstete sie so gut er 
vermochte, in sehr herzlicher Weise. „State sana'S tmt diesen 
Worten beschlofi er seinen schmerzerfüllten Brief. Ein Satz am 
Schluß dieses Briefes wirft ein trauriges Licht auf Lucrezias 
Stellung am ferraresischen Hof: „Da die heutigen Umstände dies 
verlangen,'' schreibt er, „müsset Ihr niemand erkennen lassen, 
daß Ew. Gnaden nicht nur über den jetzt erlittenen Verlust weint, 
sondern auch aus Furcht, ob Euer Glück am Hofe von Dauer sein 
wird.'' Dieser Ausdruck „ancora la stante vostra fortuna" be- 
weist, daß Lucrezia fürchtete, ihre Stellung in Ferrara würde sich 
nach dem Tode des Papstes ändern, da sie weder der Liebe des 
Gatten, den fortwährend neue Liebesabenteuer beschäftigten, noch 
der Zuneigung des alten Ercole sich sicher fühlte. Und ihre Furcht 
konnte berechtigt sein, da sie keine Nachkonunenschaft hatte; ein 
unglücklicher Zwischenfall hatte sie zweimal der Kinder beraubt, 
und erst fünf Jahre später, am 4. April 1508, hat sie Alfonso den 
ersten Sohn geboren. In diesen schweren Augenblicken war Bembo 
vielleicht ihr einziger Vertrauter. Die Ungewißheit, wie die Este 
sie nach dem Tode ihres Vaters behandeln würden, war durchaus 



LUCRBZIA B0R61A 



Z9X 



begrciiUch, dtan Lucreria wuSte, daft der alte Ercole sidi über 
den Tod des Papstes freue* Während Bembo Lucrezia Worte des 
Trostes sagte, schrieb der Herzog aus Belriguardo an Giangiorgio 
Seregni, seinen Gesandten beim französischen Statthalter in Blailand, 
und dankte Gott, daS er ihn von diesem Papst befreit habe, von dem 
er trotz der neuen Familienbande nichts Gutes zu erwarten habe. 
Den Widerwillen des Papstes gegen Ferrara schrieb Ercole nament* 
lieh Cesare zu, der die Este stets als Fremde betrachtet und ihnen 
qie seine PULne anvertraut habe. 

Drastischer drOckt seine Freude über den Tod des Papstes der 
Marchese yon Mantua aus, der seiner Gattin Isabella d' Este am 
22. September 1503 schreibt aus Isola Famese, in der Nähe Roms, 
dem Hauptquartier der französischen Armee, Er berichtet, der 
Papst habe nach dem Tod seines Vorgingers Innocenz VHI. einen 
Fakt mit Satan geschlossen und den päpstlichen Stuhl mit seiner 
Seele erkauft Zwölf Jahre der Herrschaft waren Alezander VI. 
vom Teufel garantiert, er hat sein Versprechen gehalten, ja dem 
Papst sogar vier Tage ^ber die bestimmte Zeit zugestanden. In 
Alesanders Todesstunde warteten sieben Teufelchen seiner, und 
sein Mimd schäumte wie kochendes Wasser im Kessel. Aus diesem 
Grunde wollte niemand den Toten anrühren, so daS der Toten- 
gräber ihm einen Strick um die Beine band und ihn daran aus dem 
päpstlichen Schlafgemach bis Grab sdileppte. 

Es wurde allgemein geglaubt, dafi der Teufel sich persönlich 
eingestellt habe, um Alesanders VI. Seele in Empfang zu nehmen. 
Diese Nachricht drang jedenfalls auch nach Ferrara und erleichterte 
Lucrezias Stellung nicht; man darf sich auch nicht wundem, daß 
sie sich in ihrer absoluten Verlassenheit und Furcht vor dem Kom- 
menden immer mehr an Bembo anschloß, und daß ihre Freund- 
schaft noch inniger wurde. Am 4. Oktober anvertraute Bembo 
sich ihr: „Nach keinem Schatz verlangt mich so wie nach jenen 
Worten, die ich gestern von Euch hörte ... die Flamme, die mich 
erfaßte, kann nicht stärker und leuchtender brennen.^^ Lucrezia 
schien ihm nicht ganz zu trauen, und abergläubisch wie alle Frauen 
jener Zeit holte sie sich Rat bei Karten, auf denen Sentenzen standen, 
die ihr die Zukunft künden sollten. Aus dem ersten Karten* 



192 



ACHTES KAPITBL 



spiely das sie zur Hand nahm, wollte sie sich Gewifiheit über das 
Schicksal ihrer Liebe holen, Bembo fühlte sich ihrer Neigung sch<m 
sicher, er antwortete ihr, er hoffe, daB ein spamsdies Wort sich erfül- 
len würde, „quien quiere amatar perro, spesso rivia le levante'S 
indem Lucrezia seine wahnsinnige Liebe zu ihr dämpfen wolle, 
würde sie selbst dieser Liebe erliegen. Und es scheint, daft die Karten 
richtig prophezeit hatten, Lucrezia wehrte sich zwar, aber die^ 
Liebe siegte. 

Am zo. November muBte Bembo infolge wichtiger häuslicher 
Angelegenheiten Ferrara verlassen, zum Abschied schickte er 
Lucrezia einige Zeilen, in denen er sie „sein teuerstes Leben" 
nannte; gleich allen Verliebten lieB er ihr sein Herz zum Pfände, 
bat, daB sie lieb und gut damit imigehe, und empfahl sich ihrem 
Gebet. Bis Ende des Monats hielt die Krankheit seines Vaters ihn 
fem, tmd als er nach Ferrara für kurze Zeit zurückkam, mufite er 
infolge des Todes seines Bruders Carlo, den er sehr liebte, Lucrezia 
abermals verlassen. 

1504 war Bembo noch in Ferrara, aber seine Briefe werden 
vorsichtiger, auch Lucrezia scheint der höfischen Umgebung nicht 
zu trauen. In der zweiten HUfte des gleichen Jahres reiste Don 
Alfonso mit seinem Sekretär Pistofilo tmd einem groBen Gefolge 
von Höflingen nach Frankreich, um die guten Beziehungen 
zu jener Djrnastie zu unterhalten, die Ferrara hauptsächlich 
in Italien unterstützte imd um neue Errungenschaften im 
Geschützwesen, die ihn über alles interessierten, kennen zu 
lernen. Lucrezia blieb allein im SchloB, denn der alte kränk- 
liche Ercole hielt sich namentlich in Belriguardo auf. Wie 
weit damals ihr Verhältnis zum Dichterfreund gediehen ist, wissen 
wir nicht. 

Das Jahr 1505 ist entscheidend in Lucrezias Leben, die Bande, 
die sie an Bembo fesselten, muBten sich lockern. Man begann sich 
zu sehr mit diesem Roman zu beschäft^;en, der in Hofkreisen kein 
Geheimnis war, auBer Angela Borgia wuBten noch drei Hoffräulein 
darum, Bembo nennt sie in seinen Briefen Polixena, Climena und 
Cintia. Lodovico Aristo tuid Tebaldeo wuBten tun diesen Roman, 
und Titus Strozzi schrieb sogar ein recht ungeschicktes Epigramm, 



LUCREZIA BORGIA 



Z93 



in dem er des Netzes spottete» mit dem Lucrezia den in sie Ter« 
liebten Freund gefangen hat. Es folgt hier: 

Ad Bembum de Lucretia 

Si mutatum in x. c. tertia nominis huiiis 

Littera lux fiet quod modo 1 u x- fuerat 
Retia subsequitur, cui tu h a e c subiunge parat que 

Sic scribens: lux haec retia, Bembe parat. 

Dazu kam, daS nach Ercoles Tod am 25. Januar 2505 
Alfonso Herzog Ton Ferrara wurde; Lucrezias Stellung wurde 
dadurch exponierter und erforderte viel Vorsicht. Am S. Paulstag 
übergab der alte Titus, als guidice de' dodid savi, Alfonso nach alter 
Sitte Szepter und Schwert als Abzeichen der Herrschaft. Als der 
neue Herzog im Purpurmantel auf dem Schimmel durch Ferraras 
StraBen ritt, gab es einen solchen Schneesturm, daB man es allgemein 
als Prophezeiung einer sehr stürmischen Regierung auffaßte, Pest, 
Krieg und Erdbeben sollten diese Prophezeiimg nur zu sehr erfüllen. 

Unverzüglich nach Alfonsos Thronbesteigung spielte sich ein 
furchtbares Drama im herzoglichen Palast ab. Angela Borgia 
bezwang durch ihre Schönheit ihre ganze Umgebung. Fast noch 
als Kind hatte man sie in Rom mit Francesco Bfaria Rovere ver- 
lobt, aber die Verbindung wurde gelöst, und der Erbe des Herzoge 
tums von Urbino vermählte sich mit Eleonora Gonzaga. Zu Angelas 
heiBesten Verehrern in Ferrara gehörten der Kardinal Ippolito 
d'Este imd Giulio, Ercoles natürlicher Sohn. Giulio gefiel Angela 
besser als der Kardinal, und das lebhafte Mädchen rühmte einst in 
Ippolitos Gegenwart seine schönen Augen. Der Kardinal geriet vor 
Eifersucht außer sich, mietete zwei „brava^* und liefi seinem Stief- 
bruder die Augen ausstechen. Am 3. November 2505 lauerten die 
Henker dem von der Jagd Heimkehrenden auf, und warfen sich in 
Ippolitos Beisein auf ihr Opfer. Der Anschlag geriet nur halb, 
der armt Giulio verlor ein Auge, das andere vermochten die Arzte zu 
retten. 

Der gesamte estensische Hof schäumte vor Wut gegen Ippolito, 
am gleichgültigsten nahm jedoch der Herzog das Verbrechen auf, 
er verbannte den Kardinal zwar vorübergehend, bestrafte ihn aber 

13 



X94 ACHTES KAPITEL 

nicht so, wie es dieser Terschlagene Wüterich Terdient hätte. 
Giulio sann auf Rache und wartete nur auf einen geeigneten Augen- 
blick, um sie an Alfonso zu nehmen. 

Donna Angela heiratete ein Jahr nach diesem Zwischenfall 
den Grafen Alexander Pio von Sassuolo, und ihr Sohn vermählte sich 
später mitElisabetta, einer natürlichenTochter desKardinals Ippolita 

Giulio ruhte nicht, er setzte sich mit Don Ferrante, Alfonsos 
leiblichem Bruder, ins Einvernehmen, der den Herzog leidenschaft- 
lich haBte und ihm Ferraras Thron entreißen wollte* Der Ver- 
schwörung traten mehrere Unzufriedene bei, unter anderen der 
Graf Albertino Boschetti und dessen Schwiegersohn, der Kapitän 
der Schloßgarde, Es wurde beschlossen» Alfonso auf einem Blasken- 
ball zu ermorden und Ippolito durch Gift aus dem Wege zu räumen* 
Der Kardinal, der infolge seiner Verschwendungssucht viel Freunde 
in Ferrara hatte, wurde rechtzeitig von diesem Anschlag benach- 
richtigt und hat jedenfalls auch Alfonso gewarnt. Im Juli 1506 
ließ der Fürst Don Ferrante und den Grafen Boschetti gefangen 
nehmen, Giulio gelang es, sich durch Flucht nach Mantua zu 
retten. Als Ferrante ins Schloß gebracht wurde, geriet Alfonso 
in solchen Zorn, daß er dem Bruder mit dem Stock ein Auge aus- 
schlug und ihn ins Burgverließ verbannte. Giulio wurde vom Mark« 
grafen von Mantua an Alfonso ausgeliefert, gegen beide Este 
wiu'de ein Hochverratsprozeß angestrengt, und die Schuldigen zum 
Tode verurteilt. 

In Ferrara war alles ein Anlaß zu glänzenden Festen, selbst 
die Hinrichtimg zweier Mitglieder der herrschenden Familie sollte 
zum öffentlichen Schauspiel werden. Im Hofe des Kastells wurde 
eine Estrade errichtet, auf der die beiden Prinzen hingerichtet 
werden sollten, ringsum wurden Tribünen für das Publikum auf- 
gestellt. Als man die Gefangenen herbeiführte, gab Alfonso, der 
nicht aus der Art geschlagene Sohn Ercoles, des großen Theater- 
regisseurs, den Henkern ein Zeichen, sie traten zur Seite^und er 
begnadigte die Brüder zu lebenslänglicher Gefangenschaft in den 
Kellern jenes Schlosses, in denen der eine zu herrschen sich ver- 
messen hatte. Noch unter Alfonsos Nachfolger, Ercole IL, hat Fer- 
rante dort geschmachtet, er starb erst im Jahre 1540. 1559 wurde 



LUCREZIA BORGIA I95 

Von Giulio seine Freiheit wiedergegeben, da er, ein fast achtzigjähriger 
Greis, dem Thron von Ferrara nicht mehr gefährlich werden konnte* 
Unterdessen erlitt Lucrezia einen Schicksalsschlag nach dem 
andern; es ging mit der Größe der Borgia schnell zu Ende. In 
Spanien, in der Nähe von Pampelona, war Cesare am 12, März 1507 
zugrunde gegangen als Abenteurer und Kondottiere, in fremdem 
Solde, der für die Sache eines andern kämpfte. Als die höfischen 
Schmeichler sahen, daß Cesares Ruhm Alf onso nicht mehr Abbruch 
tat, begannen sie Lobeshymnen zu Ehren des Verstorbenen zu 
dichten* Ein Heldengedicht wurde 1508 von Ercole Strozzi verfaßt, 
in dem er Cesares große Taten pries, er rühmte ihn als den von der 
Vorsehung Auserwählten, tun das Kaisertum und den Glanz Roms 
zu erneuen, als den Mann, der bestimmt war, das zerrissene Italien 
unter einem Szepter zu vereinigen, als den von Machiavell vorher«» 
gesagten Fürsten. Selbst von Alescander VI* heißt es bei Strozzi, 
er verdiene, einst der Große genannt zu werden. lamque novos 
titulos, nobis, nova regna parabat Seztus Alezander, merito qui 
nomine quondam mazimus apellandus erat . . . 

Zu früh hatte Jupiter Alezander in den Olymp berufen! Als 
die Götter über Cesares Schicksal berieten, war Pallas vor Jupiter 
in die Knie gesunken und hatte gefleht, daß er ihm Macht imd ein 
langes Leben schenke. Doch Venus war dagegen^ daß die Herrschaft 
über Rom einem fremden, spanischen Geschlecht zufalle, sie 
schäumte vor Eifersucht, da eine Spanierin, Lucrezia Borgia, ihr 
an Schönheit überlegen war. Venus war stärker als Pallas; wie 
Achilles mußte Cesare sterben, aber sein Mut imd sein gewaltiger 
Geist sind unsterblich, aus der Vereinigung beider Geschlechter, 
decen Ursprung in Hellas zu suchen ist, aus den Este und Borgia 
wird der Held entstehen, der Italien befreien wird. Strozzi geht viel 
weiter als Machiavell; während der Sekretär von Florenz sich 
kühl über die Unterwerfung Umbriens, der Marken und der Ro- 
magna ausspricht, ist Strozzi voller Begeistenmg für Cesare imd 
preist ihn: 

Qui rem romanam ingenio et praestantibus armis restituit • . . 

Caesenam et multa in tumulis castella propinguis 

Debellavit agens properanti milite castra. 

13* 



ig6 ACHTES KAPITEL 

Seine Dichtung hat Ercole Strozzi der Herzogin gewidmet, 
,,alla diva Lucrezia Tepicedio". 

Als Strozzi dieses Gedicht verfaSte, liebte er Lucrezia nicht 
mehr, er hatte damals ein Verhältnis mit Barbara Torelli, Ercole 
Bentivoglios Witwe» einer schönen Frau, die zuweilen Sonette schrieb, 
wie damals fast alle Damen von Stand. Barbara hatte ein Töchter- 
chen geboren, das Strozzi zum Vater hatte. Der jungen \Kntwe 
gefiel es in Ferrara sehr gut, selbst Alfonso I. hatte sich um ihre 
Gunst bemüht. Sie aber hatte jenen erwählt, den sie heiraten 
konnte: Ercole Strozzi. Ihre Trauung fand am 24. Mai statt; drei- 
zehn Tage später, am 6. Jimi 1508, fand man Ercole, der am Mittag 
ermordet worden war, in der Nähe von San Francesco. Er lag in 
seinen Mantel eingehüllt, mit durchschnittener Kehle und zwei- 
undzwanzig Wunden am Körper, ganze Haarbüschel, die die Mörder 
ihm ausgerissen hatten, deckten den Boden. 

Einer seiner Dichterfreunde sah den furchtbar mißhandelten Körper. 

Vidi ego divulsos crines a vertice, humique 

Undique disperses . • • 

Cemite quam turpes nunc sunt in pectore plagae. 

Am Tage des Mordes schrieb Bemardino Prosperi an Isabella 
▼on Mantua, neben dem Leichnam habe Strozzis Hut gelegen tmd 
der Stock, auf den er sich zu stützen pflegte. Es schien, daS Ercole 
an anderer Stelle ermordet worden war, und daB man den Körper 
auf einen öffentlichen Platz niedergelegt hatte, um die Spuren des 
Verbrechens zu verwischen. Aus Bemardinos Brief kann man 
schließen, daß Strozzi Barbara unmittelbar nach der Geburt des 
Kindes geheiratet hat. Die Gonzaga in Mantua waren über diesen 
Mord empört, der Marchese erbot sich, die Waise zur Taufe zu halten, 
und ließ sich vom Dichter Tebaldeo bei der Zeremonie vertreten. 
In ganz Italien sprach man von diesem Verbrechen, gehörte Strozzi 
doch zu den berühmtesten Männern von Ferrara; er war zwei Jahre 
vor seinem Tod giudice de' savi gewesen, also einer der ersten 
Würdenträger des Staates. In Ferrara ahnte man, wer die Schuldigen 
waren, und erwartete eine unverzügliche Untersuchung. Aber 
Alfonso, der bei solchen Anlässen mit aller Strenge vorzugehen 



LUCREZIA BORGIA X97 

pflegte, gebot der Gerechtigkeit Schweigen« Es hat nicht an Stimmen 
gefehlt» die Lucrezia Borgia verdächtigten» sie hAe Ercole er- 
morden lassen, damit er Alfonso ihr Verhältnis zu Bembo, von 
dem er mehr wuBte als andere, nicht rerrate. Aber dieser Ver- 
dacht entbehrte jeder Grundlage; sehr bald wies die ganze Stadt 
auf den Mörder auf dem Throne hin. 

Barbara Torelli selbst schien Alfonso für den Urheber des Ver- 
brechens zu halten, dies beweist ein Sonett, das sie auf den Tod 
ihres Mannes geschrieben, und in dem sie trotz ihres Schmerzes 
nicht wagt, den Mörder zu nennen. Dieses Sonett gilt als eines der 
schönsten, das in der Renaissance von einer Frau gedichtet wurde. 

Auch die Literaten von Ferrara schienen genau zu wissen, wo der 
eigentliche Mörder zu suchen war, fast alle verfaßten Trauergesänge, 
aber keiner wagte auf den Urheber des Verbrechens hinzuweisen, 
Ariost so wenig wie Cello Calcagnini, Aldo Manuzio oder Bembo. 

Strozzis Tod war für Bembo eine blutige Warnung, er ward sich 
bewufit, daB Alfonsos Eifersucht ihm jeden Augenblick ein gleiches 
Los bereiten könne. Bald nach diesem Vorfall verlieB er Ferrara 
imd weilte abwechselnd am Hof zu Urbino, in Bologna, Rom und 
Padua. 

Lucrezias Liebe zu Bembo war die letzte Leidenschaft dieses 
Herzens, das viel geliebt luid viel durch seine Schwächen gesündigt 
hat. Ein wichtiger Abschnitt begann im Leben der Tochter Alez- 
anders: am 4« April 2508 hat sie einen Sohn geboren, den man 
zur Erinnerung an den Großvater Ercole nannte. Jetzt erst schien 
sie unlöslich mit der Djrnastie der Este verbimden. Im nächsten Jahre 
wurde ihr zweiter Sohn Ippolito geboren, und einige Jahre später, 
X5Z5 und 16, schenkte sie ihrem Gatten noch eine Tochter Eleonora 
und einen Sohn Francesco. 

Lucrezia begann stark zu werden und tat es darin ihrer Rivalin 
Isabella von Mantua gleich, die auch zu früh übermäßig runde 
Formen bekommen hat. Lucrezias Bildnisse aus jener Zeit, be- 
sonders das Porträt im Museum von Nimes, das nach Yriarte die 
Herzogin darstellt, sowie ein Bild, in der Sammlung Gugenheim in 
Venedig, stellen, wenn sie überhaupt Anspruch auf Authentizität 
haben, Lucrezia ganz anders dar, als sie damals aussah, da, der 



t98 ACHTES KAPITEL 

Tradition gemäß, Pinturicchio sie als h« Katherina von Ägypten 
im Appartamento Borgia im Vatikan gemalt hat, oder als man die 
Medaille „4 l'amour captif'^ nach ihr machte. 

Auf jenen PorträtSi schlechten Kopien verlorener Originale, 
sieht Lucrezia unsympathisch und schwerfällig aus. Ihr kastanien- 
braunes Haar mit goldigem Glanz ist k la lombarde frisiert, mit 
den charakteristischen Locken zu beiden Seiten des Gesichts, die 
Augen blaß und hell. Daß sie helle Augen von undefinierbarer 
Farbe hatte, wird in allen Schiiderungen ihrer Person erwähnt; 
aber ihre Augen hatten einen strahlenden Reiz, von dem 
in diesen elenden Bildnissen auch keine Spur zu entdecken ist« 
Pinturicchios Bildnis scheint mir authentischer, schon deshalb, 
weil zwischen seinem Bild und der Medaille zweifellos eine ge- 
wisse Verwandtschaft vorhanden ist. Wenn man berücksichtigt, 
daß Pinttiricchio die noch sehr jimge römische Lucrezia gemalt 
hat und die Medaille aus ihren ferraresischen Jahren stammt, 
so lassen sich gewisse Unterschiede, die diese beiden Bildnisse 
aufweisen, leicht begreifen. 

Die Fürstin war gütig und hat allmählich an Takt und Umsicht 
gewonnen. Ein Franzose, der Biograph Bayards, kann sie nicht 
genug rühmen, um der Aufnahme willen, die sie dem französischen 
Heer bereitet hat. Sie verstand die Franzosen durch ihre Liebens- 
würdigkeit, durch Feste und Bankette so einzunehmen, daß sie 
sagten, Lucrezia sei die schönste, reizendste und liebenswürdigste 
Frau ihrer Zeit imd habe durch ihre Vorzüge ihrem Manne und 
Ferrara unschätzbare Dienste geleistet. 



Dank Strozzi und Bembo lebte Lucrezia in einem Kreise lite- 
rarisch tätiger Menschen; außer jenen intimeren Freunden 
und Ariost scharten sich Männer um sie, die in der damaligen 
Geisteswelt etwas galten. Lucrezias Neigungen waren lite- 
rarischer Art, während Alfonso sich mehr für bildende Kunst 
interessierte« 



LUCREZIA BOROIA 



Z99 



Unter ihrem Zauber stand Antonio Tebaldeo, Bembos uhgefähr«- 
licher Nebenbuhler» er war damals etwa vierzig Jahre alt und kam 
Bembo an gesellschaftlichen Vorzügen nicht gleich. Zu ihren 
Verehrern gehörte auch Cello Calcagnini» ein Polyhytoriker, von 
umfangreichem Wissen. Celio machte Gedichte, studierte die Antike, 
war Latinisty Historikä:, Philosoph, verstand sich auf Numismatik 
und beschäftigte sich sogar mit Naturwissenschaften, gegebenen 
Falles übersetzte er auch antike Lustspiele für das Theater von 
Ferrara, Er war in Liebesdingen sehr erfahren, da er zu den stän- 
digen Begleitern des Kardinals Ippolito gehörte und mit ihm nach 
Ungarn gegangen war. Ein geschickter Höfling, der sich bei Lucrezia 
in Gunst setzen wollte; noch ehe sie Ferrara erreicht hatte, hatte er 
ihr Kommen in einem Gedicht gefeiert. 

Eine noch einnehmendere Persönlichkeit, die längere Zeit der 
Umgebung der Fürstin angehört hat, war Giangiorgio Trissino, 
der Abkönunling einer bekannten Patrizierfamilie aus Vicenza, 
ein vielgereister Mann, der spätere Gesandte Leos X. imd Kle« 
mens VIL Im April des Jahres 2512 kam Trissino zimi erstenmal 
nach Ferrara, Familienbeziehungen knüpfen ihn an die Stadt. 
1478 geboren, war er damals etwas über dreifiig Jahre alt, er hatte 
kurze Zeit vorher seine Gattin „dilettissima consorte'^ verloren 
imd gehörte dank Abstammung, Benehmen und Bildung zu den 
glänzendsten Gestalten jener Welt, „prestantissimo per nobiltä 
di natali e moltiplidtä di dottrina'S Trissino kannte Deutschland, 
war längere Zeit in Mailand gewesen und hatte dort viel Inter- 
essantes erlebt. Er hatte in seiner Jugend häufig als Gast im Hause 
der Cedlia Gallerani geweilt, der berühmten Geliebten Lodovico 
Moros; ihr schönes, wahrscheinlich von Leonardo da Vinci gemaltes 
Bildnis befindet sich im Museum der Fürsten Czartoryski zu 
Krakau.1) 

Bei CedUa versammelten sich allabendlich fast alle bedeutenden 
Persönlichkeiten Bfailands, es wurde musiziert, die Dichter trugen 
ihre neuesten Werke vor, die Gelehrten disputierten über Philo- 
sophie und Naturwissenschaften, Architekten, Bildhauer und Maler 

^) Nadi Annahme von Professor Jan Botoz Antoniewicz in seiner Ab- 
handlung Über dies BUdnis (lU. Kongreß polnisdier Historiker in Krakau). 



200 ACHTES KAPITEL 

wiesen ihre Skizzen tot. Der Dominikaner und Novellist Bandello 
gehörte zu den regelmäßigsten Gästen der schönen Frau. Häufig 
korrigierte Trissinodie Sonetteder Gallerani, die auch Gedichte machte. 

Für Luci^ia war Trissino die geeignete Persönlichkeit, schon 
deshalb, weil er von Cedlia erzählen konnte, die damals alle interu 
essierte, da die etwas ältlich gewordene Schöne auch nach ihrer 
Heirat mit dem Grafen Bergamino ein für Gelehrte und Dichter 
offenes Haus in San GioTanni in Croce bei Cremona führte. Tris- 
sino gefiel der Herzogin, sie lernte seinen Verstand und seine Er- 
fahrung schätzen und lieS sich, wenn Alfonso im Lager war, in allen 
wichtigen Familienangelegenheiten von ihm beraten« Ihre Briefe 
an ihn tragen die Überschrift „al amico nostro carissimo*^ Trissino 
wohnte in Ferrara bei den Obizzi, einer der vornehmsten Fa- 
milien, die zu Lucrezias Umgebung gehörten. Trissinos Schwester, 
Maddalena, war mit Antonio Obizzi verheiratet, der den Est^ 
sehr ergeben war. Sehr befreundet war den Obizzi die Familie 
Castelmo, Fürsten von Sora aus dem Neapolitanischen, die des 
Vaterlandes verwiesen, sich in Ferrara niedergelassen hatten. 
Bei den Obizzi und Castelmo versammelte sich eine vornehme 
und anregende Gesellschaft. Berühmt wegen ihres Witzes und 
ihrer Beredsamkeit, glänzte dort Bilargherita Moroscelli, die Mutter 
jenes Ercole Castelmo, dessen tragischer Tod ganz Italien be- 
wegt hat 

Während des Krieges zwischen Ferrara und Venedig kämpfte 
der junge Castelmo unter Ippolito d'Este auf Alfonsos Seite, er fiel 
in die Hände slawischer Soldaten, die in Venedigs Sold standen. 
Da die wilde Horde sich nicht darüber einigen konnte, welcher 
ihrer Abteilungen der reiche Gefangene zugeteilt werden sollte, 
schlug man ihm den Kopf ab. Diese Grausamkeit veranlaBte Ariost 
zu einigen schönen Versen, die sich gegen die slawischen Barbaren 
wandten. Der Dichter setzt mit der wuchtigen Frage ein: 

Schiavon crudele, onde hai tu il modo appreso 
Della milizia? 

Zu den entthronten Herrschern, die sich in Ferrara nieder- 
gelassen hatten, gehörte auch Aeneas Pio, der, aus Carpi vertrieben» 



LUCREZIA BORGIA 20Z 

in den Dienst der Este getreten war. Er wohnte im Palazzo dd 
ParadisOy der heut^^ Volksbibliothek, den der Fürst ihm an* 
gewiesen hatte, um ihn sich zu verpflichten. Auch der Palast der 
Pio war ein Zentrum für Ferraras gesellschaftliches Leben. Gra- 
ziosa Maggie eine Verwandte PIos, bildete den glänzenden Mittel- 
punkt der dortigen Versammlungen; sie war eine jener berühmten 
Frauen, die Ariost im letzten Buch seines Rasenden Roland ^er- 
wähnt. Vfit in ICailand bei der Gallerani, oder bei den Atellani 
in den Breragirten» versammelte sich auch hier im Garten des 
Paradiso eine Gesellschaft schöner Frauen und berühmter Bfänner, 
darunter waren Ariost und Claudio Tolomei, während seines Aufent- 
haltes in Ferrara. Diana d'Este schien Graziosa Maggi die Sieges* 
palme streitig zu machen, und Celio Calcagnini stand unter ihrem 
Zauber: 

II dotto Celio Calcagnin lontana 
Farä la gloria e'l bei nome di quella. 

Gern gesehen waren die gelehrten Professoren der Universität 
zu Ferrara in dieser Gesellschaft, und besonders schätzte man 
dort Nicolo Leoniceno, der neben Pomponazzi in Bologna zu den 
ersten Vertretern der neuen skeptisch-philosophischen Richtung 
gehörte, die die geistige Bewegtuig der letzten Epoche der Renaissance 
charakterisiert. Diese rationalistische Schule verwarf die mittel- 
alterliche Mystik und begann sich langsam dem Erforschen der 
Natur zuzuwenden. Niccolo stammte wie Trissino aus ^^cenza, war 
eine Zeit hindurch in England gewesen und hatte sich schließlich 
in Ferrara niedergelassen, wo er öffentliche Vorträge über Mathe- 
matik, Philosophie und Medizin hielt. Bezeichnend für die damalige 
Wksenschaft war die Verbindung von Philosophie und Medizin, 
was sidi aus der auf Erfahrungstatsachen begründeten Richtung 
ergibt Leonicenos Verdienst bestand darin, da0 er an der Unfehlbar- 
keit von Galenos' und Plinius' Theorien, die bisher unumschränkt 
die Naturwissenschaften beherrscht hatten, gerüttelt hat. Der 
ferraresische Gelehrte hatte den Mut weiterzugehen, sich auf die 
eigene Erfahrung zu stützen. Diese naturwissenschaftliche, auf 
Erfahrung aufbauende Bewegung beschäftigte die damalige Welt in 



202 ACHTES KAPITEL 

hohem Grade, in den Salons wurde darüber gesprochen» und während 
unter Lionello^ Borso und selbst noch unter Ercole Philologie 
geherrscht hat, wurden jetzt die Naturwissenschaften zum Lieb* 
lingsstudium erhoben — la natura delle cose occulte. Einer der 
damaligen Gelehrten erwähnt ein interessantes Gespräch zwischen 
Trissino und Leoniceno über heilkräftige Pflanzen, besonders über die 
Eigenschaften des Rhabarbers. Ein heutiger Arzt und Gelehrter 
würde wahrscheinlich über ein solches Thema nicht mit einem Men- 
schen verhandeln wollen, der nicht ztun mindesten seine medizi* 
nischen Prüfungen bestanden hat« 

Leoniceno verstand seine Theorien auch in die Praxis um* 
zusetzen, er lebte äufierst enthaltsam und erreichte ein Alter von 
neunzig Jahren. 

Zu Lucrezias Verehrern, die jedoch Alfonso keinerlei Gnmd 
zur Eifersucht boten, gehörte Jacopo Caviceo, der Vikar des Bis- 
tums, ein Prälat von stürmischer Vergangenheit. Er war in der 
Gegend von Parma 1443 geboren und hatte in Bologna studiert. 
Von auffahrendem Wesen, kräftig und bereit sich mit der Faust 
sein Recht zu verschaffen, wurde er zum Helden eines nächtlichen 
StraBenkampfes, mußte aus Bologna flüchten imd nach Parma 
zurückkehren. Als er nach einiger Zeit Geistlicher wurde, erregte 
er allgemeinen Anstoß wegen seines zügellosen Lebens. Nachdem 
er eine Nonne verführt, einen Menschen tödlich verwundet und eine 
Reihe anderer Übertretungen begangen hatte, wurde ihm der Boden 
in der Heimat zu heiß, er mußte nach Venedig flüchten, schiffte 
sich ein und trieb sich einige Zeit hindurch im Osten, in Konstanti- 
nopel und auf den Inseln des Archipels umher. 2469 begegnen wir 
ihm wieder in der Heimat; im Kampfe mit dem Brzbischof steht 
er an der Spitze des empörten Bistums. Der Bischof läßt ihn ein- 
sperren, die Freunde des Herzogs befreien ihn jedoch gewaltsam 
aus dem bischöflichen Turm. Caviceo geht nach Rom, setzt den 
Kampf gegen seinen Feind fort, der augenscheinlich aus Angst vor 
dem Papst einen Häscher nach Rom schickt, damit er den auf- 
rührerischen Geistlichen in aller Stille beiseite schaffe. Der „Bravo*' 
verwundet Caviceo, aber der viel geschicktere Geistliche macht 
den Mörder auf der Stelle mit seinem Messer nieder. Dann geht er 



LUCREZIA BORGIA 



203 



zum Papst, wirft sich ihm zu Püfien, erklärt, daB er den Feind in 
Notwehr erschlagen habe, und erlangt Verzeihung. Triumphierend 
kehrt er als Sieger nach Parma zurück; mit der Macht des Erz- 
bischofsy auf dessen Seite der Herzog von Mailand Galeazzo Sforza 
stand, hatte er aber nicht gerechnet. Sehr bald sitzt er wieder hinter 
eisernem Gitter, aber er weiß sich frei zu machen tmdl flüchtet. 
Nach verschiedenen dramatischen Episoden wird ihm 1477 das Kirch- 
spiel von San Michele in Padua übertragen, und damit beginnt ein 
ruhigeres Leben. Er erhält immer bessere Pfründen, steigt in geist- 
lichen Ehren, im Jahre 1489 be^rüBt er im Namen seiner Heimat- 
stadt Friedrich III. in Italien und wird in öffentlichen Urkunden 
bereits Doktor der Rechte genannt. 1494 wird er in Ferrara bischöf- 
licher Vikar, weiB sich Ercole I. gefällig zu erweisen und ist bei 
Hofe sehr gut angeschrieben. 

In Ferrara schrieb Caviceo seinen Roman „Peregrino" ; er widmet 
ihn „alla savia ad accostumata Lucrezia Borgia'^ „Peregrino'' 
gehört zu den berühmtesten Romanen des beginnenden 16. Jahr- 
hunderts, er beruht nicht auf bloßer Erfindung, der Verfasser 
hat einen großen Teil der Ereignisse, durch die er gegangen und 
seine selbständigen Beobachtungen der Natur hinein verarbeitet. 
Es war ein Buch, das das Leben der 2^it spiegelt. 

Caviceo war in einem ruhigen Hafen gelandet; als ehrwürdiger 
Prälat schrieb er nicht länger Romane, sondern Belehrungen für 
seine Beichtkinder, „II Confessionale'^ 

Als Leo X. Papst wurde, schrumpfte Lucrezias literarischer 
Kreis zusammen; Italiens Dichter und Gelehrten pilgerten damals 
nach Rom wie ins Gelobte Land und erwarteten Ehren und goldenen 
Überfluß vom Mediceer. An den päpstlichen Hof übersiedelten 
damals Tebaldeo und Bembo, der in Urbino weilte. Bembo wurde 
päpstlicher Sekretär, und seine Korrespondenz mit Lucrezia bricht 
im Jahre 15 13 ab. Er verliebte sich in Morosina, eine Römerin 
niederer Herkunft, und hatte drei Kinder mit ihr. Bis zu seinem 
Tode lebte er mit ihr zusanunen, und die schöne Morosina hat durch 
ihre böse Laune und ihr ordinäres Betragen Rache für alle die 
Untreue geübt, durch die der gelehrte Dichter in jungen Jahren 
an anderen Frauen gesündigt hat. 



204 ACHTBS KAPITEL 

Ferraras Krieg mit Venedig» Unglücksfälle, die das Land be- 
trafen, häusliche Sorgen, die Erziehung der Kinder — all das be- 
wirkte, daB die in ihrer Jugend leichtsinnige Lucrezia immer ernster 
wurde; sie begann wie alle Frauen, die viel gelebt und viel Ent«» 
täuschungen erfahren haben, Trost in der Religion zu suchen. 
In ihren letzten Lebensjahren wandelte sich ihre Frömmigkeit 
in Bigotterie. Alexanders VI. Tochter beichtete täglich und ging 
drei- oder viermal monatlich zum Abendmahl. Es verletzte sie, 
daB die Frauen in Ferrara, alter Sitte gemäB, mit bloBen Armen 
gingen imd den Hals bis zur Bitet entblößt trugen. Sie führte 
daher eine Art Tuch „gorgiere'' ein, das bei den Frauen aus deni 
Volke die BlöBe deckte, an der sie AnstoB nahm. Die Zeiten hatten 
sich geändert. Als Lucrezia als Braut nach Ferrara kam, trug sie 
ein Hemd mit durchbrochenen Einsätzen, das die Brüste durch- 
schimmern lieB; Isabella schrieb in heller Empörung einen ent» 
rüsteten Brief an ihren Mann über diese Schamlosigkeit. 

So lange Rodrigo, Lucrezias Sohn aus erster Ehe, lebte, bestand 
ein Band, das sie an die Vergangenheit knüpfte. Rodrigo, der 
Fürst von Bisoeglia, wuchs erst unter der Obhut des Kardinals 
Lodovico Borgia auf, dann nahm sich seine Tante Isabella von 
Aragon, die Witwe Giangaleazzo Sforzas aus Blailand, seiner an» 
Als Dreizehnjähriger starb Rodrigo, und damit war das letzte 
Band zerschnitten, das Lucrezia an ihre stürmische Jugend ge*^ 
fesselt hat. Zu Vanozza scheint Lucrezia in gar keinen Beziehungen 
gestanden zu haben, und vielleicht hat erst die Nachricht ihres Todes 
die Herzogin von Ferrara daran erinnert, daB sie bis vor kurzem 
noch eine Mutter hatte. Vanozza starb am 36. November 1518 in 
Rom, und da sie ihr bedeutendes Vermögen fronunen Stiftungen 
verschrieben und der Brüderschaft del Gonfalone angehört hatte, 
wurde sie mit dem Pomp, der eines Kardinals würdig wäre, beige*^ 
setzt; das gesamte geistliche Rom nahm an der Trauerzeremonie tdl. 

Durch eine seltsame Laune des Schicksals wurde Lucrezia. 
Julius IL verschwägert, der die Borgia haBte imd der gröBte Feind 
der Este war. Giulia Famese, die zu Beginn des XVI. Jahrhunderts 
eine noch junge imd reizvolle Frau war, gefiel dem Papst so sehr^ 
däB er seine Zustimmtmg gab zur Heirat seines Neffen Niecola 



LUCREZIA BORGIA 205 

Rovere mit ihrer Tochter Laura, jenem schönen Kinde, das wir in 
Rom in Lucrezias Haus gesehen haben. Aber diese Verbindung 
trug durchaus nicht dazu bei, das Verhältnis z^^ischen dem Hof 
▼on Perrara und dem Papst zu verbessern. 

Lucrezia starb neununddreifiig Jahre alt, am 24. Juni 1519, 
bei der Geburt eines toten Kindes. Sie hat ihren Tod geahnt tmd 
zwei Tage, bevor sie starb, an Leo X. geschrieben; dieser Brief be- 
schliefit. in einer für jene Zeit charakteristischen Art ihren Lebens- 
lauf. Jenem Papst, der Ferrara für die Medici annektieren wollte, 
empfiehlt sie sich, als dem Schutzherm der Kirche, in christlicher 
Demut. Nach zweimonatlichen Leiden, wie es in diesem letzten 
Briefe heiSt, habe sie am 14. Jiuii bei Morgengrauen eine Tochter 
geboren, sie habe gehofft, daB dies sie von weiteren Schmerzen 
befreien würde. Sie erkenne jedoch, daB ihre Krankheit sich ver- 
schlinunert habe und sie sterben müfise. In wenigen Stunden 
wird sie vor dem höchsten Richter stehen, und darum 
bittet sie wie eine Sünderin in Demut um den 
heiligen Segen und empfiehlt dem Heiligen 
Vater ihren Mann und ihre Kinder. 
Sie verschied in der Nacht vom 
24. Jtmi ; ihr Mann war in 
ihrer Todesstunde 
bei ihr. 



NEUNTES KAPITEL 

ARIOST 



asch berühmt ward tinter der Jugend, die unter Ercotel. 
in Ferraras StroBen grofi wurde, Lodovico Ariosto. 
Er war nicht der erste Dichter seines Geschlechts; 
schon unter Lionellos Regierung haben wir den Ge< 
legenheitsdichter Francesco kennen gelernt, und 
unter Borso hat Malatesta Ariosto gelegentlich als 
Poet gesündigt. Nur Lodoricos Vater Hiccoto fühlte sich auf den 
Niederungen der Erde beiinischer als auf dem PamaB. Er war 
übrigens ein häfilicher, gewaltt&t^er, sehr unbeliebter Mann, 
der hinter Titeln herj^^te und Geld zusammenraffte, wo es nur zu 
kriegen war. Als Kcdser Friedrich III. 1460 in Ferrara war, be- 
warb sich Niccolo um den ^tel eines Conte del sacro lateranense 
palazzo e del santo romano imperio. Der Kaiser gestattete dem 
neugebackenen Grafen, seinem Familienwappen, drei silbernen 
B&ndem auf blauem Felde, einen schwarzen, gekrönten Adler auf 
Goldgrund hinzuzufügen. Seitdem führten die Ariosto ein sehr 
aristokratisches Siegel mit kaiserlichem Zeichen. Niccolo verstand 
es, sich den Herzögen unentbehrlich zu machen, und war zu jedem 
Dienst bereit. Ercole I. ernannte ihn zu seinem Hofmeister, mag- 
giordomo, verwandte ihn bei Gesandtschaften an den Papst, den 
Kaiser imd König von Frankreich und betraute Ihn sogar im Jahre 
1471 mit der verbrecherischen Hission, Niccolo di Lionello d'Este, 
seinen ränkespinnenden Rivalen, In Uantua zu vergüten. 

Wahrscheinlich als Entgelt für dieses gefährliche Unternehmen 
ernannte ihn Ercole I. im folgenden Jahre zum Kapitän der Zitadelle 



ARIOST 



207 



und zum Schatzmeister in Reggio, Niccolo bezog dort ein. Ein- 
kommen von 137 Lire monatlich» und sollte dreiBig Soldaten davon 
erhalten, indem pro Kopf vier Lire gerechnet wurden. Er wollte 
an den armen Teufeln verdienen und liefi sie hungern; als der Herzog 
davon erfuhr, wurde Niccolo zur Rechenschaft gezogen. Niccolo 
bekam eine bessere Frau, als er verdient hat. Im September 1473 
heiratete er Daria, die Tochter von Gabriele Malaguzzi, einem 
Edelmann aus Reggio; sie brachte ihm tausend Dukaten mit, 
eine nach damaligen Begriffen nicht unbedeutende Xilitgift. Für 
diesen Betrag kaufte er Land in Gavassetto, in der Gegend von 
Reggio. 

Daria war eine ungewöhnliche Frau; Lodovico glaubt, daB er 
seine Gaben von ihr geerbt habe. Sie suchte die Rücksichtslosigkeiten 
ihres Gatten gutzumachen, wo sie konnte; alle Herzen flogen ihr 
zu, aber seinen Charakter vermochte sie nicht zu ändern. 

Lodovico war das älteste Kind, er wurde in Reggio am 8. Sep- 
tember Z474 geboren und verlebte dort seine Kindheit. 148z über- 
trug Ercole Niccolo zwar das Kapitanat von Polesina di Rivigo, 
aber kaum ein Jahr später mußte er seine frühere Stelle in Reggio 
wieder einnehmen. Bis ziun Jahre 1486 hat Ariost dort den Ober- 
befehl behalten, dann übersiedelte er nach Ferrara, da Ercole ihm 
das wichtigste Amt im ganzen Reich anvertraut hatte: er ernannte 
ihn zum Präsidenten der zwölf Savi. Diese Ernennung machte viel 
böses Blut, es hieß allgemein, sie sei der Lohn für einen von Ariost 
dem Herzog erwiesenen pekuniären Dienst, er soll ihm zweihundert 
Goldskudi zu einer Wallfahrt zum heiligen Jakob di Compostella 
geliehen haben. 

Ganz Ferrara haßte den neuen Giudice de' savi, selbst die Amts- 
kollegen konnten ihn nicht leiden. Boshafte Gedichte zirkulierten in 
der Stadt, imd Pistoja schrieb allein dreiundzwanzig Sonette, die die 
allgemeine Empönmg über Ariosts Obergriffe und Plackereien ziun 
Atisdruck bringen. In diesen Sonetten nennt ihn der Dichter den 
dummen Vorsitzenden von zwölf Klugen, den Würger von Ferrara, 
einen unersättlichen Räuber, eine allgemeine Landplage, und legt 
ihm noch eine Menge anderer beleidigender Namen bei, die aus 
dem ferraresischen Dialekt zu übertragen seine Schwierigkeiten hat. 



208 NEUNTES KAPITEL 

Pistoia nimmt an, daB Ariosts ICagen alles Terdauen kömie: Holz^ 
Marmor, Sand, selbst Bisen. 

Tu mangi il legno, il marmore, il sabbione, 
II ferro, e s'egli i cosa ancor piü dura. 

Wenn der neue Giudioe de' savi über die Strafle geht, schreien 
ihm alle wütend nach: „Mörder, Lump, Verräter!'* 

Che ti gridano dietro a gran furore: 
AI ladre, al manigoldo, al traditore. 

In einer anderen Satire, die die Runde in der Bevölkerung machte, 
beklagt sich die gute Daria bei ihrem Gatten, sie schime sich, den 
FuB über die Schwelle zu setzen, denn jeder, der sie sieht, ruft; 
„Hier kommt die Frau des bösen R&ubers/' 

Magnifico marito mio dolcissimo, 
lo non ardisco piü di casa usdre, 
Perch' io mi sento dietro a dascun dire: 
Ecco la moglie del ladro atrodssimo. 



Doch solche Lappalien machen Niccolo keinen Eindruck; scham- 
los erkl&rt er der Gattin, er stehle und würde stehlen, nur den 
heiBe man dtmun, der kein Geld habe« 

Io rubo e ruberö, chi in fra le genti 
Chi i senza roba matto dir si suole« 

SchlieBlich begann sich auch der Herzog seines Günstlings zu 
schämen tmd muBte sich dem Druck der öffentlichen Meinung 
fügen« Z489 entsetzte er ihn seines Amtes in Ferrara, übertrug ihm 
aber gleichzeitig die Stelle eines Kapitäns in Modena« Diese Emen* 
nung rief in Modena keine geringe Bestürzung hervor, tmd die 
Satire regte sich auch dort gegen ihn. In einem boshaften Gedichl 
beklagt sich Modena, daB das Raubtier schon zum Sprung aus- 
hole und sich auf die Stadt zu stürzen bereit sei. 

Vedi la mala bestia che si moye 

Ver* me tanto rabiosa divenuto 

Che par che mal la non mangiasse altrove. 



ARIOST 
BILDNIS VON TIZIAN. LONDON, NATIONAL-GALLERY 



ARIOST 



209 



Fünf Jahre hat das unglückliche Modena unter Äriosts Übergriffen 
gelitten, schUeBlich befreite der Herzog 1496 die Stadt vom verhaßten 
Kapitän und ernannte ihn zum Statthalter von Romagna di Lugo. 

Nun war es um Lugos Frieden getan, aber diesmal sollte eine 
Liebesgeschichte Ariost sein Amt kosten« Eines Tages flüsterte 
man sich empört zu, daß eine der Bürgersfrauen ihren Geliebten, 
einen Jüngling, bei sich empfange und daß ihn der Ehemann auf 
frischer Tat ertappt habe« Der betrogene Gatte wollte seine Ehre 
mit erhobenem Knüttel schützen, aber der Jüngling suchte das 
Weite und ließ nur seinen Mantel zurück. Als Ariost von diesem 
Vorfall erfuhr, ließ er in Zorn entbrannt den verratenen Gatten 
rufen und verlangte den Mantel als corpus delicti zu sehen« Der 
Mann wollte, verständiger als der Statthalter, seine Hausehre wahren, 
er bestritt alles und erklärte, von einem verlorenen Mantel nichts 
zu wissen« Der allzu tugendhafte Gouverneur ließ ihn auf die Folter 
legen, doch das Xilittel verfing nicht, der arme Kerl wahrte sein 
Geheimnis. Aus dem Gefängnis entlassen, ging er nach Ferrara 
imd erzählte dort die ganze Geschichte. Ercole, empört über Ariosts 
Vorgehen, entsetzte ihn seines Amtes und verurteilte ihn zu einet 
Geldstrafe von fünfhundert Skudi; dieser Betrag war aber nicht^twa 
als Entschädigung für den zu Unrecht gefolterten Ehemann be« 
stimmt, sondern floß dem Staatssäckel zu. 

So übte man in der Renaissance Gerechtigkeit. 

Aber dieses Ereignis hatte sein Gutes: Ercole rief Ariost aus 
Lugo zurück und vertraute ihm kein Amt mehr an. 

Solcher Art war Lodovico Ariostos Vater, aber vielleicht hat 
gerade dieses Beispiel es bewirkt, daß der Sohn ein ganz anderer war. 
Lodovico nannte Reggio sein „nido natio'S das für ihn voller Kind- 
heitserinnenmgen war. Der Knabe war zwölf Jahre alt, als die 
Eltern 1 486 nach Perrara zogen. Er besuchte die Lateinschule von Lucca 
Ripo; Ercole Strozzi und Gaspare Sardi waren seine Schulkollegen. 

Das Haus, das der kleine Ariost mit seinen Eltern bewohnt hat, 
existierte noch bis vor kurzem in der Straße „Giuoco del Pallone'* 
und gehörte 1474 den Erben der Familie Ughi. Noch erinnert man 
sich eines Zimmers mit Freskenüberresten aus dem XV. Jahrhundert 
mit geflügelten Hippogryphen und Gruppen kleiner Amoretten. 

»4 



2X0 NEUNTES KAPITEL 



Der Tradition nach galt dieses Zimmer als Lücca Ripos Schule. Der 
alte Aliost scheint demnach einen Raum seines Hauses su Schul« 
zwecken hergegeben zu haben, dafür sprechen auch die vielen 
lateinischen Inschriften, die die Moral der jungen Gemüter festigen 
sollten, wie z. B«: Loqui cum hominibus tamquam dii audiant. 
Der Haß und Spott seiner Bfitbürger zwang den alten Ariost 
1489 Ferrara zu verlassen. Lodovico war damals fünfzehn Jahre 
alt, der Vater lieB ihn in der Hauptstadt, damit er sich dem Studium 
der Rechtswissenschaften tinter Giovanni Sadoletos Leitung an 
der Universität widme imd später ein öffentliches Amt bekleiden 
könne. Lodovico hatte an diesem Studium wenig Freude, doch gab 
es keine Widerrede, da der Vater in solchen Dingen nicht mit 
sich scherzen ließ. Nach fünf Jahren war er Doktor der Rechte. 
Seine freie Zeit widmete Lodovico humanistischen Studien, die ihn 
sehr anzogen. Glücklicherweise hatte damals Rinaldo d'Este, 
Ercoles Bruder, einen berühmten Humanisten, Gregor da Spoleto, 
als Lehrer für seine Söhne nach Ferrara berufen. Gregor war in 
seiner Jugend Augustinermönch gewesen, seit 1459 war er Lektor 
an der Universität in Siena, da ihm das Klosterleben miß- 
fiel,, hatte er die Kutte abgelegt und war weltlicher Lehrer ge- 
worden. Rinaldo d'Este bewohnte damals den Palazzo del Paradiso, 
und der junge Ariost nahm teil am Unterricht des berühmten 
Humanisten. Gregor hat ihm die Pforte zur antiken Welt ge- 
öffnet und dem begabten Schüler einen starken Eindruck gemacht. 
„Fortuna war mir günstig'\ schreibt Ariost, „und schenkte mir 
Gregor di Spoleto, den ich immer segnen werde/' 

Fortuna molto mi fu allora amica 
Che mi offerse Gregorio di Spoleto 
Che ragion vuol ch'io sempre benedica. 

Lodovico las „seine Dichter*': Ovid, Vergil, Horaz, Plautus» 
Terenz und schrieb lateinische Gedichte wie seine Freunde Ercole 
Strozzi und Alberto Pio. Virginio, der Sohn des Dichters, berichtet^ 
sein Vater sei nicht sehr fleißig gewesen und habe wenig gelesen, 
„non era bibliomane'S aber zu seinen Lieblingsdichtem hätte er 
inuner gegriffen. 



ARIOST 2IX 

Auch Alberto Pio war Gregors Schüler und etwa bis um 1500 
mit Ariost imiig befreundet, dann verlieB er Ferrara voller Groll 
gegen Ercole I., der ihm Caxpi, sein väterliches Erbe, entreißen 
wollte. Gibert Pio, der Mitbesitzer Carpis, hatte seine Rechte an 
Ercole abgetreten, Alberto war Ferraras Herzog gegenüber fast 
wehrlos, er suchte beim Papst, beim Kaiser, beim König von Franko 
reich Schutz gegen ihn, bis er schlieBlich erschöpft tmd zermürbt 
in den Pranziskanerorden eintrat; er starb fast in Verbannung in 
Paris im Jahre i53i« Einige lateinische Verse Ariosts an Alberta 
aus den glücklichen ferraresischen Tagen haben sich in seinem 
literarischen Nachlaß erhalten. 

1500 verlor Ariost den geliebten Lehrer, da Isabella von Aragoa 
Gregor als Erzieher ihres Sohnes berief. Ariost betrauerte die Ab-» 
reise des Humanisten und klagte, daß die Herzogin ihn ihm ent-- 
rissen. 

Mi fu Gregorio dalla sfortunata 
Duchessa tolto, e dato a quel figliuolo 
A Chi avea il zio la signoria levata. 

Ariost trat zuerst mit lateinischen Gedichten vor die öffentlich* 
keit, er stand unter dem Einfluß seines berühmten Lehrers und ver-^ 
nachlassigte das Volgare. Bis zum Jahre 1503 hat er nur lateinisch 
gedichtet, doch ist seine Sprache nicht übermäßig rein. Schon zu 
Beginn zeigt sich ein gewisser Hang zu Sarkasmus und Satire 
und er rebelliert gegen das herzogliche Joch, das andere willig 
trugen. Diese Stimmung spiegelt am deutlichsten eine an Ercole 
Strozzi gerichtete Elegie, anläßlich des Todes von Michele MaruUo,. 
eines latinisierten griechischen Dichters. MaruUos Tod wäre für 
sie als Dichter fast ebenso schrecklich wie der Anblick Italiens, 
das vor ihren Augen zerfällt. Die Fürsten erlegen ihnen kein^ 
weniger schweres Joch auf als die fremden Barbaren. Es ist ebenso 
schwer, der Diener des französischen Königs als der eines italie- 
nischen Fürsten zu sein. 

Quid nostra an gallo regi an servire latino, 

Si Sit idem hinc atque hinc non leve servitium? 

Barbarico ne esse est pejus sub nomine quam sub moribus? 

X4* 



212 NEUNTES KAPITEL 

Ariost liebte damals eine Spanierin, Pasifilia, die mit ihm koket- 
tierte und ihn gleichzeitig mit einem andern betrog. Pasifilias 
böser Geist war ihre Mutter, imd Ariosts Freunde, namentlich 
Bembo, bemühten sich, seine Gefühle für das unwürdige Geschöpf 
abzukühlen. Es war nicht ganz leicht, imd erst nach geraumer 
Zeit lieB sich Lodovico überzeugen, daB „die Alte*' die Reize ihrer 
Tochter verkaufe. In einer leidenschaftlichen Satire ergießt er seinen 
Zorn über sie. „Geh, Alte, mit deinem Liebesgeflüster, geh zum 
Teufel, gefräßige Bestie. Mich ekeln Eure Versicherungen, die ich 
so spät erst erkannt.'' 

Va, rea vecchia, con questi carezzevoli 
Sussuri tuoi, va ingorda vecchia, al diavolo« 
Assai la vostra fede, oh assai, m'i cognita 
Se ben tardi. . . . ^) 

In diesem Ton apostrophiert Ariost in einem ziemlich langen 
Gedicht die alte Spanierin; zum Schluß faßt er seine Empönmg noch 
einmal in die Worte zusaxhmen: „Vada la scellerata a tutti i diavolil'* 



II 

Im Februar des Jahres 1500 starb Niccolo Ariosto; auf dem 
jungen Lodovico lastete die Sorge um neim Geschwister imd die 
Mutter. Es galt, vier Brüder zu erziehen imd fünf Schwestern 
zu verheiraten. Glücklicherweise war die Mutter erst sechsund- 
vierzig Jahre alt und beherrschte die Familie durch ihre Güte 
und ihren Verstand. Niccolo, der sie im Leben genug gequält hat, 
konnte die Klausel im Testament nicht unterdrücken, „ob fidem 
et prudentiam'S um doch im letzten Augenblick ihre Vorzüge 
anzuerkennen. Das väterliche Vermögen war nicht groß, und Lo- 
dovico mußte sich auf Grund seiner juristischen Studien um ein 
Amt bewerben, das ihm und seinen Angehörigen den Unterhalt 
einigermaßen sicherte. Anstatt Sonette und Kanzonen zu schreiben, 
bewirtschaftete er das Gut, das für die Mitgif t der Mutter in der 

^) Nach Carducds Übersetzung aus dem italieniscfaen Original. 



ARIOST 213 

NUie von Reggio erworben worden war, und trug emsig in die Wirt? 
scbaftsregister ein» daB er zwei BuUen an Guido di Guastello ver* 
kauft und Bemardo di Vanzo einen Sack Hanfsamen gegeben habe« 
Zwei Jahre nach dem Tode des Vaters übertrug ihm Ercole das 
Amt eines Kastellans oder Capitano della Rocca di Canossa» des 
historischen Schlosses der Gräfin Mathilde. Der arme Lodovico 
muBte wie die anderen Dichter seine poetischen Huldigungen 
an den Hof entrichten, und das Gedicht, das er im Januar 1502 zu 
Alfonsos Verlobung mil Lucrezia Borgia verfaßt hatte, wird wohl 
zu jener Ernennung beigetragen haben« Das Amt in Canossa ließ ihm 
viel freie Zeit, denn er war häufig in Ferrara oder Reggio. 

In R^gio hat ihn eine Livia gefesselt, die der Empfindtmgen 
des jungen Dichters würdiger war als die kokette Spanierin, auch 
Ginevra, der er eine schöne Kanzone gewidmet hat, hat er gehuldigt, 
ebenso Glicera und Veronica. Fuhr er nach Ferrara, so konnte er 
den Reizen der Maria, des Dienstmädchens seiner Mutter, nicht 
widerstehen; sie hat ihm 1503 einen Sohn, Giovanni Battista, ge- 
boren. Fünf Jahre später hatte er einen zweiten unehelichen Sohn 
Virginio; seine Mutter war Arsina Vitali da Magliarino, ein Mädchen 
aus dem Volke, das dann Antonio Manfredini, einen Lfuidmann, 
der sich in der Nähe der Besitzung der Ariosto angesiedelt hatte, 
heiratete. Der junge Vater hat beide Söhne legitimiert; Virginio 
war sein Liebling, und ihm verdanken wir eine gute Biographie 
des Vaters. 

Das Leben in Canossa, fem von Ferrara, mußte auf jemand, der 
den geistigen Verkehr mit den Humanisten gewohnt war, schwer 
genug lasten, so benützte auch Ariost die erste Gelegenheit, um nach 
Ferrara zurückzukehren. Sie bot sich bald. Alfonsos I. Bruder, 
der Kardinal Ippolito, wurde zum Bischof von Ferrara ernannt, 
und umgab sich als prachtliebender Herr dort mit einem großen 
Hofstaat Die Ernennung des Kardinals feierte Ariost durch 
ein Epigramm, das gewiß dazu beitrug, daß Ippolito den Dichter 
an seinen Hof begehrte. Gegen Ende des Jahres 1503 finden wir ihn 
im Dienst des Kardinals, in der Eigenschaft eines „familiaris'S 
also mit höherem höfischen Rang, da die niedrigeren nur „Commen- 
salf '' genannt wurden. Die letzteren durften nur auf die Ehre rechnen, 



»4 NEUNTES KAPITEL 

roxi Zeit zu Zeit am Tisch des Herrn tnitzuspeisen; die ersteren 
sollten den Hausherrn und seine Gäste unterhalten, also teil an 
der Gesellschaft haben. Der Kardinal bestimmte dem Dichter 
kirchliche Pfründen, die jährlich 240 markgräfUche Lire abwarfen 
(etwa 2000 Lire nach heutigem Gelde) , dafür muBte Äriost das geist- 
liche Gewand anlegen« Das Gehalt wurde ihm in drei viermonat- 
lichen Raten ausgezahlt, unter Abzug der Kosten für den Anzug, 
der aus der Kardinalsgarderobe geliefert wurde. Der Kardinal suchte 
Ariost zu bestimmen, geistlich zu werden; in diesem Falle hätte er ihm 
mit der Zeit größere kirchliche Pfründen zuwenden können. Aber 
der Dichter, der sich nicht berufen fühlte, sträubte sich, die Weihen 
zu nehmen. Ippolito nahm ihm „diese Laune*' übel, auch Ariosts 
Brüder verargten ihm dieses Verlangen nach Freiheit. In einer, 
an seinen Bruder Galeazzo gerichteten Satire rechtfertigt sich 
Ariost, vielleicht ist sein Vorgehen tmvemünftig, die Tonsur würde 
ihm den Weg zu hohen Einnahmen und Ehren bahnen, aber jeder 
möge seiner Oberzeugimg gemäfi handeln, auch die vorteilhafteste 
Anstellimg in Rom könne ihm die verlorene Freiheit nicht ersetzen« 

Ognun tenga la sua (opinion); questa 6 la mia: 
Se a perder s'ha la libertä, non stimo 
II piü ricco cappel che in Roma sia. 

Als familiaris des Kardinals hatte Ariost wohl nicht übermäBig 
schwere Pflichten, aber auch die erschienen ihm unerträglich, 
und er fühlte sich in seiner Freiheit gehemmt. Wie jeder andere 
Höfling mußte er der Suite seines Herrn angehören, ihn auf Reisen 
begleiten, so z. B. nach Mailand zur Begrüßung Ludwigs XIL, 
Gelegenheitsgedichte verfassen und überhaupt zur Zierde des Hofes 
beitragen. Wiederholt muBte Ariost als Gesandter des Kardinals 
reisen, so 1507 nach Mantua zur Markgräfin Isabella, der der Dichter 
besonders gut gefiel. Er scheint sich bei solchen Anlässen als sehr 
brauchbar erwiesen zu haben, denn auch der regierende Herzog 
Alfons begann sich allmählich seiner bei wichtigen diplomatischen 
Missionen zu bedienen. Als es sich darum handelte, in guten Be- 
ziehimgen zum kriegerischen imd latmischen Julius II. zu bleiben» 
ging Ariost zweimal nach Rom, um den Papst umzustimmen und 



ARIOST 215 

ZU besänftigen, „la grande ira del Secondo". Das eine Mal gelang 
es, aber als Ferrara sicli von Frankreich trennen und der heiligen 
Liga beitreten sollte, war die Sache schon schwieriger. 

Der Papst begann den Kampf mit dem Herzog mit Quälereien 
gegen den Kardinal Ippolito, für den er wenig übrig hatte. Der Kar- 
dinal lieB sich zum Abt von Nonantoli wählen, der Papst annulHerte 
die Wahl, warf dem Kardinal Simonie vor und befahl ihm bei Ver- 
lust der Kardinakwürde, sofort nach Rom zu kommen« Ippolito 
beeilte sich nicht, diesen Wimsch zu erfüllen, aus Furcht, daB der 
Papst ihn im Kastell S. Angelo als Gefangenen zurückbehalten 
würde, er befahl Ariost, der damals in Rom war, vermittelnd bei 
Julius IL vorzugehen. Aber der alte • ISann haBte die Este und 
drohte dem armen, ganz unschuldigen Gesandten, ihn im Tiber 
zu ersäufen, wenn die Este der Liga nicht beitreten würden. Da 
sich Alfonso nicht von Frankreich trennen wollte, bedrohte der 
Papst ihn mit dem Bann; Ariost gelang es glücklich, aus Rom 
zu enticommen, und aus dem Gesandten ward ein Soldat. Der 
Dichter nahm an den Kämpfen gegen Ferraras Feinde teil, er 
diente in der Abteilung, der Aeneas Pio da Carpi vorstand^ und 
zeichnete sich in der Schlacht bei Pontecchio (am 24. September 
15x0) bei der Erobenmg einer venezianischen Galeere aus. 

Kach der Schlacht bei Ravenna, als Alfonso mit jenem Geleitbrief 
des Papstes, der ihm wenig nützte, nach Rom ging, nahm er Ariost mit. 

Damals muSte Alfonso vor Julius Zorn zu den Colonna flüchten, 
die ihn drei Monate im Castello di Marino verbargen. Von dort 
aus stahl er sich in der Verkleidung eines Jägers, Dieners und Mönchs 
über Florenz nach Ferrara. Ariost begleitete ihn auf dieser aben- 
teuerreichen Flucht und schrieb am x. Oktober an einen der Gon- 
zaga aus Florenz: „Endlich habe ich die Schlupflöcher und Höhlen 
wilder Tiere verlassen und kann wieder mit Menschen sprechen. 
Von unseren Gefahren noch kein Wort: animus meminisse horret 
luctuque refugit. Noch habe ich meine Angst nicht überwunden, 
noch glaube idi, die pl^Mrtlichen Hunde, vor denen mich Gott 
bewahrt hat, hinter mir zu spüren. Die Nacht habe ich in einer 
einsamen Hütte, unweit von Florenz, verlebt, verkleidet, mit Herz- 
klopfen lausdiendi ob sie nicht hinter uns her jagen.'* 



2x6 NEUNTES KAPITEL 



j Julius IL Tod atmete Italien auf, und alle Dichter, Literaten 
und Künstler freuten sich über die Wahl Leos X. Zu jenen, die nicht 
wenig Hoffnimgen auf den neuen Papst setzten, gehörte auch 
Ariost. Er kannte den neuen Papst noch aus seiner Kardinalszeit, 
und damals hatte ihm Giovanni dei Medici Versprechungen gemacht 
für den Fall, daß er gew&hlt werden würde. Lodovico hatte als echter 
Dichter diese schönen Worte für bare Münze genommen, er ging mit 
dem Herzog nach Rom zur Krönung des Papstes, und malte sich in 
seiner lebhaften Phantasie aus, dafi Leo X. ihn zurückbehalten und 
ihm eine seinen Fähigkeiten entsprechende Stelle geben würde, 
damit er endlich zur Ruhe komme und seiner Dichtkunst leben könne. 

Vergebliche Hoffnimgen. Schon am 17. April 1514 schreibt 
Ariost an Benedetto Fantino, den Kanzler des Kardinals Ippolito, 
einen sehr enttäuschten Brief. Er habe dem Papst zwar den Fufi 
geküfit, aber Leo X. habe ihn nicht einmal bemerkt, denn hier trage 
er seine Brille nicht mehr, non porta piü 1' occhiale. Weder der 
Papst noch die alten Freunde, die jetzt hohe Würdenträger ge- 
worden, wie Bembo oder Bibbiena, hätten auch nur ein Wörtchen 
von einem Amt gesagt. Übrigens besuche er wenig Bekannte, 
denn sein Kleid sei nicht mehr schön, und in Rom beurteile man 
mehr denn anderswo die Leute nach ihrem Aufiem. ,;Dazu glaube 
ich,'' fügt der Dichter boshaft hinzu, „daß hier alle den Papst ko- 
pieren tmd kurzsichtig geworden sind.'' 

Ariost mußte darunter leiden, daß der neue Papst für die Este 
und für Ferrara so wenig übrig hatte. 

Auf der Rückreise hielt Ariost sich ziemlich lange in Florenz 
auf, besonders da die Festlichkeiten, die am S. Giovannitage statt- 
fanden, heranrückten. In Florenz lernte er Alessandra Benucd 
kennen, die Witwe von Tito Strozzi, einem ferraresischen Hofmann. 
3ie machte ihm einen starken Eindruck. Sie gehörte nicht zu den 
gelehrten Frauen der Renaissance, sie konnte weder lateinisch 
sprechen noch lesen, aber sie hatte wunderschönes blondes Haar, 
das sich vom schwarzen Samt ihres Kleides prachtvoll abhob, und 
bezauberte ihn durch ihre Reize. 

Ariost besuchte sie zum erstenmal, als sie „ima sopraveste" 
für einen ihrer Söhne stickte, in der er beim bevorstehenden Feste 



ARIOST 



217 



paradieren sollte. Sie war Meisterin in der Kunst des Stickens, 
tind Ariost preist in einem seiner Sonette Seide und Gold glücklich, 
die ihre geschickte Hand berührt: 

Awenturosa man, beato ingegno 
Beata seta, beatissimo oro. 

Im Pantheon schöner und berühmter Frauen in Rinaldos Schloß, 
die er in seinem ,,Furioso'' beschreibt, stehen die Statuen von 
Lucrezia Borgia, Isabella, Elisabetta, Eleonora d'Este, Lucrezia 
BentiTOglio tmd daneben die Statue einer ernsten, gütigen, be- 
scheidenen Frau, in schwarzem Gewand mit verschleiertem Haupt. 
Weder Gold noch Kleinodien schmücken sie, und doch strahlt sie 
so hell zwischen den reichgekleideten Frauen wie der Stern Venus 
unter den anderen Sternen. Bei ihrem Anblick weifi man nicht, 
was sie am meisten schmückt, der Ernst ihrer Züge^ ihre Bescheiden- 
heit oder die Schärfe ihres Geistes (Furioso, Canto 42, 93, 94). 
Dieser Statue f^hlt der Name. Es war die vom Dichter vergötterte 
Alessandra. 

Die schöne Florentinerin folgte Ariost nach Ferrara, einige Jahre 
spater liefien sie sich heimlich trauen. Die Ehe durfte nicht öffent- 
lich vollzogen werden, da der Dichter als Presbyter einige geist- 
liche Pfründen bezog, die er eingebüßt hätte, wenn seine Ehe be- 
kannt worden wäre. Alessandra wohnte der Kirche di S. Girolamo 
gegenüber, in einem andern Hause als Ariost. Der Dichter war 
mit ihr wahrhaft glücklich. 

Der Dienst beim Kardinal schien das eheliche Glück zu gefährden. 
15x7 rüstete sich der Kardinal für einen längeren Aufenthalt in 
Ungarn und wollte, daß ihn der Dichter als Sekretär begleite. 
Ariost lehnte ab und nannte seine Gründe in einer Satire oder 
richtiger in einem Brief, den er an seinen Bruder Alessandro und 
an seinen Freund Lodovico da Bagno richtete, die als Höflinge 
des Kardinals mit ihm nach Budapest gingen. Der Dichter klagt, 
wie sehr ihn der Dienst bei Ippolito und überhaupt das ganze 
höfische Leben quälten, er habe genug der Reverenzen tmd der 
Sklaverei. Er könne es nicht ertsagen, dem „Herrn auch dann 
zustimmen zu müssen, wenn er behauptet, daß er um Mittemacht 



2i8 NEUNTES KAPITEL 

die Sonne am Huninel und am Tage die Sterne gesehen habe''. 
Übrigens sei er schon Tierundvierzig Jahre alt und habe seine Ge- 
sundheit im Dienste des Kardinals zugesetst. Darum wolle er 
sich dem nordischen Frost nicht aussetzen und noch weniger dem 
geheizten Zimmer, denn der schwarze Tod sei ihm lieber als Ofen- 
hitze und die stickige Luft, in der Kopfweh und Katarrh entständen. 
Und wie erst» wenn er an den schweren Wein denke, den die Ungarn 
dem Gast vorsetzen, an die mit Pfeffer und Paprika zubereiteten 
Gerichte, die das Blut schwer machen. Einen eigenen Koch aber 
könne er sich in Ungarn nicht leisten, denn Reichtümer habe er 
im Dienste des Kardinals nicht gesammelt. Und wozu solle er auch 
mitgehen? Der allein habe Glück bei Ippolito, der es yerstünde, 
das Rebhuhn auf der Gabel zu zerschneiden, Hunde und Falken zu 
dressieren, geschickt die Sporen zu befestigen, dem Herrn die Stiefel 
auszuziehen und Wein in die Gl&ser zu schenken. Dazu fehle es 
ihm an Lust, denn zum Mundschenk sei er nicht geboren. Wer dem 
Herrn gefallen wolle, müsse ihm Schritt für Schritt axif der StraSe 
folgen, den Wein zu kühlen verstehen und nachts nicht schlafen. 
Lieber würde er wie die ersten Menschen von Eicheln leben, als am 
Herrentische niedersitzen. Leicht würde er die Armut ertragen, 
weil er die Freiheit so hoch schätze! . . • Gedächte er der Qualen, 
die er in den letzten fünfzehn Jahren im höfischen Dienst erlitten, 
der Mühen, deren er sich unterzogen, als er nach Rom geritten, 
um den Papst zu beruhigen, gedächte er dessen, wie er nach der 
Laune seines Herrn frieren mußte oder schwitzen, dann wolle er 
lieber sterben, als ein so schweres Joch noch einmal auf sich nehmen. 
Und wenn der „heilige" Kardinal glaube, daß er ihn für die Ewig- 
keit mit seinen Geschenken erkauft habe, so wolle er ihm gern 
alles wiedergeben, um nur seine Freiheit zurückzugewinnen. Ariost 
nährte tiefen Groll tmd nahm sogar das Wappen an, das auf dem 
Revers einer Bronzemedaille zu sehen ist: einen Bienenstock, imter 
den Feuer angelegt wird. Die Bienen fliegen davon, und Ariost 
kann weder Wachs noch Honig ernten. Auf dem Wappen die 
Inschrift: Pro bono mi^Viri 

Per esser ape, muoie 

Ho mal per bene. 



ARIOST 2x9 

In seinem „Furioso'' gibt Ariost Rinaldo das gleiche Wappen. 

Della schiera di mezzo fu maestro 
Rinaldo, chi quel di molt'era adomo 
D'un ricco drapo di color cilestro 
Sparso di pecchie d'or dentro e d'attorno, 
Che cacdate parean dal natio loco 
Dali' ingrato Tillan con fumo e foco. 

Der Kardinal liefi den Diener seine Halsstarrigkeit entgelten. 
Als Ariost sich ihm rot seiner Reise nach Ungarn empfehlen wollte, 
wurde er nicht ai^enonmien, zwei Benefizien, die Ippolito ihm 
erteilt hatte, wurden ihm wieder genommen, und Ariost aus dem 
Dienst entlassen. Der Dichter mußte sich bald überzeugen, daß er 
sich aus eigener Kraft nicht erhalten kSnne; er bemühte sich um ein 
Amt beim Herzog Alfonso, obgleich er auch gegen ihn Tiel Gr<dl 
nährte« Ein Verwandter Lodovicos, Rinaldo Ariosto, war kurz 
Torher gestorben, ohne ein Testament und direkte Erben zu hinter- 
lassen. Trotzdem Lodovico und seine Brüder sich berechtigte Hoff- 
nungen auf den Nachlaß machten, der aus drei schönen Grund- 
stücken in Bagnolo bestand, belegte die Camera ducale die Güter 
mit Beschlag, da die Familie angeblich ausgestorben war. Am 
15. April 1519 schreibt Ariost empört an Maria Equicoli in Mantua, 
il Duca und il Cardinale hätten ihm einen Besitz im Werte von 
10 000 Dukaten geraubt, der schon seit drei Jahrhunderten seiner 
Familie gehöre; ihm geben sie den Rat, sich mit Märchen und 
Geschichten die Zeit zu vertreiben. Die Not zwang Ariost, dieses 
Unrecht zu vergessen, und sich um eine Anstellung zu bewerben. 
Lucrezia Borgia scheint dem Dichter geholfen zu haben, da sie sich 
gern mit berühmten Leuten imigab. Alfonso ernannte Ariost am 
23. April 1518 zu seinem Cameriere und Familiaris mit einem Ein- 
kommen von 35 Lire monatlich und freiem Unterhalt für drei 
Diener und zwei Pferde. 

So hatte es der Dichter mit dem Wechsel seines „Dienstes^* 
ganz gut getroffen, aber bald fielen ihm mit der neuen Stelle schwere 
Pflichten zu« Die monatliche Bezahlung scheint nicht gereicht 
zu haben, er bat daher den Herzog um ein vorteilhafteres Ami, 



220 NEUNTES KAPITEL 

und da die Provinz Garfagnana den Este wieder zufiel, schickte 
ihn der Herzog im Februar des Jahres 1522 als Statthalter an der 
Spitze einer kleinen Schar von Bogenschützen nach Castelnuovo, 
damit er in der dortigen ,,Hauptstadt" die Regierung übernehme. Die 
Garfagnana, ein Stück Gebirgsland, in den Apenninen, war früher 
estensischer Besitz gewesen, unter Julius IL und Leo X. stand sie 
unter römischer Herrschaft, nach Leos Tod ergab sie sich wieder 
den Este. Aber nicht die gesamte Bevölkerung verlangte nach 
ferraresischem Schutz, ein Teil plädierte dafür, daB man sich der 
Florentiner Republik anschließe, ein anderer war für Unterwerfung 
an den Papst. Den Räubertruppen war im Gebirgsland schwer 
beizukommen, die ruhigsten Leute wurden aus Angst ihre Ver- 
bündeten. Die alte Sitte, daß Kirchen und Klöster ein sicherer 
Schlupfwinkel für Verbrecher waren,' erschwerte das Aufgreifen 
der Räuber in unerhörter Weise, weil sie einmal über der Schwelle 
der Kirche jeder Macht spotteten. 

Pekuniär ging es Ariost nicht schlecht, sein Einkommen war 
dreimal so grofi wie am Hofe, aber er trug schwer an Regierungs- 
sorgen und an der Einsamkeit in dieser luiwirtlichen Gegend. 
Die Langeweile in Castelnuovo war furchtbar, dem Dichter war zu 
Mute, als wäre er schon tot. 

Da si noiosa lontananza domo 
Giä sarei morto 



• • • 



Durch Ferraras Gassen möchte er gehen, am Domplatz vor 
den Denkmälern „seiner Markgrafen'' stehen bleiben, imd er neidet 
es den Freunden, dafi sie im Gasthaus „al Moro''^) fette Tauben 
und Kapaunen essen können. 

In einer Satire, die er Sigismondo Malaguzzi, Annibales Bruder» 
schickte, schildert er seine Not. 

Namentlich lastet ihm die Trennung von der geliebten Alessandra 
Benucd, die ihm nicht nach Castelnuovo folgen konnte. „Schnee 
und Berge, Wälder und Abgründe trennen mich von der, die mein 
Herz besitzt,'' klagt der Dichter; „mein Wohnhaus und die Um* 

>) Hb auf den heutigen Tag besteht ein Caf6 im erzbischöflichen Palast 
in den Azkaden unter diesem Namen. 



ARIOST 22X 



gebung machen mich nicht froh. Mein Schloß steht in einem 
Graben» tmd bei jedem Schritt aus dem Gefängnis gilt es im im« 
wirtlichen Apennin zu klettern« Wo immer ich bin, im Haus oder 
unter freiem Himmel nichts als Klagen, 2^ank und Fluch, überall 
dringen Stimmen zu mir, die Kunde bringen von Mord imd Tot« 
schlag, HaB, Zorn und Vendetta.'^ 

Quest' i una fossa ove abito, profonda, 
D'onde non muovo pii senza salire 
Del selvoso Appenin la fiera sponda; 
O siami in Rocca, o yoglia all' aria uscire 

« 

Accuse e liti sempre e gride ascolto, 
Furti, omiddi, odi, yendette ed ire. 



Das Land sollte beruhigt werden, und Ariost ist diese Aufgabe 
. in der Hauptsache geltmgen. Seine Verfügungen gegen die Unter- 
Stützimg des Räuberwesens sind so gut, dafi sie heute noch in einzelnen 
Gegenden Siziliens angewendet werden könnten. Wer einem Ban- 
diten Obdach gegeben, mußte eine Geldstrafe von fünfzig Dukaten 
entrichten oder eine körperliche Züchtigung erleiden. Einer ähn- 
lichen Strafe setzte sich aus, wer verborgene Waffen führte. Wer 
▼erdächtige Leute sah, sollte in der nächsten Kirche dreimal Alarm 
schlagen. Zwei Drittel der Geldstrafen flössen der herzoglichen 
Kasse zu, das letzte Drittel bekam der Ankläger. Ein völliges Aus- 
rotten des Räuberwesens wußte die Geistlichkeit zu verhindern, 
die die Vereinigung von Garf agnana mit dem Kirchenstaat anstrebte 
und der daher die völlige Beruhigung der Provinz unter estensischer 
Herrschaft nicht willkommen war» 

Auch die Regierung unterstützte den Statthalter nicht genügend, 
man glaubte in Ferrara mit der bloßen Entsendung Ariosts nach 
Castelnuovo ein übriges getan zu haben. Ariost klagt in seinen Be- 
richten, daß, wenn der Herzog ihm nicht helfe, die Ehre der Regie- 
rung zu wahren, er es aus eigenem Vermögen nicht könne, und 
weim in Ferrara jene freigesprochen werden, die er bestrafen 
wolle, so untergrabe dies nur sein Ansehen. Ein Räuber, Moro del 
Silico, war aus Ariosts Gefängnis in das herzogliche Lager geflüchtet 
und wurde dort mit offenen Armen als Soldat empfangen. Der arme 



222 NEUNTES KAPITEL 

Statthalter klagte ferner darfiber» daß die Grenzen zwischen der 
administrattyen und der richterlichen Gewalt nicht fest umschrieben 
seien, so daß man h&ufig nicht wisse, was dem Gouverneur oder was 
dem Gericht imterstinde, am meisten aber leide er darunter, daß 
die weltliche Gewalt nichts über die Geistlichkeit vermöge, die 
infolgedessen selbst bei schweren Verbrechen straffrei ausgehe. 
Ein Geistlicher, Job, hatte der Mutter seiner Greliebten den Kopf zer- 
spalten und verbreitet, sie wäre eines friedlichen Todes gestorben. 
Der Capitano machte ihm einen Prozeß und verurteilte ihn zu 
zehn Lire Geldstrafe, aber der Bischof von Lucca annullierte das 
Urteil, imd der verbrecherische Geistliche verblieb nach wie vor 
in seinem Kirchsprengel. Sehr viel zu schaffen machte Ariost das 
Schloß S. Donnino, das der Familie de BAadalena und den Grafen 
S. Donnino gehörte. Die Vendetta schwebte wie ein schwarzes Ge- 
spenst über jenen Mauern. Ehe Ariost in die Garf agnana gekommen , 
war, hatte Genasio de ICadalena den Grafen Giovanni di S. Don- 
nino ermordet und war nach Lucca geflüchtet. Die wirtschaft- 
lichen Zustände zwai^en zu irgendeinem Einvernehmen, daher 
schlössen beide Familien Frieden; wer als erster die Verträge brechen 
würde, hatte eine hohe Geldstrafe zu bezahlen. Bald nach Ariosts 
Ankunft tötete Genasio Bfadalena, der Sohn des Familienober- 
hauptes Piero, die Witwe des Grafen Giovanni di S. Donnino und 
ihren Sohn Carlo. Nachdem er ihr Hab imd Gut an sich gerissen» 
flüchtete er ins Lucchesische, um nach einiger Zeit, als wenn nichts 
geschehen wäre, ruhig nach S. Donnino zurückzukehren. 

Damaligem Gebrauch gemäß hätte Ariost das Haus des Ver- 
brechers Genasio Madalena vernichten müssen, das tat er nicht 
und erließ nur einen Haftbefehl gegen den alten Piero, als den 
moralischen Urheber des Mordes. Piero ergab sich nicht, sondern 
verteidigte sich in seinen wehrhaften Mauern. Die Grafen von 
S. Donnino bemächtigten sich Genasios und behielten ihn als 
Geisel, bis ihnen Gerechtigkeit widerfahren wäre. Ariost verlai^te 
die Herausgabe Genasios, aber die Donnino, die auf die Gunst des 
Herzogs pochten, erwiderten, daß ihnen das Urteil des Gouverneurs 
wenig vertrauenerweckend erscheine, und behielten ihren Ge- 
fangenen. Ariost bat den Herzog, ihn nicht im Stich zu lassen 



ARIOST 



223 



und Auf Genasios Freilassung zu bestehen; wolle er aber seine Bitte 
nicht erfüllen, so möge er einen anderen Gouverneur schicken, 
der einen gesünderen Magen habe, und die Beleidigungen verdauen 
könne, die die Regierung ihren Dienern zufüge. So lange er diesen 
Posten behaupte, wäre er niemandes Freund als niu* der der Ge- 
rechtigkeit. „Finch* io starö in questo ufficio non sono per avervi 
amico alcmio, se non la Giustizia''. 

Ariosts festes Auftreten blieb nicht ohne Erfolg, der Herzog 
zwang die Donnino, Genasio herauszugeben; er wurde hingerichtet, 
die Madalena verliefien das Schloß xmd flüchteten ins Florenti* 
nische. 

Angesichts dieser Verhfiltnisse fühlte Ariost sich immer unglück- 
licher. In einer seiner Satiren vergleicht er sich mit jenem Matrosen, 
dem der König von Portugal ein feuriges maurisches Roß ge- 
schenkt hat. Dankbar nahm der Matrose das Pferd an, aber ge- 
wohnt, das Segel und nicht die Zügel zu handhaben, verstand er es 
nicht, sich im Sattel zu halten, und lag bald mit zerbrochenen Glie- 
dern am Boden. 

