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Full text of "Der Index der verbotenen Bücher. In seiner neuen Fassung dargelegt und rechtlich-historisch gewürdigt"

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DER INDEX 
DER VERBOTENEN BÜCHER. 



If 



DER INDEX 



DER 



VERBOTENEN BÜCHER. 



IN SEINER NEUEN FASSUNG 



DARGELEGT 



UND RECHTLICH-HISTORISCH GEWÜRDIGT 



VON 



JOSEPH HILGERS S. J. 



FREIBURG IM BREISGAU. 
HERDERSCHE VERLAGSHANDLUNG. 

1904. 

ZWEIGNIEDERLASSUNGEN IN WIEN, STRASSBt'RG, MÜNCHEN UND ST LOUIS, MO. 



Cum opus, cui titulus est: Der Index der verbotenen Bücher j a Patre losepho Uilgera 
Societatis nostrae sacerdoie compositum aliqui eiusdem Societatis revisores, quibus id com- 
missum fuit, recognoverint et in lucem edi posse probaverint , facultatem concedimus, ut 
typis mandetur, si ita iis, ad quos pertinet, videbitur. 

In quorum fidem has litteras manu m)stra subscriptas et sigillo muneris nostri mu- 
nitas dedimus. 

Luxemhirgi, 26 Oct. 1903. 

.j^ gv P. C. Schaeffer S. J., 

Praep. Provinciae Germaniae. 



Imprimatur. 

Frihurgi Brisgoviae, die 23 Martii 1904. 

4^ Thomas, Archiepps, 



Alle Rechte vorbehalten. 



Buchdrtickerei der Herder sehen Terlftgshandlang in Freibarg. 






■* 

I 



"^4 



Vorwort. 



Die kirchliche Büchergesetzgebung hängt mit dem Wesen und dem Zwecke 
der Kirche Christi auf das innigste zusammen. Bttcherzensur und Bücher- 
verbot reichen daher zurück in die frühesten christlichen Jahrhunderte. Der 
Index der verbotenen Bücher, besonders in seiner jetzigen Fassung als In- 
begriff des gesamten kirchlichen Bücherrechts, verdient also sicher bei jedem 
Freunde des Christentums eine sorgfältige Beachtung und Würdigung. Selbst 
der Gegner darf eine solche Erscheinung nicht unbeachtet lassen oder die- 
selbe ungeprüft verwerfen ^ 

Der Index ist keine Streitschrift. Viel weniger kann die vorliegende 
Erläuterung desselben etwas derartiges sein wollen. Zweck dieser Schrift ist 
vielmehr, Freund und Feind mit den kirchlichen Büchergesetzen, zumal in 
ihrer Neugestaltung durch Leo XIII., näher bekannt zu machen. Eine solche 
bessere Kenntnis der Sache, die noch zu fehlen scheint, mag nicht genügen, 
um dem Gegner die ganze Einrichtung genehm zu machen. Sie dürfte aber 
im stände sein, manche Vorurteile auszuräumen, um ein gerechtes Urteil zu 
ermöglichen. Unschwer wird der Katholik dabei erkennen, daß Index und 
Büchergesetzgebung nun doch nicht ein ruinöses Au&enwerk ist, welches man 
besser dem Feinde preisgibt. 

Unsere Darlegung der Büchergesetze erhebt nicht den Anspruch, eine 
förmliche Geschichte des römischen Index zu liefern. Wenn es bei Begrün- 
dung und Würdigung des Bücherverbotes nicht zu umgehen war, manche 
einschlägige Frage aus der Bücher- wie aus der Geschichtskunde zu berühren, 
so kamen dem Verfasser dabei längere Forschungen und nicht unwichtige 
Funde besonders in römischen Archiven und Bibliotheken zu statten. Er 
hofft dadurch den Bibliographen und Historikern einige Dienste geleistet und 
neue Aufschlüsse über die frühesten Perioden des römischen Index und die 
Anfänge der Indexkongregation gebracht zu haben. Die Anlagen des Buches 
bieten hierzu Ergänzungen und Dokumente, teils ganz unbekannte, teils noch 
unedierte Stücke, namentlich zur Geschichte des Quietismus. 



* Vgl. Joseph Feßler, Sammlung vermischter Schriften, Freiburg 1869, 127 ff. 

% .. «t 4 , »1 ■. 



yj Vorwort. 

Hauptsächlich wegen der gegnerischen Angriffe auf den römischen Index 
mußte zur Gegenüberstellung die Geschichte sowohl der protestantisch-kirch- 
lichen als der staatlichen Bücherzensur herangezogen werden. Es ist in aus- 
gedehnterem Maße geschehen, als vielleicht beim ersten Blick notwendig 
oder zweckdienlich scheinen wird. Allein abgesehen davon, daß jene Zu- 
sammenstellung von Vorkommnissen aus der nichtrömischen Bücherzensur den 
Hauptzweck des Buches nie aus dem Auge verlor und dementsprechend die 
Auswahl traf, hätte ein mehr summarischer Abriß der akatholischen Zensur 
nur wenig Vertrauen und Glauben erweckt. Bei dem geflissentlichen Ver- 
hüllen oder Beschönigen der im Bereiche der Zensur außerhalb der katho- 
lischen Edrche vorhandenen Tatsachen war es geboten, die Geschehnisse im 
einzelnen selbst reden zu lassen. Da sich zudem Auszüge aus der Geschichte 
der akatholischen Zensur sonst kaum irgendwo in solcher Fülle zusammen- 
finden, dürfte der betreffende Abschnitt selbständigen Wert haben. Ähnliches 
läßt sich von der „chronologischen Reihenfolge aller Bücherverbote im Index 
Leos XIH." auf S.. 415 — 475 sagen. Dieselbe enthält in kürzester Fassung 
den Gesamtkatalog der verbotenen Bücher bis auf den heutigen Tag und 
stellt sich dem Geschichtsforscher als Hilfsmittel dar. 

Der römische Index hat im Laufe der Zeiten manchen Anfechtungen 
die Stirne bieten müssen; er hat sie aber überlebt, sowohl seine hitzigen 
Angreifer als auch die vielen staatlichen und nichtkatholischen Indexversuche 
und Büchergesetze. Von Rückständigkeit zeugt das am wenigsten ! Der Index 
hat sein Ziel nicht verfehlt. Denn was man auch immer sagen mag, es 
herrscht in gläubigen katholischen Kreisen immer noch eine heilsame Scheu 
vor der kirchlich verbotenen Lesung. Die Existenz des Index und der ganzen 
kirchlichen Bücherzensur ist ohne Zweifel eines der Hauptmittel gewesen, 
um diese Gewissenhaftigkeit zu erhalten. Die neue Gesetzgebung Leos XUI. 
hat mit frischem Mute begonnen, im gleichen Sinne schützend und heilbringend 
zu Avirken. Unsere Arbeit schämt sich nicht, hierzu ihr Scherflein beizu- 
steuern, selbst nicht auf die Gefahr hin, der kirchenfeindlichen Zensur anheim- 
zufallen und mit der Bücherzensur ein Hemmschuh der Freiheit und des Fort- 
schrittes der Wissenschaft genannt oder gar mit der ganzen katholischen Kirche 
„der Verekelung der hervorragendsten Literaturwerke** bezichtigt zu werden. 

Der hl. Augustinus, selber mit der feinsten klassischen Bildung aus- 
gerüstet wie vor ihm und nach ihm kaum ein anderer christlicher Gelehrter, 
wollte die alten heidnischen Klassiker nicht von der Schulung der Jugend aus- 
geschlossen wissen. Um so schwerwiegender ist sein Wort, mit dem er es herbe 
tadelt, daß man schmutzige Stellen der Klassiker zur Bildung und Erziehung 
verwerte. Der große Bischof von Hippo schreibt über die klassischen Fonnen : 



Vorwort. yil 

,Non accnso verba, quasi vasa electa aiqne pretiosa, sed vinum erroris, quod in iis 
Bobis propinabatur ab ebriis doctoribos et nisi biberemuSy caedebamor, nee appellare aliqnem 
indicem sobrium 1 icebat.* ^ 

Wer kann es dem Katholiken verübeln, daß er genau so mit der Kirche 
denkt, wenn die Vergotterer der alten wie neuen klassischen Schriftsteller 
auf ihn losschlagen, weil er nicht „Gold im Kote*" suchen will! Es. mahnt 
ein hl. Hieronymus: 

,Po8t scripturas sanctas doctorum hominum tractatus lege: eornm dumtaxat, quornm 
fides nota est Non necesse habes aurum in luto quaerere, multis margaritis unaro redime 
margaritam.* ' 

Ganz ähnlich wie beim Herannahen der französischen Revolution ertönen 
heute einstimmiger als jemals die lautesten Klagerufe aus den verschiedensten, 
einander entgegengesetzten religiösen und politischen Parteiungen über die 
sittliche Verdorbenheit des Schrifttums und der Presse. Ob neue staatliche, 
repressive Verordnungen den Strom des Verderbens aufzuhalten im stände 
sein werden? Jedenfalls muß es dem Schul- wie Staatsmann klar sein, daß 
alle staatliche Anstrengung ohne die Mitwirkung einer wahrhaft christlichen 
Schule und ohne die unbehinderte Mitarbeit der Kirche verloren ist. 

Papst Leo XIII. ist für die ganze katholische Kirche mit der neuen 
Büchergesetzgebung vorangegangen; Papst Pius X. ist fest und entschieden 
in seine Fußstapfen getreten. Wir Katholiken dürfen uns dessen freuen und 
rühmen. Allein jeder Katholik hat auch die heilige Pflicht, durch treue 
Beobachtung dieser Gesetze den Absichten der Kirche zu entsprechen und 
jener größten sozialen Gefahr in seinem Kreise entgegenzuarbeiten. Die lobens- 
werten Bestrebungen aber, * welche man katholischerseits zur Eindämmung der 
schlechten, zur Verbreitung der guten Presse macht, werden nur durch Zu- 
grundelegung dieser allgemein gültigen Bücherordnungen der Kirche sichern 
Halt und Richtschnur bekommen. 

Der Index gilt allen Gläubigen, er gilt naturgemäß besonders den ge- 
bildeten Kreisen und hier namentlich den Lehrern und Bildnern der Jugend 
wie den Priestern und Seelenhirten, für sie selbst und für die ihrer Hirten- 
sorge anvertrauten Seelen. Der Universitätslehrer des Kirchenrechts Dr Franz 
Heiner schließt deshalb seine Abhandlung über die kirchliche Bücherzensur 
mit ernsten Worten, die auch hier am Platze sind. 

«Wendet die Kircbe", so schreibt er', ,alle Mittel an, um den Glauben in den Herzen 
der Christen zu erhalten, so wäre es nicht bloß eine schwere Pflichtvernachlässigung, wenn 
sich der Seelsorgeklerus um die Anwendung, Benutzung oder Beobachtung dieser Vorsichts- 
maßregeln nicht kümmern oder die Obern in diesem ihrem Streben nicht unterstützen würde. 



» Confess. 1, 16 (Migne, Patr. lat. XXXII 672 f; Corp. Script, eccl. latin. XXXIII 22 f). 

« Epist. 54, n. 11 (Migne, Patr. lat. XXII 555). 

' Katholisches Kirchenrecht IP, Paderborn 1901, 249 f. 



a* 



VIII Vorwort. 

sondern es käme auch einer nnverantwortHchen Verkennung seines Amies gleich, wenn er 
nicht selbst innerhalb des Kreises seiner Berufstätigkeit alles aufböte, das kostbarste Gut 
des Glaubens bei der ihm anempfohlenen Herde zu erhalten durch unausgesetzte Belehrungen, 
Mahnungen , Warnungen , öffentlich und privatim , auf der Kanzel , in der Christenlehre und 
im Beichtstuhl. Dieses gilt besonders bezfiglich der schlechten Presse unserer Tage. Letztere 
unschädlich zu machen, das Halten und Lesen derartiger BQcher und Zeitungen zu verbieten, 
solche Literatur in seiner Pfarrei auszurotten und an deren Stelle eine gute, christliche zu 
setzen, gehört heute zur Hauptaufgabe der Seelsorge. " 

In der Tat ist die Qefahr, mit der ein verderbliches Schrifttum die 
kostbarsten Güter des Volkes bedroht, groß genug, der Index nach seinem 
innersten Wesen und edlen Zweck als Heilmittel ein Gegenstand zeitgemäß 
und wichtig genug, um die gegenwärtige Abhandlung zu rechtfertigen. Möge 
sie denn mit Gottes Hilfe als Wegweiser in der kirchlichen Büchergesetz- 
gebung dem Nichtkatholiken Aufklärung und gerechtere Würdigung des Index 
der verbotenen Bücher, dem Katholiken Belehrung und höhere Wertschätzung 
der Büchergesetze seiner Kirche vermitteln! 

Luxemburg, am Feste des hl. Joseph, 19. März 1904. 



Joseph Bilgers S. J. 



Inhaltsangabe. 



Seito 



Beschreibung des neuen Index: Der Index Leos XIII. Gesamtcodex der kirch- 
lichen Büchergesetzgebung. Das Breve der Einführung «Romani Pontifices*. Die 
Praefatio. Die beiden Teile des neuen Index : Pars prior mit den allgemeinen Ver- 
ordnungen, die apostolischen Konstitutionen ,Officiorum ac munerum* und ,Sol- 
licita ac provida**. Pars posterior, der Katalog der durch Einzeldekrete verbotenen 
Bficher. Titel, Einteilung. Sanktion des Ganzen 1—2. 

fieschichtlicher Überblick des kirchlichen Bucherverbofes 3—15 

Das Biicherverbot in der alten und mittleren Zeit: Der Apostel Paulus zu 
Ephesus 3. Das Konzil von Nicäa 3. Der Kaiser Konstantin 4. Das Decretum 
Gelasianura (496?) 4. Leo der Große, Gregor der Große, Zacharias, die Väter und 
Synoden der alten Zeit 4. Charakteristik der Bücherverbote jener Zeit 4 — 5. Die 
Bücherverbote des Mittelalters: Verurteilung häretischer Bücher durch die Päpste 
und Konzilien 5. Verbote abergläubischer Schriften 5. Verbot des Talmud 5. Ver- 
ordnungen über das Lesen der Bibelübersetzungen 5. Beccadelli 5. Aneas Silvius 
de' Piccolomini 5. 

Bncherordnnngen und Kataloge verbotener Bücher seit 1500. Die Index-Kon- 
gregation: Die Präventivzensur in den Bullen Alexanders VI. (1501) und Leos X. 
(1515) 6. Das Verbot der lutherischen Schriften 6. Der Beginn der Kataloge ver- 
botener Bücher; der Katalog des Senates von Lucca (1545), der Index von Venedig 
(1549), von Venedig und Mailand (1554) 6. Beschreibung des einzigen neu auf- 
gefundenen Originalexemplars des mailändischen Index 7. Zensurverordnungen in 
Neapel (1544 und 1550) 7. 

Die römische Inquisition seit 1542 7. Der erste römische Index Pauls IV. 1557 
bis 1559. Die Moderatio desselben nicht aus dem Jahre 1561 , sondern von 
1558/1559 7 — 8. Andere römische Bücherverordnungen von 1562 und 1566 8. 
Der tridentinische Index Pius* IV. (1564), seine Einrichtung 9. Die Indices ver- 
schiedener Länder und Städte 9. Der Index von Panna (1580); ein neu aufgefun- 
dener italienbcher Index ca 1577, Beschreibung desselben 9 — 10. Gründung 
der Index-Kongregation (1570—1572), Aktenstücke dazu von Pius V. und 
Gregor XIII.; der erste Sekretär der neuen Kongregation Antonius Posius 10—11. 
Sirlet mit vier andern Kardinälen Mitglieder der Kongregation in der Bulle Gre- 
gors XIII. (13. September 1572) 11. Sixtus' V. Bemühen um die Kongregation 
und den Index (1587—1590) 11-12. Der Index Sixtus* V. (1590); Bellarmin und 
Franciscus a Victoria auf dem Index 12. Der Index des Jahres 1593 bislang un- 
bekannt 13. Die Signoria von Venedig 13. Der Index Clemens* Vlll. (1596), 
Einrich^ng und Inhalt desselben 13—14. Die römischen Indices von 1600 bis 1900, 
der Index Alexanders VII. (1664) 14, der Index Benedikts XIV. (1758), Bedeutung 
desselben J4. Die Entwicklung der kirchlichen Büchergesetzgebung 15. 

Berechtigung des kirchlichen Bttcherverbotes 15-25 

• Bücherverbot und Bücherzonsur findet sich bei allen Völkern, zu allen Zeiten, 
auf allen Kulturstufen, fand sich namentlich , als das Prinzip der freien Forschung 



X InhalteaDgabe. 

Seite 

aufgestellt war, als die französische Revolution ihre Freiheit proklamiert hatte, und 
im , Kulturkampf' 15 — 17. Schrankenlose Freiheit der menschlichen Vernunft ver- 
werfliche Zügellosigkeit ; Recht und Pflicht jeder gesetzmäßigen Obrigkeit, ihre 
Untertanen vor gefährlichen Schriften zu schützen 17 — 18. Revolution und Refor- 
mation; der heutige Protestantismus 18—20. 

Mehr als der väterlichen und der bürgerlichen Obrigkeit muß der kirchlichen 
das Recht zustehen» Bücher und Lehren zu zensieren und zu verbieten ; ihre wesent- 
lichsten Güter liegen auf dem Gebiete des Gedankens und des Geistes 20—22. 

Das in der natürlichen Ordnung begründete Recht ausdrücklich der Kirche von 
ihrem göttlichen Stifter übertragen in ihrer Lehr- und Hirtengewalt 23. 

Also dreifacher Beweis aus den Tatsachen der Geschichte, dem Wesen der gesetz- 
mäßigen Autorität, der besondem göttlichen Konstitution der Kirche 23 — 25. Den 
Zeitumstäuden entsprechend ist die Kirche, sich ihres Rechtes bewußt, stets ihrer 
Pflicht nachgekommen 25. 

Die allgemeiiien BDcherverordnungen der Koustitution „Offlciorum ac 
muueruni^^ 25—37 

Das Verhältnis der beiden Teile des Index zueinander ; Bedeutung und Wichtig- 
keit des ersten Teiles mit den allgemeinen Büchergesetzen in der Kon- 
stitution Leos XIII. vom Jahre 1897 26. Deutsche Obersetzung mit erklärenden 
Anmerkungen : 

Allgemeine Dekrete über Verbot and Prtifang von Bächern. 

Titel I. Bächerverbote. 

Kapitel I. Nr 1 — 4: Über verbotene Bücher von Apostaten, Irrgläubigen, 

Schismatikern und andern Schriftstellern 26. 
Kapitel II. Nr 5 — 6: Von den Ausgaben des Urtextes der Heiligen Schrift und 

allen Übersetzungen in einer toten Sprache 27. 
Kapitel III. Nr 7 — 8: Von den Übersetzungen der Heiligen Schrift in den 

Volkssprachen 27. 
Kapitel IV. Nr 9—10: Von den unsittlichen Büchern 28. 
Kapitel V. Nr 11 — 14: Über bestimmte Klassen von Büchern 28. 
Kapitel VL Nr 15—17: Über Heiligenbilder und Ablässe 29. 
Kapitel VII. Nr 18- 20: Über liturgische Schriften und Gebetbücher 30. 
Kapitel VIII. Nr 21—22: Von Tagesblättern, Zeitungen und Zeitschriften 30. 
Kapitel IX. Nr 23—26: Von der Erlaubnis, verbotene Bücher zu lesen und 

aufzubewahren 31. 
Kapitel X. Nr 27 — 29: Von der Anzeige schlechter Bücher 32. 

Titel IL Büclierzensnr. 

Kapitel I. Nr 30—38: Von den Prälaten, denen die Bücherzensur zusteht 32. 
Kapitel IL Nr 38—40: Von dem Amt der Zensoren bei der dem Erscheinen 

vorhergehenden Prüfung der Bücher 33. 
Kapitel III. Nr 41 — 42: Von den Büchern, die einer voraufgehonden Zensur 

unterstehen 34. 
Kapitel IV. Nr 43 — 46: Von den Buchdruckern und Verlegern 35. 
Kapitel V. Nr 47 — 49 : Von den gegen die Übertreter der allgemeinen Regeln 

festgesetzten Strafen 35. 
Die Sanktion dieser allgemeinen Dekrete der Konstitution. Aufhebung aller 
früheren Bestimmungen mit Einschluß der Tridentiner Regeln 36. 

Zweckmäßigkeit und Milde der allgemeineu BOctaerdekrete 37—47 

Bürgschaft für die Zweckmäßigkeit der neuen Gesetze ; äußere Fassung 37 — 38. 
Drei Gruppen von Büchern, die nach dem Naturgesetz ein Verbot nötig machen 38. 



InhaltsaDgabe. XI 

.. Seite 

über diese geht das kirchliche Gesetz nicht hinaus 39—40. Möglichkeit einer Dis- 
pens fttr den einzelnen 41. Die Präventivzensur, ihr Umfang, ihre Berechtigung 42. 
Die Bestimmungen für die Buchdrucker, Verleger und Buchhändler maßvoll, bloßer 
Ausdruck der Forderungen des Gewissens 43. Die Übertretung der Büchergesetze ; 
größere oder geringere Schwere derselben ; zieht nur in wenigen bestimmten Fällen 
kirchliche Strafen nach sich; die Exkommunikation, Rechtfertigung dieser Straf- 
bestimmung 43 — 44. 

Milde der neuen Verordnungen; das , Bibel verbot", Lesung der Klassiker 44—47. 
Bei Benutzung von Dispensen Vorsicht und Gewissenhaftigkeit am Platze 47. 

Die Indexregeln und die Gelehrten 47-59 

Die Frage, ob alle Gelehrten durch das Gesetz gebunden und deshalb für die 
notwendigen Fälle bei der kirchlichen Autorität Dispens einzuholen verpflichtet 
sind, muß nach dem Gesetze selber beantwortet werden 47—48. 

Gegen die Deutung des Gesetzes zu Gunsten aller Gelehrten spricht Wortlaut 
und Sinn der in Frage stehenden Paragraphen ebenso wie die kirchliche Hand- 
habung derselben bei Dispenserteilung 48 — 49. 

Die dreifache gültige Gesetzesinterpretation nimmt die Gelehrten nicht vom 
Gesetze aus 49—50. Der hl. Alfons von Liguori, die Moralisten und Kanonisten 
vor ihm wie nach ihm mit den Kommentatoren der päpstlichen Konstitution 
«Officiorum ac munerum* scheinen klar und deutlich alle Gelehrten als durch das 
Gesetz verpflichtet zu erklären, auch im Falle eines dauernden Bedüi^fnisses zum 
Gebrauche verbotener Bücher 50—52. 

Aus dem Begriffe der Selbstdispcns, aus dem Wesen und der Wichtigkeit des 
Gesetzes, aus der im Gesetze gebotenen Möglichkeit, leicht obrigkeitliche Dispens 
zu erhalten, ergibt sich, daß hier Epikie nur im beschränkten Einzelfalle an- 
wendbar 52—55. 

Ein Vergleich des Büchergesetzos mit andern kirchlichen Gesetzen, besonders 
dem Fastengebote, dient zur Klärung und Bestätigung der vorgebrachten Be- 
weise 55 — 57. 

Die Kirche hat die gewichtigsten Gründe, die Gelehrten nicht allgemein von 
der Verpflichtung des Gesetzes zu entbinden 57 — 58. Die Unterwürfigkeit der Ge- 
lehrten unter das Gesetz ist von besonderer moralischen Wichtigkeit für sie selbst 
und die Allgemeinheit 58—59. 

PrDf ong nnd Verbot gefährlicher Bücher ...... 59 -67 

Die Konstitution Benedikts XIV. ,Sollicita ac provida** schreibt den römischen 
Kongregationen der Inquisition und des Index die Methode vor, welche bei Prüfung 
und Verurteilung zur Anzeige gebrachter Bücher in Rom angewendet werden soll. 
Ihre 27 Paragraphen werden fast vollständig in Übersetzung wiedergegeben 59 — 65. 

Kein Aktenstück ist für die Beurteilung und Verteidigung des kirchlichen Bücher- 
verbotes so wichtig wie diese Konstitution, daher auch von Leo XIII. einzig bei- 
behalten und neu sanktioniert 65—67. 

Wesen nnd Zweck des Kataloges der verbotenen Bttcher . 68—79 

Der Katalog der verbotenen Bücher, der Index im engeren Sinne des Wortes, 
verzeichnet nicht alle verbotenen Bücher, auch nicht die gefährlichsten von 
allen 68 — 69. Er enthält vielmehr alphabetisch geordnet die Titel der Werke und 
Schriften, welche seit 1600 nach reiflicher Prüfung in Rom von den römischen 
Kongregationen oder dem Papste verurteilt wurden 69. Nur Bücher, welche als 
gefährlich in Rom angezeigt werden, kommen zur Untersuchung. Gegebenenfalls 
sind die Bischöfe schon durch ihr Gewissen und ihr Amt zu solcher Anzeige ver- 
pflichtet 70. Der Index verzeichnet demnach nicht systematisch bestimmte Arten 
von gefährlichen oder schlechten Büchern, im ganzen aus den drei letzten Jahr- 
hunderten nur rund 5000 aus allen Ländern und Sprachen 71—72. 



XII iDhalteangabc. 

Seite 

Der Zweck dieses Kataloges ist derselbe wie der der allgemeinen Bücher- 
dekret«: er warnt die Gläubigen vor der Gefahr für Glauben und Sitten, die oft 
um so größer ist, je mehr sie sich dem Auge des Laien verbirgt, und die in einer 
Schrift sich finden kann, auch wenn sie vom Verfasser derselben nicht erkannt 
oder nicht beabsichtigt ist 73—74. Autorität des Indexverbotes — wozu verpflichtet 
es? 74—76. Nutzen und Wirksamkeit des Index 76—78, System im Index, Ten- 
denz und Geist des Bücherverbotes 78—79. 

Die Neugestaltung des Iudex 79—92 

Anlage und Ordnung des neuen Index 79—81. Büchertitel — Obersetzungen — 
Namen der Verfasser, Vornamen — Pseudonyme und Anonyme 81—86. 

Die Dekrete des Verbotes — ihre Umdatierung — verschiedene Arten derselben — 
Zusätze in den Dekreten — Fehler und Mängel früherer Indexausgaben 86—92. 

Zahl uud Art der Btteherverbote im Iudex Leos XIII. 92—104 

Zahl der verbotenen Bücher von 1600 bis 1900 überhaupt 92—93. .Opera omnia*- 
Dekrete 93—96. Bücherverbote in Papstbriefen, Bedeutung dieser Verbote ; welche 
Strafe ist auf das Lesen derartig verurteilter Bücher gesetzt? 96—101. Bücher- 
dekrete des Heiligen Offiziums, Bedeutung derselben — Dekrete der Indexkongre- 
gation, der Riten- und Ablaßkongregation; durch Dekret des Papstes unmittelbar 
verbotene Bücher 101—104. 

Die Milderung des neueu Iudex 104— lu 

Im neuen Index sind nicht mehr verzeichnet die vor 1600 verbotenen Bücher; 
eine große Zahl derselben — jedoch nicht alle — sind nicht mehr verboten 104 
bis 106. Selbst unter den Werken der Verfasser, deren , Opera omnia* verboten 
sind, kann es einzelne geben, die als erlaubt gelten 106—108. 

Vom Index ist gestrichen eine Anzahl von Werken, deren Gebrauch, obgleich 
nicht ohne alle Gefahr, andererseits doch von mehr als gewöhnlichem Nutzen er- 
scheint 108—110. Es stehen nicht mehr in der Indexliste kanonistische Sammel- 
werke, Litaneien, Ablaßbüchlein, die durch den Magister Sacri Palatii verbotenen 
Schriften und ähnliche 110—112; ebenso sind weggefallen Bücher, welche in frü- 
heren Streitfragen, wie z. B. in der von der Unbefleckten Empfängnis, aus mehr 
äußeren oder formellen Gründen verboten wurden 112 — 114. 

Die verbotenen BDcher des 19. Jahrhunderts 114—133 

Zahl der im 19. Jahrhundert verbotenen Bücher aus den verschiedenen Ländern ; 
Italien und Frankreich sind dabei am zahlreichsten vertreten 114. Italienische 
Bücher, Charakter dieser Werke, Grund ihres Verbotes 114—117. Französische 
Bücher, verschiedene Klassen derselben 117 — 121. Spanische und portugiesische 
Bücher aus der alten und neuen Welt 121—123. Polnische, griechische und arabische 
Bücher 123-124. Englische Bücher 124—125. Deutsche Bücher 126-132. Das 
Gesamtbild der verbotenen Bücher des 19. Jahrhunderts 132 — 133. 

Die Verfasser der verboteneu Bücher 133—145 

Im 16. Jahrhundert wurden auf den Index gesetzt hauptsächlich die neuen 
Irrlehrer mit ihren Schriften, daneben auch die neuheidnischen Schriftsteller der 
Renaissance, unsaubere Novellisten und lüsterne Poeten, Machiavelli, Pietro Pom- 
ponazzo, Aretino, Heinrich Bebel, Rabelais 133—136. 

Im 17. und 18. Jahrhundert treten die jansenistischen Schriftsteller vor den pro- 
testantischen allmählich in den Vordergrund; von der Mitte des 18. Jahrhunderts 
an wird das Bild noch vielgestaltiger 136 — 137. 



Inhaltsangabe. XIII 

Seite 

Der Index kennt kein Ansehen der Person, will aber noch weniger brand- 
marken. Auf dem Index stehen kirchliche Würdenträger, Mitglieder der verschie- 
denen Orden, nicht wenige Jesuiten 137 — 141. Fürstliche und königliche Schrift- 
steller im Index, Jakob I. von England und Friedrich II. der Große: Oeuvres du 
philosophe de Sanssouci 141 — 144. Philosophen und Theologen auf dem Index 
144-145. 

Schriftstelleriniieu auf dem Index 145-165 

Zweck dieses Kapitels 145. Verfasserinnen auf dem Index vor 1600: Anne 
Askew 146—147, Magdalena Haymairin 147—148, Olympia Fulvia Morata 148. 
Die Herzogin Ursula von Münsterberg, ihre Flucht aus dem Kloster und ihre Ver- 
teidigungsschrift 148—150. 

Schriftstellerinnen im Index von 1600 bis 1900 : Maria von Agreda und D. Gio- 
vanna Maria B. nicht mehr im Index 150 — 151. Es stehen noch 30 Verfasserinnen 
im Index Leos XIII. Verfasserinnen belletristischer Schriften: Ada Negri 152. Arc- 
angela Tarabotti, ihre Bücher und ihre Geschichte 152—154, Lady Sidney Mor- 
gan 154, Charlotte Ann Waldie 155, George Sand und M""" Suberwick 155, Ad^IaYde- 
Gillette Bilet Dufrenoy und Fran^oise de Grafigny 156, M"** Anne-Marguerite du 
Noyer 156—157, M«"« La Roche-Guilhem 157. 

Philosophische Schriftstellerinnen: Marianna Florenzi -Waddington 157, Anna 
Roselli, Anna Pepoli, Adalgisa Costa und Virginia Paganini 158, M""' Henry Grö- 
ville, Marie Pape-Carpantier , Natalie de Lajolais und Ciarisse Vigoureux, eine 
Anhängerin Charles Fouriers 159. 

Verfasserinnen theologischer Bücher: Caroline Elisabeth Prinzessin von Sayn- 
Wittgenstein 159, Christine von Belgioioso Prinzessin von Trivulzio 159 — 160, 
Carlotta Geltrude Eschini 160, Hipolita Rocaberti 160, Marie Bon de Tlncamation 
(vgl. S. 575—578) 161, Paola Maria di Gesü 161, M"»* Guyon 161—162, Madalena 
Homroetz, Marie Huber 162, Antoinette Bourignon 162 — 163, Anna Maria von 
Schurmann 163 — 164. Wie der Name der Aloysia Sigaea auf den Index ge- 
kommen 164—165. 

Gegner und Kritiker des Index 166-173 

Französische Kritik im , Grand dictionnaire universel du XIX® si^cle'' von Pierre 
Larousse 166—167. 

Italienische Kritik in der ,Nuova Antologia* 1897 zu Rom 167—168. Die Prä- 
fekten der Indexkongregation 168 — 169. Vincenzo Gioberti über die Indexkongre- 
gation 169—170. 

«The Roman World* merkwürdige Entdeckungen im Index ; Leo XIII. auf dem 
Index? 170 — 172. Houston Stewart Chambcrlain über das kirchliche Bücher- 
gesetz 172-173. 

Deutsche Stimmen über den Index 173—178 

Trümpelmann und Hackenberg 173—174. Die ,Neue Freie Presse* 175—176. 
Die , Deutschen Stimmen* und die , Münchener Allgemeine Zeitung*, Goethe in 
Eckermanns Gesprächen über den Bischof von Mailand 177 — 178. 

Max Lehmann und der Index 178-194 

Max Lehmann in den Preußischen Jahrbüchern über den neuen Index; die 
„Denunziation* 178—180. Die , Beleidigung aller Nationen durch den Index*; 
Friedrich der Große und die Zensur 181—183. Der größte deutsche Philosoph und 
die Zensur 183—184. Ranke und der Index 184. Voltaire und Rousseau auf dem 
Index 184—186. Giordano Bruno 186-187. Hugo Grotius 187-190. Hobbes 
und Spinoza 190—191. 



XIV Inhaltsangabe. 

Seite 

Das ,den Deutschen verfassungsmäßig verbürgte Recht der Zensnrfreiheit' und 
die Zensur in Deutschland; Vorsichtsmaßregeln in den Bibliotheken 191—194. 

Der Index und die Jesuiten 194—206 

. Die Beziehungen der Jesuiten, besonders im 16. Jahrhundert, zum Index und zur 
Bücherzensur nach dem Urteile deutscher Historiker 194 — 195. Die wirklichen An- 
schauungen eines hl. Ignatius, Lainez und Canisius über den Index und das Bücher- 
verbot 196 — 197. Die Bemühungen der Jesuiten für Milderung des ersten römischen 
Index ; Natalis, Lainez, Canisius und der Index Pauls IV. 197—202. Canisius und 
die Zensur in Bayern, zwei Dokumente 202—205. Die Jesuiten in Köln und Löwen 
im 17. Jahrhundert und die , Vernichtung des Buchhandels* 205. Die Jesuiten 
* und der Index im 18. bis 20. Jahrhundert 206. 

Englische BOcherzeusur 206—221 

Ob Rom .die Wiege der Bücherzensur* ist; die ersten Kataloge verbotener 
Bücher; in England vor dem ersten römischen Index 1526 — 1546 neun derartige 
Kataloge 206—207. Zensur und Bücherverbot unter Heinrich VIII. 207—208. 
Eduard VI. und Maria 208. Die Königin Elisabeth und ihre Zensur gegen die 
Schriften der Katholiken, Wiedertäufer, Puritaner, Brownisten; grausame, blutige 
Strafen 208—211. Jakob I. selbst theologischer Schriftsteller und Zensor 211—212. 
Karl l.; die Schmähschriften der Puritaner; Alexander Leighton und William Prynne, 
Dr Bastwick und Heinrich Burton grausam gestraft 212 — 213. Das Zensnrgesetz 
der Stemkammer von 1637 213—214. Die «Philothea* des hl. Franz von Sales ver- 
urteilt 214. John Milton und John Biddle 215. Gregorio Leti, Arthur Bury, 
Charles Blount, der Bischof Burnet von Salisbury unter der Zensur 216. Die letzten 
englischen Zensoren Roger L'Estrange, Fräser und Edmund Bohun, ihre Schick- 
sale 217. Das Erlöschen des Zensurgesetzes, Beginn der Zensurfreiheit, die Bücher- 
verbote hören nicht auf: Johannes Toland, Bernard de Mandeville, Matthew Tindal, 
Swift, Samuel Clarke, Thomas Woolston und ihre verbotenen Werke 217 — 219. 
Die Zensur der Reichsrichter und des Parlaments 219. Die englische Preßgesetz- 
gebung im 19. Jahrhundert 219—220. Charakteristik der englischen Zensur 220 
bis 221. 

Die Zensur in den Niederlanden nnd in Skandinavien 221—249 

Holland. Calvinische Zensur: Verbot und Verbrennung der alten katholischen 
Literatur, der Schriften der Sozinianer, der Arminianer 221 — 222. Hugo Grotius 
(vgl. oben 187—190), Joost van den Vondel 222—224, Balthasar Bekker und Adrian 
Beverland 224—226. 

Dänemark. Dänische Zensur im 16. Jahrhundert von Friedrich I. bis Friedrich Tl., 
Edikt des letzteren gegen die Konkordienformel 226— 22S; Christian IV. bis Chri- 
stian V.: Laurentius Nicolai, Niels Mikkelsen Aalborg, Jörgen Dybvad, Christoifer 
Dybvad, Heinrich Kircher, Joannes Lyser, Zensurgesetz 1676 228—229. Christian 
Thomasins und die dänische Zensur 280. Christian VI. bis Christian VIL : Struen- 
see 230 — 231. Sturz Struensees, das Reskript von 1771, das Ministerium Guldberg, 
neue Einschränkung der PreBfreiheit, Goethes «Werther'' in der dänischen Zensur 231 
bis 232. Die dänische Zensur im 19. Jahrhundert 232. 

Schweden. Gustav Wasa bis Karl IX.: Strenge königliche Zensur religiöser 
Bücher 233—235. Die Zensur unter Gustav II. Adolf, die Universität Upsala und 
ihre Professoren, Zensur des Königs und der Bischöfe, J. Baaz 235 — 236. Zensur- 
streitigkeiten nach Gustav Adolfs Tode 237, neue Zensurverordnungen seit 1661, 
«orthodoxe Zensur**, interessante Zensurfälle 238—240. Streitigkeiten an der Uni- 
versität Lund, Pufendorf und Nikolaus Beckmann, dijB schwedischen Zensoren, neue 
Bflcherfehden und Bucherverbote 240—242. Pietismus und Schwärmerei, Karl XI. 



Inhaltsangabe. XV 

Seite 
and Karl XII., Andreas Kempe 243 — 244; das Zensurjoumal Benzelstjemas 1737 

bis 1746 245 — 246; die Zensur im Kampfe mit den Schwärmern im 18. und 

19. Jahrhundert 247 — 248; die Preßgesetzgebung vom Ende des 18. bis zum 

19. Jahrhundert 248—249. 

Die franzSsisctae Zensur im allgemeinen und die napoleonisctae im be- 
sondern 249—268 

Die königliche Zensur und die der Sorbonne beim Beginn der Reformation; die 
Indices der Sorbonne 249 — 250. Bellarmin und Tasso in der Zensur des Parla- 
ments 250—251; die calvinische Zensur in Frankreich: Jean-Baptiste Morelly und 
Charles Du Moulin 251 — 252. Die Zensuren der Sorbonne im Zeitalter des Jan- 
senismus; die Deklaration von 1682 252—253; der Index von 1685 253. Die Zensur 
vom 17. bis zum 18. Jahrhundert, die Zeit der «Philosophie" 254, die Zensur&eiheit 
und Zensurtyrannei der Revolutionszeit 254 — 257. Die napoleonische Zensur, erste 
Periode 1800—1804: das Dekret vom 17. Januar 1800, Unterdrückung der Zei- 
tungen, die Polizei überwacht unter Napoleons Oberleitung die Presse 258 — 259; 
zweite Periode 1804 — 1810: Napoleon wird Kaiser und übergibt die Überwachung 
der Presse dem wieder erneuerten Polizeiministerium 260 — 262; dritte Periode 
1810 — 1814: das Preßgesetz vom Februar 1810, die Generaldirektion des Buch- 
drucks und des Buchhandels 262. Charakteristische Merkmale der napoleonischen 
Zensur: politische Tyrannei 263, religiöse Tyrannei 264, Verfolgung bedeutender 
Schriftsteller: Madame de Sta($l, Chateaubriand 264 — 265. Napoleonische Zensur in 
Deutschland, die Erschießung Johann Philipp Palms zu Braunau 1806 266. Die 
französischen Preßgesetze im 19. Jahrhundert 267 — 268. 

Die BOctaerzensur in der Schweiz 268—278 

Die Zensur Zwingiis und der Zwinglianer in Zürich 268. Calvins Zensur in 
Genf 1536—1538 269. Miguel Servede, Giovanni Valentine Gentile, Opfer der cal- 
vinischen Zensur 269 — 271. Henricus Stephanus von dem Genfer Konsistorium 1580 
exkommuniziert; die Zensur in Zürich und Basel; Bemardino Ochino 271 — 272. 
Bern und seine Zensur verurteilt Calvins Katechismus 272; die Zensur in Basel, 
ein Schreiben des Erasmus 272. Zensurordnungen in Basel 1524—1665, eifrige 
Präventivzensur 273. David Joris und die Baseler Zensur 273 — 274. Die schwei- 
zerische Zensur im 17. Jahrhundert, ihre strenge Engherzigkeit 275—276. Das 

18. Jahrhundert: Bodmer, Lavater, Johann von Müller, Waser, Rousseau in der 
Zensur 276—277; die Zeit der Revolution, Preßfreiheit und Preßtyrannei; das 

19. Jahrhundert bis 1848 277—278. 

Die Bfletaerzensur in deutschen Landen 278-319 

Die Zensur des Deutschen Reiches wird hier nicht behandelt, sondern hauptsäch- 
lich die protestantische Zensur 278. Die Realenzyklopädie für protestantische Theo- 
logie über die Zensur in protestantischen Ländern 279. 

Die Zensur der Hanptreformatoren : Luther und die Studenten zu Witten- 
berg 1517, der Scheiterhaufen vor dem Elstertor 1520, Luthers Verteidigungsschrift, 
sein „Unterricht der Beichtkinder über die verbotenen Bücher**, seine Flugschrift 
.Von weltlicher Obrigkeif*, seine Bemühungen, den Druck der katholischen Evan- 
gelienfibersetzung des Hieronymus Emser zu verhindern 280 — 281. Luther gegen 
die Schriften des Erasmus, Verbot einer Schrift des Simon Lemnius 282; Luthers 
Zensur gegen seine Mitreformatoren 283. 

Die Zensur und die Bücherverbrennung der Wiedertäufer in Münster 283 — 284. 
Melanchthon und seine Ansicht von der Zensur; Zwingli und Calvin über die 
Zensur 284—286. 



XVI Inhaltsangabe. 

Seite 

Zensur protestantischer Fürsten Deutschlands in der Reformationszeit: Me- 
lanchthons Gutachten zu Naumburg 1554 — Edikt des Herzogs von Jülich-Cleve- 
Berg 1554 286—287; protestantische Theologen für und wider die Zensur der 
Fürsten und Städte ; Radecker und der Magistrat von Löwenberg 287—288. Zensur 
im Herzogtum Sachsen, Matthäus Judex, Sachsen und Braunschweig 288 — 289; 
die Werke der Reformatoren in der Zensur — die Konkordienformel — die kur- 
säohsische Kirchenordnung 1580, die Siegesmünze des Kurfürsten August 290 — 291. 
Nikolaus Krell, Jakob Andrea, David Pareus, Tübingen und Heidelberg, die Bibel 
von Neustadt und der Katechismus von Pfalz-Zweibrücken 291 — 294. 

Merkwürdige Zensnrverordnnngen und Büchergesetze ans der Reformations- 
zelt : Die Expurgation gefährlicher Bücher, Zensur- und Druckerordnungen ; Herzog- 
tum Sachsen, Bayreuth, Jena 294—296. Das Kurfürstentum Sachsen, Württemberg, 
fürstliche und theologische Zensoren 296 — 298; die Präventivzensur und das Lese- 
verbot 298—300. 

Die Zensur der protestantischen Staaten nnd Städte im 17. nnd 18. Jahrhundert: 
Johann Kepler und Benedikt Carpzow; die Zensur in Tübingen, Leipzig, Witten- 
berg 301 — 302; Christian Thomasius 303 — 304; die Zensur in Siebenbürgen und in 
Mecklenburg 304 — 305; Strasburg, Augsburg, Ulm, Hall und andere deutsche Städte 
mit ihrer Zensur 805—307; der Atheismusstreit. Fichte und Goethe 307—309. 

Die österreichische, insbesondere die josephinische Zensor: Die Zensur katho- 
lischer Fürsten im 16. Jahrhundert 309 — 310. Die Zensur Maximilians II. und des 
Erzherzogs Karl 310 — 312. Charakteristik der österreichischen Zensur bis zur Zeit 
der Aufklärung 312. Neue Zensurkommission 1751, Gerhard van Swieten 312 — 314; 
die , Bücher-Zensur-Hof -Kommission** 1772 315. Joseph IL, seine Zensurgesetze, 
Handhabung derselben 315—317; die Zensur Österreichs von 1795 bis auf unsere 
Tage 317—319. 

Brandcnbiipg-Ppeußische Bflctaerzensur 319—348 

Die Zensor in Knrbrandenbnrg nnd im Herzogtum Preußen: Die Zensur 
Joachims I. gegen Luthers Bibel und Schriften 319—320; die lutherische Zensur 
der Folgezeit 320—321; Herzog Albrecht von Preußen, die Universität zu Königs- 
berg, der Osiandrische Streit 321 — 322 ; Beginn der calvinischen Zensur 322 — 323 ; 
die Zensur des großen Kurfürsten 323 — 324; Bekämpfung der Synkretisten, Johann 
Philipp Pfeiffer und Johann Ernst Grabe 325—327. Der letzte Kurfürst, Ver- 
schärfung der Zensur 327 — 328. 

Die Zensur im K<(nigrelch Preußen während des 18. Jahrhunderts: Zensuredikt 
Friedrichs I., die Blüte der Zensur unter Friedrich Wilhelm L, verschiedene Maß- 
regeln 328—329 ; die Maßregelung Christian Wolffs in Brandenburg 329—330. Neue 
Verbote „atheistischer und gotteslästerlicher Schriften* 331 — 332. Friedrich II. 
und seine Zensur, neue Verordnungen und Bücherverbote 332 — 334, Zensur katho- 
lischer Gebetbücher und Katechismen 334. Friedrichs politische Zensur 335, das 
t'lacetum regium und die Zensur bischöflicher Hirtenbriefe 336, Expurgation bischöf- 
licher und päpstlicher Rundschreiben 337, Verbot päpstlicher Bullen 338 — 339, ein 
von Friedrich verfolgter Redakteur 339. 

Die „Histoire secr^te de la cour de Berlin* von Mirabeau in preußischer und 
französicher Zensur 339 — 340. Friedrich Wilhelm II., das Religionsedikt vom 
9. Juli und das Zensuredikt vom 19. Dezember 1788 340; die Zensur unter Minister 
Wöllner 341, Zensurverordnungen und Bücherverbote, Kant, die Allgemeine deutsche 
Bibliothek 341—343. 

Die preußische nnd die dentsetae Zensur des 19. Jatarlinnderts 343—389 

Die Zensur bis 1848: Friedrich Wilhelm III. 343, Kabinettsordre vom 3. Ja- 
nuar 1816, Unterdrückung des , Rheinischen Merkur* 343 — 344; die Preßfreiheit 



InhaltsaDgabe. XVII 

Seite 
in Weimar, Professor Oken und die .Isis*', Goethe und sein Gutachten über die 

Zensurfreiheit 344 — 345. Der Bücherbrand auf der Wartburg und das Verbot der 
.Isis* 346—347; Zensurverordnungen 1819 — 1848 347, Zensur kirchlicher, religiöser 
Werke, das Placetum regium 348, Joseph Görres verfolgt von der Zensur 349, „Opera 
omnia'^ -Verbote des deutschen Bundesrates und Preußens 349, „Katalog über die in 
den Jahren 1844 und 1845 in Deutschland verbotenen Bücher **, Zahl und Art der- 
selben 349 — 350. Die politische Zensur: Franz Dingebtedt, Georg Herwegh, Fer- 
dinand Freiligraih, Hoffmann v. Fallersleben 350—351, Verbot des Katechismus 
des sei. Petrus Canisius und der Schriften Bruno Bauers 351 — 352, Maßnahmen 
gegen Schriften von Professoren verschiedener Richtung 352 — 354; die Zensur der 
katholischen Presse, der „Katholik*, die „Historisch- politischen Blätter* 354. Die 
Parteilichkeit der Zensur zu Ungunsten der Katholiken, der Rongeskandal , der 
Duisburger Katechismus, der rheinische Landtag 1845, Kardinal Geissei und Kar- 
dinal Altieri 354—358, Bettina v. Arnim und ihr „Königsbuch* 358—359. 

Preußische und deutsche Preßgesetze von 1848 bis auf die Gegenwart: Die 

Preßfreiheit von 1848, Aufhebung der Präventivzensar , neue Preßverordnungen 
1850—1874 359-361. 

Die Maßregelung der Presse von 1850 bis zur Gründung des Deutschen Reiches : 
Der Rückschlag bald nach 1848, Friedrich Wilhelm IV. 361—362; die Unterdrückung 
der „Volkshalle*, August Reichenspergers und Montalemberts Kritik 362 — 364. 
Der Kirchenkonflikt in Baden und in Nassau, Bismarck 364 — 366; Zustände der 
Zensur in andern deutschen Staaten 366. Politische Zensur in der preußischen 
Konfliktsperiode 367—368. 

Die Zensur im Dienste des „Kulturkampfes": Der Hofkanonist Friedberg, Bis- 
marck 368—369, die Weihnachtsallokution Pius' IX. 1872 369—370, Maßregelung 
der katholischen Presse im Kulturkampf 370—371, .Preß verbrechen* der Bischöfe 
und Bestrafung 371, der Ministerialerlaß vom 15. Juni 1874 und die neue Hetzjagd 
auf die katholische Presse 371 — 373, die Enzyklika vom 5. Oktober 1875 verfolgt 
von der Zensur und den Gerichtshöfen 373, der Entwurf des Reichspreßgesetzes 374, 
das , Placetum regium* und die Zensur des Dogmas der Unfehlbarkeit in Bayern 
und Sachsen 374 — 375, Aufhebung der Artikel 15, 16 und 18 der preußischen Ver- 
fassung von 1850 375—376. 

Verbot sozialdemokratischer Schriften 1878—1890: Das Gesetz von 1878; der 
im amtlichen Auftrage bearbeitete Katalog der verbotenen sozialistischen Schriften 
376—377; Zahl derselben, Charakteristik dieser Zensur 377—378. 

Die Zensur der Schulbücher: Das Schulaufsichtsgesetz vom 11. März 1872 mit 
dem Ministerialerlaß vom 15. März 1872, die daraus folgende Zensur der katho- 
lischen Religionshandbücher durch den Staat 378—379; Beschwerden der Bischöfe 
und Gläubigen vom Staate abgewiesen 379 — 380. Die preußischen Schulgesetz- 
entwürfe und ihre Bestimmungen über die Zensur der Lesebücher und Katechismen, 
die Kritik August Reichenspergers 380—382; ,, Pädagogisch es Lesebuch für das 
Lehrerinnenseminar* von Dr Ostermann im Gebrauch zu Trier 382. 

Schulbücherzensur in Baden 1867 — 1868 383. Neuestiß Zensur eines Lesebuches 
in Breslau, die Aufregung der liberalen Presse 383 — 384 ; Verbot von Schulbüchern 
in der polnischen Muttersprache 384. Behandlung der Preßdelinquenten 384 — 385. 

Vorbeugende Maßregeln gegen die schlechte Presse: Die Theaterzensur und 
präventive Bestimmungen im Gesetze von 1874, die polizeiliche Beschlagnahme vor 
jedem richterlichen Spruche 385 — 387. Andere vorbeugende Schutzmaßregeln 387 
bis 388. «Beschränkte Preßfreiheit* 388, «die schlafende Zensur* 389. 

Die katholische und die akatholische Zensur 390—401 

Die Reformation in jeder Beziehung Förderin der Bücherzensur und des Bücher- 
verbotes 390. Die Ansicht De Villers und das Zeugnis der Geschichte 390—391 ; 



XYiii Inhaltsangabe. 

Seite 
die Aussprüche Wiesners und Sachses widerlegt von den Tatsachen 391 — 392. 

Die Knechtung der Katholiken durch die Zensur des Liberalismus, die , Preußischen 
Jahrbücher* und die , Kölnische Zeitung* widerlegt von Friedrich IL, Goethe, Bis- 
marck durch die Tat 392 — 394. Die ,Verekelung* der hervorragendsten Literatur- 
werke 394—395. Stellung der Kirche zu der lasciven Literatur auf den Reform- 
konzilien im Anfange des 16. Jahrhunderts 395—396. Die Zensurierung der 
klassischen Schriftsteller durch die akatholische Zensur 396—397; die Zensur der 
protestantischen Theologie 397. Die Fruchtbarkeit der akatholischen Zensur, die 
Wandelbarkeit derselben, die ungleichmäßige, oft kleinliche, oft harte Anwendung 
der Zensur- und Preßgesetze 398. Wesen und Zweck der katholischen Prftsentiv- 
zensur 399; ihre Nützlichkeit und Notwendigkeit auch für unsere Tage 400— 40L 

Schlußwort 402—414 

Bücherzensur und Bücherverbot in der alten christlichen Zeit 402 — 403; die 
Anzeige in Rom, die Autorität des Papstes 403; die Zensur an den mittelalter- 
lichen Universitäten 404; Vernichtung oder Einziehung der gefährlichen Schriften, 
Expurgation derselben 404—405, Prüfung in Rom 405. Erstes Verzeichnis apo- 
krypher und verbotener Bücher unter Innozenz I. , das Decretum Gelasianum 405 
bis 406. 

Die ersten Verbote von Druckschriften 406—407. Die Anfänge der Präventiv- 
zensur für Druckschriften 407 — 408. Die Büchergefahr zur Zeit der Glaubens- 
spaltung, Einfluß auf die Zensur 408 — 409. Die falsche Philosophie und die Revo- 
lution mit ihren Folgen für die Literatur und Zensur 409. Die Gefahr der schlechten 
Bücher in unsem Tagen erkannt und bekämpft von der Kirche auch durch den neuen 
Index 409. Leo XIII. und der neue Index 410. Die deutschen Erzbischöfe und 
ihre Warnungen vor der schlechten Lektüre 411. Der hl. Paulus und die wahren 
Erneuerer der Kirche 412. Fänelon und Rosmini 412 — 413. Karl Borromäus, Petrus 
Canisius, Franz von Sales und ihre Bemühungen zur Empfehlung und Einschärfung 
der kirchlichen Büchergesetze 413 — 414. 

Chronologische Reihenfolge aller Bficherverbote im Index Leos XIIL 415—475 



Anlagen. 

I. Aktenstücke znr kirchlichen Zensnr nach Einfiihrnng des Bnchdrnckes 

bis znm ersten rSmischen Index 1559 479—488 

Das Breve Sixtus* IV. vom 17. März 1479 an die Universität zu Köln 479. Die 
Bulle Innozenz' YIII. vom 17. November 1487 480 — 482. Zensur eines protestan- 
tischen Büchleins zu Wittenberg durch Bngenhagen 1525 482. Das Edikt der 
römischen Inquisition vom 12. Juli 1543 488—486. Zensurerlasse in Neapel : Prag- 
matica I von 1544 486. Pragmatica II von 1550 487. Catalogi librorum reproba- 
torum et praelegendorum, Pinciae 1551 488. Censura Generalis, Pinciae [1554] 488. 

II. Znm ersten rSmischen Index Panls IV. 1559 .... 488—497 

Die Beurteilung des neuen Index in Rom etc. 488 — 490. Über die Ausgaben 
des Index Pauls IV., fünf Klassen derselben, Geschichte der Edition dieses Index 
1557—1559 490—497. 

UL Dekret der rSmischen Inquisition vom 13. Mai 1562 für die Bnch- 
drncker nnd Buchhändler des Kirchenstaates 497—499 

IV. Über Editionen des Index tridentinns 1564 etc 499—501 

Erlaß des Magister S. Palatii unter Pius V. vom 19. Januar 1566 501. 



Inhaltsangabe. XIX 

Seite 

V. Erlaubnis zum Lesen verbotener Bflctaer 502—510 

Motus propriua Plus' IV. vom 27. August 1564 mit der Leselizenz für die Kar- 
dinäle der Inquisition 502—504. Die Fakultät des Kardinals Sirlet vom 4. Juli 
1567 504 — 505. Die päpstlichen Legaten und andere erhalten Leselizenz 505 — 506. 
Was Lainez, der hl. Franz von Borja und der hl. Franz von Sales vom Lesen der 
verbotenen Bücher halten 506—507. Der Bischof Cutbbert Tunstall erteilt dem 
sei. Thomas More die Erlaubnis zum Lesen häretischer Böcher am 7. März 1527 
507 — 508. Erasmus verlangt die Erlaubnis zum Lesen verbotener Bücher 508. 
Kaiser Karl Y. gibt dem Franziskus van der Hülst Erlaubnis zum Gebrauch luthe- 
rischer Bücher 508. Erlaß Herzog Ludwigs von Württemberg vom 15. Januar 
1593 an die Universität von Tübingen, den Verkauf sektiererischer Bücher be- 
treffend 509—510. 

VI. Aktenstficke zur Orttndnng der Indexkongregation . 510—517 

a) Der Motus proprius Pius' V. vom 19. November 1570 an den Magister Sacri 
Palatii 510 — 513. b) Diario consistoriale di Giulio Antonio Santori Cardinale di 
8. Severina 513. c) Bericht des ersten Sekretärs der Indezkongregation über deren 
Gründung und erste Sitzung 513 — 514. d) Die Bulle Gregors XUl. vom 13. Sep- 
tember 1572 514 — 516. Anmerkung Über die Gründung der Congregatio Episco- 
porum 517. 

VII. Breve Sixtns' V. vom 20. Juni 1587 an die berfihmteren Universitäten, 

nm deren Hithilfe znr Nengestaltnng des Index zn erhalten . 517—518 

Der Index librorum expurgandorum ex hispano et lovaniensi Indice collectus 518 
bis 519. 

Yin. Ein nen anfgefnndener italienischer Index ans der Zeit von 1575 

bis 1589 519-524 

Beschreibung des Fundes, Vergleich mit dem Index von Parma 519. Genauer 
Abdruck des ganzen Index 520—521. Noten zum Inhalt desselben, Bestimmung 
seines Ursprunges 522—524. 

IX. Zum Index Sixtns' V. 1590 524-525 

Der genaue Titel desselben, drei Exemplare des Originalindex zu Rom in der 
Vaticana, Verschiedenheit derselben untereinander 524 — 525. Claudius Aquaviva 
über das Buch Bellarmins in diesem Index 525. 

X. Erlasse des P. Magister Sacri Palatti 525-528 

Bando des Bartolomeo de Miranda vom 10. April 1591 526—527. Andere ähn- 
L'che Edikte aus den Jahren 1597 und 1599 527. Edikt des Hyacintus Petronius 
vom 22. November 1619 für die Stempelschneider usw. 528. 

XI. Der Index des Jahres 1593 529-531 

Zwei Originalexemplare in Rom, Beschreibung 529. Das päpstliche Breve der 
Einleitung Clemens' VIU. vom 17. Mai 1593 „Gregem Dominicum* 529—530. An- 
hang dieses Index: Vergleich mit den Indices von 1590 und 1596 530—531. 

Xn. Der rSmisctae Index vom Jahre 1593 nnd die Signoria von 
Venedig 531-535 

Der Bericht des venetianischen Gesandten Paolo Panita über seine Bemühungen 
bei Clemens VIII. zur Unterdrückung des Index vom Jahre 1593 531—535. 



XX Inhaltsangabe. 

Seit« 

XIII. Ein vereinzeltes rSmisches Bficherverbot vom 27. November 1595 535—536 

Decretom super suppressione libri inscripti Expositio F. Hieronymi ä Politio, 
Sicoli, Generalis Ordinis Fratmm Minorum Capnccinomm , in Regnlam Seraphici 
Patriarchsd S. Francisci eiasdem Ordinis Fundatoris &c. 535 — 536. 

XIV. Znm Index Clemens' VIII. vom Jahre 1596 .... 536—540 

Beschreibung der ersten offiziellen Ausgabe desselben 536 — 537. Das Edikt des 
Magister S. Palatii vom 17. Mai 1596 zur Ausführung der Vorschriften des neuen 
Index an der römischen Kurie 538. Die Yenetianer und der Index von 1596, 
Übereinkunft zwischen Rom und Venedig, Dichiarazione delle regele 538 — 539. 
Venetianische Indexausgaben von 1596 bis 1766 539 — 540. 

XV. Das Ontaehten der Indexkongregation über die Verbesserung des 
Werkes des Kopernikns 540—542 

Verhältnis des Gutachtens zum «Monitum" von 1620, vollständiger Abdruck des 
Gutachtens 540—542. 

XVI. Nota di alenne operette & historiette proibite nnd andere kleine 
Indiees ans dem Anfange des 17. Jahrhunderts .... 543—547 

Syllabus seu CoUectio librorum prohibitorum Bononin 1618 mit seiner Aggionta 
- - Ursprung der Nota 543 — 544. Das Edikt des Kardinals Gioiosa vom 29. Januar 
1605, Index für die Diözese Sabina 544. Verzeichnisse erlaubter oder empfohlener 
Schriffcen: Löwen, Spanien, Köln, München, Mainz, Frankfurt 544. Die Münchener 
Kataloge 544 — 545. Der Index novus von Mainz, die Edition von 1612, Fasten- 
und Herbstmesse, Beschreibung derselben 545—547. 

XVII. Der 20. Band der „Annales eeclesiastici^^ des Abraham Bzovins 547—551 

Noten über diesen Band des Bzovins und dessen Verurteilung 547. Das Dekret 
der römischen Inquisition feria V 3. Maii 1640 548. Das Breve Urbans VIII. an 
den Stadtrat von Köln 26. Mai 1640 548. Das Breve Urbans VIII. an den Bischof 
von Osnabrück 26. Mai 1640 549. Titel und Beschreibung jenes 20. Bandes, Grund 
der Verurteilung, erste Ausgabe, Einziehung derselben, zweite veränderte Ausgabe 
des Bandes 549—551. 

XVni. über die Verurteilung und Freigebnng des Werkes Paolo 
Segneris: „Coneordia tra la fatica e la qniete^^ .... 551—563 

Noten zum verbotenen Buche Bell'huomos und den beiden Schriften Segneris 551 
bis 552. Briefe aus den Jahren 1680, 1681 und 1690 über die Beanstandung der 
„Concordia* : 1. Brief Segneris an den Kardinal Gregorio Barbarigo (25. Oktober 
1680) 553. 2. Brief Segneris an denselben (28. Dezember 1680) 553. 3. Brief 
Segneris an den Großherzog von Toskana Cosimo III. (8. März 1681) 554. 4. Die 
Minuta des Briefes Cosimos III. an den Kardinal Nerli (10. März 1681) 555. 5. Die 
Minuta des Briefes Cosimos III. an den Kardinal Colonna (10. März 1681) 555. 
6. Briefe Segneris an den Sekretär des Großherzogs, Apollonio Bassetti vom 16. Mai 
1681 556; 7. vom 28. Mai 1681 556; 8. vom 7. Juni 1681 556; 9. vom 20. Juni 
• 1681 556; 10. vom 22. Juli 1681 557; 11. vom 29. Juli 1681 557; 12. vom 9. Au- 
gust 1681 558; 13. vom 23. September 1681 558; 14. vom 11. Oktober 1681 558. 
15. Brief Giuseppe Agnellis an den Sekretär des Großherzogs, Appollonio Bassetti 
(11. Oktober 1681) 559. 16. Briefe Segneris vom 14. Oktober 1681 559; 17. vom 
18. Oktober 1681 560. 18. Minuta des Briefes Cosimos III. an den Kardinal 
Alderaio Cibo (23. Oktober 1681) 560. 19. Briefe Giuseppe Agnellis an Apollonio 
Bassetti vom 26. Oktober 1681 561; 20. vom 8. November 1681 561; 21. vom 
29. November 1681 562; 22. vom 6. Dezember 1681 562; Brief Segneris an den 
Großherzog Cosimo III. (4. September 1690) 562. 



Inhaltsangabe. XXI 

Seite 

XIX. Das Breve Innozenz' XL vom 26. Hai 1689 als Abschluß des Pro- 
zesses gegen den Kardinal Pier Matteo Petrucci nnd dessen qnie- 
tistisctae Lehren und Schriften 563—573 

Bemerkungen über Petrucci und seine Verteidiger 563. Inhalt und Bedeutung 
des Breves, das hier zum ersten Male im Druck erscheint 563 — 564. Das Breve 
besteht aus drei Teilen, dem eigentlichen Breve, der spontanea comparitio des Kar- 
dinals 565 und der retractatio der 54 verurteilten Sätze 566 — 570; es enthält 
eine vollkonmiene Indemnitätserklärung für den Kardinal 564 — 573. 

XX. Yincenzo Giobertis Urteil über die Indexkongregation ... 573 

XXI. Die Unterwerfung Rosminis unter das Dekret der Indexkongre- 
gation 574 

Brief Rosminis an den Magister S. Palatii von Albano 15. August 1849 574. 
Brief Rosminis an einen Zeitungsredakteur von Stresa 17. Februar 1850 574. 

XXn. Nachträge 575—585 

1. Schriftstellerinnen auf dem Index — Marie de Tlncamation (S. 161) 575—584. 
Das Buch im Index Stati d* orazione mentale hat zur Verfasserin nicht Marie 
Gnyard, sondern eine andere Ursuline, nämlich Marie Bon de llncamation ; Ge- 
schichte des Buches und ihrer Verfasserin 575 — 578. 

2. Die Zensur in den Niederlanden und in Skandinavien — Spinoza und Spino- 
zismus (S. 191 n. 222) 578. Dänische Zensur unter Christian IV. (S. 228); Zensur- « 
Verordnung 1617 578—579. Schwedische Zensur 579—580. 

3. Die napoleonische Zensur in Deutschland 1813 und die Zensur in der Schweiz 
1523-1525 581—582. 

4. Die Zensur in Sachsen, besonders im 18. Jahrhundert 582 — 583. 

5. Die preußische und die deutsche Zensur des 19. Jahrhunderts (S. 349 ff) 583. 

6. Die venetianische Ausgabe der Werke des Kardinals Contarini (S. 528 f) 584. 

Verzeichnis zur Geschichte der Bficherzensnr 585—587 

1. Die kirchlichen Verordnungen 585—587. 

2. Die akatholische Zensur 587. 

3. Die staatliche Zensur 587. 

Alphabetisches Generalregister 589—638 

Dasselbe verzeichnet die Personen- und Eigennamen, die Bücher und Sachen 
zugleich mit den bei Abfassung der Arbeit benutzten Archiven, Biblio- 
theken und Werke. 



Beschreibmig des neuen Index. 

Ieo Xm., in mancher Beziehung seintsm gelehrten Vorgänger Benedikt XIY. 
A vergleichbar, hat auch wie dieser eine Neubearbeitung des Index ins 
Werk gesetzt. Schon im Jahre 1897 wurden in einem apostolischen Erlasse 
die früheren Regeln des Tridentiner Konzils durch neue allgemeine Bücher- 
verordnungen zeitgemäß verändert und ersetzt. Es geschah in der Bulle 
»Officiorum ac munerum'' vom 25. Januar jenes Jahres. Ebendort stellte der 
Papst die Umgestaltung des Gesamtcodex der kirchlichen Büchergesetzgebung 
in Aussicht, und drei Jahre nachher war das Werk vollendet. 

Das neue Buch ist keine ephemere Erscheinung. In weniger denn Jahres- 
frist mußte der ersten großen Auflage eine zweite folgen. Ist Leo Xm. 
auch unterdessen heimgegangen, sein Andenken bleibt auf lange hin mit den 
kirchlichen Büchergesetzen unzertrennbar verbunden. Der Name gerade dieses 
Papstes wird seinem Index dauerndes Ansehen und besondem Wert verleihen. 
Im übrigen handelt es sich hier um die Gesetzgebung des Papstes 
und der Kirche. 

»Der Index der verbotenen Bücher, neu bearbeitet und heraus- 
gegeben auf Geheiß und im Namen Leos XIII. Vorauf gehen die 
Apostolischen Konstitutionen über Prüfung und Verbot von Büchern.** ^ 

So betitelt sich das Werk, welches 1900 aus der vatikanischen Dinickerei 
hervorging. Das Ganze ist ein stattlicher Band mit vornehmer Ausstattung 
in gr. 8® von xxiii und 317 Seiten. Ein einleitendes Breve des Papstes 
vom 17. September 1900 spricht sich auf Seite vii— x kurz über Entstehung, 
Inhalt und Anlage wie "Neuordnung des Index aus, um in seinen ab- 
schließenden Sätzen dem ganzen Buche den Stempel eines Aktenstückes des 
Apostolischen Stuhles aufzudrücken. 

Die. zunächst folgenden Seiten xi— xxiii sind der Vorrede gewidmet. 
Der dermalige Sekretär der Indexkongregation stellt darin Bedeutung und 
gegenseitiges Verhältnis der beiden Teile des Werkes dar und klärt danach 
im einzelnen über den Unterschied des neuen Index von den früheren Kata- 
logen der verbotenen Bücher auf. Schießlich gibt er die bibliographischen 
Regeln an, die bei Abfassung des neuen Bücherverzeichnisses befolgt wurden.. 

Nach der Vorrede beginnt die Pars prior, der erste, kürzere Teil, 
welcher auf Seite 3—34 die Konstitution Leos XIII. »Officiorum ac munerum* 
neben derjenigen Benedikts XIV. „Sollicita ac provida" vom 8. Juli 1753 



* Index librorum prohibitorum SS»' D. N. Leonis XIII iussu et auctoritate recognitus 
et editna. Praemittuntur Constitutiones Apostolicae de examine et prohibitione librorum. 
Romae, Typis Vaticanis MCM [Editio altera MCMIJ. 

* Hilg«r8, D«r Iiid«x L«os XUL 1 



2 Beschreibang des neuen Index. 

enthält. Diese letztere gibt die vom Papste vorgeschriebenen Normen an, 
nach welchen die römischen Kongregationen bei Prüfung und Verbot von 
Büchern verfahren müssen, während jene erstere die allgemeinen kirchlichen 
Büchergesetze, die sogenannten Decreta generalia, in sich begreift. 

Mit diesen beiden Erlassen sind nunmehr die allgemeinen Bücherverord- 
nungen abgeschlossen. Damit tritt es denn auch nach außen in die Erschei- 
nung, was Leo XIII. in seiner Bulle verfügte, daß nämlich nicht bloß die 
allgemeinen Tridentiner Regeln, sondern auch alle andern Verbote und Zensur- 
bestimmungen, welche ehedem zum größten Teil dem eigentlichen Index vor- 
aufgeschickt wurden, beseitigt und aufgehoben sind. 

Der zweite, umfangreichere, aber deshalb nicht wichtigere Teil, die Pars 
posterior, umfaßt auf 280 Seiten (37 — 317) den eigentlichen Index oder 
Katalog der verbotenen Bücher. Um den Gesetzescodex über das Bücher- 
wesen zu vervollständigen, erübrigt es ja nach den allgemeinen Verordnungen 
des ersten Teiles nur noch, im einzelnen die durch Sonderentscheidungen ver- 
urteilten Bücher aufzufühi*en. Dies geschieht im zweiten Teile, welcher dem 
ganzen Werke seinen Namen gegeben hat. 

Somit stellt sich die Editio Leoniana auf den ersten Blick als ein wohl- 
geordnetes, bedeutend vereinfachtes Ganzes der kirchlichen Büchergesetz- 
gebung dar, indem von nun an in ihren beiden zusanmiengehörigen Teilen 
alle rechtsgültigen Erlasse zum Bücherwesen zu suchen sind. 

Daß bei der Neuordnung des Inddx nichts unbeachtet blieb, beweist der Titel des 
Buches. Selbst dieser ist teüweise geändert und genauer dem ganzen Inhalt des Werkes 
angepaßt. Ein Gleiches gilt von der Zweiteilung und der treffenden schon angedeuteten 
Benennung dieser Teile ab Pars prior und posterior. Bei der bisherigen Unkenntnis des 
Index wird es nicht ohne Nutzen sein, auf solche anscheinend belanglose Änderungen gleich 
eingangs aufmerksam gemacht zu haben. 

Wie wichtig dem Papste die Sache selbst erschien, erhellt am besten 
aus dem Schlußwort des apostolischen Breves «Romani Pontifices'*, das auch 
hier die Beschreibung des neuen Codex der kirchlichen Büchergesetzgebung 
beschließen soll: 

„Mit apostolischer Autorität approbieren und bestätigen 
Wir diesen Generalindex der verbotenen Bücher, welcher im 
Vatikan gedruckt, auf Unser Geheifi neu bearbeitet und ver- 
bessert wurde, indem Wir ihn ausdrücklich diesem Unserem 
Schreiben als dazu gehörig eingefügt wissen wollen. Von allen 
und überall soll er getreu und unverletzlich beobachtet werden. 
Wir tragen daher allen Bischöfen und Ordinarien, allen Re- 
gularobern und überhaupt allen, die es jetzt oder in Zukunft 
irgendwie angeht, auf, sowohl für die Verbreitung als Beob- 
achtung eben dieses Index nach besten Kräften Sorge zu tragen." 



(Geschichtlicher Überblick des kirchlichen Bücherverbotes. 

Das Bflcherverbot in der alten nnd mittleren Zeit. 

• 

Die ungeschminkte Oeachichte des Index muß auch dessen Apologie 
sein. Wenn es nun auch nicht unsere Absicht ist, die Geschichte oder eine 
Verteidigung der ganzen kirchlichen Büchergesetzgebung zu schreiben, so 
dient doch nichts so sehr zur Beleuchtung und zum besseren Verständnis der 
kirchlichen Praxis der Bücherverbote als eben ein Überblick über die Ge- 
schichte dieses Zweiges des Kirchenrechtes. In Wirklichkeit schickten des- 
halb fast alle früheren Kataloge der verbotenen Bücher einen solchen summa- 
rischen Geschichtsabriß vorauf. Auch Leo XIII. tut es, teils in dem einleitenden 
Breve «Romani Pontifices^ teils in der Konstitution »Officiorum ac munerum''. 

„Den römischen Päpsten, denen im Apostelfürsten Petrus jenes hehre 
Amt, die ganze Herde Christi zu weiden, anvertraut ist, lag es immerfort am 
Herzen, des Glaubens kostbaren Schatz unversehrt und unverletzt zu bewahren 
und die christlichen Völker des Erdkreises mit dem Brote heilsamer Lehre 
zu nähren. Daher stammt ihr Eifer und ihre Umsicht, mit der sie besorgt 
waren, gleichwie guten Samen vom Unkraut, die guten und heilsamen Bücher 
von den schlechten, den verfälschten und gefährlichen zu scheiden, damit 
nicht das christliche Volk durch unbedachtsamen oder mutwilligen Gebrauch 
dieser letzteren an Glauben oder Sitten Schaden leide. Von jeher haben die 
Päpste selbst wie auch die Konzilien nach der Verschiedenheit der Zeitlage 
es nie unterlassen, beim Übel die richtigen Heilmittel anzuwenden." 

Den Bischöfen, Vätern und Konzilien der ersten christlichen Jahr- 
hunderte leuchtete als Beispiel der Eifer des Völkerapostels vorauf, mit dem 
er nach dem Zeugnis der Apostelgeschichte zu Ephesus die abergläubischen 
Bücher unter seinen Augen verbrennen ließ ^. Eingedenk dieses apostolischen 
Beispiels, hielten die Väter der ersten Jahrhunderte^, die Bischöfe und die 
Konzilien mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln, wie jede falsche, ver- 
derbliche Lehre, so besonders als Quelle derselben heidnische und häretische 
Bücher von den Gläubigen fern. 

Als erstes allgemein gültiges, geschichtlich dokumentiertes kirchliches 
Bücherverbot ist das Verbot der Thalia des Arius bekannt, welches 325 auf 
dem Konzil von Nicäa erfolgte, sobald die Kirche in Freiheit nach außen 
zur Zeit des Kaisers Konstantin sich entwickeln konnte. Die Kirche gab 



^ Apg 19, 19. Denn auch wnnn es nicht auf sein Geheiß geschah, billigte er zweifels- 
ohne die Verbrennung und hieß sie gut, ja sah darin eine besondere Wirkung der Gnade 
infolge seiner Predigt. 

« Vgl. S. Cyprianus, Ep. 45, c. 2. 



4 Das BQcherverbot in der alten Zeit. 

auf dieser ihrer ersten allgemeinen Synode hiermit deutlich zu verstehen, wie 
sie den hl. Paulus und die Bücherverbrennung der Apostelgeschichte auffaßte. 
Es war jedoch jenes ausdrückliche Verbot nichts anderes als eine notwendige 
Folge der Verurteilung der Lehre des Anus. Die weitere Ausführung des 
Verbotes konnte dem ersten christlichen Kaiser überlassen werden. Konstantin 
erließ alsbald ein kaiserliches Edikt, das sogar die Todesstrafe dem androht, 
welcher die Bücher des Arius verberge und nicht sofort zum Verbrennen ab- 
liefere. Gleich den gottlosen Büchern des Christenfeindes Porphyrius in früherer 
Zeit sollten nunmehr die des Arius durch Feuer vernichtet werden. 

In ähnlicher Weise verfuhren die Kaiser, die Bischöfe, Konzilien und 
Päpste in der Folgezeit gegen die Schriften und Bücher der Eunomianer, der 
Montanisten, des Origenes, des Nestorius, der Messalianer, der Eutychianer 
und schließlich der Manichäer zu Rom unter Leo dem Großen. 

Als erster Katalog verurteilter Schriften erscheint im Jahre 496 auf 
einem römischen Konzil das sogenannte Decretum Gelasianum, das ins Decretum 
Gratiani aufgenommen wurde und nach der Aufzählung der von der Kirche 
für echt und katholisch gehaltenen kanonischen und patristischen Schriften 
auch ein Verzeichnis von Apokryphen sowie häretischen Büchern bringt. 

Aus den folgenden Jahrhunderten haben wir neue kirchliche Bücher- 
verbote, zumal solche, die von Rom und vom Papste ausgingen : im 6. Jahr- 
hundert unter Gregor dem Großen, im 7. unter Martin L (649), im folgenden 
unter Papst Zacharias (745) und auf dem zweiten Konzil von Nicäa 787. 
Und wie schon 692 die Trullanische Synode die von den Feinden der Kirche 
fälschlich ersonnenen Märtyrergeschichten zu verbrennen gebot, so verwarf 
814 der Patriarch Nicephorus in Konstantinopel ähnliche Märtyrerakten. In 
demselben 9. Jahrhundert wurden die falschen, anonymen Bußbücher ver- 
folgt und verbrannt, wie beispielshalber von der Reichssynode zu Paris im 
Jahre 829. 

Betrachtet man die Bücherverbote der alten Kirche im Zusammenhang, 
so braucht es nicht aufzufallen, daß es deren verhältnismäßig so wenige gibt. 
Abgesehen davon, daß wir heute gewiß nicht alle kennen und daß in dieser 
ersten Zeit vielfach die Bischöfe und Partikularsynoden für die einzelnen 
Sprengel auch in betreff der gefährlichen Bücher sorgten, so gab es damals 
überhaupt nur wenige, und selbst diese wenigen liefen nicht um wie heut- 
zutage Flugschriften. Man muß eben bedenken, daß das gläubige Volk durch 
seine Unkenntnis des Lesens größtenteils gegen das Gift der schlechten Bücher 
geschützt war. 

Was die Art und den Inhalt der verbotenen Bücher angeht, so waren 
es zumeist häretische Werke, daneben Apokryphen, falsche Märtyrerakten, 
unechte Bußbücher und abergläubische Schriften. 

Das Verbot aber all der Bücher, besonders der häretischen, war durch- 
gängig viel strenger abgefaßt und die Übertretung vielfach mit schwereren 
Strafen belegt als in der Folgezeit. Aus der Strenge des Verbotes geht von 
selbst hervor einerseits der Eifer der Kirche gegen solche Bücher und ander- 
seits ihre große Besorgnis, die Gläubigen, zumal alle Gebildeteren — die ja 
einzig im stände waren, sich der Bücher unmittelbar zu bedienen — , möchten 



Das BQcherverbot im Mittelalter. 5 

durch den Gebrauch jener Bücher großen Seelenschaden erleiden. Mit andern 
Worten: wie verschiedenartig die kirchliche Praxis der Bücherverbote in 
älterer und neuerer Zeit dem kritischsten Forscher vorkommen mag '.Ursache 
der Verbote wie ausgesprochener Zweck derselben ist sich stets gleich ge- 
blieben in der alten wie in der neuen Zeit. Und das ist es, was den Oeist 
dieser Gesetze ausmacht und sie nicht bloß rechtfertigt, sondern als not- 
wendig erscheinen läßt. 

An die Bücherverbote der alten Kirche reihen sich die des Mittelalters 
in größerer Zahl an. Die Geschichte derselben knüpfk sich hauptsächlich an 
die Geschichte und die Namen mancher mittelalterlichen Irrlehrer, wie z. B. 
an den Namen eines Berengar von Tours (1050), eines Abälard (1120), eines 
Scotus Erigena (1225), eines Marsilius von Padua und Johannes von Jandun 
(1327), eines Johann Wiclif (1387 1408 1413) und Johann Huss (1415), 
sowie eines Pedro Martinez de Osma (1480) zur Zeit Sixtus' IV. Über diese 
und manche andere Bücherverbote derselben Zeit sind wir genauer unter- 
richtet, weil uns der kirchliche Prozeß mit der Verurteilung der Lehren und 
Schriften jener Verfasser aufbewahrt ist. In den Akten des Konzils von 
Eonstanz, welches das Urteil und Verbot der Synode von Rom unter 
Johann XXIII. aus dem Jahre 1413 bestätigte, heißt es über die Bücher 
Johann Wiclifis ausdrücklich, daß niemand dieselben lesen dürfe unter Strafe 
der Exkommunikation und daß die Bischöfe unter schweren kirchlichen 
Strafen gehalten seien, diese Schriften einzusammeln und zu verbrennen. 

Neben den eigentlich häretischen Büchern wurden gerade im Mittel- 
alter vielfach verurteilt Bücher aus allen Zweigen des dämonischen Mysti- 
zismus, Zauberbücher, Schriften der Nekromantie, der Teufelsbeschwörung, 
der Magie und des Aberglaubens jeder Art (1276 1316 1325 1328). Un- 
gefähr aus derselben Zeit stammen die Verbote des Talmud (1239 — 1320). 

Schon vorher traten zuerst in Frankreich, veranlaßt durch die Mißbräuche 
der Waldenser und Albigenser, Verordnungen bezüglich des Lesens der Bibel- 
übersetzungen auf. Bereits 1199 klagte der Bischof von Metz in einem 
Briefe an Innozenz III. über jene Mißbräuche. 1299 verordnete die Provinzial- 
synode von Toulouse : die Laien sollten keine Bücher des Alten oder Neuen 
Testamentes haben außer den Psalmen oder dem Brevier, jedoch auch diese 
nicht in der Volkssprache. In Spanien erging ein ganz ähnliches Verbot um 
das Jahr 1276 von Jakob I. von Aragonien, und im Anfang des 15. Jahr- 
hunderts erließ eine englische Provinzialsynode von Oxford 1408 eine solche 
Verordnung zur Zeit der Lollardengefahr gegen wiclifitische Bibelübersetzungen. 

Mehr vereinzelt steht ein Bücherverbot mit der Strafe der Exkommuni- 
kation da, welches Eugen IV. nach dem Berichte des Vespasiano da Bisticci 
über das unflätige Werk des Beccadelli verhängte. Und noch eines andern 
vereinzelten päpstlichen Bücherverbotes jener Zeit muß gedacht werden. 
Pius n., als Schriftsteller mehr bekannt unter seinem Familiennamen Aneas 
Silvius de' Piccolomini , verwarf nicht bloß in seinen späteren Briefen die 
eigenen unerbaulichen erotischen Schriften der Jugendzeit, sondern erließ 
auch 1463 eine besondere RetraktationsbuUe , worin er seine früheren An- 
sichten und Schriften über den Primat aufgibt und verdammt. 



6 Die ersten italienischen Indices. 

Bficherordnnnj^en nnd Kataloge yerbotener Bficher seit 1500. 

Die Index-Kongregation. 

Mit dem Ablauf des Mittelalters und der Erfindung der Buchdrucker- 
kunst mufite die kirchliche Büchergesetzgebung in ein ganz neues Stadium 
treten. 

Als man etwa ein halbes Jahrhundert nach dem Aufkommen des 
Bücherdruckes begann, die neue Kunst zur Herstellung und Vervielfältigung 
schlechter Bücher zu mißbrauchen, erschienen auch bald (1501 und 1515) 
päpstliche Bullen Alexanders VI. und Leos X., welche den Buchdruckern 
unter der schwersten Strafe die vorherige Prüfung der zu druckenden Bücher 
durch die kirchlichen Obern als strenge Gewissenspflicht auferlegten. Es fand 
aber in einzelnen Ländern und Städten, wie in Spanien und Deutschland, Köln, 
Mainz und Venedig, eine derartige vorgeschriebene Prüfung schon früher statt. 
Dieselbe ging von den Bischöfen und Universitäten aus. Doch erst mit der 
B>eformation und Luther schwoll der Strom gefährlicher, verderblicher Bücher 
zumal in Deutschland so an, daß die Kirche und auch der Staat systematischer 
dagegen einschreiten mußten. Damit schlug denn auch die Geburtsstunde des 
Index der verbotenen Bücher. 

Luthers Bücher und Schriften waren am 15. Juni 1520 durch die Bulle 
^Exurge'' von Leo X. verurteilt worden. Und um diese Zeit erschienen nun 
bald allenthalben in Deutschland, in den Niederlanden, in Frankreich, in Eng- 
land, aber zuletzt erst in Italien Bücherverordnungen und Kataloge oder 
Verzeichnisse verbotener Bücher, die teils von der geistlichen, teils von der 
weltlichen Obrigkeit ausgingen, bald von Synoden oder der Inquisition, bald 
auch von den Universitäten veröffentlicht wurden. In der ersten Hälfte des 
16. Jahrhunderts zählte man schon eine stattliche Reihe solcher Indices 
librorum prohibitorum, aber auch später, als der allgemein und überall gültige 
römische Index schon zu Recht bestand, erschienen nebenher in andern Ländern 
und Städten noch weitere Zusatz- oder Partikularindices. 

Der erste italienische Index, den man kennt, ist der des Senates von 
Lucca aus dem Jahre 1545; ihm folgte 1549 zu Venedig ein Index, den der 
päpstliche Nuntius Giovanni della Casa daselbst herausgab. 1554 erschien 
ein zweiter in Venedig und derselbe gleichzeitig in Mailand. 

Bislang kannte man diesen letzteren nur aus den Streitschriften des be- 
rüchtigten Vergerio, der einen vollständigen Abdruck davon brachte. Von 
diesem melden denn auch alle Indexbibliographen, die Schelhorn, Hoffmann, 
Petzholdt, Reusch, Ottino und Fumagalli. Es hat uns aber das Finderglück 
in der Vaticana zu Rom ein Mailänder Original vom Jahre 1554 in die 
Hände gespielt. Eben weil Vergerio und nach ihm Reusch diesen Index im 
Abdruck wiedergaben, ist es nicht nötig, hier näher auf den Inhalt desselben 
einzugehen. Wenn auch die Edition von Reusch^ eine große Zahl kleiner 
Abweichungen vom Original enthält, so stimmt sie doch in allem Wesent- 
lichen damit überein. Darum ist es überflüssig, den ganzen Katalog hier 



^ Die Indicee librorum prohibitorum des 16. Jahrhunderts, TObingen 1886, 143 f. 



Die ersten römischen Indices. 7 

noch einmal abzudrucken. Eine gedrängte Beschreibung des Aktenstückes 
aber wird um so mehr angebracht sein. 

Das Mailänder Original erschien als großes Plakat, ähnlich wie der 
Index von Parma 1580 und ein vollständig unbekannter italienischer Index des 
16. Jahrhunderts, von denen unten die Rede sein wird. Der Druck ist auf zwei 
großen Blättern angebracht, die aneinandergeklebt wurden, damit das Ganze 
auf diese Weise angeschlagen und veröffentlicht werden konnte. Ebenso fand 
er sich in der Vaticana, während er augenblicklich in seine zwei Teile zerlegt 
aufbewahrt wird. Das Ganze hat ohne Rand eine Breite von 38 cm bei einer 
Länge von 76 cm ; mit Rand ist es 44 cm breit und 90 cm lang. Die kleinere 
obere Hälfte (ohne Rand 28 cm , mit Rand 32 cm lang) umfaßt die lange 
Einleitung mit allgemeinen Verordnungen, während der größere untere Teil 
(von 48 bezw. 58 cm Länge) den eigentlichen Katalog enthält. 

Nach der Einleitung kommt die Angabe des Jahres in folgender Weise : 

9 Dat. in Milano l'anno dil 1554 alli ...'', 
und darauf folgt die Überschrift des Kataloges: 

, Index librorum et Auctorum nomina, in quorum scriptis Christiane lector 
haereses multas intermixtas offendes, quam plures alii forent addendi.'' 

Und nun werden in fünf Kolumnen die Titel der Bücher und Namen der 

Autoren gegeben, anfangend mit „Acta colloquii Ratisbonae*" und schließend 

in der fünften Kolumne mit 

„Xistus Betuleius Augustanus 

Finis 

In Milano per Gio Battista 

& fratelli da Ponte 

ala Dovana 

Cautum ne quis alius imprimat per 

Reverendum D. Comissarium Inquisitorem. 

Bartholomeus Parpalionus. 
Jo. A. Ar.""" 

Bonaventura P. P.*°" et Commissarius Generalis San"* Inquisitionis. " 

Da Neapel in jenen Zeiten zur spanischen Krone gehörte, erklärt es 
sich leicht, weshalb man aus dieser Stadt keinen besonderen Index findet. 
Gleichwohl stießen wir auf zwei Verordnungen des Vizekönigs von Neapel 
über Bücherdruck und Zensur. Es ist die Pragmatica vom 15. Oktober 1544 
und die Pragmatica II vom 80. November 1550, deren Wortlaut im Anhangt 
wiedergegeben ist. 

In Rom selbst nahm sich seit der im Jahre 1542 erfolgten Neuorgani- 
sation die Inquisition infolge ihres Hauptzweckes auch besonders der Bücher- 
gesetzgebung an. Doch erscheint hier erst 1559 der erste förmliche Index. 
Ein erster Druck desselben war schon 1557 von der Inquisition fertiggestellt, 
aber nicht veröffentlicht worden; im zweiten darauffolgenden Jahre gab 
Paul IV. die veränderte Indexliste heraus, die unter seinem Namen geht und 



' S. Aolage I. 



8 Der Index Pauls IV. und Pius' IV. 

durch übergroße Strenge^ sich hervortat. Reusch^ und andere nach ihm, 
wie auch Ottino und Fumagalli^, sprechen viel von einer Moderatio Indicis 
librorum prohibitorum des Generalinquisitors Michael Ghislieri (des späteren 
Pius y.)) einer Milderung nämlich des Index Pauls IV., welche nach jenen 
Autoren am 24. Juni 1561 unter Pius IV. veröffentlicht worden wäre. Aber es 
kann kein Zweifel sein, da£ diese sogenannte Moderatio bereits von Paul IV. 
selbst gewährt und in seinem Index des Jahres 1559 auch bereits veröffent- 
licht wurde. Es gibt wohl eine Ausgabe dieses Index, welche am 30. Dezember 
1558* schon fertig gedruckt war und jene Moderatio »De libris orthodoxo- 
rum Patrum etc. '^ nicht kennt. Aber mit dem neuen Katalog selbst mu& sie 
an jenem 80. Dezember oder nachträglich in den ersten Tagen des darauf- 
folgenden Januar veröffentlicht worden sein. In den römischen Bibliotheken 
fanden wir wenigstens vier andere verschiedene Ausgaben dieses Index 
Pauls IV. vom Jahre 1559, welche, zu Rom, Neapel, Rimini und Novara 
gedruckt, alle die erwähnte Moderatio enthalten. Es ist auch vollständig 
ausgeschlossen, daß alle diese Editionen durch späteren Nachdruck entstanden 
seien o.der da£ jenes Dekret allein später sei eingeschoben worden. Dies erhellt 
am klarsten aus der Edition von Novara sowohl aus dem Druck als aus bei- 
gefügten handschriftlichen Noten. Dort nämlich, in demselben Druckbogen 
und auf demselben Blatt, welches das Buch abschließt und unmittelbar vorher 
das genannte Dekret „De libris orthodoxorum Patrum . . . ." enthält, liest 
man nach der typographischen Schlufinote: 

„Novariae | apud Franciscum et lacobum | Sesallos Fratres excudebatur 
MDLIX.« I 
folgende handschriftliche Notiz : . Gegenwärtiger Index wurde beim hoch w. 
Inquisitor von Mailand geholt am 18. Februar 1559 durch mich Gio: Batt. . . . 
Zutti und durch mich Gio. Ant."" Mezzabarba im Auftrage des hochwürdigsten 
Bischofs etc ** 

Und unmittelbar vor jener typographischen Note heißt es im Druck 
von eben diesem Dekrete : „Und es wurde das vorstehende Dekret der heiligen 
Römischen Generalinquisition mit dem Index selbst in der Stadt Novara und 
an den gewöhnlichen Stellen veröffentlicht am 26. Januar 1559' usw. 

Wenn somit das Dekret „De libris orthodoxorum Patrum "^ sicher 
nicht aus dem Jahre 1561 ist, so existiert ein anderes Bücherdekret der 
Römischen Inquisition genau aus dem Jahre 1562, in dem man zu Trient an 
der Änderung und Milderung des Index Pauls IV. arbeitete. Es ist datiert 
vom 13. Mai jenes Jahres und Indexforschem ebenso unbekannt wie eine 
Bücherverordnung vom 19. Januar 1566, welche der Magister Sacri Palatii 
Thomas Manrique „di espresso ordine & commissione di sua Beatitudine 
[Pio V]' erließ. Beide Aktenstücke folgen im Anhangt. Es blieb aber der 

' S. Anlage II. > Der Index der verbotenen Bacher I, Bonn 1883, 299 ff. 

* Biblioth. bibliogr. italica, Roma 1889, 192. 

* Bezw. 1559, wenn man nach anderer Rechnungsart .das Jahr des Herrn" mit dem 
25. Dezember, Weihnachten, beginnt. 

* S. Anlage III und IV ; vgl. Anlage X mit ähnlichen Verordnungen des Magist. S. Pal. 
aus den Jahren 1591 usw. 



Neu aufgefandener italienischer Index. 9 

Index Paula lY. nicht lange in Kraft und ist auch überhaupt nicht einmal 
für die römischen Indices der vorbildliche oder normangebende geworden. 
Dies ist vielmehr der zweite des Jahres 1 564, welchen Pius IV. publizierte und 
der gewöhnlich als der tridentinische bezeichnet wird. Er enthält nämlich als 
ersten Teil oder Einleitung die zehn tridentinischen Regeln oder allgemeinen 
Büchergesetze, zweitens wurde er von einer dazu ernannten Eonzilskommission 
ausgearbeitet, um aber erst nach Ablauf des Konzils zu Rom vollendet und 
dort von Pius lY. veröffentlicht zu werden. Dieser neue Iudex des Jahres 1564 
hatte von dem Pauls IV. die Einteilung in drei Klassen übernommen, obgleich 
dieselbe nicht als eine glückliche oder praktische bezeichnet werden kann. 
Es werden nämlich an erster Stelle bei jedem Buchstaben die Namen vieler 
häretischen Verfasser einfach aufgezählt und damit alle deren Werke als 
verboten bezeichnet; die zweite Klasse brachte unter dem Namen der 
Schriftsteller die Titel bestimmter verbotenen Werke, während die letzte 
anonym erschienene gefährliche Bücher mit ihrem Titel alphabetisch ge- 
ordnet enthielt. 

Im wesentlichen seinem Inhalte, nicht seiner Form nach ist der. Index 
Pius' IV. zu Recht bestehen geblieben bis auf Leo XIII. im Jahre 1900, indem 
die verschiedenen neuen Ausgaben jedesmal die nötigen Zusätze und Mehrungen 
anbrachten. Wie schon oben bemerkt, gaben aber auch nach dem Erscheinen 
des allgemein gültigen tridentinischen Index verschiedene Länder und Städte 
noch ihre eigenen Indices heraus. So kommt es, daß nach dem Jahre 1564 
auch die Rede ist von spanischen und portugiesischen, von Antwerpener und 
Münchener Indices. Sogar in Italien lie£ man 1580 noch zu Parma einen 
eigenen Index erscheinen. Da bis jetzt selbst den Bibliographen nur ein 
Exemplar dieses Kataloges von Parma bekannt war, soll auf ein zweites 
Originalexemplar, welches wir in der Vatikanischen Bibliothek einsahen, 
aufmerksam gemacht werden. Es ist ziemlich sicher, dafi die Inquisition 
von Parma ihn veranstaltete. Bislang war dieser der einzige italienische 
Index nach 1564, den die Forscher kannten. Es gibt aber wenigstens noch 
einen zweiten derartigen italienischen Katalog verbotenerBücher, der jeden- 
falls nach 1574 und vor 1590 verfaßt und veröffentlicht wurde. Allem 
Anscheine nach stammt er aus einer oberitalienischen Stadt und wurde von 
der dortigen Inquisition als Nachtrag zum tridentinischen Index gegeben. 
Er betitelt sich deshalb bescheiden als ,Nota de libri prohibiti et de alcuni 
sospesi , fin che di loro venghi fatta nuova espurgatione dalla Santissima 
Inquisitione universale oltra quelli che sono contenute nell'Indice generale 
fatto giä per ordine et decreto del sacro Concilio di Trento. Avertendo ogni 
persona ä non legeme, ne teneme, acciö non incorrino nelle pene spirituali 
et temporali.* 

Das Ganze ist ein Einblattdruck in Folio, das wir in einem Handschrift- 
band der^iblioteca Chigi zu Rom entdeckten. Es scheint aber beschnitten, 
jeder Druckvermerk und sonstige Aufklärungen über die Herkunft des Doku- 
mentes fehlen gänzlich. Der Katalog enthält nur 82 Nummern: einzelne 
Bücher oder Opera omnia bestimmter Verfasser oder auch Bücherklassen, wie 
z. B. »Libri de Duelli''. 



10 Gründung der Index-Kongregation. 

Die Schlußnote besagt: „Le opere di Leonardo Fussio (sie!) di medieina 
si concederanno, pur che siano corrette secondo la correttione che sara 
stampata d' ordine del R. P. Inquisitore: Ma avertendo ciascuno non tener 
Libro francese etiam historici che trattino in materia de religione, perche 
per la magior parte sono compoati ö stampati da heretici/ 

Das ganze Aktenstück ist interessant und wertvoll genügt doch sind 
wir der Ansicht, daß sich ähnliche Zusatzindices wohl noch in verschiedenen 
andern Staats- oder Stadtbibliotheken oder Archiven werden aufspüren lassen. 

Vielleicht sind aber die Dokumente, welche die römischen Bibliotheken 
und Archive über die bisher etwas dunkle Entstehungsgeschichte 
der Indexkongregation nach langem Suchen uns lieferten, noch wichtiger 
und sollen daher auch vollständig im Anhange abgedruckt werden. 

Zunächst versah PiusV. durch ein Motu proprio^ vom 19, November 1570 
seinen Magister Sacri Palatii mit den weitestgehenden Vollmachten „certos 
libros prohibitos corrigendi". In diesen Vollmachten findet sich im Grunde 
die Befugnis zur Errichtung einer Indexkongregation und somit der eigent- 
liche Keim und Anfang der Eardinalskongregation, welche bereits im darauf- 
folgenden März 1571 errichtet wurde. Obgleich es sich nämlich in dem 
Motu proprio zunächst nur um Verbesserung bereits verbotener Bücher 
und Anfertigung eines Index expurgatorius handelte, berichtet der Kardinal 
von S. Severina, Giulio Antonio Santori, in seinem Diario Concistoriale^ zum 
5. März 1571 wie folgt: 

„Am 5. März, Montag nach dem ersten Fastensonntag, 1571 ward ein 
geheimes Konsistorium gehalten. Der Heilige Vater beschied den Kardinal 
von Ermland ^, die Kardinäle Colonna und Sirlet, der aber abwesend war, die 
Kardinäle von Theane^ und Monte alto sowie den Kardinal Giustiniani zu 
sich und beauftragte sie mit der Revision oder Zensur der Zenturien und 
der Bücher der Augsburgischen Konfession sowie mit der Revision und Her- 
stellung des Index. (Ich konnte jedoch nicht gut verstehen.)'' 

Kein anderer als der Sekretär dieser neugestifteten Kongregation, 
der Franziskaner Antonio Posio, meldet dann über die Gründung oder Er- 
richtung selbst: 

„Die Kongregation zur Reform des Index und zur Verbesserung der 
Bücher wurde errichtet im Jahre des Herrn 1571 im Monat März in dem 
Hause des erlauchten Kardinals von Clairvaux [Cardinalis Clarevallensis : 
Hieronymi Souchier], und zum ersten Male versanmielten sich die dazu er- 
nannten Kardinäle dieser Kongregation am 27. desselben Monats. 

„Am 22. aber des genannten Monats wurde mir von den erlauchten 
Kardinälen, meinen Herren, dem Kardinal von Theane und von Monte alto, 



^ Es folgt in genauem Abdruck als Anlage VIII. Diese Nota ist von besonderem 
Interesse, weil sie fast vollständig in den Index von 1590, dem sie als Quelle diente, auf- 
genommen wurde. 

« S. Anlage Via. 

' Unlängst veröffentlichte P. Tacchi-Venturi das Diarium zu Rom in Studi e Docu- 
menti di Stona e Diritto XXIII (1902). vgl. Anlage VIb. « Hosius. 

^ Theanensis ist der Kardinal Angelo de' Bianchi. Cf. Cod. Corsini G. 47, fol. 35. 



Der Index Sixtus' V. H 

unter Zustimmung Sr. Heiligkeit seligen Andenkens Pius' V. das Amt eines 
Sekretärs übertragen ....** ^ 

Dieses Protokoll der Gründung und ersten Sitzung der Indexkongre- 
gation schrieb Antonio Posio erst später, etwa 1572, unter Gregor XIII, 
nieder und dasselbe findet sich jetzt im Codex Vat. lat. 6207 fol. 203. 

Obgleich somit die Kongregation errichtet war, mu£ dennoch zu den 
Dokumenten der ersten Gründung noch die Bulle Gregors XIII. vom 13. Sep- 
tember 1572 gerechnet werden, denn sie enthält die eigentliche feierliche 
Bestätigung und Einrichtung der Kongregation durch den Papst. Sie war 
daher für die Indexkongregation das wichtigste Aktenstück. Ein Abdruck 
dieser Bulle war den Forschem bekannt, und auch heute noch findet sich 
dieser in verschiedenen Exemplaren besonders in den römischen Bibliotheken. 
Es ist uns jedoch gelungen, in den römischen Archiven sowohl die erste 
authentische Minuta zu dieser Bulle, als auch das Original der Bulle selbst 
au&uspüren, und es stellt sich dabei heraus, daß dieselbe an den Kardinal 
Sirlet und vier andere Kardinäle gerichtet ist, während der eben erwähnte 
Abdruck im ganzen sieben £[ardinäle als Mitglieder der neuen Kongregation 
nennt. Dies ist der Grund, weshalb im Anhange^ die Bulle abgedruckt ist 
genau nach dem Original auf Pergament in dem Vatikanischen Archiv. Es 
sei nur noch bemerkt, daß wir auch andere Abdrucke jener Bulle zu Rom 
fanden, welche wie das Original Sirlet und vier andere Kardinäle auf- 
führen^. Mit diesen vier Urkunden ist, wie uns scheint, die erste Gründung 
der Indexkongregation genugsam aufgeklärt. 

Gregor XIII. war es auch, der in die Bulle ,,Coena Domini^ die Straf- 
bestimmung aufnahm, daß das Drucken, Lesen und Besitzen der häretischen 
Schriften mit der dem Papste vorbehaltenen Exkommunikation geahndet 
werden solle. 

Dessen Nachfolger Sixtus Y., selbst eines der ersten Kardinalsmitglieder 
der Indexkongregation, wandte auch fernerhin derselben besondere Auf- 
merksamkeit zu. Nach der Bulle Gregors XIII. blieb ihm freilich zur 
Gründung und Organisation der Kongregation kaum noch etwas zu tun übrig. 
Die Bulle „Immensa aetemi Patris" vom 22. Januar 1588, welche 15 Kardinals- 
kongregationen einführte oder bestätigte, bringt denn auch für die Index- 
kongregation nichts Neues. Aber schon vorher hatte Sixtus Y. im Jahre 1587 ^ 
den Kardinal Colonna nebst eim'gen andern — es sind jedenfalls die damaligen 
Mitglieder der Indexkongregation — mit der Herausgabe eines neuen Index 
beauftragt. In einem eigenen Breve vom 20. Juni 1587^ wendet er sich 
an die berühmteren ausländischen Universitäten und ermahnt dieselben nicht 
nurzur Mithilfe, sondern befiehlt ihnen ausdrücklich, ihm mitzuteilen, in welcher 



» S. Anlage VIc. « S. Anlage VId. 

' Aneh spftter noch unter Sixtus Y. bestand die Indexkongregation aus fttnf ^ nicht 
sieben Mitgliedern. 

* Nicht, wie Reusch I 501, wahrscheinlich nach Zaccaria, Storia polemica delle 
proibizioni de' Libri p. 161, sagt, am 22. August 1588. Auch in andern Punkten ist die 
Darstellung bei Beuadi teils unvollständig teils unrichtig. 

^ S. das Breve Anlage YII. 



12 Der Index Sixtus' V. 

Art und Weise sie bis jetzt selbst Bücher verboten oder erlaubt hätten. Über- 
dies aber sollten sie ihm eine Zusammenstellung aller Bücher von häretischen 
oder katholischen Verfassern, die nicht im tridentinischen Index ständen und 
nach ihrer Ansicht entweder verboten oder verbessert werden müßten, ein- 
senden. In den beiden folgenden Jahren arbeitete man fleißig in Rom an 
dem neuen Index, außer vielen andern wurden Bellarmins Disputationes 
de controversis fidei undFrancisci a Victoria Relectiones darauf gesetzt. 
Unter dem 9. März 1590 stellte Sixtus V. die Einleitungsbulle ^ zum neuen 
Index aus, welche mit dem Index im gleichen Jahre zu Rom gedruckt ward. 
Das Buch war jedoch noch nicht zur Veröffentlichung fertig, als Sixtus am 
27. August desselben Jahres starb, und es ist durchaus wörtlich zu nehmen, 
was später (1596) Clemens VIII. in dem Breve zu seiner Indexausgabe sagt, 
daß nämlich Sixtus gestorben sei, re minime absoluta, bevor die Sache fertig 
war. Ja nach den drei Exemplaren dieses Index, welche sich heute alle drei 
in der Vaticana befinden (zwei derselben stammen aus der Barberini), kann 
man ruhig behaupten, daß die Sache oder das Buch nicht einmal so im Drucke 
fertig war, daß es hätte veröffentlicht werden können. Abgesehen davon, 
daß das Dmckprivileg am Anfange fehlt und am Schlüsse die andern Formali- 
täten einer Edition der römischen Kurie nicht erscheinen, 'finden sich in jenen 
Exemplaren manche Verschiedenheiten und Anzeichen, daß man es wohl mit 
einem Probedruck, aber nicht mit einer fertigen Edition zu tun hat. Schon 
der Titel des Druckes muß Bedenken erregen: derselbe paßt eben nur zur 
Einleitungsbulle für sich allein betrachtet, nicht zum eigentlichen Index. 
Merkwürdiger noch ist es, daß das Exemplar, nach welchem Mendham seinen 
Abdruck herstellte, als Schluß einen Katalog der Häresiarchen hat , welcher 
in den drei römischen Exemplaren fehlt. Von diesen dreien hat eines gar 
keinen Anhang, zwei haben als Anhang einen Katalog von Büchern in der 
italienischen Vulgärsprache. Schließlich sind in den römischen Originalen, 
die wir einsehen und prüfen konnten, so viele und große Druckmängel, daß 
man unmöglich eines derselben als zur Veröffentlichung fertig bezeichnen 
kann. Mehr als wahrscheinlich ist es, daß die existierenden Exemplare 
Proben, Vorlagen für die Kardinäle und Konsultoren der Kommission waren. 
Es ist nicht einmal ausgeschlossen, daß diese verschiedenen Exemplare im 
Druck, wie sie jetzt vorliegen, erst nach dem Tode Sixtus' V. vollendet wurden, 
um bei den neuen Verhandlungen in den folgenden Jahren zu dienen — ob« 
gleich es anderseits auch feststeht, daß bei Sixtus' V. Lebzeiten bereits eine 
Indexliste, auf welcher Bellarmin stand, gedruckt war. Der P. General 
der Jesuiten Aquaviva berichtet in einem Briefe^ an den P. Provinzial 
Ferd. Alberus vom 9. November 1590 ausdrücklich, daß der Indexkatalog 
mit dem Namen Bellarmins bereits gedruckt war, fügt aber hinzu, daß 
durch die Bemühungen anderer, welche von den Jesuiten dazu bewogen 
wurden, der Papst selbst die Sache oder den Index «aliquamdiu inhibuit ac 



* Das Original derselben fanden wir im Vatikanischen Archiv unier den Instram. 
misc., zwei Exemplare des Index in der Barberini, ein drittes in der Vaticana. 
' S. Anlage IX. 



Die Indices von 1593 und 1596. 13 

suspendit*, etwas aufschob und liegen liefi. Nach dem Tode Sixtus' V. aber 
hätten die Kardinäle dies noch viel mehr getan, und so sei Bellarmins Buch 
in Wirklichkeit durchaus nicht verboten worden, wenn auch Sixtus V. den 
besten Willen dazu hatte. 

Jedenfalls lagen solche Indexexemplare von 1590 bei den Indexver- 
handlungen bis 1593^ vor, Bellarmin und Fr. a Victoria wurden gestrichen, 
der Häresiarchenkatalog ebenso, dagegen jener Katalog von Büchern in der 
Yulgärsprache sogar noch bedeutend vermehrt mit italienischen, spanischen, 
portugiesischen, französischen und deutschen Büchern. Die Bulle Sixtus' V. 
mit den 22 neuen Regeln, welche die zehn tridentinischen ersetzen sollten, 
verschwand auch wieder, und mit den zehn Regeln des Tridentinums wurde 
eine Instructio über Verbesserung und Druck von Büchern eingesetzt. Das 
Breve der Einleitung ist datiert vom 17. Mai 1593^ und das Druckprivileg 
für Paulus Bladus vom 5. Juni desselben Jahres. So war die Arbeit 
Sixtus' V. drei Jahre nach seinem Tode unter Clemens VIII. endlich zur Ver- 
öffentlichung fertig. Auch von diesem Index fanden wir ein vollständiges 
Exemplar in der Vaticana, ein zweites in der Biblioteca Angelica zu Rom^. 
Und erst recht, wenn man die Exemplare des Index Sixtus' V. mit diesen 
vom Jahre 1593 vergleicht, gewahrt man das Unfertige der ersteren: ein 
Argument, das um so schwerwiegender ist, als es feststeht, daß nun trotz 
alledem dieser fertige neue Index im Jahre 1593, als er Clemens VIII. 
zur Edition überreicht ward, die päpstliche Erlaubnis zur Veröffentlichung 
nicht erhielt, sondern einfachhin unterdrückt wurde. Man weiß auch genau, 
was Clemens VIII. bestimmte, seine Genehmigung zu verweigern. Es war 
hauptsächlich die Signoria von Venedig, welche sich aus sehr eigennützigen 
Kaufmannsmotiven durch ihren Gesandten Paruta ^ alle erdenkliche Mühe gab, 
die Veröffentlichung zu hintertreiben. Der Hauptstein des Anstoßes war eben 
jener Anhang von Büchern in der Vulgärsprache, von dem die Venetianer 
einen bedeutenden Nachteil für ihren Buchhandel befürchteten. Paruta gelang 
es, den Papst für seine Pläne zu gewinnen, und die Indexreform begann 
aufs neue. Der Index Sixtus' V. trat in ein' drittes Stadium ein , das dann 
drei Jahre später seinen endgültigen Abschluß fand. Das Resultat ist der 
Index Clemens' VIII. vom Jahre 1596 '^j wie er in vielen Editionen und 
vielen Exemplaren heute noch in manchen Bibliotheken vorliegt. Die Haupt- 
änderung war das Ausscheiden jenes Anhanges der Vulgärbücher. Außer 
neuem Papstbreve und Druckprivileg wurden den zehn tridentinischen Regeln 



' Das Exemplar der Vaticana hat auf dem Blatt vor dem Titel folgende handschrift- 
liche Note : ,M. R<^ Pre Mio Oss*^. Questi 111*"^ Sig^ della Congreg''" del Indice per Sabbato 
alle xij höre desiderano che V. F. intervenga alla Congreg"' del Indice per trattare, di 
qnelli Authori che si devono levare di questo Indice, overo aggiongere per il novo Indice 
da £Eursi.* ' S. Anlage XL 

' Die Bibliographen der Indexaasgaben kennen merkwürdigerweise von dem Index des 
Jahres 1593 nur den Titel, den sie Zaccaria entnommen haben. 

* Cf. La legazione di Roma di Paolo Paruta 1592—1595 I, Venezia 1887, 296 332; 
II 180 245 488. — S. Anlage Xll. 

^ Vgl. dazu die Anlage XIY; ein vereinzeltes merkwürdiges BQcherverbot aus jener 
Zeit (1595) siehe in Anlage XIII. 



14 Die Indices von 1600 bis 1900. 

noch einige allgemeine Verordnungen beigefügt und die obengenannte In- 
structio bedeutend verändert. Der eigentliche Katalog der verbotenen Bücher 
dagegen ist inhaltlich beinahe so, wie ihn Sixtus Y. vorbereitet hatte, Bellarmin 
und Fr. a Victoria blieben weg. Die Form und Einteilung wurde insofern eine 
andere, als der Index Pius' IV. (1564) unverändert mit seinen drei Klassen 
wieder aufgenommen ward, dann aber jeder einzelnen Klasse bei jedem einzelnen 
Buchstaben eine bedeutende Vermehrung beigefügt wurde als , Appendix*. 

Bei den nun im 17. Jahrhundert folgenden Neueditionen erhielten die 
allgemeinen Verordnungen des ersten TeUes ähnlich wie im Jahre 1596 einige 
weitere Zusätze, abgesehen von den Mehrungen und Ergänzungen des eigent- 
lichen Kataloges durch neu verbotene Bücher. 

Mit dem Jahre 1596 und dem Index Clemens' VIII. wird aber insofern 
die erste Klasse abgeschlossen, als dieselbe von nun an kaum noch vermehrt 
wurde. Statt dessen erschienen in der Folgezeit, wenn auch weit seltener, 
die fast gleichwertigen Verbote der sämtlichen Werke irgend eines bestimmten 
Verfassers, die sogenannten „opera omnia'* -Dekrete. 

Unter den Indexausgaben des 17. Jahrhunderts, von denen einige neben- 
her ganze Sammlungen von Dekreten über verbotene Bücher in chrono- 
logischer Reihenfolge enthielten, tritt besonders die des Jahres 1664 hervor, 
da sie die Einteilung in drei Klassen aufgab und auch sonst die Form zu 
bessern suchte. Derselbe Index Alexanders VII. erschien in etwas verkürzter 
Form 1665 von neuem. Und von nun an gibt es ein Jahrhundert lang ver- 
schiedene Neuauflagen des Kataloges der verbotenen Bücher, die aber au^r 
den notwendigen Ergänzungen aus den letztverflossenen Jahren und andern 
Zutaten und Nachträgen nichts wesentlich Neues bringen. 

Die beste Indexausgabe vor dem Jahre 1900 ist ohne Zweifel die 
Benedikts XIV. vom Jahre 1758, die sich auf den ersten Blick als eine be- 
deutend verbesserte darstellt. Bereichert wurde sie in ihrem ersten Teile 
durch die wichtige Einleitungskonstitution „Sollicita ac provida** vom 9. Juli 1753. 
Nachdem diese Ausgabe im Todesjahre des Papstes erschienen war, erlitt 
sie bis auf Leo XIII. auch in formeller Beziehung, abgesehen von den jedes- 
maligen Zusätzen, keine Veränderung, geschweige denn eine Verbesserung, da 
im Gegenteil mit der Zeit viele arge Redaktionsfehler bei den Neudrucken 
Eingang fanden. Von um so größerer Bedeutung ist die Editio Leoniana des 
Jahres 1900, die eingangs beschrieben wurde. 

Was die Sache selbst angeht, so bestätigt in der Tat dieser geschicht- 
liche Überblick, wie flüchtig er auch sein mag, daß den römischen Päpsten 
stets die Sorge am Herzen lag, falsche Lehren und verderbte Sitten, diese 
Doppelquelle allen Unheils und Verderbens für die Staaten, welche aus den 
schlechten Büchern ihren Ursprung herleitet und von dort steten Zufluß 
erhält, von der menschlichen Gesellschaft fem zu halten. Ihr Mühen war 
nicht umsonst, solange und wo immer in der Verwaltung bei den Staats- 
regierungen das göttliche Gesetz maßgebende Norm von Gebot und Verbot war 
und die beiden Gewalten, Staat und Kirche, einhellig dasselbe Ziel anstrebten K 



* Cf. «Officiorum ac manerum" Index p. 5. 



Berechtigung des kirchliclieii Bücberverbotes. 15 

Die ganze Entwicklung aber der kirchlichen Büchergesetzgebung ist eine 
durchaus naturgemäße, die mit den jeweiligen Zeiterfordernissen gleichen Schritt 
hielt. Wo immer die Paragraphen des Naturgesetzes und des Dekaloges gegen 
die Gefahren verderblicher Bücher entweder den Gläubigen klar genug durch 
die gewöhnlichen Mittel des christlichen Unterrichts vor Augen traten oder 
aber durch christliche Gesetze weltlicher Regierungen genugsam in Ei*inne- 
rung gebracht wurden, bedurfte es kirchlicherseits weniger des Apparates 
einer vollständig ausgebildeten Gesetzgebung. Erst die unheilvolle Mehrung 
der Gefahr schlechter Bücher, welche ein Produkt des unchristlichen Geistes 
der neueren Seiten auf der einen Seite, des ins Ungeheuerliche anwachsenden 
Lesestoffes schlimmster Art auf der andern Seite ist, liefi die Kirche zu dem 
notwendigen Heilmittel greifen. Aus den kirchlichen Bücherverboten aber, 
welche nun^ dennoch die alte und mittlere Zeit aufweist, geht klar hervor, 
wie die Kirche sich stets ihres göttlichen B.echtes und ihrer heiligen Pflicht 
bewußt war: gelehrter wie ungelehrter Literatur gegenüber Glauben und 
Sitten wirksam zu schützen. Es konnte dabei nicht ausbleiben, daß dieses 
notwendige Heilmittel der neueren Zeit, der Index, vielfach wie ein lästiger 
Mahner angesehen und behandelt wurde. 

Berechtigung des kirohliohen Büoherverbotes. 

Solange noch vor Erfindung der Buchdruckerkunst neue Bücher nur 
durch Abschreiben vervielfältigt werden konnten, war es leicht, durch Ver- 
brennen alsbald eine neu erscheinende gefährliche Schrift fast vollständig un- 
schädlich zu machen. In Wirklichkeit bedienten sich denn auch von alters 
her dieser Art von Bücherzensur und Bücherverbot sowohl heidnische Re- 
publiken als heidnische Kaiser, die christlichen Könige und Fürsten, die 
rechtmäßige weltliche und geistliche Obrigkeit in Staat und Kirche, in Haus 
und Familie. 

Sobald mit dem Bücherdruck die Gefahr verderblicher Bücher wuchs, 
wurde auch das Bücherverbot überall bei der kirchlichen wie staatlichen 
Autorität häufiger und systematischer. Wohl stellte die sogenannte Reforma- 
tion das Prinzip der freien Forschung auf; nichtsdestoweniger sahen sich die 
Häupter der verschiedenen protestantischen Religionsgemeinschaften alsbald 
genötigt, entgegen ihrem obersten Grundsatz, Bücher zu verbrennen, Bücher 
zu verbieten. Die protestantischen Staaten, wie England, Schweden, Holland, 
verschiedene deutsche Staaten, die Schweiz, gingen streng und scharf vor 
gegen die religiösen, besonders theologischen Bücher, welche nicht paßten zu 
der eigenen theologischen Anschauung der jeweils herrschenden Richtung. 
Eb finden sich denn auch aus jenen Zeiten und jenen Ländern neben ganzen 
Indices verbotener Schriften überall zahlreiche Bücherverbote unter strenger 
Sanktion sehr schwerer, selbst Lebensstrafe. 

Als um die Mitte des 18. Jahrhunderts der französische Jansenismus all- 
mählich jener freigeistigen Philosophie Platz machte, welche der Revolution die 
Wege bahnte, da wandte sich der Sturm zunächst gegen die Jesuiten. Das 
Pariser Parlament verbot damals in einem Arröt vom Jahre 1761 24 Bücher 



IQ Staatliche BQcherverbote. 

älterer und neuerer Autoren aus dem Jesuitenorden, im Jahre darauf 163 
Schriften durch ein neues Arr6t. In jenem ersten werden die verbotenen 
Werke als aufrührerisch, die christliche Moral zerstörend, eine mörderische 
und abscheuliche, die Sicherheit und das Leben nicht nur der Bürger, sondern 
auch der geheiligten Personen der Fürsten gefährdende Lehre enthaltend 
bezeichnet, die durch Henkershand zerrissen und verbrannt werden sollten. 

Die ungläubige Bewegung schritt unaufhaltsam vorwärts, der Jesuiten- 
orden war ihr schon zum Opfer gefallen; die Revolution hob an, und das 
Parlament machte jetzt andere Arröts. Die geheiligten Personen des Königs 
und der Königin wurden durch Henkershand auf dem Schafott enthauptet, 
zahllose und gerade die besten Bürger verloren Sicherheit, Vermögen und 
das eigene Leben ; die christlichen Moralgesetze wurden durch die Menschen- 
rechte ersetzt und die Göttin der Vernunft auf den Altar erhoben. Zu ihren 
Füßen verbrannte man , ihr zum Opfer , Heiligenbilder und religiöse Bücher. 

Wie tyrannisch unter dem Regimente der Menschenrechte und der Ver- 
nunft gegen Andersdenkende verfahren wurde, ist weltbekannt. Die Jakobiner 
knechteten geradezu alle Journale und Journalisten; Zensoren standen in 
ihren Diensten, und das Damoklesschwert schwebte beständig über den Sohrift- 
stellern und Redakteuren zur Zeit der Revolution. Aber auch der Despot, 
welcher diese Blutherrschaft stürzte, war nicht der Mann, der eine andere 
Vernunft als seine eigene Staatsraison zu Recht bestehend anerkannt hätte. 
Napoleon, der ganze Völker und Dynastien niedergetreten hatte, machte sich 
auch daran, die ganze Presse mit eiserner Zensur zu tyrannisieren. Auch 
dies gelang ihm nur zu gut, selbst in deutschen Landen zur Schmach des 
deutschen Namens. Die Gewaltherrschaft des Korsen konnte nicht lange 
bestehen. Nichtsdestoweniger ahmten die Überwinder Napoleons, wiederum 
zur Macht gelangt, die napoleonische Zensur mit nörgelndem, tyrannisierendem 
Despotismus im kleinen überall nach. Dagegen erhob sich um die Mitte des 
19. Jahrhunderts jene freisinnige Bewegung, welche, anfanglich liberal im 
guten Sinne des Wortes, manche durchaus berechtigte Forderungen vertrat 
und schließlich Zensurfreiheit und Preßfreiheit erstritt. Wie wenig jedoch 
die Epigonen jener Altliberalen die notwendigste, die Gewissensfreiheit achteten, 
davon zeugt für ewig der preußische Kulturkampf, der, von liberaler Parlaments- 
mehrheit geschürt, in das innerste Gebiet des Gewissens und der Religion 
eines ganzen Volkes tyrannisch eingriff. Konfiskationen von Schriften und 
Zeitungen waren an der Tagesordnung, die katholische Presse ward von der 
kleinlichsten Zensur verfolgt und hart bedrückt, nicht wenige Redakteure 
saßen im Kerkert 

Nur wenig später mußte der neue Staatsliberalismus den Kampf mit 
einer andern geistigen Strömung aufnehmen, die als dessen echte Tochter 
durch Benutzung jener schrankenlosen, vom Liberalismus gewährten Freiheit 
gegen den eigenen Vater sich erhob. Die Wahngebilde eines Stimer, Büchner, 
Nietzsche haben es dem 19. Jahrhundert gezeigt, wie weit freie Forschung 
es zu bringen vermag. Selbst jene dem Jahrhundert der Wissenschaft eigen- 



1 Vgl. Staatslexikon der Görres-Gesellschaft IV 550 f; 2. Aufl. IV 674 f. 



Freie Forschung und Wissenschafb. 17 

tümliche Frucht, der Anarchismus und die Helden der Dynamitbomben, wie der 
berüchtigte Yaillant, sie zehrten davon. Dieser konnte mit Recht schreiben : 
i,Ich habe den Ärzten im Hötel-Dieu dargelegt, daß meine Tat die unerbittliche 
Folge meiner Philosophie und der von Büchner, Darwin, Herbert Spencer sei.* 

Und nun kam es dazu, daß nach dem Machtspruch der im Banne des 
Liberalismus stehenden Regierungen den atheistischen Professoren und ihrer 
ungläubigen Wissenschaft Freiheit vergönnt sein solle; nicht aber den sozia- 
listischen Anschauungen und Büchern, obgleich diese mit besserer Logik und 
mehr Eonsequenz die Grundsätze ihrer Meister ins Leben übertrugen. Viele 
sozialdemokratische Schriften wurden verboten, es entstand innerhalb weniger 
Jahre ein reichhaltiger Index verbotener sozialistischer Literatur^, um zu 
schweigen von der Unterdrückung anarchistischer Schriften. 

Man könnte hier noch von einer andern Freiheit der Forschung reden, 
die sich selbst von den Schranken und Gesetzen des Denkens, von den Grund- 
sätzen jeder vernünftigen Philosophie losmachen will, nicht um eine neue 
Philosophie an deren Stelle zu setzen, sondern um alle Systeme und jede 
Religion mit Schmutz zu bewerfen. Auch diese ist versucht worden; ihr 
Hauptvertreter mußte naturgemäß im Irrenhause enden. 

Aus diesen offenkundigen geschichtlichen Tatsachen, welche einerseits die 
freie Forschung, anderseits die Einschränkung derselben durch irgend eine 
Zensurgewalt grell beleuchten, ergeben sich vor allem zwei Wahrheiten. Erstens: 
unter Menschen mit beschränkter Vernunft kann von keiner schrankenlosen Frei- 
heit der Forschung die Rede sein. Nur die uneingeschränkte, weil unendliche 
Vernunft des persönlichen all weisen Gottes kennt keine Schranke, oder richtiger, 
kennt keine andere Schranke als sich selbst für seine Tätigkeit, die ebendeshalb 
auch aufhört, ein Forschen nach Wahrheit zu sein. Wo und wie weit es ge- 
lingt, die eigene menschliche Vernunft in Einklang mit dieser Weisheit und auf 
solche Weise in Abhängigkeit von dieser göttlichen Vernunft zu bringen, dort 
und ebenso weit kann von wahrer Freiheit der Forschung geredet werden. 

Wer daher vollständig ungläubig die persönliche Allweisheit, die ewige 
Wahrheit leugnet, muß sich entweder als das Ziel seines Forschens den 
Lessingschen Zweifel setzen, oder er muß seine eigene und jede menschliche 
Vernunft für unfehlbar und deshalb unendlich erklären. Begnügt er sich mit 
dem Zweifel, so setzt er im Grunde doch wiederum, obgleich gegen seine 
Leugnung der ewigen Wahrheit, eine absolute vollkommene Wahrheit voraus, 
da er ja gerade daran zweifelt, ob er an dieser teilnimmt oder nicht, ob er sie 
erreicht hat oder nicht. Und abgesehen davon, muß er im Zweifel selbst den 
größten Tyrannen seiner Forschung, seines Strebens nach Wahrheit sehen und 
fühlen : er wird am wenigsten frei sein, nie wird ihn die Wahrheit frei machen. 

Geht der Gottesleugner logisch konsequent so weit, daß er die eigene, 
nunmehr autonome, unfehlbare Vernunft auf den Altar erhebt und an die 
Stelle Gottes setzt, alsdann kann bei ihm von einer Forschung überhaupt 

^ Vgl. Otto Atzrott, Sozialdemokratische Druckschriften und Vereine verboten auf 
Grund des Reichsgesetzes vom 21. Oktober 1878. Im amtlichen Auftrage bearbeitet. Berlin 
1886 und 1888. 

Hilgers, Der Index Leos XUI. 2 



18 Die freie Forschung als protestantische Glaubensquelle. 

nicht mehr und viel weniger von einer Freiheit der Forschung die Rede sein, 
weil er ja notwendig im Besitze der ganzen Wahrheit sein mu£. Aller- 
dings wäre für ihn jede Bevormundung des Gedankens, jedes Verbot einer 
Doktrin oder eines Buches, nicht zwar ein Zwang oder Einschränkung seiner 
Freiheit, wohl aber bare Albernheit. Wohin jedoch eine solche Vergötterung 
der menschlichen Vernunft führt, das lehren eben jene historischen Tatsachen: 
praktisch zur Erniedrigung und Vertierung, wie sie in der französischen Re- 
volution zur Herrschaft kam, theoretisch und wissenschaftlich zur Oleich- 
setzung des Menschen mit dem unvernünftigen Tiere und zur Leugnung einer 
vernünftigen geistigen Seele, kurz, vom dünkelhaftesten Rationalismus zum 
niedrigsten Materialismus. 

Die zweite Wahrheit, welche aus den obigen Darlegungen folgt, ist die 
Kehrseite der ersten. Hier wird nur vorausgesetzt, daß eben die mensch- 
liche Vernunft in sich beschränkt ist und deshalb bei ihrer Forschung auf 
Irrwege kommen kann. Die Wahrheit aber lautet allgemein gefaßt also: 
Jede rechtmäßige Obrigkeit muß innerhalb des Bereiches ihrer Autorität 
ihre vernünftigen Untertanen, soweit es in ihren Kräften steht, schützen, 
damit sie nicht auf gefährliche Irrwege kommen und so des Zweckes, zu 
dessen Schutz die Obrigkeit eingesetzt ist, verlustig gehen. Daß dieses die 
Überzeugung aller ist, geht aus der bloßen Tatsache, wie sie oben aus der 
Geschichte dargelegt wurde, klar hervor. Alle Obrigkeiten, ob heidnische 
oder christliche, katholische oder protestantische, gläubige oder ungläubige, 
gute oder schlechte, und erst recht die, welche reformatorisch auf irgend 
einem Gebiete des Volkswohles auftreten wollten, legten sich solche Be- 
fugnis nicht nur bei, sondern übten sie wie eine ihrer ersten und vornehmsten 
Pflichten aus. Ja man kann hinzufugen: je freigeistiger eine Umwälzung, 
welche eine neue Obrigkeit an die Spitze brachte, um so eifersüchtiger und 
erbitterter hielt dieselbe alle entgegengesetzten Gelüste und Gedanken mit 
eiserner Faust nieder. Auf die Umwälzung in Frankreich am Ende des 
18. Jahrhunderts braucht nicht mehr hingewiesen zu werden. Dieses Beispiel 
liegt zu klar vor aller Augen da. Es * darf aber noch einmal an die kirchlich- 
religiöse Umwälzung des 16. Jahrhunderts erinnert werden. 

Luther, der seine Tätigkeit mit einer Bücherverbrennung symbolisch 
einleitete, verfuhr nie duldsam gnädig mit der alten katholischen Literatur, 
wo sie nicht in seine Pläne paßte. Was jedoch die lutherische Bewegung 
zur radikalen Umwälzung machte, das war eben jene gepriesene Freiheit 
der Forschung, die für jeden Einzelnen als Hauptquelle seiner religiös-gläubigen 
Anschauung gegen das katholische Autoritätsprinzip gefordert wurde und in 
der Theorie auch jedem Einzelnen zugestanden ward. Wohl hielt man dabei 
noch theoretisch fest an der Göttlichkeit der Heiligen Schrift. Doch Luther 
selbst hatte den ersten Stein herausgebrochen: praktisch vermenschlichte er 
sie selbst, indem er Zensur daran übte, ausschied und erklärte nach seinem 
Gutdünken. Die Sola-fides-Lehre kam so hinein in Gottes Wort, der Jakobus- 
brief hinaus, ja dieser letztere war damit jedem Anhänger Luthers nicht bloß 
seiner göttlichen Inspiration entkleidet, sondern gleich einer ketzerischen 
Lehre in den herbsten Ausdrücken verboten und verurteilt. 



Die freie Forschung im Widerspruche zur Heiligen Schrift 19 

Schlimmer und trauriger war es, da£ nach Luther nun auch dessen 
Nachfolger und Gehilfen, alle die wissenschaftlichen Vertreter des Pro- 
testantismus, mit demselben Rechte wie der Reformator selbst und sich be- 
rufend auf das Grundprinzip der neuen Religion, immer mehr Kritik an der 
Heiligen Schrift übten. Wundem kann man sich nur, daß nicht schon viel 
eher ein Haupttheologe aufstand, der das Evangelium nicht bloß entgöttlichte, 
sondern zu gleicher Zeit mit dem Evangelium das Christentum des Pro- 
testantismus entchristlichte. Das bedeutet allerdings auch eine Bücherzensur 

— gewiß im Namen der Wissenschaft ausgeübt von den berufenen Lehrern 
und Hütern der protestantischen Doktrin, wie sie einschneidender und folgen- 
schwerer nicht gedacht werden kann. Hier soll nicht das Widersinnige einer 
derartigen Zensur hervorgehoben werden, sondern nur aus der Tatsache der- 
selben der Schluß gezogen werden, daß es also auch wohl dem katholischen 
Glaubenslehrer wenigstens in gleichem Maße erlaubt sein muß, Bücher und 
Doktrinen zu zensieren. 

Gewiß wird man hier einwenden, daß jene freisinnigen Zensoren der 
Heiligen Schrift nicht den orthodox-gläubigen Protestantismus repräsentieren. 
Wer aber so spricht, vergißt, daß eben Luther der erste Zensor des Wortes 
Gottes war und daß gerade durch ihn das Prinzip der freien Forschung auf- 
gestellt ward. Läßt man jedoch den Einwand als berechtigt gelten, dann 
liegt gerade in ihm wie im Keime das Rufen nach obrigkeitlicher Zensur 
gegen jene wissenschaftliche der freien Forschung, das augenblicklich gerade 
in den orthodoxen Kreisen überall laut wird. Wie im Aufschrei der Ver- 
zweiflung verlangt man dort irgend eine Einschränkung und Bevormundung 
der theologischen Lehrer, ihrer Lehr- und Schreibfreiheit. Die orthodox- 
gläubigen Elemente in den kirchlich leitenden Stellungen des Protestantismus, 
welche die freie Forschung mit der freien Wissenschaft für sakrosankt und 
unantastbar hielten, müssen es sehen, wie unter aller Augen diese Sakrosankte 
das Heiligste, «die Substanz der christlichen Lehre antastet": das hat ihnen 
die dringende Bitte erpreßt um „Männer, welche [auf den Lehrstühlen und in 
ihren Werken] durch rechten und besonnenen Gebrauch der evangelischen 
Freiheit der Wissenschaft den Anforderungen der Kirche Rechnung tragen*, 
damit «die Kluft zwischen der gesunden Lehre der Heiligen Schrift und der 
Reformation einerseits und der modernen Anschauung anderseits sich nicht 
vergrößere** *. Man mag aber dieses In-Einklang-bringen der evangelischen 
Freiheit der Wissenschaft mit der gesunden Lehre der Heiligen Schrift nennen 

— die Vertreter der freien Forschung werden es nach wie vor Geistesknecht- 
schaft heißen — , wie man will ; jedenfalls wer das Recht hat und die Pflicht, 
diesen Einklang zu fordern, hat im selben Maße Recht und Pflicht, etwaigen 
Disharmonien Schweigen zu gebieten. Kann er und darf er bei der HersteUung 
der Harmonie nicht eingreifen in die gesunde Lehre der Heiligen Schrift, so 
wird er sich wohl zu irgend einer Einschränkung der «Freiheit der Wissen- 
schaft ** wenden müssen. Das ist aber nichts anderes als Zensurgewalt mit 
der Berechtigung zum Verbot von Lehren und Büchern. Und es sind gerade 



^ Vgl. den Antrag der brandenburgischen Provinzialsynode vom 3. November 1902. 

2* 



20 Recht der väterlichen Autorität. 

die orthodoxen Lutheraner, welche dieselbe für sich in Anspruch nehmen, eben 
weil sie dieselbe zum Schutze der göttlichen Wahrheit des Evangeliums für 
notwendig halten. 

Dies führt von selbst zum tieferen Grunde der Berechtigung des kirch- 
lichen Bücherverbotes; einer Berechtigung, die auch einer protestantischen 
Kirche von ihrem Standpunkte aus, wofern sie sich als von Christus 
gestiftete Heilsanstalt, Trägerin und Verkündigerin göttlicher Offenbarung 
ansieht, nicht kann abgestritten werden. 

Gott hat die Menschen in Abhängigkeit voneinander erschaffen. Nur 
durch Aufrechterhaltung dieses Abhängigkeitsverhältnisses kann Familie, Staat, 
Kirche bestehen. Kein vernünftiger Mensch wird einem Vater Recht und Pflicht 
verneinen, Sohn oder Tochter den Umgang mit schlechten Kameraden zu wehren. 
Man könnte in der Tat eher und mit mehr Schein von Grund und Vernunft 
Gott im Himmel das Recht bestreiten, den Stammeltern jenes Verbot im 
Paradiese zu geben. Daß aber schlechte Bücher noch viel stiller und ebenso 
viel sicherer als schlechte Gesellschaft ihr Gift einimpfen, daran zweifelt kein 
Mensch, am allerwenigsten die Verfasser jener Bücher und alle jene, die im 
Namen der Aufklärung und Freiheit gegen den Geisteszwang sich ereifern. 
Deshalb dürfte es wohl kaum einen Vater geben, auch wenn er vom Lehr- 
stuhle an der Hochschule noch so oft die freie Forschung hoch hält — keinen 
Vater so aufgeklärt, daß er jetzt folgerichtig seinem heranwachsenden Sohne 
jedes religiöse, philosophische, medizinische, belletristische Buch zur freien 
Benutzung zugestände oder in die Hand gäbe. 

Von Zola erzählt man sich folgende Geschichte, und wenn dieselbe 
vollständig auf Wahrheit beruht, ist es wohl das Beste, was man aus 
Zolas Schriftstellerlaufbahn sich erzählen kann. Als der Romanschriftsteller 
eines Tages bei seinem Verleger zu Gaste war, nahm ihn dieser alsbald 
in eine Fensternische beiseite, um ihm eine Bitte vorzutragen. „Meine 
Tochter," sagte er, „hört Tag für Tag von Ihnen reden; da ist es natürlich, 
wenn sie den lebhaften Wunsch hegt und äußert, den einen oder andern 
Ihrer Romane zu lesen. Sie werden aber begreiflich finden, daß ich als Vater 
mit Händen und Füßen mich dagegen wehre. Wie wäre es nun, wenn Sie 
einmal den Versuch wagten, ein Buch zu schreiben, das ein Vater unbesorgt' 
seiner Tochter überreichen könnte?** Zola habe eine Weile nachgedacht, 
dann soll er lächelnd gesagt haben: „Der Wunsch Ihres Töchterleins wird in 
Erfüllung gehen/ Er setzte sich hin und schrieb in wenigen Monaten 
den Roman „Le R6ve". Und „Der Traum" ist vielleicht das einzige an- 
ständige Buch Zolas. Jedenfalls bestätigt und illustriert die Erzählung in 
treffender Weise das väterliche Recht und die väterliche Pflicht, unter Um- 
ständen Bücher zu verbieten i. 



* Clemens Brentano schrieb zwanzigjährig seinen , verwilderten* Roman Godwi. Als 
ihm später eine russische Fürstin, die den Dichter gerne mit nach Rußland geschleppt hfttte, 
davon sprach, antwortete er ihr: ^Pfui, schämen Sie sich, daß Sie als Frau und lüs Mutter 
so etwas lesen!" 



Rechte des Staates und der Kirche. 21 

Es steht also wohl bei hoch und niedrig, gelehrt und ungelehrt wie 
ein Grundsatz fest, daß ein Vater kraft seiner Autorität Bücherverbote er- 
lassen darf, ja gegebenen Falls erlassen muß. 

Auch dem Staate kann man trotz aller Aufhebung der Zensurgesetze 
und trotz aller Preßfreiheit nicht einfachhin das Recht absprechen, Schrift- 
steller, welche in Wahrheit durch ihre Schriften die kostbarsten Güter des 
Volkes schwer gefährden, strenge zu strafen. Es muß zugestanden werden, 
daß er den Vertrieb schmutziger Bücher ebenso wie giftiger Waren gesetz- 
lich untersagen darf. 

In Ephesus predigte der hl. Paulus ; seine Predigt wirkte : viele Gläubige, 
welche sich mit Zauberkünsten und Wahrsagerei abgegeben hatten, brachten 
ihre Bücher herbei und verbrannten sie öfiFentlich. In den späteren Zeiten 
des römischen Kaiserreiches wurden derartige Bücher der Magie unter den Augen 
der Richter oft haufenweise verbrannt. Mit scharfen und strengen Strafen und 
Verboten wendete sich die kaiserliche Gesetzgebung^ gegen solche Bücher. 
Man sah in denselben eine besondere Gefahr als Quellen der Verschwörung 
zumal gegen das Leben der Monarchen. Nach den Sententiae des römischen 
Rechtsgelehrten Paulus'^ stand auf dem bloßen Besitz derartiger Zauberschriften 
Verlust aller Güter, Deportation oder Todesstrafe. 

Aber auch im 20. Jahrhundert gibt's überall staatliche Bücherverbote. 
Es bedarf heutzutage nicht einmal der Magie in Büchern gegen das Leben 
der Könige, eine einzige Beschimpfung der geheiligten Person des Königs in 
irgend einer Schrift genügt, und der Autor sitzt als Majestätsverbrecher hinter 
Schloß und Riegel, die Schrift ist konfisziert, die Platten werden zerstört. Selbst 
der liberalste Politiker findet dieses Vorgehen weder ungerecht noch zu streng. 
Der Staat ist aber wohl auch in gleicher Weise verpflichtet, die kostbarsten 
Güter des Volkes zu schützen, wenn dieselben in gefährlichen, schlechten 
Büchern angegriffen oder besudelt werden. Die deutsche Kriegsverwaltung 
duldet überhaupt keine sozialdemokratischen Schriften in den Kasernen ; in den 
Kasinos, kurzum in der ganzen Armee sind diese verpönt. Und es ließen sich der 
Beispiele unzählige, jeden Tag neue, aus aller Herren Länder bringen, die es 
handgreiflich dartun, wie sehr die weltliche Obrigkeit von dem Recht und der 
Pflicht ihres Bücherverbotes überzeugt ist, heute im Zeitalter der Preßfreiheit ®. 



' Vgl. ülpian. in Digest. 1. 4 familiae erciscund. Üb. 10, tit. 2. 

' «LibroB magicae artis apad se neminem habere licet; et si penes quoscumque reperti 
sint^ bonis ademptis, ambustisque bis publice in insulam deportantur, humiliores capite puni- 
untur* (lib. 5, tit. 23, § 12). 

' Wenn heutzutage in den Parlamenten nur das Wort „BUcherzensur'^ fällt, entsetzen 
sich gewisse Politiker darüber, als sei nicht bloß die , Freiheit der Wissenschaft", sondern 
auch die Verfassung in Gefahr. Und doch gibt es beispielshalber in Deutschland und Preußen, 
abgesehen von der präventiven Theaterzensur, ein Reichspreßgesetz, das der Judikatur oft 
genug Gelegenheit bietet, Schriften und Zeitungen zu zensieren und zu zensurieren, ohne zum 
Paragraphen vom groben Unfug greifen zu müssen. Ja der § 23 eben dieses Reichsgesetzes 
trftgt sogar der Staatsanwaltschaft oder der Polizei die Beschlagnahme bestimmter böser 
Dmckschriften ohne jede richterliche Anordnung auf. Weder die Wissenschaft 
noch auch die Verfassung scheinen darunter besondem Schaden genommen zu haben; man 
darf also ohne Sorgen im Hochgenüsse der Zensurfreiheit weiterleben. 