Der Herzog lernte zwar Ariost schätzen, mußte aber zur Über- 
zeugung kommen, daß der Dichter nicht zum Gouverneur eines 
wilden Landes geschaffen sei. Als am x 8. November 1523 Klemens VII. 
zum Papst gew&hlt wurde, ließ der Herzog den Dichter dturch 
seinen Sekretär, Bonaventura Pistofilo, fragen, ob er ferraresischer 
Gesandter beim neuen Papst werden wolle. Alfonso fürchtete, 
daß er wie Julius II. und Leo X. einen Ferrara feindlichen Stand- 
punkt einnehmen würde. In der sechsten Satire antwortet Ariost 
Pbtofilo, er dankt dem Freimde, daß er für sein Fortkommen be- 
dacht sei, aber er könne in Rom nur wenig nützen, da er es dank 
Leo X. verlernt habe, Hoffmmgen auf die Medid zu setzen. Auch 
fehle es ihm an Mut, seinen Wohnsitz so fem von Ferrara zu neh- 
men. Wenn ihm der Herzog eine Gnade erweisen wolle, so möge er 
ihn wieder in die Hauptstadt berufen oder zum mindesten nicht 
weiter als nach Bondeno schicken, das nur zwölf Meilen von Ferrara 
entfernt ist. Zu langen Reisen fehle es ihm an Lust imd Kraft. 
Der Herzog drängte nicht länger, ließ Ariost aber in Castelnuovo 
nur bis Mitte Juni 1525. Alfonso scheint Ariost nicht für energisch 



224 NEUNTES KAPITEL 

gentig gehalten zu haben, um die Provinz ganz zur Ruhe zu bringen, 
denn an seiner Stelle schickte er als Gouverneur eine sogenannte 
,,eiseme Hand". Die Räuber scheinen Ariosts Gedichte bewundert, 
aber den Dichter wenig gefürchtet zu haben; es wird erzählt, dafi 
einige Strauchdiebe ihm einst begegnet sind, den großen Dichter 
voller Hochachtung begrüßt haben und ihn ruhig seines Weges 
ziehen ließen« 

Ariost wurde endlich die so heiß ersehnte Ruhe; sein Wohnort 
wurde wieder Ferrara, wo die geliebte Alessandra lebte. Ein Jahr, 
nachdem er sich dort niedergelassen, ließ er sich ein kleines Haush- 
ohen bauen, kaufte Gartenland dazu und schrieb in der dort er- 
richteten Grotte seine Gedichte. Über seiner Tür ließ er die Inschrift 
anbringen. 

Parva sed apta mihi, sed nulli obnoxia, sed non 
Sordida, parta meo sed tamen aere domus. 

Und da ihm das Dichten leicht fiel, wurde gleich noch ein zweiter 
Vers angebracht: 

Piccola, adatta, e d' ogni signoria 
Scevra, e redenta sol col mio denaro 
Non sei sordida e vile, o casa mial 

Ariosts Sohn, Virginio, hat schließlich dem väterlichen Hause 
eine dritte Inschrift hinzugefügt: 

Sic domus haec Areosta 
Propitios habeat Deos 
Olim ut Pindarica. 

Virginio berichtet in den Aufzeichnungen über seinen Vater, daß 
Ariost jeden überschüssigen Soldo seines Einkommens dem Bau 
geopfert habe tmd immer ändern und erweitem wollte. Er sagte, 
die am eigenen Herd mit öl und Essig bereitete Rübe sei ihm lieber 
als das Rebhuhn oder Wildschwein am fremden Tisch, und ebenso 
gut schlafe er unter einer Wolldecke als imter einer seidenen, gold- 
gestickten. 

Ariosts Haus steht heute noch und gehört seit 18x5 der ferrare- 
sischen Gemeinde. Es entspricht dem Charakter des Dichters: 



ARIOST 



295 



bescheiden» aber bequem, hell mit kleinem Höfchen tmd Garten, 
nicht viel grMer ab die Behausung eines Kamaldulensermönchs. 
Platz genug gab es, um Rosen imd Jasmin zu pflanzen und die Beete 
immer umzugestalten. Virginio neckte den Vater: wie er an seinen 
Versen feile, sie umarbeite, so gehe er auch im Garten vor. Keiner 
Pflanze gestatte er länger als drei Monate am gleichen Platz zu 
bleiben; einmal setze er Pfirsichkeme, ein andermal Samen, be- 
obachte die jungen Keime, giefie, jäte, grabe um, lockere den 
Erdboden, bis die armen Pflanzen infolge übergroSer Sorgfalt welken. 
Da er den Samen zu wenig kenne, erwarte er anderes als das, was 
aufgegangen. Einmal habe er Kapern gesetzt, sie täglich beobachtet 
und sich gefreut, daB sie so üppig wuchsen, bis sich herausstellte, 
daB die vermeintlichen Kapern wilder Flieder gewesen waren. 

Während der Dichter seine Beete begofi, hatten sich in Ferrara 
günstige politische Veränderungen ▼ollzogen. Der Herzog, der 
gewundene Pfade in der Politik ging, wurde Karls V. Alliierter, der 
ihm Modena und Carpi zusicherte. Klemens VII. suchte vergebens 
dies zu hintertreiben, der Marchese del Vasto unterstützte den 
Herzog gegen den Papst, so daß die den Este feindlichen Pläne der 
römischen Kurie zerstört wurden. 

Zu diesem Marchese, der in Correggio als Veronica Gambaras 
Gast weilte, schickte Alfonso Ariost 1531 als Gesandten, zwecks 
AbschluB der Verträge mit Karl V. Der Dichter wurde aufs liebens- 
würdigste empfangen, und da der Markgraf ihn für den Kaiser 
einnehmen wollte, schenkte er ihm einen kostbaren Lapis Lazuli 
in Gold gefafit, mit Kette imd Kreuz, ja er setzte ihm sogar eine 
lebenslängliche Pension von zweihundert Dukaten aus. Als Karl V. 
im Herbst 1532 einige Tage in Mantua weilte, wurde Ariost von 
Alf<mso dem Kaiser vorgestellt. Der Dichter übergab dem Kaiser 
eine neue, umgearbeitete Auflage des „Furioso'*^), imd Karl V. 
krönte ihn eigenhändig, im Beisein des ganzen Hofes, mit dem 
Lorbeer. 

Diese Ehnmgen verrieten, wie es zumeist zu gehen pflegt, daß das 
Ende des großen Dichters nahe sei. Ariost kränkelte schon lange, imd 
sein Tod ward durch die Arzte beschleunigt, die ihm so viel Medi- 

^) Erschienen In der Dnickerei von Francesco Rossi zu Valenza Z533. 

X5 



296 NEUNTES KAPITEL 



kasnente verschrieben, daß auch eine kräftigere, jüngere Kon* 
stitution diese langsam wirkenden Gifte auf die Dauer hätte nicht 
aushalten können. 

Ein trauriges Ere^is machte ihm in seinen letzten Tagen 
starken Eindruck« In der Silvesternacht des Jahres Z533 entstand 
im ferraresischen Kastell ein starkes Feuer; die Loggia, die dem 
bischöflichen Palast gegenüber lag, und der Saal mit der pracht* 
▼ollen Bühne, die Alfonso L für Theaterauffühnmgen hatte errichten 
lassen, brannten vollkommen ab. Auf der Bühne waren Ariosts 
Lustspiele aufgeführt worden, und ihr Untergang erschien ihm als 
Todesbotschaft. 

Ariost hatte in seinem Testament tun ein bescheidenes Begräbnis 
gebeten. Dieser Wimsch wurde erfüllt, weder die Herzöge, zu deren 
Ruhm er nicht wenig beigetragen, noch die Stadt, die er besungen, 
erwiesen ihm die letzte Ehre. Nachts, beim Licht von nur zwei 
Fackeln, ward der Körper des Dichters von vier Männern aus dem 
Hause in die alte Kirche San Benedetto getragen, wo er im Beisein 
der engsten Familie beigesetzt wurde. Weder der Hof, noch das 
Volk von Ferrara waren bei der traurigen Feier zugegen« Lange 
dachte man nicht einmal daran, dem größten Dichter der Renaissance 
ein 'Denkmal zu setzen, und erst Ariosts Urenkel errichtete x6ix 
jenes banale Grabdenkmal, das heute im langen Saal der Stadt- 
bibliothek in Ferrara steht. Ursprünglich befand das Denkmal sich 
in San Benedetto, aber als 1801 unter französischem Regime die 
Kirchen in Pferdeställe verwandelt wurden, respektierte der General 
Miolis wenigstens das Grabmal und ließ es in die Bibliothek 
überführen^), 

Ariost war in rangierten Verhältnissen gestorben. Er hinterließ 
zwei Häuser und ziemlich viel Kostbarkeiten und Silber. Zum 
Universalerben ernannte er seinen Sohn Virginio; seiner Frau ver- 

^) Dem Magistrat von Ferrara erschien es im XIX. Jahrhundert Ariosts 
nicht ganz würdig, daß dies Denkmal gegen die kahle Bibliotfadcswand 
lehne. Infolgedessen wurde um das Denkmal eine phantastische, architek- 
tonische, grünrote Dekoration gemalt, — eine der Verimingen im Kunst- 
geschmack des vergangenen Jahrhunderts. Zum Schmuck des aKen Denk- 
mals wurde eine Ddcoratioo geschaffen, die höchstens In einer Jahrmarkts- 
bude angebracht wäre. 



ARIOST 



237 



machte er die Einkünfte aus einem Laden, der unter dem Portikus 
des Palazzo della Ragione lag imd an einen Handschuhmacher 
vermietet war, ferner alles bewegliche Hab und Gut, unter der 
Bedingung, daB sie Virginio zweihundert Goldskudi auszahle. 
Dem zweiten Sohn Gian Battista sicherte er Kost in Virginios 
Hause zu und zwei Golddukaten monatlich. Für die Armen hinter- 
ließ er zehn markgräfliche Lire in Silber. 

Nur soweit der Mensch der allgemeinen Kultur gedient hat, 
hat er ein Nachleben. Ein gleiches gilt für L&nder und Städte. 
Zu Hunderten sind sie untergegangen, und jegliche Spur ihres Seins 
ist verwischt; nur jene bleiben lebendig, die Grofies geschaffen. 
Fragen wir, wodurch sich Ferrara seinen Platz für Jahrhunderte 
sicherte, so kann die Antwort kurz lauten: es ist Ariosts Werk. Die 
hohe Marmorsätile, die heute auf einem der grasbestandenen Plätze 
steht als Postament für einen lorbeergekrdnten Mann, ist das 
Symbol der geistigen Arbeit der Stadt, das sichtbare Zechen ihrer 
Verdienste um die Zivilisation. 

Diese Säule hat eine interessante Geschichte. Um Ercoles L 
Gedächtnis durch ein kostbares Denkmal zu ehren, hat die Ge- 
meinde von Ferrara noch zu seinen Lebzeiten zwei groSe Monolith- 
säulen kommen lassen. Die eine wurde durch Unvorsichtigkeit 
zertrümmert, die andere lag lange unbenutzt da, da es nicht zur 
Aufstelltmg des Monumentes kam. Erst in der Mitte des XVII. Jahr- 
hunderts ließ der päpstliche Legat sie aufrichten und darauf das 
Standbild des Papstes Alezander VII. anbringen, der übrigens 
keinerlei Verdienste um Ferrara hat. Ein Jahrhimdert später» 
1796, in der Revolutionsepoche, haben die Republikaner das Denk- 
mal des Papstes gestürzt und eine Statue der Freiheit — aus Gips — 
auf die Säule gesetzt. Der General Bonaparte war bei dieser Feier- 
lichkeit zugegen. Als Ferrara 1799 in österreichische Hände kam, 
wurde das zerbrechliche Freiheitsgebilde zertrümmert, und die 
Säule blieb leer. i8zo, als die Republikaner wieder an der Spitze 
der Regierung standen, wurde Napoleons Marmorbild dort an- 
gebracht, wo einst die Statue der Freiheit gestanden hatte. Auch 
Ni^leon war nicht lange Zeuge der wechselnden Schicksale der 
Stadt, da die Reaktion 28x4 die verhaßte Statue entfernen ließ und 



9a8 NEUNTES KAPITEL 

wohl nicht sehr glimpflich mit ihr verfuhr. Schließlich besann sich 
Ferrara X833 &uf seinen großen Dichter und setzte auf die hohe Säule 
den, dem dieser Platz zukam — Ariost. 



in 

Das schöne Porträt von Ariost, das die National Gallerj in London 
Z904 aus einer Privatsammlimg erworben hat, hat die gesamte 
künstlerische und literarische Welt, die sich für Italiens Vergangen- 
heit interessiert, außerordentlich beschäftigt. Die Frage nach <iem 
Urheber dieses außerordentlichen Werkes wurde laut: Tizian oder 
Giorgione? sowie die zweite, ist die dargestellte Persönlichkeit 
wirklich Ariost? 

Auf die kritischen Erörtenmgen, welchem der beiden Maler 
dieses Porträt zuzuschreiben ist, kann ich hier nicht eingehen; nach 
meinem Dafürhalten ist es ein Werk von Tizian^ Anders liegt die 
Frage, ob der Dargestellte, der etwa in den Dreißigen sein dürfte, 
Ariost ist oder nicht. Meiner Oberzeugung nach: Ja. Es wurde 
freilich darauf hingewiesen, daß Tizians Bildnis sich unterscheidet 
▼on dem allgemein als authentisch anerkannten Porträt des Dichters, 
das uns im Holzschnitt in der Ausgabe des „Rasenden Roland" von 
1532 erhalten ist, aber es ist immer eine mißliche Sache, bei Bildnissen, 
die um Jahre auseinander liegen, die Frage nach der schlagenden 
Ähnlichkeit zu stellen. Es kann sich nur darum handeln, ob die 
Form des Kopfes, die Nase und die allgemeinen Züge beider Mo- 
delle solche Verschiedenheiten aufweisen, daß sie nicht nach der 
gleichen Persönlichkeit gemacht sein können. Diese Verschieden- 
heiten fehlen hier, ja man kann sogar im verwitterten Kopf des 
fast Sechstmdsechzigjährigen leicht die Züge des Tizianschen 
Jünglings erkennen. Glücklicherweise besitzen wir ein drittes 
Porträt von Ariost: Domenico Pogginis Medaille, der Dichter ist 
als Vierzigjähriger dargestellt, als er aus dem Dienst des Kardinab 
Ippolito ausschied. In diesem Bronze-Ariost ist der Tiziansche Kopf 
völlig wiederzuerkennen, und vom Holzschnitt läßt sich nur sagen, 
daß der Dichter früh gealtert ist und über seine Jahre verfallen 



ARIOST 



939 



wirkt. Pogginis Medaille zeigt auf dem Revers eine züngelnde 
Schlange, der eine von oben hineinreichende Hand mit der Schere 
den Koiif abschneiden will, und die Aufschrift: ,,Pto bono malum.'* 
Diese Devise bezog sich auf die Ungerechtigkeiten, die Ariost von 
Ippolito erfahren hat« 

Auf dem Londoner Porträt sieht Ariost den Beschauer friedlich, 
wenn auch etwas melancholisch an, und eine unsagbare Güte liegt 
über seinem Antlitz, Es ist eins der schönsten männlichen Porträts 
aus der Renaissance. Dieser melancholische Ausdruck, diese großen 
verträumten Augen, „grand occhi di sogni'S wie sie Ercole Strozzi 
genannt hat, vergißt man nicht wieder. Das Porträt mag für uns 
um so wertvoller sein, als es Ariost darstellt um die 2^it, da er den 
9,Rasenden Roland'* geschrieben hat und im Dienste des Kardinals 
stand. Es bestätigt unsere Vorstellimg vom Dichter vollständig. 
Sanft und bescheiden, ohne große Forderungen an Welt und Gesell- 
Schaft, nur nach Ruhe verlangend. „Laßt mich schreiben und 
arbeiten, stört mich nicht'* — das war sein Wunsch in jener Zeit der 
Feste und des Glanzes. Nur ein Gefühl, eine leidenschaftliche Liebe, 
vermochte sein Gleichgewicht zu stören; imter ihrem Einfluß 
regte sich das heiße Blut des Südländers, er war eifersüchtig und 
empfand sogar die Freude der Vendetta. 

Ercole Strozzi beschreibt in einem seiner besten Gedichte 
„Venatio** eine Jagd, die X496 von Karl VIIL veranstaltet wurde, 
als er sich zu seiner zweiten Expedition nach Italien rüstete. Gegen 
jede Chronolc^e und Geschichte beteiligen sich an dieser Jagd: 
Ippolito d'Este, Cesare Borgia und die berühmtesten damaligen 
Dichter: Bembo, Tebaldeo, Pontano, Tito Strozzi und wahrschein* 
lieh auch Ariost. Jeder der Dichter hat schon ein Stück Wild er- 
legt, nur der letzte, Ariost, ist nicht bei der Sache; anstatt der Fährte 
des WiMes nachzugehen, treibt er die Hxmde leidenschaftlich an: 

Divisusque -alio mentem conunittere tristeis 
Intempestivis elegis meditaris amores . . • 

Dieser Ariost mit der hohen Stirn und dem verträumten Blick 
tritt uns im Londoner Porträt entgegen. Während der Jagd fesseln 
ihn seine Elegien. 



230 NEUNTBS KAPITEL 

AU seine Bekannten spotten seiner Zerstreutheit. Bei Pio in 
Carpi steht er früh auf und geht hinaus in die Felder in Pantoffeln 
und leichtem Morgenkleid. In Gedanken geht er immer weiter, 
bis er müde und hungrig in Ferrara ankommt. Ein andermal kommt 
ein Freund zu ihm im Augenblick, wo der Dichter sein BAittagbrot 
▼erzehrt hat. Der VHit läSt zwar eine neue Schüssel auftragen, 
vergiBt aber ganz, daß das Gericht für den Pretmd bestimmt war, 
und macht sich noch einmal über das Essen her, ohne dem Gast 
etwas anzubieten. 

Oder er erzählt seinen Freunden so viel phantastische Ge- 
schichten, dafi der eine, der das Gespräch auf den nüchternen Boden 
der Wirklichkeit bringen will, boshaft unterbricht: „Was braucht 
man notwendig zu gekochten Eiern?'* Ariost verstand die Frage 
nicht und sprach ruhig weiter, aber als er nach einem Jahre dem 
Fragenden begegnete, begrüßte er ihn mit der Antwort: Salz brauche 
man an erster Stelle zu gekochten Eiern. 

Melancholie imd Schmerz gehen zumeist mit einem verträumten 
Wesen zusammen. Beim jungen Ariost fehlt diese Note nicht. 
Zwischen 1502 — 1503 schreibt er viel Epitaphe und dichtet auch 
sich selbst die Grabschrift, die mit den Worten beginnt: 

Lodovici Ariosti humantur ossa 
Sub hoc marmore • • . 

Für gewöhnlich schreibt man mit dreißig Jahren noch nicht an 
seiner Grabschrift. Ariost empfand jedes Ereignis, jeden Schmerz 
tiefer als andere, imd der Didhiter sagt selbst von sich, daß er einen 
tmsteten Geist hab6, „mens impar''. Diese Reizbarkeit führte 
später zu einer düstem Auffassung von Welt und Menschen, zu 
der übrigens die damaligen sozialen Zustände Anlaß genug boten. 

Ariost faßte schon 1503, ehe er in den Dienst des Kardinals trat, 
den Plan zu einem Gedicht, das „con tromba etema*' das Rittertum 
imd seine Kämpfe verherrlichen sollte. Seine Freunde kannten 
diesen Plan, imd Bembo riet ihm, seine Dichtung lateinisch zu 
schreiben, da er, der in seiner Jugend sich nur des Lateinisdien in 
gebundener Sprache bedient hatte, im Volgare keine Übung habe. 
Doch Ariost kümmerte sich um diesen Rat nicht. Da das Italienische 



ARIOST 



231 



noch ein ungeschliffener Edelstein war, glaubte er, daS jener Dichter 
dem Volke dienen würde, der als erster wieder anfinge, im Volgare 
zu dichten. Lateinisch schreiben, hiefie Eulen nach Athen tragen. 

Lodovico war schon über dreißig Jahre alt, als er 1506 die ersten 
Bücher seines „Rasenden Roland" yollendete. Er las sie seinem 
Kardinal vor, der ihn gefragt haben soll: „Dove avete trovato, 
messer Lodovico, tante corbellerie?" Aus dieser Frage folgerte 
man, daS Ippolito Ariosts Dichtung wenig geschätzt habe. Zwar 
kommt es der Folgezeit wenig auf die Kritik eines Kardinals an, 
den Frauen, Pferde und Politik mehr als Literatur interessiert haben, 
aber da Ariosts Biographen Ippolitos Worten ein gewisses 
Gewicht beimessen, lohnt es, sie auf das MaB zurückzuführen, 
das ein Urteil dieser Art verdient, üan kann etwas Derartiges sagen, 
ohne die Dichtung im geringsten zu mißachten. Daß der Roland 
Märchen aller Art enthält, ist nicht zu leugnen, doch der Kardinal 
hat das Ungewöhnliche dieser Märchen begriffen, da er gleich den 
Anfang des Gedichtes für seine Schwester, die Markgräfin von 
Mantua, hat abschreiben lassen. Isabella dankt brieflich für die 
Zusendung, Artosts Gedicht habe ihr große Freude bereitet, und 
sie habe zwei schöne Tage bei der Lektüre verbracht. 

Ariost hatte Bojardos Plan aufgegriffen imd weiter gesponnen. 
Der Roman des Dichters aus Scandiano hatte großen Erfolg gehabt, 
er entspnch dem literarischen Sehnen der Zeit, imd da Bojardo 
seine Geschichte nicht zu Ende geführt hatte, da seine Sprache 
veraltet klang, mußte jeder Dichter von größerer Begabung da- 
nach streben, das Ideal des Ritterromanes zu vollenden. Schon 
Agostini hatte sein Bestes versucht, aber seine Gestaltimgskraft 
langte nicht; die verfeinerte Geselbchaft der Renaissance verlangte 
nach etwas Besserem. Die Ritterromantik eignete sich besonders 
für die damalige Epoche; diese Welt stand vor dem Auge des Dichters 
schon ab geschlossenes Ganzes, sie begann aUmählich heue 
Formen anzunehmen, andererseits bestanden die Bedingungen 
noch, die es möglich machten, sie sich in ihrem verflossenen Glanz 
vorzustellen. Zwar verkündeten Alfonsos Waffen bei Ravenna 
schon eine ganz andere politische und kriegerische Ära; aber noch 
kämpfte dort ein junger Führer, der sich, ab er einer schönen Frau 



332 NEUNTES KAPITEL 

denLiebesschwur geleistet, mit entblöfitem Arm ins Kan^fgetümmel 
geworfen, und niemand wagte darüber zu lächeln« 

Npch strahlte das Rittertum, die cayalleria, in einem gewissen 
Glanz. Als Karl V. während seiner Krönimg in Bologna den Ritter- 
schlag erteilte, indem er die Häupter mit dem Schwert berührte 
und die alte Formel sprach: „Esto miles" — umdrängte die Jugend, 
die dieser Ehre teilhaftig werden wollte, den Kaiser in solchem 
HaSe, daß der ermüdete Monarch sich an seine Umgebimg mit 
den Worten wandte, seine Kräfte wären erschöpft, „non puedo 
mas", und da er sich nicht anders zu helfen wußte, schwang er das 
Schwert in der Luft über die sich drängende Menge imd rief: 
„Estote milites, todos, todosi'' „Seiet Ritter, alle, alle/' Eine 
unbewußte Vorhersagung Don Quichottes 1 Aretin, der damals in 
Bologna weilte, sammelte schon Material, um die Ritter zu ver- 
spotten, obgleich er sich wie ein Pfau blähte, als ihm Karl V. eine 
kostbare Kette um den Hals legte. 

Ob Ariost mit seiner Dichtung irgendeinen politischen oder 
moralischen Zweck verfolgt und ob die gesamte Komposition eine 
innere Einheit habe — um diese beiden Fragen streiten sich seit 
jeher seine Kritiker: Voltaire, Guingueni, Settembrini, de Sanctis, 
Rajna, Carducd, Monnier. Jeder sucht das Rätsel auf seine Weise 
zu lösen. Die Tatsache allein, daß geistvolle Männer, die tief über 
Ariosts Gedicht nachgedacht, diese Frage nicht ohne weiteres zu 
lösen vermögen! ist der beste Beweis, daß der „Rasende Roland" 
kaum eine Einheit hat, und daß die Ziele der Dichtung nicht klar 
sind. Über Dinge, die klar liegen, entsteht kein Streit. 

Wenn man an Ariosts Epos nicht mit dem Gedanken heran- 
tritt, einen bestimmten politischen oder moralischen Zweck finden zu 
müssen, so findet man das, was der Dichter in seiner schönen 
Anfangsstropbe verspricht: „Die Schilderung von Frauen, Rittern 
und Waffentaten, von Liebe, Cortesia und wichtigen Begebenheiten.' ' 



Le Donne, i Cavalier, Tarme, gli amori, 
Le cortesie, Taudad imprese io canto . . . 

Er will ein treues Abbild des Rittertimis geben, den Leser erfreuen. 
Der Dichter folgt nur seinem künstlerischen Zwang, er will schildern, 



ARIOST 



333 



was seine Phantasie beschäftigt, was seinen Geist genährt hat 
Noch deutlicher als in jenen Versen drückt Ariost seine Absicht 
in einem Briefe an den Dogen von Venedig aus, den er um die Er* 
laubnis bittet, den „Rasenden Roland'' drucken zu lassen. Er 
▼ersichert den Dogen, daß er „in langer Arbeit und schlaflosen 
Nächten seinen Roman geschrieben, um Herren und Damen Ton 
edlem Geist zu erfreuexi und zu erheitern", „per spasso e ri- 
creazione de' Signori e persone di animo gentile e madonne", 
und daß er „darin mannigfache Liebesgeschichten und krie« 
gerische Begebenheiten schildere, damit jeder sie mit Vergnügen 
lesen könne''. 

Die ritterliche Welt in ihrer Fülle und Schönheit darzustellen, 
die Gefühle zu schildern, die diese farbige Welt beherrschen, Ehre 
und Liebe besonders, und die Natur in ihrer Großartigkeit zu feiern — 
das war Ariosts eigentlicher Zweck. Weder politische noch mora- 
lische Ziele haben ihn angefeuert, er gehorcht nur dem innem 
Zwang, unter dessen Botmäßigkeit er steht Und da Ariost durch- 
dnmgen war Tom Kult des Schönen, strömte in sein Gedicht seine 
ganze Seele, sein innerstes Sein, und seine Auffassung der damaligen 
Verhältnisse von Politik, Familie und Frauen fand ihren Niederschlag 
in kostbaren Versen, obgleich dies nicht in der ursprünglichen Ab- 
sicht des Dichters lag. Trotz der großen Objektivität im Stil und in 
der Darstellung hat sich in der Dichtung das Ziel von selbst durch- 
gesetzt; die Einheit des Empfindens und der Phantasie geben dem 
Werk seine Geschlossenheit, Ariosts Gedanken schweifen zwar 
in ferne Welten, aber er war trotzdem eine positive Natur, mit 
gesundem Blenschenverstand und klarem Blick für seine Um- 
gebung. Dafür sind seine Satiren der deutlichste Beweis. Auch 
der „Furioso" enthält eine Fülle gesunder Grundsätze und An- 
schauungen, und trotz seines phantastischen Anstridies gibt er 
ein yorzüglicbes Bild der Renaissance-Gesellschaft* 

Rajna hat auf die Anleihen hingewiesen, die Ariost bei klassi- 
schen, mittelalterlichen und selbst zeitgenössischen Verfassern ge- 
macht hat. Er hat aus Ovid, Horaz, Catull, Tibull, Properz und Statins 
geschöpft; Sallust, Livius, Cicero, Valerius Mazimus, Apulejus haben 
ihm Inhaltliches geliefert, der bretonische Sagenzyklus imd nament- 



^34 NEUNTES KAPITEL 

lieh der Roman ,,Giron le courtois^' waren ihm reiche Fundgruben, 
und unter seinen unmittelbaren Zeitgenossen haben ihn Bojardo, 
Cieco da Ferrara imd besonders der damals vielverbreitete Roman 
„Tirante el blancoM angeregt. 

Diese Anleihen nehmen der Dichtung weder ihren Wert noch 
ihren Reiz, so wenig wie man Shakespeare Plagiate vorwirft, weil 
er Stoffe, die von anderen behandelt wurden, dramatisiert hat. 
Der „Orlando furioso'' läBt sich mit dem Dom von Pisa vergleichen, 
auch dort wurden Säulen verschiedenster Herkunft zusammen- 
getragen, tmd doch ist ein einheitliches Werk daraus entstanden. 
Wie das Feuer im Hochofen, so schmilzt auch das Genie die ver-^ 
schiedenartigsten Metalle zur einheitlichen Masse zusanunen. 
Jede Geschichte, jedes entliehene Faktum nimmt in Ariosts Phan- 
tasie „ariostlsches'' Gepräge an« 

Im allgemeinen ist das Kapital der Einfälle, der Imagination, 
der Vorrat an Inhalt in der Literatur der Völker erstaunlich klein, 
kleiner, als man im ersten Augenblick glaubt. Von der Bibel, dem 
Buch der Bücher, von Homer bis zu Goethe imd Dumas gibt es 
gewisse Motive, die immer wiederkehren, nur die Aufmachung 
ist jedesmal eine andere. 

Ariost schrieb zu einer Zeit, da der Islam das Christentum be- 
drängte und Karl V. die Völker des westlichen imd mittleren Europa 
zusammenschloB, in der Absicht, ein Reich zu begründen, das 
sich der im Osten drohenden Gefahr zu widersetzen vermöchte. 
In dieser Beziehung glichen die Zeiten jener Epodie, da Karl der 
GroBe unter seinem Szepter halb Europa zusanunenhielt und mit 
den Sarazenen kämpfte. Die Themen aus Karb Zyklus waren 
bis zu einem gewissen Grade der Gegenwart angenähert, und der 
Dichter konnte sie mit neuem Leben füllen. Daher geht der Kampf 
gegen die Ungläubigen als politischer Grundgedanke durch die 
Dichtung. Daneben steht ein engerer, patriotisch-italienischer. 
Schon Bojardos Gedicht schloB mit dem Klage über Italiens Un- 
glück; der Einfall der Franzosen hat Bojardo empfindlidi ge- 
troffen. Italiens politische Lage hatte sich seitdem durchaus 
nicht gebessert, der fremde EinfluB wurde dem Volke immer ge- 
fährlicher. - Das Geschlecht der Este erscheint dem Dichter als der 



ARIOST 



235 



Felsen, an den Italien sich halten mtifi; Ariost verherriicht das 
Haus von Ferrara, vielleicht auch deshalb, weil er in seinem Dienst 
steht, namentlich aber, weil Alfonso der Vertreter der stärksten 
und ältesten italienischen Dynastie ist, unter deren Standarte das 
Volk sich sammeln kann. W^e Vergil das Geschlecht der Julier 
gefeiert hat, so preist er die Este als das von der Vorsehung 
erkorene Herrscherhaus, das im Kampf mit den Feinden der Chri- 
stenheit die erste Rolle zu spielen berufen ist. Merlins Grabes- 
stimme verkündet Bradamanta, daS sie die Stammutter dieses 
ritterlichen Geschlechts werden wird. 

Rogier tötet am Tage seiner Hochzeit mit Bradamanta Rodo- 
monte, den letzten Feind der Christenheit, und die Christenheit 
tmd die Familie der Este triumphieren. 

Voltaires Behauptung, der „Orlando furioso^' sei die „Ilias" 
und die „Odyssee" zugleich — , ein heroisch-religiöses Gedicht 
wie die „Ilias" imd daneben in der Schilderung von Rogiers und 
Bradamantas Zusammenleben ein Bild aus dem Familienleben 
wie die „Odyssee'' — besteht zu Recht. Die Elemente des öffent* 
liehen imd des privaten Lebens der Renaissance schließen sich hier 
zu einem poetischen Bild zusammen. Carducd wimdert sich, daß 
Ariost, der in Ferrara und seiner Umgebung gelebt und nur 
einen ganz kleinen Ausschnitt der Welt gekannt hat, trotz dieses 
begrenzten Horizontes köstliche Schilderungen einer Natur, die 
der Dichter so nie gesehen, geben konnte. Carducd prägt, 
um diese Tatsache zu erklären, das schöne Wort, daß ähn- 
lich wie in Karls V. Reich die Sonne nicht untergegangen ist, 
auch Ariosts Seele einen unendlidien lichtumflossenen Horizont 
hatte. 

Ariost hatte ein scharfes Auge für menschlidie Sdiwächen. 
Für ihn ist nicht wie für Bojardo die Liebe der Ursprung alles 
Großen, sie ist nidit das sieghafte, allbezwingende Gefühl. Sie be- 
deutet ihm mehr, sie ist die Grundlage der Familie, auf ihr baut 
sich menschliche Gemeinschaft auf. Dantes göttliche, Petrarcas 
platonische Liebe beginnen menschlichere Formen anzunehmen« 
Der vielhundertjährige Gesang der Troubadours verstummt, das 
individuelle Empfinden muß sich den PfUditen gegen Fandie 



a36 NEUNTES KAPITEL 

und Vaterland unterordnen, dantiit es nicht wie die Liane, die 
Schlingpflanae des Südens, wuchere und den stärksten Bäumen 
ihr Mark entziehe« Bin italienischer Schriftsteller yermutet, die 
Renaissance-Menschen hätten daran gekrankt, daß sie der Liebe 
suTiel Gewicht beigelegt haben; wichtigere politische Ziele traten 
in den Hintergrund, und die Not des Volkes fand weibische 
Männer, 

Befreiend wirkt nach den Theorien eines verlogenen Platonis- 
mus, nach Petrarcas Klagen und Bembos Sonetten Ariosts Satire 
auf seinen Vetter Annibale Bilaleguccio, als er Ton dessen Absicht 
zu heiraten erfuhr. Zum erstenmal finden wir in der Renaissance- 
Poesie verständige Worte über Weib und Ehe. 

Nüchterne Erwägungen über die Frauen, wie in dieser Satire, 
fehlen im Roland, aber man fühlt den Wechsel in der Auffassung 
der Liebe. Sie ist nicht mehr der Quell aUes Guten, sie kann groBe 
Taten hindern, den Mann verweichlichen und zur Raserei bringen. 

Che non pu6 far d'un cor ch'abbia suggetto 

Questo crudeie e traditore amore, 

Poi ch'ad Orlando pu6 levar del petto 

La tanta fe che debbe al suo Signore? 

Giä savio e pieno fu d'ogni rispetto, 

E della santa Chiesa difensore: 

Or per un vano amor, poco del zio, 

E dl se poco, e men cura di Dio. 

(Orl. für. IX, l.) 



Rolandos und Rinaldos Liebe zur Heidin Angelica hat die ge- 
samte Christenheit in groBe Gefahren gestürzt, Rinaldos Familien- 
glück, der Frau und Kinder hatte, zerstört, Sdiande über seinen 
guten Namen gebracht und seinen klaren Sinn 



La gran belti che al gran signor d'Aglante 
Macchiö la chiara fama e l'alto ingegno. 

(Ort, für. VIII, 63.) 

Ariosts Dichtung steht an der Grenze zweier Jahrhunderte 
und Auffassungen; der groSe Ferrarese beschlieBt die Periode der 



ARIOST 237 

Ritterpoesie, den Umkreis der Ideale der Signori und Capitani di 
Ventura, und man ahnt den Beginn einer neuen Zeit mit neuen 
sittlichen Idealen. Ariost ist nicht mehr Ghibelline wie Dante, 
sr strebt nicht mehr danach, die Macht des Kaisers zu erweitem, 
die italienische Dynastie der Este möchte er an der Spitze des 
VTolkes wissen. Als Dichter tmd Ästhet liebt er die Ritterwek, 
die dem Untergang geweiht ist, er verehrt ihre Größe, ihre Tugenden 
und Vorzüge. In einer wunderschönen Stanze schildert er, wie der 
Sarazene Ferragu tmd Rinaldo nach einem furchtbaren Zwei- 
kampf, der unentschieden geblieben ist, besdiliefien, Angelica zu 
folgen, um ihre Spur nicht zu verlieren. Beide steigen voller Ver- 
trauen, als Ritter sonder Furcht tmd Tadel, auf ein RoB — damit 
verleiht er seiner Verehrung ritterlicher Tugenden lebendigsten 
Ausdruck. 

O gran bonti de'Cavalieri antiquil 

Eran rivali, eran di fe diversi, 

E si sentian degli aspri colpi iniqui 

Per tutta la persona anco dolersi; 

E pur per selve oscure e calli obliqui, 

Insieme van senza sospetto aversi. 

(Orl. Pur. I. 22.) 

Mit wundervoller Anschaulichkeit schildert Ariost jede Szene, 
jede Landschaft In höchstem Maße ist sein GefQhl für die Natur 
entwickelt, deshalb sagt auch Galilei, indem er ihn mit Tasso 
vergleicht, daS Tasso Worte und Ariost Dinge sage. 

Rogiers Pahrt auf dem Hippogryphen, seine Jagd durch die 
Lüfte auf dem geflügelten Renner ist so phantastisch, so groB- 
artig und zugleich so anschaulich, daS wir glauben, an diesem 
wilden Ritt teilzunehmen. Und wie farbig sind diese paradiesischen 
G^enden, die sich vor uns entrollen, wie üppig und von südlicher 
Sonne durchglühtl Die Beschreibimg von Rogiers Aufenthalt auf 
der Insel Aretusa ist ein Meisterwerk. 

Als der Roland fertig war, im Jahre 15x5, war Ariost ein- 
tmdvierzig Jahre alt, aber er hat sein ganzes Leben weiter daran 
gearbeitet. Er las ihn seinen Freunden vor, bat,' daS man ihn auf 



238 NEUNTES KAPITEL 

ProvinriaHsmen oder Holprigkeiten im Vers aufmerksam oiadie. 
Zu diesen vertrauten Korrektoren gehörten Bembo, Molza, Na* 
▼agero, Sadoleto und Marc Antonino Magno« Das in Florenz ge- 
qirochene Italienisch erschien Ariost als das reinste, er hat seine 
Sprache dem Toskanischen immer mehr ai^egliedert, norditalie- 
nische Ausdrücke durch Florentiner ersetzt, gef^t und jeden 
Vers harmonisch und sangbar gestaltet 

Die schöne Sprache, die farbigen, so plastisdiea Bilder, die 
scharfe Beobachtung der Natur bilden den Hauptreiz Ton Ariosts 
Dichtung. Er war der gröfite Dichter der Renaissance« Italien hat, 
von Dante abgesehen, keinen volkstümlicheren Dichter als Ariost, 
und auf der gesamten Halbinsel gibt es kaum einen Landmann, 
kaum einen Schüler, der nicht wenigstens einige Stanzen des ge- 
liebten „Furioso'' auswendig wüBte. In Sizilien sind die kleinen 
zierlichen zweirädrigen Wagen zumeist mit Szenen aus Ariost 
oderTasso bemalt, in Ariosts Oktaven, die im Gedächtnis des italie- 
nischen Volkes haften, ist das Bild der ritterlichen Vergangenheit 
des Volkes lebendig. 

Es ist seltsam genug, daS in dem kleinen Ferrara, diesem heute 
vergessenen Ländchen, fünfzig Jahre nach Bojardo das gröBte 
Rittergedicht entstanden ist, und daB wieder fünfzig Jahre später 
Tasso dort sein ^yB^ff^ltes Jerusalem^' geschrieben hat. Im Jahre 
X486 war „Orlando Innamorato" vollendet, 1533 „Orlando Furioso^', 
X58Z „Gerusalemme Liberata'^ Es wurde darauf hingewiesen, daS 
es im Laufe von drei Jahrtausenden nur fünf groBe Epiker gegeben 
hat, tmd davon stanunen zwei aus Ferrara. Griechenland hat 
Homer, Rom Vergil, England Milton und Ferrara Ariost und 
Tasso erzeugt. 

Ariosts Epos war von ungeheurem EinfluS auf die europäische 
Literatur imd hat befruditend auf groBe Talente gewirkt« Im 
XVI. Jahrhundert hat Edmund Spenser seine „Faerie Queene^' ge- 
schrieben, im XVIIL Voltaire seine „Puoelle'' und Wieland seinen 
„Oberon'S im XIX. Bjrron seinen „Don Juan'^ Im XVI. Jahr- 
hundert gab es noch eine Reihe spanischer Nachahmungen Ariosts. 
Nur der polnische Dichter Mickiewicz ist in seinem „Fan Tadeusz'^ 
andere Wege gegangen« 



ARIOST 



239 



15x5 erschien die erste Ausgabe des »»Furioso". Leo X., von 
dem Ariost so viel erhofft und der ihm so wenig gehalten hat, 
ertiefi wenigstens eine Bulle, um das literarische Eigentum des 
Dichters zu schützen. Jedem, der das Buch nachdrucken oder ohne 
Erlaubnis des Verfassers verkaufen würde, war der päpstliche Bann 
angedroht. Sadoleto kontrasignierte das päpstliche Doku- 
ment, und in Bibbienas Bureau wurde es auf Kosten 
des Dichters ausgefertigt und verschickt. Dies 
veranlafite ihn zur satirischen Bemerktmg: 

Mi fu, della quäle ora il mio Bibbiena 
Espedito m' ha il resto alle mie spese. 



ZEHNTES KAPITEL 

RENATA DI FRANCIA 



I 

, Ferraia, corpo di Dio, ti avrol" 

1 Leichnam Christi, du wirst mein, Perraral" — 

jlius IL in seiner soldatischen Ausdruclcsweise, 

lie Wünsdie des kriegerischen Papstes sollten 

in Erfüllung gehen. Alfonso I. verteidigte 

a mit den Waffen so gut wie mit seiner 

diplomatischen Geschicklichkeit. Leo X. hatte keinen anderen 

Wunsch wie sein Vorgftnger, Julius IL, wenn er ihn auch zahmer 

ausgedrückt hat. . Aber auch dieser Papst starb, ohne seine Pl&ne 

verwirklichen zu können. Da ließ Alfonso in seiner Freude eine 

Medaille sohlten mit einem Schftfer, der ein Lanun den Klauen 

des Löwen, Leone, cntriB, darunter stand die Aufschrift aus dem 

Buch der Könige: De manu Leonis. 

Aus diesen Kfimpfen mit zwei Päpsten ging Ferrara mächtiger 
hervor, als es je gewesen war. Das Land erstreckte sich vom Ufer , 
des Adriatisdien Heeres fast bis zur Bucht von Genua, und der 
Kaiser sowie der König von Frankreich bewarben sich um Alfonso» 
Freundschaft. Die in Cognac geschlossene heilige Liga, Franz L, 
die Florentiner und der Kaiser — sie alle wollten ihn zu ihrem 
Heerführer wählen. Hach Leos X. Tod schickte Alfonso seinen 
fünfzehnjährigen Sohn Ercole nach Rom, damit er dem neuen 
Papst Hadrian huldige und seine Gunst gewinne. Dem Jüngling 
gefiel es in Rom auSerordentlich gut, der Papst umarmte ihn, 
sagte, daS er von den besten Absichten für Ferrara erfüllt sei, und 
der beglückte Vater rief:' „Mein Gott, ich danke dir, dafi du 



RENATA DI FRANCIA 241 

mir solch einen Sohn gegeben!'' Alfonso hat es bei der Erziehung 
dieses Sohnes nicht an Sorgfalt fehlen lassen; da er selbst keine 
literarische Bildung hatte und häufig diesen Mangel beklagt hat, 
wollte er seinem Sohne ein gründliches Wissen geben imd hielt 
ihm die besten Lehrer. Der Knabe machte lateinische Gedichte, 
war von groSer Beredsamkeit und in allen Wissenszweigen erfahren. 
Auch Musik wurde gründlich geübt, da Alfonso einmal gelesen 
hatte, Themistokles h&tte als Mann von schlechter Erziehimg 
gegolten, da er nicht Zither spielen konnte. So wurde Ercole nach dem 
Bericht eines gleichzeitigen Chronisten in allen drei Arten der 
Musik unterwiesen: in der „enharmonischen, diatonischen und 
chromatischen'' — nach unseren Begriffen hätte der junge Este 
wenn nicht Komponist, so doch zmn mindesten Dirigent eines 
Orchesters werden können. Bei der Erziehimg des Jünglings wurde 
nicht allein auf die Bildung des Geistes geachtet. Keiner seiner 
Gefährten tat es ihm in gymnastischen Übungen gleich, er sprang 
über die breitesten Gräben, ritt die wildesten Pferde, handhabte 
Lanze imd Speer glänzend, und war Sieger in jedem Turnier. Dazu 
war Ercole ein gutgewachsener, schöner, kräftiger Mensch von sehr 
einnehmendem Wesen. Der Vater hatte ihn früh zur Beratung allge- 
meiner Angelegenheiten herangezogen, so daß es ihm auch in dieser 
Beziehung schon als Jüngling an der nötigen Erfahrung nicht fehlte. 
Für einen solchen Sohn war es nicht schwer, eine Gattin zu 
finden, und als Ercole kaum siebzehn Jahre alt war, begann man 
sich nach einer passenden Partie für ihn umzusehen. Zwischen 
drei Fürstinnen schwankte die Wahl: Margarethe von Österreich, 
Karls V. natürliche Tochter, Katharina von Ifedid, die spätere 
Königin von Frankreich, und Renata, die Tochter Ludwigs XII. und 
der Königin Anna, standen auf der engeren Liste. Alfons fühlte 
sich stark genug, um für seinen Sohn um die Hand der französischen 
Königstochter anzuhalten. Das Geschlecht der Este war älter als 
das Königsgeschlecht von Frankreich, denn während sich dieses 
kaum bis zum Jahre 862 zurückverfolgen lieB, war Bonifazio Este, 
der Graf von Lucca und Fürst von Toskana, schon im Anfang des 
IX. Jahrhunderts eine bekannte Persönlichkeit gewesen. Franz I., 
der in Frankreich regierte, lals sich Alfonso lun Renatas Han4 für 

16 



242 



ZEHNTES KAPITEL 



seinen Sohn bewarb, nahm diesen Plan sehr gnädig auf, hoffte 
er doch in den Este einen mächtigen Bundesgenossen in seinem 
Kampfe lun Mailand zu finden. Dieses Herzogtum zu erobern, 
gehörte zu seinen heißesten Wünschen. 

Die Verhandlungen führten schnell zum gewünschten Resultat, 
und Ercole brach am 3. April 1528 nach Frankreich auf, um seine 
Gemahlin abzuholen. In seinem Gefolge waren himdertfünfund« 
fünfzig Menschen, hundertneun Pferde und siebenunddreiSig Maul- 
tiere. Unterwegs vergrößerte sich der Zug, da der ferraresische 
Adel sich drängte, den jungen Herzog nach Paris zu begleiten. 
Ercole ging über Spezzia, Genua und Sabona, um Mailand zu ver- 
meiden und dem Kaiser nicht in die Hände zu fallen, der, unzufrieden 
über die Vereinigung der Este mit dem Hof von Frankreich, Ercole 
unter irgendeinem Vorwand hätte aufhalten und gefangen nehmen 
können. 

Am 22. Mai empfing Franz I. den jungen ferraresischen Erb- 
prinzen in Saint Germain, Ercole hatte zu diesem Feste ein kost- 
bares Gewand angelegt und stand* an der Spitze von hundert- 
fünfzig vornehmen Rittern. Von Renata, die er noch nicht kannte, 
empfing er keinen übermäßig angenehmen Eindruck. Der ferrare- 
sische Gesandte berichtet Alfonso: „Es scheint, daß der junge 
Herzog eine schönere Braut lieber gesehen hätte.'^ Renata war 
klein imd zart, sie hatte ein nmdes Gesicht, kleine blaue Augen 
und einen sehr kleinen Mund, ihre Füße waren von Kindheit an 
infolge rhachitischer Leiden krumm. Ihre größten Reize waren 
langes Haar, ein guter Teint und ein Busen von schneeiger Weiße; 
selbst die Hofpoeten wußten, abgesehen von diesen Vorzügen, äußere 
Reize an ilir nicht zu entdecken. Francesco Maria della Rovere, der 
Herzog von Urbino, nannte .sie „un mostro'S aber der Herzog war für 
seine böse Zunge bekannt und übertrieb gem. „Eine Mißgebtut^' war 
sie nicht, aber ihre Porträts im Mus^ Condi zu Chantilly, imd 
in den Sanunlungen der Fürsten Czartoryski beweisen zur Ge- 
nüge, daß Ercole, der die schönen Italienerinnen gewohnt war, 
eine nicht geringe Enttäuschimg beim Anblick seiner künftigen 
Gemahlin erleben mußte. Sie war aber sehr lebhaft, „un esprit tout de 
feu'% sehr gut erzogen und führte ein Gespräch nicht ohne Anmut. 



RENATA DI FRANCIA 243 

Der ,, ritterliche'' Franz L, der seinen künftigen ,,Cousin'' mit 
sAx viel Pracht empfing und Renata eine groBe BAitgift versprochen 
hatte, begann unmittelbar nach der Trauung Geldanleihen bei 
Ercole zu machen. Zu seiner Expedition gegen die Lombardei wollte 
er von den Este fiinfzigtausend Taler haben. Der arme Ercole 
erschrak, als er an Stelle der erhofften lütgift für das franzö- 
sische „Monstrum^' auch noch bezahlen mußte. An den Vater wagte 
er sich nicht zu wenden» denn allein die Reise nach Paris hatte 
dreifiigtausend Taler verschlungen und für hunderttausend hatte 
er seiner Verlobten Geschenke gemacht. Da er sich nicht anders 
helfen konnte» verkaufte er einen Teil der Pferde» mehrere kost- 
bare Geräte und Kleinodien» anderes wurde versetzt» bis er die 
dem König nötige Summe zusammen hatte. Aber nachdem Franz U 
die Nichte verheiratet und das Gold der Este in der Tasche hatte, 
begann er wegen der BAitgift zu handeln» tmd die versprochene 
Sunmie wurde immer kleiner. Er benahm sich wie ein Wucherer; 
zuerst hatte er Renata zweimalhunderttatisend Taler versprochen 
imd einen ebenso großen Betrag ausgesetzt» um sie für den Verzicht 
auf die Bretagne zu entschädigen» auf die sie durch ihre Mutter Rechte 
hatte. Nach der Hochzeit bewilligte er nur vierzigtausend Taler 
Mitgift und ein jährliches Fixum von zwölftausend» obgleich die 
Bretagne allein jährlich über, zweimalhunderttausend Taler abwarf. 

Trotz dieses Handelns und des großen Geldmangels am franzö* 
sischen Hof waren die Hochzeitsfeierlichkeiten großartig imd 
nahmen kein Ende. Der König gab ein so prächtiges Bankett», 
daß selbst die Höflinge» die großartige Feste gewohnt waren» nicht 
aus dem Statmen kamen. Die anhaltenden Feste überstiegen selbst 
die Kraft des jungen Paares» Ercole bekam Fieber und Renata 
quälende Kopfschmerzen. Der Hofpoet» Clement Marot» tröstete 
sie in einem langen Hochzeitskarmen über den Verlust des jung-r 
fraulichen Kranzes» der Apfelbaum gelte mehr» wenn er Früchte^ 
als wenn er nur Blumen trage. 

Fille de roy» adieu ton pucelage» 
Et toutesfo3rs tu n'en dois faire pleurs; 
Car le pommier qui porte bon fructage 
Vault mieulx que s'il ne porte que fleurs. 

I6» 



244 



ZEHNTES KAPITEL 



Marot schrieb dieses Gedicht in einer glücklichen Stunde, Re- 
natas gröBtes Verdienst waren fünf gesunde Kinder, zwei Söhne 
und drei Töchter, was wohl niemand dieser kleinen rhachitischen 
Prinzessin zugetraut hätte. 

Einen Monat nach der Trauung brach das junge Paar nach 
Ferrara auf. Renatas französische Umgebung bestand aus 
hundertfünfzig Personen, Ercoles Gefolge aus dreihimdert. Eine 
Abteilung von Fourieren zog voraus, um Lebensmittel zu be- 
schaffen und die friedlichen Einwohner unterwegs aus ihren Häusern 
zu werfen, damit es Platz für den Hof gebe. Es war eine beschwer- 
liche Reise, es ging über den Mont Cenis und durchs Piemonte- 
sische, \md erst an der Grenze des estensischen Reiches erwartete 
Alfonso die Schwiegertochter, deren Wunsch, den Herzog kennen 
zu lernen, so lebhaft war, daß sie ohne diese Hoffnung die Strapazen 
nicht überstanden hätte. Wenigstens behauptet dies einer der esten* 
sischen Höflinge in einem an den Herzog geschriebenen Brief, Wir 
wissen nicht, welchen Eindruck Renata auf Alfonso gemacht hat, 
später war er ihr der beste Vater imd Beschützer. 

In Modena erwarteten die junge Frau die gröBten Anstrengungen« 
Dort wurde ihr zu Ehren ein feierlicher Empfang veranstaltet. Der 
Statthalter Giacomo Alvarotti hatte ungewöhnliche Vorbereitungen 
getroffen: den Schmutz \md die Steine,, die seit Jahrhunderten in den 
Straßen lagen, hatte er fortschaffen lassen und die Figuren zweier 
Engel verbessern, die an der Stadtuhr am Turm die Stunde zu 
schlagen hatten, aber diese Pflicht seit zwanzig Jahren nicht mehr 
erfüllten; Betten für zweitausend Menschen wurden aufgeschlagen 
und Ställe für fünfzehnhundert Pferde hergerichtet, ungeheure 
Quantitäten von Lebensmitteln zusanmiengeschleppt, darunter 
so viel Zucker und Wachs, daß zwölf Blaultiere zum Herbeischaffen 
dieser Ladimg kamn langten. Diese Vorbereitungen waren not- 
wendig, da man in Modena außer dem jungen Paar, dem Herzog 
Alfonso und dem ungeheuren Gefolge noch den Herzog von 
Mailand, den Markgrafen von Mantua und den Herzog von Urbino 
mit Gemahlin erwartete. 

Alfonso wollte seine Schwiegertochter aufs festlichste emp- 
fangen und all ihre Wünsche erfüllen. Er ließ es jedoch auch darin 



RENATA DI FRANCIA 245 

nidit an der nötigen Vorsicht fehlen. In Modena hatte er einen sehr 
gefährlichen Gefangenen, Girolamo Pio di Sassuolo, der auf Ver- 
anlassung des Bischofs von Casale, des päpstlichen Kommissars 
in Piacenza, eine Verschwörung gegen sein Leben angezettelt hatte« 
Rom war in seinen Mitteln nicht wählerisch , um Alfonso aus dem 
Wege zu räiunen, Ferrara zu annektieren imd dem Kirchenstaat 
einzuverleiben. Der Herzog fürchtete, man könne Renata über- 
reden, ihn um das Leben des Verbrechers zu bitten; um dem yor- 
zubeugen, machte er kurzen ProzeB und lieB den Gefangenen ent- 
haupten, ehe Renata in Modena eintraf. So war die heikle Frage 
aufs einfachste gelöst, und Alfonso kam nicht in die fatale Situation, 
setner Schwiegertochter eventuell einen Wimsch abschlagen zu 



Nach alter, nicht gerade schöner Sitte raubte die italienische 
Bevölkerung nach der Abreise berühmter Gäste die ganze Ein- 
richtung, sämtliche Gegenstände, die zu ihrem Empfang gedient 
hatten. Um die französischen Gäste nicht durch diesen Brauch 
zu ärgern, erließ der Statthalter ein Verbot, das Blaultier, auf dem 
Madame Renata in die Stadt käme, anzurühren, ihre Sänfte fortzu- 
nehmen, den Baldachin zu zerreißen oder sich Waffen anzueignen, 
die ihren Höflingen angehörten, da der Herzog selbst die Absicht 
habe, diese Dinge unter das Volk zu verteilen, um sich nicht übler 
Nachrede auszusetzen. 

Die Festlichkeiten, Bälle, Turniere und Pferderennen dauerten zehn 
Tage, waren aber ohne rechte Freudigkeit, denn das Land hatte 
sich kaum von einem großen Unglück einer pestilenzartigen Seuche 
erholt, und das Elend in der Stadt war so furchtbar, daß die Armen 
während der Feste durch die Straßen liefen und um Erbarmen flehten, 
da sie Hungers stürben; es gab keinen Tag, an dem man nicht vor 
irgend einem Portikus die Leichen Verhungerter gefimden hätte. 
Außerdem trübte ein erneuter Anschlag auf Alfonsos Leben die 
Fette. Rom ruhte nicht: der päpstliche Gesandte in Bologna hatte 
schon während der Feste in Modena mit einem gewissen Paolo 
Liizzesco verabredet, den nach Ferrara heimkehrenden Fürsten zu 
überfallen und zu töten. Alfonso blieb jedodi am vorherbestimmten 
Tage in der Stadt, tmd der Anschlag wurde entdeckt» 



246 ZEHNTES KAPITEt 

Die beiden Este, Vater und Sohn, waren unablässig bemühti 
Renata einen günstigen Eindruck von Italien zu Terschaffen. 
Ferrara gehörte damals zu den größten Städten von Europa, es hatte 
sechzigtausend Einwohner» soviel wie Rom unter Leo X., doch 
war es freilich mit PariSi das anfing sich zur glänzendsten Residenz 
zu entwickeln, nicht zu vergleichen. Die Este fürchteten deshalb, 
daß ihre Stadt auf Renata und ihre Umgebung einen traurigen Ein- 
druck machen würde, imd suchten ihr die ersten Tage im fremden 
Lande durch Feste zu verschönern. Alfonso war Witwer, und da 
dem ferraresischen Hof die Hausfrau fehlte, kam die Markgräfin 
Isabella aus Mantua zum Empfang der Französin. Da infolge der 
Seuche viele Familien in Trauer waren und die Stadt einen traurigen 
Eindruck machte, befahl Alfonso, allen ohne Ausnahme während 
des Karnevals bimte Kleider anzuziehen imd in festlichen Ge- 
wändern zu Renatas Begrüßung an den Fluß zu konmien. Wer es 
beim Anblick der künftigen Thronfolgerin an Freudenrufen fehlen 
ließ, verfiel einer Geldstrafe von fünf Skudi. Ohne Zweifel wird 
Renata beim Einzug in Ferrara einen besonders starken Eindruck 
von der Lungenkraft der Bevölkerung erhalten haben. 

Während der ersten Wochen, die Renata in Ferrara verlebte, 
arrangierte Alfonso Kavalkaden, Bälle und verschiedene andere 
Zerstreuungen. Am großartigsten fiel jedoch ein Fest aus, das 
Ercole gab, um dem Vater für seine Mühe und die liebenswürdige 
Aufnahme Renatas zu danken. Die Feier begann mit einer Auf- 
führung von Ariosts „Cassaria^'; da die junge Herzogin kein Italie- 
nisch verstand, muß die Frage offen bleiben, wie weit sie sich dabei 
unterhalten hat. Das der Vorstellung folgende Bankett übertraf 
alles, was man in Ferrara je gesehen. Allein der Haupttisch war 
eine Sehenswürdigkeit. Fünfundzwanzig große Zuckerfiguren, 
Herkules' Taten, zogen schon von weitem alle Aufmerksamkeit 
auf sich, tmd was soll man von den silbernen Tafelaufsätzen, den 
ungeheuren Kandelabern mit weißen Wachskerzen, der Fülle 
der Schüsseln mit kalten Gängen sagen? Als ersten Gang trug 
man bei Trompetenklängen zehn Gerichte auf je 35 Schüsseln auf, 
während sie serviert wurden, sang Madonna Dalida, von einem 
vortrefflichen Quartett begleitet. Dann servierte man noch sechs- 



RENATA DI FRANCIA 



247 



mal je zehn verschiedene Gerichte auf 35 Schüsseln. Es wurden 
also im ganzen siebzig verschiedene Gerichte serviert, und zu jeder 
Schüsselserie gab es einen andern musikalischen GenuB. Dazu war 
ein berühmter spanischer Narr auf einem Dromedar gekommen, 
tun die Gäste durch seine Scherze zu erheitern. 

Nach dem Dessert, das in diese Küchenstatistik nicht aufge- 
nonmien wurde, wurde eine ungeheure Pastete aufgetragen, in der 
sich Geschenke für die Festteilnehmer befanden: Halsketten, Arm- 
bänder, Ohrringe, Barettagraffen, im Wert von zweihundert- 
fünfzig Skudi. 

Auf die erschöpfte, schwächliche Renata mußten diese an- 
haltenden Feste einen niederdrückenden Eindruck machen. Von 
den Tischen, die sich unter der Last der Speisen bogen, unter- 
schied sich der Palast, der ihr als Wohnung angewiesen war, 
in seltsamster Weise. Das ganze Gebäude war so verwahrlost, 
daB die Herzogin eines Nachts ihr Schlafzinfmer in Eile räumen 
mußte, da die Decke einzustürzen drohte. Die Französinnen, die 
mit Renata nach Ferrara gekommen waren, schildern die Stadt 
in den schwärzesten Farben. Die eine berichtet, Ferrara sei ein 
großer Bilisthaufen, ein Nest von Flöhen und Wanzen, mit einer 
Unzahl von Mücken als Beigabe, und das Quaken der Frösche 
und Krächzen der Raben höre man die ganze Nacht. Trotz der 
vierzehn Ehrendamen xmd der vielen französischen Dienstboten 
fühlte Renata sich sehr einsam und so fremd in ihrer neuen Um- 
gebung, daß sie nicht einmal Lust hatte. Italienisch zu lernen. 
Die ganze Pariser Kolonie, die Herzogin an der Spitze, hielt sich in 
echt französisch-eingebildeter Art für etwas Höheres als die Italiener 
und für ein Opfer der Politik. Ja noch mehr, Renata selbst betrachtete 
sich nicht als italienische Herzogin, sondern als diplomatische Ab- 
gesandte des französischen Königs, die auf ihrem neuen Posten 
die Interessen Frankreichs zu vertreten hatte. 

Schrieben ihr diese Interessen vor, gegen den Papst zu sein, 
so war Renata Roms Feindin, war der König von Frankreich mit 
dem Herzog von Ferrara unzufrieden, so wurde Renata fast zur 
Feindin des eignen Gatten, konspirierte mit seinen Gegnern 
und unterstützte sie, wo inuner sie konnte. Trotz ihrer Gegner- 



248 ZEHNTES KAPITEL 

Schaft gegen den Papst hielt sie sich sehr enf^ an alle kirchlichen 
Vorschriften, sie war abergläubisch, trug unter ihren Kleidern eine 
Schnur, mit der sich der heilige Francesco a Paolo gegürtet haben 
soll, und ließ sich aus Chartres zwei Hemden schicken, genäht 
nach der Form des Hemdes der Mutter Gottes, das sich im dortigen 
Domschatz befand. Diese Anhänglichkeit an die rdmisch-katho- 
liehe Kirche hinderte sie nicht, unmittelbar nach ihrer Ankimft 
in Ferrara die französischen Emigranten, die Hugenotten, zu 
unterstützen und zu protegieren. So wurde ihr Hof zur Zufluchts- 
stätte der Emigranten, ihre Zahl wuchs mit jedem Tage. 1529 
unterhielt sie beinahe zweihundert Personen; in ihrer Umgebung 
befanden sich vier Sekretäre, sieben Ehrendamen, drei Kaplane, 
drei Kleriker, zwei Kirchensänger, sechs Zinunermädchen, sechs 
Kammerdiener, drei Tapezierer, ein Arzt, ein Apotheker und ein 
ganzer Stab von Stall- und Küchendienerschaft. Der Unterhalt 
dieses Stabes hat jähHich 50 909 Lire verschltmgen. Die wichtigste 
Persönlichkeit in der französischen Kolonie war Madame de Soubise, 
Renatas Freundin. Renata hatte, kaum drei Jahre alt, ihre Mutter 
verloren, auf dem Totenbette hatte Anna de Bretagne ihr Kind Frau 
von Soubise anvertraut, die gleichfalls aus der Bretagne stammte. 
Die Soubise war seitdem die unzertrennliche Gefährtin der Prin- 
zessin, in Ferrara aber war sie ihr böser Geist, sie gestattete ihr 
nicht, ihre Interessen mit denen des Herzogtums von Ferrara 
zu identifizieren, und wachte streng darüber, daB Renata bei jedem 
Schritt eingedenk bleibe, daB sie Pionierin des französischen Ein- 
flusses in Italien sei. Sie gestattete ihr nicht einmal, sich auf portu- 
giesische Art anzuziehen, der damals in Italien herrschenden Mode, 
sondern überredete sie, bei französischen Kleidern zu bleiben, 
die „anständiger und fester anschließend wären'^ 

Die jedes MaB übersteigenden Ausgaben für den Unterhalt des 
Hofes und der „armen Franzosen'', die sich von allen Seiten um 
Renata scharten, boten den ersten AnlaB zu Mißverständnissen 
zwischen den Gatten, besonders da Frau von Soubise die Herzogin 
gegen ihren Mann aufhetzte. Als Ercole diesen schädlichen Einfluß 
erkannte, wollte er die französische. Hofmeisterin nach Frank- 
reich zurückschicken, aber das war nicht so einfach, da der Hof 



KENATA DI FRANCIA 
nJLDNIS VON FR. CLOÜET(?). SAMMLUNG FÜRST CZARTORVSKr IN GOLUCHOVV 



RENATA DI FRANCIA 



249 



von Paris sie als seine geheime politische Agentin betrachtete 
und der alte Alfonso eine Vprliebe für die amüsante Französin 
hatte» die ihn durch ihren Witz und ihre Lebhaftigkeit zerstreute. 

Ercole mufite sich fürs erste mit Madame de Soubise abfinden, 
namentlich da der Kongreß von Bologna, der auch für Ferraras 
Zukunft wichtig war, seine Gedanken und seine Tätigkeit vollauf 
in Anspruch nahm. Ferrara hatte in Klemens VII. einen nicht 
weniger hartnäckigen Gegner als in Julius IL oder Leo X. Der 
Papst machte seinen ganzen Einfluß auf dem Kongreß geltend, 
um nicht nur Ferrara an sich zu reißen, sondern auch Modena dem 
Kirchenstaat einzuverleiben. Karl V. bedurfte jedoch des esten- 
sischen Staates, um das Gleichgewicht in Italien zu erhalten; er 
veranlaßte daher den Papst, Alfonso nach wie vor Ferrara 
als Lehen zu überlassen, unter der Bedingung, daß der Herzog 
dem Papst auf der Stelle hunderttausend Dukaten auszahle und 
ihm für die Zukunft einen Tribut von siebentausend verbürge. 
Modena, Reggio und Rubiera sollten den Este auch in Zukunft als 
kaiserliches Lehen gehören. Schließlich sollte der Papst Alfonso 
Ablaß für alle Sünden erteilen, die er gegenüber der römischen 
Kurie begehen würde, vorausgesetzt, daß der Herzog von diese 
Entsündigung einreiche. Alfonso fügte sich den kaiserlichen Beschlüs- 
sen, der Papst nahm das Geld zwar als „Depot'S schloß aber keinen 
Kompromiß, um sich die Hände nicht für die Zukunft zu binden. 
Tatsächlich behielt Alfonso seinen Besitz; die Freude in Ferrara 
war darüber sehr groß, und der Hof ward wieder lebendig. Bankette, 
Maskeraden, Komödien, Moresken, Turniere, Konzerte drängten 
einander, tmd Literaten und Gelehrte versammelten sich im Winter 
fast jeden Abend bei Ercole, so daß Ferrara Italiens Salon genannt 
wurde. 

Das Verhältnis zu Frau von Soubise spitzte sich immer mehr 
zu. Sie hatte einen Sohn und zwei Töchter; Anna de Parthenay, die 
ältere, war mit Antonio de Pons, dem Grafen de Marennes, einem 
Edelmann, der am französischen Hofe lebte, verlobt. Anna war bei 
ihrer Mutter in Ferrara, de Pons in Prankreich, die Hochzeit wurde 
immer wieder hinausgeschoben, weil Ercole, wie Frau von Soubise 
behauptete, de Pons nicht in Ferrara haben wollte« Die Sache 



350 ZEHNTES KAPITEt 

ging bis zu König und Papst. Klemens war damals in Marseille 
und bekundete in ziemlich ungewöhnlicher Weise seine Sympathie 
für „seine geliebte Tochter, Anna de Parthenay, voller Tugenden 
und Wissen''. In einem besonderen Breve vom xo. November X533 
erteilte der Papst ihr, dem Grafen de P6ns und vier anderen Personen, 
die sie nach Gutdünken zu bestimmen hatte, das Recht, sich einen 
Beichtiger zu wählen, der die Befugnis hatte, zu entsühnen „Mord, 
Ehebruch, Kirchenschändung, geistlichen Persönlichkeiten zu- 
gefügte Gewalt (mit Ausnahme von Bischöfen), überhaupt Ver- 
brechen jeder Art, die sie begehen könnten''. Der Papst setzte also 
viel voraus und verzieh noch mehr, und das Ehepaar de Pons durfte 
viel sündigen im Bewußtsein, Verzeihung zu erlangen. Der Pi^t 
wußte damals nicht und hätte diesem Umstand vielleicht auch nicht 
Gewicht genug beigelegt, daß Frau von Soubise und ihre Tochter 
Anna Calvins Freundinnen waren. 

Dieser Gnadenbeweis des Papstes räumte alle Hindemisse aus dem 
Wege, und der Graf Pons begab sich unverzüglich nach Ferrara. 
Dort war alles freudig bewegt, da Renata am za. November 1533 
einen Sohn, Alfonso IL, geboren hatte, der Ferraras letzter Herzog 
sein sollte. Zur Taufe hielt ihn der Erzbischof Ippolito d'Este, 
als Vertreter des Königs von Frankreich. 

Die Trauung von de Pons und von Anna de Parthenay fand in den 
ersten Tagen des Jahres 1534 statt. Ercole wollte dieser Festlich- 
keit nicht betwohnen und ging für kurze Zeit nach Venedig. Das 
junge Paar blieb in Ferrara, und Frau von Soubise erlebte einen 
vollkommenen Triumph, besonders da ihr Schwi^;ersohn der fast 
offizielle Agent des Königs von Frankreich war. 

Alfonso hatte den Wunsch, ein Bündnis mit Venedig zu schließen. 
Ercoles Reise in die Lagunenstadt hatte also einen bestinunten 
Zweck, imd selbst die Herzogin Renata wurde später in Gesellschaft 
des Erzbischofs Ippolito und Francesco d'Estes hingeschickt, mn der 
mächtigen Nachbarstaat zu schmeicheln. Die Republik empfing 
die französische Königstochter aufs großartigste, der Doge, Andrea 
Gritti, entblößte sein Haupt vor ihr, was eine ungewöhnliche Aus- 
zeichnung war; der Rat der Zehn ließ einen Teil der Rialto^Brücke 
auseinandernehmen, damit der Bucentaur, der Renata trug, vor 



RENATA DI FRANCIA 351 



dem estensiscfaen Palast anlegen könne; es wurde getanzt, der Canale 
grande mit Fackeln beleuchtet, Freudenschüsse abgehrannt — aber 
die yenesianische R^erung wollte nicht verstehen, da8 es den 
Este um ein Bündnis zu tun war. 



II 

Etwa gleichzeitig starben Klemens VII. und Alfons I., der Papst 
am 35. September, Alfonso am 28. Oktober Z534, Ferrara verlor 
einen seiner tüchtigsten und tapfersten Herrscher, aber auch einen 
seiner erbittertsten Gegner. Der sterbende Alfonso hatte noch die 
Freude, daB sein Freund, der Kardinal Famese, als Paul III. auf 
den päpstlichen Stuhl kam. 

Renata vermachte Alfonso „als Beweis seiner herzlichen Zu- 
neigung'' ein kostbares Kleinod, das ihrer würdig war. Die Testa- 
mentsvollstrecker sollten es unter seinen hinterlassenen Schätzen 
nach Gutdünken auswählen. 

Unmittelbar nach Alfonsos Tod versammelte Graf Sacrato, 
der Giudice de^ sav^ den groBen Rat, und bei Trompetenschall 
wurde Ercole zum Nachfolger ausgerufen. Der neu erwählte Herzog 
trat auf die Plattform der SchloStreppe, ganz in weiß gekleidet, 
den Mantel über die Schulter geworfen, mit kostbaren Juwelen 
am Barett, dann bestieg er sein Pferd und ritt durch die ganze Stadt; 
zu seiner Rechten hielt sich sein Oheim, der Erzbischof, zu seiner 
Linken der mailändische Gesandte. 

Das herzogliche Pferd trug eine weiBe Schabracke, imd ein 
weiBer Federbusch nickte auf seinem Kopf. Vor der Kathedrale 
machte der Herzog Halt, stieg vom Pferd, trat ins Heiligtum und 
empfing dort den Treuschwur vom Richter der Savi, als Vertreter 
des ferraresischen Volkes. Ins SchloB kam er zu FuB zurück, 
da das Volk alter Sitte gemäB das herzogliche Pferd for^eführt 
und den Baldachin in Stücke gerissen hatte, alles zum Andenken. 

Diesmal vergaB Renata Frankreichs, sie erwartete ihren Gatten 
in einer kostbaren, golddurchwebten Robe mit langen, geschlitzten, 
zobelgefütterten Armein. Die Herzogin war von ihren sdiönsten 



252 ZEHNTES KAPITEL 

Damigellen und hundert der vornehmsten Frauen Ferraras um- 
geben. Als Ercole in den Saal trat» warf sie sich ihm um den Hals» 
sie umarmten sich und waren so gerührt» daB sie Tränen in den 
Augen hatten. Doch waren dies nur vorübergehende Empfindungen, 
nach dem Begräbnis des Vaters» bei dem eine ungeheure Pracht 
entfaltet worden war» begann Ercole» den jetzt keinerlei äußerer 
Zwang hinderte, einen scharfen Krieg gegen die Franzosen» die 
ihm das Lebep vergifteten. Diesmal ohne Rücksichtnahme auf 
Franz L» der ihn immer getäuscht» keine seiner Zusagen gehalten 
und ihn mit einer Schar französischer Spione umgeben hatte« 
Namentlich war es ihm darum zu tun» die Soubise los zu werden. 
Ercole machte ihr zimi Vorwurf» daB sie seinen Ruf durch ihre 
Klatschereien schädige» und nach Frankreich berichte» daB er seine 
Frau schlecht behandle und keine französische Dienerschaft um 
sie dulden wolle. Frau von Soubise wieder konnte sich bei Franz I. 
über Ercoles schlechte Behandlung beklagen» sie müsse sogar 
Zoll für die Kleider bezahlen» die sie aus Frankreich kommen lasse« 
Tatsächlich erhob Ercole Zoll von Frau von Soubise» da die schlaue 
Französin den Schmuggel in groBem MaBe betrieb» imd eine Un- 
masse von Dingen aus Frankreich zum Verkauf einführte» unter der 
Vorspiegelung» sie für ihren eigenen Bedarf zu verwenden. Frau 
von Soubise fühlte sich durch diese Beschuldigung verletzt» sie be- 
schlofi» Ferrara zu verlassen» aber als der Tag ihrer Abreise ge- 
kommen war» blieb sie ruhig in Ferrara» namentlich da Ercole nach 
Rom gehen muBte» um sich beim neuen Papst um die Investitur 
von Ferrara zu bemühen» die Klemens VII. trotz des en^ifangenen 
Geldes nicht bewilligt hatte. Paul IIL bUeb der PoUtik seines Vor- 
gängers treu» er wollte Geld haben» aber dachte nicht daran» die 
Investitur zu verleihen. Des Handelns mit dem Papst müde» verlieB 
Ercole plötzlich Rom und ging nach Neapel» wo Karl V. sich auf- 
hielt. Der Kaiser» der gleichfalls in Geldnöten war» empfing den 
Herzog sehr liebenswürdig» da auch er Geld brauchte» und nach 
kurzen Verhandlungen erteilte er ihm die Investitur für alle Länder» 
die der Herzog besaß. Ercole wurde ungeheure Summen los» und 
ein Teil des väterlichen Erbes floB diesmal nidit in den päpsÜiGhen» 
sondern in den kaiserlichen Säckel. Rabelais» der am Hofe des 



RENATA DI FRANCIA 



253 



Kardinals du Bellay in Rom war, schrieb damals nach Paris, „der 
Herzog müsse die Taler hergeben, die er von seinem seligen Vater 
geerbt, da ihn der Papst und der Kaiser nach Gutdünken rupfen'% 
„le Pape et TEmpereur le phimeront 4 leur vouloir''. Ercole schloS 
sich ganz dem Kaiser an, beschloS dessen Politik zu fördern und 
mit den Franzosen zu brechen. 

Während der Herzog ins kaiserliche Lager übergegangen war, 
trieb Frau von Soubise auf eigne Faust Politik in Ferrara. Um 
in Frankreich den Eindruck von Ercoles Reise nach Neapel ab- 
zuschwächen, kam sie auf den Einfall, daß Renata nach Lyon, 
wo sich Franz I. aufhielt, reisen sollte. Als Ercole in Rom von dieser 
Intrigue erfuhr, ging er sofort nach Ferrara zurück, widersetzte 
sich diesem Plan energisch, imd selbst Franz L überredende Briefe 
nützten nichts. Ercole erwiderte schroff: „in Italien sei es Sitte, 
daB die Mutter ihre Kinder hüte und sidi nicht auf Reisen be- 
gebe, auSerdem könne die beschwerliche Reise nach Frankreich 
über Berge und durch unruhige Länder Renatas schwacher Gesund- 
heit schaden". Ercole zwang Frau von Soubise trotz Renatas 
Widerspruch, sofort abzureisen; die intrigante Französin mußte 
am 20. März 1536 die Stadt der Frösche und Mücken verlassen. Die 
Herzogin beschenkte sie reichlich zum Abschied, ließ ihr eine be- 
queme Sänfte bauen und schenkte ihr 3500 Lire in Bargeld. 

Die erzwungene Trennung von der Soubise traf Renata tief, 
sie zürnte ihrem Manne, verließ nach der Abreise der Gefährtin 
längere Zeit ihre Gemächer nicht, wollte niemand sehen, und lebte 
nur in der Gesellschaft der französischen Damen. 

Die Abreise der Soubise befreite Ercole von den gefährlichen 
Franzosen nicht, es war nicht so leidit, sie los zu werden, wie er 
geglaubt hatte. Während der letzten Monate ihres Aufenthaltes 
in Ferrara hatte Frau von Soubise mit Renatas Einwilligung den 
Dichter Clement Marot eingeführt, der wegen der sogenannten 
„affaire des Placards'* aus Frankreich hatte flüchten müssen. Im Ok- 
tober des Jahres 1534 hatte man in Paris an den Mauern des Louvre 
Plakate angebracht, in denen die Religion und die Messe verhöhnt 
wurden; die Heretiker hatten sogar gewagt, diese Plakate in die 
königlichen Zimmer in Blois zu werfen. Bfarot, der die Würde 



254 ZEHNTES KAPITEL 

eines ,yvalet de chambre du roi'' inne hatte» wurde verd&chtigt» zu 
den Urhebern dieser Religionslfisterung zu gehören, und da der 
Dichter dem Tod auf dem Holzstofi entrinnen wollte, verließ er 
Paris in eiliger Flucht und verbarg sich bei der Königin von Navarra* 
Aber Margaretha fürchtete, ihren Bruder Franz I. zu beleidigen und 
gab dem Ketzer nur ungern Obdach. Gern folgte Blarot der Ein- 
ladung der Soubise und kam nach Ferrara mit seinem fünfzehn- 
jährigen Sohne, seinem Freund L#bn Jamet und einigen anderen 
Literaten und Theologen, die als Ketzer aus der Heimat verbannt 
waren. 

Der erzkatholische estensisdie Hof wurde der Sammelpunkt 
französischer Emigranten, die mit Luther im Einvernehmen standen, 
gegen den Papst kämpften und den Unglauben verbreiteten. Ercole 
wuSte nicht, wer Bfarot sei; er hielt ihn für einen Franzosen wie die 
vielen anderen auch, die ihn ärgerten, und erst der ferraresische 
Gesandte in Venedig warnte ihn' im August 1535 vor Marot, der 
zu den Anhängern Luthers gehöre, aus Frankreich verbannt sei, 
tmd „leicht nach Ferrara jene Seuche einschleppen könne, die 
unser Herrgott nicht wünsche'^ Aber der Herzog fürchtete jene 
transalpine Krankheit nicht, noch hatte er keine Vorstellung von 
der Bedeutung der reformatorischen Bewegung, und so beschränkte 
er sich 'darauf, Marot und seinen Gefährten das Versprechen ab* 
zufordem, da8 sie in Ferrara als gute Christen leben würden. Der 
Dichter versuchte gleich, sidi bei der Herzogin und bei Ercole durch 
Gedichte einzuschmeicheln. Renata war seine gereimte Lobes- 
epistel auf Ferrara gewidmet: 

£n traversant ton pays plantureux, 
Fertile en biens, en dames bien heureux, 
Et bien semi de peuple obiyssant, 
Le tien Marot (fille de Roy puissant) 
S'est enhardy, voir et a protesti. 
De saluer ta noble Majesti. 

Marot war in Frankreich als Dichter ziemlich bekannt. In seinen 
Gedichten sparte er den Weihrauch für die höfischen Schönen nicht; 
er war klein und häSlich, aber fest davon überzeugt, daB alle Trauen 



RENATA DI FRANCIA 



255 



ihn lieben, übrigens verstand er durch sein joviales und amüsantes 
Wesen die Menschen für sich einzunehmen. In seiner Jugend hatte 
er in Paris die Reize von Diane de Poitiers besungen, später hatte 
er Margaretha, der Schwester Franz L, gehuldigt, die ihn am Hofe 
untergebracht hatte; er nahm teil am italienischen Feldzug von 
X525> geriet bei Pavia in Gefangenschaft tmd teilte das Los seines 
Königs. In Frankreich wurde er nach seiner Rückkehr der Ketzerei 
verdächtigt und gefangen genommen; Diane de Poitiers, die seine 
Feindin geworden war, soll ihn angegeben haben; seinem Freunde, 
Lyon Jamet, gelang es, ihn frei zu bekommen; bald schienen beide 
dem Hofe gefährlich und mußten wegen der „Plakate'^ aus dem 
Lande flüchten. Renata ernannte Marot zu ihrem Sekretär mit 
einem Einkommen von 200 Lire jährlich. Aus Freude darüber, 
schrieb er ein Epigramm. Er hatte auch alle Ursache zur Freude, 
denn dieses Amt legte ihm keinerlei . Pflichten auf, und er wird 
wohl während seiner ganzen Dienstzeit bei Renata keinen einzigen 
Brief für sie geschrieben haben. Das erschien ihm wie den meisten 
anderen Hofdichtem als etwas Selbstverständliches, denn für die 
herzogliche „nourriture'* zeigten sie sich durch ihre „icriture" 
erkenntlich. Marot verliebte sich in Ferrara in Frau de Pons, 
und da er wenig Gegenliebe fand, wandte er seine Gefühle der ko- 
ketten Renata zu, Frau von Soubises jüngerer Tochter. Die Frauen 
hatten viel Sympathie für ihn, und er benützte diese Gelegenheit, 
um ihnen seine religiösen Ideen einzuimpfen, deren Verbreitung 
ihm sehr am Herzen lag. Namentlich bemühte er sich, die Herzogin 
zu seinem Glauben zu bekehren, was ihm nicht schwer fiel, denn 
sie glaubte an alles, was aus Frankreich kam, und die Entfremdung, 
die zwischen ihr und Brcole eingetreten war, fesselte sie noch enger 
an die Heimat. Renata war freier erzogen als Ercole und seine ganze 
Umgebung; mit ihrem Mann konnte sie nicht über religiöse Dinge 
sprechen, während sie Marot und den anderen Franzosen von ihren 
Zweifeln sprach und den Papst und kirchliche Bräuche scharf 
kritisierte. Sie war eine ernste Frau, hat sich von früh auf mit 
Wissenschaften, namentlich mit Mathematik und Astrologie, 
beschäftigt und ihr lebhafter Geist ergriff alle neuen Ideen mit großem 
Eifer. Brantome erzählt in seiner „Vie des dames illustres^', daB 



256 ZEHNTES KAPITEL 

Renata gründlich über alle Wissenszweige, selbst über Astrologie» 
sprechen konnte. In Paris hatte sie den Ferraresen Antonio Bra- 
savola kennen gelernt, der dort estensischer Gesandter war, und in 
einer groSen Versammlung von Gelehrten und anderem Publikum 
hundert Thesen aus den verschiedensten Wissenszweigen ver- 
teidigte. Allmählich wurde Renatas Hof ein ICittelpunkt für die 
G^^ner des Katholizismus, und Marot fachte immer wieder die 
Flamme an. Der Dichter war nicht Theologe wie Calvin oder 
Luther, und es war ihm weniger lun philosophisch-theologische 
Grundsätze als um Gewissensfreiheit zu tun. Sein Freiheits- 
drang empörte sich gegen den Druck der Kirche, gegen die Ge- 
lehrten der Pariser Sorbonne, die das Studium des Griechischen 
imd Hebräischen verboten, aus Angst, die Kritik der Bibel imd der 
Kirchenväter könne zur Heresie führen. 

Est deffendu qu'on ne voyse allegant 
Hebrieu ny Grec, ny Latin elegant 
Disant que c'est langage d'heretiques. 

Unmittelbar vor der Geburt von Renatas drittem Kind (x535) 
widmet ihr Biarot ein kühnes Gedicht, indem er dem kommenden 
Kinde ein schweres Leben prophezeit, denn es würde den Kampf 
aufnehmen müssen, „contre ignorance et sa troupe insenste*^ 
Der Dichter widersetzte sich zwar dem Bündnis mit den deutschen 
Protestanten und fühlte sich als Gegner Luthers, aber dafür war 
er von Calvins Ideen erfüllt, die alle äußeren Formen der katho- 
lischen Kirche bedrohten und die Messe ab heidnische Institution 
verwarfen. 

Die französischen Ketzer in Ferrara: Marot, Jamet, la Planche, 
Comilau, Bouchefort, Pons, Boutiers konnten unmöglich der Auf- 
merksamkeit der Geistlichkeit en^hen, die sowohl aus Ferrara 
wie aus Bologna nach Rom von den beunruhigenden Versamm- 
lungen an Renatas Hof berichtete. Einige Kardinäle schrieben 
an Ercole, er müsse diesem Ärgernis ein Ende machen, da der 
Papst wohl wisse, was in Ferrara vorgehe und nicht dulden könne, 
daB gerade in dem Lande, das der römischen Kurie unterstünde, 
der Kirche feindliche Ideen propagiert würden. 



RENATA DI FRANCIA 257 

III 

Ferrara war seit jeher, soweit sein geistiges Leben in Frage 
kami in Rom sdilecht angeschrieben. Auf der dortigen Universität 
und imter den dortigen Gelehrten herrschte schon unter Ercole 
und Alfonso L ein sehr liberaler Geist, und namentlich mathema- 
tische und astrologische Studien standen dort in hohem Ansehen« 
Audi aus dem Norden kamen viel Schüler; so war der Gedanken- 
austausch zwischen Deutschland, Frankreich und der ferraresischen 
Universität ein sehr reger. 

Der Kardinal Ippolito hatte 1518 den berühmten deutschen 
Astronom Jakob Ziegler aus Ungarn mitgebracht, und im Beginn 
des Jahrhunderts hatte Kopemikus seinen Doktorgrad in Ferrara 
erworben, damals als die Gedankenfreiheit der Renaissance all- 
mählich zu Ende ging. Schon im Jahre 1521 befahl Alfonso in- 
folge der Vorstellungen des Inquisitors von Bologna sämtliche 
Druckereien und Buchhandlungen Ferraras daraufhin zu revidieren, 
ob sie ketzerische Bücher vertrieben, und etwa zwanzig Jahre später 
mufite Cecco d'Ascoli sein Forschen nach Naturgesetzen auf dem 
Scheiterhaufen büßen. Wer weiB, ob nicht auch Kopemikus das 
gleiche Schicksal ereilt hätte, wenn er sein Buch nicht Paul IIL, 
•dessen Namen Schutz genug war, gewidmet hätte. Aber in diesen 
letzten Augenblicken der Gedankenfreiheit gärte es gewaltig unter 
den Geistern; Pietro Pomponazzi, ein berühmter Philosoph, der erst 
in Bologna, dann bis 1510 an der Universität in Ferrara gelesen 
hat, leugnete die Unsterblichkeit der Seele. Der ferraresische 
Professor und bekannte Gelehrte Celio Calcagnini verteidigte seine 
berühmten Thesen von der Bewegung der Erde, zu denen ihm, wie 
es scheint, die Kunde von Kopemikus' Feststellung verhelfen hat^). 

^) Nach der Annahme von L. A. Birkenmajer in seinem gnindlegenden 
Werk „Nikolaj Kopemik" hafc Calcagnini entweder 15x8, während seines 
Aufenthaltes in Ungarn und Krakau, oder 15x9 auf setner Rückreise nach 
Itialien von Kopemikus' Entdeckungen durch den gelehrten Arzt Solfa er« 
fahren und später seine Kenntnisse in seinen Vorträgen in Ferrara ver- 
wertet, sowie in der Abhandlung, die er Pistoülo unter dem Titd gewidmet 
hat: „Quod coelum stet, terra autem moveatur, vel de perenni motu 
terrae commutatio". 

17 



258 ZEHNTES KAPITEL 

Der Ruhm der ferraresbchen Universität, als Mittelpunkt für 
mathematische tmd astronomische Studien» war so grofi» daß Paul III., 
als er die Kalenderreform begann, die erst unter Gregor XIIL 
ihren Abschluß fand, zu den Gelehrten, die sich mit der Lösung dieser 
Frage beschäftigten, auch einen Ferraresen, Insoni, berief. 

Auch Renata beschäftigten diese Studien; da sie ihre astrolo- 
gischen Kenntnisse als ungenügend empfand, bat sie Lukas Gaurico, 
einen neapolitanischen Gelehrten, der an der Universität in Ferrara 
dozierte, sie in die geheimsten Geheimnisse seiner Wissenschaft 
einzuführen, Gauricos astrologische Prophezeiungen waren be- 
rühmt, doch mußte er gelegentlich für seine Kenntnisse büßen; 
so hatte Bentivoglio ihm für sein ungünstig lautendes Horoskop 
Rutenstreiche verabreichen lassen. Auch ein anderer, sehr revo- 
lutionär gesinnter Universitätsprofessor, Palingenio Stellato (Man- 
zolli), stand in Renatas Gunst; in Rom erregte es großes Ärgernis^ 
als dieser Gelehrte Renata sein Buch „Zodiacus vitae" widmete^ 
denn er sprach über das Mönchstum in imflätigsten Ausdrücken, 
nannte den Papst einen Heiden und Luther den Rächer des Glaubens. 
Daß Renata Bücher dieser Art mit einer gewissen Vorliebe durch- 
gesehen hat, beweist ihre „Livre d'heures'S die sich heute in der 
Bibliothek von Modena befindet. Eine der Miniaturen zeigt einen 
Kardinal, der mit dem Papst Karten spielt, während die Mönche 
sich beim Würfelspiel ergötzen. Im Hintergrund züngeln Flammen 
aus dem Boden tmd ergreifen eine reich geschmückte Kirche; auf 
dem Boden liegt eine Uhr, die die letzte Stimde zeigt: das Ende der 
Zeiten. 

Renatas Beziehungen zu den Feinden der Kirdie mußten 
auffallen und bereiteten Ercole sicher Sorge genug. 



IV 

Frau Soubise, Frau Pons und Marot glaubten, daß Renata bereits^ 
genügend vom Geist der Reformation erfüllt imd daher der Zeit- 
punkt gekonunen sei, um Calvin nach Ferrara zu rufen. Sie standen 
in geheimer Verbindung mit ihm und glaubten seine Wirksamkeit 



RENATA DI FRANCIA 259 

in Italien jetzt in gröBerem Umfang einleiten zu können. Calvin 
hatte seine berühmte Abhandlimg »»Christianae religionis insti- 
tutio'^ soeben veröffentlicht und sich in der Einleitung an den König 
von Frankreich gewandt» den er davon überzeugen wollte, daB er 
in der Verfolgung der kirchlichen Reformatoren Irrwege gehe. 
Sein Einfluß in der Schweiz, in Savoyen und Frankreich wuchs 
mit jedem Tage, immer mehr Jünger scharten sich um den neuen 
Apostel* Nach Ferrara kam er mit einem seiner treuesten An- 
hinger, dem Kanonikus Tillet, und lebte dort unter fremdem 
Namen, um in der Stille wirken zu können. Renata empfing ihn 
insgeheim, nachts, versah ihn mit Geld und fafite in längeren 
Unterredimgen ein solches Vertrauen zu ihm, dafi sie seitdem für 
immer imter seinem Einfluß bUeb. 

Calvins Anhänger befolgten die Taktik, in den Ortschaften, wo 
de mehrere Freimde zählten, während der großen Kirchenfeste, 
namentlich in der Charwoche und an den Ostertagen üi die Kirchen 
zu dringen. In der allgemeinen Verwirrung zertrümmerten sie die 
Kirchengeräte, imd wenn die Bevölkenmg, die in der Hauptsache 
schon vorher gewonnen war, keinen Widerstand leistete, wurde 
der neue Kult sofort eingeführt. 

Gelang der Überfall nicht, so flüchteten die Sektierer, häufig 
nicht ohne empfindliche Verluste. 

Calvins ferraresische Freimde scheinen den Augenblick schon 
für geeignet gehalten zu haben, um ein^n Überfall in der Kirche 
zu wagen imd die allgemeine Verwirrung zu benützen. Am Charf rei- 
tag, während die „Fassionen" in einer der Hauptkirchen gesimgen 
wurden und der Priester den versammelten Gläubigen das Kreuz 
zum Kusse reichte, begann ein junger Franzose, Gianetto, den 
Marot mitgebracht hatte, laut gegen „ein solches Heidentum" 
zu lästern. Dann verließ er demonstrativ die Kirche. Ob es infolge- 
dessen zu einem weiteren Vorstoß gekommen ist, wissen wir nicht. 
Crianetto war Hofsänger und führte ein sehr unsittliches Leben, so 
daß man ihn schon wiederholt aus Ferrara hatte entfernen wollen, 
aber auf Renatas Fürsprache war er im Dienst geblieben. 

Nach dem Ärgernis in der Kirche ließ der Herzog Gianetto 
sofort gefangen nehmen, und da sich der Inquisitor in die An- 

17* 



26o ZEHNTES KAPITEL 

gelegenheit mischte, wurde er am zweiten Ostertag auf die Folter 
gelegt, da man wissen wollte, ob er Mitschuldige habe. Gianetto 
nannte einige von Renatas Höflingen; als man sie gefangen nehmen 
wollte, verschanzten sie sich dahinter, dafi sie Untertanen des fran- 
zösischen Königs seien, aber sie erkannten selbst, dafi diese Aus- 
rede wenig fruchten würde imd flüchteten aus Ferrara, vermut- 
lich auf den Rat von Persönlichkeiten, die der Herzogin nahe 
standen. Damit war der Vorfall nicht erledigt, Gianetto bot den 
Anlafi zu einer sehr lebhaften diplomatischen Aktion. Renata 
nahm sich seiner sehr warm an, schickte Boten an Franz I. nach 
Lyon, an die Königin von Navarra, an den französischen Gesandten 
nach Venedig imd verlangte, dafi man sich des Gefangenen an- 
nehme; Ercole dagegen schickte einen Bericht nach Rom. Infolge 
von Renatas Einmischimg verlangte der französische Gresandte 
in Venedig die Herausgabe des Gefangenen als eines französischen 
Untertanen, aber der Herzog lehnte sehr kühl ab imd übergab die 
ganze Angelegenheit dem Inquisitor. Dem Inquisitor genügte 
Gianettos Gefangennahme nicht; er verlangte, dafi auch Jean 
Bouchefort, ein Geistlicher aus Tournay, einer von Renatas treue- 
sten Höflingen und spaterer Sekretär, und Jean Comilau, ihr Lieb- 
lingsdiener, den sie nach Ferrara mitgebracht hatte, eingezogen 
würden. 

Infolge dieser Einsperrungen kam es zum offenen Krieg zwischen 
dem Herzog und Renata. Er verlangte die Bestrafung der Schul- 
digen, sie setzte mit der ganzen Hartnäckigkeit und Leidenschaft- 
lichkeit der Bretonin Frankreich und Rom in Bewegung, um ihre 
Getreuen, als französische Untertanen, frei zu bekommen. Ercole 
hätte die Gelegenheit gern benutzt, um Frau Föns in die ganze 
Sache zu verwickeln und sie aus Ferrara fortzubekonunen. Er 
schrieb dem König, „die Tochter wäre ärger als die Mutter, die 
Soubise, sie habe diesen ganzen Auftritt in der Kirche veranlafif^; 
aber alle Klagen waren vergebens, der König wünschte, dafi sie 
bei Renata bleibe. Die Intriguen und Schreibereien zwischen Frank- 
reich und Ferrara währten lange genug und hätten das Verhältnis 
des Herzogs zu Renata noch mehr verschärft, wenn nicht glück- 
licherweise der Haupturheber, auf dem während des Prozesses 



RENATA DI FRANCIA 26X 

die ganze Verantwortung ruhte, unterwegs entflohen wäre, als er 
unter militärischer Eskorte aus Ferrara vor das Inquisitionstribunal 
nach Bologna gebracht wurde. Aller Wahrscheinlichkeit nach 
haben ihm die Soldaten selbst zur Flucht verholfen, und hinter 
den Soldaten stand Renatas Geld. Der Name dieses Rädelsführers 
der Ketzer wurde in den Akten der Inquisition so durchgestrichen, 
daß man ihn nicht lesen kann; man weiB nur, daß es eine be* 
deutende imd gefährliche Persönlichkeit war. Die Historiker, die 
diese Prozeßakten durchforscht haben, nehmen an, der Gefangene 
sei entweder Calvin selbst oder Marot oder der Kanonikus Tillet 
gewesen; wahrscheinlich aber Calvin. 

Nach der Flucht des Hauptschuldigen verlor der Prozeß viel 
von seiner Bedeutung, und da Rom mit Rücksicht auf den König 
von Frankreich milde gegen die Gefangenen verfahren wollte, 
wurden sie dem französischen Gesandten in Venedig imter der 
Bedit^;ung ausgeliefert, daß sie nicht mehr nach Ferrara konmien 
dürften. Infolgedessen blieb an Renatas Hof von einflußreichen 
Franzosen nur das Ehepaar de Pons zurück — doch genügte dies 
für weitere Intriguen. 

Von besonderem Interesse in diesem Prozeß ist das Geständnis 
eines Franziskaners, der an einer nächtlichen Zusammenkunft 
in Renatas Gemächern teilgenommen hat. Ein kleiner, unschöner 
Franzose, „im Gallo di bassa statura^', sei leidenschaftlich gegen 
die päpstliche Übermacht aufgetreten und habe an verschiedenen 
Glaubenssätzen Kritik geübt. Der Franziskaner kannte den 
Namen jenes Franzosen nicht, wahrscheinlich war es Calvin selbst, 
der nach der Schilderung der Zeitgenossen klein und mager war, 
eine olivenfarbene Gesichtsfarbe und schwarzes Haar hatte. 
Er soll imgewöhnlich lebhaft, schlagfertig und logisch in seinen 
Folgerungen gewesen sein; hinter einer angenonmienen Ruhe ver- 
suchte er die leidenschaftlichen Stürme, die in ihm tobten, zu 
verbergen. 

Unter Renatas Schutz fanden also in Ferrara, am herzc^- 
Uchen Hofe, Versammlungen der Reformierten statt; wahrschein* 
lieb versuchte man sogar die Klöster zu gewinnen, wenn selbst 
ein Franziskaner dazu eingeladen wurde. 



262 ZEHNTES KAPITEL 



Um jene Zeit kam Vittoria Colomia nach Ferrara* Ihr Gatte, 
der Marchese de Pescara, einer der besten Heerführer Karls V., 
der Sieger in der Schlacht bei Pavia, war 1525 an einer in dieser 
Schlacht erhaltenen Wunde gestorben, und die ungewöhnliche 
Frau gab sich seitdem religiösen Betrachtungen hin. Franz von 
Assisi war ihr Ideal, ihre poetische Seele wurde von dieser schönsten 
Gestalt der religiösen Renaissance angezogen* Die Markgräfin hätte 
sich am liebsten in ein Kloster zurückgezogen, aber ihre Familien- 
verhältnisse, ihre Stellimg innerhalb der Gesellschaft zwangen 
sie an der großen religiösen Bewegung teilzunehmen, die nach dem 
Sacco di Roma ganz Italien ergriffen hatte. Sie lebte wie eine 
Asketin imd kasteite sich in einem solchen Grade, daB ihre Freunde 
um ihre Gesundheit besorgt waren. Sie hatte sich zuerst in das 
Kloster S. Silvestro in Capite zu Rom zurückgezogen, aber ihre 
Sehnsucht nach Ischia, wo sie die schönste Zeit ihrer Jugend ver- 
bracht hatte, war zu stark. Der Gedanke einer Kirchenreform be- 
schäftigte sie unablässig. Die katholische Kirche war damals noch 
nicht in jenen eisernen, unbeweglichen Rahmen gespannt, den ihr 
bald darauf das Tridentiner Konzil angelegt hat, imd Erörterungen 
über Glaubensartikel imd kirchliche Institutionen waren nichts 
Ungewöhnliches; die Kirche war schmiegsam und hatte mehr 
als eine Reform durchgemacht. Die Notwendigkeit gewisser Re- 
formen in der Kirche laut zu betonen, galt noch nicht als höchste 
Ketzerei. In der italienischen Gesellschaft kam niemand auf den 
Gedanken, das Papsttum zu stürzen und den Katholizismus zu 
reformieren, man strebte nur nach einer Umgestaltung der Ver- 
hältnisse. Das gemeinsame Interesse für diese Fragen brachte die 
Markgräfin Menschen näher, die aus ganzer Seele nach diesem 
Ziel strebten; es war jener kleine Kreis von Reformatoren» der sich 
um Juan de Valdes scharte. Vittoria Colonna hat wohl kaum 
angenommen, dafi Valdes zu Luthers heißesten Anhängern gehörte, 
und seine Lehren nur der italienischen Gesellschaft wegen in milderer 
Form bringen mußte. Valdes war Spanier, ein sehr geschickter 
und hochgebildeter Mann, der Bruder jenes Alfonso de Valdes, 



RENATA DI FRANCIA 263 

der 1530 als Sekretär Karls V. beim Reichstag in Augsburg Me- 
lanchthon kennen gelernt hatte* Nach dem Tode des Bruders wurde 
Juan zu Karls V. Sekretär ernannt, er begleitete den kaiserlichen 
Hof nach Bologna, war später der politische Korrespondent des 
Kardinals Gonzaga und in der gleichen Mission in Neapel tätig. 

AuBer Vittoria Colonna gehörten zu Valdes' Anhängerinnen 
noch ihre Schwägerin Costanza d'Ayalos, die Herzogin von Amalfi, 
und die schöne Giulia Gonzaga, die der berüchtigte Korsare Chai- 
reddin Barbarossa im Schloß zu Fondi überfallen hatte, um sie zu 
entführen* Giulia wurde noch rechtzeitig von ihrer Dienerschaft 
gewarnt) und es gelang ihr, sich durch die Flucht zu retten. Mit 
zweiundzwanzig Jahren war sie Schülerin von Valdes und ent- 
zückte alle durch ihre Anmut so sehr, daß der Reformator, der gegen 
Frauenschönheit nicht unempfindlich war, bedauerte, daß nicht 
die schöne Giulia an Stelle von Kaisem und Königen die Welt 
beherrsche. Für sie schrieb er 1536 das „Alfabeto christiano"; diese 
Abhandlung gibt eine Vorstellung vom reformatorischen Geist, 
der in dieser neapolitanischen Kolonie herrschte. Damals predigte 
in S. Giovanni Maggiore der Kapuziner Bemardo Ochino aus Siena, 
der die ganze Stadt so sehr durch seine Beredsamkeit entflanunte, 
daß selbst Karl V. seinen Lehren lauschte. Ochinos Predigt hat 
Giulia in ihrem Innersten aufgewühlt, religiöse Zweifel und Fragen 
in ihr geweckt, sie bat daher Valdes, ihr einen Weg zu zeigen, 
um ihr moralisches Gleichgewicht wiederzufinden. Der Spanier 
paßte sich seiner schönen Schülerin an; er schrieb ihr zehn Regeln 
über Gottes- und Nächstenliebe auf, die nicht von den Hauptpunkten 
der katholischen Religion abwichen, empfahl ihr fleißig zur Messe 
zu gehen, die heilige Schrift zu lesen und sich nicht mit jenen Lehren 
zu beschäftigen, die Unwesentliches philosophisch zergliedern. 

Zu Valdes' Freunden gehörte femer Isabella Manriquez und 
einige Mönche wie der Augustiner Pietro Vermigli, der Bilinorit 
Giovanni Mollio und der apostolische Protonotar Pietro Came- 
secchi; ihre Versammlungen fanden entweder statt in Valdes' 
Wohnung in Neapel oder in Caserta oder in Vittoria Colonnas Villa 
auf Ischia. Die Gruppe dieser neapolitanischen Pietisten stand 
den römischen Gefährten del Divino amore nahe, die sich auch nur 



264 ZEHNTES KAPITEU 

nach einer Reform der Kirche sehnten, nach wahrer Religiosität 
strebten und nicht an der Grundlage der römisch-katholischen 
Religion rütteln wollten« 

Valdes und Ochino hatten das religiöse Leben in Neapel bis 
zu dem Grade erweckt, daB Falengo, ein Benediktiner aus Monte 
Cassino, der sich damals dort aufhielt, seinen Brüdern berichtete, 
er sei Zeuge einer wahrhaft wunderbaren Bewegung: Frauen, die mehr 
zu Nichtigkeiten als zu tiefem Grübeln neigen, Männer aus dem 
Volke, ja selbst Soldaten, stünden in dem Maße imter dem EinfluB 
des Erf orschens göttlicher Geheimnisse, dafi sie von nichts anderem 
sprächen als nur von der Reform des christlichen Lebens. Demütig 
gestand der Benediktiner, in ganz Kampanien gäbe es keinen 
Prediger, der nicht von neapolitanischen Frauen belehrt werden 
könne. 

Diese Kreise waren auf einen sehr hohen Ton gestinmit, die 
Frauen gaben ihm einen gewissen mystisch-poetischen Charakter; 
nicht Kampf mit dem Papsttum war ihr Ziel, sondern eine Reform 
des christlichen Geistes und eine Verbesserung der Gesellschaft 
durch die wahre Gottes- und Menschenliebe. Cätherina Cibo, 
Innozenz' VIIL Enkelin, lernte Hebräisch, imi die heiligen Bücher im 
Original lesen und tiefer in den Geist christlicher Liebe eindringen 
zu können. Diese Stimmung fand ihren Niederschlag inVittoria 
Colonnas moralischen Gedichten. 

Ahnliche Ideen haben die kleine Franziskaner-Gruppe in Ca- 
merino beherrscht; an ihrer Spitze standen zwei Mönche Matteo 
di Basdo und Lodovico da Fossombrone. Während einer Seuche, 
die in furchtbarster Weise in dieser kleinen Stadt van sich griff, 
gewissermaßen angesichts des Todes, gründeten sie einen Kapu- 
zinerorden, einen Orden reiner Sitten, der sie zu den Vorschriften 
▼on San Francesco zurückführen sollte, von denen sich die Kon- 
▼entualen so gut wie die Obsenranten sehr entfernt hatten. Die 
alten Franziskaner- Orden begannen einen gehässigen Kampf 
gegen die neue Verbrüderung, verfolgten sie wo immer sie konnten 
und intriguierten gegen sie in Rom« Aber den Kapuzinern kamen 
die Frauen zu Hilfe, namentlich Cätherina Cibo und Wttoria Co- 
lonna, die ihre mystischen Neigimgen hier bestätigt fühlten. Ohne 



RENATA DI FRANCIA 265 

ihre Hilfe hätte sich der Orden der Kapuziner nicht entwickelt, 
denn die ihm feindlichen Kongregationen hatten ihn schon in Rom 
als schädliche Sekte angeschwärzt, und der Papst hatte befohlen, 
ihn aus der Hauptstadt zu yer jagen. Die Cibo und die Colonna ver- 
teidigten die Kapuziner so energisch, daß der Papst ihnen die Rück* 
kehr gestattete; der Kampf war hart, denn sie hatten einen mächtigen 
Gegner im Kardinal Santa Croce, dem energischen Protektor der 
Obsenranten. Auch Bemardo Ochino, der zuerst zu den Obser- 
vanten gehört hatte, trat 1534 dem neuen Orden bei und wurde 
zum Generalvikar ernannt* 

Als ^nttoria Colonna das Schicksal der Kapuziner, von denen 
sie sich eine segensreiche Wirkung auf die italienische Gesellschaft 
versprach, gesichert sah, beschloß sie einen alten Wunsch aus- 
zuführen und eine Wallfahrt ins Gelobte Land oder zum mindesten 
zum heiligen Jakob von Compostella anzutreten. Zu diesem Zwecke 
erhielt sie von Rom die Erlaubnis mit vierzehn Gefährtinnen imd 
dem Kapuziner Girolamo da Montepuldano imterwegs in Klöstern 
einzukehren, dort zu wohnen und mit Nonnen zu verkehren. Eine 
solche Erlaubnis wurde von Rom im Anfang des XVI. Jahrhunderts 
nur sehr bekannten Persönlichkeiten gegeben. Sie nahm nur sechs 
Gefährtinnen mit und machte auf ihrer Reise nach Venedig, von 
Ercole dringend aufgefordert, auch in Ferrara Station; in Venedig 
wollte sie sich nach Jerusalem einschiffen. Anstatt Girolamo 
da Montepuldanos schien sie Ochino mitnehmen zu wollen, da 
Bernardo bald nach ihr in Ferrara eintraf. Vittorias Gestmdheit 
war erschüttert, und die weite Wallfahrt wurde zur Unmöglich- 
keit. Sie blieb deshalb längere Zeit in Ferrara und schloß sich 
an Renata an, die damals ein Kind erwartete. Häufig besuchte 
sie ohne jegliche Etikette im Morgenkleid, „in habito molto volgare", 
die Herzogin und führte lange Gespräche mit ihr. Der Alters- 
imterschied der beiden Frauen war nicht sehr groß. Vittoria Colonna 
war vierzig Jahre alt, Renata siebenundzwanzig, ein gegenseitiges 
sich Verstehen war also nicht ausgeschlossen. Ercole befand sich 
damals in Venedig; er war schon im Januar zum Karneval mit sehr 
großem Gefolge aufgebrochen, und hatte nicht weniger als acht- 
hundert ferraresische Adlige mitgenommen. Er verlebte eine so 



266 ZEHNTES KAPITEL 

genußreiche Zeit, dafi er erst am 4. März wieder in Ferrara war. 
Am 17. Juni schenkte Renata einer Tochter das Leben. Vittoria 
Colonna hielt sie zur Taufe. Die Gesellschaft philosophierender 
Frauen, wie Renata und Vittoria, hatte wenig Reiz für Ercole. 
Er verUeB Ferrara sehr bald wieder und ging in die Romagna, wo 
er seinen Freimd Pier Luigi Farnese traf. 

Zwei Frauen, ihrer Veranlagimg und ihren religiösen Vor- 
stellungen nach so verschieden wie Renata und Vittoria, zwei 
verschiedene reformatorische Strömungen vertretend, standen ein- 
ander jetzt in Ferrara gegenüber. Renata, Calvins Schülerin, die 
unter dem frischen Eindruck seiner Lehre stand, war die scharf 
denkende, wissenschaftlich begabte Nordländerin, die an die Kirche 
eher kritisch als gläubig herantrat — für die phantasiebegabte 
heifi empfindende Vittoria entsprang Religiosität einem Herzens- 
bedürfnis. Diese Frauen konnten eine gewisse Zeit zueinander 
in einem näheren Verhältnis stehen, sie konnten sich sogar Freund- 
schaftsbeweise geben, aber nur solange sie sich nicht davon über- 
zeugt hatten, daß eine Vereinigung ihrer Ideale unmöglich war. 

Vittoria Colonna scheint sich namentlich deshalb längere Zeit 
in Ferrara aufgehalten zu haben, um eine Zufluchtsstätte für die 
Kapuziner zu finden. Sie erwirkte Ochino die Erlaubnis, im Advent 
vor dem gesamten Hof zu predigen. Diese Predigten machten einen 
großen Eindruck im Volk, der Kapuziner riß seine Hörer durch 
seine ungewöhnliche Beredsamkeit fort; er erschütterte die Gremüter, 
wenn er gegen den Luxus der Geistlichkeit eiferte, Reinheit der 
Sitten empfahl und die prunkvolle Zurschaustellung im Gottesdienst 
verurteilte. 

Unter Ochinos Hörerixmen befand sich auch die berühmte Hetäre 
und Dichterin, Tullia d' Aragona, der zwar die Beredsamkeit des großen 
Kanzelredners sehr nahe ging, die aber ihren lockeren Lebens- 
wandel deswegen nicht aufgab. Glücklicher in der Beziehung 
war ein anderer Prediger, ein Mönch aus Nuvolara, der einige 
Monate nach Ochino in Ferrara predigte, und soviel Kurtisanen 
auf den Weg der Tugend brachte, daß er am x. April eine fronune 
Prozession, die nur aus Magdalenen bestand, veranstalten konnte. 
Es erregte dies besondere Heiterkeit in der Stadt. 



RENATA DI PRANCIA 267 

Ercoles Umgebung war jenen, die Bescheidenheit und Ein- 
fachheit der Sitten predigten, nicht sehr gewogen; nur mit vieler 
Mühe gelang es Vittoria, den Herzog zu bewegen, Ochino ein kleines 
Häuschen in der Vorstadt anzuweisen, damit er einen Zufluchtsort 
für seine Kapuziner-Kolonie habe. Nach zehnmonatlichem Aufent- 
halt yerlieB ^ttoria Colonna Ferrara am 22* Februar 1538; sie 
scheint Renatas Überzeugung imd ihre Ziele richtig erkannt zu 
haben, denn ihr Verhältnis zur Herzogin wurde so kühl, dafi sie ihr 
nicht einmal geschrieben hat. 

Ochino begründete eine Kapuziner- Kolonie in Ferrara; beseelt vom 
Verlangen, seine religiöse Überzeugung zu verbreiten, ging er 1538 
nach Pisa, Florenz und Lucca und 1539 nach Venedig. 



VI 

Unterdessen erregten die reformatorischen Bestrebungen, in 
deren Zeichen Italien stand, in Rom immer stärkere Unruhe, 
trotzdem war die dortige Geistlichkeit zu sehr die alten bequemen Zu- 
stände gewohnt und glaubte auch zu sehr an die Macht der Kirche, 
um sich zu einer energischen, gut organisierten Aktion aufzuraffen. 
Noch unter Hadrian VI. waren 1523 etwa sechzig ernsthafte Prälaten 
wie Criberti, Sadoleto, Luigi Lippomano, Caraffa, Giuliano Datt u. a. 
zusammengetreten und hatten unter demNamen „OratoriodelDivino 
Amore^^ eine Vereinigung begründet, um kirchliche Reformen durch- 
zuführen und das sittliche Niveau der Geistlichkeit zu heben. Die 
Mitglieder dieser Vereinigimg verpflichteten sich zu Gebeten in 
der Kirche, zu Wallfahrten nach heiligen Orten, zur exakten Er- 
füllimg der Pflichten, die die Religion den Gläubigen vorschreib^. 
Neben dem Kirchlein Santa Dorotea di Trastevere, wo der Legende 
nach der Apostel Petrus seinen Märtyrertod erlitten haben soll, 
hatten sie in der Pfarrei ihre Versammlungen« Dieses Oratorium 
diente anderen Städten als Vorbild, und bald entstanden mehrere 
derartige Vereinigungen in Italien. Das römische Oratorium be- 
stand aber nicht lange, es scheint im Sacco di Roma unter- 
g^angen zu sein. Außerdem hatten seine BCitglieder zu per- 



268 ZEHNTES KAPITEL 

sdnliche Ziele im Auge, um eine wirklich erfolgreiche Tätigkeit 
zu entwickeln* 

Als Paul IIL 1536 zum Papst cämannt worden war, berief er 
einige berühmte Männer wie Contarini, Caraffa, Sadoleto, Polo, 
damit sie eine kirchliche Reform in Angriff nähmen. Aber Pauls IIL 
Reformen bestanden nur auf dem Papier; der Papst war ein 
großer Diplomat, dem die Interessen seines Geschlechtes allein am 
Herzen lagen, andererseits bestand unter den Kardinälen zu viel 
gegenseitiger Hafi, als dafi es zu einem energischen, wirksamen 
Vorstoß gekommen wäre. Alle Reformen wurden bis zum 
nächsten Konzil verschoben, und das Konzil verlief ergebnislos. 
Im Kardinalskollegium verlangte es nur Giovanni Pietro Caraffa 
ernsthaft nach Taten, mit eisernem Zügel wollte er das kirchliche 
Regiment leiten, imd in einem rücksichtslosen, despotischen 
Vorgehen der römischen Kurie sah er die alleinige Rettung. Sein 
Ziel war, die geistliche Macht zu erweitem, die Ketzer mit den 
grausamsten Mitteln zu vernichten, die kirchliche Hierarchie von 
imsittlichen Elementen zu säubern und strenge Zucht unter der 

Geistlichkeit einzuführen — ein Wiederanknüpfen an Gregors VII. 

# 

strenge Reformen. Caraffa stammte von einem erzkatholischen 
Adelsgeschlecht in Neapel ab, das die Reliquien des heiligen Ja» 
nuarius nach Neapel gebracht tmd die kostbare Kapelle, Tesoro 
Vecchio, errichtet hatte, die bis auf den heutigen Tag gewisser- 
maßen das Symbol des neapolitanischen Glaubens ist. Das Erz» 
bistum Neapel war eine fast erbliche Würde in der Familie Caraffa, 
imd Giovanni Pietro war schon als Kind für den geistlichen Stand 
bestimmt. Die geistige Veranlagung des jungen Neapolitaners 
stimmte vollkommen zum Lebensziel, das ihm vorgeschrieben war. 
Mit Energie und Leidenschaft widmete er sich der Kirche imd be» 
gründete noch in jtmgen Jahren den aristokratischen Theatiner- 
tuA^n, der gewissermaßen ein Bündnis der reformierten Geistlichen 
sein sollte. Aber Caraffas Fähigkeiten und seine Herkunft be- 
riefen ihn zu höheren Dingen. Eine Zeit hindurch nahm er teil 
am lateranensischen Konzil, dann schickte ihn die römische Kurie 
als ihren Legaten nach England, später gehörte er dem Rate des 
spanischen Ferdinand an imd wahrte dort durchaus patriotisch» 



RENATA DI FRANCIA 269 

italienische, besonders neapolitanische Interessen gegenüber der 
fremden Dynastie. Seine kirchliche Würde schätzte er so hoch» 
daBy als man ihm einst befahl, mit dem Anfang der Messe auf den 
noch jungen Karl V. zu warten, er schroff zur Antwort gab, im 
heiligen Ornat auf niemand warten zu können« Er haßte die Spanier 

m 

als echter Sohn des von ihnen bedrängten Neapels, nannte sie ein 
heidnisches, unchristliches Volk, ein Mischprodukt von Mauren imd 
Juden, was übrigens gar nicht so falsch war, da die höheren 
spanischen Klassen zum großen Teil sogenannte Maranen, ge- 
taufte Juden oder Nachkommen der südlichen Mauren waren. 
Trotzdem war Caraffa in vielen Dingen von spanischem Geist er- 
füllt; die religiöse Intoleranz, die die spanischen Neoph]rten c}ia- 
rakterisiert, war auch ihm eigen. Aus Spanien hatte Caraffa den 
Glauben an die Wirksamkeit der Inquisition mitgebracht, die sich 
dort zu einer Volksinstitution ausgebildet hatte, zu einer zweiten 
Regierung neben der königlichen — vielleicht mächtiger als jene. 
Als Caraffa nach Italien zurückkam und eine hohe kirchliche 
Stellung einnahm, ging sein Hauptstreben danach, die italienische 
Inquisition zu reformieren. Sie war in den Händen der Bettel- 
mönche, namentlich in denen der Franziskaner, im Laufe des XIV. 
und XV. Jahrhtmderts zu einer unbedeutenden kirchlichen In- 
stitution ohne jeden Einfluß zusammengeschrumpft. In Venedig 
imd Neapel war sie mehr das Werkzeug der Regierung als der Kirche, 
in Florenz kümmerte sich kein Mensch um sie. Trotzdem beob- 
achtete Klemens VII. Caraffas Bestrebimgen mit einem gewissen 
Mißtrauen, vielleicht fürchtete er, es sei dem Kardinal darum 
zu tim, die päpstliche Macht einzuschränken; aber auch das Kardinal- 
kollegium traute dem einflußgierigen Neapolitaner nicht ganz. 
Nach langen Kämpfen innerhalb der römischen Kurie führte Caraffa 
seine Absichten schließlich im Jahre 1542 durch, obgleich auch 
der damalige Papst Paul III. sich lange gegen den verstärkten 
Einfluß der Inquisition gesträubt hat, aus Furcht, diese Institution 
könne allmählich selbst dem Papsttum unbequem werden. Fast 
gegen seine Überzeugung gab der Papst nach imd unterschrieb die 
Bulle „Licet ab initio'S die das „Heilige Offidiun der Inquisition'' 
in Rom einführte und dieser Institution eine unerhörte Macht- 






270 ZEHNTES KAPITEL 

befugnis übertrug. Sie durfte nicht nur die der Häresie Über» 
führten, sondern auch die Verdächtigen gefangen nehmen, richten 
und strafen, ohne Rücksicht auf die Stellung der Schuldigen, selbst 
wenn es die höchsten kirchlichen Würdenträger waren* Bekannt 
sind Monforts Worte, der nach der furchtbaren Vernichtung der 
Albigenser, der Schuldigen und Unschuldigen, gesagt hat: „Alle 
sind untergegangen, Gott wird die Seinen wählen/' Dieser Grund- 
satz bewußter Ungerechtigkeit ward aufs neue lebendig. Der 
Inquisitor war durch kein Gesetz gebunden, er durfte in guter oder 
böser Absicht menschliche Herzen durchforschen, ohne dafi ihm 
irgend eine Schranke gesetzt war, ohne irgendwelche moralische 
Kontrolle* Wenn er geirrt, ein ungerechtes Urteil gefällt hatte — 
„Gott würde die Seinen auserwählen'S ihnen im Himmel den iw- 
schuldigen Tod auf dem Scheiterhaufen lohnen. Alle im Straf- 
verfahren von der Antike ererbten Grundsätze, Beschlüsse und Vor- 
schriften gerieten angesichts der rücksichtslosen Selbstherrlichkeit 
des Inquisitors ins Schwanken, die Rechtsbegriffe verwischten 
sich für lange Zeit. 

Das Sant' Officio bestand aus sechs Kardinälen, die dem 
Papst unterstanden; unter den Kardinälen befanden sich: Caraffa» 
Cervino, Ghisleri, die drei späteren Päpste. Das furchtbare Tribunal 
beschloß die Erörtenmg religiöser Dinge zu verbieten und den 
bekannten Predigern die über die Notwendigkeit kirchlicher 
Reformen sprachen, den Mund zu verschUeBen. Das erste oder 
jedenfalls eines der ersten Opfer der Inquisition sollte Ochino 
werden, der tmter Berufung auf den klösterlichen Gehorsam nach 
Rom zitiert wurde. Ochino hatte gerade seine berühmten Predigten 
in Venedig gehalten, die dem päpstlichen Ntmtius sehr mißfallen 
hatten. Der Kapuziner gehorcht zuerst der Auffordenmg, aber 
auf dem Wege nach Rom, in Florenz, widerrieten ihm die Freimde 
entschieden die weitere Reise, da sie voraussahen, daß das Sant' 
Officio ihn entweder auf den Scheiterhaufen verbrennen oder zum 
mindesten lebenslänglich einkerkern würde. Obgleich Ochino 
fast sechsundfünfzig Jahre zählte, und die Trennung von der Heimat 
ihm schwer fiel, beschloß er sich durch die Flucht über die Alpen 
zu retten. Der Mönch Don Pietro Martire und Caterina Cibo gaben 



RENATA DI FRANCIA 271 

ihm Geld, und Ascanio Colonna» Vittorias Bruder, schenkte ihm 
ein Pferd, damit er möglichst schnell ans Italien flüchten könne. 
Und schon war es höchste Zeit, denn als Ochino Florenz heimlich 
verlassen hatte, umstellten die Büttel der Inquisition das Kloster 
Osservanza bei Sieoa, in der Annahme, daß «r sich dort aufhalte. 
Aber Ochino reiste schon nordwärts tmd machte nur in Ferrara 
Halt, wo ihm die Herzogin Renata die für die Reise erforderliche 
Ausrüstung gab. Von dort aus begab er sich nach Genf, wo er sich 
der Reformation anschloß tmd den Freimden schrieb, „in Italien 
hätte er sich zu Christus in einer Maske bekennen müssen, hier könne 
er ihm mit offenem Antlitz dienen^^ Er rechtfertigte seine Flucht 
auch Vittoria Colonna gegenüber, aber die ehemalige Freimdin 
übergab diesen Brief dem Sant' Officio, anstatt ihm zu antworten, 
wohl aus Angst vor der Inquisition. Ochinos Beispiel folgten viele 
Kapuziner, und der Nuntius Mignanelli berichtet 1542 dem Kar- 
dinal Famese nach Rom, man höre fortwährend von Kapuzinern, 
die die Kutte ablegen und ihrem Meister folgen. 

Nachdem Ochino Italien verlassen hatte, zog er predigend 
von Stadt zu Stadt tmd gab Schriften heraus, die in den Kreisen 
der Reformierten Aufsehen erregten. Er heiratete in Genf, da 
ihm das Mönchsleben unmoralisch erschien, hatte einige Kinder 
und trieb sich mit seiner Familie in der Welt umher. Aus Genf ging 
er nach Basel, dann forderte ihn der Rat der Stadt Augsbtirg auf, 
dort zu predigen. Doch mußte er flüchten, da Karl V. seine Aus- 
liefenmg verlangte. Er rettete sich nach England, hatte dort unter 
Heinrich VIII. tmd Eduard VI. als Theologe einen großen Namen, 
aber als die katholische Reaktion siegte, und Maria Tudor das 
Heft in Händen hatte, drohten ihm der Tower oder der Tod auf dem 
Scheiterhaufen. Ochino war Sechsundsechzig Jahre alt, tmd seine 
Kraft noch tmverbraucht; er ging wieder in die Schweiz zurück, 
lebte in Basel, war eine kurze Zeit in Straßbturg und Genf tmd 
übersiedelte 1555 nach Zürich. Dort scharten sich die Italiener 
tmi ihn, die ihr Vaterland ihrer religiösen Überzeugimg wegen 
verlassen hatten, tmter anderen Francesco Lismanin, der gewesene 
Ordensprovinziale der Minoriten in Polen tmd die Markgräfin 
Isabella Hanriquez, die in Neapel als eine der heißesten Anhänge- 



272 



ZEHNTES KAPITEL 



rinnen von Valdes galt. In Zürich lernte Ochino auch Lälius 
Sodnus kennen, den berühmten, aus Siena stammenden Refor- 
mator; er ward später sogar verdächtigt, dessen Lehre angenommen 
zu haben. 

Je älter Ochino wurde, desto mehr tmd desto schärfer schrieb 
er und packte immer gefährlichere Themen an. In Zürich lebend, 
gab er 1563 in Basel sein berühmtes Buch „Dreißig Dialoge^* heraus, 
das imter den dortigen Protestanten viel Ärgernis err^;te. Nament- 
lich empörte man sich über die in diesem Werk angeschnittene 
Frage der Vielweiberei, die Ochino zwar nicht entschied, aber er 
verhielt sich nicht durchaus ablehnend gegen Polygamie und lieS 
sie besonders in jenen Fällen gelten, wo die erste Frau keine Kinder 
haben könne. Charakteristisch ist seine Widmung dieser Abhand- 
lung an die „Brüderschaft der unglücklichen imd leidenden Ehe« 
männer*^ Es wurde ihm vorgeworfen, dafi er pro domo sua schreibe, 
doch hält dies zu glauben schwer, da Ochino damals siebenimd- 
siebzig Jahre alt war tmd selbst nach den Aussagen seiner Feinde 
stets ein vorbildliches Leben geführt hat. Ochino wurde auf Grund 
dieser Abhandlung aus Zürich ausgewiesen; der erschöpfte Greis 
mußte wieder mit vier Kindern Schutz in Basel suchen, wurde dort 
aber nicht aufgenommen, da er angeblich durch die Drucklegung 
der dreißig Dialoge in Basel Schande über die stille Stadt gebracht 
habe. So ging er weiter nach Nürnberg und versuchte in einer neuen 
Abhandlung die Vorwürfe zurückzuweisen, die die Züricher und 
Basler Protestanten gegen ihn erhoben hatten. Als man ihm 
auch den Aufenthalt in Nürnberg nur für kurze Zeit gestattete, 
beschloß er nach Polen zu gehen, wo die Verhältnisse für. die Glau« 
bensneuerer augenblicklich günstig lagen. Ochino scheint diesen 
Plan schon längere Zeit erwogen zu haben, da er seinen Dialog 
„über die Dreifaltigkeit*' dem Fürsten Nikolaus Radziwill gewidmet 
hat. Der Fürst hat das Exemplar jedoch nicht erhalten, da er sich 
in einem an Calvin geschriebenen Brief beklagt, daß das Buch 
imterwegs verloren gegangen sei. Nach Polen brach Ochino im 
Frühling 1564 auf und nahm ein Empfehlungsschreiben vom Buch- 
händler Pema in Basel an Martin Czechowicz mit. Als man in Rom 
erfuhr, der ehemalige Kapuziner habe die Absicht, nach Krakau 



RENATA DI FRANCIA 



273 



ZU gehen, war die Unruhe groß, und der Kardinal Borromeo schrieb 
am 5« Februar 1564 an den Kardinal Commendoni, den damaligen 
apostolischen Nuntius in Polen, „aus der Schweiz erreiche ihn die 
Nachricht, daS der nichtswürdige Ochino die Absicht habe, nach 
Polen zu gehen, Se. Heiligkeit erachte es für angemessen, S. K, 
Hoheit yor dem anstößigen Leben dieses Menschen zu warnen und 
bitte den Nuntius, sich dafür zu yerwenden, dafi Ochino keine 
Aufnahme in Polen finde, damit er die gute Saat, die in jenem 
Lande aufgegangen, nicht yerderbe und dort nicht größere Unruhe 
stifte/^ Trotz dieser Wamimg wurde Ochino gestattet, nach 
Krakau zu kommen, er traf Ende Mai oder Juni dort ein imd hielt 
öffentliche italienische Predigten. Der Greis sprach so schön und 
hinreißend, daß nach dem Urteil der Zeitgenossen alle Prediger 
neben ihm yerblaßten, und die Hörer sich in Scharen zu ihm 
drängten. 

Selbst Sigmund August scheint Ochinos Auftreten nicht ungern 
gesehen zu haben, denn die Ratschl&ge, die der italienische Kanzel- 
redner „der Brüderschaft der imglücklichen und leidenden Ehe- 
männer^' erteilte, waren ganz nach dem Herzen des Königs. 

Der König hat seine Gattin Katharina yon Österreich, die 
Tochter des Kaisers Ferdinand, nicht geliebt und keine Kinder mit 
ihr gehabt; er hätte sich gern yon ihr scheiden lassen. Die Sympathie 
des Königs für Ochino blieb yon der Geistlichkeit nicht unbeachtet, 
darauf beziehen sich zweifellos Hosius' Klagen in seinem Brief 
an Reszka, „daß die Ketzer den König gegen die Königin auf- 
hetzen, namentlich Ochino ermutige ihn zu einem unerhörten 
Schritt, der die ganze Welt empören würde und jeder Moral Hohn 
spräche^^ Wie sehr dem König aus persönlichen Gründen Ochinos 
Ratschläge gefallen mochten, so hatte er doch „den ganzen Weiber- 
haufen gegen sich'S um so mehr als anstößige Fälle des Zusammen- 
lebens mit mehreren Frauen schon die Aufmerksamkeit der Geistlich- 
keit auf sich zogen; im erzbischöflichen Archiy zu. Gnesen befinden 
sich aus der Zeit zwischen 1520 und 1570 sechzehn Scheidungs- 
akten ex occasione pol3^amiae. 

Es wurde behauptet, Ochino habe dem polnischen König seine 
Abhandlung über Vielweiberei gewidmet, doch ist dies nicht wahr, 

is 



274 ZEHNTES KAPITEL 



da die königliche Kanzlei eine derartige Dedikation nicht ange- 
nommen hätte; er hat jedoch Sigmimd August eine andere seiner 
Abhandlungen gewidmet, das »»Gespräch, wie man mit Ketzern 
umzugehen habe'S er fordert darin den Monarchen auf» Toleranz 
gegen Menschen zu üben» die neue religiöse Grundsätze yertreten. 

Man kann es sich katun yorstellen» auf welche Weise der niedere 
Klerus» der in seinen Ausdrücken nicht sehr wählerisch war» an- 
fing Ochino zu beschimpfen, besonders als der Dominikaner Melchior 
Moidcki» der um seines Eifers und seines Wissens willen berühmt 
war» vergebliche Bekehrungsversuche bei ihm gemacht hatte. 
Man nannte Ochino einen »»schändlichen Förderer unmoralischer 
Grundsätze^' und nicht nur die Katholiken» auch die Lutheraner 
gingen gegen ihn vor, da er nicht an die heilige Dreifaltigkeit ge- 
glaubt hat. Von zwei Seiten gab es Angriffe gegen den Greis» und 
seine Anwesenheit hat sicherlich nicht wenig zum BeschluB des 
Landtags vom 7. August 1564 beigetragen» der aUen ausländischen 
Ketzern gebot, das Land unverzüglich zu verlassen. Ochino muBte 
wieder auf die Wanderschaft. Mehrere ihm zugetane Bürger ver- 
suchten ihn zu überreden» trotz dieses Beschlusses im Lande zu 
bleiben und boten ihm in ihren Häusern Schutz an; aber der Flücht- 
ling erwiderte» man habe sich der Obrigkeit zu fügen» er würde 
den Befehl» Polen zu verlassen» befolgen» »»selbst wenn er im Walde 
oder auf dem Felde liegen bliebe^'. Er verließ Krakau» wandte sich, 
nach dem Westen und machte halt in Pintschew» jenem Zufluchts- 
ort der Andersgläubigen» tun von seinen Anhängern Abschied zu 
nehmen. An der dort herrschenden Seuche starben drei seiner Kinder.. 
Gebrochen ging er weiter» und drei Wochen nachdem er Polen 
verlassen hatte» starb er einsam in Stychow an der March» 1564. 
Zu Lebzeiten waren alle protestantischen Sekten gegen ihn vor^ 
gegangen» nach seinem Tode stritten um ihn Lutheraner» Calvi«^ 
nisten. Reformierte» Sodnianer» V^edertäufen jede dieser Sekten, 
behauptete» er gehöre zu ihr. 

Nach Ochinos Flucht aus Italien hat der Kapuzinerorden 
aufgehört» eine bedeutende Rolle in der Gegenreformation zu spielen* 
Dieser Orden hat namentlich durch seine Predigten dem Papsttiun 
alimählich bedeutende Dienste geleistet» aber noch war er nicht 



RENATA DI FRANCIA 275 

ZU jener BSacht gelangt, die nötig war, um im Kampf mit dem 
Protestantismus eine führende Stelle einzunehmen. Überhaupt 
fehlte es der italienischen Gegenreformation, diesen Kongre- 
gationen del Divino amore und anderen ähnlichen Vereinigimgen 
an einem organisatorischen Talent, an Energie und Einigkeit 
in der Durchführung eines klar erkannten Zieles. All diese 
schönen und edlen Bestrebungen waren mit zuviel religiöser 
Romantik durchsetzt, die wie jede Romantik in tmklare Formen 
zerfloß und nicht genügend reife, nützliche Früchte trug. Zum 
Kampf mit der Reformation bedurfte es eines starken Organi- 
sators, eines Menschen mit eisernem Willen. In dem für die Kirche 
kritischsten Augenblick erstand ein solcher Organisator, ein lAann, 
der die Seele des beginnenden Kampfes ward. Plötzlich tauchte in 
Venedig ein spanischer Soldat auf, ein genialer Führer von un- 
geheurer Willenskraft, der eine Wallfahrt ins Heilige Land an- 
treten wollte. Dieser Mensch hatte sich so stark in der Gewalt, 
dafi er, trotzdem er seiner Veranlagung nach Mystiker war, auch 
die Mystik in einen eisernen Rahmen zu fassen wußte, um 
sie zur Sprungfeder irdischen, eng begrenzten menschlichen Tuns 
zu machen. Ignaz Loyola begann in Venedig zu organisieren 
und seine Gefährten zu versenden; dort hat ihn auch Ercole IL 
kennen gelernt, der sofort begriff, daß dieser asketische Soldat 
berufen sei, eine bedeutsame Rolle im Kampf mit der Reformation 
zu spielen. Einige Jesuiten, die Loyola 1537 nach Rom schickte, 
um Pauls III. Hilfe zu beanspruchen, passierten Ferrara und wurden 
dort auf Veranlassimg des Herzogs aufs entgegenkommendste 
empfangen, ^ttoria Colonna war damab in Ferrara, auch sie 
empfing die Durchreisenden liebevoll, ohne zu ahnen, welche 
Rolle diese Glaubenskämpfer einst spielen würden. Sie gingen zu 
Fuß nach Rom, auf spanische Art wie Soldaten angezogen, so daß 
man sie unterwegs für Soldaten hielt, die am Sacco di Roma teil- 
genommen hatten und jetzt als reuige Sünder in Demut in die heilige 
Stadt pilgerten, um ihr schändliches Tun zu büßen. Seine geschick- 
testen Gefährten: den Franzosen Claude Jay, Rodriguez und einige 
andere schickte Loyola nach Ferrara, dort predigten sie auf öffent- 
lichen Plätzen, um die Bevölkenmg für ihre Ziele zu gewinnen* 

I8* 



876 ZEHNTES KAPITEL 

In Rom stieß die „Compania di Jesus'' auf großes Blißtrauen, be- 
sonders bei Caraffa, schon deshalb, weil sie unter dem Schutz des 
Kardinals Contarini auftrat, der der Vertreter einer milderen 
Richtung in der Wiedergeburt der Kirche war. Caraffa sah yoraus, 
daß Loyola, dieser unbekannte Spanier, sehr bald eine führende 
Persönlichkeit in der katholischen Welt werden würde, sein Rivale 
im Kampf mit der Reformation. Die Ahnungen des Kardinals 
sollten in ErfüUimg gehen: der spanische asketische Soldat war 
ihm überlegen an Erfahrung, an Kenntnis menschlicher Schwächen, 
an langsamer, erfolgreicher, leidenschaftsloser Arbeit. Loyola 
schleppte die Menschen nicht zum Scheiterhaufen, aber durch 
seine subtile Psychologie imd durch seine Fähigkeit, die Jugend 
für seine Pläne zu gewinnen, gestaltete er die Gesellschaft zu 
gimsten der Kirche um. Die Gegenreformation hat der Gesellschaft 
Jesu ungeheuer viel zu danken, während die Inquisition, Ca- 
raffas Lieblingswerk, die sich durch ihre Grausamkeit verhaßt 
gemacht hat, ihr nur geschadet hat; ihr Vorgehen widersprach 
italienischer Tradition, da das Volk nicht zu religiösen Kämpfen 
neigt. Die Inquisition vermochte niemand zu überzeugen; nach 
kurzer Wirksamkeit belustigte sie durch ihre Urteilssprüche oder 
schuf Märtyrer eines prüfenden skeptischen Wissens. Sie hat 
Cecco d'Ascoli verbrannt, weil er die Wege der Naturforschung 
betrat, Giordano Bruno zum Tod auf dem Scheiterhaufen ver- 
urteilt, da er eine ebensolche Revolution in der Philosophie wie 
Kopemikus in der Astronomie durchführen wollte, imd nur die 
Angst davor, sich lächerlich zu machen, hat sie verhindert, Galilei 
das gleiche Schicksal zu bereiten. Mit Galileis Venirteilung zum 
Gefängnis imd zu einem dreijährigen Absingen von sieben 
Psalmen, weil er in seinem „Dialogo su due massimi sistemi del 
mondo Tolemaico e Copemidano'^ bewiesen hatte, daß die Erde 
sich um die Sonne drehe, hat das Sant' Officio das Szepter ver- 
loren, imter das es die Kultur der Menschheit zwingen wollte. Das 
Vorgehen dieser leidenschaftlichen, gewaltsamen Reaktion hatte die 
traurigsten Folgen für Kultur und Religion, denn es hat die Geister 
gegen die Kirche empört imd Unglauben geweckt. Trümmer kenn- 
zeichnen den Sieg dieser Reaktion, Italien verschwand für 



RENATA DI F RANCIA 



277 



Zeit als bedeutungslos vom Schauplatz der Welt, Spanien erstarrte, 
und Frankreich versank in Unmoral und Luxus nach der Unter- 
drückung der Hugenotten. 

Aber weder flammende Scheiterhaufen, noch die Fesseln, in die 
die Gedankenfreiheit gezwungen wurde, vermochten die von der 
Renaissance angeregte Forschung zu unterdrücken, und man 
kann ruhig sagen, daß das Urteil über Galilei^) die Scheid^;renze 
ward zwischen der Kultur des Glaubens vaid der Kultur der Skepsis, 
dem charakteristischen Merkmal der modernen Gesellschaft* 
Die furchtbare Reaktion hat die Kirche gerettet, aber den Glauben 
getötet. Wäre Renata eine Zeitgenossin von Catherina von Siena 
gewesen, so wäre sie in ihrem fanatischen Verlangen, die Kirche 
zu reformieren, eine der kräftigsten Stützen der römischen Kurie 
geworden; da sie aber das Unglück hatte, imter Paul HL und 
Paul IV. zu leben, wurde sie in das entgegengesetzte Lager ge- 
drängt. * Das Sant' Officio hat vor sein Inquisitions-Tribunal die 
edelsten Persönlichkeiten, die an der religiösen Bewegung in Italien 
teilnahmen, zitiert, die ehemaligen Mitglieder der Kongr^ation 
dd Divino amore, und selbst Vittoria Colonna hätte die Qual eines 
Inquisitionsprozesses erdulden müssen imd wäre vielleicht im Ge- 
fängnis gestorben, wenn ihr Tod die römischen Terroristen nicht vor 
dieser Schmach bewahrt hätte. 

Es war ein nicht wieder gut zu machendes Unglück für die 
katholische Welt, dafi die Reform der römischen Verhältnisse unter 
spanischem und nicht unter strikt italienischem Einfluß gestanden 
hat. Die Spanier, das leidenschaftlichste und am wenigsten tolerante 
unter den romanischen Völkern, verraten in ihrem Tun eine gewisse 
Brutalität, die anstatt zu mildem gereizt, anstatt zu heilen neue 
Wunden geschlagen hat. Ohne diese spanische Rücksichtslosigkeit 
wäre dem Papsttum so manche Spaltung erspart geblieben, und der 
Glaube an das Mitleid und die Humanität der römischen Kirche 

') Es lautet wie folgt: „n sostenere essere il Sole nel cento del mondo 
e immobile i proposizione assurda e falsa in f ilosofla, e f ormalmente ereticale, 
perchd espressamente contraria alla Santa Scrittura.'* — „La Terra non 
essere nel centro del mondo, ma mobile col diumo moto i proposizione 
«goalmente assurda in filosofia, ed erronea in materia e fede.'* 



278 ZEHNTES KAPITEL 

wäre nicht in den weitesten Kreisen erschüttert. Die Einsetzung 
der Inquisition auf spanischer Grundlage und der weitgreifende 
Einflufi Spaniens, verstärkt durch Karls V. Bilacht, hat edle, kirch* 
lieh gesinnte Italiener wie Contarini, Giberti und namentlich Gio- 
vanni Morone, der in hohem Maße die Eigenschaften besaS, um 
die Gesundung der Kirche herbeizuführen, so terrorisiert, daß sie 
vom Schlachtfeld abtreten oder sich spanischen Strömimgen hin- 
geben mußten. Damit hat es der ganzen Aktion an einigendem 
Geist gefehlt; die katholische Welt zerfiel in Fanatiker imd in solche, 
die nicht paktieren woUteh. Für ruhig denkende, vernünftige Men- 
schen gebrach es augenblicklich an Platz. 



VII 

Renata hat während ihres zehnjährigen Zusammenlebens mit 
ihrem Gatten fünf Kinder geboren, aber allmählich begann 
Ercole sein „monstrum*' zu vernachlässigen und ein Liebesverhältnis 
nach dem anderen anzuknüpfen. Die Französinnen in Renatas 
Umgebung haben über die Untreue des Herzogs eifrig nach Frank- 
reich berichtet, am meisten verdroß sie Ercoles Verhältnis mit 
ihrer Landsmännin, Frau de Noyant, die an einen Hofmann ver- 
heiratet war. Über dieses Verhältnis wurde sogar am französischen 
Hofe gesprochen, \xnA Terruffini, der ferraresische Gesandte in 
Paris, bekam Bosheiten genug zu hören. Die Hofdamen der Königin 
Eleonora gerieten einst in seiner Gegenwart in einen solchen 
Zorn über Frau de Noyant, daß sie Strafen für die Verbrecherin 
ersannen, falls sie je in ihre Hände fiele; sie wollten sie auf lang- 
samem Feuer rösten, in Stücke hacken und ihr die Augen ausstechen. 
Ercole hatte einige uneheliche Kinder, auch der Literat Lodovico 
Trotti war sein Sohn. Der Ruhm des Herzogs als gefährlicher Ver- 
führer war so groß, daß er ihn einmal beinahe mit seinem Leben 
bezahlt hat. 1546 veranlaßte er die Schwester eines venezianischen 
Patriziers Gian Paolo Manfrone, einen Ferraresen niedrigen Standes 
zu heiraten. Manfrone verdächtigte den Herzog, daß er die Ehe 
gestiftet habe, um einen bequemen Deckmantel für ein unerlaubtes 



RENATA DI FRANCIA 379 

Verhältnis zu haben und wollte ihn aus Rache ermorden. Der An- 
schlag miBlang, der Herzog liefi Manfrone ins Gefängnis werfen, 
wo der unglückliche Venezianer wahnsinnig wurde. 

Die französischen Autoren heben rühmend hervor, daß Renata 
sehr nachsichtig gegen die Untreue ihres Gatten gewesen sei. Sie 
speiste sogar zuweilen in Gesellschaft von Frau Noyant, die von 
den Hofdamen so sehr gehaßt wurde. Allmählich verschlechterte 
sich das Verhältnis zwischen den Gatten, besonders da Ercole ge- 
legentlich brutal und schroff gegen die Herzogin war, da er ihr ihre 
Sympathie für Menschen, die der Ketzerei verdächtigt wurden, 
nachtrug. Renata fühlte sich einsam und trostbedürftig. Pons, 
der Schwiegersohn der Mme. de Soubise, war das Muster eines 
liebenswürdigen, einnehmenden französischen Höflings, sah dazu 
gut aus, und war tonangebend in Fragen der Eleganz in Ferrara. 
Während seines sechsjährigen Aufenthaltes am Hofe bestand ein 
sehr herzliches Verhältnis zwischen ihm und der Herzogin, das 
freilich die Grenze der Freundschaft nicht überschritten hat. Die 
Sache blieb lange Geheimnis, zuletzt wurde Ercole durch anonyme 
Briefe auf die Gefühle seiner Frau aufmerksam gemacht. 

1539 wurde den Este von Paul III. endlich der Besitz von Mo- 
dena und Reggio bestätigt; die römische Kurie hatte sich auf diese 
Städte gewisse Rechte angemaßt, und der Papst ließ sich für diese 
Bestätigung achtzigtausend Dukaten in bar auszahlen, sowie 
einen jährlichen Tribut von siebentausend Dukaten und zwanzig- 
tausend Sack Salz aus Comacchio. Als der alte Kassierer der Este, 
Girolamo Giglioli, von diesen Verträgen erfuhr, geriet er in eine 
solche Verzweiflung, daß er sich laut über Ercole beklagte und 
erklärte, der alte Herzog hätte eher Rom bekriegt und erobert, 
als eine so enorme Summe geopfert. Er weigerte sich, das Geld 
herauszugeben. Als ihn Ercole zwang, die Kasse zu öffnen, er- 
krankte der Alte schwer aus Kummer. Dieser Vertrag, der die Este 
fester als bisher an die römische Kurie band, wurde in Frankreich 
ungern gesehen; Frankreich wollte die Este zum Bimdesgenossen 
haben, ohne ihnen je beizustehen. Ercole, der nicht mit Franz I. 
brechen wollte, beschloß Pons nach Paris zu schicken, damit er 
den König umstimme« Franz L hatte eine Vorliebe für Pons, 



280 ZEHNTES KAPITEL 

infolgedessen hielt Ercole ihn für die geeignete Persönlichkeit. Pons 
entledigte sich seines Auftrages in zufriedenstellender Weise, aber 
während seiner Abwesenheit entspann sich eine Korrespondenz 
zwischen ihm und Renata, die Ercole zu häufig erschien. Renata 
schrieb ihre Briefe des Morgens, wenn der ganze Hof schlief, und 
da sie die Postmeister der nächstgelegenen Städte erkauft hatte, 
nahm sie nicht an, daß ihre Korrespondenz je in unberufene Hände 
käme. Sie schrieb täglich und berichtete eingehend über ihr Leben. 
Ihre Orthographie läSt zwar so manches zu wünschen übrig, aber 
dafür ist ihre Art zu schreiben sehr lebendig, amüsant xmd hübsch. 
Aus zweien dieser Briefe, die das estensische Archiv bewahrt, spricht 
ein warmes Empfinden. Renata nennt Pons inmier „mon enfanfS 
einige Abschnitte des Briefes sind in chiffrierter Schrift. Sie erzählt, 
sie reite mit ihren Hofdamen beinahe täglich, ihr Bilann habe mit 
ihr zusanunen Abendbrot essen wollen, doch habe sie sich geweigert 
unter demVorwand,dafi es schon spät sei; einmal habe sie aus Langer- 
weile Laura dei Dianti, die Geliebte des verstorbenen Herzogs 
Alfonso besucht. Sehr anmutig schildert sie ihm das Kind, das Frau 
Pons während der Abwesenheit ihres Gatten geboren; das Söhnchen 
habe einen Mimd wie der Vater, aber so winzig, daB eine Erbse kaiun 
darin Platz fände, und ebenso sanft blickende Augen wie der Vater. 
Sie habe es dreimal auf die Augen geküBt. Renata erstattet Pons auch 
sehr genau Bericht über seinen kleinen Hund, ihren besten Freund in 
Abwesenheit seines Herrn, er schlafe in ihren Armen und ließe sie aus 
Eifersucht nicht schreiben. Pons könne beruhigt über ihn sein. Sie 
wache „de le faire itriller et ipuceter tous les soirs et matins^'. 
War das Hündchen auf Renata eifersüchtig, so scheint sie es noch 
mehr auf seinen Herrn gewesen zu sein. Es schien ihr, und wohl 
nicht ganz ohne Grund, dafi eine ihrer Hofdamen, Diana Ariosti, 
ihn liebe, deshalb fing sie einen ihrer Briefe auf. Die schöne Ita- 
lienerin bewebt in diesem herzlichen und fesselnden Brief, daB 
sie von Orthographie keine Ahnung hat, aber daB man auch ohne 
diese Kunst gelehrter Leute seine Empfindimgen sehr warm aus- 
drücken kann. Sie klagt, ihr Leben sei ohne de Pons freudlos. 
Dieser Brief hat Renata zwar beunruhigt, aber de Pons' gelegent- 
liche Seitensprünge scheinen ihr Verhältnis nicht getrübt zu haben. 



RENATA DI FRANCIA 28s 

Ab Ercole aus anonymen Briefen yon der Zärtlichkeit seiner Frau 
für den schönen Franzosen erfuhr, n%hm er diese Nachricht ruhig 
genug auf, liefi nichts davon merken, daß er Renata nachspüre, 
und versuchte nur unter den verschiedensten Vorwänden de Pons 
in Paris zurückzuhalten. Anderthalb Jahre blieb er fort, und als 
der sentimentale Hof mann in der ersten Hälfte des Jahres 1540 
nach Ferrara zurückkam, traf er Renata nicht mehr. Der vorsichtige 
Ercole hatte sie in die Verbannimg nach Consandolo geschickt, in 
ein Schloß der Este, das ungesund über den faulenden Wassern 
des Comacchio lag; bis auf die Vögel im Garten und die Aale im 
Wasser gab es keinerlei Gesellschaft. Der Bedürfnisse ihrer Seele hatte 
Ercole wohl gedacht, er gab ihr zum Kaplan den sehr geschickten 
Geistlichen Frangois Richardot, einen Hof mann von einnehmendem 
Äußern, der zwar in Frankreich ein Anhänger Calvins gewesen 
war, aber jetzt zu den eifrigsten Katholiken gehörte. Richardot 
scheint vom Herzog beauftragt worden zu sein, Renata zum streng 
katholischen Glauben zurückzuführen; aber als er erkannte, 
daß es Renata mehr nach Genf denn nach Rom dränge, ließ er sie 
ihren Weg gehen, befestigte sie in Calvins Lehre und nicht im 
Katholizismus, empfahl ihr jedoch dringend, mit Rücksicht auf 
den Herzog und seine Stellung zur römischen Kurie, die Bräuche 
und Vorschriften der katholischen Religion zu befolgen. Er drängte 
sie, zur Messe und zum Abendmahl zu gehen, ohne an die Wirksam- 
keit der priesterlichen Absolution zu glauben. Calvin scheint 
Richardot gut gekannt zu haben, er sagte einmal von ihm, seine 
Worte hätten nicht mehr Wert als das Geschwätz einer Elster. Die 
zweideutigen Ratschläge des Kaplans haben Renatas Gewissen 
nicht beruhigt; durch Frau de Pons' Vermittelung wandte sie sich 
1541 an Calvin, Er schrieb ihr sehr eindringlich, warnte sie vor 
Richardot, empfahl ihr Mut und Ausdauer, denn die furchtsamen 
Menschen glichen geistigen Krüppeln. Er schickte ihr seine Ab- 
handlimg „De la Cine de notre Seigneur'S die seine Lehre knapp 
zusammenfaßt. Calvins Schrift machte Renata großen Eindruck, 
sie hörte auf, in die Kirche zu gehen und zu beichten. 

Als Renata am tiefsten von Calvins Lehre durchdrungen war, er- 
schien am 22. April 1543 der Papst Paul IH. in Ferrara. Er reiste 



282 ZEHNTES KAPITEL 

Karl V. entgegen, der in Genua gelandet war. Er wollte den Kaiser 
veranlassen, das Herzogtum , Mailand seinem Sohn Pier Luigi oder 
seinem Enkel OttaWo zu übertragen« Seine Bemühungen hatten 
nicht den erwünschten Erfolg, aber einmal in Bologna, nahm er 
Ercoles Einladung nach Ferrara um so lieber an, als er einen 
doppelten Zweck damit verfolgte: einmal wollte er Ercole zu einer 
Anleihe von fünfzigtausend Scudi veranlassen, und dann Renatas 
Töchter sehen, da er eine derselben aef nem Enkel Orazio Famese 
zugedacht hatte. 

Zur Begrüßung des Papstes kam Renata nach Ferrara; in einer 
kostbaren Sänfte begab sie sich zu Paul IIL, begleitet von siebzig 
vornehmen Ferraresinnen in schwarzen, silbergestickten Kleidern, 
auf Pferden mit schwarz-silbernem Zaumzeug* Die Calvinistin 
und Ketzerin küßte den päpstlichen Pantoffel, und Paul IIL schenkte 
ihr einen kostbaren Diamanten imd einen Lilienzweig aus Dia- 
manten, im Werte von fünfzehnhundert Talern. Der Papst ge- 
stattete auf ihre Bitte, daß die Nonne Suranna das Augustinerinnen- 
kloster verlasse und in den herzoglichen Palast ziehe, um, die jungen 
Prinzessinnen im Sticken zu unterweisen. Paul III. erwies Renata 
seine Gunst in jeder Beziehung; um sie vor den Verfolgungen der 
Inquisitoren in Ferrara zu schützen, erließ er ein Breve, worin er sie 
dem unmittelbaren Schutz des Papstes und der Großinquisitoren 
des Sant* Officio unterstellte. Renata ward also eine vollkommene 
Ausnahmestellung der Inquisition gegenüber eingerätunt Infolge 
ihrer besonderen Frömmigkeit und der erprobten Stärke ihres 
Glaubens verdiene sie in Frieden zu leben, ohne der unnötigen 
Kontrolle der inquisitorischen Gewalt ausgesetzt zu sein, wie es im 
Breve hieß. Weder die Inquisitoren in Ferrara und Bologna, noch 
die Bischöfe oder pfpstlichen Gesandten durften bei Strafe des 
Bannes in ihr religiöses Verhalten eingreifen. Dieses Breve wurde 
auf die Bitte des französischen Gesandten in Rom erlassen, ohne 
Ercoles Wissen, ja, es war gegen ihn gerichtet, da er die Tochter 
des Königs von Frankreich nicht rücksichtsvoll genug behandele. 
Der Hauptgrund war jedoch, daß der Papst Renata gevrinnen 
wollte, damit sie Orazio Famese die Hand ihrer Tochter Anna 
gebe, während Ercole gegen diese Verbindung war. Der Herzog 



RENATA DI FRANCIA 283 

wufite, daB die Verbindung mit den Päpsten, selbst zu Lebzeiten des 
Papstes, mit dem man das Bündnis geschlossen, nicht immer Vor- 
teile bringe, nach seinem Tode aber geradezu Nachteile. Außer- 
dem war Orazio ein päpstlicher Bastard, also kein genügend yor- 
nehmer Prätendent für eine estensische Herzogstochter« Als 
Paul in. eine endgültige Antwort yerlai^;te, begann Ercole unter 
verschiedenen Vorwänden die Entscheidung hinauszuschieben und 
wußte immer neue Hindemisse ausfindig zu machen — bis der 
Papst starb. 

Wir glauben nicht, daß Renata, als sie dem Papst ihre Ergeben- 
heit bewies und sich um das Breye bewarb, Rom betrügen wollte 
und unehrenhaft vorgegangen ist. Alle vornehmen Damen jener 
Zeit: Renata, eine Zeit hindurch Vittoria Colonna oder die Königin 
von Navarra nannten sich in ihren Briefen „Roms sehr gehorsame 
Töchter'S und versuchten trotzdem mit aUen ihnen zu Gebote 
stehenden Mitteln Reformen einzuführen „zum Wohl der Religion 
und der Kirche'^ Noch waren die Grenzen zwischen Ketzerei imd 
dem, was die Kirche erlaubte, fließend. 

Nach der Auszeichnimg, die der Papst der Herzogin erwiesen 
hatte, gab es keinen eigentlichen Grund mehr, sie gewissermaßen 
in Verbannung in Consandolo zu behalten, da Rom jeden Verdacht 
der Ketzerei von ihr genonunen hatte. Es gehörte sich also, daß die 
Herzogin wieder ihren Wohnsitz in Ferrara nehme, imd zu diesem 
Zwecke mußte de Pons entfernt werden. Ercole machte sich auch 
sehr energisch ans Werk. Er hatte ihn bis jetzt aus Rücksicht 
auf Franz I. gelittstn, aber schließlich gingen ihm der Hochmut 
und die Intriguen des französischen Spions zu weit, er bat Renata, 
ihn von ihrem Hof zu entfernen, besonders da er Klatschereien über 
sie verbreite. Renata lehnte diese Fordenmg zwar ab, aber da dem 
Ehepaar de Pons der Boden in Ferrara zu heiß geworden war, floh 
es insgeheim nach Venedig. Franz I. machte dem Herzog zwar 
Vorstellungen, weil er Pons angeblich schlecht für seine Dienste 
belohnt habe, aber Ercole ließ statt jeglicher Antwort auf die Briefe 
des Königs die Möbel und Kleider des Ehepaares Pons konfiszieren 
und gab vor, daß die Juden, die Gläubiger der verhaßten Franzosen 
Ansprüche darauf erheben. Frau Pons starb bald nachdem sie 



384 ZEHNTES KAPITEL 

Italien yerlassen, er yerheiratete sich zum zweiteninal mit Bfaria 
de Monchenuy einer eifrigen Katholikin, und wurde unter ihrem 
EinfluB ein so treuer Sohn der Kirche» dafi er als französischer 
Statthalter in Saintonge die Protestanten aufs grausamste ver- 
folgt hat. 

Renata brauchte, nachdem Frau de Pons sie yerlassen, eine neue 
Gesellschafterin, sie bat die Königin yon Navarra, ihr eine Ver- 
treterin zu schicken. Die Königin wfthlte Frau de La Roche, die, 
wie Brantome sagt, sehr nach Luther roch. Obgleich man sie bei ihrer 
Abreise gewarnt hatte, in Ferrara weder Mund noch Augen und 
Ohren zu haben, zettelte die La Roche sofort Intriguen an, und ver- 
feindete sich mit dem ganzen Hof in dem BlaBe, daB Brcole sie 
nach sechsmonatlichem Aufenthalt nach Frankreich zurück- 
schicken muBte. Nach dieser Enttäuschung yerlai^;te Renata nicht 
mehr nach einer französischen Ehrendame, sondern wählte an Frau 
de La Roches Stelle Olympia Morato, die schon seit einigen Jahren 
ihrem Hof angehörte. Olympia war die Tochter des ferraresischen 
Humanisten Pellegrino Morato, der nach der Sitte der damaligen 
Professoren, den lateinischen Namen Fulvio angenommen hatte. 
Unter Alfonso I. war er der Lehrer seiner jüngeren Söhne Ippolito 
und Alfonso gewesen, dann mußte er auswandern, da er es mit 
Luther hielt. 1534 gestattete ihm Ercole zurückzukommen, aber 
Morato yerleugnete seine Vorliebe für die Reformation durchaus 
nicht, sein Haus in Ferrara war der Sammelpunkt für die Feinde 
des Papsttums. Einer der intimsten Freunde Moratos war Curione, 
Humanist, Literat und Ketzer, ein sehr begabter Mensch yon 
besonders angenehmen Umgangsformen. Er war an Renatas 
Hof gern gesehen, und ihm verdankte Olympia, ein hochgebildetes 
Mädchen, die Stellimg bei der Herzogin. Mit fünfzehn Jahren 
schrieb sie schon ausgezeichnet italienisch, sprach lateinisch und 
griechisch, übersetzte Homer und Vergil, machte Gedichte und 
gewann alle Herzen durch ihre Güte und Bescheidenheit. Zuerst 
berief Renata sie als Gesellschafterin für ihre älteste Tochter Anna, 
später anvertraute sie ihr die Endehimg ihrer beiden jüngeren 
Töchter Lucrezia und Leonora. Die jungen Prinzessinnen trieben 
klassische Sprachen» mußten bisweilen in einem kleinen Kreis 



RENATA DI FRANCIA 385 

von Gelehrten philosophische Thesen verteidigen, und Olympia 
lieB sie Aristoteles' Rhetorik, Ptolemäus' Schriften, Cicero, Ovid 
und von neueren Verfassern Erasmus Rotterdamus lesen, auch 
bestellte sie aus Venedig Proklus' Sphären und einen Globus, „un 
mappomondo''. Den Unterricht leiteten auBer Olympia der Huma^ 
nist Sinapius; später kam noch Francesco Porto, ein Mönch, der der 
Reformation nahe stand, dazu« 

Olympia blieb trotz ihrer Heirat mit dem deutschen Gelehrten 
Grunthler im Hofdienst und befaßte sich nach wie vor mit der 
Erziehimg der Prinzessinnen« Ihre eignen Studien durften darunter 
nicht leiden, sie las die antiken Philosophen und war Skeptikerin 
geworden« In ihrem berühmten späteren Werk, den „Dialogen'', 
berichtet sie, sie habe allmählich angenommen, der Zufall regiere 
die Welt, und ihr Glaube an Gott sei geschwunden« Das Studium 
der Bibel gab ihr zwar den Glauben wieder, brachte sie aber der 
römischen Kirche noch femer« 1548 erkrankte Olympias Vater 
schwer, sie muBte den Hof verlassen und kam erst wieder, als die 
Prinzessin Anna mit dem Herzog von Aumale vermählt wurde« 
Nachdem sie den Unterricht von Lucrezia und Leonora wieder auf- 
genommen hatte, wurde sie plötzlich aus dem Hofdienst entlassen, 
ohne daß jemand auch nur im entferntesten den Grund dieser Un- 
gnade ahnte. Renata, die sonst sehr mildtätig war, gestattete Olym- 
pia nicht einmal die Sachen an sich zu nehmen, die sie ins Schloß 
mitgebracht hatte, und erst nach vielen Bitten und nachdem auch 
Lavinia della Rovere ihre Partei ergriffen hatte, gab sie ihr ein 
altes Kleid zurück« Diese Herzenshärte wirft ein eigenes Licht 
auf Renatas Charakter, sie muB nicht nur eigensinnig, sondern 
auch rachsüchtig gewesen sein« Man nimmt an, Renata habe 
im Zorn gehandelt, als sie erkannte, daB Olynqiia mehr zu Luther, 
als zu Calvin neige, doch läBt sich darüber heute nichts Sicheres aiis- 
sagen« Jedenfalls war Olympias Stellung in Ferrara unmöglich ge- 
worden, sie muBte die Stadt verlassen, infolge der Unannehmlich- 
keiten, die sie, als vom Hof entfernt, überall zu gewärtigen hatte« 
Sie folgte ihrem Gatten in seine Heimat nach Schweinfurt, doch 
wartete ihrer dort ein tragisches Schicksal« Sie war kaum dort an- 
gekommen, als die Bischöfe von Bamberg und Würzburg die Stadt, 



286 ZEHNTES KAPITEL 

in der sich Albert von Brandenburg eingeschlossen hatte» belagerten. 
Das bischöfliche Heer eroberte die Stadt und brandschatzte sie in 
furchtbarster Weise; Olympia verlor ihr ganzes Hab und Gut, 
entfloh notdürft^ bekleidet und irrte mit ihrem Mann über schnee- 
bedeckte Felder, bis sie das Städtchen Hameln erreichte, das drei 
Meilen von Schweinfurt entfernt ist* In einem Brief an Curione 
berichtet sie, sie sei barfuß, in einem zerrissenen Mantel, den eine 
Frau ihr unterwegs geliehen hatte, nach Hameln gekommen. 
Ihre Gesundheit war diesen Strapazen nicht gewachsen, sie starb 
am 7. November 1555 in Heidelberg. 



VIII 

Die Reformbestrebungen griffen in Norditalien inmier mehr 
um sich; Ferrara, Modena und Mirandola wurden der Hauptsitz 
der neuen Bewegimg. Die Bewegung kam aus dem Norden, aus 
Deutschland imd Frankreich, und unterschied sich sehr lebhaft 
von den reformatorischen Tendenzen der Theatiner, den Idealen 
der neapolitanischen Frauen und den Bestrebungen der Kapuziner. 
Aus Deutschland kamen erst Bücher, später um 1520 Menschen. 
Die Mönche, die Rom in den Norden schickte, damit sie gegen 
die Reformation aufträten, kamen zumeist von Luthers Lehre 
erfüllt zurück. In Ferrara trafen die Anhänger des deutschen Re- 
formators die Jünger Calvins, und während die ersteren nur eine 
Reform der Kirche anstrebten, ohne die politischen Verhältnisse 
antasten zu wollen, hatten die letzteren demokratische Tendenzen 
und hetzten das Volk gegen die Fürsten auf. Trotzdem vermochten 
die Calvinisten nicht, größere Volksmengen zu fesseln, ihre Dok- 
trinen waren zu kalt und zu pedantisch und haben zu wenig auf die 
Phantasie gewirkt. In Italien fanden Luthers Lehren günstigeren 
Boden, da sie in der Hauptsache gegen die Obergriffe der Kirche ge« 
richtet waren, aber die Grundlage der Gesellschaft nicht erschüt- 
terten. Die italienischen Fürsten waren zu eng durch materielle 
Interessen mit Rom verbunden, um den Sturz des Papsttums zu 
wünschen, imd das Volk lauschte zwar den Angriffen auf Mönche 



RENATA DI FRANCIA 287 

und Bischöfe mit reichlichem Behagen, kam aber nicht im ent- 
ferntesten auf den Gedanken, das Papsttum zu bekämpfen. 

Die reformatorische Bewegung beschränkte sich in Ferrara 
wie in den übrigen norditalienischen Städten auf jene Klasse, die 
wir heute „die Intelligenz'^ nennen, auf Professoren, Literaten, 
Mönche, die ihr Gelübde gebrochen, imd auf gebildete Frauen. 

Renata war von „Ketzern'^ umgeben. Ihr Hofarzt Gian Sinapius, 
der Uniyersitätsprofessor Celio Curione, beides Freunde yon Olym- 
pia Morato, Chilian Sinapius, der mit einer Hofdame der Herzogin, 
Francesca Bucyronia, verheiratet war, waren sämtlich heiBe An- 
hänger der Reformation. Celio, Melanchthons Schüler, war viel- 
leicht die fesselndste Persönlichkeit unter ihnen. Er war der drei- 
undzwanzigste Sohn von Giacomo di Chieri imd Carlotta Montrolier, 
einer Hofdame der Herzogin Bian ca von Savoyen. Sehr gebildet, be- 
redt, im Umgang sympathisch, kam er schon früh in Turin ins 
Gefängnis, da er in der Kirche einen Dominikaner, der unerhörte 
Dinge über Luther vorbrachte, laut einen Lügner schalt. Aus 
dem Gefängnis entfloh er bald, hatte noch mancherlei Abenteuer, 
und als er in Venedig mit Pellegrino Morato bekannt wurde, ging 
er mit ihm zusammen nach Ferrara und war bei Renata besonders 
gut angeschrieben. Doch war seines Bleibens nicht lange, vom 
Sant' Officio bedrängt, muBte er in die Schweiz flüchten und suchte 
Schutz bei Bullinger, einem der Führer der reformatorischen Be- 
wegung in Zürich. Renata war mit ihm im Briefwechsel geblieben 
und anvertraute ihm sogar Gelder zur Unterstütztmg bedrängter 
Calvinisten. 

Unter dem Einflufi dieser Renata nahestehenden Persönlich- 
keiten stand selbst Ercoles Leibarzt, Angelo BSanzoUini, der Verfasser 
eines satirischen Gedichtes gegen den Papst, femer Lilio Giraldi, 
der Chronist und Schmeichler des estensischen Hauses, und Marc- 
antonio Flaminio, ein sehr begabter Mensch, der jedoch seine 
religiösen Anschauungen beliebig wechselte und Calvinist oder 
eifriger Katholik war, je nachdem es ihm am besten paBte. Am 
Hofe der Herzogin lebte auch der französische Dichter Lion Jamet, 
der ein überzeugter Anhänger der Reformation war, obgleich er 
es verstanden hatte, sich Ercoles Gunst zu erwerben. Die oal- 



888 ZEHNTES KAPITEL 

vinistische Bewegung wurde femer von einigen hervorragen* 
den Frauen unterstützt, von Lavinia della Rovere, der Enkelin 
Julius IL, und der Gräfin Giulia Rangone dl Bentivoglio« Der in 
Deutschland verfolgte Reformator Alciatus flüchtete erst nach 
Bologna, dann nach Ferrara und schrieb von dort aus am 7* Juli 
1540, daB er in „diesem ferraresischen Himmel'^ eine äufierst 
gebildete Gesellschaft gefunden habe, daB man dort die Neuerer nicht 
verfolge, und er sich in Ferrara sehr viel wohler als in Bologna fühle. 

Im Vergleich mit Modena war Ferrara ein sehr ruhiger Ref or« 
mationsherd. In Modena hielt Paolo Ried öffentlich heretische 
Predigten und hatte groBen EinfluB. Auch das kleine Blirandola, 
der Stammsitz der Pico, war eine Zufluchtsstätte für Luthers 
und Calvins Anhänger, da der Graf Galeotto sie energisch unter- 
stützte, und Renata ihm jene französischen Hugenotten zuschickte, 
denen in Ferrara Gefahr drohte. Allmählich beunruhigte man sich 
über all diese Dinge in Rom, namentlich das Vorgehen der Uni« 
versitätsprofessoren in Ferrara erweckte Ärgernis. Der dortigen 
Inquisition wurde ein „Bekenntnisse-Formular zugeschickt, das 
die der Ketzerei verdächtigen Professoren imterschreiben sollten« 
In diesem Dokument erklärten sie zwar ausdrücklich, mit der Re- 
formation in keinerlei Zusanunenhang zu stehen, aber diese Forma- 
lität war natürlich zwecklos, da religiöse Untersuchungen und 
ketzerische Agitation nach wie vor anhielten, imd man nament- 
lich in zahlreichen „Akademien" die heikelsten religiösen Fragen 
erörterte. 