22 Von Christus verliehenes Recht der Kirche. 

Naturgemäß kann es viel eher und leichter vorkommen, daß in Büchern 
und Schriften die Grundlagen, die Obrigkeit, die Konstitution, die Einrichtung, 
Ziel und Zweck und Mittel einer Vereinigung, einer Genossenschaft angegriffen 
und bedroht werden, deren ganzes Wesen und Ziel auf dem Gebiete des 
Geistes und der Idee liegt. Bei jeder religiös-kirchlichen Genossenschaft ist 
dies der Fall. Ihr eigenstes Gebiet ist das des Glaubens und der Sitten, ein 
Gebiet, das ja zumal durch Wort und Schrift bearbeitet, gefördert, verteidigt 
und geschützt werden muß, ein Gebiet, auf dem anderseits die Pest schlechter 
Schriften und schlechter Lesung am verderblichsten wirkt. Einer solchen 
zu Recht bestehenden kirchlichen Vereinigung muß daher eher als jeder 
andern Obrigkeit das Recht zustehen, vor Schriften und Büchern, welche 
ihrem eigenen Wesen und ihrem Zwecke in schädlicher und gefährlicher 
Weise zuwider sind, zu warnen und, wenn es nach ihrem Urteile not tut, 
mit Nachdruck durch Verbot und selbst Strafe davon abzuschrecken. Jede 
religiöse Gemeinschaft, jede Kirche hat ihrem innersten Wesen nach einen 
festen Bestand von göttlichen Wahrheiten, den gefährden oder preisgeben 
sich selbst aufgeben hieße. 

Nach solchen Erwägungen handelten schon die heidnischen Obrigkeiten; 
mit Feuer und Schwert ^suchten sie die heiligen Bücher der Christen zu 
vertilgen, weil sie dieselben als die tiefsten Quellen des schlimmsten Aber- 
glaubens, als die größte Gefahr für ihre Götter, für Kaiser und Reich ansahen. 
Dennoch: die Heiden dachten folgerichtig und gingen konsequent voran. 
Ja, wenn dieselben irgend ein Recht gehabt hätten, gegen den Glauben der 
ersten Christen zu eifern, ihr Haß und ihr Kampf gegen die heiligen Bücher 
und deren Besitzer wäre nicht bloß leicht zu erklären, sondern selbst laut 
zu rühmen. 

Auch heute hätte eine Kirche, welche lehren ließe, daß ein Buch, etwa 
die Heilige Schrift, für das Volk ein Herd des Aberglaubens und Irrglaubens 
ist, weil man fälschlich darin die Gottheit Christi ausgesprochen finde — nichts 
Angelegentlicheres zu tun, als vor diesem Buche zu warnen und dasselbe so 
gut als möglich dem Volke zu entziehen. Jedoch auch umgekehrt: eine christ- 
liche Kirche kann es sich unmöglich bieten lassen, daß man in Wort oder 
Schrift ihr das Christentum, die Substanz der christlichen Lehre antaste. Und 
wenn eine solch freisinnige Doktrin im Buch oder auf dem Lehrstuhle gar inner- 
halb der eigenen Mauern sich erhebt, so muß sie notwendigerweise die Mittel 
und Wege haben als kirchliche Obrigkeit, als Schützerin wenigstens der 
Substanz ihres Christentums — jene Bücher, jene Lehre unschädlich zu 
machen. Mit andern Worten: eine theologische Doktrin, eine theologische 
Schrift, die vor der Substanz der christlichen Lehre nicht Halt macht, 
kann von einer christlichen Religionsgenossenschaft nicht geduldet werden, 
sie muß ausgeschieden, sie muß in der einen oder andern Weise verboten 
werden. ^ 

Wie der Vater das Hausrecht haben muß, den verdorbenen Kameraden, 
den Verführer von seinem Kinde fernzuhalten, so muß es der kirchlichen 
Obrigkeit gestattet sein, die verführerische Schlange glaubensgefährlicher oder 
sittenwidriger Lehre aus ihrem Hause auszuschließen. 



Dreifache Begründang des kirchlichen Bücherverhotes. 23 

Wenn daher und wo immer die katholische Kirche ein Existenzrecht 
hat, mu£ sie ebendort für alle ihre Gläubigen, alle ihre Kinder jene obrigkeit- 
lichen Vaterrechte haben mit der Vaterpflicht, das im Heiügsten gefährdete 
Kind um jeden Preis durch Warnung, Verbot, Strafe vor den verderblichen 
Büchern zu schützen. 

Für die wahre von Christus gestiftete Kirche ist jedoch das im Natur- 
gesetz begründete Recht gegen die den Glauben und die Sitten gefährdenden 
Bücher noch obendrein von dem göttlichen Stifter mehr verbürgt und klarer 
verbrieft als alle staatlichen und väterlichen B/echte. »Wie mich der Vater 
gesandt hat, so sende ich euch/ ^ Gehet hin und lehret alle Völker, und 
lehret sie alles halten, was ich euch befohlen habe/ «Was ihr auf Erden 
lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein, und was ihr auf Erden binden 
werdet, soll auch im Himmel gebunden sein/ Nach diesen Worten Christi 
muß es klar sein, daß die Kirche in unmittelbar göttlichem Auftrage mit 
voller Lehr- und Hirtengewalt dasteht, die dem Petrus noch besonders über- 
tragen ward am See Genesareth durch das Wort des Herrn: „Weide meine 
Lämmer, weide meine Schafe!'' Fester begründet als jedes Staatsrecht und 
jedes Kronrecht ist diese göttliche Sendung der Kirche, die Herde Christi 
auf gute Weide zu führen und die giftige Nahrung falscher Lehre, ob sie 
nun in Wort oder Schrift gereicht wird, nimmer zu dulden. Mit gutem Gnmd 
dürfte man deshalb eher irre werden an dieser ihrer göttlichen Sendung, 
wenn die Kirche nicht neben der steten Ausübung ihrer apostolischen Lehr- 
tätigkeit durch Warnung, Verbot und Strafe nach den Erfordernissen der 
Zeitumstände falsche Lehren wie schlechte Bücher bekämpfte. Eine Kirche, 
die eine falsche Glaubenslehre vorträgt oder vortragen läßt, kann nicht die 
wahre Lehrerin sein, die Christus gesandt hat Aber ebenso kann die Kirche 
nicht die von Gott gesetzte Hirtin der Gläubigen sein, welche nicht die ersten 
und natürlichsten Mittel hat und anwendet, um die Gläubigen von der gefahr- 
lichen, giftigen Weide fernzuhalten, und es liegt in diesem Femhalten 
ebensowenig Gewissenszwang als in der Vorführung einer mathematischen Wahr- 
heit Vemunftzwang liegt. Wäre es Zwang, dann wäre jede Offenbarung gött- 
licher Geheimnisse und jedes göttliche Gebot und Verbot Zwang! Darum 
aber hat kein Mensch das Becht, sich dagegen aufzulehnen, viel weniger noch 
als das ungeratene Kind sich gegen die väterliche Zuchtrute auflehnen darf, 
zumal da — wenn man hierbei überhaupt von der Rute sprechen kann — 
das kirchliche Bücherverbot nicht so sehr der väterlichen Strafe als vielmehr 
der mütterlichen Mahnung und Warnung gleicht. 

Faßt man das Gesagte in Kürze zusammen, so erhält man einen drei- 
fachen Beweis für Recht und Pflicht der Kirche bei ihrer Bücherzensur 
und ihrem Bücherverbot. 

Zunächst ist es eine Tatsache, daß von alters her jede obrigkeitliche 
Gewalt eine derartige Berechtigung sich beilegte und praktisch dieselbe aus- 
übte. Der katholischen Kirche kann man es also nicht als Anmaßung ver- 
argen, wenn sie ähnlich verfahrt. Dieser Beweis wächst an Kraft, wenn 



24 Dreifache Begründung des kirchlichen Rechtes. 

man beobachtet, daß selbst obrigkeitliche Gewalten, welche grundsätzlich 
die freie Forschung auf ihre Fahne geschrieben hatten , und andere , welche 
die zügelloseste Freiheit proklamierten, dennoch nicht ohne die Anwendung 
von Bücherzensur und Bücherverbot glaubten bestehen zu können, sie also 
für notwendig hielten. 

Es mag sein, da& wenigstens zeitweilig kirchliche und weltliche, pro- 
testantische und staatliche Bücherverbote weniger geordnet auftreten als in 
der katholischen Kirche, weil eben ohne System und Organisation, weil ohne 
feste Prinzipien. Nachdem man aber einmal auch nur durch ein einziges 
Bücherverbot sich grundsätzlich das Recht beigelegt hat, zeugt dies nur von 
der Inkonsequenz in der Anwendung des Grundsatzes, wenn nicht gar von der 
Vernachlässigung der Pflicht und von der Wandelbarkeit der Lehre. 

Es mag sein, da£ manche Obrigkeiten, auch legitime, ihre Befugnisse 
weit überschiitten und die Bücherzensur geradezu verhaßt machten — wer 
möchte wohl den endlosen Plackereien napoleonischer , josephinischer und 
preußischer Zensur eine Träne nachweinen? — ; aber dadurch verlieren recht- 
mäßige und notwendige Befugnisse nichts von ihrem Werte. 

Der zweite Beweis ergibt sich aus der Natur und dem Zwecke jeder 
unabhängigen Autorität. Innerhalb des Bereiches ihrer Unabhängigkeit und 
ihres Zweckes muß sie das Wohl ihrer Untergebenen schützen. Wenn schon 
das natürliche Gesetz dem Vater das Recht gibt, schlechte, verdorbene 
Freunde von seinem Kinde fernzuhalten, wenn der oberste Kriegsherr an- 
steckende Krankheiten und Seuchen aus der Kaserne und von der Armee 
selbst mit strengen Maßregeln fernhalten muß und der Staat und die Polizei 
den Verkauf von Giften und Dynamit nur unter strenger Kontrolle und nur 
nach einschneidenden Vorschriften erlaubt, dann muß es wohl auch der recht- 
mäßigen kirchlichen Obrigkeit zustehen, das Gift, die Ansteckung, das Ver- 
derben schlechter Bücher von ihren Gläubigen fernzuhalten. Will man noch 
weiter gehen und dem Vater wie eine heilige Vaterpflicht es auferlegen, 
unreine Sudelromane seinen Kindern strengstens zu verbieten, in gleicher 
Weise es als Pflicht des Kriegsherrn ansehen, etwa sozialdemokratische 
und anarchistische Schriften von der Armee auszuschließen, und ebenso 
dem Staate es zugestehen, Bücher und Doktrinen, die das Volkswohl oder 
den Thron des Fürsten schwer bedrohen, zu unterdrücken — dann wird man 
es der Kirche als eine ihrer heiligsten Pflichten lassen müssen, glaubens- 
widrige und sittengefährliche Bücher jeder Art wenigstens zu untersagen. 
Das Gebiet des Glaubens und der Sitten ist ihr eigenstes Gebiet: auf diesem 
Gebiete gerade muß sie die Ihrigen schützen und schirmen; gerade hier hat 
sie unabhängige obrigkeitliche Rechte und Pflichten. 

Der dritte und letzte Beweis folgt aus der letzten Bemerkung, folgt 
aus dem Wesen und Zwecke der Kirche als solcher. Ihr Wesen ist: Lehrerin 
und Hirtin der Gläubigen zu sein; ihr Zweck ist der ideellste und idealste: 
durch Reinerhaltung von Glauben und Sitten die Ihrigen Gott, der ewigen 
Wahrheit, zuzuführen; denn „das ist das ewige Leben, daß sie dich, den allein 
wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesum Christum*^. Das 
Wort Christi ebenso wie die Natur der Sache bezeugt alles das klar und 



Gebranch des kirchlichen Rechtes. 25 

unzweideutig. Ein Glaubenslehrer aber und Seelenhirt, der Schäflein und 
Schüler nicht auf die verderbliche Lehre aufmerksam macht, nicht davor 
warnt, nicht davon fernhalten darf, das wäre am wenigsten ein von Gott 
bestellter Hirt und Lehrer. 

Ganz gewiß: eine christliche Kirche, welche das Prinzip der freien 
Forschung als ihren charakteristischen Grundsatz aufistellt, eine Kirche daher, 
welche, sich berufend auf jenen Grundsatz, glaubens- und christuswidrige 
Lehren in Wort und Schrift vortragen läßt, gar von ihren eigenen Lehrern, 
dieselben nicht verbietet — sie trägt ein verräterisches Mal an ihrer Stirne. 

Recht und Pflicht der wahren Kirche Christi zur Bücherzensur und zum 
Bücherverbot ist somit fest begründet wie diese Kirche selbst durch die 
göttliche Sendung. Die Ausführung aber und Anwendung dieses Rechtes muß 
dem weisen Gutbefinden der kirchlichen Obrigkeit selbst anheimgegeben sein. 
Daß die Kirche hierbei im großen und ganzen das Richtige getroffen und 
nicht durch wesentlichen Mißbrauch ihrer Zensurrechte die bösen Beispiele 
staatlicher Zensur nachgeahmt hat, dafür läßt sich das Zeugnis der Geschichte 
anrufen von Anfang an bis zum Index Leos XUI. 

Nicht von ungefähr solidierte sich die kirchliche Gesetzgebung über das 
Bücherwesen und nahm ein festeres System an, als nach Erfindung der 
Buchdruckerkunst und mit der Glaubensspaltung eine früher nicht gekannte 
Flut von Schriften und Büchern gefahrdrohend alles überschwemmte, gerade 
damals, als die Forderung der freien Forschung der Kirche ihr Zensurrecht 
nehmen oder wenigstens dasselbe umgehen wollte; nicht von ungefähr geschah 
es, daß gerade zur Zeit jener Afterphilosophie, welche um die Mitte des 
18. Jahrhunderts Religion und Moral in so gottloser Weise mit ihren Schriften 
zu untergraben sich anschickte, Benedikt XIV. durch die Neuausgabe und 
Umgestaltung des Index die kirchlichen Bücherverbote eindringlich betonte. 
So wird es denn auch wohl mehr als bloßer Zufall sein, wenn bei der jetzigen 
Wende des Jahrhunderts, wo die Sündflut verderblicher Schriften in solch 
schreckenerregender Weise anschwillt, wo der Ruf nach „freier Wissenschaft" 
wiederum in solch besorgniserregender Weise die Köpfe verwirrt, — die 
Kirche mit einer vollständigen, neuen Gesetzgebung über das Lesen und Verbot 
schlechter Bücher auf dem Plane erscheint. 

Durch die Konstitution „Officiorum ac munerum* vom Jahre 1897 und 
durch die Neuausgabe des Index im Jahre 1900 hat die Kirche diese ihre 
Gesetzgebung nicht bloß den Zeitverhältnissen zweckmäßig angepaßt, sondern 
auch im Bewußtsein ihres Rechtes wie ihrer Pflicht aller Welt kundgetan und 
aufs neue den Katholiken aller Zungen nachdrücklich eingeschärft. Alle 
Katholiken aller Länder werden sich in ihrem Gewissen vei'pflichtet fühlen, 
diese Gesetzgebung treu zu beobachten, wie dies der Wortlaut jener Kon- 
stitution entschieden verlangt und ein weiteres Dekret der Indexkongregation 
noch ausdrücklicher fordert, wie Leo XIII. es im Einleitungsschreiben zum 
neuen Index mit feierlicher Sanktion bestimmt und festsetzt. 



Die allgemeinen Bücherverordnungen der Konstitution 

„Officiorum ac munerum''. 

Den „Index der verbotenen Bücher^ könnte man auch betiteln: •All- 
gemeine und besondere Bücfaerdekrete''. Er besteht nämlich aus zwei Teilen 
von ganz verschiedener Bedeutung. Der erste Teil enthält in kurzen, knappen 
Paragraphen die ganze kirchliche Gesetzgebung über das Bücherwesen. Un- 
streitig ist er seinem Werte, wenn auch nicht seinem Umfange nach der wich- 
tigere, ja einfachhin der wesentliche Teil des Buches. Mit Fug und Recht 
könnte er für sich allein bestehen ohne die Ergänzung des zweiten Teiles. Nicht 
aber umgekehrt : Der zweite Teil ohne die Grundlage des ersten würde vielfach 
unerklärlich sein und jedenfalls nicht einen vollständigen Gesetzescodex dar- 
stellen. Er bietet eben nicht mehr und nicht weniger als die Aufzählung 
der durch Sonderdekrete verbotenen Bücher. Wenn daher auch dieser zweite 
Teil der umfangreichste und der meistumstrittene ist , so daß er dem ganzen 
Codex seinen Namen geben konnte, so hieise es dennoch die kirchliche Gesetz- 
gebung über Bücherwesen vollständig verkennen, wollte man dieselbe haupt- 
sächlich nach diesem Kataloge der verbotenen Bücher beurteilen. 

Unaufrichtig aber zum wenigsten, ja ungerecht ist es, wenn jetzt wirk- 
liche Kenner des Index der Kirche bittere Vorwürfe machen, weil ihre Bücher- 
verbote im Index mangelhaft und planlos seien. Diese Kritiker sollten vorab 
bedenken, da& ihre Anklagen, um Sinn und Grund zu haben, sich gegen den 
ersten Teil des Index, gegen die sogen, allgemeinen Dekrete, richten lassen 
müßten. Es scheint in der Tat die bloße Richtigstellung dieser absichtlichen 
oder unabsichtlichen Verwechslung der allgemeinen und der besondem Dekrete 
vielen, vielleicht den meisten Anklagen gegen den Index die Spitze abzubrechen. 
Wie oben bereits angedeutet, ist diese Erwägung des Verhältnisses der beiden 
Indexteile zueinander wohl auch der Grund, weshalb nunmehr im Index Leos XIH 
die Decreta generalia mit dem Titel: „Pars prior* der „Pars posterior*, 
dem Kataloge der verbotenen Bücher, vorgezogen werden. Vor allem folgen 
nun hier nach der päpstlichen Konstitution (Index S. 7 — 16) die allgemeinen 
Büchergesetze in deutscher Übersetzung mit von uns beigefügten Noten« 

Allgemeine Dekrete über Verbot nnd Prflfnng von Büchern. 

Titel I. 
Bücherverbote« 

Kapitel I. 

Über rerbotene Bücher tob Apostaten, Irrgrlänbigen, Schismatikern 

nnd andern Scliriftstellem« 

1. Alle Bücher, welche vor dem Jahre 1600 entweder von den Päpsten^ 
oder von ökumenischen Kirchenversammlungen verurteilt wurden und im 

* ^ei 68 unmittelbar durch päpstliche Schreiben oder durch eine päpstliche Be- 



Titel I. Kapitel I— lll. 27 

neuen Index nicht verzeichnet sind, sollen in derselben Weise als verboten 
gelten, wie sie vordem verboten worden sind, mit Ausnahme derjenigen, 
welche durch diese allgemeinen Dekrete freigegeben werden. 

2. Bücher von Apostaten, Irrgläubigen, Schismatikern oder andern 
Schriftstellern, welche Irrlehren oder ein Schisma verteidigen oder 
die Fundamente der Religion^ irgendwie untergraben, sind streng verboten. 

3. In gleicher Weise sind verboten die Bücher von Nichtkatholiken, 
welche ausgesprochenermaßen (ex professo) über Religion handeln, wofern 
nicht feststeht^, daß sie nichts^ gegen den katholischen Glauben enthalten. 

4. Die Bücher eben dieser Schriftsteller, welche nicht ausdrücklich über 
Religion handeln, sondern Glaubenswahrheiten nur obenhin berühren, sollen 
nicht als durch kirchliches Gesetz verboten gelten, solange sie nicht durch 
ein besonderes^ Dekret untersagt sind. 

Kapitel II. 

Ton den Ausgaben des Urtextes der Helligen Schrift und allen fjbergetznngen 

in einer toten Sprache. 

5. Die Ausgaben des Urtextes und der alten katholischen Übersetzungen 
der HeUigen Schrift, auch jener der morgenländischen Kirche, welche von 
Nichtkatholiken veröffentlicht sind, sollen, obschon getreu und vollständig 
ediert, nur jenen gestattet sein, welche sich mit theologischen oder biblischen 
Studien befassen^, vorausgesetzt, daß in den Vorreden oder Anmerkungen 
die katholischen Glaubenssätze nicht bekämpft werden. 

6. In derselben Weise und unter denselben Bedingungen sind Über- 
setzungen der heiligen Schriften, welche Nichtkatholiken in der lateinischen 
oder einer andern toten Sprache herausgaben, gestattet. 

Kapitel III. 
Ton den Übersetznngen der Heiligen Schrift in den Tolkssprachen« 

7. Da die Erfahrung lehrt, daß aus der Lesung der heiligen Bücher in 
der Volkssprache, wenn sie überall ohne Einschränkung erlaubt wird, wegen 
der Leichtfertigkeit der Menschen mehr Schaden als Nutzen entspringt, so 
sind alle Übersetzungen in einer Volkssprache — auch die katholischer Ver- 
fasser — durchaus untersagt, wenn sie nicht vom Apostolischen Stuhle gut- 
geheißen wurden oder mit Genehmigung der Bischöfe und versehen mit 



hörde oder Kongregation; daß dies der Sinn, geht hervor aus dem ganzen Wortlaut 
des ersten Dekretes und ebenso aus der Präfatio des Index. 

* z. B. das Dasein Gottes, die Unsterblichkeit der Seele, Möglichkeit und Wirklichkeit 
der Offenbarung und der Wunder. 

' Es genügt zu dieser Feststellung das Zeugnis eines glaubwürdigen Kenners des Buches. 
' Nichts, d. h. nichts von Bedeutung. 

* Selbstverständlich können die oben in Nr 4 erwähnten Bücher auch durch das Natur- 
gesetz oder durch ein anderes allgemeines Dekret verboten sein. 

^ Dies gilt auch von Laien, welche in Wirklichkeit derartige Studien treiben, nicht 
aber von Gymnasiasten bei Erlernung der griechischen oder hebräischen Sprache. Gf. S. G. Ind. 
23. Mau et 21. lunii 1898. 



28 Allgememe Bücherverbote. 

Anmerkungen, welche den heiligen Kirchenvätern und gelehrten katholischen 
Schriftstellern entnommen sind, erschienen^. 

8. Alle Übersetzungen der heiligen Bücher in irgend einer Volks- 
sprache, welche Nichtkatholiken zu Verfassern haben, sind verboten, und dies 
gilt besonders von den Ausgaben der durch die römischen Päpste mehr- 
mals verurteilten Bibelgesellschaften, weil in diesen die heilsamen kirch- 
lichen Bestimmungen über die Herausgabe der göttlichen Bücher vollständig 
hintangesetzt werden. 

Nichtsdestoweniger sind diese Übersetzungen denjenigen, die theologische 
oder biblische Studien betreiben^, erlaubt unter der Bedingung, welche oben 
(Nr 5) festgesetzt ist. 

Kapitel IV. 
Ton den unsittlichen Bfichem. 

9. Bücher, welche schmutzige und unsittliche Dinge planmäßig (ex 
professo) behandeln, erzählen oder lehren, sind streng verboten, da nicht blofi 
der Glaube, sondern auch die Sittlichkeit, welche durch die Lesung derartiger 
Bücher nur zu leicht Schaden leidet, geschützt werden muß. 

10. Die Bücher älterer wie neuerer Schriftsteller, die als E3assiker 
gelten und von jenem Schmutze nicht frei sind, werden mit Rücksicht auf 
die Eleganz und Reinheit der Sprache gestattet, doch nur jenen, deren 
Amt oder Lehrberuf diese Ausnahme heischt ; Knaben aber und jungen Leuten 
dürfen nur sorgfältig gereinigte Ausgaben in die Hand gegeben und dieselben 
nur nach solchen unterrichtet werden. 

Kapitel V. 
Über bestimmte Klassen ron Bfichern« 

11. Es sind untersagt die Bücher, in denen Gott oder die seligste Jung- 
frau Maria oder Heilige oder die katholische Kirche und ihr Kult, die 
Sakramente oder der Apostolische Stuhl entehrt werden. Demselben Ver- 
bote fallen die Werke anheim, welche den Begriff der Inspiration der 
Heiligen Schrift verkehren oder dessen Ausdehnung zu sehr einschränken. 
Auch die Bücher sind verboten, welche sich darauf verlegen (data opera), 
die kirchliche Hierarchie oder den Klerus oder den Ordensstand zu schmähen. 

12. Es ist nicht erlaubt, Bücher herauszugeben, zu lesen oder auf- 
zubewahren, in denen Zauberei, Wahrsagerei, Magie, Spiritismus oder ähnliche 
abergläubische Dinge gelehrt oder empfohlen werden. 

13. Bücher oder Schriften, welche neue Erscheinungen, Offenbarungen, 
Visionen, Prophezeiungen, Wunder bringen oder neue Andachten einführen, 
ob auch unter dem Vorwand, daß es sich nur um Privatandachten handle. 



^ Mit Anmerkungen versehene und vom Bischöfe approhierte Bibelübersetzungen sind 
also nach dem Eirchengesetze an und für sich ohne weitere Erlaubnis des Beichtvaters, 
Pfarrers oder Bischofes den Gläubigen einfachhin gestattet. 

' Siehe oben S. 27, Note 5. 



Titel I. Kapitel IV- VI. 29 

sind verurteilt, wofern sie ohne die rechtmäßige Erlaubnis der kirchlichen 
Obrigkeit erscheinen^. 

14. In gleicher Weise sind die Bücher verboten, welche das Duell, den 
Selbstmord oder die Ehescheidung als erlaubt erklären, ebenso diejenigen, welche 
über die freimaurerischen Sekten oder andere, gleichartige Gesellschaften handeln 
und diese als nützlich und ungefährlich für Kirche und Staat hinstellen. Ver- 
boten sind ebenso die Bücher, welche vom Apostolischen Stuhle^ verurteilte 
Irrtümer® verteidigen. 

Kapitel VI. 

über Heiligenbilder und Ablässe. 

15. Durch Druck irgendwie vervielfältigte Bilder unseres Herrn Jesu 
Christi, der seligsten Jungfrau Maria, der Engel und Heiligen oder anderer 
Diener Gottes, die von dem Geist und den Dekreten der Kirche abweichen, 
sind durchaus verboten. Neue jedoch, ob ihnen Gebete beigefügt sind oder 
nicht, dürfen nicht ohne kirchliche Erlaubnis veröflfentlicht werden*. 

16. Es ist allen und jedem untersagt, unechte und vom Apostolischen 
Stuhle verurteilte oder widerrufene Ablässe in irgend einer Weise zu ver- 
breiten. Wo aber solche schon unter das Volk gebracht sind, sollen sie den 
Gläubigen aus der Hand genommen werden. 

17. Keine Ablaßbücher, Sammlungen, Büchlein, Blätter usw., in denen 
Ablafibewilligungen enthalten sind, dürfen ohne die Erlaubnis der zuständigen ^ 
Obrigkeit erscheinen^. 



^ Alsdann einfachhin verboten. 

' Entweder unmittelbar oder durch das Mittel einer päpstlichen Kongregation. 

' Es ist nicht erfordert, daß diese Irrtümer ausdrücklich als häretische verurteilt 
sind. Und nach der Entscheidung der Indexkongregation vom 23. Mai 1898 gehören zu den 
obigen Irrtümern alle durch den Syllabus Pins' IX. verurteUten Sätze. 

* Hier ist nicht gesagt, daß derartige Sachen, welche nun dennoch ohne kirchliche 
Approbation erscheinen, deshalb allein verboten sind. 

' Die zuständige Obrigkeit ist entweder die heilige Ablaßkongregation 
oder der Diözesanbischof (S. C. Ind. 7. Aug. 1897). Es genügt aber selbstverständlich 
für jede gedruckte Ablaßangabe die Gutheißung der Ablaßkongregation, so daß ein Buch oder 
Blatt, welches diese hat, weiter keine andere außerhalb Roms nötig hat. Der Diözesanbischof 
kann die Veröflfentlichung von Ablässen gutheißen, deren Verleihung aus einem päpstlichen 
Breve oder Reskript oder aber aus einem Ablaßverzeichnis feststeht, welches die heilige 
Ablaßkongregation bereits approbiert hat. Alle übrigen Ablässe und Ablaß- Verzeichnisse oder 
-Sammlungen bedürfen bei derVerö£fentlichung der Gutheißnng der Kongregation der Ablässe. 
Dieser ist aber noch besonders vorbehalten das Recht der Approbation 1. der römischen 
,Raccolta' sowie jeglicher Übersetzung dieser Ablaßsammlung in^ eine andere Sprache; 
2. jeden Abdruckes und jeder Übersetzung des Verzeichnisses der sogen, päpstlichen Ablässe. 
Sie hat auch allein das Recht , Ablaß- Verzeichnisse oder -Sammlungen gutzuheißen , welche 
zum erstenmal nach verschiedenen Verleihnngsurkunden zusammengestellt werden. 
(Jmgekehrt genügt für die Ablaßsummarien der Bruderschaften, welche von Ordensobem 
errichtet werden, sowie der Erzbruderschaften, Hauptkongregationen usw. (die nicht in Rom 
residieren) .die Approbation des Bischofes der Diözese, in welcher jene Erz- oder Ordens- 
bruderschaften ihren Hauptsitz haben. 

* S. oben Note 4 ; es könnten aber Ablaßangaben auf Blättern , Zetteln , Bildern ohne 
die Genehmigung der zuständigen Behörde nicht als echt angesehen werden. Vgl. das Dekret 
der Ablaßkongregation vom 10. August 1899, vierte Regel. 



30 Allgemeine Bücherverbote. 

Kapitel VII. 
über liturgische Schriften nnd Gebetbficher. 

18. An den authentischen Ausgaben des Missale, des Breviers, des 
Rituale, des Caeremoniale episcoporum , des Pontificale Romanum und der 
andern liturgischen Bücher, welche vom heiligen Apostolischen Stuhle appro- 
biert sind, darf keiner irgend eine Änderung vornehmen ; neue Ausgaben, in 
denen dieses dennoch geschieht, sind verboten ^ 

19. Außer der altehrwürdigen, allgemein bekannten Litanei (von allen 
Heiligen), welche sich in den Brevieren, Missalen, Pontifikalen und Ritualen 
findet, und außer der Litanei von der seligsten Jungfrau, welche man im 
heiligen Hause von Loreto zu beten pflegt, sowie der Litanei vom heiligsten 
Namen Jesu^, die vom Heiligen Stuhle bereits approbiert sind, dürfen keine 
andern Litaneien ohne Prüfung und Gutheißung des Ordinarius herausgegeben 
werden ^. 

20. Gebet- und Andachts-Bücher oder -Büchlein *, Katechismen und reli- 
giöse Unterrichtsbücher, Bücher und Büchlein der Sittenlehre, der Aszeee 
und Mystik oder andere gleichartige dürfen, obgleich sie zur Erbauung des 
christlichen Volkes dienlich scheinen, ohne Erlaubnis der rechtmäßigen Obrig- 
keit von keinem veröffentlicht werden, sonst sind sie verboten ^ 

Kapitel VIII. 
Ton Tagesblättem, Zeitnngen nnd Zeitsdirlften. 

21. Tagesblätter, Zeitungen und Zeitschriften, die darauf ausgehen 
(data opera)^ Religion oder gute Sitten anzugreifen, sind nicht nur durch 
das Naturgesetz, sondern auch durch kirchliches Verbot untersagt. 

Die Ordinarien aber sollen, wenn nötig, es sich angelegen sein lassen, 
die Gläubigen vor der Gefahr und dem Schaden solcher Lesung in der 
richtigen Weise zu warnen. 

22. Kein Katholik, besonders kein Geistlicher, soll in derartigen Blättern, 
Zeitungen oder Zeitschriften etwas veröffentlichen, es sei denn aus einer ge- 
rechten und vernünftigen Ursache. 



^ Über die Approbation neuer unveränderter Ausgaben siehe weiter unten 
Nr 35 und 41. 

' [Note des Index S. 10:] Zu den approbierten Litaneien gehört seit dem Dekrete der 
heiligen Ritenkongregation vom 2. April 1899 auch die Litanei vom heiligsten Herzen Jesu. 

' Wenn dies trotzdem geschieht, so wäre eine einzelne gedruckte Litanei an und für 
sich noch nicht als verboten anzusehen. Vgl. die folgende Nr 20. 

* Blätter usw. sind hier nicht genannt. 

^ Ein derartiges nicht approbiertes Buch ist damit von selbst ein ver- 
botenes Buch; es gilt das aber nur von den Büchern und Büchlein, welche nach dem 
25. Januar 1897 ediert wurden. 

* Es sind die Zeitungen usw. gemeint, welche darauf ausgehen, planmäßig ent- 
weder den wahren Glauben und dessen Dogmen oder die guten Sitten, die Sittlichkeit 
zu untergraben. 



Titel I. Kapitel VII— IX. 31 

Kapitel IX. 
Ton der Erlaubnis, rerbotene Bficher zu lesen und aufimbewahren« 

23. Die Bücher, welche durch besondere oder durch diese allgemeinen 
Dekrete verurteilt sind, dürfen nur von jenen gelesen und aufbewahrt werden, 
die vom Apostolischen Stuhle oder dem, welcher dazu delegiert ist, die nötigen 
Vollmachten erhalten haben. 

24. Nach Anordnung der römischen Päpste liegt es der heiligen Index- 
kongregation ob, die Erlaubnis zur Lesung und Aufbewahrung verbotener 
Bücher jeder Art zu geben. Dieselbe Vollmacht hat jedoch sowohl die 
Kongregation des heiligen Offiziums als auch für die ihr unterstehenden Länder 
die heilige Kongregation zur Verbreitung des Glaubens. Für die Stadt Rom 
hat auch der Magister sacri palatii apostolici dieses Recht. 

25. Die Bischöfe und andere Prälaten mit bischöflicher Jurisdiktion 
können für einzelne Bücher und nur in dringenden Fällen diese Erlaubnis 
geben ^. Wenn sie jedoch vom Apostolischen Stuhle ^ die allgemeine Voll- 
macht erhalten haben, den Gläubigen die Erlaubnis zur Lesung und Auf- 
bewahrung verbotener Bücher zu geben, so sollen sie dieselbe doch nur mit 
Auswahl und aus gerechtem und vernünftigem Grunde zugestehen. 

26. Alle diejenigen, welche die apostolische Vollmacht erhalten haben, 
verbotene Bücher zu lesen und aufzubewahren, dürfen dennoch nicht Bücher 
und Zeitungen lesen und aufbewahren, welche von dem zuständigen Ordi- 
narius untersagt sind, es sei denn, daß ihnen in dem apostolischen Indult 
ausdrücklich die Erlaubnis gegeben wurde, von wem immer verbotene 
Bücher zu lesen und aufzubewahren. Wer die Erlaubnis hat, verbotene 
Bücher zu lesen, soll wohl bedenken, daß er streng verpflichtet ist, derartige 
Bücher so aufzubewahren, daß sie andern nicht in die Hände kommen. 

* Da diese hier den Prälaten durch das Gesetz verliehene beschränkte Vollmacht eine 
facultas ordinaria ist, kann sie auch delegiert werden. Für manchen Beichtvater wäre eine solche 
Delegation sicherlich oft sehr erwünscht ; dieser muß aber bei seinem Bischof darum einkommen. 

^ Diese allgemeine Vollmacht kann nicht subdelegiert werden ohne eine ganz besondere 
päpstUche Erlaubnis. Die Bischöfe, welche jene Vollmacht vom Apostolischen Stuhle erhalten, 
müssen sich natürlich beim Gebrauch derselben an den Wortlaut ihrer Fakultät halten. 

Aber auch wenn sie ihnen selbst nur auf fünf Jahre verliehen ist und wenn sie da- 
durch auch nur ermächtigt sind, „adtempus** ihren Untergebenen Erlaubnis zum Lesen verbotener 
Bücher zu geben, so können sie dennoch sofort die Erlaubnis dem Einzelnen für mehr als fünf 
Jahre gewähren und dürfen ebenso dieselbe einfachhin „üsque ad revocationem* zugestehen. 

Die Prälaten, welche die oben genannte Vollmacht von der Indexkongregation 
etwa auf drei Jahre erhalten, können auch sofort ihren Gläubigen auf Lebenszeit die 
Leselizenz verleihen, weil das Instrument der Indexkongregation in dieser Beziehung keine 
Einschränkung macht. 

Die Einschränkungen, welche jenes Instrument in seiner Formel wirklich macht, sind 
nichts anderes als die Interpretation des „cum delectu* (mit Auswahl) und „exiusta et rationabili 
causa' (aus gerechtem und vernünftigem Grunde) des obigen 25. Dekretes. Es heißt nämlich 
darin : ^ . . . quamobrem concedere possis viris dumtaxat probis eruditisque licentiam legendi 
retinendique libros a Sede Apostolica prohibitos quoscumque (et ephemerides) iis exceptis, qui 
haeresim vel schisma propugnant, aut ipsa religionis fundamenta evertunt, quorum lectionem 
iis tantum permittere valeas, quos doctrina, pietate fideique zelo praestantiores esse perspectum 
habeas; librorum vero de obscoenis ex professo tractantium lectionem nemini permittas." 



32 Allgemeine Bücherverbote. 

Kapitel X. 
Ton der Anzeige schlechter Bficher. 

27. Obgleich es Sache aller Katholiken, besonders aber der gebildeten 
ist, gefahrliche Bücher bei den Bischöfen oder beim Apostolischen Stuhle 
zur Anzeige zu bringen, so gehört das doch vomehmlich zur Amtspflicht der 
Nuntien, der Apostolischen Delegaten, der Ordinarien und 
Rektoren der durch wissenschaftlichen Ruf ausgezeichneten 
Universitäten. 

28. Es ist erwünscht, daß man bei der Anzeige schlechter Bücher nicht 
bloß den Titel des Buches angebe, sondern auch, soweit möglich, vermerke, 
aus welchen Gründen das Buch einer Verurteilung würdig erachtet werde. 
Diejenigen aber, bei welchen die Anzeige gemacht wird, haben die heilige 
Pflicht, die Namen der Anzeigenden geheim zu halten. 

29. Die Ordinarien sollen auch als Delegaten des Apostolischen Stuhles 
Sorge tragen, Bücher und andere schädliche Schriften, die in ihren Diö- 
zesen erscheinen oder verbreitet werden, zu verbieten und den Händen der 
Gläubigen zu entreißen, bei der apostolischen Obrigkeit jedoch sollen sie die 
Werke und Schriften zur Anzeige bringen, welche eine genauere Prüfung 
erfordern oder bei denen der Urteilsspruch der obersten Behörde zur Er- 
reichung des Zweckes vonnöten erscheint. 

Titel IL 
Bücherzensur. 

Kapitel I. 
Ton den Prälaten, denen die Bficherzensnr zusteht« 

30. Aus dem, was oben (Nr 7) festgesetzt ist, erhellt, wer die Voll- 
macht hat, Ausgaben und Übersetzungen der Heiligen Schrift gutzuheißen 
oder zu erlauben. 

31. Vom Apostolischen Stuhle verbotene Bücher darf niemand neu 
herausgeben; wenn aber aus einem gewichtigen und vernünftigen Grunde 
eine vereinzelte Ausnahme hiervon wünschenswert erschiene, so soll dies nur 
nach vorher eingeholter Erlaubnis der Indexkongregation und unter den von 
dieser vorgeschriebenen Bedingungen geschehen. 

32. Was immer zum Selig- oder Heiligsprechungsprozeß ^ der Diener 
Gottes gehört, . darf nur mit Genehmigung der Ritenkongregation veröffent- 
licht werden. 

33. Dasselbe gilt von den Sammlungen der Dekrete der einzelnen 
römischen Kongregationen: diese Sammlungen dürfen nämlich nur mit Er- 
laubnis der jedesmaligen Kongregation und unter den von den Leitern der- 
selben aufgestellten Bedingungen herausgegeben werden^. 



^ Hier ist die Rede von den schwebenden Prozessen dieser Art nnd den Verhand- 
lungen derselben. 

' Sammlungen, welche diese Gutheißung nicht hätten, wären deshalb allein noch nicht 
den Gläubigen verbotene Bücher. 



Titel U. Kapitel I— II. 33 

34. Die Apostolischen Vikare und Missionäre sollen die Dekrete der 
Kongregation zur Verbreitung des Glaubens über die Herausgabe von Büchern 
getreu beobachten. 

35. Die Approbation jener Bücher, deren Zensur kraft der gegenwärtigen 
Dekrete weder dem Apostolischen Stuhle noch den römischen Kongregationen 
vorbehalten ist, steht dem Ordinarius des Ortes^ zu, an dem die 
Bücher erscheinen. 

36. Die Regularen ^ sollen bedenken, da£ sie kraft Dekrets des heiligen 
Konzils von Trient^ aui^er der Erlaubnis des Bischofes auch noch die Gut- 
heißung ihres eigenen Prälaten zur Herausgabe eines Buches haben müssen. 
Diese doppelte Erlaubnis soll am Anfange oder am Ende des Werkes ge- 
druckt werden. 

37. Ein Schriftsteller, der in Rom lebt und sein Buch nicht dort, sondern 
anderswo erscheinen läi^t, bedarf keiner andern Approbation als der des Kar- 
dinalvikars von Rom und des Magisters sacri palatii apostolici. 

Kapitel II. 

Ton dem Amt der Zensoren bei der dem Erscheinen yorhergehenden Prttfiuigr 

der Bücher. 

38. Die Bischöfe, deren Amt es ist, Druckerlaubnis für Bücher zu 
geben, sollen zur Prüfung derselben Männer von erprobter Tugend und Ge- 
lehrsamkeit verwenden, die weder aus Zuneigung noch Abneigung handeln, 
sondern, frei von aller menschlichen Leidenschaft, nur die Ehre Gottes und 
den Nutzen des gläubigen Volkes im Auge haben. 

39. Die Zensoren sollen bedenken, daß sie ihr Urteil über die ver- 
schiedenen Meinungen und Ansichten (nach der Vorschrift Benedikts XIV.*) 
unbeeinflußt von irgend einer Voreingenommenheit föllen müssen. Deshalb 
sollen sie alle Vorurteile über eine Nation, Genossenschaft, Schule oder ein 
Institut ablegen; sie dürfen keine Parteigänger sein und müssen einzig die 
Glaubenssätze der heiligen Kirche und die allgemeine katholische Lehre, wie 
sie in den Beschlüssen der allgemeinen Konzilien, in den Konstitutionen der 
römischen Päpste und in der Übereinstimmung der Gelehrten enthalten sind, 
vor Augen haben. 



* In Bischofsstädten, welche, wie z. B. Freiburg und Regensburg, große katholische 
Verlagshandlungen haben, wird den bischöflichen Zensoren durch das obige Dekret schwere 
Arbeit auferlegt. Es steht aber überhaupt nichts im Wege, daß der Ortsbischof des Verlages 
sich zufrieden gibt mit der Zensur des Bischofs des Verfassers. Er würde in diesem Falle 
den bischöflichen Zensor einer andern Diözese als den seinigen gelten lassen. Dieses Recht 
hat er jedenfalls, und er kann es nach Belieben gebrauchen. Natürlich wäre eine Verstän- 
digung schon deshalb notwendig, weil der Bischof des Verfassers, woferu er ein anderer ist 
als der des Verlagsortes, ja nicht gehalten ist, die Zensur zu übernehmen. 

' Reguläres, d. h. Mitglieder der Orden, welche die feierlichen Gelübde haben, 
nicht die Mitglieder der religiösen Kongregationen mit einfachen Gelübden. 

' Die Erlaubnis der Regularobem ist aber hier (Nr 36) nur gefordert für Bücher 
,de rebus sacris". 

* Constitutio ,Sollicita ac provida* § 17. Index S. 29. Vgl. unten S. 64. 
Hilgers, Der Index Leos XUI. 3 



34 Bücherzensur. 

40. Wenn nach geschehener Prüfung dem Erscheinen des Buches nichts 
im Wege steht ^, soll der Ordinarius dem Verfasser die Erlaubnis zur Yeröffent- 
b'chung desselben schriftlich und durchaus kostenlos geben und dieser sie am 
Anfange oder am Ende des Werkes drucken lassen. 

Kapitel III. 
Ton den Bflchem, die einer Toranfgehenden Zensur unterstehen. 

41. AJle Gläubigen müssen der vorherigen kirchlichen Zensur wenigstens 
diejenigen Bücher^ unterwerfen, welche sich mit der Heiligen Schrift, mit 
Theologie, Kirchengeschichte ^ Kirchenrecht, der natürlichen Theologie, Ethik 
oder andern derartigen Zweigen der Religion oder Sittenlehre befassen, und 
überhaupt alle Schriften, bei denen Religion und Sittlichkeit auf be- 
sondere Weise im Spiele ist^ 

42. Weltgeistliche'^ sollen nicht einmal Bücher über rein natür- 
liche Wissenschaften und Künste herausgeben, ohne sich mit ihren Ordi- 
narien darüber zu benehmen^, um so ihre Willßlhrigkeit gegen dieselben zu 
bekunden. 



^ Verweigert der Bischof nach der Prüfung die Approbation, hält er aber das Buch 
für verbesserungsfähig , so muß er dem Verfasser die Gründe seiner Weigerung angeben 
(S. C. Ind. 3. Sept. 1898). 

' a) , Bücher*, also auch Zeitschriften, periodisch erscheinende Hefte religiösen oder 
theologischen Inhaltes, welche Büchern gleichzustellen sind nach der Entscheidung S. Off. 
18. lan. 1893. 

b) , Bücher*, nicht scripta, Schriften jeder Art, auch kleinen Umfanges, Büchlein, 
Blfttter, es sei denn, daß diese durch die Nummern 13, 15, 17, 19, 20 der voraufgehenden 
Zensur unterworfen sind oder zu jenen gehören, ,in quibus religionis aut morum honestatis 
specialiter intersit* (siehe oben Nr 41 Schluß, und unten Note 4). 

* Also nicht jede Papstgeschichte, auch nicht Monographien biographischer Art über 
einen Heiligen, einen Papst, Bischof usw. 

* Auf besondere Weise oder aus besonderem Grunde, entweder des behandelten 
Gegenstandes wegen oder auch wegen der Umstände der Zöit oder des Ortes, kann selbst bei 
einzelnen Artikeln, die, weil nicht Bücher und etwa in einem politischen Blatte erscheinend, 
an und für sich der genannten Zensur nicht bedürfen, Religion oder Sittlichkeit gar 
sehr im Spiele und eine vorhergehende kirchliche Prüfung erfordert sein. 

Daher: a) wegen des behandelten Gegenstandes scheinen auch z. B. Pastoralblfttter, 
wenn sie auch nicht unter den Begriff libri, Bücher, fallen, von dieser Zensur nicht 
frei zu sein. Praktisch kann aber der Bischof den Redakteuren diese Prüfung sehr erleich- 
tem, zumal wenn diese Priester sind und, wie in der folgenden Nr 42 ausdrücklich vor- 
geschrieben ist, die bischöfliche Erlaubnis zur Leitung eines solchen Blattes haben. Und 
b) wegen der besondern Zeitumstände würden wohl beispielshalber zur Zeit des Vatikanischen 
Konzils theologische Artikel oder kleinere Schriften über des Papstes Unfehlbarkeit solche 
scripta gewesen sein, bei denen es der Religion ganz besonders (specialiter) daran ge- 
legen sein mußte, daß sie vorher der kirchlichen Prüfung unterworfen wurden. 

* „Viri e clero saeculari**: nicht Ordensgeistliche, weil letztere durch die Ab- 
hängigkeit von ihren Obern oder ihrer Ordensregel bereits geschützt sind. 

^ Es genügt aber, seinem Bischöfe (nicht dem Bischöfe jener Stadt, in der ein solches 
Buch etwa verlegt wird) das Vorhaben, ein bestimmtes Werk herauszugeben, anzuzeigen; 
einer Erlaubnis seitens des Bischofes bedarf es nicht. Zweck der geforderten Anzeige 
aber ist wohl, den Ordinarius in die Lage zu versetzen, nötigenfalls vor Herausgabe des 
Buches einschreiten zu können. 



Titel U. Kapitel III— V. 35 

Ebendieselben^ dürfen ohne vorherige Erlaubnis der Ordinarien nicht 
die Leitung (Redaktion) von Zeitungen oder Zeitschriften 2 übernehmen. 

Kapitel IV. 
Ton den Bnchdinckem und Terlefirem. 

43. Kein Buch, das der kirchlichen Zensur untersteht, darf erscheinen, 
ohne eingangs Namen und Zunamen des Verfassers sowohl als auch des Ver- 
legers zu bringen; außerdem verzeichne es Ort und Jahr des Druckes 
und der Herausgabe. Sollte es in einem besondem Falle aus triftigen 
Gründen ratsam erscheinen, den Namen des Verfassers zu verschweigen, so 
kann der Ordinarius dies gestatten. 

44. Buchdrucker und Herausgeber müssen wissen, daß eine neue Auf- 
lage ^ eines schon approbierten Werkes auch einer neuen Approbation bedarf, 
und daß die Gutheißung des ursprünglichen Textes für irgend eine Übersetzung 
des Buches nicht genügt. 

45. Vom Apostolischen Stuhle verurteilte Bücher sollen überall* als 
verboten gelten, und zwar in jeder Übersetzung. 

46. Buchhändler, zumal Katholiken, dürfen Bücher, welche ausdrück- 
lich (ex professo) von unsittlichen Dingen handeln*^, weder verkaufen noch 
ausleihen noch auch aufbewahren; die übrigen verbotenen Bücher sollen 
bei ihnen nur käuflich sein, wenn sie durch ihren Ordinarius von der heiligen 
Eongi'egation des Index dazu Erlaubnis erhalten haben, und auch dann sollen 
sie dieselben keinem verkaufen, von dem sie nicht vernünftigerweise voraus- 
setzen können, daß er ein solches Buch zu verlangen berechtigt ist. 

Kapitel V. 
Ton den gegen die Übertreter der allgemeinen Regeln festgesetzten Strafen. 

47. Jeder, der wissentlich ohne Erlaubnis des Apostolischen Stuhles 
Bücher von Apostaten oder Irrlehrern, welche die Häresie verteidigen, 
oder auch Bücher irgend eines Verfassers, die namentlich durch Apo- 



^ Ebendieselben, d. h. die Weltgeistlichen. 

' , Diaria vel folia periodica' : Zeitungen und Zeitschriften irgend welcher Art, sowohl 
religiöse als politische usw. VgL oben S. 34, Note 4. — Da die Konstitution selbst die 
Distinktion von «libri*^, „scripta** und ,diaria vel folia periodica* genau kennt, fOr letztere aber 
in Nr 41 ausdrücklich keine Zensur gefordert ist, liegt es nahe, anzunehmen, daB außer der 
in Nr 42 erforderten „praevia Ordinariorum venia* auch für religiöse, theologische Blätter und 
Zeitschriften weiter keine voraufgehende Zensur von nöten sei. Praktisch käme das auf 
dasselbe heraus, was oben S. 34, Note 4 angedeutet wurde, daß nämlich durch jene „praevia 
Ordinariorum venia* der Redakteur auch zum bischöflichen Zensor der Zeitschrift oder des 
Pastoralblattes ernannt würde. Für gewöhnlich werden ja nur Geistliche derartige religiöse 
periodische Publikationen leiten. Daß alsdann der Redakteur auch als Zensor verantwortlich 
wäre, ist selbstverständlich. 

' Abzüge, Separatabdrücke von Artikeln z. B. einer Zeitschrift gelten nicht als neue 
Auflage und bedürfen keiner weiteren Approbation (S. G. Ind. 19. Maii 1898). 

* Cf. Decr. S. C. Ind. 19. Maii 1898 ; Acta S. Sedis XXX, 698. 

^ Hier ist selbstverständlich nicht die Rede von wissenschaftlichen, ernsten Werken 
der Medizin oder Moral. 

3* 



36 Gesetzeskraft der allgemeinen Buchergesetze. 

stolische Briefe verurteilt sind, liest oder diese Bücher zurückbehält, 
druckt^ oder irgendwie verteidigt, verfallt ohne weiteres der dem römischen 
Papste ganz besonders reservierten Exkommunikation^. 

48. Wer ohne Approbation des Ordinarius Bücher der Heiligen Schrift 
oder Anmerkungen oder Kommentare dazu druckt oder drucken läßt, verföUt 
ohne weiteres der niemand vorbehaltenen Exkommunikation. 

49. Wer eine von den übrigen Bestimmungen, welche durch diese all- 
gemeinen Dekrete vorgeschrieben sind, übertritt, soll je nach der Schwere 
des Vergehens vom Bischöfe ernstlich vermahnt, und wenn das zweckdienlich 
erscheint, auch mit kanonischen Strafen belegt werden 8. 

Das wären die 49 Gesetzesparagraphen der päpstlichen Bulle. Zur Er- 
klärung derselben sind nur wem'ge Anmerkungen beigefügt worden, weil 
bereits ausführliche gute deutsche Kommentare^ zu der neuen Konstitution 
erschienen sind. Übrigens ist eine richtige, genaue Übersetzung des latei- 
nischen Originals dessen erster und bester Kommentar. Deshalb wurde oben 
versucht, durch die deutsche Übertragung den Sinn und die wahre Bedeutung 
des Gesetzes möglichst klar hervorzuheben. 

Hier erübrigt nur noch, die ganze Tragweite dieser neuen Decreta 
generalia als verpflichtend und g es etzes kräftig mit den Worten der 
Bulle selbst zu kennzeichnen. 

Abweichend von der gewöhnlichen Art und Weise der Ausfertigung 
päpstlicher Gesetzesurkunden bringt die Konstitution „Officiorum ac munerum** 
diese ihre Sanktion nicht am Schlüsse vor den sogen. Klauseln, sondern gleich 
anfangs nach der Einleitung, vor der Pars dispositiva des Gesetzes. Sie lautet 
wie folgt: 

„Nach reifer Erwägung und nachdem die Kardinäle der Indexkongre- 
gation zu Rate gezogen worden sind, haben Wir beschlossen, die allgemeinen 
Dekrete (Decreta generalia) zu erlassen, welche dieser Konstitution ein- 
verleibt sind. Der Gerichtshof der Indexkongregation soll von nun an einzig 
und allein nach diesen vorangehen ; eben diesen Dekreten sollen die Katholiken 
auf der ganzen Welt um Gottes willen gehorchen. Wir wollen, daß sie allein 
Gesetzeskraft haben, und heben die Regeln^ welche auf Geheiß des 

^ Also Verleger und Drucker und Verfasser und Herausgeber. 

* Vgl. weiter unten S. 43 f. 

* Hier ist nur die Rede von den kirchlichen Strafen, nicht aber von der Art oder Schwere 
der Sttnde, welche der Übertreter der Indexregeln begeht. Diese muß nach den allgemein 
gültigen Regeln der Moral beurteilt werden. Es wird sich also z. B. um eine schwere Sünde 
handeln, wenn jemand ohne Erlaubnis einen beträchtlichen Teil eines verbotenen Buchee, 
das sehr gefährlich ist, liest. Die gravis materia, welche zur Todsünde erfordert ist, hängt 
nicht bloß von der Größe oder Länge der gelesenen Stelle ab, sondern auch von deren 
Gefährlichkeit in sich, abgesehen von dem Ärgernis, das möglicherweise durch die Lesung 
gegeben wurde. 

* Joseph Hollweck, Das kirchliche Bücherverbot', Mainz 1897; vgl. zur ersten 
Auflage Stimmen aus Maria-Laach LIII (1897) 563 f. Philipp Schneider, Die neaen 
Büchergesetze der katholischen Kirche, Mainz 1900; vgl. dazu Stimmen aus Maria- Laach 
LVIII (1900) 196—201. Andere, nicht deutsche Kommentare sind unten 8. 51, A. 4 verzeichnet. 

^ Regulae Indicis sacrosanctae Synodi Tridentinae iussu editae. 



Zweckmäßigkeit der allgemeinen Büchergesetze. 37 

Tridentiner Konzils erlassen wurden, mit den dazu gehörigen Erklärungen^, 
ebenso wie die Instruktion^, die Dekrete^, die Monita^ und jede 
andere hierher gehörige Verordnung und Verfügung Unserer Vorgänger auf; 
ausgenommen davon sei allein die Konstitution Benedikts XIV. ,S o 1 1 i- 
citaacprovida', die, gleichwie sie bis jetzt zu Recht bestand, so auch 
in Zukunft volle Geltung haben soll/ 

Zweckmäßigkeit und Milde der allgemeineii Bücherdekrete. 

Selbst unter denen, welche der Kirche das Recht, Bücher zu verbieten, 
grundsätzlich zugestehen, gibt es nicht wenige, die vor den wirklichen Bücher- 
verboten dennoch zurückbeben. Es mag sein, daß sie die Kirche und ihre 
Vertreter in dieser Gesetzgebung nicht bloßgestellt sehen wollen; darum 
schließen sie lieber die Augen. Möglich ist es auch, daß sie fürchten, durch 
Kenntnisnahme der kirchlichen Gesetze über das Bücherwesen sich zu etwas 
verpflichtet zu fühlen, worüber sie in ihrer Unwissenheit hinwegsehen zu 
können vermeinen. Da scheint es in der Tat angebracht, die allgemeinen 
Bücherdekrete aus der Nähe zu würdigen, um sich davon zu überzeugen, 
ob sie Anspruch machen können auf den Titel einer wohlgeordneten, 
zweckmäßigen Gesetzgebung, auf den Namen guter Gesetze. 

Die erste Bürgschaft für ein gutes Gesetz sind kluge, erfahrene Gesetz- 
geber. Es hat bei den neuen Dekreten der Konstitution daran nicht gefehlt. 
Männer, welche mit einem tiefen kirchenrechtlichen Wissen eine überaus 
reiche Erfahrung verbanden, Männer nicht bloß aus einem Lande und 
einem Volke, Romanen sowohl wie Germanen, haben im Wetteifer des Aus- 
taiisches der Meinungen lange und ernstlich gearbeitet, bis die neuen Re- 
geln als das wohldurchdachte, abgeschlossene Ganze dastanden, als welches 
der höchste kirchliche Gesetzgeber es in seiner Konstitution bekannt gemacht 
hat. Nehmen wir noch hinzu, daß bei Abfassung der neuen Dekrete die 
Geschichte und die Schicksale der früheren tridentinischen Regeln nicht bloß 
benutzt werden konnten, sondern auch, wie ein Vergleich derselben auf den 
ersten Blick ergibt, in Wirklichkeit mit Sachkenntnis verwertet worden sind, 
so liegt in alledem schon eine Gewähr dafür, daß die neue kirchliche Gesetz- 
gebung keine einseitige römische » Stümperarbeit ** ist. Wohl ist es bekannt, 
daß es besonders dort, wo man romanisch und römisch-katholisch gleichsetzt, 
allgemach zur Mode geworden ist, mit vornehmer Selbstüberhebung über die 
wissenschaftlichen Leistungen der Romanen den Stab zu brechen. Deutsche 
aber, welche, von Vorurteilen frei, im wissenschaftlichen Leben mit Romanen 
jahrelang verkehrten und neben den Werken ihrer Landsleute die der ro- 
manischen Gelehrten studierten, sie stimmen alle darin überein, daß dem 
Spanier, dem Franzosen, dem Italiener zumal neben einer großen Leichtigkeit 
in der Auffassung eine Klarheit in den Begriffen eignet, die uns Deutschen 



* Observationes Clementis Papae YIII. et Alexandri Vll. iussu additae. 
' Inatructio Clementis VIII. auctoritate regolis Indicis adiecta. 
> Decreta de Ilbris prohibitis nee in Indice nominatim expressis. 
^ Monita, welche zugleich mit den Regulae, den Observationes, der Instructio und den 
Decreta bislang dem Kataloge der verbotenen Bücher voraufgedruckt waren. 



38 I^rei Gruppen verbotener Bücher. 

bei aller Gründlichkeit und Tiefe abgeht. Und gerade diese Eigenschaften 
sind Elemente, die einem Gesetzgeber an erster Stelle zu gute kommen. 
Überhaupt stand von alters her die römische Gesetzgebung in bestem Rufe. 
So haben denn auch die neuen Dekrete bei einer knappen, kurzen Fassung 
eine wohltuende Elarheit und Bündigkeit erhalten, was um so mehr unsere 
Bewunderung erregen muß, als es Gesetze sind nicht bloi^ für ein Land 
und ein Volk, für einen bestimmten Stand oder ein bestimmtes Alter, sondern 
Gesetze für die ganze katholische Welt. Wollte man unparteiisch einen Ver- 
gleich anstellen zwischen dieser kirchlichen und irgend einer staatlichen 
Gesetzgebung in einer ähnlichen Materie, wir glauben nicht, daß er zu Un- 
gunsten der ersteren ausfallen würde. Und hierbei dürfen wir wohl an die 
trotz langer und wiederholter Beratungen auch heute noch ungelösten Pro- 
bleme des Umsturzparagraphen sowie der »lex Heinze** erinnern. 

Aber sehen wir ab von diesen mehr äußeren Gründen und lassen wir das 
Werk selbst den Meister loben. Jedes Gesetz muß nach der klassischen Defini- 
tion eine vernünftige Richtschnur des menschlichen Willens sein. 
Nur dann haben wir Begriff und Wesen desselben. Wo es sich nun um das 
Verbieten schlechter Bücher handelt, kommt es einzig darauf an, den Begriff 
der schlechten Bücher weder zu eng noch auch zu weit zu fassen. Ja man 
kann sagen: besonders nicht zu weit. Der Gesetzgeber bewegt sich hier 
eben in odiosis, und er wird klug daran tun, die Grenzen des Begriffes der 
schlechten Bücher möglichst enge zu ziehen. Jedoch versteht es sich von selbst, 
daß er alle Bücher, welche den Glauben oder die Sitten der Allgemeinheit oder 
des Durchschnittsmenschen schwer schädigen, in große Gefahr bringen, ver- 
bieten muß. Die Gefährlichkeit eines Buches für Glauben und Sitten muß 
für ihn beim Verbote maßgebend sein. 

Bestimmen wir in dieser allgemeinen Norm »den Glauben" näher als 
den Glauben, die Lehre der katholischen Kirche, da es sich ja einzig 
und allein um ihre Gesetzgebung handelt, und »die Sitten "" als die moralischen 
Verpflichtungen, wie sie im Naturgesetz und Dekalog niedergelegt sind, so 
ergeben sich für jeden vorurteilslosen Beurteiler als gefahrliche Bücher, die 
ein Verbot nötig machen, die folgenden beiden Gruppen: 

1. alle ungläubigen, irrgläubigen, abergläubischen und 
unsittlichen Schriften und 

2. alle Schmähschriften gegen Gott und die Kirche. Fügen 
wir diesen beiden noch eine dritte hinzu, die mit ihrer Gefährlichkeit gewisser- 
maßen schon in den obigen enthalten ist, aber dennoch besonders aufgezählt 
werden muß, weil ihr Verbot ein bedingtes sein wird. Wir meinen nämlich 

3. alle Bücher der christlichen Belehrung und Erbauung, 
von der Heiligen Schrift und den Büchern der Liturgie angefangen bis zum 
Katechismus der Volksschule und dem kleinsten Gebet- und Andachtsbuch, 
wofern dieselben nicht von vornherein die Garantie bieten, daß sie nicht 
schädlich wirken werden, daß sie nichts Unchristliches und Unkirchliches ent- 
halten. Daß auch diese dritte Bücherklasse gerade für das katholische Volk 
gefährlich und sehr gefährlich ist, wird selbst von Akatholiken zugestanden 
und das Verbot derselben deshalb auch gefordert. Um aber zu verhindern. 



Die einzelnen Paragraphen über verbotene Bücher. 39 

dafi mit dem Unkraut zugleich der Weizen ausgerissen wird, sollen die durch 
voraufgehende kirchliche Zensur gutgeheißenen Bücher dieser Art — und 
nur diese — erlaubt sein. Jeder Rechtsphilosoph, der sich auf den Stand- 
punkt des kirchlichen Gesetzgebers zu versetzen weiß, wird mit uns diese 
drei Klassen als gefahrliche Bücher definieren, die eines Verbotes würdig 
sind. Schaut man nach diesen Vorbemerkungen die päpstliche Konstitution 
selbst mit den kirchlichen Bücherverboten an, so gewahrt man alsbald, daß 
in Wirklichkeit nichts mehr als diese drei Klassen — vielleicht noch etwas 
weniger — verboten ist, nichts mehr als das, was in Wahrheit vom gesunden 
Menschenverstand als gemeingefährlich definiert wird. 

Das kirchliche Büchergesetz enthält wohl mehr als drei Paragraphen, 
in denen Bücher verboten werden, weil dies eben von der Klarheit, die 
ein Gesetz haben muß, und von dem praktischen Zweck desselben gefordert 
wird. Es hat Abteilungen und Unterabteilungen. Nichtsdestoweniger können 
wir alle jene Paragraphen ohne Wortklauberei in diese drei Klassen unter- 
bringen. 

In der Konstitution »Officiorum ac munerum*^ handeln im ersten Titel 
der allgemeinen Dekrete nur das erste bis fünfte Kapitel und das siebente 
mit demachten über Bücherve rbote, und zwar in diesen sieben Kapiteln 
nicht alle einzelnen Nummern. 

Was im ersten Kapitel eigentlich verboten ist, erhellt am klarsten aus 
Nr 3 u. 4, wo gesagt wird, was nicht verboten sein soll : nämlich alle Bücher von 
Andersgläubigen, selbst solche, welche ex professo über die Religion handeln, 
wofern es feststeht, daß sie nichts von Bedeutung gegen den katholischen 
Glauben enthalten. Wir entnehmen daraus, daß in diesem ersten Kapitel nur 
die Bücher der Akatholiken, Apostaten, Häretiker, Schismatiker und selbst 
der Katholiken verboten sind, welche Unglauben oder Irrglauben enthalten. 
Mit andern Worten (Nr 2): Verboten sind die Bücher der Apostaten, 
Häretiker, Schismatiker und überhaupt aller Schriftsteller, welcheHäresie 
oder Schisma verteidigen oder die Grundlagen der Religion 
selbst untergraben. 

Im fünften Kapitel (Nr 11) werden die Bücher verboten, welche den 
Begriff der Inspiration der Heiligen Schrift fälschen, sowie diejenigen (Nr 14), 
welche das Duell, den Selbstmord, die Ehescheidung als erlaubt darstellen 
oder die Freimaurerei und ähnliche geheime Gesellschaften als nützlich, für 
Kirche und Staat unschädlich hinstellen oder überhaupt Irrtümer verteidigen, 
welche der Apostolische Stuhl ausdrücklich verworfen hat. Schließlich ver- 
urteilt das achte Kapitel auch Zeitschriften und Zeitungen, und zwar die- 
jenigen, welche nicht etwa in der einen oder andern Nmnmer, sondern 
gewissermaßen beständig und planmäßig Religion oder gute Sitten 
angreifen. Es leuchtet ein, daß wir diese verschiedenen Arten von Büchern 
als Unterabteilung unserer obigen ersten Klasse auffassen können. Sie ge- 
hören alle samt und sonders mehr oder weniger zu dem, was wir ungläubige, 
irrgläubige, unsittliche Bücher nannten. Abgesehen davon ist es aber auch 
durch sich klar, daß die hier im einzelnen aufgezählten Bücher Glauben und 
Sitten schwer gefährden. 



40 ^10 kirchlichen Büchenrerbote weise und gute Gesetze. 

Die abergläubischen Bücher sodann werden verurteilt im fünften 
Kapitel, wo es (Nr 12) heißt: »Es ist nicht erlaubt, Bücher herauszugeben, 
zu lesen oder aufzubewahren, welche Zauberei, Wahrsagerei, Magie, Spiritismus 
oder ähnliche abergläubische Dinge lehren oder empfehlen/ Die Bücher aber, 
, welche schmutzige und unsittliche Dinge planmä^g behandeln, erzählen oder 
lehren**, verbietet mit eben diesen Worten das vierte Kapitel (Nr 9). Und 
damit ist auch schon alles erschöpft, was in den neuen Dekreten unsere erste 
Gruppe der gefährlichen Bücher ausmacht. 

Als zweite Gruppe bezeichneten wir oben alle Schmähschriften 
gegen Gott und die Kirche. Ausführlicher, aber deshalb nicht inhalt- 
reicher, heißt es statt dessen im fünften Kapitel der Konstitution : Verurteilt 
sind die Bücher, in welchen Gott, die seligste Jungfrau, die Heiligen, die 
katholische Kirche, ihr Kult, ihre Sakramente oder der Apostolische Stuhl 
geschmäht, geschmälert oder verkleinert werden, sowie diejenigen, welche 
planmäßig die kirchliche Hierarchie, den Klerus oder Ordensstand schmähen. 
Was dann noch an verbotenen Büchern in der Konstitution übrig bleibt, findet 
sich in Kapitel II, III, Y und YII, nämlich zunächst alle Ausgaben der 
Heiligen Schrift, welche nicht von der zuständigen kirchlichen Obrig- 
keit gutgeheißen sind. Dazu kommen an zweiter Stelle die litur- 
gischen Bücher, wie Missale, Brevier, Rituale, Ceremoniale Episcoporum, 
Pontificale Romanum und andere, wenn in denselben ohne Gutheißung des 
Apostolischen Stuhles eine Änderung vorgenommen ist; drittens und zuletzt 
alle Gebet- und Andachtsbücher, alle Katechismen und religiösen 
Unterrichtsbücher, alle Bücher und Büchlein der Sittenlehre, Aszese, Mystik, 
wofern diesen die Druckerlaubnis des zuständigen Bischofs fehlt. Hierzu 
rechnen wir wegen der Ähnlichkeit des Stoffes noch aus Kapitel V (Nr 13) 
alle Bücher und Schriften, welche neue Erscheinungen, Offen- 
barungen, Visionen, Prophezeiungen oder AVunder erzählen, 
und solche, welche neue Andachten, öffentliche oder private, ein- 
führen wollen, es sei denn, daß sie mit Genehmigung der kirchlichen Obern 
veröffentlicht wurden. Diese drei- oder vierfache Unterabteilung macht unsere 
obige dritte Gruppe aus, und es finden sich diese vier Klassen hier beisammen, 
weil sie alle nur bedingungsweise, und zwar schließlich unter einer 
und derselben Bedingung, des Mangels der kirchlichen Gutheißung, ver- 
boten sind. 

Somit hätten wir auch alle einzelnen Paragraphen, welche verbotene 
Bücher enthalten, ausführlich und im einzelnen aufgezählt und uns dabei 
überzeugt, daß in der Tat nicht mehr verurteilt wurde als das, was wir für 
gefährlich und verdammungswürdig in den drei Klassen erkannten, und daß 
in den Unterabteilungen, so wie wir sie in der Konstitution selbst haben, 
keine Bücherart sich findet, die für die Allgemeinheit nicht verderblich und 
verwerflich wäre. Das wären also alle kirchlicherseits verbotenen Bücher! 
Man wird zugestehen, daß die färche nicht zu strenge war in ihren Bücher- 
verboten, daß diese ihre Gesetzgebung eine weise, eine gute zu nennen ist. 
Sie verbietet eben im Grunde nicht mehr, als schon durch das natürliche 
Gesetz und die zehn Gebote verboten ist. Denn auch jene dritte Gruppe von 



GefUhrlichkeit der häretischen Bücher. 41 

Büchern, die nur bedingungsweise verboten wurden, ist eben in dem Falle, 
in welchem diese Bedingung sich nicht erfüllt, wenigstens immer verdächtig, 
und praktisch läi^t sich keine andere bessere Bedingung aufstellen, um die 
vorhandene Gefahr abzuwenden. 

Vielleicht wundert man sich, daß wir den ganzen Katalog der verbotenen 
Bücher, den eigentlichen Index librorum prohibitorum, bei alledem mit keinem 
Worte erwähnten. Es geschah mit Vorbedacht; denn beinahe alle Bücher, 
welche namentlich auf den sogen. Index gesetzt werden, gehören in der einen 
oder andern Weise zu den oben besprochenen Abteilungen oder Unter- 
abteilungen; dies gilt besonders für den neuen Index Leos XIII. Im übrigen 
kommen wir an anderer Stelle darauf noch zurück. Hier aber, bei der Er- 
örterung über die weise Beschränkung der Kirche in dieser ihrer Gesetz- 
gebung, sei es gestattet, noch eine Bemerkung hinzuzufügen. 

Überblickt man alle die einzelnen Klassen der verbotenen Bücher, so 
gewahrt man, daß, abgesehen von Einzelfällen und Ausnahmen, die Lesung 
oder das Studium nur einer einzigen Gruppe derselben wenigstens für 
eine Anzahl von Gelehrten fast notwendig oder doch nützlich sein kann. Es 
sind dies die ungläubigen und irrgläubigen Bücher. Dabei muß man aber 
wohl berücksichtigen, daß erstens bei weitem nicht alle Gelehrten solche 
Bücher zu ihren Studien benötigen, sondern nur ein Bruchteil derselben, daß 
zweitens nicht alle Bücher dieser Klasse jenen Männern der Wissenschaft 
notwendig sind, sondern hauptsächlich nur eine Anzahl gelehrter, wissen- 
schaftlicher Werke, daß aber gerade diese trotz alledem in sich wenigstens 
die gefahrlichsten von allen sind. Wer dies alles bedenkt, wird es begreifen, 
daß die Kirche im Gesetze, das für alle gelten soll, jene Bücherklasse ein- 
fachhin verbieten mußte, wie bereitwillig sie anderseits jedem einzelnen Ge- 
lehrten die Erlaubnis erteilt, solche Bücher zu gebrauchen. Man darf es 
aber aussprechen, daß die Lesung, das Studium solcher Werke selbst dem 
Gelehrten gefährlich werden kann : die Geschichte ^, die Erfahrung beweist es. 
Die Akten und Prozesse der römischen Inquisition aus den ersten Zeiten der 
Broformation enthalten hierzu überaus lehrreiche Beispiele, und — nebenbei 
bemerkt — es ist mehr als wahrscheinlich, daß gerade die damaligen trau- 
rigen Erfahrungen Paul IV. zu der übergroßen Strenge gegen die gefährlichen 
Bücher trieben. 

Daher kann es Fälle geben, in denen ein Buch trotz aller besondem 
Erlaubnis auch für den Gelehrten ein durch das eigene Gewissen unter schwerer 
Sünde verbotenes Buch wäre und bliebe. Es dürften aber auch die Fälle, in 
welchen das Studium verbotener Bücher von großem Nutzen ist, nicht so häufig 
sein, wie man wohl glauben machen will. Der Kardinal Mai war ein Mann 
der Wissenschaft. Er sagte — und dafür können wir einstehen — : »Ich habe 
auch die Erlaubnis, verbotene Bücher zu lesen ; ich benutzte dieselbe aber nie 
und habe auch nicht vor, sie zu gebrauchen.^ Der gelehrte Ludovico Antonio 



^ Vgl. Socrates, Hist. eccl. 3, 1; Anastasius Sinaita, Viae dux adv. Ace- 
pbalos c. 6 ; H i e r o n. , £p. 124 ad A vitum 1,2; Orosius, Consultatio ad August, n. 3 ; 
Melchior Adamus, Yitae Germ, theolog., Francof. 1653, 479. 



42 ^i® Präventiyzensur theologischer Werke. 

Muratori verfaßte eine Schrift zur Widerlegung eines Buches von Thomas 
Burnet, und er glaubte sich trotz alledem noch entschuldigen zu müssen, da£ 
er das häretische Werk gelesen : „ Spät gelangte dieses Buch in meine Hände . . ., 
und ich konnte es nicht über mich bringen, es zu lesen. Denn zu welchem 
Zwecke anders, als um selbst der Torheit zu verfallen, sollte ich die Schriften 
der Neuerer lesen? Ich suche und liebe solche, die mich in der Religion be- 
stärken, nicht solche, die mich von ihr abwendig machen. Als ich aber ver- 
nahm, daß es in Italien verbreitet wurde, da beschloß ich, zum Schutze der 
Religion und Wahrheit, wie auch meiner Brüder, meine Kraft aufzubieten.* ^ 

Die allgemeinen kirchlichen Büchergesetze enthalten außer Bücher- 
verboten auch das Gebot der voraufgehenden Prüfung für bestimmte 
Bücher oder Klassen von Büchern. Es ist aber oben schon, bei der dritten 
Klasse verbotener Bücher , diese sogen. Präventivzensur nicht bloß gerecht- 
fertigt, sondern auch als durchaus erwünscht und sogar als notwendig dar^ 
getan worden. Überhaupt hat die Präventivzensur die Begründung ihrer 
Berechtigung und Zweckmäßigkeit ebenso wie das Bücherverbot in dem 
göttlichen Lehr- und Hirtenamt der Kirche, in dem Auftrage Christi, die 
Lämmer und Schafe seiner Herde nur auf gute Weide zu führen. Wenn 
das Verbot vor den gefährlichen, giftigen Kräutern der geistigen Wiese 
warnt und davon zurückhält, das verderbliche Unkraut ausreutet, so 
sorgt die voraufgehende Prüfung vor und läßt das öiftkraut nicht ein- 
dringen. Diese Maßregel der Kirche kennzeichnet sich nicht bloß als Liebe 
der Mutter zu den Gläubigen, sondern auch als väterliche Vorsorge den 
Schriftstellern und Verfassern gegenüber, die so davor bewahrt bleiben, 
Unkraut zu säen. 

Um aber die weise Beschränkung der diesbezüglichen kirchlichen Vor- 
schrift zu erkennen, genügt es, an den Wortlaut der einzelnen Paragraphen 
des zweiten Titels der Konstitution „Officiorum ac munerum* zu erinnern, wie 
er oben (S. 32 — 36) gegeben ist. Da beweist zumal das zweite Kapitel mit 
seinen drei Paragraphen, in denen die Art und Weise jener Prüfung 
vorgeschrieben wird, wie weit die Kirche entfernt ist von parteiischer Be- 
vormundung der Wissenschaft oder engherziger Einschränkung der Forschung. 
Sind hier Schranken aufgestellt, so sind es ausdrücklich nur die Glaubens- 
sätze und Dogmen der Kirche und ihre allgemeine Lehre, die dem Ver- 
stände wie Willen aller Gläubigen, auch der gelehrtesten, feststehen müssen 
wie der Fels Petri. Am wichtigsten aber ist hier die Bestimmung des 
41. Paragraphen im dritten Kapitel; denn dort werden genauer die Bücher- 
klassen angegeben, auf welche jene voraufgehende Prüfung sich zu be- 
schränken hat. Man ersieht daraus, daß die Präventivzensur nur die reli- 
giösen, theologischen Werke trifft oder, wie das Dekret es ausdrückt: 
„überhaupt alle Schriften, bei denen Religion und Sittlichkeit auf besondere 
Weise (specialiter) im Spiele ist*. Wer ernstlich den Zweck dieser Prü- 

^ De paradiso regniqae coelestis gloria adversus Thomae Bumeti librum de statu 
mortaoniin, Veronae 1738, Praefat. xxi. 



Die kirchlichen Strafbestimmmigen. 48 

fung will, d. h. die Reinerhaltung von Glauben und Sitten, der muß zum 
wenigsten die eben erwähnten Bücher und Schriften der Zensur unterwerfen. 
Die Kirche verlangt also nicht zuviel, und bei dem Examen selbst der theo- 
logischen Werke befiehlt sie, daß die Zensoren ohne alle Voreingenommenheit 
und Parteilichkeit mit weiser Schonung des Verfassers nur Gottes Ehre und 
das Heil des gläubigen Volkes im Auge haben sollen. 

Das vierte Kapitel des zweiten Titels gibt in vier Paragraphen (Nr 43 — 46) 
den Verlegern, Buchdruckern und Buchhändlern die nötigen Weisungen und 
Vorschriften. Auch diese sind so gehalten, daß kein gläubiger Christ sich 
dadurch beengt fühlen kann, da sie entweder leicht zu befolgen sind oder 
aber auf den ersten Blick als Forderungen des Gewissens oder der zehn 
Gebote Gottes sich zu erkennen geben. 

Unter den schwersten Strafen ist es verboten, Dynamit auch nur feil- 
zuhaben; Gifte dürfen von den Pharmazeuten nur auf einen staatlichen, 
amtlichen Erlaubnisschein hin ausgeliefert werden. Ist es zuviel verlangt, 
oder ist es zu große Strenge, wenn da die Kirche ohne weitere neue Strafe 
durch ihr Gesetz die Buchhändler anhält und ermahnt, die gemeine, obszöne 
Schmutzliteratur (libros de obscenis ex professo tractantes), die keinen 
andern Zweck hat, als zu vergiften und zu verderben, nimmer feilzuhalten, 
und wenn sie in derselben Weise verlangt, daß alle andern verbotenen Bücher 
nur nach Einholung der leicht zu erlangenden kirchlichen Erlaubnis feil- 
geboten und nur an diejenigen verkaufsweise ausgehändigt werden, von denen 
die Verkäufer selber vernünftigerweise annehmen können, daß sie diese Bücher 
erlaubterweise verlangen ? Es ist eben bemerkt oder angedeutet worden, daß 
für die Übertretung dieser kirchlichen Verordnungen , obgleich es sich der 
Wichtigkeit der Sache entsprechend um strenge Gebote handelt, dennoch 
keine besondere Kirchenstrafe festgesetzt ist. 

Die Sorge der Kirche für ihr heiligstes Buch, welches mit und in dem 
Worte Gottes ihren kostbarsten Schatz umschließt, hat sie aber veranlaßt, 
die Strafe der (niemanden reservierten) Exkommunikation zu verhängen über 
die, welche ohne bischöfliche Erlaubnis die Heilige Schrift selbst oder Anmer- 
kungen oder Kommentare dazu drucken oder drucken lassen. Noch mehr 
besorgt für die Gläubigen selbst und das Gut des Glaubens in ihren Herzen, 
schreckt die heilige Kirche mit Androhung noch schwererer Strafe von der 
Lesung häretischer oder durch Papstschreiben namentlich verbotener Bücher ab. 
Dies sind nicht die schmutzigsten, wohl aber die gefährlichsten Bücher. Des- 
halb hat die Kirche festgesetzt, daß der, welcher solche Bücher wissentlich und 
freiwillig liest, dadurch sich von der Anteilnahme an den gemeinsamen Gütern 
der Kirche ausschließt, so zwar, daß ihn nur der Papst selbst von dieser streng- 
sten Exkommunikation lossprechen kann. Das sind alle Strafparagraphen, 
welche die päpstliche Konstitution in ihrem letzten Kapitel enthält ; denn in dem 
Schlußparagraphen werden die Bischöfe angehalten, die Übertreter irgend einer 
der andern Bestimmungen der Konstitution ernstlich zu vermahnen und nur, 
wenn es angebracht erschiene, mit kanonischen Strafen gegen sie vorzugehen. 

Wer deshalb beispielshalber nicht ein häretisches Buch, sondern ein 
anderes durch die allgemeinen Regeln verbotenes oder eines, das schlechtweg 



44 Wichtigkeit der kirchlichen BUchergesetise. 

auf dem Index steht, freiwillig und wissentlich liest ^ zieht sich zwar keine 
Kirchenstrafe zu, wohl aber würde er ein wichtiges, strenges Verbot der Kirche 
übertreten und dementsprechend sündigen. Es versteht sich aber von selbst, 
daß diese Sünde, abgesehen von dem etwa durch die Lesung gegebenen 
Ärgernis und auch abgesehen von der Kürze oder Länge der gelesenen Stelle, 
mehr oder weniger schwer sein wird, je nach der größeren oder minder 
großen Gefährlichkeit des gelesenen Buches oder der gelesenen Stelle, so 
daß es also auch läßliche Sünden gegen diese Bücherverbote geben kann« 
Wenn nun das hier ausdrücklich hervorgehoben wird — wahrlich nicht, um 
zur ungescheuten Übertretung dieser Verbote zu ermutigen, sondern zur 
Steuer der Wahrheit, um falsche Gewissen zu verhüten, zumal die Gläubigen, 
auch die gebildeten, in diesem Punkte vielfach keine Klarheit haben — , so muß 
zum Schlüsse mit noch mehr Nachdruck auf eine andere Folgerung jener 
Strafbestimmungen aufmerksam gemacht werden. Ein so gelehrter Papst, wie 
nicht jedes Jahrhundert einen hat, und sicherlich das achtzehnte keinen zweiten 
hatte, Benedikt XIV., der wegen seiner Mäßigung bis auf den heutigen Tag 
gefeiert ist, gab einen neuen Index heraus. Und ohne Bedenken setzte er, 
wie es früher gewesen, von neuem, trotzdem die Philosophen jener Tage die 
schrankenloseste Freiheit oder Zügellosigkeit für ihre Philosophie verlangten, 
die schwerste Kirchenstrafe auf die Lesung eigentlich häretischer Bücher. 
Mitten in dem Ansturm der liberalen Forderungen des 19. Jahrhunderts mit 
seinem Rufen nach Freiheit der Wissenschaft, Freiheit der Presse und Freiheit 
der Forschung stand Leo XIII., ein so freisinniger, der Wissenschaft und 
Gelehrsamkeit so zugetaner Papst, wie die Earche Gottes selten einen kannte. 
Leo Xin. verbessert, ja mildert ausgesprochenermaßen den Index Bene- 
dikts XIV. in seinem neuen Index; dennoch: die Editio Leoniana verbietet 
genau so wie die Editio Benedictina die Lesung eigentlich häretischer Werke 
unter der Strafe der schwersten Exkommunikation. Das muß doch auch dem 
liberalsten Katholiken und Gelehrten zu denken geben. Jedenfalls nach dem 
Urteil der Kirche und Leos XIII. ist die Lesung jener gefahrlichen Bücher 
ebenso verderblich und todbringend, wie das Gut des Glaubens kostbar und 
unersetzlich ist. Es fällt damit die ganze schwerwiegende Autorität Leos XIII., 
des weitblickenden Papstes und freisinnigen Gelehrten, beim Beginne des 
20, Jahrhunderts in die Wagschale zur Verteidigung und zur Empfehlung der 
neuen kirchlichen Büchergesetze. 

Die allgemeinen Büchergesetze sind an und für sich und im Vergleich 
mit den frühereu Verordnungen milde und freisinnig. 

Schon Bischof Feßler sagt in seiner Abhandlung über « Zensur und 
Index' \ daß es kaum einen Gegenstand von praktischer Bedeutung gibt, der 
so schwierig zu besprechen wäre als der Index. Viel besser ist es in unsern 
Tagen damit nicht geworden. Wenn wir gleichwohl es wagten, das kirchliche 
Bücherverbot zu besprechen, so geschah es, weil wir überzeugt sind, daß ein 
Einblick in die neue Gesetzgebung am besten geeignet ist, die alten Vor- 



* Sammlung vermischter Schriften, Freiburg 1869, 127. 



„Das Bibelverbot**. 45 

urteile zu zerstreuen. Die Konstitution «Officioruro ac munerum'' hat nämlich 
bereitwilligst Rücksicht genommen auf die geänderten Zeitverhältnisse; sie 
hat nicht bloß das, was sich in der Tridentiner Gesetzgebung überlebt hatte, 
einfach gestrichen, sondern ist auch bei ihren neuen Anordnungen mit Weit- 
herzigkeit zu Werke gegangen. Verfolgt man im einzelnen die Spuren dieser 
Weitherzigkeit in der Konstitution, so gewahrt man mit Staunen, daß die 
vielgeschmähte kirchliche Gesetzgebung über Bücherverbote nicht bloß gut 
und vernünftig, sondern sogar milde und freisinnig erscheint. Es lohnt 
sich, dies wenigstens in Kürze zu zeigen. 

Manche Kritiker des Index reden so, als ob das natürliche Gesetz des 
Gewissens und das der zwei Tafeln gar keinen Paragraphen über verbotene 
Bücher enthielte, oder als ob die Kirche sich dem Zeitgeiste so weit an- 
bequemen sollte, daß sie jene Paragraphen einfach außer Kurs setzte. Wie 
hat man nicht über das sogen. Bibelverbot gespottet! Man wird es auch 
femer tun, obwohl es ein solches Verbot gar nicht gibt. Von dem Original- 
text der Heiligen Schrift sowie von den alten Übersetzungen in eine tote 
Sprache, wofern diese Ausgaben von Katholiken stammen, ist in den all- 
gemeinen Dekreten überhaupt nicht die R^de. Diese sind also, was die 
Kirche angeht, einfachhin gestattet. Jeder Katholik darf aber auch — so- 
weit es auf das kirchliche Gesetz ankommt — die ganze Heilige 
Schrift in seiner Muttersprache lesen. Mit Fug und Recht wird aber keiner 
etwas als Gotteswort und Bibelwort ansehen, was ihm nicht als solches 
durch die von Gott gesetzte Hüterin und Erklärerin der Heiligen Schrift 
verbürgt wird. Die Kirche verlangt also, daß das gläubige Volk nur 
solche Bibelausgaben zur Hand nehme, unter welche sie zur Beglaubigung 
gewissermaßen ihr Siegel gesetzt, etwa durch die ausdrückliche Approbation 
des Apostolischen Stuhles selbst. Sie tut dies aber in der Regel durch die 
Bischöfe, welche wohlweislich aus den vernünftigsten, offenkundigsten Gründen 
nicht den bloßen Text, sondern diesen nur mit erklärenden Anmerkungen 
gutheißen. Wir denken eben mit Augustinus: «Ich würde selbst dem Evan- 
gelium nicht glauben, wenn mich nicht die Autorität der katholischen Kirche 
dazu vermöchte." ^ 

Man sollte meinen, das wäre freisinnig genug, wenn man noch dazu- 
ninmit, daß jeder Theologiestudierende jede andere Ausgabe der Heiligen 
Schrift, mag sie nun von einer Bibelgesellschaft oder sonst irgend einem 
Andersgläubigen herausgegeben sein, wofern sie nur nicht durch häretische 
Vorreden oder Kommentare gewissermaßen zu einem irrgläubigen Buche ge- 
stempelt wird, zur Hand nehmen und zu seinen Studien benutzen darf. 
So freisinnig erscheint uns dies alles, daß es gut sein wird, an Bestim- 
mungen des Naturgesetzes, die durch jene kirchliche Erlaubnis nicht auf- 
gehoben werden können, wenigstens zu erinnern. Das Naturgesetz besagt 
nämlich klar und bestimmt: Wenn die Lesung eines Buches — die Bibel 
nicht ausgeschlossen — dir schwere Glaubenszweifel bringt oder große Ge- 
fahren für deine Herzensreinheit, so darfst du dasselbe nicht lesen, auch 



* Gontr. epist. Manich., quam vocant fandamenti c. 5, n. 6 (Migne, Patr. lat. XLII 176). 



46 Milde der kirchlichen Büchergeaetze. 

dann nicht, wenn die Kirche ein solches Buch nicht verbietet. Für alle, 
welche auch nur eine oberflächliche Kenntnis haben von den tatsächlichen 
Wirkungen der Bibellektüre, besonders bei der Jugend, werden diese An- 
deutungen genügen. Man lasse sich nur einmal von der protestantischen 
Jugend aufrichtig die Stellen aus ihrer Bibel zeigen, zumal dem Alten Testa- 
mente, die da vielfach mit Vorliebe gelesen werden. Es kann deshalb nicht 
wundernehmen, daß protestantische Pädagogen schon längst die katho- 
lische Auffassung von den Wirkungen der Bibellektüre teilen und rundweg 
aussprechen ^. 

Scheinbar am strengsten ist die Kirche und ihr Gesetz gegenüber den 
Gebet- und Erbauungsbüchern und allen Büchern der Andacht und Belehrung 
für das christliche Volk. Sie verlangt nicht nur, daß alle diese Bücher vor 
ihrem Erscheinen der kirchlichen Zensur unterworfen werden, sondern erklärt 
auch von vornherein alle Bücher ähnlicher Art, welche sich der vorauf- 
gehenden Zensur entziehen, einfachhin als verboten. Wer jedoch etwas mit 
dieser Literatur vertraut ist und weiß, wie viel Unheil dieselbe besonders 
bei dem ungebildeten Volke anrichten kann, wird gerade an dieser Strenge 
sehen, wie die Kirche mit der Zeit Schritt hält und dem vernünftigen Ver- 
langen, auch wenn es von feindlicher Seite befürwortet wird, nachzugeben 
weiß. Es wird denn auch schwerlich über dieses Verbot bei Freund oder 
Feind eine Klage laut werden. Geklagt hat man in Wirklichkeit über ein 
anderes Verbot, welches in den früheren Regeln nicht oder wenigstens nicht 
in der Klarheit enthalten war, nämlich über das der schlechten Zeitschriften 
und Zeitungen. Aber genau besehen verbietet eben in dieser Materie das 
eigene Gewissen mit dem Gebote der Vernunft weit mehr als das kirchliche 
Gesetz. Dieses verurteilt nur Zeitschriften und Zeitungen, welche plan- 
mäßig Religion und gute Sitten angreifen, deren ganze Richtung also gegen 
Glauben oder Sitten geht. Und doch gibt es außerhalb dieses Rahmens 
noch manche andere Zeitung, die, wenn sie auch nicht gerade planmäßig 
(data opera) jenes Ziel verfolgt, dennoch nach dem Zeugnis der Erfahrung 
besonders bei Ungebildeten äußerst gefährlich wirkt. Zudem verbietet das 
Naturgesetz selbstverständlich auch das Lesen eines einzelnen Blattes, 
einer einzelnen Nummer einer von der Kirche nicht verbotenen Zeitung, 
wofern dieselbe für Glauben oder Sitten gefährliche Artikel enthält.. Also 
auch hier hat sich die Kirche auf das Notwendigste beschränkt und ist mit 
wahrer Milde verfahren. 

Am weitherzigsten zeigt sich das kirchliche Gesetz mit Bezug auf die 
sogen, klassischen Schriftsteller. In dem vierten Kapitel des ersten Titels der 
allgemeinen Dekrete, welches über die unsittlichen Bücher handelt, werden 
nämlich die Bücher der alten wie neuerer Klassiker, welche unsittliche und 
schmutzige Dinge enthalten, wegen der Feinheit und Reinheit der Sprache jenen 
gestattet, welche die Rücksicht auf ihren Beruf oder auf ihr Lehramt ent- 
schuldigt ; zum Unterricht der Jugend jedoch sollen nur sorgfältig gereinigte 
Ausgaben benutzt werden. Aber auch hier muß beachtet werden, daß das 

^ Vgl. Stimmen aus Maria-Laach L 242 ff. 



Der Index and die Gelehrten. 47 

Gebot der Vernunft und das Gesetz des Gewissens, welches in diesem Punkte 
wenigstens für einzelne Fälle strenger lautet, nicht außer Kraft gesetzt 
werden kann und soll. Doch kommt es für uns nur darauf an, zu zeigen, 
wie wenig dieKirche in ihrem Gesetze von Engherzigkeit geleitet war. 

In der Tat bleibt von der verschrieenen Strenge und Engherzigkeit der 
Indexregeln blutwenig übrig, wenn man vorurteilslos Paragraph um Paragraph 
mit den entsprechenden Forderungen des Naturgesetzes vergleicht. Aber sollte 
auch im einzelnen Falle das kirchliche Gesetz, welches Wohl und Wehe der 
Allgemeinheit berücksichtigen muß, zur Bitte um Dispens nötigen, so weiß 
jeder, mit welcher Bereitwilligkeit die Kirche gerade für solche Fälle der Not- 
wendigkeit die Erlaubnis erteilt, verbotene Bücher zu lesen. 

Die Milde und der Freisinn der Kirche in ihren Bücherverboten ist 
damit zur Genüge gekennzeichnet. Es wäre aber doch eine arge Täuschung, 
wollte man dieses weitherzige Verfahren der Kirche gewissermaßen als Rat 
auffassen, nun auch bei der Lesung gefährlicher Bücher bis an die Grenze 
des Erlaubten zu gehen, oder zu glauben, alles das, was durch die all- 
gemeinen Bücherdekrete nicht verboten, sei nun für jeden Einzelnen auch 
erlaubt. Wir sind vielmehr davon überzeugt, daß selbst diejenigen, welche 
durch ihren Beruf gezwungen sind, verbotene Bücher zu lesen, und besondere 
Erlaubnis dazu haben, einzig im Geiste der Kirche wie heiliger Klugheit 
handeln, wenn sie es nur mit der größten Vorsicht tun. Der große und ge- 
lehrte Bischof, der hl. Franz von Sales S dankt in seinen Schriften mit rührender 
Einfalt Gott dem Herrn, weil er ihn bei Lesung derartiger Bücher vor dem 
Verluste seines Glaubens bewahrt habe. Und der berühmte spanische Ge- 
lehrte Balmes sagte einst zu zweien seiner Freunde: „Ihr wißt, daß der 
Glaube tief in meinem Herzen wurzelt. Und dennoch kann ich kein ver- 
botenes Buch lesen, ohne das Bedürfnis zu fühlen, mich wieder durch das 
Lesen der Heiligen Schrift, der Nachfolge Christi und des gottseligen Ludwig 
von Granada in die rechte Stimmung zu versetzen.^ ^ Es ist und bleibt eben 
ein alter Satz der Erfahrung, den der Heilige Geist in der Schrift ausspricht : 
^Wer die Gefahr liebt, kommt darin um.** 

Die Indezregeln und die Gelehrten. 

Aus der Natur des Büchergesetzes folgt ganz von selbst, daß die Ge- 
lehrten an und für sich zuerst und zumeist mit dessen Paragraphen in Be- 
rührung Icommen. Es begreift sich daher leicht, daß jetzt, nachdem die Kon- 
stitution Leos Xni. das Bücherverbot neu eingeschärft hat, die Frage auf- 
tauchen konnte, inwieweit denn überhaupt Gelehrte 3, Professoren, Forscher und 

^ Oeavres compl^tes de S^ Jeanne-Fran9oi8e de Chantal I (äd. Migne, Paris 1862) 1124; 
cf. Oeuvres compl^tes de S. Fran9ois de Sales VI (öd. Migne, Paris 1862) 1152. 

' Siehe Lorinser in: Briefe an einen Zweifler von Jakob Halmes', Regensburg 1864, 
Vorrede xn; vgl. ebd. 7. Brief 141—153. 

' Es sei hier bemerkt, daß, wenn die folgenden Erörterungen auf die Gelehrten zu- 
treffen, dies viel mehr (a fortiori) bei allen übrigen der Fall sein wird. In der Tat will 
daher dieses Kapitel im allgemeinen zeigen, daß, wie und warum das kirchliche Bücher- 
yerbot alle Katholiken verpflichtet. 



48 1^16 Paragraphen 23 und 25 des Büchergesetzes. 

Schriftsteller, diesem Verbote unterstehen. Der Wunsch als Vater des Ge- 
dankens wird gewiß dabei geneigt sein, die Frage in liberaler Weise zu 
Gunsten der Männer der Wissenschaft zu entscheiden i. Hier hat man es 
aber mit einem positiven Gesetze zu tun und muß man auf dieses selber 
mit dessen hierher gehörigen Bestimmungen zurückgehen, um auf jene Frage 
die richtige Antwort zu erhalten. 

In der Kommission, welche die Konstitution „Officiorum ac munerum'' 
ausarbeitete, soll ernstlich der Gedanke erwogen worden sein, die L^ung 
verbotener Bücher zu wissenschaftlichen Zwecken ganz freizugeben 2. Wenn 
es wirklich so gewesen wäre, dann hätte sich der Gesetzgeber schließlich 
nun doch zum Gegenteil entschlossen. Es will scheinen, daß Wortlaut und 
Sinn der Konstitution dies klar genug besagen. 

Zunächst bestimmt Nr 23 des Gesetzes mit Nachdruck, daß nur die 
(ii tantum), welche von der kirchlichen Obrigkeit die nötigen Vollmachten 
erhalten haben (opportunas fuerint consecuti facultates), verbotene Bücher 
lesen dürfen. 

Von dieser Erlaubnis heißt es dann Nr 25, daß die Bi^höfe an und für 
sich eine solche nur »für einzelne Bücher und nur in dringenden Fällen* 
geben können. Auch wird ebendort bedeutet, daß diese Vollmacht überhaupt 
„nur mit Auswahl und aus einem gerechten und vernünftigen 
Grunde'* (non nisi cum delectu et ex iusta et rationabili causa) zu ge- 
währen sei. 

Allerdings ist nun der Gebrauch verbotener Bücher zu wissenschaftlichen 
Zwecken ein gerechter und vernünftiger Grund, woraufliin Dispens verlangt 
und gegeben werden kann. Ja in ihrer Allgemeinheit umschließen diese 
wissenschaftlichen Zwecke eigentlich alle Gründe oder stellen den einzigen 
Grund dar, auf den hin die rechtmäßige Obrigkeit, wenn sonst kein Hindernis 
im Wege steht, die Erlaubnis geben kann. 

Wäre nun die Lesung verbotener Bücher zu dem genannten Zwecke 
einfachhin freigegeben, so wäre damit vielleicht das Wesentliche im Bücher- 
verbote aufgehoben, insoweit es kirchliches Gesetz, nicht auch Vorschrift 
des Naturgesetzes ist. Für die Kirche könnte kaum noch der Fall eintreten, 
Dispens erteilen zu müssen, weil der Hauptgrund, der eine solche notwendig 
machte, fortgefallen wäre. Die obengenannten Nm 23 und 25 wären alsdann 
ziemlich überflüssig und nichtssagend. 

Man wird oder kann einwenden, daß man jenes Privileg, jenes Frei- 
sein vom Bücherverbot durchaus nicht für die wissenschaftlichen Zwecke 
im allgemeinen verlange, sondern nur bei einer bestimmten Klasse von Ge- 



» Das Staatslexikon der Görresgesellschaft «, 31. Heft, Freiburg 1903, 636 ist 
nicht beim bloßen Wunsche geblieben, sondern stellt schon kurzweg den Satz auf: 

,. . . . Lesen und Besitz von namentlich oder durch die Indexregeln verbotenen Büchern 
ist allen denjenigen, deren Beruf die Lektüre und das Studium solcher Schriften verlangt, 
kraft der Epikie einfachhin gestattet, ohne daß irgend welche Dispens notwendig wäre.* 

Ob sich diese Ansicht halten läßt, muß hier geprüft werden. 

• Vgl. , Germania* 1902, Nr 18. — Nach unsern Informationen ist es nicht der 
Fall gewesen. 



Kirchliche Praxis hei Diapenserteilung. 49 

lehrten, seien es Professoren oder Schriftsteller, seien es Studenten, bei denen 
infolge ihrer amtlichen Pflicht oder ihres Berufes und Studiums ein 
dauerndes Bedürfnis, verbotene Bücher zu gebrauchen, vorliegt. 

Jedoch auch gegen diese Auffassung scheinen Wortlaut und Sinn der 
angeführten Nm 23 und 25 zu sprechen, da sie keine derartige Ausnahme 
zulassen; vielmehr selbst für dringende Fälle — wenn immer möglich — 
eine obrigkeitliche Erlaubnis verlangen. Bekräftigt wird diese schon an sich 
natürliche Deutung und Auslegung durch die voraufgehenden Nm 5, 6, 8 
und 10 ^ Hier wird eine Ausnahme zugelassen, sogar ausdrücklich legitimiert, 
aber auch genau beschränkt auf bestimmte Bücherklassen und 
Personen. Deshalb muß man nach dem Grundsatz: „Die Ausnahme 
bestätigt die Regel", zu der Überzeugung kommen, daß das Gesetz 
beispielshalber Theologieprofessoren und Philologen zum Einholen der facul- 
tates opportunae verpflichtet, wofern Nr 5 oder 10 sie nicht ausnimmt. 

Es wären ja auch wiederum diese letzteren Paragraphen bedeutungslos 
und weit überholt, wenn man überhaupt Gelehrte mit jenem dauernden Be- 
dürfiiisse als nicht unter das Gesetz fallend betrachtet. 

Der Sinn des Gesetzes geht ebenso klar aus der ständigen kirch- 
lichen Praxis bei Dispenserteilung hervor. Daß es steter Gebrauch 
war und ist nach wie vor dem Erlaß der Konstitution „Officiorum ac munerum", 
die Fakultät zum Lesen verbotener Bücher gerade auf den Grund eines 
dauernden wissenschaftlichen Bedürfnisses hin zu bewilligen, darf ja als be- 
kannte Sache vorausgesetzt werden. Allerdings beweist die Bewilligung 
einer erbetenen Erlaubnis allein noch nicht, daß eben diese gewährte Voll- 
macht nicht schon ohnedem vorhanden war. Aber erstens verleiht das Gesetz 
ausdrücklich das Recht, derartige Fakultäten zu geben, wie oben gezeigt 
wurde; es setzt dies auf der andern Seite die Pflicht voraus zur Einholung 
jener Vollmachten. Zweitens beweist die regelmäßig auf einen bestimmten 
Grund hin und zu einem bestimmten Zwecke verliehene Vollmacht nun doch, 
daß sie nicht ohne diese Bewilligung da war. Es zeigt nämlich diese Praxis, 
daß der Gesetzgeber, falls er vernünftig handeln will, den vorliegenden Fall 
im Gesetze einbegriffen hat und er deshalb eine Erlaubnis oder Dispens für 
nötig erachtet. Somit widerlegt Wortlaut und Sinn des Gesetzes mit 
der kirchlichen Handhabung desselben den obigen Einwand und 
bestätigt, daß es nach dem Willen des Gesetzgebers keine Ausnahmen gibt 
außer denen, welche im Gesetze namentlich aufgeführt werden. 

Es gibt überhaupt eine dreifache gültige Gesetzesinterpreta- 
tion, welche dartun kann, daß die Verpflichtung eines Gesetzes für bestimmte 
Fälle oder Personen nicht in Anwendung kommt: die authentische, die der 
Gewohnheit und die Auslegung der Rechtsgelehrten. 



^ Es handelt sich in Nr 5 um hestimmte Ausgaben der Heiligen Schrift und um Per- 
sonen, welche zu ihren theologischen oder bihlischen Studien solche Editionen benötigen. In 
Nr 10 aber werden Klassiker, ältere wie neuere, die unsaubere Sachen enthalten, nur denen 
gestattet, welchen ihr Amt oder Lehrberuf solche Lektüre notwendig macht. 

Hilgers, Der Index Leos XIIL 4 



50 Dreifache Interpretation. 

Eine authentische Erklärung, welche die Gelehrten oder bestimmte Klassen 
derselben von der Verpflichtung des Bücherverbotes einfachhin ausnähme, gibt 
es nicht. Ja nach dem oben Ausgeführten darf man auch weiter gehen und 
behaupten, daß die authentische Erklärung des Gesetzes, wie sie sich natur- 
gemäß aus dessen Wortlaut und Sinn sowie aus dessen Handhabung und An- 
wendung ergibt, jene Klassen ausdrücklich mit einschließt und verpflichtet. 

Die Interpretation, welche durch die Gewohnheit schließlich eingeführt 
wird und Gültigkeit erlangt, kann man im vorliegenden Falle auch nicht 
gegen das Gesetz anrufen; denn eine solche Gewohnheit hat nie zu Recht 
bestanden, und wenn es je eine solche gegeben hätte, wäre sie — weit davon 
entfernt, durch die neue Konstitution legitimiert zu sein, durch dieselbe als 
aufgehoben zu betrachten^. 

An dritter Stelle kommt die Auslegung des Gesetzes durch die Doktoren. 
Hier könnte man freilich entgegenhalten, daß die Kanonisten, die Moralisten 
unsem Fall vom dauernden Bedürfnis, z. B. beim Theologieprofessor, bislang 
noch nicht in Erwägung gezogen haben. Darauf läßt sich aber manches 
antworten; abgesehen davon, daß damit das Fehlen der Interpretatio doctorum 
schon zugegeben ist. Man kann nämlich erwidern: erstens, wenn die 
Moralisten der Ansicht waren oder sind, daß in dem angezogenen Falle das 
Bücherverbot nicht verpflichtet, mußten sie es notwendig sagen und würden 
es zweifelsohne klar ausgesprochen haben. Denn es handelt sich ja hierbei 
um einen ebenso wichtigen wie praktischen Punkt im Gesetze, der eine ganze 
Klasse von den Untergebenen des Gesetzes betrifft — eine ganze, verhältnis- 
mäßig nicht kleine Klasse, zu der sie überdies selber gehören. Zweitens, 
wenn und wo daher die Moralisten zu unserem Falle schweigen, muß man 
einfachhin annehmen, daß sie es tun, weil ihnen die Verpflichtung für alle 
ohne die obige Ausnahme als zu klar und selbstverständlich gilt. Daß nun 
dies letztere wirklich ihre Ansicht ist, zeigt drittens die Art und Weise, wie 
sie im sehr beschränkten Einzelfalle eine Ausnahme zulassen. 

Der hl. Alfons berührt unsere Frage hauptsächlich an drei Stellen, 
ausführlicher in seiner Dissertation über das Bücherverbot ^ und dann in der 
Moraltheologie ^ im 1. und im 7. Buche. An dieser letzten Stelle drückt 
er sich dem Sinne nach genau wie an jenen beiden andern, ungefähr folgender- 
maßen aus: , Jemand, welcher häretische, unter Exkommunikation verbotene 
Bücher liest, entgeht dieser Zensur auch dann nicht, wenn er ein solches 
Buch liest, um den Irrtum zu widerlegen, und ohne eigene Gefahr der Per- 
version. Eine Einschränkung darf man dennoch machen, wenn nämlich ein 
Gelehrter diese Bücher liest in der sichern Hoffnung, einen Irrgläubigen zu 
bekehren. Alsdann kann man annehmen (probabiliter^, daß durch Epikie 
(ex epikeia) der Leser des häretischen Buches entschuldigt wird, wenn er zur 



1 Vgl. Franz Heiner, Katholisches Kirchenrecht II*, Paderhom 1901, 247 248; 
Ph. Schneider, Die neuen Büchergesetze, Mainz 1900, 40; Wernz, Ins decretalium 
III 111. — S. auch Decr. S. C. Ind. 19 maii 1898. 

' Dissertatio de prohibitione librorum c. 5, n. 1 et 2. 

' Theo], moral. Üb. 1 de legibus n. 199; lib. 7 de censuris n. 283. 



Die Interpretation der Doktoren. 51 

Überzeugung des Irrgläubigen dieser Lesung notwendig bedarf, wofern Gefahr 
im Verzuge ist und man sich nicht nach Rom oder anderswohin wenden kann/ 

Irren wir nicht, so geht aus diesen Worten hervor, daß nach dem 
hl. Alfons, der übrigens durchaus nicht allein mit seiner Ansicht dasteht, 
in allen andern Fällen von Entschuldigung oder Selbstdispens keine Rede 
sein kann. Ja nach ihm mu£ man sich auch in diesem Falle, wenn anders 
es möglich ist, nach Rom oder anderswohin wenden, um die nötige Erlaubnis 
zu erhalten. 

Kaum wird es nötig sein , darauf aufmerksam zu machen , daß es sich 
im Falle des hl. Alfons um fähige Gelehrte handelt, bei denen einerseits 
keine Gefahr von der Lesung zu befurchten ist, die anderseits nicht bloß 
der siegreichen Verteidigung der Wahrheit, sondern auch der Bekehrung des 
Irrenden moralisch gewiß sind. Trotzdem will er die Lesung ohne eingeholte 
Erlaubnis eben nur für diesen seltenen Einzelfall zugestehen, „modo peri- 
culum sit in mora nee pateat recursus ad Romam vel alio^. Streng ge- 
nommen läßt der hl. Alfons also hier nur eine Entpflichtung von der Vor- 
schrift, Dispens einzuholen, eintreten, wodurch er ausdrücklich die allgemeine 
Verpflichtung des Gesetzes auch für solche Personen und in solchen Fällen 
zugibt oder vielmehr aufstellt. 

Wenn es richtig ist, was oben über die Paragraphen der Konstitution 
„Officiorum ac munerum'' beigebracht wurde, so hätte der Gesetzgeber genau 
die Ansicht des hl. Alfons adoptiert und klarer als früher im Gesetze 
festgelegt. 

Schon vorhin wurde angedeutet, daß der hl. Alfons in diesem Punkte 
durchaus nicht eine Sondermeinung vorträgt. Weitläufig und bestimmt genug 
findet sich die Lehre schon bei Suarez^ und Lugo^. Diese beiden stellen 
sich ausdrücklich die Frage, ob nicht irgend einer oder eine Klasse von 
Personen frei vom Bücherverbote sei, und beantworten dieselbe verneinend. 
Selbst Laymann^, obgleich im Einzelfalle für „Deutschland'' etwas milder 
urteilend, kommt schließlich auf dasselbe hinaus. 

In neuerer und neuester Zeit aber schweigen die Kommentatoren der 
Konstitution „Officiorum ac munerum" nicht zu unserer Frage. Mehr oder 
weniger klar und deutlich schließen sie sich alle^, welcher Nation sie auch 
angehören, der Lehre des hl. Alfons an. Soweit wir sehen, findet sich da- 
gegen kein einziger, der den Gelehrten oder einer Klasse derselben wegen 
des dauernden Bedürfiiisses verbotener Bücher ein Privileg einräumte. Man 
darf darum wohl behaupten, daß die Gesetzesauslegung der Lehrer des 
Rechts und der Moral die Männer der Wissenschaft, wie Professoren der 



» De fid. theol. disp. 20, sect. 2, n. 26—28. 

« De virt. fid. div. disp. 21, sect. 2, § 2, n. 61—70. 

" Theol. moral. lib. 2 , tr. 1 , c. 15 , n. 5. Laymanns Worte lassen sich leicht miß- 
deuten, würden aber alsdann yiel zu viel besagen und deshalb nichts beweisen. 

* Vgl. Boudinhon 180; Hollweck (2. Aufl.) 37 f; Lehmkuhl, TheoL moral. 
n(ed. 10, 1902), 817 sq; Pennacchi 163 171 176 sq; Pöries 133 147; Ph. Schneider, 
102 f (s. auch 44); Vermeersch (ed. 3) 117 (cf. 29); Wernz, Jus decretelium III 

108 110. 

4* 



52 Epikie. 

Theologie und Oeschichte, gleich den übrigen für verpflichtet erklärt, bei der 
kirchlichen Obrigkeit Dispens vom Bücherverbot einzuholen. 

Der hl. Alfons und alle Autoren, welche seine Ansicht teilen, lassen 
die Entpfllichtung vom Gesetze in dem obengenannten Ausnahmefalle durch 
Epikie eintreten. Und in der Tat kommt hier die eigentliche Epikie zur 
Anwendung, so wie sie bei Aristoteles^ und dem hl. Thomas ^ erklärt wird. 
Die Epikie ist nämlich nichts anderes als eine Selbstinterpretation des Ge- 
setzes, nicht nach dem strengen Wortlaut desselben, sondern nach vernünftiger 
Billigkeit. Man sagt sich : Dieser mein Fall ist wohl vom Buchstaben des Gesetzes 
getroffen, nicht aber vom Willen des Gesetzgebers, der selbst auch so urteilen 
und mich als nicht durch das Gesetz gebunden erklären würde, wenn ihm die 
Sache zur Entscheidung vorläge. Fragt man, warum denn der Gesetzgeber 
nicht von Anfang an diesen meinen Ausnahmefall durch das Gesetz und in 
demselben als solchen legitimiert hat, so erwidert man mit Aristoteles und 
St Thomas : Das Gesetz ist allgemeiner Natur und kann nicht alle möglichen 
partikulären Fälle, die eine Ausnahme heischen, berücksichtigen. 

Hieraus folgt nun schon, daß die eigentliche Epikie überhaupt nur in 
Partikularfallen zur Anwendung kommen kann. Ist nämlich ein Gesetz, wie 
es zu seinem Wesen gehört, gut und vernünftig, so wird es und muß es auch 
in seiner Fassung klar genug sein. Es geht nicht an, ganze Klassen von 
Personen, die an und für sich dem Gesetze unterstehen, allgemein und 
für immer durch Epikie auszunehmen. Wäre das Gesetz wirklich dunkel, so 
würde von selbst gar bald die eine oder die andere oder alle drei Interpreta- 
tionsweisen die Dunkelheit aufklären, zumal wenn es sich um eine wichtige 
und zugleich praktische Sache handelt. In der Tat scheint hier kein Platz 
zu sein für die Selbstinterpretation der Epikie. Und da liegt wohl der tiefere 
Grund, weshalb Epikie überhaupt nur in Einzelfällen Anwendung findet. 

Wenn man beim Bücherverbot eine von selbst eintretende Befreiung 
infolge der Amtspflicht eines heutigen Theologieprofessors zugibt oder ver- 
langt, wird man dieselbe auch dem Geschichtsprofessor, auch den Schrift- 
steilem der Theologie und Geschichte, auch den Universitätsstudenten dieser 
Wissenschaften und schließlich wohl auch den Gelehrten und Studierenden 
der andern höheren Disziplinen zugestehen müssen ; denn daß dieses Bedürf- 
nis des Gebrauches verbotener Bücher beim Philosophen oder Juristen seltener 
eintritt als beim Theologen, ändert ja nichts an der Forderung der Amts- 
pflicht. Aber beschränke man jene Selbstbefreiung durch die Amtspflicht 
noch so sehr, immerhin wird noch eine ganze Klasse bleiben, die von einem 
sehr wichtigen Gesetze in dessen wichtigstem Punkte einfachhin befreit würde 
— es handelt sich ja hier zunächst um häretische Bücher, die unter der 
schwersten Exkommunikation verboten sind — , eine ganze Klasse von Per- 
sonen, die nach allgemeiner Ansicht überhaupt dem Bücherverbote unter- 
worfen bleiben, auch selbst dann, wenn das dem kirchlichen Gesetze zu Grunde 
liegende Naturgesetz für sie ohne Bedeutung wäre. Das wird man schwer- 



» Ethic. üb. 5, c. 10. « Summa theol. 2, 2, q. 120. 



Zweck des Bücherverbotes. 53 

licli noch für einen Partikularfall halten, in dem von Epikie die Rede sein 
könnte K 

Wie schon vorhin bemerkt, müßte und würde eine solche Befreiung 
vom Gesetze durch eine andere gültige Interpretation gutgeheißen werden, 
wenn sie legal sein sollte. Ja es müßte und würde der Gesetzgeber schon 
bei Abfassung des Gesetzes eine derartige wesentliche Befreiung ausdrücklich 
in dasselbe aufgenommen haben. In Wirklichkeit ist das aber nicht der Fall, 
und man muß daraus schließen, daß eine solche nicht existiert. 

Wenn nicht einziger, so doch Hauptzweck des Bücherverbotes ist 
Schutz von Glaube und Sittlichkeit. Nimmt man nun auch an, daß dieser 
Zweck für einen Einzelnen wegfallt, so bleibt dennoch, abgesehen yon dem 
Ärgernis, das ein solcher durch das Lesen verbotener Schriften geben könnte, 
ein anderer Zweck des Gesetzes bestehen. Nebenzweck des Bücherverbotes 
— der vom Hauptzweck in dessen allgemeinster Ausdehnung umschlossen 
wird — ist es ja, die gefährliche, verderbliche Literatur nach Möglichkeit 
einzuschränken, von den Gläubigen fernzuhalten, zu verdrängen und schadlos 
zu machen. Dieser Zweck hört nicht auf, wenn auch für den Einzelnen gar 
keine Gefahr bei der verbotenen Lektüre vorläge. 

Überdies wird in der Tat weder für die Gesamtheit der Gelehrten 
noch für einzelne Klassen derselben, ja kaum für den Einzelnen der Haupt- 
zweck je vollständig in Wegfall kommen. Die traurigsten Erfahrungen aus 
aUen Zeiten belehren genugsam darüber, daß auch die Gelehrtesten, besonders 
bei dauernder Lesung verbotener, zumal häretischer Schriften geföhrdet sind. 
Wer sich da einfachhin für unverletzlich hielte, wäre gerade dadurch in der 
ungeeignetsten Verfassung und am wenigsten gegen die Gefahr geschützt. 
Jedenfalls wäre der Gefahr der Selbsttäuschung, dem periculum hallucinationis, 
Tür und Tor geöffnet, wenn es da den Einzelnen freistände, sich mit einem 
solchen Urteile über das Verbot gefährlicher Bücher hinwegzusetzen. 

Es ist wahr, daß eine Anzahl von Moralisten behauptet, für den Einzel- 
fall höre die Verpflichtung des Gesetzes auf, wenn der Zweck desselben hin- 



^ Epikie kann nur beim menschlichen Gesetz angewendet werden, und fügen wir hinzu, 
um 80 eher, je minderwertiger das Gesetz ist. Denn da die Gesetze menschlicher Obrigkeit 
nicht verpflichten, wenn ihre Erfüllung mit schwerem Nachteil verbunden ist, dieser Nachteil 
aber relativ zum Werte und zur Würde des fraglichen Gesetzes zu verstehen ist, wird aueh bei un- 
wichtigen Gesetzen eher der Fall eintreten, daß ein Einzelner sich davon entbunden halten kann. 

Daraus ergibt sich, daß Epikie leicht am Platze sein wird bei kirchlichen Bestimmungen 
über musikalische Dinge, die zum Gottesdienste gehören. Bei FäUen, in denen die genaue, 
strenge Beobachtung der kirchlichen Vorschriften dem Volke, das anders gewohnt ist seit 
undenklichen Zeiten, wirklich Ärgernis geben würde, müßte schon wegen des Widerstreites 
der Pflichten das minderwertige positive Gesetz weichen. Aber auch dort, wo nur minder 
schwere Gründe vorliegen , kann hierbei leichter durch Epikie Dispens eintreten , weil man 
doch jene Vorschriften nicht für schwer verpflichtend halten darf; man müßte denn in 
extremem Übereifer solche der heiligen Feier mehr nebensächliche Dinge den wesentlichen 
Meßvorschriften für den Priester gleichsetzen wollen. 

Es begreift sich auch leicht, daß gerade bei diesen musikalischen Bestimmungen die 
Verschiedenheit der Zeiten und Sitten, der Länder und Leute fast von Ort zu Ort neue und 
andere Schwierigkeiten bringen und somit so recht die Partikularfälle hervorrufen kann, 
welche das Feld der Epikie sind. Vgl. Kienle, Maß und Milde, Freiburg 1901, 155 ff. 



54 Aufhören der Yerpflichtong menschlicher Gesetze. 

fällig wird. Aber auch diese verlangen dazu ein vollständiges Aufhören des 
ganzen Zweckes, so daß praktisch bei der Anwendung dieser Doktrin kaum 
ein Unterschied wahrnehmbar ist zwischen den Vertretern derselben und jenen 
der theoretisch strengeren Ansicht. Wie dem aber auch sein mag, in Wirklich- 
keit stimmen die Autoren bei dem Bücherverbote alle, auch die, welche sonst 
freieren und milderen Anschauungen huldigen, mit dem hl. Alfons darin 
überein, daß der Gesamtzweck dieses Verbotes nie ganz aufhöre und dafi 
deshalb auch nicht aus diesem Grunde (der cessatio finis) eine Dispens oder 
Befreiung vom Gesetze eintreten könne. 

In unserem besondern Falle handelt es sich nun überdies um den 
dauernden Gebrauch verbotener, zumal häretischer Bücher. Dieses 
sind aber zwei Umstände, weit davon entfernt, den Hauptzweck des Verbotes 
hinfällig zu machen, vielmehr recht dazu angetan, die Gefährlichkeit solcher 
Lesung noch zu steigern. Das Gesetz wird also auch für diesen Fall an und 
für sich verpflichtend bleiben. 

Der Zweck eines Gesetzes kann einfachhin wegfallen, wie die Rechts- 
lehrer sagen: negative sive privative aufhören. Hiervon war eben die 
Rede. Derselbe kann aber auch contrario aufhören, nämlich so, daß dem 
Untergebenen durch, die Beobachtung des Gesetzes ein großer Nachteil ent- 
stehen würde. Die Moralisten nehmen mit Recht an, daß ein menschlicher 
Gesetzgeber, der diesen großen Nachteil des Einzelnen nicht vorausgesehen 
hat und kaum voraussehen konnte, in solchem Falle nicht verpflichten will. 
Es ist die Anwendung des Axioms: „Das menschliche Gesetz verpflichtet 
nicht (cum gravi incommodo) unter schwerem Nachteil.* Hier würde der 
große Verlust, welcher den Zweck des Gesetzes contrario aufhören macht und 
sozusagen ins Gegenteil verkehrt, eine causa excusans a lege, ein gültiger 
Entschuldigungsgrund sein. 

Ist nun für die Gelehrten oder für einen Teil derselben ein derartiger 
Entschuldigungsgrund vorhanden, so daß das Bücherverbot für ,sie seine ver- 
pflichtende Kraft verliert? Bevor die Frage beantwortet wird, müssen einige 
Vorbemerkungen gemacht werden. 

Erstens : unter jenem incommodum magnum, jenem schweren Nachteile, 
von dem hier die Rede ist, wird ein außergewöhnlich eintretender, 
vom Gesetzgeber nicht vorhergesehener, gegen den er daher 
auch kein Hilfsmittel aufgestellt hat, verstanden. 

Zweitens: ein solcher Nachteil entschuldigt immer nur nach dem Willen 
des Gesetzgebers (secundum voluntatem legislatoris sive expressam sive 
rationabiliter praesumptam) , ob er nun hinlänglich erklärt hat, er wolle in 
bestimmten Fällen nicht verpflichten, oder ob es durch sich klar ist, daß die 
Absicht, auch hierin verpflichten zu wollen, weil unvernünftig ihm fern- 
liegen muß. 

Wendet man sich jetzt dem Bücherverbot zu, so ist hier die für die Ge- 
lehrten daraus erwachsende Schwierigkeit per se wesentlich mit dem Gesetze 
und dessen Beobachtung verbunden. Der Gesetzgeber kennt diese Schwierigkeit 
sehr gut ; gleichwohl erläßt er das Gesetz, nicht nur ohne einer solchen Aus- 
nahifte zu gedenken, sondern in einer Weise, daß (wenigstens aequivalenter) 



Das Bachenrerbot im Vergleich zu andern Kirchengesetzen. 55 

die Gelehrten samt und sonders mit den Theologen als unter das Gesetz 
fallend bezeichnet werden. Dies ist oben schon dargetan worden. Und 
wozu sonst das ganze neunte EapiteP des ersten Titels der Konstitution? 
Hier ist ja vom Gesetzgeber ausdrllcklich ein leicht anwendbares Mittel an 
die Hand gegeben, um jener Schwierigkeit abzuhelfen. Dadurch schrumpft 
das incommodum magnum tatsächlich auf die Unbequemlichkeit zusammen, 
die kirchliche Obrigkeit um Erlaubnis oder Dispens angehen zu müssen. 

Zudem müßte in unserem Falle die entschuldigende Schwierigkeit, weil 
relativ zur Wichtigkeit des Gesetzes, nicht bloß groß, sondern sehr groß sein. 
Wo aber gibt es ein kirchliches Gebot, welches etwas unter der schwersten 
Strafe verbietet und von dem eine minder große oder mäßige Schwierigkeit 
ohne eingeholte Dispens entschuldigte? Dafür findet sich kein Beispiel! 

Es finden sich Beispiele für Kirchengesetze, bei denen infolge des 
schweren Nachteils, der großen Schwierigkeit in Erfüllung des Gebotes nicht 
bloß ein Einzelner, sondern selbst ganze Klassen entpflichtet werden. Gerade 
der Vergleich des Bücherverbotes mit solch andern kirchlichen Gesetzen 
muß zur Klärung unserer Frage dienen. 

Im kirchlichen Gebot der Sonntagsfeier sind die Ursachen der Befreiung 
von dieser Pflicht im Corpus Iuris selbst festgelegt, und der Katechismus- 
imterricht belehrt darüber groß und klein. 

Im Büchergesetze findet sich nichts ähnliches, und wenn dort kleinere 
Ausnahmen gemacht werden und Dispens erteilt wird, so bestätigen diese 
Ausnahmen, wie oben gezeigt wurde, nur die allgemeine Regel. 

Scheinbar könnte man vor allem aus dem Fastengebote einen Einwand 
gegen die allgemeine Verpflichtung des Bücherverbotes erheben; denn beim 
Fastengebot sieht man es am deutlichsten, daß einerseits ein kirchliches Ge- 
setz nicht verpflichtet, sobald aus der Beobachtung desselben ein verhältnis- 
mäßig bedeutender Schaden erwächst, und daß anderseits die entschuldigenden 
Gründe ganze Klassen von Personen vom Gesetze befreien. 

Man wird jedoch bald des großen, wesentlichen Unterschiedes zwischen 
Bücherverbot und Fastengesetz inne. Bei letzterem handelt es sich um ein 
rein positives Gesetz der Kirche; das Büchergesetz dagegen ist in seinem 
tiefsten Grunde ein strenges Verbot des Naturgesetzes, welches überdies von 
der Kirche noch mit ihrer Sanktion versehen ist. Verbote des Naturgesetzes 
verpflichten immer und für jeden Augenblick und können nicht durch die 
Größe oder Wichtigkeit irgend eines Gutes oder Verlustes aufgehoben werden. 
Gewiß kann die Gefahr der Lesung schlechter Bücher beim Einzelnen gering 
sein, so daß die Verpflichtung des Naturgesetzes für ihn sozusagen wegfiele ; 
aber es bliebe alsdann nach wie vor die strenge Pflicht der kirchlichen 
Sanktion. Die Gefahr der Selbsttäuschung in einer so wichtigen Sache ist 
Grund genug für die Kirche, ihr strenges, schwer verpflichtendes, allgemeines 
Verbot allgemein zu lassen, zumal das remedium, (das Hilfsmittel) der 
Dispens für den Notfall zur Hand ist. 

» S. 81. 



56 Bücher verbot und Fastengebot. 

Was den Zweck des Fastengebotes angeht, so ist er die Er- 
werbung der Abtötung; Hauptzweck des Bücherverbotes ist Be- 
wahrung und Schutz von Glaube und Sittlichkeit. Handelt es sich bei der 
Abtötung um eine mehr oder weniger nützliche und wichtige Tugend, dann 
beim Büchergesetze um das all erwichtigste Out eines Christen. 
Kann der Zweck der Abtötung auf hundert andere Arten erreicht werden, so 
ist und bleibt objektiv die schlechte Lektüre immer eine große Gefahr für 
das einzige Gut des Glaubens und der Sittlichkeit. 

Diesem wesentlichen unterschiede der beiden Gesetze entspricht nun 
auch die Verpflichtungsweise und die Fassung der kirchlichen diesbezüglichen 
Vorschriften. 

Das Fastengebot verpflichtet eigentlich nur den ausgewachsenen Menschen, 
den hominem perfectum, der durch das Fasten nicht in seiner Berufsarbeit 
gehindert wird. Alter, Schwäche, Arbeit sind somit die drei Ent- 
schuldigungsgründe für ebensoviele Klassen von Personen. Aber alles das 
ergibt sich deutlich sowohl aus dem Sinn und Wortlaut des Gebotes als 
aus den verschiedenen gültigen Interpretationen des Gesetzes. — Dagegen 
beim Bücherverbote, wo es sich objektiv um etwas viel Wichtigeres handelt, 
wo deshalb eine Ausnahme für eine ganze Klasse viel klarer vom Gesetz- 
geber müßte festgelegt sein, findet sich keine Spur davon, sondern in der 
Fassung, in der Auslegung und Anwendung des Gesetzes das Gegenteil, wie 
oben gezeigt wurde. 

Wie es klar ist, daß die Kirche nicht mit großem Schaden für die 
Gesundheit zum Fasten verpflichten will ; ebenso gewiß erscheint es nach dem 
Wortlaut und Sinne des Büchergesetzes, daß die Kirche die Gelehrten über- 
haupt oder einzelne Klassen derselben nur durch ihre ausdrückliche Erlaubnis 
von dem Verbote entpflichten will. 

Der hier angestellte Vergleich bestätigt also die allgemeine Verpflichtung 
zur Beobachtung des Bücherverbotös , er deckt aber zugleich die tieferen 
Gründe der Verschiedenheit zwischen dem einen und dem andern Gesetze, 
die ja in dem besondern Wesen und in dem eigentümlichen Zwecke jeden 
Gesetzes liegen müssen, klar und deutlich auf. 

Nach den obigen Ausführungen scheint die vorliegende Frage nicht 
eine noch unentschiedene Streitfrage zu sein, und man darf folgende Sätze 
aufstellen : 

1. In einem dringenden Einzelfalle, in dem Gefahr und Ärgernis 
möglichst ausgeschlossen ist und eine moralische Notwendigkeit das Lesen 
eines verbotenen Buches erheischt, darf dies geschehen, wenn man vorher 
die Erlaubnis weder von Rom noch von seinem Bischof einholen kann. Daß 
dies gestattet ist, folgt aus der Erlaubtheit der Epikie in einem solchen 
Falle und wird ausdrücklich vom hl. Alfons und überhaupt von den Mora- 
listen gelehrt. 

2. Für wenige bestimmte Klassen von Büchern und Ge- 
lehrten ist in den Nm 5, 6, 8 und 10 eine allgemeine Erlaubnis 
gegeben. 



Warum keine allgemeinere Dispens gegeben wurde. 57 

3. In allen andern Fällen, zumal bei dauerndem Gebrauch ver- 
botener Bücher, ist die ausdrückliche Erlaubnis der rechtmäßigen 
kirchlichen Obrigkeit notwendig und muß eingeholt werden. 

6eme mag es zugegeben werden, daß die Kirche auch anders hätte 
verfahren können. Es lassen sich aber sehr vernünftige und gewichtige 
Gründe beibringen, die zeigen, wie klug und weise sie handelte, indem sie 
jene allgemeine Befreiung nicht eintreten ließ. Wie eine Schlußfolgerung 
ergibt sich dies aus allem bisher Gesagten, und die folgenden Bemerkungen 
sollen dies noch dartun. 

Der Gebrauch, besonders der dauernde, verbotener, zumal häretischer 
Bücher ist objektiv immer eine große Gefahr, die zu meiden schon die Ver- 
nunft und das Naturgesetz befehlen. Keine Anltspiiicht als solche, etwa 
die eines Theologieprofessors oder des Universitätslehrers der Geschichte, be- 
seitigt diese Gefahr. Keine Amtspflicht und die Bezweckung keines noch 
so großen Gutes kann es an und für sich gutheißen, sich dieser Gefahr 
auszusetzen. 

Jene Gefahr kann für den Einzelnen besonders im Einzelfalle mehr 
oder weniger gering sein. In vielen, vielleicht in den meisten Fällen wird 
die Sache zweifelhaft sein und bleiben. Wenn nun da der Einzelne sich 
mit seinem Amte und der Notwendigkeit des dauernden Gebrauches solcher 
Bücher kurzweg entschuldigen könnte, würde für manche die Gefahr der 
Selbsttäuschung sehr nahe liegen und sehr groß sein ; für viele andere würde 
die Gewissenhaftigkeit immerfort noch Bedenken erregen, ob die Gründe hin- 
reichen, um sich der objektiven Gefahr aussetzen zu dürfen. Diese Beobachtung 
allein könnte genügen, um den Gesetzgeber zu veranlassen, allgemein die 
Dispens der kirchlichen Obrigkeit zu verlangen, das Einholen der Erlaubnis 
allen ohne Ausnahme vorzuschreiben. 

Femer: wenn es schon schwer und fast unmöglich wäre, zu be- 
stimmen, welche Amtspflicht und welche Notwendigkeit zum Gebrauche 
verbotener Lesung erforderlich wäre, so würde die Sache noch schwerer 
und verwickelter für den Einzelnen beim praktischen Gebrauch der verbotenen 
Bücher. Auch wenn er etwa für sein Amt mit privater Autorität die ver- 
botene Lesung als notwendig heischt, und wenn er bereits für seine Person 
jede ernstliche Gefahr als ausgeschlossen erklärt hat, bleibt noch eine andere 
schwer zu lösende Frage. Wie weit darf er gehen beim praktischen Ge- 
brauch verbotener Lektüre? Darf er jedes verbotene Buch lesen? Und 
wenn er z. B. aus katholischen Autoren die Ansichten des verurteilten Buches 
gleich gut eruieren kann, darf er sich dennoch des Originals bedienen? 
Theoretisch ist ja nicht schwer zu sagen, daß er nur so weit gehen darf, als 
der Entschuldigungsgrund reicht, die Amtspflicht mit der Notlage es verlangt. 
Praktisch aber würde der Gebrauch dieser Bücher mit den größten Schwierig- 
keiten und Zweifeln verbunden bleiben, zu deren Lösung schließlich dennoch 
die Einholung der Dispens erforderlich wäre. 

Auch die Beherzigung dieser Folgen und Schwierigkeiten mußten den 
Gesetzgeber bestimmen, das Gesetz allgemein verpflichtend zu belassen und 



58 ^^^ Gehorsam gegen das kirchliche Gesetz. 

zum Gebrauch verbotener Bücher allen das Nachsuchen der kirchlichen Er- 
laubnis vorzuschreiben. 

Es kommt noch ein anderes Moment hinzu, das man das übernatürliche 
nennen kann und das eben von katholischen Gelehrten nicht außer acht 
gelassen werden darf. 

Bei ständigem Gebrauch verbotener Bücher wächst an und für sich die 
Gefahr; dieselbe wird auch bei häretischen Büchern,, an die hier zuerst gedacht 
werden muß, besonders groß sein, weshalb denn auch gerade deren Gebrauch 
vom Gesetzgeber unter den schwersten Strafen untersagt ist. Ohne hier noch 
einmal an die traurigsten Beispiele der Vergangenheit erinnern zu müssen, 
ist es klar genug, daß jeder, auch der fähigste katholische Gelehrte, bei 
solcher Lesung und solchem Studium eines besondem übei*natürlichen Gna- 
denschutzes wohl bedürftig ist. Nun wird aber gerade die Gehorsams- 
leistung, jene Unterwürfigkeit, welche in der Bitte um Dispens sich offenbart, 
die beste Art und Weise sein, sich des Gnadenschutzes würdiger zu machen, 
während umgekehrt jene Zuversicht, jenes stolze Bauen auf die eigenen 
Kräfte und die eigene Vernunft die denkbar schlechteste Vorbereitung wäre. 
Warum sollte denn auch hierbei nicht das klare Wort des Heiligen Geistes 
zur Anwendung kommen: „Humilibus dat gratiam" (den Demütigen gibt 
er seine Gnade) ? Also auch hier wiederum Grund genug für die Kirche, von 
allen Gelehrten diese Unterwürfigkeit zu fordern. 

Das Bücherverbot ist ein ungemein wichtiges, besonders heutzutage, 
weil notwendiger Schutz der kostbarsten Güter des Christen. Das Bücher- 
verbot — wer kann es leugnen ? — , ist ein ungemein heikles, weil die mensch- 
liche Vernunft sich nicht bevormunden lassen will. Da dürfte hier gerade die 
rechte Stelle sein, auch einmal an die Wichtigkeit und den Wert des guten 
Beispieles der katholischen Gelehrten in diesem Punkte zu erinnern. Es 
wird ja kaum etwas geben , was gelehrt wie ungelehrt die treue, gewissen- 
hafte Erfüllung des Bücherverbotes so ans Herz legt und auf die große 
Gefahr schlechter Lektüre so nachdrücklich aufmerksam macht, als die Wahr- 
nehmung, daß die größten Gelehrten und solche, welche, menschlich gesprochen, 
am wenigsten Gefahr von der verbotenen Lesung zu befürchten hatten, in 
Gehorsam Erlaubnis zu solcher Lesung einholten. 

In diesem Sinne wirken heute noch die Aktenstücke über die Bewilligung 
derartiger Fakultäten, sei es an die Kardinäle der römischen Inquisition ins- 
gesamt, sei es an einzelne, wie den Kardinal Carlo Borromeo und den Kardinal 
Guilelmo Sirleto, sei es an den Franziskaner Michael von Medina und andere 
Gelehrte, die sich anschickten, gegen die Zenturiatoren zu schreiben^. Ur- 
kundlich finden sich derartige Dokumente heute noch in römischen Archiven. 
Und in diesem Zusammenhang mag auf eine Anmerkung hingewiesen werden, 
welche sich vor einigen Jahren in einer theologischen Zeitschrift ^ fand. Ein 
Münchener Gelehrter schreibt dort über verschiedene Autoren, welche im 
Index der verbotenen Bücher stehen oder standen, und bemerkt in einer 
Note: ,Es ist wohl unnötig, hervorzuheben, daß ich als Katholik es für eine 



» S. Anlage V. « .Katholik" 1895 I 194. 



Die Konstitution .Sollicita ac provida'. 59 

Gewissenspflicht hielt, von meinem Diözesanbischof die Erlaubnis zu begehren, 
die verbotenen Bücher lesen zu dürfen.* Der Gelehrte, dessen Name selbst 
bei den Protestanten Deutschlands einen guten Klang hat, ein Theologe, der, 
wie man aus all seinen Schriften sieht, nicht bloß ohne besondere Gefahr, 
sondern selbst zum Nutzen für die Kirche wie für die Wissenschaft sich viel 
mit dem Studium häretischer Schriften beschäftigte, hält es also dennoch für 
seine Gewissenspflicht, jene Erlaubnis einzuholen. Dankbarer muß man dem 
gelehrten Forscher für dieses sein Beispiel sein , das er in diesem freimütigen 
Geständnis allen gab, als für die darin enthaltene Zustimmung zu der hier 
verteidigten These. Im übrigen ist er dabei in der guten Gesellschaft des 
hl. Franz von Sales, welcher in ähnlicher Lage ganz ähnlich schrieb^. 

So wertvoll ist dies Beispiel der Männer der Wissenschaft, daß man 
sagen darf: Wenn es nicht schon Pflicht wäre, sich Dispens vom Bücher- 
verbote einzuholen, allein um des guten Beispiels willen täten die katholischen 
Gelehrten gut daran, sich eine Ehrenpflicht daraus zu machen. 

Prüfang und Verbot gefährlicher Bücher. 

Benedikt XIV. schickte seinem Index eine Konstitution vorauf, welche 
im einzelnen die genaue Methode vorschreibt bei Prüfung und Verurteilung 
von Büchern. Diese Konstitution „Sollicita ac provida* ist so weise 
und gerecht, daß Leo XIII., während er alle andern früheren Verordnungen 
aufhob, diese allein zu Recht bestehen ließ und sie dem ersten Teile seines 
Index als Schlußstein beifügte^. Damit erhielt sie aber auch aufs neue die 
päpstliche Sanktion durch Leo XIII. Es gibt die Konstitution außer den 
genauen, auch heute noch überaus zeitgemäßen Vorschriften, wonach die beiden 
römischen Kongregationen der Inquisition und des Index bei einem Bücher- 
prozeß verfahren müssen, nebenbei einen Einblick in jene Kongregationen 
selbst, die, wenn nicht einzig, so doch hauptsächlich bei den Bücherverboten 
in Betracht kommen. Daher soll hier aus diesem päpstlichen Schreiben alles 
Wesentliche ausgehoben werden. Freunde wie Gegner der Bücherverbote 
können denselben nur dann gerecht werden, wenn sie diese nach jener 
Konstitution beurteilen. 

Im geschichtlichen Überblick über die Büchergesetzgebung ^ wurde an- 
gemerkt, daß die römische Inquisition seit Paul IIL sich vielfach tait der 
Untersuchung und Verurteilung schlechter Bücher befaßte. Dies ist eine ihrer 
Aufgaben geblieben bis auf den heutigen Tag; Benedikt XIV. jedoch deutet 
an, daß dem Heiligen Offizium vor allem bestimmte Arten oder Klassen von 
Büchern zur Beurteilung vorgelegt würden, und föhrt dann fort: 

„Es ist gewiß, daß der hl. Pius V. der erste Begründer der Kongre- 
gation des Index* war, die alsdann von den folgenden Päpsten Gregor XIII., 
Sixtus V. und Klemens VIII. bestätigt wurde. Sie hat sozusagen zur einzigen 
Aufgabe, jene Bücher, um deren Verbot, Verbesserung oder Erlaubnis es sich 
handelt, zu untersuchen.'' 



» S. Anlage V. « Index S. 19—34. » S. 7. 

« S. oben S. 10 und Anlage VI. 



60 Prüfung verdächtiger Bücher. 

§ 1. Beiden Kongregationen gehörte Benedikt XIV. an, bevor er Papst 
wurde; er kannte genau ihr ganzes Verfahren und stellt beiden wegen der 
reifen Überlegung, der Ordnung und Vorsicht, mit welcher sie vorangingen, 
das beste Zeugnis aus. 

§ 2. Wenn er nun den Kongregationen eine Prozeßordnung genau 
vorschreibt, so sagt er dabei ausdrücklich, daß dieselbe nur der Form, nicht 
der Sache nach neu sei, da schon längst vordem dieselbe oder eine ganz 
ähnliche Methode befolgt wurde. Als Grund aber für die Festsetzung dieser 
Ordnung gibt er die ungerechten Klagen an, die vielfach laut wurden über 
jene kirchlichen Tribunale, als wenn dieselben willkürlich und oberflächlich 
Bücherverbote erließen. 

§ 3. Die Romanae universalis Inquisitionis Congregatio (die Römische 
Inquisition oder das Heilige Offizium) ist zusammengesetzt aus mehreren 
Kardinälen, die der Papst ernennt, aus einem Prälaten der Kurie, dem 
Assessor des Heiligen Offiziums, und dem sogen. Kommissarius, der aus 
dem Dominikanerorden genommen wird. Beigegeben sind diesen Beamten 
erstens eine Reihe von Konsul toren aus der Welt- und Ordensgeistlichkeit, 
zweitens, besonders zur Prüfung der Bücher, die sogen. Qualifikatoren. 