SchlieBlich forderte Paul HL Ercole auf, energisch gegen dieses 
Ärgernis einzuschreiten; aber der Herzog erklärte, wohl mit Rück- 
sicht auf Renata, die Vorwürfe der römischen Kurie seien zu all- 
gemein gehalten, und die ihm gesandte Schrift führe keine Tatsachen 
an, die einer strengeren Untersuchung ab Grundlage dienen könnten; 
er bitte daher, ihm die Personen namhaft zu machen, gegen die er 
vorgehen solle. Infolgedessen verlangte der Papst nähere Einzel- 
heiten vom ferraresischen Inquisitor, und nach einiger Zeit be» 
nachrichtigte er den Herzog, daB Renata selbst beschuldigt werde, 
zwei Ketzer an ihrem Hofe zu beherbergen, Brucdoli, den Flo- 
rentiner Literaten, und Francesco Porto, den griechischen Mönch, 



R£NATA DI FRANCIA 289 

Brucdoli hatte eine sehr yerfareitete Bibelausgabe fibersetast» die 
man öffentlich als lofttaerisch Terbraant hatte, obf^ch sie Franz I. 
und Renata gewidmet war. Der Übersetzer wurde su einer Geld- 
strafe yon fün&ig Scudi yerurteilt. Als Brucdoli dem Richter er- 
kUrtei eine so hohe GeMstrale nicht bezahlen zu Utmen, da er 
nichts besitze, wurde ihm zur Antwort, er würde, wenn er nur wollte, 
Geld finden können. „So yeranlaSt nur,'' erwiderte Brucdoli, „daB 
ich hundert Scudi finde, dann bleiben mir fünfzig, die idi sehr 
nötig habe.'' Der Riditer hatte sdion so unredit nicht, denn Renata 
bezahlte die Geldstrafe in aller Stille. 

Francesco Porto, ein Griedie aus Kreta, war längere Zeit der 
Lehrer der jungen Prinzessinnen g e we se n, und obgleich er in religiösen 
Dingen ziemlidi zurüddialtend war, unterli^ es keinem Zweifel, 
daB er es mit der Reformation hidt. Dersdbe Papst, der vor gar nidit 
langer Zeit Renata vor den Bellstigungen des Inquidtors geschützt 
hatte, forderte jetzt den Herzog sehr energisch auf, sdne Ge- 
mahlin zu veranlassen, ihre Taktik gegen die Ketzer zu ändern. 
Aber der Herzog, der augenblicklich wohl besser mit Renata 
stand, erklärte der römisdien Kurie, ein gewaltsames Einscfardten 
habe gar keinen Sinn und würde die Herzogin nur reizen, einen 
Wechsel müsse man der Zeit und ruhiger (Überredung überlassen. 
Der Papst könne ihm, der in seinem Leben sdion viel für das 
Wohl des Apostolisdien Stuhles geopfert habe, toU vertrauen; 
er würde vorgehen, wie es das Interesse der Kirche fordere. Ercole 
hatte recht; als nämlich der Papst den französischen Gesandten 
in Rom, Herrn Gje, veranlaBte, nach Ferrara zu reisen, tun Renata 
im Namen der römisdien Kurie Vorstellimgen zu machen, empfing 
die Herzogin ihn aufs luignädigste und eridärte, daß ihr tugend- 
haftes Leben der beste Schutz gegen all jene sei, die es wagten, 
sie anzugreifen. 

Die Jesuiten in Ferrara nahmen jedodi an Renatas Leben 
AnstoB, de schidcten unablässig beunruhigende Beridite nach 
Rom: die Herzogin ginge weder in die Kirche noch zur Beichte, 
hielte die Fasten nidit dn und lieBe auch ihre Hofleute nicht fasten. 
Brcole hat gewiß bedauert, die Jesuiten nach Ferrara berufen 
und wirksam unterstützt zu haben, denn jetzt galt es, ihr allzu 

19 



290 



ZEHNTBS KAPITEL 



energisches Vorgehen einzudimmen. Er bemühte sich, in Rom 
durchzusetzen, daß man Pra Girolamo Peptna aus Lodi zum In- 
quisitor in Perrara einsetze, da er Reformbestrebungen sympathisch 
gegenüberstand und die Gewähr für ein MedUches Handeln bot. 
Trotzdem spitzten die Verhältnisse sich imitier mehr zu, nament- 
lich als die Inquisition den Ketzer Fannio in Bagnacayallo auf 
ferraresischem Gebiet gefangen nahm und ihn nach Perrara über- 
führte« Paitmio Pannino aus Paenza war schon in seiner Jugend 
gegen die römische Kirche aufgetreten, indem er reformatorische 
Lehren öffentlich verkündigte. Zur Strafe wurde er ins Gefängnis 
geworfen. . Seihe verzweifelte, arme Painilie bemühte sich um seine 
Preilasstmg imd veranlaBte ihn, dem Willen der Inquisition gemäB, 
seine Ansichten öffentlich zu widerrufen. Paimio schämte sich jedoch 
dieser Peigheit so sehr, daB er ohne Rücksicht auf Gefahr nunmehr 
eine neue Agitation gegen Rom begann und in der Romagna viel 
Anhänger gewann. Er war ein sehr begabter, ja glänzender Redner; 
die Inquisition hielt ihn deshalb für einen der gefährlichsten Neuerer 
und beschloB seinen Tod auf dem Scheiterhaufen. Ercole soUte dieses 
Urteil in Perrara vollstrecken lassen, aber Renata tat ihr Bestes, 
um im Namen der christlichen Liebe den Angeklagten, dessen 
Pamilte in bitterster Not zurückblieb, zu befreien. Auf Wunsch der 
Herzog^ zögerte Ercole mit der Urteilsvollstreckung, mußte zu- 
letzt aber dem sehr energischen Druck der Inquisition nachgeben. 
Renata war in einem der Schlösser außerhalb Perraras; als sie 
erfuhr, daß das Urteil vollzogen werden solle, kam sie in die Stadt 
und flehte den Herzog aufs neue tun Fannios Leben. Erc<de war 
den Befehlen der Inquisition gegenüber machtlos, er änderte den 
Urteilsspruch nur dahin, daß er Pannio im Gefängnis erwürgen 
und den Körper in den Po werfen ließ. Als man dem Verurteilten 
vor der Urteilsvollstredcimg das Kreuz in die Hand geben wollte, 
gab er ruhig zur Antwort, da er den lebenden Christus im Herzen 
trage, wüßte er nicht, was er mit einem hölzernen Christus an- 
fangen solle. 

Kaiun ein Jahr später, am 23. Bllai 1551, wurde am Fenster- 
kreuz des herzoglichen Palastes Domenico Giorgio aufgehängt, 
ein Geistlicher aus Sizilien, der der Ketzerei verdächtig wac. Gleicti- 



RENATA DI FRAMCIA 391 

lettig Tenirteille die Inquisition Lodovico Domenico in Florenz 
ru zehn Jaliren Geffthgnis, da er Calvins ,,Nicommediana^' ins 
Italienische übersetzt hatte. CaMn selbst bat Renata, sich für 
Domenico bei Cosimo Medid zu verwenden, was die Herzogin 
auch sofort tat, indem sie in ihrem Brief besoiiders betonte, sie 
schreibe auf die Bitte eines Mannes, dem sie gern dienen möchte* 

Trotz aller Angebereien der Inquisition und der Briefe aus Rom 
vertrat Renata die Partei der Reformierten, wo immer sie konnte, 
und unterstützte sie unäbULssig mit Geldmitteln. 

Die fortwährenden Streitigkeiten zwischen Ercole und Renata, 
die auf religifise Differenzen zurückgingen, und das infolgedessen 
immer stillere Leben am Hofe wirkten niederdrückend auf Don 
Alfonso, den ältesten Sohn, einen energischen Jüngling, den es nach 
Taten und Ruhm dürstete. Er konnte dieses imtätige Leben nicht 
länger ertragen und erklärte, lieber unter dem Sultan kämpfen, als 
länger in Ferrara die Hände in den SchoB legen zu wollen. Der Erb- 
prinz wollte nach Frankreich gehen, da die kriegerische Betätigungs* 
möglichk^it dort eine sehr viel gröBere war; aber der Vater wollte 
nichts von diesem Plan wissen, denn Alfonso hätte in diesem 
Falle gegen den Kaiser kämpfen müssen, was Ercole, den kaiser- 
lichen Bundesgenossen, in die fatalste Situation gebracht hätte. 
Don Alfonso beschloB daher, seine Absicht gegen den Wtmsch 
des Vaters auszuführen, und floh mit fünfzehn Getreuen im Bllai 
1552 aus dem Hause, indem er vorgab, auf die Jagd zu gehen. 
Der Herzog lieB ihn verfolgen, doch Alfonso war mit seinem Gefolge 
schon zu weit, tmd die herzoglichen Diener kehrten unverrichteter 
Sache nach Ferrara zurück. In seinem Zorn mußte sich Ercole damit 
zufrieden geben, in effigie den Freund seines Sohnes Giovanni 
Lavezzuola hängen zu lassen. Er war Alfonso bei seiner Flucht 
behilflich gewesen; gegeh den Jüngling selbst^ der darauf 
rechnen durfte, in Frankreich mit offenen Armen empfangen zu 
werden, war der Herzog machtlos. Tasso gedachte dieses. Vor- 
falles in seinem „Befreiten Jerusalem'^ bei der „Flucht'^ des jungen 

Nobilissima fuga, e che Timiti 

Ben degna alcun magnanimo nipote. 

19» 



293 ZBHNTBS KAPITBL 



II. nahm den Jflngling sehr gnidig auf und übertrug 
ihm das Oberkommando über eine kleine Heeresabtailung, aber 
Brcole begann trotsdem diplomatische Unterhandlungen mit dem 
französischen Hof, um den Sohn zur Rflddcehr zu ▼eranlassen; 
sein Trost war, Alfonso würde heimkehreni wenn sein Geld alle 
wire. Unterdessen nahm Alfonso zum groBen Kummer seines 
Vaters teil an Frankreichs Krieg gegen den Kaiser und zeidmete 
sich durch unvergleichliche Tapferkeit aus. Während der Belagerung 
einer Festung ging Alfonso mit einigen Geflhrten auf einen ex* 
ponierten Hügel, wo ihn die feindlichen Geschosse erreichen 
konnten» legte sich ins Gras und erzählte ihnen Liebesabenteuer. 
Allem Anschein nach war es mit der Schufif fthigkeit der kaiser- 
lichen Artillerie nicht weit her, da die jungen Eisenfresser mit heiler 
Haut aus diesem gefährlichen Abenteuer daYonkamen. 

Der alte Brcole sollte recht behalten: der Söhn kam früher 
wieder, als man erwartet hatte. Im Herbst 1554 war er in Ferrarai 
da sein Geld zu Ende und sein Kredit erschöpft war. Br auTertraute 
sich der Täterlichen Gnade, lieB aber seine Fluchtgefährten nicht 
im Stich, da er ihnen vollständige Verzeihung beim Herzog er- 
wirkte. 

Die Rückkehr des Sohnes verbesserte das Verhältnis der Ehe- 
gatten keineswegs, imd Renata bekannte sich immer offener zu 
Calvins Lehre. Als einer ihrer beliebtesten tmd treuesten Diener, 
Ippolito Putti, in den letzten Zügen lag, und der Herzog den Priester 
mit dem heiligen Sakrament zum Sterbenden schicken wollte, wider- 
setzte sich Renata standhaft und veranlaBte damit einen sehr pein- 
lichen Vorfall. Die Sorge des Herzogs wuchs, als er beobachtete, 
daB Renata beide Töchter in Calvins Lehre erziehen wollte. Als 
er ihr Vorwürfe machte und drohte, ihr die Töchter zu nehmen, 
brach sie in Tränen aus und antwortete, nicht imstande zu sein, 
ihren Kindern Glaubenssätze einzuimpfen, die sie für fakch halte. 
Ein andermal schickte er ihr einen Geistlichen, damit er in ihren 
Gemächern eine Messe abhalte, da „verjagte ihn die Herzogin 
wie den leibhaftigen Teufel'^ Aus ihrer Überzeugung machte sie 
diu-chaus kein Hehl, im Gespräch betonte sie, der Katbolizismiss 
sei eine Götzenreligion, an deren Vorschriften sie nicht glaube. 



RBNATA DI FRANCIA 



293 



Gleicfaieitig untersttttste sie die Hugenotten mit immer grOBeren 
Summen, stand in r^[elmftSigef Korrespondenz mit Calvin imd bat 
ihn» ihr zwei Lehrerinnen zu empfehkn, »lerzogen in Gottesfurcht 
und Demut» rein in ihrem Leben tmd ihren Worten, die ab Vorbild 
dienen könnten und den Frieden liebten'^ Ihr Lehrerinnenideal 
schilderte sie Calvin so eingehend, daB sie selbst an die Kleider 
dieser Frauen, die aus der Schweiz kommen sollten, dachte. Sie 
brauchen nicht viel für ihren Putz auszugeben; schrieb sie, schwarze, 
wollene Kleider, der Witwentracht Ähnlich, genügen, „avec le 
chaperon d'oreilles'^ Dieser mit geheimer Post an Calvin gesandte 
Brief ist in Brcoles H&nde geraten; er hat eine Abschrift danach 
machen lassen, die sich heute im estensischen Archiv befindet. 
Renata war unvorsichtig genug, ihre Briefe einem jüdischen Kauf- 
mann aus Ferrara zur Weiterbeförderung nach Genf anzuvertrauen. 
Dieser Kaufmann hat den Bmpf ftngem nur einige Briefe übergeben, 
um das Vertrauen seiner Klientin nicht zu verlieren, die übrigen 
händigte er Ercole aus, der Abschriften danach machen lieB, 
um gegebenenfalls eine Waffe gegen seine Frau in Händen zu 
haben. 

Die Jesuiten, namentlich Lojola, waren mit den Zuständen in 
Ferrara sehr unzufrieden; da Pater Jay für Deutschland notwendig 
war, schickten sie erst Pater Broöt, dann Lepelletier, zu Ercoles 
groBem Arger, da er zu Jay viel Vertrauen hatte. Lepelletier drängte 
den Herzog, gegen die Ketzer mit schärfsten Mitteln vorzugehen. 
Auf seine Veranlassung erlieB Brcole ein Dekret, welches alle der 
Ketzerei Verdächtigen des Landes verwies, darunter waren auch 
einige Diener der Herzogin. Das genügte Loyola nicht, er konnte 
nicht fassen, daB Lepelletiers EinfluB bei Renata abprallte. Er 
schrieb dem Jesuitenpater einen sehr scharfen Brief und verlangte 
von den übrigen Jesuiten in Ferrara, ihm in versiegelten Briefen ihre 
Ansicht über das Vorgehen ihres Voi^esetzten mitzuteilen. Lepel- 
letier berief sich auf den Widerstand der Herzogin und ihrer Hof- 
damen und beklagte sich, daB diese Hexen in tatsächlichem Ein- 
vemdunen mit dem Teufel stünden, „fomicatio cum Daemonibus'^; 
erst 1553 gelang es ihm, eine der Hofdamen mit Hilfe ihres Gatten 
zu bekehren. Ober Renata selbst vermochte er nichts. 



^94 ZEHNTES KAPITEL 

Die Herzogin verliefi Ferrara, bekümmert und empört darüber, 
daB sie ihre Lieblingsdiener verloren hatte; sie zog sich nadi Con- 
sandolo zurück, wo sie einer weniger strengen Kontrolle tmter- 
stand und leichter an Calvin schreiben konnte. Die Nachrichten, 
die der Herzog aus Consandolo bekam, waren sehr beunruhigend, 
es genügte Renata nicht mehr, auf ihren Hof reformierend zu 
wirken, sie begann ketzerische Ideen selbst tmter der Bevölkerung 
des nahe gelegenen Städtchens Argenta zu verbreiten. 

Brcoles Geduld war zu Ende. In einem ausführlichen Btiitie 
berichtet er Heinrich II., daB Renata in ihrem Eigensinn gegen Gott 
sündige und das Haus der Este mit Schande bedecke; man könne 
ihr in keiner Weise die „ketzerischen Phantasien^' austreiben, 
selbst Weihnachten wollte sie nicht in die Kirche gehen. Der 
Herzog vergleicht seine Leiden mit den Leiden Hiobs und bittet 
den König, einen gebildeten, energischen Kaplan an Renata zu 
schicken, damit er sie von der Schädlichkeit der ketzerischen Grund- 
sätze überzeuge imd auf den Weg der Wahrheit zurüdcführe. 
Heinrichs Antwort an Renata klang deutlich genug: so lange sie 
Ketzerin bleibe, dürfe sie auf seinen Schutz nicht zählen. Er schickte 
ihr den fanatischen französischen Inquisitor Blatthias Ory, 
der seit zwanzig Jahren die GeiBel der Reformierten war. Ory 
hatte eine Vollmacht des Königs, gegen die Herzogin mit rücksichts- 
loser Schärfe vorzugehen; wenn es ihm nicht gelänge, sie „zur 
Herde von Jesus Christus zurückzuführen'S so war er berechtigt 
ihr mit der Einziehung ihrer Güter in Frankreich zu drohen, mit 
der Entziehung ihrer Töchter und der Entfernung ihrer franzö- 
sischen Dienerschaft. Als aber der Duc de Guise von diesem strengen 
königlichen Befehl erfuhr, schickte er seinen Vertrauten an Renata, 
um Orjs Vorgehen zu durchkreuzen. Für diese Mission bestimmte 
er den Dichter Jamet, der einst Ercoles Sekretär gewesen war, 
sich dem Herzog in keiner Weise verdächtig gemacht hatte und 
sich doch insgeheim treu zu Calvin bekannte. Jamet holte sich, 
ehe er nach Ferrara kam, Instruktionen beim Meister in Genf. 

Ory setzte mit Hilfe des Jesuiten Jay alle Hebel in Bewegung, 
um Renatas Überzeugung zu ändern, aber auch Calvin lieB nicht 
locker. Da er Jamets Geschicklichkeit nicht übermäBig hoch ein- 



RBNATA DI FRANCIA a95 

schätzte, sandte er seinen tücfatigslen Anhänger, Ftan^is de Morel, 
der auch unter dem Namen de Colonges bekannt ist, schleunigst 
nach Perrara. Calvins Gesandter kam unter bemdem Namen 
nach Perrara; obgleich er die Herzogin insgeheim sah, erfuhr 
Ercole Ton diesen geheimen Zusammenkünften. Da Renata nicht 
Ton der Verbindung mit den Ketzern abzubrihgeii war, nahm er 
ihr die Töchter und gab sie in das Kloster Corpus Domini, das seiner 
Schwester Eleonora d'Este tmterstand. . Gleichzeitig entließ Ercole 
Renatas Hofdamen und ihre französische Dienerschaft, nur 
einige ihm absohit ergebene und zuverlässige Personen blieben in 
ihrem Dienst. Renata trug all diese Maßnahmen äuBerlich ruhig, 
aber energisch wies sie die Versuche des Inquisitors zurück, sie 
von Calvins Lehre abzubringen. Ory ergriff in seiner Ungeduld 
ein letztes Mittd, das Heinrich IL sicherlich nicht vorausgesehen 
hatte: er verklagte Renata vor dem Tribunal der Inquisition. Das 
Tribunal, mit Bischof Rosetti an der Spitze, trat in Perrara zu- 
sammen, die Richter waren Bischof Lodeve und Lepelletier, der 
Rektor des JesuitenkoUegiums. Ory als Ankläger warf Renata 
vor, daB sie sich zu Calvins Ketzerlehre bekenne, nidit zur Messe 
gehe, die Wirksamkeit der Sakramente bestreite, nicht beichte 
und nicht an die Pleischwerdung Christi glaube. Aus Rücksicht auf 
den König von Prankreich und Ercole ging das Tribunal sehr 
milde vor, verurteilte Renata nicht zum Tode, sondern nur zu lebens- 
länglichem Gefängnis imd zur Konfiskation all ihrer weltlichen 
Güter. Die Bibliothek der Herzogin, in der sich Hunderte von ver- 
botenen Büchern befanden, sollte verbrannt und ihre Dienerschaft 
aufs schvirerste bestraft werden, aber vierundzwanzig der Schul- 
digsten warteten den Urteilsspruch nicht ab, sondern flohen ins- 
geheim. 

Renata nahm den Urteilsspruch ganz ruhig auf und zeigte keiner- 
lei Purcht. Am 7. September, einen Tag, nachdem das Urteil ge- 
fällt war, hielt bei Tagesanbruch ein Wagen vor ihrem Palast, und 
unter der Eskorte des Bischofs Rosetti und Rug^eros, des ehe- 
maligen ferraresischen Gesandten in Rom, wurde die Herzogin 
in das alte SchloB überführt, das schon lange als Gefängnis diente. 
Renata wurde in jenen Räumen untergebracht, die sie unmittelbar 



296 ZEHNTES KAPITEL 

nach ihrer Ankunft in Ferrara all junge Frau bewohnt hatte, vor 
ihrer Tür wurde eine Wache postiert, und swet zuverlissige Frauen 
wurden mit ihrer Bedienung betraut Pltttilich, im Verlaufe Ton 
noch nicht einer Wodie gingen Veränderungen vor, die man sich 
fürs erste nidit zu erklären Yermochte. Renata ▼erlieS das Ge- 
fängnis, und Ory, der französisdie Großinquisitor, war aus Ferrara 
verschwunden. Aus dem Ankläger ward ein Angeklagter: Renata, 
zum AuBersten gebracht, legte zu ihrer Verteidigung jenes Breve 
von Paul III« vor, in dem der Papst ihr ausdrücklich gestattet hatte, 
selbst GewaltmaSregeln gegen jeden zu ergreifen, der sie der Ketzerei 
bezichtige. Kraft dieses Breve unterstand Ory dem Bann, und Re- 
nata war berechtigt, ihren Gatten aufzufordern, ihn ins Gefängnis 
werfen zu lassen. Der franzSsische Monsignore hielt es für das 
Klügste, das Feld zu räumen. Renata hatte sich an ihren Feinden 
sehr geschickt gerächt. 

Infolge dieses Breve, von dem auch Ercole nidits gewußt zu 
haben scheint, wurde sein Verhalten der Herzogin gegenüber ein 
anderes. Da ihr mit Gewalt nicht beizukommen war, ließ sich nur 
auf gütlichem Wege Frieden schließen. Eroole versuchte es auf diese 
Weise, imd schon nach einigen Tagen kam es wenigstens zu äußeren 
Zugeständnissen. Infolge des politischen Verhältnisses des Herzogs 
zur römischen Kurie tmd der Zukunft ihrer Kinder gab Renata für 
den Augenblick nach; sie beschloß, die vom katholischen Kult vor- 
geschriebenen religiösen Bräuche zu wahren, beichtete sogar 
bei Lepelletier tmd nahm das Abendmahl. Ercole erwies sich der 
Herzogin dankbar für diesen Wandel in ihrem Benehmen, gab ihr 
die Töchter zurück und gestaltete ihren Hofstaat auf die alte Art um. 

Pater Lepelletier triumphierte, er rühmte Renatas wunder- 
bare Bekehrung laut tmd berichtete Loyola von diesem außer- 
ordentlichen Ereignis; doch Ercole kannte seine Frau besser als 
ihr Beichtvater; er wußte, daß die Herzogin Calvinistin geblieben 
war und sich nur für den Augenblick der äußeren Notwendigkeit 
gefügt hatte. Ercoles Mißtrauen ging so weit, daß er sich weigerte, 
ihr ihre Kleinodien herauszugeben, damit sie sie nicht verkaufe 
und die Ketzer mit diesem Geld unterstütze. Außerdem unter- 
stellte er sie dem besonderen Sehutze zweier Jesuiten, die er zu 



RBMATA DI FRANCIA ^97 

ihrem Hatukaplan und Beichtvater emaimte. Dteäen geistUchen 
Wicfatem konnte es nicht lange entgehen, dafi ihr Triumph Ter- 
früht war; sie scheinen die Wahrheit nach Rom berichtet zu haben, 
denn der neue Pi^st, Paul IV., jener furchtbare Caraffa, empfahl 
seinem Auditor Rota, als er ihn nach Ferrara entsandte, Renata 
nicht zu besuchen« 

Trotzdem beunruhigten sich Calvin und die Sektierer, als sie 
erfuhren, Renata sei in den Scho£ der katholischen Kirche zurück- 
gekehrt, tmd selbst Olympia Morato sdirieb damals: „daB sie die 
Herzogin stets für unbeständig gehalten habe''; aber Renata sorgte 
dafür, daß Calvin nicht lange an ihren Abfall glaube. Briefe zwischen 
Ferrara und Genf kamen und gingen wie früher, und Calvin, der 
Renata in ihren Grundsätzen befestigen wollte, schickte einen seiner 
originellsten Apostel Galeazzo de Vico nach Ferrara. Galeazzo, 
ein vornehmer Neapolitaner, hatte im Überfluß mit Frau und Kindern 
gelebt, da machten ihm Valdes' und Ochinos Fredigten einen solchen 
EindrudL, daß er seine Familie verließ, auf sein Vermögen ver- 
zichtete und sich zu Calvin nach Genf begab. Br ward zum leiden- 
schaftlichen Apostel der Reformation: arm und elend durchzog 
er die Schweiz, Flandern, das nördliche Italien und predigte die 
Lehre seines Meisters. Insgeheim, wahrscheinlich unter fremdem 
Namen, kam er nach Ferrara, hatte Zusammenkünfte mit der 
Herzogin, die ihn in ihrem eigenen Wagen bis an die Grenze be- 
förderte. 

Die Inquisition hatte ein hartes Stüdc Arbeit zu leisten, und 
viele Scheiterhaufen brannten, ehe Ferrara und namentlich Modena 
als weniger „verdächtig'' galten. Noch unter Alf onso wurden in Mo- 
dena dreizehn Männer und Frauen verbrannt. Paul IV. befahl den 
Geistlichen in Ferrara mit Hilfe weltlicher Institutionen Material 
zu sammeln, um all jenen, die man der Sympathie mit den Ketzern 
verdächtigte, den Prozeß zu machen, und sie auch dann nicht zu 
schonen, wenn sie zur höchsten Klasse der dortigen Gesellschaft 
gehören sollten. Um das Material um so schneller und sicherer zu- 
sammen zu bekommen, empfahl die römische Kurie, gegebenen Falles 
die Folter nicht zu schonen. Die Denimzianten wurden von der 
Inquisition reichlich belohnt, und einer ihrer wichtigsten Geheim- 



298 ZEHNTES KAPITEL 

agenten war jener Franxose de Noyant, der seiner Zeit das Ver- 
hältnis zwischen seiner eigenen Frau und Brcole ruhig geduldet 
hatte, 

Ercole und besonders sein intoleranter Nadhfolger Alfonso II. 
leisteten der Inquisition in ihrem Vemichtungswerk Vorschub. 
Die Reformation wurde unterdrückt, aber die Arbeit in Italien 
war weniger schwer als in Deutschland oder Frankreich. Die 
Italiener haben wenig Anlage zum religiSsen Fanatismus» imd der 
Mehrzahl erschien es tfiricht, sich foltern und einsperren zu lassen, 
wenn es doch genügte, die äußeren Formen der lEircfae zu erfüllen 
imd man im stillen glauben konnte, was man wollte. Die Zahl 
jener, die für ihre religiOse Überzeugung^ sterben wollten, war 
in Italien ganz gering. 



IX 

Italiens politische Verhältnisse waren gegen das Ende Ton 
Ercoles Regierung so kompliziert, daB es viel diplomatischer 
Creschicklidikeit bedurfte, um im allgemeinen Chaos nicht unter- 
zugehen. Die kleinen Tyrannen und Republiken vermochten sich 
gegen die drei groBen Gewalten: Spanien, Frankreich und das 
Papsttum nicht zu behaupten, nur dem Herzog von Ferrara gelang es, 
sein Land vor fremden Einfällen zu schützen. Um seine Stellung 
zu befestigen und sich dem Kaiser wieder zu nähern, beschloB 
Ercole seinen Sohn Alfonso mit Cosimo Medids Tochter zu ver* 
heiraten. Renata war gegen diese Verbindung, sie wünschte, daß 
Alfonso sich mit Marguerite, der Herzogin von Berry, der Schwester 
des Königs von Frankreich, die etwas älter als er war, vermähle; 
aber Ercole hatte bereits mit dner französischen Prinzessin so böse 
Erfahrungen gemacht, daß er seine Zustimmung verweigerte« 
Da die Florentinerin erst vierzehn Jahre alt war, entschloB man 
sich zwar zur sofortigen Trauung, jedoch mit der Klausel, daB Al- 
fonso für längere Zeit nach Frankreich gehe. 

Der alte Ercole sollte seinen Sohn nicht wiedersehen, er er- 
krankte am 26. September 1558 schwer und war am 3. Oktober 



299 



RBNATA DI PRANCIA 

tot. Vor seinem Tode rersuchte er Renata zu bewegen, ab 
Ms zu Alfonsos Rückkehr aus Frankreich, ihre Beziehimgen zu 
den Heretikem abzubrechen und ihre geheime Korrespondenz 
mit Calvin aufzugeben. Der Vermittler dieser Briefe war der Post- 
meister des Städtchens Luna in der Romagna. Renata versprach 
dem Sterbenden, seine Wünsche zu erfüllen, bald reute sie ihre 
Schw&che, und sie versuchte sich vor Calvin zu rechtfertigen. 
Der geschickte Reformator spradi ihr Trost zu, „da sie Gott durch 
diesen Schwur beleidigt habe» sei sie nicht gezwungen, ihn zu halten^'. 

Renatas Regentschaft war nur von kurzer Dauer. Alfonso 
traf am 26. Oktober 1559 in Ferrara ein tmd übernahm die Regie- 
rung in gewohnter Weise. Auf Bitten der Mutter gab er seinem alten 
Oheim Giulio d'Bste die Freiheit wieder; er hatte dreifiig Jahre 
im unterirdischen Kerker geschmachtet. Als der alte Mann den 
Lebenden wiedergegeben ward, betrachtete ihn ganz Ferrara als 
eine Merkwürdigkeit, denn er war noch 4 la francese gekleidet wie zu 
Zeiten Alfonsos I. Seinen Kopf deckte ein Hut mit ungeheuren 
Krausen, der Rock reichte bis an die Knie, die Ärmel, bauschig 
nach oben, umschlossen das Handgelenk fest, der Mantel war pelz- 
gefüttert, die weiten Strümpfe dienten gleichzeitig als Taschen, 
und an den Stiefeln prangte eine seidene Franse. Der arme Giulio 
sollte sich seiner Freiheit nicht lange freuen, er starb zWei Jahre, 
nachdem er aus dem Gefängnis freigekommen war. 

Alfonso II. war gegen die Ketzer viel intoleranter als sein Vater; 
er erklärte, lieber tmter Aussätzigen als unter Hugenotten leben 
zu wollen, und in Frankreich hatte er dem Kfoig empfohlen, die 
gewaltsamsten MaSregeln gegen die Reformatoren zu ergreifen 
und nicht die Führer allein zum Tode zu verurteilen. Zwischen der 
calvinistischen Mutter und dem fanatischen Sohn konnte es keinen 
Frieden geben, das Verhältnis spitzte sich immer mehr zu, besond^s 
als Alfonso 1560 nach Rom fuhr, um Plus IV. zu huldigen. Dort 
verlangte man vom Herzog, seine Mutter zu zwingen, die Be- 
ziehungen zu den Ketzern abzubrechen. Alfonso stellte nach seiner 
Rückkehr die Herzc^^in vor die Alternative: ihr Vorgehen völlig 
EU ändern oder Italien zu verlassen. Alfonsos Härte verletzte Re- 
nata aufs empfindlichste; sie beschloS, in. kürzester Zeit nach 



300 



ZEHNTES KAPITEL 



Frankreich snirücksugehen. Die Abreise fand mit all den Ehrungen 
statt, die man der Herzogin-Mutter und früheren Regentin schuldig 
war; Alfonso begleitete Renata Us an die Grenze des Reiches. 
Am 2. September rerlieB Renata Perrara, begleitet von drei- 
hundert Menschen und ihrem jüngeren Schnei Don Luigi, det 
sie nach Prankreich brachte. 

Renata war die markanteste Persdnlichkeit unter den refor- 
mierten Prauen Italiens, aber ihr Vorgehen war anders ab das 
einer Vollblutitalienerin, einer Colonna oder Giulia Gonzaga; 
ihrem Tenqierament nach blieb sie stets die Französin und Frau 
des Nordens. Eine groBe Rechtlichkeit und Charakterfestigkeit, 
unendliche Güte und Mitleid waren ihre hervorragendsten Eigen- 
schaften. Als ehrliche Katholikin war sie nach Italien gekommen, 
und sie wäre sicherlidi dem Katholizismus treu geblieben, wenn 
man ihr rficksichts- tmd liebevoller begegnet wäre, und wenn der 
religiöse Terrorismus nicht seinen Höhepunkt erreicht hätte. Es 
empörte sie, daß man von ihr verlangte, Dinge zu glauben, die 
sie nidit glauben konnte, daB sie anstatt vernünftiger Belehrung 
auf einen strikten Befehl slieS. Ihr königlicher Stolz revoltierte, 
und die eigensinnige, leidenschaftliche Bretonin erwachte. Sie 
gehört zu jener groBen 2Mil, die die Brutalität der Gegenreformation 
mit Gewalt in das feindliche Lager gestoßen hat. 

Sie war so sehr von religiösen Ideen erfüllt, daß im Gegen- 
satz zu den berühmten italienischen Prauen die Kunst keinen Platz 
in ihrem LpOben fand. Während Ercole als wahrer Mäcen die ferra- 
resischen Maler Girolamo da Carpi, die beiden Dossi und Garofalo^ 
um sich scharte, Pordenone, Cellini, Sansovino und einige Flamen 
kommen ließ, interessierte sich Renata als echte Calvinistin kaum 
für Kirnst und unterstützte nur einige unbedeutende französische 
Künstler um ihrer Nationalität willen. Dagegen hatte sie eine Vor- 
liebe für Musik, sah Seiltänzern gern zu und hatte eine Schwäche 
für Hofnarren. Sie besaß ihrer eine große Anzahl imd kleidete sie 
besonders sorgfältig in Samt und kostbares Pelzwerk. Diese 
Schwäche der Herzogin war wohl bekannt; als sie nach Frankreich 
ging, schickte ihr der Marchese Pescara seinen Hofnarren, damit 
er sie während der Reise erheitere. 



RENATA DI FRANCIA 



3OX 



Renata ging direkt nadi Orleans, wo damals der junge KSnig 
Franz II. Torübergehend weilte mit seiner Mutter Katharina von 
Media, die in seinem Namen regierte. Die damaligen religiösen 
und politisdien Verh&ltnisse in Prankreicfa waren die denkbar 
traurigsten. Katharina hielt es weder mit den Katholiken noch mit 
den Hugenotten, aber durch ihre Intriguen versuchte sie beide 
Parteien gegeneinander zu gunsten des Thrones zu verhetzen. 
Renata trat als ehrliche Calvinistin auf, als Protektorin der Huge- 
notten, aber als Frau von königlichem Geblüt, ab „fille de France'^ 
betrachtete sie es als ihre Pflicht, die Dynastie zu stützen und die 
leidenschaftlichen Kämpfe zu mildem. In Frankreich fielen jene 
Rüdcsicfaten fort, die ihre Bewegungsfreiheit in Ferrara gehemmt 
hatten: das VerhUtnis zu Rom, die Notwendigkeit, ihre Kinder im 
römisch-katholischen Glauben zu erziehen — das war kein Hemm- 
schuh mehr, sie konnte jetzt ruhig ihren Überzeugungen gemäB leben 
und ihre Glauben^enossen unterstützen. Der König starb bald 
nach ihrer Ankunft, am 5. Dezember 1560, doch änderte dies die 
Verhältnisse keineswegs, da sein Bruder, Karl IX., ein zehn- 
jähriger Knabe, ihm auf dem Thron folgte und Katharina Regentin 
blieb. 

Nach kurzem Aufenthalt in Orleans siedelte Renata nach Mont- 
argis über, das ihr Erbteil neben Chartres bildete. In Montargis 
stand ein seit langem imbewohntes, verfallenes SchloB; Renata 
machte sidi sofort daran, diese Residenz umzubauen tmd zu be- 
festigen und übertrug diese Arbeit einem bekannten Batuneister, 
Du Cerceau, einem Anhänger Calvins. Die Kosten dieses Unter- 
nehmens waren ungeheuer und trugen nicht wenig dazu bei, Re- 
natas Budget zu erschüttern. 

D|ie Herzogin unterhielt nach wie vor Beziehungen zu Calvin, 
fragte ihn in wichtigen Dingen um Rat, und der letzte Brief, den 
der Genfer Reformator geschrieben hat, ist an Renata, die Pro- 
tektorin des neuen CHaubens, gerichtet. Die ganze Umgebung der 
Herzogin bekannte sich zu Calvin, und die Holgeistlichen, fana- 
tische Hugenotten, machten ihr nicht wenig Sorge, da sie die katho- 



302 



ZfiHNTES KAPITEL 



lische Bevölkerung in Montargis und Chartres bekehren wollten 
und damit unwillkürlich gegen Renata aufhetzten. 

Renatas Lage war von der wedisehiden Stellung des fran- 
zösischen Hofes den Hugenotten gegenüber abhingig. Jeder Stunn 
der furchtbaren religiösen Kämpfe fand seinen Vtnderhall in Mont- 
argis, nach jeder Verfolgung flüchteten Hugenotten unter Renatas 
schützendes Dach; es haben häufig Hunderte von Vertriebenen 
an ihrem Tisch Platz gefunden. Montargis hieS bald ,, Nichte des 
Huguenots'^ 

Trotzdem Renata zum Frieden mahnte» konnte der kleine Ort 
nicht zur Ruhe kommeni und ab an der unteren Loire jene furcht« 
baren Kämpfe begannen, kam es auch in Montargis zur Revolution, 
da die katholische Bevölkerung dort stärker ab die protestantbche 
war. Der katholische Waldhüter Michel Bareau, ein roher Kerl, 
der sehr viel EtnfluS hatte, wollte die ganze calvinbtische Rotte 
ermorden. Die erschrockene Renata bat den Prinzen Cond6, der 
in Orleans mit seiner protestantbchen Armee stand, ihr einen Trupp 
Soldaten zur Aufrechterhaltung der Ordnung zu schicken. Aber 
Condts Soldaten waren fanatische Calvinisten; ab sie nach Mont* 
argb kamen, warfen sie etwa zwanzig Geistliche und Mönche in 
den Brunnen, zerstörten Heiligenbilder, raubten Kelche, Mon- 
stranzen, Ornate, zerrissen Kirchenbücher und zertrümmerten 
Glocken. Natürlich übten Michel Bareau und seine Soldaten Rache 
an den Eindringlingen, und nur mit größter Mühe gelang es Renata, 
Condte Heer zu entfernen und die Ruhe wiederherzustellen. 

Nach dem Sieg der Katholiken bei Dreuz am 19. Dezember 
1562 suchte Renatas Schwiegersohn, der Duc de Ouise, den König 
zu veranlassen, die Herzogin zu zwingen, Montargb zu verlassen 
und eines der königlichen Schlösser in Fontainebleau Saant-Germain 
en Laye oder im Bob de Vinoennes zu beziehen. Auf diesen Öefehl 
gab Renata zur Antwort, daB sie in Montargb bleiben tmd si(h im 
Notfall verteidigen würde. Guise, der Orleans besetzte, schickte 
infolge dieser Weigerung eine Abteilung seines Heeres unter General 
Malicome, damit er gegen das verhaßte Hugenottennest voi^ehe. 
Ab Malicome nach Montargb kam, lieB Renata ihn auffordern, 
sich wohl zu überlegen, was er zu tun beabsichttge, in Frankreich 



RENATA DI FRANCIA 



303 



gäbe es niemand als den K4inig allein, der ihr befehlen dürfei und 
wenn er es wagen würde, das Schlofi su belagerni so würde sie 
selbst die Mauern besteigeni und den Tollkühnen erwarten, der 
die Toditer des Königs ermorden wolle. Nach dieser Meldung 
wagte Malicome nicht vorsugehen und bat um die Ordre des Königs 
aus Paris. In der Zwischenzeit waren wichtige Dinge vorg^angen^ 
am z8. Februar 1563 war der Herzog von Guise ermordet worden. 
Er war der gröfite Feind der Hugenotten und hatte den Einwohnern 
von Orleans gedroht, sie wie Katzen zu vertilgen. Nach seinem 
Tode war die katholische Partei bereit, friedlich zu unterhandeln. 
Der König befahl Malicome, von der Belagerung des Schlosses ab* 
zusehen, und Renata triumphierte für den Atigenblick. Aber diesen 
Triumph sollte sie bitter bezahlen. Der Duc de Guise war ihr 
Schwiegersohn gewesen, imd der Jubel im hugenottischen Lager^ 
die Lieder, die das Gedäditnis des katholischen Führers beschimpften 
und von allen Seiten an ihr Ohr drangen, beleidigten sie. In Renata 
machte sich eine gewisse Opposition geltend, sie begann Guise 
zu verteidigen und da sie seine imerhörte Grausamkeit gegen die 
Hugenotten nicht zu rechtfertigen vermochte, behauptete sie, 
alles sei nur auf Befehl des Königs geschehen; im Innersten sei er 
kein überzeugter Katholik gewesen, sondern habe der Reformation 
nahe gestanden. Der Priester Mord, Renatas Freund, berichtete 
damals Calvin, die Herzogin gdie durch schwere Kämpfe; das 
Verlangen, der wahren Religion Christi zu nützen, kämpfte in ihr mit 
der Liebe zur Tochter und dem Gefühl des Unrechts, das ihrer Familie 
gescfadien. Der in Amboise geschlossene Traktat, der den Pro- 
testanten Gewissensfreiheit sicherte und die Erlaubnis, ihre Re- 
ligion öffentlicfa auszuüben, gab Renata für kurze Zeit ihre Ruhe 
wieder, ihr Ld>en gestaltete sidi weniger schwer, sie begann wieder 
häufiger Laute zu spielen, bdustigte sidi mit ihrer Zwergin Agnes» 
ihrem geliebten Schofihündchen und ihrem Papagei, für den sie 
einen sechs Stockwerk hohen Käfig bauen lieB. Die Zugeständnisse 
an die Hugenotten fachten ihren Mut an; ihr Verlangen sti^, für 
Calvjns Lehre neue Anhänger am gewinnen, sie wollte die gesamte 
Bevölkerung Montai^' zu ihrem Glauben bekehren» Calvin 
empfahl ihr eine religiöse Polizei ei^ümführen, mit anderen Worten^ 



304 ZEHNTES KAPITEL 

eine gemlBigte Inquisition, wie er sie in Genf eingesetzt hatte, 
aber dieser hinterlistige religiAse Terrorisnius widerspfach ihrer 
Gemütsart. 

Der Friede zwischen den streitenden Parteien in Firankreich 
währte nur sehr kurze Ztlt. Katharina Ton Medid wandte sich 
immer mehr von den Hug e n o tten ab imd wurde ihre immer aus- 
gesprochenere Feindin; auch die Bevölkerung widlte die den Huge- 
notten zugestandenen Rechte nicht anerkennen und enqiSrte sich 
gegen die Ketzer. 

Nach Calvins Tod am 4. April 1564 hielt Alfonso von Ferrara 
den Augenblick für gekommen, um in kattiolischem Geist auf die 
Mutter einzuwirken. Er kam nach Frankreich, im (Hauben, die 
Herzogin überreden zu können, auBerdem wollte er im Binverstind- 
nis mit Emanuel Filibert, dem Herzog von Savojen, den König 
und seine Umgebung veranlassen, init aller Strenge gegen die 
Protestanten vorzugehen. Br riet dem König, unverzüglich fünf 
oder sechs Führer der ketzerischen Bewegung zu ermorden, um 
den Hugenotten Furcht einzujagen. Noch wurden diese Gewalt- 
maBregeln nicht angewandt, Katharina glaubte, der Reformation 
allm&hlich und mit weniger Blutvergießen Herr werden zu können, 
gleichzeitig bereitete sie einen Schlag vor, um Renatas Binflufi 
auf ihre Glaubensgenossen abzuschwächen. Sie wollte Anna d'Este, 
die Vntwe des ermordeten Guise, mit Jacques, dem Herzog von 
Nemours, dem fanatischsten Feind der Hugenotten, verheiraten. 
Katharina leitete die Intr^^e so geschickt, daß Renata von der 
beabsichtigten Verbindtmg erst Wind bekam, ab die Sadie schon 
ganz perfekt und der Ehekontrakt beinahe unterschrieben war. 
Das Vorgehen der Königin empörte Renata noch mehr gegen ihre 
katholischen Gegner; sie schloB sich in Montargis ein und begann 
eine protestantische Agitation mit erneuter Energie. Umgeben 
von ihrem früheren Hofstaat, dem sich audi Lfon Jamet ange- 
schlossen hatte, gestaltete sie mit Hilfe einiger Priester Montargis 
zum protestantischen Herzogtum um, ohne der königlichen 
Befehle zu achten. Sie begründete dort sogar ein Priesterkolleg, 
mit der Absicht, protestantische Pastoren auszubilden. Die Huge- 
notten bewunderten Renatas Energie, ihr Ruhm verbreitete sich 



RENATA DI FRANCIA 



30s 



weit über Frankreich hinaus, und in Deutschland wurde sie ab 
Heldin der Reformation gefeiert. Zur Beliebtheit der Herzogin 
trug ihre schrankenlose Wohltätigkeit bei; wahrer Armut gegen- 
über kannte Renata keinen Glaubensunterschied und imterstützte 
französische Mönche und Schweizer Pastoren in gleicher Weise. 
Den französischen Hof beunruhigte Renatas Wirksamkeit in 
solchem MaSe, daß Karl IX. den alten Befehl erneuerte, die Herzogin 
möge Montargis verlassen und nach Fontainebleau oder Vln^ 
cennes übersiedeln. Da Renata Widerstand leistete, entzog ihr 
der König vermittels eines Dekrets die Verwaltung ihrer Erbgüter 
und übertrug sie d*Bntragues, dem Statthalter von Orleans. lAan 
nahm ihr all ihre Einkünfte imd verurteilte sie, von der Wohl- 
tftt^keit ihrer Kinder zu leben. Renata legte Protest gegen dieses 
Dekret ein, und die Einwohner der Stadt Chartres, obgleich selbst 
Katholiken, unterstützten ihren Protest aufs wärmste. Überall 
hielt man das Vorgehen des Königs für ein groBes an der Tochter 
Ludwigs 3QI. b^angenes Unrecht Ludwig XIL lebte noch als guter 
König im Gedächtnis aller. Der König mußte sich der öffentlichen 
Meinung fügen und seinen Erlaß zurückziehen, er ließ der Herzogin 
wenigstens den Schein der Macht in ihren Erbgütern. 

Die Kämpfe zwischen Katholiken und Hugenotten wurden 
mit immer größerer Bitterkeit geführt; Leidenschaften machten 
Menschen zu reißenden Tieren; im ganzen Lande floß Blut, und es 
kam zu den furchtbarsten Grausa m keiten. In Auserre briet die 
katholische Bevölkerung das Herz eines Hugenotten auf Kohlen 
und zerlegte es in Stücke zum Essen. Die Hugenotten flohen nach 
Deutschland und in die Schweiz, und Montargis wurde wieder eine 
Zufluchtsstätte hungriger, elender, verzweifelter Calvinisten. Re- 
nata nahm auch diesmal auf niemand Rücksicht und öffnete den 
Bedürftigen ihr gastliches Haus. Aber die Regierung wollte nichts 
von Mitleid wissen, aus Paris kam der Befehl an die Herzogin, 
die schutzsuchenden Hugenotten sofort zu entfernen. Renata 
hatte weder ein Heer noch die Macht, sich dem Vraien des Königs 
zu widersetzen; am 26. September 1569 mußten vierhundertsechzig 
Menschen ihr Schloß verlassen. Sie stellte den Fliehenden himdert- 
fünfzig Dienstfuhren, acht Wagen und mehrere Pferde zur Ver^ 



3o6 ZEHNTES KAPITEL 

fügung, aber kaum hatte die Karawane, die Frankreichs Grense 
zustrebte, Montargis verlMsen, so Tertrat ihr ein Trupp des kttnig- 
Uchen Heeres den Weg und wollte die Flüchtenden ermorden. 
Der eine von ihnen, Pierre Beatunont, hielt eine Ansprache an seine 
Gefährten, forderte sie auf, sich zu ergeben und demütig wie Christus 
am Kreuz zu sterben. Im letzten Augenblick, ehe das Verbrechen 
begangen wurde, kam ein Trupp protestantischer Soldaten, und nach 
kurzem Kampf mit den Königlichen wurden die Flüchtlinge befreit. 

Nur einen Augenblick durfte Renata sidi dieses Sieges freuen; 
sie wurde sehr bald gezwungen, all ihre Hofleute „unsicheren Glau- 
bens'^ zu entlassen. Das war ein schwerer Schlag für sie; als sie 
sich von ihren alten Dienern trennte, war ihr nach ihren Worten 
zu Mute, ab wenn sie selbst auseinanderginge. Unterdessen ver- 
nichteten beide Parteien sich gegenseitig mitleidslos in furchtbarem 
Kampf; in beiden Lagern b^ann es an Geldmitteln zu fehlen, 
um den Vernichtungskrieg fortzusetzen. So mußte es zum Frieden 
kommen oder richtiger zum Waffenstillstand, der im August 1570 
geschlossen wurde. Renata war so glücklich darüber, daB, als ihr 
um zehn Uhr abend« ein Diener diese Nachricht brachte, sie ihm fünf 
Pfund für die gute Botschaft schenkte. Doch sollte sie trotz des 
augenblicklichen religiösen Friedens nicht zur Ruhe kommen, da 
ihr andere Sorgen drohten. Die letzten Ereignisse, die groBe Hof- 
haltung und ihre schrankenlose Wohlt&tigkeit verschlangen mehr als 
ihre Einnahmen betrugen. Um ihre pekuniAren Verhältnisse zu 
ordnen, hatte sie gegen den königlichen Schatz einen ProzeO an- 
gestrengt, damit ihr ein Teil aus dem NachlaB Ludwigs XIL, der 
ihr nach Ansicht ihrer Berater zustand, ausgezahlt werde. Die Forde- 
nmg war nicht absolut sicher, und der Au^;ang des Prozesses zum 
mindesten zweifelhaft; erst durch Vermittlung der Königin-Mutter 
kam es zwischen der Krone und Renata zu einem Vertrag, wonach 
die Herzogin jährlich 60 000 Pfund bezog. Zu dieser günstigen Er- 
ledigung hatte in Paris namentiich die Rücksidit auf ihre Tochter, 
die Herzogin von Nemours, beigetragen, deren BXann einer der 
bekanntesten Generäle der königlichen Armee war. 

Das Schicksal hat Renata gegen Ende ihres Lebens nicht das 
Furchtbarste vorenthalten, das sie treffen konnte. Hinfällig und 



RBNATA DI FRANCIA 



307 



krinklidi fdtte sie im Februar 1572 zu ihrer Tochter nach Paris, 
imd das Unglück woSte, daß sie dort das Blutbad der Bartholomäus- 
nacht miterleben sollte. Am Mittwoch, den 20. August, gab es ein 
großes Fest bei Hofe, im Theater wurde ein Märchen aufgeführt, 
das gut gefiel. Aber es fehlte nicht an Stimmen, die den Inhalt des 
Stückes für eine böse Vorbedeutimg hielten« Auf der Bühne war 
rechts das Paradies, links die Hölle; den Zugang zum Paradies 
verteidigten drei Ritter, in der Hölle wimmelte es von Teufeln imd 
Teufelchen, die sich unter Feuer und Schwefel zu schaffen machten. 
Mitten auf der Bühne führte Charon seinen Nachen über einen 
FluB und setzte die Erlösten im Hinunel, die Verdammten in der 
Hölle ab. Gruppen irrender Ritter in verschiedenfarbigem Schmuck 
kamen ins Paradies imd baten um Aufnahme, aber die bewaffneten 
Wächter wehrten ihnen den Zutritt und verjagten sie in die Hölle. 
Merkur kam auf einem Hahn und b^lückwünschte die Paradieses* 
Wächter ob ihrer Wachsamkeit. Die Zuschauer begriffen, daB die 
Verteidiger des Himmels, die Hüter der kattiolischen Kirche, niemand 
anders als der iCönig und seine Brüder wären, und daB man 
die Hugenotten, mit dem König von Navarra an der Spitze, in 
die Hölle verbanne. 

Renata hat in Paris nidit bei ihrer Tochter im Louvre gewohnt, 
sondern im Kloster Notre-Dame, und diesem Umstand hat sie es 
zu danken, daB sie in der Nacht des 23. August nicht Augenzeuge 
des Blutbades war, das im Umkreis des königlichen Palastes statt- 
fand. Als in den folgenden Tagen die Mörder auch in den übrigen 
Stadtteilen wüteten, fürchtete der König für Renatas Leben und 
schickte eine Abteilung treuer Soldaten ins Kloster, um sie vor 
den Oberfällen der fanatischen • Bevölkerung zu schützen. Acht 
Tage währte das Gemetzel; ab sich Paris zu beruhigen anfing 
und die Tore der Stadt geöffnet wurden, reiste Renata ab unter dem 
Schutz Bewaffneter, die ihr der Duc de Guise, Colignys Mörder, 
stellte. Und es war gut, daB sie fortreisen konnte, denn die ver- 
tierte Menge hat Colignys Leiche noch aus der Seine herausgefischt, 
da sie „unwürdig sei, selbst von den Fischen gefressen zu werden". 

Renata kam ohne Zwischenfall nach Montargis, aber diese Vor- 
fälle haben sie gebrochen; sie war alt und mager geworden imd 



3o8 ZBHNTBS KAPITEL 

glaubte, daß die Reformation sich von diesem Schlag nicht erholen 
würde tmd ihre religiösen Ideale für immer vemichtet seien. 
Sie, die bis jetzt in ihrer Oberaeugwig unerschütterlich gewesen 
war, b^ann der Übermacht ru erliegen, aus Furcht, daß ihren 
calvinistischen Untertanen ein gleiches Schicksal wie in Paris 
drohe. Sie unterließ jegliche religiSse Agitation, um so mehr als 
ihre Tochter aus Paris berichtete, daß die Hugenotten mit Gewalt 
gezwungen werden würden, in den Schoß der katholischen Kirche 
zurückzukehren, und der iCönig ein Edikt erlassen habe, wonach 
alle ohne Unterschied zur Messe gehen müßten; selbst der König 
▼on Navarra und der Prinz von Condi hätten sich dem nidit ent- 
ziehen können. Falls sich Renata den neuen Vorschriften nicht 
fügen wolle, müsse sie gewärtigen, daß ihre Dienerschaft und 
ihre ganze Umgebung für sie büßen würden. In milderer, aber nicht 
weniger bestimmter Form schrieb die Königin-Mutter; sie ermahnte 
sie, offen mit der Reformation zu brechen, was nach ihren Ver- 
sicherungen dem König eine große Freude wäre. Dieser Brief machte 
auf Renata den erhofften Eindruck nicht, da sie fast gleichzeitig 
▼on den furchtbaren in Orleans begangenen Grausamkeiten und 
der schrecklichen Lage der Hugenotten hörte. Renatas Seele 
wandte sich den Verfolgten zu, zum letzten Male öffnete sie den 
Vertriebenen die Tore ihres Schlosses, zum großen Arger des Königs 
tmd seiner Umgebung. 

Ihre Kräfte waren erschöpft. Gebrochen durch die furchtbaren 
Eindrücke der letzten Monate, fem von ihren Freunden, die in die 
Schweiz, nach Deutschland und England geflohen waren, ohne 
Stütze, in ihrer Familie — Alfonso war einer der größten Gegner 
der Reformation und Anna an einen der Führer der katholischen 
Partei yerheiratet — , verlor sie die Hoffnung, jemals ihren Glaubens- 
genossen helfen zu können. Trost fand sie nur noch im Gebet. 

Um das Maß ihres Unglücks voll zu machen, erkrankte 1574 
in Paris ihr geliebter Sohn, der Kardinal Luigi, lebensgefährlich. 
Die Arzte gaben ihn auf. Trotz ihrer eigenen Sdiwäche eilte Renata 

m 

zum Kranken, aber diese Reise gab ihr den Rest: in Paris erkrankte 
sie an einem hartnäckigen Fieber. Als es dem Kardinal etwas besser 
ging, ließ sie sich in ihr geliebtes Montargis schaffen; dort, wo sie 



RENATA DI FRANCIA 



309 



gewirkt, wollte sie ihr Leben beschließen. In Montargis erreichte sie 
die Nachricht vom Tode des Königs und der Flucht Heinrichs III. 
aus Krakau, über die ihr der Kardinal Luigi nähere Angaben 
machte. Sie starb gänzHch entkräftet am 15. Juni 1574; von ihren 
Kindern mögen allein der Kardinal und ihre Tochter Anna ihren 
Tod ehrlich betrauert haben. Alfonso schämte sich beinahe des 
Andenkens der Mutter, er verbot jede Trauerfeier, und lieB in 
Rom anfragen, ob man die Glocken läuten tmd für ihre Seele beten 
dürfe. Die apostolische Residenz gab zur Antwort, daB, da Renata 
als Ketzerin g^orben sei, von einer religiösen Feier nicht 
die Rede sein könne. Ebensowenig gestattete der König, trotz 
der nachdrücklichsten Bitten des Kardinals, daB in Paris 
eine Trauerfeier stattfinde und Renata in den Königsgräbem 
zu Saint Denis bestattet werde. Die Tochter lieB die Mutter 
in der Kapelle des Schlosses von Montargis beisetzen; dem 
Wunsche der Verstorbenen gemäB trugen sechs Arme den Sarg, 
lige Tage später wurde auf Befehl des Herzogs von Ne- 
mours ein katholischer Gottesdienst für Renatas Seele 
angeordnet. Die Herzogin hat ihrem Testament 
einen kurzen LebensabriB vorangesetzt, 
dankt Gott dafür, von einem König ab- 
zustammen, den man den „Vater 
des Volkes" genannt, imd 
legt ihr Glaubensbe- 
kenntnis im Sinne 
Calvins ab. 



V 
. • 

ir 



ELFTES KAPITEL 

ALFONSO n. 



csondcnlaseinerArtwarAlfoiuo, der neue Herrscher: 
▼on Kraft und Leben ttberscUumend, hatte er vlel- 
fUtige Interessen und wollte über alles orientiert sein. 
Für diese herinilische Natur war Ferrara zu eng. Hftufig 
fuhr, er im strömenden Regen, beim stArkstui Ge- 
wittN ins Freie, gleichsam um mit den Elementen zu 
kämpfen; einmal riß ihm bei einer soldien Bsqiedition der Sturm 
den oberen Teil des Wagens ab imd f^te ihn in den Po. Er ritt, 
kutschierte einen Vierer- ja Sechserzi« mit spielender Geschick- 
lichkeit und war ein leidenschaftlicher Jäger. Allmahlich erregte 
diese Jagdpassion allgemeine En^>örung, da das Jagen auf dem 
gesamten ferraresischen Territorium allen, bis auf den Herzog 
und seine Gefährten, strengstens untersagt war. Einmal ließ er 
sechs Menschen aufhängen, da sie trotz dieses Gebotes gejagt 
hatten. Neben den großen Jagden arrangierte der Herzog Theater- 
aufführungen, Turniere, Bälle, Bankette und Konzerte, spielte 
Palla und leitete die Feste im Karneval; gab es gar nichts anderes 
zu tun, so schloß er sich in seinem Laboratorium ein, machte wie 
die Hediceer chemische Experimente und kombinierte ffifte zu 
Diedizinisehen Zwecken. Außerdem war er ein enragierter Mecha- 
niker und Baumeister, lud Alchimisten, Ingenieure und Hand- 
wericer aller Art an seinen Hof, führte neue Industrien in Ferrara 
ein, wie Teppichweberei und Ledergerberei auf korduanlsche Art, 
ja er verarbeitete in seinen Majolikafabriken sogar eine neue 
Forzellannwsse. Er war ein ausgezeichneter Organisator und hatte 



ALPON80 II. 



3" 



einen so gut organisierten diplomatischen Dienst, daB er stets die 
besten politischen Informationen erhielt. 

Die Gesandten und Korrespondenten schickten dem Herzog 
und seiner Kanslei ganze StftBe ron Gutachten, die sogenannten 
„ATvisi e notiiie''; auf diese Weise wurde das diplomatische 
estensisdie ArchiT „la gemma piA preziosa della Serenissima sua 
Casa'^ wie sich Francesco III., der vorletzte Herzog yon Modena, 
ausdrüdcte; diese Dokumente' befinden sich heute in Modena. 

Alfonso interessierte sich auch für Literatur und Kunst. Gleich 
nachdem er die Regierung übernommen hatte, lieB er die estensische, 
damals schon sehr kostbare Bibliothek vergröfiem; er wollte eine 
große Druckerei begründen und lieB zu diesem Zwecke einen be- 
rühmten Drucker aus Venedig, Giolito, kommen, aber dieses Unter- 
nehmen hat sich nicht bewährt. Er unterstützte die Universität, 
lebte in einem Kreis von Literaten wie Patricdo, Guarini, Monte- 
catini, Salviati, Borghesi, vertraute ihnen Professuren und Gesandt- 
schaften an, und es genügt darauf hinzuweisen, daß unter seiner 
Regierung die Literatur, nicht die italienische allein, sondern die 
Weltliteratur, um ein Epos wie „Gerusalemme^^ und um Theater- 
stücke wie „Aminto" imd „Pastor fido'' bereichert wurde. 

Alfonso war ein glänzender Redner und ließ auch keine Gelegen- 
heit unbenutzt, um seine Beredsamkeit zu zeigen; er beherrschte 
auBer dem Italienischen vier Sprachen: Französisch, Lateinisch, 
Spanisch imd Deutsch. 

In seinen Fehlem hat er manchen an Borso erinnernden Zug: 
er war maBlos hochmütig und eingebildet, und tat sich auf seine 
Tapferkeit, Klugheit und sein altes Geschlecht viel zu gute. Dazu 
war er rachsüchtig und zur Vendetta bereit. Als er sich zu einer Ex- 
pedition nach Ungarn rüstete und Pier Gentile Varano aufforderte, 
daran teilzunehmen, Varano diesen Wunsch jedoch, da es ihm an 
Geldmitteln fehlte, nicht erfüllen konnte, lieB er seinen Vasallen 
seinen Unwillen zwar fürs erste nicht merken, warf ihn jedoch 
aus einem nichtigen Vorwand nach Jahren ins Gefängnis. Des 
Prunkes imd der Sicherheit wegen ging Alfonso stets mit einer 
Eskorte auf die StraBe, die aus fünfzig Schweizern und Deutschen, 
hundert Kavalleristen und zweihimdertfünfzig PuBsoldaten be- 



3X2 



ELFTES KAPITEL 



stand. Die Kavallerie führten Graf Brcole Bevilacqua und Graf 
Aeneas Montecuculi an, 

Alf onso suchte namentlich gute Beziehungen cum Kaiser und 
zu den Erzherzögen aufrecht zu erhalten; um sich ihnen gefällig 
zu erweisen, schickte er jedes Jahr seltene Pflanzen» Früchte, ein- 
gemachte Fische, Mortadella und Salami nach Wien« Da diese 
Leckerbissen aufs beste bereitet sein und doch nichts kosten sollten, 
ließ er sie sich Ton den Damen der ferraresischen Aristokratie 
schenken. Um den Kaiser zu gewinnen und die Möglichkeit kriege- 
rischer Betätigung zu haben» beschloß er 1566 an der Spitze eines 
ansehnlichen Heeres nach Ungarn zu gehen, und mit der kaiser- 
lichen Armee gegen die Türken zu kämpfen. In Forara war man 
über diese Expedition sehr ungehalten; sie yerschlang Unsummen 
und brachte keinen unmittelbaren Nutzen; glücklicherweise ging 
die türkische Gefahr diesmal schnell Torüber, und da Alfonso den 
Feind am Ufer der Donau nicht vorfand, war er bald wieder in Italien. 

Nach dem Tode seiner ersten Gattin Lucrezia de' Medid ver- 
mählte sich Alfonso mit Barbara von Österreich; sie starb bald 
darauf, und er heiratete Margherita Gonzaga in der Hoffniuig auf 
den Thronerben, da seine beiden ersten Ehen kinderlos waren. 
Bis in sein spätes Alter hoffte er auf diesen Sohn, da ihm Philipp 
Nostradamus in Frankreich in seiner Jugend prophezeit hatte, 
er würde drei Frauen haben und erst von der dritten im achtund- 
fünfzigsten Lebensjahre einen Sohn bekommen. In dieser Hoffnung 
bestärkte ihn sein Freund und Kriegsgefährte, Comelio Benti- 
▼oglio, der ab Fünfundsechzigjähriger noch Kinder zeugte. 

Das Verlangen nach Taten und Kriegen, das Alfonso niemals zur 
Ruhe kommen ließ, veranlaBte ihn, sich nach der Flucht von Henri 
Valois aus Krakau, um den polnischen Thron zu bewerben. Seit 
der Herrschaft der Königin Bona bestanden enge Beziehimgen 
zwischen den Este und dem polnischen Hof. Bonas Mutter, Isabella 
von Aragon, hatte gewünscht, daB Kardinal Ippolito d'Este, der 
mit den Aragon verwandt und außerdem, wie es hieS, ihrem Herzen 
sehr nahe stand, ihre Tochter nach Krakau b^leite. Isabella lag 
um so mehr daran, als Ippolito zu Sigmund I., dem er noch unter 
Ladislas Jagiello nahe getreten war, gute Beziehungen hatte. 



KÖNIGIN BONA SFORZA UND RENATA D'ESTE, 

GRÄFIN VON MIRANDOLA 

KRAKAU, MUSEUM GRAF CZAPSKI 



ALFONSO IL 



3x3 



war von 1498 bis 1501 bei seinem Bruder Ladislas 
in Budapest gewesen, dort hatte er Ippolito, der damak Erzbtschof 
ron Gran war, kennen gelernt Ippolito rüstete im Herbst 15x7 
zur Reise nach seinem neuen imgarischen Bistum im Erlau, Isabella 
hoffte, der Kardinal würde seine Reise nach dem Norden bis zum 
Frühling des Jahres 15x8 aufschieben und die künftige polnische 
Königin nach Krakau geleiten. Ippolito konnte seine Reise nicht 
bis zum Frühjahr aufschieben und infogedessen anvertraute 
Isabella ihre Tochter auf ihrer Reise nach Rom Prosper Colotmas 
Schutz. 

Ippolito kam zu Bonas Trauung nach Krakau, doch verlieS er^ 
wie bereits erwähnt, die Stadt sehr bald infolge der zwischen ihm 
und Colonna eingetretenen BliBTerstindnisse. Zum König imd zur 
Königin stand er in einem sehr guten Verhältnis, besonders da 
Bona sich um die Freimdschaft der Este bemühte, ab der mäch- 
tigsten und aristokratischsten der italienischen Herrscherfamilien. 
Briisfe imd Geschenke wurden zwischen Brlau und Krakau ge- 
wechselt, König Sigmund schenkte Ippolito Hunde imd Falken, 
Bona sogar zwei Kamele, die sie wahrscheinlich aus der Türlcei 
bekommen hat. Kamele waren nicht nur in Polen, sondern auch 
in Italien eine so große Seltenheit, daß Ippolito, ab er Alfonso 
darüber berichtete, versprach, sie für ihn malen zu lassen. Im 
folgenden Jahre bat die Königin, die sich nicht wohl fühlte und an 
Schwindel litt, Ippolito, ihr aus Erlau seinen Leibarzt zu schicken, den 
Priester Andrea Valentini, der auch unverzüglich nach Krakau kam. 

Valentini tiahm an, daB die Leiden der Königin auf „vapore'* be- 
ruhten, die vom Ilagen kämen; ihr Zustand lieB sich aber leicht 
durch die zu erwartende Niederkunft erklären. Am x. August 152a 
gebar sie einen Sohn, Sigmund August; Valentini war bei der Ent- 
bindung zugegen. 

Die Nachricht, daB die italienische Prinzessin den Polen einen 
Thronerben geschenkt habe, wurde in Neapel und Ferrara mit großer 
Freude aufgenommen, und Alfonso I,, der stets bereit war, Feste zu 
veranstalten, gab aus diesem Anlaß ein glänzendes Turnier. Ippolito 
hat diesen Freudentag nicht lange überlebt; er starb einen Monat 
darauf, am 2. September X520. 



314 



BLFTBS KAPITEL 



Die Beziehungen zwischen den ferraresisehen Herzögen und 
dem pofaiischen Hofe brachen nach Ifipolitos^) Tode nicht ab, be- 
schränkten sich aber auf zeremonielle Briefe* Erst Alfonso U. 
suchte eine Annäherung an Polen auf seiner Expedition nach 
Ungarn, er hat einige polnisdie Bdelleute dort kennen gelernt 
und vielleicht hat ihn dies auch auf den Einfall gebracht, sich um 
den polnischen Thron zu bemühen. 

Heinrich von Valois' Bruder, Karl IX., der iUnig von Frank- 
reich, begann schon 1573 zu kränkeln; sein Tod war vorauszusehen. 
Heinrich von Valois versuchte einige Polen zu gewinnen, ihm, 
wenn er französischer König würde, entweder.die polnische Krone 
zu belassen, oder wenigstens das Szepter seinem Kandidaten zu 
übertragen. Alfimso H., der dem französischen Hofe nahe stand, 
hielt die Vereinigtmg der polnischen imd französischen Krone für 
eine Unmöglichkeit, nahm aber an, daß Heinrich von Valois' 
Partei auch nach seiner Abreise stark genug wäre, um die Wahl 
eines von ihm empfohlenen Kandidaten durchzusetzen. Infolge- 
dessen beschloß Alfonso, sich imter allen Umständen die Zuneigung 
imd Unterstützung des Königs zu sichern, und eine starke Partei 
in Polen für sich zu gewinnen, die ihn als Kandidaten für den frei 
werdenden Thron aufstellen sollte. 

Da der CavaUere Bottone, der gewöhnliche Gesandte Ferraras 
in Polen, dem Herzog nicht geeignet erschien, um ihn in einer so 
wichtigen Angel^enheit zu vertreten, schickte Alfonso AscanioGiral- 
dini als auBerordentlichen Abgesandten nach Polen mit einem 
ganzen Stab von Beamten und Hof leuten und gab ihm eine bis auf 
den heutigen Tag erhaltene genaue Instruktion^ , wie er die Aktion 

^) Bona stand auch gut mit dem Kardinal IppoUto IL (1509— 1572), 
Alfonsos I, und Lucrezias Sohn; eine Interessante Erinnenmg an die Be- 
ziehungen der KSnigin zur Familie des Kardinals ist eine Medaille, die sidi 
heute im Museum Csaptf in Krakau befindat. Auf dam Aveis Ist die 
alte Bona treffend ähnlich dacfesttttt, auf dem Revers Renata, Ippolitos IL 
natOrliche Tochter, die 1553 Lodovioo Pico, den Grafen von Mirandola, g^ 
heiratet hat und zwei Jahre spfiter, am 29. November 2555 gestorben Ist Diese 
beiden Frauenköpfe auf der gleichen Medaille lassen auf nfihere Beziehung^ 
schUeBen. VieUeidit war Bona Renatas Patin* 

«) Cod. Marc. ItaL O. 2C, Nr. LXXVI. 



ALP0N80 II. 



315 



einzuleiten habe. Der neue Gesandte sollte .Beaieliungen su den 
einfluBreicbsten Fsrsönlichkeiten anknüpfen und mit offener Hand 
darauf aus sein, dem Hencog Freunde su erwerben. Giraldini hatte 
eingehend su berichten, wen er gewonnen habe und auf wen man 
gq^benenfalls mit Sicherheit rechnen kttnne. Für den sichersten 
hielt der Gesandte Andreas Zborowski, den HofmarschaU, der den 
letzten ungarischen Krieg mitgemacht und sich Alfonso ange- 
schlossen hatte. Auch Peter mborowsldy Krakaus Wojwodei schien 
Giraldini schon deshalb sicher, weil er die Wahl des Osterreichischen 
Kandidaten unter allen Umständen hintertreiben wollte. ZuAlfonsos 
Freunden zihlte der Gesandte auch den Unterkanzler Peter Dunin 
Wolskiy Szafraniec, einen bdcannten ruthenischen Magnaten, den 
Kastellan Stanislas Krzydd und einige andere. Bei diesen Unterhand- 
lungen, die zumeist an wohlbesetzterTaf el stattfanden, spielte das Geld 
eine groBe Rolle. Das Frühstück dauerte so lange, daB es sich bis 
zum Blittag- und Abendbrot ausdehnte, ja bis in die späte Nacht 
wihrte, und da Giraldini eine schwache Konstitution hatte, klagte 
er über die imerträgliche Hitze in den Räumen, das unmäßige Trin- 
ken, und hielt diese Art zu unterhandeln für seine schwierigste 
Aufgabe in Polen. 

Karl IX. starb Ende Mai 1574; Alfonso war schon zwei Wochen 
später daTon unterrichtet und schickte sofort eine zweite Gesandt- 
schaft nach Polen, um seine Angelegenheit nicht zu TersOgem. 
Er anvertraute sie Camillo Gualengo und Battista Guarini, die er 
wiederholt in wichtigen diplomatischen Missionen nach Turin 
imd Rom geschickt hatte. 

Zu Battistas Ahnen gehörte der berühmte Humanist Guarino 
da Verona. Er hat die Universität in Padua besucht, wurde später 
an Stelle seines verdienten Oheims, des Rhetorikers, zum Univer- 
sitätsprofessor in Ferrara ernannt (1557), heiratete Taddea Bandidio, 
die aus einer bekannten ferraresischen Familie stammt luid die 
Schwester jener schönen Lucrezia, der Gräfin Madiiavelli ist, 
von der noch die Rede sein wird. Guarini bemühte sich, den Tra- 
ditionen seiner Familie gemäB, in Alfonsos II. Dienst zu treten; 
1567 figuriert sein Name auf der Liste der Hofleute. Er bezog 
damals zwanzig Scudi monatlich. 



3i6 ELFTBS KAPITEL 

Guarinis poetiadies Talent hatte sich früh geregt; schon ehe er 
durch sefai Schäferdrama i, Pastor fido'^ berühmt geworden war^ 
war er als Schriftsteller geschätzt. Aber trotz seiner großen Be- 
gabung war er nicht nur am Hofe, sondern auch in seiner eignen 
Familie imbeliebt. Außerordentlich habgierig, prozessierte er sein 
ganzes Leben hindurch, und setzte die Gerichtshöfe in Ferrara, 
Venedig, Padua und Rom fortwährend in Tätigkeit. Niemals zu- 
frieden, hielt er es an keinem Hof lange aus, imd konnte doch auf 
das höfische Leben nicht verzichten. Ab seine Stellung in Ferrara 
unmöglich geworden war, zog er sich auf seinen Landsitz Guarina, 
in der Nähe Ton Padua, zurück. Bald war es ihm dort zu einsam, 
und er ging an den Hof Karl Emanuels I. nach Turin; da ihm die 
Verhältnisse dort nicht zusagten, ging er als Alfonsos IL Sekretär 
nach Ferrara zurück. Auch diese Stelle gab er bald auf, fuhr zum 
großen Arger des Herzogs nach Venedig imd übernahm, aufs neue 
von Sehnsucht nach dem Hofleben ergriffen, eine Ratshermstelle 
in Turin. Dort hielt er es nicht lange aus, bemühte sich um 
verschiedene andere Anstellungen und war eine Zeit hindurch 
Sekretär des Herzogs von Toskana in Florenz, bis er bei den Rovere 
in Urbino Schutz suchte. Als es ihm dort zu einförmig wurde, 
kam er nach Ferrara zurück und starb zuletzt in Venedig am 
7. Oktober z6i2. In seinem Fanulienleben war er der furchtbarste 
Geizhals und Tjrrann, seine Frau hat er zu Tode geärgert, mit seinen 
Söhnen prozessiert und als Mensdi die peinlichsten Erinnerungen 
hinterlassen. 

Diesen Guarini betraute Alf onso mit der wichtigsten Mission 
in Polen; der Herzog hatte es so eilig, daß sich schon am 17. Juni, 
katmi drei Tage, nachdem er die Nachricht vom Tode des franzö* 
sischen Königs erhalten hatte, die ferraresische Gesandtschaft auf 
dem Wege nach dem Norden befand. Guarini begleitete Camillo 
Gualengo, ein bekannter Fechtmeister und Duellant; sie sollten 
zusammen bis nach Innsbruck gehen imd sich d(Mt trennen, der 
eine mit dem Schiff über den Inn und die Donau, der andere auf 
gewöhnlichem Wege nach Vliea reisen« In Vlitn sollten sie den 
Kaiser von Alfonsos Absicht, sich um den polnischen Thron zu 
bewerben, benachrichtigen. Die Gesandten hatten den Auftrag» 



ALFONSO II. 



317 



dem Kaiser su erklären, daS, falb Brzhersog Ernst, llasiimUans 
Sohn, um die polnische Krone kandidieren würdet Allonso bereit sei, 
seine Absichten sofort au&ugeben. Von Wien aus sollte Gtiarini nach 
Krakau und Warschau gehen, um Informationen fiber Heinrichs III. 
Pllne einzuholen, die Gunst der Schwester des verstorbenen Königs, 
der Infantin, zu gewinnen und ihr einen sehr schmeichelhaft 
abgefaSten Brief übergeben. In Krakau hieB es, daB Guarini w^;en 
der Heirat des Herzogs von Ferrara mit der Infantin unterhandeln 
solle; Hieronymus Lipoman berichtet in diesem Sinne am ao. Sep-^ 
tember 1574 an Mocenigo, den Dogen von Venedig. Guarini brachte 
gUnzende Zusagen mit, der Herzog sicherte dem Adel noch größere 
Freiheiten zu, versprach im Laufe zweier Monate 300 000 Gulden 
nach Polen zu schicken, und „da er kinderlos sei, würden die Polen 
seine Kinder werden'^ Außerdem sollte „die Schule von Krakau 
mit gelehrten Ittnnem besetzt und verschiedene Künstler nach 
Polen berufen werden'^ 

Je nSher der Termin der Wahl heranrückte, desto grdfier wurden 
die Zusagen des Herzogs. Alfonso versprach schließlich, das Heer 
auf seine Kosten zu erhalten, die Schulden der Jagellonen zu 
bezahlen und dem Schatz der Republik zwei BSilUonen Dukaten 
zu überweisen. Einigen polnischen EdeUeuten hatte er sich ver- 
pflichtet, vierzigtausend Scudi imd mehr auszuzahlen, falb sie 
seine Kandidatur unterstützen würden« 

Gleichzeitig schickte Alfonso Giraldini, der unterdessen von 
seiner ersten Gesandtschaft zurückgekonunen .war, auf schnellstem 
Wege nach Krakau, damit er noch vor Guarini dort eintreffe, imd 
als ein in Polen bekannter Diplomat, der den maßgebenden Kreisen 
nahe stand, ihm einen guten Enqifang bereite. Heinrichs III. 
fluchtähnliche Abreise aus Krakau durchkreuzte Alfonsos Pläne, 
seine Gesandten haben den Valois nicht mehr erreicht Der König 
war am x8. Juni aus Krakau entflohen und traf mit Guarini in 
W^en zusammen. Der ferraresische Gesandte wußte nicht, wie er 
sich imter diesen Umständen zu verhalten habe ; ohne Heinrich IIL 
auch nur aufzusuchen, ließ er sich schleunigst von Alfonso weitere 
Instruktionen geben. Blit erneuten Instruktionen versehen, fuhr 
er nach Krakau, um dort zu erfahren, daß die Wahl bis aufs 



3i8 ELFTES KAPITEL 

nächste Jahr vertagt eei. Er achefait in Krakau bei Zborowald 
gewohnt su haben, und seine Absichten wurden namentlich von 
Krzyckiy Lanckoronsld und Niemsta unterstützt. Guarini hatte 
gehof fty am Nuntius eine Stütze zu finden, aber Laureo war Alfonsos 
Gegner und soll dem Ferraresen ausdrücklich erklärt haben, ange- 
sichts der Kandidatur eines Blitgliedes des österreichisdien Hauses 
habe Alfonso keine Aussichten« Es heiSt, daS Gregor ZIIL dem 
Nuntius 25000 Dukaten für die Wahl des Erzherzogs geschickt 
habe, aber an diese GroBmut der römischen Kurie zu glauben, 
fällt schwer. 

Infolge der Verlegung der Wahl war es für Guarini zwecklos, 
in Polen zu bleiben, besonders da er dem Herzog mündlichen Be- 
richt erstatten wollte. Am 25. September traf er wieder in Perrara 
ein. Das Ergebnis seiner Reise war für ihn insofern befriedigend, als 
er, wie er einem Pretmde berichtet, den nordischen Himmel und nor- 
dische Bräuche gesehen und sich gefreut habe, Dinge kennen 
zu lernen, von denen er bis dahin keine Vorstellung gehabt hatte. 



II 

Alfonso war alles darum zu tun, Heinrich IIL für sich zu ge- 
winnen. Als er erfuhr, daB der König über Tirol und Norditalien 
nach Prankreich gehen und nach Venedig kommen würde, beschloS 
er ihm entgegen zu reisen imd ihn nach Perrara einzuladen. Sehern 
vor dieser Einladung hatte er eine Gelegenheit, sich dem König 
gefällig zu erweisen. Heinrich war in der peinlichsten Geldverlegen- 
heit, und der Weg nach Paris erforderte bedeutende Ausgaben. 
Du Perrier, der französische Gesandte in Venedig, sollte sich um 
eine Anleihe bemühen; er fragte erst die vier Plorentiner Bankiers, 
die ihre Pilialen in Venedig hatten, die Strozzi, Capponi, Cran- 
secchi und Baglioni, aber die vorsichtigen Plorentiner glaubten 
an Heinrichs Zukunft nicht recht und wollten keinen Soldo be- 
willigen. Sich an die venezianischen Banken zu wenden, war nicht 
angängig, infolge dessen wandte sich Du Perrier an Claudio Ariosti, 
den ferraresischen Gesandten in Venedig, damit er sich bei Alfonso, 



ALFONSO II. 



319 



der als sehr Termögeiid galt, bemühe um ,»quakhe buona somma 
di danari'^ Alfotiso half dem König aus, aber mit einem geringeren 
Betrag, als Du Perrier erwartet hatte; schliefilich verbürgte sich 
der GroBhersog von Florenz für Heinrich, so dafi sich die Reisekasse 
des fliehenden Königs einigermafien füllte. Trotzdem war das Geld 
sehr knapp, und der König bezahlte unterwegs die Edeln, die ihn 
in ihren Schlössern aufnahmen, reichlich mit Titeln, aber die kost- 
baren Geschenke blieben aus. Gleich nach dem ersten Nachtlaget 
gab er dem Neffen des Signore Brancone, bei dem er wohnte, den 
Ritterschlag; in Piave erwies er seinem Wirt, Giovanni Saroedeni, 
dieselbe Ehre; in Treviso zeichnete er Bartolommeo Lipoman mit 
der gleichen Würde aus; Ragazzoni in Sacile gestattete er, die fran- 
zösischen Lilien in seinem Wappen zu führen, und bezeichnete 
so seinen Weg nach Venedig mit dem Kreieren neuer Adels- 
geschlechter. 

Die venezianische Signoria schickte ihm eine Gesandtschaft bis 
an die Grenze der Republik, nach Pontebba, die ihm einen Geleit- 
brief imd PaB übergab, kostbar in roten Stoff gebunden und mit 
goUnen Ornamenten versehen. Der Herzog von Ferrara kam 
Heinrich mit einem Sechserzug bis nach San Daniele entgegen, sein 
Gefolge hatte er in Venedig gelassen. Als er den König sah, ritt er 
an seinen Wagen heran und verneigte sich tief; da Heinrich den 
Herzog nicht erkannte, kehrte Alfonso um und grüßte den König 
abermals. Weder betrachtete Heinrich den Reiter verwundert, 
als er jedoch erfuhr, daB es der Herzog von Ferrara sei, begrüBte er 
ihn aufs liebenswürdigste tmd lieB den Wagen halten. Alfonso 
wollte dem König die Knie küssen, aber Heinrich wehrte diesem 
ÜbermaB von Respekt, hob den Herzog auf und lud ihn ein, in 
seinen Wagen zu steigen« 

In Venedig hatte man groBe Vorbereitungen zum Empfang des 
jungen Herrschers getroffen, und mit Recht schrieb Du Ferrier 
dem König, es gäbe niemand, der nicht darauf bedacht sei, ihn zu 
ehren, ja Greise fürchteten zu sterben, ehe sie ihn gesehen. Hein- 
richs HI. Enqifang war vielleicht der großartigste, den die Re- 
publik im XVI. Jahrhundert einem fremden Gast hatte zuteil 
werden lassen. In Murano machte der König seine erste Rast im 



320 



ELFTES KAPITEL 



Palast von Bartolommeo CapeUo» in Venedig wohnte er im Palast 
der Foscari; der Bucentaur war erneuert und auf dem Lido ein von 
Paolo Veronese und llntoretto bemalter Triumphbogen errichtet 
worden. Tausende von kleinen Schiffen und Gondeln nahmen an 
der Einfahrt am z8, Juli 1574 teil, in allen Kirchen läuteten die 
Glocken, Chorgesang wurde angestimmt, Freudenschfisse abge- 
brannt, dazu strahlte der Himmel in leuchtendem Blau, und der 
junge Monarch sagte, wie berauscht von der Schönheit des Bildes, 
das sich ihm darbot, enthusiastisch su seiner Umgebung: „Wie 
glücklich wäre ich, wenn die Königin Mutter das alles gesehen 
hätte/^ Heinrich sprach gut und fließend, die kurze Axisptwcht des 
D<^en beantwortete er mit einer vielleicht zu langen französischen 
Rede; später verlangte es ihn nicht mehr nach oratorischen Er- 
folgen. 