„In der genannten Kongregation kommen verschiedene, und zwar die 
wichtigsten Sachen zur Verhandlung, hauptsächlich Glaubensfragen und 
-prozesse; wenn aber irgend ein verdächtiges Buch bei ihr zur Anzeige ge- 
bracht und nicht, wie es für gewöhnlich der Fall ist, an die Kongregation 
des Index zur Beurteilung weitergegeben wird, weil sie der Sachlage und 
der Zeitumstände wegen selber darüber verhandeln will, so verordnen Wir 
gemäß dem Beschlüsse der Kongregation vom Mittwoch dem 1. Juli 1750, 
den Wir am darauffolgenden Donnerstage bestätigt haben, folgendes Gerichts- 
verfahren : 

§ 4. „Das Buch soll einem Qualifikator oder Konsultor übergeben 
werden, der nach genauem Studium desselben seinen schriftlichen Bericht 
darüber aufsetzt mit genauer Angabe der Stellen und Seiten, in denen sich 
die angemerkten Irrtümer finden. Dieser Bericht mitsamt dem Buche wird 
darauf den einzelnen Konsultoren zur Durchsicht zugewandt, damit sie in den 
gewohnten Montagssitzungen der Kongregation ein Urteil über Buch und 
Bericht fällen können. Ist dies geschehen, so erhalten die Kardinäle zugleich 
mit dem Buche und dem Berichte des ersten Zensors auch die Entscheidungen 
der Konsultoren, um in der Mittwochssitzung über die ganze Sache einen 
definitiven Beschluß zu fassen. Schließlich soll der Assessor alle Akten dem 
Papste vorlegen, der danach endgültig entscheidet. 

§ 5. „Handelt es sich um das Buch eines katholischen Verfassers, 
so soll dasselbe nach altem Herkommen, das durchaus beizubehalten ist, 
nicht auf das Gutachten eines Revisors hin verurteilt werden. Wenn daher 
der erste Konsultor für das Verbot des Buches ist, und wenn auch alle 
Konsultoren ihm hierin beistimmen, so soll dennoch einem zweiten Revisor 
ohne Nennung des Namens des ersteren dessen Bericht mit dem Buche selbst 
zu neuer Prüfung ausgehändigt werden. Stimmt dieser nun mit dem ersteren 
in seinem Endurteil überein, so werden beide Berichte an die Kardinäle ver- 



Das heilige Offizium und die Kongregation des Index. 61 

sandt, damit sie dementsprechend ihre Entscheidung treffen können. Weicht 
aber der zweite Revisor vom ersten ab und ist er der Ansicht, daß das Buch 
unbehelligt bleiben soll, so müssen beide Relationen einem dritten Revisor 
mit Verschweigung der Namen der beiden vorigen zugestellt werden. Und 
wofern der Bericht dieses dritten sich deckt mit der ersten Gesamtabstimmung 
der Konsultoren, soll derselbe sofort an die Kardinäle zur Beschlußfassung 
weitergehen. Im andern Falle müssen die Konsultoren nach Einsichtnahme 
dieser dritten Zensur von neuem abstimmen: und diese ihre Entscheidung mit 
allen ergangenen Berichten wird den Kardinälen vorgelegt, damit sie nach 
reifer Überlegung der ganzen Sache darüber ihr Urteil aussprechen. 

,So oft aber der Papst, sei es wegen der Wichtigkeit der Sache, um 
die es sich im Buche handelt, sei es des Verfassers und seiner Verdienste 
wegen oder auch um anderer Umstände willen, anordnet, daß die Entscheidung 
über ein Buch vor ihm in einer Donnerstagssitzung getroffen werde (wie 
Wir das selbst oft getan haben und es auch in Zukunft zu tun gedenken), 
sollen mit Wegfall der Prüfung in der Mittwochssitzung und des darauf- 
folgenden Berichtes des Assessors dem Papste und den Kardinälen alle 
Relationen und der Beschluß der Konsultoren vorgelegt werden; alsdann 
nämlich wird, nachdem die Kardinäle vor dem Papste ihr Urteil gefallt und 
ihre Stimme abgegeben haben, der Papst selbst das Endurteil sprechen, wo- 
fern man nicht in dieser Sitzung zu irgend einem andern Entschlüsse kommt. 

§ 6. „Auch die andere Kongregation des Index umfaßt mehrere 
vom Papste ernannte Kardinäle; einige derselben werden für gewöhnlich 
gleichzeitig beiden Kongregationen angehören. Einer der Kardinäle ist der 
Präfekt der Kongregation, ständiger Assistent ist der Magister 
sacri palatii, der Sekretär wurde stets aus dem Dominikanerorden 
genommen ^ Außerdem werden aus Welt- und Ordensklerus Konsultoren 
und Relatoren ernannt; hat ein Relator ein-, zwei- oder dreimal zur Zu- 
friedenheit der Kongregation seine Relation abgefaßt, so wird derselbe ge- 
wöhnlich auf Bitten der Kongregation vom Papste in die Zahl der Konsul- 
toren berufen." 

§ 7. Auf Qrund eines Gutachtens des Kardinals Quirini sowie einer 
Beratung einiger Konsultoren mit dem damaligen Sekretär Orsi wird für die 
Prüfung und Beschlußfassung der Indexkongregation folgendes festgesetzt: 

§ 8. «Da die Indexkongregation zur einzigen Aufgabe die Bücherzensur 
hat, wird sie seltener als das Heilige Offizium (mit seinen drei wöchentlichen 
Sitzungen) zusammenkommen. Deshalb soll der Sekretär, wie früher, die 
Anzeigen von verdächtigen Büchern entgegennehmen. Nachdem er vom 
Urheber der Anzeige deren Gründe erfahren hat, soll er selbst das Buch 
sorgfältig lesen und dazu zwei Konsultoren heranziehen, um mit ihrem Rat, 
wofern das Buch ihnen der Zensur bedürftig erscheint, einen sach- und fach- 
kundigen Relator für dasselbe zu bestimmen. Dieser muß genauen Bericht 
über das Buch erstatten. Darauf werden die Konsultoren in der fHiheren 



* Nur ein Sekretär war in den Anfängen der Kongregation (1571 — 1580) nicht Domini- 
kaner, nämh'ch der Franziskaner Antonius Posius. Vgl. S. 11 und Anlage VI c. 



62 Prozeßordnung. 

Congrogatio parva, die Wir von nun an Congregatio praeparatoria (vor- 
bereitende Sitzung) nennen, über Buch und Bericht abstimmen. Eine solche 
vorbereitende Sitzung soll allmonatlich einmal oder auch, wenn nötig, öfter 
vom Sekretär berufen werden, und es müssen daran außer dem Sekretär der 
Magister sacri palatii sowie sechs vom Sekretär bestimmte fachkundige 
Eonsultoren teilnehmen. Der Sekretär führt dabei das Protokoll über die 
Ansichten der Konsultoren , welches er zugleich mit dem Bericht über das 
Buch an die Kardinalskongregation sendet. Bei der allgemeinen Sitzung soll 
es genau gehalten werden wie bei der Prüfung von Büchern in den Sitzungen 
des heiligen Offiziums. Sache des Sekretärs ist es alsdann, nach Verurteilung 
eines Buches dem Papste über alles Bericht zu erstatten und sein Urteil 
entgegenzunehmen. '^ 

§ 9. Wohl zunächst für die Indexkongregation, aber bei ähnlichen 
Fällen auch für die Kongregation des Heiligen Offiziums, soll folgende Be- 
stimmung gelten: 

9 So oft es sich bei Bücherverboten um das Werk eines katholischen 
Mannes handelt, der nicht bloß in gutem Rufe steht, sondern sich auch 
bereits einen Namen gemacht hat, sei es durch andere Werke, sei es durch 
eben das Buch, welches zur Prüfung vorliegt, soll, wenn überhaupt an- 
gängig, nach altem Oebrauch die Klausel ,donec corrigatur^ oder ,donec 
expurgetur* (bis das Buch verbessert ist) dem Verbote beigefügt werden. Ist 
dies geschehen, so muß vor der Veröfientlichung des Dekretes dem Ver- 
fasser oder dessen Vertreter mitgeteilt werden, was am Buche auszumerzen, 
zu verändern oder zu verbessern ist. Geht der Verfasser darauf nicht ein, 
so wird das Dekret wie gewöhnlich veröffentlicht. Wenn aber er oder sein 
Vertreter nach der Verordnung der Kongregation eine neue Ausgabe des 
Buches mit den nötigen Änderungen veranstaltet, alsdann soll das Dekret 
des Verbotes unterdrückt werden : es sei denn, daß bereits eine große Anzahl 
der verbotenen Auflage verbreitet ist. In diesem Falle muß die Veröflfent- 
lichung des Dekretes so gehalten werden, daß jeder daraus ersieht, nicht die 
neue, verbesserte und erlaubte, sondern nur die verurteilte, vorhergehende 
Ausgabe des Buches sei verboten. 

§ 10. »Man hat Klage geführt, daß Bücherverbote ergingen, ohne vorher 
dem Verfasser Oelegenheit zur Verteidigung zu bieten. Wir wissen auch, 
was darauf geantwortet wurde, nämlich : es sei nicht erfordert, den Verfasser 
vorzuladen, da es sich nicht um Bloßstellung oder Verurteilung seiner Person, 
sondern um den Schutz der Gläubigen und die Abwendung der Gefahr handle, 
welche die Lesung des Buches bringe. Wenn dabei dem Namen des Ver* 
fassers ein Makel zu teil werde, so sei das eben nur eine indirekte Folge 
der Verurteilung des Buches. Wir wollen daher ohne Vernehmung der Ver* 
fasser erlassene Bücherverbote keineswegs mißbilligen, zumal anzunehmen 
ist, daß nichts von dem, was der Verfasser zu seiner und seines Buches 
Verteidigung hätte vorbringen können, von den Zensoren und Richtern un- 
beachtet blieb. Nichtsdestoweniger wünschen Wir gar sehr, daß die Kongre- 
gation, wie sie bisher des öfteren in solchen Fällen mit größter Billigkeit und 
Klugheit vorangegangen, so auch in Zukunft handle. Wo man es daher mit 



Regeln fftr die Eonsultoren. 53 

einem angesehenen, verdienstvollen Katholiken zu tun hat, dessen Werk 
nach den notwendigen Streichungen wieder erscheinen dürfte, möge man 
entweder den Verfasser selbst, wofern er es wünscht, vernehmen oder einen 
Eonsultor dazu bestellen, das Buch ex officio zu verteidigen. 

§ 11. 9 Wie bei wichtigen Anlässen in den Donnerstagssitzungen des 
Heiligen Offiziums, so sind Wir auch bereit, zu den Verhandlungen der Index- 
kongregation persönlich zu erscheinen, wenn die Wichtigkeit der Sache das 
fordern sollte. Im übrigen dürfen Bücher häretischer Verfasser, welche Irrlehren 
offen vortragen oder auch Bücher gefahrlicher, unsittlicher Art, sobald einmal 
diese Unsittlichkeit, oder jene Irrlehren feststehen, ohne weiteres selbst ohne 
Anwendung der obigen genaueren Maßregeln verboten werden (vgl. S. 27 u. 28 
1., 2. und 9. allgemeines Dekret der Konstitution «Officiorum ac munerum^). 

§ 12. «Auch in der Indexkongregation soll das Amtsgeheimnis streng 
imd genau wie in der Kongregation des Heiligen Offiziums beobachtet werden 
von den Relatoren, Konsultoren und Kardinälen in der Weise, daß niemand 
über die Sachen der Kongregation mit einem andern, der nicht zu ihr gehört, 
sprechen darf; der Sekretär jedoch hat das Recht, die Bemerkungen über die 
zensurierten Bücher deren Verfassern oder ihren Stellvertretern, aber nur 
diesen, auf Verlangen mitzuteilen; dabei darf jedoch weder der Name 
dessen, der das Buch zur Anzeige gebracht, noch auch der des Zensors ge- 
offenbart werden.* 

m 

§ 13. Alle Konsultoren müssen Männer sein nicht bloß tüchtig in der 
Wissenschaft, reif im Urteil, sondern auch erprobten Lebenswandels, frei von 
aller Voreingenommenheit oder Parteilichkeit, die nicht kennen ein Ansehen 
der Person, die frei und furchtlos nach Billigkeit und Wahrheit mit Besonnen- 
heit ihr Urteil fällen. 

Über die Zahl der Revisoren und Konsultoren gibt es keine genaue 
Bestimmung. Darüber etwas festzusetzen oder nicht, muß der Zukunft vor- 
behalten bleiben. Immer jedoch sollen unter denselben Welt- und Ordens- 
geistliche sein, Theologen und Kenner beider Rechte, Männer bewandert in 
den heiligen wie in den profanen Wissenschaften, damit nach der Mannig- 
faltigkeit der zur Anzeige gebrachten Bücher geeignete Beurteiler ausersehen 
werden können. 

§ 14. „Wir ermahnen die jetzigen und alle späteren Relatoren und 
Konsultoren zur Beherzigung und genauen Beobachtung folgender Regeln bei 
Prüfung und Beurteilung der Bücher: 

§ 15. I. „Sie sollen wohl bedenken, daß es nicht ihr Amt und ihre 
Aufgabe ist , um jeden Preis das ihnen überwiesene Buch zur Verurteilung 
zu bringen. Vielmehr müssen sie mit Fleiß und Besonnenheit das Buch 
durchstudieren und der Kongregation getreu der Wahrheit entsprechend ihre 
Bemerkungen und Gründe unterbreiten, damit diese sich ein richtiges Urteil 
bilden und nach Billigkeit und Gerechtigkeit entweder das Verbot oder die 
Freigebung des Buches beschließen kann. 

§ 16. n. »Zur Prüfung und Beurteilung eines Buches soll jedesmal ein 
fachkundiger Zensor ausersehen werden, der wohl bewandert ist in der 
Wissenschaft des betreffenden Buches. Sollte aber irrtümlicherweise einem 



64 Besonnenheit und Unparteilichkeit der Zensoren. 

Revisor ein Werk zur Durchsicht zugestellt werden, das ganz außerhalb des 
Bereiches seiner wissenschaftlichen Fähigkeiten liegt, so ist dieser vor Gott 
und den Menschen gehalten, dies alsbald der Kongregation oder dem Sekretär 
anzuzeigen, damit ein geeigneter Beurteiler bestellt werde. Dieses offene 
Geständnis aber kann ihm beim Papste sowohl als bei den Kardinalen nur 
zur Ehre gereichen. 

§ 17. III. „Über die verschiedenen Ansichten und Meinungen eines Buches 
müssen sie frei von jedem Vorurteil zu Gericht sitzen. Deshalb sollen sie 
alle Voreingenommenheit für eine bestimmte Nation, Familie, Schule oder 
Genossenschaft ablegen, alle Parteilichkeit beiseite setzen und als einzige 
Norm die Dogmen der heiligen Kirche vor Augen haben und die 
gemeinsame katholische Lehre, wie sie in den Beschlüssen der all- 
gemeinen Konzilien, in den Konstitutionen der römischen Päpste, in der überein- 
stimmenden Doktrin der Väter und Doktoren enthalten ist. Sie müssen sieh 
nämlich davon überzeugt halten, daß es nicht wenige Schulmeinungen gibt, 
welche einer Schule, Genossenschaft oder Nation als durchaus gewiß erscheinen, 
während sie von andern Katholiken, welche die entgegengesetzten Ansichten 
verteidigen, ohne alle Beeinträchtigung des Glaubens und der Religion ver- 
worfen und bekämpft werden mit Vorwissen und Erlaubnis des Apostolischen 
Stuhles, der jede Meinung in ihrem Grad von Probabilität unangefochten beläfit 

§ 18. IV. „Auch das müssen sie wohl beherzigen, daß man über den 
wahren Sinn eines Verfassers nicht urteilen kann, wenn man nicht das Buch 
vollständig liest und das, was er an verschiedenen Stellen bringt, miteinander 
vergleicht. Man muß zudem den ganzen Plan und Zweck des Schriftstellere 
wohl beachten und nicht nach einzelnen aus dem Zusammenhang gerissenen 
Sätzen sein Urteil fallen. Denn es kommt oft vor, daß ein Autor das, was 
er an einer Stelle nur streift und kurz und dunkel sagt, an anderer Stelle 
weitläufiger, klar und bestimmt entwickelt, so daß die Dunkelheit und das 
scheinbar Anstößige der ersten Stelle vollständig schwindet und diese als 
fehlerlos und unbedenklich erscheint. 

§ 19. V. „Wenn einem katholischen Schriftsteller, der im Rufe eines 
frommen und gelehiien Mannes steht. Ausdrücke zweideutiger Art ent- 
schlüpft sind, so verlangt die Billigkeit, seine Worte, wenn immer möglich, 
im guten Sinne zu deuten. 

§ 20. „Die Zensoren und Konsultoren sollen diese und ähnliche Regeln, 
wie sie sich bei den besten Schriftstellern, welche hierüber handeln, finden, 
immer vor Augen halten, um bei diesem wichtigen Gerichtsverfahren, des 
eigenen Gewissens eingedenk , weder den guten Namen der Verfasser noch 
auch das Wohl und Wehe der Kirche und der Gläubigen außer acht zu lassen. 
Eben zu diesem Zwecke fügen Wir noch zwei Punkte von Bedeutung hinzu.' 

§ 21. Zuweilen erscheinen Bücher, welche häretische Lehreji, dem 
Glauben und den Sitten äußerst gefahrliche Grundsätze anderer Verfasser 
auseinandersetzen und historisch aufzählen, ohne dieselben zu widerlegen. Was 
nun auch immer dabei die Absicht des Verfassers oder Herausgebers gewesen 
sein mag, da diese Art Bücher besonders bei den Einfaltigen sehr verheerend 
wirkt, so müssen die Revisoren wohl ihr Augenmerk darauf richten ond 



Schulmeinungen und Privatansichteu. 65 

;he Bücher wenn möglich verbessern lassen, sonst aber auf den Index der 
botenen Bücher bringen. 

§ 22. Wo es sich um die Verteidigung solcher Meinungen handelt, über 
che noch unter den katholischen Autoren und Schulen gestritten werden 
m, weil die Kirche darüber noch nicht entschieden hat, muß vor allem 
& gehalten werden. Hierbei dürfen die Gegner nicht einander schmähen 
l verspotten, schon deshalb nicht, um nicht den Guten zum Ärgernis, den 
retikem zum Gespötte zu werden. Sie müssen nicht weniger der evan- 
ischen Sanftmut und christlichen Liebe als der Wahrheit eingedenk sein. 

§ 23. Der Eifer und die Begeisterung für die alten Kirchenlehrer ver- 
g nie solche Gehässigkeit und Lieblosigkeit bei schriftstellerischen Streitig- 
ten zu entschuldigen. Es darf nicht geduldet werden, daß Autoren ihre 
vatmeinungen wie Glaubenssätze der Kirche andern aufdrängen und ihre 
^er des Irrtums oder gar der Irrlehre zeihen. 

§ 24. In dieser Bescheidenheit und Mäßigung und Sanftmut und Liebe 
der Widerlegung seiner Gegner ist der Doctor angelicus vor allen ein 
ster. Obgleich es daher erlaubt ist, von ihm in seinen Ansichten ab- 
deichen (quamquam diversa ab eo sentire liceat), so darf doch keiner in 
ehrten Streitigkeiten anders vorangehen als er. Das sollten sich merken 
rohl die, welche sich rühmen, ihn zum besondem Lehrer und Meister zu 
len, als auch alle die, welche in ihrer Doktrin von ihm und seiner Schule 
reichen. Deshalb müssen die Bücherrevisoren, eingedenk ihres Amtes, mit 
)r Zensur sich gegen die Zügellosigkeit schmähsüchtiger und liebloser 
iriftsteller wenden und sollen die Kardinäle der Kongregation darauf auf- 
rksam machen, damit diese ihnen entschieden und fest Einhalt gebieten. 

§§ 25 — 27. Mit apostolischer Autorität wird die Beobachtung aller 
ser Verordnungen und Bestimmungen eingeschärft und ihre Gesetzeskraft 
tätigt. 

Kein Aktenstück ist bei Beurteilung des Index und überhaupt der kirch- 
len Praxis der Bücherverbote so wichtig wie dieses Breve Benedikts XIV., 
nunmehr, von Leo XIII. adoptiert und neu sanktioniert, auch für die 
cunft volle Geltung hat. Weder die Verteidiger des Index noch auch 
I noch viel weniger die Gegner desselben haben demselben genügende 
kchtung geschenkt. Ebendeshalb wurde es oben in dieser Ausführlichkeit 
dergegeben, die uns anderseits eines Kommentars enthebt, da die Worte 
I Gedanken Benedikts klar ^enug sind. Wenige Bemerkungen dürften 
ügen, um das Rationelle ebenso wie das Zeitgemäße der Konstitution her- 
treten zu lassen. 

In den §§ 22 — 24 ist die Rede von Büchern, welche zur Verteidigung 
nsser Ansichten und Schulmeinungen geschrieben werden, die nicht zur 
gemeinen Lehre der Kirche gehören. Solche Bücher, die an und für 
i erlaubt sind, können der Eintracht und dem Frieden verderblich werden, 
m sie zum Ärgernis der Gläubigen mit Schmähung und Herabsetzung oder 
Verketzerung der wissenschaftlichen Gegner vorangehen. Obgleich der- 
ge Bücher zum Glück in dem letzten Jahrhundert weit seltener geworden 

Ulgers, Der Index Leos Xni. 5 



6g Die Billigkeit des Gerichtsverfahrens. 

sind, als sie früher waren, so bleiben sie immer noch mehr als bloß möglieh. 
Selbst die ausgesprochenen Gegner des Index werden das Vorgehen gegen 
solche Bücher nicht bloß vernünftig, sondern auch lobenswürdig finden. Außer 
dieser Klasse von Büchern, welche verderblich sind mehr ihrer Form als 
ihres Inhalts wegen, kennt die Konstitution zwei andere Bücherklassen, die 
von einem Verbote getroffen werden können; denn jene Art von Büchern, 
welche im § 21 besprochen ist, fällt wiederum in diese beiden zurück. Es 
bleiben nur noch die glaubens- und die sitten gefährlichen Bücher übrig 
als Gegenstand des Index und des Bücherprozesses. Wohl ist es möglich 
und in Wirklichkeit schon oft der Fall gewesen, 'daß der kirchliche Gerichts- 
hof sich veranlaßt sieht, nicht bloß theologische Werke, sondern auch Bücher 
und Schriften anderer Disziplinen und Wissenszweige zu verurteilen. Dies 
aber nur deshalb, weil dieselben feindlich in das ureigenste Gebiet der Kirche 
einfielen. — Wie wahr das ist, geht aus der Norm hervor, nach welcher ein 
solches Buch geprüft und nötigenfalls verurteilt wird und allein verurteilt 
werden darf. 

In § 17 werden ausdrücklich als einzige Norm für die Richter fest- 
gesetzt: die Dogmen der heiligen Kirche und die allgemeine katholische Lehre, 
wie sie in den Beschlüssen der allgemeinen Konzilien, in den Konstitutionen 
der römischen Päpste, in der übereinstimmenden Doktrin der Kirchenväter 
und Gottesgelehrten enthalten sind. Und ebenso klar und deutlich werden 
als normangebend ausgeschlossen alle Privatansichten und Privatauslegungen, 
alle Schulmeinungen und seien es die des vornehmsten Kirchenlehrers. 

Man wird einwenden und sagen, auf die Norm käme es nicht an, sondern 
auf die Handhabung derselben. Aber auch dafür gibt die Konstitution die 
allerbesten Garantien, die unter Menschen möglich sind: nämlich erstens 
fach- und sachkundige Richter, wie das die §§ 16 und 18 beweisen, und 
zweitens unparteiische Richter, frei von jeder Voreingenommenheit, jedem 
Vorurteil, jeder vorgefaßten Meinung, wie dies die §§13 und 17 dartun. Zudem 
ist die Untersuchung und der Urteilsspruch nicht auf zwei Augen gestellt und 
einen Willen. Der Kautelen sind in den §§ 5, 8, 9 und 10 so viele gegeben, 
für irgendwie zweifelhafte Fälle sind der Instanzen innerhalb desselben Ge- 
richtshofes so viele, daß es wohl kaum im bürgerlichen Recht etwas ähn- 
liches gibt. 

Was aber schließlich noch mehr mit dem in der Konstitution ^Sollicita 
ac provida* vorgeschriebenen Gerichtsverfahren befreunden kann und muß, 
ist dessen Geist und ganze Tendenz, die sich am besten in den §§ 15, 18 
und -19 zu erkennen gibt: ein Geist nicht so sehr der strengen Gerechtigkeit 
als der rücksichtsvollsten Billigkeit und Milde, dessen Tendenz ausgesprochener- 
maßen darauf hinausgehen soll, ein zur Anzeige gebrachtes Buch, wenn immer 
möglich, unbehelligt zu lassen und freizugeben. 

Dieser Gerichtshof mit solchen Richtern und einem derartigen Gerichts- 
verfahren ward erst im Jahre 1753 förmlich sanktioniert, jedoch Benedikt XIV. 
bemerkt mit gutem Grunde, daß auch früher und stets in den Kongregationen 
dieselbe oder eine ganz ähnliche Methode geübt wurde. Deshalb darf denn 
auch für die Gerechtigkeit und Billigkeit dieses Tribunals seit dessen Bestehen 



Eopernikus. 67 

das Zeugnis der Geschichte angerufen werden. . Haben die Kongregationen 
im Falle Eopemikus-Galilei ^ geirrt, so beweist das eben, daß sie in ihren 
Urteilssprüchen nicht unfehlbar sind. Wenn aber die zahlreichen wissenschaft- 
lichen wie unwissenschaftlichen Gegner derselben die drei Jahrhunderte hin- 
durch bis auf unsere Tage immer von neuem den Geist Galileis gegen Index 
und Inquisition zur Anklage heraufbeschwören, dann muß ja wohl die übrige 
dreihundertjährige Geschichte ziemlich makellos dastehen. Ein Gerichtshof 
aber von solcher Dauer, dem die bitterste und schärfste Kritik nicht mehr 
Irrtümer und Fehlgriffe nachweisen kann, das muß ein Mustertribunal sein, in 
dem sich die Praxis mit der Theorie nach der Konstitution Benedikts XIY . deckt. 



' Vgl. Anlage XV. Wie wenig die römische Inquisition den Fall Galilei fOrchtet, hat 
sie neuerdings bewiesen, indem sie rückhaltlos die vollen Akten des Prozesses zur Ver- 
öffentlichung den Herausgebern der Werke Galileis überließ. — Wie weit zurück aber deutsche 
Gelehrtenkreise in der Galileiforschung noch sind, beweist ein Satz im Berliner «Tag'' Nr 569 
▼om 21. Dezember 1901: , Galilei wurde von den Jesuiten zum Widerruf ge- 
zwangen/ 

Bei dem harten Urteil, welches nur zu oft über die römischen Kongregationen gefällt 
wird, bedenkt man kaum, daß Galilei seine Verurteilung, die er übrigens durch sein 
ganzes Verhalten herausforderte, der Schwäche seiner Beweisführung 
zu verdanken hat. Am trefflichsten zeigt das der Astronom Adolf Müller zunächst in 
«Stimmen aus Maria-Laach* LH (1897) 361 — 372 und dann in seinem , Nikolaus Copemicus", 
Freiburg 1898, 121—146, sowie in seinem , Johann Keppler*, Freiburg 1903, 94—109. 

Das Monitum der Indexkongregation vom Jahre 1620 mit den im Werke des Eoper- 
nikus anzubringenden Korrekturen ist bekannt. In der Anlage XV geben wir das diesem 
Monitum vöraufgehende Votum der Kongregation, welches, in sich interessant, zugleich das 
Verfahren dieses Gerichtshofes im Anfange des 17. Jahrhunderts sehr gut illustriert. 



b* 



Wesen und Zweck des Kataloges der verbotenen Bücher. 

Im umgekehrten Verhältnis zur Bedeutung und Wichtigkeit des Gegen- 
standes hat man vielfach mehr Aufmerksamkeit dem eigentlichen Index der 
verbotenen Bücher geschenkt als den allgemeinen Regeln oder Dekreten. Viel 
bittere Kritik und manch herbes Wort ist infolgedessen dem Index zu teil ge- 
worden. In der Tat scheint aber diese harte Beurteilung zum großen Teil 
verursacht durch die schiefe Auffassung von Wesen, Zweck und Einrichtung 
des Index. Mehr als die Sache selbst hat man das Zerrbild im Auge gehabt, das 
man sich von dem Index gemacht hatte. Da möge es gestattet sein, eben sein 
Wesen und seinen Zweck ins rechte Licht zu rücken, bevor uns die Neugestal- 
tung desselben beschäftigt. Sollten dabei auch nicht alle Vorurteile schwinden, 
vielleicht gelingt es doch, manch unliebsames Urteil verstummen zu machen. 

Also zunächst: Was ist der Index? Es ist bereits hervorgehoben 
worden, daß der Index der verbotenen Bücher nicht die ganze kirch- 
liche Gesetzgebung über das Bücherwesen und verbotene Bücher 
enthält. Diese ist hauptsächlich enthalten in den allgemeinen Dekreten der 
Konstitution „Officiorum ac munerum" ^; damit darf man ihn nicht verwechseln. 
Daß die Beziehungen des Index zu jenen allgemeinen Bücherverboten und 
auch zum Naturgesetz die innigsten sein müssen, ist selbstverständlich. Hier 
wie dort handelt es sich um verbotene Bücher. Aber nun jenen Katalog ver- 
botener Bücher und diese Bücherdekrete als identisch ansehen, ist ein erster 
und Hauptfehler, vor dem selbst gelehrte Forscher bei Beurteilung und Ver- 
urteilung des Index sich nicht genug gehütet haben. Weder ausschließlich 
noch auch vorzüglich findet sich das kirchliche Gesetz über verbotene Bücher 
im Katalog des Index. Wer sagt: „Dieses oder jenes Buch steht nicht auf 
dem Index, also darf ich es lesen*', macht deshalb einen doppelten Trugschluß: 
denn ein solches Buch kann erstens noch durch die allgemeinen Regeln der 
Kirche und zweitens vom Naturgesetze verboten sein. Mit andern Worten: 
bei weitem nicht alle für Glauben und Sitten verderblichen Bücher werden 
auf den Index gesetzt, auch nicht alle kirchlicherseits verbotenen Bücher. Es 
wäre dies einerseits bei der Unzahl schlechter Bücher, welche jedes neue Jahr 
auf den Büchermarkt wirft, einfachhin unmöglich, anderseits unnötig und über- 
flüssig, da Vernunft und Gewissen und allgemeines Kirchengesetz in den meisten 
Fällen klar genug sprechen, auch wenn der Index schweigt. 

Eher verhält sich der Index zu den allgemeinen kirchlichen Bücher- 
verboten — nicht aber umgekehrt diese zu jenem — wie ein integrie- 
render Teil zum Ganzen, obgleich auch diese Begriffsbestimmung nicht bloß 



> S. 26—36. 



Was ißt der Index? 69 

der Erklärung, sondern auch der Einschränkung bedürfte. Ganz und gar 
unrichtig wäre es z. B. demnach, anzunehmen, der Index müsse wenigstens 
die gefährlichsten Bücher enthalten, so daß das Auf-dem-Index-stehen eine 
Art Gradmesser wäre für die Schlechtigkeit eines Buches. Auch dies wäre 
immer noch ebenso untunlich als unnötig. Der Index müßte jedes Jahr 
eine ganze Bibliothek von Schund- und Schandliteratur in sich au&ehmen, 
eine Bibliothek, in der jeder Band das Brandmal der Schlechtigkeit und Ver- 
werflichkeit an der Stirne trüge. Gerade bei den schlechtesten Büchern 
reden ja das eigene Gewissen und das allgemeine kirchliche Gesetz am deut- 
lichsten. Und damit zerrinnt eine zuweilen gehörte Klage, als wenn Index 
und Indexkongregation mit Kleinem ui\d Kleinlichem sich abgäbe, vom 
Schlimmen und Schlimmsten nichts merken wolle. Tatsächlich wird der Index 
für gewöhnlich von den schlechten Büchern nicht gerade die schlimmsten 
enthalten; z. B. Werken von Literaten wie Karl Gutzkow und Konrad 
Ferdinand Meyer, von Naturforschem wie Ernst Häckel und Ernst Krause 
(Garus Sterne), von Philosophen wie Ludwig Feuerbach und Ludwig Büchner, 
von Theologen wie Ferdinand Christian Baur und Bruno Bauer, deren Name 
schon ein Glaubensbekenntnis, wenn auch das des Unglaubens, braucht der 
Index nicht erst zur Warnung den Stempel der Ungläubigkeit oder Unsittlich- 
keit aufzudrücken. Gibt es doch heute schon Philosophen, deren charakte- 
ristische Werke als gemeingefährlich für jede Vernunft erklärt werden müssen 
von jeder Vernunft, geschweige denn vom Index für gläubige Katholiken. 

Schon die geringe Zahl der Bücher, welche auf dem Index stehen, muß 
davon überzeugen, daß es sich hier weder um die Liste aller verderblichen 
noch auch der verderblichsten von allen handelt. Wenn wir gut rechnen, 
kommen für die drei letzten hundert Jahre nach Ausweis der früheren Indices 
au£3 Jahr durchschnittlich nur sechzehn verbotene Bücher, welche zudem noch 
über die verschiedenen Länder der Welt, hauptsächlich Europas, verteilt wer- 
den müssen. Daß da auf die einzelnen Literaturen und auf die Schriftsteller 
eines Landes nur sehr wenig kommen kann, ist wohl mehr als einleuchtend. 
Wenn man deshalb auch absieht von allem andern und nur die kleine Anzahl 
der verbotenen Bücher im Auge behält, wundert man sich billig, wie geschwo- 
rene Indexhasser den Index als eine grausame Folterkammer, die Indexkon- 
gregation als den blutdürstigen Herodes ansehen können, der da mit unersätt- 
licher Gier den foetus ingenii der Weisheitsmänner aller Zeiten und aller 
Lande den Garaus machen wolle. Mit Recht dai*f man solche Gegner fragen, 
ob sie wohl jemals den Index zu Gesichte bekommen haben. 

Das Buch, welches schlechthin Index genannt wird, zählt in alpha- 
betischer Reihenfolge nach bibliographischer Art die Titel derjenigen Bücher 
auf, die in den letzten drei Jahrhunderten durch kirchliche Sonderdekrete 
verboten worden sind. Bei jedem Titel oder Buche sollen Art und Tag des 
Verbotes genau angegeben sein. 

Alle Bücher, welche in dieses Verzeichnis aufgenommen wurden, sind 
vorher im einzelnen gewissenhaft und mit Verständnis von der zuständigen 
kirchlichen Behörde geprüft worden. Auf das Ergebnis dieser Untersuchung 
hin wurden sie alsdann durch besondere Beschlüsse und Entscheidungen ver- 



70 ^^® allgemeinen Dekrete und die besondem des Index. 

urteilt entweder durch die Kongregationen des Heiligen Offiziums und Index 
oder in wenigen Fällen durch die Ablaß- oder Ritenkongregation oder endlich 
ausnahmsweise und mit mehr Nachdruck unmittelbar vom Papste selbst. 

Demnach stellt der Index sich dar als eine Sammlung der einzelnen 
kirchlichen Urteilssprüche über verbotene Bücher. Er verhält sich zu den 
allgemeinen Bücherdekreten ungefähr wie die Sammlung der einzebien Straf- 
urteile eines Gerichtshofes zu dem eigentlichen Gesetzescodex. Sache des 
Gerichtshofes ist es ja, die allgemeine Bestimmung auf einzelne Fälle an- 
zuwenden, besonders in zweifelhaften Fällen zu entscheiden, ob ein Rechts- 
bruch vorliegt, und nötigenfalls die Ausführung des Gesetzes zu urgieren. Was 
nun die gefährlichen Bücher angeht, so liegt in den meisten Fällen auch 
für den gemeinen Mann die Sache so klar, daß es überflüssig wäre, aufi^ 
den Bestimmungen des Naturgesetzes und Dekaloges sowie der allgemeinen 
Bücherdekrete noch einen besondem Rechtsspruch der kirchlichen Obrigkeit 
zu verlangen. Um daher bei der Auswahl der zu verbietenden Bücher so 
zweckdienlich als möglich voranzugehen, wird der Prozeß eines Buches erst 
begonnen, wenn dasselbe an der zuständigen Stelle in Rom als gefährlich 
angezeigt wird. Im X. Kapitel des I. Titels der Konstitution „Officiorum ac 
munerum'' heißt es deshalb ausdrücklich: „Obgleich es Sache aller Katholiken, 
zumal der gebildeten ist, gefährliche Bücher bei den Bischöfen oder beim 
Apostolischen Stuhle anzuzeigen, so gehört dies doch ganz besonders zur 
Amtspflicht der Nuntien, der Apostolischen Delegaten, der Ordinarien und 
der Rektoren der gelehrten Hochschulen.* 

Wohl hat das Wort „Denunziation* einen Übeln Klang, und doch ist jeder 
Staatsanwalt seinem Wesen nach zu solcher Anzeige von Amts wegen ver- 
pflichtet. Er wird dafür nicht bloß gut besoldet, sondern bekleidet mit dieser 
seiner Anzeigepflicht auch eine hohe Stellung. Vor allem aber sollte man nicht 
vergessen, daß die Ausübung der Anzeigepflicht für einen Bischof beispiels- 
halber von seinem Gewissen oder seiner Stellung gefordert wird, abgesehen 
von jener Verordnung der päpstlichen Konstitution. Die Bischöfe, als die ge- 
borenen Hüter und Schützer von Glauben und Sitten innerhalb ihres Sprengeis, 
werden es jedenfalls am besten zu beurteilen wissen, ob unter den Büchern, 
die im Bereiche ihrer Hirtengewalt schädlich wirken, solche sind, welche ein 
allgemeines kirchliches Verbot erheischen oder doch besonders wirksam und 
nützlich erscheinen lassen, oder ob sie sich mit den ihnen zu Gebote stehenden 
Mitteln begnügen können. Dementsprechend werden sie als gute Hüften pflicht- 
getreu handeln müssen. Diese Praxis der Anzeige, es ist wahr, verhindert es, 
daß aus dem Index ein nach bestimmten Regeln angelegtes bibliographisches 
Verzeichnis der schlechten Bücher entstehe. Aber der Index ist nicht und will 
nicht sein eine systematisch geordnete Zusammenstellung von Büchertiteln 
jeder Klasse verbotener Bücher aus den verschiedenen Sprachen und Zeit- 
abschnitten. Dem Index deshalb System- und Planlosigkeit vorwerfen, heißt 
ebensoviel, als dem Staatsanwalt zürnen, weil er nicht jedes Jahr eine be- 
stimmte Anzahl von Verbrechen gegen bestimmte Staatsgesetze zur Anzeige 
bringt, oder ebensoviel, als den Gerichtshof tadeln, weil er nicht alljährlich 
Fälle aus allen möglichen Kategorien nach festgesetztem Plane aburteilt. 



Bömisohe und nichtrömische Bücherverbote. 71 

Der Richter ist auf den Kläger wie dieser auf den Übeltäter angewiesen. Oder 
soll man auf Bestellung schlechte Bücher in jeder Sprache, etwa gegen jedes 
allgemeine Dekret eine bestimmte Anzahl, schreiben und drucken oder wenig- 
stens ausfindig machen lassen, um so im Index systematisch abschreckende Bei- 
spiele aufstellen zu können ? Das wird doch im Ernste keiner empfehlen, auch 
wenn das Ergebnis ein bibliographisch vollkommenes Ganzes ausmachen würde. 

Hier muß man aber noch dazu in Betracht ziehen, daß ein und das- 
selbe Buch oder an und für sich gleich verderbliche Bücher durchaus nicht 
zu jeder Zeit gleich verderbliche Wirkungen haben. Dies hängt eben gar 
sehr von den Zeitumständen ab. So kann es wohl geschehen, daß das gleiche 
Buch oder ein ganz ähnliches in einer früheren oder andern Zeitlage an- 
gezeigt und verboten werden mußte, während es heute unbeachtet bleibt 
und deshalb am besten nicht durch Anzeige und Verbot aus der Vergessen- 
heit hervorgezogen wird, mag nun auch ein professioneller Indexkritiker dabei 
die Anklage erheben, daß im Index heute weiß sei, was gestern schwarz 
gewesen 1. Die Einrichtung der Bücherverbote bringt also naturgemäß eine 
gewisse Systemlosigkeit in den Index hinein. Aber solange das Mittel der 
Anzeigepflicht das natürlichste und zweckdienlichste ist, obgleich es, wie alles 
Menschliche, mißbraucht werden kann, handelt man vernünftig, sich mit dem 
Guten zu bescheiden, ohne zuviel nach dem absolut Vollkommenen zu schielen. 

Betrachtet man im Überblick die kleine Bibliothek von etwa 5000 
ViTerken aus den letzten drei Jahrhunderten, die sich im Index zusammen- 
findet, so gewahrt man allerdings, daß dieselbe, was ihre Zahl und Bedeutung 
angeht, sehr verkannt worden ist. Merkwürdig ist dabei, daß es gerade die 
Indexgegner sind, welche den Index und seine Bedeutung in feindlicher Absicht 
so maßlos hinaufschraubten, noch merkwürdiger, daß man in dem Lager, in 
dem man dem römischen Index unausgesetzt feindlich gegenüberstand, gleich- 
zeitig ohne alle Eonsequenz, aber mit sehr viel Intoleranz, trotz aller freiheit- 
lichen Prinzipien Bücher über Bücher verbot bis in unsere Tage hinein. Es 
ist nicht bloß interessant, sondern auch überaus lehrreich, diese Indexgelüste 
zur Vergleichung und Beleuchtung beizuziehen ^. 



' Es kann selbst vorkommen und ist schon vorgekommen, daß die Kongregation auf 
eine Anzeige hin ein bestimmtes Buch untersuchte, dasselbe alsdann nicht verbot, sondern 
mit dem Urteilsspruch ,dimittatur* unbehelligt ließ. Als dann später dasselbe Buch, 
von neuem angezeigt, von neuem noch gründlicher geprüft ward, wurde es einfachhin verboten. 

Die Kongregation hat auch ausdrücklich erklärt, daß ihr „dimittatur** nur den negativen 
Sinn hat, das Buch sei unbehelligt geblieben, woraus dann von selbst folgt, daß man wenig- 
stens vorläufig dasselbe lesen darf, aber nicht, daß es nur gute Doktrin enthalte oder gar 
empfohlen werde. Bei der Prüfung eines Werkes oder einer Dokt^^in ist die Kongregation auf 
die wissenschaftliche Untersuchung angewiesen, und da sie auf Unfehlbarkeit keinen Anspruch 
macht, kann es allerdings geschehen, daß ein früheres „dimittatur*' durch ein förmliches 
Dekret des Verbotes ersetzt wird. Doch geht aus dem oben Gesagten hervor, daß eine solche 
Änderung des Dekretes zuweilen durch die veränderten Zeitumstände allein gerechtfertigt wird. 

' Auf dem römischen Index steht eine anonyme Schrift von Barbier d'Aucourt, die 
den Titel führt: „Onguent ä la brülure ou le secret pour emp^cher les j^uites de brüler les 
livres.* Der Verfasser ergeht sich hier in beiläufig 2000 Versen satirisch über die Jesuiten 
wegen der Unterdrückung jansenistischer Bücher. Als aber gerade 100 Jahre nach Erscheinen 
jenes Werkchens endlich das zu Häupten der Jesuiten zusammengezogene Gewitter losbrach. 



72 Zweck des Katalogs der verbotenen Bttcher. 

Man sieht es allenthalben, das Ideal von der freien Presse, dem freien Wort, 
dem freien Gedanken erblaßt gar sehr in der prosaischen Wirklichkeit, und 
jedenfalls bilden die älteren wie neueren staatlichen oder romfeindlichen Indices 
den besten Hintergrund für den römischen. Von jenen hebt sich dieser ab wie 
ein Bild von dem Zerrbild. Die letzten Kapitel dieses Buches werden das 
eingehender dartun. 

Oben wurde eine gewisse Systemlosigkeit im Index, die eben aus dessen 
Wesen und Natur sich von selbst ergeben muß, zugestanden. Aber man darf 
sich denselben nun dennoch nicht als ein durch lauter Zufälligkeiten ziel- und 
planlos zusammengewürfeltes Ganzes vorstellen, in dem die 24 oder 25 Schutz- 
männer des Alphabets mit Mühe irgend eine äußere Ordnung halten. Ohne Plan 
ist der Index nun doch nicht! Um das klar zu sehen, müssen wir auf sein 
innerstes Wesen zurückkommen, müssen seinen Zweck ins Auge fassen. 

Im allgemeinen hat der Index den gleichen Zweck wie die Decreta 
generalia der Konstitution über das Bücherwesen. Beide, allgemeine und be- 
sondere Dekrete, sollen und wollen Glauben und Sitten, wo man dieselben in 
Büchern angreift oder gefährdet, schützen und verteidigen. Die Bücher- 
verbote sind ein Mittel der kirchlichen Hirtengewalt, um die Herde Christi 



begannen auch alsbald Bücherverbot und Bücherverbrennung. Das Pariser Parlament verbot, 
wie schon (S. 16) bemerkt wurde, in zwei Beschlüssen (1761 und 1762) beinahe 200 Bücher. 
Sie sollten samt und sonders vom Henker zerrissen und verbrannt werden. Es waren Bücher, 
zum guten Teile schon ein und zwei Jahrhunderte alt. Natürlich werden die Todfeinde des 
rißmischen Index dieses Pariser Verfahren dem römischen gegenüber als besonders human, 
weise, milde, freisinnig preisen. Nichtsdestoweniger und obgleich man in demselben Frank- 
reich unaufhörlich Bücher verfolgte und verbot, so daß man aus den Jahren 1814 — 1847 einen 
Index von weit über 500 Nummern, aus den Jahren 1814—1878 einen solchen von mehr als 
1200 der schmutzigsten, durch Staatsgesetz verbotenen Schriften und Bücher zusammenstellte, 
nannte man dennoch 1865 hinwiederum zu Paris in öffentlicher Senatssitzung die ganze 
römische Indexkongregation kurzweg die Inkarnation des Despotismus. Aber schon 1882 sieht 
sich der Minister Gebiet genötigt, einen Gesetzentwurf gegen die Pornographie ausarbeiten 
zu lassen. Welches Schicksal auch immer dieser Entwurf gehabt haben mag, er beleuchtet 
grell die Segnungen der Preßfreiheit nicht zu Ungunsten des römischen Index. 

Als in der Glühhitze des Kulturkampfes katholische Zeitungen und päpstliche Akten- 
stücke in großer Zahl und mit großer Strenge konfisziert und unterdrückt wurden, da waren 
es dieselben Machthaber, die mit dem Sozialistengesetze von 1878 auch der sozialistischen 
Literatur zu Leibe gingen und dazu auch einen eigentlichen Index sozialistischer Schriften 
ins Leben riefen (vgl. oben S. 17). In demselben wurden aus der Zeit vom 21. Oktober 1878 
bis zum 28. März 1888 gemäß § 11 jenes Gesetzes im ganzen 1234 Druckschriften (darunter 
1025 nichtperiodische) verboten. Eine so große Zahl hat der römische Index nie in so wenigen 
Jahren, nicht einmal auf allen Gebieten der Wissenschaft und aus allen Ländern zusammen- 
gebracht. In NeU'Italien aber schmachteten 1898 und 1899 gleich gemeinen Sträflingen, und 
zwar viele Monate lang, eine Reihe von Journalisten, daininter wahre Ehrenmänner, wie der 
bekannte unlängst verstorbene Don Albertario, im Gefängnisse als Opfer eines ganz neuen 
italienischen Index, den man eigens ad hoc im Ministerium Rudini-Zanardelli geschaffen. 

Jedoch sind dies nur Beispiele aus jüngster Zeit, die sich aber leicht ins 2iehn- und 
Zwanzigfache vermehren ließen. Wollte man hingegen in die frühere Zeit, vor der Mitte des 
19. Jahrhunderts zurückgehen, so würden die Beispiele zahllos werden. Vgl. hierzu oben 
das Kapitel , Berechtigung des kirchlichen Bücherverbotes** (S. 15 ff) und unten die letzten 
Kapitel des Buches. 



Schutz der Qlftubigen, nicht Strafe der Verfasser. 78 

vor ungesunder und giftiger Weide zu bewahren. Kann man jene allgemeinen 
Dekrete mit Warnungstafeln vergleichen, die auf unheilbringende Weideplätze 
aufinerksam machen, so ist das Indexverbot der väterliche Zeigefinger, der, 
mn zu warnen, auf ganz bestinmite Gräser oder Kräuter, Blüten oder Blumen 
der geistigen Wiese hindeutet und, wenn nötig, sich hebt, um zu drohen. 
Schon aus diesem Vergleiche ist es klar, daß Indexverbote um so eher an- 
gebracht sind, je mehr solch eine Giftblume schillert und gleißt, je schwerer 
es hält, sie von unverfänglichen, heilwirkenden Blüten zu unterscheiden, je 
weniger sie mitten auf sonst gesunder Trift als gefahrbringend geahnt oder 
erkannt wird, je argloser der Gärtner selbst sein mag, der sie vielleicht wie 
ein Arzneikraut oder eine Wunderblume gepflanzt hatte. 

»Was verdammt und verwirft die Kongregation des Index? Die Schrift 
wegen der darin enthaltenen Behauptungen. — Warum? Um die Gläubigen 
vor Gefahr und Verderbnis zu bewahren. — Wovon hängt die Gefahr 
und das Verderbnis der Gläubigen ab? Nicht von dem, was der Verfasser 
bei den betreffenden Stellen und Worten für sich gedacht, sondern von dem, 
was er ausgedrückt hat und was von den Lesern verstanden wird und nach 
den vom Verfasser gewählten Worten usw. verstanden werden muß. Über 
den Sinn der Stellen urteilt die Kongregation und verwirft ihn; über die 
Intention des Verfassers, über den Grad seiner Schuld urteilt sie nicht, die 
Personen verdammt sie nicht. Der Sinn einer Stelle läßt sich nicht befehlen. 
Der Autor kann wohl sagen : ,Das habe ich mit jenen Worten gemeint', nicht 
aber: ,Das will ich mit jenen Worten verstanden wissen'. Hat er anders ge- 
schrieben, als er dachte, so ist das eben sein Fehler. — Man begreift, daß es 
darum in der Kongregation nicht Regel sein kann, den Autor zu verhören, 
dessen Person sie nicht verdammt ^ Der Index verfolgt demnach nicht den 
Zweck, die Verfasser der verbotenen Bücher an den Pranger zu stellen, er 
ist seinem innersten Wesen nach nicht zur Strafe der Schriftsteller^, sondern 
zum Schutze der Gläubigen^ eingerichtet. 



^ Bangen, Die römische Kurie, Münster 1854, 139 A. 3. — Als es 1562 auf dem 
Konzil von Trient bei der Indezfrage zur Beratung stand, ob die Gerechtigkeit, das Gemein- 
wohl oder die Billigkeit es verlangte, die Verfasser, denen die Bttcherverbote Schaden bringen 
könnten, vorzuladen, waren die Konzilsväter mit wenigen Ausnahmen der Ansicht, es sei das 
nicht vonnöten, weil es sich nicht darum handle, die Autoren zu verurteilen ,non si trat- 
tando di condannare gli autori, ma solo di statuire una legge per cui qualche loro scritto 
8* allontanasse dalla nostra repubblica siccome ad essa nocivo : poter avvenire che V artefice 
sia innocente, e Topera in alcuna parte [alcun paese] riesca a danno; onde i rettori di esso 
a ragione la escludano , senza che debbano chiaroar per questa causa V artefice a far sue 
difese*. Sforza Pallavicino, Istoria del concilio di Trento lib. 15 (ed. Zaccaria, tom. III, 
Roftia 1888, lib. 15, c. 19, n. 11, p. 405). 

' Handelt es sich um eine Person, die angeklagt ist, gefährliche häretische Doktrinen 
vorzutragen, so kann ihr der Prozeß nur in der römischen Inquisition, nicht in der Index- 
kongregation gemacht werden. Aber selbst bei Verurteilung eines Buches durch die Inqui- 
sition bleibt die Person des Herausgebers oder Verfassers an und für sich unbehelligt. 

' Der anglikanische Rev. Spencer Jones bemerkt in seinem Werke , England and 
the Holy See* (London 1902, 331) sehr gut zu unserer Frage: ,In such cases when a teacher 
is silenced and his books placed upon the index a large proportion of the public are apt to 
entertain pity for him, which is natural ; little concern for those on whose behalf the Church 



74 Kirchlicbe Bücherverboie an und für sich nicht unfehlbar. 

Damit fällt auch ein herber Tadel, den man gegen den Index zur Zeit 
des Vatikanischen Konzils ^ erhoben hat. Unwürdig sei es, meinte man, und 
nicht zu dulden, daß im Index neben gemeinen Pamphletisten und unsaubem 
Romanschriftstellern berühmte Namen, Koryphäen der Wissenschaft mit ihren 
Werken wie Brüder erschienen. Nebenbei sei bemerkt, daß derartige Klagen 
von eben jenen Leuten kommen, die ein andermal und für gewöhnlich die 
Indexverbote glauben verachten zu müssen und vorgeben, es sich zur Ehre 
zu rechnen, auf dem Index zu stehen inmitten der Elite des Genies, das da 
von rückständigen itab'enischen Priestern nicht verstanden und nicht gewür- 
digt werden konnte^. In Wirklichkeit kann aber nur einer, der sich für 
unfehlbar hält, sich diffamiert fühlen, sobald man ihn auf Fehler und Irrtümer 
aufinerksam macht. Jeder Wahrheit und Glauben liebende Geist müßte der 
Kirche Dank wissen, daß sie ihn durch ein Indexverbot auf das Schiefe, das 
Gefährliche, das Unrichtige, kurz, auf den wunden Punkt aufmerksam macht. 
Denn wenn irren menschlich ist und im erkannten Irrtum beharren teuflisch, 
dann zeugt demütiges, aufrichtiges Geständnis des eigenen Irrtums vom wahrsten 
Adel des Geistes. Männer wie Fenelon waren dessen fähig! Und solange 
katholischer Glaube nicht bloß den Verstand aufklärt, sondern auch Seele 
und Herz veredelnd durchdringt, wird es bei katholischen Gelehrten nicht 
an solchen Beispielen des Heroismus der Demut und Wahrheit fehlen 3, auch 
nicht in unsern Tagen. 

Außerdem weiß jedermann, daß von den Büchern, welche auf dem Index 
stehen, nicht alle gleichwertig, nicht alle aus demselben Grunde verboten sind. 
Im übrigen — und das verdient hier hervorgehoben zu werden — ist es viel 
wichtiger und zweckdienlicher, die Gläubigen gegen Bücher mit klingendem 
Namen, ob dieselben nun mit oder ohne Wissen und Willen ihrer Verfasser 
Ungesundes oder gar Giftiges bergen, zu schützen, als gegen die Schmutz- 
presse, vor welcher ein jeder, der will, sich selbst schirmen kann. Wollte 
man also Namen streichen in dem Verzeichnis der verbotenen Bücher — es 
könnte kein Zweifel sein, welche stehen bleiben müßten. 

Der Index bezweckt ferner durch seine Verbote nicht, mit unfehlbarer 
Autorität über die Doktrin eines Buches zu richten. Denn die Bücherverbote, 
obgleich alle vom Papste gutgeheißen, gehen nicht von ihm und seinem un- 
fehlbaren Lohramte aus. Wo der Papst es für gut hält, mit seiner Unfehl- 
barkeit die Lehre eines Buches als häretisch zu kennzeichnen, kann er das 
gewiß tun, und es finden sich im Index dafür Beispiele; aber an und für 
sich enthalten die Bücherverbote des Index als solche nicht eine dogmatische 
Entscheidung im engeren Sinne des Wortes über die in den Büchern vor- 
getragene Lehre. Natürlich ist es auch nicht ausgeschlossen, daß eine solche 



has intervened which shows want of sympathy; and conteropt for the authorities which is 
for the most part unjast; the assumption heing that because they judge it right to stay the 
treatise they therefore wish to stop the truth.* Vgl. ebd. Section VI, p. 319 — 334. 

» Vgl. Coli. Lac. VII 1175. 

' S. Anlage XX mit dem Urteile des Philosophen Gioberti. 

' Das Beispiel Rosminis dürfte auch heutzutage noch und für Deutschland von beson- 
derem Werte sein; die Anlage XXI bringt den Wortlaut der Unterwerfung. 



CJnterwürfigkeit anter die kirchlichen Bücherverbote. 75 

Glaubensentscheidung über die Lehre eines verbotenen Buches noch nebenher 
erlassen wird. Die Bücherverbote gehen vielmehr aus von einem kirchlichen 
Gerichtshof, der die verdächtigen Bücher untersucht und je nach deren Befund 
freigibt oder verurteilt. Einzige Norm aber, wonach die Verurteilung der 
Lehre eines Buches ausgesprochen wird, ist die Glaubenslehre der katholischen 
Kirche, wie sie sich in ihren Dogmen, in den Konstitutionen der Päpste und 
in der allgemeinen Doktrin der Kirchenväter und Theologen vorfindet. Wenn 
also ein theologisches Werk nicht um der Form und Darstellung willen, 
sondern seines Inhaltes und seiner Lehre wegen verboten wird, so ist damit 
auch das Buch und seine Lehre als glaubenswidrig oder abweichend von der 
allgemeinen Lehre der Kirche bezeichnet. Es versteht sich daher ganz von 
selbst, daß, wenn z. B. ein rein dogmatisches oder kirchenrechtliches Werk 
mit neu gearteter Doktrin, mit neuem System hervortritt und nun vom Index 
verboten wird, die Polgerungen über die Kirchlichkeit oder ünkirchlichkeit, 
die Gefährlichkeit oder Ungefährlichkeit einer solchen Neuerung in der Lehre 
auf der Hand liegen. Diese unberücksichtigt lassen oder umgehen wollen, 
hieße Vogel-Strauß-Politik treiben nach Art der Anhänger des Jansenius in 
früheren Zeiten, nach Weise der Hermesianer im vorigen Jahrhundert. So- 
lange der Papst nicht als unfehlbarer Lehrer über ein Buch, eine Lehre ur- 
teilen will, bleibt das Dekret, welches derselbe Papst als oberster Vorsteher 
jeder Kongregation namentlich gutheißt und veröffentlichen läßt, in vollen 
Würden, d. h. es ist für gelehrt und ungelehrt der sicherste Wegweiser in 
der Glaubens- und Sittenlehre, nach dem jeder gläubige Katholik voran- 
gehen muß^ 

Der Verfasser also, dessen Werk etwa auf den Index gesetzt wird 
wegen der Doktrin oder wegen „ Sondermeinungen '^ in Glaubenssachen, muß 
nur so viel Demut besitzen, sich selber die Möglichkeit eines Irrtums zu 
gestehen. Er tut sehr vernünftig daran, nicht so sehr an die Möglichkeit 
eines Irrtums bei der Kongregation zu denken: denn wenn eine solche auch 
an und für sich nicht ausgeschlossen ist, so sprechen doch alle Vernunft- 
gründe und alle Wahrscheinlichkeit gegen den einzelnen Gelehrten, und wäre 
es ein Kirchenlehrer, besonders dann, wenn dieser mit Sondermeinungen 
hervortritt. Hat der Verfasser diese notwendige Demut, alsdann wird er, 
auch wenn er vorläufig noch subjektiv von der Richtigkeit seiner An- 
schauung durchdrungen ist, nun weiterforschen in den Glaubensquellen und 
bei den besten Autoren der Kirche, und er wird zur Überzeugung ge- 
langen, daß seine Ansichten von der allgemeinen Lehre der Kirche abweichen, 
vielleicht sogar gegen das Dogma verstoßen und deshalb vernünftigerweise 
aufzugeben sind. 

In erster Linie mögen diese Verbote, wie schon das Wort sagt, dis- 
ziplinare Vorschriften sein. Verfasser und Verleger eines Buches, das von 



^ Über die Verpflichtung der Dekrete der römischen Kongregationen und somit auch 
des Index ist schon viel geschrieben und viel gestritten worden. Die Sache ist aber für den, 
der guten Willens ist , weder theoretisch schwer zu begreifen noch praktisch schwer aus- 
zuführen. Vgl. dazu Chr. Posch, Theologische Zeitfragen, Freiburg 1900, 48—58. 



76 Gründe der Yerurteilimg eines Baches. 

der kirchlichen Behörde verboten wird, müssen dasselbe aus dem gewöhnlichen 
Buchhandel zurückziehen; es dürfen ohne besondere Genehmigung der Index- 
kongregation keine neuen Auflagen mehr gedruckt werden ; diejenigen, welche 
das Buch schon besaßen, dürfen dasselbe nicht weiter gebrauchen oder auf- 
bewahren, es sei denn, daß sie die allgemeine Erlaubnis zum Lesen ver- 
botener Bücher haben. Wer anders handelt, sündigt. 

Es ist jedoch für jeden Gläubigen nicht bloß moralisch einzig richtig, 
sondern auch intellektuell einzig vernünftig, sich solchen Vorschriften in 
Gehorsam zu fügen und mit der Kirche die Ansichten und Lehren des ver- 
botenen Buches zu verwerfen \ Nicht den Professoren der Hochschulen, nicht 
den Gelehrten und Schriftstellern, sondern der Kirche übertrug Christus die 
Lehr- und Hirtengewalt. Ihr allein liegt es ob, nach ihrem Ermessen 
die Gläubigen auf gute Weide zu führen und vor giftiger, gefährlicher 
Nahrung sicherzustellen. Das aber tut sie nicht allein und nicht einmal für 
gewöhnlich und hauptsächlich durch das Aufstellen und Einschärfen neuer 
Dogmen und Glaubenssätze und auch nicht dadurch, daß sie eine ungesunde, 
falsche Meinung oder Lehre alsbald für eine Häresie und ihre Yerkünder 
für Irrlehrer erklärte. Jedoch schon oben wurde über die Yemünftigkeit 
und die Berechtigung der kirchlichen Bücherverbote ein mehreres gesagt*. 

Daß es sich bei den Bücherverboten an und für sich im allgemeinen und 
zunächst nicht um eine unfehlbare Lehrentscheidung handelt, geht klar daraus 
hervor, daß früher eine Anzahl von Büchern auf dem Index stand, bei denen 
gar nicht die Rede sein kann von falscher, irriger oder gefährlicher Doktrin. 
Es sind Bücher , die nicht durch irgend einen Paragraphen der allgemeinen 
Bücherdekrete, streng genommen auch nicht durch eine Bestimmung des 
natüiiichen Gesetzes oder der zehn Gebote, sondern einzig durch das positive 
Gesetz des Index verboten sind. Auch bei diesen gilt die Pflicht des Ge- 
horsams gegenüber dem Verbote wie bei allen andern. Daraus ersieht man 
nebenher, daß, wie wir oben schon andeuteten, der Index nicht schlechthin 
ein Teil der allgemeinen Dekrete genannt werden kann. Stellenweise ging 
er wenigstens über dieselben hinaus. Es kann das aber keinen befremden, 
der sich die Gründe des Verbotes solcher Bücher an einzelnen Beispielen vor- 
führt. Auf dem Index standen vordem Bücher, welche in früheren Jahren 
zur Verteidigung der unbefleckten Empfängnis Maria geschrieben wurden. 
Verboten wurden sie seinerzeit nicht der Sache wegen, sondern um der Art 
und Weise der Verteidigung willen, welche die wissenschaftlichen Gegner 
und überhaupt den Frieden innerhalb der Kirche schwer verletzen mußte. 
So kann es zu jeder Zeit, auch nach Veröffentlichung der Konstitution ,Offi- 
ciorum ac munerum", Bücher geben, die ein Verbot notwendig machen, weil 
sie eben zum schweren Schaden des Gemeinwohls Zwietracht säen und Ärgernis 
geben, obgleich sie nicht ausdrücklich durch die Konstitution verboten er- 



' «Ein Professor der katholischen Theologie hat nicht seine subjektiven Einfälle, wie 
geistreich sie auch sein mögen, vorzutragen, sondern die Lehre der Kirche. Verstößt er 
dagegen, so muß er sich die Korrektur gefallen lassen *" (Frh. v. Hertling, Das Prinzip 
des Katholizismus und die Wissenschaft, Freiburg 1899, 46). 

• Vgl. oben S. 15—25. 



ReinerbaltüDg von Glauben und Sitten. 77 

scheinen. Hier gilt eben das, was Benedikt XIV. in den §§ 22 — 24 seiner 
Konstitution festsetzt und was Leo XIII. neu einschärft. 

Kehmen wir an, es schriebe heute jemand einen katholischen Katechismus. 
Er setzt darin die Lehre von der Unfehlbarkeit der Kirche auseinander, schweigt 
aber vollständig von der Unfehlbarkeit des Papstes. Ein anderer gibt für den 
Elementarunterricht Leseübungen heraus. Darin wird viel, beinahe pietistisch 
rührend, geredet über die Natur und Gott, Gott und die Natur. Man findet 
keinen Satz darin, welcher auf einen persönlichen Gott, viel weniger auf den 
Erlöser, den Gottmenschen, hinwiese. Ein Pantheist würde auch so schreiben 
können. Es sind das keine Fälle und Beispiele aus dem Gebiete der bloßen 
Möglichkeit. Von den allgemeinen Regeln läßt sich schwerlich eine gegen 
derartige Bücher deuten. Ja es geht überhaupt kaum an, eine allgemeine 
Regel zu erfinden, die solche Bücher verböte, weil dieselbe für einen Gesetzes- 
paragraphen zu vieldeutig, zu elastisch werden müßte. Gleichwohl werden 
alle darin übereinstimmen, daß besonders bei der Bestimmung jener Bücher 
als Schul- und Unterrichtsmittel ein Verbot derselben nur zu gerechtfertigt 
wäre. Man kann zugeben, daß keine Notwendigkeit besteht, solche und 
ähnliche Bücher auch dann noch länger im Index aufzuführen, wenn der 
Grund, die Ursache des Verbotes, weil eben zeitweilig, längst verschwunden 
und vergessen ist. In Wirklichkeit hat der neue Index solche Schriften aus- 
geschieden. Wenn man anderseits Büchlein und Schriftchen in früheren In- 
dices findet, deren Stoff abseits von Glauben und Sitten zu liegen scheint, 
deren Titel keine Spur von Gefährlichkeit verrät, so handelt der dennoch 
zum mindesten sehr voreilig und unklug, welcher da gleich die Index- 
kongregation beschuldigt, Mücken zu seihen und Kamele zu verschlucken 
oder in fremdem Revier zu jagen. Um sich so etwas herausnehmen zu dürfen, 
müßte man vorher doch wohl genaue Einsicht in die Akten des Indexarchivs 
und die Ursachen des Verbotes genommen haben. 

Der Bücher, von denen wir hier reden, gibt es jedoch im Index ver- 
hältnismäßig nur wenige, sie bilden durchaus nicht den Haupt- und eigent- 
lichen Inhalt desselben. Im Verbote dieser Bücher besteht daher auch nicht 
der Hauptzweck und die Hauptwirksamkeit des Kataloges. Der Index will 
auf seine Weise in seinem Bereiche nach Kräften mitarbeiten an der Rein- 
erhaltung von Glauben und Sitten. Daß aber hier der Index seine Schuldigkeit 
getan hat, das bezeugt ihm der Groll seiner Gegner. Auch sie geben zu, 
daß es keine wissenschaftliche oder religiöse Strömung von einiger Bedeutung 
in diesen letzten Jahrhunderten gegeben, wofern sie in Büchern oder Schriften 
greifbare Gestalt annahm und das Gebiet des Glaubens und der Sitten feind- 
lich streifte, ohne ihre Spuren im Index zurückzulassen. Rom hat mit seinem 
Index zu all diesen gefährlichen geistigen Bewegungen früher oder später 
Stellung genommen und dieselben durch die Bücherverbote entweder im Keime 
unterdrückt oder doch jedenfalls die Gläubigen dadurch über Wesen und 
Bedeutung jener Tendenzen aufgeklärt. Wer eine sachgemäße Geschichte 
des Index schreiben wollte, müßte das Wirken desselben auf diesen Wegen 
verfolgen und zeigen, wie gegen all die antikirchlichen und antikatholischen 
Strebungen des Protestantismus und Jansenismus, des Gallikanismus und 



78 I^io Wirksamkeit des Index. 

Regalismus, Quietismus und Spiritismus, ungläubiger Philosophie und Frei- 
maurerei, des Deismus und Rationalismus, Kommunismus und Sozialismus der 
Index mitgekämpft hat. 

Ja wenn wir heute von manchen religiösen Kämpfen nichts mehr wissen 
und haben als das Erinnerungszeichen im Index, so gereicht dies dem letz- 
teren wahrlich nicht zur Schmach. Zuweilen gab der Index das Signal zum 
Kampfe, indem er auf den noch im Dunkeln schleichenden Feind aufmerksam 
machte. Ein anderes Mal lockte er den Arglistigen aus seinem Hinterhalt 
und zwang ihn durch das klare Verbot, offen Farbe zu bekennen. Ein drittes 
Mal und öfters entschied er den lange hin und her wogenden Kampf zu 
Gunsten der Wahrheit und des Glaubens. Nicht selten bewahrte der Index 
dadurch einen Gelehrten vor schwerem Irrgange ins Labyrinth, öfter noch 
dessen Leser und Schüler vor verführerischen Irrstemen. Auch hieraus ersieht 
man, daß es nicht so sehr Aufgabe des Index ist, ein Buch oder gar einen 
Schriftsteller zu verdammen, als vielmehr durch das Verbot und die Ver- 
urteilung des Buches zugleich belehrend und schützend zu wirken. 

Das aber wird hinwiederum nicht so sehr dort vonnöten sein, wo 
Häresie und antikatholische Tendenzen sich förmlich aufdrängen, als vielmehr 
da, wo unter katholischem Namen und katholischer Flagge glaubens- und 
kirchenfeindliche Ziele bewußt oder unbewußt verfolgt werden. Leicht 
erklärlich ist es anderseits , daß infolgedessen der ganze Liberalismus mit 
seinen rom-, kirchen- und glaubensfeindlichen Strebungen wie ein Wespen- 
schwarm jedesmal sich gebärdet, sobald Rom es gewagt, durch ein Bücher- 
verbot Klarheit zu schaffen. Das Gesagte ließe sich leicht durch Beispiele 
treffend beleuchten. Der Kürze halber deuten wir nur hin auf das Verbot 
der hermesianischen Schriften. Gerade in solch zweifelhaften, durch das 
Parteigezänke noch überdies verworrenen Fällen und Fragen haben die Bücher- 
verbote für gewöhnlich wie ein reinigendes Gewitter befreiend gewirkt und 
den Katholiken Sicherheit und Klarheit gegeben. 

In dem bunten Gemisch von gelehrten Werken aus den verschiedensten 
Wissenszweigen, von großen und kleinen Büchern, Schriften und Schriftchen, 
Zetteln und Blättern, in dem sich Übersetzungen der Heiligen Schrift 
neben schmutzigen Romanen, Werke von Kirchenvätern neben Pamphleten, 
Naturwissenschaft und Geschichtskunde neben Gebetbüchlein und Ablaß- 
zetteln alphabetisch aneinander gereiht zusammenfinden, gibt es System und 
Ordnung. Man muß nur die Bücher auf dem Hintergrund der kirchen- 
geschichtlichen Wirren und der jedesmaligen Zeitlage betrachten, man muß 
den allgemeinen, den Hauptzweck des ganzen Index und den besondem 
Grund bei Verurteilung eines jeden Buches ins Auge fassen, und die Plan- 
losigkeit verschwindet. System liegt nicht in den Büchern und nicht in den 
Titeln derselben, wohl aber in den Verboten bestimmter Bücher zu bestimmter 
Zeit. Das ist Aufgabe und Zweck des Index, wie seine Natur, sein Wesen 
nicht Bibliographie ist, sondern Sammlung der einzelnen Urteilssprüche über 
verbotene Bücher zur Warnung und Belehrung der Gläubigen. Wie segens- 
reich der Index dadurch im Laufe der Kirchengeschichte der letzten Jahr- 
hunderte gewirkt hat, darf man nicht beurteilen nach der vielleicht nicht 



Einrichtung des nenen Index. 79 

immer * lautern Absicht bei der Anzeige eines verderbliehen Buches, auch 
nicht nach den Intriguen, die in früheren Zeiten in oder um Rom spielen 
mochten, um die kirchlichen Zensoren für oder gegen ein Buch oder dessen 
Verfasser zu beeinflussen, viel weniger nach den Mängeln und Fehlern der 
Redaktion des Index, wohl aber und allein nach dem regen Anteil, den er 
zu jeder Zeit an der Verteidigung des Glaubens und der Sitten genommen 
durch erfolgreiche Bekämpfung glaubensfeindlicher und sittengefährlicher 
Bücher auf allen Gebieten. 

Verlangt man mehr, will man den Geist, die Tendenz zeigen, welche 
das ganze Wirken der Indexkongregation durchdrungen und geleitet hat, so 
darf man nicht leichtgläubig die Verteidigungs- und Entschuldigungsreden 
der vom Bücherverbot Betroffenen oder ihrer Anwälte für bare Münze nehmen, 
man mu£ neben den Büchern selbst die Archive der römischen Kongrega- 
tionen zu Rate ziehen, und hier ebensosehr und noch mehr die Verhandlungen 
über die Bücher, welche geprüft wurden und nicht auf den Index kamen, 
als über diejenigen, welche verurteilt wurden. Proben solcher Verhandlungen, 
welche in römische Bibliotheken verschlagen wurden, legen gutes Zeugnis ab 
und bestätigen, daß auch hier nicht inquisitorische Verfolgungssuchi, sondern 
weise Mäßigung und freisinnige Weitherzigkeit vorherrscht nach den Wei- 
sungen der Konstitution »Sollicita ac provida*. 

Die Neugestaltung des Index. 

Anlage und Ordnung des nenen Index. 

Was den Index Leos XIII. zu einem neuen Buche macht und wovon 
hier die Rede sein soll, das ist die Verbesserung und Umgestaltung seines 
zweiten Teiles. Derselbe ist seinem materiellen Inhalte nach eine Biblio- 
graphie, nach seinem inneren Wesen aber und infolge seines Zweckes eine 
Dekretensammlung. Der Index muß ja zunächst klar und bestimmt die 
Schriften und Werke verzeichnen, welche im einzelnen durch kirchliches 
Verbot getroffen sind. Seine Formalursache hingegen, das, was den Index 
macht zum Index xax i^opjv^ das sind die verschiedenen Entscheidungen 
und Urteilssprüche der kirchlichen Instanzen, durch welche eben jene Bücher 
diesem Kataloge einverleibt wurden. Soll die Editio Leoniana eine gute sein, 
dann muß sie dieser doppelten Aufgabe möglichst gerecht werden. 

Über das Äußere des Buches, Druck und Ausstattung, die in ihrer 
prunklosen Vornehmheit der Vatikanischen Offizin auch auswärts nur zur 
Ehre gereichen, soll hier weiter nichts gesagt sein; das Buch wird sich selbst 
empfehlen. Anlage und Ordnung des Bücherkataloges ist übersichtlich und 
klar, die ganze Einrichtung : die Aufführung der verbotenen Werke mit ihren 
jedesmaligen Dekreten, die beiden Kolumnen, die scharfe Hervorhebung des 
orientierenden Stichwortes, der deutlich hervortretende Unterschied von Titel 
und Dekret, die wohlangebrachte Mannigfaltigkeit in der Druckweise, kurz, 
all das, was der Index in technisch -bibliographischer Beziehung Neues auf- 
weist, macht das Buch ebenso gefällig für das Auge wie bequem zum Ge- 
brauche. 



80 ^^0 "^i^l ^^T^ verbotenen Bücher. 

Da der Index seinem Wesen nach die Sammlung der Einzeldekrete über 
verbotene Bücher ist, läge der Gedanke nicht fem, nun auch das Buch nach 
dem Erlasse dieser Sonderentscheidungen einzurichten: also nach den ver- 
schiedenen kirchlichen Behörden, welche die Bücherverbote erließen, und nach 
dem Tag und Datum der einzelnen Dekrete. Man hätte alsdann materiell 
und formell eine Gesetzessammlung. In Wirklichkeit hat es bereits zu 
Anfang des 17. Jahrhunderts und auch zu Zeiten Alexanders VII. (1664) 
wenigstens teilweise ähnlich geordnete Indices gegeben. Doch bedarf es 
keines sehr geübten Blickes, um eine derartige Anlage wenig zweckdienlich 
zu finden. Beim Gebrauch des Index kommt es eben zuerst und zumeist 
darauf an, alsbald und bestimmt zu finden, ob dieses oder jenes Buch ver- 
boten ist oder nicht. Erst in zweiter Linie kümmert für gewöhnlich die Art 
und der Tag des Dekretes. In einzig vernünftiger Weise ist man daher im 
allgemeinen bei der früheren Einrichtung geblieben, d. h. man hat die ge- 
nauen Titel der Bücher als das praktisch Wichtigste und Wissenswerteste 
an erster Stelle verzeichnet und diese nach dem Alphabete geordnet. 

Die Titel aller Schriften und Werke, welche den Namen des 
Verfassers angeben, sei dies nun der wahre oder ein angenommener, ein 
Pseudonym, stehen unter diesem Namen. Streng nach dieser Regel und 
bibliographisch richtig sind daher auch alle Werke, die ihre Verurteilung . 
nicht dem Verfasser, sondern nur dem Herausgeber oder Übersetzer oder 
Kommentator danken, unter dem Namen des Verfassers verzeichnet. In 
diesem Sinne steht neben verschiedenen Ausgaben des Neuen Testamentes 
auch ein hl. Augustinus und Leo in der Indexliste. Unter Bio- und Biblio- 
graphen ist es jetzt ziemlich allgemein Brauch, die Ordensleute mit zusammen- 
gesetzten Namen unter dem ersten Teil oder Namen dieser Zusammensetzung 
anzuführen. Der neue Index ist abweichend von früheren Indices nach der- 
selben Regel verfahren. Deshalb also ist der ehemalige Bonner Professor 
Anton Dereser mit seinem Ordensnamen auf S. 292 als Thaddaeus a 
S. Adamo verzeichnet. Ebendort sieht man an demselben Beispiele, daß die 
Doktordissertationen unter dem Namen des Präses der Disputation , nicht 
unter dem Namen des Doktoranden angegeben worden. Unter letzterem er- 
scheinen sie nur, wenn der Titel ausdrücklich den Doktoranden als den Ver- 
fasser kundgab. 

Die anonym erschienenen Bücher — und dazu werden auch die 
gerechnet, welche den Verfasser im Titel durch ein Zeichen oder durch Buch- 
staben, etwa die Anfangsbuchstaben des Namens, andeuten — finden sich im 
neuen Index unter dem ersten Nomen substantivum des Titels, 
und zwar, wenn immer möglich, unter dem ersten Substantiv im Nominativ. 
Die verbotene italienische Zeitschrift „Der neue Rosmini" muß also verzeichnet 
sein unter Rosmini (il nuovo), und „Die Briefe eines Laien '', herausgegeben 
von Maximilian Wangenmüller, deren erster und Haupttitel eine Frage ist: 
„Hat die römisch-katholische Kirche Gebrechen?**, werden also zunächst nicht 
unter Wangenmüller aufgeführt, weil dieser im Titel nur als Herausgeber 
vermerkt ist, vielmehr nach der angegebenen Regel steht die Schrift unter: 
Kirche (hat die römisch-katholische) Gebrechen? etc. Die Bibliographen 



Änderungen in der Titelangabe. 81 

sind zwar bei Aufzählung von Büchertiteln in manchen Sachen überein- 
gekommen, aber in dem eben erwähnten Punkte, wie in vielen andern, gibt 
es keine allgemein gültige Regel. Es kommt also darauf an, eine möglichst 
einfache Regel aufzustellen, und was noch wichtiger ist — nach dieser Regel 
so konsequent als immerhin möglich voranzugehen. 

Hier sei daher wiederum auf die Vorrede verwiesen, welche im einzelnen 
klare Auskunft gibt über die Schreibweise besonders der Eigennamen. Bei- 
spielshalber klärt sie auf, daß und warum verbotene Bücher von Jean Le Rond 
D'Alembert unter D'Alembert, die Erzählungen und Novellen von Jean de 
la Fontaine weder unter D noch unter F, sondern unter La Fontaine zu 
suchen sind. Freilich wird die Schwierigkeit ebensogut wie die Wichtigkeit 
solcher bibliographischen Kleinarbeit nur der vollauf zu würdigen wissen, welcher 
selbst ähnliche Arbeit betrieben. Jedenfalls ist das einheitliche Vorangehen nach 
festen Normen nicht bloß iii den oben erwähnten Punkten einer der Haupt- 
vorzüge der neuen Indexausgabe, und es dürfte wohl in^ dieser Beziehung 
auch der moderne Bibliograph zufriedengestellt sein. Überflüssig ist es nicht, 
daran zu erinnern, daß der Zweck des Codex ein durchaus praktischer ist| 
nicht aber ein bibliographischer im engeren Sinn des Wortes. Alle bibliogra- 
phischen Finessen, welche jenem Hauptzwecke mehr geschadet als genützt 
hätten, konnten daher nicht bloß, sondern mußten sogar vermieden werden. 

Hätte man aber zu dem, was geschehen, noch ein übriges getan, und 
am Schlüsse nach Art eines Index zum Index erstens alle Bücherverbote auf 
die kürzeste Form gebracht und nach dem Tage und der Art des Erlasses 
geordnet^ und zweitens nach Stichworten die Materie, den Inhalt der ver- 
botenen Bücher angegeben — es ließe sich das auf wenigen Blättern leisten — , 
80 würden die Indexforscher dafür gewiß dankbar gewesen sein, für den 
eigentlichen Zweck des Buches wäre es kaum von Belang. 

Bttchertitel. — Übersetzungen. — Namen der Verfasser. 

Das vorhin Gesagte betrifft mehr die ganze äußere Anlage des Buches, 
Die innere Einrichtung ist zunächst bedeutend vereinfacht worden, durch all 
das, was vom Index gestrichen wurde. Ein folgendes Kapitel soll darüber 
eigens handeln. Jedoch überzeugt schon ein erster Blick in den neuen Index, 
wofern das Bild des alten nicht ganz unbekannt, daß infolge jener Streichungen 
das Werk viel einheitlicher gestaltet werden konnte. 

Eine andere Art Ballast hing den früheren Indices an, da man es für 
gut befunden, den fremdsprachlichen Büchertiteln eine lateinische Übersetzung 
anzufügen. Diese Übersetzung — selbst wenn sie immer gut gewesen wäre — 
hatte in der Tat bei keinem Buche besondem Wert. Das begreift sich 
leicht, wenn man nur den Hauptzweck des Index vor Augen hält. Man hat 
deshalb von dieser Titelübersetzung vollständig Abstand genommen und hier- 
durch auch zur Vereinfachung der Indexliste beigetragen. Mehr noch als 
diese Streichungen sind in der Neubearbeitung zu begrüßen die zahllosen 
redaktionellen Änderungen und Verbesserungen erstens bei Aufzählung der 



' Ein folgendes Kapitel wird einen solchen chronologisch geordneten Index geben. 
Hilgers, Der Index Leos XIH. 6 



82 Titel der Originale. 

Bücher und ihrer Verfasser, zweitens bei Angabe des Dekretes der Verur- 
urteilung. Wie weitgreifend diese Verbesserungen sind, gewahrt man nicht 
nur auf jeder Seite , sondern fast bei jedem einzelnen der 4000 verbotenen 
Bücher; die Editio Leoniana hat damit doppelt gut gemacht, was andere 
Redaktionen verabsäumt hatten. 

Als einen Mißstand der älteren Indices konnte man es ansehen, da£ 
manchmal beim Verbote eines Buches der Titel nicht des Originals, sondern 
einer Übersetzung angeführt war. Infolgedessen waren manche der Ansicht, 
in all diesen Fällen sei nicht das Werk selbst, sondern nur jene bestimmte 
Übertragung desselben für verboten zu halten. Um hier iüarheit zu schaffen, 
ist überall dort, wo es anging, der Titel der Übersetzung durch den des 
Originals ersetzt worden. 

Das Buch des jüngeren Frederik Klee über die Sintflut erschien zuerst 
1842 zu Kopenhagen in der dänischen Muttersprache des Verfassers. 1843 
gab G. F. von Jenssen-Tusch in Stuttgart eine deutsche Übersetzung der 
Schrift heraus. Später 1846 folgte eine französische Übersetzung. Eben 
diese letzte Ausgabe lag bei Prüfung und Verurteilung in Rom vor, und so 
kam 1848 das Buch mit seinem französischen Titel in den Index. War das 
Buch an und für sich auch von geringer Bedeutung, die Verbreitung desselben 
durch die erwähnten Übersetzungen konnten ein Verbot ratsam machen^. 
Nunmehr ist der dänische Originaltitel eingesetzt. 

Klee, Frederik. Syndfloden; en Raekke af geologiske Hypotheser, £rem- 
satte fra et verdenshistorisk Standpunct. Decr. 15 apr. 1848. 

Anstatt .Saggio sopra la solitudine*^ findet man jetzt das deutsche 
Original unter dem Namen seines Verfassers. 

Zimmermann, Johannes Georg. Über die Einsamkeit^. Decr. 
18 iul. 1808. 

unter Pearson, John, steht nicht mehr der Titel der lateinischen Be- 
arbeitung, sondern: An exposition of the Creed, und unter Van Heussen 
liest man den ursprünglichen flämischen Titel ^ des 1682 zu Löwen erschienenen 
Werkehens über den Ablaß: Körte verhandeling van den aflaat en't jubile. 

Gewiß kam es auch vor, daß der Grund eines Verbotes sich nur in 
einer bestimmten Übersetzung fand und daß infolgedessen das Original un- 
behelligt blieb. Wo das der Fall ist, erhellt es aus dem Titel selbst, wie 
er sich im neuen Index findet oder aus einer kurzen beigegebenen Nota. 
Ohne weitere Anmerkung ist ja klar, was eigentlich verboten ist, wenn es 
im Index heißt: 



* Beide Angaben Über das Buch Klees bei Reusch, Der Index II 1040 sind nach 
dem obigen wenigstens irreführend. 

' Keine der drei verschiedenen Arbeiten Zimmermanns über die Einsamkeit erschien 
bereits 1755, wie Reu seh a. a. 0. II 1016 bemerkt. Das eigentliche Hauptmerk mit dem 
obigen Titel kam in vier Teilen von 1784 bis 1785 zu Leipzig heraus. Eine Prachtausgabe 
(Wien 1803) verbreitete wohl dieses Buch in Österreich und machte Italien damit bekannt. 

* Vgl. Batavia sacra, Bruzellis 1714 (deren Verfasser van Heussen ist), II 507 u. 508. 
An letzterer Stelle schreibt van Heussen in seinem Briefe vom 11. Juli 1687 an Innozenz XI., 
daß er das Büchlein ,e gallica lingua eductum belgico sermone** herausgegeben habe. 



Bibliographisch genane Titelangabe. g3 

Lasserre, Henri. Les saints evangiles, traduction nouvelle. De er. 
19 dec, 1887. 

Umgekehrt versteht es sich auch von selbst, daß unter Tillotson, Jean, 
die Predigten dieses anglikanischen Theologen in jeder Sprache und Übersetzung 
verboten sind. Den englischen Titel der fünfbändigen Predigtübersetzung von 
Jean Barbeyrac hat man nicht einsetzen können, weil ein solcher nicht existiert. 
Manche Predigten Tillotsons erschienen im englischen Original ; eine englische 
Ausgabe, die jener französischen Barbeyracs entspräche, gibt es nicht ^. 

Es galt früher ebenso wie jetzt die Regel, daß mit jedem verbotenen 
Werke auch alle dessen Übersetzungen verboten sind. Nichtsdestoweniger 
wurde zuweilen außer dem ursprünglichen Buche auch irgend eine bestimmte 
Übersetzung desselben durch ein besonderes Dekret untersagt. So oft das 
der Fall ist, findet sich im neuen Index Original und Übersetzung mit dem 
entsprechenden Titel und dem richtigen Dekrete. Bei der Übersetzung ist 
alsdann, wenn nötig, ein Hinweis auf das Original angebracht. Der fran- 
zösische Katechismus von der Gnade des Matthieu Feydeau steht daher 
auch als »Catechismus of the leeringhe van de gratie* in der Liste der ver- 
botenen Bücher und unter Johann Friedrich von Schulte sowohl „Die 
Macht der Päpste* als auch ,Le pouvoir des Papes traduit par Et. Patru*. 

Der Indexkritiker, welcher den früheren Indices die meisten Steine 
in seinem großen zweibändigen Werke nachgeworfen, hat es gelegentlich bei 
Besprechung der Übersetzungen im Index zum Vorwurf geniacht, daß dort 
der Titel eines Buches in italienischer Übersetzung gebracht worden sei, ob- 
gleich eine solche Version des ganzen Buches gar nicht oder wenigstens noch 
nicht existierte. Dabei hat er aber nur den Beweis erbracht, daß das, was 
er dem vielgeschmähten Index so maßlos vorwirft, ihm selbst auch zustoßen 
kann und mehr als einmal. Von dem mehrbändigen Werke Ginguen^s (Histoire 
litt^raire dltalie) z. B. behauptet Reusch^ kurzweg: .Im Dekrete und im 
Index steht der Titel italienisch, eine Übersetzung gibt es aber nicht.* Das 
ist ein Irrtum, da schon 1823 — 1825 zu Milano die im fiiiheren Index an- 
gegebene Übersetzung des Prof. Benedetto Perotti in zwölf Bänden erschien 8, 
welche bald darauf (1826 — 1828) in anderer Ausgabe von der Tipografia 
Daddi, Firenze, herausgegeben wurde. Wenn daher in der Neuausgabe unter 
Ginguen^ der italienische Titel getilgt ist, geschah das jedenfalls nicht aus 
Rücksicht auf Reusch^, sondern weil insgemein der Titel des Originals 
den der Übersetzung verdrängen sollte. 



^ Aus den quietistischen Wirren erklärt sich das Verbot des weit verbreiteten Cate- 
cbisme spirituel von Jean Josef Surin. Die Ausrede: nur eine italienische Version dieses 
Werkes sei untersagt, kann beim neuen Index nicht mehr gemacht werden. Wenn aber das 
Bach der Hauptsache nach wirklich so vortrefflich ist, wie man heute noch vielfach rühmt, dann 
wird es sicherlich gelingen, von der zuständigen kirchlichen Behörde die Erlaubnis zu einem 
Neudrucke nach den etwa notwendigen Streichungen oder Verbesserungen zu erbalten, wobei 
nur daran erinnert werden soll, daß die Verurteilung von der Congregatio S. Officii ausging. 

« a. a. 0. II 1046. 

' In ganz ähnlicher Weise irrt der deutsche Kritiker (a. a. 0. II 993) bei einem Buche 
Benjamin Constant und (a. a. 0. II 1006) bei dem Memoriale an Pius VI. 

« a. a. 0. U 1046. 

6* 



g4 Die Vornamen der Verfasser. 

Wie aus der Vorrede erhellt, hat man nicht bloß dort, wo es sich um 
Übersetzungen handelte, sondern überhaupt bei Feststellung irgend eines ver- 
botenen Buches sich durchaus nicht begnügt mit dem Zeugnis der ursprüng- 
lichen Dekrete und der frühesten Indices, welche die Verurteilung des Buches 
enthalten. Man war nicht einmal zufrieden mit den an und für sich besten 
Quellen, den römischen Archiven eben jener Kongregationen, welchen das 
Verbot von Büchern zusteht, und welche die einschlägigen Aktenstücke be- 
wahren. Vielmehr ist man, so weit das nur möglich war, auf die Originale 
selber zurückgegangen. „Bei der Angabe der Büchertitel ^, so heißt es auf 
S. XXI — ^xxii, »haben wir uns getreu an die Autoren selbst gehalten, so zwar, 
daß, wenn ein Schriftsteller beispielshalber als seinen Namen ,BarptolomäU8' 
angab, wir denselben genau so wiedergegeben haben; fand sich im Original- 
titel geschrieben ,Libya' oder ,phylosophia' oder ,christiano' oder ,8istöme*, 
haben wir auch da keine Änderung vorgenommen.* Laut dieser Regel durfte 
denn auch keine Korrektur eintreten unter Giovanni Cassiano im Namen des 
italienischen Übersetzers, obgleich Reusch tadelnd schreibt: »Im Index heifit 
der Übersetzer noch jetzt (1883) Buffi."^ Der Name wird nun einmal so- 
wohl im Titel als im Buche, das der Kongregation vorlag, selbst genau so 
geschrieben und nicht Ruffi, wie Heinrich Reusch will, wenn es auch nicht 
geleugnet werden soll, daß es noch eine andere Ausgabe oder Auflage gibt, 
welche ,, Ruffi" hat. Noch weniger dürfte Lamennais im Titel unter Diodati 
den Namen Francesco verlieren, denn eben jener Titel hat das F. von 
Lamennais' Namen Felicit^ zu Francesco gemacht, trotz der Bemerkung bei 
Reusch^, die damit nicht einverstanden ist. 

Den Gepflogenheiten der Bibliographie ist man damit gewiß genugsam 
entgegengekommen , praktisch dient es aber auch zur unzweideutigen Fest- 
stellung eines bestimmten Buches. Um eine Verwechslung von Büchern oder 
Autoren, die im Index verzeichnet sind, mit andern im allgemeinen unmöglich 
zu machen, ist in der Neuausgabe neben dem Familiennamen des Verfassers 
auch dessen Taufname vollständig ausgeschrieben worden, unbekümmert darum, 
ob er sich in dieser Weise, nur mit seinem Anfangsbuchstaben oder gar nicht 
im Titel fand. Bei manchen Büchern ist man also in diesem Punkte über 
die strenge bibliographische Satzung hinausgegangen, eben um den praktischen 
Zweck des Index dadurch vollkommener zu erreichen. Es scheint aber, daß 
es nicht bei allen Verfassern gelungen ist, ihren Vornamen festzustellen. 
Bei Caillet, Cambronne, Caron, Cerati, Chabauty und einigen andern zumeist 
französischen Schriftstellern findet er sich nicht. Vielleicht gelingt es den 
Indexredakteuren mit Beihilfe der Indexleser und -forscher die noch fehlenden 
Vornamen bei einem folgenden Neudruck einzufügen. 

Es ist leicht erklärlich, daß gerade in dem Kataloge der verbotenen 
Bücher manche sjnd, die den wahren Namen ihres Verfassers unter einem 
angenommenen zu vorbergen suchten. Nach der bibliographischen Regel 
stehen alle derartigen Bücher unter dem Pseudonym des Titels. Oben 
ist das schon erwähnt worden. Außerdem jedoch sind erstens diese Au- 



» a. a. 0. I 222, Anm. 1. « a. a. 0. II 1098. 



Pseadonyine und Anonyme. 85 

toren durch die Parenthese [pseudonymus] gekennzeichnet, und zweitens 
ist durch ein v = vide auf den wahren Namen des Verfassers hin- 
gewiesen. 

Dieses letztere ist ebenfalls geschehen bei allen anonym herausgegebenen 
Werken, deren Verfasser irgendwie bekannt geworden sind. 

* Seite 69 heiM es daher: Josef Bourdillon [pseudonymus], Essai 
historique etc. v. Voltaire und auf S. 307: Voix (la) du sage et du 
peuple etc. v. Voltaire. Will man also sehen, welche Schriften eines be- 
stimmten Autors, etwa Voltaires, auf dem Index stehen, braucht man nur 
diesen Namen selbst aufzuschlagen und dort findet man unter Voltaire, 
Fran<jois-Marie Arouet, alle dessen verbotene Schriften, die er unter eigenem 
Namen, an zweiter Stelle, die er anonym, und an dritter, die er unter einem 
Pseudonym erscheinen ließ ; natürlich wird hier auf die anonymen und Pseudo- 
nymen Bücher nur hingedeutet, da ja die vollen Titel eben an ihrem richtigen 
Platze stehen. 

Nicht zu allen Pseudonymen hat der neue Index die Verfassemamen 
ausfindig gemacht. Unter Peter Paul Frank z. B. wird richtig [pseudo- 
nymus] beigefügt, aber nicht der Name des hermesianischen Verfassers an- 
gemerkt. Das hier verbotene Buch „Krieg oder Frieden* sollte nach der 
Meinung vieler, zu denen auch Reusch^ gehört, von dem damaligen königlich 
preußischen Justizrat, dem späteren Oberbürgermeister von Köln, Hermann 
Josef Stupp, geschrieben sein. Man wird aber wohl die Autorschaft jener 
Schrift mit dem Kirchenlexikon (V 2, 1896) auf den Bonner Professor Thomas 
Braun zurückführen müssen. Wie wir nachträglich sehen, hat die zweite 
Auflage des neuen Index (1901) nunmehr den Namen Brauns eingefügt. Es 
fehlt aber noch bei Lauterianus Antipapius und bei wenigen andern Pseudo- 
nymen und Anonymen die Angabe des eigentlichen Verfassers. Ein biblio- 
graphischer Indexforscher fin3et also auch nach der Editio Leoniana noch 
Beschäftigung und kann zu deren Vervollkommnung beitragen. Doch können 
sich auch die Bibliographen die Neuausgabe des Index bei ihren Zwecken 
zu nutze machen, denn sie bringt neue Originalangaben, die sonst kaum 
zu finden sind. Keusch^ könnte nun in der Editio Leoniana sehen, 
daß der Philalethes, welcher 1728 ,Remarks upon the book of Edmond 
Burk* schrieb, Peter Conry war. Die italienischen Bibliophilen werden da 
entdecken, daß die Vision i e locuzioni etc. ^ geschrieben sind von Carlotta 
Geltrude Eschini und daß „II cristiano occupato^ etc. sowie „Giornata ben 
spesa" etc. nicht von Giuseppe Antonio Marcheselli wie gewöhnlich und auch 
von Reusch* angegeben wird, sondern die letztere Schrift von Antonio 
Persuttini die erstere von Tonmiaso Maria Musci verfaßt ist. Indexkritiker 
sind jetzt geschützt gegen den doppelt fatalen Irrtum in Rodakow (do) einen 
polnischen Schriftsteller- und Adelsnamen zu vermuten. ^. Doppelt fatal, weil 

» a. a. 0. II 1120. « a. a. 0. H 996. » a. a. 0. II 1193. 

* a. a. 0. II 627. 

* ReuBch schreibt (a. a. 0. II 1187) : .Ein Pole wird auch wohl do (de?) Rodakow sein, 
von dem ,Ad concives' etc.** Do rodakow etc. ist eben der Anfang, Überschrift oder Titel der 
verbotenen Schrift Towiaüskis and bedeutet ,An meine Mitbürger*. ,Ad concives' war aber 



86 NaohprüfuDg der Dekrete im Index. 

er dem deutschen Gelehrten unterlief gerade in dem Werke, das mit so hä- 
mischer Schadenfreude über die italienischen Indexredakteure zu Gerichte sitzt. 
Der neue Index hat, wie es scheint, Böses mit Gutem vergolten, denn 
er bringt in seiner Liste nicht den Namen Heinrich Reusch, obgleich das 
32seitige Schriftchen, welches 1871 in Prag erschien und am 20. September 
desselben Jahres vom heiligen Offizium verboten wurde, von Reu seh ver- 
faßt ist. Der Titel, welcher unter Schulte steht, heiM daher auch: „Das 
Unfehlbarkeitsdekret vom 18. Juli 1870 auf seine kirchliche Verbindlichkeit 
geprüft. Herausgegeben von Joh. Friedr. Ritter von Schulte.* Das Büch- 
lein müMe also eigentlich unter „Unfehlbarkeitsdekret'' stehen mit 
einem Hinweis auf den genannten Verfasser. Der anonymen Schrift: ,Be- 
kanntmachung und Beleuchtung der Badener Konferenz- Artikel' dürfte 
ebenso der Name des Verfassers beigefügt werden, denn Konstantin Siegwart 
Müller bekennt sich ausdrücklich selber dazu ^. Die M"* Henry Gröville ist 
eine pseudonyma, in Wirklichkeit ist es die Frau Alice Durand, gebome 
Fleury, wie auch die zweite Auflage nachgetragen hat. Der Pseudonymus 
Candido Arasieve, dessen wahren Namen auch die zweite Auflage nicht nennt, 
steht schon unter diesem mit einer andern Schrift auf dem Index, nämlich 
als Cicuto, Antonio. Peguleti (wohl richtiger Peguletus), Nicolaus auf S. 235* 
ist ein Pseudonym, unter dem sich der Theatiner Gualdo, Gabriele birgt. 
Die anonyme Informatio pro veritate (S. 165) hat den Jesuiten Christian 
Stumpf zum Verfasser. Zur bibliographischen Vervollständigung der Editio 
Leoniana wäre hiermit ein erstes Scherflein beigetragen. Mit seinen zahl- 
reichen Verbesserungen aber, welche der Index Leos XIU. aufweist, hat er 
nicht bloß Fehler und Mängel früherer Indexausgaben wieder gut gemacht, 
sondern darüber hinaus durch neue positive Angaben Bibliographen und Biblio- 
philen neues Licht gebracht. 

Die Dekrete: Umdatiernng. — Verschiedene Arten. — Znsätze. 

Eine andere Seite des Negotium sane laboriosum , von dem das einlei- 
tende Papstbreve „Romani Pontifices* spricht, mußte sich die Neuprüfung 
aller Sonderdekrete der Bücherverbote angelegen sein lassen. Daß dieses 
geschehen, geht schon aus der Umdatierung sehr vieler derselben hervor, 
wie die Vorrede besagt. 

In früheren Zeiten, im 17. und 18. Jahrhundert, pflegte man die Bücher- 
verbote nicht alsbald nach dem Erlasse derselben in den Kongregationen 
durch öffentlichen Anschlag in Rom aller Welt kund zu tun. Wenn auch wolil 
den bei einem Verbote näher Beteiligten das kirchliche Urteil sogleich bekannt 
wurde, für die Allgemeinheit wartete man oft geraume Zeit und faßte als- 
dann in einem Dekrete, das zur Publikation bestimmt war, alle bis dahin 
noch nicht veröffentlichten Bücherverbote zusammen. Folge davon war, daß 



auch im früheren Index durch Beistrich und etc., nach Rodakow (do) etc. richtig gekeirn- 
zeichnet — Einen andern Mißgriff tut Reusch (II 1170) bei Besprechung des vierbändigen 
Werkes von Alexandre Furcy Guesdon. 

* Siegwart Müller, Der Kampf zwischen Recht und Gewalt I, Altdorf 1864» 142. 



ümdatierang der Dekrete. 87 

in den früheren Indices gar manche Bücher als durch dieses Dekret der 
Publikation verboten angemerkt wurden, während das eigentliche Verbot der 
Kongregation vielleicht schon Jahre vorher ergangen war. Neuerdings hat 
man — und zwar hauptsächlich wiederum der mehrfach genannte Gelehrte — 
es der kirchlichen Behörde tadelnd vorhalten wollen, daß sie oftmals bei 
wichtigen, brennenden Fragen die Verurteilung eines Buches so lange hinaus- 
geschoben habe. Aus dem neuen Index mit den richtig datierten Dekreten 
läßt sich nunmehr ersehen, daß auch in jenen Fällen das Verbot nicht nach- 
hinkte, wie man vermeinte. Das erste Dekret des Jahres 1600 ist datiert 
vom 15. Januar; es steht bei Acta legationis ducis Nivemiae. Hier handelt 
es sich um die Denkschrift des Herzogs von Nevers über seine Sendung 
durch Heinrich IV. an Klemens VIII. im Jahre 1593, bei welcher früher ein 
Dekret vom 7. August 1603 angegeben war, also ein Tag, an dem das Verbot 
schon 3^/2 Jahre alt war. 

Jedenfalls ist durch die ümdatierung, wo sie notwendig und möglich 
war, nunmehr auch in dieser Hinsicht bei der Neuausgabe Einheit und Ein- 
heitlichkeit geschaffen worden. Der einschlägigen Zeit- und Kirchengeschichte 
ist aber damit ein nicht unwesentlicher Dienst erwiesen, nicht so sehr deshalb, 
weil falsche Daten berichtigt wurden, als vielmehr, weil es von Belang sein 
kann, zu wissen, ob eine Sache entschieden und ein Buch verurteilt wurde 
unter diesen oder jenen Zeitumständen, in dieser oder jener Phase einer Streit- 
frage. Es wird das klar gleich beim ersten Dekrete des heiligen Officiums 
in der Editio Leoniana, wodurch die sämtlichen Schriften Giordano Brunos 
verboten wurden. Reusch^ schreibt darüber: „Erst nachdem er (Giordano 
Bruno) 1600 zu Rom hingerichtet worden war, wurden 1603 Jordani Bruni No- 
lani libri et scripta verboten." Der Index Leos XHI. aber belehrt auf S. 72, 
daß die Werke Giordano Brunos genau an demselben 8. Februar 1600 unter- 
sagt wurden, an dem er selbst verurteilt worden war. Die Hinrichtung fand 
am darauf folgenden 17. Februar statt. 

Ein anderes Beispiel ist noch merkwürdiger. Döllinger-Reusch wollen 
in ihrer „Selbstbiographie des Kardinals Bellarmin* des letzteren Verteidiger, 
Johannes Eudaemon, der Unwahrheit zeihen, weil dieser bereits im Jahre 1612 
sich auf das Verbot der Schrift des Jacobus Antonius Marta berufe. „In 
Wirklichkeit,** so heißt es dort^ „wurde das Buch aber erst am 3. Juli 1623, 
also zwei Jahre nach dem Tode Bellarmins und Pauls V. verboten.** Es ist 
wahr, daß in den früheren Indices Martas Werk das Dekret vom 3. Juli 1623 
beigefügt war; aber im neuen Index liest man (S. 205): Marta, Jacobus, 
Antonius. Tractatus de iurisdictione etc. De er. 2 apr. 1610; das ist nicht 
bloß ein Unterschied von 13 Jahren, sondern die kürzeste und klarste Wider- 
legung von Döllinger-Reusch und die einfachste Ehrenrettung des Johannes 
Eudaemon. 

Nach dem Ursprünge der Verurteilung wird im neuen Index 
genau, weit genauer als vordem angegeben, ob ein Vorbot durch ein eigenes 



« a. a. 0. II 66. 

* Die Selbstbiographie des Kardinals Bellarmin, Bonn 1887, 109. 



gg Verschiedene Arten der Bdcherverbote. 

päpstliches Schreiben, Breve oder Bulle oder aber durch Entscheidung einer 
päpstlichen Kongregation erlassen ward. Alle Bücher, welche anmittelbar 
durch apostolisches Schreiben untersagt sind — man zählt deren im 
ganzen Index über 140 — haben in der Neuausgabe als äußeres Erkennung»* 
zeichen ein f erhalten. Dieses Zeichen bleibt sich aber gleich, ob nun das 
Werk durch Bulle oder Breve oder Encyklika verurteilt ist; es unterscbddet 
nicht einmal, ob ein Buch unter einer Zensur verboten ist oder nicht. Der 
Zeit nach das erste derartige Verbot findet sich auf S. 215: 

t Molinaeus (Du Moulin), Carolus. Opera omnia. Brevi^ Clem. VIII 
21 aug. 1602. 

Die Kongregation des heiligen Offiziums, die römische Inqui- 
sition, hat in den drei Jahrhunderten 1600 — 1900 nicht ganz 900 Bücher- 
verbote erlassen. Dieselben sind in der Editio Leoniana samt und sonders 
durch den Zusatz Decr. S. Off. als Entscheidungen der Inquisition gekenn- 
zeichnet. Früher fehlte diese Angabe bei manchen Büchern und Dekreten. 
Da es oft nicht ohne Bedeutung und zuweilen sogar von Wichtigkeit ist, zu 
wissen, ob eine derartige Entscheidung vom heiligen Offizium ausging, so 
wird auch diese Ergänzung als eine wertvolle Verbesserung des Index an 
erster Stelle den Kirchenhistorikern willkommen sein. Von jeher hat man 
bei der römischen Inquisition unterschieden, ob einer ihrer Beschlüsse in einer 
Mittwochs- oder Donnerstagssitzung gefaßt wurde. Da nämlich der 
Papst in den Sitzungen der fer. V selbst den Vorsitz führt und dabei die 
wichtigeren Sachen entschieden werden, wurde auch das Donnerstagsdekret, 
Decretum fer. V, immer höher gewertet als etwa das Mittwochsdekret, Decr. 
fer. IV. Der neue Index bringt daher auch diesen unterschied zum Ausdruck, 
indem er überall an der richtigen Stelle das „fer. V einsetzt. So steht ab 
erstes Donnerstagsdekret des 17. Jahrhunderts nunmehr im Index: 

Petra, Petrus Antonius de, Tractatus de iure quaesito per principem 
non tollende. Decr. 18 maii 1601; S. Off. fer. V. 5 iul. 1601. 

Der Fall ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß ein Dekret des heiligen 
Offiziums an einem Donnerstag in der minder feierlichen Weise der fer. IV 
erlassen wird. Man darf also auch im Index aus dem bloßen Datum einer 
Entscheidung, die auf einen Donnerstag fiel, noch nicht schließen, daß die- 
selbe ein Decretum feriae V^ sei. Auch umgekehrt kommt es wohl vor, 
daß eine förmliche Donnerstagssitzung auf einen andern Wochentag ver- 
legt wird. 

Als verboten durch Dekret der Kongregation der Riten werden 
überhaupt nur drei Bücher angegeben; der neue Index verzeichnet sie auf 



^ Das Aktenstück ist ein Breve, nicht eine Bulle. 

* Anderseits war der 28. August 1687 nicht nur in Wirklichkeit ein Donnerstag, 
sondern auch der Beschluß dieses Tages in Sachen des M o 1 i n o s ein Decr. fer. V im 
kAnonistischen Sinne. Es ist daher auf S. 216 (1. Aufl.) unter Molinos nur durch Versehen 
das ,fer. V* ausgefallen, die zweite Auflage hat es richtig eingesetzt; es fehlt aher noch an 
andern Stellen, z. B. bei Brontius, Respuesta ä unos errores, Alfabeto, Bourignon, 
Rocchi, Giannone und wohl auch bei Petrucci. Umgekehrt scheint die Fer. V nicht 
zum 5. Februar 1674 zu passen unter loan. B. Pasquali. 



Verscbiedene Arten der Böcherverbote. 89 

S. 140 152 275. Genau ein einziges steht da (S. 227) mit zwei Dekreten 
der Kongregation der Ablässe. 

Wohl hat letztere Kongregation im Laufe der drei Jahrhunderte manche 
solcher Dekrete erlassen, dieselben wurden jedoch, wie im Vorwort gesagt 
ist und weiter unten ausgeführt wird, nicht in den Index Leos XIII. auf- 
genommen. 

Es braucht kaum bemerkt zu werden, da£, da jede Kongregation ein 
eigenes Gebiet ihrer Thätigkeit hat, derselben auch die dieses Gebiet be- 
rührenden Bücher und Schriften zur Prüfung bzw. Verurteilung zufallen. 
Die Indexkongregation aber beschäftigt sich mit Büchern jeder Art, weil es 
ihre eigentliche Aufgabe ist, zur Anzeige gebrachte verdächtige Werke zu 
untersuchen. Bei weitem die Mehrzahl aller Dekrete im Index stammt daher 
von der Kongregation des Index. Man zählt deren in der Neuausgabe mehr 
als 3000. Die Um- und Neugestaltung des Kataloges der verbotenen Schriften 
geht darum von dieser päpstlichen Behörde aus. 

DerPapst kann natürlich ein Buch prüfen und verwerfen, ohne das 
Mittel irgend einer Kongregation. Dabei ist es gar nicht nötig, daß 
er dies immer durch ein eigenes päpstliches Schreiben tue. Und so finden 
sich in der Tat im Index Leos XIII. vier vereinzelte Beispiele eines päpst- 
lichen Bücherverbotes, welches nicht in einem apostolischen Schreiben vorliegt 
und nicht seinen Weg durch eine Kongregation genommen hat. Auf diese 
Weise verurteilte Benedikt XIV. 1742 ein Andachtsbuch von Giovanni An- 
tonio Genovesi (S. 114), Clemens XIV. 1773 die Übersetzung der Briefe 
des hl. Paulus von Laugeois des Chatelliers (S. 180), Leo XII. 1825 
Vie de Scipion de Ricci von L. L A. de Pott er (S. 243) und im Jahre 1835 
setzte Gregor XVI. durch ein gleiches Dekret die oben erwähnte Schrift von 
Siegwart Müller (S. 86) auf den Index. 

Nicht selten kommt es vor, daß ein und dasselbe Buch durch verschie- 
dene Entscheidungen derselben Instanz oder auch von verschiedenen Kon- 
gregationen oder Instanzen verboten wird. Daher ist z. B. der „Augustinus" 
des Cornelius Jansenius auf S. 163 als durch drei Urteilssprüche untersagt 
angegeben. Bei den Schriftstellern, deren sämtliche Werke durch ein eigenes 
Dekret verboten wurden, sind außer diesen „Opera omnia* -Dekreten auch noch 
alle jene Sonderdekrete verzeichnet, wodurch irgend ein einzelnes Buch der- 
selben Autoren untersagt ward, obgleich man die Titel dieser Bücher nicht 
mehr beigefügt hat ^. Die verbotenen Schriften jedoch eben dieser Verfasser, 
welche anonym oder unter einem Pseudonym herauskamen, mußten eigens 
mit Titel und Dekret angemerkt werden 2. Aus gleichem Grunde werden 
die nicht theologischen verbotenen Bücher jener Schriftsteller, deren 
, Opera omnia" wegen religiöser Irrtümer verurteilt wurden, mit Titel und 
Dekret neben dem Verbote sämtlicher Schriften aufgeführt 3. Früher hieß 
es bei diesen letzteren Verboten nicht einfachhin „Opera omnia**, sondern 



> Vgl. Joannes Clericus 89. Emile Zola 316. 

» Vgl. Qregorio Leti 185. 

' Vgl. Hermannas Conringius 94. 



90 Zusätze in den Dekreten. 

»alle Werke, welche über Religion handeln**. Nunmehr ist diese nähere Be- 
stinnnung überall weggelassen, weil sie nach der Erklärung der Konstitution 
„Officiorum ac munerum" ^ sowie der Vorrede ^ selbstverständlich ist und 
daher überflüssig wäre. Wie jeder alsbald sieht, sind auch diese Anord- 
nungen durch den praktischen Zweck des Index eingegeben. 

Hiermit sind die verschiedenen Arten von Bücherverboten, welche sich 
in der Editio Leoniana vorfinden, erschöpft. Der Vollständigkeit wegen mufi 
nur noch einer Unterart der verschiedenen Bücherdekrete Erwähnung ge- 
schehen. Bei allen Büchern nämlich, die als äußeres Erkennungszeichen ein 
Sternchen haben, steht im Dekrete der Zusatz: donec corrig. = donec 
corrigatur. Der Sinn dieses Zusatzes ist: Die betreffende Kongregation hält 
das Werk für verbesserungsfahig , so daß sie, nachdem die nötigen Än- 
derungen vorgenommen sind, wohl ihre Erlaubnis zu einem Neudruck geben 
würde. Bis dahin aber ist es verboten wie die übrigen. Hat eine Kongre- 
gation von vornherein eine bestimmte Ausgabe oder Auflage eines Buches 
entweder von dem Verbote ausgenommen oder nachträglich ausdrücklich 
erlaubt, so ist dies klar bei dem Dekrete im neuen Index angegeben. S. 275 
wird auf diese Weise beim Buche Scaramelli's die römische Ausgabe desselben 
vom Jahre 1819 durch Dekret der Ritenkongregation vom 13. April 1820 
erlaubt. Ähnliche Fälle gehören gerade nicht zu den Seltenheiten des Index. 
Beinahe ebenso oft wird im Dekrete ganz kurz der Grund des Verbotes be- 
zeichnet. Dies geschieht besonders dann, wenn die Schrift gut und nützlich 
erscheint, das Böse oder Gefahrliche aber durch Anmerkungen oder einen 
Anhang oder durch ähnliche Zutaten in das Buch hineingetragen wurde. Beim 
Werke des Gennadius Massiliensis, welch,es Geverhart Elmenhorst 1614 zu 
Hamburg mit Noten versehen herausgab, heißt es daher im Verbote ebenso 
kurz wie deutlich: „Propter notas". Unter Guido Panciroli hat das 
Dekret dieselbe Erklärung beigefügt. 

Andere Zusätze, sei es im Titel des verbotenen Buches oder beim De- 
krete der Verurteilung, erklären sich durch ihren Wortlaut. Es will scheinen, 
daß die Neuausgabe auch hierin im Vergleich zu ihren Vorgängerinnen das 
Richtige getroffen hat. Nur dort, wo eine solche Zutat zum Verständnis des 
Titels oder des Dekretes notwendig ist, erscheint dieselbe und begnügt sich 
mit der kürzesten Fassung, die bibliographisch korrekt überall durch den 
Druck als Zusatz gekennzeichnet wird. Alles in allem ist die Editio Leo- 
niana auch nach dieser Seite in der Tat eine Neugestaltung und bietet den 
Forschem Mehrung und Bereicherung bibliographischer wie geschichtlicher 
Kenntnisse. 

Die neugestaltete Bibliographie, in mancher Beziehung ein QuoUenwerk 
mit zahlreichen, vielfach neuen, nicht unwichtigen historischen Angaben und 
Aufschlüssen, ist an erster Stelle, was ihr Name besagt und ihr Zweck ver- 

■ 

langt : der einheitliche, vollständige Codex der kirchlichen Büchergesetzgebung. 
Leo XIII., der oberste Gesetzgeber, Lehrer und Hirte der Kirche, hält dieses 
Gesetzbuch weder für unnütz noch für überflüssig. Nur so begreift sich das 



* Ebd. p. 7, c. 1, n. 4. * p. xiv. 




j 



Fehler und Mängel früherer Indexausgaben. 91 

Breve der Einleitung mit der päpstlichen Empfehlung im Schlußwort, das 
oben schon wiedergegeben ist. 

Das wäre die Neugestaltung des Index. Sie mußte hier ausführlicher 
besprochen werden, einmal weil sie absolut ein Vorzug der Editio Leoniana 
ist, dann aber auch, weil dadurch Fehler und Mängel früherer Indexausgaben ^ 



> Freund und Feind diesseits der Alpen haben die Schuld an den gerügten Fehlern 
italienischer Nachlässigkeit und Sorglosigkeit in die Schuhe geschoben. Wahr ist auch, daß 
es wohl Italiener gewesen sein werden, welche den Anlaß zu den Erlagen gegeben haben. 
Man darf aber dennoch nicht zu einseitig hier vorangehen, gleich als ob es ein Ding der 
Unmöglichkeit sei, daß so etwas bei uns Germanen oder den Angelsachsen vorkomme. Ging 
doch, um ein Beispiel zu bringen, vor einiger Zeit aus und über London folgende heitere 
Nachricht durch die Tageshiätter: „Eines der nationalen Institute, auf das der Brite ungeheuer 
stolz ist, und das er als eine Besonderheit seines Vaterlandes betrachtet, ist die große kunst- 
gewerbliche Sammlung des Kensington Museum. Vor längerer Zeit sah man sich veranlaßt, 
eine besondere Kommission zu ernennen, die eine genaue Untersuchung der Verhältnisse dieses 
Instituts vornehmen sollte. In der Sammlung von echten Schilda-Stücklein , welche diese 
Kommission zusammengebracht hat, wird zunächst verzeichnet, daß der Katalog fUr eine 
historische SonderaussteUung von Möbeln zwei Monate nach Schluß dieser Ausstellung fertig- 
gestellt wurde. Geradezu unglaublich ist die Unwissenheit, die sich in den Arbeiten des 
Bureaus offenbart. Das South Kensington Museum hat eine stattliche Bibliothek; die Be- 
amten aber, die mit dem Katalogisieren und mit der Verwaltung dieser Bücherei betraut 
sind, scheinen von ihrem Berufe so gut wie nichts zu verstehen. Das holländische Wort 
Deel (Teil), das auf den einzelnen Bänden von Werken verzeichnet war, ist in dem Kataloge 
als Automame verwendet worden. Ein schlechthin regelmäßiger Fehler ist die Verwechs- 
lung zwischen den Namen der Autoren und ihres Geburtsortes. Bekanntlich tragen die Bücher 
des 15. und 16. Jahrhunderts gewöhnlich den Namen des Verfassers in Verbindung mit dem 
Orte seines derzeitigen Aufenthaltes oder seiner Geburt. Die Bibliothekare des South Ken- 
sington Museum haben in solchen Fällen den Namen als den Vornamen eingezeichnet und 
den Ort als den Automamen. Natürlich ist es bei solcher Art der Kontrolle nicht zu ver- 
wundern, daß die Bibliothek von Duplikaten strotzt. Eine andere Entdeckung machte man 
in der Abteilung Zeitungen und Zeitschriften. In dieser Sammlung wird die Übung be- 
obachtet, die manchmal sehr umfangreichen Inseratenteile abzutrennen, da man Anzeigen 
nicht in die wissenschaftliche Bibliothek aufzunehmen geneigt ist. Bei der Untersuchung 
ergab sich nun, daß diese abgetrennten Inseratenteile in Maroquin mit Goldschnitt einge- 
bunden waren, während ein großer Teil des wissenschaftlichen Inhaltes der Zeitschrift ver- 
mutlich weggeworfen worden war. Man fand zwei und drei solcher Prachtbände, die nichts 
enthielten als Inserate. Eine Monstreleistung von Unwissenheit und Ungeschick bietet der 
Katalog der Porträts in Stahlstichen, der von einem Vetter des Bibliothekars angefertigt ist. 
Die historischen Noten wirken einfach humoristisch, und das Verständnis, das der Verfasser 
von seiner Aufgabe hatte, kann daraus bemessen werden, daß er einem Ringkämpfer, der 
öffentlich auftrat, eine ganze Biographie widmete, während Lord Beaconfield sich mit der 
erschöpfenden Charakteristik »konservativer Politiker' zu begnügen hatte. Das Honorar, 
das dieser tüchtige Kustos erhielt, wird nicht genannt; wohl aber hat die Kommission heraus- 
gebracht, daß er für die Korrektur seiner Abzüge zwei Guineen pro Tag beanspruchte*^ 
(Köln. Volkszeitung Nr 708 vom 17. August 1898). Wir möchten es den italienischen Index- 
redakteuren aus frtlheren Zeiten nicht raten, nunmehr Steine auf die angelsächsische Rasse 
zu werfen. Wenn man aber immer von neuem ihnen ihre , romanische Minderwertigkeit' 
wegen der Fehler im Index unter die Augen rücken sollte, dürften sie dennoch berechtigt 
sein, durch den Humor Über die oben geschilderte angelsächsische Musterleistung sich einiger- 
maßen schadlos zu halten. Jedenfalls läßt der Londoner Index mit seinen Ungeheuerlich- 
keiten die früheren römischen noch immer weit, weit hinter sich zurück. Überhaupt ha 
romanische wie angelsächsische Indexrezensenten gerade bei der Kritik der Bücherge 



lab«!^^ 



92 Zahl der verbotenen Bücher. 

wieder gut gemacht worden sind. Die Hauptaasstellungen nämlich, welche 
man berechtigterweise diesen älteren Ausgaben machen konnte, betrafen und 
trafen eben die Redaktion derselben. Gereichten diese Fehler den Index- 
redakteuren nicht zur Ehre, so gereicht es jetzt zur Freude, dafi Leo XUI. 
gerade hier Wandel geschaffen hat. 

Zahl und Art der Bücherverbote im Index Leos XIIL 

Das vorige Kapitel behandelte die Neuausgabe des Index von ihrer 
bibliographischen Seite. Hier beschäftigt uns einzig der Inhalt des zweiten 
Teiles der Editio Leoniana nach ihrer Umgestaltung. Es unterscheidet sich 
die neue Liste der verbotenen Bücher nicht bloß bibliographisch, sondern 
auch inhaltlich gar sehr von ihren Vorgängerinnen. Ein wesentlicher unter- 
schied, der alsbald ins Auge springt, auch wenn man die Vorrede nicht ge- 
lesen, besteht in den zahlreichen Weglassungen und Streichungen. Da aber 
diese Milderung des Index, „mitigatio", wie das Vorwort die Änderung nennt, 
im nächstfolgenden Kapitel gesondert zur Darstellung kommt, wird hier nur 
die Rede sein von dem wirklichen nunmehrigen Bestände an Büchern und 
Verboten, welche der neue Codex Leos XIIL in dem eigentlichen Kataloge 
der verbotenen Schriften aufweist. 

Hört oder liest man die argen Irrtümer über all das, was der Index 
in sich bergen soll, so erscheint eine derartige Zusammenstellung, die man 
eine statistische Zerlegung des Index nennen könnte, beinahe geboten. Über- 
haupt werden die meisten wißbegierig genug sein, zu erfahren, wie viele und 
was für Bücher auf dem Index stehen. Jedenfalls gewinnt man nur so einen 
Einblick in den Index und einen Überblick über dessen wahren Inhalt. Es 
werden sich ja nur wenige die Muße gönnen, das neue Buch Leos XUI. auf- 
merksam durchzulesen. Aber es mxx& bemerkt werden, .daß diese Inhalts- 
angabe den ganzen Index mehr vom kanonistischen als vom historischen 
Standpunkte auffaßt. Hier kann es nicht unsere Absicht sein, eine volle 
Geschichte des Index -zu schreiben. 

Zahl der verbotenen Bficher. 

Die Bücherverbote der Indexausgabe vom Jahre 1900 erstrecken sich 
über die Zeit von 1600 bis auf den heutigen Tag. Sie umfassen 
genau drei Jahrhunderte. Es finden sich im neuen Index nur zwei Verbote 
aus früherer Zeit, aus den Jahren 1575 und 1580, weil „Conradus a Lich- 
tenaw. Chronicon* und „II salmista secondo la bibbia* ^ noch durch spätere 



und des Index sich solche Blößen gegeben, daß sie schon deshalb kein Recht mehr haben, 
dem Index in dieser Beziehung etwas vorzuwerfen. 

^ S. 94 und 272. In derselben Weise war aber auch schon z. B. das Buch (S. 58) 
unter Bartolomeo da Castello. Dialogo dell' unione dell' anima con Dio (Decr. 29 lan. 1600) 
durch ein feierliches Dekret der Inquisition vom 8. März 1584 coram Gregorio XIII verboten 
worden und müßte dieses Decr. S. Oflf. eingefügt werden. — Das Dekret findet sich als Ein- 
blattdruck in der Vatikanischen Bibliothek unter «Bandi ed Editti' des Jahres 1584; em 
Abdruck in Analecta iuris pontificii, 2. s^r., Rome 1857, ^632 s. 



Zahl der verbotenen Bücher. 93 

Dekrete untersagt wurden und somit auch zum 17. Jahrhundert gehören. 
Im übrigen stammt das erste Verbot der Editio Leoniana vom 15. Januar 
1600, ihr letztes vom 15. Dezember 1898, woraus erhellt, daß in den beiden 
letzten Jahren 1899/1900 kein einziges Buch auf den Index kam. Solche 
Jahre gibt es überhaupt nur wenige, im ganzen achtzehn, von denen aber 
zwölf in die aufgeregte, wirre Zeit von 1798 — 1814 fallen, während vor dem 
Jahre 1798 nur die beiden Jahre 1637/1638 und nach dem Jahre 1814, im 
Laufe des 19. Jahrhunderts, nur die Jahre 1831/1832 mit Indexverboten 
nicht vertreten sind. Durch Dekret der Indexkongregation vom 7. Juni 1901 
wurden sieben verschiedene Werke verboten: 3 französische, 2 spanische 
oder besser mexikanische, 1 deutsches und 1 arabisches \ welche alle bereits 
in die zweite Auflage des Index vom Jahre 1901 aufgenommen sind. Sie 
werden daselbst verzeichnet unter Combe, Dompierre, Quiövreux, Planchet, 
Müller und S. 299 nach Turretinus, loannes Alphonsus. 

Ein weiteres Dekret erließ dieselbe Kongregation am 19. August 1902 
und verbot darin zwei Schriften, nämlich: 

Presbyter Lucensis. L'antichitä intorno all' elezione dei sacri pastori. 

Zino, Zini. II pentimento e la morale ascetica. 

Im folgenden werden wir diese neun Werke unberücksichtigt lassen, 
um nur genau die 300 Jahre der ersten Auflage ins Auge zu fassen. 

Aus dem genannten Zeiträume von 300 Jahren finden sich insgesamt 
ziemlich genau 4000 Bücher auf der neuen Liste der verbotenen. Bei dieser 
Zählung sind jedoch die 108 Schriftsteller, deren sämtliche Werke verurteilt 
wurden, als einzelne Nummern gerechnet worden. Wollte man die verbotenen 
Schriften eben dieser Autoren einzeln verrechnen, so würde die Gesamtzahl 
gewiß von 4000 auf 5000 steigen. 

Von jenen 4000 aber entfallen rund 1500 auf die Zeit von 1600—1699, 
etwa 1200 auf das 18., 1300 auf das 19. Jahrhundert und auf das letzte 
Jahrzehnt 132 verbotene Bücher, worunter Emile Zola mit seinen sämtlichen 
Werken. Dieser Unterschied der Zahlen für die einzelnen Jahrhunderte ist 
für den Index von keiner wesentlichen Bedeutung. Will man hier einen 
Unterschied ausfindig machen, so liegt er nicht in der Zahl, sondern in der 
Art der verbotenen Bücher und in der Art und Weise der Verbote. Jedoch 
widerlegt die Gesamtzahl von nur 4000 Nummern aus dem Bücherbestande 
dreier Jahrhunderte aller Völker allein klar und deutlich die immer wieder- 
kehrende Anklage von der Proskription der gesamten Weltliteratur durch 
die katholische Kirche. 

„Opera omnia"-Dekrete. 

Wie oben bemerkt wurde, sind die „Opera omni a", die sämtlichen Werke 
von 108 Verfassern in den drei Jahrhunderten untersagt worden. Davon 
kommen 33 auf das 17., 55 auf das 18. und 20 auf das eben verflossene 



' Es ist ein Schriftchen , das man seinem Inhalte nach zur Moraltheologie rechnen 
mfißte, mit dem Titel ohne Angahe des Verfassers, ohne Jahr und Ort des Druckes: „Der 
Schild des Schwachen in der Unterdrückung und die Strafgerechtigkeit Gottes gegen den 
üoterdrflcker.' 



94 Verbot aller oder mehrerer Werke eines Verfassers. 

Jahrhundert. Unter jenen 108 befinden sich einige, deren Werke in bestimmten 
Oesamtausgaben verboten wurden. Doch scheint diese Verurteilung mit einem 
»Opera omnia'^ -Dekret gleichbedeutend zu sein bei Oeorgius Cassander, An- 
toinette Bourignon, Johannes Crellius, Jacobus Alting, Georgius Bullus, 
Gerardus Noodt, dem jansenistischen Bischof von Montpellier, Charles Joachim* 
Colbert de Croissy, dessen Werke auf den Index kamen, nachdem schon sieben 
bischöfliche Aktenstücke von ihm untersagt waren, sowie bei des letzteren 
Gesinnungsgenossen, dem Bischof von Auxerre, Caylus, von dem auch erst 
fünf kleinere Schriften oder Aktenstücke und darauf 1753 „Les oeuvres* ver* 
urteilt wurden. Die genannten acht sind daher oben mitgerechnet. Zu jenen 33 
des 17. Jahrhunderts gehören zwei, deren Werke eigens durch apostolische 
Schreiben verurteilt worden sind, nämlich: Der französische Jurist, Charles 
du Moulin (Molinaeus), durch Breve Clemens' VIU. 

Es ist dies überhaupt das erste derartige Verbot des Index. Durch 
Bulle Innozenz' XI. wurden alsdann am 20. November 1687 in derselben 
Weise alle Schriften des Molinos untersagt. 

Dieselben waren bereits einige Monate vorher durch Entscheidung der 
Inquisition als verboten bezeichnet, deshalb heiM es auf S. 216: 

t Molinos, Miguel de. Opera omnia. Decr. S. Off. fer. V. 28 aug. 
1687; Bulla Innoc. XI 20 nov. 1687. 

In demselben Jahrhundert erließ das Heilige Offizium noch fünf andere 
solcher Dekrete gegen Giordano Bruno (1600^), Nicodemus Frischlin 
(1601), Thomas White (1661), Giacomo Lambardi (1675), William 
Cave (1699). Jene sieben bzw. acht Verbote trafen also 2 Italiener, 2 Eng- 
länder, 1 Spanier, 1 Deutschen und den Franzosen Charles du Moulin (Mo- 
linaeus). Die übrigen 25 Verbote sämtlicher Werke eines Schriftstellers gingen 
von der Indexkongregation aus, welche auch alle 55 gleichartigen Dekrete 
des 18. Jahrhunderts erließ mit zwei Ausnahmen: Colbert de Croissy, 
Charles Joachim „Les oeuvres* Decr. S. Off. 15 maii 1743 und Caylus, 
Charles Gabriel de Thubiäres de, „Les oeuvi'es**, Cologne 1751. Decr. S. Off. 
29 aug. 1753. Es kommen jedoch von den 55 allein auf das Jahr 1757 
deren 44. Bei der Neugestaltung des Index unter Benedikt XIV. wurden 
nämlich alle Schriften dieser Vierundvierzig, von denen schon einzelne Werke 
auf der Liste der verbotenen standen, am 10. Mai 1757 durch „Opera omnia*- 
Dekret untersagt. Sowohl die Werke der obigen 25 als dieser 55 Verfasser 
gehören zum größeren Teile der protestantischen Theologie an. 

Hier mag auch gleich bemerkt werden, daß außerdem in jenen Zeiten 
verboten wurden die „Opera philosophica"" von Renatus Descartes mit «donec 
corrigantur" (1663), 1676 „Les oeuvres** de Jean D'Espagne (in zwei kleinen 
Bänden); eine Gesamtausgabe der Werke von Simon Vigorius (1683); von 
Lambertus Velthuysius (1684) und von Joannes Lightfoot (1690), sowie in 
demselben Jahre 1690 die „Opera posthuma" des Spinoza. Mit ihren , Opera 
theologica" sind im neuen Index verzeichnet Joannes Prideaux (1678), Simon 
Episcopius (1684) und Hugo Grotius (1757). Der jansenistische Erzbischof 



* Die Zahlen in Klammer bedeuten hier and in der Folge das Jahr des Verbotes. 



Verbote aller oder mehrerer Werke eines Verfassers. 95 

von Babylon i. p. Dominique, Marie Varlet, steht dort mit seinen „Ouvrages 
posthumes* (1751) und unter La Mettrie werden dessen „Oeuvres philosophiques" 
als verboten bezeichnet mit dem Zusätze: „Sive in unum colleeta, sive separata/ 

Ein enfant terrible für den Index war seiner Zeit Jean Launoy ; in den 
Jahren 1662 — 1704 sind von ihm 26 verschiedene Werke, darunter seine 
mehrbändige Briefsammlung untersagt worden. Die Häupter der Jansenisten, 
Antoine Amauld und Pasquier Quesnel, erscheinen natürlich auch mit einer 
guten Anzahl verbotener Schriften im Index, Amauld (1656 — 1703) mit 17, 
Quesnel (1676—1750) mit 16 solcher Bücher. 

Aus Italien werden zwei unsaubere Literaten aufgeführt, der vielgerühmte 
und in dejr jüngsten Zeit in Italien vielbesprochene Dichter Giovanni Battista 
Marini, von dem 1624—1678 elf poetische Erzeugnisse, und der übel beleu- 
mundete Ferrante Pallavicino, von dem 1639 — 1660 13 Machwerke verurteilt 
wurden. Wahrscheinlich wegen quietistischer Irrtümer kamen 1683 — 1711 
elf aszetische Schriftchen des venetianischen Priesters Michaele Cicogna auf 
den Index. 

Alle die genannten Verbote sind gerade hier im einzelnen aufgezählt 
worden, weil sie als mit den „Opera omnia* -Dekreten verwandt betrachtet 
werden können. 

Aus den Jahren 1757 — 1821 kennt der Index kein Verbot sämtlicher 
Werke eines Verfassers. Voltaire steht nicht mit einem solchen Dekrete in 
dem Katalog der verbotenen Bücher. Es wurde aber schon im Jahre 1752 
die Dresdener Ausgabe der Werke Voltaires vom Jahre 1748 untersagt, 1804 
folgte das Verbot seiner „Romans et Contes' und außerdem kamen von 1752 
an 36 andere kleinere oder größere Einzelschriften des Philosophen v. Ferney 
auf den Index. 

Die 20 .Opera omnia'^ -Dekrete des 19. Jahrhunderts fallen in die Zeit 
von 1821 — 1895, 18 ergingen von der Indexkongregation, die beiden übrigen 
vom Heiligen Offizium. Diese letzteren trafen den Philosophen Vincenzo Gio- 
berti (1852) und den religiösen Schwärmer David Lazzaretti (1878). 

Zehn von jenen 18 verbieten sämtliche Romane (»omnes fabulae ama- 
toriae*") von ebenso vielen französischen Romanschriftstellern, so daß etwaige 
andere Werke ebenderselben Verfasser wenigstens nicht als durch dieses 
, Opera omnia'' -Dekret untersagt zu betrachten sind. Auch heute noch kann 
68 von praktischem Werte sein, alle zehn namentlich aufzuzählen. Es sind 
folgende: Eugfene Sue (1852), Alexandre Dumas, Vater und Sohn (1863), 
Georges Sand, M"* Dudevant (1863), Honore de Balzac (1864), M. Champ- 
fleury, Jules Fleury (1864), Ernest Feydeau (1864), Henry Murger (1864), 
Frödäric Souliö (1864), Henry Beyle de Stendhal (1864). An diese zehn reihen 
sich noch an 1 Engländer, 3 Franzosen und 4 Italiener; es sind die übrigen 
acht: Gaspare Morardo (1821), Jacques Albin Simon Collin de Plancy (1827), 
David Hume (1827), Pierre Joseph Proudhon (1852), Bertrando Spaventa 
(1876), Auguste Vera (1876), Giuseppe Ferrari (1877) und der auch in Deutsch- 
land nur zu bekannte Emile Zola (1895). 

Ergänzend sei auch hier beigefügt, daß 1825 verboten wurden: Pietro 
Giordani, Opere. donec corrig. Von Francesco Guicciardini , der 1540 



96 Bücherverbote in Papstbriefen. 

gestorben, kamen, von 1857 angefangen, „Opera inedite' heraas und wurden 
1859 auf den Index gesetzt. Die „Oeuvres posthumes^ des Bordas-Demoulin, 
welche Huet herausgab, sind 1866 untersagt worden. In Wirklichkeit sind 
auch alle Werke Anton Günthers verboten, da im Jahre 1857 alle ein- 
zelnen Schriften, die er allein oder mit andern (Pabst und Veith) herausgab, 
auf den Index kamen. Außerdem hat man von ihm nur noch philosophische 
Abhandlungen und Rezensionen in Zeitschriften vor 1828 und schließlich «Len- 
tigos und Peregrins Briefwechsel", Wien 1857, ein Buch, das nicht mehr 
in den Buchhandel gekommen ist. Auf diese Weise mögen wohl noch bei 
verschiedenen Verfassern ohne „Opera omnia* -Dekrete dennoch sämtliche 
Schriften derselben im Index Leos XIII. stehen. Von der Bedeutung abtf 
und dem gesetzlichen Wert der „Opera omnia* -Verbote ist weiter unten ^ 
die Rede. 

Bflcherverbote in Papstbriefen. 

Diese allgemeinen Angaben über die verbotenen Bücher des neuen Index 
führen von selbst weiter zu den verschiedenen Arten von Verboten, 
durch welche eben jene auf den Index kamen. Von der gewichtigsten Art 
der Verurteilung, nämlich durch eigene päpstliche Schreiben muß der 
Anfang gemacht werden. Solche Verbote zählt der Index Leos XIII. im 
ganzen 144, welche in 75 verschiedenen päpstlichen Aktenstücken ^ enthalten 
sind. Nur 15 gehören dem 19. Jahrhundert an, 88 dem 18. und die übrigen 39 
nebst den beiden vorhin schon erwähnten Verurteilungen der „Opera omnia' 
des Charles du Moulin sowie des Vatei*s des Quietismus, Miguel de Molinos, 
dem 17. Jahrhundert. 

Diese letztere Verurteilung erfolgte auf die feierlichste Weise durch 
eine eigene Bulle. Der Index weist im ganzen nur fünf solcher Bullen aul 
Es haben dieselben als Hauptzweck die Verurteilung einer Häresie oder 
eines ganzen glaubenswidrigen gefährlichen Systems. Die Verurteilung und 
das Verbot bestimmter Bücher geht dabei für gewöhnlich mehr nebenher. 
Der Zeit nach das erste derartige Bücherverbot — eines der berühmtesten 
von allen — ist enthalten in der Bulle ürbans VIII. „In eminenti* vom 
6. März 1642. Dieselbe verurteilte mit dem Jansenismus gleichzeitig 18 ver- 
schiedene Werke, darunter an erster Stelle den Augustinus des Jansenius, 
diese tiefste Quelle der Irrlehre. Alexander VII. richtete am 25. Juni 1665 
bei Gelegenheit des Verbotes zweier Zensuren der Sorbonne eine scharfe 
Bulle gegen den Gallikanismus. Die dritte und letzte dieser Bullen des 
17. Jahrhunderts ist die oben schon erwähnte Innozenz* XL vom 20. November 
1687, berühmt durch die Verurteilung des Quietismus und der Schriften des 
Molinos. Am Schlüsse des 17. Jahrhunderts verbot Innozenz XH. durch Breve 
vom 12. März 1699 F^nölons Werk „Explication des maximes des saints sur 
la vie Interieure*. Es ist vielleicht das bekannteste Bücherverbot der drei 



> S. 106. 

' 17 aas dem 17., 51 aus dem 18. und 7 aus dem verflossenen Jahrhundert; die 
meisten, aber durchaus nicht alle, finden sich in den verschiedenen Ausgaben des römischen 
BuUariums. 



S 



Bflchenrerbote in Papstbriefen des 17. wad 18. Jahrhunderts. 97 

Jahrhunderte. Die beiden noch übrigen Bullen, welche zugleich Bücher ver- 
urteilten, gehören dem 18. Jahrhundert an. Beide spielen in der Kirchen- 
geschichte eine bedeutende Rolle, mehr infolge ihres dogmatischen Inhaltes 
als durch das Verbot weniger Schriften. Es sind die Bullen „ünigenitus" 
und »Auctorem fidei", die erstere erlassen von Clemens XI. am 8. September 
1713, die letztere von Pius VI. am 28. August 1794; diese ist zudem das 
letzte Bücherverbot durch päpstliches Schreiben im 18. Jahrhundert und 
überhaupt das letzte Bücherverbot durch Bulle. Die Bulle Clemens' XI. hat 
in den jansenistischen Wirren des 18. Jahrhunderts eine vollständige Ge- 
schichte. Sie wurde ein Prüfstein und für viele ein Stein des Anstoßes. 
Wohl mehr denn 100 Bücher oder Schriften, die mit der Bulle „Unigenitus' 
zusammenhängen, kamen auf die Liste der verbotenen, auf der sie auch heute 
noch stehen. Pius VI. aber traf mit seiner Bulle den italienischen Janse- 
nismus und dessen Blüte im Afterkonzil von Pistoja. Überhaupt nimmt der 
Jansenismus mit seinen Ästen in Belgien, den Niederlanden (Utrecht), Frank- 
reich und Italien die Bücherverbote des 17. und 18. Jahrhunderts so sehr 
in Beschlag» daß die päpstlichen derartigen Schreiben und die Bücher- 
dekrete der römischen Inquisition in jener Zeit sich fast einzig damit be- 
schäftigen. 

Als drei Marksteine sind eben schon die Bullen „In eminenti'^, „Unige- 
nitus*, „Auctorem fidei* hervorgehoben worden, denen man als vierten, 
wenigstens für die Geschichte des Index und das ütrechter Schisma, Cle- 
mens' XI. Breve vom 4. Oktober 1707 beifügen kann. Dieses ist auch das 
reichste päpstliche Bücherverbot von allen, indem es 31 Schriften, die mit 
den Utrechter Wirren zu tun haben, verurteilte. Urban VLLL. verbot 1642 
den Augustinus des Jansenius nebst 17 andern meist belgischen Schriften; 
die Bulle Clemens' XI. vom Jahre 1713 verurteilte nur zwei Bücher und richtete 
sich gegen den französischen Jansenismus; Pius VI. traf, wie schon be- 
merkt, mit seiner Bulle den italienischen Ableger derselben Häresie und als 
einziges Buch die Acta der Synode von Pistoja. 