Am Abend legte die Barke des Königs, von lauten Zurufen be- 
grüßt, vor dem Palazzo Foscari an. Mit großem Prunk war die 
Wohnung hergerichtet und in goldenen Buchstaben im Haiqitsaal 
als Motto zu lesen: „Omnipotens virtus^S Der König hat sich nicht 
zu streng an diese Worte gehalten; kaum war er mit seinen intimeren 
Freunden allein im Palast, als er durch einen Seitenausgai^^ mit dem 
Herzog von Ferrara in eine bereit stehende, unansehnliche Gondel 
schlüpfte, erst an einem Gelage teilnahm, und dann in Alfonsos 
Palast, dem späteren Fondaco dei Turchi, landete. Dort hatte 
Alfonso einen wahrhaft übermütigen Abend veranstaltet: Theater- 
aufführungen, schöne Frauen und ein üppiges XiIahL Den glän- 
zendsten Schmuck des Festes bildeten die Aufführungen der Thea- 
tergesellschaft Gelosi, der damals berühmtesten Komikertruppe 
in Norditalien. Diese Aufführung hat die Signoria schwer beleidigt. 
Die venezianische Regierung hatte sich die größte Mühe gegeben, 
um die Gelosi aus Mailand nach Venedig zu bekonunen, da sie 
durch den französischen Gesandten eriahren hatte, daß der König 
sie zu sehen wünsche und besonders auf das Spiel der Vittoria 
Püssima, der berühmtesten Künstlerin der Truppe, neugierig sei. 
Die Gelosi waren eigens nach Mailand gekommen — dreißig Per- 
sonen — um während der Feste, die zu Ehren von Don Juan d'Au- 
3tria, des Siegers bei Lepanto, veranstaltet wurden, aufzutreten; es 



BATTISTA GUARINI 
LITHOGRAPHIE NACH „VITE E RITRATTI DI XXX ILLÜSTRI FERRARESl" 



ALFONSO II. 32X 

war also niebt leicht gewesen, sie stur Rückkehr zu bewegen. Den 
Wunsch der Signoria, ihrem vornehmen Gast eine mühsam veran- 
staltete Überraschui^^ su bereiten, hat der Hersog von Ferrara durch- 
kreuzt, indem er in aller Stille mit den Künstlern verabredet hatte, 
daB sie vor der offiziellen Aufführung in der ersten Nacht bei ihm 
spielen sollten. Die Signoria war empört über Alfonso: er hatte 
den Ehrenplatz der venesianischen Würdenträger bei den Festlich- 
keiten ohne weiteres eingenommen und sich erdreistet, bei der Ab- 
fahrt vom festen Land nach Murano in die königliche Gondel ein- 
zusteigen, so daB die Gesandten der Republik, die doch hier Herr 
im Hause waren, die nächstfolgende Gondel benütsen mufiten. Damit 
war sein Sündenregister noch nicht beschlossen: am Vorabend der 
feierlichen Einfahrt nach Venedig war Alfonso inkognito mit dem 
König aus Murano über den Canale Grande gefahren und hatte 
ihm die kostbarsten Paläste der Stadt geseigt, so daS der offizielle 
Einzug für Heinrich nicht mehr den überwältigenden Reiz des 
Neuen haben k<mnte, mit dem ihn die Republik blenden wollte. 
In Alfonsos Palazzo hatte sich der König ausgezeichnet tmter- 
halten, namentlich hatte ihm die Piissima einen starken Eindruck 
gemacht, „jene göttliche IHttoria, die Zauberin der Liebe, deren 
Worte Flammen in den Herzen Tausender entfachen, deren har- 
monische, süBe Stimme die Zuschauer entzückt tmd deren sanfte 
oder getragene Bewegungen musikalischen Rhythmus haben." 

Heinrich III. war erst am hellen Morgen in seinem Palazzo, 
und trotz seiner dreiundswansig Jahre hat er wohl nicht wenig 
über Königspflichten gescholten, da er, ohne auszuruhen, schon 
in den Morgenstunden Audienz zu erteilen hatte. Aber Venedigs 
Freuden UeBen ihn keinen Augenblick zur Ruhe kommen; am 
Abend ging er vermutlich zu FuB durch HintergäBchen in die 
Gegend von San Giovanni Crisostomo, wo Veronica Franco wohnte, 
die berühmte Dichterin und Kurtisane, eine der reizvollsten Frauen 
Venedigs, obgleich sie unter Nummer ao4 im „Cataloge delle prin- 
dpaU et piü honorate cortigiane di Venetia" eingetragen war. Die 
Franco stand unter Venedigs leichtlebigen Frauen an erster Stelle, 
wegen ihrer Schönheit und des Luxus, den sie entfaltete; auBer- 
dem strahlt ihr Name, neben dem der Tullia d'Aragona, in der 



322 ELFTES KAPITEL 

Geschichte der italieniscfaen Literatur des ZVI. Jahrhunderts. 
Veronika hat gute Sonette genuicht und wie die berülunte römische 
Kurtisane Porzia den ganzen Petrarca und Boccaccio im Kopf 
gehabt und aus dem Gedächtnis eine Unzahl Ton Gedichten von 
Vergil, Horaz, Ovid und von tausend anderen Autoren rezitiert. 
Mit dem Reiz der Jugend verband sie die Klugheit der erfahrenen 
Frau: 

E di costumi adorna, e di virtude, 
Con senil senno in giovenil etade. 

Da sie jung war, hatte sie noch keine Zeit gehabt, groBe Reich* 
tümer zu sammeln; sie gehörte nicht zu jenen verdienten Kurti- 
sanen, die der venezianische Senat in seinen öffentlichen Akten 
„le nostre benemerite meritrici'^ naxmte. Der Himmel hat ihr nach 
den Worten eines heiSen Bewunderers Reize sondergleichen ge- 
schenkt, goldblondes Haar, göttliche Augen, deren Glanz die Sonne 
überstrahlt, und H&nde von schneeiger Weiße. Tintoretto hat sie 
gemalt, doch ist ihr Porträt leider untergegangen. In Gambas 
„Alcuni ritratti di donne iUustri delle provincie veneziane'' besitzen 
wir zwar ihr BUdnis; da sie aber dort ein kostbares Diadem im 
Haar trägt und mit Schmuck und Goldbrokat überladen ist, gleicht 
sie eher einer steifen englischen Königin, als der liebenswürdigen 
Dichterin „Terrena Dea, alto e novo miracolo, luce impressa del 
raggio della divinitä, paradiso". Veronica hat längere Zeit ein Ver- 
hältnis mit einem sehr ernsten Prälaten gehabt, der als Kanzel- 
redner berühmt war; sie war so eifersüchtig, dafi, wenn ihr Geliebter 
fortfuhr und sie allein zurückblieb, „sola in solitario tetto^S sie aus 
Furcht, er könne ihr untreu werden, sich das Leben nehmen wollte. 
Später hatte Veronica zwei Kinder, deren Väter sich gewissenhaft 
in das Kirchenbuch eingetragen haben; zu ihren Verehrern ge- 
hörten auch V^lhelm, der Herzog von Mantua, tmd der Kardinal 
Luigi d'Este, Renatas Lieblingssohn. Dem Kardinal hat sie 
„Briefe^' gewidmet und in der Vorrede seine grofie Cortesia und seine 
überirdische Gentilezza gepriesen; sie hat vor ihm gekniet tmd die 
engelhafte Güte dieses Dieners des Himmels, der ein großer Welt«- 
mann war, angebetet* 



ALFONSO IL 



323 



Veronicas Haus war der Mittelpunkt des literariscben und 
künstlerischen Venedigs, der seinerieit berühmte Dichter Dontienico 
Veniero, Tintoretto, der ernste Sperone Speroni, Girolamo MuziOy 
selbst der alte Bemardo Tasso haben bei ihr yerkehrt. Man sprach 
über Philosophie und Poesie» und die Frau des Hauses hat die Abende 
durch Musik und Gesang verschönt. In einem Briefe bittet sie einen 
Freundy zu einem musikalischen Abend zu kommen „alle venti ore 
in occasione ch' io faccio musica'^ In einem anderen ladet sie 
einen Freund zu einem zwanglosen Frühstück ein, ,^e fuco et cere- 
moniis, more majorum'^ Jeder fremde Literat, der nach Venedig 
kam, hat sie besucht, selbst Montaigne, der sie „jantl fame vene- 
timne'^ nennt, war am 6. November 1580 zum Abendbrot bei ihr, 
imd die Qichtertn hat ihm ein Exemplar ihrer soeben erschienenen 
Briefe geschenkt. Am nächstfolgenden Tage hatte der arme Mon- 
taigne „une colique qui hii dura deux ou trois heures^' — ob ihm 
Veronicas Küche nicht behagt hat? Die Franco führte ein offenes 
Haus auf großem Fuße und muß die Eifersucht der übrigen Kur- 
tisanen erweckt haben, denn die eine hat üe vor dem Tribunal des 
Sant* Officio verklagt. Die Beschuldigung war furchtbar : als Vero- 
* nica eine Schere mit silbernem Griff und eine andere Kleinigkeit 
gestohlen worden war, habe sie den Teufel zu Hilfe gerufen und sich 
dabei eines geweihten Ringes und Weihwassers bedient; sie ginge 
nicht zur Messe und hätte mit schwcu'zen Künsten zwei durch- 
reisende Deutsche in sich verliebt gemacht. Aber Veronica hatte 
in geistlichen Kreisen einflußreiche Protektoren, und es gelang ihr, 
die törichten Vorwürfe zurückzuweisen. Allmählich begann sie 
ein vorbildliches Leben zu führen, schrieb fromme Sonette, und 
1580 begründete sie ein Asyl für Frauen, die gleich ihr das lockere 
Leben aufgeben wollten. In der Kirche „del Soccorso'S wo jene 
Magdalenen beteten, befand sich ein Bild von Carletta Caliari (heute 
in der Akademie in Venedig) , die Gründung dieses Asyls darstellend. 
Die eine der vier zu Maria betenden Frauen soll Veronica Franco 
sein. Unsere fromme Sünderin starb, fünfundvierzig Jahre alt, am 
Fieber. Zu ihren schönsten Erinnerungen gehörte der Besuch 
Heinrichs III.; jenes Augenblicks gedenkt sie im Brief, den sie 
„all invitissimo e cristianissimo Re Enrico IIP' gerichtet hat; sie 



324 ELFTES KAPITEL 

sei Stolz und glücklich, daS der König geruht habe, ihre bescheidene 
Wohnimg zu beehren. Sie schickt ihm zwei Sonette und verspricht 
ihm einen Gedichtband zu widmen, indem sie ihn feiert als den 
Helden. 

In armi, e in pace, a mille prove esperto. 

Veronica hat dem König ihr Bildnis, wahrscheinlich auf Email 
gemalt, zum Andenken gesdienkt, doch wissen wir nichts von der 
Gegengabe des Königs. 

Acht Tage war Heinrich in Venedig; es hiefi allgemein, er habe 
nicht eine Nacht in seinem Palast verbracht, obgleich er tagsüber 
durch Empfänge und Feste gerade gequält genug war; der D<^e 
und die Senatoren fürchteten für seine Ciesundheit. Als später die 
Nachricht kam, der König sei unterwegs in Cremona .erkrankt, 
ging der Doge zum Gesandten Du Ferner, damit er Catherina v<m 
Medici flehentlich bitte, ihren Sohn vom unmäßigen Leben zurück- 
zuhalten, namentlich von den „übermütigen körperlichen Obun- 
gen'^ und ihm empfehle mehr Fleisch zu essen. Man hatte in 
Venedig beobachtet, dafi der König sich nur von Gemüse, Obst 
\md Brot, das er ins Wasser tauchte, ernähre, also von Dingen, die 
dem Körper nicht Kraft genug zuführten. Der König kümmerte * 
sich durchaus nicht um den väterlichen Rat der venezianischen 
Signoria, sondern führte auch in Frankreich ein ausschweifendes 
Leben, das seinen schwachen Organismus zerstört hat. 

Bälle, Illuminationen, Feste, Regatten jagten einander wäh- 
rend Heinrichs Aufenthalt in Venedig, vielleicht hat ihm der Em- 
pfang bei Monsignor Giovanni Grimani, dem Patriarchen von 
Aquileja, mehr Freude gemacht als der große Ball im Dogenpalast. 
Der König wollte Grimanis kostbare Sammlimgen sehen, seine 
Bronze- imd Marmorplastik, seine Bilder und Miniaturen, tmter 
denen das berühmte Brevier sich befand, das die Biblioteca Mar- 
ciana heute besitzt. Der erfahrene Patriarch zweifelte nicht daran, 
Heinrich eine größere Freude durch einen Kreis schöner Vene- 
zianerinnen zu bereiten als durch seine „anticaglie'S infolgedessen 
lud er dreißig der schönsten vornehmsten Gentildonne Venedigs ein, 
die den König nicht durch ihre Reize allein, sondern auch durch 
ihre Toiletten blendeten. Anstatt die Sammlung zu 



ALFONSO II. 



32s 



begann man zu tanzen, ein Tanz der Frauen „alla gaglic^dä^' wurde 
arrangiert, den Heinrich noch nicht kannte und zu sehn wünschte. 
Die T&nzerinnen führten eine Art Ballett auf, die BSänner nahmen 
daran nur insofern Anteil, als sie einen Kreis um die Damen schlös- 
sen, den Takt schlugen und durch Zurufe und Scherz ihre Heiter- 
keit steigerten. Bs wurde auch der „ballo del cappello'^ getanzt, 
die Damen wählen dabei die Tänzer durch Überreichen ihrer Hüte. 
Der erwählte Jüngling legt sein Barett auf den Kopf der Tänzerin, 
indem er sie artig küßt, und sie gibt ihm mit einem KuB sein Eigen- 
tum zurück. Dieser Austausch der Hüte mit begleitendem KuB 
gefiel dem König sehr; eine sehr kühne Dame trat auch an ihn 
heran, indem sie ihm ihren Hut anbot. Da Heinrich in Trauer um 
Karl IX. war, konnte er der Aufforderung nicht nachkommen 
und stellte der schönen Tänzerin einen seiner Begleiter als Vertreter 
yor. Die Nachmittags-Unterhaltung bei Grimani dauerte bis zum 
Abend; der König ging zwar in den Palazzo Foscari zurück, aber 
nur tun durch ein Seitenpförtchen zu seinen Freundinnen zu ent- 
schlüpfen. 

Man muB dem König jedoch das Zugeständnb machen, daB er 
auch in Tizians Atelier war, wo er die „Allegorie des Sieges von 
Lepanto" für den König von Spanien sehen konnte. 

Unterdessen kamen Briefe, die Heinrich zu schleimigster Rück- 
kehr aufforderten; seine vernünftigeren Gefährten, besonders der 
Herzog von Savojren, Emanuele Filiberto, begannen um den König 
besorgt zu werden imd rieten zur Abreise. Am letzten Tage kaufte 
der König Geschenke für seine Freunde in Venedig. Für Kleinodien 
allein gab er zweiimddreifiigtausend Scudi aus, er blieb aber einen 
bedeutenden Teil dieser Summe schuldig und sollte sie später durch 
Vermittlung des französischen Gesandten bezahlen. Dem Dogen 
bot er einen Ring mit einem kostbaren Diamanten an, aber Mo- 
cenigo muBte dieses Kleinod dem Schatz der Republik verschreiben, 
da das Oberhaupt der Regierung Geschenke nicht annehmen durfte. 

Am 27. Juli fuhr Heinrich über den Po nach Ferrara, die Vene- 
zianer, besonders die Hausbesitzer am Canale Grande, waren ganz 
froh, daB die Feste ein Ende hatten, da infolge der konstanten 
Illuminationen das öl für die Lampen zu teuer war. Alfonso 



3a6 ELFTES KAPITEL 

schlug mit dem König den weiteren Weg über Capparo in seine 
Hauptstadt ein, damit, wie der Florentiner Gesandte boshaft 
bemerkte, das Herzogtum Ton Ferrara dem Gaste gröfier erscheine. 
Bei fürchterlicher Hitze zog am 29. Juli der König mit seinem 
ganzen Hofstaat in Ferrara ein bei Musikklängen, Glockengeläute 
und Freudenschüssen. Vor dem Stadttor übergab Comelio 
▼oglio dem König die Schlüssel, die dieser liebenswürdig 
Im Palast an der Treppe erwarteten den König die Prinzessinnen 
Lucrezia imd Leonora; Heinrich küßte ihnen die Hand nicht, was 
der Florentiner Gesandte mit boshafter Freude konstatierte. 
Alf onso hatte die königlichen Gemächer mit den schönsten Teppichen 
und Kunstwerken schmücken lassen, es gab eine groSe Theaterauf- 
führung und einen Ball, aber der Empfang war nicht ganz gelungen. 
Der König muBte infolge wichtiger Briefe aus Paris früher als be- 
absichtigt, verreisen, der Ball fand denn auch einen Tag eher statt, 
und mehrere Damen trugen weniger kostbareGewänder, da die Schnei- 
derinnen ihre Kunstwerke nicht vollenden konnten. Schlimmer 
war's, daS am zweiten Tage der Anwesenheit des Königs ein leichtes 
Erdbeben, das Ferrara damals häufiger heimsuchte, einen gewissen 
Schrecken unter den Gästen Terbreitete. Der König war sehr ab- 
gespannt und nahm daher den Wasser- und nicht den Land- 
weg nach Blantua. Er wurde dort mit außerordentlicher Pracht 
empfangen: es galt Ferrara zu fiberbieten. Für Alfonso als Zu- 
schauer war dies auch nicht gerade angenehm. 



III 

Tn Polen beschäftigte sich unterdessen Ascanio Giraldini mit 
XAlfonsos Angelegenheiten, aus Ferrara kam ihm noch Alessandro 
Baranzono zu Hilfe. 

Die Gesandten gewannen den Adel, besonders in der Gegend 
▼on Plock; sie zeigten Alfonsos Bildnis in Waffen, mit der Muskete 
in der Hand, damit die Polen Vertrauen zu dieser ansehnlichen 
Persönlichkeit gewännen, aber sie glaubten selbst nicht ganz an 
einen glücklichen Ausgang und wollten die Verantwortung mit einer 



ALFONSO II. 327 

einflußreichen ferraresiscfaen Persönlichkeit teilen, denn Geraldini 
bat, Alfonso möge ihm noch einen guten Redner schicken, „un 
huomo di gran portata.'' V^eder moBte Guarini nach Polen auf- 
brechen; er ging in den ersten Oktobertagen des Jahres 1575 über 
Saravalle und Ampezzo fort und hatte nicht wenig Schwierigkeiten 
zu überwinden. Guarini schildert seiner Frau einige Tage nach 
seiner Ankunft in Polen die Reise. Er beklagt sich, nicht imstande 
zu sein» die dofipelte Qual des KSrpers und der Seele zu ertragen. 
Unmittelbar nachdem er die Alpen überschritten, sei er am Fieber 
erkrankt, das ihn während seiner Reise bis an die Donau gequält 
habe. In VUen habe er seiner Krankheit wegen rasten müssen; 
da die Zeit drängte, hatte er die Rede, die er auf dem Wahlfelde 
halten sollte, nach Warschau geschickt, damit sie dort verlesen werde. • 
Nachdem er etwas zu Kräften gekommen, hat er. trotz seiner Krank- 
heit, seine Reise fortgesetzt und rechtfertigt sich seiner Frau gegen- 
über damit: die Bhre verlange, daB er, an der Spitze einer so wich- 
tigen Gesandtschaft stehend, die Pflichten gegen seinen Herrn höher 
schätze als seine Gesundheit. Unter den gröSten Mühen und Ge- 
fahren, jeden Augenblick eines Überfalls gewärtig, habe er seinen 
we it ere n Weg zurüdcgelegt. Krank, halb erfroren kam er in Warschau 
am 19. Dezember an, mehr tot als lebendig. Es war zu spät, die 
Gesandten der übrigen Kandidaten hatten ihre Sachen bereits er- 
ledigt, und der Adel war schon zur Abstimmung auf dem Wahl- 
feld geschritten. 

Der kranke Gesandte sollte endlich in Warschau etwas zur Ruhe 
kommen. Gesund hat ihn weniger die nördliche Landschaft ge- 
madit als die Nachricht, daB Alfonsos vielvermögender Minister 
Pigna gestorben sei. Guarini betrachtete ihn als seinen gröSten 
Feind am Hofe und schrieb es ihm zu, daB der Herzog ihn zum zweiten 
Mal mit dieser Gesandtschaft betraut hatte, „non giä legazione, 
ma relegazione di Pologna'S und ihn zur Reise gezwungen, die er 
kaum lebend überstanden infolge von Krankheit, Seuche, Unbe- 
quemlichkeiten, Mördern, Räubern und Qualen aller Art, die er 
hatte erdulden müssen. 

Die ferraresischen Gesandten hatten Stefan Batory's Wahl zum 
König von Polen in Warschau abgewartet, dann reisten sie ab. 



328 ELFTES KAPITEL 

während Guarini noch in Polen bUeb, in der Annahme, dafi Ba- 
tory die Wahl nicht annehmen würde. Da sich diese Hoffnung 
nicht erfüllte^ ging auch er nach Ferrara zurück und legte Alfonso 
einen längeren Bericht yor» der heute noch die interessanteste Quelle 
für die ferraresisch-polnischen Beziehungen ist. Die Höflinge in 
Ferrara schrieben Alf onsos mifilungene Bewerbung um die pol- 
nische Krone namentlich den beiden Gesandten zu» die zuerst nach 
Warschau gegangen waren. Von Giraldini hieB es, er sei als Jude in 
Siena geboren und als Esel in Ferrara getauft; von Guarini wurde 
angenommen, seine unausstehliche Pedanterie habe ihn in Polen 
unmöglich gemacht, und er sei keine genügend repräsentative Per- 
sönlichkeit, lun eine Vorstellung vom Glanz und der Würde der 
•Este zu geben. 

Alfonsos Bewerbungen um die polnische Krone entbehrten eines 
komischen Epiloges in Ferrara nicht. Ein Betrüger, ein Türke oder 
Armenier, wollte sich die Ambitionen des Herzogs nach fremden 
Thronen zu nutze machen. Er kam insgeheim nach Ferrara imd 
bot Alfonso im Namen der Bevölkerung des heiligen Landes das 
Königreich Jerusalem an. Für den Herzog, der mit Bojardos und 
Ariosts Gedichten aufgewachsen war, konnte es keinen passenderen 
Thron geben. Alfonso nahm die geheimnisvolle Persönlichkeit 
aufs beste auf, als er den Betrug erkannte, steckte er den Türken 
ins Gefängnis, doch gelang es jenem, aus der Haft zu entfliehen. 

Alfonso wurde, da auch die Ehe mit seiner dritten Frau kinder- 
los geblieben war, in seinem Alter verschlossen und gereizt. Da 
das Geschlecht der Este auszusterben drohte, überlieB er die Re- 
gierung den Ministem, die die Macht mißbrauchten und dem Volk 
immer größere Lasten auferlegten. Die schlechten Beamten wurden 
nicht abgesetzt, da der Herzc^ nicht zugestehen wollte, sich in der 
Wahl der Männer geirrt zu haben; die drei Fattori generali ver- 
fügten über alle Einkünfte, bereicherten sich imd zwangen die 
Bevölkerung zu immer größeren At^ben, die in ihre Taschen 
flössen. Statthalter kleiner Städte, die fünfundzwanzig Scudi mo- 
natlich bezogen, mußten jährlich dreitausend und mehr als Tribut 
entrichten. Um die Einkünfte machte sich der Herzog keine Sorge, 
da die Gelder reichlich in seine Kasse flössen; er bezog eine jähr- 



ALFONSO IL 



339 



Uche Rinimhme Ton Tiennalhundertfänfsigtausend Scudi; allein 
die Salinen und der Fischfang in Comacchio warfen fünf zigtausend ab. 
Alfonso trugi als er älter wurde» immer schwarz, war aber mit 
großer Schalt angesogen, seine Kragen und Manschetten waren 
so kunstroü gearbeitet, daB sich auch die eleganteste Frau ihrer 
nicht hätte zu schämen brauchen. Fast immer hatte er ein Samt- 
barett auf und trug den Degen an der Seite. Gegen seine Unter- 
tanen war er von ausgesuchter Höflidikeit; die Bittsteller verliefien 
die Audienz entzückt von der Liebenswürdigkeit des Herzogs; erst 
später, wenn sie nichts von dem erreichten, was sie erbeten hatten, 
pfl^lten sie ihre Ansicht zu ändern. 



IV 

Eine sehr interessante Persönlichkeit war Alfonsos jüngerer 
Bruder, der Kardinal Luigi d' Este. Er war gegen seinen Willen 
Geistlicher geworden, sah besonders gut aus, war stets in ein Laby- 
rinth von Liebesverhältnissen verwickelt und führte beständig 
irgend etwas g^^en seinen Bruder im Schild. 

Es war fast Grundsatz bei den damaligen Fürstenfamilien 
Italiens, daB ein Mitglied der Familie Kardinal würde, um auf 
diese Weise das Geschlecht politisch und materiell zu heben. Diese 
Tradition hatte sich namentlich bei den Gonzaga und Este ein- 
g^ebürgert, und da der Kardinal Ippolito (der jüngere), Ercoles IL 
Bruder, ein alter Mann war, als Luigi heranwuchs, bestimmte 
Brcole den Sohn zu Ippolitos Nachfolger und Erben der ungeheuren 
Einkünfte des Kardinals. Ippolito hatte durch die Protektion des 
Königs von Frankreich einen sehr groflen Einfluß im Heiligen 
Kollegium, dieser Einfluß sollte jetzt auf Luigi übergehen. 

Luigi hatte keine Lust zum geistlichen Stand, aber er wurde 
nicht gefragt, und Paul IIL, der Ercole IL und dem Kardinal Ippolito 
eu Willen sein wollte, ernannte den fünfzehnjährigen Knaben 
mm Bischof von Ferrara. Es war nicht der erste Fall in der Fa- 
milie der Este, daß ein halbwüchsiger Knabe ein hohes kirchliches 
Amt inne hatte; Ippolito d' Este (der ältere) war ja kaum acht 



330 ELFTBS KAPITEL 

Jahre alt gewesen» als er sunt Bischof Ton Gran ernannt worden 
war, und mit fünfzehn Jahren war er schon KardinaL Um den 
jungen Luigi, den Bischof von Perrara, für den geistlichen Stand vor- 
zubereiten, wurde ihm der franzMsche Jesuit Lepelletier zum Mentor 
gegeben, den Loyola selbst für diesen Zweck ausersehen hatte. Aber 
die Lehren des geschidcten Jesuiten nützten wenig. Luigi gefiel es 
in Ferrara nidit, er beschloß, dem Beispiel des Alteren Bruders 
zu folgen und aus Perrara zu fliehen. 

Das Studium fand er langweilig, dazu litt er unter dem Geiz des 
Vaters, der ihm nur eine ganz kleine Pension bewilligte, die der 
bischöflichen Würde nicht entsprach. Luigi wollte nicht nach 
Frankreich, sondern nach Spanien fliehen; der Bischof von Trient, 
der Kardinal lAadruzzi, hatte, als Anhänger des ftsterreichtSdien 
Kaiserhauses, ihn dazu beredet und Antonio BCaria di Collegna, 
Ercoles diplomatischer Agent, ihn mit Geld unterstützt. Der Her- 
ze^ entdeckte die Verschwörung rechtzeitig, er ließ den jungen 
Bischof für einige Tage einsperren und CoUegna in effigie hingen, 
da er seiner nicht habhaft werden konnte. 

Luigi gab seine Pluchtpl&ne nicht auf, kaum hatte sich der Vater 
beruhigt, so beschloß er mit WHssen und Hilfe der Mütter nach 
Paris zu fliehen. Er lieh Geld beim Juden Jsaak, versetzte seinen 
gesamten Besitz tmd stahl sich 1558 in aller Stille mit einem 
Diener aus der Stadt, um seinen &ruder einzuholen, der tags zuvor 
mit Erlaubnis des Vaters nach Prankreidi aufgebrochen war. Falls 
der König von Frankreich ihm kein Asyl geben wollte, war Luigi 
sogar bereit, in die Türkd zu fliehen, nur um dem langweiligen 
Perrara zu entgehen. Aber der König, von Renata brieflich unter* 
richtet, nahm Luigi freundlich auf, imd der junge Bischof benützte 
die Gelegenheit, um ein lustiges Leben zu führen und Geld zu borgen, 
wo er konnte. 

Unterdessen starb der alte Eroole, Alf onso ging eilig nach Perrara 
zurück, um die Regierung zu übernehmen, Luigi dagegen gefiel 
es am lockeren französischen Hof so gut, daß er durchaus nicht an 
Ferrara dachte. Veigebens forderte ihn der Bruder in sehr scharfen 
Briefen auf, der Pflichten eingedenk zu sein, die er gegenüber Kirche 
und Familie habe, vergebens berichtete er von der Bereitwilligkeit 



ALFONSO IL 331 

des Papstes, ihm die Kardinalswüide zu übertragen, vergebens 
zürnte der alte Kardinal dem unfolgsamen Neffen — Luigi wollte 
weder vom Bistum noch von der Kardinalswürde etwas hören 
und gab vor, soviel Schulden zu haben, daB er nicht imstande sei, 
das Amt, das ihm der Papst übertragen wolle, entsprechend aus- 
zufüllen. Der eigentliche Grund von Luigis Weigerung war, daB 
er am Hofe der Königin sein Herz an eine Italienerin, Lina, die 
Tochter Galeottqs Pico della Mirandola, verloren und sie zu heiraten 
versprochen hatte. Dieser Roman mißfiel Luigis französischer 
Familie gründlich, da Livia ein unvermögendes Mädchen aus ein« 
fachem Hause war, mid durchaus keine standesgemäße Gattin für 
einen Este. Um ihn von Livia freizumachen, wurde ihm der Ge- 
danke an eine andere Heirat nah^elegt, die dem Ansehen seiner 
Familie entsprach. Unterhandlungen wurden angeknüpft zwischen 
ihm und Maria de Bourbon, der Gräfin von Saint-Paul, der jungen 
Witwe Jeans d* Enghien, die ein Einkommen von 40 000 Scudi 
jährlich hatte. Renata hat dieses Eheprojekt sehr unterstützt, da 
sie nicht wünschte, daß ihr Sohn der römischen Kirche angehöre. 
Dieser Plan hat Alfonso und den Oheim Kardinal nicht wenig 
erschreckt; sie wünschten im Interesse der estensischen Dynastie, 
daß Luigi eine bedeutende Stelle in der römischen Kurie einnehme, 
nicht aber in Frankreich mit einem Jahreseinkommen von vierzig- 
tausend Scudi lebe. Alfonso schicicte einen ihm ergebenen Hof- 
mann nach Paris, damit er Luigi von diesen Plänen abbringe. Auch 
wurde ihm die Bezahlung seiner Schulden in Aussicht gestellt, 
wenn er nach Italien zurückzukommen bereit sei. So lief in Al- 
fonsos Sinn alles günstig ab, da die Gräfin de Saint-Paul keine Lust 
hatte, sich mit dem leichtsinnigen Luigi einzulassen und einige 
Monate später den Herzog de Nemours geheiratet hat. Empört über 
dies Vorgehen der Gräfin, war Luigi nach ihrer Trauung eher bereit 
nachzugeben, tun so mehr als der französbche Hof, dem es sehr 
darum zu tun war, seinen Parteigänger im Heiligen Kollegium zu 
haben, auch den jungen Prinzen drängte, die Kardinalswürde anzu- 
nehmen. Der verliebte Bischof kapitulierte und wurde einige Mo- 
nate später, am 26. Februar 1561, zum Kardinal ernannt Er war 
damab dreiundzwanzig Jahre alt, aber es ist ihm während seines 



332 



ELFTES KAPITEL 



ganzen Lebens nicht gelungen, sich mit seinem Stand zu Tersöhnen. 
Er hat es Alfonso nicht verziehen, ihn gewissermafien zum geist- 
lichen Stand gezwungen zu haben, und den Ohktl Ippolito stets 
aus diesem Grunde gehaBt. Auch den Päpsten, Pius IV«, der ihn 
zum Kardinal ernannt, und Sixtus V., dem er viel zu danken hatte,^ 
hat er die unerbetene Protektion im stillen nicht verziehen und 
bei jeder Gelegenheit seine Unabhängigkeit und seine Mißstimmung 
Rom gegenüber bekundet. So wollte er, als es 1563 zu emer 
Schlägerei zwischen den päpstlichen Sbirren und den Knechten des 
Kardinals kam, die einen Gastwirt erschlagen hatten, unter keinen 
Umständen die Schuldigen herausgeben; der Papst mußte den Fall 
dem Kardinalskollegium unterbreiten und den halsstarrigen Este 
mit Hausarrest bestrafen. Erst infolge der Vermittlung des Herzogs 
von Ferrara und des Kardinals Borromeo, dem der stürmisdie 
Kollege sympathisch war, hat ihn der Papst aus dem unfreiwilligen 
Aufenthalt im Palazzo auf dem Monte Giordano befreit. 

Einige Jahre später unter Gregor XIH., dem Freunde der 
Este, hatte Luigi wieder einen Zwist mit dem Vatikan wegen seiner 
zuchtlosen Dienerschaft; der empörte Papst befahl ihm, Rom sofort 
SU verlassen, da sonst eine Haft in Tivoli seiner warte. Es war aber 
nicht so leicht, gegen den Kardinal, der den König von Frankreich 
hinter sich hatte, vorzugehen; Luigi verließ Rom zwar für einige 
Zeit, aber Heinrich HI. nahm sich seiner so warm an, daß der 
Papst seinen Befehl zurückziehen mußte; und der Kardinal, der 
infolge seiner Verschwendung beim Volk beliebt war, kam wie ein 
Triumphator, von jubelnden Zurufen begrüßt, nach Rom zurück. 

Während die Familie eine Ehe Luigis in seiner Pariser Zeit 
unter allen Umständen hatte verhindern wollen, suchte Alfonso 
um 1581, als der Kardinal vierundvierzig Jahre alt war und eine 
so hohe kirchliche Würde hatte, ihn zu bewegen, zu heiraten. Da 
der Herzog kinderlos war, hoffte er auf diese Weise den Este den 
Thron von Ferrara zu erhalten. Zur Braut hatte er Luigi eine 
Tochter von Ekonora d' Este bestimmt, und von diesem Plan war 
sogar in Rom die Rede. Aber jetzt hatte der Kardinal keine Lust, 
sein Leben nochmals aufs neue zu beginnen. Er schrieb, er sei zu 
krank und leidend, um eheliche Pflichten einzugehen; da er außer- 



ALFONSO II. 



333 



dem bereits „ia sacris^' sei, würde er yom Papst nur mit Mühe den 
zur Heirat notwendigen Dispens erhalten. Diese Gründe scheinen 
nichts als eine Ausrede gewesen zu sein. Luigi hätte gern sein 
Glück ab Ehemann ¥ersucht, wenn er nicht den Verlust der unge- 
heuren Einkünfte befürchtet hätte, die mit der geistlichen Würde 
verbunden waren. Sein Einkommen betrug damals z2o ooo Scudi; 
wenn er seine kirchlichen Amter aufgegeben hätte, so wären ihm 
höchstens zweiundzwanzig bis dreiundzwanzigtausend Scudi jähr- 
lich verblieben. Der Kardinal gab dem Bruder zu verstehen, daB 
er eventuell bereit wäre, auf den Kardinalspurpur zu verzichten 
und die vorgeschlagene Ehe einzugehen, wenn er ihm einen Teil 
seiner Einkünfte zusichern würde. Der Herzog hatte aber keine 
Lust, ihm eine so ungeheure Pension auszusetzen, außerdem war 
Siztus V. gegen diesen Plan, der seiner Ansicht nach zuviel Ärger- 
nis gegeben hätte. 

So blieb Luigi Kardinal und galt als der „glänzendste", da er auf 
sehr großem Fuß lebte, das Haus stets voller Gäste hatte, auf Reisen 
das Geld ztun Fenster hinauswarf und Unsummen im Kartenspiel 
luid in Geschenken für gekrönte Häupter verschwendete, um sich 
deren Gunst zu sichern. Schöne tmd bekannte Frauen in Rom, 
Ferrara und Frankreich überschüttete er mit Kostbarkeiten, unter« 
stützte Dichter, schmückte seinen Palast Diamanti in Ferrara und 
vollendete den Bau der großartigen Villa der Este in Tivoli. 

Während seines römischen Aufenthaltes 1577 und 1578 hatte 
er einen Hofstaat von dreihundertneunundvierzig Höflingen und 
Dienern und erwarb zwei Drittel des Palazzo Orsini in Montegior- 
dano. Die ungeheuren Einkünfte, die ihm so mancher gekrönte 
Fürst neiden konnte, genügten nicht für alle Passionen des ver- 
schwenderischen Prälaten; in seinen letzten Lebensjahren wußte 
er sich vor seinen Gläubigem nicht zu retten, die ihm mit der Be- 
schlagnahme seiner Güter drohten, und seine Jugendgewohnheit: 
Kleinodien bei jüdischen Bankiers zu versetzen, hat er bis in 
sein spätes Alter behalten« 

Durch sein unmäßiges Leben hat er seine Gesundheit früh unter- 
graben und da er die Ratschläge der Arzte oder seiner Freunde nicht 
befolgen wollte, starb er im Januar 1586. Die Schmeichler der Este 



334 ELFTES KAPITEL 

w&hnten, ganz Europa würde ihn betrauern; Sebastian Ardesi gab 
in Padua eine Sammlung von KUgeliedem unter dem Titel heraus 
,,Vari lamenti d' Europa nella morte di Luigi d' Este''* Sein Ver- 
mögen oder richtiger seine Schulden im Betrage von 200 000 Scudi 
▼ermachte der Kardinal Cesare d' Este, der die Erbschaft nur um 
der Ehre der Familie willen annahm; nachdem er eine Unmenge 
▼on Schulden bezahlt und zahllose Prozes^se geführt hatte, hat er 
kaum einige Trümmer aus dieser Kardinalsherrlichkeit gerettet. 

Im Nachlaß befand sich eine große Anzahl schöner Masken, die 
auch im Nachlaß der beiden Alteren estensischen Kardinäle nicht 
gefehlt haben, da sie den Kameyal leidenschaftlich liebten. Einer 
der Zeitgenossen hat den Kardinal Luigi „Ghiotto di maschere'^ 
genannt und berichtet, daß der Kirchenfürst und Don Francesco 
d' Este sich 1565 als Facchini verkleidet während des Karnevals 
in den Straßen herumgetrieben hätten. Dagegen gab es in seinem 
Palast kaum ein Buch, da er sich weder mit Literatur noch mit irgend 
einer Wissenschaft beschäftigt hat. Wenn er Literaten an seinem 
Hof versammelt und eine Zeit hindurch beiden Tasso, Vater und 
Sohn, Unterhalt gegeben hat, so geschah es nur, um den Glanz 
seines Hauses zu mehren. Von Tassos Verhältnis zimi Kardinal 
wird noch die Rede sein. 

Doch soll nicht verschwiegen werden, daß zwei estensische Kardi'> 
näle, Ippolito IL, Alfonsos und Lucrezias Sohn, und Luigi die wunder- 
volle Villa d' Este in Tivoli bei Rom erbaut haben, den Typus des 
ländlichen Barockpalastes, ein „luogo di delizie", wie die Renaissance- 
menschen bezeichnenderweise Wohnsitze dieser Art nannten. 

Ippolito II. war 1550 zum „govematore di Tivoli** ernannt 
worden und begann sofort den Bau der großartigen \nila, indem 
er Felsen sprengen ließ und Aquädukte l^en, um durch Wasser- 
fälle und Teiche das Terrain zu beleben. Der Baumeister, Piera 
Ligorio, entwarf die Pläne zu diesem in großem lAaßstab erdachten 
Werk, das 1569, also neunzehn Jahre nachdem die Arbeit in ihren 
Hauptzügen festgelegt war, fertig war. Ippolito starb 1572; nach 
seinem Tode hat Luigi an der weiteren Ausschmückung der Villa 
und der Gärten gearbeitet, aber auch bei ihm reichten weder Zeit 
noch Mittel, um Ligorios Pläne ganz durchzuführen. Die Fassade 



ALFONSO II. 335 

der Villa ist niemals vollendet worden, und deshalb erscheinen die 
Dimensionen der Prontmauem unverhlltnismäBig ausgedehnt, 
▼erglichen mit dem breiten Mittelrisalit Die Villa hat mannigfache 
Schicksale erlebt, sie war im Besitz der Herzöge von Modena, des 
Kardinals Hohenlohe und. des Erzherzogs Franz Per<finand d'Este. 
Der Kardinal Ippolito hat, ehe er mit dem Bau des Palastes in 
Tivoli begann, die Gärten anlegen lassen, die an die Villa d' Este in 
Rom, den heutigen Quirinal, grenzten. Er residierte dort und gab 
Beweise eines ungewöhnlich ausgeprägten ästhetischen Geschmackes. 
In Tivoli wollte er alle berühmten Villen Italiens überholen, er wollte 
seinen Wohnsitz prächtiger gestalten als die Villa Lanti in Bagnaja 
bei Viterbo oder den Palazetto Pamese in Caprarola und soll unge- 
fähr eine Million Scudi verbaut haben. 

Auch für die Gartenanlage hat Luigi ungeheure Summen ver- 
ausgabt; einige Jahre nach Ippolitos Tod hat er für die Arbeiten in 
Tivoli türkische Sklaven für 3492 Scudi gekauft, der Preis für den 
einzelnen betrug 36 Scudi ; das „luogo di deHzie*' hat nicht wenig zum 
Ruin seiner Finanzen beigetragen. Namentlich war es ihm um eine 
harmonische Vielgestaltigkeit von Bäumen und Sträuchem zu tun, 
und in der Tat verbinden sich in wundervoller Art die dunklen Töne 
der Zypressen und südlichen Eichen mit dem leuchtenden Blatt- 
werk des Lorbeers, dem ruhigen Grün der Pinien und den archi- 
tektonisch-strengen Buchsbaumwlnden. Der Park in Tivoli ist 
der Idealgarien, in dem die antike gärtnerische Tradition sich 
mit Renaissancemotiven zur Einheit verschmolzen hat. Durch 
die Vereinigung von Architektur, Plastik und Garten- 
kunst wurde ein überaus künstlerischer Naturaus- 
geschaffen; seine Komponenten sind 
das tiefe Grün der Bäume, Marmor und 
Wasserfälle, das Ganze zusammen- 
gefaßt in die strengen Formen der 
Renaissance, aber lebendig und 
überrasdiend durch das^el- 
fältige und Wechsebide 
seiner Bilder« 



ZWÖLFTES KAPITEL 

TORQUATO TASSO 



il asso, der groBe IMchter, der mit d«n SchwSchen seiner 
I Zeit belastet ist und am meisten für die Sünden der Re- 
I nalssance gelitten hat,ist zugleichsuch derkranklichst« 
I Vertreter des beginnenden geistigen Druckes. Ein 

I schwacher Charakter und schwächlicher Hensdi, eine 

II Gestalt, die unser Mitleid erregt, aber unsoe Sym- 
pathie nicht 2U erringen vermag. Der sch&dUche EinfluB des 
höfischen Wesens, der Cortigianeria, tritt bei keinem der be- 
rühmten Zeitgenossen so scharf wie bei Tasso zu Tage; keiner war 
so widerstandslos gegen die neue, jedes persdnliche Wollen ver- 
nichtende Strömung wie er. Er vermochte die Widersprüche, die 
ihn verzehrten, nicht zu losen; der Reaktion hat er den Flug seiner 
Seele und die Freiheit seines Geistes geopfert, aber der Körper war 
diesem Gewaltakt nicht gewachsen, der arme Dichter verfiel in 
geistige Umnachtung, in jene „fiera malinconia", wie er selbst sie 
genannt hat. 

Torquato gehört einer bekannten Familie an, die in Almeno, 
im Bergamaskischen zu Hause ist; Mitglieder dieser Familie sind 
im XV. Jahrhundert nach Deutschland, Flandern und Spanien aus- 
gewandert und haben das michtige Geschlecht der Fürsten Taxis 
begründet. Torquatos Vater, Bernardo, arm, aber auf seine vor- 
nehme Herkunft pochend, war in jungen Jahren Sekretär beim 
Grafen Guido Rangoni, aus Modena, dem General der römischen 
Kurie; er hat die diplomatische Laufbahn eingeschlagen imd Re- 
nata di Francia und dem Herzog von Salemo, Ferrante San- 



TORQUATO TASSO 

BILDNIS VON At-ESSANDRO ALLORI. FLORENZ, UFFIZIEN 



TORQUATO TASSO 337 

severino, einem der grdBten neapolitanischen Magnaten, gedient. 
Bemardos Beschftftigung hinderte ihn, sich an einem Ort anzu* 
siedeln, er muBte seinem Herrn in der Suite des Kaisers nach Tunis, 
Spanien, Prankreich und Flandern folgen; er heiratete daher erst 
in späteren Jahren, 1539, Porda, die Tochter Giacomo de Rossfai 
aus Pistoja« Sie brachte ihm eine ganz bedeutende Mitgift mit, 
fünftausend Scudi, mid er kaufte dafür Land in Sorrent, da er 
glaubte, sich dort ruhig niederlassen zu können. Porcia war trotz 
ihrer Schönheit eine stille, häusliche Frau; Bernardo lebte mit ihr 
in einer glücklichen Ehe, doch war das Glüdc nicht von Dauer, da 
ihn seine dienstlichen Pflichten aus dem Hause trieben. Um jene 
Zeit, am XX. März X544, wurde Torquato geboren, in Sorrent; die 
Villa Pignatelli Strongoli steht heute auf jener Stelle, wo einst sein 
Geburtshaus stand. 

Bernardo hat in seiner Jugend lyrische Gedichte gemacht; in 
Sorrent schrieb er ein größeres Rittergedicht „Amadigi'' voll von quä- 
lendem Pathos und törichten Übertreibungen; den Inhalt hat er 
dem französischen Roman „Amadis de Gaule" entlehnt. Doch 
konnte er sein Epos nicht in Ruhe beenden, da er Neapel schleunigst 
▼erlassen mußte. Der Herzog Ton Sakrno war, als Anhänger yon 
Franz L, beim Kaiser in Ungnade gefallen, der Vizekönig von 
Nei4>el, Don Pedro di Toledo, nannte ihn einen Verräter und nahm 
ihm die ihm übertragenen Lehnsgüter; da Bernardo in der Polidk 
des Herzogs eine bedeutende Rolle gespielt hatte, wurde auch sein 
Vermögen konfisziert, und der arme Diplomat und Dichter sah sich 
plötzlich verbannt, fast in Not, bis ihm 1554 gestattet wurde, sich in 
Rom niederzulassen. 

Porda Tasso yerbUeb in Neapel, ihre Brüder und ihre Mutter 
nahmen in der richtigen Voraussetzung, daß die verlassene Frau 
beim IHzekönig weder Schutz noch Recht finden würde, ihr Stück- 
dien Land in Sorrent fort, so daß Porda gezwungen war, den 
siebenjährigen Knaben in die frisch begründete Jesuitensdiule in 
Neapel zu tun und selbst mit ihrer Tochter Cornelia ein Kloster 
aufzusuchen. Bernardo blieb in Rom, um den Vizekönig zu veran* 
lassen, ihm sein eingezogenes Vermögen herauszugeben; er nahm 
den zehnjährigen Torquato zu sidi, tun Ihn in Rom zu erziehen. 

as 



338 ZWÖLFTBS KAPITEL 

Aber von der Wiedergabe des Vermögens war g«r nkht die Rede, 
Bemardo muSte soger aus Rom flttchteni da es sum Krieg swisdien 
Spanien imd Paul IV. kam» der Viiekönig von Neapel in den Kirchen- 
staat einrückte und Tasso fOrchtete in die HInde seiner Feinde 
zu fallen. 

Zum ÜbermaB des Unglücks stirb Porda in Neapel; die schütz- 
losen kleinen Kinder waren sich selbst überlassen, bis sidi Gio- 
▼anna von Aragon ihrer erbarmte und sie ins Kloster San-Festo 
brachte. Tasso selbst fand eine ZufhichtsstAtte beim Herzog Guido* 
baldo von Urbino, den Sohn schickte er zu seiner Familie nach 
Bergamo zurück, später lieB Ouidobaldo ihn an seinen Hof kommen, 
als Spiel- und Lemgef&hrten für den achtjUirigen Francesco ISaria, 
den späteren Herzog. Als Torquato im Mai 1557 nach UrUno kam, 
war er dreizehn Jahre alt; die dort verlebten Jahre waren wohl die 
glücklichsten seines Lebens* Der Hof von Urbino, an dem Gelehrte 
und Künstler lebten, die schöne Lage der Stadt — all das wirkte auf 
die Phsjitasie des Jünglings. Im Soouner lebte der Hof in Pesaro 
oder in der Villa Imperiale, dem nahe gelegenen SchloB; weit dehnt 
sich der Blick von dort über Pesaro, Fano, SinigagHa, Ancona bis 
nach Loreto, im Westen tauchen die Hügel der Romagna auL Die 
Weite dieses Blickes und die Schönheit des Schlosses machten auf 
Torquatos jugendliche Phantasie einen solchen Eindrudc, daS er 
die Villa Imperiale als Schauplatz für seine erste größere Dichtung 
»»Rinaldo" wählte und sie zum „Palazzo della Cortesia" umgestaltete. 
Torquato lernte in Urbino zum erstenmal höfisches Leben kennen, 
hier eignete er sich die Cortesia uad Creanza an, die keinem Hof«» 
mann fehlen durften, und übte sich selbst in der Musik, da der Herzog 
eine Hofkapelle hatte» die ihn sehr beschäftigte. In Urbino schrieb 
Torquato auch seine ersten Ijrrischen Gedichte. 

Unterdessen war Bemardos Roman „Amadigi'' fertig, und im 
Frühling 1559 ging er nach Venedig, um ihn dort drucken zu lassen. 
Die „Dedikation" eines Buches war damals eine sehr wichtige 
Frage, eine Frage der Karriere. Ursprünglich wollte Bemardo sein 
Gedidit Philipp H. von Spanien widmen, da ihm aber von den 
Spaniern soviel Unrecht geschehen War, beschloB er, das Buch dem 
von Frankreich, auf den er Hoffnungen setzte, anzubieten. 



TORQUATO TAS80 339 

Als er sah, daB er auch von den Franzosen nichts zu erwarten habe» 
hielt er sich wieder an Philii>p IL, in der Hoffnung, den 
veranlassen su können, ihm seinen Besitz zurückzuerstatten. 
Schmeichelei war jedoch erfolglos. 

Mit dem Vater ging auch Torquato nach Venedig, er lebte dort 
in einem lEreis berühmter Literaten und Dichter. Den geistigen 
Mittelpunkt bildete die „Accademia Veneziana'S auch „della Fama*' 
benannt; ihr gehörten Veniero, Gradenigo, Girolamo Ruscelli, 
Patrido und Aldo Manuzio an, in dessen Verlag die Werke der Aka- 
demiker erschienen. Aldo war damals ein hochbetagter Mann, dem 
Verlag stand sein Sohn Paolo vor, der Gedichte machte und mit 
Torquato befreundet war. In diesem literarischen Kreise begann 
Tasso, trotz setner Jugend, an ein großes Epos zu denken. AUe 
Dichter hatten damals mehr oder weniger ein Ziel vor Augen: die 
Regeln von Aristoteles' Poetik mit dem Geist der Zeit zu vereinigen. 
Ariost schien ihnen bereits veraltet, Trissino entsprach zu wenig 
den Vorschriften der Poetik, die besonders der Ptofessor Sigonia 
in Padua vortrug. Er war der Liebling der Jugend und wollte „zu 
eigenem Ruhm und zum Neid der übrigen Gelehrten'' eine neue 
Einheit zwischen der antiken Philosophie und dem neuen Roman 
begründen. Tasso wählte, von dieser Vorstellung erfüllt, Rinaldo, 
Karls des Großen Paladin, zu seinem Helden und schrieb im Lauf 
von zehn Monaten ein Gedicht, das ein deutlicher Beweis der 
aufierordentlichen Begabung des jungen Künstlers ist. Abenteuer, 
die mehr oder weniger der alten Ritterpoesie entlehnt sind, wurden 
vom Dichter in erschreckender Monotonie aneinander gereiht; 
dennoch verrät sidi auch hier schon im Naturgefühl die Begabung 
des Künstlers fürs Idyll, die später in seinem Schäferdrama „Aminto'' 
zur Blüte gelangte. 

Die literarischen Anfänge des Sohnes haben dem Vater gründ- 
lich miBfallen; er hatte Grund genug, eine auf die Gunst des Hofes 
gestellte Existenz zu fürchten und wollte dem jungen Torquato ein 
von der Laune der Mächtigen unabhängiges Leben sichern. Zu 
diesem Zwedce schickte er ihn anderthalb Jahre nach seiner An- 
kunft in Venedig, im November 1560, auf die Universität nach 
Padua, damit er dort Rechtswissenschaften studiere. Aber Torquato 



340 ZWÖLFTBS KAPITEL 

interessierten Gtiido P^uidroUs trockne Vorträge nicht, viel tteber 
las er die alten Ritterromane auf der Bibliothek, auch war er ein 
häufiger Gast des alten Literaten Sperone Speroni, bei dem man 
sich zu wissenschaftlichen Disputationen traf. Tasso verkehrte 
auch viel bei Giovanni Vincenxo Pinelli, einem vermögenden 
Genueser Patrizier, der in Padua lebte, seltene Bücher und 
Antiquitäten sammelte und ein offenes Haus für Dichter und 
Gelehrte hatte. 

Bemardo, dem es pekuniär sehr schlecht ging, fehlten die 
Mittel, um seinen Sohn in Padua zu erhalten ; es gelang ihm jedoch, 
den jungen Annibale di Capua zu veranlassen, Torquato unter 
seinen Schutz zu nehmen. Der Protektor, der gleichfalls in Padua 
studierte, gehörte einem vornehmen nei^litanischen Geschlecht 
an. Die vornehme Jugend hatte schon auf der Universität ihren 
Hofstaat, der aus den ärmeren Kollegen bestand; sie wurden unter- 
stützt und auf diese Weise die späteren Klienten herangezüchtet. 
Der arme Torquato trat somit schon mit achtzehn Jahren seinen 
Hofdienst an; er begann es früh zu lernen zu schmeicheln und 
sich in die Launen der Groflen zu schicken. Annibale di Capua 
war später als Erzbischof von Neapel bekannt und wurde, ver- 
mutlich infolge seiner Beziehungen zu den polnischen Bdelleuten 
auf der Universität in Padua, päpstlicher Gesandter in Polen. 
Torquato konnte sich nicht an den Gedanken gewöhnen. Rechts- 
gelehrter zu werden; nach einem Jahre gestattete ihm der Vater, 
sich auf der philosophischen Fakultät zu inskribieren und die 
Vorträge von Francesco Piccolomini aus Siena, Marc Antonio 
Passery und Sigonio zu besuchen, ja er liefi ihn sogar seinen „Ri- 
naldo'' veröffentlichen. 

Damit dieses Jugendwerk dem Verfasser die Gunst tmd Unter- 
stützung eines mächtigen Magnaten einbringe, empfahl er ihm, 
den „Rinaldo'* dem Kardinal Luigi d* Este zu widmen, der schon 
damals für seine Freigebigkeit bekannt war. Der Kardinal nahm 
die Dedikation an, und Torquato fügte seinem Gedicht jene Stanzen 
hinzu, in denen er seinem künftigen Protektor eine dreifache Krone 
verspricht, den Ruhm, die Ketzer auszurotten imd einen neuen 
Kreuzzug zu predigen. 



TORQUATO TASSO 34X 

Ma quandOi il crin di tre corone dntOi 
V* aTrem V empia Eresla dotnar giA vistoi 
E Spinger pria, da santo amor sospinto 
Contra r ^tto 1 Principi di Cristo; 
Onde il fiero Ottomano oppresso e Tinte 
Vi ceda a forza U suo mal fatto acqutsto; 
Cangiar la lira in tromba e in maggior carme 
Dir tenterö le vostre impreae e ranne* 

(Rinaldo I, S.) 

Wie wenig Tassos Schmeicheleien der Wirklichkeit entsprachen, 
haben wir bereits gesehen. 

Auch Annibale di Capua, seinem Kollegen und Protektor auf 
der Universität zu Padua, hat Torquato seinen Dank im ,,Rinaldo'' 
entrichtet und ihm und dem Grafen Stanislas Tamowski die schdne 
Ottave gewidmet: 

De* duo quindi lontan, giovani in vista, 
La Sacra mitra ha Tun, Taltro la spada; 
Un, Annibal di Capua, onde di trista 
Convien che lieta Roma un tempo vada; 
L'altro, che la fortezza al senno mista 
Avendo al Qel si fari larga strada, 
E'Stanislavo, di Tarnovio Conte 
Che Star potri co' piü famosi a fronte. 

(Rinaldo VIII, 10.) 

Tasso hat diese beiden Kollegen wohl deshalb in einer Ottave 
Terherrlicht, weil Tamowski als Annibales Freund galt; ihre Freund- 
schaft hat sich später in Polen bewährt 

Während Tassos Universitätszeit in Padua stieg die Zahl der 
fremden Studenten, besonders der Polen und Deutschen, mit jedem 
Jahr. Die venezianische Republik hat nach dem Krieg mit der Liga 
von Cambrai die Universität in Padua neugestaltet und sich bemüht, 
die berflhmtesten Lehrer zu gewinnen. Von 1562 an kamen immer 
mehr fremde Studenten. Während ihre Gesamtzahl 1561 nur 
138 betrug, gab es 1563 schon 470 Hörer, X563 54z und 1565 
sogar Tao/ 



34« 



ZWÖLFTES KAPITEL 



,,Rinaldo^^ erschien im Sommer des Jahres 1562 in Venedig und 
hat den jungen Verfasser in gans Italien berühmt gemacht. Eine 
Auflage folgte der anderen, imd erst die so viel gelesene ,,Gerusa- 
lemme" hat dazu beigetragen, daB Tassos Erstlingswerk in Ver- 
gessenheit geraten ist* 

Während Tasso am Rinaldo schrieb, begann er über eine groBe 
religiöse Dichtung nachzudenken, die der damaligen Geistesrichtung 
entsprochen h&tte. Die Welt hatte sich ge&ndert, die Zeit des Froh- 
sinns in der Renaissance war unwiederbringlich dahin, das Tridentiner 
Konzil hatte der Christenheit eiserne Fesseln angelegt, und über 
fünfzig neue Orden, an ihrer Spitze die Gesellschaft Jesu, wachten 
darüber, dafi der menschliche Gedanke nicht die Grenz^i über- 
schreite, die ihm in Trient gezogen worden waren. Die ganze 
Christenheit ward neu organisiert, die Fahne, auf die die Renais- 
sance mit Feuerlettern die Befreiung des Individuums aus den 
Fesseln der scholastischen Tradition geschrieben hatte, ward zer- 
rissen; an Stelle kleiner Tjrrannenstaaten, die von kühnen und ge- 
schickten Condottieren begründet worden waren, erstanden groBe 
Reiche; nicht mehr die persönliche Tapferkeit des eisengepanzerten 
Ritters, sondern die Stärke der Geschütze war im Kampf entscheidend. 
Die Liebe für das eigne Land und das Verständnis für seine Sonder- 
art ward in Italien durch Karls V. Macht vernichtet, und in den 
jungen Geistern entstand tmter dem Einflufi von Trient das Ideal 
eines einheitlichen mächtigen römischen Katholizismus. Ritter- 
poesie im Sinne eines Bojardo oder Ariost war nicht mehr am Platze ; 
der kämpfenden, siegenden Kirche unterstand jede geistige Regung. 
Die Dichter mufiten mit der Inquisition rechnen, wenn sie nicht ins 
Gefängnis geworfen oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden 
wollten. Religiöse Dichtungen wurden icuner häufiger; Tansillo 
verfaßte eine „Cristiade*^ und „Lagrime di San Pietro'S Armido 
Agnifilo die „Casa di Ludfero'S Benedetto dell' Uva „Le Vergini''. 
Die Phantasie der jungen Dichter ward durch die Angst vor den 
Ungläubigen gestachelt, die Türken bedrohten die venezianischen 
Besitzungen, Ungarn und Polen, und Süditalien war infolge der 
Einfälle der nordafrikanischen Völker in beständiger Gefahr. Wieder 
tauchte der Gedanke der Kreuzzüge auf; der alte Wunach, das 



TORQUATO TASSO 343 

HeiUge Grab zu tiefrdan, ward lebendig, die ritterlichen Kämpfe 
Karls des GroSen iind Rolands kühne Talen wirkten befruchtend 
auf die dichterische Phantasie: Michele Bonsignoris „Uberasione 
di Terra Santa'' und ,,Gen2sakinme'S Bargis „Siriada'' und Brac- 
doHnis ,,Croce racqoista'' sind deutliche Zeichen der neuen Ge- 
sinnung. 

Tasso sogen seine Kindheitserinnerungen in diesen Kreis; als 
Knabe hatte er in Sorrent im Benediktinerkloster La Cava de*Tlr- 
reni mit dem phantastischen BHck auf Val Meteliana gelebt, tmd 
die Mdnche hatten ihm von den Kreuzzügen und dem Papst Urban IL 
erz&hlt, der die Kutte genommen und in ihrem Kloster gestorben 
war« Bin trauriges Ereignis in seiner eignen Familie weckte seinen 
Zorn gegen die Unglitil»gen« In der Nacht vom 15. Juni 1558 war 
plötzlich die türidsche Flotte bei Sorrent erschienen, Tassos jung- 
verheiratete Schwester ComeKa weilte dort mit ihrem Gatten. Die 
Türken kamen unvermutet ans Land» führten einen groflen Teil der 
Bevölkerung in die Sklaverei, und nur durch einen glücklichen Zu- 
fall gelang es dem jimgen Paar, sich durch die Flucht zu retten; 
es irrte in den Bergen herum, bis die Gefahr vorüber war. 

Tasso las in französischen Chroniken über die Kreuzzüge und 
muß auch die alten chansons de geste, die den Zug ins Heilige Land 
schildem, gekannt haben. Obgleich die ursprünglichen französischen 
und provenzalischen Texte dieser Gedichte damals bereits ver- 
schwunden waren, so existierten doch Bearbeitungen wie „La 
Croisade^S und „Jerusalem** von Grandidoro di Donal, oder der 
„Gutifre de Buione**. Die Kreuzzüge waren das Lieblingsthema der 
nordfranzösischen Dichter, und schon im XII. Jahrhundert hatte 
Riccardo, „II Pellegrino** benannt, eine Geschichte von „Buglione's*' 
Expedition geschrieben. Später wurden einige dieser Ritterromane 
„Elia'S „LHnfanzia di Goffredo'S „Antiochia'S „I Cattivi** und 
„Gerusalemme** zu einer einzigen Geschichte unter dem Titel „Ca- 
valiere dal Cigno*' zusammengefaBt. Die Schicksale und Begeben- 
heiten von BUas, Goffreds GroBvater, der in einen Schwan ver- 
wandet wurde, sind darin beschrieben. 

In Venedig hatte Giovanni Maria Verdizotti, der Geistlicher und 
Literat, ein elender Dichter und schwacher Maler war, aber ein 



344 ZWÖLFTBS KAPITBL 

Mensch voll warmer Begeisterung ffir Kunsti viel SymfMtfhie für 
Tasso. Er suchte Torquato xu einer großen religiösen Dichtung 
anzueifem, deren Inhalt die Befreiung des Heiligen Landes sein 
sollte, und in demselben Geist suchte auf den Dichter Danese Cataneo 
einzuwirken, ein Bildhauer und Verseschmied, in dessen Haus 
Tasso seinen Rinaldo geschrieben hat. Dem Rat der Freunde ge- 
mäß, begann Torquato vom Hai 1559 bis zum November 1560, vor 
seiner Abreise nach Padua, ein imifangreiches Werk „Liberazione 
di Gerusalenune'^ anzulegen. In Padua jedoch fehlte es ihm an Zeit 
zur Weiterarbeit; die Studenten führten ein ausgelassenes Leben, 
und Tasso beherrschten, nach eigenem Gestlndnis, „die Rechte 
der Liebe'^ Der Kardinal Luigi und die Prindpessa Leonora d'Este, 
waren damals in der Universit&tsstadt; in ihrer Gesellschaft befand 
sich eine schöne fünfzehnjährige Damigella Lucrezia Bendidio, 
deren Gesang den ganzen Hof und namentlich Tasso bezauberte. 
Lucrezia war nur einen Monat in Padua, aber sie machte dem 
Dichter einen so tiefen Eindruck, daß, als sie hald darauf den Grafen 
Paolo Machiavelli heiratete, Tasso seinen Schmerz in liebes- 
gedichten ausströmen ließ. 

Es war schon damals Sitte, die Universität zu wechseln, tun 
verschiedene berühmte Professoren zu hören; so finden wir Tasso 
im November 1562 in Bologna; sein Rtihm als Verfasser des „Rinaldo'' 
war ihm vorausgegangen. In Bologna wurde ein noch lustigeres 
Leben als in Padua geführt, Torquato zählte zur „jeunesae dor£e'S 
der auch seine Vettern Ercole und Cristoforo, Bonaventura Maffetti 
aus Bergamo, der Conte Capra und mehrere andere angehörten. 
Tasso wurde dem Monsignore Cessi vorgestellt, dem p^wtKchen 
Vizelegat, der in Vertretung von Carlo Borrom^o die Regienmgs- 
geschäfte führte; er wurde auch in das Haus von Francesco und 
Daniele Spinoli eingeführt; es waren jiuige reiche Genueser, die sich 
studienhalber in Bologna aufhielten und in ihrem eigenen Hause 
eine Art studentischer Akademie begründet hatten. Die verschie- 
densten literarischen und philosophischen Fragen wurden bei diesen 
Versanunlungen erörtert, und Tasso hielt dort einmal einen Vortrag 
über die Grundsätze der Dichtkunst Nach den Debatten wurde 
gegessen, und es ging dann^noch lustig her; aber diese Versanun- 



TORQUATO TASSO 345 

hingen fanden ein trauriges Ende: Franoesco Sfrinola mußte aus 
Bologna fliehen, da man ihn Terdichttgte, daS er seinen Rivalen bei 
einer von ihm geliebten Kurtisane hatte ermorden lassen. Erst 
zwei Jahre s^ter erlieB Pius IV« dem stürmischen Liebhaber seine 
Strafe, aber er durfte nioht wieder nach Bologna kommen, sondern 
muBte seine Studien in Padua f ortsetKn. 

Auch in Bologna fing Torquato Feuer; seine Liebe galt ^Hq^inia 
Ercolani, der verheirateten Grifin Biandu; ihr zu Ehren liefi er 
ein Gedicht drucken, in dem er sie feierte als „La Virginia overo 
della Dea de' nostri reovi'^ Diese lyrischen Efgüsae taten niemand 
etwas zu Leide, anders verhielt es sich mit einem Pasquill auf einig« 
Professoren, das viel btees Blut machte. Man wollte ihm einen 
Prozeft machen, aber der Dichter, der Angst vor dem Gefängnis 
hatte, entfloh nach ICantua und richtete von^ort aus einen langen 
Brief an Monsignoc« Cessi, in dem er versuchte, seine Unschuld zu 
beweisen; aber seine Erklinmgen klangen nicht überzeugend ge- 
nug, um den Verdacht zu zerstreuen. Aus ICantua ging Tasso wieder 
nach Padua, um seine Studien abzuschlieBen, er folgte der Ein- 
ladung Sdpione Gonzagas in sein Haus. Gonzaga war sehr begabt, 
in klassischen Studien erfahren, dazu malte und sang er; seine 
Familie hatte ihn für den geistlichen Stand bestimmt, als Nach- 
folger des Kardinals Ercole Gonzaga. Dem Beispiel anderer vor- 
nehmer Jünglinge folgend, begründete er in Padua die Akademie 
„degli Eterei'* und hoffte durch Tasso den akademischen Ver- 
sammlungen einen besonderen Glanz zu verleihen. Die Jugend 
stand damab unter dem Einflufi des berühmten Kanzelredners 
Panigarola, det im Geist des Tridentiner Konzils predigte und der 
neuen religiösen Strömung viel Anhänger gewonnen hat. Torquato 
kämpfte mit sich, religiöse Zweifel hatten sich seiner bemächtigt, 
und Panigarolas Worte vermochten ihn nicht zu überzeugen. Er 
gestand später selbst, er habe in seiner Jugend gezweifelt, dafi die 
Seele unsterblich sei, und Gott die Welt erschaffen habe; er habe 
nicht geglaubt, dafi Christus gekonamen sei, um die Menschheit zu 
entsühnen, und den Jesuiten gezürnt, weil sie ihn gezwungen hatten, 
mit neun Jahren zur Kommunion zu gehen, ehe er die Geheimnisse 
der katholischen Religion auch nur ßbxMn konnte. Sein ganzes 



346 ZWÖLFTES KAPITBL 

Leben hat Tasso an diesem Zwiespalt getragen, Frieden fand er erst, 
als sein müder, kranker Geist die groBen fihilosophischen Fragen 
nicht mehr zu erfassen imstande war. 

Nachdem das UniTersit&tsjahr beendet war, ging Torquato 
nach Ifantua, wo er seinen Vater traf, einen verbitterten Hofmann, 
der vergebens nach Brot und einem gastlichen Dach sachte. 

Der l&ngere Aufenthalt in Mantua hat sich tief in Tassos Herz 
eingeschrieben; er hat dort Laura Peperara kennen gelernt, die 
später am Hof von Perrara eine Rolle spielen sollte. Sie war die 
Tochter eines vermögenden Kaufmanns, blendend schön und sang 
vorzüglich. Der Dichter scheint die Absicht gehabt zu haben, sich 
um ihre Hand zu bewerben, wie aus einem der zahlreichen an sie 
gerichteten Sonette hervorgeht, aber seine Armut und die fehlende 
soziale Position waren in den Augen ihrer Familie alles andere 
eher als eine gute Empfehlung. Laura ist spiter eine glinzende 
Ehe eingegangen, und Tasso hat sie wiederholt besungen. 



II 

Das Jahr 1565 war entscheidend in Torquatos Leben; sein Vater 
hat den Kardinal Luigi d'Este veranlaßt, ihn an seinen Hof zu 
ziehen. Im Oktober ging der junge Dichter nach Ferrara, um das unge- 
bundene Studentenleben gegen ein Höflingsdasein einzutauschen. 
Der Kardinal lebte im SchloB, in den sogenannten Camerini 
dorati, die Alfonso für seinen Bruder hatte erneuern und ver- 
schönem lassen. Luigi hatte seinen besonderen Hofstaat, der zwar 
noch nicht so gl&nzend war wie in seiner römischen Zeit, aber er 
hatte schon damals ein groBes Gefolge« Sein Maggiordomo war det 
Graf Belisario Tassoni, sein Sekretir Benedetto Kanzuofi aus 
Modena, und diesem höchsten Hofbeamten unterstanden der Kas- 
sierer, der Cameriere segreto, acht Canerieri vornehmer Ab- 
stammung, der Chef der Kanzlei, selbst der am Hof amtierende 
Theologe. Als letzter wurde Torquato Tasso in die Liste eingetragen, 
als Hofmann ohne festes Amt, der für seinen Patron Verse zu 
schreiben versprochen hatte. Er hat dem Kardinal drei Themen 



TORQUATO TASSO 347 

für heroische Dichtungen yorgelegt» Luigi scheint die „Gerusa- 
lenune'* gewählt su haben, und so erhielt das Bpos, das Torquato 
schon seit längerer Zeit beschäftigte, tron Anfang an die Sanktion 
des Kardinak. 

Tasso war an Luigis Hof keine feste Pension ausgesetzt worden, 
nur Ton Zeit zu Zeit je nach der Laune des Kardinals wurden ihm 
dreiBig Scudi gegeben. Als Wohnung waren ihm zwei kleine Zimmer 
im Kastell angewiesen worden, das eine diente dem Dichter, das 
andere seinem Diener; einige Einrichtungsstücke, Bettzeug vaad 
Leinwand wurden aus der Guardaroba des Kardinals herbeigesdiaf ft. 
Man muß sich darunter freilich nicht Dutzende Ton Leintüchern, 
Kissenbezügen und Handtüchern vorstellen; der ganze Vorrat be- 
stand aus einer Decke, zwei Leintüchern und einem Strohsack. 
Das war für einen Hofmann „ohne Pflichten'* genug. Das Essen 
wurde Tasso aus der Kardinalsküche in die Wohnung gebracht, da 
der Dichter sich geweigert hatte, in der Gesindestube zu essen; 
dazu bekam er täglich ein Fiasko reinen Wein, ein Fiasko ver- 
dünnten Wein für den Diener, im Sommer ein Pfund Lichter 
monatlich, im Winter anderthalb. Es demütigte den Dichter, daB 
er nicht zum Kardinalstisch herangezogen wurde, an dem die an- 
geseheneren Hofleute speisten; außerdem empörte ihn das schlechte 
Essen, das er nach Haus geschickt bekam; so bat er durch Ver- 
mittlung der Prindpessa Lucrezia am Tisch der Gentiluomini 
sitzen zu dürfen. Diese Vergünstigung scheint man ihm abgeschla- 
gen zu haben, und erst nach geraimier Zeit wurde ihm eine feste 
Bezahlung von vier Scudi monatlich zugestanden; das gleiche Eln- 
konamen hatte der Theologe, während der Hofarzt acht Scudi bezog. 
Die karge Pension genügte Torquato nidit, er begann früh Schulden 
zu machen, allmählich warteten seine Gläubiger bereits am Tage 
der Auszahlung vor der Wohnung, um sofort die armsdigen Gro- 
schen mit Beschlag zu belegen. 

Als Tasso nach Ferrara kam, hatte Alfonso H. einen glänzen- 
den Hofstaat, aber die groBen dortigen Geschlechter gingen ihrem 
pekuniären Ruin entgegen. Die Este haben durch ihren Luxus den 
gesamten Adel zu ungeheuren Ausgaben veranlaBt und infolgedessen 
seinen materiellen Ruin bewirkt. Nodi führten die BentivogUo, 



348 ZWÖLFTBS KAPITBL 

BeTÜAcqua» Tassonii Bendidio und tnehiwe andere Familien ein 
offenes Haus. Giovanni Battista Pigna war der allTermögende 
Minister; ein durGfatrid>enery gesdiickter Beamter von niedriger 
Herkunfti zugleich Dichter und Philosoph. Tasso schlofi sich ilun 
und den Literaten an wie Ercole Cato, Agostino, Borso d^li 
Arienti und dem Grafen Annibale Romei« Er war ein häufiger Gast 
bei der Prindpessa Lucrezia, „der Schönsten unter den Schftnen'S 
und bei Leonora, von der Francesco Zini, der Dichter aus Bresda^ 
sangi es gäbe kein Herz, das nicht bd ihrem Anblidc in Flammen 
stünde: 

Te visu qui non accensas pectore flammas 
Sentit hie hiunani nil sibi cordis habet. 

Um Leonora und Tasso wurde später ein Roman gesponnen» 
dessen tragbcher Schluß in Tassos Gefangennahme gipfdt. Wir 
werden sehen, daß der Dichter aus ganz anderen Gründen im Spital 
der heiligen Anna festgehalten wurde. 

Im Salon der Prinzessinneni wie auch in den anderen Häusern 
der vornehmen Wdt in Ferrara war Tasso bald ein begehrter Gast; 
er war der Liebling der Frauen, und jede ferraresische Schöne 
wünschte ihren Namen in einem Sonett des Dichters wiederzu- 
finden. Aber nicht in den Salons allein, auch in Gelehrtenkreisen 
war der Verfasser des „Rinaldo*' begehrt, und als im Jahre 2568 die 
„Accademia Ferrarese'* b^^ründet wurde, deren Zusammenkünfte 
in Ercole Varanos Hause stattfanden, hidt Torquato eine An<- 
Sprache bd der Erdffnungsfder im Beisein des Herzogs und der 
bekanntesten Hofleute. Einer der eingeladenen Gäste berichtete 
einige Tage später in einem Privatbrief, daß Tasso gut aber mit 
bergamaskischem Akzent gesprochen habe. Das war gerade kein 
Vorzug, da man die Bergamasken wegen ihres Dialektes damals 
allgemein verspottete. Auch sei erwähnt, daß Tasso ein schlechter 
Redner war, er stotterte die Worte hervor und hatte Schwierigkdten 
im Ausdruck, doch hinderte ihn dies nicht, regen Anteil an den 
Arbeiten der Akademie zu nehmen und bd den Sitzungen seine 
„Discord de l'arte poetica'* vorzutragen, in denen er die Grundsätze 
der epischen Dichtung auseinandersetzte. Er betonte die Binhdt 



TORQUATO TASSO 349 

der Handlung in der Mannigfaltigkeit des Stoffes und verglich das 
Epos mit der Welt» die ein einheitliches Ganzes bildet, trotzdem sie 
aus wunderbaren oberen und niedrigen unteren Faktoren, aus 
Glück und Schmerz besteht. Seine glänzendste Leistung in der 
Accademia war die Verteidigung der fünfzig Thesen über die Liebe, 
die zum groBen literarischen Ereignis ward. Diese Thesen stützten 
sidi in der Hauptsache auf Piatos Philosophie, der damab nodi die 
„Herzens^theorien beherrschte. Die Disputation interessierte die 
Gesellschaft um so intensiver, als die Gegnerin, die die Ansichten 
des Dichters bekämpfte, Qrsina Bertolaja Cavaletti war, eine sehr 
schöne und gelehrte Dichterin. Sie trat namentlich gegen Tassos 
Grundsatz auf, daB der Mann heißer und beständiger liebe als 
die Frau. Soweit der Dichter und nidit die Theorie in Frage 
kam, hatte Orsina schon ganz recht, denn Tasso gehörte durdi« 
aus nicht zu den Menschen mit dem heiBen Herzen und den 
groBen Leidenschaften, er liebte nur, wenn er Gegenliebe fand, 
und tröstete sich in seinem Liebesschmerz stets durch ein elegantes 
Sonett Die Liebe galt ihm nur so viel, als sie ihn zu einem schönen 
Gedicht begeisterte. Vielleicht das Gleichgültigste, das man einer 
Frau sagen kann, findet sich bei il 



Si Tuoi pur ch'ami, ama tu me, facciamo 
L'amor d'accordo .... 

Im Winter 1568 reiste Tasso nach Mantua, da sein Vater schwer 
erkrankt war, unterwegs erfror ihm sein Gesicht, und zwei Zähne 
muBten entfernt werden. Während seines Aufenthaltes in Mantua 
hatte Tasso einen unangenehmen Zwischenfall: er las im Bett 
und vergaB das Licht auszulöschen. An der brennenden Kerze ent- 
zündeten sich Bücher und Kleider, und der Dichter schlief so fest, 
daB er erst erwachte, als sein Bart zu glimmen begann. Da sprang 
er zum Fenster hinaus, verletzte sich den FuB und rief Menschen zu- 
sammen, damit sie das Feuer löschten, aber seine ganze Wäsche 
war verbrannt, was für den armen Teufel keine kleine Katastrophe 
war. Glücklicherweise erbarmte sich Eleonora d'Austria, die Her- 
zogin von Mantua, seiner in dieser kritischen Lage, schenkte ihm 
zwölf Scudi und Leinwand, damit er den erlittenen Schaden wenig- 



350 



ZWÖLFTES KAPITEL 



stens teilweise wettmachen kAnne. Es ging ihm schlecht in ICantua, 
im Herbst erkrankte er schwer am Fieber, eine gewisse GedJichtnis- 
schwäche, an der er sein ganies Leben gelitten hat» verblieb ihm 
nach dieser Krankheit. 

Der alte Bemardo Tasso, der als Fünfundsiebzigjfthriger schon 
seiner erschütterten Gesundheit wegen nicht mehr imstande war, 
in diplomatischen Missionen su reisen, bat den Hersog yon Mantiut, 
ihm ein ruhiges Amt am Platse zu übertragen. Der Herzog er- 
nannte ihn zum Podesti von OstUia, einem kleinen Nest am Po, 
wo er bei elender Bezahlung Malarialuft einatmen mußte. Dem 
konnte er nicht lange Stand halten und starb in der Nacht des 4. Ok- 
tober 1569. Sein Leben hat er im Hof dienst aufgerieben. Als Tor- 
quato von Bernardos Krankheit erfuhr, eilte er nach Ostilia, aber 
er fand weder seinen Vater am Leben, noch auch nur einen Stuhl 
in der Wohnung, da die Dienerschaft alles gestohlen hatte, was 
nicht niet- und nagelfest war. Tasse hatte keine BCittel, tun den 
Toten begraben zu lassen; der Duca Giiglielmo wollte den fatalen 
Eindruck, den der Tod des Hofmanns und Diplomaten im Elend ver- 
ursacht hatte, verwischen und lieB ihn feieriidi und mit viel Pomp 
bestatten. Der Körper wurde nach Mantua gebracht und in der 
Kirche S. Egidio beigesetzt. 

Bei Bernardos Tod, der sein Leben dem Dienst großer Herren 
gewidmet, war nichts zurückgeblieben als beträchtliche Schulden, 
einige flandrische Arazzi, die noch aus guten Tagen stammten, und 
eine arabische Vase, Kriegsbeute von der Eiqiedition nach Tunis. 
Für Torquato war also nichts übrig geblieben, er hatte sich sogar 
durch die Reise zum Sterbenden in Schulden gestürzt, seine Kleider 
und anderes versetzt, und der Kardinal befreite ihn aus großen 
Sorgen, als er anordnete, daß ihm zwanzig Skudi ausgezahlt werden 
sollten. Auf Wunsch des Kardinals sollte dieser Betrag nicht dem 
Dichter selbst ausgehändigt, sondern seinem Gläubiger, dem Juden 
Isachino da Fano, direkt bezahlt werden. Böse Zungen behaup- 
teten. Luigi sei nur deshalb bereit gewesen, Tassos versetzte 
Kleider auszulösen, damit er zur Hochzeit der Prinzessin Lucrezia 
mit Francesco Maria della Rovere am i8. Januar 1570 kommen 
könne 



TORQUATO TASSO 351 

III 

Der Kardinal Luigi traf im Jahre 1570 Vorbereitungen su einer 
Reisenach Paris, mit der Absicht, sich die französischenPfrOnden 
des Kardinals Ippolito su sichern. Der unruhige Prälat hatte 
die Absidit, falls dieser Plan fehlschlagen wOrde, Purpur und 
Kardinalswfirde absutun, ,,scardinalarsi^' wie man sagte. Es dauerte 
lange, ehe die beabsichtigte Reise zustande kam, denn Luigi fehlte 
es an Geld, er wollte unbedingt mit groBem Hof Staat reisen, und einen 
Teil seiner Familiäres, su denen auch Tasse gehörte, mitnehmen. 
Torquato freute sidi auf diese Reise; da der Weg weit war, 
machte er vorher sein Testament, in dem er über seinen litera* 
tischen NachlaB verfügte, er anvertraute ihn seinem Freund Ercole 
Rondinelli, der gleichfalls dem Hof des Kardinals angehärte. Um das 
Gedächtnis seines Vaters su ehren, empfahl er die Arazzi su verkaufen, 
die bei einem Juden versetst waren, und ihm ein Grabdenkmal su 
errichten. Sollte das vorhandene Geld für diesen Zwedc nicht 
reichen, so möge Rondinelli versudien, die großmütige Prinsessin 
Leonora zu veranlassen, den fehlenden Betrag zu ergänzen. 

In drei Abteilungen fuhr der Hofstaat des Kardinals nach 
Frankreich. Die zwei ersten brachen im September 1570 aus 
Ferrara auf, die dritte, su der Tasso gehörte, erst im Oktober. Zu 
dieser Gruppe gdbörten auch zwei Geistliche, der Theologe uad 
Kaplan des Kardinals, der Arzt, zwei Stallmeister, einige Kammer- 
diener und ein grofier Stab von Köchen und Knechten, sämtlich 
zu Pferde. Pasquale Angelucdo war der Kassierer und Rechen«^ 
meister dieser Expedition und trug sehr gewissenhaft alle Aus* 
gaben in ein Buch ein, das sich bis auf den heutigen Tag erhalten 
hat. Alle drei Abteilungen trafen sich, nachdem sie Italien und 
das südliche Frankreich passiert hatten, in der Abtei ChaUs, wo 
sie auf die Ankunft des Kardinab warteten. Unterdessen wurde 
Ferrara von furchtbaren Brdbeben heimgesucht, die Este miaOten 
während eines ganzen Monats in Zelten unter freiem Himmel kam* 
pieren, und infolge des allgemeinen Unglücks verzögerte sich auch 
die Abreise des Kardinals. Erst am 19. Januar 1571 machte sich 
Luigi« von sechsundzwanzig vornehmen Ferraresen begleitet, nach 



352 ZWÖLFTBS KAPITBL 

Frankreich auf und erreichte Paris am ao. Februar, an einem sehr 
kalten If/mttrtag. Frankreich stand im Zeichen tron Festen in« 
ifAgt der Vermälitung Karb IX. mit Elisabeth von Osterreicfa, das 
Königspaar weilte in Villers Cotterets und hielt erst im März seinen 
Einzug in die Hauptstadt. Tasso war damals noch nicht der be- 
rühmte Dichter des ,, Befreiten Jerusalem^S das erst zehn Jahre 
später erschien, aber er fand in den dortigen literarischen Kreisen 
den freundlichsten Empfang, da alles Italienische in Frankrddi 
damals als modern galt Im Zeichen italienischer Kultur stand bereits 
die Regierung Karls VIIL und Ludwigs XIL, und der fremde Bin- 
fluB Stetgerte sich unter Katharina von Medid. Zur Feier Ton 
Karls VIIL Hochzeit hatte man die italienische Theatergesell- 
schaft der lyGelosi'* kommen lassen, und französische Literaten be- 
trachteten die Italiener als ihre Lehrer im Humanismus, der frei- 
lich in Italien um hundert Jahre früher als in Frankreich aufge- 
taucht bt. Wenn audi der Einf luB italienischer Kultur in Frank- 
reich Tasso einen sympathischen Eindruck gemacht hat, so er- 
bitterten ihn die religiösen Verfolgungen, die gerade damals ihren 
Höhepunkt erreicht hatten, aufs äufierste und Terschirften die 
Zweifel, die seine Seele seit langem beunruhigten. Gerade da- 
mals war fai Frankreich der Umfang der kirchlichen Gerichtsbar- 
keit erweitert und eine unerhört strenge Zensur eingeführt worden, 
in Ronen und Orange hatte man ein furchtbares Blutbad unter 
den Hugenotten Teranstaltet. 

Während seines mehrmonatlichen Aufenthaltes in Frankreich 
hat Tasso yiel gesehen und gelernt, wie aus einem außerordentlich 
interessanten Brief an den Grafen Eroole Contrari, in dem er seine 
Eindrücke schildert, hervorgeht. Er hat Burgund, Lyon, die Nor- 
mandie, Picardie und Lothringen kennen gelernt, doch gefiel ihm 
im allgemeinen Frankreich weniger als Italien. Die BeTölkerung 
erschien ihm sehr arm und elend, die Häuser, die zumeist aus 
Holz gebaut waren, hlBlich und verwahrlost, nur die Kircfaen 
hoben sich gro&artig von der sie umgebenden Armut ab. Die 
gotische Architektur der französischen Kathedralen madite ihm 
einen starken Eindruck« Die französischen Frauen haben ihm 
infolge ihrer Schönheit, Liebenswürdigkeit und Ubhaftigkeit be- 



TORQUATO TASSO 353 

sondert gut gefallen, während er die Männer durch die krummen 
Beine» die sie sich beim konstanten Reiten geholt hatten, Terun« 
staltet fand. Dreierlei war Tasso besonders aufgefallen und er- 
schien ihm von nachteiligsten Folgen: die Mütter nähren ihre Kinder 
nicht selbst» sondern ziehen sie mit Kuhmilch auf, der Adel lebt 
zurückgezogen auf seinen Schlössern am Lande, verkehrt höchstens 
mit Bauern und ist ungebildet, ja flegelhaft, die Wissenschaften 
stehen ihm ganz fem, und die Gelehrten rekrutieren sich nur aus 
Männern von niedrigem Stand« Die Philosophie, diese königliche 
Wissenschaft, mußte sich in Frankreich einem Bauern vermählen 
und hat dabei viel von ihrer Vornehmheit eingebüfit. 

Eindringlichere Beobachtungen als dieser Brief enthält Tassos 
spätere Abhandlung „Discorso intomo alla sedizione nata nel regno 
di Franda Tanno 1585'*; sie bekundet viel Beobachtungsgabe, die 
man dem Dichter nicht ohne weiteres zugetraut hätte« 

Das französische Königspaar hatte die Absicht, den April in 
der Bretagne zu verleben und lud den Kardinal ein, mitzureisen; 
er befand sich damals schon in großer Geldverlegenheit, und da 
er nicht das ganze Gefolge, mit dem er nach Frankreich gekommen 
war, zu erhalten vermochte, beschloß er nur einen Teil mitzu- 
nehmen und die übrigen aus Paris nach Italien zurückzuschicken. 
Zu diesen letzteren gehörte auch Tasso, den diese Zurücksetzimg 
g^enüber den vornehmeren Höflingen tief schmerzte, um so mehr, 
als er auch noch so manchen Anlaß hatte, sich über den Dienst 
beim Kardinal zu beklagen« Er glaubte, von Luigi zu schlecht 
entlohnt zu werden und eine zu untergeordnete Rolle am Hofe 
zu spielen« Die Klagen waren unbegründet, da Tasso nach da- 
maligen Anschauui^^en durchaus nicht schlecht bezahlt wurde, da 
er keinerlei Pflichten zu erfüllen hatte, außerdem war der Kar- 
dinal ein bekannter Verschwender und seine Höflinge hatten keinen 
Anlaß, sich über den Geiz ihres Herrn zu beklagen« Tasso be- 
schloß, den Dienst beim Kardinal aufzugeben; seine wahren Be- 
weggründe waren seine verletzte Eigenliebe und seine große Un- 
beständigkeit, die später noch gewachsen ist. Die innere Unruhe 
hat ihn von Ort zu Ort getrieben, Tässo war niemals und mit nichts 
zufrieden« Er scheint um so weniger Anlaß gehabt zu haben» 



354 



ZWÖLFTES KAPITEL 



sich über den Geiz des Kardinals zu beklagen, als er sieh 
ihm viel Geld erspart hat. In Italien konnte er nachher fast 
ein ganzes Jahr reisen, ohne eine feste Beschäftigung, die ihm 
auch nur die geringste Einnahme gesichert hätte« 



IV 

Im Glauben, an Alfonsos IL Hofe ein Unterkonmien zu finden, 
kam Tasso nach Ferrara, aber als er sah, dafi es dort auf bloBe 
Versprechungen hinauslief, ging er nach einigen Wochen nach 
Rom, in der Erwartung, der Kardinal Ippolito d'Este, der für seine 
Freigebigkeit g^en Dichter imd Literaten bekannt war, würde ihn 
in seinen Dienst nehmen. Der Tom Alter mitgenommene Kardinal 
empfing Tasso zwar einige Male in seiner schönen Villa in Tivoli, 
gab ihm aber die erhoffte Anstellung nicht. 

Tasso blieb noch einige Monate in Rom; es war im Jahre 1571 
während der berühmten Schlacht bei Lepanto, und die päpstliche 
Hauptstadt zitterte unter dem Eindruck der politischen imd kriege- 
rischen Nachrichten. Tasso bat Gott, wie er seinem Freunde 
schrieb, den Christen den Sieg zu verleihen, und zählte nicht zu 
den letzten, die dafür gedankt haben. Unter den Kämpfenden 
befand sich auch ein Verwandter von Torquato, Antonio Tasso, von 
der flämischen Linie; er zeichnete sich durch seine Tapferkeit in 
der Schlacht bei Curzolari aus, so daB Philipp IL ihn zur Beloh* 
nung zum Gesandten in Paris ernannte. Torquato stand zwar 
zu seinen flandrischen und spanischen Verwandten in keinerlei 
Beziehung, aber stolz auf sein Geschlecht freute er sich über An- 
tonios Ehrung; dieses Ereignis und der Zusammenbruch der tür- 
kischen Macht veranlafiten ihn zur Weiterarbeit an seiner Dichtung 
von Jerusalems Befreiung, die durchaus zeitgemäB war und die 
Geister beschäftigen konnte« 

Tassos Geldmittel waren erschöpft, ohne einfluBreiche Pro- 
tektion vermochte er sich nicht länger zu erhalten, so wandte er 
sich durch Vermittlung seiner römischen Freunde an den Herzog 



• TORQUATO TA SSO 355 

▼on Ferrara und bat, an seinem Hof aufgenommen xu werdent 
Auch die Herzogin Lucrezia, auf deren Unterstützung er stets 
rechnete, suchte er zu diesem Zwecke in Urbino auf. Er hatte 
sich nicht getäuscht; die Herzogin war im Begriffe, aus Castel* 
durante nach Ferrara zu reisen, sie nahm den Dichter mit und bat 
ihren Bruder, Alfonso IL, ihm an seinem Hof eine Anstellung zu 
geben» Der Herzog ging ins Moorbad Sant Elena bei Padua, 
wegen der rheumatischen Schmerzen im Knie, die er sich in 
seiner Jugend während der Kriege in Frankreich geholt hatte; 
zu seiner Gesellschaft nahm er einige Hofleute mit, darunter auch 
Tasso. Der Dichter mufi dem Herzog einen guten Eindruck ge-» 
macht haben, da er ihn später auch nach Comacdiio zum Fische 
fang, der im Herbst stattfand, mitnahm. Im Januar 1573 wurde 
Tasso in die Liste der bezahlten Hofleute aufgenommen mit einer 
Pension von achtundfünfzig markgräflichen Lire, nach unserem 
heutigen Geld etwa x xo Lire. Der Betrag ist gering genug, aber der 
Geldwert war damals größer als heute, auBerdem hatte Tasso 
Essen und Wohnimg frei, so daB das bare Geld für seine Kleidung 
und andere Bedürfnisse dienen konnte. Der Dichter hatte keinerlei 
Pflichten, der Herzog hatte nur den Wunsch geäufiert, Tasso möge 
neben seinem großen Werk auch Gel^enheitsgedichte verfassen, 
wozu Torquato gern bereit war. Sein „ozio letterato'* befriedigte 
ihn sehr, und sein Einkommen betrug viermal soviel wie beim 
Kardinal. Nachdem er dem Herzog seine Dankbarkeit in einem 
flieBenden Gedicht ausgesprochen und sich vom zweijährigen 
Herumvagabondieren erholt hatte, begann er an seiner „Gerusa-' 
lemme*' zu arbeiten. 

Natürlich fehlte es ihm an Neidern nicht, besonders Alfonsos IL 
allmächtiger Minister, Giovan Battista Pigna, war ihm wenig ge- 
wogen. Er machte selbst elende Gedichte und war in Lucrezia 
Bendidio verliebt, für die sich Tasso bereits in Padua interessiert 
hatte und van deren Gunst er aufs neue warb. Lucrezia lebte am 
Hofe zu Ferrara und entfachte wahre Liebesbrände. Außer Pigna 
und Tasso hatte auch Battista Guarini sein Herz an sie verloren 
und schickte ihr gereimte Liebesseufzer. Obgleich Guarini und 
Tasso als Dichter nicht gut zueinander standen, so verband sie 

a3* 



356 ZWÖLFTES KAPITEL * 

gemeinsamer HaB gegen Pigna. Beide woUten den mAcfatigeii 
Riyalen lächerlich machen, und als Pigna für einige Monate mit 
dem Herzog nach Osterreich reiste, lieBen sie seine Liebes-Can« 
Zonen drucken« Pigna durfte sich nicht einmal beklagen, da Tasse 
den Gedichten einen für den Verfasser sehr schmeichelhaften Kom« 
mentar hinzugefügt hatte. Die Bendidio verspottete ihren alten 
Verehrer so gut wie die jungen Dichter. Pigna nannte sie bos- 
hafterweise „lo sposo della barba bianca'S imd von den jungen 
Dichtem ließ sie sich zwar gern huldigen, aber als praktische Frau 
knüpfte sie Beziehungen zu dem an, der zwar keine Gedichte 
machte, sie aber dafür mit kostbaren Geschenken überschüttete: 
zum Kardinal Luigi. In ihren Briefen an den Kardinal verspottete 
sie den alten Pigna, der sie mit seinen Zärtlichkeiten verfolgt hat 
1573 ging Alfonso nach Rom, um dem neuen Papst Gregor ZIIL 
SU huldigen und die Frage der Nachfolge im Herzogtum Ferrara 
zu sichern. Eiii zahlreiches Gefolge begleitete ihn, danmter be- 
fanden sich Tasso, Guarini und der berühmte Altertumskenner 
Piero Ligorio; der Herzog hoffte mit seiner Hilfe in Rom seine 
berühmte Anticagliensammlung vermehren zu können. Alfonso 
war nur einen Monat in Rom imd einige Tage in Tivoli; Tasso 
fand zur Arbeit keine Zeit, knüpfte aber viel Beziehungen an und 
sah namentlich zum erstenmal die grofie Schönheit, von der ganz 
Rom sprach, Barbara Sanseverino, die Gräfin di Sala, die mit ihrer 
Schwiegertochter Leonora di Scandiano dort weilte. Von Barbara» 
der die römischen Damen ihre Trimnphe neideten, hieB es, sie 
habe die Schönheitspalme davongetragen: 

Tolse Barbara gente il pregio a Roma. 

Im Frühling machte sich Tasso in Ferrara wieder an die Arbeit 
und ließ sein Schäferdrama „Aminta'^ drucken, das der Herzog 
im Sommer im Belvedere aufführen ließ. Zu diesem Zwecke ließ 
man die Theatergesellschaft „Gelosi" kommen, die damals in 
Venedig auftrat und gern an norditalienischen Höfen spielte. Tasso 
selbst unterwies die Schauspieler; die Aufführungen, die einige Ual 
wiederholt wurden, sind glänzend ausgefallen, und haben ganz 
Ferrara beschäftigt, um so mehr als man hinter einigen Gestalten 



TORQUATO TASSO 357 

des Dramas bekannte ferraresische Persönlichkeiten zu erkennen 
▼ermeinte. Alfonso gab seiner Zufriedenheit Ausdruck» indem er 
Tasso zum Professor — der Geometrie und der Himmelskörper an 
der Universität in Ferrara ernannte. Der Dichter hatte nur an 
Feiertagen die Pflicht» vorzutragen, und bezog dafür ein Ein- 
kommen von 150 markgriflichen Lire (in heutigem Geld etwa 283). 
,»Aminta'' wurde später in Pesaro aufgeführt» Tasso ging hin» um 
die Inszenierung zu leiten» und allmählich errang dieses Schäfer- 
drama in allen italienischen Städten große Erfolge. 

Als die Nachricht von Karls IX. Tod nach Ferrara kam» emp- 
fahl der Herzog dem Dichter» eine Trauerrede zu verfassen und sie 
im Dom beim Trauergottesdienst zu verlesen. 

Zur Begrüßung Heinrichs III. in Venedig nahm er Tasso mit», 
der die Gelegenheit benützte» um zwei Sonette zu Ehren des Valois 
zu verfassen, worin er seine Größe und seine Tugenden pries. Der 
Dichter verübelte dem König später sein lockeres Leben in Venedig» 
zu dem ihn übrigens» wie wir gesehen haben» Alfonso selbst ver-« 
leitet hat. 



1574 erkrankte Tasso an einem sehr hartnäckigen Fieber, das 
ihn lange gequält und ungünstig auf seinen phsrsischen und mora- 
lischen Zustand eingewirkt hat Trotzdem arbeitete er an der 
Vollendung des »»Befreiten Jerusalem"» da der Herzog sehr im- 
geduldig war und den Ruhm kaiun erwarten konnte» der seinem 
Geschlecht durch das Erscheinen dieses Epos werden sollte. Seit 
zehn Jahren war Tasso am Hof der Este; der Herzog hatte ihm 
seine Gunst geschenkt» ihn auf Reisen» auf die Jagd, zum Fisch- 
fang mitgenommen» ihm völlige Freiheit in seiner Arbeit gelassen» 
und trotzdem hatte der Dichter seine Aufgabe noch nicht gelöst. 
Endlich im April des Jahres 1575 war das Gedicht fertig, aber da 
Tasso die. drei letzten Bücher während seiner Krankheit geschrieben 
hat, waren sie schwächer als die vorhergehenden ausgefallen. 
Obrigens war das Gedicht noch nicht druckreif» einige Abschnitte 



358 ZWÖLFTES KAPITEL 

genügten dem Dichter noch nicht» und der Zwiespalt in seiner 
Seele unterband seine schöpferische Kraft. 

Luftveränderung sollte Tasso vom Fieber heilen; er fuhr für 
einige 2teit nach Padua und Vioenza» aber diese Reise half ihm 
nicht; Ferraras überdrüssig» begann er dch in aller Stille zu be*- 
mühen, an einem andern Hof Unterkunft zu finden» bdm GroB- 
herzog Francesco in Florenz oder bdm Kardinal de' MedicL Es 
war dies ein für ihn sehr verhängnisvoller Schritt» da der Hof von 
Florenz und Ferrara in den denkbar schlechtesten Beziehungen 
zueinander standen; sie kämpften um den »»Vorrang*' — dieser 
Frage vrurde damals große Bedeutung beigemessen. Alfonso be- 
anspruchte den Titel »»Altezza'S sehr zimi Arger des GroBherzogs» 
der behauptete» dafi dieser Titel nur ihm zukomme. Die Rivalität 
zwischen beiden Höfen hatte dazu geführt» daß der Herzog schon 
Z573 seinen Untertanen unter Androhung sehr empfindlicher 
Strafen verboten hatte» fremde Dienste anzimehmen; dies Verbot 
war in der Hauptsache gegen Florenz gerichtet. 

Da Tassos Bemühimgen» in den Dienst der Medici zu treten» 
vergeblich waren» veränderte der Dichter seinen Plan; er wollte 
nach Rom gehen, um dort sein Werk dem Urteil berühmter Lite- 
raten und dem Spruch der Inquisition zu imterbreiten» imd die 
Arbeit so vieler Jahre endlich drucken lassen. Da es ihm an 
BAitteln für diese Reise fehlte» wandte er sich schriftlich an seinen 
Universitätskollegen und Freund» Sdpione Gonzaga» der in Rom 
lebte» damit er die Durchsicht seines Werkes übernehme. Gonzaga 
fürchtete die große Verantwortui^ der Kritik wie der Inquisition 
gegenüber» er bat daher Pier Angelo da Braga» einen berühmten 
lateinischen Dichter» Flaminio de' Nobili, den Philosophen und 
bekannten Hellenisten» Sperone Speroni» den Verfasser des Buches 
»»La Cenaoe'' und schließlich ein Blitglied der Inquisition Silvio 
Antoniano» den Schüler Filippos da Neri und späteren Kardinal 
unter Siztus V.» einen Menschen von strengen Sitten» aber engem 
Horizont» ihm bei dieser Arbeit zu helfen. Tasso fürchtete die 
Einwände des Inquisitors in Bologna» deshalb begab er sich auch 
zu ihm» damit er die Dichtung vom Standpunkt der römisch-katho« 
tischen Kirche prüfe. Überhaupt beherrschte die Angst vor der 



TORQUATO TASSO 359 

Inquisition Tasso in hohem MaBe, er war nicht einmal sicher, ob 
er in seinem Gedicht die alten Götter Mars und Jupiter anführen 
dürfe, imd erst als er sich darauf besann, daB auch Dante in seinem 
„Paradies^* keinen Anstofi genommen habe, Jupiter zu erwfthnen, 
beruhigte er sich tmd faBte den Vorsatz, sicfi der Inquisition gegen- 
über auf das Beispiel des grofien Dichters zu berufen« Tassos 
Furcht war nicht unbegründet. Gregor XIIL, der Freund tmd Pro« 
tektor der Jesuiten, saB auf dem päpstlichen Stuhl, Antoniano war 
damab schon eine sehr einflufireiche Persönlichkeit, tmd durch 
seinen Mund sprach die Inquisition« Ihm erschien die ganze 
Dichtung als ein gef&hrliches Werk, das in Rom nicht gern gesehen 
werden würde, als ein Brzetignis, das dem Geist der Zeit nicht ent* 
sprach« Um jedoch seine Versöhnlichkeit zu beweisen, besonders 
da er sich selbst, als Verfasser einiger frommer Lieder, für einen 
Dichter hielt, verlangte Antoniano zwar nicht, daB das ganze Manu- 
skript zerstört werde, aber er erachtete es als notwendig, daB Tasso 
es zu einer „rein'' religiösen Dichtung umarbeite, die weniger für 
weltliche Menschen als für Mönche imd Nonnen bestimmt sei, 
„desiderarebbe ch'l poema fosse letto non tanto da cavalieri quanto 
da religiosi e da monache''; er wünschte femer, daB die Handschrift 
▼or Druckkgimg einer ernsthaften Nonne zur Tonsur vorgelegt 
werde, aber zu diesem AuBersten kam es nicht Von der ganzen 
Dichtung gefiel ihm eigentlich nichts, weder die Gesamtanlage, 
noch die Hauptcharaktere, oder die poetischen Episoden. Er 
▼erlangte von Tasso, jedes Wort zu streichen, das ein geistliches 
Ohr beleidigen könnte tmd die Liebesepisoden tmd alle Wtmder 
auszulassen* Ntir Gott allein kann Wunder wirken, deshalb ist es 
dem Dichter nicht gestattet, einen Zauberer einzuführen, der mit 
seiner Rute Ritter in Fische verwandelt oder andere „Metamor- 
phosen'' bewirkt, 

Tasso war verzweifelt, man zerstörte ihm sein ganzes Werk, 
und seine Briefe an Antoniano zeigen das wahrhaft tragische 
Ringen des Renaissancegeistes, des Dichters, der von Jtigend auf 
gewohnt war, seine Gedanken frei zu äuBem, mit dem diunpfen 
Fanatismus eines Menschen der brutalen Reaktion. Verzweifelt 
fragte Tasso einst, ob die Liebesszenen wirklich gestrichen werden 



36o ZWÖLFTES KAPITEL 

müßten »,gli amori saranno condemnati?" da ein solcher Urteils« 
Spruch den Tod seiner Dichtung bedeutete. Trotz seiner Em- 
pörung entschuldigt Tasso seine „Fehler" demütig vor dem all- 
vermögenden Zensor, er bedenkt die Terschiedensten Biöglichkeitenf 
um den Zensor zufrieden zu stellen» den Forderungen der Zeit zu 
entsprechen »,come comanda la necessit& de' tempi" und den engen 
Seelen der Mitmenschen gerecht zu werden; er überlegt, wie er allem 
Wunderbaren eine „moralische" Bedeutung beilegen tmd die beiden 
Bjfbier von der Zauberin Armida auslassen könnte. Er wollte 
sie gesondert drucken, um wenigstens auf diese Weise eine der 
schönsten Gestalten seiner Phantasie zu retten» Sein Werk be- 
trachtet er als „la sonuna de la sua vita", daher marterten ihn 
die Schwierigkeiten, diese unerwarteten Hindemisse, dieser Kampf 
mit der kirchlichen Pedanterie, die schon zwei Jahre dauerten. 
Er war ein zu schwacher Charakter, um sich auf irgend eine Weise 
von der inquisitorischen Übermacht frei zu nufchen; er fürchtete 
4e9 Kampf mit der Kirche, wollte nicht zum Abtrünnigen werden, 
bemühte sich, zu glauben und wollte wenigstens für den Drude 
seines Buches die Erlaubnis der römischen ICrche bekommen. 
Und wenn sich sein skeptischer Geist von Zeit am 2teit empörte, 
so unterwarf er sich zur Sühne religiösen Übungen, ging in die 
Kirche und betete im Hause, um auf diese Weise den Renaissance- 
Satan zu überwinden. Häufig stand ihm, wie er selbst gestanden 
hat, das Bild des Jüngsten Tajges vor Augen, er glaubte den Klang 
der Posaunen zu hören, die am Tage der grofien Abrechntmg er- 
klingen werden, und den Heiland in den Wolken zu sehen, wie er 
mit durchdringender Stimme ruft: geht hin, Verfluchte, ins ewige 
Feuer. Dann packte ihn furchtbare Angst, er mußte beichten 
und das Abendmahl nehmen. Er beichtete, daB er an der Unsterb- 
lichkeit der Seele zweifle, und an den göttlichen Ursprung der 
Welt, an die Wirksamkeit der Sakramente, an die göttliche Mission 
des Papstes auf Erden, an die Erlösung des Menschen nicht glaube. 
All das meldete er dem Inquisitor in Bologna, und klagte sich 
selbst an, doch der Inquisitor begriff, dafi er es mit einem Dichter 
zu tun habe, der sein seelisches Gleichgewicht verloren, und nahm 
diese Geständnisse eines kranken Menschen nicht ungütig auf. 



TORQUATO TASSO 36X 

Aber diese Sanftmut beängstigte Tasso anstatt ihn 2U beruhigen, 
er fand das Vorgehen des Inquisitors leichtsinnig, oberflächlich, 
und hielt sich für schuldig. 

Wenn Antonianos Kritik in religiösen Dingen ihn zur Ver- 
zweiflung brachte, so haben ihn die Bemerkungen des Pedanten 
Speroni über den Aufbau der Dichtung, die Regeln der Poetik, die 
angeblich falsch befolgt waren, im höchsten Grade empört. Zur 
Verwirrung seines kranken Geistes trug noch bei, dafi er im Glau- 
ben befangen war, seine Feinde an Alfonsos Hof wünschten, dafi 
sein Werk entweder nicht erscheine oder mit den Verbesserungen 
der Pedanten und Inquisitoren, jeder poetischen Schönheit bar, 
herausgegeben werde. Überall witterte er Verfolgung, Intrigue, 
Hinterlist. 

Diese Kämpfe und diese Unruhe zerstörten ihn seelisch und 
physisch so sehr> dafi er im Juli 1575 schwer erkrankte, an furcht- 
baren Kopfschmerzen litt, und mit dem Herzog nicht aufs Land 
gehen konnte; er blieb in Ferrara zurück und pflegte, wenn seine 
Schmerzen nachliefien, der Prinzessin Lucrezia sein Gedicht Tor- 
zulesen. Damals begannen ihn krankhafte Ahnungen zu verfolgen, 
er glaubte sich von Dämonen, die auf sein Schicksal einwirken, 
umgeben; aus diesem Grunde studierte er Magie und Astrologie 
und verfaßte sogar einen Dialog „Messagiero'^ über Dämonologie, 
in dem er auf philosophischem Wege die Existenz göttlicher Boten 
nachzuweisen sucht. Übrigens haben auch Gelehrte wie Ficino, 
Patrizzi imd Pico deUa Mirandola an diese Dinge geglaubt. Dazu 
war Tasso vom Verlangen beherrscht, seinen Wohnsitz zu ändern; 
er träumte davon, nach Rom zu reisen, Antoniano zu sprechen 
und die Zensur seines Werkes zu beschleimigen. Lucrezia wider- 
riet ihm diese Reise, sie kannte den Wimsch des Herzogs, die „Ge- 
rusalemme^' unter seiner Ägide erscheinen zu lassen, und seine 
Befürchtungen, Tasso könne die Dichtung den^ Medici widmen, 
um an ihren Hof zu gelangen. Die Vorstellungen der Prinzessin 
halfen nicht. Tasso ging im November nach Rom und suchte seine 
Reise durch den Hinweis auf die religiösen Gnaden des grofien 
Jubiläums zu rechtfertigen. Diese Abreise war ein um so größerer 
Fehler, als am 4. November Pigna, der höfische Philosoph, Mi« 



363 ZWÖLFTES KAPITSL 

nister, Historiogräph und bezahlte Dichter, gestorben war, und 
nian allgemein annahm, daB Tasso sein Amt als Historiogr^ih 
und Dichter antreten würde« 

In Rom suchte Tasso auf Antoniano einzuwirken, was fast un- 
möglich war, und Speronis Gunst zu gewinnen, der damab eine 
literarische Macht war. Speroni warf ihm Weichlichkeit vor, man- 
gelnden Ernst im Ausdruck, tmpassende Scherze, mit anderen 
Worten, er vermiBte jene poetische Pose, die der pedantische Literat 
so hoch einschAtzte. Tassos Demut schien Speroni zu entwaffnen, 
denn er erwies sich dem Dichter etwas gnädiger* 

Schon begann eine innere Unruhe Tassos Handlungen und Be- 
nehmen zu beherrschen; nach kurzem Aufenthalt in Rom ging er 
nach Siena, um den Rat Ton Monsignore Piccolomini, des Ver- 
fassers eines neuen Kommentars zu Aristoteles Poetik, einzuholen. 
Unbefriedigt von dessen Ratschlägen reiste er nach Florenz zu 
Vincenzo Borghini, überall auf der Suche nach kritischen Ein- 
wänden, die seinem Werk höchstens schaden konnten. Im Januar 
war er wieder in Ferrara und begann sich um das Privileg für die 
Herausgabe seines Buches zu bemühen. Seine Geisteskrankheit 
nahm rapid zu, ein ihm imbekanntes Etwas zerriß seinen Geist. 
„Mi si Tolge im non so che per l'animo.^' Maffeo Veniero, der 
Florentiner Gesandte in Ferrara, schrieb am 17. Juni 1577 an den 
GroSherzog Francesco, „Tasso leide an einer seltsamen Geistes- 
krankheit: er glaubt, daB er der Ketzerei schuldig sei und daB man 
ihn vergiften wolle • . .'' 



VI 

In Ferrara traf Tasso die Gräfin Barbara Sanseverino und ihre 
Schwiegertochter Leonora, die Gattin des Grafen Giulio di Scan- 
diano, die er bereits in Rom kennen gelernt hatte. Die ganze 
Stadt sprach von nichts anderem als von dem Geist, der Liebens- 
würdigkeit und dem Reiz dieser Frauen, alle Herren am Hofe 
waren in sie verliebt, selbst Alfonso; auch der Duca di Parma und 
Vincenzo Gonzaga begingen nicht wenig Torheiten, um ihnen zu 



TORQUATO TASSO 363 

gefallen. Tasso hatte Gelegenheit, Sonette ihnen zu Ehren zu 
▼erfassen, sogar die hängende Unterlippe der Gräfin Scandiano 
wurde poetisch verklärtl 

Einer der heiBesten Verehrer der schönen Leonora war Guarini, 
der zusammen mit Ascanio Giraldini aus Polen zurückgekehrt 
war; aber Guarini imd Tasso überzeugten sich bald, daS sie die 
Gräfin Scandiano nur in Gedichten feiern dürften, da sie einen zu 
gefährlichen Rivalen hatten, um sich allzu kühn um ihre Gunst 
zu bewerben« IMeser Rivale war kein Geringerer als Alfonso selbst 
Tasso tröstete sich bald, da die Herzogin eine sehr schöne Dami- 
gella Oljrmpia hatte, „bella e vaga brunetta'', ihr weihte er seine 
Gefühle und spendete der Gräfin nur Weihrauch« Er neidete aber 
der Damigelle, der zu dienen, die einer Gottheit gleicht. 

O con le Grazie eletta e con gli Amori, 

FanciuUa ayventurosa, 

A servir a colei che a Dea somiglia. 

Als die Gräfin später ein Töchterchen zur Welt brachte, äußerte 
Tasso seine Freude in Versen. 

Trotz der Liebelei mit Olympia und der Verehrung für die 
Gräfin Scandiano ging es dem Dichter immer schlechter, immer 
häufiger trat sein Verfolgungswahnsinn auf und unter den Hof- 
leuten galt er als jemand, „dem etwas fehle". Einen der niederen 
Hofbeamten, Ercole Fucd, hatte er ohne Grund ins Gesicht ge- 
schlagen; empört darüber holte Fucd seinen Bruder zu Hilfe und 
prügelte Tasso mit dem Stodc auf der StraBe durch. Der er- 
schrockene Tasso verliefi längere Zeit sein Zimmer nur, wenn er 
zusammen mit den anderen Höflingen den Herzog auf seinen Aus- 
flügen begleiten mufite. 

Im Februar 1577 ging der ganze Hof nach Comacchio, wo ein 
Teil des Karnevals verbracht werden sollte. Die lustige Gesell- 
schaft, die aus deiv Contessen di Sala und Scandiano, mehreren 
anderen Damen und Hofleuten, darunter auch unserem Dichter, 
bestand, dachte nur daran. Feste zu feiern. Tasso schrieb ein 
Lustspiel, das einzige, das er je verfaBt hat, tmd die Hofgesell- 
schaft führte es auL Der Herzog selbst gab einen Kellner, 



364 ZWÖLFTES KAPITEL 

Contessa di Sala hatte die Rolle eines jungen Mädchens LudUa 
übernommen, die Scandiano verkleidete sich als Mann, und Tasso 
sprach den Prolog. Das Lustspiel galt als sehr gelungen, ist aber 
leider untergegangen; wir hätten den „KameTals'^-Tasso daraus 
kennen gelernt, mit übermütigen Zügen, die wir sonst nicht an 
ihm kennen. Tassos heitere Stimmtmg hielt nicht lange vor; un-^ 
mittelbar nach seiner Rückkehr in Ferrara klagte er wieder, daß 
man ihn verfolge, er litt an düsteren Ahnimgen und schrieb dem 
Gefährten seiner Kindertage Guidobaldo, dem Markgrafen von 
Mantua, daß er seit acht Monaten in beständiger Angst lebe, weil 
die Höflinge und Feinde ihm seine Handschriften fortnähmen; er 
bat den Markgrafen, ihm einen Diener zu schicken, der gar keine 
Beziehungen zu Ferrara habe imd dem er absolut trauen könne. 
In der zweiten Aprilhälfte beherrschten Visionen und Angstzustände 
den Dichter in noch stärkerem Grade, er beschuldigte verschiedene 
Persönlichkeiten beim Herzog, daß sie ihn verfolgten und Be- 
ziehungen zu den Ketzern hätten. Aus Furcht, selbst zum Ketzer zu 
werden, ging er häufig zur Beichte und verriet dem Inquisitor die 
Namen jener Höflinge, die er des Abfalls beschuldigte. Der Herzog 
schickte ihm den Arzt, der ihm blutreinigende Mittel verschrieb, 
aber alles war vergebens. Tasso verblieb in seinen religiösen Angst- 
zuständen, er glaubte, daß der Inquisitor in Ferrara seine Pflich- 
ten nicht gewissenhaft erfülle und begann sich zu einer Reise nach 
Rom zu rüsten, lun ihn dort vor dem Inquisitionstribunal zu 
verklagen. Man glaubte, der Inquisitor selbst könne ihn in diesem 
seelischen Zwiespalt beruhigen, da er, vernünftig imd menschlich 
denkend, wußte, daß Tassos vermeintliche Ketzer und Ketzereien 
nur in seiner kranken Phantasie beständen. Auf die Bitte des 
Herzogs nahm er Tasso für einige Tage zur geistlichen Einkehr 
ins Kloster Degli Angeli imd suchte dort durch Sanftmut und 
Überredung auf sein allzu empfindliches Gewissen einzuwirken. 
Der Mönch gab sich Mühe, um dem Dichter dßs verlorene Gleich- 
gewicht wiederzugeben, er ließ ihn beichten, erteilte ihm voll- 
kommene Absolution, aber all das nützte nichts, Tasso fand, daß 
man ihn für seine Sünden foltern müsse; er verdächtigte den In- 
quisitor, seine Pflichten nicht streng genug einzuhalten und wollte 



TORQUATO TASSO 365 

ohne Wissen des Herzogs nach Bologna gehen, um vor dem 
dortigen Inquisitor, den er für besonders berufen hielt, zu beichten. 
Der Herzog konnte nicht ohne weiteres zustimmen; seit den Tagen 
der Renata verdächtigte Rom Ferrara wegen religiöser Neue- 
rungen, und die römische Kiuie ging diesem Verdacht um so lieber 
nach, als sie nach Gründen suchte, von Ferrara den Este zu neh- 
men; der Herzog dagegen bemühte sich, die Nachfolge seinem 
Vetter, Cesare d'Este, zu sichern. 

Tasso konnte ihm also grofien Schaden zufügen; wäre er nach 
Bologna gegangen tud hätte vor dem dortigen Inquisitor ferrare- 
sische Höflinge der Ketzerei bezichtigt, so hätte der Inquisitor 
sicherlich die ganze Angelegenheit nach Rom berichtet, und es 
wäre dies ein erwünschter AnlaB, um gegen die Este vorzugehen« 

Im Interesse des Staates imd der Dynastie befahl Alfonso, ein 
Auge auf Tasso zu haben, damit der geisteskranke Dichter nicht 
aus Ferrara entfliehe, im übrigen gab er ihm in der Stadt völlige 
Bewegungsfreiheit. Man mufite jedoch bald strengere Vorsichts- 
mafiregeln ergreifen. Am Abend des 17. Juni 1577 &^ Tasso zur 
Prinsessin Lucrezia, um ihr wieder von seinen Ängsten und Ver- 
dachtsgründen zu sprechen; als er einen Diener, den er verdäch- 
tigte, ihn zu bewachen, im Zimmer bemerkte, ergriff er ein Messer 
und warf sich auf ihn. Der Diener verteidigte sich, aber dieser 
Wutanfall hatte eine strenge Verfügung zur Folge: der Herzog 
ließ Tasso in den kleinen Zimmern der Corte vecchia einsperren, 
während er gleichzeitig empfahl, so sanft wie möglich mit ihm 
umzugehen; er stellte den Dichter auch unter den besonderen 
Schutz des Hofmannes Guidone Coc^>pani. Cocappani hatte die 
Aufgabe, Tasso freundschaftlich von der Notwendigkeit, bewacht zu 
werden, zu überzeugen, imd ihn zu überreden, sich in ärztliche 
Behandlung zu begeben. Nach einigen Tagen beruhigte der Dichter 
sich, er bat, aus dem Gefängnis entlassen zu werden imd in seine 
alte Wohnung zurückkehren zu dürfen, im übrigen war er bereit, 
sich stets von einem Diener begleiten zu lassen. Seine alte Woh- 
ntmg vrurde ihm wieder angewiesen, nur die Fenster wurden ver- 
gittert, und nach einiger Zeit erlaubte ihm der Herzog sogar, zu 
seiner Zerstreuung nach Belriguardo zu kommen, wo damals der 



366 ZWÖLFTES KAPITEL 

Hof weilte. Die zahlreiche Gesellschaft, die sich dort befand, wirkte 
nicht günstig auf den Dichter; er bat den Herzog, ihn nach Ferrara 
zurückkehren und bei den Franziskanern wohnen zu lassen. Al-^ 
f onso hatte nichts dagegen, aber die Franziskaner und Karthäuser, 
zu denen man sich gleichfalls begab, hatten wenig Lust, sich um 
die Pflege eines Geisteskranken zu kümmern, daher zogen sich die 
Unterhandlungen mit ihnen in die Länge* Unterdessen verschlim-» 
merte sich Tassos Zustand bedeutend, der Dichter glaubte sich von 
seinen angeblichen Feinden bedroht und fürchtete sich vor Gift 
und der Inquisition. In seinen Gewissensnöten schrieb er an das 
Inquisitionstribunal nach Rom: der ferraresische Inquisitor habe 
ihn als einen Wahnsinnigen und nicht als einen Ketzer behandelt, 
infolgedessen fände er den Frieden des Gewissens nicht; er bat, 
einen ProzeB gegen ihn anzustrengen und ihm die Möglichkeit zu 
geben, sich zu verteidigen. Gleichzeitig setzte er Scipione Gonzaga 
▼on dieser Supplik in Kenntnis und flehte um seine Unterstützung 
in Rom« Diese Briefe gerieten in Alfonsos Hände, der taktvoll 
genug, sie nach Rom schickte und den Kardinal d*Albano bitten 
liefi, das Tribunal zu veranlassen, Tasso mitzuteilen, dafi es ihn für 
vollkommen unschuldig halte. Ein solcher Urteilsspruch würde 
den Kranken beruhigen tmd ihn von den Skrupeln imd Ängsten 
befreien, die ihn quälten. Man schien in Rom genau darüber 
unterrichtet zu sein, dafi Tasso kein Ketzer war. 

Die Franziskaner erklärten sich endlich bereit, Tasso in ihr 
Kloster aufzunehmen, aber obgleich der Pater Agostino Righini, 
ein sehr vernünftiger und guter Mensch, sich gewissenhaft mit ihm 
beschäftigt hatte, verdüsterte sich der Geist des Dichters immer mehr, 
seine Verfolgungsmanie steigerte sich, das Gespenst der Inquisition 
liefi ihm keine Ruhe, so dafi die Franziskaner die Verantwortung 
für den Kranken nicht länger tragen konnten und den Herzog 
baten, ihn irgendwo anders unterzubringen. So wurde der Dichter 
wieder in jene Zimmer im Kastell überführt, die ursprünglich für 
ihn bestimmt waren; zwei Diener hatten für seine Pflege und 
Bewachimg zu sorgen. 

Aber Tasso war wie viele Geisteskranke, listig genug, um seine 
Wächter zu betrügen; er durchbrach die Tür, die in die Nachbar» 



TORQUATO TASSO 367 

ninmer führte, und obgleich man seine Abwesenheit sofort be* 
merkte, gelang es ihm, aus Ferrara zu entfliehen; er irrte in den 
Feldern umher, suchte schlieBlich erschöpft Schutz in Poggio 
beim Grafen Lamberti und ging von dort aus nach Bologna. 

Berittene wurden ihm aus Ferrara nachgeschickt, aber Tasso 
hielt sich im Feld verborgen und entging auf diese Weise seinen 
Verfolgern. Die Flucht des kranken Dichters beimruhigte den 
Herzog und den Inquisitor von Ferrara aufs lebhafteste; man 
ahnte, daB Tasso nach Bologna gehen imd dort gegen den Inqui* 
sitor Klage wegen setner lässigen Verfolgimg der Ketzer erheben 
und den gesamten ferraresischen Hof der Ketzerei bezichtigen 
würde. Unannehmlichkeiten mit Rom wurden vorausgesehen. 



VII 

Die Angst des Herzogs war diesmal imbegründet. Tasso gelangte 
am Ufer des Adriatischen Meeres entlang, über den Apennin 
nach Gaeta imd fuhr von dort aus mit dem Schiff nach Sorrent, 
wo seine verheiratete Schwester Cornelia wohnte. Es wird erzählt, 
daS er erschöpft von der Reise, die er imter größten Beschwerden 
zurücklegen mufite, da er kein Geld hatte, als fremder Pilger 
zur Schwester kam, ohne seinen Namen zu nennen. Er über- 
gab ihr einen Brief des Bruders: er befände sich in der furcht- 
barsten Lage und brauche unbedingt Hilfe; erst als er sah, daS 
die Schwester den Brief mit Tränen las und bereit war, den 
Ärmsten aufzunehmen, gab er sidi zu erkennen. 

Die vertraute Umgebung und die veränderten Verhältnisse 
wirkten zuerst günstig auf den Geist des Dichters, aber bald trat 
der Verfolgungswahn aufs neue auf. Er schrieb an Sdpione Gon- 
zaga imd den Kardinal d'Albano und bat, sich für ihn bei Al- 
fonso II. zu verwenden, damit er ihm die gegen seinen Willen er- 
folgte Flucht aus Ferrara vergebe, ihn vor seinen Feinden schütze 
und ihm das lAanuskript zurückerstatte, da ef die Durchsicht 
seines Werkes nunmehr vollenden wolle. Alfonso war zu allem 
bereit, aber Tasso, von Unruhe gejagt, wartete das Resultat nicht ab, 



368 ZWÖLFTES KAPITEL 

sondern beschlofi, nach Ferrara zu gehen. Zu diesem Zwecke fuhr 
er von Sorrent nach Rom» dort suchte er den Gesandten von Ferrara 
auf, äußerte sein Bedauern über seine übereilte Flucht aus Ferrara, 
bat um Verzeihung und schrieb gleichzeitig einen demütigen Brief 
an den Herzog voll Vertrauen in seine Ckiade. Alfonso hatte 
wenig Lust, in Tassos Rückkehr nach Ferrara einzuwilligen; er 
fürchtete, daß neue Verwicklungen daraus entstehen würden, und 
antwortete seinem Gesandten, er sei bereit, für Tassos Unterhalt 
zu sorgen, wenn er in Rom bliebe. Damit war der Dichter nicht 
zufrieden, er war das höfische Leben schon zu sehr gewöhnt, um 
auf die glAnzende Umgebung verzichten zu können; er bat und 
drängte deshalb, wieder in den Hofdienst aufgenommen zu wer- 
den. Alfonso war endlich bereit, in Tassos Rückkehr nach Ferrara 
einzuwilligen, aber er stellte seine Bedingungen: der Dichter müsse 
einsehen, daß er krank sei imd begreifen, daß seine Annahme, er werde 
verfolgt, nichts als der Ausfluß seiner kranken Phantasie sei und 
ebenso grundlos wie seine Furcht, der Herzog wolle ihn vergiften; 
wenn dem so wäre, hätte man sich seiner längst entledigen können. 
Alfonso verlangte Tassos Versprechen, sich in ärztliche Behand- 
Itmg zu begeben; würde er dem Arzt nicht gehorchen und die alten 
Szenen wiederholen, so müsse er Ferrara verlassen. Tasso unter- 
warf sich allen Bedingungen, ja er versprach, wie der Gesandte 
berichtet, mehr, als von ihm verlangt wurde, imi nur wieder nach 
Ferrara zurückkehren zu dürfen. Der Herzog ließ ihn unter der 
größtmöglichen Rücksichtnahme auf seinen kranken Zustand nach 
Ferrara schaffen, tud ein Bekannter Tassos, der diese Reise mit- 
machte, berichtet dem Großherzog von Toskana, dem Dichter fehle 
nichts, als Gehirn im Kopfe. 

In Ferrara wurde Tasso im Hause eines Hofmannes unter- 
gebracht, sein Essen bekam er aus der herzoglichen Küche. Der 
Herzog befahl dem Dichter, sich einer Kur zu unterwerfen, die 
einige Monate dauern sollte, aber Tasso wurde ungeduldig, wollte 
die Vorschriften der Arzte nicht befolgen und fuhr nach Mantua, 
um sich in allef^ Stille um den Dienst am toskanischen Hofe zu 
bewerben; er glaubte, daß Vincenzo von Mantua ihm darin helfen 
würde. Da seine Bemühimgen vergeblich waren, verschleuderte 



TORQUATO TASSO 359 

er seinen Rubinring und seine goldene Halskette, die einzigen 
Kleinodien, die er besaB, für ein Spottgeld und ging nach Padua, 
wo ihn ein früherer Bekannter, Niccolo degli Oddi, der Prior des 
Klosters S, Benedetto novello, aufnahm« Sein Verlangen, an den 
toskaniscben Hof zu gehen, steigerte sich ins Krankhafte; da er 
in Padua niemand fand, der ihn darin fördern konnte, ging er nach 
Venedq^, in der Hoffnung, sein Freund Venier, ein elender, aber 
beim Florentiner Hof gut angeschriebener Dichterling, würde ihm 
darin behilflich sein können. Um dem Grofiherzog zu schmei-» 
cheln, schrieb Tasso eine Kanzone anULBlich der Geburt eines Kin- 
des in der Familie Medid, aber alle Bemühungen waren umsonst, 
der Grofiherzog gab Venier schroff genug zur Antwort, „er hielte 
es für überflüssig. Wahnsinnige an seinen Hof zu ziehen^^ Als die 
Absage .eintraf, fuhr Tasso nach Pesaro, zum Herzog von Urbino, 
aber auch dort blieb er nur kurze Zeit tmd machte sich nach Turin 
auf, ohne Geld, zu Fufi, „durch Mor&ste und Flüsse'', Aus Turin 
schrieb er an den Kardinal d'Bste und an andere Bekannte imd 
flehte den Kardinal, ihn in seinen Dienst zu nehmen; ohne das 
Resultat seiner Bitte abzuwarten, tauchte er plötzlich in Ferrara 
auf und begab sich zum Kardinal, der ihn mitleidig und gütig auf« 
nahm« Tasso begnügte sich mit der Gunst seines früheren Pro- 
tektors nicht, er wünschte aufs neue, zum Hof des Herzc^ zuge- 
zogen zu werden, im Schlofi zu wohnen imd die gleiche Pension 
wie früher zu beziehen« Ehe er jedoch in dieser Beziehimg irgend- 
eine Zusicherung erlangen konnte, verließ er am Abend des ii. März 
1579 seine Wohnung und lief in größter Aufregung direkt in den 
Palast der Cornelia Bentivoglio, wo er nur Damen, darunter Isa- 
bella Bendidio mit ihrer Schwester Lucrezia und ihren Töchtern 
fand. In ihrer Gegenwart beschimpfte er den Herzog, die Prin- 
zessin und die ganze estensische Familie in ordinärster Weise, 
dann verließ er die erschrockenen Frauen, stürmte ins Schloß, 
wollte die Prinzessin sprechen, verlangte sein Manuskript tmd 
Schutz vor seinen Feinden, die ihn verfolgen und der Ketzerei be- 
zichtigen. Als man ihm den Zutritt zur Prinzessin weigerte, ver- 
fiel er in noch größere Raserei und stieß die ärgsten Beleidigungen 
gegen die Este aus. Bei dem ungewöhnlichen Lärm liefen die 

«4 



370 



ZWÖLFTES KAPITEL 



Hofleute zusammen» und der Herzog befahl» den Diditer ins 
St. Annenspital zu bringen, wo man den armen Teufel fesselte, da 
man den Gebrauch von Zwangsjacken noch nicht kaimte und Tob- 
süchtige in Ketten schloß. 

Der Spitalshüter Agostino Mosti, der in seiner Jugend an Lucre- 
zia Borgias Hof gelebt hatte und als Spaßmacher von angenehmen 
Manieren bekannt war, war ein hochanständiger Mensch; er war 
9ehr fronun» ,»amator de la religione'S selbst von den Ideen der 
Inquisition durchdrungen und verfolgte, wie berichtet wird, die 
Ketzer mit dem Eifer eines Katholiken, „der in Chdstus verliebt 
ist'S Agostino war von edler Cortesia, er zählte sich zu den Lite- 
raten und hat sogar interessante Erinnerungen hinterlassen, die die 
damaligen Sitten charakterisieren. Mosti hat sich Tassos ehrlich 
angenommen, aber fürs erste war dem unglücklichen Dichter nicht 
zu helfen ; er warf sich auf seinen Wächter schlug um sich, imd erst im 
Mai 1579, als er sich etwas beruhigt hatte, konnte man ihmzwei Zimmer 
im Spital anweisen, die zum Teil mit deinen eigenen Geräten, zum 
Teil mit Möbeln aus der herzoglichen Guardaroba ausgestattet waren. 

Aus der herzoglichen Speisekaouner scheint man ihm auch 
Lebensmittel geschickt zu haben, da in den Rechnungsbüchem aus 
den Jahren 1580 und 1581 wiederholt der Posten vorkommt: ein 
Pfund Butter „per il Signore Tasso anunalato''; von 1582 ab erhielt 
er sein Essen ganz aus der herzoglichen Küche. Der Spitalswein 
scheint ihm nicht geschmeckt zu haben, er fand ihn zu schwach 
und wendet sich an Mosti: 

Ditemi '1 ver: cotesto vostro vino 
E forse quel che date a gli ammalati 
Perch^ da' fumi non siano aggravati. 

Auch Salat luid anderes Gemüse scheint er nicht genügend be- 
kommen zu haben, obgleich alles im Spitalsgarten hinreichend 
vorhanden war: 

Signor Mosto, il vostr'orto i cosi grande 
Che debbe aver raponzoli e lattuca, 
Radichi, indivia e quante erbe manduca 
Roma e condisse ne le sue vivande. 



TORQUATO TASSO 37X 

Trotz der Klagen über Wein und Salat war Hosti Tassos ehrlicher 
Freund, er suchte ihm den unfreiwilligen Aufenthalt im Spital auf 
alle Weise erträglich zu gestalten; auch Hostis Sohn Giulio hat die 
Manuskripte des Dichters abgeschrieben und seine Kommissionen 
besorgt. Tassos Lage im Spital war vielleicht besser als die so 
manches Kranken in einem heutigen Privatsanatorium. Aber der 
Dichter wurde nicht mehr gesund und beklagt sich in einem Brief 
an Gonzi^a, „sein Geist sei des Denkens unfähig, seine Phantasie 
erlahmt, seine Sinne abgestumpft, und seine Feder wolle ihre 
Pflichten nicht mehr tun'^ Trotzdem schrieb Tasso viel, doch lassen 
sich seine Verse den früheren nicht vergleichen. Zeitweilig ist es 
ihm wohl besser gegangen, so durfte er 1580 in Gesellschaft eines 
Freundes maskiert am Karneval in den Straßen teilnehmen, um 
sich zu zerstreuen. 

Während der Dichter in seinen Zimmerchen im Spital einge- 
sperrt war, gingen viele seiner Abhandlungen und Gedichte, danmter 
auch die „Gerusalemme'S in Abschrift von Hand zu Hand. Er selbst 
hat dazu beigetragen, da er verschiedene Exemplare an Kritiker 
versandt hat. Literarische Spekulanten begannen das Eigentum des 
Dichters zu plündern; schon 1579 erschien eine Sammlung seiner 
Gedichte in Genua, danmter befanden sich vier Gesänge von „Gof- 
fredo'% und einige Monate später gab Celio BCalespina in Venedig 
vierzehn Gesänge der „Gerusalemme^' unter dem Titel „U Goffredo'* 
heraus. 

Dies veranlaBte einen anderen Literaten, Angelo Ingegnere, einen 
Freund von Tasso, während seines Aufenthaltes in Perrara im Winter 
i579-r-i58o, im Laufe von sechs Nächten die ganze Dichtung ab- 
zuschreiben und sie in Casalmaggiore 1581 drucken zu lassen, 
indem er ihr ihren eigentlichen Titel gab: „Gerusalemme liberata'S 
gegen den Willen des Dichters, der diesen Titel für wenig geeignet 
hielt. Im selben Jahre gab ein anderer Fretmd Tassos, Febo Bonna, 
eine zweite Ausgabe der „Gerusalenune'' in Ferrara heraus, die sich 
auf Tassos eigenes Idanuskript stützte. All diese Ausgaben erschienen 
ohne Genehmigung des Dichters, ja die gewissenlosen Räuber 
seines literarischen Eigentums überließen dem Kranken nicht ein- 
mal einen Pfennig aus ihrem Gewinn. Trotzdem kann die Nachwelt 



37« 



ZWÖLFTES KAPITEL 



den literarischen Freibeutern nur dankbar sein, ohne sie h&tten wir 
die Dichtung nicht in ihrer ursprünglichen Fassung, unverdorben 
durch die späteren Überarbeitungen und Zutaten, die Tasso auf 
Antonianos Veranlassung gemacht hat 

Tasso wußte von diesen Diebstählen, die ihn sehr empörten; 
überzeugt, daB er in seiner Freiheit dies hätte hindern können, 
klagte er über sein „Gefängnis'S schrieb an all seine einflußreichen 
Bekannten und bat sie, sich beim Herzog dafür einzusetzen, daB er 
ihn aus seinem Schutz entlasse« In der Stille des Spitals beschäftigten 
ihn jedoch die Vorkommnisse bei Hof, und er verfaßte fortwährend 
Gelegenheitsgedichte. Er bekam viel Besuch von Bekannten und 
von verschiedenen Berühmtheiten, so von Aldo Hanuzio, seinem 
Jugendfreund, den Tasso mit einem Sonett bedacht hatte, und von 
Muzio Manfredi, der den Dichter ziemlich ruhig „assai in cervello'* 
befimden hatte. Das einförmige Leben schien allmählich auf Tassos 
Gesundheit günstig einzuwirken, da der Herzog ihm 1582 erlaubte, 
bei größeren Festen zu Hof zu kommen und die Prinzessin Lucrezia 
sich ein Jahr später bemühte, Tasso die Erlaubnis zu erwirken drei- 
mal wöchentlich, von einem Freund b^leitet, in der Stadt spazieren 
zu gehen« Die Besserung hielt aber nicht an, eines Tages entriß Tasso 
einem ihn besuchenden Freund den Degen, wohl in der Annahme, daß 
er ihn .ermorden wolle, ein andermal schrieb er Sdpione Gonzaga, er 
möge ihm mit einem absolut zuverlässigen Menschen eine Arznei 
schicken, da er befürchte, daß man ihm in Ferrara Gift in die Schach- 
tel streue. 

Einen aufrichtigen Freund fand Tasso im Mönch Angelo Grillo, 
der einer bekannten genuesischen Familie angehörte und sich eine 
Zeit hindurch in Ferrara aufhielt. Grillo verstand das Vertrauen des 
Pichters zu gewinnen, tmd durch ihn versuchte Tasso bei den Gonzaga 
wie beim Kardinal d'Albano seine Befreiung aus dem Gefängnis zu 
erwirken. Grillo schrieb nach Mantua und Rom, tun Tasso zu helfen, 
doch niemals machte er Alfonso einen Vorwurf daraus, daß er Tasso 
im Spital festhielt, er war im Gegenteil überzeugt, daß Tasso sein ver- 
meintliches Gefängnis mehr dem Mitleid als der Strenge des Herzogs 
zu danken habe. Tasso hoffte gesimd zu werden, „durch Luft, — Kost 
— ja selbst Weinverändenmg, die seinem Geschmack mehr entspräche'^ 



TORQUATO TASSO 3^3 

Der Kardinal d' Albano setzte sich für Tasso bei Alfonso ein, 
der Herzog antwortete sehr liebenswürdig» daB er nur zu gern bereit 
wäre, den Dichter aus dem Spital zu entlassen, vorausgesetzt, daB 
er eine andere Unterkunft fände; einen Kranken aber könne er 
nicht schutzlos aus der Stadt entlassen. 

Während man sich mit dem künftigen Schicksal des Dichters be- 
schäftigte, hatte dessen Zustand sich wieder verschlechtert ; in einem 
seiner Briefe beklagt er sich, daB er nachts nicht schlafen könne, 
nicht wisse, was mit ihm vorgehe, daB der Teufel im selben Zimmer 
sdilafen müsse, denn er öffne seine Schränke und stehle sein Geld. 
In diesem Zustand konnte er nicht aus dem Spital entlassen werden. 



VIII 

Der kinderlose Alfonso versuchte alles, um den Este nach seinem 
Tod die Herrschaft in Ferrara zu sichern; zu diesem Zwecke 
stiftete er die Ehe seines Neffen Don Cesare mit Virginia de' Medici, 
Cosimos L Tochter. Er hoffte, die beiden mächtigen Geschlechter 
würden sich vereint der Absicht der römischen Kurie, Ferrara als 
Kirchengut einzuziehen, leichter widersetzen können. Die Trauung 
des jungen Paares wurde in Florenz am 6. Februar 1586 festlich 
begangen, und Tasso benützte die allgemeine Freude, um Don 
Cesare zu bitten, sich für seine „Entlassung aus dem Gefängnis'' 
beim Herzog einzusetzen. Er hatte jedoch das Unglück, jedesmal, 
wenn er sich um seine Freiheit bemühte, etwas zu begehen, das 
diese Freiheit vereitelte. Am 16. Februar warf er sich mit dem Dolch 
auf seinen Freund Constantini, der kaum durch die Tür zu ent- 
kommen vermochte. 

Und doch gab es im Jahre 1586 eine Gelegenheit, ihn aus dem 
l^tal zu entlassen und anderem Schutz anzuvertrauen. Im Juli 
kam Vincenzo Gonzaga nach Ferrara und bat den Herzog, Tasso 
für einige Zeit nach Mantua mitnehmen zu dürfen, da die Luft- 
und Ortsveränderung günstig auf seinen Geisteszustand einwirken 
könne. Alfonso gab seine Einwilligung, und Tasso beschloB frohen 
Herzens zur Madonna delle Grazie, bei Mantua, zu pilgern, um 



374 



ZWÖLFTES KAPITEL 



seiner Beschützerin für die ihm zuteil gewordene Gnade zu danken« 
Er hatte es so eilig, Ferrara zu verlassen, daß er weder Bücher noch 
Manuskripte mitnahm, und sofort den Bucentaur bestieg, mit dem 
Vincenzo Gonzaga nach Mantua reisen sollte. Nach mehr als sieben 
Jahren zum erstenmal in Freiheit! 

Gonzaga nahm sich seiner ernsthaft an« Er gab ihm ein Zimmer 
im Schloß, ließ ihm neue Kleider machen und erlaubte ihm, ihn 
jeden Morgen zu besuchen. Tasso war glücklich, er berichtet 
einem Freunde, er habe ein wimderschönes Zimmer, und der Herzog 
sei sehr liebenswürdig gegen ihn, nur die in Ferrara verbliebenen 
Manuskripte und Bücher beunruhigten ihn. Er bat die Herzogin 
Margherita, sein Eigentum einzufordern, doch war nichts mehr 
vorhanden, seine Freunde tmd Verehrer hatten idles zum „Anden- 
ken^' mitgenommen. 

Einige Monate ging es Tasso in Mantua besser, die neue Um- 
gebung und häufige Ausflüge ins Freie wirkten zerstreuend auf 
ihn, aber diese Besserung dauerte wie immer nur kurze Zeit; der 
Dichter begann wieder über Melancholie und Verlust seines Ge- 
dächtnisses zu klagen« Es schmerzte ihn tief, daß seine Altersge- 
nossen es in Ferrara zu etwas gebracht hatten, während seine Ge« 
simdheit ihn stets gehindert hatte, auch nur die bescheidenste Po- 
sition zu erringen; seltsamerweise hat diese Position ihn gelegentlich 
mehr beschäftigt, als sein literarischer Ruhm. Sein Streben war 
jetzt darauf gerichtet, an seinem Werk zu feilen, einige Abschnitte 
auszulassen und seine religiösen Skrupel zu überwinden. 

Nach einiger Zeit hatte Tasso auch in Mantua keine Ruhe mehr, 
er wollte so schnell als möglich fort, entweder nach Genua, wo ihm 
Pater Grillo eine Professur für Ethik verschaffen sollte, oder nach 
Neapel, um einen Prozeß wegen der Mitgift seiner Mutter -r- eine 
Forderung von zweimalhundertfünfzigtausehd Scudi — anzu- 
strengen. Wieder ärgerte es ihn, daß er nicht ganz frei war, denn 
auf Wunsch des Herzogs mußte er sich stets von einem Diener be- 
gleiten lassen, außerdem fürchtete er in dem feuchten Klima voii Man- 
tua krank zu werden. Er ging nach Genua und machte unterwegs in 
Borgo Pignolo im Bergamaskischen Halt, imi seine Verwandten 
zu besuchen. Aber dieser „fabbricatore dellapropriainfelidtä", wie 



TORQUATO TASSO 375 

ihn mit Recht einer seiner Biographen genannt hat, hatte das Ziel 
seiner Reise noch nicht erreicht, und schon packte ihn die Sehn- 
sucht nach dem Leben am Hofe; er ging nach Mäntua zurück, „da 
er es nicht abwarten konnte, die Hand des neuen Herzogs Vin- 
cenzo zu küssen^', der die Regierung nach dem Tode des Vaters 
angetreten hatte« Unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Mantua 
war er tief verletzt, daß der Herzog ihn noch nicht empfangen hatte, 
„che no ha bacdato ancora le mani al serenissimo signor Duca'S 
aber bald tröstete er sich und verfafite eine Kanzone zur Krönimg 
des zweiundzwanzigjährigen Herrschers. Tasso wollte überall ver- 
wöhnt und geehrt werden, ein gut bezahlter Hof mann, ohne jeg- 
liche Verpflichtung sein, und stets fühlte er sich verletzt tmd in seiner 
Ehre gekränkt. 

Als es sich herumsprach, daß der Herzog von Ferrara und seine 
Gattin in Mantua erwartet wurden, fühlte sich Tasso nicht mehr 
sicher, er fürchtete, Alfonso würde ihn mitnehmen und ins Spital 
stecken; ohne jemand ein Wort zu sagen, ohne sich selbst vom 
jungen Herzog zu verabschieden, floh er nach Rom. Der verletzte 
Gonzaga wollte ihn durch seinen Gesandten zurückholen lassen, 
da er sich Alfonso gegenüber für den Dichter gewissermaßen ver- 
antwortUch fühlte, außerdem fürchtete er, dem Herzog von Ferrara 
würde Tassos Aufenthalt in Rom unangenehm sein. Der damalige 
Papst Sixtus V. war gegen die Fremden in Rom außerordentlich 
streng. Er befahl, Tasso keinerlei Schwierigkeiten zu machen, ver- 
sagte ihm jedoch jede materielle Unterstützung. Tasso kam dies- 
mal, als gebrochener Sünder, als der gehorsame Dichter der Inqui- 
sition nach Rom; er bereute sogar, der Verfasser des „Befreiten 
Jerusalem^' zu sein, und versuchte die Irrtümer seines Lebens 
durch Gedichte wieder gutzumachen, die dem Geist der Jesuiten 
entsprachen. 

Mit Tassos Aufenthalt in Rom im Jahre 1587 beginnt der letzte 
Akt in der Tragödie seines Lebens, der Akt, in dem der Mensch sich 
der großen Gaben, die ihm geworden, unwürdig erweist. £r erkl&rt 
ausdrücklich, seine Bestimmung sei „piacere e onore^' gewesen, 
und er wünsche nichts anderes, als „bequbm unter den größten 
Würdenträgem*' niederzusitzen. Unter dem Einfluß der römischen 



376 ZWÖLFTES KAPITEL 

Umgebung träumt er von geistlichen Würden und Pfründen und 
bekennt, daB er, da er ,, nicht imstande sei, ein eheliches Bündnis 
einzugehen, nur an geistliche Ehren denke/' Zuweilen kommen 
ihm Zweifel, an der Möglichkeit diese Ehren 2u erreichen, in solchen 
Augenblicken spielt er mit dem Gedanken an eine reiche Ehe, durch 
die er eine materiell gesicherte Existenz erreichen wollte« Als er 
erfährt, dafi die Herzogin von Mantua ihm zwei Türkisen schenken 
will, bittet er schleunigst, ihm an Stelle der Türkisen einen Rubin 
und eine in Gold gefafite Perle zu schenken, damit er im Falle einer 
Heirat den Verlobungsring bereit habe. Die früheren Wahnsinns* 
ausbrüche kehren nicht wieder, er wird ein ruhiger, nicht von Idea- 
len beschwerter Mensch, dessen Geist durch ein widriges Geschick 
gebrochen ist, ein Dichter ohne höheren Flug und Feuer. Er ist 
fast bis an den Bettelstab gebracht, borgt von Freunden und Be- 
kannten Geld, Bücher, selbst Hemden. Er schreibt Gelegenheits- 
gedichte, um Geschenke zu ergattern und gesteht selbst, daB er 
„gezwimgen sei zu lügen und Menschen zu loben, die dessen nicht 
wert seien", schliefilich packt ihn der Ekel vor sich selbst. „Nichts 
bin ich,'' schreibt er, „nichts kann ich, ja ich habe nicht einmal 
Wünsche.'' Gelegentlich fühlt er seine elende Erniedrigung, klagt über 
seinen tiefen Fall und schreibt der Grofiherzogin von Toskana, sein 
Unglück sei beispiellos und lieSe sich mit niemandes Geschick ver- 
gleichen, „senza antico esempio e senza nuovo paragone, grande, 
inaudita, insolita, miserabile e maravigliosa". 

Viele seiner Freunde waren durch seine fortwährenden Belästi* 
gungen imd sein Kriechen vor den Großen verletzt; als er sah, 
daB man sich in Rom von ihm zurückzuziehen anfing, übersiedelte 
er nach Neapel, wo er krank und gebrochen eine Zufluchtsstätte 
im Kloster Monte Oliveto fand. Um sich den Mönchen dankbar zu 
erweisen, verfaBte er ein Gedicht „Monte Oliveto", das die Anfänge 
des Ordens und die Grundsätze der Mönche verherrlichte. Dieses 
Gedicht sollte seinen heiBen Glauben bezeugen, aber es ist nur ein 
unreiner Ton auf einer verstimmten Harfe. Der Dichter hat es dem 
Kardinal Antonio Caraffa, dem Protektor der Mönche von Monte 
Oliveto, gewidmet, und diese Widmimg beweist, wie fem Tasso jenen 
Tagen steht, da er seinen „Rinaldo" dem Kardinal Luigt d' Este 



TORQUATO TASSO 377 



widmete, jenem Kardinali der so ganz anders geartet war, als 
Mitglieder der Familie des furchtbaren Reformators der Incpiisition. 

In Neapel lebte Tasso etwas auf, da er dort viele Beziehungen 
aus seiner Jugend hatte; außerdem suchte die gesamte dortige vor- 
nehme Welt den Dichter der „Gerusalemme" kennen zu lernen; er 
wurde besucht und von den aristokratischen Familien eingeladen; 
dann zerstreute und beschäftigte ihn die Hof fhimg, den Prozefi mit 
der Regierung um sein mütterliches Erbteil zu gewinnen. Der arme 
Teufel mußte sich bald überzeugen, „daß jeder Prozeß ein großes 
Übel sei, und das allergrößte, wenn man die Regierung ziun G^;ner 
habe'^ Die Hoffnung, die von den Spaniern annektierten Güter der 
Mutter zurfickzuerlangen, erwies sich als aussichtslos« 

Unbestftndig wie immer, kam Tasso nach Rom zurück imd war 
von jetzt ab abwechselnd in Rom, Bologna, Florenz, Mantua und 
Neapel, er ging von Kloster zu Kloster, von Spital zu Spital, h&ufig 
schwer krank, bettelnd und seinen Bekannten so sehr zur Last 
fallend, daß der eine ihn ver&chtlich „questo semiuomo'' nannte. 

Trotz des vermeintlichen Unrechts, das ihm in Ferrara ge- 
schehen war, versuchte er wieder hinzugehen und wandte sich 
wiederholt an den Herzog. Er schrieb ihm im Dezember 1594: 
wenn man Vergangenes auslöschen könne, so würde er nichts so 
sehr wünschen als einen Dienst an seinem Hof. Er fleht den Herzog 
an, sich seiner zu erbarmen, und bittet Gott, Alf onso möge ihm ver- 
zeihen. Aber der Herzog wollte sich nicht neuen Unannehmlich- 
keiten durch den Dichter aussetzen. 



IX 

Auf Tassos letzte Lebensjahre fiel noch ein Schimmer von Glück, 
wenn maninseinertraurigenLagevonGlücksprechenkann« Nach 
langen Kämpfen hat er sich der neuen Gesellschaft angepaßt und 
nicht Unger unter dem geistig engen Horizont gelitten; er schrieb 
ein zweites „frommes^* Jerusalem und verfaßte Mönchsgedichte 
wie die „Vita di S. Benedetto". Sein Dichterruhm begann ihm die 
Tore der Paläste zu öffnen, in denen man sich im Glanz der V^^ssen- 



378 ZWÖLFTES KAPITEL 

Schaft und Poesie sonnen wollte. So lud ihn in Nei^^el der Principe 
di Conca zu sich ein. Tasso sah für einen AugenhUck seine Wunsche 
erfüllt: er wohnte in stolzen Gemächern, geschmückt mit Bildem 
von Raffael, Tizian, Battista Dossi und Sebastiano del Piombo; er 
hatte eine reiche Bibliothek und eine Dienerschaft in kostbarer 
Livree zu seiner Verfügung. Um seine Freundschaft bewarb sich 
auch ein anderer vermögender Neapolitaner Manso, der später seine 
Biographie verfaßt hat und jeden Augenblick bereit war, ihn in seine 
schön gelegene Villa aufzunehmen. Der mangelnde Takt des Fürsten 
Conca trug dazu bei, die Wünsche des gelehrten Mäoens schnell zu 
verwirklichen. Der Fürst verlangte zu heiß und hartnäckig, daß die 
„Gerusalemme conquistata^' unter seinem Patronat erscheine, damit 
dieser Ruhm seinem Haus zufalle. Da er Tassos unbeständigen 
Charakter kaimte, fürchtete er, der Dichter könne trotz der ihm 
gebotenen Bequemlichkeiten Neapel mit seinem Manuskript ver- 
lassen oder sich um eine andere Protektion bemühen. Er teilte ihm 
einen Diener zu, der möglichst imauf fällig darüber zu wachen hatte, 
daß der Dichter seinen Schatz, die „Gerusalemme'S die schon zu 
einem umfangreichen Buch angewachsen war, nicht aus dem Pa- 
last entferne. Der Diener hat seine Pflicht aUzu eifrig erfüllt, so daß 
der mißtrauische Tasso der besonderen Obhut gewahr wurde, unter 
der er stand, imd Manso davon in Kenntnis setzte. Die Freunde 
beschlossen, dem Fürsten das Ungehörige seines Benehmens zu 
zeigen; eines Tages kam Manso zu Tasso, nahm die Handschrift 
in die eine Hand, die andere gab er dem Dichter und geleitete ihn 
in seine Villa. Der Diener, vor Schrecken starr, berichtete seinem 
Herrn, was geschehen war, aber Fürst Conca gab vor, daß ihn die 
Übersiedlung des Dichters mit dem Manuskript zu Manso nichts 
angehe. Bei Manso verbrachte der Dichter die angenehmste Zeit 
seines Lebens, seine Wünsche waren erfüllt: „sedere con nobilis- 
simi cavalierie^S da in Mansos Haus alle Berühmtheiten Neapels 
verkehrten. Er b^ann damals den „Möndo Creato'^ zu schreiben, 
eine Dichtung von der Schöpfung der Welt, mit der er die in der 
„Liberata'^ begangenen Fehler gutmachen, sich von den ketzerischen 
Sünden seiner Jugend reinwaschen, imd das Bekenntnis eines unver- 
brüchlichen Glaubens niederlegen wollte. Die an Heinrichs III. Hof 



TORQUATO TASSO 379 

▼iel gelesene französische Dichtung „La sepmaine ou cr4ation du 
monde" von Wilhelm de Saluste Du Bartas, hat ihn sicherlich zu 
diesem Werk angeregt. Tassos umfangreiche Dichtung in fließenden 
Versen, voll philosophischer Betrachtungen, erkältet durch ihre 
nüchternen Erwägungen und entspringt keinem inneren Bedürfnis, 
ex abimdantia cordis. Trotzdem fand er eine Reihe von Nach- 
ahmern im Italien des XVI. und XVII. Jahrhimderts imd hat Milton 
zu seinem „Verlorenen Paradies" angeregt. Milton war als Dreißig- 
jähriger in Neapel, und ein Einsiedler hat ihn mit BAanso bekannt 
gemächt. Der junge Engländer und der alte Neapolitaner haben 
sich gut verstanden, sie haben lateinische Verse, von gemeinsamer 
Bewunderung überfließend, ausgetauscht, und Milton hat in seineiH 
Epos Manso als Fretmd tmd Biographen Tassos gefeiert: 

Te pridem magno felix concordia Tasso 
lunxit et aetemis inscripsit nomina chartis. 

Während Torquatos Aufenthalt in Neapel wurde der Kardinal 
Ippolito Aldobrandini zum Papst als Klemens VIII. gewählt. Diese 
Nachricht erfüllte den Dichter mit neuer Hoffnung, er kannte Aldo- 
brandini und rechnete darauf, daß der Papst sich seiner annehmen 
würde. Es duldete ihn nicht länger in Neapel, er ging am 26. April 
1592 nach Rom, wo ihn der päpstliche Neffe Cincio Passeri Aldo- 
brandini mit viel Wohlwollen empfing. Cincio hatte in seinem Hause 
eine Akademie begründet, die Mitglieder wohnten und aßen bei ihm, 
und man kaim sich vorstellen, wie beglückt die Literaten über diesen 
neuen Mäcen waren irnd wieviel Abhandlimgen und Gedichte ihm 
gewidmet wurden. Cincio lud auch Tasso zu sich ein, doch war 
seine Gastfreundschaft nicht ganz selbstlos, da der ruhmsüchtige 
päpstliche Nepote ebenso wie der Fürst Conca und der Marchese 
Manso wünschte, daß die „Conquistata'^ unter seinen Auspizien 
und in seinem Haus beendet und gedruckt würde. 

Während Tasso sein Epos überarbeitete, schrieb er ein 
kturzes Gedicht „Le lagrime di Maria Vergine'S zu dem ihn 
ein schönes Madonnenbild, vermutlich von Dürer, angeregt hat: 
Eine Mutter Gottes in heißem Gebet, deren Augen Tränen ent- 
strömen* 



380 ZWÖLFTES KAPITEL 

Obgleich Torquato im Vatikan ein schönes Zimmer mit Ausblick 
auf den Garten hatte, kränkelte er fortwährend und war unzu- 
frieden. Aber seine Eitelkeit war befriedigt, da er häufig mit Kar« 
dinälen und römischen Berühmtheiten speiste. In einem Briefe an 
Fabio Gonzaga gesteht er, der einzige Trost im Fieber, das ihn 
kaum verlasse, seien die Ehrenbezeugungen, die man ihm im Va* 
tikan erweise und die man ihm anderwärts, in Idantua z. B., vor* 
enthalten habe. So nahm er an einem Mittagbrot mit mehreren 
Kardinälen teil, und war der einzige Hofmann im ganzen Palast, 
den man dieser Ehre für würdig befunden hatte. Ahnliche Rück- 
sichten wurden ihm zuteil in den Häusern der römischen Bfagnaten: 
der Colonna, Orstni und Gaetani. Stets unzufrieden, sehnte er sich 
aus dem Vatikan nach Neapel, wo er durch Seebäder zu gesunden 
hoffte. Er verschob seine Abreise nur, da er auf die Ernennung 
Cincio Aldobrandinis zum Kardinal wartete; diese Feier wollte er 
durch seine Dichtung, die dem künftigen Kirchenfürsten gewidmet 
war, verherrlichen. Cincio seinerseits hatteTasso versprochen, ihn auf 
dem Kapitol mit dem Dichterlorbeer krönen zu lassen. Tasso war in 
Erwartung dieser Ehre so sehr vom Gefühl seiner Größe durchdrungen, 
daB er nur mit goldner Halskette und dem Degen an der Seite auf 
die Strafie ging und sich dem allgemeinen Spott aussetzte. 

Am 17. September 1593 ernannte der Papst endlich den Sohn 
seines Bruders Pietro Aldobrandini und Cincio, den Sohn seiner 
Schwester, zu Kardinälen. Der letztere nannte sidi Kardinal di 
San Giorgio, um sich von Pietro, der den Familiennamen Aldo- 
brandini behalten hatte, zu unterscheiden. Tasso veröffentlichte 
seine Dichtung „Gerusalemme conquistata^S doch machte sie den 
erwarteten Eindruck nicht, sie war zu sehr Antonianos einstigen 
Wünschen entsprechend auf Mönche und Nonnen zugeschnitten. 
Die Dichtung hat viel böses Blut in Ferrara gemacht, da Tasso die 
an die Adresse der Este gerichteten Komplimente wieder ge- 
strichen hat. Alf onsos Geiz war nach Tassos eigener Aussage daran 
schuld, da er sich geweigert hat, dem Dichter für sein Lob klingen- 
den Lohn zu bezahlen. 

^593» nach dem Erscheinen der „Gerusalemme'S ging Tasso 
nach Neapel zu den Benediktinern ins Kloster San Severino. Er 



TORQUATO TASSO 381 

schrieb dort viel Gedichte von geringer Bedeutung» besuchte alte 
Bekannte und ging häufig in Gesellschaft. Sehr befreiuidet war er 
mit Monsignore Stanislas Resxka, dem Gesandten der polnischen 
Könige Stefan Batory und Sigmund IIL am neapolitanischen Hofe. 
Tasso muBte Resxka schon früher in Rom oder Neapel kennen 
gelernt haben und hat ein Sonett an ihn gerichtet, das zu Beginn 
des XIX. Jahrhunderts vom Ifarchese Gian Giacomo Trivulzio 
veröffentlicht wurde. Sebastian Ciampi, der polnisch-italienischen 
Bexiehimgen nachgegangen ist, hat es in seinem am 2. Jimi i8a8 
an Visconti gerichteten Brief nachgedruckt. Es lautet: 

Napoli mia, che a peregrini egregi 

Cedesti la Corona e'l proprio regno, 

E f ermasti a gran sede alto sostegno 

Del gelato aquilon traslati i regi; 

• 

Par non avesti con piü eccelsi fregi 

D' etema fama e d'onorato pegno 

Di Vera pace o pur d'arte e d'ingegno 

Di sermo e di valor» si rari pregi; 

Ifentre il buon Resdo i teco e in te s'accoglie 
Ahl la gloria d' Europa in lue d serba» 
Se del publice cuor hai cura e zelo. 

Onda salubre, e caldo fönte, ed erba 
Sgombri al saggio signor le ingiuste doglie; 
Ch'ei ti placa la terra e placa il delo. 

Reszka empfing viel literarische Berühmtheiten in seinem 
Hause, auch Tasso war ein häufig gesehener Gast und las dort seine 
Gedichte vor. Ein Exemplar seiner „Gerusalemme conquistata'* 
hat er Reszka in sehr schmeichelhafter Form gewidmet: 

AI sig. Stanislao Resdo nundo illustrissimo 
Resdo, s'io passerö Talpestre monte 
Portato a vola da' toscani carmi 
Giunto, dirö con vergognosa fronte, 



382 ZWÖLFTES KAPITEL 

Dove ha tanti il tuo re cavalli et armi 
Altri di Voi giÄ scrive altri racconte 
Le altere imprese e le scolpisca in marmi; 
Ne' taccta a tanti pregi onde rimbomba 
Non minor fama la giA stanca tromba. 

• 

Das Exemplar der „Conquistata'' mit dieser Widmung befand 
sich im Jahr 1828 im Besitz der Buchhandlung Giovanni Battista 
Petrucd in Rom; der Engländer Graf Guilford hat es dort erworben. 
Der jetzige Aufenthaltsort des kostbaren Exemplars ist unbekannt» 
wahrscheinlich ist es in einer englischen Privatsammlung zu finden* 

Der erste Vers der oben angeführten Ottave brachte Ciampi auf 
den Gedanken, Tasso habe die Absicht gehabt, nach Polen zu reisen 
tmd dort das Glück zu suchen, das er in der Heimat nicht finden 
konnte. Aber schon Guasti hat in seinen Briefen darauf hingewiesen, 
daß sich dieser Vers nicht auf Tasso selbst, sondern auf seine Werke 
bezieht, die über die Alpen nach Polen dringen würden; Guasti hat 
wohl recht, denn die Annahme, der kranke, dem Grabe so nahe 
Tasso könne im Ernst den Gedanken erwogen haben, in das so ferne 
Polen zu gehen, ist wenig überzeugend. Wahrscheinlich war dieser 
Vers nur eine der vielen Höflichkeitsphrasen, von denen die da- 
malige Poesie wimmelt. 

Tassos wartete ein näheres Ziel: seine letzte Reise nach Rom. 
Der Kardinal Cindo war um seine Gesundheit besorgt, er glaubte, 
der Dichter könne im Vatikan mehr Bequemlichkeiten, als bei den 
Benediktinern in Neapel finden, er lud ihn daher nach Rom ein 
und schickte ihm fünfzig Scudi für die Reise. Tasso trätunte von 
der Krönung auf dem Kapitol in Rom, er machte eine Reihe wert- 
loser Gedichte, wohl mehr aus Gewohnheit, als aus innerem 
Drang, und erkrankte im März 1594 sehr schwer. Er wünschte aus 
dem Vatikan in das Kloster S. Onofrio in Gianicolo^ gebracht zu 
werden, da die Arzte ihm die dortige Luft empfohlen hatten. „Dort 
an diesem hochgelegenen Ort werde ich'S sagte Tasso, „Gespräche 
mit den Mönchen von St. Onofrio führen, die im Himmel enden 
werden.'' Er hatte sich für jenes Kloster auch deshalb entschieden, 
weil seine Mutter von der Familie Gambacorta, den früheren Des- 



. TORQUATO TASSO 383 

poten Pis^, abstammte» und Pietro Gambacorta der Gründer des 
Eremitenklosters des heiligen Girolamo gewesen war. 

Der Zustand des Dichters verbesserte sich im Kloster nicht, er 
war Fieber- tmd Wahnsinnsanfällen unterworfen, schlug mit dem 
Pantoffel nach dem Arzt und zwang den Diener, die Medizin aus- 
zutrinken, im Glauben, daß sie vergiftet $ei. Der Kardinal Cindo 
erwies ihm viel Freundlichkeit, gab ihm zwei Diener, schickte 
seinen Arzt und kam für alle Wünsche des Dichters auf. In seinen 
letzten Tagen war Tasso sehr verändert, er wurde sanft, be- 
reitete sich für den Tod vor und bat, im Kloster S. Onofrio 
beigesetzt zu werden. Am 25. lAtrz 1594 starb er mit den 
Worten: „In manus tuas Domine'^.. die er nur noch stammeln 
konnte. 

Tasso war groß, mager, und dunkelblond; er hatte spärliches 
Barthaar, eine große Nase, große Augen und blasse Lippen; seine 
langen Hände tmd Füße machten ihn ungeschickt. Er sprach 
langsam, stotternd und wiederholte die letzten Worte eines Satzes 
häufig. Er hat nicht leicht geschrieben, viel gestrichen und seine 
Verse zehnmal und noch mehr durchgefeilt. In seinem Dialog 
über „die liebe'' gesteht er Marfisa d' Este, die um ein Sonett ge- 
beten hatte, seine Gedichte kosteten ihn Schweiß. Manso erzählt, 
Tasso habe voller Neid in Neapel den Improvisatoren auf der Straße 
gelauscht und sich gewundert, daß ihnen die Verse so leicht zu- 
flössen^ Dennoch war er der fruchtbarste Dichter des XVI. Jahr- 
hunderts* 

Tasso hatte eine Vorliebe für Luxus, Glanz und rauschende Feste, 
er war ein großer Feinschmecker und ein leidenschaftlicher Be- 
wunderer kostbarer Steine, überhaupt übten Kleinodien einen 
magischen Einfluß auf ihn aus. Während einer schweren Krank- 
heit hat er seine Freunde angefleht, ihm einen Smaragd zu schenken, 
da er der Überzeugung war, daß ihn der Einfluß dieses Steines ge- 
sund machen würde. Am ferraresischen Hof hat er eine gewisse 
Würde angenommen und beobachtete eine Etikette, die zu seinem 
kriecherischen Wesen den Vornehmen gegenüber nicht immer 
paßte. Der Meister vollendeter Form in der Poesie hatte nur wenig 
ehrliches, tiefes Empfinden» und man kann von ihm sagen, daß er 



384 ZWÖLFTES KAPITEL 

zwar häufig aus Liebe gestorben ist, aber inuner nur in seiner Bin« 
bildung. Seine Devise könnte B<Mleaus Wort sein: 

Et toujours bien mangeant mourir par mitaphore« 

Als die fOnfzigjihrige Catherina de' Hedid ihm 1571 ihr Por- 
trat geschenkt hat, hat er ein glühendes Sonett an sie gerichtet, und 
solche Sonette mit künstlichen Empfindungen sind nicht eben selten 
bei ihm« 

Tassos Geisteskrankheit begann, während er an seinem „Be- 
freiten Jerusalem*' gearbeitet hat, damals als er den ungleichen 
Kampf mit der Inquisition aufnahm« Bis in den Anfang des ZVII« 
Jahrhunderts hatte die gesamte literarische Welt die Ursache seiner 
religiösen und Verfolgungsmanie gekannt, die sich infolge phy- 
sischer Erschöpfung und geistiger Überanstrengung steigerte. Ztun 
Verfall seiner Kräfte trug noch bei, daB er, Gift in den ihm voige- 
setzten Speisen argwöhnend, häufig sehr starke Mittel als Gegen- 
gift gebrauchte, die zerstörend wie Gifte wirkten. So vergiftete er 
sich allmählich. 

Die neue Generation im XVII. Jahrhundert, die Tasso nicht 
mehr gekaimt hat, wollte nicht glauben, der Verfasser des „Be- 
freiten Jerusalem*' und der „Aminta** sei geisteskrank gewesen, des- 
halb begann man nach Gründen zu forschen, die das Unglück 
seines Lebens hätten verschulden können. Bfan ersann einen Ro- 
man, der sich zwischen ihm und der Prinzessin Leonora d'Este 
abgespielt und Alfonso veranlaßt haben sollte, ihn im Gefängnis 
imd später im Annenspital unschädlich zu machen. Tassos erster 
Biograph, Manso, hat diese Erzählung der Nachwelt überliefert, und 
zwei Jahrhunderte hindurch wurde sie von den verschiedensten 
Biographen des Dichters, von Italienern, Franzosen, Deutschen 
imd Engländern kritiklos übernommen. Erst gegen Ende des 
XVIIL Jahrhunderts, als man die estensischen Archive zu erforschen 
begann, überzeugte man sich, daB Tassos Geisteskrankheit und 
nicht irgend ein Roman der Grund seiner Überführung ins 
Spital gewesen war. Der italienische Literarhistoriker Tiraboschi 
hat die Dinge auf ihr wirkliches Mafi zurückgeführt; aber der 
Roman zwischen Tasso und Leonora war schöner als die Wirk- 



TORQUATO TASSO 385 

lichkeit» Goethe hat Ihn als Grundlage für sein Drama benützt, 
und angesichts dieses Heisterwerks ist die Kritik aufs neue ver* 
stummt» besonders da man sich auch in Italien nicht beeilt hat» 
die Legende richtig zu stellen, die Tassos poetisch verklärter Gestalt 
besser als die Wirklichkeit entsprach« 

Erst Victor Cherbuliez hat 1863 in seinem Roman y,Le prince 
Vitale'' Tasso so aufgefaßt, wie er aufgefaßt werden soll. Tasso hat, 
nach der Schilderung des französischen Novellisten, zu seiner Ver* 
zweiflung entdeckt, daß er nicht der Mann seiner Zeit sei, und diese 
tragische Entdeckung hat seinen Charakter gebrochen und seinen 
Geist getrübt. Der Mensch der Hochrenaissance war verurteilt, in 
}enem Italien zu leben und zu schreiben, das unter dem Einfluß 
des tridentinischen Konzils, der Inquisition und der Jesuiten der 
Hort der Reaktion geworden war. Tassos Mutter, die Kultur der 
Renaissance, hat in ihrer Todesstunde ihm, ihrem letzten Sohn, das 
Leben geschenkt; der Nachgeborene träumt von ihr, hofft sie noch 
am Leben zu finden, bis er in Rom auf den Stufen des Vatikans an 
Stelle der Renaissance, eine furchtbare, erhabene Gestalt sieht, 
die ihm zuruft: „ich bin die Inquisition*'. 

Tasso gehOrt zu den Genies der Obergangszeiten, die die Gegen- 
wart nicht begreifen und nicht mit ihrem eigenen Ich vereinen 
können. Durch sein Leben geht wie durch das Byrons oder Leo* 
pardis ein tragischer Bruch. 