Neben den jansenistischen Büchern sind für die zweite Hälfte des 17. Jahr- 
hunderts nur noch die bereits erwähnten quietistischen Werke und für die 
zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts einige irreligiöse ungläubige Schriften 
hervorzuheben, um in großen Zügen ein Gesamtbild vom Inhalt der durch 
päpstliche Schreiben in den genannten beiden Jahrhunderten verbotenen Bücher 
gezeichnet zu haben. Noch immer mußten jansenistisch-gallikanische Werke 
in die Acht erklärt werden, als auch schon Clemens XIII. durch Breve vom 
3. September 1759 das jene Zeit kennzeichnende Werk der französischen 
Enzyklopädisten, die von Diderot und d'Alembert herausgegebene »Encyclo- 
p^die ou dictionnaire raisonne des sciences, des arts et des metiers par une 
soci^te de gens de lettres" verurteilte. 

Aus dem 19. Jahrhundert finden sich nur 15 in sieben verschiedenen päpst- 
lichen Schreiben verbotene Bücher auf dem neuen Index: neun aus der Re- 
gierungszeit Gregors XVI., die sechs andern aus der Pius' IX. An Stelle einer 
kurzen Rezension dieser 15 Schriften sollen dieselben nach der Editio Leoniana 
hier einzeln ausführlich verzeichnet werden. 

Hilgers, Der Index Leos Xm. 7 



98 Papstbriefe mit Bücherverboten im 19. Jahrhondert 

Zuerst verbot Gregor 1833 unter Strafe der reservierten Exkommuni- 
kation folgende fünf, von katholischen Geistlichen geschriebene unkirchliche 
Bücher, die den Stempel des kirchlichen Liberalismus an der Stime trugen: 

Fuchs, Alojs. Ohne Christus kein Heil für die Mepschheit in Kirche und 
Staat. Eine Rede. Brevi Greg. XVL 17 sept. 1833. 

Kampf (der) zwischen Papsttum und Katholizismus im 15. Jahrhundert. 
Brevi Greg. XVI. 17 sept. 1833 v. Vock, Aloysius. 

Kopp, Georg Ludwig Karl. Die katholische Kirche im 19. Jahrhundert 
und die zeitgemäße Umgestaltung ihrer äußeren Verfassung. Brevi Greg. X VI. 
17 sept. 1833. 

Mersy, Franz Ludwig. Sind Reformen in der katholischen Kirche not- 
wendig? Zweite (vermehrte) Auflage. Oflfenburg 1833. Brevi Greg. XVL 
17 sept. 1833. 

Stellung (die) des römischen Stuhles gegenüber dem Geiste des 19. Jahr- 
hunderts oder Betrachtungen über seine neuesten Hirtenbriefe. Brevi Greg. XVI. 
17 sept. 1833 v. Wessenberg, Ignaz Heinrich von. 

Ein Jahr später wurde durch päpstliche Enzyklika, jedoch nicht unter 
Strafe der Exkommunikation verboten: 

Lamennais, Hugues Felicite Robert. Paroles d'un croyant. Encyd. 
Greg. XVI. 25 iun. 1834. 

Es brachten dann noch die Jahre 1835 und 1843 je ein Breve Gre- 
gors XVI. mit Bücherverboten ohne die Strafe der Exkommunikation: die- 
selben untersagten außer einem kleinen giftigen italienischen Machwerk die 
beiden Werke Hermes: 

f Hermes, Georg. Einleitung in die christkatholische Theologie. Brevi 
Greg. XVL 26 sept. 1835; Decr. 7 ian. 1836. 

— t Christkatholische Dogmatik, nach dessen Tode herausgegeben von 
J. H. Achterfeldt. Brevi Greg. XVL 26 sept. 1835; Decr. 7 ian. 1836. 

t Forti, Francesco. Lettera suUa direzione degli studj. Brevi Greg. XVI. 
5 aug. 1843. 

Pius IX. erließ zunächst im Jahre 1851 zwei Breven mit der Zensur 
der Exkommunikation; die darin verurteilten Bücher sind folgende drei: 

t Vigll, Francisco de Paula Gonzalez. Defensa de la autoridad de los 
gobemios y de los obispos contra las pretensiones de la curia romana. Brevi 
Pii IX. 10 iun. 1851. 

Der Verfasser, ein Peruaner, wirkte mit seinen rationalistisch-freisinnigen 
Schriften, die fast alle auf dem Index stehen, äußerst unheilvoll von Lima aus. 

t Nnytz, loannes Nepomucenus. Iuris ecclesiastici institutiones. Brevi 
Pii IX. 22 aug. 1851. 

— '\ \n ins ecclesiasticum Universum tractationes. Brevi Pii IX.- 
22 aug. 1851. 

Auch diese Werke des Turiner Professors enthalten eine ganze Reihe 
der später durch den Syllabus verurteilten Irrtümer. Schließlich wurden noch 
unter Pius, aber ohne weitere Zensur, durch Brief des Papstes an den Erz- 
bischof von München drei Werke des Philosophen Jakob Frohschammer 



Welobe yerbotenen Bücher trifft; die Strafe des 47. allgemeinen Dekretes? 99 

untersagt. Es ist das letzte Verbot durch päpstliches Schreiben, welches der 
Index Leos XIII. kennt: 

t Prohschammer , Jakob. Athenäum, philosophische Zeitschrift. Epist, 
Pii IX. 11 dec. 1862. 

— t Einleitung in die Philosophie und Grundriß der Metaphysik. Zur 
Reform der Philosophie. Epist. Pii IX. 11 dec. 1862. 

t — Über die Freiheit der Wissenschaft. Epist. Pii IX. 11 dec. 1862. 

In dem 47. Dekrete oder Artikel der Konstitution »Officiorum ac mu- 
nerum* ist die Strafe der dem Papste speciali modo reservierten Exkommu- 
nikation latae sententiae verhängt über das Lesen sowohl der Bücher, welche 
Häresien verteidigen, als auch der durch apostolische Schreiben namentlich 
verbotenen i. Es wurde aber schon vorhin gelegentlich angedeutet, daß trotz- 
dem nicht alle durch päpstliche Briefe verurteilten Werke diese schwere 
Zensur nach sich ziehen, und zwar deshalb nicht, weil manche von diesen 
Büchern entweder in den betreffenden päpstlichen Erlassen nicht namentlich 
aufgeführt sind oder aber dort nicht ausdrücklich die reservierte Ex- 
kommunikation als Strafe festgesetzt ist. Einzelne Fälle kommen auch 
vor, in denen jene Zensur aufgehoben wurde, obgleich das Bücherverbot be- 
stehen blieb. Zuerst geschah dies unter Alexander VII. in der Konstitution 
,Speculatores" vom 5. März 1664. Der Papst hob dadurch alle früheren 
derartigen Strafen auf, so daß also beispielshalber eines von den 18 durch 
die Bulle Urbans VIII. (1642) verurteilten Büchern, wofern es nicht die Hä- 
resie verteidigt, nicht mehr unter Exkommunikation verboten ist. Durch drei 
Breven Innozenz' XI. kamen Werke des gelehrten Natalis Alexander, beson- 
ders dessen großes kirchengeschichtliches Werk, auf den Index, wie die Neu- 
ausgabe beweist. Aber Benedikt XIV. erlaubte nicht nur eine bestimmte, 
mit Anmerkungen und Zusätzen versehene Ausgabe jener Kirchengeschichte, 
sondern nahm auch für alle Ausgaben und alle Werke die darüber verhängte 
Exkommunikation einfach zurück. 

Beispiele von Bullen oder Breven, welche Bücher verbieten, und zwar 
unter scharfer Zensur, diese Bücher aber nicht namentlich aufzählen, 
finden sich im 17. Jahrhundert. Infolgedessen trifft die Exkommunikation 
nicht die durch die Bulle verurteilten Schriften des Molinos noch auch andere 
quietistische Sachen, wenn diese nicht die Häresie verteidigen. Fünf durch 
Clemens X. vom 15. Dezember 1673 untersagte Schriftchen, die im neuen 
Index unter Catena pretiosa, Gregge del buon pastore, Regole da osser- 
varsi, Schiavo (lo) della madonna, Sommario della schiavitudine verzeichnet 
sind, waren ohne Zensur verurteilt ; es sind italienische Andachtsbücher oder 
Zettel unkirchlicher Bruderschaften, welche daher auch gleichzeitig mit den 
Büchern in dem päpstlichen Breve untersagt wurden. Außerdem enthalten 



* Sieben Breven des Index aus der Zeit vom 5. September 1757 bis zum 11. November 
1784 — es sind alle aus jenem Zeiträume mit Ausnahme der beiden vom 14. Juni 1761 und 
vom 13. Juni 1781 — enthalten noch besonders für Kleriker die Strafe der reservierten 
Suspension. Diese Strafe bei Bücherverboten ist seit der Konstitution «Apostolicae Sedis' 
allgemein aufgehoben und durch die Konstitution .Officiorum ao munerum** nicht erneuert. 



'?♦ 



100 Welche durch Papstbriefe verbotenen Bücher trifft die Exkommunikatioii nicht? 

die Breven vom Jahre 1668^ und 1699 als Zensor zwar die Exkommunika- 
tion, aber nicht die reservierte 2. Die 88 Bücher oder Schriften, welche in 
2 Bullen und in 49 Breven während des 18. Jahrhunderts verurteilt worden 
sind, fallen mit Ausnahme von sechs Büchern^ auch heute noch unter die 
kirchliche Zensur, wie dieselbe in dem oben angezogenen 47. Artikel der 
neuen Bücherkonstitution festgesetzt ist; zum Glück sind die meisten dieser 
Bücher heute ganz außer Gebrauch*. 

Von den wenigen im 19. Jahrhundert durch päpstliche Schreiben ver- 
pönten Bücher sind die eben aufgezählten Werke von Lamennais, Hermes, 
Forti, Frohschammer nicht unter einer besondem Zensur verboten. Sie unter- 
stehen daher auch heute noch den allgemeinen Indexregeln, wie das im 
49. Artikel der Konstitution j^Officiorum ac munerum'' des Näheren gesagt ist 
Nur für den Fall, daß eines der letztgenannten Bücher die Häresie vertei- 
digte, fiele es wiederum unter Artikel 47. Noch viel mehr gilt das zuletzt 
Gesagte von den vier im neuen Index als durch Dekret Benedikts XIV., Cle- 
mens' XIV., Leos XII. und Gregors XVI. verbotenen Bücher unter Di vozione, 
Laugeois des Chatelliers, L. I. A. de Potter und Bekanntmachung; 
denn diese Dekrete werden keinenfalls als „litterae apostolicae' gelten. 

Über alle im Index Leos XIII. durch Papstschreiben verbotene Bücher 
orientiert am besten der unten folgende chronologische Katalog, welcher die- 
selben durch den Druck besonders hervorhebt. 

Der Vollständigkeit wegen sei noch erwähnt, daß ein Bücherverbot 
aus dem Breve Clemens' XI. vom 19. Dezember 1707 in den Index Leos XIII. 
nicht aufgenommen ist, weil es sich hier um ein Ablaßkompendium handelte, 
und alle derartigen Sachen aus der Neuauflage entfernt wurden. Ein zweites 
Werk: »Acta et decreta secundae synodi ultraiectensis", von Clemens XEI. 
am 30. April 1765 durch Breve verurteilt, blieb schon früher aus dem Index 
weg, ist aber auch jetzt nicht wieder aufgenommen worden. 



^ Auch das Breve Clemens' IX. vom 9. April 1668 hat sowohl im Ballariam als bei 
Du Plessis d'Argentr^ (CoUectio iudiciorum III, Lutetiae Parisiorum 1736, App. 335) die 
nicht reservierte Exkommunikation; es ist unrichtig, was Reusch II 455 sagt. 

' Die andern neun hier nicht aufgeführten päpstlichen Briefe aus der Zeit yon 1665 
bis 1688 verbieten die dort namentlich bezeichneten Bücher unter der Zensur der reBenrierten 
Exkommunikation, und es trifft diese auch heute die Strafe des 47. Artikels der erwfthnten 
Konstitution. 

' Es sind die Bücher, welche verboten wurden durch die Breven vom 12. Febmar 
1703, 22. März 1752, 14. Juni 1761; 13. Juni 1781, 17. November 1784, 18. November 1788; 
dieses letzte Breve enthält keine bestimmte Zensur, die andern fünf die nicht reservierte 
Exkommunikation. 

* In diesem Sinne ist es wohl zu verstehen, was Avanzini-Pennachi (Com. i. c. Apost 
Sedis 131 sqq) und nach ihm andere sagen. Diese sind nämlich der Ansicht, daß prak- 
tisch für uns nur die Zensuren bei Bücher verboten in Papstbriefen des letztverfloesenen Jahr- 
hunderts Geltung haben. Immerhin muß man bedenken, daß verschiedene auf solche Weise 
verbotene Bücher auch die Verteidigung von Irrlehren enthalten, und zweitens, daß der neue 
Index selbst mit und neben allen andern im einzelnen verbotenen Büchern auch jene Verbote 
ausdrücklich ins Gedächtnis zurückruft. — Was dann die Interpretation der Zensor im Breve 
Alexanders VII. vom 25. Juni 1665 angeht, so scheint (ibid. 131, not. 1) dabei der § 8 
ebendesselben Breves „Praeterea typographis etc.*' nicht berücksichtigt zu sein. 



Zahl der yerechiedenen Bücheryerbote. 101 

Ein Breve Clemens' XI. vom 6. Februar 1733 verbot: „Memoire pour 
le Sieur Samson Curä d'OIivet etc/; ein anderes desselben Papstes aus dem 
Jahre 1738 verurteilte in gleicher Weise: „Consultation de Messieurs les Avo- 
cats du Parlement de Paris au sujet de la Bulle de N. S. P. le Pape en date 
du 16 juin 1737, qui a pour titre »Canonizatio Beati Vincentii a Paulo". 
Beide Breven fehlen in der Editio Leoniana und fehlen in den früheren In- 
dices. — 1791 veröffentlichten die konstitutionellen Bischöfe Frankreichs ein 
Buch zur Verteidigung der , Constitution civile du clergö*. Diese Schrift: 
vAccord des vrais principes de T^glise de la morale et de la raison sur la 
condition civile du clergö de France** verurteilte Pius VI. in dem Breve 
«Queste nuove lottere* vom 19. März 1792; sie wurde jedoch nie in der 
Liste der verbotenen aufgeführt^. Dasselbe Los hatten die , Opera archi- 
episcopi hieropolitani Germani Adam**; obgleich diese durch Enzyklika Pius' VII. 
vom 3. Juni 1816 unter Strafe der nicht reservierten Exkommunikation ver- 
boten waren. Ähnliches gilt von einem arabischen Codex, der die „Acta 
synodi Antiochenae an. 1806 celebratae" enthielt. Gregor XVI. untersagte 
denselben zwar ohne weitere Zensur durch das Breve vom 16. September ^ 
1835; in einer Indexausgabe fand er sich aber nie^. 

Bfleherdekrete der andern Instanzen. — Das Heilige Offizium 

und die Indexkongregation. 

Das Gesagte mag genügen, um sich ein Bild zu machen von dem Inhalt 
der Büchei'verbote durch apostolische Schreiben; über die Verbote durch Dekret 
des Heiligen Offiziums und der Indexkongregation können hier nur kurze 
Andeutungen gemacht werden. Um zunächst wiederum mit der Zahlangabe 
zu beginnen, und um die Zahlen der verschiedenen Arten von Verboten des 
Index hier einmal zusammenzustellen, so zählt man in dem neuen Codex 
Leos XIII. über 3300 Dekrete der Indexkongregation, gegen 860 Dekrete 
des Heihgen Offiziums, 144 Bücherverbote in 75 verschiedenen Papstbriefen, 
108 »Ojiera omnia" -Dekrete, 4 Dekrete, welche unmittelbar ohne Kongrega- 
tion von Benedikt XIV., Clemens XIV., Leo XII. und Gregor XVI. erlassen 
sind, 3 Dekrete der Ritenkongregation und schließlich 2 Dekrete der Ablaß- 
kongregation, wodurch 1 Buch verurteilt wurde. Viele von den 4000 Büchern 
des Index sind durch verschiedene und verschiedenartige Dekrete verboten: 
es darf also die Addition der obigen Zahlen nicht als Gesamtresultat genau 
4000 ergeben. 



> Ein Breve vom 31. Juli 1793 richtet sich gegen ein Schriftstück mit dem Titel: 
.Manifeste de Tarm^e chr^tienne et royale au peuple fran^ais ä Glisson le premier juin n9S* ; 
darin wird jedoch das Schriftstdck selbst nicht eigens verboten. 

' Fälschlich bringt Bullar. contin. ed. Romana an. 1857 XX 27 sq das obige Breve 
unter dem Datum des 3. Juni 1835. 

* Der Verfasser hat alle oben angezogenen Papstschreiben, besonders auch diejenigen, 
welche weder in einem Bullarium noch auch im Archiv der Indezkongregation enthalten sind 
im Archiv des Vatikans und in dem der Breven gefunden, darunter namentlich jene wenigen, 
welche der Index gar nicht kennt und nie gekannt hat. 



102 Papstdekrete und Verbote römischer Kongregationen. 

Was von den oben erwähnten Dekreten Benedikts XIV., Clemens' XIV., 
Leos XII. und Gregors XVI. zu halten ist , wurde schon ^ dargetan. Das 
einzige durch zwei Dekrete der Ablaßkongregation verbotene und im neuen 
Index verzeichnete Buch «der Orden des Friedens* blieb wohl deshalb so 
vereinsamt stehen, weil es nicht bloß falsche Ablafiangaben enthält, sondern 
zugleich eine Andachtsschrift ist, welche ein Verbot herausforderte. Drei 
Werke aus dem Gebiete der Hagiographie traf je ein Dekret der Riten- 
kongregation. Dieselben sind verfaßt von Giuseppe Gentili, Guillaume 
Hahn, Giovanni Battista Scaramelli; unter diesen Namen finden sie 
sich im Index Leos XIII. 

Vergleicht man die Dekrete der Indexkongregation mit den Verboten 
durch Dekret des Heiligen Offiziums, so kommen im Durchschnitt je vier durch 
die erstere Kongregation verbotene Bücher auf je eines , das durch die In- 
quisition verurteilt wurde. Im 19. Jahrhundert trat jedoch die Indexkongre- 
gation bei Prüfung und Verurteilung gefahrlicher Bücher immer mehr in den 
Vordergrund, so daß in den letzten hundert Jahren das Verhältnis der durch 
die eine und die andere Kongregation auf den Index gesetzten Bücher wie 6 
zu 1 ist. Während im 17. und 18. Jahrhundert ungefähr je 340 Dekrete des 
Heiligen Offiziums mit Bücherverboten erlassen wurden, finden sich deren aus 
dem 19. Jahrhundert nur 180 in dem neuen Index. 

Bei den Entscheidungen des Heiligen Offiziums ist wohl durchgängig 
die Prüfung einer bestimmten Doktrin die Hauptsache. Wird diese Doktrin 
verworfen und findet sich dieselbe in zur Anzeige gebrachten Schriften vor- 
liegend, so ergibt sich daraus des öftem das Verbot, die Verurteilung 
solcher Bücher. Umgekehrt besteht die Haupt- oder einzige Aufgabe der 
Indexkongregation darin, die bei ihr zur Anzeige gebrachten Bücher zu 
prüfen. Stellen diese sich dabei als glaubenswidrig oder sittengefährlich 
heraus, so erfolgt das Verbot, wodurch natürlich der gefährliche Inhalt des 
Buches als solcher wenigstens einschlußweise gekennzeichnet wird. Aus diesem 
Unterschiede der beiden Kongregationen ersieht man, daß die durch das 
Heilige Offizium verbotenen Bücher eher Ähnlichkeit und Verwasdtschaft 
haben müssen mit den durch die päpstlichen Bullen verurteilten. In der Tat 
ist das auch der Fall, und zwar so sehr, daß erstens sehr viele oder gar die 
meisten durch Bulle oder Breve verbotenen Bücher außerdem auch vom Hei- 
ligen Offizium proskribiert wurden und zweitens im großen und ganzen die 
durch die Inquisition verurteilten Schriften zu denselben Kategorien gehören, 
wie die durch Papstbriefe untersagten. Dies erklärt sich aber auch leicht daraus, 
daß für gewöhnlich ein derartiges Papstschreiben auf den Beschluß und 
die Bitte des Heiligen Offiziums hin vom Papste erlassen wurde. 

Dementsprechend verurteilt beispielsweise ein Donnerstagsdekret des 
Heiligen Offiziums vom 1. August 1641 mit dem Augustinus des Jansenius 
12 andere dazu gehörige Sachen, ein gleiches vom 23. April 1654, deren 
sogar 47, und ein drittes dei-selben Art verbietet 13 Bücher, worunter mehrere 
von Antoine Arnauld und Pascals „lettres provinciales", am 6. September 1657. 

> S. 89 und 100. 



Verbote der Inquisition und der Indexkongregation. 103 

In der zweiten Hälfte desselben Jahrhunderts, als der Prozeß Molinos ab- 
geschlossen und Innozenz XL seine Bulle bereits veröffentlicht hatte, erfolgte 
im Jahre nachher 1688 durch Beschlüsse der Inquisition die Verurteilung 
von 25 quietistischen Schriften, worunter gar 8 Bücher »Pier Matteo Pe- 
truccis', des einzigen Kardinals auf dem jetzigen Index ^. 1687 waren der 
Bulle schon einige Inquisitionsdekrete mit gleichen Bücherverboten vorauf- 
gegangen und das Jahr 1689 brachte nochmals durch dieselbe Kongregation 
des Heiligen Offiziums 23 andere Bücher ähnlicher Art in den Katalog der 
verbotenen. Auch im folgenden 18. Jahrhundert laufen die Verbote durch 
Inquisitionsdekrete wiederum parallel mit denen in den päpstlichen Breven. 
Die Eegierungszeit Clemens XL (1700 — 1721) allein brachte 1 Bulle und 
15 Breven mit zusammen 51 verurteilten Büchern. Dieselbe Zeit weist nicht 
weniger als 165 durch Dekrete des Heiligen Offiziums verbotene Schriften 
auf. Bei den einen wie bei den andern ist der Jansenismus mit seinen Ab- 
legern Haupt- oder einziger Grund des Verbotes. Seit der Mitte des 18. 
und mehr noch seit Anfang des 19. Jahrhunderts traten das Heilige Offizium 
sowie die „litterae apostolicae' mehr zurück; aber wie in Sachen La- 
niennais' ein päpstliches Schreiben erschien und in der Hermesfrage ein 
Breve Gregors XVI. mit einem Bücherverbot, so finden sich unmittelbar nach 
dem vatikanischen Konzil zu Zeiten der altkatholischen Bewegung im Jahre 1871 
mehr Bücher durch Inquisitionsdekrete verboten, als in irgend einem andern 
der letzten 150 Jahre, während in ebendemselben Jahre die Indexkongregation 
kein einziges Buch verurteilte. Es lassen sich jedoch die Gebiete der beiden 
Kongregationen, was Bücherverbote betrifft, nicht durch eine scharfe Grenze 
trennen; nicht selten kam es vor, daß ein und dasselbe Buch von beiden 
geprüft und verurteilt wurde. 

Die Indexkongregation hat es natürlich stets mit Büchern jeder Art zu 
tun, die überhaupt für Religion und Sitte gefahrbringend sein können. Wie 
selbstverständlich fiel die große Mehrzahl der verbotenen Bücher im 16. Jahr- 
hundert bis in das 17. Jahrhundert hinein dem ganzen Protestantismus mit 
all seinen Abstufungen zu, während um die Mitte des 17. Jahrhunderts der 
Jansenismus allmählich in dessen Stelle eintrat. Doch wird das Gesamtbild 
der verbotenen Bücher besonders von der Mitte des 18. Jahrhunderts an 



' Über die Verurteilung der quietistischen Ansichten des Kardinals Petrucci schwebte 
bislang ein gewisses Dunkel, weil das den Prozeß abschließende päpstliche Breve, anfänglich 
aufs strengste geheimgehalten, allmählich im römischen Archiv der Breven der Vergessenheit 
anbeimfiel. Dort haben wir es aufgefunden und können es nach seinem ganzen Inhalt im 
Wortlaute yerOffentlichen. Siehe die Anlage XIX. 

Die drei Schriften oder Aktenstücke, welche der Kardinal de Noailles als Erzbischof 
▼on Paris gegen die Bulle .Unigenitus* herausgab und 1714, 1718 und 1719 vom Heiligen 
Offizium verboten wurden, stehen seit Benedikt XIV. 1758 nicht mehr auf dem Index. Eine 
Pseudonyme Schrift des Kardinals Uenrico Noris war schon 1676 verboten, bevor der Yer- 
£Eis8er Kardinal wurde. Sixtus V. setzte ein Buch Bellarmins, bevor dieser Kardinal war, 
auf seinen Index, der zwar gedruckt, aber nie rechtskräftig veröffentlicht, sondern vielmehr 
durch Clemens VIII. verändert ward , wobei Bellarmins Werk wieder gestrichen wurde. An 
anderer Stelle ist bereits gesagt worden, welche Schriften Silvio d' Piccolominis von Pius II. 
selbst verurteilt worden sind. 



104 Milderung der Bücherverbote der .auotores primae dassis*. 

immer mannigfaltiger, um so weniger läßt sich in kurzen Worten ein 
klares Bild zeichnen von dem Inhalte der verbotenen Bücher des 19. Jahr- 
hunderts. Die große Zahl und Mannigfalt der schlechten und gefährlichen 
Bücher, sowie die Leichtigkeit, mit welcher die Bücher allerwärts verbreitet 
werden, haben dazu beigetragen^ auch das Indexbild des 19. Jahrhunderts so 
vielgestaltig zu machen. Immerhin nehmen auch in den letzten Jahrzehnten 
die Bücher, welche sich mit religiösen Fragen im weitesten Sinne des Wortes 
beschäftigen, den breitesten Raum ein auf der Liste der verbotenen. Dies 
folgt eben aus dem Zwecke des Index, der immer derselbe bleiben mu£. Ja 
der Zweck des Index ebenso wie die Norm, nach der überhaupt irgend ein 
Buch gleichviel welcher Disziplin verurteilt wird, beweist, daß der Grund 
jedes Bücherverbotes schließlich immer ein religiös-theologischer ist. Um so 
eher kann hier Abstand genommen werden von einer genaueren Charakteri- 
sierung des 19. Jahrhunderts im Index als ein folgendes Kapitel sich be- 
sonders damit befassen wird. 

Die Milderung des neuen Index. 

Bei der Neuordnung der Büchergesetze ging Leo XITT. von dem Grund- 
satze aus, diese zeitgemäß zu mildern^. Ausdrücklich betont der Papst das- 
selbe noch einmal in dem Einleitungsbreve ^ des neuen Index. Dementsprechend 
hat er auch bei der Neugestaltung des Index diesen Katalog der durch Sonder- 
dekrete verbotenen Bücher nicht bloß verbessern, sondern auch veimindem 
lassen, „damit*', wie es in dem Breve ,Romani Pontificis* heißt, «die ganze 
Abfassung desselben genau mit den allgemeinen Bücherdekreten überein- 
stimme" s. Wo die Vorrede des Index Leos XIII. von dieser Änderung spricht, 
nennt sie dieselbe ein „temperamentum" ^ und bald nachher eine „mitigatio" ^ 
Diese Milderung muß hier im einzelnen dargelegt werden. 

In den Indices des 16. Jahrhunderts waren die verbotenen Bücher 
in drei Klassen eingeteilt. Die erste dieser Klassen umfaßte nicht so sehr 
bestimmte Bücher als vielmehr eine große Zahl Verfasser meist irrgläubiger 
Schriften. Ward ein Schriftsteller in jene sogenannte erste Klasse versetzt, 
so wurden dadurch alle dessen Werke untersagt. Diese Verurteilung war 
also sachlich gleichbedeutend mit dem Verbote der „Opera omnia' eines Au- 
tors in den folgenden Jahrhunderten. Die früheren Indices zählten rund 
1000 derartiger Verbote aus dem 16. Jahrhundert oder besser aus der zweiten 
Hälfte dieses Jahrhunderts. Mit andern Worten : in der Zeit von 1564 — 1596 
wurden die sämtlichen Werke von 1000 irrgläubigen Autoren verboten. Neben 
dieser ersten Klasse enthielten die beiden andern einzelne Bücher, und zwar so, 
daß die zweite Klasse Werke von bekannten Verfassern unter deren Namen 
aufführte, während die dritte anonyme Bücher mit ihrem Titel verzeichnete. 
Insgesamt belief sich zur selben Zeit die Zahl dieser in der zweiten und 
dritten Klasse verbotenen Schriften auf rund 700. 

Die Editio Leoniana hat, wie das schon in der Konstitution .Officiomm 
ac munerum'' bestimmt war, aus dem Kataloge der verbotenen Bücher alles, 

* p. 6. ■ p. IX. • p. IX. * p. XIV. * p. XIV. 



Die zweite und dritte Klasse verbotener Bücher des 16. Jahrhunderts. 105 

was bis znm Jahre 1600 verurteilt wurde, ausgeschieden. Sowohl die obigen 
700 Bücher als auch die 1000 Verfasser der ersten Klasse sind daher in dem 
neuen Index nicht mehr aufgeführt. Nach wie vor bleiben jene drei Klassen 
verboten, die Milderung jedoch bezieht sich zunächst auf die erste KJasse. 
Manche von den 1000 hatten nämlich, sei es vor ihrem Abfall zum Irr- 
glauben, sei es nach ihrer Bekehrung oder in ihrer Irrgläubigkeit selbst, 
neben häretischen Schriften auch ungefährliche Bücher geschrieben, deren 
Lesung, nach der anfänglichen strengen Auslegung dennoch untersagt war, 
um möglichst alle Gefahr von den Gläubigen fernzuhalten, für einen Ver- 
fasser und dessen Irrtümer sich einnehmen zu lassen. Nunmehr sind alle 
die Bücher der Verfasser aus der ersten Klasse, welche nicht gegen den Glauben 
oder die guten Sitten verstoßen, oder, was dasselbe ist, welche weder durch 
die allgemeinen Dekrete noch durch ein Sonderdekret verurteilt sind, ein- 
£achhin vom Index getilgt und dürfen gelesen werden. Eben diese Milderung 
ist in dem 3. und 4. Artikel der allgemeinen Dekrete der Konstitution „Offi- 
ciorum ac munerum'^ klargestellt. Hier werden nämlich alle Bücher von 
Nichtkatholiken , auch von Autoren der ersten Klasse des 16. Jahrhunderts 
als erlaubt erklärt, wofern dieselben gar nicht oder nur nebenher über Re- 
ligion handeln und nicht durch ein Einzeldekret verurteilt sind ^. 

Werke ebenderselben Verfasser, welche sich eigens mit reUgiösen Fragen 
beschäftigen, sind jedoch nur dann erlaubt, wenn es feststeht, daß dieselben 
nicht Antikatholisches enthalten. 

Der Grund, weshalb die Bücher früherer Zeiten, welche dennoch ver- 
boten bleiben, nicht länger mehr eigens und namentlich im Kataloge ver- 
zeichnet sind, liegt klar zu Tage. Erstens handelt es sich hier um Schriften, 
die uns durchgängig so entlegen sind, daß fast nur die Gelehrten zuweilen 
darauf stoßen, und zweitens sind es durchschnittlich irreligiöse, irrgläubige 
Werke, von denen auch der Laie ohne Index weiß, daß sie sowohl durch 
das Naturgesetz als durch kirchliche allgemeine Verordnung untersagt sind. 

Ein Kommentator der Konstitution ,Officiorum ac munerum« ist der 
Ansicht, daß alle die Bücher, welche im 16. Jahrhundert auf den Index ge- 
setzt wurden und nun nicht mehr in der Editio Leoniana im einzelnen ver- 
zeichnet sind, alle mit einziger Ausnahme derjenigen, welche durch apostolische 
Briefe oder durch ein allgemeines Konzil verboten wurden, jetzt einfachhin 
freigegeben sind. Es muß eingeräumt werden, daß die Fassung von Nr 1 der 
Konstitution, welche zu jener Interpretation Anlaß gab, im Ausdruck an und 
für sich unklar ist. Diese Unklarheit schwindet jedoch nicht erst infolge der 
Erklärung auf Seite xrv der Vorrede zum neuen Index, sondern schon durch 
den Wortlaut des ganzen Paragraphen selbst, zumal, wenn man diesen im 
Zusammenhang mit den folgenden Paragraphen betrachtet und dabei die Art 
der Bücherverbote im 16. Jahrhundert berücksichtigt. Über die Intention des 
Gesetzgebers kann kaum ein Zweifel bestehen. 



' Vgl. S. 26 und 27. — Schon früher waren die Theologen der Meinung, daß die Werke 
der alten Häretiker (Tertullian, Eusebius, Pelagius u. a.) erlaubt seien ; die neue Konstitution 
Leos XIII. scheint diese Ansicht stillschweigend zu genehmigen. 



106 Milderung der Bdcherverbote des 16. Jahrhunderts. 

Eben deshalb aber darf auch behauptet werden, dafi nach dem milden 
Geiste der allgemeinen Dekrete und nach den Milderungen im Index der drei 
letzten Jahrhunderte auch verschiedene Bücher, besonders aus der zweiten 
und dritten Klasse des 16. Jahrhunderts, nicht mehr als verbotene anzusehen 
sind. Selbstverständlich scheint es zu sein, daß katholische Autoren, welche 
irrtümlicherweise in die erste Klasse der verbotenen Bücher gerieten, wie sie 
rechtlich nie dazu gehöiien, nun auch faktisch daraus entfernt sind ohne 
weitere kirchliche Entscheidung. Ebenso jedoch darf ohne neue kirchliche 
Bestimmung angenommen werden, daß im 16. Jahrhundert verbotene Bücher 
katholischer Autoren nicht mehr als untersagt gelten, wofern es feststeht, 
daß dieselben nicht als durch eines von den neuen allgemeinen Dekreten 
verurteilt angesehen werden müssen. Ähnliches wird man auch von den 
damals im einzelnen verbotenen Büchern akatholischer Verfasser sagen dürfen, 
daß dieselben nämlich als freigegeben betrachtet werden können, wenn sie 
sich nur gelegentlich und nebenher mit Glaubenswahrheiten beschäftigten und 
durch kein allgemeines Bücherdekret getroffen werden. 

Nach dieser Ansicht wäre die hier besprochene mitigatio des Index im 
Geiste der ganzen Konstitution auch auf die übrigen verbotenen Bücher des 
16. Jahrhunderts ausgedehnt. Derselbe Grund aber, welcher den Gesetzgeber 
bestimmte, überhaupt die Bücher und Verfasser des 16. Jahrhunderts nicht 
mehr im einzelnen aufzuführen, hat ihn wohl auch davon absehen lassen, 
eine genaue Liste der aus jener Zahl freigegebenen Bücher aufzustellen. Wie 
oben schon bemerkt wurde, handelt es sich hier durchgängig um wenig ge- 
kannte und noch weniger gebrauchte Bücher. Die aber, welche noch gekannt 
und gebraucht werden, sind auch so bekannt, daß es alsbald ohne kirchliche 
Entscheidung feststehen kann, ob dieselbe der Milderung des Index würdig 
und teilhaftig sind oder nicht. 

Da wir das Gesetz nicht autoritativ interpretieren können, zumal in 
einem Punkte, der darin mehr angedeutet als klar ausgesprochen ist, sollen 
auch hier keine Beispiele angeführt werden. Wir dürfen aber wohl auf die 
gute Arbeit des Dr Nikolaus Paulus^ aufmerksam machen, der ungefähr 
50 deutsche Verfasser aus dem Index zusammenstellt, die jetzt wohl als vom 
Index getilgt angesehen werden können, insoweit der neue Index nicht aus- 
drücklich widerspricht. 

Überhaupt handelt es sich hier, um das noch einmal hervorzuheben, 
um Bücher, die allen ziemlich fernliegen. Gibt es aber katholische Forscher, 
Schriftsteller, Gelehrte, welche solche Bücher noch gebrauchen, so haben diese 
durchgängig auch bereits die allgemeine Erlaubnis zum Lesen verbotener 
Bücher. Es kann also praktisch kaum eine Schwierigkeit entstehen. 

Die eben geschilderte Milderung kommt an zweiter Stelle einer Reihe 
von Schriftstellern zu gute, welche annoch im neuen Index verzeichnet sind. Es 
sind diejenigen, deren »Opera omnia" durch Sonderdekret verboten wurden, 
wie beispielshalber Giordano Bruno 1600, Pierre Bayle und Thomas Hobbes 
1701, David Hume 1827, Pierre Joseph Proudhon 1852 und zuletzt 1895 



Katholik 1895, I 193 ff. 



Milderung der .Opera omDia'-Dekreie. X07 

Emile Zola. Im ganzen zählt man deren 108. Obwohl alle diese Autoren 
durchgängig glaubens- oder sittenwidrige Schriften herausgegeben haben, so 
findet sich bei ihnen auch hie und da, wenn nicht eine „echte Perle", dann 
doch ein mehr oder weniger ungefährliches oder unschuldiges Buch, das 
nunmehr auch vom Index freigegeben ist. Da die „Opera omnia* -Dekrete 
des 17., 18. und 19. Jahrhunderts gleichbedeutend sind mit dem Versetzen 
eines Schriftstellers in die erste Indexklasse des 16. Jahrhunderts, so ist die 
Milderung, von der hier die Rede, nichts anderes als eine folgerichtige An- 
wendung der in den Artikeln 3 und 4 gegebenen vorhin besprochenen Vergünsti- 
gung aus der Konstitution „Officiorum ac munerum" auf jene „Opera omnia"- 
Dekrete. Die Vorrede des neuen Index gibt dies nicht nur zu, sondern be- 
stätigt es ausdrücklich, indem sie auf diese Weise die Milderung mit Beziehung 
auf die Verbote sämtlicher Schriften eines Verfassers gewissermaßen sank- 
tioniert. 

Immerhin bleibt bei diesen Verfassern infolge des Dekretes, welches 
ihre sämtlichen Werke untersagt, die Präsumption bestehen, so daß ein ein- 
zelnes Buch derselben erst dann als erlaubt gelten kann, wenn es feststeht, 
daß sich dasselbe wesentlich nicht gegen Glauben oder Sitten richtet. Um 
es mit andern Worten auszudrücken, so muß demjenigen, welcher ohne be- 
sondere Erlaubnis ein Werk, etwa Zolas, lesen will, vorerst klar sein, daß 
dieses bestimmte Werk nicht durch irgend eines von den allgemeinen Bücher- 
dekreten und nicht durch ein einzelnes Dekret des Index verboten ist. Ob- 
gleich daher Zola einer der schlechtesten und gefahrlichsten zeitgenössischen 
Verfasser, dürfte man nunmehr dennoch z. B. dessen Werk „Le reve* lesen K 
Das ist auch die Ansicht urteilsfähiger, gewissenhafter Zolakenner. Die deutsche 
Gesamtausgabe der Werke von George Sand aus den Jahren 1843 — 1847 
umfaßt 87 Bände. Durch den Index sind alle Romane „Omnes fabulae 
amatoriae' dieser Schriftstellerin verurteilt. 

Infolge der neu eingetretenen Milderung dürfte man die Lesung etwa 
von „La mare au diable" und „La petite fadette" für erlaubt erklären, nicht 
weil diese Dorfgeschichten, die 1846 bzw. 1849 erschienen, in ihrer Art als 
Meisterwerke und „französische Georgiken* gelten, sondern weil ernste Kri- 
tiker uns sagen, daß diese Bücher der Sand nicht gefährlich sind und nicht 
gegen die Büchergesetze verstoßen. Der ältere Alexandre Dumas war seiner 
Zeit ein auch in Deutschland viel gelesener Romanschriftsteller. Im Jahre 
1863 verbot die Indexkongregation alle Romane sowohl des älteren als des 
jüngeren Alexandre Dumas. 1841 — 1845 gab der Vater in 12 Bänden heraus: 
„Le comte de Monte Cristo", ein Roman, der als „Graf von Monte Cristo" 
in verschiedenen deutschen Fassungen heute noch beliebt zu sein scheint. 
Auch diesen Roman darf man seit der Editio Leoniana als nicht durch den 
Index verboten ansehen. Beide Dumas haben auch nach dem Jahre der Ver- 
urteilung noch Romane herausgegeben. Wenn diese nun auch nicht unter 
das Dekret des Jahres 1863 fallen können, so hat doch eben dieses „Opera 
omnia* -Verbot gegen die folgenden Romane und Werke eine gewisse Prä- 



» Vgl. oben S. 20. 



108 Milderung der .Opera omnia' -Dekrete. 

sumption geschaffen. Selbst bei diesen muß man daran festhalten, dafi c 
Lesung eines derselben nur dann erlaubt ist, wenn man vorher eine v€ 
nünftige Gewißheit hat von der XJngeföhrlichkeit dieses bestimmten Buch( 
Unnütz wird die Bemerkung nicht sein, daß ein Roman verderblich ui 
durch die allgemeinen Bücherdekrete verboten ist nicht bloß dann, wei 
er Unsittlich-Obscönes enthält, sondern auch dann, wenn er z. B. die Ehi 
Scheidung, das Duell oder andere von der Kirche verbotene Irrtümer a 
erlaubt hinstellt und diese zu verherrlichen bestrebt ist. Gerade beim jüi 
geren Dumas trifft dies vielfach zu, so daß viele seiner Werke als duK 
den Artikel 14 der Konstitution „Officiorum ac munerum** verboten zu b( 
trachten sind. 

Bevor Proudhon mit seiner Arbeit »Qu'est-ce que la propriötö?*' di 
sozialistische Laufbahn betrat, hatte er bereits im Jahre 1837 veröffenl 
licht: , Essai de grammaire generale**, und zwei Jahre später: ,De la GÜi 
bration du dimanche**. Soviel wir wissen, würden diese Schriften schwerlic 
ein Verbot herausgefordert haben und sind darum auch heute dem Lese 
gestattet. Wahrscheinlich ist es auch, daß, zumal unter seinen zahlreiche 
späteren Schriften, verschiedene ungefährliche und nicht verbotene sein werdet 
Es sind aber das nur Beispiele, welche klar genug dartun, daß bei diese 
«Opera omnia*' -Klasse des Index eine ebenso vernünftige als wichtige IG 
derung der Editio Leoniana eingetreten ist. 

Als Benedikt XIV. um die Mitte des 18. Jahrhunderts den Lidex ne 
herausgab, verschärfte er bei etwa 50 Schriftstellern, die mit verschiedene 
Werken in der Liste der verbotenen standen, das Verbot in der Weise, dfl 
er durch Dekret vom 10. Mai 1757 alle Werke jener Verfasser untersagt 
Leo XIIL, freisinniger noch als jener Papst, den selbst Papstgegner den fn 
sinnigen genannt haben, hat umgekehrt sowohl diese als überhaupt alle Ye 
böte sämtlicher Schriften eines Autors herabgemildert und jenes Verbot, d 
man vielfach, wenn auch unrichtig »in odium auctoris' getauft hat, '■ 
damit vollständig verschwunden. 

Wie wenig engherzig Leo XIIL ist, zeigt sich in noch hellerem Liet 
bei einer dritten Bücherklasse, die einfachhin vom Index gestrichen i 
Hierzu seien die Worte der Vorrede selbst gebracht: ,Es wurde für gut l 
fünden,'* so heißt es auf S. xiv, «gewisse Bücher, und zwar nicht weni( 
in der Liste der verbotenen zu tilgen, solche Bücher nämlich, die zwar m 
fehler- oder einwandfrei sind, aber dennoch sei es wegen ihres feinen Stil* 
sei es wegen der Fülle von Wissensstoff oder wichtigen Dokumenten, < 
sie enthalten, vielfach hochgeschätzt sind. Irrtümer und Mängel dieser Schrift 
können durch den mehr als gewöhnlichen Nutzen, den ihr Oebrauch brinj 
genugsam aufgewogen werden. "" 

Man kann nicht bei jedem einzelnen Buch, das früher im Index sta 
und jetzt daraus entfernt ist, genau den Grund angeben, weshalb es v< 
Index herabgesetzt wurde; aber zumal hier bei dieser dritten Klasse v< 
botener Schriften, die nunmehr erlaubt ist, läßt sich zur Illustration ei 
ganze Reihe von Beispielen bringen. Und an diesen Beispielen wird n: 
sehen, wie dankbar gerade diese Milderung des Index zu begrüßen ist 



Wissensohaftliche Werke verschiedener Disziplinen. 109 

Zunächst könnte man eine Anzahl lexikalischer Sammelwerke verzeichnen 

wie das Oeschichtslexikon von Carolus Stephanus und das Lexicon universale 

von Joannes lacobus Hofinannus. Ähnliche biographische Werke von Bois- 

Bardus, von Growaeus und von Oraeus sind ebenfalls vom Index verschwunden 

zugleich mit einer Bibliographie von loannes Albertus Fabricius. 

Die Juristen wird es interessieren, daß die Praxis rerum criminalium 
von lodocus Damhouderius und ein bislang beanstandeter Band der Discepta- 
tiones forenses des römischen Rechtslehrers Stephanus Gratianus nicht mehr 
unter den verbotenen Büchern sich findet. Bekannter und von allen Rechts- 
gelehrten hoch geschätzt ist des Hugo Orotius Buch: „De iure belli ac 
pacis', das zwar nur untersagt war donec corrigatur, bis einige Verbesse- 
rungen darin vorgenommen seien, nun aber einfachhin erlaubt ist. 

Mediziner waren Joannes Hornungus und Leonardus Fuchsins ; was von 
beiden unter den verbotenen Büchern stand, ist jetzt nicht mehr dort zu 
findend Übrigens lebt der Name des Leonard Fuchs mehr in der „Fuchsia' 
fort als in seinen Schriften ; von ihm hat die Blume ihren Namen. 

Über Traumdeutung handelt eine griechische Schrift: „Achmetis Sereimi 
Oneirocritica''. Da das Buch wissenschaftlich gelehrten Zwecken dienen kann, 
ist es nicht mehr untersagt. Dasselbe gilt von einer Widerlegung jüdischer 
Schriften, welche ihr Verfasser loannes Christophorus Wagenseil ,Tela ignea 
satanae" betitelt. 

Zur Theologie gehören freigegebene Werke, die früher unter Bullarium, 
Buztorf, Henriquez, Sa, Sanchez, Suarez und Walton standen. Bei all diesen 
Büchern handelte es sich um geringfügigere Mängel, deren Verbesserung ge- 
fordert wurde. 

Seit dem Jahre 1661 war z. B. in der Liste der verbotenen Bücher 
sowohl das hebräisch-chaldäische Lexikon des älteren Johannes Buxtorf als 
*öch dessen „Thesaurus grammaticus linguae sanctae" verzeichnet, das Verbot 
galt aber in beiden Werken nur der Vorrede. Ähnlich verhielt es sich wohl 
®it den Prolegomena der „Biblia sacra polyglotta** des Brian Walton, dessen 
Name und Werk nun auch in der Editio Leoniana fehlt. 

Das verlorene Paradies von Milton fand sich im früheren Index zwar 
Dnr mit dem Titel der italienischen Übersetzung, jetzt ist jedenfalls durch 
Leo xni. Original und Übersetzung dem Leser gestattet. 

Die Spanier werden sich freuen, daß das Verbot der „Historia del fa- 
moeo predicador Fray Gerundio de Campazas, alias Zotes** aufgehoben ist. 
Das Buch , welches auch in verschiedenen Übersetzungen erschien , war in 
Spanien sehr beliebt; der Verfasser ist Jose Francisco de Isla, der seine 
Satyre unter dem Pseudonym Francisco Lobon de Salazar herausgab. 

Viel größer ist die Zahl der Geschichtswerke, welche seit der „Editio 

Leoniana' nicht mehr zu den verbotenen gehören. Und hier erst recht finden 

sich Namen und Bücher von gutem Klang. Das große Geschichtswerk 

^Historiae sui temporis" von de Thou und die sechsbändige Geschichte des 

Konstanzer Konzils von Hermann von der Hardt ist auf der Indexliste 



^ Abgesehen nat&rlich von häretischen Schriften dieser Verfasser. 



1X0 Oeschichtswerke und kanoDiatische Sammlangen. 

ebensogut getilgt worden, wie der Conatus chronico-historicus ad Catalogam 
Romanorum Pontificum von Daniel Papebroch und die Geschichte der Ge- 
sellschaft Jesu von Joseph de Jouvancy, welch letztere schon allein wegen 
der Aufhebung des Verbotes der Schriften über die .ritus sinenses' aus 
der Reihe der verbotenen Bücher gestrichen werden konnte. Auch Leibnitz 
Name ist ganz aus dem Index verschwunden, indem die von ihm heraus- 
gegebene ifHistoria arcana seu de vita Alexandri VI. papae excerpta ex 
diario Johannis Burchardi'' gestrichen ist. Erlaubt ist seit dem neuen Index 
,,das Leben des hl. Augustinus^ , welches der Augustiner loannes Rivius 
schrieb, erlaubt der «Origenes defensus*" des Jesuiten Petrus Halloix und die 
„Geschichte der Monotheleten" des Dominikaners Franciscus Combefis ^. Früher 
standen unter Schraderus und Tuberus, unter Segni und Yarchi Geschichts- 
werke als verboten aufgeführt ; im Index Leos XIU. erscheinen sie nicht mehr. 
So ließen sich bis tief ins 19. Jahrhundert hinein noch verschiedene ähn- 
liche Bücher ausfindig machen, welche durch Leo XIU. freigegeben sind. 

Es gehört dazu — um diese dritte Bücherklasse, vielleicht die wichtigste 
von allen, die vom Index entfernt wurden, mit neueren Werken abzuschliefien — 
das 1857 verbotene, nunmehr erlaubte „Archivio storico* von Florenz und 
die 1864 erschienene italienisch geschriebene Geschichte Karls Y. von Giuseppe 
de Leva. Überall sieht man die Spuren der Weitherzigkeit Leos XIII. 

Nicht mit Unrecht kann zu der eben geschilderten dritten Klasse von 
Büchern, welche vom Index verschwunden sind, auch noch eine Reihe dem 
Kanonisten notwendige Bücher zählen. Es sind sieben Sammelwerke von Ent- 
scheidungen oder Erklärungen der Konzilskongregation. In den früheren Indices 
standen dieselben unter Barbosa, Gallemart, Marzilla, Decisionum, Declarationes, 
und der Rechtsgelehrte weiß sofort, um welche Bücher es sich handelt. Selbst- 
verständlich sind die erwähnten Werke durch das Herabsetzen vom Index 
nicht als in allen Teilen authentisch erklärt, wenn auch das Fehlen der not- 
wendigen Approbation der Konzilskongregation sie hauptsächlich auf den 
Index gebracht hatte. 

Eben diese kanonistischen Werke könnte man auch zu der folgenden 
vierten Klasse rechnen, die aus mehreren Unterabteilungen besteht. Darin 
befinden sich alle die Bücher, welche heute infolge der Konstitution «Officiorum 
ac munerum*' entweder unberechtigter oder doch überflüssigerweise einen 
Platz im Index einnehmen würden. Wie die Congregatio GoncUü Tridentini 
alle Sammelwerke, welche ohne ihre Ermächtigung Beschlüsse eben dieser 
Kongregation veröffentlichten, im Jahre 1621 als verboten erklärte, so hatte 
schon im Jahre 1601 das Heilige Offizium alle Litaneien, die ohne Gutheifiung 
der Ritenkongregation erschienen, kurzweg untersagt. Jetzt sind dieselben 
freigegeben worden, da es nach dem neueren Recht den Bischöfen zusteht, 
wenigstens zum Privatgebrauch der Gläubigen neue Litaneien zu genehmigen. 

' Der XX. Band der Annalen des Abraham Bzovius» welcher erst nach dem Tode des 
Verfassers zu Köln herausgegeben wurde, stand nie auf der Indexliste, obgleich das Werk 
durch Dekret des Heiligen Offiziums fer. V. 3. Mai 1640 verurteilt wurde und auBerdem 
zwei päpstliche Breven nach Deutschland ergingen, um die Verbreitung des Buches zu ver- 
hüten. Vgl. Anlage XVII. 



Litaneien, Ablaßbflohlein, Verbote des Mag. s. pal., App. Ind. dem. XL, Ind. Innoc. XL Hl 

Der Thesaurus litaniarum von Thomas Sailly und ähnliche ältere Andachts- 
bücher gehören jetzt nicht mehr zu den verbotenen Büchern. 

Neben der Indexkongregation und dem Heiligen Offizium war früher 
besonders die Kongregation der Ablässe im Katalog des Index mit nicht wenigen 
Dekreten vertreten. Die Neuausgabe hat nur ein Büchlein, das dort durch 
Dekrete der Gongregatio Indulgentiarum verurteilt erscheint. Es wurde nämlich 
»der Orden des Friedens" bereits 1750 verboten, und als diese Schrift 
1878 in Schlesien neu gedruckt ward, alsbald 1879 von derselben Ablaßkongre- 
gation aufs neue untersagt. Wohl bei aUen andern früheren Ablaßsachen im 
Index handelt es sich einzig oder doch hauptsächlich um Ablaßsummarien und 
ähnliche Angaben unechter Ablässe. Alle diese sind aus der £ditio Leoniana 
entfernt worden — unter Sommario standen elf, im ganzen waren es ungefähr 
50 Indexnummem — , weil nunmehr die Gläubigen sowohl durch die eigenen 
Publikationen der Ablaßkongregation und deren allgemeinen Regeln als auch 
durch die allgemeinen Satzungen der »Constitutio officiorum ac munerum" 
genugsam vor unechten, apokryphen Ablässen gewarnt und geschützt sind. 

In früheren Zeiten — die Vorrede spricht vom Beginn des 17. Jahr- 
hunderts — gab es Bücherverbote, die nicht von einer päpstlichen Kon- 
gregation ausgingen, sondern vom Magister sacri palatii. Dieselben wurden 
allmählich wie gleichberechtigt den übrigen Indexdekreten eingereiht. Nun- 
mehr hat Leo XIII. dieselben einfachhin ausscheiden lassen. Ein Buch, das 
aus diesem Orunde im neuen Index fehlt, wäre z. B. das Mariale von Giu- 
seppe Saliceti. 

Mit noch weniger Berechtigung waren als förmlich verbotene Bücher 
eine gute Anzahl zumeist aszetischer Schriften oder Schriftchen in die Index- 
liste gekommen. Dieselben, Ober dreißig an der Zabl - zwanzig standen 
unter Orazione — stammen aus der ^Nota di alcune Operette ed 
Historiette prohibite^, welche einer römischen Indexausgabe des Jahres 
1704 als Anhang beigedruckt war. Sie finden sich auch verzeichnet in der 
ebenfalls jener Indexausgabe beigefügten „ßaccolta'*, welche erst zu Bo- 
logna von dem Inquisitor Pietro Leoni, dann später von dem Inquisitor Giu- 
seppe Maria Berti zu Pavia im Druck herausgegeben wurde. Der Ursprung 
dieser Verbote ist jedenfalls in der Inquisition von Bologna zu suchen, hier 
treten sie schon im Jahre 1618 in einer Indexausgabe auf als .Aggionta 
d'alcune Operette, et historiette prohibite** \ Benedikt XIV. nahm die Titel 
dieser verbotenen Schriftchen oder Blätter in seinen Index 1758 auf mit dem 
Vermerk „App. Ind. Clem. XL** Abgesehen davon, daß es sich hierbei um 
winzige Sachen, meistens Gebete in Versform, handelt, die heutzutage kaum 
noch irgendwo ^ zu entdecken sind, waren alle diese Schriften nicht durch ein 
rechtsgiltiges Dekret untersagt und mußten mit Fug vom eigentlichen Index 
gestrichen werden. Dasselbe geschah mit wenigen Büchern, die von Bene- 
dikt XIV. als verboten durch den Ind. Innocents XI. bezeichnet sind und 



» Vgl. die Anlage XVI. 

' In der königlichen Bibliothek zu München fand der Verfasser mehrere derselben in 
einem Sammelband. 



X12 .Sätze' nnd .Theses', Bacher über strittige Fragen. 

unter loannes deBarro, Annibale Raimondi, loachimus Fortius 
Ringelbergius und Satire, sette libri aufgeführt waren. 

Ähnlich wie die eben beschriebenen aszetischen Büchlein oder Blätter 
waren bislang in allen Indices manche andere Eleinigkeiten mit vollem 
Titel angegeben, die seinerzeit mit Recht beanstandet wurden, nun jedoch im 
Index nur überflüssiger Ballast wären, und das um so mehr, als diese Sachen 
längst vergessen und begraben, höchstens in einem bibliographischen Werke 
früherer Zeit mit ihrem Titel von ihrem vergangenen Dasein Zeugnis ablegen. 

Beinahe ebenso überflüssig wäre es, noch länger in der Indexliste die 
Drucksachen zu vermerken, welche hauptsächlich unter , Sätze' und ,Theses' 
standen. Diese, bei öffentlichen akademischen Disputationen verteidigten 
Thesen, wie falsch und irrig sie auch sein mochten, könnten jetzt, auch wenn 
sie noch existierten, kaum von Schaden sein. Eine nicht geringe Zahl der- 
artiger Thesen war unter den Namen, sei es der Doktoranden oder der Ver- 
teidiger, sei es der Präsides der Disputation aufgeführt. Auch diese sind 
getilgt worden. 

Und damit kommen wir zur fünften und letzten Bücherklasse, bd 
der die Billigkeit die Streichung vom Index verlangte. Besonders im 17. und 
18. Jahrhundert kam es ja nicht selten vor, daß Bücher, auch wissenschaft- 
liche Werke, verurteilt wurden, nicht nur wenn sie Glauben und Sitten ver- 
letzten oder angriffen, sondern auch wenn dieselben in ungebührlicher Weise 
mit Verletzung der Liebe den Frieden störten. Man muß dabei an die oft 
heißen, erregten Streitigkeiten zumal der Theologen in noch unentschiedenen 
Fragen denken. Schon um Ärgernisse zu verhüten, mußte die Kirche zu- 
weilen mit einem Verbote eingreifen, besonders wenn die streitenden Par- 
teien dem geistlichen oder Ordensstande angehörten. Bisweilen geschah es, 
daß der Papst, um ähnliche Streitigkeiten zu schlichten, den Parteien Still- 
schweigen auferlegte und jedes zuwiderhandelnde Buch — mochte es auch 
an und für sich nur Gutes und Wahres enthalten — der Liste der. ver- 
botenen Bücher einverleiben ließ. Daher rührt der Zusatz im Dekrete bei 
einigen Büchertiteln der älteren Indices: »wegen Verletzung des Stillschwei- 
gens''. Ein Bücherpaar, das aus diesem Grunde — „ob transgressionem im- 
positi silentii** — untersagt worden war und jetzt freigegeben ist, stand 
unter „Apologie pour les religieux bön^dictins du diocäse et pays de Li&ge' 
und unter „Repartie de Mr l'abbe de St Gilles. 

Schriftsteller, die mit südländischem Blute ihre oft wunderlichen Ansichten 
verteidigten und ihre Gegner befehdeten, jetzt aber nicht mehr im Index zu 
finden sind, waren, um auch hier Beispiele zu nennen, Costantino Qaetani, 
Giovanni Rho und Giambattista Castaldo, Giacomo Villani und Scipione Chiara- 
monti, Gherardo Capassi und Giacomo Laderchi. Um Ordensstreitigkeiten 
handelte es sich in manchen, früher verbotenen Büchern, deren Verfasser 
teilweise bereits genannt sind. Noch eine ganze Reihe von Namen solcher 
Schriftsteller, die man nur noch in den älteren Indexkatalogen suchen darf, 
läßt sich hier aufzählen. Geht man nach dem Alphabet voran, so fehlen in 
der Editio Leoniana : loannes Alvin, Zaccaria Boverio, Buonaventura di Lau- 
renzana, Eusebius Carlymmeshin , Niccolo Catalano, lulian Chumillas, Bonito 



Werke über die Unbefleckte EmpföngDis. 113 

Cambasson, Gyprian Grousers, Augustinus Erath, Hermenegildo d. s. Pablo, 
Fulgentio Manfredi, losephus Mozzagrugnus , Franciscus Renatus, Pedro 
Sanchez Arroyo, Benedictus Stolte, Giovanni Francesco XJgolini. Über die 
Bücher und Fehden dieser und anderer Ordensleute ist längst Gras ge- 
wachsen, der Inde^ will auch das Andenken daran nicht länger bewahren. 

Eine der bekanntesten Streitfragen unter Theologen war das Dogma der 
unbefleckten Empfängnis in früheren Jahrhunderten. Besonders im 17. Jahr- 
hundert loderte dieser Theologenstreit hoch auf, und es kam auf beiden 
Seiten zu argen Mißgriffen bei diesen literarischen Fehden. Ein allgemeines 
Dekret, das seinen Ursprung in einer Bulle Alexanders VII. aus dem Jahre 
1661 hat, verordnete daher, daß alle Druckwerke verboten seien, welche bei 
der Verteidigung der Unbefleckten Empfängnis ihre Gegner als Ketzer und 
Gottlose brandmarkten. Dieses allgemeine Bücherverbot war von selbst hin- 
fällig und zwecklos mit der Dogmatisierung der Unbefleckten Empfängnis im 
Jahre 1854. Aber infolge dieses Dekrets waren mehrere Schriften gerade 
des 17. Jahrhunderts in den Index gekommen, nicht wegen der Verteidigung 
jenes Geheimnisses, sondern wegen der harten, oft ungerechten Behandlung 
ihrer wissenschaftlichen Gegner. Obgleich daher ein Grund vorhanden, auch 
fernerhin diese Bücher als untersagt zu bezeichnen, ist mit dem Jahre 1854 
die Frage so erledigt, daß es billig erscheint, nun auch jene Kampfesüberreste 
im Index der Vergessenheit anheimzugeben. 

In jener ersten Zeit war einer der hitzigsten Kämpen der Spanier Pedro 
de Alva y Astorga. Er schrieb über diese Frage ein Werk : „Nodus indissolubilis 
de conceptu mentis et conceptu ventris"", das auch unter anderem Titel erschien, 
und ein zweites: „Sol veritatis cum ventilabro seraphico pro Candida aurora 
Maria*. Beide griffen in bitterer Weise die Dominikaner an. Um das Jahr 1660 
wurden sie verboten, sind aber mit dem neuen Index erlaubt. Beinahe das- 
selbe könnte man sagen von dem Italiener Hyppolito Marraci und seinen 
verbotenen Schriften. Auch ein Deutscher, der Laibacher Dekan Johann 
Ludwig Schönleben, kam aus demselben Grunde ein Jahrzehnt später in den 
Index. Seine beiden Werke über die Unbefleckte Empfängnis gab er unter 
dem Pseudonym (,sub velo nominis diaphano*) Balduinus Helenocceus ein 
zweites Mal heraus. Beide Ausgaben waren untersagt. Die Geschichte der 
Kontroverse von Tommaso Strozzi in zwei Foliobänden nebst einer Anzahl 
anderer, sowohl wissenschaftlich theologischer als mehr aszetischer Werke 
teilten mit den Genannten früher gleiches Los der Verurteilung und nunmehr 
auch der Befreiung vom Index. 

Durch Streichung der aufgezählten vier letzten Klassen von Büchern 
und Schriften ist der Index Leos XIII. bedeutend entlastet ; sind doch infolge- 
dessen gegen 800 Werke aus dem Kataloge der verbotenen Bücher ver- 
schwunden. Mehr jedoch als diese numerische Verminderung muß das Ein- 
gehen Leos XIII. auf die berechtigten Wünsche vieler Gelehrten mit Dank 
anerkannt werden. 

Zum Schlüsse soll nur noch bemerkt sein, daß Leo XIII. Goethe, Freili- 
grath und andere Größen nicht vom Index entfernt hat, wie unrichtiger- 
weise deutsche Blätter freudig meldeten, und zwar aus dem einfachen Grunde 

Hilgers, Der Index Leos Xm. 8 



114 Die verbotenen Bacher des 19. Jahrhunderts. 

nicht, weil weder Goethe noch auch zahlreiche andere Verfasser, welche 
nach den Behauptungen der Gegner verboten sein sollen, jemals nament- 
lich auf dem Index gestanden haben. 

Die verbotenen Bücher des 19. Jahrhunderts S 

Rechnet man auf das 19. Jahrhundert im ganzen rund 1330 verbotene 
Bücher, so entfallen von diesen allein auf Italien 500, nicht viel weniger, 
nämlich 480, auf Frankreich, Belgien und die Niederlande. Die übrigen 350 
verteilen sich auf die andern Länder und Sprachen in der Weise, da£ Deutsch- 
land 180 davon für sich in Anspruch nehmen muß, Spanien-Portugal etwa 
120, während England nicht einmal ganz 40 derselben zufallen. Als Ab- 
schluß kommen wenige andere Bücher, wie 5 polnische, 4 griechische, je ein 
arabisches, piemontesisches und dänisches, noch hinzu. In der Gesamtzahl 1330 
sind mitgerechnet die 6 italienischen und 12 französischen Verfasser mit dem 
einen englischen, deren sämtliche Werke, wie früher ausgeführt, im Laufe 
des letztverflossenen Jahrhunderts verboten wurden. 

Daß Italien und Frankreich so unverhältnismäßig stark an den ver- 
botenen Büchern beteiligt sind, hat seinen Hauptgrund nicht in der Sprache 
dieser Länder, die in Rom und bei den Kongregationen besser gekannt ist 
Die Ursache davon ist vielmehr eine doppelte: einmal sind es katholische 
Länder und die Bücher zumeist von Katholiken geschrieben, und zweitens 
war es die aufgeregte Zeit- und Kulturgeschichte dieser Länder im 19. Jahr- 
hundert, die den Index bevölkerte. 

Italien. 

Zunächst machte sich besonders in Italien der Geist der französischen 
Revolution bis weit in das Jahrhundert hinein in Schriften und Büchern 
bemerkbar. Infolge der damaligen Wirren war seit 1797 kein Buch mehr 
verurteilt worden. Das erste, welches im neuen Jahrhundert 1804 durch 
die Indexkongregation vom neuen Index als verboten verzeichnet wird, ist 
verfaßt von Francesco Maria Bottazi und führt den Titel: , Republikanischer 
Katechismus oder elementare Wahrheiten über Menschenrechte'. Eine gute 
Anzahl ähnlicher Schriften, in denen italienischer Freiheitsschwindel sich 
kundgab, folgte jenem ersten in den nächsten Jahren. 1821 wurden Gaspare 
Morardos sämtliche Werke verurteilt und in den Jahren 1823 — 1827 fünf 
verschiedene Schriften von dem mehr bekannten Vittorio Alfieri. Im großen 
und ganzen bilden die im ersten Viertel des Jahrhunderts verbotenen italie- 
nischen Bücher ein buntes Gemisch mehr leichterer Tageslektüre als wissen- 
schaftlicher Arbeit. Auf dem religiösen Gebiete hatte sich die jansenistisch- 
gallikanische Bewegung, an welche in der Kirchengeschichte die Namen Ricci 
und Pistoja, im Index aber Namen wie Solari, Palmieri, Giuseppe Zola und 
Tamburini erinnern, noch lange nicht ausgelebt. Manche Werke dieser Rich- 
tung kamen in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts in die Zahl der ver- 

' Man vergleiche das weiter unten folgende Kapitel, welches im chronologiaoh geord- 
neten Index alle verbotenen Bücher des 19. Jahrhunderts zusanunenstellt. 



Italien. 115 

botenen. Schließlich wurden noch 1847 Pietro Tamburinis Vorlesungen über 
die Kirche Christi, die kurz vorher als opus postumum erschienen, verurteilt, 
nachdem lange vorher 13 andere Werke desselben Verfassers verboten waren. 

Es hängt aber wohl die Hauptmasse der italienischen Bücher im Index 
des 19. Jahrhunderts mittelbar oder unmittelbar mit der nationalistischen 
Einheitsbewegung Italiens zusammen. Nicht bloß politische, antikirchliche 
und antipäpstliche Streitschriften, nicht bloß kanonistische Werke verschiedener 
Autoren und Bücher über manche wichtige Punkte des Kirchenrechtes, wie 
das Rosminis «Von den fünf Wunden der heiligen Sjrche' ^, verdienten sich 
hierbei das Verbot, die Verurteilung nicht weniger Schriften aus dem Gebiete 
der schönen Literatur und der Geschichte, ja selbst die Verurteilung der 
italienischen Philosophie und ihrer Hauptvertreter mit ihren Büchern knüpft 
sich daran. Um von dem eben Gesagten zu überzeugen, genüge es, hier 
Namen aus dem Index herzusetzen, die zum Teil schon früher bei Besprechung 
der .Opera omnia^ -Dekrete genannt wurden, Namen wie Gioberti und Ros- 
mini, Spaventa und Vera, Mamiani und Siciliani, Ferrari und Settembrini, 
Ausonio Franchi (Cristoforo Bonavino) , Roberto Ardigo und Enrico Ferri. 
Unter Mamiani werden 14 verbotene Schriften im Index aufgeführt, 8 unter 
Siciliani, unter Enrico Ferri deren 5 und 4 bei Ausonio Franchi ; von diesem 
letzteren ist außerdem der Brief im Index, welcher anonym unter Signor 
(al) canonico Girolamo de' Gregorj verzeichnet ist. 

Einzelne philosophische Arbeiten von Antonio Genovesi und Gaetano 
Filangieri, die einer früheren Zeit angehören, wurden noch im Anfange des 
verflossenen Jahrhunderts verboten und von Melchiorre Gioja angefangen von 
1820 im ganzen 10 verschiedene rechtsphilosophische und philosophische 
Schriften; von dem bekannten Literaten Niccolö Tommaseo, dem Freunde 
Rosminis, sind drei Werke untersagt. Daß sich unter den in der Indexliste 
verzeichneten Italienern auch Philosophen und Materialisten wie Stefanoni, 
Mantegazza und ähnliche finden, braucht, weil leicht begreiflich, kaum er- 
wähnt zu werden. In den Jahren 1869 — 1894 wurden 10 verschiedene 
Schriften Mantegazzas verurteilt. Leicht erklärlich ist es auch^ daß belle- 
tristische Sachen italienischer Schriftsteller — hier seien nur Guerrazzi mit drei 
Romanen, XJgo Foscolo und Giovanni Prati verzeichnet — im Index einen 
Platz fanden. Von Giacomo Leopardi wurden 1850 nur die „Operette mo- 
rali' verboten und auch diese nur mit dem Zusätze „donec corrigantur**. 
Der neueren Zeit gehört der italienische Dichter Arturo Graf an. Deutscher 
Abkunft,' geboren zu Athen, hatte er den Lehrstuhl der italienischen Literatur 
in Turin inne und machte sich in Italien einen Namen sowohl durch pro- 
saische als poetische Leistungen. Zwei derselben, ,11 diavolo*" und »Miti, 
leggende e superstizioni del medio evo, volume P, verzeichnet der Index 
zum Jahre 1892 und 1893. 

Zwei Schriften über Freimaurerei, welche im 19. Jahrhundert auf den 
Index kamen, sind zwar französisch geschrieben, die Verfasser derselben sind 
jedoch italienischen Ursprungs, Reghellini sowohl wie Falcioni. 



» Vgl. Anlage XXI. 

8* 



116 Italien. 

Italienische Historiker sind im Index zahlreich vertreten unter den 
Autoren des vorigen Jahrhunderts: Sjrchengeschichtschreiber wie der prote- 
stantisch gewordene Bianchi-Giovini mit 7 Büchern , Profangeschichtschreiba' 
wie La Farina, Angelini, Calamassi. Eine ganze Reihe verpönter Schriften 
beschäftigt sich mit der römischen Frage. Beispiele dieser Art aus späterer 
Zeit finden sich unter Passaglia, Reali, Mongini und Curci. 1878 wurde 
sofort nach ihrem Erscheinen verboten des früheren päpstUchen Ministen 
Marco Minghetti Buch „State e chiesa^ und 1889 ebenfalls alsbald nadi 
der Herausgabe des Bischofs Geremia Bonomelli von Cremona «Roma e 
ritalia*'. Hier mag auch erwähnt sein, daß ein hinterlassenes Werk des 
Generals und Romstürmers Carlo Cadoma über „Religion, Recht und Frei- 
heit" 1898 in den Index kam. Von Ruggero Bonghi, dem früheren ita- 
lienischen Minister, der manches und sehr Verschiedenartiges geschrieben, 
verzeichnet der Index nur „Das Leben Jesu** als 1892 verboten. 1895 wurden 
drei Werke des Freidenkers Giovanni Bovio verurteilt. Gaetano Negri, ein 
alter Freiheitskämpfer aus Mailand, Freund Stoppanis und ein bis an sein 
jähes Ende — er stürzte unlängst auf felsiger Straße ab — fruchtbarer 
Schriftsteller von Namen, ward 1897 mit seinen „Segni dei tempi* und zwei 
andern Schriften auf der Indexliste verzeichnet. 

Wegen antireligiöser und antikirchlicher Tendenzen mußten mehrere 
italienische Zeitschriften im Laufe des Jahrhunderts untersagt werden. L'In- 
dicatore, L'Eco di Savonarola, La buona Novella, H Gerofilo Siciliano wurden 
um die Mitte des Jahrhunderts verboten, L'Emancipatore cattolico 1869; 
1872 U Rinnovamento cattolico und 1889 bzw. 1890 II Rosmini und H nuovo 
Rosmini. 

Unter den verbotenen theologischen Werken Italiens befinden sich zu- 
nächst eine gute Zahl kirchenrechtlicher Studien. Dazu gehören beispiels- 
halber die Bücher des Turiner Professors Nuytz, der, ein Hauptwerkzeng der 
piemontesischen Regierung und als „aquila inter canonistas' gefeiert, den 
hl. Bernard an Papst Eugen IV. schreiben und diesen tadeln läßt, weil er 
das Konzil von Eonstanz nicht annehme (!). 

Als es sich nach der Mitte des Jahrhunderts um die Dogmatisienmg 
der Unbefleckten Empfängnis handelte, wurden auch gegnerische Stinmien 
laut. Davon zeugen im Index verschiedene Schriften, die jedoch zumeist fran- 
zösischen und spanischen Ursprungs sind, nur vereinzelt erscheint darunter 
neben einem deutschen und einem holländischen auch ein italienisches Buch. 
Zahlreicher sind wie überhaupt, so auch die italienischen Schriften gegen das 
Vatikanische Konzil und die Unfehlbarkeit des Papstes. Ein gewisses Auf- 
sehen erregte seiner Zeit das unter dem Pseudonym Pomponio Leto erschie- 
nene Buch des Senators Francesco Vitelleschi „Acht Monate in Rom wäh- 
rend des Vatikanischen Konzils". Aus neuerer Zeit muß hierbei Francesco 
Giovanzana genannt werden. Acht Schriften, die ihn zum Verfasser haben 
und am 14. Mai 1891 verboten wurden, handeln zum guten Teil von der 
Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter und von des Papstes Unfehlbarkeit 
Die Melu*zahl der vom Index beanstandeten Schriften über oder gegen das 
Konzil rührt indes von deutschen Verfassern her. 



Frankreich. 117 

Von dem Schwärmer David Lazzaretti ist früher schon die Rede gewesen; 
es wären auf dem religiösen Gebiete nur noch ein paar theologisch-aszetische 
Werkchen über die Muttergottesverehrung zu verzeichnen, die unter Coppol^ 
und Paoletti^ zu finden sind. Auch kann noch der längst vergessenen Kon- 
troverse von Grema Erwähnung geschehen, die sich im Index einige Gedenk- 
steine gesetzt unter Nannaroni und Traversari. Von ersterem sind sieben, 
von letzterem zwei darauf bezügliche Schriften im Index angemerkt. In den- 
selben wird die Ansicht verfochten, das heilige Meßopfer sei in der Weise 
immerdar gemeinsam mit den Gläubigen zu feiern, daß letztere in demselben 
bei der Kommunion des Priesters mit den in ebenderselben Messe kon- 
sekrierten heiligen Hostien und nicht anders zu speisen seien. Die Kontro- 
verse gehört dem 18. Jahrhundert an; hier ist ihrer gedacht, weil noch im 
Jahre 1819 ein Indexdekret gegen eine Schrift Traversaris sich richtete. 
Fügt man schließlich noch hinzu, daß das einzige Buch in piemontesischer 
Sprache, welches der Index kennt, eine Ausgabe des Neuen Testamentes ist 
— es steht als 1840 verboten unter Testament ('1) neuv — , so ist wenigstens 
in großen Zügen das italienische Indexbild des 19. Jahrhunderts gegeben^. 

Soll aber in diesem Bild ein charakteristischer Zug hervorgehoben wer- 
den, so ist es das, was oben bereits angedeutet wurde. Veranlassung und 
Ursache zahlreicher Bücherverbote auf allen Gebieten war die nationale po- 
litische Lage Italiens im verflossenen Jahrhundert, welche eben vielfach 
Bücher und Schriften zweifelhaften Wertes inspirierte. Zweitens ist dann bei 
Italien neben der Geschichtschreibung besonders die falsche neue Philosophie 
von den Indexdekreten also berücksichtigt worden, daß von den Haupt- 
vertretem derselben kaum einer im Index fehlt. 

Da drittens Italien Rom und dem Papste mit seinen Kongregationen 
näher liegt als irgend ein anderes Land, hat dies ganz natürlich dazu ge- 
führt, daß die Bücherdekrete hier überhaupt am zahlreichsten wurden. Weit 
mehr als ein Drittel aller im 19. Jahrhundert verbotenen Bücher gehört 
Italien allein an. 

Frankreich. 

In Frankreich hatten die Philosophen und Enzyklopädisten Jansenisten 
und Gallikaner abgelöst. Das Resultat trat in der französischen Revolution 
zu Tage, aber auch an den verbotenen französischen Büchern von der Mitte 
des 18. bis weit in das 19. Jahrhundert hinein kann man darüber seine 
Studien machen. Die Mehrzahl jener alles zersetzenden Bücher war schon 
im 18. Jahrhundert vor dem Einbrechen der Revolution verboten, nicht we- 
nige wurden erst am Anfange des 19. Jahrhunderts verurteilt. Zu den letz- 
teren gehört außer Nachzüglern von Voltaire, Rousseau, Diderot das einzige 
Buch Mirabeaus, welches der Index verzeichnet: ein gottlos blasphemisches 
Buch. Die Verbote dieser Schriften fallen in die Jahre 1804 und 1806. 



^ Eben dieses Büchlein des Canonicas Faoletti hat in den Zeitungen des Jahres 1901 
und 1902 viel von sich reden gemacht, weil man ganz ohne Grand behauptete, dasselbe sei 
von Leo XIII. als Erzbischof von Perugia geschrieben worden. 

' Im Jahre 1902 wurden zwei italienische Schriften verboten, die S. 93 verzeichnet sind. 



118 Frankreich und Belgien. 

Der Verurteilung der Philosophie des Naturalismus und Materialismus, 
wie sie besonders im „Systeme de la nature^ und andern Büchern des Index 
unter D'Holbach, Helvetius, D'Alembert, Diderot, Voltaire, Rousseau , La 
Mettrie hervortrat, ging zur Seite und folgte im 19. Jahrhundert die Ver- 
urteilung des Sensualismus, Positivismus, Eklektizismus, Sozialismus und Kom- 
munismus. In dieser Weise entwickelte sich die französische Philofiophie seit 
der Revolutionszeit. Infolgedessen wurden Bücher verboten von Condillac, 
Condorcet, Comte, Cabanis, Destutt de Tracy, Cousin, Fourier, Muiron, Con- 
siderant, Proudhon, Villegardelle, Esquiros, Cheve, denen sich im Index Bücher 
der belgischen Erauseaner Altmeyer, Ahrens und Ouillaume Tiberghien an- 
reihen. Von letzterem sind fünf philosophische Werke von 1845 — 1881 in 
die Liste der verbotenen gekommen. 

Die Saint-Simonisten mit Enfantin fehlen nicht, ebensowenig wie die 
französischen Schriftsteller des Magnetismus und Spiritismus. Drei Revuen 
und einige Bücher aus diesen Gebieten wurden verboten. Man findet m 
unter Magnetiseur, Revue, Eardec, Cahagnet, Ouldenstubbe, J^upret, zu denen 
man auch die Biographie Swedenborgs von dem protestantischen Theologen 
zu Straßburg, Jacques Matter, zählen kann, und die 1891 verbotene Revue 
nL'Initiation*'. Lamennais erscheint im Index mit kirchenpolitischen und phUo- 
sophischen Schriften. Überhaupt wurden 1834 — 1846 sieben Bücher dieses 
unglücklichen Philosophen verboten. 

Die Chiliasten werden wohl nicht aussterben bis an den jüngsten Tag. 
In Frankreich hatten die jansenistischen Wirren die apokalyptischen Träume 
neu belebt. Daran erinnert noch ein Indexverbot des Jahres 1825, das ein 
derartiges Buch von Bernard Lambert traf. Im Verlaufe des 19. Jahrhun- 
derts schrieben ähnliche Werke und wurden verurteilt Spanier wie Ben Esn 
(Lacunza) und Sanz y Sanz; ein Deutscher, Rohling; Italiener wie Negroni 
und Berzi; ein Belgier de Fälicite (Vercruysse), Am Abend des 19. Jahrhun- 
derts schien der Chiliasmus neuen Aufschwung erhalten zu haben. Davon 
zeugen im Index die Büchertitel unter Damoiseau, Berzi und vor allem die 
vier Schriften des französischen Chiliasten Chabauty. 

Eine böse Folge des französischen Konkordates war das Schisma der 
Petite egiise, das sich hartnäckig zur Sekte auswuchs und mit mehreren 
Schriften im Index vertreten ist. Unter Pierre Louis Blanchard, dem Haupt- 
schriftsteller der Sekte, finden sich fünf darauf bezügliche Schriften angemerkt 
Anhänger und Verteidiger des Gallikanismus — es seien hier Dupin und 
Guett^e genannt — kamen immer noch mit ihren Werken auf die Liste der 
verbotenen Bücher; auch die von Guettöe redigierte Zeitschrift »L'Observa- 
teur catholique" wurde erst 1855, dann ein zweites Mal 1859 verurteilt; aber 
\'iel zahlreicher sind darin die liberalen kirchenfeindlichen Schriftsteller, wie 
Bordas-Demoulin u. ä. Von demselben Geiste waren die italienischen, spa- 
nischen und französischen Gegner des Zölibats im Index beseelt. Französische 
Schriften dieser Art schrieben Bonicel, Caillet, Cerati. Auch die französischen 
Bücher gegen das Dogma der unbefleckten Empfängnis Maria, gegen das 
Vatikanische Konzil und die Unfehlbarkeit des Papstes, welche im Index 
einen Platz erhalten haben, mögen gleich hier erwähnt sein. Verfasser solcher 



Frankreich, Belgien, Holland. 119 

verbotenen Schriften sind Laborde, der mit acht Büchern im Index steht, 
Walon und die Prinzessin Sayn- Wittgenstein. 

Der jansenistische Bischof Van Buiil von Harlem hatte 1844 ein Pasto* 
ralschreiben über das holländische Schisma erlassen; es wurde in demselben 
Jahre verboten. Im Index ist es unter Van Buul als , Instruction pastorale 
8ur le schisme'' verzeichnet. Zwölf Jahre später wurde vom Heiligen Offi* 
zium der holländische Hirtenbrief der drei jansenistischen Bischöfe von Utrecht, 
Harlem und Deventer: ^Herderlijk Onderrigt over de onbevlekte Ontvangenis 
der Maagd Maria'' verurteilt. Außer dieser holländischen Schrift steht im 
Index noch unter Schrant, Johann Maria: „Het leven van Jezus Christus, 
een geschenk aan de jeugd"". Ein anderes verbotenes flämisches Büchlein 
ist die Predigt des Mechelner Generalvikars Yerheylewegen. Und schließlich, 
um nicht an anderer Stelle darauf zurückkommen zu müssen, sei hier auch 
die flämische Studentenzeitschrift «Noord en Zuid" als im Jahre 1857 ver- 
boten angemerkt. 

Theologische Werke französischer Protestanten, wie die unter Archinard 
und Athanase Coquerel, sind selten im Index; noch 1894 kam jedoch „Das 
Leben des hl. Franziskus von Assisi*", verfaßt von dem bekannten protestan- 
tischen Theologieprofessor Paul Sabatier, zu den verbotenen Büchern. Selbst 
die «Question de Loiguy"", welche vor einigen Jahren in den Tagesblättem von 
sich reden machte, ist im Index verewigt in zwei verbotenen Schriften. Auch 
wurde 1896 noch eine französische Schrift über den „Kult der göttlichen Hände*" 
verboten. Ein Jahr vorher verurteilte die römische Inquisition Hilaires von 
Paris Abhandlungen über die Armut und die Regel des hl. Franziskus, nach- 
dem schon 1894 die Indexkongregation dessen Ansichten über die Scholastik 
und St. Thomas untersagt hatte. 40 Jahre vorher waren fünf Schriften eines 
französischen Pfarrers, Felix Orsieres, verboten worden. Das Verbot hing 
zusammen mit einer kirchenrechtlichen Kontroverse über die Rechte der Suc- 
cursalpfarrer in Frankreich, die sich daselbst unter Gregor XVI. in den 
dreißiger und vierziger Jahren erhoben hatte. Doch sind alle diese verein- 
zelten Bücher hier aufgeführt nur als Beispiele bestimmter Kategorien gleich- 
artiger oder ähnlicher Schriften auf dem Index. 

Zur römischen Frage enthält der Index nur vereinzelt eine französische 
Schrift. Wohl erschienen solche, die viel Aufsehen machten, zumal dieselben 
auf den Kaiser Napoleon selbst zurückgeführt wurden. Am bekanntesten 
sind wohl die von La Guerronnifere nach Napoleons Wunsch verfaßten Bro- 
schüren, denen jedoch Pius IX. auf andere Weise sehr energisch entgegen- 
trat, so daß ein Indexverbot unterbleiben konnte. 

Kirchengeschichtschreiber und überhaupt Historiker verzeichnet der 
Index gar viele aus Frankreich und Belgien. Alle können hier nicht auf- 
gezählt werden. Beugnot steht da mit einem Werk und Port-Royal von 
Saint-Beuve, vier Werke von Benjamin Aubö über die drei ersten christ- 
lichen Jahrhunderte verzeichnet der Index und die kritische Geschichte der 
Schule von Alexandrien von i^tienne Vacherot. Das Werk Sismondis, des be- 
kannten italienisch-französischen Nationalökonomen von Genf, „Die Geschichte 
der italienischen Republiken des Mittelalters'' untersagte der Index 1817 und 



120 Frankreich. 

wenige Jahre später von S^gur d*Aguessau sowohl die .Histoire romaine* ab 
die „Histoire du Bas-Empire^. De Pradt ist mit drei Schriften vertreten und 
Potter mit fünf. Von Taine wurde nur dessen Geschichte der englischen 
Literatur verboten, von Ginguene die italienische Literaturgeschichte. Auch 
Geschichtsbücher, zum Unterricht für die Schule bestimmt, sind verschie- 
dentlich verurteilt worden ; Lam^ Fleury findet sich mit sechs solcher Schriften 
im Index, und 1897 ward eine derartige Geschichte Frankreichs von Aulard 
und Debidour verboten. 

Daß sich im Index irreligiöse und unsittliche Bücher aus Frankreich 
genug finden, braucht nicht hervorgehoben zu werden. Es ist auch kaum 
notwendig, viele Namen zu nennen. Nur sei hier noch einmal daran erinnert, 
daß Renan mit 16 Büchern im Index auftritt. 7 Werke von Patrice Lar- 
roque, 6 Bücher von Louis Jaccoliot, 5 von Hippolyte Rodrigues wurden 
verboten durch ein Dekret des Jahres 1877, nicht weniger als 8 Schriften 
von !^mile Ferriere in den Jahren 1892 — 1893, deren 6 von Jules Michelet 
und 4 von Edgar Quinet. 

Frankreich ist in dem verflossenen Jahrhundert besonders reich an ge- 
fährlichen Romanen gewesen, womit es auch vielfach andere Länder noch 
verdorben hat. Die zehn Romanschriftsteller, deren sämtliche Werke ver- 
boten sind, gehören samt und sonders Frankreich an. Früher schon ^ wurden 
ihre Namen aufgezählt. Pigault-Lebruns Romane waren schon in den Jahren 
1820—1834 auf den Index gesetzt worden und 1804 „Romans et contes' von 
Voltaire. In demselben Jahre 1804 wurden Jean de La Fontaines «Gentes et 
nouvelles" ein zweites Mal verboten, nachdem sie zuerst 1703 verurteilt worden 
waren. Nur zwei Romane von Victor Hugo finden sich auf der Liste der 
verbotenen, nämlich „Notre-Dame de Paris' und »Les miserables'. Jean Hippo- 
Ijrte Michon steht dort mit vier, Gustave Flaubert mit zwei Romanen ^ und 
von Alphonse de Lamartine sind drei Schriften verboten. 

Überflüssig wird es nicht sein, gerade hier zu bemerken, daü, wenn 
von einem Schriftsteller die eine oder die andere Schrift nur im Index ver- 
zeichnet wird, dadurch dessen andere Werke durchaus nicht als unschuldig 
erklärt sind. Für diese gelten vielmehr vor wie nach die allgemeinen Regeln, 
und nur zu oft wird das Verbot eines Buches eines bestimmten Verfassers 
ganz von selbst wenigstens eine Warnung vor dessen übrigen Werken in 
sich schließen. 

Vielleicht ist hier, wo von den französischen Romanen die Rede ist, 
auch ein zweiter Gedanke nicht übel angebracht. Es will nämlich scheinen, 
daß kirchlicherseits die Gläubigen durch die Verurteilung jener Werke über- 
haupt vor schlechten Romanen eindringlich gewarnt werden sollten; denn 
alle verderblichen Romane oder auch nur die schlechtesten auf den Index zu 
setzen, geht keinenfalls an. 

Mit diesen Bemerkungen mag das Indexbild Frankreichs (Belgiens und 
Hollands) im 19. Jahrhundert abgeschlossen werden, indem nur noch jenes 
französischen Schriftstellers gedacht wird, der dem Index in den letzten Jahr- 

» Vgl. S. 95. 



Südamerika. 121 

zehnten beinahe am meisten zu tun gab. Es ist der einzige Verfasser, dessen 
Opera omnia seit 1877 verboten wurden; es ist der nur zu bekannte Emile 
Zola, welcher — zur Schande des deutschen Namens muß es gesagt sein — 
der Lieblingsschriftsteller mancher deutschen Damen sowohl als auch, wie 
statistisch nachgewiesen, der bevorzugte Lieblingsschriftsteller der deutschen 
Sozialdemokraten geworden. 

Weil französisch geschrieben, mag hier bereits die Verurteilung dreier 
Schriften aus und über Kanada vermerkt sein. Alle drei wurden vom Hei- 
ligen Offizium verboten, die beiden ersten 1869 und 1870: „Annuaire de l'in- 
stitut canadien pour 1868 et 1869''. Das dritte im Jahre 1896; es handelt 
von dem Klerus Kanadas und seiner Mission. 

Spanische nnd portngiesische Bttcher. 

In Spanien hat die dortige Inquisition von jeher ein wachsames Auge 
auf das Bücherwesen gehabt. Infolgedessen kamen verhältnismäßig wenige 
spanisch-portugiesische Bücher in Rom zur Anzeige, auch wohl, nachdem die 
spanische Inquisition von 1820 an keine Bücher mehr verbot. So sind denn 
auch im ganzen 19. Jahrhundert alles in allem nur 116 Bücher von den 
römischen Behörden verurteilt worden. Überdies verteilen sich diese noch so, 
daß etwa 20 derselben auf Südamerika entfallen, 20 andere sind portugie- 
sische Bücher und für Spanien bleiben nicht einmal 80 verbotene Schriften. 
Beinahe die Hälfte von jenen 116 Werken wurden in der Zeit von 1820 bis 
1825 auf den Index gesetzt; die andere Hälfte verteilt sich ziemlich gleich- 
mäßig auf die einzelnen Jahrzehnte, doch ist das letzte Jahrzehnt 1890 bis 
1897 das reichste an verbotenen Büchern; diese acht Jahre zählen 15. 

Unter den südamerikanischen Büchern nehmen die des peruanischen 
Priesters Vigil die erste Stelle ein. Seine äußerst kirchenfeindlichen Schriften 
wurden durch päpstliches Breve, durch zwei Dekrete der Inquisition und ein 
Verbot der Indexkongregation in die Liste der verbotenen Bücher gesetzt. 
Es sind ihrer fünf. Ein anderer Peruaner, der Staatsminister Manuel Lo- 
renzo de Vidaurre, war mit drei Schriften, die ins Gebiet des Kirchenrechties 
eingreifen, schon 10 — 20 Jahre früher in den Index gekommen. Außerdem 
stehen noch unter Mariategni und La Riva hierher gehörige Bücher. 

Aus Brasilien mögen außer einer Dissertation des geborenen Ungarn 
Homis de Fotvärad zur Verteidigung der vermeintlichen Rechte des Staates 
auf die Ehegesetzgebung noch die beiden verbotenen Werke des Bischofs von 
Bio de Janeiro erwähnt sein. Das eine ist ein dreibändiges Kirchenrecht, 
das andere ein Kompendium der Moral; sie stehen unter dem Namen des 
Verfassers Manuel do Monte Rodrigues d'Araujo. 1895 kamen dazu ein un- 
christliches Buch von Francisco de Castro und ein zweites gegen die Herz- 
Jesu- Verehrung von Americo Baposo. In Maracaibo erschien eine Schrift 
von Ramön Illaramendi unter dem Pseudonym Gilberte mit dem Titel „Garcia 
Moreno y el P. Berthe*, welche in demselben Jahre 1895 verboten wurde. 

Mexiko hat nur drei verbotene Schriften im Index des letzten Jahr- 
hunderts. Die eine anonyme, findet sich unter Conducta, die beiden andern 
sind verfaßt von Nicolas Pizarro : „Catecismo politico constitucional'' und „Cate- 



X22 Spanische und portugiesische Bücher. 

cismo de Moral', welche 1868 und 1869 verboten wurden. Neuerdings sind 
zwei mexikanische Bücher dazu gekommen, die als 1901 verboten unter 
Planchet stehen. 

In Lissabon erschienen 1822 — 1823 Schrift und Gegenschrift über die 
Prädestination und die Zahl der Auserwählten, wobei die extremsten Mei- 
nungen von der Onadenlehre verteidigt waren. Beide Bücher, das eine von 
Jose de S. Bernardino Botelho, das andere, anonym erschienen, von Lucas 
Tavares verfaßt, wurden alsbald verurteilt. Der Bischof von Angra, Manuel 
Nicolas de Almeyda, hatte Briefe über die Ablässe geschrieben und anonym 
herausgegeben. Als seine Schrift angegriffen wurde, verteidigte er sie io 
einer zweiten, welche im Titel den Verfasser beider angibt. 1824 kamen 
beide auf den Index durch dasselbe Dekret. In den folgenden Jahren wurden 
ein paar ungläubige, skandalöse portugiesische Sachen verboten und 1836 
das lateinisch geschriebene Portugiesische Zivilrecht von Pascual Jose de 
Melle Freire. Erst 30 Jahre später kam wieder ein portugiesisches Bud 
von Bedeutung auf den Index, diesmal ein Werk über portugiesisches Eircheih 
recht, von Bernardino Joaquim da Silva Cameiro. Im darauffolgenden Jahre 
1866 verbot die Indexkongregation die Studien über die Zivilehe von Ale- 
xandre Herkulano, der später auch gegen das Yaticanum schrieb and im 
Jahre 1878 durch v. Döllinger mit einer Gedächtnisrede beehrt wurde. Auf 
dem Index aber steht ein anderes portugiesisches Buch gegen das Konzil von 
Manuel Nunes Giraldes, „0 Papa Rei e o Concilio**. Schließlich wurden 1890 
durch ein und dasselbe Dekret des Heiligen Offiziums vier portugiesische 
Bücher verurteilt, welche über eine Streitfrage, die theologische Fakultät zn 
Coimbra betreffend, handeln. Die Namen der drei Verfasser sind Manuel de 
Azevedo Araujo e Gama, Jose Maria Ragrigues, Jos^ Maria Rodriguez. 

Die spanischen Bücher, welche im ersten Viertel des Jahrhunderts zu 
Rom beanstandet wurden, drehen sich zumeist um kirchenpolitische Fragen. 
Mit solchen kamen in den Index zunächst zwei Staatsmänner, Pedro Rodri- 
guez de Campomanes und Caspar Melchor de Jovellanos, an welche sich die 
verbotenen Bücher von Sempere und Martinez Marina anschließen. 

Auch die Werke der beiden Bischöfe Felix Amat und seines Neffen 
Felix Torres Amat, die zu Rom verurteilt wurden, sowie die Bücher, welche 
im Index unter Emmanuel de Rica y Aguilar und Policarpo Romea stehen, 
griffen tief in die Rechte der Kirche ein zu Gunsten des Staates nach galli- 
kanischem Muster. Ähnlichen Charakter haben im allgemeinen auch die acht 
Schriften Juan Antonio Llorentes, ebenso wie die fünf andern Joaquim Lo- 
renzo Villanuevas, welche der Index aufzählt. Es waren beide Kulturkämpfer. 
Zur Theologie mag man noch zählen den historisch-kanonistischen Traktat 
über die Pfarrer von Antonio Mendizabal und „Larraga del aöo de 1822*, 
eine Moraltheologie, die 1823 verboten ward, während das Buch Mendizabals 
im Jahre vorher auf den Index kam. 

Die spanischen Geschichtschreiber sind im Index des 19. Jahrhunderts 
vertreten durch Juan Francisco Masdeu, dessen Werk über Spanien nur mit 
dem Zusätze „donec corrigatur'^ verboten ist. Man kann aber hier noch 
verzeichnen außer „Historia politica del pontificado romano por D. F. 1. de V.* 



Polnische, grieohische und arabische Bacher. 123 

zwei Arbeiten über die Inqnisition, die unter ^^Historia completa*' und „Com- 
pendio' vermerkt sind, ebenso zwei Schriften zur Geschichte der Freimaurerei, 
eine portugiesische unter „Historiada franc-ma9onaria'^ und Danton, G., Historia 
general de la masoneria. Letzteres Buch wurde erst 1897 verboten. Miguel 
Mir schrieb anonym gegen die Jesuiten, Jose Ferrandiz Ruiz gab unter Pseudo- 
nymen vier böse Schriften heraus, Agustin Martinez Gavero verfaßte »Die 
Revolution und das Recht *". Die drei genannten Autoren kamen mit diesen 
ihren Schriften zwischen 1887 und 1897 auf die Liste der verbotenen Bücher. 

Zur Belletristik gehören zwei Bücher von Thomas Hermenegildo de las 
Torres, ein Roman von Wenceslao Ayguals de Izco, „Maria la hija de un 
jornalero*, „Poesias lyricas* von Garfäo Stockler und „Judas de Keriot, poema 
dramätich", von Frederich Soler. 

Odön de Buen steht mit zwei Traktaten über Geologie und Zoologie in 
dem Bücherverbote des 14. Juni 1895; über die intellektuelle Bewegung in 
Deutschland schrieb Jose del Perojo und kam damit 1877 in den Index. 
Deutsche Philosophie suchte Julian Sanz del Rio — er war Schüler und An- 
hänger Krauses — als Professor zu Madrid in Spanien anzupflanzen. Sowohl 
sein Werk über Krause als seine von Manuel de la Revilla herausgegebenen 
Briefe sind verboten worden. 

Noch einzelne wenige spanische Schriften könnten aus dem Index auf- 
gezählt werden. Es lohnt aber nicht der Mühe und ändert nicht das Ge- 
samtbild der spanisch-portugiesischen verbotenen Bücher aus dem verflossenen 
Jahrhundert, die im Vergleich zu den italienischen und französischen sogar 
ziemlich ausführlich aufgezählt sind. 

Polnische, griechische und arabische Bücher. 

Die polnisch geschriebenen Bücher des 19. Jahrhunderts im Index sind 
bald gezählt. Jan Pociej schreibt über Jesus Christus und die ersten Christen ; 
Maciejowski verfaßte eine mehrbändige slavische Rechtsgeschichte, zu der er 
noch Monumenta herausgab. Der dritte und letzte polnisch schreibende Ver- 
fasser im Index in dieser letzten Periode ist der Mystiker Towianski, der 
in Polen, Frankreich und Italien viel von sich reden machte und auch An- 
hänger fand. Nur zwei unbedeutende Schriftstücke, die er verfaßt, sind ver- 
boten. Mit ihm und seiner Sache hängt zusammen das Verbot der italie- 
nischen Schrift unter Dunski und besonders die Verurteilung der beiden 
französisch geschriebenen Werke von Adam Mickiewicz über den Messia- 
nismus, welche der Verfasser zu Paris unter Towiatiskis Einfluß schrieb. 

Das einzige dänische Buch im Index von Frederik Klee ist eine Reihe 
geologischer Hypothesen über die Sintflut. Ein verbotenes Geschichtswerk 
des Russen Dmitry Tolstoy über den Katholizismus in RuMand ist französisch 
geschrieben. Andere verbotene Bücher des vergangenen Jahrhunderts, die 
von der armenischen Kirche und überhaupt von der morgenländischen Kirche 
und ihren Beziehungen zum Abendlande und Rom handeln, sind von arme- 
nischen, italienischen, englischen und deutschen Verfassern in verschiedenen 
Sprachen geschrieben. Man findet solche im Index unter Ormanian, Casan- 
gian, Cappelletti, Ffoulkes, Pichler und Langen. 



124 Englische Bücher. 

Im ganzen sind nur vier griechische Bücher unter den verbotenen za 
finden, zwei — sie stehen unter BlßXog und rpyjySptoQ — wurden im 17. Jahr^ 
hundert verurteilt, die beiden andern im Jahre 1825, nämlich das Leben 
und Martyrium des hl. Johannes unter Bcoq und unter HivaxtQy ein Schulbuch 
für Jonien. 

Erwähnt sei hier auch das einzige arabische Buch, das der Index bis 
zum Jahre 1900 kannte; es ist eine theologische Schrift des AloyBius Sa- 
bungi, dessen Verbot aus dem Jahre 1875 stammt. 1901 kam dazu das oben 
S. 92 erwähnte Buch; die durch zwei Breven 1816 und 1835 (vgl. S. 101) 
verurteilten arabischen Bücher wurden nie im Index aufgeführt. 

Englische Bücher. 

Mit Recht wundert man sich mehr über die geringe Anzahl verbotener 
Bücher aus dem katholischen Spanien-Portugal als über die kleine Zahl eng- 
lischer Schriften im Index. Selbst wenn man den Ritter Bunsen und Lord 
Acten hier mitrechnet, finden sich in der Editio Leoniana doch nur 80 eng- 
lisch schreibende Verfasser, von denen 38 Werke im 19. Jahrhundert ver- 
boten wurden. Unter den 30 ist nur einer: Hume, dessen »Opera omnia' 
der Index untersagt. 

Die englischen Philosophen der früheren Jahrhunderte sind im Index 
gut vertreten. Dort werden einzelne Werke von Baco von Verulam, Herbert 
von Cherbury und Ralph Cudworth, von Anthony CoUins, Thomas Woolston 
und George Berkeley verzeichnet, daneben aber sämtliche Werke von Thomas 
Hobbes, Henry More und drei Schriften von John Locke ; im 19. Jahrhundert 
kam 1827 dazu die Verurteilung aller 'Schriften David Humes. Seine Ab- 
handlungen »On Human Understanding* waren viel früher im 18. Jahrhun- 
dert bereits verboten worden. Der Darwin, dessen i,Zoonomia' als 1817 unter- 
sagt im Index steht, ist natürlich der ältere, Erasmus. Von 1819 — 1835 
kamen vier Werke des Rechtsphilosophen J^r^mie Bentham in die Liste der 
verbotenen Bücher und 1856 die „Principles of political economy* des Na- 
tionalökonomen John Stuart Mill. Richard Whatelys i,Elements of logic* waren 
1851 verurteilt worden. Der Amerikaner John William Draper schrieb eine 
Geschichte des Konfliktes zwischen Religion und Wissenschaft, die ihn anf 
den Index brachte. Schließlich wurden die Artikel des bekannten St. George 
Mivart im „Nineteenth Century '', „Happiness in Hell'', durch das Heilige Offi- 
zium verurteilt. Es geschah im Jahre 1883. 

Das erste englische Geschichtsbuch, welches im 19. Jahrhundert ver- 
boten wurde, handelt über Sitten und Gebräuche, Kunst und Literatur Italiens. 
Geschrieben ist es von der Lady Sidney Morgan. Ein Jahr später , 1823, 
wurde mit dem Zusätze „donec corrigatur" untersagt das Kompendium der 
englischen Geschichte von Oliver Goldsmith. 1825 folgte das Verbot des 
Werkes von William Roscoe über Leo X. 

Eine zweite englische Schriftstellerin, Charlotte Ann Waldie, kam 1826 
mit ihren Briefen über Rom im 19. Jahrhundert in den Katalog der ver- 
botenen Bücher. John James Blunts Buch über den Ursprung der religiösen 
katholischen Gebräuche in Italien und Sizilien ward durch Dekret des Jahres 



Englische Bücher. 125 

1827 untersagt. In demselben Jahre wurde David Humes englische Geschichte 
ausdrücklich auch besonders verurteilt. Von Henry Hallam stehen in dem 
neuen Index als 1833 verboten die Geschichte der englischen Konstitution von 
Heinrich VIQ. bis Georg II. und dessen Werk über Europa im Mittelalter. 
Das Werk von Thomas Mac Crie im Indexdekret vom 22. September 1836 
handelt über die Reformation des 16. Jahrhunderts in Italien, und erst 1850 
erschien wiederum ein Verbot eines englischen Buches, nämlich des Irländers 
Vericour ,, Historische Analyse der christlichen Zivilisation* ; Seymours Schrift 
»Eine Pilgerfahrt nach Rom", verboten 1851, mag auch schon gleich hier 
verzeichnet sein. Von Werken kirchengeschichtlicher Natur wurden in der 
Folgezeit 1868 nur noch untersagt: Peter Le Page Renouf, „Die Verurteilung 
des Papstes Honorius", dem sich anreiht, aber als schon 1853 verboten, 
Bunsens „Hippolytus and his age*. 

Damit sind die geschichtlichen englischen Arbeiten im Index erschöpft; 
eine einzige belletristische Schrift ist unter Yorick verzeichnet, es ist Laurence 
Sternes „Sentimental joumey through France and Italy". Decr. 6. sept. 1819. 

Hier mag denn auch das englisch geschriebene Buch des Italieners 
Ciocci Raflfaelle verzeichnet sein: „A narrative of iniquities and barbarities 
practised at Rome in the 19 Century **, das durch Dekret vom 8. August 1845 
in die Zahl der verbotenen kam. Die noch übrigen englischen Bücher schlagen 
mehr in das Gebiet der Religionswissenschaft ein ; dieselben beginnen mit einem 
apologetischen Werke Peter Gandolphys, das zugleich mit einem Andachts- 
buche desselben Verfassers 1818 durch Indexdekret untersagt wurde. Ein 
protestantischer Theologe, Richard Burgess, der in Rom selbst als Prediger 
lebte, gab „Lectures" heraus, die alsdann 1833 in den Index kamen. 1854 
verbot die Kongregation Theological Essays von Frederick Denison Maurice. 

Ein dritter protestantischer Schriftsteller, William Stroud, wurde 1878 
mit seiner Schrift über die physische Ursache des Todes Christi durch In- 
quisitionsdekret verurteilt. John Charles Earle, dessen theologische Schriften 
über die 40 Tage des auferstandenen Heilandes und über „The spiritual body*, 
welcher der Seele nach dem Tode noch bleiben soll, ebenfalls 1878 verboten 
wurde, war Konvertit und katholischer Geistlicher. Ein Konvertit war auch 
Edmund Salisbury Ffoulkes, der später, nachdem zwei seiner Schriften 1868 
und 1869 auf den Index gekommen, wieder abfiel. Diese verbotenen Werke 
handeln von der Teilung des Christentums in die morgenländische und abend- 
ländische Kirche. Das zweite ist betitelt „Das Credo der Kirche und das 
Credo der Krone**, in dem der Verfasser behauptet, daß das „filioque* durch 
den Einfluß gekrönter Häupter ins Credo der Kirche kam. 

St George Mivart, ebenfalls ein wieder abgefallener Konvertit, ist oben 
schon bei den Philosophen mit seiner 1893 verbotenen Schrift „Über das 
Glück in der Hölle* verzeichnet worden. In demselben Jahre 1896 wurde 
auch verboten Andrew Lang, Myth, ritual and religion. Zuletzt sind durch 
eines der jüngsten Dekrete des neuen Index vom 1. September 1898 noch 
zwei englisch geschriebene Werke den verbotenen beigezählt worden : James 
Duggans Werk mit dem Titel: „Schritte zur Wiedervereinigung* und das Buch 
des Amerikaners Georges Zürcher über „die Mönche und ihren Verfall^. 



126 Verbotene deutsche Bücher des 19. Jahrhunderts. 

Deatsehe Bflcher. 

Deutsche Verfasser gibt es im Index des 19. Jahrhunderts 107. Lord 
Acten, der mit zwei deutsch geschriebenen Arbeiten daselbst vertreten ist, 
wird dabei nicht mitgerechnet. Von diesen 107 Autoren sind 169 Schriften 
verboten, zu denen noch 13 anonyme kommen, so daß also im ganzen 
182 Bücher deutscher Schriftsteller im Index seit 1800 vertreten sind. Durch 
Dekret vom 7. Juni 1901 kam noch dazu Joseph Müller mit seinem Reform- 
katholizismus. Nur sehr wenige von diesen verbotenen Büchern sind lateinisch 
geschrieben, wie vier unter Jahn, Johannes und je eins unter Hirscher, 
loannes B. und unter Chrismann, Philippus Nerius; Christian Charles Josias 
Bunsen gab sein Buch „Hippolytus and his age'' zuerst englisch heraus, 
weshalb es mit dem engUschen Titel unter den verbotenen aufgezählt ist. 

Schmäh- oder Skandalschriften finden sich nur ganz vereinzelt in der 
Zahl der deutschen verbotenen Bücher. Dort wird aufgeführt eine Schmutz- 
schrift unter Domingo Santo und eine zweite, jedenfalls ähnlicher Art, hat 
den Titel „Papstbüchlein". Hier sei auch verzeichnet der schon genannte 
9 Orden des Friedens", welcher au£er falschen Ablaßangaben abergläubische 
Sachen enthält. 

Durch zwei Dekrete wurde im Jahre 1817 und 1824 verbot-en: „Über 
die Wiederherstellung der Jesuiten, die Unterdrückung des Freimaurerordois 
und das einzige Mittel, die Ruhe in Deutschland zu sichern''; mit Beilagen. 
Eine zweite anonyme Schrift unter dem Titel: „GanganeUi, der Kampf gegw 
den Jesuitismus'' kam 1845 auf den Index. Die dritte antijesuitische Schrift 
steht als verboten 1873 unter dem Namen ihres Verfassers, des Müncheners 
Johannes Huber, dessen ^Philosophie der Kirchenväter" bereits 1860 ver- 
urteilt ward. 

Aus der deutschen belletristischen Literatur zählt man nur drei Namen 
im Index. Au^r Heinrich Heines „De TAUemagne" und „De la France", mit 
denen gleichzeitig 1836 dessen „ Reisebilder " verboten wurden, stehen von 
ihm nur noch dort mit Dekret vom 8. August 1845 „Neue Gedichte, Ham- 
burg 1844"; das gleiche Dekret untersagte das Drama „Jesus" von Sigismond 
Wiese, und im September desselben Jahres kam Lenaus Werk „Die Albigenser, 
freie Dichtungen", zu den verbotenen Büchern. Von Lessing findet sich aof 
dem Index nur als Anhang des französischen Buches „Religion saint-simo- 
nienne" dessen „Erziehung des Menschengeschlechtes". 

Nur wenig zahlreicher sind verbotene Bücher deutscher Geschieht- 
Schreiber. „Der Primat der römischen Päpste von Johann Otto Ellendorf" 
wurde 1841, und 1854 „Kaiser Joseph U. von Karl August Schimmer* ver- 
boten. Untersagt wurde aber auch Rankes Papstgeschichte im Jahre 1841 
und 1874 „Die Geschichte der Stadt Rom" von Gregore vius, welch letzterer 
in den Jahren 1881 — 1882 noch mit vier andern kleineren geschichtliclien 
Schriften auf die Liste der verbotenen Bücher kam. 

Das Werk von Hermann Joseph Schmitt über die russische Kirche steht 
nur in der italienischen Übersetzung auf dem Index wegen der beigefügten 
Noten des italienischen Herausgebers Aurelio Bianchi-Giovini ; dagegen wurde 



Verbotene deutsche Bücher des 19. Jahrhonderts. 127 

1865 einfachhin verboten Aloys Pichlers „Geschichte der kirchlichen Trennung 
zwischen dem Orient und dem Okzident**. 1866 verurteilte ein Indexdekret 
die größere und kleinere Ausgabe der Biographie Wessenbergs von Joseph 
Beck. Und als 1877 verboten mag hier schon „Die Sage von Petrus als 
römischem Bischof" von Eduard Zeller in dessen „Vorträge und Abhand- 
lungen ** verzeichnet sein. In demselben Jahre untersagte das Heilige Offizium 
«Die Geschichte des vatikanischen Konzils von Johann Friedrich**, dessen 
ebenso berüchtigtes „Tagebuch während des vatikanischen Konzils geführt** 
bereits 1871 verurteilt war. Damit sind die deutschen Historiker des Index 
aufgezählt, doch werden weiter unten bei den theologischen Schriften noch 
einzelne Bücher verzeichnet, die man auch zur Geschichte rechnen kann. 

Die deutsche Philosophie wurde hauptsächlich in den Werken außer- 
deutscher Vertreter derselben verurteilt. Oben bei Besprechung der italienischen, 
französischen und spanischen Bücher ist davon die Rede gewesen. Die franzö- 
sische Schrift von Charles Viller: „Philosophie de Kant** war 1817 verboten 
worden, ihr folgte zehn Jahre später die Verurteilung der „Kritik der reinen 
Vernunft von Lnmanuel Kant**. Nächsten Anlaß zu dem Verbote gab eine 
italienische Übersetzung dieses Buches. 

Die nachgelassenen Werke Spinozas waren 1690 auf den Index ge- 
kommen, 1826 kamen dazu die „Theologisch-politischen Abhandlungen von 
Spinoza** in der Übersetzung und mit den Anmerkungen J. A. Kalbs, eine 
Schrift, welche in ihrem lateinischen Original bereits 1679 ausdrücklich ver- 
urteilt worden war. Von der Geschichte der Philosophie handeln die 1824, 
1845, 1865 verbotenen Bücher von Buhle, Tennemann und Seh wegler. Dazu 
gehören auch zwei von den vier verurteilten Büchern Friedrich Wilhelm Caroväs, 
nämlich „Kosmorama** und „Der Saint-Simonismus und die neuere französische 
Philosophie**, beide 1835 verboten. Joseph Alois Thürmer schrieb „Die Philo- 
sophie ohne Schleier**, verboten 1854, von Moriz Carriere stehen im Index mit 
Dekret von 1857 bloß: „Religiöse Reden und Betrachtungen für das deutsche 
Volk**. Ebenfalls 1857 verboten wurden „Die Geheimnisse des christlichen Alter- 
tums von Georg Friedrich Daumer**, der im Jahre nachher katholisch wurde. 

Der bayrische abgefallene Priester Johann Baptist Graser schrieb fünf 
verschiedene Bücher über Erziehung und Unterricht, welche 1838 alle zu- 
sammen verurteilt wurden. „Die Physiologie als Erfahrungswissenschaft**, 
1851 verboten, ist von Karl Friedrich Burdach. Mit Dekret vom 3. Fe- 
bruar 1879 ist verzeichnet: „Friedrich Dittes, Lehrbuch der Psychologie**. 
Franz Gaspars „ Vernunftstaat ** untersagte der Index 1884. 

Vier philosophische Schriften von Ernst von Lasaulx wurden am 7. August 
1861 durch Dekret der Inquisition verboten. Außer den drei schon früher 
namentlich aufgeführteji philosophischen Werken Frohscfaanmiers , welche 
durch den Brief Pius' IX. verboten waren, kamen in der Zeit 1857 — 1873 
noch vier andere Schriften desselben Verfassers dazu, so 1857 „Über den 
Ursprung der menschlichen Seelen** und 1868 „Das Christentum und die 
moderne Naturwissenschaft**. Als eines der ersten Bücher von deutschen 
Verfassern im 19. Jahrhundert war 1808 das rationalistische Werk von 
Johannes Georg Zimmermann „Über die Einsamkeit** verurteilt worden. 



128 Wessenberg. 

Edgar Baur begann seine schriftstellerische Tätigkeit mit einer Ver- 
teidigungsschrift für seinen Bruder, den bekannten Bruno Baur. Als diese 
Schrift ausführlicher bearbeitet unter dem Titel: ^Der Streit der Ejitik mit 
der Kirche und dem Staate" erschien, wurde sie 1845 von der Indexkongre- 
gation verboten. Einige Jahre vorher, 1838, war „Das Leben Jesu kritisch 
bearbeitet von David Friedrich Strauß" bereits verurteilt worden. Damit 
sind die deutschen philosophischen Bücher des Index aufgezählt, und ver- 
schiedene wurden namhaft gemacht, die ebenso als theologische verzeichnet 
werden könnten; anderseits könnten manche später bei „Hermes" und „Günther* 
zu nennende auch hier schon oft als philosophische Bücher einen Platz haben. 

Die theologischen sind auch unter den deutschen Büchern des Index 
die zahlreichsten. Dieselben gruppieren sich im allgemeinen um einige wenige 
Fragen, welche die katholischen Kreise Deutschlands ^vährend des 19. Jahr- 
hunderts in Bewegung setzten. Abgesehen von der antikirchlichen Strömung 
zu Anfang des Jahrhunderts, der Männer wie Wessenberg ihre Richtung 
gaben und zu der man, weil vom selben Geiste getragen, die Schweizer kirch- 
lichen Wirren in den dreißiger Jahren rechnen kann, genügt es, für die übrigen 
Fragen Namen wie Hermes, Günther, Ronge, Vatikanisches Konzil, Maiges^- 
gebung, Unfehlbarkeit zu nennen, um alsbald zu verstehen, welche Streit- 
fragen und was für religiöse theologische Bücher des 19. Jahrhunderts hier 
beim Index in Betracht kommen. Daß neben diesen größeren Fragen, nicht 
mit denselben zusammenhängend, einzelne Bücher und Verfasser im Index 
sich Namen gemacht haben, ist dabei nicht zu verwundern. 

Das erste deutsche Buch, welches im letzten Jahrhundert 1806 verboten 
wurde, ist geschrieben von dem bayrischen Advokaten Joseph von Zintel: 
„Betrachtungen über die neuen kirchlichen und politischen Einrichtungen in 
Bayern.*' Als dann die Indexkongregation 1817 ihre Arbeit wieder auf- 
genommen, verurteilte sie alsbald in demselben Jahre die Ulmer Jahrschrift 
für Theologie und Kirchenrecht der Katholiken, welche von Werkmeister 
herausgegeben, vom Wessenbergischen Geiste inspiriert war. Das Buch von 
Multer, bevorwortet von Leander van Ess, „Rechtfertigung der gemischten 
Ehen'', stammt natürlich aus demselben Kreise. Auch ist es beinahe selbst- 
verständlich, aus jener Zeit im Index Bücher gegen den Zölibat anzutreffen: 
sie stehen unter Theiner und Carove. Später 1876 wurde noch verboten 
Johann Friedrich von Schulte: „Der Zölibatszwang und dessen Aufhebung*. 
Doch sei hierbei bemerkt, daß das genannte Buch nicht eigentlich gegen den 
Zölibat sich richtet. 

Kirchenrechtliche und kirchengescliichtliche Werke, auf dem Boden des 
Josephinismus gewachsen, von Rechberger, Reyberger, Dannemayr und Gmeiner 
wirkten um so gefährlicher und verderblicher, als diese vielfach zu Unter- 
richtszwecken in Gebrauch waren. Deshalb wurden sie zugleich mit Werken 
der Hermeneutik, Exegese und Dogmatik, die vom Rationalismus angefressoi 
waren und wie jene weit verbreitet, zu Rom verboten. Zu den letzter«! 
gehören auf dem Index die Bücher von Bolzano, Jahn, Arigler, Qramberg. 
Die Namen Frint und Leonhard stehen zwar nicht in dem Register des 
Index, es scheint aber, daß die italienischen Bücher unter Qaida alla 



.Standen der Andacht '', theolo^che Bücher. 129 

struzione della religione und unter Norme per Tistruzione della religione 
iattolica verboten 1827 und 1828 jenen Verfassern nicht fremd sind. Die 
landbücher des gesamten katholischen und protestantischen Eirchenrechts 
ron Sebald Brendel und von Alexander Müller, das eine noch kirchenfeind- 
icher als das andere, stehen seit 1824 bzw. 1833 in dem Katalog der 
verbotenen Bücher. Carovö, dessen verbotene Schriften schon aufgeführt 
und, schrieb geradezu gegen die Kirche. ^Die letzten Dinge des römischen 
^tholizismus in Deutschland^, so betitelte er das Buch, welches als sein 
etztes im Jahre 1836 auf den Index gesetzt ward. Den obengenannten seien 
loch beigesellt Verfasser wie Oberthür, Haiz, Jaumann, Brenner und Gehringer 
nit ihren verbotenen Schriften. 

Außer dem anonymen Buche Wessenbergs, dessen Titel aus dem Breve 
Jregors XVI. schon früher ausführlich gegeben wurde, ist nur noch ein 
zweites anonymes Werk desselben Verfassers über „Die Bistumssynode " 1849 
verurteilt worden. Von dem gfchweizerischen Apostaten Franz Sebastian 
^mann gibt es im Index zwei verbotene Bücher, von denen er eines vor, 
las andere nach seiner Apostasie schrieb. Aus den religiösen Wirren in der 
Schweiz, anfangs der Dreißiger, stammen die durch das Breve vom 17. Sep- 
;ember 1833 verbotenen Bücher von Fuchs, Kopp, Mersy, Vock, deren Titel 
Tüher bereits nach dem Breve verzeichnet worden sind. Der Inhalt jener 
Schriften deckt sich der Hauptrichtung nach mit den Büchern und Tendenzen 
(Veasenbergs. „Die Bekanntmachung und Beleuchtung der Badener Konferenz- 
^.rtikel", welche 1835 von Gregor XVI. verboten ward, ist geschrieben von 
Konstantin Sigwart-Müller, wie dieser selbst versichert in seinem großen Werke 
iber die Bewegung jener Tage in der Schweiz. 1854 kam aus der Schweiz 
loch das Buch von Joseph Burkard Leu, das unter anderm vor der dogma- 
jschen Erklärung der Unbefleckten Empfängnis warnt, unter die verbotenen, 
md 1859 „Das Gebet des Herrn nachgefühlt** von Joseph Anton Berchtold. 

Verderblicher als viele wissenschaftliche verbotene Bücher wirkten seit 
iem Beginn des Jahrhunderts die „Stunden der Andacht", welche Heinrich 
Sschokke anonym weithin verbreitete. Verboten wurden sie 1820, und als 
n späteren Jahren „Neue Stunden der Andacht" erschienen, welche von 
aeribert Rau verfaßt waren, kamen auch diese 1857 alsbald auf den Index, 
ffit diesem letzten Verfasser ist ein Anhänger Ronges genannt, und deshalb 
K)llen die wenigen Bücher oder Büchlein, welche im Index mit dem Deutsch- 
cathob'zismus zusammenhängen, hier gleich vermerkt werden : sie stehen unter 
&.nton Theiner, E. Matthäi und bei Wangenmüller und wurden 1845 unter- 
jagt. Von den beiden Theiner wurden vorher bereits einige andere gleich- 
irtige Bücher verurteilt. 

Johannes Baptista Hirscher steht nicht mit einem seiner größeren Werke 
n dem Kataloge des Index, wohl aber mit zwei kleineren Schriften, die den 
Seitgeist, in dem sie geschrieben wurden, verraten. Es ist die lateinische 
Broschüre „Missae genuina notio", deren Verurteilung aus dem Jahre 1823 
stammt; nach 26 Jahren folgte das Verbot der zweiten Schrift, „Die kirch- 

jchen Zustände der Gegenwart". 1855 kam die Mariologie von Heinrich 

*. 

Oswald auf den Index, nicht wegen Äußerungen gegen die Verehrung der 

Hi Iger 8, Der Index Leos Xm. 9 



130 Hermes und Günther. 

Mutter Gottes, sondern wegen undogmatischer Übertreibungen, und so ist er 
im Index der Widerpart des obengenannten Leu und des Thomas Braon, 
dessen „Katholische Antwort auf die päpstliche Bulle über die Empfilngnis 
Maria** 1857 verboten wurde. 

Die zwei Bücher unter Joseph Friedrich und Johann Schweykart bilden 
unter den deutschen verbotenen Büchern eine Klasse für sich. Im Jahre 1855 
machten „Die Mitteilungen seliger Geister**, zumal „Des Erzengels Raphael' 
in München viel Aufsehen, bis dieselben in den beiden Büchern niedergelegt 
und am 12. Juni 1856 in Rom verurteilt waren. 

Eigenartig ist auch das 1855 verbotene Buch des Johannes Evang. Lutz 
„Über den Ratschluß Gottes mit der Menschheit und der Erde**, welches 
irvingianische Eschatologie enthält. Nach langen aftermystischen IrrwegeD 
erst katholischer Priester, dann Protestant, schrieb der Verfasser außer andern 
auch jenes Buch als Irvingianer, als welcher er noch manche Jahre in der 
Schweiz und schließlich wieder in Bayern wirkte. 

Mit verschiedenen der zuletzt aufgeführten Bücher des Index ist der 
Zeit vorgegriffen worden, da der Hermesianismus, welcher mit seinem Anteil 
an der Geschichte des Index einer früheren Periode angehört, noch nicht 
genannt ist. Übrigens ist der Staub, den die damalige Bewegung in Deutsch- 
land aufwirbelte, größer als die Spuren, die sie im Index zurückgelassen. 
Daß zuerst sowohl des Hermes „Einleitung in die Theologie** als auch dessen 
„Christkatholische Dogmatik** durch Breve Gregors XVI. vom 26. September 
1835 verboten wurden, ist früher schon bemerkt worden. Dieser Verurteilung 
folgte am 7. Januar 1836 das Verbot durch Dekret der Indexkongregation. 
Aber außer diesen beiden Werken des Hermes selbst erinnert im Index an 
den Hermesianismus nur noch das Verbot des Lehrbuches von Johann Hein- 
rich Achterfeldt, der des Hermes treuester Schüler war, aus dem Jahre 1838, 
sowie aus dem Jahre 1845 die Verurteilung der polemischen Schrift „Eri^ 
oder Frieden**, die unter dem Pseudonym Peter Paul Frank erschien und 
den Bonner Professor Thomas Braun zum Verfasser hatte. 

Hermes und seiner Schule folgte Günther mit seinen Anhängern auf 
dem Fuße, und so auch im Index der verbotenen Bücher, waren doch einzelne 
ausgesprochene Hermesianer zugleich auch, als die Zeit kam. Freunde und 
Gönner der güntherischen Philosophie und Theologie. Durch Dekret der 
Indexkongregation vom 8. Januar 1857 wurden sieben Werke von Anton 
Günther verurteilt, zugleich mit zwei andern Editionen, von denen die eine, 
„J anusköpfe**, unter den beiden Namen von Günther und Papst erschien, 
während die andere, , Lydia**, Günther und Veith als Verfasser nannte. 
In den folgenden Jahren kamen die Schüler Günthers mit ihren Schriften und 
Verteidigungen des Meisters an die Reihe. Leopold Trebisch: „Die christ- 
liche Weltanschauung in ihrer Bedeutung für Wissenschaft und Leben** 1858; 
im Jahre darauf, im Dekret vom 12. Dezember Baltzer und Knoodt mit je 
einer güntherianischen Schrift. Später 1881 wurde alsdann noch die Bio- 
graphie Günthers von Knoodt verboten. Mit zwei andern verbotenen Schriften 
aus dem Jahre 1868 reicht der Güntherianismus auf dem Index bis an das 
Vatikanische Konzil heran. Die erste derselben von Georg Karl Mayer 



Die Aükatholiken. 131 

wendet sich aach in ihrem Titel schon an das Konzil, während die zweite 
von J. Spörlein eine „theologische Einwendung gegen die scholastische philo* 
sophische Lehre vom Menschen im Entwürfe'' enthält. Daß die philosophischen 
Systeme des Hermes sowohl wie Günthers trotz allem katholischen guten Willen 
der beiden Gelehrten auf der sog. deutschen Philosophie fußen und sich in Gegen- 
satz zur christlichen Philosophie setzen, um die Theologie mit Rationalismus zu 
versetzen, hat der Index seinerseits klargestellt und größeres Übel verhindert. 

Die siebziger Jahre des entwichenen Jahrhunderts brachten das Vati- 
kanum und die Einnahme Roms, brachten Deutschland die Altkatholiken 
und den Kulturkampf; für den Index ergaben sich daraus in den letzten 
dreißig Jahren manche Verbote. Für Deutschland scheidet die römische Frage 
aus, da kein deutsches Buch wegen dieser Frage verboten worden ist ; um so 
reicher fließt hier die andere Quelle altkatholischer Färbung, die noch etwas 
verstärkt wird infolge der Maigesetzgebung. Man zählt aus dieser Periode 
ungefähr 20 deutsche Verfasser im Index. 

Schon im Jahre 1868 verurteilte ein Indexdekret die 50 Thesen von 
Friedrich Michelis über die Gestaltung der kirchlichen Verhältnisse der Gegen- 
wart, 1869 folgte das Verbot eines Buches von Alois Pichler, und noch im 
November desselben Jahres kam «Der Papst und das Konzil von Janus"" auf 
die Liste der verbotenen Bücher. Das Jahr 1870 brachte nur ein drittes 
Werk von Pichler in den Index, dafür wurden im nächstfolgenden Jahr 1871 
durch das HeiUge Offizium desto mehr, zusammen ein Dutzend, deutsche 
Bücher untersagt. Es sind darunter drei Werke von Johann Friedrich von 
Schulte; ein viertes, welches in der Editio Leoniana unter seinem Namen 
als 1871 verboten angemerkt ist, hat wohl Schulte zum Herausgeber, aber 
nicht ihn, sondern Heinrich Reusch zum Verfasser. Dazu kommen zwei 
Schriften des Lord Acten, der sich damals den Münchener Gelehrten, zumal 
Döllinger, angeschlossen hatte, und außerdem je eine von Berchtold, Braun, 
Friedrich Reichel, Ruckgaber, Zirngiebl. Den „Kleinen katholischen Kate- 
chismus von der Unfehlbarkeit'' traf das Inquisitionsdekret vom 31. Juli 1872; 
1878 verbot das Heilige Offizium ein Buch von Ginzel, während die Index- 
kongregation ein solches von Buchmann verurteilte. 1874 wurde je ein Werk 
von Langen und Watterich auf den Index gesetzt; in den beiden folgenden 
Jahren 1875 und 1876 je ein Werk von Johann Friedrich. In diesem zweiten 
Jahre 1876 wurden außerdem verboten drei altkatholische Editionen: ein 
Rituale, ein Katechismus und ein Leitfaden für den Religionsunterricht an 
höheren Schulen. Das Dekret des Heiligen Offiziums vom 19. Dezember 1877 
verurteilte zugleich mit der Geschichte des Vatikanischen Konzils von Friedrich 
zwei Schriftchen von Reinkens. Mit dieser Verurteilung des altkatholischen 
Pseudoepiskopus schließt die Reihe der altkatholischen Schriften auf dem 
Index. Das Buch Schultes „Le pouvoir des papes", welches 1878 verboten 
wurde, war bereits früher (1871) im deutschen Original verurteilt. 

Hier läfit sich noch ein Vortrag Döllingers anreihen, den ein Zuhörer 
ungenau herausgab; im Index steht das Schriftchen unter Indexkongre- 
gation, verboten ist es schon 1864; und überdies findet sich unter den 
deutschen Büchern des Index mit einem Verbote aus dem Jahre 1876 das 



jg2 ^^' Kulturkampf. 

Werk Langens über «die trinitarische Lehrdiiferenz zwischen der abendlän- 
dischen und morgenländischen Kirche". 

Der Kulturkampf hat viele Schriftsteller und Redakteure ins Gefängnis 
gebracht, manche Schriften und Zeitungen wurden proskribiert, im kirchlichen 
Index erinnern nur drei Namen und drei Bücher an die Zeit der Maigesetz- 
gebung. Zwei davon wurden 1874, das dritte 1875 verurteilt. 

V. Sincerns, Vincentius [Scharpff, Franz Anton von]. Ehrerbietige Vor- 
stellung und Bitte an den hochwürdigsten Episkopat in Preußen; ein Wort 
zur Verständigung. Decr, 10 iuL 1874. 

Hinschins, Paul. Die Orden und Kongregationen der katholischen Kirche 
in Preußen, ihre Verbreitung, ihre Organisation und ihre Zwecke. Decr. 
11 dec. 1874. 

Dfirrschmidt, Heinrich. Die klösterlichen Genossenschaften in Bayern 
und die Aufgabe der Reichsgesetzgebung. Decr. 25 iun. 1875. 

Die letzten zwanzig Jahre des verflossenen Jahrhunderts im Index der 
verbotenen Bücher sind für Deutschland ruhig verlaufen. Was in dieser 
Frist an deutschen Schriften verurteilt wurde, steht unter Gregorovius, Gaspar 
und Rohling und ist schon erwähnt worden. Nur das Jahr 1898 brachte 
zum Schluß noch vier deutsche Bücher in den Index, und zwar durch das 
Dekret vom 15. Dezember jenes Jahres, das hier besonders namhaft ge- 
macht wird, weil es das letzte Bücherverbot der Editio Leoniana aus dem 
19. Jahrhundert ist. Nach der Dogmatik und Apologetik Schells und dessen 
zwei bekannten Studien über „den Katholizismus als Prinzip des Fortschritts' 
und über „die neue Zeit und den alten Glauben'' ist 1899 und 1900 in Rom 
keine Schrift mehr verboten worden. 

Das 20. Jahrhundert ist durch drei Dekrete vom 7. Juni 1901, 19. Au- 
gust 1902, 5. März 1903 vertreten, welche 13 Werke verbieten, wonmter 
ein deutsches ist ^. 

Das Indexbild des 19. Jahrhunderts wäre somit aufgerollt. Zum y«> 
ständnis desselben muß noch einmal daran erinnert werden, daß die römischen 
Kongregationen nur die aus den verschiedenen Ländern zur Anzeige ge- 
langten Bücher prüfen und, wenn erforderlich, verurteilen. 

Gleichwohl ist diese Skizze sehr lehrreich. 

Betrachtet man beispielshalber im einzelnen die deutschen Bücher des 
Index, so sieht man, daß an der glücklichen Überwindung der antikirdi- 
lichen Strömungen des verflossenen Jahrhunderts das Bücherverbot nicht den 
kleinsten Anteil hat. Gerade das Sturmlaufen gegen Entscheidungen, wodurch 
Bücher wie z. B. die des Hermes oder Janus verurteilt wurden, läßt darüber 
keinen Zweifel, und auch einem in der Hitze des Kampfes Voreingenommenen 
müßte die Entwicklung der Kirchengeschichte in Deutschland darüber die 
Augen geöffnet haben. Man setze nur einmal den Fall, die Kirche hätte 
seiner Zeit die Bücher wessenbergischer Richtung unbehindert gelassen, hätte 
die Kreise des Hermesianismus nicht gestört und wäre dem Janus und sein^ 



* Vgl. S. 93. Das dritte Dekret ist unterdessen noch hinzugekommen; siehe wuter 
unten den chronologisch geordneten Index. 



Die Verfasser der yerbotenen Bücher des 16. Jahrhunderts. 133 

Mitarbeitern nicht entgegengetreten ; gewiß, die Kirche Gottes wäre nicht zu 
Orunde gegangen, aber was aus der katholischen Kirche in Deutschland ge- 
worden wäre, würde auch ein Optimist nicht zu sagen wagen. Nimmer würde 
sie den Kulturkampf so siegreich durchgekämpft haben, wie sie — ein Schau- 
spiel für die Welt — trotz Bismarck und Liberalismus denselben geführt hat. 

Die Verfasser der verbotenen Bücher. 

Man könnte den Index der verbotenen Bücher noch von einem andern 
Gesichtspunkte aus zergliedern, nämlich nach den Verfassern, deren Werke 
ira Laufe der drei Jahrhunderte verurteilt worden sind. Diese Verfasser- oder 
Personenfrage, insofern sie zum Verständnis des Index von Belang ist, wurde 
in den vorigen Kapiteln gelegentlich schon berührt, soll aber hier, wenn auch 
nur in großen Zügen wie im Überblick zusammenhängend behandelt werden. 

Das ausgeschiedene 16. Jahrhundert des Index hatte es wohl nicht 
einzig, aber doch vor allem mit häretischen, protestantischen Verfassern, an 
erster Stelle Deutschlands, dann auch Frankreichs und Italiens zu tun. Ihnen 
zumal dankt der Index sein Entstehen. Neben den neuen Häretikern des 
16. Jahrhunderts wurden die heidnisch -ungläubigen Schriftsteller aus der 
Renaissance weder vergessen noch geschont. Schon im Index Pauls IV. findet 
sich Machiavelli mit all seinen Werken, er wurde vom Tridentiner Index in 
die Reihe der auctores primae classis gesetzt. Als solcher ist er auch heute 
noch untersagt, obwohl sein Name nicht mehr im Kataloge Leos XIII. steht. 

Lange nach dem Tode des Philosophen Pietro Pomponazzo von Mantua ^ 
wurde zu Basel dessen Werk ^De incantationibus" im Jahre 1567 gedruckt, 
und auf dem ersten römischen Index, der nach diesem Jahre erschien, findet 
sich dasselbe als verboten aufgeführt. In der Tat ist dieses Buch auch viel 
gefahrlicher und zweideutiger als die mehr bekannte Schrift desselben Ver- 
fassers: „De immortalitate animae". Wurde die letztere auch nicht in späteren 
Jahren auf den Index gesetzt, so blieb sie dennoch nicht bei ihrem Erscheinen 
unbeanstandet. 1516 kam sie zum ersten Male im Druck zu Venedig heraus 
und ward sofort von der kirchlichen Autorität festgehalten. Der Patriarch 
von Venedig erklärte Pomponazzo für einen Häretiker und verbrannte das 
Buch. Von dort wurde eis alsbald an den Sekretär Leos X., Bembo, geschickt, 
damit es auch vom Papste verurteilt werde. Da Pomponazzo in seiner Ab- 
handlung behauptete, die Unsterblichkeit der Seele lasse sich nicht mit der 
Vernunft beweisen noch auch werde sie von Aristoteles irgendwo gelehrt, 
daneben aber ausdrücklich an dem Glaubenssatz von der unsterblichen Seele 
festzuhalten vorgab, beauftragte der Papst den Augustinus Niphus aus Sessa 
mit der Widerlegung der falschen Philosophie. Aber nicht bloß Niphus ant- 
wortete dem Pomponazzo, sondern mit dem Worte und der Feder bekämpften 
ihn eine ganze Reihe der tüchtigsten gleichzeitigen Gelehrten Italiens, unter 
denen wir nur den Kardinal Contarini hervorheben. All diesen verschiedenen 
Widerlegungen begegnete der Philosoph von Mantua seinerseits mit einer 

' Über Pomponazzo vgl. Quätif-Echard, Script. 0. Praed. II 105; Tiraboschi, 
Sioria della letteratara italiana VII, 1, Modena 1777, 384 ff. 



134 ^0 Verfasser der verbotenen Bücher des 16. Jahrhunderts. 

dreifachen Apologie und schrieb außerdem noch eine besondere Verteidigang 
gegen die Schrift des Niphus, jedoch so, daß er auch hier überall betea^ 
an das Dogma der Unsterblichkeit der Seele fest zu glauben. Gleichzeitig 
aber bat er selbst einen ihm befreundeten Dominikanergelehrten von Bologna, 
den.Chrysostomus Javellus, eine Widerlegung dieser seiner letzten Vertd- 
digung zu verfassen. Es ist wahrscheinlich, daß Pomponazzo hoffte, auf diese 
Weise seine Arbeiten in den Druck zu bringen und zugleich von weiterer 
Verfolgung befreit zu werden. Er erhielt auch wirklich zu Bologna sowohl 
von bischöflicher Seite als von der Inquisition die Druckerlaubnis, als er mit 
seinen drei oben genannten Arbeiten die beiden Entgegnungen des Niphos 
und des Javellus in einem Sammelband vereinigt herausgab. Dies geschah 
im Jahre 1519, und der Mantuaner blieb von nun an unbehelligt. 

Die Geschichte dieses Buches wurde hier ausführlicher gegeben, weil 
Gregorovius nach seiner Art die Sache in anderes Licht zu setzen weiß, das 
schließlich sehr ungünstig auf die römische Bücherzensur fallt. »Der Man- 
tuaner Pietro Pomponazzo", so schreibt er in seiner Geschichte der Stadt Rom S 
„war das gefeierte Haupt der italienischen Skeptiker und durch seine Schule 
gingen die berühmtesten Gelehrten der Zeit. Obwohl das Lateranische Konzil 
im Jahre 1513 es nötig fand, die Unsterblichkeit der Seele als Glaubens- 
artikel zu erklären, wagte es Pomponazzo dennoch in einer Schrift zu sagen, 
daß diese Lehre rationell nicht zu erweisen sei und von Aristoteles nirgends 
behauptet werde. Dreißig Jahre später hätte man ihn verbrannt, aber zu 
seiner Zeit wurde er nur mit einigen Zensuren bedrängt. Bembo schützte 
seine Schrift vor der Verdammung und Pomponazzo starb zu Bologna hoch- 
geehrt im Jahre 1524." 

Nach der obigen Darlegung des wahren Sachverhaltes ist die Dar- 
stellung bei Gregorovius genugsam gekennzeichnet. Es dient aber noch zur 
Bestätigung jener ersteren wie zur Widerlegung dieser letzteren, was Ranke 
über dieselbe Frage in einer Anmerkung bringt. Er schreibt nämlich * : „ Pom- 
ponazzo hatte hierüber sehr ernstliche Anfechtungen, wie unter anderem ans 
einem Auszug päpstlicher Briefe von Contelori hervorgeht. Petrus von Mantna, 
heißt es darin, stellte die Behauptung auf, daß die vernünftige Seele sowohl 
nach den Prinzipien der Philosophie als nach dem Geiste des Aristoteles fftr 
sterblich zu halten sei, eine Behauptung, die gegen die Entscheidung des 
Laterankonzils ist: Der Papst befiehlt, der genannte Petrus soll Wiederrof 
leisten, widrigenfalls soll gegen ihn vorgegangen werden. 13. Juni 1518* 
(papa mandat, ut dictus Petrus revocet, alias contra ipsum procedatur). 

Der Index richtete sich als Warnung für die Gläubigen in erster Linie 
gegen die Irrlehren und Irrlehrer, diese mußten auch vor allen namhaft ge- 
macht werden. Nachdem in demselben Index durch eine allgemeine Regel 
alle schmutzigen, unsauberen Bücher ausdrücklich ebenfalls verboten waren 
und die Verpflichtung des göttlichen Gebotes auf diese Weise auch von der 
Kirche neu eingeschäift war, hätte es an und für sich überflüssig erscheinen 



» VIII», Stuttgart 1881, 275. 

« Die römischen Päpste I»^ Leipzig 1900, 48, Anm. 1. 



Die Yerfaaaer der verbotenen BUcher des 16. Jahrhunderts. 135 

können, nun überdies noch im einzelnen diese unsauberen Autoren und ihre 
lüsternen Schriften zu verzeichnen. Hier gilt, was schon oben bemerkt wurde, 
diese Art schlechter Bücher verraten sich selbst alsbald, und auch der Un- 
erfahrenste, der sich schützen will, weiß sofort, was das Gewissen von 
ihm verlangt. Nichtsdestoweniger gibt es Fälle, in denen es trotzdem 
angezeigt sein kann, daß die Kirche auch noch im besondern ihre warnende 
Stimme erhebt, um durch das Verbot einer bestimmten Schrift oder eines 
bestimmten Schriftstellers größeres Unheil zu verhüten. Um dies zu erklären, 
braucht beispielshalber nur an das Verbot der Werke Zolas erinnert zu werden. 
Es stehen denn auch vom ersten Index an bis zu dem Leos XIII. nicht we- 
nige schmutzige Romanschreiber, unsaubere Novellisten und lüsterne Poeten 
unter den namentlich proskribierten. 