1585 und in den folgenden Jahren, während Tasso im 
eingesperrt war, gab es eine lebhafte Polemik unter den Literaten 
Italiens über den Wert des „Befreiten Jerusalem'^ Es wurde mit 
Ariosts „Orlando" 'verglichen; man stritt, welches Werk schöner 
sei, welchem der beiden Dichter der höhere Rang in der Geschichte 
der epischen Poesie gebühre; es gab „Apologien", „Repliken" und 
„Contrarepliken"; in Broschüren, die mit der Leidenschaft der 
Renaissance geschrieben wurden, beschimpfte und beleidigte man 
sich in einem solchen Maße, daß es zwischen Florenz und Ferrara 

S5 



386 ZWÖLFTBS KAPITBL 

beinahe zu einer difdoniAtischen Aktion fekonmieQ ist Dfekfinlidi 
begründete florenUniscfae Atudemie „Dell« Crusca^^ warf sich xu 
Ariosts Verteidigerin auf, gab eine „Difesa del Orlando Furioso^' 
heraus und beschuldigte die Gegner, Tassos Werk nur deshalb höher 
zu stellen, weil sie von Alf onso IL erkauft seien und ihm nach dem 
Mund reden wollten. 

Diese Polemik hat den eingesperrten Diditer aufs &u0erste ge- 
reizt, um so mehr, ab er von seinen Gegnern recht unangenehme 
Bemerkungen zu hören bekam; sie behaupteten, die „Gerusalemme^* 
wäre ein trockenes, schlecht aul^bautes Werk, dem es an dichte- 
rischem Schwung fehle, ein langweiliges, geschmackloses Epos. 
Es war dies übrigens nicht die Ansicht boshafter lEritiker allein, 
Galilei, der sich auch lebhaft für Literatur interessierte, hat be- 
hauptet: „Tasso sage Worte, Ariost Dinge'^ Überhaupt hat die 



>9 



U 



ZU Beginn mehr scharfe Kritik ab Lob gefimden, trotz- 
dem sie sehr viel gelesen wurde und vielen Dichtem ab Vorbild 
gedient hat. Allmählich wurde sie neben dem „Furioso^* Italiens 
populärste Dichtung, und es gibt kaum einen Winkel in Italien, 
wo man nicht Abschnitte daraus aus dem Gedächtnb rezitiert. 
Das Rätsel dieser Popularität löst die Musik der Verse, die Schönheit 
der Ottaven, deren Wohllaut jeden Italiener durchdringt, denn er 
hört seine Mutter s prache in ihren melodischsten Klängen. Eine 
lyrisch-sentimentale Note, eine krankhafte Sinnlichkeit, die der 
Stinmiimg des Modernen entspricht, klingt in den Versen an. Tasso 
schrieb, ab sich der Gebt der modernen GeseUschaft zu regen begaim; 
in der „Genisalemme** spürt man das erste Zittern neuer Gedan- 
kenschwingungen, und so wurde sie gewissermafien zur sehnsüch- 
tigen Wiege der heutigen Kultur. Sie wurde dies namentlich des- 
halb, weil Tasso trotz seines Verlangens epbch zu bleiben und Homer 
nahe zu kommen, seinen persönli^en Empfindungen und Vorstel- 
lungen Worte leiht Tassos Geist war blendend, schillernd, mit 
einem Hang zur Mystflc, und sein Gedicht wirkt wie ein im Licht 
bewegter Opal, es zieht an und verbreitet eine Art magischer At- 
mosphäre. Was uns heute in der „Gerusalemme** stört, bt ihr 
Mangel an Einfachheit, man empfindet das nahende Barock mit 
seinen Übertreibungen. Tasso stand unter dem Einfluß dieser 



TORQUATO TASSO 387 

Zeitströmungy und so enthält sein Gedicht viel leere Deklamation, 
rhetorische Phrasen und überflüssige Zutaten. 

Vergleicht man Tassos und Ariosts politische Anschauungen» 
so ergibt sich bei Ariost das Kaisertum ab einigende Macht; das 
ganze christliche Europa schart sich unter der Flagge des Impe- 
rators, um die Oberfälle der Sarazenen zurückzuschlagen, während 
das Kaisertum bei Tasso ab weltyerbindende Gewalt bereits schwin- 
det imd dafür die christliche Ritterschaft im Namen der Religion 
mit den Ungläubigen kämpft. An Stelle des Kaisertums ist die 
Kirche das einigende Band der Völker. Rinaldo drückt das Emp-. 
finden der estensischen Guelfen aus: 

S'oppone all'empio Augusto e*l doma: 
B sotto Tombra degli argentei vanni 
L'aquila sua copre la chiesa e Roma. 

Diese Anschauung ist das natürliche Ergebnb des Drucket» 
der auf Italien unter der schweren kaiserlich-spanischen Faust 
lastete. Rom allein scheint berufen, die Völker zu sammeln. 

AuBer dem „Befreiten Jerusalem^^ hat kein Werk Tassos einen 
solchen Erfolg wie das Schäferidyll „Aminta" gehabt, das zu den 
gröBten Schätzen der italienischen Literatur des .XVL Jahrhunderts 
gehört. Die Renaissance hat die antike. Bukolik wieder zu Ehren 
gebracht, man begann Theokrits Idyllen und Eklogen nachzu- 
ahmen; schon Boccaccio hat den Schäferroman in seinem „Ameto*' 
eingeführt und bekannte Persönlichkeiten im Hirtengewand auf- 
treten lassen. Diese Form der Poesie war der Kritik und der Schmei- 
chelei gleich willkommen, antike Hirten traten auf, aber sie sprachen 
wie moderne Menschen, um deren Anschauungen es dem Dichter 
zu tun war. Die Schmeichelei im Munde dieser Idealgestalten 
wirkte nicht zu plump, die Kritik nicht zu persönlich. Was Wunder 
sbo, wenn sich diese Art der Poesie schnell eingebürgert hat, luid 
wenn namentlich gegen Ende des XV. Jahrhunderts eine Tendenz 
nmi Dialog, zum Drama sich geltend macht. Schon Serafino 
Aquilano hat in einer Ekloge die Verderbnb und den Geiz der 
römischen Kurie gegeißelt; sie war gegen Innocenz VIII. gerichtet 
und erschien unter dem Patronat des Kardinab Giovanni Colonna. 



388 ZWÖLFTES KAPITEL 

Um 1506 hat eine dramatisierte Bkloge „Tlrsi'* am Hof von UrUno 
▼iel von sich reden gemacht; ihre Verfasser waren zwei bekannte 
Hofleute Baldassare Castiglione und Cesare Gonsaga« Castiglione 
hat sich selbst in der Gestalt Jolis imd Gonzaga in der Gestalt Da- 
metos geschildert; über den Hof von Urbino und die Hofleute er- 
gossen die Verfasser ein Füllhorn geschickter Komplimente. Na- 
mentlich die ab Galatea gefeierte Herzogin Ettsabetta durfte zu- 
frieden sein, auch der in Urbino anwesende Bembo brauchte sich 
nicht zu beklagen. In Perrara wurden im Februar 1508 drei Eklogen 
aufgeführt, ihre Verfasser waren Ercole Pio, Antonio dell'Organo 
und Tebaldeo. Diese Art der Poesie gliederte sich dem Drama 
immer mehr an; trotz ihrer pastoralen Anfänge wurde sie immer 
aristokratischer und höfischer, da sich diese Aufführungen be- 
sonders für kostbare Dekorationen und gewählte Diktion eigneten. 
Auf diese Weise entstand eine neue Art theatralischer Auffüh- 
rungen, besonders geeignet zur Verherrlichimg der Feste in Ferrara, 
Urbino und Mantua, wo ein literarisches Feinschmeckertum blühte. 
In Hirtengewändem traten diese Gestalten auf die Bühne, die in 
gedrechselten Redensarten miteinander verkehrten; ernsthafte po- 
litische Elemente wurden mit Humor und Ausgelassenheit ver- 
quickt, Szenen ergaben sich, die Castigliones „Hofmapn*^ nicht 
unähnlich waren. Die Fürsten belustigten sich an diesen Dramen» 
die Gelegenheit genug boten, tmi ihrer. Eitelkeit zu schmeicheln 
und sie auf der Bühne gleich Göttern zu feiern. 

Das Stück bestand zumeist aus fünf Akten und einem Prolog, 
auch fehlte der in die Handlung eingreifende Chor von Hirten, 
Jägern und Nymphen nicht. Eine gewisse, Empfindsamkeit, die die 
Gesellschaft der ausgehenden Renaissance kennzeichnet, ein gewisser 
widerwärtiger Klang gemachter Liebe, wie in den Sonetten der Petrar- 
kisten, fand sich in den Schäferspielen und sprach die höfische Gesell- 
schaft besonders an. Es war so süS, den Klagen der Hirten zuzuhören: 

El dulce lamentar de los pastores 

wie bei einem Nachahmer von Sannazaros „Arcadia'^ zu 
lesen ist, einem der Hauptvertreter des Id^ im XVI. Jahr- 
hundert. Schon bei ihrem Beginn enthielt diese Art drama- 



TORQUATO TASSO 389 

tischer Poesie in ihren Klagen, ihrer Empfindsamkeit tmd Bin» 
tönlgkeit die Zeichen des Verfalls. NamentUcfa der ferraresiscbe 
Hof hatte eine Vorliebe fflr das Sch&f erspiel ; die Aufführungen 
wurden ebenso sorgfiltig vorbereitet wie einst die klassische 
Komödie unter Ercole. Epoche machte die Aufführung von Gioran 
Battista Giraldis Sch&ferspiel „L* Egle^S das weder Tragödie noch 
Lustspiel» sondern Drama sein sollte; infolge der vielen einge* 
flochtenen Satiren nannte es der Dichter „Satire^S Giraldi wollte 
Euripides* satirisches Drama neu beleben, aber er kam xu etwas 
anderem, indem er Arkadiens Götter und Halbgötter einführte. 
„Egle^' wurde im Winter 1545 im Hause des Verfassers aufgeführt, 
im Beisein Ercoles H. und des Kardinab Ippolito. Die Musik hatte 
Antonio del Cometto verfaßt, die Dekorationen Girolamo Carpi 
gemalt. Neun Jahre später, am 4. März 1554, wurde eine ähnliche 
Novität aufgeführt: „II sacrifido, favola pastorale^' von Agostino 
de* Beccari, imd 1563 wurde im Palazzo Schifanoja die „Aretusa^^ 
gespielt, eine pastorale Komödie von Alberto Lellio mit Musik. Es 
folgten Aufführungen verwandter Komödien, wie z. B. Agostino 
Argentis „Sfortunato'S aber sie wirken alle wie Vorstudien für 
Tassos „Aminta^S das bedeutendste Werk dieser Gattung. „Aminta^^ 
wurde zum erstenmal im SchloB Belvedere in Alfonsos IL Gegen- 
wart und im Beisein des gesamten Hofes aufgeführt und fand all- 
gemeinen Beifall. Verschiedene Einzelheiten, die sich auf allbe- 
kannte Persönlichkeiten bezogen, fesselten aufs lebhafteste, so die 
Anmerkungen gegen Speroni, gegen jenen gelehrten, aber sehr 
hochmütigen und scharfen Kritiker, der dem Verfasser des „Be- 
freiten Jerusalem'^ durch seine pedantischen Bemerkungen nicht 
wenig Ai^er bereitet hatte. Tasso nannte Speroni Mopso, und Aminta 
charakterisiert ihn foigendermafien: „Sie hat Grund genug, über 
ihr Schicksal zu verzweifeln, denn der khige Mopso hat ihr eine 
düstere Zukunft prophezeit, jener Mopso, der die Sprache der 
Vögel versteht, die Heilkraft der Kräuter und Quellen kennt, der 
alles weiß, was in der Vergangenheit und Gegenwart geschehen und 
womit die Zukunft schwanger isf 

„Von welchem Mopso sprichst du ?'* antwortet Tirsi, „von jenem, 
der Honig im Mund, Verrat im Herzen und ein Messer unter dem 



390 ZWÖLFTES KAPITBL 

Mantel führt? POrchte dich nicht, denn jene falschen, unheil* 
kündenden Propheseiungeni mit denen er schreckt, gehen, wie aus 
Erfahrung bekannt, in den seltensten Pftllen in Erfüllung/' 

Der letzte Sats bezieht sich auf Tassos persönliche Erfahrungen* 
Als der Dichter zum erstenmal einige Ges&nge seines „Befreiten 
Jerusalem^' am ferraresischen Hof 1571 in ^ronis Gegenwart vor- 
las, beurteilte der alte, reiche, eingebildete Kritiker den jungen 
Dichter streng und prophezeite ihm nur geringen Erfolg. Tassos 
Ruhm verbreitete sich über ganz Italien, und der Dichter durfte, 
ohne zu übertreiben, si^en, Speroni sei ein falscher Prophet. 

Nur mit Speroni hat Tasso so streng in „Aminta^^ abgerechnet; 
für Alfonso II., die Prinzessinnen Lucrezia und Leonora, für die 
Gräfin Scandlano und viele andere gab es nichts als Schmeiche- 
lelen, selbst für den Sekretär Pigna, der als Elf^ auftritt, wurde 
Weihrauch abgebrannt, obgleich der Diditer ihm nicht ehrlich 
zugetan war. 

„Aminta'* wurde in Pesaro, UrUno und Mantua aufgeführt, 
in Buchform erschien es erst im Dezember 1580 bei Aldo Hanudo, 
imd bis 1891 hat es in Italien allein hundertfünfundsiebzig Ausgaben 
erlebt. Das Buch zirkulierte bereits vor seinem Erscheinen in ganz 
Italien in Abschriften und fand viel Nachahmer. Später wurde es 
ins Pranzösische, Spanische, Englische, Holländische, Dänische, 
Deutsche, Polnische, Neugriechische, Ungarische und selbst La- 
teinische übersetzt. 

Zur Popularität von „Amlnta'^ und von allen dramatischen 
Stücken dieser Art trug nicht wenig die melancholisch-lyrische 
Musik bei. Pur „Aminta" hatte sie e^ Jesuit aus Sizilien Erasmo 
Marotta (gest in Palermo 1641) komponiert. Der verliebte Hirte 
singt seine Liebesklagen fünfmal auf der Bühne, Daphnes und Silvias 
Gesang entzückte die Hdrer, und der Chor im ersten Akt entfesselte 
Beifallsstürme. 

Guarini hat Tasso „Amintas'^ Ruhm geneidet, er beschloß ein 
schöneres, sorgfältiger durchgefeiltes Schäferdrama zu schreiben. 
Neun Jahre, von 1581 bis 1590, hat er daran gearbeitet und ihm 
den Titel „Pastor fido^' gegeben. Guarinis Werk war bis in die 
kleinsten Einzelheiten durchgefeilt und geglättet, und ab der Ver- 



TORQUATO TASSO 39] 

iasser einige Abechnitte an Alfonsos Hof vorlas» durfte er mit dei 
Aufnahme, die seine Arbeit fand, zufrieden sein. Guarini war ein 
▼ortiGhtiger Mann; ehe er sein Drama drucken Uefi, wollte er sich 
nach den verschiedensten Seiten hin vergewissem, daft er Lob ernten 
würde. Br rühmte sich, gewissermaBen um Tasso damit zu schlagen, 
sein Drama sei nicht von einem Dichter von Beruf verfaßt, sondern 
von einem Menschen, der zu seinem Vergnügen schreibe. Br fuhr 
zu Ferrante Gonzaga nach Guastalla, wo sich stets ein großer Kreis 
von Literaten und gebildeten Frauen zusammenfand, um dort sein 
Sdiifen^iiel vorzulesen. Guastalla wurde „Vaso delle Muse'' ge- 
nannt, weil sich dort so viel Dichter zu versammeln pflegten. Unter 
Guarinis Hörern befand sich auch Barbara Sanseverino. Zum ersten- 
mal sollte der „Pastor fido" in Ferrara 1584 aufgeführt werden; der 
Herzog befahl seinen Statthaltern, Jünglinge mit schauspielerischem 
Talent ausfindig zu machen; erwachsene Schauspieler gab es 
genug, während es schwierig war, einen Knaben für die RoUe der 
Nnnphe zu finden. SchlieBlich war auch diese Rolle besetzt, aber 
trotz der langen Vorbereitungen kam die Vorstellung aus uns un- 
bekannten Gründen nicht zustande, tmd erst 1591, nachdem das 
Drama im Druck erschienen war, sollte es an Vincenzo Gonzagas 
Hof auf geführt - werden. Diese Aufführung wurde wegen ihrer 
kostbaren Inszenierung und der sorgfältigen Regie, die der Gräfin 
Agnese Argotta unterstand, zu einem epochemachenden Ereignis. 
Zwischen den Akten wurden eingestreute Intermezzi mit viel Pomp 
aufgeführt. Nach dem ersten Akt wurde ein Ballett mit Gesang, 
„Musica della Terra'S aufgeführt; zwischen Bäumen und Felsen 
tanzten Nymphen und Sangen Hymnen an die Erde. Im zweiten 
Intermezzo verwandelte sich die Bühne in einen großen See, Venus 
in der Muschel tauchte auf, umgeben von Nymphen, Amorinen und 
Sirenen, die einen Hynmus aufs Meer sangen. Das dritte Intermezzo 
stellte die „Musica deU* Ana'' dar, die acht Wuade auf künstUchen 
Wolken ausführten. Im letzten Intermezzo sangen sieben Gott- 
heiten, die die Planeten darstellten, die „Musica del Cielo''. Un- 
glücklicherweise verbinderte der plötzliche Tod des Kardinals 
Giovanni Gonzaga die Hauptaufführung, sie kam erst im Jahre 1598 
zustande, und war so groBartig, daB in ganz Italien davon ge- 



393 zwOlftbs kapitbl 

8pro€faen wurde. Die Musik cum ,,Pastor fido*' haben Giaeomo de 
West, Francesco RoTigo und der Jude Isacchino aus Mantua kom* 
poniert; Ton letsterem stanunt die Arie zum Taas der „Dunkehi'*. 
Guarini konnte bei dieser Aufführung, bei »»seiner Hochzeilf', wie 
er sie nannte, nicht zugegen sein; 1598 wurde das Stück wiederholt 
aufgeführt, zuletzt auch in Perrara. 

Nach dem Erscheinen TOn „Aminta'* und „Pastor fido'' ergoB 
sich eine wahre Flut von Scbftferdramen über Europa, und es gibt 
wenig Beispiele in der Geschichte der Literatur, daB eine poetische 
Form die Herzen des Publikums in dem MaBe erobert hat Diese 
▼erliebten philosophierenden Hirten, die die HOrer mit ihren zwei* 
deutigen Ausdrücken belustigt haben, diese kiditsinnigen Nym- 
phen, die sich niemals zierten, die gemeinsten Dinge in scherzhafter 
Form vorzubringen, haben dem lockeren Geist des ZVI«, ZVII. 
und XVIIL Jahrhunderts in merkwürdiger Weise entsprochen« Die 
prunkvollen Aufführungen, die glänzenden szenisdien Bilder, die 
melodischen Verse — all das trug dazu bei, den Schlferdramen 
eine lange Herrschaft zu sichern. Im XVIL und ZVIII« Jahrhundert 
gab es von Neapel und Gibraltar bis nach England und DInemark 
keinen gebildeten BSenschen, der nicht „Aminta'' und „Pastor 

fido^^ gelesen hätte, und in einer venezianischen Satire des 

XVin. Jahrhunderts werden die Frauen verspottet, die 

ganze Stöfie von Gebetbüchern in die IQrche tragen, 

da sie trotz dieser mitgebrachten Bibliothek 

mehr an den „Pastor fido^' als an Lita^ 

neien und fromme Hymnen denken. 

Montre ascolta messa, col cervello 
Le medita Tamor del dio Cupido, 
E i versi in bocca tien del „Pastor fido^' 
Per redtarli al caro pastorale. 



DREIZEHNTES KAPITEL 

FINIS FERRARIAE 



Ercoles Töchtern, Anna, LucnzU und 
irde.wie erwähnt, eine besonders sorg^Sltige 
uteU. Ihre Lehrer waren Humanisten alten 
und die jungen Damen beherrschten das 
so gut, daB sie i543i zur Feier von PaulsIIL 
Ferrara. eine Komödie von Terenz im 
Originakext aufführt haben. Annas Schicksal, die den Herzf>g 
Ton Guise geheiratet hat und nicht wieder nach Italien zurückge- 
kehrt ist, ist uns bekannt, Leonora, die jüngste, ein romehmes, 
gutes, krinldiches Geschöpf hat an den Hofintriguen keinen Anteil 
genommen, Lucrezia dagegen, die sehr schön, leidenschaftlich und 
rachsüchtig war, haben öffentliche Angelegenheiten lebhaft be- 
schAftigt, gelegentlidi hat sie sie im geheimen gelenkt, luul gegen 
Bade ihres Lebens hat sie wie ein böser Geist Über Ferrara geherrscht; 
sie hat mft dazu beigetragen, das Reich zu Fall zu bringen. 

Battlsta Giraldi Clntio hat Lucrezia in seiner Dichtung „L'Ercole" 
die Schönste unter den Schönen genannt, und die Hofpoeten, Tasso 
an erster Stelle, fanden nicht Vei^leiche und zierliche Wendimgen 
genug, um ihre Reize und ihr Wssen zu {«eiflen. 

Nach Ercoles Tod und Renatas Abreise nach Frankreich blieben 
beide Prinzestinnen Leonora und Lucrezia in Ferrara unter Alfonsos 
Schutz. Der Vater hat ihnen eine sehr knappe Hitgift ausgesetzt, 
ja sie zugunsten des Bruders benachteiligt. Er hatte ihnen 
60000 Scudi vermacht (etwa 150000 Francs), davon bekamen 
sie aber nur 40 000 Scudi in bar ausbezahlt, der Rest bestand in 



394 



DREIZEHNTBS KAPITEL 



Schmuck und kostbaren Geräten. Das Testament enthielt auSerdem 
die Klausel, daß, falls diese beiden Töchter nicht heiraten sollten» 
Alfonso für ihre Nahnmg imd Kleidung und die ihrer Dienerschaft 
zu sorgen habe. Es war dies natürlich keine geringe Ausgabe für 
Alfonso, sie betrug an zweihundert Scudi monatlich für jede der 
Schwestern, außerdem galt es für den Unterhalt von mchtund- 
zwanzig Personen, die ihren Hofstaat bildeten, zu sorgen« 

Der Herzog hatte seinen Schwestern besondere Wohnungen im 
Schloß angewiesen, wo sie GAste empfangen, Gesellschaften geben 
und musikalische Abende veranstalten konnten; beide liebten Musik 
über alles, Lucrezia hatte eine schöne Stimme tmd entzückte den 
ganzen Hof durch ihren Gesang. Die Prinzessinnen blieben unrer- 
mfihlt; der französische Hof hatte zwar schon 1547 um Lucrezias 
Hand für den Herzog Ton Lothringen angehalten, aber Brcole trug 
ihm damals Anna an, da Lucrezia erst elf Jahre alt war. Unter- 
handlungen wegen Lucrezias Heirat mit dem Herzog von Nemours 
wurden gleichfalls gepflogen, 1560 wurde ihr Pius' IV. Nepote^ 
Federigo Borromeo, angetragen, aber all diese PlAne haben sich 
aus uns unbekannten Gründen nicht realisiert. Erst 1565, als 
Lucrezia dreißig Jahre alt war, begann der alte Herzog Guido- 
baldo Ton Urbino an ihre Heirat mit seinem Nachfolger Francesco 
Maria della Rovere, einem sechzehnjährigen Knaben, zu denken. 
Dieser Plan scheint vom Kardinal Luigi ausgegangen zu sein, als 
dem einzigen der Familie, mit dem die Schwester gut stand. 

Francesco Maria hat die größten Hoffnungen erweckt, er war 
hübsch, gebildet, geistreich, begabt und ehrgeiiäg. Der Vater hatte 
ihn an den spanischen Hof geschickt, damit er den Kaiser für sich 
einnehme und für die Zukunft nützliche Beziehimgen anknüpfe. 
1565 fuhr Francesco nach Spanien, er hielt sich unterwegs in Perrara 
auf, imd blieb zwei und ein halbes Jahr am kaiserlichen Hof. Als 
Guidobaldo erfuhr, daß Francesco sich in eine Spanierin, in die 
Schwester des Herzogs Ton Ossuna, verliebt habe, ließ er ihn sofort 
zurückkommen, aus Furcht, der Jüngling könne eine Ehe, die 
unter seinem Range, dem eines regierenden Herzogs war, eingehen. 
Erst in Italien erfuhr Francesco Maria Guidobaidos Absicht, ihn 
mit Lucrezia zu verheiraten; er erschrak aufs äußerste, da die Prin- 



FIHIS FBRRARIAB 395 

zesdn dem Alter nach fast seine Mutter hätte sein können und ihm 
in Perrara nicht übermäBig gefallen hatte. Dagegen war Lucrezia, 
die zusammen mit dem Kardinal in aller Stille an der Verwirklichimg 
dieses Planes gearbeitet hatte» von Guidobaidos Entschluß beglückt, 
sie glaubte mit ihrem Verstand und ihrer Geschicklichkeit allmäh- 
lich das Herz des jungen Gatten gewinnen und ihn nach ihrem 
Vraien lenken zu können. Die Umgebung der Prinzessin schien am 
glücklichen Ausgang dieser Ehe zu zweifeln, da in den Ehekontrakt 
die Klausel gesetzt wurde, daß ihre Mitgift ihr auszuzahlen sei, 
falls sie sich von ihrem Gatten trennen oder wieder nach Ferrara 
zurückkehren sollte. Alfonso verlangte, daß Lucrezia, ehe sie die 
Ehe einging, auf ihre Ansprüche auf das Vermögen ihrer Eltern 
in Perrara verzichte, was die Prinzessin peinlich berührt hat. Sie 
setzte sich mit Guidobaldo ins Einverständnis, auf seinen Rat unter» 
schrieb sie zwar das von ihr verlangte Schriftstück, aber gleich- 
zeitig legte sie im geheimen, durch Vermittlimg eines ihr vertrauten 
Notars Protest gegen den Kontrakt ein, femer protestierte sie gegen 
die ihr von Alfonso ausgesetzte Mitgift, die dem Vermögen ihrer 
Familie nicht entsprach. Dieser Protest befindet sich bei den No- 
tariatsakten in P^saro. 

Am 8. Februar 1570 wurde der Ehekontrakt vollzogen, der 
Bräutigam wurde von Cesare Gonzaga aus Guastalla vertreten. 
Francesco Maria kam erst zehn Tage nach dieser Formalität nach 
Perrara; der Herzog empfing ihn aufs prächtigste, arrangierte ihm 
zu Ehren Bälle, Maskeraden, Theateraufführungen imd ein groß- 
artiges Turnier „II mago rilucente'S 

Francesco lAaria ließ sich all diese Feste gefallen, aber nach 
einigen Tagen, am 13. Februar 1570, verließ er Ferrara plötzlich 
ohne seine Gattin, indem er wichtige Geschäfte vorschützte. Von 
diesem Tage an ließ er ein ganzes Jahr nichts von sich hören, ob- 
gleich Ferrara wiederholt von Erdbeben heimgesucht wurde, imd 
Lucrezia sogar in Lebensgefahr geriet. Erst nach Verlauf dieses 
Jahres schrieb er an die Prinzessin, sie möge nach Pesaro kommen, 
wo er sie erwarten würde. Trotz des ungezogenen Benehmens des 
jungen Gatten, das jedem Brauch wider^rach, traf Lucrezia mit 
zahlreichem Gefolge am 9. Januar 1571 in Pesaro ein. Sie wurde 



396 DREIZEHNTES KAPITEL 

aufs pr&chtigste enqifangen, und Guidobaldo gab sich alle erdenk- 
liche Mühe, den fatalen Bindruck su verwischen, den Francesco 
Marias schändliche Flucht aus Perrara gemacht haben mußte. Lu- 
crezia gefiel übrigens aufierordentlich, und Lpazaro Mocenigo, der 
venezianische Gesandte, berichtet dem Dogen aus Pesaro, Lucrezia 
sehe gut aus, sei voller Grazie und Majestät, aber mit ihren 
dreißig Jahren sei sie nicht die geeignete Gattin für den jungen 
Erbprinzen. Den Herzog und den gesamten Hof interessierte die 
Frage, ob sie Kinder haben würde, auch llocenigo schließt seinen 
Brief „gebe Gott, daß sie Kinder habe, doch zweifle ich sehr daran.'* 

Lucrezia gelang es auch diesmal nicht, ihren Gatten zu fesseln. 
Da bot sich ihm eine sehr güxistige Gelegenheit, Lucrezia zu ver- 
lassen. Die christlichen Mächte bereiteten eine große Eiqiedition 
gegen die Türken vor. Francesco Maria beschloß daran teilzuneh- 
men und verließ Pesaro kaum ein halbes Jahr nach Lucrezias 
Ankunft. Die unglückliche Prinzessin suchte ihn vergebens von 
diesem Plan abzubringen, ihre Überredungskunst vermochte nichts 
über den Jüngling, den es nach Ruhm dürstete und der der ältlichen 
Gattin müde war. Bs gelang ihr nur, ihre Rückkehr nach Ferrara 
bei Guidobaldo zu erwirken, doch mußte sie versprechen, nach 
zwanzig Tagen zurüdczukommen. Guidobaldo brachte ihr viel 
Sympathie entgegen und verlangte in seiner despotischen Art, daß 
sein Vfüit respektiert werde tmd Lucrezia sich an die Bevölkenmg 
Urbinos gewöhne. Aus den zwanzig Tagen wurden zwei Monate, 
Lucrezia kam erst im November zurück, und einige Tage nach ihr 
kam auch Francesco Maria von seiner Eiq>edition heim. 

Das unglücklichste eheliche Zusammenleben begann, voll 
Streit und Zank, unterbrochen von Lucrezias Reisen nach Ferrara, 
verschärft durch Geldsorgen, da die mageren Einkünfte der Prin- 
zessin ihre notwendigsten Bedürfnisse nicht deckten. Sie war bei 
den jüdischen Kaufleuten in Urbino verschuldet, und aus den 
Händen der Wucherer befreite sie erst der Tod der Mutter, die ihr 
50 000 Lire in bar vermacht hat Einige Monate nach Renatas 
Tod, am 28. September 1574, starb auch der alte Guidobaldo, Lucre- 
Sias treuer Anhänger. Infolgedessen spitzte sich das Verhältnis 
zwischen den Gatten noch schärfer zu. Lucrezia lebte nun in der 



FINIS FBRRARIAB 



397 



Hauptsache beim Bruder: eine Hagen- und Augenerkrankung Ter- 
anlaßte sie im Frühling 1575 Pesaro zu verlassen und Perrara auf- 
zusuchen, das wegen seiner tüchtigen Arzte berühmt war. Von Kind- 
heit auf an Peste, Zerstreuimgen und Geselligkeit großen StQs ge- 
wdhnty öffnete sie wieder ihre Salons im ferraresischen Kastell; damals 
verkehrte Tasso viel bei ihr. Der Dichter las üir seine ,»Gerusalemme*' 

• vor und rühmte sich in seiner eitlen Art in einem Brief an seinen 
Preund, er verbringe viele Stunden bei ihr ,yin secretis'^ Das sollte 
bedeuten» daß er zeitweilig allein von ihr empfangen wurde, denn 
wahrhaft ,4n secretis'* empfing sie jenuuid anderes, den Bfarchese 
Brcole Contrari, den sie noch vor ihier Hochzeit geliebt hat. Die 
Contrari gehörten zu den bekanntesten Pamilien von Perrara und 
waren selbst mit den Este verwandt, da der (Großvater Ercole mit 
Diana, Sigismondo d'Estes natürlicher Tochter, verheiratet war. 
Ercole Contrari besaß mit den größten Peudalbesitz in Perrara, das 
llarquisat Vignola, zahlreiche Schlösser und Dörfer. Er scheint 
schon in den Pünfzigen gewesen zu sein, war aber ein ansehnlicher, 
stattlicher Bilann, der noch bei allen Turnieren den Preis gewann. 
Am Hofe nahm er als Pührer der herzoglichen Garde eine wichtige 
Stelle ein und besaß des Herz<^ absolutes Vertrauen. Lucrezia 
sah trotz ihrer vierzig Jahre noch gut aus, und da sie in ihrer Ehe 
soviel Enttäuschungen erlebt hatte, wandte sie sich mit um so 
heißerem Herzen ihrer früheren Liebe zu. Sie knüpfte ein Liebes- 

. verhAltnis mit Contrari an, von dem auch am Hof gesprochen wurde. 
Lucrezias Vetter Alfonso d'Este, Alfonsos I. natürlicher Sohn 
und der Vater Cesares, des vermutlichen Thronfolgers, erfuhr da^ 
von; allzu besorgt um die Ehre der Pamilie, benachrichtigte er den 
Herzog von allem. Alfonsos Vorgehen entsprach der Tradition der 
fürstlichen Tyrannengeschlechter. 

Am Nachmittag des a. August 1575 ließ er Contrari zu sich bitten; 
der Bfarchese kam ahnungslos ins Schloß, im Glauben, der Herzog 
habe einen Auftrag für ihn. Alfonso kam ihm entgegen imd bat 
ihn in ein Priva^emach. Dort warteten bereits Comelio Bentivoglio, 
Pigna, der Sekretär des Herzogs, der Graf Palla Strozzi und Burrino, 
der Henker. Anwesend waren femer Curzio Trotti, der Preund des 
Marchese und Borso Trotti, Lucrezias Bililchbruder, der ihr Ver- 



398 DRBIZBHNTB8 KAPITEL 

trauter gewesen war. Die beiden letzteren hatte der Herzog am 
Morgen des gleidien Tages zu sich gebeten und ihnen durch Dro- 
hungen das Geheimnis entrissen. Sie kannten den Ausgang nichit 
aber die Anwesenheit des Henkers war eine furchtbare Drohung. 
Als Contrari ins Zimmer trat» warf ihm Bentivoglio plötzlich eine 
Decke über den Kopf, Strozzi packte ihn bei den Armen, damit er 
sich nicht wehren könne, Burrino preBte ihm die Schläfen mit. 
einer groBen Zange zusammen» dann warf er ihm mit tmgeheurer 
Schnelligkeit und Geschicklichkeit einen Strick um den Hab» so 
daB der Marchese lautlos zusammenbrach. Die Zeugen TerlieBen 
auf Alfonsos Befehl das SchloS unverzüglich, um einen Arzt zu 
holen; das Gerücht wurde ausgeq;irengt, daB Contrari einen 
Schlaganfall bekommen habe; ab der Arzt seinen Tod kon- 
statiert hatte, wurde er in einem herzoglichen Wagen in den 
Palast der Contrari überführt. Zwei Tage später lieB AUonso 
den Marchese mit all dem Pomp begraben, der ihm seiner Stellung 
nach gebührte und in der Familienkapelle bei den Dominikanern 
beisetzen. 

Ab man Lucrezia vom Unfall des Marchese benachrichtigte, 
glaubte sie erst, er wäre noch am Leben imd schickte in seinen 
Palast, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Ab sie Je- 
doch erfuhr, wer der Mörder war, blieb sie äußerlich ganz ruhig, 
aber sie schwor Rache nicht den Urhebern des Mordes allein, sondern 
ihrem ganzen Geschlecht. Ihr HaB richtete sich namentlich gegen 
ihren Vetter, Don Alfonso d*Este, den sie für den moralbchen Ur- 
heber des Verbrechens hielt, und gegen seinen Sohn Don Cesare. Sie 
wurde die furchtbarste Feindin ihrer eignen Familie und hatte dafür 
Gründe genug. Ihr eigener Vater hatte ihr Unrecht getan, indem er 
ihr im Testament eine unverhältnismäBig kleine Mitgift aw^fesetzt 
hatte, ihr Bruder hatte sie geschädigt, ab er sie zwang, in den Ehe- 
akten auf ihre Ansprüche auf den Familienbesitz zu verzichten und 
derselbe Bruder hatte ihr Herz zerrissen, da er ihr auf hinterlistige, 
verbrecherische Art den einzigen Menschen nahm, den sie geliebt hat« 
Nach Contraris Tod blieb ihr Verlangen nach Rache zwetondzwanzig 
Jahre ungestillt, zweiundzwanzig Jahre lang intrigierte sie, tebte 
erfüllt vom HaB gegen alles, was mit ihrem Geschledit in Zusammen« 



FimS FERRARIAB 399 

hang Stand, bis sie sich einige Tage vor üirem Tode liolmlachend 
gestehen konnte, den Este Ferrara entrissen zu haben. 

Kurze Zeit, nachdem ihr Geliebter ermordet worden war, yerlieB 
Lucrezia Ferrara, sie ging zu ilirem Hanne zurück, legte auf ihrer 
Reise nach Urbino in Loreto ein Gelübde ab, und flehte wohl die 
Madonna um Beistand in der Durchfühnmg ihrer Rache an. 

Beim Gatten blieb sie nur kurze Zeit, sie hatte sich bei ihm eine 
damals sehr verbreitete Krankheit geholt, die bei ihr in ihrer ganzen 
Furchtbarkeit auftrat Verzweifelt beschlofi sie Urbino für immer 
zu verlassen und ging nach Perrara zurück. Dort ließ sie sich vom 
berühmtenArztBrasevoli behandeln,aberSpuren der Krankheit blieben 
für immer. Die öffentliche Meinung in Urbino wandte sich bald gegen 
denHerzog, der jetzt al]em5glichenMittelanwandte,umsichmit seiner 
Frau zu versöhnen und sie zu bewegen, wieder zurückzukehren. Die 
italienischen Tyrannen pflegten eheliche Konflikte in aller Stille zu 
lösen» mit Gift oder Gefängnis; die Flucht der Gattin war etwas an da^ 
maligen Höfen Beispielloses. Francesco Maria fühlte sich in seinem 
Stolz tief verletzt und seinen Untergebenen g^;enüber gedemütigt, er 
sduieb und schickte Boten nach Ferrara, um Lucrezia zur Rückkehr 
zu bewegen, aber alles war umsonst Selbst Alfonso ergriff die Partei 
seiner Schwester und seines Hauses und holte den Rat der Ddetoren der 
Sorbonne ein, um Lucrezias Entschlufi, nicht mehr zum Gatten, der 
ihr soviel Unrecht zugefügt hatte, zurückzukehren, rechtlich zu 
stützen. Francesco begab sich zu Gregor ZIII., damit er Lucrezia b^ 
fehle, zu ihm zurückzukehren, aber weder das päpstliche Breve, noch 
die Versuche der Kirchenfürsten vermochten sie in ihrem Entschluß 
wankend zu machen. So blieb nichts anderes übrig, als wenigstens 
die Vermögmsverhältnisse der Gatten einem schiedsrichterlichen 
Spruch zu unterwerfen. Die Kardinäle, Pamese, Bste und Sforza, 
haben diesen Vertrag beraten, der in Rom am 31. August 1578 ge- 
schlossen wurde. Es wurde beschlossen, Lucrezia ihre Freiheit zu 
lassen, sie könne wohnen, wo sie woUe, und der Herzog von Urbino 
habe die Pflicht, ihr jähcVch 6000 Scudi auszuzahlen, die Hälfte 
jener Summe, zu deren Auszahlung er sidi im Ehdkontrakt ver- 
pflichtet hatte. Außerdem bestimmte Francesco Maria Lucrezia 
das Schloß in Novillara nebst dem dazu gehörigen Landbesitz. 



400 DRBIZBHHTBS KAPITEL 

11 

T ucrexia hatte kdne Lust, einsam in Novillara xu kben» es ver- 
L/lsngte sie, ein AJtttelpunkt zu sein und Ton zahlreichen Menschen 
umgeben und veiehrt zu werden. Sie wählte Ferrara zu ilirem' Wohn- 
sitz, besondefs da sie dort Gelegenheit hatte, ihre Intriguen weiter- 
zuspinnen. 

Alfonso, der nach Barbaras Tod einige Ztit ab Witwer gelebt 
hatte, verheiratete sich 1579 zum dritten Mal mit der fOnfaehn- 
jihrigen Margherita, der Tochter des Herzogs von Mantua; sie war 
trotz ihrer Jugend eine selbständige, unabhängige Natur. NatthrUch 
begann nach Margheritas Einzug in Perrara ein Wettkanqrf zwischen 
den beiden Frauen, weicher Ton beiden die eiste Rolle am Hofe ge- 
bühre -— Lucrezia hatte geglaubt, Margherita Tollkommen be- 
herrschen zu kennen, aber die junge Mantuanerin war sich ihrer 
Würde ab Herzogin von Perrara bewuBt und ließ sich Ton der ge- 
schiedenen Frau mit bewegter Vergangenheit nicht in eine unter- 
geordnete Position drängen. Bald standen sich diese beiden Frauen 
nach dem Ausdruck eines Zeitgenossen „wie Schlangen gegenüber, 
die sich beifien wollen'S Margherita fühlte sich um so sicherer, 
ab am Hof von Lucrezias Verhältnb mit dem Grafen Monte- 
cuculi, einem Cameriere des Herzogs, geflüstert wurde. Lucrezia 
soll trotz aller Stürme, durch die sie g^;angen, auch in ihrem 
späteren Leben einen großen Teil ihrer früheren Schönheit bewahrt 
haben. Dies möge zur Rechtfertigung von Montecuculi dienen, der 
ihr letztes Opfer gewesen zu sein scheint Mit zunehmendem Alter 
stieg auch die Frömmigkeit der Herzogin, sie verbrachte ganze Tage 
im Kloster, ließ berühmte Kanzelredner kommen, was sie jedoch 
nicht hinderte, glänzende Feste zu geben, Gäste Ton fernher einzu- 
laden und auf sehr großem Fuß zu leben. Sie hatte sogar 
einen berühmten Koch, Rosetti, der ein Buch unter dem Titel 
„La scalco", 1583 in Venedig herausgegeben hat, worin er 
einige von seiner Herrin veranstaltete Banketts beschreibt. Auf 
dem einen traten während des Desserts zwei Hofnarren auf, Le- 
dardino und Francatrippa, die die ganze Gesellschaft zum Lachen 
brachten. 



FIHIS PBRRARIAB 



401 



Fette und Gebete hlodeiten Lucrecia nidit, gegen ihfe eigne 
FamiUe zu arbeiten. Alf onto behielt sie streng im Auge, lieB sie durch 
ihm ergebene Diener beobachten und fing oft sogar ihre Briefe auf. 
ZS879 nach Alfonso d^Bstes, des Vetters Tod, richtete die Herzogin ihr 
ganzes Augenmerlc darauf , zu ▼erhindem, daS sein Sohn Cesare 
auf den Thron ▼on Ferrara komme« Ihr Vorgehen war nicht frei von 
dar Furdity daB Cesare, der über ihre GeffUüe nicht im Zweifel war, 
sich einst an ihr rSdttn würde. Um dem Torzubeugen, richtete die 
Herzogin 1591 ein Memorial tat ihren Bruder und bat, ihre Zukunft 
sich e rz ustellen, damit sie nicht, „falls Ferrara einst in Gott weiS 
wessen HJhide ühergdie, das Opfer der furchtbarsten Behandlung 
werda'^ Sie machte sogar einen neuen Prätendenten ausfindig, 
Cesare Trotti, Brcoles II. unehelichen Sohn, um Cesares mögliche 
Thranfidge zu Terhindern. Als sie erfuhr, daß Rom nach Alf onsos IL 
Tod Ferrara zu annektieren beabsichtige, beschlfiigte sie die Sorge 
um den zukünftigen Herrscher nicht linger, sie stellte ihre ganze 
Kraft in den Dienst der rSmisdien Kurie und war Tom Wunsche 
erfüllt, daB das Beich, das drei Jahrhimderte lang unter der Herr* 
Schaft Sires Geschiechtee gestanden, der Kirche anheimfalle. Sie 
empfing pi^>stliche Gesandte im geheimen, gab der Kurie Rat- 
schlige, auf weldie Weise sie sich nadi Alfonsos Tod Ferraras am 
sidiersten bemiditigen kSnne, und wuAte Parteigenossen um sich 
zu sammeln. Kodi tot dem Tode des Oheims Don Alfonso berichtete 
Rafaek Medid, der Florentiner Geschäftsträger in Ferrara, im 
August 1587 seinem Herzog, Lucrezia widersetze sich Don Alfonsos 
Nachfolge nicht nur infolge des Hasses, den sie für ihn nähre, sondern 
auich aus Furcht, nach Pesaro zurückzukehren und sich dem Oheim 
unterwerfen zu müssen oder, was vielleicht noch schlimmer sei, 
seiner Frau, die aus einer Apoth^erfamiUe stammte. Don Alfonso 
fürchtete mit Recht, Lucrecia würde sich nach dem Tode des Herzogs 
des Kronschatzes, der etwa eine Million Scudi enthielt, bemächtigen 
und Cesares Gegner um sich scharen, um ihn vom Thron fernzu- 
halten. Rafaele lledid enqrfahl Cesare einen Versuch, die Herzogin 
für sich zu gewinnen und gemeinsame Sache mit ihr zu machen, 
da der GroHierzog von Florenz Ferrara lieber nach wie vor in der 
Hand der Bste und nicht unter der Herrschaft der Kirche gesehen hätte. 

•0 



403 



DRBIZBHMTBS KAPITEL 



Lucrezia wollte Yon dner Annlhening CeMtfM nichts wiasen; 
sie hatte alles so soq^fUtig eingeOdelt, daB der Erfolg so gut wie 
sicher war. Sie war im Oktober 1597 in Reggio sur wunder- 
titigen Madonna della Ghiara gepilgert» als ihr gemeldet wurde, 
ihr Bruder sei schwer am Fieber ericrankt Sofort lieB sie sich in 
einer Sänfte nach Perrara bringen; sie fand Alfonso noch am Leben, 
konnte ihn aber nidit mehr sprechen, da Alfonso sich weigerte, sie 
SU empfangen. Alfonso starb am 87* Oktober; vor seinem Tode 
hatte er die adligen Würdenträger und die Altesten der Stadt an sein 
Lager berufen und den Versammelten sein Testament verlesen, 
in dem er Cesare d^Este als seinen Nadif olger bestimmte« (Heidi- 
xeitig teilte er den Anwesenden mit, daB er sich beim Kaiser tun die 
Investitur von Modena an Cesare bemüht habe. Dem zukünftigen 
Herzog hatte er in seinem Testament die PfBdit auferlegt, Lucrezia 
die gleiche Summe auszuzahlen, die sie bis jetzt erhalten hatte, 
auch vermachte er ihr 4000 Scudi in bar« 

Cesare kam tmmittelbar nach Alfonsos Tod nach Perrara; nadi 
alter Sitte bestieg er seinen Schimmel und zog im Herzogsmantel 
durch die StraBen der Stadt, indem er das fenaresische Reidi in 
Besitz nahm. Der Papste Klemens VIII. Aldobrandini, beantwortete 
den Umzug mit einem Edikt am Domportal, worin er Cesare einen 
Usurpator nannte, und verkündete, daB Perrara als Kirchei4;ut der 
Kirche anheimfalle. Gleichzeitig lieB der Papst unter der Anführung 
seines jungen Nepoten, des Kardinab Pietro Aldobrandini, ein 
Heer von dreiBtgtausend Mann vor Perraras Grenzen sammeln. Da 
Cesare trotz des Ediktes und des päpstlichen Heeres nicht gutwillig 
zurücktrat, erlieB der Papst am 33. Dezember eine BuUe, die ihn 
und seine Anhänger in den Bann tat, aufierdem belegte er Pcvrara 
imd das gesamt^ Landgebiet mit dem Interdikt Die Lage des jungen 
Herzogs war hof fnmigslos, die f erraresische Bevölkerung hatte nicht 
die geringste Lust, ihn zu beschützen, da er es nicht verstanden 
hatte, sidi Sympathien zu erwerben. Niemand vertraute dem im* 
erfahrenen, schwankenden Pührer, niemand i^aubte, daB er sich 
auf dem Thron würde behaupten kSnnen. Die Bevülkerung war 
außerdem dturch Abgaben viel zu erschöpft, um die weitere Herr- 
schaft der Este zu b^;ehren; auf allen lastete Druck und Apathie. 



FINIS FERRARIAB 



403 



Unter solchen Umständen blieb Cesare nichts übrig, als Verhand* 
Itingen mit Rom anzuknüpfen. Aber wer sollte sie führen? Der 
Herzog begab sich zur verhaBten Lucrezia, zu seiner erbittertsten 
Feindin. 

Nach Ercole Mostis Berichten, der in die geheimsten Pläne des 
▼erstorbenen Herzogs eingeweiht war, hat Alfonso IL die Absicht 
gehabt, Lucrezia zu vergiften, aus Furcht, daB sie Cesares Pläne 
durchkreuzen würde, dem Kranken gebrach es jedoch an Energie, 
um diesen Befehl ausführen zu lassen. Mosti empfahl Cesare, den 
Wunsch des Toten zu ToUstredeen, aber den bei dieser Unterredung 
anwesenden Sekretär Loderchi empörte dieser Plan und er hintertrieb 
seine Ausführung. Don Cesare war Mostis Rat nicht unzugänglich, 
schon war er im Begriff, Lucrezia erwürgen zu lassen, als weitere 
Ereignisse die Durchführung dieses furchtbaren Planes unmöglich 
machten. Cesare war von den freundschaftlichen Beziehungen seiner 
Tante zu Rom unterrichtet, er glaubte an ihre Geschicklichkeit und 
nahm an, daS sie in einem so kritischen Augenblicke den Fall der 
estensischen Dynastie in Ferrara nicht wünschen, sondern unter 
entsprechenden Vorteilen die Rolle der Retterin des Geschlechts 
spielen würde. Aus diesem Grunde bat er sie, mit dem Kardinal 
zu unterhandeln und rüstete sie mit absoluter Vollmacht aus. 

Aber Cesare hatte sich getäuscht, nichts verband Lucrezia mehr 
mit den Este; seit dem Augenblicke, da Alfonso ihren Geliebten 
hatte ermorden lassen, brütete sie Rache. Triimiphierend übernahm 
sie den Auftrag: der Augenblick der Rache war gekommen« 

Der Winter war kalt, Schnee deckte die StraBen, die schwächliche 
Herzogin lieB sich in der Sänfte nach Solarolo zu Aldobrandini 
tragen. Der Legat empfing sie mit großen Ehren, doch wollte er 
sich in Verhandlungen nicht eher einlassen, als bis Cesare die Waffen 
niedergelegt, seinen kleinen Sohn als Geisel geschickt und auf das 
Herzogtum Ferrara verzichtet habe. Lucrezia wurde als Belohnung 
für ihre Mühe und das Zustandekommen des Traktates das unab- 
hängige Herzogtum Bertinoro in der Romagna zugesprochen. Mit 
diesem Ultimatum kam Lucrezia nach Ferrara; Cesare empfand die 
Unmöglichkeit, das Herzogtum zu halten, er berief am 10. Januar 
1598 die zwölf Savi und die Vertreter des Adels, übergab nach einer 

a6« 



404 DREIZBHNTBS KAPITBL 

ei^;reifendeii Ansprache die Oberherrscfamft dem AnfQhrer der Savi» 
Terzicfateie «uf den Thron von Perrorm und schickte gleichzeitig 
seinen ältesten Sohn, Don Alfonso, einen sechsjährigen Knaben, 
unter dem Schutze zweier Edelleute, in Aldobrandinis Hauptquartier 
nach Faenza* 

Der Traktat, der den Este aUe Rechte auf Ferrara nahm, wurde 
in Paenza am 15. Januar 1598 unterzeichnet und nennt stdi in der 
italienischen Geschichte Transazione di Faenza. Am 99. Januar 
brachte einer der päpstUchen Condottiere den kleinen Alfonso d'Este 
nach Modena, und Cesare verHeB das ferraresische KastelL Zum 
letzten Mal hörte er des Morgens mit seinem Gefolge die Frühmesse 
im Dom. Unmittelbar nach dem Gottesdienst setzte sich der 
ganze Zug in Bewegung unter dem Schutz von sechshundert be- 
waffneten Reitern, zweihundert Bogenschützen zu Pferde und drei- 
hundert Pufisoldaten. Dieser Zug sah einem Begräbnis nicht un- 
ähnlich, im Volke tiefes Schweigen, der Herzog saB allein im Wagen 
mit gesenktem Haupt, und als er am Garten del Padiglione vorbei- 
kam, hielt er einen Brief vors Gesicht» um seine Tränen zu ver- 
bergen. Bei der Kirche degli Angeli erinnerte er sich der Gefangenen 
und schickte eine Abteilung Bogenschützen unter der Führung 
eines Cameriere, xaan die Unglücklichen zu bebeien, die in den unter- 
irdischen Gefängnissen des Schlosses und des Palazzo della Ragione 
schmachteten. 

Es gab in Ferrara einige herrscherlose Stunden, ehe das päpst- 
liche Heer einzog, und diese wenigen Stunden der Freiheit machte 
sich der Pöbel zunutze, um sich auf die Wohnungen der Juden zu 
stürzen, die die Este, die stets Geld brauchten, beschützt hatten. 
Die Empörung gegen die Juden wegen des von ihnen betriebenen 
Wuchers war so grofi, daß schon Alfonso II. einen Teil des Heeres 
in der Nähe des Ghettos einquartiert hatte, um sie vor den Über- 
fällen des Volkes zu schützen. 

In jenen letzten Tagen der estensischen Herrschaft in Ferrara 
lag Lucrezia schwer krank im SchloB, den Strapazen der Reise nach 
Faenza war sie nicht gewachsen, und dem Tode nahe wollte sie an 
ihrem Geschlecht noch die letzte Rache nehmen. Sie machte ihr 
Testament und verschrieb all ihren Besitz in Italien, darunter den 



FINIS FBRRARIAE 



405 



groBartigen Palazzo Bd^edere auf einer Po-Insel in der Nlhe Ton 
Perrara» dem Feind der Este, dem Kardinal Aldobrandini, su dem 
sie bis dahin keinerlei Beziehimgen gehabt 'hatte. Um Birem Bnt- 
sdihzB noch gröBere Bedeutung beizul^;en, richtete sie im Testament 
die Bitte an den Kardinal, er möge das Vermächtnis axinehmen 
als Be^veis der Dankbarkeit für seine ungeheuren Verdi^iste. tn 
Ferrara rief dieses Testament helle Empörung herrori man hlett 
es ffir den teuflischen Einfall einer von satanisdiem Gefet erfMlten 
Frauy und über Aldobrandini wurden nicht gerade schmeichethafte 
Gerüchte Terbreitet. Ein unbekannter fenraresfecher Patriot Ter- 
faBte auf Lucrezias Tod, die zum Untergang des Vaterlmides bei- 
getragen habe, folgendes Epitaph: 

Inimica alla patria e al proprio sangue, 
Sotto finto color di dare aita 
Predpitando altrui perde la vita 
Lucrezia estense, che qui giace essangue, 

Naidi dem Einzug des pipsdidien Heeres in Ferrara begann audi 
dort jene niederdrüdeende Herrschaft, die in den folgenden Jate- 
hunderten halb Italien zum moralischen und materiellen Untergang 
geführt hat Klemens VIII. brach am 13. April aus Rom nach Fer- 
rara auf, von einem grofien Stab Ton Kardinälen, Bisdxöfen und 
Prälaten umgeben, um die neue Herrschaft anzutreten. Ihm voran 
trug ein weiBes Maultier eine groBartige goldene Sdiatulle mit dem 
Sakrament, Dieses Zddien der Liebe und des Friedens stand in 
keinerlei Einklang mit dem HaB, den der Papst gegen Ferrara 
nährte. Klemens VIIL wollte es in Wahrheit an diesem Unglück- 
lidien Land rädien, daB es sich einige Jahrhunderte hindurch der 
römisdien Kurie nicht imterworfen hatte. Sein Hauptbestreben war, 
in Ferrara eine Festung zu errichten, um die ganze Stadt zu be- 
drohen. In Pietro Aldobrandini fand der Papst einen nur zu treuen 
Vollstredcer seiner Radie; imd dieser Kardinal sollte für immer in der 
Geschichte als einer der gröBten Barbaren, die je die Bfacht der Kirche 
miBbraudit haben, gekennzeichnet sein. Er befahl die Zerstörung 
des Kastell Tebaldo, eines Schlosses, das der ISarkgräfin Ifathilde 
gehört hatte, und des Sommerschlosses BelTsderei das mit den kost* 



4o6 DRBIZBHNTBS KAPITBL 

barsten Fresken gesdunflckt war* Femer UeB er die Pauste CostahUi 
und Veranno sowie einen ganaen Stadtteil des Borgo und Colle di 
San Giacomo» wo über sechstausend Menschen wohnten, dem Erd- 
boden gleich machen. Auch die dort befindlichen B3rchen, darunter 
S. Agata und S. Giovanni vecchio wurden xerstört. Und das alles, 
damit die neue Regierung Platz für eine Zitadelle finde, die Mario 
Famese nach den PUnen der Festung in Antwerpen erbaute. Da der 
Palazio Belvedere infolge von Lucresias Testament in den Besitz des 
irft»^4t%aU übergegangen war, hatte der auf seinen Vorteil bedachte 
Kirdienfürst den iMrachtvollen Wohnsitz der Este dem pl^tüchen 
Sdiatz für fünfzehntausend Scudi verkauft Die schdnsten Bilder 
aus dem Kastell hatte Aldobrandini für sich gerettet, alles übrige 
raubte sein Nachfolger, der Kardinal-Legat Borghese. Aus dem 
reichen Schatz f erraresischer Kunst blieben kaum spärliche Ober- 
reste an Ort imd Stelle. 

Ferrara hatte als Reich zu bestehen aufgehört, die Zeiten der 
Este, eines Bojardo, Ariost, Tasso waren für immer vorbei. Eine 
Seitenlinie des berühmten Geschlechtes herrschte zwar noch bis 
zum Ende des ZVIII. Jahrhunderts in Modena, aber es war nur ein 
schwacher Zweig des einst mächtigen Stammes, das Herrscher vom 
Schlage eines Alf onso undErcole nicht mehr hervorgebracht hat 1803, 
nach dem Tode vonCesares letztem Nachfolger, Brcole Rinaldo III., fiel 
Modena seiner Tochter lAaria Beatrice Ricarda zu, die mit Ferdi* 
nandllL, Franz L Sohn, verheiratet war. Ferdinand wurde 
auf diese Weise der Begründer der österreidiisch* 
estensischen Linie, die sich mit geringen 
Unterbrechungen auf Modenas Thron 
bis zum Jahre 1859 behauptet 
hat, bis das Herzogtum von 
den Soldaten des eini- 
gen Italien ein- 
genommen 
wurde. 



VIERZEHNTES KAPITEL 

HÖFISCHES LEBEN 




ordttalfens Fflrstenhöf e bQdttn in der Renaiaaaoce dm 
Gruppe für sich; ihre Kultur aetzt sich «us anderen 
Komponenten anisammea als die der bfirgerlidi ge* 
firbten Florentiner Gesellschaft, auch unterschd« 
den sie sich in vielen Beziehungen von der Kultur 
des Hofes Ton Neapel» und mit dem päpstlich-rdmischen 
Hof lassen sie sich naturgemäB nicht vergleichen« 

An der Spitie der nordischen Hdfe standen Ferrara» Mantua 
und Mailand. Nach dem Beispiel von Ferrara und Bfantua modelten 
sich die weniger glinaenden Hdfe von Bologna, UrUno, Carpi, 
SaUonetta, Scandiano. Einige darunter haben eine gewisse Zeit 
hindurch unter der Herrschaft des einen oder anderen hervorragen- 
den Tyrannen eine gUhusende Rolle gespielt, um bald vom Schau* 
plats abzutreten, sei es aus politischen oder aus finanziellen Grflnden. 
Die kleineren Signori sonnten sich zumeist in der Gunst 
größerer Hdfe; da sie sich auf ihrem kleinen Landsitz langweilten, 
blieben sie Monate, selbst Jahre im Dunstkrtis des Hofes. Unter 
diesen ilerrschem und dem noch niedrigeren Adel herrschte, um 
ein modernes Wort am gebrauchen, ein gewisser Snobismus, eine 
gewisse Befriedigung der Eitelkeit, wenn ein leiser Abglanz vom 
Hofe der Este oder Gonzaga auf sie fiel. 

Die geographische Lage trug dazu bei, diesen norditalienischen 
Partikularismus zu fördern. Rom und Venedig waren die Zentren 
der großen Welt Nach Rom kam man nur ein* oder zweimal im 
Leben; die Reise war zu teuer, häufig gefShrlich, man sprach und 



4o8 VIBRZBHNTBS KAPITBL 

träumte Jahre daTon. Nach Venedig fuhr man häufiger und pflegte 
mit leeren Taschen zurückzukehren. Um Einkäufe zu machen oder 
um sich zu amüsieren, ging man in die Lagunenstadt, aber man wählte 
sie nicht zu seinem dauernden Wohnsitz, denn das kaufmän- 
nische, reiche Venedig entsprach dem ritterttch-tendottieren Ge- 
schmack nicht in allem. Der Hof Ton Ferrara trug das aristo- 
kratischste Gepräge, die Este konnten das meiste Geld ausgeben 
und den gröfiten Luxus entfalten. Mailand hatte außerordentlich 
glänzende Augenblicke, aber der häufige politische Wechsel war 
der Entwicklung einer höfischen Tradition hinderlich; sie lieh 
gerade den estensischen Herzögen ihren gröfiten Glanz. Das Leben 
in den ferraresischen Schlössern tmd Sommerpidästen galt als Vor- 
bild höfischen Lebens schlechthin; Ton dort drang ein Abglanz 
ritterlicher Kultur in die kleinen norditalienischen Höfe, Ton Fer- 
rara tmd den Este wurde am meisten ges|Mt>chen, ihre Sitten galten 
als Muster. 

Abgesehen von den beiden Residenzen in Ferrara und den zahl- 
reichen dortigen Palästen, erbauten die Este sieben gröfiere Sommer- 
paläste: Belfiore, Bdriguardo, Bdiredere, Coppara, Masola, Con- 
sandolo und Sabioncello, auBerdem hatten sie, wie sdion erwähnt, 
ihren Palast in Venedig.' Ferrara lag in einer reizlosen Ebene, ea 
galt also prächtige Gartenanlagen mit künstUdien Kanälen und 
Seen zu schaffen, um die Sommerresidenzen wohnlidi zu gestalten 
und ein m<^lichst abwechslungsreiches BUd zu sdiaffen. Auf den 
Kanälen schwammen Schwäne; zahme Tiere, die in den Hainen 
frei umherliefen, oder wilde in Zwinger gesperrte, bdebten das 
Gartenbild. Die Wände der Paläste wurden mit Fresken geschmückt 
oder mit Arazzi behängt, die die Este in groBer Zahl besafien. Schon 
tmter Niccolo HI. hatte der ferraresisehe Hof über dreihundert 
flandrische Teppiche und eine groBe Anzahl prächtiger Vorhänge 
aus Tuch und Samt mit Blumen, Drachen und anderen phan- 
tastischen Heren in Gold und Silber gestickt. 

Im Parke Barca, der unter Ercole L angelegt wurde, hidt man 
Kaninchen, Hasen, RAe, Damhirsche und Wildsdiweine, im 
Belvedere züchtete man unter Alfonso I. Truthühner, Straufie, 
Tauben, sehr seltene kleine Adler, selbst Elefanten. Ariost hat 



HÖFISCHES LBBBN 



409 



dieses stolze SchloB mit seinen Gärten in seinem Orlando beschrieben. 
Im Park Barcfaelto hatte Ercole II. trier Giraffen, die ihm der däni- 
sche KBnig Christian VII. geschenkt hatte. Die Gärten und der 
Tierpark im SdiloB zu Mansola Waren Ton so groBer Ausdehnung, 
daS die umfassende Hauer zwSU Meilen lang war. « 

Oberseeische Tiere, namentlich Vägel, interessierten die Fürsten 
auSerordentiidi, man machte sie sich gegenseitig zum Ge- 
schenk* Als in der ersten Hälfte des ZVI. Jahrhunderts die Portu- 
giesen auf der Insel Ifauritius einen unbekannten Vogel in der 
Grdte eines Schwans entdeckten, strebten alle europäischen Höfe 
nadi sekiem Besitz. Dieser Vogel wurde auf holländisch Dront, „der 
Ge8diwollene'SoderTerstümmeltDontgenannt;dleH5feTer8c9ienkten 
ihn sidi untereinander als grOfite Seltenheit, und das Wundertier 
wurde sogar porträtiert. Alf onso I. sah den Vogel im Tiergarten 
Ton Franz I. von Frankreich, lieB ihn porträtieren und schickte das 
Bild seinem Bruder, dem Kardinal IppoHto, nach Erlau. Im Wiener 
Hofmuseum befindet sich ein Bild Ton Roland Savery, auf dem dieser 
Vogel dargestellt ist. Lebendige Donte gab es noch im XVII. Jahr- 
hundert in den Menagerien zu London und Oxford, es waren die 
letzten Exemplare dieser Art. 

Als Alfonso erfuhr, daB in Venedig in Gioranni Comaros Palast 
eine sehr schdne Gazelle aus Afrika eii^etrof fen sei, — ein Tier, das 
er noch nicht kannte — beauftragte er seinen Gesandten Tebaldi, 
Tizian zu bitten, sie zu malen. Leider war die Gazelle schon tot 
und sogar in den Kanal geworfen worden, so daB Tizian den herzog- 
lichen Auftrag nicht erfüllen konnte. 

Der Hof imd das Reich waren identisch. Alles drängte zum Hof, 
für den Hof arbeitete der Landmann, der hinter dem Ton sechs 
Ochsen gezogenen Pflug einherschritt; auf das SchloB stützten sich 
Handel und Gewerbe, in Ferrara so gut wie in Modena. Und eine 
der Triebfedern jeglichen Geschehens am Hof war Prachtentfaltung, 
die Lust sich zu zeigen, Glanz zu Terbreiten, andere durch Reichtum, 
Luxus, prachtvolle Pferde, Hofnarren, Zwerge, goldne Gewänder 
zu blenden, mit einem Worte, Aufmerksamkeit zu erwecken und zur 
Bewunderung zu reizen. Das Verlangen nach Luxus war ein Erb- 
stück der mittelalterlich-ritterlichen Höfe und die groBe RoUe, die 



4XO 



VIBRZBHNTBS KAPITBL 



die Kunst in der Renaissance spielte, trug dazu bei, dieses Verlangen 
SU steigern* Man brauchte Luxus und verstand ihn su entfalten. 

Wenn man Privatbriefe aus dem XV. und ZVI. Jahritandert 
liest, die gleichseitigen Chroniken durchbUtfeert, so dringt sich einem 
der SfhluB auf. Feste, flppige Hochseitsfeierlichkeiten, Empfinge 
▼on Kaiser und Papst, das Bewirten einfluBreicher Nachbarn haben 
den eigentlichen Lebensinhalt der herrschenden Klasse ausgemacht. 
Um sich SU seigen, groSartig aulzutreten, borgten die Pflrsten be- 
deutende Summen bei Wucherern, Tersetsten Familienkleinodien 
und schröpften die Untertanen bis sum äußersten. Luxus sdieint 
der Daseinssweck dieser Hdfe und Dynastien gewesen su sein« 
Selbst die Pflege der Literatur und Kunst, von der soviel die Rede 
ist, die Unterstütsung der Künstler entsprang bei den Renaissance* 
f ürsten selten einem geistigen Bedfirfnis, sie war in der Hauptsadie 
der AusfluB der Bhrbegier und des Ruhmes. Von den sieben esten* 
sischen Herzögen in Ferrara im ZV. und ZVI. Jahrhundert hatten 
nur Lionello und Alf onso L ein inneres Verhältnis su Poesie und 
Kunst, die anderen, selbst Borso und Ercole L, folgten in ihrer Unter- 
Stützung von Künstlern und Gelehrten nur der Mode der damaligen 
Zeit, sie wollten es den Medici gleich tun, einer künstlerisch be- 
sonders begabten Familie. Wie gewöhnlich, standen die Frauen in 
dieser Beziehung höher und brachten Literatur und Kunst wirkliches 
Interesse entgegen; genannt seien nur Isabella Este Gonzaga, 
Lucrezia Borgia und Elisabetta Gonzaga. Die Architektur fand 
unter den Fürsten die meisten Verehrer, mit ihrer Hilfe konnten sie 
ihre GröBe und Macht am besten nach auBen bekunden. 

Diese „gewaltigen Naturen, diese Menschen mit despotischen 
Instinkten^S die mit Ausnahme der Este fast sämtlich von Con- 
dottieren abstammten, verlangten nach Ruhm und Ehre und wollten 
eine Rolle in Italien spielen. Nicht jedem war die Möglichkeit zu 
kriegerischer Betätigung verliehen; um das Glück des Volkes war 
man wenig besorgt, und da es noch keine Zeitungen gab, fielen all- 
tägliche Begebenheiten schnell der Vergessenheit anheink Die 
Despoten warteten mit Ungeduld auf den Augenblick sich zu seigen, 
sie sehnten sich danach, daB von ihnen gesprochen, daB nach Rom 
und Neapel, selbst an den französischen und kaiserlichen Hof von 



HÖFISCHES LBBBN 4IX 

ihrtn RdchtOiiism und dem Glanz ihrer Hofiialtutig berichtet werde. 
Wenn sie auf Reieen gingen, was stets ungeheure Sununen ver* 
schlang, so wollten sie die Bewunderung der Gleidistdienden und 
das sich Demfitigen der Blassen spQren« 

Dieser Wunsch, Bewunderung zu erweckent beherrscht die Aus- 
gestaltung des Hofes, die Reisen der Ffirsten, ihre Hochzeiten und 
Begräbnisse, überall Glanz und Zurschaustellung« Ferrara war ein 
in dieser Beziehung tyiiisdier Hof. Kunstgewerbe, soweit es sich 
auf die Einrichtung des Hauses, die Kleidung, das Zaumzeug der 
Pferde und Saumtiere bezieht, erreidite dort eine höhere Stufe als 
anderswo, da die Herzöge auf jeden Gegenstand achteten und audi 
die geringste Kleinigkeit künstlerisch ausgestaltet haben wdUten. 
Sie bef<dgten dtfin die Zeitströmung, die in freien Vereinigimgen, 
in Handwerkerzünften aufgekommen war, indem sie danach streb- 
ten, daB alles von ihnen Geschaffene ein kleines Meisterwerk seL 
Der Schönheitssinn war in der Renaissance lebendig, der Verfall 
des Geschmackes machte sich erst spiter geltend in den Zeiten 
Idrdilicher Reaktion und protestantischen Puritanertums im XVIL 
und ZVIIL Jahrhundert und noch sp&ter, als die fabrikmifiige Her- 
stellung aller Dinge begann. 

Neben Pomp und Luxus herrschte am Hofe im täglichen Leben 
eine unerhörte Einfachheit. Von ii^;endwelchen Bequemlichkeiten 
in der Einrichtung der Häuser war nicht die Rede, die kostbarsten 
Kleinodien auf der einen, der unglaublichste Schmutz auf der andern 
Seite. Nur wenn fremde Gäste erwartet wurden, wurden die Löcher 
in den Dächern geflickt und die gesprungenen Zimmerwände mit 
Teppichen behangen. Als man Friedrich IIL in Ferrara erwartete, 
wurden in aller Eile die Balkons im SchloB angestrichen und die 
Marmorsäulen gescheuert; da es aber keine Scheuerlappen gab, 
nmßten schleunigst Wer Schwämme gekauft werden. Die Korridore 
und Loggien waren nachts nicht beleuchtet; damit sich die Deutschen 
nicht die Köpfe einstieBen, wurden eiserne Haken angebracht, um 
Laternen aufzuhängen und fünfzehnhundert Pfimd Talglichter 
gekauft. Nach der Abreise des Kaisers nach Rom fand es die Diener- 
schaft überflüssig, die Räume, die er bewohnt hatte, in Stand zu 
halten, und bei seiner Rückkehr muBte man sie wieder in Ordnung 



4za VIERZEHNTES KAPITEL 

bringen, da sich Unrat darin angesantmelt hatte. Und dabei waren 
die Wände mit flandrischen Arassi ausgeschlagen und die Betten 
mit Seide, Samt und Brokat bedeckt. Ob der Kaiser auf goldge-^ 
stickten Kissen bequem schlafe, daran scheint niemand gedacht 
SU haben, es ging nur darum, durch Pradit su blenden. In gewöhn-^ 
fidien Zeiten waren die markgrlflidien Betten mit Leintüchern be«^ 
deckt, in die die Miuse Löcher genagt hatten, oder mit Decken, die 
in Fetzen zerfielen. Die ISardiesana Ricdarda hatte ein Schlaf-^ 
sinuaer, das mit den teuersten Teppidien beliangen war, aber das 
Bett war mit ganz grobem Leinen gedeckt, und Madonna Lucia^ 
eine von Parisinas Töchtern, lag unter einer zerfetzten Dedce. 
Borso, der Brokatbeinkleider trug und Schmuck von unsdiäts» 
barem Wert an seinem Barett, schlief auf einem Strohsack und 
hatte zumeist ein schmutziges Kissen unter seinem Kopf. In 
den Garderoben wurden die kostbarsten Pelze und Gewänder auf* 
gespeichert, aber selbst die Markgrafen trugen geflickte Kleider» 
Sehr häufig flickten sie sie selbst, und zu den Toilettenutensilien 
jedes Signore und Edelmannes gehörte eine Schachtel mit Nadeln 
und vielfarbigem Zwirn. Erst Ercole I. weigerte sich, seine Knöpfe 
selbst anzunähen, und gab einem Schneider sein Wams zum FUcken» 
Die Hofpagen trugen silbergestickte Kleider, aber sie schliefen der 
Länge nach auf dem Stroh hingestredkt; 1474 wurde zum erstenmal 
Leinen gekauft, um Strohsäcke für sie herzustellen, und audi das 
geschah nur, weil sie an ihren Stiefeln und Kleidern Strohhalme 
durch das ganze SchloS trugen. Die Knaben trugen ihr Haar lang 
bis über die Schultern fallend, aber sie besaBen keine Bürsten, man 
gab ihnen nur Holzkämme, und ihr einziges Toilettengerät bestand 
in einem kupfernen Wasserkrug. 

Der ganze Hofstaat wurde auf herzogliche Kosten gekleidet,, 
selbst die Hofleute aus den ersten Familien, die Donzellen, die Dichter 
bekamen die „Rädchen-Uvrfe". Jeder, der aus dem Dienste schied, 
muBte seine Kleider zurückgeben. VTtT haben gesehen, wie der 
armen Morata, Renatas Gesellschafterin und der Lehrerin ihrer 
Töchter, Icaum das Hemd belassen wurde, das sie am Leibe trug. 
Die niedere Dienerschaft bekam auBerordentlich selten neue Anzüge, 
daher sahen diese Küchenjungen und die Knechte, die das Wasser 



HÖFISCHES LBBBN 413 

herbeiholten, schmutzig und zerrissen aus; selbst die P^dagocen am 
Hofe sah man selten in halbwegs anst&ndigen Kleidern« lieliadus, 
Nicolaus IIL Sohn, hatte Messer Prosdodmo zum Lehrer. Dieser 
arme Humanist war so s^Xch mit WAsche versehen, daB er zu all- 
gemeinem Ärgernis fast nackt einherlief • Meliadus selbst schrieb, als 
er die Universitit in Padua besuchte, einen verzweifelten Brief nach 
Hause, die Fattori generali mögen ihm fünf Ellen Tuch schicken, 
da er sich sonst ohne Hosen auf der Strafie zeigen müflte. Auch 
das Schuhwerk für den gesamten Hofstaat, „per tutta la famiglia'', 
wurde von der herzoglichen Kasse bestritten, aber die Stiefel waren 
wohl sehr schlecht gearbeitet, da die Herzöge und die ersten Hoflsuta 
achtzig Paar jShrlich & Person verbrauchten; die übrigen bekamen 
drei, die Donzellen zwei Paar Sfiefel \uid ein Paar Schuhe monatlidi. 
Aus den Hofrechnungen unter Ercole L geht hervor, daB IsabeUa 
d'Este als junges Mldchen im Verlauf von anderthalb Jahren 
dreiunddreiSig Paar Stiefel verbraucht hat. Für ihre schlechten 
Stiefel vnirden die Schuster schlecht entlohnt, oder mufiten zum 
mindesten wie die übrigen Handwerker Jahre lang auf Bezahlung 
warten. 1422 faBte ein Schuster Mut und folgte dem Markgrafen 
nach Venedig, indem er ihn fußfSlUg bat, seine Rechnung zu 
bezahlen; die Beamten in Ferrara hatten ihm gesagt, daB sie kein 
Oeki hätten. 

Erst unter Ercole I. begann man etwas mehr auf Bequemlich- 
keit zu achten und den Hofstaat besser zu führen; die Herzogin, die 
neapolitanischen Luxus gewöhnt war, wollte auch in Ferrara etwas 
^vilisiertere Bräuche einführen. 

Eine der Hauptsorgen der Este war, gute Informationen über 
alles zu erhalten, was in der Welt vorging; hauptsächlich aus diesem 
Grund hatten die Herzöge auch an kleinen Höfen Gesandte imd 
Geschäftsträger. In den Berichten ist aber häufig von Politik gar 
nicht die Rede, dafür wird selbst die geringste Klatschgeschichte, 
die Ferrara interessieren könnte, nicht umgangen. Mit außer* 
ordentlicher Ausführlichkeit werden Bälle, Feste und Jagden be- 
schrieben, selbst die Totletten der Frauen nicht übersehen* Privat- 
briefe und derartige Berichte traten bis zu einem gewissen Grade 
an die Stelle von Tageszeitungen, wenn sie aber längere Zeit 



414 



VIERZEHNTES KAPITEL 



«usblieben und die Neugierde stieg, suchte man sie durch astrolo- 
gische Prophezeiungen zu stillen. 

Gegen Ende des ZV. und zu Beginn des XVI. Jahrhunderts 
beginnen die italienischen Astrologen, Zeitungen in bescheidenstem 
Umfang zu begründen, indem sie sogenannte „giudid^S Prognosen, 
herausgeben. Die berühmteren unter ihnen erlieBen Ton Zeit zu 
Zeit, besonders ziun x. Januar, politische Prophezeiungen. Diese 
kleinen Schriften, die zumeist ganz inhaltsreich imd kurz sind, er- 
schienen in sehr viel Exemplaren imd wirkten stark auf die öffent- 
liche Meinung. In Ferrara spielten die Astrologen eine geringere 
Rolle als in Hantua oder Hailand, da die nüchternen Este weniger 
zum Aberglauben neigten als die Gonzaga oder Sforza. Isabella 
d'Estes Gatte vertraute den Astrologen so sehr, daB er fast immer 
ihre Ansicht über Menschen, die er sehen, tuid über Dinge, die er 
tun sollte, einholte. Die Vbconti imd unter den Sforza nament- 
lich Lodovico Moro imtemahmen nicht "das geringste, ohne den 
Hofastrologen um Rat zu befragen. In Ferrara wurden Uhglücks- 
tage sehr beachtet, die Astrologen machten dem Herzog ein genaues 
Verzeichnis der Tage, an denen er nichts Wichtiges imtemehmen 
sollte. Jeder größere Hof mußte seinen Astrologen haben, und selbst 
einzelne Kardinftle, wie unter anderen IppoBto d'Este, Ariostos Pro- 
tektor, konnten ohne den gelehrten Sterndeuter nicht auskommen. 
Niccolo III. und Borso hatten ihre Astrologen und unter Ercole L 
begegnen wir schon 1468 „Prognosen^^ Ercole beschAftigte sidi 
überhaupt in ungewöhnlichen MaBe mit allem, was in der Welt vor- 
ging; über die Expeditionen nach Amerika wollte er auf dem Lau- 
fenden gehalten werden und ließ sich die Prognosen fremder Astro- 
logen schicken. 1478 bekam er ein Schrift chen, das der berühmte 
Astrologe Robert de Monteregio in Nürnberg herausgegeben hatte. 
Es war eine traurige Prognose: furchtbare Kriege und Seuchen 
wurden Italien prophezeit, einigen italienischen Fürsten ohne 
Nennung ihres Namens mit dem Tode gedroht, außerdem ließ 
Monteregio durchblicken, daß ein großer König plötzlich ah Gift 
sterben würde. Für den Herzog von Ferrara fand sich ein ange- 
nehmes Wort, er würde sich durch seine Tapferkeit besonders aus- 
zeichnen und im Krieg wie im Frieden schienen ihm günstige Sterne 



hOfischbs lbbbm 415 

SU kuchten. Im ArchiT su Modeaa befindet sieb aucb eine Prognose 
aus dem Jahr 1502, ibr Verfasser war Domenico Maria Novara, 
Koperaikus* Protektor, Perraras berühmtester Astrologe im 1$. Jahr» 
hundert war Avogario oder Avogardo; er unterrichtete an der 
dortigen Universitftt von 1455 bis 1475 und hat zaUreiche Schriften 
VerfaSt. Die Este haben ihn aufierordentlich geschätzt und groß- 
artig beschenkt, doch hinderte sie dies nicht, ihn zu bestrafen, ab er 
einst in seinem „giudizio'' Prophezeiungen brachte, die dem ferra- 
resischen Hof nicht günstig schienen« Von diesem Augenbttck an 
muBte er dem Herzog seine Prognosen vor der Drucklegung vor« 
legen; es ist das erste Beispiel einer an Zeitungen geübten Zensur. 
Alles, was dem Herzog mi0fiel, wurde ausgestrichen, damit die 
öffentliche Meinung nicht in einer ihm unsjrmpathischen Weise 
beeinfluBt werde. 

Avogarios Nachfolger, Pietro Bono, legte gleichfalls dem Herzog 
seine Prognosen zur Zensur. vor; einmal jedoch, im Jahre 1508, 
hatte er ohne Wissen des Herzogs Dinge verkündet, die dem König 
▼on Frankreich unangenehm waren, infolge dessen mußte er sich 
hüten, nicht in die Hände der königlichen Agenten zu fallen. 

Die Astrologen haben ihre Herren sehr häufig zu irgend einer 
Expedition oder Tätigkeit angeregt, wenn ihnen die Konstellation 
der Sterne günstig schien, sie rieten ihnen im richtigen Augenblick 
zuzugreifen, „a tttapo plgliar la fortuna'^ So gut wie in wichtigen 
Dingen war der Rat des Astrologen auch in den geringsten Vor* 
kommnissen des täglichen Lebens notwendig; man holte seinen Rat 
ein, wenn es sich darum handelte, eine Medizin, ein Pulver, eine 
Mixtur einzunehmen; man fragte die Sterne, ob die Stunde günstig 
sei. War Borso krank, so fragte Gonzaga seinen Astrologen, wann 
der Herzog von Ferrara sterben würde; der Sterndeuter hatte sich 
nur um einen Monat verrechnet, er hatte den kritischen Augenblick 
auf den ly. Juli verlegt, und Borso starb am bo. August. Einen un- 
geheuren Eindruck machte es der italienischen Gesellschaft, als der 
Florentiner Astrologe, Cristoforo Landino, die Geburt eines für 
die Kirche gefährlichen Reformators in Deutschland vorhersagte, 
man bezog diese Prophezeiung später auf Luther. Zu dieser 
Prophezeiung bedurfte es einer Frage an die Sterne nicht, der 



4l6 VIBRSBHNTBS KAPITEL 

Mifidergang der Urcbe bcrechti(te zur Annahtne, 4aB Meoschea 
auftreten würden, um den Kampf mit der rSmischen Veiderbnis 
aufzunehmen. Am berfihmtesten waren Aretins Propbeaeiungen, 
die der geschickte Pamfihletiet von Venedig aus yersandte. Er kannte 
mehrere unter den Herrschenden» hatte Beziehungen zu sehr Tiel 
llenschen, die eine heryorragende Stelle einnahmen! und bekam ▼o&f 
überallher Briefe; so konnte er die besten Informationen über alles 
haben» was in Italien vorging. Auf diesen Nachrichten fufiend, ver- 
faßte er seine Prognosen und firophezeite Dinge» an die niemand 
sonst dachte* 

II 

Bernardo Bellincioni» Lodovico Moros Hofdichter, sdirieb einst» 
die Herren ▼erbergen soiriel Geheimnisse und soviel Btees in 
ihrem Herzen» dafi man sie nach dem Schein nicht beurteilen kOnne: 

Quanti segreti in petto 

E malizie e rispetto hanno e' signori 

Che non si posson giudicar di fuori. 