Dies mußte hier hervorgehoben werden, weil es bei den Gegnern der 
römischen Bücherzensur beinahe schon zum feststehenden Kanon geworden ist, 
was Ludwig Hoffmann, allerdings ohne Spur oder Versuch eines Beweises, in 
seiner »Geschichte der Bücherzensur *" ^ mit folgenden Worten ausdrückte: 
.Es war den Päpsten hierbei nur um die Erhaltung des katholischen Glau- 
bens, oder, was gleichbedeutend ist, um die Erhaltung ihrer Macht zu tun, 
und es würde ihnen vielleicht nie eingefallen sein, Zensuranstalten zu er- 
richten, wenn sie das Erscheinen ketzerischer Schriften nicht dazu veranlaßt 
hätte. Reinheit der Sitten lag ihnen nicht am Herzen, denn daß schlüpferige 
Bücher erscheinen könnten, fiel ihnen gar nicht ein, obgleich die Sittenlosigkeit 
um diese Zeit aufs Höchste gestiegen.^ Auf diese Weise kommentiert Hoff- 
mann den § 1 der Bulle Leos X. auf dem Laterankonzil, „Inter solicitudines*" 
vom 3. Mai 1515, den er teilweise mit seiner ersten Hälfte lateinisch ab- 
druckt. In der zweiten Hälfte dieses ersten Paragraphen, die nicht abgedruckt 
ist, steht jedoch ausdrücklich, daß das neue Zensurgesetz sich gegen alle 
gefahrlichen und schlechten Bücher richtet. Namentlich werden sogar auf- 
geführt die Schriften, welche i,contra famam personarum" gerichtet 
sind, und überhaupt die Bücher verpönt, « durch deren Lesung die Gläubigen 
in große Irrungen sowohl des Glaubens als auch des Lebens und der 
Sitten geraten, Irrungen, welche schon oftmals großes Ärgernis nach dem 
Zeugnis der Erfahrung gegeben haben und schlimmeres für die Zukunft be- 
fürchten lassen" ^. Und wenn Hoffmann ferner dem Erscheinen ketzerischer 
Schriften [er versteht darunter zunächst wenn nicht einzig die Schriften der 
Reformatoren] die Errichtung der Zensuranstalten der katholischen Kirche 
zuschreibt, so vergißt er ganz, daß er gerade eine Zensuranstalt vom Jahre 
1515 bespricht, und vergißt, daß es schon wenigstens aus dem Jahre 1479 
eine ähnliche Zensuranstalt gar in Deutschland gegeben, die Sixtus IV. gut- 
geheißen hatte. Schwerlich haben die ketzerischen Schriften, welche Hoffmann 
vor Augen schweben, damals schon also vorgewirkt. 

Trauriger ist es — und man dürfte es mit einer schlimmen Note brand- 
marken — , daß dieser Verfasser hier einfach zu behaupten wagt: ^Reinheit 



1 Berlin 1819, 41. 

' Magnum Bullar. Rom. I, Luxemburgi 1742, 555. 



136 ^^^ Verfasser der verbotenen Bücher des 17. und 18. Jahrhunderts. 

der Sitten lag den Päpsten nicht am Herzen/ Aber noch schlimmer, da& 
Historiker von Namen, die sonst Anspruch auf selbständige Forschung machen, 
dieselbe gemeine unmoralische Handlungsweise der Kirche insinuier^i. Der 
oben bereits erwähnte Gregorovius weiß sogar einen frappanten Beweis f&r 
seine Insinuation zu bringen. Er schreibt über die römischen und italienischen 
Gelehrten und Dichter des angehenden 16. Jahrhunderts: «Sie durften zymaeh 
und heidnisch, aber nicht freie Denker sein. Die päpstliche Zensur des 16. Jahr- 
hunderts nach Leo X. verfolgte nicht die abscheuliche Litteratur Aretinos, 
aber Schriften des ernsten Flaminius und Sadoletos Abhandlung über den 
Brief Pauli an die Römer wurden auf den Index gesetzt.* ^ Im Vorüber- 
gehen sei daran erinnert, daß ebenderselbe Gregorovius in demselben Werke 
nur zwei Seiten vorher an der oben beigebrachten Stelle Leo X., Bembo 
und Rom es fast zum Vorwurf macht, daß sie dem heidnischen Zyniker Pietro 
Pomponazzo bei seiner Lehre und seinem Buche von der Sterblichkeit der 
Seele trotz des Laterankonzils zu viel Denkfreiheit gewährten. Hi^ 
jedoch trifft den Geschichtschreiber deft* Stadt Rom viel herbere Rüge, und 
zwar deshalb, weil der Beweis , den Gregorovius so apodiktisch für jene In- 
sinuation bringt, von der Tatsache direkt Lügen gestraft wird. Es ist das 
um so seltsamer^ als der Historiker in ebendemselben Satze sich gerade auf 
den Index beruft. Im Index aber — wiederum in allen römischen Indices, 
vom ersten bis zum letzten, vom Jahre 1559 bis zum Jahre 1900 — war 
ausdrücklich verzeichnet: „Petri Aretini opera omnia*. Es muß ge- 
nügen, dies gegen Gregorovius hier festgestellt zu haben, daß nämlich klar 
und deutlich in allen römischen Katalogen der verbotenen Bücher die sämtr 
liehen Werke Aretinos verboten waren und daß sie auch heute noch miter- 
sagt sind wie die Werke Machiavellis und Luthers. 

Mit dem Aretiner und dessen Schriften ist noch eine Reihe anderer ähn- 
licher unsauberer Novellisten und Poeten, besonders aus Italien, auf den Index 
gekommen. Deutsche und Franzosen sind jedoch auch vertreten aus dieser 
ersten Zeit, wir nennen nur den Schwaben Heinrich Bebel und den Franzosen 
Rabelais, welche beide schon vom Tridentinerindex als unsaubere, verbotene 
Autoren gekennzeichnet wurden. Drei Werke von Bebel, alle von Rabelais 
waren verurteilt. 

In der Folgezeit vom anhebenden 17. bis um die Mitte des 18. Jahr- 
hunderts, der Zeit Benedikts XIV., stellen die deutschen, französischen, eng- 
lischen und holländischen protestantischen Theologen noch ein erhebliches 
Kontingent besonders zu den »Opera omnia* -Verboten. 

Neben den Protestanten erscheinen gleichzeitig in immer zunehmender 
Zahl katholische Verfasser mit abergläubischen, astrologischen, aftermystischen, 
Hszetischen oder Abla&schriften, mit Kontrovers-Streit- oder Schmähschriften. 
Von größerer Bedeutung für die Geschichte des Index war es, daß mit den 
vierziger Jahren des 17. Jahrhunderts die Jansenisten auf den Plan traten 
und alsbald die Indexlisten füllten. Dies währte, wenn auch nicht ohne 
Unterbrechung, fast anderthalb Jahrhunderte. Es ist bekannt, daß der 



' A. a. 0. 277. 



Die Verfasser der verbotenen Bücher des 17. und 18. Jahrhunderts. 137 

Jansenismus , wie dies zu geschehen pflegt, manch andere Irrtümer aus sich 
gebar, deren Vertreter und Verteidiger mit ihren Werken sich vielfach im 
Index wiederfinden. Leicht begreift es sich auch, daß eben damals, in der 
Hitze des Kampfes, wo die Gegensätze in der Glaubenslehre noch nicht so 
stark und klar ausgeprägt waren, nicht wenige von den wissenschaftlichen 
Gegnern der Jansenisten in den Index kamen, sei es, weil sie, ihre Wider- 
sacher verketzernd, dieselben ungebührlich angriffen, sei es, daß sie beim 
Angriff oder der Verteidigung in ein entgegengesetztes glaubenswidriges oder 
sittengefahrliches Extrem verfielen, sei es endlich, weil sie überhaupt noch 
schriftstellemd weiterkämpften, nachdem Rom Waffenstillstand geboten hatte. 
Andere kleinere unkirchliche Strömungen brachten Gallikaner und Regalisten, 
verschiedene Kasuisten und Moralisten, die Verteidiger der chinesischen und 
malabarischen Riten und die Quietisten in den Katalog der verbotenen Bücher. 
Nebenher liefen noch verschiedene kirchliche Kontroversen, vereinzelte Inqui- 
sitionsprozesse, Zänkereien zwischen Säkular- und Ordensklerus oder zwischen 
einzelnen Orden, moralische oder philosophische Fragen, kirchenpolitische und 
kanonistische Streitigkeiten, die schließlich mit den Büchern mancher ihrer 
Vertreter oder Bekämpfer dem Index den schuldigen Tribut zahlen mußten. 

Gleichwohl wurde das Bild der Schriftsteller im Index erst recht bunt- 
farbig seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, als mit den Philosophen ein 
ganzer Strom freigeistiger Irreligiosität den Jansenismus allmählich ablöste 
und den Ton in der ganzen Literatur angab. Philosophen, Freigeister, Frei- 
maurer treten in den Vordergrund, Gallikanismus und Rationalismus kommen 
allenthalben zum Vorschein und Durchbruch. Der Indexkatalog verzeichnet 
eine gute Reihe ihrer Koryphäen aus den verschiedenen Ländern, besonders 
aus Frankreich. Solche Schriftsteller gerade mußte der Index bis weit ins 
19. Jahrhundert hinein neben den Theologen jansenistischer und den Kanonisten 
febronianischer Färbung vermerken. In der Folgezeit des letzt vergangenen 
Sakulums nahm diese Vielgestaltigkeit des Index eher zu als ab, jedoch be- 
schränkte sich die Indexkongregation in den letzten 30 Jahren hauptsächlich 
auf gefährliche oder krankhafte Erscheinungen innerhalb der katholischen 
Theologie und ihrer Zweige. Daraus läßt sich schon entnehmen, welcher Art 
Schriftsteller aus jenen Tagen von Indexverboten betroffen wurden. 

Die Verfasser im Index des 19. Jahrhunderts näher zu charakterisieren, 
darf nach dem vorigen Kapitel überflüssig erscheinen. 

Nomina sunt odiosa: ganz besonders gilt das beim Index. Es hat aber 
auch wenig Zweck, will man die Bedeutung des Index kennen lernen, näher 
auf die Verfasser einzugehen. Der Index läßt sich eben bei seinen Bücher- 
verboten einzig von der Rücksicht auf die Sache, auf die Gefährlichkeit oder 
Verderblichkeit eines Werkes leiten. Zum wenigsten will dieser Bücher- 
katalog Männer von Namen, die sich darin als Verfasser einzelner Schriften 
finden, verletzen oder, wie man gesagt hat und wie man in gewissen Kreisen zu 
sagen nicht müde wird, brandmarken K Es-geht das schon daraus hervor, daß 
der Index bei Angabe des Titels eines Buches nur, wie es notwendig ist, den 



* Vgl oben S. 73. 



238 Kirchliche Wardenträger und Ordensleute. 

einfachen Namen des Verfassers, nicht aber Stand und Stellung desselben 
vermerkt, auch dann nicht, wenn der Originaltitel solche Angaben bringt. 
Was der Kirche am Herzen liegt bei den Verurteilungen des Index, davon 
zeugt das Buch und der Name eines Fen^lon und manch anderer Gelehrten, 
die bei ihr in hoher Achtung standen. 

Neben »den Männern der Wissenschaft fehlen im Index die Würden- 
träger der Kirche nicht, nicht der Kardinal^ und nicht die Bischöfe bis auf 
den Bischof von Cremona, dessen Buch Roma e Tltalia noch im Jahre 1889 
untersagt wurde. Aus allen drei Jahrhunderten verzeichnet die Indexliste 
Schriften italienischer, spanischer, französischer imd deutscher Bischöfe. Be- 
sonders aus den Tagen des Jansenismus steht eine ganze Reihe bischöflicher Er- 
lasse und Schriften unter Instruction, Lettre pastorale, Mandement, Memoire, 
Ordonnance und andern Stichworten oder den Namen der bischöflichen Ver- 
fasser im Kataloge Leos XIII. Von harten , bittern Zeiten , hei&en Kämpfen, 
aber auch von dem schli etlichen Siege der Kirche sprechen diese dürren 
Titel, dessen Verkünder sie also wider Willen geworden sind. 1743 und 1753 
wurden sogar die sämtlichen Werke zweier französischer Bischöfe aus der 
Schar der Anhänger des Jansenius vom' Heiligen Offizium verboten. Und 
anderswo knüpfen sich zwei vollständige antikirchliche Systeme an die ver- 
botenen Schriften und Namen der deutschen Bischöfe Febronius (Hontheim) 
und Wessenberg. 

Darum kann es auch nicht wundernehmen, wenn Mitglieder der ver- 
schiedensten kirchlichen Orden mit ihren Werken einen Platz in der Indexliste 
gefunden haben. Dominikaner stehen dort neben Benediktinern, Franziskaner 
neben Jesuiten und andern Ordensleuten. Um nicht Namen aufzuzählen, 
die jetzt nicht mehr im Iudex stehen, wie Gombefis, Papebroch, Suarez, 
seien hier beispielshalber genannt Natalis Alexander und Serry, Harduin 
und Noris, Rubino und Garaffa, die mit vielen andern in der Editio Leoniana 
sich 'finden. 

Es reizt, die Indexstaüstik der einzelnen Orden zu machen; wir über- 
lassen es andern und teilen nur einzelnes über die Jesuiten des Index mit. 
Da wir die Namen dieser besser kannten und anderseits am häufigsten 
beim Indexstudium auf einen Jesuiten stießen, so haben wir wenigstens 
darüber Liste geführt. Nachdem infolge der oben besprochenen Milderang 
eine nicht geringe Anzahl aus der Editio Leoniana verschwunden ist, bleibe 
immer noch ungefähr 80 Schriftsteller aus dem Jesuitenorden dort stehen. 
Unter den 80 befindet sich einer, Poza, dessen „Opera omnia*" verboten 
wurden : mehrere Moralisten sind daininter mit verschiedenen Büchern wegen 
ihrer freieren Ansichten, wie Bauny, Benzi, Mendo, Moya und Pirot, aber 
auch heute noch Tobias Lohners Instructio practica. Philosophen und Theo- 
logen, zumal Antijansenisten , sind am zahlreichsten in der Zahl der 80 
vertreten; es sind ihrer wohl 20, zumeist Franzosen. Die Biblioth^ue Jan- 
seniste des Jesuiten Dominique de Colonia, welche später von dem Jesuiten 
Louis Patouillet unter dem Titel Dictionnaire des livres jansenistes neu heraus- 



» Vgl. S. 103. 



Jesuiten. 139 

gegeben wurde und in der einen wie andern Ausgabe bislang unter den ver- 
botenen Büchern stand, gehört nunmehr zu den von Leo XIII. freigegebenen. 
Kontroversen, wie die De auxiliis, De ritibus sinensibus und über das Zins- 
nehmen, wurden für andere Jesuiten der Grund des Verbotes ihrer einschlä- 
gigen Bücher. Die Jesuiten haben im Index sogar verschiedene Autoren, 
welche den Index selbst und das Verfahren der Indexkongregation befehdeten 
und gerade mit diesen ihren Streitschriften in die Liste der verbotenen Bücher 
aufgenommen wurden, wie Poza, Raynaud, Fabri, Faure und Lazeri, von 
denen dieser letztere selbst Eonsultor der Indexkongregation und sowohl vor 
als nach der Aufhebung der Gesellschaft Jesu in Rom und in den Kongrega- 
tionen angesehen und hochgeschätzt war. Von den aszetischen Schriftstellern 
des Jesuitenordens stehen Namen mit gutem Klang unter den Indexautoren, 
ihrer sind etwa 15; der Anlaß und Grund des Verbotes ihrer Bücher ist 
durchgängig leichterer Art; zu ihnen gehören mit einzelnen Schriften Bou- 
tauld. Surin, Caraffa, Nieremberg und Scamarelli. 

Verboten wurden die Werke und Schriften der Jesuiten teils durch 
Papstbreven, wie die beiden Denkschriften von Carlo Borge und Bruno Marti, 
nach der Aufhebung der Gesellschaft über diese Maßnahme verfaßt, teils 
und beinahe zur Hälfte von der Inquisition, beispielshalber die Glaubensartikel, 
welche der P. Dez zur Vereinigung der Katholiken und Protestanten im 
17. Jahrhundert aufstellte; drei derselben von der Ritenkongregation — es 
sind die einzigen, welche überhaupt von dieser Behörde verboten wurden — , 
die übrigen von der Kongregation des Index. Auch unter den Jesuiten nehmen 
die Franzosen mit ungefähr 30 die erste Stelle ein; es folgen die Italiener 
mit etwa 20, die Spanier und Portugiesen mit fast 10. Die deutschen Jesuiten 
zählen nur acht Verfasser mit verbotenen Büchern: Jung, Reiß, Neumayr, 
Hevenesi, Stumpf, Stattler, Lohner, Simonzin. Vom 18. November 1698 bis 
zur Editio Leoniana war auch verboten der Apparatus eruditionis von Michael 
Pexenfelder mit dem Zusätze: Nisi corrig. delendo illa verba »1669 Ordo 
Scholarum piarum abrogatur a demente IX. "" 

J. Fr. F^raud gab anonym eine Satire auf die große französische En- 
zyclopädie Diderots und D'Alemberts heraus mit dem Titel: „La petite 
encyclop^die ou dictionnaire des philosophes. Die Satire war zu gut ge- 
lungen, so daß unerfahrene Leser die Ironie für Ernst halten konnten. Darum 
verbot die Inquisition das Buch einfachhin und darum wird es auch heute 
noch im Index aufgeführt, wenn auch nicht mehr unter dem merkwürdigen 
Titel oder mit der merkwürdigen Einleitung wie früher: „Liber tametsi iro- 
nice, ut prae se fort, elaboratus, qui sie inscribitur: La petite Encyclop^die etc.^ 
Da konnte selbst ein Bibliograph irregeführt an einen „Liber tametsi'' denken. 

Daß Bellarmin durch Sixtus V. auf den Index gesetzt war, ist schon ^ 
gesagt; aber auch der P. Paolo Segneri stand darauf. Segneri war einer 
der ersten, der es wagte, gegen die Quietisten unter der Leitung des da- 
mals noch in hohem Ansehen stehenden Molinos und dessen Freundes, des 
Kardinals Petrucci, zu schreiben. Zuerst hatte Segneris Ordensgenosse, Gottardo 

> S. 12. 



J40 Strenge Unparteilichkeit des Index. 

» 

Bellhuomo, 1678 eine Schrift gegen den Quietismus herausgegeben, welche 
bald bei der Inquisition angezeigt und geprüft wurde, unterdessen schrieb 
Segneri seine Concordia tra la fatica e la quiete nell' oratione und ließ sie 
1680 oder anfangs 1681 erscheinen. Jedoch wurde Segneris Buch zugleich 
mit dem Bellhuomos am 26. November 1681 von der Inquisition verurteilt 
Als Antwort auf eine Schrift, welche der Kardinal Petrucci gegen die Con- 
cordia veröffentlichte, gab Segneri noch vor dem Verbote seines ersten Buches 
eine Lettera di risposta al Sig. Ignatio Bartalini heraus, die aber auch am 
15. Dezember des nächsten Jahres 1682 vom Heiligen Offizium verboten wurde. 
Bald änderte sich die ganze Sachlage, da die Schändlichkeiten Mob'nos ruch- 
bar wurden und mit dem Manne auch dessen Lehre in ein anderes Licht 
rückten. Er ward zu lebenslänglichem Kerker verurteilt, in dem er am 
28. Dezember 1697 reumütig starb. Seine Schriften wurden strenge verboten 
durch Dekret der Inquisition und Bulle Innozenz' XI. 1687; im Jahre nachher, 
1688, verurteilte das Heilige Offizium alle Schriften Petruccis. Jetzt durfte 
Segneri seine Concordia nach wenigen geringfügigen Änderungen^ 1691 nen 
herausgeben, und durch Dekret vom 30. Juli 1692 wurde sie auch f&rmlich 
freigegeben, so daß sie in Wirklichkeit nie in einer Indexausgabe gestanden 
hat. Die Lettera di risposta wurde zwar ebenfalls durch Dekret des Heiligen 
Offiziums vom 6. Mai 1693 freigesprochen, stand aber nichtsdestoweniger in 
allen Indexausgaben bis zum Jahre 1900. Ohne Zweifel geschah es irrtüm- 
licherweise, da die Lettera anonym erschienen war. Der Index Leos XIIL 
hat sie endlich auch verschwinden lassen. 

Gerade Ordensschriftstellern gegenüber erwies sich der Index oft genag 
hart und herbe. Daß verschiedene Predigten Savonarolas zugleich mit seinem 
Dialogo della veritä profetica bereits im Index tridentinus vermerkt sind, 
ist leichter erklärlich, als daß 1648 verboten wurden Graffio, Nicandro, Let- 
tere di S. Antonio di Padova raccolte da suoi divoti sermoni. Es ist aber 
anzunehmen, daß der Grund des Verbotes beim Herausgeber zu suchen ist. 
Ein ähnliches Verbot traf etwa 1659 und 1702 zwei Briefsammlungen des 
hl. Franz von Paul. Die ei-ste war als „Genturia di lottere del gloriose 
Patriarca San Francesco di Paola, fondatore dell' Ordine de' Minimi con 
alcuni annotazioni^ von Francesco di Longobardi, dem General des Ordens, 
herausgegeben; die zweite erschien anonym unter dem Titel einer Brief- 
auswahl d6s Heiligen. Bei beiden Schriften heißt es im Verbot: ,Da sie 
viel Falsches und Apokryphes enthalten'' ; beide Werke stehen noch im Index 
Leos XUI. 

Die Tatsache, daß auch noch in der Editio Leoniana aszetische Schriftoa 
von Männern und Frauen verzeichnet sind, die anerkannte Muster des Tugend- 
lebens waren, Schi*iften, die selbst in der Hauptsache gut und lobenswert 
sind, beweist zur Genüge, daß die Kirche mit an Strenge grenzender Un- 



^ Es ist nicht unmöglich, daB sowohl Segneris Schriften als BeUhuomos Bach hanpt^ 
sächlich der Form wegen verboten wurden; jedoch steht Bellhuomo auch heute noch im 
Index. Interessanten Aufschluß über diese ganze Frage geben die 1903 zum ereienmal 
edierten Briefe von und an Segneri, welche sich im Staatsarchiv zu Florenz befinden. YgL 
die Anlage XVIII. 



Fürsten und Könige auf dem Index. 141 

Parteilichkeit zu Werke geht, zumal dort, wo es sich um den Schutz des 
gläubigen Volkes handelt. Nicht nur göttlich verbrieftes Recht, sondern hei- 
ligste Pflicht der Kirche ist es, Gefahren für Glauben und Sitten jedweder 
Art von der Herde Christi fernzuhalten. Dies ist stets als das Ausschlag- 
gebende bei Bücherverboten zu betrachten. 

Es folgt aber aus den obigen Darlegungen auch, wie übel beraten die 
sind, welche dem Index zürnen und ihm Parteilichkeit vorwerfen, wenn er 
Bücher von andern angesehenen Männern der Wissenschaft, seien es Welt- 
priester, seien es Laien, zu prüfen und zu verbieten den Mut hat. Vielleicht 
ergibt sich daraus noch klarer, wie töricht es ist, bei jedem neuen Bücher- 
verbot von Galilei bis Schell nach Jesuiten zu rufen. Eher kann man sagen, 
daß der Index auf die J.esuiten ein besonders wachsames Auge hatte — be- 
sonderer Schonung haben sie sich nie zu rühmen gehabt; und auch Männer 
der Wissenschaft wie Bellarmin, Suarez, Papebroch, Harduin, und Schrift- 
steller der Aszese wie Boutauld, Surin, Scaramelli, Rubino, Segneri waren 
bei ihrer Schriftstellerei vor einem Indexverbote nicht sicher. Die Geschichte 
der verbotenen Bücher der Jesuiten im großen und ganzen wie im einzelnen 
ist überhaupt sehr lehrreich für Freund und Feind. Wenn das, was der Grund 
des Verbotes bei diesen Büchern war und weshalb sie vom Index notiert 
wurden, dazu angetan ist, die Jesuiten selbst vor Überhebung zu bewahren, 
so könnte dasselbe den Jesuitenfeinden noch klarer dartun, daß Jesuiten viel- 
fach eben deshalb in den Index kamen, weil sie nur zu frei und selbständig 
ihre eigenen Ansichten vortrugen. Irren wir nicht, dann beweist die Index- 
geschichte allen Unparteiischen anderseits auch, daß die Jesuiten in den wich- 
tigsten Glaubenskämpfen auf selten der Kirche den guten Kampf redlich 
mitgekämpft haben; selbst manche Indexwunden von Jesuitenschriftstellern, 
besonders in jansenistischer Zeit, zeugen davon. Auch heute noch stehen 
verschiedene Jesuitenschriften im Index als verboten sowohl durch Dekret 
der Inquisition wie durch die berühmte Bulle ürbans VIII. vom Jahre 1642, 
welche den „Augustinus'' des Jansenius proskribierte. In jenen Schriften hatten 
die Jesuiten von Löwen sofort beim Erscheinen des Werkes auf die IiTlehre 
aufmerksam gemacht und dieselbe bekämpft. 

Der Index hat ein Ansehen der Person nicht gekannt. Er verzeichnet 
Dekrete gegen Zensuren der Pariser theologischen Fakultät ebensogut wie 
solche gegen Beschlüsse des französischen Parlamentes ; er verurteilte Ordon- 
nanzen des Herzogs Leopold I. von Lothringen und untersagte die Schriften 
des Königs Jakob I. von England genau so, wie die „Oeuvres du philosophe 
de Sanssouci", von denen übrigens kein gläubiger Christ und kein gekröntes 
Haupt sagen wird, daß sie gefahrlose Lektüre bieten. Dort wird unter 
anderem die Unsterblichkeit der Seele geleugnet und nach Voltaire viel reli- 
^öser Nihilismus vorgetragen. Wer da berufen ist. Thron und Altar zu stützen 
und zu schützen, wer die kostbarsten Güter eines Volkes wahren muß, wird 
«s in der Tat nicht mit Voltairianischer Philosophie versuchen dürfen. 

Die Verehrer Friedrichs des Großen tun wahrlich nicht gut, jene 
Werke neu auszugraben; durch das Studium dieser Schriften, Poesien und 
Briefe kann der große König nur zu viel von seinem Nimbus verlieren. 



142 »Oeavres da philosophe da Sanssoaci.' 

Die Werke Friedrichs des Großen erschienen erst nach dessen Tode 
in Basel, Amsterdam und Berlin von 1788 angefangen, aber auch da nodi 
mehr oder weniger unvollständig. Eine Luxusausgabe in nur 200 Exem- 
plaren von Decker et fils zu Berlin 1846 und in den folgenden Jahren ge- 
druckt unter dem Titel: Oeuvres complätes de Frederique le Orand mnfafit 
81 Bände in 4^ mit Porträts, Fig. und Faksimile. Gleichzeitig wurde aber 
1846 — 1857 eine Ausgabe in 8^ von ebenfalls 31 Bänden zum Verkauf ge- 
druckt. Keine von diesen Editionen steht auf dem Index, obgleich selbst 
Max Lehmann dies zu glauben oder glauben zu machen scheint ^. Vom Hei- 
ligen Offizium wurden am 12. Februar 1760 verboten: „Oeuvres du philo- 
sophe de Sanssouci''. 

unter diesem Titel erschienen zuerst 1750 drei Bände in gr. 4® ab 
Prachtausgabe in wenigen Abdrücken, die nur für die vertrautesten Freunde 
des Königs bestimmt waren; Darget und Voltaire hatten die Korrektur be* 
sorgt. Es war eine Prachtausgabe mit Kupferstichen, Vignetten und Schlufi- 
verzierungen, die von Schmidt dazu angefertigt worden waren. 

Es ist, wenn auch nicht unmöglich, doch sehr unwahrscheinlich, dai 
diese erste dreibändige Ausgabe dem Heiligen Offizium vorlag. Denn ab- 
gesehen von der Seltenheit der Ausgabe, gab sich Friedrich, der kein gutes 
Gewissen hatte, selber alle erdenkliche Mühe, damit dieselbe nicht bekannt 
würde und nur in den Händen seiner Getreuesten bliebe. Ja den erst» 
Band dieser Edition zog der König zurück, verwarf und vernichtete ihn. 
Derselbe enthielt das berüchtigte Palladion, poeme grave en six chants, 
welches, vom König zurückgenommen, samt den Schmidtschen Kupfern dem 
Feuer übergeben wurde. 

Der König selbst war es gewesen, der das Buch zurückzog, der es somit 
mehr als verbot und es verbrannte. Wer also überhaupt gegen die Verbote 
der „Oeuvres du philosophe de Sanssouci*' sich ereifern will, muß sich so 
allererst gegen Friedrich selber wenden. 

Es gereicht aber die Exekution dieses eigenen Bücherverbotes dem Kö- 
nige mehr zur Ehre als alle drei Bände dieser „Oeuvres* und viele andere 
seiner Werke. 

Das Palladion wird nämlich sogar von Preu£^ ein „durchaus mut- 
williges und schlüpfriges Werk" genannt, wozu Schmidt 22 Kupfer* 
Stiche und Vignetten hergestellt hatte, die «ganz in dem satirischen 
und schlüpfrigen Charakter des Gedichtes ausgeführt* waren. 

In Wirklichkeit ist „Le Palladion* eine Nachahmung von Voltaires 
„Pucelle", welche Friedrich seit 1740 bruchstückweise im Manuskripte mit 
vielem Vergnügen gelesen hatte, ehe sie (1755) im Drucke erschien. Was 
Schmutz angeht, war Friedrichs II. Arbeit wohl der „Pucelle* und ebenso 
Voltaires würdig, aber ebensosehr des Königs unwürdig in jeder Beziehung'. 



' Preußische Jahrbücher, Januar 1902, 8. 

« Friedrich der Große als Schriftsteller, Beriin 1837. 135 u. 140. 
' Das sagt Friedrich abrigens selbst mit andern Worten in ,£pttre k mon es^*. 
Vgl. Preuß a. ä. 0. 121, Note 2. 



Friedrich der Große auf dem Index. 143 

Wenn auch der Professor Max Lehmann dies nach 150 Jahren noch nicht 
zu begreifen scheint, Friedrich hat es alsbald nach der Herausgabe begriffen 
und dementsprechend gehandelt. 

Friedrich ließ nun 1752 eine neue Ausgabe seiner Poesien ohne jenen 
Tome Premier mit dem Palladium erscheinen, so daß der erste Band dieser 
Ausgabe von 1752 ziemlich den zweiten Band von 1750 enthält mit einigen 
Zutaten, z. B. der Epitre au marechal Keith sur les vaines terreurs de la 
mort et les frayeurs d'une autre vie. Diese Leugnung der Unsterblichkeit der 
Seele kam bald zugleich italienisch und französisch heraus und ward in der 
Sonderausgabe am 27. November 1767 von der Indexkongregation verboten. 
Sie steht im Index Leos XIII. unter Lettera. Der König hielt aber auch 
die Ausgabe von 1752 und überhaupt seine Poesien möglichst verborgen; er 
hatte Grund dazu, denn abgesehen von jenem Palladium fanden sich darunter 
satirische Gedichte auf gekrönte Häupter und deren Diener, so daß die Politik 
schon die Geheimhaltung verlangte. Aber trotz all dieser Vorsicht erschien 
plötzlich zu Anfang des Jahres 1760, als Friedrich gerade nach der Schlacht 
von Kunersdorf sich in der verwickeltsten Lage befand, ein Nachdruck, dem 
Titel nach in Potsdam, in Wirklichkeit aber zu Lyon. Der Verräter war 
kein anderer als Voltaire, der noch überdies im Briefe an Thiriot vom 18. Fe- 
bruar 1760 sich höhnisch des üblen Eindrucks freut, welchen jene Lyoner 
Ausgabe, besonders die Epitre au marechal Keith, auf alle frommen Ohren 
machen werde. Noch andere ähnliche Freundesdienste hatte Voltaire dem 
königlichen Freunde in der größten Not geleistet. 

Friedrich besorgte nun sofort, mitten in seiner gefahrvollen Kriegslage, 
selbst eine Ausgabe für den Buchhandel. Die satirischen Stellen wurden ge- 
ändert und mit großer Vorsicht verbessert. Schon 1760 erschien sie zu Berlin. 
Von Berlin aus wurde schon vorher durch eine Buchhändleranzeige die Lyoner 
Ausgabe als eine verfälschte und unberufene erklärt und die Anzeige von 
d'Argens sofort in großer Anzahl zur Verbreitung nach London und St Peters- 
burg versandt. 

Diese Geschichte der „Oeuvres du philosophe de Sanssouci'* bis zum 
Jahre 1760, in dem dieselben am 12. Februar zu Rom^ verboten wurden, 
genügt aUein vollständig, um zu zeigen, daß erstens die römische Inqui- 
sition hierbei nicht einen unschuldigen verurteilte und daß zweitens auch 
dieser schuldige königliche Verfasser keinen Grund hatte, über das Verbot 
zu zürnen. 

Noch ein drittes Buch im Index hat Beziehungen zu Friedrich dem 
Großen. Es solP geschrieben sein von dem Vorleser Friedrichs, dem fran- 
zösischen Abbe Jean Martin de Prades, der auf des Königs Verwenden Dom- 
dekan von Breslau wurde. Jedenfalls gab Friedrich den Auftrag zu dem Werke, 



' Nur ans den Akten der römischen Inquisition wird man mit Bestimmtheit angeben 
können, welche Ausgabe der «Oeuvres" dem Heiligen Offizium vorlag. Es gibt verschiedene 
Aasgaben oder Nachdrucke mit dem Jahre 1750 im Titel. 

* Preuß a. a. 0. bemerkt S. 94, Note 1, daß der Abb^ de Prades bereits 1757 in 
Ungnade beim König gefallen sei, während letzterer erst 1762 Fleury studiert habe. — Das 
genfigt jedoch nicht, um die Autorschaft de Prades abzusprechen. 



144 Friedrich der Große auf dem Index. 

in dem gezeigt werden sollte, daß die Päpste sehlau danach gestrebt hätten. 
ihre Herrschaft über die weltliche Macht zu erheben. Er schrieb auch das Avant- 
propos dazu. Erst ward das Werk von der Indexkongregation 1769 und dann 
im darauffolgenden Jahre von der Inquisition verurteilt. In zwei Bänden kam 
es anonym heraus unter dem Pseudotitel: Abrege de Thistoire ecclesiastique 
de Fleury traduit de Tanglais, nouvelle edition corrig^e ä Beme 1766. Die 
Kongregation fügte dem Machwei^k und seinem Titel, beide charakterisierend, 
vielleicht ohne Verfasser und Urheber zu kennen, lakonisch bei: Mendax titalas 
mendacissimi operis. Gedruckt war es in Berlin, in Bern aber wurde das 
Buch schon bald nach seinem ersten Erscheinen 1766 verbrannt, was allere 
dings Friedrich selbst mit Recht merkwürdiger vorkam, als daß es zu Rom 
auf den Index gesetzt wurde ^ 

Das ist es, was von Friedrich II. auf dem Index steht: nur Welsches: 
nach Form und Gehalt und Sprache französischer Voltairianismus, keine Spar 
des „gröMen deutschen Königs''. Damit soll nicht gesagt sein, dafi die 
„Opera posthuma*', alle die übrigen Bände des Philosophen von Sanssoaci 
nun so deutsch und bildend sind, daß Deutschlands Fürsten und Volk hier 
am besten in die Schule gehen könnten. Selbst Max Lehmann würde manche 
derselben kaum in usum Delphini bestimmen. Ein anderer deutscher Ge- 
schichtsprofessor hat ja klagend von der deutschen Muse gesungen: „Von 
dem größten deutschen Sohne, von des großen Friedrichs Throne ging sie 
schutzlos, ungeehrt.'' Trotz alledem hat man mit Schiller immer noch volles 
Recht, das Genie des Königs zu bewundern und ihn den großen Friedrich 
zu nennen. 

Es gibt auch heute noch Leute, welche dem Index fast noch mehr 
zürnen, weil er am Lehrstuhle der Wissenschaft nicht Halt machte, als 
darüber, daß er beim Anblick der Königskrone nicht seine Pflicht ver- 
absäumte. Gleichwohl ist es nur zu klar, daß die verderblichsten Irrtümer 
der Philosophen nirgendwo anders ihre Geburtsstätte und Wiege hatten. Die 
katholische Kirche müßte sich selbst aufgeben, wollte sie vor panthejstischen. 
materialistischen, rationalistischen Werken sich verbeugen, weil Männer der 
Wissenschaft mit Xamen wie Spinoza, Hume, Rousseau und Kant deren Ver- 
fasser sind. 

Allerdings macht man es anderswo anders. Schon längst ist es eine 
nur zu bekannte Sache, daß die traurigen Yerirrungen des Sozialismus auf 
den Lehrstühlen der ungläubigen Wissenschaft des 18. und 19. Jahrhunderts 
zur Welt kamen. Was geschah und was geschieht? Diese Philosophie 
und diese Philosophen staunt man an als die Leuchten der modernen Welt, 
während man die natürliche Frucht ihrer Lehre mit Feuer und Schwert ver- 
folgt. Zur selben Zeit hat man immer mehr die Katheder der Universitäten 
eben den rechtmäßigen Vätern jener Doktrin ausgeliefert 2. Und so weit ist 

* Vgl. l' r e u ß , Friedrich der Große als Schriftsteller 94 fl". 

' Da klingt es fast wie bittere Ironie, wenn die sozialistischen Tagesblätter im Januar 
1903 melden, daß der Rektor der Berliner UnivcrsitHt einen Vortrag Qber ,iProndhon und 
Lassalle — ein Vergleich", den der sozialdemokratische Abgeordnete Bernstein in der Freien 
wissenschaftlichen Vereinigung haiton sollte, mit der Begründung verbot: ^er mfisae zu rer^ 



Schriftstellerinnen auf dem Index. 145 

es gekommen, dafi auf den ersten Lehrstühlen der protestantischen Theologie 
nunmehr schon Männer sitzen — gewiß die ersten wissenschaftlichen Größen 
des Protestantismus — , die, besoldet und hochgeehrt vom Staate, unter dem 
Beifall der ganzen modernen Wissenschaft ungescheut das Fundament des 
Christentums untergraben. Das ist kein Fieberwahn, sondern die nackte 
Wahrheit. Während die katholische Earche auch mit ihrem Index die Hei- 
lige Schrift, die Bibel, schützt und schirmt als Gottes Wort, gehen die be- 
rufenen Träger protestantischer Theologie hin und proskribieren nicht etwa 
die „Opera omnia* Luthers, sondern das ganze Evangelium selber, das Wort 
Gottes. Wie könnte man besser die Notwendigkeit des Index auch den 
Männern der Wissenschaft gegenüber dartun als mit dieser Tatsache un- 
serer Tage? Wen aber kann es noch wundernehmen, wenn am 12. November 
1902 in der größten Hamburger Lehrerversaromlung verlangt wird, Luthers 
Katechismus und die kleine protestantische Bibel aus dem Religionsunterricht 
zu verbannen ?i 

Sohriftstellerinnen auf dem Index. 

Es standen und stehen auch Schriftstellerinnen — nicht viele — auf 
dem Index und in der Editio Leoniana. Gerade diese Verfasserinnen mit ihren 
verbotenen Schriften sollen hier wie in einem Gesamtbild etwas ausführlicher 
verzeichnet werden. Man kann daran seine Studien machen zur Frauenfrage. 
Doch hat ein anderer Grund dieses Kapitel veranlaßt. Jener Schriftsteller- 
innen sind so wenige, daß sie sich leicht in einem Bild und Rahmen ver- 
einigen lassen, anderseits sind dieselben in und mit ihren Werken dennoch so 
mannigfaltig der Zeit wie dem Inhalte der Bücher nach, daß sie trotz ihrer 
geringen Zahl ein Indexbild en miniature geben. Und darauf kommt es hier an 

Verfasserinnen auf dem Index vor 1600. 

Die vier Frauen, welche der Index vor 1600 verzeichnet: zwei Deutsche, 
eine Engländerin und eine Italienerin, kamen in den römischen Katalog 
der verbotenen Bücher durch Sixtus V. und definitiv durch Clemens VIII. 
in den Index des Jahres 1596. Doch stand schon im Index von Parma 
1580: Anna Asceve Angla und Olympia Fulvia morata Andreae Grutherij 
uxor und im Index et catalogus librorum prohibitorum mandato Gasparis 
a Quiroga dehuo editus Madriti 1588 findet sich neben der Olympia auch 
bereits Magdalena Haymari, opera omnia ^. Ja diese letztere verzeichnet bereits 

. bindern und zu yerhüten bestrebt sein, daß die sozialistischen Irrlehren in irgend einer Form 
Eingang in die jugendlichen Seelen fänden und sie vergifteten/ 

< Vgl. Köln. Yolkszeitung, 18. Dezember 1902, Nr 1123. 

' Der Index Sixti V. vom Jahre 1590 kennt zwei andere Schriftstellerinnen, welche 
sich auch noch im Index Clemens' YIII. vom Jahre 1593 finden, aber 1596 bei der Verän- 
derung des Index durch denselben Papst verschwanden. Im Anhang des Index 1590 heißt 
es n&mlich unter den .libri volgari italiani, li quali in questo Indice si probibiscano'^ 

Di Angelica Paola Antonia. Le sue lottere, finche non siano corrette per 
le regole di gopra scritte. 

Lettere di Veronica Franca Venetiana und im Index selbst : Literae Veronicae 
Franchae Yenetae. — Über Yeronica Franca vgl. Agostini, Istoria d. scritt. Yiniziani 
II 616—622. 

Hilgera, Der Index Leos Xm. 10 



146 Anne Askew. 

unter den Auetores I. class. jener Index tridentinus, welcher cum appen- 
dice in Belgio ex mandato Belgiae | cathol. Maiestatis confecta | Antverpiae 
ex officina Christophori Plantini MDLXX erschien, als Magdalena Haymainis. 
Die Engländerin und eine Deutsche stehen in der ersten Klasse, die andere 
Deutsche mit der Italienerin in der zweiten Klasse ; es macht das aber kaum 
einen Unterschied, weil die beiden in der zweiten Klasse nicht mehr ge- 
schrieben haben, als was gerade der Index verzeichnet. Praktisch sind daher 
die sämtlichen Werke aller vier verboten worden und auch jetzt noch ver- 
boten, wiewohl diese ihre Schriften zwar nicht verschwunden, aber doch ver- 
gessen sind. Um so eher werden hier kurze historische Notizen über die 
vier Schriftstellerinnen angebracht sein. 

Anne Askew (Askue oder Askough) stammte aus vornehmer englischer 
Familie der Grafschaft Lincoln. 1521 ward sie als Tochter des William Askew 
zu Kersay geboren. Von Natur sehr geweckt, erhielt sie dazu eine sorg^ 
fältige Erziehung und höhere Bildung, wodurch sie bald zu den theologischen 
Streitfragen der Reformationszeit geführt wurde. So war sie bereits Ad- 
hängerin Luthers und dessen Ideen, als sie einen vornehmen Katholiken mit 
Namen Kyme heiratete. Infolge ihrer neuen religiösen Ansichten, die nicht 
paßten zu denen ihres Gemahls, war die Ehe ohne Frieden und ohne Glück. 
Kyme entließ seine junge Frau, die sich nun noch mehr auf die theologischen 
Studien warf, um, wie Lingard von ihr sagt, das Amt eines Apostels zu üben. 
Gelegenheit dazu fand sie am Hofe Heinrichs YIII. selbst, obgleich der Kömg 
um jene Zeit gleich grausam gegen die Anhänger des Papstes wie gegen die 
Luthers, die einen zum Strang, die andern zum Feuertod verurteilte. An- 
erkennung der päpstlichen Suprematie war Verrat, Verwerfung des päpst- 
lichen Glaubens Ketzerei. Besonders nach Cromwells Hinrichtung fanden 
hochgestellte Männer des Reiches deshalb ihren Tod. Sie wurden, immer ein 
Katholik und ein Protestant paarweise zusammengebunden, miteinander vom 
Tower bis Smithfield geschleift und dort die Katholiken als Verräter gehängt 
und gevierteilt, die Protestanten als Ketzer verbrannt. 

Heinrich hatte unterdessen seine sechste und letzte Gemahlin genommen. 
Diese, Katharina Paar, die Witwe des Lord Latimer, war der neuen Lehre 
zugetan, las eifrig die von Heinrich verbotenen Bücher, welche sie und ihre 
Hofdamen durch Anna Bourchier und eben jene von ihrem Gatten getrennte 
Anna Kyme erhielten. Es wurden aber bald, wie das Ratsprotokoll besagt, 
am 19. Juni 1546 „Kyme und sein Weib vor die Lords gerufen; er ward 
nach Hause geschickt, um dort zu bleiben, bis er wieder vorgerufen würde;, 
sie aber, die ihn nicht als ihren Gatten erkennen wollte und keinen ordent- 
lichen Grund ihrer Weigerung angab, denn sie war sehr hartnäckig und stör- 
risch im Raisonnieren über Religionssachon , worin sie einer schändlichen 
Meinung war, wurde, da man sah, daß keine bessere Überredung stattfinden 
könne, nach Newgate geschickt, um dort zu bleiben und damit im Wege 
Rechtens gegen sie verfahren werde" ^. 

» Harl. Ms. 256, fol. 224. Vgl. Lingard, Geschichte von England XI, Frankfurt 

1828, 344 11. 388. 



Magdalena HaymairiD. ]^47 

Die Untersuchung und das Verhör drehte sich hauptsächlich um ihre 
lutherische Ansicht vom Altarssakramente, die sie hartnäckig verteidigte. 
Jedoch bildeten auch ihre Beziehungen zum Hofe und der Königin einen Teil 
der Untersuchung. Zweimal leistete Anna Askew eine Art Widerruf und 
ward auch aus Newgate entlassen. Der Widerruf ward aber als ungenügend 
befunden, sie wurde von neuem vorgeladen, schließlich in den Tower gebracht 
und gefoltert, bis Cranmer und mehrere andere Bischöfe sie zu den Flammen 
verurteilte. Erst 25 Jahre alt starb sie am 16. Juli 1546 auf dem Scheiter- 
haufen zu London. 

Schriftstellerin wurde sie erst im Gefängnis, wo sie längere Berichte 
über ihren Prozeß und ihr Verhör niederschrieb. Eben hier schrieb sie auch 
zwei religiöse Poesien, eine Ballade und eine dichterische Bearbeitung des 
54. Psalmes. Diese wenigen, englisch abgefaßten Schriften haben keinen 
literarischen Wert, wurden aber sofort 1547 von John Bale, mit Vorrede und 
Anmerkungen versehen, zu Marburg veröffentlicht, um damit für Luthers 
Lehre Propaganda zu machen. Deshalb kamen sie denn auch auf den rö- 
mischen Index. 

Ihre deutsche Leidensgefähiün in der ersten Klasse des Index muß doch 
eine bessere Dichterin gewesen sein. Der Name aber der Anna Askew ebenso 
wie der Name der Magdalena Haymer machte den Redakteuren des Index sowohl 
als manchen andern Bio- und Bibliographen noch lange viel Kopfzerbrechen. 

Nachdem 1590 im Index Sixtus' V., der aber nie publiziert wurde, der 
Name der Engländerin als Anna a Skeve gedruckt war, wurde im Index 
des Jahres 1596 aus der Anna ein Andreas und in der Kölner Ausgabe des- 
selben Index (1597) dazu aus a Skeve: ä S Keuue, bis Benedikt XIV. As- 
keve, Anna schrieb. 

Der Name der deutschen Verfasserin wird von der Bibliotheca Konrad 
Gessners (ed. Tigur. 1574) Magdalenus Heymacrus geschrieben, der Elenchus 
librorum imius saeculi von loannes Clessius Francofurti 1602 schreibt Mag- 
dalena Heymairin, Jöcher hat Haymarin und Kobolt Haymairin oder Hey- 
mairin als richtig angenommen; Ersch und Oruber schreiben ohne die süd- 
deutsche Femininendung Haymar. In den verschiedenen Indices heißt sie 
Magdalena Haymairus, Aymairus oder Heymairus; auch der Vorname Mag- 
dalenus findet sich in verschiedenen Ausgaben. Trotzdem hat Gessners 
Bibliothek mit Magdalenus Heymacrus das Beste geliefert, und man darf 
schon deshalb über die Italiener nicht zu hart urteilen. 

Magdalena Haymairin, geboren zu Regensburg, war 1566 — 1568 
„teutsche Schulmeisterin zur Chamb" ^ und von 1570—1578 „teutsche Schul- 
halterin zu ßegenspurg''. 

In der Dedikation einer Schrift nennt sie sich: ^Inwohnerin zu Grafen- 
wörth in der Oberpfalz". Zu ihrer Zeit hatte sie einen Namen als geistliche 
Dichterin. „Heutigentags sind ihre geistlichen Poesien, als der Jesus Sirach 
(Nürnberg 1571 und 1578), Sonntagsepisteln über das ganze Jahr (daselbst 
1568 — 1596), das Buch Tobiä samt etlichen geistlichen Liedern und Kindes- 



> Das oberpfälzische »Städtchen Cham. 

10' 



248 Olympia Fulvia Morata. 

gesprächen (1580), Weihnacht-, Ostern- und Pfingstgesänge , die Apostel- 
geschichte in teutschen Gesängen ganz verschollen.* ^ 

Mehr Aufhebens in Reformationszeiten machten die beiden andern Schrift- 
stellerinnen, welche in der zweiten Klasse des Index standen. 

«Morata, Olympia Fulvia, ein gelehrtes Frauenzimmer, geboren 1526 
zu Ferrara, allwo ihr Vater Peregrino Morato bei den Prinzen von Ferrara 
Präzeptor war, wurde von ihrem Vater selbst unterrichtet, und hernach mit 
der Prinzessin von Ferrara erzogen, redete die lateinische und griechische 
Sprache, erklärte die Paradoxa Ciceronis und antwortete geschickt anf aller- 
hand vorgelegte Fragen. Sie heiratete einen Deutschen, Andreas GrQndler, 
der zu Ferrara Medicinam studierte und daselbst Doktor wurde, zog auch 
mit demselben 1548 nach Deutschland und ließ sich nebst ihm in seiner Ge- 
burtsstadt Schweinfurth nieder. Als sie aber bei der Eroberung dieser Stadt 
ganz ausgeplündert wurden, wie denn die Soldaten der Moratä nichts als das 
bloße Hemde ließen, so flöhe sie zu dem Grafen von Reineck und Erbach, 
welcher sie gütig aufnahm; zumal da sie sich sowohl als er, zu der prote- 
stantischen Religion bekannten. 1554 zohe sie mit ihrem Manne nach Heidel- 
berg, wohin derselbe als Professor Medicinae beruffen war, starb aber das 
Jahr darauf 1555 den 26. Oktober. Sie schrieb Explicationes paradoxonun 
Ciceronis; Elogium Q. Mutii Scaevolae graece et latine; Priores H Novellas 
Boccaccii latine versas ; dialogos, epistolas ; poemata graeca ; welche Schrifften 
Colins Secundus Curio 1558 unter dem Titel 0. F. Moratae Opera zusammen 
drucken lasen, worauf solche verschiedene mahl aufgelegt worden.* ^ 

Mit diesen ihren Opera omnia — alles in allem ein Bändchen von 
115 Seiten — kam die Morata 1596 in den Index. Ihre reformatorischen 
Gesinnungen hatte sie dem Hofe von Ferrara und der Renata von Este za 
danken. Schon dort war sie so weit gediehen, daß sie den Papst als Antichrist 
bezeichnete. Dieser ihr Protestantismus trieb sie denn auch über die Alpen ins 
Elend und Unglück. Talent, besonders Sprachtalent und Geist, muß sie wohl 
gehabt haben, hohen Ruhm erlangte sie bei den Zeitgenossen und Späteren'; 
ihre Leistungen gaben ihr kein Anrecht darauf, verdienten ihr aber, gleichwie 
verschiedenen italienischen Gesinnungsgenossen den Platz im Index. 

Merkwürdiger sind die Schicksale der vierten und letzten Frau im Index 
des 16. Jahrhunderts, war es doch eine schlesische Fürstentochter, die Herzogin 
Ursula von Münsterberg, und was hier mehr zu bedeuten hat, eine 
in der ersten Glülihitze der Reformation entsprungene Nonne, die aus ihrem 
Kloster der hl. Magdalena von der Bufse zu Freiberg am Abend des 6. Ok- 

^ Ersch und Griiber III, 2. Sect., 204. Vgl. Joseph Lukas, Geschichte der 
Stadt und Pfarrei Cham, Landshut 18ß2. 230 flf; Kobolt, Gelehrten-Lexikon 311 nnd Gan- 
dershofer, Nachträge zu Koholts Lexikon 144. 

• Jöchpr. Oclehrtenlexikon III 654. 

' Vgl. Allgein. deutsche Biographie XXII, Leipzig 1885, 211 ff, — Die Centoria di 
donne illustre italiane, Milano 1897, 43 gibt der Olympia Morato „una mente qaaai dirioa* 
und heißt sie: uno dei piii illustre e dotti ingegni che abhiano onorato Tltalia nel Cinquecento. 
Ks würe traurig für die Gelehrten Italiens im Cinquecento, wenn das nicht mehr als einfache 
Hyperbeln wären. 



Ursula von Münsterb^g. 149 

tober 1528 geradenwegs nach Wittenberg in Luthers Haus floh, wo sie am 
16. Oktober bereits anlangte. Hier ward denn auch die Verteidigungsschrift 
der Ursula, welche im Index steht, wenn nicht geschrieben, so doch endgültig 
nach Luthers Rat und mit dessen Hilfe abgefaßt, und Ende November oder 
Anfang Dezember ebendort herausgegeben. Die Schrift, 6 Bogen in 4^, ist 
datiert vom 28. April 1528, wo die Nonne in ihrem Kloster den Fluchtplan 
bereits ersonnen hatte, und hat folgenden Titel : Der Durchleuchtigen hoch- 
geborenen F. Ursulen Her- 'i tzogin zu Mönsterberg etc. 6re- • fin zu Glotz etc. 
christliche |i ursach des verlassen klo I sters zu Freiberg [am Schlüsse] Ge- 
druckt zu Wittenberg j durch Hans Luflft ji 1528^. 

Luther begleitete Ursulas Verteidigung mit einem eigenen Sendschreiben, 
worin er es als „ein sonderlich Wunderwerk Gottes rühmt, daß, eine Fürstin, 
ein Weibsbilde, selb dritt aus dem hart und fest verschlossenen Kloster und 
so vielen Augen und Händen, die darauf zu warten bestellt seien, entkommen 
sei". Aber die Schrift selbst mit ihrer gewandten Darstellung und der großen 
Bibelkenntnis bei der Verteidigung zeugt trotz des frühen Datums davon, daß 
Lather bei dem Schriftchen Patenstelle vertreten hatte. Darum hat sie auch 
Aufnahme in die verschiedenen Lutherausgaben gefunden, zuletzt in Dr M. L. 
sämtl. Werken LXV (Frankfurt a. M. und Erlangen 1855) 131 ff, ebendort 
sind 132 die früheren Drucke aufgezählt. Es kann auch nicht wundernehmen, 
da£ der erste Druck als Flugschrift schnelle und weite Verbreitung fand. 

Infolge der Flucht Ursulas mit ihren beiden Gefährtinnen Dorothea Tan- 
bergin und Margareta Volkmarin, Nonnen desselben Klosters zu Freiberg, 
wurde daselbst bischöfliche Visitation abgehalten, und es fand sich, daß noch 
„verschiedene andere Nonnen auch rege sein und springen mochten". Die 
Visitatoren wurden inne, daß das Kloster aufrührerisch geworden war, eben 
durch Bücher und lutherische Flugschriften, welche verschiedene Nonnen ein- 
geschmuggelt hatten. 

Eine Nonne, Dorothea von Maltitz, weigerte sich, den Visitatoren 
gegenüber die lutherischen Bücher herauszugeben. Bei einer früheren Visi- 
tation schon ließ Ursula einmal einen ganzen Sack voll von Büchern im Korn 
verbergen. Jetzt, nachdem die Visitation abgehalten, verfaßte die Priorin 
mit dem größten treu gebliebenen Teil der Nonnen eine Erwiderung und 
Widerlegung der Schrift Ursulas und Luthers. Als Manuskript findet sie sich 
im Dresdener Hauptarchiv 2 unter dem Titel: , Antwort der priorin und 
ganczer sampnunge des jungfrawenclosters zcu Freyberg uff dy aussgegangene 
schryfften und ertichte Ursachen dreyer nennen, auss irem closter entrunnen." 
Im Druck ist sie nicht ei-schienen; es wird ihr jedoch in dem „Neuen Archiv 
für sächsische Geschichte" ^ nachgerühmt, daß „sie den Standpunkt der alt- 
gläubigen Partei im Kloster mit Geschick und nicht geringer Bibel- 



> Ein Exemplar za Dresden, Königl. Bibliothek, Hist. eccl. E 553, 61 ; ein anderes in 
der Universit&tsbibliothek zn München. 

* Loc. 10592, Visitationsakte der Klöster Meißen, Thüringen 1524 ff. 

* III, Dresden 1882, 290 fr. Dieser Aufsatz ist das beste, was bislang über die Her- 
zogin Ursula veröffentlicht wurde. Demselben verdanken wir unsere genaueren Angaben. 
Der Verfasser ist der Herausgeber des Archivs, Dr Hubert Ermisch. 



150 Maria von Agreda. 

gelehrsamkeit darstellt '^ und deshalb jetzt noch verdiene, gedruckt zu 
werden. Dieses Geständnis ist um so wichtiger, als gerade hier und ander- 
wärts ein Hauptanklagepunkt der protestantisierenden Nonnen die Yor- 
enthaltung der Heiligen Schrift war. Aus jener Antwort ersieht man 
klar, daß die Nonnen eben dieses IQosters und gerade die altgläubigen die 
Bibel wohl kannten. 

Schon vor der Priorin von Freiberg, alsbald nach der Flucht, richtete 
die Fürstin Margareta zu Anhalt an Herzogin Ursula von Münsterberg, 
ihre Muhme, einen lesenswerten Brief, der fünf Druckseiten füllt und dessen 
eigenhändiges Original im herzoglichen Haus und Staatsarchiv Zerbst ^ 
aufbewahrt wird. Die Fürstin Margareta versuchte darin, ihre Muhme 
Ursula zur Rückkehr ins Kloster zu bewegen. Was aber auch bei diesem 
Schreiben auMllt und geradezu Staunen erregt, ist nicht bloß die gute theo- 
logische Schulung der Schreiberin als vielmehr ganz besonders die Bibelkunde 
der Verfasserin. Der Brief enthält Stellen aus dem Alten wie Neuen Testa- 
mente, aus den Evangelien und den Briefen der Apostel, zumal des hl. Paulus, 
im ganzen wenigstens 25 solcher Stellen, die eingehender zur Beweisführung 
verwertet werden. 

Bis Ende 1528 verblieb Ursula bei Luther, ins Kloster kehrte sie nicht 
wieder zurück. Die letzte Nachricht, welche von ihr Kunde gibt, ist vom 
2. Februar 1534. Damals weilte sie bei einer verheirateten Schwester oder 
Stiefschwester in Marienwerder. Ursula stammt von Georg Podiebrad, der 
ihr Großvater war. Victorin, der zweite Sohn Podifebrads, hatte aus dritter 
Ehe mit Margarete, der Tochter des Markgrafen Bonifazius Paläologus von 
Montferrat drei Töchter, die zweite derselben war Ursula, deren Namen der 
Index vom Jahre 1596 — 1900 aufgeführt hat, aus dem Index Leos XIIL ist 
er verschwunden, ebenso wie der ihrer drei Leidensgenossinnen. 

Schriftstellerinnen im Index Leos XIII. 

Nach diesen vier Verfasserinnen des 16. Jahrhunderts zählt die Editio 
Leoniana deren aus den drei folgenden genau 30. Es ist aber eine spanische 
Franziskanerin in Wegfall gekommen. Die Kongregation des Index hatte 
um 1678 verboten die Schrift der Sor Maria de Jesus: Letania y nombres 
misteriosos de la reyna del cielo y madre del Altisimo. Dieses Büchlein wurde 
im neuen Index — wahrscheinlich weil es ganz unbedeutend und unbekannt, 
nur eine verbotene Litanei ist — , gestrichen. Was das für eine Schrift und 
wer eigentlich die Verfasserin gewesen, schien nicht klar zu sein. Die neue 
Indexausgabe Leos XIII. enthält wie die früheren eine Biographie, welche, 
von Blas Franco Fernandez geschrieben, 1713 untersagt wurde. Sie führt 
den Titel: Vida ' de la venerable sierva de Dios , Maria de Jesus, | natural 
de Villa-Robledo, . . . Madrid . . . Ano de 1675. Keusch^ schrieb die obige 
„Letania" dieser Maria de Jesus von Villa-Robledo zu. Es findet sich aber 
nirgendwo auch nur eine Notiz, daß diese Ordensfrau ein derartiges Buch 
verfaßt habe. Eine andere berühmtere Maria de Jesus, Spanierin und Kloster- 

» K. 60 V. V. f. 248 b, Nr 17. ^ a. a. 0. II 225. 



Maria von Agreda. 151 

firau und Franziskanerin wie die von Villa-Robledo, nämlich Maria von Agreda, 
hatte zwar eine Litanei geschrieben, aber der Titel schien nicht zu passen 
auf jene Schrift im Index, da in den Bibliographien bei der Agreda als Titel 
nur «Letania de Nuestra Sefiora" verzeichnet ist. Jetzt, nachdem ein Freund 
fOr uns ein Exemplar dieser Litanei in der Madrider Nationalbibliothek ge- 
sucht und gefunden hat, glauben wir mit Bestimmtheit sagen zu können, 
daß jene im Jahre 1678 verbotene Litanei keine andere als die der Maria 
von Agreda ist. Das Madrider Exemplar hat nämlich auf dem ersten Blatt 
als ersten Titel : Letania de Nuestra Se&ora. En Zaragoza por Juä de Ibar, 
Afio 1670. Es folgt dann aber der genauere, ausführliche Titel auf der 
zweiten Seite des zweiten Blattes : Letania y nombres mysteriöses de la Reyna 
del Cielo, y Madre del Altisimo, Immaculada, y Purissima, Maria, que com- 
puso la Yenerable Madre Sor Maria de Jesus, Abadesa del Gonvento de la 
Immaculada Concepcion de la Villa de Agreda ; y la hace imprimir un devoto 
para consuelo de los Espafioles. 

Das Büchlein hat 8 nicht numerierte Blätter in 16^ und ist ohne Zweifel 
jenes, welches von 1678 — 1900^ als verboten auf dem Index stand. 

Maria von Agreda hat übrigens viel mehr mit dem Index zu tun gehabt. 
Ihr vielgenanntes, weitbekanntes Buch, die „Mystica Ciudad de Dies'' hat ja 
eine eigene Indexgeschichte. Nachdem die Verfasserin 1665 gestorben, ward 
ihr ViTerk am 26. Juni 1681 vom Heiligen Offizium durch ein Donnerstags- 
dekret verurteilt, aber nach Breven des Papstes Innozenz XI. von der Aus- 
führung und weiteren Veröffentlichung des Verbotes Abstand genommen. 
Alsdann im Jahre 1692 ein Anhang zum Index gedruckt wurde und dennoch 
daselbst das Buch als verboten aufgeführt war, befahl der Papst, dasselbe 
nicht wieder im Index zu verzeichnen. So ist es späterhin unter Benedikt XIV. 
weggefallen und von Leo XIII. nicht wieder aufgenommen worden. 

Durch Indexdekret, welches am 21. April 1693 zu Rom publiziert ward, 
verbot die Kongregation ein Buch mit folgendem Titel: „Tesoro del Anima 
Cbristiana overo pie Meditationi sopra la passione di Nostro Signore divise 
in quaranta punti etc. composte daD. GiovannaMariaB. in questa sesta 
impressione dedicate al Serenissimo Antonio de Signori di Passano, duce 
della Serenissima Republica di Genova. In Genova. 

Die folgenden Indexausgaben verzeichnen diese Schrift in derselben Weise, 
bis Benedikt XIV. das Buch 1758 strich 2. Damit verschwand auch der Name 
der Giovanna Maria B. aus dem Index. 



* Charles Henry Lea (Chapters from the religious histoiy of Spain) sagt p. 322, daß 
die Letania 1681 zu Rom yerurteilt wurde, und zwar 1716 im Index Clemens* XL, nicht aher 
im revidierten Benedikts XIV. 1758 gestanden hahe. Die Schrift ist jedoch 1678 untersagt 
-worden und findet sich in der Quartausgabe des Index Benedikts XIV., Romae 1758, auf 
S. 120. Auch in aUen folgenden Indices ist sie verzeichnet. 

* Ein im 18. Jahrhundert mohrfach gedrucktes abergläubisches Schrifteben von den 
15 heimlichen Leiden oder Schmerzen Christi, dessen Titel den Inhalt des Büchleins als 
Offenbarungen der ,1 gottliebenden heiligen Schwester Maria Magdalena aus dem Orden der 
hl. Klara* bezeichnet, wurde in zwei Ausgaben erst rom Heiligen Offizium 1758, dann 1765 
Ton der Indexkongregation verurteilt. Der neue Index verzeichnet es nicht mebr eigens, 



152 Ada Negri. 

Der Zeit nach verteilen sich die dreißig Verfasserinnen im Index Leos XUI. 
in der Weise, daß ihrer acht mit den betreffenden Bücherverboten dem 17., 
nur halb soviel dem 18. und alle übrigen achtzehn dem vergangenen Jahr- 
hundert angehören. Der Sprache nach gehört mehr als die Hälfte, der Nation 
nach beinahe die Hälfte Frankreich an; Italienerinnen zählt der Index zehn 
und Engländerinnen zwei; dazu kommt noch je eine Schriftstellerin aus Spanien, 
Holland, Rußland und der Schweiz. Von zweien derselben wurden sämtliche 
Schriften untersagt, die übrigen 28 stehen mit insgesamt 46 Büchern in der 
Indexliste. Die verbotenen Bücher von je einem Drittel der 80 Verfasserinnen 
sind religiösen, philosophischen, belletristischen Inhalts. Nach dieser 
Dreiteilung mögen die einzelnen mit ihren Werken hier aufgezählt werden, 
indem von der in jeder Beziehung jüngsten der Anfang gemacht wird. 

In den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts machte in Italien 
eine unbedeutende literarische Erscheinung von sich reden, weil die Verfasserin 
mit ihrem dichterischen Erstlingswerkchen „Fatalitä*' von Marco Tabarrini 
und zwei andern Deputierten der königlichen Academia dei Lincei einer reichen 
Unterstützung zu ihrem ferneren Dichterstreben für würdig erachtet und die 
,Fatalitä^ somit preisgekrönt ward. Die lombardische Dichterin Ada Negri 
war kaum zwanzigjährig, ihre Poesie zum guten Teile, wie italienische Kritiker 
dartaten, geliehen ; aber die heidnisch-fatalistischen, sozialistisch-unchristlichen 
Töne, die sie anschlug, gewannen ihr die Gunst der Preisrichter. Die Folge 
davon war, daß die Aufmerksamkeit in Italien unverdienterweise auf das 
Büchlein gerichtet wurde und der Index sich genötigt sah, dasselbe im Jahre 
1893 zu verbieten. Ada Negri, die mit 18 Jahren Lodi, ihre Heimat und 
ihre arme Mutter verließ, um als Lehrerin zu Motta- Visconti , einem lom- 
bardischen entlegenen Dörfchen, zu wirken und frühreif unter dem Drucke 
der Sorgen ums tägliche Brot von der Philosophie des Kreuzes weg heid- 
nischen Idealen ihre Zither lieh, wäre auf deutschem Boden die Sängerin der 
Sozialdemokratie geworden. Die italienische Sozialdemokratie jauchzte denn 
auch der zwanzigjährigen Muse wie einer Göttin zu. Viel Gift für Glaoben 
und Reinheit enthalten und bieten die wenigen Verse dieser lombardischen 
Jugendbildnerin ohne Zweifel. Einige Jahre nach der „Fatalitä* gab sie ein 
zweites Bändchen ihrer traurig bittem Lieder heraus, das unter dem Titel 
„Tempeste" zu Mailand erschien und mit nicht zu verkennendem dichterischen 
Talent immer wieder dieselben Akkorde variiert. Die Dichterin scheint zu- 
gleich eine Frucht und ein Opfer Jungitaliens zu sein. Dennoch finden sich 
in dieser zweiten Arbeit der Negri mehr Perlen echter Poesie und weniger 
falsche Ideale, so daß man nicht hoffnungslos dieser Muse den Rücken kehrt K 

Die zweite und letzte italienische Belletristin des Index ist überhaupt 
der Zeit nach die erste ihres Geschlechtes, welche in der Editio Leoniana 



weil es mit so vielen andern ähnlichen Schriften auch durch die allgemeinen Regeln ge- 
nugsam verboten ist. 

^ Nach der obigen Schilderung erklärt es sich leicht, daß die junge Dichterin begei- 
sterte Freunde und Übersetzer diesseits der Alpen fand. 



Arcangela Tarabotti. 153 

aufgeführt wird. 1660 ward nämlich ein Roman untersagt mit dem Titel: 
9 Die betrogene Einfalt'', von Galerana Baratotti^ Das Buch erschien 1654 
Pseudonym und erst nach dem Tode der venetianischen Nonne Arcangela 
Tarabotti, welche dasselbe verfaßt hatte. Auch noch andere, durchaus nicht 
lobenswerte Romane, hat die Tarabotti geschrieben, deren Titel: „L'infemo 
monacale'' (Die Klosterhölle, 3 Bücher) und „La tirannia patema" (Die väter- 
liche Tyrannei) genügen, um das weniger schöne Stück ihres eigenen Lebens- 
romans zu verraten. 

Aus einer vornehmen Familie von Bergamo, aber in Venedig um das Jahr 
1605 geboren, trat die Arcangela als eli^ähriges Kind, durch väterlichen Zwang 
dazu vermocht, in St Anna, ein Kloster der Geburtsstadt, ein. Zerstreuung 
suchte sie mit ihrem regen Qeiste in der Schriftstellerei , obgleich sie als 
£jnd daheim weder lesen noch schreiben gelernt hatte. Doch gelang es 1633 
dem Patriarchen von Venedig, dem Kardinal Federigo Cornaro, sie auf gute 
Wege zu bringen. Ausgesöhnt mit ihrer Lage schrieb sie von da an asze- 
tische Bücher, deren erstes sie 1643 aus Dankbarkeit dem Kardinal Cornaro 
widmete unter dem Titel: „II paradiso monacale^. Die Titel der folgenden: 
„La luce monacale", „La via lastricata per andare al cielo", „Le contem- 
plazioni dell' anima amante*", „II purgatorio delle mal maritate'', welche 
teilweise Manuskript geblieben sind, zeigen schon ihren guten Willen, die 
früheren Schriften wieder gut zu machen. Man hat noch von ihr ein Bändchen 
Briefe, das 1650 zu Venedig erschien und manche Aufklärung gibt über 
ihr romanhaftes Leben, welches am 28. Februar 1651 „more veneto^, also 
1652 schloß. 

In der italienischen Literaturgeschichte hat die Arcangela, welche mit 
ihrem Taufnamen Helena hieß, sich noch bei zwei oder drei Streitfragen 
schriftstellerisch bemerklich gemacht. Francesco Buoninsegni hatte eine Satire 
gegen den Luxus der Weiber geschrieben. Darauf schrieb die Nonne von 
St Anna anonym ihre Antisatire zur Verteidigung der Frauen. Beide Schriften 
wurden 1644 zu Venedig in einem Büchlein gedruckt herausgegeben. Die 
Antisatire aber ward durch Gegenschriften des Dominikaners Ludovico Sesti 
und des Angelico Aprosio beehrt, auch Girolamo Brusoni wandte sich in einem 
Werke mit dem wenig schmeichelhaften Titel: „Gli aborti dell' occasione** 
gegen die Tarabotti. Gianfrancesco Loredano, mit dem sie in brieflichem 
Verkehr stand, hatte in einer Akademie eine Arbeit vorgetragen, die eben- 
falls dem Frauengeschlecht nicht hold war, alsbald verfaMe die stets schlag- 
fertige Verteidigerin ihres Geschlechtes eine Satire gegen Loredano. 

In Leipzig kam bereits 1595 anonym eine „Disputatio" heraus, die 
ihrem Titel wie ihrer Form nach beweisen wollte, „mulieres homines non 
esse'', im Grunde aber gegen die Sozinianer gerichtet war, indem aus ihr 
hervorging, daß man ebensogut, wie die Sozianer bewiesen, daß Christus 
nicht Gott sei, zeigen könne, daß die Frauen keine Menschen seien. Diese 
kuriose Schrift rief verschiedene Verteidigungen der Menschennatur des 



^ Als Maonskript aus dem 17. Jahrhundert (130 Blätter) findet sich der Codex in der 
Biblioiheca Antoniana za Padua scafT. XXIII, n. 614. 



154 Sidney Morgan. 

Frauengeschlechtes hervor ^ Zuerst die des protestantischen Theologen Simon 
Gedicke von Magdeburg, welche sofort 1595 gedruckt wurde. Als dann 
40 — 50 Jahre später die „Disputatio periucunda*" durch einen Neudruck mit 
der Gegenschrift in Italien bekannt und von einem Römer Horatio Plata' 
1647 ins Italienische übertragen ward, erschien auch bald nachher ein BQch- 
lein der Tarabotti pseudonym zur Verteidigung des weiblichen Geschlechtes 
mit dem ausführlichen Titel: „Che le donne siano della specie degli aomini, 
difesa delle donne di Galerana Barcitotti contro Orazio Plata traduttore di 
quei fogli che dicono: Le donne non essere della specie degli uomini'. 

Es bietet jedoch dieses Werk der venetianischen Nonne, wie alle übrigen 
derselben Verfasserin nur geringes literarisches Interesse. Dem Index 
Leos XIU. hat sie es zu danken, daß ihr Name wieder genannt und be- 
kannt wurde. 

Die beiden englisch schreibenden Verfasserinnen im Index Leos XIII. ge- 
hören mit ihren Schriften dem ersten Viertel des 19. Jahrhunderts an. Die 
Lady Sidney Morgan war eine gebome Owenson, Tochter eines irländischen 
Schauspielers, die sich darin gefiel, das Jahr ihrer Geburt zu verheimlichen, 
indem sie denen, die danach fragten, zu antworten pflegte: „once upon a 
time on christmas day**. Sie starb 1859 zu London, wohin sie 1839 von 
Dublin übergesiedelt war. Ihre literarische Laufbahn begann sie mit einem 
Bändchen Gedichte, die von der Kritik gut aufgenommen wurden. Darauf 
wandte sie sich hauptsächlich der Novelle zu, schrieb aber auch historische 
und kritische Studien. In ihrer Schriftstellerei stand sie unter Rousseaus und 
Goethes Einfluß. Die Novelle, welche ihren Namen am meisten bekannt machte, 
erschien 1806, „The wild irish girl^, ein Buch, das in weniger denn zwei 
Jahren sieben Auflagen erlebte. Fast in jedem Jahre gab sie eine neue Arbeit 
heraus, 1814 die Novelle „O'Donnell*; es war wohl die beste, welche sie 
verfaßte. Frucht ihrer italienischen Reise war das 1824 erschienene Bach 
„Life and Times of Salvator Rosa*". Schon 1817 hatte sie eine zeitgeschicht- 
liche Studie über Frankreich ans Licht gegeben, wozu sie nach ihrer italie- 
nischen Reise ein Gegenstück schrieb und unter dem Titel : »Italy, a Journal 

' Vgl. Janssen-Pastor, Geschichte des deutschen Volkes VI** 486. 

' Dispiitatio perjucunda, j qua Anonymus probare nititur | molieres j homines non 
esse: Gui opposita est ' Simonis Gedicci Sacros. Theologiae Doctoris ' Defensio Seziia 
Muliebris, < qua singula Anonymi argumenta j distinctis Thesibus proposita viriliter ener- 
vantur. Editio secunda p Hagae-Comitis I Excudebat J. Burchornius, | MDGXLL I 

Tn 12^ pp. 191; p. 8 — 63 Disputatio nova contra Mulieres; p. 65 — 191 Defensio Sexus 
Muliebris. Finis: Scriptum Halac Saxonum 10 Februarii, Anno Filii Dei nati, Hominis veri, 
ex Maria Virgine, homine vera, 1595. /7av zo rs do^a ßew. 

Bibl. Barberini (jetzt in der Vaticana) M. I. 2. 

Che le donne | non siano della spetie degli ' huomini ] Discorso piacevole, | tn- 
dotto da Horatio Plata ; Romano In Lione per Gasparo Ventura i MDGXLVH. ! 

In 12^ pp. cxx. 

Bibl. Casanat. hh. XXII. 26. 

Sowohl aus den ersten Sätzen des Originals als aus dem Vorwort des italienischen 
Übersetzers erkennt man sofort den ironischen Sinn der ganzen Schrift. Aber weil die Argu- 
mente nun doch nicht zart genug mit dem Frauengeschlecht umgingen, erfolgte die Abwehr 
und Verteidigung. 



Waldie, Sand, de F^r^al. 155 

of a residence in that country exhibiting a view of the state of society 
and manners, art, literature'^ 1821 herausgab. Diese letztere Schrift kam 
1822 auf den Index. 

Alsbald nach seinem Erscheinen wurde das Buch vom König von Sar- 
dinien und vom österreichischen Kaiser verboten und ward aufs schärfste von 
der englischen ßegierungspresse angegriffen. Es waren ihre liberalen Ideen, 
welche das Werk ebensosehr in den liberalen Volkskreisen beliebt als bei der 
Autorität mißliebig machten. Da die Morgan in sehr unedler Weise durch 
ihr Buch auch die italienischen Frauen beleidigt hatte, schrieb alsbald eine 
Italienerin Ginevra Canonici Fachini in der Einleitung ihres Prospetto bio- 
grafico delle donne italiane rinomate in letteratura (1 — 64) gegen die Ir- 
länderin. Der Kardinal Wiseman wandte sich in seiner Schrift: „Bemarks 
on Lady Morgans Statements regarding St Peters Chair' gegen sie, und sie 
müßte nicht Frau gewesen sein, wenn sie nicht darauf als Erwiderung ihre 
»Letter to Dr Wiseman" geschrieben hätte. Die Feder legte sie nicht nieder 
bis wenige Wochen vor ihrem Tode, und obgleich eine Siebzigjährige, pro- 
testierte sie auch da noch entschieden dagegen, alt genannt zu werden. Das 
genaue Jahr ihrer Geburt verheimlicht selbst nach ihrem Tode noch ihre 
Autobiographie, welche 1864 mit ihren Briefen von Hepworth Dixon heraus- 
gegeben wurde. 

In demselben Jahre 1859 wie Lady Morgan starb auch die zweite eng- 
lisch schreibende Verfasserin im Index, Charlotte Ann Waldie, die 1788 
geboren war. Sie schrieb zumeist belletristische Sachen und wird gerühmt 
als vorzügliche Erzählerin; ihr bestes Werk erschien in erster Auflage 1817 
und zuletzt noch 1888 in London unter dem Titel: „Waterloo Days", so daß sie 
als author of „Waterloo Days" in der englischen Novellistik einen Namen hat. 
In den Index brachte sie ein dreibändiges Werk, das zuerst 1820 in Edin- 
burgh anon]^ herauskam und 1826 verboten wurde. Der volle Titel heißt: 
.Bome in the nineteenth Century; in a series of letters written during a 
residence at Rome in the yeai*s 1817 and 1818". 

Unter den Französinnen des Index nimmt die M'^'Dudevant insofern 
6ine Sonderstellung ein, als ihre sämtlichen Romane durch Dekret des Jahres 
1863 verboten wurden. Diese Romanschriftstellerin, unter ihrem Pseudonym 
George Sand genugsam bekannt, war 1804 zu Paris geboren und starb 
1876 in Nohant. Ihre Werke erschienen in mehreren Gesamtausgaben, zu- 
letzt in 55 Bänden. Die deutsche Übersetzung aus den Jahren 1843 — 1847 
zählt 87 Bände, die Oktavausgabe 1847—1855 deren 35. Ihre Schriften 
ebenso wie ihre Lebensschicksale sind übrigens kein Geheimnis^. 

Mit dem Verbote des Heiligen Offiziums aus dem Jahre 1850 steht in 
der Indexliste unter dem Pseudonym V. de Fereal ein französisches Werk, 
welches die M°' Suberwick herausgab. Aus dem Titel des Buches kann 
man die Ursache der Verurteilung leicht erraten, da es „von den Geheim- 
nissen der Inquisition und anderer geheimer Gesellschaften in Spanien^ handelt. 



^ Ober ihr Leben und ihre Werke unterrichtet trefflich die Arbeit des F. Kreiten in 
Stimmen aus Maria Laach XII (1877). — Vgl. oben S. 107. 



156 Dufrenoy, de Grafigny, du Noj-er. 

Hier sei auch gleich als noch zum 19. Jahrhundert gehörend eine dritte 
Französin angeschlossen. Adela'ide-Gillette Bilet Dufrenoy schrieb 
eine „Biographie des jeunes demoiselles'', die 1826 den verbotenen Büchern 
zugezählt wurde. 

Die M"' Dufrenoy ist Verfasserin einiger Romane und mancher Dich- 
tungen „assez remarquables — wie die Kritiker sagen — dans le genre 
sentimental'. Sie schrieb, von. 1799 angefangen, in den ersten 20 Jahren 
des 19. Jahrhunderts; 1817 erschien von ihr jenes Buch, das 1826 verboten 
wurde. 1813 war sie die Begleiterin der Kaiserin Maria Luise nach Gher- 
bourg. 

Eine Schriftstellerin von Namen war FrauQoisedeGrafigny, die 
1694 zu Nancy aus edlem Hause geboren, 1758 zu Paris starb. Am meisten 
wurde sie bekannt durch die Schrift, welche der Index zum Jahre 1756 ver- 
zeichnet, nämlich die „Lettres d'une peruvienne^, die seiner Zeit Aufsehen 
machten. Diese Briefe wurden zweimal ins Englische übersetzt und von Deo- 
dati ins Italienische : eine Übersetzung, die wegen ihrer Eleganz als klassisch 
galt und oftmals wieder gedruckt wurde. Eine Komödie der Qrafigny vCenie'^ 
fand ebenfalls viele Bewunderer; ihre letzte Arbeit jedoch, ein Drama «La 
fille d'Aristide*', ging ohne Beifall über die Bretter. Die Verfasserin soll im 
Gram darüber erkrankt und gestorben sein. Sie war Mitglied der Akademie 
zu Florenz und stand in hoher Gunst bei der kaiserlichen Familie. 

Die M°' Anne-Marguerite du Noyer hätte nur ihre eigenen Lebens- 
schicksale beschreiben müssen, um einen wenn auch wenig erbaulichen Roman 
verfaßt zu haben. Eine geborene Petit, stammte sie aus einer protestantischen 
Familie zu Nimes, obgleich ihre Mutter, die jedoch bald nach der Geburt 
ihrer Tochter starb, der Familie des P. Coton angehörte. Um den katho- 
lischen M. du Noyer heiraten zu können, wurde sie selbst katholisch. Aber 
nach zehn Jahren ehelichen Unglücks floh sie von ihrem Manne mit ihren 
beiden Töchtern erst nach England und von dort nach Holland, wo sie auch 
wieder zum Protestantismus abfiel. Dennoch und obgleich eine Dame von 
Geist, genoß sie hier wenig Achtung, so daß man 1713 zu Utrecht die Tragödie 
ihres ehelichen Lebens als Komödie unter dem Titel „Le Mariage precipit^* 
auf die Bühne brachte. 

Schriftstellernd verdiente sie ihr Brot, indem sie eine Art Zeitschrift 
oder Buch schrieb, das abwechselnd unter dem Titel „Quintessence'^ oder „Lar- 
don** erschien. 

Neue Abenteuer brachte ihr der junge Voltaire, welcher 1713 bei seinem 
Aufenthalte in Holland sich alsbald in ihre jüngere Tochter «Pimpette'' ^ ver- 
liebte. Als das Verhältnis entdeckt wurde, erhielt Voltaire Arrest, aus dem 
er jedoch zu nächtlichen Zusammenkünften entkam, bis auch diese verraten 
waren und der Verliebte zu dem erzürnten Vater heimgesandt wurde, unter 
dem Verwände, dio Pimpette zum wahren Glauben zurückzuführen, bewog er 
Bischöfe und Jesuiten, beim König dahin zu wirken, daß das Mädchen dem 

* Ks war der poetische Kosename; sie hieß Olympia. Vgl. K reiten , Voltaire', 
Freiburg 1885, 26. 



La Roche-Guilhein, Florenzi- Waddington. 157 

Vater in Frankreich gebracht würde. So hoffte der Intriguant, dennoch zum 
Gegenstand seiner Leidenschaft zu kommen. Es mißlang und die Mutter gab 
die Briefe Voltaires an ihre Tochter heraus zugleich mit ihren eigenen Briefen 
und Memoiren. Damit ist auch bereite Titel und Inhalt ihrer Werke überhaupt 
angegeben. Ihre Lettres und M^moires sind oft neu aufgelegt worden, die 
beste Edition hat den Titel, mit dem das Werk auch im Index steht: „Lettres 
historiques et galantes''. Die Lettres — man bi*aucht nicht alles zu glauben, 
was sie enthalten — bieten ein Stück Zeit- und Kulturgeschichte aus den 
Jahren 1695 — 1717, untermischt mit wahren und falschen Abenteuern, Anek- 
doten, Geschichtlein, die der Verfasserin zu Ohren kamen. 1663 zu Nimes 
geboren, starb sie 1720 in Holland. 

Etwa zehn Jahre früher (1653) wurde M*"' La Roche-Guilhem ge- 
boren, die 1710 starb. Sie war mehr eine fruchtbare als tüchtige Roman- 
schriftstellerin. Nur einer ihrer Romane, „Jacqueline de Baviöre* ward 1726 
verboten. Von 1675 — 1710 kamen aus ihrer Feder eine ganze Reihe sehr 
mittelmäßiger Romane, die samt und sonders längst vergessen sind. Aus 
ihren Invektiven gegen Rom und die Geistlichkeit schließt Laporte, daß sie 
reformiert war^. Wohl in Paris geboren, muß sie nach Aufhebung des Ediktes 
von Nantes nach Holland ausgewandert sein. 

Damit kann man die Aufzählung der belletristischen Arbeiten abschließen, 
um zu den Verfasserinnen auf dem Index überzugehen, deren Schriften mehr 
auf dem Gebiete der Philosophie liegen. An erster Stelle ist zu nennen 
die italienische Marchesa Florenzi, die durch zweite Heirat Mrs Wad- 
dington in ihrer Heimat wie im Ausland gefeiert ward wegen ihres Geistes 
und ihrer Schönheit. Leider war ihre Philosophie nicht bloß antikirchlich, son- 
dern geradezu unchristlich. Weder das Dasein des persönlichen Gottes noch 
die Unsterblichkeit der Seele findet in ihrem Systeme einen Platz. Und so 
stehen denn fünf philosophische Arbeiten der Marianna Florenzi- Waddington 
durch Dekrete aus den Jahren 1850 — 1875 verboten im Index Leos XIII. Ihre 
philosophische Ausbildung erhielt sie an der Universität zu Perugia, worauf 
sie sich nach Paris begab, um dort Schülerin Viktor Cousins zu werden. Sie 
schrieb auch später eine von Gioberti belobte „Confutazione del socialismo 
e communismo". In Paris traf sie mit Mamiani zusammen, der sie ebenso 
bewunderte wie ihr späterer Professor Schelling in München. Mit einer Ein- 
leitung Terenzio Mamianis gab sie italienisch heraus Schellings Werk : ^ Bruno 
oder über das göttliche und natürliche Prinzip der Dinge*". Außerdem erschien 
von ihr eine Übersetzung der Psychologie des Aristoteles und „La Filosofia 
della natura secondo il sistema di Hegel". Obgleich ihre Lobredner ihr nach- 
rühmen, daß sie die unergründliche Tiefe der deutschen Philosophie in klarer 
italienischer Form wiederzugeben wußte, scheint doch auch sie ebenso wie 
manche andere italienische Philosophen des 19. Jahrhunderts gerade daran zu 
Gründe gegangen zu sein. Als 1869 Giuseppe Ricciardi zum Freidenkerkonzil 



^ Laporte widmet im dritten Band seiner «Histoire litteraire des femmes fran^aises* 
60 ganze Seiten der Analyse ihrer Hauptwerke. 



158 Roselli, Pepoli, Costa, Paganini. 

in Neapel einlud, erklärte auch die Marchesa Florenzi- Waddington ihre Zu- 
stimmung. In Ravenna 1802 geboren, starb sie zu Florenz am 15. April 1870, 
gepriesen als eine Geistesheroin der Philosophie, die sie um Glauben und 
Glück gebracht hatte. 

Neben dieser Philosophin stehen in der Indexliste vier andere Italiener^ 
innen, deren verbotene Schriften in der einen oder andern Weise von der 
„Frau*' handeln. Im ersten Jahre der Freiheit Italiens, am 4. piovoso, hatte 
Anna Roselli der Mitwelt eine Denkschrift präsentiert über die Sklaverei 
der Frauen. Der Index nahm erst 1817 Einsicht in dieselbe und verurteilte sie. 
Es war eine Frucht der Revolution. 

Anna Pepoli aus Bologna, schon früh Witwe Sampieri, gab erst 
eine „Raccolta di sentenze e di massime^ heraus und wurde darob 1824 von 
Ginevra Canonici Fachini ^ wie ein aufgehender Stern am Schriftstellerhimmel 
begrüßt. 1840 war sie eine der ersten Mitarbeiterinnen an der damals 
zu Turin gegründeten Antologia femminile, für welche sie schrieb: ,Delk 
dignitä delle donne e del loro potere nella civile societa'. Aber bereits im 
Jahre vorher (1839) war ihr 1838 in Capolago erschienenes Buch verboten 
worden, das mit dem Titel „Die kluge und liebenswürdige Frau'* in drd 
Büchern im ersten Teile „La Reggitrice", im zweiten «L'Educatrice* und 
im dritten „La donna conversevole" behandelt. Wann die Verfasserin ge- 
storben, wissen wir nicht, doch hat sie nach 1840 wohl kein Werk mehr 
herausgegeben. 

Eine neuere Schriftstellerin auf dem Index ist Adalgisa Costa. In 
den Jahren 1872 — 1886 verfaßte sie eine Reihe kleinerer, unbedeutender 
Schriftchen, zumeist über und für die Schule und Erziehung, wie z. B. „Dej^i 
asili infantili'' 1872, „Insegnamento della lingua nelle scuole elementari'^ 1886. 
Ihr Büchlein, welches der Index aufführt, verurteilte das Heilige Offizium im 
Jahre 1876. Dasselbe betitelt sich: «Dei doveri della donna, pensieri di 
Adalgisa Costa' und setzt wie vom delphischen Dreifuß bitterböse Gedanken 
gegen Katholizismus und Theokratie in die Welt, die ein kirchliches Verbot 
herausforderten. Irgend einen Namen hat die Costa weder hinterlassea 
noch gehabt. 

Berüchtigter ist für Oberitalien und Florenz der Name der vierten Heldiiv^ 
des Index, welche hier noch erwähnt werden muß. Sie selbst nennt sicfa^ 
mit ihrem Namen und vollen Titel: „YirginiaPaganini, socia cooperantei^ 
della Fratellanza artigiana di Firenze, fondatrice e rappresentante della so — 
cieta, Missione pratica Yeritas''. Schon 1848 war sie verheiratet und mufite^ 
damals als Revolutionärin aus Mailand und Italien in die Schweiz flüchten. «^ 
Ihre schriftstellerischen Arbeiten erschienen erst in den achtziger und neun — 
ziger Jahren des 19. Jahrhunderts. 1889 schrieb sie und 1891 verbot die Index — 
kongregation ihren ^moralischen und praktischen Leitfaden für die Mütter^ 
aus dem Volke''. Die Verfasserin ist Mazzinistin, und mazzinistisch sind ibre^ 
kleinen vorderblichen Schriftchen, deren wir von 1888 — 1895 wenigstens acht^ 
zählen. Doch bat Virginia Paganiui nunmehr ausgeschrieben und ausgelebt«^ 

^ Prospetto biogr. tl. donno italiane 272. 



Gr^ville, Fape-CarpaDtier, de Lajolais, Vigoureux, Iwanowska, Trivulzio. 159 

und in Florenz, wo sie gelebt und geschrieben, haben wir vergebens nach 
einer Spur von ihr gesucht. 

Ungefähr aus derselben Zeit werden im Index vier französische Schrift- 
stellerinnen mit ähnlichen Arbeiten vermerkt. Die erste heißt mit ihrem 
Schriftstellemamen M""* Henry Gröville, und ihr Buch, das 1882 zu den 
verbotenen kam, führt den Titel: «Moralische und bürgerliche Erziehung der 
Mädchen^. Die Gröville — es birgt sich unter diesem Pseudonym die Frau 
Alice Durand, geborene Henry — war eine bedeutende Romanschrift- 
stellerin, erlebte doch beispielshalber ihr Roman «Dosia'^, der 1878 erschien 
und von der Akademie preisgekrönt wurde, über 30 Auflagen. In den Jahren 
1877 — 1885 allein schrieb sie 40 verschiedene Bücher oder Büchlein. 

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts gab die Vorsteherin der von Camot 
gegründeten ]^cole normale maternelle zu Paris, Marie Pape-Carpantier, 
eine Schrift heraus mit dem Titel: «Praktischer Unterricht in den Asilsälen''. 
1863 wurden beide Auflagen des Werkes verboten. Im übrigen verfaßte die 
Pape-Carpantier, die 1815 zu La Fläche zur Welt kam, außer wenigen Ge- 
dichten noch verschiedene pädagogische Werkchen über die erste Erziehung 
der Kinder; drei derselben wurden von der französischen Akademie preis- 
gekrönt; im ganzen finden wir von ihr aus den Jahren 1841 — 1863 sieben 
Schriften. 

Die dritte, Nathalie deLajolais, schrieb: „Das Buch der Familien- 
mütter und Erzieherinnen über die praktische Heranbildung der Frauen^, das 
1845 mit dem Zusatz „donec corrigatur^ in den Index kam. 

Eine ziemlich unbekannte Kommunistin, Anhängerin Charles Föuriers, 
ist die vierte und letzte. Ihre Ideen legte sie nieder in der Schrift: ,Pa- 
roles de Providence**, die 1836, ein Jahr nach dem Werke ihres Meisters, 
verurteilt, in der Editio Leoniana unter ihrem Namen Ciarisse Vigou- 
reux steht. 

An dritter Stelle müssen nun noch die religiös-aszetischen oder 
theologischen Schriften des Index, welche von Frauen verfaßt sind, 
aufgezählt werden. 

Aus Bußland stammt die geborene Prinzessin Caroline Elisabeth 
lEiranowska, die durch Heirat Prinzessin von Sayn-Wittgenstein seit 
8&5 von ihrem Manne geschieden in Rom lebte und dort in fünf Teilen und 
^ölf Bänden nach dem Jahre 1870 schilderte: „Die Innern Gründe der äußern 
'1:^ wache der Barche vom Jahre 1870". Das französisch geschriebene, an 
>iten — es geht in die tausende — überreiche Werk klagt über das Va- 
^^nische Konzil, über die Jesuiten, über die vielen Leiden der Kirche, deren 
'Ö£tes, daß sie dem Papste zu gehorsam sei. Dekrete von 1877 und 1879 
^'^^öetzten dasselbe in den Katalog der verbotenen Bücher. 

Eine zweite Prinzessin, die hier genannt werden muß, ist Christine 
"^ ^i Belgioioso aus Mailand. Sechzehnjährig vermählte sich diese Prin- 
'^^in von Trivulzio 1824 mit dem Fürsten von Barbian und Belgioioso und 
^•^ 1842 zu Paris in vier Bänden ihr Werk heraus: ^ Essai sur la formation 
^ 4ogme catholique^, das schon im Jahre nachher unter den verbotenen stand. 



IgO Eschioi, Rocaberti. 

Besondei*s in späteren Jahren hat die Prinzessin sich als Schriftstellerin von 
Talent gezeigt K Reiseberichte, belletristische und historische Arbeiten erschienen 
von ihr sowohl in der Revue des deux mondes wie in Buchform. Ihre letzte 
historisch-politische Arbeit war ,,La Storia della Casa di Savoia**. Mehr hatt« 
sie sich schon vorher in Mailand und Italien bemerklich gemacht durch ihren 
unbändigen revolutionären Patriotismus, der sie aus der Heimat nach Frank- 
reich vortrieb, wo sie jedoch unermüdlich mit ihrer Feder wie mit ihrem Oelde 
an der revolutionären Befreiung Italiens weiterarbeitete 8. 

1848 eilte sie wieder aus Paris in die Heimat, wiegelte das Volk noch 
mehr auf und unterhielt auf eigene Kosten ein Freiwilligenkorps gegen die 
österreichischen Truppen. Als Radetzky den Aufstand niedergeworfen, war 
sie zur Flucht gezwungen, ihre Güter wurden eingezogen, ihr aber später 
durch Amnestie von Kaiser Franz Joseph wieder zurückgestellt. -Sie starb 187L 

In einem Bücherverbot der Inquisition vom 16. August 1854 ist ein 
anonymes Buch verzeichnet mit dem Titel „Visionen und Stimmen etc., die 
der Maria Geltrude zu teil geworden**. Verfasserin der Schrift war eine ge- 
borene Toskanerin, die Ordensfrau Carlotta Geltrude Eschini. Erst 
machte das Buch, welches 1853 zu Florenz gedruckt war und erschien, in 
Toskana viel von sich reden, und es gab dort Leute genug, die sich von der 
betrogenen Nonne betrügen ließen. Doch sobald das Heilige Offizium sein 
Urteil gesprochen, kam die Verfasserin und Visionärin mit ihren Gläubigen 
zu Vernunft und die Schrift verschwand ohne eine andere Spur, als die im 
Index zu hinterlassen. 

Nach dieser italienischen Nonne sollen gleich drei andere, eine fran- 
zösische, eine italienische und eine spanische mit ihren verbotenen aszetiscben 
Schriften erwähnt werdend 

Die einzige Spanierin des Index ist die Dominikanerin Hipolita Roca- 
berti. Aus vornehmem spanischen Geschlechte 1551 zu Barcelona geboren, 
trat sie IGjährig in den Orden und starb im Kloster ihrer Vaterstadt 1624. 
Quetif^ und ihre Zeitgenossen rühmen sie sehr wegen ihres tugendhaften 
Wandels. Obgleich sie viel geschrieben, gab sie nichts in den Druck. Als 
es sich aber 50 Jahre nach ihrem Tode um die Einleitung ihrer SeligsprechonS 
handelte, wurden erst ihre Schriften herausgegeben und geprüft. 13 der^ 



' Die ^Centuria di donne illustri italiane" 12 preist sie als «letterata, scienziatA, aonu^^' 
scrittice** und erhebt in allen Tonarten ihre Gelehrsamkeit, ihren PatriotiamuB , ihre werl^ 
tätige Liebe. 

* „L*incubo delle sue notti, il pensicro costanto de* saoi giorni era la redenäone de^ 
Italia e, per essere libera nelle sue manifestazioni, abbaudanu Milano, ed elease temporär"^ 
domicilio in Parigi, dovc sul giomalc T A u s o n i o , da lei fondato, comhatt^ con parole francB^ 
ed ardite il dominio straniero, dando impulso alle menti ed ai cuori degli Italiani' (Genftor^'^ 
di donne illustri italiane). 

' Als 1893 verboten steht noch unter Roqucs die Selbstbiographie einer Nonne. I^ 
aber erstens der Abbe Koques diese Lebensbeschreibung ordnete und mit Noten TerBah uad 
zweitens das Buch von einem dritten herausgegeben und mit einem Anhang Aber Leben OB^ 
Tod des Abbe Hoques bereichert wurde, kann davon Abstand genommen werden, die Schrei 
bcrin jener Biographie den 30 Verfasserinnen im Index einfach beizuzählen. 

* A. a. 0. II 844. 



Marie de rincarDation, Paola Maria di Gesü, Gayon. Igl 

leShen wurden in den Jahren 1687 — 1695 untersagt. Es ist leicht möglich 
ind wohl wahrscheinlich, daß der Quietismus der Grund des Verbotes war 
ebenso wie bei den beiden folgenden Schriftstellerinnen. 

Die ehrwürdige Maria von der Menschwerdung kam in Tours 
.599 zur Welt und schloß ihr segensreiches Leben als ürsuline der Mission 
:a Quebec am 30. April 1672. Von den aszetischen Schriften, die sie hinter- 
assen, ist jene über die Zustände beim innerlichen Gebete im Jahre 1676 
verurteilt worden. Dieselbe steht aber auch heute noch mit dem Titel der 
talienischen Übersetzung im Index: „Stati d' orazione mentale per 
irrivare in breve tempo ä Dio'^. Es muß daher bemerkt werden, daß sich 
mter den Schriften der Marie de T Incamation keine mit diesem öder ahn- 
ichem Titel findet. Deshalb scheint es nicht ausgeschlossen, daß in Wirk- 
ichkeit nur jenes italienische Buch, nicht eine Arbeit der Maria von der 
Menschwerdung untersagt ist, wenn auch eine Schrift der letzteren dem 
talienischen Schriftsteller zur Vorlage gedient hätte. Berühmter als durch ihre 
lonstigen schriftstellerischen Arbeiten, die übrigens von Männern wie Bossuet 
lochgeschätzt wurden, ist diese Ordensfrau durch ihre langjährige, opfermutige 
Ifissionstätigkeit in Kanada bei den Wilden. So ist denn auch ihr Selig- 
tprechungsprozeß eingeleitet. 

Mit einem ähnlichen aszetischen Buche über verschiedene geistliche 
Übungen, das 1692 durch die Inquisition verboten wurde, ist die Karmeliterin 
i^aolaMaria diGesü im Index verzeichnet. In der Welt hieß sie Viktoria 
Tenturiona und stammte mit ihrer Familie aus Genua, wo sie auch ihre Jugend 
verlebte, obgleich sie 1586 zu Neapel geboren wurde. Als Klosterfrau wirkte 
de segensreich auf deutschem Boden, gründete Klöster ihres Ordens zu Wien 
und Graz und stand überall, selbst beim kaiserlichen Hofe, zumal bei der 
Gemahlin Ferdinands U., der Kaiserin Eleonore, in hohem Ansehen. Sie schied 
1646 zu Wien aus dem Leben. 

Über Madame Guy on, wohl die hervorragendste unter den Frauen des 
Index, ist bis in letzter Zeit viel geschrieben worden K 

Jeanne-Marie Bouvieres, 1648 geboren, von 1664 — 1676 verheiratet mit 
iicques de la Mothe-Guyon, starb 1717 zu Diziers bei Blois. Schon 1689, 
3 die Inquisition manche quietistische Bücher verurteilte, kam auch ihr 
anntestes, anonym erschienenes Werkchen „Moyen court et träs-facile de 
^ oraison" auf den Index. Die Verfasserin hatte sich zuviel in das Ge- 
K^ gebracht, als daß man den Eifer, mit dem sie für ihre Lehre und 
«se Propaganda machte, hätte gutheißen können. In Rom war ihre 
ptschrift bereits verboten, Bourdaloue sprach sich gegen ihre „Frömmig- 
' aus. Bossuet verwarf, zumal als Präsident der Konferenz von Issy, 
sich mehrere Monate lang mit ihrer Lehre beschäftigte, diese letztere, 

einen Schatten auf die Lauterkeit ihres Lebens sowie ihres ganzen Stre- 

zu werfen. Fenelon war stets ihi- Hauptverteidiger. Den Enzyklopä- 
VÄ\;en blieb es vorbehalten, die Guyon später als die neue „Helena unter 



* Der Artikel des Prälaten Dr Weinand im Kirchenlexikon (V^ 1394 ff) unterrichtet 
}fStt and eingehend über die ganze Frage. 

Bilgert, Der Index Leos XIU. 11 



162 Hommctz, Huber, Boarignon. 

den theologischen Helden** mit ihrem Namen und ihrer Sache in der unwüi"- 
digsten wie ungerechtesten Weise in den Kot zu ziehen. Die gesammelten 
Werke der Guyon, die samt und sonders mystisch-aszetischen Inhaltes sind, 
erschienen im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts in 42 Bänden. Nur .Moyen 
court** steht von ihr auf der Liste des Index, denn »Regle des associez ä 
l'enfanco de Jesus**, das ihr oft beigelegt wird und ebenfalls 1689 untersagt 
wurde, hat nicht sie, sondern Jean de Bemiöres-Louvigny zum Verfasser. 

„Moralische und christliche Reflexionen, hauptsächlich aus den Briefen 
des hl. Paulus gezogen**, betitelt sich ein Werk, das 1680 zu Padua erschien 
und 1681 mit dem Zusatz „donec corrigatur** verboten wurde. Es ist ver- 
faßt von der Gemahlin des berühmten französischen Arztes und Altertums- 
forschers Patin, welcher wegen Intriguen, die am französischen Hofe gegen 
ihn gesponnen waren, das Vaterland verließ und als Professor der Medizin 
an der Universität zu Padua sich einen Namen machte. Ihr Familienname, 
unter dem auch ihr Buch im Index erscheint, ist Madalena Hommetz. 
Selbst eine geistreiche Frau war sie mit ihren beiden Töchtern schriftstelle- 
risch tätig und wie diese Mitglied der Akademie der Ricuperati zu Padna. 

Es fehlen nur noch drei Verfasserinnen, deren verbotenen Schriften dies 
gemeinsam ist, daß sie glaubenswidrige Irrungen enthalten. 

Indexdekrete aus den Jahren 1739 — 1759 verbieten drei theologische 
Schriften der Genferin Marie Hub er. Die protestantische Schriftstellerin 
behandelt in iliren Büchern Bibel, Glauben, Dogmen, Geheimnisse sehr ratio- 
nalistisch. Auf solche Weise wollte sie zwischen den Genfer Theologen and 
denen von Rom vermitteln. Sie stieß aber überall an, zumal bei ihren Glau- 
bensgenossen, als sie die ewigen Höllenstrafen durch ein zeitliches Fegefeuer 
ersetzen wollte. Trotzdem und obgleich ihre Werke weder schön noch leicht 
geschrieben sind, fanden dieselben Übersetzer und Leser und Beifall. Da- 
durch nämlich, daß sie einerseits die Ewigkeit der Hölle als unvereinbar mit 
Gottes Güte aus der Schrift zu beweisen suchte und anderseits die Geheim- 
nisse des Glaubens rationalistisch verwässerte, machte sie ihrer ungläubig- 
sittenverderbten Zeit sowohl den Glauben als das Leben nach dem Glauben 
bequemer. Geboren 1695 zu Genf, starb sie 1753 zu Lyon. 

Streng genommen ist unter den 30 Verfasserinnen im Index Leonian» 
nur eine, deren sämtliche Werke verboten sind. Es ist die fanatische 
Schwärmerin Antoinette Bourignon, die 1616 zu Lille geboren wurde. »Eine 
fanatische Jungfrau", schreibt Jöchor^ von ihr, „brachte ein so gräßlichem 
Angesicht, da ihre Stirne bis an die Augen mit schwärzlichen Haaren be- 
wachsen war und die Ober-LofTzo an die Nase anstünde, weswegen sie das 
Maul nicht zutun konnte, mit auf die Welt, daß man in Zweifel gestanden, 
ob man sie nicht als ein Monstrum crsäuffen solte. Sie hat sich göttlicher 
Offenbarungen ohne Unterlaß gerühmet, die heilige Schrift gering geachtet 
und auf das lOOOjälirige Reich gelioflfet." In ihrem mystischen Fanatismus 
stiftete sie eine Sekte, der unter andern Xoels, der Sekretär des Jansenios, 
angeli()ite. Später fanden die ßourignonisten selbst in Schottland Anhänger. 



(lolchrtenlexikon 1 1306. 



von Schurmann. Ig3 

Antoinette irrte anstät umher von Stadt zu Stadt durch Flandern, Brabant, 
Holland und brachte eine Zeitlang auf der Insel Nordstrand zu, wo sie eine 
Druckerei besaß. Ihr letztes Werk widmete sie Antoine Arnauld. Von Nord- 
strand ging sie nach Hamburg, das sie aber bald flüchtig verlassen mußte, 
um nicht lange nachher (1680) zu Francker in Ostfriesland das Zeitliche zu 
segnen. Ihre gesammelten Werke kamen in 19 Bänden heraus, welche erst 
1757 verurteilt wurden, nachdem bereits 1669 und 1687 zwei einzelne Schriften 
der Bourignon vom Heiligen Offizium waren untersagt worden. 

Keine einzige deutsche Schriftstellerin trifft man in der Editio Leoniana, 
denn die Genferin Marie Huber kann man ebensowenig eine Deutsche nennen 
wie die letzte Verfasserin, die hier noch zu nennen ist, obgleich diese in Köln 
geboren war und lange Zeit ebendort wie in Herford und Altena lebte. Die 
Dichterin, Künstlerin, »das Wunder ihrer Zeit, der Ruhm ihres Geschlechtes**, 
* die polyhistorische und theologische Schriftstellerin Anna Maria von 
Schurmann stammt nämlich aus holländischer Familie, die während des 
spanischen Krieges von Antwerpen nach Köln übergesiedelt war, wo Anna 
Maria 1607 zur Welt kam, um jedoch schon 1615 mit dem Vater nach Ut- 
recht heimzukehren. Später verbrachte sie noch drei Jahre (1652 — 1655) in 
der Geburtsstadt am Rhein. Sie sprach und schrieb viele Sprachen ; außer 
Holländisch, Deutsch und Französisch war ihr Latein und Griechisch geläufig. 
Sie verstand das Hebräische, das Arabische, Syrische, Persische und sogar das 
Äthiopische, zu dessen Ei*lernung sie sich erst eine Grammatik ausarbeiten 
mnßte. Auch in Philosophie und Theologie hatte sie Studien gemacht, ebenso 
wie in einzelnen Zweigen der Naturwissenschaft und war dabei Künstlerin 
im Sticken, Malen und Bildschnitzen. Gefeiert war sie denn auch über die 
Ma^n von der gelehrten Welt und von Fürstinnen und Köm'ginnen. Salma- 
sius, Heinsius, Vossius standen in brieflichem Verkehr mit ihr, Descartes 
besuchte sie. An Richelieu und die Königin von Frankreich richtete sie 
französische Briefe und Gedichte. Die Königin von Polen sowie Christine 
von Schweden suchten sie persönlich auf. Der Stern ihres wissenschaftlichen 
Rahmes stieg, bis sie um das Jahr 1666 mit dem calvinistischen Prediger 
Jean de Labadie gemeinsame Sache machte. Sie folgte ihm von Stadt zu 
I Stadt, um schließlich mit ihm die schwärmerische, pietistische Sekte der Laba- 
disten zu gründen und zu verbreiten, der Labadie als „Papa**, die Schurmann 
«Ü8 „Mama* vorstand. Es kam darin zu argen Auswüchsen und, überall 
Vertrieben, landeten die beiden auf ihren Irrfahrten endlich in Altena, weil 
rforl allgemeine Religionsfreiheit gewährt war. 1673 starb hier Labadie; 
^^ei Jahre nachher zog sie mit ihren Getreuen nach Westfriesland, um in 
^ieward 1678 ein Grab zu finden. 

Trotz ihres Ruhmes hat Anna Maria von Schurmann wissenschaftlich 
^^^Its von Bedeutung geleistet. Mit ihrer großartigen Sprachenkunde rezipierte 
^^ und reproduzierte und gelangte so zu ihrem Namen. Unbedeutend sind 
ler auch die wenigen Schriften, die sie hinterlassen. Ein Buch mit dem 
el Euxh^pia, dessen zweiter Teil erst nach ihrem Tode ans Licht kam, 
®*^^liält ihre religiösen Irrungen und Lebensschicksale. Außerdem kennt man 
^^^ch von ihr geistliche Gedichte in holländischer Sprache und endlich das 



164 Aloysia Sigaea. 

verbotene Buch im Index. Dasselbe hat viel dazu beigetragen, noch weiter- 
hin ihren Namen und ihren Ruhm zu verbreiten. Es ist jedoch nicht von 
ihr selbst, sondern von dem älteren Friedrich Spanheim herausgegeben. La- 
teinische, griechische, französische, hebräische Briefe von der Verfasserin an 
ihre gelehrten Freunde nebst Antwortschreiben dieser an sie bilden den Haupt- 
inhalt ihres Werkes; dazu kommen einige ihrer Gedichte, ebenfalls in ver- 
schiedenen Sprachen. Vorauf geht dem Ganzen eine Abhandlung in Brief- 
form, „De vitae termino^, und eine Dissertation über das Frauenstudium, f&r 
das sie mit vielen Argumenten und Widerlegung der Gegengründe eine etwas 
schwerfällige Lanze einlegt. Den Titel «Num foeminae christianae conveniat 
Studium literarum?*" gibt Jöcher^ zu deutsch: «Ob das Frauenzimmer audh 
studieren dörffe?' Die Dissertation war schon 1641 geschrieben. Die Ab- 
handlung „De vitae termino"" und verschiedene andere Briefe sind religiösen 
Inhaltes und haben wohl das Verbot des Buches veranlaßt. Das Bild der 
Verfasserin ist dem Buche vorausgesetzt. In kl. 8^ zählt es 364 Seiten, 
von denen die letzten 45 in Briefform und Versform Lobsprüche berOhmter 
Männer auf diese „zehnte Muse", für „deren Ruhm die Welt zu klein ist', 
bringen. Ein französischer Bericht über den Besuch der Königin von Polen 
findet sich auch darunter. Zuerst erschien das Buch in Leyden im Jahre 
1648, schon 1650 ebendort die zweite vermehrte Auflage und zwei Jahre 
später die dritte zu Utrecht, deren genauer Titel hier folgt. Nach dieser 
sind auch die obigen Angaben gemacht. 

Nobiliss. Virginis | Annae Mariae ! ä Schurmann ; Opuscula | 
hebraea ;' graeca ' latina gallica: ; prosaica & metrica, 
Editio tertia, auctior & emendatior. | Trajecti ad Rhenum, . 
ex officina Johannis ä Waesberge. ! MDCLII. 

Die Frauen des Index samt ihren verbotenen Büchern wären somit 
ausführlich genug geschildert. Dennoch muß, um dies Kapitel zu vervoll- 
ständigen, noch eines Buches der Indexliste gedacht werden. Es ist eine 
gemeine Schrift der niedrigsten Sorte, welche dort unter verschiedenem Titel 
zweimal verzeichnet ist, einmal unter Sigaea Aloysia als 1694, das andere 
Mal unter Moursius Joannes als 1716 verurteilt. Beide Namen sind Pseu- 
donym in solch schändlicher Weise von dem Schreiber jenes obszönen Werkes. 
Nicolaus Chorior, mißbraucht. Derselbe besaß die Frechheit, das unflätige 
Machwerk als im spanischen Original von der Aloysia Sigaea ver£afit hin- 
zustellen, während er die lateinische €^bersetzung dem Joannes Meursius, 
Professor an der Universität zu Leyden, andichtete 2. 

Die Louise oder Aloysia ist die Tochter des Diego Sigei aus Toledo, 
wohin die Familie aus Frankreich ausgewandert war. Wegen ihrer Sprach- 
kenntnis und ihrer Schriften wurde Louise Sigei die Minerva ilu'es Jahrhun- 

' A. «. 0. IV 303. 

* Narli Gabriel Peifrnot (Dictionnaire critique dos principaux livres condamoes I, Paris 
l^ÜG. 78) wurde das infame Hnoli in Frankreir-h nach Gebühr aufgenommen. Der Verfasser 
war iinbj'kannt : das Werk wurde .s«)fürt proskribiert. der Drucker ward genOti^, seines 
ilandcl aufzugeben und durch die Flucht einer exemplarischen Strafe zu entgehen. 



Aloysia Sigaea. 165 

derts genannt. An Papst Paul III. schrieb sie einen Brief in fünf Sprachen 
(lateinisch, griechisch, hebräisch, syrisch, arabisch), die sie alle beherrschte 
wie ihre Muttersprache. Was sie mehr ehrte ist die Wahrheit der Inschrift 
ihres Grabes — sie starb 1650 — „Cuius pudicitia cum eruditione linguarum 
ex aequo certabaf. Das war denn auch ihre beste Verteidigung nach ihrem 
Tode bei dem schändlichen Mißbrauch ihres Namens. 

Wie schmutzig .übrigens jenes Buch war, geht aus der Tatsache hervor, 
da£ dasselbe in Frankreich und Belgien unzählige Male unter wenigstens 
sieben verschiedenen französischen Titeln herausgegeben wurde und in Frank- 
reich allein zwischen 1820 — 1870 wenigstens achtmal von der staatlichen 
Autorität verurteilt werden mußte. 

Die Schilderung der in der Editio Leoniana auftretenden Frauen läßt 
einen Einblick in das Innere des Index tun, der allein schon zeigt, eine wie 
vielseitige, heilsame Wirkung der Index ausübte. Nicht bloß den Schutz der 
Wahrheit und des Glaubens in Philosophie und Theologie hat er im Auge 
behalten, nicht bloß vor sittengefahrlichen Büchern gewarnt, mit einer ge- 
wissen Strenge hat er zumal die aufs Leben angewandte Theologie in der 
Aszese und Frömmigkeit vor ungesunden Auswüchsen geschützt, vor Irr- 
gängen bewahrt. Gerade dadurch wirkte er am nachhaltigsten für Reinerhal- 
tung von Glauben und Sitten, für dieses Endziel des Index. 



Gegner und Kritiker des Index. 

Eine Blumenlese von Urteilen und Kritiken der Gegner über den Index 
wird nicht anmutig sein können. Gleichwohl muß hier eine solche gegeben 
werden. Denn erstens tut nichts anderes klarer die Notwendigkeit der vor- 
liegenden Arbeit dar, als jene große Unkenntnis des Kataloges der ver- 
botenen Bücher, von welcher diese Auslassungen lautes Zeugnis ablegen. 
Zweitens wird hierbei Gelegenheit geboten, noch einzelne Irrtümer über den 
Index aufzudecken und richtig zu stellen. 

Da schreibt zunächst das „Große Universal -Lexikon des 19. Jahrhun- 
derts^ von Pierre Larousse"", welches 1873 mit seinen bis dahin erschienenen 
Bänden verboten und auf den Index gesetzt wurde, wie folgt: »Die Indez- 
kongregation macht sich über alle Werke des menschlichen Geistes her, selbst 
über die katholischen Theologen, deren Frömmigkeit über allen Zweifel er- 
haben ist. Besonders strenge zeigt sie sich gegen alles das, was die angeb- 
lichen Rechte des Apostolischen Stuhles und die Lehre vom Dominium tem- 
porale betriflft. 

„Dank dem Sy Ilabus Pius' IX. weiß jedermann, welches heute noch die 
Gedanken und Lehren Roms sind, wie es den Fortschritt der Zivilisation be- 
urteilt und wie es alle Prinzipien, die das Fundament und die Ehre der 
modernen Gesellschaft sind, in die Zahl der Irrtümer verweist. Wie kann 
es wundernehmen, dafa die Indoxkongregation sich unbarmherzig gezeigt hat 
und annoch keine Ehrfurcht hat vor den Hauptwerken aller Literaturen, 
und daß sie im Namen der Religion die bewunderungswürdigsten Denkmale 
des Menschengeistes verdammt. 

n Nichts ist übrigens merkwürdiger als die Liste der Bücher, welche 
von dieser berühmten Kongregation geächtet worden sind. Sie umfaßt eine so 
große Zalil von Schriften, die alle Welt annimmt, bewundert und liest, dafi es 
keinen Katholiken gibt, der sich rühmen könnte, diese Verbote zu befolgen. 

„Fügen wir noch hinzu, daß die Kirche oft ihre Strenge milderte und 
kein Bedenkon trug, für eine Summe Geldes das Recht zu bewilligen, die 
verbotenen Bücher zu lesen." 

So weit Pierre Larousse I Die Kirche hat nie für Geld, sondern immer 
gratis die Erlaubnis zum Lesen verbotener Bücher erteilt. Wenn das große 
Lexikon des 19. Jahrliunderts dies bislang nicht wußte, so sagt es ihm jetzt 
klar die vorliegende Abhandlung. In derselben Weise werden durch die 
nackten statistischen Angaben dieser Arbeit die andern Übertreibungen und 
Unwahrheiten des Universal-Lexikons widerlegt. 

* Grand diotioniiairc universel du XIX' siecle IX 640 f. 



aGrand dictionnaire universel du XIX« siäcle". 167 

Es rühmt sich aber jenes Lexikon seiner Indexforschungen und gibt sie 
empört zum besten. Gleich eingangs heißt es im Artikel, dafi sogar die 
Werke Alberts des Großen durch Dekret vom 10. April 1666 verdammt 
sind^. Das ist eine ganz bestimmte, positive Angabe! Nur schade, daß sie 
nicht bloß total falsch ist, sondern auch noch den kindlichen Unverstand des 
großen Dictionnaires handgreiflich dokumentieii;. 

In allen früheren Indices wie auch in dem neuen Leos XIU. heißt es 
an der richtigen Stelle unter A: „Alberto Magno, diviso in tre libri, nel 
prinio si tratta della virtü delle herbe, nel secondo della virtü delle pietre et 
nel terzo della virtü di alcuni animali. Decr. 10 apr. 1666.'' ^ Das ist der ganze 
Titel des kleinen abergläubischen Büchleins, welches dessen ungenannter und 
unbekannter Verfasser „Albertus Magnus'' getauft hat, wie jeder aus dem 
Wortlaute des Titels und aus dessen Schreibweise sofort ersieht ^. Das große 
Universal-Lexikon des 19. Jahrhunderts hat darin nicht weniger als die sämt- 
lichen Werke Alberts des Großen gefunden! In derselben Weise hätte der 
Index auch alle Werke des hl. Augustinus verboten, denn nach dem großen 
Kirchenlehrer heißt das Werk des Jansenius, welches durch Bulle ürbans VIII. 
1641 verurteilt wurde, nicht anders als „Augustinus". 

Nach dieser einen Probe seiner Wissenschaftlichkeit braucht man das 
große Lexikon des 19. Jahrhunderts nicht mehr ernst zu nehmen. Wer es 
doch tun will, hat in den Ausführungen dieses Buches vollauf Antwort und 
Widerlegung jener hochtönenden Phrasen über den Index. 

In Italien und Rom, wo man den Index besser kennen müßte als ander- 
wärts, schreibt 1897 in einer Zeitschrift, die auf Wissenschaftlichkeit An- 
spruch machen will, ein gewisser Emilio Faelli* zur Geschichte des Index: 
„Es ist wahr, daß bereits im Jahre 1548 der Monsignor Della Casa, da- 
mals Nuntius zu Venedig, einen Katalog verdammungswürdiger Bücher her- 
gestellt hat. Mit Schmerz muß hierbei bemerkt werden, daß es gerade ein 
Mann der Literatur und Wissenschaft war, welcher diese Kataloge zur Folter 
des literarischen Gedankens inaugurierte. Aber zum Tröste hinwiederum 
mag hinzugefügt werden, daß unter allen Präfekten der Indexkongregation 
sich bis auf unsere Tage kein einziger findet, welcher der verdientesten Ver- 
gessenheit nicht anheimgefallen ist, ausgenommen allein der Kardinal Angelo 
Maria Querini aus Brescia, der mit einigen archäologischen Werken der dun- 
keln Finsternis in etwa, aber nicht vollständig entronnen ist." Trotzdem 
und obgleich alle die Präfekten der Indexkongregation nach Faelli wissen- 
schaftliche Nullen, meint derselbe Verfasser in demselben Artikel, daß „kein 
Wagemut noch so hehr, keine Intuition des Genies auf dem Gebiete der 
Moral oder der Natur, keine edle Empörung des Geistes gegen den Zwang 
dieser Zensur entgangen ist". 



> A. a. 0. 640. « Im Index Leos XIII. Decr. 24 nov. 1665. 

* Ein zweites, nicht gerade sauberes Schriftchen wurde in früheren Jahrhunderten oft 
gedruckt und fälschlich unter dem Namen des seligen Albertus Magnus herausgegeben. 
Schon der Ehrenrettung des Seligen wegen wurde es auf den Index gesetzt. 

* Nuova Antologia (1897) LXXI 738. 



168 „Nuova Antologia*. 

»Man möchte glauben/ so fährt er fort, „daß der Geist der Reaktion 
sich die Jahrhunderte hindurch abgemüht hat, um -den Katalog der schönsten 
Bibliothek zu schaffen, welche das freie Italien als ein Monument dem Genie 
errichten kann.*' Und abschließend heißt er « diese Unterjochung des Gedankens 
im Index die verhaßteste Sorte von Sklaverei, die je das so vielfach ge- 
knechtete Italien heimgesucht hat". 

Das sind Kraftsprüche eines Zeitungsschreibers, der in der Tat besser 
daran getan hätte, auch hierbei sein Pseudonym zu wahren und sich ver* 
borgen zu halten. Jeder irgendwie unterrichtete Leser wird dem Verfasse 
von Herzen nur dort zustimmen, wo er selbst seine Ergüsse mit freilich 
nicht ganz aufrichtiger Bescheidenheit „povere cose sul grandissim. 
argumento" nennt. Hätte Faelli sich nur nicht auf das Gebiet der G^ 
schichte hinausgewagt! Giovanni della Casa war jedenfalls nicht der erst^ 
welcher einen Index anfertigte , auch im engeren Sinne für Italien nicht d m 
Vater des Index. Bücherverordnungen und Bücherverzeichnisse, staatlicS 
und kirchliche Indices verbotener Bücher gab es in England, in DeutschlaiM. 
in den Niederlanden und in Belgien wie in Frankreich seit dem Jahre 152 
auch Italien hatte wenigstens seit 1546 den Index des Senates von Lucc^ 
Faellis „Schmerz" wird also von der Geschichte leicht imd schnell gehe£l 
aber ebendieselbe Geschichte muß ihm auch seinen „Trost* rauben, in alL^ 
Kardinalpräfekten der Indexkongregation lauter wissenschaftliche Nullen z 
sehen, Männer mit Namen, die längst in Lethes Strom versenkt sind. 

Beschränkt man seine Forschungen auch nur auf die ersten 50 Jahre derz 
Indexkongregation, so findet man schon unter den ersten Präfekten derselben 
Namen wie Si riet, Baronius und Bellarmin. Doch scheint der Artikel- 
schreiber der Nuova Antologia in seinem Vaterlande solche Namen nie gehört 
zu haben. Noch mehr, er scheint auch von Della Casa und Querini nicht 
viel mehr als den Namen zu kennen, sonst würde er nicht jenen auf Kosten 
dieses gelobt haben. Jedenfalls hat der Name Querinis in den Gelehrten- 
kreisen innerhalb und außerhalb Italiens stets ebenso guten, wenn nicht besseren 
Klang gehabt bis auf unsere Tage als der des Nuntius Della Casa, dessen 
literarischer Ruf nicht einmal ganz sauber ist. Mit dem gelehrten E[ardinal 
Querini stand selbst Friedrich IL von Preußen in brieflichem Verkehr. In 
einem Briefe vom 9. März 1752 nennt er ihn „un grand homme, qui fait ä 
la fois rhonneur de la Pourpre et de sa Patrie, et qui par la maniöre, dont 
il protege et cultive les lettres merite d'en etre considerö comme un des 
M^cenes, qui de nos jours y fönt le plus d'honneur". Der italienische 
Kritiker dagegen nennt ihn „un bresciano" und weiß von ihm nur „che per 
alcune opere di archeologia 5 sfuggito in qualque modo, ma non total- 
mente alla oscuritä"^. In Wirklichkeit hat Italien im ganzen 18. Jahrhundert 
wohl keinen Gelehrten gehabt, der in den wissenschaftlichen, auch prote- 
stantischen Kreisen Englands, Frankreichs, Hollands, Belgiens und Deutschlands 
so bekannt und geschätzt war wie gerade der gelehrte Benediktiner Querini K 

* B. Hurter (Nomenciator literarius II, Oeniponte 1893, 1395 ff) spricht mit den 
höchsten Lohsprüchen ^do Angelo Maria Quirino, de cardinali doctissimo, literarura promo* 
tore, eruditorum fautore, patrono, maecenate humanissimo*. 






Die Präfekten der Indexkongregation. Iß9 

und selbst außerhalb Italiens weiß beinahe jedes Kind, daß der Kardinal, 
Sprößling des allbekannten venetianisehen Adelsgeschleehtes , allerdings 
1727 als Bischof von Brescia, aus eigenen Mitteln Brescias neue Kathe- 
drale erbaute. 

Über den Präfekten der Indexkongregation, Bellarmin, braucht kein Wort 

verloren zu werden. Obgleich auch er nach Faellis Kritik sich nicht zu retten 

wußte ,da un meritatissimo oblio", so weiß doch alle Welt, welchen Respekt 

die Protestanten vor diesem Kontroversisten hatten. All die Antibellarmini 

des 16. und 17. Jahrhunderts beweisen das und würden seinen Namen ver- 

e'wigen, auch wenn Bellarmins Werke selbst schwiegen. 

Von Bellarmins polemischer Hauptarbeit sagt Hefele: „Es ist das aus- 
ftilirlichste Werk, welches zur Verteidigung des katholischen Glaubens, na- 
meritlich gegen die Angriffe der Protestanten bis auf den heutigen Tag 
erschien, und hat sowohl durch die Erudition, die darin zu Tage tritt, als 
durch die würdige, von aller Schmähung der Gegner freie Polemik dem 
Verfasser unvergänglichen Ruhm gebracht. Die Zahl der Gegenschriften ist 
kaum zu berechnen. Das 17. Jahrhundert weist keinen bedeutenderen pro- 
'bestantischen Theologen auf, der nicht mit einem Anti-Bellarmin in die Öffent- 
liclakeit getreten wäre." ^ 

Was Cäsar Baronius angeht, so mag für den, welcher ihn nicht kennt, 
da,8 Ui^teil des Isaak Casaubonus über diesen Präfekten der Indexkongregation 
l^iei eine Stelle haben; „Wer weiß nicht,* so schreibt der gelehrte Prote- 
stant, 9 daß der Kardinal Baronius sich in seinen kirchengeschichtlichen Ar- 
beiten also ausgezeichnet hat, daß er durch seinen Fleiß allen die Palme 
exitriß?' 

Vielleicht herrlicher noch als die Namen Baronius und Bellarmin glänzt 
^n der Gelehrtenwelt der Name des Kardinals, welcher sozusagen als eigent- 
^cher Gründer und erster Präfekt der Indexkongregation angesehen werden 
\anD. Nachdem er wohl schon längere Zeit Seele der Arbeiten für die Bücher- 
zensur zu Rom gewesen, wurde er unter fünf Kardinälen an erster Stelle 
durch die Bulle Gregors XIII. vom 13. September 1572 zum Leiter der Kon- 
gregation ernannt. Er ist das „spirans museum*, die „viva Christi biblio- 
theca'. In allen Jahrhunderten hat Italien wenige Männer der Wissenschaft 
gehabt 9 die es dem Gulielmus Sirletus, diesem Orakel der Gelehrsamkeit, 
an die Seite stellen könnte. 

Wer also, wie der italienische Indexgegner, Index und Indexkongrega- 
tion nach den Namen der Kardinalpräfekten bewerten und beurteilen will, 
muß die höchste Achtung für diese Kongregation und ihre Leistungen haben. 
Übrigens fällte im Jahre 1844 kein anderer als der italienische Philo- 
soph Vincenzo Gioberti über die Indexkongregation ein Urteil, das we- 
nigstens dem Verdikte der „Nuova Antologia" gegenübergestellt werden darf: 
»Es ist in der Tat eigentümlich,** so schreibt Gioberti, „daß die erste Zensur 
Von Bedeutung, welche die Philosophie des Descartes traf, von der Kongre- 
gation des Index ausging. Das Dekret, welches seine Werke verurteilte, 



> EirchenlexikoD IP 286. 



170 Gioberti über die Indexkongregation. ,Tbe Roman World*^. 

ist vom 20. November 1663. Thomas mit seinem Scharfblick staunt über 
dieses Verbot, Baillet schreibt es den Bemühungen eines Privaten^ zu. 

9 Auch ich würde darüber staunen, wenn Rom nicht in hundert andern 
Fällen Beweise eines unvergleichlichen Scharfsinnes geb'efert hätte, mit dem 
es die neuen Lehren zu durchschauen und in deren Prinzipien die letzten.» 
dem Auge aller Zeitgenossen noch verhüllten Schlußfolgerungen zu ent — 
decken verstand. 

„Die römischen Kongregationen legen sich allerdings nicht Unfehlbarkeit^ 
bei, und sie werden auch zuweilen den ln*tümem und den von der mensc 
liehen Natur unzertrennlichen Schwächen unterlegen sein; aber ich wage 
behaupten, daß kein Gelehrter oder Theologe jemals ein solch ideales, fein 
katholisches Gefühl und eine solch scharfe Unterscheidungsgabe besaß, u 
die im Keime einer Lehre verborgenen Korollarien gewissermaßen vorau 
zusehen, als gerade diese Kongregationen, wie das klar hervorgeht aus manch 
ihrer Urteilssprüche. 

„Während äußerst fromme, religiöse Männer, berühmt durch Wisse 
Schaft und Talent, vom falschen Scheine geblendet den jungen Cai*tesianism 
ohne dessen verderbliche, noch versteckte Keime zu bemerken, als ein d. 
Religion günstiges System begrüßten, hatten die römischen Zensoren berei 
die richtigen Ahnungen und sprachen ein Urteil aus, welches die europäisc 
Philosophie seit zwei Jahrhunderten in ihren eigenen Werken auf die fei 
liebste Weise bestätigte.* - 




Nach den französischen und italienischen Indoxgognern müssen bm^^ 
die angelsächsischen und germanischen der letzten Jahre zu Worte komm^^ ^ 
Der neue Index Leos Xlll. erschien bekanntlich 1900 zu Rom, in wenip-^'r 
denn Jahresfrist war die erste gi-oße Auflage vergriffen. Es folgte berei- ts 
1901 die zweite Auflage und wurde wie die erste im öffentlichen BuchhanflLel 
verkauft. Da brachte im Dezember 1901 , The Roman World" ^ eine en ^^' 
lisch-amerikanische Wochenschrift, welche in Rom selbst erscheir^t, 
einen merkwürdigen bibliographischen Artikel über den Index Leos XIIL nrmit 
der Überschrift: „Index expurgatorius". Der Bibliograph der Roman World, 
dem von einem Nowyorker Bibliophilen das Buch zur Einsicht und 3^ 
sprechung überlassen worden ist, hebt an: 

„One of the great book-coilectors of New York hat neulich von einem ausl&ndisds «n 
Agenten ein Exemplar der letzten Ausgabe des Index librorum prohibitorum erhalten, der 
von Leo XIII. verbessert herausgegeben ist. Es ist eine Seltenheit, dais dieses Verzeicb.ziiB 
von famous liüchern, deren Lesung den Katholiken verboten ist, einem in die Hände komnit, 
er gebore denn zu den Leitern der Kirche (the leaders of the church) , da die Zahl der ^S^' 
druckten Exemplare klein ist und das Buch wohl nicht in den Handel kommt. Ebendesh^l^^ 
können auch keine Einzelheiten über den Kauf des vorliegenden Exemplars gegeben werd^<^> 
doch ist es selbstverständlich, daß ein hoher Preis für das Buch gezahlt wurde. 



» Vgl. Arnauld, Oeuvres XXXVIII 19, not. a. 

' Introduzione allo studio della filosoiia, tomo primo, Brusselle 1844, 819. Das 
vorliegende Exemplar hat die handschriftliche Note Giobertis auf dem Titelblatt: A. M» 
Professeur Clemens , l'auteur en temoignage de haute estime , et d'amiti^. | — VgL ■'^ ^* 
läge XX. » W^ december 1901, Nr 175. 



Amerikanische Kritik. 171 

,Das fragliche Exemplar — ein Muster von feinem Druck — würde etwa 40—50 Dollars 
nrert sein» aber wegen seiner Seltenheit etwas ganz Einziges, wird es ohne Zweifel wenigstens 
100 Dollars gekostet haben. 

,Die Kenntnis dieses großen Katalogs, der oft, aber nur uncigentlich Judex expurga- 
U>ria8', für gewöhnlich einfachhin .Index* heißt, ist im allgemeinen eine seltene Sache. 

, Interessant ist die Geschichte dieses famous ,Index'. Sein erster intellektueller Ur- 
beber war Kaiser Karl V. von Spanien gegen 1550. Anfänglich lag die Herstellung der 
Bficherliste der Universität von Löwen ob, aber 1564 übernahm der Papst Paul IV. (sie!) 
die Oberau&icht und diese verblieb die 857 (sie!) Jahre in der Hand des Papstes. 

^Yiele Hunderte von Büchern, welche in dem Katalog nicht im einzelnen aufgeführt 
werden, sind verboten durch die Decreta generalia or general decrees, die zuerst von Bene- 
Ukt XIV. (sie!) 1744 (sie!) und von da an immerfort in den verschiedenen Indexausgaben 
reröffentlicht wurden. 

,E8 ist bekannt, daß kein Katholik die im Index verzeichneten Bücher besitzen oder 
lesen darf unter Strafe der Exkommunikation , es sei denn , er habe ein besonderes Privileg, 
das nur selten gewährt wird und schwer zu bekommen ist. 

«Es ist aber nicht bekannt, daß der Katalog mehr als 300 Jahre alt ist, daß er ein 
Buch verzeichnet, welches nicht bloß von einem Papste, sondern gar von Leo XIII. selbst 
Terfaßt ist, daß sich darin kein einziges Buch eines amerikanischen Schiiftstellers finden 
läßt, nicht einmal Tom Pain oder Robert G. IngersoU, daß aber anderseits Dutzende von 
klassischen Werken berühmter Engländer und hunderte von französischen Büchern , die in 
aller Welt bekannt, hier vermerkt werden. 

,Hier findet sich Bossuet . . . und sogar die Gedanken von Pascal, der sich selbst 
stets für einen guten Katholiken hielt. Gehen wir über zu England, so zeigt sich, daß der 
jPipetliche Bann auf den Geschichts werken von Gibbon, Hume, Hallam und Goldsmith ruht.** 

Das wäre ein Spicilegium amerikanischer Indexkunde, gewiß ergötzlich 
^ jeden, welcher jemals den Index selbst in der Hand gehabt hat und nur 
in wenig Latein versteht; ergötzlich, aber dennoch symptomatisch für die 
tiken der Indexgegner. Da aber auch dieser Rezensent mit der ernstesten 
ne 80 viele bislang unbekannte Neuigkeiten über den Index verkündet, 
u£ hierzu noch ein Wort der Erwiderung gesagt werden. Schwer ist es 
i©x- allerdings, satiram non scribere. 

Unter Pascal, Blaise, steht auf dem Index „Pens^es, avec les notes 
* m. de Voltaire". Man ersieht aus dem Titel schon, weshalb das Buch ver- 
>t;e»n wurde. Im übrigen stehen andere in der gebildeten Welt weit besser 
^fc-«innte Schriften Pascals auf dem Index. Aus dem Titel unter Bossuet 
'fc^nnt man ebenso alsbald, daß hier nicht die Rede ist von dem großen Bi- 
*^of von Meaux, sondern von dessen Neffen, dem Bischof von Troyes. Einen 
^l>ert G. IngersoU und ähnliche Amerikaner braucht der Index nicht nament- 
-t^ zu notieren, selbst jeder gläubige Protestant weiß, daß solche Werke 
eigenen Gewissen verboten sind, für den Katholiken fallen sie selbst- 
tändlich auch unter die Decreta generalia. Kein Buch Leos XIII. steht 
." stand auf dem Index, auch keines des Kardinals Gioacchino Pecci. Das 
welches hier vorschwebt, ist wirklich, wie der neue Index klar angibt, 
Carlo Paoletti. 

So ganz unbekannt ist es wohl kaum, wie alt der Index ist, und wäre 

Xrgend einem unbekannt, braucht er nur den Index selber aufzuschlagen 

^^ er wird dort auch Aufklärung über die Anfänge und Geschichte des 

t^^tiischen Index finden. Freilich lautet dieselbe ganz anders als die Dar- 



172 Houston Stewart Chamberlain. 

Stellung des Gewährsmannes der Roman World. Von 1564 — 1901 — es sind 
337 (I) Jahre — lag der Index allerdings in der Hand des Papstes, aber 
weder Karl V. noch die Universität von Löwen hat ihn in seine Hand gelegt 
oder vorher bei den Indices den Papst vertreten. Paul IV. war 1564 längst 
tot, er hatte aber bereits 1559 einen allgemein gültigen römischen Index 
erlassen. 

Wer nur die Überschrift der päpstlichen Konstitution ansieht, weiß, dafi 
die Decreta generalia von Leo XIII. gegeben wurden, und zwar, wie es am 
Schlüsse heißt, im Jahre 1897; Benedikt XIV. hat weder 1744 noch zu an- 
derer Zeit solche Decreta generalia erlassen. Die ersten Decreta oder rich- 
tiger Regulae generales des Index stammen aus dem Index Pias' IV. 1564 
oder besser vom Konzil zu Trient. Benedikt XIV. gab 1753 eine neue Kon- 
stitution und 1758 seinen neuen Index heraus, wie dies alles im Index 
Leos XIII. deutlich zu lesen ist. Neben den Indices schlechthin hat es auch 
weniger in Rom als in Spanien und anderswo Indices expurgatorii gegeben; 
der Name zeigt auch schon an, was sie enthielten, nämlich die von der geist- 
liehen Obrigkeit verlangten Änderungen, Streichungen oder Verbesserungen 
in beanstandeten Büchern. Es könnte gewiß vorkommen, daß man diese 
letzteren auch kurzweg »Index* nannte. Wer aber umgekehrt etwa den Index 
Leos XIII. „Index expurgatorius** nennte verrät zuviel Mangel an nötigem 
Wissen. 

Daß es nicht allzu schwer ist, Erlaubnis zum Lesen verbotener Bücher 
zu erhalten, erhellt aus den allgemeinen Dekreten. Aus diesen geht auch 
klar hervor, daß „der päpstliche Bann* nicht ruht auf einem im Index ver- 
botenen Buche, etwa den Geschichtswerken von Gibbon und andern Eng- 
ländern, wofern dieselben nicht ausgesprochenermaßen die Irrlehre vertei- 
digen. Die Dutzende von englischen klassischen Werken berühmter Verfasser 
schrumpfen bedeutend zusammen, wenn man bedenkt, daß das ergiebigste 
19. Jahrhundert von klassischen und nichtklassischen Schriften berühmter 
und nicht berühmter Engländer nur 40 Bücher von 30 Verfassern im Index 
zählt, wobei die amerikanischen Verfasser und Bücher, die nicht vollständig 
fehlen, noch mitgezählt sind. 

Ein Rätsel bleibt es, wie man von „Decreta generalia' und ähnlichem 
im Index schreiben kann und dabei sagt, das sei alles bloß für .the leaden 
of the church*", ein Rätsel überhaupt, wie man mit dem Buche in der Hand 
so viel Ungereimtes über dasselbe zusammengebracht hat. Da will es in der 
Tat scheinen, daß eine Abhandlung wie die vorliegende am Platze ist. 

Der merkwürdige Bibliograph der Roman World hat trotz alledem den 
Trost, als Verbündeten und Leidensgefährten keinen andern als Houston Ste- 
wart Chamberlain au seiner Seite zu haben. Denn Chamberlain, welcher sidi 
rühmt, „20 Jahre in katholischen Ländern gelebt zu haben, ohne einen einzigen 

^ So gibt es eine englische Publikation von fünf Lieferungen, welche der Hermnsgeber 
W. H. Hart in ähnlich unrichtiger Weise ^ Iudex cxpurgatorius Anglicanna* betitelt. Die 
fUnf Hefte erschienen 1872 — 1878 zu London und enthalten Angaben über 298 in WngUiMi 
veröffentlichtü und verbotene Werke aus den Jahren 1524 — 1684. Die fünfte LieferuDg achliefit 
mitten im Satze, und die ganze Edition scheint unvollendet geblieben za sein. 



Deutsche Stimmen. 173 

katholischen Laien anzutreffen, der jemals die vollständige Bibel auch nur in 
der Hand gehalten hätte", schreibt an derselben Stelle seiner „Grundlagen 
des 19. Jahrhunderts" ^ nicht viel vernünftiger über den Index und das Bücher- 
gesetz. Er schreibt: „Nach diesem Gesetze ist dem gläubigen, römischen 
Katholiken so ziemlich die gesamte Weltliteratur verboten, und selbst 
solche Autoren wie Dante dürfte er nur in stark expurgierten , bischöflich 
approbierten Ausgaben lesen." Trotz der 20 Jahre in katholischen Ländern, 
trotz seiner Belesenheit und Weltkunde und leider auch trotz des Gebrauches 
des von ihm zitierten Kommentars zum Büchergesetze von Professor Dr Holl- 
weck schreibt Houston Stewart Chamberlain so ganz irrige Sätze! Ob man 
da noch einen andern Kommentar schreiben und anraten soll? 

Wenigstens sei hier in Kürze für die Gläubigen „der Grundlagen des 
19. Jahrhunderts" kurz beinerkt, daß Dantes „Göttliche Komödie" weder ver- 
boten ist, noch irgend einer Approbation oder Korrektur bedarf. Noch einmal 
sei bemerkt, daß von der klassischen Weltliteratur sozusagen nichts ver- 
boten ist. War Miltons »Verlorenes Paradies" oder „H paradiso perduto" bis- 
lang im Index, so hat nun Leo XIII. auch dieses gestrichen K Unflätige Bücher 
selbst, die aber dennoch wegen ihres Stiles und ihrer Sprache klassische 
heißen, dürfen, sogar nach den allgemeinen Regeln ohne besondere Erlaubnis 
gelesen werden, nicht von Dilettanten des Unflates, wohl aber von ernsten 
Leuten, welche diese Bücher zu ihrer Bildung in ihrem Berufe benötigen ^. In 
der Beurteilung des Büchergesetzes und des Index fehlt es also auch „den Grund- 
lagen des 19. Jahrhunderts" entweder an germanischer Geradheit und Aufrich- 
tigkeit oder, was wir lieber annehmen möchten, an der teutonischen Akribie und 
Genauigkeit. Und so könnte beim Verfasser „der Grundlagen" die vorliegende 
Arbeit zur Vervollständigung und Klärung seiner Kenntnisse von Nutzen sein. 

Deutsche Stimmen über den Index. 

Die deutschen Urteile über den Index dürfen hier schon eigens besprochen 
werden, nicht als ob sie sich von den früher erwähnten merklich durch Gründ- 
lichkeit oder Rechtlichkeit unterschieden oder etwas anderes beweisen könnten, 
sondern einfach deshalb, weil man sich in Deutschland in allerletzter Zeit 
mehr als in andern Ländern mit dem Index befai&t hat. Die deutschen 
Stimmen der Gegner des Index sind zahlreicher und lauter, wenn auch nicht 
wohlklingender als die ihrer ausländischen Gesinnungsgenossen. 

Zuerst war der evangelische Bund auf dem Plan und warf durch den Mund 
seines Redners Trümpelmann dem Index vor, daß er sich an Goethes „Faust" 
vergreife und diesen dem Deutschen untersage *. Auf der Tribüne des Parla- 
mentes ward dieser Anklage mehr Widerhall gegeben und dieselbe nur noch 
verallgemeinert vom Abgeordneten Hackenberg, der im März des Jahres 1902 
behauptete, „daß die katholische Kirche sich durch den Index gegen die 
großen Klassiker abschließe" ^. An mehr als einer Stelle dieser Schrift wurden 



» München 1899, 518. « Vgl. S. 109. » Vgl. S. 28 und 46. 

* Vgl. Köln. Volkezeituiig 3. Okt. 1900, Nr 894. 

^ Vgl. ebd. 10. März 1902, Nr 224. — S. oben S. 113 f 126. 



174 Deutsche Stimmen. 

diese und ähnliche Anklagen sozusagen statistisch widerlegt. Es ist t 
gezählt worden, was und wie wonig von der deutschen Literatur im In 
namentlich verboten ist; ein Werk Goethes, auch der , Faust* findet i 
nicht und fand sich nicht darunter. Nicht in Rom, sondern anderswoi 
Goethes „Faust" von der Zensur im 20. Jahrhundert beschnitten! Überhi 
wird es schwer halten, im ganzen Index wahrhaft klassische Werke irg 
einer Literatur aufzuspüren. Ebenso wurde oben noch b>9sonders hervorgehe] 
wie nachgiebig, tolerant, bis an die Grenze gehend die Kirche sich wirk 
klassischen Werken gegenüber verhält, selbst wenn sie unsauber, unsittlich 8 

Anderseits schätzt und schützt die Kirche mehr die Moralität und 
Hgiosität des Volkes als jene äußerst zweifelhafte formelle Bildung, wd 
ein gefahrliches klassisches Werk vielleicht zu geben vermag. Lehrt oder 
pfiehlt ein Werk den Selbstmord, so ist dasselbe von der katholischen Kii 
untersagt, ebensowie staatlicherseits den Ärzten untersagt ist, Mittel : 
Selbstmord ihren Patienten anzuraten und auszuliefern. Dabei verschlägl 
durchaus nicht, daß der Arzt etwa der tüchtigste Mediziner der berühmt» 
Universität oder der Verfasser jenes Werkes der größte Dichter seines Vol 
und seines Jahrhunderts ist. Die katholische Kirche verbietet Schriften 
Bücher, welche die Erlaubtheit der Ehescheidung vortragen, ob der Verfiu 
nun Bebel heißt oder den Namen eines großen Gelehrten trägt. Trotz 
evangelischen Bundes, der sich ja nach dem Evangelium benannt hat, k 
die katholische Earche nie so bildungsfähig sein, daß sie ein Werk gestatt 
welches sich am Evangelium vergreifend Gottes Wort zu einem Mensdi 
gebilde machen will, und mag der Schreiber Katholik oder Protestant s 
Historiker oder Literat, Philosoph oder Theolog, imd mag er den ersten 1a 
stuhl der Gottesgelehrtheit inne haben* 

Zur Wahrung und zum Schutze der Bildung und des Wohles eines Vol 
dient an erster Stelle der Schutz von Religion und Sittlichkeit, die Hüb 
jener göttlichen Normen der Wahrheit und Reinheit. Und das gerade 
zweckt die Kirche mit ihrem Index und ihrem Bücherverbot. 

Die deutsche Presse hat sich bald nach der Herausgabe mit dem In 
Leos XIII. befaßt. Es brachten eine mehr oder weniger eingehendere 
sprechung der Editio Leoniana in Köln-Berlin die „Deutschen Stimmen'' \ 
München die „Allgemeine Zeitung" ^ ^n^ Jn Wien die „Neue Freie Pres« 
Einiges Lob fiel dabei für die Neuausgabe ab, jedoch waren mehr alte ' 
neue Anschuldigungen des Index und des kirchlichen Büchergesetzes 1 
gemischt. Insoweit dieselben etwas Neues bringen, besonders Einzelhei 
über und gegen den Index, soll^ sie hier noch berücksichtigt werden. 1 
darf ja erwarten , daß die genannten Blätter und ihre Leser der Belehr 
und Aufklärung auch über den Index zugänglich sind. 

Die „Neue Freie Presse" hat den alten und neuen Index vor Au 
und schreibt auch im allgemeinen vernünftiger als der amerikanische Bit 



> Köln, 1. Februar 1901, Nr 21, S. 650—656. 

' München, 5. Februar 1901, Nr 36, Morgenblatt. 

» Vgl. «Das Echo«, Berlin, 10. Januar 1901, Nr 958, S. 109. 



Die ,Neae Freie Presse*. 175 

gnpb. Gleichwohl bringt sie noch folgende Sätze und Anklagen zu stände: 
,Aiif dem alten Index stehen unter anderem die Psalmen des Königs Da- 
vid .. . und Dantes , Göttliche Komödie' . . . ; von Heine stehen sämtliche 
Sterke auf dem Index . . ., ohne weiteres sind z. B. alle Schriften von 
Cetzem verpönt, die »grundsätzlich oder gelegentlich* über Religion und alle 
hre Themata handeln. Das trifft offenbar den größten Teil jener Literatur, 
reiche nicht katholisch ist."" 

Auf S. 7 des der »Neuen Freien Presse* vorliegenden neuen Index 
ieet man, daß Bücher von Nichtkatholiken, die ex pro f es so über Religion 
landein, verboten sind. Man liest dort weiter, daß Bücher derselben Autoren, 
reiche die Glaubens Wahrheiten nur gelegentlich berühren, nicht verboten 
Bnd. Die »Neue Freie Presse** sagt das gerade Gegenteil. Verboten sind 
)ben — was ja wohl selbstverständlich ist — alle wirklich häretischen Bücher 
^digiösen, theologischen Inhalts. Daß aber diese den größten Teil der ganzen 
ikatholischen Literatur ausmachen, wird im Ernste keiner behaupten wollen. 
Wbs von Heine auf dem Index steht und stand, ist zu lesen auf S. 154 der 
Bditio Leoniana und oben ^ ausführlich angegeben worden. Jedenfalls kann 
nan die vier dort verzeichneten Schriftchen nicht Heines sämtliche Werke 
wonen. Und doch tut dies die »Neue Freie Presse**. Will dieselbe sagen, 
laß die sämtlichen Werke Heines vom ersten bis zum letzten vollständig 
nutttlich und unsauber, nur Schmutz enthalten, so wäre allerdings die ganze 
leinesche Poesie durch ein allgemeines Dekret verboten, welches aber, weil 
Iberdies Forderung des Naturgesetzes, Heiden und Israeliten, Nichtchristen 
md Christen schon ohne allen Index verpflichtet. Im übrigen verfuhr man 
fflderswo nicht so gnädig mit Heine und seinen Werken als in Rom. Es 
wifit im Bundesratsbeschluß vom 10. und 11. Dezember 1835: „. . . Zugleich 
»ben wir beschlossen, daß rücksichtlich der sämtlichen literarischen Erzeug- 
Btte des H. Heine , welcher bereits zu verschiedenen Bücherverboten Anlaß 
l^ben hat und dessen bisher erschienene Schriften fast sämtlich bedenk- 
•chen Inhalts sind, sie mögen erscheinen wo und in welcher Sprache es sei, 
Swelben Maßregeln eintreten, welche in Beziehung auf die Schriften von 
hjfekow^ usw. verordnet sind." 

Als 1831 Heines Nachträge zu den Reisebildem (jetzt 4. Teil der »Reise- 
ilder*) herauskamen, in denen von Friedrich dem Großen die Rede ist, als 
^ »Federigo dem witzigen Gamaschengott von Sanssouci, der die preußische 
(onarchie erfunden und in seiner Jugend recht hübsch die Flöte blies und 
'teh firanzösische Verse gemacht hat'', da schrieb der preußische Zensor G. v. 
^Ätüner sofort an die Minister des Innern, des Kultus und des Auswärtigen. 
Q semer Anzeige bezeichnet er das Buch „als alles übersteigend, was mir 
^n gotteslästerlichem Frevel je vorgekommen*, nennt es „Scheusal von 
dirift'' und sagt: „der auf den ersten Blick sich kundgebende arge Geist des 
nches riet mir an, meine Denunziation zu beschleunigen''. 

> 8. 126. « Nach einem Edikt vom 14. November 1835 wurden 

a) sämtliche erschienenen und noch erscheinenden Verlagsartikel der Löwenthalschen 
ehbandlmig in Mannheim, 

b) Bftmtliche Schriften von Gutzkow, Wienbarg, Laube, Hundt verboten. 



176 ^'ö »Neue Freie Presse". 

In den Jahren 1844 und 1845 regnete es förmlich Bücherverbote in den 
deutschen Staaten auf Heines „Deutschland", »Neue Gedichte*, «Buch der 
Lieder", „Lobgesänge auf König Ludwig". Doch war Heine selber am meisten 
empört, als am 28. Dezember 1841 der gesamte Verlag von Hoffmann und 
Campe in Preußen verboten wurde. Am 28. Februar 1842 schrieb er an 
Campe: „Die Ungerechtigkeit, die man gegen Sie ausübt, übersteigt alle Be- 
griffe, und der Zorn, den ich darüber empfinde, hat nicht blofi darin seinen 
Grund, weil auch meine Interessen zugleich gekränkt sind. Sie wollen meine 
bestimmte Meinung? Nun so hören Sie: Ich rate zu einem offenen Ejieg 
mit Preußen auf Leben und Tod. In der Güte ist hier nichts zu erlangen. 
Ich habe, wie Sie wissen, die Mäßigung bis zum bedenklichsten Grade ge- 
trieben, und Sie werden meinen Rat keiner aufbrausenden Hitzköpfigkeit zu- 
schreiben. Ich verachte die gewöhnlichen Demagogen und ihr Treiben ist 
mir zuwider, weil es zunächst immer unzeitig war; aber ich würde den 
schäbigsten Tumultuanten jetzt die Hand bieten, wo es gilty den Preußen 
ihre infame Tücke zu vergelten und ihnen überhaupt das Handwerk zn 
legen." 

Daß Dantes „Göttliche Komödie" nie auf einem Index stand und nicht 
auf dem neuen steht, sei denn auch hier noch einmal zum Überfluß der 
„Neuen Freien Presse" versichert, da sie selbst die ihr vorliegenden Indices 
daraufhin nicht prüfen will oder kann. Die schlimmste biographische Blöße 
gibt sich aber das Blatt aus Wien, wenn es die Psalmen Davids im 
Index findet. Gewiß kann man im alten und im neuen Index die Worte 
lesen: il Salmistä secondo la biblia und Salmi (sessanta) di David. 
Es könnten aber gerade am besten semitische, israelitische Schriftsteller es 
wissen, wie die Psalmen vielfach zur Weihe von Amuletten und zu fthnlichen 
Zwecken mißbraucht wurden und daß unter dem „Salmistä" des Index sich 
ein derartiges abergläubisches Schriftchen birgt. Was aber die ,60 Psalmen 
Davids "" angeht, so sollte das Blatt nur den ganzen Titel lesen und wieder- 
geben und es wird sofort klar, warum diese Psalmen des Königs David auf 
dem Index stehen. Es handelt sich oben hier um eine gereimte italienische 
Übersetzung von 60 Psalmen des Häretikers Giovanni Diodati, wie das alles 
in dem neuen Index S. 272 deutlich zu lesen ist. 

Ganz in ähnlicher Weise stehen die Evangelien mehr denn zehnmal auf 
der Liste der verbotenen Bücher. Evangelienübersetzungen, auch von Katho- 
liken verfaßte, wurden verurteilt, die bekannte von Quesnel gar durch 
Brevo und Bulle Clemens* XL Unter Testament und Testamente, unter Reuß, 
Lamennais und Lasserre finden sich solche und unter Leander van Ess auch 
eine deutsclic. Im übrigen wird jeder Unparteiische es einzig richtig und 
selbstverständlich finden, daß die Kirche, welche Psalmen und Bibel mit 
dem Evangelium in der Tat für Gottes Wort hält, das ihrer Hut anver- 
traut worden ist, mit heiliger Eifersucht diesen Schatz wie ihren Augapfel 
scliützt. Soll man schon KiHiigsworte nicht drehen und deuten, wie muß 
die Kirclie nicht strenge sein, sobald man das ihr anvertraute Gotteswort 
mit Monscliensinn und Menschonw^ort mengen und mischen will. Wie die 
Erfalirung auf akatliolischer Seite lehrt, ist, wenn irgendwo, dann in diesem 



Maximilian Claar. 177 

Punkte Bücherverbot und Bücherzensur von selten der rechtmäßigen, von 
Gott dazu gesetzten Obrigkeit ein Ding der Notwendigkeit. 

Die Besprechung des neuen Index in den ,, Deutschen Stimmen" und in 
der «Münchener Allgemeinen Zeitung* stammt aus derselben Feder. Wie 
schon bemerkt, enthält dieselbe einige anerkennende Worte für die Neuord- 
nung des Index Leos XIU. Jedoch obzwar in Rom selbst geschrieben von 
Dr Maximilian Claar, ist sie nicht minder reich an Unrichtigkeiten und 
Irrtümern. 

»In der Tat,* so heißt es hier, ,hat die Verfügung — gemeint ist die 
neue allgemeine Regel 10 über den Gebrauch klassischer Werke — bereits 
die für uns Deutsche erfreuliche Wirkung gezeitigt, daß vor allem Goethe, 
dann aber auch andere deutsche Autoren, z. B. Freiligrath, vom Index ver- 
schwunden sind.* «Von Heinrich Heine, dem von der hochweisen Eomission 
die Hintertüre des poetischen Wertes verschlossen worden ist, stehen dennoch 
nicht alle Werke auf dem Index.* Weiter entdeckt Dr Claar alsdann im 
neuen Index die Gesamtwerke Samuels von Pufendorf, obgleich es auch hier 
nur ein gesundes Auge will, um zu sehen, daß dies nicht der Fall ist. Die 
zehnte allgemeine Regel findet bei Heine, über den und dessen Werke oben 
schon genug gesagt ist, wie bei jedem andern klassischen Verfasser un- 
sauberer Werke Anwendung, ob letztere nun wegen ihres unsittlichen 
Inhaltes namentlich auf dem Index stehen oder nicht. Ebensowenig wie 
Goethes Name hat auch der Freiligraths jemals auf dem Index gestanden ^ 
Freiligraths Name stand dagegen seiner Zeit auf einem ganz andern als 
dem römischen Index. Beispielshalber ergingen in Preußen, Sachsen, Eur- 
hessen, Anhalt-Dessau, Sachsen- Weimar-Eisenach , Sachsen -Meiningen allein 
1844 und 1845 wenigstens acht verschiedene Verbote über Freiligraths 
Schriften: „Ein Glaubensbekenntnis* und „Leipzigs Tote*. 

Die Arbeit des Dr Claar ^ hat zu all ihren Mängeln und Fehlern auch 
noch das Mißgeschik, eine Reihe deutscher Namen, die im Index stehen sollen. 



^ S. oben S. 113 f 126 173 f. — Wenn es hier ein um das andere Mal zur Steuer der 
Wahrheit gegenüber den immer wiederkehrenden falschen Behauptungen betont werden muß, 
daß von Rom kein Werk Goethes je namentlich verboten ward oder auf dem Index 
stand, ist damit nicht jede Schrift des Dichters, weil sie Goethes Namen trägt, für jeden 
Leser als einwandfreie Lesung erklärt oder ihm gar als solche empfohlen. Der Dichter selber 
wflrde das am wenigsten gutheißen. Kein anderer als der 80jährige Goethe erzählt ja in 
yEckermanns Gesprächen" am 3. April 1829: »Von meinem ,Werther' erschien 
sehr bald eine italienische Übersetzung in Mailand. Aber von der ganzen 
Auflage war in kurzem auch nicht ein einziges Exemplar mehr zu sehen. 
Der Bischof war dahinter gekommen und hatte die ganze Edition von 
den Geistlichen in den Gemeinden aufkaufen lassen. Es verdroß mich 
nicht, ich freute mich vielmehr über den klugenHerrn, der sogleich ein- 
sah, daß der ,Werther' ffir die Katholiken ein schlechtes Buch sei, und 
ich mußte ihn loben, daß er auf der Stelle die wirksamsten Mittel er- 
griffen, es ganz im stillen wieder aus der Welt zu schaffen" (Johann 
Peter Eckermann, Gespräche mit Goethe II ^ Leipzig 1876, 68). 

' Die jugendliche Weisheit, welche vom „Altare der reinen Unvernunft" redet und über 
,die hoohweise Kommission" zu Gerichte sitzt, spricht ebenso aus der Stelle, welche den 
Hllgeri, Der Index Leos Xni. 12 



178 ^^^^ Lehmann und der Index. 

ganz entstellt wiederzugeben, gerade als wenn der Verfasser die früheren 
Indices wegen ihrer Druckfehler auf diese Weise entschuldigen wollte. Auf 
S. 654 und 655 ist die Rede von Vischinger, von Lasaula, Lieber, Beihel, Ditles. 
Im neuen Index Leos XIII. sind solche deutsche Namen nicht zu finden, wohl 
aber die richtig geschriebenen Oischinger, von Lasaulx, Huber, Reichel, Dittes. 

Zur Elire der „ Münchener Allgemeinen Zeitung^ muß aber bemerkt wer- 
den, daß sie die Sätze der ^Deutschen Stimmen'' nur teilweise aufgenommen 
hat, wodurch sie vor einer Anzahl der oben erwähnten Unrichtigkeiten be- 
wahrt blieb. 

Alles in allem gereichen also auch die deutschen Kritiken ebensowenig 
dem Index zur L'nehre, wie sich selbst zur Ehre. Auch sie strotzen von 
Unkenntnis und sogar kindlichen Irrtümern. Vielleicht ist die Ausrede noch 
möglich, daß die angeführten Gegner des Index nicht Männer von Fach 
sind; nicht Gelehrte. Es ist nicht unsere Sache, über diese Frage zu ent- 
scheiden. Aber zu guter Letzt, im gefährlichen Augenblick ist ja in deutsche 
Landen der Mann der Wissenschaft, der Historiker und Universitätslehrer 
Max Lehmann aufgestanden, um dem Index und dem Büchergesetz den Todes- 
stoß zu vereetzen. Mit ihm und seinem Angriff muß sich unsere Arbeit noch 
befassen. 

Max Lehmann und der Index. 

Die Anklagen des Professors Lehmann gegen das Büchergesetz sind an 
den richtigen Stellen dieses Buches bereits' gewürdigt bzw. widerlegt worden. 
Hier erübrigt es noch, den heißblütigen Schlußpassus des Göttinger Professors 
über den Index unverkürzt zu geben ^. In den preußischen Jahrbüchern des 
20. Jahrhunderts schreibt Lehmann: 

schwäbischen Jesuitenpater Ehrle Konsultator für deutsche Bücher sein Ifißt. Dieeelhe 
enthält drei Fehler, wofür sie von jedem Redakteur auf den Index gesetzt werden mBfite. 
Der Satzbau klappt nicht. KonsuUatoren gi))ts nicht und P. Ehrle ist zwar Schwabe, aber nie 
weder Konsultator noch auch Konsultor des Index für deutsche Bücher gewesen. 

* Temperamentvoll hebt der Jahrgang 1902 der Preußischen Jahrbücher an: «Die Zensor 
ist abgeschafft : so verkünden in der einen oder andern Fassung die Grundgesetze aller Knltnr- 
Völker. Ist sie es wirklich?" 

Die Türkei und Rußland nebst Preußen unter Friedrich IL bis zum Jahre 1848 werden 
sich zunächst bei Professor Lehmann dafür bedanken, nicht zu den Kultnrvölkem gezihlt 
zu werden. 

Der deutsciie , Goethebund' mit dem ganzen Anhang, der da gegen die lex Heinz« war. 
antwortet dem Herrn Professor auf seine Frage: Mit nichten: in Berlin haben wir nicht 
bloß noch Tlieaterzensur, die nicht schläft, uns aber rasend macht, wie die Proteste und die 
Versammlungen gegen das Ver))ot von Paul Ueyses Maria von Magdala beweisen, aondtra 
ebendort waltet auch die Polizei nach den Paragraphen des deutschen Reichspreßgesetiet 
mit präventiver Beschlagnahme ihres Amtes, wie das Deutsche Fahndungsblatt Ton Woche 
zu Woche kündet. Hier werilen l)eispielshalber in dem einen Vierteljahr Oktober bis De- 
zember 1902 77 Schriften verurteilt, also in drei Monaten mehr Bücher als das fmchtbare 
Rom in zehn Jahren von 1>^90 an bis auf diese Stunde durch den Index verboten hat. Ja in 
Berlin redet man von ^der unheimlich regen Tätigkeit der Zensur*. 

1 1 von L e i X n r . der wieder Jesuit noch Ultramontaner noch auch Zentmms- 
mann ist, beantwortet die Frage Lehmanns in der Unterhaltungsbeilage zur Tigl. Rundschau 
(Kühl. Volkszeitung, Literarische BeiInge 1903. 133 f; vgl. 156 f) in anderer Weise: Mit 



Max Lehmann und der Index. 179 

»Unfehlbar will sie sein, diese Papstkirche, alles will sie ihren Gläu- 
bigen ersetzen, auch die Wissenschaft, auch die Nationalität. Sie beleidigt 
im Grunde alle Nationen: sie proskribiert den Franzosen ihren Voltaire und 
Rousseau, den Italienern ihren Guicciardini und Giordano Bruno, den Eng- 
ländern ihren Hobbes und Gibbon, den Niederländern ihren Hugo Grotius, 
am ärgsten aber spielt sie doch den Deutschen mit. Schweigen wir hier von 
den Beschimpfungen», welche sie gegen diejenigen Deutschen richtet, welche 
die Alleinherrschaft des Papstes gebrochen haben, ihr Haß richtet sich auch 
gegen diejenigen Führer unserer Nation, die einer Zeit angehören, da der 
konfessionelle Gegensatz verblaßt war. Der Index librorum prohibitorum in 
seiner durch den gegenwärtigen Papst im Jahre 1900 festgestellten Fassung 
ächtet die Oeuvres du philosophe de Sanssouci, Kants Kritik der reinen Ver- 
nunft, Kankes Geschichte der Päpste. Der größte deutsche König, der größte 
deutsche Philosoph, der größte deutsche Historiker. Hütten, wenn du heute 
aus jenen reinen Regionen, wo es weder Inquisition noch Scheiterhaufen, 
weder päpstliche Zensurgesetze noch bischöfliche Zensurgerichte gibt, auf uns 
herniedersiehst, wie wird es dir zu Mute sein bei diesem neuen Ternio? 
Würde er sich nicht herrlich fügen in deinen unsterblichen Vadiscus ? Weiltest 
du beute unter uns, wie zornig würdest du fragen : Wer gibt den Kurtisanen 
das Recht, einzubrechen in das den Deutschen verfassungsmäßig verbürgte 
Recht der Zensurfreiheit? Wie finden sie den Mut, die größten Deutschen 
zu beschimpfen, als wären sie Kumpane Alexanders VI. gewesen? Wo sind 
die deutschen Bischöfe, die sonst von Loyalität überfließen, geblieben, als es 
galt, Verwahrung einzulegen gegen die Proskribierung des großen Friedrich?** ^ 

Also die preußischen Jahrbücher I Alexander VI. hat ein eines Kirchen- 
fürsten und Papstes unwürdiges Leben geführt; dafür ward er von katho- 
lischen Schriftstellern an den Pranger gestellt. Es gibt keinen Katholiken, 
der Alexanders Leben kennt und es gutheißt. Professor Hollweck nannte 
in seiner Abhandlung gegen Professor Lehmann Alexander VI. einfachhin 



nichten ; es gibt verfaseangsmäßig eine Zeitungszensur ; aber sie schläft in Berlin und Deutsch- 
land! Dann versucht er mit seiner sehr vernünftigen Abhandlung „Die schlafende Zen- 
sur'' zu wecken, indem er vor ganz Deutschland die Woche für Woche dort öffentlich ver- 
kauften 50000 gemeinen Hefte der Witzblätter und das ganze ^Schweineschrifttum'' an den 
verdienten Pranger stellt — denunziert! Er hat anderes Pathos als der Programmartikel 
der preußischen Jahrbücher 1902. Hängen müßte sie, diese ganze Bande! so ruft er über 
diese Schmatzschriften und Pomographen aus, während Lehmann von den reinen Regionen 
spricht, in denen sich Hütten bewegt! 

Das Sozialistengesetz des Jahres 1878 hat eine dritte Antwort auf die Frage des Pro- 
feMors Lehmann. Nach zwOlf Jahren ist das Gesetz am 30. September 1890 erloschen. Von 
•einem Wirken zeugt und wird zeugen der Index sozialdemokratischer Druckschriften, im 
amtlichen Auftrage bearbeitet von Dr Otto Atzrott (s. oben S. 17 u. 72, A.) Dieser Katalog 
meldet, daß trotz aller „Grundgesetze der Kulturvölker '^ im deutschen Reiche innerhalb zwölf 
Jmhren beim Ausgange des 19. Jahrhunderts genau so viele sozialdemokratische Druck- 
aeliriften auf Grund dieses einen Gesetzes verboten wurden als von Rom, dem Papste, der 
Inquisition, der Indexkongregation im ganzen 19. Jahrhundert Bücher aus aller Herren Länder 
and ans allen Wissenszweigen verurteilt und auf den Index gesetzt wurden. Also alles in 
allem: Ist die Zensur abgeschafft auf deutschem Grund und Boden? Nicht so ganz! 

^ Preußische Jahrbücher, Januar 1902, 8. 

12* 



130 Lehmann und die Denunziation. 

einen Schandfleck für den Stuhl Petri. Alexander VI. hat als Kardinal auf 
die ernsten Mahnungen Pius' II. hin sich zu entschuldigen gesucht, indem er 
im Briefe an den Papst diesen glauben machte, sein Treiben sei ihm zn 
schwarz dargestellt worden. Alexander VI. hat weder als Kardinal noch als 
Papst unsittliche Bücher geschrieben für die Mit- und Nachwelt, die ganze 
Generationen verseuchen konnten. Noch viel weniger hat der unfehlbare 
Papst Alexander VI. irgendwie und irgendwann eine Lehre aufgestellt, die 
der christlichen Glaubens- oder Sittenlehre zuwider wäre. 

Luther war Mönch und Priester, er hatte als solcher das Gelübde der 
Jungfräulichkeit feierlichst übernommen. Luther hielt nicht sein heiliges Ver- 
sprechen, er lehrte viele beiden Geschlechtes, Mönche und Nonnen, seinem 
Beispiele folgen. Luther tat mehr; er war Stifter einer neuen Religion und 
erkläile als solcher sogar die Bigamie für erlaubt. Die Aktenstücke dazu, 
diese Breven Luthers existieren annoch und lassen sich durch kein Verbot) 
kein Auf-den-Index-setzen aus der Welt schaffen oder ungeschrieben machen \ 
Luther trug überhaupt Grundsätze und trägt sie in seinen Werken hente 
noch vor, mit denen nach der Aussage eines protestantischen Theologen* 
„gar keine christliche Moral bestehen konnte ''. 

Hütten ist an der Lustseuche gestorben; er schrieb unflätige Briefe 
und Bücher. Professor Lehmann versetzt dafür den unsittlichen Raubritter 
in „jene reinen Regionen'', wo aller moralische Schmutz, nur kein Index sein 
darf ^ und läßt ihn von da aus die deutschen Bischöfe schmähen wegen ihrer 
„ Loyalität ''. Das aber ist eidlich beschworene Pflicht der deutschen Bischöfe, 
und wenn heutzutage in ihren Diözesen einer aufstände mit Brandreden und 



^ Der Reformator von Wittenberg schrieb nicht bloß gegen Papst und Kirche in ge- 
meingefUhrlicher Weise,' seine Schriften gegen Kaiser und Reich, gegen Fürsten und Bauen 
wären, vor zwei Jahrzehnten geschrieben, dem deutschen Index (1878 — 1890) nicht entronnen, 
und heute veröffentlicht, wUrde das , Deutsche Fahndungsblatt* sie in seiner n&chsten Nummer 
vermerken, ebenso wie manche oder alle Schriften Huttens, selbst abgesehen von der verloreo 
gegangenen „Wider die Tyrannen". — Vgl. Döllinger, Die Reformation II, Regensbo^ 
1848, 42ßff; Kirchenlexikon IIP 327 344 f; Janssen-Pastor, Geschichte des deataebes 
Volkes II *^ Freiburg 1897; Schreckenbach, Luther und der Bauernkrieg, Oldenbnrg 
1895; N.Paulus, Luther und die Polygamie in Literarische Beilage der KOln. Volkazeitniig 
Kr 18 vom 30. April 1903, 131 ff. 

* Stau dl in, Geschichte der christlichen Moral. Göttingen 1808, 209. 

^ „Hütten, der ,edel Dichter', nennt den Papst einen Banditen und die Rotte dieses 
Banditen heißt Kirche. Was säumen wir noch? Hat denn Deutschland keine Ehre, hat es 
kein Feuer? Rom ist die Seele aller Unroinigkeit , die Pfütze der Ruchlosigkeit, der uner- 
schöpfliche Pfuhl des Bösen; und zu seiner Zerstörung sollte man nicht, wie um einem ge- 
meinen Verderben zu wehren, von allen Seiten zusammenlaufen, nicht alle Segel anfspanoen. 
alle Pferde satteln, nicht mit Feuer und Schwert losbrechen ?* " — Anderswo schreibt er and 
gibt den Rat: ^Den Papst für den Antichrist zu halten und die Kardinäle für die Apostel 
des Teufels, die römischen Kurtisanen und ihre Anhänger müsse man wQrgen und töten, die 
Pfaifen schlagen oder treten, den Überbringern geistlicher Befehle die Ohren abachneideo 
und wenn sie wiederkämen, die Augen ausstechen.** 

Das ist eine Probe jener klassischen Poesie aus den reinen Regionen, die Lehmann 
vom Index bedroht sieht, jener Klassizität, um die er uns deutsche Katholiken durch den 
Index nicht gebracht sehen will. Vgl. Janssen -Pastor, Geschichte des deatschen Volkes 
VI >« 245—250. 



Friedrich 11. und die Zensur. 181 

Flugschriften, die zu einem Bauern- oder Religionskriege fiUiren müßten, oder 
einer mit voltairianischen Doktrinen und Oeuvres, die einer Revolution wie 
jener bekannten Tür und Tor öffnen müßten, gewiß, die deutschen Bischöfe 
wären unter ihrem Eide verpflichtet, nicht bloß solche Bücher zu verbieten, 
sondern auch diesen Schriftsteller beim König in Berlin zu denunzieren trotz 
Lehmann, der mit so viel Emphase vom , verfassungswidrigen Handwerk der 
Zensur und dem schändlichen Werke der Denunziation** spricht ^ 

Lehmann schiebt der Gehässigkeit wegen ein um das andere Mal den 
großen Friedrich vor — doch wohl nicht, um in Berlin den Index Leos XIII. 
zu denunzieren?! 

Allein vom größten deutschen König steht eigentlich nichts auf dem 
Index. Was da gemeint sein kann, ist vorhin 2 genau aufgezählt und ge- 
würdigt worden; es sind wenige wälsche Sachen des Schülers Voltaires, bei 
deren unwiederbringlichem Verlust das deutsche Volk sicherlich keine Hand 
rühren, keine Träne weinen, die deutsche Literatur sicherlich um keine 
Perle ärmer würde. 

Jedoch auch französische Kritiker, sonst Friedrich und seinem einzigen 
Genie mehr als zugetan, nennen seine Poesien, besonders die Oeuvres du philo- 
sophe de Sanssouci, „extr^mement m^diocres*', und sie fügen hinzu, man könne 
nicht daran zweifeln, daß Friedrich in der Tat die Zeit anders besser hätte 
benutzen sollen, wenn er auf seinen Ruhm bedacht sein wollte 3. 

Wie Friedrich über die deutsche Literatur dachte, das hat er nicht 
verheimlicht und es der Nachwelt überliefert in seiner Abhandlung, welche 
von Thi^bault in der Akademie der Wissenschaften vorgelesen, vom dama- 
ligen Eriegsrat und Archivar Dohm auf des Königs Befehl ins Deutsche 
übertragen wurde. Es ist eine Schrift von 80 Oktavseiten, welche 1780 bei 
Decker in Berlin erschien unter dem Titel: „De la Litterature Allemande; 
des d^fauts qu'on peut lui reprocher; quelles en sont les causes; et par 
quels moyons ont peut les corriger". Selbst I. D. E. Preuß, der ganze Bücher 
schrieb» um fUr die unverkürzte Ausgabe aller Schriften Friedrichs 
zu begeistern, sagt von jener Abhandlung, um dieselbe gegen die vielen ge- 
lehrten Kritiker * in Schutz zu nehmen, auch nur, daß „unser Philologe Wolf 
eine gewichtige Stelle aus derselben zu einer vortrefiTlichen akademischen 
Vorlesung benutzt hat. Und so**, fährt er fort, „wird der vaterländische 



' Und das tat der Professor einer deutschen Hochschule in einem Aufsatze, der die 
^Römisch-katholische Zensur zu Anfang des 20. Jahrhunderts'' zur Anzeige bringt, um, wie 
am Schlüsse unverblümt bedeutet wird, «eine gelehrte Gesellschaft Deutschlands' [die königl. 
Oesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen] durch solche Präventivdenunziation davon ab- 
zuhalten, «einen rOmisch-katholischen Bischof' [den Kardinalfürstbischof von Breslau] ,in ihre 
Mitte aufzunehmen*. ' S. oben S. 143. 

• Biographie universelle (öd. Michaud) XV, Paris 1816, 575; vgl. Fredöric Gode- 
froy, Histoire de la Litterature fran^aise, XVIII« sieclo, prosateurs', Paris 1879; 172—179. 

* Vgl. Friedrich der Große als Schriftsteller, Berlin 1837, 218 344—348, wo Preuß 
eine ganze Reihe solcher aufführt, die in eigenen Schriften sich gegen des Königs Abhand- 
lung wandten; dazu gehörten neben Grimm, „der in seinem Briefe an den König fein wie 
ein Hofioiann, aber aufrichtig wie ein Patriot für die deutsche Literatur sprach**, Justus Moser 
und Johannes v. Müller. 



182 Friedrich IL und die Zensur. 

Gelehrte auf Friedrichs wohlgemeinte Abhandlung immer gern zurückkehren, 
weil ihr echter Patriotismus, klassische Originalität eigen sind, so wenig der 
Verfasser allerdings die deutsche oder preußische schöne Literatur , wie sie 
seinen Siegen und dem Geiste seines Jahrhunderts folgte, kannte/ * 

Schillers Verse über Friedrich sind bekannt 2, aber auch Goethe schrieb 
1781 ein „Gespräch über deutsche Literatur' gegen den Preufienkönig, das 
sich nicht mehr finden läßt ^. Übrigens hatte Friedrich sich schon einige Jahre 
vorher über Goethe ausgelassen und dessen „Götz* »Une imitation detestable 
de ces niauvaises pieces anglaises, pleine de degoütantes platitudes^ ' genannt 
Da traf er also Englands grüßten Dichter und Goethe mit einem Schlag, wof&r 
letzterer im Briefe an Mosers Tochter devotest schreibt: »Wenn der König 
meines Götz in Unehren erwähnt, ist es mir nichts Befremdendes." * 

Die mittelalterliche deutsche Poesie fand noch weniger Gnade bei Fried- 
rich. Christoph Heinrich Müller, angeregt durch Bodmer, gab 1782 — 1785 
drei Bände „Sammlung deutscher Gedichte aus dem 12., 13. und 14. Jah^ 
hundert" heraus. Die Sammlung enthielt an erster Stelle die Nibelungen- 
ausgabe, welche Friedrich gewidmet war. Als aber im Februar 1784 der Pa^ 
zival erschien, ging dem armen Herausgeber unter dem 22. jenes Monates das 
königliche Schreiben zu: „Ihr urtheilet viel zu vortheilhaft von den Gedichten 
aus dem 12., 13., 14. Saeculo, deren Druck Ihr befördert habt und zur Be- 
reicherung der deutschen Sprache für so brauchbar haltet. Meiner Einsicht 
nach sind solche nicht einen Schuß Pulver werth, und verdienen nicht aus 
dem Staube der Vergessenheit gezogen zu werden. In meiner Büchersamm- 
lung wenigstens würde ich dergleichen elendes Zeug nicht dulden, sondern 
herausschmeißen. Das mir davon eingesandte Exemplar mag daher sein 
Schicksal in der dortigen großen Bibliothek abwarten. Viele Nachfrage aber 
verspricht demselben nicht euer sonst gnädiger König." ^ 

In dieser Weise zensierte Friedrich Shakespeare, den großen Briten, Wolf- 
ram von Eschenbach und Goethe — und Lehmann fühlt sich nicht beleidigt?! 

Ja selbst „der große Franzose", der Begründer der neuen Bildung, 
auch Voltaire kam nicht ungeschoren davon. Voltaire hatte seine „Diatribe 
du docteur Akakia*" geschrieben, eine Satire gegen den Präsidenten der Ber- 
liner Akademie der Wissenschaft, Maupertuis, wodurch Friedrich sich tiefer 
verletzt fühlte als durch Schmählibelle gegen seine Person. Der König 
kannte den Verfasser sehr gut, der nach wie vor zu Potsdam bei den ge- 
wöhnlichen Soupers erschien. Der Buchhändler hatte alles bekannt. Nichts- 
destoweniger schwört Voltaire „auf sein Leben, daß alles nur eine abscheu- 
liche Verleumdung sei. Er verlangt nur Gerechtigkeit und den Tod** ^. Aber 

1 A. a. 0. 21s. = S. oben S. 144. 

' Alexander Baum gart nor, Goethe P, Freiburg 1885, 467. 

* Kbd. 63. 

^ Onno Klopp, Der König Friedrich II. von Preußen', Schaffbanaen 1867, d04. 
Vgl. Allgem. deutsche Biographie XXII, Leipzig 1S85, 521. 

^ Vgl. K reiten, Voltaire ^ 821. — Der volle Titel der Satire ist: Diatribe da doe- 
teur Akakia, niedecin du Pape; decret de Tlnquisition et rapport des profesaeara de Rome 
au snjet d*un pretendu prcsident. Home [Berlin] 1752 in 8". 



Kant. 18a 

als er sah, daß eine schwere Geldbuße und selbst Spandau drohte, lieferte 
er selber die ganze Auflage des «Akakia'' dem Könige aus, .der sie dann 
vor den Augen des Verfassers im königlichen Kabiuet verbrennen ließ". Zu- 
gleich mußte Voltaire in Friedrichs Gegenwart an die Buchhändler in Holland 
schreiben, die dortige Ausgabe des »Akakia' zu verbrennen ; ferner verlangte 
der König eine schriftliehe Erklärung Voltaires, nie mehr gegen Frankreich, 
das dortige Ministerium und gegen Maupertuis schreiben zu wollen. Allein 
bald langten neue Ausgaben aus Holland und Dresden in Preußen an, und 
Briefe meldeten, daß die Broschüre, in Paris zu Tausenden verbreitet, das 
Ergötzen der ganzen gebildeten Welt von Madrid bis Petersburg ausmache. 
Was tat Friedrich? ,Der Fürst der Aufklärung ließ am 24. Dezember 1752 
das ihm verhaßte Libell auf den öffentlichen Plätzen von Berlin durch Hen- 
kers Hand verbrennen. Auch vor Voltaires Hause am Gensdarmenplatz 
brannte ein Scheiterhaufen, allein der Dichter soll beim Anblick der Flammen 
hämisch bemerkt haben : , Verlorene Mühe ! Die armen Teufel sind schon von 
neuem auf dem Weg nach Holland.^ In der Tat hatte er trotz des gege- 
benen Versprechens in Holland eine neue Ausgabe des „Akakia" eingefädelt.^ ^ 
Der große Friedridh aber, der Gönner der Jesuiten, war zugleich Ver- 
ehrer und Bewunderer des damaligen Kardinalpräfekten der römischen Index- 
kongregation. Hier braucht nur noch einmal des oben erwähnten Briefes 
Friedrichs H. ^ an den Kardinal Querini gedacht zu werden. 

Und nun der gi*ößte deutsche Philosoph! Er wurde vom Nachfolger 
Friedrichs IL, von Friedrich Wilhelm IL wahrlich nicht so glimpflich be- 
handelt wie vom römischen Papste. 

Spät, erst 1827, als Kants „Kritik der reinen Vernunft** durch Über- 
setzung auch in Italien Eingang fand, wurde das Buch, und nur dieses, vom 
Index verboten. Man hatte Zeit genug gehabt, das Buch mit seiner neuen 
Philosophie zu prüfen. In Berlin ging man energischer vor; am 1. Oktober 
1792 erschien die Kabinetsordre : „Unsere höchste Person hat schon seit ge- 
raumer Zeit mit großem Mißfallen ersehen, wie Ihr Eure Philosophie zur 
Entstellung und Herabwürdigung mancher Haupt- und Grundlehren der Hei- 
ligen Schrift und des Christentums mißbraucht. Wir haben uns zu Euch 
eines Bessern versehen, da Ihr selbst einsehen müßt, wie unverantwortlich 
Ihr dadurch gegen Eure Pflicht als Lehrer der Jugend und gegen Unsere 
Euch sehr wohl bekannte landesväterliche Absicht handelt. Wir verlangen des 
ehestens Eure gewissenhafteste Verantwortung und gewärtigen uns von Euch, 
bei Vermeidung unserer höchsten Ungnade, daß Ihr Euch künftighin nicht der- 
gleichen werdet zu Schulden kommen lassen, sondern vielmehr Eurer Pflicht 
gemäß Euer Ansehen und Eure Talente dazu anwenden, daß Unsere landesväter- 
liche Intention je mehr und mehr erreicht werde, widrigenfalls Ihr Euch bei fort- 
gesetzter Renitenz unfehlbar unangenehmer Verfügungen zu gewärtigen habt.^ 
Zugleich mußten sämtliche Lehrer der theologischen und philosophischen 
Fakultät einen Revers unterschreiben, nicht über Kantsche Religionsphilosophie 
zu lesen. 



» S. Kreiten a. a. 0. 317—322. « S. oben S. 168. 



284 RAnke, Voltaire und Rousseau. 

Das klingt ganz anders als das kurze warnende Verbot des Index. QewiB 
haben sich die Zeiten geändert, aber die Haupt- und Grundlehren der Hei- 
ligen Schrift und des Christentums nicht, auch nicht Kants Kritik der reinen 
Vernunft, wie sie im Buche vorlag. Die Papstkirche ist sich jedenfalls kon- 
sequent geblieben. 

Allein selbst wenn der König von Preußen Kant für sein Buch den 
schwarzen Adlerorden verliehen hätte, würde er damit wahrhaftig nicht dem 
Papste sein Recht nehmen können oder wollen, jenes Buch zu prüfen, und 
wenn es ihm notwendig erscheint, alle gläubigen Katholiken davor mit seinem 
Verbote zu warnen, nebenher gerne bereit, jedem Philosophen und Theologen 
die Erlaubnis zum Studium des Buches zu erteilen. Wie die wahre Philo- 
sophie Fundament der Theologie, so mufä ein falsches philosophisches System 
auch Quelle religiöser theologischer Irrungen werden ^ Die Irrtümer des Her- 
mesianismus und Güntherianismus ergaben sich beispielshalber aus falscher 
Philosophie. Die von Christus gesetzte Hüterin und Lehrerin der Theologie 
hat wohl Recht und Grund, nicht jede Philosophie in ihre Schulen, in ihre 
Bücher eindringen zu lassen. 

Und nun der grollte deutsche Historiker! Rankes römische Päpste 
stehen auf dem Index. Weiter nichts! Sollen es etwa die römischen Päpste 
stillschweigend hinnehmen, wenn das Papsttum selber in seinen Vertretern 
vom größten deutschen Historiker dargestellt worden, so daß dabei nicht nur 
ihre Person, sondern auch die Sache, die sie vertreten, Verfassung und Lehre 
der katholischen Kirche nach der falschen Auffassung des Gegners geschildert 
und herabgesetzt wird? Der Papst will nicht Hof-Historiographen. Pastor 
hat eine Papstgeschichte geschrieben; er hat selbst über Alexander VL die 
ungeschminkte Wahrheit gesagt, er kam nicht auf den Index, er bedurfte 
auch keiner Zensur, sondern erhielt ein belobendes päpstliches Breve. Will 
der Historiker Lehmann nach den Quellen ein wahres Geschichtsbild der Päpste 
des 16. und 17. Jahrhunderts geben: der Papst hat ihm sein Geheimarchiv 
dazu eröffnet. So liberal, so freisinnig, frei von jeder kleinlichen Zensur ist 
noch kein anderes königliches Archiv, kein Fürst gewesen trotz des 20. Jahr- 
hundeiis^. Also steht der Papst, welcher den neuen Index herausgab, zu 
den Männern der Wissenschaft und den Geschichtsschreibern jeder Richtung! 

^ Unfehlbar will sie sein, diese Papstkirche!'' Nein! Im Index und im 
Bücherverbot will sie das nicht sein! „. . . Sie beleidigt im Grunde alle 
Nationen, sie proskribiert den Franzosen ihren Voltaire und Rousseau/ Also 
Max Lehmann glaubt Frankreich beleidigt, wenn Schriften wie die Voltaires 
und Rousseaus von der Kirche den Gläubigen als geßihrliche bezeichnet wer- 

* Vgl. hiezu ^ Babel und Bibel', Delitzsch und Harnak, Kaiserrede und Kaiaerbrief. 

' Wenn Lehmann nun einmal über Bücherzensur und Bttcherverbot achreiben wollte, 
lag ihm das Gute unendlich viel näher. Er weiß doch, wie gewisse Dokumente des Luther- 
museums und das Testament Friedrichs des Großen zu Berlin gehütet werden, weiß auch, 
vi'ie der Faust, ehe er auf die Berliner Bühne kommt, von der Zensur beschnitten wird. Abo 
.der größte deutsche Dichter', ^der grüßte deutsche König**, ,,der grüßte deutsche Mann' in 
der deutschen Zensur des 20. Jahrhunderts. Vgl. Histor.-polit. Blfttter CXXIX, Mfinchn 
1902, 183 tf. 



Voltaire und Rousseau. X35 

y von denen sie sich fern halten sollen! Wunderbar kann es scheinen, 

Professer Lehmann von Göttingen kommen muMe, um anderthalb 
^rhundert nach dem Verbote dieser Schriften eine solche Ent- 
kung zu machen und sich als Rächer des beleidigten Frankreich auf- 
rerfen K 

Der Leser darf aber auch wissen, was Lehmann nicht sagt, daß nicht 
nal alle Werke Voltaires und Rousseaus namentlich auf dem Index stehen ^. 
^rdies wird es von Nutzen sein zu erfahren, dai^ das nach Lehmann so tief 
rankte Frankreich, von 1716 angefangen, ein Werk nach dem andern 
dem einen wie dem andern, bald im Parlament, bald im Conseil d'etat, 
i in der Sorbonne verurteilte und verbot und durch Henkershand ver- 
nnen ließ. Rousseaus „Emile^ ward 1762 sowohl in Paris als in Genf 
1 Henker verbrannt, der Verfasser in beiden Städten zum Kerker verurteilt. 

In der Sitzung des Schulrates zu Bern am 31. Oktober 1783 wird darauf 
gewiesen, daß bereits „vor etwa zehn Jahren zwei Werke des H. v. Vol- 
e als die „Pucelle d'Orleans' und dessen „Dictionaire philosophique^ auf 
ehl der hohen Regierung durch den Scharfrichter verbrannt worden und 
sen sämtliche übrigen Schriften, welche die Religion ansehen, bei hoher 
rf verbotten worden**. Das Exemplar von Voltaires „Dictionaire philo- 
liique* (portatif) in der Baseler Bibliothek trägt die vielsagende Inschrift: 
ber impius Religioni christianae, Summis imperantibus, bonis moribus oppo- 
Sy Combustus per Carnificem Parisiis, Genevae, Hagae Comitum et Bernae.*' 

Am Pfingstfeste 1716 ward der 22jährige Voltaire von den Häschern 
rrascht in die Bastille abgeführt, wo er bis zum April des folgenden Jahres 
Monate lang wegen seines Pasquilles büßen mußte, nachdem er unmittelbar 
her wegen schmutziger Spottverse bereits einen Verbannungsbefehl er- 
ben hatte, der ihn nach Tülle vertrieb ^. Auf diese Weise begann Voltaire 
le Schriftstellerlaufbahn. 



^ Voltaire war selber nicht gerade zart bei der Proskription ihm mißliebiger Meister- 
ke und mochten sie einer Nation angehören, welcher immer sie wollten, Frankreich nicht 
^schlössen. 

Homer ist für Voltaire ,ein Schwfttzer, unlesbar, sterblich langweilig, ohne Affekt 
Gef&hl, tief unter dem Tasse und dem Ariost stehend*; Virgil «kalt, unangenehm*; 
Qte ,ein Narr*, sein Werk ,ein Monstrum, obgleich es Päpste in die Hölle setzt*; 
ton ,ein Barbar, der in zehn Büchern harter Verse einen Kommentar über das erste 
itel der Genesis schreibt, ein grober Nachahmer der Alten*; Shakespeare «ein be- 
kener Dorfbansworst' ; Camo^ns .nicht wert, von Laharpe übersetzt zu werden* ; Gor- 
11 e last not least ,der Vater des Galimatias und des Theaters*, den Voltaire „bald als 
t bald als Karossengaul* behandelt (K reiten a. a. 0. 525 f). 

Wie Voltaire über «die alte Schlange Rousseau* und über Rousseaus Werke dachte 

sprach, schrieb und log, ist sattsam bekannt. Er nennt sich selber einen der erklärtesten 

ide Ronsseans (K reiten a. a. 0. 145 f). — Die deutsche Sprache war ihm überhaupt 

Sprache auch in Berlin nur «pour les soldats et pour les chevaux; L'allemand il n'est 

«saire que pour la route (Lettre de Voltaire ä M. de Thibouville 24 oct. 1750). — Die 

11er, Goethe, Lessing waren ihm und seiner Zensur weniger als ein Tintenklex wert. 

int Voltaires Zensur. 

* VgL S. 95. Rousseau steht mit fünf Schriften auf dem Index. 
» Vgl. Kreiten a. a. 0. 31 f. 



186 Giordano Bruno. 

Peignot ^ verzeichnet aus den Jahren 1716 — 1776 von Voltaire 38 Schriften 
oder Werke, welche in Frankreich verboten, verbrannt und unterdrückt wur- 
den und fiigt denselben noch 27 andere desselben Verfassers hinzu, von denen 
er mit Gewifaheit sagen kann, daß sie des Scheiterhaufens ebenso würdig 
waren wie jene 38, aber nicht mit Gewißheit, ob auch diese wirklieh ver- 
urteilt wurden. 

Man sollte meinen, daß Frankreich und die Franzosen — wäit davon 
entfernt, sich beleidigt zu fühlen — die Indexverbote wie den fernen "Wider- 
hall ihrer eigenen Gedanken und Wünsche freudig begrüßen mußten. Allein 
sagen wir besser: Nie hat ein Schriftsteller sein eigenes Land und Volk in 
so unsagbar schamloser Weise beleidigt und nie so tief in den der Nation 
heiligsten Gefühlen gekränkt, wie jener von der Revolution apotheosierte 
Philosoph von Ferney sein Vaterland Frankreich in der Schrift, die auf dem 
Index steht: „La Pucelle d'Orleans, poeme heroicomique. Decr. S. Offic. 
fer. V, 20 ian. 1757\ 

Vor diesem Inquisitionsdekret müßte jeder Mann von Ehre den Hut 
ziehen. „Die ,Pucelle^ ist ebensosehr ein antipatriotisches als ein laszives und 
blasphemisches Gedicht.** ^ 'Wer aber solchen Schmutz noch verteidigen und 
Frankreich noch gewahrt wissen will, der kränkt die französische Nation au& 
tiefste und spricht sich selber das härteste Urteil. Es kann keinen anstän- 
digen Franzosen geben, der sich nicht solcher Schriften seiner Landslente 
schämte, der nicht froh wäre, wenn der Henker auf dem Scheiterhaufen mit 
dem Buche auch das Andenken daran für immer getilgt hätte. In dem Bap* 
port des Bücherzensors zu Paris vom 29. September 1826 über die , Oeuvres 
eompletes de Voltaire'' Avird dieser „le grand corrupteur'' genannt, und 
verschiedene Werke Voltaires wurden damals (1825) verboten; „La PuceUe 
d'Orleans" aber ward 1822, 1842 und 1845 immer wieder aufs neue za 
Paris von Staats wegen verurteilt; dabei wird sie bezeichnet als „Üette exe- 
crable production*" und „Cette oeuvre infame". Man mag über die frühere 
Staatszensur und die Handhabung der staatlichen Bücherverbote Überhaupt 
Ulieilen, wie man will, wird aber dennoch dem Zensor in Bern recht geben, 
wenn er am 5. Februar 1759 über die neue Edition der Pucelle sagt, dafi 
sie „das Äußerste enthalte, was in Unreinheit und Spötterei könne ausgedacht 
werden" ^. 

Alle Nationen, auch die Niederlande, auch England, auch Italien sind 
vom Index und Leo XIII. schwer beleidigt in Hobbes, Hugo Grotius, Gibbon, 
Guiccardini und Giordano Bruno ! Würde ein Anarchist oder Sozialist schärfster 
Richtung in dieser Weise als Ehrenretter und Rächer Giordano Brunos auftreten. 

* Peignot a. a. 0. 11 185 ff. « Krciten a. a. 0. 129. 

' Professor Dr Haag zu Bern zeigt sich im Archiv für Geschichte der PhiloMpUt 
(Neue Folge VHP 166 tf) wahrlich nicht als Freund der Bücherzensur ; aber zu Voltaint 
Pucelle bemerkt er ausdrücklich: ^Und in der Tat muß man ihm [dem Schulmt za Berz] 
zustimmen, wenn er sagte, daß ,dicselbe das Äußerste enthalte, was in Unreinheit und SpGtteni 
ausgedacht werden kOnnte." Nach dem Inhalt des Dictionaire philoeophique begreift Pro- 
fessor Haag es auch, .daß der Papbt am 8. Juli 1765 das Buch auf den Index libromm pro- 
hibitorum setzte* (S. 177). 



Hugo Grotius. 187 

es wäre verständlich. Hier klagt ein Geschichtsforscher und ein Universitäts- 
professor Rom und das Papsttum nicht etwa der Grausamkeit und Harther- 
zigkeit an wegen der Hinrichtung jenes Auswurfes der Menschheit, sondern 
der Beleidigung, einem ganzen Volke zugefügt, weil der Papst den schrift- 
stellerischen Unrat dieses unsaubern Menschen von eben dieser Nation fern- 
gehalten wissen will! Lehmann spricht in einem fort von „Ächtung*, von 
»Proskription'*, von „Beschimpfung*", von „Brandmarkung** durch den Index 
und dessen Verbote ! Was tut der, welcher sich also zum Anwalt der Werke 
des Giordano Bruno macht? Schweigen wir davon, daß er damit das Papst- 
tum und die katholische Kirche beschimpft, die italienische Nation tief ver- 
letzt; aber brandmarkt er sich nicht selber? Es sei gestattet, so im Stile 
und mit den Ausdrücken Lehmanns zu reden. 

Hätte Lehmann wenigstens Namen wie Voltaire und Bruno weggelassen, 
man könnte ohne das Empfinden des geistigen Ekels, das solche Namen er- 
regen, wie mit einem wissenschaftlichen Gegner sich auseinandersetzen. 

Mehr als einmal ist im Verlaufe unserer Ausführungen die Bedeutung 
des Indexverbotes gezeigt worden. Nur mala fides oder mala voluntas kann 
es der Kirche, welcher, wie sie selbst fest für wahr hält, Christus seine Lehre 
anvertraut hat, verargen, wenn sie diese schützt und die Ihrigen vor ent- 
gegengesetzter Doktrin warnt. Gerade dann, wenn diese Lehrer mit gutem, 
wissenschaftlichem, gelehrtem Namen sich einführen, ist eine derartige War- 
nung am ehesten angebracht, weil die Gefahr am größten, wo das Gift am 
süßesten oder verborgensten. Mögen also die Namen Hugo Grotius, Guic- 
dardini, Gibbon in der gelehrten Welt noch so guten Klang haben, ihre Werke, 
die im Index verzeichnet sind, können nur zu leicht gefährlich und schädlich 
sein für nicht wissenschaftlich geschulte oder halbgebildete Leser. Den an- 
dern gibt die Kirche gern Erlaubnis zur Lesung. 

Aber auch hier läßt sich anders entgegnen. Oder weiß Professor Leh- 
mann gar nicht, wie England selbst sich zu Hobbes stellte und wie die Nieder- 
lande zu Hugo Grotius und später zu Spinoza, der auch auf dem Index steht 
und auch ein Schützling Lehmanns ist? 

Hugo Grotius, ein Name von gutem Klang, „einer der größten Gelehrten 
des 17. Jahrhunderts*, der als Zwölfjähriger die Universität Leyden bezog 
und dort der Freundschaft des berühmten Scaliger gewürdigt war. Mit 
17 Jahren begleitete er Johann von Oldenbameveld auf einer Gesandtschafts- 
reise nach Frankreich und ward dort von Heinrich IV. als le miracle de la 
Hollande ausgezeichnet K Und nun stieg er schnell an Ansehen und Würden 
als Staatsmann und Gelehrter. Er schrieb viele tüchtige W^erke auf den ver- 
schiedensten Gebieten des menschlichen Wissens. 

Von Hugo Grotius sind jedoch durchaus nicht alle Werke verboten, ja 
eines derselben, vielleicht das berühmteste, jedenfalls das bekannteste, war 
zwar auf den Index gesetzt, ist jetzt aber von Leo XIII., wie oben 2 erwähnt, 
freigegeben. Hauptsächlich sind die theologischen Werke des Grotius ver- 



> Eirchenlezikon V* 1299 f. Vgl. Baumgartner, Joost van den Vondel, Freiburg 
1882, 85 ff 127 ff 145. « S. 109. 



Igg Hugo Grotius. 

urteilt und der Grund des Verbotes ist natürlich bei allen im Grunde ein 
religiöser. Denn wie sehr auch Grotius sich dem Katholizismus näherte, er 
rang sich nicht durch und seine Werke enthalten nicht die katholische Lehre. 
Weil eben Grotius überall den Mittelweg suchte, weil er die streng dogma- 
tische Beweisführung beiseite ließ und das herausgriff, «was, wie Luden sagt, 
dem Menschen Ruhe, Trost und Freudigkeit geben mag im irdischen Leben 
und ihm eine fröhliche Aussicht eröffnen in die Dunkelheit der unendlichen 
Zukunft'', wurden seine Bücher sehr beliebt und gesucht. Daher kam es, 
dal3 besonders seine Erklärung des Alten und Neuen Testamentes erst recht 
in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Deutschland zu Ansehen kam. 
Daher kam es auch, daß seine Opera theologica noch 1757 verboten wurden. 
Je irenischer die Werke des Grotius sind, je mehr der Verfasser bedauerte, 
daß die Reformation die Kirche geteilt hatte, um so eher können sie täu- 
schen, um so eher war eine Warnung angebracht, wie hoch Rom sonst den 
Gelehrten achten und schätzen mochte. 

Die neueste Auflage der Real-Enzyklopädie für protestantische Theologie 
behauptet noch (1899)^ frischweg, daß alle, welche meinten, Grotius hätto 
zur römischen Kirche hingeneigt, ihn nicht begriffen hätten. 

Diese Darstellung und Auffassung von protestantischer Seite zeigt wenig- 
stens, daß Rom nicht mit Unrecht die religiösen, theologischen Ansichten des 
Grotius als unkatholisch verwarf. Und diesen Schluß kann man aus der 
obigen Darstellung ziehen, auch wenn man dieselbe als unvollständig und 
uniichtig nicht gelten läßt. 

Der Jesuit Petavius, der langjährige Freund des Grotius, war davon 
überzeugt, daß nur der schnelle Tod seinen Freund daran hinderte, den letzten 
Schritt zu tun und den Übergang zur katholischen Kirche zu vollziehen*. 
Daß Grotius sich immer mehr der katholischen Lehre zuneigte, beweisen am 
besten seine Gegner aus der Schar seiner Glaubensgenossen, die ihn mit 
Schmähschriften bedachten, weil ihnen seine Werke schon zu katholisch oder 
zu römisch waren. Selbst Gelehrte und gute Freunde wie Vossius und Sal- 
masiuä verließen ihn aus diesem Grunde. Als er deshalb von Stockholm her 
nach einem Schiffbruch bei Danzig ans Land geworfen schwerkrank nach Ro- 
stock kam und hier zwei Tage nachher in der Nacht vom 28. zum 29. August 
1645 starb, wollten ihm die lutherischen Prädikanten kein Grab in der Haupt- 
kirche zu Rostock gönnen, weil er im „unrechten Glauben" gestorben sei. 
Das Dazwischentreten der Studenten erzwang jedoch das Begräbnis. 

Schlimmer war es dem „getreuen Holländer' in seiner eigenen Heimat 
ergangen, in dem Holland und bei den Holländern, die nach Max Lehmann 
sich jetzt noch beleidigt fühlen müssen, weil der Papst zu Rom des Grotius 
Lehre nicht für echt katholisch hielt. 

Grotius, von einem Anhänger des Arminius erzogen, Freund des greisen 
Üldenbarnevold, stand wie dieser im Streite der Arminianer und Gomaristen 
ganz auf Seiten der crsteren und verteidigte dieselben mit Geschick in seinen 
Schriften. Dafür traf ilm denn auch ein ähnliches Los. Oldenbameveld, hoch- 

» VIP 202. » Kirchenlexikon V« 1305. 



Hobbes und Spinoza. 189 

verdient um sein Vaterland, ward ohne Beobachtung der Rechtsformen von Moritz 
von Oranien 1618 in Haft genommen, zum Tode verurteilt und hingerichtet. 
Grotius, ebenfalls eingekerkert und wie Oldenbameveld beschuldigt, Staat und 
Kirche aus eigennützigen Absichten in Gefahr gebracht zu haben, erwartete 
dasselbe Urteil, wurde aber zu lebenslänglichem Kerker begnadigt und seiner 
Güter beraubt. Bis zum Jahre 1621 safs er auf Schleif Loevestein gefangen, 
seine Freunde versorgten ihn mit Büchern zu seinen Arbeiten. Da gelang es 
seiner Frau Maria von Reygersbergh; den Gefangenen in einer Bücherkiste 
am 22. März 1621 aus dem Kerker nach Gorkum zu schaffen. Als Maurer 
verkleidet floh Grotius von hier nach Antwerpen und dann nach Paris, wo 
er ständigen Aufenthalt nahm bis zum Jahre 1631. Der neue Statthalter 
war ihm nicht ungünstig, Grotius hoffte heimkehren zu können. Er begab 
sich auch nach Rotterdam, aber mußte bitter enttäuscht dem Yaterlande von 
neuem den Rücken kehren und nach Hamburg flüchten. Schweden nahm ihn 
1634 gastfreundlich auf, wie früher Frankreich. 

Wie wenig aber das Verbot des römischen Index Grotius selbst be- 
leidigte, geht aus der Tatsache hervor, daß 1626 bereits einige seiner Schriften 
in Rom verurteilt waren und der Verfasser sich dennoch von da ab immer 
mehr Rom und der katholischen Lehre näherte. 

Wer an dem großen Gelehrten gesündigt hat, das war das cahinistische 
Holland, das war Moritz von Oranien und die Synode von Dordrecht, „die 
ansehnlichste Versammlung, welche die reformierte Kirche jemals gehalten". 
Hier in Dordrecht und bis über den Tod des Grotius hinaus wurden dessen 
theologische Ansichten und Schriften mit dem Verfasser selbst von den Ultra- 
calvinisten aufs heftigste befehdet, während der katholische Joost van den 
Vondel dieselben laut preist und Grotius, seinen Freund, als „Hollands Herz** 
feiert. Hier in Dordrecht galt Calvin als unfehlbar, hinter ihm mußte selbst 
die Bibel zui-ücktreten. Hier ward Calvins harte Prädestinationslehre zum 
Dogma erhoben, 200 Prediger wurden abgesetzt, jede anticalvinistische Äuße- 
rung galt als Todesverbrechen, Oldenbameveld war schon aus diesem Grunde 
unter den Händen des Scharfrichters mit der Beteuerung seiner Unschuld 
gefallen, Konrad Vorstius wurde auf Antrag der Synode vollständig seiner 
Professur entsetzt, seine Bücher strenge verboten, Grotius sollte für ewig im 
Kerker schmachten. Noch 1631 brachten es die Zeloten dahin, daß ein Preis 
von 2000 fl. auf seinen Kopf gesetzt und 500 fl. Strafe dem angedroht wurde, 
der ihn beherbergte. 

Dies ist jenes in Grotius beleidigte Holland, über das ein Protestant, 
H. Heppe, in der Real-Enzyklopädie für protestantische Theologie schreibt: 
In der Synode zu Dordrecht habe eine eingebildete Orthodoxie mit borniertem 
Übermut eine vollkommen berechtigte Erhebung niedergetreten^. 

England, das unter Heinrich VHI. Luthers Werke und die Augsburger 
Konfession strenge verbot, verfuhr nicht zart mit Hobbes und seinem „Levia- 
than^. Als ein junger Gelehrter an der Universität zu Cambridge Hobbes' 
Thesen über das Naturrecht verteidigte, ward er streng bestraft und von 



' VII» 202; vgl. III« 682. 



190 Hobbes und Spinoza. 

der Universität verjagt. Dai^ die englischen Professoi'en von ganz England 
dagegen protestierten, wird nicht gesagt, wohl aber hört man, daß das Untei*- 
haus die Kommission against atheism and profaneness zu einer Untersuchung 
über atheistische und irreligiöse Scliriften, namentlich über Hobbes' „Levia- 
than*" aufforderte. Es erhob sich ein Sturm der Entrüstung gegen das Werk 
und die Verbote regneten auf dasselbe herab. Dasselbe reizte gegen seinen 
Verfasser alle Theologen, auch die seiner Konfession. Da Hobbes in Eng- 
land seine Werke nicht herausgeben konnte, tat er es zu Amsterdam: aber 
auch hier traf ein Verbot um das andere namentlich den »Leviathan'. 

Ja die Niederlande erst ein halbes Jahrhundert nach der Synode von 
Dordrecht! Protestantismus und Judentum, wie waren sie nicht einmütig im 
Kampfe gegen Spinoza und in der strengen Verurteilung seiner Werke I 

Freudenthal hat fast ein Buch angefüllt mit all den Verdikten nnd 
Verboten, mit denen Wilhelm Heinrich von Gottes Gnaden Prinz von Ora- 
nien und Nassau, Graf von Katzenellenbogen, die Staaten von Holland, der 
Hof von Holland, die Kircheuräte, die Synoden, die Magistrate um und um, 
auch die Universitätskuratoren und der Bürgermeister von Leyden Spinozas 
Wei'ke und Hobbes' „Leviathan" bedachten wegen ihres gotteslästerlichen, 
seelenverderbenden Inhaltes. Die Strafen, welche auf Übertretung dieser Vor- 
bote gesetzt wurden, waren nicht gering. 

Der furchtbare Bann, w^olcher am 27. Juli 1656 wider Baruch Espinoza 
im Tempel verkündet ward, schließt mit den Worten ^ r «Wir verordnen, dafi 
niemand mit ilim mündlich oder schriftlich verkehre, niemand ihm irgend eine 
Gunst erweise, niemand unter einem Dache oder innerhalb vier Ellen bei ihm 
verweile, niemand eine von ihm geschriebene oder verfaßte Schrift lese.*" 

1668 wird dann Adrianus Coerbach, rechtsgeleerde en docter mediane 
von Amsterdam ebendort vorgenommen und verhört wegen seines boeckie: 
„geintituleert 't Bloemhof van alderly lieflikkyt sonder verdriet, niet en heft 
gemaackf, das Spinozas Ideen zu enthalten schien. Und obgleich er beteuert, 
über das Buch gar nicht mit Spinoza gesprochen zu haben, überhaupt nnr 
einigemale bei ihm gewesen zu sein, so heißt es zum Schluß lakonisch und 
drakonisch ^ : 

.,Zehn Jahre eingeschlossen und danach auf zehn Jahre aus Holland, 
Seeland und Westvriesland verbannt zu werden. 

nDie Schöffen verurteilen den Gefangenen zu einer Buße von 4000 fl. 
Die Hälfte für den Herrn Offizier und die andere Hälfte für die Armen, 
außerdem noch in eine Strafe von 2000 fl. für die Kosten des Gefäng- 
nisses und Ausgaben, und die Bücher, die zu finden sind, sollen unterdrückt 
werden. 

.,So geschehen am 11. Mai 1668. In Gegenwart des Herrn Schulzen 
und aller Herren Schöffen, ferner des Herrn van Beuningen." 

Im Juli 1678 wendet sich die Synode von Süd-Holland zu Leyden 'wider 
die ^ Opera posthuma" Spinozas und andere anstößige Werke, dabei dankt 

^ Vcl. Froudenthal, Die Lebensgeschichte Spinozas 1899, 114 ff. 
- A. a. 0. 119 ff. 



Hobbes und Spinoza. 191 

sie dem Hof von Holland und den Herren Deputierten und namentlich auch 
den Herren Professoren für ihre rege Mitarbeit gegen diese sehr schäd- 
lichen Bücher: «Auch die Herren Professoren sollen Dank haben, da& sie 
so getreulich durchlesen, bestreiten und schreiben, die schädlichen Bücher 
widerlegen. . . Und es seien die genannten Herren Professoren ersucht, in 
ihrem guten Eifer fortfahren zu wollen." ^ 

Es hatten aber de Edele aghtbare beeren Curateuren over de univer- 
siteyt tot Leyden en burgemeesteren derselver stad op den 27 Juny 1678 ^ 
bereits in außerordentlicher Versammlung gegen Spinozas „Opera posthuma'' 
entschieden Stellung genommen, weil dieselben „viele sehr schändliche, gott- 
lose und heterodoxe Ansichten und Folgerungen enthalten, geeignet, die ganze 
christliche Religion und viele von den Artikeln des Glaubens umzustürzen 
und für einfache Menschen den Weg zum völligen Atheismus zu bahnen*". 
Das genannte Buch solle nicht allein öffentlich verurteilt werden, sondern 
alle Exemplare desselben, wo sie imme.r zu finden sein mögen, sollten auch 
als die einer gottlosen und heterodoxen Schrift verbrannt werden und einem 
jeden bei hoher Strafe verboten sein, diese Schrift bei sich zu behalten. 

Man zählt bei Freudenthal aus den Jahren 1656—1680 über -50 der- 
artige scharfe Verbote mit schweren Strafen gegen Spinozas Werke, in vielen 
derselben richtet sich das Verbot auch gegen den „Leviathan** Hobbes'. 

Also damals war die ganze gebildete Welt in Holland und England, 
Juden und^Protestanten, Parlament und Universität, Staat und Kirche, Bürger- 
meister und Professoren einig in der strengsten Verurteilung der Werke 
Spinozas und Hobbes' und im Verbote solcher Bücher. Ebendamals er- 
schienen auch im Index, wie es noch heute darin steht, das Verbot: „Hobbes, 
Thomas. Opera omnia. Decr. 5 oct. 1649, 29 aug. 1701, 7 mai 1703. — 
Spinoza, Benedictus de. Opera posthuma. Decr. 29 aug. 1690''. LäM sich 
vernünftigerweise annehmen, daß dadurch zwei Völker wie die Engländer 
und Holländer sich beleidigt fühlten, weil einmal Rom und die Katholiken 
so urteilten wie Juden und Protestanten in jenen Ländern? Hat denn die 
Art und Weise des römischen Verbotes vor den englischen und holländischen 
etwas besonders Herausforderndes an sich? Gewiig nicht! 

Wahr ist es ja, daß dieses kurze, knappe römische Verbot bessere Wir- 
kung gehabt bei den Katholiken und sich unverändert gleich geblieben ist, 
während man dies von jenen andern Verboten nicht sagen kann. Aber die 
Bücher Spinozas und Hobbes', ihre Philosophie hat sich doch ebensowenig 
geändert wie das Christentum sich ändern konnte; war also vor 200 Jahren 
ein Verbot" angebracht, warum sollte es heute beleidigen? Rom hat doch 
weder die englischen gelehrten Akademien noch auch die Professoren von 
Leyden bestimmt, ihre Ansichten zu ändern. Rom hat auch hier wieder einmal 
die Unwandelbarkeit seiner Lehre dargetan in schlichter, fester Weise. Hinc 
illae irae?! 

Aber Lehmann läßt Hütten fragen : „Wer gibt den Kurtisanen das Recht, 
einzubrechen in das den Deutschen verfassungsmäfaig verbürgte Recht der 



> Freudenthal a. a. 0. 182 f. « a. a. 0. 177 g. 



192 Die Zensur in Deutschland. 

Zensurfreiheit ?"* ^ Weiß denn Lehmann nicht, daß es im Eldorado der Yer- 
fassungsmäßigkeit beim Ausgange des 19. Jahrhunderts einen Index gab, der 
sich gegen die liberalen Doktrinen wandte? Wenn das Kleingeld der Sozia- 
listen, welches sie unter das Volk bringen, als Falschmünze zensuriert und 
verboten wird : die Prägung ist acht, nur das Metall taugt nicht, sie nahmen 
es aus der Esse des falschen Liberalismus. Oder wenn ein polnisches Schul- 
kind den Herrn Professor fragen würde , ob es auch das verfassungsmäßig 
verbürgte Recht ist, welches ihm den polnischen Katechismus verbietet? Beide 
Maßnahmen wurden und werden von liberalen Professoren der Universitäten 
belobigt und verteidigt. Wenn man da das Wort von der „Papstkirche' in 
Lehmanns Arbeit etwas ändern wollte und sagen: Allmächtig will er sein, 
dieser moderne Staat, alles will er seinen Untertanen ersetzen, auch die 
Wissenschaft, auch die Nationalität! Was könnte Lehmann darauf antworten!" 
Oder soll die Zensurfreiheit, die verfassungsmäßige, nur für Professor Lehmann 
und seine Kollegen gelten, die Bücherverbote aber nur für den sozialistischen 
vierten Stand und die polnischen Kinder? 

Doch selbst Professoren gibt man in Staatsbibliotheken und Archivai 
zu Berlin und anderswo nicht einmal alles in die Hand zur freien Verfügung 
und Benutzung. Man hat nie gehört, daß Professor Lehmann sich über diesen 
^ Einbruch in das den Deutschen verfassungsmäßig verbürgte Recht der Zen8U^ 
freiheit* beklagt hätte. 

Was wir überhaupt von staatlicher Zensur und den staatlichen Indices 
der neueren Zeit denken, ist früher schon gesagt worden. Unsere obigen 
Ausführungen sind vor allem und sollen sein argumenta ad hominem. 

Um jedoch den zuletzt erwähnten unwissenschaftlich -schwülstigen An- 
griff auf den Index mit seinen Bücherverboten, wodurch „die Nationalität 
ersetzt" werden soll, „der große Friedrich proskribiert wird*, „die natio- 
nale Ehre gröblich verletzt wird*, ,die größten Deutschen beschimpft wer- 
den'', noch besser zu beleuchten, möge es erlaubt sein, in zwei Sätzen da^ 



^ Die Zeitungen erzählten sich vor nicht so langer Frist, daß ein Offiiierskasino eist 
gewisse illustrierte Zeitschrift aus einem bestimmten Grunde einfachhin von seinen Rftnmliek- 
keiten ausgeschlossen und verboten habe. Und wenn das in allen Kasinos DeutacUands der 
Fall wäre, was ginge das den Universitätsprofessor Max Lehmann an? Wer gibt ihm du 
Recht, einzubrechen in das Hausrocht eines Offizierskasinos? 

Wer aber gibt den preußischen Jahrbüchern das Recht, einzubrechen in meine nnd 
jedes Katholiken persönliche Freiheit? Wenn ich lesen darf, was ich will, dann haW 
ich wohl auch die Freiheit, nicht zu lesen, was ich will! 

Und wer gibt dem Universitätsprofessor das Recht, einzubrechen in das den deutscbtt 
Katholiken vertragsmäßig verbürgte Recht ihrer freien Religionaübung? Sollen wir 
uns unsere kirchliche Büchergesetzgebung etwa von Professor Lehmann oder dem preufii- 
schen Staate vorschreiben lassen? 

Und endlich, wer gibt den preußischen Jahrbüchern das Recht, einznbreohen in das 
den deutschen Katholiken verfassungsmäßig verbürgte Recht der Zensnrfreiheit? Will 
man etwa katholische Kinder dazu zwingen, häretische Bücher zu gebrauchen nnd das diu 
Zensurfreiheit ncnuen? Oder will man wie in Kulturkampfszciten selbst pfipetliche Enzy- 
kliken und Aktenstücke mit polizeilicher Zensur uns vorenthalten und unterdr&cken ? Gewifi. 
das wäre Verbot katholischer Schulbücher, Zensur päpstlicher Dokumente: das wAre echt 
Josephinistische, echt napoleonische Zensurtyrannei! 



Yoraichtsmaßregeln der BibliothekeD. 193 

zustellen, wie z. B. in Paris in der Nationalbibliothek, die unter der Leitung 
<l68 berühmten Delisle steht, »die gröfiten Franzosen beschimpft' werden. 
Vor einigen wenigen Jahren wurde Schreiber dieses von dem genannten 
-Direktor der Bibliothek selbst persönlich den Unterbeamten vorgestellt und 
empfohlen. Zu meiner Arbeit bedurfte ich gar vieler seltener Bücher und 
daher mehr als andere der Beihilfe der Bibliotheksbeamten. Man war mir 
sehr zu Diensten zwei Monate lang Tag für Tag, und will ich hiermit 
auch öffentlich meinen Dank dafür aussprechen. Gegen Schluß meiner 
Anwesenheit daselbst bat ich um ein Buch Mirabeaus. Dasselbe ist eine 
gotteslästerliche und unsittliche Schrift über die Bibel, welche anonym er- 
schien und in dieser Ausgabe, die ich suchte, zu den größten Selten- 
heiten gehört; in Paris fand ich sie in zwei Bibliotheken. Aber als mein 
Zettel mit dem Titel des Buches an die Beamten der Nationalbibliothek 
kam, ward ich durch einen Bibliotheksdiener herbeibeschieden und es wurde 
mir eröffnet, daß sie nicht ohne weiteres solche Bücher ausliefern dürften; 
ich berief mich auf die Empfehlung des Direktors; es nützte nichts; man 
▼erlangte von mir eine besondere Erlaubnis vom Bureau und der Verwaltung 
der Bibliothek zum Gebrauch eben solch schlechter Bücher. Obgleich ich 
erstaunt war, solche vernünftige Vorsichtsmaßregeln in Paris und in der 
Nationalbibliothek zu finden, mußte es mich noch mehr überraschen, daß die- 
selben mit solcher Entschiedenheit ausgeführt wurden. Daß ich damals 
schon einen Vergleich zog zwischen dem römischen Index und dem Pariser 
Verfahren, lag schon deshalb nahe, weil jenes Werk Mirabeaus als einziges 
von ihm auf dem römischen Index steht. Eben dieses Buch wurde in Frank- 
reich später wenigstens zweimal neugedruckt und beide Male, 1826 und 
1868, nicht von Rom, sondern von der staatlichen Zensur in Paris verurteilt 
und vernichtet. 

EUer aber kann diese Reminiszenz jedenfalls dazu dienen, es klar zu 
machen, wie man in Paris an der Nationalbibliothek durchaus nicht das Ge-* 
fühl und das Bewußtsein hatte, durch ein solches Bücherverbot selbst einem 
Deutschen gegenüber den großen Franzosen Mirabeau beschimpft und die 
nationale Ehre gröblich verletzt zu haben. Ja in Paris und anderswo an den 
Bibliotheken und Archiven ^ gibt es auch heute noch Index und Bücherverbot ! 

Überhaupt ist das Recht, den Untergebenen bestimmte Bücher verbieten, 
vorenthalten, zensurieren zu dürfen, ebenso natürlich wie das Recht des Va- 
ters , des Erziehers und Lehrers, des Staates und der Kirche, welche ver- 
pflichtet sind, auch die viel kostbareren geistigen und geistlichen Oüter ihrer 
Untergebenen zu hüten und zu schützen. Es geht gar nicht an, auf ein solches 



^ Ludwig Geiger gab 1900 zu Berlin sein Buch heraus: «Das junge Deutschland und 
die preußische Zensur'. Dort erzählt Geiger auf S. 242, daß, als er zu seiner Arbeit die 
Akien der Mainzer Zentraluntersuchungskommission benötigte, diese ihm nicht so ohne wei- 
teres eingehAndigt wurden. Vielmehr zog erst das Reichskanzleramt Erkundigungen über den 
YarCMser [Geiger] beim Kultusministerium ein, daraufhin autorisierte der Reichskanzler den 
PolizeipräBidenten von Frankfurt, die gewünschte Erlaubnis auszustellen, und erst als Geiger 
diese in H&nden hatte, konnte ihm der Direktor der Frankfurter Stadtbibliothek, woselbst 
jene Akten aufbewahrt werden, dieselben zur Benutzung übergeben. 

Hilpert, Der Index Leos XIII. 13 



194 ^^^ Index und die Jesuiten. 

Naturrecht innerhalb der eigenen Rechtssphäre zu verzichten, denn ebensoweit 
reicht die strenge Pflicht. Wer darauf verzichten wollte, würde , unfehlbar 
dem Schicksale verfallen, das allen beschieden ist, die den vermeintlichen 
eigenen Vorteil höher stellen als das allgemeine Wohl, das Vergängliche höher 
als das im Wechsel Bleibende, den Moment höher als das Ewige*. Mit 
diesen Schlußworten des Professors Lehmann sei auch hier ein Schluß gemacht 

Der Index und die Jesuiten. 

Es ist hergebracht, den Index mit den Jesuiten in Verbindung zu setzoi. 
Gegen diese erhebt man bei Bekämpfung des kirchlichen Bücherverbotes und 
der Zensur den schwersten Vorwurf. Durch solche fiLampfesart gelingt es, 
den Index an erster Stelle nicht als Organ der Kirche, sondern als Werk- 
zeug einer Partei erscheinen zu lassen, um denselben nur noch gehässiger 
zu machen. 

9 Die Glieder der Hierarchie^, so schreibt Sachse^ noch im Jahre 1870, 
„waren natürlich dem neuen Leben, das sich infolge der Buchdruckerkunst 
in der zivilisierten Welt und namentlich in Deutschland entwickelte, gram 
und machten den ohnmächtigen Versuch, es im Keime zu ersticken. Es half 
ihnen nichts, die Buchdruckerkunst als ein Werk des Teufels zu verkünden, 
weil dadurch der wahre Glaube gefährdet werden könne. Unterdrücken liefi 
sich die neue Erfindung nicht, sie mußten sich damit begnügen, den Feind 
unschädlich zu machen. So erfanden sie die Bücherzensur, eine Erfindung 
ihrer würdig.' ^ „In ein neues Stadium trat die Bücherzensur in Deutsch- 
land, seitdem die Jesuiten Einfluß auf sie ausüben konnten.* 

Wiesner ist in seinen „Denkwürdigkeiten der österreichischen Zensur*' 
derselben Ansicht. Nach ihm „langten am letzten Mai 1551 unter Fühnmg 
des Lainez, eines Spaniers, zehn Brüder des Ordens in Wien an, dann folgten 
Jajus und Canisius. Obgleich die frommen Väter vorderhand an der Beauf- 
sichtigung der Presse nicht teilnehmen konnten, weil sie gröfitenteils fremdoi 
Nationen angehörten und der deutschen Sprache nicht mächtig waren, so 
äußerte sich doch ihr Einfluß auf die Beherrschung der Gewissen und Ge- 
danken bald nach ihrer Ankunft "". 



' Die Anfänge der Bücherzensur. Leipzig 1870, 6 7 51. 

' Es war die Kirche, ihre Diener und Würdentrfiger, welche die Erfindung Gntenbergt 
«Die göttliche Kunst", «Die heilige Kunst*, ,Da8 große und in der Tfti 
göttliche Geschenk* nannten und in diesem Sinne dieselbe überall, besonders in Rom 
und Italien förderten. Karl Faulmann (Illustrierte Geschichte der Baohdraekerkmit» 
Wien 1882, 170) zählt aus den Jahren 1450—1500 in dem Mutterlande der Erfindung, in 
ganz Deutschland und Österreich, 61 Druckstätten auf, findet aber zur selben Zeit in Italio 
deren 71 (vgl. Falk im Literarischen Handweiser 1882, 430). Eben weil dieses Werk der 
Vorsehung göttlichen Ursprunges, wollte die Kirche nicht, daß es entweiht, daß es mifibraadii 
werden solle zur Herstellung schlechter, gefährlicher Bücher. Hier hat die Bflelieneimr 
ihren Grund und Ursprung. Vgl. Franz Falk, Die Drnckkunst im Dienste der Kirchs 
Köln 1879; Pastor, Geschichte der Päpste II*, Freiburg 1894, 827 ff ; Janssen-Pastor» 
Geschichte des deutschen Volkes VIP"", Freiburg 1893, 623 ff. 

» Stuttgart 1847, 43. 



Urteile dentscher Historiker. jg5 

«Die Geschichte des deutschen Buchhandels von Friedrich Kapp ^'^ führt 
dsdami diesen Gedanken weiter aus : , Mit dem Einzug der Jesuiten in Wien 
begann eine neue Prefiverfolgung. In dem Mandat vom 1. August 1551 
wurden die alten [Zensur-] Erlasse neu eingeschärft, es galt, den Protestan- 
tismus völlig auszurotten/ „Die katholischen Gegenreformatoren siegten 
mit ihrer zähen Energie, aber ihr ,perinde ac cadaver' war nur durch Ver- 
oicbtung des Buchhandels zu erzwingen. " ^ 

Das wären nach der Darstellung deutscher Geschichtschreiber jene Send- 
linge Roms, welche, fanatischer als dieses selbst, vor dem ersten römischen 
bidex bereits in Deutschland mit der Zensur so furchtbar wüteten. Der Ge- 
danke liegt nahe, die Lainez und Canisius mit ihren Genossen als die In- 
spiratoren des römischen Index, vor allem als Urheber der Härte und Strenge 
der römischen Zensur anzusehen. Wie standen nun die Jesuiten in Wirk- 
lichkeit zur römischen Bücherzensur? 

Es ist wahr, daß die ersten Jesuiten in Deutschland bei der Gegen- 
reformation in Österreich und Bayern sehr tätige Mithelfer waren; es ist 
ebenso eine historische Tatsache, daß dieselben Ordensleute für die Schulung 
ind höhere Bildung wie für Buchdruck und Schriftstellerei in deutschen 
Landen sehr erfolgreich und segensreich ;mrkten. Was der eine Canisius 
— Lainez kam weder 1551 noch später nach Wien — in dieser Beziehung 
eistete, ist geradezu staunenswert^. Wenn die Sätze der Gegner von der 



' Leipzig 1886, 432 555. 

' Abgesehen davon, daß die obigen Verdikte dreier Historiker Widersprechendes und 
übertriebenes enthalten, und abgesehen davon, daß keiner der drei einen historischen Be- 
ireia f&r solch herbe urteile beibringt, bieten Wiesner nnd Kapp in ihrer weiteren Dar- 
(iellnng selbst manches, wodurch sie wenigstens Zweifel an ihrer Darstellung erregen. Von 
lern Mandat des 1. August 1551 muß Wiesner eingestehen, daß es eine ganz andere mildere 
Tonart anschlägt als die frttheren, und Kapp bemerkt dazu: , Ferdinand, der anfangs mit den 
«liärfsten Strafen gegen die Presse vorgegangen war, wurde mit jedem Jahre milder.' Über 
Ferdinands Nachfolger schreibt er an derselben Stelle: «Maximilian IL war toleranter und 
lamenÜich gerechter gegen Andersdenkende als sein Vorgänger Ferdinand und sein Nach- 
olger Rudolf II.' Vgl. Kapp a. a. 0. 555 und 575. — Zur Rechtfertigung der Jesuiten 
Q Wien dient an erster Stelle die aktenmäßige Darstellung „der kirchlichen Bücherzensur in 
ler Erzdiözese Wien' von Dr Theodor Wiedemann im , Archiv für österreichische Ge- 
chichte' L, Wien 1873, 211—292. 

' Von der Briefsammlung des sei. Canisitis, welche im Erscheinen begriffen ist, liegen 
etzt schon drei schwere Bände vor, vollendet wird sie das zwei- oder dreifache umfassen. 
He bloße Aufzählung seiner andern schriftstellerischen Arbeiten mit ihren verschiedenen 
ausgaben nimmt in der Ordensbibliograpbie von P. Karl Sommervogel 35 große Quartseiten 
jn. Im Jahre 1555 veröffentlichte er seinen , Inbegriff der christlichen Lehre' und ließ dem- 
elben später seinen .kleinen Katechismus für Katholiken' und den kleinsten für Kinder und 
leute aus dem Volke folgen. Als er starb, hatte dieses sein Buch bereits über 200 Auflagen 
md es war schon ins Böhmische, Bretonische, Englische, Französische, Griechische, Italie- 
daehe, Polnische, Schottische, Schwedische, Slavische, Spanische, Ungarische übersetzt. All- 
oontiglioh, wenn man in deutschen Landen «Das allgemeine Gebet' spricht, tut man 
• mit den Worten, dem Gebete, das Canisius in diesem seinem Katechismus niederschrieb 
vf^ Brannsberger, Canisii Episi et Acta II, Friburgi Brisgoviae 1898, 695 ff). 

Was Canisius in jOngeren Jahren dem gelehrten Martin Cromer, späteren Bischof von 
Irmland, im Briefe vom 9. April 1556 so eindringlich ans Herz legte: „Geben Sie sich doch 
odlich daran, mit der Feder die Sache Christi und der Kirche zu verteidigen, kämpfen Sie, 

13* 



196 Der hl. Ignatiua. 

Unterdrückung des Buchhandelß irgendwie einen vernünftigen Sinn haben 
sollen, können sie nur behaupten wollen, daß in den Landen der Gegen- 
reformation hauptsächlich durch die Bemühungen der Jesuiten die protestan- 
tischen Bücher und Schriften durch gut katholische verdrängt und ersetzt 
wurden. 

Es ist auch wahr, daß, wenn jemals die Jesuiten auf den rOmischen 
Index einen Einfluß ausübten, dies nur zur Zeit der Lainez und Canisius ge- 
wesen sein kann. Diese Beziehungen der Jesuiten zu den ersten römischen 
Indices offenzulegen, ist schon deshalb von Bedeutung, weil dadurch ein 
großes, vielleicht das wichtigste und noch ziemlich dunkle Stück der Index- 
geschichte aufgeklärt wird. Gegen die Quellen unserer Darstellung werden 
die Gegner keine Einwendung erheben können. 

Der erste römische Index mit seiner Bücherzensur erschien in den letzten 
Tagen des Jahres 1558 oder in den ersten des folgenden Jahres 1559. Wenn 
man denselben in sich betrachtet oder ihn vergleicht nur mit allen folgenden 
römischen und absieht von einer Gegenüberstellung dieser römischen Zensur 
zu der gleichzeitigen in deutschen protestantischen Landen, so mufi man ihn 
sehr strenge nennen. Das tat man auch von katholischer Seite alsbald 
nicht bloß in Deutschland, wo nutn die Strenge wegen der Orts- und Zeit- 
verhältnisse doppelt schwer fühlte, sondern auch in Rom und Italien. Es 
war gerade die Zeit, in der Lainez als General des Jesuitenordens das Rader 
ergriff, die Zeit auch, in der Canisius überaus emsig in ganz Deutschland, 
von Köln bis Wien, von Prag bis Regensburg, Mainz und Innsbruck wirkte. 

Der Stifter der Gesellschaft Jesu war selbst ausgesprochenermaßen fiir 
eine vernünftige Bücherzensur, für Überwachung des Buchhandels und den 
Ausschluß der häretischen Bücher aus katholischen Ländern durch die welt- 
liche landesherrliche Obrigkeit. In diesem Sinne schrieb^ der hl. Ignatins 
am 18. August 1554 von Rom aus an den seligen Petrus Canisius, um ihn 
für seine Tätigkeit in Wien und Österreich gute, heilsame Ratschläge za 
geben. Eine für die ganze katholische Welt gültige ausführliche Bttcher- 
gesetzgebung gab es damals noch nicht; es bestand kirchlicherseits nnr die 
Zensurvorschrift des Laterankonzils vom Jahre 1515, das allgemeine Verbot 
der häretischen Schriften, das besondere Verbot der Schriften Luthers and 
einige andere ähnliche Bücherdekrete. Was den Ratschlag des hl. Ignatins 
angeht, so fiel es Canisius nicht schwer, die Zweckdienlichkeit desselben ein- 
zusehen, hatte er doch selbst im gleichen Geiste schon einige Jahre vorher 

ohne durch die Gegner sich abschrecken zu lassen, mit ofifenem Visier in öffenÜichen Sobriftm, 
soviel Sie nur können, fUr die Wahrheit* — , was er als Greis im Briefe an den Ordcnt- 
general Aqnaviva allen seinen Ordensbrüdern so nachdrücklich empfahl als ein Werk voe 
, gleichem Wert wie die Bekehrung der wilden Indianer' ; dieses «Apostolat der Preeae* bit 
er neben seinen vielen andern Arbeiten in deutschen Landen volle 50 Jahre geflbt All 
22jahriger Novize hatte er den Mut, eine Gesamtausgabe der Schriften des JehamieB Taakr 
zu veranstalten, wobei eine Reihe von Stücken zum ersten Male gedruckt wnrden. Knne 
Zeit vor seinem Tode feilte er noch mit zitternder Hand an seinem Katechismus. Siehe eine 
kurze Zusammenstellung der Schriften des sei. Petrus Canisius in den , Stimmen aas Maria- 
Laach* LH 8—11. 

* Otto Braunsberger, Canisii Epistulae et Acta I, Fribargi Briagoviae 1896, 492. 



CanisiuB nnd Lainez. 197 

ZU Ingolstadt 1550 ^ und 1551 ^ mit Rat und Tat helfend eingegriffen. Dem- 
entsprechend machte Ganisius wiederum zu Ingolstadt im Dezember 1554^ 
neue Vorschläge und sprach sich Januar 1556 im Briefe an den Kardinal 
Truchsefi^ ebenso aus. 

Persönlich war Ganisius hinsichtlich des Bücherverbotes sehr ge- 
wissenhaft und eher ängstlich besorgt, die kirchlichen Verordnungen zu be- 
obachten. Im Jahre 1556 verlautete es, Papst Paul IV. habe alle Erlaubnis 
zum Lesen verbotener Bücher zurückgezogen. Als das Oerücht Ganisius zu 
Ohren kam, fragte er alsbald schriftlich bei seinem Ordensgeneral im Briefe ^ 
vom 2. November 1556 an, wie sich die Sache verhalte, er habe Zweifel, 
ob die von früheren Päpsten (P. Salmeron und) ihm namentlich verliehenen 
Fakultäten noch beständen. 

Auch der Ordensgeneral P. Lainez hatte in dieser Sache durchaus keine 
laxen Grundsätze. Im August 1560 übersandte er an Ganisius neue Lese- 
lizenzen von Brom und ließ ihm durch Polanco ausdrücklich beifügen^: „Es 
ist der Wunsch des Paters General, daß die Unsrigen möglichst wenig 
die Bücher der Häretiker benutzen, selbst dann nicht, wenn die Bücher 
keine Häresien enthalten, in gleicher Weise sollen sie auch andern Rat er- 
teilen.'^ Am darauffolgenden 10. September schickte Ganisius eine erhaltene 
Fakultät von Augsburg weiter an P. Franziskus Gosterus zu Köln und be- 
merkte nach der ihm gewordenen Weisung: „Der Pater General hat jedoch 
die Mahnung hinzugefügt, die Unsrigen möchten diese Dispens zur Lesung 
verbotener Bücher nur mit Maßhaltung (sobrie) gebrauchen.^ '^ 

Unterdessen erschien endlich der längst angekündigte erste römische 
Index beim Jahreswechsel 1558/1559. Bange Erwartungen und große Be- 
fftrcbtungen waren ihm voraufgegangen. 

Ist die Darstellung der Gegner von der Zensurwut der Jesuiten nur 
irgendwie richtig, so hätten sich diese über die ihnen vom Papste selbst ge- 
reichte schneidige Wa£Ee einzig freuen müssen, zumal da sie, wie oben ge- 
zeigt wurde, in diesem Punkte so streng und gewissenhaft waren. Die 
Privatbriefe der Jesuiten jener Zeit, die in den letzten Jahren veröffentlicht 
wurden teils in den Monumenta Societatis lesu teils durch P. Braunsberger 
in den Acta et epistulae B. Petri Ganisii, geben nun ein ganz anderes Bild 
von der Wirklichkeit. Aus diesen Aktenstücken leuchtet die Tatsache ent- 
gegen, daß keiner sich so entschieden, beharrlich und wirksam abmühte, eine 
Milderung des Index Pauls lY. zu erreichen, als gerade die Jesuiten, im 
einzelnen Natalis, Ganisius, Lainez. 

In der vatikanischen Bibliothek finden sich unter den Godices Vat. Urbin. 
eine Reihe Bände handschriftlicher Zeitungen aus den fünfziger und sechziger 
Jahren des 16. Jahrhunderts. Sie enthalten viel kostbares historisches Ma- 
terial. Dort wird im God. Vat. Urb. 1039, fol. 1 von Rom aus unter dem 
14. Januar 1559 über den neuen Index Pauls IV. berichtet: Es verlaute, daß 



1 Ebd. 345. > Ebd. 363; vgl. 702. ' Ebd. 583. 

* Ebd. 597. » Ebd. U (1898) 29. 

• Ebd. 690. ' Ebd. 723. 



198 Natalis. 

in Betreff der verbotenen Bücher, um sie nicht alle verbrennen za mfisBen, 
eine mildere Maßregel erlassen werde. Ein gewisser Pater Natalis, vom 
Orden del bon Jesu, sei nämlich zur Inquisition gegangen, um durch seine 
Vorstellungen eine Milderung zu erreichen. Derselbe sei zwar nicht beson- 
ders gnädig vom Präsidenten angehört worden, aber aus dem Verhalten der 
übrigen könne man schließen, daß er dennoch etwas erreicht zu haben scheine K 

Ohne Zweifel war dieser Padre del ordine del bon Jesu der spanische 
Jesuit Natalis, welcher damals als Assistent des Ordensgenerals Lainez in 
Rom lebte. Hiernach scheint gerade dieser den wirksamen Anstoß zur Mo- 
deratio des Index gegeben zu haben, welche eben im Januar 1559 dem neuen 
Index als Anhang mit auf den Weg gegeben wurde. Paul IV. hatte an 
14. Dezember 1558 den Vorsitz in der Inquisition an den Kardinal Ghislieri 
(den späteren S. Pius V.) abgegeben. Dieser war der erste und einzige Grofi- 
inquisitor geworden,' der nie einen Nachfolger erhielt, da später wiedennn 
der Papst selbst sich diese Stellung reservierte. Wer ein wenig die damalige 
Lage in Rom kennt, wird es erklärlich finden, daß der P. Natalis, wahr- 
scheinlich im Auftrage seines Generals, jetzt erst es wagte, bei der Inquisi- 
tion mit seinen Vorstellungen und Bitten vorzusprechen. Die eben erwähnte 
Moderatio des Eataloges Pauls IV. ist von uns schon ausführlicher besprochen 
worden^; die Darlegungen dieses Kapitels dienen jedoch dazu, das firOher 
Gesagte noch klarer zu stellen und zu bekräftigen. 

Allein obgleich nun der neue Index ein wenig gemildert war, klagte 
Canisius schon im Briefe an Lainez vom 11. März 1559 ^ also sobald er ein 
Exemplar desselben in Händen hatte, sehr bitter über die allzu große Strenge 
des Eataloges, die sich in Deutschland vor allem, aber auch anderswo nidit 
werde durchführen lassen. So sehr drückte ihn die Sache, daß er noch im 
selben März mit einem zweiten Briefe ^ von Augsburg an den Ordensgeneral 
in Rom darauf zurückkam und in noch stärkeren Ausdrücken den neuen 
Katalog wegen seiner „ Härte ^ gar einen „Stein des Anstoßes '^ nannte. 

Infolge dieser Klagen und seiner Bitten erhielt Canisius sehr bald durch 
Polanco von Rom ^ die notwendigsten Fakultäten für die Beichtväter, weide 
der Kardinal Großinquisitor verliehen hatte, zur Lossprechung derer, welche 
sich gegen die Indexgesetze verfehlt hätten. Aber das war für Canisius 
wenig Hilfe und wenig Trost. Auch ein zweiter Brief Polancos^ vom 
20. Mai 1559 über diese Fakultäten änderte nicht viel und unter dem 27. 
desselben Monates trug er von neuem seine Klagen und Bitten Lainez vors 
indem er zeigte, wie für die Kollegien und ihre Schüler Fakultäten zur Milde 
rung der harten Forderungen des Index notwendig seien. Hierbei fragte er 
zugleich an, ob er selbst noch Leselizenz für häretische Bücher habe, oder 

* S. den Wortlaut in der Anlage II. 

' S. oben S. 8. * Braunsberger a. a. 0. II 377. 

* Ebd. 880. „Accedit durities Cathalogi, ut isti interpretantnr , intolerabilia ; oec vi- 
demus obtineri posse, quod praescriptum est: meliores putant, quamdiu lex ista prohibens 
publicata non sit Germanis, minus metuendam eam esse. Itaque petram scandali dixeris, 
de Venetis ferunt, ne illos quidem in hoc decreto acquiescere.* 

* Ebd. 387. • Ebd. 422. " Ebd. 425. 



Der Index Pauls IV. 199 

ob ihm dieselbe genommen sei. Vierzehn Tage nachher erneuerte Canisius 
dieselbe Bitte, kam selbst zweimal in diesem Briefe vom 10. Juni 1559^ 
darauf zurück, und nachdem er dann unter dem 17. Juni^ von Rom endlich 
wenigstens f&r die Schüler und die Kollegien einige Fakultäten erhalten hatte, 
flehte er dennoch wiederum in einem folgenden Briefe am 1. Juli 1559^ um 
andere weitergehende Erlaubnis. 

Da es nämlich von Paul lY. im Index verboten war, überhaupt Bücher 
SU kaufen und zu gebrauchen, die entweder von Häretikern herausgegeben 
oder auch nur bei Häretikern gedruckt und verlegt waren, hielt es in Deutsch- 
land sehr schwer, die nötigen Bücher zu beschaffen, ohne mit dem Index in 
Konflikt zu geraten. 

Als nun Canisius auf seine Bitte vom 1. Juli unter dem 29. desselben 
Monates von Rom ^ zwar eine Antwort, aber keine neue Erleichterung erhielt, 
schrieb er ausführlicher über dieses sein Anliegen am 6. August von Augs- 
burg ^ Er erbat verschiedene neue Fakultäten besonders für die Ordens- 
angehörigen und bemeriicte dabei, daß der Kardinal Truchseß bereits vor drei 
Monaten sich ebenfalls nach Rom gewendet habe wegen der grofien Schwie- 
rigkeiten, welche der Promulgation des Index und der Ausführung seiner Be- 
stimmungen im Wege ständen. Dem Kardinal sei nur geantwortet worden: 
er dürfe ohne Furcht sein, solange nicht ein neues Oebot erscheine. 

Obgleich Canisius infolge dieser römischen Antwort an den Kardinal 
Tmchsefi unbekümmert um die zu strengen Verfügungen des Index Pauls lY. 
vielleicht hätte vorangehen können, suchte er dennoch persönlich nach besten 
Kräften dieselben zu beobachten und eine allgemeine Milderung für ganz 
Deutschland und die ganze. Kirche zu erwirken. 

Am 18. August 1559 starb Paul lY., es folgte ihm Pins lY. Der Index 
bestand weiter und konnte nicht einfachhin verschwinden, ohne daß etwas 
anderes an seine Stelle gesetzt wurde. Canisius mochte ja wohl Hoffnung 
haben, vorläufig jedoch sah er nur die Strenge des Kataloges und trug selbst 
Bedenken, neue häretische Bücher zu lesen, vor denen die Katholiken zu 
warnen angezeigt erscheinen konnte. Diesen seinen Sorgen und Nöten gab 
er am 14. Oktober 1559 im Briefe an Lainez ^ erneuten Ausdruck, wobei er 
die Hoffiiung auf den neuen Papst durchleuchten ließ. Bald ändei'te sich 
auch die Lage. Zuerst erhielt Canisius durch Brief vom 27. Januar 1560*^ 
weitergehende Beichtfakultäten in Betreff der Yergehen gegen den Katalog 
mit der Ankündigung, da£ man beim Oroßinquisitor noch größere für Deutsch- 
land erwirken wolle; dann aber teilte ihm Polanco unter dem folgenden 
2. März^ mit, daß Pius lY. den P. Oeneral Lainez zu sich beschieden habe, 
um mit ihm über die Milderung des Index Rücksprache zu nehmen. Der Papst 
habe die Absicht nur die häretischen Bücher zu verbieten, nicht andere; 



» EM. 444 flf ; vgl. 450. « Ebd. 458. » Ebd. 467. * Ebd. 485. 

^ Ebd. 500. «Scripsit ante menses tres CardiDalis nosier in Urbem et summas pro- 
poenit difficultates , qoae impedirent promulgationem et exequutioDem cathalogi in hoc Epi- 
•copata. Hoc solnm reBponsum est, ut nihil metueret, quandiu aliud non accederet prae- 
ceptam.* 

• Ebd. 538. ' Ebd. 590; vgl. 596. « Ebd. 604. ' 



200 Verhandlangen anter Pias IV. 

Lainez müsse bei dieser Abmilderung mitwirken. Gleichzeitig benachrichtigte 
Polanco Ganisius näher über die schon vorher vom (Jrofiinqmsitor erlangten 
Fakultäten, welche in einem darauffolgenden Schreiben vom 24. März ^ noch- 
mals zur Sprache kamen. Ganisius erhielt selbst aufs neue die Erlaubnis, 
häretische Bücher lesen zu dürfen mit der Vollmacht, -eine gleiche andern 
Patres vermitteln zu können. Am 30. desselben Monates meldete Polanco' 
weiter an Ganisius, daß man in Rom allen Ernstes über den Katalog der 
verbotenen Bücher zu unterhandeln begonnen habe und da£ eine allgemeine 
Verordnung baldigst zu erwarten sei. Am darauffolgenden 4. Mai schliefit 
er sogar seinen Bnef mit den Worten ^r ,11 cathalogo di libri come sia mo- 
derato si mandara.'* Sobald der Bücherkatalog gemildert sein wird, soll er 
übersandt werden. 

Die Sache wurde nun doch nicht so rasch erledigt, wie man in Born 
erwartet hatte. Jedenfalls erhielt ^ Ganisius unterdessen neue Privilegien für 
seine Patres, die er diesen mitteilte ^, indem er sie zugleich vor dem Mißbrauch 
der gewährten Vollmachten warnte. So verging das Jahr 1560, und Lainei 
erinnerte den Papst gleich beim Beginne des neuen Jahres nachdrücklich an 
den Index, denn Polanco konnte dem Ganisius am 25. Januar 1561 schrmben*: 
„Unser Pater Oeneral bat um die Zurückführung des Index der verbotenen 
Bücher zum ius commune, und der Papst zeigte sich sehr geneigt dazu, aber 
er fügte bei, daß er darüber eine Kongregation halten wolle, an der unsv 
Pater Oeneral teilnehmen solle; sobald wir Neues darüber erfahren, werden 
wir Nachricht geben.'* Man sieht, wie den Jesuiten in Rom ebensosehr wie 
in Deutschland die Milderung des Index unaufhörlich am Herzen lag. 

Im römischen Briefe vom 31. Januar und 1. Februar^ heifit es: .Man 
beginnt über den Index der verbotenen Bücher zu unterhandeln, unser Pater 
General denkt daran zu erwirken, dafi er aufs ius commune znrückgeftthrt 
werde,'' und am 15. Februar im folgenden Briefe an Ganisius^: «Man hat 
bereits in einer Kongregation vieler Kardinäle und Doktoren vor dem Papste 
die Unterhandlungen über die Umarbeitung der Indices der verbotenen Bücher 
aufgenommen. Ew. Hochwürden werden über den Ausgang Mitteilung erhalten.* 

Noch ausführlicher schrieb Polanco am folgenden Tage (16. Februar 
1561) über den Beginn dieser Verhandlungen an P. Natalis, der sich damab 
in Spanien befand. Lainez habe vor dem Heiligen Vater über den Index 
gesprochen, der vielen Seelen zum Fallstrick werde und nur wenigen zum 
Nutzen gereiche. Lainez' Rede in der Kongregation habe nach Aussage einiger 
Kardinäle über die Mafien gefallen. Er sei beauftragt, seine Ansicht schrift* 
lieh aufzusetzen. Man erwarte eine baldige Entscheidung^. 

1 Braunsberger a. a. 0. 11 614. * Ebd. 618. • Ebd. 688. 

* Ebd. 689 f; vgl. 702 707. * Ebd. 722; vgl. 733. « Ebd. III (1901) 27. 
' Ebd. 33. « Ebd. 48. 

* yEstos dias hablö nuestro Padre al papa sobre el indice de los libros prohilndoir 
con que 86 enlazauan muchas änimas y pocas se aprouechauan, specialmeiite faen de Itdia ; 
y asi el papa ha hecho una congregacidn de muchos cardenales y algonos otros perUdot y 
theölogos, y el dicho de nuestro Padre agradö tanto en la congregaciön , qua no es pars 
letra dezir lo que hau referido algunos cardenales. Hanle embiado ä pedir despa^ en scripto 



Der Index 1559—1562. 201 

Allein die ^ baldige Entscheidung' blieb aus, und Canisius konnte wie- 
derum von nenem sein Klagelied beginnen. Im März 1561 ^ erhielt die Oe- 
aelTschaft nnd so auch Canisius neue Vergünstigungen zum Lesen und Auf- 
bewahren verbotener (nicht häretischer) Bücher; gleichwohl schrieb er am 
10. Mai 1561 ' an Lainez: .Was die Vollmachten in Betreff der Bücher angeht, 
80 erwarten wir eine weitergehende Onade vom Apostolischen Stuhle (am- 
pliorem gratiam Apostolicae Sedis)." Denselben Wunsch deutet er zart an 
in einem Dankbrief vom selben Tage an Pius IV. > Von seiten des Ordens 
in Rom erhielt er aber darauf zur Antwort S daß die Privilegien, welche 
man durch die Kardinäle Truchsefi und Ohislieri erwirkt habe, nun doch groß 
genug seien, Canisius möge dieselben nur gebrauchen und dann im einzelnen 
angeben, in welchen Punkten er eine Ausdehnung derselben wünsche. 

Vielleicht hatte man Canisius in Rom mißverstanden oder nicht genau 
▼erstanden. Es ist ja wahrscheinlich, daß Canisius bei seiner Bitte um 
die amplior gratia Apostolicae Sedis nicht so sehr ein Privileg für den 
Orden, als vielmehr eine allgemeine Änderung des Index und somit eine Onade 
fBr Deutschland und die ganze Christenheit erflehte, kurzum, daß er im An- 
•ehlnfi an die günstigen Nachrichten von Rom die Neubearbeitung des Index 
Panls rV. weiter vorwärts drängen wollte. Denn noch am voraufgehenden 
15. März hatte ihm Polanco von Rom aus wörtlich geschrieben: ^et con 
qnesto spero uscirä presto qualche reformatione dell' Indice piu universale 
drea le Provintie.' ^ , Hiermit gebe ich meiner Hoffnung Ausdruck, daß 
ganz bald eine mehr allgemeine Umgestaltung des Index für die Provinzen 
erscheinen wird." 

Das Gegenteil trat ein, die Sache kam ins Stocken. Mehr als möglich 
ist es, daß das neu aufzunehmende Konzil der Orund davon war. Einerseits 
mochte man in Rom vollauf zu tun haben mit der Vorbereitung der Eonzils- 
▼erhandlungen, anderseits wollte man wohl diese Indexverhandlungen gerade 
dem Konzil zuschieben. In Wirklichkeit befaßte man sich nach Wiederauf- 
nahme der Beratungen in Trient sofort Januar und Februar 1562^ mit dem 
Index und im September dieses Jahres schrieb Polanco^ von Trient an Ca- 
niains über die Teilnahme des P. Lainez an eben diesen Beratungen, deren 
Fortgang Canisius so sehr wünschte. 

Was aber Canisius am Herzen lag und in welcher Richtung seine Wünsche 
gingen, das erhellt schließlich von neuem klar aus seinem Schreiben vom 
3. Oktober 1562 an den Kardinal Hosius, der damals einer der Konzils- 
jHrftsidenten war. Er schrieb®: „Längst hat man gehofft und erwartet, daß 
die ersehnte Milderung des römischen Kataloges der verbotenen Bücher endlich 
den gnten Katholiken ihre Bedenklichkeiten beim Lesen nehmen möge. In der 
Tat tun die, welche sich bemühen, das Zensurgesetz erträglicher zu gestalten 
— ich rede, wie man hier allgemein denkt und spricht — , ein gutes Werk. " 



so parecer, y como passen estos dias de c&rnaual, creo se determinarä algo, y avisaremos 
A V. R.* Monnment. histor. S. J. Epistel. F. Uieron. Nadal I» Matriti 1898, ep. 105» n. 1, 
p. 888. > Braunsberger a. a. 0. III 70. * Ebd. 144. > Ebd. 141. 

* Ebd. 151. * Ebd. 83. • S. oben S. 73, A. 1. 

^ Braunsberger a. a. 0. III 481. « Ebd. 490. 



202 Canisius und die Zensur in Bayern. 

In den folgenden Monaten kehrte dieser sein Herzenswunsch erneuert 
wieder, und am 7. November hei&t es noch einmal kurz und bündig^: „Wir 
erwarten eine Milderung des Eataloges/ Am Ende des Jahres, am 29. De- 
zember 1562 9 teilte dann der Pater Natalis von Trient aus Canisius mit^ 
dafi man nach seinem Wunsche für Deutschland weitergehende Fakultäten 
pro foro interne zu erwirken sich bemühe, und das solle besonders mit Be- 
ziehung auf die Bücher geschehen, sobald der £[atalog, über den man eben 
verhandle, veröffentlicht sein werde. 

Im Jahre 1563 schloß das Konzil, der noch nicht vollständig fertige 
Index wurde auf Wunsch der Kirchenversammlung vom Papste vollendet und 
dann im nächsten Jahre 1564 als Index tridentinus herausgegeben. 

Der Index tridentinus hat den Index Pauls lY. bedeutend gemildert, und 
wenn die Wünsche der Lainez' und Canisius' auch nicht vollständig in Er- 
füllung gegangen waren, mit dem Index von 1564 ließ sich in Deutschland 
bei gutem Willen auskommen. Jedenfalls haben die Jesuiten in Rom und 
in Deutschland, Lainez und Canisius an der Spitze, durch diese ihre aus- 
dauernden Bestrebungen es der Welt handgreiflich gemacht, daß sie tnrtz 
aller Gewissenhaftigkeit, mit welcher sie sich persönlich den bestehenden 
Zensurverordnungen fügten, alles taten, was sie tun konnten und durften, 
um die kirchliche Bücherzensur milder zu gestalten. Verstehen wir die Briefe 
und Worte sowohl Lainez' als Canisius' recht, so war es schon damals im 
Jahre 1561 ihre Ansicht und Absicht, ungefähr das zu erreichen bei der Um- 
gestaltung des Index, was im Jahre 1900 von Leo XIII. gewährt worden ist: 
es wäre im wesentlichen das Zurückkommen aufs ins commune, von dem 
Lainez vor Pius IV. sprach. 

Canisius ist besonders seit dem Abschluß des Konzils von Trient in 
Bayern mit seinem Rate für eine vernünftige, zwar feste, aber milde Bttcher- 
zensur wirksam tätig gewesen. August Kluckhohn schreibt über diese Tätig- 
keit der Jesuiten in Bayern: „Es hat den Jesuiten und ihren Helfern wahriidi 
Zeit und Mühe genug gekostet, bis mit dem letzten Rest verdächtiger deutsche 
Literatur auch die Empfänglichkeit für jegliche, ein selbsttätiges Denken und 
Prüfen bedingende und daher verbotene Geistesnahrung auf lange hinaus ver- 
nichtet war." 3 Kapp handelt von der Gegenreformation und der Zensur in 
den geistlichen Staaten Deutschlands und trägt noch grellere Farben auf: 
„Viel schlimmer ist es, daß die literarische Tätigkeit hier bald ganz auf- 
hörte, daß das Volk, des Denkens entwöhnt und einer strengen priesterlicheD 
Dressur unterworfen, auch die Lust an geistiger Erholung verlor und infolge- 
dessen auch das Bedürfnis des Lesens ganz einbüßte. Das Herzogtum Bayen 
setzte seinen Stolz darein, sogar noch päpstlicher zu sein als die geistlichen 

« Braunsberger a. a. 0. III 527; vgl. 516. * Ebd. 580. 

* Historische Zeitschrift XXXI, München 1874, 359. — Vgl. za dem Anfsatia Klnek- 
hohns pDie Kelchbewegung in Bayern unter Herzog Albrecbt V.*^ von Professor KnöpfUr. 
München 1891, 163—177, besonders 171, A. 3. Knöpfler zeigt hier nach dem Wortiant der 
Dokumente , wie Kluckhohn wohl nicht ohne Absicht jene nach seinem Sinne tu drehen und 
gar zu ändern weiß, wo es gilt, den Bayernherzog als den vandalischen Zerstörer unkatbih 
lischer Literatur zu brandmarken. 



Zwei Dokumente. 203 

KarfQrstentümer, und kann deshalb nicht einmal Anspruch auf die Ehre einer 
beeondem Erwähnung machen.' ^ 

Diese beigebrachten Verurteilungen stellen sich beim ersten Blick als 
80 maßlos übertrieben dar, daß sie deshalb nicht als historische Zeugnisse 
angesehen werden können. Enthielten sie etwas Wahrheit, es würde dies 
allerdings nicht blo^ die Bayemherzöge und Rom, sondern auch Ganisius mit 
seinem Orden treffen. Umgekehrt wird die Rechtfertigung des Ganisius zugleich 
Rom und Bayern rechtfertigen. 

Aus der damaligen Zeit haben wir hauptsächlich zwei authentische Do- 
kumente von Ganisius selbst, welche uns klar zeigen, in welchem Sinne und 
Oeiste er seinen Einfluß bei der Bücherzensur Bayerns geltend machte. Das 
erste Aktenstück ist vom Jahre 1564 und enthält Vorschläge des Ganisius 
für den E[anzler Simon Eck. Hier schon betont Ganisius, worauf er später 
immer wieder zurückkommt, daß man bei dem Verbote und der Wegnahme 
ketzerischer Postillen und Bücher den Leuten dafür gute, katholische geben 
müsse. Zugleich war er, wie aus diesen Vorschlägen erhellt, schon damals 
dafür tätig, daß die Pfarrer auf dem Lande durch gute, vertrauenswürdige 
Buchhändler mit guten, nützlichen Büchern versorgt würden. In Wirklichkeit 
treffen wir nun . gerade in Bayern — wie sonst nirgendwo , auch nicht in 
einem andern katholischen Lande — neben den Bücherverboten Kataloge 
guter Bücher und Verordnungen und Maßregeln, um Laien und Priester mit 
diesen bekannt zu machen und dieselben bei ihnen zu verbreiten. Es ist das 
die positive Seite der Bücherzensur, als deren wirksamster und eifrigster 
Förderer in der Tat Ganisius bis auf unsere Tage dasteht, je mehr dieselbe 
sonst durchgängig vernachlässigt wurde. 

Viel merkwürdiger und wichtiger ist das zweite Dokument, ein langes 
Schreiben des Ganisius aus Innsbruck vom 8. August 1580^ an den Herzog 
Wilhelm V. von Bayern, der im ersten Jahre seiner Regierung Btand. 

Der junge Herzog hatte am 1. August dieses Jahres ein energisches 
Mandat gegen häretische Bücher erlassen. An Ganisius war um diese Zeit 
von Bayern ein Index librorum prohibitorum geschickt worden, wie er im 
Briefe sagt. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß es der Entwurf des von dem 
Nuntius Felicianus Ninguarda 0. Praed. im Jahre 1582 für Bayern vermehrten 
Index war, welchen der herzogliche Rat, Kanonikus Anton Welzer, auf des 
Nuntius^ Oeheiß anfertigte. Jetzt schrieb Ganisius an den Herzog sehr ein- 
gehend über Bücherverbot und Zensur. Er setzte dem Herzog ein vollstän- 
diges Programm auseinander, wie man am besten den Kampf mit der häre- 
tischen Literatur zu fOhren habe. Reusch hat dasselbe weder vollständig 
noch auch im Auszuge richtig wiedergegeben. Da in der Sammlung der 
Canisiusbriefe demnächst ein genauer Abdruck erfolgen wird, so genügt es, 
hier die Hauptpunkte zu berühren. 

Ganisius ist nicht gegen Edikte und Mandate, auch nicht gegen zweck- 
mäfiige Strafen. Kataloge sowohl der verbotenen als der guten, katholischen 

^ Geschichte des deutschen Bachhandels 431. 

* Nicht 8. August 1581, wie Rensch angibt. ,Der Index der verbotenen Bücher' I 
478 ff. Das Aktenstück findet sich im Münchener Staatsarchiv. 



204 ^^i* Brief des Canisius an den Herzog Wilhelm V. 

Bücher seien nützlich, müßten aber oft und wohl jährlich erneuert werden, 
wenn dieselben ihrem Zwecke entsprechen sollten. Diese E[ataloge seien aber 
mehr zum Gebrauche der Zensoren und der Gebildeten und Gelehrten als 
der Laien. 

Überhaupt komme es mehr auf gute, tüchtige Zensoren an als auf diese 
Bücherkataloge. Den Zensoren liege die Hauptarbeit ob. Dieselben mfifiten 
von der geistlichen und weltlichen Obrigkeit zugleich eingesetzt und unter- 
stützt werden. Doch auch die Zensoren müßten mehr auf Wachsamkeit und 
Gewissenhaftigkeit Bedacht nehmen als auf strenge Gesetze und harte Strafen. 

„Ich möchte vor allem **, so schreibt Canisius, «daß man in diesen Dingen 
mit weiser Mäßigung vorangehe, daß die Obrigkeit sich nicht unnOtigerweiae 
verhaßt mache und bei andern anstoße zu einer Zeit, in der es nicht ange- 
bracht ist, Hornissen zu reizen. Bayern muß auf jede Weise gef&rdert wer- 
den, diese Sache aber mit der größtmöglichen Vorsicht und Klugheit 
ins Werk gesetzt und ausgeführt werden. *" 

Eingehend empfiehlt Canisius, mit vernünftiger Belehrung besonders durch 
die Predigt das Volk von der großen Gefahr der häretischen Bücher zu über- 
zeugen, um dasselbe gutwillig zur Auslieferung der schlechten Bücher zn 
bringen. Wer die gefahrliche Lesung nicht aufgeben wolle, versündige sich 
ja schwer gegen Gott sowohl wie gegen dessen Stellvertreter und könne de»- 
halb auch nicht der Wohltat der Lossprechung im Bußsakrament teilhaftig 
werden^. Besonders müsse man dafür sorgen, nicht bloß die schlechten 
Schriften zu beseitigen, sondern vor allem gute populäre Schriften geringen 
Umfanges zu verbreiten. Niemand lasse sich gerne ohne weiteres seines Be- 
sitzes berauben, deshalb solle man gute Bücher, namentlich Gebetbücher, 
katechistische Werke sowie Teile der Heiligen Schrift anschaffen und die- 
selben gebunden den Pfarrern und Predigern zur Verfügung stellen, damit 
diese denen, welche ihnen schlechte Bücher ablieferten, dafür einen guten 
Ersatz geben könnten. 

Schließlich ermahnt Canisius den Herzog sehr eindringlich , es sich an- 
gelegen sein zu lassen, durch Beschaffung guter Bücher die Bildung und den 
Fortschritt Bayerns zu fördern. Es genüge nicht, die falsche Münze einzu- 
ziehen, die Bürger müßten die echte, vollwertige in die EÜLnde bekommen, 
sonst könne ein Staat nicht zum Wohlstand kommen. Nicht bloß um Bayern, 
um ganz Deutschland werde der Herzog sich verdient machen, wenn er so- 
wohl durch seine Autorität als durch seine Liberalität die Gelehrten ansporne, 
größere wie kleinere Schriften und Werke zu verfassen zur Verteidigung nnd 
Verherrlichung der katholischen Religion. Für die Theologen von IngolBtadt 
und München, Gelehrte wie Lauther, Hunger, Franck und für viele andere 
werde das ein Sporn zu eifrigster wissenschaftlicher Arbeit sein. So und ähn- 
lich lauten die Ansichten und Ratschläge eines Canisius. 

' . . . scse in Deiim Deique Vicarios peccare graviter . . . aed neqne absolationis bfliM- 
ficium in poenitentiae Sacramento consequi posse. Reusch gibt die ganze Stelle mit dfli 
Worten: ^Die Prediger hätten oft über das Lesen verbotener Bücher zu predigen ond des- 
jenigen , die sich dessen schuldig machten, die Verweigerung der Abs olation an- 
zudrohen.'' Vgl. Keusch a. a. 0. I 479. 



Köln und Löwen. 205 

Daß der Brief des Canisius nicht vergebens geschrieben war, beweist 
der bald nachher zu München publizierte Index mit dem zweiten Erlasse des 
Nuntius Ninguarda vom 1. Mai 1582 ^. Hier werden nach dem gegebenen 
Bäte die Zensoren ernannt, an erster Stelle der oben genannte Anton Welzer; 
wir fügen nur hinzu, daß dabei kein Jesuit erwähnt wird. Und in dieser 
Verordnung wurde der römische Index für ganz Bayern bedeutend gemildert, 
wenn auch des Canisius Wünsche nicht alle in Erfüllung gingen. Ja, was 
die Werke der Häretiker angeht, welche nicht von Olaubenssachen handeln, 
und was die Editionen der Kirchenväter oder anderer katholischer Werke 
durch häretische Drucker oder Herausgeber betrifft, ward in wesentlichen 
Punkten damals schon das für Bayern zugestanden, was jetzt durch den Index 
Leos Xni. und die Bulle .Officiorum ac munerum' gesetzlich für die ganze 
Kirche festgelegt ist. Einer solchen Zensurtätigkeit braucht sich Canisius 
und brauchen sich die Jesuiten wahrlich nicht zu schämen; sie könnten sich 
derselben aber mit Recht rühmen, wenn sie sich mit den Zensoren im Lager 
der Reformation vergleichen wollten. 

Die Vernichtung des Buchhandels soll nach Kapp von den katholischen 
Oegenreformatoren, d. h. von den Jesuiten mit ihrer Zensur vollständig erst 
in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges erzwungen worden sein^. An der 
Kölner Universität wirkten damals die Jesuiten, und gerade aus diesen Jahren, 
etwa 1630, stammt eine Bitt- und Beschwerdeschrift der Kölner Drucker an 
den Kurfürst-Erzbischof. Sie verlangen für ihre Geschäfte zur Förderung 
des Bücherhandels Milderungen der Bestimmungen und Verfügungen des rö- 
mischen Index. Man mag über den Inhalt dieser Bittschrift denken wie man 
will; der sie verfaßt hat, kann auf keinen Fall beschuldigt werden, Zensur 
und Index zu strenge angewandt zu haben, noch weniger wird man ihm 
nachsagen können, ein Feind und Unterdrücker des Buchhandels gewesen zu 
sein. Der Verfasser war der Jesuit Philipp Bebius^. Daß die BoUandisten 
und die Jesuiten an der Universität zu Löwen ähnlich zur Zensur und dem 
Index standen, sollte ein Historiker wissen. Aus dem, was oben^ über die 
Jesuiten auf dem Index beigebracht wurde, geht schon hervor, wie diese 
ganz besonders im 17. und 18. Jahrhunderte entschiedene Gegner der Jan- 
senisten, der Quietisten, der freigeistigen Philosophen waren, aber darum 
noch lange nicht Freunde einer harten Zensur und eines engherzig gehand- 
habten Index. 

Als Übertreibung wird man es uns nicht deuten, wenn wir sagen, daß 
sich zumal während des 17. und 18. Jahrhunderts in der ganzen wissenschaft- 
lichen Welt kaum ein Gelehrtenkollegium findet, welches in so großartiger 
Weise wie der Jesuitenorden sowohl daheim in Europa als in den Missions- 
ländem Schriftstellerei, Buchdruck und Buchhandel förderte. Die neue Auf- 
lage der grofien Ordensbibliographie liefert dafür den greifbaren Beweis. 



1 August. Theiner, Annal. eccles. III, Romae 1856, 326 f. 
« A a. 0. 482. 

* Vgl. Franz Joseph von Bianco, Die alte Universität E5ln, 1. Teil, Köln 1855, 
450 ; die Bittachrift selbst findet sich ebendaselbst als Anlage B, 284 ff. 

* 8. oben S. 188—141. 



206 EDglische Bücherzensur. 

Die Jesuiten der früheren Jahrhunderte — das kann in Ehrlichkeit kein 
Historiker behaupten — folgten wahrlich nicht einer strengen Richtung bei 
der Bücherzensur, suchten dieselbe vielmehr vernünftig und milde den 2^it- 
umständen anzupassen, wo und soweit das in ihren Kräften stand. 

Beim römischen Index und bei der Indexkongregation haben die Jesuiten 
weder im 17. und 18. noch auch im 19. oder 20. Jahrhundert irgend eine 
feste offizielle Stelle gehabt. Ernennt der Papst einen Jesuiten zum Konsultor 
der Kongregation, so ist das der Entschluß des jedesmah'gen Papstes, und 
ein solcher Konsultor bedeutet nicht mehr und nicht weniger als einer der 
vielen andern Konsultoren aus den Reihen des Welt- und Ordensklerus. Vor 
allem ist nie ein Jesuit Sekretär der Kongregation gewesen. Der erste war 
ein Franziskaner, vom Ende des 16. Jahrhunderts ab jedoch hat beständig 
ein Dominikaner diese wichtige Stellung eingenommen. 

Von mehr Bedeutung ist natürlich bei der Kongregation der Kardinal- 
präfekt, der ebenfalls jedesmal vom Heiligen Vater ernannt wird. Wenn er 
einen Kardinal dazu beruft, der aus dem Jesuitenorden stammt, so hat der 
Orden hiermit gar nichts zu tun. In der langen Reihe der Kardinäle, welche 
in dieser Stellung gewesen sind, finden sich auch einige Jesuiten von Bellar- 
min an bis auf den gegenwärtigen Kardinalpräfekten der Indexkongregation, 
über deren Verdienste die Geschichte entscheiden mag. EUer jedoch darf die 
Tatsache verzeichnet werden, daß der erste wirksame Anstofi an maßgebender 
Stelle zur Reformation des Index Leos XIII. von einem Jesuitenkardinal aas- 
ging und daß, wie bekannt, das ganze Werk zum guten und besten Teil 
durchgeführt und vollendet wurde unter einem andern Jesm'tenkardinal, der 
annoch die Kongregation leitet und dem es persönlich zu besonderer Ehre 
gereicht, daß er so lange wie kaum ein anderer in diesem Amte verbleibt 

Englische Bücherzensur. 

Bis in unsere Tage hinein glaubt man mit dem Satze ,Rom ist die 
Wiege der Bücherzensur'' sowohl Rom und das Papsttum als auch die Zensur 
für ewige Zeiten brandmarken zu können. Allein insofern jener Ausspruch 
Wahrheit enthält, gereicht er der katholischen Kirche nur zur Ehre. Ba 
der dem Drucke oder der Veröffentlichung eines Buches voraufgehenden Prü- 
fung, der Präventivzensur, war es von Anfang an klar ausgesprochener Zweck 
der Kirche, «die göttliche Kunst"" vor Entweihung und vor Mißbrauch zu 
sichern. Es bedurfte auch in der Tat nicht der Reformation, um die Päpste 
auf dieses ihr Recht wie ihre heilige Pflicht aufmerksam zu machen. Die 
Staaten, die Könige und Fürsten mit den Päpsten eines Glaubens, waren mit 
ihnen auch ein und derselben Meinung mit Bezug auf die Bücherzensur. 
Die Gesetze und Verordnungen des Reiches, der Fürsten und Städte bekräf- 
tigten die kirchlichen Verfügungen und gaben denselben den nötigen Nach- 
druck für das bürgerliche und staatliche Leben. 

Schon bevor Leo X. auf dem fünften Laterankonzil am 8. Mai 1515 
durch eine Bulle die Präventivzensur unter schweren Kirchenstrafen für die 
ganze Christenheit vorschrieb, hatte Alexander VL im Jahre 1501 eine ahn- 



Heinrich VIII. 207 

Hebe Bulle für die deutschen Kirchenprovinzen Köln, Trier, Mainz und Magde- 
burg erlassen. Die Universität von Köln war sogar bereits von Siztus lY. 
1479 ermächtigt worden, gegen Drucker, Käufer und Leser häretischer Bücher 
mit Kirchenstrafen vorzugehen. Und ebendort findet sich eine voraufgehende 
Bücherzensur der Universität schon im Jahre 1475. Streng genommen hätte 
also — soweit wir bis jetzt unterrichtet sind — die Wiege der Präventivzensur 
am Rhein gestanden, wo auch die neue Kunst Gutenbergs zur Welt kam. 

Das andere Element in der Bücherzensur ist das nachträgliche Verbot 
eines Buches, welches, in ein System gebracht, die Kataloge oder Indices 
der verbotenen Bücher ergab. Daß weder Rom noch Italien den Anfang mit 
einem Index gemacht hat, wurde oben weitläufiger gezeigt. Auch hier gebührt 
cler Vortritt unstreitig den germanischen, angelsächsischen Nationen. Der 
erste Index, welcher unter Heinrich VIII. in England veröffentlicht wurde, 
stammt aus dem Jahre 1526 ^ drei Jahre später erließ Karl V. einen solchen 
Ar die Niederlande, 1540 einen zweiten. Bevor Rom sich zu einem solchen 
Kataloge entschloß, waren deren in England unter Heinrich VHI. schon neun 
erschienen innerhalb 20 Jahren (1526—1546)2. 

Allein noch in mancher andern Beziehung übertraf die englische Zensur 
l)ei weitem die der übrigen Nationen. 

Heinrich VHI. verbot vor wie nach seinem Abfall besonders die luthe- 
Jrischen Schriften. Luther, Melanchthon, Ökolampadius , Bugenhagen, Bucer, 
Srenz und überhaupt die deutschen Theologen des Protestantismus, aber auch 
Zwingli und aus früherer Zeit Wiclef sind mit ihren Schriften reichlich in 
den englischen Indices vertreten. Noch viele andere Häretiker Englands und 
manche englisch geschriebene Bücher stehen darauf, vornehmlich Tindals 
Werke. Oegen verschiedene englische, aber auch französische und nieder- 
deutsche Bibelübersetzungen kämpfte der König mit Bücherverbot und Aus- 
rottung besonders eifrig. Daß auch Bücher oder Büchlein verurteilt wurden, 
die Heinrichs Qeiratsplänen nicht günstig waren, ist leicht erklärlich; aus 
diesem Grunde kam der englische „Hortulus animae"" ^ auf den Index Hein- 
richs VHI. Eine Schrift Tindals gegen Zölibat und Mönchsgelübde war von 
Anna Boleyn dem König vorgelegt und von ihm gebilligt worden ^, erschien 
aber im Index des Jahres 1530 als ,Th' obedience of a cristen man"". 

Oegen die Wiedertäufer und ihre Bücher erließ Heinrich 1538 ein 
Schreiben an den Erzbischof von Canterbury ; er fordert ihn auf, diese Schriften 
einzuziehen und zu verbrennen. 



^ Unter dem 7. März 1527 stellte der Bischof Tonstall von London Thomas Monis 
eine Erlaubnis zum Lesen häretischer Bücher ans, damit er nach dem Beispiele des Königs 
Heinrichs YlII. die katholische Lehre gegen die neuen Irrlehren und Bücher verteidigen 
kOnne. S. Anlage V. 

' Ein Abdruck derselben findet sich bei Reusch, Die Indices librorum prohibitorum 
des 16. Jahrhunderts, Tübingen 1886, 5—21; vgl. dazu Reu seh, Der Index der verbotenen 
Bflcher I, 87 jQT. 

* .This book was apparently condemned for reflecting on the king*s divorce rather 
than for its Lutheran tendencies.** Francis Aidan Gasquet» The Eve of the Reforma- 
tion, London 1900, 189 (8). 

* Vgl. Strype, Memorials Ecclesiastical I, London 1721, 1. book, 15. chap., 112 f. 



208 Eduard VI. und Maria. 

Nachdem 1530 Tindals Bibelübersetzung verboten war^, erkl&rte Heinrich 
auch das Bibellesen in der Volkssprache ohne Erlaubnis der Obern f&r untersagt 
Viele wurden daraufhin verhaftet und mußten abschwören ; vier oder fünf der- 
selben, welche nach erhaltener Begnadigung dennoch wieder die verbotenen Bficher 
verkauft hatten, wurden bei der zweiten Überführung zum Feuer verurteilt '. 

Am 7. Juni 1539 genehmigte der König die neue Bill, welche an erster 
Stelle Glaubensartikel enthielt. Der erste handelte von der wahren Gegen- 
wart Christi im Altarssakramente, und als Strafe war gesetzt: .Wenn 
jemand gegen den ersten Artikel schreibt, predigt oder disputiert, soll er 
nicht abschwören dürfen, sondern als Ketzer den Tod erleiden und sein Hab 
und Gut dem Könige verfallen/ ^ 

Der königliche Generalvikar Gromwell ward 1540 unter anderem be- 
schuldigt, die Verbreitung ketzerischer Bücher befördert zu haben. Wegen 
dieses und anderer Verbrechen am 19. Juni zum Tode verurteilt , starb er 
am 29. desselben Monates auf dem Blutgerüste. Unterdessen hatte Heinrich 
Erlaubnis erteilt, die Heilige Schrift in der Landessprache lesen zu dürfen. 

Jedoch schon bald stellten sich so große Mißbräuche ein, daß diese 
Erlaubnis im April 1542 wiederum beschränkt wurde. Die Bibel durfte nidit 
mehr öffentlich vorgelesen werden, im Kreise der Familie sollten nur Lords 
oder Edelleute sich derselben bedienen; nur Männer und Frauen von edler 
Geburt durften sie privatim lesen. Jede andere Frau, jeder Ackersmann, 
Handwerker, Gesell, Tagelöhner oder Dienstbote, der es wagte, das Heilige 
Buch aufzuschlagen, unterlag einmonatlichem Geföngnis. Der KOnig aber 
war befugt, an dieser Verordnung nach Gutdünken zu ändern^. 

In demselben Jahre 1542 erschien „The Kings book'' mit dem neuen Glau- 
bensbekenntnis und dem notwendigen Unterricht für jeden Christen; alle diesem 
widersprechenden Bücher und Schriften wurden verboten^. Das Lesen ver- 
botener Bücher hätte selbst eine Gemahlin des Königs, Katharina Parr, am 
ein Haar mit dem Tode büßen müssen ^. Anna Askew '^ und Anna Bourchier 
hatten die Königin und die Hofdamen mit verbotenen Büchern versorgt; beide 
starben — wenn auch nicht wegen dieses Staatsverbrechens — auf don 
Scheiterhaufen, Anna Bourchier erst unter Eduard VI. 1550®. Im Jahre 
vorher (1549) hatte Eduard ein Verbot gegen verschiedene Bücher und Bild« 
erlassen und 1553 ein ähnliches gegen aufrührerische Schriften. 

Die Königin Maria verbot 1555 durch eine Proklamation das Drucken 
und das Besitzen gottloser und aufrührerischer Schriften und Bücher. Die 
Übertreter wurden als Rebellen unter das Kriegsgesetz gestellt. 

Elisabeth trat in die Fußstapfen ihres Vaters. 1564 erhielt der Bischof 
Von London den Auftrag der Königin, alle Schiffe bei der Landung nach auf- 
rührerischen und verleumderischen Büchern untersuchen zu lassen. ' 

» Vgl. Gasquet a. a. 0. 208 ff. 

' Vgl. John Fox, The Acts and Monuments of the Church II (ed. John Caminiiig). 
London 1875, 814 ff; Faulmann a. a. 0. 250. 

' John Lingard, Geschichte Englands VI, Frankfurt 1828, 810 825. 

* Ebd. 385 350. * Ebd. 351. « Ebd. 388 f. ^ S. oben 8. 146. 

« Lingard a. a. 0. VII 84 ff. 



Elisabeth. 209 

1571 verhängte das Parlament die Strafe des Verrates über alle, welche 
eine Bulle, Schrift oder Instrument des Bischofs von Rom nachsuchten, an- 
nähmen oder in Vollzug setzten. Unter Elisabeth wurde einer als Hoch- 
verräter angesehen und eines todeswürdigen Verbrechens beschuldigt, wenn 
man bei ihm ein gut katholisches Buch fand, zumal wenn dasselbe die Supre- 
matie des Papstes lehrte. 

Als Elisabeth 1579 an eine Heirat mit Franz von Valois, Herzog von 
Anjou, dem Bruder des französischen Königs dachte und eine Verlobung 
bereits eingegangen war, erschienen sofort Schmähschriften gegen dieses 
Unterfangen. Einer der Verfasser, John Stubbs of Lincoln's Inn, nannte die 
Heirat in seiner Schrift eine schändliche, gotteslästerliche Verbindung einer 
Tochter Oottes mit einem Sohne des Teufels. Die Königin, obgleich sie die 
Verlobung gar bald wieder aufhob und nichts aus der Heirat wurde, ließ 
die Schrift^ durch den Henker verbrennen. Dem Verleger sowohl wie dem 
Verfasser wurde nach dem Urteil der Kingsbench die rechte Hand abgehauen, 
alsdann sollten sie eingekerkert werden, solange es der Königin gefalle K Auch 
der Königin selber war dies^ Verfahren mehr Handhabung der kirchUchen 
als staatlichen Zensur. Der Erzbischof von Canterbury erhielt die Weisung, 
durch Predigten das durch den Heiratsplan und die Hetzschriften geäng- 
rtigte Volk darüber aufzuklären, da£ sein Glaube von der Königin nichts zu 
fürchten habe. 

Einige Jahre später war es durch Parlamentsbeschluß für Felonie er- 
klärt worden, Bücher, Reime, Balladen, Briefe oder Schriften zu schreiben, 
zu drucken oder herauszugeben, die etwas für den Ruf der Königin Nach- 
teiliges enthielten oder zu Aufruhr und Empörung führen könnten. Es wurde 
dieses Oesetz sogar auf eine polemische Abhandlung gegen das Ejrchen- 
gebetbuch angewendet und infolgedessen zwei nonkonformistische Geistliche, 
welche zur Sekte der Brownisten gehörten, Thacker und Copping, vor Ge- 
richt gestellt, und als sie den Suprematseid nicht leisten wollten, verurteilt 
und hingerichtet. 