Keiner von ihnen spräche viel» sie verbergen ihre Gedanken» 
beherrsdien ihren Zorn, aber sie warten auf die Gelegenheit» um 
sich zu r&chen. So steigt auch der Falke ruhig in die Luft» bis er 
im gegebenen Augenblick wie der Blitz auf sein Opfer niederfällt 

Herrschsucht» Liebe und Vendetta waren die drei Haupttrieb- 
federn der Renaissance-Tyrannen. Man sprach und schrieb da- 
mals viel von Ritterlichkeit» Ehre imd den Vorzügen der Tugend» 
und Castsglione gehörte zur Zahl der Moralisten» die ihre Gesell- 
schaftsklasse durch den Hinweis auf die Antike zu idealisieren ver- 
suchten. Auch Ferrara fehlte es an einem solchen Moralisten unter 
Alfonso IL nicht. Es war der Graf Annibale Romei» der in seiner 
Abhandlung »»Discorsi'^ der Contessa di Scandiano» der Signcnra 
Isabella Bentivoglio und der gesamten Damen- und Herrenwelt» die 
im estensischen Schlofi in Masoli versanunelt waren» empfiehlt» 
über Schönheit» Ehre» Edelmut und Reichtum nachzudenken. Wenn 
man diese gelehrten Abhandlungen liest» so kfonte es scheinen» 



HÖFISCHES LEBEN 4x7 

als wäre die Gesellschaft an italienischen Höfen vor allem darauf 
bedacht gewesen, Seele, Geist und Herz zu bilden. Hinter all dem 
steckt aber wenig Wahrheit, jene Abhandlimgen und Gespräche 
über Liebe und Ehre waren eine Art gesellschaftlichen Turniers, 
die Herren und Damen der großen Welt kopierten gelegentlich die 
Disputationen der Professoren, sie übten sich in der Kunst der 
Beredsamkeit, aber alles blieb für sie Theorie, und ungezähmte 
menschliche Leidenschaften bahnten sich ihre eigenen Wege. Das 
Moralisieren hatte nur den Zweck, daß man seine finsteren Leiden- 
schaften hinter einer glatten äußeren Schale verbarg. MachiavelU 
verlangt vom Fürsten, daß er Fuchs und Löwe sei, „il principe 
della bestia deve pigliare la volpa e il lione''; Füchse waren sie alle, 
aber bis zum Löwen brachten es nur wenige. Den Dynastien ging 
es in der Hauptsache lun den äußeren Glanz des Geschlechtes und 
die Terrorisierung der Gesellschaft. Jeder der Untertanen sollte 
davon durchdrungen sein, daß die Vendetta seiner harre, falls er 
sich etwas gegen die herrschende Familie zu Schulden kommen 
lasse. Ehre und edler Ruhm waren etwas Untergeordnetes. Der Fürst 
durfte ungescheut die größten Bilissetaten begehen, ohne seinen guten 
Namen zu gefährden, aber ein ihm zugefügtes Unrecht oder eine 
Beleidigung durfte er nicht vergessen. Eine solche Vergeßlichkeit 
hätte die Uacht der Dynastie tmtergraben. Der Terrorismus der 
Despoten brachte es mit sich, daß die Bfitglieder der größten Ge- 
schlechter sich als gemeine Mordbuben brauchen ließen.' Ariosts 
Vater fuhr nach Mantua, um den Feind seines Herzogs zu vergiften; 
bei Contraris Ermordung haben Leute wie Bentivoglio imd Strozzi, 
die Vertreter der vornehmsten Fanülien, Henkersdienste geleistet. Das 
Werkzeug des Tyrannen beim gemeinsten Verbrechen zu sein, tat nie- 
mand Abbruch, aber gegen die Regeln des Turniers oderZweikampfes 
zu verstoßen, bedeckte den Namen mit unauslöschlicher Schmach. 
Die Tyrannengeschlechter standen außerhalb aller Maorlge- 
setze, sie durften die größten Verbrechen begehen, denn die Macht 
war in ihren Händen. Selbst die Päpste taten die Fürsten für ge- 
wöhnliche Verbrechen nicht in den Bann, nur für politische Ver« 
gehen, die gegen die Macht und die Herrschaft der Kirche verstießen. 
Rom hatte die herrschenden Familien stets als Ausnahmegeschlechter 

«7 



4l8 VIERZEHNTES KAPITEL 

betrachtet, für die die bestehenden Moralgesetze nicht galten. Mit 
der Tugendrose haben die Päpste Niccolo III. bedacht, der Parisina 
hatte ermorden lassen, ebenso viele andere Verbrecher unter den 
Tyrannen, wenn es darum ging, sie für die Politik der römischen 
Kurie zu gewinnen. Als Vincenzo Gonzaga 1537 den Thron von 
Mantua bestieg, war er fünfundzwanzig Jahre alt und bereits von 
seiner ersten Gattin, einer Farnese, geschieden. Man erzählte sich, 
die Ehe sei auseinandergegangen, da Vincenzo seinen ehelichen 
Pflichten nicht genügen konnte. Als der Markgraf sich um die Hand 
der Tochter des toskanischen Großherzogs Francesco bewarb» 
stellte der GroBherzog zur Bedingung, daß Gonzaga den Beweis 
seiner männlichen Kraft erbringe. In Venedig sollte diese eigen- 
artige Prüfung stattfinden. Man wählte ein schönes Bilädchen» 
eine Bastardtochter der Albizzi, die eine sorgfältige Erziehimg 
in Florenz erhalten hatte. Mit Genehmigung der Bischöfe und 
Kardinäle, da Francesco ein frommer Herrscher war, wurde sie in 
Gesellschaft vertrauenswürdiger Frauen nach Venedig geschickt. 
An der Spitze dieser Escpedition stand der Cavaliere Belisario Vinto^ 
der Sekretär des Geliebten von Bianca Capello, ein Mann, in den man 
Vertrauen setzen diurfte und der in delikaten höfischen Angelegen- 
heiten wohl bewandert war. Die Expedition verlief zu allgemeiner 
Zufriedenheit, und der GroBherzog hatte die Sicherheit, seine Tochter 
ruhig dem zu Unrecht verleumdeten Gonzaga anvertrauen zu können. 
Man muB sich wundern, daB die Renaissance-Herrscher nicht 
blutgierige Tyrannen gewesen sind, es waren aber zum größten 
Teil nüchterne, scharf denkende Naturen, die nur gerade soviel 
Böses taten, als unbedingt geschehen mußte. Sie rechneten mit 
der Bevölkerung und wollten sie nicht ziun Äußersten treiben. Außer- 
dem verstanden sie das Leben zu genießen, sie waren Feinschmecker 
des Lebens — das trat in allen höfischen Einrichtungen zu Tage.. 

III 

Wer das Verhältnis der Geschlechter zueinander im XVI. Jahr* 
hundert nach den Deklamationen Castigliones im „Corte- 
giano'S Bembos in den „Asolani'S Sperone Speronis in den „Dia- 



HÖFISCHES LEBEN 419 

loghi'S Tassos in den verschiedensten Abhandlungen beurteilen 
wollte, und die Flut der Sonette für ein Abbild dessen hielte, was sich 
in der Wirklichkeit abgespielt hat, würde sich die denkbar ver- 
kehrteste Vorstellung der damaligen Zustande machen« Ein Abbild 
der tatsächlichen Zustände findet man eher in den charakteri- 
stischen damaligen Sitten, in Privatbriefen, Novellen oder in jenen 
„Capitoli'' benannten politischen Erzeugnissen, in denen Satiriker,wie 
Bemi, Della Casa, Varchi, Molza, Bembo, Firenzuola, Aretino die 
oft heikelsten Themen in einer witzigen, anziehenden, glänzenden^ 
poetischen Form behandelt haben« 

Als die Epoche des eigentlichen Ritterromans mit Ariost zu 
Ende war, kam die Zeit der Novelle. Gelegentlich hat sie die Literatur 
mit Unkraut überwuchert, aber die Novelle hat sich ans Leben ge- 
halten, aus der vorhandenen Tradition geschöpft, und deshalb ist 
sie ein unerschöpflicher Schatz für den Kulturhistoriker. 

Fast jede Stadt imd Jedes Kulturzentrum hatten ihre Novel- 
listen: Florenz Firenzuola, Lasca, Machiavelli, Rom Molza, der 
zwar aus Modena stammte, aber allmählich zum Römer geworden 
war, Venedig Straparola, Parabosco Erizzo, Ferrara den berühmten 
Battista Giraldi, dessen himdert Novellen „Hecatommiti'' zu 
groBem Ruhm gelangt sind; sie alle überragt Bandello, der ganz 
Norditalien angehört. Jeder seiner zweihundertneimzehn Novel- 
len ist eine Widmung vorangestellt, eine Art Brief an die verschie- 
densten Personen gerichtet, der vielleicht noch farbiger und für die 
Zeit aufschlußreicher ist als die Novellen selbst. Bandello lebte 
von 1480 bis 1542 in Italien, später in Frankreich, wo er 1560 als 
Achtzigjähriger gestorben ist. Die berühmten Frauen seiner Zeit 
hat er sämtlich gekannt: Beatrice d'Este, die Markgräfin von 
Mantua, Giulia Gonzaga, Vittoria Colonna, Costanza Rangone 
Fregoso, Ippolita Torelli; er hat bei den Geliebten von Lodovico Moro 
verkehrt, bei Lucrezia Crivelli und Cecilia Gallerani, und seine be- 
sondere Gönnerin war Ippolita Sforza, die zweite Frau von Alessandra 
Bentivoglio, den Julius IL aus Bologna vertrieben hat. In seinen 
Erzählungen hat er sie alle gefeiert, „Eroine Bandelliane", wie sie 
Scaligeri, ein unbedeutender Dichter, genannt hat. Aber Bandello 
hatte auch imbekannte Heldinnen» denen zwar der historische 

27* 



420 



VIERZEHNTES KAPITEL 



Name fehlt» nicht aber das leidenschaftliche Herz; er schildert 
Frauen aus allen Gesellschaftsständen; auch Kurtisanen, wie eine 
Imperia, eine TuUia d' Arizona, eine Isabella de Luna, die zuweilen 
Herzensparoxysmen unterlagen, fehlen nicht« Bandello ist nicht 
mehr der Epiker des Rittertums allein, er schildert die gesamte 
Bevölkerung, die herrschende Kaste wird nicht allein als dar- 
stellungswert befunden, der Horizont des Schriftstellers hat sich 
erweitert. Er wirkt weder allzu tragisch noch allzu komisch, er 
schildert das Leben in seinen ▼erschiedensten Formen, und infolge 
dessen kommt er von allen Schriftstellern des Cinquecento dem mo« 
demen Empfinden am nächsten. Den Inhalt seiner Novellen büdet 
in der Hauptsache Ehebruch; die Novellisten des XV. und XVL 
Jahrhunderts haben ihr Thema aus dem Leben geschöpft, so gut 
wie die modernen französischen Romanschriftsteller. Der Eng- 
länder Aschau, der im XVI. Jahrhundert nach Italien kam, dankte 
dem Himmel, daß er dort nur zehn Tage geblieben ist, da er in 
dieser kurzen Zeit dort mehr Zügellosigkeit gesehen habe als in 
London im Verlauf von neun Jahren. Der Engländer hatte schon 
80 unrecht nicht, der Verkehr der Geschlechter war in Italien frei, 
ja zügellos genug, aber in den höheren Klassen gab es Grenzen 
für diese Freiheit, es galt den Schein, „decoro'S zu wahren. Der 
Schein wurde der Tugend gleich geachtet, die „onesta*' der ^e- 
frau war durch ihn bedingt. Alles sollte in der Renaissance seihe 
schöne geschlossene Form haben; was dieser Form widersprach, 
galt als unmoralisch. Darauf beruhte die Ethik der Renaissance. 
Auf die italienischen Sitten, -namentlich auf die Sinnlichkeit hat 
die Berührung mit den Spaniern außerordentlich ungünstig einge- 
wirkt; die Kriege mit Spanien und das Eindringen spanischer Art 
im Frieden war vielleicht das größte Unheil für die italienische 
Renaissance. Die Spanier, die sinnlichsten und grausamsten aller 
südlichen Völker, haben der italienischen Gesellschaft ihr Gift ein- 
geimpft. Mit den Borgia kamen zügellose spanische Kurtisanen 
und üppige Prälaten, ihnen folgten die brutal-leidenschaftlichen 
spanischen Romane. Die spanische Ritterschaft hat jeder guten 
Sitte Hohn gesprochen. Selbst an der italienischen Kirnst ist die 
spanische Seuche nicht spurlos vorbeigegangen. Giulio Romano 



HÖFISCHES LEBEN 421 

(1492 — 1546) und Benvenuto Cellini (1500— 1570) eröffnen die 
Schar der Künstler, die der spanischen Sinnlichkeit erlegen sind; 
Ribera, Spagnuola, Caravaggio und die ganze bolognesische Schule 
haben sich auf dieser Grundlage weiter entwickelt. 

Die brutale Sinnlichkeit erzeugte eine uneheliche Reaktion 
in der Gesellschaft, eine verlogene Sentimentalität, die sich aus- 
gezeichnet auf dem Stamme des Petrarkismus entwickeln konnte. 
Dieses unechte Gefühl begann lun die 60 er Jahre des XVI. Jahr- 
hunderts das Verhältnis der Geschlechter zu beherrschen und in 
der Literatur durchzubrechen. Es tritt gleichzeitig mit dem Barock 
in der bildenden Kirnst auf, und man könnte, soweit Novelle und 
Dichtkunst in Frage kommen, von einem Barock in der Literatur 
sprechen. Das glänzendste Beispiel dieser barocken Romantik ist 
Bandellos hübsch erzählte Novelle von dem Veroneser Liebes- 
paar. Shakespeare hat den Stoff aufgegriffen, entwickelt, ver- 
tieft imd daraus jene einzige, stärkste Liebestragödie der Welt 
geschaffen, die Geschichte von Romeo und Julia ^). 



IV 

Die elegante Frau der Renaissance sah wie ein lebendiger Rebus 
aus, dessen Lösung allein dem Gatten Schwierigkeiten bereitete. 
Alles in ihrer Kleidung hatte eine besondere Bedeutung. Die auf 
ihr Kleid gestickte oder in den Stoff verarbeitete Devise charakte- 
risierte ihren momentanen Seelenzustand; verschiedene Zeichen 
in ihrer Toilette oder in der Art, wie sie ihren Schmuck gefaßt hatte, 
standen mit ihrem Glauben an den Einfluß der Planeten auf mensch- 
liche Schicksale in Zusammenhang; die Farbe ihrer Kleider oder 
Wappenzeichen richtete sich nach der Tradition ihrer Familie; 
selbst das Parfüm, das sie benützte, hatte eine gewisse Bedeutung. 
Um das Herz ihres Geliebten warb sie mit der Sprache von Seiden- 
stoffen, Saphiren, Smari^den, mit dem Duft von Ambra imd 

^) Shakespeare hat auch die inhaltlich verwandte Novelle Lodoricos da 
Port „Giulietta e Romeo'* 1524 benutzt 



422 



VIERZEHNTES KAPITEL 



Kräutern des Ostens, die sie selbst nach geheimem Rezept zu 
mischen verstand« 

Tonangebend für die Mode in Norditalien war mehrere Jahre 
Isabella Gonzaga, diese ungewöhnliche, hochbegabte Frau, über 
die die Zeitgenossen, mit Ausnahme Aretins, sich in Überschwang- 
liehen Worten ergehen. Die Markgräfin änderte ihre Devise häufig, 
ihr beliebtestes Zeichen war ein goldener Leuchter, den sie in den 
verschiedensten Formen auf ihre Kleider sticken lieB. Der in sie 
verliebte Giovio, der joviale, scharfe Historiker, fügte diesem Zeichen 
die Devise hinzu: „suffidt unum in tenebris'^ Diese Worte ent- 
hielten die Schmeichelei, daß ein Licht wie sie die Dunkelheit zu 
erhellen vermöge. Isabella hatte eine Art von Perücke aus seidenen 
Fäden tmd Bändern aufgebracht, die „capigliara'S die sie auf dem 
Bild der Wiener Galerie trägt. Diesen nicht gerade schönen Schmude 
neideten ihr die Damen der benachbarten Höfe, und die eine, Eleo- 
nora Rusca, bat um die Erlaubnis, diese „notabile invenzione'' 
tragen zu dürfen. Aus Krakau schrieb die Königin Bona am 15. Juni 
1522 an Isabella, nannte sie „fönte et origine di lucte le belle 
foggie d'Italia^' und bat um Bericht über die neueste Mode. Selbst 
die Königin von Frankreich ließ sich ein Paar Handschuhe von 
ihr zuschidsen, die besonders für die Pflege der Hände geeignet 
sein sollten. Isabella erfüllte den Wunsch der Königin, aber als die 
Handschuhe nach Paris kamen imd der ferraresische Gesandte, 
Alfonso Ariosto, ein Verwandter des Dichters, sie aus der Schaditel 
herausnahm, verbreiteten sie einen so schlechten Geruch, daß der 
arme „orator" in der größten Verlegenheit war, ob er sie der Köni- 
gin bringen oder verbrennen sollte. Die Handschuhe enthielten 
eine Fettigkeit, die unterwegs verdorben war. Die Königin freute 
sich des Geschenkes sehr und versicherte, daß der schlechte Ge- 
ruch der Handschuhe ihre Brauchbarkeit in keiner Weise beein- 
trächtige. Pietro Bembo war glücklicher; Isabella hatte ihm nach 
Rom ein Büchschen duftender Pomade geschickt, die unversehrt 
ankam, und Bembo rühmte sich, ein wichtiges Toilettenmittd zu 
besitzen, das die Markgräfin allein zubereiten könne. Isabella be- 
stimmte nicht nur die Mode, der sich natürlich die Damen in Fer- 
rara imterwarfen, auch die meisten literarischen Neuheiten tauchten. 



HÖFISCHES LEBEN 423 

zum erstenmal an ihrem Hof auf. Wenn die Markgräfin erfuhr, 
daß der eine oder andere Dichter ein neues Buch oder nur ein neues 
Sonett verfaßt habe, schrieb sie unzählige Briefe, um in den Besitz 
dieses literarischen Erzeugnisses zu kommen. In ihrer Bibliothek 
befanden sich alle Neuerscheinungen: Bembos »»Asolani'^ so gut 
wie Sannazaros „Arcadia" oder die Sonette der venezianischen 
Petrarkisten. Alles Neue fesselte sie, imd sie nahm keinen Anstoß, 
in ihren Gemächern neben dem Bildnis Leos X. die Porträts von 
Erasmus Rotterdamus und von Luther aufzuhängen. Sie wollte 
in jeder Beziehung die erste unter den Damen der norditalienischen 
Höfe sein, und so war es ihr auch darum zu tun, soviel Kunstwerke 
und Bilder zusammen zu bekommen, wie nur irgend möglich, 
namentlich war sie „avida di anticaglie'^ Die Este hatten eine 
Vorliebe fOr antike Medaillen und Münzen; die Mode, „anticaglie'< 
zu sammeln, war so allgemein, daß man sogar anfing, darüber zu 
spotten, und Sadoleto klagte einst, „die antike Krankheit^' sei in 
Wahrheit zum Wahnsinn ausgeartet, den man „heilen müsse'^ 
Isabella war um ihrer Reize willen so berühmt, daß Giangiorgio 
Trissino, der bereits erwähnte Humanbt aus Vicenza, sie als Typus 
der Renaissance-Schönheit aufgestellt hat, ähnlich wie Helena als 
Urbild weiblicher Schönheit in Griechenland gegolten hat. Als der 
antike Schriftsteller Celsius den Bewohnern Krotons ein Bild 
der berühmten Helena entwerfen wollte, wählte er fünf der schön- 
sten lilädchen, beschrieb die charakteristischsten Züge jeder einzelnen, 
verband diese Teile zur Einheit und bildete ein Frauenideal: Helena. 
Trissino hielt sich an dieses Vorbild, er wollte die Markgräfin auf 
ähnliche Weise schildern imd wählte zu diesem Zweck fünf Frauen, 
die in Italien um ihrer Schönheit willen berühmt waren: Spinola 
aus Genua, Ericina imd Bianca Trissino aus Vicenza, die Contessa 
di Caiazzo aus Mailand, die Heldin mehrere Novellen Bandellos, 
und Clemenza de* Pazzi aus Florenz. Unter diesen fünf wählte 
Trissino dasjenige, was ihn an der einzelnen am meisten gefesselt 
hatte: Stirn, Augen, Brauen, Haare, Hände, den Umriß der ganzen 
Gestalt usw.; auf diese Weise bildete er das ideale Porträt der Mark- 
gräfin. Ahnlich ging auch Tizian bei einem seiner Venusbilder vor, 
dem schönsten Körper irgendeiner venezianischen Kurtisane gab er 



424 VIERZEHNTES KAPITEL 

Isabellas idealisierte Züge; die Markgräfin war in Wirklichkeit 
durchaus keine Schönheit, sie bezauberte nur durch ihre Anmut 
und ihre lebhaften Augen. Man kann wohl si^en, daß die ganze 
Generation um die Wende des XV. und XVL Jahrhunderts unter 
ihrem Zauber stand. Bezeichnimgen, wie ,,die geliebte'S »»gute'^ 
usw. sind in den Briefen der Zeitgenossen und in den Chroniken 
von ihrem Namen unzertrennlich. Wir besitzen einige Bildnisse 
von Isabella, an deren Authentizität nicht zu zweifeln ist Im Louvre 
ist ihr Porträt von Leonardo da Vind erhalten, al carbone vor dem 
Jahre 1500 gezeichnet, auf dem sie als fünfundzwanzigjährige Frau 
dargestellt ist. Die Replik dieses Bildes befindet sich in den Uffizien, 
und Isabella erscheint darauf noch lebendiger und intensiver er- 
faßt als auf dem Pariser Porträt. In Übereinstimmimg mit diesem 
Bilde beschreibt sie Maria Equicola, der viele Jahre in ihrem Dienst 
in Mantua gestanden hat; er schildert ihre dunkeln glänzenden 
Augen, ihren weiBen Teint und ihr üppiges blondes Haar. Ein 
anderer Zeitgenosse berichtet, sie sei von mittlerer Größe, habe 
schöne Arme, eine wohlgebildete Hand, sehr anmutige Bewegungen 
und sei im allgemeinen „ima donna piü bella assai che '1 sole'^ 

Wesentlich später als Leoi^ardos Zeichnung ist Isabellas Porträt 
in Wien entstanden, eine Rubensche Kopie nach einem Original 
von Tizian. Das Bild stanunt aus der Zeit, da die Markgräfin anfing 
stark zu werden und den Reiz der ersten Jugend verloren hatte. 

In Zeiten, wo man soviel über Schönheit sprach und schrieb, 
— die gesamte Renaissance stand ja gewissermaßen im Zeichen 
des SchönheitdLults — bemühten sich die großen Höfe natürlich 
nach Kräften, ihrer Herzogin oder Markgräfin einen Kreis schöner 
Frauen auszuwählen, als besonderen Anziehungspunkt für den 
Hof. Die „Damigelle" wurden gewöhnlich aus den Damen der vor- 
nehmen oder städtischen Geschlechter gewählt, und da sie viel Ver- 
suchungen ausgesetzt waren, wurde über ihre Tugend verschieden 
geurteilt. Ein Schriftsteller nannte sie „ministre di Venere'S doch 
muß man dem ferraresischen Hof zugestehen, daß die Damigellen 
dort strenger als anderswo gehalten wurden. Die unglückliche 
Parisina hatte elf Ehrendamen, wenn eine von ihnen heiratete» 
schenkte ihr die Markgräfin eine schön gemalte Truhe, die die Aus- 



SCHULE VON FERRARA: EINE VERLOBUNG 
BERLIN, KAISER-FRIEDRICH-MUSEUM 



HÖFISCHES LEBEN 425 

stattung enthielt, und sechshimdert Lire als Mitgift Zuweilen 
traten ganz junge BCfidchen in den Hofdienst, die selbst ihre Kleider 
und Pelze noch mußten verlängern lassen. Am Alltag waren die 
Donzellen außerordentlich bescheiden angezogen, sie trugen grüne 
oder rote wollene Kleider mit schwarzen oder bronzefarbenen 
Armein, an Festtagen dagegen trugen sie Samt- und Brokatge- 
wänder. Natürlich herrschte auch in diesem Mädchenkreis in Per- 
rara nicht immer musterhafte Moral; wir kennen Angela Borgias 
Geschichte, die sich sehr bemüht haben muß, das Herz des Kar- 
dinals d*Este zu erw^ben, wenn er aus Eifersucht seinem Bruder 
die Augen hat ausstechen lassen, oder die von Diana d'Ariosti, 
die zärtliche Briefe an Pons gerichtet hat. Die größte Sorge mit 
ihren Damigellen hatte Isabella von Mantua, die freidenkend genug 
in Liebesdingen war und ihren Hofdamen viel Freiheit gewährt hat. 
1513 fuhr Isabella zum Karneval nach Mailand, von ihren 
hübschesten und liebenswürdigsten Damigellen begleitet, danmter 
befand sich die schöne Brognina. Der Erzbischof von Gurk, Mon- 
signore Matteo Lang, der kaiserliche Vertraute, der damals in Mai- 
land weilte, verliebte sich wie ein Jüngling in die kokette Mantua- 
nerin. Er imterhielt sich lateinisch mit ihr, indem er italienische 
Brocken dazwischen flocht, da er Dantes und Ariostos Sprache kaum 
kannte; die mailändischen Höflinge haben sich diesen Mangel in 
der Bildung des Kirchenfürsten zu Nutzen gemacht und ihm in 
Brogninas Gegenwart die komischsten und uniwssendsten Ausdrücke 
untergeschoben. Aber die Leidenschaft des Monsignore erkaltete 
nicht; Isabella berichtet ihrem Gatten brieflich, der Erzbischof 
habe sich ohne Rücksicht auf seine Würde und seine soziale Stel- 
lung vor Brognina auf die Knie geworfen, „et cum lei fece Tamor 
quanto gli pare". Aber der Erzbischof hatte einen gefährlichen 
Nebenbuhler, es war kein Geringerer als der spanische Vizekönig in 
Mailand, Raimondo di Cardone, und beide Rivalen benahmen sich 
auf einem Festmahl im Palast des Grafen Brunovo komisch genug. 
Als Isabella mit ihren Damigellen in den Saal trat, drängten sich 
der Vizekönig imd der Erzbischof heran, um Brognina zu umarmen, 
und beide scheinen ihr viel Küsse geraubt zu haben. Der AHzekönig 
hat sich artig aus der Affaire gezogen, er schickte der schönen 



426 VIERZEHNTES KAPITEL 

Mantuanerin am nächsten Tage 35 Ellen karmoisihroten und 25 
Ellen schwarzen Samt und ]ieü ihr melden^ den karmoisinroten Samt 
schicke er ihr aus Dankbarkeit für die Freude, die er gestern emp- 
funden, den schwarzen als Belohnung für die Scham, die ihr Antlitz 
Übergossen. Einer von Isabellas Höflingen berichtet einem Be- 
kannten, Brogninas Mantuaner Verehrer, die Zeuge der Bewer- 
bungen des Vizekönigs und des Bischofs waren, seien vor Neid fast 
gestorben und hätten den mächtigen Rivalen gegenüber doch 
nichts anfangen können, besonders da diese schamlosen, einge- 
bildeten und elenden Spanier nicht mit sich scherzen liefien« Der 
Mantuaner hatte schon so unrecht nicht; während der AHzekönig 
den Damigellen Herz und Küsse raubte, stahlen seine Höflinge auf 
Bällen und Empfängen alle Kostbarkeiten, die sie erreichen konnten. 
Im Ballgedränge war die Devise vom Kleid der Markgräfin, ihre 
goldenen Leuchter, verschwunden; die spanischen Adeligen hatten 
sie mit der Geschicklichkeit von Beutelschneidem abgeschnitten. 
Selbst in den Salons des Vizekönigs haben die stolzen Spanier den 
mailändischen Herren ihre goldnen Knöpfe abgeschnitten; da^ 
gegen konnte man sich nicht wehren, da die Spanier bei der leisesten 
Bemerkung zum Duell herausgefordert haben. 

Isabella sah bei der Liebschaft des Vizekönigs und des Erzbischofs 
mit Brognina durch die Finger, ja, sie begünstigte sie bis zu einem 
gewissen Grade, da sie die Herren gewinnen Wollte, um für Mantua 
und für Alfonso d'Este verschiedene poUlisdie Vorteile herauszu- 
schlagen. Namentlich war es ihr darum zu tun, Peschiera für 
Mantua zu erwerben, um Zutritt zum Gardasee zu haben. Als der 
maskierte Erzbischof auf einem Balle viel mit Brognina tanzte 
und ihr von Liebe sprach, benützte Isabella die Gelegenheit, um 
ihn Peschieras wegen zu interpellieren. Brognina war dem Erz- 
bischof nicht gnädig, da Cardone mit seinem Samt und seiner 
spanischen Galanterie ihr Herz gewonnen hätte. Nicht Brogninis 
allein, auch die übrigen mantuanischen Damigellen erlebten Liebes^ 
abenteuer in Mailand; ihr Benehmen und die Nachsicht der Mark- 
gräfin erregten Gonzagas Mißfallen in hohem Grade, er warf seiner 
Frau brieflich vor, all diese Zügellosigkeiten zu didden, und sich 
in Mailand zur „favola del vulgo'' zu machen. Isabella fühlte sich 



HÖFISCHES LEB^N 



427 



durch diese Vorwürfe empfindlich yerletzt, sie antwortete ihremGatten, 
sie verdiene an Stelle des Tadels großes Lob, da sie für Mantuas Nutzen 
arbeite und den Gonzaga tausend Freunde während ihres Aufenthalts 
in Mailand gewonnen habe. Damals begann die Macht der Spanier 
in Italien ins Wanken zu geraten, und dafür ging Franz' I. Stern 
nach der Schlacht bei Marignano glänzend auf. Die geschickte 
Markgräfin bemühte sich, Beziehui^en zu dem jungen König an- 
zuknüpfen, der neugierig war, die berühmte Frau kennen zu lernen 
und vielleicht noch mehr wünschte, Brognina zu sehen, von deren 
Schönheit er schon viel gehört hatte. Der Besieger der spanischen 
Armee beschloß die Spanier auch in Herzenssachen zu schlagen, 
und schon ehe er die Damigella gesehen hatte, hatte er den Plan 
gefaßt, sie Cardone abspenstig zu machen. Aber ihre Beziehungen 
zum Vizekönig waren nicht folgenlos geblieben. Brognina war ge* 
zwungen, den Hof der Markgräfin zu verlassen und sich für einige 
Zeit in ein Kloster, in der Nähe von Goito, zurückzuziehen. Dieser 
Zwischenfall und Aufschub hat Franz' L Eifer in keiner Weise 
abgekühlt; er befahl, die Damigella aus dem Kloster, das auf man* 
tuanischem Boden lag, zu stehlen, und hat Monsignore Galeotto, 
den Bischof von Nizza, der in Liebessachen erfahren war, mit 
dieser Mission betraut. Der Bischof fuhr sofort nach Mantua, um 
dem Markgrafen den Fall vorzutri^en und ihn zu bitten, das Unter- 
nehmen nicht zu stören. Gonzaga ergriff gern die Gelegenheit, sich 
Franz I. gefällig zu erweisen; er befahl dem Kommandanten in 
Goito, den Bischof in seinen Absichten zu unterstützen. Der An« 
schliß konnte schon fast als gelungen betrachtet werden, der 
Bischof hatte Brognina aus den Klostermauem geholt, auf ein 
Pferd gesetzt, mit seinem Mantel bedeckt tmd geleitete sie im 
Schutz einiger Bewaffneter ins königliche Lager. Unglücklicher- 
weise stieß die Kavalkade tmterwegs auf eine Abteilung spanischer 
Reiter. Brognina, die sich nur widerwillig gefügt hatte, warf den 
Mantel beim Anblick der Spanier ab, gab sich ihnen als la bella di 
Cardone zu erkennen und bat um ihre Befreiung. Die Spanier warfen 
sich auf den Bischof, prügelten ihn durch, und der seinem König 
gehorsame Monsignore hatte es bei dieser Begegnung nur seinem 
Pferd zu danken, daß er mit dem Leben davonkam. In der Schatulle» 



428 VIERZEHNTES KAPITEL 

die die Spanier dem Bischof raubten, befand sich ein gefälschtes 
Breve, in dem der Papst Brognina empfahl, vom spanischen Vize- 
könig zum französischen Monarchen überzugehen und sie von 
vornherein wegen ihres Leichtsinns entsündigte. 

Franz L war gerade im Begriff, von Mailand nach Bologna auf- 
zubrechen, wo er mit Leo X. zusammentreffen sollte, als ihn die 
Nachricht von der mifilimgenen Expedition und vom Triumph des 
spanischen Vizekönigs erreichte. Sein Zorn ergoB sich auf den 
Bischof von Nizza. Der Monsignore bekam einen genügend strengen 
Denkzettel, um sich in Zukunft nicht in Dinge einzulassen, die ihn 
nichts angingen, er suchte mit zerbULutem Rücken Schutz in Blantua, 
wo er l&ngere Zeit in Furcht vor der Rache des Königs und Car- 
dones lebte. Ganze Ti^e verbrachte er im Boot auf dem Mantua- 
ner See, da er sich dort vor spanischen oder französischen 
Dolchen am sichersten fühlte. Dem ganzen Hof galt er als Ziel- 
sdieibe des Witzes, und ein lustiger Frate aus dem Kloster delle 
riet, der Markgraf möge Leo X. empfehlen, den Bischof von 
als geeignetste Persönlichkeit für das Konzil zu bestinmien, 
um zu günstigen Ergebnissen in der Reform der Heiligen Kirche 
zu kommen. 

Diese Begebenheit hat Isabella durchaus nicht entmutigt, die 
allerschönsten Damigellen um sich zu versammeln. Die eine von 
ihnen, Alda, eine Verwandte von Matteo Bojardo, hat die Markgräfin 
in dem Maße beherrscht, dafi sie allmählich zur Vertrauten ihrer 
ehelichen Geheimnisse wurde, außerdem hat sie ihren Sohn, den 
jungen Federigo Gonzaga, betört. Der Marchese Francesco mußte 
1515 das kokette Mädchen fortschicken, da sie in Mahtua durch 
ihre Intriguen wahre Feuerbrände zusammengetragen hat. Am 
schlimmsten ist es der Markgräfin mit ihren Donzellen während 
Karls V. Aufenthalt in Bologna ergangen. 

Isabella hat während des Karnevals in dem von ihr bewohnten 
Palast Ti^ imd Nacht Bälle, Maskeraden und andere Festlichkeiten 
arrangiert, an denen die italienische und spanische Jugend teilnahm. 
Die Damigellen haben sich sehr frei benommen imd boten Anlaß 
zu verschiedenen Reibereien^ da die leidenschaftlichen, eifersüch- 
tigen Spanier die Italiener, die auch zum größten TeU in die 



HÖFISCHES LEBEN 429 

schönen Gefährtinnen der Markgräfin verliebt waren, gereizt und 
herausgefordert haben. Die Skandale nahmen kein Ende, auf den 
Bilauem und Säulen des Palastes konnte man Kreide- imd Kohle- 
zeichnungen sehen und unanständige Aufschriften lesen, die sich 
auf die Damigellen bezogen und von der Dienerschaft entfernt 
werden muBten. Das eigentliche Drama, zu dem die Damigellen 
beitrugen, spielte sich am 17. März beim Ball der Herzogin 7on 
Savoyen ab. Es war ein aufierordentlich prächtiger Abend, an dem 
Karl V., die Herzöge von Ferrara, Mailand und Urbino teilnahmen. 
Der Kaiser blieb zwei Stunden, sprach und scherzte mit den Damen; 
die gute Laune des Monarchen teilte sich der ganzen Gesellschaft 
mit, und es schien, als sollte die Gesellschaft ohne einen jener un- 
angenehmen Zwischenfälle, die damals an der Tagesordnung waren» 
▼erlaufen. Nachdem Karl V. gegangen war, begannen sich einige 
Spanier Isabellas Damigellen gegenüber so unanständig zu be- 
nehmen, daS die Italiener die Ehre des Hauses wahren wollten, nach 
den Waffen griffen und die Spanier aufforderten, den Saal zu ver- 
lassen. Die Spanier blieben natürlich, zogen gleichfalls und es 
kam zum Kampfe, bei dem drei der kecken Fremden ihr Leben 
ließen. Von den Dienern des Hauses, die die Kämpfenden trennen 
wollten, waren sieben verwimdet. 

Der Markgräfin blieb nichts anderes übrig, als Bologna zu ver- 
lassen; sie empfahl sich dem Kaiser, der sich ihr trotz der getöteten 
Spanier sehr gnädig erwies, empfing den päpstlichen Segen und 
kam am 21. März mit ihren unruhigen Damen nach Mantua zurück. 

Natürlich war dieser • weibliche Hofstaat an den italienischen 
Höfen der Mittelpunkt aller Vorurteile und alles Aberglaubens; 
dort suchten die verschiedensten Charlatans nach ihren Opfern, 
dort fanden Schönheitsrezepte und Geheimmittel ihre Abnehmer. 
In Ferrara gab es zwar infolge der Universität bessere Arzte, als 
in den meisten übrigen italienischen Städten, aber die Arzte waren 
namentlich bei den Frauen der Renaissance sehr unbeliebt. 

Dieser traurigen Gestalt in schwarzer Cimarra, schwarzem 
Samtbarett und Trauerhandschuhen traute niemand so recht, 
und in den meisten Fällen behandelte gian sie als „jumentum 
insipiens'' und rief „portate fieno'S wenn sie näherkam. Nichts war 



430 VIERZEHNTES KAPITEL 

SO verbreitet, wie Anekdoten von Ärzten; man erzählte sich, irgend 
ein Arzt habe selbst den Puls des Campanile» als die Glocken 
schlugen» nicht finden können und wiederholte mit Plato, daß es 
dem Arzt allein gestattet sei, die Menschen straflos zu töten. Der 
Arzt» namentlich »»medicus urinarius'^ wurde neben dem Mönch 
zur beliebtesten komischen Figur der Novellisten und Lustspiel- 
dichter. Sogar indenmittelalterlichenkirchlichen Aufführungeninden 
„Rappresentazioni sacre*^ tritt der Arzt schon als komische Figur auf. 
In jenen Frauengemächem mißtraute man dem Arzt» glaubte 
aber fest an die Wirksamkeit der verschiedensten Rezepte» von 
denen sich noch ganze Stöfie in Bibliotheken verbergen. Nament- 
lich schrieb man gewissen Beschwörimgsformeln und kostbaren 
Steinen eine geheimnisvolle Bedeutung zu und schätzte die Wirk- 
samkeit heilender Kräuter. Noch im XIIL Jahrhundert gab der 
portugiesische Arzt Pietro di Giuliano da Lisbona, der spätere 
Papst . Johannes XXI.» ein populäres medizinisches Buch »»Tesoro 
di poveri'' heraus. Dieses Buch war für einige Jahrhunderte das 
Rezept-Schatzkästlein^)» auch die medizinischen Vorschriften eines 
andern Papstes» Innocenz III., erfreuten sich großer Beliebtheit. 
Innocenz war der Erfinder eines Pulvers» das das Augenlicht wieder- 
gab, der Kardinal Bianco war ein noch größerer Wundertäter» 
sein Pulver erhielt die Sehkraft» hielt den Magen in Ordnung» zer- 
streute die böse Laune und wirkte günstig auf die Brust. In diesen 
Rezeptbüchern, die in keinem großem Hause fehlten» sind auch 
Beschwörungsformeln» scongiuri» eingetragen. Es gab scongiuri 
gegen Fieber» Zahnschmerz und viele andere Krankheiten; wenn 
man sie sprach» mußte man ein Kreuz über die schmelzende Stelle 
schlagen» außerdem fasten» beten und Almosen geben. So wurde z.B. 
die Rose geheilt» wenn man über den Kranken den Vers sprach: 

Nui tre fratre simo: iamo» a monte Albano» 
A piglia noglio pe' resibela e anti mali. 

Als Universalmittel galt der Rosmarin» dem man zweiundsiebzig 
»»virtü^' zuschrieb, d. h, man glaubte, daß er sich in zweiundsiebzig 

^) Sehr verbreitet waren auch die Bücher „Regime de corps'' von Aldo- 
brandini di Siena und »»De reginiine sanitatis" von Taddeo AlderottL 



HÖFISCHES LEBEN 43I 

Fällen erfolgreich atmenden liefie. Rheumatismtis und Katarrh, 
sämtliche Geschwüre» selbst Krebs wurden mit Rosmarin geheilt. 
Auch Sancho Pansa hat Don Quixote Rosmarin und Salz auf die 
Ohrwunde gelegt, die sich der berühmte Ritter im Kampf geholt 
hatte. Rosmarin machte die Alten wieder jung, gab den Frauen 
einen weiBen, glatten Teint, mit diesem wunderbaren Kraut ver- 
trieb man Schlangen und wilde Tiere, Rosmarin brachte Glück und 
ÜberfluB und heilte sogar Geisteskrankheiten. Man erzählte sich, 
ein englischer Mönch habe diese Eigenschaften des Rosmarin in 
Indien beobachtet und das Wunderkraut nach Europa gebracht. 
Diese Überliefenmg war schon deshalb unwahrscheinlich, da 
bereits die Römer Rosmarin in verschiedenen Fällen benützt 
haben. 

Besondere Eigenheiten hatten einige kostbare Steine wie Sma- 
ragden, Rubine u. a., außerdem gab es zehn Steine, pietre virtuose 
benannt, die mit geheimer Kraft begabt waren. Namentlich Frauen 
suchten nach dem Adlerstein, pietra deU'aquila, die die Adler in 
ihren Nestern zusammentragen sollten. Dieser Stein sollte die 
schmerzvollsten Vorgänge im Leben der Frau erleichtern, und der 
Glaube an seine Heilsamkeit hat sich bis auf den heutigen Tag er- 
halten, so weit, daS häufig noch Frauen in Pariser Apotheken 
kommen und nach dem Adlerstein verlangen^). 

Sehr gesucht war besonders der Smaragd, denn er gab dem, der 
ihn trug, Gesimdheit und Heiterkeit. Freilich muBte man ihn in 
Wein und öl waschen. Am stärksten waren die Wirkungen der 

^) Im Pariser „Journal de la Beaut6" vom zx. Juni 1905 lese ich, daß 
die „piem du soleil" als Berloque gefaßt, Liebe erwecke und den Geliebten 
binde. Dieselbe Zeitung empfiehlt am 19. Dezember 1905 ihren Leserinnen 
als besonders wirksam in Liebesdingen die ,imagische Pflanze" Mandragola, 
die zu den großen Seltenheiten gehört, an einsamen, wilden Plätzen wächst, 
zufanig auftaucht und wieder verschwindet und sich nicht durch Samen 
wie andere Pflanzen vermehrt Wer Mandragola besitzt, kann sicher sein, 
wiedergeliebt zu werden. So lebt Machiavellis „Mandragola" denn bis auf 
den hei^^igen Tag. In Galizien wissen die Bauemmäddien von dieser Pflanze 
und ihren Vorzügen, nennen sie jedoch anders. Nadi ihren Beschreibungen 
stimmt die Wurzel vollkommen mit der Mandragola -Wurzel überein die 
sich in der kaiserlichen Bibliothek in Wien befindet und die Gestalt eines 
zusammengeschrumpften Püppchens hat. 



432 



VIERZEHNTES KAPITEL 



Koralle» die ähnlich wie der Rosmarin unzählige Vorzüge hatte. In 
pulverisiertem Zustand wurde sie zusammen mit eingemachten 
Früchten gegen Herzkrankheiten eingenommen» da corallo »»cor 
alens^' bedeutete» der Stein also als herzemährend galt. 

Conforte al riguardar la vista e '1 core: 
Aveme seco quande il folgor cade» 
Pietra non i piü utü ni migliore« 

Im Buch »»Segreto de Segreti''» das Aristoteles zugeschrieben 
wurde und in Albertus Ifagnus berühmtem Werk »»De llineralibus^' 
las man über die geheimen Eigenschaften kostbarer Steine. Nicht 
der Stein allein war von geheimem EinfluB auf den Geist und die 
Gesundheit des lAenschen» die eingeschnittenen Figuren erhöhten 
seinen magischen Wert. Eine Kamee mit einer menschlichen 
Figur» die eine Schlange am Kopf hielt» vermehrte den Reich- 
tum; ein Löwe oder Ziegenbock in Stein schützte vor täglichem 
oder dreitägigem Fieber» Löwe und Hund zusainmen heilten 
Tollwut. 

Die Mönche» die sich den grofien Damen gefällig erweisen 
wollten» schrieben ihnen die verschiedensten Rezepte ab» so erhielt 
Chiara di Correggio» die im KVI. Jahrhundert lebte» von einem 
Franziskaner einige unerhört seltene Schönheitsrezepte »»Ricette 
da fare bella'^ Unter anderem sind die Substanzen eines Pulvers 
aufgeführt» die der Kardinal-Protektor jenes Mönchs» »,il mio car- 
dinale'S benützt hat und denen er seine schöne weiße Hand zu 
danken hat. Das Buch enthält auch Rezepte für Puder» für das 
Parfümieren von Handschuhen und verschiedene andere wertvolle 
Winke für Frauen. 

Zu einer Frauenbibliothek gehörte auch eine Sammlimg von 
Gebeten gegen gewisse Krankheiten» und damals schon wandte 
man sich an die heilige Apollonia von Alexandrien» wenn man an 
Zahnschmerzen litt. 

In der sehr zum Aberglauben neigenden Renaissance bestand 
neben der wirklichen Welt eine Welt der Symbole» in der die Phan- 
tasie frei schalten konnte. Alles, was den Sinnen unterstand» hatte 
seine geheime Bedeutung»* mit den Sternen und den 



HÖFISCHES LEBEN 433 

beschäftisten sich die Astrologen, für die Phantasie gewöhnlicher 
Menschen bot die Flamme im Kamin, Rauch, Kohle, Asche, Wolken, 
R^^, Schnee und der Regenbogen Zündstoff genug. Jedes 
elementare Ereignis, jeder Gegenstand, der damit in Verbindung 
stand, war für gute oder böse Prophezeiungen geeignet. Die Welt 
der Symbole stand in engem Zusammenhang mit den Devisen und 
Wappen, die sich ein jeder wählte, der auf irgendeine Stellimg in 
der Gesellschaft ein Anrecht hatte. Zur Imprese fügte sich die Figur 
und ein entsprechendes Motto. Alle klugen, feinsinnigen Menschen 
beschäftigte diese Kombination. Es gibt keinen Vierfüßler, Vogel, 
Fisch, keine Schlange und kein Insekt, keine Pflanze und keine 
Frucht, die damab nicht als Thema für eine Imprese gedient 
hätten. Ganze Bücher wurden darüber geschrieben, die ernst- 
haftesten Menschen beschäftigten sich mit dieser von ihnen 
erschaffenen Wissenschaft. Natürlich haben sich die Frauen 
am meisten dieser Symbolik gewidmet, und wie alles andere 
unterlagen auch die Devisen der Mode. Die Donzellen stickten 
unter Niccolo IIL französische Devisen auf ihre Ärmel, da 
Norditalien damals im Zeichen französischer Sitte und fran- 
zösischer Romane stand; unter Ercole I. wurden die französischen 
durch spanische Devisen verdrängt, imd unter Renata herrschte 
wieder das französische Wappen vor. Eine ihrer Damen war so 
tugendhaft, daB sie die Devise trug: „Ehrlich will ich mein Leben 
vollenden!^* 

Eine sehr charakteristische Persönlichkeit, die etwas vom 
Arzt, vom Astrologen imd vom Naturforscher hatte, war der Nea- 
politaner Giovan Battista della Porta, den der Kardinal Luigi 
d'Este häufig bei sich zu Gaste sah. Della Porta gab dem Kardinal 
gegen seine Gicht ein Ol, das er aus Bucheckern gewann, die Mixtur 
war mit Höllenstein und geheimen Beschwönmgsformeln gebraut; 
in seinen freien Augenblicken schrieb er wertlose Komödien. Sein 
wichtigstes Werk war jedoch das Buch „Fisonomia delle erbe^S in 
dem er zweitausend Geheinunittel herausgab; es waren Geheim- 
nisse, die er der Natur abgelauscht hatte, und er glaubte, niemand 
könne in seinem Wissen weitergehen, als er gedrungen sei. Dem 
gelehrten Charlatan genügte das Offenbaren der geheimen Eigen« 

aS 



434 



VIERZEHNTES KAPITEL 



Schäften der Pflanzen nicht» er gab noch ein anderes Werk „Ha* 
gnalia naturae'' oder „Mhigia naturale'' heraus, in dem er die Schleier 
von allen Zweigen menschlichen Wissens hob. Unter alchjrmisti« 
sehen Seltsamkeiten befanden sich merkwürdige Entdeckungen» 
Ergebnisse ernsthaften Forschens, und manche wichtige spätere 
Erkenntnis wurden vorausgeahnt. So sprach er viel von Perspek- 
tive» von Spiegeln» die eine Feuersbnmst aus der Feme zu ent- 
zünden vermögen» von der Art mit Menschen auf Tausende von 
Meilen mittels des Mondes zu sprechen» von Brillen» durch die man 
ungeahnte Entfernungen übersehen könne. Er widmete sich auch 
agronomischen Forschungen» lehrte Methoden» um aus einem 
Samenkorn dreißigfältige Frucht zu ernten, Getreide hundert Jahre 
gut aufzubewahren» bisher imbekannte Blumen und Früchte zu 
züchten» Brot und Mehl zu backen. Diese wirtschaftlichen Vor- 
schriften haben den Kardinal sehr interessiert» er hat den Neapoli- 
taner in seine Villa nach Tivoli mitgenonunen und ihm Geldmittel 
zur Verfügung gestellt» damit er in seinem Haus Versuche anstelle. 
Andere »»Gelehrte'S die Della Porta seinen Erfolg neideten» haben 
ihn bei der Inquisition verklagt» er verbreite irreligiöse Kenntnisse 
und verkünde zukünftige Dinge» aber mit Hilfe seiner einflufireichen 
Beschützer gelang es dem Alchymisten sich zu rechtfertigen. Sicher- 
lich war es ihm um ein ehrliches Erforschen der Natur zu tun, zu 
diesem Zwecke gründete er sogar eine »»Accademia dei Segreti", in 
der die verschiedensten Erfahrungen gesammelt wurden. Nach dem 
Muster dieser Akademie entstanden später Verbindungen, wie die 
„Accademia delCimento'' und die »»Accademia della Tracda'S die zur 
Erweiterung naturwissenschaftlicher Forschimgen beitrugen. Della 
Porta war auch Lavaters Vorgänger» er verfaßte eine Abhandlung 
„De humana Phjrsiognomia'S in der er bewies» daS die Gesichts- 
züge und gewisse Linien im Bau des menschlichen Körpers zur Be- 
wertung und Feststellimg geistiger Eigenschaften des Menschen 
dienen können. Das größte Verdienst des Neapolitaners besteht 
darin, daß er als erster auf das Teleskop hingewiesen hat» an diesem 
Problem hat er in venezianischen Glasfabriken gearbeitet. Ihm wird 
auch die Erfindung der Camera obscura zugeschrieben, die später 
für Kepler imd Newton wertvoll war. 



HÖFISCHES LEBEN 



435 



Der HofTonFerrarawar einer der heitersten geselligen Mittelpunkte 
Italiens. Fast ununterbrochen gab es Musik, Gesang und Tanz, 
und die Heiterkeit des Kastells hat sich der ganzen Stadt mitgeteilt. 
Wenn die Zeitgenossen Ferrara beschreiben, so heben sie immer 
herror, daB die ganze Stadt am Abend von Musik und Gesang wieder- 
halle. Die Este haben Musik mit viel Hingabe getrieben und selbst 
ihre Pagen in mehreren Instrumenten unterweisen lassen« Musik 
wurde zur Leidenschaft der Renaissancehöfe« Es wurde bereits er- 
wähnt, daS die Este Musiker aus Flandern tmd Frankreich haben 
kommen lassen imd ihr eigenes Orchester hatten. Unter Alf onso II. 
hat die Pflege der Musik in Ferrara ihren Höhepimkt erreicht. 
Fast alle berühmten Musiker Europas kamen damals für einige Zeit 
nach Ferrara und haben dem Hofe ihre neuesten Werke geschickt. 
Der Franzose Giovanni Alessandro di Melleville war Musiklehrer 
der Prinzessinnen Anna, Lucrezia und Leonora; namentlich 
Lucrezia hat während ihres ganzen Lebens Musik eifrig betrieben. 
Eine Zeit hindurch beschäftigte sie an ihrem Hof die drei Schwestern 
Avogari, die zusammen mit dem Organisten ein ausgezeichnetes 
Quartett gebildet haben. Leonora hatte eine sehr schöne Stimme, 
aber die Arzte haben ihr infolge ihrer schwachen Konstitution früh- 
zeitig das Singen verboten. Der berühmte Pier Luigi Palestrina wurde, 
nachdem er seine „Messe di Papa Marcello'' komponiert hatte, nach 
Ferrara als Kapellmeister berufen und nahm vier Jahre von 1567 bis 
1571 diese Stelle ein. Vorher war er kurze Zeit Mitglied des Chores der 
Siztina gewesen, aber Paul IV. Caraffa hatte ihn entlassen, da der 
leichtsinnige Pier Luigi weltliche „Madrigale^' komponiert und sie 
1555 in Rom herausgegeben hatte. Infolgedessen suchte der be- 
rühmte Musiker Beschäftigimg bei anderen Kirchen, bis er nach 
Ferrara kam. Für Caraffa war seine Musik zu weltlich, für Alfonso 
zu ernst. Palestrinas künstlerische Richttmg entsprach dem Ge- 
schmack des Herzogs nicht, infolgedessen verlieB der Künstler Ferrara 
und ging 1571 nach Rom zurück, wo er wieder in San Peter ange- 
stellt wurde. Alfonso war selbst Komponist, er hat die Musik zu 
den ersten Schäferspielen, die am Hofe aufgeführt worden waren» 

aS« 



436 VIERZEHNTES KAPITEL 

▼erfaßt und beschäftigte sich auch mit dem Arrangement der 
SchloBkonzerte. Da es viel Schwierigkeiten kostete, die entspre- 
chende Sängeranzahl zusammenzubringen! bemühte er sich von 
den Frieren der dortigen Klöster die Erlaubnis zu erhalten, die 
musikalischen Mönche an den Hofkonzerten teilnehmen zu lassen. 
Die Mönche muBten, wenn sie öffentlich auftraten, einen schwarzen 
Mantel über ihre Kutte ziehen. 

Zu Ferraras berühmtesten Kapellmeistern gehört Luzzasco 
Luzzaschi, der dem Schloßorchester von 1561 bis 1592 vorstand. 
Er hatte einen großartigen Chor von Damen und Herren der ersten 
Gesellschaft gegründet, über den die Zeitgenossen voll Lobes sind. 
Zu diesem Chor gehörten: Tarquinia Molza, Lucrezia Bendidio, 
die Contessa Leonora di Scandiano, Vittoria Bentivoglio und 
Laura Feperara; tmter den Männern hatte der Neapolitaner Giulio 
Cesare Brancacdo die schönste Baßstinune. Militärische Studien 
haben ihn jedoch mehr als Musik interessiert, und er hat den Herzog 
mit seiner Abhandlimg über Strategie, von der er nicht übermäßig 
viel verstanden zu haben scheint, sehr gelangweilt. Der Herzog hat 
Brancacdo vierhundert Scudi jährlich angewiesen, ihm Fferde ge- 
halten und ihm völlig freien Unterhalt gewährt, doch dies genlägte 
dem verschwenderischen Neapolitaner keineswegs, er träumte stets 
davon, sein Schicksal zu verbessern. Nachdem er den Hof von Fer- 
rara verlassen hatte, trieb er sich in Frankreich und Spanien herum, 
bis er zuletzt in Neapel von der Barmherzigkeit der Menschen lebte, 
denen er amüsante Anekdoten erzählte. 

Die bedeutendste Rolle in der musikalischen Welt hat Tarqtiinia 
Molza gespielt; die Gesandten unterlassen es nie, sie in ihren Be- 
richten über Ferrara zu erwähnen, und die Dichter haben sie be- 
sungen. Tarquinia Molza, aus einer bekannten Familie Modenas 
stammend, trieb außer Musik auch klassische Sprachen und Astro- 
nomie. Einer der Hofpoeten hat ihr ein Madrigal gewidmet: „A 
la signora Tarquinia Molza la quäl studiando la sfera andava la 
sera contemplar le stelle^'. Tarquinia hat auch gedichtet und nimmt 
unter den Dichterinnen des XVL Jahrhimderts in Italien durchaus 
keine untergeordnete Stelle ein. Alfonso IL hat sie so heiß verehrt, 
daß er einst ihr zu Ehren in einem Turnier gekänq>ft hat; Tasso 



HÖFISCHES LEBEN 437 

hat diese Begebenheit in einem eleganten Sonett besungen. Die 
Molza kam als jimge Witwe 1583 nach Ferrara, sie gefiel dem Dichter 
aufierordentlich» aber der flandrische Musiker Gtacomo West, der 
im Dienst der Grafen von Novellara stand imd sehr häufig nach 
Ferrara kam, fand vor ihren Augen mehr Gnade. Man wollte Küsse 
zwischen Tarquinia und dem Flamen belauscht haben, imd der 
Herzog, der vielleicht nicht ganz frei von Eifersucht war, fing Briefe 
des verliebten Paares auf. Infolgedessen mußte die Molza, nachdem 
sie einige Jahre in Ferrara gelebt hatte, 1589 nach Modena zurück- 
kehren; in ihrem Haus fand sich ein Kreis von Literaten imd Mu- 
sikern zusammen. 

Von Lucrezia Bendldio, einer der Sängerinnen des Hofes, und 
ihrem Verhältnis zum Kardinal Luigi, war schon die Rede. Von 
Laura Peperara, der jüngsten dieser Damen, wäre zu erwähnen, 
daB sie durch ihren Gesang Annibale Turchi besiegt hat, einen Jung- 

« 

ling, der zu den ersten Familien von Ferrara gehört und sich mit ihr 
vermählt hat. Der Herzog zeigte sich sehr freigebig imd hat der 
armen Sängerin zehntausend Scudi als Mitgift geschenkt. 

Von Zeit zu Zeit wurden am ferraresischen Hof ganz groBe* 
Konzerte veranstaltet, so brachte Alfonso 1583 zum Empfang eines 
berühmten Gastes siebenundfünfzig Sänger zusammen. Zwei 
Zimmer im Schloß wurden für die Proben bestimmt, und der Herzog 
ließ zur Benützung der Künstler die verschiedensten Instrumente 
zurechtlegen, wie Posaunen, Bratschen, Flöten, Zithern, Harfen, 
Klaviere usw. 

Bezeichnend für die Musik am ferraresischen Hofe im ausgehen- 
den i6. Jahrhundert war ihr Zusammengehen mit der gleich- 
zeitigen Poesie. Jedes Madrigal, jede Ballade und Kanzone, die 
Tasso, Guarini oder Pigna verfaßt hatten, wurde von Agostini, 
Fiorini, Luzzasco oder häufig vom Herzog selbst in Musik gesetzt. 
Selbst einzelne Abschnitte aus dem Furioso oder der Gerusalemme 
wurden vertont. Es wird erzählt, daß Ariost sich in ein junges 
lAädchen verliebt hat, das mit unbeschreiblichem Reiz seinen Or- 
lando gesungen hat. Die Musik wiurde allmählich weich und sen« 
timental, die Zeitgenossen klagen, daß es ihr an Kraft fehle, und 
selbst Tasso spricht in seinem Dialog „La Cavaletta^' vom Verfall 



438 VIERZEHNTES KAPITEL 

des musikalischen Gefühls und fordert Meister wie Luzzasco auf, 
den alten Ernst, die gravitA wiederzubeleben. 

Ohne Musik, ohne Intermezzi, in den meisten Fällen kombcher 
Art mit sehr anstößigen Versen und entsprechend sinnlicher Musik, 
ging es bei keiner Theateraufführung ab« Die Intermezzi nahmen 
dermaßen überhand, dafi einer der Künstler sich beklagt hat, er 
schreibe eine Komödie für Intermezzi und nicht mehr Intermezzi 
für eine Komödie. Lasca klagt in seinem Prolog zu „Strega^^ über 
die musikalischen Einlagen, die die Aufmerksamkeit der Zuhörer 
vom Drama ablenken. Um dem Geschmack des Publikums zu 
schmeicheln, flocht jeder Lustspieldichter Madrigale in seine Ko- 
mödie ein, die für Musik imd Gesang verfaßt waren, und in den 
wenigsten Fällen mit dem Inhalt des Stückes in Zusammenhang 
standen. Diese Intermezzi bilden im Zusammenhang mit der Ko- 
mödie den Anfang des Melodramas, das sich im XVII. Jahrhundert 
entwickelt hat. 

Die Klagen über die Sinnlichkeit und Verweichlichung der 
Musik haben also wenig genützt, und trotz des einsetzenden Ver- 
falls ist die Vorliebe für Musik nicht in Ferrara allein, sondern in 
ganz Italien ungeheuer gestiegen; musikalische Akademien wurden 
gegründet, um gemeinsame Konzerte zu veranstalten. Die ferra- 
resische Akademie sollte ihren Statuten gemäß alle drei Monate 
ein großes Konzert geben, die Jugend ausbilden und aus ihrem 
Kreise Zensoren in musikalischen Dingen wählen. 

In unmittelbarem Zusammenhang mit der Musik stand der 
Tanz, der erst in der Renaissance zum weltlichen Spiel wurde, wäh- 
rend er im Mittelalter mit religiösen Bräuchen eng verknüpft war. 
Der Tanz in der Kirche war ein heidnischer Brauch. Die römische 
Kirche hat diese Sitte seit dem XII. Jahrhundert bekämpft, und 
bis gegen Ende des XVI. Jahrhunderts erließen die Konzile ein 
Verbot nach dem andern, in den Kirchen und auf den Friedhöfen 
zu tanzen. In Piemont wurde noch im XVI. Jahrhimdert in der 
Kirche getanzt, wenn der junge Kaplan die erste Messe las, und 
heute tanzt man noch in einzelnen spanischen Gemeinden zu Ehren 
der Mutter Gottes, nicht nur während der Prozession außerhalb der 
Kirche, sondern auch in der Kirche selbst. In Sevilla hat sich der 



\ 



HÖFISCHES LEBEN 439 

Tanz der Kinder vor dem heiligen Sakrament als Brauch einge- 
bürgert*). In Italien hat man erst in der Renaissance den Tanz 
vollkommen von kirchlichen Bräuchen getrennt. Zuerst hat auch 
der Renaissancetanz etwas vom kirchlichen Ernst bewahrt, er war 
langsam und getragen, eine Art begleitender Bewegimg zum reli- 
giösen Lied. Es wurde zumeist singend getanzt, imd tiefe Ver- 
beugungen gehörten zu den wesentlichen Bestandteilen des Tanzes. 
Wahrscheinlich war die erste dem Tanz angepaßte Gedichtform 
die Ballade, sp&ter wurden im Takt Kanzonen, Madrigale imd ver- 
schiedene andere Gedichte gesungen. 

Da der Tanz in Italien sich aus kirchlichen Bräuchen entwickelt 
hat, war er bis ins XV. Jahrhimdert eine bloße Volksbelustigung» 
erst allmählich ging er vom öffentlichen Platz, von der Straße in 
den geschlossenen Raum über. Die Volkstänze wurden damals zu 
Tänzen umgewandelt, würdig „da esser dan^ati per dignissime 

^) Nicht nur in Sevilla, sondern auch in entlegeneren StSdtdien Anda- 
lusiens bestehen bis auf den heutigen Tag religiöse Tänze in der Fastenzeit 
zu Ehren der Mutter Gottes. Sie haben neben der religiösen audi eine 
historische Bedeutung; denn sie stellen die Freude über den Untergang der 
lIAauren dar. Diese Tfinze gleichen einer amüsanten Maskerade mehr als 
einer religiösen Zeremonie. Die Tfinzer, zumeist Leute aus dem VoIk| 
^^ zidien sich wie Harlekins an, tragen ein rotes Wams, ein kurzes, weißes, 
\ gesticktes Beinkleid, stecken farbige Bänder an und gürten sich mit bunten 
Schärpen. Auf dem Kopf tragen sie eine Art Helm oder Pyramide aus 
rotem Stoff mit kOnstlichen Blumen, unter dem Kinn gebunden. Kleine 
Sj^gelcfaen, die an diesem seltsamen Kopfputz befestigt sind, erhöhen das 
GreUe der KostOme. Diese Ballettänzer mit einem Alkalden an der ^tze 
gehen tanzend der Prozession voran und teilen sich auf ein gegebenes Zeidien 
in zwei Gruppen, von denen die eine die Christen, die andere die Mauren 
darstellt Beide Gruppen veranstalten einen Kriegstanz, schlagen sich mit 
Stödcen beim Klang der Kastagnetten und Tamburine, dann erliegt die 
Gruppe der Mauren der Obermadit, erklärt sich gesdilagen, sinkt vor Marias 
Bad in die Knie und bittet um die Taufe. Es folgt ein Freudentanz über 
die Belehrung der Ungläubigen, die Prozession tritt in die Kirche, die Orgd 
spielt lustige Melodien, die Tänzer setzen ihre schwingenden Bewegungen 
fort, und der Ball in der Kirche währt bis zum Abend. Niemand lacht, 
niemand empfindet die Komik der Szene, im Gegenteil, das versammelte 
Volk ist vom^religidsen Charakter dieser Sitte dim:hdrungen, und die Frauen 
knieen und beten während des Höllenlärms. 



440 



VIERZEHNTES KAPITEL 



madonne et non plebeie^^ In der Benennung „contradanse'' hat sich 
die Herkunft eines der yerbreitetsten Salontänze vom Volkstanz er- 
halten, da contradanse ursprünglich nichts anderes war als danza 
della contrada, Dorftanz. 

Musik und Tanz wurden Bedingungen guter Erziehung. Tanz- 
lehrer, — die berühmtesten danmter waren in Ferrara Domenico 
da Ferrara, der Verfasser des Buches „Über Ballorum'S und sein 
Schüler der Jude Guglielmo hebreo Pisatuiensis, der einen „Trat- 
tato deirArte del Ballo" herausgab — erdachten immer neue Tänze, 
und selbst Lorenzo de' Medid hielt es nicht unter seiner Würde, 
Tanzfiguren zusammenzustellen. Die Duchessa Margherita, Al- 
fonsos II. Gattin, hat neue Tänze erdacht, und am ao. Januar 1582 
haben auf dem Hofball die Herzogin selbst, Donna Marftsa und noch 
sechs Damen einen vollkommen neuen Tanz aufgeführt. Einige 
unter ihnen stellten in hochgeschürzten Kleidern Männer dar. 
Vielleicht waren Tanzschulen in keiner Epoche so verbreitet, wie 
in der zweiten Hälfte des XVI. Jahrhimderts; die beste Gesellschaft 
fand sich dort zusammen, imd diese Anstalten standen in ebenso 
hohem Ansehen wie die Fechtschulen. Die vornehme Jugend ritt 
morgens und übte sich in der Verfertigtmg von Waffen, am Nach- 
mittag wurde in der Tanzschule getanzt. Da man sich in allem be- 
mühte, die Antike nachzuahmen, wurden auch pantomimische, 
sehr indezente Tänze eingeführt. 

Die verbreitetsten Tänze in der zweiten Hälfte des XV. und im 
beginnenden XVI. Jahrhundert waren „la piva'S „il saltarello'S 
aber es gab daneben auch eine Menge provinzialer Tänze wie „ve- 
neziana'S „bergamasca^S „florentina'S „polesina'S „friulana'^ Gugli- 
elmo hebreo hat mehr als zehn neue Tänze ersonnen und eingeführt. 
Häufig trug der Tanz den Namen der Kanzone, von der er stammte, 
wie „Mezzacrocca", die am Hof zu Mantua viel getanzt wurde. An 
mehreren der Kanzonen, die zum Tanz gesungen wurden, würde man 
heute AnstoB nehmen,aberdamals war man weniger heikel. Zudenbe- 
kanntesten gehörte die Kanzone „Rosina'S die folgendermaßen begann : 
Che bella chioma ch'ha la mia Rosina, 
Rosina bella f a li la la la 
Viva l'amore e chi morir mi fa. 



HÖFISCHES LBBBN 441 



In den weiteren Strophen wurden die Reize der Rosina sehr 
eingehend geschildert. Heute noch wird das Lied auf den Dörfern 
mit den verschiedensten Zusätzen gesungen, indem anstelle der 
Rosina eine Marianna getreten ist: 

Che bei capelli ch'ha la mia Marianna • • • 

Im Schloß zu Ferrara wurde der Ball zumeist mit einem Fackel- 
tanz, yyballo della torcia^S imd dem Löschen der Fackeln beschlossen. 
Die Tänze bestanden zumeist aus verschiedenen Figuren, die man 
noch in manchen heutigen Tänzen, besonders auch im polnischen 
Mazur, entdecken könnte. So faßte man z. B. im „ballo della 
catena'' die Tänzerinnen der Reihe nach unter den Arm und tanzte 
eine Tour mit ihnen: 

II ballo s'intrecda 

Bracda con braccia: 

Mentr'un s'allaccia 

L'altro si streccia. 

Es gab auch Figuren, in denen der Tänzer der von ihm er- 
wählten Dame ein Tuch zuwarf, „ballo della pezzuola'S eine andere 
„il brando'% war noch deutlicher, da man die Tänzerinnen der Reihe 
nach abküssen durfte. Bei besonders festlichen Bällen suchte man 
durch graziöse und anmutige Tänze zu glänzen. Ein venezianischer 
Schriftsteller lobt die ferraresischen Damen, sie hätten im Tanz „ü 
..misurato passo'* und beschrieben leichte imd anmutige Wendungen. 



VI 

Ferrara war nächst Rom die wegen ihres Karnevals berühm- 
teste Stadt, und als in der zweiten Hälfte des XVI. Jahrhunderts 
die Päpste den Kamevaleifer zu dämpfen begannen, galt der fer- 
raresische Fasching als der erste in ganz Italien. Besonders die 
letzten Este haben sich für Kamevalsfeste interessiert, unter ihrer 
Herrschaft wurde der Karneval fast zu einer staatlichen Institution. 
Sehr charakteristisch sind in dieser Beziehung die Berichte der fer- 
raresischen Gesandten bei der römischen Kurie; sie beweisen, bis zu 



442 



VIERZEHNTBS KAPITEL 



welchem Grade die Este alles interessiert hat, was mit Faschings« 
freuden in Zusammenhang stand. Die Gesandten haben den römi- 
schen Karneval aufs ausführlichste geschildert, und ihre Briefe sind 
ein ausgezeichneter Beitrag zur Sittengeschichte von Rom. Ferrara 
war für seine schönen Masken berühmt, sie wurden ein wichtiger 
Handelsartikel der Stadt. Am 13. Februar 1508 berichtet der ferra- 
resische Gesandte seinem Herzog aus Rom, der Kardinal d*Auch sei 
mit den Masken sehr zufrieden, sie gehörten zu den schönsten, die 
man in Rom je gesehen habe. Auch die für den Bischof von Qrvieto 
bestimmten Masken seien zur größten Freude des Prälaten ausgefallen, 
„le ebbe carissime". Aus Ferrara scheinen auch Masken für die Kar- 
dinäle S. Pietro in Viocoli und d' Aragon gekommen zu sein, die 
während des Karnevals „vestiti alla mammeluca" waren. Unter 
I^o X. wartete der berühmte päpstliche Bankier, Agostino Chigi, im 
Januar 151 8 auf drei Dutzend Bilasken, die ihm der Herzog von 
Ferrara schicken sollte. In seinem Dialog „Delle maschere'' hat 
schließlich auch Tasso die f erraresischen Masken weit höher als z. B. 
die mailändischen geschätzt. 

All dies beweist, wie sehr der Fasching in das Leben der Stadt 
eingriff. Von den Herzögen hat namentlich Alfonso IL, selbst als 
er nicht mehr jung war, den Karneval bis zum äußersten ausge- 
kostet, im Kostüm eines Hofharren pflegte er sich auf der Straße 
unter die Menge zu mischen. Dies wurde einem Franziskanermönch 
zuviel, im Beisein des Herzogs legte er seiner Predigt den Test zu- 
grunde: drei Dinge haßt meine Seele: einen armen Hochmütigen, 
einen reichen Geizhals, einen wollüstigen Alten. Im Verlauf der 
Predigt bekam der Herzog so manche unangenehme Wahrheit zu 
hören; der Franziskaner betonte das Ärgernis, das ein alter Narr 
gebe, der in der Maske Tänze anführe. Der Herzog hat die bittere 
Pille in aller Stille henmtergeschluckt, und als der Kardinal Carlo 
Borromeo für drei Tage nach Ferrara kam, befahl er der gesamten 
Bevölkerung, die Masken abzulegen, und tat selbst ein Gleiches. 

Während des Karnevals jagten Giostren, Bälle, Konzerte, 
Theateraufführungen einander, so daß die vornehme Gesellschaft, 
die an diesen Vergnügungen teilnahm, kaimi einen Augenblick der 
Ruhe hatte. Zu den beliebtesten Vergnügungen gehörten Wett- 



HÖFISCHBS LEBEN 443 

laufe aller Art; bis zum Gürtel entblöBte Jünglinge und Greise 
liefen um die Wette, auch Mädchen nahmen an Wettläufen teil; 
selbst für Tiere veranstaltete man Wettrennen, so für Esel, Schweine, 
imd Büffel, auch Stierkämpfe waren sehr beliebt. Ein ErlaB der 
herzoglichen Kanzlei ist auf uns gekommen, worin anständige 
Bffädchen, von gutem Betragen, über zwölf Jahre alt, aufgefordert 
werden, sich zum Wettlauf am Georgstag zu melden. Als erster 
Preis galt das Palio, die weiteren Preise bestanden in Seidenstoff 
für einen Rock. Das Publikum betrachtete es als sein Recht, während 
der Wettläufe das erste beste vorübergehende Mädchen zu packen 
und auf Decken so hoch zu werfen, bis es — Venedig sähe. 
Einmal nahm der Übermut dermaBen überhand, daB man zuletzt 
die Verwtmdeten wie vom Schlachtfeld vom Spielplatz tragen 
mußte. Wie viele andere Kamevalsitten, kam auch dieses „SpieP' 
aus Rom nach Ferrara. Hatte doch Leo X. am letzten Dienstag des 
Jahres 1519 den Mönch, dessen Stück keinen Beifall bei der Auf« 
führung fand, auf Decken hochwerfen lassen. Dieses seltsame 
„Spiel" war im Zwischenakt an Stelle einer Moreske eingeschoben 
worden. Die mit diesem Spiel verbimdene Gefahr war nicht minder 
groß, als jene die beim „Eierkrieg", einer gleichfalls sehr beliebten 
Kamevalsnummer, zutage trat. Die Kämpfenden waren zuletzt 
so aufgeregt, daß sie nicht länger mit Eiern, sondern mit Stöcken 
fochten, und so mancher ging direkt nach der Schlacht ins Spital. 

Zu den hübschesten ritterlichen Spielen gehörte der Ringlauf; 
dem Sieger war eine kostbare Belohnung zugedacht: ein reichge- 
schmücktes Barett, ein Stück Brokat oder Samt. 

Nach Ferrara kamen zum Karneval Seiltänzer, Athleten oder 
Prestidigitäteure in großer Zahl. Beliebt waren Ringkämpfe von 
Kraftmenschen. Weihnachten 1564 kämpften während eines Fest- 
essens im Schloß ein Spanier und ein Italiener Cola aus den Abruzzen. 
Mit Leichtigkeit hob der letztere einen dreihundert Pfund wiegenden 
Menschen auf tmd zerbrach Hufeisen, er hat auch im Kampfe gesiegt 

Die Studenten haben an den Kamevalfesten regsten Anteil 
genommen, so haben die Juristen am 2. Februar i486 im Palazzo 
Schifanoja ein großartiges Fest gegeben, zu dem sie die Herren und 
Damen der herzoglichen Familie und Ferraras elegante Welt ein- 



444 



VIERZEHNTES KAPITEL 



luden. Man amüsierte sich glänzend und tanzte den ganzen Tag in 
der Gartenloggia. Mehr noch als in den Salons machten sich die 
Studenten auf der StraBe bemerkbar. Gruppen Maskierter trieben 
sich in der Stadt herum, neckten die vorbeikommenden Frauen, 
und ihre Freude war vollkommen, wenn es schneite, und man mit 
Schneebällen die Fenster der Bekannten bombardieren konnte. 
Zuweilen kam es aus diesem AnlaB zu wirklichen Kämpfen. Im 
Januar 1481 griffen einige maskierte Höflinge eine Studenten- 
gruppe mit Schneebällen an. Am nächsten Tage kamen dreihundert 
maskierte Studenten vor das Schloß und forderten die Cortegiani 
zu einem Schneeduell auf, „a fare alla neve*'; an ihrer Spitze stand 
der junge Niccolo Maria Este. Natürlich blieben die Studenten 
Sieger, denn soviel Hofleute wie Studenten gab es sicher nicht. Eine 
je größere Seltenheit der Schnee war, eine tun so bedeutsamere 
Rolle spielte er bei Festen, in Literatur und Kunst. Lascas Novellen- 
cyklus „Le Cene^' wird durch eine grimmige Schneeschlacht zwischen 
ausgelassenen verheirateten Frauen und jungen Leuten eingeleitet; 
den Beschluß dieser „guerra terribile*' bildet ein freundschaftliches 
Zusanunensitzen vor dem Kaminfeuer und das Erzählen von zu- 
weilen sehr lockeren Geschichten. Die Legende der Santa Maria 
della Neve ist in Rom entstanden, wo es selten schneit, tmd auf dem 
berühmten Bild der Madonna della Neve in Siena bringen Engel- 
kinder dem Jesusknaben Schneebälle zum Spiel dar. 

Die Studenten wurden allmählich so übermütig, daß sie in der 
zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts während des Karnevals ihre 
Donzellen maskiert in die Schulsäle mitbrachten, selbst in Masken 
erschienen imd dort Tänze aufführten; erst Ercole L verbot 
Z478 maskierten Frauen den Zugang zu den Gsrmnasien. Die Stu- 
denten haben sich für dies Verbot schadlos gehalten, indem sie sich 
als Mönche imd ihre Preimdinnen als Nonnen verkleideten, sich 
in Scharen über die Straßen wälzten und alle Vorübergehenden 
belästigten. Das war selbst der milden Franziskaner-Inquisition 
ein zu starkes Stück, der Herzog mußte eingreifen und die Jugend 
auffordern, das Klosterhabit zu respektieren. 

Die Studenten haben den Karneval häufig bis zum Fasten- 
sonntag ausgedehnt, die Professoren in ihren Vorträgen gestört 



HÖFISCHES LEBEN 445 

und die fleiBigen Kollegen verspottet, bis der Rektor ein Machtwort 
sprach und die alte Ordnung wieder einsetrte« 

Das Ende des Karnevals, der rapide Übergang von Tanz, Lust- 
barkeit, Bankett zu Gebeten und Kasteiung war seit jeher der Vor- 
wurf einer besonderen Art von Poesie, der Poesie der Kameval- 
kontraste, „il contrasto di Camevale e della Quaresima^'. Im Mittel- 
alter waren diese Gedichte in Spanien, Italien, Prankreich und 
Deutschland sehr verbreitet: der Kampf des Faschings mit dem 
Fasten, aus dem der letztere als Sieger hervorgeht, ist das vielfach 
variierte Thema. Die Dichter, die zum größten Teil dem geistlichen 
Stand angehören, stehen auf der Seite des Fastens und führen zahl- 
reiche Gründe an, die für die Kasteiimg des Körpers sprechen. Be- 
rühmt war im XV. Jahrhundert neben vielen lateinischen Erzeug- 
nissen das Gedicht des Erzbischofs Hita „der Triumph des großen 
Fastens über den Fasching^'. 

Der Sieg des Fastens imd die Abtötung des Fleisches entsprach 
den Anschauungen der Renaissancedichter nicht mehr. In den 
Gedichten des ansehenden XV. tmd beginnenden XVI. Jahrhimderts 
behauptet sich der Karneval als Sieger. Der Fasten wird als eine 
düstere, widerwärtige, ausgemergelte Gestalt dargestellt, während 
der Karneval ein lustiger, übermütiger Geselle ist. Besonders in 
Italien wird die „Monna Quaresima*' zur komischen Figur, die 
häufig auf die Bühne zitiert wird. Zu den amüsantesten Gedichten 
dieser Gattung gehört „II contrasto del Carnevale colla Quaresima'S 
das im XVI. Jahrhundert außerordentlich verbreitet war und in 
amüsanter Weise den Kampf dieser beiden BAachthaber schildert« 
Der Karneval, ein übermütiger, kühner Geselle, mit Wurstkette 
um den Hals und Sporen an den nackten Füßen reitet gewöhnlich 
auf einem Faß Malvasier, mit prachtvoller Schabracke. Gegen 
diesen ausgelassenen Kerl rüstet sich die Quaresima, ein altes, häß- 
liches Weib, in einer mit Zwiebeln imd Knoblauch gestickten 
Tunika, an der Spitze eines Heeres von Sardellen, Aalen, Zwiebeln, 
Sellerie imd Petersilie. Der Karneval ruft seine Wald- und Luft- 
armee zusammen, die aus Löwen, Hirschen, Luchsen, Hammeln, 
Fasanen, Pfauen und Tauben besteht; er selbst besteigt sein Pferd, 
von dem zu beiden Seiten etwa himdert gebackene Hühner henmter- 



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VIERZEHNTES KAPITEL 



luden. Man amüsierte sich glänzend und tanat^ f jt Hahn 

der Gartenloggia. Mehr noch als in den S^/ /mee ein 

Studenten auf der StraSe bemerkbar. Ch^/ / jrsten und 

sich in der Stadt herum, neckten die//^/ ler, der Sieg 

und ihre Freude war Tollkommen, y^//f 4Mtunen sucht 

Schneebällen die Fenster der '^y/f/ stj das Schwein 



Zuweilen kam es aus diesem t^/// / Als der Kame- 

januar 1481 griffen einige J/^' / ^ ^mpfgewühl, rollt 

gruppe mit Schneebällen bxi. /// / ^ . größten Schwierig, 

maskierte Studenten vor fO csima gefangen nimmt, 

zu einem Schneeduell a?,v/ ' ^£ Kriegsrat und die gesamte 

der junge Niccolo J»/. ' .«ein sich, um über ihr Schicksal zu 

Sieger, denn soviel^V ^er Versammlung, der auch der Fasching 
je größere Seiter ^e grausame Feindin zu Tode zu verurteilen» 
Rolle spielte er ^j^^ock eine sehr geschickte Rede, er erinnert den 
cyklus „Le O J^ch stets durch Güte ausgezeichnet und niemandem 
au^elassey'^^fügt habe, und bittet schließlich um Begnadigung 
den ^^'Jr^0^ I>er gerührte Karneval schenkt der Megäre die 
Zusar '"V^J^^estattet ihr sogar, vierzehn Tage im Jahr zu machen» 
we^* ^^^fiUlt. Sollte sie jedoch wagen, sich größere Rechte anzu- 
^ /^oder sich aufs neue gegen den Karneval zu empören, so 

/^ A^ zu Tode verurteilt und den Kapaimen zum FraA 
J^worfen werden. Der große Sieg wird prachtvoll gefeiert, 

/ einem Triiunphwagen, den acht Elefanten ziehen, fährt 
PfiXiZ Fasching durch sein Reich, und der Wein fließt in 
5trömen. 

Aber das Schicksal des Karnevals ist nicht inrnier so glücklich. 
Im Theaterstück „Rappresentazione et Festa di Camevale et 
della Quaresima'S in dem der Koch eine der Hauptpersonen ist, 
siegt die Quaresima imd verurteilt den Karneval zum Tod auf dem 
Scheiterhaufen. Der arme Karneval bittet all seine Heiligen um 
Beistand, er betet zum heiligen Kapatm, zimi marinierten Hasen 
und zu vielen andern Beschützern im Walde, aber Klagen tmd 
Tränen sind vergebens, gegen Ende der Vorstellung wird er auf den 
Scheiterhaufen geworfen, Satan erscheint und nimmt die Seele des 
Königs der Sünder, „il Re de peccatori'S mit sich. Aber die Sym- 



HÖFISCHES LEBEN 



447 



les Verfassers und des Publikums steht auf Seiten des Kame- 
man in der Hölle viel Malvasier und fette Kapaunen 



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VII 



\dentr&ger des herzoglichen Magens, eine Art Hof- 
ier Senescalco, der die Reihenfolge der Speisen 
^ .|iatte und die schwere Ktuist verstand, ge- 

ranne und Fasane zu tranchieren* Ihm unter- 
«4ize Beamtenschar, die Apparechiatori, Imbanditori 
aenzieri, Silber und Geschirr war in ihrer Obhut und das 
.s;ndecken gehörte zu ihren Pflichten. Als Borso 1471 nach Rom 
ging, nahm er seinen Senescalco Gatamelata und mehrere Creden- 
zieri mit« 

Die Rechnungsbücher wurden mit größter Sorgfalt geführt, im 
estensischen Archiv befinden sich bis auf den heutigen Tag Garde- 
robe- und Küchenbücher, die „Libri di Spendaria'* imd die „Libri 
della Grassa'^ 

Tischwäsche imd besseres Leinen ließ man aus Holland und 
Flandern, selbst aus Rennes in der Bretagne kommen, einfache 
Wische wurde in Venedig oder in der Schweiz gekauft. Die großen 
Tischtücher waren sehr teuer und wurden nur bei besonderen Ge- 
legenheiten benützt. Überhaupt wurde Tischwäsche wegen ihres 
großen Wertes sehr geschont. Neben jedem Gedeck lagen Servietten, 
die man während des Essens imter dem Kinn befestigte, um die 
kostbaren Gewänder nicht zu beschmutzen. Kunstvoll ziseliertes, 
häufig vergoldetes Silber, das auch mit Email und Edelsteinen ver- 
ziert war, bildete den Hauptschmuck der Tafel. Es sind das jene 
Tafelaufsätze in Gestalt von Türmen, Vögeln, Schiffen usw., die 
heute in den Museen und fürstlichen Schatzkammern einmagaziniert 
sind. In den zahlreichen Beschreibungen des Tischsilbers der Este 
ist auch ein Geschirr aus vergoldetem Silber erwähnt, in Form von 
Schiffen, mit Einhörnern und dem Wappen der Este geschmückt, 
das auf vier emaillierten Rädern ruht. Es gab Vasen in Form von 
Wölfen oder Delphinen, mit Schlangen und Fischen verziert 



448 VIERZEHNTES KAPITEL 

Präsentierteller, Kelche, Salzfässer, Leuchter, Konfitürenschalen 
waren aufs sorgfältigste gearbeitet und ornamentiert, besonders Blai- 
land tuid Venedig waren für ihre künstlerische Goldarbeit bekannt 
Zu den Tischgefäfien, die heute aus dem Gebrauch gekommen sind, 
gehörten in Italien aus dem Osten eingeführte Gefäfie für Rosen- 
wasser, das in großen Quantitäten verbraucht wurde, zum Hände- 
waschen vor und nach Tische so gut wie zur Bereitung verschiedener 
Speisen. Rosenwasser wurde in Pavia gekauft, bei Maestro Battisto 
degli Barbareschi, der dort einen Laden mit seltenen Gerüchen imd 
Spezereien aus dem Osten hatte. Hühnergerichte wurden mit Zucker 
bereitet und mit Rosenwasser parf ümiertl Auch zu anderen Gerichten 
scheinen die Köche Rosenwasser gebraucht zu haben, da bei einem 
Festessen, das in Ferrara am 4. Juli 1473 gegeben wurde, 48 Pfund 
in der Küche und nur 24 bei Tisch verbraucht wurden. 

Die Küche hat zu den besonderen Sehenswürdigkeiten des Hofes 
gehört. Sie hat einen ganzen Stab von Köchen imd eine groBe An- 
zahl von Küchenjimgen beschäftigt. Gute Köche waren außer- 
ordentlich gesucht, die Höfe haben sie sich ebenso wie die berühmten 
Konditoren gegenseitig abspenstig zu machen gesucht In der 
herzoglichen Hofküche in Ferrara trugen die Köche schwarze 
Baretts, Hosen aus rotem Stoff und Termutlich weiBe Leinenjacken. 
Sie haben verschiedenen Kategorien angehört, es gab B&cker, 
Konditoren und Fleischköche; mit Borso fuhr auch der Bäcker 
Angiola nach Rom* Eine besondere Persönlichkeit in der Küche 
hat die Fleischspeisen vergoldet, bei feierlichen Anlässen wurde der 
gröfite Teil der gebratenen Speisen vergoldet und auf seltsamste 
Weise verziert Die Pfauen gehörten zum gesuchtesten Geflügel, 
so sehr daB wir im XV. Jahrhundert am estensischen Hofe sogar 
einen „indoratore de paoni^' finden. Selbst der Name dieses maestro 
Bemardino di Pasti ist imvergessen geblieben. 

Seltsame Dinge wurden damab gegessen. Die höchste Küchen- 
kirnst bestand darin, einen ganzen Pfau vergoldet oder in vollem 
Federkleid, den Schwanz zum Rad geschlagen, feuersprühend,