In gleich strenger Weise unterdrückte Elisabeth Wiedertäufer, Puri- 
taner, Brownisten und Katholiken. 1575 erging eine neue Verfolgung über 
die Wiedertäufer ^ eine Anzahl derselben wurde verbrannt. Dasselbe Schick- 
sal hatten die Werke von Henry Nicholas of Leyden^, welche aus dem 
Deutschen übersetzt waren: „The Gospel ofthe Kingdom *", „Documental Sen- 
tences', »The Prophecy of the Spirit of Love*, „The Publishing of Peace upon 
Earth'. Auch diese wurden dem Feuer übergeben, und ein jeder, der ohne 



* The Discoverie of a gaping gulf whereinto England is like to be awallowed by 
aaoUier French marriage, if the Lord forbid not the banes, by letting her Majestie see the 
3in and pnnishemeiit thereof. Mense Angusti Anno 1579. 

' Ein Advokat Dalton, welcher gegen die strenge Strafe war, wurde in den Tower 
verbracht. Monson, ein Richter, kam mit scharfem Tadel davon, legte aber seine Stelle 
nieder. Vgl. Hart, Index Anglicanus 6 ff, Nr. 13. 

• Lingard a. a. 0. VIII 156. 

^ S. Hart a. a. 0. Nr. 14, 8. — Über Heinrich Niclaes vgl. F. Nippold in der 
Zeitschrift fOr die historische Theologie, Jahrgang 1862, 8. u. 4. Heft 

Hilg«rs, Der Index Leos Xm. 14 



210 Puritaner und Brownisten. 

Erlaubnis der Bischöfe ein Exemplar bei sich aufbewahrte, galt als straf- 
würdig. Solche Erlaubnis gaben wohl die Bischöfe, beispielshalber gestattete 
der Erzbischof Whitgift von Canterbury dem Buchhändler Ascanios de Beni- 
alme einige Exemplare papistischer Bücher einzuführen, jedoch nur unter der 
doppelten Bedingung, daß er dieselben vorher dem Erzbischofe oder einem 
andern Mitgliede des geheimen Rates vorlege und sie nur an solche verkaufe, 
welche der Erzbischof als geeignet, sie zu lesen, bezeichnen werde ^. 

Besonders um das Jahr 1583 fühlten sich die Puritaner sehr eingeengt 
und machten sich Luft in einer Reihe neuer Schmähschriften, die sich haupt- 
sächlich gegen den Klerus und Episkopat der herrschenden Staatskirche 
wandte. Sofort erUeß die Königin eine strenge Proklamation gegen die Ver- 
fasser, Herausgeber und Besitzer aufrührerischer Libelle, gegen ^aufrührerisdie 
und schismatische Bücher, Schmähschriften und andere phantastische Schriften*. 
Die Stemkammer erlaubte durch das »härteste" Gesetz vom Jahre 1585 nur 
eine Presse für jede Universität und nur eine bestimmte Anzahl von Drucker- 
pressen in London. Sie verbot, ohne vorhergegangene Genehmigung des £n- 
bischofs oder Bischofs irgend etwas zu drucken, zu verkaufen, zu binden oder 
zu heften^. Als dann infolge dieser Gesetze eine wandernde Presse heimlich 
von Haus zu Haus und von Grafschaft zu Grafschaft herumzog und die an- 
stößigen Schriften verbreitete, wurde lange vergeblich darauf Jagd gemadit» 
bis man sie endlich in der Gegend von Manchester entdeckte und zerstörte. 
Ein puritanischer Geistlicher, John Udall, hatte eines dieser Bücher verfafit 
und ward am 13. Januar 1590 vor Gericht geführt. Sein Werk ward als 
Libell gegen die Königin erklärt, weil dasselbe die Regierung der durch ihre 
Autorität eingeführten Kirche schmähte. Das Todesurteil war bereits über 
ihn ausgesprochen und wäre ausgeführt worden, wenn sich nicht der König 
von Schottland für ihn verwendet hätte. Er selbst wiederrief auch seine 
Schrift, aber ehe die Begnadigung ihn erreichte, starb er im Gefilngnisse nach 
dreijährigem Kerker im März 1593 an gebrochenem Herzen. 

Noch drakonischer verfuhr man um dieselbe Zeit gegen die Brownisten, 
diese XJltrapuritaner. Es nützte den Verfassern der puritanischen Schriften 
nichts, sich zu entschuldigen mit der Ausrede, die schlimmsten Stellen seien 
nicht gegen die Königin, sondern gegen die Bischöfe gerichtet. Barrow und 
Greenwood erlitten am 6. April 1593 die Todesstrafe. Ein anderer, ein 
Geistlicher namens Penry, war verdächtig; bei einer Haussuchung fand man 
unter seinen Papieren eine Sammlung von Sentenzen, die Beziig auf die 
Königin haben sollten. Es genügte, um ihm den Prozeß zu machen, obgleich 
er beteuerte, daß es nur Materialien zu einer beabsichtigten Schrift seient 
die er niemand mitgeteilt habe. Am 29. Mai dieses Jahres ward er in der 
StUIe gehängt. Überhaupt hatte unter Elisabeths Regierung ein vrillkfiriiches, 
blutiges Verfahren besonders gegen die Freiheit des Gewissens gewaltet'. 



» Vgl. Reuach a. a. 0. I 98. 

' Vgl. Printing Times and Lithographer 1880; F aal mann a. a. 0. 251 f. 

' Von der damaligen Redefreiheit des Parlamentes zeugt die Tatsache, dm& ,158S 
unter Elisabeth dem Sprecher des Unterhauses vom Lordkanzler bedeotot wurde: »Rede- 
freiheit wird Euch zwar gewährt, aber ihr sollt wissen, was fttr ein Vorrecht Ihr habt; ea 



Jakob I. 21 1 

Die Einfahr aufrührerischer oder verräterischer Bücher — ein Begriff, unter 
den sich vieles fassen liefi — war für die Martialgerichte ein Hauptgrund, 
um zu den schwersten Strafen zu sciu'eiten. Um nur zwei Beispiele anzu- 
fahren, so erlitten Adfield und William Carter die Todesstrafe als Verräter, 
weil der erstere eine katholische Schrift nach England gebracht, der zweite 
eine solche allda neu aufgelegt hatte ^. 

Wie in keinem andern Lande sind die englischen Zensurgesetze mit 
Blut geschrieben. Elisabeths Nachfolger, Jakob I., war milderen Charakters, 
aber ein schwacher Monarch. Die blutigen Gesetze Elisabeths wurden gleich 
1604 im ersten Parlament erneuert, der Strafkodex später noch verschärft^. 
Der neue König griff nicht gerne zum Schwerte, dafUr um so leichter zur 
Feder. Sein Lehrer Buchanan hatte ihm die Ansicht beigebracht: „Der Sou- 
verän müsse der gröfite Gelehrte seines Landes sein.'* Das wollte er auch 
sein und kämpfte in Disputationen gegen die Puritaner, in Büchern gegen 
Rom, in der Synode von Dordrecht und schon vorher durch seine Theologen 
und seine Anklagen gegen die Arminianer, besonders gegen Eonrad Yor- 
stius. Aber auch so war er mehr Bücherzensor als Theologe. Als er eine 
Abhandlung dieses arminianischen Professors erhielt, vermerkte der könig- 
liche Zensor innerhalb einer Stunde eine lange Liste von Ketzereien der neuen 
Schrift. Alle Künste der Diplomatie wandte er an, um in Holland diesen 
Nachfolger des Arminius an der Universität Leyden zu stürzen, dessen Bücher 
auf den Scheiterhaufen zu bringen. Wenn Vorstius Abbitte leiste, könne der- 
selbe höchstens selbst dem Scheiterhaufen entgehen. Der englische König 
veröffentlichte auch eine Erklärung gegen den holländischen Gelehrten durch 
die Presse. Dessen Werke aber wurden auf Befehl des Königs 1611 zu 
London sowohl im Hofe der Paulskirche als auch vor der Universität öffent- 
lich verbrannt. 1619 noch arbeitete er aus allen Kräften durch seine Theo- 
logen auf der Dordrechter Synode gegen die Schriften der Arminianer und 
des Vorstius. Er hatte das Vergnügen, daß hier nun auch die Werke des 
Gelehrten verboten wurden. 

Gbtspar Scioppius hatte 1611 seinen „Ecclesiasticus" gegen Jakob heraus- 
gegeben. Das Buch, welches auch Heinrich IV. von Frankreich schmähte, 
ward in Paris auf Befehl des Parlaments verbrannt. In London aber wurde 
der Verfasser in Gegenwart des Königs in effigie gehenkt, selbst aber vom 
Könige begnadigt zu einigen Stockschlägen durch den englischen Gesandten 
in Spanien ^ 

Am Sonntag den 21. November 1613 ließ der König einige Werke des 
Jesoiten Franz Suarez verbrennen. Der königliche Theolog hatte vorher schon 
gegen Born geschrieben und hier wenigstens in Bellarmin einen tüchtigen 



bestellt nicht darin, daß jeder reden kann, was er will und in seinen Sinn kommt, sondern 
darin, da£ Ihr Ja oder Nein sagt/ Ende des 16. nnd Anfang des 17. Jahrhunderts kam es 
nicht selten vor, daß Parlamentsmitglieder wegen ihrer Äußerungea in den Tower geschickt 
wurden*. Vgl. Hans von Nostitz, Das Aufsteigen des Arbeiterstandes in England, 
Jeaa 1900, 61. 

» Vgl. Lingard a. a. 0. VIII 442 f. « Ebd. IX 180, A. 8. 

> 3. Peignot a. a. 0. II 118. 

14» 



212 Karl I. 

Gegner gefunden. Des Königs Schriften stehen auf dem römischen Index, 
irgend einen literarischen oder gar theologischen Wert haben sie nicht. 

Mit ebensoviel blindem Eifer focht Jakob gegen den Aberglauben oder 
vielmehr für denselben, indem er mit großem Aufwände von Gelehrsamkeit 
das Dasein der Hexen bewies und die Einwürfe von Scot und Weier zu wider- 
legen suchte^. Das 1584 erschienene Werk gegen das Hexenwesen, «Disco- 
very of witchcraffc ,by Reginald Scot*" wurde dabei dem Scheiterhaufen 
übergeben. Noch 1623 erließ lakob eine Proklamation gegen Winkeldrucke- 
reien und heimlich gedruckte Bücher^. 

Unter König Karl I. wurden die Preßverfolgungen nicht seltener, die 
Strafen aber noch grausiger, so daß gerade aus dieser Zeit der englischen 
Zensur einige schreckliche Beispiele immer von neuem jener Zensur zur 
Schmach wiederholt werden. Wenn aber bislang in England die mehr kirch- 
lich-theologische Zensur die politische weit überwog, so begann von nun an 
die letztere immer mehr sich vorzudrängen. Der kirchlichen Revolution im 
16. Jahrhundert folgte ja die staatliche im 17. Säkulum. 

Ein Dr Sibtherpe hatte 1627 eine politische Predigt gehalten nach dem 
Sinne des Königs. Karl I. gab Befehl, dieselbe zu drucken. Der Erzbischof 
Abbot weigerte sich, die Druckerlaubnis zu geben. Abbot wurde daraufhin 
am 9. Oktober ohne weiteres suspendiert und Dr Land, der damalige Bischof 
von London, gab die Approbation. 

Die Puritaner wurden um jene Zeit immer halsstarriger und fanatischer. 
In Schmähschriften bekämpften sie die Episkopalen, am heftigsten .diePri- 
laten' selbst. Einer der Wildesten, ein Oeistlicher Alexander Leigfafa»r 
mußte am 4. Juni 1630 vor der Sternkammer erscheinen. Sein Buch .An 
Appeal to the Parliament; or Sion's Plea against the Prelacie. Printed the 
year and moneth wherein Rochell was lost [1628]' schonte weder die Bi- 
schöfe noch König und Königin. Es war das Werk eines Fanatikers, das 
aber dennoch nicht die von den Lords der Stemkammer über ihn verhängte 
Strafe rechtfertigte. Am 16. November 1630 ward Leighton, seines geist* 
liehen Amtes entsetzt, im Hofe des Gerichtspalastes öffentlich gepeitscht 
zwei Stunden lang an den Pranger gestellt, ihm ein Ohr abgeschnitten und 
ein Nasenflügel aufgeschlitzt. Auf einer Wange wurden die Buchstaben SJ5. 
(Sower of Sedition) eingebrannt. Nach Verlauf einer Woche «being not yet 
cured' wiederholte sich das grausige Schauspiel in gleicher Weise; er wurde 
von neuem gepeitscht und an den Pranger gestellt, es ward ihm das andere 
Ohr abgeschnitten, der andere Nasenflügel aufgerissen, die andere Wange 
gebrandmarkt. Und also verstümmelt brachte man ihn zu lebenslänglichein 
Kerker ins Gefängnis zurück. Beim König fand er keine Begnadigung. Bf 
Jahre saß er gefangen, im April 1641 gab ihm das Parlament, damals in 
Waffen gegen Karl I., die Freiheit wieder und bescheinigte ihm mit Paria- 
mentsbeschluß, daß seine frühere Yei-stümmelung und Einkerkerung vollständig 
illegal gewesen sei 8. 

» Peignot a. a. 0. II 119. * Faulmann a. a. 0. 346 f. 

» Vgl. Lingard a. a. 0. IX 860; Hart a. a. 0. 71, Nr 56. 



Das Zensurgesetz von 1637. 213 

Leighton safi noch im Kerker, da stand ein anderer Schriftsteller auf, 
welcher noch mehr von sich reden machte. Es war der Advokat William 
Prynne von Lincoln's Inn, ein echter Puritaner, der die herrschenden Laster 
bekämpfen wollte, indem er einen lOOOseitigen Band in 4^, The Histrio- 
mastix, gegen Theater, Schauspiel und Tanz schrieb^. Da die Königin kurz 
vorher einer Vorstellung beigewohnt hatte, wußte Land es am Hofe begreiflich 
zu machen, dafi das Buch des Satirikers, der schon früher seine Geißel über 
Land und die Bischöfe «in Atlas und Seidenzeug* geschwungen, ohne daß 
man ihn hatte belangen können, gegen König und Königin selber gerichtet sei. 
Vergebens beteuerte Prynne eidlich, daß ihm jeder Tadel des Hofes fern- 
gelegen, vergebens drückte er seine Reue aus über den beißenden Ton seines 
Baches. Sofort mußte der Kronanwalt Noy ihn bei der Stemkammer ver- 
klagen und Prynne war bald verurteilt. Er verlor seine Praxis, ward aus- 
geschlossen von Lincoln's Inn und seines akademischen Orades von Oxford 
verlustig erklärt, in Westminster und Cheapside am Pranger sollte ihm je ein 
Ohr abgeschnitten werden ^. Sein Werk wurde unter seinen Augen verbrannt, 
ihm eine Buße von 5000 Pfund auferlegt und er selber zu ewigem Kerker 
verdammt. 

Allein die grausame Strafe bezwang den Satiriker nicht, aus dem Ge- 
mngnisse gab er noch giftigere Schriften heraus und fand in Dr Bastwick, 
einem Arzte, einen geschickten Gehilfen, dem es aber mit seinen Schriften 
ebenso wie Prynne erging. Ein ähnliches Los hatte Heinrich Burton, der früher 
Kaplan des Königs gewesen. Die Vollstreckung des grausamen ürteiles an 
den drei Delinquenten regte das Volk gewaltig auf, und die Sternkammer 
sachte jetzt mit strengeren Preßgesetzen und strengerer Zensur Herr der 
Bewegung zu werden. Es erschien das Zensurgesetz der Sternkammer vom 
11. Juli 1637 ^ ein Gesetz so strenge, daß es allein mit den Verfügungen 
der napoleonischen Zensur kann verglichen werden. 

Es verbot a) die Einfuhr und den Verkauf von Büchern, die jenseits 
des Meeres zur Unehre der Religion oder der Kirche, oder der Regierung 
oder der in der Sarche, oder dem Staat Regierenden oder des Gemeinwesens, 
oder irgend einer Korporation oder einzelner Personen gedruckt worden, bei 
Strafe von Geldbußen, Gefängnis oder anderer körperlicher Strafe, auf Befehl 
des Gerichtshofes der Stemkammer oder des hohen Kommissionshofes ; b) den 
Drack jeden Baches, wenn es nicht vorher die gesetzliche Druckbewilligung 
erhalten, bei Strafe, daß der Drucker unfähig erklärt werde, die Buchdrucker- 
konst aaszuüben und unter andern Strafen, welche die genannten Gerichts- 
höfe verhängen würden, c) Es befahl, daß juridische Bücher durch einen 
Oberrichter oder den Chief Baron, Bücher über Geschichte und Staatsange- 
legenheiten durch einen Staatssekretär, heraldische Bücher durch den Lord- 
Marschall, Bücher der Theologie, Philosophie, Naturlehre, Dichtkunst und 



^ Der Titel lautet: Hisirio Mastix. Tbe Player's Sconrge, or Actor*8 Tragedie. By 
William Prynne, London 1633. 

* VgL Lingard a. a. 0. X 16. Unmittelbar nach der Execution ,ließ Prynne seine 
Oliren annAhen, damit sie ihm wieder wie früher an den Kopf wachsen möchten.* 

3 Rnshworth UL Ap. 306 bei Lingard a. a. 0. X 20, A. 2. 



214 ^^ Pbiloihea des hl. Franz von Sales. 

andere Gegenstände durch den Erzbischof oder Bischof von London, oder die 
Kanzler oder Vizekanzler der Universitäten zensuriert werden sollten. Alle 
diese durften andere untergeordnete Zensoren aufistellen, d) Jeder Drucker 
sollte jedem Buche, Gedichte oder Bilde, das bei ihm gedruckt worden, seinen 
eigenen und des Verfassers Namen beisetzen, e) Es sollten außer den» 
Sr Majestät und der Universitäten nicht mehr als 20 Buchdruckermeisto' 
sein; kein Buchdrucker sollte mehr als zwei Pressen oder zwei Lehrlinge 
haben, ausgenommen er wäre Aufseher der Innung, f) Wenn sich irgend 
ein anderer beigehen ließe, zu drucken oder an einer Druckerpresse zu ar- 
beiten oder Schrift zu gießen, so sollte er an den Pranger gestellt und durch 
die City von London gepeitscht werden und nach Gntbefinden andere Strafe 
erleiden, g) Es sollen nicht mehr als vier Schriftgießer geduldet werden. 
11. JuH 1637. 

In demselben Jahre, unmittelbar vor Erlaß dieses Gesetzes wurde m 
Buch verboten, das folgenden Titel fährte: „An Introduction to a DevoutLife, 
1637^. Es war nichts anderes als die Übersetzung der Philothea des hL Franz 
von Sales. Land selbst bemerkt dazu: „. . . The book being thus printed 
gave great and just offence, especially to myself, who upon the first heaiing 
of it, gave present order to seize upon all the copies, and to bum them 
publicly in Smithfield. Eleven or twelwe hundred copies were seized and 
bumt accordingly." ^ 

1649 fiel das Haupt Karls I. unter dem Beil des Scharfrichters. Bevo- 
lutionäre Zeiten sind nie der Freiheit, am wenigsten der Freiheit des Geistes 



> Laud's Chancellorship. fol. 1700, p. 129; vgl. Hart a. a. 0. 80, Nr 72. Die könig- 
liche Order zur Unterdrückung des Buches hatte folgenden Wortlaat: ^By the KiDg. : A 
proclamation for calling in a book entituled An Introduction to a Devont Life; and that tke 
same be publikely bumt. 

Whereas a book entituled An Introduction to a Devout Life, was lately printed 1^ 
Nicholas Oakes of London, and many of them published and dispersed thronghout the fealiM, 
the copie of which book being brought to the Ghaplaine of the Lord Archbishop of Cantw- 
bury for licence and allowance , was by him , upon diligent perusall , in sundry plaees es- 
punged and purged of divers passages therein tending to Popery. Neverthelease , the saae 
book, after it was so amended and allowed to be printed, was corrupted and falnfied bj tke 
translator and stationer, who between them inserted again the same Popish and nnaooai 
passages; and the stationer is now apprehended, and the translator songht for, to be pif- 
ceeded against according to justice. His Majesty , out of bis pious and constant can U 
uphold and maintain the religion professed in the Church of England in its purifcy, withoot 
error or corruption, doth therefore hereby declare his royall will and pleasore to be, •i' 
doth straitly Charge and command all persons, of what degree, quality, or condition iweTfr. 
to whose hands any of the said bookes are or shall come, that without delay they deliver 
or send them to the Bishop or Chancellor of the Diocesse, whom his Majestie reqnireth to 
cause the same to be publikely bnmt, as such of them as have beene already seiaed ob hiT» 
been by His Majestie's expresse command; and to this His Majestie's royall ploMore, be 
requireth all his loving subjects to yeeld all due conformity and obedience, as they vOi 
avoid the censure of high contempt. 

Given at our Court at Whitehall , the fourteenth day of May in the thirteonth yeare 
of our reigne. God save the King. 

Imprinted at London by Robert Barker, Printer to the King*8 most excellent Majestie: 
and by the Assignes of John Bill. 1637. 



Milton und Biddle. 215 

hold. Die Btrengen Gesetze wurden auch strenge gehandhabt nach wie vor. 
Hart zählt aus den Jahren 1637 — 1681 mehr als 200 verbotene englische 
Bücher auf, ohne im geringsten Anspruch auf Vollständigkeit machen zu 
können. Peignot verzeichnet dazu noch andere, und beide haben nur solche 
aufgeführt, deren Verurteilung mehr Aufsehen machte. 

1651 erschien zu London „Joannis Miltoni angli pro populo anglicano 
defensio contra Glaudii anonymi, alias Salamasü, defensionem regiam' in fol. 
Der Verfasser erhielt dafür in London ein Geschenk von 1000 Pfund, wäh- 
rend der Henker das Buch in Paris verbrannte. 

1644 hatte Milton seine Bede über die Freiheit der Presse, die «Areopa- 
gitica', veröffentlicht. Gromwell, dem die Feder des Verfassers bald so wich- 
tige Dienste leisten sollte, unterdrückte die Schrift sofort. Im Jahre 1823 
wurde Miltons .Doctrina christiana' wieder aufgefunden, eine Schrift, welche 
des Verfassers Glaubensbekenntnis enthält und, wie B. Eibach ^ sagt, bei 
seinem Tode als staatsgefährlich und kirchenschänderisch mit Beschlag be- 
legt wurde. Kaum war die englische Bevolution beendigt, als der Sekretär 
Gromwells, der Verteidiger des Eönigsmordes , am 13. September auf Parla- 
mentsbeschlufi hin verhaftet ward. Allein ein anderer königlich gesinnter 
Dichter, Davenant, so erzählt man, dem Milton früher in ähnlicher Lage das 
Leben gerettet, trat nun wirksam für den freiheitlich gesinnten Bruder in 
Apollo ein und erbat ihm Freiheit und Leben. In jene Zeiten fällt auch die 
Verurteilung der Werke Hobbes', von der oben ^ die Bede war. 1643, 1649, 
1652, 1656 ergingen immer strengere Zensurverordnungen, welche schlie^ich 
1662 von Karl H. durch ein ausführliches Pre%esetz gekrönt wurden, welches 
die früheren Beschränkungen aufnahm». 

John Biddle, der .Vater und Märtyrer ** des modernen ünitariertums, 
war schon verschiedene Male, zuletzt 1646 bei dem langen Parlamente als 
Häretiker angeklagt und inhaftiert worden, als 1647 seine aufsehenerregende 
Schrift erschien: , Zwölf Argumente aus der Schrift, durch welche die ge- 
wöhnlich angenommene Meinung bezüglich der Gottheit des Heiligen Geistes 
klar und völlig widerlegt ist.^ Der Verfasser ward aufs neue festgenommen, 
als Ketzer verurteilt, sein Buch durch Beschluß des Unterhauses am 6. Sep- 
tember 1647 verbrannt. Er selbst blieb in Haft, entging aber bei der da- 
maligen Verwirrung der politischen Zustände härterer Strafe und dem Feuer- 
tode. Nach der Hinrichtung des Königs und der Amnestie des Jahres 1651 
erhielt er selbst die Freiheit wieder; aber drei Jahre nachher, als er seinen 
großen und kleinen Katechismus 1654 veröffentlichte, wurde er vor das erste 
Parlament Gromwells geladen und verhaftet und dann nach kurzer Freilassung 
1655 abermals gefangen gesetzt. Cromwell mochte in seiner Lage den Ketzer 
weder freilassen noch auch hart strafen, er verbannte ihn denn nach der 
Insel Scilly, nachdem seine Katechismen vom Scharfrichter dem Feuer über- 
geben waren. Einige Jahre später (1658) erhielt er jedoch nach neuer Ver- 
handlung die Freiheit. Als aber die Stuarts wieder auf dem Thron saßen. 



^ Realenzyklopädie für proiest. Theologie XIII*, Leipzig 1903, 80. 
* S. 189 f. * Vgl. Faulmann a. a. 0. 348. 



216 Leti, Bary, Charles Blount. 

ward Biddle Juni 1662 ein letztes Mal eingekerkert, zu einer Oeldatrafe von 
100 Pfund verurteilt. Bis zur Zahlung sollte er in Haft verbleiben. Tödlich 
erkrankt, ward er jedoch am 22. September 1662 entlassen und starb zwei 
Tage darauf 1. 

Der unsaubere italienische Schriftsteller Gregorio Leti, welcher dem 
römischen Index genug zu tun gab, hatte sich auch nach England verirrt 
war dort von Karl IL gut aufgenommen und schrieb englische Gteschiefate. 
Aber das „Teatro britannico* miMel zu sehr, das Werk wurde verurteilt, 
und der Verfasser mußte innerhalb zehn Tagen das Land räumen. Ee war 
um das Jahr 1683. Um dieselbe Zeit wurde sogar von den Richtern ent- 
schieden, daß es überhaupt ein vor dem gemeinen Oesetz strafbares Yergehen 
sei, ohne Erlaubnis des Königs politische Nachrichten zu veröffentlichen'. 
Einige Jahre später (1691) erschien „The naked gospel by Arthur Bury', 
die orthodoxen Protestanten sahen darin die Quelle der ausbrechenden Frei- 
geisterei, und die Universität von Oxford verurteilte und verbrannte das Buch. 
Bald darauf (1693) veröffentlichte Charles Blount eine rationalistisch-anglftih 
bige Schrift gegen Qlauben und Bibel. Das Werk ward sofort verboten. 

Im übrigen war es dieser selbe Charles Blount, welcher durch adiie 
Schriften und Intriguen die Zensur zum Falle brachte, wenigstens ihren Fall 
vorbereitete \ 

Charles Blount schrieb anonym ein Buch „Eing William and Queen 
Mary Conquerors*^. Die Schrift erhielt die Druckerlaubnis des neuen Zensors 
Edmund Bohun, der dieselbe um so lieber gab, als er darin ganz seine An- 
sichten ausgesprochen fand, die den Whigs aber ein Gegenstand des Hasses 
waren. Der bloße Titel des Buches machte die Whigs schon ergrimmen. 
Der ungenannte Verfasser, selbst ein Republikaner, hatte seinen Zweck er- 
reicht und den Zensor verleitet. Der ganze Haß über das Buch wandte sich 
diesem letztem zu. Er mußte vor den Schranken des Unterhauses erscheinen. 
Das .Schuldig*^ wurde über ihn ausgesprochen und er von den Beamten des 
Parlamentes ins Gefängniß abgeführt. Einstimmig ward beschlossen, die an- 
stößige Schrift durch den Henker im Palasthofe verbrennen zu lassen. 

Derselbe Zensor, welcher über eine von ihm gewährte Druckerlaubnis 
so jämmerlich stolperte, daß seines Bleibens im Amte nicht mehr war, hatte 
früher einer Rede des Lord Warrington vor der großen Jury von Cheshire 
die Approbation verweigert, weil er der Ansicht war, daß Seine Lordschaft 
in verächtlichen Ausdrücken von dem göttlichen Recht und passivem Ge- 
horsam gesprochen hatte. 

Damals kam es sogar vor, daß das Unterhaus, wenn auch nur mit ge- 
ringer Majorität, den Hirtenbrief des Bischofs Burnet von Salisbury zom 
Scheiterhaufen verdammte, und zwar aus dem einzigen Grunde, weil das Pa- 
storalschreiben an einer Stelle eine Sprache führte, welche jener anonymen 

' Vgl. Kirchenlexikon IP 804; Loofs in Realenzyklopftdie f&r proteet Theologie 
III» 201 f. 

* Macaulay, Geschichte Englands XVIIL Leipzig 1856, 108. 

» Vgl. die ganze Darstellung bei Macaulay, Geschichte Englands XYII 19 ff. 



Die letzten Zensoren. 217 

Schrift Charles Blounts ähnlich sah und die mißvergnügten Whigs noch 
mehr erbitterte. 

Bevor 1694 das Zensurgesetz in England erlosch, arbeitete es noch 
einmal mit großer Härte. Boger L'Estrange war Zensor der Presse unter 
den beiden letzten Stuarts bis zum Jahre 1688. Die bestehenden schweren 
Strafen gegen Bücher, Pamphlete und Zeitungen, wie Tod, Verstümmlung, 
harte Körper- und Kerkerstrafen waren ihm noch nicht genug, und in einer 
Vorstellung empfahl er dem Parlament dazu den Pranger, das Auspeitschen, 
mit dem Strick um den Hals unter dem Galgen stehen, in den Bergwerken 
arbeiten, Karren schieben u. a. m. Er spürte selber einen Drucker aufrühre- 
rischer Flugschriften namens Trogan in seiner Wohnung auf und verhaftete 
ihn. Trogan ward verurteilt, er solle unter den Armen aufgehängt, dann 
der Bauch aufgeschlitzt, die Eingeweide herausgenommen, diese vor seinen 
Augen verbrannt, dann der Körper gevierteilt werden und der Kopf endlich 
to be disposed of at the pleasure of the King's Majesty — so heißt es wört- 
lich im Urteil und so wurde es buchstäblich vollzogen K 

Der Nachfolger Boger L'Estranges als Zensor, ein schottischer Edel- 
mann, Fräser, wird als ein unparteiischer und humaner Mann gepriesen. 
Allein schließlich nahm das Volk oder genauer die Boyalisten Anstoß an 
einer seiner Zensuren, so daß er seine Stelle niederlegen mußte. 1692 gab 
nämlich Fräser die Druckerlaubnis zu einem Buche, welches ein alter Oeist- 
licher namens Walker geschrieben hatte, um zu zeigen, daß nicht Karl L, 
sondern Oauden, bei dem Walker zur Zeit der Bepublik Pfarrverweser ge- 
wesen war, der eigentliche Verfasser des „Eikon Basilike** war. Qauden, 
Kaplan des Königs Karl, war später Bischof von Exeter. Je überzeugender 
die Schrift Walkers war, um so mehr ergrimmten die eifrigen Boyalisten 
darüber mit der ganzen Hochkirche. War doch schon der Antrag gemacht 
worden, Abschnitte aus dem «Eikon** in den Kirchen vorlesen zu lassen. 
Das kostbare Büchlein galt ihnen wie eine Offenbarung, und über den un- 
glücklichen Zensor, welcher es gewagt hatte, daran zu rühren, kam die un- 
vernünftige und strenge Zensur der Tories^. Dieser Volkszensur fiel Fräser 
zum Opfer, ihm folgte der oben schon erwähnte Edmund Bohun. um so 
merkwürdiger ist diese Zensur, als das „Eikon*", welches rasch nacheinander 
47 Auflagen erlebte imd in mehrere Sprachen Europas übersetzt wurde, bei 
seinem ersten Erscheinen dem Drucker Boyston die sofortige Verhaftung 
und schließlich den Tod im Kerker einbrachte. Seine ganze Schuld bestand 
darin, daß er die Handschrift im Jahre 1648 in Empfang genommen und 
sie als königliches Buch gedruckt und veröffentlicht hatte. 

Das Erlöschen des Zensurgesetzes am 3. Mai 1695 ^ obgleich England 
deshalb als Vorkämpferin der Zensurfreiheit gefeiert wird, änderte nicht gar 
viel weder an der Art und Zahl der verbotenen Bücher noch auch an der 



^ Vgl. Schlesinger, WanderuDgen darch London bei Julius Duboo, Geschiohie 
der englischen Presse, Hannover 1873, 5 f. Vgl. auch F a u 1 m a n n a. a. 0. 349. 

« Vgl. Macaulay a. a. 0. XVII 20; Joh. B. v. Weiss, Weltgeschichte X», 
Gras 1898, 101. 

< Macaulay a. a. 0. XVIII 107. 



218 ^^ 18- Jahrhundert. 

unnachsichtigen Strenge, mit der Pre&vergehen auch fürderhin geahndet wor- 
den. An Stelle der Präventivzensur traten genug andere vorbeugende Hafi- 
regeln, welche eben, weil vielfach vom Gesetze nicht genau festgelegt und 
der diskretionären Gewalt des Parlamentes, der Regierung, des Königs über- 
lassen, die Freiheit der Presse und die Schriftsteller um so willkürlicher und 
empfindlicher berührten. Es wurden in der Folgezeit auch nicht etwa blofi 
Pre&verbrechen gegen Staat und Regierung, sondern auch gegen Glauben und 
Religion gestraft, und die Bücherverbote trafen nicht blofi namenlose, un- 
bedeutende Pamphletisten. Ebenso erwähnenswert ist es, daß auch in diesem 
18. Jahrhundert die Verbote des römischen Index und die englischen Bücher- 
verbote nicht selten dieselben deistischen oder ungläubigen Verfasser trafsn. 
Gerade im Anfange des 18. Jahrhunderts gibt es eine Reihe solcher Verbote. 

Johannes Toland hatte 1696 zu London ein Werk herausgegeben, dessen 
Titel ,,Ghristianity not mysterious'' den Inhalt verrät, öffentlich wurde es 
zu Dublin verbrannt, und der merkwürdige Gottesgelehrte war gezwungen, 
heimlich davon zu gehen. Ein Oxforder Doctor, William Goward, schrieb 
1702 — 1704 „Thougths concerning human souls''. Die ungläubigen Schriften 
verurteilte das Parlament und ließ sie ebenfalls öffentlich vom Henker ver- 
brennen. Um dieselbe Zeit hatte der Verfasser des „Robinson Crusoe' anonym 
eine beißende Satire in Umlauf gesetzt, „The shortest way with ihe Dissen- 
ters** (1702). Der entdeckte Schreiber, Daniel Defoe, ward zum Kerker und 
zu dreimaligem Prangerstehen verurteilt. Defoe widmete dem SchandpfaU 
eine Ode. Wenige Tage nach ihrer Thronbesteigung hatte die Königin Anna 
am 26. März 1702 durch eine neue Proklamation das Drucken irreligiöser 
und aufrührerischer Schriften allgemein verboten. 

Weitbekannt wie ihr Verfasser, Bernard de Mandeville, ist „The £aUe 
of the bees"", eine merkwürdige, sensualistische Schrift, welche zuerst all 
Gedicht von etwa 400 Versen im Jahre 1706 erschien, alsdann acht Jahre 
nachher vom Verfasser durch einen größeren Kommentar erweitert, als Buch 
herauskam. Doch erst die zweite Auflage dieser Veröffentlichung vom Jahre 
1723 wurde von the Grand-Jury von Middlesex bei der Sangsbench denoo- 
ziert und darauf im selben Jahre zu London verboten K Mandeville, ein ge- 
borener Holländer, lebte als Arzt in England und gab manche schlechte 
Bücher heraus. 

Der noch bekanntere Matthew Tindal (1657 — 1733) entging ebenfidb 
nicht der Zensur. Als er 1706 ein Werk veröffentlichte zur „Verteidigong 
der christlichen Kirche, besonders gegen die römischen Priester', wie es im 
Titel bieg, wurde er von den anglikanischen Theologen sehr eifrig bekämpft, 
sein Werk aber ward von den Tribunalen zum Scheiterhaufen verdammt. 
Noch berüchtigter ist sein 1730 erschienenes Buch „Christianity as cid as 
the creation, or the Gospel a republication of the religion of nature', das 
allerdings den ganzen Beifall Voltaires fand, aber ebensosehr in England 
mißfiel. Der Verfasser starb bald darauf. Der Bischof Gibson von London 

' Der Wortlaut der Denunziation findet sich in der französischen Ausgabe „Ls fiblt 
des Abeilles, Londres 1740*, tome second, 220 ff. 



Die Zeit der Zenanrfreiheit. 219 

widersetzte sich der Veröffentlichung des zweiten Teiles jenes unchristlichen 
Werkes und derselbe ward unterdrückt. 

.Der englische Rabelais*, Swift, der in der Literaturgeschichte Englands 
einen Namen hat und am Hofe der Königin Anna großes Ansehen genoß, stieß 
mit einer anonymen Schrift in London an. Der Titel lautet: „Response ä la 
crise du Chevalier Richard Steele'', und das Buch handelt von der Yereini- 
gang Schottlands mit England, wobei die Schotten mit Verachtung besprochen 
werden. Die Königin, erbost über die Schmähschrift, verbot sie und setzte 
300 Pfund auf die Entdeckung des Autors K Auch der Hofprediger der Kö- 
nigin Anna, Samuel Clarke, stand wegen eines antitrinitarischen Buches vor 
Gericht. Das Werk, „The Scripture-doctrine of the Trinity*, kostete dem 
Theologen seine Hofyredigerstelle. Schlimmer noch erging es dem nicht ganz 
normalen Theologen Thomas Woolston, welcher nach der Herausgabe seiner 
«Discourses of the miracles of our Saviour' 1728 zum ersten Male verhaftet 
und 1729 zu einem Jahre Oefängnis und zu 25 Pfund Strafgeld für jeden Dis- 
oourse verurteilt wurde. Da er aber die 2000 Pfund Kaution, die ihm außerdem 
auferlegt waren, nicht aufbringen konnte, mußte er im Kerker verbleiben bis 
ztt seinem Tod 1733. 

»Die Reichsrichter hielten sich vermöge ihrer Polizeigewalt trotz der 
Zensurfreiheit noch immer für ermächtigt, Beschlagnahmen und Haussuchungen 
in Preßsachen zu verfügen unter oft drakonischer Anwendung der Strafgesetze 
gegen politische Flugschriften und Schmähartikel. Selbst allgemeine Befehle 
zur Beschlagnahme aufrührerischer Schriften und zur Verhaftung der Ver- 
fasser wurden gelegentlich noch von den Staatssekretären erlassen, bis zu 
dem berühmten Urteilsspruch des Hofes der Common Pleas von 1764. Die 
Verwaltung der Whigs und die gewöhnliche Stimmung des Unterhauses waren 
überhaupt einer freien Presse wenig geneigt, behandelten noch immer den 
Abdruck der Parlamentsverhandlungen als ,hohen Privilegienbruch' und zeigten 
sich äußerst empfindlich gegen Tadel ihrer eigenen Beschlüsse. ''^ 

Die Blätter Londons hatten 1760 wieder einmal gegen das erneuerte 
Verbot Parlamentsberichte gebracht. Da wurden die Drucker der vier vor- 
nehmsten Blätter der Hauptstadt vor die Schranken des Hauses geladen ; sie 
maßten einen Verweis entgegennehmen und knieend Abbitte tun^. 

»Die Preßfreiheit,* so schreibt 1819 Ludwig HoflEmann*, »kennt in Eng- 
land keine Einschränkung, dagegen ist die Verantwortlichkeit des Schrift- 
stellers und des Druckers, im Fall der Verfasser ungenannt, groß und er- 
streckt sich sogar bis auf die Buchhändler und Kolporteure solcher Schriften. 
Die Verfasser werden auf das strengste bestraft, sobald sie der Kontraven- 



» Vgl. Peignot a. a. 0. II 236. 

* VgL Rudolph Qneist, SelfgovernmeDt', Berlin 1871, 257, A. 

' Wie würde die Welt noch heute aufgeregt sein, wenn der Verfasser eines vom Index 
verbotenen Baches jemals in ähnlicher Weise wäre gestraft worden — nun geschah es im 
Unterhanae des freien Englands! Es mußten aber überhaupt alle, welche vom Parlamente 
sur Verantwortong gezogen wurden, bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ihren Spruch knieend 
erwarten. S. Hans von Nostitz a. a. 0. 62, A. 2. 

« Geschichte der Bücherzensur 102. 



220 ^^ 1^* Jahrhandert. 

tion Überführt sind. Die Einkerkerung des Doctor Schebear und des Hevni 
Willes in der Zeit der französischen Revolution beweisen zur Oenüge, wie 
traurig der Engländer häufig mit seiner gepriesenen Prefifreiheit daran ist 
Ausstellung an dem Pranger, kaum zu erschwingende Oeldstrafen, EinkeriLS- 
rung auf eine geraume Zeit, dieses sind die Strafen, über die Schriftsteller 
verhängt, welche es wagen, das Volk gegen die Landesgesetze aufeuwi^geln 
und den Ruf hoher Staats- oder anderer Privatpersonen zu filhrden. Bei 
Wiederholungsfällen muß er hohe Kaution für die Zukunft stellen.' 

Immer mehr, wenn auch nur langsam, verschwanden also die vorbeu- 
genden Maßregeln, das System des präventiven Preßzwanges und das sogen. 
Repressivsystem trat an dessen Stelle. „Die Fassung der Strafgesetze war 
indessen eine sehr weite, ihre Handhabung keineswegs eine humane und die 
Parlamentsparteien zeigten sich zeitweise zu einer sehr strengen Yerfolgong 
der Preßvergehen geneigt." ^ Die Repressivmaßregeln von 1808 — 1821 ffihrten 
nicht weniger als 101 Preßprozesse herbei, bei denen 94 Verurteilungen er- 
folgten. Die sogen. Enebelbill vom 30. Dezember 1819 verschärfte die Preß- 
Verordnungen. „Rückfallige Verfasser gottloser und aufrührerischer Schriften' 
wurden mit der Strafe der Transportation bedroht. Erst 1837 und mehr 
noch 1869 trat Erleichterung dieser harten Verfügungen ein. 

Eine zusammenfassende Preßgesetzgebung besteht heute in England 
nicht, es sind aber in einzelnen Gesetzen gewisse polizeiliche Verpflichtungen 
für die Presse und die Drucker festgesetzt und, was wichtiger ist, in andern 
Gesetzen werden verschiedene durch die Presse verübte Handlungen mit Strafe 
belegt. So besteht dort eine Polizeiordnung gegen Verkauf und Verteilung 
profaner, indezenter oder obszöner Schriften. Nach der Akte vom 25. August 
1857 können dieselben auch ohne vorhergehende gerichtliche Verurteilung 
konfisziert werden^. Ebenso finden sich hier gesetzliche Verfügungen g^gen 
Verfasser, Drucker oder Verbreiter aufrührerischer oder gotteslftsterlicber 
Druckschriften \ 

An der englischen Staats- und Eirchengeschichte des 16. und 17. Jahr- 
hunderts klebt viel Blut, das Blut von Königinnen und Königen ebensowohl 
wie das von Bischöfen und Kardinälen. Die unselige ehebrecherische Ver- 
bindung von Staat und Kirche und die daraus sich ergebenden kirchlichen 
wie staatlichen Umwälzungen vom ersten Viertel des 16. bis zum letzten 
Viertel des 17. Jahrhunderts tragen die Schuld daran; sie erklären aber aodi 
nicht so sehr den Ursprung und das Dasein der englischen Zensur als viel* 
mehr die merkwürdig grausame Handhabung derselben bei diesem freien 
Volke. Mehr als bei irgend einem andern protestantischen Staate war in 
England kirchliche und staatliche Zensur in eines verschmolzen und zu einer 
Hauptwaffe der daselbst machthabenden Gewalten geworden. Und das gilt 
von den Königen vor und nach der Revolution, von der Stemkammer, dem 
Unterhaus und Parlament ebenso wie von der republikanischen Zeit mit dem 

^ Gneist a. a. 0. 

^ Vgl. Handwörterbuch der Staatswissenschaften VI', Jena 1901, Sil f ; Ludwig 
Elster, Wörterbuch der Volkswirtschaft II, Jena 1898, 381. 

3 S. Gneist a. a. 0. ^ 



Die Bacherzensur in Holland. 221 

Committee df Examinations des Jahres 1643. Man kann nur sagen, daß 
je tyrannischer die jedesmaligen Machthaber waren, um so despotischer und 
blutiger auch die Zensur ausfiel. Billigerweise mü^ man sich mehr darüber 
wundem, daß dieses freie Volk eine solche Zensur so lange ertragen konnte, 
als darüber, daß dieselbe in England früher als in andern Staaten fiel. 

Als ruhigere Zeiten für Großbritanien kamen, verschwand wohl die all- 
gemeine Präventivzensur, aber in der Tat nicht das Bücherverbot, weder alle 
präventiven noch viel weniger die repressiven Maßregeln der Preßgesetz- 
gebung. Und heute ist durch solchen Schutz auf besondere Weise allda ge- 
sichert erstens die Majestät Gottes und der Religion, zweitens die Majestät 
des Königs und der Verfassung, drittens die Majestät des Volkes und der 
Sittlichkeit. Die englische Zensur hat zu keiner Zeit etwas gehabt, was sie 
berechtigte, ^en Stein auf den römischen Index zu werfen, hat zu jeder 
Zeit manches an sich gehabt, was die römische Büchergesetzgebung durch 
die Gegenüberstellung nur in vorteilhaftem Lichte erscheinen lassen kann^. 

Vielleicht erklärt sich aus dem Gesagten auch die Tatsache, daß das 
erste gerechte Wort und Urteil, welches von Seiten des Protestantismus über 
den Index gefällt wurde, aus der Feder eines anglikanischen Geistlichen ^ im 
20. Jahrhundert kam. 

Die Zensur in den Niederlanden und in Skandinavien. 

Holland. 

Der holländische Galvinismus erhielt sein Gepräge bereits in der belgischen 
Eonfession 1562, seine beste wissenschaftliche Stütze seit 1575 in der Uni- 
versität Leyden, seine feste Gestaltung auf verschiedenen Synoden besonders 
abschließend auf der zweiten von Dordrecht im Jahre 1618. Doch hatten 
die Generalstaaten bald nach ihrem Entstehen in den achtziger Jahren des 
16. Jahrhimderts Plakate gegen verbotene Bücher erlassen. 1581 und 1588 
erschienen solche, die sich, wie vorauszusehen, wider papistische Schriften 
und Superstitionen wandten. Und auch diesen Verfügungen war der fana- 
tisierte Pöbel bereits 20 Jahre früher (1566) zuvorgekommen, als er im van- 
dalischen Bildersturm die katholischen Gotteshäuser entweihte und ausplün- 
derte. 9 In zehn oder zwölf Tagen wurde eine fast unglaubliche Zahl Kirchen 
aller ihrer Bilder, Gemälde, Zierraten, bischöflichen Bibliotheken, 



^ Wie wenig Preßfreiheit in Nordamerika herrschte, zeigt Faulmann a. a. 0. 
fOr das 17. und 18. Jahrhundert auf S. 850, 443 und 444. Um ein oder das andere Beispiel 
anzuführen, so trägt eine Flugschrift üher die Erbauung von Markthäusern auf dem Titel 
^n Zuauiz: ^Imprimatur Samuel Schute, Boston, February 19. 1719.*' James Franklin erhielt, 
nachdem er schon 1721 wegen eines Artikels seiner Zeitschrift mit vier Wochen Gefängnis 
bestraft worden war, 1723 durch einen Beschluß des Gerichts, den das Haus der Repräsen- 
tanten bestätigte, den Befehl, seine Zeitschrift ^The New-England Gourant* nicht eher her- 
auszngeben, bis der Inhalt von dem Sekretär der Provinz genehmigt worden sei. 

In Englisoh-Indien wurde die Zensur erst im Jahre 1878 durch die Vernacular 
Indian press law eingeführt (vgl. Dacosta, Remarks on the Vemac. Ind. pr. law). 

* S. oben S. 73, A. 3. 



222 Sozinianer und Arminianer. 

Altäre, Meßbücher beraubt, fast alles und darunter sehr viele Meisterstücke 
der damaligen Kunst zertrümmert/ ^ 

Das Jahrhundert war noch nicht abgelaufen, als die Generalstaaten es 
mit einer aus dem Schöße des Protestantismus hervorgegangenen Sekte und 
deren antitrinitarischen Büchern zu tun hatten. Die Schriften der Sozinianer 
waren in Amsterdam beschlagnahmt worden, die Universität von Leyden hatte 
sie für ketzerisch erklärt, worauf sie im Haag dem Scheiterhaufen übergeben 
wurden. Es geschah nach dem Jahre 1598, in dem Faustus Sozinus mit An- 
dreas Voidow nach Holland kam und daselbst in Amsterdam und Leyden 
bald vielen Anhang gewann. Die beiden Irrlehrer wurden des Landes ver- 
wiesen, mußten aber vorher der Verbrennung der von ihnen mitgebrachten 
Bücher beiwohnen 2. 

Der Sozim'anismus war damit in Holland nicht ausgestorben, und in der 
ersten Hälfte des folgenden Jahrhunderts mußten aufs neue Bücherverbren- 
nungen vorgenommen und Verordnungen gegen die Unitarier erlassen werden. 
1642 nahm man einem Buchhändler derartige sektische Schriften weg und 
übergab sie dem Feuer, 1653 erschien eine Verfügung der Generalstaaten. 
Als aber die holländischen Prediger „auf dem synodo zu Word das edict 
der Staaten erneuert wissen wollten, daß keine Sozinianische bücher und irr- 
thümer ausgestreuet, noch von ihnen zusammenkünffte gehalten würden, ant- 
worteten die Staaten, daß sie wegen anderer geschaffte hierzu keine zeit 
hätten: woraus die Prediger merkten, daß ihr bitten vergeblich seyn würde, 
und dahero nicht weiter anhielten** ^. 

Weit gefahrlicher als diese Unitarier kamen den calvinistischen Pre- 
digern Hollands jene Sektierer vor, welche, in ilirer eigenen Mitte gewisser- 
maßen geboren, von dem ersten theologischen Professor ihrer Universität 
großgezogen wurden. Mit Zelotismus verfolgten sie daher die Anbänger des 
Arminius und deren ihnen so verhaßte Schriften, wie das oben gezeigt wurde. 

Der starre Geist der Gomaristen, welcher von nun an den holl&ndiscIieD 
Protestantismus beseelte, kennzeichnet auch die Bücherzensur der Niederlande 
für die ganze Folgezeit. Kämpfte die holländische Zensur in der ersten Hälfte 
des 17. Jahrhunderts vor allem gegen die Schriften der Arminianer und deren 
Theologie, so wandte sich der Kampf des Bücherverbotes in der zweiten Hälfte 
dieses Jahrhunderts mit ebensoviel Strenge in noch ausgedehnterer Weise 
gegen die philosophischen Werke der Spinoza, Hobbes' und Gesinnungsgenossen. 
In den vorigen Kapiteln ist diese Zensur schon ziemb'ch ausführlich geschildert 
worden*. Zur Vervollständigung des Bildes fügen wir hier der obigen Dar- 
stellung noch einige markante Züge aus derselben Zeit hinzu. 

In Hugo Grotius hatte sich der niederländische Galvinismus Hollands 
größten Gelehrten, dessen berühmtesten Theologen als Opfer ausersehen, die- 
selbe harte calvinistische Zensur traf gleichzeitig und später den Mann, .in 

^ N. G. van Kampen, Qcschichte der Niederlande I, Hamburg 1831, 859. 
2 Vgl. Allgem. Deutsche Biographie XXIV, Leipzig 1887, 527. 

' Vgl. Gerhard Croesus, Historia quakeriana III 496; Gottfrid Arnold, 
Kirchen- und Ketzer- Historie II, Schaffhausen 1741, 170 171. 

* Vgl. oben S. 187 ff; s. auch lac. Gretseri opera, t. XIII. Ratisbonae 17S9, 208 f. 



Jooet van den Vondel. 223 

dem', selbst nach Jonckbloet, „die niederländische Dichtkunst ihre Sonnen- 
höhe erreichte* K 

Joost van den Vondel trat 1641 zur alten katholischen Mutterkirche 
zorück. Jedoch schon vorher hatte der anninianisch gesinnte Dichter als 
Parteigänger der Oldenbameveldt und Orotius einen Strauß mit den goma- 
ristischen Theologen und Zensoren zu bestehen. Die Synode von Delft führte 
bereits 1596 bittere Klage über die Ausgelassenheit der Poeten, welche ihr 
nicht orthodox und fromm genug waren. Es ist aber leicht erklärlich, daß 
in den darauffolgenden Jahren die Musen der verfolgten Unschuld ebenso 
hold waren als unhold dem Verfolger, dem finstem Calvinismus. Nachdem 
nun Vondel in jüngeren Jahren sowohl in treffenden Sinngedichten als 
in gehamischten Sonnetten für Oldenbameveldt und die Arminianer gegen 
Moritz von Oranien nebst dessen theologischen Anhang aufgetreten, schrieb 
er 1625 eine förmliche Tragödie „Palamedes oder die gemordete Unschuld** 
ZOT Verherrlichung des Besten der holländischen Patrioten, der als 70 jähriger 
Greis das Blutgerüst bestiegen hatte ^. Sobald das Stück erschien, war auch 
Regierung und Polizei hinter dem Dichter her, der auf dem Landhause einer 
befreundeten Familie eine Zuflucht und ein Versteck fand. Zum Glück war 
kurz vorher Moriz gestorben und der mildere Friedrich Heinrich als Statt- 
halter gefolgt. Unter Moriz wäre der republikanische Poet nicht mit dem 
Leben davongekommen. Jetzt hatte Vondel im Amsterdamer Rat einen 
guten Freund, und durch die Dazwischenkunft des Rates entging er weiterer 
gerichtlicher Verfolgung, jedoch nicht ohne vorher eine Geldbuße von 
300 Gulden erlegt und eine scharfe Vermahnung der hohen Obrigkeit ent- 
gegengenommen zu haben. 

Die Strafe hatte Vondel nicht bekehrt, aber trotz mancher zensur- 
widriger kleiner Schriften entging er in den folgenden Jahren dem Zorne 
der calvinistischen Zeloten, bis er im Jahre 1646 durch seine Tragödie 
.Maria Stuart' , welche die Hinrichtung der Königin als Justizmord darzu- 
stellen wagte, den ganzen holländischen Protestantismus gegen sich reizte. 
Man schrieb und dichtete gegen den Papisten bis derselbe vor Gericht gezogen 
imd zu einer Bufie von 180 Gulden vemrteilt war. Acht Jahre später „im 
Januar 1654 vollendete Vondel das berühmteste seiner Trauerspiele, den 
yLuziferS schon merkwürdig dadurch, daß der Dichter in demselben, wie 
Johannes Scherr sagt, ,den Stoff Miltons 14 Jahre vor Milton in wirklich 
erhabener Weise behandelt^ hat*^^. Das Stück kam alsbald zweimal am 
2. und 5. Februar auf die Amsterdamer Bühne und fand unter den Freunden 
der Poesie begeisterte Aufnahme, erregte aber im gleichen Grade den Zorn 
der puritanischen Theologen. Sie fanden darin „unheilige, unkeusche, ab- 
göttische, falsche und ganz vermessentliche Dinge, spitzfindige Ausgeburten 
eines menschlichen Gehirns" *. Sofort am 5. Februar, an welchem „Luzifer" 
zum zweiten Male gegeben werden sollte, versammelte sich der Kirchenrat, 



' Vgl. Banmgartner, Joost van den Vondel, Freibnrg 1882, 301. 

* .Palamedes of yennoorde Onooozelheid' vgl. Bau mg artner a. a. 0. 32 ff. 

» Ebd. 207. * Ebd. 282. 



224 Balthasar Bekker. 

wandte sich an die Stadtbehörde, um noch für diesen Tag die Aufführung m 
verhindern K Ihre Achtbarkeiten, die Stadtväter versprachen, das Verbot am 
folgenden Tage zu erlassen. Und so geschah es. Es half auch nichta, dafi 
Yondel eine Schrift zur Verteidigung der Bühne und des veredelnden, sittigen- 
den Einflusses seines „Luzifer^ schrieb. Der Kirchenrat ging vielmehr nodi 
schärfer vor und ruhte nicht, bis auch Verbot und Beschlagnahmung des 
Buches von der Stadtverwaltung zugesagt und beschlossen war. «Dieweilen 
die Tragödi von Joost van den Vondel ghenannt Luzifars Trauerspiel Im Druck 
öffentlich zum Verkauf aushängt, in welcher viele Schändliche Dinge verfafit 
sind^, resolvierten die Eirchenräte am 12. Februar, es solle an Bürgermeister 
und Bat ein neues Gesuch gestellt werden, „es möge Ihro Achtbarkeiten 
belieben, durch Ihro Autorität die gemeldete Tragödi zu beschlagnahmeD 
und das Verkaufen Selbiger zu verbieten^. Der Bürgermeister mit seinem 
Rat wollte anfänglich nicht auf dieses Gesuch eingehen, da „ bewiesen die 
Kirchenväter das große Unheil, das daraus sollte entstehen können und dafi 
hier pericula(!) in mora wäre^. Es fruchtete noch nicht! «Mit grofier Be- 
trübnis'' vernahm die Kirchen Versammlung diese Kunde imd beschloß ,alle 
möglichen Mittel gegen dieses lästerliche Buch anzuwenden*. Endlich nach 
neuen Vorstellungen erging am 26. Februar vom Senate der Stadt der Bescheid, 
daß nSLXis Respekt vor dem Kirchenrat die obgemeldete Tragödi soll 
mit Beschlag belegt werden ! " ^ 

So erging es dem holländischen Milton, der über die gleichzeitigen 
Dichter nicht nur in den Niederlanden weit hinausragt, dem tiefreligiösen «hen- 
innigsten*' Sänger auf der Sonnenhöhe seiner und der ganzen niederländischen 
Dichtkunst in der Zensur nicht Roms sondern seiner calvinischen Heimat 

Ein zweiter Charakterkopf unter den Opfern der niederländischen ZeDsar 
ist der Pastorensohn, Balthasar Bekker, welcher 1634 in Friesland geboren, 
1666 zu Franeker Doktor der Theologie und ebendort Prediger der Gemeinde 
wurde. Er schrieb verschiedene Bücher aber keines das der Zensur gefiel. 
Sein erstes erschien 1668 „Admonitio sincera et Candida de philosophii 
Cartesiana*'. Der Verfasser empfiehlt darin mit Begeisterung die carte- 
sianische Philosophie als beste Stütze und Fundament der Theologie. BaU 
darauf folgten seine beiden Katechismen : .Gesneeden Broodt vor de Eristen- 
kinderen'^ und „Vaste spyzc der volmaakten^, mit denen er bei seinen Amte* 
brüdem noch viel mehr anstieß. Er ward des Gartesianismus und zugleich 
des Sozianismus beschuldigt, obgleich angesehene Theologen sein Werk f&r 
rechtgläubig erklärten. Bekker schrieb eine Apologie seiner Ansichten und 
erbot sich die der Synode nicht genehmen Stellen seiner Bücher zu ändern. 
Aber der Druck seiner „Vaste spyze" wurde unter Strafe verboten und 
nach all den Streitigkeiten mußte sich der Verfasser auf stillere Plätze zu- 
rückziehen. Hier hielt es ihn nicht lange, 1679 erschien er wieder in 
Amsterdam, wo er eine neue Predigerstelle annahm und in einer bald darauf 
veröffentlichten Schrift gegen den Volksaberglauben über das Erscheinen der 



^ S. das Protokoll vom 5. Februar im Wortlaut bei Baumgartner a. a. 0. 232 f. 
2 Ebd. 235 f. 



Adrian Beverland. 225 

Kometen auftrat. In einem folgenden Werke „De betoverde Wereld", das ihm 
hauptsächlich einen Namen gemacht hat, kämpfte er in rationalistischem Siime 
gegen den „Aberglauben" vom Teufel^. Die Stellen der Heiligen Schrift 
erklärt er in seiner Weise: die Teufel, wenn es solche gibt, kümmern sich 
nicht um die Menschen, es hat nie weder Besessen^ noch Hexen gegeben. 
Damit hatte er jedoch die Geister der Zensur heraufbeschworen, und seine 
frivolen Äußerungen muMe er schwer büßen. Das Amsterdamer Konsistorium 
verdammte das Werk und suspendierte den Verfasser ; der eingeleitete Prozeß 
endete auf der Synode von Alkmaar am 30. Juli 1692 mit der vollständigen 
Amtsentsetzung Bekkers. Alle Anstrengungen seiner Freunde waren ver- 
geblich, sie konnten ihm nur zu seiner Ehre eine Medaille schlagen lassen. 
Zum Entgelt ließen seine Feinde eine solche prägen, die den Teufel als 
Prediger auf einem Esel sitzend darstellt. Bekker starb 1^98, nachdem er 
noch einige andere Schriften herausgegeben hatte. 

Mit mehr Grund und mit noch größerer Strenge als den rationalistischen 
Theologen verurteilte die holländische Zensur von 1678 angefangen einen 
pornographischen Humanisten, der mit seinen schmutzigen Schriften auch 
die Theologie entweihte. Adrian Beverland erregte solchen Anstoß mit seiner 
Schriftstellerei , daß man ihn unter die Feinde des Christentums und unter 
die Atheisten versetzt hat. Als 1678 sein Buch über die Erbsünde er- 
schien, das selbst nach dem urteil ihm wohlgesinnter Kritiker „ebenso 
obszön hinsichtlich der Darstellung, als profan, ja frech, hinsichtlich des 
Inhaltes ist^, war seines Bleibens nicht mehr in Holland. Er trieb sich 
von Stadt zu Stadt umher und schrieb noch einige schmutzigere Schriften, 
mnfite aber 1680 nach England auswandern, wo er um das Jahr 1712 im 
Wahnsinn starb. Im Haag, zu Utrecht und in Leyden verfolgte und vertrieb 
ihn die Zensur. Sein Werk ward verbrannt. Die Universität von Leyden 
liefi ihn einkerkern, tilgte seinen Namen in der Liste der Hochschule, ver- 
urteilte ihn zu einer Geldbuße von 100 Dukaten. Die Freiheit erhielt er 
erst, nachdem er seine Meinungen retraktiert und eidlich versichert hatte, nie 
wieder ähnliches zu schreiben. Da er sein Versprechen sehr bald durch 
Schmutzschriften gegen die Leydener Professoren brach, verurteilten und ver- 
bannten ihn auch die andern Städte der Heimat. 

Hier zum Schlüsse ein Beispiel aus der holländischen Bücherzensur ge- 
bracht zu haben, dem man Anerkennung nicht versagen kann, macht um 
so mehr Freude, als das Gesamtbild der Zensur in den calvinistischen 
Niederlanden eines der finstersten ist. Wenn sich aus der späteren Zeit des 
achtzehnten Jahrhunderts viele Beispiele von Bücherverbrennungen in den 
holländischen Städten, besonders im Haag, zu Amsterdam und Leyden finden, 
so erklärt sich das hauptsächlich aus der Tatsache, daß jene Städte wahre 



^ Das Werk wurde ins Französische übersetzt, und der Übersetzer schrieb darin dem 
Verfasser, der .ressemblait an diable par laideur* folgendes Epigramm: 

Ouiy par toi de Satan la puissance est bris($e; 
Mais tu n'as cependant pas encore assez fait: 
Ponr nous Oter du diable entierement l'idee, 
Bekker, supprime ton portrait. 
Hflgerf, I>«r Index Leos XUl. 15 



226 ^16 dänische Zensur. 

Brutstätten schlechter Schriften wurden. Was zu gemein und gefährlicli 
war, als daß man es in England oder Frankreich zu drucken wagte, ward 
in Holland veröffentlicht. Ein ganzer Strom der schlimmsten Bücher, von 
Uobbes angefangen bis zu Voltaire und Genossen, hat seinen Ursprung in 
Holländischen Pressen. Der starre Calvinismus und seine strenge Zensur 
hat dieselben nicht vom Lande fernzuhalten vermocht. Um so merkwürdiger 
ist die Härte und Strenge der Bücherpolizei in den Niederlanden, als hier — 
es ist wohl die einzige Ausnahme — kein staatliches Büchergesetz mit der 
Verpflichtung zur Präventivzensur bestand. 

Dänemark. 

„Die Zensur, diese Erfindung der Päpste, welche ebensosehr pafit zu 
dem Licht und Wahrheit feindlichen Geist des Katholizismus, wie sie streitet 
mit dem Wesen des Protestantismus, wurde gleichwohl in den protestantischen 
Staaten aufgenommen und gleichzeitig mit der Reformation in Dänemark ein- 
geführt." ^ Es stehen zwar in diesem Satze eines dänischen Geschichtscbreibers 
Anfang und Ende in schreiendem Gegensatz, er charakterisiert aber in dem 
bekanntesten Handbuch der vaterländischen Geschichte Dänemarks noch im 
Jahre 1870 die dänische Auffassung von der Zensur und enthält, wenn auch 
widerwillig, das wichtige Zugeständnis, daß die Zensur, wie sie von 1537 — 1770 
oder besser 1849 in Dänemark gehandhabt wurde, recht ein Kind der dortigen 
Reformation ist, beseelt mit ihrem Geiste. Die Könige haben in Skandinavien, 
unterstützt von dem geldgierigen Adel, das Volk um den alten Glauben ge- 
bracht, die dort herrschende Zensur hatte infolgedessen immerfort einen 
aristokratisch-despotischen Charakter. 

Zur feierlichen Krönung Friedrichs I., welche der schwedische Erzbischof 
Gustav Trolle am 7. August 1524 nach altem katholischen Ritus vollzog, 
war der neue König mit einem lutherischen Prediger als seinem Hofpriester 
erschienen. Durch königlichen Machtspruch hob er das Verbot der Bischöfe, 
Luthers Schriften zu lesen, im darauffolgenden Jahre 1525 auf, und von nim 
an fand die lutherische Lehre ihren Weg ins Land und Volk. 

Mit dem Jahre 1536 verschwindet der dänische Karmelit Paulus Helfi 
spurlos aus der Geschichte. Er war der entschiedenste und tüchtigste Vor- 
kämpfer der katholischen Lehre gegen den dänischen Luther: Hans Tausen 
und dessen protestantisierenden Anhangt. Der Kampf der eindringenden 
Reformation gegen diesen schlagfertigen Kontroversisten und dessen Schriften 
bildet das Vorspiel der protestantiscli-dänischen Zensur. 1531 liefi Paulus 
Heliä ein Büchlein über den Meßkanon zur Verteidigung der hl. Messe 
erscheinen, das an Bürgermeister und Bat der Stadt Randers gerichtet war, 
weil diese ihn in böser Absicht gebeten hatten, zu ihnen zu kommen, um 
der dortigen Gemeinde seinen kurz vorher für Bürgermeister und Rat in 
Kopenhagen geschriebenen Meßunterricht zu erklären. Der Bürgermeister 

* C. F. Allen, Fipdrelandets Histoire", Kjobenhavn 1870, 416. 
^ Vgl. Ludwig Schmitt, Der Karmeliter Paalus Helift, Freiburg 1893 ; Derselbe, 
Hans Tausen eller den danske Luther, Kjobenhavn 1895. 



Das 2ieitalter der «Refonnation'. 227 

von Randers, Niels Hammer, ein abgefallener Mönch, mit dem Magistrate 
der Stadt dankten dem Verfasser für seine Schrift und beantworteten sie, 
indem sie dieselbe durch den Henker an den städtischen Pranger festnageln 
lie&en K 

Um den Schlußstein des Keformationswerkes zu legen, ward 1537 der 
Freund und Amtsgenosse Luthers, Johann Bugenhagen Pomeranus, von Witten- 
berg berufen zur Königskrönung wie zur ßischofsweihe des neuen vom Könige 
ernannten Superintendenten. Am selben Tag wurde auch die von Luther 
geprüfte und gutgeheißene Kirchenordinanz , das neue Kirchengesetz ver- 
öffentlicht; förmliche Gesetzeskraft erhielt es erst zwei Jahre später auf 
dem Herrentag zu Odense 1539. Unter anderem war darin festgelegt, daß 
kein lateinisches, dänisches oder deutsches Buch in den Reichen der dänischen 
Krone gedruckt oder wenn anderswo gedruckt in Dänemark eingeführt und 
verbreitet werden dürfe, bevor es von den Lehrern der Hochschule zu Kopen- 
hagen geprüft sei. In besondern Fällen konnte der Bischof ein Buch für seine 
Diözese prüfen und erlauben. Auf der lutherischen Synode im Kloster zu 
Antvorskov 1546 befahlen alsdann die neuen , Bischöfe** ihren »Priestern** 
alle katholischen Bücher fortzuschaffen^. In den folgenden Jahren stritt die 
dänische Zensur wie die gleichzeitige deutsche hauptsächlich gegen cal- 
vinistische oder kryptocalvinistische Schriften und Bücher. Aber als der 
Freund und Schüler Melanchthons , »Danmarks almindelige Leerer, Fsedre- 
landets og Universitetets Aere og Pryd**, der bedeutendste dänische Theologe, 
Niels Hemmingsen, obgleich er seine Lehre vor dem Könige öffentlich lateinisch 
und dänisch widerrufen hatte, endlich seinen lutherischen Gegnern zum Opfer 
gefallen und auf königlichen Befehl ohne Untersuchung und Urteil 1579 ab- 
gesetzt war, eiTeichten die deutschen Lutheraner es dennoch nicht, daß die 
neue Konkordienformel als maßgebend erklärt wurde, so daß alle entgegen- 
gesetzten Schriften verboten worden wären. Diese neue formula concordiae 
war die wichtigste und umfassendste Bekenntnisschrift der lutherischen Kirche, 
es sollte so recht der Extrakt des Lutheranismus sein. Als der Kurfürst 
von Sachsen seinem Schwager Friedrich II. von Dänemark ein Exemplar 
dieses Kirchenbuches zusandte, nahm es der König und warf es selbst ins 
Feuer mit den Worten: er habe einen Teufel gefangen, den er verbrennen 
müsse, indem er noch hinzufügte: die deutschen Streitigkeiten hätten dem 
Lande mehr Schaden gebracht, als wenn der Türk die Lande dreimal durch- 
zogen. Damit nicht genug, erließ er 1580 ein Edikt, welches bei Leib und 
Lebensstrafe verbot, ein solches Buch ins Königreich einzubringen. Die Buch- 
händler, welche dasselbe feil hätten, sollten Haus und Heim verlieren und 
ohne Gnade Leibesstrafe erleiden, die Priester aber, welche es besäßen, 
unbarmherzig ihres Amtes entsetzt und mit andern Strafen bedacht werden ^. 

' Trap, Statist. - topogr. Beskrivelse af Danmark' V 508: vgl. W. J. Karup, Ge- 
schichte der kathol. Kirche in Dänemark, Münster 1868, 232; Ludwig Schmitt, Paulus 

Heliä 99. 

* Decretum Synodi Antverskoviensis An. 1546. Pontoppidan, Annales III 287 ff. 

Vgl. Karup a. a. 0. 296. 

* Allen a. a. 0. 361 f; Döllinger, Die Reformation l\ Regenshurg 1848, 552. 

15* 



228 -^^^ ^^* Jahrhundert. 

Das ist ohne Zweifel eines der charakteristischen Beispiele für die Bücher- 
zensiir in Dänemark und im ganzen Protestantismus überhaupt. 

Unter dem Nachfolger Friedrichs II., Christian IV., machte man sich auf 
katholischer Seite im Anfange des 17. Jahrhunderts gute Hoffnung. Um 
diese Zeit gelang es sogar einem geborenen Norweger, der Katholik und 
Jesuit geworden, Laurentius Nicolai (vulgo Lars Nielsen oder Elosterlasse 
genannt), von Braunsberg nach Helsingör und von dort bis nach Kopenhagen 
vorzudringen, um beim Könige eine Audienz zu begehren und auch zu erhalten. 
Rückhaltlos sprach der Jesuit dem Könige von der Umgestaltung der Kirche 
Dänemarks, deren Notwendigkeit er in einer dem Könige gewidmeten Schrift 
bewiesen hatte. Der König nahm ihn freundlich auf und versprach, das Bach 
prüfen zu lassen, um ihm dann Antwort zu geben. Das Gutachten jedoch, 
welches Christian IV. von seinem lutherischen Konsistorium einholte, konnte 
nicht günstig ausfallen. Der König ließ sich von den Mitgliedern des Kon- 
sistoriums umstimmen und gab Laurentius Nicolai, der vor das Konsistorium 
geladen wurde, durch Dr Jonas Charisius sehr ungnädigen Bescheid: 

Das Buch sei voll von jesuitischen Ränken und gegen die evangelische 
Lehre gerichtet ; der König befehle ihm, alle Exemplare desselben auszuliefern 
und überdies anzugeben, wer im Lande ein derartiges Buch erhalten habe, 
damit es demselben ebenfalls weggenommen werden könne. Des weiteren 
verbiete der König ihm durch Land und Reich zu reisen, innerhalb 24 Stunden 
habe er dasselbe zu räumen. Alle Exemplare, welche man beim Verfasser 
oder anderen fand, wurden konfisziert. Laurentius Nicolai, damals ungefihr 
70 Jahre alt, ward unter strenger Bewachung über die Grenze gebracht^. 

Den einheimischen lutherischen Gelehrten, selbst Theologieprofessoren, 
erging es nicht besser in der dänischen Zensur. Niels Mikkelsen Aalborg, ein 
gelehrter Prediger zu Helsingborg, hatte ein Buch geschrieben, das bereits 
von den Zensoren als gut und unschuldig erklärt war. Aber da entdeckte 
man in demselben „den ha^slige Vildfarelse*^ den häßlichen Irrtum: dafi die 
Heiden durch die Gnade Gottes selig werden können. Dafür wurde der Ver- 
fasser 1614 sofort seines Amtes entsetzt 2. 

Jörgen Dybvad war um jene Zeit Theologieprofessor an der Kopen- 
hagener Hochschule, 1607 gab er eine Universitätsschrift heraus, die sich 
gegen den Adel wandte wegen der Unterdrückung der untern Stände und 
wegen der Übervorteilung von Kirche und Prediger. Es wurde kurzer Prozefi 
gemacht, die Universität sprach das Urteil über Dybvad, der seines Amtes 
entsetzt und seines ganzen Einkommens beraubt ward. Den Sohn dieses 



^ Vgl. Kamp a. a. 0. 319 ff. Die Schrift war 1604 in Krakaa lateinisch etaehieiMB 
und dann 1G05 von Laurentius Nicolai zu Hraunsberg dänisch herausgegeben worden. Mit 
dem dänischen Wappen geschmückt, enthielt sie als Vorrede ein Schreiben des Verfassers sb 
König und Reichsrat. Der Titel lautet: „Confcssio Christiana, det er, den christelige Bekjen- 
delse oni Herrens Veig, hvilkeu den christelig Menighed udi disse trende nordlandske Rigor. 
Danmark, Sverrigo og Norrige stadelige hafver })ekjendt oc efterfuldt, fra det förste de hsfrcr 
annammedt den Christel ige Tro ofver sex hundert Aar. indtil Christian de Tredie Dannarkid 
og Norrigis. oc Götataf Sverrigis Kigis Konniugers Tid, af Laurits Nielssen af Norrige.* 

* Vgl. Allen a. a. 0. 417. 



Chrisüan V. 229 

Professors, Christofifer Dybvad, traf zur Strafe für seine mündlichen Aus- 
lassungen und seine schriftlichen ungedruckten Aufzeichnungen, die sich ebenso- 
sehr gegen den stolzen Adel zu Gunsten der Bauern als gegen das Luther- 
tum richteten, ein noch viel härteres Los. 1620 zu lebenslänglichem Kerker 
verurteilt, starb er darin wenige Jahre nachher^. 

Während der folgenden Kriegswirren scheint die Zensur etwas geruht 
zu haben, jedoch nur um ein halbes Jahrhundert später um so strenger 
wieder einzusetzen. Der P. Heinrich Kircher, welcher 1673 — 1674 als Ge- 
sandtschaftsgeistlicher in Kopenhagen wirkte, hatte ein ähnliches Schicksal wie 
sein Ordensgenosse Laurentius Nicolai. Er hatte eine Schrift verfaßt und 
dieselbe unter dem Titel: „Nordstern, Führer zur Seligkeit" 1674 in Amster- 
dam drucken und in Kopenhagen verbreiten lassen. Das Buch zeigte, daß 
den lutherischen Predigern die echte Sendung fehle, daß sie keine apostolische 
Berufung, keine Ordination besäßen. Sobald die Regierung die Schrift ge- 
wahrte, wurde sie überall eingezogen und P. Kircher alsbald des Landes 
verwiesen. 

In der zweiten Hälfte dieses 17. Jahrhunderts wurde nach der Ein- 
führung der absoluten Monarchie die dänische Gesetzgebung revidiert. Das 
Zensurgesetz des Jahres 1537/39 ward dabei neu bestätigt nur mit der 
Änderung, daß der Köm'g selbst die Erlaubnis zur Einführung eines im Aus- 
lande gedruckten dänischen oder norwegischen Buches geben mußte. Diese 
Verordnung stammt aus dem Jahre 1676. In ebendiesem Jahre erschien 
ein Buch des berüchtigten Joannes Lyser, der auf seinen Irrfahrten sich auch 
in Dänemark herumtrieb. Es war eine Verteidigung oder gar Verherrlichung 
der Polygamie, welche unter vier verschiedenen Titeln verbreitet wurde. 
Auf dem römischen Index steht das Werk als: „Polygamia triumphatrix Theo- 
phUi Alethei'^. In Dänemark ging es um unter dem deutschen Titel: „Das 
königliche Marck aller Länder, Freybmg 1676*. Christian V. ließ es vom 
Henker verbrennen und den Schriftsteller bei Androhung der Todesstrafe 
aus seinem Reiche verbannen. Alle Exemplare wurden eingezogen, die 
Lesung des Buches ward strenge untersagt, wer ein Exemplar zurückhalte, 
solle eine Strafe von 1000 Dukaten zahlen, und wer das nicht vermöge, am 
Leibe gestraft werden. Wir geben den ganzeu Wortlaut des königlichen 
Dekretes vom 15. März 1677, da es besser als viele Beispiele die damalige 
Zensur beleuchtet: 

,Nos Christianus V., Dei gratia, Daniae et Norvegise rex, etc. etc. quem- 
libet certiorem facimus sequentium: nempe cum acceperimus quemdam, 
Johannem Lyserum, scandali plenum conscripsisse librum, cum titulo: ,Da8 
königliche Marck aller Länder* ; eumque in Germania typis descriptum in nostra 
regna importasse, nos severe hoc nostro edicto prohibitum volle, ne illud 
scriptum in terris nostrsB ditionis vendatur, neve penes ullum ex nostris 
dilectissimis civibus toleretur celeturve. Itaque omnibus serio preecipimus, 
at non tantum ab eo legende abstineant, sed et si quse habeant exempla, 
illa in civitatibus nostris ad Consules deferant et senatores; in agro autem 



* Allen a. a. 0. 392 f; vgl. Fried r. Kapp, Gesch. des deutsch. Buchhandels 606. 



230 Christian VI. — Christian VII. 

ad prsBfectos nostros, qui ad cancellariam omnia transmittent, unde postmodo 
deprompta carnifici tradentur publicitus comburenda. Si quis reperiatur ejus- 
modi quoddam exemplar abdere, mulctabitur mille imperialibus ; quorum altenun 
dimidium in nostri publici Valetudinarii ; alterum illoruni in pauperum cedet 
usum, qui in eo versantur loco, ubi delictum committitur. Idem si opibus 
ita haud valeat, ut resolvere hanc possit mulctam, corpore luet. Praaterea 
eundem, quem diximus Lyserum, protinus nostrsB ditionis terris cedere jubemus, 
in illisque nunquam amplius apparere, nisi capitis plecti velit supplicio. 
Datum in arce Hafniensi d. 15. Martii 1677. Christianus" K 

Ein Jahrzehnt später wurden auf königlichen Befehl eines berühmteren 
deutschen Gelehrten Schriften in Kopenhagen dem Scheiterhaufen übergeben. 
Christian Thomasius hatte sich auch einen Angriff auf den dänischen Hof- 
Prediger und Professor der Theologie H. G. Masius erlaubt. In seiner neu- 
gegründeten wissenschaftlichen Zeitschrift focht er gegen den Universitats- 
professor von Kopenhagen, welcher in einer Schrift »De interesse principum 
circa religionem*" die lutherische Religion aus politischen Gründen den Fürsten 
empfohlen, die reformierte und katholische aber als staatsgefährlich verdäch- 
tigt hatte. Der König von Dänemark, nicht zufrieden mit der Verbrennung 
des Buches, verlangte in Dresden Genugtuung. Was dem Philosophen Tho- 
masius in Sachsen widerfuhr, wird in einem folgenden Kapitel bei der deutschen 
Zensur zur Darstellung gebracht. 

Unter Christian VI. und seiner Gemahlin kamen für Dänemark puri- 
tanische, pietistische Zeiten, die mit ihrer Engherzigkeit ähnlich wie froher 
in England und Holland die Zensur enger und strenger machten. Am 
1. Oktober 1737 wurde das General-Kirke-Inspektions-KoUegium errichtet. 
welches ausdrücklich auch das Recht erhielt, Bücher, die bereits bei Bischof 
und Universität die Zensur bestanden hatten, einer neuen Prüfung zu unter^ 
werfen. Die neue schärfere Zensur vergriff sich bald an dem damals noch 
jungen Geschichtsforscher Langebek. Derselbe fand in der römischen Kirchen- 
geschichte des Hofpredigers und Professoi-s Erik Pontoppidan Irrtümer und 
Fehler, die er in der Zeitschrift „Danske Magazin^ bloßlegte. Darüber 
erbittert klagte Pontoppidan scliließlich beim König, und Langebek erhielt 
den strengen königlichen Befehl , vor dem Konsistorium Abbitte zu leisten. 

Der Nachfolger Christians VI. machte die dem Geschichtsforscher zo- 
gefügtc Kränkung wieder gut. Friedrich V. gewährte Langebek und der 
von ihm geleiteten Geschichtsgesellschaft Zensurfreiheit ihrer Schriften. Aber 
auch unter dieser Regierung schlief die Zensur nicht. Frederik Lüiken hatte 
nach seiner Art freimütig „Ökonomiske Tanker til höiere Eftertanke" ge- 
schrieben, allein die Zensur strich ihm die freimütigsten SteUen. Im aU- 
gemeinen herrschte eine mildere Zensur unter Friedrich V. sowohl als unter 
Christian VII., der 1766 ans ßuder kam. 

Und als im Jahre 1770 am 13. September der konservative Minister 
Berustorf von dem freisinnigen aufgeklärteu Struensee gestürzt war, erschien 
auch schon am Tage darauf das königliche Reskript, welches die bislang 

» Vgl. Peignot a. a. 0. I 273 ff. 



Zensorfreiheit. Goethes Werther. 231 

streng geforderte Zensur der Universität, sämtlicher Bischöfe und des Ober- 
hofmeisters der Sorö-Akademie mit einem Federstrich aufhob und „unein- 
geschränkte Druckfreiheit den Reichen und Ländern des Königs** gewährte. 
Voltaire sandte dem König einen Glückwunschhymnus. 

Das Ministerium des ungläubigen und unsittlichen Struensee endete 
bereits am 28. April 1772. An dem Tage erhielt der allmächtige Minister 
zu Kopenhagen seinen wohlverdienten Lohn vom Henker in der barbarischsten 
Art und Weise, als wenn man auch dadurch noch gegen die Aufklärung, 
welche der deutsche Arzt ins dänische Land gebracht, habe protestieren 
wollen. Die Druckfreiheit hatte man vorher schon redlich benutzt zu Schmä- 
hungen und Verhöhnungen des verhaßten Ministers, der die Zensur abschaffte. 
Ja im ersten Jahre der Zensurfreiheit war der Mißbrauch der Presse schon 
so stark geworden, daß am 7. Oktober 1771 ein königliches Reskript erschien, 
welches die Presse in die gesetzlichen Schranken verwies. Nachdem nun 
Struensee gefallen war, wurde ebendieses Reskript mit der größten Will- 
kür gegen die Presse benutzt. 

Unter dem neuen Ministerium Guldberg, das im übrigen für Wissen- 
schaft und Bildung sehr tätig war, verschärfte ein Reskript vom 20. Oktober 
1773 mit dem Kanzleischreiben vom 27. November die repressiven Preß- 
maßregeln sehr, setzte schwere Strafen auf Preßdelikte, gab der Polizei zur 
Maßregelung der Presse fast unumschränkte Gewalt, ohne daß eine Appellation 
an einen Richterstuhl gestattet war. Es kam noch hinzu, daß auch die 
Regierung oft unmittelbar durch Kabinettsordres eingriff, die zuweilen noch 
engherziger und unzeitgemäßer erschienen als jene Polizeimaßregelungen. 
Die schmutzige Schrift „Mine Fritimer* von Thomas Christoffer Bruun wurde 
nicht bloß konfisziert, der Verfasser nicht bloß zu einer Geldbuße von 
100 Reichstalern verurteilt, sondern der königliche Befehl, welcher jene 
Strafen anordnete, zitierte den Delinquenten vor den Bischof Balle. Der 
Bischof sollte nach einem Katechismusexamen, wenn nötig, den in Religions- 
sachen unwissenden Schriftsteller einem Schulmeister zu religiösem Unterricht 
überweisen. Sollte er sich dagegen sträuben, wollte der König davon unter- 
richtet werden, „um den verächtlichen Menschen einem Zuchthause zu über- 
geben.** Allerdings hatte Voltaire ein solches Verfahren nach Einführung 
der Zensur und Druckfreiheit nicht erwartet. Selbst bedeutende historische 
und sozialwissenschaftliche Arbeiten wie die eines Martfelt und Suhm wurden 
damals entweder unterdrückt oder stark beschnitten. Noch merkwürdiger 
ist es für uns Deutsche, daß gerade diese Zensur Goethes „Werther** ver- 
urteilte. 

Sobald der „Werther** ins Dänische übertragen war, wies ihn die Kopen- 
hagener Regierung an eine Kommission von drei theologischen Zensoren 
P. Holmius, Nik. Edinger Balle, H. J. Jansen. Dieselben erklärten Goethes 
Werk am 16. September 1776 für ein gefährliches Buch. Sie „fanden, daß 
es für die Wenigen, die es ohne Schaden lesen könnten, ein langweiliger 
Zeitverlust ist. . . . Allein für die Menge und besonders für jene Menge , die 
zu unordentlichen Liebschaften starke Neigung hat, und am meisten für jene, 
bei denen eine solche Leidenschaft noch durch Lesung loser Poeten und 



232 Das 19. Jahrhundert. 

Romane, Einbildung und böse Lust aufgeregt worden ist, erachten wir dieses 
kleine Buch als sehr verführerisch und deshalb nicht allein schädlich fQr die 
christliche Religion, sondern auch für bürgerlich gute Sitten* K 

In der Tat klagte man in Dänemark mit Recht nie mehr über eng* 
herzige Einschränkung und despotische Willkür der Presse gegenüber als in 
diesen ersten zwanzig Jahren der Zensurfreiheit 1773 — 1790. Ein Reskript 
vom 3. Dezember 1790 brachte wenigstens eine Milderung, indem die Prefi- 
sachen nicht mehr der Polizei überlassen wurden, sondern von nun an nur 
vor den allgemeinen Richterstühlen behandelt werden sollten. In den nächsten 
Jahren hatten es die Gerichte mit einer Reihe von Preßprozessen zu tun 
gegen Schriften, die der Regierung nicht gefielen — es war die Zeit der 
französischen Freiheitsbewegung — , und man sah sich genötigt, durdi 
eine Vorordnung vom 27. September 1799 die Anonymität von Büchern zu 
verbieten, sehr harte Strafen auf Preßvergehen zu setzen und über verurteilte 
Schriftsteller lebenslängliche Präventivzensur zu verhängen. 

Kraft dieser strengeren Gesetzgebung wurde der nicht unbedeutende 
Dichter und Satiriker P. A. Heiberg durch Urteilspiiich des Hof- und Staats- 
gerichtes am 24. Dezember 1799 des Landes verwiesen. Ein anderer Schrift- 
steller, Malte Konrad Bruun, hatte ein gleiches Schicksal und ging wie jener 
nach Frankreich in die Verbannung, um sich dort als geographischer Schrift- 
steller einen Namen zu machen. 

Der Anfang des 19. Jahrhunderts war der freien Presse nirgendwo 
günstig, und in Dänemark merkte man es kaum, daß Zensurfreiheit bestand. 
Es kamen vielmehr immer neue Einschränkungen, so im Jahre 1810 und, 
trotz des heftigen Kampfes „der Gesellschaft für Druckfreiheit* 1835 — 1836, 
noch besonders durch die Verordnung vom 1. November 1837, welche geradezu 
ein neues Preßdelikt statuierte, nämlich „Mangel paa pligtskyldig Opmaerk- 
somhed"". Man gewann dadurch eine Handhabe gegen unliebsame Schrift- 
steller, denen man mit den Paragraphen der älteren Verfügung des Jahres 
1799 nicht beikommen konnte. 

Endlich brachte das Grundgesetz vom 5. Juni 1849 mit den Änderungen 
des 28. Juli 1866 Dänemark in mancher Beziehung mehr religiöse und staat- 
liche Freiheit als die übrigen Länder Europas genießen. In diesem Gesetze 
ward die Zensurfi-eiheit von neuem festgelegt und von nun an besser zur 
Anwendung gebracht. Genau drei Jahrhunderte lang hat sich der königliche 
Despotismus, welcher dem dänischen Volke eine neue Religion au£ewang, 
auch in der Zensur sowohl der geistlichkirchlichen wie staatlichen geltend 
gemacht vom 2. September 1537 — 1. November 1837. Gab es in dieser 
langen Frist stillere, mildere Perioden, so kann man die erste Einführung der 
Zensurfreiheit um das Jahr 1770 am wenigsten dazu rechnen. Hier in der 
dänischen Zensurgeschichte tritt es am klarsten zu Tage, daß nicht die 
Präventivzensur als solche das Hauptmoment oder gar das einzige ist, was 
eine freie Presse hemmen und fesseln kann. 

^ Kirkehistoriske Samlinger, udgivne af Selskabet for Danmarks Kirkehistorie II 1853 
jid 1856, 130—143. Vgl. Baumgartncr, Goethe P 130, A. 2. 



Die schwedisclie Zensur. 233 



Schweden. 



Mehr noch als in Dänemark war die Ein- und Durchführung der 
Reformation in Schweden ein Werk der Politik. Auch hier wurden die 
katholischen Bischöfe vergewaltigt, das Volk um seinen Glauben systematisch 
betrogen. Sobald der erste Wasa sich auf den Thron geschwungen, herrschte 
er mit vollendetem Cäsaropapismus. Man kennt wohl noch einen Brief Gustavs I. 
aus dem Jahre 1523, in dem er in Strengnäs zum Könige gewählt worden war, 
gegen die lutherischen Lehren und Schriften. Aber bereits im folgenden Jahre 
verteidigte er beide in einem Briefe an den katholischen Bischof Brask, hob 
bald darauf das bischöfliche Verbot der Bücher Luthers auf, verbot selbst eine 
Schrift des Bischofs, ließ sogar 1526 die Buchdruckerei, welche Brask in Söder- 
köping errichtet hatte, einfachhin schließen und zerstören, während er eine 
neue Druckerei mit großen Kosten zur Verteidigung und Verbreitung reforma- 
torischer Schriften in Stockholm einrichtete^. Im Jahre 1529 vollendete die 
Synode von Orebro die schwedische Reformation ; als Kirchen- oder Meßbuch 
ward das neu herausgegebene schwedische Handbuch des Olaus Petri eingeführt, 
und ein Zensurgesetz sollte die katholische Literatur vollständig unterdrücken. 

Es dauerte nicht lange, und Gustav I. mußte seine oberste Kirchen- 
und Zensurgewalt gegen die von ihm neu eingesetzten Bischöfe und Theologie- 
professoren richten. Als nämlich infolge der neuen Lehre allenthalben nur 
Zuchtlosigkeit einriß, verfluchte der derbe König die erste Generation seiner 
Iutl\erischen Prediger. Jedoch Olaus Petri war bald mit einer Schrift bei 
der Hand, die gegen den König selbst sich wendete, indem sie zeigte, wie 
das Unglück und Unheil, von dem das Volk und die Kirche heimgesucht sei, 
eine Folge der Sünden und Flüche des Königs seien. Es war eine Predigt, 
welche Olaus Petri 1539 unter dem Titel: „predikan emoot the gruffwelige 
eedher* (Predigt gegen die schrecklichen Flüche) veröffentlichte. 

Sofort richtete nun Gustav ein scharfes Schreiben an seinen neuen 
Erzbischof, indem er harte Klage führt über das wüste Treiben der Prediger, 
die auf der Kanzel und in Druckschriften nur Schmähungen und Geschrei gegen 
die Kirchengebräuche, nur Bannflüche für das Volk und den König selbst 
hatten. „Sein Wille sei daher, daß von dem Tage an ohne seinen Befehl 
gar nichts in Kirchensachen reformiei-t noch eine Schrift gedruckt werden 
solle, der er seinen Beifall nicht gegeben, und der Erzbischof solle sich in 
obbemeldeten Sachen genau in Acht nehmen, dafern er nicht Ungelegenheit 
haben wolle. "^ 

Um dieselbe Zeit schrieb Olaus Petri, wohl der Gelehrteste unter den 
lutherischen Predigern, eine Geschichte Schwedens, die aber Gustav erst nach 
dem Tode des Verfassers zu Gesichte kam. Da die Chronik vom Hause 
Wasa nicht mit der Achtung sprach, die der König verlangte, so »ereiferte 
sich dieser sehr darüber, als ihm 1554 ein Exemplar bei seinem Schwager, 



* Vgl. L. Bygd^n in ,G. Benzelstjernas Censorsjournal* [Stockholm 1883 — 1885], 
InledniDg 11 f. 

^ Olof Dalin, Geschichte des Reiches Schweden (deutsch von Dähnert) III 1, 
Rostock 1763, 254. 



234 I^as 16. Jahrhundert. Johann III. 

dem Reichsrat Sten Erikson Lejonhufwud, in die Augen fiel. Man saget, 
daß er einige Blätter daraus gerissen und sie mit Füßen getreten habe. 
Das ist indessen gewiß, daß er sehr darüber zürnte, und der Verfasser, wenn 
er noch gelebt hätte, es schwer würde haben büßen müssen. In einem 
Brief an desselben Bruder, den Erzbischof, beklagte sich der König sehr über 
diese Chronik und ließ die Abschriften davon einziehen und verbieten."^ ^ 

Erst unter den Nachfolgern Gustavs I. wurde 1571 die von Laurentius 
Petii verfaßte lutherische Kirchenordnung herausgegeben und angenommen : da- 
mit waren alle katholischen Bücher untersagt. Doch sobald der König Johann 
freie Hand bekam, begann der Liturgiestreit. Um das Jahr 1576 ließ Johann 
seine neue Liturgie veröffentlichen, Luthers Katechismus ward abgeschafft, 
aus den Kirchengesängen wurden alle Stellen gegen den Papst ausgemerzt. 
Man sah scharf darauf, daß die Buchhändler nicht dem Könige unliebsame 
Bücher verbreiteten. Am 1. Oktober 1577 wurde der Buchhändler Hans 
Wittenberg zu Stockholm vom Könige zum Verluste seines ganzen Buch- 
lagers verurteilt, weil er Bücher eingeführt hatte, die „thenn heiige Kjr- 
kiones lärefaders skriffter icke lijkmechtige och lijkformige'' nicht im Ein- 
klang ständen mit den Schriften der Kirchenväter. Die antiliturgischen 
Schriften, welche der verbannte Mag. Abraham Andreas Angermannus im 
Ausland drucken und ins Land einfuhren ließ, wurden auf des Königs Geheü 
abgefangen 2. 

Lange Zeit hindurch drehte sich der religiöse und zum guten Teile auch 
der bürgerliche Streit um „das rote Buch* , wie man die Liturgie Johanns 
nannte. Der König befahl, seine Liturgie im Reiche einzuführen; dessen 
Bruder, der Heimzog Karl, verbot sie in seinem Fürstentum und hielt sich an 
die Kirchenordnung von 1571. Ja im Jahre 1587 ging eine kirchliche Ver- 
sammlung zu Strengnäs so weit, die Liturgie zu verdammen, wofür dann der 
König die Geistlichen des Herzogtums nicht bloß hart anfuhr, sondern sie 
im ganzen Reich für vogelfrei erklärte. 

Kaum war Johann III. tot, da trat in Upsala hoch und niedrig, 
geistlich und weltlich unter dem Schutze des Herzogs Karl zur Kirchen- 
versammlung am 25. Februar 1593 zusammen. Eine oder die Hauptaufgabe 
der Synode war die Abschaffung des roten Buches, der katholisierenden 
Liturgie Johanns. Der Katechismus Luthers ward wieder allgemein ein- 
geführt, ebenso das Handbuch des Laurentius und Olaus Petri für den 
Gottesdienst. Am strengsten verfuhr man gegen die Anhänger der Liturgie, 
welche Schriften zu deren Verteidigung verfaßt hatten, besonders gegen den 
Mag. Petrus Pauli. Der Leiter der Versammlung, Nikolaus Olai Botniensis, 
suchte Petrus Pauli von seinen Irrtümern zu überzeugen. Als dieser es 
aber wagte, seine Ansichten auch hier noch zu verteidigen, wurde er abgesetzt 
und starb in Elend ^. 

Es nützte nicht viel, daß der rechtmäßige König Sigismund 1593 den 
Druck der Upsalabeschlüsso verbot, denn er mußte bald wieder Schweden 

' Olof Dalin a. a. 0. 347. - Vgl. Bygdeii a. a. 0. III. 

^ Vgl. A. M. Magnus so II, Niculaus Olai Butniensis, Upsala 1898, 57. 



Gustav II. Aolf. 235 

verlassen. Dort herrschte nun der protestantische Herzog Karl, und zu 
Söderköplng wurde 1595 die gänzliche Ausrottung des Papsttums be- 
schlossen. Karl bestieg auch bald förmlich den schwedischen Thron als 
Karl IX. und befleckte denselben 1600 durch die grausame Hinrichtung 
mehrerer hoher Adeligen, unter denen besonders Erik Sparre hervortritt, da 
er dem Könige schon länger verhaßt war als Verfasser von Schriften 
über die Rechte des Adels in Schweden. Erik Sparre büßte die mannhafte 
Verteidigung der Adelsrechte in seinen Schriften: „De lege, rege et grege" 
und «Postulata nobilium*' mit seinem Blute. Karl IX. stimmte jedoch auch 
nicht mit seiner Geistlichkeit überein. In Upsala war zwar unter seiner 
Ägide der Reformation Schlußstein gelegt worden, aber schon damals war 
Karl als Kryptocalvinist verdächtigt. Er galt nicht als Vollblutlutheraner. 
Jetzt auf dem Reichstage zu Linköping, als König Karl der Geistlichkeit 
ein neues Kirchenhandbuch vorschlug, wurde dasselbe einfachhin verworfen. 
Das hinderte Karl nicht, an seinem Hofe eine eigene Kirchenordnung einzu- 
führen nach seinem Sinn und Geschmack, die er 1604 zu Stockholm drucken 
ließ. Als er dann auch einen Katechismus verfaßte und 1604 herausgab 
und gar eine verbesserte Bibelübersetzung einführen wollte, kam er erst 
recht in Streit mit seiner Geistlichkeit. Der Erzbischof Olaus Martini ver- 
urteilte die Meinungen und Schriften des Königs als antilutherisch, während 
Karl in neuen Streitschriften seine Lehre als echt biblisch verteidigte und 
klar zu verstehen gab, daß er sich weder um die Augsburgische Konfession 
noch auch die Upsalabeschlüsse kümmere. Die Universität von Upsala, 
welche in dieser Frage auf selten des Erzbischofs stand, mußte nun auch 
seine Ungunst teilen. Beide konnten froh sein^ daß es dabei blieb und 
die königliche Zensur ihrer Schriften nicht schärfer ausfiel. Karl IX. starb 
1611, ihm folgte sein Sohn Gustav II. Adolf, der bekannteste Schwe- 
denkönig. 

In die ersten Jahre seiner Regierungszeit fallen große Streitigkeiten 
der schwedischen Gelehrten an der Universität zu Upsala, besonders die 
zwischen den beiden Professoren Johann Messenius und Job. Rudbeck, sowie 
die zwischen dem früheren Upsalaprofessor, Bischof Laurentius Paulinus Gothus, 
und dem Professor der Philosophie, Jonas Magni. Die Kämpfe wurden so 
hitzig, die Streitschriften nahmen einen solchen Ton an, daß manche der- 
selben schon aus diesem Grunde eine Zensur herausforderten. Dies gilt 
besonders von den Schriften des Bischofs Laurentius Paulinus. Mit Übereifer 
kämpfte dieser gegen die aristotelische Philosophie, welche er von der Uni- 
versität verbannt wissen wollte, da sie der Religion zum Schaden gereichet 
Man kann es dem jungen König nachrühmen, daß er in beiden Fällen mit 
weiser Mäßigung voranging und, ohne die Streitschriften auf den Scheiter- 
haufen zu bringen, Eintracht zu aller Zufriedenheit schuf. Die beiden ersteren, 
Messenius und Rudbeck, zog er von Upsala nach Stockholm und gab ihnen 
dort gute Stellungen, während er dem Bischof Paulinus brieflich bedeutete, 
daß er ein Ende des Streites wünschte. 



^ Vgl. Herman Lundström, Laurentius Paulinus Gothus, Upsala 1893, 241 ff. 



236 ^^^ «Consistorium geDerale*. 

Mit Gustav Adolf lassen die schwedischen Geschichtsforscher die ortho- 
doxe Zeit beginnen, der die kryptokatholische Periode unter Johann m. and 
die kryptocalvinistische unter Karl IX. voraufging. Jedoch war Gustav Adolf 
viel weniger als seine Vorgänger der oberste Leiter der Kirche, welcher sich 
von seinen Bischöfen zensurieren ließ. Um die Leitung seiner Kirche noch 
mehr den Bischöfen zu entziehen, wollte Gustav Adolf 1624 das «Consistorium 
generale'^ errichten, dem nach des Königs Plan auch die ganze Bücherzensar 
für das schwedische Reich und alle Druckereien zufallen sollte. Der 25. Punkt 
der Instruktion über die Einrichtung der neuen Inquisitionsbehörde besagte 
das ausdrücklich. Wohl scheiterte diese Gründung einer kirchlichen Zentral- 
leitung an dem Widerstand der Bischöfe, aber Folge davon war, daß der tat- 
kräftige König um so eigenmächtiger Theologie und Zensur dirigierte. Bei- 
spielshalber geht aus dem königlichen Brief vom 10. März 1630 hervor, da£ 
er für Stockholm den Erik Schroderus zum Inspektor und Zensor aller Druck- 
sachen anstellte, ohne dessen Erlaubnis nichts gedruckt werden durftet 

Der bekannte schwedische Kirchengeschichtschreiber J. Baazius gab 
um das Jahr 1G29 eine anonyme Schrift heraus unter dem Titel: ^npoaci- 
uTjfftQ ad Rev. Episcopos Ecclesiae Svecanae''. Es war eigentlich nichts anderes 
als eine scharfe Anklage, welche sich vornehmlich richtete gegen die drei 
Stimmführer des schwedischen Episkopats im Kampfe wider das beabsichtigte 
„Consistorium generale'' des Königs. Die drei angegriffenen Bischöfe Joannes 
Itudbeckius, Laurentius Paulinus und Petrus Kenicius setzten Himmel und 
Erde in Bewegung, um die Schrift und deren Verfasser, der gar ein Kyrito- 
herde (Pfarrer) war, zu vernichten. Zuerst sollte Petrus Jonae, der Bischof 
des Verfassers, diesen letzteren zurechtweisen. Derselbe reiste auch selbst 
nach Jönköping, nahm ^3 sköna prästmän'' mit und suchte J. Baaz bei- 
zukommen. Das gelang aber dem Bischof von Wexiö nicht ; Baaz wich ans, 
so daß Petrus Jonae, wie er selber 18. August 1629 schrieb, »litet udrättat* 
wenig ausrichtete. Nun wurde Baaz von Bischof und Domkapitel vor das 
geistliche Gericht zitiert. Die Bischöfe Rudbeck und Paulinus versammelten 
ihre ganze Geistlichkeit um sich, stempelten das Buch als ein Pamphlet 
dessen Verfasser als den schlimmsten Verleumder, setzten schriftliche Doku- 
mente auf, die von allen Mitgliedern des Domkapitels, allen Pröpsten, Pastoren 
und Diakonen der Versammlungen unterzeichnet wurden, zum Protest und 
zur Anklage wider jene schreckliche Schrift. Allein da Baaz die Zitation 
eingehändigt wurde, zeigte er einen Freibrief vor, den der Reichsrat ihm 
selber ausgestellt hatte ^, und die Bischöfe mußten sich zurückziehen. Obgleich 
es auch hier nicht zum Verbrennen des Buches kam, so kennzeichnet diese 
Geschichte die damalige Zensur in Schweden, sowohl die königliche als die 
bischöfliche, besser als viele Scheiterhaufen. 

Unterdessen fiel Gustav Adolf bei Lützen 1632. Das geplante ,Con- 
sistorium generale ** blieb auch über den Tod des Königs hinaus Wunsch 

' Bygden a. a. 0. IV. 

- ^Riksens Rads Försvnrelsebref , gifvet M. lohanni Baaz d. lunii 1629*, gedrukt i« 
De la Gardiska Arch. XI. 43. Vgl. H. Lundstrüm, Laurentius Paulinutf Gothas 154 £ 






Zensurstreitigkeiten des 17. Jahrhunderts. 237 

md Verlangen der Adelspartei und Vormundschaftsregiening unter der 
^ührung Axel Oxenstiemas ebenso wie der Schrecken der Bischöfe. Der 
lauptkämpe des geistlichen Standes, der Bischof Johannes Rudbeckius, kam 
eshalb jetzt mit einem Buche ans Tageslicht, an dem er schon viele Jahre 
;earbeitet hatte, das er aber wohl aus Furcht vor Gustav Adolf nicht eher 
:erauszugeben wagte. Das Buch „Privilegia doctorum*,^ welches eine 
;eschichtliche Verteidigung der Rechte und Privilegien des geistlichen Standes, 
«sonders des Zehnten war, machte selbst im Auslande viel Aufsehen. Der 
LÖnig von Dänemark drückte sein Erstaunen darüber aus, daß eine solche 
ichrift überhaupt in Schweden veröffentlicht werden konnte. Der Reichs- 
:anzler Axel Oxenstierna aber gab nach dem Protokoll des Reichsrates 
15. Juli 1636) sein Urteil über das Werk dahin ab, daß er sagte: Gustav 
Ldolf würde dasselbe, wenn er noch lebte, sofort verbrennen lassen. 
tadbeck wurde erst von der Ratskammer, dann vom Reichskanzler selbst 
;6laden und verhört, das Buch wurde verboten, der Verfasser fiel in schwere 
Jngnade und erhielt zunächst nicht den erzbischöflichen Stuhl, der ihm sonst 
agedacht war 2, obgleich er vor dem Kanzler und Reichsrat Abbitte ge- 
aistet hatte« 

Erzbischof von Upsala wurde jetzt der Bischof von Strengnäs, Laurentius 
^auUnus, welcher neben Rudbeckius als der tüchtigste und gelehrteste galt. 
Heichwohl war auch Paulinus im Jahre 1635 bereits mit der Reichszensur 
asammengestoßen. Paulinus hatte 1633 sein „Clenodium^ veröffentlicht als 
Pdalmbuch^, d. h. als allgemeines kirchliches Gebet- und Liederbuch. Darin 
raren die früher gebrauchten Gebete und Gesänge vielfach verändert. Des 
Verfassers Hauptzweck dabei war, wie er selbst sagte, »den groben Irrtümern 
tnd Häresien wie Ethnicismus, Paganismus, Calvinismus und andern Irr- 
Bhren", welche durch das alte Psalmbuch in die Gemeinde „einzuschleichen" 
rohten, entgegenzuarbeiten. Als Beispiel einer „groben Häresie*^ führte 
^anlinus das alte Pfingstlied an, welches den Heiligen Geist die Sünde aus 
!es Menschen Herzen verscheuchen läM „mit seinem teuem und heiligen 
Hut* („med sitt dyra och heUga blöd"). Allein während der Bischof in dieser 
Veise das alte kirchliche Buch zensierte, kam im Jahre 1635 der Reichs- 
at über ihn, weil „Bispen i Strengnäs hafver sine consensu et permissu 
aperiorum och statuum förändrat psalmbocken", eine Missetat, um so ge- 
&hrlicher, als das genannte Buch „en liber symbolicus" sei. Der Bischof 
mrde vorgeladen und zur Rede gestellt, und wenn auch Rudbeck sowie 
ie übrige GeistUchkeit für ihn eintraten und ihn zu rechtfertigen oder zu 
ntschuldigen suchten, gab die Regierung am Schlüsse dennoch ihr Urteil ab, 
idem sie auf alle Entschuldigungen erwiderte: da das Psalmbuch ein sym- 



* „Privilegia quaedam doctorum, magistrorum , baccalaureorum , stodiosorum et scho- 
rimn omniam, quibus in bene constitutis regnis et rebus publicis cum aiibi tum in patria 
Mira clarissima longa consuetudine hactenus gavisi sunt et etiamnum gaudent. Item sacer- 
yijun, chaldeorum, magonim, gymnosophistarum , philosophorum et druidum dignitas et im- 
innitas apud diversos populos et nationes, cum ethnicas tum christianas/ 

* Vgl. Svenska Akademiens Handlingar XV; Sven Sjöblom, Prästerskapets Privi- 
gier, Karlstad 1896, 15 ff. 



238 Zensurverordnungen. 

bolisches Buch sei, wäre es des Bischofs Pflicht gewesen, seine Arbeit nicht 
eher zu veröffentlichen, „bis dasselbe von der hohen Obrigkeit und dem ganzen 
Klerus Approbation erhalten hätte'. Der Verfasser war zu alt und ehrwürdig 
selbst unter den Bischöfen, als daß man ihm noch schärfer hätte zusetzen dürfen. 
Anderseits war diese staatliche Zurechtweisung und Zensur um so härter, 
als sie gerade einen so angesehenen siebzigjährigen Bischof traf, an dessen 
Buch man sachlich nichts auszusetzen hatte, um so härter, als andere vor 
Paulinus derartige veränderte Liederbücher herausgegeben hatten, ohne des- 
halb irgendwie behelligt worden zu sein, um so härter, als damals für ganz 
Schweden kein allgemein gültiges Zensurgesetz bestand oder, wie Rudbeck 
sich ausdrückte, es voraus nicht verboten war „nagot at trycka'* K 

Bücher, welche als Schmähschriften galten und die königliche Autorität 
selbst antasteten , wurden um jene Zeit weit härter und selbst grausam be- 
straft^. Sohn und Enkel des schon oben genannten Johannes Messenins 
hatten 1651 eine Schrift an den Thronfolger der Königin Christine gerichtet, 
welche die Königin und ihren Senat angriff. Arnold Messenius ward dafSr 
hingerichtet, Johann aber, dessen Sohn, der eigentliche Verfasser, wurde ge- 
vierteilt und die Teile an den Stadttoren ausgestellt. Später 1665 erschioi 
auch ein eigenes königliches Plakat gegen Pasquillen und Schmähschriften. 

Schon vorher gab es seit dem Jahre 1655 für die gedruckten Uni- 
versitätsdisputationen nach den Konstitutionen der Universität Upsala eine 
Zensurordnung, und 1661 findet sich eine allgemeine Zensurverordnung, welche 
dem Kanzleikollegium alle nötigen Vollmachten verlieh. Am 15. Juli 1662 
legte überdies die Voimundschaftsregierung Karls XI. der geistlichen Obrig- 
keit die Wachsamkeit über Bücher und Presse sehr ans Herz; sie sollte 
überhaupt von keinem etwas drucken oder veröffentlichen lassen, was die 
Reinheit der Religion beflecken oder den Frieden der Kirche stören könne. 
Es war die Zeit der Orthodoxie, in der Staat und Kirche mit vereinten 
Kräften gegen die Synkretisten einschritten. In Schweden waren es vor allen 
zwei Bischöfe, deren Schriften verdächtig waren. Der Bischof von Strengnäs, 
Johannes Matthias gab 1661 und 1662 seine „Rami olivse septentrionalis' 
heraus, die ihm nicht nur keinen Frieden, sondern außer der Verdanunang 
des Buches auch die Absetzung von seinem Bischofsstuhle einbrachten. Dem 
Bischof von Abo, Johannes Terserus, ging es nicht besser, als er 1662 seinen 
schwedischen Katechismus erscheinen ließ unter dem Titel: „En förklaring 
öfver catechismum eller de sex var kristelige läras hufvudstycken* (Eate- 
chismusorklärung oder die sechs Hauptstücke unserer christlichen Lehre). Die 
geistliche Prüfungskommission fand darin nicht weniger als 15 verdächtige 
Punkte. Das Buch galt als häretisch, auch Terserus erhielt seinen Abschied 

» Vgl. Lundströra a. a. 0. 27« ff. 

^ .,1m Jahre 1643 wurde im Norden ein anonymes Libell verbreitet: ,Dania ad ex- 
teros; de perfidia Suecurum.* Aliein der Verfasser wurde herausgefuiiden und in Schweden 
festgenommen. Man lieü ihm nur die Wahl zwischen Enthauptung oder Verschlingong seiner 
.Schmähschrift. Er wählte das letztere und ließ sich die in Quarto gedruckte Flugschrift in 
seiner Suppe verkochen* (Placii Theatr. anonym, et pseudon. [edit. Vincent.] 28). Vgl. 
Stimmen aus Maria-Laach LXIV (1903) 124. 



.Orthodoxe* Zensur. 239 

am 25. August 1664. Johannes Matthias hatte 1662 die Erlaubnis nach- 
gesucht, eine andere Schrift „Speculum christianae fidei" herausgeben zu 
dürfen. Die Regierung verbot es ihm. Er war ein Anhänger des Duraeus; 
aber wie dieser schließlich des Landes verwiesen wurde, so ward Matthi» 
abgesetzt und das Lesen seiner Bücher untersagt. 

Selbst protestantische Geschichtschreiber kennzeichnen die damalige 
Zeit als die Periode der härtesten orthodoxen Zensur. Am 2. November 1667 
erschien eine königliche Verordnung für die Buchhändler. Dieselben mußten 
den ganzen Katalog ihres Lagers, aller Bücher und Traktate, in Stockholm 
dem königlichen Bibliothekar, in andern Städten den Bischöfen und Kon- 
sistorien zur Prüfung einhändigen, um die notwendige Erlaubnis zum Verkauf 
derselben zu erlangen. Sobald Karl XL mündig geworden, bestätigte er am 
12. November 1674 alle früheren Zensurverfügungen. 

Einige Jahre vorher beschäftigte ein interessanter Zensurfall die schwe- 
dische und brandenburgische Diplomatie. Der Diakon an der Schloßkirche 
zu Stettin, Balthazar Bendelius, hatte um das Jahr 1670 eine Schrift in Druck 
gegeben: „Summarische Anmerkung über das so genannte wahrhaftige Bethel.'' 
Der große Kurfürst fühlte sich durch das Buch des orthodoxlutherischen Ver- 
fassers in seinen calvinistischen Anschauungen beleidigt und ließ dasselbe 
vom Scharfrichter zu Stargard öfifentlich verbrennen. Allein Friedrich Wilhelm, 
damit nicht zufrieden, wandte sich in einer Klageschrift nach Stockholm an 
die dortige Regierung, welche auch alsbald eine theologische Kommission aus 
Bischöfen und Professoren zur Prüfung der Sache zusammensetzte. Die 
Kommission mit dem Bischof Erik Benzelius an ihrer Spitze, orthodox wie 
die Regierung, lobte den Religionseifer des großen Kurfürsten, gab aber 
klar genug zu verstehen, daß sie in dem angeklagten Buche weder eine 
Häresie noch auch eine Beleidigung Friedrich Wilhelms finden könne. So 
stand Zensur wider Zensur^. Dasselbe Schauspiel konnte man aber auch in 
Schweden selbst erleben. 1678 sollte Johannes Hof als Kyrkoherde eine 
Pfarrei erhalten, vorher mußte er sein Doktorexamen bestehen. Er gab 
deshalb im Druck seine Thesen heraus, worunter sich auch die fand, daß die 
Auferstehung Christi nicht zum Wesen des Erlösungswerkes zu gehören 
scheine^. Gegen diese These und ihren Defendenten erhob sich ein Sturm. 
Das Konsistorium von Skara brandmarkte dieselbe als häretisch und verlangte 
von Hof Widerruf, wenn er Anstellung als Kyrkoherde wünsche. Hof 
weigerte sich und appellierte an die Universität von Upsala. Unterdessen 
ging das Domkapitel von Skara noch entschiedener gegen den Doktoranden 
vor und erwirkte einen königlichen Brief vom 28. Februar 1680, der Hof 
seiner Vermessenheit wegen aller geistlichen Ämter für unwürdig erklärte 
und nicht bloß die These und Schrift Hofs verbot, sondern es auch überhaupt 
strenge untersagte, die Behauptung über die Auferstehung mündlich oder 
schriftlich zu verteidigen. Damit war die Sache nicht beendigt. Es griffen 



» Vgl. Henrik Afzeli US, Erik Benzelius D. Ä., I, Stockholm 1897, 68 ff. 
^ Resurrectionem Christi non pertinere ad opus redemtorium , multa mihi videntur 
argumenta evincere. 



240 Upsala und Lund. 

die Universität von Upsala und der Bischof Erik Benzelius ein. Die Frage 
kam vor das Consistorium regni auf dem Reichstag im Herbst 1680. Nach 
mehrtägigen heißen Disputationen und Verhandlungen nahm sie einen ganz 
andern Ausgang. Hof und seine These wurden als unschuldig erklärt, and 
bald, am 27. November, war auch ein neuer königlicher Brief da, welcher 
die Ordination Hofs befahl und ihn für die ihm zugedachte Stellung empfahl. 
So hatte sich innerhalb weniger Monate von Februar bis November die 
königliche Zensur vollständig ins Gegenteil verkehrt. 

Während dieser ganzen Zeit übte die theologische Fakultät zu Upsala 
mit gro&em Eifer ihre Zensur aus besonders über alle Universitätsdisputationen, 
worin sie den Glauben, die Religion gefährdet sah. Und wie früher der 
Bischof Paulinus wider den Ethikprofessor Jonas Magni zu Upsala gekämpft 
gegen die aristotelische für die ramistische Philosophie, so stritten jetzt die 
Theologen ebendort mit sehr wenig Konsequenz, aber mit mehr Grund, gegen 
das Eindringen des Cartesianismus. Der Kampf dauerte vom Jahre 1665 bis 
1686, in welch letzterem Jahre die Theologen auf dem Reichstag durch ihren 
Wortführer Henrik Schütz eine Schrift einbrachten „Contra licentiam philosoph- 
andi*", die darauf ausging, den Theologen über die ganze Philosophie und alle 
ihre Zweige die Kontrolle der Zensur zu gewähren. Nach ihrem Wunsche 
setzte der König wohl einen Zensor ein und vermehrte noch dessen Gewalt 
über alle Bücher des In- und Auslandes, welche sich im Reiche zeigten. 
Aber schon am 17. April 1689 gestattete König Karl XI. den Cartesianismus 
vollständig. 

Wie in Upsala wogte der Zensurkampf auch an der Hochschule zu Lund, 
und hier noch erbitterter. Hier drehte es sich im Jahre 1673 um Samuel 
Pufendorfs bedeutendes Werk „De jure naturae et gentium**, welches 1672 zu 
Lund erschienen war, gegen das nicht bloß die Theologen von Schweden. 
sondern auch die von Jena und Strasburg und vor allem die Leipziger und 
Wittenberger Sturm liefen. In Lund schrieb der Professor der Rechte, 
Nikolaus Beckmann, sofort gegen Pufendorf eine sehr scharfe Kritik : ,Novi- 
tatum Index in S. Pufendorfii libris de jure naturae et gentium contra 
orthodoxiae fundamenta contentarum, Gissae 1673'. Aber Pufendorf war 
damals in Schweden so hoch angesehen, daß die Universität nicht ihm und 
seinem Buche, sondern dem heftigen Angreifer und dessen Schrift den Prozefi 
machte, der mit der öflFentlichen Verbrennung dieser Kritik und mit der 
Relegatio auctoris in perpetuum cum infumia endete. Allein auch Pufendorf 
entging nicht so ganz der schwedischen Zensur. Am 29. August 1688 fragte 
der erste königliche Zensor, Nikolaus Kubenius, bei der Kanzlei, seiner vo^ 
gesetzten Behörde an, ob Pufendorfs Einleitung in die schwedische Geschichte 
übersetzt und gedruckt werden dürfe trotz des § Gentis sueticae vitia. Es 
wurde großmütig gestattet, aber Rubens selbst solle dafür sorgen, dafi die 
Übersetzung „lämpligaro termer'' mildere Ausdrücke gebrauche^. 

Kul)ens war der erste Zensor nacli der Neuordnung der Zensur vom 
5. Juli 1()84, welche alle Neudrucke der vorhergehenden Prüfung unterwarf. 

* Bygdeii a. a. 0. XIX. 



Die schwedischeii ZensoreD ; neue Bücherfehden. 241 

Is die Professoren der Universität sich dadurch zu sehr gedrückt fühlten 
id Olof Rudbeck darüber klagte, erschien ein königliches Schreiben vom 
L Mai 1685 an den Kanzler Magnus Gabriel De la Gardie, das für gelehrte 
änner, deren Integrität und Erfahrung außer Zweifel stehe, im einzelnen 
ilderung und Ausnahme gestattete. Am 7. Juli 1688 erhielt Rubens seine 
me Instruktion, welche sehr ausführlich beinahe alles in seine Hände legt. 
ie theologische und religiöse Literatur mußte vorher vom betreffenden 
omkapitel gutgeheißen sein. £r selbst stand unter der Kanzlei, die er in 
ichtigeren Fragen befragen sollte, die ihn auch zur Verantwortung zog. Am 
ade des Jahres sollten jedesmal eigentliche Indices angelegt werden. Es 
heint jedoch unterblieben zu sein; man kennt keine derartigen offiziellen 
ataloge verbotener Bücher, obgleich vom Anfange des 18. Jahrhunderts 
i solche Indices besonders von der theologischen Fakultät über häretische 
id unreligiöse Bücher wiederholt verlangt wurden. Darüber berichtet z. B. 
18 Protokoll der theologischen Fakultät von Upsala am 6. Februar 1707, 
id im April 1708 meldet der Zensor Lilljeblad, daß er ein Register der 
hädlichen Bücher aufgesetzt habe, welches er der theologischen Fakultät zur 
rüfung unterbreiten wolle, damit dieselbe streiche oder hinzufüge. 

Daß die schwedische Zensur den Geschichtschreibern scharf auf die 
inger sah, wo es sich um die Ehre des Vaterlandes handelte, ist an Bei- 
(ielen oben gezeigt worden. Dieser schwedischen Feinfühligkeit fiel im 
^ Jahrhundert auch das „Epitome descriptionis sueci»^ des Michael Vexonius 
uldenstolpe zum Opfer, es wurde konfisziert und untersagt. 1691 verbot 
abens aus gleichem Grunde „Kong Gustav IL Adolfs historia af Widikindi* 
egen „ätskilliga deri förekommande otjenliga expressioner "" verschiedener 
>6l angebrachter Ausdrücke. 

Merkwürdiges Licht werfen auf die schwedische Zensur des 17. und 
J. Jahrhunderts zwei Bücherfehden, von denen die eine in den siebziger 
ihren des 17. Jahrhunderts zwischen den Professoren Schefferus und Verelius 
L Upsala sich abspielte, während die andere sogar vom königlichen Zensor 
Ibst hervorgerufen wurde, indem er anonym eine Schrift herausgab gegen 
e neue schwedische Bibelübersetzung, welche endlich 1705 erscheinen konnte. 

Die Upsalaprofessoren Verelius und Schefferus stritten miteinander 
>er Tempelruinen der alten Stadt Upsala. Da der Streit mit „acrimonia 
id animositate" geführt wurde, kam vom Könige selbst durch den Kanzler 
. G. De la Gardie ein Verbot für Verelius, noch etwas in dieser Frage zu 
irOffentlichen. Und doch hatte gerade Verelius seine frühere Schrift, die 
US Verbot veranlaßte, von dem Konsistorium der Universität, von ver- 
hiedenen Professoren und dem Kanzler selbst zensieren und gutheißen 
ssen. Darüber beklagte sich nun der Rektor der Universität, Olof Rudbeck 
, Ä., beim Kanzler, um das Verbot rückgängig zu machen. Aber er erreichte 
chts, weil dasselbe von höherer Seite erlassen war^ 



^ S. den interessanten Brief Rudbecks an De la Gardie vom 24. Mai 1677 bei Claes 
nncrstedt, Bref af Olof Rudbeck D. Ä. II (1670—1679), Upsala 1899, S. xcv u. Nr 55, 
150 ff. 
Hilgers, Der Index Leos Xm. 16 



242 ^^ 1^- Jahrhundert. J. D. Michaelis. 

Merkwürdiger noch ist die zweite Tatsache. Gustav Peringer, Professor 
zu Upsala, war 1693 geadelt worden und nannte sich nun Lilljeblad, 1695 
wurde er zum königlichen Sekretär und Zensor librorum ernannt. Am Ende 
des 18. Jahrhunderts war mit vieler Mühe von den Hauptiheologen und 
Bischöfen eine neue schwedische Bibelübersetzung veranstaltet worden. Als 
diese Bibel schon im Drucke war, erschien 1699 eine herbe Kritik der Neo- 
ausgabe, die kein anderer als der königliche Zensor Lilljeblad verfaßt hatte 
und die sich gegen die neue Bibel und deren Korrektor, Karl Wijström, den 
Kollegen Lilljeblads, richtete. Lilljeblad, ein gelehrter Orientalist, hatte 
nämlich bei der Zensur eigenmächtig manche Veränderungen an der Übe^ 
Setzung vorgenommen, weshalb sein nächster untergeordneter Kollege, Wij- 
ström, ihn bei der königlichen Kanzlei anzeigte. Im Harme schrieb jetzt der 
erste Zensor seine Kritik, die mit dem Satze schloß: „In summa Yersioneo. 
then Swenske, är sä illa verterad, at jag kan wijsa in libris historicis, der 
som texten är aldra lättast, inom 20 eller 30 blad, mer an tosende fehl 
större och smärre.*" „Mit einem Worte, die Übersetzung ist so schlecbt, 
daß ich in den geschichtlichen Büchern, dort, wo der Text am leichtesten ist 
auf 20 bis 30 Blättern mehr als tausend größere oder kleinere Fehler zeig» 
kann." Die Neuausgabe wurde weitergedruckt und kam erst 1705 zur Aas- 
gabe. Aber die Schrift des königlichen Zensors wider die neue Übersetzoog 
wirbelte noch immer Staub auf. Erst als Lilljeblad 1710 gestorben war, e^ 
schien 1711 eine Widerlegung seiner Schrift unter dem Titel „Then Swensb 
Bibliska uttolckningens fÖrswar."i 

Die schwedische Zensur, besonders wie sie von den orthodoxen Lutheranern 
im 17. und 18. Jahrhundert^ gehandhabt wurde, gilt selbst bei den prote- 
stantischen Kirchenhistorikern als eine strenge. Man zeigt dabei gerne auf 
das Verbot der Dogmatik dos Johann David Michaelis vom Jahre 1764 hin 
Auch hier mag dieses Beispiel zur Beleuchtung der schwedischen Zensur im 
18. Jahrhundert verzeichnet werden. Der berühmte Orientalist Theologe und 
Polyhistor, Johann David Michaelis, Professor zu Halle und Oöttingen, wie 
einer seiner Schüler ihm nachrühmt, „einer der vollkommensten Dozenten, 
die je, solange Universitäten sind und sein werden, gelebt haben", gab 1760 
zu Göttingen sein „Compendium theologiae dogmaticae'' heraus. Michaelis 
hatte sich nicht auf Luthers Lehren festgelegt, und so erfolgte 1764 anf 
Antrag der theologischen Fakultät in Upsala das Verbot seiner Dogmatik, 
die von den rechtgläubigen Lutheranern Schwedens als heterodox auf den 
Scheiterhaufen getragen wurde. Neun «Jahre später jedoch, als der aufgeklärte 
Gustav III. den schwedischen Thron inne hatte, ward dem berühmten Göttinger 
Theologen Nationalsatisfaktion gegeben. Schweden verlieh ihm den Orden 
vom Nordstern ; der neue Kitter nahm sein mütterliches Wappen an mit der 
Devise „libera veritas". 

Schweden hat immer, besonders seit den Tagen der Reformation, den 
fruchtbarsten Boden für Schwärmer und Schwärmerei gehabt. Erst war das 

1 Vgl. Henrik Afzelius, Erik Benzelius D. Ä. II, Stockholm 1902, 208fr; Josef 
Helander. Haqiiin Spegel, Upsala 1899, 110 ff. = S. Anlage XXII. 



Pietismus und Schwärmerei. 243 

och heidnischer Aberglaube, dann Hexenwahn, der zumal im Volke lebte 
nd vmcherte, später traten immer neue kleine oder größere Sekten auf, 
ie hauptsächlich beim leichtgläubigen Landvolk um sich griffen. Übrigens war 
Gustav ni., dieser Held der Aufklärung, durchaus nicht frei von derartigem 
feisterglauben, und Swedenborg ist eben auch ein geborener Schwede 
OB den höheren gelehrten Kreisen. Aus dieser nationalen Hinneigung zur 
ehwärmerei erklärt es sich wohl, daß die sonst so strenge orthodoxe Zensur 
chwedens bei der Bekämpfung schwärmerischer Schriften oft eine merkwür- 
ige Langsamkeit bekundete. 

1679 wurde gleichwie in Dänemark so auch in Stockholm das Buch des 
eutschen Johann Lyser, den man vielfach einen Schwärmer heißt, vom 
lenker verbrannt. Ein Schwärmer war jedenfalls der schwedische Arzt An- 
[reas Eempe, der, schon früher aus seinem Vaterland vertrieben, 1675 nach 
lamburg kam. „Man hat von ihm annoch ,Anatomia abietis' in schwedischer 
Iprache, so auch deutsch unter dem Titel : ,Anatomierter Tannenbaum^ her- 
ausgekommen; «schwedische Standart erhöhet'; ,die Sprachen de^ Paradieses'.^ ^ 

In diesem letzteren Buch läßt der Verfasser 6ott den Herrn zum ersten 
Censchen schwedisch sprechen, Adam aber auf Dänisch antworten, während 
lie Schlange Eva auf gut französisch versucht. Mehr üngelegenheit machte 
hm sein Buch, welches er 1688 veröffentlichte unter dem Titel „Israelis 
irfireuliche Botschaft **. Den Juden zu lieb wurde „darinne auf Christum 
gelästert". Doch Hamburg war noch nicht das Hamburg von heute; der 
ienat unterdrückte das Werk sofort, ließ alle Exemplare konfiszieren und 
lahm den Verfasser in Gewahrsam. Losgegeben wurde er nur, um auf 
)wig aus Hamburg verbannt zu werden. Im Jahre darauf 1689 starb der 
Schwede zu Altena. 

Eempe hatte aber noch andere Bücher geschrieben, welche später in 
Jchweden als schwärmerische Schriften strenge verboten wurden. Das eine 
^erk hatte den Titel: „Perspicillum bellicum* ^ und von dem andern wird 
gleich unten die Rede sein. 

Auf Betreiben des Generalsuperintendenten J. Fr. Mayer in schwedisch 
i^ommem hatte König Karl XI. am 6. Oktober 1694 bereits ein scharfes 
Sdikt gegen die Pietisten und ihre von den symbolischen Kirchenbüchern ab- 
i^eichenden Irrtümer erlassen. Dasselbe scheint nicht viel gefruchtet zu haben, 
ind Mayer trieb nun auch den Nachfolger Karls XL zur Bekämpfung und 
^LiiBrottung des Pietismus an. Karl XH. schrieb aus dem Feldlager bei Blonie 
n der Nähe von Warschau am 20. September 1705 an den Reichsrat und 
lefahl demselben, ein wachsames Auge auf die Pietisten zu haben, besonders 
lafür zu sorgen, daß die Jugend vor pietistischen Büchern sichergestellt werde. 
km 7. Juni 1706 kam ein zweiter königlicher Brief an den Rat aus dem 
{jSLger bei Lusuc in Wolhynien, in dem der König den Kampf gegen den 
Pietismus mit strengen Strafen noch ernstlicher verlangte. 

Der königliche Rat, welcher auf ein Schreiben vom 20. Oktober 1705 
vn den Erzbischof Erik Benzelius und an das akademische Konsistorium von 



1 Jöcher a. a. 0. II 2060 f. ^ Bygd^n a. a. 0. XVI. 

16 



244 ^i^i^ Benzelius und der Pietismus. 

Upsala die kurze Antwort erhalten hatte: die angestellten Nachforschungen 
hätten ergeben, daß sich im Stift Upsala kein Pietismus und keine Pietisten 
fänden, wandte sich nun eilfertig aufs neue an Erzbischof und Konsistorium 
von Upsala, um den neuen Befehl und Brief des Königs vollständig mit^ 
zuteilen. In gleicher Weise hatte der Rat auch an sämtliche Bischöfe, Aka- 
demien und Konsistorien geschrieben und einen Abdruck des letzten Briefes 
Karls XII. beigelegt. Am Schlüsse wurde dem Erzbischof und dem Kon- 
sistorium nachdrücklich empfohlen, doch mit besonderer Sorgfalt darauf za 
sehen, daß erstens keine verbotenen und gefährlichen Bücher eingeführt und 
verkauft würden und zweitens die Zensur genau ihre Pflicht erfülle, «damit 
nichts gedruckt und veröffentlicht werde, was nicht in Übereinstimmung 
steht mit der Heiligen Schrift und unsere darauf beruhenden symbolischen 
Bücher«. 

Das wirkte, und der Erzbischof Benzelius sandte nun als Antwort einen 
längeren „unparteiischen Bericht über das seit geraumer Zeit in unsem luthe- 
risch-evangelischen Versammlungen entstandene Schisma der Pietisterei*, der 
ganz anders lautete als die frühere kurze Antwort, und mit dem frommen 
Wunsche schließt, daß »Gott gnädiglich unser teures Vaterland vor diesen 
Schwärmern bewahren, deren Gesinnungsgenossen unter uns den Mund ve^ 
stopfen wolle und mit seinem Heiligen Geiste immerfort das Herz unseres 
allergnädigsten Königs zur Reinerhaltung der evangelischen Lehre wie bisher, 
so auch fernerhin regieren möge"". In diesem Berichte beklagt es Benzelins 
gar sehr, daß die pietistische Ketzerei, die zu Indifferentismus und Atheismos 
führe, ins Land eingedrungen sei zum Verderben und Schaden der evange- 
lischen Religion, „die mit dem Blute so vieler frommer Christen und darunter 
auch mit dem hochedlen Blut eines so großen Schwedenkönigs besiegelt wurde*. 
und fährt dann fort: „Wenn ich an alles das denke, so durchschneidet es 
mein Herz, besonders da ich finde, daß hier in den Buchläden pietistifiche 
Bücher aufgelegt sind , die auch gekauft und gelesen werden , Bücher wie 
Gotoff Arnolds Kirchen und Ketzer historia, 2 große folianten, Thomasii samt 
Rudolphs Enno Bromensis das recht Evangelischer fürsten in den theologischen 
Streitigkeiten. Des letzteren Tractat Von der wahren Weisheit und wahren 
glaube. Item eine Apologie für seinen genannten ersten Tractat Dippelii sen 
Christiani Democriti der reine hirt und rein hertz: Diese vergifteten Bücher 
sowie andere derselben Art verfechten ohne alle Furcht vor der Obrigkeit 
den Indififereutismus zur Schmach unserer Evangelischen Religion, zum ewigen 
Verderb der Seelen.'' Ein Beispiel hiefür könne der genannte Arnold selber 
abgeben, da er ein gottloser Heuchler sei. Alsdann ergeht Benzelius sich in 
herbem Tadel gegen Thomasius, der unter andern Gottlosigkeiten vom Leb*- 
stuhle der Universität das Buch des Arnold zu empfehlen gewagt habe noit 
den Worten: „Ich halte des Herren Arnolds historie nach der Heiligen 
schrifTt für das beste, und nützlichste buch, das man in hoc scribendi ge- 
nere gehabt hat, und schäme mich nicht, dasselbe allen meinen auditoribns 
hiermit auf das nachdrückligste zu recommendiren , und wen sie das geld 
dafür ihren münde erspahren oder erbetlen sollen.^ Bei der Aufeählung 
der pietistischen Häresien warnt er noch namentlich vor „then bekante 



Das Zensurjonrnal Benzelstjernas. 245 

Svärmande Skomakarens Jacob Böhmmes skrifFter*^ die besonders gefähr- 
lich seien ^. 

Allein alles in allem ist der Bericht des Erzbischofs, der kurz vorher 
vergebens nach den Spuren des Pietismus geforscht hatte, nichts als eine 
seufzende Klage, welche schlieMich nicht einmal von allen Theologen in Upsala 
unterschrieben wurde, da einige sich ausdrücklich weigerten. Es muß aber 
die Regierung die Sache mit mehr Ernst und Eifer in die Hand genommen 
haben, denn es wurden von nun an durch Zensur und Bücherverbot nament- 
lich solche pietistische Bücher verfolgt. Noch in den Jahren 1737 — 1746 
bilden derartige Schriften bei weitem die Mehrzahl unter den verbotenen 
theologischen Werken. 

Wir haben nämlich aus jenen Jahren das genaue Verzeichnis der Zen- 
surtätigkeit des damaligen Zensors Gustav Benzelstjerna, welches 1883 — 1885 
zu Stockholm von den beiden schwedischen Gelehrten L. Bygden und E. Le- 
wenhaupt nach der Handschrift veröffentlicht wurde unter dem Titel „G. Ben- 
zelstjernas Censorjoumal 1737 — 1746**. In dem Vorwort zu dieser Publika- 
tion rühmt Bygden alle schwedischen Zensoren von Rubenius bis Nils Oel- 
reich, welcher der letzte war, als wissenschaftlich gebildete, hervorragende 
Männer. In der Tat hatten sich dieselben in Schweden durch ihre Schriften 
oder als Professoren der Universität vorher schon einen Namen erworben. 
Nichtsdestoweniger muß man wenigstens von der Zensur Benzelstjemas sagen, 
daß sie nur zu oft sehr kleinlich und despotisch ist. Die schwedischen Zen- 
soren sahen es nämlich als ihre Aufgabe an, auch Irrtümer und Fehler in 
der Geschichtschreibung und selbst in der Poesie und Grammatik zu verhüten 
unter der Strafe der Nichtapprobation. 

Am 10. Juli 1738 zensierte Benzelstjerna: „eine Hochzeitsschrift über 

c 

den Handelsmann in Abo Gustav Rungeen und die Jungfrau Brita Catharina 
Alstrin*, deren Autor der „Studiosus Carl Bange** war, mit dem Verdikt: 
,Ni rime ni raison, enthielt mehr als 7 unrichtige Reime und ward also ohne 
Approbation zurückgestellt.^ Ein Zusatz bemerkt jedoch: „Wurde später 
etwas verbessert und unterschrieben." 

Im Juni desselben Jahres kamen zwei Personen mit Schriften zum be- 
vorstehenden Namenstage Ihrer Majestäten, „aber ich antwortete beiden, daß 
dergleichen Solennitäten Poesien verlangten, die mit besonderer Perfektion 
ausgearbeitet seien". Die Dichter mußten ohne Druckerlaubnis abziehen. 
ESn Gedicht über die Herrlichkeiten Stockholms von Andreas Odel erhielt 
am 19. Oktober 1739 die Zensur: „Obscurum et ineptum. Ohne Approbation 
Eurück/ Die Poesie zählte 100 Strophen und nachdem der Verfasser einige 
30 derselben gestrichen, gelang es ihm dennoch, die Genehmigung zum Druck 
EU erhalten. Zu einer andern Poesie: „Samtal emellan Eon. Carl den XII 
[>ch Majoren Malcom Sinclair uppa Elisaeiske falten i de dödas Rike. Pä sw. 
irerSy 84 stropher", heißt es unter dem 21. September 1739 kurzweg: „Im- 
jroberadt.* Bei andern Schriften werden oft einzelne Stellen oder Worte 



* Vgl. Henrik Afzelius, Erik Benzelius D. Ä., II, Stockholm 1902, 250 ff , und 
3ilag III XVI ff. 



246 Verbotene Bücher 1737—1746. 

verbessert, gestrichen oder verändert. Die kleinsten Poesien, Grabscliriften, 
Hochzeitsschriften, grammatikalische Arbeiten, Geschichtswerke, Predigten, 
alles mußte die Zensur passieren und ward allen Ernstes bis auf Stil und 
Grammatik hin geprüft. 

Die Verbote, besonders von theologischen und ausländischen Schriften 
und Büchern treten hauptsächlich auf, wenn dem Zensor ein Auktions- oder 
Buchhändlerkatalog zur Revision vorgelegt wird, was nicht selten geschah. 
Um auch hier Beispiele zu geben, so verzeichnet der Zensor unter dem 21. Sep- 
tember 1739, daß ihm zugeschickt wurde: 

Catalogus librorum Bibliopolii Weidenmeieriani vendendorum Hohniae, 
zusammen 3273 St. Es wurden ausgestrichen als unerlaubte, die nicht ver- 
kauft werden dürfen, unter den theologischen Büchern: 

Nr 717. Democriti, Wegweiser zum Licht und recht. 
Nr 1342. Theosophische Sendschreiben. 

Unter den philosophischen und miscellaneos : 

Nr 53. Beverland, De fomicatione cavenda. 
Nr 161. Emblemata et Symbola Impp. 

Unter den historischen und miscellaneos: 

Nr 295. Neu aufgerichtete Liebes Cammer. 

Nr 416. Toland, Relation von dem königl. Priesterth. 

Im September 1744 erhielt Benzelstjerna das Auktionsregister der Bücl^ 
des verstorbenen Pfarrers Dr Jöran Nordberg. Der Zensor strich nur zwei 
Bücher von der Liste als verbotene, nämlich „Beckers Bezaüb. Welt* in 4* 
und „Krigs-Perspectiv", Amst. 1664, in 12^ empfahl aber den Verwandten, 
eine kleine Anzahl der Bücher selbst zu behalten und nicht in fremde Hände 
kommen zu lassen. Unter diesen letzteren findet sich auch die deutsche Übe^ 
Setzung von Voltaires „Charles XII *" mit Anmerkungen. In demselben Jahre 
wurden auf ähnliche Weise gestrichen oder verboten: „Böhms Mysteiinm 
magnum 1040'' ; „Spinozae opera posthuma 1677'^ ; „Probatorium theologicum, 
Amst. 1664'', mit dem Zusatz: „som är den bekante Andreae Eempes fana- 
tiske wärk.*' „Theosophia Revelata oder alle GöttKche schrifften Jacob Böh- 
mens mit J. G. Gichteis marginalien 1715 vol. 2** wurde am 7. Juni 1740 
untersagt. 

Ein andermal vermerkt der gewissenhafte Zensor bei der PrUfung einer 
Rede, welche Anders Johan von Höpken in der schwedischen Akademie der 
Wissenschaften gehalten hatte : „Ich erinnerte daran, da& die bekannte .Fable 
of the Bees"" nicht citiert werden sollte, da der Autor dieselbe eigenhändig 
ins Feuer geworfen, nachdem das Werk von Alex. Innes widerlegt vo^ 
den ist." ^ 

Die schwedischen Zensoren machten sich demnach ihre Arbeit nicht leicht; 
sie verboten gar viele Büchor und waren bei der Zensur selbst streng nnd 
kleinlich. Beliebt konnte eine solche schulmeisternde voraufgehende PrüAing 
sicherlich nicht sein. 

^ Vgl. G. Benzelstjernas Censorjournal 1787 — 1746 utgifven af L. Bygd^n och £. Leveo* 
haupt. Stockholm 18^3—1885, 49 bl 106 108 119 149 150 243 251 258 u. a. m. 



Schwärmer im 18. und 19. Jahrhundert. 247 

Trotz alledem kam es noch vor, daß von den Zensoren approbierte 
eher von einer höheren Instanz nachträglich verboten wurden. 1706 geschah 
ses mit Vichzells Beskriftiing om Rysslands gränser, 1759 mit Forskäls 
nkar om borgerliga friheten \ Im allgemeinen gab es weniger Reibungen 
ter dem Zensor Benzelstjerna als unter seinem Nachfolger Nils Oelreich, 
• auf diese Weise zur Abschaffung der unliebsamen Zensur am 2. Dezember 
S6 beitrug. 

Die religiös-schwärmerische Bewegung griff im 18. Jahrhundert weiter 
i sich, und besonders in der zweiten Hälfte nahm dieselbe also überhand, 
& die geistliche und weltliche Obrigkeit derselben gegenüber wie machtlos 
stand. Auch die Zensur versagte. Damals erschien nämlich als Binde- 
ttel der Schwärmer in den verschiedenen Landesteilen zu Stockholm eine 
itschrift unter dem Titel: »Stockholms Dageligt Godt". Die vielen Schwie- 
:keiten jedoch bei dem Konsistorium und der Zensur, welche der Heraus- 
ber oft, aber nicht immer, zu umgehen wußte, brachten es schlieMich dahin, 
& die Zeitschrift am 6. Mai 1776 nach kaum einjährigem Bestehen eingingt. 

In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts breitete sich in der 
ovinz Helsingland, die als fruchtbarer Boden der Hermhuter, der Pietisten, 
r älteren „ Leser ^ bekannt ist eine neue Sekte, die des Erik- Jansismen aus, 
ch ihrem Urheber Erik Jansson benannt, deren Anhänger sich auch 
läsare*', Leser, nannten, weil sie sich nur an die Lesung der Heiligen 
hrift hielten. Auch hier kam es wiederum zu argen Ausschreitungen, aber 
n Seiten der Obrigkeit glaubte man zuwarten zu müssen. Erst als Erik 
nsson mit den Seinen sich daran machte, Scheiterhaufen zu errichten zur 
jmichtung „der Götzen", d. h. der Bücher besonders Luthers und Arndts, 
iflf auch Regierung und das Domkapitel von Upsala ernstlich ein. Am 
. Juni 1844 ließ Jansson ein großes Feuer herrichten. Aus der ganzen 
)gend kamen seine Anhänger mit ihren Büchern herbei. Alles sollte ver- 
sinnt werden, vorläufig außer der Bibel nur noch Katechismus und Lieder- 
ch verschont bleiben. Zuerst kamen die Schriften Luthers an die Reihe: 
tan habe ein Jubelfest gefeiert beim Herauskommen der Werke Luthers, 
ute bei dem Brande solle er ein Trauerfest haben. Dann warf man die 
icher in die Flammen, der Scheiterhaufen war angezündet und die Bücher 
ithers, Nohrborgs, Lindroths, Petterssons, Arndts und ähnliche verbrannten 
Werte von 975 Reichstaler. Am Schlüsse stimmte die Menge ein Dank- 
d an. 

Nun endlich wurde Jansson festgenommen und vom Domkapitel verhört, 
er bald war er auch wieder auf freiem Fuß. Am 28. Oktober desselben 
hres errichtete er einen neuen Scheiterhaufen für die abgöttischen Bücher, 
>bei Katechismus und Liederbuch nicht mehr verschont blieben. Ein Augen- 
ige erzählt, daß dabei ein Kind seinen Katechismus in die Flammen warf 
•otz der tränenvollen Ermahnungen und Bitten der Mutter. ** 



^ S. Bygd^D, Inledning xvii. 

• Vgl. BrorAlstermark, De religiöst-svärmiska Rörelserna i Norrland 1750 — 1800. 
dngnfts 1898, 120 f. 



248 Zensurfreiheit. 

Als der Schwärmer zum dritten Buchbrande im November schreiten 
wollte, ergriff ihn die Polizei und führte ihn aufs neue ab. Jedoch ver- 
anstalteten seine Anhänger dafür am 7. Dezember 1844 einen derartigen 
Brand, bei dem sie jedoch von der Polizei gestört wurden. Dieselbe rettete 
noch einen Teil der Bücher und lieferte eine Anzahl der Teilnehmer, 15 Per- 
sonen, dem Gerichte aus, das sie in Strafe nahm. 

Unterdessen erschienen die von Erik Janssen neu verfaßten Bücher 
im Jahre 1846, hauptsächlich Katechismus und Liederbuch, welche ein Sektirer, 
C. G. Blombergsson, in seiner zu dem Zwecke neu errichteten Druckerei her- 
gestellt hatte. Die Regierung verfolgte alsbald den Drucker, der aber bereits 
auf dem Wege nach Amerika war. Die Bücher, als der reinen evangelischoi 
Lehre widerstreitend, wurden beschlagnahmt i. 

So stand mitten im 19. Jahrhundert Bücherverbrennung und Bücher^ 
Zensur in dem orthodoxlutherischen Schweden in Flor, und Luthers Bücher 
waren die ersten Opfer des Brandes. Und das alles, nachdem Schweden 
schon achtzig Jahre hindurch das Glück der Druckfreiheit genossen hatte, 
oder sagen wir besser, nachdem Schweden bereits mehr als ein halbes Jahr^ 
hundert vorher ähnlich wie Dänemark wegen seiner Druckfreiheit von der 
Aufklärung war gepriesen worden. 

In Wirklichkeit liegt die Sache so, daß der Reichstag von 1765 — 1766 
unter dem 2. Dezember 1766 eine Verordnung erließ, welche Druck&eiheit 
zugestand aber ausdrücklich den Zensurzwang für alle religiöse, theologische 
Arbeiten und Schriften beibehielt. Ja als in den folgenden Jahren die 
Schriften der neuen Aufklärung überhand nahmen und vor allem die Theo- 
logie bedrohten, mußten die Könige ein um das andere Mal diesen Zensor^ 
zwang neu einschärfen. Zuerst geschah es durch königlichen Brief vom 
10. März 1768 und unter Gustav III. durch königliche Verordnungen vom 
26. April 1774 und vom 6. Mai 1780^. • Gustav III. hatte das Zensurgesetz 
vom Jahre 1766 nach dem Tode seines Vaters beschworen. In seiner be- 
kannten Rede, welche dieser König der Aufkläining, selbst Gelehrter und 
Schriftsteller, am 26. April 1774 in der Senatssitzung hielt ^, philosophierte 
Gustav ni. in seiner Weise über Preßfreiheit, die dem Volke gewährt werden 
müsse. Jedoch blieb es bei dem Gesetze von 1766, das in den folgenden 
Jahren noch besonders strenge gehandhabt werden mußte. Endlich fiel der 
König als Opfer der Adelspartei. Sein Nachfolger beeilte sich, durch ein 
feierliches Edikt Schweden Preßfreiheit zu gewähren. Alles und jedes, was 
nicht gegen Religion, gute Sitten und Regierung gerichtet wäre, sollte von 
jedem Schweden frei gedruckt werden können. Aber auch in dieser «gänz- 
lichen Freiheit zu schreiben und drucken zu lassen "", welche der König sein^ 
getreuen Untertanen erteilte, wodurch „jede Art von Zensur aufgehoben 



^ Vgl. Emil Hcrlenius, Erik-.Tansismen i Sverige, Up»ala 1897 ; Derselbe, Erik* 
Jansismcns Historia, Jönköping 1900, 28 36 58; Stimmen ans Maria-Lasch LH 347 ff. 

' Herman Lcvin, Heligionstvang och Religionsfrihet i Sverige 1686~]782, Stock- 
holm 1896, 134 f. 

^ , Modeste Opinion de Gustave III sur la liherte de la presse* sandte der König selbst 
an Voltaire. 



Die französische Zensur. 249 

^urde"", war ausdrücklich festgesetzt, daß ^^alles, was dieReligion und 
mser Glaubensbekenntnis betrifft, jederzeit der Aufsicht und 
ier Zensur der Konsistorien des Königsreichs unterworfen 
bleiben soll/ Ebenso sollten keine neuen Zeitungen ohne jene vor- 
rangige Prüfung angekündigt werden, es sei denn daß der Redakteur ein 
Privilegium darauf erhalten hätte. Wenn dadurch „die gänzliche Freiheit** 
n wesentlichen Punkten eingeschränkt war oder blieb, wurde sie es noch 
nehr unter der bald folgenden Dynastie, obgleich 1809 auf dem Reichstag 
Ier § 85 der Verfassung Druckfreiheit verlangte und die Verordnung vom 
L6. Juli 1812 dieselbe umschrieb und festlegte. Das Edikt verlor seine 
(Virksamkeit, und die Zensur verfuhr sogar sehr strenge, so daß nicht einmal 
lie norwegische Reichszeitung ohne besondere Erlaubnis in Schweden ein- 
jeführt und dort gehalten werden durfte^. Das Druckfreiheitsgesetz von 
1812 wurde schließlich 1879 revidiert und in den letzten Jahrzehnten frei- 
sinnig gehandhabt. 

Die französische Zensur im allgemeinen imd die napoleonische 

im besondern. 

Die französische Freiheitsbewegung des 18. Jahrhunderts zog über 
Frankreichs Grenzen hinaus weite Kreise. Von solchem Freiheitsdrang er- 
^£Fen strebte man in verschiedenen Staaten mit Heftigkeit Preß- und Zensur- 
üreiheit an. Schon deshalb ist es von Interesse, zu sehen, wie sich die 
Bücherzensur in dem Quelllande dieser freiheitlichen Strömung entwickelte, 
Brie namentlich jene Periode, welche mit der Erklärung der Menschenrechte 
md Preßfreiheit in Frankreich anhob, in Wirklichkeit zur Presse und zur 
Zensur sich stellte. 

In Frankreich begann die Bücherzensur ihre Arbeit erst recht mit dem 
Bindringen der Reformation. Wir haben königliche Bücherverordnungen da- 
selbst angefangen vom Jahre 1521. Die ersten Bücherverbote richten sich 
gegen die Werke Luthers und Calvins, sowie anderer deutscher und fran- 
sösicher Reformatoren. Beraten oder bedient waren das Parlament und der 
König bei ihren Verboten von der Universität zu Paris und der Sorbonne, 
jeren Gutachten damals noch ein so hohes Ansehen besaßen, daß es den 
ieutschen Reformatoren sehr unlieb war, als die Sorbonne ihre Schriften 
veinirteilte. 1548 wurden auf 6rund eines solchen Gutachtens zu Paris auf 
iem Platze vor Notredame eine größere Anzahl häretischer Bücher öffentlich 
verbrannt. 

1544 gab die theologische Fakultät selbst einen ersten Index der von 
ihr bis zu dieser Frist verurteilten Bücher in Druck. In der Sitzung der 
Sorbonne vom 15. Juli 1544 wurde die Vorrede des neuen Index festgesetzt. 
Eß heißt in dem Sitzungsprotokolle ausdrücklich: „Voluit calci eiusdem sub- 
missionem Romanae Ecclesiae et Sanctorum invocationem adiungi". Und 
Jiese Unterwerfung unter die römische Kirche drückt der Katalog selber 



» Vgl. Hoffmann a. a. 0. 109-124. 



250 ^^^ Indices der Sorbonne. 

aus mit den Worten : „Quem [catalogum] ad christianae reipublicae commodam 
sub correctione s. matris ecclesiae ac sedis apostolicae typis excudendum 
dedimus. " ^ 

Nach der ersten Ausgabe vom August 1544 erschienen andere vermehrte 
1547, 1551 und 1556, welche alle genugsam bekannt sind. Nicht bekannt 
scheint eine Ausgabe dieses Kataloges der Sorbonne aus dem Jahre 1549 zu 
sein, welche wir in der vatikanischen Bibliothek fanden, und der, soweit wir 
sehen, weder von einem Historiker noch Bibliographen erwähnt wird. Sachlich 
enthält dieser Index nichts anderes als den Katalog von 1547, jedoch mit 
einem Zusätze über die vom Jahre 1546 bis zum 11. Dezember 1548 ver- 
botenen Bücher. Es ist somit eine eigene Neuausgabe gleichwie die Editionen 
von 1547, 1551 und 1556. Allein das Merkwürdige unserer Ausgabe von 
1549 ist der Ort des Druckes und der Drucker des Buches, der kein anderer 
ist als der päpstliche Drucker Antonius Bladus zu Rom. Nähere Beziehungen 
zu Rom lassen sich daraus für den Index der Sorbonne schon entnehmen, 
wenn wir auch nicht im einzelnen genau das Abhängigkeitsverhältnis be- 
stimmen können. Daß aber diese Beziehungen um jene Zeit und späterhin auch 
unter Sixtus V. im Jahre 1587 sehr gute und selbst freundschaftliche waren, 
bezeugt das bereits erwähnte Breve jenes Papstes aus dem genannten Jahre, 
das vor allem an die Sorbonne gerichtet war, um deren Mithilfe zur Neu- 
gestaltung des römischen Index zu erlangen^. Es hat also jene rOmische 
Ausgabe des Sorbonne-Index historischen Wert, und in bibliographischer Hin- 
sicht scheint sie gar ein Unikum zu sein. Der italienische Bibliothekar und 
Bibliograph Fumagalli, welcher die Bladuseditionen des 16. Jahrhunderts zu- 
sammenstellte und rezensierte, kennt unsern Druck nicht. Das Büchlein in 
kl. 8 ^ zählt 36 nicht numerierte Blätter mit einer Größe von 147 X 98 mm, 
ohne Rand 122 X 70 mm. Der Titel lautet wie folgt: 

Le Catalo- i gue des livres censu i rez par la faculte de Theologie de 
Paris auecq' la seconde et i troisiesme et Ac- ' cession II Item l'Edict faict 
par le Roy tres ehre- i stien Henry deuxiesme de ce nom j sur les dietz liures j 
censurez Romae apud Antonium Bladum. I M.D.XLIX^. 

Nach dem Jahre 1556 gab die Sorbonne in eigenem Namen keinen 
derartigen Katalog der verbotenen Bücher mehr heraus, obwohl sie von der 
Regierung dazu aufgefordert war, vielleicht weil unterdessen römische Indices 
von 1559 an erschienen waren. Ob dieselbe dem Breve und der Aufforderong 
Sixtus' V. vom Jahre 1587 Folge gab, ist, wenn auch wahrscheinlich, kaoni 
noch festzustellen. Jenes Buch Bellarmins, welches Sixtus V. um diese Zeit 
als verboten auf seinem Index veröffentlichen wollte, hatte unmittelbar vorher 
in Frankreich Anstois erregt, und zwar aus gerade entgegengesetztem Grunde. 
Hier wurde denn der Druck vom General-Prokurator untersagt, die bereits 
gedruckten Bogen konfisziert. Aber wie der Index Sixtus' V. nie an die 
Öffentlichkeit kam, so konnte auch in Frankreich schon 1596 das Werk 

^ Du PIcHsis d'Argentre, Collcctio ludiciorum I, Lutetiae Pariaioram 1721 
Index XIV: ebd. II, 1, 164 ff. • S. 11 und Anlage VII. 

3 [Auf dem Titelblatt handschriftlich:] Ex bibli» Altempa«. 



Bellarmin, Tasso, Morelly. 251 

Bellannins in Lyon, 1608 in Paris ohne Beanstandung gedruckt werden 
und erscheinen. Trotzdem verbot das Pariser Parlament noch am 26. No- 
vember 1610 ein anderes Buch des Kardinals, welches dieselbe Doktrin von 
dem Vorrang des Papstes enthielt, „sur peine de crime de leze-Majest^** \ 

Erwähnung verdient hier der Beschluß des Parlaments zu Paris vom 
10. September 1595, der „Das eroberte Jerusalem* des Torquato Tasso verbot 
und unterdrückte. Tasso hatte gleich Bellarmin den Vorrang des Papstes 
vor den weltlichen Gewalthabern hervorgehoben und dabei in der 76. und 
77. Strophe des 20. Buches der „Gerusalemme conquistata* die französischen 
Wirren berührt 2. 

Die calvinistische Zensur in Frankreich war der holländischen und 
schweizerischen nur zu ähnlich. Auch diese verurteilte schon im 16. Jahr- 
hundert nicht bloß die alten katholischen Bücher, sondern auch die der eigenen 
Gesinnungsgenossen ^. Als Beispiele können Jean-Baptiste Morelly und Charles 
du Moulin dienen. 

Der französische Calviner Jean-Baptiste Morelly veröffentlichte 1561 in 
Lyon ein Werk: „Traicte de la Discipline et police chrestienne.* Demokra- 
tischer als Calvin wollte er verschiedene Rechte des Konsistoriums dem Volke 
gewahrt wissen, nämlich die Entscheidung über alle wichtigen Fragen, welche 
die Lehre, die Sitten, die Wahl der Prediger usw. betrafen. Bevor er sein 
Buch dem Drucke übergab, hatte er bereits das Manuskript zur Einsicht an 
Calvin gesandt ; aber da manches nicht mit dessen Ansichten übereinstimmte, 
war es ihm mit der Bemerkung zurückgestellt worden, er, Calvin, habe keine 
Zeit, ein so großes Werk durchzulesen. Kaum hatte die Arbeit Morellys die 
Presse verlassen, als sie auf der Synode von Orleans (1562) verurteilt wurde. 
Daraufhin zog sich der Verfasser zuerst nach Tours, dann nach Genf zurück, 
wo er im November 1562 eintraf. Hier wurde er vor das Konsistorium ge- 
laden; aber er weigerte sich zu erscheinen, zeigte sich jedoch geneigt, den 
Urteilsspruch Farels, Virets und Calvins anzunehmen. Da letzterer die Rolle 
eines Schiedsrichters mit der Begründung ablehnte, er könne sich nicht über 
die Synode stellen, welche den „Traictä de la Discipline** verurteilt habe, 
kam Morelly um die Erlaubnis ein, sich schriftlich verteidigen zu dürfen. 
Aber die Synode wies das Gesuch ab, behandelte den Verfasser als verstockten 
Häretiker und exkonununizierte ihn am 31. August 1563. Sein Buch wurde 
am 16. September zum Feuer verurteilt und das Verbot erlassen „ä tous 
libraires d'en tenir ni exposer en vente, ä tous citojens, bourgeois et habitants 
de Genöve d'en acheter ni avoir, pour lire^. Hinzugefügt war der Befehl 
yä tous ceux qui en auraient de les apporter et ä ceux qui sauraient oü il 
y en a de le revöler dans vingt-quatre heures, sous peine d'etre rigoureuse- 
ment punis*. Selbst in die Feme folgte ihm der Haß des Genfer Konsisto- 
riums, das nicht ruhte, bis es ihn aus dem Hause der Johanna d'AIbret, deren 
Sohn er 1566 als Erzieher beigesellt worden, entfernt hatte. Sein „Traicte 



» D'Argentrö II, 1728, 2, 19—35. 

« Vgl. Peignot a. a. 0. II 151; Stimmen aus Maria-Laach XL VIII 408. 

* Vgl. laoobi Gretseri Opera XIII, Katisbonae 1739, 203. 



252 Charles da Moulin. 

de ]a Discipline^ wurde noch zweimal von den Nationalsjnioden zu Paris 
(1565) und zu Nimes (1572) verurteilt. Das gleiche Schicksal erlitt seine 
Reponse auf eine Apologie der calvinistischen Disziplin, die verschiedenen 
Verfassern zugeschrieben wird K 

Eine merkwürdige Erscheinung des 16. Jahrhunderts in Frankreich war 
der gelehrte Jurist Charles du Moulin (Carolus Molinaeus), welcher, vom alten 
Glauben abfallend, erst Anhänger Calvins wurde. Nachdem er aber die Lehre 
Calvins genug verkostet hatte, neigte er sich der Augsburgischen Eonfession 
und dem Lutherismus zu, um schließlich doch noch vor Lebensschluß die 
Rückkehr zur katholischen Kirche zu finden. Er schrieb calvinistisch-galli- 
kanisch gegen Rom, das Konzil von Trient und die Jesuiten. Verschiedene 
seiner Schriften wurden in Rom bald nach ihrem Erscheinen verurteilt und 
später durch Breve Clemens VIII. alle seine Werke ebendort im Jahre 1602, 
wie das oben an der richtigen Stelle vermerkt wurde. Das römische Verbot 
läßt sich leicht begreifen; allein auch die französische Regierung, die er in 
ihren antirömischen Bestrebungen durch seine juristischen Arbeiten und Ab- 
handlungen unterstützte und vorwärts trieb, mußte sich von ihm abwenden. 
Er wurde sogar in Paris verhaftet, einige seiner Werke vom königliche 
Generalprokurator der Sorbonne zur Prüfung Übermacht und alsdann ver- 
urteilt. Du Plessis d'Argentre verzeichnet die Zensuren der Fakultät zu den 
Jahren 1552 und 1566 2. 

Mit mehr Ingrimm und förmlichem Parteihaß wandten sich die firan- 
zösischen und Genfer Calviner gegen Du Moulin, zumal da er ihrer Fahne 
untreu dem Luthertume sich zuneigte. Auf die Denunziation der calvini- 
stischen Prediger war er bereits in Lyon eingekerkert worden, als er sich 
von Paris dorthin zurückziehen mußte. Selbst sein Werk über oder gegen 
das Konzil von Trient, „Conseil sur le fait du Concile de Trente", welches 
1564 zu Lyon erschien und ganz im protestantischen Sinne geschrieben war, 
konnte die Genfer nicht mit ihm versöhnen. Seine Schriften wurden in Genf 
verurteilt und verbrannt 3. 

Zahlreiche Bücherzensuren der Sorbonne, wozu die Fakultät oft, sei es 
von Bischöfen, sei es vom Könige oder dem Parlamente, aufgefordert wurde, 
linden sich ausführlich verzeichnet bei Du Plessis d'Argenträ in den drd 
Bänden der „Collectio ludiciorum'', welche die wichtigsten Aktenstücke bis 
zum Jahre 1735 enthalten. Dort wird nebenher eine allgemeine Zensur dor 
Sorbonne vermerkt, die wenigstens für Frauenrechtler interessant genug ist, 
um hier vollständig aufgeführt zu werden. Zum Jahre 1621 heißt es^: 

„Die 1. Septembris censuit Facultas non decere quemquam eSS. MM. NN. 
approbare Libellos a mulieribus compositos.'' 

Die Sorbonne bekämfte mit großem Eifer die ganze Zeit hindurch die 
reformatorischen, besonders die calvinistischen Bücher, das Parlament nnd 

' Vgl. lacobi Gretseri Opera XI ir, Ratisbonae 1739, 203; Nouvelle Biographie gMnIc 
XXXVI, Paris 1865, 545 ff. 

- Collect. ludiciorum II, 1, 205; I, Index xviii xxiii. 
» Vgl. Biographie universelle XII, Paris 1814, 232 if. 
* D'Argentre II, 2, 131. 



Zeitalter des Janseniamus. 253 

die Regierung taten dasselbe mit mehr oder minder großem Eifer je nach der 
politischen Strömung. Die politischen und religiöspolitischen Bewegungen in 
Frankreich muMen ja schon gleich im 16. Jahrhundert von großem Einfluß 
auf die Bücherzensur sein. Daher schreibt sich auch für bestimmte Zeiten 
die Zensur und das Verbot einzelner Schriften der Jesuiten. Ein neues, 
antikirchliches und antirömisches Ferment brachte der Jansenismus in die 
französische Zensur. Mit Gallikanismus und Regalismus je nach den Um- 
ständen vereint, zersetzte diese schillernde Irrlehre das unglückselige Frank- 
reich, bis dasselbe reif war für die ungläubige Philosophie des 18. Jahrhunderts. 
Unterdessen ergingen viele Zensuren und Bücherverbote sowohl von ver- 
schiedenen Bischöfen und theologischen Fakultäten und Parlamenten Frank- 
reichs als namentlich von dem Parlamente zu Paris und von der Sorbonne 
in durchaus rom- und kirchenfeindlichem Sinne. In unserer Arbeit ist davon 
schon die Rede gewesen, da Index und lYiquisition zu Rom, zuweilen auch 
ein päpstliches Breve gegen derartige französische Zensuren Stellung nehmen 
mußten. So verbot selbst eine Bulle Alexanders VII. vom 25. Juni 1665 
die Zensur der Pariser Fakultät über zwei Bücher eines Karmeliters und 
eines Jesuiten mit besonderem Ernste, weil dieselbe vom Gallikanismus ein- 
gegeben und unter andern auch Sätze jener Bücher verurteilte, die nur Rechte 
des päpstlichen Stuhles verteidigten. Ähnliche Beispiele findet man im 
römischen Index für das 17. und 18. Jahrhundert genug. Ein besonderer 
Stein des Anstoßes bildete die berüchtigte Deklaration der Assembl^e du 
Clergä vom 19. März 1682. In Rom verbot der Papst und die Kongregationen 
die Bücher, welche die Sätze derselben verteidigten. In Frankreich wurden 
dieselben Bücher von der Regierung vielfach in besondern Schutz genommen, 
and das Parlament verbot Bücher, welche jene Deklaration angriffen. Durch 
Edikt des Königs Ludwig XIV., welches am 23. März 1682 vom Parlamente 
einregistriert wurde, hatte die Deklaration auch die höchste Sanktion erhalten 
und sollte noch von Napoleon I. in kirchenfeindlichem Sinne ausgenutzt werden. 

Im Jahre 1685 erscheint aber noch einmal in Frankreich und zu 
Paris ein formlicher Katalog verbotener Bücher, der, von einigen Doktoren 
der Sorbonne zusammengestellt, auf Veranlassung des Königs vom Erzbischof 
Harlay zu Paris unter Zustimmung des Parlamentes veröffentlicht wurde. 
Diese Veröffentlichung steht im Zusammenhange mit der Aufhebung des 
Ediktes von Nantes und richtet sich fast ausschließlich gegen die cal- 
vinistischen Bücher und Schriften der Reformierten. Auch dieser Katalog ist 
wenigstens außerhalb Frankreichs eine Seltenheit, weshalb wir den genauen 
Titel desselben wiedergeben. Vorauf geht das Mandement des Erzbischofs. 

Mandement | de Monseigneur TArchevesque [ de Paris. | Sur la condam- 
nation des Livres contenus | dans le Cataloque suivant A Paris, | chez 
Francois Muguet, Imprimeur ordinaire du Roy et de ■ M. TArchevesque, 
ruö de la Harpe | MDCLXXXV. I Avec Privilege de sa Majeste. ! 

8 Seiten in 4® enthalten mit dem Mandement die dazugehörigen Ex- 
traits des Registres de Parlement, alsdann folgt: 

Catalogue { des livres condamnez | et defendus par nostre Mandement. I 

35 Seiten in 4® (Seite 36 nicht numeriert: Fautes ä corriger). 



254 V'om 17. zum 18. Jahrhundert. 

Um jene Zeit arbeitete man allen Ernstes auf beiden Seiten an der 
Wiedervereinigung der getrennten Kirchen in Frankreich. Der Jesuit Joannes 
Dez schrieb ein Buch: „Articuli fidei praecipui ad unionem utriusque ecciesiae 
romano-catholicae et lutheranae*. Es wurde zu Rom von der Inquisition 
am 30. August 1685 verurteilte Der protestantische Prediger und Professor 
der Theologie, Alexandre dTse, gab 1677 zu Paris „Propositions et 
mojens pour parvenir ä la reunion des deux religions en France** heraus. Die 
Schrift wurde nach Peignot^ sorgfältig unterdrückt, und als der Verfasser 
noch eine Rede hielt, die sich zum Katholizismus hinneigte, ward er seiner 
Theologieprofessur zu Die in der Dauphin^ entsetzt. 

Die quietistischen sowie die vielen kleineren theologischen Streitfragen 
im Gefolge des Jansenismus boten mit den Schriften der Streitenden sowohl 
dem Index zu Rom als auch den jansenistisch gesinnten Bischöfen und Zen- 
soren in Frankreich am Ende des 17. und am Anfange des 18. Jahrhunderts 
reichen Stoff. Unterdessen zog man ebendort die freigeistig-philosophische 
Literatur groß, die in dem alle Religion zersetzenden Jansenismus ihren besten 
Nährboden fand. Wohl richteten auch die Parlamente frühzeitig schon ver- 
einzelte Verbote und Strafen gegen solche Bücher und ihre Verfasser; aber 
im Ernste tat man es erst, als es schon zu spät war, als die ungläubige, 
sittenlose Literatur schon die höchsten Adels- und selbst Hof kreise durchseucht 
hatte. Was man in Paris und Frankreich der Zensur wegen nicht drucken 
durfte, ward in Holland herausgegeben und überschwemmte von da das 
französische Land und Volk, um es zur Revolution vorzubereiten. Gewiß 
wurden die Voltaire, Rousseau, D'Alembert, Diderot von der Zensur verfolgt, 
einzelne ihrer Bücher verboten und verbrannt, die Verfasser in die Bastille 
geschickt oder mit andern Strafen belegt; auch war die große Enzyklopädie 
bereits am 7. Februar 1752, nachdem erst zwei Bände erschienen waren, 
streng verboten worden; aber das waren alles verhältnismäßig nur gering- 
fiigige» vom Standpunkte der Religion aus mehr als gerechte Zensuren und 
Strafen. Die schlimme und schlimmste Zeit für Druckfreiheit, die Zeit der 
Preßknechtschaft begann erst mit dem Jahre 1789. 

Selbst Dupont ist in seiner Geschichte des Buchdruckes hiervon so 
überzeugt, daß er einleitend die ganze Geschichte in zwei Perioden einteilt ^ : 
die erste ist nach ihm die des Fortschrittes und umfaßt die ersten drei 
Jahrhunderte des Buchdruckes in Frankreich, die zweite hebt an mit der 
Morgenröte der Revolution. Und nachdem derselbe Historiker der fran- 
zösischen Presse alle Preßverfolgungen der ersten drei Jahrhunderte aus- 
führlich beschrieben hat, beschließt er dieses Kapitel mit den Worten : „Chose 
etrange! l'imprimerie eut bien moins ä souffrir des pers^cutions momentanees, 
auxquelles eile fut en butte, que de la liberte sans limites et sans frein 
dont eile allait etre bientöt dot^e par la revolution de 1789!**^ Allein im 
Grunde ist es nicht schwer, diese Tatsache zu erklären. Wir brauchen nur 



^ Vgl. Archiv für Geschichte des deutschen Buchhandels YIII, Leipzig 1883, 124. 

* A. a. 0. II 204. • Histoire de rimprimerie I, Paris 1854, tu. 

* Ebd. I. 215. 



Die Zeit der Revolution. 255 

an jenes Wort aus der Revolutionszeit zu erinnern, welches Charles D'Heri- 
cault Payen und Chabot, den Enfants terribles der Republik zuschreibt^: 
,11 faut r^lamer la liberte de la presse tant qu'on n'est pas maitre du pouvoir; 
aprte quoiil faut l'aneantir, ear la liberte de la presse nuirait ä la liberte/ 
Es geschah in der Tat genau so. 

Am 27. August 1789 hatte die Nationalversammlung bereits die Menschen- 
rechte aufgestellt, die Freiheit des Schreibens und Drukens war darin jedem 
Staatsbürger zugesagt. Folge dieser Bestimmung war eine unbeschreibliche 
Ausgelassenheit der Presse, so daß schon in der Nationalversammlung beide 
Parteien heftig darüber klagten. Im Januar 1790 ward deshalb die Ab- 
fassung eines Pre%esetzes beschlossen. Der Abb^ Sieyes brachte dasselbe 
am 20. Januar ein und empfahl es zur Annahme. Der Antragsteller erhielt 
grofien Applaus, aber das Gesetz wurde aufgeschoben. Als nun die Korruption 
der Presse von Tag zu Tag zunahm, kam in den Sitzungen vom 31. Juli und 
vom 1. August ein Dekret zu stände, welches die Verfolgung zweier Blätter be- 
tahl und ein gleiches Strafverfahren für alle ähnliche Schriften anordnete. Das 
dazu bestimmte Komitee sollte Bericht erstatten über die Maßregeln, welche 
zur Unterdrückung dieser zügellosen Presse von nöten seien. Doch das 
Dekret geriet bald in Vergessenheit. Die Presse entartete weiter, besonders 
nachdem durch die Verfassung des Jahres 1791 die Freiheit der Presse im 
11. Artikel der Menschenrechte festgelegt war: „La libre communication des 
pens^ et des opinions est un des droits les plus precieux de l'homme. Tout 
citoyen peut donc parier, ecrire, imprimer libremont, sauf ä r^pondre de 
Tabus de cette liberte dans les cas prevus par la loi*. Die Zensur war nun 
feierlich unterdrückt, die Presse jedoch Barbaren ausgeliefert. So schlimm 
wurden dem Convent selbst die Zustände, daß er durch Dekret vom 29. bis 
31. März 1793 verordnete: ,Quiconque sera convaincu d*avoir compose ou 
imprimö des ouvrages ou ecrits qui provoquent la dissolution de la repr^sen- 
tation nationale, le rätablissement de la royautö ou tout autre pouvoir atten- 
tatoire ä la souverainete du peuple, sera traduit au tribunal extraordinaire 
et puni de mort. " Und das blieben nicht leere Worte. Kraft dieses Dekrets 
bestiegen schon bald 20 Journalisten und 50 Schriftsteller das Schafott. 
Die Verfassung der Jakobiner von 1793 setzte wieder an ihre Spitze die 
Declaration des droits de Thomme et du citoyen und im 7. Artikel hieß es: 
,Le droit de manifester sa pensee et ses opinions soit par la voie de la presse, 
seit de toute autre maniöre, . . . ne peut etre interdit." Und noch bestimmter 
garantierte der Artikel 353 der Constitution de Tan III. (1795): „Nul ne 
peut etre empöche de dire, ecrire, imprimer et publier sa pensee. Les Berits 
ne peuvent etre soumis ä aucune censure avant la publication. '^ 

Das Beispiel Andre Morellets zeichnet am besten, wie es in Wirklich- 
keit damals um die Schriftsteller stand. „Das Gesetz der Verdächtigen* 
machte für alle, welche nicht auf die Guillotine geschickt werden wollten, 
die Erwerbung einer Bürgerkarte notwendig. Morellet, das Mitglied der 
Akademie, Freund Voltaires, Diderots, D'Alemberts, des Barons D'Holbach 



La France revolutionnaire, Paris 1889, 227. 



256 Andr^ Morellet. 

und aller freigeistigen Philosophen, fruchtbarer, viel genannter Schriftsteller, 
Mitarbeiter an der Enzyklopädie, erschien selbst in der Kommune, um eine 
Bürgerkarte zu erringen. Aber als er vortrat, ward er beschuldigt, ein 
revolutionsfeindlicher Schriftsteller zu sein. Morellet verteidigte sich, das 
Urteil lautete: „Vertagt, bis drei Gemeinderäte Vialard, Bernard und Paris 
seine Schriften geprüft haben/ So zog denn der Abbe Morellet, das Mitglied 
der Akademie, mit einem ganzen Sack seiner Schriften zu seinem ersten Zensor 
Vialard, der seines Zeichens Friseur war. Morellet rühmte sich vor ihm, 
für die Freiheit der Presse geschrieben zu haben, wegen einer Schrift von 
Voltaire gelobt worden zu sein, wegen einer andern zur Verteidigung 
Rousseaus gar drei Monate in der Bastille gesessen zu haben. Aber alles 
das verfing bei Vialard ebensowenig wie die Mitgliedschaft der Akademie, 
welche den Friseur im Gegenteil noch besonders gegen den Bittsteller ein- 
nahm, weil Vialard, wie er selbst sagte, der Akademie auch eine Abhandlung 
eingereicht hatte über die Erfindung einer neuen Art Kopfputz für Damen — 
und, was er nicht sagte, keiner Antwort gewürdigt ward. 

Bei den beiden andern Zensoren hatte Morellet nicht viel mehr Erfolg. 
Bernard versprach ihm zwar seine Hilfe, aber sein Ziel erreichte er nicht. 
Ohne Bürgerkarte verblieb Morellet in der Zahl der Verdächtigen und war wohl 
nur deshalb vor weiteren Belästigungen mit Gefängnis und Guillotine verschont, 
weil man wußte, daß der Abbö über nichts oder sehr wenig zu verfügen 
hatte. Mußte doch das Mitglied der Akademie seinen Lebensunterhalt durch 
Übersetzung zumal englischer Romane zu erwerben suchen^. 

Andere Schriftsteller und Zeitungsschreiber kamen nicht so glimpflich 
davon. Chabot nannte die Journalisten im Konvent einfachhin die Giftmischer 
der öfTentlichen Meinung. Alle Schriftsteller und Redakteure, mit Ausnahme 
des einen Millcens, welcher den „Creolen** herausgab, wurden aus dem Klub 
sofort verjagt. Dann aber wurde sogleich strenge Zensur beschlossen und Zen- 
soren eingesetzt. „In Zukunft '', so lautete der Beschluß, „darf kein Schriftsteller 
Sitzungsberichte veröffentlichen, wenn diese nicht vorher die Genehmigung 
der Zensoren haben. Finden diese in einem Blatte brissotinische, rolandinische, 
buzotinische oder girondinische Gedanken, so werden wir den Redakteur, nach 
einigen brüderlichen Warnungen, fortjagen, weil er nicht auf der Höhe der 
Jakobiner steht.'' Mehr als den Rotstift des Zensors hatten alle und be- 
sonders alle irgendwie ehrenhafte Schriftsteller den des Henkera zu fürchten. 
Manchmal grifT auch der Pöbel ein und verübte Gewalttätigkeiten gegen 
antidemokratische Pressen und Büchervorräte 2. Viele Schriftsteller saßen 
im Kerker. 

Schließlich kam der 18. Fruktidor de Tan V. (4. Sept. 1797), der mit 
seinem Staatsstreich noch einmal die „Freiheit" rettete. Am selben Tage 
verordnete der Rat der Alten mit dem der Fünfhundert, jeden sofort zu 



^ Morellet bat diese seine Erlebnisse selbst bescbrieben in „La Commune de Paris", 
abgedruckt bei D au bau, Lea prisons de Paris sous la Revolution, Paris 1870, 43 ff. 

^ WilhelmWachsmuth, Geschichte Frankreichs im Reformationszeitalter I, Ham- 
burg 1840, 221. 



1797—1799. 257 

erschießen, der den Versuch machen sollte, de rappeler la royaute ou la 
Constitution de 1793. Das Direktorium beschloß, 60 Schriftsteller oder Drucker, 
die angeklagt waren, gegen die Republik zu konspirieren, zu verhaften 
und Tor (Bericht zu stellen. Dem Rat der 500 ging das nicht rasch genug. 
Ein Ausschuß ward gebildet, und Bailleul berichtete: „Schon das Dasein 
dieser Schriftsteller ist eine Anklage gegen die Natur; ... sie sind eine 
Schande für das Menschengeschlecht . . . mit der Schnelligkeit des Blitzes 
muß man den Boden der Freiheit von denen reinfegen, welche ihn ver- 
pesteten; nicht bloß die Redakteure und Artikelschreiber, sondern auch die 
Leiter und Besitzer der Druckereien von 64 Zeitungen ..müssen in die Straf- 
kolonien gesandt werden.' 5 wurden bei der Beratung aus der Liste der 
Geächteten gestrichen, die übrigen nach dem Antrag Garnier de Saintes zur 
Deportation nach Cayenne bestimmt ^. Und alles das geschah im Namen 
der Freiheit, im Namen der Verfassung, welche alle Zensur ausgerottet hatte. 
Jetzt stand — ^ternelle comedie du despotisme sagt Welschinger ^ — der Po- 
lizei das absolute Recht zu, alle Geistesproduktionen niederzumachen. 

Vom 30. Prairial de Tan VII an verlangte man im Rate der 500 aufs 
neue Freiheit der Presse. Preßgesetze wurden vorgelegt, und am 14. Ther- 
midor (1. August 1799) ward durch ein Gesetz die Presse von der Polizei- 
gewalt des Direktoriums förmlich befreit. Damit war die Presse alsbald 
wieder vollständig entfesselt und die Abfassung eines repressiven Preß- 
gesetzes abermals verschoben worden. Am 1. Fructidor eiferte man gegen 
diese Ausgelassenheit der Presse im Rate der 500, das Direktorium sandte 
am 4. Fructidor eine Botschaft über Preßlizenz an den Rat und verfolgte 
gerichtlich mehrere Verfasser diffamierender Schriften*. Und um sein Werk 
zu vollenden, zerbrach das Direktorium am 17. Fructidor (3. Sept. 1799) 
die Fressen von 11 Sieyes feindlichen Blättern, verhaftete deren Redakteure 
und Drucker, während man gleichzeitig im Rate der 500 darüber murrend 
und über Verrat klagend nach Preßfreiheit schrie^. 

Zwei Monate später war das Direktorium verschwunden, um dem 
General Bonaparte Platz zu machen. In der neuen Verfassung, die am 
14. Dezember 1799 unterzeichnet wurde, war von Preßfreiheit keine Rede. 
Die Presse, der Buchhandel, die Buchdruckerei, die Schriftsteller hatten nun 
f&r 14 Jahre un maitre implacable, et la censure etait destinee a devenir 
Ton des rouages necessaires du nouveau regime ^. 

Die Abstimmung der Bürger über die neue Verfassung war noch nicht 
bdunnt gemacht — es geschah erst am 7. Februar 1800 — , da erschien 
schon das berüchtigte Dekret vom 27. Nivöse an VIII (17. Januar 1800) über 
die Zeitungen. Es war in der Tat für die Presse ein furchtbarer Schlag, 
die Inauguration einer unbarmherzigen Zensur. Von 73 politischen Zeitungen 
worden 60 sofort unterdrückt, die 13 übrigen durften mit den rein wisseu- 



' VgL Henri Welschinger, La Censure sous le premier empire avec documents 
in^its, Paris 1882, 10 f. * Ebd. 11. 

»Wachsmutha. a. 0. III, Hamburg 1843. 62 ff. * Ebd. 92. 

* Henri Welschinger a. a. 0. 11. 
Hilgsrs, Der Index Leos XIU. 17 



258 ^j^ napoleonische Zensur. 

schaftlichen und Literaturblättern und Handelszeitungen bestehen. Jede Neu- 
gründung eines Blattes war für die Zukunft strenge untersagt. Aber auch 
den 13 auserwählten wurde bedeutet, daß ein Verbot sie treffen werde, 
wenn sie Artikel gegen die Verfassung, gegen die Heere und ihren Ruhm 
oder ihren Vorteil, oder beleidigende Äußerungen gegen fremde, mit Fi'ank- 
reich verbündete Regierungen veröffentlichten^. 

Ein Preßbureau ward im Polizeiministerium errichtet mit der Aufgabe, 
Zeitungen und Bücher zu überwachen. Diese Beaufsichtigung von Buchdruck 
und Buchhandel fiel in der Zeit von 1800 — 1804 der 5. Division der Polizei zu; 
durch kein Reglement eingeschränkt, hatte sie unumschränkte Vollmachten. 
Der Divisionschef und offizielle Examinatoren führten das Geschäft aus. Der 
Polizeipräfekt hatte Befehl, nichts in Paris anschlagen zu lassen, wozu er 
nicht vorher seine Genehmigung gegeben habe. Jede Theateranzeige verlangte 
eine vorherige besondere Erlaubnis vom Minister des Inneren. Die Buch- 
händler durften nichts auslegen, was den guten Sitten und den Prinzipien 
der Regierung zuwider war. Der erste Konsul ließ sich selbst von seinem 
Bibliothekar Tag für Tag über ^lle Neuerscheinungen Bericht erstatten, über 
Zeitungen, Broschüren, Bücher, pieces, affiches, placards, annonces. 

Die Polizei waltete energisch ihres Amtes. Am 3. Vend^miaire an X 
(25. Sept. 1801) meldet der Polizeipräfekt dem Polizeiminister, er habe zwei 
Zeitungen verboten und allen von neuem eingeschärft, nichts einzurücken, 
was auf die Religion und ihre Diener Bezug nehme, vor allem nicht das 
pretendu bref du pape aux anciens ^v^ques de France refugies ä Londres. 
Plötzlich am 3. März 1802 ward kurzerhand Racines Meisterwerk „La tragedie 
d'Athalie'* untersagt. Camille Jordan gab damals eine Flugschrift heraus 
„Vrai sens du voeu national. Nach seiner Darstellung wünschte die Nation 
eine freiheitliche Monarchie nach Art der englischen. Die Freiheit der Presse 
wurde wieder von verschiedenen Seiten verlangt und Napoleon sprach sich 
darüber aus. „Die Freiheit der Presse!" sagte er, „ich dürfte sie nur wiederher- 
stellen, und in kurzer Zeit würden 30 royalistische und einige jakobinische 
Journale gegen mich auftreten. " ^ Die Schrift Jordans ward unterdrückt. 

Napoleon wurde am 2. August 1802 zum ersten Konsul auf Lebenszeit 
ernannt, am 5. August schon legte er seine neue von ihm geänderte Ver- 
fassung — es ist die fünfte — dem Senate zur Bestätigung vor. Die Preß- 
freiheit stand nicht darin. Dagegen erschien im nächsten Jahre am 27. Sep- 
tember 1803 ein arrete consulaire: „Pour assurer la liberte de la presse 
aucun libraire ne pourra vendre un ouvrage avant de I'avoir present^ ä une 
commission de Provision, laquelle le rendra, s'il n'y a pas lieu ä censure." 
Unter der blendenden Aufschrift von der Freiheit der Presse war damit 
sachlich die Zensur eingeführt, wenn auch das Wort, der Name Zensur 
nicht gebraucht wurde und bei Napoleon selbst verpönt war. Die neue 
Revisionskommission wurde im Justizministerium untergebracht, da das Polizei- 
ministerium unterdessen von Napoleon aufgehoben und die Funktionen des- 

^ Vgl. Bourrienne, M^moires III 254 278; Welschinger a. a. 0. 13. 
« Vgl. Thibaudeau, Memoires III 17 ff. 



1800-1804. 259 

selben dem Justizminister zugeteilt worden waren. Die Kommission erhielt 
die Bücher durch Vermittlung des Polizeipräfekten und erstattete darüber 
Bericht beim «grand Juge*, dem Justizminister. 

In diese Jahre fallen auch Napoleons erste Maßnahmen gegen Madame 
de Stael, welche jenem zürnte, weil er sie nicht für die erste Frau Frank- 
reichs erklärte und die Napoleon besonders verhaßt war, seitdem sie nach 
dem 18. Brumaire ihren Salon Benjamin Constant und der Opposition ge- 
öffnet hatte. Als Necker, ihr Vater, im Jahre 1802 die »Derni^res vues de 
politique et de finances** herausgab, ließ Napoleon ihm melden, er solle sich 
nicht mehr in die Politik mischen, dieses Buches wegen werde er seine 
Tochter von Paris verbannen. Der erste Konsul zensurierte selbst und voll- 
streckte alsbald sein Urteil. Am 19. Oktober 1803 ward die berühmte 
Schriftstellerin ausgewiesen trotz all ihrer Bitten und trotz ihres rührenden 
Briefes, mit dem die gedemütigte stolze Frau bei Napoleon wirkungslos ab- 
prallte. Schon seit dem Jahre 1796 stand sie mit ihrem Signalement auf der 
Polizeiliste mitten zwischen Dieben, Deserteuren, Falschmünzern^. Jetzt 
unter Napoleon mußten die Regierungsagenten alles durchforschen, was von 
Madame de Stael kam: alle ihre Reisen, Handlungen, Worte, Gesten, Schriften. 
An die letzteren machte sich Napoleon selber auch als Kaiser. 

Der Senat zu Paris bezeichnete Bonaparte im Jahre 1804 in einem 
Gutachten fünf Forderungen als Preis, um den er ihn zum Kaiser ernennen 
wollte. Der Korse strich ohne weiteres die vier ereten, die fünfte verlangte 
im Senate einen besondern Ausschuß zum Schutze der Preßfreiheit. Napoleon 
war bald Kaiser, die Ausarbeitung der Verfassung des Kaiserreichs hatte 
er selbst in die Hand genommen. Im Titel VHI des organischen Senats- 
konaults bestimmten die Artikel 64 und 67 die Bildung einer Kommission von 
7 Senatoren zum Schutze der Freiheit der Presse. Es war sozusagen 
das einzige Zugeständnis, welches der Kaiser dem Senat machte. Allein 
auch dieses ohne alle Bedeutung. In Wirklichkeit hat diese Kommission 
mitsamt dem Senate unter Napoleon es nie gewagt, die Freiheit der Presse 
zu wahren oder auch nur dem Minister jene Erklärung abzugeben, welche 
sie ihm am Vorabend der Abdankung Napoleons, am 3. April 1814, abgab: 
„n y a de fortes presomptions que la libert^ de la presse a ete violöe.'' Und 
selbst dieser Kommission war in der Verfassung ausdrücklich das Recht 
genommen, überhaupt mit der periodischen Presse und den Zeitungen sich 
zu befassen. Dieses Amt verblieb wie bisher allein der Polizei. Durch 
Dekret vom 21. Messidor an XII (10. Juli 1804) war auch das Polizei- 
nunisteriiun wieder erneuert worden und überwachte pflichteifrig die ganze 
Presse. Die napoleonische Zensur tritt damit in ihr zweites Stadium, welches 
bis zum 5. Februar 1810 währt. 

^ Das berüchtigte Aktenstück findet sich: „Archives nationales F^ 6331 prairial an IV 
(mai ä jain 1796). Commissaire du pouvoir executif departement de TAin. | Signalement 
. . . Etienne Toulouse (es folgt dessen Signalement) condamne ä quinze ans de fers . . . 
Laurent Clinc (Signalement) pr^venu de fabrication de fausse monnaie etc. . . .' La nomm^e 
StaSl. Sa qualite est femme de Tambassadeur de Suede, ne pouvant faire croire qu'elle 
Yoyage sous un autre nom, il sera tres facile de la reconnaitre." 

17* 



260 ^^® zweite Periode. 

Am 22. Mai 1805 schrieb Napoleon an Fouche: „Am premier mauvais 
article des ,Däbat8S je supprime ce Journal/ Das war der Geist der neuen 
Zensur, und dennoch wollte Napoleon vom Namen und Wort nichts hören. 
1805 war eine Komödie von Collin d'Harleville polizeilich genehmigt worden 
mit der Unterschrift: „Vu et permis l'impression et la mise en vente d'apres 
la decision de Son Excellence le s^nateur, ministre de la police generale, du 
9 de ce mois [prairial an XIII, 29 mai 1805]. Par Ordre de Son Excellence, 
le chef de la division de la libertä de la presse. Sign^ P. Lagarde.*" Als 
das öffentlich bekannt wurde, ward Napoleon böse darüber, daß man glauben 
könne, in Paris gebe es nicht mehr Freiheit als in Wien und Berlin. In 
einem erregten Briefe schrieb er deshalb unter dem 15. Januar 1806 an 
Fouchö: „. . . Je le dis encore une fois, je ne veux pas de Censure.*" Und 
eine strenge Note im »Moniteur'' des darauffolgenden 22. Januar drückt das 
Staunen des Kaisers aus über jene Unterschrift der Komödie. „Sa Majeste 
a 6te surprise. ... II n'existe point de Censure en France. ... La libertö 
de la pens^e est la premi^re conqu^te du si^cle. L'empereur veut, qu'elle 
soit conservöe." 

Nicht anders machte es der Kaiser in Italien. Unter dem 14. Juni 1805 
befahl er dem Prinzen Eugäne, dort alle Bücherzensur zu unterdrücken, gleich- 
zeitig aber ward verfügt, daß die Buchhändler ihre Bücher, sieben Tage bevor 
sie dieselben zum Verkauf ausstellten, der Polizei bringen mußten, und daß 
jedes Buch gegen die Regierung zu beschlagnahmen sei. 

In Paris und Frankreich lautete eine ähnliche kaiserliche Verordnung 
vom 26. Juni 1806: „. . . Le Directeur genäral ecrira ä tous les libraires 
et imprimeura de remettre un exemplaire de tous les ouvrages nouveaux 
avant la mise en vente, au Ministäre de la Police. Sont except^s les livres 
de science et d'art.*' 

Ein beliebtes Theaterstück war zu damaliger Zeit «La Partie de chasse 
de Henri IV ** von Charles Celle. 1804 wurde es auf einen brieflichen Wink 
Napoleons hin untersagt und später unter ihm nicht wieder zugelassen. Von 
den Bourbonen wollte er nichts hören, am wenigsten etwas Gutes oder etwas, 
was das Volk gerne hörte. Napoleon, es wäre ungerecht, es zu verschweigen, 
traf bei seiner Zensur zuweilen auch gute , an und für sich lobenswerte Ver- 
fügungen. Er tadelt es im Briefe vom 4. Mai 1805 an Fouche, daß man 
les soeurs hospitalieres auf die Bühne zerre: «les bonnes fiUes nous sont trop 
utiles pour les toumer en ridicule ! " Auf des Kaisers Befehl durften Schwestern, 
Priester, Magistrate nicht in ihrer Tracht auf die Bühne gebracht werden, 
besonders nicht, wenn dieselben ins Lächerliche gezogen werden sollten. Am 
2. Juli 1805 wurde den Theatern verboten, Voltaires Tragödie »Merope" auf- 
zuführen. Als Napoleon noch erster Konsul war, hatte der Marquis de Sade 
die Frechheit, seine Romane , Justine'' und «Juliette'' kostbar gebunden ihm 
anzubieten. Bonaparte warf sie ins Feuer. Die ganze schmutzige Auflage 
ward eingezogen, der Verfasser festgenommen. Pigault- Lebruns Roman 
„L'Homme ä projets** wurde sofort verboten, Autor und Drucker wurden 
schwere Strafen angedroht. Die Zensur sagte : «Des scenes libres et presque 
crapuleuses fönt tomber le livre des mains de tout lecteur honn^te." 



1804—1810. 261 

Im Jahre 1805 widersetzte sich der Kaiser den atheistischen Schriften 
Lalandes und schrieb unter dem 26. Dezember 1805 darüber an den Minister 
des Inneren, der beauftragt war, des Kaisers Willen dem Institut und La- 
lande selbst kund zu tun. ^ Meine erste Pflicht ist es, zu verhindern, daß 
man die Moral meines Volkes vergifte. Denn der Atheismus ist der Zer- 
störer jeglicher Moral, wenn nicht gerade in den Einzelnen, so wenigstens 
in den Nationen. '^ Lalande erklärte seine Unterwerfung, konnte es aber 
doch nicht lassen, für den Atheismus Propaganda zu machen und weiterzu- 
drucken. Der Kaiser kam im Staatsrate am 21. Mai 1806 darauf zu sprechen, 
indem er allerdings seinem früheren Worte das Beste nahm. Er sagte: «Je 
me suis opposä ä la publication des derniers ecrits de M. de Lalande. Je 
ne m'en serais pas m^le, s'il n'avait fait que pröcher Tatheisme sans com- 
promettre personne ; au reste, il n'a tenu compte de la defense et il imprime 
toujours. * 

1807 zeigte die Akademie an, daß sie sich mit Mirabeau ,au point de 
vue politique* beschäftigen wolle. Sofort schrieb Napoleon an Fouchö 20. Mai 
1807: ,Quand donc serons-nous sages? . . . Qu'a de commun l'Academie 
firan^aise avec la politique? Pas plus que les regles de la grammaire n'en 
ont avec l'art de la guerre."* 

In demselben Jahre schrieb le sieur Guerard im »Mercure** einen Artikel 
gegen die gallikanische Kirche. Sofort lieB Napoleon am 1. August 1807 
den Redakteur verhaften und seine Papiere beschlagnahmen; Rom, meinte 
der Kaiser, müsse dabei im Spiele sein. 

Die Zensur lieferte in ihrem Eifer auch heitere Stückchen. Ein ge- 
wisser Boiste schrieb 1807 ein Wörterbuch der französischen Sprache. Dort 
hie£ es unter S.: „Spoliateur, s. m- Spoliator , qui depouille, qui vole, g. c. 
Spoliatrice, s. f. — Buonaparte**. Der erregten Zensur erklärte der Ver- 
£a8ser, daß Buonaparte das Wort „Spoliatrice'' im «Moniteur'' auf England 
angewandt habe. Man glaubt ihm, aber läßt Buonaparte ebendort ersetzen 
durch »Fräderic le Grand*. 

In Racines „Athalie'* wurden von der Zensur viele Stellen gestrichen, 
weil man Napoleon fürchtete, der Allusionen wittern könnte in dem Stücke, 
das den Tyrannen nicht hold ist. Nur in dieser Verstümmelung durfte es 
aufgeführt werden. Marie-Joseph Chenier hatte sich schon bei der Kaiser- 
krönung durch sein Drama „Cyrus** bemerkbar gemacht, das aber nicht 
gefiel; er wollte sich rehabilitieren und schrieb seinen „Tiberius", und Napoleon 
untersagte ihn, ehe er auf die Bretter kam, wegen der Verse: 

Je ne commande point, j'oböis ä la loi 

Et je suis ä TEtat, TKtat n'est point ä moi. 

In Kotzebues „Souvenirs d'un Voyage en Livonie, ä Rome et ä Naples" 
mißfielen Napoleon die Lobsprüche auf die frühere Königin von Neapel, auf 
,le pirate anglais Sydney Smith*, das kritisierende Urteil des Verfassers 
über die französischen Armeen und ihr Verhalten gegen Kunstwerke. Das 
war Grund genug zum Verbote im September 1807. 

Der Roman „Corinne" , welchen die Stael im Jahre 1807 heraus- 
gab, enthielt keine Linie „ Politik'', überall wurde er angestaunt, er ließ sich 



262 I>ie dritte Periode. 

nicht verbieten; da schrieb Napoleon selbst im „Moniteur'' dagegen eine bittere 
Kritik. 1809 wurde Chateaubriands Manuskript zu ,,Les Martyrs** der Zensur 
unterworfen. Worte und Phrasen wurden unterdrückt, und als das Buch so 
beschnitten erschien, erhielt die Presse dennoch die Weisung, dasselbe zu 
bekämpfen. Die Allusionen im Portrait des Galerius und in der Zeichnung 
des Hofes des Diokletian entgingen der kaiserlichen Polizei nicht. ^Die 
Märtyrer*, so schrieb der Verfasser selbst, „haben mich eine Verdoppelung 
der Verfolgung gekostet ....*' 

Die aufgeführten Beispiele charakterisieren nur zu gut die napoleonische 
Zensur, und doch hatte sie noch nicht ihren Höhepunkt von Despotismus 
erreicht. Ihre dritte Periode beginnt mit dem Preßgesetz vom Februar 1810, 
das schon seit zwei Jahren in Vorbereitung war und an dessen Ausarbeitung 
Napoleon den tätigsten Anteil nahm. In den Verhandlungen, welche zu dem 
Gesetze führten, definierte Napoleon am 25. November 1809 die Zensur als 
„le droit d'empächer la manifestation d'idees, qui troublent la paix de TEtat, 
ses interöts et le bon ordre*. Und schon lange vorher, in der Sitzung vom 
26. August 1808, hatte er gesagt : nQu'on laisse donc ecrire librement sur la 
religion, pourvu qu'on n'abuse pas de cette libertö pour öcrire contre TEtat. * ^ 

Ein Vorschlag wurde eingebracht, welcher die neu zu errichtende In- 
stitution mit ihrem wahren Namen : »College de Censure* betitelte. Napoleon 
wollte auch jetzt noch von diesem Titel und Wort nichts wissen, er verlangte 
den Titel »Tribunal de Timprimerie*. Schließlich hieß man die Behörde 
ff Generaldirektion des Buchdruckes und des Buchhandels''. Am 12. Februar 
1810 wurde der Graf Joseph-Marie Portalis zum ersten „Directeur general 
de l'imprimerie et de la librairie'' ernannt und erhielt am 13. April acht 
kaiserliche Zensoren zu seinen Diensten. Das Gesetz war bereits am 
25. Februar proklamiert worden. Es enthält 8 Titel mit 51 Paragraphen. 
Alle Buchdrucker bedürfen des staatlichen Patentes, das sie nach ihrer Ver- 
eidigung erhalten ; ihre Zahl wird genau bestimmt, für Paris 60 ; jeder Buch- 
drucker in Paris darf vier Pressen haben, die Drucker in den Departement« 
deren nur zwei; der § 10 besagt, was kein Drucker drucken darf, doch die 
übrigen Paragraphen sorgen vor, stellen Buchdrucker und Buchhändler voll- 
ständig unter Polizeiaufsicht. Nach § 11 muß jeder Drucker genaue Liste 
führen aller Bücher, die er übernimmt, nach § 12 muß er diese Liste der 
Polizei sofort mitteilen, nach § 13 kann der Generaldirektor den Druck auf- 
schieben, das Manuskript einverlangen usw. und nach § 21 kann jeder Ver- 
fasser, jeder Drucker und jedes Werk der präventiven Zensur unterworfen 
werden. 

Es lag nicht bloß an den Personen des Polizeiministers und General- 
direktors des Buchdruckes, sondern zimi besten Teile am Gesetze selbst, daß 
Polizei und Generaldirektion bei diesem ihrem Amte beständige Rivalen 
waren. Die Kosten mußten natürlich die Presse, Drucker und Verfasser, 



* ,C*etait la mise en pratique d*un ancien mot de Fi^v^e: ,0n imprlmerait contre Dieu, 
contre la religion, contre la morale, sans la moindre difficult^, mais contre le Premier Consul 
qni loseraitr* Vgl. WeUchinger a. a. 0. 27. 



1810-1814. 263 

zahlen. Der Polizeiminister vor allem wollte nicht bloü ein bereits gedrucktes 
Bach anhalten und dessen Zirkulation verhindern können, er wollte auch die 
Vollmacht, den Druck selbst zu verbieten. Dazu machte der Kaiser, der mit 
seinem scharfen Auge die Presse verfolgte, seine Beamten durch Winke, Be- 
fehle oder Vorwürfe gegen die Presse nur noch schärfer. Und der General- 
direktor hatte das Recht, selbst ein bereits zensuriertes, genehmigtes Buch 
nach dem Erscheinen nichtsdestoweniger zu unterdrücken. 

Das hervorstechendste Merkmal der napoleonischen Zensur war ohne 
Zweifel die ungebändigte politische Selbstsucht des kaiserlichen Oberzensors, 
die sich zu erkennen gab an einzelnen Hauptzügen, wie das auch schon aus 
den oben angeführten Beispielen erhellt. Napoleon und seine Zensur kämpft 
mit nervöser Ängstlichkeit gegen die Bourbonen und alles, was in Zeitung 
oder Buch, in Theaterstücken oder Bild und Wappen an dieselben erinnern 
kann. Das waren die am meisten in jener Periode verfolgten Bücher, welche 
von Ludwig XVI., Marie Antoinette, Madame Elisabeth und den Bourbonen 
überhaupt handelten. Man setzte die Drucker und Buchhändler, welche 
schuldig befunden, derartige Schriften gedruckt oder zum Verkauf ausgestellt 
zu haben, fest; man durchwühlte ihre Magazine, man zerstörte ihre Pressen, 
man bemächtigte sich der Exemplare, man verfolgte die Verfasser und 
kerkerte sie ein^ „On doit interdire tous les livres relatifs a la moii de 
Louis XVI', so lautet beispielshalber eine Zensurrcgel. Der Drucker Fage 
hatte „Le testament de Louis XVP neugedruckt, und alsbald bedeutet der 
Polizeiminister dem Generaldirektor des Buchdruckes am 27. Oktober 1810, 
diesem Fage sofort sein Druckpatent zu nehmen und ihm für immer zu unter- 
sagen, Drucker oder Buchhändler zu werden. Einige Jahre vorher hatte „Le 
Publiciste'' unbesonnenerweise le comte de Lille (also Louis XVIII) genannt. 
»Melden Sie dem Redakteur", so Napoleon an Pouche 16. Oktober 1807, „daß 
ich ihm die Direktion des Journals nehme, sobald er wieder von diesem 
Individuum spricht." 

In ähnlicher Weise durfte Presse und Theater in bestimmten Perioden 
der napoleonischen Politik nichts Günstiges über England und Kußland bringen. 
Den Präfekten der Departements geht unter dem 24. Juli 1812 die Weisung 
zu, ja kein russenfreundliches Stück der Bühne zu erlauben, vor allem nicht 
Peter den Oroßen rühmen zu lassen. Und als im Januar 1814 ein Ver- 
fasser Demar der Generaldirektion des Buchhandels „Des airs inisses et des 
Chansons cosaques* zur Genehmigung präsentiert, werden sie zurückgewiesen, 
und der damalige Generaldirektor, Baron de Pommereul, bemerkt dem Polizei- 
minister: «Notre Musique avec ces barbares doit n'etre que celle des canons 
et des fusils.** 

Der zweite charakteristische Zug der napoleonischen Zensur ist ihre 
Stellungnahme zur Religion oder richtiger gegen Rom für jansenistischen 
Oallikanismus. Das entsprach ganz dem Prinzip, welches der Kaiser in den 



' Vgl. Welsch inger a. a. 0. 200. — Hier in diesem Kapitel ist Welschingers 
Arbeit Aber die Zensur, besonders wo Einzeliieiten zum Belege beigebracht sind, yielfach 
benatzt worden, ohne daß jedesmal der genaue Fundort mit Seitenzahl angegeben wurde. 



264 Piu8 VII.; Madame de Sta^l. 

Vorverhandlungen so unverhohlen ausgesprochen hatte ^. Er wollte eine 
Staatsreligion als Mittel zu seinen eigensüchtigen politischen Zwecken. Gleich 
im Anfange, unter dem Generaldirektor Portalis, wurden Werke von Boyalisten 
und Religiösen gleichmäßig getroffen: romfreundliche und bourbonengünstige 
Bücher standen auf dem Index nebeneinander. Wie gallikanisch die Zensur 
war, geht aus dem Erlaß vom 21. März 1810 hervor, der im ganzen Reiche 
alle Schriften gegen die berüchtigte Deklaration des Klerus vom Jahre 1682 
verbot. Am selben Tage wurde eine solche Schrift des Abbö de Boulogne 
und ein gleiches Buch des Abbö Emery eingezogen. Der Oratorianer Taba- 
raud, ein glühender Jansenist, hatte als Zensor den Auftrag, alle Werke zu 
untersagen, welche sich gegen die Freiheiten der gallikanischen Kirche 
richteten. Dementsprechend wurde am 17. Januar 1811 die Schrift »L'Eglise 
gallicane convaincue d'erreur" festgehalten, Drucker und Verfasser mußten 
verhaftet, alle Exemplare ,des Pamphletes'' dem Minister ausgeliefert wer- 
den. Der Romhaß der Zensur ging noch weiter. Am 13. September 1811 
wurden auf höheren Befehl zu Turin 192 Drucke, welche Pius VIT. dar- 
stellten, eingezogen und unter den Augen des Generaldirektors der Po- 
lizei im Departement au delä des Alpes verbrannt. Item wurden dort 
330 Tabaksdosen festgehalten, weil sie das Bild Pius' VIT. mit einer In- 
schrift trugen. Pommereul betrachtete die Dosen als „des objets d'art'' und 
ließ sie deshalb nicht vernichten, aber das Bild auf dem Deckel mußte zer- 
stört werden. 

Die Zensurbehörde hatte auch nicht immer den -Abscheu Napoleons 
gegen schmutzige Schriften. So kam es denn in dieser letzten Periode vor, 
daß Gailhava, membre de Tinstitut, schmutzige Contes schrieb unter dem 
Titel „Comme on soupait". Die Zensur ließ den Schmutz passieren, aber be- 
sorgt für den Namen des Verfassers, gestattete man ihm statt dessen, den 
Namen seines verstorbenen Bruders als Automamen einzusetzen. 

Man kann noch einen dritten Zug der damaligen Zensur hervorheben: 
es wäre der persönliche Unwille oder Haß Napoleons gegen einzelne be- 
sonders angesehene Schriftsteller. Auch hierzu sind im obigen bereits Illu- 
strationen gebracht, die aber noch vermehrt werden können. Besonders die 
Madame de Stael und Chateaubriand mit ihren Werken waren die Opfer 
solch kaiserlichen Hasses. Die erstere hatte 1810 ihr Manuskript zu 
„L'Allemagne*' in die Druckerei gesandt. Die Zensoren verordneten, zehn 
kurze Stellen zu streichen und eine zu ändern. Es geschah; der Druck 
begann, aber am 24. September 1810 wurden auf höheren Befehl in der 
Buchdruckerei an alle Druckbogen der .L'Allemagne'' Siegel angelegt. Die 
Verfasserin erklärte sich zu allen noch etwa gewünschten Änderungen bereit. 
Vergebens; am 11. Oktober wurden die Druckplatten vernichtet und alle 
Exemplare, welche die Verfasserin selbst in Händen hatte, zugleich mit dem 
ganzen Manuskript auf das sorgfältigste aufgesucht und eingezogen, um zum 
Einstampfen in die Papiermühle befördert zu werden. Kein Blatt und kein Buch- 
stabe sollte von dem Werke, welches Deutschland rühmte und von Madame 



* 8. oben S. 262. 



Chateaubriand. 265 

de Stael geschrieben war, übrig bleibend Und alles das geschah, nachdem 
das Werk bereits examiniert und zum Drucke genehmigt war. Auch dann noch 
blieb dem Generaldirektor das Recht, ein gedrucktes Buch zu unterdrücken. 

Nach dem Befehle Napoleons hatte die Polizei ein besonders wach- 
sames Auge auf Chateaubriand. Es wurde gemeldet, daß er eben „Le der- 
nier des Abencerages*' drucke. Der Polizeiminister schrieb an den Band als 
Antwort die Note: ,1a voir**, und am 20. Februar 1811 wurde die Ver- 
öffentlichung des Werkes verboten, weil darin »ein zu warmes Interesse für 
die spanische Sache*^ entdeckt worden war. Der Neudruck seines 1797 zu 
London erschienenen Buches »L'essai sur les ßevolutions"^ wurde ihm ebenfalls 
am jene Zeit verweigert. «Lltineraire de Paris ä Jerusalem* ward ihm 1811 
zurückgesandt mit der Weisung, es zu verbessern und die vermerkten Stellen 
auszutilgen. Es war Chateaubriand verwehrt worden, eine bestimmte Rede 
in der Akademie vorzutragen. Als er dieselbe nun im Drucke herausgab, 
fielen die offiziellen Blätter alle über ihn her, und der Verfasser ward nach 
Dieppe verbannt. 

Die kaiserlichen Zensoren, welche die Schwächen ihres strengen Gebieters 
wohl kannten, kamen dessen Wünschen bei der Zensur oft genug zuvor. 
Als daher 1812 „L'Egyptiade, poeme historique par M. Tabbe Aillaud'' 
erschien, verwarf es der Zensor, weil S. Majestät nicht durch ein solch 
minderwertiges Gedicht gelobt werden dürfe: ,11 lui faut un Homere". Der 
Abbe Buzat gab „Lefons elementaires sur la rhetorique*' heraus. In denselben 
wurde eine Definition von Flechier über „les armöes** gegeben, sie mußte ge- 
tilgt werden, weil „inconvenant pour nos amiees**. Die Übersetzung mehrerer 
Psalmen Davids in französischen Versen von M. Massen stieß an, weil zu 
viel Lamentationen drin und gar Bitten an den Allerhöchsten, die religion 
desolee zu trösten. Der Zensur kam das gefahrlich vor, in französischen 
Versen zumal, im Lateinischen möchte es noch angehen. Wahrscheinlich hielt 
sie dafür, daß Napoleon die Religion in Frankreich genug getröstet habe. 
Dieser Rücksichtsnahme auf den strengen Gebieter entsprang ja auch die 
Verstümmelung der »Athalie**, welche Chateaubriand nachher das Wort auf 
die Zunge legte: „Ils [les censeurs] interdiraient le feu et Teau a Racine et 
accorderaient le droit de cite ä Cotin.** Der Polizeierlaß vom Jahre 1811, 
welcher das beschnittene Stück für Bordeaux erlaubt, lautet in den Archives 
nationales F ^ 330 1 wie folgt : „ A M. le commissaire de police ä Bordeaux, 
au sujet de la representation d'Athalie: J'ai recju, monsieur, avec votre lettre 
du 18 la demande du directeur du Grand Theätre de Bordeaux tendant ä 
jouer Athalie. Je vous invite ä laisser reprösenter cet ouvrage avec les 
corrections faites sur Texemplaire depose au Theätre-Fran9ais et dont le 
Directeur devra prealablement vous soumettre une copie exacte. Je vous 
invite ä veiller ä ce que cette formalitä seit ponctuellement remplie. 

Recevez etc. Le Ministre de la Police generale. 

Paris, 29 avril 1811.^ 



* Der Verfasserin gelang es dennoch, eine Abschrift des Manuskriptes den ausgesandten 
HftBchem vorzuenthalten. 



266 Napoleonische Zensur in Deutschland. 

Nach den beigebrachten Dokumenten und Beispielen kann mau sich ein 
ziemlich vollständiges Bild von der napoleonischen Zensur machen. Es er- 
übrigt nur noch, einzelne Verfügungen derselben zu erwähnen, welche auf 
Deutschland Bezug nehmen. Echt napoleonische Zensur war die Er- 
schießung des Nürnberger Buchhändlers Johann Philipp Palm zu Braunau 
am 26. August 1806, dessen ganzes Verbrechen darin bestand, die Flugschrift 
«Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung' versandt zu haben. Im übrigen 
schadete diese Untat dem Korsen mehr, als zehn der feurigsten Flugschriften 
ihm hätten schaden können. Nicht bloß durch ganz Deutschland hallte ein 
Schrei des Entsetzens wieder. „England, Rußland und PreuBen gründeten 
darauf neue Anklagen gegen den Kaiser der Franzosen, und Palm wurde als 
Märtyrer der deutschen Unabhängigkeit verehrt*, so schreibt selbst Bignon ^ 
Napoleons Lobredner. 

In späteren Jahren bestimmte der kaiserliche Zensor Esmenard den 
Minister Savary, in Hamburg und Amsterdam einen eigenen Zensor für 
Zeitung und Theater anzustellen «afin de reprimer les folies germaniques, 
dont les partisans denigrent sans cesse la litterature, les journaux, le theatre 
fran^ais pour exalter aux depens des n6tres les ridicules et dangereuses 
productions de l'Allemagne et du Nord.**^ 

Bei Beginn des Jahres 1811 hatte die politische Zeitung des Roer-De- 
partements einen eigenen Artikel gebracht: „Dialogue sur le bon \äeux temps**, 
welcher der Polizei in Paris mißfiel. Auf Veranlassung des genannten 
Esmenard schrieb der Minister unter dem 21. März 1811 an den Präfekten 
des erwähnten Departements, die Blätter der Departements hätten sich 
darauf zu beschränken, Nachrichten („des annonces*) zu bringen von lokalem 
Werte oder Auszüge aus Pariser Blättern, welche unter ständiger Kontrolle 
ständen. Wollten sie Originalartikel veröffentlichen, so müßten sie darauf 
gefaßt sein, sobald ein derartiger Artikel Anlaß zu Tadel gebe, vrie das 
heute beim »Mercure de la Roer" der Fall sei, unwiderruflich unterdrückt zu 
werden. 

Im Monate vorher erließ derselbe Minister eine noch schneidigere Ver- 
fügung nach Hamburg, deren Wortlaut sich selber erklärt^. 

,Le 7 fevrier 1811. A M. d'Aubignose, commissaire gen^ral de police 
ä Hambourg: Je vous invite, monsieur, ä prendre les mesures n^cessaires 
pour empScher dans les nouveaux d^partements r^cemment reunis ä l'Empire 
la representation de certains ouvrages dramatiques de Kotzebue, de Schiller, 
de Werner, de Goethe, dont Teffet moral est ^videmment de troubler Tordre 
social en ^touffant le respect qu'on doit aux autorit^s legitimes. Plusieurs 
de ces pi^ces contiennent, d'ailleurs, d'insolentes d^clamations contre le gou- 
vemement et le peuple fran^ais. Je vous signale express^ment les pieces 
intitul^es: Les Brigands, Marie-Stuart et Guillaume Teil de Schiller; Faust, 
de Goethe; Attila, de Werner;. les Heureux, la Com^dienne par amour, la 



* B i g n o n , Histoire de France sous Napoleon ; vgl. Weiß, Weltgesch. XX ** 703 flf. 

* Welechinger a. a. 0. 249. 

» Archives nationales F^ 3801 s. Welschinger a. a. 0. 331, Anlage XXXVIl. 



Die französische Zensur des 19. Jahrhunderts. 267 

Croisöe mur^, TEpreuve du feu, Orainte sans näcessite, et, le pauvre Trou- 
badour, de Kotzebue. 

Je vous prie de me rendre compte de Texecution de cet ordre. 

Agreez etc/ 

Wir dürfen uns eines Gesamturteils über die Zensur des ersten Napo- 
leon enthalten; Yillemain schreibt darüber: «II est d'une exactitude litt^rale 
de dire que toute Emission de la pens^^e ecrite, toute mention historique, 
möme la plus lointaine et la plus ^trangere, devint une chose aventureuse 
et suspecte. II n'y eut plus, dans l'ordre des idees, d'autre langage possible 
que le raisonnement prescrit par Tautorite. II n'y eut plus, dans Tordre 
des £aits, d'autre v^rite soufferte que les innombrables d^elarations d'absence 
dont, aprfes 1812, le Moniteur enregistrait habituellement , dans sa eolonile 
d'annonces judiciaires, le relev^ funebre. Cette aggravation de despotisme et 
de mutisme s'explique d'elle-meme/ ^ 

Und Welsch in ger 2 sagt abschließend: „La Convention avait employö 
r^hafaud contre les journalistes et les ecrivains. ... Le Directoire avait 
eu recours ä la deportation et a la fusillade. . . . Napoleon avait cru n^ces- 
saire ä son gouvernement de r^gir les journaux et les livres avec le code p^nal.*' 

Im 19. Jahrhundei*t war Frankreich ein wahres Versuchsfeld preßpolizei- 
licher Tätigkeit und wurde in vielen seiner Verordnungen dem übrigen Eu- 
ropa Vorbild und Beispiel. An andern Stellen dieser Arbeit ist der fran- 
zösischen Zensur jener Zeit bereits Erwähnung geschehen ^. Eigentümlich ist 
all den Preßgesetzen und Zensurverfugungen der verschiedenen und verschie- 
denartigen Begierungen Frankreichs in dieser Periode der Mangel an Einheit 
und wahrem Freisinn. Weder die Lehren der Revolutionszensur noch die der 
napoleonischen wurden genugsam benutzt. Am wenigsten war man deshalb 
in Frankreich berechtigt, die römische Zensur mit dem Index „die Inkarna- 
tion des Despotismus'* zu nennen*. Mit viel mehr Recht dürfte man die 
Geschichte der französischen, besonders der napoleonischen Zensur dem dun- 
keln Hintergrund vergleichen, von dem die Büchergesetzgebung des Index 
sich immer noch wie ein Lichtbild abhebt. 

»Das französische Preßgesetz**, so sagt 1881 v. Liszt in v. Holtzen- 
dorSs Rechtslexikon ^, „beruht auf einer bunten Menge von aus verschiedenen 
Jahrzehnten stammenden, nur durch denselben Mangel an freiheitlichem Geiste 
zusammengehaltenen Gesetzen.** Es hat aber seitdem das Gesetz vom 29. Juli 
1881 sur la libert^ de la presse, mit Abänderungen aus den Jahren 1893, 
1894 y 1895 und 1896, neues Recht dort geschaffen. Gegen den Mißbrauch 
der Presse sind darin gerichtspolizeiliche Schranken gezogen, nur ausländische 
Zeitungen und Druckschriften können im Verwaltungswege untersagt werden ^. 
Die Freiheit hat in Frankreich oft genug im Worte wie im Gesetze geprunkt, 
während die nackte Wirklichkeit daselbst zwischen Zügellosigkeit und harter 

' SoQvenirs contemporains d'histoire et de litt^rature I*^ partie 280. 

* A. a. 0. 49. » Vgl. oben S. 72 A. 186. 

* Vgl. oben S. 72 A. « IIP 1, Leipzig 1881. 135. 

* Handwörterbuch der Staatswissenschaften VP, Jena 1901, 242. 



268 Zwingli, Zürich. 

Knechtung einberirrte. Gerade die Freiheitsstürme waren es, welche die 
Anker der Sicherheit und wahren Freiheit losrissen. Schwerlich wird daher 
für die Zukunft „französische Freiheit*" auf dem Gebiete der Preßgesetzgebung 
mustergültig werden. 

Die Bücherzensur in der Schweiz. 

Im Jahre 1525 errichtete der Rat zu Zürich eine neue Staatskirche. 
Nur die Lehrmeinungen Zwingiis sollten darin als „ reines Evangelium'* ge- 
predigt werden. Allein die Bücher und Bibeln Zwingiis wurden nicht nur 
von den treugebliebenen Katholiken der Schweiz, sondern auch von den Pro- 
testanten Deutschlands unter Luthers und Melanchthons Leitung verboten 
und verbrannt. Hier wie dort beklagte sich Zwingli bitter darüber und rühmte 
sich dabei, die Schriften der Wiedertäufer freigegeben zu haben. Er fühlte 
sich besonders dadurch verletzt, daß man in Luzern sogar sein Bildnis und 
an anderer Stelle die Bibel verbrannt hatte ^. Und doch hatte Zwingli seit 
1526 Wiedertäufer ersäufen lassen; unter seiner Oberleitung wurden die 
Kirchen gesäubert und nicht bloß die Bilder der Heiligen und die Statuen der 
Mutter Gottes hinausgeschafft und zertrümmert, sondern selbst das Bildnis 
des Gekreuzigten in der schmählichsten Weise zerschlagen, blasphemisch ver- 
unehrt und verbrannt. Auch die Bücher waren von ihm nicht verschont 
worden. Der Rat zu Zürich hatte die Ausplünderung der Kirchen angeordnet. 
Am 2. Oktober 1525 wurde das Großmünster gesäubert. Was sich an 
Schätzen dort befand, ward geraubt, die pergamentenen, kunstreich geschrie- 
benen und verzierten Chor- und Gesangbücher wurden auf Befehl des Rates 
größtenteils zerrissen, die Bibliothek wurde an Buchbinder, Krämer und Apo- 
theker um ein Spottgeld verschleudert, das in Gold gefaßte kostbare Gebet- 
buch Karls des Großen mit den übrigen Wertgegenständen entwendet. Dem 
Frauenmünster erging es am 14. September 1528 ganz ähnlich, die Beute 
der Tempelschänder war noch größer, und die in Gold, Silber und Elfenbein 
gefaßten Evangelienbücher entgingen ebensowenig dem Raube und der Ver- 
unehrung wie die Marienbilder und Kruzifixe^. Ja Zvringli, der schon seit 
dem Jahre 1518 von Zürich aus die Schweiz „reformierte*, war 1523 durch 
den Rat der Stadt mit drei andern bestellt worden, alles zu besichtigen, was 
zu Zürich im Drucke erscheinen sollte. Keiner soUe es wagen, ohne deren 
Wissen und Willen etwas zu drucken. Das neue Zensurgericht, das aus zwei 
geistlichen und zwei weltlichen Richtern bestand, hatte dafür zu sorgen, daß 
»nichts Ungeschicktes** von den Druckern gedruckt oder von den Buchhänd- 
lern verkauft wurde -^ 

Allein um die Scheiterhaufen der Bücherzensm* recht zu entfachen, 
mußte ein anderer Reformator in die Schweiz kommen. 



' Vgl. lacobi Gretseri opera XIII, Ratisbonae 1739, 171 ff. 

^ Janssen-Pastor, Gesch. des deutschen Volkes 111"-'% Freiburg 1899, 95 114. 
' Friedrich Kapp, Gesch. des deutschen Buchhandels, Leipzig 1886, 584; Karl 
Dändliker, Geschichte der Schweiz II s, Zürich 1894, 477 643. 



Calvin, Genf. 269 

Das Haupt des französischen Protestantismus, zugleich der bedeutendste 
Reformator der Schweiz, Jean Chauvin (Johann Calvin), begann seine Genfer 
migkeit mit dem Jahre 1536, um dieselbe nach seiner Vertreibung (1538) 
und nach seiner Rückberufung und seiner triumphierenden Wiederkehr 1541 
mit noch größerem Fanatismus fortzusetzen. 1549 vereinigte er sich aus 
politischen und Elugheitsrücksichten mit den Zürichern Theologen im sog. 
Züricher Konsens, und nun herrschte Calvin wie ein tyrannischer Diktator in 
der ganzen Schweiz, nicht bloß in Genf. Seine Vorgänger Luther und Zwingli 
übertraf der Franzose sowohl an Wissenschaftlichkeit und Organisationstalent 
als auch an Eonsequenz und Zelotismus. Eine finstere Lehre und eine ge- 
radezu blutiggrausame Bücherzensur waren die Folgen. 

Bei seinem ersten Aufenthalte in Genf hatte er zuerst ,die Götzen- 
bilder und Altäre umgestoßen', dann verfolgte er die Bücher. Man nahm 
den Katholiken ihre Gebetbücher, ihre Gesangbücher, ihren Katechismus. 
Alles mufite ausgeliefert werden, und Calvin verlangte, daß man sich nur 
seines neuen Katechismus bediente^. Die Inquisition, welche zu Genf ein- 
gerichtet wurde, drang überall in die Häuser und Familien ein und mußte jede 
Verheimlichung eines papistischen Buches zur Bestrafung anzeigen. Der Rat 
der Stadt verbannte eine Frau, welche weltliche Lieder auf geistliche Melo- 
dien gesungen hatte, und ließ einen Mann ins Gefängnis setzen, bei welchem 
man die Erzählungen Poggios gefunden hatte; er verdammte den .Amadis 
de Gaule*, weil „Mehrere dieses Buch lesen, obwohl es nur ungezogene und 
verderbliche Dinge enthalte" 2. Das Volk mußte an der Verfolgung jedes vom 
Konsistorium verbotenen Buches teilnehmen, und wer es wagte, ein solches 
Buch zu öfihen, wurde mit Gefängnis, mit einer Geldstrafe oder, wenn förm- 
liche Verachtung der Calvinischen Gesetzgebung vorlag, selbst mit dem Tode 
bestraft \ Tortur und Henkerbeil waren in voller Tätigkeit. Bei einer neuen 
grausamen Verurteilung wurden Verse in Umlauf gesetzt, in welchen die 
Dichter Richter und Henker mit Gottes Zorn drohten. Die Polizei nahm die 
Gedichte in Beschlag und bezeichnete einige derselben als höllische Ketzereien. 
Man setzte drei Bürger ins Gefängnis, weil sie im Verdacht standen, sich 
mit religiösen Poesien zu beschäftigen. CoUadon, der Richter, welcher sie 
auf die Folter brachte, verurteilte sie nach seiner Gewohnheit »zur Todes- 
strafe''. Die Dichter wurden nicht getötet, sondern sie mußten mit einem 
Strohwische in der Hand Kirchenbuße tun und die ketzerischen Gesänge 
verbrennen *. 

1539 erging in Genf bereits die Verordnung der Seigneurie, daß nichts 
ohne ihre Erlaubnis gedruckt werden dürfe. Dieselbe wurde 1556 und 1560 
erneuert und mit Strenge gehandhabt. 

Das Schicksal und tragische Ende des spanischen Arztes Miguel Ser- 
vede ist bekannt. Calvin hat es vollständig und allein auf seinem Gewissen. 
Bei seiner Flucht von Frankreich nach Italien wurde Servede in Genf auf 
Calvins Veranlassung ergriffen und nach langem, furchtbarem Kerker am 



^ Vgl. I. M. Audin, Gesch. Calvins (deutsche Übersetzung) I, Augsburg 1843, 178 f. 
« Ebd. 11 (1844) 92. » Ebd. 84. * Ebd. 89. 



270 Servede; Gentile. 

27. Oktober 1553 daselbst zu Tode geführt wegen seines Werkes »Christia- 
nismi restitutio'', welches das Oeheimnis der heiligsten Dreieinigkeit bekämpft, 
aber auch vom Calvinismus nicht mit Lob spricht. Es hieß im Urteilsspruch : 
»Wir Syndici, ßichter des peinlichen Gerichts dieser Stadt . . ., fallen dieses 
unser ausdrückliches, geschriebenes Urteil, wodurch wir dich Michael Servet 
verdammen, daß du gebunden, und auf die Stätte des Ghampels geführt, an 
einen Pfahl befestigt und samt dem Buche, das von deiner Hand geschrieben 
ist und gedruckt wurde, lebendig verbrannt werden sollest bis dein Leib in 
Asche zerfallen ist/ Das Urteil wurde wörtlich ausgeführt, und Calvin 
schaute vom Fenster aus zu. Der Usurpator Genfs, der sich widerrechtlich der 
bürgerlichen und religiösen Gewalten bemächtigt hatte, selbst abgefallen von 
seinem Glauben und ein Lehrer der Häresie, brachte so einen Fremdling, den 
Spanier, auf den Scheiterhaufen in Genf, weil derselbe in Frankreich ein 
häretisches Buch hatte drucken lassen^. 

Calvin schrieb zur Verteidigung seiner Tat ein Buch, das im Jahre 1554 
erschien und den ganzen Protestantismus bewegen sollte, in gleicher Weise 
gegen alle Ketzer vorzugehen. Und als noch in demselben Jahre Castellio 
und Laelius Socinus in Basel Pseudonyme Gegenschriften erscheinen ließen, 
forderte Calvin die Baseler Geistlichkeit sofort zur Untersuchung und Be- 
strafung der Verfasser auf 2. 

Der Genfer Diktator zwang alle ihm entgegengesetzten Strebungen nieder 
mit der Oligarchie seines Konsistoriums, das er hinwieder vollständig be- 
herrschte. Da schrieb in Calvins letzten Jahren ein französischer Gelehrter, 
Jean-Baptiste Morelly, eine kleine Schrift, in der er den Satz verfocht, das 
Konsistorium dürfe keine selbständigen Entscheidungen treffen, sondern müsse 
über alles, was Glauben und Sitten betreffe, dem Volke berichten, das allein 
daiüber zu erkennen habe. Konsistorium und Rat verdanmiten „das schäd- 
liche und verderbliche Buch''. Der Rat ließ dasselbe sogar, „um ein Beispiel 
zu geben**, öffentlich verbrennen, verbot allen Bürgern und Einwohnern den 
Kauf, Verkauf und das Lesen desselben und befahl unter Androhung strenger 
Strafen (sous peine d'^tre rigoureusement punis) alle in Genf etwa vorhan- 
denen Exemplare binnen 24 Stunden der Obrigkeit auszuliefern oder ihr den 
Besitzer anzuzeigen. Die Sentenz ist vom 16. September 1563 ^ 

Giovanni Valentine Gentile, ein Calabrese aus Cosenza, Schüler oder 
jedenfalls Gesinnungsgenosse des Servede und Laelius Socinus, hatte sich 
dazu verstanden, ein ihm von den Calvinern in Genf vorgelegtes Glaubens- 
bekenntnis im Jahre 1558 zu unterzeichnen. Er blieb jedoch bei seiner 
Lehre, wurde von Calvin denunziert und daraufhin festgenommen. Da er 
abermals Reue und Bekehrung versprach, entging er diesmal der Todes- 
strafe, ward aber dazu verurteilt ^, barfuß und barhaupt, bloß mit dem Hemd 

' Vgl. Dändliker a. a. 0. IP 580 ff. 

» Vgl. Audin a. a. 0. II 183 ff ; Arnold a. a. 0. II 598 1115. 

^ F. W. Kampschulte, Johann Calvin, seine Kirche und sein Staat in Genf I, 
Leipzig 1869, 435; vgl. oben S. 251. 

* Die Sentenz lautete: ,La malice et la m^hancet^ que tu as d^ployäes, t*ont m^rite 
d'etre extermin^ d'entre les humains comme seducteur, h^rätique et schismatiqne, cependant, 



HenricQs Stephanus; Bemardino Ochino. 271 

bekleidet» eine brennende Kerze in der Hand, kniefällig Abbitte zu tun und 
seine Schriften mit eigener Hand zu verbrennen. In gleichem Aufzuge wurde 
er unter Trompetenschall durch die Straßen Genfs geführt und erhielt als- 
dann den Befehl, unter Todesstrafe die Stadt nicht ohne besondere Erlaubnis 
zu verlassen. Es war am 2. September 1558. Trotzdem entfloh Gentile 
bald and zog als Apostel des Sozinianismus ziemlich unstät zwischen Frank- 
reich, Polen und der Schweiz umher. Als er nach dem Tode Calvins 1566 
wiederum in 6ex erschien, das unter Berns Hoheit stand, wurde er gefänglich 
eingezogen und ihm in Bern der Prozeß gemacht, der ganz ähnlich verlief 
wie der des Servede zu Genf. Nur wurde Gentile nicht durch Feuer, son- 
dern durchs Schwert am 10. September 1566 vom Leben zum Tode gebrachte 

Auch nach dem Tode Calvins (1564) blieb man in Genf der Calvinischen 
Zensur getreu. 1580 wurde Henricus Stephanus vom Rate zitiert; er erhielt 
einen Verweis, weil er es gewagt, zum approbierten Manuskript der ,Dia- 
logues du nouveau language frangais italianiz^' Zusätze zu machen. Man 
hielt es ihm nochmals vor, daß er bereits zwei Zensurverbrechen auf dem 
Kerbbolz habe, da er schon wegen seines Buches über Herodot (1566) und 
wegen seiner Epigramme vorgeladen und getadelt worden sei. Er wurde 
angewiesen, nichts mehr ohne Revision zu drucken. Damit nicht genug, 
erklärte ihn das Konsistorium wegen seiner unehrerbietigen Bemerkungen 
beim Verhöre für exkommuniziert, und der Rat ließ ihn acht Tage lang 
einsperren K 

Auch in den andern Städten der protestantischen Schweiz ward die 
Zensur ganz im Geiste Calvins gehandhabt. Der unglückliche Bemardino 
Ochino von Siena war bei seiner Apostasie 1542 zuerst nach Genf geflohen, 
entzweite sich aber bald mit Calvin und zog nun auch umher von Stadt zu 
Stadt, von Land zu Land, bis er endlich wiederum in Zürich landete und 
dort zunächst bei der Zensur anstieß, weil er seine Schrift über das Abend- 
mahl in Basel 1561 ohne die Erlaubnis der Züricher und mit der Approba- 
tion der Baseler Zensoren hatte drucken lassen. Als dann im folgenden 
Jahre 1562 ebenfalls in Basel seine „Labyrinthe** und 1563 seine berüch- 
tigten 30 Dialoge erschienen, wurde ihm der Prozeß gemacht und der 76jäh- 
rige Greis am 22. November 1563 verurteilt und ausgewiesen. Vergebens 
bat er um die Gnade, seine Abreise bis auf das kommende Frühjahr verschieben 
zu dürfen. In Basel und Mühlhausen wies man ihn ebenfalls ab. Schließlich 
konnte er wenigstens in Nürnberg seine Schutzschrift gegen die Züricher 
Theologen schreiben, die er „Pfaffen und Päpste, pestilenzialischer als die 
Papisten selbst** nennt ^. 



comme tu es venu ä r^sipiscence , nous te condamnons a venir en chemise, pieds nus, töte 
däcouverte, an petit cierge a la main, t*agenouiUer devant nous pour nous demander pardon 
ä nous et ä la justice, pour maudire tes öcrits, et nous t'ordonnons de les jeter au feu de 
ta propre main, comme remplis de mensonges pemicieux." 

» Vgl. C68arCantü,Les härötiques d'Italie lU, Paris 1870, 382—385. 

^ Vgl. Registres de la ville 13 maii 1580 bei Audin a. a. 0. II 93; Renouard, 
Annales des Etiennes 414 bei Reusch, Der Index der verbotenen Bücher I 597 f. 

^ Vgl. Kirchenlexikon IX ^ 659 ff ; lacobi Gretseri opera XIII, Ratisbonae 1789, 204. 



272 Bern; Basel. 

Calvin hatte Frieden geschlossen mit den Zwinglianern ; es wäre zu 
merkwürdig gewesen, wenn daraus mehr als ein Scheinfriede geworden. Die 
Bemer Anhänger Zwingiis griffen bald den Oenfer Diktator selbst an. Gene- 
brardus berichtet darüber in seiner Chronographia^: 

Andreas Zebedeus und loannes Angelus, zwinglianische Prediger aus 
dem Oebiete Berns, beschuldigten Calvin der Häresie, so daß dieser mit einigen 
seiner Getreuen zur Verteidigung und Rechtfertigung seiner Doktrin nach Bern 
reisen mußte. Seine Ankläger hatten aus den Werken Calvins hauptsächlich 
15 Artikel ausgehoben über VorherbestinMnung und Verdammung und be- 
kämpften sie als Irrlehre, die nur durch die Strafe des Scheiterhaufens gesühnt 
werden könne. Calvin richtete in Bern nichts aus, und am 3. April 1555 
erging daselbst der Ratsbeschluß, wodurch die Genfer Bücher, vor allem die 
»Institutio Calvini" verpönt wurden. Keiner durfte sie drucken oder verkaufen. 
Nur der Berner Katechismus mit Ausschluß des Genfer ward zugelassen. 
Es ist Charles du Moulin, welcher nach Genebrardus diese Bücherzensur in 
seiner Verteidigungsschrift gegen die Calviner letzteren vorhält. 

Bücherverbote und Bücherverbrennungen, welche von den Genfer Theo- 
logen ausgingen und calvinistische französische Verfasser mit ihren Werken 
verurteilten, sind im voraufgehenden Kapitel über die Bücherzensur in Frank- 
reich verzeichnet*^. 

In der freien Schweiz kannte man die Bücherzensur vor der Reforma- 
tion; aber die Reformatoren wußten dieselbe für ihre Zwecke auszunützen, 
wie sehr sie auch nach ihren Prinzipien dieselbe hätten verwerfen müssen. 
„Das erste, auf Preßpolizei bezügliche Aktenstück, welches sich in Basel findet, 
stammt von niematid geringerem als Erasmus. Es ist eine Denunziation! 
In einem undatierten lateinischen Schreiben teilt er dem Baseler Rate mit, 
er habe aus Lyon erfahren, daß eine von Wilhelm Pharel (Farel) gegen ihn 
verfaßte französische Schrift dorthin gebracht worden sei. Auch in Kostnitz 
(Konstanz) seien zwei gegen ihn gerichtete Libelle Farels vorgekommen. 
Dieser sei ein boshafter Mensch; außer andern werde vorzüglich der Papst 
angegriffen. Zwar seien weder Verfasser noch Drucker genannt; doch halte 
man allgemein Farel für den Verfasser und einen gewissen Welshans für den 
Drucker. Das wäre leicht zu erfahren, wenn Cratander und Watissneve 
(Battenschnee), die die Schrift öffentlich verkauften, eidlich befragt würden, 
von wem sie dieselbe hätten, und wenn Welshans darüber vernommen würde, 
was er in der letzten Zeit gedruckt habe. Farel rühme sich, seinen, des 
Erasmus, Ruf zu beeinträchtigen, wo er nur könne. Ihm persönlich sei dies 
gleichgültig, aber der Rat möge sich vorsehen, daß nicht unversehens eine 
solche Pestilenz in seinen Staat einbreche: ,Si quis favet Lutero, hos ut 
bestes evangelii Luterus ipse detestatur, quos scribit cacare in castra Israhel.' 
Es gebe Leute, welche sich verschworen hätten, durch Schriften ohne oder mit 
fingiertem Titel alle Welt anzugreifen ; was sie jetzt gegen ihn wagten, würden 
sie auch bald gegen den Rat wagen, wenn dem nicht Einhalt geschähe. * ^ 



^ Gilbertus Genebrardus, Chronographia, Lovanii 1572, 259 f. 
« S. oben S. 251 f. » Kapp a. a. 0. 582 f. 



David Joris. 273 

In diesem Punkte stimmten Luther und Erasmus jedenfalls überein. 
Wo es sich um die eigenen Bücher handelte, riefen sie die Bücherzensur und 
das BQcherverbot zu Hilfe und machten sich aus einer Denunziation nichts, 
wofiten derselben vielmehr das richtige Mäntelchen umzuhängen. 

Am 12. Dezember 1524 faßte der alte und neue Rat den Beschluß,. 
,dafi hinffiro alle Drucker der Stadt Basel nichts drucken lassen oder selber 
dracken sollen, ehe es durch die dazu Verordneten besichtigt und zugelassen ; 
auch sollen sie zu den Drucken ihren Namen hinsetzen^ K 1542 wurde diese 
Verordnung unter Androhung von 100 Gulden Strafe neu eingeschärft. 1558 
aber erschien eine eigentliche Zensurordnung, die von den Buchdruckern das 
Manuskript zur Besichtigung und Approbation vor der Drucklegung einver- 
langte; und im folgenden Jahrhundert ward dieselbe Verfügung der Präventiv- 
zensur unter dem 15. Februar 1665 zu Basel erneuert^. 

Sobald die Reformatoren auch in Basel ihren Einzug gehalten, arbeitete 
die Bücherzensur daselbst mit zwinglianisch-calvinistischem Eifer. Am 3. August 
1542 verbot der Rat der Stadt einen bei Oporin gedruckten Alcoran, ob- 
gleich derselbe mit den nötigen Widerlegungen Mohammeds versehen war, 
und nahm die ganze Auflage in Beschlag. Unter Strafe von 100 FI. durfte 
kein Buch ohne Bewilligung des Rates oder der Zensoren gedruckt werden. 
Im Jahre 1550 wurde den Buchhändlern befohlen, nur Werke zu verlegen, 
welche in deutscher, lateinischer, griechischer und hebräischer Sprache, nicht 
aber solche, welche in italienischer, französischer, englischer oder in einer 
andern Sprache abgefaßt seien. Als der Antistes Sulzer und Professor Amer- 
bach im Jahre 1553 bei dem Rate um die Erlaubnis einkamen, eine aus dem 
Grundtexte angefertigte französische Bibelübersetzung zu drucken, erhielten 
sie den Bescheid: „Man werde das zum Druck fertig gewordene Manuskript 
besichtigen und nachsehen lassen, ob keine ,Schmutz- Schand- und Schmach- 
worte sich darinnen finden*.*' ^ 

Charakteristischer noch für die damalige Zensur in Basel ist das Ver- 
fahren gegen den niederländischen Anabaptisten und Sektenstifter Johann 
David Joris, auch Johann von Brügge genannt. Schon 1528 wurde er als 
Sektirer zu Delft, wo er Lieder und Traktate verbreitete und eine Prozession 
öfiFentlich beschimpfte, vor aller Augen auf dem Schafott ausgestäubt und ihm 
die Zunge durchbohrt. Von nun an neigte er sich immer mehr der wieder- 
täuferischen Schwärmerei zu und suchte in den Niederlanden, in Oldenburg 
und Ostfriesland Anhänger und Geld zu sammeln. Mit dem Jahre 1544 ver- 
schwand er auf dem nordwestlichen Schauplatz seiner Tätigkeit, die er jetzt 
von Basel aus im stillen hauptsächlich durch seine vielen Sendschreiben und 
Schriften fortsetzte. Seine Hauptschrift, »'t Wonderboeck**, kam zuerst 1542 
heraus und enthält ausschweifende sinnliche Schwärmerei, natürlich sich an- 
lehnend an biblische Worte und Bilder. 

In Basel erschien der vornehme Niederländer mit seiner ganzen Familie 
und großen Reichtümern unter falschem Namen; daselbst kaufte er Güter, 



^ Kapp a. a. 0. 583. ^ Vgl. ebd. ' L. Lutz, Geschichte der Universitftt 

Base], Aarau 1826, 117—119 (bei Janssen-Pastor VIP* 613). 

Hilgers, Der Index Leos XSL 18 



274 David Joris. 

wie z. B. ein Schlößchen in Binningen, wonach er sich zuletzt Johann von 
Binningen nannte. Die Baseler nahmen ihn als Bürger der Stadt auf, zumal 
er mit all den Seinigen regelmäßig dem dortigen protestantischen Gottes- 
dienst beiwohnte und den Sektenstifter vollständig zu verdecken wußte. So 
lebte er in behaglichem Lebensgenuß in Basel bis zu seinem Tode 1556. Erst 
drei Jahre nach seinem Tode kam die Heuchelei durch seinen Schwiegersohn 
an den Tag, welcher der Baseler Geistlichkeit verriet, daß der, welchen sie 
als rechtgläubigen Mann in der Leonhardskirche beerdigt hatten, kein anderer 
als David Joris sei. Im März 1559 begann sein Prozeß. Seine Lehre ward 
von der Universität als gottlos verurteilt. Seine Angehörigen wurden ge- 
fänglich eingezogen, gestanden alles und schworen ab. 

Am 13. Mai 1559 wurde alsdann der Urteilsspruch der Baseler Zensur 
über Joris und seine Bücher vollstreckt. Die „ Baßler Chronick* meldet davon 
im XXIY. Kapitel, das überschrieben ist: »Davids mordliche Sect bricht aus, 
deß wird sein verstorbener Körper ausgegraben und verbrennt. Seine An- 
hängigen und Verfreundten in Gnaden gestrafet. Dieselbigen verdammen vor 
der Kirchen diese Verführung und bekennen sich zum wahren Christlichen 
Glauben." 

„Am Pfingstabend ...**, so schreibt die Chronik, »ward im Hof unter 
dem Bichthaus über Georgen Körper, der gleichwol nicht zugegen läge (dann 
man an desselbigen Statt einen Kasten voll seiner Teufelischen Büchern, mit 
einer Stang, daran zu oberst des Verführers Bildnuß hienge, gestellet hat), 
und seine Bücher das Malefitz- oder Blutgericht besetzt, und dieselbigen zu 
verbrennen erkannt, gleichwie ihm solches, wann er noch in Leben, widerfahren 
sollen. Welches dann der Nachrichter allbereit verrichtete, seinen ausgegra- 
benen Körper, Bücher und Bildnuß, vor Steinenthor an der gewohnlichen Richt- 
statt auf eine Holtzbeigen setzete, und sie zumal verbrennete. Ehe er das Feuer 
angestossen, zerthät er die Baar, daß man den balsamierten Körper mit seinem 
gelben Bart, noch gantz und unverwesen, wohl sehen und erkennen mochte. 
Er war in weissem Leinwat verwickelt, darob mit einem Schamlot angethan, 
auf dem Haupt, mit einem Küsse unterlegt, hatte er eine sammete Hauben, 
roth unterfüttert, mit einem Rosmarin-Krantz beziert. Ist also fast dritthalb 
Jahr nach seinem Tod, im Angesicht einer unzahlbaren Menge, verbrannt 
worden, hiemit seiner Prophezey genug beschehen, da er die Seinen nach 
dreyen Jahren seiner Auferständnuß vertröstet haben soll.'' ^ 

Es blieb die protestantische Schweiz ihren zwingliamsch-calvinistischen 
Traditionen bis ins 19. Jahrhundert treu. 

Der Schweizer Historiker Dändliker, dem Papsttum gar nicht hold, 
spricht gerne von dem Ernste der Eeformationszeit und von der «mächtigen 



^ Baßler Chronick biß in das gegenwirtige M.D.LXXX Jar darch Christian Warstisen 
dritte Auflage, Basel 1883, 445^147. — In Basel wurde noch im selben Jahre 1559 ein 
Bericht über den ganzen Hergang in den Druck gegeben: ^Davidis Georgii Holandi Hecre- 
siarchao vita, et doctrina, quaradiu Basileao fuit. Tum quid post eins mortem, cum cadavere, 
libris, ac reliqua eins familia actum sit. Per Rectorem et Academiam Basileensem in gratiam 
amplissimi senatus eius urbis conscripta.' Vgl. lacobi Gretseri opera XIII, Ratisbonae 1739, 
80 ff. — Vgl. Gott fr id Arnold, Ketzer-Historie II, Schaffhausen 1741, 1084 ff. 



Das 17. Jahrhandert. 275 

FOrdemngv welche das sittliche und gesellschaftliche Leben durch die Refor- 
mation erfahren hatte '' K Sein Wort über die Bücherzensur in der Schweiz 
mafi uns deshalb hier um so gewichtiger vorkommen. 

,Der religiöse Sinn"*, sagt er, „und die strengere Sittlichkeit des Refor- 
mationszeitalters war nun aber nicht durchweg ein Produkt freier individueller 
Selbstbestimmung, sondern größtenteils ein durch staatlichen Zwang errichteter 
Zustand. Der Eirchenbesuch war geboten, Versäumnisse wurden bestraft. 
Auch die Literatur wurde überwacht. 1523 kam in Zürich zuerst die Sitte 
der Bücherzensur auf. Es ordnete der Rat ein Kollegium von zwei geist- 
lichen und zwei weltlichen Herren ab, die alles, was in Zürich gedruckt wurde, 
besichtigen sollten und ohne deren Erlaubnis nichts gedruckt werden durfte. 
Nach und nach entstanden solche Zensurbehörden in allen Orten, wo Drucker- 
pressen arbeiteten. Das 17. und 18. Jahrhundert sind die Glanzzeiten dieser 
nach und nach in kleinliche Pedanterie und gehässige Willkür ausartenden 
Institute. So sehr uns heute dieser Zwang gegen die individuelle Freiheit 
zuwider ist, so ist doch leicht einzusehen, daß man sich im 16. Jahrhundert 
überzeugt halten mußte, es sei nur auf diese Weise die Reinheit und der 
feste Bestand der neuen Lehre aufrecht zu erhalten." ^ 

Und an anderer Stelle, wo die Rede ist von der Kultur des 17. Jahr- 
hunderts, fährt derselbe Geschichtschreiber fort: „Es mangelte an Gedanken- 
fireiheit. Die Zensur überwachte die gesamte Literatur; alle Schriften mußten 
sich ihre Schere gefallen lassen. Was irgendwie gegen die herrschenden 
politischen oder theologischen Anschauungen verstieß, wurde unterdrückt. Im 
Ausland kamen damals neue kritische Weltanschauungen zur Geltung; allein 
ihre Verbreitung in der Schweiz wurde durch die Obrigkeit sorgfaltig ge- 
hemmt. Sogar so weit stand man noch in wissenschaftlichen Dingen zurück, daß 
man selbst die Kopernikanische Weltanschauung, wonach die Sonne der Mittel- 
punkt des Weltalls war, als eine ketzerische verbot. . . . 1662 erklärten sich 
die Basler Theologen gegen diese Lehre, und nicht besser stand es anderswo. 
Nicht minder eiferte man gegen die Grundsätze der englischen Freidenker 
und gegen die Philosophie des Franzosen Cartesius, weil sie die Zweifelsucht 
begründeten und zu unabhängigem Denken führten. In Zürich und Bern 
wurden Anhänger des Cartesius verfolgt, und Bern verbot bei schwerer Strafe 
den Buchhändlern, Exemplare der Schriften des Cartesius zu verbreiten. 

«Engherzige theologische Vorurteile beherrachten alles.* ^ ^1676 wurde 
der Universitätsbuchdrucker Hans Jakob Decker (I) zu Basel eingekerkert, 
weil er in dem Dorfe Häsingen für den Prälaten zu Murbach und Luders 
eine Druckerei errichtet und seit zwei Jahren verschiedene ,papistische* Bücher 
gedruckt hatte. Ein langes Rechtsgutachten des Dr Peter Megerlin spricht 



1 Dändliker a. a. 0. II 647. = A. a. 0. 642 f. 

' Ebd. 770. — „Antiste3 Breitinger in Zürich richtÄe im Namen der Geistlichkeit 
eine Eingabe an die Obrigkeit gegen die kürzlich errichtete .Kunst- und RÄritätcnkamjmer* 
in Zürich. Er verlangte, man solle ,vorderst Maß halten mit Aufstellung von Conterfaiten 
fremder und dazu solcher Personen, derenthalben keine Gewißheit, daß sie unserer wahren 
christlichen Konfession recht zugetan oder günstig gewesen seiend'.* DRndliker ebd. 

II 771. 

18* 



276 Dändliker über die Zensur in der Schweiz. 

sich dahin aus, daß Decker das Leben verwirkt habe, es sei denn, daß der 
Rat ihn von Stadt und Land auf ewig relegieren und hinwegschaffen wolle, 
über Deckers Kinder aber, damit dieser sie nicht mit sich ins Papsttum führe, 
seine väterliche Hand halte und sie ins Waisenhaus aufnehme, auch in unserer 
christlichen Religion getreulich informieren und aufziehen lasse. Zu dem Unter- 
halte der Kinder könnte man vielleicht die von ihrem Vater so vielfaltig 
mißbrauchte Druckerei verwenden. Die gedruckten ,papistischen* Bücher aber 
sollten öffentlich verbrannt werden." 

Diese drakonische Strafbestimmung wurde nicht ausgeführt, weil, wie 
Kapp bemerkt, gleichzeitig der in Luzern residierende päpstliche Nuntius eine 
Verfolgung Deckers eifrig betrieb, da dieser und andere Baseler Buchhändler 
die Luzerner Märkte mit reformierten Büchern bezogen und dadurch die dortigen 
Bürger angeblich sehr schädigten. Man konfiszierte schließlich 8944 Exemplare 
„papistischer* Schriften und verurteilte Decker zu einer namhaften Geldstrafe ^. 

„In Zürich wurden 1649 speziell auch die Kalender der Zensur unter- 
worfen, ,weil in einer Anzahl neuer Kalender für 1650 solche Worte stehen, 
über welche die Eidgenossen der andern Religion Verdruß und Unwillen emp- 
finden möchten'. Erst im nächsten Jahre 1650 kam daselbst eine förmliche 
Zensurordnung heraus, nach welcher alle Bücher, die von Bürgern oder Schirm- 
verwandten in offenen Druck gegeben werden sollten, samt den dazu gehörigen 
Kupfern, in Zürich oder anderswo gedruckt, den zur Zensur Verordneten 
vorher vorgelegt werden mußten.* 

Gegen Ende des Jahrhunderts ward die Zensur noch enger und strenger. 
1698 erging die Anordnung: „Die Buchbinder sollten bei ihren bürgerlichen 
Pflichten befragt werden, was für ,irrige* Bücher und Schriften Heinrich 
Locher ihnen einzubinden übergeben habe ,mit Befehl, daß sie fUr das Künf- 
tige Nichts, was unserer heiligen Religion entgegen, in Arbeit nehmen, son- 
dern, wenn dergleichen ihnen zukommen würde, solches unverzüglich dem 
Zensor hinterbringen sollen*. Die Zensoren sollten außerdem nicht allein die 
Läden der Buchführer sondern auch die der Buchbinder alle Jahre zu ver- 
schiedenen Malen fleißig visitieren und sorgfältig verhüten, daß keine ,irr- 
geistigen' Bücher und Schriften darin feil gehalten oder eingebunden würden.** ^ 

„Im 17. und 18. Jahrhundert,*" es sind die Worte Dändlikers, „wurde 
die Zensur [in der Schweiz] besonders ängstlich und streng gehandhabt. In 
Zürich hatte die neue Zeitschrift Bodmers, ,Diskurse der MalerS die größten 
Schwierigkeiten zu bestehen. In dem allbekannten Gespräch der Feldmaus 
und der Stadtmaus über die Vorzüge von Stadt und Land durfte jene beim 
Fortgehen nicht sagen ,Adieu*, weil dies ein Mißbrauch des Namens Gottes 
schien; es mußte dafür gesetzt werden: ,Gehab Dich wohl!* Wenn das Wort 
,Tugend* kam, mußte immer beigefugt werden: ,Die aus dem Glauben kommt.* 
Ein , Gespräch aus dem Reiche der Toten* wurde zurückgewiesen, damit ,über 
das Jenseits nicht unbiblisch gedacht* werde. Seine politischen Dramen wagte 
Bodmer nicht in Zürich drucken zu lassen. Auch Lavater hatte manchen 
Strauß und manchen Arger mit der Zensur. 



» K a p p a. a. 0. 583 f. » Ebd. 585. 



Das 18. Jahrhundert. 277 

, Streng and rücksichtslos, wie eine Inquisition, war namentlich Bern. 
Ausländische Schriften freisinniger Art wurden verboten. Von Zeit zu Zeit 
veranstaltete man genaue Nachforschungen bei Druckern und Verlegern, damit 
keine Werke die Zensur umgingen. Johann v. Müller mußte 1780, um seine 
Schweizergeschichte unverstümmelt ins Publikum zu bringen, anstatt des 
wirklichen Druckortes Bern: ,Boston' angeben; die nachfolgenden Bände liefi 
er im Auslande drucken. Fäsis ,Staats- und Erdbeschreibung der Eidgenossen- 
schaft' entging 1765 mit knapper Not einem Verbot. 1766 wurde Pfarrer 
Herport wegen eines (wie Gottlieb Emanuel Haller schreibt: ,vortreflflichen') 
Buches wider den Mißbrauch des Eides zu sechsjährigem Hausarrest verfällt, 
sein Buch völlig unterdrückt und bei 100 Talern verboten. 

„Am wenigsten ließ man Bücher aufkommen, welche alte Lieblings- 
vorstellungen vernichteten. Das Buch von Pfarrer Freudenberger , welches 
die Geschichte von Wilhelm Teil als dänische Fabel erklärte, wurde vom 
Henker von Uri im Auftrage der Regierung verbrannt. Pfarrer Waser von 
Zürich, der in einen Preßprozeß verwickelt war, schrieb an seinen Freund 
Schlözer: ,Ihnen, als dem Vater der deutschen Geschichte, sei es geklagt, 
dafi wir Schweizer eine so verfluchte Zensur haben, die bald schlimmer als 
die spanische Inquisition ist.' ^ 

«Nachdem am 9. Juni 1762 der ,Emile* ,des großen Bürgers von Genf* 
in Paris verurteilt war, erging ein Haftbefehl gegen den Verfasser. Rousseau 
floh nach Neuenburg. Zehn Tage später ließ der Rat von Genf dasselbe 
Werk samt dem ,Gontrat social* durch den Henker öffentlich zerreißen. Die 
genannten Schriften wurden als »vermessen, ärgernisgebend, ruchlos, auf den 
Sturz der christlichen Religion und aller Regierungen abzielend* bezeichnet." ^ 
Die französische Revolution und das Regiment Napoleons brachten der 
freien Schweiz 1798 den Untergang der alten Eidgenossenschaft und die neue 
Verfassung der »Republique helv^tique une et indivisible". Dieselbe enthielt 
nach dem Muster „der Menschenrechte" die Preßfreiheit. Es war das Werk 
des Peter Ochs und des französischen Direktoriums. Besonders in den Ur- 
kantonen erhob man sich gegen die neue Verfassung. In Glarus beschloß 
eine Volksversammlung, „daß die Büchlein der neuen helvetischen Staats- 
verfassung, alle auf die neue Regierungsform bezüglichen Schriften und alle 
andern Zeitungsblätter und derlei Schriften von nun an in Unserem Land 
wie auch die Zeitungen von Zürich, SchaShausen und Chur aberkannt, und 
wer entdeckt würde, daß einer derlei Schriften in Händen und selbe nicht 
abgeschafft habe, derselbe alsdann der Hoheit angezeigt und als ein meineidig 
treuloser Vaterlandsverräter von dem Malefizgericht abgestraft werden solle*'. 
In Schwyz ward jeder für vogelfrei erklärt, der ,das Ochsenbüchlein*^, »das 
höllische Büchlein ** besitzen sollte^. 

Mit der „Preßfreiheit** aber erging es wie in Paris selbst. Schon im 
Juni 1798 erließ der französische Kommissär Rapinat eine Proklamation, die 
verftlgte, daß alle Personen, Zeitungsschreiber und Schriftsteller, welche sich 



* Dändliker a. a. 0. III (1895) 27 f. 

» Ebd. 229; vgl. oben 144 185. » Ebd. 367. 



278 BücherzeDSur in deatschen Landen. 

gegen die französische Regierung oder Armee aussprächen, ergriffen und als 
Störer der öffentlichen Ruhe militärisch gerichtet werden sollten. Doch 1803 
ward die Helvetik mit ihrer Verfassung aufgehoben, und es trat dafür die 
Mediationsverfassung Bonapartes vom 19. Februar 1803 ein, die von der 
Preßfreiheit nichts wissen wollte. Auch das Jahr 1815 brachte der Schweiz 
ebensowenig wie den großen deutschen Staaten jene Freiheit. 

In der nächsten Folgezeit wurden zwar allmählich manche Stimmen zu 
Gunsten einer freieren Presse laut, aber noch im Jahre 1823 gab die Eid- 
genossenschaft dem von außen kommenden Drucke nach und verschärfte 
durch ihr Gonclusum vom 14. Juli die Beaufsichtigung der Zeitungen und 
Flugschriften. Unterdessen kämpfte die liberale Partei im Bunde mit den 
revolutionären Flüchtlingen aus aller Herren Ländern um Zensurfreiheit. Zürich 
und andere schweizerische Städte und Kantone, wie der Aargau, erhielten 
auch seit 1828 neue Preßgesetze mit mehr, aber durchaus nicht völliger 
Freiheit. Wie aber diese größere Freiheit gehandhabt wurde, geht z. B. aus 
dem Gesetze hervor, welches der große Rat im Aargau 1834 noch erließ. 
Danach sollten die Erlasse der katholischen kirchlichen Obrigkeit dem staat- 
lichen Placet unterstellt sein. Nach all den Revolutiönchen und »Putschen** 
der dreißiger Jahre kam dann endlich die Revolution von 1848 und nach 
derselben mit der neuen Bundesverfassung die Preßfreiheit. Den einzelnen 
Kantonen blieb es überlassen, den Mißbrauch der Preßfreiheit zu bestrafen. 

Die Bücherzensur in deutschen Landen. 

Die Bücherzensur des deutschen Reiches mit ihren vielen und mannig- 
faltigen Mandaten und Verordnungen ist sattsam bekannt. Haben wir noch 
keine einheitliche Behandlung und Darstellung derselben im großen Stil, so 
wurde sie doch des öfteren auch von Fachmännern gelegentlich in ihren 
Werken weitläufig genug besprochen, um sich ein klares Bild derselben 
machen zu können. Es liegt kein Grund vor, hier näher darauf einzugehen, 
und zwar schon deshalb nicht, weil die Bücherzensur des deutschen Reiches, 
insoweit sie sich auch mit religiösen und theologischen Werken befaßte und 
in katholischen Staaten zur Ausübung kam, durchgängig auf dem Boden der 
kirchlichen Büchergesetzgebung stand oder wenigstens grundsätzlich dieser 
letzteren nicht feindlich entgegentrat. Bei der Handhabung dieser Zensur nun 
durch die Kaiser und katholischen Fürsten in ihren Landen von Cäsaro- 
papismus sprechen, wie es z. B. Friedrich Kapp tut, ist ebenso unberechtigt, 
wie denselben Vorwurf gegen den Kaiser erheben, wann und wo immer er 
als geTborener Schirmvogt der Kirche auftrat. Gäsaropapistisch hat sich 
nicht so sehr die Reichszensur als die österreichische und zeitweilig die 
bayrische in einer gewissen Periode bewiesen, jener Phase, welche von 
den Gegnern der katholischen Kirche merkwürdigerweise mit ebensoviel Lob 
erhoben, als von denselben Autoren der Cäsaropapismus bei der Zensur im 
allgemeinen getadelt und geschmäht wird. Zu unsern Zwecken, um die kirch- 
liche katholische Büchergesetzgebung durch die Gegenüberstellung besser zu 
beleuchten, wird es also in diesem Kapitel darauf ankommen, ein möglichst 



Die protestantische Realenzyklopädie über BUcherzensur. 27 9 

•inlieiilicheB Bfld von der ausgesprochenermaßen protestantischen Bücherzensur 
za geben. Die kurze Darstellung der sog. josephinischen Zensur kann sich 
schon wegen ihrer Ähnlichkeit und aus dem eben berührten Grunde mit Fug 
daran anschließen. 

Die Bealenzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche bringt 
auch in ihrer neuesten dritten Auflage einen Artikel über „Bücherzensur, 
Bficherverbot, Bücherapprobation ^. Derselbe ist aber, um wenig zu sagen, 
mehr als unvollständig. Zunächst verweist er eingangs ausschließlich auf 
Werke, welche einzig der römisch-katholischen Bücherzensur gewidmet sind. 
Alsdann befaßt sich der Inhalt der von Fehlem nicht freien kurzen Ab- 
handlung wiederum fast nur mit der Büchergesetzgebung der katholischen 
Kirche, indem nicht einmal ein Zwölftel, d. h. elf Zeilen der Darstellung der 
Bücherzensur, des Bücherverbotes, der Bücherapprobation innerhalb der Kirchen 
und Kirchlein des protestantischen Bekenntnisses von 1517 — 1897 gewidmet 
sind. Merkwürdiger noch ist die Art der Darstellung in jenen elf Zeilen, die 
wir deshalb hier vollständig wiedergeben: 

»Die deutsche lutherische Kirche hat eigene [kirchliche Zensur-] Ein- 
richtungen nur ausnahmsweise gehabt, ließ vielmehr den Staat für die Bücher- 
zensur sorgen. Indes ist z. B. in Kursachsen vorgekommen, daß dieser die 
Zensur theologischer Schriften durch die Kirchenregimentsbehörden handhabte. 
Die reformierte Kirche hatte wenigstens da eine eigene Zensur, wo sie pres- 
byterial-synodal organisiert war: dieselbe wurde alsdann durch die Synode 
oder durch deren Beamte geübt. Vgl. z. B. die Beschlüsse der Emdener Synode 
von 1571, Art. 57 \ die Synodalbeschlüsse von Berg 1605, Cleve 1634 u. a. 
und die Kirchenordnungen von Jülich-Berg und Cleve-Mark von 1662, § 29 
resp. 27. Diese älteren Zensurordnungen sind nicht mehr in Kraft. Im Anfang 
der vierziger Jahre beabsichtigte die rheinisch-westfälische Synode ähnliche 
wiedereinzuführen, fand aber beim Ministerium Eichhorn keine Unterstützung. 

»Bücherverbote kommen auf römisch-kirchlicher wie auf staatlicher Seite 
noch vor.« 

Also die „Realenzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche* ^ 
in einem Artikel, an dem drei protestantische Gelehrte gearbeitet haben. 
Jeder Satz dieser elf Zeilen reizt zur Kritik ; wir enthalten uns derselben und 
bemerken nur, daß der wesentliche Inhalt jener kurzen Bemerkungen über 
die protestantische Zensur allen Anklagen gegen die katholische Bücher- 
gesetzgebung, welche man unaufhörlich erhebt, gewissermaßen zu Grunde 
liegt. Denn es läßt sich kaum annehmen, daß diese Ankläger ihre Stimme 
80 laut erheben würden, wenn sie wüßten oder bedächten, w^as in dem Punkte 
der Bücherzensur nicht alles auf dem Boden des Protestantismus und nicht 



^ ,Art. 57* sagt auch die zweite Auflage, doch wird wohl der Artikel 51 gemeint 
sein, welcher wie folgt lautet: ^Es sol keiner kein boich, das er selbst oder auch andere 
gemacht, darin von der Religion gehandelt, in Druck oder sunsten ausgehen lassen, es sey 
den zauom von den dhienern deren Quartier, oder durch die öffentliche lehrer der Theologiae 
nnsrer bekantnus examinirt, vnd approbirt.* Vgl. Ämilius LudwigRichter, Die evan- 
gelischen Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts II, Leipzig 1871, 343. 

« IIP, Leipzig 1897, 524. 



280 Luther und das Bücherverbot. 

bloß „ausnahmsweise vorgekommen ist''. Um so wichtiger und notwendiger 
ist es, an dieser Stelle nicht zwar eine vollständige, aber doch eine aus- 
führlichere Schilderung protestantischer Bücherzensur in deutschen Landen 
zu bieten. 

Die Zensur der Hauptreformatoren. 

Der falsche Grundsatz von der freien Forschung im Evangelium, den 
Luther schon wegen des Selbsterhaltungstriebes an erster Stelle hochhalten 
mußte, verbietet Bücherverbot und Bücherzensur. Aus diesem Grunde mußte 
denn auch Luther der alten Mutterkirche wegen ihrer Bücherverbote nicht 
wenig gram sein. Doch kam dem Reformator auch diese Erkenntnis nur 
allmählich. Nachdem er Ende 1517 seine Ablaßthesen zu Wittenberg an- 
geschlagen, wurden zu Beginn des folgenden Jahres Tetzels gedruckte Thesen 
in großer Anzahl von Halle aus nach Wittenberg gebracht, um dort verbreitet 
zu werden. Sobald die dortigen Studenten davon Kunde erhielten, suchten 
sie dem Buchführer Schrecken einzuflößen, weil er es wage, derartige Schriften 
in Wittenberg feil zu bieten. Darauf kauften sie ihm einige derselben ab 
und raubten ihm alle übrigen. Auf die festgesetzte Stunde luden sie alle 
zum Leichenbegängnisse der Tetzelschen Sätze ein, das auch um die zweite 
Stunde programmmäßig auf dem Markte stattfand. 800 Exemplare hatten 
sie erbeutet, und alle wurden nun öffentlich dem Scheiterhaufen übergeben. 
Luther meint in seinem Briefe vom 21. März 1518, die Studenten hätten das 
wohl getan aus Liebe und Begeisterung für ihn, „forte et mei favoris studio* ^; 
aber nun mußte er sich nach verschiedenen Seiten verteidigen, weil er ein 
solches Unterfangen gutgeheißen oder nicht verhindert habe. Der neue Re- 
formator tat das in zwei Briefen 2, in welchen er ableugnet, von dem Plane 
der Verbrennung vorher etwas gewußt zu haben, und sich höchlich darüber 
wundert, weil man es für möglich hielt, daß er, Luther, »ein Theologe und 
Religiöse, ein so großes Unrecht beging" ^. 

Nicht sehr lange nachher erhielt er die Bannbulle Leos X. im Jahre 1520, 
und nun war er unklug genug, nach dem Vorbild der Wittenberger Studenten 
vor dem Elstertor einen Scheiterhaufen zu errichten, um darauf mit der päpst- 
lichen Bannbulle auch die kirchlichen Rechtsbücher am 10. Dezember zu ver- 
brennen. Die leidenschaftliche Tat Luthers machte üblen Eindruck, und der 
Reformator sah sich genötigt, in einer eigenen Schrift sich zu rechtfertigen *. 
Wenn die Schrift etwas beweist, so ist es dies, daß die Kirche und die von 
Gott gesetzte Obrigkeit das Recht haben muß, nötigenfalls gefährliche Bücher 
unschädlich zu machen. Später widerlegte Jakob Gretser die einzelnen luthe- 
rischen Argumente in seiner Schrift über das kirchliche Bücherverbot ^. Luther 
schritt unterdessen vorwärts auf seiner Bahn. 

Als die katholischen Geistlichen in Ausführung der päpstlichen Befehle 
von ihren Beichtkindern verlangten, sich der Lesung der lutherischen Schriften 



1 Vgl. De Wette. Luthers Briefe I, Berlin 1825, 98. 

2 Ebd. 98 109. * Ebd. 109. 

* Dr Martin Luthers sämtliche Werke XXIV, Erlangen 1830, 152 ff. 
^ lacobi Gretseri opera XIII, Ratisbonae 1739, 65 ff. 



Lother über die Werke des Erasmus. 281 

za enthalten, war Lntber sofort im Jahre 1521 mit einer Schrift bei der Hand, 
die er betitelt: «Ein Unterricht der Beichtkinder über die verbotenen Bücher: 
D. Martin Luthers*'. Er mahnt darin alle Beichtkinder, lieber alles, Absolution 
und Sakrament, Altar, Pfaff und Kirchen fahren zu lassen als die Lesung seiner 
Bücher. «Und wenns schon alle Welt mit dem Papst und Bullen hielte, dieweil 
sie so klärlich das Evangelium und Glauben vordampt, soll man ihr nicht ge- 
horsam sein, ja sie vorbrennen und vortilgen.« Gleichzeitig warnt er aber noch 
vor andern durch die Obrigkeit verbotenen Büchern: „Lasterbucher und Schmach- 
briefe". In diesen Verboten «soll man aufs allerdemuthigist gehorsam sein*. 
«Und in Kaisers Rechten solch Ubelthäter den Kopf vorwirkt haben, mit allen, 
die sie lesen, hören und behalten. "^ ^ Bald darauf erschien seine Übersetzung 
des Neuen Testamentes. Dieselbe wurde von katholischen Fürsten und Obrig- 
keiten sofort verboten «teils wegen der zur Bekräftigung der neuen Lehre bei- 
gefügten Randbemerkungen teils wegen etlicher schmählicher Figuren, päpst- 
licher Heiligkeit zum Hohn und Spott" . Da wurde Luther noch heftiger und 
gab 1523 eine Flugschrift heraus «Von weltlicher Obrigkeit", in welcher er das 
Volk aufforderte, solchen »Tyrannen" nicht zu gehorchen: «In Meißen, Bayern 
und in der Mark imd an andern Orten haben die Tyrannen ein Gebot lassen 
ausgehen, man solle die neuen Testament in die Aempter hin und her über- 
antworten; hie sollen ihr Unterthan also thun: nicht ein Blättlin, nicht ein 
Buchstaben sollen sie überantworten bei Verlust ihrer Seligkeit; denn wer 
es thut, der übergibt Christum dem Herodes in die Hände ; denn sie handeln 
als Christmörder wie Herodes." ^ 

Nun geschah es in den folgenden Jahren, daß Luther Kunde erhielt 
von der katholischen Evangelienübersetzung des Hieronymus Emser, welche 
dieser mit Anmerkungen und Glossen bei den Brüdern vom gemeinsamen 
Leben in Rostock drucken lassen wollte. Sobald er dies erfuhr, setzte er 
alles in Bewegung, um das Werk schon in der Geburt zu unterdrücken, und 
suchte dazu die Hilfe der von ihm geschmähten «Tyrannen" im protestantischen 
Lager. Selbst wandte er sich an seinen Anhänger, den Herzog Heinrich von 
Mecklenburg, mit dem Begehren, er möge «dem Evangelium Christi zu Ehren 
und allen Seelen zur Rettung" diesen Druck verhindern. Überdies aber 
erwirkte er es, daß die Räte des Kurfürsten von Sachsen sein Gesuch unter- 
stützten. Als dann später im Jahre 1532 der Buchdrucker des Brüderhauses 
zu Rostock mit dem katholisch gesinnten Herzog Albrecht über den Druck 
des Emserschen Neuen Testamentes verhandelte, wurde er vom Rate der 
Stadt ohne weiteres ins Gefängnis geworfen, weil er «seine Druckerei zum 
Nachteile der Reformation und der Stadt" gebraucht habe. 

In seinen Tischreden kam Luther häufig auf Erasmus zu reden. Er 
nennt ihn eine Schlange und eine Wanze. Als er aber des Erasmus Vorreden 
zum Neuen Testamente gelesen «am ersten Tage Aprilis des 36. Jahrs", 
ward er darüber heftig bewegt und sprach: „Wiewohl diese Schlange schlupferig 
ist, daß man sie nicht wohl ergreifen noch fassen kann, doch wollen wir und 
unsere Kirchen ihn mit seinen Schriften und Büchern verdammen." Und ein 



* Luthers sämtliche Werke XXIV 202 flf. « Ebd. XXII 89. 



282 Luther über Erasmus und Lemnius. 

andermal sprach D. Martinas zu denen, die bei ihm waren: »Darumb gebiete 
ich Euch ans Gottes Befehl, Ihr wollet ihm feind sein und Euch für seinen 
Büchern hüten. . . . Ich will wider ihn schreiben, sollt er gleich drüber sterben 
und verderben ; den Satan will ich mit der Federn tödten. " ^ 

Der Humanist und Dichter Simon Lemnius, Schüler und Schützling 
Melanchthons , hatte durch dessen Fürsprache an der Universität zu Witten- 
berg den Magistergrad erhalten. „Er hatte es aller Wahrscheinlichkeit nach 
auf eine Professur an der sächsischen Hochschule abgesehen und gedachte 
sich durch eine Reihe von Epigrammen zu empfehlen, worin er in rein aka- 
demischer, völlig parteiloser Weise die lateinischen Satiriker nachzuahmen 
suchte/ Die beiden ersten Bücher, welche 1538 zum Druck befördert wurden, 
widmete er dem Erzbischof und Kurfürsten Albrecht von Mainz mit einer 
schmeichelhaften Vorrede. Luther, der den Mainzer Oberhirten fast noch 
mehr haßte als den Papst, ergrimmte über die Maßen. In einem von der 
Kanzel verlesenen und an den Kirchentüren angeschlagenen Pamphlet eiferte 
er gegen den „ehrlosen Buben ^ und „ Schandpoetaster " als gegen einen todes- 
würdigen Verbrecher. Der nachgiebige Rektor der Universität, Melanchthon, 
ward gezwungen, seinen Freund im Stiche zu lassen ; dem Kurfürsten Johann 
Friedrich mußte er erklären, die Gedichte seien ohne sein Wissen zum Druck 
befördert worden. Lemnius ward von Melanchthon selbst vor den Senat 
zitiert und, obgleich er unterdessen das Weite gesucht hatte, in optima forma 
verurteilt und von der Universität relegiert 2. 

Es mag aber Luthers Bücheredikt, das er öffentlich anschlagen ließ, als 
Exempel lutherisch-kirchlicher Bücherzensur hier einen Platz haben: 

,Doctor Martinus Lather, allen Brüdern und Schwestern unser Kirchen allhie zu 
Wittemberg. 

„Gnad und Fried in Christo, unserm lieben Herrn und Heiland. Es hat izt nähest am 
vergangen Pfingsttag ein ehrloser Bube, M. Simon Lemnius genannt, etlich Epigrammata hinter 
Wissen und Willen derer, so es befohlen ist zu urtheilen, ausgehen lassen; ein recht Erz- 
Schand- Schmäh- und Lügen-buch wider viel ehrliche beide Manns- und Weibs-bilder, dieser 
Stadt und Kirche wohlbekannt, dadurch er nach allen Rechten, wo der flüchtige Bube be- 
kommen wäre, billig den Kopf verlorn hätte. 

, Damit nu ich, als der Abwesens unsers lieben Herrn Pfarrherrs, D. Johann Pommers. 
(denn ers ohn Zweifel auch nicht leiden würde, wie wir alle wohl wissen,) dieweil muß 
Lückenbüßer und Unterpfarrherr sein , solche lästerliche , bübische Schalkheit auf mir nicht 
lasse bleiben ; denn ich ohn das mit eigenen Sünden allzu hoch beschwert, daß mirs nicht zu 
leiden ist, viel frembder Sünden, (sonderlich solchen schändlichen Buben, die von uns gar 
viel bessers täglich lernen und sehen, doch zu Lohn solche schändliche Undankbarkeit er- 
zeigen,) auf mich zu laden: so bitt und vermahne ich alle fromme und rechte Christen, die 
mit uns gleiche Lehre und Glauben haben und lieben, daß sie solche Lästerpoeterei von sich 
thun und verbrennen wollen, zu Ehren unserm heiligen Evangelio, auf daß unser Widersacher 
nicht zu rühmen haben, wie sie geneigt sind, von uns in frembde Nation zu schreiben, daß 
wir keine Laster strafen, ob sie gleichwohl wissen, daß wirs härter strafen, denn sie in ihrem 
Regiment thun, sonderlich wo sie ihre geistliche, keusche Heiligkeit wollten auf die Reche- 
linien legen. 

«Zudem weil derselbige Schandpoetaster den leidigen Stadtschreiber zu Halle, mit 
Urlaub zu reden, Bischof Albrecht, lobet und einen Heiligen aus dem Teufel machet, ist mirs 



^ Vgl. Luthers sämtliche Werke LXI 98 109. 

< lacobi Greteeri opera XIH 208; AUgem. deutsche Biographie XVHI, 'Leipzig 1883, 237. 



Luthers Bacherverbot. 283 

nicht ZQ leiden, daß solchs öffeDtlich und durch den Druck geschehe, in dieser Kirchen, 
Sehnl und Stadt, weil derselbige Scheißbischoff ein falscher verlogener Mann ist, und doch 
uns pflegt zu nennen die Lutherischen Buben. Wiewohl er von St. Moritz und St. Stephan 
die rechten Häuptbubenstücke hören wird, an jenem Tag, wie er wohl weiß, aber sich tröstet, 
daß er solches nicht glaubt. Und ich, so mir Gott Leben und Zeit gibt, solch schön Exempel 
an Tag geben will. Und bitte abermal alle die Unsern, und sonderlich die Poeten, oder seine 
Heuchler, wollten hinfurt den schändlichen Scheißpfaffen öffentlich nicht loben noch rühmen 
in dieser Kirchen, Schul und Stadt. Wo nicht, so mögen sie auch sampt ihrem Herrn ge- 
warten, was ich darwider tbun werde, und wissen, daß ichs nicht leiden will, daß man den 
von sich selbst verdampten heillosen Pfaffen, der uns alle gern todt hätte, hie zu Wittem- 
berg lobe. Davon bald weiter.* ^ 

Allein lange vorher schon, in den ersten Jahren der Reformation, hatte 
Luther mit der Zensur die theologischen Schriften eines seiner Mitreformatoren 
verfolgt. In Kursachsen, wie Kapp schreibt, suchte er ein förmliches Verbot 
der Karlstadtschen Schriften zu erlangen: „Derselbe Luther, welcher das 
Papsttum filr noch lange nicht genug zerscholten, zerschrieben , zersungen, 
zerdichtet und zermalet hielt, rief schon 1525 die Zensur filr seinen nun- 
mehrigen Standpunkt zur Hilfe." ^ 

Gleich bei der ersten Einrichtung des Kirchenwesens in Kursachsen war 
man darauf bedacht, den Druck, Kauf und Verkauf gefahrlicher Bücher hintan- 
zuhalten. In den Kursächsischen Visitationsartikeln vom Jahre 1528 wird 
der Ritterschaft und dem Adel gleich eingangs eingeschärft, sie „ sollen mit 
ernst und vleis darob sein, das Gottes wort vor allen Dingen lauter, reyn 
und treulich gepredigt werde"; und der letzte Artikel besagt: „Man soll 
auch aufrurische und ergerliche schrifften, buhlen- und schandtlieder zu 
drucken, zu kauffen und verkauffenn mit ernst hindern, weren und straff enn." ^ 

Kapp berichtet über die katholische Reaktion im Münsterland und über 
»das Wüten gegen die Presse und vor allem gegen die Lutherschen Werke" *. 
Wohl oder übel muß er dabei der sozialistischen Sekte jener Tage gedenken, 
die sich am wenigsten durch Sozialistengesetze und Bücherzensur von Witten- 
berg her einschüchtern ließ, obgleich sie dort ihren eigentlichen Ursprung 
hatte. Die Schilderung Kapps sei daher wörtlich wiedergegeben: „Zuerst 
hatten die Wiedertäufer, mit Ausnahme der Bibel und der Flugschriften Rott- 
manns, alles vernichtet und verbrannt, was sie an gedruckten und ungedruckten 
Büchern auftreiben konnten. Sie entleerten außer der kostbaren Dombiblio- 
thek die Buchläden im Paradiese des Domes und die Druckereien, ja sie 
zwangen die Bürger, alles, was sie an gedruckten Werken hatten, auf dem 
Domplatz abzuliefern, damit es dort den Flammen übergeben werde. Daß 
sich eine Menge lutherischer und reformatorischer Streitschriften darunter 
befand, darf wohl um so eher angenommen werden, als der Boden des da- 
maligen Münster schon jahrelang von den religiösen Parteien unterwühlt war 



* Luthers sämtliche Werke LXIV 323 f. — Der Herausgeber, Irmischer, meint selbst: 
.Luthers Antwort, die er als Programm öfifentlich anschlagen ließ, ist hart gefaßt, besonders 
gegen den Kurfürsten zu Mainz, dem Lemnius sehr geschmeichelt hatte." 

* Friedrich Kapp a. a. 0. 552. 

' Richter, Die evangelischen Kirchenordnungen I 102. 

* A. a. 0. 430. 



284 ^®f Protestantismus in Münster. 

und Rottmann — der noch vor der Katastrophe aus einem Lutheraner zum 
Anhänger Zwingiis geworden war — sicher die Kenntnis und den Besitz der 
Streitschriften beider protestantischen Parteien vermittelt und ihren Vertrieb 
befördert hatte/ „Am 15. März (1534) begann die Zerstörung und acht 
Tage lang brannten die Archive und Bücher.** ^ 

Allein auch diese Darstellung ist noch unvollständig, denn schon vorher 
hatten die Lutherischen in Münster unter Rottmanns Leitung in ähnlicher 
Weise gegen die katholischen Bücher gewütet und im Spätherbste des Jahres 
1533 wurde der nunmehrige Zwinglianer und Wiedertäufer Rottmann auf 
Betreiben der lutherischen Prädikanten und auf Befehl des Magistrates von 
dessen Abgeordneten in seinem eigenen Hause überfallen, um nicht bloß seiner 
Bücher, sondern vor allem seiner Presse beraubt zu werden. Wie einst Hütten 
verbarg Rottmann eine Winkelpresse in seiner Wohnung, die Lutheraner 
legten ihm das Handwerk. So versteht man auch besser den Befehl vom 
15. März 1534, daß kein Gläubiger ein anderes Buch als die Bibel anrühren 
oder lesen dürfe. Rottmann mit seinem wiedertäuferischen Anhang hatte 
nämlich bald nach jenem Überfalle die Oberhand bekommen und hielt nun 
auch die Lutheraner nieder. Bereits am 24. Februar dieses Jahres war Bern- 
hard Mummen mit einer Rotte jener Schwärmer in den Dom selbst einge- 
drungen, und nachdem sie mit dämonischem Kannibalismus alle Kunstwerke, 
Bilder, Statuen, vor allem den Taufstein und den Tabernakel mit dem Leib 
des Herrn zerschlagen, zertrümmert und mit Füßen getreten, verbrannten sie 
die kostbarsten Manuskripte und Bücher. Dabei war es die scheußliche 
Eigenart ihre